2 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gpnard Ottmunn in Gießen,. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe — hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 4 auf 1 Monat— Pf. 1 Mk 50 Pf. 2 M.— f. 5 5. Auswärtige Abonnenten haßen ſal Hin⸗ und Zurſickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und— defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmußte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der ii Erſatz ves verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſgeſest und wird 6 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen. der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ⁰ 4 ————————,— — S— Czar Paul. Von Theodor Mundt. Zweite Abtheilung: Czar Paul und ſein Volk. Zweiter Jand. ——— Berlin. Druck und Verlag von Otto Janke. 1861. 1— —*— Car Paul und ſein Volk. Von Theodor Mundt. Zweiter Jand. Berlin. Druck und Verlag von Otto Janke. 1861. ———— — —— ⸗ Drittes Buch. — Der junge Czur. 1 Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 11 Der Tod Batharina's und Car Paul. Der Reiſewagen rollte eilig und ohne Aufenthalt über die öde und traurige Landſtraße fort, welche von Gatſchina nach Petersburg führte. Der Großfürſt hatte befohlen, den Weg über Czarskve⸗Selo zu neh⸗ men, der zwar einige noch beſchwerlichere Punkte dar bot, aber kürzer war und darum raſcher in die Haupt ſtadt bringen mußte, wo, nach den eingetroffenen Nachrichten, in dieſem Angenblick vielleicht ſchon das Entſcheidendſte ſich ereignet haben konnte. Paul und Maria Feodorowna ſaßen ſtumm neben einander im Wagen und hatten während der ganzen Fahrt nur wenige einſylbige Worte gewechſelt. Als der Weg jetzt dicht an Czarskoe⸗Selo vorüberführte, waren die Blicke der Großfürſtin auf ein hohes glän⸗ 1* 4 zendes Monument von Marmor gefallen, das unmittel bar an der Landſtraße ſtand und erſt jetzt enthüllt worden ſein mußte, da bisher nur ein hölzernes Ge— rüſt auf dieſer Stelle am Wege geſtanden. Es war eine hohe ſchlanke Säule, die feierlich und ſchön in die Luft emporragte, und von welcher in großen, goldenen Lettern der Name„Lanskoi“ hernieder ſtrahlte. Auf der Spitze der Säule ſtand eine goldene Krone, die in einem Blättergewinde von Lorbeeren und Immortellen ſich wiegte. Es war alſo ein Monument für Lanskoi, das hier gebaut worden! bemerkte Maria Feodorowna, indem ſie mit einem ſtechenden Lächeln die Augen des Groß⸗ fürſten ſuchte. Sprechen wir nicht davon, ſagte Paul düſter vor ſich hin. Er hatte es vermieden, zu dem Denkmal aufzuſchauen, und als ſie es jetzt hinter ſich gelaſſen hatten, ſetzte er, aus ſeinem grübleriſchen Stillſchwei⸗ gen auffahrend, hinzu: Alle meine Gedanken haben ſich heut auf den Tod gerichtet, und auch dieſer Lanskoi, den ich immer verachtete, hat dadurch ſehr bei mir gewonnen, daß er todt iſt. In der That, ich halte es jetzt faſt für eine Ehre, todt zu ſein. Denn die Czarina wird ſterben, ich fürchte es, ich fürchte es, — 7 ————— 0 und wir werden die hohe große Frau nicht mehr lebend in Petersburg antreffen. Sie werden es ſehen, Großfürſtin. Man ahnt es immer vorher, wenn etwas Ungeheueres geſchehen ſoll. Der Groffürſtin ſtürzten die Thränen aus den Augen und ſie verbarg ihr bleich gewordenes Geſicht in den Händen. Paul trieb den Kutſcher zu immer größerer Eile an und befahl ihm unter den ſchrecklich⸗ ſten Drohungen, die Pferde ſo lange zu prügeln, bis ſie todt an den Thoren von Petersburg niedergeſtürzt ſeien. Endlich war man in Petersburg angelangt, obwohl der Großfürſt, dem die Pferde längſt leid gethan, zu⸗ letzt noch ein gutes Wort für ſie eingelegt hatte. Als der Wagen durch das Stadtthor einfuhr, ver⸗ nahm der Großfürſt in dieſem Augenblick, daß alle Glocken in Petersburg läuteten, und zwar mit einem feſtlichen Klang, den man nicht vereinbar mit den Nachrichten halten konnte, welche noch vor Kurzem über das ſchlimme und hoffnungsloſe Befinden der Czarin ſich verbreitet hatten. Paul ließ, im höchſten Grade verwundert und überraſcht, am Thore halten, und betrachtete ſich, zu⸗ rückgelehnt in den Wagen, die gewaltig anſchwellenden 6 Volksmaſſen, welche ſich die Straßen herauf bewegten und den Wagen, in dem das großfürſtliche Paar ſaß, mit ihrem heftigen Andrang faſt unzuſtoßen drohten. Es ſchien dem Großfürſten, der mit der größten An⸗ ſtrengung auf Alles lauſchte, was ihn ſo plötzlich um— gab, durchaus kein Ton der Trauer in dieſer räthſel haften Maſſenbewegung wiederzuklingen, auf allen Geſichtern las man nur Freude, Enthuſiasmus und ſtürmiſches Entzücken. Jetzt vernahm man noch das Donnern der Kanonen, welche in dieſem Augenblick auf mehreren Plätzen Petersburgs gelöſt wurden und mit ſtürmiſchen Schlägen die Luft erſchütterten. Petersburg hat alſo noch nicht Urſache, um ſeine Czarin zu weinen! ſagte Paul, indem die ſanfte Trauer aus ſeinem Geſicht wieder verſchwand und ein trotziger und höhniſcher Unmuth auf demſelben Platz nahm. Aber bei allen Teufeln, wer hat es gewagt, uns der geſtalt zu foppen? Der Großfürſt hatte den Wagen auf einer unbe merkten Stelle an der Einmündung des Thores in die Stadt halten laſſen und ſtarrte fortwährend in die Maſſen, die er an ſich vorüberwogen ſah. Er ſchien jetzt unter dieſen allen Ständen angehörigen Leuten —, eine Geſtalt zu erkennen, die ihm auffiel, und die ihm ein beſonderes Intereſſe zu erregen ſchien. Plötzlich ſagte er zur Großfürſtin, die in dieſer ſeltſamen Situation ängſtlich und unruhig geworden war und ſeinen Blicken nach allen Seiten hin folgte: Sehen Sie einmal dorthin, Großfürſtin, erblicken Sie nicht an jener Straßenecke den ſeltſamen Menſchen, den Jwan Paulowitſch Koutaitzow, den wir einſt aus unſerer Nähe verbannten, und der ſeitdem unſeren Blicken gänzlich entſchwand, den wir ſeit vielen Jahren nicht geſehen haben? Ja, wahrhaftig, das iſt Jwan Paulowitſch Koutaitzow, und ganz derſelbe, wie ehe⸗ mals. Mit was für Luchsaugen und Schlangenwin⸗ dungen der Burſch ſich dort unter dem Volke umher⸗ treibt! Ich fühle, daß ich ihm längſt vergeben habe, denn es freut mich wirklich, dieſes längſt vermißte Kerlchen einmal wieder vor Augen zu ſehen. Er würde mir jetzt gewiß ganz genau ſagen können, was vorgeht, und das wäre die beſte Art, aus dieſem Volkswirrwarr um uns her klug zu werden. Erlauben Sie wohl, Frau Großfürſtin, daß ich den Jwan Pau⸗ lowitſch Koutaitzow zu mir herein in den Wagen rufe? Maria Feodorowna bat mit liebenswürdigem Eifer, dies ja nicht unterlaſſen zu wollen, aber der Groffürſt hatte, ohne ihre Erlaubniß abzuwarten, bereits ein wenig und ganz unmerklich die Thür des Wagens ge öffnet, und ließ, auf ſeinem Daumend pfeifend, einen gellenden Ton durch die Luft fliegen, der auch ſogleich die Aufmerkſamkeit des betreffenden Mannes erweckt zu haben ſchien. Iwan Paulowitſch ſtand betroffen da und horchte. Dann reckte er den Kopf lauſchend in die Höhe und richtete ihn nach allen Seiten hin, wie ein Hund, der die Witterung auszuſpüren ſucht. In dieſem Augenblick hatte der Großfürſt zum zweiten Mal ſeinen Pfiff ertönen laſſen. Jetzt wußte Jwan Paulowitſch genau, daß ſein früherer Herr in der Nähe war. Es war das eigenthümliche Signal, wel⸗ ches zwiſchen dem Großfürſten und ihm auf der Jagd und auf gemeinſchaftlichen Wanderungen immer verab⸗ redet war, und wodurch Jwan ſtets ſeinen Herrn wieder aufzufinden wußte, wenn ſie ſich durch einen Zufall verloren hatten. Jwan ſchien jetzt ſchon ganz genau die Stelle zu kennen, auf welcher der Grofßfürſt ſich befand und ſeiner harrte. In einigen Minuten ſtand er vor dem Wagen und benahm ſich dabei mit der größten Vorſicht, ohne irgend die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſich zu lenken. So wurde es nicht bemerkt, als der Großfürſt jetzt von innen raſch den Schlag geöffnet hatte und Jwan Paulowitſch, auf die leiſe Aufforderung:„Herein mit Dir, Jwan Paulowitſch Koutaitzow, komm herein!“ zu dem Groß⸗ fürſten und der Großfürſtin in den Wagen ſtieg. Der Großfürſt ſchlug ein ſchmetterndes Gelächter auf, als er jetzt ſeinen alten treuen Diener, den Jwan Paulowitſch Koutaitzow, im Wagen ſich gegenüber er⸗ blickte. Er reichte ihm die Hand und drückte ihn in die Ecke des Rückſitzes vor ſich zurück. Dann betrach⸗ tete er ihn eine Zeitlang mit frohem Erſtaunen und rief, immer wieder lachend: Wahrhaftig, Du biſt es, und Du haſt Dich nur darin verändert, daß Du etwas dicker und fetter und um funfzehn Jahre älter gewor⸗ den biſt. Denn ſo lange iſt es wohl her, daß wir uns nicht geſehen haben, mein alter Freund. Aber wo verweilteſt Du inzwiſchen, ſprich! Längſt hatte ich nach Dir ausgeſandt, aber nirgends war eine Spur mehr von Dir zu finden, Du ſeltſamer närriſcher Burſch! Du haſt mir ja ſtets am Herzen gelegen. Jwan hatte ſeine Thränen nicht zurückhalten kön⸗ nen, und neigte ſich, indem dieſelben ſeinen Augen entſtürzten, demüthig und inbrünſtig auf die Kniee des Großfürſten herab. Ich trieb mich ja inzwiſchen in aller Herren Ländern umher! ſagte Jwan Paulowitſch 10 Koutaitzow, indem er faſt zärtlich zu ſeinem Herrn aufblickte. Ich wäre auch noch nicht wieder nach Petersburg gekommen, wenn ich nicht inzwiſchen ver nommen, daß die große Czarin Katharina ſich bereits auf ihr Sterbelager geſtreckt hätte und daß das ſchöne glänzende Geſtirn des Großfürſten Paul am Horizonte Rußlands aufgehen will. Darum bin ich hier wieder eingetroffen, ſonſt wäre ich nach Aſien gewandert. Denn nur meinem Groffürſten Paul gehöre ich an, wegen meiner großen Liebe zu ihm hatte er mich in die Verbannung geſtoßen, und ich komme wieder, ſobald ich zu ſeinem aufgegangenen Geſtirn beten darf! Jwans gutes ſchönes Geſicht ſtrahlte dabei in einem liebevollen Ausdruck, indem er zu dem Groß— fürſten hinüberſchaute. Jwan Paulowitſch Koutaitzow hatte nicht mehr das liebliche Jugendgeſicht, mit dem er einſtmals faſt einem jungen Mädchen geglichen. In den Zügen des gereiften Mannes ſtand ein tiefer ſin niger Ernſt, der zugleich auf gewichtige Schickſale deutete, welche ſein Leben in der Zwiſchenzeit bewegt hatten. So iſt es Dir wohl ſo ergangen, wie mir? ſagte der Großfürſt. Statt der Klagen und Seufzer über die geſtorbene Czarin, die ich in Petersburg erwarte, — 11 und von denen, wie ich denke, die ganze Hauptſtadt überſchwellen wird, höre ich feſtliches Glockengeläute, und brauſende Kanonendonner ſchlagen an mein Ohr. Wie kannſt Du uns das erklären, Jwan Paulowitſch Koutaitzow? Es wird ja heut die Einnahme Derbent's gefeiert! Sind denn Euere Kaiſerliche Hoheit nicht unterrichtet? fragte Jwan raſch und lebhaft. Ich weiß wohl, daß die Czarin einen Krieg im Caucaſus führt, ſagte der Großfürſt dumpf und düſter vor ſich hin, aber mich, der ich wie ein Dachs auf Gatſchina und Paulowsky feſtſitze und an meinen eige⸗ nen Pfoten nage, treffen dort keine Nachrichten weder von Siegen noch von Niederlagen. Aber auch mich in meiner Einſamkeit durchleuchteten oft hohe Träume von Rußlands Herrſchaft am caspiſchen Meere. Doch verzagte ich an der Ausführung, als man mir ſagte, daß der Graf Vaolerian Zoubow zum commandirenden General der Armee im Caucaſus ernannt worden ſei. Der Mann hatte ja kein anderes Verdienſt, als daß er der Bruder des neuen Favoriten Platon Zoubow war und noch einen gewaltigeren Körperbau beſaß, als Platon, dieſer unverſchämte Günſtling, der jetzt den Czaren in Rußland ſpielt. 12 Aber halten zu Gnaden, Kaiſerliche Hoheit, be⸗ merkte Jwan Paulowitſch mit einem gewiſſen Eifer, der Graf Valerian hat ſich im Caucaſus als ein ſehr guter Soldat bewieſen, und ſeine Waffenthat iſt es, daß die Ruſſen die alte Hauptſtadt Derbent eingenom⸗ men haben, wodurch ein Hauptſieg dieſes Feldzuges entſchiedén iſt. Die hohe Czarin, in deren Krankheit dieſe Nachricht wie ein Lichtſtrahl hinein fiel, befahl, daß der Sieg am heutigen Tage im ganzen Reich ge feiert werden ſolle. Aber die Czarin befand ſich vor einigen Stunden ſo ſchlecht, daß man das Schlimmſte befürchten mußte, und die Aerzte verlangten die Abbe⸗ ſtellung des Glockengeläutes und der Kanonen. Die Czarin hat es jedoch von Neuem befohlen, als ſie aus einem Krankheitsanfall wieder erwachte, ſie wurde ſehr zornig, als ſie hörte, daß ihr Befehl nicht ſchon aus geführt ſei und er mußte jetzt vollſtreckt werden. Aber die Czarin befindet ſich darum nicht beſſer, wie ich drüben im Winterpalaſt gehört habe. Im Gegentheil, man ſieht jetzt in jeder Minute ihrer Auflöſung ent⸗ gegen. Ich werde alſo doch nicht zur unrechten Zeit gekommen ſein, um für die neue Zeit des Großfürſten meine Jubelſtimme mit der des geſammten Volkes vereinigen zu dürfen. —— — Still! unterbrach ihn der Großfürſt, indem er ernſt und feierlich den Finger auf ſeinen Mund legte. Sprechen wir nicht von dem ungeheuren Ereigniß, das ſchon ſeinen Schatten auf uns herwirft. Ich ängſtige mich wie ein kleines Kind vor Geſpenſtern, und mir iſt, als würde das Firmament über Rußland zuſam menſtürzen. Ei, erwiederte Jwan Paulowitſch mit einem raſch aufflammenden höhniſchen Ausdruck, wir hoffen, daß ſich im Gegentheil ein neues ſchöneres Firmament über Rußland erbauen werde, und daß die Ruſſen unter demſelben nach langer Zeit einmal wieder Athem ſchöpfen und friſche Luft holen können. Du ſollſt mich begleiten! rief der Großfürſt. 8 ir werden in das Winterpalais fahren und ſelbſt zu er forſchen ſuchen, wie ſich unſere hohe Czarin befinde. Du ſollſt mich begleiten, Jwan Paulowitſch Koutaitzow, und ſollſt überhaupt von jetzt an wieder bei mir blei ben, es mag nun aus Deinem Großfürſten werden, was da wolle! Iwan beugte ſich auf das Knie des Großfürſten herab und ſuchte die Hand deſſelben zu erhaſchen, um ſie mit einer inbrünſtigen Gebärde an ſeine Lippen zu ziehen. Die Großfürſtin, die nur mit einem ſehr 14 ſtrengen Geſicht die Anweſenheit des ehemaligen Kam⸗ merdieners im Wagen geduldet hatte, blickte zürnend und verächtlich um ſich, und warf ſich dann mit einem tief heraufgeholten Seufzer in den Hihtergrund des Wagens zurück. Man durchfuhr jetzt im eiligen Trabe, ſoviel es die auf den Straßen zuſammengehäuften Menſchenmaſſen verſtatteten, die nach allen Seiten hin aufgeregte und von den verſchiedenartigſten Empfin⸗ dungen bewegte und zerriſſene Hauptſtadt. Die ganze Bevölkerung ſchien nach zwei Richtungen hin in die äußerſte Spannung, in eine fiebernde Unruhe verſetzt. Die Siegesnachrichten aus Perſien hatten in einem großen Theil des Volkes einen wahren Taumel des Entzückens hervorgerufen. Märchenhafte Erzählungen hatten ſich dazu verbreitet, und es wurde lüſtern von den ungeheuren Schätzen erzählt, welche an der Küſte des caspiſchen Meeres in die Hände der ruſſiſchen Krieger gefallen ſeien. Auf der anderen Seite ſtanden nicht minder bewegte Gruppen umher, in denen von der gefährlichen Krankheit der Czarin und von den Zuſtänden im Innern des Winterpalaſtes auf eine geheimnißvolle und ängſtliche Weiſe geſprochen wurde, mit ſcheuen, zum Theil freudigen, zum Theil angſt⸗ vollen Geſichtern, mit klagenden, aber auch wilden und ————————— 15 höhniſchen Ausrufungen, die ſchneidend genug bewieſen, was man im Volke bei dem Ableben der großen Ka⸗ tharina empfand. Endlich hielt der Wagen des Großfürſten vor dem Winterpalaſt, deſſen Pforten, um das vor demſelben gelagerte und ſtürmiſch andrängende Volk von dem Eintritt abzuhalten, ſorgfältig geſchloſſen und gehütet waren. Der Großfürſt trat jetzt mit ſeiner Gemahlin, die vor Bewegung zitterte, in das Palais ein, in dem Alles in der größten Unruhe und Rathloſigkeit durch⸗ einanderlief. Es ſchienen in dieſem Augenblick ſo be⸗ deutende und ernſthafte Dinge im Palais vorzugehen, daß ſelbſt das Erſcheinen des Großfürſten keinen Ein⸗ druck auf die durcheinanderſtürzenden Hofleute machte und der alte Fürſt Bariatinsky, welchem Paul im erſten Vorzimmer begegnete, die haſtige Frage Pauls nach dem Befinden der Czarin, und ob er zu ihr ein⸗ treten dürfe, durchaus nicht hörte, ſondern, den Groß⸗ fürſten ſprachlos anſtarrend, wieder' von ihm hinweg⸗ taumelte, ohne nur eine Sylbe zu erwiedern. Paul trat jetzt mit der Großfürſtin in das zweite Vorzimmer, in dem ſchon mehrere Perſonen in einer ſtillen traurigen Gruppe, mit kaum unterdrückten Kla⸗ 16 gen und Seufzern, und allen Anzeichen des größten Entſetzens, an den Wänden umherſtanden und auf die erſten Nachrichten von der Czarin zu harren ſchienen. Als Paul und Maria Feodorowna eintraten, war eine feierliche Stille entſtanden und kein Laut, kein Flüſtern ließ ſich mehr in dem immer ſtärker ſich anfüllenden Saal vernehmen. Jwan Paulowitſch, der den Großfürſten bis hier her begleitet, entfernte ſich jetzt eiligſt wieder aus dem Saal, nachdem er vorher beim Groffürſten leiſe die Erlaubniß erbeten, einige Gänge durch das Palais machen zu dürfen; er verſprach dann, in Kurzem wie⸗ derzukehren und dem Grofßfürſten über die augenblick⸗ liche Lage der Dinge im Palais das Genaueſte zu berichten. Der Saal füllte ſich inzwiſchen mehr und mehr mit den verſchiedenartigſten Geſtalten an. Paul ſtand ungeduldig in der Mitte des Gemachs und wurde nur durch die dringenden und ängſtlichen Vorſtellungen ſeiner Gemahlin davon abgehalten, in das Cabinet der Czarin einzudringen und das Recht des Sohnes am Sterbebett ſeiner Mutter zu wahren. Aber Maria Feodorowna wandte alle ihre Thränen und Bitten auf, um ihn zur Ruhe zu bewegen, da ſich ſoeben die ——— — 3 3 5 Nachricht verbreitet hatte, daß die Czarin in ihrem Cabinet in einer gefährlichen Kriſis liege. Jetzt ſahen ſich Paul und Maria Feodorowna plötzlich von mehreren Geſtalten umringt, die eben in den Saal getreten waren und mit großer Beeiferung auf ſie zugeſtürzt kamen. Es waren die jungen Prinzen und Prinzeſſinnen, welche ſich in dieſer ſchmerzvollen Stunde genähert hatten, um die Wahr⸗ heit der in der Stadt plötzlich umlaufenden dunkeln Gerüchte zu erkunden und die jetzt zuerſt ihrem Vater und ihrer Mutter hier begegneten. Prinz Alexander war zugleich in Beglei⸗ tung ſeiner jungen Gemahlin erſchienen, der durch große Schönheit ausgezeichneten Prinzeſſin Eliſabeth von Baden⸗Durlach, mit der er ſich vor einigen Jah ren verheirathet hatte, und deren holde Augen und Wangen in dieſem Moment von den bitterſten Thrä⸗ nen überfluthet waren. Maria Feodorowna liebte dieſe Schwiegertochter ſehr, deren liebenswürdiges Weſen ihr ſehr angenehm und verwandt war, und zog ſie jetzt ſanft und lange an ihre Bruſt, um ihre Thränen innig mit den ihrigen zu vermiſchen. Der Großfürſt dagegen wandte ſich jetzt beim Anblick ſeiner Kinder düſter und erzürnt ab, die Gemahlin ſeines Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II. 2 — 18 Sohnes Alexander war für ihn immer eine Perſön lichkeit geweſen, von der er ſich auf das Beſtimmteſte abgeſtoßen und genirt fühlte, und er vermied es auch jetzt, ſie anzureden, indem er mit ſeinen beiden andern Söhnen, Conſtantin und Nicolaus, welche die eigent lichen Lieblinge des Vaters waren und mit ſeinem Charater ſtets die größte Uebereinſtimmung gezeigt hatten, ſich angelegentlich zu unterreden begann. Auch die kleineren Prinze ſſinnen, Helena und Maria, welche die jüngſte, kaum anderthalbjährige Anna mit ſich herbeigeführt, waren in dem allgemeinen Schreckens taumel, der ſeit einigen Stunden Alles beherrſchte, mitgelaufen gekommen, dieſe anmuthigen Enkelinnen der Katharina, welche, ſtets auf das Sorgfältigſte ge hegt und gepflegt von der für ſie faſt erfinderiſchen Gnade der Großmutter, den herannahenden Tod der Czarin nicht begreifen konnten und in ein lautes Weh klagen darüber ausgebrochen waren. Der Großfürſt war jedoch ſeit einigen Augenblicken zu zerſtreut und ſeine Aufmerkſamkeit auf einen fernen Gegenſtand im Saal gerichtet, als daß er noch Zeit dazu gehabt hätte, ſeine Kinder anzuhören und zu tröſten. Er war plötzlich unruhig und wild auf und nieder gegangen, mit großen, heftigen Schritten, und mit ———— — — O flammenden Augen, die unverwandt auf eine und die⸗ ſelbe Stelle gerichtet waren. Dann trat er eiligſt zu ſeiner Gemahlin heran, zog dieſelbe raſch aus der Unterhaltung mit der jungen Prinzeſſin Alexander hinweg, und nachdem er ſie bis in die Mitte des Saales vorgeführt, ſagte er zu ihr geheimnißvoll und ſehr erregt: Sieh dort jene Dame, welche, faſt bis an die Stirn in ein ſchwarzes Gewand gehüllt, in der Fenſterniſche ſteht und es ängſtlich vermeidet, ihre Blicke hierher zu richten? Iſt das nicht die Nelidow? Die Nelidow? fragte Maria Feodorowna erſtaunt. Meine frühere Ehrendame Marfa Nelidow, die wir ſo lange nicht geſehen und die ich ſeitdem ſo oft ver— mißt habe? Jo, ſie iſt es, ich erkenne ſie trotz ihrer Vermummung, es iſt die Nelidow, und wenn Euere Kaiſerliche Hoheit nichts dagegen haben, ſo möchte ich ſie wohl zu mir heranrufen, und ſie fragen, wo ſie ſo lange geweſen iſt, nachdem wir ſie damals in Gat⸗ ſchina entließen. Denn als wir von der Reiſe zurück⸗ kehrten, war ſie verſchwunden, und nirgend vermochten wir mehr eine Spur von ihr aufzufinden. Die Ne⸗ lidow! Die Nelidow! Die Großfürſtin ſchien ſich, unausgeſetzt hinüber 20 blickend, mehr und mehr von der Richtigkeit der Wahr nehmung zu überzeugen, welche der Großfürſt gemacht hatte. In demſelben Augenblick aber war IJwan Pau lowitſch wieder in den Saal zurückgekehrt. Auf ſeinem 3 geteh Geſicht lag die tiefſte Beſtürzung, ein bleiches Ent— ſetzen. Er hatte ſich mit einer geheimnißvollen Be⸗ wegung hinter den Großfürſten geſtellt und flüſterte demſelben jetzt haſtig und athemlos zu: Es wird ſich bald etwas Ungeheueres voll bringen, meine Kaiſerliche Hoheit! Die Czarin liegt ſehr krank in ihrem Cabinet darnieder und ſieht unter den Händen ihrer Aerzte ihrer Auflöſung ent⸗ gegen. Ein ſchwerer Schlaganfall hat ſie vor einer Stunde getroffen und man fand die Czarin in ihrem Cabinet auf dem Fußboden niedergeſtreckt. Die Aerzte haben gar keine Hoffnung mehr. Nur Lambro Cazzioni iſt der Meinung, daß noch Alles gut werden könne, wenn man die Czarina, die jetzt geiſtig zu ſehr auf geregt ſein ſoll, in jeder Weiſe ruhig halten könne. Es iſt deshalb auch davon abgeſtanden worden, Euere Kaiſerliche Hoheit zu der Czarin zu rufen, es darf Niemand mehr zu ihr eintreten und Lambro Cazzioni hat jetzt auch alle übrigen Aerzte aus dem Cabinet der Czarin hinausgejagt. Die hohe Czarin iſt ſeitdem he 21 in einen tiefen Schlaf verſunken. Alſo ſtill Alles, ſtill! Denn wer möchte es wagen, die Czarin aus dem Schlaf zu wecken? Paul zog den Jwan haſtig einige Schritte mit ſich fort durch das Zimmer und blieb in einer abſeits ge⸗ legenen Fenſterniſche mit ihm ſtehen. Laß uns leiſer ſprechen, Jwan, wir dürften behorcht werden! ſagte er dann mit einem dumpfen, ſchmerzlichen Ton. Haſt Du vielleicht eine Urſache erkundet, welche die Zufälle der Czarin wieder dermaßen geſteigert hat? Es ſoll ſich allerdings ſeit Kurzem Mancherlei ereignet haben, antwortete IJwan mit einer wichtigen Gebärde ganz leiſe. Die Einnahme von Derbent iſt jetzt nicht mehr die letzte Nachricht, welche von den Geſtaden des caspiſchen Meeres eingegangen. Es ſind ſeitdem die allerſchlimmſten Dinge von dort ruchbar geworden. Die Armee des Grafen Valerian Zoubow iſt jetzt gänzlich zerſtört und aufgerieben worden. Die geſchickten perſiſchen Reiter⸗Corps haben ſich mit den Gebirgsvölkern des Caucaſus vereinigt, um den Unter gang eines der herrlichſten ruſſiſchen Heere zu vollen⸗ den. Der Graf Valerian Zoubow iſt in die Falle gerathen, welche man ihm geſtellt, und er hat ſich nachträglich doch als das bewieſen, was er immer 3 5 3 ₰ be S war, nämlich als einen erbärmlichen Feldherrn, und die Günſtlingswirthſchaft, welche den leichtſinnigen und unerfahrenen Jüngling an die Spitze dieſer Kriegs macht geſtellt, hat ſich wieder einmal gerächt: wie ich fürchte, zu ſtark, zu ſtark wenigſtens für das edle Herz des Großfürſten! Denn die Czarin wurde in dieſem Augenblick vom Schlage niedergeworfen, als man ihr die Nachricht von der Zerſtörung ihrer Armee über bracht. Von draußen hallten noch die Glocken und Kanonen über die Einnahme von Derbent in ihr Ca binet herein. Auf dem Geſicht des Großfürſten malten ſich Be⸗ ſtürzung, Trauer und Verdruß. Das ganze Heer zerſtört und aufgerieben? Dieſe beiſpiellos herrlichen Soldaten vernichtet? O dieſer elende Menſch, der Zoubow! Dieſe infame Hofwirthſchaft, die einem ſolchen Laffen, blos weil er wie ein Ochſe gebaut iſt, die ſchönſte Armee der Welt anvertrauen konnte! Und doch, und doch, was weit größer iſt als Alles, die Czarin! die Czarin! Der Großfürſt ſchlug wüthend mit geballter Fauſt gegen die Wand, aber er beſann ſich ſogleich wieder, daß der gegenwärtige Augenblick nicht dazu geeignet ſei, der leidenſchaftlichen Aufregung, die ihn ergriffen hatte, Luft zu machen. ſten bärt ihm ſch ta 23 Jwan Paulowitſch ergriff die Hand des Großfür ſten und drückte ſie mit einer ernſten, feierlichen Ge bärde, die unendlich viel zu ſagen ſchien. Paul ſah ihm mit der tiefſten Traurigkeit in's Geſicht, und es ſchien ihm wohlzuthun, als er den tiefen ehrlichen Schmerz in den Zügen des Jwan Paulowitſch Kou⸗ taitzow erkannte. Du weinſt auch um die Czarin? fragte er ihn mit leiſer Wehmuth. Und früher hatteſt Du gewünſcht, ſie durch mich vom Thron zu ſtoßen. Ich wünſchte den Anfang der neuen Herrſchaft Pauls, ſo wie der Gefangene ſich dem Sonnenſtrahl entgegenreckt! flüſterte Jwan mit einer inbrünſtigen Emphaſe. Aber wenn die Czarin ſtirbt, muß ich den⸗ noch weinen. Die Czarin war eine große Frau, und man ſieht jetzt erſt ein, was es heißt, wenn ein ſolches Leben ſtillſteht. Es verliert dann jeder Einzelne den Athem in ſeiner Bruſt und in ganz Rußland ſcheint einen Augenblick der Pulsſchlag zu ſtocken. Es iſt ein ungeheurer Verluſt, den wir leiden! rief der Großfürſt mit einem ſchmerzlich zuckenden und flammenden Geſicht. Die Czarin wußte Alles ſo zu thun, daß man in die Hände der Vorſehung ſelbſt gerathen zu ſein glaubte, und das war gut. Darum 5 — — — Jeder ſeine Schuldigkeit um ſo gewiſſer, weil er 3 tha Rußland diente, indem er der Czarin diente. Wir werden viel zu thun haben, ehe wir es beſſer machen, Jwan Paulowitſch Koutaitzow. Es iſt nichts als Schneider⸗Arbeit, das Thun eines N kachfolgers, der drei Lützen an die Uniform flicken läßt, weil man unter dem Vorgänger nur zwei daran k neue Regierung, die dadurch hervorzuragen gedenkt, würde ſich um allen ihren Credit bringen. Und wir wollen das nicht, Jwan Paulowitſch Koutaitzow. Bleibe nur bei mir und verlaß mich nicht, Iwan! Ich mache Dich zu meinem Staatsrath, in demſelben Augenblick, wo ich den Czarenthron beſteigen werde. Aber was ſprechen wir, die Czarina iſt noch nicht todt, möchte immer leben, denn mir graut vor dieſer Czarenthron, ich habe keine ihn zu beſteigen. Euere Kaiſerliche Hoheit werden viele ſchwere Sorgen auf dieſem Thron finden! erwiederte Jwan Paulowitſch, die Hand ſeines Herrn drückend. Der Krieg in Perſien läßt jetzt auf dem Czarenthron Ruß lands keinen Augenblick mehr ruhig ſchlafen. Und einen Gefangenen halten wir ſeit Kurzem in Peters burg, deſſen Nähe Rußland nur Unglück bringen kann Es iſt der Thaddäus Kosciusczke, der nach dem 25 letzten Untergang Polens hier eingebracht worden iſt und in einem Kronhauſe in Petersburg feſt verwahrt ſitzt. Das ſind ſchlimme Trophäen, welche ſich das Rußland Katharina's hier aufgeſteckt hat. Sie bringen Rußland kein Glück, und der blutige Schweiß dieſes Gefangenen, der an der Czarenkrone kleben bleibt, wird ihren Glanz für ewig trüben und ihr Gold zer⸗ ſcheuern und zerreiben. Ein großes Land muß ſich nicht mit den Trophäen über unterjochte Völker ſchmücken! Iwan Paulowitſch ſchleuderte dabei dem Groß⸗ fürſten einen ſo herausfordernden, wilden und heftigen Blitz aus ſeinen Augen zu, daß Paul faſt zuſammen⸗ ſchrak und einen Augenblick lang betroffen bei ſich nachdachte. Dann rief er, beinahe zu laut für einen Saal, in dem ſo viele Leidtragende, eine große Anzahl hoher Hofbeamten und die meiſten Diplomaten und Miniſter der auswärtigen Höfe ſich befanden, mit zürnender Stimme aus: Der Krieg in Perſien wird ſein raſches und ungeſäumtes Ende finden, und dem großen Feldherrn Polens werde ich ſelbſt, ſobald ich kann, ſeine Freiheit und ſein Schwert zurückgeben. Es wird dies meine perſönliche Angelegenheit ſein und ich werde mich einer ſolchen Ehrenpflicht ſogleich zu 26 entledigen wiſſen. Ich liebe die geheimuißvollen Mas kenſpiele nicht und werde ſie in Rußland aus dem Wege ſcheuchen. Euer großer Wille wird die Ruſſen glücklich machen, erwiederte Jwan mit einer glühenden Begeiſterung. Wir werden dann neue Menſchen haben müſſen, die Euch verſtehen, und werden ſie Euch fehlen können? Sobald Ihr aufſteht und ſagt: Hier iſt Paul! wird es immer eine ungeheuere Menge von Leuten geben, die dieſes großen Wortes bedurft haben, um daran zu ihrer eigenen Exiſtenz zu gelangen und ſich ſelbſt z 1 entdecken. Was habe ich nicht Alles ſterben ſehen auf meinen letzten Wanderungen und Umherzügen, die ich, entfernt von Euerer Kaiſerlichen Hoheit, und ganz allein auf mich gewieſen, unternehmen mußte? Faſt Alles, womit ich bis jetzt gelebt hatte, mußte ſterben, und nun bekommen Leute Leben, die ich mir früher oft nie zu denken gewagt. Panin, z. B. der eigentliche Lebe mann des alten Rußlands, konnte ſeine wahre Ruhe nur im Tode finden. Es war das Merkwürdigſte, was ich in Moskau ſah, und das größte Hoffnungs⸗ bild, daß eine neue Zeit für uns heraufziehen werde. In Moskau vernahm ich auch die letzten Wuthaus brüche, in welchen der phantaſtiſche Irrſinn Gregor Nach und ſchied er i ein G ihn auf Orlows gegen die in dieſem Augenblick hinſcheidende Czarin ſich abzeichnete. Er hatte mich zu ſehen ge— nehmigt, weil er mich für einen jungen Blutigel hielt, der einſt im Schatten des Kaiſers Peter III. gewohn Er erzählte mir eine lange Geſchichte von dieſem Cza ren, der ihn ſeitdem alle Nächte hindurch in ſeinen — Träumen verfolgte und ihm keine Freiheit mehr übrig ließ, als die, dumpf und ſchmerzvoll zu ſterben. Auch zu dem Fürſten Potemkin war ich hingewandert, um Dienſte bei ihm zu ſuchen, und er hatte mir die erſte Führung ſeiner Geſchäfte übertragen. In der Mol dau, wo er auf einem verlorenen Schloß im ſeltſamen Kreiſe ſeiner Nichten wunderſam wirthſchaftete, war ich ſein Secretair geworden und arbeitete Tag und Nacht für ihn. Dann leiſtete ich ihm Geſellſchaft und verbarg wichtige Bekenntniſſe, die er mir bei ver ſchiedenen Erinnerungen ſeines Leben machte, in mei ner ihm ruhig zuhörenden Bruſt. Dann ſtarb er wie ein Gläubiger an mich, und ich war unter Denen, die ihn begruben und ſeinen Gebeinen den Platz ordneten, auf dem ſie ſich die letzte Raſt ausgeſucht hatten. Und Du warfſt nicht Alles wieder heraus aus der Erde und verblieſeſt es in die Lüfte? rief Paul dazwiſchen, indem er, Alles um ſich her vergeſſend, 28 mit einer heftig donnernden Stimme auffuhr. Nun, dies werde ich einſt noch beſorgen! Ich werde jetzt Vie⸗ les beſorgen, denn ich ſehe es, meine Zeit iſt gekommen! In dieſem Augenblick begann die Großfürſtin ſich wieder dem Groffürſten zu nähern. Sie hatte ihn ſchon ſeit einiger Zeit mit geſpannten Blicken beob⸗ achtet, und ſchien nicht länger, gerade in dieſem be⸗ deutſamen und ſpannenden Moment, ſeiner Nähe und der Erforſchung ſeiner Gedanken entbehren zu können. Zugleich befand ſich in ihrer Umgebung jetzt eine ſchwarzverhüllte Frauengeſtalt, die Paul mit großer Betroffenheit ſich nahe gegenüber ſah, und die im An⸗ blick des Großfürſten, tief und leidenſchaftlich zuſam⸗ menzuckend, und einige, aber unverſtändliche und durch die Luft wieder zerrinnende Worte ausſtoßend, gewal⸗ tig aufathmete. Ich bitte den Herrn Großfürſten, mich ſo, wie ich komme, freundlich aufnehmen zu wollen, ſagte Maria Feodorowna, ſich mit drängender Innigkeit an die Seite des Grofßfürſten preſſend. Dies iſt hier Marfa Nelidow, einſt meine Freundin und Helferin, die bis her in dem Alexander⸗Newski Kloſter von der ganzen Welt zurückgezogen lebte und ſchon im Begriff war, Nonne zu werden. Das ſchauerliche Ereigniß des Un ſie N 29 heutigen Tages hat ſie wieder in die Welt zurückge trieben, und ich bin entzückt, die Nelidow wieder zu ſehen. Wenn der Groffürſt es gnädigſt geſtattet, be⸗ halte ich ſie wieder und laſſe mir die Nelidow nicht wieder von meiner Hand gehen. Der Großfürſt warf einen haſtigen, brennenden, fragenden Blick auf die Nelidow, deren Augen ſich mit einer leuchtenden Flamme an ihm feſtgehangen hatten. Er nickte mit dem Kopfe und ſchien befriedigt von dem ihm gemachten Anerbieten zu ſein, als in dieſem Augenblick haſtig die Thür geöffnet wurde, welche aus dem Cabinet der Czarin führte. Es war Lambro⸗Cazzioni, ein Italiener, der in der letzten Zeit im Kreiſe der ſterbenden Czarin eine eigenthümliche Rolle geſpielt hatte und eigentlich ihr Arzt geworden war, obwohl ihn ſeine Vergangenheit unter den berühmteſten Piraten Rußlands geſehen und ſeine vielfachen Talente, welche der Czarin zuletzt einen ſtarken Zeitvertreib gewährt, ihm auch den Rang eines glänzenden Buffo in der Hauscapelle Katharina's ein⸗ zunehmen geſtattet. Er hatte die Czarin in dem letzten Uebel, von dem ſie niedergeworfen worden, mit ſeinen eigenthümlichen Mitteln, welche immer Katharina's Zufriedenheit er⸗ 30 regten, und nicht ſelten eine beſondere Wirkung bei ihr fanden, behandelt. Aber die Czarin war heut be wußtlos und im Uebermaaß der auf ſie eingedrungenen Todesſchmerzen an der Erde zuſammengeſunken, und jetzt hatte Lambro⸗C — azzioni, nachdem er ſich lange mit dem Körper der Czarin beſchäftigt, die nicht mehr zu⸗ rückzuweiſende Eutdeckung gemacht, daß die Czarina durch einen Schlaganfall betroffen worden und ihren Tod gefunden habe. Vom heftigſten Schreck und Entſetzen ergriffen, war Lambro⸗Cazzioni ſogleich fortgeſtürzt und die ab⸗ geriſſenen Töne ſeines Geſchreis verriethen die unge⸗ heuere Begebenheit, die ſich jetzt feſtgeſtellt hatte. Er war jetzt ohnmächtig zu den Füßen des Groffürſten niedergeſunken, zu dem er mit der Nachricht von dem eingetretenen Ende der Czarina zuerſt hatte gelangen wollen. Paul war bleich, aber von einer unbeweglich feſten und ſtarken Haltung. Er ſchritt langſam und feierlich auf die geöffnete Thür los, die Großfürſtin folgte mit feſten hochgemeſſenen Schritten unmittelbar hinter ihm drein, dann ſchloſſen ſich zuerſt die Perſonen an, welche ſich bisher in den engeren Kreis des Groß⸗ fürſten und der Großfürſtin gefügt hatten. Damit ₰ W0 — waren auch die übrigen zahlreichen Menſchen aller Art, welche dieſen Saal gefüllt, in eine leiſe Bewe⸗. gung gerathen und es war jetzt Alles im Begriff, zu dem Sterbelager der Czarin zu wandern und die letz⸗ ten Ehren zu erweiſen, die noch übrig geblieben waren. Die Leiche Katharina's, deren Aufſtellung inzwiſchen auf einem hohen Poſtament geordnet worden, war eine düſtere, die unheimlichſte Folie in ſich tragende Be⸗ trachtung. Die Czarin hatte den Schlag des Todes, der ſie gebrochen und zerſchmettert, mit einer fürch⸗ terlichen Demuth über ſich anerkannt und war ſanft, faſt friedlich in den Dienſt deſſelben übergetreten. Sie lag wie in banger heimlicher Knechtsgeſtalt da und ihre Größe und Hoheit ſchien bewundernswürdig raſch an ihr ausgetilgt und verloren worden zu ſein. Der Großfürſt Alexander mit ſeiner Gattin und die übrigen Söhne und Töchter Pauls ſtanden in einem Kreiſe umher und vergoſſen laute, mit tiefen Klagen gemiſchte Thränen. Paul durchſchritt dieſen Kreis mit einer wunderbaren Ruhe und legte ſeine Hände hinauf zu dem Leichnam ſeiner Mutter, indem ſeine ganze Geſtalt ſich krampfhaft nachſtreckte und ſtill, bewegungslos, wie in einen düſtern Traum ver⸗ LA 82 loren, eine Zeit lang in dieſer einſamen, ſchauerlich in ſich gekehrten Haltung verweilte. Als ſich Paul umblickte, ſah er eine ſeltſam zu ſammengebrochene Geſtalt hinter ſich, die ſich kaum noch aufrecht erhalten zu können ſchien. Es war der Graf Platon Zoubow, der letzte Günſtling der dahin⸗ geſchiedenen Czarin, der jetzt das Ausſehen eines in ſein Nichts verſinkenden Bettlers hatte und mit unauf⸗ hörlich ſtürzenden Thränen ſeine ihn überkommende verzweifelte Lage zu den Füßen der großen Todten verkündigte. Er, der in der letzten Zeit die Zügel der kaiſerlichen Gewalt über Rußland geſchwungen, und vor dem die Großen des Reichs knechtiſch in den Staub geſunken waren, er zeigte eine jämmerlich ver— blaßte und in ſich aufgeriebene Erſcheinung, die faſt ein Grauſen um ſich verbreiten mußte. Es löſte ſich aber dieſe Vernichtung jetzt in die unterwürfigſte Hul— digungsmiene gegen Paul auf, dem er bis jetzt alle und jede Rückſicht und faſt den Gruß verſagt hatte. Paul ſah ſich durch dieſe bettelnden und niedrigen Augen, die ſo krampfhaft und feſt auf ihn gerichtet waren, in dieſem Augenblick im Innerſten ſeiner Em pfindungen geſtört, und zugleich überfiel ihn der Ein druck des jämmerlichen Undings, das von ihm ſeine 0 — 33 neue Haltung erſtrebte. Paul fühlte ſich ſo ſchwach, daß er in demſelben Augenblick das Andringen dieſes Menſchen nicht von ſich zurückzuweiſen vermochte. Er drückte ſeine ihn berührenwollende Hand raſch an ſich herunter und ſagte raſch, leiſe: Ihr dürft über Alles ruhig ſein, Graf Platon Zoubow. Unverkürzt ſollt Ihr in allen Euren militairiſchen Ehren und Würden verbleiben, die Ihr bis dahin ausgeübt, und ich hoffe, daß Ihr mir eben ſo treu dienen werdet, als Ihr es meiner Mutter gethan habt! Damit aber wollet Euch für heut befriedigt halten. Graf Platon Zoubow war faſt in einen jubelnden Ausruf verfallen. Paul aber ſchritt weiter, indem er, ſich nach allen Seiten hin umblickend, den Saal for ſchend und prüfend durchmaaß, und eine innere See lenſtimme ihm in dieſem Augenblick zuflüſterte, daß Er, Paul, jetzt der Herr Aller geworden ſei. Schon begannen mehrere Perſonen vor ihm niederzuknieen, denen er jetzt auf ſeiner Wanderung durch den Saal begegnet war, und die, wie er jetzt ſah, zu den höch⸗ ſten Würdenträgern des Staats und zu den erſten Namen der heut abgetretenen Regierung gehörten. Er nickte Allen freundlich und mit einem vielverſpre⸗ chenden Ausdruck zu. In dem Weſen Pauls, das Th Mundt, Czar Paul. 2 Abthl. II 3 34 ſich in dieſen wunderbaren, ihn mächtig vorwärtstrei benden Augenblicken großartig in ſich ſelbſt befeſtigte, war es plötzlich wie ein Stern des Friedens aufgeglänzt, über ſo viel Ruhe und Faſſung hatte ſein Charakter noch niemals in ſich ſelbſt geboten, und er ſchritt, indem Maria Feodorowna's lächelnde Huld ihn zur Seite geleitete, langſam und feierlich durch den Saal weiter vorwärts. Aus einigen Worten, mit denen er die vor ihm knieenden Perſonen begrüßte, ſchien die Abſicht des jungen Czaren hervorzugehen, durchaus nach keiner Veränderung in den Perſonen der alten Regierung zu ſtreben, und das ſoeben aus den Händen ſeiner Mut⸗ ter auf ihn gefallene Reich ganz mit denſelben Kräften und Perſonen, die es bisher getragen, übernehmen zu wollen. In dieſem Augenblick aber ſah Paul einen Mann vor ſich knieen, deſſen Züge ihn ſehr erſchütterten und der die wunderbarſten Erinnerungen und Entſchließun gen in ihm wachzurufen ſchien. Es war der junge Prinz Alexis Kourakin, der ſeit der Zeit, wo ſich Paul ſo feindlich von ihm getrennt und ihn von ſeinen Wegen gewieſen hatte, in ſeiner Zurückgezogenheit faſt ver ſchwunden war und keine Spur ſeiner Exiſtenz mehr nach irgend einer Seite hin von ſich gegeben hatte. Er ſollte ſeitdem vornehmlich auf vielfältigen Reiſen im Auslande gelebt haben, und fand ſich in dem Augenblick heimgekehrt, der ihn ſo gewaltig ergriff und ihn jetzt zu den Füßen ſeines ehemaligen hohen Freun⸗ des ſo bedeutſam niedergezogen hatte. Paul konnte die große Freude nicht unterdrückt zeigen, welche ihn jetzt beim Wiederanblick des ſtets ſo geliebten Kourakin, von dem er immer ganz Be⸗ ſonderes und Eigenthümliches gehofft, ergriff. Er machte ſogar ſeine Gemahlin auf den Zurückgekehrten aufmerkſam, und Maria Feodorowna drückte in ihrer Unbefangenheit mit einem herzlichen: Willkommen, Prinz Kourakin! ihr frohes Gefühl über ſeinen An⸗ blick aus. Aus Freude über ſeine Rückkehr ernennen wir den Prinzen Alexis Kourakin zu unſerm erſten Staats kanzler! rief Paul jetzt mit einer lauteren Stimme als bisher, indem er ſich freudig die Hände rieb. Alexis Kourakin konnte kaum für ein unbeſchreib⸗ liches Glück, das ſo raſch in ihm aufſtrahlte, einige Dankesworte finden, denn die Veranlaſſungen, welche der bedeutungsvolle Augenblick brachte, mehrten und drängten ſich bereits. Jetzt waren zwei Offiziere in den Saal getreten, 2* 8 die mit feierlicher Dringlichkeit herangeſchritten kamen. Der eigenthümliche, etwas groteske Schnitt und grobe Stoff, welchen die Uniformen aus der Fabrik von Gatſchina allmählig und wie von ſelbſt angenommen hatten, verrieth ſogleich den Urſprung der neu Ange kommenen. Es waren die Spitzen der neuen Armee in Gätſchina, welche dort unter Mitwirkung einzelner Generäle aus der lebhafteſten Fürſorge Pauls ſich zu bilden angefaugen. Der Eine war der General Me liſſino ſelbſt, deſſen hohes Alter ihn nicht verhindert hatte, den erſten Moment zur Begrüßung des neuen Czaren zu treffen und damit der neuen, in der Bil dung begriffenen Artillerie von Gatſchina den höchſten Ehrenglanz zu bereiten, beim Antritt des Czaren Paul in ſeiner Umgebung geſehen zu werden. Ihm war der junge Offizier Ratikow gefolgt, der ſtets mit einem wahrhaft ſchwärmeriſchen Eutzücken an dem Anblick Pauls hing und, jetzt aufjauchzend zu ihm, ſein volles Herz zu den Füßen des neuen Czaren darbringen wollte. Paul hatte mit großer Freude dieſe neu Angekom menen begrüßt, die als Zeugen einer ſo bedeutenden Periode ſeines Strebens und Vorbereitens jetzt vor ihn hingetreten waren und ihm an dem heutigen Tage 9 2 — eine Huldigung ſeiner Vergangenheit entgegenbrachten. Sehr herzlich hatte er den alten General und den jungen Lientenant in einer einzigen Umarmung zu ſich herangezogen. Ich werde heut um viele Jahre älter, meine Freunde, ſagte er mit einem ſehr heitern und friſchen Ausdruck. Wenn man Czar wird, muß Einem väterlich zu Muthe werden für Alle, die man neben ſich und unter ſich erblickt, und in dieſem Sinne ſehe ich ſreudig und hoffnungsvoll die junge Saat von Gatſchina hier vor mir ſich vertreten. Du aber, klei⸗ ner Ratikow, ſollſt auch an dem heutigen Tage um mehrere ſchöne Jahre älter geworden ſein. Denn ich ernenne Dich bereits heut zu meinem General⸗Adju⸗ tanten, und erkenne Dir das Ritterkreuz des St. An— nen⸗Ordens zu, das Dir heut noch in aller Förmlich⸗ keit überreicht werden ſoll. Dann nickte er ſeiner Gemahlin mit einer innigen, faſt zärtlichen Freundlichkeit zu, um an ihrer Seite den Gang durch den Saal zu vollenden, in dem jetzt mehr und mehr eine Cour zur Begrüßung des neuen Herrn und zur Einweihung aller ſeine Herrſchaft ver— kündenden Umſtände ſich zu vollbringen ſchien. Das Poſtament, auf welchem die bleichen, entſeel— ten Glieder Katharina's lagen, war ſchnell ein einſamer Platz geworden, den die Lebenden zu berühren ver mieden und auf dem ein dunkles räthſelvolles Geheim niß mit ſchwarzem, ſchwerem Fittig zu haften ſchien. Alles bewegte und drängte ſich dem jungen Czaren, Paare entgegen, in dem ein neu aufgegangener Licht körper ſich roſig und hoffnungsvoll den verſchiedenen Werbern um die Pracht eines neuen ruſſiſchen Kaiſer throns darſtellte. Manche mochten dabei bereits ein tiefes Mißtrauen in ſich tragen, mit dem ſie ſeit Jahren dem Augenblick entgegengeſehen hatten, in dem Paul den Czarenthron beſteigen würde, aber der be deutungsvolle Moment ſchien auch dieſen blaſſen zwei— felhaften Geſichtern jetzt nur Ruhe und friedliche Er— wartungen auferlegt zu haben, und dieſe erſte Ver ſammlung um den neuen Czaren Paul miſchte ſich nur aus ſolchen, die zu einer Hingebung für ihn Luſt em pfanden oder einige Regung beſaßen. Unter Denen, welche zuletzt in den Saal getreten waren, um den neu aufgegangenen Czaren zu grüßen, hatte ſich auch Jwan Paulowitſch Koutaitzow befunden. Der Czar war ſeiner ſogleich anſichtig geworden und hatte ihn mit einer äußerſt lebhaften und freundlichen Handbewegung zu ſich herangewinkt. Mein guter IJwan Paulowitſch Kontaitzow, ſagte 39 Paul zu ihm, indem er ihn mit einem angelegentlichen Ausdruck ſeiner Gemahlin vorſtellte, Du biſt einſt der + treue Kammerdiener des Großfürſten geweſen, aber dem Czaren mußt Du do ch auch etwas ſein, denn dem neuen Czaren iſt an Dir gar viel gelegen. Ich er —; 2 nenne Dich daher jetzt zu meinem Staatsrath, ich werde Deinen Rath vielfach bedürfen, und Du wirſt Excellenz ſein, Jwan Paulowitſch Koutaitzow! Die Dankesworte des IJwan Paulowitſch verhallten in einem ungeheuren Huldigungsgruß, der ſich jetzt von den Lippen aller Anweſenden brauſend und Alles durchdringend für den Czaren Paul und ſeine Gemah lin löſte. Czar Paul und Maria Feodorowna waren in dieſem Augenblick der Thür nahe gekommen, welche zu dem großen Balcon des Hauſes hinausführte, und man hatte ihre Geſtalten von unten geſehen, wo ge waltige Menſchenmaſſen den Platz vor dem Schloſſe bedeckten. Es hatte ſich daraus das unendliche Jubel geſchrei gebildet, das hinaufgedrungen war und im Saal ſelbſt von allen Seiten her einen feurig toſenden Wiederhall fand. ———— e Paul auf dem Gzarenthron. Der neue Czar hatte in dem großen vielumfaſſen⸗ den Winter Palais ſeine erſten Einrichtungen genom⸗ men, die er nach ſeinem Charakter in einem großen Stil, aber in bewundernswürdiger Einfachheit und Schlichtheit treffen ließ. Es war merkwürdig in dieſen erſten Momenten ſeiner Herrſchaft, daß Paul faſt nur mit ſeinen Kindern und ſeiner Gemahlin zu leben ſchien und ſich auf den innigſten Verkehr mit ſeiner ganzen Familie, beſonders aber mit Maria Feodo⸗ rowna, anwies. In dem kleinſten Zimmer des Winter Palais ſaß er in dieſem engen Kreiſe der Seinigen, friedlich in einen Lehnſeſſel geſchmiegt, dicht neben ihm in trau licher Gemeinſchaft die junge Czarin, um welche ſich — 41 die größeren und kleineren Töchter des Hauſes an⸗ muthig geſellt hatten, während die drei Söhne Alexan⸗ der, Conſtantin und Nicolaus ſich in würdiger und ernſter Haltung auf der Seite des Vaters aufgeſtellt hatten. Der älteſte dieſer Söhne, Alexander, ein hochge wachſener ſchöner und kraftvoller Jüngling, war ſoeben zum Czarewitſch oder regelmäßigen Erben des ruſſi⸗ ſchen Throns erklärt und ausgerufen worden, und Paul war ſelbſt in den Senat gegangen, um gleich⸗ zeitig mit den ihm ſelbſt widerfahrenden Huldigungen und Zuerkennungen dieſen Akt zum Vollzug zu brin⸗ gen. Denn es hatte ihn während des langen Lebens ſeiner Mutter oft genug gequält und verdroſſen, daß ſeine eigene Lage zum Reich keine geſicherte ſchien, und daß es oft zweifelhaft ausſah, als ob die Czarin vielleicht lieber einen ſeiner Söhne, als ihn ſelbſt, damit beauftragen werde, ihr in der Regierung zu folgen. Paul hatte darin ſehr gefährliche und zweifel⸗ hafte Dinge verſteckt gefunden, und ſtolz und freudig in ſich ſelbſt, wollte er ſein eigenes Herrſcherthum am liebſten damit beginnen, daß er zugleich mit ſeinem erklärten Thronfolger an der Hand vor der Nation erſchien und den Thron der Väter beſteigen wollte. — Zugleich hatte er in demſelben Augenblick eine Anord nung getroffen, durch welche ſeine Gemahlin und ſeine Kinder mit bedeutenden Einkünften ausgeſtattet würden. Die Großfürſtin hatte bisher mit den geringfügigſten Summen für ihre eigenen perſönlichen Bedürfniſſt auskommen müſſen, und Paul hatte jetzt auch ihre Zahlungsmittel faſt um das Doppelte geſteigert, um ſie an den Vortheilen der neuen Situation gebührend Theil nehmen zu laſſen. Es lag in dem Beſtreben des neuen Czaren, Alles, was ihn nahe umgab, jetzt mächtiger und erfreulicher als je hervortreten zu laſſen. Deshalb ſchien ihn, ſeitdem er Czar geworden, der Anblick ſeiner liebens würdigen, ſeit geſtern ſchöner als je ſich ihm darſtel lenden Gemahlin ganz beſonders zu entzücken. Maria Feodorowna hatte ſeitdem einen ganz neuen, überaus herrlichen Eindruck auf den Czaren gemacht. Ihre Schönheit war ihm vollendeter, reicher, faſt wie ein ſchlagender Sieg entgegengetreten, und er begann eine Bewunderung, ja faſt eine Achtung für ſie zu fühlen, die ihn ſelbſt überraſchten und ihn in ein leiſes Erſtau nen bei ſich verſetzten. In Maria hatte ſich zu dem anmuthigen Liebreiz ihres Weſens ſeit dem entſchei dungsvollen Moment eine Würde, ein Anſehen gefügt, 1 — die von Paul nicht unerkannt blieben und ihn zu einem ſtillen aufmerkſamen Verweilen bei ihr nöthigten. Auch Maria Feodorowna konnte die innige Liebe, die ſie ſtets für Paul gehegt, nur lebhafter angeregt und erhoben fühlen, als ſie ihn jetzt in dem gewalti gen, aber auch ebenſo ſtillen und friedlichen Aufſchwung erblickte, den ſeine erſten Schritte als Czar ihm gegeben hatten. Der kleine, häßliche, gelbe, finſterblickende Mann, für deſſen verborgenen Liebreiz ſie immer eigenthümliche Augen gehabt, ſchien ihr jetzt als Czar eine wunderbare Höhe ſeiner Schönheit erſtiegen zu haben. Beſonders liebte ſie ſeine Augen, in denen ein nachdenklicher Forſcherblick ſie ſtets angezogen hatte, und die ſo viel ſcharfes und durchdringendes Licht, ſeit geſtern aber auch eine edle, wohlwollende Abſicht, auf alle Gegenſtände und Perſonen warfen. Er hatte ſeit geſtern mit ſo vielen und verſchiedenartigen Leuten aus allen Ständen und Klaſſen geſprtcheu, und war ihr dabei ſo gewandt, gerade und freimüthig erſchienen, wie ſie es ſtets in ſeinem Charakter gehalten und wie ſie es jetzt im höheren und überwältigenderen Glanze bei ihm heraustreten ſah, als ſie es jemals zu träu men gewagt. Mit den höheren Perſonen hatte er ſich ganz auf einem gleichen, freien Fuße bewegt, mit den 44 Geringeren und Armen aber war er faſt wie ihr naher Anverwandter, ihr Bruder oder ihr Vater umgegangen, ſo daß die Letzteren gerührt und erhoben, die Erſteren entzückt und bezaubert ſchienen, und Alle dankbar die Gleichheit der Liebe erkannten, welche der Czar ihnen ſchulden wollte. Wies war Paul, der Sohn Katharina's, jetzt drei⸗ undvierzig Jahre alt geworden, welcher der Nation bisher nur aus einer langen Kette von Schmach, Un bilden und Entbehrungen, die er unter der Herrſchaft ſeiner Mutter erlitten, bekannt geweſen war, und den man nur nach einem harten und bizarren Charakter, den er bisher gezeigt, beurtheilen gelernt hatte. Aus einer Schule des Unglücks ſchien er zu ſtammen, dieſer ſeltſame, ſchwer zu beurtheilende Sohn Katharina's, und mit keinen großen und frohen Erwartungen hatte man ihn geſtern zu dem Thron Rußlands heranſteigen ſehen. Aber heut hatte ſich ſchon, man wußte nicht wie, eine ganz andere Anſicht und Erwartung über Paul im Publikum zu verbreiten begonnen, und je öfter man ihn geſehen, um ſo ſchärfer und eindring licher hatten Furcht und Hoffnung über den neuen Czaren gewechſelt. Man hörte und fühlte es heut auf allen Straßen in Petersburg, daß das ganze Volt 45 ein neues Glück erlebt zu haben glaubte und daß es ſich in die Hände eines neuen Herrn gefallen ſah, dem es ſein Schickſal gern anvertrauen wollte, von dem es eine Löſung aller Gefahren und Schäden, ein neues Heil der Nation erwarten mochte. Das gänzlich veränderte Leben, das ſeit geſtern in Petersburg herrſchte, hatte dieſen Strom der Erwar tungen und Meinungen, die in allen Klaſſen und Ständen des Volks auf und nieder ſchwollen, zu einem lebhaften Ausdruck gebracht. Von allen Seiten der Stadt drängte man in unaufhörlichen und immer wach ſenden Zuzügen nach dem Palais zu, in welchem der neue Czar als ſolcher ſeine erſte feierliche Niederlaſ ſung genommen hatte. Die höheren Stände hatten ihre Wagen beſtiegen und ſaßen in denſelben harrend und wartend auf den Straßen ſtill, auf denen ſich die Maſſen von allen Seiten ſo zuſammengedrängt hatten, daß keine Bewegung mehr möglich war und der ganze Lebensbetrieb der Stadt wunderbar in ſich zu ſtocken begonnen hatte. Um ſo mehr aber ſchien ſich Alles darauf angeſpannt zu haben, das Verhältniß zwiſchen dem Czaren und ſeinem Volk zu erſchöpfen, und zuerſt kein anderes Intereſſe, keine andere Beziehung auf kommen zu laſſen, als die in dieſem erſten und Alles 46 entſcheidenden Verhältniß eingeſchloſſen lagen. Des halb hatte man auch eine Zeitlang jeden Ausgang aus der Stadt unterſagt und die Thore geſchloſſen. Man war ſo vertieft in ſeine eigene merkwürdige Lage, daß man ſogar keine Nachricht von Außen empfangen, kei⸗ nen Courier in die Stadt eintreten laſſen wollte. Daun war auf den Straßen von Petersburg überall ein ungeheures militairiſches Gewühl und Ge räuſch entſtanden, Lärm von Eiſen und Erz überhallte Alles, ein wildes Getöſe von Stiefeln und Sporen führte ſich wie ein regelmäßig heraufziehender Triumph⸗ marſch durch, und gebietende Stimmen des Oberbefehls gliederten eine glänzende Gruppe von Regimentern, welche eben vor dem Winter⸗Palais ihre Aufſtellung nahmen. Es waren die Garden, die in dieſem Augen blick von dem Czaren geſehen und gewürdigt ſein wollten und den Eid ihrer Treue in ſeine Hände ab zulegen begehrten. Sie ſtanden in geſchloſſenen Reihen und ernſter feierlicher Haltung unten vor dem Winter— Palais da und der Czar hatte oben vom Balcon herab ihre Vorſtellung, mit der ſie ſich bei ihm gemeldet, angenommen und die Worte ihrer Eidesleiſtung freund⸗ lich empfangen. Unmittelbar nach ihnen waren größere Abtheilungen der neuen Artillerie aus Paulowsky und ——— 47 Gatſchina an derſelben Stelle erſchienen, um dem leuen Herrn ihren Eid zu leiſten, an ihrer Spitze der ſeltſame Lieutenant Araktſcheief, der durch ſeinen der ben und nie ſich verläugnenden Kriegsmuth das Ver trauen und die Liebe Pauls ſich im höchſten Grade gewonnen hatte, und nie von ihm geſehen wurde, ohne daß die ſichtlichſte Freude und Zufriedenheit auf des Czaren Geſicht emporglänzte. Die dankbaren Erinnerungen an die Wuth und Leidenſchaft, mit welcher Araktſcheief bisher die Exer⸗ citien in Gatſchina geleitet, und die oft vor den Augen Pauls dieſem oder jenem unglücklichen Soldaten ver⸗ mittelſt einiger Stockprügel das Leben gekoſtet hatten, waren auch in dieſem Augenblick in der Seele des Czaren aufgeſtiegen. Araktſcheief erhielt die Aufforde rung von dem Czaren zugeſandt, in das Palais einzu treten und zu ihm in den Czaren-Saal herauf zu ſteigen. Paul ſtrahlte in einer natürlichen und gutmüthigen Heiterkeit, als er hier ſeinen neuen militairiſchen Lieb⸗ ling, den immer ernſthaften und(wie der Kaiſer ſelbſt behauptete) von einem martialiſchen Dämon beſeſſenen Araktſcheief empfing. Der Czar hatte ihm bei ſeinem Eintritt ſogleich den St. Annen⸗Orden überreicht, mit 48 dem ihm zugleich der Beſitz einiger Tauſende von Bauern zugeſichert wurde. Zugleich kündigte ihm der Kaiſer ſeine Erhebung zum Major bei den Garden mit Generals Rang an, und dann rief er den Groß fürſten Alexander zu ſich heran, um ihm den heut ſo vertraulich ausgezeichneten Mann in der verbindlichſten Weiſe perſönlich vorzuſtellen. Dann ſagte er mit einer Herzlichkeit, wie man ſie an dem neuen Czaren früher nie bemerkt: Ich habe heut allen meinen Söhnen jedem ein Regiment der Garden zum Ober befehl übergeben, und dem Grofßfürſten habe ich dazu noch die Würde des erſten Militair⸗Gouverneurs von Petersburg gefügt. Ich möchte den General Arakt ſcheief auch noch in dieſe meinem Herzen ſo nahe ſtehende Gruppe einführen. Ich ernenne ihn hiermit zum zweiten Militair⸗Gouverneur von Petersburg, und bitte Euch, ihn im Angedenken an meine Perſon herz lich an Euerer Seite aufzunehmen und ihm in Euerer Mitte die ſchönſte Wirkung zu gönnen! Auf dem ernſten ſchwärmeriſchen Geſicht des jun gen Großfürſten war bei dieſer Eröffnung ein ſeltſamer Zug von Ueberraſchung und Befremdung hervorge brochen. Vor den ihn ſcharf prüfenden Blicken ſeines Vaters hatte er dieſe Stimmung raſch wieder abgelegt, 49 aber ein flammender, zuckender Strahl, der ſeinen Augen entfahren war, hatte ſich in dem breiten wilden Geſicht Araktſcheiefs verloren und verweilte noch eine Zeitlang forſchend und höhnend auf der Phyſiognomie dieſes grotesken Kriegers. Es wäre vielleicht eine Scene daraus geworden, wenn der Tag überhaupt dergleichen Vorkommenheiten zugelaſſen hätte. Aber in demſelben Augenblick waren ſchon wieder andere Perſonen und Genoſſenſchaften herangeſchritten, welche den Raum einzunehmen ſuch ten, um ihre Vorſtellung zu bewirken, dem Czaren ihre huldigenden Geſinnungen darzulegen, und die pflichtmäßigen Worte der Treue und der Gelöbniſſe vor ihm zu ſprechen. So hatten die Chefs der ver⸗ ſchiedenen Behörden und Collegien, der Departements und der Armee, der Hofämter und Staats⸗Collegien jetzt den Raum vor dem neuen Czaren gewonnen und ſich beſtrebt, den Augenblick, der ihnen zur Ableiſtung ihres Eides gegeben worden, im beſten Sinne für ſich und ihre Angelegenheiten zu benutzen. In den Senat hatte ſich Czar Paul ſchon am frühen Morgen ſelbſt begeben, um dieſen hohen Staatskörper feierlichſt zu empfangen und ihm die Aufmerkſamkeit und Rückſicht Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II. 4 50 des Staatsoberhauptes und des erſten Nationalruſſen zu bezeugen. 3 Zuweilen ſah man auch den Czaren mit glühendem Eifer zu einem kleinen Arbeitstiſch zurückkehren, wel chen er ſich in einer entfernten Ecke des Saals, mitten unter allen anderen Veranlaſſungen des Tages, aufge⸗ ſtellt und zurecht gemacht hatte. Nicht weit davon ſaß Maria Feodorowna, die, von den kleineren Prin⸗ zeſſinnen umgeben und in einer lebhaft belehrenden Unterhaltung mit denſelben begriffen, ſich, wenn der Augenblick ſie gerade frei ließ, hierher begab, um ent⸗ weder dem Czaren nahe zu ſein und auf jede ſeiner Aeußerungen ſogleich eingehen zu können, oder irgend einer weiblichen Arbeit, die ſelten in den Händen der Fürſtin fehlte, einen Augenblick raſch und triumphirend ſich zu widmen. Auf dieſem kleinen Arbeitstiſch des Czaren lagen mehrere Bogen aufgeſchlagen, denen er zu verſchiede⸗ nen Zeiten etwas Neues, oft nur ſeine Unterſchrift, hinzufügte. In ſeiner Taſche ſchien Paul ſchon ſeit dem frühen Morgen eine ganze Menge von Acten ſtücken und Documenten mit ſich herumzutragen, die früheren Arbeiten bei ihm angehörten und in denen er oft ſeine Lieblings⸗Ideen in verſchiedenen Zweigen der — 51 Verwaltung niedergelegt und zu einer beſtimmten Form geſtaltet hatte. Dieſe Papiere hatte er jetzt allmählig aus ſeiner Taſche herausgezogen und in einer gewiſſen Ordnung neben einander vor ſich hingelegt, nachdem er ſie nachdenklich durchgeſehen und hier und da mit einigen Federſtrichen verbeſſert hatte. Was er aber eigentlich in dieſem Augenblick ſchrieb, war ſein erſter Ukas, mit dem er noch an dem heuti⸗ gen Tage der Nation eine überzeugende Vorſtellung von den in ſeinem Gemüth herrſchenden friedlichen Ideen geben wollte. Der Krieg hatte in den letzten Lebensmomenten Katharina's wieder einen ſehr hervor⸗ ragenden Einfluß ausgeübt und war zu einem eigen⸗ thümlichen Drang und Trieb in den Richtungen der verewigten Czarina nach allen Seiten hin geworden. Beſonders war Katharina zuletzt entſchloſſen geweſen, gegen Frankreich handelnd aufzutreten, und gegen das neue Mutterland der Revolution in Europa mit einer großen kriegeriſchen Unternehmung vorzugehen, durch welche mit der ſchlagenden Gewalt der Waffen über das eigene Recht der Völker, ſich gegen ihre Fürſten ſelbſtſtändig aufzuſtellen und danach die Kraft und den Umfang Beider zu regeln, entſchieden werden ſollte. Der Ausführung dieſer Idee, für welche die große 1* 4* ——— — ——— — 50 Czarin gerade in den letzten Augenblicken ihres Lebens — noch ſchwärmte und glühte, war ſie kurz vor ihr Tode ſchon um Vieles näher getreten. Sie hatte ſchon eine neue Aushebung von hunderttauſend Man Recruten befohlen, wodurch jedem Mann des Adels immer ſein hundertſter Bauer genommen werden ſollte. Und dazu war eine finanzielle Maaßregel gefügt wor den, welche ſchon im Begriff war, mit dem Ausbruch des Krieges zugleich den Staatsbanquerott zu verbin den. Die Kaſſen des Staats waren erſchöpft, und Katharina hatte den Entſchluß gefaßt, mit einem ein zigen Schlage ihre ganzen beſtehenden Geldmittel zu verdoppeln, indem ſie jedem beſtehenden ruſſiſchen Geldſtück das Doppelte ſeines bisherigen Werthes zu erkennen ließ. Paul hatte dieſe Sache gerade zu bearbeiten vor genommen, nachdem er die Eidesleiſtung ſeiner Colle gien und die Standeserhöhung Araktſcheiefs beendigt. Er ſaß jetzt mit dem heiligen Ernſt eines Todten richters, nichts um ſich her mehr wahrnehmend, an dem kleinen Arbeitstiſch im Saal, auf welchem die Bogen mit den wichtigſten Beſchlüſſen und Verordnun gen ihn umgaben. Hier hatte er jetzt eben ſeiner erſten Ukas fertig geſchrieben, durch welchen er die S 05 von der Czarin Katharina befohlene Rekruten⸗Aus⸗ hebung wieder aufhob und vernichtete und ſich damit zugleich einen lebhaften Anſpruch auf den Dank des Adeis ſchuf, den die Verfügungen der Czarin in erſter Linie getroffen hatten. Paul prägte in dieſem ſeinem erſten Ukas zugleich ſein ganzes Herz als einen reichen Schatz aus, in dem die Liebe zur geſammten ruſſiſchen Nation und zum Frieden wohnte, und der über alle Theile Rußlands in gleichmäßiger Liebe ſich ergießen wollte. Kaum hatte Paul unter dieſe erſte bedeutende Kundgebung ſeines Willens ſeinen Namen geworfen, als er auch ſeinen neuen Staatsrath Jwan Paulo⸗ witſch Koutaitzow hinter ſich erblickte, der inzwiſchen eingetreten war und ſich ganz in die Nähe ſeines Herrn zu ſeiner Verfügung geſtellt hatte. Paul übergab ihm den Ukas, den Jwan ſchon kannte und jetzt zu ſeiner großen Befriedigung, die aus ſeinen ſchönen begeiſterten Augen ſprach, auf dem Papier ausgeführt und unterzeichnet erblickte. Es war dies der Gegenſtand geweſen, über welchen noch vor einigen Tagen zwiſchen Beiden lebhafte Verhandlungen ſtattgefunden hatten und zu deſſen unmittelbarer und 54 baldiger Ausführung der Freund des Czaren dringend gerathen. Dieſen Ukas ſollte der Staatsrath jetzt ſogleich zur Veröffentlichung bringen. Unter den neuen Regle⸗ ments, welche er ihm gleichzeitig zur Ausführung in ſeine Hände legte, befand ſich auch eines, das„Neue Militair⸗Organiſation“ überſchrieben war und das Paul ſchon in Gatſchina und Paulowsky auszuführen begon⸗ nen hatte. Es waren darin die Grundzüge enthalten, aus denen die geſammte ruſſiſche Armee ſpäter ſich bildete. Der neue ruſſiſche Staatsrath ſchien aus dieſen erſten hohen Aufträgen, die ihm geworden waren, einen ganz neuen Glanz für ſein perſönliches Erſchei nen gewonnen zu haben. Er ſah plötzlich ſtattlicher, bedeutender und einflußreicher aus, und der Czar ſelbſt betrachtete ihn mit einer Aufmerkſamkeit, die er früher nie für ihn empfunden. Ich komme zugleich, um Euerer Majeſtät Bericht über den General Kosciuszko zu erſtatten, ſetzte der Staatsrath Jwan Paulowitſch nach einer gemeſſenen Pauſe hinzu. In dem Maaße, wie Alles in Peters burg jetzt hell, glücklich und erwartungsvoll geworden iſt, haben ſich auch die Mienen des alten polniſchen 55 Generals gelichtet, und der Gedanke hat ihn entzückt, dem neuen Czaren Paul perſönlich ſeine Huldigung ausſprechen zu dürfen. Die ihm von mir überbrachte Erlaubniß dazu begrüßt er zugleich als eine Stimme der Gerechtigkeit für Polen, die in dem Herzen des Czaren aufgegangen ſei. Er wird vielleicht noch in dieſer Minute ankommen, und bittet Euere Majeſtät nur, ihm die vernachläſſigte Form zu verzeihen, in welcher er erſcheinen muß. Denn während den edeln, braven Mann die Krankheit faſt niederwirft, und ihm ſeine noch nicht geheilten Wunden kaum die Erhebung verſtatten, wünſcht er doch am heutigen Tage nicht zu fehlen, um die von Euerer Majeſtät ihm verſtattete Erlaubniß genießen zu dürfen. Er wird mir willkommen ſein, wann und wie er erſcheint, entgegnete der Czar mit einem ſinnenden Lächeln. Man hat ihm hier bei uns Unrecht gethan, und wir müſſen ihn befreien, der Kosciuszko mag nun Pole genannt werden, oder Franzoſe, oder Spanier. Sein Schickſal hatte mir immer am Herzen gelegen, ſo lange er hier in Petersburg iſt. Wie haſt Du ihn bei ſich gefunden, IJwan Panlowitſch Koutaitzow? Wie ſich Alles ſeit geſtern hier angenehm verän⸗ dert hat, ohne daß man eigentlich ſagen kann, von —— — 56 wem die Ordre in allen einzelnen Dingen ausgeht, ſo iſt es auch dem polniſchen General Kosciuszko plötzlich widerfahren, antwortete Jwan Paulowitſch mit ver⸗ wundertem Nachſinnen. Er wohnt nicht mehr in dem Staatsgefängniß, wie geſtern noch, ſondern ich fand ihn heut in dem Hötel des verſtorbenen Grafen von Anhalt, wohin man ihn plötzlich verſetzt hat. Zu ſeiner Hut fand ich nur einen alten Major, der höchſt be⸗ haglich mit ihm ſpeiſte. Ich ſah mehrere Zimmer zu ſeiner Verfügung ſtehen, in denen er ſich verſchiedenen Beſchäftigungen hingeben konnte. Er konnte leſen, zeichnen, drechſeln, wie es ihm gerade gefiel, und ich ſah mit Erſtaunen, wie die neue Stimmung des Tages, die Alles beherrſchte und erhob, hier an dem einzelnen, fremden, in's Unglück gerathenen Mann plötzlich und ganz unbegreiflicher Weiſe ein Wunder vollbracht hat. Das Glück, das jetzt über der ganzen Bevölkerung von Rußland liegt, hat auf allen Straßen und in allen Häuſern Träume ausgegoſſen, die ſich überall und ganz von ſelbſt verwirklichen zu wollen ſcheinen. Was Jedem zukommt, ſieht er ſchon um ſich her und an ſich ſelbſt ausgeführt, Jeder iſt durch ein Allen merklärbares Wunder ein Anderer geworden und lebt in anderen Verhältniſſen als bisher, denn der Czar ſo h ſelbſt iſt ein Anderer, als ihn die ganze Nation ſich erwartet hatte, ſeit geſtern hat ſein Ange ſich erſchloſ⸗ ſen, ſein Herz ſich entfaltet, ſein Geiſt hat zu reden angefangen, und Auge, Herz und Geiſt des Czaren, die über Allen walten, haben die große Veränderung durch das ganze Vaterland getrieben, die mit jeglichem — Ding vorgeht, ohne daß man mehr zu ſagen weiß, wie und warum und wodurch. Ja, mein herrlicher Czar, Alles, was jetzt ſchön und angenehm wird und ſo, wie es werden muß und ſoll, wird es nur durch Euch, denn durch Euere Thronbeſteigung allein habt Ihr Alles ſo befohlen und ſo gemacht, wie es gekom⸗ men iſt!— Iwan Paulowitſch hatte ſich jetzt mit Erlaubniß des Czaren entfernt, um den Ukas und die neuen Reglements ſofort zur Veröffentlichung zu bringen, er kehrte aber ſchon nach einigen Augenblicken wieder zurück, um die Meldung für den inzwiſchen einge troffenen General Kosciuszko bei dem Kaiſer zu voll⸗ ziehen. Paul beſtimmte ein an den Saal anſtoßendes Cabinet, in welchem er den polniſchen General em⸗ pfangen wollte. Maria Feodorowna, die ein Intereſſe 58 bezeugt hatte, den Gefangenen zu ſehen, begleitete den Czaren zu dieſem Geſchäft, das ihm aus einem ſeltſamen dunkeln Gefühl gerade an dem heutigen Tage in den Kreis ſeiner Verpflichtungen zu gehören ſchien. III. Paul und PFosriuszko. Der General Kosciuszko war in demſelben Augen— blick in das Cabinet geführt worden, in welchem der Czar und die Czarin dort eintraten. Es war für Paul und Maria Feodorowna einen Augenblick lang ein wohlthuendes Gefühl, ſich allen den drängenden und ſtürmenden Momenten im Saal entzogen zu ſehen, und ſie wandten ſich mit um ſo größerem In— tereſſe der plötzlich vor ihnen ſtehenden Erſcheinung des polniſchen Generals zu, der, wie unglücklich auch ſonſt ſein Aeußeres ſich zu erkennen gab, doch in der kühnen, ſtolzen Haltung des Kriegers hereingeſchritten kam, und mit dieſem ſtrahlenden Ausdruck, der beſon ders in ſeinen Augen emporflammte, ſich dem Kaiſer gegenüber ſtellte. 60 Alles Uebrige war freilich nicht ſehr dazu geeignet, den großen und ruhmvollen Freiheitshelden der Polen vor den Augen des ruſſiſchen Czaren und ſeiner Ge— mahlin aufleuchten zu machen. Kosciuszko war klein und ſah bleich und verkom⸗ men aus. Sein Körper ſchien in einer bedeutenden Abmagerung begriffen, die faſt ſchon ihr äußerſtes Ziel gefunden hatte und der Kopf war ganz eingehüllt in Tüchern und Bandagen, die faſt alle Formen ver⸗ hüllten und ſeine Stirn vollkommen unſichtbar machten. In dieſer ſeltſamen, Beſtürzen verbreitenden Er⸗ ſcheinung hatte er bei ſeinem Hintreten den Kaiſer und die Kaiſerin mit einer feierlichen Verneigung ge⸗ grüßt, die jedoch den Stolz, mit welchem der polniſche General hier auftreten wollte, keineswegs zurückgehal— ten zeigte. Der Czar hatte ſich mit der großen entgegenkom⸗ menden Freundlichkeit, die heut überhaupt in ſeinem Weſen lag, dem General genähert und ihm die Hand dargereicht. Kosciuszko ſtotterte einige Glückwünſchun⸗ gen für den Czaren her, die den heutigen Tag und ſeine Hoffnungen zum Ausgangspunct heilſamer Er⸗ wartungen für die ganze Welt nahmen und dabei ——=———„— — —*— 61 natürlich auch den Namen Polens nicht einzuweben vergaßen. Der Czar hörte ihn mit der größten Theilnahme au und ſagte darauf mit einer wahren Innigkeit: Mein lieber General, ich ſehe Sie heut nur, um Sie jetzt recht bald von mir ſcheiden zu laſſen. Ihr un glücklicher Aufenthalt in Petersburg mußte Sie ebenſo ſehr beleidigen als mich, denn er war für uns Beide drückend und entſprach den Vorausſetzungen nicht, welche wir an die Gefangenhaltung eines Kosciuszko knüpfen mußten. Dieſe Vorausſetzungen gehörten der verewigten Czarin, deren Politik ich heut nach aller Seiten hin verlaſſe, und in dieſem klaren und feſten Gefühl meiner neuen Pflichten rufe ich auch jetzt aus: Kosciuszko iſt frei! D er polniſche General ſchrak bei dieſem Wort mit einer ſeltſam zuckenden Bewegung zuſammen, aber ſeine Augen waren aus den Tüchern, welche den ver wundeten Kopf umhüllten, jetzt groß und ſtark hervor getreten, und ruhten mit einem tiefen, ſchmelzenden, 5Lit froh erſchrockenen Blick auf dem Czaren. Die Czari war jetzt ebenfalls hinzugetreten, und hatte dem ſchmerzdurchfloſſenen General „der in der erſten Auf 62 regung noch keines Wortes mächtig geworden war, ſehr freundlich und gemüthlich die Hand dargereicht. Herr General, ſagte die Czarin weich, ich habe nie begriffen, warum Sie bisher als Staatsgefangener unter uns leben mußten und ich bin froh, Sie in dieſer Zeit niemals hier geſehen zu haben. Wer für ſein Vaterland und ſeine Nation unglücklich kämpfte, iſt doch wohl kein Verbrecher? Nein, der iſt der tapferſten Edeln Einer, und unſer Czar, der jetzt Alles bei uns neu nennen und bezeichnen wird, hat es bereits ausgeſprochen:„Der General Kosciuszko iſt ein Freier!“ Vielleicht genehmigen Sie auch noch meinen beſten Glückwunſch dazu. Ein Freier? wiederholte Koscinszko, heftig in ſich zuſammenſchauernd. Aus ſeinen mattglänzenden Augen ſtürzten einige Thränen hervor, er ſchien ſich kaum noch aufrecht halten zu können, und ließ ſich auf einen Seſſel nieder, welchen ihm der Kaiſer mit lebhaftem Winken bezeichnet hatte. Ein Freier? begann Kosciuszko mit einer tief aus⸗ brechenden Wehmuth von neuem. Dies Wort paßt für Polen nicht, dem ich trenu bleiben werde in allen Formen, die es auch gezwungen ſein wird, anzu⸗ nehmen. Als ich damals auf dem Schlachtfelde von 63 Maciejonice niederſank und von meinem Pferde ſtürzte, gab es nur noch zwei Worte, die in meinem Bewußt⸗ ſein lebten, und mir durch die Macht meiner Sinne aufflammten, ſie hießen: Finis Poloniac! Mit dem Ende Polens iſt mein Ruhm vertraut und eins ge⸗ worden! Unmittelbar darauf gerieth ich in die Ge⸗ fangenſchaft der Ruſſen, und die große Katharina ſchickte mich in das Petersburger Staatsgefängniß. Verbrecher aber waren wir Polen alle, die wir da⸗ mals nach Petersburg kamen. Ein unglücklicher Pole iſt immer ein Verbrecher. Denn er hat den rechten Punct gefehlt, auf dem er ein braver Mann werden konnte. Mein Freund Ignaz Potocki wurde auch von der Czarin hier lediglich als ein Verbrecher behandelt. Sie ließ ihn ſogleich nach ſeiner Ankunft auf Schlüſ⸗ ſelburg abführen, wo er noch in dieſem Augenblick im ſtrengſten und härteſten Kerker ſchmachtet. Ich denke mir, nur der Dämon der Krankheit rettete mich vor einem ähnlichen Schickſal! Der Graf Ignaz Potocki wird mit Euch in dem⸗ ſelben Augenblick frei werden und Petersburg ver⸗ laſſen können, ſagte der Czar, indem er ſich dann eilig in den Hintergrund des Cabinets zurückbegab, wo er einen Gegenſtand zu ſuchen ſchien. S — Es war das Schwert Kosciuszko's, welches die Czarin Katharina bei der Gefangennehmung des Generals hatte an ſich nehmen laſſen und das bisher unter den Angelegenheiten ihres Verwahrſams, mit vielen andern Gegenſtänden, die Paul bisher ganz unbeachtet gelaſſen, aufbewahrt worden war. Jetzt hatte es Jwan Paulowitſch in das Kabinet gebracht, wozu ihm vom Czar der Auftrag ertheilt worden. Paul hatte dieſes Schwert, dem ſein ruhmglän zendes Walten in vielen denkwürdigen Schlachten nicht abgeſprochen werden konnte, jetzt mit großer Achtung aufgenommen, indem er damit zu Kosciuszko zurück trat, und es ihm angelegentlich und freundlich darreichte. Wollen Sie nicht Ihr Schwert wieder von mir zurücknehmen, mein tapferer General? fragte Paul mit einem faſt an Ehrerbietung gränzenden Ausdruck. Die große Czarin hat es Ihnen aufbkwahrt, weil ſie ein ſo bedeutendes ſchlagkräftiges Schwert nicht mehr gegen Rußland gezückt ſehen wollte. Nehmen Sie es jetzt zurück und reiſen Sie damit als freier Krie ger in Ihre Heimath, ſobald Sie es wollen. Denn für einen Krieger iſt das Schwert ſein Wanderſtab. — Ich ſelbſt habe keine Bedingung dabei hinzuzufügen, und nur als Wunſch nehme ich auf, weshalb die Czarin Katharina das Schwert Kosciuszko's in ihrem Gewahrſam behielt. Ich wünſche nämlich von Her⸗ zen, daß General Kosciuszko ſein großes Schwert niemals wieder gegen die Ruſſen ziehen, niemals wie⸗ der gegen Rußland ſeine blanke Fläche heraustreten laſſen möchte! Kosciuszko war einen Schritt zurückgetreten und ſtreckte ſeinen Arm abwehrend und bittend mit einer feierlichen Wehmuth aus. Ew. Majeſtät wollen zu gleich meine ganze Perſon mit Ihrer Gnade erheben, ſagte er faſt demuthsvoll. Aber meine Perſon ſteht und fällt mit dem Begriff Polens, und es giebt keinen anderen Boden mehr für mich, als mein Vaterland. Da es kein Vaterland mehr für mich giebt, ſo giebt es auch kein Schwert mehr an meiner Seite. Aber wenn ich mein Schwert nicht mehr aus den Händen des Czaren Rußlands zurücknehme, ſo wird damit das eigenſte Schickſal bezeichnet, das mich und Polen getroffen hat. Was ich dann noch hinzu zufügen habe, wird nun nicht mehr als Anmaßung und Vermeſſenheit von mir gedeutet werden können. Ich verſpreche, nicht mehr gegen Rußland zu kämpfen, Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II. 5 66 aber dies Verſprechen, das ich heilig halten werde, iſt nur das Bekenntniß meiner künftigen unermeßlichen Schwäche, als das es von Eurer Majeſtät lediglich angenommen werden kann und als das ich es ver⸗ bürgt zu ſehen zufrieden bin. Ich bitte darum das Schwert Kosciuszko's zu behalten, aber die Erlaubniß, wieder aus Petersburg gehen zu dürfen, nimmt Kos⸗ ciuszko mit einem Jubelſeufzer des Dankes an. Er würde ſie nicht annehmen, wenn Polen noch Lebens⸗ kraft und Exiſtenz hätte, denn nach dem wirklichen Polen dürfen nur Leute zurückkehren, welche die un⸗ beſtrittene Fähigkeit haben, ihr Schwert zu gebrauchen und ſeine blanke Fläche gegen jeden Feind Polens zu entblößen! Czar Paul ſchien mit einiger Betroffenheit dem kranken, faſt bei jedem Wort in ſich zuſammenſchauern den General zuzuhören. Dann ſagte er, indem ſich ſeine Mienen ſichtlich um einen heitern Ausdruck be⸗ mühten: Es würde mir und der Czarin ſehr ange⸗ nehm ſein, wenn der General Kosciuszko ſich ſelbſt ganz offen entſcheiden wollte, welchen Werth er unſern für ihn gehegten Geſinnungen beimißt. Ich biete ihm auf der einen Seite ein Paquet von 1500 ruſ⸗ ſiſchen Bauern zum Geſchenk an. Wenn er deren — n u 67 Beſitz antreten will, ſo würde uns dies ſehr willkom⸗ men fallen, denn wir würden daraus mit Vergnügen entnehmen können, daß General Kosciuszko bei uns in Rußland bleiben will. Da einmal Polen in Rußland begraben liegt, obwohl ich geſtehen muß, daß dies niemals mein Wunſch geweſen, ſo kann auch Kosciuszko in Rußland bleiben, und als freier Pole dort beweiſen, daß die Regierung Rußlands niemals ſchlechte Abſichten mit einem ihm unterworfenen Polen gehegt. Wenn Polen nicht frei bleiben kann, indem es ſeine Hände in die Hand Rußlands legt, ſo kann doch Rußland einen freien Kosciuszko in ſeinen Gränzen haben, einen Kosciuszko, der ſich auf ruſ⸗ ſiſchem Landbeſitz angeſiedelt hat und der(ich ver⸗ ſpreche es ihm) große Beſitzungen in unſerm Reich ſich gründen wird. Kosciuszko wurde bei dieſen großmüthigen Aner⸗ bietungen des Kaiſers ſo lebhaft, daß er vom Stuhl aufſprang und der Schwäche, die ihn bis dahin be⸗ herrſcht, ganz zu vergeſſen ſchien. Aber mit einem bekümmerten und demüthigen Ausdruck ſank er wieder zurück, und ſtöhnte ſchmerzlich vor ſich hin: Ich will ja nichts mehr als ein unglücklicher Pole ſein, und würde die 1500 ruſſiſchen Bauern Euch nicht ernähren 5* 68 können, mein hochgeſinnter Czar! Als unglücklicher Pole werde ich aber nach Amerika mich begeben, wo hin ich von hier über Paris und London zu reiſen gedenke. Ich beſitze in dieſem Augenblick kein be reites Reiſegeld, und finde es meines Schickſals wür⸗ dig, daß Kosciuszko nur mit einem ihm großmüthig bewilligten Reiſegeld des Czaren von Rußland wieder in die Freiheit reiſen kann. Das iſt alſo meine Bitte, mit der ich in der That noch der großen Gnade des Czaren für mich beſchwerlich fallen muß. Was der gütige Czar mir zu dieſem Zweck leihen wird, werde ich nebſt meinem Dank ſogleich von Lon⸗ don aus wieder zurückſenden, denn dort trete ich wie⸗ der in den ganzen Beſitz meines Vermögens ein. Ihr hättet nur den zweiten Theil meiner Aner bietungen abwarten ſollen, und Ihr würdet Euch vann nicht mehr in der Lage geſehen haben, eine Bitte an mich richten zu müſſen, entgegnete jetzt der Czar mit einem plötzlich abgekühlten, harten Ton, der ſein ganzes Weſen verändert zeigte. Ich war im Begriff, Euch auch eine namhafte Geldſumme darzu bieten, die meinen 1500 Bauern ebenſo beſtimmt gegenüber ſtand. Ihr ſollt mit dieſer Rußland ver laſſen und überall hingehen können, wohin es Euch 69 beliebt, um unabhängig und ſorgenfrei zu leben. Denn wer in Rußland ſo ſtark gelitten hat wie Ihr, dem muß man nachher anderswo einen froheren und reine⸗ ren Aufenthalt zu bereiten ſuchen. Ihr ſeht, ich habe mich ſchon auf dieſen zweiten Fall meiner Anerbietun⸗ gen eingerichtet, und bitte Euch, es in dieſer Art von mir annehmen zu wollen. Der Czar zog bei dieſen Worten ein kleines ver⸗ ſiegeltes Paquet aus der Taſche, das er für dieſen Fall vorbereitet zu haben ſchien, und in dem ſich einige tauſend Goldſtücke eingeſchloſſen fanden. Er überreichte es jetzt dem General mit einer ſo freund⸗ lichen und vertraulichen Gebärde, daß Kosciuszko ſich dadurch nur aufgefordert fühlen konnte, das ihm in einem ſo guten Sinne Dargebotene erkenntlich an⸗ zunehmen. Ich empfange es mit dem innigſten Dank gegen den gütevollen und edlen Czaren, und zugleich unter der huldreichen Gewährung meiner ſchon vorgetragenen Bitte: daß ich den ganzen Betrag von London aus an Euere Kaiſerliche Majeſtät zurückſenden darf! ſagte Kosciuszko mit einer tiefen, aber ernſten und feier⸗ lichen Verbeugung. Thut nachher, was Ihr wollt und wie Ihr es 70 könnt! verſetzte Paul raſch, jedoch mit einem brüs quen und abweiſenden Ton. In England wird man ſich freilich wundern, ſo große Summen von London nach Petersburg wandern zu ſehen. Denn ich habe ſoeben den Subſidien⸗Vertrag gebrochen, der zwiſchen England und der Czaren⸗Krone von Rußland beſtand, und der mich hätte verpflichten können, zu gewiſſen Zwecken Geld aus England zu empfangen. Denn es iſt doch keine Manier eines Czaren von Rußland, gewiſſermaßen in der Gage eines Pitt zu ſtehen, und von demſelben Geld empfangen zu müſſen um ihm dafür das Blut der Ruſſen zu dieſer oder jener Un⸗ ternehmung zu verkaufen. Ich bin ein großer Feind aller Geldgeſchäfte zwiſchen den Nationen, und auch eigentlich zwiſchen Männern von Ehre, bei denen die Achtung auf dem Spiele ſteht! So werde ich es wagen dürfen, von Paris aus das Geld an Euere Majeſtät wiederzuſenden? fragte Kosciuszko mit einer heftigen Aufregung zurück, die faſt alle ſeine Glieder mit einem Schüttelfroſte ergriff und ſelbſt die Tücher der Schmerzen um ſeinen Kopf erzittern machte. Ich nehme das Geld weil ich ohne daſſelbe nicht zu reiſen vermag, aber mit meinem unausſprechlichen Herzensdank dafür muß ich zugleich 6 das Geld ſelbſt zurückerſtatten dürfen. Nur in einem einzigen Fall würde ich Alles behalten, was mir aus der Gnade des Czaren Paul zufallen könnte. Wenn dies gnädigſt geliehene Geld die Freiheit Polens wäre, ſo würde ich das Geſchenk tief und hartnäckig in mir verbergen, und nicht mehr zurückgeben, wenn man es mir auch aus meinem Herzen wieder heraus ſchneiden wollte! Aber die Freiheit Polens! Giebt es denn noch eine Münze, in der ſie jemals richtig und unbeſtreitbar ausgezahlt werden könnte? Verderben wir uns unſern ſchönen Abſchieds moment nicht, mein lieber General Kosciuszko, durch die Freiheit Polens! entgegnete Czar Paul. Die Freiheit Polens iſt eine verwickelte Redensart gewor den. Es giebt allerdings keine Münze mehr, in der ſie mit Uebereinſtimmung der Forderungen ausgezahlt werden könnte. Rußland muß deshalb auf ſeinem talten Recht ſtehen bleiben, und Recht gegen Freiheit, das iſt die ſchlimmſte Gegenrechnung, die nur unter nommen werden kann. Es hat mir darum leid ge— than, daß ein edler, tapferer Mann, wie der General Kosciuszko, in einen ſo argliſtigen und verderblichen Kampf, der ohne Standpunct geführt werden muß, hineingefallen war. Er mußte dafür als Strafgefan⸗ * 72 gener in Rußland büßen, und das war ebenfalls kein Standpunct für einen Kosciuszko! Ich wollte, Kos⸗ ciuszko ſendete mir auch aus Paris kein Geld wieder zurück. Ganz unter uns geſagt, kann ich das nicht leiden. Auch würde es mir nicht angenehm ſein, jetzt gerade aus Paris Geld zu empfangen. Ich habe jetzt dieſer elenden franzöſiſchen Republik den Frieden geſchenkt, weil es einſtweilen noch nicht in meinem Geſchmack liegen will, gegen dieſen Haufen von Un⸗ rath und Trümmern zu kämpfen. Vielleicht wird man in den fernen Kreiſen des Auslandes bald ſagen, daß Rußland im Begriff ſtehe, dieſes Schmach⸗ gebilde von Republik anzuerkennen, um ſich dafür Vortheile für den Verkehr beider Länder zu ſichern. Ich möchte darum jetzt nicht, daß bedeutende Sum⸗ men von Paris nach Petersburg unterwegs laufen. Am liebſten würde ich die franzöſiſche Monarchie wieder aufrichten helfen, und für jedes Opfer, das ich dabei nur irgend zu bringen vermöchte. Aber die Zeit iſt dazu noch nicht gekommen, es ſieht noch nicht wieder monarchiſch und organiſch in dem unglücklichen gebrochenen Frankreich aus! Leben Sie wohl, Gene⸗ ral Kosciuszko! Vergeſſen Sie uns, wenn Sie keine Urſache finden können, uns zu lieben. ———— —1 73 Der Czar wollte eben mit ſeiner Gemahlin, welche zum Abſchied die freundlichſten und beſorgteſten Blicke auf die traurige Geſtalt des polniſchen Generals fal⸗ len ließ, das Cabinet verlaſſen, als es Kosciuszko noch gelang, ſich ihm zu nähern und einige Dankes⸗ und Abſchiedsworte auszudrücken. Ich werde Alles aufbieten und thun, rief er be⸗ wegt, um mich der großen Gunſt würdig zu beweiſen, welche mir von dem hohen Czar Paul, dem aufgehen⸗ den Hoffnungsſtrahl Rußlands, widerfährt. Ich werde als dankbarer, aber auch als kluger und verſtändiger Mann zu handeln ſtreben, und nichts ſo einrichten, daß es die Rückſichten verletzen könnte, welche die neue politiſche Stellung des Czaren Paul erfordert. Als Dankbarer flechte ich zuerſt um dieſe meine innigſten, blühendſten und duftigſten Kränze. Mit einer eigenthümlichen, wunderbar ausdrucks⸗ vollen Handbewegung hatte Paul dieſen hinreißenden Gefühls⸗Ausdruck des Generals Kosciuszko zugleich angenommen und zurückgewieſen. Dann war er, mit ſeiner Gemahlin am Arm, in den großen Saal zurückgetreten, in dem ſchon längſt neue, dringend aufgetretene Veranlaſſungen des Czaren harrten. Der General Kosciuszko hatte ſich durch ſeinen Begleiter 74 wieder in das Anhalt'ſche Hötel zurückführen laſſen, wo er aber nun die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm vor ſich gehen ließ. Am andern Tage hatte Kosciuszko bereits Petersburg verlaſſen.— W Die Teichenfeier Katharina's und Peters III. Paul war ſeit ſeiner Thronbeſteigung in eine ſo unaufhaltſame, nach allen Seiten hin überfließende Thätigkeit gerathen, daß man ihn kaum mehr ſich ſelbſt angehörig ſah, und er auch die gewöhnlichen Stunden, welche er ſonſt dem Umgang und Verkehr mit ſeiner Familie ſchenkte und in denen er ſich ſo leicht durch Nichts irren und ſtören ließ, zu anderen der Umgeſtaltung des Staatsweſens gewidmeten Ar beiten zu verwenden anfing. Die Czarin aber wußte es mit ihrer großen leuchtenden Gewandtheit, mit der ſie ihren Gemahl oft abzuſtoßen, aber noch öfter dauernd zu gewinnen und faſt wider ſeinen Willen an ihr Wort und an ihre Mitwirkung zu Allem zu feſſeln ſchien, doch wieder auf das Beſte und Nütz⸗ 76 lichſte zu geſtalten. Sie verſtand es, jetzt immer und jederzeit in der Nähe Pauls zu ſein, und während ſie ihn ſonſt oft Tag und Nacht nicht geſehen und ge⸗ ſprochen haben würde, verſtand ſie es jetzt, immer auf die nothwendigſte Weiſe ſich in ſeiner Nähe zu thun zu machen und ihn wichtige Dienſte, die er von Andern erſt befehlen und beſtellen mußte, ſchon in ihren Händen vorbereitet und fertig finden zu laſſen. Maria Feodorowna bewies dadurch die große ſchla⸗ gende Sachkenntniß, mit der ſie den gegenwärtigen bedeutungsvollen Moment überſchaute, und die ihr dazu diente, Alles zu wiſſen und zu überlegen, was in Pauls Gedanken kommen und ſeine Entſchließungen bewegen konnte. Damit verband ſie zugleich das be⸗ wundernswürdige Geſchick, ſich jeden Augenblick in dazu bereiter und eigentlich unabweislicher Geſtalt zur Ausführung ſchwerer und das größte Unterſcheidungs vermögen bedingender Dienſte darzuſtellen, und es konnte Niemand dazu geeigneter genommen werden, weil ſie ſchon Alles wußte, worauf es dabei ankam, und weil ſie beſſer, als es der Czar irgend Jemanden ſagen konnte und durfte, zur Ausübung von Vorſichten und Rückſichten entſchloſſen und vorbereitet war. Die Czarin ſchien daher zugleich und wie durch — — — eine plötzliche Umſchaffung eine gewandte und ver ſchmitzte Dienerin des Czaren geworden zu ſein, und während er Alles, wie es ſich gerade traf, ihrer ſo unabweislich ſich darbietenden und bequemen Beſorgung überließ, ſtaunte er zugleich befremdet, indem er ſich heimlich der einverſtändnißvollen Hülfe anvertraute, die ſich ihm gerade in dem Augenblick, wo ſie nöthig wurde, ſchon ſo geſchäftig darbot. Maria Feodorowna hörte aber auch in dieſer eigenthümlichen Lage, in der ſie ſich jetzt thätig und eingreifend zeigen wollte, keinen Augenblick auf, die hochblickende, in eigener Macht und in ſelbſtgewiſſer Klarheit wirkende Czarin zu ſein. Während ſie zur Ausführung des geringſten Dienſtes ſich erboten und dabei mit der äußerlichen Gewandtheit einer bloßen Creatur eintrat, ſchien doch Alles wieder zu einer holden Schelmerei auf ihrer heitern, ſchönen Stirn ſich zu miſchen, und aus den Augen blitzte ein hoher, flammender Strahl heraus, der plötzlich einmal verkündigte, daß hier der Genius einer bedeutenden, das Größte in ſich tragenden Frau mitſpielte. Zugleich hatte ſich die Czarin bei dieſer jetzt eigen thümlich eingetretenen Art ihres Waltens mit einer dienenden und helfenden Begleiterin umgeben, welche dazu ſehr paßte und vielleicht einigen Einfluß auf die 78 ihnen ſo raſch entgegengekommene Bereitwilligkeit des Czaren ausgeübt hatte. Es war dies Marfa Nelidow, welche jetzt wieder in voller Beſtimmtheit, und zum Theil mit einer höheren Rangſtellung, in die Dienſte Maria Feodorowna's eingetreten war, und der Czarin darin von Neuem ſehr wohlthätig und hülfreich wurde. Paul ſchien einen großen Gefallen an dieſer Ausfül⸗ lung der ehemaligen Lücke zu finden, obwohl er ſonſt in keiner Weiſe an den Tag legte, daß ihm eine Wie⸗ derherſtellung des früheren vertrauten Verhältniſſes mit ſeiner Freundin am Herzen liege. Die zufällige Erneuerung der Bekanntſchaft mit ihr war ſogleich durch die Sorgen des neu beſtiegenen Czarenthrons und durch die in Paul entſtandenen neuen Richtungen und Triebe in eine andere Lage gekommen, in der Alles bei dem Czaren ſich veränderte, und in der nur die Neigung zu ſeiner immer liebenswürdiger und großartiger gewordenen Gemahlin ſich bedeutender als je aufzubauen ſchien. Doch bereitete es dem Czaren jedesmal ein ſichtliches Vergnügen, die Nelidow im Gefolge ſeiner Gemahlin vor ſich erſcheinen zu ſehen, und er hatte oft ſchon ganz ausführlich über mehrere Gegenſtände mit ihr geſprochen, die aber ſämmtlich und ausſchließlich den neuen Intereſſen des für ſein Lo lei 79 Land beſorgten und um alles Mögliche bangenden und leidenſchaftlich erregten Czaren angehörten. Aber auch einige Freunde mangelten dem Czaren nicht, welche ihn in dieſen erſten bangen und ſchweren Momenten ſeiner Herrſchaft mit nie fehlender Treue umgaben und ſich jeden Augenblick bereit zeigten, ſeine Befehle zu empfangen oder auch nur den Keim zu einer neuen, in die großen weiten Beziehungen der neuen Herrſchaft eintretenden Anordnung in ihm zu entdecken. Es war dies vor Allen Jwan Paulowitſch Koutaitzow, der neue Staatsrath, der mit einer faſt unbegreiflichen Anſtrengung keinen Augenblick ver⸗ ſäumte, in dem er ſeine feurige, mit Allem anbindende Thätigkeit für die neue Epoche der Herrſchaft Pauls eintreten laſſen konnte. Sein ganzes Weſen hatte unter dieſen, am meiſten für den Czaren begeiſterten Beſtrebungen bereits eine ſchärfere, ernſtere Faſſung angenommen, er ſchien plötzlich um Vieles älter ge⸗ worden zu ſein, und ſah nicht mehr ſo heiter und jugendkräftig wie ſonſt aus. Dabei aber hatte ſich die Gunſt der Czarin jetzt mehr als je ihm zugewendet, denn da ſie mit Erſtaunen und Bewunderung ſah, wie viel Jwan Paulowitſch leiſtete, und wie er dem Czaren ſchon fertige Ausarbeitungen vorlegte, wo derſelbe 80 kaum auf einen Gegenſtand hingedeutet hatte, ſo fühlte ſie auch ihren Dank und ihre Neigung dafür heran⸗ wachſen, und bemühte ſich demgemäß, ſeiner Perſon Aufmunterungen und Auszeichnungen aller Art wider⸗ fahren zu laſſen. Die zweite Perſon, welche den Czaren jetzt den ganzen Tag und bei allen möglichen Gelegenheiten umgab, war der Prinz Alexis Kourakin, der ſoeben zum Vice⸗Kanzler des Reichs ernannt worden war, und der aus dem philoſophiſchen Stillleben, das er in der letzten Zeit geführt, jetzt zu einem neuen Anlauf großartiger Thätigkeit hervorgehen zu wollen ſchien. Er hatte dabei zugleich die perſönliche Aufgabe über⸗ nommen, den Willen des Czaren zu den alten Staats⸗ behörden zu tragen und im Schooße derſelben ſchon ſogleich die Veränderungen vorzubereiten, zu denen die neue Politik des Reichs überall, wie aus einem neuen Lebensdrange, hintreiben wollte. In dieſer Thätigkeit war Kourakin jetzt völlig aufgegangen, er ſchien für nichts Anderes mehr Sinn und Leben zu haben, und am allerwenigſten hatte er ſeine aufmerkſamen Huldi⸗ gungen für Maria Feodorowna, die er ihr früher mit ſo großem Ernſt bewieſen, in dieſe neue Epoche ſeiner Thätigkeit bei dem Czaren mit herübernehmen wollen. 81 — Die Czarin und er ſprachen niemals miteinander, und taum blickten ſie ſich an, ohne wieder mit einem raſchen plötzlichen Entſchluß ihre Augen weit auseinanderfahren zu laſſen und auf andere Gegenſtände zu heften. Dies waren die nächſten Umgebungen, die dem Czaren in dieſem erſten Beginn ſeiner Herrſchaft und in dem erſten bedeutſam angeſchwollenen Moment der⸗ ſelben, wo neben einer unendlich aufgeblühten Thaten⸗ luſt zugleich Jdeen und Träume der verſchiedenſten Art ſein Herz bewegten und zogen, zur Seite ſtanden. Es ſchien ein Regierungs⸗Comité zu ſein, das zugleich ein um den Czaren geſchloſſener, halb geheimnißvoller Bund der Freundſchaft und Liebe war, und in welchem die Czarin die erſte leitende, nach allen Seiten hin wirkende Stelle einnahm. Heut hatte Maria Feodorowna, noch ehe die an deren Freunde des Czaren bei ihm erſchienen waren, ſchon bei der Einnahme des einfachen Frühſtücks eine Unterredung mit dem kaiſerlichen Gemahl, die denſelben bedeutend anzuregen ſchien und ihn zu lebhaften Mit theilungen veranlaßte. Bin ich denn nun bereits Herr und Haupt von Rußland geworden? fragte Paul, indem er mit ſcharfen und zweifelhaft blinzelnden Blicken zu der ihm gegen Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 11 6 ————— 82 überſitzenden Czarin hinüberblickte. Mich dünkt, es wird erſt noch Manches geſchehen müſſen, ehe ich mich zum Herrn Rußlands eingeſpielt haben werde. Es iſt am geſtrigen Tage ſchon ſehr Wichtiges ge⸗ ſchehen, mein hoher Czar und Gemahl, erwiederte Maria Feodorowna, freundlich und zärtlich ihm ent⸗ gegenblickend. Hat nicht Czar Paul geſtern der Armee und den Garden, der Hauptſtadt ſowohl als der Pro⸗ vinzen, den Eid der Treue abgenommen, und damit iſt ein neuer bedeutender Unterbau des jungen Throns vollbracht worden. Die Truppen haben ſich mit großer Begeiſterung dem Wort und Anblick ihres neuen Czaren gefügt, und die neue ruſſiſche Kokarde, welche der Czar befohlen, iſt mit rauſchendem Ent⸗ zücken von allen Soldaten getragen worden. Alles das iſt der Anfang, Herr und Haupt von Rußland zu ſein. Ja, entgegnete Czar Paul, wohlgefällig lächelnd, mit der neuen Kokarde haben wir hereits einiges Glück gemacht. Sie war früher weiß, und wir haben ſie jetzt ſchwarz mit einem gelben Rande einrichten laſſen. Es ſieht dies nicht nur würdiger und anſtändiger aus, als der kleine weiße Trödel, ſondern es ſchützt mir auch den Soldaten, deſſen neue dunkle Kokarde jetzt m „0) 83 mit der ſchwarzen Kopfbedeckung verſchmilzt. Ein ruſ⸗ ſiſcher Soldat iſt nicht dazu da, um jedem feindlichen Scharfſchützen einen ſichern Zielpunct darzubieten, an dem er ſogleich niedergeſchoſſen werden kann, wie die weiße Kokarde es ſo pünctlich gezeigt hat. Aber jetzt werde ich noch etwas weit Eingreifenderes thun müſſen. Ich werde dem Lande zeigen müſſen, daß der Czar einen Vater hat, den er feierlich, anſtändig und ehr⸗ lich begraben will, ehe er es wagen kann, ſich auf den Thron deſſelben zu ſetzen. Es herrſchten früher wilde Sitten, und der Vater konnte ſich herausnehmen, ſei— nen Sohn zu verläugnen. Wir wollen aber jetzt ernſter, milder und ſittſamer werden. Der Sohn wird jetzt ſeinen Vater erſt anerkennen, ehe er ſich ſeiner Herrſchaft für würdig hält, und er wird ihn mit ſeiner Mutter zugleich in demſelben Angenblick, in derſelben Gruft jetzt beſtatten. Es wird dann ſo ausſehen, als ob auch meine Mutter ihren Gemahl, den Czaren Peter III., geliebt hätte und ſich nun mit ihm innig in dieſelbe Gruft legt. So ſoll die ſchlechte Ver⸗ gangenheit in einer neuen friedlichen und verſöhnlichen Todtengruft für die Czaren⸗Familie von Rußland ſchließen, und ich werde dann meine Geſchäfte und 6* ————— —8. 84 Pflichten ganz von vorn wie ein ehrlicher Mann be— ſorgen! Die Czarin war bei dieſer Mittheilung in das höchſte Erſtaunen gerathen, das faſt an Entſetzen zu gränzen ſchien. Sie folgte mit ungewiſſen, krampfhaft hin und her irrenden Blicken dem ſeltſamen Mienen— ſpiel ſeines Geſichts, in dem die wunderbarſten und heftigſten Bewegungen ſeines Geiſtes ſich auszudrücken ſchienen. Faſt hätte ſie Ehrfurcht haben mögen vor ſeiner mächtig ergreifenden Erſcheinung, die in dieſem Augenblick einen eigenthümlichen Zug von Erhabenheit angenommen zu haben ſchien und dabei nur zuweilen in düſtern geſpenſterhaften Farben ausartete, welche die Czarin zugleich erſchreckten und erzittern machten. Es ſtürzten ihr jetzt einige große, langſame Thränen aus den Augen, worin ihre tief erſchütterte Natur ſich von Neuem Haltung und Feſtigkeit zu erſtreben ſchien. Paul war einige Male mit ſtarken, gewaltigen Schritten im Zimmer auf und nieder gegangen, dann ſtand er, zur Czarin zurückkehrend, wieder vor derſel⸗ ben ſtill, und ſagte mit einer plötzlich ſanften und ge müthlich flehenden Stimme zu ihr: Maria Feodo rowna, ich wünſchte auf der Stelle einen Beſuch im Alexander⸗Newski⸗Kloſter zu unternehmen, wo ich jetzt —. 85 große und ernſte Pflichten zu vollbringen habe, zu denen ich am liebſten an der Hand der Czarin ſchreiten möchte. Dort liegt mein armer Vater Pe⸗ ter III. begraben. Schon geſtern Abend ſandte ich den Befehl dorthin, für Peter und Katharina gemein— ſchaftlich den Leichendienſt und die Beſtattungsfeier zu beginnen. Wer meine Anordnung geleſen, wird es nicht anders betrachten können, als daß die beiden Gatten jetzt in demſelben Augenblick und gleichzeitig bei einander ihr Leben ausgehaucht hätten. Ich ſelbſt habe es nicht anders empfunden, denn da ich jetzt zur Regierung gelange, ſo kann mein Vater, der zuletzt regierende Czar, auch erſt in dieſem Augenblick das Zeitliche geſegnet haben. Meine Mutter, ja, meine Mutter tritt ganz bequem in den Schatten dieſes Liebe⸗ Begängniſſes mit ein, und wir begraben ſie nach ihrem Tode bloß als zärtliche Frau, um ſie als bit⸗ tere und grauſame Mutter zu vergeſſen. Was meint meine Czarin? Will ſie jetzt mit mir fahren in das Alexander⸗Newski⸗Kloſter? Maria Feodorowna erbleichte bei dieſem Gedanken, der ihr jetzt in ſo unabweisbarer Art und mit einer wunderbaren, faſt kindlichen Kraft der Rührung und der Innigkeit entgegentrat. Ich bin erfreut, daß der 86 Czar nicht ohne mich und ohne meine helfende Be gleitung dieſe höchſt traurige Fahrt unternehmen will! ſagte Maria Feodorowna, indem ſie mit ihrer ſüßen Milde dem Czaren nahe trat, und, ſich tief vernei gend, ihre Unterwerfung unter ſeinen Willen erklärte. Das iſt Recht, Maria Feodorowna! rief Paul. So werden wir denn von jetzt an Alles zuſammen machen! Wir werden meinen Vater und meine Mutter mit einander beerdigen und wir werden ihnen in der kaiſerlichen Gruft der Peter⸗Pauls⸗Kirche der Citadelle eine ge meinſchaftliche Ruheſtätte ſuchen. Ich darf mir die Beiden nicht getrennt denken, und ich will ſie darum veveinigt behalten in der alten großen Czaren Gruft auf St. Peter und Paul. Dann wollen wir nicht mehr ihrer gedenken. Er ſah jetzt einen Augenblick lang heiter und glänzend aus, aber in Maria Feodorowna's Seele ſtieg der Schauder, mit dem ſie dieſen neuen Aus druck auf des Kaiſers Geſicht betrachtete. Sie mahnte jetzt ſelbſt zur ſofortigen Ausführung dieſes Vorſatzes, da der Tag noch ſo viele andere Veran⸗ laſſungen in ſich ſchließen werde. Ach, meine liebe Maria Feodorowna, erwiederte Paul mit einem ſeltſam ſich verzerrenden Ausdruck 87 ſeines Geſichts, wir werden am heutigen Tage doch nichts Wichtigeres und Größeres vornehmen können, als dieſes. Uns damit zu beſchäftigen, wird die einzige Arbeit eines ganzen Tages ſein. Der Wagen wird aber ſogleich vorfahren, um uns nach dem Alexander⸗ Newsli Kloſter zu bringen. Es hat der Jwan Paulo witſch Koutaitzow Alles beſorgt und auch in dem Kloſter die nöthigen Vorbereitungen getroffen. In demſelben Augenblick trat der Staatsrath ein und brachte dem Czaren die Meldung, daß alle ſeine Aufträge jetzt vollzogen ſeien. Paul führte jetzt ſeine Gemahlin ſogleich an den Wagen herunter, und zu⸗ gleich empfing Jwan Paulowitſch, welchen der Czar jetzt bei keiner Gelegenheit mehr entbehren konnte, den Befehl, mit ihnen zu fahren und den Platz im Wagen hinter dem Czaren⸗Paare einzunehmen. So ging es raſch und im lautloſen Schweigen dem Alexander⸗Newski⸗Kloſter zu, welches am äußer ſten Ende des Newski⸗Proſpects und zugleich der Stadt Petersburg ſelbſt liegt. Es bedurfte einer langwierigen Fahrt, ehe man, dem Alexander Newski Kloſter ſich nähernd, die große, im reinen griechiſchen Styl erbaute Kirche vor ſich erblickte, in welcher der berühmte, aus maſſivem Silber gefügte Sarkophag 88 des heiligen Alexander Newski, einſt des feigſten und niederträchtigſten Czaren unter allen Herrſcherge⸗ ſchlechtern Rußlands, enthalten war. In dem Kloſter Alexander Newski hatte ſchon die ganze Nacht hindurch ein ſehr reges und bedeutendes Leben ſich entſponnen, indem man ſich bemüht zeigte, ſo⸗ wohl die herrſchenden Abſichten des neuen Czaren zu ergründen, als auch bereits die denſelben entgegen⸗ kommenden Vorbereitungen zu treffen. Das Alexan⸗ der⸗Newski Kloſter war zugleich der Sitz des Metro⸗ politen oder Erzbiſchofs von Petersburg, und der würdige Gabriel, einer der bedeutendſten und ge⸗ bildetſten Kirchenfürſten ſeiner Zeit, hatte ſchon die ganze Nacht hindurch mit den zahlreichen Mönchen des Kloſters gebetet und fleißigen Rath gepflogen⸗ Es war dadurch zugleich für dieſe Nacht ein regel⸗ mäßiges und nüchternes Leben unter der Prieſter⸗ ſchaft dieſes Ortes entſtanden und die wilde und tolle Lebensweiſe, die ſonſt bei dieſer ſeltſamen Klaſſe der Bevölkerung in Rußland in jener Zeit herrſchte, ſchien auf den Geſichtern und in den Geſtalten der Mönche zurückgetreten zu ſein. Sie ſahen heut alle ordent⸗ lich, heiter und klar aus, und wenn man ſie ſonſt bei der großen Proceſſion, welche jährlich im Aleran⸗ 5 89 der⸗Newski⸗Kloſter ſtattfand, nur mit lebhaftem Er⸗ götzen in pontificalibus aufmarſchiren ſah, in welchen Character ihr luſtiger Sinn die groteskeſten Nüancen zu bringen wußte, ſo ſchienen ſie heute in ihren lan⸗ gen würdevollen Bärten und geiſtlichen Kleidern nach langer Zeit wieder zum Erſtenmal in die höhere Weihe ihres Standes zurückgekehrt und nur erhabenen Angelegenheiten hingegeben zu ſein. Die Erwartung, daß der Czar heut unter ſeinen erſten öffentlichen Schritten das Alexander Newski⸗Kloſter betreten und die in jenem verfallenen und vergeſſenen Winkel ruhende Geſtalt ſeines Vaters aus ſeinem Sarge heraufbeſchwören wolle, hatte dieſe ungeheure Wir⸗ tung auf Alle hervorgebracht. Und wie ſeltſam und aufregend war es, daß heut plötzlich der Name Pe⸗ ters III. im ganzen Kloſter ſo laut und ausdrucks⸗ voll von Jedermann genannt und wiederholt werden konnte. Dieſen Namen hatte ſeit fünfunddreißig Jahren Niemand mehr auszuſprechen gewagt, und man hatte den alten Czaren ſelbſt darüber vergeſſen, man hatte, mit anderen Dingen beſchäftigt, nicht mehr daran gedacht, daß in jenem halbverfallenen Winkel des Alexander⸗Newski⸗Kloſters der Leichnam Peters III. ſelbſt beſtattet liege! 90 Jetzt waren Czar Paul und die Czarin mit ihrem Gefolge in das Kloſter eingetreten. Der Erzbiſchof Gabriel war ihnen an der Spitze der ſämmtlichen Kloſter Geiſtlichen, die ſich hinter ihm in einer feier⸗ lichen Aufſtellung gruppirt, entgegengekommen, und hatte die Gelegenheit ergriffen, den Czaren in einer zuſammenhängenden Anrede, in welcher zugleich die Glanzſtellen auf den Clerus und die Kirche fielen, bei ſeinem Regierungs⸗Antritt zu begrüßen. Der Czar bezeigte wenig Luſt, auf feierliche Er⸗ örterungen ſolcher Art mit dem Erzprieſter einzugehen. Er wandte ſich vielmehr an einen der älteſten Mönche, die um ihn her ſtanden, und wies ihn mit einer drin⸗ genden Gebärde an, ihm das Grabmal ſeines Vaters, des Czaren Peters III. in der Kirche zu zeigen. Ich weiß es, daß dieſe Gebeine, welche die Ehre ihres kaiſerlichen Begräbniſſes noch nicht genoſſen haben, hier immer noch in wilder Vergeſſenheit neben der Sakriſtei in dieſer heiligen Kloſterkirche ruhen! ſagte Paul mit dumpfer, klangloſer, in ſich ſelbſt verlorener Stimme. Es iſt dies wahrlich ein großer Schatz Eures Kloſters bis heut geweſen, aber ich komme, Euch dieſen Euern bis jetzt vergraben ge⸗ weſenen Schatz heut abzuholen, und Ihr ſollt ihn an da w L das Reich abliefern, dem er durch mich zurückgegeben werden wird! Der Erzbiſchof Gabriel hatte ſich die Pflicht nicht nehmen laſſen, den Czaren zur Auffindung dieſer Stelle durch die große, weitgemeſſene Kirche zu ge leiten. Die Mönche folgten dieſem merkwürdigen, bis jetzt noch unbegreiflichen Zuge in ſtiller Zurück⸗ haltung nach und nur einige deuteten durch leiſe An⸗ ſtimmung bußfertiger, ſchmerzerfüllter Strophen die in ihnen aufgeſtiegene Erregung ihrer Gefühle an. Man ſtand endlich an dem bezeichneten Ort vor einem in ſich faſt zerfallenen Grabmal da, welches mit keiner Inſchrift geehrt, mit keinem Bildzeichen irgend einer Art geſchmückt war, und das ſchon durch ſeine Unerkenntlichkeit dazu beſtimmt ſchien, die Ueber reſte eines verlorenen, in Unglück, Schmach und Ver geſſenheit geſtürzten Czaren in ſich zu tragen. Es war die Grabesſtätte Peters III., vor der ſich Paul jetzt in einer wunderbaren Verwirrung ſei ner Gefühle und ſeines ganzen Weſens befand. Er hatte dem Erzbiſchof Gabriel in dieſem Augenblick leiſe, kaum hörbar den Befehl zugeflüſtert, daß er das Grabmal geöffnet und den Sarg mit den Ge 92 beinen ſeines Vaters in ſeiner Gegenwart an das Licht herausgeſtellt zu ſehen verlange! Der wunderbaren, halb durchgeiſtigten, halb in ſich verlorenen Erſcheinung des Czaren gegenüber hatte Niemand den Muth, eine Abmahnung auszudrücken oder eine von der ſeinigen verſchiedene Anſicht zu er⸗ kennen zu geben, und der Erzbiſchof war ſogleich als treuer Vollſtrecker des vom Czaren ausgegangenen Befehls hingetreten. Es bedurfte kaum einiger Minuten, um den Sarg Peters III. vor die Augen des Czaren hinzuſtellen und ihm mit ſeinem ganzen überaus traurigen Inhalt zu öffnen. Die Haltung Pauls brach zuſammen, als er ſich jetzt von dieſem zerreißenden Anblick überraſcht fand, und ihn die gräßlichen Dinge, die er in dem Sarge zu betrachten begann, zu erſchüttern und umzuwerfen drohten. Eine Fluth bitterer und rührender Thränen war aus ſeinen Angen geſtürzt und floß in nicht wieder endenden Tropfen auf die düſtere und wild durchein⸗ andergeſchüttete Aſche herunter, welche den Sarg mit den Gebeinen ſeines Vaters füllte. Dann hob er einen Hondſchuh in die Höhe, der im Sarge über den verwitterten Knochen des Leichnams lag und ihn anfänglich, ehe er ihn zu erkennen vermocht, geſtört 2 08 ch en er⸗ als ten ger en zen ng em ten r der in⸗ mit ber ihn tört 93 hatte. Dieſen Handſchuh, das letzte Zeichen einer Lebensgeſtalt ſeines unglücklichen Vaters, küßte er mehrmals und immer wieder, und ſeine Thränen verdoppelten begierig ihre Fluth, um ſich in dieſes einſtige Beſitzthum des Czaren Peters III. einzu ſaugen. Dann ließ er den Sarg ſeines Vaters durch die Kloſtermönche in die Mitte der Kirche tragen und dort, unter Begleitung würdevoller Chorgeſänge, auf einer Erhöhung befeſtigen. Darauf fügte er, an den Erzbiſchof Gabriel ſich wendend, mit leiſem, geheim nißvollem Flüſtern den Befehl hinzu: daß bei dieſem Sarge von dem jetzigen Augenblick an derſelbe fromme Dienſt der Kirche beginnen ſolle, der bei der Czarin Katharina, die auf ihrem Paradebett im Palais aus geſtellt liege, bereits vollzogen werde. Ich habe den Entſchluß gefaßt, morgen eine neue würdige Beſtattung der Ueberreſte meines theuern hohen Vaters zu begehen! begann Paul nach einer ſtillen nachdenklichen Pauſe mit lauter und kräftiger Stimme wieder, indem er ſich, dem Erzbiſchof gegen über, feierlich in die Mitte der Verſammlung ſtellte und dieſelbe bedeutungsvoll anredete: Der Leichnam meines Vaters, des Czaren Peters III., ſoll jetzt 94 aus ſeinem bisherigen Ruheplatz, wo er nicht an ſei⸗ ner Stelle ſich befand, hinweggenommen werden. Zu⸗ ſammen mit meiner Mutter, ſeiner weiland Gemahlin, der hingeſchiedenen Czarin Katharina, werde ich ihn jetzt mit hohem kaiſerlichem Pomp in das Czaren⸗ Begräbniß in der Kirche des heiligen Peters und Paulg der Citadelle hinführen laſſen. Mein Vater ſoll jetzt dort in der Gruft beigeſetzt werden, in wel⸗ cher die Gebeine Peters des Großen und ſeiner glor⸗ reichen und theuern Nachfolger ruhen, denn ich würde meine Regierung nicht antreten können und wollen, wenn ein Mann, wie Peter III., von dieſer großen Gemeinſchaft, aus der er ſelbſt mit beſteht, ausge⸗ ſchloſſen bleiben müßte. Der Erzbiſchof Gabriel ordne jetzt die Dienſte an, welche die Kirche hier an dieſem Ort, und ſo lange er noch hier verweilt, dem Leichnam unſers lieben Czaren Peters III. widmen will. Andere Männer, welche in dieſem Dienſt neben den Geiſtlichen ſtehen und das feierliche Leichengefolge des Zuges bis zur Citadelle vermehren und geleiten werden, habe ich ſchon verordnet und beſtellt, und erwarte ſie in dieſem Augenblick im Alexander Newski⸗ Kloſter eintreffen zu ſehen! Der Czar hielt hier inne und ſeine Augen dran⸗ 95 gen in ſtiller träumeriſcher Gluth in die Ferne, indem ſie den unmittelbar vor ihm ſich öffnenden Weg, der zum Ausgang des Kloſters hinführte, gedankenvoll und lauſchend verfolgten. Jetzt glaubte Paul mit ſeinem wunderbar ſcharfen Gehör die Schritte einer nühſam heraufkommenden Perſon zu vernehmen, was einen ſo eigenthümlichen Eindruck auf ihn machte, daß er ſich raſch in Bewegung ſetzte und, ſich von den Uebrigen entfernend und allein einige Schritte vor⸗ ausgehend, harrend und ſchauend in dieſen Corridor eintrat. Wahrhaftig, das iſt ja mein alter Baron von Ungern⸗Sternberg, den ich da kommen ſehe! rief der Kaiſer einem alten ehrwürdigen Herrn entgegen, der ſoeben in die Kirche getreten war, und, mit ſchwie⸗ rigen Schritten ſich bewegend, der ihm an der Thür gewordenen Weiſung, den Czaren zu finden, folgte. Es war ein Mann vom höchſten Alter, aber von einer wunderbaren Feinheit und Würde der Erſchei⸗ nung, der ſich in dieſem Augenblick dem Czaren näherte und mit einer tiefen, glühenden, faſt zärt⸗ lichen Verneigung jetzt vor ihm ſtehen geblieben war, um ihn feierlichſt und dankend zu begrüßen. Danket mir nicht, mein lieber guter General! 96 ſagte Paul mit einem herzlichen Ausdruck von Freude und Rührung. Es iſt wahr, ich habe Euch heut zum General en Chef ernannt, denn mir liegt daran, ſo⸗ gleich Euch aufzunehmen auf den Wegen, die mir jetzt nach langem Warten eröffnet worden ſind. Ihr habt mir jetzt ſeit langen Jahren hier in Petersburg wie ein von der Welt abgeſchiedener Philoſoph gelebt und habt auch Eure unſchätzbare Weisheit nur in einem kleinen verborgenen Freundeskreiſe leuchten laſſen wollen. Und doch gehörtet Ihr zu den erſten und beſten Offizieren meines Vaters, und noch mehr, Ihr ſtandet ihm im Augenblick ſeiner unglücklichen und ſchmachvollen Kataſtrophe nahe, freilich ohne ihm Euere treue Hülfe widerfahren laſſen zu können. Ich konnte unmöglich Czar werden, ohne einen ſolchen alten Offizier meines Vaters General werden zu laſſen. Aber das iſt eigentlich nur das Geringſte, worauf es mir mit Euch angekommen iſt, mein lieber Ungern-Sternberg. Ich beſchied Euch hierher nach dem Kloſter um dieſe Stunde, und Ihr habt in⸗ zwiſchen gewiß gehört, was ich für meinen Vater zu thun im Begriff bin? Oh, Majeſtät, erwiederte der alte General, indem —,—————————————— 1 —— Freude t zum n, ſo— e mir Ir ersburg gelebt nur in leuchten nerſten h mehr, ickichen hne ihn en. ſolchen rin ie er nch hobt U Vuter jl 1, inden er noch ſtärker erbleichte, ich habe es mit dem höch ſten Erſtaunen, mit der größten Verwunderung gehört. Wie, mit dem höchſten Erſtaunen, mit der größten Verwunderung? fragte Paul faſt erſchrocken zurück. Iſt es denn nicht eine Pflicht, die ich zu erfül⸗ len habe? Der alte General lächelte mit einer beſcheidenen und rührenden Gebärde, und ſchien dann ſein gutes und ſinniges Antlitz wie ein bedeutſames Buch, auf dem die ausgiebigſten Antworten auf die dringendſten Fragen verzeichnet ſtanden, vor den Augen des Cza⸗ ren aufzuſchlagen. Der Czar ſchien in der That wei⸗ ter zu leſen auf dieſem alten Freundesantlitz, in das er ſeit ſo langer Zeit nicht geblickt hatte, aber es wollte ihm keine Ueberzeugung daraus entgegendrin gen, die ihn in ſeinen Entſchlüſſen umzuwandeln ver mocht hätte. Ich weiß, Du hältſt die Welt für ſchlecht, aber es wird doch der glücklichſte Anfang für den Sohn ſein, den Vater zu ehren! ſagte der Czar, in einer ſchauerlichen Gedankenfolge zuſammenzuckend und ſich ſchüttelnd. Ungern⸗Sternberg war ein feiner Cavalier von altem Gepräge, dem nur ein ſtrenges Soldatenthum Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II. 7 —,— —— 98 eine ſchärfere und unverrückbare Faſſung gegeben hatte. Er gehörte zu der Anzahl deutſcher Offiziere, welche Peter III. mit großer Vorliebe um ſich ge ſammelt, und unter dieſen hatte er immer ſeinen treu ergebenſten Diener und Freund, den Herrn von Un⸗ gern⸗Sternberg, der zuletzt ſein Adjutant geworden war, ſeiner wahren Freundſchaft für würdig gehalten. Das freimüthige Verhältniß, das zwiſchen dem Czaren Peter III. und ſeinem Adjutanten Ungern-Sternberg beſtanden, hatte auch den Manieren des alten Sol⸗ daten ein ganz eigenthümliches Gepräge gegeben, das auch in dieſem Augenblick, wo er dem neuen, ſich ihm ſo wohlwollend beweiſenden Czaren gegenüber ſtand, ſich in ſeinem ruhigen, mit ſtiller, zweifelhafter Beobachtung auf Paul gerichteten Antlitz zu erkennen gab. Denn eigentlich hatte ihm der neue Czar kei⸗ nen Gefallen damit erwieſen, daß er ihn zum Gene ral en chef ernannt und ihn damit auf das große Theater der Welt zurückgerufen, von dem er ſeit langer Zeit ewig fern zu bleiben gewünſcht hatte. Jetzt waren ſeine Blicke zugleich auf den Sarg Pe⸗ ters III. gefallen, wie er in der Kirche einen neuen Standort gefunden, und dieſem rührenden und ihn gewaltig fortreißenden Anblick konnte er nicht wider⸗ 99 ben ſtehen. Er brach in laute, jammervolle Thränen aus, ere, indem er einen Augenblick lang ſeinen Kopf zurück⸗ ge wandte, und dem neu ihm aufgegangenen, ach, ſo treu wohlbekannten Sarge ſeines theuren Herrn ſich zu⸗ Un⸗ kehrte. den Paul folgte der Bewegung des alten Soldaten' Uten. mit einer wahren herzlichen Theilnahme, und trat ren näher zu ihm heran, indem er ihn in ſeine Arme ber ſchloß. Dann übergab er ihm das Ordenskreuz des Sul⸗ heiligen Alexander, das er aus ſeiner Taſche hervor⸗ da zog und ſchon für dieſe Uebergabe vorbereitet zu ich haben ſchien. niber Und, ſetzte er dann mit einem ſtarken energiſchen ſtet Ausdruck hinzu, hiermit ſchmücke ich Dich zu dem 58 Dienſt, welchen Du am heutigen Tage und in der ihm folgenden Nacht dort bei dem Leichnam meines 3. lieben Vaters haben wirſt. Ich ernenne Dich für dieſe Zeit zu ſeinem Wächter, und Du ſollſt bei ihm bleiben und hüten, bis wir den todten Czaren morgen Mittag feierlich zuſammen begraben und in öffentlicher Vergeſellſchaftung mit dem Körper der Czarin Katha⸗ 3. rina in die Kirche der Citadelle abführen werden. a Ungern⸗Sternberg nickte mit einer frommen würde⸗ dihn vollen Gebärde, indem er ſeine Hände faltete, und videt⸗ 7* —— ————— 100 ſie zu der Erhöhung, auf welcher jetzt der Sarg Pe ters III. ruhte, emporneigte. Und die Uniform, in welcher Du hergekommen biſt, will mir vortrefflich dazu beſtimmt erſcheinen! ſagte Paul weiter, indem er den Alten ſeit einigen »Minuten aufmerkſam betrachtet hatte. Ich bitte um gnädige Verzeihung, ſtammelte Un⸗ gern⸗Sternberg erſchrocken heraus,— daß ich die neue Generals⸗Uniform heut noch nicht angelegt habe. Meinem Sinne entſprach heut einzig und allein die Uniform, welche ich ſchon als General⸗ Adjutant des Czaren Peters III. getragen, und die mir jetzt um ſo paſſender erſcheinen will, da mir Euere Majeſtät den ehrenvollen und theuern Wächter⸗ dienſt bei unſerm heiligen Leichnam anbefohlen haben! Du biſt ein lieber einziger Menſch! rief Paul, indem er ihn fortdauernd von allen Seiten mit dem größten Intereſſe betrachtete. Dieſe Uniform hat den erhabenſten und rührendſten Reiz für mich, und es würde mir angenehm ſein, wenn Du vielleicht noch andere Offiziere, die im Beſitze einer ſolchen ſind, angeben könnteſt. Sie ſollten dann in dieſer dem Leichenzuge folgen, den wir morgen unternehmen wol⸗ len. Was Du weißt, mein Lieber, ſage dort dem 9 Pe mmen einen! einigen ſte Un⸗ ich die ngelegt und eneral nd die mir ächter 101 Staatsrath Iwan Paulowitſch Koutaitzow, und er wird Alles beſorgen, was nöthig ſein könnte. Ungern⸗Sternberg ſann einen Augenblick nach und bejahte dann mit einer aufleuchtenden ſtolzen Erinne— rung die Anfrage des Kaiſers. Wenn es mir Euere Majeſtät gnädigſt geſtatten, ſagte er dann mit einer demuthsvollen Feierlichkeit, ſo denke ich dieſe theuere Reliquie einer Uniform Pe⸗ ters III. im Palais niederzulegen, ſobald ich ſie jetzt nach Vollendung des Dienſtes, welchen mir Euere Majeſtät bei der hohen Leiche angewieſen, ausgezogen haben werde. Ei, Du beſchenkſt mich auf eine rührende Weiſe, wie es ganz meinen innigſten Wünſchen entſpricht, ſagte der Czar mit einer ungemein glücklichen und freudigen Miene. Aber ich möchte nicht als ein Un⸗ erkenntlicher Dir gegenüber beſtehen. Ich ſchenke Dir dafür dies Portrait meines Vaters Peters III. und bitte Dich, es von dieſem Augenblick an ſtets und unveränderlich auf Deiner Bruſt tragen zu wollen. Ich will, daß dies Portrait Peters III. Zeuge mei⸗ ner Dankbarkeit ſein ſoll, welche ich von jetzt ab gegen alle ſeine trenen Freunde beweiſen werde. Ich ließ darum nach einem alten Bilde meines Vaters, 102 das in meinem Cabinet hängt, dieſe kleinen Portraits anfertigen, welche wir treuen Freunde und Anhänger Peters III. jetzt alle auf unſerm Herzen tragen werden! Der Czar nahm den kleinen rührenden Portrait⸗ Schmuck, den er aus ſeiner Taſche gezogen hatte, und ſchlang ihn jetzt an der kleinen einfachen Gold⸗ kette, in welcher derſelbe hing, um den Hals des alten Kriegers, der in eine heftige Freude darüber ausbrach. Die Czarin Maria Feodorowna war jetzt auch näher getreten, um dieſer Gruppe, in der ſo Be⸗ wegendes vorging, ihre Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Ihre ſchönſten ergreifendſten Blicke belohnten den Czaren für ſeine gemüthvolle Freundlichkeit, mit der er das von ihm erſonnene Feſt auszuführen ſuchte. Das Geſicht des Czaren hatte ſich indeß jetzt plötzlich verändert gezeigt, ein furchtbares Unwetter war auf ſeiner Stirn heraufgezogen und ein gewaltiger leiden⸗ ſchaftlicher Zorn zuckte und bebte in ſeinen Augen und in allen ſeinen Mienen. Die Czarin wurde im höchſten Grade erſchrocken und entſetzt über dieſe Umwandlung, welche das ganze Weſen des Czaren in einigen Augenblicken erlitt. raits inger agen trait⸗ hatte, Fold⸗ des rüber 103 Der Czar ſieht etwas Furchtbares nahen und be⸗ ginnt darüber vor Erregung und Erſchütterung ſeine ganze Haltung zu verändern, ja es iſt zu beſorgen, daß die ungeheuren Qualen, die ihn jetzt ergreifen und die er tollkühn über ſein Haupt heraufbeſchworen, ihm vielleicht ein Leid zufügen werden! flüſterte Jwan Paulowitſch Koutaitzow, der hinter der Czarin ſtand, ihr mit haſtiger bebender Stimme zu. Und was giebt es ſo Gewaltiges, das ſich nahen könnte? fragte die Czarin mit furchtſam zurückgehalte ner Stimme zu Jwan Paulowitſch zurück. Dort kommt Er ſchon heran! entgegnete der Staatsrath, den jetzt ſelbſt ein banger Schauder zu bewegen ſchien. Es iſt der Graf Alexis Orlow, den wir dort an der Seite des Fürſten Kourakin, der ihn auf den Befehl des Czaren herzugeleiten hat, zum Czaren ſchreiten ſehen. Meine ganze Seele hat dieſem Augenblick entgegengezittert. Ich ſah den Grafen Alexis Orlow Tſchesmensky ſchon vor einiger Zeit am Eingang dieſes Corridors ſtehen, und ſo lange hat er gebraucht, um zu uns heranzukommen. Denn ſeine Schritte ſchwanken ſichtlich einer großen Entſcheidung entgegen und er bebt immer wieder zurück, indem er doch ſeinem Entſchluß folgen will, den er merkwürdiger 104 Weiſe gefaßt hat, dem Entſchluß, den Czaren Paul hier zu begrüßen und mögliche Aufträge von ihm ent— gegen zu nehmen. Denn etwas Ungeheueres hat er jedenfalls von dem Czaren zu erwarten. Aber der Fürſt Kourakin hat da jedenfalls eine tüchtige Rolle geſpielt, er hat den großen Sieger von Tſchesme gut aufzumuntern und anzufeuern verſtanden, um nicht länger den Befehl unſeres Czaren auf ſich warten zu laſſen. Aber ich wundere mich bei Gott, daß Tſches⸗ mensky nicht lieber den Degen in ſeine Bruſt rannte, als daß er eingewilligt hat, dem Czaren von Rußland gerade hier unter die Augen zu treten. Das iſt der Graf Alexis Orlow? ſagte Maria Feodorowna mit dem höchſten Erſtaunen, indem ſie den langſam herangetretenen Mann betrachtete, der ſich jetzt von dem Arm des Fürſten Kourakin, der ihn geleitet hatte, losmachte und in dieſem Augenblick mit einem wunderbaren, gewaltſamen Ausdruck näher zu dem Czaren hintrat. Der Graf Alexis Orlow war auch jetzt noch eine ungeheuere, ſchon durch ſeinen Anblick mächtig über⸗ raſchende Erſcheinung. Der einſt ſo gewaltige, welt⸗ berühmte Krieger und Held, obwohl er inzwiſchen ſchon in ein hohes Greiſenalter eingetreten war, ragte noch 105 immer durch ſeine rieſenhafte, wahrhaft gigantiſche Geſtalt hervor, die ihn einſt als einen Herkules des neueren Kriegsweſens ſo glänzend und unwiderſtehlich bezeichnete, und die jetzt faſt durch einen Schein von Würde und Gediegenheit ſich erhöht hatte. Dieſer Eindruck wurde auch durch ſeine eigenthümliche Klei⸗ dung unterſtützt, die er ſich in der letzten Zeit, nach⸗ dem er die Uniform des ruſſiſchen Generals abgelegt, nach ſeiner eigenen Wahl beſtimmt und die faſt die Form und Faſſung eines antiken Gewandes an ſich trug. Um ſeinen Hals prangte jetzt ein wunderbar ſchönes Portrait der Czarin Katharina, welches einſt ſein Bruder getragen, der große Gregor Orlow, mit dem Alexis einſt in früheren Jahren der Schönheit und Jugend ſeine Beſtrebungen, die Czarin zu zer⸗ ſtreuen und zu beglücken, hatte genoſſenſchaftlich ver⸗ einigen dürfen. Er hatte in dieſer Zeit zu den gelieb⸗ teſten und vertrauteſten Freunden der großen Czarin gehört, und als ſein Bruder Gregor Orlow geſtorben war, hatte Katharina ſelbſt ihr Portrait, welches er um ſeinen Hals getragen, an Alexis geſandt und ihn mit eigenhändigen Briefzeilen gebeten, es in Erinne⸗ rung an ſie jetzt um ſeinen Hals zu legen. Damals wohnte Alexis Orlow noch in Moskau, wohin er ſich —— —— B 106 in eine durch ſeine Reichthümer großartig zubereitete Einſamkeit zurückgezogen, aber die Nachricht von dem Tode der Czarin hatte ihn nicht dort gelaſſen, und er war gerade in dem Moment in Petersburg eingetrof⸗ fen, wo Kourakin den Befehl des Czaren erhalten, ihn zu ſuchen und ſich ſeiner zu bemächtigen, wo er ihn auch würde antreffen können. Statt daher nach Moskau abzureiſen, hatte Fürſt Kourakin ſich in Pe⸗ tersburg ſogleich mit Alexis Orlow verſtändigen kön⸗ nen, der nicht das geringſte Widerſtreben bewies, ihm auf der Stelle nach dem Alexander-Newski⸗Kloſter vor den Czaren Paul zu folgen. Paul hatte ſchon von Weitem den Grafen Alexis Orlow, als derſelbe zu ihm herangeſchritten kam, mit der ungeheuerſten Aufregung geſehen. Faſt ſchien ihn dieſer Anblick jetzt niederzuwerfen, als er den ſtatt⸗ lichen erhabenen Mann, der doch zu den eigentlichen Mör⸗ dern ſeines Vaters gehört, dicht in ſeiner Nähe vor ſich erblickte. Der Gruß des Mörders war dem Sohn Peters III. gegenüber freundlich, demuthsvoll und doch voll tiefer Verwirrung geweſen. Paul hatte ſeinen gewaltigen Ingrimm, der ihm in der Tiefe ſeines Buſens loderte, herausſchlagen laſſen wollen in ſeinen Gruß, mit dem er die tiefe geheimnißvolle ris nit hn 107 Verneigung, in welcher der Graf vor ihm ſtand, er⸗ wiederte. Aber dies gelang ihm nur halb, denn er konnte der wunderbaren und glänzenden Feſtigkeit, in welche ſich Alexis Orlow ſogleich wieder zurückgefunden hatte, nicht gegenüber ſtehen, ohne ihr wenigſtens durch den befremdeten und überraſchten Eindruck, den er von ihr empfand, ein Zugeſtändniß zu machen, ja ſich einen Augenblick lang gelähmt und gekreuzt zu finden. Der Czar fühlte jetzt, daß er vor den Uebrigen nicht mit Alexis Orlow werde ſprechen können. Mit einer rie⸗ ſigen Kälte, die ſich ſeiner jetzt bemächtigte und in welcher der Czar erhaben und groß ausſah, warf er dem Grafen einen Blick zu und deutete auf einen mehrere Schritte von ihnen belegenen Winkel der Kirche hin, der hinter dem Hauptaltar durch einige große Begräbniß⸗Monumente von Marmor und Erz gebildet wurde und auf welchem in dieſem Augenblick tiefe dunkle Schatten ruhten. Orlow verſtand ſogleich die Gebärde, mit welcher der Czar ihn aufgefordert, ihm dorthin allein zu fol— gen. Der Czar hatte den Andern gewinkt, von ihm zurückzubleiben, und war jetzt raſch und ſcheu in die Begräbniß⸗Kapelle getreten, in der er jetzt auch, ſobald 108 er ſich umblickte, den Grafen Alexis Orlow vor ſich ſtehen ſah. Der Czar ſah den Grafen jetzt mit einer furcht⸗ baren Miene der Entrüſtung und des Zornes an, und zugleich ſchien ein tiefes, ungeheueres, an ſeinem Her⸗ zen freſſendes Leiden über ihn zu kommen. Sein Ge⸗ ſicht hatte eine entſetzliche Bläſſe angenommen, und er ſchien leiſe in ſich zu erbeben. Ich habe eine Bitte an den Grafen Alexis Orlow zu richten, ſagte er dann mit einer leiſen, unterdrück⸗ ten, faſt furchtſam klingenden Stimme. Ich hoffe, der Graf wird mir nichts abſchlagen, was das Andenken und die Ehre des Czaren Peters III. angeht. Denn zuletzt ehrt man gern Die, welchen man die tödtliche Wunde geſchlagen. Alexis Orlow biß ſich mit einem dumpfen Seufzer auf die Lippen. Die Art, wie der Czar ihn ange⸗ ſprochen, ſchien einen tiefen, erſchütternden Eindruck auf ihn zu üben. Der hohe, gigantiſch aufgerichtete Greis, deſſen ganze Erſcheinung nur ungemeſſenen Stolz und einen wilden, glänzenden Trotz athmete, ſank auf eine ſchmerzliche Weiſe, tief in ſich nieder⸗ zuckend, zuſammen. Dann wandte er ſich wieder in die Höhe und ſagte zu dem Czaren, mit der Gebärde ich 109 eines tiefergebenen Dieners: Man muß überall ſeine Schuldigkeit thun, wo man die Gelegenheit dazu er⸗ hält. Wer mir befiehlt, wie ich für das Andenken und die Ehre des Czaren Peters III. handeln kann, der macht ſich zu meinem Wohlthäter. Dieſer Czar war kein glücklicher Herr und er forderte die Leiden— ſchaften des Tages und die Werdetriebe des ruſſiſchen Reiches gegen ſich heraus. Wer ſich an ihm verging, iſt aber gewiß der um Vieles Unglücklichere zu nennen. Er würde nie damit fertig werden können, gegen einen Czaren Rußlands gefrevelt zu haben. Der Czar iſt der ewig berechtigte Herr, und die gegen ihn fehlen, ſind ſeine falſchen Diener, welche ihre Sünde niemals wieder einbringen werden. O, Majeſtät, wie kann ich die Gnade finden, etwas zu thun, das für das Anden ken und die Ehre des Czaren Peters III. in Betracht käme? Ich werde dem Czaren Peter III. morgen eine Begräbnißfeier widmen, welche für den guten Anfang meiner Regierung der eigentliche Segen werden ſoll! erwiederte der Czar in einem ſtillen, freudigen Ton. Und Euch, Graf Alexis Orlow, befehle ich, ſich an dem morgenden Tage Mittags um 1 Uhr hier in dem Alexander⸗Newski⸗Kloſter einzufinden, und in der aller 110 tiefſten Trauer, deren einzelne Theile Euch noch näher vorgezeichnet werden ſollen, dem Sarge zu folgen, den ich bereits dort aus ſeiner Gruft habe herausſtellen laſſen. Ihr werdet dann mit gemeſſenen Schritten und einem Gemüth, das Euch zu beſchreiben ich nicht wagen will, dem kaiſerlichen Leichnam folgen, der in dieſem Sarge liegt. Es iſt dies der Leichnam eines Czaren, der die ſchmachvollſte und nichtswürdigſte Be⸗ handlung von den Männern erlitten, die ſeine Unter⸗ thanen waren und ſich einſt ſeine heißen Freunde genannt hatten. Darunter befand ſich Einer, der ihm den Giftbecher reichte und den Czaren zwang, denſel⸗ ben zu leeren. Dann warf er ihn zur Erde nieder und zertrat ihm die Bruſt, indem er ſich darauf zu ihm herunterneigte und ihm mit der einen gewaltigen Hand das Gehirn, mit der andern Hand die Kehle eindrückte. Dann gab es noch zwei andere Verräther und Schufte in dieſem Zimmer, welche ſich darauf zuſtürzten, ſich um das Verderben des armen lieben Czaren verdient zu machen. Es waren der Fürſt Bariatinsky und der damalige Lieutenant Téploff, die eine Serviette mit fliegendem Knoten anbrachten und dem ſchon den Tod leidenden Czaren Peter um den Hals warfen. So vollendeten die Mörder die Erdroſſelung des unglück⸗ lichſten Märtyrers, der auf dem ruſſiſchen Czarenthron geſeſſen. Der zuerſt angeführte Unterthan, der den Giftbecher miſchte, der die Bruſt des theuren Czaren zertrat, ihm das Gehirn eindrückte und ſeine Kehle zuſchnürte, ſtieg dann ſogleich zu Pferde und ſprengte mit vollem Zügel zu der Czarin Katharina hinüber, um ihr die Kunde zu hinterbringen, daß Peter III. nicht mehr athmete. Und könnt Ihr denken, daß wir nicht wiſſen, wer dieſer Unterthan und Czarenmörder war, der die entſetzlichſte Todesnachricht ſo guten Muthes der regierenden Czarin bringen durfte²*) Czar Paul war von dieſer ihn tief ergreifenden und beſtürzt machenden Anführung ſelbſt ſo heftig et⸗ ſchüttert, daß er ſich einen Augenblick an das hinter ihm befindliche Grabdenkmal zurücklehnen und in der feſten Marmorbrüſtung deſſelben ſich einen Halt ſuchen mußte. Dabei blickte er, das Geſicht des Grafen Alexis Orlow unaufhörlich betrachtend und mit wun⸗ derbaren, ſcharflodernden Blicken ſich in daſſelbe ein⸗ bohrend, fortwährend zu ihm hinüber, und ſetzte das Geſpräch, zu dem er jetzt in einem geheimnißvollen Schauder kein Wort mehr hinzufügen zu wollen ſchien, mit ſeinen Augen fort. *) GCastera, Vie de Catharine II. T. I. p. 276. 112 Alexis Orlow hielt die Blicke dées Czaren ruhig und mit einer gewiſſen Milde auf ſich aus. Es war halb ein wehmuthsvoller Ausdruck, mit dem er ſich jetzt zu Paul hinüber wandte und ihn tiefe und un⸗ nennbare Erſchütterungen, die in ſeinem Herzen ſich zuſammendrängten, in ſeinen Mienen betrachten laſſen zu wollen ſchien. Der Graf ſchwankte dann einen Augenblick hin und her, und hielt ſich den Kopf in beiden Händen, weil er ein Hinſchwinden ſeiner Sinne zu befürchten ſchien. Dann aber faßte er ſich wieder in der hohen vornehmen Ruhe zuſammen, die ſeinen Charakter am meiſten bezeichnete, und die ihn auch in dieſem ſchrecklichen Augenblick nicht mehr verließ. Nach einigen Minuten, während welcher ſie Beide jetzt geſchwiegen, ſagte Alexis Orlow mit einer leiſen tonloſen Stimme, jedoch mit einem bedeutungsvollen etgreifenden Augen⸗Aufſchlag zu dem Czaren: Für den Schuldigen giebt es vielleicht einen Moment, wo er ſelbſt an ſeine Schuld nicht glaubt, und ihm das Ver⸗ brechen, das er beging, ſich in glänzende und pracht⸗ volle Schleier hüllte, die ganz etwas Anderes ſehen ließen, als die traurige und entſetzensvolle Geſchichte, in welcher der Schuldige damals dahinfloß. Die Leiden⸗ ſchaft, der Mißverſtand und der Glaube, daß einem —— 113 großen Reiche, einem über Alles geliebten Vaterlande durch die Umänderung von Perſönlichkeiten geholfen werden könne, mögen manchen dunkeln Schritt beſtim⸗ men, manches verwegene Herz lenken zu der in alle Verhältniſſe übergreifenden, ſpäterhin unfaßbaren That. Aber der Moment kommt, wo die richtige Erkenntniß des Vorgegangenen am allerwenigſten dem Schuldigen erſpart wird, und wo die richtige Erkenntniß zugleich die Reue iſt, von der waltenden Gerechtigkeit übergan gen worden zu ſein. Der damalige Unterthan und Czarenmörder iſt gewiß ſeitdem recht oft ein unglück— licher Mann geweſen, wenn ihn auch die Pracht ſeiner Verhältniſſe darum nicht minder auf ihren ſtolzen Wogen ſchaukelte! Daß die Czarin Katharina ihn nicht von ihren Gerichten ergreifen ließ, war freilich zu begreifen, aber ſie würde doch ruhmvoller gehandelt haben, wenn ſie ſich dazu in der Lage geſehen hätte. Aber wenn Czar Paul ſo viel Schlimmes weiß, und es hoffentlich wird belegen laſſen können, ſo iſt von ihm die Vollziehung eines ſo lange gereiften Schickſals endlich zu gewärtigen. Der Unterthan und Czaren mörder wird niemals flüchtig werden vor dem gegen ihn aufſtehenden Recht! Das habe ich nie zu thun geſucht und werde es Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II. 8 —— ———— —2 114 auch niemals unternehmen wollen, antwortete Paul mit einer finſter vor ſich hinbrütenden Miene. Das Recht iſt oft die lahmſte Maaßregel, die man eintreten laſſen kann. Das Recht ruht auf dem Beweis, und es giebt Dinge, die man nicht beweiſen laſſen darf, ohne das zweite Verbrechen mit ihnen zu begehen. Statt das Recht gegen Euch aufzubieten, werde ich Euch aber in die Pflicht einweiſen, morgen ganz ordent⸗ lich und angemeſſen in dem Leichenzuge des Czaren Peters III. zu folgen, wie weit und wie lange ſich derſelbe auch erſtrecken möge. Dadurch werdet Ihr auch eine treffliche Buße verrichten, wie ich mir denke, und werdet verſöhnen, was ſich noch verſöhnen läßt. Ich wünſche dies dem Grafen Alexis Orlow, von dem ich allerdings ſehr viel Schlimmes weiß, von dem ich aber auch den Ruhm kenne, den er nachher durch ſeine Expeditionen im Archipel erworben, und durch die ge⸗ waltige Schlacht bei Tſchesme, deren Held er geweſen. Und damit gut, Alexis Orlow! Morgen iſt auf Euch gerechnet! Der Graf hatte jetzt alle inneren Bewegungen aus ſeinem Geſicht verbannt, und ſtand nur noch mit einer glatten hofdieneriſchen Gewandtheit, die Alles verſprechen und geloben wollte, dem Czaren gegenüber, ent⸗ aren ſich 115 der jetzt keine Aufmerkſamkeit mehr für ihn zu haben ſchien. Paul hatte ihm jetzt raſch den Rücken gekehrt und ſah nach der andern Gruppe zurück, die mehrere Schritte von ihm entfernt an dem Sarge Peters III. ſtehen geblieben war. Und wo iſt denn der Fürſt Bariatinsky geblieben? rief der Czar mit einer hellen ſchmetternden Stimme dem Fürſten Kourakin zu, der in demſelben Augenblick aufmerkſam und harrend zu dem Czaren hinüber⸗ geſehen. Auch die Czarin, die ihren Gemahl ſchon lange unausgeſetzt beobachtet hatte, ſchien es jetzt in dieſer Entfernung von ihm nicht länger mehr aushalten zu können, ſondern begab ſich nunmehr, da ſie ſeine Unter⸗ haltung mit dem Grafen Orlow abgebrochen ſah, eiligſt zu dem Czaren hinüber. Paul aber beſaß jetzt kein Auge für ſie, denn er hatte es nur mit dem Fürſten Kourakin zu thun, den er zu ſich herangewinkt und der ihm über einen anderen Theil ſeiner Aufträge noch den genaueſten Bericht abzuſtatten hatte. Verzeihen Euere Majeſtät, daß ich in Betreff des Fürſten Bariatinsky durchaus nichts habe ausrichten können, hatte Kourakin mit dem ihm eigenen großen 116 Eifer ſeinen Bericht begonnen. Aber der Fürſt Ba⸗ riatinsky ließ ſich in ganz Petersburg nirgend auftrei⸗ ben und ich erfuhr endlich, daß er ſich geflüchtet habe, in der Beſorgniß, perſönlich vor den Czaren beſchieden zu werden. Den zuverläſſigſten Berichten nach hat er in dieſer Nacht eine Reiſe angetreten, die ihn in die entfernteſten Gegenden von Aſien verſetzen ſoll und in ſeinem Hauſe zweifelt man an ſeiner Rückkehr nach Petersburg! Um ſo beſſer! erwiederte Paul nach einer bangen, grübleriſchen Pauſe. Ich habe immer eine beſondere Scheu gehabt, dieſen Mann zu ſehen, und ſein fürch⸗ terliches Geſicht gehörte zu den Dingen, die meinen Augen widerſtreben. Zugleich legt er das ihn richtende Bekenntniß ſeiner Schuld ab, indem er gerade in dieſem Augenblick aus Petersburg entflieht. Er ſpielte freilich nur die zweite Rolle in der Mörderbande, welche den letzten Tag meines armen Vaters entſchied, und war nur ein ganz gemeiner Henker in dieſer Scene. Nicht wahr, Graf Alexis Orlow, darin hat der Czar Recht? Der Graf hatte ſich eben um die Czarin bemüht, um irgend ein Wort der Anrede von ihr zu empfan⸗ gen, und Maria Feodorowna hatte es nicht ganz über nach ngen, 117 ſich vermocht, ihr barmherziges Gemüth zu bezwingen. Sie warf ihm wenigſtens eine milde Frage über das Ergehen ſeiner Frau und ſeiner Töchter hin. Durch die Beantwortung derſelben ſah ſich Graf Orlow der großen Pein entzogen, die gleichzeitige Frage des Cza⸗ ren hören und erwiedern zu müſſen. Aber der Czar trat jetzt näher und mit großer Heftigkeit vor den Grafen hin, und ihn an der Bruſt packend, rief er mit flammender, jetzt zum Erſtenmal offen ausbrechender Wuth: Nicht wahr, Graf Aleris Orlow, der Fürſt Bariatinsky ſpielte nur die zweite Rolle in der Mörderbande, welche den letzten Tag meines armen Vaters entſchied? Darin hat der Czar Recht. Nicht wahr, Graf Alexis Orlow, darin hat der Czar Recht? Der Graf verneigte ſich mit einer großen Be— ſtürzung und Haltungsloſigkeit, die ihn faſt nieder⸗ warf und ihn verhinderte, ein Wort weiter hinzu⸗ zufügen. Stellen wir uns Alle morgen pünktlich und zur rechten Zeit hier ein! rief der Czar jetzt, indem er ſeiner Gemahlin mit einem verſteckten glühenden Zorn, der in ſeinem Geſicht brannte, und den dieſe ——————————— 118 mit zitterndem Gemüth wahrnahm, ſchnell ſeinen Arm reichte. Dann begab ſich der Czar mit ſeinem nächſten Gefolge eiligſt aus der Kirche. V. Der Begrübnißzug. Am andern Tage fand um die vom Czaren be— fohlene Stunde das ungeheure Leichenbegängniß ſtatt, welches er aus tief betrübtem Herzen und zugleich aus zornvollem Gemüth angeordnet hatte. Schon ſeit den erſten Frühſtunden des Tages hatten ſich gewal— tige Volksmaſſen auf allen Seiten des Alexander⸗ Newski⸗Kloſters geſammelt, um ſich als Begleiter und Zuſchauer dem wunderbaren Begräbnißzuge an⸗ zuſchließen, über welchen in der ganzen Stadt ſeit geſtern die erſchütterndſten Nachrichten umherliefen, und dem man wie einem erſtaunlichen und beiſpiel— loſen Märchen entgegenſah. Auch viele Bewohner der nächſten Umgegend von Petersburg, ganze Städte und Dörfer, die nur irgend in der kurzen Friſt dieſes 120 Ereigniſſes ſchon in der Hauptſtadt hatten eintreffen können, ſtanden vor den Pforten des alten Kloſters und legten die gewaltigen Erwartungen an den Tag, die dieſem Augenblick entgegeuflogen und die ſchon das ganze Reich zu durchlaufen begaunen. So hatten ſich dieſe unzähligen Schaaren draußen gebildet, die faſt lautlos und in einer ungeheuren tragiſchen Spannung umherſtanden und dem Heraus⸗ treten des geheimnißvoll gewordenen und von den dunkelſten Sagen umkleideten Kaiſerſarges entgegen⸗ harrten. Die auf dieſen Sarg gerichtete Erwartung war es, welche in dieſem Augenblick Alles durchzuckte und das Intereſſe, den Kaiſer und ſeine Familie zu ſehen, weit überflog. Czar Paul war nämlich mit der Czarin und allen ſeinen Kindern ſo eben angelangt, wovurch die be— ſtimmtere Ausſicht entſtand, daß der feierliche, räth⸗ ſelhafte Zug nun bald ſeinen Anfang nehmen werde. Aber das Volk hatte heut den Geſtalten der regie⸗ renden Herrſcher-Familie durchaus keine eingehendere Aufmerkſamkeit geſchenkt und den neuen Czaren mit ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern, faſt ohne ſie zu betrachten, in das Kloſter ſchreiten laſſen. Denn man war träumeriſch geſtimmt über Das, was heut vor⸗ ßen ren 121 gehen ſollte. Alle Gemüther hatte eine tiefe, unheim⸗ liche Erregung beſchlichen, das Volk ſchien vor ſich hin zu ſtaunen und zu phantaſiren, und in düſtern geſpenſterhaften Vorſtellungen ſich zu verirren. Jetzt waren die Pforten von Alexander Newski geöffnet worden, aus denen der mit unzähligen Seuf⸗ zern erwartete Zug beginnen ſollte. Schon hatten die Trauermelodien mit gewaltigen, in das Volksherz einſchlagenden Klängen angehoben und den Zug ange⸗ kündigt, der ſich im Innern des Kloſters ſo eben bil— dete und in fortſchreitende Bewegung geſetzt hatte. Ein tief ergreifendes, den Beobachter faſt niederwer⸗ fendes Ceremoniell hatte ſich raſch auf den Befehl des Czaren feſtgeſtellt und bald hatte man ſich mit dem Sarge und allen ſeinen Begleitern auf die Straße hinausbegeben. Ein dumpfes, ſtarkes, ſich weithin tragendes Ge⸗ murmel drang aus den umherſtehenden, dichten Volks⸗ maſſen heraus, als der alte Czaren⸗Sarg, der die traurigen Ueberreſte ſeines Herrn in ſich ſchloß, jetzt plötzlich draußen ſichtbar wurde und Jeden zwang, ſein Augenmerk auf ihn zu richten. Der alte, faſt modernde Sarg war mit friſchen Blumenkränzen um⸗ hangen, welche Czar Paul in voller und farbiger 122 Pracht hatte daran befeſtigen laſſen, um die bedeu⸗ tungsvolle Spannung zu bezeichnen, mit welcher ſich die lebensfriſche Gegenwart jetzt an den wunderbaren Tod der Vergangenheit anhing. Dies Bild wirkte auch ſogleich auf Alle, die es wahrnahmen, mit einer ungeheuern Gewalt, und verſetzte bald die ganze umherſtehende Menſchenmaſſe in das tiefſte Still⸗ ſchweigen. Als der Sarg des unglücklichen Czaren ſchon eine Zeit lang unter das Volk herausgetreten war, erblickte man erſt nach der Pauſe von einigen Minuten, wäh⸗ rend welcher ihm Niemand folgte, die Geſtalt eines Mannes, der dazu auserſehen ſchien, als der Erſte hinter dieſem Sarge, obwohl in einer geraumen Ent⸗ fernung von demſelben, die Trauerbegleitung zu führen. Aber es zeigte ſich in ſeinem ganzen Weſen kein Stolz über dieſen Vorzug, hier an erſter Stelle zu erſcheinen. Vielmehr war der Ausdruck dieſes erſten Leidtragenden ein ſo verzweifelter und gräßlicher, daß ein Schauder von ihm ausfloß, der Alle, deren Augen jetzt auf ihn fielen, mächtig und unwiderſtehlich ergriff. Er trug ein Bahrtuch in ſeiner Hand, welches dem Trauergeleit, das er hinter dem Sarge des Czaren ſich ren rite iner uze till⸗ eine 123 Peters III. ausübte, einen beſonders ernſten und pflichtmäßigen Ausdruck verlieh und ihn faſt als einen geſchäftlichen Leidtragenden erſcheinen ließ. Auch das einfache, ſchwarze Kleid, das er auf ſei⸗ nem hochgewachſenen gewaltigen Körper ohne irgend ein Abzeichen trug, ließ ihn als einen Mann ernſter, ſtrenger, troſtloſer, faſt angeſtellter Trauer erſcheinen. Der Mann mit dem Bahrtuche ſchwankte in einer zu⸗ ſammenbrechenden, troſtloſen Haltung, in der ihm ohne Zweifel genau angewieſenen Entfernung von dem Czaren⸗ ſarge, hinter demſelben her. Der Czar hatte ihm in der Kirche dies Bahrtuch in die Hand gedrückt, und ihn dann mit einem leiſen Anſtoß ſeiner Hand fort⸗ geſchoben, indem er mit dumpfer Stimme hinter ihm her flüſterte: Graf Alexis Orlow ſchreite dem Zuge der Leidtragenden vorauf hinter dem theuern Sarge, den er mit dem großen Opfer gefüllt hat. Der Schmerz, der den Leidtragenden vernichten muß, iſt die größte Ehre für dieſen unſern Todten, mit dem wir unſer neues Leben beginnen wollen! Darum zuerſt hinaus mit Dir, Graf Alexis Orlow! Hinaus mit Dir! Dieſe Worte des Czaren hatten vollends dazu beigetragen, den Grafen Alexis Orlow niederzuwerfen 124 und faſt ſeiner Beſinnung zu berauben. Als er in dieſer zitternden heftig bebenden Geſtalt jetzt zum Kloſter hinaustrat und draußen von den unzählig ver⸗ ſammelten Volksmaſſen, die eben den Sarg des letzten Czaren betrachtet und jetzt mit Erſtaunen und ſtei⸗ gender Aufregung ſeiner anſichtig geworden, geſehen wurde, verbreitete ſich zuerſt ringsumher, und bis in die weiteſten entfernteſten Kreiſe, ein tiefes, dem un⸗ geheuerſten Schreck verwandtes Stillſchweigen. Man erkannte den Grafen Alexis Orlow nicht ſogleich, und am allerwenigſten in der heruntergebeugten, zuſam⸗ menſchlotternden Erſcheinung, in der man die ſonſt ſo prachtvolle und glänzende Geſtalt nicht wiederſah. Aber da er unter dem Volke ſehr bekannt war, ſo gab es doch bald Einige, die ſich ſeiner erinnerten, und bald flog der Name Graf Alexis Orlow mit einem ſeltſamen, erſchreckenden Klang durch die Maſ⸗ ſen dahin. Das plötzliche Lautwerden dieſes Namens, in einem ſolchen Zuſammenhange, und verbunden mit dem wunderbaren Leichenbegängniß des Czaren Pe⸗ ters III., deſſen neubekränzten Sarg man eben ge⸗ ſehen, brachte das Volk plötzlich auf die wunderbarſten durchdringendſten Vorſtellungen. In den Erinnerungen des Volkes und in ſeinen alten Träumen und Ver⸗ —————— — * r in zum ver etzten ſtei⸗ ſehen is in nun⸗ Man „und uſam⸗ ſonſt , ſo rten, mit Maſ⸗ nens, mit ge⸗ nſten ngen Ver⸗ 125 muthungen war der unglückliche Czar Peter III. ſtets mit dem ſtolzen, mächtigen, die Gunſt der Czarin Ka⸗ tharina an ſich feſſelnden Grafen Alexis Orlow zu— ſammengeklungen. Ganz Rußland wußte, daß es in der abgelaufenen Regierungsperiode ein großes, un⸗ ſeliges Geheimniß gab, das nie ganz aufgedeckt wer den konnte, und in deſſen verhängnißvollſten Falten auch der Graf Alexis Orlow geſtanden hatte. Jetzt glaubte man auf Einmal das ganze Geheimniß zu verſtehen. Hinter dem Sarge jenes Peter III. hatte ihn der neue Czar auf die Straße hinausge jagt, ganz allein mußte er hinter dem Sarge einher gehen— denn man ſah immer noch Niemand weiter aus der Kirche hervortreten— und er ſchien ſeinem Anblick nach jetzt bei weitem mehr ein Büßender als ein Leidtragender zu ſein. Man ſah den einſt ſo be⸗ deutenden Grafen Alexis Orlow faſt in einer ver⸗ zweiflungsvollen Erſchütterung dort hinter dem Sarge des Czaren einherſchleichen. Sein Auge ſchien ſich bald in zagender Furcht, bald unheimliche Flüche ſpendend, auf die Menge hinüberzurichten, und jetzt bemerkte man noch helle deutliche Thränen, die ſeine Wangen herunterliefen. Ein ungeheuerer Eindruck zog ſich durch die Menge. Man ſah und ſtaunte 126 und grübelte, man war froh, daß man etwas Neues wußte, man fühlte eine Beſtimmtheit über den Tod Peters des Dritten entſtehen, die man früher wohl geahnt, auf die man ſich aber noch nie ſo hingewieſen geſehn, als in dieſem merkwürdigen, unbegreiflichen Augenblick. Und Czar Paul hatte dies geſtiftet. Der neue Czar! Er wird gewiß noch vieles Gute und Wünſchenswerthe thun. Denn Katharina und Paul haßten ſich, und man ſieht es gerade in dieſem Augenblick, daß der Czar ſeiner Mutter nichts ver⸗ geben hat, und daß er ſchon darum nicht in ihrem Sinne fortfahren wird, zu herrſchen! Es war jetzt ſchon einige Zeit vergangen, und der Graf Alexis Orlow war noch immer das einzige Menſchenbild, das man hinter dem Sarge erblickte. Man wunderte ſich im Volke, ob kein Anderer folgen würde, und man zögerte deshalb ſelbſt noch, ſich an⸗ zuſchließen, worauf es das Volk auf dem Platze ab⸗ geſehen hatte. Endlich öffneten ſich die Pforten des Alexander⸗Newski⸗Kloſters von neuem, und jetzt trat ſogleich eine größere Anzahl von Leidtragenden her⸗ aus, die ſich in einer und derſelben Gruppe zuſam⸗ mengeſchloſſen hielten und langſam, mit würdigen Schritten und trauervollen Gebärden, dem Begräbniß Neues Tod wohl wieſen flichen D py * Und Paul ieſem ver⸗ ihrem inzige ickte. olgen h an⸗ e ab⸗ 127 des Czaren folgten. Es war dies Czar Paul mit ſeiner Gemahlin Maria Feodorowna, hinter ihnen die ſämmtlichen Prinzen und Prinzeſſinnen der neuen Czaren⸗Familie, und in ihrem Gefolge die höchſten Staats⸗ und Hofbeamten, die ſich nach dem vom Czaren empfangenen Befehl wie zu einer vor⸗ ſchriftsmäßigen Trauer⸗Ceremonie in dem dazu ge⸗ hörigen feierlichen Koſtüm eingefunden hatten. Der Czar ſelbſt und ſeine Familie waren in tiefe Trauer⸗ kleider gehüllt erſchienen. Sie hatten Alles, was einem Schmuck oder Ehrenzeichen ähnlich ſah, aus ihrer Kleidung entfernt, und ſchienen nur zu den ein⸗ fachſten Leidtragenden zu gehören, die ihren Schmerz, unbekümmert um alle anderen Rückſichten der Welt, offen zu Tage bringen wollten. Graf Alexis Orlow, unmittelbar dem Sarge Peters III. zugeſellt, ſchritt ſo weit und entfernt vor ihnen her, daß er nun noch um ſo mehr nur als der vereinzelte Repräſentant des düſtern und verbrecheriſchen Hintergrundes, auf dem dieſe ganze Begebenheit ſtand, hinausgeſtoßen zu ſein ſchien. Jetzt aber hatte man wie von ſelbſt auf den Zu⸗ tritt des Volkes zu dem Leichenzuge des alten Czaren gerechnet. Wie mit einem Schaudergefühl, deſſen 128 heimliche Seufzer faſt laut zu werden anfingen, füg⸗ ten ſich jetzt die lodernden, fliegenden Maſſen an dem ihnen zugeſtandenen Orte ein, und der wunderbare Zug, der immer mehr verſtanden und empfunden wurde, ſetzte ſich nun, von dem Volke gedrängt und getrieben, in dem weiteſten Maaßſtabe in Bewegung. Der unvergleichbare Trauerzug war in die Haupt⸗ ſtadt ſelbſt eingetreten, und bedeckte dort die Straßen von Petersburg mit der ungeheuren, ſchwermuthsvol⸗ len Fülle, welche aus dieſer Proceſſion heraustrat. Es wurde der Weg zum Palais eingeſchlagen, in welchem die todten Ueberreſte der Czarin Katharina aufbewahrt lagen, und wo ſchon ſeit der früheſten Morgenſtunde der feierliche religiöſe Dienſt bei dem Leichnam der Czarin begonnen hatte. Dort ſollte auch Peter III., auf ſeinem neuen Zuge durch die Welt und bis zu einem andern Grabe, erſt ausruhen und eine fried⸗ liche Gemeinſamkeit mit der Czarin Katharina von neuem kennen lernen, ehe der Zug ſeinen Schluß“ finden konnte und die beiden Gatten nun zuſammen in die Kirche der Citadelle von Petersburg zu einer nie gekannten gemeinſamen Ruhe fortgeführt würden. Als der Leichenzug mit ſeinen Leidtragenden die Straßen von Petersburg beſchritt, ſchien das dunkle füg dem hare nden von chluß nmen . 129 Geheimniß dieſer Begebenheit bereits in das ganze Volk übergefloſſen zu ſein. Alles war von der un— heimlichen und erſchütternden Wirkung, die von die⸗ ſem Begräbniß ausging, umſponnen und überſchattet. Das Volk von Petersburg grüßte den Sarg mit den modernden Gebeinen des Czaren in dem ſeltſamen Aufſchwung, der es plötzlich ergriffen hatte, und in dem ſo viel Schrecken, Staunen und anhängliche und liebevolle Erinnerung ſich vereinigten. Hier und da lagen ganze Volksmaſſen auf den Knieen, als der Sarg vorüberſchwebte, und erhoben flehend und be⸗ tend ihre Hände zu demſelben in die Höhe. Die friſchen Blumenkronen um den alten Sarg ſchienen auch bei Manchen wunderbare Erinnerungen erweckt zu haben, und ganze Gruppen ſtanden umher, in denen bereits ganz ernſthaft und eifrig über das Vorgehende geſtritten und berathſchlagt wurde. Ael— tere Perſonen hatten daran erinnert, daß Peter der Dritte niemals gekrönt worden ſei, und daß dies nach ſeinem Tode eigentlich den Vorwand abgegeben habe, weshalb ihn die Czarin Katharina nicht zum Begräbniß in der Citadelle bei den andern ruſſiſchen Czaren zugelaſſen. Jetzt erkannte man unter den lebhafteſten und herzlichſten Aeußerungen für den Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. n. 9 130 Czaren Paul die ſo rückſichtsvoll waltende Geſinnung deſſelben an, den Czaren Peter III. bei ſeiner Hin⸗ überführung in die neue Ruheſtatt zugleich mit allen Erforderniſſen auszuſtatten, die im Namen der alten Geſetze verlangt werden konnten, und man glaubte, daß er lediglich deshalb mit den friſchen blühenden Kronen den Czaren⸗Sarg geſchmückt haben könne. In dieſem Augenblick hatte ſich jedoch die Sonne am Himmel verdunkelt, und ſchwarze Regenwolken breiteten ſich mit zuckender Allgewalt über dem groß⸗ mächtigen Begräbnißzuge aus. Der Zug war bisher ſo ſtill und lautlos einhergegangen, daß er ein tiefes Grauen um ſich her zu verbreiten angefangen. Der Czar hatte die Muſik, welche noch in der Kirche bei der Abholung des Sarges getönt, nicht mit auf die Straße nehmen laſſen, und es war darum dieſe ſchweigenstiefe, wehmuthsvoll umdüſterte Prozeſſion entſtanden, die ſo viel Schwermuth und Schrecken auf die Straßen von Petersburg geworfen. Aber jetzt ſchienen die Wolken des Himmels es übernom⸗ men zu haben, den Zug unter einer feierlichen, ge⸗ wichtigen Begleitung weiterzuführen. Der Regen ſtürzte bald in großen, rauſchenden Strömen herab, und es währte nicht lange, ſo ſpalteten ſich auch die ung llen ten ubte, nden onne olken woß⸗ isher iefes 131 roth gewordenen zuckenden Wolken, und gewaltige Flammen ſtiegen heraus, denen furchtbar hallende Donnerſchläge folgten. Das losgebrochene Gewitter ſchien ſich mit dem Leichenzug vermählt zu haben, indem es in weltdurchdringenden Klängen Alles austönte, was der von ſeinen getreuen Ruſſen ge⸗ tragene Czaren⸗Sarg ſchwer und dumpf in ſich ſchloß, und was den innerſten Gedankenzug aller Leidtragen⸗ den bildete. Je ſtärker und klangvoller das Gewitter ſich ausbreitete, deſto freiere Athemzüge ſchienen durch die ganze Trauer⸗Prozeſſion zu gehen, oder es brach die innerlich in den Gemüthern arbeitende Rührung ietzt in hellen Thränen aus den Augen hervor, und das Volk ſtand an den Straßenecken und an den Häu⸗ ſern ſtill und vergoß ſtille Tropfen des Schmerzes mit einer wunderbaren, ganz in ſich verlorenen Haltung. Den Zug ſelbſt hatte das Unwetter mit ſeinen gewaltigen Donnerſchlägen und Regengüſſen nicht trü⸗ ben und erſchüttern können, es hatte ſich Alles ruhig und ohne irgend ſtürmiſche Haſt weiter bewegt, und beſonders war der ungeſtörte Frieden, in dem ſich der Czar mit ſeiner Familie weiter begeben, ohne die ge⸗ ringſte Beläſtigung und Störung durch das Wetter zu 5 verrathen, die eigentlich herrſchende Regel für die ganze Prozeſſion geworden. Jetzt aber war der Zug plötzlich vor dem Winter⸗ palais angekommen, wo der Czar den erſten Stillſtand für die Leidtragenden und die Leiche anbefohlen hatte, und wo eine neue Anordnung der ganzen Scene ſich bilden ſollte. Man trug den Sarg Peters III. hin⸗ auf in das Palais, mit einer Entfaltung großer Feier⸗ lichkeit und Würde, mit welcher der Sarg beſonders an dieſer Stelle behandelt zu werden ſchien. Der Czar mit ſeiner Gemahlin und den kaiſerlichen Kindern hatten ſich ſogleich dieſem neuen Geleit angeſchloſſen, mit welchem der Sarg die Treppe des Palais hinauf⸗ geführt und in den großen Saal geſetzt werden ſollte, in welchem der Körper der Czarin Katharina auf einer Eſtrade ruhte. Die übrigen Leidtragenden des Zuges waren der kaiſerlichen Familie in den Saal des Winterpalais gefolgt. Das Volk hatte die Erlaubniß empfangen, in einzelnen Gruppen einzutreten und eine zugemeſſene Zeit zu verweilen. Auch der Graf Alexis Orlow war mit in den Saal getreten und verbarg ſich dort zur Seite eines Tempels, der neben dem Körper der Czarin Katharina aufgerichtet worden war, und in ſich in⸗ 133 welchen man den Sarg Peters III. jetzt hineingeſetzt hatte. Aleris Orlow war durch den bisherigen Gang, den er in der ihm aufgetragenen Stellung zurückgelegt, faſt vernichtet zuſammengeſunken. Die Scham und die Schande, in der er ſich eingefangen geſehen, hatten einen dunkeln Wahn um ſeinen Kopf gebreitet, und auf ſeinem leichenblaſſen, tief erſchöpften Geſicht irrten einige Funken umher, die den in ihm ausgebrochenen Verzweiflungskampf blitzend ankündigten. Kraftlos, faſt bewußtlos war er jetzt hinter dem neu erbauten Tempel niedergeſunken, und man hatte in dieſem Au⸗ genblick ſo viel nie Erblicktes zu ſehen, daß Keiner ihn mehr bemerkte. Es war ein wunderbarer Moment, als man jetzt die beiden Gatten im tiefen Frieden neben einander ruhen ſah. Sie ſollten nachher zuſammen auf die Citadelle geführt werden, nachdem ſie hier einige Stunden lang den neuen Bund der Gemeinſchaft, der ihnen nun beſtimmt wurde, vorbereitet hatten. Der Sarg Peters des Dritten war nicht geöffnet worden, ſondern man hatte ihn verſchloſſen gelaſſen. Aber ſein Leichengefolge, und beſonders der Czar und die Czarin an der Spitze, nebſt ſo vielen Volksgeſtalten, welche den Eintritt in den Saal genoſſen, verließen 13 aum auf einige Augenblicke dieſen Sarg, und kehrten immer wieder zu demſelben zurück, um ihn mit ihren verehrenden und tief erglühenden Küſſen zu bedecken. Zur Seite dicht daneben lag auf der Eſtrade der Körper der Czarin Katharina, die in ihrem prachtvollen Sarge mit einem ungeheuren Pomp umgeben war, und von dem glänzendſten und koſtbarſten Schmuck, den man auf ihren Leichnam gelegt, ſtarrte. Indeß waren Alle, die ſie jetzt erblickten, entſetzt, denn man vermochte die todte Czarin nicht mehr zu erkennen, und ſie ſchien in der kurzen Zeit ihres Todes faſt ihre ganze Geſtalt verloren zu haben. Man hatte ſie bald nach ihrem Hinſcheiden einbalſamiren laſſen, aber dies Geſchäft war ſo ſchlecht an ihr vollzogen worden, daß der Körper dadurch ganz entſtellt und verfallen wurde und die Hände, die Augen und der untere Theil des Geſichts nur noch als gelbe, blaue und ſchwarze Punkte ſich zeigten. Aus dem Sarge ſteckte eine Hand her⸗ aus, die bleich und bleifarbig herunterhing und von Allen, welche ſich zum letzten Anblick der Czarin her— angefunden hatten, mit dem höchſten Schauder geſehen wurde. Doch gab es noch eine Menge von Hofbeam⸗ ten und von Leuten aus dem Volke, welche die Treppe zur Eſtrade hinaufſtiegen, um auf dieſe Hand ihre her e ſehel eam eppe Ure hre ehrerbietigen und heißen Küſſe zu drücken, und auf ihre Kniee ſich niederlaſſend, einige Augenblicke vor den letzten Reſten der großen Czarin zu verweilen. Nur mit der größten Ehrfurcht konnte man dann dieſen Ort wieder verlaſſen, aber man wagte nicht anders als rückwärts von der Eſtrade wieder herunter zu ſchreiten, indem man der zuſammengeſchwundenen und zerfallenen Geſtalt der Kaiſerin ſo lange als mög lich ſeine dankbar und verehrungsvoll grüßenden Blicke zugewandt hielt. Der Czar blickte mit großer Ruhe und Würde dieſen ſeltſamen und verworrenen Hinwendungen für ſeine Mutter zu, und er zuckte nur einen Augenblick ſchmerzlich zuſammen, als er jetzt auch die jüngſten ſeiner Kinder, die Prinzeſſinnen Helena, Maria und Anna, für welche die Leitung in dieſem ſtürmiſchen Augenblick fehlte, jene Treppe zu der Eſtrade hinauf ſteigen ſah, um dort oben an der herrlich leuchtenden Bahre der Czarin anmuthig niederzuknieen und aus ihren lieben friſchen Kinderaugen reichlich perlende Thränen zu vergießen. Jetzt gab Czar Paul den Befehl zum Wiederauf bruch des Zuges, denn der Moment ſollte nicht länger verſchoben werden, wo man nun die einſt feindlich ———— — ——— — 136 getrennten, jetzt wieder im Frieden von der ganzen Nation zuſammengebrachten Gatten zu ihrer letzten und unveränderlichen Ruheſtatt auf der Citadelle ge⸗ meinſam abführen wollte. Die beiden Czaren-Särge wurden jetzt von den damit beauftragten Perſonen feierlich in die Höhe ge⸗ nommen und zum Anfangs- und Mittelpunkt des ſich von Neuem bildenden und bewegenden, ſein Endziel erſtrebenden Trauerzuges hingeſtellt. Dieſelbe Ord⸗ nung, in der man gekommen war, hatte ſich raſch wieder hergeſtellt, und der Graf Alexis Orlow, der, nachdem er ſich von der Erde hinter dem Tempel erhoben, kaum noch athmen zu können ſchien, hatte in derſelben Entfernung, wie vorher, ſeinen Platz hinter dem Sarge Peters III. eingenommen. Der Mannes⸗ muth dieſes Leidtragenden ſchien aber jetzt gänzlich gebrochen, und er wankte, als letzter Behüter des von ihm ermordeten Czaren, faſt bewußtlos, nur noch mit dem letzten mechaniſchen Aufgebot ſeiner materiellen Kräfte, ruhig mit fort. So hatte man ſich bald, und in einem ungeſtörten Fortgang des Zuges über die Straßen, der Kirche des heiligen Peter und Paul in der Citadelle vvn Petersburg genähert. Hier war die ruſſiſche Fürſten⸗ anzen etzten e ge⸗ nden e ge⸗ s ſich ndziel Ord⸗ raſch „der, empel te in hinter nnes zlich 6 von h mit riellen ſtörten girhe e von irſten⸗ 137 gruft, in welcher die Gebeine Peters des Großen, und ſeiner glorreichen Nachfolger auf dem ruſſiſchen Cza⸗ renthron, ruhten, und wo der Czar Peter III. und ſeine einſtige Gemahlin Katharina jetzt ihre gemein⸗ ſame Einfriedigung in dem nationalen Ruheſitz durch den neuen Herrſcher und ſein ganzes Volk empfangen ſollten. Die Einſetzung der beiden Czaren⸗Särge war an dieſem Ort mehr wie ein großartiges Geſchäft, dem man Bewunderung und Ehrfurcht zollte, als wie eine die Gemüther nochmals tief erregende Angelegenheit vollzogen worden. Der Czar ſelbſt, deſſen ungeheuere Bewegung jetzt nachgelaſſen, ſchien nur noch auf die letzte pünktliche Vollziehung ſeiner Abſichten Gewicht zu legen und den Abſchluß derſelben zu erharren. Der Fortgang dieſer ganzen ſo vielbedeutſamen Sache hatte lange gewährt und ſeinen Geiſt in einen Ab⸗ grund von Empfindungen und Berechnungen verſenkt. Dies war genug für Paul geweſen, und er ſehnte ſich jetzt danach, zu etwas Anderem überzugehen. Mit Peter III. und der Czarin Katharina hatte er ſoeben abgeſchloſſen. Sein trübe verſchleiertes, brütendes Auge, in dem noch keine Ruhe leuchtete, hatte ſich aber nunmehr, 138 als das letzte feierliche Geſchäft ſeines heutigen Werkes ſoeben beendigt worden, auf die ſeltſame, ihm jetzt faſt Mitleid einflößende Erſcheinung des Grafen Alexis Orlow hingewendet. Doch fühlte er ſich nicht minder noch aufgelegt, Alles ſtreng zu vollenden, was er mit dieſem Mann des alten Staatsverbrechens und der alten Schande ſich vorgenommen hatte. Er winkte ihn jetzt mit den Augen zu ſich heran, und der Graf Alexis Orlow war ſogleich mit der gänzlich niedergeworfenen Gebärde eines Sclaven zu Paul getreten, indem er ſich tief und kraftlos vor demſelben verneigte. Jetzt haben wir es vollbracht, ſagte Paul mit einer feierlich erhobenen Stimme zu dem Grafen. Der Czar Peter III. iſt der in die große Gemeinſchaft der ruſſiſchen Nation „ wenn auch als Todter, wie zurückgetreten. Wir haben ihn wieder, und er hat nichts mehr mit Dir zu thun, Graf Alexis Orlow. Daraus folgt, wie ich heut noch in einem Ukas feſt ſetzen werde, daß Du nicht mehr in Petersburg an weſend ſein kannſt. Ich verbanne Dich, fortan auf Deinen Gütern zu leben, und Du wirſt noch vor Ende des heutigen Tages dorthin abreiſen. Nirgend anderswo es ihm fen ſicht was und 6000 139 in Rußland ſoll der Graf Alexis Orlow mehr geſehen werden. Der Graf zuckte in einer heftigen Bewegung zu⸗ ſammen, die ihn aber wieder krüftiger und entſchloſſener geſtimmt zu haben ſchien. Czar, ich bitte um die Gnade, Rußland überhaupt verlaſſen zu dürfen! rief Alexis Orlow feſt und nach⸗ drucksvoll, indem er an allen ſeinen Gliedern zitterte, und zugleich ein neuer Entſchluß ſich in ſeiner Bruſt angeſetzt zu haben ſchien. Du kannſt Rußland überhaupt verlaſſen und Dich nach jedem Ort im Auslande begeben, nur will ich nie wieder etwas von Dir hören! antwortete der Czar mit einem gleichgültigen kalten Ausdruck. Adieu, Orlow! Die feierliche Scene in Peters des Großen Fürſten⸗ gruft war beendigt. Der Graf Alexis Orlow hatte ſich mit einer tiefen Verneigung gegen den Czaren und die Czarin haſtig entfernt, und es war ihm gelungen, als der Erſte aus der Kirche Peters und Pauls wieder auf die Straße zu kommen.*) *) Tannenberg, Leben Pauls. I. S. 7. 9. Masson mémoires seerèts I. 196. * 5 Viertes Buch. Die neue Zerrſchaft. Der Polksfreund Paul. In den erſten Tagen der neuen Garen⸗Regierung, wo Paul mit einem leidenſchaftlichen Ungeſtüm in eine Fluth von Geſchäften und Anordnungen ſich verſenkte, ſchien das liebevolle Einverſtändniß zwiſchen ihm und ſeiner Gemahlin einige ſchlimme Veränderungen zu erleiden, die, man wußte nicht warum, aus dem Ge⸗ müth des Czaren hervorbrachen. Paul war in dieſer it, die er ſich durch lntritt auferlegt fühlte, faſt gewalt⸗ ſam hingenommen und überreizt worden. Es ſchien ihm eine unvergleichliche Sache, daß er jetzt ganz Rußland in ſeine Hand nehmen und die Reichs plötzlich an ſeinen Zeit von der ungeheueren Thätigke ſeinen Regierungs⸗2 Pulſe des eigenen Pulſen abmeſſen ſollte, und dieſer Augenblick hatte ihn mit einem furcht⸗ 144 baren Gewicht überfallen und ihn mit einem flammen den Widerſpruch gegen Alles, was er um ſich her erblickte, erfüllt. Kleine Scenen des Mißbenehmens mit Maria Feodorowna, und daraus folgende ernſtere Zwieſpältigkeiten mit ihr, konnten darum um ſo leichter wieder in dieſen Zuſammenhang eintreten, als die Czarin es jetzt für ihre Aufgabe zu erkennen ſchien, der ſtürmiſch eingreifenden Haſt Pauls hemmend ent⸗ gegenzutreten und ihn in einen ſtilleren, langſam und allmählich ſich bewegenden, die Maaßregeln nicht über⸗ reizenden Kreis der Thätigkeit zu bannen. Maria Feodorowna hatte dies in ihrer unwandel⸗ bar liebenswürdigen und heiteren Weiſe auszuführen geſtrebt, aber wie ſchön ſie auch allen dieſen geheimen Widerſtand gegen die Reformleidenſchaften des Czaren in Scene zu ſetzen verſtand, ſo hatte ſich doch Paul gerade in dieſem Augenblick auf das Widerwärtigſte davon berührt gefühlt, und es war daraus ein neues Mißverhältniß zwiſchen ihm und Maria Feodorowna im Werden, das feindſelige Begegnungen zwiſchen dem Czaren und der Czarin wiedererweckte, wie ſie ſeit längerer Zeit aus dem Verhältniß Beider verſchwun den geſchienen. Indeß war die Czarin jetzt von einem großen 145 Mißgeſchick betroffen worden, welches ihr auch von Seiten Pauls wieder eine herzliche und unzweifelhafte Theilnahme zuführte. Die Czarin hatte ihren Vater, den Herzog von Würtemberg, verloren, der in Stutt— gart plötzlich verſchieden war, ohne vorher noch einen Gruß mit ſeiner Tochter, der Czarin in Petersburg, gewechſelt zu haben. Maria Feodorowna war darüber in die tiefſte Betrübniß gefallen, denn ſie hatte mit ihrem Vater ſtets in dem innigſten und zärtlichſten Verhältniß der Liebe geſtanden, und der Czar war nicht damit zurückgeblieben, ihr in ihrem Schmerz auf eine wahrhaft innige Weiſe zur Seite zu ſtehen und demſelben alles Mögliche zum Troſte gereichen zu laſſen. Paul hatte ſogar die Abhaltung einer Trauer feierlichkeit in der Kirche befohlen, bei welcher jedoch nur die Czarin in Perſon erſcheinen konnte, denn es hatte dazu wegen des kirchlichen Glaubens des Her⸗ zogs von Würtemberg nur eine ſchismatiſche Kirche beſtimmt werden können, in welcher der Czar, als Oberhaupt der griechiſchen Kirche, nicht gut ſich blicken laſſen durfte. Um aber ſeiner Gemahlin, für die er ſeit ihrem großen Schmerz wieder eine aufrichtige Zärtlichkeit hatte, zu beweiſen, daß er bei dieſem Tb. Mundt, Czar Paul. 2 .Abthl. 11 10 146 Trauerdienſt am liebſten bei ihr zu verweilen gewünſcht, war er mit ihr zu dieſer Kirche hingefahren, hatte aber dann vor der Thür derſelben, nachdem Maria Feodorowna eingetreten war, ein Pferd beſtiegen und ſeinen Platz an der Spitze der vor der Kirche in Pa⸗ rade aufgeſtellten Grenadiere genommen, um hier die Wiederkehr ſeiner Gemahlin zu erwarten. S Der Intendant ſeines Marſtalls, ein junger Nürn⸗ berger, Namens Pfannenſchmidt, den Paul ſeit einiger Zeit mit großer Vorliebe in ſeine Dienſte genommen, ſtand ſchon dort, um den Czaren mit einem Pferde zu erwarten, welches der Czar ſtets gern zu reiten pflegte und das ihm ſchon ſeit einer Reihe von Jah⸗ ren überaus angenehm geblieben war. Aber das ſchöne arabiſche Pferd ſchien heut bei der großen Hitze, welche in Petersburg herrſchte, ſeine Natur ganz geändert zu haben, und war, wie noch nie, in eine fürchterliche Unruhe gerathen, die den Czaren ſehr verdroß. Als kein Zureden und Liebkoſen mehr helfen wollte, begann daher der Czar jetzt, das Pferd zu einem unaufhörlichen Galopp zu zwingen, der ſich die ganze lange Fronte, welche die Grenadiere bildeten, hinunter bewegte. Es gab ihm dies eine angenehme Gelegenheit, ſeine Kunſt, der wildeſten Pferde Herr cht, atte gria iger nen, erde iten das ßen tur in wen ehr ferd ſich ten, hne n 147 zu werden, vor ſeinen Truppen und dem Volke blicken zu laſſen, wovon er ſchon als Großfürſt häufig die erſtaunlichſten Proben öffentlich gezeigt. Denn Paul ſaß nicht nur vorzüglich gut zu Pferde und wußte ſich dadurch den Petersburgern in einem wahrhaft bewun⸗ dernswürdigen Lichte zu zeigen, ſondern er verſtand auch, die Natur dieſer Thiere auf eine merkwürdige Art zu meiſtern. Die Grenadiere ſowohl als das Volk, das auf allen Seiten des Platzes in ungeheuren Maſſen um⸗ herſtand, waren durch dieſen Anblick bereits zur lau⸗ teſten Bewunderung hingeriſſen worden, die ſich ſelbſt⸗ ſtändig durch Ausrufe und Töne aller Art und durch ein gewaltiges Hurrahſchreien, in dem ſich zugleich die Begeiſterung für den neuen Czaren auch bei dieſer Gelegenheit auszuklingen ſtrebte, Bahn brach. Der Czar ſchien ſich von dieſen beeiferten und ſo innig huldigungsvollen Begrüßungen ſehr angenehm treffen zu laſſen, und ſeine Blicke flammten in einem kühnen und glücklichen Glänzen auf, indem ſie ſich zu den iubelnden Volksmaſſen und zu den mit ihnen bewegt wetteifernden treuen Grenadieren hinüber ſenkten. In dem Herzen des Czaren war ein Wirbel des Ent⸗ zückens aufgeſtiegen und er fühlte ſich von einer ſüßen 10* 148 Herrlichkeit durchglüht, die ihn vor Glück faſt erzittern machte. Niemals noch hatten ihm die Stimmen des großen, weiten, unzählbaren Volkes ſo wohlthätig und ſo befeuernd zugeklungen, und er entdeckte in denſelben einen wunderbaren Grundton, der ihn mächtig zog und ihm das Glück, Czar zu ſein, mit einem unnennbaren Stolz zum Bewußtſein brachte. In dieſem Augenblick machte es ſich dem Czaren bemerklich, daß auf einer Brücke, welche ſich dort über einem hinter der Kirche heranfließenden Kanal erhob, ein ziemlich großer Trupp von Leuten ſtand, die ſich ganz ſtill und ſtumm zu verhalten ſchienen, und von denen dieſe vielen Grüße und Bewegungen, in denen ſich die übrigen Volksmaſſen unerſchöpflich gezeigt, gar nicht getheilt wurden.. Wer ſind denn dieſe todten grauslichen Klötze da? fragte Paul nach einigen Secunden peinlicher und ſcharfer Beobachtung den General Araktſcheief, der jetzt am nächſten hinter ihm im Gefolge des Czaren hielt. Der Czar ſchien durch den Anblick dieſer ſelt⸗ ſamen Menſchen in der That ein wenig beunruhigt worden zu ſein, und ſtarrte noch immer mit einem düſteren Unmuth und in einer wilden, aufgereizten Stimmung, in welche Glück und Stolz der vorange⸗ 3 149 n gangenen Minuten jetzt völlig übergefloſſen waren, des nach der Brücke hinüber. nd Araktſchejef zögerte erſt, dem Czaren zu antworten, ben dann ſtotterte er, ein komiſches Geſicht machend, und und ſich hinter einer plötzlichen Bewegung ſeines ungeſtüm ren gewordenen Pferdes verſteckend, in ſeiner launigen Manier: Ja, Majeſtät, wir ſehen da allerdings eine ren Brücke voll Narren, ich möchte nicht ſagen, voll Feinde bet vor uns liegen. Feinde ſcheinen ſie aber jedenfalls ob, des Grüßens gegen ihren Czaren zu ſein, denn wäh⸗ ſch rend die übrigen Volksſchaaren ſich heut im Hut— und 5 Mützenabnehmen gar nicht genug zu thun wußten, i während man recht ſehen konnte, wie einem ordent— B lichen Kerl aus dem Volke ſein ganzes Herz erleichtert und aufgefriſcht wird, wenn ihm ſein Hut vor dem . Czaren auf die Erde fällt: ſo herrſchte wirklich auf der Brücke dort eine ganz niederträchtige Dummheit und 6 und Stummheit. Ich glaube, man wird am beſten thun, dies lieber gar nicht zu bemerken. Wenn das Heer auf dem Marſch gegen den Feind in einen ſtin⸗ kenden Sumpf geräth, muß man ſich nicht erſt lange hi mit Riechen beſchäftigen, ſondern man muß ſogleich nem herauszukommen ſuchen, um die allein auf den Feind — 150 berechneten Naſen und Beine ſeiner Soldaten nicht verkommen zu laſſen. Nein! Nein! rief Paul mit einer ausbrechenden, ſein ganzes Geſicht durchflammenden Wuth. Dies böſe Geſindel, welches dort auf der Brücke ſteht und in armſeliger Tücke ſich zuſammengerottet zu haben ſcheint, ſoll ſogleich abgeführt werden, und man fühlt ſich nicht geneigt, die geringſte Schonung mit dieſen giftgeſchwollenen, hohntriefenden Ratten eintreten zu laſſen. Solche Feinde hat jede neue Herrſchaft, die ſich über Abgründen und Teufelsneſtern erhebt, in allen Winkeln gegen ſich beſtehen. Araktſcheief, reite hinüber zu unſeren Soldaten und ſuche ein tüchtiges Commando von Grenadieren zu bilden, und denſelben gieb den Befehl, nach der Canalbrücke abzugehen und das dort poſtirende häßliche Volk ſammt und ſonders zu verhaften. Man ſoll ſie in die Stadtgefängniſſe ſtecken und dort jeden Mann täglich mit funfzig Prü⸗ geln bei ſonſt anſtändiger Koſt möglichſt zu unterhalten und zu zerſtreuen ſuchen, auf vierzehn Tage von heut ab. So will es der Czar! Araktſchejef faßte ehrfurchtsvoll an ſeine Mütze, um den Czaren zu grüßen, ſchien aber doch mit einer beſtürzten und bedenklichen Miene, die auf dem alten cht en, und ben ihlt ſen die in eite ges ben nd ers iſſe ri⸗ ſten ſeut itze, iner lten 151 braunen Kriegerantlitz ſich hervordrängte, ſich zur Aus führung dieſes Befehls anzuſchicken. Er ſprengte raſch zu den Regimentern hinüber und vollzog dort in einigen Minuten ſeinen Auftrag. Das zuſammenge ſtellte Commando zeigte ſich auch ſogleich unter der Führung eines jungen, von Araktſchejef ſehr geſchätzten Lieutenants, der noch vor Kurzem unter den Garden von Petersburg geſtanden hatte, auf dem Wege zur Brücke, traf jedoch nicht mit einer ſolchen Heftigkeit und ſolchem Ungeſtüm dort ein, als es der Czar er wartet zu haben ſchien. Paul, dem alle anderen Intereſſen in dieſem Augenblick entſchwunden zu ſein ſchienen, blickte in einer außerordentlichen düſtern Spannung und mit flammender Ungeduld auf das Getümmel hin, wel ches ſich jetzt nach dem Anrücken der Soldaten auf jener Brücke entſponnen. Der Czar vernahm von dort zuerſt laute, frohe, faſt jubelnde und ſcherzende Hurrahrufe, welche ſich immer heftiger zu ſteigern begannen, je mehr die Soldaten unter der dort ver ſammelten Menge vordrangen, und ſich mit den wild blickenden, ſeltſam aufgeregten Geſtalten derſelben be rührten. Dieſe Berührung ſchien aber keineswegs eine feindliche und gewaltſame zu werden, vielmehr 152 erkannte Paul bald mit eben ſo großem Erſtaunen als Unwillen, daß die Soldaten, die er anfangs auch für gut ausgewählt gehalten, ſich mit den Leuten des Volkes in den Armen lagen, und eine gegenſeitige Begrüßung unter dem Ausruf:„Es leben die alten Garden von Petersburg!“ in der herzlichſten und übeyſchwänglichſten Weiſe gefeiert wurde. Der Czar hatte den General Araktſchejef zu ſich herangewinkt, der ebenfalls mit entſetzten Blicken dem Vorgang auf der Brücke zugeſehen. Was in aller Welt hat dies zu bedeuten? fragte Paul mit einer wilden, faſt erſchrockenen Gebärde. Man ſieht, unſere neue Militair⸗Organiſation hat ſich noch immer nicht vollſtändig geordnet und ge⸗ ſchloſſen, Majeſtät, ſagte Araktſchejef mit einem ſchmerzlich bedauernden Zug in ſeinem Geſicht. Ma⸗ jeſtät, ich ſehe jetzt erſt, daß dies lauter ehemalige Garden ſind, die ich in der Eile auf die Brücke ge⸗ ſchickt habe. Der Teufel könnte ſelbſt einen alten Soldaten, wie mich, verblenden. Aber es iſt auch recht gut, daß wir bei dieſer Gelegenheit gleich ſehen, wie wenig unſere neue Zuſammenſetzung noch taugt und werth iſt. Dieſe alten Garden waren ein gefähr⸗ licher kranker Körper in Rußland geworden. Sie nen uch des tige lten und dem agte 153 hatten die Elemente der Untreue, des Ungehorſams und der Zügelloſigkeit, welche jetzt von Frankreich her die ganze Welt beherrſchen wollen, als ihre eigent— liche Dienſtordnung in ſich aufzunehmen angefangen und Czar Paul gedachte erſt ihre ganze Exiſtenz auf⸗ „ zuheben, als er endlich auf dem erhabenen Thron der ruſſiſchen Czaren ſich niederließ. Aber wir Alle vertrauten ſeinem großen Herrſcherblick, als er ſeinen Entſchluß änderte und die alten Garden in der gan⸗ zen Armee zu vertheilen begann, mehrere Garde⸗ Bataillone aber unter neuen Führern, und beſonders unter Offizieren, die wir in Gatſchina gebildet, fort⸗ beſtehen ließ. Das Letztere hat ſich gut bewährt, denn die Schule von Gatſchina iſt das Heil Ruß⸗ lands geworden, aber an der Einſtopfung der Garden in den andern Regimentern fangen wir bereits heftig zu leiden an. Die Regimenter unſerer tapfern und ehrlichen Grenadiere werden Schaden nehmen an dieſem Gift der Garden, das wir in ihre Adern haben fallen laſſen, und ſchon heut betrügt uns die Verwendung der Grenadiere, die wir ſoeben eintreten laſſen wollten, bei dieſer ſehr wichtigen und einfluß⸗ reichen Begebenheit. Es iſt gut, mein lieber Araktſchejef, ſagte der ————— 154 Czar, ihn unterbrechend, mit einem ſehr böſen Ge ſicht, und indem er mit einer ungemein ärgerlichen und faſt boshaften Miene auf Araktſchejef ruhte, der Czar wird dieſen Schaden, welchen eigentlich nur Araktſchejef geſtiftet, ſogleich verbeſſern. Wenn man eine Armee befehligt, wie Araktſchejef, muß man die alten und neuen Elemente, die in dieſem Organismus etwa noch ſtreiten, mit der Vorſicht eines klugen Arztes, aber nicht mit der unbedachten Haſt eines Neulings, zu würdigen und zu behandeln verſtehn. So kann nur Gleichgewicht und vollſtändige Geſund heit wieder entſtehen, aber wenn man zur Aufhebung einer widerſpenſtigen Volksſchaar nur lauter alte Garden ausſchickt, wie der General Araktſchejef, ſo können uns nur die größten Mißhelligkeiten daraus entgegentreten. So hört mir jetzt aufmerkſam zu, Araktſchejef. Dort drüben an der Front der Grena⸗ diere ſteht ein junger Menſch, den wir ſchon in Gat⸗ ſchina gekannt haben. Er, war dort Lieutenant bei meiner Artillerie und ich habe ihn jetzt zum Capitain bei den Grenadieren ernanut. Der nette Junge heißt Conſtantonowitſch. Reite zu ihm hinüber, und überbringe ihm meinen Befehl. Er ſoll hundert der beſten Grenadiere auswählen, die er kennt, und mit ——— ain und 155 ihnen dort das Volk auf der Brücke verhaften und in die Stadtgefängniſſe abführen. Wenn es ihm ohne große Unbequemlichkeit möglich wird, ſoll er bei dieſer Gelegenheit auch einige Dutzend der Gar den, die dort mit dem gemeinen Volk in eine ſo ſelt ſame Luſt des Einvernehmens gerathen, mit oder ohne Kopf mitnehmen oder ihnen einige Zolle von der Gegend weghauen laſſen, wo ſo ſchlechte, dem Kaiſer und Reich zuwiderlaufende Regungen bei ihnen aufgekommen ſind. Bleich und zitternd, faſt jeder Haltung beraubt, verbeugte ſich General Araktſchejef vor dem Czaren, und lenkte dann ſein Pferd mit haſtigem Ungeſtüm zu der Front der Grenadiere hinüber, um dort den Befehl des Czaren ſogleich an den bezeichneten Mann gelangen zu laſſen.— Der Lieutenant Conſtantonowitſch, ein junger, leidenſchaftlich beweglicher Mann, hatte kaum den ihm überbrachten Befehl des Czaren verſtanden, als er ſogleich in eine flammende Thätigkeit gerieth und ſich in die Reihen der Soldaten ſtürzte, um von den ihm tauglich erſcheinenden Leuten hundert Mann um ſich zu ſammeln. Es geſchah dies in wenigen Minu ten und ſo unbemerkt und lautlos, daß man kaum 156 davon etwas hörte und ſah, und der Czar, der aus der Ferne höchſt aufmerkſam dieſen Vorgang beob⸗ achtete, gerade darüber vor Freuden heimlich in ſeine Hände klatſchte. Die ſo raſch gebildete Compagnie rückte dann, ihren jungen Führer an der Spitze, auf der Stelle aus und hatte mit fliegenden Schritten die Brücke erreicht, auf der ſich bald die faſt wunder⸗ baren Spuren dieſes Eintreffens zeigten. Der Czar folgte mit ſichtlicher Freude dieſer ganzen Entwicke⸗ lung, und nur Das ſchien ihm unbegreiflich zu ſein und mit einem unangenehmen Druck auf ſeinem Ge⸗ müth zu laſten, daß er auch den General Araktſchejef mitten in dieſer neuen Compagnie erblickt und den alten Krieger mit großem Eifer mitten in der von Conſtantonowitſch angeführten Schaar nach der Brücke ziehen zu ſehen geglaubt hatte. Auf der Brücke war aber jetzt ſchnell Blut ge⸗ floſſen, und bedeutende Verwundungen ſchienen in ungeheuerer Geſchwindigkeit ausgetheilt zu werden. Der Ort, deſſen tiefe und vieldeutige Stille vor Kurzem noch den Czaren ſo lebhaft geärgert, hallte jetzt von gewaltigem Geſchrei ünd tobenden und kla⸗ genden Ausrufungen wieder, und bald ſchien die Sache vollſtändig dem Befehl des Czaren gemäß — aus beob⸗ ſeine agnie auf ritten nder⸗ Czr wicke⸗ ſein Ge⸗ chejef den von rücke t ge nin erden⸗ halle dkl 157 geordnet und beigelegt worden zu ſein. Die Com⸗ pagnie des Conſtantonowitſch hatte ſich in verſchie denen Abtheilungen zerlegt, in deren jeder ein Theil des Volkes aufgenommen und fortgeführt wurde, und nur eine Menge Verwundeter und Erſchlagener ſchie nen auf der Brücke liegen geblieben zu ſein. Auch die Garden, die alten Freunde des Volkes, waren gleichmäßig von dieſem Schickſal betroffen worden und wurden theils mit den Gefangenen abgeführt, theils gehörten ſie zu den auf der Brücke liegen ge bliebenen Todten. Es war jetzt auf dem Platze eine dumpfe, furcht bare Stille erwachſen, in der jedoch nur Gehorſam und Bewunderung für den neuen Czaren ſich ſtark und tiefgreifend auszubreiten ſchienen. In den von neuem entſtandenen frohlockenden und herzlichen Aus rufungen für Paul war der dunkle und raſche Vor— fall ſogleich wieder vergeſſen worden und Paul, der jetzt nur an die Beendigung des Trauergottesdienſtes in der Kirche dachte und mit Ungeduld zu den noch immer geſchloſſenen Pforten derſelben hinüberblickte, wurde in dieſem Augenblick faſt erſchüttert, als er plötzlich, ſeinen Blick auf ſeine Umgebungen zurück fallen laſſend, den General Araktſchejef wieder neben 158 ſich ſtehen ſah, aber mit einer halbverbundenen Kopf⸗ wunde, aus der noch große Blutstropfen reichlich über ſeine Wangen und Kleider herniederfloſſen. Araktſchejef hatte den Czaren mit einer ruhig⸗ lächelnden Ehrfurcht gegrüßt, obwohl die neue Wunde, die er am Kopfe trug, ihn theils zu ſchmerzen, theils dem Czaren gegenüber ihn in eine gewiſſe Verlegenheit zu ſetzen ſchien. Der General des Czaren Paul hat in den Pöbel⸗ handel auf der Brücke hineingepfuſcht? fragte der Czar'mit einem ungemein ſtrengen, faſt zornigen Ge⸗ ſicht, indem doch zugleich die Spuren einer heimlichen inneren Bewegung ſich in ſeiner Miene und in ſeiner faſt zitternden Stimme ausdrückten. Ich bitte um Verzeihung und Gnade, Czar! rief Araktſchejef, ſich bis' zu den Füßen des Czaren her⸗ unterneigend. Den alten Zaunkönig Araktſchejef hatte die Luſt befallen, ſich wieder einmal wie ein junger, für ſeinen Czaren in den Tod gehender Soldat zu benehmen, und wahrhaftig, lauter ſolche Leute hatte der niedliche Junge Conſtantonowitſch, den dieſer Befehl des Czaren verherrlichte, wie im Nu um ſich geſammelt. Ich ſtelle mich daher unter ſein Com⸗ mando mit einem Stolz, als wenn mich weiland öbel⸗ der Ge⸗ lichen ſeiner rief her⸗ hatte inget, t z hutt dieſer nſich Com⸗ 159 Mars ſelber zum Abſchießen meiner Büchſe führen wollte, und kaum bin ich mit den übrigen Grena⸗ dieren, ganz wie ihresgleichen, auf der verfluchten Brücke angelangt, und helfe das Ding machen, als mir auch ſchon der ſcharfe Degen eines Gardiſten gegen den Kopf fährt, und mich faſt taumeln macht. Es war Einer von den Kerlen, die ich ſelbſt aus Unbedachtſamkeit und als alter dummer Eſel auf die Brücke geſchickt und wodurch ich Eurer Majeſtät, die jetzt ſo viel Beſſeres und Größeres zu thun haben, den Aerger eingeflößt. Zwar gab ich dieſer Canaille unmittelbar darauf den Tod, aber ich habe doch zu⸗ gleich für die Thorheit, die ich begangen, meine nicht gerade ſehr ſchmeichelhafte Strafe gebüßt. Jetzt aber ſteht Alles wieder gut, hoher Czar, das Volk jubelt in ſeiner richtigen Erkenntniß ungeſtört weiter, und Rußland wird ein großes Land und eine große Na⸗ tion werden! ſo klingt und ſingt es heut in jedem Ruſſenherzen. Aus den Augen des alten Generals ſanken jetzt einige flüſſige Tropfen herab, deren Anblick den Cza⸗ ren betroffen und bewegt zu machen ſchien. Eine innige Rührung war bei den letzten Worten Arakt⸗ ſchejefs auf ſeinem Geſicht hervorgetreten. Er ſtreckte 160 jetzt raſch dem Alten die Hand hin, und da Araktſchejef noch in ſcheuer Zurückhaltung zitterte, zog ihn Paul mit einer herzlichen Umarmung an ſich, und hielt ihn einige Augenblicke lang umfaßt. Die Zunächſtſtehenden und die Volksmenge auf dem ganzen weiten Platze ſahen dieſem ergreifenden Anblick mit einer tiefen Be⸗ friedigung zu. In dieſem Augenblick hatten ſich die Pforten der Kirche geöffnet, und man ſah, daß die Czarin, nach der zu Ende gebrachten Feierlichkeit, im Begriff war herauszutreten. Bald erblickte man Maria Feodorowna, umgeben von den ſie begleitenden Damen, auf dem . Platze, und ihre klare ſchöne Perſönlichkeit erregte wieder Bewunderung und Entzücken bei Allen, welche die Czarin ſahen. Maria hatte nie ſo glücklich und freudig ausgeſehn als in dieſen Tagen, in denen Paul endlich ſein Ziel erreicht und in ſo mächtiger und liebenswürdig befriedigender Art Kräfte und Fähig⸗ keiten darlegte, die man früher nie in ihm erkannt, niemals von ſeinem Weſen hatte gewärtigen wollen. Von dieſen herausgetretenen Kräften und Fähigkeiten hatte ſich Maria Feodorowna jetzt entzückend angeregt und erhoben gefühlt, und ihre frohen, ſelig ſich auf⸗ ejef mit ihn nden latz wa wna, deln regte velche und Paul und hig⸗ kannt, ollen⸗ teiten geregt auſ⸗ ſchlagenden Blicke ſuchten ſogleich die Geſtalt des Czaren, als ſie jetzt aus der Kirche heraustrat. Der Czar war bei ihrem Anblick von ſeinem Pferde abgeſtiegen und hatte daſſelbe in den Händen ſeines Oberbereiters, des jungen Pfannenſchmidt, zurück⸗ gelaſſen. Dann begab er ſich mit einem angenehmen Behagen, wie es ihn ſelten erfüllt hatte, der Czarin entgegen, die in dieſem Augenblick, wie ihm ſchien, einen ſo mächtigen und hinreißenden Eindruck auf das Volk hervorbrachte, daß es den Czaren ſelbſt zu er greifen und zu entzücken ſchien. So manche Aerger⸗ niſſe, die er grade in der letzten Zeit wieder an ihr genommen, wollten jetzt ganz von ſelbſt wieder in ſein Innerſtes zurückfließen, denn er konnte ſich jetzt nicht bergen, daß ſeine Maria Feodorowna eine über⸗ aus ſchöne, die Hoheit mit dem Reiz vermählende Czarin ſei, und daß ſie, ſeitdem ſie mit ihm auf den Thron Rußlands erhoben worden, zugleich eine tiefe Würde in ihre Natur aufgenommen, die ſich mit ſeinen eigenen Wirkungen und Abſichten kräftig und ihn ergänzend verbinden wollte und dabei auf eine wahrhaft bezaubernde Weiſe ſo unendlich viel Anmuth und Heiterkeit zu entfalten ſtrebte. In dieſen Empfindungen, die den Czaren unwill⸗ Th Mundt, Czar Paul. 2. Abthl.. 11 162 kürlich überraſchten und umdrängten, hatte er mit einer ſo großen Innigkeit und Aufrichtigkeit, wie ſie der Czarin ſelten von ihm entgegengetreten, ihr ſei⸗ nen Arm dargeboten und ſie zu ihrem Wagen ge— führt, der ſchon zu ihr herangefahren kam. Er beur laubte ſich dann von Maria Feodorowna mit einer milden Herzlichkeit und ſagte, ihr zum Abſchiede leiſe und heimlich die Hand drückend: Wir werden uns heut Abend erſt etwas ſpät im Palais wiederſehen, Czarin! Ich denke einen kleinen Spazierritt zu un⸗ ternehmen und habe dann meine Wachtparade, verbun⸗ den mit einem andern Geſchäft. Aber ich denke jedenfalls zur rechten Zeit für unſere heutige Abend— geſellſchaft zurückzukehren. Denn wir haben ja heut unſern erſten großen Cirkel, Czarin, oder vielmehr unſere Cour, um ordentlich in der Handwerksſprache zu reden. Da werden lauter große und geputzte Leute kommen, und es wird gut ſein, daß ich vorher noch in die Luft reite, um einen recht aufgeräumten Kopf zu haben und ein recht vernünftiges Wort mit⸗ reden zu können. Intereſſanter wäre es mir freilich, die Hafenarbeiter von Petersburg bei mir einzuladen und mit ihnen Einiges von ihrem Geſchäft zu ſpre⸗ chen, denn dieſe Leute ſind angenehm und merkwürdig 163 und ich habe ſie lieber als die goldſchimmernden, hochmuthfleckigen, naſeweiſen Oelgötzen. Die Czarin grüßte ihn jetzt bei ihrer Abfahrt mit einer liebevollen, faſt kindlichen Gebärde, auf welche iedoch die Trauer⸗Andacht, welche ſie ſoeben für ihren geliebten Vater gefeiert, einen leiſen Schatten brei⸗ tete. Paul winkte jetzt dem jungen Pfannenſchmidt, ihm ſein nunmehr wieder ganz ruhig gewordenes Pferd, das ſich vielmehr dem Czaren lebhaft ent— gegenzufreuen ſchien, vorzuführen, und kündigte dem Manne zugleich an, daß er ihn auf einem Spazier⸗ ritt nach dem Luſtſchloß Cacina, wo zugleich der kai— ſerliche Marſtall ſich befand, unverzüglich begleiten ſolle. Der junge Oberbereiter, der ein Mann von äußerſt gewandtem und anmuthigem Weſen war, ob wohl ihn zugleich eine große Verſchlagenheit kenn zeichnete, pflegte dieſe große, ihm jetzt ſo häufig wi⸗ derfahrende Gnade, den Czaren auf ſeinen Spazier⸗ ritten begleiten zu dürfen, ſtets mit einem lebhaften und ſchwärmeriſchen Entzücken aufzunehmen, aber heut hatten Ton und Miene, womit ihm der Czar dies ankündigte, etwas ſo Sonderbares und Befrem dendes für ihn, daß der iunge Menſch faſt erbleicht 164 war und mit einer Art von Beſtürzung den Czaren anblickte. Jetzt waren auch noch, in dem Augenblick, wo der Czar ſein Pferd beſtieg, der General Araktſchejef und der Staatsrath Jwan Paulowitſch Koutaitzow um ihn herangetreten. Als der Czar dieſe beiden Getreuen erblickte, ſchien ihm raſch Etwas einzufal⸗ len, das von beſonderer Wichtigkeit für ihn war. Hört, ſagte er, ich werde in einer Stunde wieder zurückkommen, und denke dann noch eine Wachtpa⸗ rade auf dem Hofe des Winterpalaſtes abzuhalten. Wir haben heut Morgen nichts Ordentliches ge macht, die Kälte und Rauhigkeit des Wetters mag allerdings faſt zu ſtark geweſen ſein, und Ihr ſeid mir Alle noch nicht recht dazu gewöhnt, ſolche Abge ſchmacktheit, die man kaltes Wetter nennt, als gar nicht vorhanden ſeiend zu nehmen. Meine neue Inſti⸗ tution, welche wir die Wachtparade genannt haben, wird Euch auch darüber bald die Augen öffnen und Ihr werdet mir daraus als kräftige, neue, geſunde Ruſſen, die im Geſetz und in ihrer eigenen Selbſt ſtändigkeit und Freiheit erſtarken, erſtehen. Wir wol⸗ len darum heut Abend noch einmal eine Wachtparade abhalten, und ich trage Euch Beiden auf, bis zu mei⸗ wen wo hejef itow eiden 165 ner Rückkehr recht gründlich Alles dazu vorzubereiten. Mit den militairiſchen Angelegenheiten, die wir zu beſorgen haben, ſoll ſich dabei auch immer mehr alles Politiſche und Alles, was unſere neuen Ein⸗ richtungen im Staat betrifft, zu verbinden haben. Zur heutigen Wachtparade werdet Ihr mir auch den alten Marſchall Souvarow vorführen. Er erweiſt ſich nicht als ein Freund meiner neuen Militairmaß⸗ regeln und ſtatt mir zu helfen, könnte er leicht ein⸗ mal auf den Gedanken kommen, mir zu ſchaden. Denn auf die Einfälle ſolcher alten Narren darf ſich nie verlaſſen! D mai er Czar nahm die tiefen und eifrigen Verbeu⸗ gungen, mit denen Araktſchejef und Koutaitzow dieſe Befehle angehört, für genügende Rückäußerungen an, und ſprengte dann ſogleich auf ſeinem wie mit ſtar⸗ ken Flügeln einſetzenden Pferde von dannen. Un— mittelbar hinter ihm folgte dem Czaren genau in demſelben Trabe der junge Pfannenſchmidt, der ſei⸗ nem ganzen, plötzlich ſo auffallend heruntergedrückten Weſen nach noch immer über die eigentlichen Ab⸗ ſichten des Czaren beunruhigt ſchien. Der Weg, der nach dem ſchönen Luſtſchloß Ca⸗ eina führte, war eine den Wald raſch durchziehende 166 Straße, die mit großen, herrlichen Bäumen und Pflanzungen geſchmückt war. Kaum hatte Paul dieſe Straße erreicht, als er ſich mit einer halben Kopfbewegung umwandte, wodurch er ſeinen Ober— bereiter Pfannenſchmidt zu ſich heranwinkte, um un— mittelbar an des Czaren Seite weiter fortzureiten. Der junge Mann ſenkte nachdenklich ſeine Blicke, als er jetzt an des Czaren Seite ritt und Paul noch immer mit keinem einzigen Wort ſich gegen ihn ge⸗ äußert hatte. Pfannenſchmidt hatte ſich ſonſt der Gunſt ſeines Herrn in einem bevorzugten Grade rühmen können, und wenn er auch ſelbſt durch die große Liebenswürdigkeit und Gefallſamkeit ſeiner Perſon und durch ſeinen ſtets angenehmen und ge ſchmeidigen Charakter, wie auch nicht minder durch eine ihn zu vielen anregenden Geſprächen mit dem Czaren berechtigende Bildung ſeines Geiſtes, dieſe Gnade geſtattet hatte, ſo war doch zugleich und offenbar eine immer ſtärker werdende Liebhaberei des Czaren Paul dabei im Spiele. Paul hatte erſt vor einiger Zeit den jungen Nürnberger, welchen der Fürſt Youſſoupow als einen meiſterhaften Bereiter ſich aus Deutſchland mitge bracht, bei einem Wettrennen in Petersburg kennen igen inen tge men 167 gelernt, und ſogleich eine große Neigung für den wahrhaft ſchönen jungen Mann gefaßt, der in der Lieblingskunſt des Czaren ſo Ausgezeichnetes leiſtete. Seitdem Iwan Paulowitſch Koutaitzsw dem Czaren in dem höheren Staatsdienſt abgegangen war, zu dem ihn ſeine plötzliche, nicht minder von dem Czaren beeinflußte Entwickelung aus einem Träumer und Wildfang ſo ſehr beſtimmt hatte, war dem Czaren keine Perſönlichkeit erſchienen, die ſo geeignet geweſen wäre, jenen früheren Jwan Paulowitſch bei ihm zu erſetzen und in deſſen gefällig erheiternde Wirkſamkeit bei ihm einzutreten. Zugleich ergötzte den Czaren Manches in den Aventüren des jungen Pfannenſchmidt, der ſeit ſei nem Aufenthalt in Petersburg, und beſonders an dem für Liebe und Vergnügen ſo empfänglichen Czaren hofe, bereits Siege der wunderbarſten Art gefeiert hatte und faſt täglich neue Verlockungen erhielt, ſich auf die glänzendſte Weiſe bei berühmten Schönheiten von Petersburg und oft bei den bedeutendſten Damen des Kaiſerhofes belohnt und anerkannt zu ſehen. Faſt war Czar Paul dabei der Meinung geworden, daß die deutſche Natur ſeines neuen Lieblings in dieſen Angelegenheiten der Liebe eine ebenſo reiche und 168 feuerverbreitende Wirkung ausübe, als vorher die ottomanniſche Art ſeines guten, leider ſchon zu altern beginnenden Paulowitſch. Wenn aber Paul über die vielfachen Verhältniſſe des intereſſanten Pfannenſchmidt mit den Damen ſeines Hofes niemals erhebliche Bedenken gezeigt, ſondern alle ihm darüber zugekommenen Nachrichten ſtets nur zu ſeiner großen Beluſtigung aufgenommen hatte, ſo war er dagegen zu gar keiner entſchuldigen⸗ den Nachſicht geneigt, als ſein vielſeitiger Oberberei⸗ ter ſeit einiger Zeit auch in die Häuſer des Volkes drang und die Familienverhältniſſe der kleinen Leute zu zerrütten begann. Pfannenſchmidt glaubte ſich daher auch in dieſem Augenblick in ſeiner Ver⸗ muthung nicht zu trügen, daß durch Anſtände ſolcher Art die düſtere und faſt bedrohliche Stimmung des Czaren gegen ihn heraufbeſchworen worden ſei. Wir reiten nach Cacina, Pfannenſchmidt! ſagte der Czar jetzt mit einem ſehr ernſten, mühſam und unangenehm hervorgebrachten Ton. Es iſt ein Ort, wohin Du früher wohl jeden Tag Dich begabeſt, und wo Du jetzt wohl ſeit mehreren Wochen nicht ge⸗ ſehen worden ſein ſollſt. Selbſt die Aufſicht über unſern dortigen Marſtall haſt Du ſeitdem liegen 169 laſſen und einen Andern zur Wahrnehmung Deiner eigenſten Dienſte dorthin geſandt. Daß das Pferd heut auf dem Platz vor der Kirche ſo ſchlecht ging, entſprang wohl aus ſeiner letzten mangelhaften Be⸗ ſorgung, und könnte leicht als ein Dienſtverſäumniß des Pfannenſchmidt aufgeführt werden. Mich, den Czaren, will aber bedünken, als ob den Kaiſerlichen Oberbereiter Pfannenſchmidt eine noch viel härtere Schuld träfe, weshalb er ſeit Wochen nicht mehr nach Cacina geritten iſt. Es giebt noch bei weitem ſchlimmere Verſäumniſſe, als die des Dienſtes. Kennſt Du ſolche, Pfannenſchmidt? Ein heftiger Schreck malte ſich auf Pfannen— ſchmidts Geſicht. Er ſah einen Augenblick bleich und bekümmert aus, ſchien ſich aber mit der ihm eigenen Gewandtheit raſch wieder gefaßt zu haben. Es iſt wahr, Kaiſerliche Majeſtät, ſagte er, den Blick ſchlau zur Seite wendend, es giebt auch Ver⸗ ſäumniſſe des Herzens, bei denen man noch mehr verlieren kann, als bei den Verſäumniſſen des Dien⸗ ſtes. Auf den innigſt Euch gehörenden Diener des Czaren würde indeß dieſe Philoſophie nie recht an⸗ wendbar werden können, denn Dienſt und Herz ſind für ihn ganz dieſelben und ſich zuſammenſchließenden 170 Begriffe geworden, und er würde, wenn er den Dienſt verſäumte, ſein eignes Herz zu Grunde richten. Pfannenſchmidt glaubte ſich am beſten aus dem ihn erwartenden Sturm, wie er ihn befürchtete, her auszureißen, wenn er geſpitzte Wortmachereien ver ſuchte, die den Czaren oft anzogen, und, wenn es gelang, ihn damit in ein pikantes Widerſpiel philo ſophiſcher Sätze hineinzuziehen, ihn von allen andern Abſichten plötzlich wegwenden konnten. Der Czar war aber heut merkwürdig praktiſch und ſtreng. Wenn man ſoviel mit Frauenzimmern zu thun hat, wie Du, Pfannenſchmidt, ſagte er dar auf faſt mit Heftigkeit, ſo weiß man doch nicht recht, wem der Dienſt, und wem das Herz gehört. Der P 8 3 Kaiſer kann dann ebenſo leicht um den Dienſt, wie das Frauenzimmer um das Herz des Galans kommen. So haſt Du es in Cacina gemacht, wohin wir jetzt reiten wollen. Was hilft uns die Philoſophie, Pfan⸗ nenſchmidt, wenn man kein ordentlicher und ehrlicher Mann bleibt? Der Czar ſchien jetzt in eine ſo leidenſchaftliche Erregung zu gerathen, daß er ſeine Sporen heftig in die Weichen ſeines Pferdes treten ließ, und dann ganz allein eine ziemliche Strecke Weges auf der uſt em er er ilo ern ern ar ht, Nr as en. etzt n che tig un 171 Landſtraße zurücklegte. Pfannenſchmidt beſtrebte ſich aber ſogleich, den Czaren wieder zu erreichen, und ritt mit einer Bitte um gnädige Verzeihung zu ihm heran. Dieſe Bitte wurde zunächſt ſo angebracht, als wenn ſich der Diener bei dieſer Entfernung vom Czaren verſchuldet fühle; ſie konnte aber auch die anderen vorliegenden Vergehen Pfannenſchmidts, welche der Czar im Sinne trug, betreffen. Wir werden jetzt binnen einer Viertelſtunde in Cacina angelangt ſein, ſagte der Czar, nachdem er düſter in die Ferne hinausgeſpäht hatte. In einer Viertelſtunde kann oft eine große Schlacht gewonnen, eine große Sache im Rathe der Krone entſchieden werden. Denkſt Du von hier in einer Viertelſtunde verheirathet ſein zu können? Du würdeſt dadurch wieder ein ehrlicher Mann in Cacina werden, und auch Dein Lzar hätte wieder einen ehrlichen Direktor ſeines Marſtalls in Cacina an Dir? Dann erſt wären wieder Dienſt und Herz, wie Du ſagſt, die ſelben und ſich zuſammenſchließenden Begriffe ge worden. Die ehrbaren Frauen in Cacina könnten ſich wieder mit Sicherheit auf der Gaſſe zeigen, und meine Pferde würden wieder anſtändige Thiere wer 172 den, um auf dem Platz vor einer Kirche auf ihnen reiten zu können! Da ich Alles kann, was der Czar mir zu be⸗ fehlen die Gnade hat, antwortete Pfannenſchmidt mit einem halben Lächeln, ſo würde ich auch wohl binnen hier und einer Viertelſtunde heirathen können. Aber die Kirche in Cacina iſt jetzt bereits geſchloſſen, und der Prieſter, den ich ziemlich gut kenne, ſitzt im Klo⸗ ſter bei den Mönchen und leert mit ihnen einen guten Humpen. Du wirſt Dich getäuſcht ſehen, Pfannenſchmidt, erwiederte der Czar, indem er über das ihm bereits wieder gefallende Weſen ſeines Oberbereiters lächelte. Ich habe den Prieſter beſtellen laſſen, die Kirche wird geöffnet ſein, wenn wir kommen, und die ſchöne Braut wird vor dem Altar ſtehen und Dich erwar⸗ ten. Und Du wirſt dazu als glücklicher Bräutigam recht pünktlich bei Deiner Braut eintreffen. Ich gebe Dir mein Wort darauf, Pfannenſchmidt. Die Braut? fragte Pfannenſchmidt mit einem halb erſchrockenen halb neugierigen Ton. Die Braut? entgegnete der Czar raſch und heftig. Sie iſt ein ſehr anmuthiges blondes Kind, und ich habe ſelten ſo ſchöne blaue Augen geſehen wie die dt mit binnen Aber und Hlo⸗ einen chmidt, bereits ichelte. wird ſchöne erwar⸗ utigmn 3 einen heftig d ich ie die 173 ihrigen. Schlank, groß und ernſt, macht ſie einen erfreulichen und edeln Eindruck. Es iſt eine Schande für die Geſellſchaft, wenn ihr Unrecht und Gewalt geſchehen kann. Sie heißt Maria Metſchansky. Mein Gott, ſie iſt ja die einzige Tochter meines Hofgärtners in Cacina. Aber ſie ſcheint mir zugleich ein ſo ernſter und ſtrenger Charakter zu ſein, daß ich mich wundern muß über den Sieg, den Du über ein ſo ſtolzes und nichts weniger als leichtfertiges Mäd chen davon tragen konnteſt. Euere Majeſtät kennen dieſe Maria Metſchansky? fragte Pfannenſchmidt mit einem bangen ſchleppen— den Ton. Sie war heut bei mir im Palais, erwiederte der Kaiſer. Das arme Mädchen hatte Mittel gefunden mir vorgeſtellt zu werden, und benutzte die ihr be willigten Minuten, um ſich mit einer wahren Todes angſt über Dich zu beklagen. Du haſt nichtswürdig an ihr gehandelt, und ſie hat mir die ganze Geſchichte ihres Falles und Deiner Treuloſigkeit erzählt. Du haſt Dich nicht wieder in Cacina blicken laſſen, nach dem ſie Dir ihre Ehre geopfert hatte. Sie ſagte mir, daß Du in den Armen einer Andern ihres Un glücks geſpottet habeſt. Solche Diener kann und 174 werde ich in meinem Dienſt nicht leiden, wenn ſie mir auch ſonſt Angenehmes zu leiſten im Stande ſind. Es kommt ein neues Czarenreich heran, in dem die Leute nicht mehr leben und geehrt ſein kön⸗ nen, welche ſich wie gemeine Hunde und grauſame Wölfe betragen wollen. Man muß gut und hülfreich gegen einander ſein, wenn man verlangen will, daß der Czar gut und hülfreich ſei. Schlechte Männer werden keinen guten Czaren haben können. Schlechte Männer ſoll und wird es in einem Czarenreich nicht geben, das zu Paul dem Erſten, ſeines Glückes neuem Hort, ſich bekennt, entgegnete Pfannenſchmidt, mit einem langſamen, vorſichtig prü fenden Blick zum Czaren. Aber ſchlechte Frauen giebt es oft im beſten Reich und unter den außer ordentlichſten Fürſten. Warum iſt man nicht immer gerade ein Schuft, wenn man eine Frau ſchlecht be⸗ handelt? Der Czar ſtutzte und ſah ſeinen Günſtling einen Augenblick lang mit verwunderter Miene an. Es war dies wieder einer von den Sätzen, denen Paul mit ſeinen Gedanken nicht widerſtehen konnte, und auf die er ſogleich lebhaft eingehen mußte. Es iſt wahr, Pfannenſchmidt, ſagte er nach einer — 75 kurzen Pauſe, den Frauen gegenüber hat man immer eine ganz beſondere Stellung. Je mehr Rechte man ihnen einräumt, deſto leichter kommt man in die Ge fahr, ſeine eigenen Rechte an dieſes wunderliche Ge ſchlecht zu verlieren. Es iſt eine Art Heimſuchung des Mannes, daß die Kapriolen der Frau für ihn exiſtiren. Es wäre beſſer, er hätte nur mit Beſtien zu kämpfen. Dann würde er ſeine Manneskraft be halten und ſich nicht an Weſen anſchließen, die ſchon mit ihrem Lächeln ihn umgarnen zu können glauben und ihn auf die Bank ſchöner Redensarten ſtrecken, auf der ſie ihn mit Freundlichkeit und Laune durch bläuen. Pfannenſchmidt warf dem Czaren einen trium phirenden Blick zu und ſagte dann freudig lächelnd: Je geringer eine Frau ſteht, deſto nützlicher kann ſie eigentlich dem Manne werden. Die Frau iſt die beſte, welche man jeden Augenblick wieder von ſich fortjagen kann. Und am nützlichſten und ehrlichſten handelt man dann vielleicht gar, eine ſolche Frau lieber erſt gar nicht zu nehmen. Wenn man es rein als Philoſoph betrachtet, möchte dies vielleicht ein ſehr kluger Streich ſein, entgegnete Paul mit einem ſeltſamen Lächeln. Es kann allerdings 176 Frauen geben, die man nur deshalb ſich zugeſellt, um ſie bald wieder von ſich zu jagen. Man wirft ſie plötzlich einmal zum Fenſter hinaus, und wenn man ſie nachher zufällig auf der Erde wiederfindet, machen ſie einen höchſt unangenehmen Eindruck auf uns, und man hebt ſie nicht wieder zu ſich empor. So ergeht es mir mit der guten Nelidow. Andere Frauen ſind Bildniſſe, die man ehrt und duldet, wenn ſie in einer Kapelle uns umgeben. Im Leben iſt man oft in der größten Verlegenheit mit ihnen, aber man würde doch etwas Eigenes in ihnen verlieren, das unſern Willen oft höchſt wunderbar beſtimmt und ſpannt, und uns, wir wiſſen nicht wie, in einer fortwährenden Be wegung und Befriedigung erhält. Das ſind Dinge, mit denen Jeder rechnen muß, ſoviel er kann. Man kann aber am Ende nicht Alles, was man will. Je⸗ denfalls iſt es doch beſſer, eine Frau zur rechten Zeit von ſich zu jagen, als ſie lieber gar nicht zu nehmen. Es giebt Pflichten, denen ſich ein ordent⸗ licher Mann nicht entziehen kann und darf. Man hat einer Frau zu nahe gethan, und wenn man kein Lumpenhund iſt, muß man ihr eine Art von Genug⸗ thuung erweiſen. Man geht in die Kirche, wie Pfan⸗ nenſchmidt jetzt auf der Stelle thun wird. Man läßt — 177 ſich durch einen Prieſter mit einem ſolchen Frauen⸗ zimmer trauen und nachher hat man erſt ein Recht, ſie wieder von ſich zu jagen. Der Mann iſt am allermeiſten der Sklave ſeiner Pflicht, aber was er um ihretwillen thut, wird ſeiner Freiheit und Unab hängigkeit eher helfen, als daß es ſie gefährde! Der Czar ſchwieg. Es ſchien ihm ſichtlich wohl zuthun, daß er ſich einmal ſo recht im Zuſammen hange und ganz nach ſeinem Herzen hatte ausſprechen tönnen. Und Pfannenſchmidt ſagte jetzt ganz ruhig und beſcheiden: Der Befehl des hohen Czaren ſoll jetzt von ſeinem getreueſten Diener ſogleich erfüllt werden. Dem Czarenwort zu gehorchen, wird mir erſprießlicher und lohnender ſein, als mir der über flüſſige Beſitz eines Frauenzimmers Schaden bringen kann. In derſelben Kirche wollen wir dann einige Monate ſpäter, denn ich glaube, die Zeit dazu iſt reichlich vorgerückt, auch Maria's zukünftigen Spröß ling recht ſauber taufen laſſen. In dem neuer Czarenreich ſollen auch Kinder dieſer Art glücklich werden und ihren gerechten Namen erlangen. Es iſt wahr, wer ordentlich ſeine Pflicht thut, hat einen bei weitem ſtärkeren Halt in ſich und iſt vielmehr der rechte Mann dazu, bei der nächſten Gelegenheit Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 11 12 178 auch einmal wieder darauf losgehen zu können und den Baum zu fällen, wo er gerade im Wege ſteht. Gerade in dieſem Augenblick waren die Reitenden in Cacina angelangt, und der ſchöne, im Walde ver ſteckte Luſtort umgab den Czaren und ſeinen Diener plötzlich mit ſeiner ſchönen romantiſchen Natur. Paul ritt eiligſt an dem Schloſſe vorüber, in dem er ſonſt mit großer Vorliebe einzukehren und vorübergehenden Aufenthalt zu machen pflegte. Er begab ſich ſogleich an dem Schloſſe vorüber, und ritt der naheſtehenden Kirche zu, aus welcher ganz deutlich in dieſem Augen⸗ blick feſtliche Glockentöne herüberklangen. Pfannen⸗ ſchmidt war dem Czaren mit dem Anſchein der größ⸗ ten Ergebung gefolgt und ſein intereſſantes anmuthiges Geſicht begann jetzt ſogar eine Zufriedenheit auszu⸗ drücken, die dem genau darauf achtenden Czaren wohlgefiel. Paul war an der Thür der Kirche von ſeinem Pferde herabgeſtiegen, und übergab daſſelbe an Pfan⸗ nenſchmidt, der es mit dem ſeinigen an der Kirch⸗ hofsmauer feſtband. Dann traten Beide eiligſt in die Kirche, in welcher die ganze Gemeinde des Orts feierlich verſammelt zu ſein ſchien. Vor dem Altar ſtand Maria Metſchansky, in einem glänzenden Braut⸗ und nden ver ener ßaul ſonſt nden leich nden ugen⸗ nnen⸗ größ⸗ 179 ſchmuck, der die große Schönheit des Mädchens noch prächtiger herausgehoben hatte. Nur die ſchmerzliche, leidenſchaftliche Unruhe, mit welcher Maria fortwäh⸗ rend nach allen Seiten der Kirche umherſpähte und beſonders den Eingang derſelben zu beobachten ſchien, ſtörte das herrliche Bild und ließ in ihr angſtvolles Herz blickep. Hinter ihr ſtand ihr greiſer Vater, der alte Hofgärtner des Czaren, in deſſen bleichen gram⸗ vollen Zügen Leid und Hoffnung heftig wechſelten, und der Gedanke an eine glückliche Löſung des ent⸗ ſtandenen Unglücks noch zweifelhaft zu ringen ſchien. Jetzt aber ſtand plötzlich Pfannenſchmidt neben der Braut, die bis jetzt auf Befehl des Czaren ſo leid⸗ und vertrauensvoll ſeiner geharrt hatte. Es wurde zwiſchen Allen kein einziges Wort gewechſelt. Orgel⸗ töne und Geſang der Gemeinde hatten jetzt ſtärker anzuſchlagen begonnen. Der Prieſter hatte ſein Werk raſch begonnen und zu Ende geführt. Der Czar war ſo lange in der Kirche geblieben, bis die Trauung des Paares vollzogen worden. Dann ſchien es ihn eiligſt zum Aufbruch zu treiben, und nur der Bräutigam und die Braut hatten noch einen die Zufriedenheit und die Wünſche des Czaren zu erken⸗ 1 — 180 nen gebenden Gruß empfangen. Dann war Paul ſchon wieder draußen und beſtieg mit heftigem Unge⸗ ſtüm ſein Pferd. Allein, in raſender, leidenſchaft licher Eile legte Paul den Weg nach Petersburg zurück.— ſchaft II. Die Wachtparade. In Petersburg hatte der winterlich frühe Anbruch des Abends ſich ſchon geltend gemacht, als Paul wieder in ſeine Hauptſtadt eingeritten war und die Straßen zurücklegte, welche ihn zum Winterpalais führen mußten. Es war finſter und bedeutend kalt geworden, indem der Czar von ſeinem Pferde herab ſtieg und in das Palais eintrat, wo er nicht Ruhe ſuchen wollte, ſondern wo ihn eine ganze Fluth der neuen Geſchäfte erwartete. Durch den hohen, ernſten Palaſt begannen ſchon die großartigen und kunſtvollen Beleuchtungen zu flam⸗ men, welche faſt jeder Abend hier erforderte und die ſich um Vieles vermehrt hatten, ſeitdem der neue regierende Czar, der mit jedem neu ausgeſtreckten 182 Finger etwas Beſonderes in's Leben gerufen, ſeinen Wohnſitz im Winterpalais aufgeſchlagen. In den großen und weiten Höfen dieſes Palaſtes, die auf einer langhin ſich erſtreckenden Fläche mit ihren breiten Räumen ineinandergingen und einen un⸗ endlichen Raum für die militairiſchen Exercitien dar⸗ boten, hatte man bereits Fackeln und Lichter aller Art angezündet, um dem Befehl des Kaiſers zu gehorchen, der die Wachtparade, und Alles was dazu gehörte, noch für den heutigen Abend angeſagt hatte. Da dies zum Erſtenmal ſeit der neuen Einrichtung ſtattfand, ſo hatten Araktſcheief und der Staatsrath Jwan Pau lowitſch Kontaitzow ſich alle nur erdenkliche Mühe ge⸗ geben, die Schloßhöfe mit einer überſchwänglichen Kraft beleuchten zu laſſen und den neuen Schauplatz der Regierung in ein wahres Lichtmeer zu verſetzen. Denn nicht nur die neuen, vom Kaiſer angeordneten und zugleich von ihm ſelbſt gelehrten und in Gang gebrachten Exercir-Uebungen mußten genau geſehen werden, auch um viele einzelne Perſonen handelte es ſich bei dieſer Gelegenheit, die dem Czaren vorgeſtellt wurden, Berichte abzuſtatten hatten und Entſcheidungen, oft die wichtigſten, von ihm empfingen. Paul begab ſich zuerſt in großer Eile die Treppen „„ laſtes, e mit nun dar er Art rchen, hörte, adies fand, Pau e ge lichen uplat ſetzen. dneten Galg eſehen lte es eſtell ungel, eppen — —— 183 ſeines Palaſtes hinauf und unterſagte dabei jede Be gleitung ſeiner Diener, denn zur Abhaltung einer Wachtparade bedurfte er jedesmal der Anlegung eines andern Koſtüms, welches der Czar ſelbſt vorgeſchrieben hatte und das er faſt ganz allein, ohne irgend eine andere Hülfe, in ſeinem Ankleidezimmer anzuziehen pflegte. Als der Czar jetzt die Treppe hinaufſtieg, konnte er an einer Menge Menſchen, die ſich auf den erſten Stufen haſtig und wild zuſammengedrängt hatten, nicht ſo raſch vorübergelangen, als es eigentlich in ſeinen Wünſchen lag. Dieſe ihm entſtandene Beſchwerniß ſchien ihn jedoch zugleich zu vergnügen, und man ſah den Czaren, wie er jetzt behaglich ſtillſtand und ſich höchſt aufmerkſam alle die Perſonen betrachtete, die ſich um einen großen büchſenartig geöffneten Brief kaſten drängten, der ſeit einigen Tagen an dieſer Stelle der Schloßtreppe befeſtigt war. Seit dieſen Tagen hatte das Volk offenen Zutritt im Winterpalais erhalten, und die Thürſteher ließen Jeden eintreten, der einen Brief oder ein Schriftſtück irgend einer Art in jenen Kaſten hatte legen wollen. Denn der Czar wollte jetzt mit ſeinem ganzen Volke im Briefwechſel ſtehen, das hatte er gleich unter den erſten Gedanken und Einrichtungen ſeines Reiches 184 feſtgeſetzt. Jeden bei mir zu ſehen und zu ſprechen, werde ich wohl nicht erreichen können! hatte er damals geſagt. Aber die Briefe, welche man mir ſchreibt, werde ich alle leſen. Unter der Czarin Katharina wurde Jedermann in's Gefängniß geworfen, welcher die Kühnheit gehabt, ihr einen Brief unmittelbar zu ihren Händen zu überreichen. Ich will das abgeſtellt ſehen, denn es iſt doch immer eine gute Eigenſchaft für einen armen Ruſſen, daß er an ſeinen Kaiſer einmal ſchreiben will und ihm ein unglückliches Herz ausſchütten möchte. Ich denke mir, da müßte Merk würdiges herauskommen, worauf man bei der neuen Erbauung eines Reiches ſehr weſentlich Rückſicht neh— men könnte. Das Unglück des lebenden Volkes um uns her zu ſtudiren, muß doch mindeſtens ebenſo viele wichtige Reſultate für eine Regierung abwerfen, als wenn man unzählige Bände alter Aktenſtücke durchlieſt, und alle Politik der Verträge auswendig lernt. Ich werde das bekannt machen laſſen, und werde in der Zeitung anzeigen, daß ich alle mir zugehenden Briefe und Papiere des Volkes leſen will. Am andern Tage hatte eine ſolche Aufforderung des Czaren zum Briefwechſel mit ihm in der Zeitung geſtanden. 185 Jetzt ſah Paul von Neuem, wie tief und reich dies in den Willen und die Bedürfniſſe des Volkes griff. Er hatte ſich nicht verſagen können, einige Augenblicke unter dieſen um die Spalte des Brief⸗ kaſtens ringenden Leuten ſtehen zu bleiben und ihr ganzes Weſen einmal recht genau zu beobachten. Er fühlte ſich dabei einige Male von ihnen geſtreift und gepreßt, und dies veranlaßte ihn, genauer ihre Hände zu betrachten, die vor ihm und über ihn hinweg nach dem Briefkaſten langten. Der Czar ſah bei dieſer Gelegenheit Hände, die ungemein grob und hart ge— formt waren, aber ihm auch wieder merkwürdig wur⸗ den durch einen gewiſſen thatkräftigen und ehrlichen Ausdruck, der ihm ungemein wohlgefiel. Mit ſolchen Händen muß man regieren, kämpfen und handeln! dachte er plötzlich bei ſich ſelbſt. Dann betrachtete er ſich einige Geſichter, die ihm noch beſſer gefielen und anfangen wollten, ihm Freude zu machen. Er mußte aber jetzt eilen, ſich die Treppe weiter hinaufzubegeben, denn das um ihn her ſtehende Volk begann ihn bereits zu erkennen und ſchon drangen einzelne ſtürmiſche Jubelrufe ihm nach, als es ihm ſchon gelungen war, ſich oben in ſeine Zimmer zurückzuziehen. Der Czar eilte jetzt, ſeine Toilette zu verändern, 186 worin er eine große Leichtigkeit beſaß und nur der Hülfe eines einfachen Kammerdieners bedurfte. Es war hauptſächlich die neue dunkelgrüne Uniform, welche er ſich für die Wachtparade vorgezeichnet und die er bei einer jeden Art von Witterung, auch der härteſten und kälteſten, anzuziehen pflegte. Dazu kamen die groben, ſchweren Stiefel und ein großer gewaltiger Hut, um die Hauptbeſtandtheile der neuen Militair Erſcheinung des Czaren zu vollenden, in der er ſich frei, leicht und natürlich vorkam und in der er das Kriegshandwert mit den einfachſten und nachdrücklich— ſten Manieren und zugleich mit ſo großer Beweglichkeit betreiben zu können glaubte, daß das Militairweſen ſich eigentlich nicht mehr von den übrigen und politiſchen Regierungs⸗Geſchäften ſchied. Denn alles Andere, was den Staat betraf, ſollte bei dieſen Zuſammen künften zugleich mit vorgenommen und entſchieden werden. Der Czar wollte jetzt hier jeden Bericht empfangen, jeden Vortrag hören, jede Angelegenheit beurtheilen und endgültig abſchließen, und er wollte auf der Wachtparade nicht nur General, ſondern auch Staatsmann, allſeitiger Herr und Leiter ſeines ganzen Reichs, Chef aller ſeiner Bureaux und Kenner aller Dienſtzweige Rußlands ſein und in dieſem ganzen kder Es welche die er rteſten n die altiger litoir r ſich r das icklich ichheit n ſich iſchen dert, uen ieden enheit wollte auch anzel llet anzel 187 Betracht angeſchaut und wirkſam werden. Gewiſſer maßen zur Vermittelung dieſer beiden, noch zu ver einigenden Hälften der Herrſchaft ſchien der Stock zu dienen, welchen der Czar bei dieſer Gelegenheit in ſeiner Hand ſchwang. Es hatte etwas Seltſames, daß Paul, obwohl ſonſt ſtreng militairiſch gekleidet, doch einen Stock gewählt, um die Kraft ſeines Willens und ſeiner Anſichten damit zu erkennen zu geben. Aber die Handhabung dieſes Stockes drückte Alles, was Paul bei ſeiner neuen Wachtparade eigentlich be abſichtigte, mit einer ſo großen Beweglichkeit und Ein dringlichkeit aus, wie es der Czar mit keiner andern Waffe vollbringen zu können glaubte. Der Stock, mit welchem der Czar hier commandirte und Alles antrieb und bewegte, war kein ſo feſtes militairiſches Inſtrument, wie der an ſeiner Seite haftende, ſtreng angeſchnallte Degen, aber der Stock hatte nicht minder die Fähigkeit, ſich um Alles genau zu bekümmern, man konnte mit ihm, ohne ſogleich das Aeußerſte zu vollführen, Alles beunruhigen und Alles regeln, und dem Czaren war der Stock immer wie die Schreib feder vorgekommen, die einen weſentlich geſchäftlichen und die Angelegenheiten vorbereitenden, langſam för⸗ dernden Charakter für ihn hatte. 188 Der Czar hatte jetzt auch den Stock in die Hand genommen und kräftig einige Male geſchwungen, als ſich die Thür öffnete und ſeine drei Söhne„ Alexander, Conſtantin und Nicolaus, mit dem General⸗ Adjutanten des Czaren, in's Zimmer traten, um den Kaiſer zur Wachtparade abzuholen. Dieſe Abholung gehörte, nach dem Befehl des Czaren, bereits ganz beſtimmt zum Programm des Tages und Paul ſchien es angenehm zu ſein, jedesmal unter dieſer Begleitung zur Wachtparade hinunter zu gehen. Die Söhne des Czaren waren faſt ganz wie er ſelbſt gekleidet erſchienen und nur, wie er ſelbſt, den Stock in der Hand zu führen, hatte ihre geringere Würde und Stellung in der Armee noch nicht ver⸗ ſtattet. Auch die übrigen Herren durften ſich bereits dieſer neuen Uniform der Wachtparade bedienen, die dazu beſtimmt war, bald die allgemeine und ausſchließ⸗ liche Norm der militairiſchen Bekleidung in Rußland zu werden. Aber die ganze Sache war noch nicht vollſtändig klar und es war noch immer nicht gewiß, ob der Czar nicht noch einzelne Abzeichen, wiewohl man deren kaum an ihm bemerken konnte, für ſich ſelbſt aufbehalten wolle. Denn eigentlich hatte man an dem Czaren bis jetzt die Abſicht erkannt, daß alle Hand ungen, Söhne eneral m den holung ganz ſchien vie er den ingere ßland nicht ewiß, wohl ſich man alle 189 Ruſſen in ganz gleicher Kleidung ſich vor und neben ihm zeigen ſollten. Der Czar hatte ſich jetzt mit beſonderer Vorliebe ſeinen prächtigen Sohn Alexander zu betrachten ange fangen, der ihm ſtets ſehr am Herzen gelegen und der ihm jetzt in der Uniform der Wachtparade außer ordentlich wohlgefiel. Denn obwohl Paul in früherer Zeit oft eigenthümliche Befürchtungen von ſeinem erſten Sohn Alexander gehegt und eine Zeitlang ſogar vermieden hatte, ihn zu ſehen und ihm Mittheilungen zu machen, weil er denſelben in einem beſonders innigen und vertraulichen Verkehr mit der Czarin Katharina wußte und ihm manches Verdächtige, zum Theil gegen ihn ſelbſt, dabei vorbereitet zu werden ſchien, ſo hatte ihn doch die Liebenswürdigkeit des jungen Mannes ſeit Kurzem wieder vollſtändig beſiegt und zu einem wahrhaft zärtlichen Freunde ſeines Sohnes gemacht. Beſonders ſeitdem Paul Czar ge worden, hatte er die frühere Zurückhaltung gegen Alexander ganz vergeſſen, und er freute ſich jetzt nur, ihn ſo oft als möglich und recht genau und lange be trachten zu können. Die außerordentliche Schönheit ſeiner ſchlanken hoch heranwachſenden Geſtalt, die Milde und Grazie, die ſich auf ſeinem Geſicht und in 190 ſeinen Gliedern gelagert hatte, und worin Alexander ganz und gar das treue Bild ſeiner herrlichen Mutter Maria Feodorowna war, hatten ſtets für Paul einen wunderſam rührenden und bewegenden Zug darge⸗ boten. Dieſe neue Liebe, welche ſich für ſeinen Sohn und Nachfolger im Herzen Pauls kundgegeben, hatte ſeitdem auch auf den Prinzen Alexander wunderbar zurückzuwirken angefangen, und der Czar konnte, wenn er ihn ſah, nicht mehr auf den Gedanken kommen, daß zwiſchen ihm und Alexander gar keine Sympathie und keine Uebereinſtimmung der Anſichten herrſche. Der Czar ſelbſt fühlte ſich offenbar, ſeitdem er auf dem Thron ſeiner Väter ſaß und regierte, höher emporgehoben und fand ſich darum mehr als ſonſt auf einer Linie mit ſeinem ſchönen, ſtrebenden, an Idealen und Träumen hängenden Sohn Alexander. Der Czar hatte jetzt einen Bogen Papier von dem Tiſch genommen und übergab ihn dem Prinzen Alexan⸗ der mit einer ſehr freundlichen Gebärde. Es war der Ukas, welchen Paul am heutigen Morgen gezeichnet hatte und der am andern Tage veröffentlicht werden ſollte. Der Czar ſchwang ſeinen Stock, welchen er in den Händen hielt, in die Höhe und preßte den Knopf deſſelben mit einem ſo herzlich innigen Ausdruck tonder Mutter l einen darge⸗ Sohn hatte derbar wenn mmen, npathie errſche. er auf höher nſt auf dealen dem lletan⸗ 6 war eichnet werden den er te den sdrul auf das Papier, welches in den Händen des jungen Großfürſten zitterte, daß Alexander im höchſten Grade davon erregt wurde und mit freudeſtrahlenden Augen taumelnd den neuen Ukas las. Es war der Ukas, welcher unmittelbar nach dem Regierungs⸗Antritt des Czaren Paul den Großfürſten Alexander zum Czarewitſch des Reiches ernannte und als feierlich anerkannten Erben des Thrones im Vor⸗ aus beſtätigte. Was die Czarin Katharina ſtets zu thun verabſäumt hatte und was ſie bis auf ihren letzten Augenblick niemals zuließ, denn die Thronfolge Pauls war ſtets ungewiß geblieben und ſchon oft ſtand ſie im Begriff, ihren Enkel Alexander zu ihrem Nach⸗ folger erklären zu laſſen: das wollte Paul jetzt gleich zu Anfang ſeiner Regierung entſchieden, feierlich und geſetzmäßig beſtimmen und er wollte damit auf der Stelle die ganze Hoheit und Feſtigkeit ſeiner Herrſchaft an den Tag geben, indem er gewiſſermaßen Arm in Arm mit ſeinem Nachfolger den Thron der Ruſſen beſtieg. Der Großfürſt hatte zitternd und beſchämt die Augen auf ſeinen Vater fallen laſſen, und auf ſeine zarte Wange waren dunkelrothe, flammende Punkte herausgetreten. Er verneigte ſich in hinfließender De⸗ 192 muth und wollte eben ſeine Lippen öffnen, um dem Czaren und Vater den Dank ſeines Herzens zu be kennen, als Paul in dieſem Augenblick auf ſeinem ganzen Geſicht eine ſehr veränderte Stimmung aus drückte und dem Groffürſten einen Wink mit der Hand ertheilte, zu ſchweigen. Es ſoll mir dafür nicht gedankt werden! rief der Czar in einem ſtrengen Ton. Ich halte es für an ſtändiger, die ganze Herrſchaft des Hauſes auf Einmal hinzuſtellen und mit allen dabei vorkommenden Per ſonen der Czaren⸗Familie zu erklären. Während der Herrſchaft meiner Mutter kam ich mir ſelbſt beſtändig wie ein aus dem Neſt fallender Vogeél vor, und ich war oft in Gefahr, herauszuſtürzen und Jeden, der neben mir ſtand, mit mir auf die Straße hinunterzu werfen. Ein ſolches Verhältniß ſchadet der Herrſchaft und dem Volke zugleich. Darum wollte ich auf die ſelbe Weiſe nicht wieder anfangen. Darauf aber konnte es nicht abgeſehen ſein, blos dem Großfürſten Alexander eine Freude zu machen. Dies wurde auch keineswegs von mir erwarte mein hoher Vater, entgegnete Alexander mit einer ſchüchternen Gebärde, obwohl ein leuchtender Stolz über ſeine Stirn heraufzuſchweben ſchien. Ich werde 193 unter Euerer Herrſchaft, welche der gütige Gott ſegnen möge, nur das eine große Streben haben, ein guter zu und gehorſamer Unterthan zu ſein und darin denke ich als Prinz des Czarenhauſes etwas Nützliches leiſten zu können. Weiter begehre ich auch keinen Antheil an er Pand der Herrſchaft zu haben, und bin deshalb nicht über⸗ raſcht davon, daß meine Ernennung zum Czarewitſch tief der nicht mir, ſondern einzig und allein dem Begriff der fir un Herrſchaft gilt. Ich würde es niemals anders und kinna beſſer für mich gewünſcht haben. Per Es lag in dieſer Erklärung zugleich eine ſo männ⸗ end der liche und ſtarke Feſtigkeit, daß der Czar faſt einen eſtindin Anſtoß daran nehmen zu wollen ſchien, aber die hin⸗ und ie reißende und liebenswürdige Art, mit welcher der 1, de Großfürſt Alexander zu ihm herantrat und die Hand terzu des Czaren an ſeine Lippen zog, beſiegte ihn ganz und tſchaft gar und ließ ihn die Hand Alexanders länger und auf die inniger, als ſonſt, in der ſeinigen halten. f aber Und jetzt, meine ich, wird es Zeit ſein, endlich an füſten unſere Wachtparade zu denken! rief Paul nun mit inem frohlockenden Ton, indem ſeine Gebärden einen wnt hohen, faſt triumphirenden Charakter annahmen.— Meine Herren, vorwärts marſch! Zur Wachtparade! Suh Hinunter! Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. lI. 13 werde 194 Die großen weiten Höfe des Winter ⸗Palaſtes 9 Höf ſtrahlten bereits im Glanz der Fackeln und Lichter, 5 die auf denſelben überall und in großartigen Vorrich⸗ tungen angezündet waren. Eine große Menge Men⸗ ſchen ſtanden bereits an verſchiedenen Stellen umher, die Ankunft des Czaren erwartend, und anderswo ſah man viele Regimenter Soldaten umherſtehen, oder ſich auf einem ihnen eingeräumten Platz auf und nieder bewegen, in allerhand Exercitien und Marſchformen ſich übend, welche dem neuen, vom Czaren eingeführ ten und lebhaft betriebenen Reglement entſprachen. Im Hintergrunde, auf einem etwas erhöhten Punkt, erblickte man eine Loge, die durch ihre ganze Anlage und feinere Ausſchmückung ſich als für die Czarin beſtimmt erwies, und in welcher Maria der jetzt das Haupt intereſſe des Tages bildenden Wachtparade regelmäßig beizuwohnen pflegte. Auch heut Abend war die Czarin, umgeben von ihren Töchtern und andern durch ihren Rang ausgezeichneten Damen, bereits in dieſer von feierlicher Beleuchtung umſtrahlten Loge erſchienen und harrte ſehnſüchtig dem Erſcheinen Pauls entgegen, der jetzt mit einem heftigen Ungeſtüm und unter einem ungeheuren Jubelruf der ganzen ſich zu ihm wenden⸗ den Verſammlung aus dem Palais herausgetreten war. Uchter, zorrich Men umher, rachen. Punkt, age und ſtimmt Haupt Gin, h ihrel ſer von en und ppT en, e einem wendel 1 war⸗ 195 Es war ſeit einigen Stunden eine fürchterliche Kälte ausgebrochen, die durch einen höchſt unangeneh men und verletzenden Wind ſich geſteigert hatte. Aber dies hinderte den Czaren nicht, die Mütze abzuziehen und in ſeinem nackten und kahlen Kopf, wie er es von Anfang an bei der Wachtparade eingeführt hatte, ſo gleich zu den Geſchäften zu ſchreiten. Sämmtliche Generäle, die ſich ſogleich zu ihm gefunden hatten und den Czaren in einem großen Kreiſe umgaben, waren dieſem von ihm gegebenen Vorbilde gefolgt und ſelbſt die älteſten und ſchwächſten dieſer Herren, die ſonſt durch Gicht, Rheumatismus und Huſten zu allen mög⸗ lichen Verbrämungen und Verhüllungen ihrer Uniform genöthigt geweſen, ſchritten jetzt neben Paul in einer der ſeinigen völlig gleichen Uniform und ohne den wärmenden Pelz, welchen die in dieſem Betracht mild— herzigere Katharina den alten Herren ſtets geſtattet hatte, in ganz eiliger und munterer Beweglichkeit ein— her. Denn der neue Czar hatte es in dieſer Zeit zu oft ausgeſprochen, daß für einen ordentlichen Mann die Kälte gar keine Bedeutung haben dürfe und daß er Den für keinen rechten Ehrenmann, am allerwenigſten für einen guten Soldaten halten könne, der ſo friere, daß er es nicht mehr auszuhalten wiſſe und dabei ———————,—————————— 196 ſeine innere Feigheit und Schlechtigkeit durch eine armſelige Nachgiebigkeit gegen die Kälte verrathe. Der Soldaten- und Mannesmuth wollte daher von jetzt an auf Befehl des Kaiſers auch in der Verachtung der Kälte, die anſtändiger Weiſe nicht mehr wahrgenommen werden durfte, leuchten. Der Czar war jetzt ſogleich nach ſeinem Heraus treten aus dem Palais zu den Regimentern hinüber gegangen, denn die neuen Exercitien, die er ſelbſt leitete, mußten allen andern Geſchäften vorangehen und denſelben gewiſſermaßen erſt ihre würdige Unter lage und Einfaſſung ertheilen. Der Czar ſtand jetzt, umgeben von ſeinen Söhnen und ſeinen General⸗Ad jutanten, vor den Soldaten, welche heut in der neuen, von Paul aufgeſtellten Methode, zu marſchiren und zu exerciren, zuerſt geprüft und geübt werden ſollten. Ein gewaltiger Eifer hatte ſich Pauls bemächtigt, als er jetzt an die mit allen ſeinen Lieblingsideen zuſam menhängende Arbeit ging, die ihn zugleich auf das Leidenſchaftlichſte aufzuregen begann. Mit bloßem Kopf, das Geſicht frei und ohne Scheu dem tobenden Winde entgegengeboten, ſtand der Czar da und ſam melte in ſeiner Perſon das Hauptintereſſe der vor gehenden Handlung. Die eine Hand trug er ganz Herals hinüber er ſelbſt rongehen e Unter and jeßt, neral Ad er neuen, ren und ſollien htigt, als njuſum 197 ſteif und unbeweglich hinter dem Rücken aufgelehnt, mit der andern ſchwenkte er den Stock, der ſich takt⸗ voll, und immer in beſonderer Bedeutung, bald hob bald ſenkte und die Befehle des Czaren mit eindring⸗ licher und befeuernder Kraft in die Reihen der Sol⸗ daten trug. Auf den raſchen aber wohlgemeſſenen Flügeln dieſes Stockes ſchien das Commando Pauls zu ſeinen Soldaten zu gelangen, die in der neuen Art ſtehen, ſich bewegen und die Waffen ſchwingen lernten. Dabei ſchrie er fortwährend raz, dwa; raz dwa,*) und mitten in dieſem heiſer und furchtbar heulenden Ruf begegnete es ihm doch zuweilen, daß er mit den Füßen heftig aufſtampfen mußte, indem er genöthigt ſchien, ſeinen Körper durch eine raſche Bewegung zu erleichtern. Die aufmerkſamen und ſpöttiſchen Beob⸗ achter, welche der Czar in ſeiner Nähe hatte und die ihm bei ſeiner neuen und obſichtsvollen Stellung namentlich in der Armee nicht fehlen konnten, pflegten ſich dann mit einem heftigen Mienenſpiel untereinander anzublicken. Sie wollten damit an den Tag legen, wie mißlich es doch am Ende ſei, ſeinen Ruhm darin *) Eins, zwei; eins, zwei. —————— ———— 198 zu ſuchen, daß man ohne Pelz einige zwanzig Grad Kälte ertragen könne, denn dieſe Herren wollten in dem plötzlichen Trippeln und Stampfen, das ſich durch die Beine des Kaiſers zog, doch nichts Anderes er blicken, als eine Wirkung des ſo heftig gewordenen Froſtes. Merkwürdiger noch geſtaltete ſich die Scene nach⸗ her, als das Exerciren ganzer Abtheilungen aufgehört hatte und der Czar nebſt ſeinen Söhnen ihre Beſchäf⸗ tigung jetzt mit den einzelnen Rekruten begannen, die eben erſt in den Dienſt eingeſtellt worden oder ſich bisher große Vernachläſſigungen bei der neuen Manier hatten zu Schulden kommen laſſen. Der Czar machte ſich dann ſelbſt auf das Lebhafteſte damit zu thun, dieſen armen Rekruten zu behandeln und ihn durch perſönliche Berührungen und Drehungen dem neuen Ideal der Kriegskunſt entgegen zu führen. Bald wandte er den Soldaten zur Rechten, bald zur Linken, bald ließ er ihn vorwärts, bald wieder rückwärts marſchiren, oder er hob ihm auf eine ſehr geſchickte und wirkſame Weiſe das Kinn in die Höhe, preßte ihm den Gürtel um den Leib enger zuſammen und drückte ihm den Hut von Neuem und in einer beſſeren Form auf dem Kopfe feſt. Darauf ertheilte er ihm ordenen ne nach ufgehört Beſchif nen, di der ſich Manier machte u thun, ndurch neuen Bald Linken⸗ idwirts preßte nen un beſſeren erihn 199 noch zum Schluß dieſer Bildungsſtunde einige kräftige Rippenſtöße in den Leib, wodurch ſich der Soldat oft mit wahrer Ehrfurcht als ein ganz neuer Menſch aus den Händen ſeines Czaren hervorgegangen fühlte. Nicht ſelten übernahm auch einer der Prinzen das eine oder das andere dieſes Bildungswerkes, wodurch die Wiedergeburt des ruſſiſchen Soldaten als eine ge meinſame Arbeit der ganzen Czaren-Familie erſchien, und vornehmlich waren es Nicolaus und Conſtantin, welchen der Czar zuletzt die Schluß-Operation des Rippenſtoßes faſt ausſchließlich übertragen hatte.*) Jetzt begann die Angelegenheit der Wachtparade eine etwas förmlichere Geſtalt anzunehmen, denn es folgte nun die Vorſtellung der Offiziere, deren jeder, ſobald er ſich zu dieſem neuen Militairbund gemeldet und Aufnahme in demſelben empfangen hatte, dem Czaren perſönlich präſentirt werden mußte. Der Ein— tritt der Offiziere in die Wachtparade hatte nur all mählig erfolgen können, weil der Beſitz der neuen Uniform mit Allem, was dazu gehörte, dabei die vom Czaren vorgeſchriebene Bedingung war, über welche man nicht hinwegkommen konnte. Da ſich jeder Offi *) Masson mémoires secrets I. 244. 1 1* 200 zier dieſe neue Militair-Kleidung auf ſeine Koſten anſchaffen mußte, ſo war ſchon dadurch ein gewiſſer Aufenthalt entſtanden, denn es mußten bereits bedeu⸗ tend erhöhte Summen für die raſche Anfertigung dieſer Uniform gezahlt werden, da alle Schneider der Haupt⸗ ſtadt damit beſchäftigt waren und hundert Rubel min⸗ deſtens gezahlt werden mußten, wenn man in einigen Stunden den neuen, ſo ſtark wirkenden Talisman über ſeinen Leib ziehen wollte. Denn Jeder, der ſich dem Czaren darin zuerſt und auf eine recht wirkſame Art bei der Wachtparade vorſtellen konnte, durfte gewiß ſein, in dieſer neuen Form zugleich eine Beförderung oder ein Ordenskreuz von dem jedesmal überraſcht und freudig lächelnden Paul zu empfangen. Auf der andern Seite hatten alte Generäle, wie Meyendorf, die übelſte Begeg⸗ nung des Czaren erfahren, wenn ſie ſich dennoch in der alten Uniform vor ihm zu zeigen gewagt. Der viel⸗ verdiente Meyendorf, der General der Cavallerie, hatte einen Courier von Paul empfangen, und hatte ſich in dem Eifer, raſch zu gehorchen, dem Czaren auf der Parade in ſeiner alten Uniform vorgeſtellt, was den fürchterlichſten Eindruck auf Paul machte, der den alten Offizier ſofort ſeiner Würden entkleidete, ihn ſchmähend einen„Soldaten Potemkins“ nannte und ihn 201 für immer auf ſeine Güter verbannte, mit dem Be⸗ fehl, niemals wieder vor dem Czaren zu erſcheinen. Jene alte Uniform fing freilich auch bereits an, einem Scandal zu gleichen. Die Beinkleider von rothem Tuch, deren Enden ſich in Stiefeln von Kalbsleder verloren und die ſich in einem Gürtel unter einer rothen und grünen Weſte zuſammenſchloſſen, waren die Hauptbeſtandtheile geweſen. Dazu hatte ſich der kleine Helm gefügt, der einzig und allein etwas mili⸗ tairiſch Kleidſames für den Soldaten gehabt, und die eigenthümliche, die Sauberkeit leicht befördernde Tracht der Haare, die rings um den Hals geſchnitten waren und die Ohren gänzlich verbargen. Aber es war dem Soldaten durch dieſe leichte und eigentlich nur aus zwei Stücken beſtehende Uniform zugleich die Möglich⸗ keit gegeben, ſich in einem einzigen Augenblick voll⸗ ſtändig anzukleiden, und ſich auf dieſe Weiſe ſtets in einigen Minuten dienſtfertig zu machen. Dem Czaren Paul gereichte es zu einer lebhaften Freude, ſich mit dem Anblick dieſer ihm ſchwer verhaßt gewordenen Uniform bereits mehr und mehr und überwiegend ver⸗ ſchont zu ſehen und er begrüßte die überaus große Menge von Offizieren, welche ſich ihm heut auf der Wachtparade in der neuen, von ihm ſelbſt getragenen 202 Uniform vorſtellten, mit einer ſichtlichen, ſich faſt über ſchwänglich äußernden Zufriedenheit. Unter den in dieſem Augenblick zum Vorſchein kommenden Offizieren, welche ſich dem Czaren in der neuen Uniform vorſtellen wollten, war ihm beſonders eine Gruppe von Herren aufgefallen, die ſich bisher ſtets zuſammen gehalten und die auch in dieſer Zu⸗ ſammengehörigkeit ſich jetzt vor ihm dargeſtellt hatten. Paul erkannte unter dieſen Herren zuerſt den Fürſten Platon Zoubow, der, um ſich auf eine willkommenere Weiſe dem Czaren darſtellig zu machen, jetzt die neue Uniform der Wachtparade angelegt hatte und deſſen prächtige, große Mannesgeſtalt heut nur zu beweiſen ſchien, wie vortheilhaft die jetzt in Gnade ſtehende Bekleidung Pauls getragen werden konnte. Den Czaren begann dieſe ſo überaus ſtattliche und glänzende Erſcheinung, die ihm nahe getreten war, jetzt faſt in Verlegenheit zu ſetzen. Es war dieſer Zoubow der letzte Günſtling ſeiner Mutter ge⸗ weſen, er hatte kurz vor der Thronbeſteigung Pauls gewiſſermaßen Alles beherrſcht und niedergeworfen, was es in Rußland zu beherrſchen und niederzuwerfen gab. Der Czar hatte ihm bei ſeiner Thronbeſteigung günſtige Zuſicherungen gegeben und ihm das Ver 203 ſprechen ertheilt, daß er in Petersburg ungeſtört und durch nichts beeinträchtigt im Beſitze ſeines ungeheuren Vermögens ſolle weiterleben können. Paul erſchrak, als er dieſen Mann jetzt wiederſah, deſſen Anblick ihn an ſo viele ſchlimme und ſeinen Zorn jetzt von neuem aufſchüttelnde Dinge erinnerte und deſſen Herantreten in der neuen Uniform, die er ihm jetzt faſt mit Hoch⸗ muth und Wegwerfung zu tragen ſchien, ihn mehr und mehr zu ärgern begann. Er ſah den eiteln und ſeichten Laffen wieder vor ſich, mit jener kalten und albernen Phyſiognomie, die ihn früher ſo oft geärgert und verdroſſen, und auf der jetzt neue Spiele der Intrigue und des Hohns zu blitzen ſchienen, welche er ſchon mit dieſer den Czaren ungemein befremdenden Verkleidung begonnen. Der Czar hatte ſchon in den letzten Tagen angefangen, dem Fürſten Platon Zou⸗ bow ſeine veränderte Situation fühlbar zu machen, welche dieſer noch gar nicht begreifen zu wollen ſchien, aber auch in der Form einer Rückſicht und Höflichkeit, welche der Czar die Miene machte, ihm widerfahren zu laſſen. Der Czar hatte ihm nämlich ein großes, prächtiges Haus in Petersburg geſchenkt und ihn da mit genöthigt, daſſelbe zu bewohnen und ſich endlich aus dem Winter⸗Palais zu entfernen, in welchem er 204 die unter der Czarin Katharina eingenommenen Räume für ſich ſelbſt ſowohl wie für die große, von ihm fortwährend betriebene Militair-Canzlei noch immer unausgeſetzt behauptet hatte. Dieſer Mann, welcher jetzt in der neuen Uniform der Wachtparade vor dem Czaren erſchien, war zugleich der eigentliche Führer des verhaßten Krieges in Perſien geweſen, denn Paul wußte ſehr gut, daß Platon Zoubow aus ſeinen eige⸗ nen Reichthümern die Koſten des Krieges gezahlt, in einer Zeit, wo die Staatskaſſen die Mittel dazu nicht hergeben konnten. Alles dieſes verdunkelte dem Cza⸗ ren vor Zorn und Unmuth die Augen, als er jetzt den Platon Zoubow mit einer ſo hochfahrenden, faſt ſpottenden Gebärde in der neuen Uniform vor ſich erblickte. Der Czar beſchloß, ihm jetzt das Ende ſeines Spiels zu bereiten. Mein Fürſt Platon Zoubow, ſagte er zu ihm mit einer ſehr verachtungsvollen Handbewegung, die faſt vor die Bruſt des Fürſten hindrang, es ſcheint, daß wir Beide nicht recht miteinander in Ordnung kommen wollen. Da Rußland darunter leiden dürfte, wird es beſſer ſein, daß der Fürſt Platon Zoubow Rußland verläßt, und wir geben ihm auf, ſich binnen drei Ta⸗ gen zur Abreiſe von hier anzuſchicken. Die an ſich nit foſt daß men es land ſich 205 gänzlich nichtige Kriegs⸗Canzlei, welche der Fürſt noch immer zu unterhalten wagt, ſoll noch heut aus dem Winter⸗Palais hinausgeworfen werden, und alle Be amten und Secretaire derſelben werden auf eine ſchimpfliche Art, wie es dieſes Geſindel verdient, aus Petersburg gewieſen werden. Die Offiziere Seines Etats und Seines Gefolges, die ſich auf die Anzahl von zweihundert Subjecten belaufen ſollen, werden ſogleich in ihre Regimenter zurückkehren oder ſie haben ihre Entlaſſung zu gewärtigen. Der Fürſt Platon Zoubow wird ſchon bemerkt haben, daß gewiſſe Gau keleien meinem Regiment nicht entſprechen, und darum ſchloß ich den Frieden mit Perſien ab, ſobald ich mei nen Fuß auf den ruſſiſchen Thron geſetzt hatte. Die Armee Rußlands in Perſien wird von ihren treuen Generälen und Offizieren regelmäßig über die Grenzen zurückgeführt. Euer Bruder, der nicht ſehr zuverläſ ſige General Valerian Zoubow, den Ihr zu dieſem argen Abenteuer ausgeſendet, ſcheint allein und ver laſſen in Perſien zurückbleiben zu müſſen. Nun fort mit Euch, Fürſt Platon Zoubow. Euere Gelder und Reichthümer ſollt Ihr alle unbehindert und unverkürzt mit Euch fortnehmen. Aber wir Beide werden uns niemals, niemals wiederſehen! 206 10 T er Czar machte eine ſcharfe, fortweiſende Be— wegung mit der Hand. Fürſt Platon Zoubow war ohne eine Entgegnung, ohne einen Blick, ohne das ge⸗ ringſte Zeichen des Abſchiedes vor dem Czaren ver⸗ ſchwunden. Paul hatte ſich zu der zweiten Geſtalt in der ihm auffallend erſchienenen Gruppe von Herren gewendet. Auch dieſer hatte allerdings die neue Uniform ange⸗ legt, um ſich dem Czaren wohlgefällig zu zeigen, aber auch er ſchien dadurch für den Czaren keinen freund⸗ lichen Anblick zu gewinnen. Es war der Senator Tresky, der bis jetzt einen ſehr übeln Einfluß in dieſer wichtigen Körperſchaft geübt, der Czarin Katharina aber bedeutende Dienſte geleiſtet hatte, über welche verſchiedene geheimnißvolle Verſionen gingen. Ihr ſeid gerade zur rechten Zeit heut erſchienen, ſagte der Czar zu ihm mit einem boshaft höhniſchen Geſicht. Ihr gehört zu den Perſonen, welche der Czarin Katharina noch zuletzt in ihrem Alles bedenken⸗ den Gedächtniß lagen und ſie hat Euch Verſprechungen hinterlaſſen, die ich, als von meiner Mutter ertheilt, gewiſſenhaft zu erfüllen haben werde. Ihr empfangt daher von mir dieſen Orden und die auf dieſem Pa⸗ pier verzeichneten Landgüter, welches Alles die hinge⸗ 207 ſchiedene Czarin für Euch beſtimmt hat. Ich gebe es Euch, nicht weil ich Euch für einen ordentlichen und ehrlichen Kerl halte, ſondern weil der Sohn den Willen ſeiner Mutter in Vollzug zu ſetzen hat. Als Czar aber muß ich Euch für einen nichtswürdigen Schlingel anſehen, mit dem ich es nicht halten kann. und werde. Ihr habt als Mitglied des Senats die Gerechtigkeit an den Meiſtbietenden verkauft und mit einer ſchreienden Schamloſigkeit Unrecht und Unfug aller Art um Geldesgewinn begangen. Indem ich Euch befehle, die genannten Gegenſtände hier aus meiner Hand zu empfangen, kündige ich Euch damit zugleich an, daß Ihr des Landes verwieſen ſeid, und daß es ſchlimm für Euch ſein wird, von meinen Be hörden noch nach fünf Tagen in Rußland angetroffen zu werden. Und dieſe Uniform zieht ſorgfältig aus, ehe Ihr Rußland verlaßt!— Der Senator Tresky beeiferte ſich, ohne zu er⸗ ſchrecken, mit einer ganz pflichtmäßigen und ruhigen Gebärde der ihm vom Czaren gewordenen Weiſung Folge zu leiſten. Er nahm den Orden und die Güter verſchreibung aus ſeiner Mütze heraus, in welche ſie ihm der Czar mit einem fürchterlichen Ausdruck von Wuth und Verachtung geworfen, dann verbeugte er — 208 ſich ganz regelrecht und der Etiquette gemäß vor dem Czaren, preßte eine in aller Form gehaltene Dankſagung heraus und entfernte ſich ſodann mit langſamen, ge⸗ meſſenen, faſt feierlichen Schritten. Der Czar ſchien ihn ſogleich wieder vergeſſen zu haben, denn er ſah ſich bereits von dem dritten Herrn aus der unangenehmen Gruppe, in der ſich gar nichts Gefälliges für Paul zu befinden ſchien, begrüßt und angegangen. Dieſer Herr war der General⸗Procurator Samoilow, ein würdiger, ſtattlicher Mann, der ſich mit einer feinen hofmänniſchen Bewegung vor dem Czaren aufgeſtellt, und eine umſtändliche, in den gewähl⸗ teſten und reſpectvollſten Formen abgefaßte Dankſa gung an denſelben zu richten begonnen hatte. Der Czar unterbrach ihn ſogleich in dieſen feier⸗ lichen, ſchwungvollen Ausdrücken und ſagte wegwerfend zu ihm: Es iſt wahr, General-Procurator, ich habe Euch ein Geſchenk von viertauſend Bauern gemacht, und das mag nicht gerade eine Kleinigkeit ſein, denn es repräſentirt einen Rentenwerth von mehr als zwanzig⸗ tauſend Rubeln. Aber Ihr erhieltet dieſe Gabe in Folge einer Verordnung, die ſich von der Czarin eigener Hand in ihren Papieren aufgeſetzt und unterzeichnet fand, und ich durfte nichts unausgeführt laſſen, was njzu errn ichts 209 die Schriftzüge unſerer großen, unvergeßlichen Czarin trug. Andererſeits habe ich ſeit meinem Regierungs⸗ Antritt wohl gegen achtzigtauſend Seelen bald an Dieſen, bald an Jenen umhergeſchenkt, denn es liegt mir daran, dieſe Sclaverei, welche bei uns noch immer die Stelle der Arbeit vertreten muß, zu einem allbe⸗ weglichen Element zu machen, das gleichmäßig und wohlvertheilt im ganzen Lande niedergelaſſen iſt. Aber ich werde Dir jetzt beweiſen laſſen können, Samoilow, daß Du ſelbſt gerade in Deinem Amte der Sclave Deiner Lüſte, Deiner niedrigen Gewinnſucht, Deiner verrätheriſchen Hoffahrt, Deiner den Kleinen tödtenden Dienſtfertigkeit gegen die Hohen und Großen geweſen. Ich werde Dir auf der Stelle den Proceß machen laſſen, und Du wirſt Dich von hier unmittelbar in's Gefängniß zu begeben haben. Ich habe bereits vor einer Stunde dafür geſorgt, daß Dein Secretair, der Dein hauptſächlicher Mitſchuldiger iſt, auf die Feſtung geſetzt wurde. Der Czar winkte jetzt den in der Nähe ſtehenden Wachen, welche den General⸗Procurator ſcharf um gaben und raſch hinwegführten. Paul wollte jetzt mit einer ſcharfen wetterleuchten⸗ den Miene, die wild über ſein ganzes Geſicht fuhr, Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 11. 14 210 dieſe Stelle verlaſſen, auf welcher ihn nur Unange⸗ nehmes und Widerliches aufgeſucht und umgeben hatte. Aber in dieſem Augenblick ſah er plötzlich den Marſchall Souvarow vor ſich ſtehen, mit dem Koutaitzow und der Fürſt Kourakin ſoeben auf dem Hofe angelangt waren und der ſich jetzt mit einem lächelnd fragenden, höchſt drolligen Geſicht, jedoch zugleich mit der tiefſten Ver⸗ beugung, dem Czaren gegenübergeſtellt hatte. Paul hatte mit einem ſeltſamen, halb zornigen, halb ſchmerzlichen Zuſammenfahren die Geſtalt des kleinen Alten, mit dem ſchmalen, welk zuſammenge⸗ ſchrumpften Geſicht, das ihm heut runzeliger als je erſcheinen wollte, vor ſich auftreten ſehen. Und zu⸗ gleich wollte den Czaren in ſeiner jetzigen Stimmung der ſchalksmäßige, poſſenhafte Uebermuth verletzen, der jetzt auch, nachdem er kaum eine Minute vor dem Czaren geſtanden, in dem ganzen Weſen des Alten un⸗ ruhig aufblitzte und ihn ſogleich trieb, auf dem einen Fuß etwas emporzuhüpfen und einen kleinen Luftſprung mit demſelben zu verſuchen. Das war der alte wun⸗ derliche Held, der als Beſieger der Türken und der Polen einen ſo großen hiſtoriſchen Namen errungen und den Kriegsruhm Rußlands zu einer gewaltigen Höhe emporgeflügelt hatte. Dies war der Souvarow, en n9 der en en W, 211 der mit ſeinen wilden, verſtörten und grauſamen Augen ſtets an die beiſpielloſen Erfolge und Schreckniſſe ſeiner Schlachten zu erinnern ſchien und deſſen wuth⸗ ſchäumender und entſetzlicher Mund jeden Augenblick an die Morde gemahnte, welche er damals über die Bewohner von Prag verhängt. Und zugleich ſchien er auch jetzt, indem er eine Anrede des Czaren er⸗ wartete, wieder der alte, unaufhörliche Luſtigmacher zu ſein, wie er oft, mit jener närriſchen, faſt glück⸗ lichen Miene, auf die Straßen von Petersburg hin⸗ ausging und ſich in einen Haufen wilder Straßen⸗ jungen ſtürzte, unter welche er einige Hände voll Aepfel warf, um dieſelben danach unter einander zum Prügeln zu bringen.„Ich bin Souvarow! ich bin Souvarow!“ pflegte er dann mitten unter den Jungen mit einer eben ſo luſtigen als fürchterlichen Stimme zu rufen, und faſt ſchien er im Begriff, denſelben, ge⸗ wiſſermaßen nothgedrungenen Ausruf auch in dieſem Augenblick wieder anzuſtimmen, denn der Czar hatte ihn noch immer nicht angeredet und betrachtete in einem ſtillen, dumpfen Hinſtarren das ihm niemals angenehm geweſene Geſicht des Marſchalls Sou⸗ varow. Die Mienen Souvarows verzerrten ſich unheim— 14* 212 lich und frazzenhaft, als der Blick des Czaren jetzt ſchärfer und immer länger auf demſelben ruhte. Ein affenhaftes Zittern und Bewegen durchdrang den alten Körper, der, wenn er nicht mit ſo komiſchen Seltſamkeiten begabt geweſen wäre, leicht den Eindruck eines wilden Ungeheners von ſich hätte zurücklaſſen können, und deſſen grobe und zugleich burleske Ma⸗ nieren dem Czaren ebenfalls ſtets merkwürdig und betrachtenswerth erſchienen, weil er wußte, daß gerade dieſe es waren, welche den Soldaten ſtets das blinde Vertrauen zu ihrem Führer eingeflößt und den Erfolg ungeheurer Schlachten entſchieden hatten. Der Czar ſchien auch deshalb ärgerlich auf Sou varow zu ſein, weil er denſelben nicht in der neuen Uniform erblickte, die er von ihm, dem erſten Führer und Vertreter der Armee und dem berühmteſten Krie⸗ ger Rußlands, endlich angenommen zu ſehen erwartet hatte. Meine Uniform ſcheint immer noch nicht die Gnade des Marſchalls Souvarow gefunden zu haben? rief der Czar nach einiger Zeit mit einer lauten, ſchelten⸗ den Stimme, indem er jetzt das ſo lange ausgeſetzte Geſpräch mit Souvarow eröffnete. Ei, erwiederte der Marſchall, aus vollem Halſe 213 lachend und die von ihm angelegte. Uniform ſelbſtge⸗ fällig ſtreichelnd, das kommt ja blos daher, weil dies hier die neue prächtige Marſchalls-Uniform iſt, welche ich damals aus den Händen der Czarin Katharina zu empfangen die Ehre hatte und die ich zu lieb gewon⸗ nen habe, um ſie wieder ablegen zu können. Es war nach der Einnahme von Warſchau, wo ich mich fürch⸗ terlich gequält, und wo mich die Czarin auf einige Tage nach Petersburg berief, um dort einmal in Ruhe und Freude meines Lebens genießen zu können. Da befahl mir die Czarin, im Tauriſchen Palais zu woh⸗ nen, wozu für mich, der ich mich ſonſt in einer Hundehütte am liebſten wohnhaft befunden, ſchon ein höchſt anſehnlicher Entſchluß gehörte. Aber der neue Marſchall gehorchte ſeiner Czarin, und als er ſich in ſeinen neuen Prachtzimmern zuerſt auf dem vergolde— ten Kanapee niederließ, ſah er auf demſelben eine Uniform ausgebreitet, die für ihn beſtimmt war und der ein Briefchen beilag von unſerer großen Czarin Katharina. Dieſe ſandte dem Souvarow ſeine neue Marſchalls⸗Uniform, die er, wie närriſch geworden vor Freude, ſogleich anlegte. Nein, ich legte ſie nicht blos an, die Uniform Katharina's, ſondern ich ſchnitt tau— ſend luſtige Grimaſſen mit ihr, ich küßte ſie, ich lieb⸗ 214 koſte ihr und bedeckte ſie überall mit den Zeichen des heiligen Kreuzes. So etwas für unſern Körper heilig Gewordenes kann man doch nicht wieder ablegen und von ſich werfen, um ſich dafür in die erſte beſte Nar⸗ renjacke zu ſtecken, die durch ihre entſetzliche Kümmer⸗ lichkeit und Nüchternheit nicht einmal den Kindern Vergnügen gewähren könnte. Haltet inne mit Euren loſen Redensarten, rief der Czar mit einem ernſten, weithin hallenden Grimm. Der regierende Czar wird jedesmal auch Euer Czar ſein, und wer eine andere Uniform der meinigen vor⸗ zieht, wird nicht mehr mein Soldat ſein können, ſon⸗ dern in dem Pracht⸗ und Ehrenkleid einer Todten iſt er ſelbſt dem Tode verfallen. Weil er meiner Mutter gedient hat, züchtigen wir dieſen Todten ſonſt nicht, er iſt für uns ganz einfach dem Nichtſein verfallen, und damit holla! Auf dem Geſicht des alten Souvarow ſtand noch immer das hellblitzende, halb ſpöttiſche und tückiſche, halb gutmüthig vertrauensvolle Lächeln, welches der feſte Ausdruck aller ſeiner Geſichtszüge zu ſein ſchien. Den Marſchall beſchlich nicht einmal die Ahnung, daß es dem Czaren in dieſem Augenblick in den Sinn ge⸗ kommen ſein könne, ihn, die Zierde des ruſſiſchen noch ien. daß chen 202 Heeres, den von dem ruſſiſchen Kriegsruhm untrenn⸗ bar gewordenen alten Marſchall Souvarow, von ſich zu entlaſſen und in Ungnade zu ſetzen. Er ſchnitt darum immer lächerlichere Geſichter und ſchien es nicht zu beſorgen, daß der Czar durch die boshafte und zu⸗ gleich plumpe Neckerei, mit der ihm Souvarow jetzt gerade in die Augen ſah, noch mehr erbittert werden könne. Eine ſolche Uniform, wie ich ſie hier anhabe, ſagte der Marſchall jetzt, in ein träumeriſches Behagen ver⸗ ſinkend, hat doch ihre Bedeutung für das ruſſiſche Heerweſen und die Geſchichte Rußlands. In dieſer Uniform ſtand ich auch als Gouverneur von Kathari⸗ naslaw und der Krim an den Thoren von Cherſon, und an dieſe Thore hatte die große Katharina ge ſchrieben:„Dies iſt der Weg nach Conſtantinopel!“ Und als ich Praga erſtürmte und Warſchau nahm, trug ich auch dieſe Uniform, welche die große gütige Czarin bei dieſer ſchönen Gelegenheit durch einen gol⸗ denen Marſchallſtab mit einem Eichenkranz von Dia— manten mir ergänzte. Ich beurlaube Euch zugleich von der Verpflichtung, Euch dieſer alten Scharteken ferner rühmen zu müſſen, ſagte der Czar mit ſeiner dumpfen tiefen Stimme, ——————————— 7 ————— 216 8 die immer in den Angenblicken großen Aergers ſo ge⸗ waltig bei ihm hervortrat. Meine neue Uniform, die Ihr mir gering zu achten ſcheint, obwohl Euch die eigentliche Sorge dafür obläge, kann allerdings mit ſo vielen Umſchweifen und ſelbſtgefälligen Dacapo's noch nichts von ſich erzählen. Aber es werden bald neue Helden ſich in ſie kleiden, denn ich führe meine Ruſſen in eine neue Zeit hinein. Die Souvarows, mit dem alten verſchoſſenen Putz, laſſe ich dann gern außerhalb unſerer Berechnung ſtehen. Adieu, Marſchall, es wird Euch nicht wundern dürfen, daß wir nunmehr getrennt von Euch zu leben wünſchen und Euch niemals wieder⸗ zuſehen hoffen. Souvarow, der noch immer nicht begreifen zu können ſchien, was der Czar ihm eigentlich ſagte, ſah mit einer mehr neugierigen als erſchreckten Miene zu dem Czaren hinüber, und vielleicht ergötzte es ihn, daß Paul ſo heftig und erzürnt, wie er den Czaren noch niemals geſehen, zu ihm geredet hatte. Er machte einige hüpfende, ſpringende Bewegungen mit dem einen Fuße und knirſchte dann einen Augenblick lang mit den Zähnen, wie in einem Wuthanfall, unmittelbar darauf aber brach er in ein lautes Gelächter aus und 217 machte die ebenſo abſcheulichen als komiſchen Grimaſſen und Mienenſpiele eines Affen. Eigentlich bin ich doch niemals ein ſo ganz nichts— nutziger Kerl geweſen! ſagte er dann mit einer etwas leiſeren Stimme, die faſt ſchmeichelnd zu werden ver⸗ ſuchte, obwohl man noch nicht recht unterſcheiden konnte, ob die ſchmeichleriſchen Abſichten den Czaren erreichen ſollten, oder auf den alten hochberühmten Marſchall ſelbſt zurückgingen. O ja, Marſchall Souvarow, erwiederte Paul mit einem geraden ehrlichen Aufblicken zu dem alten Krie— ger, ich kenne Euch wohl, und mir war ſtets daran gelegen, in Euch nicht nur den beſten und größten Soldaten meiner Armee, ſondern auch den liebſten und treueſten Unterthanen meines Reichs zu ſehen. Es hat mich immer entzückt, an Euch einen General zu haben, der wie ein gemeiner Soldat zu Mittag ſpeiſt und ſeinen Tag um zwei Uhr Morgens damit beginnt, daß er einen Kübel voll eiskaltem Waſſer über ſeinen nackten Körper ausſchütten läßt. Das hatte mir immer ausnehmend von Euch gefallen, denn ich mag es leiden, daß der Soldat wie ein Naturkind lebe. Aber da Ihr Euch zugleich zum Gegner meiner neuen Militair-Einrichtungen zu machen ſcheint und 218 dieſelben ſo ſpöttiſch als unausführbar bezeichnen wollt, ſo richtet Ihr mir dadurch einen Schaden an, über dem wir uns nicht länger die Hände reichen können. Ihr habt mir noch nicht einmal Eueren Bericht dar— über erſtattet, was Ihr in den letzten Tagen nach meinem Befehl für die neue Bekleidung gethan? Oh, erwiderte der Marſchall Sonvarow mit einem lauten Gelächter, das beinahe gutmüthig klang, da hat es mir wahrlich noch immer an Muth gefehlt, ordent⸗ lich vorzugehen und die Sachen im Einzelnen einzu⸗ ſchärfen, die Ew. Majeſtät im Ganzen befohlen ha⸗ ben. Der ruſſiſche Soldat murmelt bereits ganz laut darüber, daß man ihm jetzt mit Gewalt einen falſchen Schwanz in den Nacken hängen will, und ich habe darum noch immer mit dieſen neuen Zöpfen nicht recht vorwärts kommen können. Jeder ruſſiſche Sol— dat iſt mein Bruder, und ich kann unmöglich dazu kommen, meinem Bruder einen Zopf zu drehen, wie⸗ viel Tolles und Aberwitziges ich auch ſonſt ausgeübt haben mag. Auch iſt der Marſchall Souvarow ein zu alter ſchwerlöthiger Soldat, um die kleinen Stäbe zu handhaben, die mir jetzt zur Ausmeſſung und als Modelle der Zöpfe und der Haarſchnallen überliefert worden ſind. Zu allen Teufeln, wie ſoll der alte — — — einen g hat dent⸗ einzl⸗ laut ſchen habe ah 219 Souvarow es anfangen, um mit dieſen kleinen Maß ſtäbchen für Zopf und Schnalle an dem Körper des gemeinen ruſſiſchen Soldaten herumzuwirthſchaften? Ich bin ſo dumm, daß ich mich zugleich vor Dem ſchämen muß, dem ich einen Zopf drehen ſoll. Der Puder des Friſeurs und Perrückenmachers wird ja doch nun und nimmermehr ein ordentliches Kanonen— pulver ſein, und die Schnallen im Haar werden doch niemals für Kanonen gelten ſollen. Oder ſollte es wahr ſein, daß die Zöpfe der Soldaten künftig ihre Bayonnette ſein werden? Hu lu lu! Hu lu lu! Das wird ſein lululu, lululu! Der Marſchall war im Begriff, mit dieſen letzten Worten ein altes ruſſiſches Volkslied anzuſtimmen, in dem die von ihm gebrauchten Anſpielungen auf die Zöpfe und Bayonnette als Verſe vorkamen.*) Aber der Czar war jetzt mit einer fürchterlichen Gebärde ganz nahe vor den Marſchall hingetreten und ſtreckte zornig die Hand aus, um ihm Schweigen zu gebieten. Endigen wir dieſes unnütze Geſchwätz! rief Paul mit einem flammenden Ausdruck. Wir trennen uns hiermit von dem Marſchall Souvarow, der keine Stel *) Masson mémoires secrets I. 217. —— 220 lung in unſerer Armee mehr hat! Seine Einkünfte ſollen dieſelben wie bisher bleiben, aber ſein Commando und ſeine Verwaltung ſind erloſchen. Adieu! Souvarow ſchien jetzt erſt an den Ernſt der vom Czaren in dieſem Geſpräch fortwährend angedeuteten Abſichten zu glauben. Der Greis ſchrak heftig zuſam⸗ men und eine tiefe Bläſſe bedeckte ſein altes runzeliges Angeſicht. Dann zeigte ſich auf den grauen Wimpern eine einzelne verſtohlene Thräne. Der Czar hatte dieſelbe nicht mehr geſehen, da er ſich bereits umge⸗ dreht hatte, um die Wachtparade heut zu ſchließen und ſich zu andern Dingen zu wenden. — lünfte nando om uteten uſam eliges npern hatte unge nund III. Der Czar und die Czarin. Paul hatte es nicht vergeſſen, ſich jetzt auch um die Czarin zu bekümmern, die noch drüben in der ihr errichteten Loge ſaß und des Czaren harrte, der ſie am Schluß der Wachtparade ſtets hier abzuholen pflegte, um mit ihr in das Palais zurückzukehren. Paul fühlte ſich aber jetzt mit einem großen Un muth belaſtet. Der unangenehme Vorfall mit dem Marſchall Souvarow ſchien ihn tief verdroſſen und geärgert zu haben, und ſeine düſter umherſchweifen den Gedanken beſchäftigten ſich ohne Zweifel noch mit dieſem Gegenſtande, als er jetzt haſtigen Schrittes der Loge zueilte, aus der er ſeine Gemahlin abholen wollte. — 222 Sämmtliche auf dieſer Tribüne anweſende Damen erhoben ſich ſofort mit einer feierlichen Begrüßung, als der Czar hinauftrat, und in ihre Reihen ſich ſtellte. Die jungen Töchter des Czaren hatten ſich ſogleich in der ihnen herzlichen und enthuſiaſtiſchen Freundlichkeit um den Vater gruppirt und zeigten ſich bemüht, ihm durch ihre liebkoſenden Grüße und munteren Einfälle den Augenblick der Wie⸗ derbegegnung ſo angenehm als möglich erſcheinen zu laſſen. Aber die Augen des Czaren irrten wild und fra⸗ gend umher, denn es fiel ihm ſeltſam auf, daß er ſeine Gemahlin nicht ſogleich vor ſich ſah und ſie ungeachtet ſeines ſcharfen und durchdringenden Um⸗ herblickens noch immer nicht auf der Tribüne auf⸗ finden konnte. Endlich ſah er auf der letzten Bank in einer Ecke, die faſt verborgen ſchien, die Czarin ſitzen, die mit einem in einen Seſſel vor ihr gelehn⸗ ten Herrn ſich in einem ſehr angelegentlichen und ganz leiſen Geſpräch befand. Die Damen ringsumher ſchwiegen beſtürzt, als ſie jetzt ſahen, daß der Czar, alles Andere um ſich her vergeſſend, in hoher Aufgeregtheit jene Scene beobachtete und mit zornigen, leidenſchaftlichen Blicken 223 unausgeſetzt und andauernd zu ſeiner Gemahlin hin⸗ überſah, die von ihrem Geſpräch ſo ſehr in Anſpruch genommen, noch immer keine Ahnung zu haben ſchien, daß ſich der Czar auf der Tribüne befand. Paul hatte ſich jetzt langſam, und unter dem tie⸗ fen ängſtlichen Schweigen äller Uebrigen, der Stelle genähert, wo ſeine Gemahlin in dieſem Geſpräch ſaß. Der Czar erkannte jetzt zu ſeinem höchſten Erſtaunen den Grafen Besborodko, den alten Günſtling und Miniſter der Czarin Katharina, der den kaum erhör⸗ ten Vorzug genoß, die Czarin an dieſem Ort ſo ver⸗ traulich und leiſe unterhalten zu dürfen. Maria Feodorowna hatte noch immer nicht auf⸗ geblickt, um den ſchon faſt ganz nahe zu ihr heran⸗ getretenen. Czaren zu bemerken. Paul hörte aber jetzt einen Augenblick lang der näſelnden, unange⸗ nehm und ſchwerfällig gezogenen Stimme des Grafen Besborodko, die gerade mit einem lauten Nachdruck hervortrat, aufmerkſam zu, und ſchien ſich jetzt faſt zurückhalten zu wollen, um noch Mehreres vernehmen zu können. „Ja, meine allergnädigſte Czarin“— hatte Bes⸗ borodko in dieſem Augenblick mit Feuer und mit alt⸗ hofmänniſcher Eleganz geſagt—„Rußland wird jetzt 224 auch in ſeinen bürgerlichen Verhältniſſen ganz unge⸗ heuer, und Alles tief ergreifend umgeſtaltet werden. Die meiſten Behörden, Gerichtshöfe und Tribunäle, die noch vor Kurzem beſtanden, ſind bereits von dem allergnädigſten Czaren umgeändert und neu beſetzt worden und das herrliche Ekatherinoslaw, das durch dieſen Namen dem Ruhm Ker hingeſchiedenen großen Czarin geweiht worden, hat der Czar gänz⸗ lich aufgehoben. Mehr als zwanzigtauſend Edel⸗ leute haben in dieſem Augenblick ihre Anſtellungen verloren!“ Paul war in dieſem Moment der Czarin ſichtbar geworden, die erſchrocken und faſt mit einem lauten Ausruf ihrer Beſtürzung und Ueberraſchung aufge⸗ ſprungen war. Graf Besborodko hatte ſich, dadurch benachrichtigt, ebenfalls erhoben und taumelte entſetzt zurück, als er den Czaren ſo unmittelbar und nahe vor ſich erblickte. Die kugelrunde, ungeſchickte und faſt elephantenartig ſich wälzende Geſtalt des alten Besborodko, die ſich in dieſer ſtürmiſchen und angſt⸗ vollen Wendung faſt überſtürzte, erſchien dem Czaren in dieſem Augenblick ſo komiſch, daß er darüber in ein kleines Gelächter ausbrach, obwohl ſeine innerlich ſehr aufgebrachte Stimmung nicht gerade nach dieſer Seite hin neigte. Besborodko hatte aber für den Garen ſtets zu den komiſchen und lächerlichen Figuren der alten Zeit gehört, über deren An⸗ blick er ſich beſtändig zu ergötzen pflegte und deren Dienſte er darum auch ferner annehmen zu wollen ſchien. Er ging darum auch jetzt mit einer großen Leich tigkeit und gewiſſermaßen heiter über das Vorgefal lene hinweg. Nachdem er aber jetzt der Czarin den Arm gereicht, um ſie in das Palais zurückzuführen, ſagte er unterwegs zu ihr mit einer ärgerlichen, ſchel tenden Stimme: Die Czarin hat ein großes und grobes Verſehen begangen, indem ſie einen Herrn auf der Damen⸗Tribüne zugelaſſen und ſich mit dem ſelben ganz leiſe und gewiſſermaßen verſteckt in eine vertrauliche und ſogar politiſche Unterredung geſetzt hat. Ich beſtrafe die Czarin dafür mit einem acht tägigen Stuben⸗Arreſt, den ſie in ihren Gemächern zubringen wird, ohne irgend Jemanden empfangen und ſprechen zu dürfen. Auch wir werden uns in dieſer Zeit nicht ſehen, bis zu dem Tage, wo die Czarin mit mir nach Moskau zur Krönung abreiſen wird. In acht Tagen, Maria Feodorowna, werden wir zuſammen nach Moskau abreiſen. Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 15 —— 5 B S 3 226 Maria Feodorowna war tief erröthet, aber ſie verbeugte ſich mit einer ſchweigenden Unterwerfung, die zugleich mit dem anmuthigſten Lächeln ihrer Liebe zu dem Czaren geſchmückt war.— 7 z* rfung, Liebe Inhalt des zweiten Bandes. Drittes Buch: Der junge Gr. I. Der Tod Katharina's und Czar Paul II. Paul auf dem Czarenthron Pa und Koseinszt IV. Die Leichenfeier Katharina's und Pet V. Der Begräbnißzug Viertes Buch: Die neue Zerrſchaft. 1. Der Volksfreund Paul. II. Die Wachtparade. III. Der Czar und die Czarin er's III. 40 59 75 119 143 181 221 — * Nellow