Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rüigzbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. —— — 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— ½ Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Zu einer gewiſſen Zeit des Jahres pflegte er daher regelmäßig Petersburg und den Hof ſeiner Mutter zu verlaſſen, um mit ſeiner Gemahlin den Aufenthalt in Czarskoe⸗ Selo oder auf dem anmuthigen Luſtſchloſſe in Pau⸗ lowsky auf mehrere Monate zu wählen. Es geſchah dies gewöhnlich beim Eintritt des Herbſtes, wo die Jahreszeit noch ſo ſchön war, um Natur und Land⸗ leben genießen zu können, und dann verblieb man bis zum nächſten Frühjahr in dieſer ſtillen Zurückgezogen⸗ heit, in der die Großfürſtin alle ihre liebenswürdigen Talente aufbot, um ihren Gemahl zu unterhalten, 1* 4 ſeine düſteren Launen durch ihre unermübliche, ſtets ſich gleich bleibende Heiterkeit und Anmuth zu be ſchwichtigen, oder ihm, wenn er von ſeinen langen Jagden in der Umgegend auf das Schloß zurückkehrte, den Werth der ſorglich waltenden Hausfrau und der auf Alles eingehenden Freundin im ſchönſten Glanze zu zeigen. Denn Maria, die ſeit dem Verlauf ihrer nunmehr achtjährigen Ehe mit Paul nur eine immer zärtlichere und aufmerkſamere Gattin geworden war, ſchien in jedem Betracht nur für ihn zu leben, und wenn man dieſer Ehe allen äußeren Anſchein des Glückes nicht abläugnen konnte, ſo mußte Jeder, der die junge Großfürſtin ſah, zu der unzweifelhaften Annahme ge langen, daß auch ihr Herz dabei keineswegs unbefrie digt geblieben oder eine widerwillige Rolle übernom men habe. Maria war in dieſen acht Jahren nur lieblicher und glänzender aufgeblüht, und in der Reinheit und Friſche ihrer regelmäßig ſchönen Züge deutete ſich niemals auch nur ein leiſer Zug geheimer Trauer oder widerſtrebender Gefühle an. Sie ſchien die Aufgabe, welche ſie übernommen, mit einer wahren Schwärmerei des Herzens durchzuführen, und ihre 5 ſchönen blauen Augen hingen ſtets mit einem wunder⸗ baren Ausdruck an dem Geſicht Pauls, deſſen Mienen ſie beſtändig beachtete, bei dem ſie jeden Eindruck, jeden Wunſch und jedes Mißbehagen ſorgfältig zu erſpähen ſuchte, um ihm dann mit allem Aufwand ihrer Liebenswürdigkeit zu einer beſſeren Laune, zu einer behaglicheren Stimmung zu helfen. Der Aufenthalt in Paulowsky war dem Groß⸗ fürſten beſonders angenehm geworden, und auch die Grofßfürſtin liebte dieſe Villeggiatur vorzugsweiſe, weil ſie hier zugleich Gelegenheit hatte, ihrer Neigung zur Landwirthſchaft, welche ſie aus ihrer Heimath mitge⸗ bracht, ſich hinzugeben und hier zu ſchaffen und zu walten, wie ſie einſt als junge deutſche Prinzeſſin in Montbéliard, wo ſie im ländlichen Stillleben auferzogen worden war, gewaltet hatte. In dieſen ländlichen, vom Petersburger Hoftreiben gänzlich entfernten Verhältniſſen konnte Maria auch ihrer Liebe für Paul, die in der That grenzenlos ge⸗ worden war, ſich ſo innig und ausſchließlich, wie ihr Herz es verlangte, hingeben. Ihn immer zu umgeben, niemals von ſeiner Seite zu weichen, war ihr beſtän⸗ diger, glühender Wunſch, den ſie bei jeder Gelegenheit zu erfüllen ſtrebte, dem ſie auf allen Wegen und Stegen nachſann. In der letzten Zeit hatte Maria auch an⸗ gefangen, ihrem Gemahl auf die Jagd und zu den Ausflügen zu folgen, welche er faſt täglich und ohne Unterſchied der Witterung, bei Sturm und Regen, in die Umgegend von Paulowsky unternahm. Sie be gleitete ihn dann auf ihrem Pferde, das ſie meiſterlich und oft mit großer Kühnheit ritt, und wenn ſie von den Anſtrengungen erſchöpft, oder von Schnee und Regen ganz durchnäßt war, hatte ſie immer noch ein freundliches und vergnügtes Lächeln für ihn, mit dem ſie zu ihm aufſchaute und ihm ihre Freude zu erkennen gab, ſich bei allem dieſem Ungemach an ſeiner Seite zu befinden. Und wenn es ſchien, daß Paul das Uebermaaß ihrer Aufmerkſamkeit für ihn nicht recht ertragen konnte, und ſeine böſen Stimmungen ſtärker waren als ihre unendliche Liebenswürdigkeit und Sanft— muth, oder ihre niemals ſich verläugnende Geduld, ſo wußte ſie auch mit derſelben Grazie ſich zurückzuziehen und in der Stille ihrer Gemächer, wo ſie von Nie⸗ D manden ſich treffen ließ, zu verſchwinden. ort oll brachte ſich ein ganz anderer Theil ihrer Exiſtenz Sie ergab ſich dann einer Thätigkeit und Arbeitſam⸗ keit ohne Gleichen und übte in dieſer Stille ihre aus⸗ gezeichneten Talente, die ihr in ungewöhnlichem Grade — — eigenthümlich waren, und von denen ihre Zeichnungen und Malereien glänzende Beweiſe lieferten. Oder ſie ſaß bei einer Stickerei und verbarg hinter derſelben ihre Träume und Sorgen, die aber niemals ſehr un⸗ glücklicher Art waren, und aus denen ſie der Anblick ihrer lieblichen Kinder, die dann ungehinderten Zutritt zu ihr hatten, ſtets wieder zur glücklichſten Frau auf⸗ richtete. Denn die Kinder, welche ihrer mit Leibes⸗ erben geſegneten Ehe bisher in raſcher und regelmäßi⸗ ger Aufeinauderfolge entſproſſen waren, bildeten zugleich das höchſte Glück der mit wahrer Schwärmerei an ihnen hängenden Mutter, die in der bis in's Einzelnſte gehenden Sorgfalt für ihre heranwachſenden Kleinen nicht wie eine Prinzeſſin, ſondern wie eine einfache Frau aus dem Volke verfuhr. Wenn dann Maria Feodorowna wieder aus ihren Gemächern heraustrat, war es ein wunderbar milder und beſcheidener Glanz, der von ihrer Erſcheinung ausging, und der jeden Andern, wie den Großfürſten Paul, zu ihren Füßen niederwerfen mußte. Sie ſchien alsdann, indem ſie demüthig und mit ihren leuchtenden blauen Augen den Großfürſten wieder begrüßte und ſich ihm anſchmiegte, in dieſer Demuth doch die Triumphirende zu ſein, die blos durch ihr eigenes Weſen Alles wieder gut gemacht hatte und jede harte Begegnung ihres Gemahls ungeſchehen ſein ließ. Denn wer in ſo himmliſcher Güte und Treue ſtrahlte, an wem eine ſo klare und ungetrübte Schönheit auf⸗ leuchtete, der ſah nicht ſo aus, als wenn ihm, ſelbſt von einem Paul, je hart und unfreundlich begegnet werden könnte. In ſolchen Momenten hatte Paul ſelbſt dieſe ihn überwältigende Empfindung bei ihrem Anblick, und er eilte oft zu ihr hin, um ihr die Hand zu küſſen, was dann bei ihm einem ſtillſchweigenden Gelübde glich, ſich immer von Néuem wieder unter ihre milde Herrſchaft zu bekennen. M Auf der Terraſſe von Paulowshy. Paulowsky war ein anmuthig gelegenes Dorf, das wegen ſeiner reizenden Umgebungen ſehr häufig von Petersburg aus beſucht wurde. Die Iſchora durch⸗ ſtrömte mit ihrem ſanften, kräuſeligen Waſſer die grüne fruchtbare Ebene, in welcher dieſe kleine, von der Czarin ihm geſchenkte Beſitzung des Großfürſten lag. Das Schloß, das geräumige Wohnungen für ihn, ſeine Familie und die wenigen, ihm hierher fol⸗ genden Perſonen ſeines Hofſtaats enthielt, war in einem zierlichen und heitern Stil aufgeführt und ließ durch ſeine bequemen und behaglichen Einrichtungen im Innern die traurige Stille und Oede vergeſſen, welche ringsumher bei aller Mühe, welche ſich die Na⸗ tur gegeben, auf der Gegend lagerte. 10 Dicht neben dem Schloß lief eine bedeckte Terraſſe hin, welche zugleich die Annehmlichkeit gewährte, von ihr aus die ganze Umgegend zu überſchauen und Alles zu bemerken, was ſich ſchon aus weiter Entfernung her dem Schloſſe annähern wollte. Dieſe Terraſſe war ein Lieblings⸗Aufenthalt des Großfürſten gewor⸗ den, und er hielt ſich dort oft viele Stunden des Ta ges auf, die er damit zubrachte, in die Ferne zu ſtar ren, oder die Schildwachen zu beobachten, welche er drüben an dem Rand des Waldes entlang in einem weiten Umkreiſe aufgeſtellt hatte, und die bei jedem fremdartigen Gegenſtande, den ſie gewahr wurden, mit lauter Stimme anrufen mußten. Zuweilen be⸗ waffnete er auch ſein Ange mit einer Brille, um die entfernteren Punkte der Umgegend deſto genauer zu erſpähen und jede Bewegung, die auf den ausgeſtellten Poſten ſich zeigte, auf der Stelle richtig zu beur theilen. Heut, an einem ſchönen warmen Herbſttage, der zu dem gewöhnlichen Ausfluge in den Wald einlud, war Paul ſchon ſeit einiger Zeit mit allen Zeichen einer großen Ungeduld auf der Terraſſe auf und nieder gegangen. Denn bei ſeiner außerordentlichen Pünkt lichkeit begann es ihn zu verdrießen, daß die Stunde, — 11 in welcher der tägliche Spaziergang ſtattzufinden pflegte, faſt vorübergegangen war, ohne daß die dazu an jedem Tage befohlenen Perſonen ſich vor dem Großfürſten eingeſtellt hätten. Denn weder die Großfürſtin mit den Kindern, noch auch die Fürſten Kourakin und Neswitsky, welche an der Spitze des kleinen Hofſtaats von Paulowsky ſtanden, waren bisher auf der Terraſſe eingetroffen, wo jedesmal das Rendezvous zu dieſen gemeinſchaftlichen Ausflügen, deren Seele die Groß⸗ fürſtin war, ſtattfinden ſollte. Der junge Fürſt Alexis Kourakin, der dem Groß⸗ fürſten damals in Potsdam ſo entſchieden mißfallen, hatte bald darauf wieder in die Gunſt Pauls zurück⸗ zukehren gewußt, ohne daß er gerade danach geſtrebt hätte. Denn obwohl Kourakin den Großfürſten gerade auf dem empfindlichſten Punkt, den es für denſelben gab, geärgert hatte, nämlich durch die allzu große und faſt innige Aufmerkſamkeit, welche er für die Groß⸗ fürſtin an den Tag gelegt, ſo hatte doch Paul dieſen Aerger bald wieder überwunden, indem er den übrigen angenehmen Eigenſchaften des Fürſten Gerechtigkeit widerfahren laſſen mußte. Der junge Fürſt war in der That einer der unter⸗ haltendſten Cavaliere des petersburger Hofes, und 12 zugleich unterſchied er ſich von der übrigen Geſellſchaft ſo ſehr durch eine ausgebreitete Bildung und die man nigfaltigſten Kenntniſſe, daß die Unterhaltung mit ihm für Jeden, der nicht blos von Hunden, Pferden und Maitreſſen zu ſprechen liebte, ſehr anziehend und an regend wurde. Dabei blieb Kourakin in keiner der ritterlichen Tugenden ſeines Standes zurück, und wäh⸗ rend man ihn am petersburger Hofe wie mit einem Spitznamen nur den Gelehrten nannte, ſtand ſeine Auszeichnung in allen ritterlichen Künſten und Tugen⸗ den doch nicht minder feſt, und er hatte bei verſchie denen Gelegenheiten, auf der Jagd und in einigen Ehrenhändeln, unbeſtreitbare Beweiſe hohen Muthes und großer Tapferkeit an den Tag gelegt. Dieſe Erſcheinung hatte auch für den Großfürſten Paul immer etwas ſehr Anziehendes gehabt, und es war ihm angenehm, auf der Jagd einen kühnen Ge⸗ fährten zu haben, von dem er zugleich in einer Ruhe pauſe auf dem Lagerplatz des Waldes ein vernünftiges Wort über Dieſes oder Jenes hören konnte oder der ihm durch eine ſpielende oder gelegentliche Aeußerung die Gebiete des Wiſſens aufſchloß und ihm Nachrichten gab von Dingen, von denen er vielleicht ſonſt nichts erfahren hätte. 13 Denn Paul war im Grunde von einer höchſt wiß⸗ begierigen Natur. Die ernſteſten Dinge hatten oft für ihn das größte Intereſſe, und wer es verſtand, ihn davon auf eine ganz mnabſichtliche und gelegentliche Weiſe zu unterhalten und ihm mitten unter den Aben⸗ teuern und Gefahren der Jagd etwas aus der Ge⸗ ſchichte und der Natur zu erzählen und zu erklären, der hatte ſeine Zuneigung gefeſſelt und ihn innig an ſich gekettet. Es war daher nicht auffallend, daß Paul, ſobald er mit ſeiner jungen Gemahlin nach Petersburg zurückgekehrt war, den Prinzen Kourakin wieder zu ſich zurückberief und ihn als ſeinen Cavalier und Geſellſchafter an ſeinen neuen Hofſtaat zu feſſeln ſuchte. Paul, im Bedürfniß nach einer ſolchen Umgebung, ſchlug ſich dabei zugleich die trübe Reflexion aus dem Kopf, daß Kourakin einer der ſchönſten Männer Pe tersburgs war und daß er Bedenken haben konnte, einen Mann von ſo liebenswürdigem Aeußern und von ſo verführeriſchen Fähigkeiten in den vertrauten Zir— teln ſeines Hofſtaats zu ſehen. Aber die Haltung der Großfürſtin war ſtets von der Art geweſen, daß Paul auch nicht dem leiſeſten Vorwurf gegen ſie Gehör geben konnte, und jedesmal, wenn Paul irgend einen Argwohn gegen ſie hatte aufkommen laſſen wollen, hatte er ſich nachher, von der Nichtigkeit deſſelben überzeugt, ſich nur um ſo bitterer beſchämt fühlen müſſen. Maria war in allen Beziehungen die Rein heit und Treue ſelbſt, und repräſentirte die Würde des Weibes in ſeiner höchſten Erſcheinung. Und nußte ſich Paul nicht ſelbſt geſtehen, daß der an ſich ſo un— ſchuldige Vorgang im Stadtſchloß zu Potsdam für keinen von beiden Theilen etwas zu bedeuten haben könnte? Ganz anders war es mit dem alten Fürſten Nes witsky, der ebenfalls zu den vertrauteren Umgebungen des Großfürſten gehörte und in ſeinem beſonderen Hofſtaat eine gewiſſe Rolle ſpielte. Dieſer alte, faſt ſchon gebrechlich zu nennende Herr zeichnete ſich durch ganz entgegengeſetzte Eigenſchaften aus, er war von einer unſäglichen Dummheit und Albernheit, die er mit dem größten Behagen an ſich zum Beſten gab, an welcher ſich jedoch Paul in manchen Stunden ſehr zu ergötzen pflegte. Wenn der Groffürſt ſich durch den Geiſt des Fürſten Kourakin ſo lebhaft angezogen und unterhalten fühlte, ſo bot ihm dagegen Fürſt Neswitsky ſtets einen unerſchöpflichen Lachſtoff dar, den er bei jeder Gelegenheit ausbeuten konnte. Denn —— Nes zu dar Ne ur — ſ5 Niemand ließ ſich beſſer auslachen, als der Fürſt Neswitsky, der dann ein ſo vollendetes⸗ Schafsgeſicht zu machen wußte, daß Paul einen eigenthümlichen Reiz daran fand und oft ſeine Lieblingsunterhaltung in den Neckereien mit dem alten Herrn ſuchte. Indeſſen war die Großfürſtin noch immer nicht auf die Terraſſe herausgetreten, und doch war die gewöhnliche Promenaden⸗Stunde faſt ſchon überſchrit— ten. Paul begann bereits wüthend zu werden und ging mit heftigen Schritten auf und nieder, indem er von Zeit zu Zeit zu den Fenſtern ſeiner Gemahlin emporblickte und einige murrende und gellende Töne ausſtieß, die bald in ein lautes, wildes Pfeifen über⸗ gingen. Paul glaubte damit die Großfürſtin aufmerk⸗ ſam zu machen, aber ſeine Verſtimmung ſtieg, da ſich ſein Harren immer noch als ein fruchtloſes erwies. Und ſolche zufällig entſtandene Aergerniſſe pflegten oft unheilvoll für den ganzen Tag bei ihm nachzu⸗ wirken. Sein Pfeifen war inzwiſchen von einem anderen Geſchöpf verſtanden worden, das ſeit einiger Zeit unten auf dem Platz vor der Terraſſe ſich ſeinen Blicken dargeboten hatte und die Zufriedenheit ſeines Herrn zu erregen ſuchte. Dies war Pauls Lieblings⸗ 16 pferd, ein ſchwarzbrauner Hengſt von wunderbarer Schönheit und, Feinheit der Formen, der, nachdem er in der letzten Zeit ſchwer erkrankt geweſen, heut zum erſten Male wieder vom Stallmeiſter ausgeritten wurde und dem Groffürſten, der dies Thier ſehr liebte, vorgeführt werden ſollte. Der Hengſt Marſyas gehörte zu jenen zwölf aus erleſenen und prächtigen Sattelpferden, welche der König von Preußen damals dem ruſſiſchen Großfürſten bei ſeinem Verlobungsfeſt in Potsdam zum Geſchenk gemacht hatte. Unter dieſen Pferden war der ſchwarze Feuerhengſt Marſyas das Lieblingsthier des Groß fürſten geworden, das er nicht nur beſtändig und bei allen Gelegenheiten ritt, ſondern von dem ihm auch eine faſt wunderbare Zuneigung entgegen gebracht wurde. Als Marſyas die pfeifenden Laute ſeines Herrn erkannte, ſtand er ſtill, ſpitzte die Ohren und begann mit dem Schweif eine fröhliche, faſt lockende Bewe⸗ gung zu machen. Der Großfürſt war an den Rand der Terraſſe herangetreten und betrachtete das treue Thier mit großer Aufmerkſamkeit. Der Stallmeiſter ließ es jetzt alle möglichen Bewegungen unternehmen und die vollſtändige Schule reiten, um den Großfürſten el E erke Zeit nebe men ſan ich Pu blin ſu Gr rit ——— 17 zu überzeugen, daß Marſyas wieder vollkommen geſund geworden und es auch ferner verdiente, der Liebling eines ſo kühnen und kundigen Reiters, wie der Groß fürſt Paul war, zu bleiben. Paul, der mit ſichtlichem Entzücken allen Bewegungen des Pferdes gefolgt war und dieſelben wieder untadelig und muſterhaft fand, klatſchte laut in die Hände, um dem Marſyas ſeinen Beifall zu erkennen zu geben. Während der Groffürſt ſich auf dieſe Weiſe höch lich vergnügte und ſeine Zufriedenheit mehrfach zu erkennen gab, bemerkte er nicht, daß ſchon ſeit einiger Zeit ſein beliebter Kammerdiener Iwan Paulowitſch neben ihm ſtand und durch ein vertrauliches Einſtim men in das frohe Gelächter ſeines Herrn die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu lenken ſuchte. Der preußiſche Koller ſcheint ihm doch noch immer nicht ganz ausgetrieben zu ſein, bemerkte jetzt Jwan Paulowitſch Koutaitzow, indem er mit ſeinen liſtig blinzelnden Augen einen Blick ſeines Herrn zu erhaſchen ſuchte. Es iſt gut, mein türkiſcher Naſeweis, ſagte der Großfürſt, indem er, ſeiner Gewohnheit nach, dem orientaliſchen Jüngling ziemlich ſtark an den Ohren zupfte, was jedoch den vertrauten Kammerdiener nie Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 2 — 18 mals abhielt, in ſeinen oft ſehr boshaften Gloſſen über alle möglichen Dinge, die ihm gerade in den Mund kamen, fortzufahren. Durch dieſe Dreiſtigkeit, die oft in der liebenswürdigſten Form ſich zeigte, und durch ſein großes Spürtalent, mit dem er Alles in Erfahrung zu bringen wußte, was am Petersburger Hofe oder auch in der allernächſten Umgebung des Großfürſten und hinter dem Rücken deſſelben geſchah, hatte ſich ſein mächtiger Einfluß auf den Groffürſten in der letzten Zeit nur noch bedeutend erweitert, denn Paul erfuhr von ihm jedesmal Alles, was er wiſſen wollte, aus den beſten und geheimſten Quellen, und kam bald dazu, nichts mehr zu unternehmen, ohne ſich vorher mit ſeinem Kammerdiener und erſtem Rath⸗ geber darüber beſprochen zu haben. Zuweilen kam es freilich dem Großfürſten ſo vor, als wenn Jwan Pau⸗ lowitſch vielleicht auch nach verſchiedenen Seiten hin Spion geworden ſein möchte, denn die Nachrichten, welche er dem Großfürſten überbrachte, konnten oft nur auf eine Weiſe gewonnen ſein, die den ehemaligen Türken im Beſitz eines weitgehenden Vertrauens bei den bedeutendſten Perſonen des Hofes vermuthen ließ. Indeß wollte ſich Paul dadurch in dem Vertrauen zu ſeinem Liebling nicht irre machen laſſen, der ihm oft ſo! deſſ gew für niſt 19 ſo viel Zuneigung und wahre Liebe bewieſen, und deſſen geheime Mittheilungen ihm ſchon ſehr nützlich geworden waren, indem er daraus manchen Vortheil für ſeine eigene Stellung zur Czarin und zu den Mi⸗ niſtern zu ziehen gewußt. Und warum, Du aus dem Halbmond herunterge⸗ fallenes Mondkalb, warum nennſt Du das einen preußiſchen Koller, was den Marſyas allerdings noch immer ein wenig incommodirt und hier und da die Regelmäßigkeit ſeiner Bewegungen beeinträchtigt? fragte der Großfürſt jetzt, indem er einen ſtrengen Blick auf den luſtig hin und her zappelnden Jwan richtete. Nun, entgegnete Jwan Paulowitſch lachend, haben wir nicht Seine Excellenz den Herrn Marſyas damals aus Potsdam mitgebracht? Den preußiſchen Koller haben wir uns aber jetzt Alle abgewöhnen müſſen, denn er iſt am Hofe von Petersburg ſchlechterdings nicht mehr in Mode. Der preußiſche Koller würde uns am Ende noch zu gehorſamen Vaſallen der Türken gemacht haben, und obwohl die Türken meine ehema ligen Landsleute ſind, ſo würde ich ihnen doch dies Vergnügen nie gegönnt haben. Haben ſie mir doch niemals ein Vergnügen gegönnt, als ich noch ein armer Teufel Mohammeds zu Hauſe war. Der König von 2* 20 Preußen wollte dem ruſſiſchen Aar den Friedenszügel in den Schnabel werfen, und der arme Schächer Pa nin, der immer nur preußiſch flennte, hatte ſich zum Agenten dieſes ſaubern Geſchäfts gemacht. Aber wir gehorchen der Czarin, und die Czarin gehorcht dem Fürſten Potemkin, und der Fürſt Potemkin iſt ein Mann, der gewaltige Lungen hat, und der zu blaſen verſteht. Der hat den Krieg angeblaſen bei der Czarin, und darum iſt unſere hohe Czarin vor einigen Wochen nach Mohilew abgereiſt, um dort in der Dniepr⸗ Stadt eine Zuſammenkunft mit dem Kaiſer Joſeph zu halten. Denn dem preußiſchen Koller iſt jetzt der öſterreichiſche Dummkoller gefolgt, und darum iſt Se. Excellenz der Herr Marſyas, mit Verlaub zu ſagen, ſehr altmodiſch, wenn er jetzt, nachdem die größten Pferde⸗Aerzte ſo viel für ihn gethan, noch immer mit einigen Reſten von ſeinem preußiſchen Koller vor Ew. Kaiſerlichen Hoheit hier aufzutreten wagt. Ich werde Dich doch noch einmal zu meinem Staatsrath machen müſſen, Iwan Paulowitſch Kou taitzsw, ſagte der Großfürſt mit einem gutmüthigen Lächeln. Wenn ich meinen Kammerdiener nicht hätte, wüßte ich oft gar nicht, was vorgeht in der hohen Politik. Und Du, gemeiner Kerl, glaubſt wirklich, daß 21 jetzt wichtige Dinge abgemacht werden dürften in Mo⸗ hilew am Dniepr? Was in aller Welt kann in Mohilew Großes geſchehen? Nun, erwiederte Jwan Paulowitſch mit einer poſ⸗ ſenhaften Gebärde, man ſieht, daß Euere Kaiſerliche Hoheit eben ſo wenig in der Politik der Czarin, als im Czarenpalaſte in Petersburg, oder ich will ſagen, in Petersburg ſelbſt zu Hauſe ſind. Denn iſt es wohl recht, daß Sie hier in Paulowitſch ſpazieren gehen, oder auch nicht ſpazieren gehen, wenn die Frau Großfürſtin, wie heut, Sie aus wichtigen Abhaltungs⸗ gründen warten läßt, iſt es recht, daß Sie hier wie ein armer Landpächter leben, der von nichts weiß, was in der Welt vorgeht, während die Czarin die Hauptſtadt des Reichs verlaſſen hat und dort den Großfürſten zu ihrem Stellvertreter eingeſetzt haben müßte? Dem Herrn Großfürſten wird aber weder der Oberbefehl über die Hauptſtadt noch die Verwal⸗ tung irgend einer Angelegenheit anvertraut, und doch iſt er der geborene Generaliſſimus der ruſſiſchen Heere, und doch iſt er der Groß⸗Admiral der Baltiſchen Flotte, und wie oft hat ihn die Czarin nicht ihrer zärtlichen Mutterliebe verſichert! Es ſind ſchmerzende Wunden, die Du heut be⸗ rührſt, mein Freund, ſagte Paul mit einem bittern Ausdruck in ſeinem Geſicht. Allerdings iſt der Groß⸗ fürſt der geborene Generaliſſimus der ganzen ruſſiſchen Armee, und doch hat er noch niemals ein Regiment in den Kampf geführt. Allerdings iſt der Groffürſt der Groß⸗Admiral der Baltiſchen Flotte, und doch iſt es ihm noch kein einziges Mal erlaubt geweſen, die Flotte in Kronſtadt zu beſuchen und in ſeinen prüfen⸗ den Augenſchein zu nehmen! O laſſen wir das, Jwan Paulowitſch, und hüten wir uns, dadurch in eine ge⸗ häſſige Verſtimmung zu gerathen. Was die Czarin thut, das iſt wohlgethan, und ſo wird es auch gut ſein, daß, während der Abweſenheit der Czarin in Mohilew, der ehrliche Panin wieder die Zügel des Regiments in der Hauptſtadt führt, die ihm in ſolchen Fällen ſchon ſo oft übertragen worden.*) Panin? rief Jwan Paulowitſch Koutaitzow mit einer kreiſchenden Stimme, indem er in ſeiner Weiſe einen hohen Sprung durch die Luft machte. Dann, als er wieder zur Erde niederkam, ſetzte er mit einer höhniſchen Gebärde hinzu: Euere Kaiſerliche Hoheit wiſſen alſo in der That nicht, was vorgefallen iſt? *) Castera II. 244. un eine war Con ſch Kai den ſche Au Pa un 23 O wahrhaftig, das nenne ich einen Groffürſten! Ei, der Ehrenmann Panin hat es ja nicht länger aushal⸗ ten können, und kaum war die hohe Czarin abgereiſt und hatte, wie immer, in ſeinen Händen die Ehre zu— rückgelaſſen, die Souverainin während ihrer Abweſen⸗ heit in Petersburg zu vertreten, als Freund Panin ſein Mißbehagen nicht länger überwältigen konnte. Dadurch, daß die Czarin die Bahnen der preußiſchen Politik verlaſſen und der Allianz mit dem König Friedrich jetzt den Rücken gekehrt, war das Herz des Herrn Panin ſchon krank und elend geworden, und er hielt ſich jetzt nicht mehr. Er war in einigen Tagen um zwanzig Jahre älter geworden, und man glaubte einen Mann zu ſehen, der ſeinem Grabe entgegen— wankte. Darum legte er vor einigen Tagen ſein Commando in Petersburg in die Hände des Feldmar— ſchalls Michailowitſch⸗Gallitzin nieder, was von der Kaiſerin ſchon vor ihrer Abreiſe genehmigt war, für den Fall, daß Graf Panin erkranken ſollte. Und ſehen Euere Kaiſerliche Hoheit, ſo ſteht es in dieſem Augenblick in Petersburg! Der Potemkin hat den Panin beſiegt, das iſt wieder die ganze Geſchichte, und die klugen Leute am Hofe ſprechen jetzt alle, daß die Reiſe der Czarin nach Mohilew den Triumph 24 der Politik des Fürſten Potemkin bedeute. Die Czarin wird ſich jetzt in Mohilew mit dem Kaiſer Joſeph verabreden, ungeſäumt auf die Türken loszuſchlagen und die Beute des Kampfes zwiſchen Oeſterreich und Rußland zu theilen. Wahyrlich, rief jetzt der Großfürſt mit einiger Ver⸗ wunderung und Ueberraſchung, mein Kammerdiener iſt beſſer in der Politik Rußlands unterrichtet, als der Großfürſt von Rußland ſelbſt! Aber ich weiß auch, daß Iwan Paulowitſch eigentlich zu den Liberalen ge⸗ hört, und ich gönne es dieſer Partei, daß ſie nun auch einen verdorbenen Muſelmann zu ihrer Gilde zählt. Aber ich erſuche dieſe Herren blos, daß ſie nicht irgend eine Hoffnung auf mich ſetzen wollen. Ich paſſe ganz und gar nicht dazu, ich bin immer noch der gehorſamſte Unterthan der Czarin und finde meinen einzigen Ehr geiz darin, es zu ſein und zu bleiben. Denn dieſe infame Welt wird eine Cloake, wenn der Gehorſam darin aufhört. Darum liebe ich Dich nicht weniger als ſonſt, mein Jwan Paulowitſch Koutaitzw. Ich liebe Dich, weil ich weiß, daß Du mir gut biſt, und weil mir Deine Augen täglich eine Anhänglichkeit ver⸗ ſichern, die ich, auf Ehre, nicht gering achte. Aber bleibe mir auch ſo froh und luſtig, wie Du es immer gewe ſage fann ſehr wore wa ſeine nied eine ann gub Roß derſt ſamk da ſein wen e llein leu 25 geweſen, ſo recht ein kindlicher Geſell, wie ſonſt, und ſage nichts mehr auf die Czarina, hörſt Du, denn ich kann das nicht leiden und mag es nicht! Die Worte des Großfürſten, die zu Anfang einen ſehr zürnenden und ungehaltenen Ausdruck gehabt, waren zuletzt in einen weicheren Ton übergegangen. Iwan Paulowitſch war aber jetzt, von dieſer Güte ſeines Herrn überwältigt, vor ihm auf ſeine Kniee niedergeſunken und ſchaute mit ſtrahlenden Blicken und einem unendlich dankbaren Ausdruck in ſeinem ſchönen, anmuthigen Geſicht zu dem Großfürſten empor. Paul gab ihm einen ſtrengen Wink, der ihn aufſtehen hieß. In dieſem Augenblick vernahm man dort in der großen Laube auf der Terraſſe einige fröhliche Kin⸗ derſtimmen, die plötzlich laut wurden und die Aufmerk⸗ ſamkeit des Großfürſten zu erregen ſchienen. Sieh da, ſind das nicht die beiden Prinzen, welche da herunter gekommen ſind? ſagte er zu Jwan, indem ſeine Augen ſich klein zuſammenzogen, wie immer, wenn der kurzſichtige Großfürſt etwas in der Ferne erſpähen wollte. Es war der vierjährige Prinz Alexander und der kleinere Conſtantin, die in Begleitung ihres Gouver⸗ neurs ſo eben aus dem Schloß auf die Terraſſe her⸗ 26 ausgetreten waren und in der Laube bei den Blumen ſtehen geblieben waren. Ein außerordentlich munterer Sinn ſchien dieſen lieblichen Knaben im höchſten Grade eigenthümlich zu ſein, und beſonders zeigte ſich der kleine ſchwarzbraune Conſtantin, der erſt ſeit kurzer Zeit aus den Armen ſeiner Wärterin auf die Erde heruntergeſtiegen war, von einer ausnehmenden Wild— heit. Er hatte eben ſeinen Bruder Alexander in die Haare gefaßt, der ſich auf eine Blume von beſonderer Schönheit niedergebeugt hatte und in dem Kelch der⸗ ſelben träumeriſch ſein Haupt wiegte. Darüber war aber jetzt ein erklecklicher Zank zwiſchen den prinzlichen Brüdern ausgebrochen, obwohl der edle Alexander, wie es ſchien, nur nothgedrungen in den wilden und tobenden Ton ſeines kleinen Bruders ſich hatte hin einziehen laſſen. Paul entfernte ſich von dieſer Stelle, da er im Augenblick nicht Luſt zu haben ſchien, ſeinen Kindern zu begegnen. Ein höhniſches Grinſen hatte ſich ſeiner Geſichtszüge bemächtigt, indem er eilig weiter ging und die Terraſſe, die um das ganze Schloß herumlief, hinunterſchritt. Jwan Paulowitſch Koutaitzow folgte mit gemeſſenen Schritten ſeinem Herrn, indem er bald zur Seite hinter demſelben zurückblieb, bald raſch wieder Miene ausſpe P ihm, 5 ſagte Wahr die( henn Eufü 0 6 ſchroo dobei Dann gend Frn verwe haltn ſeit bon( über Aem — „ — 27 wieder etwas voranzukommen ſuchte, und dgbei alle Mienen und Bewegungen des Groffürſten ſorgſam ausſpähte. Paul rief ihn jetzt wieder zu ſich heran und befahl ihm, neben ihm an ſeiner Seite zu gehen. Jwan Paulowitſch, Du biſt ein braver Junge, ſagte er zu ihm, und haſt mir noch immer nur die Wahrheit berichtet. Kannſt Du mir ſagen, warum die Großfürſtin Maria Feodorowna jetzt ſo zögert, herunter zu kommen und ſich zu dem um dieſe Stunde Einfürallemal befohlenen Spaziergang einzuſtellen? Iwan Paulowitſch fuhr bei dieſer Frage wie er ſchrocken zuſammen und ſchien die Beſtürzung, die er dabei zeigte, recht abſichtlich an den Tag zu legen. Dann ſagte er, ſeinen Kopf demüthig zur Erde nei⸗ gend und zwiſchen den Schultern verſteckend: Ei, die Frau Großfürſtin geruht noch, in ihren Gemächern zü verweilen, weil ſie dort eine ſehr angenehme Unter— haltung gefunden hat. Der Fürſt Alexis Kourakin iſt ſeit einer Stunde bei ihr, und da iſt ein Zwitſchern von Gedanken und Erzählungen erfolgt, daß man dar— über leicht die von Eurer Kaiſerlichen Hoheit Einfür⸗ allemal befohlene Stunde vergeſſen haben kann. Das Ausſehen des Groffürſten zeigte ſich bei 3 28 dieſer Mittheilung plötzlich auf eine fürchterliche Weiſe verändert. Auf ſeiner Stirn war eine hohe Zornader angeſchwollen, ſein Geſicht begann einen dunkelfarbigen, grünlichen Schimmer anzunehmen. Es überfiel ihn ein Zittern, welches gewöhnlich der Vorbote heftiger Stürme bei dem Großfürſten war. Und Jwan Paulowitſch iſt doch ſonſt nicht taub, wenn er irgendwo zwitſchern hört, bemerkte der Groß⸗ fürſt mit einer rauhen Stimme vor ſich hin. Was zwitſchern ſie denn, Jwan Paulowitſch Koutaitzow? Freilich, entgegnete Jwan mit einer verſchmitzten Gebärde, ich höre, wo ich etwas hören kann, aber ich höre nur mit dem Ohr des Herrn, damit dieſer er⸗ fahre, was die Vögel ſingen, die er auf ſeinem Eich⸗ baum beherbergt! Und was hörteſt Du mit dem Ohr des Herrn? fragte Paul raſch und begierig. Es ſind gute Leute, verſetzte Jwan Paulowitſch, es war gar nichts Schlimmes, worüber ſie ſich unter⸗ redeten. Die Großfürſtin ſaß auf dem Sopha und erzählte, ſie ſah aus, als wenn ſie auf einem Throne ſäße und Gnaden ſpendete. Der Fürſt Kourakin ſaß ihr in ziemlicher Entfernung auf einem Stuhl gegen⸗ über, und wahrhaftig, man müßte ein ſchlechter Kerl ſein, wie e betet L der 6 fuh ſagen erla erw Gro muß ihm 29 ſein, wenn man es anders ſagen wollte, er ſah aus, wie ein Menſch, der das Bild der heiligen Maria an betet und mit ſeinen Augen grüßt. Was geht das mich an, nichtsnutziger Kerl? fuhr der Großfürſt auf, mit dem Fuße ſtampfend. Dadurch erfahre ich noch immer nicht, was der Kourakin zu ſagen wagte, und was die Groffürſtin anzuhören ſich erlaubte. Der Fürſt Kourakin wagte gar nichts zu ſagen, erwiederte Jwan mit einem feierlichen Ernſt. Die Großfürſtin erzählte ihm fortwährend etwas, und es muß eine ſehr rührende Geſchichte geweſen ſein, die ſie ihm erzählte, denn die Thränen liefen ihr dabei mehr mals die Wangen herunter, und in demſelben Augenblick lächelte ſie auch wieder, was jedesmal geſchah, wenn ſie ein gewiſſes ſeltſames Wort ausſprach, das, wenn ich mich nicht irre, Montbéliard lautete. Und dann verneigte ſich auch der Fürſt Kourakin und ſah dabei ſo recht ehrerbietig und fromm aus, gerade als ob der Pope irgend ein heiliges Wort geſprochen hätte, vor dem man ſich bekreuzen muß. Montbeliard? wiederholte der Großfürſt ſtirnrun zelnd, indem er ſich einigem Nachdenken überließ. So heißt ja das infame Neſt, das in Frankreich liegt, und 30 wo die Groffürſtin, als ſie noch Prinzeſſin von Wür⸗ temberg war, erzogen worden. Dort ſteht ein altes Schloß ihrer Ahnen, auf dem Makia Feodorowna allerdings einen Theil ihrer Jugend verlebte. Ja, davon ſprach die Grofßfürſtin, rief Jwan Pau⸗ lowitſch lächelnd, und ihre Stimme hörte ſich an, als ob ſie beim Mondenſchein die Harfe ſpielte. Der gute Fürſt Kourakin machte auch dazu ein ganz entzücktes Geſicht, er gilt ja auch für einen Dichter unter Sei⸗ nesgleichen, und ich weiß jetzt, wie ein Menſch ausſieht, der Verſe machen kann. B Das iſt es ja eben, was ſiich empört und was mir viel ſchlimmer zu ſein ſcheint, als wenn hier grobe Exceſſe im Spiele wären, rief Paul. Dieſe abgeſchmackten Empfindeleien verdrießen mich ſo ſehr, und man weiß nie, was für Verrath und elende Tücke dabei herauskommen werden. Was ich ſie haſſe, dieſe Schwärmereien mit Heimaths⸗Erinnerungen! Das iſt deutſch, wahrhaftig, das iſt deutſch, und es iſt mir höchſt unangenehm, daß man hier ſo deutſch zu ſein wagt. 3 Ja, deutſch! rief Jwan Paulowitſch, aus vollem Halſe lachend. In Rußland muß ein jeder ordent⸗ liche Menſch ein guter Ruſſe werden. Unſere große Kathe Deut die g boren ſogr nde ſeinet der fand jucht Liehl habe Meg guz Nuch ſtrr , her lug ſeine und Katharina, die herrliche Czarin, war auch eine kleine Deutſche geweſen, und wurde doch eine große Ruſſin, die größte vor allen, die auf dem Boden Ruriks ge⸗ boren worden. Und Jwan Paulowitſch Koutaitzow ſogar iſt Ruſſe geworden, und zwar Ruſſe mit Leib und Seele, das arme Thier, der Koutaitzow, der in ſeinem Vaterlande kein Vaterland hatte und erſt in der Barmherzigkeit des Großfürſten ſeine Heimath fand. Und dieſe Heimath iſt das heilige Rußland, juchhe! Es lebe Rußland und ſeine Czaren! Der Groffürſt hatte dieſe Jubeläußerungen ſeines Lieblings nicht vernommen, die ihn ſonſt ſehr erfreut haben würden. Aber ſein Gemüth ſchien von dieſem Aerger, der ihn jetzt über ſeine Gemahlin erfüllte, ganz hingenommen zu ſein. Er war, wie vom tiefſten Nachdenken befangen, in ſich ſelbſt verſunken, und ſtarrte in einer dumpfen Betäubung vor ſich hin, ohne noch, wie es ihm dann geſchah, irgend Etwas um ſich her wahrzunehmen. Das Blut ſchien ihm in die Augen getreten, er bedeckte dieſelben krampfhaft mit ſeinen Händen und ſchwankte einen Augenblick hin und her. III. Maria Feodorowna. Jetzt öffnete ſich das mittlere Portal des Schloſſes, aus welchem die Großfürſtin gewöhnlich auf die Terraſſe hinauszutreten pflegte. Es war Maria Feodorowna, welche bereits in der Toilette, wie ſie dieſelbe immer für dieſen Nachmit⸗ tags⸗Spaziergang mit dem Groffürſten anlegte, ſich in dieſem Augenblick näherte, begleitet von ihrem Hof⸗ Cavalier, dem jungen Fürſten Kourakin, mit dem ſie noch immer in einem ſehr lebhaften und mittheilſamen Geſpräch ſich zu befinden ſchien. Hinter Beiden watſchelte in ſeiner gewohnten luſtigen und albernen Nachläſſigkeit der alte Fürſt Neswitsky einher, der, obwohl allem Anſchein nach gänzlich unbeachtet, doch durch ſeine wichtige Miene, mit welcher er aufmarſchirte, zu erk zuf de heit il ſie ſe und Seite grazi 33 zu erkennen gab, daß mit ihm endlich die Hauptperſon auf den Schauplatz getreten ſei. Die Großfürſtin hatte nicht ſogleich die Anweſen⸗ heit ihres Gemahls auf der Terraſſe bemerkt, ſondern ſie ſchritt, im fortdauernden Geſpräch mit Kourakin, und ohne ſich umzublicken, nach der entgegengeſetzten Seite der Terraſſe hin, indem ſie mit ihrem raſchen graziöſen Gang eilig dahin ſchwebte. Das laute dumme Gelächter, welches der Fürſt Neswitsky jetzt hinter ihnen her erſchallen ließ, machte die Großfürſtin zuerſt aufmerkſam, und ſie wandte ſich mit einem erzürnten Blick nach ihm um. Neswitsky war ſtehen geblieben und deutete, vor Lachen faſt an ſeinem Krampfhuſten erſtickend, mit ſeinem Zeigefinger auf die Strecke Weges zurück, welche die Großfürſtin in ihrer ſchwebenden Eile ver⸗ geblich zurückgelegt hatte. Denn Seine Kaiſerliche Hoheit der Großfürſt befand ſich ja hinter ihr, an jener Stelle der Terraſſe mit übereinander geſchlage⸗ nen Armen ſtehend und ſie ſtill und bewegungslos ſchon ſo lange erwartend, und die Großfürſtin war ihm, ſtatt ihn endlich zu begrüßen, wieder von dannen geeilt. Maria blickte überraſcht nach der ihr bezeichneten Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 3 0 34 Stelle hin, und auf ihrem Geſicht ſtrahlte ein ſeeleu— volles und ungemein mildes Lächeln auf. Aus ihren ſchönen leuchtenden Augen richtete ſich ein wunderbarer Blick in die Ferne und ſuchte dort dem Großfürſten zu begegnen, dem ſie jetzt ſchon von Weitem mit einer zärtlichen Miene zunickte. Der Grofßfürſt aber war in ſeiner unbeweglichen, ſtarren Haltung auf derſelben Stelle ſtehen geblieben und regte ſich nicht, um ihren Gruß zu erwiedern. Sein Geſicht drückte einen wilden, ſchreckenerregenden Zorn aus. Maria aber hielt ſich jetzt nicht länger zurück. Sie ſetzte ſich plötzlich in eine unaufhaltſame Bewe⸗ gung und begann, die ganze Etikette vergeſſend, ſo raſch zu laufen, als ſie es nur immer vermochte. Wie ein junges Mädchen, das ihrem Geliebten athemlos entgegenfliegt, halb ſchäkernd, halb ſehnſuchtsvoll, ſo war Maria gelaufen, um den Gemahl endlich zu treffen, ihn mit weit ausgebreiteten Armen zu umfan⸗ gen. Kaum unterdrückte ſie ein himmliſches Jauchzen, das ſich aus ihrer Bruſt befreien wollte. Wie auf den Flügeln der Luft dahineilend, hatte ſie ihre beiden Begleiter, die erſtaunt zurückprallten, raſch hinter ſich zurückgelaſſen. Am meiſten hatte den Fürſten Nes⸗ witst Herr ufhe er ve zlſtel 1 wicht Buſe voll pulſ Di itiſ von heit friſc ſein. lang ſieg ſeine inde lih da und witsky der Schrecken ergriffen, denn der alte wackelige Herr war von der dicht an ihm vorüberlaufenden, un⸗ aufhaltſamen Großfürſtin faſt umgerannt worden, und er verſuchte ächzend, ſich wieder auf ſeinen Füßen feſt⸗ zuſtellen. Unterdeſſen hatte die Großfürſtin die Stelle er⸗ reicht, wo ihr Gemahl ſtand. Ihr Geſicht glühte, ihr Buſen ſchlug heftig, ſie ſah ſchön und friſch, wie eine volle Roſe, aus, in welcher der Athem des Frühlings pulſirt, und die ihren Kelch öffnen will, um in ihren Düften ihre ganze Seele auszuſtrömen. Schon als ſie aus dem Portal des alten mosko⸗ witiſchen Schloſſes zuerſt herausgetreten war, ſchien von ihrem lieblichen, blonden Haupt, von der Schön⸗ heit und Reinheit ihrer klaren, heitern Züge ein er friſchender“ und bezaubernder Hauch ausgegangen zu ſein. Jetzt aber, als ſie vor dem Großfürſten ange⸗ langt war, ihm mit einem herzlichen Ausruf entgegen fliegend, als ſie halb demüthig und halb beſchämt ſeine von ihr abgewandten Blicke ſuchte und nicht finden konnte, und doch in ihren Augen die Hoffnung glühte, ſeinen Unmuth wieder überwinden zu können, da ſah ſie ſchöner und liebenswürdiger aus als je, und es war der gute Engel Pauls, der ſich in dieſem 23 36 Augenblick um ihn zu bewerben ſchien und an ſein Herz ſich wenden wollte. Der Großfürſt jedoch blieb ihr ungerührt und finſter gegenüber ſtehen und ſchien ihre Annäherung gar nicht bemerkt, ihren Gruß, mit dem ſie zu ihm herangetreten war, nicht verſtanden zu haben. Endlich kehrte er ſich mit einer trotzigen, zornigen Bewegung zu ihr um, und Maria ſchrak heftig zuſammen, als ſie ihm jetzt in die Augen blickte, die gänzlich entſtellt waren und in ihren kleinen, engen Höhlen nur noch ein trübes, mit Roth unterlaufenes Weiß zeigten. Erſt jetzt beliebt es Ihnen zu erſcheinen, Groß fürſtin? ſagte er jetzt mit einer heiſeren, entſetzlich klingenden Stimme, in der ſeine inwendig lodernde Heftigkeit ſich noch verhüllte. Die Großfürſtin Ruß lands muß pünktlich ſein, ſo gut wie der gemeinſte Soldat in unſern Regimentern. Sie gehen wahrlich mit ſchlechtem Beiſpiel voran, denn Sie haben mich auf eine ungebührliche Weiſe warten laſſen. Ein nichtsnutziges Geſchwätz mit dem Fürſten Kourakin ſteht Ihnen höher als die Erfüllung Ihrer Pflichten und die Beobachtung des Anſtandes, den Ihr Rang und Ihre Würde von Ihnen verlangen. Und kaum treten Sie heraus, ſo beherrſcht Sie immer noch dies 37 unabreißbare Geſchwätz, Sie verlieren die Richtung und ſind im Begriff, mit dem Fürſten Kourakin quer⸗ feldein zu traben, ohne um ſich zu ſehen, und der brave Fürſt Neswitsky muß Sie erſt darauf aufmerk⸗ ſam machen, wohin Ihr Weg eigentlich gehen muß, um an die Seite Ihres Gemahls, des Großfürſten von Rußland, zu gelangen. Ach, entgegnete Maria Feodorowna mit einem ſchmerzlich bittenden Lächeln— und die dann aus Leibeskräften ſogleich angelaufen kommt und ſich ihrem Herrn zu Füßen werfen möchte, nicht aus Furcht, ſondern aus liebender Ungeduld, um ſeine Verzeihung zu erhalten, weil ſie in alte Erinnerungen an die Hei⸗ math ſich verlierend, das Glück verſäumte, ihn früher zu ſehen. Nicht aus Furcht? wiederholte der Großfürſt ſtirn⸗ runzelnd und mit einem heftigen Zucken ſeines ganzen Körpers. Er ſchien jetzt den tobenden Ausbruch ſeiner Heftigkeit nicht mehr zurückhalten zu können. Großfürſtin Maria Feodorowna! rief er mit einer donnernden Stimme. Ich verurtheile Sie zu einer Strafe, weil Sie gegen das unerläßliche Gebot des Gehorſams gefehlt, weil Sie die ſchuldige Rückſicht 38 auf Ihren Rang und Ihre Würde verabſäumt haben. Sie werden fünf Stunden Arreſt im Schloſſe haben. Der Ton, in welchem der Groffürſt ſeiner Ge⸗ mahlin dieſen ſeinen Willen ankündigte, ſchien zuerſt ihr Gemüth heftig zu erſchüttern, obwohl die Sache ſelbſt faſt ihre, nicht ſelten rege Lachluſt gereizt hätte. Aber ſeine Stimme und ſeine Gebärden hatten einen wahrhaft fürchterlichen Ausdruck angenommen. Maria ſah ihn erſtaunt an. Jede Spur des Lächelns war aus ihrem erbleichten Geſicht entſchwunden. Sichtlich begann ſie ſich vor ihm zu ängſtigen, und ſie nahm in dieſem Augenblick Gefühle in ſich wahr, die ſie früher noch nicht in ihrem Herzen gekannt hatte. Sie ſah jetzt erbebend ein, wie ſehr ſie Unrecht gehabt, als ſie zuvor ihm geſagt hatte, daß ſie von keiner Furcht bewegt werde, und ſie begriff, daß ſein Zorn dadurch noch ſtärker gegen ſie gereizt worden. Denn ſein Anſehen war jetzt furchterregend zu nennen. Sie fühlte aber, daß ſie ihm nicht zürnen konnte. Sie betrachtete ihn vielmehr mit einem heimlichen Gefühl von Neigung, das aus ihrem thränenverſchleier— ten Auge hervorblitzte. Er war im Begriff, hart und rückſichtslos gegen ſie zu ſein, und zwar ſo ſehr, wie er es vielleicht noch nie gegen Maria geweſen war. beweg Vibdh nd2 reizter Liebe ſigte Halt es de firſt bor terlip in ei Fürſ riec die liſt wort Mit einer unbeſchreiblichen Empfindung blickte ſie ihn an, ſpähte und forſchte ſie in ſeinen leidenſchaftlich bewegten Zügen. Nun faßte ſie den Entſchluß, ſeiner Wildheit gegenüber demüthig und gehorſam zu ſein und Alles über ſich ergehen zu laſſen, was ſein ge— reizter Zorn, vielleicht auch, hoffte ſie, ſeine empörte Liebe über ſie verhängen würde. Ihre lieblichen Züge ſchmolzen in dieſem Augenblick in einer unendlichen Weichheit und Zärtlichkeit dahin. In ſtiller Erwar⸗ tung ſchaute ſie nochmals zu ihm hinüber und ſuchte mit ihren Blicken in ſein Auge einzudringen. Dann ſagte ſie, indem ihre ganze heitere und liebenswürdige Haltung wieder zu ihr zurücktehrte: Mein Gott, iſt es denn in Rußland Mode, daß man auch die Groß⸗ fürſtinnen in den Arreſt ſetzt? Paul antwortete nicht. Er ſah ſtumm und tückiſch vor ſich nieder und nagte unaufhörlich an ſeiner Un⸗ terlippe. Die Farbe ſeines Geſichts hatte ſich ganz in ein ſchmutziges Gelb verwandelt. Jetzt gab er dem Fürſten Neswitsty einen Wink, der ſich mit ſeiner kriechenden Unterwürfigkeit zu ihm heran begab, und die Worte, welche ihm der Großfürſt jetzt in's Ohr flüſterte, mit einer Verbeugung bis zur Erde beant⸗ wortete. 40 Zu Befehl, Euere Kaiſerliche Hoheit! ſagte er dann halblaut und mit einer geheimnißvollen Gebärde. Ich bürge mit meinem Kopf für die Großfürſtin. Das Zimmer im Schloſſe, welches Euere Kaiſerliche Hoheit mir bezeichnen, kenne ich ſehr gut, es ſcheint ſich mir für dieſen Zweck vollkommen zu eignen, und ich werde, wenn Euere Kaiſerliche Hoheit es befehlen, die Großfürſtin jetzt ſofort dahin abführen. Der Groffürſt nickte ſchweigend, wandte ſich aber jetzt ſeitwärts ab, indem er einige Schritte zurücktrat. Inzwiſchen hatte ſich der Fürſt Neswitsly mit gravi⸗ tätiſchen Schritten, welche die Lächerlichkeit ſeiner Er⸗ ſcheinung nur vermehrten, der Großfürſtin genähert, und er ſtellte ſich gerade aufrecht vor ſie hin, indem er mit ſeiner Hand bedeutungsvoll nach dem vor ihnen liegenden Schloſſe hinwies. Maria kehrte ihm verachtungsvoll den Rücken und ſchickte ſich an, nach dem Schloſſe zurückzugehen, in⸗ dem ſie den Fürſten Kourakin, der bisher in ſchwei⸗ gendem Schmerz und Zorn dieſer Scene beigewohnt hatte, zu ihrer Begleitung mit ſich fortwinkte. Jetzt aber kehrte ſich der Großfürſt wieder um und rief, in geſteigertem Zorn ſeiner Gemahlin nach⸗ blickend, mit einer fürchterlichen Heftigkeit: Ich befehle dem 5 Groffi immer Froff rſchei Geſell fohren mit i nisce Fürſt Groß werde — Groß wandt ſich n ſuhze Pin inen jede inſt bald ihr h durch dem Fürſten Kourakin, hier zurück zu bleiben! Die Großfürſtin wird ſich des Fürſten Neswitsky jetzt und immer zu ihrer Begleitung bedienen. Er ſoll die Großfürſtin von jetzt an überall umgeben, wo dieſelbe erſcheint. Er ſoll ſie bedienen, ihr aufwarten, ihr Geſellſchaft leiſten, mit ihr ſpazieren gehen und aus⸗ fahren, ihr Complimente machen und ſie unterhalten, mit ihr ſchwärmen und mit ihr die deutſchen Remi⸗ niscenzen feiern! Mit Einem Wort, ich ernenne den Fürſten Neswitsly hiermit zum officiellen Cicisbeo der Großfürſten, und befehle, daß er als ſolcher reſpectirt werde und auf der Stelle in ſeine Function eintrete! Die Großfürſtin hatte, ohne noch einmal nach dem Großfürſten umzublicken, ihren Weg fortgeſetzt, und wandte ſich, gedankenvoll und ſinnig ihren Kopf vor ſich nieder neigend, dem Portal des Schloſſes zu. Im ſtolzen Bewußtſein ſeiner neuen, ihm übertragenen Würde ſchritt der Fürſt Neswitsky hinter ihr her, indem er kein Auge von der Prinzeſſin verwandte und jede ihrer Bewegungen nach links oder rechts hin ängſtlich mit ſeinem Körper mitmachte. So zog er, bald langſamer bald raſcher vorſchreitend, bald hinter ihr her tänzelnd und geſticulirend, mit der Grofßfürſtin durch das Portal des Schloſſes ein. 42 Der Fürſt Kourakin war unbeweglich zur Seite des Großfürſten ſtehen geblieben. Jetzt, als die Groß⸗ fürſtin in das Schloß zurückgetreten war, begegneten ſich unwillkürlich die Blicke Kourakins mit denen des Großfürſten. Kourakin ſchreckte zuſammen, als er die fürchterliche Wildheit gewahrte, die noch immer in dem ganzen Weſen des Groffürſten zuckte. Dann aber, eine feſte Haltung über ſich gewinnend, trat er vor den Großfürſten hin und ſagte mit einer ſchönen Milde: Ich bitte Euere Kaiſerliche Hoheit, mir die Entlaſſung aus den Dienſten Ihres Hofſtaates zu geben. Meine Geſundheit hat in der letzten Zeit ge litten, und die Aerzte rathen mir, die Bäder in T Deutſch land zu beſuchen, was ich denn, mit der Erlaubniß Euerer Kaiſerlichen Hoheit, ſofort und ohne weitere Zögerung ausführen möchte. Das Ausſehen des jungen kräftigen Mannes konnte nicht gerade dazu dienen, dieſe Bitte zu unterſtützen. Außerdem hatte die Aufwallung des Zorns und der Leidenſchaft in dieſem Augenblick ſeine Wangen hoch roth gefärbt, und man konnte kein blühenderes und friſcheres Bild der Geſundheit und Kraft ſchauen. Paul betrachtete ihn eine Zeit lang von der Seite, ohne ein Wort zu erwiedern. Dann ſagte er, höhniſch uflache zfhörli och zu Siumer Rtroſt htlaſſu nir bis kecht f aufricht gant i Manier geklei inem f wer ruſ ſicht, i die gele ln H Kon dheit er hu jnge Beledi hift 43 auflachend: Ich begreife, Fürſt, daß Sie an den un⸗ aufhörlichen Reminiscenzen der Groffürſtin ſich endlich noch zu einer Reiſe nach Deutſchland begeiſtert haben. Säumen Sie nicht, einpacken zu laſſen, und reiſen Sie getroſt dorthin ab. Sie erhalten mit Vergnügen meine Entlaſſung von den zweifelhaften Dienſten, welche Sie mir bisher geleiſtet haben, und ich bin in der That recht froh, Sie los zu werden. Ich muß es Ihnen aufrichtig ſagen, Sie waren mir hier immer zu ele— gant in Ihrem ganzen Weſen und in allen Ihren Manieren, Sie waren mir zu ſchön und zu ſtutzerlich angekleidet und ſahen mehr wie ein Kupferſtich aus einem franzöſiſchen Modejournal, denn wie einer mei— ner ruſſiſchen Fürſten aus. Ich liebe dergleichen gar nicht, ich bin ein guter Nationalruſſe und halte mir die geleckten Modebären mit der ſchmachtenden Schnauze vom Halſe. Adieu denn, mein Lieber! Kourakin hatte bei dieſer Abfertigung, die ihm zu Theil wurde, eine unwillkürlich zuckende Bewegung mit der Hand gemacht, die faſt ſo ausſah, als wenn der junge Fürſt zu einer Waffe greifen wollte, um eine Beleidigung ſelbſt des Großfürſten von Rußland mann haft zurückzuweiſen. Aber der Grofßfürſt hatte ſich 44 raſch von ihm abgewandt und ſchien den Fürſten Kou⸗ rakin gar nicht mehr zu bemerken. Der Fürſt entfernte ſich jetzt ſtumm und ſchweigend mit raſchen ſtürmiſchen Schritten. Als der Großfürſt ſich wieder nach ihm umkehrte, um zu ſehen, ob Kou⸗ rakin noch nicht vom Platze verſchwunden ſei, war der⸗ ſelbe ſchon von der Terraſſe heruntergeſtiegen und hatte einen Diener beauftragt, ihm ein geſatteltes Pferd vorzuführen, auf dem er nach Sanct⸗Petersburg reiten wollte. Pa Schloſſ Bltz; tiger und he ſeines Pa ju ihm ſochwe auch ben tinande Non urgſ Se. W n Fräulein Uelidow. Paul hatte ſich jetzt auf eine Bank vor dem Schloſſe niedergeſetzt, auf der er öfter zum Ausruhen Platz zu nehmen pflegte. Jwan Paulowitſch war in einiger Entfernung ihm zur Seite ſtehen geblieben und harrte mit liſtig ſpähenden Augen der Befehle ſeines Herrn. Paul winkte ihn näher zu ſich heran und ſagte zu ihm: Und was wird aus uns nun werden, mein hochweiſer IJwan Paulowitſch Koutaitzow? Werden auch wir unſern gewohnten Spaziergang aufge⸗ ben? Ich meine nicht. Wir werden jetzt Beide mit einander ganz auf unſere eigene Hand ſpazieren gehen. Man muß Alles ausführen, was man ſich einmal vorgeſetzt hat. Nur Weiber und Narren ändern alle Augenblicke ihre Entſchlüſſe. So komm, Iwan Pau⸗ lowitſch Koutaitzow, ich will mit Dir ſpazieren gehen— Wir haben die Stunde meines gewöhnlichen Spazier⸗ ganges ſchon lange genug vorübergehen laſſen. Damit ſprang der Großfürſt von der Bank auf und ſchickte ſich an, ſeinen Spaziergang jetzt. anzutre⸗ ten, während Jwan Paulowitſch ihm bald zur Seite, bald hinter ihm folgte, und durch ſeine launigen und poſſenhaften Bemerkungen die Stimmung ſeines Herrn wieder aufzufriſchen verſuchte. Die eingeſchlagene Richtung führte den Großfürſten zuerſt die Terraſſe entlang durch die Lauben, in denen noch kurz zuvor die beiden kleinen Prinzen, Alexander und Conſtantin, unter der Aufſicht ihres Gonverneurs ſo fröhlich und geräuſchvoll geſpielt hatten. Jetzt ſaßen ſie ganz ſtill und traurig in der Laube umher, und der ältere Alexander hatte große Thränen in ſeinen blauen Augen, während Conſtantin trotzig und finſter die Fäuſte ballte und ſeinem Vater nicht wie ſonſt mit luſtiger und ſtürmiſcher Zudringlichkeit ent⸗ gegen ſprang. Die Kinder hatten aus der Ferne den ganzen Vor⸗ gang beobachtet, der ihre Mutter,⸗die Grofßfürſtin, ſo eben betroffen hatte, und ſie ſchienen genau zu wiſſen, ⸗ wos ſich ihnen in blickten Heu Iungen hinter n die Lau Uer z hinter umkehr waren. Vo ti er, ſßen u Geſichte Vol boffün den A Der ſszubr in Ha u . 47 was ſich zugetragen hatte. Als der Groffürſt jetzt zu ihnen in die Laube trat, ſtanden ſie nicht auf, ſondern blickten beide ſcheu und traurig vor ſich nieder. Heut ſollt Ihr mit mir ſpazieren gehen, raſch, Jungen, macht Euch auf, ein braver Kerl, der zuerſt hinter mir iſt! rief der Großfürſt jetzt, indem er durch die Laube hindurch ſchritt und ſeinen Weg fortſetzte. Aber zu ſeinem Erſtaunen bemerkte er Niemanden hinter ſich, als er ſich jetzt nach den beiden Knaben umkehrte, die noch bewegungslos, und ohne ſich von der Stelle zu rühren, in der Laube ſitzen geblieben waren. Wo bleibt Ihr denn, Ihr närriſchen Jungen? rief er, ihnen mit der Hand winkend. Aber die Kinder ſaßen unbeweglich ſtill, mit trotzigen und ſchmollenden Geſichtern. Wollt Ihr heut nicht mit mir gehen? fragte der Großfürſt wieder mit einer böſen Stimme und zucken⸗ den Augenbrauen. Der weichere Alexander begann in laute Thränen auszubrechen. Prinz Conſtantin aber faßte ſich jetzt ein Herz und ſagte, indem er auf derſelben Stelle timme: Weil Mama — ſitzen blieb, mit einer trotzigen S Großfürſtin heut nicht mitgehen darf, r Der Großfürſt lachte und ſchien durch die Drol— ligkeit dieſer Demonſtration in ſeinem Zorn entwaf Dann ſchickte er ſich an, mit ſeinem getreuen Jwan Paulowitſch den begonnenen Spaziergang fortzuſetzen. Die kleinen Prinzen hatten ſich raſch wieder beruhigt ihre Spiele in derſelben lärmenden und luſtigen Weiſe fortgeſetzt. Ihre Stimmen klangen fröhlich und laut hinter dem Groffürſten her. Kinder zu haben iſt auch eine dumme Illuſion! ſagte der Großfürſt nach einer Pauſe, indem er eben mit ſeinem Begleiter und Vertrauten die Terraſſe hinabſchritt, um den Fußſteig, der zu dem gegenüber⸗ liegenden Walde führte, zu betreten. Andere Fürſten ſchätzen ſich glücklich, wenn ihre Nachkommenſchaft reichlich geſichert iſt, wie es der Thron verlangt! bemerkte Iwan Paulowitſch Kon taitzow, der wieder Luſt bekam, politiſche Bemerkungen zu machen und die Weisheit eines Staatsraths zum Beſten zu geben. jetzt in den Wald, der ſie plötzlich mit hohen rieſigen Bäumen umgab und aus ſeinen dichten Gehägen erfriſchende Düfte zu ihnen herſand Muthe Einſam nendli ihn au ſelten gerieth. Er ſuchte und L miſch verbril Je welche ſchufe tigenth haben, beſiete die P heiter er, d hate 49 herſandte. Dem Groffürſten begann behaglich zu Muthe zu werden, er liebte den Wald, und die tiefe Einſamkeit, die in demſelben herrſchte, that ihm ſo unendlich wohl, daß er dann oft Alles vergaß, was ihn augenblicklich guälte und bedrückte, und er nicht ſelten in die luſtigſte und ausgelaſſenſte Stimmung gerieth. Er ſetzte ſeinen Weg durch den Wald fort und ſuchte mit raſchen Schritten die innerſten Vertiefungen und Verſtecke deſſelben zu erreichen, in denen er hei⸗ miſch war und oft mehrere Stunden des Tages zu verbringen pflegte. Jetzt aber gelangte er an einen der vielen Bäche, welche aus dieſem Wald hervorfließen. Mit ſeinem ſcharfen Gehör glaubte er ſchon in der Ferne ein eigenthümliches, plätſcherndes Geräuſch vernommen zu haben, und als er jetzt, von einem kleinen blumen⸗ beſäeten Hügel herab, auf deſſen Spitze er eben die Waldöffnung erreicht hatte, den im Sonnenſchein heiter blitzenden Bach vor ſich liegen ſah, bemerkte er, daß er ſich in ſeiner Wahrnehmung nicht geirrt hatte. Er ſah eine weibliche Geſtalt, die eben aus dem ſpiegelklaren Bach hervorſtieg, in deſſen Wellen ſie Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. l. 4 ———— 50 gebadet hatte. Der Großfürſt ſtand einen Augenblick überraſcht da und brach dann in ein lautes Gelächter aus, welches ſeltſam über den Wald dahinhallte. Wahrhaftig, ſagte Jwan Paulowitſch, das iſt ja die kleine Marfa Nelidow, die neue Hofdame der Kaiſerin, die ihre ſchlanken Glieder dieſem Bach an⸗ vertraut hatte. Das iſt ein luſtiges und wildes Frauen⸗ zimmer, dieſe Nelidow, und wenn ſie nicht ſo abſcheu⸗ lich häßlich wäre, könnte man in der That verſucht ſein, ſie im höchſten Grade für liebenswürdig zu halten. Aber ſehen Sie nur, Kaiſerliche Hoheit, wie garſtig dieſe Perſon iſt, man ſagt nicht zu viel, wenn man ihr das Geſicht eines Affen nachrühmt, in dem Fall, daß man überhaupt noch ſo großmüthig ſein wollte, ihr ein Geſicht zuzugeſtehen, wofür man aber auch nirgends einen Erſatz an ihr findet. Kaiſerliche Hoheit haben ihr vorhin ſchon die Ehre angethan, ganz gehörig über ſie zu lachen, und das iſt in der That Alles, was ſich über die Nelidow ſagen läßt. Oh, erwiederte Paul, noch immer in das An⸗ ſchauen der jungen Dame vertieft, die ſich jetzt wieder anzukleiden begann, ich lache nicht über ihre Häßlich⸗ keit, denn ich begreife nicht, warum man über einen Menſchen lachen ſoll, der häßlich iſt! Ich lachte nur, 8 Re — weil es mir im Augenblick ſo komiſch erſchienen war, daß der Wald von Paulowsky Nymphen hat, die dem Bach entſteigen und den harmloſen Wanderer zu einem Abenteuer verlocken. Uebrigens kann ich Dir nicht ganz Recht geben, Jwan Paulowitſch Koutaitzow. Ich finde dieſe kleine Nelidow keineswegs ſo abſcheulich. Ich muß Dir ſogar ſagen, ſie gefällt mir gar nicht übel, ja, ſie gefällt mir, beſonders in dieſem Augenblick, wo ſie ſich des Hauptvortheils begeben, dem die meiſten Weiber ſonſt ihre Triumphe verdanken, nämlich des Koſtüms, und ſich nackt und ſchmucklos unſern Augen preisgegeben hat. In der That, ich mußte lachen, dieſelbe Perſon, die ich ſonſt immer, in ſtrengſter Toi⸗ lette verhüllt, am Hofe der Groffürſtin ſehe, und die mir dann immer höchſt reſpectvoll und züchtig begeg net, nun auf Einmal in dieſer höchſt natürlichen Er⸗ ſcheinung zu erblicken und mir etwas vorexerciren zu ſehen. Das dreht ſich rund und weiß nach allen Sei⸗ ten hin und her, das entblödet ſich gar nicht, Einem Dinge zuzukehren, die in der Geſellſchaft ſonſt keinen⸗ freien Zutritt haben, und die mit einer allerliebſten Dreiſtigkeit ihr Recht auf uns geltend machen! Die Nelidow iſt darin gar nicht ſo ſchüchtern, ent gegnete Jwan Paulowitſch lachend. Sie würde, auch + „ 52 wenn ſie Euerer Kaiſerlichen Hoheit nicht gerade als Nymphe im Walde begegnete, auch ſonſt gern dieſe Dinge Ihnen entgegenſtrecken, in wie ſtrenger Toilette ſie auch gerade eingehalten ſein mögen. Denn die Nelidow iſt offenherzig und zutraulich, und ſie theilt gern mit, wenn ſie nur etwas mitzutheilen hätte. Du ſcheinſt mir gegen das arme Kind ſehr einge nommen, Jwan Paulowitſch, bemerkte der Großfürſt. Gewiß hat ſie Dich ſchon einmal recht wacker ablaufen laſſen, denn ich habe immer gehört, daß ſie enn ſehr anſtändiges und tugendhaftes Mädchen iſt. Laß uns hinuntergehen zu ihr, ich hätte Luſt, ein Wort mit ihr zu reden. Wir werden ihr freilich einen kleinen Schreck einjagen, denn ſie hat ſich, wie wir ſehen, noch nicht ſehr beeilt, wieder vollſtändige Toilette zu machen. Es ſcheint der Mademoiſelle Nelidow ſehr daran gelegen, ſich noch den Buckel etwas in der Sonne zu wärmen, denn während ſie ſich nur um die Beine herum ganz loſe ein wenig zugedeckt hat, ſitzt ſie dort in dem hohen Graſe und ſingt ganz artige und ſchelmiſche Lieder, die verwetterte kleine Hexe. Eine Hexe iſt die Nelidow gewiß, plauderte Jwan, indem er dem Großfürſten folgte, der jetzt in ſeiner Weiſe in ſtürmiſcher Eile den Hügel hinabrannte. Sie 53 kamen an einem Pferd vorüber, das im Gebüſch an⸗ gebunden war. Es iſt eigentlich ein tolles Frauenzimmer, dieſe Nelidow, ſagte Jwan zum Großfürſten, der beim An— blick dieſes Pferdes ſtutzte. Das iſt das Reitpferd der Nelidow, auf dem ſie den ganzen Tag umhergal loppirt. So, wie heut, macht ſie es faſt jeden Tag. Oft, wenn ſie mit der Frau Grofßfürſtin Euere Kaiſer⸗ liche Hoheit auf der Jagd begleiten mußte und der Zug an einem Bach vorüberführte, blieb ſie mit ihrem Pferde im Gebüſch zurück, warf ihre Kleider ab, ſtürzte ſich jubelnd in das Waſſer und plätſcherte in den Wellen, kaum einige Schritte entfernt von dem Jagd⸗ gefolge, das mit ſeinem Halloh und ſeinen Hörnern die Nelidow accompagnirte. Kaum ſind aber zehn Minuten vergangen, ſo erſcheint die Nelidow ſchon wieder auf ihrem Pferde am Saum des Waldes und jagt wie der leibhafte Teufel, daß man ſich vor ihr fürchten könnte, um wieder ihren Platz an der Seite der Großfürſtin einzunehmen. Die Großfürſtin thut dann, als hätte ſie im Getümmel des Jagdzuges die Abweſenheit ihrer wilden Hofd denn die Frau Großfürſtin iſt immer ſehr gnädig gegen die Nelidow, man ſagt, daß ſie dieſe Hofdame ame gar nicht bemerkt, zärtlich liebt und alle ihre Unarten und dummen Streiche ihr hingehen läßt. Man war jetzt unten an den Ufern des Baches angelangt, als ein fürchterliches Kreiſchen und Schreien ſie empfing, womit die aufgeſcheuchte Hofdame, die den Großfürſten ſogleich bemerkt hatte, ihren Schreck zu erkennen gab. Sie hatte ihren Anzug noch nicht ganz wieder vollendet und befand ſich vielmehr ſtellenweiſe noch in großer Unordnung mit demſelben, ſo daß ſie bis zum Gürtel herab nackt und unbekleivet erſchien. Sie wollte ſich jetzt raſch hinter einer Bildſäule von altem verwitterten Stein verbergen, die hier, aus alten Zeiten her, am Waſſer ſtand, aber Paul war ſchnell und ohne Rückſicht herzugetreten und zog unter lautem Lachen die Nelidow an der Hand aus ihrem Verſteck hervor. Kommen Sie nur dreiſt hervor, rief der Großfürſt ſcherzend. Sie verbergen ſich umſonſt hinter dieſem heiligen Mann von Stein, Mademoiſelle Nelidow, aber Sie werden doch nicht verlangen, daß man ein Heiliger von Stein bleiben ſoll, wenn man Sie ſo ſieht? In der That, Sie gefallen mir heut außer⸗ ordentlich, Mademoiſelle Nelidow! Marfa war zitternd und bebend hervorgetreten und 55 ſtand, mit hochgeröthetem, vor Scham flammendem Geſicht, die beiden Arme vor der nackten Bruſt überein⸗ andergekreuzt, mit demüthig zur Erde geſenktem Haupt vor dem Groffürſten da. Die große Häßlichkeit ihres Geſichts, die beſonders in der widerwärtigſten Verzerrung der Züge und der gelblichen Schmutzfarbe einer runzeligen Haut beſtand, hatte in dieſem Augen⸗ blick der Ueberraſchung und glühendſten Beſchämung faſt in ein milderes Licht überzugehen begonnen. Ihr wildes und bizarres Ausſehen ſchien in einer milden Gluth geſchmolzen, und zugleich waren ihre enthüllten Körperformen ſo weiß und friſch, daß ein unſchuld⸗ volles, faſt liebliches Mädchenbild dazuſtehen ſchien, dem man einen gewiſſen eigenthümlichen Reiz der Er⸗— ſcheinung nicht abläugnen konnte. Der Großfürſt fuhr fort, ſie mit einer unabläſſigen und höchſt genauen Aufmerkſamkeit zu betrachten, was die peinliche Verlegenheit, in der ſich die Nelidow ihm gegenüber befand, auf's Aeußerſte vermehrte. Dann ließ er einen fragenden Seitenblick auf Jwan Paulo— witſch, ſeinen Vertrauten, fallen, der mit ſeiner Ver⸗ ſchmitztheit dieſen Blick ſehr wohl verſtand und dann dem Großfürſten mit einer eben ſo wichtigen als ko⸗ miſchen Gebärde einverſtändnißvoll zunickte. Er drückte — 56 „ damit aus, daß die leidenſchaftliche Neigung, welche der Großfürſt in dieſem Augenblick allen Ernſtes für die Nelidow zu faſſen ſchien, ſehr wohl zu begreifen ſei und alle und jede Zuſtimmung verdiene. Denn Jwan Paulowitſch wußte, daß ihm bei allen Schritten ſeines Herrn ein entſchiedenes Recht zuſtand, ſeine Anſichten und ſeine Willensmeinung zu erkennen zu geben, und daß der Großfürſt ſelten etwas that, ohne ſich ſeiner Uebereinſtimmung verſichert halten zu können. In dieſem Gefühl ſeiner anerkannten Wichtigkeit wagte ſich denn auch Iwan Paulowitſch Koutaitzow jetzt in die Unterhaltung des Großfürſten mit der Ne⸗ lidow einzumiſchen, wobei er es freilich nicht laſſen konnte, in ſeiner Art wieder einige boshafte Lichter aufzuſetzen. Jo, ja, ſagte er, indem er ſich mit einer feierlichen Verneigung zu Mademoiſelle Nelidow wandte, Sie haben ſich hier in die rechte Schmiede begeben, denn dieſer Bach, in dem ſich das Fräulein gebadet, bietet, wie hier in der ganzen Umgegend geglaubt wird, den Badenden zugleich ein Schönheitswaſſer dar. Man behauptet allgemein, daß ein Mädchen, welches ſeine Glieder in dieſes Waſſer taucht, ſchön wie eine Göttin —— 57 wieder aus demſelben heraustritt. Die Häßliche wird eine verführeriſche Venus, die Buckelige wird die Göttin der Harmonie ſelbſt, wenn ſie ſich in dieſen Bach ge⸗ taucht haben. Und man ſieht, daß es auf der Stelle geholfen hat, Fräulein Nelidow, obwohl wir geſtehen müſſen, daß Sie es eigentlich gar nicht nöthig hatten, dieſen Bach zu beſteigen, und daß Sie auch ohnedies immer die ſchönſte aller garſtigen Frauenzimmer ge⸗ weſen ſein würden. Marfa Nelidow warf ihm aus ihren dunkeln blitzen⸗ den Augen einen vernichtenden Blick zu und kehrte ſich dann verachtungsvoll von ihm ab, indem ſie den Groß⸗ fürſten, der ihre Hand angelegentlich ergriffen hatte und feſthielt, mit einem reizenden Lächeln anſah, worin die Bitte zu liegen ſchien, daß der Großfürſt ſeinem mächtigen Kammerdiener wegen der eben gethanen Aeußerungen nicht zürnen möge. Denn Paul hatte eben die Hand aufgehoben, um den Jwan Paulowitſch Koutaitzow wegen ſeiner unpaſſenden und höhniſchen Bemerkungen, die er ſich über das Ehrenfräulein der Großfürſtin erlaubt, zu ſchlagen. Auf dem Geſicht der Nelidow war jetzt eine wun⸗ derbare Sanftmuth und Gutmüthigkeit hervorgetreten, deren freundlicher Ausdruck den Zorn des Großfürſten 58 auf der Stelle entwaffnete. Dann ſagte ſie mit einer ſehr anmuthigen Gebärde: Die Nelidow iſt es ge wohnt, von dem Kammerdiener Iwan Paulowitſch verhöhnt und verſpottet zu werden, aber ſie macht ſich nichts daraus, denn ſie iſt weder häßlich noch ſchön, nicht häßlich, weil ſie von ihrer Liebe und Ergebenheit für die Frau Grofßfürſtin und den Herrn Groffürſten jeden Augenblick einen Glanz der Verſchönerung zu rückempfängt und nicht erſt in dieſen Bach zu ſpringen braucht, um dieſes Glückes theilhaftig zu werden. Die Nelidow wird aber auch nie ſchön genug ſein, um dem Vorzuge Ehre machen zu können, den ſie dadurch genießt, daß ſie hier am Hofe des Herrn Groffürſten leben und athmen darf Und die getreueſte Magd der himmliſch ſchönen Großfürſtin iſt, für welche ſie gern in ihrem Dienſt bis in den Tod gehen würde! Da die Nelidow alſo nicht ſo häßlich iſt, als ein Narr fade und argliſtig ſein känn, und da ſie nicht ſo ſchön. iſt, als der Narr uwerſchämt und tückiſch iſt, ſo neigt ſie in tiefſter Beſcheidenheit ihr Haupt und bittet un darum, den Narren ungeſtraft laufen zu laſſen. Nach dieſer Rede, in der ſo viel Schalkheit und Schelmerei mit einem boshaften und pfiffigen Ausdruck ſich miſchten, machte Marfa Nelidow dem Großfürſten 59 einen höchſt anmuthigen Knix und ſtand, die Arme eng über der Bruſt gekreuzt, mit demüthig geſenktem Haupte vor ihm, wie Eine, die ihren Urtheilsſpruch erwartet, während aus den niedergeſenkten langen Wimpern die feurigen Strahlen ihrer liſtigen koketten Blicke hervorſchoſſen. Der Großfürſt drückte ſein ſteigendes Wohlgefallen an ihr mit einem mehrmals wiederholten Neigen ſeines Kopfes aus, und dann ſtreichelte er ihr ſchönes ſchwar zes Haar, das wie ein Netz von ſeidenen Flechten ihr um die Schläfen herabhing. Eine etwas verlegene Rolle, aus der er ſich aber ſogleich wieder zu erheben wußte, hatte inzwiſchen Jwan Paulowitſch Koutaitzow geſpielt. Seine anfäng liche Abſicht, den Großfürſten von der beginnenden Neigung für die Nelidow wieder abzubringen, mußte er jetzt für geſcheitert anſehen, obwohl er den Spott zu Hülfe genommen, womit er ſonſt alle Entſchließun gen des Großfürſten auf eine ihm ſelten fehlſchlagende Weiſe zu lenken verſtand. Jetzt ſah er an Allem, daß der Großfürſt eine nicht mehr zurückzudrängende Neigung für die Ehrendame ſeiner Gemahlin gefaßt, und je unerwarteter und plötzlicher dieſe Neigung ge kommen war, um ſo mehr war anzunehmen, daß der 60 Großfürſt feſt darauf beharren und ſeinen Willen, der 1 ihn zu bewegen ßhien, unabänderlich zur Geltung bringen werde. Jwan faßte daher ſogleich den Ent⸗ ſchluß, einzulenken und wieder gut zu machen, was er vorhin durch ſein keckes Wort Uebles angerichtet hatte. Bei Gott und allen Heiligen der ruſſiſchen recht— gläubigen Kirche, begann Jwan jetzt mit vieler Em phaſe, dem armen Jwan Paulowitſch Koutaitzow iſt ein großes Unglück widerfahren, er iſt ſchrecklich miß⸗ verſtanden worden und iſt wieder einmal im Begriff, ein Opfer ſeiner ſchlechten Witze zu werden. Aber wie konnte man von mir denken, daß ich die ſchnöde Abſicht gehabt hätte, eine Dame von ſo untadeligem Werth, von ſo hohen Vorzügen, wie Fräulein Nelidow iſt, durch meine nichtsnutzigen Späße beleidigen zu wollen. Fräulein Nelidow iſt ſonſt immer die Schutz patronin des guten Humors am petersburger Hofe geweſen und man konnte ſich ihre Gunſt erwerben, wenn man einen ordentlichen Einfall hatte, über den ſich nach Herzensluſt lachen ließ. Denn wer lachte ſchöner am ganzen petersburger Hofe, als Marfa Ne⸗ lidow? Aber es war zigleich gefährlich, in ihrer Gegenwart einen Spaß zu wagen, wie ſich heut an dem unglücklichen Beiſpiel des armen Jwan Paulo⸗ 61 witſch gezeigt hat. Denn bei dem ſcharfen Verſtand und dem auserleſenen Geiſt, deſſen ſich Fräulein Ne— lidow nicht minder rühmen kann als ihrer bezaubern den Luſtigkeit, wird man nur ſelten einen Witz machen, der ihr vollkommen gut erſcheint, und dem ſie die Huld erweiſen wird, ihn mit gütiger Nachſicht anzu hören. Aber man weiß zugleich, daß Fräulein Reli dow das ſchönſte und beſte Herz von der Welt hat, daß ihr Gemüth auch ſanft und mild wie Maienregen ſein kann, und hold und labend wie der Flug der Tauben, und darum hofft der unterthänigſte Knecht Jwan Paulowitſch, diesmal noch gnädige Verzeihung zu finden. Jwan Paulowitſch machte dabei eine ſo tief ernſt hafte Gebärde, die mit einem ſo drollig verſtellten Schmerz ſich verband, daß die Nelidow unwillkürlich in ein lautes Lachen ausbrechen mußte. Auch der Groffürſt vergnügte ſich ſichtlich an dem komiſchen Ausſehen ſeines Lieblings, der jetzt, unter unaufhörlichen Verbeugungen ſowohl gegen ihn ſelbſt, als gegen die Nelidow, das Weſen eines alten ver ſchmitzten Hofmannes annahm, und eben ſo ängſtlich als dummdreiſt die Mienen des Groffürſten zu erfor ſchen ſuchte. 62 Inzwiſchen hatte die Nelidow raſch den Augenblick benutzt, wo Jwan die Aufmerkſamkeit des Grofßfürſten von ihr abgelenkt hatte. Ihr Obergewand und ihre Tücher, die bisher noch auf dem Raſen umhergelegen, hatte ſie mit blitzſchneller Geſchwindigkeit aufgehoben und ſich um Hals und Schultern geworfen, ſo daß ſie nun wieder in ganz züchtiger und vollendeter Doilette da ſtand. Dann wandte ſie ſich mit einer ungemein liebenswürdigen Haltung zu dem Großfürſten und bat ihn, daß er jetzt die Gnade haben möchte, ſie zu ent⸗ laſſen, weil ſie zum Dienſt der Großfürſtin nach dem Schloſſe zurückkehren müſſe. i Marfa Nelidow wartete aber nicht erſt die gnädige Erlaubniß des Großfürſten ab, ſondern ſie eilte jetzt raſch zu ihrem im Gebüſch angebundenen Pferd hin, band daſſelbe los und ſchwang ſich mit einer wilden Kraft, indem Muth und leidenſchaftliche Entſchloſſen⸗ heit hell aus ihren Augen blitzten, in den Sattel. Auf dem muntern ſchwarzen Pferde ſitzend, das ſchon brauſend mit ihr davonjagen wollte, brachte ſie daſſelbe mit dem kraftvoll ergriffenen Zügel noch ein— mal zum Stehen und machte gegen den Groffürſten Front, indem ſie mit militairiſchem Gruß die Hand an ihren Strohhut legte und ſich ſo, mit einer unge⸗ 63 mein kecken und ſchelmiſchen Gebärde, beim Groß⸗ fürſten verabſchiedete. Halt, rief Paul, ihrem Pferde in den Zügel fallend, mit froher Laune aus, Marfa Nelidow wird die Güte haben, ſich nicht eher hier von der Stelle zu entfernen, als bis ſie mit ehrlichem Handſchlag gelobt hat, dem Großfürſten künftig eine recht gute Freundin ſein zu wollen und wieder zu ihm zurückzukehren, ſobald er ſie ruft und wohin es auch ſein möchte. Was meint Fräulein Nelidow zu dieſer Bedingung, die mir wahr⸗ lich aus dem Herzen kommt und auf deren Erfüllung ich halten werde, koſte es auch, was es wolle. Marfa Nelidow ſoll aber dann in meine Arme zu mir zurück⸗ kehren und ſich mir zu eigen geloben mit einem treuen Eid, mit dem ſie mir alle Gewalt über ſich überträgt! Dieſen Eid für Euere Kaiſerliche Hoheit habe ich ſchon lange geſchworen, entgegnete die Nelidow mit funkelnden Augen, indem ſie die zu ihr hinaufgereichte Hand des Großfürſten mit leidenſchaftlicher Heftigkeit berührte. Es iſt der Huldigungseid, den ganz Ruß⸗ land längſt für den Grofßfürſten Paul in ſeinem Herzen trägt und den je eher je lieber die ganze Nation in Ihre Hände ablegen möchte, alſo auch die kleine garſtige Nelidow, die es nie verſtanden hat, ihre Ge⸗ 64 fühle zu verbergen und ihr Herz zu unterdrücken, ihr armes dummes Herz, das ſo gern dem Großfürſten huldigen möchte! Sie gab dabei ihrem Pferde plötzlich einen heftigen Ruck mit dem Zügel, wodurch ſie es, ehe der Groß fürſt ſich deſſen verſehen konnte, herumriß, um jetzt ohne längeres Säumen den Rückweg anzutreten. Sie war jetzt mit Blitzesſchnelle davongeſprengt und im Waldpfade entſchwunden, aber der letzte Gruß, den ſie aus ihren Augen dem Großfürſten geſpendet, war ſo bedeutungsvoll und vielſagend geweſen, daß Paul, den die letzten Worte der Nelidow überhaupt betroffen und nachdenkend gemacht hatten, jetzt ganz in ſich verſunken ſtehen blieb und träumeriſch zur Erde niederſtarrte. Jwan Paulowitſch, der ſich inzwiſchen damit be luſtigte, Steine vom Ufer aus in das Waſſer zu werfen und dieſelben in den von der Sonne leuchtenden Wellen ſchimmern und blitzen zu laſſen, wagte es jetzt, ſeinen Herrn wieder zur Beachtung der Gegenwart zurückzurufen, indem er, ſcheinbar aus Verſehen, ganz in der unmittelbaren Nähe des Großfürſten einen ſehr gewaltigen Stein in den Bach warf, was nicht nur ein lautes Geräuſch verurſachte, ſondern auch das Waſſer hoch emporſprützen machte und den Groffürſten 65 ſowohl im Geſicht, wie auch an ſeinen Kleidern ſtark benetzte. Paul fuhr zornig aus ſeinem Sinnen empor, in welches ihn die liſtigen und zweideutigen Hindeutungen der Nelidow verſetzt hatten. Denn der Gedanke, daß die ganze Nation der Ruſſen auf ihn hoffe und ihm ungeduldig entgegenharre, war für ihn ſtets ein ſehr verlockender geweſen. In dieſem Punct lag ſein ge⸗ heimſtes Leben verborgen und es erſchreckte ihn oft ſelbſt, wenn er plötzlich daran rührte und dabei die innerſten Gedanken des Großfürſten an das helle Tageslicht ziehen wollte. Dabei hatte die Erſcheinung der Nelidow einen ſehr angenehmen Eindruck in ihm hinterlaſſen, und er kehrte wieder zu ihrem eigenthümlichen Bilde zurück, als er ſich jetzt durch ſeinen Diener ſo muthwillig aus ſeinen Gedanken erweckt ſah. Und Du findeſt wirklich die kleine Nelidow ſo häß⸗ lich? fragte er jetzt den Jwan Paulowitſch Koutaitzow, indem er aus ſeinen Träumen emporfuhr und wieder im Begriff ſtand, ſich das eben Erlebte ins Ge dächtniß zurückzurufen. Ich für meine Perſon bin wohl am meiſten ge⸗ neigt, der Kleinen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, Th Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 1 5 66 erwiederte Jwan mit der ehrlichſten Miene von der Welt. Nicht ich, ſondern die ganze Welt nannte ſie ſtets die häßliche Nelidow. Wer wird aber der ganzen Welt Glauben ſchenken? Dies kann wenigſtens den Einzelnen nicht hindern, doch manchen eminenten Reiz an ihr zu entdecken. Du haſt Recht, Jwan, ſagte der Großfürſt faſt freudig. Du biſt doch wahrlich ein grundgeſcheidter Burſch und gewinnſt Dir meine Sympathie für Dich immer von Neuem. Und ſage ſelbſt, Jwan Paulo⸗ witſch, iſt es denn ſo übel, häßlich zu ſein? Bin ich nicht auch von der Welt als der häßlichſte Mann ver⸗ urtheilt, den ſie je geſehen haben will? Es lebe die Häßlichkeit, Jwan Paulowitſch Koutaitzow! Was bei der infamen Schönheit herauskommt, haben wir ſatt ſam geſehen. Du biſt mein Freund und kennſt mich, Du weißt, Jwan, daß ich mir nicht viel daraus ge macht habe, ſchöne Weiber zu beſitzen. Die jetzige Großfürſtin iſt ſehr ſchön, es iſt wahr, aber ich haſſe bereits dieſe regelmäßige, glatte, ewig lächelnde Schön heit, bei der mir zu Muthe wird, wie den jungen Katzen, die jämmerlich nieſen müſſen, wenn ſie fort⸗ während in die Sonne ſehen! Ich habe wahrhaftig jetzt Langweile und Pein genug ausgeſtanden und ſehne mich einmal nach etwas Anderem, als nach dem regel⸗ mäßigen Marmorbild, das ewig feierlich und feſtlich ausſieht und immer mit lauter Herrlichkeit und Pracht um ſich wirft. Ei, erwiederte Jwan Paulowitſch nach einigem Großfürſtin würde doch wohl einige Vorzüge vor dieſer Nelidow behaupten können. Die Großfürſtin Maria Feodorowna hat mich zwar nie begünſtigt, aber für mich armen kleinen Kerl iſt es ſchon eine Ehre, wenn eine Großfürſtin mich nicht leiden kann oder mir vor dem übrigen Hofgeſindel eine Zurechtweiſung ertheilt, wie mir dies unaufhörlich geſchieht. Aber meiner Treu, die Großfürſtin iſt doch immer ſchön, ſie iſt eine hohe liebenswürdige Frau, ſie iſt klug, ſie iſt fruchtbar, denn eifriger und prompter hat man noch keine Großfürſtin geſehen, um dem Staate Kinder zu gebären und die Dynaſtie des hohen Kaiſerhauſes zu ſichern. Iwan Paulowitſch, deſſen kleine Angen jetzt von Bosheit und Tücke ſchimmerten, ſagte dies offenbar nur in der wohlberechneten Abſicht, durch ein ſolches der Gryßfürſtin geſpendetes Lob, das, wie er wufßte, dem Großfürſten nur ſehr unangenehm in die Ohren fiel, die Verſtimmung deſſelben gegen Maria Feodo⸗ 68 rowna noch mehr zu reizen und der Großfürſtin, die nie ſeine Gönnerin geweſen war, gerade in dieſem Augenblick zu ſchaden. Sein Mittel hatte auch bereits gewirkt, denn ein fürchterlicher Zornausbruch ſtand in glühenden Farben auf dem gelben, runzeligen Geſicht des Grofßfürſten. Du fährſt fort, mir von lauter unangenehmen Dingen zu ſprechen, Burſch, ſagte Paul, indem er ſeinen Kammerdiener heftig am Ohr zupfte. Fruchtbar Nun ja, darüber freue ſich der Schuſter, wenn Alles ſo hübſch regelmäßig nach dem Leiſten vor ſich geht. Ein ruſſiſcher Großfürſt, der befehlen und gebieten kann, macht ſich nicht von ſolchen Launen der Weiber abhängig. Fruchtbar? Wenn die Dynaſtie einen Nach folger haben ſoll auf dem Thron, dann wird zur rechten Zeit einer da ſein, man verlaſſe ſich darauf. Es be darf dazu dieſer übertriebenen Eile und ſogenannten Fruchtbarkeit nicht, denn was heißt Fruchtbarkeit, was in aller Welt heißt Fruchtbarkeit? Es iſt mir gar nicht angenehm, daß man immer auf der Stelle eine Quittung erhält über das, was man gethan hat oder vielleicht auch nicht gethan hat. Ich haſſe einmal die allzu große Regelmäßigkeit in allen Dingen. Und das iſt es ja gerade, was die Häßlichkeit für ſich hat, daß 69 ſie dem Geſetz der Unregelmäßigkeit folgt. Es lebe die Häßlichkeit, Jwan! Der Großfürſt machte jetzt wieder ſein philo⸗ . ſophiſches Geſicht, mit dem er öfter ſeine ſeltſamen Grübeleien begleitete. Dann ſchickte er ſich an, ſeinen Spaziergang fortzuſetzen, indem ihm Jwan Paulowitſch Koutaitzow, mit der größten Aufmerkſamkeit für jede Miene und Bewegung ſeines Herrn, zur Seite folgte. Nach einiger Zeit ſagte Jwan mit poſſirlichem Ernſt, als ſie zuſammen in das Dickicht des Waldes eintraten: Die kleine Nelidow iſt in der That ſehr geeignet, Euere Kaiſerliche Hoheit zu unterhalten, und . dann werde ich mich auch nie wieder unterſtehen, zu ſagen, daß die Nelidow häßlich iſt! Die Nelidow wird auch immer ſchöner werden, davon bin ich überzeugt, denn der Zauber der häßlichen Weiber beſteht darin, daß ſie immer ſchöner werden, während die Schönen oft von Tag zu Tag garſtiger werden. Darf ich der Relidow ſagen, daß Euere Kaiſerliche Hoheit nicht blind für die Vorzüge des liebenswürdigſten, klügſten und pikanteſten Mädchens geblieben ſind? Der Großfürſt nickte raſch mit dem Kopfe und ſagte: Du ſollſt mit der Führung der Unterhandlungen betrant werden, Jwan. Glaubſt Du aber, daß ſie 70 künftig die Ehrendame der Groffürſtin bleiben kann? Es wäre mir lieb, wenn Du darüber gleich ganz be ſtimmte Feſtſetzungen treffen könnteſt, denn Du biſt einmal mein diplomatiſcher und politiſcher Kopf und ich verlaſſe mich in Allem am liebſten auf Dich! Ganz gewiß wird die Nelidow die Ehrendame der Frau Großfürſtin bleiben, verſicherte Iwan mit einer gewiſſen Treuherzigkeit. Sie iſt der Frau Groffürſtin unentbehrlich geworden und dieſe wird ſie unter keinen Umſtänden von ſich laſſen wollen. Auch iſt die Frau Großfürſtin ſelbſt noch klüger als die Nelidow. Sie wird nie bemerken, was ſie nicht gerade bemerken ſoll. Die Nelidow wird dem Großfürſten nicht nur eine ſehr ergebene und zärtliche Freundin werden, ſondern ſie wird auch von der Fran Großfürſtin in keiner Weiſe gehindert ſein, den Befehlen Euerer Kaiſerlichen Hoheit zu gehorchen. Nun gut, ſagte der Großfürſt nach einigem Be— ſinnen, es wihd alſo Alles gut gehen, wie ich es wünſche, und ich will nicht läugnen, daß die Groß fürſtin ſich immer ſehr gefällig und freundlich gegen mich bewieſen hat. Ich habe mich auch in keiner Weiſe über ſie zu beklagen, und wenn ſie nicht in meinen Augen das Unglück hätte, eine ſo regelmäßige und — 71 glatte Schönheit zu ſein, würde ich ſie für ganz un tadelhaft und fehlerfrei erklären müſſen. Ihre große Güte rührt mich öfters, wenn mich die zu große Regel⸗ mäßigkeit und Glätte in ihrer ganzen Erſcheinung ver ſtimmt. Schon als Kind hatte ich immer unwider⸗ ſtehliche Luſt, einen Stein in den See zu werfen, um ihn zu trüben, wenn er ſo in ganz regelmäßigem Wellen⸗ ſpiel ſtill in der Sonne dalag. Alſo ſprechen wir nicht mehr davon, Jwan Paulowitſch Koutaitzow. Du wirſt Alles ſo einrichten, wie es am beſten paſſend iſt, denn Du weißt, was ich will, und Du kennſt die Ver— hältniſſe! . 1 V Die Rückkehr der Garin. In dieſem Augenblick ſahen ſich die beiden Spazier⸗ gänger von einem Boten eingeholt, der ſchon ſeit einiger Zeit eilends und athemlos hinter ihnen durch den Wald gekommen war, um ſie zu treffen und, wie es ſchien, eine wichtige Botſchaft an den Großfürſten zu bringen. Es war die dringliche Meldung, daß ſoeben ein Courier aus Petersburg auf dem Schloſſe in Pau⸗ lowsky angelangt ſei, der die Meldung von der uner⸗ wartet erfolgten Rücktehr der Czarin von ihrer Reiſe überbracht und damit den Befehl Katharina's an den Großfürſten und die Großfürſtin ausgeführt hatte, die Czarin mit ihrem Beſuch zu erfreuen und auf der Stelle in Petersburg vor ihr zu erſcheinen. Paul ſchickte ſich auf dieſe Nachricht ſogleich zur Rückkehr nach Paulowsky an und verdoppelte die Eile ſeiner Schritte, in ſeiner Ungeduld es heftig ver⸗ wünſchend, daß er ſich in dieſem Augenblick ohne Pferd befand und nicht raſcher nach dem Schloſſe, von dem er ſich ziemlich weit entfernt hatte, zurückkommen konnte. Was hilft Euerer Kaiſerlichen Hoheit dieſe große Eile? bemerkte Jwan Paulowitſch nach einiger Zeit, nachdem er mit ziemlicher Anſtrengung und Mühe ver⸗ ſucht hatte, mit dem ſtürmiſch forteilenden Großfürſten gleichen Schritt zu halten und nun einen Augenblick zurückbleiben mußte. Ich bin begierig, zu vernehmen, was in Mohilew vorgefallen iſt, erwiederte der Großfürſt, indem er unaufhörlich vorwärts ſchritt. Ich bin neugierig zu erfahren, was die Czarin in Mohilew ausgerichtet hat und warum ihre Zuſammenkunft mit dem Kaiſer Joſeph von Oeſterreich dort ſo früh abgebrochen wurde? Denn obwohl ich in der Politik der Czarin nichts zu ſagen habe, ſo bin ich doch um ſo mehr auf meiner Huth, mich über Alles zu orientiren, was ge⸗ ſchieht. Auch hat die Czarin unſeren Beſuch ſogleich befohlen und die ſoldatenmäßige Pünktlichkeit liegt mir einmal in den Gliedern. ⸗ ——,—— 74 Pünktlich werden wir aber diesmal doch nicht ſein tönnen, erwiederte Jwan Paulowitſch, indem er ſich von Neuem neben dem Großfürſten in Bewegung ſetzte. Die Frau Großfürſtin iſt ja auf zwölf Stunden in Arreſt gebracht, und ehe dieſe zwölf Stunden abge ſeſſen ſein werden, wird doch nicht daran zu denken ſein, daß der Herr Großfürſt reiſt, da die Frau Groß fürſtin ebenfalls zur Czarin nach Petersburg be fohlen iſt. Zwan ſchlug dabei ein muthwilliges Gelächter auf, das faſt wie aus dem Munde eines jungen über müthigen Mädchens klang. Der Großfürſt ſtutzte bei dieſer Erinnerung, die ihn augenblicklich zu verdrießen ſchien, und nagte mit einer wüthenden Miene an ſeiner Unterlippe. Dann ſagte er: Halbmond Kalb, ich hätte wohl Luſt, Dir einmal die Ohren etwas zu kürzen mit meinem Jagdmeſſer, denn Du fängſt mir an ein zu tölpiſcher Geſell zu werden, den man ſtutzen muß! Nur nicht an den Ohren, Kaiſerliche Hoheit, ent⸗ gegnete Jwan, indem er ſich in ſeiner ſchelmiſchen Manier ungemein kläglich anſtellte. Und meine Ohren ſind doch zu etwas gut, ſie haben wenigſtens jetzt bereits den Schlag der Mühle vernommen, welche ſich dort hinter dem Bach befindet und die gerade zehn Minuten Weges von Paulowsky entfernt iſt, woraus denn zu unſerem Troſt hervorgeht, daß wir dieſen be — ſchwerlichen Rückweg, den wir über Hals und Kopf antreten mußten, nun bald beendigt haben werden! In dieſem Augenblick ſtand man vor dem Schloſſe 3 von Paulowsky. Der Großfürſt begab ſich jetzt mit der größten Eile die Marmortreppe hinauf, gefolgt von Jwan, der nun ſogleich errieth, wen der Großfürſt zuerſt im Hauſe aufſuchen wollte, und ſein jederzeit richtiger Inſtinct täuſchte ihn auch diesmal nicht. Es war ein abgelegenes, im Entreſol des Schloſſes befindliches Zimmer, in welchem die Großfürſtin Maria Feodorowna zur Abhaltung des ihr auferlegten Ar reſtes eingeſchloſſen war. Eine tiefe Stille herrſchte uf dem öden einſamen Corridor, und die eilenden ſtürmiſchen Schritte des Großfürſten tönten in einem faſt ſchauerlichen Wiederhall durch die Gänge des Als man ſich dem Zimmer näherte, in welchem die Großfürſtin ſich befand, brach der muntere Iwan Paulowitſch Koutaitzow, der das Privilegium zu allen 1 tollen Streichen zu haben ſchien, ſchon von fern im ein lautes ſchallendes Gelächter aus. Den Grund davon erkannte man ſogleich, als man jetzt den alten Fürſten Neswitsky erblickte, der ſich gegenüber von der Thür auf dem Fußboden gelagert hatte und, halb aufgerichtet ſitzend, wie im Kriegslager am Wachtfeuer, den Ein— gang mit der Breite ſeines Rückens deckte. Was macht Ihr hier, Neswitsky? fragte Paul in dem höchſten Erſtaunen, indem er in ſeinem Un⸗ geſtüm den Fürſten ein wenig auf die Seite ſtieß. Ich habe die Ehre, den Auftrag Euerer Kaiſer⸗ lichen Hoheit auf das Pünktlichſte zu vollführen, ächzte der arme Fürſt, indem er ſich mühſam wieder ins Gleichgewicht zu bringen ſuchte und dann mit einiger Anſtrengung aufſtand, um dem Großfürſten die tiefſte und förmlichſte Reverenz zu machen. Ihr habt die Großfürſtin recht gut bewacht, ſehe ich, ſagte der Großfürſt, der ſich jetzt an dem halb ängſtlichen, halb wichtig thuenden Ausſehen des Fürſten zu ergötzen anfing. Es iſt gewiß Niemand bei der Großfürſtin aus- und eingegangen, denn er hätte ſonſt den Fürſten Neswitsky über den Haufen rennen müſſen, und das würde mein guter Fürſt gemerkt haben, ich zweifele gar nicht daran. Neswitsky war von jeher ein guter Artilleriſt, und ich denke ihm einſt das Ober⸗ Commando über alle ruſſiſchen Feſtungen anzuver⸗ trauen. 3 Wenn der officielle Cicisbeo der Frau Groß⸗ fürſtin nicht inzwiſchen ein wenig geſchlummert hat, ſo iſt gewiß noch Alles ſicher, rief Jwan Paulowitſch mit ſeiner luſtigen, neckenden Stimme. Es müßte denn Jemand im Fluge über ihn hinweggeſtiegen ſein, und das könnte nur die kleine Nelidow, die wie ein Gems bock ſpringt, gewagt haben, denn wahrhaftig, Kaiſer— liche Hoheit, es iſt die tiefe, kräftige Stimme der kleinen Nelidow, welche da eben drinnen im Zimmer bei der Frau Großfürſtin ertönt und zu uns heraus dringt. Nimmermehr! rief Fürſt Neswitsky mit vieler Würde, indem er dem muthwilligen IJwan Paulo witſch verachtungsvoll den Rücken zuwendete. Man nimmt ſich heraus, Gelbſchnabel zu ſein, wenn man einmal für ſeine dummen Späße, die gerade zur rechten Zeit eintraten, gelobt worden iſt, aber man halte den Mund, wo es ſich um große wichtige Dinge handelt, wie hier. Denn man wird einem Manne, wie dem Fürſten Neswitsky, dem einſt das Ober Commando ſämmtlicher ruſſiſcher Feſtungen anvertrauet werden ſoll, nicht nachſagen dürfen, daß ein einfältiges junges Frauenzimmer, ohne daß er es weiß und will, über ihn hinweggeſtiegen ſei. 78 Das Fräulein Nelidow nennen Sie ein einfältiges junges Frauenzimmer? fragte Jwan mit einer ſpöt⸗ tiſchen Gebärde. Ei, dann kann ich Ihren Gelbſchnabel getroſt einſtecken, denn wenn man einen Glanzſtern, wie Fräulein Nelidow, zu verdunkeln und mit ſchmäh⸗ lichen Worten herabzuziehen wagt, dann iſt Jwan Paulowitſch Koutaitzow gewiſſermaßen für vogelfrei zu erachten und zieht ſich beſcheiden in den Staub zurück. Er machte dabei dem Fürſten Neswitsky eine komiſche Verbeugung und ſah mit einem ſchelmiſchen Seitenblick zu dem Großfürſten hinüber, der ſich ſicht— lich über den Fürſten zu ärgern ſchien. Der Fürſt Neswitsky, ſagte der Großfürſt dann mit heftigem Unmuth, hätte beſſer gethan, auf dem ihm übertragenen Poſten wachſam zu bleiben, als daß er ſich jetzt unberufener Weiſe herausnimmt, eine Dame von ſo untadelhaftem Werth, wie Fräulein Nelidow, und einen Ehrenmann in meinem Dienſt, den treff lichen Jwan Paulowitſch Koutaitzow, mit ſolchen vor⸗ lauten Bemerkungen in meiner Gegenwart zu kränken! Der Fürſt ſtand wie angedonnert von dieſem ihm widerfahrenen Verweis und machte ein dummes Geſicht, durch das ſich ein höchſt erſtauntes, faſt liebenswürdiges 79 Lächeln ſchlich. Sein Erſtaunen ſtieg, als der Groß⸗ fürſt jetzt, der weiteren Verhandlungen überdrüſſig, mit einem Fußtritt die Thür aufſtieß, welche in das gegenwärtige Aufenthaltszimmer der Groffürſtin Maria Feodorowna führte. Aus dem Zimmer ertönte ein leiſer Aufſchrei, dem aber zu gleicher Zeit von anderer Stimme ein ſtarkes, muthwilliges Gelächter folgte. Die lachende Stimme gehörte der Nelidow, die jetzt zur Thür herbeiſprang und laut und verwundert nach der Urſache dieſer plötz lichen Unterbrechung fragte. Als ſie jetzt den Groß fürſten erkannte, verſtummte ihr Lachen und ſie blieb mit einem wahren Schreckensausdruck in der Mitte des Zimmers vor ihm ſtehen, indem ſie ihn mit einer ceremoniöſen Verbeugung bewillkommnete. Euere Kaiſerliche Hoheit ſprengen unſere Kerker thür? fragte die Nelidow dann mit dem liebenswür digſten Ausdruck ihrer tiefen, klangvollen Stimme. Sagen Sie mir erſt, wie es Ihnen gelungen war, in dieſen Kerker hineinzuſchlüpfen? erwiederte der Großfürſt mit einem Gemiſch von ernſtem und ſcherzenden Ausdruck, indem er der Großfürſtin, die ſich bei ſeinem Eintritt raſch vom Fenſter erhoben, mit ſtummer Gebärde einen förmlichen Gruß zuwinkte. 80 Die Nelidow war dunkelroth geworden, als der Großfürſt ſie jetzt bei der an ſie gerichteten Frage mit einer lächelnden Vertraulichkeit anblickte. Dann ſagte ſie, verlegen ihre Blicke niederſchlagend, indem ſie ſich in ihrer Haltung halb zu der jetzt näher herange⸗ tretenen Großfürſtin wandte: Ich konnte meine Sehn⸗ ſucht nicht unterdrücken, die Frau Großfürſtin zu ſehen, die ich allein wußte und die meiner Dienſte entbehrte, die gewohnt iſt, ſo manchen Dienſt nur von mir an zunehmen. Aber es war ſchwer, zur Frau Großfürſtin zu gelangen, die ſich nicht in ihren gewöhnlichen Ge wächern aufhielt. Nachdem ich zuletzt das Zimmer, in dem ſie war, ausgekundſchaftet, traten mir noch größere Schwierigkeiten in den Weg. Der Fürſt Neswitsky lag querüber vor der Thür und ſchlief. Er ſchnarchte ſo entſetzlich, daß ich mich zu fürchten begann und nicht wagte, ihn zu wecken und um Einlaß zu bitten. Da kam ich auf den Einfall, über ihn hinweg zuſpringen, um zu meiner geliebten und angebeteten Großfürſtin zu gelangen. Er ſchnarchte am fürchtér— lichſten, als ich gerade über ſeinem Rücken ſchwebte, um über ihn hinwegzuſetzen. Mir war zu Muthe, wie einem Vogel, der ſich über einem Wallfiſch ſchaukelt. Und nun war ich hinüber und er hatte mich gar nicht 81 wahrgenommen. Auf die Gnade des Großfürſten bauend, ſchlüpfte ich in das Gemach, in welches mein Herz und meine Pflicht mich zogen. Und wie glücklich war ich, die Frau Großfürſtin freute ſich, als ſie mich ſah, und reichte mir die liebe ſchöne Hand, die ich küſſen durfte. Sie machte dabei mit einem allerliebſten Knix ihre Verbeugung gegen die Großfürſtin, die ihr mit lächeln dem Wohlgefallen zuſah und ſich an ihren luſtigen und kecken Gebärden zu ergötzen ſchien. Inzwiſchen hatte ſich Jwan dem alten Fürſten Neswitsky von der Seite genähert und ſtieß ihn an, indem er mit einem ungemein drolligen Ausdruck das beſtürzte und beſchämte Geſicht des Fürſten betrachtete. Seht Ihr wohl, Herr Fürſt, ſagte er foppend zu ihm, das einfältige junge Frauenzimmer iſt doch nicht ſo dumm geweſen, um nicht über den Feſtungs⸗Com mandanten hinwegſetzen zu können. Der hübſche Vogel ſchaukelte ſich nur einen Augenblick über dem Wall⸗ fiſchbauch und dann iſt er in die Feſtung hineinge— ſchlüpft, und der wachſame Herr Feſtungs⸗Comman dant iſt jetzt außer ſich vor Verwunderung, daß er nicht wenigſtens durch ſein ſchreckliches Schnarchen jeden Eindringling zurückſcheuchen konnte. Und darf der Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 6 82 Gelbſchnabel nicht dem Herrn Feſtungs⸗Commandanten einen Rath geben? Verlaſſen Sich der Herr Feſtungs Commandant doch nicht mehr auf Ihr Schnarchen, denn den rechten Vogel ſchreckt das doch nicht zurück, und wahrhaftig, die Fräulein Nelidow iſt jetzt der rechte Vogel! Der Großfürſt, der dieſe Worte des Jwan Paulo⸗ witſch Koutaitzow gehört hatte, brach darüber in ein unwillkürliches Lachen aus und verſäumte deshalb, der Großfürſtin, die ihm jetzt vom Fenſter her entgegen⸗ trat und ihn freundlich begrüßte, ein ſo böſes Geſicht zu machen, als es eigentlich in ſeinem Vorſatz ge⸗ legen hatte. Maria Feodorowna näherte ſich mit ihrer ganzen Liebenswürdigkeit ihrem Gemahl und in dem Ausdruck ihres ſchönen und klaren Antlitzes lag Nichts, was einer Verſtimmung gegen den Großfürſten hätte ähn lich ſehen können. Wie ſie immer gewohnt war, jede Kränkung, die ihr widerfuhr, ſogleich zu vergeſſen und ihr eine unverändert liebenswürdige Unbefangenheit entgegenzuſetzen, ſo ſtrahlte ſie auch jetzt nur von An muth und Freundlichkeit, indem ſie zu dem Großfürſten herantrat und ſeine Hand ergriff. Ich bitte Sie, mein Gemahl, ſagte ſie mit ihrer klangvollen, immer herzlich tönenden Stimme, daß Sie weder dem guten Fürſten Neswitsky, noch meiner lieben kleinen Nelidow zürnen wollen. Beide haben gewiß nicht in der Abſicht gefehlt, ungehorſam zu ſein. Der Fürſt hat es nicht der Mühe für werth gefunden, mich zu bewachen, denn er weiß, daß ich mich ſelbſt am beſten bewachen kann. Und die Nelidow iſt lieb und treu, ich kann ſie der Gnade Euerer Kaiſerlichen Hoheit nicht dringend genug empfehlen, und ſie iſt mir aus einer Dienerin ſchon eine Freundin geworden, die ich vermiſſe, wenn ich ſie nicht in meiner Nähe haben darf. Den Groffürſten verſetzte es faſt in eine Ver— legenheit, als er jetzt die eifrige Empfehlung der Neli⸗ dow vernahm, welche die Großfürſtin an ihn richtete. Er warf einen ſcheuen, mißtrauiſchen Blick auf ſeine Gemahlin, um deren eigentliche Geſinnung zu erforſchen, weil er beſorgte, daß die Großfürſtin bereits von ſeinen Abſichten unterrichtet ſein könne und deshalb mit einiger Ironie, die ihr ſonſt wohl nicht ganz fremd war, das Geſpräch auf die Nelidow gelenkt hatte. Aber Maria ſah ihn jetzt mit einem ſo treuherzigen und guten Aus druck an, ihr Geſicht war ſo friedlich und gütig, wie immer, und er konnte nicht glauben, daß ſie etwas 6* 84 Anderes bezweckt, als ihm in der That die Verdienſte der Nelidow zu empfehlen. Den milden freundlichen Worten der Groß⸗ fürſtin hatte er jedoch diesmal nicht ganz widerſtehen können. Wenn ſie ſein Gemüth und ſeine Abſichten nicht umzuſchmelzen vermochten, ſo verbeſſerten ſie doch in dieſem Augenblick ſeine Stimmung gegen die Groß⸗ fürſtin und gaben ihm faſt ein höfliches und rückſichts⸗ volles Weſen, als er jetzt vor die Großfürſtin hintrat, um ihr die Eröffnungen zu machen, die ihn eigentlich hergeführt hatten. Ich muß bitten, ſogleich die Reiſe nach Peters⸗ burg mit mir anzutreten, begann er mit keinem ganz ſo ſichern Weſen, als ihm ſonſt eigen war. Ihre Majeſtät die Czarin iſt ſpeben wieder nach ihrer Re— ſidenz zurückgekehrt und befiehlt uns, ihr noch heut in Petersburg unſere Aufwartung zu machen. Wir werden alſo auf der Stelle abreiſen, der Wagen wird ſogleich vorfahren, und ich bitte die Frau Großfürſtin, ſich zum ſofortigen Einſteigen bereit zu halten. Was Fräulein Nelidow anbetrifft, ſo ſoll ſie mit nach Petersburg fahren, damit die Frau Großfürſtin ihre Lieblingsbe⸗ dienung nicht entbehre! Ei, mein Gemahl, entgegnete die Großfürſtin mit einem lieblichen ſcherzhaften Zug im Geſicht, die Rück⸗ kehr der allergnädigſten Czarin, der ich mich ſo auf⸗ richtig entgegenfreue, ſetzt uns doch diesmal in eine nicht geringe Verlegenheit. Denn ich befinde mich ja noch im Arreſt, wie ſoll das werden? Auf zwölf Stunden bin ich in den Arreſt geſetzt und ich werde in der That nicht eher abreiſen können, als bis mir erſt der Reſt meiner Strafe ausdrücklich in Gnaden erlaſſen worden iſt. Maria blickte ihn bei dieſen Worten mit einer wahrhaft zärtlichen Innigkeit an und bohrte ihre glänzenden blauen Augen tief in die ſeinigen, um auf dem Grunde derſelben einen Funken von der Neigung zu treffen, welche ſie ſelbſt in einem ſo unverkenn⸗ baren Ausdruck dem Großfürſten entgegentrug. Aber Paul ſchlug die Augen nieder, ſein Geſicht hatte ſich verfinſtert und er ſchien mit einer augenblicklichen Ver⸗ legenheit zu kämpfen, die ihn bei den herzlich ge⸗ ſprochenen Worten der Groffürſtin befallen und welche er jetzt mit ſehr düſtern und gehäſſigen Gebärden zu übertrotzen ſuchte. Dieſe peinliche Situation wurde durch einen ein⸗ tretenden Diener unterbrochen, der dem Groffürſten meldete, daß der Reiſewagen ſoeben unten auf der ee 86 Schloßterraſſe vorgefahren ſei und des Befehls der hohen Herrſchaften harre. Paul erwachte bei dieſer Meldung aus dem finſte⸗ ren Hinſtarren, dem er ſich zuletzt überlaſſen hatte. Er näherte ſich ſeiner Gemahlin und verſuchte zu lächeln, aber dies gelang ihm nur mit einer häßlichen Grimaſſe, die in einer froſtigen Verbeugung gegen ſeine Gemahlin ſich auflöſte. Maria Feodorowna ſchien in ihrer liebenswürdigen Haltung gegen den Großfürſten nicht irre gemacht werden zu können. Sie nahm vielmehr die erneuerte Aufforderung, welche in der ſtummen Verbeugung des Großfürſten ſich ausgeſprochen hatte, jetzt mit einer auf ihrem Geſicht emporblitzenden Freude auf und ſah ihn mit der liebevollſten und anmuthigſten Hingebung an, die einen ſo natürlichen Ausdruck hatte, daß man an ihrer Aechtheit nicht zweifeln konnte. Dann rief ſie die Nelidow zu ſich heran und ſagte mit dem frohen Ausruf eines Kindes: Kommen Sie jetzt, meine kleine Nelidow, in unſere Gemächer hinunter, damit wir raſch unſere Reiſetoilette beſorgen können. Auch muß doch wenigſtens etwas eingepackt werden, denn wir kommen wieder an den Hof der hohen Cza⸗ rin, und ich werde unabläſſig danach trachten, mich 87 ihr wieder ſo oft als möglich vorſtellen zu dürfen, ich liebe ſie ja und bete ſie an, und ich glaube, daß auch ſie mich ein wenig lieb haben mag. Und nun fort, nicht wahr, mein Gemahl? Die Stunde der Freiheit hat geſchlagen, der Arreſt hat aufgehört, und die ge⸗ fangene Großfürſtin breitet wieder einmal ihre Flügel aus. Nur bittet ſie, ihr den Fürſten Neswitsky auf ihren ferneren Wallfahrten durch's Leben zu ſchenken, denn man ſchnarcht nicht ſo entſetzlich, wenn man die Großfürſtin von Rußland bewacht. Und die gute Relidow könnte ſich bei der nächſten Gelegenheit leicht ein Bein verſpringen, und das wäre doch Schade um ſie. O weh, rief Jwan Paulowitſch Koutaitzow, indem er, vor Lachen ſchwankend, ſich an die Seite des Fürſten Neswitsky lehnte, um den Feſtungs⸗Comman⸗ danten der Zukunft iſt es geſchehen! Seine eigene Citadelle empört ſich gegen ihn und ſetzt ihm den Stuhl vor die Thür. Dem officiellen Cicisbeo bleibt kein Fort mehr übrig, und er wird ſich am Ende noch auf die Schulter eines Gelbſchnabels ſtützen müſſen, um ſich auf den Beinen zu erhalten, und dazu erbiete ich mich Euerer Durchlaucht, denn ich bedauere Sie aufrichtig, und Sie ſcheinen ſich vor Schreck in — 88 der That nicht mehr auf Ihren Füßen halten zu können. Fürſt Neswitsky ſtieß den ihm verhaßten Liebling des Großfürſten mit einer grimmigen Gebärde von ſich, ſo daß Jwan faſt der Nelidow auf den Leib ge⸗ ſtürzt wäre, die in dieſem Augenblick an ihm vorbei ging, um der Groffürſtin, die ſich jetzt mit einem un⸗ endlich graciöſen Gruß fortbegab, hinüber in ihre Gemächer zu folgen. Die Nelidow warf ihm einen bedeutungsvoll lächelnden Blick zu, der mit einem glühenden, aber demüthig ergebenen Ausdruck auf den Großfürſten abirrte. Sie iſt doch ſehr ſchön! flüſterte Jwan Paulowitſch dem neben ihm ſtehenden Großfürſten zu. Wer? fragte Paul, verwundert emporfahrend. Wer anders, als die Nelidow! entgegnete Jwan mit geheimnißvollem Ausdruck. Sie iſt, bei Gott, ein ſchönes Mädchen für jeden höheren Kenner, und ich weiß bereits, daß ſie den Großfürſten über Alles liebt, ja daß ſie ihn längſt heimlich angebetet hat. Du gehſt heut mit mir nach Petersburg, Jwan! entgegnete der Großfürſt abbrechend. Und Ihr, Fürſt — fügte er hinzu, ſich zu dem unglücklich und ver⸗ zweifelt daſtehenden Fürſten Neswitsky wendend— 89 . Ihr geht auch mit mir und folgt mir nach Peters⸗ burg. Ihr ſollt neben mir in meiner Equipage fah ren. Bei mir ſteht Ihr nicht in Ungnade, und danach könnt Ihr Euch benehmen. Ihr ſeid ein treuer Freund und Diener unſeres Hauſes. Auch nehme ich Aufträge nicht wieder zurück, die ich einmal gegeben habe. Ihr bleibt zum ausſchließlichen Geſellſchafter und Begleiter der Frau Großfürſtin ernannt und ſeid mir verantwortlich für Alles, was ſie thut. Damit ſtürzte der Großfürſt heftig zur Thür hin— aus, und der Fürſt Neswitsky folgte ihm gravitätiſch, nicht ohne einen eben ſo triumphirenden als verach⸗ tungsvollen Blick auf Jwan Paulowitſch Koutaitzow zurückzuwerfen. Jwan ſchritt jetzt mit den poſſenhafteſten und luſtig⸗ ſten Gebärden hinter Beiden her. Die Zuſammenkunft in Mohilew. Katharina hatte lange nicht ſo glücklich und ſtrah⸗ lend ausgeſehen, als in dieſen Tagen, welche ihrer Rückkehr aus Mohilew gefolgt waren. Ihre gute Laune floß auch auf ihr Verhältniß zu dem Groß⸗ fürſten über, mit dem ſie ſogar über die neuen poli⸗ tiſchen Ausſichten geſprochen hatte, welche durch ihre Zuſammenkunft mit dem Kaiſer Joſeph II. in Mohi⸗ lew entſtanden waren und die der ganzen Welt eine entſcheidende Umgeſtaltung ankündigen zu wollen ſchienen. Paul hatte auf alle dieſe Eröffnungen, welche ihm die Czarin freilich nur andeutungsweiſe gemacht, nur mit der feſten ehrerbietigen Haltung gehört, die er immer in dem Verhältniß zu ſeiner Mutter beobachtete. 6 — Q Es fiel ihm nicht ein, ſeine abweichenden Meinungen dagegen geltend zu machen, obwohl ſein Haß in der letzten Zeit täglich gewachſen war, und ihn die Nach⸗ richt, daß Kaiſer Joſeph zum Beſuch in Petersburg erwartet werde, mit Unruhe und Unmuth, ja mit einer Art von Beſtürzung erfüllte. Aber das liebreiche und kluge Walten der Groß⸗ fürſtin hinderte ſtets, daß dieſe Stimmung ſich der Czarin in irgend einer läſtigen Weiſe bemerkbar machte. Maria Feodorowna war im Begriff, der gute Genius des petersburger Hofes zu werden, denn ihr ſtets liebenswürdiges harmoniſches Weſen wirkte jetzt auch auf die Czarin und beſeitigte durch ſeinen hinreißenden Zauber, durch ſein vorſichtiges taktvolles Dazwiſchen⸗ treten, ſchon vorher, ehe ſie entſtand, jede Mißſtim 8 mung, die zwiſchen der Czarin und dem Großfürſten hätte losbrechen können. Sie hatte immer einen guten Einfall, ein geſchick f eine angenehme Weiſe abzulenken, wenn ſie eben be⸗ tes Schmeichelwort bei der Hand, um die Czarin merken wollte, daß Paul ihre Begeiſterung für das vrientaliſche Weltproject, um das es ſich in dieſem Augenblick handelte, keineswegs theilte. Bei der erſten Zuſammenkunft mit der Czarin 92 mußte der Groffürſt zugleich ſehen, daß die vorgehende Veränderung der Dinge, die einen neuen Krieg gegen die Türken in Ausſicht ſtellte, bereits vielen Hofleuten den Kopf verdrehte und ſie mit ungemeſſenen, ſchwin⸗ delnden Erwartungen erfüllte. Dazu gehörte vor Allem Fürſt Potemkin, der ſich gerade bei der Czarin in ihrem Cabinet befand, als der Großfürſt und die Grofßfürſtin zu ihrem Beſuch bei ihr eintraten. Potemkin hatte eine ſehr vertrauliche Unterredung mit der Czarin gehabt, die haſtig abgebrochen und nur noch mit einem einverſtändnißvollen Zunicken beſtätigt wurde, als in dieſem Augenblick der Großfürſt mit ſeiner Gemahlin zu der Czarin eintrat. Katharina empfing Beide mit lebhafter Freude und drückte einen zärtlichen Kuß auf die ſchöne glänzende Stirn ihrer Schwiegertochter, indem ſie die auf ihre Kniee Niedergeſenkte zu ſich emporhob. Mit Paul wechſelte ſie einen flüchtigen Händedruck und hieß Beide in den ihr gegenüberſtehenden Fauteuils Platz nehmen. Während das Geſpräch zuerſt nur in freundlichen Erkundigungen und Verſicherungen verweilte und all— mählig auf die neueſten Vorgänge in Mohilew über⸗ ging, benutzte Fürſt Potemkin das Vorrecht, das ihm 93 überall, auch in den Gemächern der Czarin, bereit willig zugeſtanden wurde, ganz nach ſeiner Bequem⸗ lichkeit und Laune. Man verlangte nämlich nicht von ihm, daß er einen feſten Platz zu einer regelmäßigen Unterhaltung einnahm, ſondern er durfte ungeſtört ſeinem Lieblingsvergnügen nachgehen und bald langſam, bald raſcher im Zimmer auf und nieder ſchlendern, ſich dabei mit Armen und Füßen recken und dehnen, wie er wollte, und auch zuweilen in ein herzhaftes Gähnen und in einen wunderſamen, lang nachhallen— den Seufzer übergehen. In allen dieſen Manieren und Tonarten erging ſich jetzt Fürſt Potemkin, indem er im Hintergrunde des Salons ſeine Spaziergänge ungeſtört und, wie es ſchien, in tiefe Gedanken verloren, fortſetzte. Zuweilen ſtand er auch wieder einmal ſtill, um dieſer oder jener Wendung des Geſprächs zuzuhören, und er wählte dann gewöhnlich ſeinen Platz hinter dem Stuhl des Großfürſten, der darüber kein ſonderliches Behagen zu empfinden ſchien. Denn der Fürſt lehnte ſich alsdann weit über den Stuhl des Großfürſten herunter und berührte faſt die Schulter deſſelben, indem er zugleich mit ſeinen Fingern auf die Lehne trommelte und durch ſtärkere oder leiſere Takte ſein Gefallen oder Miß⸗ 94 fallen an der Unterhaltung, und ſelbſt an den Worten der Czarin, zu erkennen gab. Der Großfürſt gerieth darüber in die unbehaglichſte Stimmung, was er durch ein beſtändiges unruhiges Zucken ſeiner Schultern und ſeines Kopfes auf die verdrießlichſte Weiſe zu erkennen gab. Denn das Wiederſehen mit dem Fürſten Potemkin hatte über⸗ haupt manches Aergerliche für den Großfürſten gehabt. Potemkin war ihm heut im Vollgefühl ſeiner neuen Würden, die ſeit der Rückkehr aus Mohilew auf ſei⸗ nem Haupte geſammelt waren, entgegengetreten. Die Czarin hatte ihn jetzt zum Oberbefehlshaber des ge ſammten ruſſiſchen Kriegsheeres ernannt, und Potem⸗ kin war damit auf den Gipfel ſeiner Herrſchaft in Rußland verſetzt worden. Die in Stolz und Glück ſtrahlende Haltung Potemkins und der noch übermüthi ger als ſonſt ausgeprägte, charakteriſtiſche Zug in ſeinem Geſicht, hatten dem Großfürſten ſogleich ver⸗ rathen, daß Potemkin den Augenblick für gekommen hielt, ſeine überragende Stellung nach allen Seiten hin geltend zu machen und ſelbſt ihm, dem Groffürſten, fühlbar werden zu laſſen, daß ihm der Oberbefehls⸗ haber der ganzen ruſſiſchen Kriegsmacht in der vollen Würde und Herrlichkeit eines Chefs gegenüberſtehe. 95 Die Czarin dagegen war ſehr gütig geweſen, ſie hatte ſich über Dieſes oder Jenes gegen ihre Kinder ganz offen ausgeſpr rochen, und die lebh hafte, muntere Großfürſtin verſtand es, durch ihre naiven Fragen und Einwendungen Manches herauszulocken, was die Czarin ſonſt bei ſich zurückzuhalten pflegte. Ja, rief Katharina jetzt, die Zuſammenkunft in Mohilew iſt eine ſehr entſcheidende g geweſen. Es ſind große V Verſtändigungen getroffen worden, und Rußland und Oeſterreich werden zuſammen an die osmaniſche Pforte klopfen, damit ſie ſich aufthue und der Civiliſation und den höheren Ideen der Menſchheit ſich öffne. Wenn Kaiſer Joſeph den Verabredungen in Mohilew ſo treu bleibt, als er es dort verſprochen, ſo wird der endliche Umſturz des Türkenreiches nicht mehr aufzuhalten ſein und wir werden unſere Trophäen an der Moſchee in Konſtantinopel befeſtigen. Das wird ein herrlicher Kampf werden! rief die Großfürſtin, indem ſie lebhaft in ihre kleinen wei ißen Hände klatſchte. Die ganze Begeiſterung meines Her zens fliegt dieſem Plan der allergnädigſten Czarin entgegen. Rußland wird dann an die Spitze der Welt treten und die Herrſchaft über alle Völker in ſeine Hand nehmen, wozu es das Schickſal berufen hat! 96 Die Prinzeſſin ſah in dieſem Augenblick ſchön und hinreißend aus, mit ihren glühenden Wangen, mit ihren glanzvoll leuchtenden Blicken. Der Groffürſt dagegen ſchien mit großem Mißfallen die letzten Aeuße⸗ rungen ſeiner Gemahlin vernommen zu haben. Er ſtarrte in einem finſteren Schweigen vor ſich nieder und heftete nur von Zeit zu Zeit einen düſteren dro⸗ henden Blick auf ſeine Gemahlin neben ihm, den dieſe aber bemerkte, ohne ſich dadurch in ihrem lächelnden Gleichmuth und in der geiſtreichen Heiterkeit, die ihr ganzes Weſen beſeelte, irre machen zu laſſen. Da⸗ gegen ſah ſich Maria Feodorowna von der höchſten Gnaden⸗Aeußerung der Czarin belohnt, indem Katha⸗ rina in ihrer lebhaften Weiſe aufſprang, um die Groß⸗ fürſtin herzlich auf die Stirn zu küſſen und einige Augenblicke lang innig umarmt zu halten. Rußland will die große Beute des Orients gern mit Oeſterreich theilen, nahm die Czarin jetzt mit ſtrahlender Hoheit das Wort. Wir müſſen auch An— dere leben laſſen, um nicht allein zu ſtehen in einer Welt voll Niedrigkeit und Tücke, und Kaiſer Joſeph iſt der Mann, dem ich am meiſten gönne, mit Ruß⸗ land einſt in die Weltherrſchaft ſich zu theilen. Ich freue mich aber ſehr, meine liebe Großfürſtin ſo erfüllt S und begeiſtert bei einer neuen Erhebung der ruſſiſchen Politik zu ſehen! Ich habe immer geglaubt, daß wir nicht ſehr miteinander ſympathiſiren werden, Maria Feodorowna! Mein Kaiſer Joſeph wird Ihnen ge⸗ fallen, Sie werden ihn ſehen, denn wir ſchieden in Mohilew mit dem Verſprechen, daß er mich in Peters⸗ burg beſuchen wolle, und er iſt ein Mann von Wort, er wird gewiß in nicht gar langer Zeit hier bei uns eintreffen. Er ſoll ein ſchöner Mann ſein, fuhr r die Groß⸗ fürſtin in ihrer naiven Weiſe, ſich zu äußern, heraus. Die Czarin lächelte nachſinnend und ſagte dann: Er iſt ein lieber upd ganz natürlicher Mann, der Kaiſer Joſeph, und es gefielmir in Mohilew von ihm, daß er ſich während unſeres Zuſammenſeins dort von jeder Förmlichkeit und jedem Ceremoniell entbin— den ließ. Es machte mir wahres Vergnügen, wenn er bei mir ſelbſt in Stiefeln und Sporen erſchien, und wir ſaßen dann ſo gemüthlich bei einander, wie in einer deutſchen Reſſource, wenn wir von der Thei⸗ lung der Weltherrſchaft zwiſchen Rußland und Oeſter⸗ reich ſprachen und ich ihn aufforderte, das Imperium es Weſtens an ſich zu nehmen und die goldene Frucht ſeiner Weltherrſchaft in Rom und Italien zu Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 7 S 98 pflücken. Dafür wolle Rußland die Krone des Oſtens auf ſein Haupt ſetzen, und wolle gern einwilligen, daß Kaiſer Joſeph der Hauptſtadt der alten Welt ſich bemächtige und ſich in Rom die Oberherrſchaft über den ganzen Weſten von Europa begründe, wenn man mir dafür geſtatte, meinen Plan gegen die Pforte auszuführen und Conſtantinopel in meinen Beſitz zu nehmen! Ich ſah, daß Rußland auf Kaiſer Joſeph zählen dürfe, denn aus ſeinen treuherzigen blauen Augen ſchimmerte mir eine begeiſterte Zuſtimmung für alle meine Gedanken entgegen. Ich habe immer gehört, daß man den Oeſter⸗ reichern nicht trauen darf, bemerkte der Großfürſt jetzt, aus ſeinem düſtern Schweigen ungeſtüm emporfahrend. In dieſem Augenblick trommelte der immer noch hinter ihm ſtehende Fürſt Potemkin mit geſteigerter Heftigkeit auf die Lehne des Fauteuils. Wahrlich, ſchrie Potemkin mit ſeiner heiſeren Stimme, den Oeſterreichern iſt doch bei weitem eher zu trauen, als den Preußen, die mißgünſtig und tückiſch gegen alle Welt ſind, und die immer nur falſche und hinterliſtige Freunde Rußlands waren! Hat uns der König von Preußen nicht erſt im vorigen Jahre zugemuthet, mit ihm und der Pforte zuſammen einen förmlichen Al 99 lianzvertrag abzuſchließen und damit dem vorwärts rollenden Siegeswagen Rußlands die Räder zu brechen, denn Rußland ſollte ſich in dieſer Allianz verpflichten, der Türkei das Leben zu erhalten und den Muſelmann als ein nothwendiges Glied der europäiſchen Staaten⸗ tette und als einen höchſt koſtbaren Jungen zu ſchützen. Hahaha, das war preußiſch und türkiſch zugleich, und man ſagte, daß der türkiſche Reis Effendi ſelbſt dieſen Plan ausgeheckt und dem preußiſchen Geſandten in Conſtantinopel in die Ohren geflüſtert habe. Der König von Preußen iſt ein kluger Mann, aber er rechnet zu ſehr auf die Dummheit Rußlands. Und dieſe iſt gerade kein Erbfehler bei uns, ſo lange uns Gott unſere große Katharina die Einzige auf dem Thron erhalten will. Was nachher aus uns wird, dafür mögen unſere Schutzheiligen Sorge tragen! Fürſt Potemkin verfiel bei dieſen Worten wieder in ein langes anhaltendes Gelächter, das in ſeiner Weiſe ſich brüllend und tobend durch den Saal ver breitete und die Fortſetzung jeder anderen Unterhaltung unmöglich machte. Den Großfürſten beläſtigte dies ſichtlich und er ſprang von ſeinem Stuhl auf, um Potemkin hinter ſich los zu werden und die nahe und unangenehme Berührung mit ihm zu meiden. Indem ( 5 100 er jetzt dem Fürſten Potemkin gegenüberſtand, ſuchte er ihn mit ſeinen zornſprühenden Augen zu Boden zu ſchleudern, obwohl ihn das dumme, glotzende, faſt gut⸗ müthige Geſicht Potemkin's beinahe wieder aus der Faſſung gebracht hätte. Paul, der ſich der Czarin näherte, um jetzt von ihr ſeine Entlaſſung zu erbitten, winkte der Groß⸗ fürſtin, ſich ebenfalls zu erheben. Maria Feodorowna aber ſprang mit einer liebenswürdigen Bewegung zur Czarin hin und warf ſich vor derſelben nieder, indem ſie mit kindlicher Anmuth die Kniee Katharina's um— faßte. Und hat der Kaiſer Joſeph wirklich ſo ſchöne blaue Augen, als alle Leute ſagen, die ihn geſehen haben? fragte die Grofßfürſtin in ihrer allerliebſten kecken Manier, indem ſie mit einem drolligen Aufſchlag ihrer Augen die Czarin gerade und nahe anblickte. Die Czarin lächelte über dieſe ſchelmiſche Haltung ihres neuen Lieblings und ſagte, indem ſie mit ihrer Hand wohlgefällig über den blonden Scheitel der Prin zeſſin hinabfuhr: Blaue Augen? Ich ſehe am liebſten die Augenſterne Maria Feodorowna's ſo gefärbt. Für einen Mann ziemt es ſich eigentlich nicht recht, blaue ————— 101 Augen zu haben, ebenſo wenig als für einen guten General, Discant zu ſingen. Die Großfürſtin brach über dieſen pikanten Einfall Katharina's in ein lautes muthwilliges Gelächter aus und wurde von der Czarin mit einem vertrauten Kuß auf ihre Wangen entlaſſen. Paul hatte mit einem leichten Kopfneigen ſeiner Mutter die Erlaubniß em⸗ pfangen, ſich zu entfernen, und ſchritt raſch und unge ſtüm zur Thür hinaus, indem er kaum abwartete, daß die Prinzeſſin ihm folgen würde. Er bemühte ſich auch nicht, der Großfürſtin draußen den Arm zu reichen, um ſie in ihre Gemächer zurück zuführen. Maria Feodorowna aber ſuchte auch hier mit ihrer fröhlichen Liebenswürdigkeit den peinlichen Moment zu überwinden. Sie rief, luſtig in die Hände ſchlagend: Ich wette, daß ich in zwei Minuten meine Thür erreicht haben werde! Dann ſprang ſie mit den hüpfenden Schritten eines Kindes den Corridor hinunter, indem ſie ſo that, als ob der Großfürſt ihr auf dem Fuße folgen werde. Paul aber blieb verdrießlich und in der übelſten Stim mung zurück, und nur das, immer Gnade vor ihm findende, verſchmitzte und lächelnde Geſicht des Jwan Paulowitſch Kontaitzow, der im Vorzimmer der Czarin 102 auf den Großfürſten gewartet hatte und ihm jetzt folgte, vermochte ihn wieder einigermaßen zu erheitern⸗ Er rief ihn jetzt an ſeine Seite heran und flüſterte ihm eine Frage zu, die Jwan Paulowitſch, wie es ſchien, ſehr gern und eifrig beantwortete. Es lebe die Nelidow! erwiederte Jwan mit einer drolligen Gebärde. Ja, Euere Kaiſerliche Hoheit können ſich darauf verlaſſen, daß Alles mit dem guten Kinde in Ordnung iſt. Ihr Herz ſchlägt ſehnſuchtsvoll und mit Verlangen dem Augenblick entgegen, wo der Groß⸗ fürſt ſie rufen laſſen wird, denn ſie huldigt Ihnen mit dem glühenden Herzen einer Patriotin und mit der ganzen Gluth eines leidenſchaftlichen Weibes. Wenn Euere Kaiſerliche Hoheit es nicht anders befeh⸗ len, ſo wird die Nelidow, was ſie ſelber lebhaft wünſcht, in den Dienſten der Frau Grofßfürſtin blei⸗ ben. Die Frau Großfürſtin iſt jetzt gütiger als je gegen die Nelidow, und bei ihrer ausnehmenden Klug⸗ heit hat ſie gewiß ſchon bemerkt, daß der Groffürſt ſeit Kurzem ſeine Aufmerkſamkeit auf das Ehrenfräu⸗ lein gerichtet hat. Aber die Sache iſt jetzt geordnet, und Euere Kaiſerliche Hoheit können gewiß ſein, daß die Frau Großfürſtin niemals eine Schwierigkeit in den Weg legen werde. 103 Es ſoll mir lieb ſein, wenn die Großfürſtin fort⸗ fährt, ſich liebenswürdig zu beweiſen, entgegnete Paul. Sie kann jetzt nur noch auf dieſe Weiſe für mich lie⸗ benswürdig ſein. Ich würde dann von dem Gedanken abſtehen, den ich heut gefaßt habe, mich von der Groß⸗ fürſtin zu trennen. Mag ſie künftig für die blauen Augen anderer Männer ſich intereſſiren, ſo viel ſie will, es wird mir ganz gleichgültig ſein, während ich mich heut über dieſe Albernheit entſetzlich geärgert habe. Nachdem er ſeinem Vertrauten dies mitgetheilt hatte, verdoppelte er die Schnelligkeit ſeiner Schritte, um den Corridor zu Ende zu gelangen. Die Groß⸗ fürſtin war ſo eben in die Thür getreten, die zu ihren Gemächern führte. Als der Großfürſt vorüberſchritt, öffnete ſich dieſe Thür wiederum, und das ſchlaue lächelnde Geſicht der Nelidow ſteckte ſich heraus, um den Großfürſten zu begrüßen. Der Ausdruck ihrer Mienen war ſo drollig und zärtlich zugleich, daß der Großfürſt wie gefeſſelt vor ihr ſtehen blieb. Aber er denen er ſie eben anreden hielt die Worte zurück, mit wollte, denn er glaubte aus dem Innern des Gemachs die Stimme der Großfürſtin zu vernehmen. Er grüßte ſie daher nur mit einem bedeutungsvollen Wink und zeigte mit der Hand zu ſeinen Ge⸗ 3 3 104 mächern hinüber, welche man durch die nächſte Ein— gangsthür betrat. Dann entfernte er ſich eiligſt. Einige Minuten ſpäter ſchlüpfte Marfa Nelidow über den Corridor. Mit leiſen haſtigen Schritten ſchwebte ſie davon und verſchwand dann in der Thür, welche ihr der Großfürſt mit einer ſo unwiderſtehlichen vielſagenden Gebärde bezeichnet hatte. W Katharina und ihre Freunde. Die Czarin war, nachdem der Großfürſt und ſeine Gemahlin abgetreten waren, mit dem Fürſten Potem kin allein zurückgeblieben. Potemkin ſchien noch etwas auf dem Herzen zu haben, und auch die Czarina, die unruhig und erwartungsvoll im Zimmer auf und nie⸗ der geſchritten war, ſah ſo aus, als wenn ſie auf einen Moment zu vertrauteren Eröffnungen harre. Potemkin, der nicht ſo viel Geduld hatte, um eine peinliche Situation ruhig abzuwarten, trat endlich der Czarin auf ihren unabläſſig wiederholten Spaziergän gen durch das Zimmer in den Weg, faßte ſie bei der Hand und zog ſie ohne Weiteres mit ſich fort, indem er ſie nöthigte, auf dem Divan Platz zu nehmen, ſich ſelbſt aber ihr gegenüber in einem Fauteuil niederließ. 106 Potemkin ergriff die kleine, weiße, etwas fette Hand der Czärin, und nachdem er eine Zeit lang mit 7 derſelben geſpielt hatte, ſagte er in ſeiner halb träu⸗ meriſchen halb burlesken Weiſe: Wir haben ſeit einiger Zeit Unglück mit unſeren Freunden, Czarina. Sie wollen alle nicht mehr recht taugen und man muß Einen nach dem Andern fortſchicken, und der Nachfolger iſt immer noch weniger werth als der Vorgänger. In der That, dies Geſindel könnte der Czarin dienen, und ſich dadurch unſterblich verdient um das heilige Rußland machen. Aber ſie haben nicht ſo viel Feuer mehr, dieſe Kerle, daß man eine Vogel⸗ flinte mit ihnen anzünden könnte. Von wem ſpricht Fürſt Potemkin? fragte die Cza⸗ rin, mit einem matten, ſchmachtenden Ausdruck, den Fürſt Potemkin ſehr wohl kannte. Von wem anders, als von den Herren, die das ewig beneidenswerthe Vorrecht haben, die Czarina unterhalten und zerſtreuen zu dürfen, entgegnete Fürſt Potemkin mit gewichtigem Ernſt und einer gewiſſen Gravität, die ſehr viel Komik hatte. Wir haben jetzt auch wieder den Herrn Korſakow auf Reiſen ſchicken und in's Ausland verbannen müſſen, und das war doch ein ganz allerliebſter Mann, als wir ihn kennen 107 lernten, er hatte eine ſchlanke Taille wie ein Apollo, und wunderbar gebaute, kräftige Glieder wie ein Kriegsgott. Wie ließen wir dieſen Menſchen nicht avanciren, vom Sergeant der Garden, wie wir den armen Teufel kennen gelernt hatten, ließen wir ihn zum General⸗Adjutanten der allergnädigſten Czarin ſelbſt emporſteigen. Aber er war ein dummer lang— weiliger Kerl, und das brach ihm den Hals. Schon einmal haben wir einen Patron gehabt, an deſſen grenzenloſer Fadheit wir beinahe geſtorben wären. Es war der Zoritſch, der ſo dumm und ungebildet war, daß Euere Majeſtät plötzlich eine ſolche Geſellſchaft nicht mehr aushalten zu können erklärten. Ich habe es mir jetzt gemerkt, daß die einfältigen Tröpfe doch nicht die rechte Geſellſchaft für unſere große Czarin ſind. Die Czarina iſt ſelbſt zu geſcheidt, ja ſie iſt Gelehrte, Philoſophin und Dichterin zugleich, und wie kann man, wenn man ſelbſt beinahe eine Gottheit iſt, nur den Athem von ſo gemeinen und langweiligen Kerlen, die nicht mehr als den Verſtand eines Bauern haben, einſchlucken. Katharina brach in ein herzliches Gähnen bei dieſen Erinnerungen aus. Dann ſagte ſie, den Fürſten an lächelnd, den ſie ſchon mehrmals mit beſonderer Auf⸗ 108 5 merkſamkeit angeſehen und der ihr heut wieder einen ſehr gefälligen und erinnerungsvollen Eindruck zu 1 machen ſchien: Ihr wißt doch immer ſehr liebens⸗ würdig gegen mich zu ſein, Fürſt Potemkin. Glaubt mir, ich weiß das um ſo mehr zu ſchätzen, da ich in der letzten Zeit mit den andern Freunden ſo entſetzlich viel Langeweile ausgeſtanden habe. Oh, die Lange⸗ weile iſt eine fürchterliche Qual. Lieber krank ſein, als Langeweile haben. Der ſchlimmſte von Allen aber war doch der Rimsky Korſakow. Ja, lachte Potemkin, dieſer Kerl hat uns doch am übelſten mitgeſpielt. Durch die Gnade der Czarin mit Wohlthaten und Ehrenſtellen überhäuft, hat er doch am Ende nur Sinn für die Reize der Gräfin Bruce, die plötzlich ihr Auge auf ihn geworfen hat. Die galante Schweſter des Marſchalls Romanzow hat einmal wieder eine ihrer verliebten Anwandlungen. Und der Korſakow iſt dumm genug, um ſich ködern zu laſſen. Ließ er ſich nicht auf dem eigenen Kanapee der Czarin überraſchen, indem er die ſchöne, ungedul⸗ dige Gräfin Bruce in ſeinen Armen hielt!*) Schweigen wir davon, Potemkin! unterbrach ihn *) Castera. Vie de Catherine II. 241. 109 vie Czarin, indem ihr Geſicht ſich unheimlich verzerrte. Es wird Ihnen nicht gelingen, mich gegen den Mar⸗ ſchall Romanzow ungünſtig zu ſtimmen, wenn auch ſeine leichtfertige Schweſter, die ich auch einſt geliebt habe, ſich noch ſo ſehr gegen mich vergehen ſollte. Ich habe den alten Türkenſieger jetzt von Neuem in ſeiner ganzen Trefflichkeit ſchätzen gelernt, als er mir bei den Verhandlungen in Mohilew ſo charaktervoll, wie ein Fels, auf den ich mich ſtützen konnte, zur Seite ſtand. Laſſen wir die Bruce. Ich werde nie wieder eine Freundin haben, denn ich habe mit dieſem Artikel, wie es ſcheint, kein Glück. Auch einen Freund wünſche ich nicht wieder zu haben, Potemkin, obwohl mir dies ein unverſchämter Zug um Eure Mundwinkel ſagen zu wollen ſcheint. Nun, Katuſchka, rief Potemkin, indem er die Cza⸗ rin mit einer faſt cyniſchen Vertraulichkeit auf die Schulter klopfte, man muß nichts verſchwören in der Welt! Den Korſakow haben wir auf die Reiſe ge ſchickt, er iſt fort, und, meiner Treu, er kann ſich nicht beklagen. Er wird hinfort wie ein reicher Nabob leben auf den großen Landgütern, die ihm Euere Ma⸗ jeſtät trotz Allem zum Geſchenk gemacht haben. Aber es giebt bei weitem Würdigere, denen die Gunſt und 110 3 Gnade der Czarin zu gönnen wäre. Warum wollen Euere Majeſtät aufhören, Euere Unterthanen zu ver⸗ edeln, indem ſie dieſelben zu Ihren Gnaden heran ziehen? Es ſind bei weitem noch nicht genug veredelt im großen ruſſiſchen Reich. Und ich kenne einen lieben jungen Mann, der dieſen Gnaden ſeit lange in der Stille entgegen ſchmachtet. Die auf ihn fallende Gunſt der Czarin würde ihn zu einem bedeutenden Manne reifen, der dem Vaterland einſt großen Nutzen bringen wird. Er iſt noch ein zarter Jüngling wie von Milch und Blut, aber ſeine Geſtalt läßt bereits den künftigen Helden ahnen, der ſich aus dieſen lieb⸗ hervorheben will. Dabei iſt er ſchön wie ein junger Gott, Jeder, der ihn ſieht, liebt den Lanskoi, denn man hat nie etwas Anmuthigeres, Lieblicheres erblickt, als dieſen kleinen, charmanten, roſigen Menſchen, der, wie eine junge Granatblüthe, ganz aus Liebreiz be⸗ ſteht, und der noch keine andere Neigung je in ſeinem Herzen gehabt hat, als eine unbändige Liebe zu ſeiner großen ſchönen Czarin, zu der er wie zu einer Gott⸗ heit betet. Die Czarin war endlich auf dieſe begeiſterte Schil⸗ derung, in der ſich Potemkin gefiel, aufmerkſam ge⸗ lichen weichen Gliedern eines Kindes mächtig und ſtark 111 worden und ſchien ihm zuletzt mit immer größerem Intereſſe zugehört zu haben. Dann ſagte ſie, indem ſie mit nachſinnendem Lächeln ihre Hand auf ſeinen Arm legte: Was für ein Wunder der Natur muß das ſein, das den Fürſten Potemkin faſt zum Dichter machen kann? Wahrlich, Fürſt, Ihr ſchlagt ja die Leier eines Troubadour an, oder es iſt ein Sirenen geſang, den Ihr anſtimmt, und der wenigſtens auf meine Neugierde lebhaft zu wirken anfängt. Und wo weilt denn dieſer ſchöne fabelhafte Vogel, kann man ihn nicht irgendwo flattern und fliegen ſehen? Ich erinnere mich auch nicht, jemals ſeinen Namen gehört zu haben. Er verweilt hier im Palais, der junge Lanskoi, erwiederte Potemkin, der Czarin ſcharf in die Augen blickend. Er gehört zu der auserleſenen Compagnie der ſechszig Ritter, die hier im Innern des Schloſſes zum Schutz der Czarin die Wache haben. Sollte Euere Majeſtät niemals einen jungen Mann bemerkt haben, der durch ſeine große Jugend und Schönheit faſt rührend anzuſehen iſt? ſogleich auf den Gedanken, daß dies höchſt wahrſchein⸗ ſeine ſeltene Man kommt lich ein Prinz aus einem Märchen iſt. Und wer weiß, was ſeine Vorfahren einſt geweſen. Denn Lanskoi —— 112 entſtammt einer uralten polniſchen Familie von hohem Adel. So ſollſt Du mir Deinen Ritter vorſtellen. Und Du ſollſt nicht umſonſt für ihn gebeten haben! ſagte die Czarin ſchnell, indem ſie die Hand Potemkins wie ver⸗ trauensvoll ſchüttelte. Potemkin wollte ſich eben mit einem triumphiren⸗ den Ausdruck entfernen, aber, als ob er ſich raſch auf etwas beſonnen hätte, kehrte er in demſelben Augen— blick haſtig wieder um und ſtellte ſich mit der komi⸗ ſchen Schafsmiene, in der er Meiſter war, vor die Czarin hin. Aber ich muß doch die ganze Wahrheit bekennen, ſagte er traurig und mit einer ganz de⸗ müthigen und unterwürfigen Miene, faſt mit der eines armen Sünders: Mir iſt etwas eingefallen. Der junge Lanskoi hat ja blaue Augen, die Euere Majeſtät nicht lieben. Aber es ſind blaue Augen von der ſchönſten und ſüßeſten Farbe, und ihr Ausdruck bezau⸗ bert Jeden, der ſie zu ſehen bekommt. 3 Blaue Augen? wiederholte die Czarin, mit großer Fröhlichkeit auflachend. Nun, mein Gott, wir wollen erſt ſehen, was Euer Lanskoi für Augen hat. Es ge⸗ hört mit zu den Vortheilen des abſoluten Czarenthums, 113 daß Einem heut gefallen kann, was man geſtern nicht gewollt hat. Voyons, mon chér prince! Potemkin wurde jetzt von der guten Laune der Czarin angeſteckt und brach in ein wieherndes Gelächter aus. Dann eilte er haſtig fort, um ſeinen neuen Protegé Lanskoi zur Czarin hereinzuführen. Th. Mundt, Czar Paul 2. Abthl. 1 8 VIII. Raiſer Zoſeph in Petersburg. Es verbreitete ſich heut, an einem ſchönen Juni⸗ tage des Jahres 1780, durch ganz Petersburg das Gerücht, daß der deutſche Kaiſer Joſeph II., den man ſchon ſeit einiger Zeit erwartete, jetzt wirklich in der ruſſiſchen Hauptſtadt eingetroffen ſei, aber, zum Ent⸗ ſetzen aller Großen und Vornehmen und zur größten Verwunderung des Publikums, nicht, wie man ſich den Einzug des deutſchen Kaiſers glänzend und tri— umphirend gedacht hatte, ſondern in dem unſcheinbar⸗ ſten und dürftigſten Aufzuge, in dem man unmöglich den jungen Monarchen Oeſterreichs vermuthen konnte. Es war nämlich vor einem der beſcheidenſten Gaſt⸗ höfe Petersburgs, dem Hötel de l'Orient, ein Reiſen⸗ der erſchienen, welcher den weiten Weg von dem 115 Poſtgebäude bis zum Hötel zu Fuß zurückgelegt hatte, ohne alles weitere Gefolge als einen einzigen Bedien⸗ ten, der einen kleinen, auf den dürftigſten Inhalt ſchließen laſſenden Mantelſack nachtrug. Mit vieler Mühe nur hatte ſich der Wirth bewegen laſſen, dem Fremden, der ungeachtet ſeiner höchſt beſcheidenen Ma⸗ nier, zu reiſen, doch eine ſehr ſtattliche und bedeutſame Erſcheinung war, zwei nach hinten belegene Zimmer in ſeinem Gaſthof einzuräumen, denn zuerſt hatte er ihm rundweg abgeſchlagen, ihn überhaupt bei ſich aufzu— nehmen. Warum dieſer Fremde der Kaiſer Joſeph ſein ſollte, wußte eigentlich Niemand zu ſagen. Aber dies Gerücht hatte ſich in kurzer Zeit durch ganz Peters burg verbreitet und war auch an den Hof gekommen, wo die Czarin ſogleich Befehl ertheilte, etwas Näheres darüber zu ermitteln, womit der Fürſt Bariatinsky beauftragt wurde. Der Fürſt hatte erſt große Mühe, den Kaiſer überhaupt anzutreffen. Denn Kaiſer Joſeph wollte die Zeit, in der es ihm noch vergönnt war, Incognito in Petersburg zu verweilen, ſeiner Gewohnheit nach zum Umherſchweifen in den Straßen benutzen, um ſich die Phyſiognomie der Stadt erſt vollkommen anzueig 116 nen, und das Volksleben, dem er überall die größte Aufmerkſamkeit ſchenkte, und für das er viel Sinn und Verſtändniß hatte, mit eigener Beobachtung ſich anzuſchauen. Als aber der Kaiſer nach einer langen Wanderung in ſeinen Gaſthof zurückkehrte, konnte er dem Fürſten Bariatinsky nicht mehr entgehen, der ſich in ſeinem Zimmer aufgeſtellt und ihn erwartet hatte. Joſeph legte ſogleich ſein ernſtes Mißfallen darüber an den Tag und ſagte zu dem hinter ihm ſtehenden Wirth— Warum führt Ihr denn Jedermann zu mir herein? Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich heut durchaus Niemand ſehen will.*) Damit machte er eine geringſchätzende Bewegung gegen den Fürſten, dem er kaum die gewöhnlichſte Höflichkeit des Empfangs bewieſen hatte. Der Hötelwirth aber war darüber in ein förm liches Entſetzen gerathen, und indem er ſich höchſt ehrfurchtsvoll gegen den Fürſten verbeugte, ſagte er zu dem Kaiſer, der ihm noch immer eine ſehr unklare Perſon war, in einer keineswegs reſpectvollen Weiſe, ihn faſt ſcheltend: Das hier iſt ja der Fürſt Baria *) Görtz, Denkwürdigkeiten I. 167. 117 tinsky, der gelommen iſt, um einen Auftrag der Cza⸗ rin an den unbekannten Herrn auszurichten. Und vor ſolchen Befehlen ſchließe ich hier jedes Zimmer in neinem Gaſthof auf, verſteht Ihr mich wohl, mein Herr? Der Kaiſer richtete ſich jetzt in ſeiner ganzen Größe und Hoheit auf. Indem ſeine edele ſchlanke Geſtalt mit einer raſchen Bewegung vor den Fürſten hintrat, ſchoß aus ſeinen wunderbar blauen Augen ein leuchtender Blitz hervor, der den Fürſten Bariatinsky verwirrte und ihn in der Feſtigkeit ſeiner Haltung 3[* erſchütterte. Nehmen Sie Platz, lieber Fürſt, ſagte er, indem er auf ein ſchlechtes Sopha hinwies, welches als der einzige Schmuck des Zimmers in der Ecke ſtand. Verſchmähen Sie es nicht, bei einem einfachen Wan derer, der auf der Reiſe gern ohne alle Anſprüche lebt, ſich niederzulaſſen. Der Fürſt Bariatinsky, da er ſich jetzt in ſeinen 7* Würden und vornehmen Eigenſchaften anerkannt ſah, veränderte ſein ganzes Weſen gegen den Kaiſer und ſtand nun in einer tiefen unterwürfigen Verneigung 0 laubniß Gebrauch zu machen. Als ihn aber Kaiſer vor demſelben aufrecht, ohne von der erhaltenen Er— 118 Joſeph mit ſtrengen und fragenden Blicken zu muſtern fortfuhr, entſann ſich Fürſt Bariatinsky jetzt des ihm gewordenen Auftrags der Czarin, nach dem er den Kaiſer Joſeph, ſo bald er ſich von der wirklichen An weſenheit deſſelben überzeugt, noch auf denſelben Vor mittag zum Beſuch der Czarin in das Winter⸗Palais einladen ſollte. Meine allergnädigſte Souverainin, die Czarin, ſetzte er hinzu, iſt neidiſch auf ihre Hauptſtadt Pe⸗ tersburg geworden, der ſie, trotz Allem, den Vorzug nicht gönnt, daß die Blicke des Kaiſers von Oeſter⸗ reich eher auf ihr verweilt haben, als ſie ſich mit den Augen der Czarin, die nach dieſem Gruß ſich ſehnte, begegnet ſind! Nun wohl, erwiederte der Kaiſer, ſich ungeduldig mit der Hand über die Stirn fahrend, Euere Excel lenz haben ſich des allergnädigſten Auftrages ſehr wohl entledigt. Da ich bei meiner großen Eile, Ruß⸗ land zu ſehen, eher hier ankam, als ich verſprochen hatte, ſo wagte ich es nicht, mich ſo frühe bei der allergnädigſten Czarin melden zu laſſen, und wollte als guter Pflaſtertreter, wie ich es immer auf der Reiſe bin, erſt das ſchöne Petersburg nach allen Sei⸗ ten hin durchlaufen. Nun ich die theuere Gnade be⸗ 119 ſitze, die mir ſoeben überbracht worden iſt, werde ich mich beeilen, zur feſtgeſetzten Stunde heut Vormittag mich dem huldvollen Befehl der Czarin zu ſtellen. Er machte damit eine raſche Abſchiedsbewegung gegen den Fürſten hin, die nicht allzu ſchmeichelhaft für denſelben zu ſein ſchien. Als der Fürſt ſich entfernt hatte, glaubte Joſeph ein wenig zur Verbeſſerung ſeiner Toilette übergehen zu müſſen. Denn wie in Mohilew, ſagte er zu ſich ſelbſt, darf ich doch wohl hier nicht zur Kaiſerin von Rußland kommen. Ich muß nothgedrungen das Feſt⸗ kleid anlegen, in dem man der Souverainin in ihrem eigenen Lande ſeine pflichtſchuldige Huldigung abſtattet. IX. Vatharina und Zoſeph. Die Stunde war herangerückt, wo die feierliche Audienz Kaiſer Joſephs bei der Czarin, im Kreiſe aller hohen Würdenträger des Staats und in der Um⸗ gebung aller dem Thron zunächſt ſtehenden Perſonen, ſtattfinden ſollte. Die Großfürſtin ſaß ſchon ſeit einiger Zeit auf ihrem Zimmer in Bereitſchaft und erwartete, daß ihr Gemahl, wie es dem Stil gemäß war, ſie zur Zeit, wo die Czarin hatte befehlen laſſen, abholen werde. Der Großfürſt ließ aber nach ſeiner Gewohnheit ſehr lange auf ſich harren, es wurde immer einſamer und ſtiller um Maria Feodorowna, und ſie verſank in Träumereien, indem ſie eine kunſtvolle Handarbeit, mit der ſie ſich zu beſchäftigen begonnen, vnji nie⸗ 121 verlegte und ruhen ließ. Dann ſchauten ihre Augen träumeriſch und leuchtend zu den hohen Bogenfenſtern empor und ſchweiften zu den volksbelebten Ufern der Newa hinüber. Eine Zeitlang ins Weite ſtarrend, kehrte ſie endlich mit einem unbeſchreiblich milden und gütigen Lächeln, das in ihren ſchönen reinen Geſichts⸗ zügen aufſtrahlte und eine ganze Reihe von dunkeln und ſtürmiſchen Vorſtellungen friedlich zu beſchließen ſchien, zu ſich ſelbſt zurück. Das heitere blonde Haupt in den Arm geſtützt, ſaß ſie jetzt an ihrem Tiſch da und ſchien in ſtiller Harmonie, welche immer das Re ſultat aller ihrer inneren Aufregungen und Quälereien war, ihre nach der Thür hin gerichtete Erwartung fortzuſetzen. Bei jedem leiſen Geräuſch draußen ſprang ſie empok und öffnete haſtig die Thür, um verſtohlen den Corridor hinunterzublicken und nach dem Erſcheinen des von ihr ſo ſehr erſehnten Gegenſtandes zu ſpähen. 3 Sah ſie alsdann, daß ſie ſich abermals getäuſcht hatte, ſo kehrte ſie traurig und ſinnend zurück und ſetzte ſich an derſelben Stelle nieder, aber ohne eine Ungeduld, eine Mißſtimmung irgend einer Art zu verrathen. Nur eine noch inniger und glühender gewordene Sehnſucht ſchien ihr Kries Weſen zu durchleuchten und aus — 3— * 2 .* —— —— ———— erwartungsvoll ich darf nicht mehr hoffen, noch zu mir wenden wird. hat gewiß ein Herz, ein gutes ſchönes Herz, aber es lebt tief verborgen und einſam in einer düſtern Wild⸗ niß und ſtachelichte Schlinggewächſe verwehren Jedem den Zugang zu dieſem Herzen. wie es in ſich ſelber lebt, man würde ſehen, eigenen Gefühlen. verabſcheut die Welt und man darf merken laſſen, daß man ihn liebt, ſich uns in ſein Mißtrauen und will uns zeigen, daß weil er fürchtet, abhängig zu werden, wenn er uns mit ſeiner Neigung gehört. Ich kenne ihn, meinen guten Paul, und im Entſetzen vor ihm lerute ich ihn lieben. Seine Eigen⸗ er uns entbehren kann, beglückten Augen zu Er kommt noch nicht! flüſterte ſie ganz leiſe vor Und wenn er es vergißt, würde es ihm nicht leid thun, mich einer peinlichen Verlegenheit ausgeſetzt Denn er liebt mich nicht, ich weiß es, und daß ſich ſein Herz einſt Ja, Paul Es zu belauſchen, wäre Genuß der Götter; welch' einen ſüßen und koſtbaren St dieſes Herz birgt, das ſich nur in ſeinem Trotz um ſich nicht beugen zu laſſen von Mein guter Paul, einen er h und nicht ſ verhüllt eh „ ſchaften alle zu ſammeln und mir zu einem Bild zu einen, wurde das Geſchäft meiner koſtbarſten Träume. Ich war wie ein vertrauensvolles Kind, das am Ufer des tückiſch brauſenden Meeres umherirrt und ſich die von der empörten Fluth ausgeſchiedenen Muſcheln ſucht, um ſeinen Hut damit zu ſchmücken. Auch die wilden, naſſen Blumen, die es am Strande erblickt, und deren Stacheln ihm die Füße und jetzt die Hände verwundeten, findet das arme Kind aufhebenswerth und ordnet ſie lächelnd zu dem Kranze, den es mit den Muſcheln vereint, um ſeinen Hut zu ſchmücken. Solche 1b Kränze ſuchte ich mir in meinen Träumen aus allen den guten und wilden Eigenſchaften zuſammen, die ich an Paul bemerkte und die er aus ſich herauswarf, wie das tückiſche Meer die Muſcheln und die Blumen aus ſeinem ewig brauſenden Strudel. Nun kann er mir noch Schmerz machen, aber zürnen würde ich ihm nie. Zürnen würde ich ihm nie, denn das Meer iſt nicht böſe, wenn es ſchilt und tobt. Das Meer kann „ noch dem Mägdlein ſeinen Hut ſchmücken, indem ſich ſeine Wellen wüthend am Ufer brechen. An Paul ſchmiegen ſich jederzeit alle meine Gedanten an, die fürchtenden und die hoffenden, und dadurch bin ich ewig und immerdar an ihn gefeſſelt. Die fürchtenden 124 Gedanken treiben mich ebenſo ſtark zu ihm als die hoffenden, ich fürchte ihn ſtets, weil ich ſtets auf ihn hoffe, und ich hoffe ſtets auf ihn, weil über alle ſeine Härten und Tücken herüber ſo viel duftige und viel⸗ verſprechende Blüthen zu mir niederſchauen. So erging ſich Maria Feodorowna in ſchwärme⸗ riſchen Gedankenſpielen, während ſie ihr ſchönes Haupt nachdenklich in die Hand ſtützte. In dieſem Angenblick hatte ſich die Thür des Zimmers geöffnet und die Großfürſtin fuhr mit einer freudigen Bewegung empor, denn ſie nahm an, daß ihr Gemahl jetzt ſich nähern werde. Enttänſcht und ſeufzend ſank ſie aber wieder auf den Stuhl zurück, denn es war ihr Ehrenfräulein, Marfa Nelidow, welche jetzt nach längerer Abweſenheit in das Zimmer getreten war. Marfa erröthete tief, als die Großfürſtin ihr jetzt, ohne ein Wort an ſie zu richten, einen langen forſchen⸗ den Blick zuwarf und ſie aufmerkſam betrachtete. Dieſer Blick haftete ſo tief und feſt auf ihr, daß ſich die Ne⸗ lidow unter demſelben in der bitterſten Verlegenheit herumwand und mit einem heimlichen Zittern, das gegen ihr ſonſt ſo frohes und keckes Weſen auffallend abſtach, der Großfürſtin gegenüber ſtand. Dann machte ſich die Nelidow im Zimmer umher zu ſchaffen, da die * Großfürſtin durchaus kein Wort und keinen für ſie hatte und ſie auch nicht fragte, wo ſie inz Auftrag wiſchen ſo lange zugebracht habe. Die Nelidow wandte ſich von Zeit zu Zeit mit einem ſtummen Blick, eine Thräue ſchimmerte, nach ihrer Herrin u Sont i dem in 1. Jetzt öffnete ſich mit einem ſtärkeren Geräuſch die Thür, aber Niemand trat herein und nur des Großfürſten, der plötzlich in ſeiner ganz der Kopf en Häß lichkeit erſchienen war, ſah durch die geöffnete Thür ſpalte herein regendes, über das gelbe runzelige Geſicht r ſ* ſeltſamer Schimmer von Hohn und Spott und ohne der Großfürſtin im Geringſten freur zunicken, ſchien er ihr bloß ankündigen zu wo er da ſei und ſie zu der bevorſtehenden Vo bei der Czarin in ſofortiger Bereitſchaft zu ſeher Die Großfürſtin war ihm jetzt mit der Anmuth entgegengetreten, und der Lieblichkeit Freundlichkeit, mit der ſie ihn jetzt bei der Hand' 6 griff und ſanft und begehrlich ihn zu ſich in das Zimmer hereinzog, war kaum zu widerſtehen. Paul aber trat jetzt raſch und ſtürmiſch in die Mitte des vor und erblickte hinter der Großfürſtin die Sein Anblick hatte etwas Schreckener war geflo dlich zu n— rſteHun Zimmers N elidow, die mit einer halb ängſtlichen, halb vertraulichen Ge 126 bärde ſich zu verbergen ſuchte, worüber der Großfürſt in ein herzliches Gelächter ausbrach. Maria Feodorowna ſtand mit einer ungemein ſtolzen Würde und Ruhe in der Mitte dieſer ſeltſamen Scene. Sie winkte jetzt die Nelidow zu ſich heran und er⸗ theilte ihr mit lauter Stimme, aber dem gütigſten und freundlichſten Geſicht einen Auftrag, der ſie zum Zimmer hinausführen ſollte. Mit der demüthigſten Bewegung, den Kopf vor ſich niedergeſenkt, aber zu⸗ gleich mit einem Blick, in dem ſich die tiefſte und an⸗ hänglichſte Ehrfurcht vor der Großfürſtin ausdrücken wollte, ſchlüpfte die Nelidow durch das Gemach und verſchwand lautlos hinter der Thür. Maria Feodorowna trat dem Großfürſten mit dem vollſten Ausdruck ihrer liebreizenden Freundlichkeit näher, und ergriff ſeine Hand. Paul ſchien einen Augenblick in Verlegenheit zu gerathen, dann ging er in eine trotzige und brüske Haltung über, mit der er der Groß⸗ fürſtin den Arm bot, um ſie zur Czarin hinüberzu⸗ führen. Die Czarin, obwohl die Stunde der in dem großen Gala⸗Saal des Schloſſes angeſetzten feierlichen Audienz bereits herannahte und die Großen des Thrones ſich ſchon in dem anſtoßenden Saal zu verſammeln be⸗ 0 127 gannen, befand ſich noch in ihrem Cabinet mit dem jungen Lanskoi eingeſchloſſen, in deſſen vertrauter Unter— haltung ſie ſich erſt überzeugen wollte, ob die glän zenden Empfehlungen, mit denen ihr Fürſt Potemkin denſelben vorgeſtellt hatte, ſich nicht nur bewahrheiteten, ſondern ob auch ihr eigener ſehr verwöhnter Geſchmack damit übereinſtimme. Lanskoi war noch ein ſehr junger Offizier, der durch ſein gefälliges und überraſchend ſchönes Aeußere ſogleich den gewinnendſten Eindruck hervorbringen mußte. Er war ein großer, ſchlanker junger Menſch, der in der reichen, geſchmackvollen Uniform des Garde⸗Offi ciers, in welcher er ſich der Czarin zuerſt vorgeſtellt hatte, ſeine ſeltene, faſt blendende Schönheit wahrhaft ſtrahlend hervortreten ließ. Dabei war es zugleich ſeine große Jugend, die ihn mit einem faſt rührenden Zauber umgab. Seine Schönheit, ſeine Anmuth waren die eines Kindes, und die friſche Blüthe des Mannes entwickelte ſich eben erſt in den zarteſten und weichſten Lineamenten. Und zugleich war es der Zauber eines gebildeten und regen Geiſtes, welcher den jungen Mann auf die liebenswürdigſte Weiſe umfloß. Lanskoi war ein junger Mann, der keineswegs bloß in den Aeußer lichkeiten ſeines Standes befangen war und der nicht 128 nur einen wiſſenſchaftlich gebildeten Geiſt beſaß, ſon⸗ dern auch viele Talente hatte, die ihn als einen be⸗ gabten Muſenjünger erſcheinen ließen und ſeine Unter— haltung zugleich mit einem Inhalt erfüllten, welcher für die Czarin beſonders angenehm und feſſelnd war. Lanskoi hatte gründliche Studien und bedeutende An⸗ lagen in der Muſik und Malerei aufzuzeigen, und dies überraſchte und entzückte die Czarin doppelt, da ihre letzten Freunde gerade ſo verwahrloſt an Geiſt und Gemüth geweſen waren und die Illuſionen der Czarin oft mit gränzenloſer Langeweile durchbrochen hatten. Die Czarin war daher bereits bei der erſten Unter⸗ haltung mit Lanskoi zu einer wahren Schwärmerei für ihn übergegangen und gab dem jungen Mann, der ſich in der That harmlos und unſchuldig wie ein Kind benommen hatte, durch allerlei unzweideutige Beweiſe ihrer Gunſt dies zu erkennen. Jetzt entließ ihn Katha⸗ rina, da ſie aus dem Vorſaal her die ſchweren ſtolpern⸗ den Schritte Potemlin's vernahm, welcher ſich bereits einſtellen wollte, um die Czarin zu der Audienz im Gala⸗Saal abzuholen, was ihr zugleich anzeigte, daß Kaiſer Joſeph bereits im Palaſt erſchienen ſei und daß ihre feierliche Zuſammenkunft mit dem veutſchen Kaiſer jetzt eröffnet werden ſolle. ei in 129 Die Czarin hatte dem jungen Lanskoi zum Abſchied eine goldene Kette, an deren Ende ihr eigenes Portrait in Brillanten hing, mit den huldvollſten Gebärden um den Hals geſchlungen, indem ſie ihn dann mit einer funkelnden Freude in den Augen betrachtete. Obwohl dies am Petersburger Hofe das höchſte und nie zu verkennende Zeichen der eingetretenen Gunſt der Czarin war, welches zu den weiteſten Hoffnungen berechtigte, ſo begnügte ſich doch die Czarin nicht damit, ſondern ſie drückte noch einen langen glühenden Kuß auf die weiße friſche Stirn des jungen Lanskoi, worüber dieſer wie ein junges Mädchen tief erröthete. Wie in einem Traum befangen, war Lanskoi jetzt abgetreten und hatte es in der Aufregung und Ver⸗ wirrung, die ihn beſchlichen, nicht bemerkt, daß er dem Fürſten Potemkin in der Thür begegnet war, der ihn in ſeiner Haſt faſt umgerannt hätte. Nicht wahr, dieſes Kind muß man ſogleich lieb gewinnen? begann Potemkin, auf den eben Hinausge⸗ gangenen deutend, indem er der Czarin mit einem be⸗ deutungsvollen Blick ſich näherte. Sie haben Recht, Potemkin, entgegnete Katharina mit einem glühenden Ausdruck, wie man ihn lange nicht in ihren Augen flammen geſehen. Das iſt ja Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. J. 9 4 E* 5„ 130 noch ein Kind, von Milch und Blut, friſch, zart und roſig, wie ein junger Frühlingstag, den linde und ſcharfe Lüfte, mit den Gewürzen des Oſtens auf ihren Schwingen, durchkoſen. Ja, Fürſt, Ihr habt mir mit dieſer neuen Bekanntſchaft eine große Freude gemacht, ich danke Euch. Ich gebe es, wie immer, ganz in Eure Hände, daß Ihr die nöthigen Arrangements trefft, um dem jungen Lanskvi eine angemeſſene Poſition in meiner Nähe zu geben. Der Fürſt verneigte ſich und ſagte dann, mit ſeinen ſchlau lächelnden Augen: Wie freue ich mich, die Czarin ganz wieder im Beſitz Ihrer göttlichen Laune anzu⸗ treffen. O, dann wird auch wieder ein friſcher, mäch⸗ tiger Geiſt alle Segel der ruſſiſchen Politik blähen. Wenn die Czarin glücklich iſt, werden auch unſre großen Herrſchaftspläne, welche die Zukunft Rußlands ſind, wieder gewaltiglich gedeihen und den höchſten Sieg davontragen. Ja, es wird mir jetzt gelingen, ich werde den großen Tag erleben, wo ich die Czarin von Ruß⸗ land in Konſtantinopel krönen laſſen werde, wo ich mit dem Diadem der Welt ſchmücke diejenige Fürſtin, die dazu berufen iſt, einen Thron aufzuſchlagen, der die alte und die neue Welt wieder zu einer ganzen Herr⸗ ſchaft, zu einem großen Univerſal⸗Reich verbinden ſoll! 131 Schon wieder ein ſo ungeſtümer Dränger! ent gegnete die Czarin lächelnd, indem ſie ihre Hand mit einem ſanften, faſt zärtlichen Backenſtreich an die Wange Potemkins legte. Aber mich dünkt, es drängt jetzt der Augenblick, zu unſerm Kaiſer Joſeph hinunterzugehen, denn wir wollen es hier nicht an der größten Zuvor— kommenheit gegen ihn fehlen laſſen. Ihr ſagt mir, daß Kaiſer Joſeph bereits in dem Saal der großen Gala⸗Gemächer drüben erſchienen ſei, und wir dürfen ihn jetzt nicht warten laſſen. Denn nur Hand in Hand mit dem deutſchen Kaiſer werden wir unſer großes Ziel erreichen, zu dem Eure Phantaſie ſchon ſo mächtig hinſtürmt und das wir weiſe vorbereiten müſſen, Fürſt Potemkin. Damit ſtreckte Katharina feierlich die Hand aus, worin zugleich der Befehl an den Fürſten lag, die Czarin in den Audienz⸗Saal hinüber zu geleiten, was Potemkin mit aller Würde und Grazie, die ihm in ſolchen Fällen zu Gebote ſtanden, ausführte. Die Wiederbegegnung der Czarin mit dem Kaiſer Joſeph war ebenſo herzlich und vielverſprechend ge⸗ weſen, als vor einigen Wochen die Trennung zwiſchen Beiden in Mohilew. Die Czarin hatte ſogleich einen treuherzigen und gemüthlichen Ton gegen den Kaiſer 5 —ůZZ— — 132 angeſtimmt und dies genügte, ihn ſofort in die beſte und ungezwungenſte Laune zu verſetzen, in der er auch ſämmtliche Perſonen des Hofes, die ihm jetzt vorge⸗ ſtellt wurden, bewillkommte. Eine beſonders angelegentliche Aufmerkſamkeit trug der deutſche Kaiſer ſofort dem Großfürſten Paul und der Großfürſtin entgegen, die beide mit einiger Zurück⸗ haltung in ihrem ganzen Weſen bisher neben der Czarin geſtanden und ſich kaum freudig zu der beginnenden Repräſentation zeigten, als Katharina jetzt ihrem Gaſt die Namen Pauls und Maria Feodorowna's nannte. Der deutſche Kaiſer bemerkte ſogleich mit der ihm eigenen feinen Spürkraft, daß der Großfürſt ihm keines⸗ wegs freudig entgegenkam, ſondern eine große Zurück⸗ haltung gegen ihn beobachten wollte. Mir iſt ſehr daran gelegen, die Freundſchaft des Großfürſten von Rußland zu gewinnen, begann er ſo⸗ gleich in ſehr angelegentlicher Weiſe, indem er die Hand des Großfürſten herzlich ſchüttelte. Aber dies iſt das Einzige, weshalb ich unſern Rivalen Preußen beneide, daß es die Neigung des Großfürſten Paul an ſich zu ziehen gewußt hat, die zu beſitzen ganz un⸗ ſchätzbar iſt. Es iſt möglich, daß die Allianz zwiſchen Rußland und Preußen für die Ruhe Europa's noth⸗ — S 72) 133 wendig iſt, aber mein einziges Streben wird immer nur darauf gerichtet ſein, mir die Freundſchaft Ruß⸗ lands zu erwerben*). Freilich werde ich immer meine Segel ſtreichen müſſen gegen die Perſon des Königs von Preußen, der ich überall das Vorrecht zugeſtehen werde, eine unbedingte Verehrung zu empfangen. In den ſchönen blauen Angen des Kaiſers ſchim⸗ merte dabei ein treuherziger Glanz, der bald wieder mit einem Ausdruck von Spott wechſelte. Auch die Großfürſtin ſchien die kalte Zurückhaltung zu theilen, welche Paul, der nur mit einigen einſylbigen Worten erwiederte, gegen den Kaiſer zu beobachten fortfuhr. In derſelben Art bewies ſich auch die Großfürſtin, obwohl ſie ihre anmuthige und liebenswürdige Haltung kaum verlieren konnte, faſt abſtoßend gegen Joſeph, der ſie auf die hervorragendſte Weiſe auszeichnete. Ich begreife, daß die Frau Großfürſtin mir nicht Recht geben kann, bemerkte er mit ſanftem Lächeln. Der König Friedrich der Zweite hat ſich ein zu großes Verdienſt um den Bund der grofßfürſtlichen Herzen erworben, als daß ihm dies jemals in dem zarten und dankbaren Herzen einer Frau vergeſſen werden könnte. *) Görtz Denkwürdigkeiten I. 170. ——————— 134 Der Bund der Kaiſerlichen Hoheiten iſt ja am preußi⸗ ſchen Hofe geknüpft worden, Preußen hat dies unſchätz⸗ bare Vorrecht genoſſen, das ihm Oeſterreich nur be⸗ neiden kann, und Preußen, ich ſehe es ein, wird darum ſtets an der Frau Großfürſtin einen beredten und liebenswürdigen Fürſprecher haben. Maria Feodorowna ſchien von dieſer Bemerkung des Kaiſers ſehr unangenehm berührt zu werden. Sie erröthete im ſtärkſten Purpur und auf ihrem Geſicht trat faſt ein Anflug von Zorn und trotziger Geſinnung hervor, wie man es bei der ſonſt ſo gleichmäßig ge⸗ ſtimmten Prinzeſſin kaum jemals wahrgenommen hatte. Als der Großfürſt jetzt ſah, daß ſeine Gemahlin dem Kaiſer kaum antwortete und ſich ſogar ſeitwärts ein wenig von demſelben abwandte, ſchien ihn dies plötzlich ungemein zu verdrießen und er ſann vergeblich nach, welches wohl die Urſache dieſes auffallenden Be⸗ nehmens ſein möchte. Der Großfürſt wußte nicht, daß Kaiſer Joſeph zugleich mit einem Heirathsplan nach Petersburg gekommen war und daß ein zufülliger Um⸗ ſtand die Großfürſtin von dieſen Abſichten, welche ſie ſelbſt nahe berührten, vorher unterrichtet hatte. Joſeph hegte al erdings ſeit einiger Zeit den Plan, den Prinzen Franz von Toscana mit einer Schweſter 35 der Großfürſtin Maria Feodorowna zu vermählen und es war möglich, daß er dieſen Plan, an deſſen Aus⸗ führung ihm gelegen ſchien, am ruſſiſchen Hofe hängig machen und unter dem Beiſtand der fürſtin von Rußland zur Ausführung bringen wollte, nicht ahnend, daß die Grofßfürſtin gegen dieſen Plan von vornherein ſehr eingenommen war und nicht im Geringſten denſelben zu unterſtützen dachte. Beſonders aus dieſem Grunde hatte ſie ſeinem Erſcheinen mit großem Mißmuth entgegen geſehen, und es war ihr, als wenn der Kaiſer ſchon ſofort dieſen ihr unange⸗ nehmen Gegenſtand berühren wolle. Den Großfürſten aber ſchien jetzt ein gewaltiger über das auffüllige Benehmen ſeiner Gemahlin zu überkommen. Es empörte ihn, daß d ie Großfürſtin ſich herausnehmen wo ollte, Politik auf ihre eigene Hand zu treiben und dem veuiſchen Kaiſer eine Zurückhal⸗ tung zu beweiſen, zu welcher er ſie nicht bevollmäch tigt hatte. Dies verdroß den Großfürſten ſo ſehr, daß ſein eigenes Benehmen gegen den Kaiſer dadurch ſichtlich umgeſtimmt wurde. Es kam ihm offenbar darauf an, ſeiner Gemahlin einen Poſſen zu ſpielen, und ſchon begannen ſeine wilden Augen einen milderen freund⸗ ——* 136 licheren Ausdruck gegen den Kaiſer anzunehmen. Er trat jetzt mit einer raſchen gefälligen Bewegung her⸗ vor, und die Hand des Kaiſers lebhaft ergreifend, ſagte er mit einer wohlklingenderen Stimme als ſonſt: Der Kaiſer Joſeph iſt gewiß in Rußland bei Allen hoch willkommen, mögen dieſelben nun gute oder ſchlechte Preußen ſein, und wir machen das Verhältniß zu Preußen gar nicht zum Maaßſtab unſeres Verhält⸗ niſſes zu Oeſterreich. Ich für mein Theil bekenne mich jetzt gern und laut zu den eifrigſten Parteigän⸗ gern Oeſterreichs und biete mein Schwert und meine Dienſte an für Alles, was die allergnädigſte Czarin, was unſer lieber Alliirter, der Kaiſer von Oeſterreich, Gemeinſames beſchließen werden! Dieſe Rede des Großfürſten Paul, in ſeiner Art mit einem gewiſſen Ungeſtüm ausgeſtoßen, brachte eine große Senſation bei allen Anweſenden hervor. Die Czarin warf dem Grofßfürſten einen dankbar leuchten⸗ den Blick zu, der ihm mit einer Innigkeit, wie ſeit langer Zeit nicht, die Zufriedenheit ausdrückte, welche die Czarin heut über ihren Sohn empfand. Eine faſt lächerliche Figur aber ſpielte in dieſem Augenblick der Miniſter Panin, der, nachdem der Großfürſt geſprochen, ſeinen Ohren kaum trauen 137 wollte und die größte Beſtürzung darüber in ſeinen Mienen und Gebärden ausdrückte. Denn er begriff nicht, wie ſein Zögling, der Großfürſt Paul, der die preußenfreundlichen Anſichten Panins vollkommen in ſich aufgenommen hatte und der bis jetzt für die eigentliche Hoffnung und Zukunft der preußiſchen Partei in Rußland gegolten, plötzlich dazu gekommen war, alle Berechnungen und Erwartungen dieſer Art umzuſtoßen und mit einem gewiſſen Jubelgeſchrei in das öſterreichiſche Lager überzutreten. Der kluge Pa⸗ nin, der ſonſt das Gras wachſen hörte in der Politik, zerbrach ſich faſt den Kopf über dieſe ihm gänzlich räthſelhafte Umwandlung des Großfürſten und ſchnitt Geſichter, welche der Czarin ſelbſt, deren Blicke in dieſem Moment auf ihn fielen, ein großes Vergnügen zu gewähren ſchienen und faſt ihre Lachluſt reizten. Der Miniſter Panin hatte bei all ſeiner berühmten Staatsklugheit nicht bemerkt, welchen triumphirenden Blick der Großfürſt, nachdem er geſprochen, auf die Großfürſtin geworfen hatte. Aus dieſem Blick war deutlich zu erkennen, wie ſehr der Großfürſt es eigent⸗ lich nur darauf abgeſehen gehabt, mit ſeinen Aeuße⸗ rungen, welche auch der Kaiſer mit ſichtlicher Genug⸗ thuung vernommen, ſeine Gemahlin zu ärgern und ihr auf eine empfindliche Weiſe zu widerſtreben⸗ Maria Feodorowna ſelbſt hatte dieſe Abſicht ſehr wohl ver⸗ ſtanden und ſah in dieſem Augenblick mit tiefer Be⸗ ſchämung zur Erde nieder. Es entſtand jetzt eine augenblickliche Stile, die aber Fürſt Potemkin ſogleich mit ſeiner rückſichtslos darein brüllenden Stentorſtimme unterbrach. Potemkin hatte ſich bisher an der Seite der Cza⸗ rin, neben welcher er ſtand, ziemlich ruhig verhalten und war nur ein aufmerkſamer Beobachter des um ihn her Vorgehenden geweſen. Er ließ nur von Zeit zu Zeit einen gewaltigen Brillantring, welchen er heut am Finger trug, gegen das Licht ſpielen, und ſchien mit ſichtlicher Freude an den blitzenden Farben zu erkennen, was für einen unbeſtreitbar ächten und be⸗ deutenden Werth er dieſem Ringe, der ein Geſchenk des Kaiſers Joſeph war, beizumeſſen hatte. Um ſo mehr hatte er ſich aber zu gleicher Zeit gedrungen gefühlt, für das ganze Auftreten des Kaiſers Joſez ph am Petersburger Hofe eine enthuſiaſtiſche Theilnahme an den Tag zu legen und Allem, was der Kaiſer jetzt that und ſagte, mit wahrhaft entzückten Gebärden zu lauſchen.„ Es lebe Rußland unter der großen Czarin Katha⸗ — 139 rina! rief er jetzt plötzlich lärmend und tobend, indem er ſeine Arme hoch in die Luft ſchwenkte. Welches Heil für Rußland, eine Herrin und Gebieterin, wie Katharina, und einen Freund, wie den Kaiſer Joſeph, zu beſitzen! In der That, die ganze Welt gehört Rußland und Oeſterreich, wenn Katharina und Joſeph ſich die Hand reichen, denn unter dem Stern ihrer Freundſchaft ſammeln ſich alle Völker und werden ſich —— alle Reiche neigen! Obwohl dieſes ſeltſame Intermezzo einen ſehr an⸗ genehmen Eindruck auf die Czarina hervorzurufen ſchien, ſo ſtreckte ſie doch zugleich ihre Hand wie beſchwichtigend gegen Potemkin aus, und ſchien, wenn⸗ gleich mit einem liebenswürdigen Lächeln, ſeinen vor⸗ laut hervorbrechenden Eifer dämpfen zu wollen. Um Gotteswillen, ruhig, mein lieber Fürſt, ſ ſie mit einem unendlich gütigen und milden Ausdruck. Die Politik von Mohilew iſt noch nicht dazu beſtimmt, zu eclatiren, obwohl wir ihr bereits das bedeutungs . . 1 agte volle Reſultat verdanken, daß wir Kaiſer Joſeph II., den edeln hochgeſinnten Monarchen Oeſterreichs, an unſerm Hofe haben ſo freundſchaftlich willkommen heißen dürfen. Dies iſt eine große Freude für uns geweſen und wir nehmen die Glückwünſche aller guten 140 und treuen Ruſſen zu dieſem bedeutungsvollen Ereig⸗ niß an. Aber die neue Freundſchaft, welche einſt die Welt aus ihren Angeln heben wird, ſoll ihre Blüthen erſt in unſerm ſtillen Herzen reifen, und dann erſt, Fürſt Potemkin, wenn der Wunderbaum erwachſen iſt, wollen wir noch lauter und ſtürmiſcher über denſelben jubeln. Fürſt Potemkin verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ſagte dann in luſtiger Weiſe: Der Jubel ſitzt mir nun einmal im Herzen, und ich freue mich zu ſehr, daß den Türken nun bald das Garaus gemacht wird. Hier, meine allergnädigſte Czarin, habe ich es auf dem Papier nachgewieſen, daß das Türkenreich zuſam⸗ menſtürzen muß, ſo bald die vereinten Kräfte Ruß⸗ lands und Oeſterreichs an die ottomaniſche Pforte klopfen werden. Und dabei wird und muß etwas herauskommen, meiner Treu, dabei wird und muß etwas für uns Alle herauskommen! Potemkin begleitete dieſen Ausruf mit einem n herzlichen Gelächter, das faſt liebenswürdig klang, und auch den Kaiſer Joſeph, der überhaupt an Potemkin Geſchmack zu finden ſchien, fröhlich ſtimmte. Dann überreichte Potemkin der Czarin ein Papier, auf dem ſich einige Aufzeichnungen zu befinden ſchienen. 141 Katharina übergab das Papier dem Miniſter Pa⸗ nin, der es mit gravitätiſcher und bedenklicher Miene in ſeinem Portefenille verwahrte. Potemkin ſchien ſich aber einmal im Zuge zu be⸗ finden, und fuhr fort: Ha, es iſt jetzt eine wahre Luſt, Ruſſe zu ſein. Schon hat Rußland angefangen, ſich ſeine Füße im ſchwarzen Meere zu waſchen, und die Eroberung der Krim, zu der wir bereits die erſten Schritte gethan, wird das Vorpoſtengefecht unſeres großen Weltkampfes werden. Der Chan Sahim⸗Girai iſt bereits ſo gut wie ein ruſſiſcher Statthalter, den wir dort eingeſetzt haben, und er wird uns Tauris und das ganze Tartaren⸗Reich bald vollends in die Hände ſpielen. Das ſchwarze Meer chen See, in welchem der Cza wird dann zum ruſſiſ renthron mit der Krone des Orients ſich ſpiegeln wird. Still! Still! rief ihm jetzt die Czarin haſtig zu, indem ſie mit einer bedeutungsvollen Miene ihren Finger auf die Lippen preßte. Wir ſprechen heut keine Politik, denn es beſchäftigt uns in dieſem Augenblick einzig und allein der Gedanke, unſern erhabenen Gaſt, den Kaiſer, würdig hier in unſerer Reſidenz zu em⸗ pfangen und uns der ausgezeichneten Ehre dieſes Be — ——— 142 ſuchs in allen Stücken werth zu machen. Der Kaiſer hat, genialer Gewohnheit gemäß, unſerm Petersburg bereits die Ehre gegeben, es zu Fuß zu durchſtreifen, und wir würden ſehr glücklich ſein, wenn unſerm Allirten die Hauptſtadt unſeres Reiches nicht ganz mißfallen hätte. Oh, entgegnete Joſeph mit ſeinem wunderbar freundlichen Geſichtsausdruck, in dem ſich immer ſo viel Gutmüthigkeit und Ehrlichkeit mit einem befrem⸗ denden Zug von Spott und Jronie miſchten. Wer Petersburg nicht geſehen hat, der weiß nicht, was Glanz und Pracht heißt, die von Menſchenhänden ge⸗ macht werden. Oft mußte ich mir vor lauter Bewun⸗ derung und Ueberraſchung die Augen zuhalten, und dann war mir einen Augenblick, als träumte ich nur, und ich fürchtete, wenn ich die Augen wieder empor⸗ ſchlüge, würde Alles um mich her verſchwunden ſein, und das galvaniſch entſtandene Leben würde nun ſtill und bewegungslos um mich her daliegen. Aber wie ſehr täuſchte ich mich, Czarin! Als ich wieder zurück⸗ blickte auf die wunderbar mich feſſelnden Gegenſtände meiner Bewunderung, ſah ich, daß dieſelben wirklich lebten, daß dieſe coloſſalen Paläſte, dieſe himmelhohen Kirchen, dieſe gewaltigen Menſchenmaſſen nicht blos 143 Scheingebilde oder Malerei oder das Product eines rieſenhaft mächtigen Befehls ſeien, ſondern daß Alles ſchon aus eigener Kraft und nach Art dieſes Landes ſich ſo herrlich zu entwickeln angefangen, wie es daſteht. Die Hofleute ſchnitten dumme und ſeltſam ver blüffte Geſichter, als ſie dieſe ihnen völlig unbegreiflich ſcheinende Aeußerungsweiſe des Kaiſers Joſeph ver— nahmen. Sie betrachteten den Kaiſer, deſſen Erſchei nen am Hofe Katharina's vielen Vorurtheilen begegnet war, mit vermehrtem Mißtrauen, und ſchienen faſt der Meinung, als wenn er der Czarin etwas Unan genehmes über Petersburg geſagt hätte. Gewiß ſehr ſublim, aber man weiß doch nicht recht, was er eigentlich ſagen will! brummte Fürſt Potemkin leiſe vor ſich hin, indem er der Czarin einen ſeiner ſchelmiſchen Blicke zuwarf, denen dieſe ſelten widerſtehen konnte. Katharina aber, geiſtreicher als alle ihre Hofleute, war mit einem ſchönen Lächeln über Das, was Kaiſer Joſeph geſagt, hinweggeglitten. Sie verſtand ſehr wohl den Sarcasmus, der, wenn man wollte, in den Worten des Kaiſers gelegen, aber die hohe Weltbil dung, in welcher die Czarin ſtets glänzte, ſchien es 144 ihr unmöglich zu machen, den Kaiſer auch nur einen leiſen Anſchein von Verſtimmung über das Gehörte bemerken zu laſſen. In dieſem Augenblick lenkte ſich die Aufmerkſam⸗ keit der Czarin auf die junge Großfürſtin hinüber, auf deren ſonſt ſo klarer und heiterer Stirn ſich eine dunkele, unbezwingliche Wolke gelagert hatte. Die Czarin konnte mißmuthige Geſichter nicht in ihrer Nähe leiden, und da die Prinzeſſin in dieſer Beziehung nie ein böſes Beiſpiel gegeben hatte, ſo wurde die⸗ Czarin theilnehmend und glaubte ein Mißbefinden der Großfürſtin vorausſetzen zu müſſen. Die Frau Großfürſtin, bemerkte die Czarin jetzt mit ihrem vollen, der Prinzeſſin ſtets gewidmeten Wohlwollen, theilt heut unſserer Aller Freude nicht ganz, während ſie ſonſt immer die Seele derſelben war. Was hat denn unſerer lieben Großfürſtin heut die gute Laune verdorben? Maria Feodorowna ſchrak heftig zuſammen, als ſie jetzt plötzlich von der Czarin ſich ſo angeredet hörte und zugleich die Blicke aller Uebrigen auf ſich gelenkt ſah. Ihre Wangen waren tief erröthet, ihre Augen irrten ungewiß von der Czarin zu dem Groß⸗ — 145 fürſten hinüber und blieben auf dem ſeltſam lächelnden Geſicht des Kaiſers Joſeph haften. Dann ſchien all ihre heitere und feſte Haltung wieder zu ihr zurückgekehrt, und ſie ſagte mit großer Unbefangenheit: Ich habe Alles mit der lebhafteſten Aufmerkſamkeit angehört, und die Belehrungen, die ich dabei empfangen, werden einen guten Einfluß auf mich ausüben. Ihr ſprecht immer für mein Ohr und mein Herz gleich angenehm, Grofßfürſtin, entgegnete die Czarin, ihr mit einem huldvollen Ausdruck zunickend. In der That, einen ſo ſchönen Tag haben wir ſelten erlebt, als den heutigen, der uns durch die Ankunft unſeres hohen Gaſtes zu einem unvergeßlichen für das ganze Leben gemacht wird! Vielleicht knüpfen ſich daran noch Freuden und Genugthuungen anderer Art, denn der Kaiſer, Großfürſtin, wirbt zugleich für den Prin zen Franz von Toscana um die Hand der noch un vermählten Schweſter der Großfürſtin von Rußland. Maria Feodorowna zuckte ſichtlich zuſammen, als ſie jetzt auch dieſen Gegenſtand berühren hörte. Aber Kaiſer Joſeph, der es der Prinzeſſin ſogleich anſah, daß damit kein ihr angenehmer Gegenſtand berührt würde, näherte ſich der Prinzeſſin jetzt auf die aller Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. l. 10 146 verbindlichſte Weiſe und ſagte ſcherzend: Es wäre das Erſtemal, daß ich mit Heirathsprojecten läſtig fiele! Die Frau Großfürſtin dürfen ſich, wenn mein Project Ihnen nicht gefallen ſollte, beruhigen, denn noch niemals hat es einen ſchlechteren Heirathsſtifter gegeben, als mich. Die Heirathen kommen gewöhnlich nicht zu Stande, die ich unternehme, und man kann ſich darum meinetwegen für getröſtet halten. Das eigentliche Ziel der Reiſe iſt ſchon erreicht, wenn wir einſtweilen nur das Türkenreich unter die chriſtliche Haube bringen, und dies ſind die einzig preſſan⸗ ten Heirathsgedanken, die ich habe, wie ich der gnä⸗ digſten Frau Großfürſtin auf meine Ehre verſicherr kann. Es war dem Kaiſer mit ſeiner liebenswürdigen Freimüthigkeit gelungen, wieder eine ganz heitere und ungezwungene Stimmung zu verbreiten, und in dieſer Tonart verlief die Andienz zuletzt auf die angenehmſte Weiſe, die Alle zufrieden ſtellte und auf allen Seiten die glücklichſten Erwartungen hervorrief. Der Kaiſer Joſeph beurlaubte ſich von der Czarin unter den in ihre Hände abgelegten Verſprechungen, den Aufenthalt in Petersburg nicht abzukürzen, ſondern für den regſten und innigſten Verkehr der beiden neu 147 befreundeten Souverainetäten recht fruchtbar werden zu laſſen. Nachdem die Czarin den größten Theil ihres Hof⸗ ſtaats entlaſſen hatte, winkte ſie dem Großfürſten mit einer freundlichen Bewegung zu, und als er näher trat, reichte ſie ihm in freundlichſter Gewogenheit die Hand und ſagte lächelnd: Mein Sohn, Du haſt heut ſehr verſtändige Aeußerungen gethan, die mein Herz ſehr erfreut haben. Mir iſt ſehr daran gelegen, daß der Großfürſt auf denſelben Wegen mit der Czarin geht, und ich bin dankbar für jeden Schritt, den man mir bereitwillig nachfolgt. Dieſen mir koſtbaren Augen blick, wo der Großfürſt meine Anſichten in ſich aufzu nehmen anfängt und wo er meinen Gedanken eine willige Stätte bei ſich bereitet, wünſchte ich verherr lichen zu dürfen. Ich habe daher beſchloſſen, dieſer Stunde ein angenehmes Gedächtniß zu ſtiften. Du haſt längſt den Wunſch gehegt, mein Sohn, eine größere Reiſe durch alle Theile Europa's zu unter nehmen, und die verſchiedenen Völker, Länder und Höfe nach Deinem Gefallen zu beſuchen. Es ſei jetzt dieſer Wunſch gewährt, denn da ſo viele Fürſten und Prinzen jetzt in Europa reiſen und ihre Beſuche austauſchen, ſo will ich, daß auch der Großfürſt von 10 148 Rußland in dieſer neuen Mode der Zeit nicht zurück⸗ bleibe. Die Großfürſtin wird den Großfürſten auf dieſer Tour begleiten, die durch Italien, Frankreich, Holland, Oeſterreich und ganz Deutſchland ſich er⸗ ſtrecken mag. Wir werden uns mit den Vorbereitun⸗ gen zu dieſer Reiſe beſchäftigen, ſobald die dringend— ſten Geſchäfte und Veranlaſſungen uns die Zeit dazu vergönnen werden. Aber die Sache ſei beſtimmt be⸗ ſchloſſen. Außerdem, mein Sohn, empfange heut aus meiner Hand ein kleines Beſitzthum, das ich Dir längſt zugedacht hatte. Gatſchina, der kleine Landſitz, der aus dem einſtigen Beſitz des Grafen Orlow jetzt wie der an mich zurückgefallen iſt, ſei künftig der Deinige. Du liebſt mit Deiner Gemahlin das Landleben, und ich werde Dir behülflich ſein, eine ganz neue Schöpfung aus dieſem kleinen Anfang hervorgehen zu laſſen. Und damit, meine Kinder, entlaſſ' ich Euch heut in vielen Gnaden. Gehabt Euch wohl für heut, und denkt, daß ich immer in liebevoller Huld Euere gnädigſte Czarin bin! Katharina reichte zur Linken und zur Rechten ihre ſchönen, huldſpendenden Hände hin, die von Paul und Maria Feodorowna mit dankbarem Eifer geküßt wur⸗ den. Die Großfürſtin ſah ihren Gemahl mit zärtlicher 149 Freude an und ſuchte den Eindruck der empfangenen Gnaden auf ſeinem Geſicht zu erforſchen. Paul aber ſah bleich und verſtört aus, denn die ihm ſo plötzlich bewieſene große Huld ſeiner kaiſerlichen Mutter begann ihn bedenklich zu machen, und wollte allerlei Zweifel und Beſorgniſſe in ihm hervorrufen. X. Gatſchina. Am Hofe der Kaiſerin Katharina hatten ſich in der letzten Zeit die Beſuche und Zerſtreuungen ge⸗ drängt. Kaum hatte ſich Kaiſer Joſeph von ſeiner neugewonnenen Freundin beurlaubt, um, neuer Ent⸗ würfe voll, in ſeine Staaten zurückzukehren, ſo war, gewiſſermaßen zu ſeiner Ablöſung, der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen in Petersburg erſchienen, um, durch neue Anſtrengungen, die Waagſchale der preußi⸗ ſchen Politik bei der Czarina wieder in die Höhe ſtei⸗ gen zu laſſen und dem behaupteten Einfluß des deut⸗ ſchen Kaiſers entgegenzuwirken. In dieſer Beſorgniß vor Oeſterreich hatte ſich der König Friedrich der Große beeilt, ſeinen jungen Neffen und Thronfolger nach Petersburg abgehen zu laſſen und ihn mit Auf⸗ 151 trägen zu verſehen, die lediglich darauf berechnet wa ren, die Neigung der Czarin für Preußen zu feſſeln. Der Prinz Friedrich Wilhelm war ein junger ſchöner Mann, von der angenehmſten Perſönlichkeit, der ganz dazu geeignet ſchien, einen günſtigen Eindruck für ſich und für Preußen hervorzurufen. Seine äußere Erſcheinung und ſein ganzes Auftreten in Petersburg entwickelten den ausgeſuchteſten franzöſiſchen Geſchmack und Luxus, denn vor ſeiner Abreiſe hatte der Prinz noch dreißigtauſend Francs nach Paris geſchickt, um ſich dafür nach den neueſten Muſtern der Welthaupt ſtadt auf einen ganz eleganten Fuß bringen zu laſſen. So ragten die Eindrücke, die von dem preußiſchen Prinzen in Petersburg ausgingen, in jeder Hinſicht hervor, und ſeine blühende Männlichkeit, ſeine ausge zeichnete Geſtalt, ſein leichtes anmuthiges Entgegen kommen machten ihn nicht nur beim ganzen Hofe ſogleich beliebt, ſondern erwarben ihm auch insbeſon dere den lebhafteſten Beifall und die immer ſteigende Aufmerkſamkeit der Czarin. Glänzende Feſte und prachtvolle Veranſtaltungen aller Art, die zu ſeinen Ehren getroffen wurden, wechſelten ſich ſeitdem am Hofe ab, und ſehr oft unterhielt ſich die Czarin ganz allein mit dem Prinzen in ihrem Cabinet, wo dann 152 kein Zeuge ihrer Geſpräche zugelaſſen wurde, und hier ließ ſie es nicht an den ausgiebigſten Verſicherun⸗ gen fehlen, wie ſehr ſie dem großen König Preußens mit inniger Bewunderung und Freundſchaft zugethan ſei und in dieſen Geſinnungen auch niemals eine Aen⸗ derung eintreten laſſen werde. Der Prinz wurde ent⸗ zückt über dieſe Betheuerungen, die ihm aus dem Munde der Czarin ſo angenehm in die Ohren fielen, aber je länger er in Petersburg verweilte, deſto mehr mußte er doch ſehen, daß ſeine Angelegenheit ſelbſt gar nicht vorwärts rückte und daß die Czarina gänzlich ſtumm blieb oder mit einem einzigen Wort für immer abbrach, wenn der Prinz daran erinnern wollte, daß die Allianz zwiſchen Preußen und Rußland, die immer auf acht Jahre abgeſchloſſen zu werden pflegte, gerade in dieſem Jahre noch der Wiedererneuerung bedürfe. In dieſen Tagen der Feſte und der Zerſtreuungen hatte der Großfürſt eine ihm ſehr willkommene Gele⸗ genheit gefunden, ſich von dem Treiben des Hofes entfernt zu halten und dadurch ein häufigeres Zuſam⸗ mentreffen mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm zu vermeiden, dem gegenüber er ſich in einiger Verlegen⸗ heit befand. Denn Paul fühlte ſich durchaus nicht mehr aufgelegt, den Erwartungen und Hoffnungen zu icht 153 entſprechen, welche man bisher in Berlin am Hofe des Königs Friedrich auf ihn geſetzt, und er ſah. ſich dabei in einer Uebereinſtimmung mit der Czarin, die ſeinem eigenen Gemüth ſehr wohl that. Denn es zeigte ſich mehr und mehr bei der Kaiſerin, daß die größten Pläne und Hoffnungen ihres Lebens doch auf Seiten des Bündniſſes mit dem öſterreichiſchen Kaiſer ſtanden, und obwohl es bei der neulichen Abreiſe des Kaiſers Joſeph von Petersburg keineswegs zur Ab ſchließung irgend eines Vertrags zwiſchen ihm und der Czarin gekommen war, ſo glaubte doch Paul ganz beſtimmt zu wiſſen, daß die Czarina, nachdem ſie ein⸗ mal auf dieſe Bahn hinüber gelenkt, nicht wieder zu irgend einem Zugeſtändniß für Preußen bereit ſein werde. Katharina hatte ſich gerade in der letzten Zeit ſo zuvorkommend und freundlich gegen ihren Sohn be⸗ wieſen, daß Paul faſt ängſtlich und mit einem gewiſſen rührenden Eifer danach ſtrebte, ſich nicht in irgend einem Widerſpruche mit den Wünſchen der Czarin be⸗ treffen zu laſſen, und er hatte ſich deshalb auch vor jeder vertraulicheren Erörterung mit dem Prinzen von Preußen, wie ſehr dieſer es auch darauf abgeſehen hatte, gehütet. 154 Paul ſuchte, ſo oft es irgend möglich wurde, von Petersburg abweſend zu ſein, und ſeine Beſchäftigung mit Gatſchina, dem neuen Geſchenk der mütterlichen Liebe und Fürſorge, bot ihm dazu eine Veranlaſſung, die in dieſer Jahreszeit, wo man noch auf dem ſehr vernachläſſigten Gut Bauten vornehmen, Ländereien beſtellen und urbar machen konnte, durchaus nicht auf⸗ fallend erſcheinen durfte. Der Groffürſt hatte ſich mit vielem Behagen auf Gatſchina einzurichten begonnen, an das er bereits ſo viele neue Pläne knüpfte, und er brachte bald ganze Tage und Wochen hintereinander, in bewegter und vielbeſchäftigter Einſiedelei, auf dieſem ehemaligen Luſtſchloſſe des Grafen Orlow zu. Gleichzeitig hatte auch die Großfürſtin eine raſche und lebhafte Neigung für Gatſchina gefaßt, und wie ſehr auch Paul ſie an⸗ derweitig zu beſchäftigen und zu intereſſiren ſich be⸗ mühte, ſo wußte es Maria Feodorowna doch ſtets ſo zu veranſtalten, daß ſie immer bei ihm war, ſo oft er von Petersburg nach Gatſchina fuhr, und daß ſie, ehe er ſich deſſen verſah, mit großem Eifer und unläug⸗ barem Geſchick ſeine Arbeiten und die Ausführung ſeiner Entwürfe mit ihm theilte. Gatſchina, einſt von Gregor Orlow in der ſchönſten 155 r Zeit ſeines Lebens erbaut, ſeitdem von der Czarina ung zu ihrem Eigenthum erworben und jetzt zu einer Lie⸗ hen besgabe für den Großfürſten auserſehen, lag, ungefähr 1 ng, ſechs Meilen von Petersburg, in einer an ſich reizen thr den Gegend, an dem rongggtiſchen Gelände der Du eien derhoff'ſchen Berge, einem ſchönen, dunkel⸗ uf⸗ blauen See, welchen hier die rauſchende Iſchora bildet. Zugleich hatte die bekannte und gewohnte uf Nachbarſchaft dieſes Ortes ihn dem Großfürſten und ſo der Großfürſtin ſehr zum Aufenthalt empfohlen. Denn 1 ze ungefähr achtzehn Werſte davon lag das anmuthige und Czarskoe⸗Selo, und faſt unmittelbar an Gatſchina gen ſtieß das geliebte Paulowsky, wo Paul auf Feld und atte Wald und in den zwangloſen Freuden des Landlebens ung bisher die ſchönſten und heiterſten Stunden ſeines an⸗ Daſeins zugebracht hatte, und wo auch ſein erſtes he⸗ Zuſammenleben mit Maria Feodorowna ſeine beſten ſo Blüthen erſchloß und ihm Genugthuungen gewährte, ter welche die mit unaufhörlicher Liebe um ihn bemühte ehe Großfürſtin noch keineswegs für beſchloſſen anſehen wollte. Denn die Großfürſtin wollte, trotz Allem, noch immer auf Paul vertrauen, und ſie hoffte, ihn einſt ganz ihrer Liebe und ihren Lebensanſichten ge wonnen zu haben. Die Felſenhärte ſeines Weſens 156 hatte ſie niemals abgeſchreckt, ſie blieb darum nur um ſo eifriger und inniger ihm zugewandt, und die neuen Begegnungen, zu denen Gatſchina Veranlaſſung gab und die darum faſt mit einer liebenswürdigen Zu⸗ dringlichkeit von ihr aufggucht wurden, ſchienen ihr ein thätiges Zuſammenwikken mit ihm zu verſprechen, auf welches Maria Feodorowna mit ihrem heiteren und vertrauensvollen Gemüth die größten Hoffnungen baute. Denn die Pläne, welche ſich an einen umfaſſende⸗ ren Ausbau von Gatſchina knüpften, ſchienen bald in Pauls Gedanken einen ungeheueren Umfang angenom⸗ men zu haben, und es hatten ſich ſchon im ganzen ruſſiſchen Reich darüber die merkwürdigſten Gerüchte verbreitet. Eines Tages, als Paul, um einem großen pracht⸗ voll vorbereiteten Hofdiner zu entgehen, von Peters⸗ burg abgereiſt war und die Landſtraße nach Gatſchina hinabfuhr, fiel ihm unterwegs eine große Menſchen⸗ menge auf, die ſich allmählig um ſeinen Wagen ver⸗ ſammelte und die theils vor, theils hinter demſelben, theils ihm nahe zur Seite, in immer anwachſenden Schaaren ſich drängte. Der Großfürſt gewahrte in dieſem Augenblick auch, ⸗ n, en 157 indem er ſich verwundert nach allen Seiten hin über die Landſtraße umblickte, daß er die Reiſe nach Gat ſchina heut auch in anderer Beziehung nicht allein 1 angetreten hatte. Denn ſeine Blicke fielen jetzt plötz lich auf den Wagen der Groffürſtin, die wieder, wie in letzter Zeit ſo oft, unmittelbar hinter dem ſeinigen herfuhr und ſich ſo genau und regelmäßig an denſelben angeſchloſſen hatte, als könne und dürfe es gar nicht anders ſein. Es war nur zu gewiß, daß die Großfürſtin wieder ——— ohne Weiteres ſeinen Spuren gefolgt und ihm nach gefahren war, ſobald ſie bemerkt hatte, daß es heut wieder nach Gatſchina ging, wo ſie noch vieles Ge meinſame mit dem Großfürſten anzuordnen und zu verabreden hatte. Die Großfürſtin hatte dann in der letzten Zeit immer ohne Weiteres ihre Equipage an ſpannen laſſen und war oft von Paul erſt in dem Augenblick bemerkt worden, wo ſie dem Großfürſten in Gatſchina ſelbſt begegnete und wo ſie in dem Au. genblick, wo er den Arbeitern ſeine Befehle ertheilte, plötzlich mit ihrem lächelnden, guten, zuverläſſigen Weſen zu ihm herantrat und gerade und beſtimmt ihre Meinungen und Einfälle ausſprach, die faſt im⸗ mer, wie der Großfürſt nicht umhin konnte anzuerken⸗ 158 nen, auf eine glänzende Weiſe das Richtige trafen. Es war dann ſchwer, der Großfürſtin ferner zu zür⸗ nen, beſonders da ſie es auf eine ſo unnachahmliche und unmöglich abzuweiſende Art verſtand, in der Un⸗ terhaltung mit dem Großfürſten in ihm ſelbſt Ideen zu erwecken und aufſteigen zu laſſen, die ſchwerlich ſonſt in ihm wach geworden wären, und die den Plan der neuen Stadtanlagen, welche er in Gatſchina bezweckte, ſogleich bedeutend und überraſchend zu fördern geeignet waren. Als aber Paul jetzt zuerſt mit einem leiſen Schreck die hinter ihm herfahrende Equipage ſeiner Gemahlin gewahrte, ſah er zugleich, daß die Großfürſtin diesmal nicht ganz allein in ihrem Wagen ſaß, ſondern daß ihre Ehrendame, Fräulein Nelidow, ſich bei ihr befand, deren feurige und rollende Blicke bereits ausdrucksvoll genug zu ihm herüberdrangen. Dies entwaffnete ein wenig den ſchon gegen ſeine Gemahlin aufſteigenden Zorn und Mißmuth des Großfürſten, und er mußte ſogar jetzt herzlich lachen, als er die Nelidow raſch⸗ noch einmal anblickte, und ſie ihm durch das ſeltſamſte Mienen⸗ und Gebärdenſpiel, das, zur Erhöhung des Komiſchen, zugleich vor den Blicken der Grofßfürſtin gehütet und verdeckt wurde, eben ſo ſchelmiſch und ſiſſ— 159 muthwillig als vorſichtig aus der Ferne zu erkennen gab, wie ſehr ſie ſich des Anblicks des Großfürſten freue, wie ſie nach wie vor ſeine ſtets ergebene und gehorſame Dienerin ſei, und wie ſie immer luſtig und guter Dinge ſeinen Befehlen entgegenſehe. Dies ergötzte den Großfürſten ſo ſehr, daß er ſeinem Kutſcher durch einen Wink befahl, langſamer zu fahren, weil er ſich dem Wagen der Groffürſtin und den Darinſitzenden zu nähern wünſchte. Zugleich fiel ihm ein, daß er bei ſeinem heutigen Beſuch von Gatſchina mit ſeinem ſchon ſeit einiger Zeit gehegten Vorſatz ſich ernſtlicher und beſtimmter habe beſchäftigen wollen. Dieſes Project beſtand nämlich darin, in Gatſchina ein eigenes Haus für Marfa Nelidow er— bauen zu laſſen, das in der Nähe des Schloſſes be quem und verſteckt gelegen ſei, und welches die Neli dow alsbald als das ihr eigenthümlich gehörige Wohnhaus beziehen ſolle. Denn den Groffürſten überkam es gerade in dieſem Augenblick als ein ſehr drückendes und ihn faſt in Verlegenheit ſetzendes Ge fühl, daß ſich die Nelidow noch immer in der bisheri gen Weiſe in dem Ehrendienſt ſeiner Gemahlin befand, und daß die Großfürſtin durchaus nicht die geringſte Luſt bezeigte, ſie aus dieſem Verhältniß entlaſſen zu ———— 160 wollen, was er freilich bald anders zu beſtimmen ge⸗ dachte. Denn als die Großfürſtin ihm jetzt wieder mit ihrem ſtets ſeligen und vergnügten Ausdruck entgegen⸗ lächelte, kam es ihm faſt ſo vor, als wolle ſie in ihrer überſchwänglichen Freundlichkeit für ihn noch eine Art von Großmuth gegen ihn üben, indem ſie unter ihren Flügeln die Nelidow mit nach Gatſchina brachte. Dies verdroß ihn ſehr, weil es ihn beſchämte, und er beſchloß, daß dies nicht länger ſo fortdauern ſolle. Das ſeltſame Treiben auf der Landſtraße hatte inzwiſchen ringsumher keineswegs nachgelaſſen, ſondern es drängten ſich in ſtets zunehmender Anzahl die ver ſchiedenartigſten Geſtalten an ihnen vorüber, die alle in großer Eile und lärmend fortzogen und durch ihre Reden und Gebärden zu erkennen gaben, daß ſie etwas Seltſames und Außerordentliches im Schilde führten. Dieſe Leute, welche der Großfürſt mit dem leb⸗ hafteſten Erſtaunen beobachtete, gehörten ſämmtlich den unterſten Volksſchichten an und ſchienen aus allen Theilen des Reichs hier auf der Landſtraße plötzlich zuſammenzufließen. Man ſah den Soldaten, vermiſcht mit dem Bauer und Schäfer, und den eiligen, betrieb⸗ ſamen Bürger der Städte, die alle, wie es ſchien, zu nit llen lich ſcht ieb⸗ 1 z 161 demſelben Ziel ſich verbunden hatten und in ſtürmi⸗ ſcher Eile zuſammen die Richtung nach Gatſchina ein⸗ ſchlugen. Die wilden Heldengeſtalten aus der Armee und der Schule Souvarows zogen in der friedlichen Uniform der Beurlaubten, mit dem lang herabhängen⸗ den Brodſack an der Seite, mit luſtigen Soldaten liedern im Munde, borüber. Ihnen folgte eine Schaar von Koſacken im ſeltſamſten und abenteuerlichſten Auf⸗ zuge, die mit Horden von Tataren und anderem umherſchweifenden Geſindel ſich gemiſcht zu haben ſchienen. Der komiſch ausſehende Ziegenhirt des Ural führte den wilden Jäger der Kirgiſiſchen Steppe mit ſich am Arme fort und ſchien eine luſtige Verbrü derung mit ihm eingegangen zu ſein. Dann kam wieder ein Trupp von ruſſiſchen Prieſtern gegangen, die, mit ihren langen Bärten und in ihren geiſtlichen Kleidern, einen höchſt grotesken Anblick darboten und durch ihr ſeltſam luſtiges und lautes Weſen, das mit dem Prieſterſtande durchaus nicht zu harmoniren ſchien, noch wunderbarer auffielen. Man ſtimmte in dieſem Trupp die ausgelaſſenſten Geſänge an, die zügelloſeſten Ausrufungen wurden gehört, und nicht ſelten ſchien als wenn dieſe Mönche Betrunkene wären, was Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. J. 11 es, 162 freilich bei dem ruſſiſchen Prieſterſtande zur Tages ordnung gehörte. Auf andern Seiten des ſich ſchon unabſehbar ausdehnenden Zuges vernahm man ernſt erklingende, in einem gewiſſen feierlichen Rhythmus erſchallende Geſänge. Dazu geſellten ſich jene merkwürdigen Horn⸗ bläſer, die der ruſſiſchen Armee gehörten und in einer großen Anzahl, vielleicht von funfzig Perſonen, ſich zuſammen gruppirt hatten, um in der ihnen eigenthüm lichen Weiſe große, wunderbar wirkende Muſikſtück⸗ auszußihren. Dieſe Weiſe der Nationalmuſik beſtand darin, daß ein Jeder der Muſiker beſtändig nur eine einzige Note blies, auf der er auszuhalten hatte und auf der die bewundernswürdige Reinheit, Größe und Tiefe ſeines Inſtruments ſich in feierlicher Stärke und Stätigkeit ausklangen. Durch dieſe einzelnen Töne fügte ſich von allen Seiten her der große Wunderbau von Harmonieen zuſammen, die weithin über die ganze Gegend fortſchwebten und an der Spitze des merk⸗ würdigen Marſches, zu dem ſo viele Tauſende aus⸗ zogen, eine Art von Leitung vorzuſtellen und dem Zweck des Tages eine höhere Weihe geben zu wollen ſchienen. Dann hielten wieder die am Wege ſtehenden Hei⸗ ligenbilder den ganzen Zug auf und brachten eine — ſe 163 Stockung in denſelben, indem man ſich mit tauſend Zeichen des Kreuzes vor denſelben niederwarf und ſein Gebet verrichtete. Einen ungeheuern Lärm machten jetzt die Landleute, die, einmal in eine religiöſe Stim— mung verſetzt, nun ihre eigenen kleinen Heiligenbilder, die ſie ſtets bei ſich trugen, aus der Taſche zogen und ſich damit freudig und heulend zu beſchäftigen anfingen. Nachdem die Bauern ihren kleinen, in einer Kapſel verſchloſſenen Gott aus ihren Hoſentaſchen hervorge zogen hatten, gab es zuerſt aus der Maſſe heraus einen ſcharfen, allgemein hörbaren Klang, mit welchem die Kapſeln aufſprangen, dann nahm der Bauer ſeinen Gott in die Hand, ſpie einige Male auf ihn, rieb und wuſch ihn mit der Hand, und dann ihn hoch an einem Baum vor ſich befeſtigend, warf er ſich vor demſelben auf ſeine Knie nieder, ſeufzte heftig und vielfach und ſtimmte dann wohl dreißig bis vierzig Male hinter einander das Gospodi, pomilö!(Herr, erbarme Dich meiner!) an. Dann erklang wieder das ſeltſame Zu⸗ ſammenſchlagen der Kapſeln und der Gott ſpazierte mit denſelben wieder in die Taſche des Bauern hinunter. Der Großfürſt ſchien ſich bei dieſem Anblick erſt ungemein zu ergötzen, dann überkamen ihn Zorn und Aerger und er beſchloß, jetzt eiligſt die Reiſe nach 164 Gatſchina fortzuſetzen, wohin ſich die geſammte Volks⸗ ſchaar ihm voraus zu bewegen ſchien. Um raſcher dort einzutreffen, befahl der Groffürſt, daß die Wagen einen Landweg einſchlagen ſollten, auf dem ſie unge⸗ hindert fortkommen und ſich mit den die ganze Gegend bereits überſchwemmenden Volksmaſſen nicht mehr be⸗ rühren würden. Bald erblickten auch die Reiſenden die Duderhoff⸗ ſchen Berge vor ſich und jetzt rollten die Wagen dem kaiſerlichen Schloſſe zu, das, ein Gebäude von unge⸗ heurem Umfange, aber in einem einfachen und edeln Stil erbaut, in der Mitte des Ortes ſich erhob und zur Erholung und Erfriſchung einen auserleſenen an⸗ muthigen Luſtſitz darbot. Der Großfürſt bemerkte aber ſogleich beim Ein⸗ fahren in Gatſchina, daß es in dem Ort keineswegs ruhig war, ſondern daß dieſelbe ihm durchaus noch räthſelhafte und unverſtändliche Volksbewegung, der er bereits unterwegs begegnet war, ſich auch ſchon hierher gewälzt und dem ſonſt ſo ſtillen mitgetheilt hatte. Paul ſprang ergrimmt aus dem Wohen und wandte ſich, ohne der Großfürſtin irgend ein Wort zu ſagen, oder ſich nur im Geringſten um ſie zu bekümmern, 165 mit ſtürmiſchen Schritten nach einem Platz hinüber, auf dem ſich ſchon wieder eine ſeltſame Zuſammen⸗ rottung von Volkshaufen und Menſchen aller Art be⸗ merken ließ, und wo er endlich durch ſeine perſönliche Dazwiſchenkunft zu erfahren hoffte, was dieſe Leute eigentlich bezweckten und worauf der Sinn ihrer leb⸗ haften und geräuſchvollen Reden und Gebärden ge— richtet ſei? Der Grofßfürſt hatte ſeiner Gewohnheit nach nur eine kleine Jagdflinte über die Schulter geworfen und dieſe bildete ſeine einzige Bewaffnung, mit der er ſich jetzt in einen aufgeregten Volkshaufen ſtürzen wollte, in dem ſich eine Menge wilder, grotesker und keines⸗ wegs Vertrauen einflößender Geſtalten durcheinander bewegte. Der Platz, auf dem dieſe Schaaren zuſammenge floſſen waren und jeden Augenblick durch neu hinzu⸗ kommende Haufen ſich verſtärkten und vergrößerten, lag an den Ufern des rauſchenden Sees, welchen die Iſchora hier gebildet hatte, und hier befand ſich zu⸗ gleich der Ausgangspunkt einer neuen Stadtanlage, welche der Großfürſt, ſeitdem er Herr von Gatſchina geworden, beabſichtigte, und die ſich hier, unmittelbar dem Schloſſe gegenüber, nach einem großartigen Plan — 166 erheben und ausdehnen ſollte. Hier und da ſtiegen ſchon neue Häuſer in die Höhe und neue Straßen be⸗ gannen ſich anzudeuten, obwohl Paul über das, was er eigentlich aus Gatſchina machen wollte, noch nicht mit ſich übereingekommen war und eben erſt weit⸗ ausſehende Verhandlungen darüber angeknüpft hatte. Aber die Axt des Zimmermanns erklang mächtig und bedeutungsvoll auf dieſer Seite, die Maurer klopften luſtig und fleißig an der Grundlegung neuer Gebäude, die Arbeiter tummelten ſich mit ihren Werk⸗ zeugen in jubelnder Thätigkeit auf und nieder. Aber plötzlich waren alle dieſe frohen Laute der Beſchäftigung und der Arbeit verſtummt, die auf dem Platze ſich durcheinander wühlenden Volksmaſſen ſchienen jetzt auf einmal Alles erfaßt und in einen einzigen Knäuel zu⸗ ſammengezogen zu haben, und die Arbeiter von Gatſchina hatten angefangen, ſich mit den fremden Schaaren zu verbrüdern und zu einem und demſelben Zweck ſich zu vereinigen. Bald erſcholl ein allgemeines, ununter⸗ brochenes Jauchzen, und dann vernahm man die Stimme eines einzelnen Redners, der eindringlich, mächtig und lange ſprach und dem alle Uebrigen mit ſtillem Lauſchen, faſt lautlos und wie mit zurückgehaltenem Athem, zuhörten. 167 Der Großfürſt hatte ſich jetzt dieſem ſeltſamen Kreiſe genähert, indem er ſich hinter einigen breit⸗ ſchulterigen Männern und Zimmerleuten verborgen zu halten gedachte, um zuerſt durch das Anhören des Redners ſich einen Begriff von dem zu verſchaffen, um das es ſich eigentlich handelte. Der Groffürſt befand ſich ſelbſt in einer ſichtlichen Aufregung, alle ſeine Pulſe ſchlugen gewaltig an, aus ſeinen Augen blitzte ein wildes, höhniſches Feuer, doch vergrub er ſeine zornigen, trotzigen Blicke in dem Boden, um keine Aufmerkſamkeit auf ſeine Perſon zu lenken und uner⸗ kannt zu bleiben. Aber plötzlich ſchrak Paul heftig zuſammen, denn es war ihm, als ob er, nicht weit von ſich entfernt, ſeinen eigenen Namen flüſtern hörte, der ſich erſt ganz leiſe und noch wie fragend, auf den Lippen einiger Leute zu bewegen anfing und dann plötzlich immer lauter und lauter emporſchwoll, bis ſich mit ungeheurer Gewalt, wie ein Donner unzähliger Geſchütze, ein die Luft erfüllender Ruf daraus bildete, dem alle Uebrigen, die ſich auf dem Platze befanden, mit einem ſchmet ternden, jauchzenden, ſtürmiſchen, von Paul früher nie vernommenen Jubelklang einſtimmten. Es lebe unſer Großfürſt Paul! rief und ſchallte 168 es jetzt von allen Seiten. Heil dem Groffürſten Paul, der Hoffnung der Ruſſen, dem Freunde des Volkes! Paul ſah ſich mit einiger Beſtürzung von dieſen unerwarteten Jubelrufen in die Mitte genommen, mit welchen dieſe wilden, aufgeregten, aber zugleich ein fröhliches und kindliches Gemüth verrathenden Leute des Volkes ihn jetzt umringten und jubelnd, aber immer in ehrerbietiger Haltung, auf ihn eindrängten. Der Groffürſt blickte finſter und mürriſch dazu, und wenn er ſeinem eigentlichen Gefühl, das ihn in dieſem Augenblick beherrſchte, hätte folgen wollen, würde er die Flinte von ſeiner Schulter genommen und ſie unter das auf ihn eindringende Volk abgefeuert haben. Aber ſoeben hatte ein anderer Redner, deſſen Stimme dem Großfürſten ſeltſam bekannt erſchien, das Faß beſtiegen, welches auf dem Platz in der Mitte der Verſammlung ſtand und zur Rednertribune eingerichtet worden war. Seine Rede begann mit einem ſo mäch⸗ tigen Klang und einem ſo hinreißenden, gewaltigen Schwung, daß der Groffürſt ſich der Nöthigung nicht entziehen konnte, aufmerkſam zuzuhören und die ganze Volksmaſſe ſammelte ſich bald an den Lippen des feurigen Redners zu einer lautloſen, faſt andächtigen Stille. 169 Je länger der Großfürſt zuhörte, deſto bekannter war ihm die Stimme und das Weſen des Redners erſchienen, in dem er jetzt zu ſeinem höchſten Erſtaunen und mit unumſtößlicher Gewißheit Niemand anders, als ſeinen vertrauten Kammerdiener, den wunderlichen Jwan Paulowitſch Koutaitzow, erkannte. In der That, es war Jwan Paulowitſch Koutaitzow, der dort oben auf dem Faſſe ſtand und mit den aus⸗ druckvollſten Gebärden und den gewaltigſten Redens⸗ arten die Verſammlung zu bearbeiten angefangen hatte. Er ſchien dem Großfürſten der eigentliche Führer und Meiſter dieſer Verſammlung zu ſein, wie er ſowohl aus dem ungeheuren brüllenden Beifall ſchloß, mit dem alle eindringlicheren Stellen in der Rede Jwans von allen Seiten her aufgenommen und ausgezeichnet wurden, als er auch aus dem Inhalt dieſer Rede ſelbſt zu entnehmen glaubte, daß Jwan Paulowitſch ein beſonderes Recht zu einer ſolchen, den ganzen Unternehmungsgeiſt des Volkes aufrufenden Anſprache haben mußte. Wir ſind hier zu einem großen Werk zuſammen⸗ getroffen, meine Brüder und Freunde! hatte Jwan Paulowitſch Koutaitzow mit einer großen Emphaſe be⸗ gonnen. Durch alle Theile von Rußland war die frohe 170 Botſchaft gelaufen, daß der Großfürſt in Gatſchina eine neue Stadt anlegen wolle, die eine Stadt glück⸗ licher und freier Ruſſen werden ſolle. Dieſe Kunde verbreitete ſich im Nord und im Süd, ſie ſchlug bis hinauf an das Eismeer und weckte den erſtarrten Lapp⸗ länder aus ſeinem thieriſchen Schlaf zur erſten Ahnung ſeiner Menſchenwürde, dieſe Kunde drang von dort in die Gebirge des Kaukaſus hinüber und rief die Hirten aus den Steppen zur Wanderung nach Gatſchina, nach Gatſchina auf! Dann drang dieſe ſeltſame Kunde, von der Niemand wußte, woher ſie kam, immer weiter und weiter und lockte die braunen Fiſcher der Wolga und die Anwohner des ſchwarzen Meeres mit dieſen Ver⸗ heißungen von Glück und Freiheit in einer neuen Stadt. Eine Stadt der Freiheit würde der edle, der hoch— herzige Großfürſt Paul jetzt erbauen laſſen, hieß es plötzlich überall in Rußland, und wer dorthin kommen würde, um da zu wohnen, der würde das Glück und die Freiheit erhalten aus den Händen des Großfürſten Paul von Rußland! So ſeid Ihr Alle hier zuſammen⸗ geſtrömt, meine Brüder, meine Freunde, meine Ruſſen von Nord und Süd und Oſt und Weſt, und die Liebe und das Vertrauen zu dem Großfürſten Paul hat Euch mächtig hergetrieben! Denn zu Wem können wir —— gdt. och men und ſten nen⸗ ſſen iebe hat wir 171 größeres Vertrauen haben, von Wem können wir ſicherer und froher ein beſſeres und höheres Lebensloos, ein menſchenwürdigeres Daſein erhoffen, als von unſerm lieben, herrlichen Großfürſten Paul, der die Blüthe aller großen Hoffnungen in Rußland iſt? Die Czarin iſt groß, aber ſie kann nicht in das Herz ihrer Völker ſchauen, ſie iſt zu groß dazu, um den Sinn des ge— meinen Mannes und. das, was ihm und ſeiner Familie Noth thut, zu verſtehen! Wir wollen und müſſen uns um den Großfürſten ſchaaren, wenn wir unſeres Lebens ſatt und froh werden, wenn wir ein der edlen Söhne Rußlands würdiges Lebensloos gewinnen ſollen! Denn Rußland iſt ein vor allen andern Ländern ſchönes und herrliches Land, und es iſt der Mühe werth, einen Ruſſen glücklich zu machen! Wenn ein Ruſſe glücklich wird, kann ſich ein ganzer Welttheil freuen, denn das Glück des Ruſſen iſt das Glück der Welt, und ſo lange die Ruſſen Sklaven und Unglückliche ſind, wird auch die ganze Welt ein Sklave und unglücklich ſein! Der Großfürſt wird uns glücklich und frei machen, und aus ſeinen Händen ſteigt bereits eine neue Stadt empor, in der freie Ruſſen ſich glücklich niederlaſſen ſollen und in deren Grundſteinen die neue, ſchöne, große, ſtolze Zukunft Rußlands eingegraben wird! Und ſeht, der 172 Großfürſt hat es nicht verſchmäht, hier in Eurer Mitte zu erſcheinen, der Großfürſt Paul befindet ſich unter uns, er bewillkommt durch ſeine gnädige, durch ſeine erhabene Anweſenheit ſeine treuen Unterthanen, die im Namen Rußlands zu ſeinen Füßen eilen, die ihn im Namen Rußlands begrüßen als ihren wahren Herrn, als ihren Vater und Wohlthäter, als ihren Städte⸗ Erbauer, der dem Volke die Stadt der Freiheit und des Glückes erbauen ſoll*). Ein endloſer, brüllender Jubel verbreitete ſich nach dieſen aufregenden Worten des Jwan Paulowitſch Kou⸗ taitzw über den ganzen Platz. Man warf die Mützen in die Höhe, man gab ſeine Freude durch die luſtigſten und keckſten Sprünge zu erkennen, man miſchte den Namen des Großfürſten Paul in die glühendſten Aus⸗ rufungen, in die überſchwänglichſten Ausbrüche, mit denen man ſich von Neuem ihm zuwandte, ihn um⸗ drängte und umringte und einen Blick von ihm, ein Wort oder auch nur einen Aermel und Zipfel ſeines Kleides, um ehrerbietige und herzliche Küſſe darauf zu drücken, zu erhaſchen ſuchte. Der Groffürſt ſah ſich mit dem größten Mißmuth *) Castera Vie de Catherine II. y. II. 296. und nach ou⸗ itzen 173 und Abſcheu zum Gegenſtand einer Scene gemacht, die ihn in ſeinem tiefſten Herzen verdroß. Ein wilder Zorn blitzte in ſeinen Augen empor, und er ſchleuderte zum Jwan Paulowitſch Koutaitzow, deſſen Argliſt und voreiligem Uebermuth er den ganzen Vorgang beimeſſen wollte, die entſetzlichſten Blicke hinüber. Paul war ſchon im Begriff, die ihm Zunächſt⸗ ſtehenden, welche aus der Maſſe nahe zu ihm heran⸗ gedrungen waren, mit Fußtritten für ihren Eifer zu belohnen, als er ſich plötzlich von hinten mit einer leiſen Hand berührt und auf die Schulter geklopft fühlte. Er ſah ſich erſchrocken um und begegnete den ſanf⸗ ten, blauen Augen der Grofßfürſtin, die er unmit⸗ telbar hinter ſich ſtehend erblickte, und die ihn, wie immer, mit lächelnder Ruhe und ihrem freundlichen, ſeelenvollen und unendlich verſtändigen und klaren Aus⸗ druck anblickte. Den Großfürſten aber ſchien ihr Anblick in dieſem Moment auf das Unangenehmſte zu berühren. Er ſah, daß ſie ſchon eine Zeitlang, ohne ſein Wiſſen, hinter ihm geſtanden haben mußte. Die Großfürſtin war ihm ohne Zweifel, ſobald er den Wagen verlaſſen, auf dem Fuße nachgefolgt, um, ihrer Gewohnheit ge mäß, ihn nie aus den Augen zu verlieren und bei allen 174 Vorkommniſſen unmittelbar in ſeiner Nähe zu ſein. Ihre Liebe für den Großfürſten ließ ſie dabei die Ge⸗ fahr nicht achten, welche ſie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten lief, denn der Großfürſt fand darin in der Regel eine haſſenswerthe Zudringlichkeit, und ſein Zorn ſtieg ihm empor, wie dies auch in dieſem Augen⸗ blick heftig genug geſchah, um ſo mehr, da ihn Alles, was ſeit Kurzem um ihn her ſich zutrug, ohnehin ſchon zum größten Aerger gereizt hatte. Er bemerkte aber jetzt auch die Nelidow, die hinter ſeiner Gemahlin ſtand und ſich zuerſt mit einer muth⸗ willigen Gebärde hinter einem Baum verborgen ge⸗ halten hatte. Ihr poſſenhaftes und neckiſches Mienen⸗ ſpiel, das ſie ſogleich wieder insgeheim mit dem Groß⸗ fürſten begonnen, war geeignet, dieſem alsbald wieder einen beſſeren Humor zu erregen und ihn in eine zugänglichere Stimmung zu verſetzen. Er mußte lachen und rieb ſich wohlgefällig die Hände, weil er in dieſem Augenblick die Nelidow auch lachen ſah. Die Großfürſtin blickte ihn mit einem bedeutungs⸗ vollen Lächeln an, neigte ſich mit ihrem Haupt dichter zu ihm und flüſterte ihm zu: Nicht wahr, Euere Kaiſerliche Hoheit werden dieſen wahnwitzigen Zu⸗ muthungen energiſch entgegentreten? Oh, ich kenne en les, chon inter 75 meinen hochherzigen Großfürſten, er verachtet die Schmeicheleien der blinden Maſſe und vertritt ſtets den Namen und die Sache der Czarin ſelbſt mit Ge⸗ fahr ſeiner Perſon und auf Koſten ſeiner Popularität, denn Alles liegt ihm daran, daß die Czarin geehrt werde und daß ihr Wille den Gehorſam des Volkes finde! Nicht wahr, Paul? Maria Feodorowna hatte dies letzte„Nicht n dahr?“ mit einem ſo Accent und zugleich mit einem ge wiſſen begeiſtert ihn herausfordernden Ausdruck geſpro⸗ chen, daß Paul en Vertrauen, das ſeine Gemahlin auf ihn ſetzte, ſich heut durchaus nicht abwendig fühlen wollte, um ſo mehr, da er ſelbſt, beim Anblick des um ihn her Vorgehenden, ganz von denſelben Empfindungen und Ent⸗ ſchlüſſen bewegt war. In dieſem Moment ſtreiften ſeine Blicke an ſeiner Freundin Nelidow vorüber, die jetzt ein wenig hinter der Großfürſtin hervorgetreten war und ſich mit einer raſchen Bewegung dem andern Ohr des Großfürſten genähert hatte. Ich freue mich— flüſterte ſie ihm von der an— dern Seite her zu— daß die Liebe des ganzen Volkes unſerm herrlichen Groffürſten ſo entgegenfliegt! Nehmen Sie es an, Grofßfürſt, was das Volk Ihnen an Liebe und Verehrung bietet, nehmen Sie doch 176 freundlich und gnädig dieſe Huldigungen an, welche den Beginn Ihrer Herrſchaft verkündigen wollen und die den Großfürſten Paul, ſo bald er es nur will, zur Höhe des Thrones von Rußland emporheben werden! Es war mit einer ſeltſamen, halb erſchrockenen, halb zornigen Miene, daß Paul dieſe ihm von der Nelidow ertheilte Aufforderung entgegennahm. Seine Augenbrauen zogen ſich auf eine krampfhafte Weiſe in die Höhe und der Ausdruck des fürchterlichſten Mißtrauens, wie es nur in einzelnen ſchrecklichen Mo— menten auf ſeinem Geſicht lagerte, trat in ſeinen Mienen mit den entſetzlichen Anzeichen, die Jedermann fürchtete, hervor. Nachdem er aber die Nelidow einen kurzen Augen⸗ blick lang, ſo ſeltſam und beunruhigend für ſie, ange⸗ blickt hatte, nickte er der Groffürſtin, deren ſonnige Augen noch ſo mild und hell auf ihm ruhten, mit einem raſchen, haſtigen, ſeltſam zuckenden Ausdruck zu, und ſtürzte dann eilends fort, indem er mit ſtarkem, unwiderſtehlichem Arm den ihn umdrängenden Volks⸗ haufen theilte und ſich gerade in die Mitte der tumul⸗ tuariſchen Verſammlung hinein begab. Dies Alles war das Werk weniger blitzartig vor⸗ hſten igen nge mige mit c, rkem, mul⸗ vor übergehender Minuten geweſen, und ehe man nock wußte, was der Großfürſt beginnen wolle, ſah man ihn ſchon oben auf dem Rednerfaß ſtehen, das er mit ſtürmiſcher Gewalt beſtiegen hatte. Eine lautloſe, unendlich erwartungsvolle Stille verbreitete ſich ringsumher, als man bemerkte, daß der Großfürſt zu dem Volke ſprechen wolle. Er aber begann mit ſcheltender, zürnender Stimme, indem er ſeine Jagdflinte neben ſich aufſtieß: Ihr Schafsköpfe, die Ihr Alle ſeid, wenn Ihr fortfahrt, Euch ſo dumm und einfältig zu benehmen, ſo wird Euch der Teufel eine Stadt bauen, aber nicht der Großfürſt Paul, der Euch dann gar nicht brauchen kann, und der lieber für die Schweine Hütten und Straßen in Gatſchina errichten wird, als für Euch, Ihr nichtsnutziges, treuloſes, hochverrätheriſches Ge ſindel! Wer hat Euch geheißen, hierher zu kommen? R Hier in Gatſchina iſt für Euresgleichen kein Platz, ich kann Euch hier nicht brauchen, denn ich werde niemals Leute brauchen können, die der erſten Eigenſchaft ent behren, welche ſie nur zu Menſchen machen kann, ich meine des Gehorſams gegen unſere allergnädigſte und erhabenſte Czarin! Denn was wollt Ihr in der Welt anfangen, Ihr Lumpenhunde, wenn Ihr die Hohe Tb. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 12 178 ( Czarin gegen Euch erzürnt, wenn Sie Euch aus Ihrer Gnade verſtößt, weil Ihr den Gehorſam und die Treue gebrochen. Rußland kann nur in den Armen ſeiner Czarin, meiner erhabenſten Mutter, glücklich ſein, und ich ſelbſt gehöre zu dieſem Rußland, das nur unter ſeiner Czarin glücklich ſein kann. Und nun hört, was ich Euch noch ſagen will. Ich werde allerdings auf dieſer Stelle hier eine neue Stadt erſtehen laſſen, und die Schufte, die Euch aus argliſtiger und böſer Abſicht hergetrieben, haben Euch eigentlich nicht falſch berichtet. Aber dieſer Bau muß gründlich und ordent⸗ lich vorbereitet werden und es iſt dazu noch ein Plan erforderlich, der ſorgfältig und ſchön gemacht werden muß. Ich laſſe jetzt erſt einige Häuſer und eine neue Straße bauen, zur Aufnahme einer Colonie, die ich aus einigen tüchtigen Handwerkern und Ackerbauern mir beruͤfen habe. Aber ich trete binnen Kurzem eine große Reiſe an, ich reiſe nach Paris, wo es ſehr ge⸗ ſchickte Leute giebt und beſonders berühmte Baumeiſter, von deren Einem ich mir den Stadtplan zum neuen Gatſchina machen laſſen werde. Wenn ich dann wieder⸗ komme, wird ſich erſt von der ganzen Geſchichte reden laſſen, aber eher nicht, Ihr Narren, ich verſichere Euch, eher nicht. Aber es wird dann auch darauf ankommen, und mter was auf ſſen, böſer alſch mern eine ge⸗ iſter, teuen eder⸗ reden Euch, men, 6 wie Ihr Euch inzwiſchen geführt habt. Und wenn Ihr mir dann Beweiſe beibringt, die mich überzeugen können, daß Ihr Euere Czarin liebt und ehrt und daß Ihr in mir ſelbſt nur den gehorſamen Unterthanen der Czarin eyblickt, nicht aber den thörichten Mann, der dazu taugen könnte, Euch zu commandiren und Euer Anführer, ich weiß nicht wozu, zu ſein, dann verſpreche ich Euch auf mein Wort, daß ich Euch hier aufnehmen will und daß Ihr in dem neuen Gatſchina bei mir wohnen könnt, mit allem Schutz für Euere Perſon und Euere Rechte, mit allem Genuß Eueres Daſeins, wie ich es nur immer zu gewähren vermag. Jetzt aber packt Euch ſchleunigſt von hinnen, denn ich mag Euch hier nicht länger ſehen, ich mag nicht, daß Euere widerwärtigen Köpfe mir hier die Sonne in meinem Gatſchina verdunkeln, daß Euer ſchmieriger Athem mir hier die Luft in meinem Gatſchina verdirbt! Und nun fort mit Euch, fort, alleſammt fort, Ihr Hunde, Ihr Schafsköpfe, und wer noch länger auf dem Platze bleibt, den ſchieße ich eigenhändig mit meiner Jagdflinte nieder! Paul war nach dieſen Worten von dem Faß, das zur Rednertribune gedient, heruntergeſprungen und drang mit einer wilden, trotzigen Gebärde auf die 2 180 ganze Verſammlung ein, indem er in hoch emporge⸗ hobener Hand die Jagdflinte ſchwang und damit an⸗ zugreifen drohte. Die Schaar von Tauſenden, der er auf dieſe Weiſe ganz allein und nur mit einer einzigen Flinte bewaffnet gegenübertrat, begann in der That vor ihm zurück⸗ zuweichen. Anfangs ließen ſich einzelne Stimmen des Unwillens und der Empörung vernehmen, man ſchrie und tobte durcheinander, man ziſchte, höhnte, ſtieß Ver wünſchungen und Flüche aus, aber jetzt legte der Großfürſt ſeine Flinte an, zielte mit einer fürchter lichen Ruhe gegen einen Koſacken, der ſich unweit von ihm am meiſten durch ſein Schreien und ſeine Wider ſetzlichkeit bemerkbar machte, und ſtreckte den großen rieſenhaften Menſchen auf der Stelle mit ſeinem Schuß nieder. Als der Koſack geräuſchvoll und brüllend am Boden zuſammengeſunken war und der Großfürſt darauf den nächſtſtehenden Mann, deſſen Ausſehen ihm ebenfalls nicht gefiel, mit der umgekehrten Flinte niederſchlug, ſchien ſich ein heimliches Grauen plötzlich durch die ganze Verſammlung zu ſchleichen. Es entſtand rings⸗ umher eine lautloſe, faſt geſpenſterhafte Stille, man ſah mit Schweigen und beinahe abergläubiſcher Furcht tge⸗ au⸗ 181 auf den Großfürſten, der mit einem raſenden Ausdruck von Wildheit und der Menge gegenüber Stand hielt und ſich ihr entgegenſetzte, als könne er ſie mit der größten Leichtigkeit zwiſchen ſeinen Fingern zer drücken. Seine Augen rollten flammend und ſprühend in ihren Höhlen umher, er ächzte und ſtöhnte laut vor Wuth und Ingrimm, wie ein. verwundeter Stier, und es ſchien ihm faſt leid zu thun, als die Menge jetzt, von einer wunderbaren Scheu vor ihm ergriffen, mit einer ungeheuren Angſt und Eile die Flucht vor dieſem ntſetzlichen, bleichen und gelben, von Leidenſchaft dampfenden und zitternden Mann ergriff. Er hätte lieber gewünſcht, den Kampf mit ihnen, mit Allen und mit jedem Einzelnen, aufzunehmen und ſie ſammt und ſonders zu verderben und zu vernichten, aber Jeder floh jetzt vor ihm, und um ſeine letzte Strafe an ihnen zu vollſtrecken, verfolgte Paul noch mehrere der Ge ſtalten, die ihn am meiſten geärgert hatten, indem er ſie ſchreiend und fluchend vor ſich hertrieb und, wo er Einen erreichen konnte, ihm noch mit dem Fuße ſ. einen derben Stoß nachſandte. Er ſelbſt, mit empor⸗ geſträubten Haaren, mit verzerrten Mienen, ſcheltend, lachend, fluchend und grinſend in demſelben Augen— blick durcheinander, ſah wie ein ſchreckliches Meteor 182 aus, das der Luft entſtiegen und bloß durch ſeinen furchtbaren Anblick Tauſende vor ſich her in die Flucht jagte. Angſtvoll und mit ehrerbietiger Scheu zugleich, ſchien die Verſammlung ſich jetzt raſch aufzulöſen. Sie zerſtob hierhin und dorthin, ohne noch irgend einen Laut von ſich zu geben, indem mit ganz leiſen, kaum hörbaren Schritten und Bewegungen ſich Alles auseinander begab und nach allen Seiten hin ſpurlos verſchwand. Doch erſchallte nach einiger Zeit noch aus der Ferne her ein lautes Hurrahrufen, das ſich gewiſſermaßen wieder von Weitem her demüthig zu den Füßen des Großfürſten heranwagte und ihm ein inbrünſtiges, ſich wieder anſchmeichelndes Hoch nach⸗ rief. Paul antwortete mit einem langen, ſchmetternden Gelächter, welches ihm dieſer Knechtsſinn einer blöden Maſſe abnöthigte, die, je mehr ſie mißhandelt wurde, nur um ſo lauter ihre Huldigungen ausdrückte. Als ſich jetzt der Platz faſt gänzlich geleert hatte, ſah ſich Paul nur noch der Groffürſtin und der Ne⸗ lidow gegenüber, und im Hintergrunde zeigte ſich Jwan Paulowitſch Koutaitzow, der aber noch ſcheu und un— gewiß in der Ferne ſtehen blieb und es nicht wagte, zu dem Großfürſten näher heranzutreten, obwohl ihm — 183 dieſer bereits mehrmals zugewinkt und ihm mit auf gehobener Hand befohlen hatte, ſich zu ihm herzu Als Jwan, der an dieſer Handbewegung den ſchreck lichen Zorn ſeines Herrn erkannte, dies gewahr wurde, ſchien er mit ſeinen Blicken nach einem Verſteck umher zu ſpähen, in dem er zu ſeinem Schutz ſich verbergen tönne. Aber pfeilgeſchwind war jetzt der Groffürſt zu ihm herangeſprungen und hatte ihn, ehe Jwan Paulowitſch deſſen gewahr wurde, beim Ohrzipfel er griffen, an dem er ihn mit einer wüthenden Aus rufung, und ohne auf ſein ſchmerzliches Geheul Rück ſicht zu nehmen, einige Schritte mit ſich fortzog. Du biſt ein recht dummer und ungeſchickter Teufel! rief er dem zu ſeinen Füßen ſich Windenden zu, indem er ohne Unterlaß fortfuhr, ihn zu mißhandeln und ihn an den Ohren wie an den Haaren zu ziehen. Deine ab geſchmackte Idee, mich zum Anführer des Janhagels zu machen und mich mit Hülfe des Geſindels vorzeitig auf den Czarenthron zu erheben, habe ich mich ſtets vergeblich bemüht, Dir auszureden. Und nun ſchleppſt Du mir heut das ganze freiheitſtinkende Geſindel über den Hals und glaubſt, daß ich mich durch Ueber rumpelung doch noch dazu verſtehen laſſen würde, mit „ den Aufrührern gemeinſchaftliche Sache gegen die Czarin zu machen und ſelbſt zum Czaren alles Lum⸗ penpacks zu werden. Dafür habe ich Dich heut an Deinen Ohren geriſſen, Du ſchlimmer Eſel, und ich verbanne Dich auf zehn Jahre von meinem Angeſicht. Während dieſer Zeit will ich nichts von Dir ſehen und hören. Du wähnteſt, auf einen Treubruch des Sohnes gegen die Mutter, des Unterthanen gegen die Szarin rechnen zu können, und ſiehe, Du haſt Dich zu Deinem Nachtheil ganz entſetzlich verrechnet. Des⸗ halb haben Dir jetzt Deine Ohren unter meinen Fin⸗ gern geblutet. Einſt liebte ich Dich, aber jetzt haſſe ich Dich, IJwan Paulowitſch Koutaitzow, den ich von den Türkenhunden rettete! Iwan krümmte ſich unter den züchtigenden Händen ſeines Herrn mit einem tiefen, qualvollen Aechzen. Er war zu Boden geſtürzt und das Blut troff ihm in reichen Strömen über Geſicht und Hals. Der Großfürſt verſetzte ihm noch einen Stoß mit den Füßen und ließ ihn dann verächtlich an der Erde liegen. Maria Feodorowna trat dem Großfürſten jetzt mit ihrem freundlichen, milden Gruß entgegen und reichte ihm ſtillſchweigend die Hand. Er ſuchte erſt ihren des Grofßfürſten umgewandelt und Blicken auszuweichen, denn er vermuthete, daß die Hroßfürſtin ihm wegen ſeiner großen Strenge begüti gende Vorſtellungen machen wolle, und nichts war. ihm entlich verhaßter, als dieſe, allerdings in der Ge wohnheit der Großfürſtin liegende Milde, die auch ihn beſtändig zur enie beſtimmen wollte. Aber wie erſtaunte er, als er jetzt, indem er doch ſeine Blicke zu den ihrigen glänzenden und ausdrucksvollen öffnen mußte, in denſelben nur eine Beipflichtung für ſich zu leſen glaubte. In Maria Feodorowna's Angen rahlte ein wunderbares Feuer, ſie drückten dem Großfürſten eine entzückte und faſt triumphirende Abfall von der Czarin ſogleich mit dieſer Strenge ahnden! rief ſie ihm mit ihrer ſchönen klangvollen Stimme zu. Der Großfürſt blickte ſeine Gemahlin jetzt mit einem lebhaften Aufblitzen ſeines Gefühls an. In ſein Geſicht trat ein milder Ausdruck von Neigung und Dank, den die Großfürſtin mit lächelndem Ent zücken zu gewahren ſchien. Aber plötzlich hatte ſich auch wieder das Geſicht ⸗ bittere trotzige Züge Es iſt Recht, daß Euere Kaiſerliche Hoheit jeden⸗ 186 angenommen. Denn er hatte jetzt auch die hinter der Großfürſtin ſtehende Nelidow bemerkt, und geſehen, daß ihre Augen mit Thränen gefüllt waren. Als Paul ſie jetzt näher betrachtete, ſtieß ſie einen höchſt ſchmerz— lichen Seufzer aus und ein Strom von hellen Thrä⸗ nen entſprang ihren Augen. Den Groffürſten ergriff eine fürchterliche Wuth bei dieſem Anblick, denn er ſchien zu ahnen, was der Nelidow dieſe Thränen erpreßte. Nichts war ihm verhaßter, als Thränen zu ſehen, die ihn oft in die zügelloſeſte Leidenſchaftlichkeit verſetzten. Er ergriff ſie heftig am Arm und ſchüttelte denſelben, womit er ſie auffordern wollte, über die Urſache ihrer Thränen Rechenſchaft abzulegen. Ich bitte um Verzeihung, Großfürſt, ſagte ſie, ſich die Thränen trocknend. Aber ich kann es nicht ſehen, daß man einen Menſchen ſo ſchrecklich mißhandelt. Das Volk meinte es ja gut mit Euerer Kaiſerlichen Hoheit, und der arme Jwan Paulowitſch Koutaitzow, ich muß ihn wahrlich von ganzem Herzen bedauern. Er iſt gewiß für die Zeit ſeines Lebens unglücklich geworden. Sie zeigte dabei, indem ihre Wehklage ſich wie⸗ derum erneuerte, auf den armen Jwan hin, der in hen ow, ern. lich wie in 187 dieſem Augenblick den Verſuch gemacht hatte, der Stelle, wo er zuſammengeſunken war, aufzurichten, dann wieder niederſtürzte und endlich hinkend und ſchreiend ſich über die Wieſe hin entfernte, wo er dann in dem dichten Gebüſch des anſtoßenden Waldes verſchwand. Der Großfürſt wandte ſich wieder zur Nelidow zurück und ſagte, ſie mit rollenden Augen finſter an blickend: Fräulein Nelidow, Ihre Shympathie mit dem Verbrecher Jwan Paulowitſch Koutaitzow iſt mir im höchſten Grade anſtößig. Ich fühle mich darum gern bereit, Ihren Anblick auf einige Zeit zu entbeh ren. Sie werden uns deshalb auf der Reiſe nach Paris nicht begleiten, und ich werde die Frau Groß fürſtin bitten, daß ſie ihr Ehrenfräulein ſo lange aus ihren Dienſten entlaſſe. Es verſteht ſich, daß die Ne lidow, wenn wir uns wiederſehen ſollen, ſich bis dahin von jedem Verkehr mit den Aufrührern und Umher treibern frei erhalten haben werde. Die Nelidow ſank bei dieſen Worten mit einem lauten jämmerlichen Schrei zuſammen. Der Groß fürſt aber ließ die Ohnmächtige ruhig liegen, ohne ſie eines Blickes zu würdigen. Dann bot er ſeiner Ge ——— 7 5 — —— 188 mahlin mit einer beſonders angelegentlichen Freund⸗ lichkeit den Arm und führte ſie an den Wagen, um ſchleunigſt mit ihr nach Petersburg zurück zu fahren. Eine Foirte bei dem Pber-Stallmeiſter Kariſchkin. Leo Nariſchkin war der Ober⸗Stallmeiſter der Czarin und man nannte ihn auch den erſten Buffo des ruſſiſchen Hofes, weil er durch ſeine ſeltſame und ſpaßhafte Perſönlichkeit eine Quelle des beſtändigen Vergnügens und Ergötzens für die Czarin und alle ihre Hofleute wurde. Er ward aber zugleich zu den geheimen Zuſammenkünften der Czarin zugezogen, die unter dem Namen der petite société in der Eremitage ſtattfanden uud in denen die Luſt ohne jede Schranke und Form emporwirbeln durfte. Der Ober⸗Stall meiſter verdiente ſich dann ſeinen Spitznamen als Buffo ganz beſonders durch die Rolle der komiſchen Figur, welche er in dieſem vertrauteſten Zirkel der Czarin, in welchem alle möglichen Tänze, Spiele und üppige 190 Unterhaltungen, unter Anderem auch die berühmten Händeſpiele, aufgeführt wurden, übernommen hatte. Er erſchien dann gewöhnlich in der Verkleidung eines umherziehenden Handelsmannes, der Spiel⸗ und Tän⸗ delſachen aller Art, und darunter nicht immer die anſtändigſten, in den Taſchen mit ſich herumtrug und unter ſeltſamen Scherzen ſeine Waaren an die Meiſt⸗ bietenden verkaufte. Katharina hatte ihre beſtändigen Scherze und Neckereien mit ihm und kaufte dem drolligen Menſchen ſeine Sachen oft zu ungeheueren Preiſen ab. Leo Nariſchkin wurde aber auch darin begünſtigt, daß die allergnädigſte Czarin nicht ſelten zu den pracht⸗ vollen Feſten erſchien, welche in dem geſellſchaftlich ausgezeichneten Hauſe des Ober⸗Stallmeiſters ſehr häufig ſtattfanden, denn Nariſchkin ſtrebte ſehr danach, ſein vieles Geld und ſeine originelle Erfindungsgabe auch zur Unterhaltung des Hofes verwenden zu dürfen. Auch heut hatte die Czarin eine Soirée bei dem Ober⸗Stallmeiſter Nariſchkin angenommen, und obwohl der Großfürſt und die Großfürſtin ſoeben aus Gat⸗ ſchina zurückgekehrt waren und ſich bei der Czarin zum Beſuch hatten anmelden laſſen, ſo wollte doch Katha⸗ rina, da ſie eben im Begriff war, in Nariſchkins mten hatte. eines Tän⸗ die und Neiſt dige dem ueren ſttigt, racht⸗ ftlich ſehr mach, sgabe 191 Soirée zu fahren, dieſe Abſicht nicht verſchieben, ſon— dern entbot den Großfürſten und ſeine Gemahlin, heut Abend bei Nariſchkin zu erſcheinen, und dort mit der Czarin zuſammen zu treffen. In den glänzenden und goldſchimmernden Sälen des Ober⸗Stallmeiſters fand heut ein Maskenball ſtatt, zu dem nur die auserleſenſten Perſönlichkeiten des Hofes und mehrere hohe, gerade in Petersburg an weſende Fremde Einladung empfangen hatten. Die Czarin, die heut in der heiterſten und ausge⸗ laſſenſten Stimmung erſchienen war, hatte bisher nur eine Zuſchauerin des Maskenfeſtes abgegeben und ver— weilte noch in dem Spielſaal, wo ſich ein kleiner Kreis beeiferter Favoriten, den Ober⸗Stallmeiſter und den Fürſten Potemkin an der Spitze, um ſie gebildet hatte. Auch der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen befand ſich in ihrer Nähe, aber die Kaiſerin wandte heut kaum ihre Blicke auf ihn und ſchien ihn gar nicht zu bemerken, obwohl er dicht neben ihr ſtand und ſich alle Mühe gab, von der Czarin beachtet und in ihr Geſpräch hineingezogen zu werden. Die Czarin ſchien heut geſtimmt, den feindlichen Entſchluß gegen das preußiſche Königshaus, der in ihrem Herzen mehr und mehr aufkam, dem Prinzen in jeder Weiſe zu zeigen 192 und ihn den Aerger empfinden zu laſſen, welchen ihr Friedrich der Große durch die Zumuthung bereitet hatte, mit der Pforte ein Schutzbündniß einzugehen. Der Prinz, empfindlich gekränkt, und mit einer bitteren Empfindung bei Seite ſtehend, begriff gerade in dieſem Augenblick ſehr wohl, woher dieſer ungünſtige Wind eigentlich wehe, denn er ſah zugleich den Ritter Harris, den nachmaligen Lord Malmesbury, welcher damals Englands Geſandter am Hofe Katharina's war, neben der Czarin ſtehen, den Katharina heut auf eine ungemeine Weiſe auszeichnete und an den ſie mit ihrer hinreißenden Freundlichkeit faſt alle ihre Bemer⸗ kungen richtete Dieſer Engländer, deſſen übermüthiges und ironi⸗ ſches Weſen den Prinzen in der letzten Zeit beſtändig geärgert hatte, erinnerte ihn an die Intriguen, welche der engliſche in der letzten Zeit in Bewegung ſetzte, um die in Petersburg verfolgte, zu kreuzen und gänzlich aus dem Felde zu ſchlagen. Denn der Ritter Harris war im Begriff, für England ebenfalls um ein Bündniß mit Rußland zu werben, und für eine engliſch⸗ruſſiſche Allianz alle Hebel der Welt in Bewegung zu ſetzen. Der Prinz hatte ſogar erfahren, daß der ſtolze Ritter Ho Abſichten, welche der Prinz von Preußen ————— 193 ihr Harris neuerdings verſprochen, England werde der itet Czarin die Hand bieten, um die Türken aus Europa zu verjagen, wenn Rußland ſich Preußen abwendig iner zeigen und den Bund der bewaffneten Neutralität zur rade See, dem auch der König von Preußen jetzt beitreten tge zu wollen ſchien, und den man in England als eine tter liſtige Ausgeburt der franzöſiſchen Politik betrachtete, cher verlaſſen wolle. ns Die Czarin blickte jetzt auf den Spieltiſch hinüber, der ihr ſtets ein angenehmer Ruhepunkt in ſolchen Geſellſchaften war. Es galt dann für eine ſehr be mit ner⸗ deutſame Ehre, von ihr zum Spieltiſch befohlen zu werden, und Fürſt Potemkin und der herrſchende oni Günſtling mußten jedesmal an demſelben Platz nehmen. ni Potemkin verſtand ſchon den Willen der Kaiſerin, lche noch ehe ſie ihm gewinkt hatte, und er beeilte ſich, 53 jungen Lanskoi, der verlegen im Hintergrunde des ßen Saales daſtand, hervorzuholen und zum Befehl der Czarin heranzuführen. 5 Ein mädchenhaftes Erröthen war auf dem zarten 2 Geſicht des jungen Lanskoi aufgeſtiegen, als er ſich plötzlich in nicht ſehr ſanfter Weiſe von dem Fürſten ſte Potemkin aufgegriffen und in die unmittelbare Nähés 8 der Czarin verſetzt ſah. Der junge Mann befand ſich* itter Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abtbl. I. 13 194 bereits durch die Gnade der Kaiſerin mit ſo viel Schmuck und Ordenszeichen beladen, als auf der neuen prachtvollen Uniform nur irgend hatten Platz finden können, aber ihm fehlte, allem Anſchein nach, die ſtolze Sicherheit des Auftretens, zu der ihn ſeine neue Stellung am Hofe und in der Gunſt der Kaiſe⸗ rin ohne allen Zweifel hätte befähigen können. Der Fürſt Potemkin betrachtete ihn mit einer un⸗ gemein komiſchen Gebärde von der Seite und flüſterte ihm dann lachend zu: Ein ſo blöder Schäfer, mein Sohn, iſt auf der Weide der großen Czarin noch nie⸗ mals geſehen worden. So faſſet Euch doch einen Muth, Lanskoi, und erröthet nicht ſo bis über die Ohren, man hält Euch ſonſt noch für eine Jungfer, und das iſt hier am Hofe der Czarin keine ſonderliche Empfehlung! Tretet recht dreiſt und frech auf, und ſtatt die Füße vorſichtig und feinſäuberlich zu ſetzen wie ein Tanzmeiſter, lärmt und poltert lieber, und ſchreit und flucht meinetwegen, und macht Euch aus Leibeskräften unausſtehlich, Ihr werdet damit der Cza⸗ rin bei weitem mehr gefallen, als mit dieſem ſchüch⸗ ternen zarten Auftreten, das Euerer Mannheit kein günſtiges Prognoſtikon ſtellt! Lanskvi richtete ſeine ſchönen großen Augen, mit un⸗ ſterte mein nie⸗ einen die gfet, rliche und ſetzen 195 einem wunderbaren fragenden Ausdruck auf den Für ſten, das heiße, faſt fieberhafte Purpurroth ſeiner Wangen begann plötzlich zu verblaſſen, und um ſo greller und erſchreckender erſchien die bleiche Farbe, vie ſich jetzt über ſein ganzes Geſicht ausbreitete. In mitten dieſer Bläſſe zirkelte ſich auf ſeinen Wangen ein brennend rother Punkt aus, den man nicht ohne Betroffenheit und ſchmerzliches Mitleid gewahren konnte, und die Czarin, die eben auch ihre Blicke auf Lanskoi gerichtet hielt und ihn aufmerkſam betrachtete, ſchien in dieſem Augenblick von denſelben Empfindungen be wegt zu werden. Jedenfalls hatte Potemkin Unrecht gehabt, wenn er vorhin behauptete, daß dies zarte, leidende, mäd chenhaft in ſich erbebende Weſen ihres neuen Favori ten nicht dazu geeignet ſei, das Intereſſe der Czarin lange und tief zu feſſeln. Man ſah es dem zärtlichen und faſt ſchwärmeriſchen Ausdruck ihrer Augen an, daß ſie an Lanskoi mit den innigſten Gefühlen hing und daß zugleich ſchon die tiefſte Sorge um ſeine ſehr zarte und bedenklich erſchütterte, den Todeskeim in ſich tragende Geſundheit ſie quälte. Die Czarin war auf Lanskoi zugeſchritten und hatte ihm nun ſelbſt ihren Wunſch, ihn an ihrem ——— — 196 Spieltiſch zu ſehen, mit einer Freundlichkeit, in der innige Liebe und eine faſt mütterliche Beſorgniß ſich miſchten, zu erkennen gegeben. Zur vollſtändigen Beſetzung ihres Spieltiſches fehlte jetzt nur noch der vierte Mann, und der Prinz von Preußen, welcher ſich bis jetzt fortwährend und mit einer gewiſſen Hartnäckigkeit in der Nähe der Czarin aufgehalten, ſchien nun mit einiger Zuverſicht darauf zu hoffen, daß er zu dieſem noch leeren Platz auserkoren ſein würde. Aber die Czarin, die mehr⸗ mals an ihm vorüberſah und ihn nie zu bemerken ſchien, hatte eine ganz andere Wahl im Sinne, und ließ durch Potemkin den Ritter Harris herbeirufen, der in ſeiner engliſchen Ruhe und Abgeſchloſſenheit bis jetzt ganz ſtill und gleichgültig an der Thür ge ſtanden, nunmehr aber mit großer Emphaſe herbei eilte, als er ſich dazu berufen ſah, den vierten Spiel⸗ genoſſen der Czarin abzugeben. Der Prinz von Preußen war mit einem betrübten und faſt ärgerlichen Geſicht zur Seite ſtehen geblieben und richtete zornige Blicke auf den Ritter Harris, der ihn mit einem triumphirenden Ausdruck fixirte und eine Genugthuung zu erkennen gab, die ſich beſonders rbei iel btel ben der und ders 197 auf den glücklichen Erfolg ſeiner Geſchäfte am ruſſi ſchen Hofe zu beziehen ſchien. Das Whiſt hatte begonnen und die Czarin ſah ſich im Beſitz der beſten Karten, wodurch ſie ſich ſtets in die angenehmſte Laune verſetzt fand, die dann immer auch ihren Mitſpielenden zugutkam. Lanskoi ſaß der Czarin gegenüber und war der Partner ihrer Partie, er war aber ſo ungeſchickt im Spiel, daß er jedesmal die Vortheile wieder verdarb, welche ſeine guten Karten der Czarin gewähren mußten. Aber ſie zürnte ihm deshalb nicht und behielt ihre heitere und gnädige Stimmung, obwohl ihr Spiel bereits einen ſehr un günſtigen Verlauf nahm, und es ſich vorausſehen ließ, daß ſie verlieren mußte, was der Czarin ſonſt uner träglich war. Aber mehr als Alles beſchäftigte ſie heut der Anblick des ihr gegenüberſitzenden Lanskoi, und da der Jüngling ſeit Kurzem wieder viel beſſer ausſah, und ſeine Wangen wieder eine friſchere und beſtändigere Röthe gewonnen hatten, ſo ſchien dies auch die gute Laune der Czarin, trotz alles Karten Unglücks, von Neuem zu beflügeln. Die Partie war in der That für die Czarin ver loren, aber da in demſelben Augenblick die Ankunft des Großfürſten und der Grofßfürſtin in den Sälen —..—— 198 Nariſchkins gemeldet wurde, ſo ſah die Czarin ihre Aufmerkſamkeit dadurch auf einen andern Gegenſtand abgelenkt. Sie ſprang auf und ließ ihre Karten auf den Tiſch fallen, indem ſie ſich dem eintretenden groß— fürſtlichen Paar entgegen bewegte und dabei ſich ſo froh beeifert zeigte, wie man es kaum jemals in dem Verhältniß der Czarin zu ihrem Sohn geſehen. Ich heiße den Großfürſten und die Großfürſtin bei ihrer Rückkehr von Gatſchina willkommen! rief die Czarin den Beiden entgegen, die ſich jetzt raſch ge nähert hatten und die dargebotene Hand der Czarin berührten. Ich bin ſchon unterrichtet von Allem, was in Gat ſchina vorgefallen iſt! fuhr die Czarin fort, indem ſie einen höchſt zufriedenen Blick auf den Groffürſten richtete. Ich weiß jetzt, daß Ihr, mein Sohn, Euer Hauptbeſtreben nur darauf hinwendet, der erſte Unter than der Krone zu ſein und ſie durch Euer lohales, treues und mannhaftes Verfahren zu ſtützen. Nehmt heut meinen erfreuten Dank dafür und zählt bei allen Gelegenheiten darauf, daß ich dieſen Dank abtragen werde! Uebrigens billige ich Alles, was Ihr in Gat⸗ ſchina gethan, und werde danach noch das Weitere veranlaſſen. hei die ge rin at * 199 Paul wußte nicht, wie ihm bei dieſer freundlichen Anrede der Czarin geſchah. Er zitterte und fühlte ſich von den heftigſten Empfindungen bewegt.. Eines⸗ theils war er betroffen darüber, daß die Czarin ſchon. von allen den ſeltſamen Ereigniſſen, welche ſich ſoeben erſt in Gatſchina zugetragen, vollkommen unterrichtet ſchien, obwohl er wußte, daß die Czarin aller Orten Kundſchafter unterhielt, welche ihr namentlich über alle ſeine Schritte faſt ſtündlich Bericht erſtatten mußten. Anderntheils war er es ſo wenig gewohnt, dieſen guten Ton von der Czarina zu vernehmen, daß er faſt ungewiß dadurch wurde und mit den widerſprechendſten Gefühlen in ſich kämpfte. Die Czarin hatte ſich jetzt mit dem Großfürſten und der Großfürſtin in ein kleines Kabinet zurückge zogen, um, wie es ſchien, noch ein vertrauliches Wort mit ihnen zu ſprechen. In der gnädigen Laune, in der ſie ſich nun einmal heut befand, ſtreichelte ſie der Großfürſtin die friſchen blühenden Wangen und ſah ihr mit der angenehmſten Befriedigung in die heiteren klaren Augen, in denen die ſchöne Seele der Groß⸗ fürſtin ſich ſtets ſo harmoniſch ſpiegelte. Maria Feo— dorowna war aber auch immer von der anmuthigſten Liebenswürdigkeit gegen die Czarina und küßte derſel⸗ — 200 ben jetzt mit einem wahrhaft zauberiſchen Ausdruck die Hand, der die Czarin von Neuem vergnügt machte. Hört mich, meine Kinder, begann die Czarin jetzt, indem ſie auch den Großfürſten freundlich anblickte, ich will Euch jetzt etwas Angenehmes ſagen, und hoffe, daß Ihr mit mir zufrieden ſein werdet. Die Vorfälle in Gatſchina haben die Ueberzengung in mir gereift, daß ich meinem Sohn, dem Großfürſten, vollkommen vertrauen darf, und daß die Unternehmung einer Reiſe in's Ausland ihm, mir und Rußland eher zu Nutzen und Vortheil, als zu irgend einem Bedenken gereichen wird. Beſtimmen wir alſo heut bereits den Tag, wo dieſe Reiſe angetreten werden ſoll, der wir das größte Intereſſe und alle und jede Förderung widmen wer⸗ den. Der Großfürſt und die Großfürſtin von Ruß⸗ land ſollen und dürfen nur mit dem höchſten Glanz im Auslande erſcheinen. Ich habe dazu bereits alle nöthigen Vorbereitungen treffen laſſen. Und nicht wahr, Euere Reiſe ſoll zunächſt nach Italien gehen, wohin Ihr Euch durch Polen und Oeſterreich begeben wollt? Nach Petersburg werdet Ihr über Frankreich und Holland zurückkehren, wie wir ſchon vor einiger Zeit beſprochen haben. Wir wollen den Tag Euerer Abreiſe ſchon auf morgen anſetzen, denn Ihr ſollt nun 201 auch nicht länger auf Euer Vergnügen warten dürfen. Die Czarin iſt dankbar, wo ſie es ſein kann. Zum Reiſebegleiter des Großfürſten haben wir den Grafen Nicolaus Solthkow beſtimmt. Er iſt verſtändig, ge wandt und kennt die Sitten und Gewohnheiten der fremden Länder ſchon. Wir werden morgen noch eine Stunde finden, um Abſchied zu nehmen. Die Kaiſerin ſchied mit einer leichten, graciöſen Bewegung, ohne den Dankes⸗Ausdruck des Großfürſten und der Großfürſtin abzuwarten, welchen dieſe in ihrer erſten Ueberraſchung nicht ſogleich zu erkennen zu geben wußten. Nur in den Augen der Groffürſtin flammte eine große leuchtende Freude auf, aber ſie richtete ihre Blicke zugleich unruhig und forſchend zu Paul hinüber, der den Eröffnungen der Czarin noch mit einer keineswegs befriedigten Miene nachzugrübeln ſchien und einen Augenblick lang ganz düſter und in ſich verſunken daſtand. Warum gefällt meinem Grofßfürſten die plötzliche Ausführung des ſo lange gehegten Wunſches nicht? fragte Maria Feodorowna ganz leiſe, indem ſie dichter zu ihm herantrat und ihren Kopf nahe an den ſeini gen legte. Den Großfürſten hatte nichts als der Name Sol⸗ 5 202 tykow geſtört, den er nicht gern nennen hörte. Aber er wußte, daß ſeine Einwendungen dagegen von der Czarin nicht gehört werden würden. Dies verdirbt mir nun wieder faſt die ganze Reiſe! rief er, heftig auffahrend. Aber ich ziehe es vor, Frankreich und Italien zu ſehen, ſelbſt unter der Be⸗ dingung, dabei einem Geſicht der mir verhaßten Sol⸗ tykow zu begegnen. Halten wir uns alſo meinetwegen auf morgen bereit, dem Befehl der Czarin zu folgen. Nehmen wir jetzt unſere Masken vor, Großfürſtin, und laſſen Sie uns in den Ballſaal gehen. Die Cza⸗ rin hat ſich ſoeben auch maskirt. Wahrhaftig, ſie hat auch wieder den Sir James Harris, den Liebling ihrer politiſchen Tageslaune, zu ſich entboten, ſie be⸗ fiehlt ihm, ihr den Arm zu reichen, und der ſteife, ſcharfkantige Ritter ſoll die Ehre haben, die Czarin durch den Ballſaal zu geleiten.*) Dies langweilige, unausſtehliche, hochmüthige England triumphirt bereits über alle anderen Abſichten und Pläne an dieſem Hofe! Das darf uns nicht irre machen, mein Freund! rief Maria Feodorowna, indem ein wahres Entzücken *) Raumer, Beiträge V. 457. ber der tin, hat ing bl⸗ ife, win ige eits ſem nd! cken 203 über die Erfüllung ihrer längſt gehegten Reiſehoffnungen ſich auf ihrem Geſicht zu malen anfing. Heil uns, wir werden das ſchöne Frankreich und das paradieſiſche Italien endlich ſehen! Aber eine recht freundliche Bitte wollte ich noch zuvor an das Herz des gütigen Großfürſten legen. Dies Herz iſt zu mild und ſchön, als daß es eine Perſon, die von der Ungnade Euerer Kaiſerlichen Hoheit getroffen, hier in Unglück und Ver ſtoßung zurücklaſſen ſollte. Ich bitte um Gnade für die Nelidow. Geſtatten mir Euere Kaiſerliche Hoheit, dieſelbe fernerhin in meinen Dienſten mit auf dir Reiſe zu nehmen. Der Großfürſt betrachtete ſeine Gemahlin mit dem höchſten Erſtaunen, und ſchien zugleich mit ſeiner un bändigen Lachluſt zu kämpfen, die bei dieſer Bemer⸗ kung ſeiner Gemahlin aus ihm herausſchlagen zu wollen ſchien. Dann zuckte es heftig in allen ſeinen Geſichtsmuskeln, und plötzlich fuhr ein ſcharfer Blitz des Mißtrauens aus ſeinen ſtarr auf Maria Feodorowna gerichteten Augen hervor. Paul ſchien zu argwöhnen, daß ſeine Gemahlin ihn foppen wolle. Er konnte ihre reinen, nur von der innigſten Empfindung beſeelten Züge nicht mehr ſehen, denn ſie hatte bereits ihre ——— 204 Maske aufgeſetzt, um an ſeinem Arm in den Ballſaal einzutreten. In dem Saal ſchallte der Jubel des Feſtes in brauſenden Klängen, und die reizendſten und prächtig⸗ ſten Geſtalten, ſämmtlich der höchſten Ariſtokratie von Petersburg angehörig, drehten ſich im Tanz in wir⸗ belnden, blitzenden Kreiſen umher, oder wogten in einzelnen Gruppen auf und nieder, welche ſich ehr⸗ erbietig und maaßvoll formten, als die Czarin jetzt am Arm des engliſchen Geſandten mit ihren ebenſo leich⸗ ten als majeſtätiſchen Schritten ſich durch ſie hindurch bewegte. Die Czarin ſtrahlte von dem liebenswürdigſten Frohſinn und der heiterſten, klarſten Laune, indem ſie jetzt von den bewegten Wellen der Geſellſchaft ſich tragen und ſchaukeln ließ, bald ſtill ſtand, um mit einer ihr gerade intereſſanten Perſon zu ſprechen, oder Leute, die ſie beſonders ehren wollte, ſich vorſtellen zu laſſen. Sehr unangenehm ſchien es ihr zu ſein, daß in dieſem Augenblick ihr wieder der Prinz von Preußen begegnete, der ſich in ſeiner ſchmalen und kurzen Maske erkennbar genug zeigte, und kein Bedenken trug, ſich der Czarin auch hier in den Weg zu ſtellen, 205 obwohl ſie nicht die geringſte Miene gemacht, ihn an zureden oder ihn anzuhören. Sie beſtrafte ihn jedoch für ſein ihr nachgerade ſehr läſtig gewordenes Daſein durch die ſchneidendſte Gleichgültigkeit, mit der ſie ſeinen Gruß und ſeine Bemerkungen entgegen nahm. Noch kränkender war es für den Prinzen Friedrich Wilhelm, als die Czarin 3 ſich jetzt mitten im Geſpräch von ihm abwandte und dem liebenswürdigen Fürſten Ligne, der ſich eben näherte, mit einem raſchen Schritt ungemein lebhaft und erfrent entgegen trat. Sie ließ den Prinzen von Preußen ſtehen, auf deſſen Geſicht ſich das bittere Gefühl ſeiner dermaligen Zurückſetzung malte. Nun, lieber Fürſt, ſagte die Czarin zu Ligne in franzöſiſcher Sprache, haben Sie gute Nachrichten aus Wien erhalten? Ich werde jetzt erſt gute Nachrichten aus Wien erhalten, erwiederte Fürſt Ligne mit einer gewiſſen Wichtigkeit und mit der ihm eigenen vollendeten An muth und Feinheit, die ſich auch in ſeiner ganzen Perſönlichkeit auf die glänzendſte Weiſe charakteriſirte. Er vereinigte in ſeinem Ausſehen den Hofmann, den Mann von Geiſt und den ausgezeichneten Militair in der glücklichſten Miſchung, und ſeitdem er am Hofe 206 Katharina's in einer beſonderen diplomatiſchen Miſſion ſeiner Regierung verweilte, hatte ihn die ſteigende Gunſt der Czarin ſtets ſehr hervorragend ausgezeichnet. Sie konnte dem Zauber ſeines Geiſtes und ſeiner hin— reißenden Ausdrucksweiſe in der franzöſiſchen Sprache nicht widerſtehen, und hatte ihn erſt vor Kurzem mit dem Titel eines ruſſiſchen Feldmarſchalls und mit einem herrlichen Landgut in der Krim beſchenkt. Warum werden Sie jetzt erſt gute Nachrichten aus Wien erhalten, lieber Feldmarſchall? fragte die Czarin, mit den Titeln wechſelnd. Weil, erwiederte Ligne mit einem lächelnden und ſtechenden Blick auf den Prinzen von Preußen, der im Hintergrunde verlaſſen und verdrießlich ſtehen ge⸗ blieben war,— weil Preußen jetzt ganz entſchieden in den Schatten der Kaiſerlichen Gunſt getreten und mit einem langen Geſicht daſtehen muß, während die Sonne der Czarin mit vollen, ungebrochenen Strahlen über Oeſterreich aufgeht, und ich, der Bevollmächtigte Oeſterreichs, heut das Glück habe, die Strahlen dieſer Gnade auf meinem unwürdigen Haupt einſammeln zu dürfen. Wenn ich dieſe hohe Freudenbotſchaft meiner Regierung melde, darf ich verſichert ſein, auf der Stelle die beſten Nachrichten in den beſten Depeſchen ſion ende net. hin⸗ ache mit mit aus nin, 207 wieder von ihr zurück zu empfangen. Dies iſt ein Glück, auf das ich ſchon jetzt ſtolz bin, denn die Größe meines Vaterlandes wird mir jetzt auf dem ſchwer— müthig verdutzten Geſicht des Prinzen von Preußen quittirt. Oeſterreich bedarf zwar in der That ſolcher preußiſchen Quittungen nicht, aber ſie gerade am Hofe von Petersburg einziehen zu dürfen, und ſie gewiſſer maßen aus Fleiſch und Blut unſeres alten Rivalen herauszuſchneiden, das iſt immerhin ein nennenswerther Triumph für unſer liebes Oeſterreich! Der beredte Fürſt Ligne, der bei allem ſeinem berühmten Geiſt und Witz oft förmliche Anfälle von Geſchwätzigkeit hatte, würde ohne Zweifel noch eine Zeit lang fortgefahren ſein, ſich über dieſes Thema auszuſprechen, wenn ihn nicht ein lautſchallendes Ge lächter der Czarin plötzlich darin unterbrochen hätte. Verzeiht, Fürſt, daß ich lachen muß, ſagte die Czarin, indem ſie mit großem Behagen um ſich her blickte und zu dem entfernt ſtehenden Prinzen von Preußen hinüber ſah, aber Euere diplomatiſchen Be— weisführungen wollen mir doch heut gar zu drollig erſcheinen. Doch, Apropos, Fürſt, Ihr habt mir im⸗ mer einen Brief von unſerm gemeinſchaftlichen Freund Voltaire verſprochen, den er zwei Tage vor ſeinem 208 Tode an Euch geſchrieben. Denn er bevorzugte Euch in ſeinen Mittheilungen, das iſt nur zu gewiß. Ihr ſagt mir, daß man aus dieſem Brief ganz entſchieden die Stim⸗ mung erſehen könne, von welcher der große Voltaire in ſeinen letzten Augenblicken beherrſcht geweſen. Nun, ich bitte, haltet Euer Wort und ſchenkt mir dieſen Brief; ich kann Euch zum Gegengeſchenk vielleicht noch einige ſolcher Quittungen verehren, die wir Euch aus preußiſchen Geſichtern herausſchneiden wollen! In dieſem Augenblick näherten ſich der Grofßfürſt und die Großfürſtin, die auf ihrem Spaziergang durch den Ballſaal, den ſie mit ziemlicher Eile zurückgelegt, jetzt in die Nähe der Czarin gekommen waren und mit einer ſichtlichen Beeiferung von derſelben zum Still⸗ ſtehen veranlaßt wurden. Seid Ihr denn nun zufrieden, meine Kinder? fragte ſie in einem faſt gemüthlichen Ton, indem ſie die ſchlanken Finger der Großfürſtin zwiſchen ihren Händen feſthielt, und dem Großfürſten einen ſo wohl⸗ wollenden lächelnden Gruß, wie er ihn kaum jemals empfangen, aus ihren Augen ſpendete. Iſt Dir Alles ſo recht, wie wir es jetzt beſchloſſen haben? fragte die Czarin ihren Sohn. Wir wollten Dir gern ein raſches Zeichen unſeres von Neuem auf — hin mir, im⸗ aire un, ſen aus ürſt mch egt, mit er ie ren hl als ſen ten all 209 Dir ruhenden Wohlwollens geben, denn es hat uns in der That ſehr erfreut, daß Du unſere Feinde auch zu den Deinigen rechneſt, und ſo kräftig ein gewiſſes Geſindel von Dir geſcheucht haſt, das den Czarewitſch gegen die Czarin aufhetzen zu können glaubt, um in den Furchen dieſes Zwieſpalts eine vermuthliche Frei— heit anzubauen, die für Leute dieſer Art nie und nir gend erſprießen kann. Euere Majeſtät werden in dieſem Betracht ſtets auf mich rechnen können, erwiederte der Großfürſt mit einem guten, ehrlichen Augen⸗Aufſchlag. Ich habe zuweilen trübe Ahnungen, daß ein Geſindel in der Welt aufkommen will, welches ſeine Unordnung und ſeine tückiſche, aufſtändiſche Natur für das einzige Recht ausgiebt, das innegehalten und vollſtreckt werden muß. Mein kleiner Türke, der IJwan Paulowitſch Koutaitzow, iſt auch zu dieſer Bande übergegangen und hat bei dem beabſichtigten Streich in Gatſchina ſich ſogar zu ihrem Anführer aufgeſchwungen. Ich habe ihn dafür auf zehn Jahre von meinem Antlitz verbannt, bitte aber Euere Majeſtät, es bei dieſer Strafe bewenden zu laſſen. Denn ich denke ihn doch einſt wieder in meine Dienſte zu nehmen, ich fühle, daß er mir in manchen Dingen nothwendig geworden iſt. Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abtbl. I. 14 210 Es geſchehe Alles nach dem Sinne des Groß⸗ fürſten! rief die Czarin mit einem ungemein gnädigen Ausdruck. Und dann habe ich noch eine Bitte, ohne deren gnädige Gewährung ich kaum von der Erlaubniß Ge⸗ brauch machen würde, ins Ausland zu reiſen! fuhr Paul fort. Ich muß auch hier offen und ehrlich ſein dürfen, wie Ew. Majeſtät mich in Gatſchina erkannt haben. Gern bin ich es zufrieden, den Grafen Solthy⸗ kow, den Ew. Majeſtät zu unſerem Reiſebegleiter be⸗ fohlen haben, mitzunehmen, aber ich wünſche vorher die beſtimmte Zuſicherung zu empfangen, daß der Graf Soltykow nicht dazu ernannt iſt, meine Schritte aus⸗ zuſpähen und den Spion des Großfürſten von Ruß⸗ land im Auslande abzugeben. Die Czarin ſchrak einen Augenblick zuſammen, ihre Mienen veränderten und verfinſterten ſich und die flammenden Blicke, mit denen ſie den Groffürſten jetzt maß, verläugneten ganz die Milde und Güte, die ſich noch vor einigen Minuten darin ausgeſprochen hatten. Dann rief ſie mit lauter, heftiger Stimme: Der Graf Soltykow wird den Großfürſten und die Grofßfürſtin auf dieſer Reiſe begleiten, weil ich es ſo beſtimmt habe. Ich werde mir auch einige Berichte über den roß digen deren Ge fuhr ſein kannt olth v be orher Graf aus Ruß „ihre d die jett e ſich atten. Graf ürſin tinmt r den 211 Fortgang Euerer Reiſe durch den Grafen Soltykow erſtatten laſſen, aber er iſt dann kein Spion, ſondern nur der treue Diener ſeiner Czarin. Hiermit äußere ich mich ebenſo offen und ehrlich, als es der Groß fürſt in Gatſchina gekhan. Es muß Jeder thun, was ſeines Amtes iſt, und dann werden wir Alle zufrieden miteinander ſein. Die Czarin entfernte ſich dann ſogleich mit ſtolzen und majeſtätiſchen Schritten, ohne eine Erwiederung ihres Sohnes abzuwarten. Werden wir dennoch reiſen? fragte Maria Feo dorowna ihren Gemahl, auf deſſen Arm ſie den ihrigen gelehnt hatte. Wir wollen reiſen! ſagte Paul, aus einem augen blicklichen dumpfen Hinſtarren erwachend. Was kann uns ein ruſſiſcher Spion in Frankreich und Italien ſchaden? Er erinnert uns höchſtens daran, daß wir — Ruſſen bleiben ſollen, und das wird gut ſein. enn keine mildere Schönheit eines Landes, keine größere Vortrefflichkeit eines Volkes wird mich je aufhören machen, mein Rußland über Alles zu lieben. Unterdeſſen hatte die Kaiſerin mit ihrem Gefolge und am Arm des Ritters Harris eiligſt den Saal verlaſſen, aber beim Herausſchreiten aus demſelben 14* 212 n war ſie zu ihrem großen Mißmuth wieder dem Prinzen Friedrich Wilhelm begegnet, der in der letzten Zeit ſeines Aufenthalts in Petersburg zu einer wahrhaft unglücklichen Figur geworden war und ganz mit dem Anſtand einer ſolchen träumeriſch in der Thür lehnte, während die Czarin eben hindurchſchreiten wollte. Katharina fuhr ärgerlich und heftig empor, als ſie den preußiſchen Prinzen hier wieder auf ihren Wegen erblickte. Sie ſchien jetzt einen entſcheidenden Ent⸗ ſchluß zu faſſen und ſtand vor dem Prinzen ſtill, in⸗ dem ſie ihn mit einem nichts weniger als gnädigen Ausdruck, heftig an der Unterlippe nagend, einen Augen⸗ blick lang ſchweigend betrachtete. Ich bedauere, Prinz, redete ſie ihn endlich ſehr ſpöttiſch an, daß der Tag Ihrer Rückreiſe nach Berlin nun ſchon ſo bald herangekommen iſt! Sie wollen alſo am nächſten Montag ſchon abreiſen? Mein Gott, wir haben ja heut erſt den Sonnabend und werden Euch alſo ſchon übermorgen von unſerm Hofe beur⸗ lauben müſſen. Nun, ſo reiſet denn mit Gott, mein Prinz, ich laſſe durch Euch meinem Freund und Bruder, dem König von Preußen, meine angelegent⸗ lichſten Grüße entbieten. Saget ihm zurück, daß ſich zu meinem Bedauern die Lage der Zeiten zu ſtark zen eit aft 213 verändert hat, um auf der ſchmalen und zweifelhaften Gränzlinie eines Bundes mit Preußen ſtehen bleiben zu können. Rußland iſt kein philoſophiſcher Staat, wie die Gedanken Schöpfung des Königs von Preußen, Rußland iſt ein eminent praktiſcher Staat und muß es immer mehr werden; der Philoſoph von Sansſouci mag die Türken lieben, aber die Czarin von Rußland kann ſie nur verderben und ihren Untergang beſchließen. Das wird i ganze europäiſche Welt verändern, und das iſt der Scheideweg zwiſchen Rußland und Preußen, den ich jetzt verändern muß. Adien denn, mein Prinz! Sollten Sie mit Ihren Reiſevorbereitungen bis Montag nicht gut zu Stande kommen können, ſo iſt der Fürſt Bariatinsky durch mich angewieſen, Alles auf das Schleunigſte für Euch beſorgen zu helfen und er wird dieſen ehrenvollen Dienſt für Euch ſchon heut be— ginnen. Der Prinz Friedrich Wilhelm erblaßte, als er dieſe für ihn nichts weniger als ſchmeichelhaften Worte aus dem Munde der Czarin vernahm. Denn er hatte bis jetzt noch nicht daran gedacht, den Tag ſeiner Ab⸗ reiſe zu beſtimmen, den er, ungeachtet er ſich in Peters⸗ burg zu langweilen anfing, noch ziemlich entfernt ge⸗ glaubt hatte. Da ihm Katharina jetzt dieſen Termin ——— 214 deutlich genug ankündigte, ſo wurde er faſt verwirrt über das, was ihm begegnet war, und ergriff endlich das einfachſte Auskunftsmittel, durch eine froſtige Ver⸗ beugung ſeine Zuſtimmung zu dem Befehl der Czarin auszudrücken. Katharina war indeß ſchon weitergeſchritten, ohne eine Erwiederung des Prinzen zu erwarten, an dem jetzt die Höflinge, welche ſich im Gefolge der Czarin befanden, mit ſpöttiſchen und frechen Geſichtern vorüber⸗ gingen. Der komiſche Leo Nariſchkin, der Ober⸗Stall⸗ meiſter, der das Privilegium des Hofnarren vollſtändig genoß, näherte ſich ſogar dem Prinzen und klopfte ihn vertraulich auf die Schulter, indem er in ſeiner Rolle als Tabuletkrämer, die er beſtändig und mit ſo vielem Glück in der Umgebung der Czarin ſpielte, dem Prinzen von Preußen einen Kaſten präſentirte, in dem ſich verſchiedene höchſt ſeltſame Raritäten zu befinden ſchienen. Euere Königliche Hoheit werden doch gewiß Etwas mitbringen wollen, wenn Sie ſo überraſchend ſchnell wieder nach Hauſe kommen? rief Nariſchkin in dem näſelnden, geſpreizten Tone eines ſeine Waaren aus⸗ bietenden Kaufmanns. Sehen Sie hier eine neue Flöte von türkiſchem Zucker, welche Sie getroſt Sr. 215 rt Majeſtät dem König von Preußen werden mitbringen lich dürfen. Da er ſich, wie man ſagt, einen Harem von preußiſchen Unteroffizieren anlegen will, ſo wird ſie wri der König mit dieſer Flöte ſehr leicht ins Bett blaſen können. Und hier iſt, ebenfalls aus Zucker gebacken, hne die ſchönſte Stelle an einer geliebten Freundin, welche em der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, wie man ſagt, in Berlin zurückgelaſſen haben ſoll, und der er er bei der Rückkehr beweiſen will, daß er auch in der all Freinde ſtets an ſie dachte und ſich in den zärtlichſten dig Rückerinnerungen mit ihr beſchäftigte. Und dazu füget in noch hier, aus Moskauer Zimmetkuchen und in Ko⸗ olle ſackenſchmalz gebraten, die lange Naſe, mit der Euere len Königliche Hoheit jetzt von Petersburg abziehen müſſen ze und die Seiner Majeſtät dem König von Preußen ſich am meiſten beweiſen wird, daß mit den Ruſſen nicht S zu ſpaßen iſt. Wenn Ihr dies Alles für ein Paar lumpige Louisd'ors mir abkauft, ſo bekommt Ihr noch ganz umſonſt einen Troſt dazu, der Euch ſehr wohl— thun wird und der aus dieſen drei Bonbons beſteht, auf deren Hülle Ihr das Bildniß des neuen Favoriten Lanskoi in einer hinreißenden Stellung zu den Füßen der großen Czarin erblickt. Daraus, daß Euere Königliche Hoheit gerade das Bildniß des jungen, 216 ſchönen Lanskoi zu allen jenen herrlichen Sachen zu⸗ bekommen, werden Sie mit Gewißheit erſehen können, daß es einzig und allein der junge ſchöne Lanskoi iſt, dem der Prinz von Preußen dieſe vorzeitige Abreiſe von Petersburg verdankt. Ja, ja, Prinz, es wird jetzt bald Alles reiſen müſſen, was in der Umgebung der Czarin hier am Hofe ſie irgend ſtören könnte. Denn die Czarin wünſcht mit ihrem neuen Günſtling am Hofe allein zu ſein, und ſie wünſcht ihn ſich recht pflegen zu können, weil er krank iſt, der liebe, zarte, ſüße Lanskoi. Liegt darum nicht ein Troſt für Euere Königliche Hoheit in dieſen Favoriten⸗Bonbons? Denn deshalb iſt es ja bloß, daß Euere Königliche Hoheit morgen ſchon reiſen und übermorgen treten der Groß⸗ fürſt und die Großfürſtin die Reiſe nach Italien und Frankreich an. Iſt das nicht ein Troſt für Euere Königliche Hoheit? Der Prinz Friedrich Wilhelm hatte anfänglich ſchon die Hand emporgehoben, um, ſeinem Zorngefühl folgend und aller Rückſicht gegen die Auweſenheit der Czarin vergeſſend, dem unverſchämten Tabulettkrämer, deſſen Humor zugleich mit ſo viel Gemeinheiten und Unanſtändigkeiten zu beleidigen wagte, eine Ohrfeige zu verſetzen. ß 217 n ju Aber er hatte auch ſogleich wieder ſeine Hand ſinken laſſen und hörte aufmerkſam und mit ſichtlichem Nachdenken zu, als Nariſchkin jetzt mit dieſer uner⸗ lbreiſe warteten Wendung auf Lanskoi übergegangeh war und wird denſelben in eine Verbindung mit den letzten Vor ebung fallenheiten des Tages ſetzte, wodurch der Prinz ſich önnte. etwas beſchwichtigt und in der That einigermaßen ge— ſtling tröſtet fühlen konnte. recht Der Prinz entſchloß ſich daher, auf den Scherz des zweideutigen Tabulettkrämers einzugehen und ließ eben einige Louisd'ors in den Raritäten-Kaſten Na⸗ riſchkins fallen, als die Czarin, die nur einige Schritte voraus ſich befand, ſich in dieſem Augenblick umſah und mit einem ſtrengen, zürnenden Blick den Ober Stallmeiſter zu ſich heranwinkte. Nariſchkin ſchrak cure heftig zuſammen, und es war die Gefahr vorhanden, daß die Czarin, bei ihrem außerordentlich ſcharfen ulic Gehör, mit dem ſie oft das entfernteſte Geſpräch auf— faßte, Alles vernommen haben möchte. Der Prinz Friedrich Wilhelm aber eilte jetzt ohne weiteres Zögern fort, um alle Veranſtaltungen zu ſeiner ihm wider ſeinen eigenen Wunſch ſo nahe ge⸗ rückten Abreiſe jetzt ſelbſt zu regeln. Am andern Tage ließ ſich der Prinz noch zu einem 218 letzten Abſchiedsbeſuche bei der Czarin melden, obwohl er wußte, daß die Czarin ſoeben den Grofßfürſten und die Großfürſtin empfangen hatte, die an dieſem Tage ſelbſt ihre Reiſe nach Italien antraten und ſich bei der Czarin, die ſich heut(man ſagte: aus Sorge um Lanskoi) ſehr unwohl befand, beurlaubten. Die Czarin lag bereits im Bett, als ſie den Prinzen Friedrich Wilhelm, der ſein Geſuch um eine letzte Audienz ſehr dringlich zu erneuern verſtanden, endlich annahm. Sie ſtreckte ihm auf eine innige, faſt zärtliche Weiſe die Hand entgegen und brach ſogar in einen Strom von Thränen aus, indem ſie ihn mit der Verſicherung entließ, daß ſie ſtets die aufrichtigſte Freundſchaft für den König und den Prinzen empfinden werde. Mochte nun bei dieſem überraſchenden Ausdruck ihres Gefühls ihre berühmte theatraliſche Verſtellungs⸗ kunſt mitgewirkt haben oder in der That eine An⸗ wandlung ihrer Gutmüthigkeit beim Anblick des liebens⸗ würdigen und ſo mannigfach von ihr gekränkten preu⸗ ßiſchen Thronfolgers über ſie gekommen ſein, ſo hatte dieſe letzte Begegnung jedenfalls die Wirkung, daß der Prinz in größter Rührung die Zimmer Katharina's verließ. Zweites Buch. Maria Frodorowna's Friden. I. Der Bau von Gatſchina. Seitdem der Großfürſt und die Großfürſtin, nach ihrer glücklich und genußvoll beendigten Reiſe, wieder an den Hof der Czarin nach Petersburg zurückgekehrt, waren mehrere Jahre vergangen, in denen Paul mit ſeiner Gemahlin ein faſt ausſchließliches Stillleben auf Gatſchina gelebt und ſich ganz auf dieſen Ort mit Allem, was ſich darin entwickelt und was er dort mit heftigem Eifer zu treiben angefangen, beſchränkt hatte. In Gatſchina war jetzt eine völlig neue Stadt er⸗ ſtanden, an der ſeit der Rückkehr des Großfürſten mit einer gewaltigen Eile gebaut worden war und zu welcher Paul den eigentlichen Stadtplan, der nun zu Grunde gelegt und genau befolgt wurde, ſich aus Paris mit⸗ gebracht hatte. Dieſer Plan war von dem franzöſiſchen 222 Architekten Collet ausgearbeitet worden, einem jungen Mann, bei dem Paul in Paris gewohnt und dem ſich, wie dies dem Groffürſten öfter mit ſolchen ganz un⸗ ſcheinbaren Leuten aus dem Volke erging, ſein ganzes Vertrauen und beinahe ſeine freundſchaftliche Zuneigung zugewandt hatte. Denn der Groffürſt hatte ſich, ſo lange er in Paris war, in der allerſeltſamſten Weiſe eingerichtet. Er wohnte nämlich dort in zwei verſchiedenen Wohnun⸗ gen, von denen die eine gewiſſermaßen ſeine officielle war und ihn und ſeine Gemahlin in glänzenden Ap⸗ partements, die er in dem erſten Hötel von Paris gemiethet, aufgenommen hatte. Dagegen hatte er noch für ſich ganz allein, und getrennt von der Großfürſtin, ein ganz kleines Quartier genommen, das in einer der engen, düſtern Straßen des Faubourg Montmartre lag und das er bei einem jungen, ihm ſehr wohl ge⸗ fallenden Baumeiſter, der mit ſeiner Mutter und ſeinen Schweſtern dort wohnte, gemiethet hatte. Der Groß⸗ fürſt pflegte ſich hier in dieſem Stillleben von den Anſtrengungen und Aufregungen des Pariſer Aufent⸗ halts, die für ihn keine geringen waren, auszuruhen, und genoß in der Unterhaltung mit ſeinem liebens⸗ würdigen und redſeligen Architekten wahrhaft vergnügte und ihm nie wieder aus der Erinnerung gekommene Stunden. Da wurde denn von ſo Manchem erzählt und geſchwatzt, was dem Großfürſten gerade am Herzen lag oder was er aus den Unterhaltungen mit Collet auf eine ganz einfache und mehr zufällige Weiſe(denn der Großfürſt liebte, Alles mehr zufüllig und gelegent— lich abzumachen) über Paris und die Pariſer erfahren meigung eer in wollte. erichtet. 8 2 Dabei war auch das vertrauliche Geſpräch auf die Abſicht des Großfürſten gekommen, eine neue Stadt officielle 8 in Rußland anzulegen und auf einem neuen Terrain 5* den Ap⸗ 5— 2 6 P wo bisher kaum ein Haus geſtanden, nach einem noch — 8 7 Parls 3. erſt ausführlich zu entwerfenden Plan, zu erbauen. 5 er noch * Monſieur Collet hatte dieſe nur hingeworfene Mit firſn theilung ſogleich mit großem Eifer und der ganzen Lebendigkeit des franzöſiſchen Künſtlers aufgefaßt. Als Paul wieder zu der gewöhnlichen Planderſtunde Abends in ſein Zimmer trat, fand er den Monſieur Collet mit hellen Schweißtropfen auf der Stirn vor ſeinem l e tmartre Zeichnentiſch ſitzen. Der Stadtplan vom neuen Gatſchina, n den wie er ihn ſich gedacht, ſtand ſchon faſt vollendet auf Aufent dem Papiere da, und der Groffürſt ſchrie freudig auf, uruhel als er das Terrain von Gatſchina wiedererkannte, das Collet nach den genauen Schilderungen und Angaben, die 224 ihm Paul davon gemacht, mit ungemein treffender Wahrheit aufgenommen hatte und auf dem nun das Bild der neuen Stadt⸗Anlage ſehr pikant und in einer ungemein anſprechenden und intereſſanten Ausführung ſich erhob. Der Großfürſt ſchien zuerſt ſehr zufrieden mit dieſem Plane zu ſein, dann aber fuhr er raſch und heftig mit einer Bleifeder auf dem Plan umher, ſtrich Vieles darauf durch, fügte Anderes aus ſeinen eigenen Entwürfen und aus ſeiner Phantaſie hinzu und gab dann dem erſtaunten Künſtler ſein Blatt wieder zurück, mit dem Bemerken, daß er ſeine ſämmtlichen Abän⸗ derungen in den Plan aufgenommen zu ſehen wünſcht te, und damit ein Ganzes geformt ſehen möchte, das ſeinen Abſichten und den Bedürfniſſen des Ortes voll⸗ kommen entſprechen werde. Er verlangte beſonders, daß der Künſtler darauf Bedacht nehmen möge, dem neuen Stadtplan etwas Glänzendes und recht Groß⸗ artiges zu geben und den ängſtlichen Zuſchnitt einer kleinen franzöſiſchen Provinzialſtadt, der für Rußland und die Nähe von Petersburg gar nicht paſſe, zu ver⸗ meiden. Denn was denkt Ihr von Rußland? ſetzte er dem erſtaunten Architekten auseinander. Rußland iſt ein großes herrliches Land, es iſt ein Land der ge⸗ dem einer ußland zu ver⸗ . ſetze ußland der ge 225 waltigſten Zukunft, und nur auf Großes, Herrliches und Gewaltiges darf man in unſerm Rußland ſinnen. Denkt Euch nur bloß, daß unſere Newa viermal breiter iſt, als Euere Seine. Jund Gatſchina ſoll eigentlich die Reſidenz des Großfürſten ſein, ſo lange derſelbe den Thron der Czaren noch nicht beſtiegen hat. In der Nähe eines ruſſiſchen Großfürſten darf es aber nicht ſo kleinlich und bettelhaft ausſehen, wie dies an einigen Stellen Eures Entwurfs ſich bemerkbar machen zu wollen ſcheint. Ein ruſſiſcher Großfürſt iſt doch ſchon ein gewaltiges Thier,— obwohl ich Euch auf—⸗ richtig geſtehen muß, lieber Freund, daß ich jeden Pariſer Ouvrier hier von Herzen beneiden könnte. Der Groffürſt ließ bei dieſem plötzlichen Nachſatz, der erſt gar nicht in ſeiner Stimmung gelegen zu haben ſchien und der ihn ſelbſt ſichtlich überraſchte, mit einem Anflug von bitterer Wehmuth ſeine Stimme ſinken, was einen Augenblick lang einen ſchauerlichen Ein⸗ druck verurſachte. Collet arbeitete jetzs Tag und Nacht an dem ver⸗ beſſerten Plan von Gatſchina, um den an ihn geſtellten Anforderungen diesmal auf das Vollſtändigſte zu ge⸗ nügen. Es war ihm dazu eine um ſo größere Eile geboten, da der Großfürſt den ſehr nahen Termin Th Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I. 15 —„ 25 ſeiner Abreiſe bereits feſtgeſetzt hatte und den fertigen und genau feſtgeſtellten Plan von Gatſchina durchaus mit ſich nach Rußland nehmen wollte. Der junge Baumeiſter war auch gerade erſt in der letzten Stunde fertig geworden, als Paul bereits in ſeinen Reiſe⸗ kleidern in das Zimmer trat, um ihm die Arbeit ab⸗ zufordern. Dieſe war vollendet, aber Collet vermochte kaum noch, ſie dem Großfürſten vorzuzeigen, denn die Anſtrengungen der letzten Zeit hatten ihm ein Nerven⸗ fieber zugezogen, und er ſank ohnmächtig nieder in demſelben Augenblick, in dem er den Plan des neuen Gatſchina in die Hände des erfreuten und zugleich den armen Künſtler ſehr bedauernden Grofßfürſten legte. Paul hatte leicht ein ſehr theilnehmendes Herz für Unglückliche und Alle, die er wirklich leiden ſah, und er reiſte nicht von Paris ab, ohne für Collet etwas gethan zu haben. Der junge franzöſiſche Künſtler, der dem Großfürſten ſo entſchieden gefallen hatte, em⸗ pfing von ihm nun eine Penſion von 300 Rubeln jährlich, welche Paul ſogleich Pei dem ruſſiſchen Ge⸗ ſandten in Paris anwies, und niemals vergaß er in der Folge, an Collet fürſorglich zu denken. Nach dieſem Plan, der mit vielem Guten und Nützlichen auch viel Seltſames und Phantaſtiſches ver⸗ fertigen durchaus r junge Stunde Reiſe ermochte s neuen leich den n legte. erz fir ah, und ünſtlet, b — einigte, war Gatſchina entſtanden und mit einer wun⸗ derbaren Energie und Schnelligkeit aus dem Erdboden 3 heraufgeſtiegen.*) Der Grofßfürſt lebte ganz in dieſer Beſchäftigung und die Czarin ſelbſt wurde dafür all— mählig ſo eingenommen, daß ſie den neuen Bau mit den reichlichſten Geldmitteln unterſtützen ließ. So war dieſe wunderliche, in manchem Betracht lächerliche Stadt emporgewachſen, die, auf vielen kleinen Hügeln zerſtreut, um den See oder um mehrere Bäche ſich gruppirend, oder am Waldpfad entlang in einen Abgrund hinunterſteigend, in einer nicht geringen An⸗ zahl von Straßen und Häuſern ſich ausdehnte. Aber die Stadt Paul's hatte durchaus kein gaſtliches und freundliches Ausſehen gewinnen wollen, die Häuſer ſahen nicht recht geeignet für den Aufenthalt von Menſchen aus und ſchienen hier und da wie Storch⸗ neſter in der Luft zu ſchweben oder als Straßzellen für arme, des Lichtes für unwürdig befundene Ge⸗ fangene dienen zu ſollen. Obwohl ſich der Großfürſt mit unabläſſiger An⸗ ſtrengung bemühte, Menſchen nach Gatſchina herein— zuziehen, mit ganzen Familien dort anſäſſig zu machen und auch durch die Anlage von Fabriken und gewerb⸗ *) Masson mémoires secrets III. 387. 228 lichen Etabliſſements Leben zu verbreiten, es hatte ihm nie gelingen wollen, die traurige und unheimliche Oede zu bannen, die beſtändig über Gatſchina lagerte. Ein ganzer Stadttheil von Gatſchina war außer⸗ dem mit einer Reihe großer, hoher, mehrſtöckiger Häuſer beſetzt, die ſich alle unter einander gleich ſahen und als Kaſernen zur Aufnahme der Regimenter dien⸗ ten, welche der Großfürſt ſeit Kurzem nach Gatſchina gelegt hatte. Denn in Gatſchina, entfernt von den Einflüſſen Petersburgs und des Hofes, wollte Paul zugleich eine neue Pflanzſchule der ruſſiſchen Armee erſtehen laſſen, welche dort, unter der unmittelbaren Leitung des Großfürſten und mit gnädigſter Ueberein⸗ ſtimmung der Czarin, die dem Wirken Pauls als Ge⸗ neraliſſimus der ruſſiſchen Truppen nicht länger wi⸗ derſtanden, ſich entwickeln ſollte. So hatte der Großfürſt zuerſt eine Compagnie Artillerie in die neuen Kaſernen von Gatſchina ver— legt, die er dort nach den eigenthümlichen Begriffen, welche der Großfürſt von der Artillerie hegte, ausbil⸗ den laſſen wollte, und mit der er ſich ſchon in Pau⸗ lowsky ſehr viel zu ſchaffen gemacht hatte. Der ſehr komiſche General Meliſſino, welcher der einzige bedeutende Artilleriſt in Petersburg war, mußte ter dien atſchina on den lte Paul 229 dazu öfter nach Gatſchina hinauskommen und dem Großfürſten bei der neuen Ausbildung der Artillerie helfen. Dies wirkte zugleich erheiternd und beluſtigend auf den kleinen Hofſtaat, welchen der Groffürſt für ſich und ſeine Gemahlin auf Gatſchina eingerichtet hatte, und der in dem einſamen, von ſo ſchauerlicher Dede umgebenen Schloß faſt vor Langerweile ſterben wollte. Meliſſino veranſtaltete dann gewöhnlich Feuer⸗ werke auf Gatſchina, in denen er Bewundernswürdiges und Erſtaunliches leiſtete, und die durch ihren Glanz und ihre ſinnreichen Erfindungen auch der Grofßfürſtin Vergnügen zu machen ſchienen. Denn Maria Feodo⸗ rowna's ſchöne Laune war durch den traurigen Aufent⸗ halt auf Gatſchina noch keineswegs gebrochen, ſie wußte ſich auf die verſchiedenartigſte Weiſe mit dem Großfürſten zu unterhalten, und da ſie ſah, daß es Paul angenehm war, wenn ſie an den genialen Feuer⸗ werken des alten Meliſſino ihr Gefallen äußerte, ſo gehörte dieſe neue Mode auf Gatſchina auch bald zu den Lieblingsvergnügungen Maria Feodorowna's. Neben und unter Meliſſino waren es beſonders zwei Offiziere, Araktſcheief und Ratikow, welche die Bataillone und Regimenter, die Paul auf Gatſchina bildete und in ſeiner Weiſe einüben ließ, befehligten 230 und unter ihrer Aufſicht hatten. Unter dieſen hatte ſich Araktſcheief vornehmlich die hohe Gunſt des Groß fürſten erworben, denn Araktſcheief war zugleich der Mann der ſtrengſten Disciplin im Sinne des Groß⸗ fürſten, er verſtand es, die Soldaten Tag und Nacht zu quälen, und eine wahre Wuth war es, mit welcher der treue Diener ſeines Herrn den Rekruten die neuen Exercitien einpaukte, die der Großfürſt eingeführt ſehen wollte und von denen er ſo Bedeutendes und Folgen⸗ reiches erwartete. Paul hatte alle dieſe Dinge, für deren Einführung in Rußland er jetzt die Zeit gekom⸗ men glaubte, damals in Potsdam bei Friedrich dem Großen geſehen und gelernt, und es war ſein glühend⸗ ſter Lieblingswunſch geworden, der ruſſiſchen Armee allgemach einen ganz preußiſchen Zuſchnitt zu geben, und dies ſowohl in den Uniformen als in dem ganzen Exercier⸗Reglement an den Tag legen zu können. Paul wußte ſehr wohl, daß er dabei nur mit der größten Vorſicht und äußerſt langſam zu Werke gehen könne, um die Eiferſucht und Eigenmacht der Czarin zu ſchonen, die einige ſolcher Verſuche zwar im Ein⸗ zelnen hingehen ließ oder nur mit liebenswürdiger Laune kritiſirte, aber jedenfalls dem Großfürſten auf das Strengſte entgegengetreten wůr ſobald ſie ge⸗ 231 ſehen hätte, daß ſeine Abſichten auf einem ſo umfaſ— ſenden und zuſammenhängenden Plan beruhten. Indeß fuhren die dumpfen Trommeln, welche täg lich zu einer beſtimmten Tageszeit und oft noch ſpät in der Nacht durch Gatſchina raſſelten und die Sol⸗ daten zu den militairiſchen Uebungen zuſammenriefen oder dieſelben mit ihrem Klang begleiteten, unaufhör⸗ lich fort, das ſeltſame und wunderliche Spiel, das hier wie aus einer Grabesöde geſpenſtiſch emporſtieg, zu bezeichnen. Der Exercierplatz, auf dem dieſe eigen⸗ thümlichen Regimenter Pauls, die unter ſeiner beſon⸗ dern Pflege und Leitung gebildet wurden, ihre Bewe⸗ gungen und Uebungen vornahmen, war gerade unmit⸗ telbar vor dem Schloſſe, zwiſchen dem See und dem alten, hüßlichen, grauenhaften Gebäude, welches der Großfürſt mit ſeiner Gemahlin und ſeiner Familie bewohnte und auf deſſen Erker er gewöhnlich ſaß, um durch ein Perſpectiv Alles, was in Gatſchina und auf den entlegenſten Punkten deſſelben geſchah, überſchauen zu können oder auch an den Anordnungen, welche Araktſcheief und Ratikow mit den Truppen vornahmen, durch ſein von Oben herab dazwiſchen fallendes Macht⸗ wort ſich betheiligen zu können. Zuweilen geſellte ſich auch die Großfürſtin in liebenswürdiger Gemeinſchaft 232 zu ihm und ſtrebte, ihn durch ihr unermüdliches Un⸗ terhaltungstalent und ihre ſtets anregenden Einfälle dem finſtern Hinbrüten zu entreißen, dem ſich Paul beim Anblicken ſeiner militairiſchen Schauſpiele ge⸗ wöhnlich überließ und wobei er oft ein ſehr unheim⸗ liches, die Großfürſtin ſchreckendes Anſehen gewann. Heut, an einem ſehr trüben, ſtürmiſchen und regen⸗ vollen Tage, als ſich der Großfürſt eben wieder an ſeinem gewöhnlichen Platz auf dem Erker befand, und den Bewegungen ſeiner Soldaten unten vor dem Schloſſe und an dem Ufer des Sees tiefſinnig zu⸗ ſchaute, ſtand Maria Feodorowna ſchon ſeit einiger Zeit hinter ihm und ſchaute mit ihrem lieblichen, fein beobachtenden Lächeln dem Großfürſten über die Schul⸗ ter. Er bemerkte ſie nicht, ſondern ſchaute in tiefem finſtern Sinnen auf ſeine Bataillone hinunter, die eben im Begriff ſtanden, eine gelehrte ſtrategiſche Bewegung auszuführen, welche Paul ſehr mangelhaft fand und mit der er, nach ſeinen ungeſtümen und zuckenden Bewegungen zu ſchließen, ſich durchaus nicht einver⸗ ſtanden erklären konnte. Dieſe Leute wiſſen ſich weder zu vertheidigen noch anzugreifen, rief Paul, nachdem er noch eine Zeitlang in ſtummer Wuth zugeſchaut hatte. Sie haben keinen hes Un Einfülle ich Paul nnig zu einiger en, fein Schul⸗ 233 Reiz des Angriffs, und darum geht Alles ſo ekelhaft lahm, ſo niederträchtig ſtumpf, ſo erbärmlich und ein⸗ fältig da unten zu. Aber wartet, das wollen wir ändern, ich will ſchon Feuer und Leben in Euch hin⸗ einbringen, Ihr Talgſeelen, Ihr Hammelköpfe, Ihr jämmerlichen Wichte! In dieſem Augenblick drehte ſich Paul um und bemerkte mit Ueberraſchung und Erſtaunen, daß die Großfürſtin dicht hinter ihm ſtand und ihn ohne Zwei⸗ fel ſchon ſeit einiger Zeit beobachtet hatte. Er begeg⸗ nete ihrem ganzen holdſeligen Lächeln, dem er ſelbſt in ſeinen trübſten und bizarrſten Stimmungen nicht widerſtehen konnte, und das ſich jetzt mit den ſchönſten Strahlen ihrer Augen vereinigte, um ihn aus vollem Herzen zu grüßen. Aber es ſchie dieſem Augenblick ihn zu verdrießen. Er ſagte plötz⸗ — doch etwas in — lich mit harter Stimme zu ihr: ſ hinunterkommen auf den Platz, er habe dort eine Bitte an die Großfürſtin, die ſie ihm nicht abſchla⸗ gen dürfe. e möge mit ihm Maria Feodorowna ſah ihn erſtaunt an und deu⸗ tete mit der Hand auf den Regen, der in dieſem Au⸗ genblick in ſtarken Strömen aus den Wolken hernieder rauſchte und die Luft zu verfinſtern angefangen hatte. — — 234 Dieſes Wetter iſt gerade gut für meine Abſichten, erwiederte Paul ruhig, indem er unverwandt auf den Platz hinunterblickte und die Bewegungen ſeiner Sol⸗ daten mit der größten Aufmerkſamkeit beobachtete. Im Kriege muß der Soldat gerade darauf gefaßt ſein, bei dem widerlichſten und hinderlichſten Wetter die ſchwie⸗ rigſten Operationen auszuführen, und jetzt, Großfürſtin, wollen wir unſern Leuten gehörig auf den Zahn fühlen und ſehen, ob ſie ſchon einer bedentenden Aufgabe ge⸗ wachſen ſind. Kommen Sie nur mit mir hinunter, Sie werden ſchon ſehen, was ich von Ihnen verlange, und ich erwarte von Ihnen ein unbedingtes Eingehen auf meine Befehle, denn Sie ſind nicht blos Groß⸗ fürſtin von Rußland, meine Gnädige, ſondern Sie ſind auch Soldatenfrau, und ich ie von Ihnen das Beſte. Er faßte damit die Großfürſtin ziemlich heftig am Arm und zog ſie mit ſich fort, indem er ungeſtüm auf den Exercierplatz am See hinuntereilte. Die Großfürſtin als Ziel des Angriffs. Hier ſtand der Major Lindener, ein Preuße, den Paul vor einiger Zeit als Lehrmeiſter und Inſtructeur an die Spitze ſeiner kleinen Armee geſtellt hatte, und der ihm zu dieſem Zweck von dem König Friedrich dem Großen aus Potsdam geſendet worden war. Der Großfürſt war ſtets ſehr zufrieden geweſen mit dieſem preußiſchen Major, und er fand, daß durch den Ein fluß dieſes tüchtigen und ſtrengen Mannes bereits eine außerordentlich günſtige Umwandlung mit ſeinen Sol⸗ daten vor ſich gegangen ſei Die Großfürſtin hatte jetzt wieder ihre ganze frohe Miene gezeigt und ſchmiegte ſich gehorſam und zu Allem bereit, mit jenem ſanften lächelnden Zug, dem nicht zu widerſtehen war, an die Seite des Groffürſten, 236 obwohl der Regen mit immer heftigerm Ungeſtüm auf ſie eindrang und ſie in der zunehmenden Näſſe ſich keineswegs behaglich zu befinden ſchien. Höre jetzt zu, Lindener, begann der Großfürſt nun, indem er ſeinen preußiſchen Major zu ſich heranrief: wir wollen heut ein kleines ſtrategiſches Meiſterwerk machen. Siehſt Du dort die Ruinen des alten, von Holz gebauten Schloſſes, welche hinter dem See mit⸗ ten aus dem Walde hervorragen? Das alte ſeltſame Trümmerwerk hält ſich kaum noch zuſammen, und Du ſollſt es heut mit einer ganz regelmäßigen ſtrategiſchen Bewegung zu erobern ſuchen. Ich und die Groß⸗ fürſtin, wir Beide werden es vertheidigen. An der alten Schloßruine oben klebt noch, einem Storchneſt ähnlich, ein offener Thurm, welchen die Großfürſtin beſteigen wird, um ſich in demſelben aufzuſtellen und Euch, die Ihr das Schloß angreifen und nehmen ſollt, zum Jalon oder zum Angriffspunkt zu dienen. Ich werde den Ort vertheidigen, Lindener, und nur um Dich recht anzuſpornen(denn Du ſollſt Dich heut auf den Gipfel Deiner Reputation bei mir ſchwingen) will ich Dir ſagen, daß ich meine Vertheidigung der Ruine auf das Kunſtgerechteſte und Gelehrteſte einrichten werde und einen ganz famoſen Vertheidigungsplan in ( 0 65 — Anwendung zu bringen denke. Ich werde Dir die Hälfte der Truppen überlaſſen, welche ſich hier auf dem Platze befinden, und Du ſollſt damit Deinen An⸗ griff ausführen, der um ſo ehrenvoller für Dich iſt, als meine Gemahlin ſelbſt, die Frau Großfürſtin, den Jalon Deines Angriffs abgeben wird. Du ſollſt die beſten Leute haben, und wenn Du die Ruine nicht, trotz aller verzweifelten Gegenwehr mit der andern Hälfte meiner Armee, mindeſtens in einer Stunde einnimmſt, ſo biſt Du ein preußiſcher Schaafskopf, und verdienſt nicht, die künftige Armee Pauls zu lehren. Außerdem würde ich Dich dann für einen höchſt inſolenten Kerl halten müſſen, denn die Groß fürſtin ſteht um Deinetwillen, und um Dir als Jalon zu dienen, in dem alten Thurme, in dem ſie jedem Ungemach dieſes abſcheulichen Wetters ausgeſetzt iſt, und je langſamer Du dazu gelangſt, das Schloß zu nehmen, deſto länger läſſeſt Du die Großfürſtin da oben im Regen ſtehen und naß werden, und wirſt von mir nur noch für einen kleinen Soldaten und für einen großen Eſel gehalten werden! Der Major Lindener, ein großer, kräftig und ſtatt⸗ lich emporgewachſener Mann, der noch vor Kurzem den Potsdamer Garden Friedrichs des Großen ange⸗ . 238 hört hatte, ſtand in der ehrerbietigſten Haltung vor dem Großfürſten da, den er mehr als um die Höhe eines Kopfes überragte. In preußiſcher Weiſe ſalu⸗ tirend und die Finger an der Mütze haltend, drückte er dem Grofßfürſten durch ſeine Mienen ſeine lebhafte Bereitwilligkeit aus, dem an ihn ergangenen Befehl auf das Nachdrücklichſte zu gehorſamen. Die ſeltſamſte und ſchreckenvollſte Verwunderung hatte ſich aber jetzt auf dem Antlitz der Großfürſtin gemalt, als ſie die grauſame und rückſichtsloſe Abſicht begriffen hatte, welche der Großfürſt mit ihr hegte. Schaudernd im Gefühl der Näſſe, welche der unauf⸗ hörlich herabpraſſelnde Regen bereits durch ihre Glie⸗ der verbreitet hatte, faßte ſie ſich mit dem Ausdruck beginnenden Leidens an die Stirn und ſchien einen Augenblick hin und her zu ſchwanken. Gewaltſam hielt ſie ſich aber dann wieder aufrecht, ja ſie ver⸗ mochte es jetzt ſchon über ſich, wieder zu lächeln, und reichte dem Großfürſten mit der braven Innigkeit und Freundlichkeit, die ihr ſtets eigen blieben, wie zum Ausdruck ihrer Bereitwilligkeit, Alles gern für ihn zu thun, ihre beiden Hände dar. Paul hatte gar kein Auge für die leidende Bewe⸗ gung ſeiner Gemahlin, und noch weniger für die lie⸗ underung roßfürſtin r muf hre Glie 239 benswürdige Ueberwindung, welche von ihrer ſchönen Stirn herab leuchtete. Er befahl jetzt dem Major Lindener, die auf dem Platz befindlichen Truppen, und dabei die beſten und zuverläſſigſten Leute, mit denen er am ſicherſten ſiegen zu können hoffe, für ſich aus⸗ zuwählen. Dann hielt der Großfürſt eine kurze be feuernde Anrede an die Truppen, die unter ſeinen Befehl geſtellt wurden, und commandirte, ſofort die alte Schloßruine drüben zu beſetzen und genau und eifrig den Anordnungen zu folgen, welche er ihnen zur Vertheidigung des Schloſſes geben werde. Während die Truppen mit einem lauten Hurrah dieſem Befehl Folge leiſteten und ſich in einer raſchen luſtigen Bewegung nach dem Waldſaum zum alten Schloſſe hinüberſchwenkten, ſchritt der Großfürſt lang⸗ ſamer, und ſie alle ſorgfältig beobachtend und muſternd, hinter ihnen her, indem er die Großfürſtin, ohne ihr heut die geringſte Höflichkeit zu beweiſen, und ſelbſt ohne alle Rückſichten der Etiquette, neben ſich her⸗ laufen ließ. Maria Feodorowna begann jetzt ſchon ihre ganze Situation komiſch zu finden und verſuchte in ihrer Weiſe einige ſcherzhafte Bemerkungen, auf welche aber der ungemein ernſthaft in ſich verſunkene Großfürſt v 240 gar nicht antwortete, indem er gleichzeitig ſeine Schritte mehr und mehr beſchleunigte. Maria Feodorowna legte jetzt unaufgefordert ihren Arm in den ſeinigen, und ſich feſt auf ihn ſtützend, nöthigte ſie ihn dadurch, ſie zu führen, weil ſie ſich bereits durch das tobende Unwetter, dem er ſie aus⸗ ſetzte, und die immer ſtärkere Eile ſeiner Schritte, denen ſie folgen mußte, ermattet und unterſtützungs⸗ bedürftig fühlte. Jetzt waren ſie bei der alten Schloßruine ange⸗ langt, und Paul, nachdem er ſeine Soldaten zuerſt in dem Schloßhofe verſammelt, ſie gemuſtert und ihnen die erſten Verhaltungsbefehle zu ihrer Aufſtellung er⸗ theilt hatte, nahm die Großfürſtin jetzt bei der Hand und nöthigte ſie, die enge, wackelige, kaum noch halt⸗ bare Treppe hinaufzuſteigen, auf welcher man in den verfallenen, oben und von allen Seiten offenen Thurm gelangte. Maria Feodorowna ſchauderte doch jetzt heftig zu⸗ ſammen, als ſie ihre Lage überblickte, in der ſie muth⸗ maßlich mehrere Stunden würde ausharren müſſen. Der Thurm gewährte den Regen und den Stürmen von allen Seiten ungehinderten Zugang, und die Großfürſtin mußte um ſo mehr daran verzweifeln, bon Schritte ert ihren ſtützend, lſie ſich ſie aus Schritte, ſtützungs⸗ ine ange⸗ zuerſt in nd ihnen llung er der Hond noch hol n in den n Thmn heftig ſu ſie muth n miſſen Stürme md ni erzweife 241 noch vielleicht in einer Ecke des alten Gemäuers, wenn ſie ſich dort verkriechen könnte, einen Schutz gegen das raſende Unwetter zu finden, als ihr Paul jetzt eine Fahne in die Hand ſteckte und ihr ungemein herriſch und trotzig befahl, mit derſelben bis an den äußerſten Rand des Thurmes hervorzutreten und un verwandt dort ſtehen bleibend, die Fahne unaufhörlich zu ſchwingen und hochzuhalten, um damit in weiter Ferne als leuchtendes Angriffsziel geſehen werden zu können. Er fügte dann, in ſeiner Weiſe verbindlich, aber doch mit ſehr rauhem und hartem Ton hinzu: Dieſe Poſition wird uneinnehmbar, wenn die Großfürſtin von Rußland ſie mit ihrer Perſon bezeichnet, und auf der andern Seite ſoll unſere Gegner der Teufel holen, wenn ſie nicht durch dies hohe und herrliche Ziel, das ihrem Angriff in der Perſon der Grofßfürſtin geſetzt iſt, ſich angefeuert fühlen, alle ihte Kräfte aufzubieten, und das Glänzendſte zu leiſten, was die militairiſche Belagerungskunſt vermag. Denn es ſoll heut gezeigt werden, wie weit die kleine Armee des Groffürſten in ihrer Ausbildung gediehen, und ob ſie ſchon einen großen wichtigen Platz zu belagern und zu vertheidigen verſteht! Dazu muß Jedermann heut, ſelbſt mit Auf Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. I 16 „z. 242 opferung, beitragen, ſei er der Erſte und Schönſte im Reich, ſei er der Letzte und Häßlichſte. Maria Feodorowna begriff vollkommen, daß ihr der Groffürſt, trotz Allem, etwas Angenehmes ſagen wollte, indem er dabei durchaus nicht bemerkte, daß er ſeine Gemahlin dem übelſten und nachtheiligſten Unwetter ausſetzte. Sie erhob jetzt mit einer muthigen leuchtenden Gebärde die Fahne in ihrer Hand und ſchwenkte ſie hoch in der Luft und durch die ganze Gegend hinaus, was die unten im Schloßhofe aufge⸗ ſtellten Soldaten zu einem lauten begeiſterten Jubel⸗ ruf hinriß. Als Maria Feodorowna jetzt mit einer köſtlichen Miene, in welcher Duldung und Liebe zugleich mit einem gewiſſen triumphirenden Stolz ſich ausdrückten, zu dem Großfürſten ſich umwandte, war Paul hinter ihr verſchwunden, und die&rn ſah ſich nun in dieſer peinigenden unglücklichen Lage ganz allein. Paul hatte jetzt angefangen, das alte Schloß, auf deſſen kunſtgerechte Vertheidigung es abgeſehen ſein ſollte, nach allen Seiten hin zu durchlaufen und alle Punkte zu unterſuchen, auf denen der Angriff des Feindes zu erwarten ſein möchte. Mit einer wüthen⸗ den Eile und einer blitzenden Geſchwindigkeit, in der da öchönſte in daß ihr mes ſagen nerkte, daß htheiligſten r muchigen Hand und die gae r köſtlichen ugleich nit usdrictn, uul hinter ſis mn in Schloß, alf ſehen ſil en und ale er withen ſit, in d 243 ihm Niemand folgen konnte, am allerwenigſten der kleine kurzbeinige Lieutenant Araktſcheief, welcher den Großfürſten auf dieſer ſeiner Runde zu begleiten hatte, ſtürzte ſich jetzt der Großfürſt überall hin und ertheilte an jede Colonne, ja an jeden Einzelnen mit dem feurigſten Nachdruck und der größten Umſtänd lichkeit ſeine Verhaltungsbefehle. Er wußte Jedem ſeine Aufgabe, die ihm in dem bevorſtehenden Kampf werden ſollte, ſo eigenthümlich und mit ſo feuriger Beredſamkeit zu bezeichnen, als wenn er ſelbſt die Stelle dieſes Soldaten verſehen würde. Paul ſah ſtrahlend vor Freude und Stolz aus, als er ſich fo in der Würde und Macht des erſten Kriegsherrn umherbewegen konnte und, mit einer ſicht⸗ lich hinreißenden Wirkung auf die Soldaten, ſeine wohlüberlegten, auf alle Regeln der Taktik und Stra— tegie gegründeten Anordnungen gab. Der furchtbare Regen, der in rauſchenden Strömen niedergoß, hinderte ihn keinen Augenblick, und, ganz unbekümmert um das heftige Unwetter, traf er alle ſeine Veranſtaltungen mit dem ſichtlichſten Behagen, mit der bewunderns würdigſten Präciſion. Nur ſein Pferd, ſeinen alten Liebling, ſchonte er, das man ihm hierher hatte nachführen müſſen, das er 162 244 aber jetzt nicht beſtieg, um zu den Vorpoſten hinaus zu reiten. Er bediente ſich dazu vielmehr eines alten ſteifen Soldatenpferdes, das er einem gemeinen Ar⸗ tilleriſten abnahm, und das er eine vilaine Creatur nannte, obwohl er es mit vergnügtem Geſicht der Ehre würdigte, ſich in ſeinen Sattel zu ſchwingen und dar⸗ auf zur Beſichtigung der Vorpoſten abzureiten. Auf den Vorpoſten fand er zu ſeiner Zufriedenheit, daß zwar Alles in der beſten Ordnung ſei, daß aber einige dieſer Poſten noch einer Veränderung und Ver⸗ ſtärkung der Mannſchaften bedurften. Dann ſandte er einzelne Trupps aus, um ſich auf Kundſchaft zu ver⸗ legen und vorſichtig zu erſpähen, wo ſich der Feind eigentlich aufhalte und ob und wie er ſeinen Angriff bereits eingeleitet haben möchte. Denn es begann dem Großfürſten bereits aufzufallen, daß ſich von den Schaaren des Majors Lindener noch gar keine Spur zeigen wollte, und da ſich ihm die Unternehmung des Preußen dadurch in ein völlig räthſelhaftes Dunkel hüllte, ſo begann der Großfürſt verdrießlich zu werden, und ſtarrte ärgerlich und ungewiß in die Ferne. Jetzt fiel ihm ein, daß er doch wohl einen Augen⸗ blick nachſehen müſſe, wie es der Groffürſtin dort oben auf ihrem Thurm ergehe. Denn ſeit einigen ſten hinaus eines alten meinen Ar ine Creatn ht der Ehre n und dar iten. friedenheit, i, daß aber g und Ver n ſandte er ft zu ver hder Feind nen Agiif beg ann dem feine Spur des ehmung de ftes Dunel zu werden Feme. Augen in dort inen fürſt ſet eiige ( * 245 Augenblicken hatte er ſie nicht mehr daſelbſt bemerkt, obwohl er noch vor Kurzem zu ſeiner großen Zufrie⸗ denheit ſie dort, die Fahne in ihrer Hand ſchwingend, im Vordergrunde geſehen und ſich, faſt wider ſeinen Willen, hatte geſtehen müſſen, daß ſie ſich von oben herab prächtig ausnahm und durch ihren wunderbaren Anblick eine wahre Begeiſterung in allen ſeinen Co— lonnen erweckt hatte. Er mußte ſehen, warum Maria Feodorowna jetzt plötzlich ſeinen Befehlen ungehorſam geworden war, und ſchon begann ſich ein heftiger Aerger auf der dunkelroth gewordenen Stirn des Großfürſten zu malen. Er ſtieg von der vilainen Creatur ab und rannte ſpornſtreichs zu der Treppe, welche zu dem alten Thurm hinaufführte. Maria Feodorowna, die ſich ermattet gefühlt und ihre ſchreckliche Lage nicht mehr aushalten konnte, hatte ſich einen Augenblick in den Hintergrund des Thurmes zurückgeflüchtet und lehnte halb ohnmächtig an einer verfallenen Hinterwand, indem ſie geſucht, in einem Loch des Gemäuers ihre ganz durchnäßte Geſtalt zu bergen. Die Fahne hatte ſie ſich um die Schulter geſchlungen und ſich darin einzuhüllen verſucht, indem es ihr, obwohl die Fahne ebenfalls naß war, doch 246 eine beſondere Wohlthat gewährte, ſich damit zudecken zu können. Als Paul jetzt ſtürmiſch zu ihr herantrat und ſie eben wegen ihrer Läſſigkeit ſchelten wollte, traf ihn ihr mattlächelndes Auge, das wehmüthig und doch freundlich auf ihn gerichtet war. Er erſchrak ſichtlich bei ihrem Anblick und unterdrückte das heftige und unmuthige Wort, mit dem er die arme Leidende ſo⸗ eben hatte anreden wollen. Wie iſt Ihnen, Großfürſtin? fragte er jetzt mit einer ungewiſſen Stimme, in der faſt ein weicher Ton zitterte. Es iſt eine zu anſtrengende Probe, auf welche ich Sie geſtellt habe? Nicht wahr? O nein, Paul! erwiederte ſie ſanft, indem ſie ſich ſichtlich und mit großer Anſtrengung bemühte, ſich wieder eine kräftigere Haltung zu geben und feſt und aufrecht vor ihm dazuſtehen. Bald fühlte ſich Maria Feodorowna auch wieder ſo ſicher auf ihren Füßen, daß ſie eiligſt zu ihm herangeſchritten kam und ihm mit einer Freudigkeit, die ihn faſt noch mehr zu er⸗ ſchrecken ſchien, als zuerſt ihr leidender und ſchmerz⸗ voller Anblick, ihre Hand darreichte. Der Großfürſt konnte ſich nicht entſchließen, dieſe ſchöne weiße Hand zu berühren und ſtarrte ſie mit nit zudecken rat und ſie e, tof ihn und doch ral ſichtlich heftige und eidende ſo er jetzt mit weicher Ton „auf welcht den ſie ſich nihte, ſich d fiſt un ſich Maria ren Fißen⸗ n und ihn neht zu 6 nd ſchnili ichen — 247 einem finſtern, ausdrucksloſen Geſicht an. Maria Feodorowna aber ſagte, ſich innig an ihn ſchmiegend: Der Großfürſt kann ganz unbeſorgt um mich ſein. Ich werde Alles aushalten, was eine gute Soldaten⸗ frau nur immer aushalten kann. Wenn ich ſo recht von Herzen zuſammenſchauern muß, ſo komme ich mir wie Soldatenliebchen im Bivouac vor und ich danke recht herzlich für die Gnade, daß ich Alles mitmachen darf! Aber nur gegen den anhaltenden Regen bin ich ſtets ſehr empfindlich geweſen. Wiſſen Sie noch, Großfürſt, als wir damals in Paris waren, wie ich von dem entſetzlichen, acht Tage und Nächte hinter⸗ einander fallenden Regen litt. Ja, entgegnete der Groffürſt nachſinnend und ſie zweifelhaft von der Seite anblickend, in Paris giebt es ſehr viel ſchlechtes Wetter, und das iſt die gerechte Behandlung für ein ſo nichtswürdiges Volk, wie ich es dort kennen gelernt habe. In der That, ich kann nur noch mit dem größten Abſcheu an die Franzoſen zurückdenken. Es iſt ein Volk, das vor keinem Men⸗ ſchen Reſpect und Achtung in ſich trägt, und nach Dem, was mir dort auf der Straße begegnete, konnte es mich nicht überraſchen, daß die ſchlimme Peſt dort ausbrach, welche ſeitdem unter dem Namen der Re⸗ 248 volution ihre Geißel geſchwungen hat und deren ver⸗ derbliche giftige Einflüſſe durch ganz Europa gehen werden.„ Der Großfürſt hatte ſich jetzt auf ein vorſpringen⸗ des Gemäuer geſetzt und verſank nach ſeiner Art in ein träumeriſches Hinſtarren. Er ſaß der Großfürſtin jetzt faſt zu Füßen, denn ſie war hoch aufrecht neben ihm ſtehen geblieben und ſtreifte die vom Regen faſt verwaſchene Fahne wieder von ihrer Schulter her— unter, um von Neuem, ſo gut es noch gehen wollte, ſie an der Stange aufzurollen. Sie wollte dem Groß⸗ fürſten damit ihren Pflichteifer beweiſen und ſtellte ſich ihm nun, mit der ſtolzen, ſchwungvollen Gebärde einer Kriegsgöttin, die Fahne in der Hand erhebend und zu dem Schloßhof hinunterſchwenkend, gegenüber. Die Regengüſſe hatten noch keinen Augenblick nach⸗ gelaſſen. Paul ſchien kaum mehr ſeine Aufmerkfamkeit auf die Grofßfürſtin gerichtet zu haben. Er ſann und grübelte vor ſich hin und ſagte dann mit einer zucken⸗ den Gebärde: Das, was mir auf dem Boulevard Saint⸗Denis in Paris begegnet iſt, werde ich wahrlich nie vergeſſen. Sie, Groffürſtin, litten doch nur von dem abſcheulichen Regen, der, während unſeres Aufent⸗ — deren ver opa gehen orſpringen ner Art in Fyffürſin echt neben Regen faſt ulter her hen wolle, dem Groß und ſtellte nGebürde d erhebend gegeüber. nblic nach⸗ mit uf ſann und ner zucken Boulevnd ch wahrlih nur von n Aufent 249 haltes in Paris, unaufhörlich Tag und Nacht hernie der floß. Aber nichtsdeſtoweniger bekam Ihnen Alles ſehr gut, Sie wurden dick und fett in Paris, bekamen rothe Wangen und ſetzten in Ihrer ganzen Geſtalt die angenehme Rundung an, die Ihnen am Hofe des Königs von Frankreich ſehr viel Beifall verſchaffte, und die auch mir immer ſehr viel Vergnügen machte, ich muß es Ihnen aufrichtig geſtehen, Großfürſtin! Aber was mir in Paris begegnete, war ſehr unange nehm und erfüllt mich noch jetzt mit Verwünſchungen und mit Schadenfrende gegen die ganze franzöſiſche Nation. Ich weiß nicht mehr, was es war, wodurch ſich das edle Herz des Großfürſten ſo gekränkt fühlen mochte, ſagte Maria Feodorowna leichthin, weil ſie wußte, der Großfürſt würde ſich noch mehr ärgern, wenn ſie ihm zeigte, daß auch ſie jenen Vorgang ſehr wohl im Gedächtniß behalten. Oh, entgegnete Paul, indem er mit der Hand ärgerlich durch die Luft fuhr, es war auch ein ſo ver⸗ wünſchter Regentag wie heute, und mich befiel die Luſt, trotzdem einmal eine Fußpromenade durch die Straßen von Paris zu unternehmen. Ich ſchlenderte ganz allein und hatte Niemand von unſerer Reiſebe — 50 gleitung bei mir. Als ich an der Porte Saint⸗Denis angelangt war, bemerkte ich plötzlich, daß eine große Menge von Menſchen mich umringt hatte und mir auf Schritt und Tritt nachfolgte. Ich ſah mich mehrmals unwillig um, aber der Pöbel faßte mich jetzt nur um ſo dreiſter und frecher in's Auge, und bald vernahm ich auch, daß ſie etwas hinter mir her ſchrieen, dieſe unangenehmen Leute, mit ihren näſelnden, ſchnarren den, trompetenden, kreiſchenden Stimmen. Voila le singe, comme il est laid! rief ein unverſchämter Kerl, mit einer blauen Blouſe, der ganz dicht und nahe hinter mir her ging. Hat man je einen Men ſchen geſehen, der ſo häßlich iſt? rief ein Trupp gar⸗ ſtiger Weiber, die dazu gekommen waren und aus Leibeskräften brüllten und heulten. Es iſt ja der Großfürſt von Rußland, der ſich hier den Grafen du Nord nennt! rief ein infamer Kerl, der hoch oben auf dem Dach eines Omnibus ſtand und wie ein Teufel auf mich herunter hohnlachte. Le coquin! le coquin! brauſte es dann aus dem ganzen durcheinandertobenden Haufen, und die niederträchtigſten Weiber und Kerle umringten mich immer näher, und zeigten nicht nur mit den Händen und mit drohenden Gebärden auf mich, ſondern es fehlte auch nicht viel, daß ſie mich int⸗Denis ine große d mir auf nehrmals em vernahm en, dieſe chnarren Voil le rſchämter dicht und en Men⸗ upp gu⸗ und aus tja der jrnfen du oben auf in Teufel coquinl rtobendel nd Kerle nicht nut ren uf ſie nich 25 an den Kleidern feſtgehalten hätten. Erſt wollte ich das einzige Piſtol, das ich bei mir hatte, auf den raſenden Pöbel abſchießen, aber ein Fiaker, der jetzt unmittelbar in meiner Nähe hielt, nahm mich noch zur rechten Zeit auf und brachte mich, wuthſchäumend und halbtoll von dieſer Geſchichte, nach Hauſe. Du weißt davon kein Wort mehr, Maria Feodorowna? O nein, entgegnete die Großfürſtin mit einem ſeltſamen, wunderbaren Klang ihrer Stimme, ich habe es nicht vergeſſen, aber eine Schmähung gegen Euere Kaiſerliche Hoheit behält mein Herz nicht, denn die Stimme des dummen Pöbels verfliegt im Winde, wenn ſie an großen und herrlichen Gegenſtänden ſich bricht. Dagegen fand der Großfürſt von Rußland in allen hohen Zirkeln von Paris damals eine ſo glän zende Aufnahme, daß ich noch heut nur mit Luſt und Vergnügen an die dort verlebte Zeit zurückdenken kann. Es iſt wahr, entgegnete der Großfürſt gähnend, man mochte mich damals ziemlich gern am Hofe Lud⸗ wigs XVI. und in Chantilly gab man uns Feſte, welche durch die größte Pracht und den beſten Ge⸗ ſchmack ſich auszeichneten. Mit der Königin Marie Antoinette konnten wir nicht recht in den Zug kommen, ſie hatte offenbar eine gewiſſe Scheu vor uns, und „ℳ 252 vermied es, wo ſie irgend konnte, mit uns allein zu ſein. Sie ſchien Furcht vor mir, wie vor einem Bä⸗ ren, zu haben, und um ſich gewiſſermaßen gegen mich zu ſchützen, empfing ſie mich nie anders, als mit dem ſtrengſten Ceremoniell, wie wir es ſelbſt am Peters⸗ burger Hofe nie geſehen haben.— Aber ſiehe da, Maria Feodorowna, ich glaube wahrhaftig, es hört jetzt auf zu regnen, und die Sonne beginnt dort durch⸗ zubrechen. Stellen Sie ſich wieder ganz hervor, hier, bis an den Rand des Thurmes hervor, und entfalten Sie die Fahne Rußlands in einer recht herausfordern⸗ den und kühnen Stellung. So, Groffürſtin! Ich muß Sie ſehr loben, denn Sie haben heut überhaupt eine wahrhaft männliche Bravour entwickelt. Wir werden in Rußland niemals eine Revolution haben, wenn der Thron ſo beſetzt iſt, wie wir ihn einſt be⸗ ſetzen werden, Maria Feodorowna! Wer einen Thron behaupten will, muß Strapazen zu ertragen wiſſen, und darum ſetze ich meinen höchſten Ruhm darein, ein guter Soldat zu ſein, und ich ſehe, die Großfürſtin Maria Feodorowna wird mir darin würdig zur Seite ſtehen. Das war das Unglück Frankreichs, daß es eine Königin auf dem Thron hatte, die eine weichliche, eitele und hochmüthige Närrin war, und die den Thron llein zu em Bi⸗ en mich nit dem Peters⸗ ehe do, os hört tduch⸗ r, hier, ntfalten ordern⸗ erhaupt haben, nſt be⸗ Thron darein, fürſin Stite daß e Thron 253 mur für eine Anſtalt hielt, um ſich zu vergnügen und luſtig zu machen. Ein ordentlicher Thron, wenn er behauptet werden ſoll, darf nur eine Strafanſtalt ſein für die, welche ihn beſitzen, und für die, welche ihm gehorchen! Oh, entgegnete Maria Feodorowna, indem ſie ſich ſehnſüchtig und aufathmend dem Sonnenſtrahl ent⸗ gegenſtreckte, der eben aus den Wolken herniederblitzte und mit einem purpurnen wonnigen Licht ihr mildes, wehmüthig reſignirtes Geſicht beleuchtete: oh, ich be dauere ſie doch ſehr, die arme Königin Maria An⸗ toinette, die ſo ſchön war, wie ein Engel des Himmels und die unter den Händen des Pöbels und ſeiner Henker ihr Leben laſſen mußte! Und der arme gute König Ludwig dazu, wer kann ſeiner ohne Thränen gedenken, und wer hat jetzt noch Thränen übrig für ein anderes Ereigniß? Ich habe faſt Alles dadurch verloren, ſelbſt den Genuß meiner Träume, denn meine Träume, die ſonſt ſo ſchön waren, haben ſich ſeitdem in lauter Schreckbilder verwandelt, die mich von der Zukunft das Fürchterlichſte erwarten laſſen! Sie haben Recht, Großfürſtin, erwiederte Paul, indem er mit einem zornflammenden wüthenden Geſicht aus ſeinem Hinſtarren ſich emporrichtete. Der König 254 war ein guter, braver Mann, und er erwies mir völ Freundſchaft, als ich an ſeinem Hofe in Verſailles bei ihm war. Aber darum ging er auch auf eine ſo jäm— merliche Weiſe zu Grunde, weil er ein guter, braver Mann geweſen, denn wer unter lauter Canaillen ein guter braver Mann iſt, der iſt der eigentliche Ver— brecher, und kann in der That auch viel Schlimmes anrichten. Wenn ihn die Canaillen eines Tages vor den Kopf ſchlagen, ſo kommen ſie ſich dabei ſelbſt noch als Biedermänner vor, das iſt ganz natürlich. Das ſind die Herren Jacobiner, welche der Krater der franzöſiſchen Revolution zuerſt über die Welt ausge⸗ ſpieen hat. Der gute brave Mann auf dem Thron, der iſt der eigentliche Vater der Jacobiner, ſie werden zum Vatermörder an ihm und ſchlagen ihn todt, weil ſie die einzigen ehrlichen Leute in der Welt ſein wollen. Das iſt dieſen verhaßten Franzoſen ſchon recht, daß ſie mit all ihrem Hochmuth und eitlem Weſen in dieſe Pfütze gerathen ſind. Ich habe wahrlich meine Scha⸗ denfreude an ihnen, denn ſie ſchimpften mich meiner Häßlichkeit wegen aus, vermuthlich weil ſie mich auch für einen guten braven Mann gehalten haben. Aber die Herren Franzoſen werden ſich in mir geirrt haben, ſie ſollen ihren böſen Mann an mir finden, und wahr— mir vhl illes bei ſo jüm⸗ „braver illen ein he Ver hlimmes es vor lbſt noch Dos ter der ausge⸗ Thron, werden dt, weil wollen. cht, dß in dieſe ne Sch⸗ meiner ſich auch Aber t haben d wohr⸗ F 255 lich, wenn einſt die Macht in meine Hände kommt, ſo werde ich nicht eher ruhen, als bis ich einen ſtarken Bund der Rache geſtiftet, der Alles, was Franzoſe heißt, vom Erdboden vertilgen und ausrotten wird! Der Großfürſt war in eine flammende, gewaltige Stimmung verſetzt, die ihm in dieſem Augenblick faſt einen Zug der Erhabenheit lieh. Maria Feodorowna ſah ihn erſtaunt an, denn die Strahlen des Haſſes und der Wuth, welche aus ſeinen Augen hervorblitzten, machten einen großen Eindruck auf ſie und ließen ihr den Großfürſten, faſt wie noch niemals, in einem be wundernswürdigen Lichte erſcheinen. Jetzt aber wurde die Aufmerkſamkeit des Groß fürſten und der Grofßfürſtin plötzlich auf einen andern Gegenſtand abgezogen. Man vernahm von unten her ein ſchweres Poltern und Stöhnen, und ſah bald die Perſon vor ſich, welche ſich mit dieſer ächzenden und geräuſchvollen Anſtrengung die Treppe zum Thurm heraufbewegte. Es war der alte Fürſt Neswitsky, der, im voll⸗ ſtändigen Generals Coſtüm, und mit den Abzeichen eines befehlenden Commandeurs geſchmückt, heraufge⸗ ſtiegen kam, und der Großfürſtin, der er zuerſt eine tiefe und cavaliermäßige Reverenz zu machen geſucht, 256 die ſtrahlendſte und luſtigſte Heiterkeit auf ihr Geſicht zurückrief. Dann war Fürſt Neswitsky in ſteifer mi⸗ litairiſcher Dienſthaltung zu dem Großfürſten heran⸗ getreten und hatte, die Hand feierlich an ſeinen Hut legend, mit einem ſehr ernſthaften und bekümmerten Geſicht einen Bericht zu erſtatten begonnen, der den Großfürſten im höchſten Grade zu beſchäftigen und aufzuregen ſchien. Halten Euere Kaiſerliche Hoheit zu Gnaden, ſagte Neswitsky ängſtlich, aber man ſieht immer noch keinen Feind auf unſere Feſtung heranſtürmen. Auf drei Meilen in der Runde iſt kein Feind zu erblicken, was ich als der von Euerer Kaiſerlichen Hoheit heut hier eingeſetzte Feſtungs⸗Commandant pflichtſchuldigſt zu rapportiren komme. Der General Meliſſino und die Herren Araktſcheief und Ratikow ſind mir ſchon zu Leibe gegangen und verlangen von mir heftigſt und dringlichſt, daß ich ihnen einen Feind ſchaffen ſoll, denn auch dieſe Herren vermögen einen ſolchen nir gends zu erblicken. Sie haben ſich die größte Mühe gegeben, und nach den Befehlen Euerer Kaiſerlichen Hoheit das Schloß in den wirkſamſten und kräftigſten Vertheidigungszuſtand geſetzt. Und nun ſehen ſie keinen Feind, wer kann es ihnen verdenken, daß ſie darüber hr Geſicht ſteifer mi en heran⸗ einen Hut ümmerten der den tigen und den, ſagte och keinen Auf dri icken, was heut hier uhdigſt zu o und die ſchon zu ftigſt und ffen ſoll, chen nir ßte Mühe niſerlihen krüftigſten ſie keinen außer ſich ſind, ſich ärgern und mißvergnügt zu wer den anfangen. Weil ich durch Euere Kaiſerliche Ho— heit heut zum Feſtungs⸗Commandanten gemacht worden bin, ſo fordern ſie mit einem mich ängſtigenden Unge⸗ ſtüm von mir einen Feind, einen Feind, einen Feind, und der unglückliche Neswitsky kann ſich doch keinen aus den Epaulettes ſchneiden. Ach, da war ich doch beſſer daran, als ich noch die Ehre hatte, der officielle Cicisbeo der Frau Großfürſtin zu ſein. Ich hatte freilich auf dieſem Poſten zu wenig zu thun, und Euere Kaiſerliche Hoheit gaben mir darum den neuen, aber was ſoll ich jetzt thun, ich Aermſter, wenn man von mir, weil ich Commandant bin, auch den Feind verlangt, den Feind, den Feind, und ich ſoll ihn ſchaf⸗ fen, weil dies mit den Functionen eines Feſtungs Commandanten unauflöslich verbunden ſei. Der alte Fürſt ging dabei in ein ſo ſeltſames Jammern über, daß die Großfürſtin ſich nicht mehr halten konnte und in ihrer immer liebenswürdigen Weiſe in ein lautes, lang anhaltendes Gelächter aus⸗ brach. Der Großfürſt aber war bei der beweglichen Mel⸗ dung des Fürſten Neswitsky aufmerkſam und ſehr nachdenklich geworden. Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 1. 7 —— 258 Da muß etwas geſchehen, lieber Fürſt, ſagte er dann haſtig, indem eine große Unruhe durch ſein ganzes Weſen fuhr. Laſſen Sie mir mein beſtes Pferd vorreiten, ich werde gleich hinunter kommen. Ich danke Ihnen, Fürſt Neswitsky. Ich habe Sie immer geliebt, und ſehe, daß Sie bei jeder Gelegen⸗ heit das Vertrauen verdienen, welches ich in Sie geſetzt. Die Zeit iſt nicht fern, wo ich Sie zum Feldmarſchall ernennen werde. Einen Feind können Sie allerdings nicht ſchaffen, und auch ich verwünſche bereits dieſen höchſt infamen Preußen, den Major Lindener. Neswitsky entfernte ſich mit einem triumphirenden Blick gegen die Großfürſtin. Paul ſagte zu Maria Feodorowna: Ich empfehle der Großfürſtin, künftig freundlicher und gütiger gegen meine Getreuen und Bewährten zu ſein. Zugleich aber bitte ich ſehr, hier auf Ihrem Poſten zu bleiben und die Fahne keinen Augenblick aus Ihren Händen zu laſſen. Die Großfürſtin machte ihm eine ſchelmiſche Ver— beugung, und Paul ſtürzte jetzt fort, um über das befremvliche Ausbleiben des Majors Lindener nähere Erkundigungen einzuziehen. Unten beſtieg er ſein Pferd, und eilte auf demſelben im brauſenden Galopp davon. ſagte er unch ſein in beſtes ommel. habe Sie Gelegen in Sie Sie zu Ud köhnei erwünſche en Mojor phirendel zu Mara n, tünfü reuen Wd ſehr hir he keinen iſche Ve iber des ſer nihete ſein Pfern opp doe 259 Nach allen Seiten hin lenkte er ſein braves Pferd, und ſeine heftige Ungeduld, den Major Lindener zu finden, verwandelte ſich bald in die entſetzlichſte Wuth, mit der er in der ganzen Umgegend von Gatſchina umherraſte. Unterdeſſen hatte Maria Feodorowna oben auf ihrem Thurm, den empfangenen Befehlen ihres Ge mahls gemäß, tren und ſtandhaft ausgeharrt. Das heraufkommende ſchöne und ſonnige Wetter hatte ihre Kleider getrocknet, und ſie begann in behaglichere Em pfindungen überzugehen, obwohl die anhaltende Näſſe, von der ſie ſo ſtark durchdrungen worden, ihr ein Lefes Leidensgefühl erweckt hatte. Als ſie, um den Großfürſten nicht zu kränken, ſich wieder in der befoh lenen Stellung eingerichtet, und, die Fahne ſchwingend, ihren Standpunkt am Rande des Thurms mit recht tühnem Ausdruck eingenommen hatte, erblickte ſie plötz lich in der Ferne den Großfürſten, der auf ſeinem ſchäumenden Renner wieder herangejagt kam und mit einer wilden Gebärde, durch welche ſich Maria entſetzt fühlte, von unten zu ihr emporwinkte. Mit großer Angſt ſah Maria Feodorowna der Wiederkehr ihres Gemahls entgegen, da ſich offenbar etwas Widerwärtiges inzwiſchen zugetragen haben 260 mußte. Um ſo mehr glaubte ſie ihn jetzt in der ganz regelrechten und exacten Stellung, die er ihr einge⸗ ſchärft hatte, empfangen zu müſſen, und ſie ſtand daher ſteif und unbeweglich feſt, mit der Fahne in der Hand, als der Großfürſt in dieſem Augenblick mit vor Wuth entſtelltem Geſicht herauf kam und ſich vor Maria Feodorowna hinſtellte. Die harmoniſche und ſanfte Ruhe, in welcher er ſie antraf, ſchien ihn jedoch mehr aufzureizen, als ſeine Zufriedenheit zu erwerben. Er betrachtete ſie einige Minuten lang mit einer ſtumpfen hinſtierenden Verwunderung, dann riß er ihr ungeſtüm und brummend die Fahne aus der Hand und warf dieſelbe von dem Thurm in den Schloßhof herunter. Sie brauchen ſich nun auch nicht länger zu be⸗ mühen, Großfürſtin, rief er rauh und mit einer vor Wuth faſt erſtickten Stimme. Von einem Angriff auf dieſen Platz kann nun nicht weiter die Rede ſein. Ich bringe ſehr ſchlimme Nachrichten. Der Major Lin⸗ dener iſt ein einfältiger Menſch, er iſt ein wahres Vieh und hat uns vollſtändig im Stiche gelaſſen. Ich jage überall umher, um ihn mit ſeiner Colonne zu entdecken, und da komme ich auf das Dorf, welches Soltykow hier in der Gegend beſitzt, und was ſehe ich? Dort liegen die Soldaten Lindeners in dem n der ganz ihr einge ſtand dahet der Hand, vor With vor Maria und ſufte jedoch nhr etben. Er er ſtunyfen r ungeſtün und wurf herunter nger ſ be⸗ it einet vor Angrf auf e ſein. Ich Major lin⸗ ein wahres luſſtn. It 6olomne j rf, welches nd was ſche r 261 elendeſten und zerlumpteſten Zuſtande auf der Land⸗ ſtraße umher, ihre Uniformen ſind ganz und gar zer⸗ fetzt, manche dieſer Kerle bluten und ſcheinen verwundet im Geſicht und an den Händen. Ich blicke wie raſend umher, aber den Major Lindener kann ich nirgends entdecken, er fehlt bei ſeinen Leuten und hat ſeinen Poſten verlaſſen, der Schändliche, der Verräther! Endlich erfahre ich die unerhörte Geſchichte, wie ſie ſich zugetragen hat. Lindener hat mit ſeiner Colonne ſchon am frühen Morgen ſich verirrt und iſt auf den Feldern Soltykows, wo er ſich unbegreiflicher Weiſe lange umhergetrieben, in Unordnung gerathen. Die Unkenntniß des Terrains konnte ihn als einen Frem— den einigermaßen entſchuldigen, aber die grenzenloſe Ungeſchicklichkeit, die er dabei an den Tag legte, ver⸗ rieth ihn auf ganz eminente Weiſe als einen erzdum⸗ men Teufel. Die eigentliche Confuſion war dadurch entſtanden, daß der Lindener mit ſeinen Soldaten in die Hecken der Gärten gerieth und ſich nicht mehr daraus loszumachen wußte. Da er einmal eine ſo große Menge Menſchen auf dem kleinſten und engſten Raum, auf dem es gar keine Auswege giebt, zuſam⸗ mengehäuft hatte, ſo blieb ihm jetzt gar kein Terrain mehr übrig, um ſeine Colonne ordentlich auseinander — 262 rücken zu laſſen und eine Linie zu entwickeln. So blieben die Leute auf die kläglichſte Weiſe in den Hecken hängen, und da Lindener ſich gleichzeitig durch meine Boten gedrängt ſah, die ihn herbeiriefen, ſo verlor er plötzlich den Kopf, ſchützte eine grimmige Kolik vor, die ihn plötzlich befallen habe, und kehrte nach Hauſe zurück, indem er ſeine armen Soldaten ſich ſelbſt über⸗ ließ. Es iſt wahr, dieſe Deutſchen, und beſonders dieſe Preußen, haben viel Kopf, aber ſie verlieren ihn auch eben ſo leicht mit Allem, was darin iſt. Da iſt es doch beſſer, wie meine Ruſſen, einen Kopf wie ein Bär zu haben, aber ihn bei jeder Gelegenheit feſt auf den Schultern zu behalten! Der Groffürſt ſchlug bei dieſen Worten ein fürch⸗ terliches Gelächter auf, das von der Schloßruine herab weithin durch die ganze Gegend ſchallte. Maria Feo⸗ dorowna blickte betroffen zu ihm hinüber und ſchien jetzt einer weiteren Beſtimmung von ihm entgegen zu ſehen. Wir können jetzt auch nach Hauſe gehen, rief er leiſe und dumpf in ſich hinein. Die erbärmliche Ko⸗ mödie iſt aus, und es iſt kein Schluß weiter zu er⸗ warten, als daß wir uns blamiren. Folgen Sie mir, G G 8 onders en ihn Da iſt wie ein feſt auf fürch⸗ herab g Fev⸗ ſchien ntgegen rief er zu er⸗ ie mir, 263 Großfürſtin! Wir wollen auf dem beſten und kürzeſten Wege nach Gatſchina zurück. Maria Feodorowna, die jetzt wieder ihre Aufgabe gekommen glaubte, zu tröſten und zu erheitern, ſprang raſch zu dem Großfürſten hin und ergriff ſeine Hand, welche ſie unter allerhand ſchelmiſchen und drolligen Liebkoſungen an ihre Lippen zog. In dieſem Augen blick ließ ſich aber die engbrüſtige Stimme des alten Fürſten Neswitsky wieder huſtend und ächzend die Treppe herauf vernehmen, und bald erſchien er oben lit einem ſchreckensbleichen Geſicht, indem er am ganzen Leibe zitterte und ſich mit ſichtlicher Anſtren gung bemühte, einige Worte hervorzubringen. Der Großfürſt ſtampfte endlich vor Ungeduld mit dem Fuße auf und befahl ihm, zu reven, oder ſich ſofort wieder aus dem Staube zu machen. Halten zu Gnaden, Kaiſerliche Hoheit, begann komme als Ueberbrin ger einer traurigen und ſchreckensvollen Botſchaft. Dieſelbe iſt durch einen Courier ſoeben aus Peters Die allergnädigſte Czarin iſt jetzt Fürſt Neswitsky, aber ich burg hier angelangt. krank, ſehr krank, und eine Verſchlimmerung iſt einge Alles befürchten läßt. Die An treten, die Alles, und der Frau Groß weſenheit des Herrn Großfürſten 264 fürſtin in der Hauptſtadt iſt dringend nothwendig ge⸗ worden, und die Miniſter bitten flehentlich und inſtändigſt um Höchſtdero ſehr baldige Rückkehr nach Petersburg. Der Großfürſt war bleich geworden und ſchien einen Augenblick zu ſchwanken. Die Nachricht hatte ihn auf das Tiefſte ergriffen, er bebte zuſammen und der Vorhang der Zukunft rollte vor ihm mit einem gewaltigen Schlag in die Höhe. Er ſah die Groß⸗ fürſtin an und ſchien ſtillſchweigend von ihr einen Rath, eine Aeußerung zu begehren. Maxia Feodorowna ſtand, wie immer, in ihrer ebenſo ruhigen als ſtandhaften und feſt entſchloſſenen Haltung da. Dann rief ſie den Fürſten Neswitsky zu ſich heran und trug ihm auf, den Wagen des Großfürſten von Gatſchina ſchnell herüberkommen zu laſſen, um ſogleich die Reiſe nach Petersburg antre⸗ ten zu können. Es giebt jetzt kein Zögern mehr! ſagte ſie zu dem Groffürſten mit einer hochherzigen Stimme. Der Augenblick iſt gekommen! Der Großfürſt Paul, die Hoffnung Rußlands, muß handeln und herrſchen! endig ge ich und ehr nach nd ſchien cht hatte men und it einen ie Groß ihr einen in ihrer chloſſenen Neswitsky agen des mnen 3l g antre ſegte ſi Stimme⸗ Grffürt und deln 265 ſchweigend mit einem Der Großfürſt nickte ihr faſt erhabenen Ausdruck zu. ſchon der Reiſewagen Großfürſtin auf der ernſten, Kurze Zeit darauf rollte mit dem Großfürſten und der Landſtraße der Hauptſtadt zu. — Inhalt des erſten Rundes. Seite Erſtes Buch: Gatſchina. I. Paul und Maria Feodorowna II. Auf der Terraſſe von Fau 8 32 45 i 72 VI. Die Zuſammenkunft in Mohiw 90 vII. Katharina und ihre Freunde 105 VIII. Kaiſer Joſeph in Piirsönrg 114 SS 120 X. Gatſchina.. 150 XI. Eine Soirée bei dem 8 Se Nuriſchtn 189 Zweites Buch: Maria Fodorowna's Leiden. I. Der Bau in Gatſchina. II. Die Großfürſtin als Ziel des angriſs re Gortro Spart Green NVellow Red Magenta