— ₰. 5 (nc——˖— — Leihbibliothet 1 deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Lite Eduard Ollmunn in Gieſ.* Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebeding ungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Emn⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den igenemmen. aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Luche eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 1 hinter rlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet — * S* wir: 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden unb beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 5 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 M.— f. *„„*7 FS 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Geſahr ſekbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Die Newa hatte im Jahre 1774 einen ſo reichen Waſſerſtrom, daß die von den deutſchen Küſten her⸗ übergeſchwommene Brigg„der Salamander“ nicht in Kronſtadt zu landen brauchte, ſondern ihren eilenden Fuß, mit dem ſie der Hauptſtadt des ruſſiſchen Reichs zuſtrebte, unmittelbar vor dem glanzvollen Petersburg ans Land ſetzen konnte. Unter den Paſſagieren, die ſich am Bord dieſer Brigg befanden, hatte eine ältere vornehme Dame mit drei jungen liebenswürdigen Töchtern ſchon während der Ueberfahrt von Stettin nach Petersburg ein be⸗ ſonderes Intereſſe erregt. Es war die ſtattliche und wohlbeleibte Landgräfin von Heſſen⸗Darmſtadt, welche, wie ſchon das Gerücht verkündigt hatte, ihre drei ſchönen Töchter zur Brautſchau nach Petersburg führte, denn man wußte, daß die große Czarin Katharina II. be⸗ 13 4 ſchloſſen hatte, den jungen Grofßfürſten Paul, obwohl 1 er kaum in das zwanzigſte Jahr getreten war, an eine deutſche Prinzeſſin zu vermählen. Jetzt ſchien ſich dies ſogleich zu beſtätigen, indem die Ankunft des deutſchen Schiffes am engliſchen Quai, dem Landungsplatze in Petersburg, Gegenſtand einer beſonderen Aufmerkſamkeit wurde. Es waren dort mehrere kaiſerliche Hof⸗Equipagen aufgeſtellt, die zur Empfangnahme der erwarteten Gäſte aus Deutſchland 3 beſtimmt ſchienen, und unmittelbar, nachdem die Lan dungsglocke am Ufer ertönt war, hatte ſich auch ſchon der kaiſerliche Hofmarſchall Fürſt Bariatinsky, der aus einem dieſer Wagen ausſtieg, mit eilenden Schrit ten an Bord des„Salamander“ begeben. Die regierende Landgräfin von Heſſen-Darmſtadt war eine Dame von der würdevollſten Repräſentation, die an ihrem heimiſchen Hofe in Darmſtadt gerade als Muſter der feinſten höfiſchen Kunſt zu leben glänzte. Sie war daher auch jetzt dem Fürſten Bariatinsky, der ſie im Namen der Kaiſerin zu beglückwünſchen kam, mit jenem höchſt ſouverainen Anſtande entgegen „getreten, der an den kleinen deutſchen Höfen in dieſer Zeit faſt noch peinlicher und anſpruchsvoller ausgebildet wary als an den größeren Hofhaltungen in Europa. — C — 05 Mit großer Scheu aber ſchmiegten ſich die drei jungen Prinzeſſinnen zur Seite ihrer Mutter, und blickten ängſtlich zu der hohen mächtigen Geſtalt des Fürſten Bariatinsky empor, der ihnen einen ganz außerordent⸗ lichen Eindruck machte. Nachdem ſich der Fürſt der erſten Aufträge der Czarin entledigt hatte, geleitete er die ihm anvertrau ten Damen von dem Schiffe herunter und übergab ſie einer der harrenden Hof⸗Equipagen, durch welche ſie in den ihnen von der Kaiſerin zur Wohnung beſtimmten Marmorpalaſt geführt werden ſollten. Mit einer ſtürmiſchen Eile ging es jetzt durch die Straßen von Petersburg vorwärts. Die jungen Prinzeſſinnen jauchzten auf vor Freude, als ſie ſich mit einer Schnelligkeit, von der ſie bisher keine Vor⸗ ſtellung gehabt, von dieſen ſturmwindgleich brauſenden ſechs Rappen durch die neue große prachtvolle Stadt dahingezogen ſahen. Die regierende Mutter verwies ihnen mit einer hoheitsvollen Gebärde dieſen Ausbruch der jugendlichen Munterkeit, indem landgräfliche Gnaden bemerkbar machten, daß man in einem fremden Lande nicht gleich Alles ſo laut bewundern dürfe. Die Pferde in Darmſtadt ſeien größer, und könnten darum be⸗ greiflicher Weiſe nicht ſo raſch ziehen. 6 Aber die ruſſiſche Hauptſtadt ſelbſt trat, je mehr die Reiſenden in ihre Mitte eingeführt wurden, immer prächtiger und großartiger, wie ein ungeheures Rieſen bild mit coloſſalen Gliedmaaßen, hervor, und ſelbſt die haltungsvolle Landgräfin ſchien ſich einen Augenblick lang, als man an den großen Kirchen und Paläſten vorüberfuhr, einiger Ausrufe des höchſten Erſtaunens nicht erwehren zu können. Da muß unſer Darmſtadt freilich etwas zurück bleiben! rief ſie endlich halb wehmüthig, halb empfind⸗ lich, indem ſie ſich nur mit um ſo größerer Würde in den Wagen zurückwarf. Prinzeſſin Wilhelmine, die jüngſte und ſchönſte der drei Schweſtern, ſaß gedankenvoll an dem geöffneten Wagenfenſter. Ueber ihr anmuthiges, von den blonden Locken umfloſſenes Geſicht war mit der Aufmerkſam— keit, mit der ſie Alles um ſich her betrachtete, zugleich ein Zug ſinnender, faſt trüber Ahnung getreten. Ihr Buſen hob und ſenkte ſich in raſchen, ſtürmiſchen Empfindungen. Heiterer ſchienen die beiden anderen Schweſtern, Eliſabeth und Friederike, die in harmloſen Ausrufungen über Alles, was ſie ſahen, ſich ergingen. Ich glaube, die gnädige Mama hat Recht, rief die —— 8 — 8 — Aelteſte der drei Prinzeſſinnen, die ſchwarzäugige Eli⸗ ſabeth, mit einem poſſirlichen Ernſt. Unſer liebes Darmſtadt zu Hauſe iſt allerdings viel kleiner, als dieſes fürchterlich große Petersburg, aber in der Bau⸗ art ſcheinen mir doch beide Reſidenzen große Aehnlich⸗ keit mit einander zu haben. Die Straßen ſind ſchön und breit, aber hat nicht auch Darmſtadt ſchöne regel⸗ mäßige Straßen, und viele großartige Palais? Nur der Bach Darm möchte mit der ſtolzen Newa nicht ganz zu vergleichen ſein.— In dieſem Augenblick hielt der Wagen vor einem großen, prächtigen aber düſtern und zurückſchreckenden Gebäude ſtill. Es war ein hoher Palaſt, aus Granit und dunkelfarbigem Marmor erbaut, der an dem düſtern, trüben Gewäſſer der Newa, die ſich hinter ihm aus⸗ breitete, ſich plötzlich mit ſeinen unheimlichen Mauern und Thürmen emporſtreckte. Die goldbetreßten Lakayen waren aus dem Portal hervorgeſprungen, um den Schlag zu öffnen, während in demſelben Augenblick die Equipage des Fürſten Ba⸗ riatinsky, die den Damen auf dem Fuße gefolgt war, vor dem Marmorpalaſt hielt. Er hob mit den ehr⸗ furchtsvollſten Verbeugungen die Landgräfin und die drei Prinzeſſinnen aus dem Wagen, und kündigte ihnen an, daß ſie an dem Ort ihrer Beſtimmung angelangt 3 wären. Dann geleitete er ſie feierlich in das Palais und übergab ſie den Händen einiger Ehrendamen, die zu ihrer Bedienung angewieſen waren.. —— l. Die Landgräfin von Heſſen-Darmſtadt ſaß mit ihren drei Töchtern in dem großen alterthümlichen Saal des Schloſſes, in dem ſich die Damen, nachdem ſie aus ihren Reiſekleidern in eine glänzendere Toilette übergegangen waren, wieder zuſammengefunden hatten. Die Kaiſerin hatte ihnen noch für denſelben Abend ihren Beſuch ankündigen laſſen, um ihre deutſchen Gäſte in Petersburg willkommen zu heißen, und ſie ſaßen jetzt alle Dreie mit ungewiſſen und ängſtlichen Empfin⸗ dungen in den hohen alterthümlichen Lehnſeſſeln ſich gegenüber. Es war, wie ſie von den ihnen beigegebenen Hof⸗ damen erfuhren, der Palaſt Orlow, in dem unſere deutſchen Reiſenden ihre Aufnahme gefunden hatten. Dies war der frühere Conſtantins⸗ oder Marmor⸗ Palaſt, welchen Katharina II. einſt ihrem ebenſo ge— 10 liebten als gefürchteten Günſtling, dem gewaltigen Grafen Gregor Orlow, zum Geſchenk gemacht hatte. Aber ſchon ſeit längerer Zeit bewohnte Orlow, nach dem er die zärtlichen Gnaden der Czarin verloren, dieſes Haus nicht mehr, und es war Mode geworden, die fremden Gäſte des kaiſerlichen Hofes auf einem dazu beſtimmten Flügel des alten Marmorpalaſtes ein zuquartieren. Dieſer Palaſt litt jedoch an melancholiſchen Ein drücken, die auch in dem öden, weitläufigen Saal, in dem man ſich befand, nicht zu verwinden waren. Alle Augenblicke warfen die jungen Prinzeſſinnen ihre ſcheuen und beſorgten Blicke in den nicht ganz erhellten Hin tergrund des Saals, in dem ihnen allerlei Schatten und Geſtalten auf und nieder zu ſchlüpfen ſchienen. Oder ſie ſprangen mehrmals erſchrocken und mit leiſen Schreien in die Höhe, denn ſie glaubten die Thür ſich öffnen zu hören, und bald ſollte es ein Geſpenſt ſein, von dem man einen Ueberfall befürchtete, bald wähnte man, die große Czarin ſei ſchon angekommen, und werde jetzt zu ihnen eintreten. Am meiſten ängſtigten ſich die Prinzeſſinnen vor der Ankunft Katharina's, der ſie jeden Augenblick mit ſtürmiſchem Herzklopfen entgegen ſahen. Prinzeſſin „ 11 Wilhelmine, in der dieſe Eindrücke ſich am lebhafteſten abſpiegelten, hatte ſchon Thränen in den Augen, und Eliſabeth und Friederike lehnten ihre bleich gewordenen Geſichter an den Buſen der Mutter, an dem ſie ſich vor Allem, was um ſie her vorging, zu verbergen trachteten. Die zarte Wilhelmine war indeß ohne Zweifel die entſchloſſenſte und gewappnetſte unter ihren Schweſtern. In ihren lieblichen blauen Augen trockneten ſich plötz⸗ lich die Thränen, und ein ſcharfer Anflug von Spott, der ihrem Geſicht zuweilen eigenthümlich zu ſein ſchien, trat in den Zügen hervor. Mich dünkt, mütterliche Gnaden, ſagte ſie mit ihrer hellen, ausdrucksvollen Stimme zur Landgräfin, wir fangen hier in Petersburg an, eine äußerſt unglückſelige Rolle zu ſpielen? Wir ſind deutſche Prinzeſſinnen, und man ſchleppt uns wie Sclavinnen hier auf den Markt, um von einem fremden Fürſten, der nicht ein⸗ mal ſchön und liebenswürdig ſein ſoll, beſichtigt, und nach dem Belieben des geſtrengen Herrn entweder zu ſeiner Ehegemahlin, vielleicht auch zu ſeinem blutenden— Opferlamm, erkoren oder mit Proteſt wieder über das Meer zurückgeſchickt zu werden. Gnädige Mama, das hatte ich erſt vor Kurzem in der Geſchichtsſtunde, daß 12 die jungen Mädchen in Griechenland als Tribut fort⸗ geſchickt wurden, um vom Minotaurus gefreſſen zu wer⸗ den. So kommt es mir jetzt gerade hier vor. Und ſage mir, Mama, wäre es denn nicht geziemender ge⸗ weſen, daß der Großfürſt Paul nach unſerm Darm⸗ ſtadt kam, um dort unſere Bekanntſchaft zu ſuchen? Iſt denn unſer ſchönes Darmſtadt ſo wenig der Mühe werth? Und müßten wir nicht ſchon als Deutſche zu ſtolz ſein, um mit unſern Perſonen den ruſſiſchen Markt zu beziehen? Eliſabeth und Friederike hatten ſich jetzt raſch auf⸗ gerichtet, und ſchienen faſt erſtarrt vor Erſtaunen und Entſetzen über ihre jüngere Schweſter, die mit ſolcher Dreiſtigkeit zu der gnädigſten Mama geſprochen. Die Frau Landgräfin hatte der kühnen Sprecherin einen durchbohrenden Blick zugeworfen, und ſagte dann, alle ihre Würde und Strenge zuſammennehmend, in⸗ dem ſie ſich in eine durchaus erhabene Haltung verſetzte: Mein armes Kind, in welchen ſchrecklichen Irrthümern biſt Du noch befangen! Ich hoffe jetzt, daß Du nicht die Erwählte ſein wird, um hier zu bleiben, ſondern daß ich Dich wieder zurücknehmen werde nach Darm— ſtadt, um Deine Erziehung noch beſſer zu vollenden. Nun, das werden wir noch ſehen! entgegnete — E Prinzeſſin Wilhelmine, indem ſie mit einem ſchnippiſchen Ton emporfuhr. Eine Brautſchau, wie ſie über uns abgehalten werden ſoll, iſt unangenehm und empörend, aber ſie iſt doch auch im höchſten Grade ungewiß! Schon gut, erwiederte die Fürſtin Mutter mit ver— weiſender Miene, ich werde Dich jedenfalls noch lehren, wie man Dinge, die der hohen Politik angehören, vernünf tig anſehen muß! Was Du mit Deiner gewöhnlichen Naſeweisheit den ruſſiſchen Markt nennſt, das iſt eine hohe Ehrenberufung, auf die jede deutſche Prinzeſſin ſtolz ſein kann und muß! Als mir die Czarin Katha— rina von Rußland zuerſt den Vorſchlag machen ließ, mich mit meinen drei Töchtern am Kaiſer-Hofe von Petersburg vorzuſtellen, um möglicher Weiſe ein enges Familienband zwiſchen unſern beiden Häuſern dadurch zu ſtiften, da fühlte ich mich von dieſer Gnade ſo durchleuchtet, und erhoben, daß ich mir ſelbſt nicht mehr Landgräfin zu ſein ſchien, ſondern mindeſtens ſchon zur Großherzogin, vielleicht zur Königin, mich emporgegipfelt fühlte? Wir Deutſchen ſind recht gut,— aber uns fehlt die Macht. Die Macht können wir uns nur von den fremden großen Höfen holen, ſonſt ſind wir ſchutzlos, namentlich in Darmſtadt. Und Du kleines dummes Ding willſt Anſtoß daran nehmen, 14 daß wir den Wünſchen der großen ruſſiſchen Czarin, die Befehle für uns ſein müſſen, ſo folgſam entgegen gekommen ſind? Mein Gott, wer klein iſt, muß ge⸗ horchen, ſonſt kann er nimmermehr groß werden. Deine Thorheit geht aber ſo weit, daß Du ſogar davon zu reden wagſt, der Großfürſt Paul könnte häßlich ſein! Ein ruſſiſcher Großfürſt kann niemals häßlich ſein, merke Dir das, mein Kind! Aber es iſt doch Alles ſo ſchauerlich und bange hier! wagte die junge Prinzeſſin in ihren oppoſitionnellen Bemerkungen fortzufahren. Seitdem wir hier in dieſem alten gräßlichen Saale ſitzen, iſt es mir immer, als könnte der blutige Schatten Peters des Dritten jeden Augenblick dort aus einer Ecke emporſteigen! Halt! rief die Landgräfin mit der erſchrockenſten Gebärde. Unbeſonnenes, gedankenloſes Mädchen! Wage es nicht, noch ein einziges Wort hinzuzufügen. Dann ſetzte ſie mit einer leiſen gedämpften Stimme hinzu: Weißt Du nicht, Unglückliche, daß in Petersburg Nie⸗ mand von Peter dem Dritten ſpricht? Jedermann hütet ſich, dieſen Namen über ſeine Lippen zu bringen, und wer es wagt, hat noch jedesmal Strafe und Un⸗ heil davon getragen! O, Kinber, wir ſind ja in Rußland! G 15 Dieſer letzte Ausruf kam ſo gepreßt und angſtvoll aus dem Buſen der Landgräfin Mutter hervor, daß man dabei recht wohl in ihr eigenes Herz ſehen konnte, das keineswegs ganz frei von furchtſamen Erregungen ſchien. In dieſem Augenblick wurde raſch die Hauptthür des Saales geöffnet, und in ihren beiden Flügeln weit auseinandergethan, was einen ſchrillenden, pfeifenden Ton verurſachte. Mit einem lauten Angſtgeſchrei fuhren die Prinzeſſin⸗ nen empor, und diesmal wurden ſie von der Frau Landgräſin nicht darüber ausgeſcholten, denn dieſe hatte ſich ſelbſt bedeutend erſchrocken, und ließ faſt noch ſtärker als ihre Töchter einen entſetzten Ausruf vernehmen. Es war die Czarin, welche, von weiter keinem Ge⸗ folge begleitet, als der Gräfin von Branicka, die ſeit einiger Zeit die Favoritdame der Kaiſerin war, raſch in den Saal trat und mit einem freundlichen„Guten Abend! Guten Abend!“ auf die ieſ und Erſchrockenen losſchritt. Die Landgräfin hatte ſich zuerſt wieder gefaßt, und trat der Kaiſerin in einer tief huldigenden Stellung entgegen, die noch ziemlich geſchickt ergriffen war. Die drei Prinzeſſinnen aber ſchienen ganz und gar den 16 Kopf verloren zu haben. Sie hatten nur gefühlt, daß ſich die große Czarin genähert, aber ihre Befangen— heit und Verlegenheit waren ſo groß, daß ſie weder rechts noch links geblickt hatten, und die beiden Ge ſtalten, die ſich jetzt unmittelbar vor ihnen befanden, gar nicht mehr recht zu unterſcheiden ſchienen. Plötzlich warf es ſie aber auf eine unwiderſtehliche Weiſe zu Boden nieder, und ſie waren alle dreie, ohne zu wiſſen wie, der ſchönen Gräfin Branicka, welche ſie für die Czarin nahmen, zu Füßen geſunken. Die Gräſin war eine ſehr heitere und liebenswür⸗ dige Frau, die ſich mit der größten Anmuth und auf eine für beide Theile verbindliche Weiſe der Pflicht entledigte, die jungen Prinzeſſinnen auf ihren Irrthum aufmerkſam zu machen. Nun unfaßten Eliſabeth, Friederike und Wilhelmine mit lautem Schluchzen die Kniee der Kaiſerin, unter ſtrömenden Thränen küßten ſie ihr das Gewand und die Hände, und ſchienen wie angſtvoll flatternde Täub⸗ chen ſich unter den Fittigen des gewaltigen Raubvogels bergen zu wollen. Katharina hatte ſich endlich zu ihnen herniederge⸗ beugt, und hob die deutſchen Mädchen mit einer herz⸗ lichen Umarmung zu ſich empor. Dies verſcheuchte — — — —— — ——— die erſte Angſt, welche ſich der Gemüther bemächtigt hatte, aber es vermochte das geheime Herzklopfen nicht zu unterdrücken, welches in den jungen Prinzeſſinnen beim längeren Anblicken der Czarin immer heftiger aufſtieg und ihnen faſt das Athmen unmöglich machte. Die Czarin Katharina war in dieſer Zeit ihres Lebens, wo ſie ungefähr in ihrem vierzigſten Jahre ſtand, noch immer eine ſchöne Frau, welche durch ihre auffallende und wunderbar feſſelnde Erſcheinung einen mächtigen Eindruck hervorbrachte. Sie begann aber damals ſchon ſtark zu werden, und die ſich immer mehr ausbreitende Fülle und Ueppigkeit ihrer Formen gönnte der Taille kaum noch die klaren Umriſſe. Aber die heitere, hinreißende Anmuth, welche das ganze Weſen der Czarin erfüllte und alle ihre Bewegungen meiſterte, überwog in dem Charakter der ganzen, auch mit aller gebietenden Hoheit ausgeſtatteten Geſtalt. Die ſtrenge kaiſerliche Majeſtät und der Ausdruck einer ächten, ſich liebenswürdig und leicht gehen laſſenden Weiblichkeit ſchienen bei der Czarin auf die natürlichſte Weiſe nebeneinander zu ſtehen und ineinander überzugehn. Die Liebenswürdigkeit ihrer weiblichen Natur bezeich⸗ nete ſich auch auf eine eigenthümliche Weiſe durch die Art, wie ſie ihr Haar trug, das immer mit einer Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. I. 2 18 antiken Einfachheit und einem beſonderen, anmuthigen Geſchmack um den bedeutenden Kopf ſich gruppirte. Aber es gab in ihrem charaktervollen Geſicht zwei Elemente, welche ſich auf die ſchneidendſte Weiſe darin widerſprachen. Der untere Theil dieſes Geſichts hatte einen groben und faſt rohen Ausdruck, beſonders aber war es eine eigenthümliche Falte, die gerade an der Wurzel der etwas kurzen Naſe ſtand und einen ſelt⸗ ſamen, halb bösartigen, halb frivolen Ausdruck in das Geſicht zurückwarf. Es war dies der Grund geweſen, weshalb Katharina einſt das Portrait verworfen hatte, welches der berühmte Lampi von der Czarin gemalt, und worin dieſer verhängnißvolle, ihr die ganze Phyſiog⸗ nomie verderbende Zug ſeine vollſtändige Auspinſelung erhalten hatte. Durch den Zorn der Kaiſerin beſtimmt, hatte Lampi ſein Portrait umarbeiten müſſen, und nun war eine unſchuldige junge Nymphe aus ſeinem Pinſel hervorgegangen, zu der ſich die kluge Czarin noch weniger bekennen wollte. Das unheimliche Element in dem Geſicht der großen Czarin ſchien auch den überwiegenden Eindruck auf die jungen deutſchen Prinzeſſinnen hervorgebracht zu haben. Aengſtlich und zagend ſtanden Eliſabeth, Frie⸗ derike und Wilhelmine noch immer vor der allmächtigen 19 n Herrin da und wagten noch nicht, einen freien Blick zu ihr zu erheben, obwohl ſie ſich beſtändig wie d 6 ei einen magiſchen Einfluß gezwungen fühlten, in überwältigende Erſcheinung der Czarin immer und te immer wieder ihre Augen hinzurichten. 1 Die Kaiſerin machte aber jetzt die liebenswürdigſten r Anſtrengungen, ihren Gäſten Muth und t einzuflößen. Mit einer Grazie und Anmuth, die ihr a8 unvergleichlich ſtanden, hatte ſie ein Geſpräch ange— n, knüpft, indem ſie ſich auf einen von ihr herbei⸗ e, geſchobenen Seſſel ganz gemüthlich zwiſchen d 2 ſtädtiſche Landgräfin und ihre lieblichen Töchter und auch der Gräfin von Branicka ihren Platz mit den Augen angewieſen hatte. t, Die Kaiſerin wurde immer leichter und hingebende nd man begann die Czarin zu vergeſſen und ſchien nur m noch die heiterſte und vergnügteſte Geſellſchafterin vor in ſich zu haben. So hübſch plaudert es ſich nur mit deutſchen en Landsleuten! ſagte Katharina, indem ſie der Landgräfin nochmals auf das Zärtlichſte die Hand ſchüttelte und zu mit ihren lichten grauen Augen, die zuweilen ie⸗ ſchönen, glänzenden Ausdruck hatten, den Prinzeſſinnen en einer nach der andern freundlich und wohlwollend zu⸗ —————— 20 nickte. Plötzlich ſah ſie, die Hände übereinander⸗ g ſchlagend, mit einem verwunderten und ſchalkhaften Ausdruck die Aelteſte unter den drei S hweſtern an 4 und rief: Mein Gott, welche Aehnlichkeit entdecke ich de jetzt erſt, und zwar eine Aehnlichkeit, die gar nicht Ei abgeleugnet werden kann! Meine gute, liebe Prinzeſſin de Eliſabeth, wiſſen Sie denn, wem Sie ähnlich ſehen? a Mir, mir, mein gutes Kind! Als ich noch zwanzig Jahre jünger war, hätten Sie für ein vollſtändig a gelungenes Portrait von mir gelten können. Meine z liebe Branicka, Sie pflegen ja das Medaillon in Bril⸗ e lanten zu tragen, das ich Ihnen damals gab, und 9 worin Sie mein Portrait empfingen. Laſſen Sie es u 3 uns doch einmal zum Vergleichen ſehen. Die Gräfin Branicka beeilte ſich, das Medaillon 3 von der goldenen Halskette loszulöſen und es geöffnet i 2 der Czarin darzureichen. Man drängte ſich ietzt um . die Czarin her, um das Bild zu beſchauen, und es t verſteht ſich, daß es von allen Lippen nicht an enthu⸗ 3 3 ſiaſtiſchen Ausrufungen fehlte, welche ſowohl die wunder⸗ gleiche Schönheit des Portraits, als auch die zutreffende d . Aehnlichkeit mit der reizenden jungen Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth behaupteten. Eliſabeth ſah betroffen zu den mit ihrem Geſichte an⸗ 21 geſtellten Vergleichen und blickte erwartungsvoll zu der Czarin hinüber. Auf Wilhelminens Antlitz dagegen glänzte ein ſpöttiſcher Zug, und die Prinzeſſin, bei der die Wahrheitsliebe eine hervorſtechende Charakter⸗ Eigenthümlichkeit zu ſein ſchien, bemühte ſich gar nicht, den lächerlichen Eindruck, welchen dieſer ganze Vorgang auf ſie machte, zu verbergen. Die Landgräfin aber ſah plötzlich ungemein glücklich aus, ſie glaubte jetzt den Sinn der Czarin errathen zu haben, und ſah abwechſelnd bald dieſe mit einem einverſtändnißvoll lächelnden, faſt zu vertraulichen Blick an, bald nickte ſie, gleichſam ermuthigend und triumphirend, der ſchönen Prinzeſſin Eliſabeth zu, die offenbar die Lieblingstochter der heſſen⸗darmſtädtiſchen Landgräfin war. Der Landgräfin ſchien jetzt die Wahl ihrer Tochter Eliſabeth zur Gattin des Cäſarewitſch geſichert und außer allem Zweifel geſtellt, und dies war ſchon bei der Reiſe hierher im Geheimen ihr eigentlicher Wunſch geweſen. Die große Czarin ſchien ſich jetzt in der Mitte dieſer guten deutſchen Frauen, deren ſie Eine nach der Andern mit ſichtlichem Gefallen betrachtete, un⸗ gemein wohl zu befinden. Sie ſprang jetzt mit einer heiteren Gebärde auf und ſah ſo zufrieden und wohl⸗ 5 —————z— 22 gelaunt aus, wie man die Kaiſerin ſeit langer Zeit nicht erblickt hatte. Ihre Munterkeit gab ihr faſt den Ausdruck eines jungen Mädchens wieder, und ſie ſchien ſo wohl angeregt zu ſein, daß ſie ſich im Zimmer raſch auf- und niederbewegte und die auf den Tiſchen ausgeſtreut liegenden Sachen der Prinzeſſinnen, nebſt den halb ausgepackten Reiſekoffern, zu muſtern begann. Die Czarin ließ ſich von der Landgräfin, welche ſie mit ehrfurchtsvoller Dienſtwilligkeit auf dieſer Schau begleitete, Eins nach dem Andern zeigen und vorlegen, beurtheilte die Stoffe der Kleider und die Formen und Schnitte, in denen ſich ihr dieſelben dar⸗ zuſtellen ſchienen. Dann ſagte ſie mit liebenswürdiger Stimme, ſich zu den drei Prinzeſſinnen wendend: Wahrlich, ſo reich war ich nicht geweſen, als ich zuerſt nach Petersburg tam. Die damalige Prinzeſſin von Anhalt⸗Zerbſt hatte nicht die Hälfte dieſer ſchönen Kleider mit, als ſie zuerſt in Rußland landete. Nun, was ich damals an Kleidern und ſogar an Hemden zu wenig hatte, habe ich mich bemüht, ſeitdem an Gebiet unſerm heiligen Rußland hinzuzuerobern. Nicht wahr, Land⸗ gräfin, das iſt auch eine ganz hübſche Art, ſich zu revanchiren? 23 D C i heſen⸗darmſtädtiſche Landgräfin konnte ſich nicht enthalten, die Hand der Czarin zu ergreifen und mit einer zärtlichen Unterwürfigkeit an ihre Lippen zu drücken. Sie ſind gut, liebe Landgräfin, ſagte die Czarin, indem ſie mit einer wohlwollenden Gebärde die dicken, rothen Wangen der Landgräfin ſtreichelte. In der That, es iſt mir außerordentlich angenehm, Ihre Be⸗ kanntſchaft gemacht zu haben. Ich zweifle nicht, daß unſere Wünſche ſich dabei auf eine für uns Beide genugthuende Weiſe begegnen werden. Ich danke Ihnen wirklich ſehr, daß Sie gekommen ſind. Aber noch Eins! Ich kann es nicht zugeben, daß Sie, gute Landgräfin, die bedeutenden Koſten dieſer Reiſe ganz allein auf Ihre Börſe übernehmen ſollen. Die Reiſe⸗ koſten gehen mich an, und um ſo mehr, als ich ſelbſt die Veranlaſſung dieſer von mir ſo ſehr gewünſchten Reiſe bin. Die Frau Landgräfin wird mir daher gnädig geſtatten müſſen, daß ich ihr die Auslagen wiedererſtatte, die ich unmöglich auf dem Etat eines Ländchens, wie Heſſen⸗Darmſtadt iſt, ſitzen laſſen kann. Katharina übergab der erſchrocken zurückfahrenden Landgräfin hierbei ein Portefeuille mit Banknoten, 24 welches die Gräfin Branicka auf den Wink der Kai⸗ ſerin in die Hände derſelben gelegt. Mein Gott, ich Aermſte! ſtammelte die Landgräfin, indem ſie den überreichen Inhalt des Portefenilles vor ſich erblickte. Auf keinen Fall darfſt Du das nehmen! flüſterte Prinzeſſin Wilhelmine, die plötzlich ernſt und bleich ausſah, heimlich der Landgräfin zu. Die Czarin hatte das auffallende und haſtige Be⸗ nehmen bemerkt, mit welchem Wilhelmine ſich zu ihrer Mutter gedrängt. Katharina warf dem kühnen Mädchen einen flammenden Blick zu, der ſie aber nicht nieder⸗ ſchmettern zu können ſchien. Wilhelmine erhob muthig ihre ſchönen und ausdrucksvoll leuchtenden Augen zu der Czarin empor und wagte es, den erſtaunt fra⸗ genden Blicken derſelben zu begegnen. Mein Kind, ſagte Katharina, ihre Hand in die ihrige nehmend, Du gefällſt mir ſehr. Aus Deinen klugen Angen ſpricht Verſtand, Stolz und richtiges Gefühl. Du wäreſt vielleicht im Stande, mir eben die Leviten darüber zu leſen, daß ich der gnädigen Mama dies Anerbieten zu ſtellen gewagt. Ja, ja, Du ſiehſt mir ganz ſo aus, als ob Du ein kleiner, waghalſiger Trotzkopf wäreſt und gar keine Angſt empfändeſt, Alles herauszuſagen, was in Dir losſpru⸗ deln möchte. Nicht wahr, mein lieber, blonder Wild⸗ fang? Die Czarin ſtreichelte ihr dabei mit einer ſanften, wohlwollenden Gebärde das ſchöne, blonde Haar, was Wilhelmine, die ſich ſeltſam und unheimlich dabei be⸗ rührt zu fühlen ſchien, nicht ohne ein heimliches Zucken geſchehen ließ. Aber der Eindruck, welchen dieſe Lieb⸗ koſung der Czarin auf die Uebrigen machte, hatte eine athemloſe Stille im Zimmer hervorgebracht, und die Ueberraſchten betrachteten es als ein neues Merkmal, durch welches die Entſchließungen der Kaiſerin ſich anzukündigen ſchienen. Man war jetzt überzeugt, daß nicht Eliſabeth, ſondern Wilhelmine die Erwählte für den Czarewitſch ſein werde. Dieſe Annahme, welche Wilhelmine jetzt rings um ſich her auf dem Geſichte der Mutter und der Schweſtern las, ſchien das eigenthümliche Mädchen in dieſem Au⸗ genblicke zu verdrießen. Sie ſagte zur Czarin mit einer Naivetät, die ebenſo liebenswürdig war, als ſie einen gränzenloſen Schrecken unter allen Anweſenden verbrei⸗ tete: Nein, allergnädigſte Czarin, ſo ſchlecht ſteht es mit uns nicht, daß wir uns die Reiſe hierher bezahlen laſſen müßten. Wir ſind zu unſerm eigenen Vergnügen 26 hierher gereiſt, und die Börſe, die Mama Landgräfin aus Darmſtadt mitgebracht hat, ſah ganz kugelrund und gar nicht ſo kläglich und jämmerlich aus. Wir werden auch davon ganz gut wieder zurückreiſen können, und wenn es nicht reicht, ſchickt uns Papa neues Reiſegeld aus Darmſtadt. Aber es ſähe ja aus, als wenn man uns hätte kommen laſſen, wollte man uns . das Reiſegeld erſetzen. Die Landgräfin, in Angſtſchweiß gebadet, rang die Hände bei dieſen unerhörten Auslaſſungen ihrer jüngſten Prinzeſſin Tochter und ſchien eben im Begriff, laute Wehklagen darüber ausſtoßen zu wollen; die Czarin aber fuhr raſch mit der Hand über die Stirn, auf welcher ein augenblicklicher Unmuth ſich leiſe abge⸗ ſchattet hatte, und ſagte dann, ſich mitten in den Kreis hinſtellend, indem ſie mit ihrer hochgebietenden Anmuth wieder freundlich über Allen thronte: Au plaisir de vous revoir, meine lieben Freun⸗ dinnen insgeſammt! Euere gnädige Czarin wünſcht Euch morgen früh im Winter⸗-Palais in feierlicher Audienz zu empfangen und beſtimmt die zwölfte Stunde des Vormittags dazu. Auch den Groffürſten Paul, den Czarewitſch, werde ich dann vorzuſtellen die Ehre haben. Ich wünſche, daß zwiſchen uns, als deutſchen — do — Landsleuten, Alles recht gemüthlich hergehe, und darum habe ich es vorgezogen, meine Freunde hiermit münd⸗ lich dazu einzuladen. Morgen früh aber wird mein Hoffourier bei Euch erſcheinen und Ceremoniel und Toilette anzeigen. Bis dahin adieu, adieu, mes amies! Die Czarin ſchied mit einer Kußhand, welche ſie flüchtig durch die Luft der Landgräfin zuwarf. Nur Wilhelmine war beim Abſchied von einem ſtrengen, ernſten Blicke geſtreift worden, welchen Katharina auf ſie zurückgleiten ließ. Mit einem tiefen, ahnungsvollen Seufzer ſank die junge Prinzeſſin auf dem Fauteuil nieder. Die Landgräfin hielt noch immer das Banknoten⸗ Portefenille, das ſie nicht wieder abzugeben gewagt, in ihren zitternden Händen. Man befand ſich in einer bangen, zweifelhaften, ja düſteren Stimmung. Der deutſchen Familie kehrte heut ihr natürlicher Frohſinn nicht mehr zurück.— II. Auf dem Flügel des Winter⸗Palaſtes, auf welchem die Zimmer lagen, welche der junge Großfürſt Paul mit ſeinem Gouverneur, dem Grafen Panin, bewohnte, herrſchte heut ſchon am frühen Morgen eine ſehr rege Lebendigkeit. Der Czarewitſch war von dem Ereigniß des Tages, von dem ganz Petersburg ſprach, ſchon geſtern durch ein vertrautes Zwiegeſpräch mit ſeiner Mutter unterrichtet worden, und er hatte ſich heut, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ſehr früh aus ſeinem Bett erhoben, um ſich zu der wichtigen und feierlichen Audienz vorzubereiten, in der er heut Mittag zu der längſt erwarteten Brautſchau vor der Czarin erſcheinen ſollte. Paul war vor Kurzem zwanzig Jahre alt geworden, aber ſeinem ungemein jugendlichen oder wenigſtens unentwickelten Ausſehn nach, das weit unter dieſem Alter zu ſtehen ſchien, würde man ihm leicht mehrere 29 Jahre weniger gegeben haben. Der Großfürſt Paul war weder jung noch alt, Beides ſchien ihm ſei⸗ ner ganzen Natur nach und durch alle Eigenſchaften ſeines Weſens durchaus unmöglich gemacht zu ſein. Seine kleine, zuſammengeſchrumpfte, widerwärtige Geſtalt, die kalmückiſche und negerhafte Häßlichkeit ſeines Geſichts, der ganze ſeltſame, faſt Abſcheu er⸗ regende Ausdruck ſeiner Perſönlichkeit ſchienen keinem Alter unterworfen ſein zu können. Paul hatte niemals jung ausgeſehen, und man konnte ſich ihn ebenſowenig alt denken. Tiefe, unſauber ſcheinende Runzeln hatten ſchon ſeit früher Kindheit das Antlitz Paul's bedeckt. Und doch lag auch über dieſes eigenthümlich verzerrte Geſicht ein gewiſſer Zug ausgebreitet, der anziehen, feſſeln und mit einer ungewöhnlichen Theilnahme für dieſen jungen Prinzen erfüllen konnte. Der kleine, ſchmale, gerade in die Höhe gehende Kopf, der zunächſt einen ängſtlichen und peinlichen Eindruck machen konnte, hatte zugleich etwas ſeltſam Rührendes, und man konnte dies Antlitz nicht ohne Betroffenheit und Bewegung anſehen. Das feingeſchnit⸗ tene, geradaus blickende Auge ſchaute bekümmert und forſchend in die Ferne und ſchien das Verſtändniß einer dunkeln und zweifelhaften Zukunft mühſam zu 6 6 —— 2 0 ſuchen. Die kleine, kurze Naſe, die ſonſt kaum aus dem Geſicht hervorgetreten ſein würde, war in ihrer Spitze auf eine höchſt auffallende Weiſe aufwärts ge⸗ bogen und gab dem ganzen Geſicht einen ſtechenden, unruhigen Ausdruck, über den man nicht gleich mit ſich einig werden konnte. Zwiſchen dieſer Naſe und dem darunter liegenden, ungemein kleinen Mund war ein ungewöhnlich langer Zwiſchenraum, der einen merk⸗ würdigen Charakter⸗Ausdruck hinzufügte. Dieſer auf⸗ fallende Zug verdarb den edleren und ſinnigen Ausdruck, der in den ernſten, beſorgt in die Ferne blickenden Augen wohnte. Es begann hier ein rohes, wildes Ele⸗ ment der ganzen Phyſiognomie, das durch den darunter liegenden feinen, ſeltſam gekniffenen Mund, deſſen Unter⸗ lippe ein wenig fett herunterhing, nicht wieder gut⸗ gemacht werden konnte. Das Geſicht lief in einem glatten, faſt anmuthig zu nennenden Kinn aus, wäh⸗ rend ſich oberhalb eine hohe, faſt die ganze Hälfte des Geſichts bildende Stirn wölbte, der ein edler, intellektueller Ausdruck nicht abzuſprechen war. Das ganze Portrait ſchließt mit einem zierlich gewundenen Zöpfchen, das nach der Sitte der Zeit dem jungen Prinzen aus einem wohlgeordneten Haarbeutel zwiſchen den Schultern herunterhing. So war Paul, der künftige Thronerbe Rußlands, in ſeinem zwanzigſten Jahr. Der Ausdruck ſeines Geſichts war ein guter, unſchuldiger, faſt edler zu nennen. Auf geheimes Dulden und Leiden deutete Manches in ſeinem ernſten, ſchwermuthsvollen Auge, aber zugleich ſprach eine feſte Reſignation, eine cha⸗ raktervolle Traurigkeit aus dieſem jungen Geſicht, auf dem ebenſo viel Empfindung als bizarre und wilde Hößlichkeit wohnte. Seine Phyſiognomie wäre auch nicht ganz ohne harmoniſchen Ausdruck geweſen, wenn nicht die ſtark hervorſtehenden Backenknochen ihr einen Zug trotziger Wildheit hinzugefügt, über den nicht hinwegzukommen war, und welcher der europäiſchen Racenbildung Hohn ſprach. In dieſem Augenblicke aber, wo ſich Paul den Händen ſeines Kammerdieners zur Vollendung einer ebenſo feſtlichen als ausgeſuchten Toilette hatte über⸗ geben müſſen, ſchien ein Zug von freudiger Erwar⸗ tung, von lebhafterem Intereſſe, wie man es ſelten auf ſeinem Geſicht bemerkte, auf demſelben aufgeblitzt. Dieſer Ausdruck verſchönte ihn faſt, und machte ſeine ſonſt ziemlich farbloſen oder gelblichen Wangen höher und friſcher erglühen. Es war das erſte Mal, daß ſich der Czarewitſch 32 beſtimmt für Dieſes oder Jenes erklärte, das er an⸗ legen wollte und das ihn, ſeiner Meinung nach, heut beſſer kleiden würde. Mit großem Erſtaunen bemerkte dies Jwan Paulowitſch, der Kammerdiener des jun⸗ gen Großfürſten, der eine faſt zärtliche Anhänglich⸗ keit an ſeinen Herrn beſaß und von demſelben mehr als ein gleichalteriger Freund, denn als Sklave an⸗ geſehen wurde. Die liſtig blinzelnden ſchwarzen Augen, mit denen Jwan jetzt dem jungen Prinzen forſchend in's Geſicht ſah, und wozu er nach ſeiner Weiſe höchſt komiſche und poſſenhafte Pantomimen hinzufügte, be⸗ gegneten daher bei Paul einem ſehr freundlichen, ihm faſt verſchämt zunickenden Blick. Denn der junge Prinz konnte es nicht mehr bergen, daß der heutige Morgen ihn mit ſeltſamen, ſein ganzes Gemüth be⸗ wegenden Empfindungen durchzitterte. Meinſt Du, Jwan Paulowitſch, daß ich mich auf dieſe Weiſe nicht allzu garſtig ausnehmen werde? fragte der junge Prinz ſeinen mit dem größten Eifer um ihn beſchäftigten Diener. Iwan Paulowitſch machte einen fürchterlichen, mehrere Fuß hohen Sprung aufwärts und ſenkte ſich dann wieder bis zum Erdboden vor ſeinem jungen Herrn, indem er ſeine Stirn bis vor die Füße deſſelben wir ſei 33 neigte. Dann rief er, unter entſetzlichen Augenver⸗ drehungen, mit einem ſeltſamen, näſelnden Ton: Wahr⸗ lich, die Sonne der Schönheit und der Frühling der Jugend ſind an unſerem holden Czarewitſch aufge⸗ ſtrahlt, und nur die Auserleſenſte wird würdig ſein, der Blume des Thrones ſich zu nähern und in den entzückenden Duft des Paul Petrowitſch emporſteigen zu dürfen! Halt ein, Du einfältiger Jwan Paulowitſch Kou⸗ taitzow, ſagte der Prinz mit einiger Verdrießlichkeit. Du weißt, ich kann dieſe orientaliſchen Hundemanieren nicht leiden, die Dir noch von Deiner orientaliſchen Abſtammung her ankleben. Wenn wir Freunde bleiben ſollen, und, in der That, ich liebte Dich, Jwan Pau⸗ lowitſch Koutaitzow, ſo haſt Du jetzt endlich aufgehört, Türke zu ſein, und läßt mich nun merken, daß man das Taufwaſſer nicht umſonſt an Dich verſchwendet, ſondern, daß aus dem Muſeljungen denn ein Muſelmann warſt Du noch nicht einmal— auch wirklich ein ächter Moskowit geworden iſt. Jwan ſtand plötzlich wie angedonnert da und neigte ſeinen Kopf mit einem ſchmerzlichen Ausdruck zur Seite. Eine wunderbare Träumerei flog über ſein ſchönes, intereſſantes Geſicht. Doch wechſelte wieder Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. J. 8 34 eine wilde Gluth, ein blitzender Zug von Bosheit und Tücke, in ſeinen Mienen. Dann traf ein liebevoller, aus tiéfſter Seele aufflammender Blick ſeinen Herrn, und er ſtürzte jetzt auf ihn zu, ſeine Hand ergreifend und mit inbrünſtigen Küſſen bedeckend. Iwan war ein gefangener Türkenknabe geweſen, welchen die Ruſſen, wie dies in ihrer Gewohnheit lag, im Kriege aus der Heimath ſeiner Jugend mit ſich ge⸗ nommen hatten. Ein glücklicher Zufall hatte ihn in den Palaſt der Czarin gebracht, wo er ſeines angenehmen Aeußeren wegen für den Dienſt des jungen Großfürſten beſtimmt worden, nachdem ihm die chriſtliche Taufe ſeine jetzigen Namen beigelegt. Paul ſah ihn jetzt verwundert an und ſagte, ſeine Hand unwillig zurückziehend: Jwan, Du haſt es heut darauf abgeſehn, Dich wie einen Hund zu benehmen, und ich fordere jetzt von Dir, vernünftig und klug zu ſein, oder ungeachtet unſrer Freundſchaft, die eine Sache für ſich iſt, dürfte ſich doch mein Zorn endlich einmal ganz ernſtlich mit Deinem Rücken berühren! Die Augen des jungen Großfürſten ſtrömten jetzt ein unheimliches, flackerndes Feuer aus, vor dem Jwan mit einer ängſtlichen Bewegung zurückſchreckte. Dann ſagte der zitternde Sklave, der den Moment erkannte, — * 0 wo die rückſichtsloſe Macht ſeines Herrn ſich nicht mehr zu verläugnen pflegte, mit einem ganz leiſen, unterwürfigen Tone: Ich bitte bloß um die hohe Gunſt, dem Czarewitſch zu dem heutigen Tage Glück wünſchen zu dürfen! Möchten aber wir anderen Ge treuen darum nicht vor den Angen unſeres geliebten Herrn verſtoßen werden! Es iſt dabei weniger Schade um den armen Knecht Jwan Paulowitſch Koutaitzow, der ſich im Schatten irgend eines Hundewinkels nie derlegen kann, zufrieden, wenn er nur noch aus der Ferne zu ſeinem Herrn emporwedeln darf. Aber da giebt es noch andere Thränen zu trocknen, wenn der Cza rewitſch heut die deutſche Braut heimgeführt haben wird. Was wird aus Sophie Czarnowska werden? Wie kommſt Du dazu, mir grade jetzt dieſen Na⸗ men zu nennen? fragte Paul, emporfahrend, indem eine leiſe Röthe ſeine Wangen bedeckte. Ich habe gewiß Strafe verdient, Prinz, erwiderte Jwan Panlowitſch, indem er demüthig ſeinen Rücken beugte; aber den unbeſchreiblich ſchönen Augen der Sophie Czarnowska iſt nicht zu widerſtehen, wenn ſie um etwas bitten. Sie möchte gern das holde Antlitz des Czarewitſch noch einmal ſchauen, ehe ſie den Anblick deſſelben für immer verlieren ſoll. Und 3 36 ich habe es unternommen, Prinz, dieſe Bitte an Euer Ohr zu bringen, ſollte auch darüber Euer Zorn in der That ganz ernſtlich ſich mit meinem Buckel be⸗ rühren wollen. Iwan machte dabei eine ſo komiſche Grimaſſe, daß Paul ſich nicht enthalten konnte, über ihn zu lachen. 4 Beſänftigt, ſagte er zu ihm: Du ſetzeſt Dich einer großen Gefahr aus, mein guter Jwan Paulowitſch! Du weißt doch, daß meine Mutter, die allergnädigſte Czarin, es ſtreng verboten hat, den Namen Sophia Czarnowska noch je vor meine Ohren zu bringen? Mein treues Gedächtniß wird ſtets ihrem Namen und ihrer unvergeßlichen Perſon gewidmet ſein, ſage ihr das, guter Jwan, aber was die Czarin geboten hat, muß geſchehen. Wir dürfen uns nicht mehr ſehen, Sophia und ich, was wir uns auch zu ſagen haben mögen. Die Kaiſerin hat unſer Verhältniß gelöſt, nicht einmal den Abſchied mehr dürfen wir vonein⸗ ander nehmen. Jwan machte mit der Hand einen Streich durch die Luft und ſprang dann, ſeiner Gewohnheit nach, mit eng zuſammengehaltenen Beinen einige Male in die Höhe. Darauf ſagte er ganz leiſe, und vorſichtig den Zeigefinger ausſtreckend: Die Czarina befiehlt, 28 30 und wen ſie als ungehorſam befindet, iſt mit Recht des Todes ſchuldig. Aber Sache eines klugen und rechtſchaffenen Unterthanen iſt es, ſich nicht als un⸗ gehorſam betreffen zu laſſen. Es ſind alle Vorſichts⸗ maßregeln getroffen, Prinz. Paul ſchreckte einen Augenblick zuſammen, und überließ ſich einem ſtillen hinbrütenden Nachſinnen. Jwan beobachtete ihn mit einem ſchlauen Lächeln. Dann ſagte der Prinz, ſich ihm nähernd, und ihm die Hand vertraulich auf die Schulter legend: Jwan Paulowitſch Koutaitzow, iſt ſie hier in der Nähe, die holde, liebliche Sophia? Jwan nickte geheimnißvoll und zeigte auf eine Tapetenthür, die an der Hinterwand des Saales ver borgen war. Paul wollte ſich eben dorthin begeben, als in die⸗ ſem Augenblick ein Diener hereintrat und meldete, daß der Graf Panin zu dem Grofßfürſten eintreten werde. Eine Minute darauf ſtand der Graf ſchon im Zimmer und begrüßte ſeinen Zögling, den Grofßfürſten, mit freundlicher Würde, aber zugleich mit einem et⸗ was verweiſenden Blick, denn die Toilette des Groß⸗ fürſten ſchien ſeinem Gouverneur noch nicht ſo weit vorgerückt, als er es erwarten zu dürfen geglaubt 38 hatte. Graf Panin zog daher ſeine ſchöne, pracht⸗ voll mit Diamanten beſetzte Taſchen⸗Uhr heraus, be⸗ trachtete das Zifferblatt derſelben lange mit prüfen⸗ dem Blick und ſah dann den jungen Grofßfürſten von oben bis unten an. Graf Panin war einer der würdigſten und an— geſehenſten Cavaliere des ruſſiſchen Hofes, welchem der Ehrenpoſten des Ober-Gouverneurs des Groß⸗ fürſten durch das Vertrauen der Czarin zugefallen war. Man konnte ihn in gewiſſem Betracht den tugendhafteſten und uneigennützigſten Mann Rußland's nennen, und zugleich war die Feinheit ſeiner Staats⸗ kunſt bei ſo vielen wichtigen Gelegenheiten erprobt worden, daß ihn Katharina bei ihrer Thronbeſteigung im Jahre 1762 auch noch zu ihrem Staatsminiſter ernannt hatte. Neben dieſer großen Thätigkeit in den Staatsgeſchüften hatte er auch die Erziehung des Großfürſten bis jetzt geleitet, wo er im Begriff ſtand, den Einfluß auf die Bildung ſeines Zöglings für voll⸗ endet zu erklären, und ihn nach ſeiner bevorſtehenden Verheirathung einer neuen Periode ſeines Lebens zu überlaſſen. Bei der ſprüchwörtlich gewordenen Pünktlichkeit des Grafen Panin hatte er nicht umhin gekonnt, den 39 Großfürſten auf den Rückſtand aufmerkſam zu machen, in welchem ſich derſelbe augenſcheinlich noch mit ſeiner Toilette befand. In fünfundzwanzig Minuten werde ich wieder⸗ kommen, Prinz, um Sie dann zur Vorſtellung in die Gala-Gemächer der allergnädigſten Czarin abzuholen, bemerkte Graf Panin ebenſo ruhig als beſtimmt. In dreißig Minuten müſſen wir an den Stufen des Thrones ſtehen, aber ich werde, wohlgemerkt, fünf Minuten früher hier erſcheinen, da wir ſo viel Zeit be⸗ dürfen, um in den andern Flügel des Palais hinüber⸗ zugehen. Es iſt dabei auf das Allerſtrengſte darauf ge⸗ rechnet, daß Seine Kaiſerliche Hoheit ſich alsdann ganz und gar fertig mit Ihrem Anzuge betreffen laſſen werden. Der Großfürſt, mit einem mürriſchen Seitenblick, obwohl noch immer mit dem Ausdruck von Ehrerbie— tung, den er ſeinem Gouverneur nicht weigern zu kön⸗ nen ſchien, verſprach, um die anberaumte Zeit es nicht an ſich fehlen zu laſſen. Aber noch Eins, Prinz, fügte Panin hinzu, indem er, ſchon mitten in der Thür, plötzlich wieder um⸗ kehrte und, dem Großfürſten mit freundlichem Ernſt die Hand darreichend, ſich ihm angelegentlich näherte. Ich habe noch Etwas im Vertrauen mit Ihnen zu ſprechen. ———* 40 Hören Sie mich an, aber fahren Sie unterdeſſen fort, ich bitte Sie darum, Ihre Toilette zu Ende bringen zu laſſen; ſonſt wäre es doch möglich, daß wir nicht zur rechten Zeit kämen. Setzen Sie ſich ſchleunigſt, lieber Prinz, und Du, Iwan Paulowitſch Koutaitzow, thue flugs deine Schuldigkeit. Jwan kann uns in Dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, nicht ſtören, denn der verſchmitzte Burſch iſt ja ohnehin der Mitwiſſer aller Geheimniſſe im Palaſte. Der junge Großfürſt ſaß jetzt wieder unter den Händen ſeines getreuen Jwan, der fleißig an ihm fortzuarbeiten begann, im Lehnſtuhl vor dem Spiegel. Graf Panin ging noch einige Male mit feierlich ab⸗ gemeſſenen Schritten im Zimmer auf und nieder, und dann, vor dem Großfürſten ſtehen bleibend, ſagte er mit vielem Nachdruck: Hören Sie, Prinz, ich habe Ihnen noch eine Mit⸗ theilung, betreffend die junge Sophia Czarnowsla, zu machen. Für das Fortkommen dieſer jungen Perſon iſt jetzt durch die Huld der hohen Czarin auf das Beſte geſorgt. Es entſpricht dies ſowohl der beſon⸗ deren Gunſt, in der ſie, unter allen Ehrenfräuleins der Czarin, ſtets bei derſelben geſtanden, als es auch die Dienſte belohnt, welche ſie dem ganzen ruſſiſchen — — 41 Vaterlande geleiſtet und worin ſie ſich auf eine nie ge nug anzuerkennende Weiſe ausgezeichnet hat. Paul warf einen langen, fragenden, faſt flehentlich bittenden Blick zu Panin empor, während Jwan Pau⸗ lowitſch, der grade an dem Zopfe des jungen Groß⸗ fürſten mit beſonderem Eifer arbeitete, die ſeltſamſten, hin⸗ und herzuckenden Schlagſchatten auf ſeinem Ge— ſicht ſehen ließ, und mit einer geheimen Anwandelung von Lachluſt auf das Fürchterlichſte zu kämpfen ſchien. Fräulein Sophia von Czarnowska, fuhr Graf Pa⸗ nin mit unerſchütterlicher Würde fort, verläßt morgen, den Befehlen der Czarin gemäß, Rußland und wird ſich an der Hand eines Gatten, den ihr die Czarin ausgewählt, nach Frankreich begeben. Es iſt der Graf Georg Raſtaptſchin, welchem dieſe Ehre aus den Hän⸗ den der Kaiſerin zu Theil geworden iſt. Werden Sie ſich damit zufrieden erklären, Prinz? Wie ſollte ich nicht? erwiderte Paul, erſchrocken auffahrend. Was bleiben mir für Rechte auf Sophia von Czarnowska, nachdem meine kaiſerliche Mutter meine Vermählung befohlen, und nun auch die ihrige? Wir ſind getrennt für immer, obwohl ein ſo enges Band uns verknüpfte, und nicht einmal den Abſchied hat uns die Czarin voneinander verſtattet. 42 Nein, entgegnete Graf Panin mit ſeinem feierlichen Ernſt, es darf nicht Abſchied genommen werden! Die Kaiſerin hat mir noch ausdrücklich aufgetragen, darüber zu wachen, daß ihrem Befehl in keiner Weiſe zuwider⸗ gehandelt werde. Ich will hoffen, daß ſich hier in⸗ zwiſchen keine ketzeriſchen und aufrühreriſchen Geſin⸗ nungen dagegen geltend gemacht haben werden? Der Graf überflog mit drohenden und mißtraui⸗ ſchen Blicken das Geſicht des Prinzen und das ſeines vertrauten Kammerdieners; aber Beide beobachteten einen tiefen, unverbrüchlichen Ernſt in ihren Mienen. Mein lieber Prinz, fuhr Panin fort, Ihre Ge⸗ danken müſſen ſich jetzt ganz und gar einer neu auf⸗ gehenden Sonne zuwenden. Eine der deutſchen Prin⸗ zeſſinnen, welche die Czarin hat kommen laſſen, wird heut über alle übrigen Verhältniſſe Eurer Kaiſerlichen Hoheit entſcheiden. Als die Czarina vor einem Jahre in ihrer allergnädigſten Fürſorge daran dachte, daß jetzt die Zeit gekommen ſei, Sie zu vermählen, Prinz, ging die erhabene Providenz der Kaiſerin noch weiter. Man hatte der Kaiſerin darüber Bedenken eingeflößt, ob Ihre phyſiſche Natur, mein Prinz, auch hinläng— lich dazu geeignet ſei, den heiligen Boden der Ehe zu betreten; denn Euere Kaiſerliche Hoheit ſchienen —— 43 weder ſtark und kräftig genug dazu, noch mochte man Ihrem Temperament trauen, das bis dahin durchaus kein Feuer und keine zärtlichen Neigungen hatte an den Tag legen wollen. Erinnern Sie Sich auch, Prinz, daß es nicht Ihre eigene Neigung war, welche Sie plötzlich zu dem ſchönen Hoffräulein Ihrer gnädigſten Kaiſerin Mutter hinzog. Die hohe Weisheit der Czarin war es, welche Ihr Herz lenkte und Ihre Augen für die junge feurige Polin öffnete.*) Ja, ja, mein Prinz, um es gerade heraus zu ſagen, Sie ſollten erſt Ihre Probe⸗Ausarbeitung machen, ehe Sie zu einer ſtandesmäßigen und verantwortlichen Heirath zugelaſſen werden konnten; denn der Thronfolger eines ſo großen Reichs übernimmt unberechnenbare Verantwortlichkeiten, wenn er ſich verheirathet. Es wäre beſſer, ihn von der Thronfolge auszuſchließen, als das Reich den Schwankungen einer unſicheren Nachkommenſchaft auszuſetzen. Aber die erhabene Czarin Mutter bewies auch hierin ihren unübertreff⸗ lichen Genins, in den Staatsgeſchäften vorzugehen. Die Sophia Czarnowska rechtfertigte das Vertrauen, welches die Czarin in ſie geſetzt, mit bewundernswürdiger *) Castera II., 92. 44 Pünktlichkeit. Sie gebar prompt nach neun Monaten und that dadurch die Berechtigung Euerer Kaiſerlichen Hoheit, auch eine ſtaatspolitiſch ſichere Ehe zu ſchließen, auf das Unzweifelhafteſte dar. Jetzt erſt konnte mit vollem Fug daran gedacht werden, Prinz, Ihnen eine ebenbürtige Gemahlin zu geben. Dieſer wichtige Tag iſt herangekommen. Richten Sie jetzt Ihre Gedanken auf nichts Anderes mehr, was vom Wege abführen könnte! Sie würden ſonſt Ihrer Perſon, Ihrer Stel⸗ lung und Ihrer Zukunft die größten Schwierigkeiten bereiten! Halten Sie die Ohren ſteif, mein Prinz, thun Sie Alles, was die Czarina befiehlt, und Sie werden einſt ſiegen und herrſchen! Der alte Staatskanzler ſchloß hier ſeine wohl⸗ überlegte, mit der Gründlichkeit eines Actenſtücks zum Beſten gegebene Rede und ſah den Großfürſten dann mit einer ſeltſam lauernden Miene an. Der Prinz blickte ihm unbefangen und ernſt in's Geſicht, ohne irgendwie den Eindruck zu verrathen, welchen dieſe Auseinanderſetzung ſeines Gouverneurs auf ihn gemacht. Dann erhob er ſich, denn Jwan Paulowitſch hatte ſein Werk an ihm vollendet. Jetzt fort mit Dir, ſagte Panin, indem er Jwan mit der Hand zur Thür hinauswies. 45 Jwan gehorchte mit einem höchſt widerwilligen Mienenſpiel und ſchlich ſich dann langſam zur Thür hinaus, einen wüthenden Seitenblick anf Panin rich⸗ tend. Der Grofßfürſt ſtand dem Miniſter jetzt allein gegenüber und ſah ihn kalt und fragend, faſt mit einem gehäſſigen Ausdruck an. Das Weſen des Grafen Panin ſchien ſich aber plötzlich ganz und gar verändert zu haben. Mein Prinz, begann er mit einer ſehr geſchmeidigen Freundlichkeit, die man bisher nicht an ihm bemerken konnte, indem er die Hand des Großfürſten ergriff, ich habe mich danach geſehnt, ein Wort mit Ihnen allein zu ſprechen. Die Anweſenheit des widerwärtigen Geſellen band mir die Zunge. Ich würde ſicherlich vorher Manches ganz anders ausgedrückt haben, wenn nicht dieſer Jwan doch am Ende der Spion der Kai⸗ ſerin wäre. Es iſt gut, ſolche Leute zuweilen auf eine ganz falſche Fährte zu locken und ſie irre zu machen über unſere Abſichten. Paul blickte, ganz ſprachlos vor Erſtaunen, den Staatskanzler an. Iwan Paulowitſch ein Spion? fragte er, ſchmerzlich in ſich zuſammenzuckend. Laſſen wir das, mein lieber Prinz! erwiderte Panin, indem 46 er, den wider ſein Erwarten ſtarken Eindruck ge wahrend, welchen der Großfürſt davon empfand, jetzt wieder mit einer leichten und gefälligen Wendung da rüber hinwegzugehen ſuchte. Spion oder nicht, mein Prinz, es kommt am Hofe von Petersburg im Grunde Alles auf Eins hinaus. Wo ein einzelner, unum⸗ ſchränkter Wille gebietet, da iſt Jeder Spion, der einen Vortheil aus dem Andern herauszuſchlagen verſteht. Dem jungen Großfürſten entfuhr ein leiſer Schrei der Verwunderung, des Erſchreckens. Graf Panin ſah ihn mit einem ſcharfen, prüfenden Blick an und ſagte: Prinz, ich ſetze voraus, daß Ihre heutige Brautſchau zu einem beſtimmten Ziele führen wird! Sie treten dann in eine neue, folgenreiche Periode Ihres Lebens ein. Sie werden mündig, Sie erhalten Ihren eigenen Hofſtant, Sie werden eine politiſche Perſon, und vielleicht, ich hoffe es, ein neues poli⸗ tiſches Syſtem! Ich war bis jetzt ſtolz darauf, Sie meinen Zögling, meinen Schüler nennen zu dürfen, und wie würde ich die Gnade des Himmels preiſen, Prinz, wenn es mir dann, am Ende meiner Tage, vergönnt ſein ſollte, eine neue, beſſere Aera, wie ich ſie in meinen Gedanken ſtets an Ihre Perſon geknüpft, 47 über Rußland aufgehen zu ſehen! Dieſe Erwartungen ſind gerecht, ſie ſind heilig, und ich habe Ihnen oft auseinandergeſetzt, worauf ſie ſich nothwendig ſtützen müſſen. Prinz, glauben Sie es einem alten, im Dienſt ergrauten Staatsmann, die Zeiten ändern ſich, neue Bedingungen zum Leben und Handeln treten ein, und wehe uns, wenn wir den Umſtänden nicht thatkräftig und entſchieden voranſchreiten, ſtatt uns ſpäter willen— los von ihnen hinterherziehen zu laſſen! Als der Prinz fortfuhr, ſchweigend und verſchloſſen, in einem düſtern Hinſtarren, ihm gegenüberzuſtehen und mit keiner Miene die Wirkung zu verrathen, welche dieſe Worte auf ihn gemacht, drängte ſich Panin noch lebhafter und vertranlicher an ihn und flüſterte ihm mit einer heimlichen, kaum vernehmbaren Stimme zu: Herr Großfürſt, das Vaterland verlangt nach Ihnen! Ihnen gehört der Czarenthron, ſchon ſeit dem ver⸗ hängnißvollen Ende Ihres höchſtſeligen Herrn Vaters, unſeres glorreichen Czars Peters des Dritten! Sie werden ihn einſt wiederbeſteigen, der von Anbeginn Ihr Eigenthum war, der eigentlich nur in Ihrem Namen beſetzt und verwaltet werden konnte und der Ihnen von einer überlegenen, ſchwer abzuwendenden Macht bisher vorenthalten wurde! 48 Um Gotteswillen, Graf! fiel der Großfürſt ängſt⸗ lich ein, indem er die Hand deſſelben ergriff und ſich an derſelben, faſt bittend, anklammerte. Sprechen wir nicht von dieſen Dingen, ich bitte Sie! Ich kann es nicht ertragen, davon ſprechen zu hören. Der junge Groffürſt ſah bleich und erſchüttert aus. Mit einer wahren Herzensangſt ſchien er zu beſorgen, daß Panin dies Geſpräch fortſetzen werde. Dann irr⸗ ten wieder die entſetzten Blicke Paul's bis zum Hinter⸗ grund des Zimmers, wo ſie furchtſam verweilten und Lauſcher und Zeugen dieſes gefährlichen Geſprächs zu beſorgen ſchienen. Erſchrecken Sie vor keinem einzigen Gedanken, der ſich Ihnen auch aufdrängen möchte! rief ihm Panin mit feſter, kräftiger Stimme zu. Haben Sie Vertrauen und Muth, Prinz, es giebt viele Männer in Rußland, die Ihnen mit Aufopferung ihres Lebens zur Seite ſtehen werden! Gebieten Sie beſonders über mich, Ihren treuergebenen Diener. Seit Jahr und Tag ſinne ich und trachte ich danach, die Partei des Groß⸗ fürſten Paul zu bilden. Dieſe Partei iſt ſchon da, ſie hat ihr Programm, ſie ſteht in geordneten Reihen zu Ihrer Verfügung, Prinz, und wartet bloß auf den 49 enrſcheidenden Augenblick, wo Sie den Befehl über Ihre Getreuen übernehmen werden!— Der Prinz ging jetzt mit raſchen, immer haſtiger werdenden Schritten im Zimmer auf und nieder. Von Zeit zu Zeit ſchoſſen ſeine Augen wilde Blitze auf den erwartungsvoll und ehrerbietig vor ihm ſtehen geblie⸗ benen Staatsminiſter Grafen Panin. Sein Geſicht hatte ſich zu einer grellen, abſchreckenden Miene ver⸗ zogen. Jetzt aber trat wieder ein ſanfter, anſprechender Ausdruck in ſein Geſicht, und vor Panin ſtehen blei— bend, ſagte er:„Laſſen Sie uns heut nichts beſprechen, Graf, was vor den Ohren der Kaiſerin, meiner Mutter, unſerer allergnädigſten Herrin, keine Gnade finden könnte! Die Czarin lebt, und ich wünſche nichts ſehn⸗ licher, als daß, was mit mir alle guten Ruſſen wünſchen müſſen, ihr Leben auf dem Thron uns noch recht lange erhalten bleiben möge! Möge Alles ſo fortbeſtehen, Graf, wie es der hohe Wille der Czarin geſchaffen und befohlen hat! Ich darf keinen andern Gedanken jetzt hegen, Graf, und werde der Czarin gegenüber immer nur der gehorſame Sohn ſein, der ſich in Ehr⸗ furcht vor ihr beugen wird. Sollte es nicht jetzt Zeit ſein, Graf Panin, uns hinüber in die Gemächer der Kaiſerin zu begeben? Ew. Excellenz beſtimmten uns Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 4 50 vorher nur noch dreißig Minuten Friſt, und ich fürchte, daß dieſelben nunmehr abgelaufen ſein werden, be⸗ ſonders da wir, wie Ew. Excellenz zuvor ausdrücklich bemerkten, wohl fünf Minuten Zeit zum Hinüber⸗ gehen bedürfen werden. Indeß will ich hierin gern der höheren Staatsweisheit des Grafen Panin mich fügen. Graf Panin lächelte mit einem verſchmitzten Aus⸗ druck vor ſich hin, und machte dann dem Großfürſten mit der freundſeligſten Miene von der Welt eine tiefe, bedeutungsvolle Verbeugung. Dann ſagte er: Eure Kaiſerliche Hoheit werden den alten Panin ſchon kennen zu lernen Gelegenheit haben. Und Sie haben Recht, unſer Uebergang war zu ernſt und ſchroff. Wir werden ſogleich für einen leichteren und luſtigeren Sorge tragen. Kommen wir auf die ſchöne Sophia Czar⸗ nowska zurück, wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Prinz. Wie? fragte Paul erſtaunt. Sophie Czarnowska? Panin nickte nachläſſig. Aber verläugnen wir auch darum den alten Pedanten Panin nicht, ſagte er mit einem ſchlauen Lächeln. Laſſen Sie uns zuerſt nach der Uhr ſehen. Paul ſah mit den Zeichen der höchſten Ungeduld, wie Panin langſam ſeine Uhr herauszog und das 51 Zifferblatt unverwandt betrachtete. Was ſoll die Uhr jetzt? fragte er haſtig und ärgerlich. Ja, entgegnete Panin, Ew. Kaiſerliche Hoheit meinten ja ſo eben, daß wir keine Zeit mehr zu ver⸗ lieren haben würden, und daß jene dreißig Minuten längſt abgelaufen wären.— Aber was ſeh' ich? fuhr er fort, indem er den Zeiger verwundert anſtarrte und dann die Uhr gegen ſein Ohr hielt. Wahrhaftig, ich muß mich vorher um eine ganze halbe Stunde ver— ſehen haben. Wir haben jetzt noch dreißig Minuten Zeit, Prinz, und wenn Sie wollen, können Sie die— ſelben ganz nach Ihren Wünſchen verwenden. Sie werden ſehen, daß der Graf Panin kein Spiel— verderber iſt. Er zeigte bei dieſen Worten auf jene Tapetenthür hin und mit einer Gebärde, die deutlich bewies, daß der Miniſter Panin das Geheimniß, welches an dieſer Stelle verwahrt worden, vollkommen kenne. Aberer nickte jetzt dem Großfürſten mit einem ermuthigenden Lächeln zu, das dieſer noch nicht ſogleich zu verſtehen wagte. Ich hatte mir zuerſt vorgenommen, das Rendezvous zu kreuzen, bemerkte Panin. Denn da ich von Allem, was hier geſchieht, genau unterrichtet ſein muß, ſo wußte ich auch, zu welchem Zweck der verruchte Schelm 4* 52 Jwan Paulowitſch, der ſich gern zu jeder Intrigue hergiebt, dort die ſchöne Polin verſteckt hatte. Aber Sie ſollen jetzt ſehen, Prinz, daß es mir Ernſt damit iſt, mich in allen Stücken ganz zu Ihrer Verfügung zu ſtellen. Die Partei Paul, für die ich von heut an mit meinem ganzen Leben eintrete, ſoll zugleich in allem Großen und Kleinen an mir ihr nie verſagendes Werk⸗ zeng finden. Der Großfürſt ſah ihn noch mit ungewiſſen Blicken an, aber Graf Panin zeigte ſich ſogleich bemüht, dem Prinzen jeden Zweifel an dem Ernſte ſeiner dienſt⸗ willigen Anerbietungen zu nehmen. Panin bewegte ſich ſelbſt mit ſeiner würdigen Grandezza vorwärts jener Tapetenthür zu, die er mit Anwendung des Kunſtgriffs, mit dem er vollkommen vertraut ſchien, öffnete. Eine liebliche Frauengeſtalt von blendender Schön⸗ heit trat aus der Tapete hervor und ſchritt, ſich keck umſchauend, in die Mitte des Saales vor. Panin war zurückgetreten und hatte ſich hinter den Großfürſten geſtellt. Dieſem flüſterte er in's Ohr: Mein theuerſter Großfürſt, ſprechen Sie jetzt ungeſtört mit Sophia Czarnowska Alles, was Sie ihr noch zu ſagen haben möchten. Wie Recht hatten Sie vor⸗ 53 hin, als Sie bemerkten, daß Sie der hohen Czarin gegenüber immer nur der gehorſame Sohn ſein würden, der ſich in Ehrfurcht vor ihr bengen müſſe. Dies beruhigt mich in dieſem Augenblicke vollkommen. Denn Sie werden auch jetzt den Befehlen der Czarin ge⸗ horchen, wenn Sie Sich auch über die Ausführung dieſes Befehls Ihr Urtheil vorbehalten haben. Panin grüßte ihn jetzt mit einem Lächeln, vor welchem der Großfürſt ſeine Augen niederſchlug. Sophia Czarnowska hatte ſich ihm aber inzwiſchen raſch genähert und ſtürzte jetzt mit einem lebhaft aufjauchzenden Ruf auf ihn zu, indem ſie ſich ihm zu Füßen warf und ſeine Kniee umklammerte. In dieſem Augenblick war Graf Panin aus dem Zimmer verſchwunden. Stehen Sie auf, Sophie, ſagte der Grofßfürſt, indem er ſie zu ſich emporzuheben ſuchte. Sie aber wollte ſich von dem Platz, den ſie zu ſeinen Füßen eingenommen, nicht hinwegziehen laſſen. Ihre jetzt mächtig hervorſtürzenden Thränen benetzten ſeine Hände, die ſich um ihren Hals geſchlungen hatten. Obwohl ſie heiter und fröhlich angeſprungen gekommen, ſo war ſie doch jetzt plötzlich in eine un⸗ endliche Traurigkeit übergegangen, die ihr ganzes 54 Weſen mit einem gränzenloſen Schmerz zu durch⸗ ziehen ſchien. Der wunderbare Reiz ihrer Erſcheinung hatte ſich in dieſen, ſie faſt überwältigenden Empfindungen plötz⸗ lich gedämpft und umſchleiert. Die ſchöne und üppige Geſtalt hing wie gebrochen vor dem Prinzen nieder, der ſie mit großer Zärtlichkeit betrachtete und jetzt in einer innigen Umarmung an ſich ſchloß. Wir werden getrennt, mein Prinz! rief Sophia mit einer leidenſchaftlichen Gebärde, indem ſie ihre Arme innig um ihn ſchlang. Erſt ſchließt man un⸗ ſern Bund und dann reißt man uns wieder mit einer unerhörten Grauſamkeit voneinander. Ja, ich ſoll niemals mehr im ganzen Leben das Glück haben, Euere Kaiſerliche Hoheit zu ſehen! Morgen werde ich mit einem alten häßlichen General getrant, dem ich noch an demſelben Tage nach Frankreich folgen muß. Und was wird aus unſerm Kinde werden, aus unſerm kleinen, lieblichen Simeon Welikoi, wie man ihn uns getauft hat?*) Der Groffürſt hatte ſie endlich zu ſich emporge⸗ hoben und ſie auf den Divan geführt, wo er ſie lange *) Castera II. 92. 55 ſill* ſeinen Armen hielt. Jetzt richtete ſie ſich wieder an ihm empor und blickte ihn mit ihren gro— ßen, leuchtenden Augen, die plötzlich ihren reinen Glanz wiedergewonnen hatten, an. Sie ſchien wieder heiter geworden und ſagte in einem getröſteten, faſt luſtigen Ton: Weißt Du, Paul, man muß die Dinge nehmen, wie ſie ſind. Ich bin ſchon froh, daß ich wenigſtens Abſchied von Dir neh⸗ men und Dich noch einmal herzlich umarmen darf. Was ſollte ich auch noch länger hier am Hofe von Petersburg machen? Die Czarin hat mich immer wegen meiner munteren Poſſen lieb gehabt und weil ſie meine polniſchen Lieder gern hörte, die ich ihr zu⸗ weilen in der Dämmerſtunde vorſingen mußte. Aber jetzt iſt es vorbei, der Großfürſt ſoll ſich vermählen, eine ganze Schiffsladung von deutſchen Prinseſſinnen iſt ſchon in Petersburg eingetroffen, und die Sache iſt ungeheuer ernſthaft geworden. Sophia Czarnowska iſt überflüſſig. Sie wird jetzt in dem ſchönen Frank⸗ reich ihre polniſchen Lieder ſingen, und mein alter General ſoll ſehr die Muſik lieben. Aber wenn ich nur wüßte, was aus unſerm armen, kleinen Simeot Welikoi werden ſollte? Er wird einſt ein guter Soldat werden, dafür 56 werde ich ſorgen! entgegnete Paul, indem er ihr ierich und mit einer gewiſſen Treuherzigkeit die Hand reichte. Ich werde nie vergeſſen, Sorge für ihn zu tragenz Ich werde ihn für die Marine beſtimmen, der er ½ hoffentlich einſt Ehre machen wird.*) Schwer wird es 1 mir ſein, Dich zu miſſen. Sophia! Wir lebten wie gute Kameraden zuſammen, und oft habe ich herzlich über Dich lachen müſſen; denn Du warſt ſtets luſtig und drollig, und niemals haben wir uns erzürnt. Wenn Du mich mit Deinen ſeltſamen großen Augen anfahſt, fühlte ich neuen Muth in meiner Bruſt und konnte den ſtrengen und feindlichen Sinn meiner Mutter beſſer ertragen. Möchteſt Du glücklich werden, Sophia, und Deinen guten Freund Paul niemals vergeſſen! Dieſe Worte, die einfach, abgebrochen, zum Theil mit einem rauhen und finſtern Ausdruck, aber doch mit einem unverkennbaren, innigen Gefühl ausgeſtoßen wurden, brachten eine neue Aufregung in dem Gemüthe der jungen Polin hervor. Sie begann fürchterlich zu ſchluchzen, ihr Buſen hob und ſenkte ſich mit einer leidenſchaftlichen Gewalt, dann ſtürzte ſie ſich mit *) Simeon Welikoi wurde Schiffscapitain und diente in dem ſchwediſchen Kriege unter dem Contre⸗Admiral Trewenen, in dem er ſich auszeichnete. 57 einem lauten Schrei in die Arme des Groffürſten und hielt ihn feſt umſchlungen. In dieſem Augenblick klopfte es laut und nach⸗ drücklich an die Thür, und Graf Panin trat wieder in das Zimmer zurück. Sie ſind fertig, mein Prinz, und haben gewiß ſchon lange auf mich gewartet? rief er, indem er ſich den Anſchein gab, die Anweſenheit des Fräuleins von Czarnowska nicht zu bemerken. Paul kehrte ihm noch den Rücken und geleitete mit einer zärtlichen Handbewegung ſeine Freundin, die, in ſtummem Schmerz ſich von ihm verabſchiedend, wieder in die Tapetenthür zurücktrat. Mit einem finſtern Geſicht, das plötzlich eine wilde Verzerrung an ſich trug, näherte ſich Paul jetzt dem Grafen und ſagte mit einer faſt gebietenden Stimme: Vorwärts nun; denn es wird ſich nicht für uns ziemen, die Czarin bei der heutigen Ceremonie auf uns warten zu laſſen! Das Zimmer füllte ſich jetzt mit den Adjutanten und dem übrigen Gefolge des jungen Groffürſten. Der Zug bildete ſich nun in einer gewiſſen feierlichen Ordnung, und man ſchritt zu den Gemächern der Czarin hinüber.— W. Eben wollte ſich die Czarin anſchicken, ihr Kabinet zu verlaſſen und ſich in die Galerie zu begeben, wo die heutige feierliche Vorſtellung ſtattfinden ſollte, als die erſte Kammerfrau, Frau von Protaſow, die vor eini⸗ gen Minuten nach Beendigung der Toilette der Kaiſerin hinausgegangen war, mit bleichen Wangen und allen Anzeichen eines ungewöhnlichen Schreckens, wieder in das Gemach ſtürzte und ſich, athemlos und unvermö⸗ gend zu ſprechen, vor die Kaiſerin hinſtellte. Er iſt wieder da! platzte die beſtürzte Kammerfrau endlich heraus. Wer iſt da, Protaſow? fragte Katharina ruhig, und mit einem heitern Lächeln; denn die Kaiſerin befand ſich heute in einer ſo ſanft befriedigten und glücklichen Stimmung, wie man ſie nur ſelten an ihr ſah, und in ſolchen Augenblicken pflegte ſie Alles leicht und ſcherzhaft aufzufaſſen. 59 Der Graf Gregor Orlow iſt plötzlich angekommen, Majeſtät! erwiderte die Kammerfrau. Er ſteht draußen im Vorzimmer und bittet Euere Majeſtät, ihm einige Augenblicke gnädige Andienz zu bewilligen. Die Protaſow ſchien erſtaunt über die ungemeine Freundlichkeit und Ruhe, mit welcher die Czarin dieſe unerwartete Nachricht empfing. Die Kammerfrau hatte den Zorn ihrer erhabenen Gebieterin gefürchtet und ſich darum ſelbſt nur mit ſolcher Angſt zur Ueber⸗ bringerin dieſer Botſchaft gemacht. War es doch Graf Orlow, deſſen ungeahntes Wiedererſcheinen am Hofe von Petersburg ſie anzumelden hatte, Graf Orlow, einſt der allmächtige Günſtling und Liebling Katharina's, mit dem zwölf Jahre einer innigen und zärtlichen Freundſchaft ſie eng verbunden und der durch ſeinen ungeheueren Einfluß auf den Willen der Kaiſerin während dieſer Zeit die Schickſale Rußland's weſentlich beſtimmt hatte. Aber dieſe Bande waren von der Kaiſerin ſelbſt entweder aus Ueberdruß der Freundſchaft, oder aus Beſorgniß, ihre eigene Freiheit ganz und gar an den gefährlichen Günſtling zu verlieren, zerriſſen wor⸗ den. Und wie konnte es der Gefürchtete und Ver⸗ abſchiedete wagen, ſich plötzlich wieder am Hofe zu zeigen und ohne alle Ankündigung, ganz in ſeiner 60 alten Weiſe ſiegreicher Ueberraſchung und Ueberrum⸗ pelung, der Czarin nahen zu wollen? Katharina ſelbſt ſchien in dieſem Augenblick dem⸗ ſelben Gedankengange nachzuhängen; aber ihre Be⸗ trachtungen waren bei weitem friedlicher und verſöhn⸗ licher, als die der geängſtigten Kammerfrau. Alte Erinnerungen ſchienen ſüß und träumeriſch auf dem Geſicht der Czarin aufzudämmern. Sie neigte ihr Haupt ſeitwärts und ſchien noch einen Augenblick lang bei ſich nachzuſinnen; dann ſagte ſie raſch: Meine liebe Protaſow, laß den Grafen Orlow zu mir eintreten!— Die Protaſow unterdrückte einen Schrei und eilte fort, den Grafen herbeizuholen.. Graf Orlow ſtand vor der Kaiſerin in dem ganzen ehemaligen Glanze ſeiner Erſcheinung, die ſtets einen ſo mächtigen, unwiderſtehlichen Eindruck auf die Sinne der Kaiſerin geübt. Es war derſelbe Gregor Orlow, deſſen coloſſale Männerſchönheit ein ſo großes Ueber⸗ gewicht über alle Entſchlüſſe und Gefühle der Kaiſerin behauptet hatte. Seine gewaltige Geſtalt, ſeine ſtrah⸗ lenden, blühenden Formen erſchienen der Czarin in dieſem Augenblick unwiderſtehlicher, hinreißender, als je zuvor, und ſie begriff nicht, warum ſie ſo lange von ihm habe getrennt bleiben können? 61 In dieſem ſie ganz und gar beherrſchenden Ge⸗ fühle war ſie ihm auch jetzt wieder entgegengetreten. Katharina hatte plötzlich vergeſſen, daß Graf Orlow der verabſchiedete Günſtling war. Sie reichte ihm mit ihrem bezauberndſten Lächeln, mit jenem bedeu⸗ tungsvollen, viel verheißenden Ausdruck in ihrem Ge⸗ ſichte, die Hand dar, welche Orlow mit der ihm ſtets eigen geweſenen Kühnheit zu küſſen und an ſein Herz zu ziehen wagte. Katharina ſtrahlte und zitterte vor Freude, ihn zu erblicken. Wir glaubten Euch in Reval, Graf Orlow, ſagte ſie mit entgegenkommender Huld, und nun überraſcht uns Eure Gegenwart, die Ihr uns ſo lange entzogen, ebenſo plötzlich als liebenswürdig an unſerem Hofe. Ihr trefft gerade zu einer recht wichtigen Stunde hier wieder bei mir ein, denn wir haben heut Morgen, ja in einer halben Stunde ſchon, eine feierliche Ceremo⸗ nie, und ich lade Sie ein, Graf Orlow, derſelben mit dem vollwichtigen Recht, das Ihnen früher dazu ge⸗ hörte, beizuwohnen. Der Großfürſt wird ſich heut ſeine Braut wählen, und zugleich wird die Verlobung dieſem längſtbedachten Akt auf dem Fuße folgen. Graf Orlow ſchien entzückt über dieſen Empfang 62 der Czarin, den er ſo kaum zu erträumen gewagt hatte. Während er ſoeben noch ſich demüthig, faſt wie ein Bittender, vor der Czarin dargeſtellt hatte, blitzte jetzt wieder der ganze ungemeſſene Stolz Orlow's, der einen hervorſtechenden Theil ſeines Charakters bildete, auf ſeinem Geſicht, in ſeinen großen, prachtvollen Augen, auf. So vermochte mich denn mein guter Genius, mich wieder aus meiner entſetzlichen Einſamkeit herauszu⸗ wagen, Czarin, ſagte er, ſich auf ein Knie vor ihr niederlaſſend. Und die Sonne der höchſten und ent⸗ zückendſten Gnade hat mir Glücklichen gleich wieder das Haupt getroffen. Nachdem ich ſo viel gelitten durch ihren Verluſt, wird mir von Neuem das Leben geſchenkt aus den wunderthuenden Augen meiner ge⸗ liebten Czarin. Katharina hatte ihm mit ihren Blicken geheißen, ſich wieder von ſeinen Knieen zu erheben, und ſie ſah jetzt mit unverhehltem Wohlgefallen an ſeiner hohen Geſtalt herauf, durch welche ſie faſt um eine Kopfes⸗ länge überragt wurde. Sie neigte ſich jetzt näher zu ihm, faſt als wenn ſie ſich an ihn anſchmiegen wollte, und ſagte dann mit einer ihn bedauernden, zärtlichen Stimme: Alſo ſo ſchlecht iſt es meinem alten Freunde Orlow in der Zwiſchenzeit ergangen? Wie kann man 63 auch ein ſolcher Trotzkopf ſein, der ſich aus Dépit in einer Einöde, wie die Stadt Reval iſt, vergraben mag. Man hat mir geſagt, daß Graf Orlow dort wie ein armer Garniſon-Lieutenant gelebt hätte und nicht wie Gregor Orlow, dem ich in Petersburg Pa⸗ läſte und Denkmäler von Marmor gebaut und dem ich bei unſerer Trennung zweihundertundfünfzigtauſend Rubel Jahreseinkünfte gegründet. Schon darum war ich neugierig, Euch einmal wiederzuſehen, um auch einmal den abgehärmten Einſiedler Orlow, der aus toller Laune die Frenden der Welt abgeſchworen, ken— nen zu lernen. Aber meiner Treu, Graf Orlow, von Allem dem iſt in Eurer, noch immer höchſt ſtattlichen Figur durchaus nichts wahrzunehmen. Und warum habt Ihr Euch nicht längſt wieder in Petersburg bei mir gemeldet? Orlow blickte der Czarin mit einem ungemein dreiſten, flammenden, vielſagenden Blick in die Augen. Wie konnte ich früher zu kommen wagen? entgegnete er mit einem ſeltſamen, vertraulichen Ausdruck. Ich konnte dieſelbe Luft nicht mit Herrn von Waſiltſchikow theilen, und Herr Waſiltſchikow, der mich einſt aus der Gunſt der Czarin verdrängte, iſt erſt vor fünf Tagen aus Petersburg abgereiſt. 64 Katharina ſchwieg betroffen ſtill. Dann, nach einer etwas peinlichen Pauſe, trat ein ſpöttiſcher Zug in ihr Geſicht und ihr Auge blitzte. Nachdem ſie den Grafen Orlow lange prüfend gemuſtert hatte, ſagte ſie nachläſſig und mit einer gleichgültigen Bewegung: Ja, mon chér, der Herr von Waſiltſchikow iſt vor fünf Tagen von Petersburg abgereiſt! Was beweiſt dies? Dieſe Frage ſchien durch ihre ſeltſame Naivetät ſogar den Grafen Orlow in Verlegenheit zu ſetzen. Er ſchwieg und blickte die Kaiſerin mit einem zweifel⸗ haften Lächeln an. Was geht uns im Grunde Herr von Waſiltſchikow an? begann die Kaiſerin wieder, indem ihr raſch bewegliches Geſicht ſich plötzlich wieder verändert zeigte und eine volle ſtrahlende Heiterkeit auf demſelben Platz genommen hatte. Herr von Waſiltſchikow war ein guter Freund, der mich während Ihrer Abweſen⸗ heit, Orlow, ſehr gut von den Regierungsſorgen zerſtrent hat. Seiner einſchmeichelnden Luſtigkeit, die etwas Pa⸗ ſtorales hatte, werde ich ſtets in Gnaden eingedenk blei⸗ ben und er wird auch für ſeine Zukunft Sorge ge⸗ tragen ſehen, meine ich. Aber es iſt mir nie einge⸗ fallen, einen Waſiltſchikoff mit dem brillanten Orlow vergleichen zu wollen, und darum denke ich, daß Graf ——— 65 Orlow auch früher hätte nach Peters burg zurückkehren können, ſelbſt wenn der kleine luſtige Waſiltſchikow noch hier verweilt hätte. Auch kenne ich meinen Freund Orlow, er iſt viel zu ſtolz, als daß er bloß deshalb, weil mein kleiner Paſtoraler nicht mehr in Peters⸗ burg iſt, hierher zurückgekehrt ſein ſollte. Ich bin zurückgekehrt, rief Graf Orlow mit einer pathetiſchen Feierlichkeit, um meiner allergnädigſten Czarin von Neuem meine Kräfte und Dienſte anzu⸗ bieten, weil Sie in einer großen Gefahr ſtehen, Majeſtät! Seine Blicke hefteten ſich mit ihrer vollen Allge⸗ walt auf die Czarin, und er entfaltete ſein ganzes mächtiges, rollendes, funkelndes Augenſpiel, dem die Czarin nie widerſtehen konnte, und das ſie ſtets in ſeine unbedingte Gewalt zu geben pflegte. Welche Gefahr, Orlow? Sage mir, in welcher Gefahr ich ſtehe? Hörſt Du, Orlow, ich verlange von Dir, um unſerer alten Freundſchaft willen, daß Du mir genan mittheilſt, was Du weißt! rief Ka⸗ tharina, indem ſie ihn ernſt und dringend anblickte. Czarina, entgegnete Orlow, indem er ihre Hand ſtürmiſch ergriff, der gefährliche Moment, der jetzt eingetreten iſt, wird durch die Verheirathung des Groß⸗ Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 5 72——— 66 fürſten Paul bezeichnet. Schon in Reval hörte ich davon, daß dieſes längſt erwartete Ereigniß jetzt ſich erfüllen ſolle, und es ließ mir ſeitdem keine Ruhe mehr, dort zu verweilen. Ein treuer Ritter meiner Czarin, ſtürme ich hierher, wie auf Flügeln der Winds⸗ braut, und lange gerade hier an, wo die Brautvor⸗ ſtellung ſtattfinden ſoll. Czarin, Du legſt jetzt ſelbſt den erſten Grundſtein zu einer politiſchen Selbſtän⸗ digkeit des Großfürſten! Auf dieſen Augenblick hat der alte Fuchs und Schleicher Panin längſt gewartet, um ſeine Karte auszuſpielen, mit der er Dich ſtechen zu können glaubt, hohe Czarin! Du haſt längſt das Entſtehen einer Partei des Großfürſten gefürchtet; gieb Acht, vom heutigen Tage an wird ſie ihr Haupt erheben, und Panin, der ſich längſt zum Geburtshelfer dieſer Partei zu machen ſtrebte, wird ſein Spiel er⸗ öffnen können! Ach, armer Freund, Eure Beſorgniß rührt und bewegt mich! ſagte die Czarin, ihn mit einem zärt⸗ lichen Ausdrucke anblickend, doch glaube ich, daß dieſe Befürchtungen noch zu früh kommen, und jedenfalls nicht vermieden werden können. Meink Ihr denn, Graf Orlow, daß man darum einen jungen Menſchen, auf dem die Fortpflanzung des Thrones beruht, lieber 67 gar nicht verheirathen und ſtets unter dem Zwange einer drückenden Vormundſchaft erhalten ſolle? Glau⸗ bet mir, das wäre nicht der Weg, um eine Gefahr abzuwehren, die ich allerdings früher»oder ſpäter herankommen ſehe. Es iſt wahr, zu Beunruhigungen für die Zukunft giebt es Anläſſe die Hülle und die Fülle, und ich haſſe mit meinem ganzen Herzblut die Partei, die ſich einſt unter dem Namen des Groß⸗ fürſten, eines in Rußland ſchon volksthümlich erklin⸗ genden Namens, ganz ſicherlich mir gegenüberſtellen wird. Aber ich halte es für ſicherer und nützlicher, den Feind ſich vollſtändig entwickeln zu laſſen, um ihn dann mit einem einzigen Handgriff für immer zu erſticken. Man droht mir ſeit einiger Zeit, Orlow, durch allerhand geheime Machinationen, und will mich ſelbſt für mein Leben zittern machen. Aber ſeitdem fühle ich mich nur noch heiterer und zuverſichtlicher in meinem Geiſte, als je zuvor. Vor einigen Tagen fand ich in meinem Cabinet einen Brief, worin man mir nichts Geringeres als meine baldige Ermordung vorausſagte, und nie zeigte ich mich ruhiger und glück⸗ licher, als an dieſem Tage. Jedermann, der mich ſah, bewunderte die heitere Laune der Kaiſerin. Und ſo ſoll es auch ferner ſein, Orlow. Ich hoffe noch auf ein langes 5* 68 Leben, mein Freund, und ſtatt, daß ich fürchten ſollte mich vom Thron geſtürzt zu ſehen, habe ich im Ge⸗ gentheil grade in der letzten Zeit weite Entwürfe ge⸗ faßt, um meine Staaten noch bedeutend zu vergrößern! Auch habe ich in Bezug auf den Großfürſten Paul nicht ſo ſehr aller Vorſicht entbehrt, als mein Freund Orlow annehmen zu müſſen ſcheint. Ja, wir werden ihn jetzt vermählen und ihm ſeinen ſelbſtändigen Hof⸗ ſtaat geben, aber wir vermählen ihn einer kleinen unbe⸗ deutenden Prinzeſſin, aus einem gänzlich unbedeutenden deutſchen Fürſtenhauſe, woraus dem Großfürſten keinerlei Zuwachs an Macht, Hülfe und energiſcher Leitung hervorgehen ſoll. Denn der Geſinnung un⸗ ſeres Großfürſten wäre allerdings nicht zu trauen, und wenn ſich ein ſtärkerer Kopf, als er, ſeiner zu bemächtigen verſtände, ſo würden wir unſern eigentlichen Feind bald in Schlachtordnung vor uns erblicken! Gott erhalte die Czarin, Rußland's und Orlow's höchſtes Glück! rief der Graf, indem er ſich aber⸗ mals auf ein Knie vor ihr niederließ. Und nun bitte ich nur noch um die Huld, wieder in Gnaden entlaſſen zu werden, denn ich kehre wieder in meine Verbannung zu⸗ rück. Ich ſehe, daß die Czarin ſelbſt Alles weiſe und zeitig 69 bedacht hat, wie immer, und daß Orlow thöricht war, wie ſo oft, wenn er ſich vermaß, der Czarin rathen und helfen zu wollen. Katharina hob ihren ehemaligen Liebling nicht zu ſich empor, wie ſie vorher gethan, aber ſie neigte ſich mit innigſter Freundlichkeit ſo nahe zu ihm herab, daß ſie einige Minuten lang faſt in ſeinen Armen ruhte und in ſeinen Augen ſich ſpiegelte. Dann, wie verklärt ausſehend vor Freude und Glück, ſagte ſie, ihn herzlich an ſich drückend: Mein Freund, Du ſollſt mich nicht ſo bald wieder verlaſſen. Deine Unterſtützung wird mir darum nicht minder willkommen ſein, wenn ich auch jetzt noch nicht auf ſie rechnen zu dürfen glaubte. Bleibe bei mir, Orlow, und ſchirme Deine Czarin, wie früher ſo oft und ſo ſehr! Ich weiß, Du gebieteſt über eine ſtarke Partei in Peters⸗ burg, und wir wollen ſie benutzen, Freund, wenn die Gefahr doch etwa früher bei uns eintreffen ſollte, als wir geglaubt. Du haſſeſt den Großfürſten, Du thuſt ihm ſogar die Ehre an, ihn zu fürchten, nun gut, Orlow! Sehen wir zu, was ſich ereignen wird, und dann laß uns als wackere und traute Bundesgenoſſen nebeneinander kämpfen! Willſt Du wieder mein Bundesgenoſſe ſein? In einer Viertelſtunde erwarte 70 ich Dich drüben im Thronſaal zu ſehen. Bis dahin Adieu, mein theurer Orlow!“— Indem ſie ſeine Stirn mit einem flüchtigen Kuß ſtreifte, war die Czarin in ein Nebengemach zurück⸗ getreten. Graf Orlow erhob ſich jetzt raſch und richtete ſich ſtolz und triumphirend in die Höhe. Dann eilte er mit dem ſtrahlenden Ausdruck eines Siegers fort. V. Die Czarin hatte in dem goldſchimmernden Saal auf dem Thronſeſſel Platz genommen. Der Hofſtaat hatte ſich ihr zu beiden Seiten in glänzenden Reihen aufgeſtellt, die höchſten Würdenträger des Reichs und die Vertreter der fremden Mächte fehlten in ihren ſtrahlenden, von den Ordensſternen ſchimmernden Uniformen nicht, und Katharina ließ mit Wohlgefallen und Befriedigung ihre Angen auf den vielen bedeu⸗ tungsvollen und anziehenden Geſtalten ruhen, von denen ſie hier in dieſem glanzvollen Kreiſe umſtan⸗ den war. Der junge Großfürſt ſtand mit dem Grafen Panin zunächſt zu ihrer Rechten, hatte ſich aber noch keines beachtenden Blickes von ſeiner erhabenen Mutter zu erfreuen gehabt. Es war übérhaupt zu Anfang der Cour eine gewiſſe Beklommenheit und Mißſtimmung —9 in dem ganzen Hofkreiſe fühlbar geworden, denn die plötzliche Erſcheinung des Grafen Orlow, der wie ein Wunderbild aus der Erde entſtiegen ſchien und deſſen ungeahnte Rückkehr an den Hof Allen ein unlösbares Räthſel dünkte, hatte auf allen Seiten einen befrem denden, aufregenden und faſt unheimlichen Eindruck verbreitet. Der Graf Orlow ſtand, der Kaiſerin gegenüber, in ſeiner alten prächtigen und ſtolzen Haltung da, die von Jedem Huldigung und Anerkennung zu fordern ſchien, und welche man an dieſem Hofe, wo Orlow einſt Alles beherrſcht und ſich unterworfen hatte, noch keineswegs vergeſſen. Die Czarin hatte grade ihn bis jetzt mit ihren Blicken ausgezeichnet, Graf Orlow ſchien, ohne daß Jemand zu ſagen wußte wie, plötz⸗ lich wieder in ſeine ganze frühere Stellung eingeſetzt, und je unerkärlicher dies Alles war, je verwirrter und betroffener man ſich dadurch fand, deſto mehr fühlte man ſich veranlaßt, dem Grafen Orlow als dem neu aufgegangenen Stern des Hofes ſich zu unterwerfen. Nur Graf Panin theilte ſichtlich dieſe Unterwerfung nicht, die ſich bei den meiſten Uebrigen ſchon in Mie— nen und Gebärden für Orlow zu erkennen gab. Sein Geſicht war beim Anblick Orlow's düſter und unruhig und hlte neu fen. ung ſie⸗ ein thig geworden, und nachdem er ſich von der erſten Ueber— raſchung erholt hatte, zuckte auf ſeiner Stirn eine große Zornader, die immer höher anſchwoll, je mehr Panin das volle Einverſtändniß durchſchaute, welches ſich ihm bereits wieder zwiſchen der Czarin und Or— low darzuſtellen ſchien. Von allen dieſen geheimen Fäden, die um ihn her ſpielten, ſchien Paul keine Ahnung zu haben, obwohl ihn Panin mit einigen leiſe zugeflüſterten Worten darauf aufmerkſam zu machen ſchien, daß das Wieder erſcheinen des Grafen Orlow am Hofe die Ankunft des gefährlichſten Gegners bedeute, der ſtets dem jungen Großfürſten feindlich widerſtrebt, ihn mit der Czarin in Mißverhältniß zu ſetzen geſucht und In— trignen angeſponnen habe, die verderblich für Ruß⸗ land's Zukunft ebenſo ſehr wie für die Perſon des jungen Großfürſten ausfallen ſollten! Ihn jetzt wieder in der Gnade der Kaiſerin ſchalten und walten zu ſehen, wie dies auch immer zugegangen ſein mochte, hieß es nicht, einen Kampf erneuern, in dem es ſich vielleicht um die Thronfolge Paul's handeln konnte?— Aber Paul dachte in dieſem Augenblick nicht daran, ſich mit Gegenſtänden dieſer Art zu beſchäftigen. Es war ihm kaum der Mühe werth, Orlow zu betrachten, 74 zu dem er ſich zwar nie freundlich und vertrauensvoll hingezogen gefühlt, in dem er vielmehr mit richtigem Inſtinet ſtets ſeinen Feind erkannt hatte, den er aber jetzt an dieſer Stelle vollkommen gleichgültig wieder⸗ erblickte. Die Aufmerkſamkeit des Großfürſten war ganz von der Erſcheinung der drei deutſchen Prinzeſſinnen hingenommen, die mit ihrer Mutter, der Landgräfin von Heſſen⸗Darmſtadt, vor einigen Minuten in dem um die Czarin verſammelten Kreiſe durch den Fürſten Bariatinsky eingeführt und vorgeſtellt worden waren. Während die Czarin mit der alten Landgräfin eine ſehr verbindliche Unterhaltung begonnen hatte, und die drei jungen Prinzeſſinnen mit dem Ausdruck der größten Verlegenheit hinter der Mutter zuſammenge⸗ drängt und faſt ſich verbergend ſtanden, hatte ſich Paul ganz in das ungeſtörte Anſchauen der Prinzeſſinnen verloren. Ihm zunächſt, an der Seite, wo er mit Panin ſtand, war die älteſte der drei Schweſtern, Prinzeſſin Eliſabeth, aufgeſtellt, und der Großfürſt befand ſich ihr ſo nahe, daß er ſich faſt mit ihrem Athem berühren konnte. Das ſchöne Mädchen, das die ihr vorzugs⸗ weiſe gewidmete Aufmerkſamkeit des Großfürſten wohl voll gem ber er⸗ anz 75 bemerkte, war darüber hoch erglüht, und ein dunkles Purpurroth zeichnete ſich auf ihren anmuthigen, vollen Wangen ab, während ihre ſchwarzen, glänzenden Augen von Zeit zu Zeit ſeitwärts ihre Blicke auf ihn hinzu⸗ lenken wagten. Ihr hochklopfender Buſen verrieth, daß ſie ſich in der größten Aufregung befand, und Eliſabeth ſchien in ſich ſelbſt nicht mehr im Zweifel, daß ſie bereits vor ihren beiden andern Schweſtern den Triumph, gewählt zu werden, davongetragen habe! Neben ihr ſtand Prinzeſſin Friederike, die aber, obwohl von heiterem und angenehmem Ausdruck, doch mit ihrem gewöhnlichen, mittelmäßigen Geſichte gar keinen Eindruck auf den Großfürſten gemacht zu haben ſchien und deshalb auch nur flüchtig von ihm be⸗ achtet worden war. Dann folgte in der Reihe der Schweſtern Wilhelmine, das ſchöne blonde Mädchen mit den ausdrucksvollen braunen Augen, die, je mehr man ſie betrachtete, deſto mehr an Eindruck gewann und ſich in jeder Hinſicht als ein Weſen ausgezeich⸗ neter Art ankündigte. Prinzeſſin Wilhelmine war ſchlank und blühend emporgewachſen und hatte zugleich in ihrer ganzen Erſcheinung einen ſo freien und ſichern Ausdruck, daß ſie ſich, obwohl die Jüngſte unter ihnen, doch am 76 meiſten unter den drei Schweſtern mit einer gewiſſen charaktervollen Ueberlegenheit darſtellte, und am wenig⸗ ſten von der Schüchternheit der Uebrigen befallen ſchien. Sie ſtand daher ganz heiter und unbefangen ſtill und beobachtete Alles, was um ſie her vor⸗ ging, mit der größten Schärfe und Genauigkeit. Da ſie ſich ſogleich klar darüber geworden war, daß ſie die Aufmerkſamkeit des Großfürſten nicht im Geringſten auf ſich gefeſſelt und daß Paul, der ſie kaum bemertt zu haben ſchien, auf eine ſchon auffallend gewordene Weiſe nur Eliſabeth zu betrachten und zu bewundern ſchien, faßte ſie ſich um ſo mehr in ſich ſelbſt zu⸗ ſammen und blickte, ohne ſich unruhig oder erregt zu zeigen, ſtolz und gerade emporgerichtet, mit ihren, die ganze Scene beherrſchenden Augen im Kreiſe umher. Paul ſchien in der That nicht mehr zweifelhaft, daß ſich ſeine Neigung und Wahl, die nach wieder⸗ holten gnädigen Verſicherungen der Czarin durchaus frei ſeien, für die Prinzeſſin Eliſabeth erklären werde, und er deutete dies bereits dem Grafen Panin, dem er heimlich einige Worte in's Ohr geflüſtert hatte, unumwunden an. Inzwiſchen hatte ſich Wilhelmine, in ihrer ſtillen, ſinnenden Haltung, auch mit der Perſon des Großfürſten 77 beſchäftigt, deſſen Aeußeres ſie einer genauen Prüfung zu unterwerfen ſchien. Die Reſultate dieſer Prüfung konnten unmöglich günſtiger Natur ſein, und die kecke, Wahrheit liebende Prinzeſſin gab durch ihren halb ſpöt— tiſchen und dann auch wieder entſetzten und Abſcheu verrathenden Geſichtsausdruck zu erkennen, wie ſehr der Anblick des Großfürſten ſie ergriff, ja faſt aufregte und in eine völlige Verwirrung verſetzte. Nichtsdeſto⸗ weniger war dieſer Eindruck der wunderbarſten und eigenthümlichſten Geſichtszüge ein ſo feſſelnder, daß die Prinzeſſin wider ihren Willen ihr Auge nicht mehr von ihm abwenden zu können ſchien, ſondern immer von Nenem wieder dazu zurückkehrte, mit Staunen und Grauen dieſe Häßlichkeit, die ſie nie in ihren ſchlimmſten Träumen geahnt, zu betrachten. Bei weitem günſtiger ſchien Prinzeſſin Eliſabeth über den jungen Großfürſten zu urtheilen, der ihr keineswegs ſo häßlich und abſtoßend erſchien. Sie konnte ihn freilich nur mit einem raſchen und ſcheuen Seitenblicke betrachten, aber ſie war, wie es ſchien, bereits auf dem beſten Wege, ihn hübſch und anziehend zu finden, was auch ihre Blicke an den Tag legten, in denen ſie ſich mit ihrer vertrauten Lieblingsſchweſter, der Prin⸗ zeſſin Friederike, von Zeit zu Zeit begegnete. 78 Eliſabeth wurde aber in dieſem Augenblicke aus den angenehmen Vorſtellungen und Träumen, denen ſie ſich ergeben, wachgerufen. Die Reihe der Präſen⸗ tationen war an die drei Prinzeſſinnen gekommen, und der kaiſerliche Hofmarſchall Fürſt Bariatinsky hatte ſich eben der Prinzeſſin Eliſabeth genähert, um ſie an die Stufen des Thrones zu führen, wo Katharina der jungen Prinzeſſin mit lächelndem Wohlwollen ent⸗ gegenſah. Einige angelegentliche, mehr als gewöhnliche Huld ausdrückende Worte und Fragen, welche die Czarin an Eliſabeth richtete, und die von derſelben mit ebenſo viel feinem Takt als Anmuth beantwortet wurden, ließen die große Vorneigung erkennen, welche Katha⸗ rina grade für dieſe Prinzeſſin gefaßt zu haben ſchien. Eliſabeth machte durch ihre Grazie und Schönheit auch im ganzen Hofkreiſe das entſchiedenſte Glück, und als ſie wieder zurücktrat, konnte ſie in den Blicken Aller, die ihr begegneten, nur Gratnlation und Bei⸗ fall leſen. Weniger glänzend war die Vorſtellung Friederiken's ausgefallen, aber jetzt näherte ſich der Hofmarſchall der Prinzeſſin Wilhelmine, um ſie an den Thron zu führen. Wilhelmine, die bis dahin eine ſo kräftige . 79 und bewußtvolle Haltung beobachtet hatte, ſchrak jetzt plötzlich in ſich zuſammen und fühlte eine gränzenloſe Verwirrung über ſich kommen. Sie wußte ſelbſt nicht wie ihr geſchah, und als der Fürſt Bariatinskh ſie vorführte, um ſie der Czarin zu bringen, fühlte ſie ſich faſt einer Ohnmacht nahe. Paul hatte mit großer Ueberraſchung dieſe dritte der deutſchen Prinzeſſinnen, der er bis dahin noch gar keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, vortreten ſehen. Es war eine herrliche, bedeutende Erſcheinung, die jetzt vor ſeinen Blicken ſchwebte, und er mußte ſich ſelbſt ganz erſtaunt fragen, wie ſo es gekommen ſei, daß er ſie bis jetzt noch nicht wahrgenommen, daß ſie ihm gänzlich verborgen und unbekannt geblieben? Aber während Paul noch verwundert bei ſich nach— ſann, begann die liebliche Erſcheinung plötzlich vor ſeinen Augen zu ſchwanken und ſich zu neigen. Wil⸗ helmine war bis zu den Stufen des Thrones vor⸗ geſchritten, hatte aber in der ſeltſamen Empfindung, die ſie überwältigte, plötzlich alle Haltung verloren, und indem ſie noch eine Bewegung nach vorwärts machte, trat ſie ſo hart gegen eine Stufe des Throns, daß ſie dadurch ihr Gleichgewicht verlor und ihrer ganzen Länge nach vor dem Thron niederſtürzte. 80 Es war dadurch eine ſchreckensvolle Bewegung ent⸗ ſtanden, welche ſich Aller bemächtigte. Man rief, ſchrie und drängte ſich durcheinander, man wollte von allen Seiten Hülfe und Beiſtand anbieten. In dem allgemeinen Getümmel machte ſich eine Stimme hör— bar, die am durchdringendſten klang, und die durch ihren gellenden Klagelaut alle andern Ausrufungen übertönte, ja faſt zum Schweigen zwang. Es war die Stimme des Großfürſten, in deſſen unmittelbarer Nähe die Prinzeſſin am Boden lag, und der ſich zuerſt über ſie niedergebeugt hatte, um ſie, die bewußtlos ausge⸗ ſtreckt war, in ſeinen Armen aufzuheben. Ein anderer Vorfall hatte ſich jedoch in derſelben Zeit ereignet, der die Blicke Aller ablenkte und auf eine andere Stelle zog. Der Schreck über den plötz⸗ lichen Fall der Prinzeſſin Wilhelmine hatte die Czarin, vor deren Füßen das unerwartete Ereigniß unmittel⸗ bar geſchah, am meiſten betroffen. Katharina war bei dieſem Anblick auf ihrem Seſſel zuſammengeſunken, und ſie wäre ebenfalls an den Boden niedergeſtürzt, wenn nicht Graf Orlow in demſelben Moment zu ihr hinaufgeſprungen wäre und ſie in ſeinen mächtigen Armen erfaßt und aufrecht gehalten hätte. Nach eini⸗ gen Augenblicken hatte die Czarin ſich wieder erholt, 81 ſie ſchlug die Augen auf und erblickte ſich mit ſicht⸗ lichem Vergnügen in den Armen Orlow's, der, nach⸗ dem er die Czarin vollkommen außer Gefahr ſah, mit der größten Ehrfurcht ſein Knie vor ihr beugte und dann wieder zurücktrat. Katharina war indeß von dem Thron herunter— geſchritten, um ſich nach der armen Prinzeſſin zu er⸗ kundigen, welche inzwiſchen die lebhafteſte Theilnahme und Bemühung des Großfürſten gefunden hatte. Der harte Fall hatte ihr gleichwohl nicht die geringſte Ver⸗ letzung zugezogen, und nur ein rother Fleck gerade in der Mitte der ſchönen Stirn verrieth noch, was ge⸗ ſchehen war. Wilhelmine war mit Hülfe des Groß⸗ fürſten wieder aufgeſtanden und blickte mit ihren glanz⸗ voll leuchtenden Augen wieder friſch und keck, wie ſonſt, im Kreiſe umher. Nur ſchrak ſie heftig zu⸗ ſammen, indem ſie jetzt dem Auge der Czarin be⸗ gegnete, die nahe vor ihr ſtand, und die, als ſie ſah, daß der Prinzeſſin nichts geſchehen war, Blicke voll flam⸗ menden Unwilleus auf ſie richtete. Katharina hatte einen zu großen Schreck durch die arme Prinzeſſin erlitten, als daß ſie ihr dies jemals hätte vergeben können, und die größte Ungnade ſtand mit einem fürch⸗ terlichen Ausdruck auf dem Geſicht der Czarin. Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 6 82 Mit dem Großfürſten Paul ſchien jedoch eine auf⸗ fallende Veränderung vorgegangen zu ſein. Er war neben der Prinzeſſin ſtehen geblieben und betrachtete ſie fortwährend mit der zärtlichſten und innigſten Theil⸗ nahme. Er ſchien für Niemand mehr Sinn und Auge zu haben, als für ſie. Mit großem Schmerz blickte er immer nach dem rothen Fleck, der ſich auf ihrer Stirn zeigte und dort eine kleine Geſchwulſt zu bilden anfing. Ihr Unfall ſchien ihn bis zu Thränen zu betrüben. Paul ſtürzte jetzt zu der Kaiſerin hin und ließ ſich auf ein Knie vor ihr nieder. Ich verſtehe Dich, mein Sohn, ſagte die Czarin, indem ſie ſich mit einem ungemein freundlichen und gnädigen Ausdruck zu ihm herunterbengte. Du haſt Dich entſchieden und willſt Dich jetzt über die ge⸗ troffene Wahl ausſprechen. Wir vertrauen, daß Dein richtiges Gefühl Dich leiten werde, und haben darum auf Deine Neigung durchans keinen Einfluß ausüben wollen. So bekenne denn frei, wie Du Dich be⸗ ſtimmen willſt, und ſei unſerer freudigſten Zuſtimmung gewärtig. Katharina warf bei dieſen Worten zugleich einen bedeutſam lächelnden Blick zur Prinzeſſin Eliſabeth 83 hinüber und nickte ihr mit einem ſo innigen Ausdruck des Einverſtändniſſes zu, daß Eliſabeth ſich dadurch in ihren glühendſten Hoffnungen beſtätigt fühlte und ihr Entzücken kaum mehr zu bergen vermochte. So erkläre ich denn, rief der Großfürſt laut und mit kräftiger Stimme, indem er ſich zugleich um⸗ wandte und zu der hinter ihm ſtehenden Prinzeſſin Wilhelmine hinblickte: ſo erkläre ich denn, daß ich mich um die Hand der Prinzeſſin Wilhelmine bewerbe und überaus beglückt ſein werde, aus den Händen meiner allergnädigſten Czarin Mutter dieſe Braut, als die von mir erwählte, empfangen zu dürfen! Wie? entgegnete die Czarin auffahrend, Prinzeſſin Wilhelmine lautet Deine Wahl? Ich hatte wahrlich einen anderen Namen zu hören gehofft. Katharina war mit zornflammenden Augen einige Schritte zurückgetreten. Paul ſprang entſetzt auf und ſtellte ſich dann an die Seite der Prinzeſſin Wilhel⸗ mine, auf deren Wangen ſich eine dunkelrothe Gluth gelagert hatte. Wilhelmine wagte nicht aufzublicken, ihr Buſen pochte in ſtürmiſchen Bewegungen, ihre ganze Geſtalt zitterte und ſchwankte. Und als die Hand des Großfürſten ſie heimlich berührte, konnte ſie ſich eines heftigen Schauders nicht erwehren, und 6* 84 faſt wäre ein Schrei ihren angſtvoll geöffneten Lippen entflohen. Die Czarin wandte ſich jetzt wieder zu dem Groß⸗ fürſten hin und ſagte mit einer wegwerfenden Hand⸗ bewegung: Ich weiß, was es iſt. Das weiche, em⸗ pfindſame Herz des Großfürſten Paul hat ihm wieder einmal einen Streich geſpielt. Hätte die Prinzeſſin nicht das Mißgeſchick gehabt zu fallen, ſo würde das Herz des Groffürſten ſich vielleicht ganz anders ent⸗ ſchieden haben. So etwas rührt jedesmal den guten Großfürſten, und es iſt nicht das erſte Mal, daß ſich ſeine Neigungen auf ſolche Art entſcheiden. Es war in⸗ ſofern recht klug von Ihnen, Prinzeſſin, zu fallen. Aber es war auch nicht ganz liebenswürdig, daß Sie fielen. Es hätte ein recht ſchlimmer Schreck werden können, den Sie mir verurſacht haben. Aber der Wille des Grofßfürſten ſoll erfüllt werden. Meine Herr⸗ ſchaften— fügte ſie, zu dem Hofkreiſe gewendet, hinzu— ich habe die Ehre, Ihnen die Verlobung des Czarewitſch mit der Prinzeſſin Wilhelmine von Heſſen⸗Darmſtadt zu proclamiren. Alles Andere wird offiziell bekannt gemacht werden!—— M. Nach dieſem wunderbaren Verlobungstage hatte Prinzeſſin Wilhelmine ein ſtill reſignirtes Weſen ge⸗ zeigt, dem aber ein ſehr feſter und charaktervoller Hintergrund nicht zu fehlen ſchien. Sie wußte ſich aber in dieſer Zwiſchenzeit, die ihrer Vermählung voranging und während der mancherlei vorbereitende Schritte ſtattfanden, mit einer ſo außerordentlichen Geſchicklichkeit zu benehmen, daß ſie überall nur die höchſte Gunſt und Bewunderung fand, und ſelbſt die Czarin ihr einige freundlichere Annäherungen an ſich verſtatten zu wollen ſchien. Eine wachſende Liebe aber trug der Großfürſt Paul für ſie im Herzen. Sein Weſen hatte während dieſer Zeit etwas Zartes und Liebenswürdiges angenommen, wie man es an dem Großfürſten noch nicht geſehen, aber auch dies ſchien nicht geeignet, um ihn in den 86 Augen der Prinzeſſin Wilhelmine zu verſchönern oder angenehmer zu machen. Er nahm ſogar lebhaften Theil an ihren ruſſiſchen Sprachſtudien, welche ſie ſogleich mit großem Eifer ergriffen hatte, denn die Erlernung des Ruſſiſchen gehörte mit zu den Erfor⸗ derniſſen, welche der künftigen Gemahlin des Groß⸗ fürſten zur Pflicht gemacht worden waren, und worin ſie zur großen Freude Paul's unglaublich raſche Fort⸗ ſchritte machte. Wilhelmine ſchien ſich mit einer or⸗ dentlichen Leidenſchaftlichkeit dieſer neuen Beſchäftigung hingegeben zu haben, mit der ſie ſich oft bis ſpät in die Nacht hinein abgab und bei der ſie Troſt und Ableitung für alle ihre inneren Unruhen und Sorgen fand. Für Paul war es jetzt ein Vergnügen eigener Art geworden, wenn er ihr Vocabeln und die Grammatik überhören durfte, womit in der That ein großer Theil der Zeit, die ſie allein miteinander zubringen konn⸗ ten, hinging. Aber Wilhelmine nahm dieſe Unter⸗ haltung ſo trocken und geſchäftsmäßig als möglich und vermied jeden Aufſchwung zu Scherz und Necke⸗ rei, der ſich dabei ergeben konnte. Nur zuweilen gelang es der unabweisbaren Ader des Humors, die bei dem jungen Großfürſten oft auf eine merkwürdige 87 Weiſe anſchlug, durch dieſe Unterhaltung durchzu— dringen, und mit ſeinen unläugbar glücklichen und witzigen Einfällen, die freilich in der Regel etwas Bizarres und Phantaſtiſches hatten, ſelbſt den Ernſt Wilhelminens zu erhellen. Aber die Prinzeſſin kehrte immer bald wieder zu einer gemeſſenen, faſt ehrerbie⸗ tigen Freundlichkeit zurück, die ſie fortdauernd mit großem Takt beobachtete, ohne weder eine innigere Hingebung zu verrathen, noch auch dem Groffürſten Anlaß zur Klage und Beſchwerde zu geben. Auch die Religion war zu einer die Stunden aus⸗ füllenden Beſchäftigung für die Prinzeſſin geworden. Wilhelmine mußte ſich in der griechiſchen Religion unterrichten laſſen, denn ein Wechſel ihres bisherigen Glaubens, wodurch ſie erſt Großfürſtin von Rußland werden konnte, mußte ihrer Vermählung vorangehen. Sie empfing daher jeden Tag den Beſuch des lang⸗ bärtigen Biſchofs Samboursky, der ſie in den Glau⸗ bensſätzen der griechiſchen Religion unterrichtete, und da es ein würdiger und aufgeklärter Mann war, in deſſen Hände dies fromme Geſchäft gefallen war, ſo hatten dieſe Stunden für die Prinzeſſin Wilhelmine viel Anziehendes gewonnen. Wilhelmine brachte frei⸗ lich mit ihrem ſcharfen und unerbittlichen Verſtand 88 den alten Biſchof oft auf eine ihn ſehr beunruhigende Weiſe in die Enge; denn ſie ſtritt ſich über die neuen Glaubensſätze mit ihm herum und behauptete ſo lange ihre abweichenden und ketzeriſchen Anſichten, daß ſie damit auf einen Punct gekommen war, wo ſie es ſelbſt nicht mehr für räthlich hielt, das Geſpräch fort— zuſetzen. Sie rettete ſich und den armen verzweifelnden Bi⸗ ſchof dann in ihr bezauberndes Lächeln hinein, mit dem der Streit abgebrochen wurde, und durch welches ſich alle aufgeregten Zweifel plötzlich wieder geſchlichtet zu haben ſchienen. Die Prinzeſſin ſchien dann Alles zu glauben und anzunehmen, wie ihr ehrwürdiger Lehrer es ihr ſo dringend an's Herz gelegt hatte, und Samboursky geſtand ſich in ſeinen geheimſten Ge⸗ danken, daß er es mit der klügſten und geſcheidteſten Prinzeſſin zu thun habe, deren Verſtand vielleicht gleich hinter dem der Czarin ſelbſt komme, und daß ſie ohne allen Zweifel einen höchſt wichtigen und fol⸗ genreichen Einfluß auf den Großfürſten üben werde. Als nach ſechs Wochen endlich der Tag herange⸗ kommen war, wo Wilhelmine auch im Ruſſiſchen ſo weit vorgeſchritten, um ihr neues Glaubensbekenntniß öffentlich herſagen zu können, glaubte daher Sam⸗ — 89 boursky ſeinem Gewiſſen als Biſchof der griechiſchen Kirche vollkommen zu genügen, wenn er die Prinzeſfin für reif und würdig erklärte, getauft zu werden und auf ihren nackten Armen und Füßen die heilige Sal⸗ bung aus ſeinen Händen zu empfangen. Dieſe Arme und Füße, welche bei dieſer Gelegenheit entblößt wur⸗— den, waren ſo ſchön, daß der Biſchof Samboursky ſchon darin Gründe genug zu finden ſchien, um dieſe Ceremonie nicht länger aufzuſchieben. Wilhelmine empfing in der Taufe den Namen Natalia Alexiewna, den ihr die gnä⸗ dige Czarin ſelbſt ausgewählt hatte, und man glaubte am Hofe von Petersburg darin einen neuen Beweis zu ſehen, daß Katharina ihrer Abneigung, welche ſie anfangs gegen die deutſche Prinzeſſin bewieſen, keine weitere Folge geben wolle. Und unter dem Namen Natalia Alexiewna war die Prinzeſſin in derſelben Ceremonie zugleich zur Großfürſtin von Rußland er⸗ klärt worden. Einige Monate ſpäter wurden die Vermählungs⸗ Feierlichkeiten mit Feſten von ungewöhnlichem Glanz und Pomp begangen. Schon vorher hatte zu ihrem größten Leidweſen die alte Landgräfin mit ihren beiden Töchtern, Eliſabeth und Friederike, Petersburg ver⸗ laſſen müſſen, weil ſie das Klima nicht aushalten 90 konnte und ſonſt eine bedenkliche Erkrankung zu be⸗ fürchten gehabt hätte. Es war dies ſehr ſchmerzlich für die gute Landgräfin von Heſſen-Darmſtadt, und nur die große Gnade, mit welcher die Czarin ſie beim Abſchiede entließ, die der Landgräfin nicht nur eine längere, herzliche Umarmung widmete, ſondern auch mit reichen und koſtbaren Geſchenken um das Andenken von Eliſabeth und Friederike ſich bewarb, konnte eini⸗ germaßen tröſten. Dann folgte das Hochzeitsfeſt, das inmitten einer ungeheneren Verſammlung, welche Ka⸗ tharina zu dieſem Zweck um ſich berufen hatte, be⸗ gangen wurde. Faſt alle Nationen, die dem Scepter Rußlands unterworfen waren, hatten ſich durch glän⸗ zende Deputationen bei dieſem Feſte vertreten. Die Czarin, in ihrer Herrſcherkrone von Gold und Dia⸗ manten ſtrahlend, ſpeiſte auf einem Thron, der ſich in der Mitte der übrigen Tafeln erhob, und von dem ſie mit heiteren und befriedigten Mienen ihre Blicke über die ganze Verſammlung hinſchweifen ließ. Große, enthuſiaſtiſche Huldigungen wurden für ſie und die jungen Neuvermählten laut. Paul und Natalia Ale⸗ riewna wurden von einem Jubel umrauſcht, der faſt zu lebhaft in die Ohren der Czarin tönen mochte und den Paul nur mit einem bedenklichen Geſicht, das ehr⸗ 9 furchtsvoll und zweifelnd auf die Czarin gerichtet war, entgegenzunehmen wagte. Natalia erſchien ganz ſtrah⸗ lend und glücklich, ſie hatte einen melancholiſchen Zug wieder abgeſtreift, der noch am frühen Morgen auf ihrer Stirn gelagert, und ſah heiter, ſtark und feſt aus. Sie gefiel bald ungemein in der ganzen Ver⸗ ſammlung, und Paul gewann an ihrer Seite mehr und mehr eine zuverſichtliche, freie Haltung, wie man ſie bisher noch nie an dem ſeit ſeiner Kindheit ſtets gedrückten und benachtheiligten Prinzen wahrgenommen hatte.* Es ſchien ein glücklicher Tag für den Großfürſten, an dem er Natalia Alexiewna zur Gattin empfing.— M. Einige Tage darauf ließ ſich beim Großfürſten der Graf Panin mit der Bitte um eine Audienz in einer dringenden Angelegenheit melden, und Paul, ob⸗ wohl er ſich eben mit ſeiner jungen Gattin in einer ſehr intereſſanten Unterhaltung befand, beeilte ſich doch, ſeinen alten, würdigen Gonverneur, für den er noch eine gewiſſe dankbare Zuneigung empfand, ſogleich zu empfangen. Panin war traurig, mit gebücktem Haupt einge⸗ treten und ſchritt mit einer kummervollen Gebärde, die einem aufrichtigen Grame zu entſpringen ſchien, dem Großfürſten entgegen. Paul ſah ihn erſtannt an, denn der feſten und ruhigen Haltung, in der man ſonſt nur den Staatskanzler zu ſehen gewohnt war, entſprach durchaus nicht ſeine heutige, ſo herabge⸗ ſtimmte Erſcheinung. 1 —— 93 Die durchlauchtigſte Czarin iſt ſehr gnädig gegen mich geweſen, begann Panin das Geſpräch, nachdem ihn Paul an der Hand zum Divan hingeführt hatte. Dieſe unerwartete Aeußerung wirkte faſt auf die Lachluſt des jungen Großfürſten. Verzeihen Sie, Graf, Sie ſehen mir heut nicht grade wie ein mit Gnade Ueberhäufter aus! ſagte Paul, indem ſein Geſicht ſich zu einer grotesken Miene des Spottes verzerrte. Und doch, Kaiſerliche Hoheit, entgegnete Panin mit tiefem Ernſt, hat mich die Czarin ſehr belohnt, für die treue Erfüllung einer Aufgabe, die ihren Lohn freilich weit höher in ſich ſelber trägt. Die Czarin hat mir heute, außer mehreren anderen Koſtbarkeiten, ſiebentauſend Bauern zum Geſchenk gemacht. Nun, entgegnete der Großfürſt lachend, ein Bauer iſt zwar nur ein Weſen von Fleiſch und Blut, aber ſein Werth läßt ſich doch auch in Rubeln und Kopeken ausdrücken. Die Czarin, fuhr Panin, trübe nachſinnend, fort, hat mir mit dieſem Geſchenk zugleich gnädigſt angekündigt, daß ſie die Dienſte, welche ich bisher das Glück hatte Eurer Kaiſerlichen Hoheit als Groß⸗Gou⸗ verneur zu widmen, für beendigt anſähe. Damit hat ————————— ——— 94 mir die Czarin zugleich ihren Befehl zu erkennen geben laſſen, daß ich meine Appartements, die ich bisher als Gouverneur Eurer Kaiſerlichen Hoheit im Schloſſe inne⸗ gehabt, jetzt, nach Beendigung dieſes meines Auftrags, zu verlaſſen hätte. Und daher ſtammt ſich meine große Traurigkeit und Niedergeſchlagenheit. Denn ich muß es geſtehn, mein theuerſter Prinz, es ſchmerzt mich, dieſe Appartements wieder verlaſſen zu ſollen, in denen ich ſowohl dem Dienſte der Czarin zu jedem Augen⸗ blicke ſo nahe ſtand, als ich auch Ihrer unmittelbaren Nähe, Prinz, mich dort herzlich erfreuen durfte. Der Prinz reichte ihm jetzt die Hand und ſah ihn mit einer innigen, gerührten Miene an. In der That, ſagte er dann, lieber Panin, es wird mir und der Großfürſtin ſehr leid ſein, wenn Sie uns verlaſſen. Aber die Czarin hat unſern Hofſtaat ganz neu eingerichtet und beſetzt, verſchiedene nene Perſonen ſind eingetreten, und es iſt ohne Zweifel, Sie können Sich darüber vollkommen beruhigen, nur eine Frage des Raumes, welche meine allergnädigſte Mutter be⸗ ſtimmt, über die Appartements des Grafen Panin hier im Palais anderweitig zu verfügen. Glauben Sie nicht, daß andere Urſachen dabei im Spiele ſind. Mein theurer Grofßfürſt, entgegnete Panin, in⸗ 95 dem er die Hand des Prinzen lebhaft und angelegent— lich drückte, nicht der Wille der allergnädigſten Czarin hat dies über mich beſtimmt, ſondern, glauben Sie es und achten Sie gefälligſt darauf, es iſt der neue Einfluß Orlow's, der ſich bereits wieder anzukündigen beginnt und der auch Ihnen, Prinz, nichts Gutes bedeutet. Der von Neuem mächtig werdende Graf Orlow fängt damit an, mich aus dem Palais zu ver⸗ drängen, um hier ſein Reich wieder ganz unbedingt aufzuſchlagen. Seien wir auf unſerer Hut, Prinz, halten wir uns zu einem Kampfe bereit, in dem wir treu einander zur Seite ſtehen! Einſtweilen habe ich von den Geſchenken, mit denen mich die Gnade der Kaiſerin heut bedachte, den beſten Gebrauch zu machen geglaubt. Ich habe beſonders die ſiebentauſend Bauern unter die Adjutanten, Secretaire und übrigen Beam⸗ ten vertheilt, welche mir als Groß⸗Gouverneur Eurer Kaiſerlichen Hoheit zur Seite geſtanden. Dadurch hat ſich mancher verdiente Offizier den Grund zu beſſeren Glücksumſtänden gelegt, und das iſt mir die größte Genugthuung, die ich mir bei dieſer Gelegenheit er⸗ ſtreben wollte. Denn es ſcheint mir die Argliſt Or⸗ low's dahinter zu ſtecken, daß ich ſo glänzend abge⸗ lohnt werden ſoll. ——————— — —— 65 6* 3 4 11 96 Paul hatte mit der größten Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört und verſank einen Angenblick lang in ein trüb⸗ ſinniges Grübeln. Unmuth und Zorn wechſelten auf ſeinem Geſicht, auf dem ſich ſo leicht leidenſchaftliche Erregungen aller Art abſchattirten. Dann ſagte er, mit einem gutmüthigen Ausdruck Panin auf die Schul⸗ ter klopfend: Ich habe einen guten Gedanken, laſſen Sie mich nur machen! Ich werde zur Czarin gehen, und verſpreche Ihnen Abhülfe, lieber Panin! Ver⸗ trauen Sie mir nur, vielleicht werde ich noch einſt ein ganz einflußreicher Mann hier am Hofe, denn die Czarin Mutter iſt jetzt ſehr gnädig gegen mich, und ſie ſtellt mir alle Augenblicke einen Wunſch zur Ver⸗ fügung, den ſie mir gern erfüllen möchte. Ich muß es geſtehen, Panin, von den entgegengekehrten Ein⸗ flüſſen Orlow's habe ich bis jetzt noch nichts wahr⸗ genommen. Und ſo wird ſie mir auch diesmal meinen Wunſch erfüllen, daß Graf Panin hier im Palais wohnen bleiben ſoll! Aber ich habe von Euch ge⸗ lernt, klug zu ſein, Panin! Ehe ich zu meiner Mutter gehe, werde ich mich zu dem Grafen Orlow verfügen. Der Graf hat mir ſeinen Beſuch abgeſtattet, und ich habe mich bis jetzt nicht entſchließen können, ihm den⸗ ſelben zu erwiedern. Ich weiß, daß ich meiner Mut⸗ 5 he 97 ter ſehr entgegenkommen würde, wenn ich Orlow heut meinen Beſuch machte. Der Czarin ſcheint in der That ungemein viel daran gelegen zu ſein. Wenn ich ihr dieſen Gefallen thue, kann ich um ſo mehr darauf rechnen, daß ſie auch meinen Wunſch nicht unerfüllt laſſen wird. Ihr ſeht, Panin, ich habe An⸗ lage, noch einmal ein guter Diplomat zu werden und Eurer Schule Ehre zu machen.— Graf Panin ſchien einigermaßen getröſtet, als er vom Großfürſten ſich wieder beurlaubte und ſich hin⸗ wegbegab. Paul zögerte jetzt nicht länger, ſeinen ge⸗ faßten Beſchluß auszuführen, und klingelte nach ſeinem Kammerdiener, um von demſelben ſeine Toilette zur Ausfahrt vollenden zu laſſen. Jwan Paulowitſch Koutaitzow war mit einem em⸗ pfindlichen und mürriſchen Geſicht eingetreten und ſtand verdroſſen an der Thür ſtill, um die Befehle des Großfürſten zu erwarten. Der wunderliche Geſell war ſeit dem Tage, wo die Vermählung des Groß⸗ fürſten mit Natalia Alexiewna ſtattgefunden, in ſeinem ganzen Benehmen und Ausſehen wie umgewandelt. Was ihn plagte, ſchien die Eiferſucht zu ſein, die ihn gegen die neue junge Herrin erfüllte, welcher er es zuſchreiben wollte, daß der Prinz ſich nicht mehr wie Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl I. 7 98 ſonſt vertraulich mit ihm unterhielt und ihn in den letzten Tagen kaum angeblickt und beachtet hatte. Indeſſen ſtand er, tief in ſich verſunken, zugleich mit jener tief gebückten Demuth da, wegen deren ihn der Großfürſt ſo oft ausgeſcholten hatte, und womit ſich zugleich eine höhniſche und bösartige Grimaſſe bei Jwan Paulowitſch Koutaitzow verband. Paul aber ſchien ihn jetzt gar nicht zu beachten und rief ihm bloß mit einem rauhen und unfreundlichen Ausdruck zu: Wir werden ausfahren, Jwan! Erſt fahren wir beim Grafen Orlow vor, und dann kehren wir zurück in den Winter⸗Palaſt, wo ich der Czarin aufwarten werde. Du wirſt mich mit einer Toilette ankleiden, die für beide Zwecke zu gleicher Zeit paßt, denn Du weißt, daß ich mir dergleichen gern ſo bequem als möglich mache. Und nun tummele Dich, Jwan, und habe geſcheidte Einfälle; denn es ſcheint mir, als wenn Du in der letzten Zeit nicht mehr beſonders damit geſegnet geweſen wäreſt! Iwan ſprang, wie aus einem ſchweren Traum erwachend, mit einem gewaltigen Satz in die Höhe und ſtürzte dann in einer feurigen Bewegung zu dem Großfürſten hin, indem er ſich faſt zu den Füßen des Prinzen niederwarf. Auf dem Geſicht des Sklaven en, Du als und als ers des Die Vorzüge dieſer Dame beruhen in ihrem unge 98 ſtand ein widerwärtiger, grinſender Unmuth ausge⸗ drückt, aber als der Großfürſt ihn genauer betrachtete und ihm verwundert in die Augen ſah, bemerkte er, daß in denſelben, die ſich innig und flehend auf ihn richteten, eine große Thräne ſchimmerte. Der orien⸗ taliſche Jüngling ſah in dieſem Augenblicke ſchön und anziehend wie ein Mädchen aus, und der Groffürſt konnte ſich jetzt auch von ſeinem Zorn nicht beſtimmen laſſen, ihm den Fußtritt zu verſetzen, zu dem er ſchon ausgeholt hatte. Dann ſagte Jwan, ſcheu zur Seite blickend, mit& einem gekniffenen Lächeln: Es gab Zeiten, wo Graf Orlow mehr war, als die Czarin ſelbſt, und dieſe Zeiten, fürchte ich, werden jetzt wiederkehren. Aber es wird nicht ſo leicht ſein, bei dem Grafen Orlow Zutritt zu erhalten. Der Graf hat ſich eine häßliche, dicke Finnländerin mitgebracht, welche jetzt die Rolle der Ehrendame in ſeinem Hauſe übernommen hat. heuren Fett, in dem Graf Orlow, der bekanntlich auch Naturforſcher iſt, zu Zeiten Forſchungen bis über die Ohren anſtellen ſoll. Sie behütet aber ſeine Thür und ſoll ganz verſeſſen darauf ſein, Keinen eintreten zu laſſen, deſſen Naſe ihr nicht vollſtändig gefällt. 7* . 100 Der Groffürſt brach in ein lautes Gelächter aus. Nun, rief er luſtig, indem er ſich an ſeine eigene Naſe faßte, auf dieſe Weiſe bleibt mir wohl wenig Ausſicht, vorgelaſſen zu werden. Denn, wenn die Finnländerin ſtreng iſt und nicht mit dem guten Willen bei mir vorlieb nimmt, ſo wird ſie mein beſcheidenes Riechwerkzeug ſchwerlich für eine Naſe gelten laſſen wollen. Ich will indeß mein Glück verſuchen bei der finniſchen Gräfin oder Herzogin, oder was ſie ſonſt für einen Rang haben mag, dieſe dicke Dame, die uns am Ende noch den Grafen Orlow ſtreitig machen wird. Keine Gräfin, keine Herzogin, entgegnete Jwan mit poſſirlichen Sprüngen. Sie war früher Küchen⸗ magd auf einem in Finnland gelegenen Gute des Grafen, Graf Orlow entdeckte in ihr Geheimniſſe der Natur, die er ſonſt nirgend wahrgenommen haben wollte, und welche Macht ſie über ihn ausüben mag, beweiſt, daß er ſie ſogar in dieſem Augenblick, wo Graf Orlow von Neuem bei der allergnädigſten Czarin erſcheint, mit nach Petersburg zu bringen wagte. Paul erröthete flüchtig und ſagte dann, indem er ſich mit einem ſehr ſtrengen und finſtern Ausdruck in ſeinem Geſicht zu Jwan wandte: Endige jetzt Dein 101 nichtsnutziges Schwatzen, confiscirter Baſtard des M Halbmonds, und lege mir den Degen und die Schärpe nig an. Dann geh' hinüber zu der Frau Großfürſtin und die frage an, ob ich Ihrer Kaiſerlichen Hoheit jetzt auf len einige Augenblicke willkommen ſein würde; denn mich nes verlangt, ſie noch zu ſehen, ehe ich heute Morgen ſen ausfahre. der Iwan Paulowitſch vollendete auf die anbefohlene nſt Weiſe die Toilette des Großfürſten und ſtand dann die noch einen Augenblick zögernd ſtill, indem er fragend hen auf die Thür deutete, ob er jetzt gehen ſolle, und dann wieder heftige Grimaſſen machte und die ſelt⸗ van ſamſten Geſichter ſchnitt. en⸗ Was haſt Du, Jwan? fragte der Großfürſt, in⸗ des dem er über das auffallende Benehmen ſeines Kam⸗ der merdieners ſtutzte. ben Soll ich es grade jetzt wagen, zu der Frau g, Großfürſtin hineinzugehen? fragte Jwan, indem er wo den Großfürſten mit einer bedenklich fragenden Miene rin anſah. Und warum zögerſt Du, meinem Befehle zu fol⸗ gen? entgegnete der Grofßfürſt, der über dieſe Frage betroffen zu werden anfing und auf deſſen Stirn bereits ein dunkelflammender Zorn ſich ankündigte. er in 102 Der Graf Razumovski hat ſich ſoeben zur Groß⸗ fürſtin begeben, erwiederte Jwan, indem er mit einer ſeltſamen Miene ſeinen Kopf vor ſich nievergebückt hielt und ſich verlegen an ſeinen Kleidern zupfte. Und die Großfürſtin liebt es dann nicht, in der Unter— haltung mit dem Grafen Razumovsli geſtört zu werden. Ich würde vielleicht meine Gnade bei der Frau Großfürſtin verſcherzen, wenn ich ihr während dieſer Zeit eine Anmeldung zu machen käme. Der Graf Andreas Razumovski? fragte Paul Fperwundert. Einfältiger Geſell, was giebt es dabei für dumme und bedenlliche Geſichter zu machen? Die gnädigſte Czarin hat den Grafen Razumovski auf meine Bitte zum Ehren-Cavalier und Kammerherrn meiner Gemahlin zu ernennen geruht, und ich freue mich, daß die Großfürſtin an der Unterhaltung des Grafen Geſchmack finden will. Der Graf Razu⸗ movski iſt einer der geſcheidteſten Edellente Rußland's, die wißbegierige Großfürſtin klärt ſich durch ihn über die Zuſtände des ruſſiſchen Reichs auf, und er iſt mein trener, lieber Freund, denn wir haben uns ja von meiner Kindheit an geliebt und gekannt, und mit⸗ hin der geeignetſte Mann dazu, ſie in ihre neue Hei⸗ math einzuführen. — 103 oß⸗ Zwan Paulowitſch verbeugte ſich bis tief in die er Erde hinein, kreuzte nach der ihm noch anhaftenden ict Manier ſeine Arme über der Bruſt und ſchlich ſich nd dann zur Thür hinaus. Der Groffürſt blickte ihm er⸗ noch mit einem mißtrauiſch aufflammenden Blicke nach zu und verſank dann lange in ein düſteres Grübeln in er ſich ſelbſt, bis er ſich entſchloß, in die Gemächer ſeiner nd Gemahlin, die auf demſelben Flügel des Schloſſes unmittelbar an die ſeinigen ſtießen, hinüberzugehn. ul Paul war über ſich ſelbſt verwundert, daß er in bei ſo ſtürmiſcher Haſt forteilte, um ſo ſchleunig als mög⸗ ie lich die Großfürſtin zu finden. Durch die Vorgemächer uf begab er ſich leiſe, faſt auf den Zehen; es war ihm, 3 als denke er ſeine Gemahlin in irgend einer Weiſe K zu überraſchen, und er riß jetzt die Thür zu ihr auf, es ohne ſich Rechenſchaft über die Empfindungen geben * zu können, die ihn trieben. , Eine ſeltſame Stille herrſchte, als Paul in das 5 Cabinet ſeiner Gemahlin eintrat. Die Großfürſtin K lehnte in der Fenſterniſche und ſchien mit großer Auf⸗ merkſamkeit und Erregung in einem Geſpräch begriffen, n welches ſie mit dem vor ihr ſtehenden Grafen An⸗ . dreas Razumovski unterhielt. In dem Augenblick 6 aber, wo die Thür ſich geöffnet und der Großfürſt 1 1 104 in derſelben erſchien, war Natalia plötzlich verſtummt, und ſchien mit einer lebhaften Aenßerung, die ihr eben auf den Lippen ſchwebte, wie erſchrocken innezuhalten. Graf Razumovski ſelbſt ſchien ſich beim Anblick des Großfürſten in einiger Verlegenheit zu befinden und ſenkte den Blick ſcheu zur Erde nieder, als er den Prinzen begrüßte. Paul hatte mit durchdringenden Augenblitzen die ganze Scene überflogen und ſich dann mit einem wunderbar fragenden Blicke zu der Großfürſtin ge⸗ wandt. Natalia hob jetzt ihre ſchönen blauen Augen mit unendlicher Offenheit zu ihm empor und richtete ſich zugleich mit ihrem entſchloſſenen und ſtolzen Aus⸗ druck in die Höhe, der ſeine große Gewalt über Paul auch in dieſem Augenblicke wieder ausübte. Paul wußte eigentlich nicht, was er ſagen wollte, und noch weniger konnte er den Grund der Unzufrie⸗ denheit, die in ihm aufgeſtiegen war, bezeichnen. Faſt ſchien es, als ſuche er den Rath Razumovski's ſelbſt, ſeines alten Freundes, nach dem er ſich jetzt umwandte, und der in der ihm eigenen ehrerbietigen und liebens⸗ würdigen Haltung dem großfürſtlichen Paar gegen⸗ überſtand. Graf Andreas Fazumovski war ein ſchöner, hoch nt, ben des nd en 105 emporgewachſener Mann, der zugleich in ſeinem ganzen Weſen und in allen ſeinen Manieren etwas höchſt Ausgezeichnetes und Bedeutendes verrieth. Seine ſtolze und glänzende Perſönlichkeit ließ nicht vermuthen, daß es eine Familie von ukrainiſchen Sklaven war, der Razumovski entſtammte, denn ein Freigelaſſener aus der Ukräne, der berühmte Groß⸗Hetmann der Koſaken, Marſchall Razumovski, deſſen Bruder einſt als Günſt⸗ ling der Kaiſerin Eliſabeth emporſtieg, war der Vater der beiden Grafen Razumovski, die jetzt am Peters⸗ burger Hofe ſo viel Gunſt und Auszeichnung genoſſen. Und es wäre nur auf den Grafen Andreas angekom⸗ men, ſich um die Neigung der Czarin Katharina mit noch höher reichenden Erfolgen zu bewerben, wenn er es nicht vorgezogen hätte, ſtatt des Poſtens eines Favoriten lieber eine ehrenvolle, ſeinen vielfachen Kenntniſſen angemeſſene Thätigkeit zu erſtreben und dabei zugleich ſeiner großen Neigung für den Groß⸗ fürſten Paul nachzuhängen. Er war daher zum mili⸗ tairiſchen Gouverneur des Grofßfürſten gemacht wor⸗ den und hatte jetzt, entſchieden auch nur aus perſön⸗ licher Zuneigung zu dem Prinzen, die Stelle des Ehren⸗Cavaliers und Kammerherrn bei der jungen Großfürſtin übernommen, während ihm ſein großes 106 Vermögen ohne Zweifel geſtattet haben würde, jede Hofanſtellung entbehren zu können. Aber Razumovsli ſchien auch in dieſem neuen Berufe bei der Groß⸗ fürſtin Natalie bereits, und wie von ſelbſt, zu dem Range eines Vertrauten emporgeſtiegen zu ſein. Ich ſtörte eine Unterhaltung, in die ich mich nicht einmiſchen darf? fragte Paul, indem er aus einem düſtern Sinnen erwachte und nochmals bald ſeiner Gemahlin, bald dem Grafen Andreas Razumovokli zweiſelhafte und faſt drohende Blicke zuwarf. Wir ſprachen von den Zuſtänden der Bauern im ruſſiſchen Reich, nahm jetzt Natalie mit ihrer feſten, klangvollen Stimme das Wort, indem ſie ihre großen, herrlichen Augen ſo offen und llar hervor⸗ leuchten ließ, daß Paul vor der großen, geiſtigen Ueber⸗ legenheit, die ihm daraus entgegenglänzte, ſich ſcheu zurückwandte. Der Herr Graf hatte die Güte gehabt, mir Alles auseinanderzuſetzen, was in den Verhälniſſen der ruſ ſiſchen Bauern bemerkenswerth iſt, und ich bin ihm ſehr viel Dank dafür ſchuldig geworden, fügte Natalie mit einem leichten, eleganten Ton hinzu, indem ſie mit einer verbindlichen Wendung auf den Grafen hinwies. 107 Die Bauern? wiederholte der Großfürſt, laut auflachend. Kann man von dieſen unglücklichen und verabſcheuungswürdigen Geſchöpfen ſogar intereſſante Geſchichten erzählen? Er fuhr fort, darüber zu lachen, und ſein Lachen klang ſo roh und erſchreckend, daß die Prinzeſſin ſicht⸗ lich in ſich zuſammenſchauerte und flüchtig, kaum merklich für einen Dritten, einen verſtohlenen, be— deutungsvollen Blick mit dem Grafen Razumovski wechſelte. Ich wollte bloß Adien ſagen, Natalie! bemerkte Paul, indem er der Grofßfürſtin die Hand reichte. Sie dankte mit einer höflichen, förmlichen Verneigung, durch welche ſich der Großfürſt von Neuem gereizt und erbittert zu fühlen ſchien. Er blickte ſie noch einmal finſter und drohend an und verließ darauf mit einem heftigen Geräuſch das Zimmer.— VM. Graf Orlow hatte ſeit ſeinem erneuerten Aufent⸗ halt in Petersburg ein kleines Palais bezogen, das ſeiner Familie gehörte, und das von ihm ſchon früher zu gewiſſen Zeiten als Abſteige⸗Quartier benutzt worden war. Durch die Wahl dieſes, mit geringen Bequem— lichkeiten und gar keinem Comfort verſehenen Palaſtes hatte Gregor Orlow andeuten wollen, daß es ihm bei ſeinem Wiedererſcheinen am Hofe Katharina's keineswegs darum zu thun ſei, ſeine frühere Stellung wieder einzunehmen. Denn ſonſt hätte er ſogleich die Günſtlingszimmer im Winter-Palaſt wieder beziehen müſſen, in denen der ſchöne und gewaltige Orlow einſt in mehr als königlicher Pracht und als Be⸗ herrſcher der größten Herrſcherin der damaligen Welt gewohnt hatte. Und dieſe, ſtets Katharina's Günſtlingen beſtimmt geweſenen Zimmer, die in dem Zwiſchen⸗ 109 ſtockwerke des Winter⸗Palaſtes, grade unter den Ge⸗ mächern der Kaiſerin, lagen, waren grade in dieſem Augenblick wieder leer geworden. Seitdem der Herr von Waſiltſchikow, der ſchöne Garde⸗Offizier mit den vielen Vorzügen und Verdienſten, dieſe Zimmer ge⸗ räumt, waren ſie noch nicht wieder mit einem neuen, entſprechenden Bewohner beſetzt worden. Aber wie große Hoffnungen auch Orlow aus ſeiner erſten Wie⸗ derbegegnung mit der Czarin zu ſchöpfen gewagt, ſo hielt er es doch noch der Klugheit für angemeſſen, ſich zurückhaltend zu beweiſen, ſtatt, wie es in ſeiner früheren gewaltſamen und hochfliegenden Art lag, ohne Weiteres in dieſe Günſtlingszimmer einzuziehn und wie in einem raſchen Feldſiege die neue Gunſt der Lzarin an ſich zu reißen. Es war daher zugleich eine wohlüberlegte Koket⸗ terie des Grafen Orlow, daß er ſich zuerſt wieder in dieſem alten, roſtigen Palais niedergelaſſen, in dem er gewiſſermaßen jeden Augenblick wieder reiſefertig und im Begriff ſchien, Petersburg zu verlaſſen, und in dem er den erneuerten, dringenden Ruf der Kaiſerin erwarten wollte. Vielleicht wäre es ihm gelungen, wenn er die geheime, mit grünem Tuch beſchlagene Treppe des Winter⸗Palaſtes mit kühnem Muth, wie 110 ſonſt, hinaufgeſtiegen und dann unmittelbar im Schlaf⸗ gemach der Kaiſerin vor ihr erſchienen wäre! So hätte er ganz in ſeinem Geiſte, im Geiſte des kühnen Orlow, gehandelt; aber Orlow war noch ſtolzer und anſpruchs⸗ voller, denn je, nach Petersburg wieder zurückgekehrt; er wollte, daß die Czarin zuerſt die einleitenden Schritte thun ſolle, um das Verhältniß zwiſchen ihnen von Neuem auf das Beſtimmteſte und Glänzendſte feſtzuſtellen! In dieſem Augenblick wurde ihm durch ſeinen Kammerdiener gemeldet, daß unten vor dem Palais die Equipage des Großfürſten Paul vorgefahren ſei, und daß der Groffürſt ſeinen Adjutanten heraufgeſchickt habe, um dem Grafen Orlow ſeinen Beſuch ankün⸗ digen zu laſſen. Orlow ſtutzte einen Augenblick. Dann rief er mit einem ſcharfen, nachdrücklichen Ton in ein offenſtehendes Nebengemach hinein: Talkuna! Eine nicht mehr ganz junge Frau, von gewaltiger Leibesbeſchaffenheit und einem höchſt abenteuerlichen Ausſehen, vor der ſich der Kammerdiener Orlow's ſofort tief bis zur Erde verneigte, trat mit einigem Geräuſch in das Zimmer. Talkuna war in ein lang herabwallendes, rothes Gewand, das an den Seiten herunter mit koſtbaren Goldſtickereien verziert war, gekleidet. Dazu trug ſie ger en v's em 111 einen turbanartigen Kopfputz, der aus gleichem Stoffe und noch reicher mit Goldverzierungen geſchmückt war, als das Kleid, und von dem zwei glänzende Troddeln mit ſchwerem Gewicht auf den Nacken herunterfielen. Sie ſah halb wie die Fürſtin eines wilden Stammes, halb wie eine Sklavin aus, ihre großen, blitzenden Augen waren von unläugbarer Schönheit, aber der Ausdruck ihres Geſichts, mit dem ſie jetzt vor den Grafen Orlow hingetreten war, hatte ſo viel Stolzes und Unverſchämtes, daß man unwillkürlich den Grafen bewundern mußte, der mit einer ſo großen Innigkeit und Zärtlichkeit ihr entgegentrat. Talkuna, ſagte Orlow, indem er ſie freundlich bei der Hand faßte, Deiner großen Geſchicklichkeit habe ich mich in der letzten Zeit ſchon öfter anvertraut und habe es nie zu bereuen gefunden. Der Groffürſt iſt unten, und ich habe nicht die geringſte Luſt, dieſe Kaiſerliche Hoheit zu ſprechen. Wenn die Czarin mich ſelber mit Ihrem Beſuche hätte beehren wollen, ſo wäre das etwas Anderes geweſen. Nicht wahr, Du verſtehſt mich, Talkuna, wie immer? Ich muß erſt vollkommen wiſſen, wie ich mit der Czarin ſtehe, ehe ich mich darauf einlaſſen kann, daß ſie mich durch ihren Jungen beſchickt, der ein ſehr unangenehmes 112 Subject iſt und mit dem man kein vernünftiges Wort reden kann. Geh' Du alſo in die Staatsgemächer hinüber, wo der Groffürſt in dieſem Augenblick auf mich wartet, und empfange ihn ſtatt meiner, Talkuna. Es wird dies eine Aufgabe von großer Schwierigkeit ſein, und ich habe Niemand um mich, der geſchickter und klüger wäre als Du, ſie zu übernehmen. Wäre ich der Souverain Rußland's, worauf ich vielleicht mehr Anwartſchaft habe, als irgend ein Anderer, ſo würde ich Dich längſt zu meinem erſten Diplomaten gemacht haben. Aber wer weiß, was noch aus uns Beiden wird, meine Talkuna, mein ſtattliches Roß! Springe jetzt hin und ſage dem Großfürſten, daß Graf Orlow als ein Sterbenskranker in ſeinem Bette liege. Ich ſendete, mich zu entſchuldigen, Dich, als meine treue Freundin und Wärterin; denn Du wür⸗ deſt am beſten Auskunft geben können über das, was ich leide. Stelle Dich ſo an, als glaubteſt Dn, ich ſei krank geworden, weil ich an der Erneuerung der Gnade der Czarin für mich zweifle. Ich überlaſſe Dir Alles, meiner einzigen Vertrauten, Du kennſt die Situation des Tages, Du wirſt kein Wort zu viel oder zu wenig ſagen, und wirſt den Prinzen ſprechen laſſen, was Du hören willſt.— WVort nächer ck auf kuna. rigkeit hicktet Wäre Uleicht , ſo maten uns Roß! „doß Bette 113 Er kehrte ſich um und verließ, ohne ein Wort weiter hinzuzufügen, das Gemach, indem er ſich in ſein Cabinet begab und daſſelbe hinter ſich verſchloß. Die rieſenhafte Diplomatie in dem rothen Gewande entfernte ſich jetzt mit ſtolzen und gewichtigen Schrit⸗ ten, um den ihr gewordenen Auftrag zu vollziehen. Der Großfürſt Paul war inzwiſchen in die Staats⸗ zimmer des Orlow'ſchen Palais geführt worden und ging dort mit raſchen, ungeduldigen Schritten auf und ab, um die Ankunft des Grafen Orlow zu er⸗ warten. Es kam dem jungen Grofßfürſten ſeltſam vor, daß er ſich hier befand, und mit einem bittern Lächeln betrachtete er Alles, was er rings um ſich her wahrnahm. Ich antichambrire alſo bei einem der Mörder meines unglücklichen Vaters! ſagte der Großfürſt mit einem leiſen, dumpfen Ton in ſich hinein. Hier, in dieſen alten, düſtern Sälen, ſammelte ſich zuerſt die geheime Verſchwörung, welche gegen Krone und Leben Peter's III., meines Vaters, gerichtet war. Die Czarin ſelbſt kam auf nächtlichen Wegen hierher in das Haus ihres ſchönen Günſtlings, des Grafen Georg Orlow, und wohnte den Zuſammenkünften der Verſchworenen bei. Ich weiß es, ſchon als Kind hatte ich Alles Tb. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 8 —————— 114 erfahren. Es iſt Alles wohl gemerkt und hier in mir eingeſchrieben, bis die Stunde des Handelns für mich herangenaht ſein wird! Auf ſeinem Antlitz brannte eine düſtere, wilde Gluth. Seine Augen wandten ſich ſtechend und ſpähend nach allen Seiten hin, und ein tödtlicher Haß flammte in ihnen bei jedem Geräuſch auf, das ihm die Annähe⸗ rung des Grafen Orlow anzukündigen ſchien. Der Grofßfürſt ſtand jetzt vor zwei großen, glän⸗ zenden Bildern ſtill, die ihm gegenüber an der Wand hingen und ſchon in der Ferne ſeine Aufmerkſamkeit auf eine unheimliche und krampfhafte Weiſe gefeſſelt zu haben ſchienen. Es waren zwei Reiterbilder, die dem Großfürſten ſeit langer Zeit wohl bekannt waren, und von denen eines den Grafen Gregor Orlow, das andere ſeinen Bruder Alexis Orlow, den Admiral der ruſſiſchen Flotte, in einer ungemein kühnen und prahleri⸗ ſchen Auffaſſung darſtellte. Es waren dies die Bilder, welche Katharina von den beiden, ihrem Herzen ſo theuer gewordenen Brüdern nach dem berühmten Carrouſel hatte anfertigen laſſen, welches vor einigen Jahren an dem Hofe von Petersburg eines der pracht⸗ vollſten Ereigniſſe geweſen war, und in welchem Alexis Orlow die Quadrille der Türken, Gregor die der 115 Römer geführt hatte. Der Eindruck dieſer beiden majeſtätiſchen Männerſchönheiten war damals ein ſo hinreißender und mächtiger auf die Phantaſie der Czarin geweſen, daß ſie in ihrem Entzücken über die Orlow's dieſe beiden Reiterbilder in Lebensgröße und im Coſtüm des damaligen Carrouſels von ihnen malen ließ. Die Bilder waren damals in der kaiſer lichen Eremitage neben dem Bilde der Kaiſerin ſelbſt aufgeſtellt worden. Während der letzten Abweſenheit Orlow's hatte ſich Katharina dieſer Bilder entledigt, und ſie hierher in das Orlow'ſche Familien⸗Palais ſchaffen laſſen, was dem Großfürſten bisher noch un⸗ bekannt geblieben war. Paul erkannte aber jetzt mit einer ihn heftig durchzuckenden Erinnerung dieſe Portraits wieder. Mit flammenden Blicken des Haſſes vor den Bil— dern auf⸗ und niedergehend, ſagte der Großfürſt leiſe: Das ſind die Orlow's, das iſt Gregor, der große Buhle meiner Mutter, der erſte Verſchwörer gegen meinen akmen Vater, und das iſt Alexis, genannt le Balafré,*) der ſeinen ruchloſen Arm aufhob, um den erſten Schlag gegen ſeinen kaiſerlichen Herrn zu *)„Mit der Schmarre.“ 116 unternehmen. Und doch bin ich dem Einen dieſer Böſewichter, dem Grafen Gregor Orlow, gewiſſermaßen noch Dank ſchuldig. Er erklärte ſich dagegen, daß die Krone des ermordeten Czaren auf mein Haupt geſetzt werden ſolle. Er wollte den Thron Rußland's nur für die ausſchließliche Gewalt der Czarin, meiner Mutter, durch ſeine verruchte That erkämpfen! Wohl mir, daß ich aus den Händen dieſer großen Verbrecher nichts empfing! Wenn die rechte Zeit gekommen iſt, werde ich mein Eigenthum wieder in Beſitz nehmen, ohne die Hände dieſer Ruchloſen berührt zu haben.— Der Großfürſt war im Begriff, ſich in dieſe ſchweren und düſteren Betrachtungen mehr und mehr zu verlieren, als er plötzlich bemerkte, daß er ſich nicht mehr allein in dem Zimmer befand, und daß hinter ſeinem Rücken Jemand leiſe herangeſchlichen und hinter ihm ſtehen geblieben war. Er wandte ſich um und erblickte unmittelbar neben ſich, mit einer ihn faſt erſchreckenden Annäherung, eine rieſengroße Frauen⸗ geſtalt, die ihn durch ihre Erſcheinung im höchſten Grade befremdete. Er ſprang einige Schritte zurück und glaubte gegen dieſe ſeltſame Perſon, die in einer von ihm nie geſehenen Tracht ſich darſtellte, auf ſeiner Hut ſein zu müſſen. Die Finnländerin ſtand ihm in ihrem ganzen wun⸗ derlichen und grotesken Aufzuge gegenüber, und ſah mit einer unverſchämten Miene, die durchaus keine Ehr⸗ erbietung gegen den Czarewitſch ausdrücken wollte, auf die kleine, zuſammengedrückte Geſtalt des Groß⸗ fürſten herab. Paul, dem ihr Anblick unangenehm und bedenklich war, deutete mit der ausgeſtreckten Hand nach der Thür, um ihr damit die Weiſung zu geben, daß ſie ſich ſchleunigſt wieder entfernen ſolle. Aber Talkuna zeigte ſich weit entfernt davon, dieſen Wink zu verſtehen. Mit übereinander gekreuzten Ar⸗ men, ſtolz und hoheitsvoll lächelnd, ſtand ſie dem Großfürſten gegenüber und ſagte zu ihm, nachdem ſie ihn militairiſch, zwei Finger an ihren Turban legend, gegrüßt hatte, mit ihrer rauh klingenden, beſtändig ſcheltenden Stimme: Graf Orlow läßt ſich dnrch mich bei dem Groffürſten entſchuldigen, denn der hohe Graf iſt uns ſterbenskrank geworden, ich kann es auf meine 6 verſichern, ich, die ich ſeine Pflegerin bin und bei ihm wache, und er findet ſich durchaus nicht im Stande, irgend einen Beſuch anzunehmen, und wenn es der unſerer allergnädigſten Czarin ſelber wäre! Talkuna machte dabei eine ſo fürchterliche Grimaſſe, 118 daß der Großfürſt, der ſie jetzt mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit und wahrem Erſtaunen betrachtet hatte, in ein anhaltendes Gelächter ausbrach. Er erinnerte ſich in dieſem Augenblick, was ihm Jwan Paulowitſch von einer häßlichen, dicken Finnländerin erzählt, die jetzt die Rolle der Ehrendame in dem Hauſe des Grafen Orlow übernommen habe, und dieſe Perſön⸗ lichkeit glaubte er jetzt in der ſechs Fuß hohen Dame vor ſich zu erblicken. Aber er konnte mit den Nach⸗ richten ſeines Kammerdieners inſofern nicht überein⸗ ſtimmen, als er die Finnländerin, die hier offenbar in einer diplomatiſchen Miſſion vor ihm ſtand, durchaus nicht ſo häßlich finden konnte, wie es ihm geſchildert war. Es iſt wahr, die ganze Erſcheinung quoll in einem Uebermaaß des Fettes ihm entgegen, welches das rothe, goldgeſtickte Gewand faſt zu durchbrechen drohte, aber das Geſicht, mit den großen, glänzenden Augen, hatte bald einen eigenthümlichen Reiz für den jungen Großfürſten gewonnen, und er mußte ſich auch geſtehen, daß dieſe ungeheuern Glieder, die ihm in der gewaltigſten Fülle des Fleiſches entgegenlachten, doch Manches für ſich zu haben ſchienen. Talkuna ſchien ſich jetzt von der großen Aufmerk⸗ ſamkeit, welche ihr der Groffürſt durch Betrachten 119 aller Vorzüge ihrer üppigen Geſtalt widmete, ſehr geſchmeichelt zu fühlen, ihre Stimmung für den Groß⸗ fürſten wandelte ſich plötzlich in ihr Gegentheil um, und ſie begann nun auf eine ganz beherzte Weiſe und ſehr verſtändlich mit Paul zu liebäugeln. Nachdem ſie noch einige Minuten vorher ganz geſchäftsmäßig und in den ſtrengſten Formen des Diplomaten ſich geberdet, worauf ſich Talkuna nicht wenig einbildete, hatte ſie es nun augenſcheinlich darauf abgeſehen, ihn den unwiderſtehlichen Zauber ihrer Koketterie fühlen zu laſſen. Als der Großfürſt das bemerkte, begann ſich ſeine Lachluſt von Neuem zu regen, und er brach in ein ſchallendes Gelächter los, das er eine Zeit lang ohne Unterlaß fortſetzte. Talkuna ſchien dadurch gar nicht irre gemacht zu werden, ſondern ſie hüpfte jetzt ganz vertraulich und mit einer gewiſſen kindlichen Naivetät zu dem Grofßfürſten hin, indem ſie ihre breite, ſchwer zu bewältigende Hand in die ſeine legte. — Der Großfürſt ſah mit einem gewiſſen Grauen, i — das ſich aber bereits einiges Vergnügen miſchte, wie Talkuna den ganzen Apparat ihrer gewaltigen Reize gegen ihn zu entfalten anfing. Er drückte ihr zärtlich die Hand, dieſelbe aber ſogleich und raſch 120 wieder loslaſſend, ſagte er: Es kann mir nichts An⸗ genehmeres begegnen, als die Unterhaltung noch eine Zeit lang mit Ihnen fortzuſetzen. Aber werden Sie auch eben ſo wahrheitsliebend ſein, als Sie ſchön ſind? Talkuna ſchmunzelte und heftete einen brennenden, vielbedeutenden Blick auf den Großfürſten. Und ſagen Sie mir, fuhr er fort, indem er ihr die Wangen ſtreichelte, iſt denn unſer Graf Orlow wirklich ſo krank, daß er den Czarewitſch nicht zu empfangen vermag? Talkuna ſah ihn mit einiger Betroffenheit an, und ſie ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, wie ſie ſich bei dieſem Zwieſpalt mit ihrer Pflicht, in welchen der Großfürſt ſie verſetzen wollte, benehmen möchte. In⸗ deß ſiegten ihre ſtrengen Geſchäftsgrundſätze, durch welche ſie Orlow's Vertrauen in ſo hohem Grade ge⸗ wonnen, auch bei dieſer Gelegenheit über alle ihre ſonſtigen Anwandlungen, zu denen ſie vielleicht in dieſem Augenblick Luſt verſpürt hätte. Ja, Kaiſerliche Hoheit, ſagte ſie mit einem tiefen Knix, ich ſelbſt habe den Grafen Orlow in's Bett gebracht, und kaum vermochten ihn meine Arme zu tragen, denn der Herr Graf hat ſich ſo erkältet, daß 121 ihm ſeine Glieder ſteif, wie ein gefrorenes Stück Wäſche, geworden ſind. Paul ſah ſie mit einem ſo finſtern und ernſten Blick an, daß Talkuna erſchrocken innehielt und ganz aus ihrer Rolle fiel, denn ſie ſtand nun erröthend und ganz verwirrt vor ihm und hatte die wilde Keck⸗ heit, mit der ſie ihm zu Anfang gegenüber getreten war, ganz verloren. Ein gefrorenes Stück Wäſche? wiederholte der Prinz mit einem komiſchen Ausdruck. Dies iſt ein ſchönes Gleichniß, das dem Verhältniß Talkuna's zu dem Grafen Orlow vollkommen entſpricht. Denn man ſagt, daß der Graf in einer Waſchküche durch Ihre ungeheuern Reize überraſcht worden ſei. Talkuna kehrte ihm jetzt mit einer trotzigen Be⸗ wegung den Rücken und ſchickte ſich an, das Zimmer ohne ein Wort der Erwiederung zu verlaſſen. Den Großfürſten befiel in dieſem Augenblicke ein Zorn, der ihn nicht ſelten auf's Aeußerſte beherrſchte und ihn dann leicht jede Rückſicht vergeſſen ließ. Er eilte der mit großen, ſtolzen Schritten ſich entfernenden Zofe nach, erhob ſeinen Fuß und ſtieß ihr denſelben ſo heftig in einen gewiſſen Körpertheil, daß Talkuna † 122 in ihrer ganzen Gewalt auf den Boden niederſtürzte und ſich auf demſelben heulend und ſchreiend umherwälzte. Gieb das Deinem Herrn, dem ſaubern Grafen Orlow! rief der Großfürſt, der ſich eiligſt entfernte, und ſich nun im glücklichſten Humor zu befinden ſchien. Denn auf dem Wege durch die Vorſäle und die Trep⸗ pen hinunter lachte er fortwährend aus vollem Halſe, und zuweilen mit einem ſo wilden und entſetzlichen Ausdruck, daß Jeder, der es im Hauſe vernahm, von einem Schauder ergriffen wurde. Als er den Dome⸗ ſtiken an der Eingangspforte des Schloſſes ſich näherte, verſtummte er, und auf ſeinen Wink fuhr die Equi⸗ page vor, um ihn in das Winter⸗Palais zur Audienz bei der hohen Czarin zurückzuführen.— N. Der Czarin war es an dieſem Morgen nicht ſehr genehm geweſen, dem Großfürſten die von ihm dringend erbetene Audienz gewähren zu ſollen, aber ſie hatte ihrem Sohn, der höchſt ſelten um Etwas bat und der ihr in der letzten Zeit ſo viele Folgſam⸗ keit bewieſen, dieſen Wunſch nicht abſchlagen mögen, obwohl ſie ſich grade heut dadurch ſehr geſtört fühlte. Der Philoſoph Diderot aus Paris, einer der großen Geiſter und Gelehrten Frankreich's, mit denen Katharina ſeit längerer Zeit in einem ſehr regen Briefwechſel ſtand, hatte ſie vor einigen Tagen mit ſeinem längſt erwünſchten Beſuch in Petersburg über⸗ raſcht, und die Czarin verſäumte keine Stunde des Tages, die ihr von ihren vielen Geſchäften und Ar⸗ beiten übrig blieb, um ſich mit ihrem berühmten Gaſt über Alles, was es in Frankreich gab und wozu die 124 Wiſſenſchaften und Künſte in dieſem Lande vorge⸗ ſchritten, auf die vertraulichſte Weiſe zu unterhalten. Täglich zum Schluß des Diners pflegte ihre Lieb⸗ lingsſtunde zu ſein, wo die Kaiſerin mit dem berühmten Diderot philoſophirte, und heut hatte er ſchon am Vormittag in ihr Cabinet kommen müſſen, um ein wichtiges Geſpräch fortzuſetzen, das nach dem geſtrigen Diner nicht hatte zu Ende gebracht werden können.. In dieſem Augenblicke wurde der Czarin grade gemeldet, daß der Großfürſt Paul zu der ihm um dieſe Stunde bewilligten Audienz erſchienen ſei. Katharina war, erhitzt und glühend von der Un⸗ terhaltung mit Diderot, aufgeſprungen. Diderot hatte ihr freilich heut mit ſeiner hinreißenden Beredſamkeit die wichtigſten Dinge geſagt. Er hatte ihr ganz neue Grundſätze über die Freiheit und das Recht der Völker vorgetragen, er hatte von Philoſophie, Geſetzgebung und Politik geſprochen, und der Geiſt der Czarin fühlte ſich wie von einer glänzenden, roſigen Himmels⸗ wolke eingehüllt. Sie mußte ſich die Augen reiben, als ſie ſich jetzt durch die unwillkommene Meldung ihres Sohns in die Wirklichkeit zurückverſetzt ſah. Der Großfürſt war auf ihr Geheiß in einen der anſtoßenden Säle geführt worden, und Katharina richtete 125 die gnadenvolle Bitte an Diderot, ſo lange in ihrem Cabinet zu bleiben, bis ſie, nach Empfang des Groß⸗ fürſten, wieder zu ihm zurückgekehrt ſei, denn ſie hatte noch Manches auf dem Herzen, worüber ſie heut aus Diderot's Munde Belehrung und Auskunft ſchöpfen wollte. Katharina begab ſich jetzt fort, um den Groffürſten zu finden. Unterwegs war ſie noch immer mit den Gedanken beſchäftigt, welche aus der Unterhaltung mit Diderot in ihr lebendig geworden waren. Zu⸗ gleich hatte ſie ein ſehr unangenehmes Gefühl zu überwinden, welches jetzt in Erinnerung an das eben unterbrochene Geſpräch in ihr aufſteigen woltte. Sie ſtand nachſinnend in dem Zwiſchengemach ſtill, ehe ſie zu dem Großfürſten in den Saal eintrat. Es war Mehreres, das Diderot eben geſagt und gethan hatte, was ihr jetzt wieder auf das Herz fiel. Er hatte von Rußland geſagt, daß es ein„Coloß mit thönernen Füßen“*) ſei und darum den Fortſchritten der neuen Zeit nur ſehr langſam und zögernd werde folgen können. Dann hatte er, ſich immer begeiſterter aufſchwingend, das baldige Herannahen einer neuen *)„Un colossc aux pieds d'argile.“ —— 126 Zeit förmlich geweiſſagt, und in ſeinem Enthuſias⸗ mus hatte er, als wenn die neue Zeit ſchon gekommen ſei, mehrmals der Kaiſerin, an deren Seite er ſaß, mit ſeiner Hand auf das Knie geklopft oder daſſelbe auch lebhaft zu drücken und zu kneifen gewagt.“*) Katharina hatte erſt im Eifer des Geſprächs nicht darauf geachtet, und jetzt fiel ihr ein, daß der pariſer Philoſoph ſich dabei zu viel herausgenommen habe. Die ſonſt ſo leuchtende Majeſtät und Klarheit ihrer Stirn verdunkelte ſich einen Angenblick und in den tiefliegenden, blauen Augen ſchimmerte etwas wie Zorn und Unwillen hervor. Aber jetzt öffnete der Groß⸗ fürſt, der die nahenden Schritte der Kaiſerin vernom⸗ men, die Thür des Saals, in dem er wartete, und ſtellte ſich ſeiner Mutter mit ehrfurchtsvoller Unter⸗ werfung dar. Die Czarin eröffnete ihm ſogleich, daß ſie nur einige Minuten Zeit habe, weil ſie durch den Beſuch des großen Diderot in Anſpruch genommen ſei. Sie blieb daher vor dem Grofßfürſten ſtehen, um ihn ſo raſch als möglich mit Allem, was er begehren möchte, abzufertigen. 95 127 Paul kannte dieſe ihm knapp zugemeſſene und flüch tige Friſt, in der es ihm oft nur vergönnt war, ſeine Mutter zu ſehen. Er hatte dadurch den Takt gewonnen, bei ſolchen Gelegenheiten einen förmlichen Kriegsplan zu machen und mit den Dingen, die er durchſetzen wollte, in einer wohlüberlegten Schlachtordnung vor⸗ zurücken. Er begann daher mit Dem, wovon er glaubte, daß es die Kaiſerin in dieſem Augenblick am meiſten intereſſiren würde. Ich komme ſoeben aus dem Palais des Grafen Orlow her, ſagte er flüchtig. Dem allergnädigſten Befehl der Czarin gemäß, glaubte ich dieſen Beſuch, zu dem ich mich, aufrichtig geſagt, nur mit großer Pein überwand, doch nicht länger verſchieben zu ſollen. Ich hoffe dadurch mir auf ein anderes Mal die hohe Gnade der Czarin zu ſichern. Aber es war unmöglich, den Grafen Orlow in ſeinem Palais anzutreffen, und ich erfuhr nur durch ſeine ſchöne Haushälterin, daß der arme Graf ſich wegen einer Erkältung in's Bett gelegt habe. Dies iſt das ganze Reſultat des mir anbefoh⸗ lenen Beſuches geweſen. Es ſcheint, daß der Großfürſt Mißtrauen hegt gegen die Nachrichten, die ihm im Palais Orlow ge⸗ worden, bemerkte die Czarin, indem ſie den Groß⸗ 128 fürſten durchdringend betrachtete. Ich hoffe, daß man den Großfürſten überall mit dem gebührenden Reſpect empfangen haben wird! Oh, entgegnete Paul mit einem langgedehnten Accent, ich habe Niemand geſehn, als die ſchöne Finn⸗ länderin Talkuna, deren Herz ich auf der Stelle hätte erobern können, wenn ich nicht genöthigt geweſen wäre, ihr auf einen anderen Theil ihres Körpers einen Gruß für den Grafen Orlow zu ſchreiben. Sie belog mich, und darum mußte ich ihr aus gnädigſter Abſicht einen Stoß verſetzen. Wie? fuhr die Czarin mit einer zornigen Gebärde auf. Herrſcht im Palais des Grafen Orlow ein ſo ſchlechter Ton? Und wer iſt dieſe Finnländerin, die im Hauſe Orlow's jetzt die Honneurs zu machen ſcheint? Dieſe Finnländerin, entgegnete Paul in einem ko⸗ miſchen Ton, iſt, wie es ſcheint, eine neue Freundin des Grafen Orlow. Sie war früher Küchenmagd auf ſeinen Gütern und ſcheint jetzt die Herrin und Ge⸗ bieterin ſeines Herzens geworden. Denn der Alles goutirende Graf verſchmäht es nicht, ſich von den gröbſten wie von den feinſten Händen behandeln zu laſſen. Talkuna iſt ein ganz gemeiner, rothangezogener 129 Fle iſchklumpen, dem aber die Natur ein Paar ſchöner, kluger Augen eingeſetzt hat, mit denen ſie ohne Zweifel alle übrigen Geliebten des Grafen aus dem Felde ſchlug. Die aus dem Felde Geſchlagenen können ſich aber Glück wünſchen, daß ſie nicht mit einer finniſchen Küchenmagd zu rivaliſiren brauchen. Die Czarin ſchrak heftig zuſammen und erbleichte. Einen Augenblick lang durchforſchte ſie die Mienen des Großfürſten mit einer ſcharfen, prüfenden Auf⸗ merkſamkeit. Sie wollte offenbar in ſeinem Geſicht leſen, wie weit der Sinn geweſen, der ſich mit ſeinen vieldeutigen, ſchneidenden Worten verband, von denen ſich Katharina ſelbſt ſo ſeltſam betroffen fühlen mußte. Paul, den Argloſen ſpielend, nickte ihr aber mit einem unbefangenen Augen-Aufſchlag ganz treuherzig zu. Die Czarin ſagte jetzt ärgerlich: Hören wir auf, mein lieber Großfürſt, uns mit der ſchmutzigen Kehrſeite des Orlow'ſchen Haushalts länger zu beſchäftigen. Wir ſehen nicht ein, warum wir nicht auch künftighin ſeiner Dienſte, die wir nie gemißt, ſollten entbehren können. Ich danke Euch, Großfürſt, und nun gehabt Euch wohl, denn ich kann den großen Diderot nicht länger in meinem Cabinet warten laſſen. Ich wage noch eine Bitte vor den Thron meiner Th. Mundt. Czar Paul. Erſie Abthl. I.— 9 † 130 allergnädigſten Czarin zu bringen! rief Paul, indem er die Hand der Kaiſerin zu ergreifen wagte. Es betrifft den Grafen Panin. Was ſolls? erwiderte die Kaiſerin mit einem drohenden Blick. Mit dem Grafen Panin haben wir uns vollkommen, und hoffentlich zu ſeiner Zufrieden⸗ heit, abgefunden. Der Graf Panin hat einen Wunſch, dem ich mich auf das Angelegentlichſte und Ehrerbietigſte an⸗ zuſchließen wage! rief Paul, indem er der Czarin folgte, die ſchon einige Schritte zurückgetreten war. Der Graf Panin, fuhr er dringlicher fort, wünſcht ſeine Wohnung im Palais zu behalten, die er bisher innegehabt. Der würdige Staatskanzler würde ſeine Entfernung aus derſelben grade im gegenwärtigen Augenblick für eine Ungnade anſehen, die er nicht um uns verdient haben kann. Die Kaiſerin ſann einen Augenblick nach. Dann winkte ſie ihm mit der Hand und ſagte: Ich erinnere mich, daß Graf Orlow dies gewollt und uns deshalb angelegen hat. Dieſe Herren ſind alte Gegner, und Keiner will gern den Andern auf ſeinen Wegen treffen. Aber Ihr habt Recht, mein Freund. Grade, weil Orlow dies gewünſcht hat, ſoll Panin jetzt bis auf n ir 131 Weiteres im Palais wohnen bleiben. Aber nun ſeid Ihr doch zufrieden, Großfürſt? Ich habe Euch be⸗ willigt, was Ihr erbeten, und nun laßt mich. Ich habe länger keine Zeit für Euch!— Damit entfernte ſich die Kaiſerin jetzt mit raſchen Schritten. Paul aber eilte mit einem frohen Geſicht fort. Katharina kehrte wieder in ihr Cabinet zurück, um mit dem Grauen, mit dem man einem ſchrecklichen Märchen zuhört, etwas Weiteres zu vernehmen von der Epoche glücklicher und freier Völker, die nach der Verſicherung Diderot's im Anzuge ſei.— X. Katharina hatte einige Tage großer Unruhe und Beſorgniß in ihren Gemächern zugebracht. Die An⸗ gelegenheit mit Orlow erregte ihr die unangenehmſten Gefühle. Sie kannte die unbezähmbare Heftigkeit und Wildheit dieſes einſt ſo zärtlich geliebten Freundes, und in der Erinnerung an manchen gewaltigen Vor⸗ gang, der ſelbſt die Blüthezeit ihres Verhältniſſes oft geſtört hatte, glaubte die Czarin jetzt von Neuem wieder erzittern zu müſſen. Eine unnennbare Furcht bewegte ſie jetzt vor dem Grafen Orlow, und in manchen Stunden beſchlich ſie eine wahre Herzensangſt vor ihm. Die neu aufgeblühten Hoffnungen, mit denen ſie ihn bei ſeinem plötzlichen Wiedererſcheinen in Pe⸗ tersburg begrüßt, hatten in ihrem Herzen nicht lange Stand gehalten. Es war ihr plötzlich verhaßt ge⸗ worden, an den Grafen Orlow zu denken. Sie kannte 133 nur noch die Furcht vor ihm, und dieſe ging ſo weit, daß ſie ſich ſelbſt nicht mehr in den eigenen Gemächern ihres Palaſtes vor ihm ſicher glaubte. Gregor Orlow beſaß noch aus der früheren Zeit her einen eigenen Schlüſſel zu ihren Gemächern, und Ka⸗ tharina, die ihrem ehemaligen Günſtling Alles zuzu trauen ſchien, fühlte ſich, ſeitdem ihr dies wieder ein— gefallen war, nicht eher wieder ſicher, als bis ſie ſämmtliche Schlöſſer an ihren Thüren hatte verändern laſſen. Dennoch beſorgte ſie immer wieder, daß er eines Tages oder mitten in der Nacht plötzlich bei ihr erſcheinen und ſie nöthigen werde, ihm alle ſeine früheren Rechte wieder zurückzugeben. Dann wurden ganz förmliche diplomatiſche Unter⸗ handlungen mit ihm eingeleitet, die aber an der großen Kühnheit ſcheiterten, mit welcher Graf Orlow der Czarin gegenüberzutreten wagte. Katharina hatte ihm einſt in einer glücklichen Liebesſtunde ihr Portrait in Brillanten geſchenkt, das nur wenige Auserwählte erhielten und an ihrem Halſe tragen durften. Sie hatte ihm jetzt dafür eine Penſion von hundertundfünf⸗ zigtauſend Rubeln und hunderttauſend Rubel zur Er⸗ 3 einem ſeiner Güter angeboten; denn der Gedanke war der Czarin fürchterlich, daß bauung eines Hauſes 134 4 ihr Portrait von der abſcheulichen Finnländerin an⸗ gefaßt oder getragen werden könne. Aber Orlow hatte nur die Brillanten an dem Portrait losgebrochen und dieſelben der Czarin zurückgeſandt; in einem hinzu⸗ gefügten Briefe meldete er, daß er das Bildniß nur perſönlich in die Hände ſeiner angebeteten Czarin niederlegen könne. Dies war nur eine neue Schreckensbotſchaft für Katharina, die aber nur immer erneuerte Verſuche bei ihr hervorrief, um zum Ziel zu gelangen. Eines Tages, als ſie ſich am meiſten vor ſeinem Wieder⸗ kommen fürchtete, ſandte ſie ihm in ihrer Angſt das Fürſten⸗Diplom zu, mit einem allerliebſten Briefchen, worin ſie ihn bereits„Durchlaucht“ anredete und ihn bat, doch eines ihrer Luſtſchlöſſer zu ſeinem Aufenthalt zu wählen. Gregor Orlow hatte es ſich nun in der That eine Zeit lang in dem ſchönen Sarskoe⸗Selo gefallen laſſen, aber eines Tages war er wieder in Petersburg angelangt, und hatte der Kaiſerin gegenüber dieſelbe geheimnißvoll drohende Haltung angenommen, die ſich in manchen Anzeichen kund that welche die Carin ſich ſo unbeſchreiblich ggängſtigt fühlte. Heut hatte ſich Graf Orlolb auf einige Tage auf die Jagd begeben, und die Czarin begann freieren ₰ 3 135 Athem zu ſchöpfen. Sie wollte jetzt während ſeiner Abweſenheit ein Vorhaben zur Ausführung bringen, das ihr ſchon lange am Herzen gelegen und dem ſeit einiger Zeit alle ihre Pulſe ſtürmiſch entgegenklopften. Dieſe Angelegenheit war ſo wichtig, daß der Staats⸗ Miniſter Graf Panin der Czarin am grünen Tiſch einen langen geſchäftlichen Vortrag darüber hielt, worin er ihr zu beweiſen ſuchte, daß es gegen das Intereſſe des Vaterlandes ſei, wenn die Günſtlingszimmer im Zwiſchenſtockwerk des Winter⸗Palaſtes ſo lange unbe⸗ ſetzt blieben. Die Kaiſerin hatte es lange nicht ſo tief empfunden, welchen Schatz ſie an dem alten Panin beſaß und wie wohl ſie auf das Zureden des Groß⸗ fürſten gethan, ihn der herrſchſüchtigen Laune des Grafen Orlow nicht aufzuopfern. Denn Panin hatte den meiſterhaften Takt, es in einem höchſt ernſthaften, officiellen Actenſtück niederzulegen, was die Kaiſerin in ihrem Herzen längſt als eine nicht mehr zurückzu⸗ weiſende Nothwendigkeit empfunden. Panin ſetzte näm⸗ lich auseinander, daß es nützlich für den Staat ſei, wenn die Favoritenzimmer im Zwiſchenſtockwerk des Winter⸗Palaſtes jetzt keinen anderen Bewohner erhielten, als jenen jungen Offizier, der ſchon an jenem Tage, wo Katharina den Thron ihres ermordeten Gatten 136 beſtieg, ihr ſowohl durch ſeine Begeiſterung für ihre Perſon, wie durch die kraftvolle, heldenmäßige Schönheit ſeiner Geſtalt, auf eine unvergeßliche Weiſe aufgefallen war. Es war dies Gregor Potemkin geweſen, damals ein ſechsundzwanzigjähriger junger Mann, der als Wache neben dem verſchloſſenen Wagen herritt, in welchem der unglückliche Peter III. ſeinem Schickſal entgegengeführt wurde und der, als Katharina in Uni⸗ form zu Pferde ſtieg, um an den Gliedern der Truppen entlangzureiten, bemerkt hatte, daß die Quaſte an ihrem Degen fehle. Da hatte Potemkin raſch die ſeinige losgeknüpft und ſie der Kaiſerin darzubieten gewagt, die bei dieſer Gelegenheit zum erſten Mal ſah, daß Potemlin in ſeinem coloſſalen Wuchs, in ſeinem intereſſanten, von Kühnheit blitzenden und zu⸗ gleich träumeriſchen Weſen der ſchönſte Mann war, der ihr je nahe getreten. Er hatte ſchon damals große Belohnungen von ihr empfangen und nicht nur eine Beförderung zu höheren militairiſchen Ehren, ſondern auch eine jährliche Pen⸗ ſion von zweitauſend Rubeln davongetragen. Aber eine weit höhere Belohnung hatte ihm die Czarin in ihrem Herzen beſtimmt, als Potemkin, der zuletzt im L des Generals Romanzow gegen die Türken gedient „ vor Kurzem wieder in Petersburg angelangt war, um als Courier der Kaiſerin eine Botſchaft aus dem Kriegslager Romanzow's zu überbringen. General Romanzow ſtand mit ſeinem gewaltigen Heere an der Donau und dem Pruth, wo er den Türken und Tar⸗ taren die offene Feldſchlacht anzubieten ſuchte. In ſeinem Lager war eines Tages der junge Potemkin angekommen, der die bedeutendſten Empfehlungen aus Petersburg mitbrachte, und von dem klugen Romanzow, der ein ebenſo bedeutender Hofmann als Soldat war, mit beſonderer Auszeichnung behandelt wurde. Ro⸗ manzow witterte, daß dieſer junge, ſchöne Offizier, der ſich plötzlich im Lager eingefunden, einſt noch zu hohen Dingen beſtimmt ſein könne, und daß er viel⸗ leicht nur in den Türkenkrieg gegangen ſei, um dadurch eine glänzende Laufbahn am ruſſiſchen Hofe raſcher emporzuklimmen. Denn das neueſte und beliebteſte Stichwort in Petersburg war in dieſer Zeit der Türken⸗ krieg geworden, und Jeder, der ſich intereſſant machen oder der raſcher befördert ſein wollte, ſuchte ſich auf irgend eine Weiſe an den Türken die Sporen zu verdienen. Der General Romanzow hatte zwar bemerkt, daß Potemkin ſich um den militairiſchen Dienſt im Lager 138 ſehr wenig zu kümmern ſchien und nur als müßig⸗ gängeriſcher Träumer in demſelben umherſchlenderte. Wochenlang verließ er oft ſein Quartier nicht und lag im Schlafrock eingehüllt auf ſeinem Bette, um hin⸗ brütend ſeinen Gedanken und Träumen nachzuhängen, die ihn mit hochfliegendem Schwung in die Zukunft zu tragen ſchienen. Romanzow, der dies einige Wochen lang mit der größten Aufmerkſamkeit beobachtet, be⸗ richtete eines Tages an den Kaiſerlichen Hof in Peters⸗ burg, daß ihm durch die Ueberſendung dieſes thätigen und ausgezeichneten Offiziers eine beſondere Gunſt widerfahren ſei, und es kam darauf der Kaiſerliche Befehl zurück, daß Potemkin wegen ſeiner, bei allen Gelegenheiten gezeigten Bravour und Kriegserfahrenheit zum dienſtleiſtenden General⸗Major ernannt ſei. Romanzow hatte inzwiſchen die Türken und Tar⸗ taren am Pruth geſchlagen, und die Türken waren dadurch zu Friedensunterhandlungen mit Rußland ge⸗ neigt geworden; aber der Friedens⸗Congreß, der in Fokſchani eröffnet worden, hatte noch zu keinem Er⸗ gebniß führen können. Potemkin, der nur Ein Ziel im Auge hatte, dem er ſeit lange unabläſſig in allen ſeinen Vorſtellungen und Phantaſieen nachgeſtrebt, ſchien jetzt ſeines Aufenthalts im Kriegslager über⸗ „ 139 drüſſig geworden, und trat eines Tages plötzlich vor den Grafen Romanzow hin, indem er von dem Ge⸗ neral verlangte, mit irgend einer Nachricht, am liebſten mit einer Siegesbotſchaft, als Courier nach Peters⸗ burg geſchickt zu werden. Potemkin, deſſen ganzes Dichten und Trachten nur auf Katharina gerichtet war, hatte aus Petersburg erfahren, daß in der letzten Zeit in den Umgebungen der Czarin bedeutende Ver⸗ änderungen vorgegangen ſeien. Seitdem Orlow in Ungnade gefallen war, fühlte Potemkin den Boden unter ſeinen Füßen glühend geworden, und es duldete ihn nicht länger fern von Petersburg. Romanzow zeigte ſich auch diesmal ſo gefällig, als man es nur irgend von ihm erwarten konnte. Auch mit einer Sieges⸗ Nachricht hoffte er den wunderlichen Potemkin für Petersburg ausſtatten zu können. Romanzow unter— nahm raſch einen Angriff auf die ihm gegenüberſtehen⸗ den Heeresabtheilungen des Feindes, und da es nur ein kleiner Sieg aus Gefälligkeit für Potemkin werden ſollte, ſo wurde er leicht errungen und Potemkin damit aus⸗ geſtattet. Bei dem Abſchiede von Potemkin empfahl ſich Romanzow noch mit beſonderer Angelegentlichkeit ſeiner Gunſt. Potemkin hatte bei ſeinem Wiedererſcheinen in 140 Petersburg eine ſehr gnädige und faſt feurige Auf⸗ nahme bei der Czarin gefunden. Schon unmittelbar nach ſeiner Ankunft wurde er zur Belohnung für ſeine im Kriege bewieſene außerordentliche Tapferkeit zum dienſtthuenden General-Lieutenant befördert. Mit einem nnendlichen Wohlgefallen betrachtete ihn die Czarin, als er ſich ihr nach ſeiner Rangerhöhung, in der glänzenden Generals-Uniform, zum erſten Mal vorſtellte. Aber obwohl ſich Potemkin eine bevorzugtere Aufnahme ſowohl bei der Czarin ſelbſt, als auch in ihrem Geſellſchaftskreiſe, nicht hatte wünſchen können, ſo glaubte er doch jetzt raſcher zum Ziel ſchreiten zu müſſen. Er begann plötzlich unendlich traurig und faſt troſtlos auszuſehn, wenn er den Blicken der Carin begegnete, und dann zeigte er ſich wieder ſo gleichgültig und kalt ihr gegenüber, als wenn er gar keinen Anſpruch mehr auf die Neigung Katharina's zu machen wage. Und doch ſchien ein leidenſchaft⸗ liches Feuer für die Perſon der Czarin den traurig gewordenen Jüngling zu verzehren. Er zeigte ihr dies in einzelnen Momenten, wo ſeine Aufmerkſamkeit ſcheinbar auf ganz andere Dinge gerichtet war, durch ſeine hervorbrechenden Blicke voll Gluth und Schwär⸗ merei, die Katharina nur auf eine ihrer Perſon gewid⸗ ————— 141 mete Hingebung deuten konnte. Dann war er plötzlich vom Hofe weggeblieben, was die Czarin mit einer unnennbaren Unruhe erfüllte. Die Gräfin Bruce war die vertraute Theilneh⸗ merin dieſes Geheimniſſes der Czarin geworden, und Katharina erwartete ſie heut um eine beſtimmte Stunde in ihrem Cabinet, wohin ſie die Gräfin beſchieden hatte, um ihr Bericht über eine ihr übertragene Bot⸗ ſchaft zu geben. Die Gräfin Bruce, eine der ſchönſten und elegan⸗ teſten Damen des Petersburger Hofes, hatte es näm⸗ lich übernommen, näher auszuforſchen, wo Potemkin geblieben, ſeine eigentlichen Abſichten kennen zu lernen und ihm nach Umſtänden eine vertrauliche Mitthei⸗ lung von der Czarin zu machen, wobei auf das er⸗ probte Geſchick der liebenswürdigen Unterhändlerin nicht wenig gerechnet war. Die Gräfin Bruce, welche die Ehrendame der Czarin und zugleich ihre eigentlich vertraute Freundin war, hatte noch ein beſonderes Intereſſe für Potemkin, weshalb es am Geeignetſten ſchien, ihr dieſe ebenſo zarte als ſchwierige Aufgabe zu übertragen. Der Bru⸗ der der Gräfin war General Romanzow, der im Kriegslager ſo viel Gefülligkeiten für zen gehabt 142 1 und es ſeiner Schweſter und ihrem Gemahl jetzt zu einer unverbrüchlichen Pflicht gemacht hatte, bei der Anweſenheit Potemkin's in Petersburg ihm alle mög⸗ lichen Rückſichten und Zuvorkommenheiten zu widmen. Dazu kam der überaus günſtige Eindruck, welchen Potemkin bei ſeinem perſönlichen Erſcheinen auch auf die leidenſchaftliche Gräfin Bruce hervorgebracht hatte. Sie war deshalb über das Verſchwinden Potemkin's 3 ängſtlich geworden und ſandte ihre Kundſchafter und Boten in alle Theile von Petersburg aus, um den räthſelhaften Flüchtling zu finden. Endlich wurde die Gräfin Bruce der Czarin ge⸗ meldet, welche ſie raſch zu ſich eintreten hieß. Ka⸗ tharina empfing mit einer leidenſchaftlichen Spannung ihre Ehrendame. Nun, liebe Bruce? fragte ſie mit einer zitternden k Haſt. Haben Sie den grillenhaften Schmetterling bei den Flügeln erhaſcht? Hoffentlich haben Sie ihn nicht zu ſtark angefaßt und den prachtvollen Farben— ſchmelz geſchont, der auf den Fittigen dieſes ſeltenen Vogels ſtrahlt? Die Gräfin erröthete, denn ſie wußte, daß ſie bei Katharina in dem Verdacht ſtehe, durch ihr glühendes und leichtſifniges Temperament leicht zu Abenteuern und den bei rn 143 und Intrignen ſelbſt auf Koſten der Czarin hingeriſſen zu werden. Hatte Katharina ſie doch einſt in ihrem eigenen Zimmer überraſcht, als ſie eben, Alles ver⸗ geſſend, in dem Fauteuil der Kaiſerin ſelbſt in die Arme des Grafen Orlow ſich hatte ziehen laſſen. Die ſonſt ſo ſehr zur Eiferſucht geneigte Czarin hatte ſich aber diesmal wieder zur Vergebung ſtimmen laſſen, indem ſie die übrigen trefflichen Eigenſchaften der Gräfin, deren Dienſte ſie überdieß nicht entbehren konnte, dagegen in die Waagſchaale legte. Verzeihen Euere Majeſtät, erwiederte die Gräfin mit einem leichten Ton, aber der Schmetterling, den wir ſuchten, hat ſich in einen Mönch verwandelt, und in dieſer räthſelhaften Geſtalt haben wir ihn jetzt endlich wiedergefunden. Was wollen Sie damit ſagen, Bruce? fuhr die Czarin lebhaft und unwillig auf. Aus einem Potem⸗ kin kann doch nimmermehr ein Mönch werden? Allergnädigſte Czarin, nahm die Gräfin wieder mit einiger Verlegenheit das Wort, es iſt ein Kloſter des heiligen Alexander-Newsky, wo wir ihn nach langem hoffnungsloſem Suchen endlich wiedergefunden haben! Ich ſelbſt fuhr in die entlegene Vorſtadt hinaus, um ein Geſpräch mit ihm zu ſuchen. Er 144 empfing mich in einer kleinen Zelle, in der er auf der Erde unter alten vermoderten Kirchenſchriften ſaß, in deren Lectüre er ſich ſo vertieft hatte, daß er mich Anfangs gar nicht wiederzuerkennen ſchien. Dann bat er mich feierlich, ihm Glück zu wünſchen, daß er jetzt endlich den höheren Frieden zu finden im Begriff ſtehe. Er klagte mir darauf ſo viel von ſeinen grän⸗ zenloſen Leiden vor, daß ihm und mir zu gleicher Zeit die Thränen aus den Augen ſtürzten. Wenn Ihr ihn geſehen hättet, Majeſtät, ſo würdet Ihr den ge⸗ waltigen Potemkin nicht wiedererkannt haben. Wild und lang hatte er ſich ſeinen Bart wachſen laſſen, und ſchon umſchloß die vollſtändige Tracht der ruſſi⸗ ſchen Mönche ſeine ſchlanken Heldenglieder. Er ſagte, daß er, bevor das Mondenlicht ſich zum dritten Male gewandelt haben werde, in den Orden eintreten und dies öde, düſtere Kloſter zu ſeinem immerwährenden Aufenthalt erwählen wolle. Und ſagte er Euch nicht, wodurch ſein ganzes Weſen ſich dermaßen umgewandelt, und was ihn zu dieſem höchſt ſeltfamen und erſtaunlichen Entſchluß hingeführt habe? fragte die Kaiſerin mit leiſer, faſt athemloſer Stimme. Ach, eikgegnete die Gräfin Bruce in großer Be⸗ auf ſaf, mich unn ß er grif rän⸗ 145 wegung, er erzählte mir viel von den unendlichen Stürmen, die in ſeinem Herzen vorgegangen. Er habe es gar nicht mehr aushalten können. Sein Leiden habe ſich faſt bis zur Tollheit geſteigert, und dann ſei er wieder in einen Tiefſinn verfallen, der mit der verzehrendſten Pein und Unruhe abgewechſelt habe. Es ſei ihm geweſen, als könne er es nirgends mehr aushalten, und als müſſe er die ganze Welt fliehen. Da habe ihn das Kloſter des heiligen Ale⸗ rander⸗Newsky im Schatten ſeiner frommen Hallen gnädig aufgenommen und den Schlag ſeines Herzens ſchon wunderbar gelindert. Die Gräfin Bruce ſchien jetzt abermals ſo gerührt, daß ſich einige helle Thränen in ihren ſchönen, feuri⸗ gen Augen anſammelten. Die Czarin ſelbſt faßte an ihre Augen, die bei der Erzählung der Gräfin in einen naſſen Schimmer ſich eingehüllt hatten. Dann ging Katharina in großer Bewegung einige Male im Zimmer auf und ab, indem ſie einen ſtummen, aber forſchenden Blick auf die Gräfin zurückwarf. Der Buſen der Czarin ſtieg in hochathmender Fülle auf und nieder, eine tiefe, ſich mächtig emporarbeitende Leidenſchaft war in den Ausdruck dieſer ganzen Ge⸗ ſtalt getreten. Auf ihrem Geſicht gingen in fliegenden Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 10 —— —————— 146 Schatten die heftigſten Empfindungen auf und ab. Dann ſpielte der Ausdruck ihrer Züge in das ſanfte und anmuthige Lächeln über, das dem Geſicht der Gzarin zuweilen eigenthümlich war und das auf demſelben Platz nahm, wenn zarte und weiche Gefühle ihr Herz ſchwellten. Und hat man denn nicht in Erfahrung bringen können, nahm Katharina wieder mit großer Angele⸗ gentlichkeit das Wort, was den Potemkin ſo unglück⸗ lich gemacht hat? Wahrlich, man ſollte denken, daß es eine Amour eigener Art wäre, die den jungen Krieger beherrſchte! Oh, entgegnete die Gräfin Bruce, mit einem be⸗ deutungsvollen Ausdruck in ihren Augen: der arme Potemkin bildet ſich ein, hoffnungslos zu lieben. Er glaubt ſich ſogar eines großen Frevels ſchuldig ge⸗ macht zu haben, indem er ſeine Augen zu einer Höhe erhoben hat, auf der die Dame der höchſten Schönheit und Gnaden ſteht, welche der Unglückliche die Dame ſeines Herzens zu nennen wagt. Glauben mir, Euere Majeſtät, es iſt eine wirkliche Leidenſchaft, welche den Potemkin ergriffen hat. Er that mir von Herzen leid, und Euerer Majeſtät wird es ebenſo ergehen, wenn Sie ihn ſehn! b. anfte der auf fihle ingen gele⸗ glüc⸗ „daß un gen nbe⸗ aume Er 9 g bi nheit Dame Euere eden erzen ehen, 147 Nun, entgeégnete die Czarin, indem ſie ihren Kopf mit einer triumphirenden Freude in die Höhe warf, ich ſollte denken, Bruce, wir hätten Euch bereits ge⸗ nügende Vollmachten ertheilt, um den General Po⸗ temkin zu beruhigen. Es thut meinem Herzen wohl, wenn meine Unterthanen ſich mir in Liebe nahen, und ſollte ein zu ſtarker Ausdruck derſelben ſich mir entgegenſtellen, ſo bin ich gern zur Vergebung geneigt. Und was haben Sie dem General-Lieutenant geſagt, gute Bruce? Ei, entgegnete die Bruce, indem ſie einen ſchel⸗ miſchen Ton einzuſetzen wagte, ich habe ihn auf heute Abend um zehn Uhr zum Souper bei mir eingeladen. Bravo, bravo! rief die Czarin, indem ſie mit ihren ſchönen Händen ineinander klatſchte. Und habt Ihr ihm geſagt, wer zu dieſem Souper vielleicht zufällig eintreffen könnte? Ich habe ihm nichts geſagt, Czarin, erwiderte die Gräfin, indem ſie ihr ſchönes Haupt ſtolz und ſinnend wiegte. Aber ich habe ihn ahnen laſſen, wel— cher hohen Gnade er theilhaftig werden könnte, wenn er ſich ihrer werth zu machen verſteht. Außerdem muß ich Euerer Majeſtät ſagen, daß der Potemkin ein ſehr komiſcher Menſch zu ſein ſcheint, welcher der 10* 148 allergnädigſten Czarin gewiß viel Vergnügen machen wird. Denn kaum hatte ich die Einladung zum Sou⸗ per ausgeſprochen und ihn darauf aufmerkſam gemacht, daß bei demſelben vielleicht unverſehens eine hohe Perſon eintreffen könnte, ſo ſprang der Potemkin mit einem lauten Aufſchrei in die Höhe und ſchloß mich dann mit einer Heftigkeit in ſeine Arme, daß ich faſt ohnmächtig zurücktaumelte. Dann aber rannte er wie ein Raſender im Zimmer umher und hatte endlich ge⸗ funden, was er ſo ſtürmiſch zu ſuchen ſchien. Es war eine große Scheere, die er jetzt zu meinem Ent⸗ ſetzen in ſeinen Händen ſchwang. Aber er ſchnitt ſich damit nur den langen Bart herunter, den er ſich in ſeinem Mönchsgelüſte bisher hatte wachſen laſſen. Dann zog er mit einer entſetzlichen Haſt, ehe ich noch Zeit hatte mich zu flüchten, ſeinen Rock aus, um den alten Mönchskittel wieder abzulegen. Schon wollte er im Ausziehen ſeiner mönchiſchen Kleidungsſtücke noch weitere Fortſchritte machen, als es mir endlich gelang, die Thür zu gewinnen. Schaudernd rief ich ihm noch durch die Thürſpalte mein Adieu zu und ſchärfte ihm zugleich ein, mit der größten Pünktlichkeit heut Abend zum Souper in meinem Palais zu er⸗ ſcheinen. 149 chen Ihr habt Euch meines Auftrags wiederum ſehr Sou⸗ gut entledigt, Bruce, ſagte die Czarin, ihrer Ehren⸗ cht, dame gnädig zunickend. Ich werde Euch heut Abend hohe nicht fehlen, und einige Minuten gern in Eurem Hauſe nit zubringen, wonach ich ſchon längſt einmal das Ver⸗ mich langen trug. Wenn ich dann fortgehe und Ihr den fiſt verabredeten Blick von mir erlangt, dann richtet auf wie der Stelle Alles ſo ein, wie ich es Euch ganz be⸗ ge⸗ ſtimmt vorgezeichnet habe und wie es künftig in ſolchen Es Fällen als Geſetz dienen ſoll! Ent⸗ Damit entließ die Kaiſerin ihre vielbewährte Ehren⸗ ſich dame, die ſich auch diesmal wieder um die Czarin verdient gemacht hatte.— N. Potemkin war um die angeſetzte Stunde im Palais der Gräfin Bruce zum Souper eingetroffen, und war dazu in allem militairiſchen Glanz des General⸗Lieute⸗ nants erſchienen. Nichts an ihm erinnerte mehr an die ſchmutzige, eigenſinnige Mönchskutte, die er mit ſo jauchzendem Frohlocken wieder in den Winkel ge⸗ worfen hatte. Alſo ein Teéte⸗a⸗Téte mit der ſchönen Gräfin Bruce! rief Potemkin, indem er ſich von der Gräfin Bruce aufgefordert ſah, mit ihr in den Eß⸗Salon zu treten, wo eine große, prachtvoll geſchmückte Tafel nur für zwei Gedecke hergerichtet war, was zu dem feierlichen Aufputz und zu der feſtlich ſtrahlenden Be⸗ leuchtung des Salons den ſeltſamſten Contraſt bildete. Das Teéte⸗a⸗Tete wird nicht gefährlich werden, entgegnete die Gräfin mit ihrer bezaubernden Leichtig⸗ alais war eute⸗ r an mit ge⸗ fin zu afel dem Be⸗ ete. en, tig⸗ 151 keit, in der zugleich ſo viel Entſchiedenheit lag. Aber wir werden auch nicht allein bleiben, lieber General, denn wie ich Ihnen ſchon heut Morgen andeutete, wird der Beſuch nicht ausbleiben. Aber derſelbe wird nicht eher erſcheinen, als wenn wir zuſammen am Tiſche ſitzen und unſer kleines Souper begonnen haben. Darum laſſen Sie uns Platz nehmen, Herr General, und denken Sie zuerſt bei dieſer Roulade aux truffes nach, wie Sie recht klug und verſtändig die koſtbare Gelegenheit benutzen wollen, die ſich Ihnen heut darbietet. Beim heiligen Rurik, ich würde der Glücklichſte aller Sterblichen ſein, wenn die hohe Czarin meine flammenden Wünſche, die für ſie ſo lange im Ge⸗ heimen glühten, endlich anzunehmen würdigte! Still! ſagte die heitere Gräfin, indem ſie ihren zierlichen Finger auf die roſigen Lippen legte. Wir dürfen hier keinen Namen ausſprechen, und was auch geſchehen mag, finden Sie Sich in Alles, aber, indem Sie Sich zugleich den Anſchein geben, nicht zu wiſſen, wo Sie ſind, und den Namen keiner Perſon zu kennen. Es wird Ihnen ſonſt gehen, wie dem Schatzgräber im Märchen, der Schatz wird Ihnen wieder in die Erde verſinken, ſobald Sie ein Wort dabei geſprochen haben werden! 152 Sie wollen mich alſo in die Märchenwelt ver⸗ ſetzen, meine liebe Gräfin? ſagte Potemkin nachläſſig, indem er ſich, der Gräfin gegenüber, die an der an⸗ deren Seite des Tiſches Platz genommen hatte, mit großer Ungenirtheit auf einen Stuhl hinwarf. Aber laſſen Sie mich nur machen, der Potemkin iſt kein dummer Kerl. Er haſcht ſich erſt mit der guten Gelegen⸗ heit herum, wie ein loſer Knabe mit dem Schmetter⸗ ling, und dann ergreift er ſie und hält ſie feſt mit dem ſtarken Arm eines Herkules. Er ſtrich ſich bei dieſen Worten mit behaglicher Sorgfalt ſeinen flatternden Schnurrbart und bemühte ſich, demſelben eine noch ſchönere maleriſche Form zu geben. Dann, plötzlich Alles vergeſſend, wandte er ſich mit einer ungeſtümen Haſt ſeinem Teller zu, auf dem ihm die Gräfin ſelbſt, da die Domeſtiken heut nicht zugelaſſen wurden, reichlich aufgefüllt hatte. Es lebe die Trüffel und der Wein der Champagne! rief er, ſein Glas in die Höhe ſchwenkend, mit einem luſtigen, ausgelaſſenen Ton, der mehr der Wachtſtube als dem Salon angehörte. Aber ich fürchte nur, meine gute Gräfin, daß man mich heut nicht ganz comme il faut ausſehend finden wird! ſetzte er mit einer großen Naivetät hinzu, indem er die Gräfin Bruce 153 vertraulich bei der Hand faßte und mit den glänzen⸗ den Brillantringen, die ihre Finger bedeckten, zu ſpielen anfing. Die Gräfin lachte und entzog ihm ihre Hand, an der er ihr alle Ringe beſtändig auf⸗ und niederſchob. Er ſprang jetzt auf, nachdem die erſte Schüſſel verzehrt war, und rannte mit eiligen Schritten einem der ſtrahlenden Cryſtallſpiegel zu, welche die Wände des Salons bedeckten. Dann betrachtete er ſich von allen Seiten in dem Spiegel, zuerſt mit einem gewiſſen Behagen, und dann auch wieder mit einer entſchiedenen Unzufriedenheit, und der letztere Eindruck ſeiner eigenen Perſon ſchien doch am Ende der überwiegende bei ihm, denn er beſchloß dieſe Muſterung damit, daß er ſich ſelbſt im Spiegel allerhand abſcheuliche Geſichter ſchnitt, und zuletzt ſogar unter Begleitung einiger nicht ſehr wohllautender Töne ſeine Zunge gegen ſein Spiegel⸗ bild ausſtreckte. Zum Teufel, ich ſehe ja heut ganz infam aus! rief er, langſam wieder zur Gräfin zurückſchreitend. Die paar Tage in dem infamen Kloſter haben mich doch fürchterlich mitgenommen, und wäret Ihr heut nicht noch zur rechten Zeit gekommen, Gräfin, um mich aus dieſem geiſtlichen Hundeſtall zu erretten, ſo 154 würde ich bald einer Waſſerſuppe ähnlicher geſehen haben, als dem General Potemkin. Und dazu iſt es mir noch nie ſo garſtig vorgekommen, daß ich eigent⸗ lich ein Einäugiger bin, als in dieſem Augenblick, wo es grade darauf ankommt, ſich im Beſitz von lauter geſunden Organen zu zeigen. Aber der Stoß, welchen mir der Gregor Orlow einſt mit der Billardſtange in das linke Auge verſetzte, hat mich doch faſt um den Gebrauch deſſelben gebracht, und man wird es ewig bemerken, daß ich auf dieſem Auge keine Schkraft mehr beſitze! Es war dies der nichtswürdigſte Handel, der mir je in meinem Leben geſpielt worden. Ihr irrt Euch, entgegnete die freundliche und gut⸗ müthige Gräfin Bruce, indem ſie ebenfalls, gewiſſer⸗ maßen im Dienſt ihrer Gebieterin, das Ausſehn des Generals muſternd überflog. Auch muß ich aufrichtig geſtehn, das Uebel, welches Ihr an Eurem linken Auge habt, würde ich nie bemerkt haben, wenn Ihr nicht davon ſpracht und nicht ſo viel in Petersburg davon die Rede geweſen wäre. Man ſagt, daß Ihr in einem Streite mit dem Grafen Orlow, welcher um die Perſon der Czarin geführt wurde, dieſe Verletzung empfinget. Ja, entgegnete Potemkin, dem er ſich brüſtend und mit ſtolzirenden Schritten im Zimmer auf⸗ und 155 abging und ſich dann raſch wieder an den Tiſch begab, da die Dienerin, welche nur zum Auftragen der Speiſen zugelaſſen wurde, ſveben einen herrlich duftenden Gold⸗ faſan aufgeſetzt hatte. Erſt nach einer längeren Pauſe, während welcher er nur aß und ſich gänzlich ſchwei⸗ gend verhielt, ſetzte er das unterbrochene Geſpräch wieder fort. Es war in der Revolution von 1762, liebe Gräfin, nahm Potemkin, noch nach dem Wohlgeſchmack des Faſans mit der Zunge ſchnalzend, wieder das Wort, wo ich mit dem Grafen Orlow öfter zuſammenkam. In ſeinem Hauſe fanden ja unſere erſten Zuſammen⸗ künfte ſtatt, die auf den Sturz des widerwärtigen und blöden Czaren Peter's III. abzielten. Auch die Großfürſtin Katharina erſchien dort, man darf ja jetzt mit guten Freunden davon reden, und ich hatte die Ehre, dort zuerſt von ihr bemerkt zu werden. Ich kann nicht ſagen, Gräfin, daß ſie mich ſchon aus⸗ zeichnete, denn ich war ja noch ein ganz junger Wacht⸗ meiſter bei den Garden, aber ſie bemerkte mich doch, und das war einſtweilen genug für einen Träumer, wie ich war, denn von dem erſten Augenblick an, wo ich Katharina geſehn, Gräfin, hatte ich mich auch ſchon bis über die Ohren in ſie verliebt. Ja, es 156 war eine mächtige Leidenſchaft für Katharina, die ſich ſchon bei ihrem erſten Anblick in mir geregt! Meine eigenen Hoffnungen erhielten die glühendſte Nahrung, als ich die Ehre hatte, der Kaiſerin bei der Huldi⸗ gung der Garde meine Degen⸗Quaſte zu überreichen, da ihr die ihrige verloren gegangen war. Der Blick, mit dem ſie mich in dieſem großen Augenblick grüßte, fuhr wie ein Blitz des Himmels in alle meine Glie⸗ der, und ich kam mir vor, als ſeien mir ſchon alle Länder und Völker unterthan, und als gäbe es Nie⸗ mand mehr, der ſich mit mir vergleichen könne! Nach einigen Tagen kam ich mit Gregor Orlow wieder zuſammen; denn wir pflegten miteinander Billard zu ſpielen. Ich war noch voll von Begeiſterung für die Perſon der Czarin, bei Gott! es wogte wie Feuer und Flammen in mir, denn der Blick, welchen mir Katharina am 28. Juli 1762 zugeworfen, hatte mein Herz und Gehirn verſengt. Ich ſpielte, ohne zu wiſſen, was ich that, und es mögen mir wohl einige leiden⸗ ſchaftliche Ausbrüche meines Enthuſiasmus entſchlüpft ſein, welche die Eiferſucht des guten Gregor zu er⸗ regen anfingen. Er war ja der Glückspilz, der ſich ſchon als erklärter Günſtling bei der Czarin eingeniſtet hatte, und ich that, vielleicht auch aus Malice, die 157 mich gegen Gregor erfüllte, ſehr groß mit den Hoff⸗ nungen, deren ich mich rühmen zu dürfen glaubte. Im Laufe meines übermüthigen Geſchwätzes ſagte ich ihm, daß ich ihn keinesweges um ſeinen Platz bei der Czarin beneide, denn ich hoffe, denſelben bald viel ſchöner und herrlicher einzunehmen, und das ſei ſo gewiß, wie der Mond heut Nacht am Himmel ſtehen werde. Orlow antwortete mir mit Wegwerfung, und ein heftiger Wortſtreit entbrannte zwiſchen uns Beiden, ungeachtet wir fortfuhren, unſere Partie Billard dabei zu machen. Da giebt Orlow ſeiner Billardkugel einen ſo verteufelten und wohlberechneten Stoß, daß ſie ab⸗ ſpringt und mir gerade in's Auge fliegen muß. Der Schuft hatte mich gehörig getroffen, denn mein Auge trug eine tiefe Verletzung davon. Erinnern Sie doch, ich bitte Sie, Ihre Gebieterin daran, wie ich mein mißgeſtaltetes Auge davontrug!— In dieſem Augenblick ließ ſich im Hintergrunde des Saals ein leiſes Geräuſch vernehmen. Die Gräfin hatte daſſelbe ſchon beachtet und ſtand mit allen Zeichen der höchſten Ehrfurcht auf, während Potemkin, der nichts hörte und bemerkte, eben noch fortfuhr, ſeinen Erinnerungen an Orlow mit einigen kräftigen Flüchen Luft zu machen. 158 Jetzt trat die Czarin mit einer raſchen, glänzenden Bewegung vor und ſtand dicht neben Potemkin, der vor Ueberraſchung, die Kaiſerin plötzlich wie der Erde entſtiegen zu ſehn, in ſeine Kniee ſank und in dieſer Stellung, zuerſt ſprachlos und ohne eines Wortes mächtig zu ſein, zu den Füßen der Czarin verweilte. Katharina ſah ſtrahlend und glücklich aus, wie man ſie ſeit längerer Zeit nicht geſehen hatte. Sie hatte eine Art von griechiſchem Gewand angelegt, das ſeit einiger Zeit zu ihren Lieblingstrachten gehörte und an ihrem Hofe lebhaft in die Mode zu kommen anfing. Die lang herabwallenden, weiten Aermel, die den ſchöngeformten weißen Arm enthüllten, gaben der ganzen Geſtalt der Czarin eine nachläſſige Grazie, die zugleich einen wunderbaren, ſinnlichen Reiz über ihr Weſen verbreitete. Ueber der Stirn trug ſie ein von Brillanten funkelndes Diadem, ein goldſtoffener Gürtel faßte die Mitte des Gewandes ein. Die Czarin war in dieſer Zeit, wo ſie in ihrem dreiundvierzigſten Lebensjahre ſtand, noch nicht ganz zu der gewaltigen Fleiſchesfülle gelangt, die ſpäter ihre Geſtalt zu einer ſo koloſſalen Unförmlichkeit ausarten ließ. Es war immerhin noch ein harmoniſcher Einklang in ihrer Erſcheinung, und das eigenthümliche Feuer, das aus 6 S 159 ihren tiefliegenden blauen Augen ſprach, ſchien die kleine, gedrungene Geſtalt mit einem ſeltenen Reiz zu durchleuchten. Katharina hatte die Hand mit einem huldvollen Wink erhoben und damit Potemkin bedeutet, ſich von ſeinen Knieen zu erheben. Sie ſchien über den tiefen Ernſt zu lächeln, mit dem Potemkin diesmal nicht aufhören wollte, ihr ſeine feierliche Ehrerbietung dar⸗ zubringen. Inzwiſchen hatte aber die Kaiſerin auf einem von der Gräfin Bruce herangeſchobenen Fau⸗ teuil Platz genommen und ließ Potemkin auf dem Seſſel ſich gegenüber niederſitzen. Katharina blickte nun mit freundlichem Behagen in dieſem Kreiſe um⸗ her und verſicherte mehrmals, daß ſie nicht ſtören, nur ſehen wolle, wie Alles geht. Es iſt dies einmal meine Gewohnheit ſo, ſagte ſie mit klangvoller, gütiger Stimme, daß ich plötzlich einmal bei meiner guten Bruce erſcheine und einige Minuten mit ihr plaudere, ohne mich vorher anmelden zu laſſen. Aber freilich, wie hätte ich ahnen ſollen, daß ich auch die Ehre haben würde, den tapfern Ge⸗ neral Potemkin hier bei meiner Gräfin anzutreffen. Aber wohlgemerkt, ich bin hier niemals die Czarin, ſondern nur die Freundin meiner charmanten Gräfin. 160 Und nicht wahr, Potemkin, es ſpricht ſich gut mit meiner Gräfin? Potemkin, ſobald er ſich nur wieder in eine behagliche Lage zurückverſetzt ſah, ſäumte nicht, auch wieder ſeiner guten und kräftigen Laune theilhaftig zu werden. Er ſagte mit einem Lächeln: Die Gräfin iſt recht char⸗ mant, aber ihr Hauptvorzug iſt doch der, daß man ſolche Freundinnen bei ihr treffen kann, deren Huld uns himmelan erhebt, während wir wie gebannte Sklaven zu ihren Füßen niederſinken müſſen! Wahrlich, wahrlich, ich möchte aufhören, der General Potemkin zu ſein, und möchte lieber die Gräfin Bruce ſein, wenn ich mir ihre Freundinnen dadurch eintauſchen könnte, und namentlich die— ich will bei Leibe nicht ſagen, die Czarin— oder wenigſtens will ich ſagen, die Czarin aller Liebe und Freundſchaft, die Erſte und Höchſte aller Frauen, die Erſte an Schönheit und Reiz, die Höchſte an Geiſt, an Verſtand und an un⸗ ausſprechlichem Gnadenzauber, den ſie auf Alle, die ihr nahen, ausgießt, und alſo auch auf den armen General Potemkin! Ah, entgegnete die Czarin mit einer bezaubernden Freundlichkeit, der General Potemkin hat wohl ver⸗ nommen, daß ich Frieden mit den Türken ſchließen nit an 161 will, und nun denkt er ſogleich, ich könnte ſeiner Dienſte entrathen, und ihn als General entbehren, wofür der groteske Sonderling ſich lieber in meine vertraute Freundin verwandeln möchte! Katharina ließ dabei einen ſo glühenden und muth—⸗ willigen Blick auf Potemkin gleiten, daß dieſer in einen Rauſch des Entzückens zu gerathen ſchien, und im Begriff war, wieder aufzuſpringen und ſich zu den Füßen der Czarin niederzuwerfen. Zur rechten Zeit fiel noch ſein Auge auf die Gräfin Bruce, die ihm mit einer dringlichen Gebärde zu verſtehen gab, daß er ſeinen überfluthenden Eifer noch zügeln müſſe. Alſo Frieden wird in der Welt geſchloſſen werden? bemerkte er dann, mit einer tiefen Verneigung gegen die Czarin. Nun, der Potemkin wird ja immer ein guter General bleiben, der bereit iſt, ſein Herzblut für die große, ſchöne Czarin zu vergießen! Der arme Schelm Potemkin bittet um Verzeihung, daß er hier von der Czarin zu reden ſich unterfängt, aber wir haben doch einmal eine Czarin, eine große und ſchöne Czarin, die wir anzubeten wagen, für die wir in den Tod gehen, und ich weiß es nicht, wo dieſe Czarin iſt, da ſie aber immer unter uns iſt, wo gute Ruſſen weilen, ſo wird ſie auch am Ende hier ſein, die ſchöne, Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 11 162 große Czarin, und wir werden ſie auch hier ſuchen dürfen, da wir ſie überall finden in unſern Herzen, auf unſern Wegen, denn es giebt für uns nichts ohne ſie. Potemkin machte dabei ſo ſchelmiſche und drollige Augen, daß die Czarin ſelbſt über ihn laut zu lachen anfing. Die Bruce dagegen beobachtete die Czarin mit großer Spannung, indem ſie jeden Augenblick Iu erwarten ſchien, daß der entſcheidende Blick aus den Augen der Ezarin ſprechen würde. Potemkin's Gedanken waren aber in dieſem Augen⸗ blick wieder auf den Türkenkrieg gerathen. Alles An⸗ dere um ſich her vergeſſend, wie ihm dies ſelbſt in den wichtigſten Situationen begegnete, war er plötzlich in Phantaſieen verſunken, und fing an, mit den Händen durch die Luft zu fechten. Dann ſprang er heftig auf, und rief: S der Frieden mag gut ſein, wenn er kommt, aber ich wünſche, daß er allen Türken den Hals koſten möchte. Ich begreife nicht, wie ein Türke und ein Ruſſe zu glei⸗ cher Zeit auf der Erde ſein können! Die Sonne Rußland's kann nicht eher vollſtändig aufgehen, als bis der Halbmond vollſtändig untergegangen ſein wird. Rußland muß viel dafür bekommen, wenn es mit den hen en, hts 163 Türken Frieden machen ſoll. Noch als ich im Kriegs— lager Romanzow's ſtand, bemerkte ich, was für ein Geſindel wir uns gegenüber hatten. Das war nicht mehr ein Heer, welches wir an der Donau warfen, das war eine Bande zuchtloſer, feiger Schufte, die gar keine militairiſche Disciplin mehr hatten, und⸗ denen wir durch Gewährung des Friedens das Al— moſen des Bettelmanns zuwerfen. Wenn wir durch dieſen Frieden nicht wenigſtens die Herrſchaft über das ſchwarze Meer davontragen, ſo will Potemkin lieber in irgend einer Anſtalt Wolle ſpinnen, als länger General⸗Lieutenant ſein, oder er will von der hohen Czarin künftig zu Kammerzofendienſten in ihren Frauengemächern verwendet werden. Katharina hatte ihn, während er ſich in dieſen lebhaften Ausrufungen erging, mit einer beſonderen Aufmerkſamkeit beobachtet. Es ſchien ihr heut zu ge— fallen, daß ſie einer ſo freimüthigen Sprache begegnete, die ſonſt nicht immer ihren Ohren angenehm und will kommen war. Sie nickte bei den Worten Potemkims mehrmals mit lächelnder Zuſtimmung und man ſah ihr an, daß ihr beſonders die friſche und lebhafte Weiſe gefiel, in der Potemkin ohne alle Rückſicht ſich ausſprach. Sie heftete ſich dabei an jede ſeiner —— 164 Mienen und Bewegungen mit einer gewiſſen Innig⸗ keit, und ſchien zugleich die ganze Geſtalt des ſchönen, heroiſch gebauten Offiziers noch einmal der genaueſten Muſterung zu unterwerfen. Dann erhob ſie ſich von ihrem Seſſel und ſtand noch einen Augenblick mit glückverheißendem Lächeln vor ihm. Ich werde Keiner ſchönen Türkenſieger gedenken und nicht vergeſſen, was ich ihnen ſchuldig bin! ſagte Katharina mit einer ebenſo hoheitsvollen als liebens⸗ würdigen Gebärde, mit der ſie ſich zugleich von Po⸗ temkin verabſchiedete. Dann, ſich zur Gräfin Bruce umkehrend, warf ſie derſelben einen langen, ſtrahlenden Blick zu, der zugleich voll von geheimem Einverſtändniß war. Ein leiſes Ah! entſchlüpfte den Lippen der Bruce. Dann war die Czarin wieder, ebenſo raſch und geheimniß⸗ voll als ſie gekommen war, aus dem Zimmer ver⸗ ſchwunden. Potemkin, der ſich von ſeiner Ueberraſchung nicht ſogleich erholen konnte, ſtand einen Augenblick ſprachlos neben der Gräfin Bruce, die ſich jetzt tief vor ihm verneigte und ihn mit einem heitern, etwas neckiſchen Lächeln, das um ihre reizenden Lippen ſpielte, fra⸗ gend anſah. ig⸗ ten, ſten och m. ken gte icht los ihn chen 165 Der letzte Blick der Czarin hat Alles entſchieden, flüſterte die Bruce ganz leiſe. Sie glauben, man hat über mich entſchieden? fragte Potemkin, indem er plötzlich ungemein luſtig zu werden anfing, wie ein Kind im Zimmer umherhüpfte und allerhand dummes Zeug trieb. Jetzt müſſen wir dem Programm weiter folgen, wie es die gnädigſte Czarin zum Erſtenmal bei dieſer Gelegenheit feſtgeſtellt hat! ſagte die Gräfin Bruce, mit einem etwas ſtolzen Anſtrich officieller Würde. Das Programm? Was will das Programm? rief Potemkin, indem er mit offenem Munde und einer höchſt komiſchen Grimaſſe vor der Hofdame ſtehen blieb. Das Programm befiehlt, daß Sie jetzt mit mir in den Wagen ſteigen, der bereits unten vor der Thür hält, entgegnete die Gräfin, ſeinen Arm faſſend. Ich werde die Ehre haben, Sie zu begleiten, Herr General, denn das neue Programm ſchreibt es ſo vor. Nun gut, der Potemkin wird der Mann des Pro⸗ gramms ſein! entgegnete er mit übermüthiger Laune, nahm die Gräfin und zog ſie raſch mit ſich fort, in— dem er ſie faſt die Treppe hinuntertrug und unten mit ſtürmiſcher Haſt in den Wagen hob. 166 Der Wagen jagte in großer Eile davon, und hielt bald bei ſeinem Ziel an. Es iſt der Winter⸗Palaſt, vor dem wir ſtillhalten, brummte Potemkin vor ſich hin. Die Diener öffneten den Schlag, und die Gräfin ſchob den noch verwundert ſitzen bleibenden Potemkin vor ſich her aus dem Wagen. Man trat in den Palaſt, und die Gräfin Bruce, welche jetzt die Führung übernommen zu haben ſchien, ſchlug mit Potemkin eine beſtimmte Richtung in das Innere des Palaſtes ein. Potemkin folgte ihr jetzt mit größerer Ruhe, und ſchritt an ihrer Seite die Marmorſtufen einer kleinen Nebentreppe hinauf, durch welche man in das Zwiſchen-Stockwerk des Palaſtes gelangte. Hier war Alles ſtill und lautlos. Nichts unterbrach das tiefe, geheimnißvolle Schweigen, das auf dieſem Flügel des Palaſtes herrſchte. Starke Wohlgerüche durchzogen den Corridor, über den man mit unhör⸗ baren Schritten hinging. Die Gräfin war mit Potemkin in einen uet Salon eingetreten, in dem durch einige herabhängende Ampeln ein buntes, magiſches Dämmerlicht verbreitet war. Die Einrichtung war glänzend und eigenthüm⸗ ielt 167 lich, und hatte den myſteriöſen Charakter, der über⸗ haupt auf dieſem Flügel herrſchte. Wir ſind hier zur Stelle, Herr General! flüſterte die Gräfin leiſe in Potemkin's Ohr. Hier werde ich Sie wieder verlaſſen. Ich bin in den Zimmern der Favoriten! rief Po⸗ temkin, träumeriſch vor ſich hinſtarrend. Und dort, nicht wahr, das iſt die Treppe, welche man hinaufgeht, um in das Schlafzimmer der Czarin zu gelangen? Aber Potemkin empfing keine Antwort mehr von ſeiner Begleiterin, die bereits von ſeiner Seite ver⸗ ſchwunden war. Er warf ſich, behaglich ſeufzend, in einen der Polſter hin, die an den Wänden des Salons umherliefen. In ſeiner Weiſe nachläſſig und bequem ſich ausſtreckend, blickte er unverwandt nach der grün beſchlagenen Wendeltreppe hin, die am äußerſten Ende des Salons gerade in die Höhe gebaut war. Je mehr Potemkin nach dieſer Stelle hinblickte, deſto feſter wurde in ihm die Ueberzeugung, daß dort auf den unterſten Stufen dieſer Treppe eine Perſon ſaß, deren Umriſſe, ſo weit er ſie bemerken konnte, ihm bekannt erſchienen. Er trat näher hinzu, und taumelte mit dem größten Erſtaunen, in das ſich faſt der Schreck miſchte, wieder zurück. 168 Graf Orlow? rief er entſetzt. Zum Teufel, wie kommt Ihr hierher, oder iſt es der Geiſt des ver⸗ ſchmähten Favoriten, der noch in dieſen Gemächern ſpukt? Die dunkle Geſtalt richtete ſich jetzt groß und mächtig aus dem Hintergrunde empor. Es war Graf Orlow, deſſen rieſengroße, gewaltige Figur jetzt nicht mehr zu verkennen war. Er näherte ſich mit lang ſamen Schritten, und legte dann plötzlich ſeine Hand auf Potemkin's Schulter, indem er ein laut ſchallendes Gelächter aufſchlug. Euer Erſcheinen in dieſen Gemächern will, wie es mir ſcheint, eine Art von offizieller Bedeutung haben, mein Freund? rief Orlow; und ich kann um ſo weniger daran zweifeln, da ich Euch von der Bruce hier einführen ſah. Aber Ihr ſeht, daß der Orlow hier noch vorhanden iſt, und darum rathe ich Euch, mir den Platz zu räumen, der mir gehört, und der nie in Eure Hände fallen wird, guter Potemkin! Ah, erwiderte Potemkin, indem er mit einer energiſchen Bewegung Orlow's Hand von ſeiner Schul⸗ ter entfernte, der Graf Orlow will hier die Polizei auf fremdem Boden ausüben, und vergißt, daß er hier längſt alle ſeine Macht verloren hat. Trügt mich 169 nicht Alles, ſo ſeid Ihr hier nur ein Eindringling, Graf Orlow, und Ihr habt Euch heute mit Gewalt in dieſen Zimmern einniſten wollen, in welche Euch der Wille der Czarin niemals zurückrufen wird. Und Potemkin verſichert Euch auf ſeine Ehre, daß Ihr nimmermehr die grüne Treppe dort hinaufſteigen werdet, auf deren unterſter Stufe ich Euch zuvor wie einen Abbadonnah vor der Schwelle des Paradieſes hocken ſah. Hahahaha! Ihr ſeht, Graf Orlow, ich beluſtige mich über Euch! Ich werde mit Euresgleichen nicht um den Vor⸗ rang ſtreiten! rief Orlow, indem er ſich mit einer weg⸗ werfenden Gebärde hoch in die Höhe richtete. Ich mache Euch daher Platz, und denke Euch dafür ein anderes Mal zu treffen. So gehabt Euch denn wohl, Graf Orlow! rief Potemkin, indem er auf eine nicht ſehr verbindliche Weiſe mit den Füßen ſcharrte, als wenn er dem An⸗ dern ſofort das Geleit geben wolle. Und es kann jetzt auch einigermaßen zu Euerer Genugthuung ge⸗ reichen, daß ich ungeachtet Euerer Billardkugel, die mir das Auge zerſchlug, doch hier in dieſen Zimmern angelangt bin, in welche Ihr mit Eueren zwei großen flammenden Augen niemals wieder den Eingang finden — ———— 170 werdet! Ihr thut jetzt am beſten, Euch wieder auf etwas auf der Geige vorzuſpielen, auf der Ihr ſo excellirt! Orlow hatte jetzt ſchweigend das Gemach verlaſſen, und Potemkin ſchritt triumphirend, mit übereinander⸗ geſchlagenen Armen auf und nieder.— Am andern Morgen hatte Graf Orlow noch ein⸗ mal eine Audienz bei der Czarin nachzuſuchen ge⸗ wagt, in dieſer Unterredung, die ſehr kurz wurde, aber nur einen Urlaub auf unbeſtimmte Zeit erbeten, der ihm ſehr raſch gewährt wurde.— Euere Güter zurückzubegeben, und den Bauermädchen M. Auf dem kaiſerlichen Luſtſchloß zu Zarskve⸗ Selo, das drei Meilen von der ruſſiſchen Hauptſtadt ent⸗ fernt liegt, fand heut ein großes Hoffeſt Statt, zu welchem die Czarin auch den Großfürſten Paul und deſſen junge Gemahlin hatte einladen laſſen. Der Zweck des feſtlichen Gala⸗Diners wurde am Hofe darin geſehn, den eben abgeſchloſſenen Frieden von Kainardſche zu feiern, durch welchen Rußland den Türkenkrieg mit großen Vortheilen für die Begrün⸗ dung ſeiner Weltmacht beendet hatte. Die öde, ſonſt ziemlich verlaſſene Landſtraße von Petersburg nach Zarskoe⸗Selo zeigte ſich deshalb heut ungemein belebt von den glänzendſten Equipagen, die in langen Zügen in mühſamer Fahrt dem prächtigen Schloß zuſtrebten, das hier an den Duderhoff'ſchen Bergen, umgeben von reizenden und blühenden Garten⸗ 172 Anlagen, gelegen iſt. Das Schloß ſelbſt iſt ein un⸗ geheures Steingebäude von düſterm und abſchreckendem Ausſehn, das nicht einladender geworden, obwohl Katharina II., ſeitdem ſie Zarskoe⸗Selo zu ihrem Lieblings-Aufenthalt erwählt, die vielfachen äußeren Zierrathen des Schloſſes hatte vergolden laſſen, wodurch ein ſeltſamer, noch unheimlicher wirkender Wiverſpruch in dem Charakter dieſes von der Kaiſerin Anna angelegten Palaſtes hervorgetreten war. Die Großfürſtin Natalia ſah mit furchtſamen, ſchenen Blicken zu dieſem Schloß empor, als der Wagen, in dem ſie mit ihrem Gemahl, dem Groß⸗ fürſten, gefahren war, vor dem Hauptportal ſtillhielt. Beängſtigende Empfindungen der ſonderbarſten Art, über welche ſich die junge Prinzeſſin keine Rechen— ſchaft zu geben wußte, ließen ihren Buſen heftig auf⸗ und niederſteigen, und ihr reizendes, liebliches Geſicht hatte ſich mit einer von Grauen und Entſetzen erfüllten Miene verdüſtert, als ie jetzt, an dem Arm ihres Gemahls, die hohe Marmorhalle durchſchritt, durch welche der Eingang in das Innere des Schloſſes führte. Die Prinzeſſin war die unheimlichen Empfindun⸗ gen, welche ſie ſeit ihrem erſten Eintritt in Rußland beherrſcht, noch nicht losgeworden. Alles, was ſie 173 ſah, ſchien ſie nur mit mißtrauiſchen Blicken zu be⸗ obachten, überall war ſie geneigt, Verrath und Trug vorauszuſetzen, und von drohenden Geſpenſtern fühlte ſie ſich in einem gefährlichen Hintergrunde auf allen ihren Wegen umgeben. Da ihr eigentliches Naturell ſo viel Heiterkeit und ſelbſt Uebermuth in ſich trug, ſo erſchien ſie durch dieſe Zeichen von Mißtrauen und entſchiedener Furcht, die ſie bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, um ſo auffallender, und hatte am allermeiſten das offene Mißfallen der Czarin, die genau Alles wußte, was um ſie her vorging, auf ſich gelenkt. Das Verhältniß zwiſchen ihr und Katharina war in der That von Tag zu Tag geſpannter geworden, und oft bebte Natalie unwillkürlich zuſammen, weun ſie ſich plötzlich von den großen flammenden Augen der Czarin getroffen fühlte, deren forſchende Blicke ihr bis in das Inuerſte drangen und dort, auf dem verborgenſten Grunde ihrer Seele, ihr ein gefährliches Geheimniß gewaltſam entreißen zu wollen ſchienen. Das Mißfallen der Czarin ſchien ſeit einiger Zeit um ſo mehr auf der jungen Groffürſtin zu laſten, als die vortheilhafte Umwandelung, welche Katharina von dieſer Heirath für den Großfürſten Paul gehofft, keineswegs eingetreten war. Paul war ſeitdem nicht 174 heiterer, umgänglicher und vertrauensvoller zu ſich ſelbſt geworden, als bisher, ſeine ſcheue und menſchen⸗ feindliche Laune hatte ſich nicht aufgeklärt und ge⸗ mildert, auch fand ihn die Czarin nicht ſchmiegſamer und zuvorkommender gegen ihre Wünſche und Befehle. Im Gegentheil ſchien er nach ſeiner Verbindung mit der deutſchen Prinzeſſin noch in ſich gekehrter und verdroſſener als ſonſt, und es quälte ihn ſichtlich ein geheimer Kummer, der ihn nach allen Seiten hin ſtarr und unzugänglich machte, für den er keinen Vertrauten beſaß und über den auch die Czarin ungeachtet ihrer meiſterhaften Späher und ihrer eigenen durchdringen⸗ den Spürkraft noch nicht klar geworden war. Es war znerſt, ehe das Diner begann, eine per⸗ ſönliche Vorſtellung bei der Czarin, welche in dem ſogenannten Bernſtein⸗Salon ſtattfand. Es war dies ein kleiner, koſtbar ausgeſchmückter Saal im Schloſſe, der an den Wänden ganz mit Bernſtein bekleidet war, einem werthvollem Geſchenk, welches der preußiſche König Friedrich Wilhelm I. einſt der Kaiſerin Anna dargebracht hatte. In dieſem Salon ſtand Katharina unter einem von Pracht ſtrahlenden Thronhimmel, den die Ge⸗ treuen ihres Reichs und die ausgezeichnetſten Würden⸗ ich em ies ſ ar, na em je⸗ 175 träger ihres Hofes in einem glänzenden Kreis um⸗ ſtanden. Der Eintritt des Großfürſten und der Groß⸗ fürſtin brachte keine Unterbrechung in einer feierlichen Ceremonie hervor, die hier eben begonnen zu haben ſchien. Es ſchien kaum bemerkt worden zu ſein, daß Paul, ſeine Gemahlin am Arm führend, in den Kreis eingetreten war. Nur die Czarin, die eben begonnen hatte, einige Worte im Zuſammenhange zu ihrem Kreiſe zu ſprechen, ſtockte einen Augenblick, als ſie die junge Großfürſtin dicht vor ſich ſtehen ſah, mit deren Blicken ſie ſich ungern begegnete. Es legte der Czarin einen unerklärlichen Zwang auf, wenn ſie ſich in der Nähe Nataliens befand. Die Souverainin, vor deren leiſeſtem Willensausdruck ein ganzes Reich von Sklaven zitterte, konnte vor dem Augen⸗Aufſchlag eines zarten jungen Mädchens erſchrecken, und es brachte ſie in eine Verwirrung, wenn ſie ſich von dieſen ſpiegelklaren, ſonnenhell leuchtenden Augen be— obachtet fühlte. Die Wirkung war ſo ſehr eine gegen⸗ ſeitige, daß ſie nur in dem ſich unwillkürlich abſto— ßenden Naturell Beider beruhen zu können ſchien. Indeß war dies nur ein flüchtiger, kaum merklicher Augenblick, und die Czarin kehrte ſofort wieder in ihre feſte, unerſchütterliche Haltung zurück, mit der ſie auch 176 jetzt die Mittheilung, welche ſie dem um ſie verſam⸗ melten Hofkreiſe zu machen hatte, vollendete. Der Gegenſtand dieſer Mittheilung ſtand in einer feierlichen, ſtolzen Haltung nahe zu ihrer Rechten. Es war Potemkin, der heut noch beſondere Ehren aus den Händen ſeiner gnädigen Czarin empfangen ſollte, welche, indem ſich eine leuchtende Freude über ihr Antlitz ergoß, ihm ſoeben ein außerordentliche Rang⸗ erhöhung hatte zu Theil werden laſſen. Der Staats⸗ Kanzler Graf Panin verlas, auf den Wink der Czarin, das Diplom, durch welches der General Potemkin, zur Verherrlichung des eben abgeſchloſſenen, glorreichen Friedens von Kainardſche, die Würde eines Grafen des ruſſiſchen Reiches empfangen hatte. Der Kaiſerliche Befehl war in dieſem Diplom ausdrücklich ſo gefaßt, „weil Potemkin zur raſchen Beförderung des Friedens⸗ geſchäftes mit vielem guten Rath an die Hand ge⸗ gangen.“ Zugleich empfing Potemkin einen prächtigen, mit Brillanten beſetzten Degen,„wegen der tapferen und vielen, im verfloſſenen Kriege erwieſenen Dienſte und Bemühungen.“ Als Potemkin dieſe Auszeichnungen alle auf ſich ausſchütten ſah und er den ihm überreichten Ehren⸗ degen anlegte, nahm ein triumphirendes, zugleich mit ſam⸗ einer Es aus llte, ihr ung⸗ ts⸗ arin, nlin, ichen afen liche üßt, ens⸗ R⸗ gen, eren nſte ſih ren⸗ nit vieler Drolligkeit verſetztes Lächeln auf ſeinem breiten, 1 fleiſchigen Geſichte Platz. Er war im Grunde ein zu kluger und feiner Kopf, um ſich wirtlich dieſe Ver— dienſte alle zuzuſchreiben, welche ihm durch jene Gnaden⸗ beweiſe der Kaiſerin feierlich beigelegt worden. Er wußte ſelbſt am genaueſten, wie viel der erlegten Türkenköpfe auf ſeinen Säbel gekommen waren, aber es beluſtigte ihn in dieſem Augenblick über Alles, die vom Aerger blaß gewordenen Geſichter der Hofleute rings um ſich her zu ſehn, die mit einer grinſenden Freundlichkeit die kundgemachten Rangerhöhungen und Auszeichnungen Potemkin's entgegennehmen mußten. Es fehlte nicht, ſo wäre Potemkin, ſeiner Gewohnheit gemäß, auch in dieſem Augenblick in ein lautes, tolles Gelächter losgebrochen. Da ihm aber der Moment doch ſchicklicher Weiſe nicht ganz dazu geeignet erſchei⸗ nen wollte, ſo war in ſeinen Geſichtsmuskeln zugleich ein Kampf entſtanden, der für Jeden, der ihn beob⸗ achtete, eine unwiderſtehlich komiſche Wirkung haben mußte, welche ſich namentlich dem Großfürſten Paul mittheilte. Denn der junge Großfürſt, der ſchon in ſeiner Kindheit an Convulſionen und Nervenzuckungen gelitten, hatte davon eine ſo große Empfindlichkeit zurückbehalten, daß er keine Grimaſſe ſehen konnte, Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 12 178 ohne ſie ſofort nachzuahmen und auf ſeinem eigenen Geſicht zu wiederholen. Man konnte daher auch in ſeinen Geſichtsmuskeln jetzt dieſelben Grimaſſen und Muskelverzerrungen beobachten, welche Potemkin auf ſei⸗ nem Geſicht ſpielen ließ, und wenn dieſer Effect noch länger fortgedauert hätte, ſtand der Ernſt dieſer ganzen Hofſcene unrettbar auf dem Spiele, denn ſchon hatten einige junge, muthwillige Hofdamen in dem Kreiſe, die Alles beobachtet, ſich eines heimlichen, aber immer bedenklicher anſchwellenden Kicherns nicht mehr ent⸗ halten können. Aber Potemkin's Geſicht hatte ſich jetzt plötzlich verändert und damit war auch der Drang des Gri⸗ maſſirens, welches den Großfürſten unwiderſtehlich in dieſen Bann geſchlagen hatte, wieder verſchwunden. Potemkin hatte Furcht bekommen, daß, da die Ver⸗ öffentlichung aller ſeiner Gnaden ſich einmal im Zuge befand, auch bei dieſer Gelegenheit das Gehalt möchte bekannt gemacht werden, welches er jetzt, wie ihm die Czarin heut Morgen eröffnet, als neu angeſtellter Favorit mit hundertundvierzigtauſend Rubeln jährlich empfangen und zwar in monatlichen Raten regelmäßig ausbezahlt erhalten ſollte. Potemkin dachre dabei jetzt an ſeine vielen Gläubiger, die er in einer zahlloſen Menge beſaß, und genen ich in mund uf ſei⸗ noch unzen hatten reiſe, immer ent⸗ tlich Gri⸗ ich in 179 es beſchlich ihn die Beſorgniß, daß, wenn ſeine neuen großen Geldeinkünfte bekannt würden, die ungeheuere Laſt ſeiner Schulden, deren Bezahlung ihn nie küm merte, erſt dann ſehr drückend und unbequem für ihn werden möchte, und einen Sturm ſeiner ſämmtlichen Gläubiger gegen ihn heraufbeſchwören könnte. Er dachte jetzt mit einer ſehr ernſten, ſinnenden Gebärde darüber nach, und ſchien ſich ganz in dieſen Gegenſtand zu verlieren, indem er die Geſammt— Summe ſeiner laufenden Schulden bei ſich überrechnen mochte. Aber inzwiſchen löſte ſich der engere Kreis auf, welcher ſich um die Czarin gebildet, denn ſie hatte mit einem huldvollen Kopfneigen gegen die Ge ſellſchaft ſoeben ihre Mittheilungen beendet und trat jetzt aus dem Cirkel heraus, um ſich der Unterhaltung mit einzelnen Perſonen, auf welche grade ihr Blick traf, hinzugeben. Eine Zeit lang hatte die Czarin mit ihren leuchtend umherfliegenden Blicken den Grofßfürſten und ſeine Gemahlin, die in einiger Entfernung ſcheu und zurück⸗ haltend umherſtanden, betrachtet. Lange ſchien ihr der Entſchluß zu fehlen, ſich in ein Geſpräch mit den ſelben einzulaſſen, endlich aber deutete ſie durch eine Handbewegung, die etwas Gezwungenes hatte, dieſe 12* 180 Abſicht an, worauf Panl und Natalie ſich langſam und zögernd der Czarin näherten. Ich entbehre ganz und gar noch Euere Glück⸗ wünſche, meine Kinder, ſagte die Czarin, und ich möchte ſie nicht gern grade am heutigen Tage mir fehlen laſſen. Was hat der Groffürſt Paul zu dem Frieden von Kainardſche geſagt, den ich im guten Glauben an die großen Vortheile, die er Rußland gewähren wird, abgeſchloſſen habe? Sehet immerhin freundlich und vergnügt darüber aus, Paul und Ratalie, denn es iſt ein neuer Schritt, den wir mit dieſem Frieden vor⸗ wärts gethan haben, um die Macht und Größe unſeres Reichs in Europa und Aſien höher emporzuheben. Paul verneigte ſich, mit über der Bruſt gekreuzten Armen, in unterwürfiger Demuth, aber ein ironiſches Lächeln, wie es die Czarin durchaus nicht liebte, um⸗ ſpielte ſeinen kleinen, ſchmalen, gekniffenen Mund. Ebenſo blickte Natalie verlegen, aber keineswegs freund⸗ lich zur Seite und vermied es ängſtlich, den Augen der Czarin zu begegnen. Oh, fuhr die Czarin fort, ich bin überhaupt heut ſo glücklich, wie ich mich ſeit langer Zeit nicht gefühlt habe, und ich wünſche ernſtlich, daß man mir heut nur glückliche Geſichter zeige. ngſam Flic⸗ möchte fehlen wird, h und es iſt vor⸗ nſeres n. euzten iſches „um⸗ Nund. eund Augen heut efihlt hent 181 Katharina ſprach dieſe letzten Worte ſo nachdrückꝰ lich und mit einer plötzlich hervortretenden Heftigkeit, daß Natalie zuſammenſchrak und ihre lieblichen Wangen bald bleich, bald roth ſich färbten. Und weißt Du, Paul, warum ich mich heut fo glücklich fühle? fuhr Katharina fort, indem ſi ie ſich jetzt ausſchließlich zu dem Großfürſten wandte. Nicht nur dem Halbmond haben wir Sieg und große Vortheile abgerungen, auch ein anderer meiner gefährlichſten Gegner, der Koſack Pugatſchew, iſt vor meinen gegen ihn ausgeſandten Truppen in den Staub gefallen. Es war Gefahr, daß dieſer Rebell, der die abſcheulichſten Mittel des Verraths und der Volksverführung gegen uns aufbot, den ſchönen Südoſten unſeres Reichs gänzlich von uns abfallen machen würde. Schon hatte dieſer wahnſinnige Koſack, der bereits an der Spitze eines ſtarken Heeres gegen mich heranzog, die Wolga überſchritten, und Moskau war auf das Ernſtlichſte von ihm bedroht, als es meinen Generälen Michelſon und Souworow jetzt endlich gelungen iſt, ihn auf's Haupt zu ſchlagen. Von Souworow gelangte heut Morgen die Botſchaft zu mir, daß er den Pugatſchew in Feſſeln nach Moskau gebracht und dort vor ein Kriegsgericht geſtellt habe. Er war mein ſchlimmſter — ——— 182 Feind, und wenn das Kriegsgericht ein Todesurtheil über ihn verhängt, bei Gott, ſo werde ich es diesmal beſtätigen, und es wird das erſte Todesurtheil ſein, das unter meiner Regierung vollzogen worden iſt! Die Großfürſtin Natalie hatte mit einer faſt leiden⸗ ſchaftlichen Spannung und Aufmerkſamkeit den Worten der Czarin zugehört, und eine Frage drängte ſich auf ihre Lippen, die ſie nicht länger zurückhalten zu kön⸗ nen ſchien. Iſt es denn wahr, fragte Natalie leiſe, daß dieſer Koſack wirklich eine ſo große Aehnlichkeit mit dem Czaren Peter II. gehabt, daß die Bevölkerung des Südens ihm um deswillen zugeflogen, und dadurch verführt werden konnte, ihm, den ſie für den Czaren Peter ſelber hielt, Thron und Reich von Neuem er⸗ obern zu wollen? Kaum hatte Natalie dieſe Worte ausgeſprochen, als ſie auch ſchon mit dem größten Entſetzen bemerkte, welches Unheil ſie damit angerichtet hatte. Alles würde ſie in dieſem Augenblick darum gegeben haben, hätte ſie ihre unbedachte Frage wieder zurückrufen und tief in ihrer Bruſt verſchließen können. Denn die Czarin, die erſt bei der Nennung des Na⸗ mens, der ihren Ohren nicht mehr genannt werden durfte, , utheil esmal ſein, ſtl dieſer dem des durch zuren ner⸗ chen, erkte, ürde hätte tief 3 Na⸗ ufte, 183 heftig aufgefahren war, hatte ihr Geſicht, auf dem ein dunkler Zorn glühte, jetzt gänzlich abgewandt, und ſchwieg, ohne der jüngern Großfürſtin das geringſte Wort der Erwiederung zu gönnen. Paul war bleich ge⸗ worden, eine große Beſtürzung hatte ſich über ſein Geſicht verbreitet, zugleich ſah man einen tiefen Schmerz in allen ſeinen Zügen arbeiten. Mit Verzweiflung durch⸗ forſchte er bald das ernſte, flammende Antlitz ſeiner Mutter, bald drangen ſeine zürnenden, vorwurfsvollen Blicke zu Natalien hinüber, die zu zittern begann und faſt Thränen in den Augen hatte. Es war eine wohlthuende Auskunft, daß die Czarin in dieſem Augenblick den General Potemkin gewahrte, der in einiger Entfernung ſtand, und jeden Moment auf das Glück zu harren ſchien, von der Kaiſerin an⸗ geredet zu werden. Ein glückliches Lächeln überflog das Geſicht der Czarin, als ſie ihn erblickte. Sie winkte ihn zu ſich heran, und ſagte: Mein lieber General, beantworten Sie doch ſtatt meiner eine Frage, welche die Frau Großfürſtin ſo eben an mich zu richten die Güte hatte. Sie fragte, ob die Bevölkerung im Süden meines Reichs ſich deshalb für den Koſacken Pugat⸗ ſchew erhoben hat, weil ſie durch ſeine wunderbare 184 Aehnlichkeit mit dem hochſeligen Czaren Peter MI. hingeriſſen und getäuſcht worden ſei, und weil ſie ſeinem Wahnwitz glaubte, mit dem er ſich ſelber für den Czaren ausgab? Potemkin ſchien einen Augenblick auf das Heftigſte zu erſchrecken. Dann ſagte er, mit einer tiefen Ver— neigung gegen die Großfürſtin, die in einer unbeſchreib— lichen Verlegenheit daſtand: Oh, der Pugatſchew iſt ein Narr und ein Räuber! Kein ächter Ruſſe, ſo weit die Steppen des Don und die Gefilde des Ural reichen, hat dort an ihn geglaubt, denn man muß das ruſſiſche Volk kennen, um zu wiſſen, daß es ein Herz für ſeine Czaren⸗Familie hat, das nimmer getänſcht werden kann! Ein guter Ruſſe weiß, was Czar iſt und was nicht Czar iſt, auf ein Haar, denn er zählt es an den Schlägen ſeines Herzens ab, und darum war es nur ſchlechtes Geſindel, dem man die Aehn⸗ lichkeit eines Räubers mit einem Czaren aufreden konnte, und das für dieſes lächerliche Phantom in den Kampf gezogen iſt! Die Czarin klatſchte leiſe Beifall in ihre Hände, als Potemkin ſo geſprochen hatte, und belohnte ihn mit einem gnädigen und ſüßen Blick. Das heißt wie ein guter Ruſſe geſprochen! rief ſie, gewaltige Blitze N, hn ie 185 aus ihren Angen ſchleudernd, welche die arme Groß fürſtin zu vernichten drohten. Dann entfernte ſie ſich, um mit anderen Perſonen ihres Hofſtaats zu ſprechen, die mit den beeifertſten Huldigungen ihren Kreis öff neten, um die hohe Gebieterin in ihrer Mitte zu empfangen. Die Großfürſtin, die jetzt einen Augenblick ganz allein geſtanden hatte, blickte in einer traurigen Stim⸗ mung um ſich her. Ein tiefes Wehegefühl, an dem ſie ſeit ihrem Aufenthalt in Petersburg ſchon öfter gelitten, drohte ihre Bruſt zu ſprengen. Es war wie eine Felſenlaſt, die ſich ſeit kurzem auf ihr Herz ge— wälzt hatte. Die Empfindungen, welche ſie in dieſem Augenblick beſtürmten, drangen ſo heftig auf ſie ein, daß ſie nicht mehr die Möglichkeit fühlte, es noch länger in dieſem Saal aushalten zu können. Mit Sehnſucht blickte ſie auf die hohen Gipfel der grünen Bäume, die von draußen aus dem Schloßgarten durch die Bogenfenſter zu ihr hereinſchimmerten. Es däuchte ihr, als ob der Boden hier unter ihren Füßen glühte, und es drängte ſie hinaus, in's Freie, in die Luft, weil ſie ſonſt fürchtete, den lauten Schrei, der ihr aus tiefſter Bruſt emporſtieg, nicht länger zurückhalten zu können. 186 An der Seite des Saales, wo ſich Natalie eben befand, ſtand eine Flügelthür, die in eine Gallerie hinausführte, halb geöffnet. Natalie empfand die friſche Sommerluft, die durch die Spalte zu ihr hereindrang, mit unendlichem Wohlbehagen, ſie blickte raſch noch einmal in den Saal zurück, und, da ſie ſich gänzlich unbemerkt ſah, ſchlüpfte ſie eiligſt hinaus. Sie war hier in eine Colonnade hinausgetreten, die um den Flügel des Schloſſes herumlief und aus einer hohen Marmorhalle beſtand, in der eine Reihe von Büſten aufgeſtellt war. Dieſe Gallerie war von beiden Seiten mit großen Glasfenſtern unſchloſſen, aus denen ſich eine entzückende Ausſicht auf den ſich weithin ausbreitenden Park mit ſeinen dunkeln Eichen⸗ wäldern und lichten, blitzenden Seen darbot. Natalie ſtand, von der überraſchenden Ausſicht gefeſſelt und alles Andere darüber vergeſſend, einen Augenblick lang betroffen da. Sie ſchob das Fenſter in die Höhe und lehnte ſich ſeufzend hinaus, indem ſie ihr Haar den friſchen Lüften preisgab, die mit dem ſchönen blonden Kopf zu ſpielen anfingen. In⸗ dem ſie ſich dabei mehr und mehr ihren ſtillen Ge⸗ danken überließ, ſtrömten immer reichlichere Thränen aus ihren Augen hervor. Ein unendlicher Schmerz, — u, ich ⸗ 187 der ſich ihrer bemeiſterte, ſchien ihre zarte Natur auf⸗ löſen zu wollen. Jetzt hörte ſie ein Geräuſch, das unmittelbar in ihrer Nähe ſich vernehmen ließ; ſie wandte ſich er⸗ ſchrocken um, und es fiel ihr jetzt erſt ein, daß ſie einen gewiß ſehr ſchwer verzeihlichen Verſtoß begangen, indem ſie ſich eigenmächtig aus der Umgebung der Czarin entfernt und ſich hier in der Gallerie nach ihrer eigenen Laune und Wahl einen Platz gewählt hatte. Ihre Beſorgniß, die bereits einen peinlichen Grad zu erreichen anfing, ſänftigte ſich jedoch in dieſem Augenblick, als ſie, ſich raſch umkehrend, den Grafen Andreas Razumovski, ihren Ehren⸗Cavalier und Kam⸗ merherrn, vor ſich erblickte, der mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick die Großfürſtin grüßte. Werde ich im Saal ſchon vermißt? fragte die Großfürſtin ihm leiſe entgegen. Euer ängſtliches We⸗ ſen, Graf, ſcheint mir faſt darauf hinzudeuten. Die Luft dort drinnen ſchnürte mir den Hals zu, und ich mußte hier die friſche Luft zu gewinnen ſuchen, wenn ich eine Ohnmacht vermeiden wollte. Es war gefährlich, Kaiſerliche Hoheit, was Sie begonnen haben, aber Sie haben einen merkwürdig glücklichen Moment dafür gewählt, erwiderte Graf 188 Razumovski, mit einem Ton, deſſen inniger Accent be⸗ wies, wie groß ſeine perſönliche Hingebung für die Prinzeſſin war, und wie er durch das Recht, welches ihm Natalie verſtattete, ihr Rathgeber und leitender Freund auf der ſchlüpfrigen Bahn dieſes Hofes zu ſein, be⸗ reits eine gewiſſe Sicherheit in der Begegnung mit ihr gewonnen hatte. Er deutete jetzt mit ſeinen ernſten, feurigen Augen auf das Glasfenſter, durch welches man den ganzen Saal überblicken konnte. Man ſah die Czarin in einem äußerſt lebhaften Geſpräch mit dem Grafen Panin, mit dem ſie niemals etwas Anderes als Po⸗ litik zu ſprechen pflegte. Bei der peinlichen Umſtänd⸗ lichkeit Panin's, der in ſeinen weitſchweifigen diplo⸗ matiſchen Falten die Czarin gefeſſelt hielt, war es vorauszuſehn, daß dies Geſpräch nicht ſo bald beendet ſein werde, und da zugleich Kathatina ſelbſt äußerſt lebhaft ſprach, war alles Andere, was im Saal um ſie her vorging, von ihr unbeachtet geblieben. Es wird dort in dieſem Augenblick etwas ganz Neues beſprochen! ſagte Graf Razumovski leiſe zur Großfürſtin, indem er mit ſeinen großen ernſten Augen auf die Gruppe der Czarin im Saal hinüberdeutete. Die Czarin offenbart ihrem Staatsminiſter den Plan, en—— ————ͤ— 89 O* mit ihrem ganzen Hofſtaat eine Reiſe nach Moskau anzutreten und dort eine große Nationalfeier zu ver⸗ anſtalten, um den Frieden mit den und den Sieg über den Koſacken Pugatſchew feſtlich zu ver⸗ herrlichen. Und werden wir Alle nach Moskau mitgehn? fragte die Prinzeſſin mit jugendlicher Lebhaftigkeit. Es kann kein Zweifel darüber ſein, entgegnete m indem er ſich tief vor der Prinzeſſin verneigte. Die Anweſenheit Ihrer K daiſerlichen Hoheit, der Frau Großfürſtin, wird dies Nationalfeſt wahr⸗ haft verſchönen, und auch mir wird es dann vergönnt ſein, in Ihrem Schatten, gnädigſte Fürſtin, dorthin zu folgen. Was ſollte auch unterdeſſen aus Razu⸗ movsly werden, der vor Sehnſucht vergehen muß, wenn ihm nur einen Tag lang nicht geſtattet iſt, ſeiner huldvollen Gebieterin in's Antlitz zu ſchauen! Graf Razumovsky ſagte dieſe leiſe geflüſterten Worte mit einem ſo tiefinnigen Accent, wie man ihn ſonſt ſeiner ernſten, ſtrenggemeſſenen Perſönlichkeit kaum zugetraut haben würde. Der Graf war ein ſchlanker, hoch emporgewachſener Cavalier im kräftigſten Mannesalter, der, wenn man ihn zuerſt ſah, einen Aber es drückte ſtrengen, faſt düſtern Eindruck machte. 190 ſich in ſeinem ganzen Weſen ein ſolcher Grundzug von ſchöner, biederer Geſinnung aus, daß man ſich ſchon bei der erſten Begegnung mit ihm vertrauens⸗ voll angezogen fühlte. Seine Formen hatten leicht etwas Feierliches, mühſam Abgemeſſenes, aber Geiſt und Wiſſen, die ihn in einem ſehr bedeutenden Grade auszeichneten, goſſen auch ſo viel Grazie und Beweg⸗ lichkeit über ihn aus, daß man auch ſeine Liebens⸗ würdigkeit nicht verkennen konnte. Es war dadurch zwiſchen ihm und der wißbegierigen jungen Groß— fürſtin ein Verhältniß eigenthümlicher Art entſtanden, das bereits an die zarteſten Empfindungen anſtreifte, und obwohl Natalie ſich dabei nur dem argloſeſten Intereſſe überließ, doch in Razumovsky's Gemüth mehr und mehr mit leidenſchaftlichen Flammen zündete. In dieſem Augenblick war ein tieferer Ausbruch ſeines Gefühls bei ihm hervorgetreten, als es dem kraftvollen, ſich ſelbſt ſtreng beherrſchenden Mann ſonſt begegnete, aber die Großfürſün war in einem unb ½ die letzten n flü gleich durch das geiſti die S ſeete mir doch, Graf, mit zwei Worten jetzt, was haltet wies verſtohlen mit ihrer kleinen Hand durch 194 Ihr von dem Koſacken Pugatſchew, und wie war es möglich, daß das Volk an ihn glauben und den er mordeten Czaren Peter II. in ihm ſehen konnte? Hatte ſich dieſer Czar ein ſo dauerndes Anrecht auf die Liebe des Volkes erworben? Und war es denn bei ſeiner Todesart möglich, daß man den Czaren Peter noch jetzt am Leben glauben durfte? Der Graf Andreas Razumovsky, der bei dieſen Fragen erbleicht war, preßte mit einem Ausdruck un⸗ endlicher Traurigkeit ſeinen Zeigefinger gegen ſeine Lippen und ſchien damit andeuten zu wollen, daß ſich von ſolchen Dingen an dieſer Stelle durchaus nicht ſprechen laſſe. Aber die junge Großfürſtin, deren ſchöne Augen von kühnen Blitzen leuchteten, ſchien über ſeine kleinmüthige Zurückhaltung zu lächeln. Sie das — S Fenſter, wo man die Czarin ſah, die immer noch in demſelben Geſpräch begriffen war, und warf dann einen keck herausfordernden Blick auf Razumovsky zurück, der jetzt nicht länger mehr ſchweigen wollte. Der Czar Peter war unſer lieber unglücklicher Herr, flüſterte Razumovsky noch leiſer als bisher, indem er näher zu der Prinzeſſin herantrat. Im Süden Rußland's war von Anfang an die Sage ver⸗ breitet geweſen, daß Czar Peter noch am Leben ſein 192 könne, weil man meinte, der Czar ſei damals ver⸗ kleidet entkommen, und man habe ſtatt ſeiner einen ihm ähnlichen Soldaten auf dem Todbette ausgeſetzt. Jetzt glaubte man, daß der Czar zuerſt wieder, nach⸗ dem er lange umhergewandert, unter ſeinen getreuen Koſacken erſchienen ſei, mit deren Hülfe er wieder um ſeinen Thron kämpfen wollte. märchen, über deſſen weſenloſes Ende jetzt Katharina triumphiren will, hat niemals einen Halt in ſich ge⸗ habt. Es war leider nie daran zu zweifeln, daß dieſer Fürſt, der das Beſte wollte und konnte, den Mord⸗ anſchlägen ſeiner wider ihn verſchworenen Gegner wirklich erlegen iſt. Er hatte als Czar nichts Schlim⸗ obwohl alle Welt fürchtete, daß mit ihm Trug und Tollheit auf den ruſſiſchen mes gethan, Verbrechen, Czarenthron gekommen wären. Aber dies Geſpenſter⸗ Sein einziges Ver⸗ brechen war, daß er ſeiner Frau nicht mehr gefiel, und daß Katharina weder ihr Vergnügen noch ihren Ehrgeiz im Bunde mit ihm befriedigt finden konnte. Seine ausſchließliche Liebe für den preußiſchen König Friedrich II., mit dem er auch den vielgetadelten Frie⸗ den abſchloß, entfremdete ihn vollends den Neigungen Katharina's. Die Czarin machte aus ihrem Liebhaber, 193 dem Grafen Orlow, zugleich das erſte Werkzeng ihres Haſſes gegen ihren, ſein entſetzliches Schickſal nicht ahnenden Gemahl. Gregor Orlow wird es am beſten zu ſagen wiſſen, ob der Unglückſeligſte aller Czaren mit dem Leben davongekommen. Denn Gregor Orlow hatte das Glas mit dem Gift gefüllt, das man den Czaren zu trinken zwang, und als das Gift zu lang⸗ ſam wirkte, war es Gregor Orlow, der den Czaren zu Boden warf und ihn an der Gurgel faßte, während Bariatinsky und Teploff dem unglücklichen Mann eine Serviette um den Hals knüpften und ihn darin er⸗ droſſelten. Und wiſſen Sie, Prinzeſſin, wo wir uns hier befinden in dieſem Angenblick? Es iſt die Gal⸗ lerie der Mörder, in der wir ſtehen. Hier ringsum an den Wänden ſtehen die Marmorbüſten der Männer umher, welche in das Verbrechen des Czaren⸗Mordes ſich getheilt haben. Katharina hat ihren Werkzengen hier ein Andenken geſtiftet. Und ſeht, dort, an jenem Fenſter⸗Pfeiler, als Spitze der Marmorſäule, uns gerade gegenüber, das iſt der Kopf des Grafen Gregor Orlow, der mit ſeinem verwegenen Geſicht, mit ſeinem hochfahrenden, prahleriſchen Weſen, mit ſeiner glänzen⸗ den Stirn, die aber nichtsdeſtoweniger mit der Linie des Verbrechens gefurcht iſt, von dort zu uns herüberſchaut! 13 Td. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. I. 194 Indem der Graf mit der lebhafteſten Gebärde des Abſcheu's nach dem bezeichneten Gegenſtand hinwies, verſtummte er jetzt plötzlich, und ein heftiger Schrecken ſchien ſeine Zunge und alle ſeine Bewegungen gelähmt zu haben. Natalie, die der Richtung ſeiner Augen gefolgt war, ſchien jetzt ebenfalls von einer furchtbaren Erregung ergriffen zu werden. Sie ſtarrte unver⸗ wandt nach demſelben Punct, der in dieſem Augen⸗ blick Razumovky's Aufmerkſamkeit ſo gewaltig gefeſſelt hatte. Dabei hatte ſich ein leiſer Angſtruf aus Nata⸗ liens krampfhaft gepreßter Bruſt hervorgerungen. Es war der Groffürſt, der dort an der Säule lehnte, hinter der er ſchon ſeit einiger Zeit verborgen geſtanden, und das Geſpräch der Großfürſtin mit dem Grafen Razumovsky belauſcht hatte. Er war jetzt eben im Begriff geweſen, hervorzutreten, als die Auf⸗ merkſamkeit ſich ſo plötzlich auf ihn gerichtet hatte. Er ſah bleich und entſetzt aus. Seine Arme hingen ihm ſchlaff und wie leblos am Leibe herunter, er ſchien zu zittern und ſich kaum auf den Füßen erhalten zu können. Natalie hatte ſich von ihrer Verwirrung noch nicht wieder zu erholen vermocht, aber ſie nahm ſich jetzt gewaltſam zuſammen, und ſchritt ihrem Gemahl mit äule rgen icht e mit — 195 einem liebenswürdigen Gruß entgegen. Paul überſah die ihm dargereichte Hand der Prinzeſſin, ſeine düſter blitzenden Augen waren nur mit einem ſtechenden Glanz auf den Grafen Razumovsky gerichtet, der mit einer ehrerbietigen Haltung zur Seite ſtand, und die Anrede des Großfürſten Paul zu erwarten ſchien. Der Großfürſt trat jetzt näher zu ihm, und be⸗ willkommte den Grafen mit einem freundlichen, etwas ſchmerzlichen Neigen des Kopfes. Dann gab er ihm die Hand, und ſagte mit einer weichen Stimme: Ich danke Ihnen, lieber Graf, ich danke Ihnen! Razumovsly ſchien über dieſe freundliche Begegnung des Großfürſten hoch erfreut, und dies mußte um ſo mehr einen beſonderen Werth für ihn haben, da in der letzten Zeit offenbar ein Mißverſtändniß zwiſchen ihm und dem Großfürſten ſich eingeſchlichen hatte. Seit mehreren Wochen hatte der Großfürſt keine ſo freundlichen Worte an ihn gerichtet, als in dieſem Augenblick, vielmehr ſchienen Freundſchaft und Ver⸗ trauen, welche Paul ſonſt in ſo hohem Grade für den Grafen Andreas Razumovsky empfunden, gänzlich er⸗ kaltet und einer an Abneigung gränzenden Zurückhal⸗ tung, einem ſchlecht verhehlten Mißtrauen gewichen zu ſein. Wer den Charakter des jungen Großfürſten kannte, 43 196 durfte nichts Räthſelhaftes darin finden, ſondern konnte aus der Situation, in der man ſich ſeit einiger Zeit einander gegenüber befand, ſogleich die nöthige Aufklärung ſchöpfen. Denn Paul, ſo oft er ſich auch das Beſte vor⸗ nahm, konnte das vertrauliche Verhältniß, das zwiſchen ſeiner jungen Gemahlin und dem Grafen Razumovsky ſich mehr und mehr gebildet zu haben ſchien, durch⸗ aus nicht mehr mit unbefangenen Augen betrachten. Oft war es ihm ſogar vorgekommen, als wenn zwi⸗ ſchen Beiden ein großes, dunkles Geheimniß obwalte, das der Großfürſt ſelber eine gewiſſe Scheu trug zu durchbrechen, und von dem er nach allen Seiten hin nur Gefährliches erwartete. Nach langem Grübeln und Brüten, in dem er ſich verſchloß, hatte es Paul aber doch für das Gerathenſte gehalten, ſein zu Eiferſucht und Mißtrauen geneigtes Temperament zu bezwingen. Denn welches Geheimniß ſich auch hier enthüllen möchte, ſo beſorgte Paul, daß ſich der Zorn der Czarin auf eine fürchterliche Weiſe über dem Haupte der jungen Großfürſtin entladen könne, und dieſer Beweggrund, der zugleich bewies, wie theuer Natalie ſeinem Herzen geblieben, war es vornehmlich, der ihn in der letzten Zeit beſtimmt hatte, ern iger hige 197 ſich in ein undurchdringliches Schweigen zu hüllen. Namentlich hatte er faſt ganz aufgehört, mit der Groß⸗ fürſtin etwas Anderes als das Unerläßlichſte zu ſprechen, und zu Razumovsky hatte er ſich ganz ſchweigen laſſen, da er den freundſchaftlichen Ton nicht wiederfinden konnte, in dem er ſonſt mit ihm, ſeinem wahren Freund, Rathgeber und Vertrauten, ſtets verkehrt hatte. Jetzt fühlte ſich Paul von den Erinnerungen an ſei⸗ nen Vater ergriffen, die, wie er zu ſeiner Ueberraſchung gefunden, den Inhalt dieſes Geſprächs zwiſchen ſeiner Gemahlin und dem Grafen Razumovsky gebildet hatten. Er hatte Beide beobachtet, wie ſie in der mit dem Salon zuſammenhängenden Gallerie ſich zu einer Unterredung zuſammengefunden und eine Zeit lang ihr Geſpräch fort⸗ geſetzt hatten. Paul konnte nicht widerſtehen, ſich un⸗ bemerkt zu nähern, und, hinter der Säule verborgen, ihnen zuzuhören, aber was er vernommen, hatte ihn nur mit der größten Freude erfüllt, ja faſt zu Thränen gerührt, denn Paul war im Innerſten ſeines Herzens weich, und es bewegte ihn tief, daß Razumovsky ſich mit ſolcher innigen Hingebung und Treue für ſeinen ſo ſchmählich dahingemordeten Vater ausſprach, für ſeinen armen Vater, an dem er mit einem ſchmerz⸗ lichen Angedenken und mit unverlöſchlichen Rache⸗ 198 gedanken hing. Er erkannte in dieſem Augenblick, daß Andreas Razumovsky noch immer ſein Freund war, und darüber wollte ſein Herz wieder freudiger ſchlagen.— In dieſem Augenblick wurde in ihrer Nähe die Salonthür leiſe geöffnet, und die Hofdame der Czarin, die Gräfin von Branicka, trat in faſt athemloſer Eile heraus, indem ſie ſich ſogleich der Großfürſtin näherte.. Um Gotteswillen, Kaiſerliche Hoheit! rief ſie, mit. einer ängſtlichen und dringlichen Gebärde das Kleid der Großfürſtin berührend. Die Czarin hat längſt Ihre Abweſenheit bemerkt, und ſchon während ihres Geſprächs mit dem Grafen Panin ſah ich, wie die Czarin mit zürnenden Blicken überall umherſpähte, um Ihre Kaiſer⸗ liche Hoheit zu entdecken. Die Czarin liebt es nicht, daß man ſich bei ſolchen Gelegenheiten aus ihrer Um⸗ gebung entferne und ihr Gefolge verkleinere. Jetzt eben hat die Czarin aufgehört, mit dem Grafen Panin zu ſprechen, und es iſt der unerläßliche Augenblick ge⸗ kommen, in den Saal zurückzukehren. Ich beſchwöre die Frau Großfürſtin, nicht länger zu ſäumen, und ſofort an dem Arm des Herrn Groffürſten ſich wieder zur Czarin zu begeben. Natalie war tief erſchrocken, als dieſe mahnende Botſchaft zu ihr gelangte. Sie warf der Gräfin von 8* daß min ge öre und eder ende 199 Branicka einen dankbaren Blick zu, und ſah dann zu dem Groffürſten in einer ängſtlichen, zweifelhaften Er— wartung hinüber. Die Gräfin von Branicka hatte für die junge Groß⸗ fürſtin ſeit jenem Tage ihrer Ankunft, wo die Prin⸗ zeſſin ſie für die Czarin gehalten und ihr zu Füßen gefallen war, ein beſonderes Intereſſe behalten, und war für ſie eine wahre Freundin an dem von ſo vie⸗ len Intriguen zerriſſenen Hofe Katharina's geblieben. Außerdem beſaß ſie die Kunſt, mit einem liebenswür⸗ digen Humor, dem man bereitwillig ſeine Geltung und Wirkung zugeſtand, überall vermittelnd einzutreten, und feindliche und ſtreitende Elemente auf die anmuthigſte Weiſe zu verſöhnen. Es kam ihr dabei nicht nur ihre anziehende Perſönlichkeit, ſondern auch die eigenthüm⸗ liche Keckheit zu Hülfe, mit der ſie ohne Unterſchied der Perſon ſich Jedem näherte, bei dem die ſchöne Frau irgend Etwas bezweckte. So ergriff ſie jetzt ohne Weiteres den Arm des Großfürſten, der noch zögernd und unſchlüſſig daſtand, und ſchob den ſeiner Gemahlin mit einer blitzſchnellen Geſchwindigkeit in den ſeinigen hinein. Nur Frau von Branicka konnte dies am Petersburger Hofe wagen, ——— b denn es wurde ſelbſt dem ihr Zürnenden unmöglich, 200 ihrem Lächeln, ihren hinreißenden Manieren, ihrer drolligen Koketterie zu widerſtehen. Der Großfürſt, der ſtets eine große Vorneigung für die Gräfin Branicka gezeigt, und ſich gern ihrer heiteren und angenehmen Leitung anvertraute, konnte auch jetzt nicht umhin, ſich derſelben zu fügen. Er führte ſeine Gemahlin, ohne ein Wort mit derſelben zu wech⸗ ſeln, in den Saal und in die Umgebung der Czarin zurück. Die ernſten drohenden Blicke der Czarin begegneten den Augen Nataliens. Dieſe Blicke waren ſo feind⸗ ſelig und unheilverkündend, daß die Großfürſtin davor in ihrer innerſten Seele zu erbeben anfing. Das Ce⸗ remoniel, und die Anordnungen des Fürſten Baria⸗ tinsty, denen man folgen mußte, indem man ſich jetzt zur Tafel begab, erleichterten die peinliche Situation, in der beide Frauen ſich einander gegenüber befanden. In dem beginnenden Feſtgetümmel und unter dem glänzenden Treiben der Tafel, berauſcht von den lauten Huldigungen ihrer Höflinge, entzückt über die naiven und luſtigen Einfälle Potemkin's, vergaß Katharina bald wieder die unangenehmen und unheimlichen Empfin⸗ dungen, die ihr oft beim Anblick der Grofßfürſtin auf⸗ ſtiegen.— hrer ung hrer unte ihrte u⸗ U. rick. eten Es waren noch mehrere Monate vergangen und ind⸗ der Anfang des Jahres 1775 war herangekommen, gor ehe Katharina II. zur Ausführung ihres großartigen Ce Planes gelangen konnte. Die nationale Sieges⸗ und i Friedensfeier, welche ſie in dem alten prächtigen jet Moskau begehen wollte, hatte noch einigen Aufſchub tion, erfahren, denn es waren darüber erſt alle ihre Freunde ſeh und Staatsräthe in einer ausführlicheren, durch die den verſchiedenſten Anſichten getheilten Berathung ver⸗ uten nommen worden. Bei der Czarin hatte es aber den in Ausſchlag gegeben, daß ihr Freund Potemkin, an dem tald ſie mehr und mehr die innerſten Uebereinſtimmungen fin⸗ und Sympathieen mit ihren eigenen Gedanken ent⸗ deckte, ſich mit einer zujauchzenden Begeiſterung für 3 6 ihren Plan erklärte, und für denſelben gegen alle 5 Gegner dieſer Reiſe im Cabinet ſtritt. 202 Potemkin hatte ſich ſelbſt an die Spitze aller Vor⸗ bereitungen geſtellt, die zu der Reiſe nach Moskau nöthig wurden und für welche er das glänzendſte und pomphafteſte Programm entworfen. Doch wurde der ſtürmiſche Feuereifer, mit dem ſich Potemkin dieſer Sache bemächtigte, noch auf einige harte Gedulds⸗ proben geſtellt. Die Czarin wollte erſt eine Komödie fertig ſchreiben, die ſie vor einiger Zeit zur Feier ihrer Siege über die Türken begonnen, und in welcher der große Gedanke der Eroberung der Türkei, den ſie an die Spitze des Feſtſtückes ſtellen wollte, gerade an dieſem Tage in Moskau eine glorreiche Deutung und Verherrlichung finden ſollte. Dann aber wünſchte die Czarin auch noch um deswillen einigen Aufſchub der Feier, weil ſie die gereizte Stimmung der Bevölkerung fürchtete, welche die vor Kurzem in Moskau erfolgte Hinrichtung des Koſacken Pugatſchew gegen den Czarenthron erregt hatte. Jemelian Pugatſchew, der im Jannar des Jahres 1775 in Moskau nicht bloß hingerichtet, ſondern cannibaliſch von den Henkern zerſtückelt worden war, hatte große Sympathieen in Moskau und der ganzen weiten Umgegend zurück⸗ gelaſſen. Beſonders hing ihm das altgläubige Volk dieſer Gegenden, die Roskolniken der griechiſch-ruſ⸗ VPor⸗ oskau e und e der dieſer ulds⸗ mödie ihrer r der ſie an de n 203 ſiſchen Kirche an, und die Erinnerung an ihn ſchien ein neuer Zündſtoff der Empörung in dieſem Theil des Reichs zu werden. Endlich glaubte die Czarin das Blut Pugatſchew's in Moskau verdampft, und jetzt, nachdem zugleich alle Vorbereitungen zu dieſer Reiſe vollendet waren, wurde der Tag des Aufbruchs von Petersburg feſt⸗ geſetzt. Alles war im Geiſte der Czarin und Po⸗ temkin's wohlbedacht zu dieſem großen Auszuge, zu dem auch eine bedeutende Anzahl kleiner Heiligen⸗ bilder, nebſt einem großen, das in einem beſonderen Wa⸗ gen fuhr, miteingepackt wurde. Dieſe ſollten unterwegs in allen Kirchen und Kapellen, an denen der Zug der Kaiſerin vorüberführen würde, ausgetheilt werden, wovon die Czarin ſich in dieſen von der Herrſchaft der Popen gezügelten Provinzen ihres Reichs eine vor⸗ theilhafte Wirkung verſprach, welche zugleich geeignet wäre, die durch den Tod Pugatſchew's gereizten Gemü⸗ ther des Volks wieder zu dem Czarenthron zurückzuführen. An der Spitze des großen feſtlichen Reiſezuges, der ſich an einem ſchönen, ſonnig kalten Wintermorgen in Bewegung ſetzte, befand ſich die Czarin ſelbſt in einem Wagen, welchen nur Potemkin, der aber heut durchaus kein wohlgelaunter Geſellſchafter ſchien, mit 204 ihr theilen durfte. Während Katharina von Glück und Zufriedenheit ſtrahlte, und ſich gern an dem Ge⸗ danken zu ergötzen ſchien, daß heut ein kluger und weitberechneter Plan von ihr zur Ausführung gelange, ſaß Potemkin mit einem ſchweigenden Hinſtarren ihr gegenüber, ſeufzte häufig, verdrehte die Augen und ſchien über den ſeltſamſten Dingen zu brüten. Zu⸗ weilen ſah er ſo aus, als wenn er heimlich ſtille Ge⸗ bete auf ſeinen Lippen bewege, und wenn Katharina mit ihrer heut ſehr entgegenkommenden Laune ihn aus dieſer ſeltſam träumeriſchen Stimmung heraus⸗ zulocken ſuchte, ſo begegneten ſich ihre freundlichen, brennenden Blicke nur mit ſeinen glanzloſen, ſtieren Augen, in denen ſich heut ein ihr unbegreifliches Räthſel zu bergen ſchien. Katharina ſchien endlich einigen Aerger über dieſen ihr durchaus widerſtrebenden Zuſtand ihres Freundes zu empfinden. Sie ſchüttelte ernſt und mißbilligend ihr Haupt, und ſagte dann mit einer nachdrücklichen Stimme: Jetzt, mein lieber Graf, ſagen Sie mir. doch, warum Sie heut lauter ſo abſcheuliche Geſichter ſchneiden, und gar ſo thun, als wenn Sie hent in der Geſellſchaft Ihrer Freundin und Czarin alle Ihre Sünden abbüßen wollten, wozu der Augenblick Glick m Ge r und lange, en ihr n und 1 1 S le Ge⸗ harina e ihn eraus⸗ lichen, ſtieren ſüthſel dieſen undes ligend klichen mit ſichter eut in alle nblic — 205 nicht ſchicklich gewählt ſcheint, indem man auszieht, das Feſt des ſiegenden Rußland's über den Aufruhr der Ungläubigen zu begehn! Durch den etwas herben Ernſt, mit dem die Cza⸗ rin zu ihm ſprach, erweckt, und als führe er aus dem tiefſten Schlaf empor, begann Potemkin ſich erſt aus allen Kräften zu recken und zu dehnen, ehe er daran dachte, auf die Frage der Czarin eine genügende Er⸗ wiederung zu geben. Er verfuhr dabei in ſeiner Art ſo unachtſam, daß er, ſich mehrmals ganz rückſichts⸗ los im Wagen ausſtreckend, die Czarin dabei auf eine keineswegs ehrfurchtsvolle Weiſe mit den Füßen be⸗ rührte, was dieſelbe indeß durchaus nicht zu ver⸗ drießen ſchien. Dann, nachdem er noch einige Minuten mit Recken und Gähnen zugebracht, ſagte er, die Hand der Cza⸗ rin ergreifend: Nicht böſe ſein, Katuſchka, ſondern hören, den armen, guten Freund anhören, der ſein Leid klagen möchte, ſein ganzes Leid, das ihn bitter guält und ihm faſt ſein Herz abſtoßen will! Katharina konnte nie böſe werden, wenn Po⸗ oft ſo drolligen Naivetät ſich des Schmeichelnamens: Katuſchka! oder Kathinka! zu ihr er immer nur in den Angenblicken der temkin mit ſeiner bediente, was —— — 206 innigſten und leidenſchaftlichſten Hingebung zu thun pflegte, und was er ſich zur großen Freude der Cza⸗ rin ſeit den Tagen, wo das Verhältniß zwiſchen Beiden immer vertraulicher und rückhaltloſer ge⸗ worden war, verſtattete. Sie munterte ihn deshalb durch das gnädigſte Lä⸗ cheln auf, fortzufahren, und Potemkin ſagte, nachdem er noch einmal einen Seufzer aus tiefſter Bruſt her⸗ vorgeholt: Meine huldvolle Gebieterin, ich fühle mich beäng⸗ ſtigt von Gewiſſensſprupeln, die mir keine Ruhe mehr laſſen wollen. Czarin ſoll nicht glauben, daß der Po⸗ temkin ein Menſch ohne Religion und Heilige iſt, ſon⸗ dern der Potemkin iſt ein ehrlicher Kerl, dem die Re⸗ ligion tief in ſeinem Herzen wohnt, und welcher unſerem heiligen Glauben genugthun möchte auf allen Wegen und Stegen, die er betritt. So, meine gnädigſte Cza⸗ rin, habe ich jetzt wieder meine Zeit, wo mich wahr⸗ haft der religiöſe Bock ſtößt, wo ich nicht aus noch ein weiß in meinen geiſtlichen Bekümmerniſſen und Anfechtungen, und wo mich zugleich alle Zweifel der Hölle, die nur in einer gläubigen Seele Platz nehmen können, plagen! So läßt es mich heute nicht ruhen, daß das Heiligenbild, welches wir heut mit uns ge⸗ „ 5 7 E— ——. S ſte Li⸗ achdem ſt her⸗ beäng⸗ emehr er Pr⸗ t ſon⸗ ie Re⸗ nſeren Wegel te Cza⸗ wohr⸗ 6 noch n und fel der ehmen ruhen, ns ge 207 nommen haben, und das für die Kathedrale von Mos⸗ kau veſtimmt iſt, in dem zweiten Wagen des Zuges hinter uns herfährt, wohin es Ew.2 Kajeſtät verwieſen haben. Ich verſichere, Czarin, daß dieſer Gedanke mir keine Ruhe mehr laſſen will. Es verſtößt doch gegen allen kirchlichen und religiöſen Reſpect, daß wir voraus⸗ fahren ſollen, während ein Heiligenbild von ſolcher Herrlichkeit in dem zweiten Wagen hinter uns her⸗ kutſchiren muß. Die Czarin war bei dieſen Worten Potemkin's in ein lautes Gelächter ausgebrochen, das ſich noch beim Anblick des ſchwermüthigen und ängſtlichen Geſichts, welches Potemkin machte, ſteigerte. Betrüben Sie Sich darüber nicht, mein theurer Freund, ſagte ſie, indem ſie ihn mit ſpöttiſchen Blicken betrachtete. In der That, ich weiß nicht, wie ein Mann, wie Sie, heut zu ſo ſchlimmen Befürchtungen ſich aufgelegt fühlen kann. Wir wollen die Kirche und die Heiligen ehren, Potemkin, aber wir wollen und dürfen auch nicht vergeſſen, daß in Rußland der Czar auch der Czar der Kirche und der erſte Oberprieſter der Gläubigen ſein muß. Mein alter Freund Voltaire in Ferney, der über unſer Geſpräch ſich jede Indi⸗ geſtion fortlachen würde, ſchrieb mir neulich:„wir 208 müſſen die Kirche beherrſchen, oder die Kirche beherrſcht uns“. In Rußland aber giebt es keinen Czaren, der ſich beherrſchen laſſen könnte! Wir nehmen das Hei⸗ ligenbild mit, denn wir wollen um unſerer guten Unter⸗ thanen willen die Kathedrale von Moskau damit ſchmücken, aber wir haben ihm einen beſonderen Wagen beſtimmt, indem es während der ganzen Reiſe, und auch bei unſerem Einzuge in Moskau ſelbſt, unmittel⸗ bar hinter dem Wagen, in dem ich mich ſelbſt befinde, einhergehen ſoll. Außerdem habe ich das Heiligenbild, um es zu ehren, in die koſtbarſten Gewänder gekleidet, und habe dieſe liebe gute Heilige mit einem Diamant⸗ ſchmuck gekrönt, wie ihn die erſte Dame meines Hofes nicht zu tragen verſchmähen würde. Kann man mehr thun, Potemkin, wenn man Czarin von Rußland iſt? Potemlin ſchien durch dieſe Frage ſeltſam berührt zu werden. Er ſchrak zuſammen, und ſchien ſich dann wieder in ernſte Träumereien zu verlieren, indem er den Kopf vornüber auf die Bruſt herabhängen ließ und ſo eine Zeit lang im tiefſten Schweigen verharrte, ohne die geringſte Aeußerung von ſich zu geben. Dann blickte er plötzlich wieder empor, ſah die Czarin mit ſeiner unwiderſtehlich komiſchen, halb dummen, halb verſchmitzten Miene an, und ſagte, ſchlau lächelnd: errſcht n, der Hei⸗ Unter⸗ damit Wagen und nittel⸗ efinde, enbild, leidet, mant⸗ Hofes mehr d iſt? erührt dann em er 1 ließ arrte, Dann in mit halb helnd: 09 Ich will mich darüber beruhigen, daß das liebe Hei⸗ ligenbild in unſerem Zuge dem Wagen nachfolgt, in dem meine allergnädigſte Carin thront. Aber paſſen wir einmal auf, was der Potemkin für ein Kerl iſt, und wie er jetzt tief in das geiſtliche Fach hinein⸗ gerathen wird, wovon er, unter uns geſagt, ſchon in früherer Zeit die merkwürdigſten Anwandelungen hatte! Katharina ſah ihn bei dieſer Aeußerung betroffen an und ſchien von jetzt an unruhig zu werden, indem ſie ihm mit der ernſthafteſten Aufmerkſamkeit zuhörte. Aber der Wagen, fuhr Potemkin eifrig fort, geht mit dem Heiligenbilde zugleich unmittelbar vor dem dritten Wagen einher, in welchem der Großfürſt Paul und deſſen Gemahlin, die Großfürſtin Natalia Alexiewna, ſitzen. Durch dieſe unmittelbare Nähe geſchieht nach der anderen Seite hin unſerem Heiligenbilde noch weniger die ihm gebührende Umfaſſung. Der Großfürſt, ver⸗ hehlen wir es uns nicht, Czarina, hat keine religiöſe Erziehung empfangen, und wie konnte es auch unter den Händen eines Grafen Panin, der mit den Preußen auben der Heiden begünſtigt, dem Heiligenbilde der Recht⸗ daß es vor dem Und dann, 14 ſympathiſirt und den Gl anders ſein? Es kann gläubigen nichts daran gelegen ſein, Großfürſten Paul her transportirt wird. Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. 1. 210 ſeinejunge Gemahlin, die Großfürſtin Natalia Alexiewna? Haben wir ſie nicht aus dem heidniſch⸗philoſophiſchen Deutſchland bekommen, und hat man jemals eine auf— richtige Hingebung an den griechiſch⸗ruſſiſchen Glauben bei ihr bemerkt? Die Czarin, deren Stirn ſich in Falten gelegt, nickte ihm mit einer ſehr ernſthaften Gebärde zu, und ſagte bedeutungsvoll: Ihr habt wahrlich Recht, Potemkin, aber Ihr be⸗ rührt eine wunde Stelle meines Herzens, die ich an dem heutigen ſchönen Tage, an dem Alles rein und klar in mir klingen ſoll, geſchont ſehen möchte! Es wird die Zeit kommen, wo wir uns ernſter mit dieſer Angelegenheit zu beſchäftigen haben werden, und dann werden viele ſchwere Bedenken, die in uns aufgeſtiegen ſind, gleichzeitig mit der äußerſten Strenge und ohne alles Anſehen der Perſon erledigt werden, verlaßt Euch darauf, Potemkin! Man ſagt, daß die Großfürſtin Natalia Alexiewna ſich ſehr ungern und nur mit großem Widerſtreben entſchloſſen hat, den Befehlen der Czarin zu dieſer Reiſe Folge zu leiſten? bemerkte Potemkin jetzt, indem er mit einem ſpöttiſchen Lächeln vor ſich hinſah. Die Großfürſtin hat ihre Widerſpänſtigkeit natür⸗ 211 lich auch diesmal beweiſen müſſen, verſetzte die Czarin. a ſchen Aber ſie hatte diesmal noch einigen Grund, um ihre auf⸗ Oppoſitionsluſt du masliren. Sie ſchützte ihren Zu⸗ ben ſtand vor, der allerdings bereits ſehr vorgeſchritten iſt, und die triftigſten Einwendungen gegen eine Reiſe zu⸗ legt, läßt. Sie hat ſich dabei auf das Zeugniß ihres Leib⸗ und arztes ſtützen können. Aber ich wollte mich nicht damit beſchäftigen, ich wollte durchaus nicht. Es lag in he⸗ meiner Abſicht, der Nationalfeier in Moskau auch noch dadurch ihre beſondere Bedeutung zu geben, daß ſich an und die Kaiſerliche Familie vollſtändig und in allen ihren 65 Mitgliedern dem Volke darſtellen ſollte. Das Pro⸗ eſer gramm hat alſo durch den Zuſtand der Großfürſtin an nicht geſtört werden dürfen. gen Um ſo beſſer für das Programm! rief Potemkin, hne indem er aus vollem Halſe lachte. Wenn die Groß⸗ uh fürſtin jetzt in Moskau niederkommen ſollte, ſo könnte ſie zugleich einen gläubigen Altruſſen, einen Erz⸗Mos⸗ vna kowiten, zur Welt bringen, und die Kaiſerliche Familie ben würde dann noch vollſtändiger dem Volke dargeſtellt ſer werden. Die guten Moskowiter würden zugleich die Thronfolge nach der legitimen Ordnung geſichert ſehen, — und alle Philiſter würden Bravo klatſchen, und den ir⸗ Jubel zu den Füßen der erhabenen Czarin mehren. 145 — 212 Katharina ſchüttelte mit dem Kopf, und ſchien dieſe Bemerkungen Potemkin's mit einer ſtrengen, unwilligen Miene abzulehnen. Dann ſagte ſie, vor ſich niederblickend, mit einer leiſe gedämpften Stimme: Das würde keine legitime Ordnung der Thronfolge ſein. Ganz andere Gedanken könnten mich einſt bei Feſtſtellung dieſer Thronfolge leiten. Jedenfalls iſt die meines Sohnes Paul und der Kinder, die ihm eine Prinzeſſin von ſo zweifelhafter und ſo wenig ruſſiſcher Geſinnung gebären wird, noch keineswegs geſichert. Wir werden noch Gelegenheit haben, in beſſerer Muße darüber zu ſprechen, Potemkin. Aber von Ihrem neulichen Project, mein theurer Freund, wird und kann nicht mehr die Rede ſein. Es war zwar dies, ſoweit es meine Perſon anbetrifft, unge⸗ mein liebenswürdig, und ich verbleibe Ihnen dankbar dafür. Aber das Staatsintereſſe ſetzt ſich dagegen, mein Freund. Die Czarin ſagte dies mit ſo großer Beſtimmtheit, daß es den Anſtrich einer feierlichen Erklärung an⸗ nahm. Potemkin erbleichte und begann von Neuem in ſich ſelbſt zu verſinken. Die Czarin betrachtete ihn mit einem ſeltſamen Lächeln von der Seite, und ſah ihn lange und forſchend an. Ein gewichtiger Wunſch, den Potemkin in der letzten Zeit mit ſeiner unermeßlichen Kühnheit anzu— deuten gewagt, und an dem ſchon Graf Gregor Or⸗ low geſcheitert, war der Grund der ſeltſamen Situation, in der ſich Beide in dieſem Augenblick einander gegen⸗ über befanden. Die Czarin hatte gewiſſermaßen das letzte Wort in dieſer zwiſchen ihr und Potemkin au⸗ hängig gewordenen Angelegenheit geſprochen, während Potemkin es bisher nur ſcherzend und tändelnd in die Geſpräche der Liebe zu flechten gewußt, daß er um die Hand der Czarin werbe und einen ſelbſt⸗ ſtändigen Platz neben ihr auf dem Throne Rußland's erſtrebe. Aber das Trachten Potemkin's nach dieſer Höhe war ein ſo ernſtes und feſtbeſchloſſenes in ihm, daß er faſt verzweifeln zu wollen ſchien, als er die Czarin für dieſen Wunſch durchaus nicht zugänglich fand, ſondern vielmehr ihr ſtarkes und unerſchütter⸗ liches Widerſtreben dagegen erkannte. Er glaubte deshalb in der Czarin ſchon ſeit einiger Zeit die Be⸗ ſorgniß erregen zu müſſen, daß ſie ihn möglicher Weiſe ganz verlieren könne, weil er wußte, daß dies für Katharina ein unerträglicher Gedanke war und ſie lieber jedes andere Opfer gebracht haben würde.— Potemkin hatte jetzt wieder dieſelbe Haltung an⸗ 214 genommen, durch welche er die Czarin bei der Ab⸗ fahrt von Petersburg aufs Aeußerſte gelangweilt und faſt zur Verzweiflung gebracht hatte. Er lag mit ſchlaff herunterhängenden Gliedern im Wagenſitz da, verdrehte die Augen, wie in einem Zuſtand der Extaſe, und ließ nur von Zeit zu Zeit einige laute ſchallende Seufzer aus ſeiner Bruſt hervorſteigen. Jetzt ſagte er, indem er ſich plötzlich auf die Hände der Czarin niederbeugte: Kathinka, mein Ent— ſchluß iſt gefaßt! Ich werde ihn, mit Euerer Erlaub⸗ niß, wahrſcheinlich ſchon in Moskau zur Ausführung. bringen. Denn mich treibt der Geiſt, dem ich in mir ſelbſt nicht mehr Widerſtand zu leiſten weiß, und von dem man ſich treiben laſſen muß, wenn uns geiſtlich und ewig geholfen werden ſoll. Ja, Czarin, ich bin gewillt, die heiligen Weihen zu nehmen und denke mich zum Erzbiſchof ſalben zu laſſen! Aber diesmal ſchlug die beabſichtigte Wirkung fehl, oder ſie wandte ſich vielmehr in ihr Gegentheil um. Die Czarin begann in ein lautes Gelächter auszubrechen, denn Potemkin, indem er wie Einer, der gegen ſich ſelbſt Hülfe und Rettung ſucht, ſein von reichen, flatternden Locken umwalltes Haupt auf ihre Hände gelegt, ſah in demſelben Moment zugleich 215 zu ihr em⸗ mit ſo drolligen und verſchmitzten Angen por, daß ſie ihren Ernſt nicht mehr aufrecht zu er— halten vermochte. Sie berührte ſeine Locken mit ihren Fingern, und ſein Haupt, welches dieſer electriſchen Bewegung nicht widerſtehen konnte, ſank tiefer in den Schooß der Czarin herab.— Ende des erſten Bandes. — Hoſſſchläger in Berlin. F. 3 — 8 — D — r Sreen Nellov Bed Magenta Grey 2 Grey 3 Srey 4 Black „ 2 —