Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Vücher jeden Tag von Morgens 7 u bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ie welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Pf. 50 Pf. 2 Wt.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Unter dieſen und ähnlichen Geſprächen, die in dem Wagen der Czarin ſich wiederholten, wurden die Reiſetage, trotz der Umſtändlichkeit des langen und weitläufigen Zuges, bald zurückgelegt, und die zahl⸗ reichen Thürme und Kirchen der alten Stadt Mos⸗ kau, mit ihren zum Theil vergoldeten Kuppeln, zeig⸗ ten ſich in der Ferne. Das Geſicht der Czarin ver— änderte ſich in dem Augenblick, wo man ſich den Thoren Moskau's näherte. Hatte ſie es ſich bisher auf der Reiſe zu ihrer Aufgabe gemacht, Potemkin von ſeinen wunderlichen Grillen zu befreien und ihn wieder zu ſeiner alten, ihr ſo unentbehrlich gewor⸗ denen Laune zurückzuführen, ſo fühlte ſie jetzt, als ſie bei den zum Empfang der Czarin an den Pforten der Stadt erbauten Triumphbögen angelangt war, nicht minder den großen Ernſt des Augenblicks ge⸗ 1* S 4 kommen, und ihre Züge nahmen den Ausdruck einer hatte, 1 ernſten, feierlichen Erhabenheit an, worin Katharina derſamn das Bewußtſein ihrer großartigen Stellung ſtets ſo ſtarren imponirend auszudrücken wußte. wollte, Die Triumphbögen, durch welche die Czarin mit 3 Katt ihrem geſammten Gefolge in Moskau einzog, waren einem ſ mit einer ungeheuren Pracht aufgerichtet, und die Geſicht Stadt hatte zu ihrer glänzenden Ausſchmückung keine der ſtu Koſten geſpart, die auf gewaltige Summen ſich be⸗ dieſer 1 laufen hatten. Hier hatten ſich zahlloſe Volksmaſſen ſellte ſi dichtgedrängt aufgeſtellt, und die Behörden der Stadt, hirchen die Popen an der Spitze der Geiſtlichkeit, das ganze waltige Heer der Beamten und Würdenträger Moskau's, wa—„ den g ren erſchienen, um der Feſt-Prozeſſion der Czarin wurde beizuwohnen. Aber in dem Angenblick, wo Katha— ins G rina in herablaſſender Milde und Güte aus ihrem 9 Wagen heraus die Menge begrüßte und an ihren diſen undurchdringlichen Reihen vorüberzog, hatte ſich ein guif tiefes Schweigen wie ein unheimlicher Bann weit z. und breit über den Maſſen gelagert. Von keiner Seite her erhob ſich ein Laut, die officiellen Feſt⸗— träger ſchienen ihre Stichworte vergeſſen zu haben, keine Begrüßung, keine Anrede erſchallte, als die* 5 8 Czarin ſchon den zweiten Trinmphbogen zurückgelegt ſe eſ gebiete 5. * 8 5* hatte, und im Hintergrunde ſchien das unermeßlich verſammelte Volk nicht minder zu einer lebloſen ſtarren Maſſe, die ſich zu keinem Ton erweichen wollte, erſtarrt zu ſein. Katharina ſah ihren Reiſegefährten Potemkin mit einem ſeltſamen Lächeln an, und hoffte auf ſeinem Geſicht die Löſung dieſes Räthſels zu finden. Zu der ſtummen Einöde, in welche ſie ſich mitten in dieſer ungeheueren Menſchenwoge verſetzt ſahen, ge⸗ ſellte ſich das feierliche Läuten der Glocken von allen Kirchen und Klöſtern der Stadt, wodurch dies ge⸗ waltige Stillſchweigen der ganzen Bevölkerung, unter dem Katharina einzog, von Zeit zu Zeit unterbrochen wurde, um dann wieder mit deſto größerer Schwere ins Gewicht und aufs Herz zu fallen. Potemkin, der zuerſt mit dem größten Erſtaunen dieſen ganzen Vorgang beobachtet hatte, ſchien im Be⸗ griff, in einen gewaltigen Zorn auszubrechen, worauf ſeine hoch angeſchwollenen Stirnadern und das ſelt⸗ ſame Zucken und Grimaſſiren ſeines Geſichts hindeu⸗ teten. Dann begann er auf eine ſo fürchterliche Art zu fluchen, daß Katharina ihn inſtändigſt bat, dieſer ſie erſchreckenden Auslaſſung ſeines Zornes Einhalt zu gebieten. 6 Aber Potemkin ergoß ſich in einen Feuerſtrom wil⸗ der, leidenſchaftlicher Worte, und es fehlte nicht viel, ſo hätte er dieſelben zum Wagenfenſter hinaus an die ringsumher in einem ſo düſtern Schweigen verharrende Menge gerichtet. Katharina hielt ſeine Hand feſt, die ſich ſoeben geballt und drohend gegen das Volk aus⸗ ſtrecken wollte, und ſuchte ihn mit den züärtlichſten Worten zu beſchwichtigen. Und darum, rief Potemkin außer ſich vor Wuth, haben wir dieſem verrätheriſchen Geſindel die Steuern verringert, damit ſie jetzt wie blöde Maulaffen ſtehen ſollen, wenn das Flammengeſtirn ihrer Czarin über ihren Häuptern aufgeht, und ihnen die Ehre anthut, ihr elendes Daſein zu beſcheinen. Aber ſagte ich es nicht gleich, Katuſchka, als wir noch in Petersburg waren, wir hätten uns dieſen Ukas ſparen können, und es wäre wahrlich viel politiſcher geweſen. Auf die Dankbarkeit des rebelliſchen Geſindels kann man nie⸗ mals rechnen. Wenn man ihre Laſten verringert, ſo glauben ſie, man fürchtet ſich vor ihnen und will ihre Gunſt gewinnen. Der Pöbel wird ſogleich ein Ty⸗ rann, ſobald man ſich um ſeine Gunſt bemüht, und mit ſeiner giftigen Zunge ſpeit uns unſere Wohl⸗ thaten wieder in's Geſicht zurück. Aber nur wenn ————— 5 — 57— man ſie daß ma jauchzen Aber he jett ylö ungeſch klatſche rin hat Die hinaus Ferne. erkenne dem C her h werde L folls gelauf Dieſe Zweif Voll ms f gleich, ſtllen 7 man ſie mit glühenden Zangen kneift, erkennen ſie an, daß man ihnen Wohlthaten ſpendet, und jubeln und jauchzen uns deshalb zu, wo wir ihnen begegnen.— Aber horch, was iſt das für ein ſeltſamer Lärmen, der jetzt plötzlich hinter uns her losbricht? Ich glaube, das. ungeſchickte Geſindel fängt jetzt noch zu jubeln und zu klatſchen an, nachdem es in ſeiner Dummheit die Cza⸗ rin hat lautlos an ſich vorübergehen laſſen. Die Czarin neigte ſich halb zu dem Wagenfenſter hinaus und horchte mit ſcharfer Aufmerkſamkeit in die Ferne. Dann ſagte ſie lächelnd zu Potemkin: Daran erkenne ich mein gutes Volk; erſt fühlte es ſich von dem Glanz unſerer Erſcheinung geblendet und hinter⸗ her bricht ſein vortreffliches Herz für uns los! Wir werden ſeiner auch künftig in Gnaden gedenken! Verzeihung, Czarina, entgegnete Potemkin, der eben⸗ falls mit der größten Spannung zum Wagen hinaus gelauſcht hatte. Ich unterſcheide es jetzt ganz deutlich. Dieſe jubelnden Grüße gelten nicht uns, ſondern ohne Zweifel dem Heiligenbilde im zweiten Wagen. Das Volk von Moskau hat ſtets einen ſtarken Enthuſias⸗ mus für Heiligenbilder gehabt. Und ſagte ich es nicht gleich, wir hätten das Bild an die Spitze unſeres Zuges ſtellen und unſerem Wagen voranſchreiten laſſen müſſen. — 8 Dann hätte die Czarin von dieſer Begrüßung des Vol⸗ kes noch etwas profitiren können. Ihr irrt Euch durchaus, mein lieber Freund, ent— gegnete die Czarin, indem ſie ihr Haupt noch einmal umwandte und prüfend zurückſchaute. Der begeiſterte Zuruf wird nicht uns, er wird nicht Eurem Heiligen bilde geſpendet, denn horcht, erhebt er ſich nicht erſt jetzt recht laut und ſchallend, nachdem der Wagen mit dem Heiligenbilde längſt vorüber iſt, und das Volk ſich dem Wagen des Großfürſten gegenüber befindet? Und ſagt, Potemkin, vernehmt Ihr nicht auch den Namen des Großfürſten Paul, der ſich in dieſe brüllenden Rufe des Volkes miſcht? Ja, wenn mich mein gutes Ohr nicht trügt, erſchallt nicht auch neben dem ſeinen der Name der Groffürſtin in dieſem abſcheulichen Concert? Es iſt nur zu gewiß, Potemkin, das Volk brüllt Bei⸗ den mit einem Enthuſiasmus entgegen, als käme das Heil der Welt jetzt erſt zu ihnen herangeſchritten durch den Großfürſten und dieſe Großfürſtin! O es iſt ein nichtswürdiges Volk, es iſt boshaft und tückiſch, und wir werden ſeiner nach Verdienſt gedenken! Ja, erwiederte Potemkin, indem er ſich wieder in ſeiner gewohnten ſchlaffen Haltung in den Sitz zurück fallen ließ, man hat gerufen:„Es lebe der geliebte ——————— — Groffürſt und man talia Ale was in a ſich nicht kaer wa Moskau Kaiſerth die Prieſ ſ Cben gegnete t in dieſen nerte. beginne von M daher u benutzen uns dar Cbenſo in Anſpr dieſer 6 Eine dieſen. — 9 Großfürſt Paul, die einzige Hoffnung aller Ruſſen“, und man hat gerufen:„Es lebe die Großfürſtin Na⸗ talia Aleriewna, einſt die Mutter des Landes!“ Hm, was in aller Welt ſoll man davon denken? Man muß ſich nichts daraus machen, Czarina, denn dieſe Mos⸗ kauer waren von jeher ein mechantes Pack, hier in Moskau iſt faſt jeder Bürger ein Verräther gegen den Kaiſerthron, der Adel führt die Unzufriedenen an und die Prieſter geben ihren Segen dazu. Eben deshalb bin ich nach Moskau, gekommen, ent⸗ gegnete die Czarin mit hohem Ernſt, indem ſie ſich in dieſem Augenblick wieder ihrer ganzen Würde erin⸗ nerte. Große Reformen haben wir für unſer ganzes Reich vorbedacht, aber wir werden nicht eher damit beginnen, als bis wir den Geiſt dieſer Bevölkerung von Moskau reformirt haben werden. Wir werden daher unſern Aufenthalt in Moskau diesmal klug zu benutzen wiſſen, und es ſei Euere Aufgabe, Potemkin, uns darin rathend und fördernd zur Seite zu ſtehen. Ebenſo nehmen wir Euren guten Freundesrath dafür in Anſpruch, wie wir mit dem Großfürſten Paul und dieſer Großfürſtin verfahren werden?— Eine nicht minder große Bewegung herrſchte in dieſem Augenblick in dem dritten Wagen dieſes großen . 10 Feſtzuges, in welchem der Großfürſt Paul an der Seite eine gewiſ ſeiner Gemahlin fuhr. Beiden gegenüber ſaß der Graf ſein, den Andreas Razumowsky, dem ſeine Stellung als Hof⸗ ſunkeit n cavalier der Großfürſtin und der eigne Wunſch des Blicken un Großfürſten das Recht auf dieſen Platz gegeben hat⸗ Gemahlin ten. Denn ſeit jenem merkwürdigen Vorfall in Zars⸗ ſich nit ſe koe⸗Selo ſchien Paul die Zurückhaltung wieder auf⸗ als wenn gegeben zu haben, welche ihn in der letzten Zeit von borgen ble ſeinem ehemaligen Freunde und Vertrauten abwendig barſt, bi gemacht hatte. Er ſprach wieder mehr mit ihm, und Eiſt b zeigte von neuem, daß er einen großen Werth darauf drickende lege, das frühere vertraute und hingebungsvolle Ver⸗ Groffürſt hältniß wieder herzuſtellen. 6 Die bege Nichtsdeſtoweniger ſchien Paul das Mißtrauen, das ſchielich ihn erfüllte, nicht gleichzeitig aufgegeben zu haben, ſon⸗ us ſein dern es quälte und beherrſchte ihn noch, oft bis auf's und na Aeußerſte. Dies hatte ſich auch auf dieſer Reiſe in ige3 der engen Gemeinſchaft gezeigt, in welcher ſich die liche ſ Dreie im Wagen gegenüber ſaßen. ſo ſin Es waren bisher, bis zur Ankunft in Moskau, geihrn der Worte nur ſehr wenige gewechſelt worden, und ni— da der Großfürſt ſich faſt ganz ſtumm verhalten, ſo uuln hatte ſich das Geſpräch immer nur in ſehr abgeriſſenen„ 6. bein N Lauten und Bemerkungen fortgeführt. Es herrſchte wegun gl 11 ite eine gewiſſe ängſtliche Schwüle in dieſem Beiſammen⸗ raf ſein, denn der Großfürſt ſchien ſeine ganze Aufmerk⸗ t ſamkeit nur darauf zu verwenden, daß er mit ſtieren Blicken unverwandt alle Mienen und Bewegungen ſeiner Gemahlin und Razumowsky's beobachtete. Er hing ſich mit ſeinen düſtern Augen ſo feſt an ihre Geſichter, als wenn ihm kein Zug, keine geheime Regung ver⸗ borgen bleiben ſollte, und dabei wechſelte das wunder⸗ barſte, bizarrſte Mienenſpiel auf ſeinem eigenen Antlitz. Erſt bei dem Einzug in Moskau änderte ſich dieſe drückende Stimmung, in der man ſich im Wagen des . Großfürſten einander gegenüber geſeſſen, plötzlich. 6 Die begeiſterten Zurufe des Volks, die ihm aus— . ſchließlich gegolten, hatten den Prinzen auf Einmal aus ſeiner düſtern Verſchloſſenheit emporgeſchüttelt . und wachgerufen. Sein Geſicht erhellte ſich, blitz⸗ n artige Zuckungen durchbrachen die düſtere Unbeweg⸗ 6 lichkeit ſeiner Züge, und ein wunderbarer Glanz über⸗ flog ſeine Stirn. Erſt war er erſchrocken zuſammen⸗ gefahren, als er plötzlich ſeinen Namen vernommen, 8 mit dem die am Wege aufgethürmten Colonnen des 2 Volkes zu ihm emporgerauſcht waren, nachdem ſie ⸗„ beim Vorüberfahren der Czarin ganz ſtumm und be⸗ 6 wegungslos ſich verhalten hatten. e 1 W 5* S————— 12 Natalie hatte es zuerſt bemerkt, daß der Wagen der Czarin ganz ohne Begrüßung des Volkes vor— übergegangen war, und ſie hatte eine Bemerkung darüber gewagt, die ſie mit der ganzen ihr eigenen Entſchiedenheit ausdrückte. Der Großfürſt ſchien ab— ſichtlich dieſe Aeußerung ſeiner Gemahlin überhören zu wollen, aber er überſah auch die haſtigen und gluthvollen Blicke, die von der Großfürſtin und Ra— zumovsky in dieſem Augenblick gewechſelt wurden, und die mit einem tiefen, feſten Ausdruck des Ein⸗ verſtändniſſes einander zuflogen. Jetzt hörte Natalie draußen auf den Lippen des begeiſterten Volkes ihren eigenen Namen mit dem ihres Gatten ſich vermiſchen, und dieſem Moment, der viele ihrer geheimſten Träume ins Leben zu rufen ſchien, konnte ihr leidenſchaftliches Herz nicht widerſtehen. Mit einem ſtrahlenden Lä⸗ cheln athmete ſie auf, ihr ganzes Weſen begann in eine zitternde Bewegung überzugehen, und ſie ergriff, was ſelten geſchah, aus freien Stücken die Hand des Großfürſten, indem ſie dieſelbe mit herzlichem Druck ſchüttelte und um einen freundlich zuſtimmenden Blick aus Paul's Augen ſich zu bewerben ſchien. Jetzt brach auch Razumovsky das Schweigen, das bisher ſeine Lippen gebunden. Auf ſeinem Geſicht flammte ei edle Gluth euchtenden Oh Prin, gehörigen Völker ſcht ten! Vem Kaum zumovsky indem er Weſen in berrieth. Paul einen ſelt die noch trat wied einen diſ kit ſeiner lich daß dir vertrg ſch eben Es we 3 Cas 13 flammte ein Strahl von Begeiſterung auf, eine ſchöne edle Gluth malte ſeine Wangen. Prinz, rief er mit leuchtenden Augen, Sie ſehen, wie Sie geliebt werden. Oh Prinz, wenn Sie wollten! Sie würden den Ihnen gehörigen Thron auf den Schultern Ihrer getreuen Völker ſchon jetzt beſteigen können! Wenn Sie woll⸗ ten! Wenn Sie wollten!“)—— Kaum war dieſes kühne Wort dem Grafen Ra⸗ zumovsky entfahren, als er erſchrocken zuſammenfuhr, indem er den Groffürſten betrachtete, deſſen ganzes Weſen in dieſem Augenblick eine ungeheure Bewegung verrieth. 3 Paul war bleich geworden, ſeine Mienen nahmen einen ſeltſam verſtörten Ausdruck an, und die Freude, die noch ſoeben auf ſeinem Geſicht aufgeblitzt war, trat wieder wie erſtarrt zurück. Seine Augen ſprühten einen düſtern unheimlichen Glanz aus. Die Häßlich⸗ keit ſeiner Züge wurde in dieſem Augenblick ſo fürchter— lich, daß Natalie an ſeiner Seite ſchauderte, und von der vertraulichen Berührung ſeiner Hand, mit der ſie ſich eben ihm zugewandt, eutſetzt zurückfuhr. Es war aber zugleich eine unendliche Traurigkeit *) Castera II, 145. 14 über Paul's Geſicht geflogen. Wer ihn genauer be— trachtete, konnte einen tiefen Schmerz in allen ſeinen Zügen arbeiten ſehn. Dann ſagte er, leiſe vor ſich hin, weder Razumowsky noch die Großfürſtin anblickend: Mehr als auf Alles, lege ich einen Werth darauf, der erſte und getreueſte Unterthan meiner Mutter, der er— habenſten Czarin, zu ſein. Tollkühner Muth reizt mich nicht, obwohl ich in der Schlacht dem Tapferſten mich ſtellen werde. Warten wir Alles ab, wie es kommen wird, und übereilen wir nichts durch unnützes Drängen! Bei dieſen Worten warf er ſich verdrießlich in die Ecke des Wagens zurück, und ergab ſich von neuem ſeiner tiefen Zurückhaltung und Verſchloſſenheit, in der er jetzt nichts mehr, was um ihn her vorging, zu hören und zu beachten ſchien. So erwiederte er auch nichts, als Natalie jetzt, mit einem bedeutungsvollen Blick auf Razumowsky, ſagte: Möge mir Ew. Kaiſer⸗ liche Hoheit verzeihen, wenn ich noch eine Bemerkung zu machen wage. Es will mich um ſo mehr freuen, daß uns dieſer Empfang bei unſerem Einzuge in Mos⸗ kau entgegenfliegt, da ich gehört habe, daß in der Be— völkerung hier ein ſehr edles, hochherziges Freiheits⸗ ſtreben wohnt und daß hier die kräftigſten und ſtärkſten Elemente vorhanden ſind, um aus Moskau, dem eigent— lichen Ker Viedergeb bin ich ſte auf den Li während Schweigen Paul, Gegenwm in dieſem kleine wei ihret lette hute, mit nach etwa Kß auf Eine geſtiegen, Licheln, tudlich g großen E Schinnſt merlſam; nichtt hit ganz ande ſen Unge 15 lichen Kern der ruſſiſchen Nation, einſt eine wahre Wiedergeburt des Reichs hervorgehen zu laſſen. Darum bin ich ſtolz und froh, daß gerade unſere Namen hier auf den Lippen der Patrioten leben und hoch erklingen, während andere Namen ein ebenſo bedeutungsvolles Schweigen überdeckte!— Paul, tief und düſter in ſich verſunken, ſchien der Gegenwart ſo ferngerückt zu ſein, daß Razumowskh in dieſem Augenblick es wagen zu können glaubte, die kleine weiße Hand der Großfürſtin, die ſich im Eifer ihrer letzten Worte aus dem Reiſemantel hervorgehoben hatte, mit der ſtreifen, und ſich, anſcheinend nach etwas Anderem herunterbeugend, mit einem leiſen Kuß auf dieſe Finger zu neigen. Eine dunkle Röthe war auf Nataliens Wangen geſtiegen, zugleich mit einem anmuthvollen, reizenden Lächeln, in dem ſich ihr Geſicht verklärte. Die un⸗ endliche Kühnheit des Grafen Razumowsky ſchien einen großen Eindruck auf ſie gemacht zu haben, denn das Schlimmſte wäre geſchehen, wenn der Großfürſt, auf⸗ merkſam werdend, ſeine Blicke auf dieſen Vorgang ge⸗ richtet hätte. Aber Paul war in dieſem Moment mit ganz anderen Dingen beſchäftigt, als mit ſeinen näch⸗ ſten Umgebungen, auf die er nicht im Geringſten achtete. ———————————— 16 Er drückte ſich noch immer ſchweigend und theilnahm— los, faſt mit geſchloſſenen Augen, in die Wagenecke zurück, bald ließ er wieder ſeine Augen ſcheu und trau— rig zum Fenſter hinaus auf die am Wege verſammelten Volksmaſſen gleiten, in denen die enthuſiaſtiſchen Rufe jetzt allmählig verhallt waren. Plötzlich hielt der Wagen ſtill, und der träumeriſch hinſtarrende Paul bemerkte jetzt erſt, daß der Zug der Czarin ſich inzwiſchen in die Straßen der Stadt hin— einbegeben und bereits den Weg durch die gewaltigen Vorſtädte Moskau's zurückgelegt hatte. Dann war der Zug an der hohen altersgrauen Pforte angelangt, welche in das Innere des Kreml hineinführte, und wo die feierliche Proceſſion heut ihr Ende finden ſollte. Die Wagen der Czarin und des Groffürſten hielten vor dem Palaſt der alten Czaren ſtill, einem ungeheuren Gebäude, in welchem die Wohnung für die kaiſerliche Familie und ihre nächſten Umgebungen beſtimmt war. Das Heiligenbild war in die Krönungs⸗Kathedrale ab⸗ geführt worden, die dem Czaren-Palaſte auf dem Kreml gerade gegenüber lag und in der es in den nächſten Tagen ſeine feierliche Aufſtellung erhalten ſollte. Die übrigen Equipagen begannen ſich nach Auflöſung des Zuges zu zerſtreuen. Als in derg ſammen, Anzubri ihres beniht ſchrie 1 Gurin Umen, mct il nit ſein pltlic ierſo ufnigen d Un ————— 17 Als der Großfürſt und die Großfürſtin ihren Wa⸗ gen verlaſſen hatten, trafen ſie mit der Czarin zuerſt in der großen alterthümlichen Verſammlungs⸗Halle zu⸗ ſammen, in welcher Katharina, ehe ſie ſich von dem Fürſten Bariatinsky in die für ſie eingerichteten alten Czaren⸗Gemächer geleiten ließ, ſich niedergelaſſen hatte. Die Czarin ſchien von der Reiſe ſehr ermüdet und klagte über ein heftiges Uebelbefinden, an dem die letz⸗ ten Gemüthsaufregungen, von welchen Katharina bei ihrem lautloſen Einzuge in der alten Czarenſtadt ſich be⸗ troffen gefühlt, ohne Zweifel die eigentliche Schuld trugen. Als Paul und Natalie in den Saal traten, um ihre pflichtſchuldigen Erkundigungen bei der Czarin anzubringen, fanden ſie dieſelbe unter den Händen ihres Leibarztes und des mit einem ſtürmiſchen Eifer bemühten Potemkin, der nach allen Eſſenzen der Welt ſchrie und ſich faſt verzweiflungsvoll gebärdete. Die Czarin lehnte in der That bleich und ernſt in ſeinen Armen, und ſchien eben die Anwandlung einer Ohn⸗ macht überſtanden zu haben. Als ſie den Großfürſten mit ſeiner Gemahlin eintreten ſah, ſchrak die Czarin plötzlich zuſammen, und ein tiefer Purpur des Zorns überflog ihr blaſſes, leidendes Geſicht. Dieſer ſie aufreizende Anblick ſchien aber ihre Lebenskräfte eher Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. M. 2 18 von Neuem wachgerufen zu haben. Sie erhob ſich raſch von dem Divan, in dem ſie bis dahin gelehnt, ihre Haltung war wieder ſtark, gerade und ungebeugt wie immer, und mit hoheitsvoller Strenge ſah ſie den zu ihr Heranſchreitenden entgegen. Paul befand ſich ſichtlich in einer peinlichen Ver⸗ legenheit, als er ſich jetzt ſeiner Mutter näherte. Er ſchien es zu empfinden, daß die Czarin ſich über Das, was ihr geſchehen war, in der That ſehr zu beklagen hatte, es that ihm leid, und da er ſich von aller Schuld dabei frei fühlte, übermannte ihn faſt ſein gutes Herz, das ſich oft mit ſeinen ungeſtümen leidenſchaftlichen Regungen in einem Widerſtreit be⸗ fand. Er hatte ſich demüthig genaht, und wollte eben die Hand der Czarin ergreifen, um ſie an ſeine Lippen zu ziehen. Es war ihm in der That, als wenn er die Czarin um irgend eines Dinges willen um Verzeihung zu bitten hätte, aber Katharina ſchien ſeine Annäherung gänzlich unbeachtet laſſen zu wollen ſie reichte dem Großfürſten die von ihm begehrte Hand nicht dar, und richtete nur ihre ſtrengen, höchſt erzürnten Blicke auf die junge Großfürſtin, die ganz in den entgegengeſetzten Empfindungen, wie Paul, ſich vor die Czarin hingeſtellt hatte. — htel. Natali mehr nit wüthigen gegenüber hate zur zul ſlz auf Unterwegs über ſch vorging, ſeſe ind Kaiſerin erſicht e Gzrin Niderla Katl drc in inelnen antworte in ſro ſchr niff s v iber zu gungen n ichen rhob ſich gelehnt, ungebeugt e ſah ſie ber Das, beklagen aller faſt ſein geſtümen ſtreit be nd wollte an ſeine That, ab es willen na ſchien u wollen begehrle die ganz Paul⸗ e 19 Natalie hatte ſich in dieſem Augenblick um ſo mehr mit dem ihr eigenthümlichen kecken und frei⸗ müthigen Anſtande dargeſtellt, als ſie der Czarin gegenüber ein Gefühl des Triumphes in ſich nicht hatte zurückdrängen können. Die Großfürſtin war ſtolz auf die Huldigungen des Volks, welche ihr unterwegs zugefallen waren, und wie ſie es niemals über ſich gewinnen konnte, zu verbergen, was in ihr vorging, ſo zeigte ſie es auch jetzt, durch eine heitere, feſte und überlegene Haltung, mit der ſie vor der Kaiſerin daſtand, daß ſie ſich von einer großen Zu⸗ verſicht getragen fühle, und daß ſie das, was der Czarin geſchehen war, freudigen Sinnes als eine Niederlage betrachte. Katharina hatte einen düſtern, vernichtenden Aus⸗ druck in ihren Zügen. Sie hatte nur mit einigen einzelnen abgeriſſenen Lauten die Erkundigungen be⸗ antwortet, welche Natalie bei ihrem Eintreten mit einer frohlockenden Freundlichkeit, die der Czarin ſo ſehr mißfiel, an dieſelbe gerichtet. Es war gefährlich, der Czarin Katharina ſo gegen⸗ über zu ſtehen, aber Natalie empfand die Beängſti⸗ gungen nicht, die ſie aus den unverwandt auf ſie ge⸗ richteten Blicken der Czarin ſchöpfen mußte. Ihre 2* 20 heitere Feſtigkeit verließ ſie auch jetzt nicht, als Ka⸗ tharina, in deren Geſicht eine unheimliche Wildheit aufblitzte, ihre Geſtalt von oben bis unten überflog und dabei mit einem unverhehlten Ausdruck des Haſſes den ſchon bedeutend hervorgetretenen Zuſtand betrachtete, in demLſich die Großfürſtin befand. Natalie fühlte dieſe Blicke wie Dolchſtiche ſich in ihr Innerſteszbohren, und eine flammende Röthe der Scham begann ihr das Geſicht und den Hals zu be⸗ decken. Aber ſie ſchwankte nicht, und blieb lächelnd und aufrecht in der ſtarken Haltung ſtehen, die ſie bisher über ſich vermocht hatte. Ihre glänzende Schönheit nahm in dieſem Augenblick einen helden⸗ haften Ausdruck an, nnd mit der Czarin Auge in Auge ſich meſſend, ſchien ſie ſich ſiegreich auf dem Platze zu behaupten. Katharina wandte ſich endlich von ihr ab, und zu Potemkin ſich hinkehrend, ſagte ſie in einem mühſam bezwungenen Tone: Wir werden uns jetzt Alle trennen müſſen, denn wir bedürfen wahrlich ſehr der Ruhe. Sehen Sie doch ſchleunigſt nach, lieber General, wa⸗ rum der Fürſt Bariatinsky nicht wiederkommt, um uns in die Czaren⸗Gemächer zu führen, die doch für uns bereit ſtehen müſſen! entfernen. Eben dem Befel ruſchvoll Sübel a der wiede Rlangen. Der den alte veorbe diſte 6 entrathe lifen un Miten Vami einer ſolg hoc emp Wildheit ruck des nd be⸗ ſächelnd Aug in auf dem b, und zu mihſam 21 Gleichzeitig winkte ſie mit der Hand dem Groß⸗ fürſten Paul und ſeiner Gemahlin, ſich nur halb wieder zu ihnen umkehrend, einen ſehr wenig gnã⸗ digen Abſchiedsgruß zu, der Beide veranlaßte, ſich ſo fort in größtem Stillſchweigen aus dem Saal zu entfernen. Ebenſo hatte ſich Potemkin fortbegeben, um dem Befehl der Czarin zu gehorchen. Er kehrte aber ſogleich wieder zurück, und durchſchritt in ſeiner ge⸗ räuſchvollen, ſchlendernden Weiſe, indem er mit dem Säbel auf dem Eſtrich aufſtieß, den Saal, um zu der wieder auf den Divan zurückgekehrten Czarin zu gelangen. Der Bariatinsky, berichtete er, hat die Luft in den alten, ſeit langer Zeit nicht bewohnten Gemächern verdorben gefunden, und da er weiß, daß unſere gnã⸗ digſte Czarin am allerwenigſten der geſunden Luft entrathen will, ſo hat er die Gemächer von neuem lüften und dann wieder heizen laſſen. In einigen Minuten wird Alles fertig ſein, und dann wird der Fürſt Bariatinsky kommen. Damit ſetzte ſich Potemkin zu der Czarin mit einer ſolchen Gewalt auf den Divan, daß Katharina hoch emporflog, während Potemkin ſich unmittelbar 22 darauf einem fürchterlichen Gähnen hingab, das er ununterbrochen und mit den ſtärkſten Lauten fort⸗ ſetzte, ohne ſich im Geringſten um die Anweſenheit der Czarin zu kümmern. Man wird müde, rief er der Czarin zu, ſobald man in dieſes alte, ſchläfrige, feierliche Moskau kommt. Was in aller Welt werden wir nun hier machen, meine theuerſte Czarin? Ich fürchte, hier wird mich die Langeweile ins Kloſter treiben, wenn es meine Frömmigkeit nicht thut, mit der meine Czarin nicht einverſtanden zu ſein ſcheint. O Potemkin, glaubet mir, entgegnete die Czarin, es wird hier viel zu thun geben! Ihr werdet nicht ins Kloſter gehen, wenn Ihr mich lieb habt! Potemkin ſchien jetzt von einer tiefen Traurigkeit befallen zu werden. Auf ſeinem Geſicht ſchattete ſich eine große Trübſal ab, und die Augen mit jenem eigenthümlichen Aufſchlag, der nie ſeine Wirkung bei ihr verfehlte, zu ihr emporhebend, ſagte er langſam und ſchmachtend: Nur die unglücklich Liebenden gehen ins Kloſter, Czarin! Aber dann iſt es der einzige Troſt, der ihnen geblieben. Wehe mir, wenn ich zu dieſem Gang mich getrieben fühlen ſollte. Doch wenn alle meine Wünſche bei Euerer Majeſtät ſcheitern, wennich, leiſten z nicht zu dann for denen 2 werde n Mei zufmerh fürchte, nen. den ger bor all wir he ſo Iut D einem hat die beſorge an ihre Aſe ſo ſieht enkin, ſchalde X das er ſobald Moskau mn hier te hier wenn meine licht ins raurigkeit tete ſich it jenem kung bel langſam n gehen einzige nich zu och wenn ſcheitern, 23 wenn ich, um meiner angebeteten Czarin wirklich Dienſte leiſten zu können, meine Stellung bei Ihrer geliebten Perſon höher faſſen und geſtalten muß, und damit nicht zu dem einzig möglichen Ziele gelangen kann, dann fordert mich nur noch die Zelle des abgeſchie⸗ denen Mönchs heraus, in der ich mich verbergen werde mit allen meinen Schmerzen und Leiden! Mein lieber Potemkin, entgegnete Katharina, ihn aufmerkſam betrachtend, laſſen wir doch das! Ich fürchte, wir werden uns darüber nicht vereinigen kön⸗ nen. Aber vereinigen wir zuerſt unſere Kräfte gegen den gemeinſamen Feind, der uns bedroht. Das wird vor allen Dingen das Nöthigſte ſein, Potemkin! Ja, wir haben einen gemeinſamen Feind, und Ihr wißt ſo gut wie ich, wen ich darunter verſtehe. Die junge Großfürſtin? entgegnete Potemkin in einem gedehnten, halb wegwerfenden Tone. Ach, was hat die große Katharina von einem kleinen Vogel zu beſorgen, der mit ſeinem ſpitzen, ſcharfen Schnäbelchen an ihre Krone pickt? Alſo doch? rief Katharina, heftig auffahrend. Alſo ſo ſieht man es doch bereits an, und ſelbſt Ihr, Po⸗ temkin, Ihr trefft ſogleich den entſcheidenden Punkt, ſobald Ihr von dieſer merkwürdigen Perſon zu ſprechen 24 anhebt. Ich fürchte wahrlich ſehr um der Groffürſtin willen. Denn der Wahnſinn hat ſie ergriffen, daß ſie ſich mit mir meſſen zu können glaubt. Sie droht mir bereits mit ihrem Lächeln, ſie macht Oppoſition gegen mich mit ihrer unverſchämten Heiterkeit und Ruhe, und was ſoll am Ende daraus werden? Wenn ihre kleine Exiſtenz ſich der meinigen mit ſolcher Kühnheit in den Weg ſchiebt, ſo müſſen wir dieſes unbequeme Fahrzeug endlich in den Grund bohren. Und welchen abſcheulichen Eindruck machte ſie mir jetzt, indem ſie in dieſer Leibesſtärke ſich mir gegenüber blähte! Wahr lich, hätte ich gewußt, daß dieſer Zuſtand, den ich im Intereſſe des Reichs ſo ſehr herbeigewünſcht, ſchon ſo weit vorgeſchritten war, ich würde ſie eher außer Landes verwieſen, als zu dieſer Reiſe nach Moskau mit eingeladen und mitgenommen haben! So garſtig darf eine ruſſiſche Großfürſtin nicht ausſehen. Man iſt ruſſiſche Großfürſtin, aber man iſt keine derbe Bauer— magd, die ohne Scheu ihre Entſtellung zeigt, und ſich damit frank und frei herumbewegt, als wenn ſie ſich in ihrer Bewegung gar nicht genirt fühlen könne.— Rathen, helfen Sie mir, Potemkin! fuhr Katharina nach einer Pauſe dringender fort. Ich mag nicht, ich kann es nicht dulden, daß die Nachkommenſchaft einer Frau, we Ruflande werden, 1 mein gan geſtrebt, einſt geſc auf ich ſchwöre fir nich geſchehen hafteſe Pote Dann Uiſt, u inen g Da 36 ha erſcm zu arbei dichtet hier auf Rpiel uuch der Run end 25 rſtin Frau, welche mir ſo zuwider iſt, einſt auf dem Throne daß Rußlands ſitze! Ich könnte raſend bei dem Gedanken oht werden, daß dies einſt geſchehen ſollte, und ich würde mein ganzes Leben, und Alles, was ich gewollt und geſtrebt, verloren geben, wenn ich verurtheilt würde, dies einſt geſchehen zu laſſen. Meine Gedanken hören hier auf, ich muß es aufrichtig geſtehen, und ich bitte, ich be⸗ ſchwöre Euch, Potemkin, laßt jetzt Euern guten Kopf für mich arbeiten, und erſinnt, ergrübelt Etwas, das geſchehen kann, um mir die unerträglichſte, ſchauder⸗ hafteſte Zukunft zu erſparen.— Potemkin ſchien einen Augenblick lang nachzudenken. Dann warf er plötzlich den einen Arm hoch in die Luft, und knipſte mit den Fingern, wie Einer, der auf einen glücklichen Einfall gekommen iſt. , Dann rief er mit lauter, frohlockender Stimme: 6 Ich hab's, Kathinka, ich hab's! Aber man muß nicht 2 verſchmähen, zu Zeiten auch einmal im tragiſchen Genre Bmr zu arbeiten. Unſere theuerſte Czarin hat eine Komödie n ſich gedichtet zur Feier ihrer Siege über die Türken, die ſi ſich hier auf dem Theater in Moskau in dieſen Tagen geſpielt werden ſoll. Das Stück heißt:„Oleg“, und harin auch der darauf brennende Potemkin wird ja wohl cht ich nun endlich ſo glücklich ſein, es kennen zu lernen. einer ter —————* F—— ——————— 26 Aber der großen Tragödie wird eine kleine Tragödie folgen müſſen, Czarina, wenn wir unſer Ziel erreichen wollen. Er richtete bei dieſen Worten einen ernſten, durch⸗ bohrenden Blick auf die Czarin, die dieſen Blick, ohne zurückzubeben, mit einer eiſigen Kälte erwiederte, und ein unheimliches Mienenſpiel auf ihrem Antlitz hervor⸗ treten ließ. Erlauben mir Ew. Majeſtät, Ihnen eine Geſchichte zu erzählen, begann Potemkin wieder, indem er einen Stuhl ergriff, und ſich in die vertraulichſte Nähe zu der Czarin rückte. Erzählen Sie, Potemkin, ſagte die Kaiſerin mit einer leiſen, erwartungsvoll zitternden Stimme. Vor fünf Jahren erlebte ich hier in Moskau, wo ich mich auf Urlaub aufhielt, um dieſe glorreiche Stadt kennen zu lernen, eine ſeltſame Geſchichte, begann Po— temkin. Ich wohnte bei der Fran eines alten Wacht⸗ meiſters, der im Türkenkriege getödtet worden war, und die, um ſich beſſer zu ernähren, das Gewerbe einer Hebeamme ergriffen hatte, für welches ſie eine außerordentliche Geſchicklichkeit und Kunſt bewies. Frau Eliſabeth Zoritſch, denn das war der Name meiner damaligen Freundin, war eine junge, lebhafte, hübſche anzull din E 3 wa keine R hatte kau, wo gann Po⸗ Wacht en war, Gewerbe ſie eine 8 Frau neiner e1 hübſche 27 Frau, die es nicht unterließ, ſich einem jungen Garde⸗ Offizier, wie ich damals war, ſo angenehm als möglich zu machen. Sie nahm ſehr viel Geld ein, ich hatte nichts, und wir lebten höchſt vergnügt und luſtig miteinander, bis auf Einmal ihre Einkünfte gänzlich ſtockten. Es hatte ſich nämlich ergeben, daß alle Geburten unter ihren Händen ſtarben und auch die Wöchnerinnen ſelbſt un⸗ mittelbar darauf das Zeitliche ſegneten. Die Czarin richtete in dieſem Augenblick eine ge⸗ ſpanntere Aufmerkſamkeit auf die Erzählung Potemkin's. Mit düſteren lauernden Blicken heftete ſie ſich an das Geſicht ihres Günſtlings. Potemkin fuhr fort: Da ſich in ſo vielen bedeu⸗ tenden Häuſern Moskau's ſehr eclatante Beiſpiele dieſer Art ereignet hatten, ſo war endlich die Medicinalpo⸗ lizei darauf aufmerkſam geworden, man zog die Frau in ein vorläufiges Verhör und brachte ſie endlich zur Haft. Man hatte Mittel gefunden, ihr die wunder⸗ barſten Dinge zu beweiſen, oder ſie wenigſtens darauf anzuklagen und abzuurtheilen, und meine gute Freun⸗ din Eliſabeth Zoritſch ward in's Zuchthaus geſetzt. Ich ward von dieſer Geſchichte ſo aufgeregt, daß ich keine Ruhe fand, bis ich Eliſabeth Zoritſch geſprochen hatte. Ich ſprach ſie in ihrem Gefängniß, ſie legte 28 mir die vollſtändigſte Beichte ab. Sie bekannte ſich des Mordes an den unter ihren Händen gefallenen Opfern ſchuldig, und die reine Mordluſt war es ge⸗ weſen, welche ſie zu dieſen gewagten Experimenten getrieben hatte. Ein vom Teufel beſeſſenes Weib, er⸗ götzte ſie ſich an den Qualen der unter ihrer ſchreck— lichen Hülfe Sterbenden, und ſie hatte ſich ein eigenes Syſtem zurecht gemacht, um ihre diaboliſche Luſt be⸗ friedigen zu können, ſo daß es wie der Wille der Na⸗ tur ausſah, was mit einer verbrecheriſchen Geſchicklich— lichkeit von ihr künſtlich bewirkt wurde. Zum Mord der Kranken hatte ſich das ruchloſe Weib in einigen Fällen durch Geld und großen Lohn beſtechen laſſen, und dies hatte zuerſt zu ihrer Entdeckung geführt. Sie hatte namentlich in einigen Fällen gedient, wo die un⸗ geduldigen Erben ein noch nicht fälliges Vermögen in ihren Beſitz bringen wollten. Die anhängig ge⸗ machte Criminal⸗Unterſuchung war auf die Perſon der Zoritſch geſtoßen, die ſich jetzt erſt als der bewunderns⸗ würdigſte Satan entfaltete. Sie log ſich aus allen Anklagen und jedem Verdacht ſo meiſterlich heraus, daß Niemand durch ſie compromittirt wurde, und der Gerichtshof wegen Mangel an Beweis ſie nur auf funf⸗ zehn Jahre Zuchthaus verurtheilen konnte. Eliſabeth zoriſch, 0 do m bell 1 Kathe in eine ufgeſpru nit eine ſchrit ſi auf und id ſeiner( Vurt h Pot da das wurde, tretend ich die V lſſen? hr zu athn walt au Anzſt j Pot nhliſ 29 Zoritſch, Czarin, befindet ſich in dieſem Augenblick noch auf dem Zuchthanſe in Moskau! Katharina war nach dieſer Mittheilung Potemkin's in eine merkwürdige Bewegung gerathen. Sie war aufgeſprungen, mit leidenſchaftlich flammenden Augen, mit einer wüthenden ſchrecklichen Gebärde. Dann ſchritt ſie raſch, gewaltig, einige Male im Zimmer auf und nieder, und blieb dann wieder ruhig vor Po⸗ temkin ſtehen, indem ſie zu erwarten ſchien, daß er ſeiner Erzählung noch das letzte und entſcheidende Wort hinzufügen werde. Potemkin zögerte ſichtlich, dies zu thun. Endlich, da das eingetretene bange Stillſchweigen ihm peinlich wurde, flüſterte er der Czarin, ganz nahe zu ihr hin⸗ tretend, mit der leiſeſten Stimme ins Ohr: Soll ich dieſe Eliſabeth Zoritſch kommen laſſen? Wie? fuhr die Czarin erſchrocken auf. Kommen laſſen? Was wollt Ihr damit ſagen, Potemkin? Ihr Buſen begann in dieſem Augenblick ſtärker zu athmen, und hob ſich wie mit krampfhafter Ge⸗ walt auf und nieder. Sie ſchien mit einer fliegenden Angſt jetzt der Antwort Potemkin's entgegenzuſehen. Potemkin hatte ſeine gewöhnliche, gleichgültige und nachläſſige Ruhe wiedergewonnen. Es langweilte 30 ihn bereits, ſich ſo unausgeſetzt mit einem Gegen— ſtand beſchäftigen zu müſſen. Indem er einige auf dem Tiſch liegende Etuis ergriff, die der Czarin gehörten, begann er dieſelben, wie zu ſeiner Unterhaltung, auf und zu zu klappen, und er murmelte ſchon wieder einige derbe Flüche zwiſchen ſeinen Lippen, als ſich eines derſelben nicht ſo leicht öffnen laſſen wollte. Dabei ſah er mit ſcharfen, bedeutungsvollen Blicken unverwandt zu der Czarin hinüber, deren Bewegungen und Mienen er ohne Unterlaß beobachtete. Katharina ſah bleich aus. Mit einer zitternden Furchtſamkeit erwiederte ſie ſeine Blicke, die ſo feſt und unabläſſig auf ſie gerichtet waren. Katuſchka! rief er endlich, indem er mit der zwiſchen ihnen herrſchenden Vertraulichkeit ſich wieder näherte und ihr die Hand reichte. Sein Ton hatte jetzt etwas Feſtes und Gebietendes, und er ſchien ſich auf den faſt herriſchen Einfluß, den er, ſobald er wollte, über die Czarin vermochte, ſtützen zu wollen. Mit einer ſanften, fragenden Miene wandte ſich die Czarin ihm zu. Er ließ ſeine Blicke im ganzen Zimmer umherſchweifen, und entdeckte endlich, was er ſuchte, in einer Ecke deſſelben. Es war ein Schreib⸗ Bureau, de e Feder ſie um die und hinführen reichte ſicht die beugung, Stinme Pote die Hüh Schreih Dan u Mz ungewieſ nitelbar ibeete ſuſhen De wieder hatte en ſich ld er ollen. te ſich anzen vas er chreib⸗ 31 Bureau, das offen ſtand, und auf dem Papier, Tinte und Feder lagen. Potemkin ergriff den Arm der Czarin, und bat ſie um die Erlaubniß, ſie zu jenem Schreib-Bureau hinführen zu dürfen. Katharina gehorchte mechaniſch dem Willen ihres Lieblings, und nahm in derſelben Weiſe die Feder, welche ihr Potemkin eingetaucht dar⸗ reichte. Er faltete einen Bogen Papier, und er⸗ ſuchte die Czarin mit einer tiefen unterthänigen Ver⸗ beugung, daß ſie jetzt niederſchreiben möchte, was er ihr dictiren würde. Dictiren Sie! ſagte ſie mit feſter, ſicherer Stimme. Potemkin nahm ein Licht, und hielt es hoch in die Höhe, um der Czarin zu leuchten, die ſich zum Schreiben in vollkommene Bereitſchaft geſetzt hatte. Dann dictirte er:„Die Direction des Zuchthauſes zu Moskau wird hierdurch auf Allerhöchſten Befehl angewieſen, die Sträflingin Eliſabeth Zoritſch un⸗ mittelbar in die Hände des Fürſten Potemkin zu übergeben, nach ihrem weitern Verbleib nicht zu forſchen und ihren Namen aus den Liſten der Straf⸗ Anſtalt zu löſchen!“ Die Czarin ſchrieb, was er ihr vorgeſagt hatte, ——— — 32 raſch und in großen Zügen auf das Papier nieder, und verrieth nicht die geringſte Betroffenheit über den Sinn dieſer Zeilen. Ehe ſie aber unterzeichnete, wandte ſie ihren Kopf noch einmal zu Potemkin um, der, das Licht haltend, der Czarin über die Schulter geblickt hatte. Was gedenken Sie mit ihr zu machen, Herr Ge⸗ neral? ſagte ſie kalt und faſt gleichgültig. Sie hatte nur noch die Miene, als wenn ſie einen ſehr wenig erheblichen Geſchäftsgegenſtand zu erledigen gehabt hätten. Dann warf ſie flüchtig ihre Namenszüge auf das Papier, und reichte Potemkin lakoniſch ihren Siegel⸗ ring dar, der ſchleunigſt den Lack flüſſig machte, das Papier damit bedeckte und das Handſiegel der Kai⸗ ſerin darunter drückte. Was ich mit ihr zu machen gedenke? wiederholte Potemkin in demſelben ruhigen, phlegmatiſchen Tone. Oh, mit der Eliſabeth Zoritſch iſt ſehr viel zu machen. Würde ſie nicht eine vortreffliche Hebeamme für die Großfürſtin Natalie Alexiewna abgeben? Schweigen Sie, General! rief die Czarin auf Ein⸗ mal, heftig mit dem Fuße aufſtampfend. Von ſolchen Dingen ſpricht man nicht. des Kar amne ent kaſe mic ſugeſtn inner en Sie ſ ſtrte die anblcte. In und der Gain ſiſt ſti fihren. ſulhar von Pot 8 Poten plge do der( Fin⸗ chen 33 33 Nun, erwiederte Potemkin mit einem liſtigen und flammenden Blick, indem er ſo that, als wenn er die Garin verſöhnen wolle, ich werde die Zoritſch als Kammerdiener in meine Dienſte nehmen und mit nach Petersburg führen. Dazu laſſe ich ſie Manns— kleider anziehen, Niemand kennt ſie. Aus der Livrée des Kammerdieners ſoll ſie ſich dann wieder zur Hebe⸗ amme entpuppen, ſobald der Moment gekommen iſt. Laſſe mich die Czarina nur Alles machen, und die ſorgenſchwere Bruſt unſerer geliebten Herrin wird für immer erleichtert werden! Sie ſind wieder göttlich amüſant, Potemkin! flü⸗ ſterte die Czarin, indem ſie ihn lächelnd und verliebt anblickte. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Flügelthür, und der Fürſt Bariatinsky ſchritt herein, um der Czarin zu melden, daß ihre Gemächer jetzt in Bereit⸗ ſchaft ſtänden, und ſie dorthin mit ihrem Gefolge zu führen. Katharina nahm mit einem wunderbaren Blick von Potemkin Abſchied, welcher ſich jetzt dem Ge⸗ folge der Czarin anſchloß. Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. M. 3 Potemkin dachte nicht, ſich ſobald zur Ruhe zu begeben. Er ging jetzt nur nach den ihm im alten Czarenpalaſt beſtimmten Gemächern, um ſeine Toilette etwas zu verändern und ſeinem Kammerdiener die raſche Herbeiſchaffung eines Wagens zu befehlen. Es war ſchon ſpät am Abend geworden, als Po⸗ temkin in den Wagen ſtieg, um in eine der entfern⸗ teſten Gegenden Moskau's zu fahren, wo die für das ganze Land hier errichtete große Strafanſtalt lag. In dieſem Theil von Moskau, am äußerſten Ende der Stadt, war es ſchon ſtill und öde geworden. Kaum bemerkt im düſtern Schatten der Nacht, war der Wa⸗ gen Potemkin's vor dem grauen, rieſenhaften, mit ſpitzen Thürmen verſehenen Gebäude vorgefahren, das er dem Kutſcher als Ziel bezeichnet hatte. Potemkin war in ſtürmiſcher Haſt ausgeſtiegen, en, 30 und zog die Klingel an der hohen, ehernen Pforte, durch welche ſich der Eingang in das Gefängniß öff⸗ nete. Potemkin ließ ſich zum Director der Anſtalt führen, den die Vorzeigung des kaiſerlichen Immediat⸗ Befehls, ſowie die Perſon des Generals ſelbſt ſofort zum eifrigſten Vollſtrecker aller Dinge machten, die man nur irgend von ihm begehren wollte. Bei der wunderbaren Ordnung, die im Reiche des Gefängniß⸗Directors herrſchte, wurde es ſchon in einigen Minuten möglich, unter der großen Anzahl von Be— wohnern dieſer Anſtalt die geſuchte Perſon zur Stelle zu ſchaffen und nach dem Befehl der Czarin den Hän⸗ den des Generals Potemkin auszuliefern. Potemkin befand ſich einſam in dem großen öden Saal, der nur ſpärlich erhellt war, und in dem er auf das Erſcheinen der Eliſabeth Zoritſch zu warten hatte. Plötzlich ſtieß er einen lauten Schrei aus, in⸗ dem er entſetzt näch der Thür hinblickte, welche ſich ſoeben knarrend in ihren Riegeln geöffnet hatte. Es war eine große weibliche Geſtalt, von einem ſeltſamen, grauſenhaften Anſehen, die ſich dort in der Thür zeigte. Nur nachläſſig wieder angekleidet in dem grauen Sträflings⸗Anzug, da ſich die Gefangenen be⸗ reits in ihren Schlafſälen befunden hatten, ein in 36 langen Streifen umherflatterndes rothes Tuch um den Kopf geſchlungen, erſchien ſie wie ein fremdartiges, unheimliches Weſen, deſſen Annäherung man nicht ohne Scheu und Entſetzen gewahren konnte. Du biſt Eliſabeth Zoritſch? fragte Potemkin mit einem faſt bebenden Ausdruck, indem er ſie auf ſich zuſchreiten ſah. Eliſabeth Zoritſch war in ein lautes, höhniſches Gelächter ausgebrochen, als ſie jetzt Potemkin erkannte. Ha, Potemkin, rief ſie, auf ihn zuſtürzend, und ſich mit einer wilden, frivoken Gebärde an ſeinen Hals werfend, lebſt Du noch, alter Junge? Ich lebe, und bin gekommen, Dich frei zu machen und mit mir zu nehmen, erwiederte Potemkin, indem er ihre Arme mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit von ſich abzuſtreifen ſuchte. Zugleich betrachtete er ſie neu⸗ gierig und ſuchte ihre Züge wiederzuerkennen, indem aufblitzende Erinnerungen der Vergangenheit auf ſein Geſicht traten. Was höre ich? rief Eliſabeth Zoritſch, indem ſie mit einer jubelnden Bewegung hoch in die Höhe ſprang, und ſich von Neuem in ſeine Arme drängte. Du willſt, Du kannſt mich frei machen, und dazu biſt Du ge⸗ kommen und haſt mich nicht vergeſſen, und ſuchſt die — n ſich e nel⸗ indem m ſie 27 54 arme Eliſabeth hier im Zuchthauſe auf? Es iſt alſo wohl ein großes Thier aus Dir geworden, und wenn mich nicht Alles in der Welt trügt, ſo haſt Du da die General⸗Epaulette's auf der Schulter ſitzen. Aber Teufelskerl, wart, mir fällt etwas ein, und ich kann mir ſchon denken, wie Du es angefangen haſt! Oh, beim Wolleſpulen hier erfahren wir auch noch zuweilen Etwas aus der Welt. Du biſt ein ſchöner Mann, Potemkin, und man ſagt, daß Du der Czarin gefallen haſt und dadurch zum erſten Mann am Hofe von Petersburg geworden biſt. Und davon läßt Du eine alte Freundin profitiren, der Du auch einſt ebenſo gefielſt, wie jetzt der Czarin? Das iſt brav, mein Junge, und ich werde es Dir nie vergeſſen, ich bleibe ewig, ja ewig, Deine Schuldnerin! Sie ſtreichelte ihm dabei zärtlich die Wange, und ſchien geneigt, ihm Liebkoſungen aller Art angedeihen zu laſſen. Potemkin ſah ſie überraſcht an, und be⸗ trachtete jetzt erſt mit genauerem Eingehen ihre Er⸗ ſcheinung, die ihm in längerer Zeit fremd gewor⸗ den war. Du biſt noch immer hübſch, Eliſabeth! ſagte er, nachdem er ſie aufmerkſam gemuſtert hatte. Zwar ſehe ich wohl, daß der Aufenthalt in dieſem Palaſt, in dem 38 Du Dich ſo lange befunden, Deinen Reizen nicht ganz zuträglich geworden iſt, aber wie konnte das auch an⸗ ders ſein? Die einſtige herrliche Fülle Deines Körpers iſt ganz eingeſchrumpft und nur in Deinen Augen ſchimmert noch ein glänzender Reſt von dem dama⸗ ligen Schelm, dem wir gar nicht widerſtehen konnten und der ein liebenswürdiger Teufel par excellence war. Hahaha! es iſt ordentlich lächerlich, was dieſer Arm mager geworden iſt, und dieſe Schulter, die einſt blühte wie ein Hollunderſtrauch, iſt ordentlich einge⸗ trocknet in dieſem verdammten Käfig, in dem Du ſo lange geſeſſen haſt. Und dazu kommt Deine Zucht⸗ haus⸗Toilette, armes Kind, die nichts weniger als ſchmeichelhaft iſt. Wahrhaftig, man hat Dich gut zugerichtet, und das Glück, das Dir nun aufgehen will, wird jetzt ordentlich Mühe haben, Dich wieder zurechtzubringen, und Dir Alles das zu erſtatten, was Du verloren haſt. Aber warte nur und vertraue, Eliſabeth Zoritſch! Du wirſt wieder ſchöner werden, als Du es jemals geweſen biſt. Du ſollſt mein Kam⸗ merdiener werden! Dein Kammerdiener? lachte ſie aus vollem Halſe, und begann mit widerwärtigem Jubel in ihre Hände zu ſchlagen. Ei, das wird prächtig werden, denn ſo Etwas gemac Pot war des Kre eigen und ſumn ihrer zude eder was ue, en, m lſe, nde ſo 39 Etwas haben wir ja noch gar nicht zuſammen durch⸗ gemacht! Sie tanzte bei dieſen Worten in der Stube auf und nieder, und Potemkin konnte ſich bei ihrem An⸗ blick eines Schauders nicht erwehren, während zugleich ſein Gedächtniß für die früheren Reize von Eliſabeth Zoritſch mehr und mehr erwachte, und ihm das, was davon noch übrig geblieben war, in einem neuen Lichte erſcheinen laſſen wollte. Sie ruhte jetzt wieder aus, indem ſie ſich hoch⸗ athmend und keuchend auf einen Stuhl warf, der dicht neben Potemkin ſtand. Du biſt alſo noch immer der alte Wildfang? ſagte Potemkin, indem er ſie lachend betrachtete. Ja, es war eine luſtige Zeit, als wir noch in der Gaſtſtube des Kaufmanns Ygor auf dem rothen Platze beim Kreml miteinander verkehrten! Wir hatten dort unſer eigentliches Standquartier, erinnerſt Du Dich noch, und wir zechten und jubelten da manche Nacht zu⸗ ſammen, im vertrauten Kreiſe unſerer Kameraden und ihrer Mädchen? Der Ygor war ſtets mein guter und zuverläſſiger Freund, und ich werde Dich zu ihm brin⸗ gen, er ſoll Dich im Geheimen beherbergen, bis ich 40 Dich bei meiner Abreiſe von hier mit nach Peters⸗ burg nehmen werde! Ich vertraue mich Dir ganz an, ſagte ſie, auf⸗ ſtehend und ihm ernſthaft die Hand reichend. Denn was ſollteſt Du darunter haben, mir nachzuſtellen und mich elende, armſelige Creatur zum Beſten haben zu wollen? Auf der andern Seite that ich Dir einſt man⸗ ches Gute, und theilte mit Dir, ſo lange ich etwas hatte, um Deine ſchmale Offiziersgage zu verbeſſern. Niemals nahm ich ein Geſchenk von Dir. Und ſo wäre es ja möglich, daß Du zu den wenigen Men⸗ ſchen gehörſt, die ſich dankbar der vergnügten Stun⸗ den erinnern, die ſie früher mit ihren Freunden ge— noſſen. Spotte alſo meiner nicht mit Deinen Ver⸗ ſprechungen. Denn wie kann ich Dein Kammerdiener werden, Potemkin? Ich werde Dir nachher davon ſagen, wenn ich Dich zum Kaufmann Ygor führe, entgegnete Potem⸗ kin ruhig. Jetzt ſchicke Dich an, mit mir zu gehen, Eliſabeth Zoritſch! Nimm Abſchied vom Zuchthauſe, — oder verzeih', wenn ich in meiner gewöhnlichen Zerſtreuung dieſen undelicaten Namen gebrauchte— von dem Palais, das bisher Deine Reize beherr⸗ bergte! Wenn Du Sachen haſt, ſollen ſie Dir zu⸗ h ſammen gepackt Ales v nir gel Mun ko Eliſabet El und ſa dieſem mitzune eugier Der Uns ſch wachte temkin funge laſſen nünfti Poten Pe Frund udſu er in e den 6 41 ſammengelegt und in meinen unten ſtehenden Wagen gepackt werden. Du ſollſt ſehen, daß ich jetzt hier Alles vermag, denn ich habe einen Talisman mit * mir gebracht, das iſt die Handſchrift der Czarin! Nun komm, jetzt geht ein neues Leben für Dich an, Eliſabeth Zoritſch! Eliſabeth lachte mit einer häßlichen Grimaſſe und ſagte dann: Meine Lumpen laſſe ich beſſer in dieſem Palais zurück, ſtatt ſie in das neue Leben mitzunehmen, das Du mir bieteſt. Und ich bin ſehr neugierig, wie es ausſehen wird, dies neue Leben! Der Prieſter hier im Palais, wie Du es nennſt, hat uns ſchon öfter geſagt, daß wir einem neuen Leben nach⸗ trachten ſollen. Und Du kannſt darauf vertrauen, Po⸗ temkin, daß ich daſſelbe Schandleben nicht wieder an— fangen werde, welches ich draußen in der Welt ver— laſſen habe. Ich werde eine ordentliche und ver— t nünftige Perſon werden, und gedenke dem General Potemkin Ehre zu machen, ich, die Eliſabeth Zoritſch! Potemkin drehte ſich zu dieſen Worten ſeiner 8 Freundin mit großer Verlegenheit den Schnurrbart, hen und ſagte dann nach einer ſeltſamen Pauſe, indem er in ein ſchallendes Gelächter ausbrach: Daran iſt W* dem General Potemkin nun ganz und gar nichts ge⸗ zu⸗ 42 legen, meine Gute! Es ſoll mir recht angenehm ſein, wenn Du auf eigene Hand keine Scandale mehr machſt, aber man muß nichts verſchwören in dieſer erbärmlichen Welt, in der man nie genau weiß, wie man ſeine Talente einmal wird brauchen können. Eliſabeth zuckte zuſammen und ſah ihn betroffen an. Ueber ihr Geſicht fuhr ein ſpähender grinſender Zug, der für Potemkin etwas Erſchreckendes hatte. Nachdem ſie ihn eine Zeitlang durchbohrend betrachtet, ſagte Potemkin, welcher dieſen lauernden höhniſchen Blick, der ſich ſo feſt auf ihn gerichtet, nicht länger ertragen zu können ſchien: Begeben wir uns nun vor allen Dingen von hier fort. Es ſcheint mir nicht gut, hier länger zu verweilen, denn je länger ich Dich betrachte, deſto mehr will es mir vorkommen, als wenn der Aufenthalt hier in dieſem Hauſe ſehr ſtark die Phy⸗ ſiognomieen verdirbt. Wahrhaftig, Du haſt einen Ausdruck in Deinem Geſicht bekommen, den ich frü⸗ her niemals an Dir bemerkt habe. Es giebt eine gewiſſe Finſterniß in Deiner Phyſiognomie, vor der ich mich ſcheuen könnte. Und ſonſt warſt Du ein luſtiger, poſſirlicher Bruder, der blos eine falſche An⸗ ſicht von den Moralgeſetzen zu haben ſchien. Jetzt ſiehſt Du gelehrt und ernſthaft aus, wie ein Archi⸗ lingere ſtehen kegeln gefang Pfort ſtellig P durch Negeni ihn a mauns ſelben Vünſ inen frü⸗ eine der ein An⸗ e rchi⸗ —— 43 mandrit, und ich glaube, daß mit Dir nicht mehr zu ſpaßen iſt, Eliſabeth Zoritſch! Aber es ſoll Dir an nichts mehr fehlen, Du kommſt mit mir, und es ſoll Dir geholfen ſein. Laſſen wir nur dieſen Blick, meine Theuerſte, und kümmern wir uns um gar nichts mehr! In dieſem Augenblick, wo Potemkin ſie beim Arm ergriff, um ſie mit ſich fortzunehmen, war der Di⸗ rektor der Anſtalt wieder in den Saal eingetreten, und mahnte ſelbſt zum Aufbruch, um nicht durch ein längeres Verweilen ein noch größeres Aufſehen ent— ſtehen zu laſſen. Es waren inzwiſchen alle Maaß⸗ regeln getroffen worden, um die Abführung der Straf⸗ gefangenen durch das Haus und in den vor der Pforte zurückgebliebenen Wagen ungeſtört bewerk⸗ ſtelligen zu laſſen.— Potemkin legte mit ſeiner Freundin den Weg durch die nächtlichen Straßen Moskau's in größter Eile zurück, und war bald auf dem rothen Platze gegenüber dem Kreml angelangt, wo er ſich in dem ihm aus alter Zeit wohlbekannten Hauſe des Kauf⸗ manns Ygor ſogleich wieder zurechtfand, und bei dem⸗ ſelben auf das Zuvorkommendſte mit allen ſeinen Wünſchen und Begehren aufgenommen wurde. Der 44 Kaufmann Ygor erhielt den Auftrag, den neuen Schützling Potemkin's nicht allein auf einige Tage ganz im Geheimen bei ſich aufzunehmen, ſondern auch für eine angemeſſene, den ehemaligen Sträfling am beſten verbergende und ſchützende Bekleidung deſſelben zu ſorgen. Potemkin wußte, daß er keinen zuver⸗ läſſigeren, zu allen Dingen brauchbareren Mann zu finden vermochte, und Ygor verſprach, ſelbſt am an— dern Morgen in das Palais zu kommen, und bei dem General eine Kammerdiener-Uniform als Probe ver neu anzufertigenden abzuholen. ununt mug barſten 1 Am andern Morgen ſaß Katharina unter den Händen ihrer Kammerfrauen, um ihre große feſtliche Toilette zu vollenden, in der ſie heut beim Beginn der Feierlichkeiten, zu denen ihre Anweſenheit in Mos⸗ kau Anlaß geben ſollte, zu erſcheinen gedachte. Ein Theil ihres Hofſtaats umſtand die Czarin bei dieſem bedeutungsvollen Geſchäft, dem auch der Grofßfürſt Paul mit ſeiner Gemahlin beiwohnte. Die Czarin unterhielt ſich ſehr angelegentlich und ununterbrochen mit dem General Potemkin, der zu⸗ nächſt an ihrem Stuhle ſtand, und das Recht hatte, bei ihrer heutigen Toilette, durch welche die Erſchei⸗ nung der Czarin in den außerordentlichſten und koſt⸗ barſten Rahmen hineingehoben werden ſollte, mitzu⸗ reden und ſeine ſehr gnädig aufgenommenen Bemer⸗ kungen miteinflechten zu dürfen. — 46 Die Czarin hatte ſich heut, was ſie nur ſelten zu thun liebte, und nur wenigen großen Gelegenheiten vorbehielt, mit allem Vorbedacht ſchmücken und in ein wahrhaft feenhaftes Prachtbild verwandeln wollen. Und ſolche Abſichten wußte Katharina ſtets mit ei— nem ebenſo feinen als eigenthümlichen Geſchmack an ihrer Perſon in Erfüllung zu bringen. Sie hatte heut ein Gewand angelegt, das ganz nach der alten moskowitiſchen Form geſchnitten war und der Cza rin mit einer wunderbaren⸗Feierlichkeit ihrer Erſchei nung zugleich einen großen, alle Herzen gewinnenden Reiz verlieh. Dieſes mächtigen Eindrucks, den ſie in dieſer Tracht ausübte, war ſich die Czarin vollſtän— dig bewußt, aber ſie hatte heut die Zauber, welche von ihr ausgehen ſollten, noch verſtärken zu müſſeg⸗ geglaubt, indem ſie das prachtvolle Gewand zugleich mit den koſtbarſten Edelſteinen dicht überſäet erſcheinen ließ. Dem General Potemkin war das ihm von allen Hofleuten angeſtaunte Vorrecht zu Theil gewor⸗ den, ſein Entzücken über dieſe wundergleiche Erſcheinung der Kaiſerin unmittelbar ausſprechen zu dürfen, und er that dies mit der rückſichtsloſen Naivetät, die den Hofleuten eigentlich einen beſtändigen Schrecken und heimlichen Schauder einflößte, ihm aber doch auch heut nicht mi eben wie uf die Ihre nit der drone g der Gar liche in werfende Die rin hatt mehr o dieſe p luß gal der G wurde. marſch ſchieden ſiges i ur Ve thimic Dns o die Be duſebe inen von 47 nicht minder als ſonſt beneidet wurde, da er damit eben wieder das bezauberndſte und gütevollſte Lächeln auf die Wangen der Czarin hervorgelockt hatte. Ihren bedeutenden Kopf aber hatte Katharina heut mit der welterobernden, mächtig ſtrahlenden Czaren⸗ Krone geſchmückt, in welcher der weltberühmte Diamant der Czarin und jener Rubin, der als der unvergleich⸗ liche in der ganzen Welt galt, mit einem Alles nieder— werfenden Glanz erſchimmerten. Die Unterhaltung zwiſchen Potemkin und der Cza⸗ rin hatte ſich in der letzten Zeit neben den zufälligen und mehr oder weniger geiſtreichen Bemerkungen, zu denen dieſe prachtvolle und ſchöne Toilette Katharina's An— laß gab, auch um einen Gegenſtand gedreht, der von der Czarin ſichtlich nur mit großem Unwillen berührt wurde. Es handelte ſich um die Ankunft des Feld⸗ marſchalls Romanzow in Moskan, den ſie hierher be⸗ ſchieden hatte, um als eine Haupt-Säule des Türken⸗ ſieges in dieſer Feier der Czarin zu glänzen, und wobei zur Verherrlichung derſelben auf den großen, volks⸗ thümlichen Namen des alten Kriegers gerechnet war. Das von der Czarin befohlene Programm hatte aber die Beſtimmung enthalten, daß der Feldmarſchall zu derſelben Zeit mit ihr in Moskau eintreffen ſolle, und —— — 48 daß er in demſelben Augenblick, wo die Kaiſerin unter den Triumphbögen anlangte, ihr zu Pferde entgegen⸗ zukommen hätte, ohne abzuſteigen, als der eigentliche Triumphator dieſes Tages. Aber geſtern bei der An⸗ kunft in Moskau war Romanzow nicht erſchienen, der alte Held war ſpurlos ausgeblieben, und erſt am heu⸗ tigen Morgen hatte er ſich mit ſeiner Perſon und ſeinen Entſchuldigungen bei der Czarin melden laſſen, war aber von ihr jetzt nicht angenommen worden, ob⸗ wohl ſie ihn in einer Stunde wieder zu ſich herbe ſtellt hatte, wo hier, vom alten Palaſt der Czaren aus, der feierliche Zug zur Meſſe nach der Kathedrale ſich bilden ſollte. Katharina klagte jetzt empfindlich gegen Potemkin über den Soldaten-Eigenſinn Romanzow's, dem ſie zum Lohn ſeiner Tapferkeit dieſen Triumph zugedacht, der ihr aber durch ſeine ſtörriſche Lannen⸗ haftigkeit alle ihre Abſichten verdorben und ſie dadurch bitter gekränkt habe. Wen hätte Romanzow nicht bitter gekränkt? warf Potemkin, indem plötzlich trübe und zornige Erinnerun⸗ gen ſein Geſicht überflogen, mit einer heftigen Be⸗ wegung der Hand hin. Erſt jetzt ſind mir Aeuße⸗ rungen von ihm hinterbracht worden, die boshaft und biſſig hinter mir her liefen, als ich in ſeinem Haupt⸗ ibermit Lchluſt ſundenl niſche bezigli einen war ei dieſer uhren: Die 49 quartier am Pruth verweilte, und daſſelbe verließ, um die Couriernachrichten hierher an die Czarina zu über⸗ bringen. Wiſſen Ew. Majeſtät denn, was er damals von mir geſagt haben ſoll? Er ſei froh, meinte. den unnützen Müßiggänger endlich aus dem Lager los⸗ geworden zu ſein! Die Czarina brach in ein helles Gelächter aus, das ſie fort und fort, ohne damit wieder einhalten zu können, erſchallen ließ. Katharina war oft luſtig und übermüthig wie ein junges Mädchen, und wenn ihre Lachluſt erregt war, ergoß ſich dieſelbe nicht ſelten ſtundenlang in einem friſchen, hellen Lauf. Das ko⸗ miſche Geſicht, mit welchem Potemkin dieſe auf ihn bezügliche Aeußerung erzählt, hatte auf die Czarin einen unwiderſtehlichen Eindruck gemacht, und zugleich war einige Bosheit im Spiele, mit der ſie ſich an dieſer Beleidigung ergötzte, die ihrem Liebling wider⸗ fahren war. Die Czarin war jetzt aufgeſtanden, ihre Toilette war vollendet, und ſie blickte ſich nach ihrem Hofſtaat um, der ſich inzwiſchen mehr und mehr im Hinter⸗ grunde des Saales angeſammelt hatte. Die ruhige 1 0 Würde in der Erſcheinung der Czarin kehrte vollſtändig ſch 8 3 und mit all ihrer Gewalt zurück. Nur wenn ihre Blicke Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. I. 4 —— 50 denen Potemkin's wieder begegneten, ſchien Katharina in Gefahr, von Neuem ihre ſichere Haltung zu ver⸗ lieren. Potemkin ſchien ſichtlich bemüht, fernere Ausbrüche ſeiner Wuth gegen den Feldmarſchall Grafen Roman⸗ zow in ſich zu bekämpfen und zurückzudrängen. In dieſem Augenblick wurde durch den dienſtthuenden Kam⸗ merherrn der Czarin gemeldet, daß der Graf Romanzow draußen im Vorſaal erſchienen ſei und den gnädigſten Befehlen der Czarin entgegen harre. Katharina befahl, ihn ſofort eintreten zu laſſen. Im ganzen Saal gab ſich ein unwillkürliches Flü⸗ ſtern der Verwunderung, faſt ein Ausruf des Erſtaunens, zu erkennen, als der greiſe Graf Romanzow jetzt durch die geöffneten Flügelthüren hereinſchritt und in ſteifer militairiſcher Haltung, jedoch mit der Würde und Ruhe, die ihm eigen waren, der Czarin ſich näherte. Nicht die glänzende Feldmarſchall⸗Uniform war es, welche, wie ſonſt, die kleine gedrungene Geſtalt des tapfern Generals umfloß. Der Graf Romanzow Sadunaskoi war heut, am Tage der großen Nationalfeier in Mos⸗ kau, in der Uniform des gemeinen Soldaten vor der gnadenvollen Czarin erſchienen. Selbſt alle ſeine Orden hatte er abgelegt, jeden Schmuck und jedes Triumph⸗ ——————. zi hat 51 zeichen, das ihn vor den Uebrigen auszeichnen konnte, hatte er ſorgfältig entfernt. Ich kenne Sie in dieſer Erſcheinung nicht! rief ihm die Czarina mit einer Aufwallung von Zorn ent—⸗ gegen, indem ihre rollenden Augen hin und her flogen und den alten Helden vom Kopf bis zu den Füßen muſterten. Ich vermiſſe den Feldmarſchall Romanzow in Ihnen, den ich geſtern ſchon an dem Triumphbogen vermißte, und der auch heut auf meinen Befehl, ſich zur Bildung des Feſtzuges hierher zu begeben, nicht erſchienen iſt. Potemkin lachte und biß ſich auf die Lippen, indem er die Czarin wohlgefällig anſah. Romanzow aber hatte in der Mitte des Saales Halt gemacht und war dort mit ſeinem ernſthaften und ſtrengen Geſicht, in deſſen tiefen Furchen ſo viele ruhmreiche Schlachten eingegraben ſchienen, ſtehen geblieben. Romanzov Sadunaskoi, welchen letzteren Namen er wegen ſeines glorreichen Ueberganges über die Do⸗ nau empfangen, war eine ächte Kriegergeſtalt, die den Ausdruck der Tapferkeit und ſoldatiſchen Energie in allen ihren Zügen trug. Aber nicht minder war es ein ſchlaues, hofmänniſches Lächeln, das auf dem Kriegerantlitz heimiſch zu ſein ſchien und das auch in 4* ————— 52 dieſem Augenblick, wo er der Czarin gegenüberſtänd, auf ſein Geſicht trat. Halten zu Gnaden, hohe Czarin, nahm Roman⸗ zow jetzt das Wort, wenn ich heut anſcheinend in einer argen Subordinationswidrigkeit vor Ew. Ma⸗ jeſtät beſtehe. Heut giebt es keinen andern Feldmar— ſchall auf der Welt, als die Czarin ſelber, und da⸗ rum hat Dero getreueſter und unterwürfigſter Unter⸗ than es für ſtreng geboten erachtet, gerade an dem heutigen Tage die Uniform auszuziehen und ſich nur als gemeiner Soldat unter die Fahne Euerer Maje⸗ ſtät zu ſtellen. Wir haben die Türken beſiegt, es iſt wahr, und ihre Köpfe ſind um uns her geflogen, wie die Heuſchrecken in einer Sommerwolke. Aber wer iſt es denn eigentlich, der den Halbmond beſiegt und geworfen hat? Nicht der alte Feldmarſchall Ro⸗ manzow iſt es, denn was hätte ihm all ſein Com⸗ mandiren und Einhauen geholfen, wenn nicht der un⸗ überwindliche Geiſt der hohen Czarin über uns ge⸗ ſchwebt und uns in die Türkenſchlacht geführt hätte? Romanzow iſt hier nichts als der Soldat der Czarin, und er will und kann nichts Anderes ſein. Darum iſt er auch ſchon geſtern nicht an den Triumphbögen erſchienen, wohin ihn die Gnade der Czarin einlud, 0 53 indem ſie ihm befahl: Dort ſollſt Du eintreffen, Türkenſieger, und an meiner Seite als Triumphator geehrt werden! Nein, Czarina, das durfte ein ehrlicher Soldat nicht wagen, und es durfte Keiner wagen, 6 neben der Czarin zu ſtehn, und mit den Triumphen, 8 die nur ihr gehören, triumphiren zu wollen. Heut W giebt es nichts als unſere Czarin, und wer außer ihr und neben ihr noch etwas bedeuten zu können glaubt, Unter der wird bald einſehen lernen, daß er ſich nur in ſeinem eigenen Nichts gebläht hat! nu Der alte Feldmarſchall hatte, indem er dieſe letz⸗ Maſe⸗ ten Worte ſo ſcharf und nachdrücklich betonte, zugleich es iſt ſeine Blicke mit dem entſchiedenſten Ausdruck auf Po⸗ flogen⸗ temkin hingerichtet. Potemkin ſtand an der Seite Aber der Czarin, und ſah ſich mit einem gebieteriſchen, beſiegt. Alles niederwerfenden Ausdruck und ſtolzen flammen⸗ l Ro⸗ den Blicken im Kreiſe umher. Zugleich hatte Ro⸗ Com manzow ſeine Rede mit einem ſo biedern, wackern er un Ausdruck und mit der größten Gewandtheit des Hof⸗ as ge⸗ mannes an die Kaiſerin gerichtet, daß dieſe ihm nur» hütte? mit Wohlgefallen zugehört zu haben ſchien, und Alles, Szarin, worüber ſie ſich beſchwert, ihm ſofort wieder ver⸗ Darum geben hatte. hbögen Ein ſonnenklares Lächeln überſtrahlte jetzt das einlud, 54 Antlitz der Czarin, als ſie dem Grafen Romanzow ihre Hand darreichte und ihm frendig erklärte, daß Alles ſo gut ſein ſolle wie es dem Feldmarſchall beliebt habe. Unterdeſſen ſtand Potemkin mit übereinander ge⸗ ſchlagenen Armen ganz vertieft in ſeinen Aerger und Unwillen da, indem er, an der Unterlippe nagend, ſchreckliche Blicke auf Romanzow richtete. Der Zug begann ſich jetzt auf den ausdrücklichen Befehl der Czarin zu bilden, denn die Zeit war her angekommen, wo die Prozeſſion ſich von dem Czaren— Palaſt aus nach der Kathedrale von Moskau in Be wegung ſetzen ſollte. Der große Verſammlungsſaal hatte ſich jetzt mit allen Hofleuten und Würdenträgern und mit den erſten Offizieren des Czarenreichs ange⸗ füllt. Dieſe Geſellſchaft ſollte unter dem Vortritt der Czarin ſelbſt, mit dem Großfürſten und der Großfürſtin, dem General Potemkin und dem Feld⸗ marſchall Romanzow an ihrer Seite, an der Spitze des ſich zu Fuß fortbewegenden Zuges erſcheinen, nachdem ſich unten, auf dem Platze vor dem Palais, die Regimenter der Garden und der am meiſten im Türkenfener geſtandenen Truppen angeſchloſſen hatten. Während jetzt der Aufbruch unter dem Vorantritt der Czarin in einer vorherbeſtimmten Gruppirung * 3*—— —— erfolg und! befand auf e Schul mit e wor Fren Und rihm A veicht würd ſo Har mar gan dric nicht dem ic ürſ — — — 55 erfolgen ſollte, ſtand der alte Feldmarſchall umher und muſterte die Perſonen, die in ſeiner Nähe ſich befanden. In dieſem Augenblick fühlte er ſich ſelbſt auf eine ziemlich heftige Weiſe von hinten auf die Schulter geſchlagen, und als er ſich überraſcht und mit einem leiſen Fluch zwiſchen den Zähnen umkehrte, war es der Großfürſt Paul, der mit einer großen Freundlichkeit in ſeinem Ausdruck ſich genähert hatte, und die Erneuerung ſeiner Bekanntſchaft mit dem be⸗ rühmten General begehrte. Auch die junge Großfürſtin war herzugetreten und reichte dem Grafen Romanzow mit einer liebens⸗ würdigen Bewegung, die ſo viel Grazie und zugleichs ſo viel Keckheit und Muth in ſich ausdrückte, die Hand dar. Sie verſchmähen heut die Triumphe, Herr Feld⸗ marſchall, flüſterte Natalia, und Sie können deren ganz gewiß entrathen, aber die dankbaren Hände⸗ drücke Ihrer Freunde und Verehrer werden Sie nicht auf gleiche Art von der Hand weiſen dürfen. Nein, Frau Prinzeſſin, entgegnete Romanzow, in⸗ dem über ſein runzeliges, tiefgebräuntes Geſicht ein glückliches Lächeln flog, mit dem er die junge Groß⸗ fürſtin genau und lange, und, wie es ſchien, mit der 56 höchſten Befriedigung betrachtete. Die Triumphe ei⸗ nes ſolchen Händedrucks können auch einen alten Soldaten noch verjüngen. Aber wie konnte ich an dem Triumphbogen erſcheinen, wo ich unſerer allergnä⸗ digſten Czarin gewiſſermaßen Sonne und Wind fort⸗ genommen hätte! Meiner Treu, der alte Romanzow war zu klug und zu beſcheiden dazu, um dieſe Ehre ſo anzunehmen, wie ſie eine augenblickliche Aufwallung der Kaiſerin ihm zuerkannt hat. Ihr ſeid nicht nur der tapferſte, ſondern auch der klügſte Mann in ganz Rußland, Herr Feldmarſchall! Sene der Großfürſt. Und darum wißt Ihr ge⸗ Fchickt die Auszeichnung zu vermeiden, bei der Ihr Euern Vortheil nicht erſeht. Allerdings lähmt es jedes Streben, wenn man ſich in einem Lande nicht mehr auszeichnen darf, oder wenn es gefährlich für einen Mann wird, auch nur Das zu ſcheinen, was er wirklich iſt. Aber ich gebe Euch mein Wort, Feldmarſchall, daß dies einſt anders werden ſoll, und daß Ihr Euch alsdann nicht mehr fürchten werdet, die Triumphe zu empfangen, die Euch, wie keinem Andern, gebühren! Um Gotteswillen, Großfürſt, ſchweigen wir davon, oder ich bin verloren! flüſterte Romanzow, indem er —, — 57 erbleichte und ſeine Augen auf die Czarin richtete, die aber gerade mit Potemkin in einem ſehr lebhaften Geſpräch ſich befand, und ihre Aufmerkſamkeit nicht hierher gerichtet hatte. Prinz, wir müſſen uns Alle für das Vaterland zu erhalten ſuchen! flüſterte Romanzow noch einmal, indem er ſich verſtohlen dem Großfürſten zuwandte. Ich kenne keine Gefahr, als die, unwirkſam gemacht zu werden für die große Sache, für die uns einſt zu kämpfen bevorſteht. Romanzow erſtrebt ja nur die Aus⸗ zeichnung, der Sache des Großfürſten Paul zu dienen, und damit eine neue beſſere Zeit für Rußland her— aufzuführen! Natalia hatte während dieſes Geſprächs in der Nähe geſtanden, und die letzten Worte vernommen. Sie warf dem Großfürſten Paul einen glühenden, be— geiſterten Blick zu, den dieſer aber nicht verſtehen zu wollen ſchien. In demſelben Augenblick aber wurde die Großfürſtin wieder kalt, und trat einige Schritte von dem Großfürſten zurück, der in einer finſtern Grü belei vor ſich hinſtarrte und dann ungewiſſe zweifelnde Blicke auf Natalie richtete. Ich habe ja noch keine Sache! flüſterte Paul. Aber es iſt ſchon genug, Freunde zu haben, dann hat man 58 auch bald eine Sache! Ich danke Euch, ich danke Euch!— Jetzt hatte die Czarin das Zeichen zum Aufbruch gegeben, und der Großfürſt mußte ſich beeilen, ſeine Stelle einzunehmen, die ihm in dem Zuge nach der Kathedrale beſtimmt war.— D De nur ein großmi ſelben ſchmüc geſtellt mitgeb Friede Meſe bſſen! Die unter d ungee h. Richz, — W. Der feierliche Zug der Czarin nach der Kirche hatte nur eine kurze Strecke zurückzulegen. Es war die alte großmächtige Kathedrale von Moskau, in welcher die Czare Rußlands gekrönt und geſalbt werden. An dem⸗ ſelben Morgen war hier in den erhabenen, feſtlich ge⸗ ſchmückten Räumen ſchon das alte Heiligenbild auf⸗ geſtellt worden, welches die Czarin aus Petersburg mitgebracht und das jetzt Zeuge ſein ſollte der großen Friedensfeier, die Katharina hier mit einer feierlichen Meſſe und mit einem Te Deum kirchlich beginnen laſſen wollte. Die gewaltig brauſenden Klänge der Meſſe erhoben ſich ſofort, nachdem die Czarin in der Mitte der Kirche unter dem Baldachin, der im feſtlichſten Prunke ſtrahlte, umgeben von allen Vaſallen und Würdenträgern des Reichs, ihren Sitz eingenommen hatte. Die übrigen 60 Räume der Kirche waren in allen ihren Theilen und Ue Gängen überfüllt von den unzähligen Volksſchaaren, n die ſich dort zuſammengedrängt hatten, und durch welche. dis 3 beim Anblick der Czarin ein zitterndes Beifallsgemurmel fiſen hinlief. Noch höher ſchwoll dieſes frendige Murmeln nicht wächtige irſt, und Flüſtern an, als der Großfür Seite die Großfürſtin, die ſich zur linken Seite des und an ſeiner Euthuſi Sitzes der Czarin niederließen, den Augen des Volkes ſichtbar wurden. 8 5 leden E Die Kaiſerin hatte bei ihrem erſten Eintritt in die „ aohliol gebliebe nur zurückgehalten durch die Heiligkeit des Orts, von Kathedrale die leiſen Jubelſtimmen des Volks, die ihr, ſtanden ſeitwä allen Seiten entgegendrangen, mit einem geheimen Eut⸗ euchter zücken vernommen. S Es war dies dieſelbe Bevölkerung, die ihr vor. Blicker zwölf Jahren, als ſie in Moskau in der Kapelle der Czaren ſich hatte ſalben laſſen, nur mit Kälte und heimlichem Widerſtreben gegenüber geſtanden, und unter em der noch vor Kurzem der geſpenſterhafte Schatten ihres 3u Gemahls Peter ſo willkommene und glühend aufgefaßte der be Täuſchungen verbreitete. Heut ſchien das Volk von hut Moskau der Czarin wieder entgegenkommen zu wollen, drule v und es ſchlugen lebhaftere, wärmere Klänge an ihr mung, Ohr, für welche ſie ein ſehr geübtes Verſtändniß hatte. Pl g Und fei S— vVäen e —. 7 2 —— 61 Aber plötzlich flammte ein tödtlicher Haß in der Czarin auf, als ſie, faſt zuſammenſchreckend, vernahm, wie das Geräuſch und die Stimmen, welche dem Groß⸗ fürſten bei ſeinem Eintreten zuflogen, aus einem viel mächtigeren Hintergrunde heraufkamen, und noch mehr als geſtern an den Triumphbögen, einen Gipfel des Enthuſiasmus erſtiegen. Paul war unbeweglich, und, wie es ſchien, ohne jeden Eindruck bei dieſem bedeutungsvollen Empfang geblieben, der ſich für ihn aus der im Publikum ent— ſtandenen Bewegung herausfühlte.⸗ Natalie aber, die ſeitwärts von der Kaiſerin ſaß, ſtrahlte in einem leuchtenden Glück, das ſie auf ihrem Geſicht und in ihrer Haltung nicht verbergen konnte, und das den Blicken der Czarin gegenüber ſich nur um ſo mehr mit einer dreiſten, herausfordernden Bewegung zu erkennen gab. Zur rechten Zeit fielen jetzt die gewaltigen Klänge der beginnenden Meſſe ein, die heut im höchſten Prunk des griechiſchen Gottesdienſtes in der Kathe⸗ drale von Moskau abgehalten wurde. Die Verſtim⸗ mung, welche ſichtlich auf dem Antlitz der Czarin Platz genommen hatte, wich ſehr bald den friedlichen und feierlichen Wirkungen der Ceremonie, der ſich 62 Katharina, ungeachtet ihrer freigeiſtigen Richtungen, um des guten Beiſpiels willen ſtets mit einem ſehr andächtigen Ernſt hingab. Die Meſſe ſchien jetzt eine Zeitlang einen ſanften Friedensbogen über allem innern Zwieſpalt und allen ſo dicht neben einander gerückten Widerſprüchen in der Verfammlung aufgerichtet zu haben. Alles ſchien friedlich und frohbewegt, bis die Stimme der Prieſter und die Töne der Orgel ausklangen, und die einge⸗ tretene Stille die Aufmerkſamkeit für einen neuen Vorgang erhöhte.* Der Schatzmeiſter der Czarin erhob ſich jetzt in der Nähe des Altars, und las mit gewichtiger Stim⸗ me ein Verzeichniß von Belohnungen ab, welche die Kaiſerin ihren Generälen, die ſich im Türkenkriege verherrlicht hatten, bewilligten. Unter dieſen Be⸗ lohnungen ragten die dem Feldmarſchall Romanzow zuertheillen durch ihren ungeheuern Werth hervor. Romanzow empfing ein Landgut mit fünftauſend Bauern, hunderttauſend Rubel baares Geld, ein koſt⸗ bares Tafelgeſchirr, einen Hut, an dem ein mit den werthvollſten Steinen geſchmückter Lorbeerzweig be⸗ feſtigt war und der auf einen Werth von dreißig⸗ tauſend Rubeln ſich belief. 63 Romanzow ſaß unfern vom Altar in einer ganz beſcheiden zuſammengedrückten Stellung, während dieſe Belohnungen über ſein tapferes Haupt ausgeſchüttet wurden. Der alte Held ſchien keineswegs einer gro⸗ ßen Freude über dieſe ihm widerfahrene Auszeichnung hingegeben. Er ſah vielmehr verwirrt und verlegen aus, und richtete zu der Czarin lange fragende Blicke hinüber, welche die Ungewißheit ausdrückten, ob Ka⸗ tharina aus aufrichtigem Herzen ihm dieſe großen Gunſtbezeugungen geſpendet oder ob zu befürchten ſei, daß ſie dafür, wie es ihm früher⸗ſchon einmal wider— fahren, ihn bei einer andern Gelegenheit um ſo härter empfinden laſſen werde, daß ſie es nicht liebe, unter ihren Unterthanen ſo hervorragende, in der Volksgunſt ſie faſt überbietende Männer von Ruhm und An— ſehen zu haben. Sein Erſtaunen wuchs, als die Czarin jetzt von dem Thronſeſſel, den ſie in der Kirche eingenommen, herabſtieg und dem Feldmarſchall, dem ſie aufzuſtehen winkte, mit einigen Schritten entgegenging. Romanzow empfing aus den Händen der Czarin einen Marſchall⸗ ſtab, der mit einer Kette von Diamanten umgeben war und den ſie ihm mit ihrem gnädigſten und lieb⸗ reizendſten Lächeln darreichte. 64 Ein mächtiges Beifallsgemurmel durchlief in dieſem Augenblick die Kathedrale von Moskau, und Roman— zow, der ſah, daß es der aufrichtige Ernſt der Czarin war, ihn zum ausſchließlichen Triumphator des Tages zu machen, ließ eine große Thräne aus ſeinen Augen rollem die in den grauen Locken ſeines Schnurrbarts ſich verlor.. Das Te Deum, welches jetzt angeſtimmt wurde, endigte in ſeinen mächtig emporbrauſenden Klängen das große Friedensfeſt von Moskau. Die Czarin, aus deren Antlitz alle Verſtimmung wieder gewichen war und die jetzt befriedigt, ja glücklich ſchien, brach an der Spitze des Zuges wieder auf und verließ die Kirche im Geleite ihres Hofſtaats, der ſich hinter den Schrit⸗ ten der erhabenen Gebieterin drängte.— Als man im Palaſt der Czarin wieder angelangt war, entließ die Czarin raſch ihr Gefolge, indem ſie ſich mit dem General Potemkin in ihr Cabinet begab, in dem ſie ſich ohne Störung einem Geſpräch mit ihm überlaſſen konnte, zu welchem ſein Ausſehen in der Kirche während der Meſſe und namentlich gegen das Ende der Ceremonie ſie dringend aufgefordert zu ha⸗ ben ſchien. Potemkin war ihr verdrießlich und zögernd gefolgt Laſles Augen rbarts wurde, ängen war h an irche chrit⸗ 65 und warf ſich ſogleich, faſt mit der ganzen Länge ſeines Körpers, auf den Divan nieder, indem er ſein Geſicht gegen die Wand kehrte und ſich um die Anweſenheit der Czarin durchaus nicht zu bekümmern ſchien. Die Czarin ſtand vor ihm und betrachtete ihn lange mit zweifelhaften Blicken. Es ſchien ihr ſo wichtig, ſich mit Potemkin zu verſtändigen, daß ſie ſogar noch in ihrer Feſttoilette geblieben war und noch Niemand von ihrer Bedienung zugelaſſen hatte, um ſie der ſchweren Feſtgewänder des Tages zu entkleiden. Nur die Krone mit ihrem reichen Schmuck hatte Katharina abgelegt, und mit eigenen Händen ihr Haar wieder in eine feſte Ordnung zu bringen geſucht. Es war ein ſehr anſtrengender und ermüdender Tag für mich, begann die Czarin, da Potemkin noch immer mißwillig ſchwieg. Auch hat es nicht an Aerger⸗ niſſen gefehlt, die uns freilich nimmer erſpart werden. Und ich fürchte, daß auch mein lieber Freund Potemkin nicht ganz frei von unangenehmen Eindrücken geblieben iſt. Denn geſteht mir nur, Ihr ſchnittet ſo fürchter⸗ liche Geſichter in der Kirche, weil Ihr die ganze Cere⸗ monie nicht länger aushalten konntet und weil Euch Manches dabei zu verdrießen ſchien. Blos um Euret⸗ willen gab ich daher ſo früh das Zeichen zum Aufbruch. Tb. Mundt, Czar Paul. Erſte Avthl n. 5 66 Bloß um meinetwillen? rief Potemkin in einem ſehr verdrießlichen Ton, ohne ſich von der Wand um⸗ zukehren. Sollte denn dieſe langweilige Komödie eigent⸗ lich noch länger dauern? Oder waren noch einige Land⸗ güter, Marſchallſtäbe und Diamanten⸗Ketten mehr be⸗ ſtimmt, um dem alten Bären Romanzow in die Tatze gedrückt zu werden? Alſo das iſt es, was Euch ſo ſehr verdroſſen hat, mein lieber Freund? ſagte die Czarin in einem lang⸗ ſam ſchleppenden Ton. Euer Sinn hat ſich alſo noch immer nicht recht für die Höhen und Tiefen unſerer Kaiſerlichen Politik geſchärft. Solche Leute, wie Ro⸗ manzow, muß man feiern, denn man kann ſie groß werden laſſen, ohne daß ſie unſerer Herrſchaft ſchaden. Aber auf der anderen Seite hängen ſie durch ihr ganzes Weſen mit dem Volke zuſammen, und indem man ſie hochhält, nährt man dadurch den Geiſt, den man im Volke aufrecht erhalten und gekräftigt zu ſehen wünſcht. So iſt der Name Romanzow mit der Führung des Türkenkrieges verwachſen, und die Idee des Türken⸗ krieges darf in Rußland nie ausſterben noch ermatten. Der Türkenkrieg, mein Freund, iſt die eigentliche Ent— wickelung unſeres Landes, und man muß durch ſolche hohe Belohnungen die Leute anreizen, ihr ganzes Leben dem Ver der den bew Da 6s und wo hie 67 nem dem Türkenkriege zu widmen und in ihm allein ihre um⸗ Verdienſte und ihren Lohn zu ſuchen. ent⸗ Potemkin hatte ſich während dieſer längeren Rede nd⸗ der Czarin auf ſeinem Lager umgekehrt und ſtarrte, be⸗ den Kopf nachläſſig in den Arm geſtützt, und ſie un⸗ atze beweglich und ausdruckslos anblickend, zu ihr empor. Dann gähnte er herzlich und ſagte nach einer Pauſe: hat, Es iſt hübſch, daß die Czarin den Türkenkrieg fort ng⸗ und fort bedenkt, und zwar gerade in einem Augenblick, ſoch wo wir den Abſchluß des Friedens mit den Türken erer hier in Moskau feiern. Denn wir in unſerem Ruß⸗ Ro⸗ land dürfen nicht aufhören, den Türkenkrieg zu führen, woß und wir werden von Zeit zu Zeit immer wieder damit wen. fortfahren, bis das Teſtament Peters des Großen in ne Erfüllung gegangen iſt. Aber ſagen Sie das dem nſi armen Potemkin? Was geht es den Potemkin an, in ob Krieg oder Frieden gemacht wird mit den Türken, ſot und ob der Koſacken-Zögling Romanzow Landgüter, des Bauern, Rubel, Diamanten, Lorbeerzweige, Marſchall⸗ ſtäbe und Gott weiß was Alles aus den Händen ſeiner dankbaren Czarin empfängt? Ich frage nach dieſem nt⸗ ganzen erbärmlichen Leben nichts mehr. Wahrhaftig, e. ich bin dieſes jammervollen Daſeins gänzlich über⸗ z drüſſig geworden, und beſonders jetzt + 68 Alles, was vorgeht, ſo unausſprechlich, ja, ſo unaus⸗ ſprechlich! Potemkin verfiel wieder in eine neue Modulation ſeines Gähnens, das er, ungeachtet der Anweſenheit der Czarin, immer klangvoller fortſetzte, bis er plötz⸗ lich wieder in ſein ſtummes Hinſtarren zurückſank, was auf die Czarin jedesmal einen ſehr beängſtigenden und beunruhigenden Eindruck machte. Ich möchte Euch gern heiter und zufrieden ſehen, Potemkin, begann Katharina wieder, mit einem un⸗ gemein milden und innigen Ton, indem ſie ganz nahe zu ihm herantrat und ſich zu ihm niederbeugte, um ihm ganz genau in's Antlitz zu ſehen. Kann man auf dieſer Erde heiter und zufrieden ſein, Katuſchka? rief Potemkin, mit einem ſchweren Seußzer zu ihr hinaufblickend. Dieſe Dinge ſind ja alle ſo erbärmlich und vergänglich, daß der Menſch, der auf etwas Höheres ſein Verlangen gerichtet hat, ſich zuletzt nur mit Schauder von dieſem Lug und Trug der Erſcheinungen abwenden kann, und ſeinen Sinn dahin flüchtet, wo allein das Unvergängliche und Erhabene thront. Mein Gott! rief die Czarin erſchrocken. Seid ht ſchon wieder bei dieſen unglücklichen Gedanken, Po⸗ temt geiſt jue hin 69 temkin? Wenn Ihr Euch wieder auf die Wolke Eurer geiſtlichen Schwärmereien ſetzt, und mir auf derſelben zu entſchweben gedenkt, ſo bin ich verloren, denn dort⸗ hin vermag ich Euch nicht zu folgen. Wer weiß, Katuſchka, ob Ihr mir nicht dorthin folgen würdet, und ob es nicht ein Entzücken ohne Gleichen ſein wird, mit Euch und in Euerer Geſell⸗ ſchaft einen beſſeren Weg, den Weg der heiligen und frommen Dinge, zu wandeln? entgegnete Potemkin, der die ſchöne Hand der Czarin ergriffen hatte und träãu⸗ meriſch mit ihren Fingern zu ſpielen begann. Wie meint Ihr das, Potemkin? fuhr Katharina heftig auf, indem ſie ihm ihre Hand entzog und ihn ängſtlich forſchend anblickte. Potemkin richtete ſich jetzt vom Divan auf, und trat vor die Czarin hin, gebückten, demüthigen Haup⸗ tes, bleich, mit einer gänzlich veränderten Miene. Als Katharina ihn genauer anblickte, glaubte ſie eine Thräne in ſeinen Augen ſchimmern zu ſehen. Um der Wunden Chriſti willen, die Czarin. ſoll mir einen Gefallen thun, begann Potemkin, die Hand der Czarin an ſein Herz drückend. Einige Werſte von hier mitten im Walde liegt ein Kloſter, das frommen und gläubigen Pilgern von jeher heilſam geworden iſt! 70 Brechen wir morgen dorthin auf, Czarina, zu Fuß, im ſchlechten, dürftigen Gewande, auf alle Bequem⸗ lichkeit und Leibespflege verzichtend, wie es zwei guten Pilgern geziemt, die im Herrn dahin wandeln wollen, und nur nach der Erquickung des geiſtlichen Segens trachten. Die Czarin dachte einen Augenblick lang betroffen nach. Der ſpöttiſche Zug, der ſich anfangs um ihre feinen Lippen gebildet hatte, verſchwand hinter einem ernſten, gedankenvollen Nachſinnen, und ihr Ausdruck wurde jetzt mild und freunlich. Ihr ſeid ein ſonderbarer Menſch, Potemkin, ſagte Katharina nach einer längeren Pauſe. Wie ſeltſam muß es in Eurem Kopfe ausſehen, daß Ihr ſo ganz aus heiler Haut auf ſolche Gedanken zu kommen ver⸗ möget. Aber Euer Einfall hat einen Hintergrund, aus dem ich mich in der That aufgefordert fühlen könnte, ihn zu beachten, vielleicht ſogar zu befolgen. O wie entzückend iſt die Czarina! rief Potemkin, indem er, ganz mit dem Ausdruck eines armen Sün⸗ ders, ſeine Arme über der Bruſt kreuzte und ſich tief und unterwürfig vor der Czarin verneigte. Wallfahr⸗ ten wir zuſammen zu dem heiligen Madonnenbilde in dem Kloſter Troizkoi⸗Sergiew, und die Felſenloſten, die 2 B ———— *„ R u ,. auf unſeren Herzen drücken, werden von uns abſprin⸗ 8 gen wie leichte Federn, die in der Luft zerflattern⸗ Ich muß dahin, Czarin, es zieht mich mit wunderbarer 8 Allgewalt zu den Füßen der Madonna, und unterwegs, auf den ſtillen und verſchwiegenen Waldpfaden, werde ich Euch klagen und geſtehen, was mir ſeit Kurzem . fort und fort das Herz beängſtigt und mir nach Allem, hre was Ihr mir geſagt und befohlen, doch keine Ruhe mehr laſſen will. d Ich werde bald fürchten, daß Ihr mich zu Allem bereden könnt, was Ihr wollt, Potemkin, verſetzte die gte Czarin, ihm theilnahmvoll die Hand reichend. Wiſſet umn denn, daß dieſe Wallfahrt nach dem Kloſter Troizkoi⸗ anz Sergiew durchaus nicht ſo ſehr gegen meinen Willen, er⸗ iſt, als Ihr nach Eurem Dafürhalten annehmen zu ud,— glaubt. Euch will die Frömmigkeit, der Ihr len ſeit einiger Zeit unterliegt, mich will die Staatsklug⸗ heit, und das wohlverſtandene Intereſſe für das Heil in, meiner geliebten Unterthanen, zu dieſer Wallfahrt trei⸗ in⸗ ben. Denn es iſt nicht zu läugnen, daß dies Unter⸗ ief nehmen im Sinne der Mehrzahl der hieſigen Bevöl⸗ r⸗ kerung ſein würde. Man ehrt in dieſem Theil meines in Reichs noch mehr als anderswo die frommen Gebräuche ie unſerer heiligen Religion, und das Vertrauen, welches ———— 72 mir dadurch unter dem rechtgläubigen Volke erwächſt, dürfte mir für Alles, was ich ſonſt will und befehle, zugutkommen. Auf denn nach Troizkoi⸗Sergiew, mein Freund! Wann wollt Ihr, daß unſere Pilgerfahrt morgen beginnen ſoll? Potemkin war auf die Czarin zugeſprungen, und bedeckte ihre Hände mit unzähligen Küſſen. Dann! rief er mit einer ihm aus den Augen leuchtenden Be— geiſterung, die faſt den Schein der Wahrheit trug: Wir werden alſo morgen Mittag, ſobald die Czarin den Aufbruch befiehlt, unſere fromme Pilgerreiſe be⸗ ginnen, nachdem wir an demſelben Morgen ſtreng ge⸗ beichtet und unſere Sünden dem löſenden Geheimniß „des Sacraments anvertraut haben. Meine Faſten haben ſchon ſeit geſtern begonnen, denn ſie ſind die rothwendigſte Vorbereitung zu der Wallfahrt, werde bis morgen keine Speiſen genießen, welche un⸗ ſere Kirche nicht an den großen Faſttagen geß tet. Es ſind dies aber nur meine Vorbereitungen, die keinen Einfluß auf die hohen Entſchließungen der Czarin haben können. Wir müſſen gleichzeitig darauf bedacht ſein, den Gang des Feſtes von Moskau nicht zu ſtören, verſetzte Katharina, nach einer ruhigen Ueberlegung. Ich möchte 6 — daru unſe Feſt für wert und uns gow eben her wele Ole Po cor N el der ſein erwe ſun Kan woht doch —ꝛ 73 darum nichts unternehmen oder geſchehen laſſen, was unſere ſonſtigen Anordnungen in Bezug auf dieſes Feſt kreuzen oder ſchwächen könnte. Denn wir haben für heut Abend einen großen Ball, den uns die ehren⸗ werthe Stadt Moskau dargeboten hat, angenommen, und es wird nicht anders möglich ſein, als daß wir uns den glänzenden Freuden, die Ball und Bankett gewähren wollen, dankbar überlaſſen. Auch wißt Ihr ebenſo gut, daß dem Ball eine Theatervorſtellung vor⸗ hergehen wird, bei der ein Stück zur Darſtellung kommt, welches ich ſelbſt gedichtet habe. Das Stück heißt Oleg, und wird heut Abend mit außergewöhnlichem Pomp und mit einem Aufwand der prachtvollſten De— corationen auf dem Theater in Moskau geſpielt wer⸗ Ne Dieſer Aufführung muß ich doch beiwohnen, enn außerdem daß ich die Czarin bin, bin ich auch der junge hoffnungsvolle Autor, der ſich die Sporen ſeines Calents als Dichter vor dem großen Publikum erwerben will. Natürlich, ganz natürlich! rief Potemkin mit einer freudigen Bewegung. Es kommt Alles darauf an, wie man eine Sache anſieht, und darum kann man ſehr wohl auf einen Ball und in's Theater gehen, und doch am andern Tage eine Wallfahrt zur heiligen 74 Madonna von Troizkoi⸗Sergiew unternehmen, ohne 5 daß die Seele dabei Gefahr laufen könnte. Der wahre P Fromme hat ja einen Straußenmagen, der Alles durch⸗ B einander vertragen kann, ohne ſich im Geringſten zu M verderben. Der Theatervorſtellung und dem Balle werde ich beiwohnen, denn die Anweſenheit meiner un hohen Czarin, die ja ſelbſt das erſte Oberhaupt unſexer Kirche iſt, wird mich, obwohl in der Vorbereitung zu i einer heiligen Handlung begriffen, von der Begehung n jeder Sünde dispenſiren. Aber bei dem Bankett werde ſül ich auf meinem Platze faſten, was doch wahrhaftig be meinen guten Willen beweiſt, mich zu einem heiligen G Manne zu machen und mir im Himmel einen Stein. hi im Brette zu erwerben. v Ueber das Geſicht der Czarin flog ein geiſtvolles 1 Lächeln. Eigentlich fürchte ich mich vor meinem Freund u Voltaire, ſagte ſie nachſinnend. Wenn er aus den u Zeitungen erfährt, daß in Moskau eine Pilgerin aus bi mir geworden iſt, die nach einem Kloſter wallfahrtet, O ſo wird er mich in ſeinem nächſten Briefe gut durch⸗ hecheln. Und ich kann ihm doch nicht geſtehen, daß de ich es bloß meinem Freunde Potemkin zu Gefallen He thue. Aber nun Ihr wißt wie ich denke, ſo ſagt mir N auch mit aller Offenheit der Freundſchaft: welcher ne . 75 böſe Genius treibt Euch, Potemkin, daß ihr mir aber⸗ mals abirrt und mir wieder in die Kloſterphantaſieen verfallt, von denen ich Euch ſchon wieder zurückgekom⸗ men glaubte. Ich werde Euch das morgen ſagen, gnädigſte Cza⸗ rina, entgegnete Potemkin, indem ſein Geſicht wieder die traurigſte Miene annahm, und er von Neuem ver⸗ tieft in die bitterſte Melancholie erſchien. Wenn ich an Eurer Seite morgen hinpilgern werde durch den ſtillen großen Wald, der uns in das Kloſter führt, werde ich Euch mein ganzes Herz aufſchließen und Euch in alle ſeine Untiefen und gefährlichen Strudel hineinblicken laſſen. Dann werdet Ihr mir endlich rathen und dauernd helfen wollen. Aber dem Oleg werde ich heut Abend nichtsdeſtoweniger die größte und ungetheilteſte Aufmerkſamkeit widmen. Ich bin um ſo begieriger, dies Stück meiner erhabenen Ge⸗ bieterin zu ſehen, als ich noch nicht einmal weiß, wer Oleg iſt? Oleg, erwiederte die Czarin, indem ſie feierlich den Zeigefinger in die Höhe hob, Oleg iſt ein alter Heerführer und Fürſt der Ruſſen, er hat die Stadt Moskau gegründet, und mein Stück beginnt mit dieſer merkwürdigen Handlung. Oleg unternimmt dann einen 76 Kriegszug gegen die Griechen, und man ſieht ſeine gewaltige Armee vorbeidefiliren und mit ihrem Führer an der Spitze ſich einſchiffen. Im dritten Act erſcheint nun Oleg in Conſtantinopel, wo der Kaiſer Leon ge— nöthigt wird, einen Waffenſtillſtand mit ihm zu unter— zeichnen. Zur Feier dieſer Begebenheit wird ein herr⸗ liches Feſt gefeiert, bei dem Knaben und Mädchen die' Tänze des alten Griechenlands in verführeriſchen Stel⸗ lungen vor ihm ausführen. Zuletzt erblickt man den Hippodrom, wo dem Oleg die olhmpiſchen Spiele vor⸗ übergeführt werden. Im Hintergrunde aber erhebt ſich ein zweites Theater, auf welchem man Scenen aus dem Euripides in griechiſcher Sprache ſpielt. Dar⸗ auf nimmt Oleg ſeinen Abſchied vom Kaiſer, und hängt feierlich ſeinen Schild an einer Säule des Palaſtes auf, um damit zu bekräftigen, daß er in Conſtautinopel geweſen, und zugleich durch dies Zeugniß ſeine Nach⸗ folger einzuladen, daß ſie immer und immer wieder nach Conſtantinopel zurückkehren möchten.*) Seht Ihr, Potemkin, da habt Ihr den Grundgedanken der ruſ⸗ ſiſchen Politik für alle Folgezeiten in einem Drama aufgeſtellt, an dem ſich zugleich das Volk ergötzen ſoll. *) Masson, Mémoires secrets I. 95. 77 Da habt Ihr Griechenland, da habt Ihr Conſtanti⸗ nopel, da habt Ihr alle Ziele, denen Rußland nach⸗ ſtreben, die es ſich aneignen muß, um herrlich zu werden vor allen Völkern und Ländern, und das Dia⸗ dem der ganzen Welt in die Czaren⸗Krone zu ſchlingen. Potemkin hatte dieſer Erzählung der Czarin mit der größten Aufmerkſamkeit gelauſcht. Er begann ſich plötzlich wieder zu erheitern, und ein übermüthiger, unſtiger Ausdruck nahm auf ſeinem Geſicht Platz. Dann rief er aus, indem er mit den Fingern durch die Luft knipſte: Ei, Czarin, das muß ja ein prächtiges Stück ſein, denn prächtig iſt die Sache, die darin vorgeſtellt wird, und prächtig iſt der Autor, der nicht nur der Autor der Komödie iſt, ſondern der das Alles einmal großmächtig ausführen wird, wovon die artige Ko⸗ mödie das Spiegelbild der Vergangenheit und Zukunft uns enthüllt. Juchhe, welch' ein Glück, Ruſſe zu ſein, und zu den Füßen der ſchönſten und erhabenſten Cza⸗ rin der Welt zu leben! Katharina beobachtete mit der angenehmſten Ueber⸗ raſchung dieſe Umwandelung, die plötzlich wieder mit dem lebendigen, von jedem Eindruck raſch beherrſchten Potemkin vorging. Ich bin ein glücklicher Autor, ſagte Katharina mit 78 einer triumphirenden Miene. Mein Oleg hat ja den Potemkin plötzlich wieder geſund gemacht. Und nicht ſeid wahr, nun brauchen wir morgen nicht nach Troizkoi— Ang Sergiew zu wallfahrten? Es war dies eine ganz hübſche eul Idee, aber im Grunde verzögert dies doch unſere Rück⸗ Geſc kehr nach Petersburg um einen ganzen Tag, und ich rch würde herzlich froh ſein, wenn Ihr Euch auch ohne dies für geneſen erklären wolltet. dach Potemkin ſtarrte nachdenkend vor ſich hin, und Vi ſchüttelte traurig den Kopf. igſt Nein, ſagte er, indem ſeine Züge wieder denſelben zi unglücklichen und verzweifelten Ausdruck annahmen, die Madonna in Troizkoi⸗Sergiew läßt uns nicht, und. Pe weder Griechenland noch Conſtantinopel können uns ten der Wallfahrt zu ihr entziehen. Wir müſſen pilgern, Ce denn wir müſſen unſer Herz ausſchütten, und Potem⸗ de kin muß es der Czarin wie der Madonna vertrauen wi dürfen, was ihn ſo entſetzlich quält. Und wenn Beide ihm ſeine Wünſche befriedigen wollen, kann er erſt ig geneſen, der arme Potemkin! Er ſah jetzt wieder ſo jämmerlich aus, daß die Czarin von neuem in die größte Unruhe zu gerathen w anfing, und ihn ermahnte, ja nicht an der pünktlichen n Erfüllung ihres Verſprechens zu zweifeln. 8 78 den Ich werde Alles für morgen vorbereiten laſſen, nicht“ ſeid verſichert! rief Katharina jetzt mit einer wirklichen zkoi Angſt. Ich werde mir eigens ein recht ſchönes Pil⸗— bſche gerkleid dafür anfertigen laſſen, und bei der erprobten Rück Geſchicklichkeit meiner Kammerfrauen wird Alles zur d ich rechten Zeit fertig ſein. Zagt nur nicht deshalb, mein bne armer Potemkin. Aber wie habt Ihr es Euch ge⸗ dacht, daß wir dieſe Wallfahrt unternehmen wollen? und Wie ich es Euch geſagt, habe ich Eile, denn die wich⸗ tigſten Geſchäfte warten in Petersburg auf unſere Rückkehr. elben— men, Unſer Pilgern beginnt erſt, wenn wir bei dem und Walde von Troizkoi⸗Sergiew anlangen, erwiederte Po⸗ uns temkin dringend. Bis dahin bedienen wir uns der gen Equipage, die wir verlaſſen, ſobald wir den Saum des Waldes erreicht haben. Von dort wandern wir 6 wie zwei gute Pilger, andächtig geſinnt und unſer Heil 6 erſtrebend, zu dem Kloſter hin, das uns in ſeinen hei⸗ . ligen Mauern aufnehmen und erquicken wird. So mag es ſein, verſetzte die Czarin, ich werde 3 dieſe Partie mitmachen, aber ich wünſchte auf derſelben von meinem ganzen Hofſtaat begleitet zu ſein, um — dieſer Wallfahrt den Charakter eines bedeutenden und 0 umfaſſenden Ereigniſſes zu geben. — 80 Wie, entgegnete Potemkin, der ganze Hofſtaat? Der Großfürſt alſo und die Frau Groffürſtin? Nun, ſie haben zwar keinen Glauben und ihre Geſellſchaft iſt nicht angenehm. Man weiß nicht, was hinter ihnen ſteckt, ihr ſchönſtes Lächeln könnte immer noch vergif⸗ ten, und Gift wird jedenfalls von ihnen gebraut. Wir werden ja ſehen, wer es einſt wird trinken müſſen, Czarin? Aber meinethalben, nehmen wir den Groß⸗ fürſten und die Großfürſtin mit! Man kann ihnen ja doch keinen Augenblick trauen, und es iſt beſſer, ſie immer unter Aufſicht zu behalten. Und dann der Graf Andreas Razumovsky, der Unzertrennliche? Dies Kleeblatt muß ſchon beiſammen bleiben. Es iſt beſſer, ſie immer miteinander zu haben, um ſie einſt mitein⸗ ander fangen zu können. Was ſagt Ihr, Graf Potemkin? rief die Czarin verwirrt und erſchrocken. Habt Ihr wieder neue An⸗ zeichen des gegen uns geſponnenen Verraths? Seid verſichert, daß Eure Warnungen nicht in ein taubes Ohr gefallen ſind, und daß ich keinen Augenblick meine Aufmerkſamkeit von dem gefährlichen Treiben Jener abgelenkt habe. Ich weiß es, Czarin, entgegnete Potemkin, ſich ehrfurchtsvoll verneigend. Sie werden einſt alle Dreie glich ſcht ſih mrf werden ke die Thwr vir den wollt, u Cure S groe S woll m der Tha ſuth s, mit 6s ſunt no Gnin Mi Poten den Gr zumovst vegend it inſti Guen uf iner bi, D Vun 81 atp gleich ſchuldig befunden werden müſſen, und es wird un„ ſich nur fragen, ob Einer von ihnen am Leben erhalten aſt werden kann. Es kommt Alles darauf an, wie Ihr 8 die Thronfolge des Reichs zu ordnen gedenkt? Da Ihr zi⸗ mir den höchſten meiner Wünſche nicht befriedigen 3 wollt, und noch immer zaudert, mich ebenbürtig an ₰ Euere Seite zu rufen, ſo wird Euch dieſe Frage bald 6 große Schwierigkeiten ſchaffen, die ich Euch, wenn Ihr . wollt, mit einem einzigen Handgriff, mit der Gewalt — der That, löſen würde. „ Katharina wich ſeinen mächtig dringenden Blicken aus, mit denen er ſich zu ihr gewandt hatte. ies Es iſt Euch alſo recht, daß wir den ganzen Hof⸗ 8 ſtaat nach Troizkoi⸗Sergiew mitnehmen? entgegnete die 6 Czarin zerſtreut. Mir iſt Alles recht, meine hohe Gebieterin! rief nin Potemkin mit einer ärgerlichen Gebärde. Nehmen wir ln den Großfürſten und die Großfürſtin, den Grafen Ra⸗ id zumovsky, den Fürſten Bariatinsky, nehmen wir meinet⸗ es wegen das ganze Hofgeſchmeiß mit, nur Einen wollte ne ich inſtändigſt bitten, zu Hauſe zu laſſen, nämlich den er Grafen Pauin, denn was ſollen wir mit einem Panin auf einer frommen Pilgerreiſe? ch Ei, gerade darauf habe ich gerechnet, auch den Td. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. U. 6 82 Panin mit uns zu führen, rief die Czarin mit einem leichten Lächeln. Da ich nichts Geringeres als einen„ Staatsact beabſichtige, ſo wollte ich auch gern meinen erſten Miniſter mit mir nehmen. Nein, das geht nicht! entgegnete Potemkin, indem er laut zu lachen begann. Seine Excellenz den Staats⸗ miniſter Grafen Panin können wir auf unſerer Pilger⸗ fahrt nicht brauchen. Sein trockenes ſchlaues Geſicht würde uns jeden Aufſchwung unſerer Gedanken hem— men. Die Madonna von Troizkoi⸗Sergiew würde an dieſem Tage, wo ſie den Grafen Panin vor ſich er— ſcheinen ſieht, gewiß kein Wunder verrichten, weil ſie befürchten müßte, daß der Staatsminiſter ſogleich ein ganz officielles Protokoll über das Wunder aufnimmt und die Contraſignatur von Euerer Majeſtät dafür verlangt. Und dann ſein Geſicht! Das Geſicht dieſer officiellen Staatsmaſchine, die roſtig in ihren Angeln knarrt, und ſtatt der Seele nur eiſerne Stifte hat, von denen ſie mühſam getrieben wird! Nein, Czarin, dann ziehe ich auch dieſen letzten Wunſch, den ich noch an Euch habe, zurück. Ich laſſe das Pilgern Pilgern ſein, und bleibe lieber zu Hauſe, mit meinem Schmerz und mit allen meinen quälenden Gedanken. So ſoll der Panin lieber zu Hauſe bleiben, dächte nach in il Heil telnd Por = tem ſtör 83 3 ich! entgegnete die Czarin, indem ſie einen Augenblick nachſann. Es iſt wahr, es ſteckt ein arger Weltmann 6 in ihm, und man glaubt nicht mehr an die Macht der Heiligenbilder, wenn man ſeiner ſich ſo froſtig ſchüt⸗ B telnden Staatsperücke anſichtig wird. Außerdem weiß ts⸗ ich ja, daß Ihr mehr als je der Gegner des Grafen er⸗ Panin an meinem Hofe ſeid. Laſſen wir ihn darum, cht ich gebe Euch in dieſer Perſon vollkommen nach. Denn m⸗ auch ich freue mich darauf, einmal einen Tag ſtiller an und andächtiger Einkehr mit Euch zu verleben, Po— er temkin, und darin ſollen uns profane Geſichter nicht ſie ſtören, am allerwenigſten das Panin's.—— Das Kloſter von Troizkoi⸗Sergiew iſt das größte, prächtigſte und reichſte in Rußland. Es iſt mehr eine Kloſterſtadt, als ein einzelnes Kloſter zu nennen, denn es ſchließt nenn von Stein und Marmor erbaute Kir⸗ chen in ſich, neben denen ein kaiſerlicher Palaſt, ein Prieſter⸗Seminar, eine große Bibliothek und mehrere Wohngebäude zur Aufnahme der frommen Pilger in dem Umkreiſe einer halbmondförmig gezogenen Mauer beſtehen. Unmittelbar hinter dem Kloſter öffnet ſich ein kleiner Flecken, in dem eine ſtille ländliche Be⸗ völkerung wohnt, welche von den pilgernden Fremden und von den großen Weideplätzen lebt, die der tiefe dichte Wald, der das Kloſter mit dem wunderthätigen Marienbilde umgiebt, hier offen gelaſſen hat. Die kaiſerlichen Equipagen, in welchen der fromme Pilgerzug der Czarin ſich zuerſt auf den Weg begeben hatte, gläu den 2 Stell autri leich ein Eis des Bei ſchlu Kaiſ trie des bez ——— 85 hatte, hielten an dem Rand des Waldes ſtill und die gläubigen Wallfahrer, die von hier aus den Weg durch den Wald zu Fuß zurücklegen wollten, ſtiegen an dieſer Stelle aus, um ihren feierlichen Zug unter dem Vor⸗ antritt der Czarin zu ordnen. Katharina hatte einen wärmenden Pelz über das leichte Pilgerkoſtüm gebreitet, denn es war ſeit geſtern ein harter Winterfroſt eingetreten und Schnee und Eis lagen wie eine feſte Kryſtalldecke über den Wegen des Waldes. Die ganze Hofgeſellſchaft hatte ſich, dem Beiſpiel der Czarin folgend, in Pelze gehüllt, und ſchlug, über die unbegreifliche Laune ſeufzend, welche die Kaiſerin, wie man meinte, zu dieſem Unternehmen ge— trieben, den Pfad ein, den die Czarin unter Führung des Generals Potemkin als den jetzt einzuſchlagenden bezeichnet hatte. Potemkin, der in einer ſehr ernſten und innerlich bewegten Stimmung ſich zu befinden ſchien, hatte auch in ſeinem Aeußern am meiſten dem Zweck dieſer Reiſe Rechnung getragen, denn er hatte über die Uniform ein förmliches Pilgerkleid gezogen und ſich außerdem mit Reliquien, Kreuzen und Heiligenbildern ſo voll⸗ ſtändig behangen, daß er am meiſten den Eindruck eines Tabulettkrämers auf einer Maskerade machte. ——— 86 Seinen Wangen hatte er aber die kranke Farbe nicht anhauchen können, von der ſein Inneres bedeckt ſchien. Denn die erfriſchende Kälte hatte ſeinem Geſicht einen prächtigen Purpurſchimmer geliehen und der blühende Heros ſchritt, mit elaſtiſchen Schritten und in der Fülle ſeiner Kraft ſich wiegend, neben der Czarin auf dem hartgefrorenen, kniſternden Fußboden einher. Hinter ihnen folgten zuerſt der Großfürſt und die Großfürſtin, in Begleitung des Grafen Razumovskh und einer Hofdame der Großfürſtin. Dieſe Gruppe, die für ſich einen mehr abgeſchloſſenen Kreis zu bilden ſchien, gehörte ſichtlich nicht zu den Zufriedenen dieſes ſeltſamen Pilgerzuges. Der Grofßfürſt Paul wanderte ſtumm und in ſich gekehrt neben der Großfürſtin einher: man ſah es ihm an, daß er nur gezwungen und wider ſeinen eigenen Willen der Theilnehmer dieſes Zuges geworden, dem er in düſterer Gleichgül⸗ tigkeit folgte. Den blitzenden kecken Ausdruck in den Augen ſeiner jungen Gemahlin bemerkte und verſtand er nicht, oder er fühlte ſich durch die ſpöttiſche Heiter⸗ keit, die auf dem Geſicht der Prinzeſſin erglänzte, noch mehr gereizt und verſtimmt. Natalie blühte, angehaucht von der ſonnigen Win⸗ terfriſche, wie eine Roſe, die eben ihr Haupt aus der 3 — den unt ter mer ua die mel „ — — 87 Knospe hervorgeſteckt hat. Auf ihrer Stirn ruhte ein ſorgloſes Lächeln, um die feinen, friſchen Lippen ſpielte ein ſinniges Nachdenken, das zugleich mit einem leuch⸗ tenden Spott ſich miſchte. Sie ſchien zu triumphiren, indem ſie die Czarin in feierlicher Würde, und neben derſelben den wunderbar vermummten Potemkin, der jetzt ungeachtet ſeiner frommen Tracht in lebhafter Unterhaltung allerhand ſeltſame Sprünge und Gebär⸗ den zu machen ſchien, vor ſich einherſchreiten ſah. Es kam der Prinzeſſin vor, als habe die Czarina ſich in dieſem Augenblick etwas vergeben, und als ſei es geeig⸗ net, darüber zu frohlocken und der klugen und großen Czarin ſich gewiſſermaßen überlegen zu fühlen. In dieſer angenehmen Empfindung ſchaute ſich Natalie nach allen Seiten hin um, ſie ſpielte und lächelte mit den im Sonnenſchein blitzenden Schneeflocken, die von den knarrenden Aeſten der Bäume auf ihren Hut her⸗ untergeworfen worden, ſie blickte den wild umherflat⸗ ternden Vögeln nach und hielt ſich in ihrem aufſchäu— menden Uebermuth kaum zurück, den Krähen nachzu⸗ machen, die ſchreiend und krächzend über den Häuptern dieſes Pilgerzuges einherflogen.— Obwohl es keine große und ausgedehnte Strecke mehr war, die bis zu dem Kloſter zurückzulegen blieb, 88 ſo bot doch der Weg für die ſolcher Schwierigkeiten ungewohnten Fußgänger Mühen und Beſchwerden ge⸗ nug dar, die der Czarin manchen Seufzer entlockten. Katharina, die zur Ertragung körperlicher Anſtrengungen in keiner Weiſe ausgerüſtet war, konnte kaum die leich⸗ teſten Beſchwerden auf ſich nehmen, und mußte ſich oft auf den Arm ihres Begleiters Potemkin lehnen, um auf dem glatten ſchlüpfrigen Boden des Waldes ſich zu halten oder vor den mit Schnee gefüllten Schluch— ten ſich zu ſchützen. Potemkin, ſagte ſie, einen Augenblick ſtillſtehend und in ſeinem kräftigen Arm ruhend, Ihr ſeht, ich vergehe faſt unter dieſen abenteuerlichen Schwierig⸗ keiten, zu denen Ihr mich verleitet habt. Aber für den Preis, Euch, mein Freund, wieder heiter und zu⸗ frieden zu ſehen, unterziehen wir uns gern dieſen un— gewohnten Mühen, für welche wir den Lohn nur in Eurem Herzen beanſpruchen. Aber Potemkin ſchien dieſe freundliche und liebe⸗ volle Rede, welche die Czarin an ihn wandte, kaum zu vernehmen. Er blickte ſtarr vor ſich nieder auf den Boden, und antwortete der Czarin nicht. Daun ſtieß er einen entſetzlichen Seufzer aus, und ermahnte die Czarin mit einſylbigen Worten, den Weg fleißig 89 fortzuſetzen, denn bald werde ſie ſich am Ziel des Heils befinden, und ſchon erblicke man in nicht weiter Ferne die wunderbar geformten Thürme des alten Kloſters Troizkoi⸗Sergiew! Die Czarin entſchloß ſich, ihre letzten Kräfte zu⸗ ſammenzunehmen und mit verdoppelter Anſtrengung die Wallfahrt zu vollenden. Sie waren dadurch jetzt etwas raſcher vorausgekommen, und fingen an, den Großfürſten und die Großfürſtin, deren allzu große Nähe der Czarin auch hier peinlich erſchien, eine ziem⸗ liche Strecke hinter ſich zurückzulaſſen. Man ſah es der Czarin an, daß ſie jetzt erſt wieder freier und leichter zu athmen begann. In dieſer fro— heren Stimmung verſüüchte ſie es noch einmal, ihren Begleiter Potemkin aus ſeiner düſter träumeriſchen Laune zu wecken, in welche er von neuem mehr und mehr zu verſinken anfing. Die Annäherung dieſes Kloſters macht mir zu ſchaffen! begann Potemkin jetzt, mit einer ſeltſamen wehklagenden Stimme, ſein Herz vor der Czarin aus zuſchütten. Je näher wir unſerem Ziel kommen, deſto mehr fühle ich die traurigſten und quälendſten Ge⸗ danken in mir entſtehen, die ſelbſt im Hinblick auf meine geliebte Czarin keine Linderung, ſondern, wun— 90 derbarer Weiſe, nur die bitterſte Steigerung in mir erfahren. So ſei es denn meiner allergnädigſten Cza⸗ rin bekannt und geſtanden, daß jenes Kloſter, welches uns dort mit ſeinen ernſten traurigen Kuppeln ent— gegenblickt, den Potemkin in ſich aufnehmen, aber nie— mals wieder entlaſſen wird aus ſeinen hohen, der Welt abgekehrten Mauern. Ein alter, ſeit meiner frühen Jugend mich beherrſchender Entſchluß, der mich treibt, Mönch zu werden, iſt wieder in mir erwacht, und ich kann und werde ihn diesmal nicht beſiegen. Mein Triumph iſt, daß es mir noch vergönnt wurde, — au der Seite der hohen Czarin ſelbſt dieſen Gang in's Kloſter zurückgelegt zu haben, aber die Czarina wird es mir, im Andenken aller meiner Verdienſte um Rußland und meiner, Ihrer Perſon gewidmeten grän— zenloſen Liebe, verzeihen, wenn ich nicht wieder mit ihr zurückkehre in die Welt, in dieſe verwünſchte nichts⸗ würdige Welt, in der die großen Herzen trauern und zurückſtehen müſſen, und die kleinen Seelen emporge⸗ hoben werden und triumphiren. Die Czarin hat mir teinen höheren Platz an ihrer Seite zugeſtehen wollen, ſie hat mir aber die ſchmerzliche Genugthuung zuge⸗ ſtanden, an ihrer Seite in's Kloſter gehen und Buße thun zu dürfen! Al Se Ru wir kün nit 91 Er ergriff die Hand der Czarin und preßte ſeine Lippen und Augen mit einer heftigen Bewegung auf dieſelbe herab. Katharina zog erſchrocken ihre Hand zurück, die ſie mit einem Strom von Thränen durch ihn benetzt ſah. Dann gingen Beide wieder eine Zeitlang ſtill und lautlos neben einander her, indem ſie ihren Weg ſchleuniger und ununterbrochener fortzuſetzen ſchienen. Nach einer Pauſe nahm die Czarin wieder das Wort und bemerkte, indem einiger Unwille durch ihre Stimme zitterte: An meiner Seite geht man nicht in's Kloſter, Potemkin. Wer an meiner Seite ſteht, und dieſen Platz zu würdigen und zu behaupten weiß, wandert mit mir durch alle goldenen Triumphpforten der Welt, aber nicht durch die Pforten des Kloſters. Und was wollt Ihr, Potemkin? Unſere Geiſter haben ſich in einem hohen Streben begegnet, wobei der Eine von uns den Andern fortreißen und beflügeln wird. Als Freund und Rathgeber habt Ihr bisher an meiner Seite geſtanden, und Krieg und Frieden, das Heil Rußlands und den Untergang unſerer Feinde haben wir in trauten Stunden miteinander beſprochen. Ihr könnt nicht mehr Einfluß auf die Geſchicke der Welt, nicht mehr Gewalt über mein Herz, nicht mehr Hoheit, 92 Macht und Liebenswürdigkeit erlangen, wenn Ihr auch einen anderen und viel höheren, ja den höchſten Namen an meiner Seite behauptetet. Bleibt, wie Ihr ſeid, Potemkin, und jede Herrlichkeit der Welt ſoll Euch krönen. Aber was ſoll ein Potemkin in einem Kloſter? Die Klöſter ſind nicht für die Potemkin's da. In der räucherigen, öden Zelle des Mönchs trauert die menſch⸗ liche Vernunft um ihren Untergang. Seine Kutte iſt das Narren-Koſtüm, in welches die Thatkraft des Mannes geſchlüpft iſt, weil ſie ſchmählich das Schlacht⸗ feld verlaſſen, noch ehe der Sieg ſich entſcheiden konnte. Der Mann, der das Schwert ſeiner Vernunft in den Staub wirft, und von dem ſtolzen Roß der Thatkraft ſich abwerfen läßt, hat ſich all ſeines Rechtes in der Welt begeben. Er wird auch ein ſchlechter Mönch ſein, ſowie er ein ſchlechter Czar geworden wäre! Potemkin ſtand, auf das Höchſte überraſcht von dieſer letzten Wendung in der Rede der Czarin, ſtill. Seine Augen funkelten in einem freudigen Glanz, und faſt ſchien ſeine frühere Luſtigkeit wieder über ſein Ge⸗ ſicht zu ziehen. Eine glühende Frage drängte ſich auf ſeine Lippen, doch hielt er noch unſchlüſſig inne, und überlegte, was er der Czarin erwiedern ſolle. Katharina betrachtete mit Erſtaunen dieſe Um⸗ wal z etn = 93 wandelung, die plötzlich wieder in ihrem Freunde vor⸗ zugehen ſchien. Der übrige Zug der Wallfahrer war etwas weit zurückgeblieben und erſt in einiger Ent⸗ fernung erblickte man an der Spitze des durch die Schwierigkeiten der winterlichen Pfade aufgehaltenen Zuges den Großfürſten und die Großfürſtin, die ſich jetzt eiliger näherten. Die junge Groffürſtin ſchien beſonders ungeſchickt, die ſchlimmen Stellen des Weges, welche durch Schnee und Eis mehrmals geſchaffen wurden, zu überwinden, aber jetzt hatte ſie wieder einige Sicherheit unter ihren Füßen erlangt, und ſie ſchritt nunmehr mit der ihr eigenen kecken Fröhlichkeit und Zuverſicht, die immer etwas Triumphirendes hatte, vorwärts, um durch verdoppelte Eile das Verſäumte wieder einzuholen. Katharina wandte ſich ab, um dem muthwillig blitzenden Geſicht nicht zu begegnen, und veranlaßte jetzt ihren Begleiter, den Weg fortzuſetzen. Eilen wir doch nicht ſo entſetzlich, gnädigſte Czarin, bemerkte Potemkin jetzt in einem humoriſtiſchen Tone. Man kommt immer noch zeitig genug in's Kloſter. Den Potemkin kann wohl zuweilen der Teufel plagen, der ihn fromm machen möchte, aber ein Eſel wird Potemkin nimmer ſein. Ein Eſel wäre er, wenn er 94 ſich nun über Hals und Kopf in dies abſcheuliche Mönchs⸗Kloſter hineinſtürzen wollte, vor dem ihm“ doch auch ein Weniges graut. Aufrichtig geſtanden, die Mönche waren mir bisher keine viel liebere Be— kanntſchaft, als die Fledermäuſe. Ich mochte ſie nicht leiden, denn ich fürchtete mich vor ihren zottigen Kut⸗ ten und den faulen Bäuchen, welche das Mühlrad ihrer Gebete ſind. Ein ſolcher gleißneriſch ſich nei⸗ gender Wicht iſt der eigentliche Schuft in der Schöpfung dieſes lieben Gottes, der die Sonne ſcheinen läßt, und in deſſen Weltplan die dummen Dunkelmänner in den Klöſtern offenbar nicht hineingehören. Aber wenn ich die Wahl habe zwiſchen Mönch und Czar, werde ich doch kein ſo ausgemachter Dummkopf ſein und lieber unter die Eulen und Dohlen in die Mauerſpalte eines Kloſters kriechen. Er ſah dabei die Czarin mit einem ſo dummpfif⸗ figen Geſicht an, daß dieſe aus dem großen Ernſt, der ſich ihrer bemächtigt, dadurch faſt herausgefallen wäre. Aber Katharina glaubte die Gelegenheit wahr⸗ nehmen zu müſſen, um dieſen empfindlichen Streit⸗ punct, der zwiſchen ihr und Potemkin ſeit einiger Zeit ſo viel Unruhe und Mißſtimmung hervorgerufen, end⸗ lich erſchöpfend durchzuſprechen und zu Ende zu bringen. M w unſ Eu eber ines 95 Mon chér Potemkin, begann ſie wieder, es giebt Dinge, mit denen man ſich Einfürallemal abfinden muß. Des Höchſten und Herrlichſten dürft Ihr Euch vermeſſen, mein Freund, und die Czarenkrone würde immer noch ein geringer Schmuck für Euer Verdienſt und Eure Liebenswürdigkeit ſein. Aber ich möchte Euch nicht unter der Laſt dieſer Krone erblicken, die ich nicht mit Euch theilen kann und werde, und die blutige Riſſe in Eure ſchöne Stirn eindrücken würde. Es würden Euch Verpflichtungen durch dieſe Krone erwachſen, die mir ſehr viel entziehen müßten von unſerem gemüthlichen Herzensverkehr, in dem ich mit Euch ſtehe und der mein wahres Lebensglück ausmacht. Ihr würdet gewiß ein großer Czar werden, aber ich würde aufhören, eine gute Czarin zu ſein. Ich würde meinen einzigen Freund verlieren, und dies müßte meine ganze Kraft brechen, es würde all mein Wollen und Vollbringen lähmen. Um meinetwillen alſo be⸗ ſchwöre ich Euch, Potemkin: laſſet unſere Gefühle für einander uns nicht durch dieſe Nachtgeſpenſter ver⸗ wirren! Und bedarf es denn zwiſchen uns eines Pac⸗ tes, der uns beſtimmter und ſicherer Einen auf den Andern anweiſen und uns die Gewißheit des Beſitzes garantiren könnte? Nein, bleibet der allmächtige Po⸗ 96 temkin an meiner Seite, und ich werde an Euerer Seite Euere gehorſame Czarin bleiben!— ⸗ Dem freundlichen, liebkoſenden Ton, mit welchem die Czarin dieſe letzten Worte flüſterte, ſchien Potem⸗ kin jedoch keineswegs ein gutwilliges Ohr zu leihen. Seine Mienen hatten ſich von Neuem verfinſtert, er ſchwieg und ſtarrte trübe vor ſich hin auf den Weg. Plötzlich fing er an zurückzubleiben und ſchlenderte in den Gedanken, die ihn quälten, ſeitwärts vom Wege ab, ohne ſich weiter um die Czarin zu bekümmern. Katharina wandte ſich lächelnd nach ihm um, und ſtreckte ihm die Hand entgegen, indem ſie ihn erwartete. Nach einer Pauſe, als ſie noch eine Strecke ſtumm nebeneinander fortgegangen waren, begann Potemkin in einem düſteren, dumpfen Ton: Die Wahl zwiſchen Czar und Mönch iſt nicht mehr ſchwer, ſobald wir ſie durch die Gottesfurcht entſcheiden laſſen. Und in die⸗ ſem Augenblick wird es mir erſt klar, daß es Empfin⸗ dungen in mir giebt, die vor allen Dingen ihr Recht behaupten wollen. Nein, die Welt iſt für mich ver⸗ loren, und ich bin der Welt verloren! Ich verabſcheue das nichtsnutzige, erbärmliche Treiben, ich will nur noch Frieden, Frieden in Gott, Frieden in der ver⸗ borgenen Zelle, Frieden im Gebet und in der Kaſteiung! Czu dem zlerſ jir Wun und nem Me ſo das mer ſilt hatt Aus Mei Zet 97 rer Hört, jetzt beginnen die Glocken von Troizkoi⸗Sergiew in der Ferne zu läuten! Es iſt ein Wunderton, der em mich mächtig dorthin ruft, ein Wunderton, auf dem em⸗ ſich meine gläubige Seele emporſchwingt, um nicht en. mehr da zu weilen, wo ich ich mich bisher gebannt er fühlte! Leg. Er hielt mit einem tiefen Seufzer inne, und die ein Czarin konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, mit ßege dem ſie ihn von der Seite betrachtete. Denn als er ern. zuerſt aus der Deutung ihrer Worte neue Hoffnungen und für ſich und ſeinen ſo ſtürmiſch gehegten Lieblings⸗ tete. wunſch zu ſchöpfen gewußt, war er wieder ſo heiter mm und übermüthig geworden, wie es nur immer in ſei⸗ nlin nem Sinne lag. Aber kaum hatte die Czarin ihre ſche Meinung beſtimmter und unzweideutiger ausgeſpro chen, ſe ſo ſah ſie ihn jetzt wieder alle ſeine Abneigung gegen ni das Kloſter widerrufen und abermals in dieſen ſchwär⸗ jn⸗ meriſchen und bigotten Ton verfallen, der ihm ein ſo ſccht ſeltſames Anſehen gab. Seine Mienen und Gebärden hatten zwar dabei unläugbar einen ächten und wahren 4 Ausdruck, aber Katharina, die ihren Liebling auch als Meiſter im Komödieſpielen kannte und ſich zur rechten 8 Zeit ſeines Talents erinnerte, hatte ſich davon nicht 5 rühren laſſen. Sie wäre jetzt beinahe in ein lautes ungl 7 Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. M.. 98 Lachen ausgebrochen, als ſich ihre Blicke mit denen Potemkin's begegneten, und ſie denſelben in ſeiner immer ſtärker aufgetragenen Melancholie neben ſich auf und nieder ſchwanken und zuſammenbeben ſah. In dieſem Augenblick vernahmen ſie hinter ſich einen lauten durchdringenden Schrei. Die Czarin unterſchied ſogleich die Stimme der Großfürſtin Na⸗ talie, die in eine augenſcheinliche Gefahr gerathen zu ſein ſchien. Sie wandte ſich haſtig nach ihr um. Die Großfürſtin war auf dem ſchlüpfrigen Pfade ausge⸗ glitten und in eine Schneegrube geſtürzt, die unmittel⸗ bar am Wege ſich befand, und tief genug war, um die Großfürſtin auf einen Augenblick in der leichten Fülle des Schnee's verſchwinden zu laſſen. Man war jetzt von allen Seiten hinzugeſtürzt, um ſich zu bemühen und der Prinzeſſin beizuſtehen, die durch den unglücklichen Fall, den ſie gethan, bewußtlos geworden zu ſein ſchien und ohne ein Zeichen der Be⸗ wegung dalag. Der Großfürſt hatte nicht geſäumt, ſeiner Ge⸗ mahlin ſogleich mit einem energiſchen Entſchluß zu Hülfe zu kommen, indem er ihr nachgeſprungen war und ſie in ſeinen ſtarken Armen emporgehoben hatte. Graf Razumovsky war unterdeß thätig geweſen, unter Hilf betei zuri wollt diez ſchei Unt ent ſein Wa Zit 68 bebeu Hülfe einiger Cavaliere des Hofes eine Tragbahre zu ſeiner bereiten, auf der man die Prinzeſſin auf dem noch n ſich zurückzulegenden Wege bis Troizkoi⸗Sergiew fortführen ſah wollte. Denn es war erſichtlich, daß die Großfürſtin, er ſich die zwar jetzt die Augen wieder aufgeſchlagen und augen⸗ Czarin ſcheinlich gar keine Verletzung davongetragen hatte, in Na⸗ doch von dem erlittenen Schrecken zu ſehr ergriffen hen zu und hingenommen war, um den Weg der Pilger zu Die Fuß weiter fortſetzen zu können. usge⸗ Die Czarin und Potemkin waren im Hintergrunde mittel⸗ dieſer Scene ſtehen geblieben, die ſogleich einen ſehr um ſtürmiſch bewegten Charakter angenommen hatte. Denn eichten im erſten Schrecken waren Alle durcheinander gelaufen, der ganze bisher ſo wohlgeordnete Zug hatte ſich auf⸗ gelöſt, und die Verwirrung wuchs, indem Jeder ſich rit, um . beeiferte, ſeine Hülfe anzubieten oder einen Rath für utles die Pflege und Fortſchaffung der Prinzeſſin zu geben. ge⸗ Die Czarin ſah mit geſteigertem Unwillen dieſe . Unterbrechung, welche durch den Unfall der Prinzeſſin Ge⸗ entſtanden war, und Potemkin murmelte ungeachtet 5 ſeiner frommen Zwecke, mit denen er ſich auf der Wallfahrt befand, einige ſtarke Flüche zwiſchen ſeinen tu⸗ Zähnen, die er ſich kaum bemühte, dem Ohr der Czarin zu verbergen. unter 72 —————————— 100 Natalie hatte ſich aber jetzt ſchnell wieder erholt und ſtand mit kräftigem Auftritt auf ihren eigenen Füßen. Ihre Augen, die in demſelben friſchen und unverkümmerten Glanz wieder leuchteten, flogen wie immer keck und herausfordernd im Kreiſe umher, ſenkten ſich aber raſch wieder, als Natalie gegenüber die Ge⸗ ſtalt der Czarin bemerkte, die ernſt und düſter daſtand und von der kein freundlicher Antheil an ihrem Miß⸗ geſchick ausging. Aber als die Großfürſtin jetzt den Arm ihres Gemahls aunehmen wollte, fuhr ſie mit einer heftigen Zuckung zuſammen und faßte nach ihrem Fuß, der ihr den Dienſt verſagen zu wollen ſchien. Es war keine ernſte Beſchädigung entſtanden, aber der Fuß hatte durch den Fall eine Verſtauchung er⸗ litten, und Natalie mußte ſich nun entſchließen, die Tragbahre anzunehmen, welche ihr Graf Razumovskh mit feuriger und beſorgter Beredſamkeit als unerläß⸗ lich empfahl. Auf das Zureden des Grafen willigte Natalie end⸗ lich ein, die aus ſtarken Baumzweigen geſchickt zurecht⸗ gelegte Tragbahre zu beſteigen. Die Gzarin hatte wieder begonnen, den Weg fort⸗ zuſetzen, und der fromme Zug der Pilger ordnete ſich von Neuem, indem die Tragbahre, auf welcher die 101 rerhelt liebliche helle Geſtalt der Prinzeſſin anmuthig ſchwebte, eigenen und die der Großfürſt, der Graf Andreas Razumovsky hen und und zwei Hof⸗Cavaliere auf feſten Schultern trugen, gen wie in den Zug aufgenommen wurde. ſenkten Die Czarin hatte jetzt ihre Hofdame, die heitere die Ge⸗ Gräfin Bruce, zu ſich herangerufen, um ſich von ihr daſtund einen Bericht über den eigentlichen Hergang erſtatten m Miß⸗ zu laſſen. Die Hofdame, die jetzt eine Zeitlang neben der Czarin hergehen mußte, konnte jedoch keinen wei⸗ teren Aufſchluß über das Vorgefallene geben, dagegen ihrem ſchien ſich die Czarin ungemein an den Klagen der ſchien. Gräfin Bruce zu ergötzen, die halb erfroren ſchien i, aber und die Strapazen der Wanderung nicht mehr für ung et⸗ länger aushaltbar erklärte. en, die Die Czarin ſuchte ſie in gutmüthigſter Weiſe zu morslh tröſten und ſagte ſcherzend zu ihr: Ei, meine liebe nerli⸗ Bruce, ſie iſt doch ſonſt nicht ſo erſtaunlich froſtig, wovon wir die intereſſanteſten und liebenswürdigſten ie end⸗ Beweiſe haben. So nehme Sie ſich doch endlich zu⸗ ht ſammen, wie wir Andern thun, und Sie wird dafür die Madonna von Troizkoi-Sergiew zu ihrer guten ſon⸗ Freundin bekommen, die Sie ſicherlich nicht im Stiche ſih laſſen wird. Denn unſere luſtige Gräfin Bruce be⸗ , darf auch der Fürbitte im Himmel, ſie hat viel geliebt, —— ——— ———— 102 und es wird ihr darum auch viel vergeben werden müſſen! Ach, Czarin, entgegnete die Gräfin Bruce, ich habe ja alle meine Sünden ſchon abgebüßt auf dieſer ganz abſcheulichen Fuß⸗Promenade, auf der mich der unerträglichſte Froſt quält. Haben wir wohl jemals ſchon eine ſo gräßliche Partie gemacht, als dieſe hier iſt? Ich habe mich bereits ganz entſetzlich erkältet, und kann meine Füße nicht mehr rühren. Es kann nicht Jeder es ſo gut haben, wie die Großfürſtin, die dort auf ihrer amüſanten Tragbahre durch die Lüfte reitet, und keinen Kummer weiter hat, als daß der Graf Razumovsky ſich unter ihr zu Tode tragen möchte. Sie wirft darum von Zeit zu Zeit die beſorgteſten und innigſten Blicke zu ihm herab, und erkräftigt dadurch den armen Grafen, ihren Ritter, der mit ihr gern in den Tod traben möchte! Aber verzeihen Ew. Majeſtät, mich ſchüttelt der grimmige Froſt ſchon wieder, und mir wird ganz unausſprechlich elend zu Muthe! Bei dieſen Worten ſtürzten ihr die Thränen aus den Augen und die ſonſt ſo luſtige Gräfin begann herzlich zu weinen. Mein Gott, ſagte die Czarin, wie kann man ſo frieren, wenn man doch ein ſo heißes Temperament hat, wie d die ihr be zuf die M Sie viellei hre ſcho ſihr beden Herz, da fir die Spott hü ſeſin Ru fulen un Purſtnen, wüſſen. ihr Sch bewahrt Die vollſten getreten. der in im ihn ſcien. Vs ſugte g vlen g eben werden Bruce, ich t auf dieſet der mich der wohl jemals ls dieſe hiet lich erkältet, . GEs kann fürſtn, die ch die Lüft ls daß der agen möchte orgteſten und tügt nnch ihr gern in vieder/ und Nuthe! hränen au rüfin begann 6 ann man ſo npenmen 103 hat, wie die Gräfin Bruce? Trete Sie nur wieder in die ihr beſtimmte Reihe zurück, und bereite Sie ſich anf die Madonna von Troizkoi⸗Sergiew vor, bei der Sie vielleicht noch einmal Gnade findet ſowohl für Ihre ſchon halb erfrorne Naſe, die mir in der That ſehr bedenklich ausſieht, als auch für Ihr leichtfertiges Herz, das nicht einmal zum Mitleid gelangen kann für die arme Großfürſtin, ſondern unehrerbietigen Spott häuft über eine in den Schnee gefallene Prin⸗ zeſſin Rußlands. Die Grofßfürſtin liebt einmal zu fallen und honny soit qui mal y pense. Es giebt Perſonen, die alle Angenblicke ein kleines Unglück haben müſſen. Man ſagt, was ich aber nicht glaube, daß ihr Schickſal ſie dadurch vor jedem großen Unglück bewahrt.— Die Gräfin Bruce war jetzt mit der ehrfurchts⸗ vollſten Verneigung in die Reihen der Uebrigen zurück⸗ getreten. Die Czarin wandte ſich wieder zu Potemkin, der in ſeinen trüben Gedanken jetzt an Allem, was um ihn her vorging, keinen Antheil mehr zu nehmen ſchien. Was denkt Ihr von der Prinzeſſin, Potemkin? fragte Katharina jetzt mit einem leiſen, geheimniß— vollen Ton. 104 Potemkin ſchrak zuſammen und ſchien ſich plötzlich zu beſinnen. Dann warf er einen flüchtigen Blick hinter ſich auf die Prinzeſſin und ſagte mit einem leichten wegwerfenden Ton: Was ſoll man von der Prinzeſſin denken? Sie iſt immer wohlauf und trotzig, man mag ſie ſehen wo man will, und ich glaube, daß ihr Unfall mehr uns als ihr geſchadet haben wird? Wie verſteht Ihr das, Potemkin? entgegnete die Czarin haſtig. Erklärt Euch darüber deutlicher, ich bitte Euch, Freund! Nun, verſetzte Potemkin mit phlegmatiſcher Ruhe, ihr Fall in die Schneegrube kann ihr nicht ſehr nütz⸗ lich geweſen ſein in ihrem intereſſanten Zuſtande. Es iſt zu befürchten, daß ſie hier auf der Stelle ſich ihrer Hoffnungen entledigt, Czarin, und uns mit ellenlangen Geſichtern dabei ſtehen läßt. Denn wenn dieſe Kata⸗ ſtrophe, auf die wir unſern ganzen Plan gebaut, jetzt ſo beſchleunigt eintreten ſollte, ſo wären wir dupirt, und müßten ohne Widerſtand Alles geſchehen laſſen, wie es geſchieht. Denn wir haben hier im Walde keine Eliſabeth Zoritſch, auf die wir rechnen können. Wohlverſtanden, Czarina? Es würde alſo für uns Alles ſchief gehen, während für die Großfürſtin Alles gurz gut a garz geſun wir Beide den Junge in der hirc wus ſollen Kathar Geſiht, brüchlicher ſorgenvolle Ir h wieder ge hörbar, u ſetzte. Es n ſi zu ſp muß u ſich nahen iſtr di ſe in ge voraus no ſihehu hudeun id eine 105 h plötzlich ganz gut ablaufen kann. Sie ſetzt uns hier einen gen Blick ganz geſunden Thronfolger mitten im Schnee ab, und t einem wir Beide haben das Nachſehen. Ja, wir mäſſen den Jungen noch auf der nächſten Station, ich meine in der Kirche von Troizkoi⸗Sergiew, taufen laſſen, denn GN ſchen wo was ſollen wir machen, Czarin? ehr uns Katharina ſah ihm mit ängſtlichem Forſchen in's Geſicht, aber es beherrſchte ihn ein ſo tiefer, unver⸗ brüchlicher Ernſt, daß ſie ſelbſt erbleichte und in ein her, ich ſorgenvolles Nachſinnen verſank. Ihr habt mir von dieſer Eliſabeth Zoritſch nicht Ruhe, wieder geſprochen? ſagte die Czarin leiſe und kaum hörbar, indem ſie raſcher ihren Weg neben ihm fort— nde. 6. 3 itrer Es war in der letzten Zeit ſchwer für Ew. Majeſtät, ſie zu ſprechen, erwiederte Potemkin. Die Gelegenheit — muß ausgeſucht ſicher ſein, um Perſonen dieſer Art ſich nahen zu laſſen. Aber Eliſabeth Zoritſch iſt da, und iſt der Dienſte gewärtig, die ſie leiſten ſoll. Ich habe ut jetzt — ſie in Begleitung meines vertrauten Kammerdieners — voraus nach Troizkoi⸗Sergiew geſandt, und dort im — Pilgerhauſe verborgen einquartieren laſſen. Sie ſelbſt hat die Uniform eines meiner Bedienten anlegen müſſen, ir. und eine Rückſprache mit der holden Verbrecherin wird n Alle —— 106 dort eher unbeobachtet bleiben können, als in dem Kaiſerpalaſt zu Petersburg. Ei, das iſt klug von Euch, Potemkin, fuhr die Garin fröhlich auf. Uebrigens denke ich dieſe Perſon nicht zu ſprechen. Ich überlaſſe es Euch, meine ge⸗ heimſten Gedanken in Eure Abſichten zu verflechten, Potemkin. Richtet Alles ſo ein, wie Ihr es mit Eurem ſo oft von mir bewunderten Verſtande für das Beſte erachtet. Aber fragt mich nicht ſo viel. Wer weiß denn, ob wir uns überhaupt verſtehen? Wer kann das wiſſen? erwiederte Potemkin mit einer kalten Gleichgültigkeit. Aber klug war es jeden⸗ falls von mir, daß ich die Eliſabeth Zoritſch voraus⸗ geſandt habe. Hält ſich die Großfürſtin nur noch eine kleine Viertelſtunde, ſo ſind wir geborgen. Denn dann werden wir im Pilgerhanſe von Troizkoi⸗Sergiew an⸗ gelangt ſein, und die Großfürſtin Natalia Alexiewna wird dort ihre richtige Behandlung finden. Die Ge⸗ fahr iſt alſo nur, daß es hier im Walde auf der Stelle losgeht, obwohl die iunge Großfürſtin allerdings noch keineswegs danach ausſieht. Die Czarin, die den ſeltſamen Drolligkeiten ihres Freundes Potemkin nicht ſo leicht widerſtehen konnte, wäre faſt in ein lautes Lachen ausgebrochen, aber eine kigenthimlich jeht zu dur 6s hatte buitet, doß das Heulen ſirſt ſelbſt! er hatte lei Ohr bewieſ Unterſcheidu Bald bo demn die P hatten, und vorchanden durchhalte Ein große gerinnen Der 6 ang in 2 tnten herl juchnen hr der Dun auch unter und von d „als in dem nkin, fuhr die h dieſe Perſon ſch, meine ge⸗ zu verflechten, es mit Euren für das Beſte Wer weiß Potemkin mit war es jeden⸗ ritſch voraus⸗ nur noch eine Denn danl Sergiew al⸗ ſig Aleriewna n. Die Ge⸗ uf der Stel rdings noch gleien ihes tehen lonne⸗ u aler eine 107 eigenthümliche Bewegung, die den ganzen Pilgerzug jetzt zu durchlaufen ſchien, feſſelte ihre Aufmerkſamkeit. Es hatte ſich nämlich plötzlich die Meinung ver⸗ breitet, daß in der unermeßlichen Waldung ringsumher das Heulen der Wölfe eſchollen ſei, und der Groß⸗ fürſt ſelbſt hatte die Veranlaſſung dazu gegeben, denn er hatte bei Gelegenheiten dieſer Art ſtets ein ſcharfes Ohr bewieſen, und war als guter Jäger geübt in der Unterſcheidung ſolcher Töne. Bald konnte auch kein Zweifel mehr übrig bleiben, denn die Wölfe, die ſich jetzt genähert und vermehrt hatten, und die in dieſem Walde in großer Anzahl vorhanden waren, ſchlugen jetzt von Neuem an, und durchhallten mit heiſeren ſchrecklichen Tönen den Wald. Ein große Beſtürzung ſchien ſich aller Pilger und Pil⸗ gerinnen ſeitdem bemächtigt zu haben. Der Großfürſt ſchien am meiſten durch dieſen Vor⸗ gang in Bewegung gerathen, er winkte ſeinen Adju⸗ tanten herbei, und befahl demſelben, ſeinen Platz ein⸗ zunehmen und ſtatt ſeiner die Schulter unter die Trag⸗ bahre der Großfürſtin zu breiten. Dann fühlte er haſtig nach ſeinen Waffen, die er auch unter dem Pilger-Anzuge mitgenommen hatte, und von denen er ſich nie zu trennen pflegte. Aller⸗ 108 dings fand er ſich bloß mit einem Hirſchfänger und mit einem Paar Piſtolen bewaffnet, aber Paul war ein tollkühner, unerſchrockener Jäger, bei dem die Leidenſchaft oft ſchon die genügende Bewaffnung er⸗ ſetzt hatte und der unerſchrocken und ſpielend ſich in die ſchlimmſten Gefahren ſtürzte. Seine Augen blitzten von einem dunkeln, wilden Feuer, ſein Haar hatte ſich hoch emporgeſträubt, in ſeine ganze Geſtalt war eine heftige convulſiviſche Zuckung getreten, als er jetzt, jede andere Begleitung ablehnend, und ohne ein Wort der Beurlaubung an die Großfürſtin zu richten, mit geſchwungenem Hirſch⸗ fänger in den Wald hineinſtürzte. Kaum beganu er ſich im Dickicht zu verlieren, als man ſchon ſeine Stimme erſchallen hörte, die mit dem ſtürmiſchen Halloh der Jagd durch den Wald brauſte. Mit dem finſterſten Unwillen hatte die Czarin dieſen ganzen Vorgang beobachtet. Der flammende Purpur des Zorus war auf ihr Geſicht getreten. Sie ertheilte mit einer heftigen Handbewegung ihren Be⸗ fehl, daß kein Aufenthalt entſtehen dürfe und daß der Zug ſich ungeſäumt wieder vorwärts bewegen ſolle. Potemkin ſchien ſich durch das, was geſchehen war, faſt erheitert zu fühlen. Eine verwetterte Courage iſt den Groffi ſich hin. und würde traben, auc war einſt e ich an, ein der hitche Der il ſett, und Gyßjirſin ſe zu uicht tüthen ein die dautſche derſelben des Ausdr Orhun der iim undd bul uft dher der iugleich ei uöuen Luſſ indi vur „ſchon ſeine miſchen Haleh „die Czarin flammelde oon. Sie reten. S d daß der & on ſole⸗ rſchehen wir⸗ 109 dem Großfürſten nicht abzuſprechen, murmelte er vor ſich hin. Er kann der Wolfsjagd nicht widerſtehen, und würde bei ihrem Klang querfeldein in den Wald traben, auch wenn er gerade vor dem Altar ſtände, um den Segen des Prieſters zu empfangen. Auch ich war einſt ein ſo wilder und toller Kerl. Jetzt fange ich an, ein ruhiger Mann zu werden, und der Frieden der Kirche iſt mein einziges Trachten geworden.— Der Pilgerzug hatte ſich jetzt wieder in Bewegung geſetzt, und der Graf Razumovsky begann, zu der Großfürſtin hinaufſchauend, einige deutſche Worte an ſie zu richten, worauf Natalie mit einem leiſen Er⸗ röthen einging. Razumovsky hatte ſeit einiger Zeit die dentſche Sprache vollſtändig erlernt, und war in derſelben um ſo leichter zu einer großen Geläufigkeit des Ausdrucks gelangt, als dieſe Sprache zugleich das Organ der geheimen und innigen Mittheilungen zwiſchen ihm und der Groffürſtin geworden war. Sobald ſich Paul auf eine ſo plötzliche Weiſe entfernt hatte, wagte daher der Graf, dieſen Ton anzuklingen, mit dem ſich zugleich ein vertrauteres Geſpräch zwiſchen Beiden eröffnen konnte, da die übrigen Herren, welche den Tragſeſſel führen halfen, der deutſchen Sprache nicht kundig waren. 110 In der That, ein ſeltſames Abenteuer, Prinzeſſin! begann Razumovskh, indem er ſich bedeutungsvoll mit den Blicken der über ihm ſchwebenden Großfürſtin be⸗ gegnete. Man könnte es faſt einen genialen Streich des Großfürſten nennen, daß ihn die Wölfe mehr reizen, als die fromme Wallfahrt und das ſüße Glück, die liebenswürdige Gemahlin auf ſeinen Schultern tragen zu dürfen. Wiſſen Sie, wie ich unſeren Groß⸗ fürſten am liebſten charakteriſiren möchte? Der Groß⸗ fürſt Paul iſt ein Kind der Natur, und hat alle guten und ſchlimmen Eigenſchaften dieſer Menſchen. Wenn Rußland eine einzige Bärenhöhle oder Wolfsſchlucht wäre, würde er mit großem Erfolg darin wirthſchaften. Könnte es einſt gelingen, aus ganz Rußland einen Kerker zu machen, ſo würde Paul der pflichtgetreueſte Kerkermeiſter ſein, wenn er nicht etwa anfinge, ſich zu langweilen, und dann dumme Streiche zu machen, die ihn ſelbſt zum würdigſten Einſaſſen ſeiner eigenen Kerker geeignet erſcheinen ließen. Aber hört, die Wölfe ſchreien in der Ferne auf, als wenn ſie bereits ihren Meiſter gefunden hätten, der ihnen ſeinen Hirſchfänger in ihrem Pelze umkehrt. Denn der Großfürſt iſt ge⸗ wohnt, gleich darauf loszugehen, es ſchreckt ihn keine Gefahr, und nie ſah ich einen Jäger, der ſich ſo kühn Nn D hein ln ur luſe Prinzeſſin! ngsvoll mit Schultern ſeren Groß⸗ land einen htgelreueſte „ſich its ihren ſchfänger ſt iſt ge⸗ ihn keine ſo kühn P und glücklich mitten in die entſetzlichſte Gefahr hinein⸗ ſtürzt! Natalie neigte ſinnend ihr ſchönes Haupt, und dachte den Worten ihres Freundes, der bereits ihr ganzes Vertrauen beſaß, einen Augenblick lang nach. Dann ſagte ſie leiſe: Wenn ich dem Großfürſten nicht ver⸗ mählt wäre, würde ich ſehr bald einen Standpunkt gewinnen können, um ihn richtig zu beurtheilen und ihm vor allen Dingen Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen. Als Gemahlin des Großfürſten kenne ich aber nur die angſtvolle Stimmung meines Herzens, die ſich von dem erſten Augenblick bis zu dem gegenwärtigen meiner bemächtigt hat, ſobald ich dem Großfürſten nahe bin. Es iſt ſonderbar, entgegnete Graf Razumovsky, daß gerade ich es ſein muß, der ſich für den Groß⸗ fürſten Paul bei der Groffürſtin ſelbſt verwendet! Ich, der jedem Luftzug grollen möchte, der um das göttliche Haupt meiner Großfürſtin weht, und ſich er⸗ lauben darf, ihre Wange zu ſtreifen, bitte doch um Duldung für den Großfürſten Paul, den wir noch keineswegs entbehren können, Natalia Alexiewna! Wir können nicht für uns allein handeln, wir bedürfen nicht nur von unten herauf der Unterſtützung zum Gelingen unſerer Pläne, ſondern wir bedürfen auch von oben 112 herunter eines Namens, einer Fahne, unter der wir ſtreben, kämpfen und ſiegen können. Wir müſſen die Partei Paul ausbilden, bewaffnen und für uns mar⸗ ſchiren laſſen, ſonſt können wir nichts beginnen, weder für uns noch für Rußland! Aber der Großfürſt iſt es ſelbſt, welcher der Bil⸗ dung ſeiner Partei noch immer am meiſten widerſtrebt! unterbrach ihn Natalie mit ungeduldig herausfahrenden Worten. Wenigſtens wären wir ſchon viel weiter unſerem Ziele entgegengetreten, wenn der Großfürſt ſeine Abſichten und Alles, was man von ihm zu er⸗ warten hat, nicht in eine ſo ungewiſſe, bizarre Wolke hüllte! Er verkleidet ſich in den Gehorſam des Sohnes gegen die Mutter, um nichts zu thun, um ſeine Gattin mehr und mehr in die allerſchlimmſte Situation gerathen zu laſſen, und ſie einer ſo furcht⸗ baren Frau preiszugeben, die er ſelbſt nur mit geſpen⸗ ſtiſchem Grauen ſeine Mutter nennt, und vor der mein Leben nicht mehr lange ſicher ſein dürfte. Denn glaubt mir, Razumovsky, die Czarin trachtet mir nach dem Leben, und ich fühle es jedesmal beſtimmt und deutlich an ihrem entſetzensvollen Blick, wenn derſelbe dem meinen begegnet, und ſich tief und ſchneidend, wie ein Henkers⸗ ſchwert, in meine Augen und in mein Herz hinabſenkt! ihi find ſo v ſich ſin erg wir Vo J für der ihn burch Ett pri Sille kun 89 nier der wir müſſen die 16 mar⸗ thun, um lerſchlinnſte r ſo fürcht⸗ mit geſpen⸗ der mein enn glaubt nach dem deutlich an m meinen Henkers⸗ inabſenkt! 113 Zwiſchen uns und der Czarin ſteht der Großfürſt! entgegnete Razumovsky mit einem bedeutungsvollen Ton. Nur, wenn wir ihn noch erhalten, können wir vollſtändig gegen die Czarin ſiegen. Ich kenne den Großfürſten ſeit den Tagen ſeiner Kindheit. Er hat ein Naturell, in dem das Beſte und Größte wohnt, neben dem Schrecklichſten, deſſen er jeden Augenblick fähig iſt. Wenn man ihm geſtattet, ein Kind zu ſein, findet man einen Engel an ihm. Reizt man ihn auf, ſo wirkt er als Teufel der Zerſtörung, ſogar gegen ſich ſelbſt. Gute Gedanken hat er über Rußland, in ſeinem verborgenſten Sinn liebt er das Volk, und da er Kraft haben wird zu herrſchen und zu gebieten, ſo wird er ſich auch für ſtark genug halten, um das Volk in den Kreis des Staats eintreten zu laſſen. Jedenfalls, Prinzeſſin, kann eine neue beſſere Zeit für Rußland nur dann heraufgeführt werden, wenn der Großfürſt Paul zur Herrſchaft gelangt und den ihm gehörenden Thron, der ihm nur durch das Ver⸗ brechen Katharinas entzogen worden, endlich beſteigt! Streben, wirken wir alſo einſtweilen nur für ihn, Prinzeſſin! Bilden wir die Partei Paul, die im Stillen unendlich gewachſen iſt, immer weiter aus, bewaffnen wir ſie und laſſen wir ſie im verhängniß— Th. Mundt, Czar Paul. Erſle Abthl. II. 8 114 vollen Augenblick losſchlagen! Wir haben in der letzten Zeit gute Fortſchritte gemacht. Panin iſt in die vor⸗ derſten Reihen unſerer Leiter getreten, und ſelbſt Roman⸗ zow wird ſich mit allen ſeinen Tapfern für Paul erklären, ſobald die rechte Zeit gekommen ſein wird. Auf die Petersburger Garden dürfen wir rechnen, ich weiß es gewiß, oder es trügt mich Alles! Unſer Feldgeſchrei iſt darum Paul, Czar Paul! Bald wird es dann ein anderes geben. Das heißt: Natalie Alexiewna!— Die Großfürſtin ſenkte ihr Haupt, und ſchien von einer unendlichen Traurigkeit befallen. Ihr habt meiſterlich auf Alles gerechnet, Graf Razumovsky! ſagte ſie dann mit einem ihre Bruſt erſchütternden Seufzer. Ihr habt Rußland verſtanden, ausgekund⸗ ſchaftet, vorbereitet, aber nicht mein Herz. Mein Herz kann dieſem Feldgeſchrei nicht folgen, es ſchlägt einem raſcheren Ziel entgegen, oder es ſtirbt unter dieſem Mangel an Bewußtſein, an Gerechtigkeit, an Menſchenwürde, unter den es von einem grauſamen Schickſal geſtellt worden iſt! Schwingt Euch zu kühneren Plänen auf, Graf Razumovsky, zu einem hochherzigen Unternehmen, zu einem raſchen Handeln... Oder Ihr findet mich nicht mehr im Stande, Eure Siege zu begrüßen und Eure Hand zu erfaſſen, die Ihr dann lin gekund⸗ Mein t unter — 115 einer entſeelten Märtyrerin entgegenſtrecken werdet! Auf, Razumovsky, rettet mich und Rußland zu gleicher Zeit, aber laßt es nicht darauf ankommen, daß ich, Eure Freundin, in demſelben Augenblick verdorben und verloren bin, in dem Rußland glücklich und frei ge⸗ worden iſt! Wenn Ihr nicht wäret, würde ich, ſchon einige Wochen nachdem ich in Rußland angekommen, querfeldein davon gelaufen ſein, wie eine Abenteurerin, und würde mich lieber nach Deutſchland zurückgebettelt haben, um nicht in der Atmoſphäre dieſes fürchter⸗ lichen Throns zu erſticken. Aber Ihr habt mich auf⸗ gerichtet, Ihr habt meinen Geiſt erhoben, Ihr habt mich die Dinge in mir und um mich her aus einem höheren Geſichtspunkte betrachten gelehrt; ich bin durch Euch freier, weiſer, glücklicher geworden. Und Ihr habt mich zugleich ernſter, ſchärfer, gedankenreicher und unduldſamer gegen Das gemacht, was mich hier quält und verzehrt. Unſere Geiſter ſind ſich be⸗ gegnet, ich bin froh darüber, und habe Hoffnungen für die Zukunft darauf gegründet. Dieſe Hoffnungen können aber doch den Haoß nicht mildern, der auf der andern Seite in mir täglich heftiger emporflammt, und von dem ich bald geſund werden muß, denn ſoviel Haß vermag die Natur nicht länger in mir zu tragen.— 8* 116 Während dieſes leiſe geführten Geſprächs hatte ſich der Zug der Pilger, der ſich jetzt der wunderbaren Kloſterſtadt faſt genähert, unabläſſig weiterbewegt. Die Czarin, die Alles bemerkte und der nichts entging, was um ſie her oder in ihrer Nähe vorging, hatte das geheime Geſpräch, welches zwiſchen der Prinzeſſin und Razumovoly ſich entſponnen, ſehr wohl beobachtet und ſchien darüber in eine eigenthümliche Bewegung und Unruhe gerathen zu ſein. Zu wiederholten Malen hatte ſie ihre Augen zornig zurückgewandt, und ihre Blicke durchbohrten voll flammenden Argwohns das achtloſe Paar, das ſich kaum bemüht hatte, die vertraulichen und ernſthaften Mittheilungen, in denen ſie mit einander begriffen waren, zu verdecken. Potemkin war den Blicken und Gedanken der Czarin gefolgt, und beeilte ſich mit aufblitzender Schadenfreude, ſeine Bemerkungen darüber mitzutheilen. Seht, Czarin, rief er, was das für eine poſſirliche Situation iſt! Er ſpricht hinauf und ſie ſpricht her unter, und man glaubt Pyramus und Thisbe zu ſehen, die eines ihrer idylliſch komiſchen Abenteuer mit ein ander beſtehen. Aber das ſüße Abenteuer dürfte für ſie eine bittere und giftige Frucht in ſich ſchließen. Ich fürchte, es wird hier zwiſchen den Beiden ein ganz tte ſich baren b e ſging, te das in und et und ig und Malen d ihre n der tzender heilen. irliche ther⸗ ehen, ein ir ſie Ich ganz l verwünſchtes Unheil ausgeheckt. Wahrhaftig, da könnte eher noch eine Czarin einen gewiſſen lieben General heirathen, der ihr von ganzer Seele bis zu ſeinem letzten Blutstropfen ergeben iſt, als daß eine ruſſiſche Großfürſtin ſich mit einem ihrer Cavaliere verſchwört, und ihn zum Verrath gegen ſeine erhabene Herrin und Gebieterin anſtiftet. Es iſt Schade, der Razumovsky war ſonſt ein anderer Kerl, der nur Sinn und Ge danken für die Czarin und für Rußland hatte. Aber dieſe Fremde, die den ruſſiſchen Thron verdunkeln wird, ſieht ſie nicht aus, wie Eine, die ſchwarzen Verrath in ihrem Herzen bewegt und mit den ſchlimm ſten Dingen droht? Dieſe weißen blondlockigen Frauen zimmer taugen nicht viel. Ungeachtet ihres weißen Fells haben ſie doch den ſchwärzeſten Deufel im Leibe, und laſſen ihn unverſehens heraus, in demſelben Augenblick, wo man noch ſo dumm war, die zierlichen Geſchöpfe zu bewundern!— In dieſem Augenblick vernahm man einen lauten durchdringenden Schrei, der den Lippen der Groß fürſtin entflohen zu ſein ſchien. Natalie hatte plötzlich ihren Gemahl am Rande des ſchneebedeckten Waldes wieder heraustreten ſehn, und ſein Anblick, der ſie plötzlich überraſchte und in —— 118 ihr geheimnißvolles Geſpräch mit Razumovsky gleich⸗ ſam drohend und mahnend hineinfiel, hatte ihr dieſen Schrei ausgepreßt, in dem ſich ihr ganzes bebendes und erzürntes Herz verrieth. Paul ſchien feine Jagdabenteuer im Walde raſch be⸗ ſtanden zu haben. Die Jagd hatte ſich in die Tiefen des Waldes zurückgezogen, das dröhnende Geheul der Wölfe war verſtummt. Doch bewies der blutgetränkte Hirſchfänger des Prinzen, und ſein zerriſſenes Kleid, daß er in ſeiner wilden raſchen Laune, die ſtürmiſch Alles ergriff und ebenſo haſtig wieder fahren ließ, ſeinen vorüberge⸗ henden Antheil an der Jagd wohl wahrgenommen hatte. Sein Haar war emporgeſträubt, eine entſetzliche Wildheit drückte ſich in ſeinen Zügen aus. Seine Blicke hatten ſich zuerſt auf ſeine Gemahlin und den Grafen Razumowsky gerichtet, bei deren Anblick er heftig zuſammenzuckte. Ein furchtbarer Ernſt lagerte über ſeiner tiefgefurchten Stirn. Es war zugleich das Ziel der Wallfahrt erreicht, als der Großfürſt Paul wieder in die Prozeſſion ein⸗ trat. Die heilige Kloſterſtadt lag mit ihren grauen ehrwürdigen Gebäuden vor den Pilgern da, die an 119 der Pforte, durch welche man hineinſchreiten mußte, von einem feierlichen Aufzug der Mönche, an deren Spitze ſich ein Biſchof befand, in ſtummer, ehrerbie⸗ tiger Haltung empfangen wurden. Die Glocken des Kloſters und der übrigen Kirchen, welche hier in einem unregelmäßig geformten Kreiſe neben einander umherlagen, erhoben ihr glaubensvoll⸗ tönendes ſanftes Läuten, mit dem ſie den Pilgern ſchon von Weitem einen frommen Gruß entgegenge⸗ klungen hatten, von Neuem. Die Czarin verneigte ſich in tiefer, hochbewegter Andacht vor dem Zeichen des Kreuzes und den übrigen heiligen Symbolen, die ihr von dem Biſchof und ſeinen Prieſtern entgegen⸗ getragen wurden. Es war ein feierlicher Augenblick, der das ganze Herz der Czarin zu erfüllen ſchien. Potemkin lag vor dem Biſchof auf den Knieen, und hatte in der Erregung, die ſich ſeiner bemeiſterte, alles Andere um ſich her vergeſſen. Zuerſt begab ſich der Zug der frommen Pil⸗ grimme jetzt in die Kirche, in welcher die Madonna, die das Ziel der Wallfahrt geweſen, vor Allem be⸗ grüßt und geehrt werden ſollte. Es geſchah dies in einem langen unabläſſigen Dienſte, der die Gebete der Czarin und ihres gehorſamen Gefolges kaum er⸗ — 120 ſchöpfen konnte, und an deſſen Ende Katharina, auf's Tiefſte ermüdet und faſt nicht mehr ihrer Haltung mächtig, ſich an dem Arme Potemkin's erhob. Die Czarin hatte, den kaiſerlichen Palaſt, der ſich im Troizkoi⸗Sergiew befand, verſchmähend, nur das Pilgerhaus zu ihrem Nachtquartier annehmen wollen, in dem die frommen und armen Wallfahrer dieſes Orts einzukehren pflegten, und in das ſie jetzt mit ihrem geſammten Gefolge einzog. Die Czarin wollte heut nur wie jeder andre Pilgrim gelten, und auch mit allen ihren Großen nicht beſſer aufgenommen und verpflegt werden, was, wie ſie zu Potemkin ſagte, einzig und allein ihrem in ſich gekehrten Gemüthszu⸗ ſtande entſpräche.— V. pl Der Tag in Troizkoi⸗Sergiew, welchen die Cza⸗ wollte 8 5* 6 7 rina und Potemkin dem andächtigen Verweilen in dem heiligen Wallfahrtsorte beſtimmt, war raſch und in der wunderbarſten Spannung der Gemüther vorüber⸗ — gegangen und Katharina drang darauf, die Rückkehr ungeſäumt vorzunehmen. Die Equipagen waren dies mal unmittelbar nach der Kloſterſtadt hinbeordert, denn die Rückfahrt nach Moskau ſollte jetzt raſcher vor ſich gehen, weil die Czarin ſowohl als ihr ge⸗ ſammter Hofſtaat die nachdrückliche Erklärung abgaben, daß bei der eingetretenen ſchlechten und ſtürmiſchen Witterung der Pilgerzug durch den Wald nicht wie⸗ derholt werden könne. Die Czarin hatte gegen Potemkin ihre Befriedi⸗ gung ausgeſprochen, daß er ſie zu dieſer Wallfahrt verleitet, die, wie ſie behauptete, ihrem Gemüth wohl⸗ gethan habe. Ich kehre recht friedlich und harmoniſch geſtimmt wieder zurück, ſagte ſie zu ihm, mit einem ten huldvollen Lächeln. Nur Eines will mich noch immer nir beunruhigen, und verdirbt mir auch in dieſem Augen⸗ die blick die Freude der Abreiſe, nach der mich doch ſonſt, Pr trotz Allem, recht herzlich verlangt hat. Es iſt, weil gu ich meinen Freund Potemkin noch immer nicht ganz au frei und heiter in ſeiner Stimmung erblicke, und die ni Furcht hege, daß ihn die fatalen Grillen keineswegs wa ſchon losgelaſſen haben? zu Czarina, entgegnete Potemkin, mit einem ruhigen be ernſten Ausdruck in ſeinem Geſicht, es wird nun bald die ächte Freiheit und Heiterkeit zu mir wiederkehren. ic Denn ich bitte heut, wo wir ſcheiden, mich auch in ei Gnaden von Euch zu entlaſſen, ich kehre nicht wieder d mit Euch zurück in die böſe garſtige Welt, ich bleibe ft hier zurück in dem Kloſter Troizkoi⸗Sergiew, und in Potemkin wird von jetzt an der glücklichſte und ſor⸗ l genloſeſte Menſch in ganz Rußland ſein. Ziehet da⸗ her ohne mich weiter in dem Geleit aller Heiligen, meine gnädige Katuſchka, und laſſet Euren armen v Potemkin fahren, an dem nichts mehr daran iſt und der nur noch die Kraft in ſich behält, fromme Gebete für ſeine ewig geliebte Czarin zum Himmel zu ſenden. dell h auch in 1 . ſp en r 123 Ihr wollt nicht wieder mit mir zurückkehren, Po⸗ temkin? fragte die Czarin erſchrocken. Ihr tragt es mir noch immer kleinen Sinnes nach, daß ich Euch die Erhebung nicht zugeſtanden habe, die Ihr als Preis unſerer Liebe von mir gefordert habt. Nun gut, wenn Ihr mich nicht verſteht, ſo liebt Ihr mich auch nicht. So gehet denn hin und trennet Euch von mir, Gott weiß aus welcher Argliſt! Ihr werdet es wahrlich bereuen, ein Euch ergebenes Herz verlaſſen zu haben, Ihr werdet es bereuen und ich werde es beklagen! Ihr werdet Euch bald darüber getröſtet haben, daß ich Euch fehle, Czarin! entgegnete Potemkin, indem er einen langſamen ehrerbietigen Kuß auf ihre Finger drückte, der ſo kalt zu ſein ſchien, daß Katharina fröſtelnd zuſammenbebte. Er faltete dann ſeine Hände ineinander, ſeine Lippen ſchienen ein ſtilles Gebet zu flüſtern, und er ſtand einige Augenblicke bewegungslos und in ſich verloren da. Es wird nicht lange dauern, begann er von Neuem wieder mit einer feierlichen Erhebung ſeiner Stimme, und ich prophezeihe Euch dies in dieſer ernſten Ab⸗ ſchiedsſtunde: ſo werden die beſeligenden Gefühle, die Ihr für mich hegtet, einem glücklicheren Nachfolger — 124 gehören, und Potemkin iſt es, der hier in Troizkoi⸗ Sergiew den ſchönſten Segen für Euch vom Himmel herabflehen wird. Catharina hatte ihn nachſinnend angehört und ſchüttelte mehrmals ihren Kopf. Wie, fuhr ſie mit einer zornigen Stimme heraus. Ihr geht ſo weit, mir einen Nachfolger zu empfehlen? Ich werde von jetzt an nur im Geiſte bei Euch ſein, gnädigſte Czarin, erwiederte Potemkin, und lebe nur in der Geſtalt der Erinnerungen fort, die bei mir gewaltig ſind, bei Euch aber bald verblaſſen wer⸗ den. Stützet Euch auf ein gutes friſches Herz, und die alte Liebe wird fortleben in der neuen, und wird wieder auferſtehen in roſenrothen Flammen. Von wem ſprecht Ihr, Potemkin? fragte die Czarin, aufſtehend, indem ein Unwille ihre Stirn überſchat⸗ tete und zugleich in ihren Augen ein heller Zug von Neugierde aufblitzte. Nun, verſetzte Potemkin mit einer eifrigen, ver⸗ ſchmitzten Gebärde, ich möchte bei Euch, o Czarina, in Vergeſſenheit gerathen, erſt dann würde ich vor mir ſelbſt ſicher ſein, und mich der Pflege meines Seelenheils, hier in der Verborgenheit, ungeſtört von Weltgedanken, hingeben können! Denn Ihr A 125 könnt Euch darauf verlaſſen, Czarin, ich bin zu nichts mehr nütze in der Welt, der Gebrauch meiner Kräfte hat täglich mehr und mehr abgenommen, Potemkin zehrt ab wie ein Schatten, und bald wird nichts mehr von ſeiner ganzen einſtigen Herrlichkeit übrig geblieben ſein, als ein einziger andächtiger Seufzer, hinter den ich mich zurückziehen will. Was ſollen Ew. Majeſtät mit einem Seufzer machen? Eure Freunde müſſen darauf bedacht ſein, Euch wieder mit lebendigen Ge⸗ ſtalten zu umgeben, denn Katuſchka bedarf des ewig pulſirenden Lebens, und dann iſt ihr Handeln am größten, wenn ihr Fühlen und Empfinden am ſtärk⸗ ſten iſt! Warum ſprecht Ihr all dies dumme Zeug, Po⸗ temkin? entgegnete die Czarina mit einem ſeltſamen Ausdruck. Meine theuerſte Gebieterin, entgegnete Potemkin, ich wünſchte, daß Euch Freunde bleiben, wenn ich Euch verlaſſen muß, und Freunde, die Euch genügen können, die Euch vollſtändig begreifen und die Euch in jedem Betracht erſetzen können, was Ihr an Eurem bis in den Tod Eurer gedenkenden Potemkin verlie⸗ ren müßt. Denn ich könnte Euch einmal plötzlich entzogen werden, ohne daß ich noch Zeit und Gele⸗ 126 genheit dazu hätte, für Euch zu ſorgen, wie ich es jetzt mit zärtlichſtem Bedacht thun will. Wenn dies Alles Ernſt ſein ſoll, verſetzte die Czarin, indem ſie ihn forſchend anblickte, ſo iſt, ſehe ich, das größte Weh über mich verhängt, und Ihr führt mich an den Rand des Verderbens, Potemkin! Bei dieſen Worten ſtürzte ein reicher Thränen⸗ ſtrom aus den Augen der Czarin, und ſie bedeckte ſie einen Augenblick mit ihren beiden Händen. Potemkin ging einige Male ſchweigend im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er plötzlich wieder vor der Czarina ſtehen, und ſich zu ihr wendend, ſagte er mit einem ganz ruhigen, faſt geſchäftlichen Ton: Im Gefolge des Grafen Romanzow in Moskau ſind mir zwei junge Männer aufgefallen, die mir durch ihr ganzes Weſen den vortheilhafteſten Eindruck machten. Es. ſind dies die Herren von Sawadowsky und Bes⸗ borodko, zwei ganz charmante junge Leute, die in der Canzlei des Grafen Romanzow angeſtellt ſind, und bereits durch eine große Geſchäftskenntniß, aber zu⸗ gleich durch eine bedeutende männliche Schönheit her⸗ vorragen. Namentlich möchte ich mir erlauben, die Blicke Ew. Majeſtät auf den Aelteren dieſer beiden liebenswürdigen jungen Männer, auf den ſchönen Peter Pll eines daun ſeine auch ausg die meh dur eine — Ses Sel ßotemkin! r Thränen⸗ bedecte ſe * durch ihr c machten⸗ ly und S die in del t ſind, und aber j her⸗ uß, chönhei lauben,* pieſer heiden ſchönel —— 127 Peter Sawadowsky hinzulenken. Er iſt der Sohn eines ruſſiſchen Geiſtlichen in der Ukraine und ſpricht darum lateiniſch, wie ein Mönch, was jedenfalls für ſeine gründliche Bildung ſpricht. Aber er hat ſich auch im Türkenkriege als Soldat durch Tapferkeit ausgezeichnet, und dies ſetzt ſeinen großen Verdienſten die Krone auf. Er hat viel Bildung, aber keinen ſehr großen Verſtand, und ſolchen Leuten kann man viel mehr und viel inniger vertrauen, als wenn ſie einen durchdringenden, ſelbſtſtändigen Geiſt beſitzen. Mit einem Wort, Herr von Sawadowsky iſt eine ſchöne Seele in einem großen, ſtarken Körper, und dies wird der Czarina Vertrauen abgewinnen. Gleichzeitig iſt er Meiſter des Stils. Bisher faßte ich zuweilen dieſe oder jene Depeſche in Eurem Cabinet ab, aber wenn Ihr den Sawadowsky habt, werdet Ihr den Potemkin nicht mehr vermiſſen. Aber eine Eigen⸗ heit hat er, er wird ſeinen unzertrennlichen Freund, den Herrn von Besborodko, nicht laſſen, und darum werdet Ihr ſie zugleich alle Beide als Cabinets⸗Se⸗ cretaire in Eure Dienſte nehmen müſſen. Die Leute ſind aber ſo brauchbar, daß man niemals genug von ihnen haben kann, und es iſt ſicherer zweiſpännig zu fahren, da ein einzelnes Pferd oft verſagen kann, 128 und mit zwei guten Rennern man jedenfalls weiter kommt. Die Czarin hatte ihn mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit angehört. Als er jetzt ſchwieg, warf ſie ihm einen langen leuchtenden Blick zu, aus dem Potemkin bereits eine gewiſſe Zufriedenheit mit ſeinen Vorſchlägen zu ſchöpfen glaubte. Sie ſtand noch einen Augenblick, verloren im Nachſinnen, da. Dann ſagte ſie, mit einer milden, gütigen und faſt ſchmeichelnden Stimme: Hört, Potemkin, Ihr habt offen, und ich glaube, ohne Hinterhalt, wie ein wahrer Freund, zu mir ge⸗ redet, und ich will Euch zeigen, daß kein Moment des Lebens zwiſchen uns eintreten wird, wo ich die Sprache der Freundſchaft nicht mehr verſtehe und Euch aus Zanzem Herzen zu erwiedern weiß. Ihr wollt mir ein Opfer bringen, Freund, ein großes Opfer, und obwohl ich nicht weiß, warum ein Opfer zwiſchen uns gebracht werden ſoll, erfüllt es mich doch mit der tiefſten aufrichtigſten Rührung, daß Ihr ſo denkt, ja, ich wäre im Stande, unter gewiſſen Be⸗ dingungen ein ſolches Opfer anzunehmen. Denn ich darf ja überzeugt ſein, Potemkin, daß Ihr mir ſtets und immer nur das Beſte rathen werdet. Vernehmt Aufmerk⸗ uf ſie ihm Vorſchlägen rloren im ner milden, h glaube, Noment des vo ich die erſtehe und veiß Iyr ein Opfer „doß Ihr wiſſen Be⸗ Denn ich nir ſtets Lernehmt 18 9 alſo meine Anſicht, meine Wünſche, Potemkin! Geht wieder zurück mit mir nach Petersburg, und bleibt bei mir, ſo nahe oder ſo fern, wie Ihr immer wollt, bleibet bei mir, und laſſet mich Euren Rath und Eure Freundſchaft finden, ſo oft ich ſie ſuche. Ihr ſollt gar keine beſtimmten Funktionen bei mir haben, und ich nehme die Anſtellung der Herrn von Bes⸗ borodko und Sawadowsky, welche Ihr mir ſo drin⸗ gend empfehlt, bereitwillig an. Denn ich erinnere mich, die beiden jungen Männer in Moskau geſehen zu haben, und ſie haben mir durchaus den angeneh⸗ men Eindruck gemacht, den Ihr beſchreibt. Da Ihr über zunehmende Kränklichkeit Euch beklagt, ſo ſoll Euch in allen Stücken die größte Erleichterung wider⸗ fahren. Denn nie werde ich Eurer Dienſte vergeſſen, und niemals aufhören ſie zu belohnen. Giebt es denn nichts, was Euch Vergnügen machen könnte, wenn auch die europäiſchen Verhältniſſe mir noch nicht ge⸗ ſtatten, Euch, ſo wie ich wünſchte, mit der Czaxen⸗ krone geſchmückt zu ſehen. Glaubt mir, Potemkin, es iſt dies eine Enthaltſamkeit, die ich üben muß, und die keinem Herzen ſchwerer fallen kann, als dem meinigen. Denn Euch im höchſten Glanz der Wür⸗ Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. U. 9 130 den zu erblicken, iſt von jeher mein ſüßeſter Lieblings⸗ wunſch geweſen! Potemkin dachte einen Augenblick nach, und die Czarin folgte begierig dem, in ſeinen Zügen arbei⸗ tenden Gedankengang Potemkin's. Ein Lichtblitz ſchien auf ſeinem Geſicht empor zu dämmern und ein freu⸗ diges Aufzucken in dem Antlitz der Czarin verrieth, daß ſie bereits genau wußte, was in ihm vorging. Wollt Ihr Fürſt werden, Potemkin? fragte ſie ihn jetzt nach einer Pauſe mit einer leichten lakoniſchen Wendung. Fürſt? wiederholte Potemkin in demſelben Tone achſelzuckend. Fürſt ſtatt Czar? Wie wird man Fürſt, wenn man nicht Czar werden kann? Stürmer, Dränger, rief Katharina mit ihrem lieb⸗ lichſten Lächeln, man wird Fürſt aus Laune, wenn man Gefallen daran findet, ſowie man ſich einen kleinen Brillantring an den Finger ſteckt, deſſen Farben⸗ ſpiele man gerade leiden mag. Potemkin, ich werde Euch in den deutſchen Fürſtenſtand erheben laſſen, wenn Euch dies nur irgend Vergnügen machen könnte, und ſobald Ihr dies ernſtlich wollt, werde ich mit dem Kaiſer Joſeph II. Unterhandlungen deshalb an⸗ ———— 131 Lieblings⸗ knüpfen, die auch ohne allen und jeden Zweifel zum Ziele führen werden. Ich glaube es, Czarin, erwiederte Potemkin mit einer gutmüthigen Gebärde. Denn in Deutſchland ſind die Leute froh, wenn der allzugroße Ueberfluß, 6 ei ſtä den ſie dort an fürſtlichem Stoff haben, etwas ver⸗ n braucht wird. Man erſtickt dort faſt vor lauter Für⸗ rin verrieth, h, eund die ügen arbei⸗ hblitz ſchien ſten und wird gewiß recht zufrieden ſein, wenn ein mitleidiger Ausländer ſich entſchließt, ſich von dieſem Pockenſtoff etwas einimpfen zu laſſen, um das freſſende Geſchwür dieſer Würde etwas weiter zu vertreiben. Ich erkenne die Rückkehr Eurer guten Laune, rief ſelben Tone Katharina lachend. dman Firſt, Ein deutſcher Reichsfürſt gar? fuhr Potemkin, zwiſchen den Zähnen murmelnd, fort. So Etwas 5 mag am Ende auch nicht ganz übel ſein, aber er hat t iren kein Geld, das iſt die Sache. Ein deutſcher Fürſt hat leere Taſchen, und er kann nur ſeine Unterthanen hineinſtecken, wenn er ſie füllen will. Wo kriege ich ſen Farben⸗ aber Unterthanen her, wenn ich in Petersburg bei meiner lieben Czarin bleibe, zu deren Füßen ich aller⸗ dings ausharren möchte, bis an der Welt Enden? Sagt, wo kriege ich Unterthanen her, um meine, Gott ſei's geklagt, leeren und ewig leeren Taſchen zu füllen? deshalb an 9* vorging. te ſie ihn agl lakoniſchen une, ſich einen ich werde ben laſſe, chen tönnte, rde ich nit ſ 132 Denn das iſt einmal nicht meine Sache, Geld zu haben, Ihr wißt es ja, Czarin! Ich ſchenke Euch das Anitzſchkow'ſche Palais in Petersburg, verſetzte die Czarin, indem ſie ihm mit liebevoller Freundlichkeit die Hand darreichte. Ich kaufte es vor einiger Zeit für hunderttauſend Rubel an mich, und dazu gehören Ländereien, von großer Ausdehnung, die ich ebenfalls mit hunderttauſend Rubeln bezahlt habe. Wie würde Euch das gefallen? Ich habe gegen das Anitzſchkow'ſche Palais nichts einzuwenden, entgegnete Potemkin, indem er bedächtig zu rechnen ſchien und ein lauernder, habgieriger Zug, der ſeinem Geſichte eigenthümlich war, ſich auf dem⸗ ſelben auszuprägen begann. Aber das Anitzſchkow'ſche Palais in Petersburg ſteht ſeit dem Tode ſeines Be⸗ ſitzers wie ein verödetes und verzaubertes Schloß da. Es giebt keine Möbel, kein Hausgeräth, keine Ein⸗ richtung mehr darin, und die Ratten haben ſogar die Teppiche und die Fenſtervorhänge zernagt. Da würde ich ſchöner wohnen, wenn ich hier im Kloſter von Troizkoi⸗Sergiew bliebe, wo es gewiß keine Ratten giebt, denn die frommen Mönche ſind ſich ſelbſt genug, und man braucht hier nicht zu repräſentiren, wie ein ungeladener Fürſt es nöthig haben würde.. dzu haben, So füge ich noch dreimalhunderttauſend baare Silber⸗ rubel hinzu, lieber Potemkin, und bitte Euch, den Polais in Anitzſchkow'ſchen Palaſt davon ganz neu einrichten und eihm mit möbliren zu laſſen, auch ſollen alle Eure übrigen Ein⸗ te. Jch künfte, die auf meine Chatulle angewieſen ſind, Euch end Rubel um das Doppelte erhöht werden! ſagte die Czarin mit an guſer ſchmeichelnder Stimme. erttuuſend Dit Augen Potemkin's begannen mächtig zu fun keln. Eine große, ſtrahlende Heiterkeit war plötzlich über ſein ganzes Geſicht geflogen. Er ſtreckte ſeine lange gewaltige Hand aus, und ſeine Finger ſchienen gefallen? ais nichts in der Luft die Beträge zu zählen, welche ihm die iger Züg, zärtliche Gnade der Czarin nun zugeworfen hatte. Werdet Ihr nun zufrieden ſein, mein lieber Freund? fragte Katharina, indem ſie, um ihn aus ſeinen Träu⸗ men zu wecken, ihn leiſe auf die Schulter ſchlug. Czarin, entgegnete Potemkin, indem er ihr plötzlich mit der ausgeſuchteſten edelmänniſchen Tournure die Hand küßte, es iſt mir zu ſchmeichelhaft, daß Ew. Majeſtät mich auch ferner in Ihrer Nähe behalten auf dem⸗ ſchtowſche ſeines Be⸗ chloß da. eine Ein⸗ ſcgar bie e würde ſter von müſſen, als daß ich nicht Alles daran ſetzen ſollte, Ratten um Ihren Befehlen zu genügen. Ich kehre alſo wie⸗ h ſelbſt der mit Euch zurück nach Petersburg, und bitte Euch ſentiren, nur inſtändigſt, daß Ihr die Verlockungen meiner ürde⸗ —— 134 armen Seele, die nur nach dem Gebet ſchmachtet, nicht zu weit ausdehnen wollet. Mit dem elenden Geld muß man keinen Potemkin locken. Das Geld iſt des Menſchen ärgſter Feind, und ſobald man ihn allzu ſehr mit dieſer gefährlichen Nahrung ſättigt, wird er Hungers ſterben. So können wir, um des Heiles Eurer armen Seele willen, den Baufonds kürzen, der, wie ich mich erſt jetzt erinnere, ebenfalls für das Anitzſchkow'ſche Palais angewieſen iſt und der noch jährlich an zwanzig⸗ tauſend Rubel beträgt, warf die Czarin mit einem anmuthig ſpöttiſchen Lächeln hin. Der Baufonds iſt durchaus nöthig, verſetzte Potem⸗ kin haſtig, denn es wird in dem Anitzſchkow'ſchen Palais viel gebaut werden müſſen. Ich denke dort eine große Centralkanzlei der Geſchäfte zu bauen, und dafür habe ich einen eigenthümlichen Plan, den ich der Genehmigung der Czarin unterbreiten werde. Nach der Anſtellung der Herren von Besborodko und Sawa⸗ dowsky werde ich natürlich die Zimmer im Zwiſchen⸗ ſtockwerk des Winterpalaſtes verlaſſen und werde mich perſönlich und geſchäftlich ganz auf das Anitzſchkow'ſche Palais zurückziehen. Ich werde dort eine Halle in dem erhabenſten Styl der Baukunſt errichten laſſen, achtet, nicht nden Geld zeld iſt des ihn allzu at, wird er wer armen ie ich mich ſchkow'ſche m zwanzig⸗ mit einem etzte Potem⸗ ſchlowſchen denke dort bauen, und n, den ih erde⸗ Nuch nd Sawa⸗ Zwiſchen⸗ erde mich ſchkowſche Halle in en laſſen, 135 mit ſoviel Bureaux, als es verſchiedenartige Abthei⸗ lungen der Staatsgeſchäfte in Rußland giebt, und dieſe ſollen ſich dann um meine Perſon gruppiren, als um den erſten Freund Rußlands und ſeiner Czarin. Es ſoll der eigentliche Staatspalaſt Rußlands werden, und zugleich der erſte Vergnügungs⸗Palaſt der erlauch⸗ ten Czarin ſelbſt, denn von hier aus werden ins⸗ künftige alle Directionen ſowohl für die Geſchäfte als auch für die Vergnügungen unſerer angebeteten Czarin ausgehen. Ich werde dieſen ganzen Organismus ver⸗ walten, ich werde der Chef der Staatsgeſchäfte und der Vergnügungen der Czarin ſein, und ich werde dazu noch eine Zulage zu den Büreaukoſten bedürfen, die ich ebenfalls nicht unter zwanzigtauſend Rubeln jährlich werde veranſchlagen können. Dies, Czarin, iſt das neue Programm, das ich unmittelbar nach meiner Rückkehr in Petersburg zur Ausführung brin⸗ gen werde. Was die Herren von Besborodko und Sawadowsky anbetrifft, ſo wird mit ihnen die neue Maſchinerie eröffnet werden, ſobald Ew. Majeſtät Ihre definitive Ernennung dafür ausgeſprochen haben werden. Es geſchehe alſo, rief die Czarin jetzt, kurz ab— brechend. P verlangt, daß wir uns jetzt ſchleu⸗ 136 nigſt auf den Weg machen, um zuvörderſt unſere Hauptſtadt Moskau noch bei guter Zeit zu erreichen. In Moskau werden Sie mir ſogleich die Herren von Besborodko und Sawadowskh vorſtellen. Unter dem Geſichtspunct, den Sie dabei ins Auge faſſen wollen, werden dieſe Herren eine ganz neue Bekanntſchaft für mich ſein. Aber Sie wiſſen, daß ich hierin bloß Ihrer unbegreiflichen Laune nachgebe, mein Freund Potemkin. Sonſt hoffe ich und will ich, daß wir in allen Stücken dieſelben Leute und dieſelben Freunde mit einander bleiben werden, und nichts ſei anders, als bisher, zwiſchen uns, Sie mögen nun künftig das Anitzſchkowſche Palais, oder die Zwiſchenſtockwerke des Winterpalaſtes in Petersburg bei mir bewohnen. Aber jetzt laſſen Sie dafür ſorgen, daß wir in einigen Secunden die Abreiſe nach Moskau antreten können, denn wir müſſen aufrichtig geſtehn, von der guten Madonna von Troizkoi⸗ Sergiew haben wir nun genug.— Potemkin begab ſich jetzt eilig fort, ſtieß die Flü⸗ gelthür auf und rief einige Worte zum Corridor hin⸗ aus. Bald darauf erſchien ein Kammerdiener Po⸗ temkin's, der mit auffallend dreiſten Schritten in den Saal eintrat und ſich ſogar auf eine nicht ganz jeml de d 137 rſt unſere ziemliche Weiſe der Czarin ſelbſt zu nähern wagte, erreichen. die davon ſogleich beunruhigt zu werden ſchien. en von Was ſind das für Leute, die Ihr jetzt in Eurem ſter dem Dienſt haltet, Potemkin? rief Katharina auffahrend, nwollen, indem ſie ängſtlich Potemkin's Arm ergriff und ſich itſchaft für auf denſelben ſtützte. ierin bloß Es iſt mein neuer Kammerdiener, den Ihr da n Freund ſeht, entgegnete Potemkin lachend. Es iſt kein ganz wir in hübſcher Menſch und ſeine Naſe iſt allerdings nicht Freunde ganz in Ordnung. Solche Phyſiognomieen bilden ſich oft höchſt wunderbar im Zuchthauſe aus. Aber Ew. füig das Majeſtät haben ihm Gnade geſchenkt, und haben ihn ganerle jetzt vollkommen wieder zu einem ordentlichen Menſchen wohne gemacht, indem Sie ihm geſtatteten, vor der Czarin elbſt zu erſcheinen, deren ſonniger Strahl auch den Verbrecher entſündigt. Denn dies iſt Eliſabeth Zo⸗ ritſch, welche ich hiermit die Ehre habe, Ew. Maje⸗ ſtät vorzuſtellen. ir mn Wie? rief die Czarin entſetzt. So habt Ihr es doch gewagt, Potemkin? Ich bat Euch ganz beſonders Flü darum, mir dies zu erſparen. dor hin⸗ Ich bitte um Verzeihung, aber es wollte ſich ge⸗ r ſchäftlich nicht anders thun laſſen, verſetzte Potemkin in den leiſe, indem er ſich zu dem Ohr der Czarin neigte. bt ganz 138 Sie wollte das Stück Arbeit nur unternehmen, wenn ſie ſich überzeugt hätte, daß die Czarin wirklich um die Sache wüßte, und ſie ſelbſt ſich dadurch vor der ungeheu⸗ ren Verantwortlichkeit geſichert fühlte. Dieſem An⸗ dringen war ſchwer zu widerſtehen. Aber ich habe ſie darum nur in meiner Kammerdiener-Livrée vor den Augen der gnädigſten Czarin erſcheinen laſſen wollen. Denn auf dieſe Weiſe iſt es ja nicht Eliſa⸗ beth Zoritſch, welche Ihr vor Euch ſeht, Katuſchka. Es iſt mein Kammerdiener Nicolas, dem Ihr die augenblickliche Gnade gewährt, Euer Antlitz zu ſchauen. Nein, rief die Czarin außer ſich vor Aufregung, nein, nein! So ſoll er gehn? fragte Potemkin mit einer be⸗ gütigenden Gebärde. Als die Czarin haſtig nickte, wandte er ſich zu der Verkleideten, und ſagte mit einem drollig gut⸗ müthigen Ton zu ihr: So, mein Sohn, nun begieb Dich wieder von dannen; man hat Dich geſehen, man iſt mäßig vergnügt darüber, Dich geſehen zu haben, und man hofft Dich ſpäter einmal wieder zu ſehen, wenn Du etwas gethan haben wirſt, Dich dieſer Gnade würdig zu erzeigen. Dann ſollſt Du gber; in gler well! zu weh dieſe haſt von 139 ſen, wenn ſi aber zugleich in den Adelſtand erhoben werden, und m die Sache ein Landgut mit ſechshundert Bauern ſchenkt Dir die er ungeheu⸗ allergnädigſte Czarin! Du erhältſt dies Alles, bloß ₰ Dieſem A⸗ weil Du ein ſo prächtiger Kerl geworden biſt! er ich habe Die Czarin, die in einer fortdauernden Beängſti⸗ 3 Livrée vor gung ſich zu befinden ſchien, und unaufhörlich ab⸗ einen laſſen wehrend ihre Hand ausgeſtreckt hatte, konnte ſich in nicht Eliſa⸗ dieſem Augenblick nicht enthalten, zu nicken, und mit 5 gatuſchle. haſtiger, heftiger Gebärde ein Zeichen der Zuſtimmuug nhr die von ſich zu geben. Es war ihr dies ſo unwillkürlich ut zu entfahren, daß ſie ſelbſt darüber erſchrak, aber ſie hatte der ſo ungemein bedrückenden Scene dadurch raſcher ein Ende zu machen geglaubt. Zugleich hatte ſie ihren Sinn verrathen, und in ihr leidenſchaftliches, rachebrütendes Herz tief hinein blicken laſſen. Eliſabeth Zoritſch ſtand noch immer mit ihrer kalten wegwerfenden Miene, die ſich ſelbſt der Czarin Aufregung, it einer be⸗ er ſich zu* „ gu⸗ gegenüber nicht verändert hatte, unbeweglich in der rol 10 9 N—„. begicb Mitte des Saales da. Sie hatte ihre Arme trotzig nun beg und verwegen übereinander geſchlagen, und wandte ihre düſtern, unheimlich blickenden Augen bald der Czarin, bald Potemkin zu. Das graue, erdfahle Ge⸗ ſicht, das bald in ein ſchmutziges Gelb überging, und eine düſtere, leidende Stimmung ausdrückte, bald in geſehen, eſehen z wieder zu irſt, Dic ſollſt Du 140 einem flammenden Roth triumphirend und verwegen aufblitzte, ſpielte unaufhörlich in den ſeltſamſten Schatten und Zuckungen. Nun geh', Du dummes Geſicht, redete Potemkin ſie an, indem er ſie, wie einen Hund, mit dem man zu ſchäkern aufgelegt iſt, leiſe mit dem Fuße berührte. Geh', und beſtelle ſchleunigſt, daß die Wagen vor⸗ fahren ſollen, denn die allergnädigſte Czarin will in dieſem Augenblick und ohne Säumen die Rückreiſe an— treten. Eliſabeth Zoritſch wollte ſich jetzt mit einem feier— lichen Gruß gegen die Czarin entfernen, indem ſie ſich anſchickte, ſich auf ihre Kniee vor ihr niederzu⸗ laſſen, aber Potemkin faßte ſie jetzt an die Schulter und führte ſie unter lautem Lachen der Thür zu. In demſelben Augenblick hatte ſich die Thür von außen geöffnet, und der Großfürſt Paul mit ſeiner Gemahlin, und einigen Herren ſeines Gefolges, unter denen ſich der Graf Razumowsky befand, traten in den Saal, um ſich der Czarin zur Abreiſe vorzu⸗ ſtellen. Es war dieſer Saal des Pilgerhauſes, in dem man ſich befand, zugleich dazu beſtimmt, die allge⸗ meine Andacht darin zu verrichten, worauf die Altäre, die in herſtn Crueif E Eint Zorit ſufge Eind ſod moch tintr inſt eine ſch Pri Au Ang an Vir ühl trie un id verwegen ſeltſamſten te Potemlin t dem man Wagen vor⸗ rin will in ückreiſe an⸗ Thür zu. ie Thir von mit ſeiner olges, unter taten in in dem die allge⸗ die Altäre, 141 die in der Mitte und an den Wänden deſſelben um⸗ herſtanden, zugleich mit vielen Heiligenbildern und Crucifixen hindeuteten.. Etwas Seltſames begegnete der Großfürſtin beim Eintreten in den Saal. Das Geſicht der Eliſabeth Zoritſch, das ihr unmittelbar an der Thür ſogleich aufgefallen war, machte ihr einen ganz unerklärlichen Eindruck, und feſſelte ihre Schritte an dem Boden, ſo daß ſie ſich nicht ſogleich vorwärts zu bewegen ver⸗ mochte, und ein unwillkürlicher Stillſtand der mit ihr eintretenden Perſonen in der Thür entſtand. Ihre hellen glänzenden Augen waren ſich mit den finſtern, drohenden Blicken der Eliſabeth Zoritſch in einem raſchen blitzartigen Moment begegnet und hatten ſich betroffen und wild in einander geheftet. Die Prinzeſſin fuhr mit einem leiſen Aufſchrei nach ihrem Herzen und zuckte heftig zuſammen. Der Glanz ihrer Augen hatte ſich verfinſtert, eine namenloſe räthſelhafte Angſt ſchien ſich ihrer bemächtigt zu haben. Als ſie an der Perſon, deren Geſicht eine ſo unerklärliche Wirkung auf ſie machte, ſchon vorübergeſchritten war, fühlte ſie ſich auf eine unwiderſtehliche Weiſe ge⸗ trieben, ſich noch einmal nach derſelben umzublicken, um dieſer düſten, entſetzlichen Geſtalt ihr Geheimniß —— 142 abzufragen. Eliſabeth Zoritſch ſtand unbeweglich ihr gegenüber und ſtarrte ſie mit einem fürchterlichen Ausdruck von Hohn und Wildheit an. Dann ent⸗ fernte ſie ſich mit pathetiſchen Schritten durch die Thür. Die Prinzeſſin, die ſich ihre innere Bewegung und Unruhe, welche ſie befallen, durchaus nicht zu erklären. wußte, war in eine grenzenloſe Verwirrung gerathen, in der ſie ſich nicht ſogleich zu faſſen vermochte. Dabei fühlte ſie die Blicke der ganzen Verſamm⸗ lung auf ſich ruhen, und in ſich zuſammenſchauernd, empfand ſie tief in ihrem Herzen das ſeltſame Ver⸗ langen, daß ſie ſich möchte verbergen und retten kön⸗ nen. In dieſer namenlos ängſtlichen Empfindung ſank ſie, bange aufſeufzend, auf den Stufen des Altars nieder, bis zu dem ſie in der Mitte des Saales eben vorgeſchritten war. Sie ließ ihr Haupt auf die Bruſt herabſinken, und ihre Lippen flüſterten leiſe Worte, die man nicht verſtand. Einige Minuten ſchien ſie Alles um ſich her vergeſſen zu haben. In dem Saal war eine athemloſe, ängſtliche Stille ein⸗ getreten. Seht, ſie betet! ſagte die Czarin leiſe zu Potemkin, indem ſie das ſchwüle Stillſchweigen unterbrach. Aber wir d Ton nehm fürchterlichen ann ent⸗ ten durch die Bewegung und icht zu erklären rung gerathen, ermochte. en Verſamm⸗ menſchauernd, ſeltſame Ver⸗ d retten kör⸗ Enpfindung r Haupt auf füſterten leiſ ige Minuten uhaben⸗ In de Stille ein⸗ zu potemkin abrach. Aber 143 wir dürfen es unmöglich geſtatten, daß ſie hier den Ton angiebt, und uns durch ihr eigenmächtiges Be⸗ nehmen beherrſche! Potemkin betrachtete mit übereinander geſchlagenen Armen und einem eigenthümlichen, nicht ganz gefühl⸗ loſen Lächeln, das um ſeinen Mund ſpielte, die Scene und flüſterte der Czarin ins Ohr: Das Gefühl der Gefahr hat ſie übernommen. Sie hat den Raub⸗ vogel geſchaut, der in den Augen dieſer vermaledeiten Eliſabeth Zoritſch auf ſie hernieder blitzt, und ihr iſt wie einem armen Täubchen zu Muthe geworden, das dem Tode die Flügel entgegenſtreckt, es weiß nicht wie. Nun laſſen wir ſie immerhin noch ein wenig beten. Das ſchadet uns nichts, und kann ihr nichts nützen. Natalie ſchien wirklich in ein tiefes anhaltendes Gebet verſunken zu ſein, in das ihre geängſtigte, das Walten des Schickſals ahnende Seele ſich unwillkürlich verloren hatte. Plötzlich erwachte ſie aus ihrem an⸗ dachts⸗ und gedankenvollen Sinnen. Im Gefühl der Situation, das ſie überkam, ſchrak ſie heftig zuſam⸗ men und blickte erſtaunt um ſich her. Ihre Blicke trafen auf die Czarin, auf Potemkin, auf ihren Ge⸗ mahl, auf den Grafen Razumovsky. In gränzen⸗ 144 loſer Verlegenheit richtete ſie ſich langſam auf, und faßte an ihre Stirn, von welcher der Schweiß in hellen großen Tropfen herniederperlte. Die Czarin, um jetzt raſch dieſer ihr unangeneh⸗ men Scene ein Ende zu machen, hatte es vorgezogen, den Großfürſten Paul zu ſich heranzuwinken, und be⸗ gann ein lautes Geſpräch mit ihm, das die Aufmerk⸗ ſamkeit der Geſellſchaft von der Großfürſtin ablenkte. Ich hoffe, daß der Groffürſt jetzt zur Abreiſe fertig iſt, ſagte die Czarin in einem ſtrengen Ton, indem ſie ſich den Anſchein gab, die Großfürſtin weder zu ſehen, noch irgend Acht auf ſie zu haben. Mein Sohn wird gewiß einen recht langweiligen Tag hier in Troizkoi⸗Sergiew zugebracht haben, denn wir waren hier nur da, um eine ſtrenge Andacht zu ver⸗ richten, und da würde es unſchicklich geweſen ſein, auf die Wolfsjagd zu gehen. Inzwiſchen hätten wir doch in unſerer Nähe Wölfe genug jagen können, denn wir empfinden oft an Perſonen in unſerer nächſten Umgebung, daß ſie uns keineswegs eine freundliche und ergebene Geſinnung hegen, ſondern, daß ſie Alles thun, um unſer Wohlgefallen zu kreuzen und mit ihrer ausgeſuchten Bosheit in unſern Frieden einzu⸗ fallen. —,— — . am auf, und iß in hellen s vorgezogen, ken bit und be⸗ zur Abreiſe n0 Gr eiligen Tag R, dach gewe n Ton, oßfürſtin nhaben. denn wir tzu ve⸗ ſen ſein, hütten wir inn en, denn r nächſten fre undliche „und mit den ein zu⸗ 145 Katharina wandte dabei ihre Augen voll leuchten⸗ den und grimmigen Zorns zur Großfürſtin hinüber, die noch auf derſelben Stelle daſtand und in einem Anfall von Ohnmacht hin und her ſchwankte. Graf Razumovsky, der bisher in einer ehrerbietigen Entfer⸗ nung geſtanden, wo er nicht aufgehört hatte, die Prin⸗ zeſſin auf das Aengſtlichſte zu beobachten, näherte ſich ihr jetzt, mit einem alle Rückſichten vergeſſenden Eifer, und ſtreckte ihr die Hand entgegen, um ſie zu ſtützen. Natalie hatte raſch dieſe ihr befreundete Hand er⸗ griffen, denn ſie zitterte heftig, und ſchien dem Um⸗ ſinken nahe. Jetzt, indem ſie ſich von Razumovsky aufrecht erhalten fühlte, veränderte ſich plötzlich ihr Ausſehen, eine liebliche Röthe war auf ihren Wangen zurückgekehrt, und ſie ſchien ihre ſichere kräftige Hal⸗ tung von neuem wiedergefunden zu haben. Katharina hatte mit einem ſpöttiſchen Ausdruck und dem fürchterlichen wegwerfenden Zug um ihren Mund dieſen Vorgang beobachtet, und wandte dann einen fragenden Blick auf den Großfürſten, der aber noch den zuvor an ihn gerichteten Worten ſeiner Mutter betroffen und verſtört nachgrübelte. Er war bleich geworden, als ihn die Czarin vorher mit ſo bittern Worten angeredet, gedankenvoll nagte er an Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. II. 10 146 ſeiner Unterlippe, und ſchien einen heftigen Entſchluß mühſam in ſich niederzukämpfen. Dann ſagte er mit einer großen Ruhe, die er über ſich gewonnen, aber mit einem trüben Lächeln, das grinſenhaft ſeine Züge verzerrte: Der Wille der hohen Czarin befiehlt über die Herzen, wie über die Geſichter. Selbſt die Wölfe würden nicht den Willen behalten, in Ew. Majeſtät Nähe ihrer Natur zu folgen, denn wo die Czarin thront, wohnet nur Gehorſam und Frieden zu ihren Füßen. Ich kenne keine reißenden Wölfe in der Umgebung Ew. Majeſtät. Und nur ich bin der Ta⸗ delnswerthe, aber nicht der, welchem zu mißtrauen iſt. Wenn ich geſtern meine wilde Gewohnheit nicht meiſtern konnte, und mich in den Wald hineinſtürzte, gelockt von der Jagd und dem Geſchrei des Waldes, ſo be⸗ durfte ich gewiß, wie immer, ſehr der Verzeihung der gnädigſten Czarin. Aber weder ich noch die Großfürſtin haben abſichtlich gefehlt. Die Groffürſtin hat nicht das Talent, ſich Gunſt zu erwerben. Ihr Herz iſt hart und ſpröde, wie ein ächter Edelſtein, aber wer ihr nicht mit Liebe entgegen kommen kann, reißt ſich an ihren ſcharfen Ecken blutig. Wirklich? fragte die Czarin in einem gedehnten — Ton der det hite dyß wie lie un zei — en Entſchluß Ruhe, die nem trüben tzerrte: Der die Herzen, ölfe würden ajeſtüt Nähe die Czarin en zu ihren lfe in der bin der Ta⸗ uißtrauen iſt. nicht meiſtem zte, geloct es, ſo bl⸗ Verzeihung noch die rben. Ihr rEdelſtein nmen kann⸗ 1 4. gedehnten 147 Ton zurück. Dann iſt es alſo ſehr gefährlich, mit der Großfürſtin Natalie Alexiewna zu verkehren? In der That, da werden wir uns Beide ja recht ſehr hüten müſſen, guter Großfürſt. Aber wie kommt es, daß Ihr mir heut mit Euren Worten ſo ſchmeichelt, wie es weder in Euren Mienen noch in Euren Sitten liegt? Ich liebe es nicht, Euch diplomatiſch gekniffen und befliſſen zu ſehen. Lieber mag ich noch den un⸗ zeitigen Wolfsjäger in den Wald abſpringen ſehen, als wohlgeſchnitzte Redensarten von Euch empfangen! Der Großfürſt zuckte erſchrocken zuſammen, und ein ſtiller Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor, welchen die Czarin nicht vernahm. Denn in dieſem Augenblick war Graf Razumowsky zu ihr herange⸗ treten, um ihr eine Bitte der Großfürſtin vorzutra⸗ gen, welche dieſe, von einem erneuerten Unwohlſein befallen, und auf einen Stuhl niedergeſunken, nicht ſelbſt an die Czarin zu bringen vermochte. Die Bitte der Großfürſtin lautete, daß ihr die Czarin gnädigſt geſtatten möchte, ſich noch auf einige Augenblicke auf ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen. Die Czarin neigte zum Zeichen der Zuſtimmung ihren Kopf, ohne zu der jungen Grofßfürſtin einen Blick hinüberzuwerfen. Natalie hatte ihre Augen mit 10* 148 der Hand bedeckt und ſchien ſich nur noch mit Mühe aufrecht erhalten zu können. Sie ſchien Mehreres von den letzten Aeußerungen der Czarin vernommen zu haben, und dies hatte ohne Zweifel dazu beigetragen, ihr ſchlechtes Befinden zu ſteigern und ſie in die ängſtlichſte und unbehaglichſte Stimmung zu verſetzen. Als Razumovsky zur Prinzeſſin zurückkehrte, rief ihm die Czarin noch mit lauter Stimme nach: ſie er⸗ theile die Erlaubniß unter der Bedingung, daß die Pünktlichkeit der Abreiſe nicht darunter leide, denn in einer Viertelſtunde müßte Jedermann ohne Ausnahme bereit ſein, in den Wagen zu ſteigen! Dann, ſich mit Stolz und Strenge umdrehend, ſo daß ſie der Großfürſtin ihr Antlitz nicht mehr zu⸗ wandte, rief die Czarin den Großfürſten zu ſich heran, und befahl ihm, ſie in ihr Cabinet zu begleiten, weil ſie etwas Wichtiges mit ihm zu reden habe. Der Großfürſt ſah ſich dadurch der Sorge für ſeine Gemahlin enthoben, und konnte nur noch einen unruhigen Blick auf die Großfürſtin zurückwerfen, die in Begleitung ihrer Hofdamen, und von dem kraft⸗ vollen Arm des Grafen Razumovskh geführt, ſoeben in der Thür verſchwand. Paul folgte jetzt ſtillſchweigend ſeiner Mutter, die, nuch nit ſcho mit Mihe n Mehreres nommen zu beigetragen, ſie in die zu verſetzn. kehrte, rief ach: ſie er⸗ „daß die e, denn in Ausnahme umdrehend, t mehr zl⸗ ſich heran, leiten, weil e. Sorge für noch einen erfen, die dem kraft⸗ t, ſoeben utter, di⸗ 149 nachdem ſie jede andere Begleitung zurückgewieſen, mit ihm allein ſich in ihr Cabinet begab. Graf Razumovsky hatte die Großfürſtin, die ſich ſchon unterwegs an ſeinem Arm wieder zu erholen be⸗ gonnen, zu den im Pilgerhauſe von ihr bewohnten Zimmern zurückgeleitet. Dieſe Zimmer lagen abſeits am Ende eines lan— gen Corridors, deſſen geöffnete Fenſter die friſchen und ſtarken Düfte des Waldes in das öde, unwirth⸗ liche Haus hineintrugen. Von dieſem belebenden Hauch angeweht, athmete die Prinzeſſin tief auf, und richtete dankbare und befriedigte Blicke hinaus in den Wald. MI. Die Großfürſtin entließ an der Thür ihrer Ge⸗ mächer ihre Hofdamen, unter der Verſicherung, daß ſie ſich wieder vollkommen wohl befinde, und mit der Aufforderung, daß ſie mit den Vorbereitungen zur Abreiſe ja nicht ſäumig ſich zeigen möchten, wobei, in der Erinnerung an die letzten Worte der Czarin, ein bitteres Lächeln über ihre Wangen flog. Die Damen entfernten ſich, und die Großfürſtin trat, in der Be⸗ gleitung des Grafen Razumovsky, in ihr Zimmer ein. Dort warf ſich Natalie erſchöpft auf den Divan, und ſchloß die Augen. Razumovsky kniete vor ihr an der Erde nieder, und beobachtete mit der ängſtlichſten Beſorgniß die Prinzeſſin. Er legte ſeine Hand auf ihren Puls, der in fieberhafter Aufregung ſich be⸗ wegte. Plötzlich aber ſchlug die Prinzeſſin ihre Augen wieder auf; die Berührung ſeiner Hand, die ſo lange ihrer Ge⸗ erung, daß nd mit der ungen zur wobei, in zarin, ein Die Damen in der Be⸗ zinmer ein. den Divau, ( vor ihr an naſtlichſten Hand auf re Augen eſo lalge 151 auf der ihrigen geruht, ſchien ihr neues Leben und einen wohlthuenden Frieden eingeflößt zu haben. Mit frohem Erſtaunen blickte ſie um ſich, und ſah ihren Freund, in deſſen Nähe allein ſie ſich ſeit einiger Zeit ſicher und beruhigt fühlte, in unmittelbarer Nähe vor ſich. Bei ſeinem Anblick aber erwachte zugleich die Erinnerung an ihre letzte Begegnung mit der Czarin, und an die erſchreckende Lage, in der ſie ſich hier befand. Sie reichte ihm die Hand und flüſterte: Ihr blei⸗ bet doch bei mir, Graf Razumovsky? In Eurer Nähe habe ich noch Vertrauen zu mir und den Umſtänden. Ich glaube, daß noch Alles gut werden kann, wenn ich Euch ſehe, Graf Razumovsky. So ſind auch Eure Briefe, die ich von Euch empfange, mein einziger Troſt, meine einzige Zuverſicht, die mir noch geblie⸗ ben. Ich ſchöpfe daraus ſtets meine Erhebung, die mich mit ſtärkender Lebensgluth durchdringt, die mich erleuchtet und erwärmt und mir die Hoffnung einflößt, daß ich vielleicht doch noch nützlich werden kann auf der Stelle, auf die mich mein Schickſal gerufen. Ihre Augen ſtrömten dabei einen wunderbaren feurigen Glanz aus, der ſich weich und mild auf ihn herabſenkte. Auf der zarten, durchſichtig blaſſen 152 Wange war ein flammendes Roth emporgeſchoſſen, um ihre feinen Lippen irrte ein flüchtiger Zug, der leidenſchaftlich und traurig zugleich war, und einen ſchmachtenden begehrlichen Ausdruck hatte. In einem träumeriſchen Hinſtarren lag ſie hintenüber gelehnt auf dem Divan da, und betrachtete ihn unverwandt, jeden ſeiner Blicke erhaſchend und feſthaltend, indem ihr Buſen ſich ſtürmiſch auf⸗ und niederhob. Euer letzter Brief war etwas trocken, Freund, be⸗ gann ſie nach einer Pauſe wieder mit einer leiſen zitternden Stimme. Aber er hat mich ſehr intereſſirt, und mir viele ganz neue Aufſchlüſſe gegeben. Ihr nennt Rußland das große unſterbliche Land der Zukunft, und gebt die Mittel an, durch welche es allein zu der ihm beſtimmten Höhe hinaufgehoben werden kann. Euere Ideen ſind hinreißend, meinen Geiſt beflügelnd, und ich ſehe mich durch Euch in eine lichthelle Region verſetzt, in der ich wie in einem Zaubergarten wan⸗ dele und großen bedeutenden Geſtalten begegne, die mich in ihren Reigen aufnehmen und die ich durch Euch mehr und mehr begreifen werde. Razumovsky hatte ſich mit ſeinen Lippen auf ihre blendend weißen Finger niedergelaſſen, auf denen er eine Zeitlang ſchweigend ruhte. Dann zu ihr empor⸗ ſchu doch troe rgeſchoſſen, Zug, der und einen In einem ber gelehnt nverwandt, nd, indem reund, be⸗ iner leiſen intereſſirt, Ihr nennt zukunft, llein ju der rden kann⸗ beflügelnd⸗ elle Region rten wan⸗ ne, die ich burch auf ihre denen er 153 ſchauend, fragte er mit dem innigſten Ausdruck: Und doch war dieſer Brief, von dem Ew. Hoheit ſprechen, trocken und unerquicklich? Er war zu glänzend an Geiſt, und wurde dadurch zu beſcheiden an Gefühl, wollte mich bedünken, er⸗ wiederte die Prinzeſſin, mit einem feuchten, faſt von Thränen umſchleierten Blick. Und gebotet Ihr mir nicht, das Gefühl zu unter⸗ drücken, und ihm nicht mehr die ſtolze Richtung zu gönnen, mit der es ſonſt, dem hochſtrebenden Pinien⸗ baume gleich, zwiſchen Allem, was ich Euch ſchrieb, ſich hervordrängte, und mit mir und allen meinen Gedanken zur Sonne ſich ſchwingen wollte, erwiederte Graf Andreas Razumovsky, ihre Hand kühner zu ſeinen Lippen führend. Es iſt wahr, verſetzte die Prinzeſſin raſch, wir mußten auf Vorſicht bedacht ſein, denn wir ſind von unſern Feinden eng umſtellt, und der Buchſtabe wird ſo leicht Verräther ſeines Herrn, des Geiſtes! Aber ich werde Euch antworten, Freund, und Ihr ſollt diesmal recht tief in mein Herz blicken, das betrübt und ſorgenvoll iſt. Ich will es Euch endlich ganz offen und unumwunden darlegen, wie es in mir aus⸗ ſieht, denn dieſe letzten Tage mit ihren bittern Erleb⸗ 154 niſſen, mit ihren ſchreckensvollen Andeutungen haben mich in Erfahrung und Weisheit unendlich weiter gebracht. Mir ſchaudert davor, wie klar ich jetzt Alles ſehe, und von dem ſchwarzen Gewölk, das ſich über mir aufgethürmt hat, fühle ich mich bereits tief und unrettbar umfloſſen. Ach lieber Freund, wir werden bald etwas Großes und Ungeheures wagen müſſen, um den Schlag, der unſere Perſonen und alle unſere Hoffnungen niederwirft, noch zur rechten Zeit ab⸗ prallen zu laſſen. Sie ſcheinen noch der Meinung, daß wir ruhig warten ſollen, bis der in Eigenſinn, Unver⸗ ſtand und Stumpfheit niedergehaltene Großfürſt uns endlich erkennen und auferſtehen wird an unſerer Spitze? Ihre flammenden Blicke, die ſie auf ihn richtete, begegneten ſich mit den Augen Razumovsky's, der ſchnell aufgeſprungen war, denn in dieſem Augenblick hatte ſich hinter ihnen eilig die Thür des Zimmers geöffnet, in dem man ſich befand. Es war die Gräfin Bruce, welche ſich mit haſtigen Schritten näherte und durch ein dringliches Zeichen der Großfürſtin zu erkennen gab, daß die vertrauliche Unterhaltung abgebrochen werden müſſe. Mit einem eigenthümlichen Lächeln, das aus den Augen der Hofdame dem Grafen Razumovsky zuflog, dem ſtets ihre beſondere Gunſt ſich dargeboten hatte, meldete ngen haben lich weiter r ich jetz k, das ſich bereits tief wir werde en miſſen, alle unſere nung, daß n, Unber⸗ ßfürſt uns rSpitze? n richtete, der ſchell ublick hotte geöfnet, fin Bruck⸗ durch ein gab, daß den müſſſe⸗ en Augen dem ſtets melvete 155 ſie, daß der Großfürſt ſoeben das Cabinet der Czarin verlaſſen, und mit allen Anzeichen einer ſehr übeln Laune den Gang herunter geſchritten komme und ſo⸗ gleich hier eintreten werde. Graf Razumovsky trat mit einiger Eile in ein Rebenzimmer zurück. Die Großfürſtin ging mit aller unbefangenheit auf ein Geſpräch über ihre Reiſetoilette ein, welches die Gräfin Bruce ſogleich mit einer großen Menge von Details begann. Mitten in dieſen Ver⸗ handlungen, welche die Hofdame ſehr eifrig und mit lauter Stimme führte, trat der Großfürſt ein, deſſen Ankunft von der Prinzeſſin nicht ſogleich bemerkt wurde, während die Gräfin Bruce, die ſein Eintreten allerdings bemerkt hatte, nur um ſo eifriger, und ohne ihn zu beachten, in den Auseinanderſetzungen fortfuhr, welche ſie eben der Großfürſtin machte. Plötzlich ſchrak Natalie heftig zuſammen, denn ſeine rauhe, haſtige Stimme erſchallte ganz unmittel— bar hinter ihrem Ohr. Ein dunkler zuckender Blitz aus ſeinen mißtrauiſchen Augen fuhr ihr entgegen, und verweilte einen Augenblick lang forſchend auf ihren unruhigen, ungewiſſen Zügen. Der Großfürſt Paul ſchien in einer großen Ver⸗ ſtimmung das Cabinet ſeiner kaiſerlichen Mutter ver⸗ 156 laſſen zu haben. Mißmuth und Zorn ſtanden auf ſeiner Stirn geſchrieben, und zugleich deutete ein ſchmerzliches Zucken um ſeinen Mund darauf hin, daß ihm im Cabinet der Czarin und aus dem Munde der⸗ ſelben Mittheilungen geworden, die ihn im höchſten Grade beunruhigt, betrübt und in Aufregung verſetzt hatten. Die Czarin hatte in ihrem Cabinet nur über die Großfürſtin Natalie mit dem Großfürſten geſprochen, und ihm ihre Unzufriedenheit mit derſelben ſo ent ſchieden und nachdrücklich, wie noch niemals, eröffnet. Zugleich hatte ſie Warnungen und Anklagen ausge⸗ ſprochen, die den Großfürſten beſtürzt machten, und ihm einen Schreckensblick in Verhältniſſe eröffneten, die er bisher wohl ſchon mit dem erzürnteſten Arg⸗ wohn betrachtet, von deren gewaltſamer Entſcheidung aber, wie ſehr es ihn auch dazu drängte, er bis jetzt noch aus einer eigenthümlichen Scheu, hier gefährliche und widrige Dinge zu berühren, abgeſtanden hatte. In ſeiner wilden Bewegung ging er jetzt heftig im Zimmer auf und ab, nachdem er die Großfürſtin raſch und obenhin begrüßt und ſie einige ängſtliche Minuten lang mit ſeinem ſtrengen, finſtern Blicke ge⸗ meſſen hatte. —— ſtanden auf deutete ein uf hin, daß Munde der⸗ im höchſten ung verſetz ur über die geſprochen, n ſo ent⸗ eröffnet. n ausge⸗ chten, und eröfjneten, teſten Arg⸗ ntſcheidung er bis jett gefihrliche nhatte. heftig in roßfürſtin ingſtüche Blicke ge 157 Natalie hatte inzwiſchen ihre ganze Feſtigkeit und Ruhe wiedergewonnen, und ihre Augen begegneten den ſeinen mit einem ſo milden, bittenden und rüh⸗ renden Ausdruck, daß Paul, der ſich davon verwirrt und betroffen fühlte, ſich raſch abwandte und einige unverſtändliche Worte vor ſich hinmurmelnd aus dem Zimmer ſchritt. Die Grofßfürſtin ſank in tiefer Bewegung auf einen Seſſel nieder und bedeckte angſtvoll ihr Geſicht mit den Händen. Arme Großfürſtin! rief die Gräfin Bruce, zu ihr herantretend, und das ſchwankende Haupt der Prin⸗ zeſſin an ihren Buſen legend. Ich ahne Schlimmes, denn ſchwarze, unheimliche Wolken haben ſich über Ihrem edlen, ſchönen Haupte aufgethürmt! Die Prinzeſſin ſeufzte, und hing ſich mit ihren Armen um den Hals der mit aufrichtiger Empfindung zu ihr niedergebeugten Hofdame feſt.— MII. Inzwiſchen hatte ſich Großfürſt Paul in ſeine Zimmer zurückbegeben, die in dem Pilgerhauſe nicht weit von denen der Prinzeſſin gelegen waren. Zu⸗ gleich hatte er ſeinen treuen Kammerdiener, Jwan Jwanowitſch Koutaitzow, zu ſich gerufen, deſſen Hän⸗ den er ſeine Reiſevorbereitungen und die Aenderung ſeines Anzugs übergeben wollte. Der kleine Türke, der ein ſo inniges und dank⸗ bares Herz für ſeinen Herrn hatte, zeigte ſich außer⸗ ordentlich erfreut, wieder vor das Angeſicht deſſelben gerufen zu ſein, und jauchzte in ſeiner Weiſe in fro⸗ hen und tanzenden Bewegungen um ihn her, bis er ſich zuletzt dem Großfürſten vor die Füße warf, und unter dieſelben ſeinen Kopf, als Zeichen ſeiner tiefen Ergebenheit, breitete. Du haſt mich wohl recht lieb, und biſt mir ge⸗ ll in ſeine hauſe nicht aren. Zl⸗ net, Jwan deſſen Hän⸗ erderuns s und dnt⸗ ſich gußer⸗ cht deſſelben eiſe in fro⸗ warf, nd ſeiner tijin „ biſt mirs 159 wiß auch treu, mein guter Jwan Jwanowitſch? ſagte Paul, indem er das Gebahren des frohen, mit ſeinem ganzen Gemüth an ihm hängenden Knaben mit Wohl⸗ gefallen betrachtete, und ſich dabei einiger Rührung nicht erwehren zu können ſchien. Treu? wiederholte Jwan Iwanowitſch nachſinnend. Ich verſtehe wahrlich nicht recht, was das wird heißen ſollen, mein erhabenſter und liebſter Herr und Ge⸗ bieter! Man iſt treu der Sonne, weil man ihre Wärme nicht miſſen, weil man ohne ihr Licht nicht ſehen, ohne ihre Strahlen nicht leben, nicht ernten, nicht die Zeit meſſen kann. Aber iſt das Treue? Wenn man thut, was man nicht laſſen kann, ſo iſt das Pflicht, ſo iſt das Gebot, und man erwirbt ſich damit einen Lohn, der nicht ſüßer ſein kann! Du hältſt alſo die Treue doch für etwas ſehr Gutes und Schönes? fragte Paul, traurig und in ſich ſelbſt verſinkend, indem er mit der einen Hand in dem lockigen Haar ſeines Lieblings ſpielte. Gebieter, entgegnete Jwan Jwanowitſch, und ſah mit ſeinen offenen, klaren Augen verwundert zu dem Großfürſten auf, ich halte die Treue gar nicht für eine Kunſt, denn Jeder kann ſie ganz von ſelbſt üben, und muß ſie verſtehen, der ein ehrliches ————————— 160 Herz hat, und nicht von den böſen Teufeln be⸗ ſeſſen iſt. Du hältſt alſo Denjenigen von den böſen Teufeln beſeſſen, der kein treues Herz hat, und in dem Arg⸗ liſt und Falſchheit wohnen? ſragte Paul wieder, ſeiner ſeltſamen Laune, die ihm ergriffen, weiter folgend. Antworte mir hierauf, mein Freund, denn ich halte außerordentlich viel von Dir, und Dein Wort gilt mir mehr, als das der hochweiſen Staatsmänner und Rathgeber am Hofe der Czarin! Da Du aber ſo viel Treue in Dir haſt, ſo habe ich ſchon daran gedacht, Dich zu verheirathen, Jwan Jwanowitſch, damit die treuen Ehen in Rußland, die ſo Noth thun für Staat und Geſellſchaft, wieder mehr gefördert und ausgebreitet werden! Was meinſt Du, Jwan Jwano⸗ witſch? Ich denke Dich zu verheirathen. Und zwar mit dem kleinen Fräulein Willamow, einem Kammer⸗ fräulein der Großfürſtin. Sie ſieht gerade ſo aus, wie Du, ebenſo niedlich und ebenſo empfindſam, und ich glaube, Ihr Beide würdet gut zu einander paſſen. Damit es wieder einmal eine gute Ehe in Petersburg giebt, denke ich Euch zum Muſter aller Hohen und Niederen zuſammen zu geben, mein Freund! Iwan Iwanowitſch war bei dieſen Worten des 161 Großfürſten aufgeſprungen, und hatte ſich mit einem einzigen Satz bis in die entgegengeſetzte Ecke des Zimmers geflüchtet, wo er ſich auf der Erde nieder⸗ kauerte, und die Hände zu dem Großfürſten aus⸗ ſtreckend, wie in höchſter Angſt um Gnade flehte. Der Großfürſt war, ungeachtet der trüben und ſchmerzlichen Laune, die ihn beherrſchte, bei dieſem Anblick in ein lautes Gelächter ausgebrochen. Alſo ſo ſehr fürchteſt Du Dich vor der Ehe, Jwan Jwanowitſch? fragte er, zu ſeinem Diener hinſchrei⸗ tend und ihn ſcherzhaft an den Ohren zupfend. Nun, beruhige Dich, mein Freund. Fräulein Willamow, der ich etwas Gutes anthun möchte, kann noch warten, eufeln be⸗ ſen Teufeln dem Arg⸗ der, ſeiner er folgend. nich halte Wort gilt tänner und bet ſo viel m gedacht, damit die thun bis Du mehr zum Manne gereift und inzwiſchen auch ördert und ein größerer Freund der Weiber geworden biſt, als 9 9 an Jwono⸗ Du mir noch zu ſein ſcheinſt. Ich ſtatte Euch dann Ich Und zwar aus mit einem hübſchen Landbeſiß, der Euch au Kammer⸗ meinen Gütern gehören ſoll. de ſo u, Ach, ein Freund der Ehe werde ich wohl niemals dſam, und werden, mein huldvollſter Gebieter, rief Jwan Jwano⸗ f der paſſe⸗ wuitſch mit einer kläglichen Miene faſt weinerlich aus. betersbing Was ich davon geſehen habe, iſt leider genug, und ohen und Jwan Jwanowitſch Koutaitzow verlangt nicht darnach, . noch mehr zu ſehen! zorten des Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. U. 11 162 Und was haſt Du denn geſehen? fragte Paul trotzig und düſter. Seine Züge wurden von Neuem von einer drohenden Verfinſterung überflogen. Ich habe Nichts geſehen, entgegnete der Kleine, indem er mit einer nachdrücklichen Gebärde ſeine Fin⸗ ger auf den Mund legte. Aber man weiß oft, was man nicht ſieht, und dann ſieht man wieder, was man nimmer gewußt hat. Du giebſt mir ſchon wieder von Deinen türkiſchen Weisheitsſprüchen etwas zum Beſten, verſetzte der Großfürſt. Du weißt, daß ich mich daran nicht recht erbauen kann, und wie oft habe ich Dir ſchon ver boten, mir von Deinen alten Arien aus dem Koran etwas vorzupfeifen. Auch das iſt der Grund, wes⸗ halb ich Dich bald verheirathen will, mein Burſch, damit Du mir ein ordentlicher Chriſt wirſt in deinen Gedanken, und Dir nicht immer noch der Muſelmann in den Gliedern tobt. Ach, wenn Ihr mich durchaus verheirathen wollt, dann möchte ich lieber, Ihr hättet mich damals auf dem Sclavenmarkt in Adrianopel gelaſſen, von dem ich durch Eure Großmuth erlöſt worden bin! rief Jwan; Ihr ſcheltet die Weisheit meiner ſchönen Hei⸗ math, und doch hat der Prophet geſagt: Willſt Du fragte Paul von Neuem ogen. der Kleine, de ſeine Fin⸗ eiß oft, was er, was man en türkiſchen nnicht recht r ſchon ver⸗ dem Koran Grund, wes⸗ mein Burſch, irſt in deinen Muiſelmann nollt wollt rathen 163 Dein Leben behalten, ſo hüte dich vor dem treuloſen Weibe! Ihre Umarmung iſt ein Schmerz, ihre Augen ſind der Dolch, der über Deinem Lager zückt, ihr Athem iſt das Schwert, das in Dein Herz ge⸗ drungen! Paul ſchrak zuſammen, und ſchwieg einen Augen⸗ blick lang betroffen ſtill. Dann ſagte er mit einem bittern Lächeln: Dein Prophet iſt doch ein armſeliger Wicht. Er beſchreibt einen Zuſtand, in den jeder Ehrenmann gerathen kann, aber er vergißt die Mittel anzugeben, wie man ihn verbeſſern und von ſich ab— ſchütteln möge! Nein, das vergißt er nicht, rief der kleine Jwan, indem er wieder von ſeinen Knieen aufſprang und ſich mit einer feierlichen Gebärde vor den Prinzen hin⸗ ſtellte. Es heißt da im Koran: Was Dich an Dir ärgert, das haue ab mit einem ſcharfen Schwert, ſonſt wird Allah Dich ſtrafen, und Dich ſelbſt zum großen Aergerniß werden laſſen für alle Gläubigen. Das iſt türkiſch! erwiederte Paul finſter und nach⸗ grübelnd. Wer kann aber wiſſen, mit welcher Weis⸗ heit man endigt, wenn man mit einer Thorheit an⸗ gefangen hat. Höre, lieber Freund, fuhr Paul nach einer Pauſe 11* ———————— 2 164 fort, ich wollte doch lieber, ich hätte Dich auf dem Sclavenmarkt in Adrianopel gelaſſen, ſtatt ſo ſchreck⸗ lich viel Geld für Dich und Deine Unglücksgefährten ausgegeben zu haben. Denn von heut an fängſt Du mir an gefährlich zu werden mit Deinen Koranſprüchen, die Dir noch von Deiner Heimath her im Halſe ſtecken geblieben ſind. Das Zeug, das Du da vor⸗ bringſt, fängt an mir ins Blut zu laufen und miſcht ſich mit meinen Gedanken wie ein ſchwarzer Teufels⸗ trank, den man nicht glücklich in ſich verdauen kann. Iwan Jwanowitſch Koutaitzow ſtand mit einer traurigen Miene da, und betrachtete den Großfürſten lange flehend und ſchmerzlich. Ach, ſagte er dann, aus ſeinem Nachſinnen er⸗ wachend, auf dem Sclavenmarkt zu Adrianopel ſah es übel aus! Der Sclavenhändler war ein ſehr häß⸗ licher Mann, ſeine Prügel erfolgten regelmäßig, aber oft vergingen zwei Tage, ehe ich meine Portion Eſſen erhielt. Du ſaheſt auch ſehr ausgehungert aus, als ich Dich zum Erſtenmal erblickte, ſagte Paul, indem er zur Zerſtreuung ſeiner Gedanken gern dem Zuge der Erinnerungen zu folgen ſchien, welche ſein Lieblings⸗ diener angeſchlagen hatte. Ich bereiſte damals die — — ich auf den tt ſo ſchrec⸗ ücksgeführten ingſt Du mir ranſprüchen, r im Halſe Du da vor⸗ nund miſcht zer Tuufels⸗ dauen kann. mit einer Großfürſten chſinnen el⸗ rianopel ſch in ſehr hiß⸗ lmäßig, aber ortion Eſſen indem er der n Zuge Liebling⸗ dmals de 165 türkiſche Gränze, um die dortigen Gegenden kennen zu lernen, die, wie ich glaubte, bald zum Schauplatz des Krieges werden ſollten. Ich kam nach Adria⸗ nopel, und ſah den Sclavenmarkt, der mein ganzes Herz empörte. Ich konnte es nicht begreifen, wie die Menſchen ſo niederträchtig ſein können, mit Ihresgleichen die vollkommen dieſelben Rechte auf die Welt mitgebracht haben, welche dieſelben An⸗ rechte, wie ſie, auf Lebensgenuß, auf den freien Ge⸗ brauch ihrer Kräfte beſitzen, einen ſo empörenden Handel zu treiben! Ich ſchritt an Dir vorüber, mein armer Schelm, der Du eben von der Peitſche Deines Prinzipals eine bedeutende Züchtigung auf Deinen zarten, mädchenhaften Gliedern erlebt hatteſt. Ich liebte Dich damals ſogleich, als ich Dich leiden ſah. Denn Du hatteſt eine Stimme, die mir wahr⸗ lich zum Herzen drang, Dein Ton war rührend und kam aus einem guten Gemüth, und die Thränen, die Du ſogleich vergoſſeſt, feſſelten mich an Deiner Seite. Ja, rief Iwan, mit einem begeiſterten Leuchten ſeiner Augen, Ihr ſahet mich, Prinz, und Ihr ſpra⸗ chet mit mir, nimmer werde ich Eure milde und gů⸗ tige Rede vergeſſen, die Ihr an mich richtetet. Wie 166 ein wundervolles Geſtirn, das am Himmel plötzlich aufgeſtrahlt iſt, ſtandet Ihr vor mir da, und ich mußte mich anbetungsvoll vor Euch neigen. So wie ich Euch ſah, wußte ich, daß jetzt das Ende aller meiner Leiden gekommen ſei. Ihr ſprachet türkiſch mit mir, und auch das erfüllte mich mit großer Ver⸗ wunderung, als ich meine Sprache aus dem Munde eines Fremden an mein Ohr ſchlagen hörte. Ja, ich verſtand damals ſehr viel türkiſch, fügte der Großfürſt hinzu, denn ich hatte dieſe Sprache vollkommen erlernt, und ich liebte ihren Klang, ihre Ausdrucksweiſe noch heute. Aber es war doch nicht ſo leicht, Dich frei zu machen, mein guter Jwan Jwanowitſch, wie ich mich jetzt erinnere. Denn ich wollte zugleich Deinen ſämmtlichen Unglücksgefährten die Freiheit erkaufen, die doch das höchſte Glück des Menſchen auf der Erde ausmacht. Aber Dein Scla⸗ venhändler forderte dafür eine ſo ungeheure Summe von mir, daß meine ganze Reiſekaſſe, die ich bei mir trug, zu ihrer Bezahlung nicht ausreichen wollte. Denn ich war ja der Großfürſt, der Sohn der Cza⸗ rin, und nicht viel war es, das ich bei mir führte. Aber da faßte ich einen großen, einen rieſenhaften Entſchluß, der mich heut noch erfreut und beluſtigt. W W mel plötlich a, und ich n. So wie Ende aller chet türkiſch dem Munde rte. rkiſch, füge eſe Sprache glang, ihre rdoch nicht auter Jwan Denn ich icksgeführten te Glick des Dein Scle⸗ ure n R* Summe ich bei mir chen wollte⸗ hn der G⸗ nir führt rieſenheften beluſigt 167 Wie ein luſtiger Student, der Alles durchgebracht hat, zog ich Wechſel auf meine Mutter in Petersburg, und die Aventure gelang ganz prächtig. Ich berief einige der vornehmſten und reichſten Kaufleute in Adrianopel zu mir, und ſie wagten dem künftigen Thronerben von Rußland nicht den Ankauf dieſer Wechſel abzuſchlagen, obwohl es leicht ein gefährliches Ding damit hätte ſein können, und vielleicht ihr Kopf auf dem Spiele ſtand. In einer Stunde hatte ich das ganze Geld, und nun konnte ich Dich als mein Eigenthum an mein Herz drücken, denn Gott weiß, wie es kam, ich liebte Dich ja, Bürſchchen! Ja, fuhr Jwan Jwanowitſch Kontaitzow jubelnd dazwiſchen, ich empfing drei Küſſe auf Stirn, Wange und Mund von Ew. Kaiſerlichen Hoheit, und nie werde ich dieſen ſeligen Augenblick vergeſſen. War es mir doch, als wenn meine ſchöne liebe Mutter, die ſchon lange todt war, plötzlich wiedergekommen wäre, und hätte mir alle ihre Küſſe aus dem Para⸗ dieſe des Propheten wieder mitgebracht. Ich armes Wurm jubelte und bebte, denn ich konnte es nicht gleich begreifen, daß man noch geküßt wird, bloß weil man unglücklich iſt. Die Chriſten ſind doch nicht ſo ſchlechte Leute, dachte ich bei mir ſelbſt, und ihr 168 Gott taugt vielleicht ebenſo viel und noch mehr, als unſer Prophet! Närriſcher Kerl, lachte der Grofßfürſt plötzlich da zwiſchen, und darum nahm ich Dich wie ein Kind an, und brachte Dich mit mir nach Petersburg, um Dich erziehen zu laſſen. Auch ſonſt hatte ich noch viel Freude von dieſer ſeltſamen Begebenheit, und ich kann noch heut nicht ohne Rührung an dieſe curioſe Geſchichte zurückdenken. Durch den Gouverneur von Adrianopel erfuhr der türkiſche Sultan, was geſchehen war, und wie Du den Gott der Chriſten liebge⸗ wannſt, ſo mußte ich plötzlich den Sultan der Türken hochſchätzen, was mir in der That ungemeines Ver gnügen machte. Der Großherr befahl, mir unter den höflichſten Redewendungen das Kaufgeld zurück zu erſtatten, und ließ mich zu einem Beſuch in Conſtan⸗ tinopel einladen. Aber als ich wieder in Petersburg ankam, hatte ich eine noch ſchönere Ueberraſchung. Die Czarin erwartete mich mit Thränen in den Au⸗ gen, und ſpendete mir für meine Handlungsweiſe mehr Lobſprüche, als ich in der That verdient hatte. Auch hatte ſie die Wechſel der Kaufleute von Adria⸗ nopel bezahlt, woher es kam, daß ich mich in dieſer Zeit ſo gut bei Caſſe befand, wie es mir weder vor⸗ mehr, ul ie ein Hind rneur von der Türken meines Ver ir unter den d zwück il in Conſtar⸗ getersbur berraſchung. in den Au edlungsweie rdient hatte· von Adria⸗ ſch in dieſer weder vor 169 her noch nachher jemals geſchehen war. Die große Czarin that noch mehr. Sie wies funfzigtauſend Rubel an, um dafür alle von mir Freigekauften mit Ländereien zu verſehen, ſie an ihren Beſtimmungsort bringen zu laſſen und ſie dort auszuſtatten mit jeder möglichen Hülfe. O, ich war damals ſehr glücklich, lieber Jwan! Nimmer wieder wurde ich ſo glücklich, wie damals! Und jetzt, was bin ich jetzt?— Der Großfürſt wandte ſich ſeitwärts, und ſchien in eine tiefe Bewegung zu gerathen. Der junge Jwan ſah ihm mitleidig zu, und eine Thräne ſtürzte aus ſeinen Augen hervor. In dieſem Augenblick ließ ſich ein Geräuſch an der Thür vernehmen. Es war der Graf Razumovs⸗ ky, der eintrat, und den Großfürſten um die Erlaubniß bat, ſich in einem Auftrage nähern zu dürfen. Paul zuckte bei ſeinem Anblick heftig zuſammen, und em⸗ pfing ihn mit einem Ausdruck der Wegwerfung und des Zorns, die ſich unmittelbar gegen Razumovsky zu wenden ſchienen. Graf Razumovsky ſchien dieſe heut zum Erſten⸗ mal ſo auffallend gegen ihn hervortretende Verſtim⸗ mung des Prinzen nicht zu beachten. Er hatte ſich ihm mit derſelben unbefangenen Ehrerbietung genaht, — 170 die immer in ſeinem Ausdruck gegen den Großfürſten lag und die zugleich mit ſoviel inniger und wahrhaft freundſchaftlicher Anhänglichkeit verbunden war, daß Paul, ſo oft er ſich auch ſchon in einer leidenſchaft⸗ lichen Aufwallung gegen Razumowsky befunden, doch jedesmal wieder darin verſöhnt und umgeſtimmt wurde. So geſchah es ihm auch in dieſem Augenblick, wo Paul, ungeachtet ihn ſoeben die zornigſten und ge⸗ häſſigſten Empfindungen beherrſcht, doch den Ton nicht finden konnte, der den in ſeinem Innern wüh lenden Eindrücken entſprach. Razumovsky erſchien ihm gegenüber wieder ſo ſehr in ſeinem ganzen lie⸗ benswürdigen Charakter, in dem anziehenden und im⸗ ponirenden Ausdruck einer durchweg edeln und braven Perſönlichkeit, daß der Großfürſt ſich davon gleichſam beruhigt fühlte und mit einiger Verlegenheit ſeine Augen zur Erde ſenkte. Razumovsky begann mit einer ſehr ſchmeichelhaft ausgedrückten Empfehlung der Großfürſtin Natalie, die um ihre Verhaltungsbefehle bitten ließ, ob ſie auf ihrem Zimmer den Befehl des Groffürſten er⸗ warten und die Gnade haben werde, von ihm an den Wagen hinuntergeführt zu werden? S„— = — en Groffürſten und wahrhaft den war, diß r leidenſchaft efunden, doch d umgeſtimmt Augenblic, wo gſten und ge ch den Tn Innern wih völy erſchien n gmnzen li⸗ enden und in⸗ ln und braben won gleichſun egenheit ſeine ſmeichelhit Natali ob ſi rſtin ließ, oßfürſten e ihm an den Paul ſah ſich damit zugleich erinnert, daß die von der Czarina befohlene Stunde der Abreiſe herange⸗ kommen, und nicht länger ausgeſetzt werden dürfe. Kaum konnte er ſich enthalten, dem Grafen Razu⸗ movsky freundlich die Hand zu reichen, indem er ihn verſicherte, daß er ſogleich zu ſeiner Gemahlin hin— unterkommen und ſie geleiten werde. Mit Mühe ſchien er ſich die Kraft abzuringen, dem Grafen nur mit einem trotzigen Zurückwerfen des Kopfes zu antworten. Dann ſchritt er ihm haſtig, mit ſtürmiſchem Gange, voran, indem er ſich in das Zimmer der Großfürſtin begab, die er ebenfalls nur mit einer ſtummen Gebärde begrüßte. Nun reichte er ihr den Arm, um ſie zu dem Wagen hinabzu⸗ führen. Die Czarin hatte mit Potemkin ſchon den erſten Wagen beſtiegen, und war eben im Begriff, das Zei⸗ chen zur Abfahrt zu geben, als der Großfürſt erſt herangeeilt kam, und kaum noch Zeit hatte, auf eine gemeſſene Weiſe mit der Großfürſtin, dem Grafen Razumovsky und der Hofdame ſeiner Gemahlin den Wagen zu beſteigen. Die Rückreiſe nach Moskau wurde mit einer ge⸗ waltigen Geſchwindigkeit zurückgelegt, da die Czarin 172 noch an demſelben Tage die Weiterreiſe nach Peters burg beſchloſſen hatte. In Moskau wurden auch ſo fort die ſchon bereit ſtehenden Schlitten beſtiegen, denn mit dieſem raſchen Fuhrwerk wollte Katharina nun den Weg nach ihrer Reſidenz zurücklegen. Den erſten Schlitten nahm die Czarin mit Potem⸗ kin ein, den man wieder im innigſten und heiterſten Einvernehmen mit ſeiner Gebieterin ſah. Er kannte die großen Belohnungen, die ihn jetzt in Petersburg erwarteten, und ebenſo genau wußte er, daß die Czarin nie etwas unerfüllt ließ, das ſie ihm einmal zugedacht hatte. Bei der Abreiſe von Moskau umſtand eine ſtumme und wieder vollkommen nüchtern gewordene Bevölke⸗ rung die prächtigen, hochgeſchmückten, mit lieblichem Feſtgeläute und bunten Fahnen rauſchenden Schlitten. Es hatte ſich in den letzten Tagen ein Umſtand ereignet, der ſeines tiefen Eindrucks auf das Volk von Moskau nicht hatte verfehlen können. In dieſer Stadt herrſchte der allgemein verbreitete Glauben, daß die große Kathedrale in einem beſtändigen Sinken be⸗ griffen ſei, und daß dies jedesmal ſichtbar werde, wenn irgend ein bedeutendes und unheilvolles Ereigniß ſich zutrage oder der Feind in die Mauern Mos⸗ 173 ſ nuch peen bau's eingedrungen ſei. Während der Anweſenheit der Czarin ſollte die alte Kathedrale ſich wieder um viele Metres in den Boden hinabgeſenkt haben, das Volk hatte ſich mit ſchrecklichen Geſichtern den ganzen Tag über in unzähligen Schaaren auf dem Platz vor der Kirche verſammelt, und ſah jetzt der Abfahrt der Czarin mit einem dumpfen Stillſchweigen zu. Kein Ruf ließ m ſich vernehmen, kein Laut der Freude erſchallte aus .— wen unbeweglich ſtehenden Maſſen, welche der düſtere in Peterzbun Aberglauben gebunden hatte. Nicht minder hatte eine ſeltſame Geſtalt, die für ſſich ganz allein in dem letzten Schlitten des kaiſer⸗ urden auch ſo itten beſtiegen, ollte Katharin cklegen. rin mit Poten duß die Garin nmal zugedacht a lichen Reiſezuges Platz genommen, die Aufmerkſamkeit wer Umſtehenden gefeſſelt. Es ſchien eine von den zur Bedienung gehörigen Perſonen zu ſein, die aber vurch eine abenteuerliche Vermummung, welche ſie d eine ſtumme rdene Bevölle⸗ nit leblichen nen Sihlün lber die Livrée geworfen, ein abſchreckendes und frazzen⸗ nein Unſtand haftes Anſehn gewann. Man betrachtete ſie mit einer guf das Vol Art von abergläubiſcher Scheu, und umringte den In viſ Schlitten, in dem dieſe düſtere unheimliche Perſon Glauben, diß noch aufrecht ſtand und mit übereinandergeſchlagenen en Sinken be Armen und frechen, herausfordernden Mienen Alle ichtbar werd nuſterte, die in ihre Nähe traten, bis endlich der Klang olles Greigni der Peitſchen und das Geläute der Schlitten ankündig⸗ Nauern Mos⸗ ——— 174 ten, daß der Zug ſich in Bewegung geſetzt habe. Eliſabeth Zoritſch beurlaubte ſich von den Gaffern, denen ihre Geſtalt einen ſo ſchauerlichen Eindruck ge⸗ macht, mit den tollſten Gebärden und einem ſo frazzen⸗ haften Geſichterſchneiden, daß ſie ein allgemeines Ent⸗ ſetzen hinter ſich verbreitete, und ein langes Murmeln die Menge durchlief. Die rückſichtsloſen Spötter in dem Haufen meinten, es ſei der leibhafte Teufel ſelbſt geweſen, der den Reiſezug der Kaiſerin beſchloſſen, und in ihrem Geleite angekommen und wieder abge⸗ fahren ſei. Nach dem ausdrücklichen Befehl der Czarin ſollte der Weg von Moskau nach Petersburg in vier Tagen zurückgelegt werden. Die Eile der Schlitten mußte verdoppelt werden, da auf den Wunſch Potemkin's, dem Katharina, nach der kaum eingetretenen Verſöh⸗ nung mit ihrem Freunde, um ſo weniger entgegen⸗ treten wollte, noch ein Umweg über Tula zu machen war. Dort, in der bexühmten Gewehr⸗Fabrik, wollte Potemkin gern noch unterwegs ſeine Waffenſammlung mit einigen neuen koſtbaren Stücken vermehren, was er auch mit der größten Geſchwindigkeit ins Werk ſetzte, indem er, in ſeiner Weiſe zugreifend, in einem einzigen Augenblick ſeine Sammlung um einen Werth 175 9 geſetzt hab von mehr tehrere u den Guffen n tauſend Rubeln vermeh agen, welches er darüb S er ausdrück ückte, ergö „ergötzte hen Eindruckg die C g e Czari 3 zarin ſelbſt ſi nen ſo fun merkwürdigen. nemein, n der Reſt di elgeneines En— iſe verging ihr dadurch i Reſt dieſer und froheſten Stimmung langes Murme afte Teufel ſelb ſerin beſchloſſen eli nd wieder abge Czarin ſoll in vier Tagel * Schlitt muft 7 unſch Potem emlint tretenen Verſih . ger ent en nhun⸗ ßrik, woll 5 Fabril, Waffe nſamn vermehren, wy fend in einen quortb un einen Well N. Prinzeſſin Natalie befand ſich ſogleich nach ihrer Rückkehr nach Petersburg auffallend leidend, und zu⸗ erſt ſchienen es die Folgen der vorangegangenen an⸗ ſtrengenden Reiſe zu ſein, an denen ſie in den erſten Tagen ihrer Wiederanweſenheit in Petersburg heftig erkrankte. Bald darauf trat ihr eigener Zuſtand, in dem ſie ſich jetzt ſchon ſeit faſt neun Monaten befunden, weſentlich dabei in Frage, und die Aerzte glaubten nichts Anderes annehmen zu müſſen, als daß die na⸗ türliche Kataſtrophe, der man ſchon längſt mit den ſorgfältigſten Vorbereitungen entgegengeſehen, jetzt im Anzuge befindlich ſei. Der Großfürſt zeigte ſich in dieſer Zeit von einer tiefen innern Bewegung ergriffen. Eine große Milde und Innigkeit begann in ſein ganzes Be⸗ nehmen gegen ſeine Gemahlin zu treten, ein hoher gleich nach ihn leidend, und mgegangenen o ſie in den erſté Petersburg heft ener Zuſtund,! onaten befund eAerzte gloubt als daß die m längſt nit d ngeſchen jett i Zeit ine gr R — dieſer in garz pohe p ohe treten, ein h 1¹ 177 Ernſt beſchattete ſeine Züge, und er ließ es an der rührendſten Aufmerkſamkeit und Fürſorge für ſeine Gemahlin nicht fehlen. Mit einem Hochgefühl von Stolz und Freude blickte der junge Fürſt jetzt in die Zukunft, ſeine Züge hatten einen ſtrahlenden Charak⸗ ter angenommen, er ſchien alles Uebrige, mit dem er ſich ſonſt trug und an dem er litt, vergeſſen zu haben, und man betraf ihn in einer unaufhörlichen Geſchäf⸗ tigkeit, in einem beſtändigen Sorgen und Laufen und Veranſtalten, was aber immer nur den Sinn und den Zweck hatte, der Prinzeſſin ſeine innigſt zurückge⸗ kehrte Liebe, ſein über Alles gehende Intereſſe und ſein in ſeinem Herzen ſchwellendes Glück zu beweiſen. Die Großfürſtin bemerkte dies mit einer ſeltſa⸗ men Empfindung. Seitdem ſie wieder das Palais in Petersburg bewohnte, hatte ihr Sinn einen wun⸗ bar ernſten Schwung erhalten, und ſie ſchien oft ſtun⸗ denlang in ein grübelndes Nachſinnen verſenkt. Zwar ſchien es ſie oft zu ängſtigen und zu beunruhigen, daß der Großfürſt ſie ſo viel mit einer ſo unabläſſi— gen Geſchäftigkeit umgab, aber ihre ſchönen großen Augen hatten für ihn jetzt einen viel milderen und friedlicheren Ausdruck, ſie betrachtete ihn oft lange, bis eine aufſteigende Thräne ihre Blicke verdunkelte. Th. Mu ndt, Czar Paul. Erſte Abthl MI. 12 178 Nur einen einzigen Gegenſtand des Schreckens und der wahren Angſt gab es für ſie ſeit einigen Ta⸗ gen, worüber ſich die Prinzeſſin gar nicht wieder be⸗ ruhigen konnte. Es war eine lange hagere Frauens⸗ geſtalt, die ſeit dem Beginn ihrer Krankheit jeden Morgen vor ihrem Bett ſaß, in einer unbeweglichen lauernden Stellung, den Tag über nur auf einige Stunden ſich von ihr entfernte, und jetzt, zum höchſten Entſetzen der Prinzeſſin, ſich auch anſchickte, die Nacht⸗ ſtunden an dem Krankenbette zu verweilen. Heut hatte die Prinzeſſin dieſe Frau mit dem ſchrecklichen Geſicht fortgeſchickt, da ſie ihren Anblick nicht länger zu ertragen vermochte. Sie hatte den Großfürſten mit einer faſt unerklärlichen Dringlich⸗ keit gebeten, zur Czarin zu gehen und ſich bei derſel⸗ ben dafür zu verwenden, daß jene Frau nicht mehr zu ihr zurückzukehren brauche, da ſie des Beiſtandes derſelben ſich durchaus nicht benöthigt, ſondern durch die Perſönlichkeit ſich ſehr beunruhigt und im höchſten Grade aufgeregt fühle. Denn die Czarin hatte ſeit dem Beginn der Krankheit der Prinzeſſin ihr dieſe Frau mit dem ge⸗ meſſenen Befehl geſandt, die Dienſte derſelben aus⸗ ſchließlich und vorzugsweiſe anzunehmen, und ſich ihrer s tine diene non m un de richſt tfil Regen bring 1 Schreckens t einigen Ta ht wieder be gere Frauens rankheit jeden unbeweglichel ur auf einig zum höchſten tte, die Nacht⸗ lt hren Anbli Sie hatte d en Dringlic ſc bi t au nicht meh 3 Beiſtandes 179 als einer renommirten Krankenwärterin undHebeammezu bedienen, welche durch ihre Kunſt berühmt ſei und die man ausdrücklich aus Deutſchland verſchrieben habe, um der Prinzeſſin in ihren ſchweren Leiden die hülf⸗ reichſten Dienſte leiſten zu können. Der Leibarzt der Kaiſerin hatte dieſe Frau ſelbſt bei der Großfürſtin einführen und empfehlen müſſen, und es war ſchwer, gegen ihre Zuläſſigkeit etwas Begründetes vorzu⸗ bringen. Dennoch hatte der Großfürſt, in ſeinem jetzt ſo brennenden Eifer für ſeine Gemahlin, es unternom⸗ men, der Czarin dieſe Bitte auf das Allerdring⸗ lichſte vorzutragen, aber Katharina, die ihren Sohn plötzlich ſo heftig und glühend für ſeine Gemahlin ſich erheben ſah, hatte ihm nur mit einem ironiſchen Lächeln geantwortet, und ihn wegen Mangel an Zeit aus ihrem Cabinet verabſchiedet, indem ſie ihn verſicherte, daß ſie die zuverläſſigſte Sorgfalt, die auch für ihn ſelbſt am beſten bedacht ſei, in der Wahl jener ihr vielfach empfohlenen Frau habe walten laſſen. Die Czarin ſah dabei ernſt und bewegt aus, ein wildes Feuer blitzte aus ihren Augen. In der ſelt⸗ ſamſten Stimmung kehrte Paul in das Krankenzimmer 180 zurück. Unmittelbar hinter ihm war Eliſabeth Zoritſch eingetreten, die ſogleich wieder zu dem Bett der Groß⸗ fürſtin hinſchritt und mit ihrem lauernden Geſicht und ihren ſchrecklichen unheilbedeutenden Mienen denſelben Platz wieder einnahm. Die Unterſuchungen, welche ſie an der Kranken von Zeit zu Zeit vornahm, und bei denen ſie mit einer meiſterhaften Sicherheit und Kunde verfuhr, ängſtigten zwar die Großfürſtin unbeſchreiblich, führten aber doch bald zu einem beſſern Befinden der Leiden⸗ den, welche nun die ihr dargereichten Mittel und Ge⸗ tränke aus den Händen dieſer Wärterin mit größerem Vertrauen entgegennahm. Die Großfürſtin litt an den heftigſten Schmerzen, welche unter den Händen der Eliſabeth Zoritſch als⸗ bald eine wunderbare Linderung erfuhren. Wenn dieſe Frau dann mit ihrem ſtarren, geſpenſterhaften Aus⸗ ſehn ſich über ſie herabbeugte, glaubte Natglie den Todesengel ſelbſt zu ſehen, der ihr die Scheideſtunde brachte, und die Schreckniſſe derſelben mit ſeiner Alles⸗ vermögenden Hand mildernd, ſie argliſtig und doch gütevoll über den fürchterlichen Moment hintänſchen wollte. Eines Abends, als der Großfürſt, der den ganzen d it Gengh bnd in. ſpann iſabeth Zoriſſch Bett der Grof den Geſicht und ienen denſelben n der Kranlel denen ſie mi Kunde verfuhr eiblich, führtn en der Leiden Mittel und Ge mit größeren ſten Schmer h Zpriſch als n. Venn di el⸗ ſterhaften Au te Natolie d „Scheideſtun Ale doo it ſeine liſtig und t hitinſc! enl 5 nzel der den gol 181 Tag über in unermüdeter Sorge an dem Bett ſeiner Gemahlin verweilt, ſie auf einige Augenblicke vevlaſſen, befand ſich Natalie allein mit ihrer räthſelhaften Wärte— rin. Die halbdunkle Beleuchtung des Krankenzimmers ſpann ſchwarze irrende Schatten über das Bett der immer noch leidenden, ſchmerzlich ergriffenen Prinzeſſin hin, und über ihr bleiches abgezehrtes Geſicht irrte ein unendlich trauriger, wehmuthsvoller Ausdruck. Von der ſtrahlenden Jugend der Prinzeſſin, die noch vor Kurzem in ſo friſcher Anmuth geblüht, war nur noch in ihren unvergänglich ſchönen Augen ein glühender Funken zurückgeblieben, der mit einem wunder⸗ baren Feuer brannte, und in dem alle ihre Hoffnun⸗ gen und Erinnerungen, denen ſie in dieſem Augenblick in einem ſtillen ſchmerzlichen Hinträumen nachgehangen, von Zeit zu Zeit aufſchimmerten und ſich dann wieder in langſam dahinfließenden Thränen löſchten. Auf den Wangen, die einſt der Sitz des ſchönſten muth⸗ willigſten Lebens waren, wechſelte dann in raſchen Uebergängen ein fieberndes Roth in hellen Purpur— farben mit dem bleichen Schimmer des Todes. Plötzlich fuhr Natalie mit einem lauten Schreckens ruf aus ihren hindämmernden Träumen und Phan⸗ taſien empor. Sie hatte zuletzt, indem ſie mit ihren ——— 182 Augen umherirrend einen Gegenſtand nach dem andern im Zimmer betrachtete, ihre Blicke aufmerkſamer auf die dunkle Geſtalt fallen laſſen, die noch immer unbe⸗ weglich an ihrem Bett zu ſitzen ſchien, und ihrer Meinung nach jetzt noch ſchärfer und greller, als bisher, ſie beobachtete. Dieſe Blicke, die auf ſie niederfielen, erregten ihr faſt Schmerz, und ſie mußte ſich die Augen reiben, die ihr weh thaten von den fremden ſtrengen Augen, welche ſie auf ſich ruhen fühlte. Sie glaubte noch zu träumen, und richtete ſich jetzt mit einer gewaltſamen Anſtrengung in die Höhe, um das Schreckbild, das ſie plötzlich vor ſich zu ſehen glaubte, genauer ins Auge zu faſſen, und den Wahn von der Wirklichkeit ſicher unterſcheiden zu können. Denn die Prinzeſſin hatte geglaubt, Niemand anders als die Czarin ſelbſt an der Stelle, wo ſie ſonſt ihre Wärterin zu ſehen gewohnt war, zu erblicken. Je länger die Prinzeſſin in angſtvoller Erregung auf die⸗ ſen Platz hinblickte, deſto deutlicher ſchien es ſich zu beſtätigen, was ihre erſchreckte und aufgeregte Phan⸗ taſie wahrgenommen, und Natalie glaubte ſich jetzt überzengt halten zu können, daß es die Czarin war, die dort ſaß und die mit der Wärterin vor einiger Zeit den Platz getauſcht haben mußte. h dem andern nerkſamer mf immer unbe⸗ und ihrer er, als bisher, e niederfielen, ußte ſich di den fremden fühlte. n A richtete ſich in die Höhe, ſich zu ſehen Wahr ud den Wah zu lönnel n zu kön emand anders ſie ſonſt ihre en. Je erblicken aung auf de ien es ſich z regte Phu bte ſich jeht vn 1 Garin vor einiger 183 Die Großfürſtin wagte ſich unter dieſem neuen Einfluß, dem ſie ſich unterworfen fühlte, nicht zu regen. Sie hielt faſt den Athem an, und ſchloß die Augen, als wenn ſie hoffen dürfe, ſich der Czarin noch zu entziehen und unbeachtet von ihr zu bleiben, wenn ſie jede Bewegung und Lebensäußerung ihrerſeits ver— meide. So lag ſie ſtill und bewegungslos da, und ſelbſt dem entſetzlichen Schrecken, der ihre Bruſt durch⸗ zitterte, wehrte ſie, mit einer rieſenhaften Gewalt über ſich ſelbſt, jeden Ausdruck, jeden leiſen Seufzerlaut, durch den ſich ihr armes Daſein hätte verrathen können. Aber die Czarin, denn ſie ſaß ſeit einigen Minuten in der That auf dem Flatz der Eliſabeth Zoritſch da, hielt ihre Blicke unverwandt und durchdringend auf die angſtvoll in ſich zuſammengeſchmiegte Prinzeſſin gerichtet. Dann ſagte ſie leiſe, während beim Ton ihrer Stimme die Großfürſtin langſam die Augen in die Höhe ſchlug: Ich kam hierher, um mich nach dem Befinden der Frau Großfürſtin zu erkundigen, und mit eigenen Augen das Leiden zu ſehen, das ich ſo ſehr bedauere, und deſſen erſte Nachricht mich faſt bis zum Tode erſchreckte. Ich beſorge aber ſehr, einer Leidenden entweder die Wohlthat des Schlummers zu ſtören, 184 oder eine Uebelgelaunte zu beläſtigen, die es vorzieht, ihr Herz der freundſchaftlichen Zuſprache zu verſchließen. Die Prinzeſſin lag noch immer ſtill und lautlos da, ohne ſich zu rühren, aber ſie hatte ihre Augen weit und offen aufgeſchlagen, und erwiederte den zür— nenden Blick der Czarin mit einem unendlich ruhigen, klaren und feſten Ausdruck. In ihren Augen drängte ſich ihr ganzer Schmerz, ihr tiefes Leiden, aber zu⸗ gleich eine große Entſchloſſenheit der Seele zuſammen, die vor der Uebergewalt, von der ſie gebannt wurde, nicht zurückſchrecken zu wollen ſchien. Die Czarin fühlte ſich betroffen, und ſchwieg einen Augenblick. Dann ſagte ſie, mit einer ſtärkeren Stimme, durch welche, wie aus der Ferne, einige drohende Accente hinfuhren: Man ſcheint mir nicht antworten zu wollen, und es begegnet mir nicht zum Erſtenmal, daß meinem wohlgemeinten Entgegenkommen, das immer nur das Beſte will, ein halsſtarriger Sinn, ein eigenmächtiges Beſtehen auf vorgefaßten, unberech⸗ tigten Meinungen, ein Trotz, welcher nur der Mangel an richtiger Selbſterkenntniß und der Mangel an gutem Willen und feinem Takt iſt, in den Weg tritt. Mein Gott, ſeufzte die Prinzeſſin leiſe vor ſich hin, ich bin ja krank, und Ew. Majeſtät, ſcheint ſchatte zen A knnt Inr Me eine wen und ingſt . lick krün gen die es vorzieht, zu verſchlieen lund lautlos tte ihre Augen ederte den zür ndlich ruhigen⸗ Augen dring iden, aber zu ele zuſammen⸗ ebannt wurde, rleren Stimm⸗ einige drohende nicht antwort zum Erſtenmal u ſten, unberto „der Malh Mongel* nit 1% den Weg ſtüt ſch 185 es, ſind nicht gekommen, um mich geſund werden zu ſehn! Wie meint Ihr das? fuhr Katharina mit einer gewaltig donnernden Stimme empor, indem ein furcht— bares Mißtrauen auf ihrem Geſicht ſich dunkel ab— ſchattete. Ich hoffe, Ihr werdet während Eurer gan⸗ zen Anweſenheit in Petersburg die Sorgfalt nicht ver⸗ kannt haben, die ich Euch ſtets gewidmet, und die, wenn ihm durch Euer Vertrauen ebenſo ſehr ent— ſprochen worden wäre, gewiß zu dem erfreulichſten Verhältniß zwiſchen uns geführt haben würde. Was hätten wir Alles zuſammen erreichen können, wenn Ihr mich verſtanden hättet, Großfürſtin Natalie Alexiewna! Natalie ſchauerte in ſich zuſammen, und richtete einen matten hülfeflehenden Blick auf die Czarin, als wenn ſie dieſelbe beſchwören wolle, Mitleid mit ihr und ihren Schmerzen zu haben, und den ſtrengen, ſie ängſtigenden Ton dieſes Geſprächs fahren zu laſſen! Aber Katharina ſchien ſich beim Anblick des un⸗ glücklichen Opfers, das ſich jetzt faſt zu ihren Füßen krümmte, nicht zu ſanfteren und milderen Empfindun⸗ gen geneigt zu fühlen. Ihre Augen ſchleuderten ver nichtende Blitze auf die Kranke herab, auf ihrem 186 Geſicht trat wieder jener ſeltſame wilde und ſchreckens⸗ volle Zug hervor, durch deſſen allzu getreue Feſthal⸗ tung der Maler Lampi die Gnade der Kaiſerin ver⸗ loren hatte. Die Prinzeſſin zitterte unter dieſen Blicken, welche ſich ſchneidend in ihr Herz gebohrt hatten. Dann fragte ſie leiſe und kaum hörbar: Ich wußte es nicht, daß ich vertrauen ſollte und durfte, ſonſt hätte ich mich wie eine Schiffbrüchige angeklammert an dieſes Vertrauen, und hätte daran die rettende Hand gefun⸗ den, die mich aus den Abgründen emporhob. Ihr kommt Euch alſo wie in einem Abgrunde vor, nachdem wir Euch freundlich an unſerm Hofe aufge⸗ nommen, Euch zu unſerer Schwiegertochter erhoben und Euch ein Glück zugeſtanden haben, das Euch von der ganzen Welt beneidet worden iſt und das einer deut⸗ ſchen Prinzeſſin die Strahlenkrone aller Ehren aufs Haupt ſetzen mußte. Ich war nicht ehrgeizig, als ich an den Hof von Petersburg kam, erwiederte Natalie mit einem feſten Ton ihrer Stimme. Aber ich hatte mir in meiner Heimath ein Ideal gebildet, das ich tief in meinem Herzen trug, ein Ideal, Freiheit und Glück vom Thron herab zu verbreiten. Damit fühlte ich mich 6 ier int e gume welche, hren w doch yie ſcen! ich ba nd ſchreckens getreue ſeſch 1 K giſerin ver Blicken, welch hatten. Van wußte es nicht, ſonſt hůtte ert an dieſes lbgrunde vol m Hofe zufge ter erhoben un Euch von de das einer dll aufs r Ehren 7 it einem feſth nir in meinel u in meinen Glick von te ich mich 187 hier in allen Stücken abgewieſen, und ich ſah, daß die arme deutſche Prinzeſſin nur eine Thörin war, welche, wo ſie gehorchen mußte, auch lieben und ver⸗ hren wollte, und wie viel Mühe ſie ſich auch gab, es doch nicht weiter als bis zur Furcht und zum Ent— ſetzen brachte. Ach, und ich glaube, Furcht und Ent— ſetzen werden mich tödten! Denn mir iſt unausſprech— lich bange zu Muthe. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe in dem Zim⸗ mer. Die Czarin hatte ſich von ihrem Sitz erhoben, umd ſchritt jetzt einige Male mit übereinandergeſchla⸗ genen Armen und langſamen Schritten vor dem Bett wer Kranken auf und nieder, welche ängſtlich den Be— wegungen der Czarin folgte. Katharina ſtand jetzt wieder nahe vor dem Bett der Prinzeſſin ſtill, und ſagte, mit dem ſtrengſten Ausdruck ihres Geſichts: Die ganze Entartung Ihrer Stellung, Prinzeſſin, iſt daher gekommen, weil Sie, ſobald Sie nur angekommen waren, Ihr Ver— rauen nach einer falſchen Seite hin richteten, und, aſt in Verkennung aller Ihrer Pflichten, es beſon— ers da anwandten, wo es nur mit dem Hochverrath ulbſt ſich begegnen konnte und wo es nur Gefahr und Berderben für Sie heraufführen mochte. Sind Sie Sich 188 deſſen klar bewußt, Großfürſtin, ſo werden Sie keine Urſache mehr finden, uns zu zürnen und ſich über Ihre Czarin zu beklagen. Katharina richtete ſich in aller ihrer Würde, flam— mend von Zorn und Leidenſchaft, empor und beugte ſich mit Schreckensaugen zu der Prinzeſſin hinunter, um auf den immer bleicher gewordenen Wangen der⸗ ſelben den Eindruck zu beobachten, welchen dieſe Worte auf ſie hervorgebracht. Natalie ſchwieg einen Augenblick betroffen und verwirrt ſtill. Dann ſagte ſie mühſam: Ich bin mir keines Verraths bewußt, denn ich ſtrebte nur immer nach dem Beſten, ich wollte das Höchſte erreicht ſehen, das es in meinem neuen Vaterland, wofür ich Rußland hielt, zu erreichen giebt. Nein, erwiederte die Czarin mit donnernder Stimme, indem ſie die Leidende heftig am Arm ergriff und ſchüttelte, Sie kannten das Beſte und Höchſte nicht, das es in Rußland giebt, Sie kannten nicht den Ge⸗ horſam, ohne den man in Rußland nicht athmen, ohne den man nicht herrſchen und gebieten, ohne den man nichts Beſſeres und Edleres geſtalten kann. Wer nicht zu gehorchen verſteht, hat keinen Platz in Ruß⸗ land, und verdorrt hier wie der Strauch, dem von enh ihn blei Der tutzen, ie Ri in int het h ander breche erden Sie kein und ſich übe rWürde, flan por und bel nzeſſin hinunte n Wongen de betroffen M ſch bin m te uur imn chſte errel land, wofür i ernder Stimm m eij u d Hüchſte nich nicht den 6e t athmen⸗ ohl ohne del 1 Rl nbe rauch, den n kan⸗ Plot in 189 Innen her ſeine Lebenskraft ausgegangen, und was von ihm bleibt, iſt ein trauriges und ruhmloſes Andenken. Der Ungehorſam wurde das Geſetz in allen Euren Gliedern, Ihr wagtet es, mir, Eurer Czarin, zu trotzen, Ihr wagtet es, mein Wort, das Euch allein die Richtſchnur vorzeichnen konnte, zu überhören und, in kindiſchem Uebermuth, Eurer eigenen kleinen Klug⸗ heit hinten anzuſetzen. Daraus entſtanden alle Eure andern Mißgriffe, Fehler und ich darf ſagen, Ver⸗ brechen! Aus dem Ungehorſam gegen die Czarin ent⸗ ſtand der Ungehorſam gegen den Grofßfürſten, Euren Gatten, der durch das unglückliche Verhältniß mit Euch betrübt, und mir für meine Abſichten mit ihm verdorben wurde. Gehorſam waret Ihr nur gegen Den, zu dem Ihr auch Euer falſches Vertrauen hin⸗ wandtet und der, vorausgeſetzt daß Eure eheliche Treue bewahrt blieb, doch Eure mit dem Verrath buhlende Seele mit ſeinen wahnwitzigen Ideen ver⸗ giftete. Natalie ſtieß jetzt einen lauten durchdringenden Schrei aus, und fuhr mit der Hand krampfhaft nach ſhrem Herzen. Furchtbare Zuckungen traten in ihrem ganzen Körper hervor. Dann ſchien ſie in eine unend⸗ liche Mattigkeit zu verſinken, nachdem ſie mit einer 190 heftigen unwilligen Bewegung ihren Arm, an welchen die Czarin noch immer ihre Hand gelegt, aus dieſer harten Umfaſſung gezogen hatte. Still blickte ſie dann vor ſich hin, in ihre ſchönen Augen trat ein wunderbarer Glanz, auf ihren Wan⸗ gen waren wieder rothe Roſenknospen wie von jugend⸗ licher Friſche aber mit einem rührenden ſchmerzlichen Ausdruck aufgegangen. Dann ſagte die Großfürſtin, nach einer langen unheimlichen Pauſe, die zwiſchen beiden Frauen ein⸗ getreten war: Es iſt gut, daß Ew. Majeſtät mich nicht ſo hart am Halſe gezerrt hatten, wie an meinem Arm, ſonſt würde ich wahrlich erſtickt ſein! Mein Arm ſchmerzt mich ſehr, mich dünkt, er iſt hoch auf⸗ geſchwollen und geröthet. Die Prinzeſſin rieb jetzt angelegentlichſt ihren Arm, was die Czarina, die ihr mit einer höhniſchen Ge— bärde zuſah, ſehr zu verdrießen ſchien. Ihr ſeid und bleibt eine Unverſchämte! rief Ka⸗ tharina, in die größte Heftigkeit ausbrechend. Man weiß nicht mehr, in welchen Zuſtand Euch das Schickſal wird verſetzen müſſen, um Euch Beſcheiden⸗ heit, gute Sitte und Ergebung in das Nothwendige Stirn triun Neuer Uud, beacht pi die L rin, an welchel in ihre ſchöne auf ihren Wa wie von jugehnd en ſchmerzlc einer lange Frauen el Majeſtät n wie an meine ict ſein! A tiſt hech Tt ſebſt ihren A höhniſchen tel rief NM echend. d Eich! 191 und Rechte zu lehren! In der That, Prinzeſſin, ich glaube, Ihr ſeid verloren! Katharina hatte dieſe letzten Worte mit einer ſo fürchterlichen Gewalt ihrer Stimme geſprochen, daß Natalie entſetzt in die Kiſſen zurückſank, und mit einem tiefen ächzenden Seufzer ihre Augen ſchloß. Auf der Stirn der Czarin ſchien in dieſem Augenblick eine triumphirende Freude aufzuglänzen. Sie trat von Neuem dicht zu ihr heran, beugte ſich zu ihr nieder und, ohne den gefährlichen Zuſtand der Leidenden zu beachten, rief ſie ihr mit einem fürchterlichen Ton in die Ohren: Unbeſonnene, Ihr fühlt alſo jetzt, daß ihr in der Gewalt der Czarin ſeid! Wie mochtet Ihr glauben, daß man mir trotzen kann! Man trotzt der Czarin Katharina von Rußland nicht, oder man greift, wie in thörichtes Kind, in die Speichen der Räder, die ſeden zermalmen, der ſich ihnen in toller Selbſtver⸗ eſſenheit genähert hat! Es iſt genug! ſchrie die Großfürſtin, ihr Haupt enter der Decke des Bettes verbergend. Gnade! Hnade! Ich vermag es nicht mehr auszuhalten, ich uitte um Gnade! Gnade! — ————— — dh .. 192 Unter dieſen ächzenden Lauten, welche die Groß⸗ fürſtin mühſam hervorſtieß, wand ſie ſich qualvoll auf ihrem Lager umher. Gnade! Gnade! ſtöhnte ſie noch unaufhörlich, und in leiſe erſterbenden Accenten. welche die Gu e ſich qualvoll maufhörlich, Un In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, und der Großfürſt Paul trat wieder in das Zimmer zu rück. Erſchrocken und erſtaunt eilte er an das Bett der Großfürſtin, von deren Lager in dieſem Augenblick ſo entſetzliche Töne zu ihm herüberdrangen. Was iſt hier geſchehen? fragte er mit feſter Stimme, indem er die Prinzeſſin prüfend betrachtete, und forſchende und argwöhniſche Blicke auf die Czarin nichtete. Die Czarin war von dem Bett der Kranken zu⸗ nickgetreten und hatte ſich auf einen Lehnſtuh tergrunde des Zimmers niedergeſetzt. Ihr leidet viel, ſagte Paul zu ſeiner Gemahlin, wor ihrem Bett ſtehen bleibend, mit einer weichen, inigen Simme, wie ſie dieſelbe faſt noch nie aus ſ inem Munde vernommen. Ich hörte Euch zuvor ſo Th. Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. n. 13 l im Hin⸗ 194 ſeltſam rufen, Prinzeſſin, daß mir noch alle meine Pulſe ſtarren. Ich will nicht hoffen, daß es irgend Einer auf der Welt gewagt hat, Euch Ungebühr an⸗ zuthun, denn bei meiner Seele, ich würde keine Rück⸗ ſicht mehr nehmen, wie hoch der Platz wäre, auf dem ich die ſchuldige Perſon ergreifen müßte! Er hatte ſich dabei unwillkürlich nach der Stelle umgewandt, wo hinter ihm die Czarin ſaß, deren Be⸗ wegungen ihn erſt daran erinnerten, daß ſie noch im Saale anweſend war. Paul hielt betroffen inne, und legte ſtill ſeine Hand auf die fieberhaft brennenden Hände der Prinzeſſin. Natalia erfaßte begierig dieſe Hand ihres Gemahls, und hatte ſie ſeine Finger, ehe er ſich deſſen verſah, an ihre Lippen gezogen. Dann drückte ſie, mit rüh⸗ render Gebärde, einen lebhaften Kuß auf ſeine Hand. Was macht Ihr, ſtammelte Paul verlegen. Na⸗ talie aber behielt ſeine Hand feſt in der ihrigen, und es ſchien ihm unmöglich, ſie zurückzuziehen, was er mit der ſeltſamſten Empfindung mehrmals verſuchte. Die Prinzeſſin aber hatte ein neues Gefühl der Sicher⸗ heit in ſich erlangt, als ſie ſich wieder in der Nähe des Großfürſten ſah, die ihr nach den ſchrecklichen Augenbl uftrle ſtend wweiten noch alle mei n, daß es iru ch Ungebührn würde keine Ri atz wäre, auf de tüßte! nach der Ste in ſaß, deren 8 ſie noch ſtill ſeine ho de der Prir inzeſ d ihres Gemah ſich d eſſen verſ ickte ie, mit uß au o 195 Augenblicken, welche ihr der Beſuch der Czarin auferlegt, wie eine Rettung dünkte, und ſich wie ein tröſtender und ſtärkender Schutz um ihr Lager auszu⸗ breiten ſchien. Die Gefühle mit denen ſie ihm die Hand geküßt hatte, waren aber zugleich von der ſchmerzhafteſten Art. Sie verlor ſich dabei in ein trübes, wehmüthi⸗ ges Nachſinnen, eine große Thräne rollte über ihre Wangen. Auf ihrem Geſicht ſtand ein tiefer Ausdruck von Reue, von tiefem Bedauern. Ihr dürft mir nicht die Hand küſſen, Großfürſtin Natalie Alexiewna! ſagte Paul dann plötzlich, indem verwirrt und tief erröthend die Hand an ſich nahm und in ſeinen Buſen ſchob. Warum wollt Ihr jetzt ſo gut gegen mich ſein? fügte er mit zitternder Stimme hinzu. Seine Blicke nandten ſich wieder furchtſam nach der Czarin zu⸗ räck, die in dem halberhellten Hintergrunde des Zim⸗ wers ſtumm und regungslos wie eine Marmorſtatue Wir ſind nicht immer ſo miteinander geweſen, Jatalie Alexiewna! fuhr er leiſe zu ſprechen fort, als N Prinzeſſin ſchwieg, und ſich, von neuen Schmerzen riffen, zuſammenſchauernd in ihre Decke einhüllte. 13* 196 Es iſt wahr, entgegnete ſie jetzt mit einem ſtillen ſchmerzlichen Aufleuchten ihrer Augen, wir kannten uns nicht, und wir fehlten Beide darin ſehr, daß wir uns nicht die Mühe geben wollten, uns kennen zu lernen. Vielleicht wäre dann Alles, Alles beſſer ge⸗ kommen. Wie ſo? fragte der Großfürſt in banger, athem loſer Erwartung zurück. Wie ſo? wiederholte Natalie Alexiewna. Ich wünſchte von ganzer Seele, ich hätte Euch früher ſo erkannt, wie Ihr mir jetzt erſcheint! Denn ich glaube, Ihr habt ein gutes Herz gegen mich, Prinz, und wer auf Euch zu bauen weiß, der baut auf einem edlen Felſengrund! Verzeiht mir, ich verkannte Euch, und all mein Unheil iſt mir daraus entfloſſen. Euch darf kein Unheil treffen! rief der Großfürſt, wild auffahrend, indem er mit einer drohenden Be⸗ wegung an den Griff ſeines Degens faßte. Ihr überſchätzt mich zwar jetzt; denn ich habe lange noch kein Verdienſt erworben, aber da ich Euch vom erſten Augenblick an liebte, ſo hätte ich längſt mehr für Euch thun müſſen, als ich gewagt und vermocht habe. Ich bin mir immer ein unnützer Träumer und Grübler geweſen. Die Gefahr aber ſoll mich ſtark und muthig Mreffer Uld ich Mn, un Geſt nen, vine und lire D ſm Di g iher 197 autreffen. Sagt mir die Gefahr, die Euch bedroht, und ich will mich mit der Welle des Meeres verbin⸗ den, um ſie zu Euren Füßen zu ebnen! Es droht der Prinzeſſin keine andere Gefahr, als die in ihr ſelbſt gelegen, und die aus ihr ſelbſt kommt! rief jetzt eine Stimme dicht hinter ihnen. Es war die Czarin ſelbſt, die inzwiſchen ihren Platz verlaſſen und ſich unbemerkt, mit kaum hörbaren Schritten, aus gen, wir kann rin ſehr, doß n, uns kenne Alles beſſe in banger, ah Aleriewna. dem Hintergrunde genähert hatte. te Euch frihe Mit einem leiſen Schrei fuhr Natalie empor, und Denn ich gu griff wieder nach der Hand ihres Gemahls, an der ſie , Prinz, und ſich jetzt krampfhaft anklammerte. Aber die tief Leidende . einem var ſchon ſo erſchöpft, daß ſie jetzt in einer Anwand⸗ rkannte Eich, lung von Ohnmacht auf ihr Lager zurückfiel. R In dieſem Augenblick hatte ſich noch eine andere der Groff Geſtalt, ohne daß man ihr Herannahen wahrgenom⸗ . oreheen wen, plötzlich herzugefunden. Es war Eliſabeth Zo⸗ 45 ſfte nitſch, die plötzlich vor dem Bett der Prinzeſſin ſtand lunz und ſich mit einer unheimlichen, erſchreckenden Ge guch uent brde zu derſelben niederbeugte. firl Die Czarin ſelbſt ſchauerte in dieſem Augenblick ol ſammen beim Anblick dieſer furchtbaren Erſcheinung. ud 6 Lüe Grofßfürſtin ſchlug die Augen auf, als ſie ſich von un hrer Nähe berührt fühlte, und zuckte heftig zuſammen. 198 Katharina trat in das Zimmer zurück und winkte der widerwärtigen Wärterin der Großfürſtin, ihr dort⸗ hin zu folgen. Während die Czarin ſich jetzt in ein geheimnißvoll geflüſtertes Geſpräch mit Eliſabeth Zoritſch einließ, war Paul wieder zu dem Bette der Prinzeſſin näher herangetreten und hatte von Neuem ihre zitternden, bleichen Hände gefaßt. Unterdeſſen ſagte die Czarin zu Elifabeth Zoritſch: ſagt jetzt deutlich und beſtimmt, wie Ihr den Zuſtand der kranken Großfürſtin betrachtet und welchen Ver⸗ lauf Ihr demſelben gebt. Die Prinzeſſin wird bis zum Morgen ein todtes Kind geboren haben, entgegnete Eliſabeth Zoritſch grinſend und geheimnißvoll. Aber ihre Entbindung kann und wird nicht glücklich ſein, und die Kranke wird in Folge derſelben bald darauf ihren Tod finden. Es kann aber auch geſchehen, daß die Prinzeſſin ſchon vorher, in dem qualvollen Zuſtande, in dem ſie ſich jetzt befindet, und in den Schmerzen, die ihre Ein⸗ geweide zerreißen, vergeht und ſtirbt. Denn das Ausſehen der Prinzeſſin wird mir in dieſem Augen⸗ blick höchſt bedenklich; es muß eine große Gemüths⸗ bewegung hinzugetreten ſein, durch welche eine ge⸗ valiſn haftg, ſur no Di Undl Zyrit laſſen hliter jfli in ſi tonn e61 ſein Pri ihre aus Luf gun lut hör gehe bern urück und wit fürſtin, ihr don in geheimnißt 199 waltſame Erſchütterung hervorgerufen worden. Wahr⸗ haftig, ich gebe der armen Groffürſtlichen Gnaden nur noch wenige Augenblicke zu leben!— Die Czarin winkte ihr mit der Hand zu ſchweigen und legte einen Finger auf den Mund. Eliſabeth Zoritſch ſchickte ſich eilig an, das Zimmer zu ver laſſen, indem ſie, mit einem lauernden, Verderben blitzenden Blick auf die Kranke, der Czarin noch leiſe zuflüſterte: Sie ſchläft! Dieſer Schlaf trägt die Kriſis in ſich! Verläuft derſelbe ruhig und ungeſtört, ſo kann der Tod noch einige Zeit fern bleiben, obwohl es mich bedünken will, als habe er ſich ſchon mit ſeinen ſchwarzen Fittigen dort über dem Lager der Prinzeſſin niedergelaſſen und brüte unmittelbar an ihrem Herzen! Mit dieſen Worten war ſie raſch zur Thür hin⸗ ausgeſchlüpft und ließ die Czarin, die in die größte Aufregung gerieth, in einer unbeſchreiblichen Bewe⸗ gung zurück. Einen Augenblick lang war jetzt Alles ſtill und lautlos in dem öden, düſtern Saal geworden. Man hörte den ſchweren, röchelnden Athem der Prinzeſſin gehen. Bald machte ſich auch ein anderes Geräuſch dernehmlich. Es waren die lauten Thränen, welche — 200 der Großfürſt an dem Lager ſeiner Gemahlin, über das er ſich troſtlos und verzweifelnd gebeugt hatte, ſtärker und ſtärker weinte. Die Czarin vermochte dieſen immer heftigeren Aus⸗ druck des Schmerzes nicht länger mit anzuhören. Es ergriff ſie wie eine fürchterliche Mahnung, und vom Schrecken getrieben, der ihre ganze Geſtalt ſchwanken machte, ſchien ſie die Flucht zu nehmen und war mit einigen Schritten blitzſchnell, wie von den Furien ge⸗ jagt, durch das Zimmer gelaufen, um den Ausgang aus demſelben zu gewinnen. Um das Bett Natalien's war wieder eine tiefe Stille eingetreten. Die Athemzüge der Schlummern⸗ den begannen leiſer und ruhiger zu gehen. Es war, als wenn die bisherige Gegenwart der Czarin und der zu ihrem grauſamen Werkzeug beſtimmten Frau ihre Bruſt auch im Schlummer ſo ſchwer und mit ſo entſetzlicher Angſt belaſtet hatte, und als ob, nach der Entfernung dieſer Perſonen, ſie ſich wieder von einer inneren Beruhigung, in der alle ihre Pulſe friedlicher gingen, durchzogen fühlte. Der Großfürſt kniete an ihrem Bett und lauſchte in leidenſchaftlicher Spannung dem ſanften, aber zu⸗ weilen ſtockenden Athem ihres Mundes. Die oft juter hloſſen dieſe nd die waufh De Gwffi ies ſnn, werder Rum Mi Scho bare 6 wund ſein und Eutzi ſen ihren ſchwe ſtelen Ful Gemahlin, übe d gebeugt hat heftigeren Au anzuhören. e hnung, und bn eſtalt ſchwm en und war m den Furien 9 m den Ausgol ieder eine i Schlummel er Schlul n 6e m 1 g der Czerin UM heſtimmten Fn ſchwer und n nd als ob, ſich wiedet bo alle ihre Pl ſht zet und lul 201 hinter äußerer Rauhheit und Wildheit künſtlich ver⸗ ſchloſſene Herzensweichheit des Großfürſten hatte ſich in dieſem Augenblick ſeiner ganz und gar bemächtigt, und die ſüßeſten und bitterſten Empfindungen quollen Unaufhaltſam in ihm über. Der Gedanke ſchien ihm unerträglich, daß ihm die Großfürſtin gerade jetzt, wo er den Werth ihres Be⸗ ſitzes auf das Höchſte zu fühlen und anzuſchlagen be⸗ naun, vom Schickſal ſtreitig gemacht und entzogen werden ſolle. Er ſchalt ſich ſelbſt mit den bitterſten Ramen, daß er ſo lange durch ein unverzeihliches Mißkennen irre geleitet worden ſei, dieſen ſeltenen Schatz nicht zu achten und ſich über ſeine hohe koſt⸗ vare Bedeutung unendlich zu täuſchen. Er betrachtete die vor ihm Daliegende, die in ihrer Hunderbaren Schönheit jetzt für immer gebrochen zu pin ſchien, mit überſtrömenden Augen des Schmerzes, nd in dieſem Schmerz flog zugleich ein heimliches Entzücken durch ſeine Bruſt. Der Ausdruck des tief⸗ ſen Leidens, der in ihrem bleichen Geſicht und in wren halb aufgelöſt danieder hängenden Gliedern ſchwebte, war nicht im Stande geweſen, jene harmoniſche, ſrelenvolle Schönheit der Prinzeſſin zu zerſtören, die Faul ſchon bei der erſten Begegnung mit ihr empfun⸗ 202 den hatte, und die ihm jetzt leuchtender entgegentrat als jemals. Der anmuthige Kopf, der wie gebrochen auf die Bruſt herunterhing, ſchien ihn zu ſich zu locken, und er empfand die größte Sehnſucht, ihn mit den Fingern berühren, ihr lockiges Haar ſanft ſtreicheln zu dürfen. Die glänzenden ſchneeweißen Schultern, die ſich aus dem Nachtgewande hervorgehoben hatten, rührten ihn durch ihre friſche Schönheit, die mit der düſtern, gelb⸗ lichen Farbe, welche ſich bereits unter den Augen und in den Wangen eingeätzt hatte, in einen ſeltſamen Contraſt traten. Er hätte ſie in ſeine Arme ziehen, ihr Alles abbitten mögen, worin er ſie verkannt, worin er ihr durch geheime und laute Beſchuldigungen, die er ihr gemacht oder die er von Andern, wer es auch ſein mochte, über ſie angehört, Unrecht gethan, oder auch nur einen einzigen trüben Moment ihres koſt⸗ baren Lebens hatte entſtehen laſſen. Von dieſen Gedanken überwältigt und fortgezogen, umſchlang er in dieſem Augenblick den Hals Nataliens mit einem brennenden, ſchmerzlichen Ungeſtüm, aber er hatte ſie zu ſtark berührt, und Natalie ſchlug, mit einem tiefathmenden, langtönenden Seufzer die Augen auf. Die Ruhe des Schlummers war ent⸗ ſehen, dem M und m 203 der entgegent flohen, und das Uebel der Krankheit begann ſich in vem Moment des Erwachens von neuem aufzurichten, gebrochen auft und mit der Stärke eines Feindes, der in die eroberte ch zu locken, 1 Stadt eingedrungen, jetzt alle Zinnen zu beſetzen und n nit dn Fin alle Ausgänge ſtreitig zu machen. reichen zu din Als Natalie den Grofßfürſten wieder vor ſich er⸗ ern, die ſich blickte, rief ſie ihm ein wunderbares Ach! entgegen, das uten, rihteni freundlich ſein ſollte, aber in einer ſchmerzhaften der diſern ſ Zuckung ſogleich wieder auf ihren Lippen erſtarb, und Augen! ſeinen guten Sinn nicht mehr deutlich auszudrücken inen ſeltſn wermochte. me ji Euch iſt beſſer geworden, nicht wahr? fragte ſie ine Arlue 5 eme verlannt, ol der Großfürſt mit einer bebenden Stimme in athem⸗ 6 loſer Erwartung. ſchuldigung Natalie ſchüttelte traurig mit dem Kopf. doru. wer e 3 dern, 8 Mir wird auch nicht mehr beſſer werden, flüſterte cht gethan,. recht ge⸗ ſie kaum hörbar. Der Schlummer war ſchön, Ihr oment hieltet mich in Euren Armen, Prinz, und ich träumte, daß Ihr mir vergeben hättet, und daß ich ohne Un⸗ ruhe und Beſchwerniß in meinem Herzen von Euch ſchied. Aber das Erwachen hat Alles wieder ſchlimmer vemacht, durch meine Eingeweide fährt ein Schwert von Flammen, und ſelbſt Euer Geſicht erſcheint mir en Sruße enders, es lächelt mir nicht mehr ſo ermuthigend wo d fortgeiol t und ſoris Hals Natul Ungeſtine atolie ſchllh mmers ————— 204 und barmherzig, wie in dieſem ſchönen Scheidens⸗ traum! Du wirſt nicht von mir ſcheiden, Natalie! flüſterte Paul ganz leiſe mit einer kummervollen Gebärde. Ich ſcheide, aber ich möchte wohl in allen Deinen guten Gedanken mit Dir fortleben, erwiederte Natalie, ihm wunderbare, leuchtende Blicke zuwerfend. Wozu ſollte ich noch gute Gedanken haben, wenn Du nicht mehr bei mir biſt, Natalie, erwiederte Paul. Dann giebt es keinen guten Gedanken mehr, dann hat Alles für mich aufgehört. Er verhüllte mit einer verzweifelnden Bewegung ſein Haupt und ſchien troſtlos einige Minuten lang in ſich ſelbſt zu verſinken. Als er wieder zu ſich ſelbſt erwachte, umgab ihn eine tiefe, lautloſe Stille. Die Todesſeufzer der Prin⸗ zeſſin waren plötzlich verſtummt. Die letzten Angſt⸗ laute ihrer Lippen ſchienen noch um ihr trübes, ein⸗ ſames Lager zu irren. Paul war ſchreckensvoll und entſetzt aufgeſprungen, jetzt ſah er, daß in den ſtarr vor ihm liegenden Glie⸗ dern der Prinzeſſin kein Leben mehr wohnte. Ihre weißen Glieder lagen ſeelenlos, aber in einer ſüßen harmoniſchen Ordnung und Ruhe vor ihm, nur ihre un Scheidens⸗ el flüſtene tali Gebärde. allen Deinen derte Natnlie, fend. haben, wenn viederte Poll⸗ hr, dann hat en Bewegung Ninuten lan umhe ihn zer der Prin letten Angſt trübes, ein⸗ fgeſprunge Glie genden zeu ohnte⸗ einet ſüßen nur ihr m 205 Geſichtszüge waren verzerrt von dem heftigen Krampf, welcher den Lebensfaden Natalien's entwei geriſſen hatte. Mit einer gewaltigen Klage hatte ſich Paul über den entſeelten Körper ſeiner Gemahlin geſtürzt, aber ſeine Rufe nach ihr vermochten ſie nicht mehr zu ihm zurückzubringen. Er betrachtete ſie lange und unver⸗ wandt, der ernſte, ſtrenge Ausdruck ihres Geſichts ſchien ihn nicht loszulaſſen und bannte ihn faſt mit einer geheimnißvollen Inbrunſt, aber jetzt trat um ihren frommen ſeelenvollen Mund, den ſonſt ſo oft harte Züge des Spottes oder das ſchmerzlichſte Ge⸗ fühl des Unglücks gezeichnet, eine friedliche Milde ein, die auf ein verſöhntes Gefühl deutete, in dem die Prinzeſſin ihre letzten Augenblicke ausgeathmet hatte. Dieſe Verſöhnung ſchien zuletzt ihr ganzes Herz beſchäftigt und' bewegt zu haben, und ſie hatte darum den einſamen Todeskampf um ſo glorreicher beſtanden, und jeden Laut ihrer entſetzlichen Qualen mit einer heldenhaften Ueberwindung zurückgedrängt, um den Großfürſten, deſſen verzweifelter Schmerz ſie rührte, und der ganz verſunken in ein tiefes Leid über ihrem Lager hing, zu ſchonen und für ſich allein zu Ende zu kommen, ohne ihn aufzuſchrecken. 206 In Paul's Augen zitterte eine große Thräne, als er ſich jetzt ſtill und langſam erhob und das Lager Natalien's verließ. Ihm war eingefallen, daß er nach den Aerzten ſenden und daß er die Czarin benach⸗ richtigen müſſe. Ueberzeugt, daß ein unwiederbring⸗ licher Verluſt ihn betroffen, der ihm durch Nichts in der Welt mehr erſetzt werden könne, ſchlich er ſich, wankend, mit einem heftigen, ſchmerzlichen Zucken in allen ſeinen Geſichtsmuskeln, von dannen. Noch einmal kehrte er ſich an der Thür nach ihr um und warf ihr einen unendlich wehmüthigen Scheide⸗ blick zu. In dieſem Angenblick bemerkte er nicht, daß in der Thür eine dunkele, haſtig eilende Geſtalt an ihm vorübergeſtürzt war, um ſich der Großfürſtin zu nähern. Es war Graf Razumovsky, den ſeine wachſende Beſorgniß um das Leben der Großfürſtin und un⸗ heimliche Ahnungen, die ihn in der letzten Zeit be⸗ ſchlichen, hierher getrieben hatten, um ſich endlich ſelbſt von dem räthſelhaften Zuſtand zu überzeugen, in dem ſich die Prinzeſſin, nach den bereits aufſteigenden dunkeln Gerüchten, befinden ſollte. Razumovsky ſank beſinnungslos und mit einem — e Thräne, alb und das Lager n, daß er nach arin benach⸗ unwiederbring urch Jichts in ſchlich er ſich, hen Zucken in en. Thür nach iht en Scheide nicht, daß ² de Geſtlt un Gruffürfin ſ ine wachſende rſtin und un⸗ ten Zet be endlich ſel eugen, in de nfſtigend mit tinen 207 lauten Aufſchrei an dem Lager nieder, auf dem er die einſam daliegende Todte erblickte. Der Grofßfürſt, der ſich in demſelben Augenblicke zur Thür hinausbegeben, hatte von dieſem Vorgang nichts wahrgenommen. Bald erfüllten ſich aber draußen alle Gänge und Zimmer des Czaren-Palaſtes mit wirrem Durchein⸗ anderruf. Die Nachricht von dem plötzlichen und ſchreckensvollen Tode der Großfürſtin verbreitete ſich mit einer beflügelten Geſchwindigkeit und drang blitz⸗ ſchnell durch den Palaſt in die Stadt, unter fabel haften und entſtellenden Zuſätzen, welche Unruhen und Befürchtungen aller Art in Petersburg verbreiteten. Der Großfürſt hatte ſich in das Cabinet der Cza⸗ rin begeben, ſeine Meldung war aber nicht angenom⸗ men worden, da ſich Katharina mit dem Fürſten Po— temkin ſo eben in einer wichtigen Staatsberathung, wie dem Grofßfürſten zurückgeſagt wurde, eingeſchloſſen hatte. Es war der 26. April des Jahres 1776, an dem ſich dies zugetragen hatte.*) *) Castera Vie de Catharina II. T. II. 161. La Duchesse d'Abrantes: Catharina II. 150. — XI. Die Czarin hatte den Großfürſten erſt am andern Tage nach Zarskoe⸗Selo berufen, da ſie ihn geſtern, unmittelbar nach dem Tode der Groffürſtin, in ihrem Cabinet nicht hatte annehmen können. Denn ſie war, faſt in demſelben Augenblicke, wo die unglückliche Nachricht durch den Winterpalaſt ſich verbreitete, nach ihrem Luſtſchloß abgefahren, ihre Equipage hatte ſie ſchon ſeit einer Stunde unten an der Pforte des Palaſtes erwartet, und ihre wilden ſchwarzen Renner ſchlugen ungeduldig auf das Fflaſter, bis die Czarin zum Einſteigen erſchienen war. Paul hatte nicht nur ſeinen großen Schmerz, ſon⸗ dern auch ſeine tiefen Klagen, die, er wußte ſelbſt nicht recht wie, ihn innerlichſt in der Seele drängten d ſch h den erſt am ande ſie ihn geſten ürſtin, in ihren Denn ſie wa uglidlc die verbreitete, na mipage hatte der Pforte de — hwal en Ren 5 209 und beſtürmten, vor die Czarin bringen wollen. Sein raſcheſtes Pferd hatte ihn in fliegender wilder Eile nach Zarskoe⸗Selo getragen. Als er endlich vor der Czarin erſchien, konnte er vor der ungeheuren Aufregung, die ſich ſeiner bemeiſtert hatte, nicht ſpre⸗ chen und fühlte ſich von der klaren Ruhe und Maje⸗ ſtät, mit der ihn die Czarin empfing, faſt nieder⸗ gebeugt. Katharina ſaß auf einem Divan, umgeben von einer Menge von Papieren und Briefen, in denen ſie bis dahin, wie es ſchien, mit dem größten Eifer geleſen hatte. Beim Eintritt des Großfürſten, nach⸗ dem ſie ihn mit einem ernſten bedeutungsvollen Nei⸗ gen des Kopfes gegrüßt und ihn neben ſich auf einen Seſſel gewinkt hatte, war ſie zuerſt beſchäftigt, die vor ihr ausgebreiteten Blätter wieder in eine gewiſſe Ordnung zuſammen zu legen. Dann heftete ſie ein ſchwarzes Band, mit dem dieſe Papiere umwickelt ge⸗ weſen, wieder um dieſelben und ſchob dann das ganze Packet unmittelbar vor den Großfürſten hin. Paul betrachtete eine Zeitlang mit ſtummer Ver⸗ wunderung dieſe vor ihm liegenden Blätter. Nach⸗ dem er einen ſcharfen Blick auf dieſelben gerichtet, glaubte er die Handſchrift der Großfürſtin daran zu Th Mundt, Czar Paul. Erſte Abthl. U. 14 —————— — 210 erkennen. Es durchſchauerte ihn eine ſeltſame Ahnung, und er blickte in banger Erwartung zu der Czarin hinüber, deren zornig aufleuchtende Blicke ihm jetzt endlich eine Löſung dieſes dunkeln Räthſels zu ver⸗ heißen ſchienen. Mein Sohn, ſagte ſie, der Tod der Groffürſtin, Deiner Gemahlin, hat Dich ſchwer ergriffen, wie ich ſehe, denn Du haſt ein weiches Herz und zarte Em⸗ pfindungen beherrſchen oft Deine Seele. Aber höre mich, Paul, und laß Deinen Muth wieder aufſteigen. In der Großfürſtin Natalia Alexiewna haſt Du Deine Gemahlin, aber wir Beide haben zugleich in ihr un⸗ ſere größte und gefährlichſte Feindin und Rußland hat in der Großfürſtin ſeinen eigentlichen Verräther verloren. Man mag trauern, wenn man ſeine An⸗ gehörigen verliert, die uns menſchlich nahe ſtanden, und ich will es Dir nicht verdenken, Paul, wenn ſich Deine Augen mit Thränen gefüllt haben, und ſtür⸗ miſche, qualvolle Seufzer Deine Bruſt durchziehen. Beweine, mein Freund, die Gemahlin, aber laß Deine Augen wieder trocken werden, wenn ich Dir zeige, daß die, welche geſtorben iſt, zugleich Die war, welche uns ſo bitter haßte, die uns nach dem Lebeu trach⸗ tete, und die, indem ſie an Deiner Ehre den Raub 211 tſame Ahnng, ihrer ſchnöden und geſetzwidrigen Gelüſte beging, zu⸗ u der Gnin gleich den Thron Rußlands zur Mitgift für ihre lice ihm jett Schande erſtrebte. Dieſe Briefe, welche Du hier vor hſels zu ver⸗ Dir erblickſt, ſind das Vermächtniß Deiner Gemahlin für Dich, wie für mich. Ich ließ ſie ſchon vor eini— Och rGroßfürſtn, gen Tagen aus ihren Portefeuilles zu mir herbringen, tiffen, wie ich und es befinden ſich darunter auch die entſetzlichen nd zorte En⸗ Briefe, welche ſie dem Grafen Razumovsky an ſie zu e Vher hör richten verſtattete. Wenn es ſich im Intereſſe des er aufſteigen⸗ Staats um Verrath und Verbrechen handelt, ſind wir aſt Du Deine berechtigt zuzugreifen, und wir dürfen es nicht ſcheuen, ich in ihr in die Geheimniſſe der Schuldigen an uns zu reißen, wo und Rußlu wir ſie finden. Es ſcheint, daß die Großfürſtin, aus hen Lerräth wohlbegründeter Beſorgniß, ſich die doppelt und drei⸗ un ſein M fach hochverrätheriſchen Briefe wiedergeben ließ, welche nohe ſtandel⸗ ſie an ihren Buhlen Razumovsky richtete. Denn ihre aul, wen ſch ſämmtlich in vorhanden, zu⸗ n, un ſtlr gleich den Antworten, die ihr ſauberer Freund burchehen ihr n. ter lij den Der Großfürſt war aufgeſprungen, und in der unge⸗ Dr zig, Verwirrung, die ſich ſeiner bemächtigte, wieder⸗ velbe fuhr es ihm, daß er die Hand an ſein Schwert legte en n und einen Augenblick in drohender Stellung gegen die * nul Czarin vortrat. 14* 212 Mit einem wunderbaren Lächeln betrachtete Katharina dieſe Bewegung ihres Sohnes, ſie winkte ihm freund— lich mit der Hand, als wenn ſie ihn beſänftigen und ihre ſchönſten und friedlichſten Abſichten für ihn ver— ſichern wolle. Dann ſagte ſie, näher auf ihn zuſchreitend, und ihm ihre Hand reichend: Panl, der Moment iſt eher gekommen, daß wir uns verſöhnen, als daß wir uns entzweien ſollten. Nimm dieſe Briefe, entferne Dich mit ihnen auf einige Stunden von mir, lies ſie, wenn Du allein biſt, mit der größten Aufmerkſamkeit, mit allem, allem Bedacht. Dann wirſt Du ſehn, daß wir einen guten Fund gethan, und wirſt mir danken, daß ich und meine Agenten die Wahrheit, die ganze Wahr⸗ heit, unumſtößlich ans Licht gebracht haben! Dieſer deutſchen Prinzeſſin fehlte es an nichts als an der Zeit, um ihre hochverrätheriſchen Unternehmungen gegen mich auszuführen. Wäre die Gerechtigkeit nicht in der Geſtalt ihrer Krankheit über ſie gekommen, ſo würde ſie vielleicht den Sieg über uns davongetragen haben, und wir krümmten uns jetzt als Ueberwundene zu den Füßen der Schändlichen! Dir, mein Sohn, würde ſie vielleicht erlaubt haben, noch eine Zeitlang zum Deckmantel ihrer Verbrechen zu dienen, und ſie hitt wet iß di chtete Katharin ihm freund ſänftigen und für ihn ver chreitend, und Noment iſt che daß wir uns entferne Dich lies ſie, weln rlſamkeit, w ſehn, daf w ir danken, doß e ganze Woh ſs an dil 015 au hmungen gegu eit nicht i elomnen, d vongetroh neberwundel Sohh Sohl Zeitlu en, und ſ Se 213 hätte Dich mit ihr auf den Thron Rußlands gehoben, wenn Du gegen den Genoſſen ihres Verraths und ihre Lüſte Deine Blicke noch verſchloſſen hätteſt. O lies dieſe Briefe, ich bitte Dich jetzt darum! Die Czarin legte dem Großfürſten dabei das Paquet der Briefe in die Hand, und war dann raſch aus dem Zimmer geſchritten. Paul blickte entſetzt um ſich her, und ſtarrte die Papiere an, die er in ſeiner Hand hielt. Todesbleich und ſeiner Sinne kaum noch mächtig, ſank er in den Stuhl, der neben ihm ſtand. Der Inhalt der Lektüre, zu der er ſich mit krampfhafter Eile anſchickte, begann ihn zuerſt wieder zu ſich ſelbſt zu rufen, indem ſein ſchwankender, taumelnder Kopf ſich an dem Zorn und den Rachegedanken wieder auf⸗ richtete, die, nachdem er die Briefe ſämmtlich und mit einer wunderbaren Ruhe durchgeleſen, ihn beſtürmten. Er ſtand auf, ſteckte die Briefe zu ſich, und faßte zuerſt den Entſchluß, auf der Stelle nach Petersburg zurückzukehren. Aber er fühlte, daß ſeine Kräfte ihn verlaſſen hatten. Mühſam ſchleppte er ſich durch das Zimmer fort, und er trat in dieſelbe Gallerie hinaus, von der man in den Schloßgarten blickte, und auf welcher er erſt vor einiger Zeit mit Natalia Alexiewna geſtanden. —— — 214 Es war die Gallerie der Mörder ſeines Vaters, er blickte verwirrt und ſchmerzlich um ſich her, die Marmorbüſten der Mörder umgaben ihn. Unter der Büſte Gregor Orlows ſank er an der Erde nieder, und kauerte ſich an der Säule in einem grenzenloſen Schmerz zuſammen. Alſo betrogen durch ein Weib, das ich gern noch mehr geliebt hätte mit aller Kraft und Inbrunſt meiner Seele! ſeufzte er dumpf in ſich hinein. Höre denn auf für immer, Vertrauen zu den Menſchen! Ich Narr, daß ich Wölfe jagte, die mir nichts gethan! Die Menſchen hätte ich jagen und erlegen ſollen, um ein nützliches Werk zu ſtiften, und die Welt zu er⸗ leichtern, die beſchwert iſt mit dem nichtswürdigſten Geſindel! Es iſt Alles ſchlimm in der Welt, und wo noch etwas gut iſt, ſieht es nur in der Thorheit der Menſchen ſo aus. O welch ein Narr ich geweſen bin, aber man hat mich dafür gründlich beſtraft, man hat mich ſchändlich und lächerlich betrogen? O ich kenne jetzt einen Weg, ich werde ihn gehen, er iſt ſicherer und beſſer! In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, vor welcher er lag, und der Kopf der Czarin, welcher plötzlich in derſelben erſchien, blickte zu ihm herunter. in 6z ils ſog ſe ſeines Voters, ſich her, di nk er an der ule in einen ich gern noch Inbrunſt ſſrt hinein. Hör n Menſchen! nichts gehm n ſollen, uM Welt zu e tswürdigſtn Velt, der Thorhe ich geweſun ſtraft, 215 5 D er Großfürſt ſprang raſch empor und ſtellte ſich in einer ehrerbietigen höflichen Stellung vor der Czarin auf. Katharina ſah ihm forſchend und prüfend ins Geſicht, er ſchien ihr eine ſeltſame Faſſung und ſogar eine Feſtigkeit wieder gewonnen zu haben, die ſie ſonſt in ſeinem ganzen Weſen nicht gekannt. Nur die zurückgebliebene Bläſſe ſeines Geſichts erinnerte noch an Das, was ihn eben betroffen hatte. In ſeinen Augen funkelte eine Entſchiedenheit und Kraft, welche die Czarin betroffen und faſt niedergeſchlagen machten.—— Ende des zweiten Bandes. k von F. Hoſſſchläger in Berlin. Drud — our& Grey Gortrol Sfart c Sreen ello