— biblivthek ſ dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezählt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 Cution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe N binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und rägt: 2. — ägt: nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 6 Schadenersafz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4ℳ Leben um FTeben. Fünfter Band. Leben um Leben. v. Peben um Prben. Von der Verfaſſerin von „John Halifax“, 3 Das Familienhaupt“ u. ſ. w. Deutſch von A. Rretzſchmar. Fünfter Band. Wurzen, Berlags⸗Comptoir. 1861. Erſtes Rapitel. Ihre Geſchichte. Abermals ein heller, blendend heller Sommer⸗ morgen, an welchem ich an meinen theuern Max zu ſchreiben beginne. Es iſt mir, als wäre dies der längſte, lieblichſte Sommer, den ich je gekannt, nämlich außerhalb des Hauſes. Innerhalb deſſelben geht Alles ſo ziemlich ſeinen alten Gang, den Du kennſt. Meine Moorfelder werden jetzt ganz purpurn, Max. Noch nie kann ich mich eines ſo herrlichen und üppigen Standes des Haidekrauts entſinnen. Ich wollte, Du könnteſt es ſehen⸗ Zuweilen ſehne ich mich unausſprechlich nach Dir! Wenn Du mich aufgegeben hätteſt, oder dies jetzt thun wollteſt, ſei es nun aus Hoffnungsloſigkeit, Stolz oder irgend einem andern Grunde— was würde aus mir werden! Max, halte mich feſt! Laß mich nicht los! Du wirſt es auch nie thun. Ich ſehe, wie Du mich fortwährend in Deinem Herzen trägſt und wie Du unausgeſetzt überlegſt, auf welche Weiſe Du mir und den Meinigen helfen kannſt. Und wenn es nicht ſo natürlich geworden wäre, dies zu fühlen, ſo ſüß, von Dir abzuhängen und Alles von Dir anzunehmen, ohne auch nur zu ſagen: Ich danke Dir, ſo könnte ich anfangen, Dankbarkeit zu erkennen zu geben, aber dieſes Wort würde Dir nur ein Lächeln entlocken. Ich entſinne mich, wie ich Dich einſt dadurch ergötzte, daß ich alle Verbindlichkeiten zwiſchen uns entrüſtet in Abrede ſtellte, und meinte, Alles, was gegeben und empfangen würde, müſſe ſo frei ſein wie die Luft, und Du mich eben ſo gern nehmen als wenn ich eine Erbin mit zehntauſend Pfund jähr⸗ lichen Einkünften wäre, eben ſo wie ich Dich nehmen würde, wenn Du der Herzog von Northumberland wäreſt. Nein, Max, dieſe Dinge ſind es nicht, welche mir gegen Dich das Gefühl der„Dankbarkeit“ ein⸗ flößen— es iſt vielmehr Deine Güte, Deine Be⸗ ſorgtheit, Deine zärtliche Liebe und Fürſorge. Es iſt —— nicht meine Abſicht, Dein Geſchlecht zu beleidigen und zu ſagen, daß nie ein Mann geliebt habe wie Du, aber nur wenige Männer lieben auf dieſe beſon⸗ dere Weiſe, welche allein ein unruhiges, reizbares Mädchen wie ich bin befriedigen könnte, die nur in Dir vollkommenes Vertrauen und vollkommene Ruhe findet.„ 8 aber nicht geſtattet iſt, für mich ſelbſt dankbar zu ſein, ſo darf ich dies doch vielleicht im Namen meiner Schweſter Penelope. Nachdem ich Deine Anordnungen, ärztliche ſowohl als pſychiſche, ſo lange befolgt habe, beginne ich eine leichte Veränderung an Penelope wahrzu⸗ nehmen. Sie bleibt jetzt nicht mehr lange im Bett liegen unter dem Vorwande, daß der Tag dadurch abgekürzt werde, und es iſt auch nicht mehr ſo ſchwer, ſie zum Ausgehen zu bereden. Weiter als in den Garten will ſie nicht, doch veranlaſſe ich ſie, wenig⸗ ſtens hier alle Tage eine Weile hin und her zu ſchleichen. In der letzten Zeit hat ſie angefangen, von ihren Blumen Notiz zu nehmen, beſonders von einer weißen Moosroſe, auf welche ſie ſonſt ſehr ſtolz war und die noch nie geblüht hat als bis dieſen Sommer. Geſtern öffnete ſich die erſte Knospe — ſie blieb ſtehen und betrachtete ſie. —— „Es hat wohl Jemand dieſen Stock ganz beſon⸗ ders gepflegt— wer iſt es geweſen?“ Ich ſagte, ich und der Gärtner hätten es gemeinſchaftlich gethan. „Ich danke Dir,“ antwortete ſie und rief dann John, zeigte ihm, was für eine ſchöne Blume es ſei, und fragte ihn, wie man es anzufangen habe, daß die Pflanze auch nächſtes Jahr wieder blühe. Sie ſieht alſo einem„nächſten Jahr“ entgegen. Du ſagſt in Bezug auf den Körper, ſo lange noch Leben daſei, ſei auch noch Hoffnung— ebenſo kann man auch von der Seele ſagen, daß ſie lebe, ſo lange noch ein Strahl von Hoffnung zu ſehen iſt. Lebendige Seelen zu retten iſt Dein beſonderer Beruf. Es iſt, als wäreſt Du ſelbſt durch tiefe Fluthen der Verzweiflung gführt worden, um perſönlich zu be⸗ greifen, wie Denen zu Muthe iſt, welche in Gefahr ſind, zu ertrinken, und deßhalb am beſten wiſſen, wie ihnen zu helfen iſt. In der letzten Zeit beſonders haſt Du auf dieſe Weiſe mehr gethan als Du ſelbſt weißt. Soll ich Dir es ſagen? Du wirſt deßwegen nicht unwillig ſein. Mar— bis jetzt hat außer mir noch Riemand eine Zeile von Deinen Briefen geſehen. Ich könnte es nicht ertragen. Ich bin darauf ſo eiferſüchtig wie —— ein alter Geizhals. Es iſt mir ſogar unangenehm geweſen, ſie von einer zufälligen Hand betaſten zu ſehen, ehe ſie in die meinige kommen. Und dennoch habe ich dieſe Woche volle zwei Seiten aus einem derſelben meiner Schweſter Penelope vorgeleſen. Es ging damit folgendermaßen zu: Ich ſaß an ihrem Sopha und glaubte, ſie ſchliefe. Ich hatte mich dieſen Morgen ſehr niedergeſchlagen gefühlt, verſuchte Mehreres auf verſchiedene Weiſe und nahm endlich Deinen Brief zur Hand, um Troſt daraus zu ſchöpfen. Derſelbe ſprach von ſo vielem Elend, gegen welches das meinige Nichts iſt, und worunter Du fortwährend lebſt. Und doch biſt Du in Bezug auf das meinige ſtets ſo geduldig und zärtlich. Ich ſagte bei mir ſelbſt„Wie gut er iſt!“ Und zwei große Thränen fielen mit Geräuſch auf das Papier, ehe ich es ſelbſt noch wußte. Es war dies ſehr thörigt; weißt Du aber, ich konnte es nicht ändern. Und als ich mir die Augen trocknete, ſah ich, daß Penelope wach war und mich aufmerkſam betrachtete. „Hat Doctor Urquhart Dir Etwas geſchrieben, was Dich verletzt?“ ſagte ſie langſam und bitterlich. Ich ſtellte dies eifrig in Abrede. „Oder iſt er krank?“ „O nein, Gott ſei Dank!“ „Nun, warum weinteſt Du dann?“ Ja, warum? Aber was konnte ich anderes ſagen als die Wahrheit? Daß es nämlich nicht Thränen des Schmerzes geweſen, ſondern darüber, daß Du ſo gut biſt und daß ich ſo ſtolz auf Dich bin. Ich dachte nicht daran, was für Pfeile dieſe Worte für das Herz meiner Schweſter ſein mußten. Kein Wunder daher, daß ſie ſprach wie ſie that— wild, zornig und doch mit einer gewiſſen Feier⸗ lichkeit. „Dora Johnſton, Du wirſt ernten, was Du ſäeſt, und ich werde Dich nicht bemitleiden. Richte Dir nur ein Götzenbild auf, Gott wird es ſchon zerſchmettern. Du ſollſt keine Götter haben neben mir! Bedenke, wer dies ſagt, und zittere!“ Ich würde gezittert haben, Max, wenn ich dies nicht bedacht hätte. Ich ſagte zu meiner Schweſter in ſo ſanftem Tone als mir möglich war, ich machte mir keine Götzen; ich kennte alle Deine Fehler und Du die meinigen, und wir liebten einander trotz der⸗ ſelben, aber wir beteten nicht einander an— ſon⸗ dern nur Gott. Wenn es ſein Wille wäre, daß wir ſcheiden ſollten, ſo glaubte ich, wir könnten ſcheiden und— Hier konnte ich vor Thränen nicht weiter ſprechen. 2— 13— Penelope betrachtete mich mit bekümmertem Blicke. „Ich entſinne mich, daß Du dieſe Lehre ſchon einmal predigteſt, Kind, aber—,“ ſie fuhr heftig auf—„kannſt Du mir nicht mit irgend Etwas die Zeit vertreiben? Lies mir ein Stück davon vor— von dieſem Unſinn. Von allen amüſanten Dingen in der Welt iſt ein Liebesbrief das amüſanteſte. Aber glaube nicht daran, Dora,“— ſie packte mich feſt bei der Hand—„s ſind Nichts als Lügen.“ Ich ſagte, ich hätte darüber kein Urtheil, denn ich hätte in meinem ganzen Leben keinen„Liebesbrief⸗ empfangen, und hoffte auch, daß ich nie einen em⸗ pfangen würde. „Keinen Liebesbrief? Worüber ſchreibt er Dir denn?“ Ich ſagte es ihr im Allgemeinen. Ich wollte ihr halb ſatyriſches, halb ungläubiges Lächeln nicht ſehen. Es dauerte nicht ſehr lange. Obſchon ſie ſich abwendete und die Augen ſchloß, ſo war ich doch überzeugt, daß ſie mir nicht blos zuhörte, ſondern auch darüber nachdachte. „Doctor Urquart kann kein bequemes oder angenehmes Leben haben,“ bemerkte ſie,„aber er verdient es auch nicht. Kein Mann verdient es.“ — 14— „Und auch kein Weib,“ ſetzte ich in ſo ſanftem Tone als nöglich hinzu. Penelope hieß mich ſchweigen und meinte, pre⸗ digen ſei meines Vaters Beruf, nicht der meinige, wenn nämlich Vernunftgründe Nichts nützten. Ich fragte, ob ſie dies glaube. „Ich glaube und denke gar nicht. Ich wünſche das Denken zu erſticken. Weißt Du nicht Etwas zu plaudern? Oder warte, lies mir einige von Doctor Urquhart's Briefen vor. Es ſind keine Liebesbriefe und deßhalb kannſt Du Nichts dagegen haben.“ Es kam mir ſauer an, Max, ſehr ſauer— bis ich erwog, daß es meiner armen Penelope vielleicht Nichts ſchaden, ſondern eher nützen würde, wenn ſie von Perſonen hörte, die noch unglücklicher wären als ſie ſelbſt und noch tiefer geſunken als Francis. Ich gewann es daher über mich, meinen Brief herauszunehmen und daraus vorzuleſen.(Mit Aus⸗ laſſungen hier und da natürlich.. Ich las über Deine tägliche Arbeit und über die Leute, mit denen Du dabei in Berührung kommſt. Alles Dies erinnert mich ſo ſehr an Dich und macht mich viel glücklicher und ſtolzer als irgend ein bloßer Liebesbrief, der an oder über mich geſchrieben wäre. Penelope intereſſirte ſich allmählig auch ſowohl für das Gefängniß als für die Krankenangelegen⸗ heiten. Dieſe Dinge berührten jene prahnſche, men⸗ ſchenfreundliche, energiſche Hälfte ihres Wenns, welche ſie bis auf die jüngſte Zeit zu Papa's rechter Hand in unſerm Kirchſprengel gemacht hat. Ich ſah ihre großen ſchwarzen Augen immer glänzender und heller werden, bis ein unglücklicher Name, auf den ich unverſehens ſtieß, Alles wieder veränderte. WMar, ich bin überzeugt, ſie hatte von Tom Turton ſchon gehört. Als ich mich entſchuldigend ſchwieg, befahl ſie mir, weiter zu leſen, und ich mußte daher die unglückliche Geſchichte beenden. Dann fragte ſie: „Iſt Turton todt?“ Ich ſagte Nein und las dann die Nachſchrift, in welcher Du ſagſt, Du hoffteſt eben ſo wie ſein armer ruinirter Vater, Tom Turton werde am Leben bleiben und künftig ein beſſerer Menſch werden. Penelope murmelte: „Das wird er nie! Es wäre beſſer, er ſtürbe.“ Ich ſagte, Doctor Urquhart ſei nicht dieſer Meinung. Sie ſchüttelte ungeduldig den Kopf und rief, ſie ſei müde und wünſche weiter Richts zu hören. Dann verſank ſie in jenes lange, mürriſche Schwei⸗ gen, welches zuweilen ſtundenlang dauert. Ich möchte wiſſen, ob ſie unter den vielen grau⸗ ſamen Dingen, welche ihr, während ſie ſo daliegt, einfallen müſſen, jemals wie ich daran denkt, was aus Francis geworden iſt. Zuweilen habe ich, wenn“ ich mich bemüht habe, zu ermitteln, wie am beſten mit ihr auszukommen ſei, verſucht, mich in ihre Lage zu verſetzen und zu überlegen, was ich wohl jetzt gegen Francis empfinden würde. Die ſchärfſte und vorherrſchendſte meiner Empfindungen wäre jedenfalls ein unauslöſchliches Gefühl ſeiner Ent⸗ würdigung in Verbindung mit der fortwährenden Furcht, daß er immer noch tiefer und tiefer bis auf die letzte Stufe des Verbrechens und der Schande ſinken werde. Mir ihn als einen ſchlechten Menſchen, als einen Sünder gegen den Himmel zu denken, müßte zehn Mal ärger ſein als irgend eine Sünde oder Grauſamkeit, die er an mir verübt. Mag daher ihre Liebe zu ihm erſtorben ſein oder nicht, ſo kann ich doch nicht umhin, zu glau⸗ ben, daß Augenblicke kommen müſſen, wo Pene⸗ lope für eine Nachricht von Francis Charteris ſonſt Etwas geben würde. Ich wünſchte, Du könnteſt ermitteln, ob er England verlaſſen hat, dann kann ich vielleicht Penelope auf eine oder die andere Weiſe zu verſtehen geben, daß er glücklich fort iſt— vielleicht um in einer neuen Welt ein neues und beſſeres Leben zu beginnen. Ein neues und beſſeres Dieſe Redensart — Penelope würde ſie für eitles Geſchwätz erklären, obſchon wir zwei feſt überzeugt ſind, daß es keins iſt— bringt mich auf Etwas, was ich Dir dieſe Woche zu erzählen habe. Aus gewiſſen Gründen freue ich mich, daß es erſt dieſe Woche geſchehen iſt, damit ich Zeit zum Ueberlegen habe. Du wirſt Dich erinnern, Max, daß, als Du jenen Wunſch über Lydia Cartwright gegen mich ausſprachſt, ich blos antwortete, ich würde mich bemühen, Deinen Wunſch zu erfüllen, wie ich auch in der That ſtets thun würde, denn ich fühle, daß meine Pflichten gegen Dich, auch in der Sache des „Gehorſams“ ſchon begonnen haben. Ich bin bereit, zu gehorchen, ſiehſt Du, aber ich möchte es nicht blos mit meinem Gewiſſen, ſondern auch mit meinem Herzen thun. Indem ich daher kaum wußte, was ich zu Dir ſagen ſollte, ſagte ich blos dies und nicht mehr. Mein Leben iſt ſo ſtill und von der äußern Welt ſo gänzlich abgeſchloſſen geweſen, daß es viele Gegenſtände giebt, an welche ich gar noch nicht ein⸗ mal gedacht habe, und dieſer war einer davon. Leben um Leben. v. 2 Nach der erſten großen Erſchütterung wegen Francis ließ ich die Sache beiſeite und hoffte, ſie vergeſſen zu können. Als Du ſie wieder anregteſt, erſchrak ich anfangs ein wenig, dann verſuchte ich, reiflich darüber nachzudenken, um zu einem richtigen Urtheil zu kommen und in den Stand geſetzt zu ſein, auf jede Weiſe zu handeln, wie es nicht blos mir, Theodora Johnſton, ſondern auch— ich ſchäme mich nicht, es zu ſagen— Theodora, Max Urquhart's Weibe, geziemte. Allmählig ward mir Alles klar. Mein lieber Max, ich zögere nicht, ich fürchte mich nicht. Ich habe blos auf die Gelegenheit gewartet, und dieſe kam endlich.. Vergangenen Sonntag hörte ich meine Schul⸗ klaſſe— es war früher Penelope's— Etwas unter einander flüſtern, wovon man mich Richts hören laſſen zu wollen ſchien. Ich fragte jedoch direet und erhielt die Antwort: „Die alte Cartwright und ihre Tochter Lydia ſind wieder da.“ Ich fühlte, daß meine Wangen glüheten wie Feuer— ſie thun dies auch jetzt wieder, während ich Dir es erzähle. Es muß jedoch ertragen— es muß erzählt werden. 6 Auch noch Etwas, was eins der größern Mädchen unter vielem Gekicher und ohne zu erröthen erwähnte— ſie hatten ein Kind mitgebracht. DO Max, welches Uebermaß von Scham und Mitleid bemächtigte ſich meiner! Dieſe Mädchen unſerer Gemeinde— Lydia gehörte auch dazu— wenn ſie beſſer unterrichtet worden wären, wenn ich verſucht hätte, ſie zu lehren, anſtatt dieſe langen Jahre hindurch zu ſtudiren oder zu träumen, nur an mich zu denken, und ohne mich im Geringſten um meine Mitmenſchen zu kümmern! O Max, wollte Gott, mein Leben wäre dem Deinen ähnlicher geweſen! Hinfort ſoll es dies ſein. Als ich durch das Dorf nach Hauſe ging, während die Sonne auf die kleinen Häuſer ſchien, von deren Bewohnern ich nicht mehr weiß als von den Wilden auf Neuſeeland — auf die Gruppe zerlumpter Mädchen, welche dicht vor unſerer Thür heranwachſen— Niemand weiß wie, und ohne daß Jemand darnach fragt— da that ich bei mir ſelbſt einen Schwur, ich, die ich ſo geſegnet worden— ich, die ich ſo glücklich bin— ja, Max, glücklich! ich will mit all' meiner Kraft arbeiten, ſo lange es noch Tag iſt. Du wirſt mir helfen. Und Du wirſt mich wegen deſſen, was ich fühle oder thue, nicht weniger lieben. Ich ſtand im Begriff noch denſelben Nachmittag direct zu der alten Cartwright zu gehen, als mir einfiel, daß Du mir zur Pflicht gemacht, Richts ohne Vorwiſſen und Zuſtimmung meines Vaters zu thun Ich benutzte die Gelegenheit, als er und ich allein beiſammen ſaßen— Penelope war zu Bett gegangen. Er ſagte, ſie ſähe jetzt beſſer aus. Er meinte, ſie könne vwielleicht bald wieder ihre Beſuche in dem Diſtrict machen. Wenigſtens könne ſie einen Gang durch das Dorf verſuchen. S wollte er ſie dazu auffordern „Thue das nicht, Papaß o, ich bitte Dich, thue das nicht!“ ſagte ich, und war natürlich genöthigt, ihm auch zu ſagen, wgrum er es nicht thun ſollte. Ich mußte die Sache ſehr deutlich machen, ehe er ſie verſtand— er iſt in Bezug auf manche Dinge jetzt ſehr vergeßlich. „Sie ſchmachteten im größten Elende, ſagſt Du? Die alte Cartwright, Lydia und das Kind? Was für ein Kind?“ „Nun, Francis' Kind.“ Jetzt verſtand er, und, o Max, wenn ich das Mädchen geweſen wäre, das ich noch vor einigen Monaten war, ſo hätte ich in die Erde ſinken mögen vor der Scham, die ich, wie er ſagte, fühlen ſollte, auf ſolche Dinge auch nur hinzudeuten Ich kehrte mich aber daran nicht und verthei⸗ — 21— digte mich auch nicht. Die Sache ging nicht mich an, ſondern Lydia. Ich fragte Papa, ob er ſich Lydia's nicht mehr erinnere⸗ Sie kam in unſer Haus, Max, als ſie erſt vier⸗ zehn Jahre alt war, obſchon ſie, da ſie hübſch war und gut gewachſen, weit älter ausſah. Sie war ein angenehmes, williges, liebreiches Weſen, nur hatte ſie„einen Kopf“, wie man zu ſagen pflogt, oder derſelbe ward ihr durch die Bewunderung ver⸗ dreht, die ihre Schönheit nicht blos unter ihrer eigenen Klaſſe, ſondern auch bei Allen erweckte, die unſer Haus befuchten. Ich entſinne mich, daß Francis einmal ſagte— o wie zornig ward Pene⸗ lope deßwegen!— Lydia beſitze ſo viel angeborene Eleganz, daß ein Mann, der ſich mit ihr befaßte, ihr einige Ausbildung geben ließe und ſie heiräthete, ſie in kurzer Zeit zur feinen Dame machen könne⸗ Wollte Gott, er hätte es gethan, trotz des Bruchs aller Schwüre, die er meiner Schweſter geleiſtet. Ich glaube, dieſe würde ihm ſelbſt verziehen haben, wenn er ſich nur rechtſchaffen in die arme i ver⸗ liebt und ſie geheirathet hätte⸗ Dieſe Dinge bemühete ich mich, upa wieder in die Erinnerung itzututen⸗ aber er gebot mir zornig Schweigen. „Ich kann nicht ſchweigen,“ ſagn ich, S wenn wir das Mädchen beſſer in Acht genommen hätten, ſo wäre das vielleicht niemals geſchehen. Wenn ich an ſie denke— wie freundlich und ange⸗ nehm ſie ſich im Hauſe umherbewegte, wie ſie des Morgens ſingend ihre Arbeit verrichtete— das arme unſchuldige junge Weſen— o Papa! Papa!“ „Dora,“ ſagte er, indem er mich ſcharf in's Auge faßte,„welche Veränderung iſt denn in der letzten Zeit mit Dir vorgegangen?“ Ich ſagte, ich wiſſe es nicht, es müßte denn die ſein, welche mit Leuten vorginge, die ſehr un⸗ glücklich geweſen ſind— der Wunſch, andern Leuten ſo viel Kummer zu erſparen als möglich. „Erkläre Dich deutlicher— ich verſtehe Dich nicht.“ Ich wollte dies thun, war aber noch nicht fertig, als er mich ſchon mit den Worten unterbrach: „Schweig'; es iſt gut, daß Du erſt gewartet haſt, um mich zu Rathe zu ziehen. Wenn Dein eigenes Zartgefühl Dich nichts Beſſeres lehrt, ſo muß ich es thun. Meiner Tochter— der Tochter des Geiſtlichen der Gemeinde— iſt es unter keiner Bedingung erlaubt, ſich mit dieſen verworfenen Per⸗ ſonen zu befaſſen.“ Das Herz ward mir ſchwer wie Blei. „Aber Du, Papa— dieſe Perſonen ſind hier, und Du als der erſte Geiſtliche mußt Etwas thun. Was wirſt Du thun?“ Er dachte ein wenig nach. „Ich werde ihnen die Kirche und das Sacra⸗ ment verbieten— ich werde ſie aus der Zahl der Almoſenempfänger ausſchließen und jedes geſetzliche Mittel aufbieten, um ſie aus dieſer Gegend zu ent⸗ fernen. Dies werde ich um meiner Familie und meiner Gemeinde willen thun, damit ſie ihre Laſter nicht hier weiter verbreiten.“ „Aber ſie ſind vielleicht noch nicht ganz ver⸗ dorben. Und das Kind— das unſchuldige unglück⸗ liche Kind!“ „Schweig', Dora! Es ſteht geſchrieben: Der Saame der Uebelthäter ſoll ausgerottet werden. Die Unſchuldigen müſſen mit den Schuldigen leiden — es iſt keine Hoffnung für den Einen wie für den Andern.“ „O, Papa,“ rief ich angſtvoll,„ſo ſprach Chriſtus nicht. Er ſagte„Geh' hin und ſündige hinfort nicht mehr.““ Hatte ich Unrecht? Wenn dies der Fall war, ſo mußte ich dafür büßen. Was nun folgte, war ſehr hart zu tragen. Max, wenn ich jemals Dein bin und gänzlich in Deiner Macht, ſo möchte ich wiſſen, ob Du mir ſo bittere, grauſame Worte anzu⸗ —— hören geben wirſt, Worte, welche Leute, die unter einem und demſelben Dache wohnen, oft anwenden, ohne ſich Etwas dabei zu denken, obſchon ſie ſcharf verwunden wie Schwerter. Das Fleiſch ſchließt ſich wieder— aber o, die Wunden bluten. Theurer Max, tadle mich wie Du willſt und wie ſehr Du willſt, aber laß es in Liebe geſchehen, nicht in Zorn oder Spott. Zuweilen laſſen Leute in gleichgültiger Weiſe am ſtillen Heerde und mit einem darauf fol⸗ genden Gutenacht⸗Kuß, wie Papa mir gab, Worte fallen, die eine jahrelange Narbe zurücklaſſen. Den nächſtfolgenden Tag ſtand ich eben im Begriff, an Dich zu ſchreiben und Dich zu bitten, einen andern Weg, auf welchem wir den Cartwrights helfen könnten, ausfindig zu machen, da wir beide nicht würden darauf beharren wollen, eine Pflicht auf Koſten einer andern zu thun, als Papa mich aufforderte, einen Spaziergang mit ihm zu machen. Iſt es nicht ſeltſam, zu ſehen, auf welche Weiſe gute Engel den Faden unſerer fallen gelaſſenen Hoff⸗ nungen und Bemühungen aufnehmen und an unſerer Statt— wir ſehen ſolbſt kicht wie— S— bis Alles vollendet iſt? Niemals war ich mehr überraſcht als da gapc indem er ſtehen blieb, um ſich auf meinen Arm zu ſtützen und ſich von dem warmen, angenehmen Winde, der über den Moor eriwettun anwehen zu laſſen, plötzlich ſagte: „Dora, was fiel Dir ein, ſo mit mir zu ſprechen, wie Du geſtern Abend thateſt? Und warum, wenn Du einen beſtimmten Plan im Kopfe hatteſt, gabſt Du ihn ſo ſchnell wieder auf?“ „Papa, Du verboteſt mir, ihn weiter zu ver⸗ folgen.“ „Alſo, ſelbſt wenn Du anderer Meinung biſt als Dein Vater, hältſt Du es für recht, ihm zu ge⸗ horchen?“ „Ja— ausgenömmen— „Rede aus, Kind.“ „Ausgenommen, wenn es ſich um eine Pflicht handelt, von der ich fühle, daß ſie nicht weniger heilig iſt als die, die ich meinem Vatet ſchuldig bin.“ Er gab keine Antwort. Als wir weiter gingen, kamen wir an dem Häuschen der alten Cartwright vorübet. Es war ruhig und ſtill, die Thür ſtand offen, der Fenſter⸗ laden aber war halb geſchloſſen und aus vem Schorn⸗ ſtein ſtieg kein Rauch auf. Ich ſah, wie Papa ſich We und hin⸗ ſchauete. Endlich ſagte er: „Was meinteſt Du, als Du ſagteſt, e Lebi befänden ſich in der trößten, ² Ich antwortete die ungeſchminkte gänzliche Wahrheit. Ich war kühn, denn es war Deine Wahrheit ſowohl als meine eigene, die ich jetzt aus⸗ ſprach, und ich wußte, daß ſie recht war. Ich ſprach hauptſächlich für das Kind— es war am leichteſten, an dieſes zu denken, das kleine Weſen, welches ich in dem Garten zu Kenſington hatte lachen und jubeln hören. Es ſchien etwas ſo Furchtbares zu ſein, daß dieſer hülfloſe Säugling aus Mangel ſterben oder zu einem Böſewichte heranwachſen ſollte. „Bedenke, Papa,“ rief ich,„wenn dieſes arme kleine Weſen unſer eigenes Fleiſch und Blut wäre, wenn Du Francis' Vater wäreſt und dieſer Knabe Dein Enkel!“ Zu meinem Leidweſen hatte ich für den Augen⸗ blick einen Theil der Geſchichte des armen Harry— den Anfang derſelben— vergeſſen, Du ſollſt ihn ſpäter einmal hören— nun iſt Alles vorüber. Papa aber dachte daran. Sein Schritt ward wan⸗ kend und endlich ſetzte er ſich am Rande der Straße auf einen Baumſtumpf nieder und ſagte: „Ich muß nach Hauſe gehen.“ Und dennoch ſchlug er, entweder zufällig oder abſichtlich, den Weg durch den Heckengang ein, wo das Häuschen der alten Cartwright ſteht. An dem Gartenpförtchen ſteckte ein kleiner zerlumpter Bube ſein rothbäckiges Geſicht durch die Latten und fing, als er Papa ſah, laut an vor Luſt zu ſchreien, kam herausgewatſchelt, faßte Papa am Rocke und nannte ihn„Dadda!“ Mein Vater ſchrak zuſammen— ich glaubte, er würde umſinken, ſo zitterte er, mein armer alter Vater. Als ich den Buben aus dem Wege hob, erſchrak ich auch. Es iſt ſtets etwas Seltſames, ein Geſicht, welches man kennt, in dem eines Kindes wieder verjüngt zu ſehen— in dieſem Falle war es ent⸗ ſetzlich und mitleiderregend. Mein erſter Gedanke war, daß wir Penelope unter keiner Bedingung hierher kommen laſſen dürften. Ich trug den Knaben fort— ich wußte wohl wohin, als Papa mich rief: „Halt! Nicht allein— nicht ohne Deinen Vater!“ Nur wenige Schritte, und wir ſtanden an der Thürſchwelle des kleinen Hauſes. Die alte Frau riß mir das Kind ſofort aus der Hand und ich hörte ſie flüſtern:„Lauf— Lyddy— mach' ſchnell, daß Du fortkommſt.“ Lydia aber, wenn das bleiche, hagere in einer Ecke zuſammengeduckte Geſchöpf es war, machte keinen Verſuch, ſich zu rühren. Papa ging auf ſie zu⸗ „Junges Frauenzimmer, ſeid Ihr Lydia Cart⸗ wright und iſt dies Euer Kind““ „Ihr habt wohl meinem Kinde Etwas gethan? Dann laßt es nur ſein! Komm' her, Franky— was hat ſie Dir denn gethan?“ Sie riß ihn an ſich und drückte ihn feſt an ihre Bruſt, wie Mütter thun, und als der Knabe, auf welchen Papa's lange Geſtalt und feine Kleider offenbar einen zugleich anziehenden und verblüffenden Eindruck machten, wieder zurückwollte und abermals „Dadda“ rief, ſagte ſeine Mutter in zornigem Tone: „Nein, nein, es iſt nicht Dein Papa. Das ſind keine Freunde von uns. Ich wollte, ſie wären aus dem Hauſe, Franky.“ „Ihr wünſchet uns fort? Das iſt kein Wunder. Schämt Ihr Euch nicht, uns in's Geſicht zu ſehen, — meiner Tochter und mir?“ Aber Papa hätte noch viel ſprechen können, ohne daß ſie darauf geachtet hätte. Nachdem der Knabe ſich auf ihren Schooß geſetzt und begonnen hatte, mit der zerlumpten Decke zu ſpielen, welche ſie anſtatt eines Tuchs um ſich geworfen, ſchien Lydia ſich um ſonſt Nichts zu kümmern. Sie lehnte ſich ſtill und bleich mit geſchloſſenen Augen zurück. — 29— Eine Gewißheit können wir haben— ſie hat es vorgezogen zu verhungern. „Seien Sie nicht zu ſtreng gegen ſie, Sir,“ bat die alte Frau.„Haben Sie Mitleid mit ihr, Miß Dora. Sie iſt keine feine Dame wie Sie, und er war ein feiner junger Herr, der ſich ſo gut einzu⸗ ſchmeicheln verſtand. Er trägt die meiſte Schuld.“ Mein Vater ſagte in ſtrengem Tone „Hat ſie ihn verlaſſen oder iſt ſie von ihm verlaſſen worden— ich meine von Mr. Franeis Charteris?“ „Mutter,“ kreiſchte Lydia,„was iſt das? was wollen dieſe Leute? Wiſſen ſie Etwas von ihm 2 Sie wußte alſo NRichts. „Sei ruhig, meine Tochter,“ ſagte die Mutter in beſänftigendem Tone, aber es nützte Nichts. „Miß Dora,“ rief das Mädchen, indem ſie an mich herangeſchlichen kam und in demſelben kindiſch kläglichen Tone ſprach, in welchem ſie mich und Liſabel zu bitten pflegte, für ſie ein gutes Wort ein⸗ zulegen, wenn ſie Penelope erzürnt hatte.„Sagen Sie es mir, Miß Dora! Ich will ihn nicht ſehen, ich will blos von ihm hören. Ich habe Richts wieder von ihm gehört, ſeitdem er mir aus dem Gefängniſſe einen Brief ſchickte, in welchem er mich aufforderte, meine Sachen und das Kind zu nehmen. — 86— und fortzugehen. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden iſt. Und, Miß, er iſt der Vater dieſes Knaben und—“ Sie verſuchte niederzuknieen, ſank aber ohn⸗ mächtig zu Boden. 3 Max, wer hätte den Tag zuvor gedacht, daß ich heute Lydia Cartwright's Kopf auf meinem Schvoße halten und bemüht ſein würde, ſie wieder zu ihrem elenden Leben zurückzurufen, daß Papa dabei ſtehen und mir zuſehen würde, ohne ein Wort des Tadels! „Es iſt der Hunger,“ rief die Mutter.„Sie iſt jetzt nicht daran gewöhnt, denn er hat ſie gehalten wie eine Dame.“ Papa drehete ſich herum und verließ das Haus. Später fand ich, daß er das Brot in dem Bäcker⸗ laden unten im Dorfe gekauft und die Flaſche Wein aus ſeinem Privatſchranke in der Sakriſtei geholt hatte. Er kam mit Beidem— eins in jeder Taſche — zurück, ſetzte ſich dann auf einen Stuhl, ſchnitt das Brot und ſchenkte den Wein ein und fütterte die armen drei Verſchmachteten ſelbſt mit eigner Hand. Mein theurer Vater! Auch trat er nicht zurück, als Lydia ſich erholte und das erſte Wort, welches ihre bebenden Lippen lallten,„Francis“ war. „Mutter, bitte ſie, mir von ihm zu erzählen. Es wird ihm keinen Schaden thun, weder ihm noch dieſen Leuten. Iſt er vermählt? Oder“— dieſe Worte keuchte ſie hervor—„iſt er todt? Ich habe zuweilen gedacht, er müſſe es ſein, ſonſt hätte er gewiß nicht das Kind und mich verlaſſen können. Er hatte uns immer gern, nicht wahr. Franky?“ /†=ch ſagte, ſo viel ich wiſſe, ſei Mr. Charteris noch am Leben; was aber aus ihm geworden ſei, das könnten wir nicht wiſſen. Wir ſähen ihn jetzt gar nicht mehr. Hier ſchien Lydia, indem ſie mich forſchend anſah, ſich plötzlich der alten Zeiten zu entſinnen und ſich bewußt zu werden, was ſie ſonſt geweſen und was ſie jetzt war. Ebenſo ſchien ſie, wenn auch unklar, zu fühlen, wie ſehr ſie ſich an ihrer Herrin und unſerer Familie vergangen. Sie ließ den Kopf ſinken und ſuchte ſich von meinen Armen loszumachen. „Ich will Sie nicht weiter bemühen, Miß Dora— ich danke Ihnen,“ ſagte ſie. Ich ſagte, es ſei durchaus keine Mühe und ſie ſolle nur liegen bleiben, bis ſie ſich noch ein wenig mehr erholt hätte. „Iſt das wirklich Ihr Ernſt?“ Ich ſagte ihr, ſie müſſe wiſſen, daß ſie ſehr unrecht gehandelt; wenn es ihr aber leid thäte, ſo würde man auch Mitleid mit ihr haben, und wir wollten ihr, wo möglich, zu einem rechtſchaffenen Leben und Erwerb behülflich ſein. „Wie? und dem Kinde auch?“ Ich ſah Papa an; er antwortete deutlich, aber ſtreng;: „Namentlich um des Kindes willen.“ Lydia begann zu ſchluchzen. Sie verſuchte keine Entſchuldigung— gab keine Reue mit Worten zu erkennen, ſondern lag da und ſchluchzte wie ein Kind. Auch iſt ſie faſt noch ein ſolches, denn ſie zählt, glaube ich, kaum neunzehn Jahre. So ſaßen wir— Papa eben ſo ſchweigſam als ich auf ſeinen Stock geſtützt und ſeine Augen auf den Fußboden heftend, bis Lydia ſich mit einem gewiſſen Ausdrucke des Erſchreckens zu mir wendete und ſagte: „Was würde wohl Miß Johnſton ſagen, wenn ſie es wüßte?“ Ich war in der That ſelbſt neugierig, zu wißn⸗ was meine Schwrſter ſagen würde, Und hier, Max— Du wirſt es ſchwerlich ben, und Niemand würde es glauben, wenn er es in einem Romane läſe— geſchah Etwas, was mir ſelbſt jetzt kaum möglich zu ſein ſcheint und mir vor⸗ kommt, als ob ich es nur geträumt haben könnte! 1 —— Durch die geöffnete Hausthür kam plötzlich eine Dame hereingeſchritten, ſah uns Alle an, mit Einſchluß des Knaben, welcher aufhörte, ſein Brot zu kauen, um ſie mit ſeinen großen blauen Augen — Franeis Augen— neugierig anzugaffen, und dieſe Dame war meine Schweſter Penelope. Sie ſchritt herein und ſchritt wieder hinaus, ehe wir uns hinreichend gefaßt, um ſie anzureden, und als ich auſſtand und ihr nacheilte, war ſie auf einem Nebenwege entſchlüpft, ſo daß ich ſie nicht finden konnte. Wie ſie auf dieſen Einfall gekommen war, nachdem ſie Wochen lang das Haus nicht verlaſſen — ob ſie entdeckt hatte, daß die Cartwrights wieder da waren, und nun aus Zorn, oder auch von einem raſtloſen Impulſe, Francis' Kind noch einmal zu ſehen, getrieben, hierher kam, das konnte keins von uns errathen; auch hatten wir nicht gewagt, dar⸗ nach zu fragen. Als wir nach Hauſe kamen, lag ſie nach ihrer gewöhnlichen Weiſe auf dem Sopha, als ob ſie wünſchte, daß wir thun ſollten, als wüßten wir gar nicht, daß ſie das Haus verlaſſen. Dennoch aber redete ich auf Papa's Wunſch ſie freimüthig an— erzählte ihr die Umſtände unſeres Beſuchs bei Mutter und Tochter— die Entblößung, Leben um Leben. v. 3 in welcher wir ſie gefunden, und daß ſie ſo bald als möglich aus dem Dorfe entfernt werden ſollten. Sie gab keine Antwort, ſondern lag gleichſam in Gedanken verſunken und rührte ſich kaum, mit Ausnahme eines dann und wann bemerkbaren Zuckens. So brachte ſie den ganzen Nachmittag und Abend zu, bis ich ſie zum Gebet rief, welches kürzer war als gewöhnlich, denn Papa war ſehr müde. Er las blos die Collecte und ſprach das Vaterunſer, wobei ich unter den Stimmen, die der ſeinigen folgten, mit Ueberraſchung die Penelope's erkannte, und an ihr einen ruhigen, ſanften Ausdruck wahr⸗ nahm, wie noch nie zuvor. Und als— nachdem die Diener ſich entfernt hatten— ſie auf Papa zuging und ihn küßte, war die Veränderung in ihrem Weſen eine höchſt auffällige. „Vater, wann wünſcheſt Du, daß ich wieder meine Rundgänge in dem Kirchſpiel mache?“ fragte ſie. „Mein gutes Mädchen!“ „Ich bin nämlich vollkommen dazu bereit. Ich bin krank geweſen und habe vielerlei vernachläſſigen müſſen, aber jetzt fühle ich mich wieder beſſer. Papa, ich will mich bemühen, Dir eine gute Tochter zu ſein. Ich habe Riemanden als Dich.“ Sie ſprach ruhig und leiſe, und neigte ihr Haupt auf ſein graues Haar herab. Er küßte und ſegnete ſie. Sie küßte auch mich, als ſie vorüber ging, und begab ſich dann zu Bett ohne weitere Erklärung. Von dieſer Zeit an aber— und es ſind nun drei Tage her— hat Penelope ihren gewöhnlichen Platz im Hauſe wieder eingenommen und ſich allen ihren Pflichten, ja ſogar ihren alten Freuden wieder zugewendet, denn ich ſah ſie dieſen Morgen in ihrem Treibhauſe. Als ſie mich faſt ganz in ihrem früheren raſchen, gebieteriſchen Tone rief, um eine Luftpflanze anzuſehen, welche eben anfing zu blühen, konnte ich dieſelbe vor Thränen nicht ſehen. Nichtsdeſtoweniger iſt mit ihr eine Veränderung vorgegangen. Dieſelbe liegt nicht ſowohl in ihrem ernſten, faſt ältlich ausſehenden Geſichte, oder in ihrem Benehmen, welches ſeine Schroffheit verloren hat und zuweilen ſo ſanft iſt, daß, wenn ſie ihre Befehle ertheilt, die Diener förmlich verwunderte Augen machen— ſondern in der wunderbaren Faſſung, welche ſich in ihrer ganzen Haltung aus⸗ ſpricht, dem Benehmen einer Perſon, die, nachdem ſie den bitteren Kampf beſtanden, welcher entweder tödtet oder heilt, hinfort in ihrem Gemüthe und in ihren Verhältniſſen geordnet iſt, keine gewaltige Ge⸗ müthsbewegung mehr empfindet, ſondern ſanft und geduldig und ohne weitere Veränderung durch das Leben hindurchgeht bis an's Ende. Sie wird⸗allem Anſcheine nach gleichſam unſere barmherzige Schweſter, unſere proteſtantiſche Laien⸗ ſchweſter ſein, die wir mit unausſprechlicher Ver⸗ ehrung betrachten und die wir ſo glücklich machen werden als wir möglicher Weiſe können. Mar, ich beginne, an die Zukunft meiner Schweſter Penelope mit Hoffnung und ohne Schmerz zu denken. Noch ein Wort, und dieſer lange Brief iſt zu Ende. Geſtern begegneten Papa und ich, als wir auf dem Moor ſpazieren gingen, der alten Cartwright und erfuhren nun in Bezug auf Lydia alles Nähere. In Folge unſerer Weiſung machte ihre Mutter ſie ausfindig und fand ſie an einem durch Mangel herbeigeführten Fieber darniederliegend. Natürlich hatten Francis' Gläubiger das Gartenhaus in Ken⸗ ſington vollſtändig ausplündern laſſen und ſie mußte mit weiter Nichts als was ſie auf dem Leibe trug, das Weite ſuchen. Doch, das weißt Du ſchon durch Miſtreß Ansdell. Die alte Cartwright ſagte, ſie ſei überzeugt, daß Du Miſtreß Ansdell zu ihnen geſchickt und daß das Geld, welches ſie in ihrer größten Bedrängniß von Woche zu Woche erhalten, von Dir gekommen — ½— ſei. So ſagte ſie zu Papa, während wir daſtanden und mit ihr ſprachen:. „Denn das ſieht unſerm Doctor ganz ähnlich, Sir. Er iſt freundlich und gutmüthig gegen Arme und Reiche— auch an Ihrem Bett, Sir, habe ich ihn oft ſitzen ſehen, als Sie krank waren. Wenn es je einen Menſchen gegeben, der Allen, die ihm auf ſeinen Wegen begegnet find, Gutes erzeigt hat, ſo iſt es Doctor Urquhart.“ Papa ſagte Nichts. Als die alte Frau fort war, fragte er, ob ich in Bezug auf Lydia Cartwright beſtimmte Pläne hätte. Ich hatte einen, über den wir uns berathen müſſen, wenn es beſſer mit ihr geht, nämlich ob ſie bei ihrer guten Schulbildung nicht zu einer der Lehrerinnen ernannt werden kann, die, wie Du ſagſt, von Zelle zu Zelle gehen und die weiblichen Gefangenen in dieſen Muſtergefängniſſen unterrichten. Ich zögerte aber, Papa von dieſem Projecte ſchon jetzt in Kenntniß zu ſetzen, und ſagte daher blos, ich wolle mir die Sache überlegen. „Du biſt eine förmliche Denkerin geworden, Dora,“ ſagte er.„Wer hat Dich nur ſo handeln gelehrt— Dich, die Du ſonſt ein ſo gedankenloſes Kind warſt! Sprich, ich will es wiſſen.“ Ich ſagte es ihm und nannte den Namen meines theuern Max— das erſte Mal, daß er ſeit jenem Tage in Gegenwart meines Vaters über meine Lippen kam. Er ward ſchweigend hingenommen. Nicht lange darauf blieb Papa plötzlich ſtehen und ſagte zu mir: „Ich weiß, Dora, daß Du ſpäter noch einmal Doctor Urquhart heirathen wirſt.“ Was ſollte ich ſagen? Sollte ich leugnen? Sollte ich Max, meinen Geliebten, meinen Gatten, verleugnen? Oder meinem Vater Etwas ſagen, was nicht in Wahrheit beruhete? Eins war ſo unmöglich wie das Andere. Somit gingen wir weiter und ſchwiegen, bis wir unſern Kirchhof erreichten, in welchen wir hineingingen, um uns in der Vorhalle niederzuſetzen und gegen die Mittagshitze zu ſchützen, welche Papa jetzt mehr fühlt als er ſonſt zu thun pflegte. Als er meinen Arm ergriff, um nach Hauſe zu gehen, war ſein Unmuth verſchwunden und er ſprach ſogar mit einem gewiſſen Grade von Schwermuth. „Ich weiß nicht, wie es kommt, liebe Tochter,“ ſagte er,„aber die Welt iſt jetzt ganz anders. Die Leute predigen ſeltſame Lehren und handeln auf ſeltſame Weiſe, ſo wie man es, als ich jung war, nicht für möglich hielt. Es kann zum Guten ſein, aber auch zum Böſen— dies werde ich mit der Zeit erfahren. Letzte Nacht träumte ich von Deiner WMutter— Du wirſt ihr ſehr ähnlich, Kind.“ Dann ſetzte er plötzlich hinzu: „Warte wenigſtens, bis ich todt bin; dann biſt Du frei, Theodora.“ Es war mir, als müßte mir das brechen. D Mar, nicht wahr, Du erlaubſt mir, Dir dies Alles zu erzählen? Was ſollte ich beginnen, wenn ich Dir nicht auf dieſe Weiſe mein Herz öffnen könnte? Und doch denke ich an dieſen Auftritt zwiſchen Papa und mir nicht blos mit Schmerz, ſondern auch mit Hoffnung zurück. Er kennt Dich— er weiß auch, daß weder Du noch ich ihn jemals in irgend Etwas getäuſcht haben. Er war Dir einſt zugethan. Ich glaube, zuweilen vermißt er Dich auch jetzt noch, namentlich in kleinen Dingen, worin Du ihm Aufmerkſamkeit zu erweiſen pflegteſt, weniger wie ein Freund als wie ꝛin Sohn. Max, glaube nicht, daß ich mich härme— glaube nicht, daß ich Urſache habe, mich zu härmen. Alle ſind gegen mich ſo gütig, wie ſie nur je ſein können. Mein Daheim iſt ſo glücklich, wie nur je eins ſein könnte, mit Ausnahme Eines— ob wir dieſes jemals finden oder nicht, das weiß nur Gott. An ruhigen Abenden wie dieſer, wo nach einem regnerigen Tage es ſich gerade noch Zeit genug auf⸗ geklärt hat, damit die Sonne in ihrer Pracht unter⸗ gehen kann, während die Bäume ſo ruhig und purpurn daſtehen und der Moor ſo hell ſich hinſtreckt und die Berge bis zu ihrem allerletzten kaum ſicht⸗ baren Kamme ſich deutlich gegen den Himmel ab⸗ zeichnen— an ſolchen Abenden, Max, wenn ich Dich ſuche und nicht finden kann, wenn ich ſtill für mich allein ſitzen lernen muß wie jetzt, da lerne ich auch an das Wiederſehen denken, welches keinen Abſchied kennt, an die Ruhe, welche mit der Zeit Allen zu Theil wird— an das ewige Daheim. Wir werden es erreichen— früher oder ſpäter. Deine treue Theodora. Zweites Rapitel. Seine Geſchichte. Treherne Court, Sonntag Nacht. Meine theure Theodora! Die Antwort auf mein Telegramm iſt eben ein⸗ getroffen und ich finde, daß es Deine Schweſter iſt, die wir erwarten müſſen, nicht Dich. Ich werde ihr ſelbſt mit dem Nachtzuge begegnen, denn Treherne iſt zu Richts fähig. Er oerläßt faſt nicht den Cor⸗ ridor der zu dem Zimmer ſeiner Gattin führt. Du wirſt bereits erſehen haben, daß der ſo heiß⸗ erſehnte Erbe nur wenige Stunden gelebt hat. Lady Auguſta's Briefe, die ſie mir zu adreſſiren gab und welche ich auch ſelbſt auf die Poſt beſorgte, werden Dich bereits von der Rettung Deiner Schweſter un⸗ terrichtet haben, obſchon dieſelbe lange zweifelhaft — 42— war. Es wird Dir tröſtlich ſein, zu wiſſen, daß ſie ſich in ganz vortrefflicher Behandlung befindet; ihre beiden Aerzte ſind mir als ſolche rühmlichſt bekannt, und Lady Auguſta iſt, was Zärtlichkeit und Fürſorge betrifft, eine wirkliche Mutter gegen ſie. Du wirſt neugierig ſein, zu wiſſen, wie ich hierhergekommen bin. Es geſchah zufällig— ich machte mir einen Sonnabend⸗-Feiertag, was dann und wann räthlich iſt, und Treherne's Mutter hielt mich zurück, weil ich der Einzige bin, der irgend Macht über ihren Sohn beſitzt. Der arme Schelm! Er war beinahe von Sin⸗ nen. Er hat noch nie zuvor Leiden oder Kummer gehabt und weiß daher nicht, wie derſelbe zu tragen iſt. Er zitterte vor Angſt, als er ſich auf einmal dem Boten Gottes gegenüber ſah, welcher allen blos ſterblichen Freuden ein Ende macht. Er war wie gelähmt bei dem Gedanken, daß er ſeine Glücksgüter verlieren könne, die, ſo zahlreich ſie auch ſein mögen, doch alle von dieſer Welt ſind. Meine Geliebte, die ich heute Abend zu ſehen glaubte, aber nun nicht ſchen werde— wer weiß wie lange— die Dinge ſind auf dieſer Welt weit gleichmäßiger abgewogen als wir glauben. Der Kleine wird Dir Leid thun. Treherne ſcheint in dieſer Beziehung gleichgültig zu ſein, denn — ſein ganzes Denken dreht ſich natürlich um ſein Weib, Sir William aber ſieht ſich ſchmerzlich getäuſcht, be⸗ ſonders da es ein Knabe war— er hatte ſchon Freu⸗ denfeuer, Glockengeläute und Feſtlichkeiten aller Art innerhalb der ganzen Herrſchaft angeordnet. Als er daſtand und den kleinen weißen Erdenkloß betrachtete, der jetzt der einzige Bewohner der großartigen für den Erben von Treherne eingerichteten Kinderſtube iſt, hörte ich den alten Mann ſeufzen wie über ein großes Unglück. Du wirſt es für keins halten, da nur Deine Schweſter lebt. Sei ganz unbeſorgt wegen ihr— was für mich leicht zu ſagen iſt, denn ich weiß, wie langwierig und unruhig die Tage in Rockmount ver⸗ gehen werden. Es wäre vielleicht in mancher Be⸗ ziehung beſſer geweſen, wenn Du anſtatt Penelope's hierher gekommen wäreſt, um Deine Schweſter wäh⸗ rend ihrer Geneſung zu pflegen; indeſſen es iſt ſo auch gut. Morgen werde ich dieſes große Haus mit ſeinen vielen Glücksgütern, die dem Untergange ſo nahe waren, verlaſſen und wieder in meine Einſamkeit zurückkehren, in welcher mich Nichts von perſönlichem Intereſſe heimſucht als Theodora's Brief. Es waren zwei Dinge, die ich Dir in meinem Sonntagsbriefe zu ſagen beabſichtigte. Soll ich ſie 44 noch ſagen? Denn je mehr Du zu denken haſt, deſto beſſer iſt es, und eins dieſer Dinge war der Grund, aus welchem ich rieth, lieber Dich hierher zu rufen als Deine älteſte Schweſter. Glaube indeſſen nicht, daß Deine Hierherkunft von mir blos um anderer Leute willen gewünſcht ward. Dein Anblick— wenn auch nur auf einige Stunden— oder auf eine einzige Stunde— eine Daſe in der Wüſte— der Gedanke an ein grünes Feld, wenn man Monate lang zur See iſt— dies iſt ungefähr Das, was der Anblick Deines kleinen lieben Geſichts für mich ſein würde! Doch ich kann ihn nicht haben und ich darf nicht murren. Was wollte ich denn eigentlich ſchreiben? Ach ja— ich wollte Dich bitten, der alten Cartwright von mir zu ſagen, daß ihre Tochter geſund iſt und ſich wohl befindet. Nach ihrer zweimonatigen Probe⸗ zeit hier erklärt der Director der Anſtalt, welcher allein ihre Geſchichte mit Weglaſſung aller Namen mitgetheilt erhalten hat, ſie für den Poſten vollkom⸗ men befähigt. Und ſie wird demgemäß in aller Form dazu ernannt werden. Es iſt dies für mich ſehr beftiedigend, da ſie blos auf meine durch Miſtreß Ansdell's Brief unter⸗ ſtützte Empfehlung gewählt ward. Frage auch die alte Frau, ob ſie regelmäßig das Geld erhält, welches g— ihre Tochter ihr durch mich ſendet, welche Gelegen⸗ heiten überhaupt die einzigen ſind, bei welchen ich Lydia allein ſehe. Ich begegne ihr jedoch oft, wenn ſie von Zelle zu Zelle geht, um die weiblichen Gefan⸗ genen zu unterrichten, und es iſt angenehm, ihr ſanftes, ernſtes Geſicht, ihre anſtändige Kleidung und ihre unausſprechliche Beſcheidenheit und Demuth gegen Jedermann zu ſehen. Sie erinnert mich an Worte, die Du auch kennſt— die in einem andern Sinne, andere Herzen als das der armen Lydia oft fühlen könnten, nämlich, daß denen, welche am Meiſten geliebt haben, auch am Meiſten verziehen weyde. Als ich dies— obſchon durchaus nicht mit Hindeutung auf ſie— in einem Geſpräche mit dem Director erwähnte, bemerkte dieſer ziemlich kalt, er habe ſchon gehört, daß Doctor Urquhart über Ver⸗ brechen und Strafe ganz eigenthümliche Anſichten habe und mit Einem Warte ein wenig allzu nach⸗ ſichtig ſei. Ich ſeufzte, indem ich bedachte, daß von allen Menſchen Doctor Urquhart gerade Der ſei, der den meiſten Grund habe, nachſichtig zu ſein, und der Inſpeetor heftete ſeine Augen mit etwas unzufriede⸗ nem Ausdrucke auf mich. Jeder, der, wie ich, gegen allgemein herrſchende Vorurtheile ankämpft, kann —— ſicher darauf rechnen, nicht ohne Feinde zu ſein Es ſollte mir jedoch Leid thun, einem ſo redlichen Manne mißfallen zu haben, einem Manne, mit dem man, ſo ſehr wir auch in gewiſſen Dingen auseinander gehen, gern zu thun hat, denn er beſitzt jene ſeltene Eigenſchaft— Gerechtigkeitsliebe. Du ſieh'ſt, ich ſchreibe Dir über meine Angele⸗ genheiten— gerade wie ich mit Dir darüber ſprechen würde, wenn Du jetzt neben mir ſäßeſt, mit Deiner Hand in der meinen und Deinem Haupte hier.(Alſo Du fandeſt vorige Woche in Deinen langen Locken zwei graue Haare? Laß das gut ſein, Liebe. Für mich biſt Du ſtets jung).* Ich ſchreibe, wie ich hoffe eines Tages wieder mit Dir zu ſprechen. Ich gehörte niemals zur Zahl Derjenigen, welche glauben, daß ein Mann alle ſeine Sorgen vor ſeinem Weibe geheim halten ſoll. Wenn ſie ein ächtes Weib iſt, ſo wird ſie dieſelben bald auf ſeinem Geſichte oder in der Wirkung der⸗ ſelben leſen, und es iſt daher beſſer, wenn er mit der Sprache herausgeht. Ich habe viele Dinge gelernt, ſeitdem ich meine Theodora gefunden; unter Anderm auch Das, daß, wenn ein Mann heirathet, oder mit der Hoffnung auf Heirathen liebt, ſein ganzes Weſen— mag er zeither auch noch ſo verſchloſſen geweſen ſein— ſich —— öffnet. Er wird ein anderes Geſchöpf, in gewiſſem Grade gegen alle Menſchen, am Meiſten aber gegen Die, welche er erwählt. Wie verändert bin ich!— Du würdeſt lächeln, wenn Du dieſen langen Brief mit den kurzen, ge⸗ ſchäftsmäßigen Producten verglicheſt, welche ſonſt die Unterſchrift„Max Urquhart“ trugen. Ich ſetze einigen Werth auf meinen Namen. Er wird ſeit einer Reihe von Jahren mit Ehren genannt. Mein Vater war ſtolz darauf und Dallas auch. Gefällt er Dir? Wird er Dir gefallen, wenn— wenn— Nein, laß mich auf den Himmel vertrauen und ſagen: Wenn Du ihn trägſt? Ich freue mich, daß Dein Vater den Aufſatz in der Times über meine Reformvorſchläge geleſen hat. Ich glaube, dieſelben wirken ſchon manches Gute und mein Name wird in Verbindung damit wohl⸗ bekannt, beſonders in hieſiger Stadt. Ein Ruf in der Provinz hat auch ſeine Vortheile— er wird weniger bezweifelt— er iſt vollſtändiger. In London kann ſich einer verborgen halten, ſein nächſter Bekannter kann ihn kaum gründlich kennen lernen; in der Provinz aber iſt es etwas Anderes. Dort, wenn er einen Makel an ſich hat, in Bezug entweder auf ſeine Vergangenheit oder ſeinen Charakter oder ſeine Handlungsweiſe, ſo kann er darauf rechnen, daß die Verleumdungsſucht dahinterkommt, denn ſie hat jede Gelegenheit dazu. Ferner iſt auch die öffentliche Meinung an einem ſolchen Orte, wie dieſer, ſtren⸗ ger und zugleich engherziger als in einer großen Hauptſtadt. Ich freue mich, hier in dieſem induſtriellen, fleißigen Diſtricte einen guten Namen zu erwerben, denn hier wird wahrſcheinlich mein ferneres Leben verlaufen, hier gedenke ich, nachdem ich mein ganzes Leben lang ein rollender Stein geweſen, endlich ein⸗ mal liegen zu bleiben und mich zu„bemooſen“, wenn ich kann— Moos zu ſammeln, um ein kleines Neſt weich und warm zu machen für— meine Liebe weiß ſchon für wen. Da ich gerade von der Unmöglichkeit ſchreibe, in einer Stadt wie dieſe Etwas geheim zu hälten, ſo fällt mir dabei Etwas ein, in Bezug worauf ich im Zweifel war, ob ich Dir es ſagen ſollte oder nicht. Endlich jedoch habe ich mich dahin entſchie⸗ den, es Dir zu ſagen. Da Deine Schweſter jetzt nicht zu Hauſe iſt, ſo wird ihr die Sache dadurch leichter gemacht. Du brauchſt nicht von jener Heim⸗ lichkeit Gebrauch zu machen, welche in einer Häus⸗ lichkeit ſo peinlich ſein muß. Richtsdeſtoweniger glaube ich, Miß Johnſton darf Richts davon erfah⸗ ren, daß, wie ich vermuthe, ja faſt überzeugt bin, WMr. Francis Charteris gegenwärtig in Liverpool lebt. Nun iſt es nicht zu verwundern, daß alle meine Erkundigungen über ihn in London fruchtlos waren. Er iſt eben aus dem Gefängniſſe hier ent⸗ laſſen worden. Wahrſcheinlich war er wegen Schulden feſtgenommen worden, die ſchon lange geſchwebt, oder die er nach ſeinem letzten fruchtloſen Beſuche bei ſeinem Onkel, Sir William, gemacht. Ich könnte dies mit leichter Mühe ermitteln, aber ich halte es nicht für zartfühlend, Nachforſchungen nach dem Schuldner anzuſtellen, von dem ein Schließer hier ſagte, er kenne mich. Schuldner ſind nach dem Geſetze keine Ver⸗ brecher und befinden ſich mit Recht in einer beſondern Abtheilung. Ich beſuche niemals einen derſelben, wenn er nicht vielleicht in die Krankenſtube über⸗ geſiedelt werden muß. Mein Zuſammentreffen mit Mr. Charteris war ein rein zufälliges. Auch glaube ich nicht, daß er mich erkannte. Ich war bei Seite getreten in das Zimmer des Aufſehers. Die beiden andern entlaſſe⸗ nen Schuldner paſſirten das Eingangsthor und ver⸗ ließen das Gefüngniß ſofort, er aber verweilte noch, ließ ſich einen en holen und fragte, wo man in dieſem ſchrecklichen Liverpool eine ſchöne und bequeme Leben um Leben. v. 4 — 550— Wohnung finden könne. Er haſſe dieſe Induſtrie⸗ Städte. Du wirſt nach Frauenart fragen, wie er aus⸗ geſehen habe. Er ſah kränklich und abgezehrt aus, und ſeine Erſcheinung war ungefähr die des„ſchäbi⸗ gen Gentleman“, die uns hier nur allzubekannt iſt. Ich hörte, wie der Schließer noch ſeine Witze mit dem Droſchkenkutſcher machte und ihn bat, ſeinen Paſſagier ja nach einer„ſchönen“ Wohnung zu fah⸗ ren. Eben ſo bemerkte ich in Mr. Cartwright's Geſichte eine ominöſe Miene, welche wir in Schott⸗ land den„Niederzug“ nennen— ein Ausdruck, deſ⸗ ſen volle Bedeutung Du wahrſcheinlich nicht ver⸗ ſtehſt und, wie ich hoffe, nie verſtehen wirſt. An dem Datum wirſt Du ſehen, ſeit wie vielen Tagen der erſte Theil dieſes Briefes geſchrieben ward. Ich hielt ihn zurück, bis die grauſame Ungewißheit wegen des plötzlichen Rückfalls Deiner Schweſter vorüber war, denn ich wollte nicht, daß Dein Ge⸗ müth mit noch einer neuen Sorge belaſtet würde. Rittlerweile haſt Du das tägliche Bulletin von Treherne Court— die tägliche Zeile von mir— erhalten. ½ Wie befindeſt Du Dich, mein Kind?— denn — 5— Du haſt vergeſſen, es mir zu ſagen. Zeigen ſich wieder Roſen auf Deinen armen Wangen? Sieh⸗ in den Spiegel und ſag' es mir, ich muß es wiſſen, oder ich muß kommen und ſelbſt ſehen. Vergiß nicht, daß Dein Leben jetzt ein Theil von dem meinigen iſt. Miſtreß Treherne iſt Reconvalescentin, wie Du bereits weißt. Am Montage ſah ich ſie zum erſten Male. Sie hat ſich ziemlich verändert und es wird lange dauern, ehe ſie wieder der Liſabel Johnſton meiner Erinnerung in der Fülle der Geſundheit und phyſiſchen Genuſſes gleicht. Aber gräme Dich deß⸗ halb nicht. Zuweilen an den Pforten des Todes geſtanden zu haben und davon wieder zurückgekehrt zu ſein, heiligt das ganze künftige Leben. Ich dachte, als ich ſie verließ, während ſie zufrieden auf ihrem Sopha lag, mit ihrer Hand in der ihres Gatten, welcher bei ihr ſitzt und ſie ſo ängſtlich bewacht, als wenn ſie ihm aus dem Grabe wiedergeſchenkt wäre, es ſei gut für dieſe Beiden, der Trennung ſo nahe geweſen zu ſein. Es wird ſie lehren, wie es in dem Verſe heißt, den ich einmal von Dir hörte— Du ſieh'ſt, obſchon ich durchaus nicht poetiſch bin, ſo habe ich mir doch alle Deine kleinen poetiſchen Frag⸗ mente gemerkt—: 4* — „Die Erdenfreuden nur Mit lockerer Hand zu halten,“ denn nichts Endliches iſt ſicher und unantaſtbar, wenn es nicht von dem Glauben an das Unendliche und den Glanz deſſelben überſchattet wird. In allen dieſen Briefen habe ich Penelope kaum erwähnt— Du ſieh'ſt, ich fange an Deine Schwe⸗ ſtern zu nennen, als ob ſie die meinigen wären. Sie dagegen iſt mir bei den wenigen Malen, wo wir einander zufällig ſahen, beinahe wie einem Fremd⸗ linge begegnet— bis letzten Montag. Ich hatte die glückliche Gruppe im Bibliothek⸗ zimmer verlaſſen. Treherne riß ſich von dem Sopha ſeines Weibes los, um mich bis an die Thür zu be⸗ gleiten, wo er mir die Hand drückte und wie ein Schulknabe ſchluchzend ſagte, er ſei noch nie in ſei⸗ nem Leben ſo glücklich geweſen und hoffe, daß er auch dankbar dafür ſein werde. Deine älteſte Schweſter, welche nähend am Fenſter ſaß— ihre Geſtalt erinnerte mich einigermaßen an Dich, kleine Dame— wünſchte mir Lebewohl, denn ſie wollte in einigen Tagen nach Rockmount zurückkehren. Ich verließ ſie und ging allein durch den Park, wo die Kaſtanienbäume— Du entſinnſt Dich ihrer — ſich nicht blos zu verändern, ſondern auch zu welken beginnen. Ich bedachte, wie ſchnell die —— Jahre vorübergehen und wie wenig poſitive Freude ſie bringen. Doch das war unrecht und ich weiß es, aber, meine Liebe, ich bin zuweilen ein großer Sünder⸗ Ich vergaß beinahe einen kleinen Patienten, den ich in dem Parkwärterhäuschen habe, und der ſo ſchwächlich heranwächſ't, daß er ſtets ein halbes Kind bleiben wird. Nachdem ich eine halbe Stunde bei ihm geſeſſen, machte ich mich wieder auf den Weg. Eine Dame ſtand vor dem Thore und wartete. Als ich ſah, wer es war, verbeugte ich mich und wollte weitergehen, aber Miß Johnſton rief mich. Nach ihrer Miene zu urtheilen, fürchtete ich, daß ich eine ſchlimme Reuigkeit von Dir hören würde. Deine Schweſter iſt ein gutes, menſchenfreund⸗ liches Weſen. Nachdem ſie durch einige Worte mich beruhigt hatte, ſagte ſie zu mir: „Doctor Urquhart, ich glaube, Sie ſind ein Mann, dem man trauen kann. Dora vertrau't Ihnen auch. Dora ſagte einmal, Sie würden ſtets gerecht ſein, ſelbſt gegen Ihre Feinde.“ Ich antwortete, daß ich hoffte, wir ſchuldeten ſelbſt unſern Feinden noch etwas mehr als bloße Gerechtigkeit. „Davon iſt jetzt nicht die Rede,“ ſagte ſie nach ihrer gewohnten beſtimmten Weiſe.„Ich ſprach blos von Gerechtigkeit. Ich würde ſelbſt dem elen⸗ deſten, erbärmlichſten Geſchöpfe keine Ungerechtigkeit zufügen.“ „Ich auch nicht.“ Sie fuhr fort: „Ich bin Ihnen nicht ſonderlich gewogen gewe⸗ ſen, Doctor Urquhart; auch weiß ich nicht, ob meine Gefühle in dieſer Beziehung ſich jetzt geändert haben — aber ich achte Sie. Deßhalb ſind Sie auch der einzige Mann, den ich um eine Gefälligkeit bitten kann. Es handelt ſich um ein Geheimniß. Werden Sie es bewahren?“ 3 „Ausgenommen vor Theodora.“ „Da haben Sie Recht. Haben Sie niemals Geheimniſſe vor Theodora! Um ihret⸗ und um Ihrer ſelbſt, um des Friedens ihres ganzen Lebens willen— hintergehen Sie dieſes arme Kind niemals, auch nicht in der unbedeutendſten Kleinigkeit.“ Ihre Stimme ward etwas ſpitzer, ihre ſchwar⸗ zen Augen funkelten eine Secunde lang und dann ſchrumpfte ſie wieder zu ihrem gewöhnlichen Ich zuſammen. Ich ſehe ganz genau das Weſen in welches ſie ſich— wie Du ſagſt— nach und nach verwandeln —— wird— Schweſter Penelope, Tante Penelope. Jeder, der ihr angehört, muß hinfort bemüht ſein, ihr ieden möglichen Schmerz zu erſparen. Nach einigen Augenblicken bat ich ſie, zu ſagen, was ich für ſie thun könne. „Leſen Sie dieſen Brief und ſagen Sie mir, ob Sie glauben, daß er Wahrheit enthält.“ Der Brief war an Sir William Treherne adreſ⸗ ſirt. Es war die letzte demüthige Anſprache eines Ruinirten, die Unterſchrift Francis Charteris. Ich that mein Möglichſtes, um die Gemüths⸗ bewegung zu verhehlen, welche Miß Johnſton ſelbſt nicht zeigte, und gab den Brief zurück, indem ich blos fragte, ob Sir William ihn beantwortet habe. „Nein. Er will nicht. Er glaubt ihm nicht.“ „Glauben Sie ihm auch nicht?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht. Der— der Schrei⸗ ber des Briefs war in ſeinen Angaben nicht immer genau und gewiſſenhaft.“ Die Frauen ſind in manchen Dingen feſter und härter als die Männer. Ich zweifle, ob ein Mann ſo ruhig hätte ſprechen können wie Deine Schweſter in dieſer Minute ſprach. Während ich ihr— was ich für meine Pflicht hielt, obſchon in der Art und Weiſe, wie ein Fremdling mit dem andern ſpricht — die gegenwärtige Lage ihres ehemaligen Verlobten —— auseinanderſetzte, antwortete ſie keine Sylbe. Als wir jedoch an einem gefällten Baume vorüberkamen, ſank ſie plötzlich auf denſelben nieder und blieb regungslos ſitzen. „Was ſoll er aber nun beginnen?“ ſagte ſie endlich. Ich antwortete, daß das Inſolvenz⸗Gericht ihn von ſeinen Schulden befreien und ihm Schutz gegen fernere Einkerkerung gewähren könne, daß, obſchon bei ſeinen jetzigen herabgekommenen Umſtänden ein Staatsdienerpoſten kaum für ihn zu hoffen ſei, es doch in Liverpool mannichfache Gelegenheiten zu Anſtellungen in Handelshäuſern und induſtriellen Etabliſſements gäbe, wo ein Mann von Bildung und Erziehung wie er, das Leben von Reuem begin⸗ nen könne— vorausgeſetzt, daß es ihm ſeine Geſund⸗ heit erlaubte. „Seine Geſundheit war niemals ſehr feſt— iſt ſie jetzt wankend geworden?“ „Ich fürchte es.“ Deine Schweſter wendete ſich ab. Sie ſaß— wir Beide ſaßen— eine Zeitlang ſo ſtill da, daß ein helläugiges Eichhörnchen herankam und uns an⸗ glotzte, wenige Schritte von uns eine Nuß ſtahl und damit einen hohen wilden Feigenbaum hinauf wie⸗ der zurück zu ſeiner Familie kletterte. — Ich bat Miß Johnſton, mich noch einmal die Adreſſe ſehen zu laſſen, um Mr. Charteris auf mei⸗ nem Heimwege heute Abend einen freundſchaftlichen oder ärztlichen Beſuch— je nachdem der Fall ſein würde— abſtatten zu können. „Ich danke Ihnen, Doctor Urquhart.“ Hierauf erhob ich mich und nahm Abſchied, denn die Zeit war ziemlich kurz. Noch ein Wort, wenn es Ihnen beliebt. Bei die⸗ em Beſuche werden Sie natürlich, wenn Sie gefragt werden, ſagen, daß Sie die Adreſſe in Treherne Court er⸗ fahren haben. Andere Namen werden Sie nicht nennen.“ „Gewiß nicht.“ „Aber dann werden Sie an mich ſchreiben, nicht wahr?“ „Ja wohl.“ Wir drückten einander die Hand und ich verließ ſie, während ſie auf dem Baumſtamme ſitzen blieb. Ich ging weiter und fragte mich, ob wohl Etwas weiter aus dieſer ſeltſamen Combination von Zufäl⸗ len hervorgehen würde, ebenſo wie, ob die Liebe eines Weibes, wenn ſie an der Wurzel abgeſchnitten wird, gerade wie dieſer Baum, wirklich getödtet werden könne, ſo daß ſie durch Nichts wieder zum Leben zurückgerufen werden kann. Was meinſt Du, Theodora?“ — Doch ich will dieſem Hange zum Moraliſiren, den ich mir von Dir angewöhnt habe, nicht weiter nachgeben. Es iſt jetzt blos Zeit zur Erzählung klarer Thatſachen. Der Eiſenbahnzug führte mich an das entgegengeſetzte Ufer unſerer Wohnung, kaum ein halbe Meile Weges von Mr. Charteris“ Wih⸗ nung. Es ſchien eine ſchöne Wohnung zu ſein, wie er ſagte— ein hohes, neues Haus, eins der vielen, welche, erſt halb fertig oder halb bewohnt, dieſes Birkenhead zu einem ſo unerquicklichen Orte machen. Aber dieſer Uebelſtand vermindert ſich mit jeden Jahre und ich glaube zuweilen, es werde ein ganz lebendiger und heiterer Ort ſein, wenn ich einmal ein Haus hier miethe, wie ich zu thun gedenke. Du wirſt gern auf einer Anhöhe wohnen wollen, wo Du die Ausſicht auf das Meer haſt. Ich fragte nach Mr. Charteris und ſtolperte die halb erleuchtete Treppe hinauf in das gänzlich finſtere Beſuchzimmer. „Wer zum Teufel iſt da?“ Er wollte ſich nicht ſogleich zu erkennen geben und ich hätte daſſelbe thun und die Vorſicht brau⸗ chen ſollen, mich erſt anmelden zu laſſen, aber ich fürchtete, daß ich dann nicht vorgelaſſen werden würde. Als die Gasflamme angezündet war, machten ſein bleiches, fahles, unraſirtes Geſicht, ſein Zuſtand anſcheinender Schwäche und Krankheit mich bedauern, daß ich mir Zutritt verſchafft. Als er mich erkannte, murmelte er einige Worte der Entſchuldigung. „Ich ſchlief; ich ſchlafe gewöhnlich nach dem Diner,“ ſagte er, und fragte dann, nachdem er ſeine verworrenen Gedanken ein wenig geſammelt, in etwas ſtolzem Tone:„Welchem Umſtande habe ich das Vergnügen zu danken, Doctor Urquhart bei mir zu ſehen? Sind Sie, eben ſo wie ich, ein bloßer Zugvogel, oder wohnen Sie für die Dauer in Liverpool?“ „Ich bin Hausarzt des Gefängniſſes—“ „Ah ſo! Das wußte ich nicht. Ein guter Poſten, hoffe ich. Was für ein Gefängniß, ſagten Sie?“ Ich nannte es nochmals und ſprach dann nicht weiter davon. Wenn es ihm beliebte, ſich in dieſen dünnen Mantel der Täuſchung zu hüllen, ſo war es nicht meine Aufgabe, ihm denſelben abzureißen. Ueberdies hat man mit dem kleinlichen Stolze eines ruinirten Mannes nothwendig Mitleiden. Es war jedoch eine peinliche Situation. Du weißt, wie hochmüthig Mr. Charteris ſein kaun— Du kennſt auch jene unglückliche Eigenthümlichkeit von mir, nenne es ſchottiſche Schüchternheit, Vorſicht, oder wie Du ſonſt willſt— mein kleines engliſches Mädchen muß mich davon kuriren, wenn ſie kann. Mochte nun die Schuld an mir liegen oder nicht, ſo fühlte ich doch bald, daß dieſer Beſuch ſich als ein vollkommen verfehlter erweiſen würde. Wir converſirten auf die höflichſte Weiſe, ob⸗ ſchon etwas zuſammenhanglos, über Politik, das Klima und den Verkehr in Liverpool u. ſ. w., aber über Mr. Charteris und ſeine Verhältniſſe erfuhr ich nicht mehr, als wenn ich ihn bei einer Tiſchgeſell⸗ ſchaft in London getroffen hätte, oder bei einem Souper mit dem armen Turton, welcher todt iſt, wie Du weißt. Mr. Charteris wußte, wie es ſchien, noch Nichts davon, und ſein verwunderter Ausruf, als er die Thatſache wahrnahm, war während meines ganzen Beſuchs der einzige natürliche Ausdruck. Nach einigen ziemlich verſtändlichen Winken benutzte ich, als ein Brief gebracht ward, dieſe Gelegenheit, um meinen Beſuch zu beenden. Es geſchah dies jedoch von meiner Seite durchaus nicht mit der Abſicht, daß dies mein letzter Beſuch ſein ſollte. Das Bild dieſes unglücklichen Kranken, obſchon er nicht zugab, daß er krank ſei— die Männer thun das ſelten— der in dem einſamen kalten Zimmer dieſes Logirhauſes lag, wo Nichts —— von Speiſe und Trank zu ſehen, wohl aber ein ſtarker Opiumgeruch zu bemerken war, begleitete mich auf dem ganzen Wege nach dem Ueberfahrplatze und ich entwarf einen Plan nach dem andern, wie wohl die⸗ ſem Unglücklichen zu helfen ſein möchte. Du kannſt Dir nicht denken, wie ſchön ſelbſt unſer einförmiger Fluß des Nachts ausſieht, mit ſeinen beiden langen hellerleuchteten Ufern, während andere Lichter nach allen Richtungen umhergeſtreu't ſind und in dem Takelwerke jedes Fahrzeugs wenig⸗ ſtens eins hängt. Und heute ſchwebte über allem Dieſem der große helle Mond— über unzähligen weißen Wolken in den klaren, dunkeln Zenith hineinſegelnd und die Stadt Liverpool in einen Feenplatz und den ſchlam⸗ migen Merſey in einen zauberhaften Fluß verwan⸗ delnd, über den ein ſilberner Pfad führte, ſo wie man ihn immer mit einer gewiſſen Hoffnung betrach⸗ tet, daß er zu„einer ſchönen Inſel der Ruhe“ führe. Es giebt ein volksthümliches Lied, welches Dallas und ich als Knaben ſehr oft ſangen und in welchem eine Anſpielung in dieſem Sinne vorkommt. So wie das Boot abſtieß, ſammelte ich mich, um die kurzen ſieben Minuten der Ueberfahrt zu ge⸗ nießen, und dachte, wenn ich nur das kleine Geſicht, —— zu dem Monde aufſchauend, neben mir hätte und die kleine Hand warm in der meinigen ruhete! Und nun, Theodora, komme ich auf Etwas, deſſen weitere Mittheilung an Deine Schweſter Penelope ich Deinem eigenen Urtheile anheimgebe. Als wir nämlich auf der Hälfte des Waſſers waren, ward meine Aufmerkſamkeit durch das eigen⸗ thümliche Benehmen eines Paſſagiers angezogen, der, gerade als wir abſtießen, noch in das Boot geſprun⸗ gen war und jetzt ſtillſtund wie eine Bildſäule und in die ſchäumende Spur der Schaufelräder hinab⸗ ſchaute. Er war ſo in Gedanken verſunken, daß er mich nicht bemerkte; ich erkannte ihn aber ſofort und ein ſchlimmer Verdacht erwachte in mir. Ich habe während meines Lebens vielfache Gelegenheit gehabt, Stadium für Stadium jene Krankheit— man nenne ſie Dyspepfie oder Hypo⸗ chondrie, oder wie man ſonſt will— denn ſie hat alle Namen und alle Formen— zu beobachten, welche unſerm gegenwärtigen Zuſtande hoher Civili⸗ ſation eigenthümlich iſt, wo der Geiſt und der Körper zu einem fortwährenden Kampfe mit einander heran⸗ gebildet zu werden ſcheinen. Manche Leute geben dieſem Zuſtande allerhand ppetiſche Namen, wir Aerzte aber wiſſen, daß er ein wenigſtens eben ſo ſehr phyſiſcher als geiſtiger iſt, und daß mancher arme Miſanthrop, der ſeiner ſelbſt und der Welt überdrüſſig iſt, weiter Richts iſt als ein unglück⸗ liches Opfer des Magens und der Rerven, dem durch Ruhe, natürliche Lebensweiſe und ruhiges Gemüth ſehr bald geholfen werden könnte. Dadurch aber wird das Elend und die Gefahr dieſes Zuſtandes nicht beſeitigt. Während ein ſolcher Menſch das iſt, was er iſt, iſt er wenig beſſer als ein Monomane. Wenn ich ihn auch nicht ſchon zuvor geſehen hätte, ſo wäre doch der Ausdruck ſeines Geſichts, während er ſo daſtand und in den Fluß hinabſchaute, hinreichend geweſen, um mich zu überzeugen, wie nothwendig es ſei, Mr. Charteris ſcharf im Auge zu behalten. Als das Drängen der Paſſagiere nach der Lan⸗ dungsbrücke unſere Seite des Bootes beinahe leer machte, ſprang er die Stufen des Radkaſtens hinauf und blieb hier ſtehen. Ich ſah einmal einen Menſchen ſich ſelbſt den Tod geben. Es war einer von unſern Leuten, als wir auf dem Rückwege aus der Krim waren. Er hatte früher ſtark getrunken und war, weil man delirium tremens fürchtete, auf knappe Ration geſetzt. Während man aber glaubte, er ſei ſo ziemlich wieder⸗ hergeſtellt, ſprang er eines Tages am hellen Mittage vor den Augen der ganzen Schiffsmannſchaft plötzlich über Bord. Ich ſah ſein Geſicht, als er dies that — es hatte gerade denſelben Ausdruck, welchen ich jetzt an Francis Charteris wahrnahm. Vielleicht wird es am beſten ſein, wenn Du Deiner Schweſter von dieſer ganzen Sache nie ein Wort ſagſt. Erſt nach einem ziemlichen Kampfe zerrte ich ihn wieder herab auf das ſichere Deck. Athemlos ſtand er da. „Sie wollten ſich doch nicht etwa in's Waſſer ſtürzen, Mr. Charteris?“ „Allerdings. Und ich werde es auch noch thun.“ „Verſuchen Sie es— ich werde die Polizei herbeirufen und Sie auf dieſe Weiſe verhindern, eine ſolche Dummheit zu begehen.“ Es war jetzt keine Zeit, die Worte zu wählen, und bei dieſer Art Krankheit iſt das beſte Vorbeu⸗ gungsmittel, welches man nächſt einem feſten, gebie⸗ teriſchen Willen in Anwendung bringen kann, Spott und Jronie. 3 Er antwortete Nichts— ſondern ſah mich mit ſtummem Erſtaunen an, während ich ihn am Arme faßte und von dem Dampfboote hinweg über die Landungsbrücke führte. „Sie nehmen mir es nicht übel daß ich mich eines ſo ſtarken Wortes bediente, aber ganz gewiß iſt es eine große Dummheit, ſo Etwas zu beabſich⸗ tigen— beſonders hier. Wie kann es einem klugen Menſchen einfallen, ſich aus dieſem ſchmutzigen Fluſſe herausfiſchen zu laſſen wie eine todte Ratte, zur Beluſtigung der gaffenden Menge und Stoff zu einem Artikel in dem Liverpool-Mercury zu liefern unter der Ueberſchrift:„Verſuchter Selbſtmord eines Gentle⸗ man—“ oder, wenn es wirklich gelingt, was ſehr zu bezweifeln ſteht, dann ertrunken gefunden, mit Cocusnußhülſen und Krautſtrünken als Leiche an's Ufer getrieben, oder, wie ich einmal ſelbſt ſah, dieſe ſelbe Treppe heraufgebracht zu werden, wie einer der vielen armen Narren, welche alle Jahre dieſen thörig⸗ ten Streich hier begehen. Ich weiß noch, den letzten, den ich ſah, hatte man acht Meilen weiter flußauf⸗ wärts aufgefiſcht und brachte ihn mit hierher, hinter einem Ruderboote angebunden, mit dem Geſichte nach oben gerichtet, ſchwimmend.“ „Ha 1. Ich fühlte, wie Charteris ſchauderte. Auch Du wirſt ſchaudern, meine geliebte Theo⸗ dora, und ich will daher nicht weiter wiederholen, was ich noch zu ihm ſagte. Dieſe ſcheuslichen Bilder waren aber die beſten Beweisgründe, die Leben um Leben. V. 5 — man einem ſolchen Manne gegenüber geltend machen konnte. Was konnte es nützen, ihm von Gott, Leben und Unſterblichkeit vorzureden? Er hatte mir ja ſchon geſagt, daß er an Nichts von dieſem glaube. Wohl aber glaubte er an den Tod— nach der An⸗ ſicht, welche der Epikuräer davon hat, in„kalter Erſtorbenheit dazuliegen und zu faulen.“ Ich glaubte und glaube noch, daß es am beſten war, jedes erlaubte Mittel in Anwendung zu bringen, um ihn von einer Wiederholung ſeines Verſuchs abzu⸗ halten. Es iſt am beſten, erſt den Mann zu retten und dann ihm zu predigen. Wir gingen beinahe ſchweigend einige Straßen von Liverpool auf und ab, bis er plötzlich in den erſten Apothekerladen, den er ſah, hineinrannte, um Opium zu kaufen. „Halten Sie mich nicht ab,“ ſagte er in flehent⸗ lich bittendem Tone;„es iſt das S was mich noch am Leben erhält.“ Hierauf führte ich ihn noch eine Weile hin und her, bis ſein Schritt wankend ward, ſeine Kniee ſchwankten und er ganz willenlos und erſchöpft war. Nun rief ich einen Wagen herbei und gab den Wunſch zu erkennen, ihn nach Hauſe zu begleiten. „Nach Hauſe? Rein, nein; nach Hauſe darf ich nicht!“ Und der arme Schelm raffte alle ſeine Geiſtes⸗ kräfte zuſammen, um vernünftig zu ſprechen. „Sie ſehen, ein Mann in meinen unangeneh⸗ men Verhältniſſen— kurz, können Sie mir vielleicht einen Ort empfehlen— einen ſtillen, abgelegenen Ort, wo— wo ich mich verborgen halten könnte?“ Ich hatte ſchon geargwohnt, daß die Sache ſo ſtand. Verlor ich ihn jetzt auch nur vierundzwanzig Stunden lang aus den Augen, ſo war es vielleicht mit ihm auf immer vorbei. Er befand ſich in jenem kritiſchen Zuſtande, wo der nächſte Schritt, wenn nicht wieder in's Gefängniß, ſo doch in das Irren⸗ haus führen konnte. Es war ſchwer, ihn zu überreden, daß der letzte Ort, wo Gläubiger einen Schuldner ſuchen würden, innerhalb eines Gefängniſſes wäre, und dann nahm ich ihn, halb betäubt wie er war, mit in meine Woh⸗ nung. Hier räumte ich ihm mein Bett ein und er verſank bald in feſten Schlaf. Dennoch kann ich mir ſelbſt jetzt noch nicht den Einfluß erklären, den ich ſo bald gewann und ge⸗ wahrte, ausgenommen dadurch, daß Jeder, der ſeine fünf Sinne beiſammen hat, ſtets Macht über Jeden beſitzt, bei dem dies nicht der Fall iſt, und für einen 5. —— Kranken giebt es keinen unumſchränkteren Autokraten als den Doctor. Ich komme nun auf ſeinen gegenwärtigen Zu⸗ ſtand. Am nächſtfolgenden Tage brachte ich ihn in eine Wohnung auf dem Lande, wo eine alte Frau, die ich kenne, ihn abwarten wird. Der Ort iſt ein allerdings ſehr beſcheidener, aber die Leute ſind gut und ehrlich. Dort kann er in aller Ruhe und Sicherheit bleiben, bis ſeine Geſundheit wenigſtens zum Theil wiederhergeſtellt iſt. Seinen Miethzins c. — meine kluge kleine Dame wird ſicherlich nach meinen„Umſtänden“ fragen— wohlan, liebe Theo⸗ dora, ſeinen Miethzins für den nächſten Monat wenig⸗ ſtens kann ich ohne Beſchwerde bezahlen. Für die Gegenwart iſt ſonach geſorgt— was die Zukunft betrifft, ſo ſtellen wir dieſe dem Himmel anheim. Meinem Verſprechen gemäß, ſchrieb ich an Deine Schweſter Penelope und meldete ihr, wo Mr. Charteris iſt, den Zuſtand ſeiner Geſundheit und die Beſchaffenheit ſeiner Angelegenheiten, eben ſo daß ich ihm gerathen— er hat ſich bis jetzt damit weder einverſtanden noch dagegen erklärt— ſich, ſobald ſeine Geſundheit es erlaubt, in London zu ſtel⸗ len, das Inſolvenzgericht ſeine Sache entſcheiden und erledigen zu laſſen und dann das Leben von Neuem zu beginnen. Freilich wird es, ſelbfi im — beſten Falle, ein hartes Leben ſein, denn was für eine Stellung er auch erlangen mag, ſo werden doch Jahre dazu gehören, um ihn von allen ſeinen Ver⸗ bindlichkeiten frei zu machen. Miß Johnſton's Antwort erhielt ich heute Mor⸗ gen. Sie beſtand blos in einem Cvuvert, in wel⸗ chem eine Banknote von zwanzig Pfund lag. Wahr⸗ ſcheinlich iſt dies ein Geſchenk von Sir William; ich hatte ihr nämlich geſchrieben, daß es gut ſein werde, dieſen von der hilfloſen Lage ſeines Neffen in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Oder glaubſt Du, daß das Geſchenk von ihr ſelbſt ſei? Ich dachte, Ihr hättet, außer Eurem vierteljährlichem Taſchengelde, nicht viel Baarſchaft. Wenn ich vielleicht Etwas wiſſen ſoll, ehe ich dieſe Summe für Mr. Charteris verwende, ſo wirſt Du mich natürlich davon in Kenntniß ſetzen, nicht wahr? Heute Nachmittag habe ich ihn beſucht. Es iſt ein armſeliges Zimmet, in welchem er liegt, aber ſauber und ruhig. Er verläßt daſſelbe keinen Augen⸗ blick und nur mit Mühe überredete ich ihn, das Fenſter öffnen zu laſſen, damit wir den ſtillen Herbſt⸗ ſonnenſchein, das Geläute der Kirchenglocken und den Geſang des kleinen Rothkehlchens genießen könn⸗ ten. Als ich mich wieder nach dem krankhaft ver⸗ zerrten, in das Sopha begrabenen Geſichte umſah⸗ ward mein Herz von bangen Zweifeln erfüllt, was wohl das Ende des ſonſt ſo feinen, eleganten Francis Charteris ſein werde. Und doch glaube ich nicht, daß er ſterben wird; aber es wird Monate, ja vielleicht Jahre dauern, ehe er wiederhergeſtellt iſt, wenn er nämlich jemals überhaupt wieder wird, was er geweſen— körper⸗ lich, meine ich, denn ob ſein innerer Menſch einer Veränderung unterliegt, das kann ich nicht wohl beurtheilen. Das Beſte für ihn, geiſtig ſowohl als leiblich, wäre die fortwährende Obhut und Pflege eines lieben, guten Weibes, dieſe aber kann er nicht haben. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich alle mög⸗ liche Vorkehrungen getroffen habe, damit er niemals Etwas von Lydia ſehe oder höre, eben ſo wenig als ſie Etwas von ihm. Er hat niemals dieſe oder irgend Jemanden erwähnt; Vergangenheit und Zu⸗ kunft ſcheinen Eins wie das Andere aus ſeinen Gedan⸗ ken hinweggetilgt zu ſein— er lebt blos in der er⸗ bärmlichen Gegenwart— ein hülfloſer, hoffnungsloſer, aber viele Anſprüche machender Kranker. Unter keiner Bedingung möchte ich, daß Lydia Cartwright ihn jetzt ſähe. Wenn ich ihr Geſicht richtig beurtheile, ſo iſt ſie gerade die rechte Perſon, Etwas zu thun, wozu ihr Frauen ſo ſehr geneigt ſeid, nämlich Alles zu verzeihen, Alles zu opfern und zu der alten Liebe zurückzukehren. Ach, Theodora, wer bin ich, daß ich es wage, ſo geringſchätzend von der Liebe, von der Verſöhnlich⸗ keit der Frauen zu ſprechen! Ich freue mich, daß Dein Vater Dir dann und wann erlaubt, die alte Miſtreß Cartwright und. ihren Enkel zu beſuchen, und daß der kleine Burſche von ſeiner Großmutter ſo gut abgewartet wird. Wenn er mit dem Geſichte ſeines Vaters auch das Tempera⸗ ment deſſelben, die nervös empfindliche Organiſation eines modernen Gentleman im Gegenſatze zu dem geſunden Animalismus eines Arbeiters— geerbt hat, ſo wird das Leben für dieſen armen Knaben ein ſaurer, bergaufführender Weg werden. Seine Mutter ſehnt ſich zuweilen ungemein nach ihm, wie ich dies deutlich wahrnehme. Geſtern ſah ich ſie ſtehen und die Reihe der weiblichen Verbrecher — Derer, welche Kinder haben— beobachten, wie ſie eine nach der andern, jede mit ihrem Kinde auf dem Arme, hinaus auf den ihnen zum Spazieren⸗ gehen angewieſenen Platz gingen. Dann ſah ich, wie ſie in eine der leeren Zellen ſchlüpfte, ein Kinder⸗ häubchen, welches liegen gelaſſen worden, zuſammen⸗ faltete und es ſehnſüchtig betrachtete, als ob ſie beinahe die unglückliche Bewohnerin dieſes ſchauerlichen Ortes beneide, wo die Mutter ihr Kind wenigſtens ſtets bei ſich hatte. Die arme Lydia! ſie iſt vielleicht ein Mädchen von ſchwachem Willen geweſen und hat ſich mit all⸗ zuleichter Mühe auf Abwege führen laſſen; aber den⸗ noch bin ich überzeugt, daß das Einzige, was ſie auf dieſe Abwege geführt hat, ihre Herzensneigung geweſen iſt und ſtets ſein wird. Vielleicht, da die Großmutter nicht ſchreiben kann, wäre es ein Troſt für Lydia, wenn Dein nächſter Brief mich in den Stand ſetzte, ihr einen ausführlichen Bericht über das Befinden ihres kleinen Frank zu geben. Ich möchte wiſſen, ob ſein Vater jemals an ihn oder an die arme Mutter denkt. Er war ſtets gut gegen Beide, ſagte ſie, wie Du mir ſchriebſt— vielleicht iſt er ihnen zugethan geweſen, in ſo weit nämlich ein Egoiſt dies ſein kann. Aber wie kann ein ſoſcher Menſch wie er begreifen, was es heißt, Vater zu ſein! Mein liebes Kind, ich muß nun ſchließen. Es iſt Mitternacht, und ich muß ſo viel ſchlafen als ich kann. Mein Beruf nimmt mich gerade jetzt ſehr in Anſpruch, aber es iſt ein glücklicher Beruf, weil ich durch denſelben einer Zukunft entgegenſehe. Der kurze Dank Deines Vaters für mein — Telegramm wegen Treherne war ſehr freundlich. Erkenne dies in meinem Namen auf die Weiſe an, welche Du für die ihm angemeſſenſte, das heißt, am wenigſten unangenehme hältſt. Und nun leb' wohl— leb' wohl, mein einziger Liebling! Max Urquhart. N.S. Nach Art der Frauenbriefe hänge ich ein Poſtſeript an, obſchon es, hoffe ich, nicht, wie bei dieſen, die Hauptſache des Briefs enthält. Ob⸗ ſchon ich meinen Brief wieder öffne, um Dich davon in Kenntniß zu ſetzen, damit Du es nicht auf an⸗ derem Wege cher erfährſt, halte ich doch die Sache ſelbſt für ſehr unbedeutend und erwähne ſie blos, weil derartige kleine Unannehmlichkeiten mit Schnee⸗ bällen zu vergleichen ſind— ſie werden, ſo wie ſie weiter rollen, immer größer. Unſer Kaplan zeigte mir ſo eben in dem Morgen⸗ blatte einen Artikel über mich ſelbſt, der durchaus nicht ſchmeichelhaft, ſondern entſchieden böswillig abgefaßt war. Er überraſchte mich jedoch nicht ſon⸗ derlich. Ich habe in der letzten Zeit ſchon mehrere dergleichen vereinzelte mißliebige Gloſſen über mich und meine Handlungsweiſe gehört, aber mich wenig dadurch anfechten laſſen. Ich weiß, daß ein Mann in meiner Stellung, deſſen Streben weit über ſeine gegenwärtigen Umſtände hinausgeht, deſſen Anſichten zu hartnäckig und deſſen Manieren zu gerade ſind, um ſeine Zwecke durch die Hülfe anderer und ein⸗ flußreicherer Perſonen zu erreichen, nothwendig Feinde haben muß. Fürchte jedoch Richts, liebes Kind— die Zahl meiner Feinde iſt gering, und Du kannſt überzeugt ſein, daß ich ihnen durchaus keinen Grund zu ihrer Eingenommenheit gegen mich gegeben habe. Aller⸗ dings habe ich Manchem widerſprochen, und Wider⸗ ſpruch können nicht Viele vertragen— Unrecht gethan aber habe ich mit Wiſſen und Willen NRie⸗ mandem. Mein Gewiſſen iſt rein. Man mag daher verbreiten, was für abgeſchmackte Gerüchte oder Andeutungen man will— ich werde ſie durch mein Leben und meine Handlungsweiſe wider⸗ legen. Mein Geiſt ſcheint dieſen Morgen ein kaltes, aber heilſames Douchebad bekommen zu haben. Dieſe fühlbare Unannehmlichkeit wird mich aus der Schwachherzigkeit aufrütteln, die ſich meiner in der letzten Zeit bemächtigt hat. Sei daher zufrieden, meine Theodora. Ich lege den Zeitungsartikel hier bei. Lies ihn und verbrenne ihn. Iſt Penelope wieder nach Hauſe? Ich brauche kaum zu bemerken, daß die Umſtände, die ich in Bezug auf Mr. Charteris erzählt habe, nur zu ihrer und Deiner Kenntniß beſtimmt ſind.— Drittes Rapitel. Ihre Geſchichte. Ein vierter Montag, und noch immer kein Brief! O, Max, Max! daß Du nicht krank biſt, weiß ich, denn Auguſtus ſah Dich am Sonnabend. Warum beeilteſt Du Dich ſo ſehr, ihm wieder zu entſchlüpfen? Sogar ihm war es auffällig. Was mich betrifft, ſo würde ich, wenn ich nicht gehört hätte, daß Du wohlauf biſt, in großer Un⸗ ruhe geweſen ſein. Drei Wochen— einundzwanzig Tage— das iſt eine lange Zeit, wenn es einem zu Muthe iſt, als trüge man einen Stein auf dem Her⸗ zen, oder es würde von einem Dorn durchbohrt. Heute Morgen, als der kleine Briefträger pfeifend an unſerem Thore vorüberging, ward ich faſt krant vor Bangigkeit und Furcht. — Verſtehe mich wohl— nicht vor einer gewiſſen Art von Furcht— Treuloſigkeit oder Vergeſſenheit iſt— wenigſtens bei Dir— einfach unmöglich, aber Du biſt mein Max, und Alles, was Dir begegnet, begegnet auch mir; Richts kann Dich verletzen, was nicht auch mich verletzt. Fühlſt Du dies eben ſo wie ich? Wenn dies der Fall wäre, ſo würdeſt Du mir unter allen Um⸗ ſtänden ſchreiben. Doch verzeihe, es war nicht meine Abſict. Dich zu tadeln. Wir ſollen niemals Etwas tadeln, was wir nicht verſtehen können. Ueberdies iſt vielleicht dieſe ganze Ungewißheit morgen ſchon zu Ende. Mar hat die Abſicht, mich zu verwunden; Max liebt mich. So eben erſt, als ich ſtill daſaß, war es mir, als hörte ich Dich ſagen:„Meine kleine Dame“ ſo deutlich, als wenn Du ganz nahe bei mir wäreſt und mich gerufen hätteſt. Und doch iſt es ein Jahr her, ſeitdem ich den Klang Deiner Stimme gehört, oder Dein Geſicht geſehen. Auguſtus ſagt, Du wäreſt in der letzten Zeit ganz grau geworden. Thut Richts, Max! Ich liebe Silberlocken. Ein alter Mann, den ich kannte, pflegte zu ſagen:„An der Wurzel jedes grauen Haares befindet ſich eine Zelle der Weisheit.“ —— Wie wirſt Du im Stande ſein, dieſe Thorheit von mir zu ertragen, und dennoch iſt dies für Dich um ſo beſſer. Ich weiß, Du würdeſt bald zehn Jahre jünger ſein— nicht blos in Bezug auf Dein Ausſehen, ſondern überhaupt, wenn Du nach Deiner ſchweren Arbeit eine Häuslichkeit hätteſt, zu welcher Du zurück könnteſt— zu ihr und mir. Sieh' nur, wie dünkelhaft wir werden! Sieh' die demoraliſirende Folge, daß ich ein ganzes Jahr geliebt worden, daß wir zum erſten Male in unſerm Leben von uns wiſſen, für Jemanden der erſte Ge⸗ genſtand zu ſein. So; nun kann ich wieder lachen, und deßhalb will ich anfangen und meinen Brief ſchreiben. Es ſoll, wo möglich, kein trauriger, kein mit Klagen angefüllter Brief werden. Der Frühling nahet ſchnell heran. Noch nie⸗ mals haben wir, ſo viel ich mich entſinnen kann, einen ſolchen März gehabt. Die Kaſtanien fangen an zu blühen, die Amſeln ſingen, in den Heckengän⸗ gen zeigen ſich ſchon Veilchen; eine Wolke ſchneewei⸗ ßer Winden ſchimmert durch die Bäume meines Lieb⸗ lingswaldes, in Bezug auf welchen, wie Du weißt, wir einen berühmten Kampf über Glockenblumen und Hyaeinthen hatten. Dieſe fangen ſchon an, Blätter zu treiben. Es wird deren dieſes Jahr eine — Menge geben. Wie gern zeigte ich Dir mein Beet voll ſchöner— hm! hm Glockenblumen. Immer noch muthwillig, wie Du ſieh'ſt— dabei auch hartnäckig, faſt ſo hartnäckig wie— Du! Auguſtus ſprach davon, daß Du in der letzten Zeit in eine„unangenehme Sache“ verwickelt gewe⸗ ſen ſeiſt. Wahrſcheinlich iſt es ein Streit geweſen, bei welchem Du Deine Meinung tapferer als gewöhn⸗ lich haſt vertheidigen müſſen, oder Du haſt neue Feinde bekommen— nur Berufsfeinde natürlich, über welche man ſich, wie Du mir ſagteſt, niemals grämen muß, weil ſie unvermeidlich ſind. Ich gräme mich auch nicht, und Du wirſt jede vorübergehende Feindſeligkeit durch Dein Handeln zum Schweigen bringen. Mit der Zeit wird die Bahn klar und frei werden. Aber warum willſt Du mir mittlerweile nicht ſagen, was es eigentlich iſt— ich bin kein Kind, und— ich ſoll einmal Dein Weib ſein, Mox. Ha, nun iſt der Dorn heraus, der einzige kleine Stachel des Schmerzes! Nicht das Kind, welches Du lieb gewannſt, nicht dieſes unwiſſende, thörigte, ungezogene Kind, ſondern Dein Weib, welches Du ſelbſt gewählt, der Du ſelbſt ihren Platz und ihre Rechte gegeben, kommt zu Dir mit ihrem Herzen voll Liebe und ſagt:„Max, ſage mir's!“ Nun aber, Nichts mehr hiervon, denn ich habe Dir viel zu erzählen— ich erzähle Dir Alles. Du weißt, wie ruhig dieſer Winter für uns in Rockmount dahin gegangen iſt; wie, von der Zeit an, wo Penelope zurückkehrte, ſie und ich unſer Le⸗ ben wieder von Neuem zu beginnen ſchienen, in einem gewiſſen Sinne beinahe wie kleine Kinder, die gänzlich in der Gegenwart leben, zufrieden mit der Arbeit eines jeden Tages und mit der Freude eines jeden Tages— und es war wunderbar, wie viele kleine Freuden wir fanden, während wir uns nie geſtatteten, weder bei der Zukunft zu verweilen, noch auf die Vergangenheit zurückzukommen. Ausge⸗ nommen, als ich auf Deinen Wunſch meiner Schwe⸗ ſter erzählte, daß Francis nun das Inſolvenzgericht durchgemacht, und daß Du hoffteſt, für ihn eine Anſtellung als Correſpondent zu vermitteln. Der arme Francis! All' ſein hochtrabendes Deutſch und Spaniſch ſinkt nun herab zum Schrei⸗ ben kaufmänniſcher Geſchäftsbriefe in einem dumpfi⸗ gen Comptoir von Liverpool! Wird er es je er⸗ tragen? Alſo, ausgenommen dieſes Mal und einmal ſpäter, iſt ſein Name weder von Penelope noch von mir genannt worden. Das zweite Mal geſchah es auf folgende Weiſe — ich ſchrieb es Dir damals nicht, und will es da⸗ her jetzt thun. Als unſere Weihnachtsrechnungen eingingen— unſere Privatrechnungen— hatte meine Schweſter kein Geld, um ſie zu decken. Ich errieth dies bald, denn aus Deinem Briefe hatte ich ſchon errathen, wohin ihr halbjährliches Taſchengeld ge⸗ wandert war. Ich war verlegen, denn obſchon ſie mir jetzt beinahe Alles in Bezug auf ihre täglichen Angelegenheiten vertraut, ſo hatte ſie mir doch hier⸗ von Nichts geſagt. Und dennoch mußte ſie gewußt haben, daß ich es wußte— daß Du mir es ganz gewiß ſchreiben würdeſt. Endlich eines Morgens, als ich an der Thür ihres Zimmers vorüber ging, rief ſie mich hinein. Sie ſtand vor einer Kommode, die ſie, wie ich bemerkt, ſtets verſchloſſen hielt. Heute aber ſtand das oberſte Schubfach offen, und aus einem darin ſtehenden kleinen Juwelenkäſtchen hatte ſie eine Per⸗ lenſchnur genommen. „Kennſt Du das noch?“ fragte ſie. Ach ja! Penelope aber ſah ſie unverwandt an, und ich that natürlich daſſelbe. „Weißt Du vielleicht, Dora, was dieſe Perlen werth ſind, oder wie viel Sir William dafür gege⸗ ben hat?“ Ich wußte es, denn Liſ hatte es mir ſelbſt Leben um Leben. v. 6 — geſagt— zu jener Zeit, wo wir Alle uns den Kopf zerſannen, um paſſende Heirathsgeſchenke für die Lady des Gouverneurs ausfindig zu machen. „Glaubſt Du, daß es unrecht wäre, oder daß die Trehernes es übel nehmen, wenn ich dieſe Perlen verkaufte?“ „Du willſt ſie verkaufen?“ „Ja, ich habe kein Geld, und meine Rechnungen müſſen bezahlt werden. Es iſt nicht unredlich, zu verkaufen, was unſer Eigenthum iſt, obſchon es etwas ſchmerzlich ſein kann.“ Ich konnte Richts ſagen. Der Schmerz war groß— ſelbſt für mich. Sie erinnerte mich nun, wie ſehr Miſtreß Gran⸗ ton einmal dieſe Perlen bewundert, und geſagt, wenn Colin heirathe, ſo werde ſie ihrer Schwiegertochter auch gerade ein ſolches Halsband ſchenken. „Wenn ſie es jetzt kaufen wollte!— könnteſt Du ſie vielleicht fragen?“ „Ja wohl— recht gern.“ „Ich danke Dir, Dora.“ Sie legte das Halsband wieder in das Etui, übergab es dann mir. Ich wollte aus dem Zimmer eilen, als ſie ſagte: „Noch einen Augenblick, Kind! Ich wünſchte Dir noch Etwas zu ſagen. Schau' her.“ Sie ſchloß einen Schubkaſten nach dem andern auf. Sorgfältig geordnet lagen hier ihre Sonntags⸗ kleider bis auf das weißſeidene, den Kranz und den Schleier. Alles war ſauber nach Penelope's eigen⸗ ſinniger Weiſe zuſammengepackt, in Silberpapier ge⸗ wickelt, oder glatt gefaltet, mit Lavendelſtengeln da⸗ zwiſchen. Sie mußte es ganz gemächlich und behut⸗ ſam gemacht haben, nach ihrer eigenthümlichen Weiſe, welche uns, ſchon als ſie noch ein Mädchen von ſiebzehn Jahren war, bewog, ſie damit zu necken, daß wir ſie die„alte Jungfer“ nannten. Auch jetzt machte ſie mehr als ein Mal Halt, um irgend Etwas anders zu falten, oder anders zu legen— behutſam, wie man die Kleider eines Ver⸗ ſtorbenen ordnen würde— dann ſchloß ſie alle Schubfächer zu und legte den Schlüſſel, anſtatt ihn an ihrem großen Bunde zu befeſtigen, in eine Ecke ihres Pultes. „Ich möchte nicht gern, daß, ſo lange ich lebe, hier Etwas angerührt würde; ſollte ich aber ſterben — nicht als ob dies wahrſcheinlich wäre— denn ich glaube vielmehr, daß ich ein hohes Alter erreiche — aber dennoch, ſollte ich ſterben, ſo wirſt Du wiſ⸗ ſen, wo dieſe Sachen ſind. Mache damit, was Du für das Beſte hältſt. Und wenn vielleicht Geld ge⸗ braucht wird, für—“ Sie ſtockte, und dann hörte 6* — 84— ich ſie zum erſten Male ſeinen Namen deutlich und ruhig ausſprechen, wie jeden andern Namen—„für Francis Charteris oder ſonſt Jemanden, der zu ihm gehört— ſo verkaufe ſie. Verſprichſt Du mir das?“ Ich verſprach es.. Miſtreß Granton, die gute Seele, fragte weiter nicht, ſondern nahm das Halsband und gab mir das Geld, welches ich meiner Schweſter brachte. Sie empfing es ohne ein Wort. Hierauf ging Alles wie⸗ der wie zuvor, und obſchon ich zuweilen gefühlt hatte, wie ihr Auge auf mir ruhete, wenn ich Deine Briefe öffnete, als ob ſie glaubte, es werde Etwas zu hören geben, ſo dachte ich doch, da dies niemals der Fall war, es ſei das Beſte, keine Notiz davon zu nehmen. Aber, Max, ich wünſchte oft, und wünſche jetzt, daß Du mir ſagen möchteſt, ob ein beſonderer Grund vorliegt, weßhalb Du ſeit ſo vielen Wochen nicht ein einziges Mal Francis erwähnt haſt⸗ Ich ſprach ſo eben von Penelope. Sie iſt wie⸗ der in ihr altes geſchäftiges Gleis hineingerathen, und geſchäftiger und ruhiger als je. Auch ſieht ſie wieder ganz wohl aus, wie Miſtreß Granton mir eines Morgens zuflüſterte, als ich— wunderbares Ereigniß— meine Schweſter überredet hatte, mit mir zum Imbiß hinüber nach dem Cedernhauſe iu —— Frieden, der ſich in dieſem Geſichte malte— einen 6— fahren, und die Vorbereitungen zu dem Empfange von Miſtreß Colin, die nächſten Monat erwartet ward, in Augenſchein zu nehmen. „Ich hätte mir nicht getraut, ſie darum zu bitten,“ ſetzte die gute alte Frau hinzu,„da ſie aber einmal mitgekommen iſt, ſo freue ich mich darüber. Wird ihr der Anblick des Glückes meiner jungen Leute keinen Schmerz verurſachen? Glauben Sie, daß ſie ihren Kummer wirklich überwunden hat?“ „Ja wohl, ja wohl,“ ſagte ich haſtig, denn Pe⸗ nelope kam eben den Treibhausgang herauf. Und dennoch, als ich ſie beobachtete, ſchien ſie nicht ihr früheres, ſondern ein neues Ich zu ſein, ſo wie es nur von dem Leiden geboren wird, und welches aus ihrem armen magern Geſichte hervorlächelte, und ſie bewog, ſich ſanft zu bewegen, liebreich zu ſprechen und geduldig alle die zahlloſen Einzelheiten über „meinen Colin“ und„meine Tochter Emily“— Gott ſegne die gute alte Frau— ich hoffe, daß ſie eine wirkliche Tochter in ihr finden werde— anzuhören. Und obſchon wir den größten Theil des Heim⸗ weges Beide ſchweigſamer waren als gewöhnlich, ſo flößte doch Etwas in Penelope's Geſichte nicht Trauer oder Beſorgtheit, wohl aber eine gewiſſe innere Scheu ein, und ich wunderte mich über den ungewöhnlichen — Frieden, ſo wie ich mir ihn in den Zügen jener Per⸗ ſonen denke, welche alle ihre irdiſche Habe gebracht und zu den Füßen der Apoſtel niedergelegt, oder— noch heiliger, und deßhalb noch glücklicher— welche Alles verlaſſen, ihr Kreuz auf ſich genommen hatten und ihm nachgefolgt waren, ihm, der durch ſein Leben und ſeinen Tod uns das vollkommenſte aller Opfer— Selbſtaufopferung— gelehrt hat. So darf ich ſchreiben, Max, nicht wahr? Es iſt, als ſpräche ich mit mir ſelbſt, als ſpräche ich mit Dir. Eben auf dieſer Heimfahrt geſchah Etwas, was ich Dir jetzt ſo buchſtäblich als möglich erzählen will, denn ich glaube, Du mußt es erfahren. Es wird Dich bewegen, meine Schweſter eben ſo zu lie⸗ ben wie ich ſie liebe, und das iſt nicht wenig geſagt. Während ich ſie beobachtete, vergaß ich faſt— vergieb mir, Max!— vergaß ich, ſage ich, faſt meinen Brief an Dich, den ich in der Nacht zuvor geſchrieben, auf unſerm Heimwege bor dem Cedern⸗ hauſe auf die Poſt zu geben, bis Penelope ſich auf ein Dorfpoſtamt beſann, an welchem wir eben vor⸗ über waren. „Beunruhige Dich deßwegen nicht, Kind,“ ſagte ſie„Du kannſt ja noch einmal über das Moor hinübergehen; Du kommſt noch Zeit genug, und ich ———— will mit dem Wagen einen Umweg machen und Dich gleich jenſeits der Teiche wieder treffen.“ Und in meiner Eile vergaß ich gänzlich jenes Dir bekannte Häuschen, welchem ſie noch nie zu nahe *gekommen iſt, und von dem ſie auch nicht weiß, wer darin wohnt. Erſt als ich meinen Brief auf die Poſt gegeben, fiel mir ein, daß ſie ja dicht an der Thür der alten Cartwright vorübergekommen ſein müſſe! Indeſſen es war zu ſpät, um die Sache zu än⸗ dern, und deßhalb beſchloß ich, mich weiter nicht zu ängſten. Dabei kam zugleich ſo zu ſagen das Ge⸗ fühl des Frühlings über mich, der Duft der Haide⸗ krautblüthen und der grünen ſproſſenden Blätter— eine unbeſtimmte Empfindung, als ob mit dem kom⸗ menden Jahre auch ein neuer Segen käme. Und obſchon ich Max nicht bei mir hatte, der mit mir das einzelne Veilchen, welches ich fand, bewundert, und der Lerche— der erſten, die hoch oben in ihrer weißen Wolke ſang— zugehört hätte, ſo dachte ich doch an Dich, und ich liebte Dich— mit einer Liebe, welche, glaube ich, nur die fühlen, welche gelitten haben und gemeinſchaftlich gelitten haben— einer Liebe, welche, obſchon ſie einige Schmerzen gekannt haben mag, doch, Gott ſei Dank, niemals einen ein⸗ zigen Zweifel gekannt hat. Und ſomit war es mir, als wäreſt Du nicht ſo gar fern von mir. Dann ging ich, ſo ſchnell ich konnte, weiter, dem Wagen entgegen, den ich die Straße entlang um die Biegung herum kriechen ſah— dicht an dem Häuschen vorüber. Wie pochte mir das Herz! Pe⸗ nelope fuhr aber ruhig fort und ſchauete gerade vor ſich hin. In einer Minute wäre ſie vorbei geweſen, als ich gerade quer über den Weg, dicht an dem Pferde vorbei, ein Kind einem Hunde oder ſonſt Etwas nachlaufen ſah. Wie ich an Ort und Stelle kam, weiß ich kaum; wie das Kind der Gefahr entrann, weiß ich noch weniger. Es war beinahe ein Wunder. Ne⸗ ben mir aber ſtand Penelope mit dem kleinen Bur⸗ ſchen auf dem Arme— er war unverſehrt— ja nicht einmal erſchrocken. Ich nahm ihn ihr ab— ſie war noch viel zu betäubt, um ihn ordentlich anzuſehen. Ueberdies verändert ein Kind ſich in ſechs Monaten auch be⸗ deutend. „Es iſt ihm Nichts geſchehen, wie Du ſieh ſt. Lauf' daß Du fortkommſt, Kleiner.“ „Halt! müſſen wir nicht auch an ſeine Mutter denken?“ ſagte Penelope.„Wo wohnt er? weſſen Kind iſt er?“ Ehe ich antworten konnte, kam die Großmutter herausgerannt und rief:„Franky— Franky!“ Nun war Alles vorbei und kein Verhehlen mehr möglich. Ich ließ meine Schweſter am Rande der Straße ſich niederſetzen, und hier, ihren Kopf an meine Schulter lehnend, ſaß ſie, bis ihre tödtliche Bläſſe vorüber war und zwei Thränen langſam ihr die Wangen herabrannen, aber ſie ſagte Richts. Wieder machte ich ihr bemerklich, welches Glück es ſei, daß der Knabe ohne die mindeſte Beſchädigung davon gekommen ſei, denn er ſtand, nachdem er ſich wieder von ſeiner Großmutter losgemacht, da, und gaffte, an dem Finger nutſchend, uns mit unver⸗ kennbarer Neugier und Freude an. „Mach' daß Du fortkommſt!“ rief ich mehr als ein Mal. Er blieb aber hartnäckig ſtehen, und als ich aufſtand, um ihn fortzujagen, hielt meine Schwe⸗ ſter mich zurück. Oft ſchon hatte ich bemerkt, daß Penelope ſelbſt in ihren unfreundlichſten Stunden niemals Mißfal⸗ len an Kindern fand, und daß auch dieſe an ihr keins fanden. Sie beſaß in dieſer Beziehung einen gewiſſen Inſtinkt. Kinder ärgerten ſie ſelten, wäh⸗ rend doch uns, oder ihren Dienſtleuten, oder ihren großen Schülern, dies ſtets ſehr trefflich gelang. Und —. —— ſie wußte ſtets gut mit ihnen umzugehen, von dem winſelnden Säuglinge an, bei dem ſie ſtehen blieb, um ihm im Vorübergehen die Wangen zu ſtreicheln, bis zu dem zerlumpteſten Buben im Dorfe, den ſie nach einem hitzigen Kampfe mit ſeinen würdigen Ka⸗ meraden aufhob, ausſchalt, dann alle ſeine Beſchwer⸗ den anhörte und ihm das ſchmutzige Geſicht ab⸗ wuſch, ſo daß er ſchmunzelnd davon lief, gerade ſo wie Franky jetzt daſtand. Er kam näher und legte ſeine kleinen braunen Tatzen auf Penelope's ſeidenes Kleid. „Das Pferd,“ murmelte ſie.„Dora, geh' und ſieh' nach dem Pferde.“ 3 Als ich aber fort war und ſie ſich unbeobachtet glaubte, ſah ich, wie ſie den kleinen Buben noch näher an ſich heranlockte, ihn in ihre Arme faßte und ihn küßte. O, Max! ich kann nicht weiter darüber ſchrei⸗ ben. Ich könnte es Niemandem erzählen als Dir. Nachdem ich mich ſo lange als thunlich fern gehalten, kehrte ich zurück, und fand, daß Franky fort war und meine Schweſter langſam auf und ab ging. Ihr Schleier war heruntergeſchlagen, ihr Schritt aber und ihre Stimme hatten die gewöhn⸗ liche„altjüngferliche“ Ruhe— wenn ich ohne heim⸗ —— liches Schluchzen dieſes Wort in Betreff unſerer Pene⸗ lope auch nur zu denken wagte. Während ich ſie in den Wagen ſteigen ließ, eilte ich in das Haus, um der alten Cartwright zu ſagen, was vorgefallen, und ihr zu verſichern, daß der Knabe durchaus keine Beſchädigung erlitten, als ich plötzlich an dem Kaminfeuer Jemanden ſitzen ſah, den ich hier am allerwenigſten zu ſehen erwartet hätte. Wußteſt Du es? War er auf Deinen Rath ge⸗ kommen?— was konnte der Beweggrund ſeines Kommens ſein?— oder hatte er es blos aus Laune gethan, wie dies Francis Charteris ähnlich ſah? Irgendwo anders, glaube ich, würde ich ihn nicht erkannt haben. Nicht wegen ſeines ſchäbigen Aeußern, denn ſelbſt in Lumpen würde Francis noch in gewiſſem Grade ein Gentleman ſein, ſondern we⸗ gen ſeiner gänzlich niedergebeugten Erſcheinung, ſei⸗ nes Ausſehens, welches hoffnungsloſe Gleichgültig⸗ keit und feſtſtehende Unzufriedenheit verrieth— der Miene eines Mannes, der Alles verſucht und ſich überzeugt hat, daß Alles eitel iſt. Als er mich ſah, ſetzte er den Knaben, der ſich an ſeine Kniee anklammerte und laut,Dadda kreiſchte, unwillkürlich nicder. Francis erröthete und lachte dann. 62— „Der Bube kennt mich, wie Du ſieh'ſt; er hat mich nicht vergeſſen— er iſt mir auch ein wenig gut, was nicht von vielen Leuten geſagt werden kann. Nun werde ich ihn denn nicht los? Na, ſo komm', ich ſehe ſchon, es hilft Nichts— ich muß Dir den Willen thun.“ Franky kletterte ſofort an ihm hinauf, um⸗ ſchlang ſeinen Hals und ſtimmte ein triumphirendes Jubelgeſchrei an, während ſein Vater ihn küßte. Es war mir nun, als ob es mir leichter würde, mit Francis Charteris zu ſprechen— nur einige kurze Worte— wie es mit ſeiner Geſundheit ginge — wie lange er aus Liverpool fort ſei, und ob er wieder dorthin zurückzukehren gedächte. „Ja wohl, ich habe heute nur einen Tag Urlaub. Ich bin jetzt wie ein Pferd in einer Tretmühle. Es bleibt mir weiter Richts übrig als fortzutraben bis an's Ende. Nicht wahr, Franky, mein guter Junge?“ „Ha! ha! he!“ kreiſchte der Knabe, indem er ihn abermals umarmte. „Er ſcheint Dir ſehr gut zu ſein,“ ſagte ich. „O ja— das war er ſtets,“ ſagte Francis ſeufzend. Ich bin überzeugt, daß die Natur dem egoiſti⸗ ſchen, vergnügungsſüchtigen Herzen hart zuſetzte. Und das Mitleid— ich weiß, daß es nicht unrecht war— arbeitete gewaltig an dem meinigen. Ich ſagte, ich hätte von ſeiner Krankheit im Winter gehört und freute mich, ihn ſo weit wieder⸗ hergeſtellt zu finden. Dann fragte ich, wie lange er wieder auf den Füßen ſei? „Wie lange? das weiß ich wirklich nicht. Ich vergeſſe jetzt Alles ſo leicht. Ausgenommen,“ ſetzte er bitterlich hinzu,„den Schreiberſtuhl und das Comptoirfenſter mit den Spinnweben darüber— und die dreißig Schilling die Woche. Das iſt mein Einkommen, Dora— oder ich muß, ſollte wohl eigentlich ſagen, Miß Dora und Dich Sie nennen — ich vergaß, daß ich nicht mehr ein Gentleman bin, ſondern ein Comptoiriſt mit dreißig Schilling wöchentlich.“ Ich ſagte, ich ſähe nicht ein, warum er deßhalb weniger ein Gentleman ſein ſollte, und ſo niederge⸗ beugt er auch war, und mit ſeiner krankhaft blaſſen Wänge an dieſe roſige gedrückt, zuſammengeduckt am Feuer ſaß, ſo glaubte ich doch, noch Etwas vom Manne— dem richtigen, rechtſchaffenen Manne— durch die klägliche Erſcheinung des armen Francis Charteris hindurch leuchten zu ſehen. Gern wäre ich länger geblieben und hätte mit ihm geſprochen, und ſagte dies auch, aber meine Schweſter ſei draußen. „Iſt ſie draußen? Kommt ſie vielleicht auch herein?“ Und er fuhr ängſtlich in ſeinen Winkel zurück. „Ich bin ſo krank geweſen, weißt Du.“ Ich ſagte ihm, er brauche ſich nicht zu fürchten, in zwei Minuten würden wir fort ſein. Es ſei nicht die mindeſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ſie einander jemals wiederſehen würden. „Ich ſoll ſie alſo niemals wiederſehen?“ Ich hätte nicht geglaubt, ihn ſo ergriffen zu ſehen. „Du hatteſt Recht, Dora— ich habe Penelope niemals verdient, und doch hätte ich ihr gern Etwas geſagt. Bleib'— halte den Vorhang zurück. Sie kann mich doch nicht hier ſitzen ſehen?“ „Neiſ. Und ſo, während ſie langſam vorbeifuhr, ſah Francis ihr nach. Ich war mehr als froh— ich war ſtolz, daß er das Geſicht ſah, welches er blühend und jung gekannt, und welches nie wieder in dieſer Welt eins oder das andere ſein konnte, und daß er ſah, wie friedlich und gut es war. „Sie hat ſich ſehr verändert.“ Ich fragte in einer augenblicklichen Anwand⸗ lung von Furcht, ob er glaube, daß ſie kränklich ausſehe. „O nein— das meine ich nicht. Ich weiß ſelbſt nicht recht, was es iſt,“ fuhr er fort, und ſetzte dann mit einem plötzlichen Impulſe hinzu: „Ich muß gehen und Penelope ſprechen.“ Und ehe ich es hindern konnte, ſtand er drau⸗ ßen am Wagen. Eine ſogenannte Seene ſtand nicht zu fürchten. Sie ſahen ſich— 0 Max, können zwei Perſonen, die einander zehn Jahre lang geliebt, ſich ſo wieder⸗ ſehen! Es war möglich, daß die Gemüthsbewegung der letzten Minuten Penelope in einen Zuſtand ver⸗ ſetzt hatte, wo kein Ereigniß unerwartet oder ſeltſam zu ſein ſcheint, denn als ſie ihn erblickte, zuckte ſie blos ein wenig zufammen, und ſah ihn dann unge⸗ fähr eine Minute lang unverwandt an. „Es thut mir leid, zu ſehen, daß Sie krank ge⸗ weſen ſind.“ Dieſe wenigen Worte mußten ihm, eben ſo wie mir, die volle Ueberzeugung gewähren, daß ſie ſich jetzt nicht als Penelope und Francis wiederſahen, ſondern blos als Miß Johnſton und Mr. Charteris. „Ja, ich bin krank geweſen,“ ſagte er endlich. „Jaſt dem Tode nahe. Ich wäre auch wirklich ge⸗ — ſtorben, wenn nicht Doctor Urquhart und— eine gewiſſe andere Perſon geweſen wäre, deren Namen ich zufällig erfuhr. Ich erlaube mir, mich bei ihr für ihre Mildthätigkeit zu bedanken. Er ward feuerroth, als er dieſes Wort ausſprach. Meine Schweſter wollte ſprechen, aber er kam ihr zuvor. „Du brauchſt es nicht zu leugnen.“ „Was wahr iſt, leugne ich nie,“ entgegnete Penelope ernſt.„Ich that blos was ich für recht hielt und was ich für Jeden gethan haben würde, den ich ſeit ſo vielen Jahren gekannt. Auch würde ich es überhaupt nicht gethan haben, wenn nicht Ihr Onkel ſich geweigert hätte, Etwas zu thun.“ „O, lieber will ich es Dir zu verdanken haben — zwanzig Mal lieber!“ rief er.„Nein, nein, ich will Dir nicht mit meiner Dankbarkeit läſtig fallen — ich kam blos, um meine Schuld zu bekennen, und zu ſagen, daß ich ſie zurückzahlen werde, wenn ich das Leben habe; ſterbe ich—“ Sie ſah ihn aufmerkſam an. „Sie werden nicht ſterben,“ ſagte ſie. „Warum nicht? Warum ſoll ich leben als ein ruinirter, in ſeinen Erwartungen getäuſchter, mit Schande überhäufter Menſch? Nein, nein, mit mei⸗ nen Ausſichten iſt es in dieſer Welt vorbei, und es —— iſt mir gleichviel, wie bald ich von derſelben Abſchied nehme.“ „Ich wünſchte lieber zu hören, daß Sie auf würdige Weiſe in ihr lebten.“ „Es iſt zu ſpät, zu ſpät!“ „O nein, es iſt nicht zu ſpät.“ Penelope's Ton war ſehr innig und hatte einen leichten Anflug von Schwanken, der ſelbſt mir bange machte. Kein Wunder, daß Francis dadurch irre geleitet ward— er, der niemals eine ſonderliche geringe Meinung vor ſich hatte, und der ſeit ſo vie⸗ len Jahren vollkommen überzeugt von einer That⸗ ſache geweſen, welche, wie ich Max einſt ſagen hörte, einen Mann ſtets eher demüthig als eitel machen ſollte, nämlich wie innig ein Mädchen ihn ge⸗ liebt hatte. „Wie meinſt Du das?“ fragte er begierig. „Daß Sie zu all' dieſer Verzweiflung keinen Grund haben. Sie ſind noch ein junger Mann. Ihre Geſundheit kann ſich beſſern; Ihre Schulden ſind Sie los, und Sie haben genug, um leben zu können. Welche Unannehmlichkeiten Ihre Stellung auch haben mag, ſo iſt ſie doch ein Anfang— Sie können ſich emporarbeiten. Ein langes und glück⸗ iches Leben kann Ihnen noch beſchieden ſein, und ich hoffe es.“ Leben um Leben. V. 7 — „Wirklich?“ Max, ich zitterte. Denn er ſah ſie an, wie er ſie anzuſehen pflegte, als ſie jung waren. Und es ſcheint ſo hart, glauben zu müſſen, daß die Liebe jemals ſterben könne. Ich dachte: Wie, wenn dieſe außerordentliche Ruhe meiner Schweſter blos der Mantel wäre, in welchen der Stolz ſich hüllt, um unerträglichen Schmerz zu verbergen? Doch ich irrte mich. Und jetzt wundere ich mich, nicht daß er, ſondern daß ich— da ich doch meine Schweſter kennen muß— in dieſen ſanften, wehmüthigen Augen nur eine Secunde lang etwas Anderes ſehen konnte als was ihre Worte zu erken⸗ nen gaben, und zwar um ſo deutlicher, als es ſo außerordentlich gütige und ſanfte Worte waren. Francis kam näher und ſagte in leiſem Tone Etwas, wovon ich blos den letzten Satz verſtand. „Penelope, willſt Du mir wieder Vertrauen ſchenken?“ Ich wollte mich unbemerkt entfernen, aber meine Schweſter hielt mich zurück. Feſt klammerten ihre Finger ſich um die meinigen, während ſie Fran⸗ cis in gelaſſenem Tone antwortete: „Ich verſtehe Sie nicht recht.“ „Willſt Du vergeben und vergeſſen? willſt Du mich heirathen?“ —— „Francis!“ rief ich entrüſtet. Penelope aber legte mir die Hand auf den Mund. „Das iſt recht,“ fuhr er fort.„Höre nicht auf Dora— dieſe war mir ſtets abgeneigt. Höre auf mich. Penelope, Du ſollſt aus mir machen, was Du willſt; Du würdeſt mich retten— das heißt, wenn Du mit einem ſo niedergebeugten, kränklichen, mißlaunigen Unglücklichen vorlieb nehmen willſt.“ „Armer Francis,“ entgegnete ſie, und berührte ihn leicht mit der Hand. Er erhaſchte dieſelbe und hielt ſie feſt. Nun ſchien Penelope zu erwachen wie aus einem Traume. „Sie dürfen meine Hand nicht faſſen,“ ſagte ſie haſtig. „Warum nicht?“ „Weil ich Sie nicht mehr liebe.“ Und ſo war es auch. Er konnte es nicht be⸗ zweifeln. Der eitelſte Mann hätte, glaube ich, ſofort erkennen müſſen, daß meine Schweſter weder aus Laune noch aus Rache ſo ſprach, ſondern daß es die einfache traurige Wahrheit war. Francis mußte gewiſſermaßen inſtinktartig fühlen, daß das Herz, welches ſo lange ſein geweſen, mochte es jetzt gebro⸗ hen ſein oder nicht, doch nicht länger ihm gehörte, daß die Liebe aus demſelben entſchwunden war. ., Ob die bloße Kenntniß hiervon die ſeinige wie⸗ der belebte, oder ob in Folge des Umſtandes, daß er ſich an einem alten vertrauten Orte ſah— dieſer Weg war einer ihrer beliebten Spaziergänge— das ganze frühere Gefühl gewiſſermaßen zurückkehrte, weiß ich nicht; ich urtheile nicht gern. Dennoch aber bin ich überzeugt, daß für den Augenblick Francis bittere Schmerzen empfand. „Dann haſſeſt Du mich alſo wohl?“ ſagte er endlich. „Nein, im Gegentheile, ich fühle nur Wohl⸗ wollen gegen Sie. Es giebt Nichts in der Welt, was ich nicht für Sie thun würde.“ „Nur nicht mich heirathen.“ „Sehr richtig.“ „Na, Du haſt am Ende Recht. Ich, ein armer Comptoiriſt, krank, mit ſpärlichen Einkommen, ungewiſſen Ausſichten— Er ſchwieg, betroffen von dem Vrchurſe den er in den Blicken meiner Schweſter las. „Francis, Sie wiſſen, daß Sie nicht ſagen, was Sie denken; Sie wiſſen, daß ich Ihnen meinen wahren und meinen einzigen Grund genannt habe. Wenn wir blos der äußern Form nach verlobt wären, ſo würde ich genau daſſelbe ſagen, denn ein gebrochenes Verſprechen iſt weniger ſchändlich als ein heuchleriſches Gelübde. Man darf nicht heirathen — man ſoll nicht— wenn man aufgehört hat zu lieben.“ Francis gab keine Antwort. Das Bewußtſein alles Deſſen, was er verloren, ſchien jetzt, wo er es verloren, mit ſchwerer und überwältigender Wucht auf ihm zu laſten. Seine erſten Worte waren die traurigſten und muthloſeſten, die ich je von Francis Charteris gehört. „Ich habe es nicht beſſer verdient. Ich kann mich nicht wundern, daß Du mir nie verzeihen willſt.“ Penelope lächelte— es war ein ſehr wehmüthi⸗ ges Lächeln. „Das iſt ſo Ihre alte Gewohnheit, übereilte Schlüſſe zu ziehen. Ich habe Ihnen längſt vergeben. Vielleicht, wenn ich ſelbſt weniger fehlerhaft geweſen wäre, hätte ich mehr Einfluß auf Sie gehabt, aber Alles war ſo, wie es, glaube ich, ſein ſollte, und es iſt nun vorüber. Laſſen Sie uns nicht wieder dar⸗ auf zurückkommen.“ Sie ſeufzte und ſaß einige Augenblicke ſchwei⸗ gend da, indem ſie zerſtreu't über das Moor hinüber ſchauete. Dann richtete ihr Blick ſich mit einer ge⸗ wiſſen wehmüthigen Rührung— der Rührung, — 102— welche, wie man deutlich ſah, von Liebe gänzlich verſchieden iſt, auf Francis. „Ich weiß nicht wie es kommt, Francis, aber es iſt mir, als wären Sie gar nicht mehr Francis, ſondern eine ganz andere Perſon. Ich weiß ſelbſt nicht wie die Liebe entſchwunden iſt, aber ſie iſt ent⸗ ſchwunden— ſo vollſtändig, als wenn ſie niemals eriſtirt hätte. Zuweilen fürchtete ich, daß ſie, wenn ich Sie ſähe, zurückkehren würde, aber ich habe Sie nun geſehen, und ſie iſt nicht da. Sie kann nie⸗ mals wiederkehren.“ „Alſo bin ich fortan Dir nicht mehr als irgend ein Fremdling auf der Straße?“ „Das habe ich nicht geſagt, und es wäre auch nicht wahr. Nichts was Sie thun, wird mir jemals gleichgültig ſein. Wenn Sie Unrecht thun, o Fran⸗ cis, das verletzt mich ſo ſeyr, und wird mich verletzen bis zum Tage meines Todes. Ich frage wenig dar⸗ nach, ob Sie in gute Verhältniſſe kommen, oder ob Sie ſehr glücklich werden— es iſt ja möglich, daß kein Menſch ganz glücklich iſt— wohl aber wünſche ich, daß Sie gut werden. Wir waren mit einander jung, und ich war ſtolz auf Sie— laſſen Sie mich wieder ſtolz auf Sie ſein, wenn wir alt werden.“ „Und dennoch willſt Du mich nicht heirathen?“ „Nein, denn ich liebe Sie nicht, und könnte Sie auch niemals wieder lieben, eben ſo wenig als ich den Mann einer andern Frau lieben könnte. Francis,“ ſetzte ſie faſt flüſternd hinzu,„Sie wiſſen eben ſo gut als ich, daß es eine Perſon, und nur eine giebt, die Sie verbunden ſind zu heirathen.“ Er ſchrak zurück und ward zum zweiten Male ehrlich ſchamroth— das erſte Mal war, als ich ihn mit dem Knaben in ſeinen Armen traf. „Und Du— Penelope Johnſton— ſagſt das?“ „Ja, ich, Penelope Johnſton, ſage es.“ „Und Du ſagſt es mir?“ „Ja, ich ſage es Ihnen.“ „Du glaubſt, daß dies recht gehandelt ſein würde?“ „Ja, ich glaube es.“ Es waren lange Pauſen zwiſchen jeder dieſer Fragen, die Antworten meiner Schweſter aber erfolg⸗ ten alle Mal ſofort. Die ernſte Entſchiedenheit der⸗ ſelben ſchien den richtigen Ort zu treffen und Fran⸗ eis Charteris tief zu Herzen zu gehen. Als ſeine Verwirrung und Ueberraſchung ſich ein wenig gemindert hatte, ſtand er mit niederge⸗ ſchlagenen Augen in tiefem Nachdenken da. „Die arme kleine Seele,“ murmelte er..„Sie iſt mir ſehr zugethan— innig und treu. Sie würde mir treu ſein bis an's Ende meiner Tage.“ — 104— „Ja, das glaube ich,“ antwortete Penelope. Hier erhob ſich ein klägliches Geſchrei:„Dadda! Dadda!“ und der kleine Franky kam aus dem Hauſe herausgerannt und ſtürzte ſich in einem förmlichen Paroxysmus von Freude auf ſeinen Vater. Nun begriff ich deutlich, wie ein gutes und religiöſes Mädchen wie unſere Penelope unmöglich hätte fort⸗ fahren konnen, Francis Charteris zu lieben, oder an eine Verheirathung mit ihm zu denken, eben ſo wenig als wenn er, wie ſie ſagte, der Gatte einer andern Frau geweſen wäre. „Dora,“ rief ſie,„ich bitte Dich, führe den Knaben nicht hinweg. Laß ihn bei ſeinem Vater.“ Und ihr Ton mußte— wenn es noch fernerer Beſtätigung bedurfte— ſelbſt Francis die Ueberzeu⸗ gung gewähren, daß von nun an Penelope John⸗ ſton ihn niemals als etwas Anderes betrachten würde denn als Franky's Vater. Er fügte ſich, denn er ſah es von jeher gern, wenn das, was er thun ſollte, von Andern entſchie⸗ den ward. Ueberdies ſchien er den Knaben wirktich zu lie⸗ ben. Wenn man ſah, wie geduldig er Franky an ſich herumklettern, ihn ſich endlich rittlings auf die Schulter ſetzen und ſein Haar als Zügel benutzen ſah, ſo empfand man ein gewiſſes freundliches Ge⸗ — 405— fühl, ja, einen gewiſſen Grad von Achtung vor die⸗ ſem armen kranken Manne, den ſein Kind tröſtete, und der, wie ſehr er auch gefehlt haben mochte, doch jetzt Vater war und ſich nicht ſchämte, es zu ſein. „Du biſt mir gut, Franky,“ ſagte er, indem er ihm plötzlich einen Kuß auf das ſchmeichelnde Geſicht drückte.„Du haſt keinen Groll gegen mich, obſchon Du Urſache dazu haͤtteſt, Du kleiner Springinsfeld! Du ſchämſt Dich meiner nicht im Mindeſten, und bei Gott“— es war mehr ein Schwur als ein Fluch —„ich will mich auch niemals Deiner ſchämen.“ „Ich hoffe zu Gott, daß Sie dies niemals wer⸗ den,“ ſagte Penelope in feierlichem Tone. Uund nun ſprach ſie mit jener eigenthümlichen Sanftheit des Tons, die ich jetzt allemal bemerke, ſo oft ſie von oder mit Kindern ſpricht, einige Worte, wegen deren Inhalt wir, Liſabel und ich, ſie in frühern Jahren oft neckten, und durch den alten Scherz über alte Junggeſellen-Weiber und alte Jungfern⸗Kinder reizten— nämlich daß Leute, 6 welche keine Kinder haben, und wiſſen, daß ſie auch ohne Kinder ſterben werden, von den ſchweren Ver⸗ antwortlichkeiten der Elternſchaft oft einen richtigeren Begriff haben und dieſelben tiefer fühlen als Eltern ſu Nicht als ob ſie dies gerade ſo geſagt hätte, — 106— aber man konnte es in ihren Augen leſen, während ſie in wenigen einfachen Worten Franky's Schönheit pries, darauf hindeutete, was für eine ernſte Auf⸗ gabe es ſei, einen ſolchen Sohn zu erziehen, und zu welcher Freude er heranwachſen könne, wenn ſeine Erziehung eine richtige und angemeſſene wäre. Francis hörte mit einer Ehrerbietung zu, die mit Liebe durchaus Nichts zu ſchaffen hatte, und mit einer Demuth, welche rührend zu ſehen war. Auch ich konnte, während ich ſie ſchweigend beobach⸗ tete, nicht umhin, mit einer gewiſſen Ehrfurcht auf jedes Wort zu horchen, welches den Lippen meiner Schweſter Penelope entfiel. Und dabei lauſchte ich zugleich in ſeltſam zerſtreuter Weiſe dem letzten Abend⸗ liede meiner Lerche, als dieſelbe luſtig in den Wolken emporſtieg— gerade ſo wie ich ſie oder vielmehr ihre Vorfahren zahlloſe Male beobachtet, wenn ich, auf dieſem ſelben Wege langſam hinter Francis und Penelope einherſchleichend, mich fragte, was um aller Welt willen ſie immer mit einander zu ſprechen ha⸗ ben könnten, und wie ſonderbar es ſei, daß ſie nie⸗ mals auf etwas Anderes oder irgend Jemanden achteten als ſich ſelbſt. Ach, wie ſich doch die Zeiten ändern! Doch weg mit Seufzern— ich konnte nicht ſeufzen, und — 107— that es auch nicht. Mein Herz war voll, Max, aber nicht von Schmerz. Ich lerne nämlich jetzt verſtehen, was Du oft ſagteſt, und was wir, wie ich glaube, wo nicht in dieſem Leben, doch ganz gewiß in jenem deutlich ſehen werden, nämlich, daß der einzige dauernde Schmerz auf Erden die Sünde iſt. Und als ich in das liebe Antlitz meiner Schwe⸗ ſter blickte, fühlte ich, wie geſegnet über alles bloße Glück der Frieden Derer iſt, welche gelitten und das Leiden überwunden haben, an welchen geſündigt worden und welche verziehen haben. Hierauf, als Franky ermüdet nach Art der Kin⸗ der plötzlich einſchlief, ſprachen ſein Vater und Pene⸗ lope noch ziemlich lange. Sie erkundigte ſich in ihrer verſtändigen praktiſchen Weiſe nach ſeinen Um⸗ ſtänden und Ausſichten, und er antwortete offen und, wie es ſchien, der Wahrheit gemäß, ohne Zögern, Unmuth oder Stolz, indem er dann und wann bei der geringſten Bewegung des hübſchen ſchlafenden Geſichtes auf daſſelbe herabblickte, während ein ſanf⸗ ter Ausdruck, der an Francis Charteris ganz neu war, das ſeine verklärte. Es lag ſogar ein Grad von Heiterkeit und Hoffnung in ſeinem Weſen, als er zur Antwort auf eine Bemerkung meiner Schwe⸗ ſter ſagte: — 108— „Sie glauben alſo, daß, wie Doctor Urquhart ſagte, mein Leben doch nicht ganz unwerth iſt, er⸗ halten zu werden, und daß ich am Ende doch nicht ein ſo ganz ſchlechter Menſch bin?“ „Wie könnte ein Menſch etwas Anderes ſein als ein guter Menſch, wenn er wirklich fühlt, was es heißt, der Vater eines Kindes zu ſein!“ Francis gab keine Antwort, drückte ſeinen klei⸗ nen Sohn aber feſter an ſeine Bruſt. Wer weiß, ob nicht dieſer ſchöne Knabe ein Himmelsbote iſt, welcher die Seele des Vaters rettet? Du ſieh'ſt, Max, daß ich nach meiner alten moraliſirenden Weiſe es immer noch liebe, das Wal⸗ ten Gottes gegen die Menſchen zu rechtfertigen, und den Nutzen des Schmerzes, den Grund der Strafe einzuſehen, und nicht blos durch den Glauben, ſon⸗ dern auch durch die Erfahrung zu fühlen, daß, ſo dunkel auch die Wege der unendlichen Barmherzigkeit ſind, ſie doch alle zum Heile führen.„Denen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen.“ Und während ich ſo dieſen Beiden zuſah, wäh⸗ rend ſie ruhig und freundlich mit einander ſprachen, bedachte ich, wie ſehr mein Mar ſich darüber freuen würde. Ich dachte an Alles, was mein Max gethan — Penelope weiß es jetzt— in dieſer Nacht erzählte ich es ihr. Und ſo beſorgt und unruhig ich auch 1 — 109— in Bezug auf Dich und viele Dinge bin, ſo erfuhr mein Herz doch eine jener ſonnenhellen Stunden des Friedens, wo wir fühlen, daß, mag nun Alles glück⸗ lich ſein oder nicht, doch Alles gut iſt. Francis ging wohl eine viertel Meile oder noch länger mit dem ſchlafenden Knaben auf dem Arme neben unſerm Pony⸗Wagen her. „Nun muß ich umkehren,“ ſagte er.„Dieſer kleine Schelm ſollte ſchon ſeit einer Stunde oder noch länger im Bett liegen; es iſt das ſeine gewohnte Zeit. Seine Mutter—“ Francis ſtockte—„ich bitte um Entſchuldigung.“ Dann den Knaben in einer plötzlichen Anwandlung von Leidenſchaft und Reue an ſeine Bruſt drückend, ſagte er:„Penelope, wenn Du Dich an mir gerächt zu ſehen wünſcheſt, ſo ſiehe es hier. Du kannſt Dir nicht denken, was ein Mann fühlt, welcher, wenn der Rauſch der Jugend vorüber iſt, ſich nach einer Häuslichkeit ſehnt, und doch weiß, daß er ſeinem Weibe niemals makel⸗ loſe Ehre anbieten oder empfangen, daß er ſeinem Erſtgeborenen niemals ſeinen rechtmäißgen Namen geben kann.“ Dies war die einzige Anſpielung, die offen auf das gemacht ward, was, wie Beide ſchweigend über⸗ eingekommen waren, geſchehen ſollte, und ſicherlich was nach Deiner Anſicht eben ſo wie nach der unſri⸗ — 110— gen ganz gewiß das Beſte iſt, was unter den ob⸗ waltenden Umſtänden geſchehen kann. Und hier habe ich Dich, ſowohl im Namen meiner Schweſter als in meinem eigenen zu bitten, wenn Francis wirklich Lydia Cartwright zu ſeiner Frau zu machen wünſcht und ſie dazu bereit iſt, ſo ſage ihnen Beiden, daß wenn ſie direct zu uns nach Rockmount kommen will, wir ſie freundlich aufneh⸗ men, ihr Alles, was ſie braucht, anſchaffen— denn Francis iſt ſehr arm, und ſie werden ihren Haushalt auf dem beſcheidenſten Fuße einrichten müſſen— und dafür ſorgen werden, daß ſie auf gute und an⸗ ſtändige Weiſe vermählt werde. Sage ihr auch, daß von der Vergangenheit keine Rede ſein, ſondern daß ſie vielmehr hinfort mit der Achtung behandelt wer⸗ den ſoll, die Francis' Gattin gebührt, denn ſie iſt im Grunde genommen ein veſſeres Weib als er zu beſitzen verdient. und ſomit verließ er uns. Ob er und Pene⸗ lope einander auf dieſer Welt wohl wiederſehen wer⸗ den? Wer weiß es! Er ſchien eine Ahnung zu ha⸗ ben, daß dies nicht der Fall ſein werde, denn beim Abſchiede fragte er zögernd, ob ſie ihm die Hand geben wolle. Sie that es mit einem innigen Blicke auf ihn — ihre erſte Liebe, der, wenn er ſich ſelbſt und ihr — 111— treu geweſen wäre, ihre Liebe für immer hätte blei⸗ ben können. Dann ſah ich ihr Auge auf das Locken⸗ köpfchen herabſinken, welches ſich an ſeine Schulter geſchmiegt hatte. „Willſt Du meinen Sohn küſſen, Penelope?“ Meine Schweſter bog ſich aus dem Wagen, und berührte Franky's Stirn mit ihren Lippen. „Gott ſegne ihn! Gott ſegne Euch Alle!“ Dies waren ihre letzten Worte, und wie lange ſie Beide auch noch leben mögen, ſo bin ich doch überzeugt, daß es ihre letzten Worte bleiben werden — ihre letzten Worte an Francis Charteris. Er kehrte nach dem kleinen Hauſe zurück, und durch die roſige Frühlingsdämmerung hindurch, mit einem ſeltſam erhabenen Gefühl, als ob wir einen neuen Frühling in einer andern Welt erlebten, fuhren Penelope und ich nach Hauſe. Und nun, Max, habe ich Dir Alles erzählt, was dieſe Perſonen betrifft. In Bezug auf mich— Doch nein, ich will nicht verſuchen, Dich zu täuſchen. Gott weiß, wie treu mein Herz iſt, und wie heftig und brennend dieſer Schmerz! Lieber Max, ſchreibe mir. Wenn es etwas Unangenehmes giebt, ſo kann ich es tragen; iſt etwas Unrechtes geſchehen— wenn Max nämlich Unrecht — 112— thun könnte— ſo werde ich verzeihen. Ich fürchte Richts, und Nichts hat die Macht, mich zu betrü⸗ ben, ſo lange Du mich feſthältſt, ſo lange ich Dich habe! Deine treue Theodora. N.⸗S.— Etwas Wunderbares, etwas Wunder⸗ bares— es ereignete ſich erſt geſtern Abend. Es iſt mir noch jetzt, als wenn es kaum wirklich ſein könnte. Max, geſtern Abend, nachdem ich mit Leſen fertig war, nannte Papa auf eigenen Antrieb Deinen Namen. Er ſagte, Penelope habe ihm, als ſie ihn um Erlaubniß gebeten, wozu wir uns verpflichtet glaub⸗ ten, ehe wir dieſe Botſchaft an Lydia ergehen ließen, die ganze Geſchichte von Veiner Güte gegen Francis erzählt. Hierauf fragte er kurz, wie lange es ſei, ſeitdem ich Doctor Urquhart nicht geſehen? Ich antwortete, ſeit jenem Tage in dem Biblio⸗ thekzimmer— nun Ein Jahr her— nicht wieder. „Und wann erwarteſt Du ihn zu ſehen?“ „Das weiß ich nicht.“ und die ganze Bitterkeit der Trennung— die Angſt, daß die unendlichen Wechſelfälle des Lebens dieſe Trennung zu einer ewigen machen könnten— — das Murren, welches erwacht, wenn man ſich fragt, warum Hunderte und Tauſende, denen Nichts an einander liegt, fortwährend beiſammen ſind, während wir— wir— O, Max, alles Dies machte ſich in heftigem Schluchzen Luft, während ich rief: „Papa, Papa! wie kann ich das wiſſen!“ Mein Vater ſah mich an, als ob er in meiner Seele leſen wollte. „Du biſt ein gutes und ehrenwerthes Mädchen. Er iſt auch ehrenwerth. Er würde niemals ein Kind bereden, ſeinem Vater ungehorſam zu werden.“ „Nein, niemals!“ ſagte ich, und Papa wendete das Geſicht ab, ſprach aber ſo deu⸗ daß ich es nicht mißverſtehen konnte: „Sage Doctor Urquhart, wenn er auf einen Tag nach Rockmount kommen wolle, ſo würde ich ihn allerdings nicht ſehen, aber Du dürfeſt es.“ Max, komm'! Nur auf einen Tag der Feier⸗ tagsruhe. Es würde gut für Dich ſein. Es giebt grüne Blätter im Garten, und Sonnenſchein, und Lerchen auf dem Moor, und— mich. Komm'“! Leben um Leben. v. 8 Viertes Kapitel. Seine Geſchichte. Meine theure Theodora! Ich habe nicht geſchrieben, weil ich nicht konnte. In gewiſſen Gemüthsſtimmungen ſcheint den Menſchen nichts weiter möglich zu ſein als zu ſchweigen. Ver⸗ gieb mit, meine Licbe, Kein Troſt, meine Freude. Ich habe viel gelitten, aber es iſt nun vorüber — weſigſteis die Ungswißheit, und ich kann Dir Alles ſagen, mit der Ruhe, vie ich ſelbſt jezt fühle. Du haſt Recht; wir lieben einduder, wir brauchen keinerlei Anfechtungen zu fürchten. Ehe ich auf meine Angelegenheiten eingehe, laß mich Deinen Brief beantworten— Alles, bis auf das letzte Wort deſſelben:„Komm'!“— Dieſes wird mein anderes Ich, mein beſſeres Gewiſſen beantworten — 115— Die Hauptſache von Dem, was Du mir erzählſt, weiß ich ſchon. Franeis Charteris kam um Sonn⸗ tage vor acht Tagen zu mir und fragte nach Lydia. Zwei Tage darauf wurden ſie vermählt— ich ver⸗ trat die Stelle des Brautvaters. Seitdem habe ich bei den Neuvermählten ſchon Thee in ihrer Wohnung getrunken, welche, ſo ärmlich ſie auch iſt, doch ſchon die heitere Behaglichkeit einer Häuslichkeit hat, in welcher ein liebendes Weib waltet. Als ich ſie verließ, ſaß Mr. Charteris mit ſei⸗ nem Knaben auf den Knieen am Feuer. Er ſcheint den kleinen Schelm, der, wie Du ſagteſt, ſein leib⸗ haftes Ebenbild iſt, leidenſchaftlich zu lieben. Mehr als ein Mal aber ſah ich auch, wie ſeine Blicke mit dankbarer Zärtlichkeit der ſanften Lydia folgten. „Die verſtändigſte, praktiſchſte Frau, die man ſich denken kann,“ ſagte er während ihrer augenblick⸗ lichen Abweſenheit aus dem Zimmer,„und ſie kennt meine ganze Art und Weiſe und hat ſo viel Geduld mit mir!“ Was Lydia ſelbſt beträf, ſo beſchäftigte ſie ſich mit ihren häuslichen Verrichtungen und vethielt ſich beſcheiden und ſchweigſam, ausgenvmmen, wenn ihr Gatte ſie anredete, wo dann ihr ganzes Geſicht ſich derklätte. Die arme Lydia! Niemand, der ihre Geſchichte genau kennt, wird ſie viel . 8* —— wieder zu ſehen bekommen. Mr. Charteris ſcheint — und zwar aus ſehr natürlichen Gründen— zu wünſchen, daß ſie das Leben gänzlich von Neuem beginne, aber wir können mit Zuverſicht das Wort glauben, welches ſie eben ſo betrifft wie eine andere arme Sünderin:„Ihre Sünden, deren viele waren, ſind verziehen, denn ſie hat viel geliebt.“ Als ich von dieſem Beſuche wieder nach Hauſe kam, fand ich Deinen Brief. Er bewog mich, nicht mehr zu fühlen, was ich in der letzten Zeit ſo oft gefühlt, nämlich als ob die Hoffnung an jede Thür pochte, nur nicht an die meinige. Ich ſagte Dir einmal, Du ſollteſt Dich nicht ſchämen, zu zeigen, daß Du mich liebſt. Thue dies, denn eine ſolche Liebe iſt der Ruhm des Weibes und das Heil des Mannes. Laß mich nun ſagen, was über mich ſelbſt zu ſagen iſt, und mit dem Anfang beginnen. Ich erwähnte einmal gegen Dich, daß ich hier ziemlich viel Feinde hätte, aber daß ich durch meine Handlungsweiſe ſie bald zum Schweigen bringen würde, was ich auch eine Zeitlang hoffte und glaubte, und wovon ich noch glaube, daß es unter gewöhn⸗ lichen Umſtänden der Fall geweſen ſein würde. Ich bin ſtets der Meinung geweſen, daß die Wahrheit ſtärker iſt als die Lüge, daß der ehrliche * — 117— Mann blos ſtill zu ſitzen und den Sturm vorüberzu⸗ brauſen und ſeine Zeit zu erwarten braucht. Da⸗ durch, daß die Dinge in Bezug auf mich einen andern Ausgang genommen haben, wird dieſe Behauptung nicht erſchüttert. Schon eine Zeitlang hatte ich das Gewölk ſich aufthürmen ſehen. Ich hatte ſchlimme Gerüchte ver⸗ nommen, die über mich in Umlauf waren, und be⸗ merkt, daß in Geſellſchaft oder bei öffentlichen Ver⸗ ſammlungen dann und wann ein Bekannter mich möglichſt zu meiden ſuchte. Ferner— und dies be⸗ unruhigte mich weit mehr, denn es war'ein täglich gefühltes Hemmniß— ſchien mein Einfluß und meine Autorität in dem Gefängniſſe nicht ganz das zu ſein, was ſie ſonſt zu ſein pflegte. Ich ſtieß allerdings auf keine fühlbare Beleidigung, und Alles ging ſeinen gewöhnlichen glatten Gang, bis ich eine Beſchwerde zu erheben hatte, und dann, wie Du weißt, ſieht man an einer Feder, woher der Wind kommt! Es war eine neue Erfahrung, denn ſelbſt in den ſchlimmſten Zeiten, im Feldlager wie in dem Hospitale, liebten meine armen Kerle mich ſtets und es war mir daher ſehr ſchmerzlich. Noch mehr hämiſche Zeitungsartikel, von wel⸗ en ich den letzten und den am wenigſten anſtößigen Dir zuſendete, damit Du nicht zuerſt auf anderm — 118— Wege davon hören möchteſt, folgten auf meine Dir bekannten Maßnahmen hinſichtlich gewiſſer Reformen. Zwei Artikel— die Ueberſchriften:„Arzt, hilf Dir ſelbſt“ und:„Man ſucht Niemanden hinter dem Buſche, wenn man nicht ſelbſt dahinter geſteckt hat,“ werden Dir einen Begriff von dem Inhalte geben— gingen ſo weit, daß ich berechtiget geweſen wäre, deßwegen gerichtliche Klage anzuſtellen und die Ver⸗ faſſer als Pasquillanten belangen zu laſſen. Mehrere Perſonen hier, beſonders unſer Kaplan, forderte mich dringend auf, dies zu thun und meinen guten Ruf zu vertheidigen, aber ich lehnte es ab. Eines Tages, als wir eben wieder hierüber verhandelten, ſprach der Kaplan den Wunſch aus, ihm meine Gründe zu nennen. Ich nannte ſie ihm und will auch Dir ſie nennen, denn ich habe ſeit dieſer Zeit nur zu häufig Gelegenheit gehabt, mich ihrer buchſtäblich wieder zu entſinnen. Ich ſagte, ich hätte von jeher eine inſtinctartige Abneigung und Scheu vor jedem gerichtlichen Ver⸗ fahren gehabt und ein Mann tauge nicht viel, wenn er ſich nicht mit beſſern Waffen vertheidigen könne als mit dem Ausſpruche einer unwiſſenden Jury und einer gleisneriſchen, zuweilen lügenhaften Advocaten⸗ zunge. Der alte Geiſtliche ſprach mit ſichtlicher Unruhe die Hoffnung aus, daß ich kein Duellant ſei, worüber ich nur lächelte. Es fiel mir ggr nicht ein, mir die Mühe zu nehmen, eine ſo lächerliche Vorausſetzung in Abrede zu ſtellen. Ich wußte nicht, daß, wenn der Ball einmal gegen einen Menſchen in rollende Bewegung geſetzt iſt, deſſen unbedeutendſte Worte Gewicht und Schwere erhalten und ſogar ſeine Blicke gegen ihn gekehrt werden. Dies iſt einmal ſo in der Welt. Du ſieh'ſt, ich kann moraliſiren— ein Zeichen, daß ich mich allmählig wieder faſſe— ich glaubhe, es geſchieht dies in Folge der Erleichterung, die es mir gewährt, Dir Alles zu ſagen. „Aber,“ fuhr der Kaplan fort,„wenn ein Menſch unſchuldig iſt, warum ſoll er dies nicht erklären? Warum ſoll er ruhig ſitzen bleiben und ſich perleum⸗ den laſſen? Es iſt dies unklug— ja ſogar gefährlich. Sie ſind hier ein Fremdling und wir in der Provinz ſuchen gern über Jedermann alles Mögliche zu er⸗ kunden. Wenn ich Ihnen fathen ſoll,“ ſagte er, indem er ſich zugleich wegen dieſer freundſchaftlichen Zudringlichkeit, wie er es nannte, entſchuldigte,„ſo ſeien Sie etwas weniger beſcheiden, erzählen Sie etwas mehr über Ihre perſönliche Geſchichte, die eine ſehr merkwürdige geweſen ſein muß, und zeigen Sie einem Freunde in ruhiger, zartfühlender Weiſe, daß — 120— die Wahrheit eben ſo weit ausgebreitet iſt als die Verleumdung. Wenn Sie mir vertrauen wollten—“ „Einen beſſern Fürſprecher könnte ich nicht wäh⸗ len,“ ſagte ich dankbar,„aber es iſt unmöglich!“ „Wie ſo? Ein Mann wie Sie kann doch Nichts zu fürchten— Nichts zu verſchweigen haben?“ Ich ſagte nochmals— denn ich fand keine Worte, etwas Anderes zu ſagen:„Es iſt unmöglich!“ Er drang nicht weiter in mich; aber ich fühlte bald die peinliche Gewißheit, daß ein unwillkürliches Mißtrauen in dem Gemüthe des guten Mannes lauerte, und obſchon er in allen unſern geſchäftlichen Beziehun⸗ gen gegen mich derſelbe blieb, ſo breitete ſich doch über unſern Privatverkehr eine Wolke, die ſich nie wieder gehoben hat. um dieſe ſelbe Zeit ereignete ſich noch ein anderer Vorfall. Du weißt, ich habe eine kleine Freundin hier, die mutterloſe Tochter des Directors der Gefangnen⸗ Anſtalt, ein hübſches Kind, eine gutmüthige Kleine, die ich zuweilen in dem Garten treffe, wo wir ihre Blumen begießen und ein Langes und Breites über Vögel, Thiere und die Wunder fremder Welttheile plaudern. Ich habe dieſem meinem kleinen Liebchen ſogar ſchon einige Geſchenke gemacht. Biſt Du eifer⸗ ſüchtig? Sie hat Deine Augen! — 121— Eines Tages, als ich Lucy rief, kam ſie lang⸗ ſam, mit ſchüchternem, traurigem Geſichte auf mich zu und nach längerem Fragen erfuhr ich endlich, daß ihre Wärterin ihr geſagt hatte, ſie ſolle nicht wieder mit Doctor Urquhart ſpielen, denn er ſei„bös.“ Doctor Urquhart fragte was er gethan habe? Die Kleine zögerte. „Meine Wärterin weiß es nicht genau, aber ſie ſagt, es ſei etwas ſehr Schlimmes— ſo ſchlimm wie irgend Etwas, was die böſen Menſchen gethan haben, die hier gefangen ſitzen. Aber es iſt nicht wahr— nicht wahr, es iſt nicht wahr?“ Es kam mir ſchwer an, das kleine liebende Antlitz zurückdrängen zu müſſen, aber ich ſah die Wärterin kommen. Dieſe iſt keineswegs eine boshafte Perſon, aber ſo klatſchſüchtig wie nur irgend Jemand an dieſem Drte. Ihre Gloſſen über mich beunruhigten mich wenig; ich vermuthete, daß dieſelben nur die Folge jenes Zeitungsgeſchwätzes ſeien, gegen welches ich allmählig abgehärtet ward; nichtsdeſtoweniger hielt ich es für das Beſte, zu bemerken, ich hätte mit gro⸗ ßer Ueberraſchung gehört, was Miß Lucy geſagt. „Kinder und Narren reden die W 4 ſagte die Wärterin ſchnippiſch. „Dann müßt Ihr um ſo ſorgfältiger darauf achten, daß die Kinder ſtets nur die Wahrheit zu hören bekommen.“ Und nun verlangte ich, daß ſie die lächerlichen Geſchichten wiederhole, welche ſie über mich in Um⸗ lauf geſetzt. Als ich mit einiger Mühe die Thatſachen aus ihr herausbrachte, waren dieſe nicht die, welche ich erwartet, ſondern folgende. Jemand in der Anſtalt hatte Jemandem anders erzählt, Doctor Urquhart ſei früher ein ſo unmora⸗ liſcher Menſch geweſen, daß ſein böſes Gewiſſen ihn jetzt noch fortwährend unter Verbrecher treibe, und veranlaſſe, Zuchthäuſer, Gefängniſſe und Corrections⸗ Anſtalten zu beſuchen und ſich für jede Geſtalt des Laſters und Verbrechens zu intereſſiren. Ja, die Leute hätten mich— und dies war auch ganz rich⸗ tig— bei Gelegenheit einer neulichen Hinrichtung in Kirkdale— ſagen hören, ich hätte ſelbſt für einen Mörder Theilnahme und Mitklrid. Du kannſt Dir denken, mit welchen Empfindun⸗ gen ich alles Dies anhörte. Einen Augenblick lang war ich förmlich über⸗ wältigt. Es war mir zu Muthe, als ob Gott mich verlaſſen hätte, als ob ſeine Gnade eine Täuſchung wäre, als ob ſeine Strafen nie endeten, als ob ſeine —— Gerechtigkeit niemals befriedigt würde. Trotz meines Deinem Vater gegebenen Verſprechens hätte ich mich vielleicht gleich in dieſem Augenblicke auf irgend eine verhängnißvolle Weiſe verrathen, wenn ich nicht die Kleine faſt ſchluchzend hätte ſagen hören: „Schäme Dich, Muhme! Doctor Urquhart iſt kein böſer Mann; Luch liebt ihn.“ Und ich dachte an Dich. „Mein Kind,“ ſagte ich leiſe,„wir ſind Alle ſündhafte Menſchen, aber wir können Alle Verzeihung finden. Ich hoffe zuverſichtlich, daß Gott mir ver⸗ ziehen hat.“ Und dann ging ich fort, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Seit dieſer Zeit habe ich es aber für das Beſte gehalten, den Garten des Directors zu meiden, und es hat mir mehr Schmerz gekoſtet als Du vielleicht glaubſt, es immer ſo einzurichten, daß ich blos von Weitem vorüberkam und von der kleinen Luch nur ein Kopfnicken und Lächeln bekam, was ihr keinen Schaden bringen kann. um dieſelbe Zeit— es waren vielleicht zwei oder drei Tage ſpäter, denn abgeſehen von den Arbeitsſtunden, achtete ich wenig darauf, wie die Zeit verging— ereignete ſich ein n Umſtand mit Luch's Vater. — 124— Ich muß Dir ſchon von ihm erzählt haben, denn er iſt ein merkwürdiger Mann— noch jung und hübſch von Geſicht, mit Manieren eben ſo wie ſeine Züge ſind— hart wie Eiſen, obſchon fein und glatt wie Stahl. Er ſcheint dazu geboren, Verbre⸗ cher zu beherrſchen. Brutalität, Gemeinheit oder ungerechtigkeit wären ihm unmöglich, ebenſo unmög⸗ lich aber wäre ihm auch etwas Anderes— Erbarmen. Dieſer Punct war es, in Bezug auf welchen wir unſere Differenz hatten. Wir begegneten einander in der öſtlichen Ab⸗ theilung, wo er mir im Vorübergehen die Notiz auf der in der Mitte angebrachten Tafel zeigte, nämlich daß ein Knabe eine gewiſſe Anzahl Peitſchenhiebe bekommen ſollte. Es ſcheint lächerlich zu ſein, aber bei dieſen Worten wendete ſich mir förmlich das Herz um. Ich kannte nämlich den Knaben. Ich kannte auch ſein Vergehen und wußte, daß eine ſolche Strafe der erſte Schritt ſein würde, einen blos ſtarrköpfigen, wegen eines Straßentumults hierher geſchickten Bur⸗ ſchen in einen verſtockten Böſewicht zu verwandeln. Der Director hörte mich an— höflich, aber unbeugſam. Ich fuhr fort, mit ungewöhnlicher Wärme zu ſprechen. Du kennſt meinen Abſcheu vor dieſen Prügelſtrafen, Du kennſt auch meine Meinung über das Strafſyſtem überhaupt, wenn daſſelbe blos auf Strafe und nicht zugleich auf Beſſerung abzweckt. Ich glaube, es iſt nur unſere blinde menſchliche Auslegung geiſtiger Dinge, welche das unwandelbare Geſeß, daß das Böſe ſich ſelbſt rächt und daß der Zorn Gottes gegen die Sünde eben ſo ewig ſein muß als ſein Erbarmen mit den Sündern— in die Lehre von ewiger Qual, von dem Wurme, der nicht ſtirbt, und dem Feuer, welches nicht verlöſcht, verwandelt. Der Director hörte Alles an, was ich ſagte, und ſprach dann— ſtets höflich— ſein Bedauern aus, daß es ihm eben ſo unmöglich ſei, meine Bitte zu gewähren, als mich meiner Pflicht zu entbinden. „Es giebt indeſſen einen Ausweg, den ich Ihnen in Betracht Ihrer ſehr eigenthümlichen Anſichten und Ihrer bekannten Sympathie mit den Verbrechern vor⸗ ſchlagen kann. Glauben Sie nicht, daß es beſſer für Sie wäre, wenn Sie Ihr Amt niederlegten?“ Die Worte waren Richts; als er aber das ſcharfe Auge, welches, wie er ſich rühmt, ohne eines Richters oder einer Jury zu bedürfen, die Schuld oder Unſchuld eines Menſchen entdecken kann, auf mich heftete, Pfühlte ich mich überzeugt, daß auch bei ihm mein guter Name dahin war. Es war nun nicht mehr ein — 126— Kampf mit bloßen leichten Winden der Verleumdung — der Sturm hatte begonnen. Der Muth wäre mir vielleicht entſunken, wenn es ſich blos um mich gehandelt hätte. So aber ſchaute ich dem Direetor in's Geſicht. „Haben Sie einen beſondern Grund zu dieſer Andeutung?“ „Ich habe ihn bereits angegeben.“ „Dann erlauben Sie mir, zu erklären, daß, von welcher Art meine Meinungen und Anſichten auch ſein mögen, ich doch, ſo lange meine Dienſte hier nützlich ſind, nicht im Mindeſten den Wunſch, oder die Abſicht hege, mein Amt niederzulegen.“ Er verneigte ſich und wir ſchieden. Der Knabe bekam ſeine Hiebe. Ich ſagte zu ihm:„Ertrage es; es iſt beſſer, wenn Du geſtehſt“ — wie er bereits gethan— s iſt beſſer, Du geſtehſt und wirſt jetzt geſtraft. Dann iſt es vorüber.“ und ich hoffe, nach dem dankbaren Blicke des armen jungen Wichtes zu ſchließen, daß mit dem Schmerze auch die Strafe vorüber war, daß mein Mitleid ihm dieſelbe ertragen half, ſo daß ſie ihn nicht verſtockte, ſondern er, mit ein wenig Hülfe, noch ein rechtſchaffener Mann werden kann. Als ich ihn in ſeiner Zelle verließ, beneidete ich ihn faſt. Es ward uun für mich nothwendig, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu bekümmern, ünd womöglich Alles zu entdecken, was däs Gerücht gegen mich geltend machte— mochte es nun wahr oder falſch ſein— ſo wie auch den Urheber aller dieſer Geſchichten. Dieſen entdeckte ich endlich ganz von Ungefähr. Meitie liebe Theodvra mit ihrein raſchen, war⸗ nien Gefühle muß verzeihen lernen, wie ich ſchon längſt verzichen habe. Der Urheber war Niemänd anders als Francis Chatteris. Ich gläube noch, es geſchah weniger aus vor⸗ bedachter Bosheit als vielmehr äus bloßein Hange zum Schwatzen und in Folge jener Unſicherheit des Ausdrucks, die ihm von jeher eigenthümlich war, daß er, während er in der Schuldnerabtheilung die⸗ ſes Gefängniſſes ſaß und nicht wüßte, womit er ſich die Zeit vertreiben ſollte, jedenfalls mit ſelbſterſon⸗ nenen Zuſätzen wieder erzählte, was Deine Schwe⸗ ſter Penelope ihm einiml von mir geſagt,— näm⸗ lich daß ich einmal im Begriffe geſtanden, zu hei⸗ rcthen, daß aber der Vater der jüngen Dame ein Verbrechen eutdeckt habe, welches ich in meiner Jugend begangen— ob es eine Unreblichkeit, ein Duell oder eine Verführungsgeſchichte geweſen ſei, könne er nicht ſagen, jedenfalls aber ſei es Etwas, — 128— was ein ehrenwerther Mann auf keinen Fall ver⸗ zeihen könne, und deßhalb ſei die Heirath wieder rück⸗ gängig geworden. Dies war das Fundament aller gegen mich umlaufenden Gerüchte. Nachdem ich dieſe Geſchichte, welche einer der Schließer, deſſen Kinder am Fieber krank lagen, mir erzählte, während ich am Bette der Kleinen wachte, angehört, ging ich fort und machte einen langen Spaziergang an dem Waterlov⸗Ufer hinab, um mich zu beruhigen und meine Lage zu überlegen. Ich wußte, daß es vergebens ſein würde, länger zu kämpfen. Ich war ruinirt. Ein Unſchuldiger hätte den Kampf fortſetzen können, denn wie irgend Jemand, der ein reines Gewiſſen hat, jemals durch Verleumdung beſiegt werden, oder ſich davor fürchten kann, verſtehe ich nicht. Mit einem reinen Herzen und der Wahrheit auf der Zunge muß der Menſch kühn ſein wie ein Löwe. Ich wäre es auch geweſen— aber, meine Liebe, Du weißt ja. Dieſes Waterloo⸗Ufer iſt ſtets ein Lieblingsſpa⸗ ziergang von mir geweſen. Du ſagteſt einmal, Du wünſchteſt am Meere zu leben, und ich habe niemals das Rieſeln der Fluth gehört, ohne an Dich zu denken— ich habe niemals die Kinder in dem Sande — 129— herumpaddeln ſehen, ohne zu denken— Gott ſtehe mir bei— wenn man ſchweigt, ſo geſchieht es nicht, weil man das Meſſer nicht fühlt:„Wer hätte ge⸗ glaubt, daß der alte Mann ſo viel Blut in ſich hätte!“ Doch ich will Dir nicht größern Schmerz berei⸗ ten als ich durchaus muß, und überdies iſt, wie ich Dir ſchon ſagte, meine ſchlimmſte Qual vorüber. Ich glaube, ich muß bis zum Einbruche der Nacht unter den Sandhügeln am Strande geſeſſen haben. Noch Jahre lang, wenn ich das Leben habe, werde ich ſo klar und wie in einem Gemälde die ebene Fläche des Meeres ſehen, auf welcher die kleinen weißen ſtillen Schiffe ſich hin- und herbewegten und die Dampfer mit ihren ſummenden Schaufelrädern und ihrer langgewundenen Rauchſchlange einer nach dem andern in Das hinabſanken, was einer Deiner Lieblingsdichter, mein Kind, die„Unterwelt“ nennt. Es ſchien eine große Bürde auf meinem Haupte zu laſten— eine Müdigkeit beherrſchte mein ganzes Weſen. Nach der erſten halbe Stunden fühlte ich nicht viel, ausgenommen eine Sehnſucht, Dein kleines Geſicht noch ein Mal zu ſehen und dann, wenn es Gottes Wille wäre, mich niederzulegen und zu ſter⸗ ben— in Deiner Nähe, ruhig und ohne Dir oder irgend Jemandem weitere Unruhe zu machen. Du wirſt Dich entfinnen, daß ich mich nicht Leben um Leben. v. 9 körperlich ſo wohl befand wie gewöhnlich, und ſeit einiger Zeit ungewöhnlich viel zu thun gehabt. Wohlan, meine Theure, dies iſt für heute genug über mich ſelbſt. Ich ging nach Hauſe und machte mich wie gewöhnlich rüſtig an die Arbeit. Es blieb Nichts weiter zu thun übrig als zu warten, bis der Sturm los bräche, und aus vielen Gründen wünſchte ich meinen Poſten bei dem Gefängniſſe ſo lange als möglich zu behalten. Es war aber eine ſchwierige Aufgabe, zu der Pflicht eines jeden Tages aufzuſtehen, mit gänzlicher Ungewißheit Deſſen, was vor Nacht geſchehen konnte, und dann, nachdem die Pflicht gethan, gegen eine Niedergeſchlagenheit anzukämpfen, wie ich ſie ſeit vielen Jahren nicht gekannt. Während dieſer Zeit kamen Deine lieben Briefe — erheiternd, zärtlich, zufrirden— ja, ganz unge⸗ wohnt zufrieden ſchienen ſie mir zu ſein. Beant⸗ worten konnte ich ſie nicht, denn Dirnin einer er⸗ heuchelten Stimmung zu ſchreiben, war unmöglich, und Dir Alles zu ſagen, ſchien eben ſo unmöglich zu ſein. Ich ſagte daher bei mir ſelbſt:„Nein, das arme Kind! Sie wird Alles bald genug erfahren. Möge ſie glücklich ſein, ſo lange ſie kann!“ Ich hatte Unrecht; ich war ungerecht gegen Dich und gegen mich ſelbſt. Von der Stunde an, — 131— wo Du mir Deine Liebe ſchenkteſt, war ich uns Beiden ſchuldig, Dir mein volles Vertrauen zu wid⸗ men, gerade ſo, als ob Du mein Weib wäreſt. Ich hatte kein Recht, Dein liebes Herz dadurch zu verwunden, daß ich die Schmerzen des meinigen davon fern hielt. Vergieb mir und vergieb mir auch noch Etwas, was, wie ich jetzt einſehe, noch grauſamer war. Theodora, oft und wiederholt wünſchte ich, daß Du frei wäreſt, daß Du Dich niemals an mein hartes Loos gekettet, ſondern daß ich geſchwiegen und Dir erlaubt hätte, mich zu vergeſſen, Jemanden anders zu lieben, der beſſer wäre als ich— verzeihe, ver⸗ zeihe! Schon ſtand ich auf dem Punkte, Dir zu ſchrei⸗ ben und Dir dies zu ſagen, als mir Etwas einfiel, was Du einmal vor langer Zeit ſagteſt— daß, möchten wir jemals vermählt werden oder nicht, Du Dich doch freuteſt, daß wir verlobt ſeien— daß wir wenigſtens inſoweit ſtets einander eine Hülfe und ein Troſt ſein könnten. Denn Du ſetzteſt hinzu, als ich mich tadelte und, wie die Männer zu thun pfle⸗ gen, von„Ehre“ und„Stolz“ ſprach— wenn ich Dich freigelaſſen, während Du nicht frei warſt, ſo hätte ich Dir alle Sorgen der Liebe gegeben ohne — 132— eins ihrer Rechte, und dies hätte— obſchon Du es nicht ſagteſt— Dir das Herz brechen können. So vertraute ich in meiner bittern Bedrängniß dieſem reinen Herzen, deſſen Inſtinet, wie ich fühlte, wahrer iſt als alle Weisheit. Ich ſchrieb den Brief nicht, gleichzeitig aber, wie ich Dir ſchon geſagt habe, war és mir unmöglich, irgend einen andern zu ſchreiben, wäre es auch eine einzige Zeile geweſen. Endlich traf Dein letzter Brief ein. Zum Glück erhielt ich ihn gerade an dem Morgen, wo die Kriſis, die ich ſchon ſeit Wochen erwartet, eintrat. Ich hatte ihn, wie zu der Zeit, wo ich vor jenen Män⸗ nern ſtand, in der Taſche— doch wird es am blſten ſein, wenn ich die Sache vom Anfange an erzähle. Du weißt, daß alle Beſchwerden in Bezug auf die Beamten des Gefängniſſes, oder Fragen, welche die innere Verwaltung betreffen, den mit der In⸗ ſpection beauftragten Friedensrichtern vorgelegt wer⸗ den müſſen. Demgemäß machte ich, nachdem der Director mir jenen Wink gegeben, mich an jedem Inſpectionstage darauf gefaßt, citirt zu werden. Endlich geſchah dies, anſcheinend wegen einer ſehr geringfügigen Sache— einer gewiſſen Erleichterung, die ich angeordnet und in welcher man mir entgegen⸗ gewirkt. Bis jetzt jedoch war meine amtliche Thätig⸗ — 133— keit noch nie einer Ausſtellung unterworfen geweſen und ich wußte daher ſogleich, was dahinterſtäke. In dem Inſpectionszimmer traf ich außer dem Director und dem Kaplan eine ungewöhnlich große Anzahl von Friedensrichtern. Dieſe, welche nicht immer oder nothwendig Leute von Bildung ſind, gafften mich an, als ob ich ein wildes Thier wäre, während ich wegen des fraglichen Ueberſchreitens der Hausgeſetze meine kurze Erklärung gab. Die Sache war ſehr bald abgemacht, denn ich war darauf bedacht geweſen, mich innerhalb des Buchſtabens des Geſetzes zu halten, und machte ſchoß eine Bewegung, mich wieder zu entfernen, als einer der Friedensrichter mich bat, noch ein wenig zu warten, denn ſie wären„mit mir noch nicht fertig.“ Dieſe Art Leute von niedrigem Herkommen— nicht als ob dies eine Schande wäre, ſondern es iſt vielmehr ein Ruhm, wenn es nicht zugleich von niedriger Denkungsart begleitet iſt— und„mit ein wenig kurzer Autorität bekleidet“ trifft man hier ſehr oft. Ich wußte, wie man mit ihnen umzugehen hat und auch wie ſie mit einem Manne, wie ich, umzugehen pflegen— einem armen Angeſtellten, deſſen jährliches Einkommen wenig mehr betrug als — 134— ſie oft bei einem einzigen ihrer leckern Schmäuſe ausgaben. Bis auf die letzte Zeit jedoch war ich unter meinen Amtscollegen ſehr beliebt geweſen, jetzt dage⸗ gen nahmen ſie einen andern Ton an, und ſelbſt der Director und der Kaplan beobachteten gegen mich ein ſttenges Schweigen. Du kannſt Dir denken, daß die zehn Minuten, die ich warten mußte, während erſt andere Geſchäfte abgemacht wurden, für mich durchaus nicht die an⸗ genehmſten waren. Männer unter Männern werden hart und ſind ſchlimmen Leidenſchaften, Anwandlungen von Stolz, Haß und Rache ausgeſetzt, von welchen Ihr ſanften Frauen wahrſcheinlich Nichts wißt. Es war gut, daß ich Deinen Brief in der Taſche hatte. Ueberdies liegt in dem Heranrücken der Kriſis eines großen Unglücks Etwas, was den Rerven des Menſchen Kraft giebt, ihr entgegenzugehen. Als daher der Director ſich in ſeinem ſtets höf⸗ lichen Tone zu mir wendete und ſagte, die Commiſ⸗ ſion wünſche ein paar Minuten mit mir zu ſprechen, konnte ich aufſtehen und ruhig jeder Geſtalt, in wel⸗ cher das Unglück mir nahen würde, entgegenſehen. Der Director beſitzt, wie die meiſten Menſchen von ſich nicht aufdringendem, aber eiſernem Willen, — 135— die ihr Temperament und ihre Gefühle vollkommen in der Gewalt haben, überall, wohin er kommt, einen bedeutenden Einfluß. Er war es auch, der die kleine Converſation, wie er es nannte, mit mir eröffnete und führte. „Dieſe Differenzen,“ fuhr er fort, nachdem er noch ein Mal auf die eben erledigte Beſchwerde über meine nicht genaue Beobachtung der Hausordnung, woran blos meine Sympathie mit den Verbrechern ſchuld ſei, erwähnt—„dieſe unangenehmen Differen⸗ zen, Doctor Urquhart, werden, fürchte ich, immer wieder vorkommen. Haben Sie vielleicht den Wink, den ich Ihnen vor einiger Zeit gab, nochmals in Erwägung gezogen?“ Ich antwortete, es ſei nicht meine Gewohnheit, mich an„Winke“ zu kehren, ſondern daß es mir lieber wäre, wenn ſtets mit der Sprache frei heraus⸗ gegangen würde. „Eine ſolche Offenheit iſt allerdings ſehr ehren⸗ werch obſchon nicht immer möglich oder räthlich. Es wäre mir außerordentlich lieb geweſen, wenn Sie mir die ungemein peinliche Pflicht erſpart hätten, den Vorſchlag, den ich Ihnen unter vier Augen machte, hier öffentlich zu wiederholen.“ „Sie meinen, daß ich meine Entlaſſung geben ſolle?“ — 136— „Ja— Sie werden es mir nicht verübeln— und die Commiſſion iſt mit mir einverſtanden— daß ein ſolcher Schritt aus vielen Gründen wünſchens⸗ werth erſcheint.“ Ich wartete und fragte dann, worin dieſe Gründe beſtünden. „Dieſe müſſen Ihnen doch wohl bekannt ſein, Doctor Urquhart.“ Der Menſch iſt nicht verbunden, ſich wahnſin⸗ nig in ſein Verderben zu ſtürzen, und ich beſchloß daher, auf jeden Fall kämpfend zu ſterben. Deßhalb ſagte ich, zu der Commiſſion gewendet: „Meine Herren, es iſt mir nicht bewußt, daß ich mich auf irgend eine Weiſe benommen hätte, welche mich ungeeignet machte, Hausarzt an dieſer Anſtalt zu ſein. Kleine Differenzen zwiſchen dem Director und mir ſind bloße Meinungsſachen, welche wenig zu bedeuten haben, ſo lange Keiner die Autori⸗ tät des Andern beeinträchtigt, und Beide find an ihre Inſtructionen gebunden. Wenn Sie irgendwelche Urſache zur Beſchwerde gegen mich haben, ſo erklären Sie mir dieſelbe, ertheilen Sie mir einen Verweis oder entlaſſen Sie mich— dazu haben Sie das Recht— aber Riemand hat das Recht, ohne gerecht⸗ fertigte Urſache von mir zu verlangen, daß ich meine Entlaſſung gebe.“ — — 137— Der Director zeigte ſelbſt durch ſein ſchönes, unbewegliches maskirtes Geſicht hindurch eine ärger⸗ liche Miene. Einen Augenblick lang ging ſein ſchrof⸗ fes Weſen ſogar wieder in die alte Freundlichkeit über, gerade wie zu der Zeit, wo während der erſten Wochen nach dem Tode ſeiner Gattin, er und ich des Abends, mit der kleinen Luch zwiſchen uns, am Schachbrete zu ſitzen pflegten. „Doctor, warum wollen Sie mich nicht ver⸗ ſtehen? Um Ihrer ſelbſt willen wünſche ich, daß Sie, ehe die Sache weiter erörtert wird, Ihr Amt nieder⸗ legen.“ Nachdem ich einen Augenblick nachgedacht, er⸗ ſuchte ich ihn, ſich deutlicher zu erklären. Hier rief einer der Friedensrichter lachend: „Ach, verſtellen Sie ſich doch nicht ſo, Doctor; die ganze Stadt ſpricht ja von Ihnen.“ Ein Anderer meinte, der Redacteur der Zeitung möge ſich aber doch in Acht nehmen; denn es läge Grund für mich vor, ihn wegen öffentlicher Beleidi⸗ gung gerichtlich belangen zu laſſen. Ich entgegnete, wenn die Herren die durch die Preſſe erfolgten hämiſchen Angriffe gegen mich mein⸗ ten, ſo könnten ſie ſich ohne Furcht ausſprechen. Ich hätte nicht die deßhalb klagbar zu werden. — 138— Dies brachte ſie einen Augenblick lang zum Schweigen und dann ſagte der erſte Friedensrichter „Sie wiſſen vielleicht ſelbſt nicht, Doctor, in was für einen ſchlechten Ruf Sie in hieſiger Gegend gekommen ſind, ſonſt wären Sie gewiß eifriger be⸗ dacht darauf geweſen, den Kopf noch in Zeiten aus der Schlinge zu ziehen. Wiſſen Sie denn, wofür die Leute Sie halten?“ „Dieſe Discuſſion gehört eigentlich nicht zu der vorliegenden Frage,“ unterbrach der Director, der, wie ich fühlte, ſeine ſcharfen Augen keine Secunde von mir verwendet hatte.„Die Frage iſt einfach dieſe: Daß jeder ein Amt bei einer Anſtalt, wie die unſrige, bekleidende Officiant ſich eines makelloſen Rufes erfreuen muß. Weder innerhalb der Anſtalt noch außerhalb derſelben dürfen die Leute von ihm ſagen können, daß— daß—“ „Reden Sie aus, Sir.“ „Daß es in ſeinem frühern Leben Umſtände gegeben hat, welche keine genaue Erörterung vertra⸗ gen, und daß nur der Zufall zwiſchen ihm und den Verbrechern, auf deren Beſſerung er ſo bedacht iſt, die Grenzlinie gezogen hat.“ „Hört, hört!“ ſagte einer der Friedensrichter, der mir bei meinen Reformplänen lange entgegen⸗ gearbeitet, denn er vermied es auf das Gewiſſenhafteſte, — —— irgend Jemanden zu reformiren— ſich ſelbſt mit eingeſchloſſen. „Nein,“ ſagte der Director,„ich erwähnte dies nicht als Thatſache, ſondern als Gerücht. Dieſe Gerüchte aber ſind ſo laut geworden, daß ſie entwe⸗ der bewieſen oder widerlegt werden müſſen. Deß⸗ halb wünſchte ich, ehe eine öffentliche Unterſuchung nothwendig würde— es müßte denn ſein, daß Doctor Urquhart ſich dazu verſtünde, die erläuternde Selbſtvertheidigung hören zu laſſen, welche er Mr. Thorley beſtimmt verweigerte—“ Und Beide ſahen mich forſchend an— dieſe beiden Männer, die ich ſtets rechtſchaffen und ehren⸗ werth erfunden und die früher meine Freunde oder wenigſtens meine befreundeten Genoſſen waren— der Kaplan und der Director. Theodora, Niemand braucht je zu fürchten, daß die Lehre von gänzlicher Verzeihung die Schuld zu keiner Bürde und die Reue angenehm und leicht mache. Es giebt gewiſſe Folgen der Sünde, welche den Sünder bis zum Tage ſeines Todes nicht ver⸗ laſſen. Ich weiß nicht, ob ich eine oder zehn Minuten ſo regungslos daſtand, während mir zu Muthe war, als hätte ich auf das Leben und alle ſeine Segnun⸗ gen ohne Schmerz verzichten können, wenn ich im — 140— Stande geweſen wäre, dieſen Männern mit reinem Gewiſſen entgegenzutreten und zu ſagen:„Es iſt Alles erlogen, ich bin unſchuldig!“ Zu meiner Rettung aber fiel mir der Gedanke ein— es war, als ob eine Stimme, die halb der meines Bruders, halb der Deinigen glich, mir ihn in's Ohr flüſterte:„Wenn Gott Dir verziehen hat, warum ſollteſt Du Dich denn vor den Menſchen fürchten?“ Deßhalb ſagte ich ganz beſcheiden, aber, wie ich hoffe, ohne Kriecherei und ohne ängſtliche Furcht— daß ich, ehe ich einen weitern Schritt thäte, die gegen mich umlaufenden Gerüchte zu hören wünſchte und inwieweit die Herren denſelben Glauben ſchenkten. Die Anklage ſtand, wie mir mitgetheilt ward, folgendermaßen: Das, was man anfangs in ganz unbeſtimmter Weiſe von mir erzählt, hatte die der Wahrheit furchtbar nahekommende Form gewonnen, daß ich in meiner Jugend, entweder hier oder im Auslande, irgend ein Verbrechen begangen, welches mir eigentlich die Rache des Geſetzes hätte zuziehen müſſen, und obſchon ich durch einen juriſtiſchen Kunſtgriff der Gerechtigkeit entronnen ſei, ſo ſei doch der auf mir laſtende Fluch von der Art, daß ich nur durch das unſtäte Leben, welches ich meinem eigenen — 141— Geſtändniſſe nach geführt, mich vor der Wuth der öffentlichen Meinung ſchützen gekonnt hätte. Die Eingenommenheit gegen mich ſei jetzt, im Gefängniſſe ſowohl als außerhalb deſſelben, ſo ſtark, daß der Gouverneur ſich nicht getraue, ſelbſt durch ſeine eigene Autorität die meinige aufrecht zu erhal⸗ ten, dafern ich nicht dieſe Anſchuldigung ſofort und auf die überzeugendſte Weiſe in Abrede ſtellte— eine Beſchuldigung, welche— wie er höflich hinzu⸗ fügte— er geradezu als lächerlich betrachtet haben würde, wenn ſie nicht ſo weit verbreitet, in ihrem Urſprunge ſo geheimnißvoll und durch zufällige Zu⸗ geſtändniſſe von meiner Seite auf ſo ſeltſame Weiſe beſtätigt worden wäre. „Und nun,“ ſetzte er hinzu, durch die Gelaſſen⸗ heit, mit welcher ich zugehört, anſcheinend wieder beruhigt,„habe ich Sie blos aufzufordern, die Sache vor der Commiſſion und mir klar beſtimmt in Abrede zu ſtellen.“ Ich fragte, was ich in Abrede ſtellen ſolle. „Nun, wenn die Anklagen nicht zu lächerlich klängen, ſo würde ich Sie auffordern, zu erklären, daß Sie weder ein Falſchmünzer, noch ein Dieb, noch ein Menſchenräuber ſeien, daß Sie niemals einen Menſchen getödtet— natürlich in Ihrer nicht⸗ ärztlichen Eigenſchaft, wenn ich mir einen kleinen — 142— Scherz erlauben darf— oder ihn im regelmäßigen Zweikampfe erlegt, oder ihm mit Piſtolen hinter einer Hecke aufgelauert haben.“ „Und man glaubt, daß ich alle dieſe Verbrechen begangen habe?“ „Allerdings— die Leichtgläubigkeit des Publi⸗ kums iſt gar zu groß,“ ſagte der Director lächelnd. In der Entrüſtung des Augenblicks ſtellte ich Alles bei meiner Ehre als Gentleman in Abrede, bis ich fühlte, wie der alte Kaplan herzlich meine Hand ergriff und ich dadurch zum vollen Bewußtſein auf⸗ gerüttelt ward, wo und was ich war, und was ich durch Wort oder Andeutung verſichert. Jemand ſagte:„Man laſſe ihm doch ein wenig Ruhe! Der arme Mann iſt ja ganz aufgeregt und es iſt auch kein Wunder.“ Nach einer Weile raffte ich meine Gedanken zu⸗ ſammen und ſah die Commiſſion warten, während der Director die Feder zur Hand genommen und ein⸗ getaucht hatte. „Wir wollen dieſe peinliche Geſchichte nun ſofort erledigen, Doctor,“ ſagte er in heiterem Tone. „Beantworten Sie mir einige Fragen, welche ich der Form wegen niederſchreiben will, und wenn Sie mir dann die Ehre erzeigen wollen, heute bei mir zu ſpeiſen, ſo können wir dann weiter beſprechen, — 143— wie wir am beſten dieſe Erklärung veröffentlichen können, ohne daß natürlich Ihre amtliche Würde dadurch im Mindeſten compromittirt werde. Alſo, ich beginne. Sie erklären hierdurch, daß Sie nie⸗ mals verhaftet geweſen, niemals vor einem Aſſiſen⸗ Gerichte geſtanden und niemals irgend eine That be⸗ gangen haben, welche nach unſerem Criminalgeſetze als ſtrafbar betrachtet werden muß.“ Er las die Worte raſch nach einander her und ſchwieg dann, um meine Antwort zu erwarten. Als keine erfolgte, blickte er auf— mit ſeinem durch⸗ dringenden, argwöhniſchen Auge. „Vielleicht habe ich mich nicht klar ausgedrückt,“ fuhr er fort, und änderte die Form der Fragen ein wenig.„Alſo, was ſoll ich ſchreiben, Doctor urquhart?“ Ich hätte nun ein vollſtändiges Bekenntniß ab⸗ legen und dieſes Zimmer als Gefangener verlaſſen können— es wäre dies, was mich ſelbſt betraf, eine unausſprechliche Erleichterung, eine förmliche Gnade geweſen. Aber ich hatte an Deinen Vater zu denken. Der Director legte die Feder nieder. „Dies ſieht, gelind geſagt, ein wenig ſeltſam aus,“ bemerkte er. „Doctor,“ rief ein Mitglied der Commiſſion, „Sie müſſen von Sinnen ſein, daß Sie auf dieſe S Weiſe ſchweigen und Ihren guten Ruf vernichten laſſen!“ Ach, ich war nicht von Sinnen— ich ſah Alles, was von mir hinwegſchwand— unvermeidlich, un⸗ wiederbringlich— mein guter Name, die Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu erwerben, meine ſüße Hoffnung auf eine Häuslichkeit und ein Weib. Und alles Dies hätte ich retten und auch mein Deinem Vater gegebenes Verſprechen halten können, wenn ich mich zu einer einzigen kleinen Lüge verſtanden hätte. Hätteſt Du gewollt, daß ich dieſelbe ſpräche? Nein, meine Geliebte— ich weiß, daß Du mich lieber hätteſt ſterben ſehen. Dieſes Gefühl dauerte nur eine Minute, dann entſchwand es. Ich ſah meine Ankläger feſt an, denn Ankläge oder auf alle Fälle ſtarker Verdacht ſtand jetzt auf allen Geſichtern geſchrieben, und ſagte ihnen, daß, obſchon ich nicht ein einziges der mir zur Laſt gelegten Verbrechen begangen, dennoch die Ereig⸗ niſſe meines Lebens eigenthümlich geweſen ſeien und die Umſtände mir keine andere Wahl ließen, als das Verfahren, welches ich bis jetzt verfolgt— nämlich gänzliches Schweigen. Wäre mein guter Ruf ſtark genug, um mich aufrecht zu erhalten, ſo würde ich meinen Poſten an der Anſtalt gern behalten und den — Sturm ſo gut als möglich an mir vorübergehen laſſen. Wäre dies aber unmöglich—“ „Es iſt unmöglich,“ ſagte der Director in ent⸗ ſchiedenem Tone. „Dann habe ich keine andere Wahl als meine Entlaſſung zu geben.“ Sie ward ſofort angenommen. Ich verließ das Commiſſionszimmer als ein Geſchändeter, mit einem Flecken auf meinem Namen, der ſo lange dauert als mein Leben, und mich überall hinbegleiten wird, wohin ich meinen Fuß ſetze. Der ehrliche Name Urquhart, den mein Vater trug und Dallas — den ich fleckenlos meinem Weibe ſchenken und— wenn ich nichts Anderes zu hinterlaſſen habe— meinen Kindern hinterlaſſen ſollte— ja, er war dahin— dahin auf immer! Ich ſtahl mich hinauf in mein Zimmer und legte mich auf mein Bett nieder, ſo ſtill und regungs⸗ los, als ob es mein Sarg wäre. Fürchte Nichts, meine Geliebte! Eine Sünde ward mir erſpart— vielleicht durch Deinen Brief. Ja, der verworfenſte, der hoffnungsloſeſte, der ſchuldbewußteſte Verbrecher darf nicht um Tod beten, ſo lange er weiß, daß ein gutes Weib ihn liebt.. Als der Abend einbrach, ſtand ich auf, zündete meine Lampe an und begann einige Vorkehrungen Leben um Leben. v. und Anſtalten in meiner Wohnung zu treffen, denn es war klar, daß, wohin ich auch ging, ich dieſen Ort ſo bald als möglich verlaſſen mußte. Mein Entſchluß in Bezug auf das Verfahren, welches ich einzuſchlagen hätte, war beinahe geſaßt, und dies machte mich ſchon an und für ſich ruhig. Es dauerte nicht lange, ſo konnte ich mich niederſetzen und dieſen Brief an Dich beginnen; aber ich kam nicht weiter, als bis zu den erſten drei Worten, welche, ſo oft ich ſie auch ſchon geſchrieben, mir doch ſtets ſo neu, ſeltſam und köſtlich erſcheinen wie je. Meine theure Theodora! Theuer — Gott weiß wie unendlich! und mein— gänzlich und ewig mein! Ich fühlte dies ſelbſt jetzt. In dem Entſchluſſe, den ich gefaßt, machte mich kein Zweifel in Bezug auf Dich wankend, denn Du würdeſt mich genau Das thun heißen, wozu mich das Gewiſſen treibt— ja, ſelbſt wenn Du anderer Anſicht wäreſt als ich. Du ſagteſt einmal, als Du mich mit Deinen Armen umſchlungen hielteſt und Deine ſüßen Augen unverwandt in die meinen emporblickten:„Max, was auch geſchehen mag, ſo thue ſtets, was Du für recht hältſt, ohne Dich an mich zu kehren. Ich würde, wenn Du dies thuſt, Dich nur um ſo mehr lieben, ſelbſt wenn Du mir das Herz brächſt.“ . —— So dachte ich nach und überlegte, wie ich am beſten von ſo ſchmerzlichen Dingen mit Dir ſprechen ſollte, als an meine Thür gepocht ward. Da ich weiter Niemanden erwartete als einen Diener, ſo ſagte ich:„Herein!“ und blickte nicht einmal auf, denn nun mußte ja jedes Geſchöpf in dem Gefäng⸗ niſſe von meiner Schande unterrichtet ſein. „Störe ich, Doctor Urquhart?“ Es war der Kaplan. Theodora, wenn ich jemals in meinen Briefen ein Wort gegen dieſen Mann habe fallen laſſen— denn die Engherzigkeit und Förmlichkeit ſeines reli⸗ giöſen Glaubens war mir zuweilen läſtig und hin⸗ derlich— ſo denke weiter nicht daran. Schreibe ſeinen Namen, den wohlehrwürdigen James Thorley, auf die Liſte Derer, von denen ich wünſche, daß ſie ſtets in Deiner liebenden Erinnerung leben; Derer, welche ich aufrichtig ehre, und die von allen meinen Freunden am gütigſten gegen mich geweſen ſind. Der alte Mann ſprach mit großer Verlegenheit und zögernd, und als ich ihm dankte, daß er gekom⸗ men ſei, antwortete er mit den Worten, die ich ihn ſehr oft in den Zellen der Verbrecher hatte ſprechen hören:„Ich komme, weil ich fühlte, daß es meine Pflicht iſt.“ „Mr. Thorley,“ entgegnete ich,„was auch Ihr 10* — 148— Beweggrund ſein mag, ſo achte ich denſelben und danke Ihnen.“ Und wir ſchwiegen— wir ſtanden Beide— denn er lehnte das Anerbieten eines Stuhls, welches ich ihm machte, ab. Als er meine Anſtalten bemerkte, ſagte er mit einiger Aufregung: „Hindere ich Sie vielleicht an Zurüſtungen zur Abreiſe? Fürchten Sie das Geſetz?“ „Nein.“ Er ſchien ſich erleichtert zu fühlen und dann, nachdem er mich lange forſchend angeſehen, ſchien er wieder den Muth zu verlieren und rief: „O Doctor, Doctor, wie entſetzlich iſt das! Wer hätte ſo. Etwas von Ihnen geglaubt!“ Es war ſehr bitter, Theodora. Als er ſah, daß ich weder Antwort noch Ver⸗ theidigung verſuchte, fuhr er in ſtrengem Tone fort: „Ich komme nicht hierher, um Ihre Geheimniſſe auszuſpioniren, ſondern um meine Pflicht als Diener Gottes zu erfüllen— um Sie aufzufordern, Ihr Bekenntniß abzulegen, nicht vor mir, ſondern vor Dem, den Sie beleidigt haben, deſſen Auge Sie nicht entrinnen können und deſſen Gerechtigkeit Sie früher oder ſpäter zur verdienten Strafe ziehen wird. Doch vielleicht“ ſagte er, als er ſah, daß ich dieſe und viele ähnliche Argumente— ach, leider waren ſie — 149— mir nur zu wohl bekannt!— mit Gelaſſenheit hin⸗ nahm,„vielleicht bin ich in einem ſeltſamen Irrthume befangen. Sie ſehen nicht aus wie ein Verbrecher — eher könnte ich meinen eigenen Sohn dafür hal⸗ ten als Sie. Um Gottes willen brechen Sie dieſes Schweigen und ſagen Sie mir Alles.“ „Es iſt nicht möglich.“ Es trat eine lange Pauſe ein und dann ſagte der alte Mann ſeufzend: „Wohlan, ich will nicht weiter in Sie dringen. Ihre Sünde— mag ſie beſtehen worin ſie wolle— bleibt zwiſchen Ihnen und dem Richter der Sünder. Sie ſagen, das Geſetz könne Richts gegen Sie thun?“ Ich ſagte, ich fürchtete das Geſetz nicht. „Dann muß es alſo mehr ein moraliſches als ein geſttzlich⸗ſtrafbares Verbrechen geweſen ſein, wenn es ſich überhaupt wirklich um ein Verbrechen handelt,“ ſagte er. Und wieder hatte ich ſeinen forſchenden Blick zu ertragen, der eben ſeines Eifers und ſeiner Güte wegen ſo furchtbar war.„Bei meiner Seele, Doctor Urquhart, ich halte Sie für gänzlich unſchuldig.“ „Sir!“ rief ich, that mir aber ſogleich wieder Einhalt und fragte ihn dann, ob er es nicht für möglich hielte, daß ein Menſch geſündigt und doch bereuet habe? — 150— Mr. Thorley zuckte zuſammen und ich bemerkte ſofort, was ich damit zu verſtehen gegeben. Es war indeſſen nun zu ſpät— auch hätte ich es vielleicht nicht anders gewollt. „Als Geiſtlicher,“ hob er an, und fuhr erſt nach einer längern Pauſe fort:„Wenn ein Menſch eine Sünde thut, die nicht zum Todeiſt— Sie wiſſen, wie es weiter heißt. Und es giebt eine Sünde, die da iſt zum Tode, und ich ſage nicht, daß ich dafür beten werde; aber niemals, daß wir nicht dafür beten ſollen.“ Und neben mir auf die Kniee niederfallend, rief der alte Mann mit gebrochener Stimme: „Herr, gedenke nicht der Sünden meiner Jugend, ſondern gedenke meiner nach Deiner Barmherzigkeit. o Herr, um Deiner Liebe willen. Nicht um unſerer Liebe willen, welche unrein iſt und verworfen, ſon⸗ dern um Deiner Güte willen, durch Jeſum Chriſtum, unſern Herrn.“ „Amen.“ Mr. Thorley erhob ſich, nahm den Stuhl, den ich ihm gab, und wir ſaßen eine Weile ſchweigend da. Dann fragte er mich, ob ich irgend welche Pläne entworfen, ob ich überlegt hätte, welche große Mühe es mir machen würde, mir nach Dem, was — 151— heute geſchehen, irgendwo wieder einen Beruf in meinem Wirkungskreiſe zu gründen Ich ſagte, ich ſähe vollkommen ein, daß, ſo weit meine künftigen Ausſichten in Frage kämen, ich ſo gut wie ruinirt ſei. „Und dennoch nehmen Sie dies ſo ruhig hin?“ „Ja.“ 8 „Doctor,“ ſagte er, nachdem er mich wieder eine Weile betrachtet,„Sie müſſen entweder unſchul⸗ dig, oder Ihr Vergehen muß durch ſtarke Verſuchung veranlaßt und längſt wieder gutgemacht worden ſein. Ich werde niemals glauben, daß Sie gegenwärtig nicht ein ſo ehrenwerther und würdiger Mann ſeien wie nur irgend Einer lebt.“ „Ich danke Ihnen.“ Eine unbezwingliche Schwäche bemächtigte ſich meiner, und auch Mr. Thorley war ſehr ergriffen. „Ich will Ihnen ſagen, was Sie thun müſſen, lieber Freund,“ ſagte er, indem er mir die Hand drückte.„Sie müſſen in einem andern Welttheile das Leben von Reuem beginnen. Sie ſind nicht älter als mein Schwiegerſohn war, als er heirathete und nach Canada ging— er war auch Arzt. Apropos, ich habe eine Idee.“ Die Idee war des vortrefflichen Mannes und ſeines Benehmens gegen mich würdig. Er erklärte, — 152— daß ſein Schwiegerſohn, der jetzt bedeutende Praris habe, einen Compagnon brauche, und zwar womög⸗ lich einen aus dem Nutterlande. „Wenn Sie mit einer Empfehlung! von mir ſo würden Sie ihm ganz gewiß zuſagen, und die ganze Sache wäre in kurzer Zeit geordnet. ueberdies hängt Ihr Schotten mit großer Vorliebe an einander, mein Schwiegerſohn iſt aus Fife— und ſagten Sie nicht, Sie wären in St. Andrews geboren oder erzogen? Das paßt ganz vortrefflich!“ und er forderte mich dringend auf, mit dem nächſten Sonnabend abgehenden amerikaniſchen Poſt⸗ Dampfboote abzureiſen. Es fand ein heftiger Kampf in mir ſtatt. Mr. Thorley glaubte augenſcheinlich, derſelbe habe ſeinen Grund in einer andern Urſache, und gab mir auf zartfühlende Weiſe zu verſtehen, daß er in dem ver⸗ ſprochenen Empfehlungsbriefe ſeiner Anſicht nach Nichts weiter zu erwähnen brauche als daß ich Militairarzt geweſen und ſein werthgeſchätzter Freund ſei. Es ſei, fügte er hinzu, durchaus nicht wahrſcheinlich, daß Gerüchte zu meinem Nachtheile die ferne canadiſche Niederlaſſung erreichen und daß daher in den Augen ſeines Schwiegerſohnes ſowohl als auch des Publikums im Allgemeinen mein Name vollkommen makellos daſtehen würde. — 153— Wenn ich jemals geſchwankt hatte, ſo beſtimmte dies meinen Entſchluß. Die Hoffnung mußte fahren. Deßhalb ließ ich ſie fahren, aller Wahrſcheinlichkeit nach für immer. War es recht? Es iſt mir, als hörte ich Dich deutlich ſagen:„Ja, Max.“ Indem ich dem Kaplan Lebewohl ſagte, ver⸗ ſuchte ich, ihm zugleich auseinander zu ſetzen, daß er mir durch dieſes edelmüthige Anerbieten mehr gegeben als er ſelbſt glaube— Glauben nicht blos an den Himmel, ſondern auch an die Menſchen. und Kraft, unerſchrocken zu thun, was ich zu thun verbunden ſei, in dem feſten Vertrauen, daß es auch außer ihm noch andere gute Chriſten in der Welt gebe, welche glaubten, daß der Menſch ſündigen und doch bereuen könne,— daß ſogar das Brandmaal eines abſoluten Verbrechens kein hoffnungsloſes, kein ewiges ſei. Seine eigene Meinung in Bezug auf meine gegenwärtige Handlungsweiſe oder die Thatſache meiner vergangenen Geſchichte, ſuchte ich nicht zu erfahren. Es kam auch wenig darauf an— es wird nicht lange dauern, ſo hört er Alles. WMeine Geliebte, ich habe beſchloſſen, als das einzige für meinen künftigen Frieden Mögliche, als das Einzige, was die Geſetze Gottes und der Menſchen verlangen— zu thun, was ich ſchon vor zwanzig Jahren hätte thun ſollen, nämlich mich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. Nun habe ich es Dir geſagt, aber ich kann Dir nicht die unendliche Ruhe beſchreiben, welche dieſer Entſchluß mir gebracht hat. Frei zu ſein, dieſe lebendige Bürde von Lügen, welche zwanzig Jahre lang auf mir gelaſtet, abwerfen, vor Gott und Menſchen die ganze Wahrheit ſprechen— Alles geſtehen zu können und meine Strafe hinzunehmen, meine Geliebte, wenn Du wüßteſt, was dieſer Ge⸗ danke für mich iſt, dann würdeſt Du weder zittern, noch weinen, ſondern Dich eher freuen. Meine Theodora, ich ſchließe Dich in meine Arme, ich drücke Dich an mein Herz und liebe Dich mit einer Liebe, welche theurer iſt als das Leben und ſtärker als der Tod— ich bitte Dich, mich dies thun zu laſſen. In dem eingeſchloſſenen Briefe an Deinen Vater habe ich, nachdem ich alle Umſtände erzählt, von welchen ich Dich hier in Kenntniß ſetze, ihn gebeten, mich eines Verſprechens zu entbinden, wel⸗ ches ich ihm niemals hätte geben ſollen. Niemals, denn ich ſtellte dadurch die Furcht vor den Menſchen höher als die Furcht vor Gott— ich feſſelte mich dadurch an eine ewige Heuchelei, an ein inneres Nagen der Scham, welche alle Thätigkeit meiner Seele lähmte. Dieſem Zuſtande muß ich entrinnen, Du mußt verſuchen, mich davon zu befreien, meine Geliebte, die mich mehr liebt als ihr eigenes Ich, mehr als ich ſelbſt— ich meine dieſes arme, zermalmte, alte und unwürdige Ich, von dem ich oft geglaubt, daß es mehr dazu tauge, in's Grab hinabzuſteigen, als der Gatte meines theuern Mädchens zu werden. Vergieb mir, wenn ich Dich verletze. An der unerträglichen Qual dieſer Stunde fühle ich, daß das Opfer gerecht und recht iſt. Du mußt mich unterſtützen. Du mußt Deinen Vater bitten, mich freizulaſſen. Sage ihm— wie ich auch ſchon ſelbſt ihm geſagt— daß er keine Schande für ſeine Familie oder für Den, der nicht mehr iſt, zu fürchten habe. Ich werde von Henry Johnſton Nichts erwähnen als ſeinen Namen, und mein eigenes Geſtändniß wird das hinreichende und alleinige Zeugniß gegen mich ſein. Was den möglichen Ausgang meines Prozeſſes betrifft, ſo habe ich denſelben nicht überſehen. Es war recht, daß ich, wenn auch nur meiner theuern Theodora willen, mir einen Begriff von Dem zu — 156— machen ſuchte, was mir möglicher Weiſe in Folge dieſes Prozeſſes bevorſtehen kann. So wenig ich auch von dem Criminalgeſetze, und beſonders von dem engliſchen, verſtehe, ſo halte ich es doch für ſehr unwahrſcheinlich, daß der Ausſpruch der Ge⸗ ſchworenen auf vorſätzlichen Mord lauten werde; auch werde ich mich nicht dieſes Verbrechens ſchul⸗ dig bekennen. Gott und mein eigenes Gewiſſen ſind Zeugen, daß ich keinen Mord beging, ſondern blos eine übereilte, abſichtsloſe Tödtung. Die Strafe dafür iſt, glaube ich, zuweilen Deportation, zuweilen Gefängniß auf eine lange Reihe von Jahren. Aber wäre ſie auch der Tod — der vielleicht für einen Mann von meinen Jahren eben ſo gut wäre— ſo muß ich ihm in's Geſicht ſchauen. Der Reſt meiner Tage, mögen es deren nun viele oder wenige ſein, muß in Frieden ver⸗ fließen. Wenn ich in zwei Tagen keine Nachricht von Rockmount erhalte, ſo werde ich daraus ſchließen, daß Dein Vater meinem Entſchluſſe keinen Wider⸗ ſtand entgegenſetzt, und mich ſofort aufmachen, um mich in Salisbury der Behörde zu ſtellen. Du brauchſt mir nicht zu ſchreiben, es könnte Dich compromittiren, und es wäre mir faſt eine — 157— Erleichterung, von Dir oder über Dich nicht eher wieder Etwas zu hören als bis Alles vor⸗ über iſt. Und nun leb' wohl. Meine perſönlichen Effecten hier laſſe ich in der Obhut des Kaplans, mit einem verſiegelten Couvert, welches den Namen und die Adreſſe des Freundes enthält, dem ſie im Falle meines Todes oder irgend eines andern Vor⸗ kommniſſes zugeſendet werden ſollen. Dieſer Freund biſt Du. In meinem Teſtamente habe ich Dir, ſo weit das Geſetz es geſtattet, jedes Recht einge⸗ räumt, welches Du als mein Weib gehabt haben würdeſt. Mein Weib— mein Weib vor den Augen Gottes, leb' wohl! das heißt bis dahin, wo ich wagen werde, wieder an Dich zu ſchreiben. Nimm Dich ſorgfältig in Acht— ſei geduldig und hoffe. Deinem Vater gehorche, mag er befehlen, was er wolle, denn er iſt ein zu gerechter Mann, als daß er Dir eine Ungerechtigkeit befehlen könnte. Vergiß mich nicht— aber das wirſt Du auch ohnehin nicht. Wenn ich Dich noch ein Mal hätte ſehen, wenn ich Dich dicht an meinem Herzen hätte fühlen können!— doch vielleicht iſt es ſo beſſer. — 158— Nur eine Woche Ungewißheit für Dich, dann iſt es vorüber. Laß uns auf Gott vertrauen und lebe wohl! Vergiß nicht, wie ich Dich geliebt habe, mein Kind. Max urquhart. Fünftes Kapitel. Seine Geſchichte. Meine theure Theodora! Du wirſt nun ſchon Alles erfahren haben. Gott ſei Dank, es iſt vorüber! Meine theure, theure Geliebte— mein treues Mädchen— es iſt vorüber! Als ich heute Abend wieder in's Gefängniß zurückgebracht ward, fand ich Deine Briefe, aber ich hatte ſchon den Tag vorher durch Colin Granton davon gehört. Bedaure nicht den Zufall, welcher Mr. Johnſton bewog, meinen Brief an Dich zurück⸗ zuhalten, anſtatt ihn ſofort nach dem Cedernhauſe abzuſenden. Dergleichen Dinge erſcheinen mir nie⸗ mäls als zufällig— es war Alles zum Beſten. Jedenfalls hätte ich nicht anders thun können als ich gethan, aber es wäre ſchmerzlich geweſen, es in — 160— directem Widerſpruche mit Deinem Vater zu thun. Das Einzige, was mir leid thut, iſt, daß mein armes Kind den Schrecken hatte, dieſe ſchwere Nach⸗ richt von meiner Auslieferung an die Behörde und mein öffentliches Geſtändniß in einer Zeitung zu leſen. Granton erzählte mir, wie Du es ertrugſt. Sage ihm, daß ich ihm mein ganzes Leben lang dankbar ſein werde für ſeine Güte gegen mich, und dafür, daß er ſeine junge Gattin, die er ſo innig liebt— hierher kommen ließ zu mir.* Auch war er nicht mein einziger Freund. Glaube nicht, daß ich gänzlich verachtet oder ver⸗ laſſen war. Sir William Treherne und mehrere Andere erboten ſich, jede Caution, eine wie hohe Summe man auch verlangen möchte, für mich zu erlegen; aber es war beſſer, daß ich während der wenigen Tage zwiſchen meiner Verhaftung und den Aſſiſen im Gefängniß blieb. Ich bedurfte der Ruhe und Einſamkeit. Deßhalb, meine Geliebte, würde ich nicht gewagt haben, Dich zu ſehen, ſelbſt wenn Du unmittelbar zu mir gekommen wäreſt. Du haſt in allen Dingen gehandelt, wie ich von Dir überzeugt war, daß Du handeln würdeſt— weiſe, umſichtig, mit Selbſtbe⸗ herrſchung und o mit wie unendlicher Liebe! Ich mußte hier aufhören, weil das Abenddunkel — einbrach und man mir mein Quantum Licht noch nicht gebracht hatte. Daſſelbe iſt ziemlich knapp zugemeſſen und ich muß mich daher beeilen. Ich wünſche, daß Du dieſen umſtändlichen Bericht ſo bald als möglich nach dem kurzen Tele⸗ gramm erhalteſt, welches, wie ich weiß, Mr. Granton Dir in dem Augenblicke, wo die Verhandlungen beendet waren, zuſendete. Ein eigentlicher Criminalprozeß war es gar nicht. In meiner Unkenntniß des Geſetzes hatte ich mich auf Vieles vorbereitet und gefaßt gemacht, was gar nicht ſtattfand. Was indeſſen ſtattgefunden hat, will ich hier niederſchreiben. Du darfſt nicht erwarten, daß ich Dir viele Einzelheiten mittheile. Mein Kopf war ziemlich verworren und meine Geſundheit iſt bedeutend erſchüttert, obſchon Du deßwegen nicht ängſtlich zu ſein brauchſt. Granton wird Dir ſagen, wie es in dieſer Beziehung mit mir ſteht und wie ich ausſehe. Nun werde ich mich raſch wieder erholen. Glücklicher Weiſe gaben die vier Tage meiner Unterſuchungshaft mir Zeit, mich einigermaßen zu ſammeln, und ich war im Stande, das Bekenntniß niederzuſchreiben, welches ich bei der öffentlichen Verhandlung vorzuleſen gedachte. Ich wollte es lieber ableſen, damit nicht irgend eine phyſiſche Leben um Leben. V. 11 . — 162— Schwäche mich verworren oder ungenau machte. Du ſiehſt, daß ich alle vernünftige Maßregeln traf, um Nichts zu unterlaſſen, was zu meinem Heil dienen konnte. Ich war gegen mich eben ſo gerecht wie ich gegen jeden andern Menſchen geweſen wäre. Ich that dies um Deinetwillen, ſo wie auch um der nun Todten willen, deren reinem Namen ich dieſen erſten Makel zugefügt habe. Doch, jetzt darf ich weiter nicht daran denken — es iſt zu ſpät. Das Beſte, was mir geziemt, iſt Demuth und Dankbarkeit gegen Gott und Menſchen. Hätte ich doch in meiner unglücklichen Jugend, als ich vor Angſt über der menſchlichen Gerechtigkeit die göttliche vergaß, gewußt, daß es in dieſer Welt noch ſo viel mitleidige Herzen giebt! Nachdem Colin Granton mich geſtern Abend verlaſſen, ſchlief ich ganz feſt, denn ich fühlte mich erleichtert und ruhig. O, der Frieden eines ent⸗ laſteten Gewiſſens, die Freiheit einer ruhigen Seele, welche, nachdem die ganze Wahrheit geſagt worden, Nichts mehr zu fürchten hat und auf Alles gefaßt iſt! Ich erhob mich ruhig und erfriſcht, und ſah durch das Fenſter meiner Zelle, daß es ein lieblicher Frühlingsmorgen war. Es war mir lieb, daß meine Theodora nicht wußte, welcher ſpezielle Tag der Aſſiſen zur Verhandlung über mich beſtimmt war. — 63— Es ward Mittag, ehe meine Sache an die Reihe kam— ich mußte lange warten. Halte mich nicht für muthiger als ich war. Als ich an die Schranken trat, ſchien die ganze Maſſe gaffender Geſichter vor meinen Augen im Kreiſe herumzutanzen. Es ward mir unwohl, es fröſtelte mich— ich hatte mehr Kräfte verloren als ich glaubte. Alles um mich herum zerrann gewiſſermaßen in einen Traum, durch welchen hindurch ich Dich ſprechen zu hören glaubte, Worte aber konnte ich nicht verſtehen, ausgenommen jene, deren zärtlicher Ton ſo deutlich an mein Ohr ſchlug, als ob ſie ſo eben erſt ausgeſprochen worden:„Mein theurer Mar! Mein theurer Max!“ Endlich jedoch raffte ich mich zuſammen und zwang mich, einen ruhigen, forſchenden Blick rings umher zu werfen auf den Richter, die Geſchworenen und die Zeugenloge— in welcher ein einziger Mann ſaß, der ſein graues Haupt auf die Hand ſtützte. Ich fühlte, wer es war. Wußteſt Du, daß Dein Vater als Zeuge vor⸗ geladen worden? Wenn Du es wußteſt, was muß dies für ein Tag für Dich geweſen ſein! Glaube jedoch nicht, daß ſein Anblick meine Qualen ſteigerte. Ich fürchtete jetzt weder ihn, noch ſonſt Etwas. — 164— Selbſt die öffentliche Schande war weniger ſchrecklich als ich geglaubt; dieſe Hunderte von neugierigen Augen trafen mich nicht ſo tief in's Herz als in der Vergangenheit mancher gütige Blick Deines Vaters, mancher liebende Blick von Dir. Die Formalitäten des Gerichtshofes begannen, aber ich hörte kaum darauf. Sie ſchienen mir von geringer Bedeutung zu ſein, wie ich zu Granton ſagte, als er mich dringend aufforderte, einen Ver⸗ theidiger anzunehmen— ein Menſch, der nur die Wahrheit ſprechen will, kann dies ganz gewiß thun, trotz der Erſchwerungen der gerichtlichen Form. Sie kam zu Ende— die lange, unverſtändliche Anklageſchrift, und die erſte Wahrnehmung meiner Lage ward mir durch die Frage des Richters: „Gefangener an der Schranke, bekennt Ihr Euch ſchuldig oder nicht ſchuldig?“ Ich bekannte mich natürlich ſchuldig. Der Richter that hierauf mehrere Fragen und hielt eine lange Beſprechung mit dem Kronanwalt über dieſen, wie er ſagte, höchſt merkwürdigen Fall. Der Zweck dieſer Beſprechung war, glaube ich, zu ermitteln, ob ich auch wirklich bei vollem Ver⸗ ſtande ſei uns ob irgend eine Beſtätigung meines Geſtändniſſes zu erlangen wäre. Eine ſolche war — 165— nicht zu erlangen. Alle möglichen Zeugen waren längſt todt, ausgenommen Dein Vater. Dieſer verharrte immer noch in derſelben Stel⸗ lung und wendete ſich weder gegen mich, noch von mir— weder mitleidig, noch rachſüchtig, ſondern ernſt und gefaßt, als ob ſein langer Kummer ſeine feierliche Genugthuung erhalten hätte und als ob, trotzddem daß das Ende ein ſolches war, er ſich erleichtert fühlte, daß es endlich wirklich da war— als ob er, eben ſo wie ich, ſich darein fügen gelernt hätte, daß das Fernere ohne unſer Zuthun geſchehe, und überzeugt, daß ſelbſt bei den Ereigniſſen dieſer Welt der Gott der Wahrheit vor den Menſchen ge⸗ rechtfertigt ſein, daß er beweiſen will, wie Die, welche unter irgend einem Vorwande die Wahrheit entſtellen oder leugnen, nicht ihm leben, ſondern dem Vater der Lügen. Iſt es nicht ſeltſam, daß ich während dieſer Augenblicke ruhig genug war, um an ſolche Dinge denken zu können, ja, und daß ich ſie jetzt ruhig niederſchreiben kann? Doch wie ich Dir ſchon geſagt habe, in einer großen Kriſis erlangt mein Geiſt ſtets ſein Gleichgewicht wieder und wird ruhig. Ueberdies macht Krankheit uns ſcharfblickend und umſichtig, zuweilen in einem wunderbar hohen Grade. — 166— Schließe aus dieſem Zugeſtändniſſe aber nicht etwa, daß meine Geſundheit entſchwunden oder auf die Dauer wankend geworden ſei, ſondern blos, daß ich, wie ich im Spiegel ſehe, ein etwas älterer und ſchwächerer Mann geworden bin als meine theure Geliebte mich vor Einem Jahre geſehen. Doch ich erzähle weiter. Da ich mich ſofort ſeuti bekannt, ſo war keine Berathung der Geſchworenen nothwendig, und der Richter hatte nur noch den Urtheilsſpruch zu fällen. Ich ward gefragt, ob ich durch einen Anwalt oder ſonſt wie Etwas zu meiner Vertheidigung zu ſagen wünſchte. Und nun erhob ich mich und ſagte die ganze Wahrheit. Gräme Dich nicht über mich, Theodora; die Wahrheit iſt niemals wirklich furchtbar. Das, was ſie furchtbar macht, iſt die Furcht vor den Menſchen, und dieſe war bei mir vorüber, die Qual des Schuld⸗ bewußtſeins, und dieſe war auch vorüber. Ich habe manchen Augenblick weit ſchmerzlicherer Angſt und zermalmenderer Demüthigung erlebt als dieſen, wo ich aufſtand und öffentlich die Sünde meiner Jugend bekannte, mit den jahrelangen Leiden, welche darauf folgten und— darf ich dies ſagen— meinen Fehl tritt ſühnten? In einer gewiſſen Beziehung kann eine Sünde — 167— niemals anders geſühnt werden als auf dem einen furchtbaren und doch zugleich rettenden Wege; inſo⸗ weit aber, als der Menſch Etwas dem Menſchen gegenüber wieder gutmachen kann, glaubte ich, mein Verbrechen wieder gutgemacht zu haben. Ich hatte, moraliſch geſprochen, verſucht, Leben um Leben zu geben— ja, ich hatte es gegeben, aber dies war nicht genug— es konnte nicht genug ſein. Die volle Wahrheit ward von mir verlangt, und ich bot ſie hier dar. Auf dieſe Weiſe ward in einer einzigen kurzen halben Stunde die Bürde einer Lebenszeit auf immer abgeworfen. Der Richter— er war nicht ungerührt, wie man mir ſpäter ſagte— erklärte, er müſſe ſich Zeit nehmen, um den Urtheilsſpruch zu erwägen, und fragte dann, ob der Gefangene Zeugen habe, die ſich in Bezug auf ſeinen zeitherigen Ruf und Lebens⸗ wandel ausſprechen könnten. Es traten Mehrere auf, unter ihnen zu5 der gute alte Kaplan, welcher die ganze Nacht von Liverpool hierher gereiſ't war, um, wie er ſagte, mir heute die Hand zu drücken, was er auch im offenen Gerichtshofe that— Gott ſegne ihn dafür! Auch Oberſt Turton war da, nebſt Colin Granton— der mich dieſen Morgen ſeit Tages⸗ — 168— anbruch nicht verlaſſen— aber Alle traten wieder zurück, als ſie Deinen Vater ſich erheben ſahen. Fürchte Nichts für ſeine Geſundheit, meine Geliebte. Ich beobachtete ihn genau dieſen ganzen Tag. Er ertrug Alles ſehr gut, und ich bin über⸗ zeugt, daß es keine ſchlimmen Folgen für ihn haben werde. Nach der Wahrnehmung, die ich machte, möchte ich beinahe ſagen, daß eine große heilſame Veränderung, ſowohl an Geiſt als an Körper, über ihn gekommen ſei und daß er ſich wahrſcheinlich nun eines hohen Greiſenalters zu erfreuen haben werde. Als er ſprach, war ſeine Stimme ſo feſt und klar, wie ſie vor ſeinem Unfall auf der Kanzel zu ſein pflegte. „Mylords und Gentlemen,“ ſagte er,„ich bin zu dieſer Verhandlung als Zeuge vorgeladen worden. Da ich aber nicht aufgefordert worden bin, eine Ausſage zu thun, ſo ſoll dies nun freiwillig von mir geſchehen.“ Es mußte, wie die Zeitungen zu ſagen pflegen, ſich wahrſcheinlich einige Senſation im Gerichtshofe bemerklich machen, denn ich ſah, daß Granton einen unruhigen Blick auf mich warf. Ich hatte aber keine Furcht. Dein Vater, mochte er auch ſagen, was er wollte, ſprach ganz gewiß die Wahrheit, — 169— keine Sylbe mehr oder weniger, und die Wahrheit war ja Alles, was ich verlangte. Der Richter machte bemerklich, da kein Ausſpruch der Geſchworenen nöthig ſei, ſo könne er auch, dem Geſetze gemäß, kein Zeugniß gegen den Gefangenen annehmen. „Auch habe ich kein ſolches zu geben— ich wünſche blos um der Gerechtigkeit willen zu ſprechen. Darf ich, Mylord?“ Der Richter gab ſeine Zuſtimmung. Die Worte Deines Vaters waren kurz und gemeſſen, aber Du kannſt Dir denken, wie ſie wenigſtens an Ein Ohr ſchlugen.. „Mein Name iſt William Henry Johnſton, Geiſtlicher von Rockmount in Surrey. Henry John⸗ ſton, welcher in der Racht zum 19. November 1836 ſtarb, war mein einziger Sohn. Ich kenne den Gefangenen an der Schranke. Ich kannte ihn ſchon einige Zeit zuvor, ehe er wußte, weſſen Vater ich war, oder ich die mindeſte Ahnung hatte, daß mein Sohn auf andere Weiſe ſeinen Tod gefunden als durch einen unglücklichen Zufall.“ „Erfolgte die erſte Entdeckung, die Sie in Bezug auf dieſe ſchmerzlichen Thatſachen machten, durch das ſo eben gehörte Geſtändniß des Gefan⸗ genen?“ — 170— „Nein, Mylord,“ antwortete Dein Vater mit einigem Zögern, welches aber nur einen Augenblick dauerte.„Er erzählte mir ſelbſt die ganze Geſchichte vor Einem Jahre unter Umſtänden, welche wohl ieden Andern bewogen haben würden, ſie für immer zu verſchweigen.“ Der Richter fragte, warum dieſes Bekenntniß nicht ſofort veröffentlicht worden ſei. „Weil ich die Oeffentlichkeit ſcheuete, weil ich die Geſchichte meiner Familie nicht zum öffentlichen Geſchwätz und Scandal machen wollte. Ich ver⸗ langte von ihm das Verſprechen, das Geheimniß unverletzt zu bewahren. Dieſes Verſprechen hat er gebrochen, aber ich tadle ihn deßwegen nicht. Es hätte niemals gegeben werden ſollen.“ „Allerdings nicht. Es ſtand im Widerſpruch mit Geſetz und Recht.“ „Mylord, ich bin ein alter Mann und Geiſt⸗ licher; ich verſtehe Nichts vom Gerichtsweſen, aber ich weiß wohl, daß es unrecht von mir war, das Gewiſſen eines Menſchen zu binden und ihm eine immerwährende Lüge zur FPflicht zu machen.“ Hier ward Dein Vater gefragt, ob er weiter Etwas zu ſagen hätte. „Ein einziges Wort. Der Gefangene hat aus Zartgefühl gegen mich in ſeinem Geſtändniſſe drei — 17— Thatſachen unerwähnt gelaſſen, welche weſentlich zur Entſchuldigung ſeines Verbrechens dienen. Als er es beging, war er erſt neunzehn Jahre alt und mein“ Sohn dreißig. Er war betrunken, und mein Sohn, der ein unregelmäßiges Leben führte, hatte ihn erſt dazu gemacht und ihn ſpäter auf eine Weiſe gereizt, die ein junger Mann von neunzehn Jahren ſchwerlich mit Ruhe ertragen konnte. So hat er mir erklärt, und da ich ſeinen Charakter und den meines Sohnes kenne, ſo zweifle ich nicht im Mindeſten an der voll⸗ ſtändigſten Genauigkeit dieſer Angaben.“ Der Richter machte ſich einige Notizen. „Sie ſcheinen, Sir,“ ſagte er,„ſonderbarer Weiſe gegen den Gefangenen durchaus nicht ungünſtig geſtimmt zu ſein.“ „Ich bin gerecht gegen ihn— ich wünſche es zu ſein, obſchon das Blut meines einzigen Sohnes an ſeinen Händen klebt.“ Nach einer kurzen Pauſe ſagte der Richter: „Mr. Johnſton,— der Gerichtshof achtet Ihre Gefühle und bedauert, Sie noch einen Augenblick aufhalten zu müſſen. Es kann jedoch die Entſchei⸗ dung dieſes ſehr eigenthümlichen Falles weſentlich erleichtern helfen, wenn Sie noch eine Frage beant⸗ worten wollen. Sie wiſſen, daß, in Ermangelung aller andern Indicien, der Gefangene nur nach — 172— ſeinem eigenen Geſtändniſſe gerichtet werden kann. Glauben Sie auf Ihren Eid, daß dieſes Geſtändniß wahr ſei?“ „Ja, ich glaube es. In Folge meiner genauen Bekanntſchaft mit dem Gefangenen iſt es meine Pflicht, zu ſagen, daß er jetzt— mag er in ſeiner Jugend geweſen ſein, was er will— ein Mann von makelloſer Ehre und tadelloſem Lebenswandel iſt— ein Mann, der keine Lüge ſagen würde, und wenn er ſich dadurch vom Schaffot retten könnte.“ „Der Gerichtshof erklärt ſich mit dieſer Ausſage zufriedengeſtellt.“ Ehe Dein Vater ſich jedoch niederſetzte, drehete er ſich herum und zum erſten Male an dieſem Tage ſahen wir einander in's Auge. „Ich bin Geiſtlicher, wie ich ſagte,“ hob er an, „und bin noch nie in einem Gerichtshofe erſchienen. Iſt es mir nach den gerichtlichen Formen geſtattet, einige Worte an den Gefangenen zu richten?“ Mochte es nun geſtattet ſein oder nicht, es unterbrach ihn Niemand. „Doctor Urquhart,“ ſagte er, und prach ſo laut, daß Alle es hören konnten,„wie Ihr Urtheil aus⸗ fallen und ob wir uns bis zum Tage des ewigen Gerichts wiederſehen werden, weiß ich nicht. Sollte es nicht der Fall ſein, ſo glaube ich, daß, wenn wir —— verzeihen müſſen, um ſelbſt Verzeihung zu erlangen, ich dies auch an Ihnen thun muß. Ich ziehe vor, es jetzt zu thun, ſo lange wir noch im Fleiſche ſind und es Ihre Seele tröſten kann. Ich, Henry John⸗ ſton's Vater, erkläre daher hiermit öffentlich: Ich glaube, daß Sie das, was Sie gethan, in der Hitze der Jugend verübt und in der Folgezeit bitterlich bereuet haben. Möge Gott Ihnen verzeihen, ſo wie ich Ihnen heute verzeihe.“ Später ſah ich Deinen Vater nicht wieder. Er verließ den Gerichtshof ſofort, nachdem der Urtheils⸗ ſpruch gefällt war— drei Monate Gefängniß. Der Richter hielt vorher eine lange Rede, aber ich hörte keine Sylbe davon. Ich hörte weiter Nichts als die Worte Deines Vaters— ich ſah Niemanden als ihn, wie er ſo unter mir ſaß, die Hände auf ſeinem Stock gefaltet, während eine Fluth von Sonnenſchein über ſein weißes Haar hinwegſtrömte. Theodora— Theodora! Ich kann nicht ſchreiben— es iſt unmöglich. Granton erhielt, nachdem ich in's Gefängniß gebracht worden, auf eine Minute Zutritt zu mir. Er ſagte mir, der Zuſatz„Zwangsarbeit“ ſei geſtrichen worden und man habe um Herabſetzung der drei Monate auf einen nachgeſucht, der Richter ſei aber nicht darauf eingegangen Wenn ich es jedoch — — 174— 1 wünſchte, ſo ſolle ein neues Geſuch bei dem Miniſter des Innern eingereicht werden. Nein, meine Geliebte, laß es ihn nicht thun. Es möge überhaupt Nichts mehr gethan werden. Ich will die volle Zeit meiner Strafe aushalten. Sie iſt ja ohnehin ſo kurz. Gräme Dich nicht um mich. Glaube mir, mein Kind, mancher Pair legt ſein Staatsgewand mit ſchwererem Herzen an als ich die Sträflingsjacke anzog, worüber Granton ſo entſetzt war, daß er ſich ganz gewiß darüber gegen Dich ausſprechen wird. Doch, was hat es weiter zu ſagen— meine Kleider ſind nicht ich— meinſt Du nicht auch, kleine Dame? Wie hieß der Dichter, welcher ſchrieb: „Die Steinwand macht den Kerker nicht, Das Gitter nicht den Käfig, Die Unſchuld—“ Bin ich auch wirklich unſchuldig? Nein, aber mein Vergehen iſt mir nun, wie ich glaube, von Gott und Menſchen verzichen, und iſt die ganze Herrlichkeit des Himmels nicht für zu Gnaden ange⸗ nommene Seelen eben ſo bereitet wie für ſolche, die ſich nie einer Sünde ſchuldig gemacht haben? Deßhalb bin ich ruhig. Dieſer erſte Abend meiner Gefängnißſtrafe iſt für mich aus mehrfachen Gründen ſo freudig alssder, welchen ich mir oft — 175— ausgemalt, wenn ich mit Dir zum erſten Male am häuslichen Heerde ſäße. Nicht einmal dieſer Gedanke und der Strom von anderen Gedanken, der mich mit jenem zugleich überfluthet, iſt im Stande, mir dieſes Gefühl unaus⸗ ſprechlicher Ruhe zu rauben. Dieſe iſt ſo vollkommen, daß es mir faſt iſt, als könnte ich dieſe Zelle gar nicht wieder verlaſſen, um mich auf's Neue in den Strudel der Welt zu ſtürzen— eben ſo wenig als die Todten wieder zu dem Leben und ſeinen Sorgen zurückzukehren wünſchen. Doch, wie Gott will! Gute Nacht, meine Geliebte; Granton wird Dir alle weiteren Umſtände erzählen. Danke ihm innig— das iſt der beſte Lohn für ſein gutes Herz. Sein glückliches thätiges Leben, welches er jetzt be⸗ gonnen, wird vielleicht nun um ſo heller in Folge der vorübergehenden Wolke, welche ihn gelehrt hat, daß die Vorſehung oft auf beſſere Weiſe ſegnet als dadurch, daß ſie uns gerade das giebt, was wir wünſchen. Er ſagte mir, als wir ſchieden— und dies war die einzige Anſpirlung, die er auf die Ver⸗ gangenheit machte— obſchon ſeine junge Gattin das liebenswürdigſte Weibchen von der Welt ſei, ſo —— — — — — 176— werde er doch Miß Dora ſtets als eine Heilige, als einen Engel anbeten. Iſt ſie meine Heilige und mein Engel?— Vielleicht— wenn ſie nicht zugleich das Weib meiner Liebe wäre. Ich möchte wiſſen, was ſie jetzt thut. Wahr⸗ ſcheinlich verſchwindet ſie mit der Lampe in der Hand, wie ich ſo oft geſehen, die Treppe hinauf in ihr kleines Zimmer, wo ſie die Thür zuſchließt und an mich denkt. Ja, ſie denkt an mich— aber nicht ohne Schmerz. Glaube mir, daß ich glücklich bin— daß ich, was mir nun auch zuſtoßen möge, doch ſtets glücklich ſein werde. Sage Deinem Vater— Doch nein, ſag' ihm RNichts. Er weiß ganz gewiß ſchon Alles— oder er wird es erfahren— wenn, nachdein dieſes Leben hinweggeſchwunden iſt wie ein Rauch— er und ich vor einem Gott ſtehen, der auch zugleich der Erlöſer und Heiland der Sünder iſt. Schreibe mir, aber komme nicht, um mich zu beſuchen. Bis jetzt iſt Dein Name gänzlich aus dem Spiele geblieben, er muß es auch ferner, wenn es uns auch beide ein noch ſo ſchweres Opfer koſten — 177— ſollte. Ich rechne in dieſer Beziehung auf Dich. Du weißt, wie Du einmal lachend ſagteſt, Du hätteſt in Deinem Herzen das Verſprechen ehelichen Gehor⸗ ſams bereits gegeben, dafern ich es verlangte. Bis jetzt habe ich es noch nie verlangt, jetzt jedoch verlange ich es. Wenn ich Dich nicht rufen laſſe— und ich verſpreche Dir feierlich, dies zu thun, wenn Krankheit oder irgend eine andere Urſache es nothwendig machen— ſo gehorche mir, Deinem Gatten— komme nicht, mich zu beſuchen. Drei Monate werden ſchnell vorüber ſein. Und dann? Doch wir wollen der Zukunft nicht vor⸗ greifen. Meine Geliebte, gute Nacht. Max Urquhart. Leben um Leben. V. 12 Sechſtes Rapitel. Ihre Geſchichte. Max ſagt, ich ſolle einen Schluß zu meinem Tagebuche ſchreiben, dieſes mit ſeinen und meinen Briefen zuſammenbinden, einen Stein daran befeſtigen und es über die Bruſtwehr des Schiffes in dieſes blaue, blaue Meer verſenken— das heißt, entweder drohete er mir oder ich ihm— ich weiß ſelbſt nicht, wie es war— mit einem ſo feierlichen Ende. Ich bezweifle aber, daß wir jemals den Muth haben werden, es zu thun. Es müßte ſein, als ſenkte man ein kleines Kind in dieſes naſſe Wogen⸗ grab, wie eine arme Mutter geſtern thun mußte. „Aber ich werde es wiederſehen,“ ſchluchzte ſie, während ich ihr die kleine weiße Leiche in ſeine Hängematte einnähen half.„Der gute Gott wird — 170— es zu ſich nehmen und mich es wieder finden laſſen, ſelbſt nachdem es im Schooße des tiefen Meeres ge⸗ ruht. Ich kann es nicht verlieren; ich liebte es ſo ſehr.“ Und ſo glaube ich, kann keine vollkommene Liebe oder die Erinnerung daran im Herzen oder in Worten je verloren gehen. Deßhalb kommt im Grunde genommen für Max und mich Nichts darauf an, ob dieſe, die wahre Geſchichte unſerer Liebe, auf den Boden des Oceans hinabſinkt, um zu ſchlafen — wie wir geſtern ſelbſt erwarteten, denn es war ein furchtbarer Sturm— oder ob ſie eingeſiegelt und aufbewahrt wird zum Nutz und Frommen unſerer — unſerer Urenkel. Ach, dieſe arme Mutter und ihr todtes Kind! Max kam herunter, um mich zu ſuchen, und ich ging mit ihm auf's Deck hinauf, wo er ſich nieder⸗ ſtreckte und mir verſprach, ſich eine Stunde nicht zu rühren. Ich muß ihn noch ſehr in Acht neym die Seeluft aber beginnt ſchon ſein liebes altes Geſicht zu bräunen und ihm die Farbe der Geſundheit zu verleihen. Während der drei Monate, welche Max im Gefängniß war, ſah ich ihn nicht ein einziges Mal. Ueberhaupt hatten wir einander ſeit dem Tage nicht wiedergeſehen, wo wir in Gegenwart meines Vaters 12* einander gute Nacht ſagten, bis zu dem Tage, wo — doch ich will meine Geſchichte ſyſtematiſch fort⸗ ſetzen.. Während dieſer ganzen drei Monate war Max krank— nicht gefährlich— denn er ſagte dies und ich konnte ihm glauben.. Nichtsdeſtoweniger war es eine bittere Zeit, und ich wundere mich jetzt bei⸗ nahe, wie ich es ertrug— jetzt, wo ich zu Allem bereit und willig bin, ausgenommen zu dem, was ich, Gott ſei Dank! niemals wieder zu tragen haben werde— zur Trennung. An dem Tage, ehe Max entlaſſen ward, ſchrieb er mir einen langen, ernſten Brief. Bis jetzt waren unſere Briefe mit Trivialitäten angefüllt geweſen, die darauf berechnet waren, ihm die Zeit zu vertrei⸗ ben und mich zu erheitern, während wir alle Pläne bis auf die Zeit verſchoben, wo es wieder beſſer mit ihm gehen würde. Meine geheimen Gedanken, wenn ich deren hatte, waren mir ſelbſt nicht klar, bis ich ſeinen Brief erhielt. Es war ein ſehr trauriger Brief. Drei Monate Haft in einer und derſelben Zelle, mit einem ein⸗ ſtündigen täglichen Spaziergange innerhalb eines ummauerten Hofes— Sträflingsarbeit, denn er flocht Binſendecken, weil er meinte, die Zeit verginge beſſer— Gefangenenkoſt— kein Wunder, daß gegen — 181— das Ende ſelbſt ſeinem muthigen Herzen die Stand⸗ haftigkeit untreu ward. Er brach gänzlich zuſammen. Außerdem würde er mir nimmermehr geſchrieben haben, wie er ſchrieb, denn er ſagte mir Lebewohl. Anfangs war ich erſchrocken und entſetzt, dann legte ich den Brief nieder und lächelte— es war natürlich ein ſehr trauriges Lächeln, aber dennoch ein Lächeln. Der Gedanke, daß Max und ich ſchei⸗ den, oder daß wir unter irgend welchen menſchlichen Umſtänden wünſchey könnten, es zu thun, ſchien eins jener abſolut unmöglichen Dinge, über welche man ſich gar nicht die Mühe nimmt zu ſtrei⸗ ten, weder mit ſich ſelbſt, noch mit Jemandem anders. Daß wir einander liebten und uns deßhalb wahr⸗ ſcheinlich ſpäter einmal heiratheten, jedenfalls aber einander angehörten bis zum Tode, dies waren eben ſo einfache, natürliche und unveränderliche That⸗ ſachen, als daß die Sonne am ſtand, oder daß das Gras grün war. Noch denſelben Abend ſchrieb ich zurück an Max. Nicht als ob ich es aus Uebereilung oder dem Impulſe eines plötzlichen Gefühls folgend gethan. Ich brauchte viele Stunden, um zu überlegen, ſowohl was ich ſagen, als auch in welche Form ich es kleiden ſollte. Ebenſo wußte ich auch nicht beſtimmt, ob — 182— es für ihn nicht am beſten wäre, wenn er das edel⸗ müthige Anerbieten von Mr. Thorley's Schwieger⸗ ſohne, welches ihm mit voller Kenntniß der Umſtände gemacht worden, annähme und erſt allein nach Amerika ginge. Doch, ich konnte mir die Sache überlegen wie ich wollte, ſo kehrten alle meine Gedanken wieder in das Gleis zurück, in welchem nur Eine klare Wahrheit geſchrieben ſtand, nämlich daß nach Gott und dem Rechte— worunter alle Anſprüche der Ge⸗ rechtigkeit und des Gewiſſens zu verſtehen ſind— die erſte Pfiicht zweier Perſonen, die einander wahr⸗ haft lieben, die iſt, welche ſie gegen einander ſelbſt haben. Rachdem ich ihm eine Weile ſo vorgepredigt— eine ſchlimme Gewohnheit von mir, über welche Mar jedoch blos lacht, wenn er nämlich nicht in allem Ernſte und ganz andächtig zuhört— ſchloß ich meinen Brief mit dem eindringlichen Rathe, er ſolle nach Canada gehen und ſich dort niederlaſſen — auch ſolle er dieſe Reiſe unverweilt antreten, da⸗ bei aber nicht vergeſſen, daß er kleines Anhängſel mitzunehmen habe— mich. Als die Worte geſchrieben waren, erſchrak ich ein wenig über mich ſelbſt. Es ſah gerade ſo aus als ob ich mich ihm antrüge! Doch hinweg mit — 183— allen thörigten Gedanken! Hinweg mit jeder falſchen Scham! Die wenigen Thränen, welche meine Wange feuchteten, als der Brief fort war, waren die einzigen dieſer Art, die ich jemals vergoſſen— die Max mich jemals vergießen laſſen wird. Max liebt mich! Nachdem dies abgemacht und geordnet war, galt es zunächſt, zu überlegen, wie die Sache ohne allen Verzug in's Werk geſetzt werden könne. Mit dem Briefe von Max zugleich bekam ich nämlich einen von ſeiner guten Freundin, Miſtreß Ansdell in London, bei welcher er gegenwärtig wohnt. Ihr Sohn iſt ſeinen beiden Schweſtern nachgefolgt— ſie litten alle an derſelben Krankheit— ſo daß ſie jetzt als arme kinderloſe Witwe daſteht. Sie war meinem lieben Max ſehr gewogen und deßhalb in Bezug auf ihn ſehr ſcharfblickend. Demgemäß ſchrieb ſie mir auch in zartfühlender, aber hinreichend deutlicher Weiſe— mir, die ſie, wie ſie ſagte, ſeinem Wunſche gemäß, für den Ein⸗ tritt einer plötzlichen Calamität beauftragt war, als ſeine theuerſte Freundin rufen zu laſſen. Mein theurer Mar! Jetzt lächeln wir über jene wehmüthigen Befürchtungen; wir glauben, daß wir Beide ein hohes Alter erreichen werden. Hätte ich aber auch gewußt, daß wir blos ein Jahr⸗ einen Monat, eine Woche vermählt ſein würden— — 184— hätte ich die Ueberzeugung gehabt, daß ich noch den⸗ ſelben Tag in Deinen Armen ſterben würde, ſo würde ich dennoch gerade ſo gehandelt haben wie ich handelte. In einer gewiſſen Beziehung war ſeine Krank⸗ heit eine Erleichterung für mich. Er bedurfte meiner ſofortigen Hülfe, und Riemand anders konnte ihm eine ſolche bringen. Dabei war er auch ſo ſchwach, daß ſelbſt ſein Wille ihn verlaſſen hatte— er konnte weder folgern noch widerſtehen. Er ſchrieb blos: „Du biſt mein Gewiſſen; handle wie Du willſt, nur handle recht.“ Und dann, wie Miſtreß Ansdell mir ſpäter ſagte, lag er einen Tag nach dem andern ruhig und geduldig, und wartete, wie er ſagte, auf keinen andern Engel als Theodora. Wohlan, wir lächeln jetzt über dieſe Tage, wie ich ſagte. Gott ſei Dank, daß wir lächeln können; aber noch einmal durchleben möchte ich ſie doch nicht. Mar wollte mir nicht eher erlauben, ihn bei Miſtreß Ansdell zu beſuchen, als bis mein Vater von allen unſern Plänen unterrichtet wäre. Papa aber widmete ſich jetzt rührig und heiter ſeinem täglichen Leben und ſchien Alles, was mich und Doetor Urquhart betraf, völlig vergeſſen zu haben. Zwei ganze Tage ging ich ihm auf allen Tritten und Schritten nach, um eine Gelegenheit zu erlauern; aber es fand ſich keine. Die erſte Perſon, welche mein Geheimniß erfuhr, war Penelope. Wie oft werde ich in künftigen fremdländiſchen Sommern jener milden engliſchen Sommernacht gedenken, wo Penelope und ich unter dem Geisblattbuſche bei unſerer Arbeit ſaßen. Sie ſprach von Liſabel's neuer Hoffnung und überlegte, welche von uns Beiden am beſten entbehrt werden könne, um ſie in den abermals bevorſtehenden ſchweren Stunden zu pflegen. „Auch könnte Papa vielleicht ein paar Wochen ganz allein bleiben,“ meinte ſie.„Er würde uns kaum vermiſſen— er iſt jetzt ſo wohl und munter. Ich würde mich nicht wundern, wenn er, wie unſer Großvater— deſſen Du Dich aber nicht entfinnen kannſt, Dora— neunzig Jahre alt würde.“ „Ich hoffe, daß es der Fall ſein werde.“ Und ich brach in ein lautes Schluchzen aus, fiel dann meiner Schweſter um den Hals und ſagte Alles. „O,“ rief ich, denn das Band der Zunge war einmal gelöſ't und ich ſcheuete mich nicht, zu ihr zu ſprechen, oder ſie auch ſogar zu verletzen— wenn ſie nämlich durch den perſönlichen Kummer, der durch den meinigen wieder in ihr wach gerufen ward, verletzt werden konnte,„o, Penelope, glaubſt Du nicht, daß es recht wäre? Papa braucht nicht— Niemand braucht mich, und wenn auch— Ich ſchwieg. Penelope ſagte nichbennich⸗ „Der Mann wird Vater und Mutter verlaſſen und wird ſeinem Weibe anhangen.“ „Und ebenſo wird das Weib dem Manne an⸗ hangen. Ich will meinen Vater um ſeine Zuſtim⸗ mung bitten, daß ich mit Max nach Canada gehe.“ „Ha, das kommt aber ein wenig plötzlich, Kind!“ Und an ihrem ſchmerzlichen Zuſammenfahren errieth ich, wie unwahr ich geſprochen und wie ſehr ich meine Schweſter verletzt haben mußte, als ich ſagte, es„brauche mich Niemand“ daheim. Daheim, wo ich ſeit beinahe ſiebenundzwanzig Jahren gelebt, die jetzt alle ſo glückliche Jahre ge⸗ weſen zu ſein ſcheinen.„Gott thue mir eben ſo und noch mehr,“ wie die alten Hebräer zu ſagen pflegten, wenn ich jemals Rockmount vergeſſe, die friedliche Heimath meiner Mädchenjahre. Es ſah ſo ſchön aus an dieſem Abende, mit dem Colorit des Sonnenuntergangs auf den alten Mauern und dem Terraſſengange, wo Papa auf⸗ und abſchritt, baarhäuptig, während das roſige Licht wie ein Hei⸗ —— — 187— ligenſchein ſein langes weißes Haar beleuchtete. Wenn ich mir ihn ſo dachte, wie er im Garten auf⸗ und abſchritt, ein Jahr nach dem andern, jedes Jahr älter und ſchwächer werdend, ohne daß ich ihn je ſah, ja nicht einmal von ihm hörte, und entweder gar nicht wiederkam oder erſt nach einer langen Reihe von Jahren, um Nichts mehr von ihm zu finden als ſein Grab! Der Kampf war ein furchtbarer; auch würde Mar ſelbſt nicht gewünſcht haben, daß er ein leichterer ſei. Wer nicht ſein eigenes Fleiſch und Blut liebt, mit welchem er ſeit ſeiner Geburt zuſammengelebt hat, wie kann der wiſſen, was Liebe iſt! Wir hörten Papa, der uns rief: „Kommt herein, Mädchen! Die Sonne iſt hin⸗ unter und der Thau beginnt zu fallen.“ Penelope legte ihre Hand ſanft auf meinen Kopf. „Still, ſtill, Kind! Geh' erſt auf Dein Zim⸗ mer und faſſe Dich. Ich will unſerm Vater die ganze Sache vortragen und auseinanderſetzen.“ Ich war überzeugt, daß ſie es auf die beſte und anſprechendſte Weiſe thun würde. Penelope thut Alles jetzt ſo gut und anſprechend; als ſie aber kam, um mich zu holen, ſah ich ſofort und ehe ſie noch ein Wort ſprach, daß es vergebens geweſen war. —— „Dora, Du mußt ſelbſt mit ihm ſprechen. Be⸗ denke aber wohl, was Du ſagſt und was Du thuſt. Es giebt ſchwerlich auf der ganzen Erde einen Mann, für welchen es der Mühe verlohnt, eine glückliche Heimath und einen guten Vater zu verlaſſen.“ Und in der That, wenn ich jemals den mindeſten Zweifel an Max oder an unſerer Liebe zu einander gehabt, wenn ich nicht gefühlt hätte, daß ich mit ihm gleichſam ſchon vermählt wäre, mit ihm, der auf der ganzen weiten Welt kein anderes Band hatte als mich, ſo hätte ich niemals den Muth ge⸗ habt, zu ſagen, was ich meinem Vater ſagte. Wenn ich auch nur mit dem kleinſten Worte unrecht, un⸗ freundlich oder ungehorſam war, ſo möge Gott es mir verzeihen, denn meine Abſicht war es nicht. Das Herz brach mir faſt— aber ich wollte blos am Rechte feſthalten, ſo wie ich es ſah und ſo wie ich demzufolge handeln mußte. „Alſo, wie ich höre, Du wünſcheſt, Deinen Vater zu verlaſſen?“ „Papa, Papa!“ „Führe keine Gründe dafür un. Ich glaubte, dieſe Thorheit wäre jetzt gänzlich vorüber. Sie muß vorüber ſein— alſo ſei ein gutes Kind und vergiß es.“ Ich glaube, ich muß ſehr blaß geworden ſein, 8 — denn ich fühlte, wie er mich faßte und neben ſich auf einen Stuhl niederdrückte. Aber es war jetzt nicht die geeignete Zeit, um einer Schwäche nach⸗ zugeben. „Papa, ich wünſche Deine Einwilligung zu meiner Vermählung mit Doctor Urquhart. Er würde ſelbſt kommen und Dich darum bitten, aber er iſt zu krank. Wir haben lange gewartet und viel gelitten. Er iſt nicht jung und ich komme mir zuweilen ebenfalls ganz alt vor. Trenne uns nicht länger!“ Dies war, ſo viel ich mich entſinnen kann, was ich ſagte— daß es ſehr ruhig und demüthig geſagt ward, weiß ich, denn mein Vater ſchien weder überraſcht noch zornig zu ſein, blieb aber hart wie ein Stein und wiederholte blos:„Es muß vorüber ſein!“ „Aber warum?“ Er entgegnete ein einziges Wort: „Harry!“ „Und aus keinem andern Grunde? 2 „Nein, aus keinem andern.“ Nun wagte ich offen mit der Sprache heraus⸗ zugehen, ſelbſt gegen meinen Vater. „Papa,“ ſagte ich,„Du hatteſt ihm 2e Tod Harry's öffentl ich verziehen.“ — 190— „Aber ich ſagte nicht, daß ich es vergeſſen würde.“ „Ja, ja, ſo iſt es!“ rief ich bitterlich,„die Menſchen ſagen, ſie vergeben, aber vergeſſen können ſie nicht. Es wäre für Manchen von uns ſchlimm, wenn der gerechte Gott in gleicher W mit uns verfahren wollte.“ „Läſtere nicht!“ „Nein, aber ich ſcheue mich nicht, Gottes Wahrheit auf alle Umſtände des Lebens anzuwenden und dieſe darnach zu beurtheilen. Ich glaube, wenn Chriſtus in die Welt gekommen iſt, um den Sündern zu vergeben, ſo müſſen auch wir ihnen vergeben.“ So viel ſagte ich. Ich hielt es nicht für recht gegen Max, blos um Mitleid für ihn und für mich, die ihn liebte, zu bitten, ſondern weil es das Recht und die Wahrheit war, und deßhalb bemühete ich mich, meinem Vater die Sache klar zu machen. Dann aber ſprach ich nur wie die. Tochter zum Vater, und bat ihn, die Vergangenheit auszulöſchen und nicht um eines verſtorbenen Kindes willen einem lebenden das Herz zu brechen. „Harry würde es nicht wünſchen— ic bin überzeugt, daß er es nicht wünſchen würde„ ſagte ich.„Wenn Harry dort iſt, wo er auch Erbarmen für ſeine vielen Sünden finden kann, ſo weiß ich, daß er meinem theuren Max ſchon längſt verziehen hat.“ Mein Vater murmelte Etwas von ſeltſamer Theologie und ſaß gedankenvoll da. Es dauerte eine Weile, ehe er wieder ſprach. „Die Sache hat auch noch eine Seite, welche Du gänzlich zu überſehen ſcheinſt. Was wird die Welt ſagen, wenn ich, ein Geiſtlicher, die Ehe meiner Tochter mit dem Manne ſanctionire, welcher meinem Sohne das Leben genommen? Es iſt nicht möglich.“ Nun ward ich kühn. „Alſo, es iſt nicht das Geſetz Gottes, oder der Gerechtigkeit, oder der Natur, was uns ſcheidet, ſondern die Welt! Vater, Du haſt nicht das Recht, aus Furcht vor der Welt mich und Max zu ſcheiden!“ Als ich dies geſagt hatte, bereuete ich es, aber es war zu ſpät. Seine ganze frühere Härte kehrte zurück, indem er ſagte: 5„Ich weiß wohl, daß ich kein geſetzliches Recht habe, Deine Heirath zu verbieten. Du biſt mündig; Du kannſt handeln, wie Du ſchon längſt gehandelt haſt, nämlich Deinem Vater zum Trotz.“ „Nein, ich habe Dir nie getrotzt,“ entgegnete ich;„nicht einmal im Geheimen bin ich Dir unge⸗ horſam geweſen,“ und ich erinnerte ihn daran, wie offen Alles geſchehen war— von Anfang bis Ende — 192— — wie geduldig wir gewartet und wie, wenn Max geſund und glücklich wäre, ich vielleicht immer wieder geſagt hätte: Wir wollen noch ein wenig länger warten. „Nun und?“ Ich ſank auf die Kniee nieder und bat meinen Vater mit Thränen und Schluchzen, mich das Weib meines Max werden zu laſſen. Es war vergebens. „Gute Nacht; geh' in Dein Bett, Dora, und ermüde mich nicht mehr.“ Ich erhob mich, überzeugt, daß nun der Augen⸗ blick gekommen ſei, wo ich zwiſchen zwei Pflichten wählen müßte— zwiſchen Vater und Gatten— dem einen, dem ich das Daſein verdankte, und dem andern, der mich zu einem Mädchen gemacht, für das es ſich lohnte zu leben, und das würdig war, geliebt zu werden. Solche Kriſen kommen zuweilen über arme Seelen! Gott führe ſie, denn nur er kann es! „Gute Nacht, Vater,“ ſagte ich; meine uhpen waren hart und trocken, und es war kaum meine eigene Stimme, die ich hörte;„ich will warten— es iſt noch einige Tage Zeit.“ Plötzlich drehete er ſich nach mir herum. „Was haſt Du für Pläne? Sprich die Wahrheit.“ — 193— „Das war auch meine Abſicht.“ Und nun erzählte ich ihm kurz— denn jedes Wort kam mit Mühe heraus, als ob es ein letzter Athemzug wäre— daß Docter Urquhart in einem Mo⸗ nate nach Canada abreiſen würde, daß wir, wenn wir die Zuſtimmung meines Vaters erlangten, uns in drei Wochen zu vermählen, noch eine Woche in England zu bleiben und dann unter Segel zu gehen gedächten. 1 nicht gebe?“ Ich ſchwieg einen Augenblick, dann fand ich Kraft. „Das Weib meines Max muß ich werden. uns aus einander reißen.“ als bis ich mich in meinem Bette liegend fand, nicht aus, um zu ſagen, wie gut meine Schweſter Penelope in den drei nächſtfolgenden Wochen war. Sie half mir bei allen Vorbereitungen zu meiner Vermählung, ſo gering und klein dieſelben auch waren, denn ich hatte wenig oder kein Geld, ausgenommen wenn ich deſſen von meinem Vater eerbeten hätte, und dies hätte ich um Nichts in der 13 Leben um Leben. v. „Und wie, wenn ich nun meine Zuſtimmung Gott hat uns einander gegeben, und nur Gott ſoll Von dieſem Augenblicke an weiß ich weiter Richts während Penelope an demſelben ſaß. Worte reichen Welt gethan! 6 — 194— Das Weib meines Max wäre beinahe eben ſo arm zu ihm gekommen wie Griſeldis, hätte Penelope mich nicht eines Tages mit zu jenen früher erwähn⸗ ten verſchloſſenen Schubfächern geführt. „Jürchteſt Du, daß dieſe Dinge Dir Unglück bringen? Nicht? Nun, dann wähle davon, was Du wünſcheſt, und trage es geſund und glücklich, liebe Schweſter.“ Und ſo, nachdem wir noch eine Weile genäh't — denn ich hegte einen gewiſſen abergläubiſchen Wunſch, in einem neuen weißen von mir und meiner Schweſter verfertigten Kleide getraut zu werden— beendeten und packten wir die kleine Garderobe, welche das ganze Heirathsgut war, das die arme Theodora Johnſton ihrem Gatten zubringen ſollte. Mein Vater mußte von unſern Vorbereitungen Kenntniß haben, denn wir verſuchten nicht, ſie vor ihm zu verbergen. Die Dienſtleute wußten blos, daß Miß Dora eine Reiſe machen wolle, aber er wußte es beſſer; er wußte, daß ſie im Begriff ſtand, ihn und ihre alte Heimath zu verlaſſen, vielleicht auf immer. Dennoch ſagte er Nichts. Zuweilen bemerkte ich, daß er mich aufmerkſam anſah— das arme Antlitz, welches mir der Spiegel zurückwarf und welches täglich bläſſer und trüber ward— dennoch ſagte er Nichts. — 195— Penelope erzählte mir, als ſie an jenem Abende mich fallen gehört und in das Bibliothekzimmer geeilt ſei, habe er ihr befohlen, das„Kind hinweg⸗ zuführen und ihr zu ſagen, daß ſie hicht wieder über dieſe Sache mit ihm ſprechen ſolle.“ Ich gehorchte. Ich benahm mich während dieſer ganzen drei Wochen, als ob jeder Tag den un⸗ zähligen andern Tagen gliche, die ich am Tiſche meines Vaters geſeſſen, oder wo ich an ſeiner Seite gewandelt, wenn auch nicht als die geliebteſte, doch wenigſtens eben ſo geliebt wie irgend eine ſeiner Töch⸗ ter. Aber es war eine Qual, an die ich nicht ohne Schaudern zurückdenken und von der ich nicht be⸗ greifen kann, wie ich ſie zu ertragen vermochte. Während des Tages war ich ſo ziemlich ruhig, weil ich ſo viel zu thun hatte, und wie ich ſchon ſagte, Penelope war ſehr gut und freundlich gegen mich; des Nachts aber lag ich gewöhnlich ſchlaflos im Bette und ſah mit offenen Augen ſeltſame Ge⸗ ſtalten im Zimmer umher— beſonders meine Mut⸗ ter oder vielmehr eine Erſcheinung von der ich glaubte, ſie ſei es. Oft redete ich ſie an und fragte ſie, ob ich recht handelte oder unrecht, und ob ſie das, was ich für Mar thäte, nicht früher einmal für meinen Vater auch gethan haben würde. 13* — 196— Dann fuhr ich erſchrocken in die Höhe und fürchtete, daß ich im Begriffe ſtände, den Verſtand zu verlieren, oder daß eine ſchwere Krankheit im Anzuge ſei— und wenn dies der Fall war, was ſollte dann aus Max werden? Endlich kam der letzte Tag— der Tag vor meiner Vermählung. Sie ſollte natürlich nicht hier ſtatt finden, ſondern in einer Kirche in London, nicht weit von der Wohnung der guten Miſtreß Ansdell, die mich zu einer frühen Stunde dieſes Tages von dem Bahnhofe abholen und bei mir bleiben ſollte, bis ich Doctor Urquhart's Weib wäre. Eine andere Freundin konnte ich nicht haben und ich war mit Penelope einverſtanden, daß es am beſten ſei, nicht das Mißfallen meines Vaters dadurch zu erregen, daß ich ihn bäte, ſie meiner Trauung beiwohnen zu laſſen. Somit ſollte ich ohne Schweſter oder Vater oder irgend Jemanden von meiner Familie an dieſem meinem traurigen Hochzeitsmorgen aufbrechen— ganz allein! Während der letztvergangenen Woche hatte ich Gelegenheit genommen, nach dem Cedernhauſe hinüber zu fahren, Colin und ſeiner jungen Gattin die Hand zu drücken und ſeiner guten alten Mutter einen langen, langen Kuß zu geben, ohne daß ſie wußte, daß es ein Abſchiedskuß war. Außerdem nahm ich von Niemandem Abſchied. Mein letzter Gang durch das Dorf geſchah mitten in einem ſündfluthartigen Auguſtregen, in welchem meine Moorgefilde nebelartig verſchwanden. Es war eine ſchwere, ſchwere Nacht— es wird lange dauern, ehe mein Gemüth von der Laſt dieſer Er⸗ innerung befrei't iſt. Und dennoch wußte ich, daß ich recht that und daß ich, wenn es ſein müßte, es nochmals thun würde. Jede menſchliche Liebe hat ſowohl ihre Opfer und Schmerzen als ihre Freuden— die eine große Liebe des Lebens hat ſie oft mehr als jede andere. Jeder möge ſich daher wohl hüten, ſie mit leichtfer⸗ tigem oder egviſtiſchem Sinne zu betrachten oder ohne ihren vollen Preis berechnet zu haben. „Ob wir glücklich ſein werden, weiß ich nicht,“ ſagte ich zu Penelope, als ſie mich durch die Ver⸗ weiſung auf eine Zukunft zu erheitern ſuchte, welche vielleicht niemals kommtz, ich weiß blos, daß Max und ich unſer Schickſal an einander gekettet haben und daß wir einander lieben werden bis an's Ende.“ und mit dieſer ſtarken Liebe gewappnet lebte — 198— ich; außerdem wäre es an dieſem Tage viele, viele Male leichter erſchienen zu ſterben. Als ich wie gewöhnlich meinem Vater Gute Nacht wünſchte, konnte ich es kaum noch ertragen⸗ Er ſah mich argwöhniſch an. „Gute Nacht, liebes Kind. Apropos, Dora, Du kannſt morgen mit mir nach dem Eedernhauſe fahren.“ „Ich— ich— Penelope wird mitfahren,“ und ich warf mich ihm bitterlich weinend an die Bruſt. „Sage mir Lebewohl! Sage nur ein einziges Mal: Gott ſegne Dich!“ Er athmete mit Mühe. „Ich dachte es mir,“ hob er endlich an.„Alſo morgen ſoll es ſein?“ Jä.“ „Wo denn?“ Ich ſagte es ihm. Einige Minuten lang ließ Papa mich an ſeiner Bruſt ruhen und pochte mich ſanft auf die Schulter, wie man mit einem ſchluchzenden Kinde thut— dann ſchob er mich ſanft hinweg. „Wir werden am beſten thun, Dora, wenn wir dieſem Auftritte ein Ende machen. Ich kann es nicht ertragen. Küſſe mich. Gute Nacht.“ — 199— „Und nicht ein einziges Wort des Segens? Papa! Papa!“ Mein Vater erhob ſich und legte ſeine Hand feierlich auf mein Haupt. „Du biſt mir in allen Dingen bis auf dieſes ſtets eine gehorſame Tochter geweſen und eine gute Tochtor iſt auch ein gutes Weib. Leb' wohl, wohin Du auch gehen mögeſt— Gott ſegne Dich!“ Und als er die Thür des Bibliothekzimmers hinter mir ſchloß, glaubte ich, meinen theuern Vater zum letzten Male geſehen zu haben. Es war kaum ſechs Uhr Morgens, als Penelope mich nach der Eiſenbahnſtation begleitete. Niemand ſah uns— Niemand wußte es. Der Mann an der Eiſenbahn redete uns an und ſprach mit Penelope volle zwei Minuten lang von der Krank⸗ heit ſeiner Frau— zwei ganze Minuten von unſern letzten fünf. Meine Schweſter wollte noch nicht Abſchied von mir nehmen, denn ſie war, ſagte ſie entſchloſſen, mich noch einmal zu ſehen— entweder in London oder in Liverpool, ehe wir unter Segel gingen. Sie hatte mich wunderbar ermuthigt und aufrecht er⸗ halten, und ihr letzter Kuß war beinahe n oder ſie gab ihm dieſem Anſchein. Ich ſehe ſie jetzt noch— ſie war ſehr bleich— 6—— 5 denn ſie war ſeit Tagesanbruch wach— außerdem aber ſehr ruhig und thränenlos— den einſamen Perron auf⸗ und abſchreitend, während unſere beiden langen Schatten in der frühen Morgenſonne neben einander vor uns herglitten. Und ich ſehe ſie noch, wie ſie bis zum letzten Augenblicke mit der Hand an der Wagenthür da ſtand und lächelte. „Grüße Doctor Urquhart— ſage ihm, daß ich das beſte Zutrauen zu ihm habe. Und, Kind,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich noch einmal mit ihrem „praktiſchen“ Blicke, den ich ſo gut kannte, zu mir herum drehete,„vergiß nicht, daß ich„Miß John⸗ ſton“ auf Deine Koffer geſchrieben habe. Später mußt Du den Namen ändern. Lebe wohl— ach, Unſinn! es iſt noch kein wirklicher Abſchied.“ Und doch war er es. Auf wie viele, viele Jahre? In jener dunkeln, düſtern Londoner Kirche, die durch Gewitterſchwüle noch dunkler und ſtiller gemacht ward, ſah ich meinen theuern Max zum erſten Male wieder. Miſtreß Ansdell ſagte— damit ich nicht über ihn erſchrecken ſollte— nur mein Anblick, das Wiederſehen habe ihn ſo angegriffen, außerdem ginge es ſchon viel beſſer mit ihm, und als er mich daher nach den erſten wenigen Minuten fragte, ob ich ihn 6 — 201— nicht ſehr verändert fände, antwortete ich dreiſt „Nein.“ An ſein graues Haar würde ich mich bald gewöhnen und übrigens hätte ich ihn ja überhaupt nicht als ſonderlich ſchönen, oder ſonderlich jungen Mann gekannt. Er lächelte, und nun war er ganz wieder mein Max und Alles hörte auf, ſo wehmüthig ſeltſam zu ſein. Wir gingen in einen der intjernite Betſtühle und Max probirte meinen Ring an. Wie ſeine Hände zitterten— ſo daß mein Zittern ſich ganz verlor und ſich eine große Ruhe meiner bemächtigte. Ja, ich hatte recht gethan. Er hatte Nieman⸗ den als mich. So ſaßen wir neben einander und keins von uns ſprach ein Wort, bis der Küſter kam meldete, daß der Geiſtliche bereit ſei. Es waren noch einige andere Brautpaare da, welche ebenfalls warteten— mit Brautjungfern, Freunden und Vätern. Wir Drei erhoben uns und gingen, unſere Plätze einzunehmen— es achtete Niemand auf uns. Ich ſah, wie der Sacriſtan einige leiſe Worte zu Max ſprach, worauf dieſer mit Ja antwortete, und dann“ kam der alte Mann und ſtellte ſich hinter Miſtreß Ansdell und mich. Noch einige andere Leute ſaßen und ſtanden in den Betſtühlen umher, ich bemerkte — 202— aber ſie blos als ſich bewegende Geſtalten, ohne ſie von einander zu unterſcheiden. Die Ceremonie begann— ich hatte ihr, eben ſo wie Max, zuletzt bei Liſabel's Vermählung beige⸗ wohnt— in unſerer ſchönen über und über mit Blumen geſchmückten Kirche, wo ſie ſo ſchön und glücklich ausſah, mit ihren Schweſtern in ihrer Nähe, während ihr Vater ihr zur Seite ſtand⸗ Einen Augenblick lang fühlte ich mich ſehr ver⸗ einſamt und verlaſſen, und als ich die Thür eines Betſtuhls ſich öffnen und einen Tritt langſam den Kreuzgang heraufkommen hörte, zitterte ich, daß irgend Etwas geſchehen könnte— Etwas, was noch im letzten Augenblicke Max und mich trennte. AAber es geſchah nicht. Ich hörte ihn das feierliche Verſprechen geben— wie darf ein Mann wagen, es leichtfertig zu geben, oder ſpäter zu 3 brechen!— mich zu lieben, zu tröſten, zu ehren und zu bewahren, in Krankheit und Geſundheit, und aufalles Andere verzich⸗ tend, ſich nur zu mirzuhalten, ſo lange wir Beide leben würden. Und ich fühlte ebenfalls, in der Fülle des Vertrauens und der Liebe zu ihm, daß ich mit Freuden um ſeinetwillen Alles— Vater, Schweſtern, Verwandte und Freunde— ver⸗ laſſen könnte. mit Mar's Geſundheit zuſehends. Ueberhaupt ſchien es —— Sie waren mir allerdings theuer und mußten es ſtets bleiben, er aber war ein Theil meines Ich — er war mein Gatte. Und nun muß ich etwas Seltſames erzählen. Es geſchah ſo unerwartet, daß Max und ich es ſtets als einen ganz beſondern Segen des Himmels be⸗ trachten werden, der uns allen unſern Schmerz vergeſſen und unſer neues Leben in Frieden und Freude antreten ließ. Als während des Trauungsactes die Frage gethan ward:„Wer giebt dieſes Weib ꝛc.“— er⸗ folgte keine Antwort und das Schweigen fuhr mir durch's Herz wie ein Dolchſtich. Der Geiſtliche, welcher glaubte, es walte irgend ein Irrthum ob, wiederholte die Frage:„Wer giebt dieſes Weib die⸗ ſem Manne zum ehelichen Gemahl?“ „Ich!“ antwortete eine Stimme⸗ Es war nicht die eines Fremden, ſondern die meines theuren Vaters! Mein Gatte hatte mich gefragt, welcher Ort mir als Ziel unſerer Hochzeitsreiſe der liebſte ſei. Ich ſagte: St. Andrews. Dort beſſerte es ſich ———————————— —— ſchon von der Stunde an mit ihm beſſer zu werden, als, nachdem Papa bei uns geblieben, bis der Zug abging, wir zum erſten Male mit einander allein waren. Max meinte, dieſer Ausdruck ſei eigentlich nicht recht logiſch, Neuvermählte werden aber ſchon ver⸗ ſtehen, was er bedeutet. Ich glaube, wir verſtanden es, während wir ſtill im Wagen ſaßen, mein Haupt an ſeiner Schulter und meine Hand zwiſchen den ſeinigen, während die Felder, Bäume, Hügel und Thäler wie wechſelnde Schatten an uns vorüberflogen. Wir ſprachen faſt gar nicht und dachten auch nicht viel— ausge⸗ nommen— dieſer frohe Gedanke drängte ſich uns trotz der Bitterkeit des Abſchieds von allen unſern Freunden auf— daß es nun ein Lebewohl gab, welches niemals wieder geſagt zu werden brauchte. Wir waren vermählt. In St. Andrews gefiel es mir ausgezeichnet. Wir werden ſtets von den vier Tagen ſprechen, die wir dort zubrachten und welche damals wie ein Traum vor⸗ übergingen, um erſt ſpäter in der Erinnerung bis auf die kleinſten Einzelheiten klar zu werden. Die Süßig⸗ keit dieſer Erinnerung wird uns während mancher arbeitsvollen, mancher ſorgenvollen Stunde begleiten, ſo wie ſie— wir wiſſen das wohl— in unſerm Zebaoth.“ — 205— Leben wie in dem aller Menſchen kommen müſſen. Wir fürchten aber Nichts, denn wir ſind beiſammen. Unſer letzter Tag in Andrews war ein Sonn⸗ tag, und Max führte mich in ſeine presbyterianiſche Kirche, in welcher er und ſein Bruder erzogen waren und deren Geiſtlicher Dallas hatte werden ſollen. In Folge ſeiner langjährigen Wanderungen traf es ſich, daß mein Gatte den ſchottiſchen Gottesdienſt ſeit vielen Jahren nicht gehört, und er ward daher davon um ſo mächtiger ergriffen. Auch ich ward es, als wir mit einander am Ende ſeiner Bibel die Pſalmen laſen und er mir den darin geſchriebenen Namen zeigte— Dallas Urquhart. Der Pſalm— noch lange werde ich mich deſ⸗ ſelben eben ſo wie der Melodie erinnern, nach wel⸗ cher er geſungen ward. Max kannte ſie von Alters her noch recht wohl, denn ſie war eine Lieblings⸗ melodie von Dallas geweſen. Sicherlich, wenn es dem ſeiner ſterblichen Hülle entkleideten Geiſte geſtat⸗ tet iſt, überall zu wallen wo er wünſcht, ſo ſchwebte, während wir an dieſem Sonntage dieſen Pſalm ſangen, der Geiſt unſeres Bruders Dallas in unſerer Nähe. Der Pſalm aber lautete: „Wie lieblich ſind Deine Wohnungen, Herr —— Meine Seele verlanget und ſehnet ſich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen ſich in dem lebendigen Gott.“ 2 „Denn der Vogel hat ein Haus gefunden, und die Schwalbe ihr Neſt, da ſie Junge hecken, nämlich deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.“. „Wohl denen, die in Deinem Hauſe wohnen; die loben Dich immerdar, Sela.“ „Wohl den Menſchen, die Dich für ihre Stärke halten und von Herzen Dir nachwandeln.“ „Die durch das Jammerthal gehen und machen daſelbſt Brunnen. Und die Lehrer werden mit viel Segen geſchmückt.“ „Sie erhalten einen Sieg nach dem andern, daß man ſehen muß, der rechte Gott ſei zu Zion.“ Amen! Ja.— Und wenn dies Leben geendet iſt, dann wollen auch dort wir noch vereint er⸗ ſcheinen— mein Gatte und ich! Im Widerſpruche mit unſerer urſprünglichen Abſicht ſahen wir weder Rockmount, noch Penelope, noch meinen theuern Vater wieder. Wir glaubten, es ſei ſo am beſten, beſonders da wir ſpäteſtens it iſt Alles zum Beſten geweſen. — 207— einigen Jahren, ſo Gott will, ſie Alle zu beſuchen oder uns vielleicht auch dann in England niederzu⸗ laſſen hoffen. Nachdem wir einen einzigen Tag in Trehzrne Court zugebracht, begleitete uns Auguſtus an eiem“ ſonnenhellen Morgen an Bord des amerikaniſ Dampfers, der ſo friedlich in der Mitte des Merſey lag— gerade als ob er für immer daliegen wollte, anſtatt in einer halben Stunde mit uns auf und davon zu ſegeln— weit, weit hinweg nach einem Lande, welches wir nicht kannten, während die alten vertrauten Geſichter und das alte vertraute Land hinter uns blieben. Jetzt erſchien es uns doppelt koſtbar und ſchön; ſelbſt die ſandigen Niederungen längs des Ufers des Merſey. Ich ſah ihn gedankenvoll darauf hinſchauen, nachdem er mir die Ortſchaften gezeigt, die er kannte und welche der Schauplatz ſeiner frühern Thätigkeit geweſen waren. „Das iſt nun Alles vorüber,“ ſagte er halb wehmüthig.„Nichts iſt ſo gekommen, wie ich es beabſichtigt, oder gehofft, vder—“ „Oder gefürchtet.“ „Nein, mein theures Weib, nein! Und dennoch Alles iſt ſehr gut. In einem neuen Lande werde ich ein neues Feld für meine Thätigkeit finden.“ „Und ich wohl auch?“ Magx lächelte. „Ja, Du auch. Wir wollen mit einander ar⸗ . meine kleine Dame.“ Die halbe Stunde war bald vorüber,— die letzten wenigen Worte bald geſprochen. Das volle Gefühl der Trennung vom Vater⸗ lande aber bemächtigte ſich meiner erſt, als wir Auguſtus uns noch ein Lebewohl zuwinken ſahen und das plötzliche Dröhnen unſerer Kanone hörten, während die Eurbpa ihren Poſttender fortrudern ließ und nun raſch und unaufhaltſam ſeewärts dampfte. Der Schall dieſer Kanone muß ſchon oft ſo manches Herz beinahe gebrochen haben. Ich glaube, er hätte auch das meine gebrochen, hätte ich nicht dicht umſchloſſen an der Seite meines Gatten ge⸗ ſtanden, in ſein theures Antlitz emporgeblickt und darin, eben ſo wie er in dem meinigen, geleſen, daß für uns, ſo vereint, die Heimath überall war. ——— Ende des fünften und letzten Bandes. Druck von C. Roeßler in Grimma. ſſiſſſſſtſſiſſ 6 2 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1 2 6 X