„ Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreig. PBei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Cution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: fur whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Wr 50 2 W. 2„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſett werden.— Iſt pas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — ————.— — — — — 8 8 LTeben Vierter Band. Leben um Leben. 1v. Prben Peben. Von der Verfaſſerin von „John Halifar“,„Das Familienhaupt Deutſſch von A. Rretzſchmar. Vierter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1851. Erſtes Rapitel. Ihre Geſchichte. Bier. zwiſchen den verſchloſſenen Blättern meines Tagebuchs habe ich den erſten Brief, den ich jemals von Max erhalten. Ich erhielt ihn zeitig des Morgens, am Morgen nach jenem Abend, der uns beiden, glaube ich, immer beinahe ſo erſcheinen wird wie der, von welchem wir leſen:„Da ward aus Abend und Morgen der erſte Tag“. Es war in der That gleichſam der erſte Tag einer neuen Welt. Als der Brief ankam, lag ich noch in feſtem Schlafe, denn ich hatte nicht die ganze Nacht ſchlaflos zugebracht, was unter den obwaltenden Umſtänden — wie ich zu Max ſagte— eigentlich die Pflicht einer jungen Dame geweſen wäre. Ich legte blos mein Haupt nieder mit einem Gefühl unausſprech⸗ licher Ruhe und Vertrauens— Vertrauens zu der Güte des Himmels, der Alles zu dieſem Ende geführt — und Vertrauens auf ſeine Liebe, von welcher mich niemals Etwas abwendig machen könnte und an welche denkend ich einſchlief, ſicher wie ein ermü⸗ detes Kind, mit dem Bewußtſein, daß ich nun ge⸗ borgen wäre für mein ganzes Leben, bei ihm— bei meinem Max— meinem Gatten. „Liebhaber“ war ein Wort, welches mir nis für ihn zu paſſen ſchien. Er war ja ſo ernſt und ſo viel älter als ich. Ich erwartete von ihm niemals ſo Etwas, wie das Benehmen eines ſogenannten Liebhabers, ja, ich würde ihn nicht einmal gern in dieſer Rolle geſehen haben— er hätte ſich darin nicht natürlich ausgenommen. Von der Stunde an vielmehr, wo er ſagte:„Iſt dies mein Weib?“ habe ich mir ihn ſtets und immer als„meinen Gatten“ gedacht. Mein theurer Max! Hier iſt ſein Brief— welcher in der düſtern Dämmerung vor meinen Augen lag. Er war nicht mit der Poſt gekommen, er mußte ihn ſelbſt abgegeben haben und die Magd brachte ihn herein, ohne Zweifel in der Meinung, es ſei darin blos von ärztlichen Dingen die Rede⸗ Und ich bilde mir nicht wenig ein auf die gelaſſene, 6. „ proſaiſche Weiſe, womit ich ſagte,„es ſei ſchon gut und es ſei keine Antwort nöthig,“ den Brief aus der Hand legte und that, als wollte ich wieder ein⸗ ſchlafen. Man laſſe mich lachen— es iſt nichts Unrechtes und ich lache noch immer ſo ſehr als ich kann— es iſt gut für mich und gut für Mar. Er ſagt, es Zäbe Nichts in der Welt, was für ihn wohlthuender wäre als mich heiter zu ſehen. ir Anfangs war es mir ſehr ſonderbar, ſeinen Brief zu öffnen und meinen Namen von ſeiner Hand geſchrieben zu ſehen. „Sonnabend Nacht. „Meine theure Theodora! „Ich ſage nicht„theuerſte“, denn es giebt keine, die mit Dir zu vergleichen wäre. Du biſt für mich das einzige Weib in der Welt. „Meine theure Theodora;— laß es mich noch einmal herſchreiben, um mich zu überzeugen, daß es überhaupt geſchrieben werden kann, was vielleicht nicht eher geſchehen ſollte, als bis Du dieſen Brief geleſen haſt. „Geſtern Abend verließ ich Dich ſo bald, oder es ſchien ſo bald, und wir ſprachen ſo wenig, daß ich Dir Nichts von gewiſſen Dingen ſagte, von welchen Du ſofort hätteſt in Kenntniß geſetzt werden ſollen, noch ehe ich Dir erlaubte, jene meine Frage zu beantworten. Vergieb mir! Zu meiner eigenen Vertheidigung laß mich ſagen, daß, als ich Dich geſtern beſuchte, ich Dich blos zu ſehen und den Troſt Deiner Geſellſchaft zu haben wünſchte, Alles, was ich auf Jahre hinaus zu gewinnen hoffte oder beabſichtigte. Aber meine ganze Selbſtbeherrſchung ſcheiterte— zuerſt an der Furcht, Dich zu verlieren, und dann durch einen Blick in Deine ſüßen Augen. Du weißt es— es ſollte ſein und es war. „Theodora— von Gott Gegebene— er ſegne Dich dafür, daß Du gerade in jenem Augenblicke zeigteſt, was in Deinem Herzen für mich lebt. Meine Gefühle gegen Dich kannſt Du errathen— ein wenig; an die übrigen mußt Du glauben. Ich kann nicht darüber ſchreiben. „Der Zweck dieſes Briefs iſt, Dir Etwas zu ſagen, was Du erfahren mußt, ehe ich Dich wieder⸗ ſehe. Du wirſt Dich entſinnen, daß ich einmal ſagte, es ſei nicht wahrſcheinlich, daß ich jemals heirathen würde. Dies war auch in der That lange Zeit mein Vorſatz und der Grund folgender. „Als ich noch ein Knabe war— kurz zuvor ehe Dallas ſtarb— begegnete mir ein ſowohl an und für ſich als auch in ſeinen Folgen ſo furchtbares Ereigniß, daß es meinen ganzen Charakter veränderte, 8 mein Leben verdunkelte und mich aus einem mun⸗ tern, heitern, leichtſinnigen Knaben in einen krank⸗ haften, erbärmlichen Menſchen umwandelte, deſſen Leben ihm viele Jahre lang eine Qual und Bürde war. Und obſchon ich, Gott ſei Dank, allmählig aus dieſem Zuſtande mich wieder aufraffte, ſo daß ich nicht ein ganz unnützes Leben führte, ſo war ich doch niemals wieder, wie ich früher geweſen, und lernte das Glück nicht eher kennen, als bis ich Dich ſah. „Du warſt für mich ein ſo unerwarteter Segen, als ob Du wirklich aus den Wolken herabgekommen wäreſt. Anfangs intereſſirteſt, dann erheiterteſt Du mich, dann brachteſt Du auf verſchiedene Weiſe Licht in meine Finſterniß, Hoffnung in meine Verzweif⸗ lung. Und dann liebte ich Dich. „Dieſelbe Urſache, über die ich mich jetzt noch nicht vollſtändig ausſprechen kann, weil ich erſt eine Reiſe machen muß— in einer Woche oder zehn Tagen aber ſollſt Du Alles erfahren— dieſelbe urſache, welche mein ganzes Leben bedrückt hat, hielt mich ab, Dich erobern zu wollen. Ich glaubte immer, ein Mann in den umſtänden wie ich, habe nicht das Recht, jemals an's Heirathen zu denken. „Einige Worte von Dir bewogen mich, in der letztvergangenen Zeit dieſe Meinung zu ändern. Ich 6 beſchloß, Dir künftig einmal meine ganze Geſchichte vorzulegen— wie einer Freundin— die Frage an Dich zu richten, ob unter dieſen Umſtänden ich berechtigt geweſen wäre, ein Weib zu meiner Gattin zu ſuchen, und dann, je nachdem Deine Antwort ausfiele, zu entſcheiden, ob ich mich bemühen ſollte, Deine Liebe zu gewinnen, oder ob ich Dich blos lieben ſollte, wie ich Dich ſtets geliebt haben würde und lieben werde. „Was ich Dir damals zu erzählen gedachte, iſt noch nicht erzählt. Ich fürchte nicht dieſe Offen⸗ barung, wie ich ſie einſt fürchtete— Alles erſcheint mir jetzt anders. „Ich bin kaum noch derſelbe Menſch, der ich vor zwölf Stunden war. Vor zwölf Stunden hatte ich Dir noch nicht geſagt, was Du mir biſt— ich hatte Dich noch nicht in meinen Armen gehalten— ich hatte noch nicht die Liebe in Deinen theuren Augen geleſen— o, Kind, fürchte nicht und ſcheue Dich nicht, mich ſehen zu laſſen, daß Du mich liebſt, wie unwürdig ich auch bin. Wenn Du mich nicht geliebt hätteſt, ſo wäre ich dem Untergange entgegen⸗ getrieben— ich meine, ich hätte mich, was dieſe Welt betrifft, vielleicht gänzlich ſelbſt verloren. „Jetzt iſt dies nicht mehr wahrſcheinlich. Du wirſt mich retten und ich werde ſo glücklich ſein, daß ich im Stande bin, auch Dich glücklich zu machen. Wir werden niemals wieder Zwei ſein— nur Eins. Schon erſcheinſt Du mir wie ein Theil von mir, und es iſt mir ſo natürlich, ſo an Dich zu ſchreiben, als wenn Du ſeit Jahren mein wäreſt. Mein! Später wirſt Du Alles finden, was in dem Herzen eines Mannes von meinem Alter und meinem Charakter verſiegelt liegt— wenn das Siegel einmal gelöſ't wird. „Da ich, ſo lange ich nicht meine Reiſe gemacht, nicht mit Deinem Vater ſprechen kann, ſo erſcheint es mir angemeſſen, daß mein nächſter Beſuch bei Dir nur der eines Freundes ſei. Ob Du, nachdem Du dieſen Brief geleſen, der gleichzeitig ſo viel und ſo wenig bekennt, mich auch nur dieſes Namens würdig erachteſt, darüber wird Dein erſter Blick ent⸗ ſcheiden. Ich werde es ſofort errathen, ohne daß Du ein einziges Wort zu ſprechen brauchſt. „Wahrſcheinlich komme ich Montag und dann nicht wieder. Dich blos als Freund zu ſehen, war ſehr hart; Dich mit dieſer über mir ſchwebenden Ungewißheit zu ſehen, wäre beinahe unmöglich. Ueberdies zwingt mich die Achtung vor Deinem Vater zu dieſer Abweſenheit und zum Schweigen, bis meine Erklärungen gegeben find. „Wirſt Du mir verzeihen? Wirſt Du mir ver⸗ trauen? Ich hoffe es. „Du haſt doch meine Anordnungen befolgt, den ganzen Abend geruht und Dich zeitig ſchlafen gelegt? Ich hoffe, daß ich nächſten Montag eine Roſe auf Deinen Wangen ſehe— eine zarte Winterroſe. Dieſe arme kleine hagere Wange betrübt mein Herz. Du mußt wieder ſtark und kräftig werden. Wenn Du durch Dein Benehmen zeigſt, daß dieſer Brief Deine Meinung von mir geändert hat und daß Du den geſtrigen Tag der Vergeſſenheit anheim zu geben wünſcheſt, ſo werde ich es verſtehen und gehorchen. „Bedenke, was auch geſchehen möge und ob Du jemals mein wirſt oder nicht, daß Du das einzige Weib biſt, welches ich jemals zu meiner Gattin ge⸗ wünſcht,— das einzige, welchem ich mich jemals vermählen werde. „Der Deinige „Max Urquhart.“ Ich las dieſen Brief vielmals durch. Dann erhob ich mich und kleidete mich ſorg⸗ fültig an, als ob es mein Trauungsmorgen wäre. Er liebte mich; ich war die Einzige, die er jemals ſich zur Gattin gewünſcht. Es war in der That mein Trauungsmorgen. —— Als ich die Treppe hinunter ging, begegnete mir Miſtreß Granton und freuete ſich nicht wenig, daß ich ſo früh aufgeſtanden war. „Welch' ein Fortſchritt zur Beſſerung!“ ſagte ſie. „Das dürfen wir Doctor Urquhart nicht verſchweigen. Apropos, hat er nicht heute früh einen Brief oder ein Billet an Dich abgegeben!?“ „Ja; wahrſcheinlich wird er nächſten Montag wiederkommen.“ Sie ſchien ſich zu wundern, daß ich den Brief nicht zum Vorſchein brachte, machte aber weiter keine Bemerkung. Ich dagegen wäre vor noch zwei Tagen feuerroth geworden und hätte kein Wort her⸗ vorbringen können, jetzt aber ſtanden die Dinge anders. Ich war ſeine Erwählte, ſein Weib; es war weder Heuchelei noch Betrug, wenn ich zwiſchen ihm und mir ein Geheimniß bewahrte. Wir gehörten einander an und die übrige Welt hatte Nichts mit uns zu thun. Nichtsdeſtoweniger wallte mein Herz über vor Zärtlichkeit gegen die gute alte Frau— eben ſo wie gegen meinen Vater und meine Schweſtern und Alles, was auf dieſer weiten Welt mir angehörte. Als Miſtreß Granton zur Kirche ging, ſaß ich eine lange Weile in dem weſtlichen Zimmer und las ganz allein in der Bibel, wenigſtens ſo allein als ich jemals in dieſer Welt wieder ſein kann, nun da ich weiß, daß Max mich liebt. Da ein außerordentlich milder warmer Tag war— ein wahres Wunder von einem erſten Februar— ſo kam ich auf einen Einfall, der aller⸗ dings mit den mir ertheilten ärztlichen Befehlen genau übereinſtimmte, nur hatte ich noch nie den Muth gehabt, zu gehorchen. Jetzt wollte ich es. Ganz gewiß freute er ſich darüber und Miſtreß Granton auch. Ich kleidete mich daher zum Ausgehen an und ging ganz allein wohl zweihundert Schritte weit bis auf die Höhe des Hügels. Hier ſetzte ich mich auf die alte vertraute Bank und heftete meinen Blick auf die wohlbekannte Ausſicht. Ach, wie viele Jahre und unter wie vielen verſchiedenen Umſtänden habe ich hier auf dieſer Bank geſeſſen und meine Augen auf dieſer Landſchaft ruhen laſſen! Sie war heute ſehr ſchön, obſchon beinahe todtenähnlich in ihrer übernatürlichen, ſonnenhellen Ruhe, ſo wie man ſie blos während jener zufälligen ſchönen Tage ſieht, die zu Anfange des Winters kommen oder auch zuweilen als eine Art geſpen⸗ ſtiſches Vorbild des Frühlings. Ueberall herrſchte die äußerſte Ruhe. Das Einzige, was in der ganzen Landſchaft lebendig zu ſein oder ſich zu regen ſchien, war eine graue Rauchſäule, die von einer unſicht⸗ baren Hütte hinter dem Tannenwalde aufſtieg und ſich aufwärts kräuſelte, bis ſie ſich in der dunkel⸗ blauen Luft verlor. Hügel, Moorland, Wald und Himmel lagen ſtill wie ein Gemälde und ſchön wie das Land von Beulah, das himmliſche Land. Es würde mich kaum befremdet haben, hier Geiſter wandeln oder neben mir auf der Bank meine Mutter und meinen Halbbruder Harry ſitzen zu ſehen, die ſchon ſo lange todt ſind und deren Züge ich in dem himmliſchen Lande zuerſt wiedererkennen werde. Meine Mutter! Niemals bis jetzt fühlte ich, daß ſie mir fehlt. Nur ihr— nur einer Mutter könnte ich ſagen:„Max liebt mich— ich ſtehe im Begriff, Max's Weib zu werden.“ Und Harry— der arme Harry, den ich auch niemals gekannt, deſſen Leben ſo unglücklich und deſſen Tod ſo entſetzlich war, er wäre vielleicht ein beſſerer Menſch geweſen, wenn er meinen Max ge⸗ kannt hätte. Ich bedenke aber nicht, wie alt er jetzt wäre und daß Max noch ein purer Knabe ge⸗ weſen ſein muß, als mein Bruder ſtarb. Ich denke nicht oft an Harry. Es wäre auch ſonderbar, wenn ich oft an ihn dächte. Es hat ſich Alles ſeit ſo langer Zeit ereignet, daß ſein Leben um Leben. IW. 2 Andenken im Familienleben nie mehr geweſen iſt als ein vorübergehender Schatten. Heute aber, wo Jeder, der zu meinem Fleiſch und Blut gehört, mir näher zu ſtehen ſchien, dachte ich mehr als Ein Mal an ihn; ich verſuchte mir die umſtände ſeines furchtbaren Endes zurückzurufen und mir ihn dann als einen geläuterten Geiſt zu denken, der auf dieſen Ufern von Beulah umher⸗ wandelt. Vielleicht blickt er jetzt herab auf mich, den damaligen Säugling, den er, wie man mir erzählt, einmal während ſeiner verzweifelten Beſuche im Vaterhauſe aus der Wiege riß und küßte. Er weiß jetzt, was in den letzten Tagen mit mir vorge⸗ gangen iſt, und wünſcht mir ein glückliches Leben mit meinem theuern Max. Ich zog Max's Brief aus der Taſche und las ihn im Sonnenſcheine und unter freiem Himmel noch⸗ mals durch. O, welches Glück, zu wiſſen, daß man ſich gegenſeitig glücklich machen kann, vollſtändig glücklich! O, wie gut muß ich nun werden! Was die Ereigniſſe betrifft, die ihm ſo viel Pein verurſacht haben und die er Papa und mir noch zu erzählen hat, ſo machen mir dieſe keine große Sorge. Wayhrſcheinlich giebt es keine Familie, in welcher nicht eine derartige peinliche Enthüllung zu machen iſt. Wir müſſen ihm ja auch von dem armen Harty erzählen. Dieſe Dinge ſind aber rein zufällig und äußerlich. Seine Furcht, daß ich„eine andere Meinung von ihm faſſen würde“, kann ich nur belächeln. „Max,“ ſagte ich laut zu dem in meiner Nähe ſtehenden Haidekrautbuſch, was für das Land, wo er geboren ward, als ein zartes Kompliment betrachtet werden könnte,„o Max, was für Unſinn ſchwatzeſt Du! So lange Du Du biſt und ich ich bin, ſo lange ſind wir, Du und ich, eins.“ Als ich den Hügel wieder hinunterging, drängte ich alle dieſe meine glücklichen Gedanken tief hinab in mein Herz, deckte ſie zu und ging wieder zurück in die Welt. Miſtreß Granton und ich verlebten einen ruhigen Tag, der um ſo ruhiger war, als ich meine Helden⸗ thaten auf dem Hügel durch ſtundenlange außer⸗ ordentliche Erſchöpfung bezahlen mußte. Es ſei meine eigene Thorheit, ſagte ich zu ihr und verſuchte darüber zu lachen, indem ich hinzufügte, morgen würde es ſchon wieder beſſer mit mir ſein. Vielmals aber erwachte in mir der Gedanke: Wie, wenn es nun morgen oder an irgend welchem 6 nicht wieder beſſer würde? Wie, wenn ich 2* — 4— nun doch noch fortmüßte und Niemanden bei ihm zurückließe, der ihn glücklich machen könnte? Und dann erfuhr ich, wie koſtbar das Leben geworden war, und ſchmeckte in gewiſſem Grade, was man unter der Bitterkeit des Todes verſteht. Aber es blieb nicht ſo. Und nun weiß ich, daß unſere Liebe heilig iſt, denn ich kann weder an ſeinen, noch an meinen Abſchied von der Erde ohne Angſt oder Verzweiflung denken, und ich weiß auch, daß ſelbſt der Tod Max und mich nicht trennen kann. Der Montag kam. Ich befand mich wirklich beſſer und ging mit Miſtreß Granton den ganzen Vormittag im Hauſe herum. Sie fragte mich, zu welcher Stunde Doctor Urquhart geſagt hätte, daß er hier ſein würde, und that dann noch verſchiedene andere Fragen in Bezug auf ihn. Alle dieſe Fragen beantwortete ich ohne Ver⸗ wirrung oder Zögern. Es war, als gehörte ich ihm ſchon ſeit langer Zeit an. Als er aber endlich wirklich die Klingel zog, da ſtrömte alles Blut nach meinem Herzen und dann wieder in mein Geſicht zurück, und Miſtreß Granton ſah es. Was ſollte ich thun? Sollte ich ihr Sand in die ſcharfen gutmüthigen Augen zu ſtreuen verſuchen oder eine Lüge ſagen, als wenn ich mich ſeiner oder — meiner ſchämte? Das konnte ich nicht, deßhalb ſchwieg ich einfach und ließ ſie denken, was ſie wollte. Was aber auch die gute alte Frau denken mochte, ſo ſagte ſie Nichts. Sie ſeufzte— ha, dieſer Seufzer ging mir durch's Gewiſſen— und dennoch hatte ich weder an ihr, noch an Colin Unrecht gethan — und dann ſchlüpfte ſie unter irgend einem Vor— wande aus dem Zimmer, und die vier Wände ſahen, als Max eintrat, blos ihn und mich. Nachdem wir einander die Hand gedrückt, ſetzten wir uns ſchweigend nieder. Dann fragte ich ihn, was er geſtern den ganzen Tag mit ſich angefangen, und er ſagte, er habe ihn bei den armen Ansdells zugebracht. „Sie wünſchten es und ich glaubte, es ſei das Beſte, wenn ich ihren Wunſch erfüllte.“ „Ja, und es iſt mir lieb, daß Sie dort geweſen find.“ Doctor Urquhart— natürlich werde ich ihn andern Leuten gegenüber immer noch„Doctor Urquhart“ nennen, denn Niemand als ich hat Etwas mit ſeinem Taufnamen zu thun— Doctor Urquhart ſah mich an und lächelte. Dann begann er mir von dieſen ſeinen Freunden zu erzählen und wie traurig die alte Mutter ſei, da ſie binnen wenigen — Monaten beide Töchter verloren. Er fragte hierauf, ob ich mich noch jenes Concertabends erinnerte, ſo wie des jungen Ansdell, der damals geſungen? Ich entſann mich, daß ein junger Mann ge⸗ rufen worden war und daß Doctor Urquhart ihn geſucht. „Ja, ich ſollte ihn nach Hauſe ſchicken— ſeine älteſte Schweſter war plötzlich geſtorben. Sie hatte anfänglich an weiter Nichts gelitten als an einer Erkältung und an einem Fieber, gerade ſo wie Sie ſich in jener Nacht ſelbſt eins hätten zuziehen können — Sie unbeſonnenes Mädchen. Sie wiſſen nicht, wie unwillig Sie mich damals machten.“ „Wirklich? Daß Ihnen Etwas nicht recht war, ſah ich Ihnen wohl an; was es aber war, wußte ich nicht.“ „Verſtanden Sie ſchon damals in meinen Zügen zu leſen, kleine Dame?“ Es wäre vergeblich geweſen, es leugnen zu wollen, und warum wollte ich es leugnen, wenn es ihn glücklich machte? Strahlend glücklich war ſein Geſicht— die ſcharfen Linien gemildert, die Runzeln geglättet. Er ſah zehn Jahre jünger aus. O, wie froh bin ich, daß ich noch ein Mädchen bin— mit der Zeit werde ich ihn wirklich wieder jung machen. Hier läutete die Klingel, und obſchon Beſucher niemals in dieſes kleine Wohnzimmer eingelaſſen wurden, ſo ward Max doch ſehr unruhig und ſagte, er müſſe fort. „Warum?“ fragte ich. Er zögerte und ſagte dann haſtig: „Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen: Ich fühle mich jetzt gerade fern von Ihnen glücklicher als in Ihrer Rähe.“ Ich gab keine Antwort. „Heute Nacht gedenke ich die Reiſe anzutreten, von der ich Ihnen ſagte.“ Ich bemerkte, daß es für ihn eine ſehr pein⸗ liche war. „Nun, ſo thun Sie es und kehren Sie bald zu mir zurück.“. „Das gebe Gott!“ Er war ſehr aufgeregt. Alſo ich war die Einzige, die er ſich je zum Weibe gewünſcht. Ich fühlte mich auch ganz wie ein Weib. Man ſpreche doch nicht von Penelope's langem Brautſtande'— von Liſabel's Vermählung — ich war in Herz und Seele das wirkliche Weib, ja ſelbſt wenn Max und ich einander niemals mehr wurden als wir jetzt waren, wenn ich auch Theodora Johnſton blieb bis an das Ende meiner Tage — Deßhalb faßte ich Muth, und da es mir nicht erlaubt war, ihn auf irgend eine andere Weiſe zu tröſten, ſo legte ich meine Hand in die ſeine und er umſchloß ſie ſofort und feſt. Dies war Alles und es war genug.„ So ſaßen wir neben einander, als die Thür ſich öffnete und mein Papa hereintrat. Wie ſeltſam miſchen ſich doch das Ernſte und Komiſche im Leben und ſelbſt in der eigenen Natur des Menſchen! Während ich dies ſchreibe, bin ich in ein herz⸗ liches Gelächter bei der Erinnerung an das Geſicht ausgebrochen, welches Papa machte, als er uns hier ſitzen ſah. In jenem Augenblicke freilich war die Sache durchaus nicht zum Lachen. Einige Secunden lang verſtummte er vor Erſtaunen und ſagte dann in ſtrengem Tone: „Doctor Urquhart, ich glaube, ich muß ſchließen — in der That, ich kann blos Eins ſchließen. Sie hätten aber mit mir ſprechen ſollen, ehe Sie ſich an meine Tochter wendeten.“ Max antwortete nicht ſogleich— als er es that, flößte ſeine Stimme mir einen förmlichen Schrecken ein. „Sir, ich habe ſehr unrecht gehandelt— aber ich will Alles wieder gutmachen. Sie ſollen Alles erfahren. Nur zuerſt meine Entſchuldigung.“ Und nun begann er eine leidenſchaftliche Rede und ſagte Papa Alles, was ich ihm war, Alles, was wir einander waren.« Der arme Papa! Es mußte ihn an ſeine eigene Jugend erinnert haben. Ich hörte einmal, er habe ſeine erſte Gattin, Harry's Mutter, ſehr zärtlich geliebt— denn als ich an ſeinem Halſe hing, waren meine Thränen nicht die einzigen. Er bot Max die Hand. „Ich verzeihe Ihnen, Doctor, und es giebt auf der ganzen Erde keinen Mann, dem ich dieſes kleine Mädchen lieber gäbe als Ihnen.“ Und nun ſtellte Max mich auf die Probe, wie, glaube ich, Leute, die noch nicht ganz mit einander vertraut ſind, einander anfangs zuweilen auf die Probe ſtellen. Ohne ein Wort zu ſprechen oder auch nur in Papa's Hand einzuſchlagen, verließ er ſofort das Zimmer. Es war nicht recht— auch wenn er noch ſo ſehr die Faſſung verloren hatte. Warum ſollte er zu ſtolz ſein, es zu zeigen? Und Papa hätte ſich dadurch ernſtlich beleidigt fühlen können. Ich milderte die Sache, ſo gut ich konnte, indem ich erklärte, er — habe erſt in einer Woche mit Papa zu ſprechen ge⸗ wünſcht, wo er dann vollſtändig im Stande ſein würde, in ſeine Wünſche einzugehen, „Liebes Kind,“ unterbrach mich Papa,„geh und ſage ihm, daß er mir ſie zu jeder beliebigen Zeit mittheilen kann. Wenn ein Mann wie Doctor urquhart ehrlich kommt und mich um meine Tochter bittet, ſo kannſt Du überzeugt ſein, daß die Frage in Bezug auf ſeine Verhältniſſe die allerletzte wäre, welche ich an ihn thun würde.“ Mit über Papa's Güte dankerfülltem Herzen eilte ich Max nach, um ihm dies mitzutheilen. Ich traf ihn allein in der Bibliothek regungslos am Fenſter ſtehend. Ich berührte ihn am Arme und hatte einige thörigte kokette Redensarten auf der Zunge, wie es ihm einfallen könne, mich zu nöthigen, ihm auf dieſe Weiſe nachzulaufen. Er drehete ſich herum. „O, Max, was iſt Dir? O, Max!“ Weiter konnte ich Nichts ſagen⸗ „Mein Kind!“ Er beſchwichtigte mich dadurch, daß er mich bei dieſem und verſchiedenen andern zärtlichen Namen nannte, aber alle dieſe Dinge bleiben zwiſchen ihm und mir.„Leb' wohl. Ich muß Dir ſofort Lebewohl ſagen.“ Ich verſuchte ihm begreiflich zu machen, daß —„ keine Nothwendigkeit dazu vorliege— daß Papa Nichts zu hören verlange, ſondern blos wünſche, daß er bis zum Abend bei uns bleiben möge, daß ich ihn nicht gehen laſſen könne und wolle, während er ſo unglücklich und aufgeregt ausſähe. Aber es war Alles vergebens. „Ich kann nicht bleiben, ich kann kein Heuchler ſein. Verlange es nicht. Laß mich gehen — o, mein Kind, laß mich gehen!“ Und er würde auch gegangen ſein, denn er war ſehr hartnäckig und nicht im Mindeſten im Stande, zu ſehen, was gut für ihn oder für mich iſt, wenn es ſich nicht glücklicher Weiſe getroffen hätte, daß, überwältigt von der Aufregung der letzten zehn Minuten, meine ſchwache Kraft ganz von mir ge⸗ wichen wäre. Ich fühlte, wie ich umſank, und ver⸗ ſuchte, mich an ſeinen Arm anzuklammern. Als ich erwachte, lag ich auf dem Sopha, und Papa und Miſtreß Granton ſtanden neben mir. Max auch— obſchon ich ihn nicht ſogleich ſah. Er hatte ſein Recht beanſprucht, oder man hatte es ihm ſtillſchweigend eingeräumt. Ich weiß nicht, wie es kam, aber mein Haupt ruhte an der Bruſt meines verlobten Gemahls. Und ſomit blieb er. Niemand that irgend eine Frage an ihn und er ſelbſt gab keine Erklärungen.* —— Er ſaß blos den ganzen Nachmittag bei mir, pflegte mich und bewachte mich mit ſeinen Augen, aus welchen die Liebe ſprach, die mich mein ganzes Leben hindurch begleiten wird— ich weiß, daß ſie es thun wird. Am Abend war daher ich es, die zuerſt ſagte: „Nun, Max, mußt Du gehen.“ „Fühlſt Du Dich auch wirklich beſſer?“ „Ja, und es iſt beinahe dunkel— der Weg über den Moor wird ſehr finſter ſein. Du mußt gehen.“ Er erhob ſich und reichte Papa und Miſtreß Granton mechaniſch die Hand. Dann ſtand er im Begriff, daſſelbe mit mir zu thun, aber ich machte meine Hände los und ſchlang ſie um ſeinen Hals. Ich fragte nicht darnach, was irgend Jemand ſagen oder denken könnte; er war mein und ich war ſein — das konnten ſie Alle wiſſen. Und ich wünſchte auch, daß er wiſſen und fühlen ſollte, wie ich Allem zum Trotz ihn liebte und lieben würde bis zum letzten Augenblicke, und ſo ging er fort. Das iſt nun über eine Woche her und ich habe keinen Brief bekommen, aber er ſagte auch nicht, daß er ſchreiben würde. Er wird lieber ſelbſt kommen, glaube ich, und ich kann daher jeden Augenblick darauf gefaßt ſein, ihn die Thürglocke läuten zu hören. Papa und Penelope nehmen, wie mir ſcheint, die Sache ganz ruhig hin. Penelope allerdings glaubt kaum, daß ich mir Etwas aus ihm mache! Aber ſie wiſſen es nicht, o Max! Sie wiſſen es nicht! Du weißt es, oder wirſt es einſt wiſſen. Bweites Kapitel. Seine Geſchichte. Meine theure Theodora! Ich hoffe, daß Du dieſen Brief, den ich als eine Präventivmaßregel zu ſchreiben im Begriff ſtehe, nie⸗ mals leſen wirſt. Ich hoffe, daß wir ihn mit ein⸗ ander verbrennen können, und daß ich Dir den In⸗ halt gelegentlich erzählen kann, nachdem die eine Hauptthatſache mitgetheilt worden. Ich gedenke, ſie Dir Auge in Auge und münd⸗ lich mitzutheilen, dann wird ſie nicht ſo entſetzlich erſcheinen, und ich werde den Ausdruck Deines Ge⸗ ſichts ſehen, wenn Du ſie zuerſt hörſt. Dies wird mir zur Richtſchnur für meine eigene Handlungs⸗ weiſe, und die beſte Art und Weiſe dienen, auf welche die Sache Deinem Vater beigebracht werden kann. Zuweilen neige ich mich der Hoffnung zu, daß ſelbſt nach einer ſolchen Mittheilung er mir ſeine Achtung nicht ganz entziehen werde— und es iſt möglich, daß ſeine gegenwärtigen Meinungen nicht unüberwindlich ſind. Er ſchlägt vielleicht irgend eine Sühne, irgend eine Probezeit vor— ich frage nicht darnach, wie lange oder peinlich dieſelbe ſei, dafern ſie nur damit endet, daß ich Dich bekomme. Vor allen Dingen jedoch muß ich Dich aus⸗ führlich von Umſtänden unterrichten, nach welchen ich mich bis jetzt ſelbſt noch nicht zu erkundigen ge⸗ wagt habe. Morgen werde ich es thun. Viel hängt daher von dem morgenden Tage ab. Eine ſolche Kriſis raubt mir faſt meine Standhaftigkeit. Hierzu kommt noch der Anblick dieſes Ortes, und zufällig kehrte ich auch in demſelben Gaſthauſe, dem Weißen Hirſch, in Salisbury ein. Wenn Du dieſen Brief geleſen haſt, wirſt Du Dich nicht mehr wundern, daß dies eine furchtbare Nacht für mich iſt. Ich würde dieſe Stadt nie wie⸗ der beſucht haben, wenn ich nicht hoffte, alle nähe⸗ ren Umſtände zu erfahren, ſo daß ich Dir und Dei⸗ nem Vater die Wahrheit, und zwar B ganze Wahr⸗ heit ſagen kann. Er wird mich gewiß bemitleiden. Der Gedanke an ſeinen eigenen Sohn, Deinen Bruder, den Du einſt erwähnteſt, und der, wie Dein Vater mir ſagte, jung ſtarb— dieſer Gedanke wird ihn vielleicht be⸗ wegen, nachſichtig gegen mich zu verfahren. Ob er mir jemals verzeihen, oder mich in ſeine Familie aufnehmen wird, bleibt freilich noch zweifel⸗ haft. Mit Furcht vor dieſer oder jeder andern Mög⸗ lichkeit, die ich nicht vorausſehen kann, ſchreibe ich dieſen Brief, damit, was auch geſchehen möge, meine Theodora meine ganze Geſchichte kennen lerne. Meine Theodora! Dereinſt, wenn ſie die we⸗ nigen Blätter lieſ't, welche ich heute Abend einſiegele und mit ihrem Namen und der Bemerkung:„ihr nach meinem Tode einzuhändigen“, überſchreibe, wird ſie verſtehen, wie ich ſie geliebt habe. Außerdem würde dies nie ermittelt werden, ſelbſt nicht von ihr— denn ich bin nicht der Mann, der ſeine Gefühle zur Schau trägt. Nur mein Weib würde es erfahren. Im Fall dieſer Brief und jene anderen Dir zu Händen kommen, werden ſie alſo Deine letzten Er⸗ innerungen an mich ſein. Lies ſie und verbrenne ſie, denn ſie ſind einzig und allein für Dich be⸗ ſtimmt. Sollte Alles gut gehen, ſo daß ſie überflüſſig werden, ſo wollen wir, wie ich ſchon ſagte, ſie ge⸗ meinſchaftlich verbrennen— geleſen oder ungeleſen, wie Du willſt. Du ſollſt es mit Deiner eigenen Hand thun, neben mir ſitzend an unſerem Heerde. Unſerem Heerde! Der Gedanke daran— die Furcht, ſeiner verluſtig zu gehen, raubt mir faſt die Kraft, weiter zu ſchreiben. Wirſt Du jemals erfahren, wie ich Dich liebe! Ich beginne mit der Bemerkung, daß, wie ich ſchon lange gewußt, Dein Name eigentlich nicht Johnſton iſt. Du ſagteſt mir ſelbſt, daß das t erſt ſpäter eingeſchoben worden ſei, und daß Ihr nicht eine ariſtokratiſche, ſondern eine plebejiſche Familie wäret. Mein dankbares Gefühl, als ich dies erfuhr, wirſt Du ſpäter verſtehen. Der Schlag der Uhr auf dieſer Kathedrale— wie hat er mich erſchreckt! Die zwölf Schläge dröhn⸗ ten genau ſo wie vor zwanzig Jahren. Wäre ich abergläubiſch, ſo könnte ich mir einbilden, in dem Gaſtzimmer unten das Klirren der Gläſer und den Geſang jener lärmenden Stimmen zu hören. Die Stadt hat ſich faſt gar nicht verändert. Ausgenommen daß ich mit der Eiſenbahn angekom⸗ men bin, anſtatt mit dem Poſtwagen, könnte es noch ganz daſſelbe Salisbury ſein wie in jener Win⸗ ternacht— die altväteriſche, ruhige engliſche Stadt, welche ich von dieſem ſelben Fenſter aus betrachtete, während die Straßen von Regenwaſſer ſchimmerten Leben um Leben. 1v. 3 und die Lichter hier und da durch das allgemeine Dunkel glitzerten. Wie gaffte ich nach Knabenart Alles an, bis er von hinten ſich an mich heranſchlich und mich auf die Schulter ſchlug! Ich muß Dir jedoch noch einige andere Dinge ſagen, ehe ich Dir die Geſchichte dieſer Nacht erzähle. Laß mich ſie ſo lange aufſchieben als ich kann. Du weißt, daß mein Vater und meine Mutter beide ſtarben, als Dallas und ich noch Kinder waren. Wir hatten keine nahen Verwandten, wir mußten für uns ſelbſt ſorgen, oder vielmehr, er ſorgte für mich. Er vertrat von ſeinem zwölften Jahre an faſt Vaterſtelle an mir. Laß mich noch einige Worte über meinen Bru⸗ der Dallas ſagen. Wenn es jemals einen vollkomm⸗ nen Charakter auf dieſer Erde gab, ſo war er einer. Jedes Geſchöpf, welches ihn kannte, dachte daſſelbe. Ich bezweifle nicht, daß die Erinnerung an ihn noch in jenen alten Kreuzgängen von St. Mary und St. Salvador weilt, wo er acht Jahre zubrachte und Theologie ſtudirte. Ich bin überzeugt, daß es keinen Jüngling giebt, der damals ſein Studiengenoß war — grauköpfige Jünglinge würden es jetzt ſein, wür⸗ devolle Profeſſoren oder geſetzte Diener der Kirche mit Landpfarren, Weibern und Familien— kein — Einziger von ihnen würde anders ſagen als ich ſage, wenn Du ihn nach Dallas Urquhart fragteſt. Da er fünf Jahr älter war als ich, ſo war er mit ſeinen Studien bald zu Ende, als ich die meini⸗ gen begann. Ueberdies beſuchten wir auch verſchie⸗ dene Collegien. Wir machten aber einige Semeſter zuſammen— eine Zeit, auf welche ich mit beſon⸗ derer Vorliebe zurückblicke, wie, glaube ich, wohl Alle thun, die ihre Studien in St. Andrews gemacht haben. Ihr Engländer verſteht uns Schotten nicht recht. Ich habe hartköpfige, möglicher Weiſe hart⸗ herzige Männer, grimmige Theologen, barſche Mili⸗ tairs und egoiſtiſche anglo⸗indiſche Schwächlinge vor Rührung faſt wieder zu Kindern werden ſehen, wenn ſie von ihren Knabentagen in St. Andrews ſprachen. Du haſt dieſen Ort wohl niemals geſehen, meine kleine Dame? Er würde Dir gefallen, das weiß ich. Mir, der ich ihn ſeit zwanzig Jahren nicht geſehen, kommt er noch vor wie eine Stadt in einem Traume. Ich könnte Dich Hand in Hand durch jede der ſtillen alten Straßen führen, wo man ſo ſelten das Ge⸗ räuſch von Wagen oder Karren hört; ich könnte Dir die merkwürdigen hiſtoriſchen Ecken und Winkel zei⸗ gen, und Dir ſagen, welcher Profeſſor in dieſem Hauſe wohnte, und welcher in jenem; ich könnte Dich nach unſerm berühmten Spielplatze führen, und Dir 3* die Namen der geübteſten Ballſchläger mit Einſchluß des Siegers nennen. Er war ein ſchöner, ſtattlicher Knabe. Ich möchte wiſſen, was aus ihm gewor⸗ den iſt. Eben ſo könnte ich Dir genau die Stelle zeigen, wo man die ſchönſte Ausſicht auf die Abtei und den St. Regulus⸗Thurm hat, und dann weiter zurück nach unſerer Wohnung— Dallas und meine— den Strand entlang, wo in mondhellen Nächten die ſentimentaleren der Collegſchüler mit ihren Liebchen ſpazieren gingen— es gab auch hübſche Dirnen in St. Andrews, oder wir ſahen ſie wenigſtens verklärt von unſerer jugendlichen Phantaſie, und ſchwatzten ihnen unſere überſpannten Ideen vor, wenn wir, wäh⸗ rend unten das Meer rauſchte, mit ihnen dieſen Strand entlang gingen. Ich glaube dieſes Geräuſch noch zu hören. Mit welchem Gebrüll ſchlug es in ſtürmiſchen Nächten an jene Felſen jenſeits des Schloſſes an, wo ein Schüler und ſein Hofmeiſter einmal Beide ertranken! Ich vergeſſe mich und Alles, was ich Dir zu erzählen hatte. Es iſt lange her, daß ich nicht von. dieſen alten Tagen geſprochen. Theodora, es wäre mir lieb, wenn Du einmal einen Beſuch in St. Andrews machen wollteſt. Geh' auf alle Fälle hin und ſieh' Dir den alten Ort an. — In dem St. Mary's Kreuzgange am dritten Bogen rechts vom Eingange, wirſt Du höchſt wahrſcheinlich meine Anfangsbuchſtaben und die meines Bruders Dallas finden, und wenn Du fragſt, ſo wird irgend ein alter Thürſteher ſich noch der alten Urquhart's erinnern, das heißt, wenn Du uns nennen willſt. Aber gehe, wenn Du kannſt. Treues Herz! Ich weiß, Du wirſt Dich ſtets für Alles intereſſiren, was mich betrifft. Die ganze glückliche Zeit meines Lebens brachte ich in St. Andrews zu. Sie dauerte, bis Dallas krank ward, und ſofort in's Ausland gehen mußte. Ich ſollte ihm nachfolgen und den Winter bei ihm bleiben, und auf dieſe Weiſe ein Semeſter verſäumen, denn er wollte ſich nicht gern von mir trennen. Vielleicht ſah er ſein Ende voraus, woran ich nach Knabenart nicht dachte, denn ich war daran gewöhnt, daß er ſtets kränklich und ſchwächlich war. Vielleicht wußte er, was aus einem neunzehnjährigen Jüng⸗ linge, der ſich ſelbſt überlaſſen wäre, werden könnte. Ich war„mir ſelbſt überlaſſen“, nach unſerer ſchottiſchen Deutung dieſer Redensart, die ohne Zwei⸗ fel ihren Urſprung in dem ſtrengen presbyterianiſchen Glauben von dem hat, was die menſchliche Natur iſt ſobald ſie von Gott verlaſſen iſt. Sich ſelbſt überlaſſen. Manches armen Unglücklichen noch unglücklichere Eltern wiſſen, was das heißen will. Wie es eigentlich kam, weiß ich ſelbſt nicht recht, aber ich ſah mich plötzlich in London als mein eigener Herr, und vergeudete Geld wie Spreu, zu⸗ gleich aber auch— was noch weit ſchlimmer war — meine Zeit, mein Gewiſſen, meine Unſchuld. Wie tief ich fiel, weiß nur Gott, denn ich weiß es ſelbſt kaum. Dinge, welche ſpäter ſich ereigneten, machten mich ſelbſt dieſe Zeit vergeſſen. So lange ſie dauerte, ſchrieb ich nicht ein einziges Mal an Dallas. Ein Brief von ihm, der keinen beſondern Grund angab, weßhalb ich zu ihm kommen ſollte, aber mich gleichwohl aufforderte, dies ſo ſchnell als möglich zu thun, bewog mich, ſchaudernd dem Pfuhle zu entrinnen, in den ich gerathen war. Du wirſt den Brief— den letzten, den ich von ihm be⸗ kam— in dieſem Packet finden. Lies ihn und ver⸗ brenne ihn mit den meinigen. Natürlich hat ihn Niemand je geſehen, und wird ihn auch nie zu ſehen bekommen— ausgenommen Du. Ich verließ London ſofort in großer Unruhe und Angſt; denn obſchon ich es nicht ärger getrieben hatte als meine Genoſſen, ja nicht einmal ſo ſchlimin wie Viele von ihnen, ſo mußte ich doch, was Dallas — war, und wie ſein reines, durch den Schatten des nahenden Todes— obſchon ich damals noch Nichts davon wußte— geheiligtes Leben neben dem mei⸗ nigen ausſehen würde. Ich fühlte mich ſehr elend, und ein Jüngling, der an dieſe Stimmung nicht gewöhnt iſt, geräth dann leicht auf den Triebſand der Verſuchung. Er iſt Jedem dankbar, der ihn vor ſich ſelbſt rettet, ihm ein Betäubungsmittel reicht und ſeine Qual in Schlummer lullt. Ich erwähne dies blos als eine Thatſache, nicht zur Beſchönigung, obſchon Mar Urquhart, der Männ, Max Urquhart, den Knaben, ſchon lange bis zu einem gewiſſen Grade bemitleiden gelernt. Hier machte ich eine Pauſe, um dies durchzu⸗ leſen, und zu ſehen, ob ich Alles geſagt habe, was ich darin zu ſagen wünſchte. Die Erzählung ſcheint klar zu ſein. Du wirſt bemerken, daß ich ſo viel als möglich bemüht bin, eine einfache Geſchichte wie von einer andern Perſon daraus zu machen, und ſoweit glaube ich dies auch gethan zu haben. Das Weitere will ich Dir nun ſo umſtändlich und ruhig erzählen als ich kann. Vor allen Dingen aber und ehe Du mehr über mich erfährſt, kaß mich Dich auffordern, zu bedenken, wie ich Dich liebte, wie Du mir erlaubt haſt, Dich zu lieben— wie Du mit Herzen, Augen und Lippen mein geweſen biſt. Du weißt, daß Du mein warſt. Das kannſt Du nicht ändern. Und wenn ich der verworfenſte Menſch wäre, den die Erde trägt, ſo ſaheſt Du in mir doch einmal Etwas, was Deiner Liebe werth war, und Du liebteſt mich wirklich. Nicht nach der Weiſe jener Knaben und Dirnen, welche am Strande von St. Andrews luſtwandelten, ſondern feierlich und tief, wie Die lieben, welche eines Tages Mann und Weib zu ſein erwarten. Vergiß nicht, daß wir vermählt werden ſollten, Theodora. Der ſchnellſte Weg, auf dem ich nach Pau ge⸗ langen konnte, war, wie ich fand, über Southam⸗ pton nach Havre. In der Morgendämmerung aber verfehlte ich den Wagen; mein Gepäck ging den rich⸗ tigen Weg, während ich, nachdem ich einige Stunden gereiſ't war, mich auf der Straße, nicht nach Sou⸗ thampton, ſondern nach Salisbury ſah. Dies ward mir von dem Kutſcher mitgetheilt, welcher dann nicht unterließ, noch einige Witze über meine Unerfahrenheit zu machen. Unter Kutſcher iſt hier der Gentleman zu verſtehen, welcher das Ge⸗ ſpann lenkte. Er trug nämlich ſehr bald Sorge, mich wiſſen zu laſſen, daß er ein Gentleman war, und daß er, wie viele junge Leute von Stande zu jener Zeit, blos 41— um ſeines Vergnügens willen den Kutſcher ſpielte. Er ſprach ſo hochtrabend, daß ich ihn für einen Lord oder wenigſtens einen Baronet gehalten, wenn er mir nicht zufällig ſeinen Namen geſagt hätte, obſchon er erläuternd hinzufügte, daß derſelbe nicht ſo gering ſei als er zu ſein ſchiene, während er noch über das Alter, den Reichthum und die ariſtokratiſchen Ver⸗ bindungen ſeiner Familie ein Langes und Breites ſchwatzte. Seine Converſation war, obſchon laut und mit gemeinen Ausdrücken gemiſcht, ſehr amüſant, und er ſchien an mir großen Gefallen zu finden. Ich möchte in Bezug auf dieſen Mann nicht ein Wort mehr ſagen als nothwendig iſt, denn er iſt todt. Ich erfuhr, wie ſchon vorhin erwähnt, über ihn weiter Nichts als ſeinen Namen, den Du gelegentlich ebenfalls hören ſollſt, aber ich errieth, daß ſein Lebenswandel kein ſehr ehrenvoller geweſen war. Seinem Ausſehen nach zu urtheilen zählte er etwa dreißig Jahre. Als der Wagen hielt— an demſelben Gaſt⸗ hauſe, wo ich jetzt ſchreibe, dem Weißen Hirſch in Salisbury— beſtand mein Freund darauf, daß ich hier auch einkehrte, denn es war eine ſehr kalte Nacht, und der Mond ging erſt zwei Uhr Morgens auf— dies ſagte er, wie ich mich deſſen noch recht wohl entſinne. Endlich ließ er den Wagen ohne uns weiter⸗ fahren, und ich hörte, wie er wettete, in einem Gig oder ſogenannten Hundekarren quer über die Salis⸗ buryer Ebene zu fahren und den Wagen den nächſten Morgen bei Tagesanbruch auf der Straße nach De⸗ vizes wieder einzuholen. Der Gaſtwirth lachte und rieth ihm, eine ſolche wahnfinnige und halsbreche⸗ riſche Idee aufzugeben; mein Freund aber fluchte und ſagte, wenn er einmal Etwas unternähme, ſo frage er niemals darnach, ob der Hals dabei auf dem Spiele ſtehe. Ich entſinne mich noch bis auf dieſen Tag bei⸗ nahe jedes Wortes, welches er ſagte, und der Art und Weiſe, womit er es ſagte. Es wäre dies viel⸗ leicht unter allen Umſtänden der Fall geweſen; denn obſchon ich ihn für einen nichtsnutzigen Charakter hielt, ſo hatte doch ſeine kecke, mit einer gewiſſen durchaus nicht unangenehmen engliſchen Freimüthig⸗ keit gepaarte Jovialität etwas Anziehendes für mich. Er war ein kleiner, brünetter Mann mit tief⸗ liegenden Augen und einem Ausſehen, welches auf mancherlei Ausſchweifungen ſchließen ließ. Sein Geſicht— doch nein, es wird beſſer ſein, wenn ich ſein Geſicht nicht herauf beſchwöre. Ich ließ mich überreden, dazubleiben und mit dieſem Manne und noch einigen andern— richtigen Zechbrüdern eben ſo wie er— zu trinken. Er ſchien auch arm zu ſein, und ich ſollte die Zeche bezahlen. Ich war ſehr ſtolz darauf, die Ehre zu haben, einen ſo geiſtreichen und angenehmen Gentleman zu traktiren. Während ich ihn beobachtete und ihm zuhörte, fiel mir plötzlich ein, was Dallas wohl von meinem neuen Bekannten denken, und was er ſagen, oder durch ſeine Blicke zu verſtehen geben würde— denn er ſprach ſelten laute Vorwürfe aus— wenn er jetzt in dieſes Zimmer träte und mich in dieſer Geſell⸗ ſchaft fände. YNachdem das Abendeſſen vorüber war, verſuchte ich fortzukommen, mein Freund aber hielt mich bei den Schultern, ſpottete über mich und veranlaßte die Andern, mich als einen Neuling und furchtſamen Milchbart zu verhöhnen. Mein guter Engel wen⸗ dete ſich von mir, und von dieſem Augenblicke an fuhr, glaube ich, der Teufel in meinen Verführer und in mich. Ich ward betrunken. Es war dies das erſte Mal in meinem Leben, obſchon ich in der letzten Zeit mehr als einmal„fidel“ geweſen war; doch hatte ich bei dieſem Stadium ſtets Halt gemacht. Dies Mal ——— machte ich nicht Halt. Mein Blut wallte ſiedend⸗ heiß, und es blieb mir gerade noch Beſinnung genug übrig, um nach jedem Mittel zu haſchen, welches mir ſie vollends tödten helfen konnte. Von den Einzelheiten dieſes Zechgelags oder von den Perſonen, welche an demſelben Theil nah⸗ men— habe ich, wie dies ſich leicht denken läßt— mit Ausnahme von dem Gentleman Kutſcher— keine deutliche Erinnerung. Es waren Trinker von Profeſſion; keiner von ihnen hatte irgend Ritleid mit mir, und ich— ich war„mir gänzlich ſelbſt überlaſſen“, wie ich ſchon geſagt habe. Als unerfahrener, ſchüchterner ſchottiſcher Jüng⸗ ling ward ich ſehr bald die Zielſcheibe der ganzen Geſellſchaft. Das Letzte, deſſen ich mich entſinnen kann, iſt, daß ſie mich zu zwingen ſuchten, ihnen meinen Na⸗ men zu nennen, was ich bis jetzt nicht gethan— erſtens in Folge meiner gewöhnlichen Zurückhaltung unter Fremden, und dann in Folge eines inſtinct⸗ artigen Gefühls, daß ich mich hier nicht in der ehren⸗ wertheſten Geſellſchaft befand, und daß es daher für mich am beſten ſein würde, wenn ich über mich ſelbſt ſo wenig ſpräche als möglich. Alles, was ich ge⸗ ſagt, war, daß ich auf dem Wege nach Frankreich war, um mich zu meinem Bruder zu begeben, der krank ſei. Weiter konnten ſie Nichts aus mir heraus⸗ locken. Einige Stichelreden— womit gewiſſe Eng⸗ länder gegen uns Schotten ſehr ſchnell bei der Hand ſind— machten mich wild und zornig. Ob ich es verdient hatte oder nicht, weiß ich nicht, das Ende aber war, daß man mich— den hartnäckigen, betrunkenen, wüthenden Jüngling— aus dem Zimmer und dem Hauſe hinaus auf die Straße warf. Ich taumelte durch die dunkle ſchweigende Stadt in einen Heckenweg, und ſchlief am Rande der Land⸗ ſtraße ein. Das Rächſte, deſſen ich mich entſinnen kann, iſt, daß ich durch einen Peitſchenhieb über die Schul⸗ tern geweckt ward und trotz der noch herrſchenden Finſterniß einen Mann neben mir ſtehen ſah. Ich ſprang auf und packte ihn wüthend am Halſe, denn er war es— der„Gentleman“ der mich betrunken gemacht und mich dann verhöhnt hatte, und den ich jetzt mit einer Wuth zu haſſen ſchien, die bis zu meinem letzten Stündlein dauern würde. Und durch Alles hindurch leuchtete der Gedanke an Dallas, an den einſamen kranken Bruder, der mich erwartete, während ich den Weg zu ihm jetzt beinahe ſchon zur Hälfte zurückgelegt haben konnte. Wie er— der„Gentleman“— mich wieder begütigte, weiß ich nicht; doch glaube ich, es geſchah dadurch, daß er ſich erbot, mich meinem Ziele— 8 Dallas— näher zu bringen. Er hatte ein Pferd und eine Chaiſe, ein ſogenanntes Gig, in der Nähe ſtehen, und ſagte, wenn ich einſteigen wolle, ſo wolle 3 er mich nach der Küſte bringen von wo ich mich in einem Boote nach Frankreich überſetzen laſſen könne. Wenigſtens iſt dies der unbeſtimmte Eindruck, den mein Gemüth noch von dem hat, was zwiſchen uns vorging. Er half mir in den Wagen, ſetzte ſich ſelbſt mit hinein und ich ſank ſofort wieder in Schlaf. Mein nächſtes Erwachen erfolgte in der Mitte einer kahlen, öden Ebene. Ich rieb mir die Augen, ſah aber Nichts als Sterne und Himmel, und dieſe ſchwarze weite Ebene, welche kein Ende zu haben ſchien. Er hielt das Pferd an und ſagte mir, ich ſolle ausſteigen, was ich auch mechaniſch that. Auf der andern Seite des Gigs ſah ich etwas Hohes und Dunkles, was ich anfangs für ein Gaſthaus hielt; aber ich gewahrte bald, daß es blos ein ungeheurer Stein oder vielmehr ein Kreis von Steinen war. „Hollah! Was iſt das?“ „Stonehenge, eine bequeme Wohnung für Mann und Thier— ſomit ſeid Ihr alſo untergebracht. * Adien, junger Freund. Eure Geſellſchaft iſt ſo langweilig, daß ich Euch hier zu kaſſen gedenke bis morgen.“ Dies ſagte er, indem er ein lautes Gelächter aufſchlug. Anfangs glaubte ich, er ſcherze, und lachte auch; dann machte ich halb ſchlaftrunken und fröſtelnd Gegenvorſtellungen. Zuletzt ward mir faſt ängſtlich zu Muthe; denn als ich wieder in den Wa⸗ gen zu ſteigen verſuchte, ſtieß er mich herab. Ich war ſo hülflos und er ſo ſtark— wie ſollte ich von dieſer einſamen Stelle, meilenweit von jeder menſch⸗ lichen Wohnung entfernt, zu Dallas gelangen— zu Dallus, der, ſo betäubt ich auch war, immer noch mein vorherrſchender Gedanke blieb? Ich bat inſtändig und als ob ich um mein Leben gebettelt hätte, daß er ſein Verſprechen halten und mich auf den richtigen Weg zu meinem Bruder bringen möchte. „Der Teufel hole Euern Bruder!“ rief er und gab ſeinem Pferde die Peitſche. Der Teufel war in mir, wie ich ſchon geſagt habe. Ich ſprang mit vor Wuth verdoppelter und verdreifachter Kraft an dem Wagen empor, packte den Mann, riß ihn aus dem Gig und warf ihn heftig zu Boden. Er ſchlug mit dem Kopfe an einen der großen Steine an, und— und— — 6— Nun ſieh'ſt Du, wie es war. Ich ermordete ihn. Er mußte einen leichten und augenblicklichen Tod gehabt haben. Er gab keinen Laut von ſich und zuckte kein Glied, aber nichtsdeſtoweniger war es ein Mord. Allerdings kein abſichtlicher, das weiß Gott. Ich dachte ſo wenig daran, daß er todt ſein könne, daß ich ihn mehrmals rüttelte und ihm zurief, er ſolle aufſtehen und den Kampf mit mir ausfechten. O mein Gott— mein Gott! So habe ich es denn geſagt, das Geheimniß, welches bis jetzt weder mündlich noch ſchriftlich irgend einem menſchlichen Weſen mitgetheilt worden. Ich war damals neunzehn Jahre— jetzt bin ich neun⸗ unddreißig; das ſind zwanzig Jahre. Theodora, hab' Erbarmen! Bedenke, daß ich ein ſolches Ge⸗ heimniß— das Blut eines Menſchen— zwanzig Jahre lang auf dem Gewiſſen getragen! Wenn Du, anſtatt daß ich Dir alles Dies mündlich erzähle, wie ich vielleicht in einigen Tagen thun werde, es hier leſen müßteſt, ſo wird es bis dahin eine alte Geſchichte geworden ſein. Aber dennoch bemitleide mich. Ich fahre nun fort, denn die Nacht iſt ſchon weit vorgerückt. Daß ich mich ausführlich über die erſten weni⸗ gen Minuten ausſpreche, nachdem ich entdeckt, was ich gethan, wirſt Du nicht verlangen. Ich war jetzt vollkommen nüchtern. Ich hatte Alles, was in meiner Macht ſtand, verſucht, um den Getödteten wieder in's Leben zu rufen, und dann, um mich vollſtändig zu überzeugen, daß er todt ſei. Ich habe vergeſſen, Dir zu ſagen, daß ich ſchon das Studium der Medicin begonnen hatte und daher in dieſer Beziechung ſo Mancherlei wußte. Ich ſetzte mich auf die Erde nieder und hob ſeinen Kopf auf meine Kniee, vollkommen mir bewußt, daß ich ihn getödtet, daß ich einen Menſchen um's Leben gebracht, und daß dieſe Blutſchuld jetzt und immer⸗ dar auf mir ruhen würde. Nichts— ausgenommen das Gericht am jüng⸗ ſten Tage— kann jenem verzweiflungsvollen Ent⸗ ſetzen gleichkommen. Mein Verſtand ſchien darunter wankend zu werden. Ich ward von der Täuſchung befangen, daß er— denn ein ſchlechter und grau⸗ ſamer Mann war er geweſen— ſich blos verſtelle, um mir Angſt zu machen. Ich richtete ihn in meinen Armen empor, ſo daß der Schein der Giglampen auf ſein Geſicht fiel. Es war ein Todtenantlitz— nicht entſetzlich anzuſehen, ſondern eher ſchön, ſo wie die Muskeln langſam erſchlafften— aber todt, ganz todt. Ich Leben um Leben. Iv. 4 legte ihn wieder nieder und ließ ſeinen Kopf immer noch auf meinen Knieen ruhen, bis er allmählig ſteif und kalt ward. Dies war gerade bei Spznitstie Er hatte geſagt, der Mond würde um zwei Uhr auf⸗ gehen, und dies war auch der Fall, und ſein erſter Strahl, der auf dieſe Ebene fiel, traf dieſes Geſicht — dieſes ſtille Geſicht, mit dem halbgeöffneten Munde und den gebrochenen Augen. Bis jetzt hatte ich mich nicht vor ihm gefürch⸗ tet, aber jetzt fürchtete ich mich. Es war nicht mehr ein Menſch, ſondern eine Leiche, und ich war der Mörder. Der Anblick des aufgehenden Mondes iſt meine letzte Erinnerung von dieſer Nacht. Wahrſcheinlich trat in dieſem Augenblicke der Anfall von Wahnſinn ein, der viele Monate nachher dauerte, und unter dem Einfluſſe deſſelben muß ich entflohen ſein, wäh⸗ rend ich den Todten liegen ließ, wo er lag, mit dem Gig daneben ſtehend, während das Pferd ruhig neben den großen Steinen graſ'te— aber eine deut⸗ liche Erinnerung hiervon habe ich nicht. Ohne Zweifel beſaß ich die ganze Schlauheit des Wahnſinns, denn es gelang mir, die Küſte zu erreichen und hinüber nach Frankreich zu gelangen; wie aber oder wann, davon habe ich bis den heuti⸗ gen Tag nicht die mindeſte Erinnerung. Ich ſah— wie ich Dir ſchon geſagt habe— Dallas nicht wieder. Als ich Pau erreichte, war er ſchon todt und begraben. Die näheren Umſtände ſeines Todes wurden mir Monate darauf von dem guten Pfarrer erzählt, der, obſchon Katholik, doch Dallas lieben gelernt hatte wie einen Sohn, und der mich um ſeinetwillen während der langen, ſchwer⸗ müthigen ſtillen Manie pflegte, die, wie er meinte, durch die Erſchütterung meines Gemüths über den Tod meines Bruders herbeigeführt worden. Ich wünſche, daß Du wo möglich einſt den Platz beſuchſt, wo Dallas begraben liegt— den Kirchhof von Bilhéres bei Pau; ſein Grab befindet ſich aber nicht innerhalb des Kirchhofs, denn da er Proteſtant war, ſo erlaubte es die Behörde nicht. Du findeſt es dicht außerhalb des Heckenzauns. Der Stein zu Häupten des Grabes ſteht in dem Zaune — obſchon der kleine Hügel jetzt mit den Wieſen draußen wieder gleiche Ebene haben wird. Du weißt, daß wir Presbyterianer nicht Eure Anſichten über„geweiheten Boden“ theilen. Wir glauben, die ganze Erde ſei des Herrn, und keine menſchliche Weihe könne ihn heiliger machen als er iſt— ſowohl für die Verehrung der Lebenden als auch für das Begräbniß der Todten. Es hat daher für mich nichts Verletzendes, daß die Schafe über Dallas' Leiche weiden und das Gras hoch wächſ't. Gern aber möchte ich den Leichenſtein erhalten ſehen— ſo wie er iſt, und alljährlich habe ich, mochte ich weilen, in welchem Erdtheile ich wollte, Briefe in dieſer Beziehung von dem alten Pfarrer und ſei⸗ nem Nachfolger erhalten. Du biſt viel jünger als ich, Theodora. Nach meinem Tode überlaſſe ich dieſe Mühwaltung Dir, Du wirſt Dich ihr um meinet⸗ willen unterziehen— das weiß ich. Muß ich Dir noch mehr ſagen? Ja. Denn nun kommt das, was, wie Einige vielleicht ſagen werden, ein eben ſo ſchweres Verbre⸗ chen war wie das erſte. Ich verſuche nicht es zu beſchönigen. Ich kann blos ſagen, daß es geſühnt worden iſt— durch zwanzig Jahre der Reue und des Elends, und daß die letzte Sühne noch nicht einmal da iſt.. Dein Vater ſagte einmal— und ſeine Worte raubten mir die erſte Hoffnung, welche in Bezug auf Dich in mein Herz eingezogen war,— daß er niemals die Hand eines Menſchen in die ſeine drücken würde, welcher einem Andern das Leben genommen. Was würde er nun erſt zu einem Manne ſagen, der einem Andern das Leben genommen, und die 2 zwanzig Jahre verheimlicht hätte? Dieſer Menſch bin ich. Wie das kam, will ich Dir ſagen. Ein Jahr lang nach jener Nacht war ich, wie ich ſchon oben ſagte, nicht ich ſelbſt, ſondern ein Wahnſinniger, obſchon ein ruhiger und harmloſer. Mein Wahnſinn war von der mürriſchen und ſchweig⸗ ſamen Art, ſo daß ich Nichts verrieth, wenn ich nämlich wirklich eine Erinnerung von dem, was vor⸗ gefallen war, hatte, was aber, glaube ich, nicht der Fall war. Das erſte Wieder⸗Aufdämmern des Bewußtſeins erfolgte durch die Lectüre eines engliſchen Zeitungs⸗ blattes, welches der alte Pfarrer mir brachte, damit ich mir die Zeit damit vertriebe, und welches einen Bericht über einen Verbrecher enthielt, welcher wegen Mordes gehängt geworden. Ich las dieſen Bericht Zeile um Zeile— die Verhandlung— das Verdict — den Urtheilsſpruch— die letzten Tage des Ver⸗ brechers, der ein junger Mann war wie ich— und den letzten Tag von allen, wo er gehängt ward. Allmählig, Anfangs nebelig wie ein Traum, dann entſetzensvoll klar und mit einer Genauigkeit, die in Betracht der langen Nacht, in die mein Geiſt gehüllt geweſen, wahrhaft wunderbar genannt wer⸗ 5— den mußte, kehrten die Ereigniſſe jener Nacht in meine Erinnerung zurück. Ich ward mir bewußt, daß auch ich einen Menſchen umgebracht, daß, wenn irgend ein Auge die That geſehen, ich ebenfalls we⸗ gen Mordes ergriffen, verurtheilt und gehängt worden wäre. So jung ich auch war und obſchon ich das engliſche Criminalgeſetz nicht kannte, beſaß ich doch hinreichenden geſunden Menſchenverſtand, um zu dem Schluſſe zu gelangen, daß gegen mich perſönlich auch nicht eine Spur von Verdacht vorlag, ja daß über⸗ haupt kein Indicium vorhanden war, welches be⸗ wies, daß der Mann überhaupt ermordet worden ſei. Es war nun ein Jahr vergangen— er mußte ſchon längſt gefunden und begraben worden ſein, wahrſcheinlich ohne daß man lange Unterſuchungen angeſtellt hatte. Jedenfalls hatte man geglaubt, daß er ſich in der Trunkenheit und durch tolles Fah⸗ ren ſelbſt die Verletzung zugezogen, die ſeinen Tod herbeigeführt. Geſtand ich aber ſelbſt und überlieferte mich der Gerechtigkeit, ſo wußte nur ich und kein Indi⸗ cium konnte jemals beweiſen, daß es ſich hier nicht um einen vorſätzlichen Mord handelte. Ich wäre gehängt worden— aufgehängt am Halſe, bis ich todt geweſen wäre— und mein Name— unſer Name, Dallas' ſowohl als der meinige, wäre ge⸗ ſchändet geweſen auf immerdar. Die Wochen, welche nach meinem erſten Eri chen zur Vernunft verſtrichen, waren von der Art, daß, wenn ich Prediger über den„Wurm, der nicht ſtirbt, uud das Feuer, welches nicht verliſcht“, don⸗ nern höre, ich faſt lächeln könnte. Die Qualen einer geiſtigen Hölle ſind vollkommen hinreichend. Zuweilen war es mir, als wenn der Satan aus ſeinen Tiefen herauf in meine Seele geſtiegen wäre, um mich zu atheiſtiſcher Empörung anzuſta⸗ cheln. Ich, ein Knabe von noch nicht zwanzig Jah⸗ ren, mit meiner ganzen Zukunft vor mir, verlor ſie doch in einem Augenblicke der Wuth gegen einen Mann, der bis in's innerſte Herz verdorben ſein mußte; einen Mann, gegen den ich keinen perſönlichen Groll hatte— von dem ich Nichts kannte als den Namen. Und dennoch mußte ich mein Leben für das ſeine hingeben, mich verurtheilen und öffentlich ent⸗ ehren laſſen, und zuletzt den Tod eines Hundes ſter⸗ ben. Ich war niemals ein Feigling geweſen, aber in jeder Nacht erwachte ich jetzt in kalten Angſt⸗ ſchweiß gebadet, den Strick um meinen Hals fühlend und die vierzigtauſend emporgewendeten Geſichter ſehend— gerade ſo wie in dem Zeitungsberichte über den armen Sünder, welcher gehängt ward. Merke wohl, ich beſchönige Nichts. Ich weiß, es Leute giebt, welche ſagen würden, der ver⸗ orfenſte Menſch, den die Erde trägt, ſei dieſer ſelbe Mann von Ehre— dieſer Max Urquhart, der ſich eines ſo makelloſen Rufes erfreu't. Und das Einzige, was mir zu thun übrig geblieben wäre, ſei geweſen, nach England zurückzukehren, mich der Gerechtigkeit zu überliefern und alle Folgen dieſer einzigen That der Trunkenheit und der unbändigen Wuth auf mich zu nehmen. Ich that es jedoch nicht. Meine Sünde aber — wie jede Sünde muß— hat mich ereilt. Thev⸗ dora, es ſind jetzt kaum acht Stunden, ſeitdem Deine unſchuldigen Arme meinen Hals umſchlungen hielten und Deine Lippen die meinen berührten, und jetzt— wohlan, es wird bald vorüber ſein. Wie ich auch gelebt haben mag, ſterben will ich nicht als Heuchler. Ich verſuche nicht, die Reihe von Schlüſſen zurück zu verfolgen, durch welche ich mich überredete, ſo zu handeln, wie ich that. Ich war noch ein pu⸗ rer Knabe; dieſer lange Schlaf des Geiſtes hatte meine körperliche Geſundheit wiederhergeſtellt;— Leben und Jugend waren ſtark in mir, eben ſo wie die Hoffnung auf Ehre und die Furcht vor Schande. Dennoch kämpfte das Gewiſſen zuweilen ſo grimmig 3* gegen alle dieſe, daß ich mich halb verſucht fühlte einen Mittelweg einzuſchlagen— die letzte Rettung des Feiglings— Selbſtmord. Du mußt bedenken, daß meine religiöſe Bil⸗ dung viel zu wünſchen übrig ließ— und Dallas war todt. Ja, ich hatte ihn für den Augenblick faſt vergeſſen. Eines Tages, als ich, von meinen Zweifeln auf's Aeußerſte getrieben, mich beinahe ent⸗ ſchloſſen hatte, denſelben auf die nachdrückliche und bequeme Weiſe, von der ich ſo eben geſprochen, ein Enge zu machen, fand ich, während ich die Papiere meites Bruders ordnete, ſeine Bibel. Unter ſeinen Namn hatte er— und das Datum war das des letzten Tages ſeines Lebens— meinen Namen ge⸗ ſchrieben. Ich ſah ihn an, wie wir eine längſtver⸗ traute Handſchrift anſehen, bis uns plötzlich einfällt, daß di Hand kalt iſt, daß keine irdiſche Macht jemals von dieſer wohlbekannten Schrift auch nur eine einige Zeile reproduciren tann. Kind, kannteſt Du je— doch nein, Du kannſt ſie nie gekannt ha⸗ ben— jine gänzliche Verlaſſenheit— jene hülfloſe Sehnſucht nach den Todten, die nie wiederkehren? Nachtem ich ein wenig ruhiger geworden, that ich das Einzige, was mich Dallas ein wenig näher zu bringen ſchien— und las in ſeiner Bibel. Das Kapitd, welches ich aufſchlug, war ſo merk⸗ — 58— würdig, daß ich anfangs zurückfuhr, als ob mein 5 Bruder— der, da er jetzt ein Geiſt war, ſehr wohl die Allwiſſenheit eines Geiſtes beſitzen konnte— aus der unſichtbaren Welt zu mir ſpräche. Das Kapitel war das achtzehnte des Propheten Ezechiel, und unter andern Verſen befanden ſich auch die folgenden: „Wo ſich aber der Gottloſe bekehret von allen ſeinen Sünden, die er gethan hat, urd hält alle meine Rechte, und thut recht und wohl, ſo ſoll er leben und nicht ſterben. „Es ſoll ſeiner Uebertretung, ſo erge⸗ than hat, nicht gedacht werden, ſondern ſoll leben um der Gerechtigkeit willen, die er thut. „Meineſt Du, daß ich Gefallen hebe am Tode des Gottloſen? ſpricht der Hert Herr; und nicht vielmehr, daß er ſich bekehre von ſeinem Weſen und lebe?“ Ich bekehrte mich von meinem Weſen und lebte. Ich beſchloß, ein Leben— mein eigenes— für das Leben zu geben, welches ich genommen, es gänzlich der Rettung anderer Leben zu weihen und am Schluſſe deſſelben, wenn ich mir einen gaten Namen aufgebau't und offen gezeigt hätte, daß der Menſch nach jedem Verbrechen ſich wieder azfraffen, be⸗ reuen und ſühnen kann, gedachte ich der vollen Preis — 8—— vi Sünde meiner Jugend zu bezahlen, und 4 offen vor der Welt zu bekennen. In wie weit ich bei dieſem Entſchluſſe Recht oder Unrecht hatte, kann ich nicht ſagen— vielleicht kann kein menſchliches Urtheil dies je ſagen. Ich erzähle einfach, was ich damals beſchloß, und bin dieſem Entſchluſſe auch nie untreu g bis ich Dich ſah. Nothwendiger Weiſe war, ſo lange vieſes letzte Geſtändniß mir vor den Augen ſchwebte, an alle Freuden des Lebens und die engſten Bande deſſelben — Freundſchaft, Liebe und Ehe— nicht zu denken. Mir konnte das Leben nie ein Genuß ſein, ſondern nur eine Sühne. Meine ſpätere Geſchichte kennſt Du— wie ich, nachdem ich meine medieiniſchen Studien beendet— ich wählte die Univerſität Dublin, weil ich hier gänz⸗ lich unbekannt war, und blieb hier, bis meine vier Jahr um waren— als Militairchirurg in der hal⸗ ben Welt herumwanderte. Das erſte Mal, wo ich England wieder betrat, war nur wenige Wochen zuvor, ehe ich in dem Ball⸗ zimmer des Cedernhauſes Dein ſüßes kleines Geſicht erblickte. Es war daſſelbe Geſicht, in welchem ich wor zwei Tagen den Blick der Liebe las, welche das Herz eines Mannes bis in's Innetſte erſchüttert. In einem Augenblicke drängte es die Entſchlüſſe, Kämpfe und Leiden eines Zeitraums von zwanzig Jahren in den Hintergrund, und ſetzte mich wieder ein in das Recht und Vorrecht des Mannes— in das Recht, zu lieben, zu freien, zu heirathen.— Wer⸗ den wir jemals vermählt werden? Wenn Du dies lieſeſt— dafern dies nämlich jemals der Fall iſt— wird dieſe Frage beantwortet ſein. Es kann Dich nicht verletzen, wenn ich mir Dich eine einzige kleine Minute lang als mein Weib denke, nicht mehr als meine Freundin, als mein Kind, als meine Geliebte, ſondern als mein Weib. Ueberlege Dir, was in dieſem Namen liegt. Denke Dir, was die Häuslichkeit mir geweſen ſein würde — mir, der ich in meinem ganzen Leben niemals eine Häuslichkeit gehabt. Denke Dir Dich an mei⸗ nem Heerde ſitzend, und wiſſend, daß nur Du nöthig warſt, um ihn glücklich und hell zu machen, daß wir eins wie das andere die einzige abſolute Nothwendig⸗ keit waren. Und dann die Jahre, welche gefolgt wären, in welchen wir niemals Abſchied von einander zu nehmen gebraucht, wo unſere beiden Herzen täglich offen und klar eins in das andere geblickt und nie⸗ mals wieder einen Zweifel oder ein Geheimniß ge⸗ habt hätten! — Und dann, wenn wir nicht immer nur ihrer zwei geweſen wären. Ich denke mir Dich als mein Weib— als die Mutter meiner Kinder— ₰ Ich konnte vorige Nacht dies nicht zum Schluſſe bringen. Jetzt füge ich blos noch eine Zeile hinzu, ehe ich in die Stadt gehe, um Erkundigung einzu⸗ ziehen— von wem der Getödtete damals gefunden worden, und wo er begraben ward. Ich habe in dieſer Abſicht ſchon den ganzen Begräbnißplatz der Kathedrale durchſucht, aber auf dieſem giebt es keine Spur von Gräbern mehr, Alles iſt glatter grüner Raſen, und der Thau glänzt in dem hellen Früh⸗ lingsmorgenlichte darauf wie Diamanten. Es erinnerte mich an Dich— denn dies iſt die Stunde, wo Du aufzuſtehen pflegſt, Du früher Vo⸗ gel, Du kleiner pedantiſcher Vogel. Vielleicht ſteh'ſt Du in dieſem Augenblicke auf der Teraſſe und ſchaueſt hinauf nach dem Hügel, oder abwärts nach Deinen geliebten Cedern— mit Deinem ſonnenhel⸗ len Frühlingsmorgengeſichte. Meine Geliebte, mein Weib, meine Theodora, bete für mich. Endlich habe ich ſein Grab gefunden. „Hier ruht Henry Johnſton, einziger Sohn des wohlehrwürdigen William Henry Johnſton von Rockmount in Surrey, in der Nähe dieſer Stadt verunglückt. Geboren am 19. Mai 1806. Geſtorben am 19. Novem⸗ ber 1836.“ Leb' wohl, Theodora. YPrittes Rapitrl. Ihre Geſchichte. Viele, viele Wochen, ja Monate ſind vergangen, ſeitdem ich dieſes Tagebuch zum letzten Male geöffnet. Kann ich den Anblick deſſelben jetzt noch ertragen? Ja, ich glaube; ich kann es. Ich habe ſehr lange an dem geöffneten Fenſter geſeſſen, in meiner alten Stellung, mit den Ellnbo⸗ gen auf dem Sims, nur mit einem Unterſchiede, der mir gleichwohl ganz natürlich zu ſein ſcheint, wenn Niemand dabei iſt. Es iſt ein hoher Genuß für mich, hier zu ſitzen und die Lippen auf meinen Ring zu drücken. Ich bat ihn, mir einen Ring zu ſchenken, und er that es. O, Max, Max, Max! Große und betrübende Veränderungen ſind über uns gekommen, und Max und ich ſollen nun nicht mit einander vermählt werden. Penelope's Heirath iſt ebenfalls für den Augenblick aufgeſchoben worden, und zwar aus demſelben Grunde, obſchon ich ſie in⸗ ſtändig bat, Francis Nichts zu ſagen, wenn er nicht ganz ſpezielle Nachfragen anſtellte, oder über den Aufſchub ſehr ungehalten wäre. Er war es nicht. Auch hielten wir es nicht für gerathen, Liſabel in Kenntniß zu ſetzen. Papa, Penelope und ich ſind daher die Bewahrer des Geheimniſſes. Jetzt, wo Alles vorüber und der erſte Schmerz überwunden iſt und in Rockmount Alles ſeinen Gang geht wie früher, frage ich mich zuweilen, ob wohl fremde oder befreundete Perſonen, zum Beiſpiel Miſtreß Granton, Etwas argwohnen. Oder iſt unſer Loos, ſo entſetzlich es auch zu ſein ſcheint, kein beſonderes und eigenthümliches? Manche andere Familie mag auch ihr beklagens⸗ werthes Geheimniß haben, deſſen Laſt jedes Mitglied zu tragen hat und welches von allen gemeinſchaftlich mit heiterer Miene getragen wird, gerade ſo wie das meinige. Miſtreß Granton ſagte geſtern, mein Antlitz ſei ein heiteres. Wenn Dem ſo iſt, ſo bin ich froh. Nur zwei Dinge hätten mir wirklich das Herz brechen können: wenn er aufgehört hätte mich zu lieben, oder ſich ſo in ſich ſelbſt, nicht in ſeinen Umſtänden, — verändert hätte, daß er meiner Liebe nicht mehr würdig geweſen wäre. Unter„ihm“ verſtehe ich natürlich Max, Mar Urquhart, meinen verlobten Gemahl, den ich hinfort in keinem andern Lichte betrachten kann. Wie blau die Berge ſind! Wie ſonnenhell die Moorgefilde! So müſſen ſie ſein, denn es iſt beinahe Sommer. Heute über vierzehn Tage— an Penelope's Hochzeitstage— werden wir vollauf Roſen haben. Um ſo beſſer! Ich möchte nicht, daß es eine langwei⸗ lige Hochzeit würde, wenn auch noch ſo ruhig. Nur die Treherne's und Miſtreß Granton werden ihr als Gäſte beiwohnen und ich als einſame Brautjungfer. „Es iſt hoffentlich das letzte Mal, Dora, daß Sie in dieſer Eigenſchaft auftreten,“ rief die gute alte Frau lachend.„Drei Mal Brautjungfer, nie⸗ mals Braut,“ ſagt das Sprichwort, aber bei Ihnen kann das natürlich keine Geltung haben. Sie brau⸗ chen mir Nichts zu ſagen. Ich errathe, weßhalb von Ihrer Hochzeit noch nicht geſprochen wird. Die alte Geſchichte— des Mannes Stolz, des Weibes Geduld. Doch laſſen Sie dies nur gut ſein. Es weiß Niemand weiter Etwas als ich, und ich werde reinen Mund halten. Je weniger man ſagt, deſto weniger braucht man zurückzunehmen. Es wird Leben um Leben. 1v. 5 6— ſchon Alles werden, ſobald der Doctor hinſichtlich ſeines Einkommens ein wenig beſſer geſtellt iſt.“ Ich ließ ſie bei dieſer Meinung. Es kommt nicht viel darauf an, was ſie oder Andere denken, da⸗ fern es nur nichts Uebles von ihm iſt. „Drei Mal Brautjungfer, niemals Braut.“ Sei es ſo! Und doch, würde ich wohl mit unſerer Penelope oder irgend einer andern Braut tauſchen? Nein! Jetzt, wo mein Gemüth wieder ruhiger ge⸗ worden, wo ich Zeit gehabt habe, mich zu überzeu⸗ gen, daß Nichts anders hätte gethan werden können als es gethan worden iſt, bin ich vielleicht endlich im Stande, dieſe Ereigniſſe zu erzählen. Sowohl um Max als um meinetwillen ſcheint es das Beſte zu ſein, wenn ich dies thue, ausgenom⸗ men, wenn ich mich entſchließe, mein ganzes Tage⸗ buch zu vernichten. Ein unbeendeter Bericht iſt ſchlimmer als keiner. So lange wir leben, werden wir Beide unſer Geheim⸗ niß bewahren; aber mancher Zufall bringt dunkle Dinge an's Licht und ich habe nicht blos meine Ehre zu hüten, ſondern auch die meines Max. Dieſen Nachmittag, wo Papa ausgefahren und Penelope in die Stadt gegangen iſt, um eine Dienerin zu ſuchen, die ſie mit auf jene ferne Inſel nehmen will— in einem Monate gehen ſie unter Segel— will ich dieſe Gelegenheit benutzen, um niederzuſchrei⸗ ben, was Max und mir begegnet iſt. Mein armer, armer Max! Doch meine Lippen ruhen auf ſeinem Ringe, und dieſe Hand iſt ihm ſo ſicher aufgehoben als da er ſie zuerſt an ſeine Bruſt drückte. . Ich muß nun erſt ein Blatt zurückſchlagen und ſehen, wo ich in meinem Tagebuche ſtehen geblie⸗ ben bin. 3* Ich habe es gethan und es war mehr als ich ertragen konnte. Ich habe einen andern Tag zu dieſem Berichte wählen müſſen, und auch jetzt iſt es noch ſehr bitter, die Gefühle zurückzurufen, womit ich vor ſo langer Zeit die Feder weglegte, weil ich Max„jede Minute“ erwartete. Ich wartete zehn Tage. Jch fühlte mich nicht unglücklich, obſchon mir während der letzten ein wenig ängſtlich zu Muthe ward, aber blos, weil ich fürchtete, daß in Bezug auf ihn oder ſeine Angelegen⸗ heiten ein ungünſtiger Umſtand eingetreten ſei. Was den von Penelope ausgeſprochenen Verdacht betraf, daß er mich„vernachläſſige“ oder mir„übel begegne“ ſo kam mir kein ſolcher Gedanke in den 5* Sinn. Wie könnte er mir übel begegnen!— Er liebt mich ja. Am zehnten Tage, welcher das Ende der von ihm für ſeine Reiſe feſtgeſetzten Friſt war, erwartete ich ihn natürlich ganz beſtimmt. Ich wußte, daß, wenn es durch menſchliche Macht bewerkſtelligt werden könnte, ich ihn ſehen, daß er nie ſein Wort brechen würde. Ich vertraute ſeiner Liebe mit derſelben ſchrankenloſen Hingebung, wie ich, aus jener langen Ohnmacht erwachend, an ſeiner Bruſt geruht hatte. Ich wußte, daß er mich nicht eine einzige Stunde länger Ungewißheit oder Schmerz dulden laſſen würde als unumgänglich nöthig wäre. Es kann ſeltſam erſcheinen, daß ich Max nicht gefragt hatte, wohin er ginge und welches Geſchäft er vorhätte. Aber dies war ſein Geheimniß, das letzte Geheimniß, das jemals zwiſchen uns beſtehen ſollte, und deßhalb hielt ich es für angemeſſen, mich nicht darein zu miſchen, ſondern ſeine Zeit abzu⸗ warten. Auch beunruhigte ich mich deßwegen nicht ſon⸗ derlich, mochte es ſein, was es wollte. Er liebte mich. Wer nach Liebe gedürſtet und ſein ganzes Leben lang nicht geſchmeckt hat, verſteht die wohl⸗ thuende Befriedigung dieſes einen Gefühls— Mar liebte mich. In der Dämmerung, nachdem ich den ganzen Tag zu Hauſe geblieben, ging ich aus, theils weil Penelope es wünſchte, theils um meiner Geſundheit willen. Ich verſäume niemals eine Gelegenheit, mich wieder zu kräftigen. Meine Schweſter und ich gin⸗ gen ſchweigend entlang und jede dachte an ihre eigenen Angelegenheiten, als ſie an einer Biegung der Straße, die nicht nach dem Lager, ſondern nach dem Meere führte, plötzlich rief: „Ich glaube wirklich, da kommt Doctor Urquhart!“ Wenn er nicht ſeinen Namen gehört hätte, ſo glaube ich, er wäre an uns vorübergegangen, ohne uns zu erkennen Riemals, bis zu meinem letzten Stündlein, werde ich das Geſicht vergeſſen, welches dem meinigen begegnete, als ich aufblickte. Ich bebte unwillkürlich zurück und ſagte dann: „O Max, ſind Sie krank geweſen?“ „Ich weiß es nicht. Ja— es iſt möglich.“ „Wann ſind Sie zurückgekommen?“ „Ich weiß es nicht— ich glaube vor vier Tagen.“. „Wollten Sie jetzt nach Rockmount?“ „Nach Rockmount?— O nein!“ Er ſchauderte und ließ meine Hand fallen. „Doctor Urquhart ſcheint in einer ſehr unſichern Gemüthsſtimmung zu ſein,“ ſagte Penelope in ſtren⸗ gem Tone von der andern Seite der Straße.„Wir werden wohl thun, wenn wir ihn verlaſſen. Komm', Dora.“ Und faſt mit Gewalt führte ſie mich fort. Sie war außerordenklich unzufrieden. Vier Tage und nicht ein einziges Mal gekommen zu ſein oder geſchrie⸗ ben zu haben! Sie ſagte, das heiße mich gering⸗ ſchätzen und die Familie beleidigen. „Obendrein iſt er ein Mann, deſſen Vergangen⸗ heit und Familie wir ja noch gar nicht kennen. Er iſt vielleicht weiter Nichts als ein Abenteurer— ein armſeliger ſchottiſcher Abenteurer. Francis ſagte dies vom Anfange an. Francis iſt—“ Doch ich hatte keine Zeit, um von ihm zu ſprechen oder auf Penelope's bittere Reden zu ant⸗ worten. Ich dachte an weiter Nichts als wie ich wieder zu Max zurückkommen und ihn bitten könnte, mir zu erzählen, was geſchehen ſei. Mir ſagte er es ganz gewiß. Mich liebte er. Ohne daher ein Gefühl von„gerechtem Stolze“, wie Penelope es nannte, zu empfinden, machte ich mich von ihr los, eilte zurück zu Doctor Urquhart und nahm Beſitz von ſeinem Arme, meinem Arme, auf welchen ich ein Recht hatte. „Biſt Du es, Theodora?“ „Ja, ich bin es.“ Und dann ſagte ich, ich wünſchte, daß er mit mir nach Hauſe gehe und mir erzähle, was ge⸗ ſchehen ſei. „Es wird beſſer ſein, wenn ich es nicht thue— es wird beſſer ſein, wenn Du mit Deiner Schweſter nach Hauſe geh'ſt.“ „Nein, ich will lieber hier bleiben. Meine Abſicht iſt, hier zu bleiben.“ Er blieb ſtehen, ergriff mich bei beiden Händen und zwang ſich, zu lächeln. „Du biſt die entſchloſſene kleine Dame, welche Du von jeher geweſen biſt, aber Du weißt nicht, was Du ſprichſt. Es iſt beſſer, wenn Du gehſt und mich verläſſeſt.“ Nun war ich überzeugt, daß uns irgend ein großes Unglück drohte. Ich verſuchte, es in ſeinem Geſichte zu leſen. Ich ſtand im Begriffe, ihn zu fragen, ob er mich noch liebe; aber es war nicht nöthig. Meine Antwort war daher kurz und ſchlicht. „Ich verlaſſe Dich nie, ſo lange ich lebe.“ Dann eilte ich wieder zu Penelope zurück und ſagte ihr, ich würde mit Doctor Urquhart nach Hauſe gehen; er habe mir Etwas zu ſagen. Sie verſuchte, zornig zu ſein und mir zu befeh⸗ len. Aber Beides äußerte auf mich keine Wirkung. Das Recht, welches Max auf mich und meine Liebe hatte, war mir nie fühlbarer geweſen als jetzt. Penelope hätte predigen können, ſo lange ſie gewollt hätte,— ich würde zugehört haben und dann zu Max zurückgekehrt ſein. So that ich auch. Sein Arm drückte feſt den meinigen; er ſagte nicht zum zweiten Male:„Verlaß mich!“ „Alſo, Max, ich wünſche zu hören.“ Keine Antwort. „Aber es iſt Etwas geſchehen und wir werden niemals glücklich ſein, bis Du es geſagt haſt. Sage es daher geradeheraus— mag es ſein, was es wolle; ich werde es nicht achten.“ Keine Antwort. „Iſt es denn etwas ſehr Schreckliches?“ „Etwas, was zwiſchen uns kommen und uns ſcheiden könnte?“ „Ja“ Ich zitterte, obſchon nicht ſehr, denn ich glaubte feſt an die Unmöglichkeit einer Trennung. Und den⸗ noch muß in meinem Rufe:„O, Max, ſag' es mir!“ ein Ausdruck gelegen haben, den ich nicht beabſichtigte, denn er ſtockte plötzlich wieder und ſchien, indem er —— mich anſah und an mich dachte, ſich ſelbſt zu ver⸗ geſſen. 1 „Bleib', Theodora. Vor allen Dingen haſt Du mir Etwas zu ſagen. Fühlſt Du Dich beſſer? Haben Deine Kräfte täglich zugenommen? Weißt Du es gewiß?“ „Ja, ich weiß es ganz gewiß. Nun aber ſprich — erzähle mir.“ Er verſuchte ein⸗ oder zwei Mal zu ſprechen, aber vergebens. Endlich ſagte er: „Ich— ich ſchrieb Dir einen Brief.“ „Ich habe keinen bekommen.“ „Nein, auch war es nicht meine Abſicht, daß Du ihn eher bekommen ſollteſt als bis nach meinem Tode. Ich habe mich jedoch anders beſonnen. Du ſollſt ihn jetzt bekommen. Ich habe ihn ſeit vier Tagen mit mir herumgetragen— für den Fall, daß ich Dir begegnete. Ich wünſchte ihn Dir zu geben und Dich zu ſehen. O mein Aind, mein Kind!“ Nach einer kleinen Weile gab er mir den Brief und bat mich, ihn nicht eher zu öffnen als bis ich des Nachts allein wäre. „Und wenn er Dich nun erſchütterte— wenn er Dir das Herz bräche?“ „Mir wird Richts das Herz brechen.“ „Du haſt Recht— Dein Herz iſt zu rein und —— zu gut. Gott wird nicht zugeben, daß es breche. Somit leb' wohl.“ Wir waren nämlich mittlerweile an dem Thor⸗ von Rockmount angelangt. Ich hatte gar nicht daran gedacht, daß ich ihm hier Lebewohl würde ſagen müſſen, daß er nicht mit hinein zum Diner gehen wollte, und als er ſich weigerte, betrübte es mich ſehr. Seine einzige Antwort war zum zweiten Male,„ich wüßte nicht, was ich ſpräche.“ Es war jetzt beinahe finſter und ſo nebelig, daß ich kaum athmen konnte. Doctor Urquhart beſtand darauf, daß ich unverweilt hinein ginge, band mir den Schleier dicht unter dem Kinn feſt und dann haſtig wieder auf. „Theodora, liebſt Du mich?“ Er hat mir ſpäter geſagt, daß er in dieſem Augenblicke jeden Umſtand vergaß, von dem ſich fürchten ließ, daß er uns trennen würde; daß er in der ganzen Welt an Nichts dachte als an mich. Und ich hoffe, daß ich nicht die Einzige war, welche fühlte, daß gerade Diejenigen, welche ſo wie wir fühlen, daß ſie einander Alles ſind, am eheſten die Kraft haben, zu ſcheiden. Als ich in das Haus hinein kam, war die erſte Perſon, die mir begegnete, mein Vater. Er ſah —— ſehr freundlich und vergnügt aus, und ſeine erſte Frage war: „Wo iſt denn Doctor Urquhart? Penelope ſagte, Doctor Urquhart käme mit.“ Ich weiß kaum, was während dieſes Abends geſchah und ob man Max tadelte oder nicht. Alle meine Sorge war darauf gerichtet, wie ich ſein Ge⸗ heimniß am beſten bewahren und ihm in Bezug auf daſſelbe buchſtäblich gehorchen könnte. Natürlich ſagte ich kein Wort von ſeinem Briefe und machte auch keinen Verſuch, ihn zu leſen, als bis ich Allen gute Nacht gewünſcht und über Penelope gelächelt, welche über meine langen Lichter und mein großes Feuer murrte,„als ob ich die ganze Nacht aufzubleiben gedächte.“ Ja, ich hatte alle dieſe Vorkehrungen in ruhiger, ernſter Weiſe getroffen, denn ich wußte nicht, was mir bevorſtand, und ich durfte nicht krank werden, wenn ich es verhindern konnte. Es galt das per⸗ ſönliche Eigenthum meines Max. Wie mißlaunig ſie an dieſem Abende war, die arme Penelope! Es war das letzte Mal, daß ſie mich je ausgeſcholten hat. V Aus gewiſſen Gründen hat Penelope die ganze Sache mehr gefühlt als irgend eins von uns es— mit Ausnahme unſers Vaters— fühlen konnte, denn ſie iſt die einzige von uns, welche eine deutliche Erinnerung von Harry hat. Nun habe ich ſeinen Namen geſchrieben und ich kann es ſagen— das furchtbare Geheimniß, das ich aus dem Briefe erfuhr, und welches Niemand außer mir leſen darf. Mein Max hat Harry um's Leben gebracht. Nicht abſichtlich, ſondern als er außer ſich und für Das, was er that, kaum verantwortlich war, in einer Anwandlung knabenhafter Wuth, zu welcher er durch grauſamen Hohn aufgeſtachelt worden, aber — er hat ihn doch umgebracht. Der Tod meines Bruders, den wir einem Unfalle zuſchrieben, iſt durch Max's Hand herbeigeführt worden. Ich ſchreibe dies jetzt ganz ruhig nieder, aber als ich es las, war es entſetzlich. Ich glaube, ich muß ganz mechaniſch geleſen und etwas Trauriges und zwar ebenfalls in Bezug auf Harry erwartet haben. Ich errieth bald, daß jener Vagabund in Salisbury der arme Harry geweſen ſein mußte— aber dennoch hatte ich keine Ahnung von der Wahr⸗ heit, als bis er zu den Worten kam:„Ich ermor⸗ dete ihn.“ Wenn man glaubt, man fühle einen ſchweren Streich gleich im Augenblicke am ſchmerzlichſten, ſo irrt man ſich— er betäubt mehr als er verwundet, beſonders wenn er durch einen Brief erfolgt, den man in Ruhe und Einſamkeit lieſ't, ſo wie ich in jener Nacht dieſen Brief las. Und— wie ich mich entſinne, ſpäter in einem Buche geleſen und überdacht zu haben, wie wahr es iſt,— höchſt ſeltſamer Weiſe wird man mit einem großen Unglücke ſehr bald vertrau't. Als ich nach den erſten Minuten totaler Betäubung und Verwir⸗ rung erwachte, war es mir, als hätte ich ſchon ſeit dieſen ganzen zwanzig Jahren gewußt, daß mein Max meinen Bruder Harry um's Leben gebracht hat. O Harry, mein Bruder, den ich nie gekannt — eben ſo wenig als einen Fremdling auf der Straße, und deſſen ſchwaches Andenken von jeher mit einem unbeſtimmten Etwas von Immoralität und Schande für uns Alle gemiſcht war, wenn ich da⸗ mals oder ſpäter nicht fühlte, was ich ſollte, ſo ver⸗ gieb mir! Wenn ich, obſchon Deine Schweſter, weniger an Dich, den Todten, dachte als an meinen Max, den Lebendigen— meinen armen, armen Max, der dieſe furchtbare Bürde zwanzig Jahre lang getragen— dann, Harry, vergieb mir! Alſo, ich wußte es— als abſolute Thatſache und Gewißheit— obſchon ich, wie dies oft mit großen perſönlichen Unglücksfällen geſchieht,— es mir anfangs nicht als wirklich denken konnte. —— Allmählig aber ward ich mir vollkommen be⸗ wußt, wie entſetzlich es war und welche furchtbare Vergeltung Papa und uns Alle heimgeſucht. Denn es gab Mehreres, was ich ſelbſt nicht gewußt, bis dieſen Frühling, wo Penelope in der Fülle ihres Herzens und ihrem Abſchiede von uns entgegenſehend, mir viel von den Tagen ihrer K heit und beſonders von Harry erzählte. Er war ein verzogenes Kind. Sein Vater ſchlug ihm nie Etwas ab und gewährte ihm Alles, ſchon von der Zeit an, wo er in ſeinem ſchönverzier⸗ ten Stühlchen mit bei Tiſche ſaß, aus ſeinem kleinen Glaſe Champagner trank und Toaſte ſtammelte, welche alle Zuhörer ergötzten. Er wußte nie, was Widerſpruch war, bis er in ſeinem neunzehnten Jahre ſich in ein Mädchen verliebte, welches er hei⸗ rathen wollte. Dies würde ihm auch gelungen ſein, denn ſie ergriffen mit einander die Flucht— wie, glaube ich, Papa und Harry's Mutter früher auch gethan— mein Vater aber kam ihnen noch Zeit genug zuvor. Das Mädchen, eine Bauerndirne, die aber nichtsdeſtoweniger ein Herz hatte, grämte ſich zu Tode und ſtarb. Von dieſer Zeit war es aus mit Harry. Penelope erinnert ſich, wie zuweilen ein ſchäbiger, betrunkener Mann uns Kindern begegnete, wenn — wir ſpazieren gingen, und wie er uns und unſere Wärterinnen alle der Reihe nach küßte und ſagte, er ſei unſer Bruder Harry. Eben ſo pflegte er auch oft Papa aufzulauern, wenn dieſer aus der Kirche kam, und ihm in ſein Bibliothekzimmer zu folgen, wo nach fürchterlichen lauten Auftritten Harry keck und uns zulachend wieder fortzugehen und ſich gegen Mama zu verneigen pflegte, welche ihn allemal mit todtenbleichem Geſichte hinausbegleitete und die Thür hinter ihm ſchloß. Meine Schweſter erinnert ſich auch, daß Papa plötzlich einmal auf mehrere Tage abgerufen ward und daß wir nach ſeiner Rückkehr Alle in Trauer ge⸗ kleidet wurden, während man uns zugleich ſagte, es geſchähe um meines Bruders Harry willen, von dem wir nicht wieder ſprechen dürften. Und einmal, als ſie ihre Lection in der Geographie herſagte und zu Papa gehen wollte, um einige Fragen in Bezug auf Stonehenge und Salisbury an ihn zu thun, hielt Mama ſie zurück und ſagte, ſie müſſe ſich hüten, jemals dieſe Orte in Papa's Gegenwart zu nennen, denn der arme Harry— ſo nannte ſie ihn jetzt— ſei dort in Folge eines Unfalles elend geſtorben und liege in Salisbury begraben. Sie ſtarb noch daſſelbe Jahr. Bald darauf kamen wir nach Rockmount, wo wir behaglich von Großvaters Gelde lebten und ſtolz darauf waren, daß wir ſchon angefangen hatten, uns Johnſton zu nennen. Ach, welche Lügen hatte uns der arme Harry von ſeiner„Familie“ erzählt! Wir nannten jetzt ſeinen Namen nie wieder und keiner unſerer Nachbarn hier hat je erfahren, daß wir einen Bruder gehabt. Nachdem der erſte Schlag vorüber war, ſaß ich in jener langen Nacht eine Stunde nach der andern und bemühete mich, mir ihn in die Erinnerung zu⸗ rückzurufen, den Sohn meines Vaters, mein eigenes Fleiſch und Blut, wenigſtens Halbblut— ihn zu bemitleiden und in Bezug auf ſeinen Tod und Den, der ihn herbeigeführt, ſo zu fühlen wie ich ſollte. Aber ich konnte thun, was ich wollte, ſo kehrten meine Gedanken zu Max zurück— wie ſie gethan haben würden, auch wenn er nicht mein Max gewe⸗ ſen wäre— aus tiefem Mitleid für den Mann, der, ohne ein vorſätzlicher und verſtockter Verbrecher zu ſein, zwanzig Jahre lang die Buße für dieſes einzige Verbrechen gelitten hatte. Ein ſolches war es allerdings, dies wußte ich. Obſchon der arme Harry ein Taugenichts war und Max Das iſt, was er iſt— ſo änderte doch dies die Frage nicht. Ich glaube, ſelbſt damals verhehlte ich mir nicht die Wahrheit, daß mein Max nicht —— einen Fehltritt, ſondern ein wirkliches Verbrechen begangen. Aber ich nannte ihn immer noch meinen Mar; es war das einzige Wort, welches mich rettete, denn ſonſt wäre mir, wie er fürchtete, das Herz gebrochen. Es iſt nicht nöthig, daß ich irgend einem menſch⸗ lichen Weſen die ganze Geſchichte jener furchtbaren Nacht erzähle. Selbſt Max ſoll ſie niemals erfahren. Gott kennt ſie und dies iſt genug. Meine eigene Kraft wäre nicht im Stande geweſen, mich bis zum Morgen am Leben oder bei Sinnen zu erhalten. Es war aber nothwendig und es war am beſten, daß ich dieſe Nacht allein durchmachte, von keinem äußern Einfluſſe geleitet und nur von jener Kraft aufrecht erhalten, die in Zeiten, wie dieſe, ſich ſtets einſtellt. Es iſt mir, als wäre ich, während ich auf die Folter dieſer langen nächtlichen Stunden geſpannt war, durch einen übernatürlichen Inſtinct in die äußerſte Tiefe menſchlicher und göttlicher Gerechtigkeit, menſchlicher und göttlicher Liebe geführt worden, um das Rechte zu ſuchen. Endlich erblickte ich es, klammerte mich daran und habe ſeit dieſer Zeit den Felſen gefunden, auf den ich meine Hoffnung baue. Als es unten im Hauſe lebendig zu werden be⸗ gann, löſchte ich mein Licht aus und trat an das Leben um Leben. 1v. 6 — Fenſter um die Dämmerung über das graue Moor⸗ land herankriechen zu ſehen, gerade wie an dem Morgen, wo wir— Max und ich— die ganze Nacht bei meinem Vater gewacht hatten. Wie hatte mein Vater ihn liebgewinnen gelernt!— Mein armer, armer Vater! Der furchtbare Kampf und die Verwirrung meiner Gedanken kehrte zurück. Es war mir, als wenn Recht und Unrecht auf unentwirrbare Weiſe untereinander gemengt wären und mich in einer Art moraliſcher Lähmung gefangen hielten, aus welcher es keinen andern Ausweg gab als Wahnſinn. Und nun ſchrie ich aus tiefer Noth zu Dir, Herr, zu Dir, deſſen unendliche Gerechtigkeit zugleich auch un⸗ endliches Erbarmen iſt, und Du hörteſt mich. „Wo ſich aber der Gottloſe bekehret von allen ſeinen Sünden, die er gethan hat, und hält alle meine Rechte und thut recht und wohl, ſo ſoll er leben und nicht ſter⸗ ben.“ Dieſe Worte fielen mir ein und ich empfahl die Seele meines Max dem Herrn. Es war nun heller Tag und die Vögel began⸗ nen einer nach dem andern zu erwachen, bis ihr Singen und Zirpen einen vollkommenen Chor bildete. Ich dachte, ob es wohl jemals einen Seelenſchmerz gegeben wie dieſen, den meinigen jetzt. Ja— ein Schmerz wäre noch größer geweſen— wenn ich an dieſem ſonnenhellen Sommermorgen gewußt hätte, daß Max aufgehört habe, mich zu lieben, und ich, an ihn zu glauben— wenn ich ihn verloren hätte— um ihn weder in dieſer noch in der nächſten Welt wiederzufinden. Nach einer Weile dachte ich, wenn ich, vielleicht auch nur eine halbe Stunde, ſchlafen könnte, ſo würde das gut für mich ſein. Demgemäß kleidete ich mich aus und legte mich nieder, mit Max's Briefe feſt in meinen Händen. Der Schlaf kam, endete aber mit furchtbaren Träumen, aus welchen ich kreiſchend erwachte, um Penelope mit meinem Frühſtücke an meinem Bette ſtehen zu ſehen. Meinen Plan hatte ich ſchon entworfen. Er beſtand darin, meinem Vater Alles zu ſagen. Denn erfahren mußte er es. Es ſtellte ſich mir keine andere Alternative als möglich dar, ebeaſowenig als Max — dies wußte ich— eine andere ausfindig gemacht haben würde. Wenn zwei Menſchen völlig eins ſind, dann erräth ein Jedes inſtinctartig die Gedanken des Andern— in den meiſten Dingen, in allen großen Dingen ſtets, denn ein Glaube und eine Liebe ſchließt auch ein Rechtsgefühl in ſich. . 6* „ Ich war ſo feſt überzeugt wie von meinem Daſein, daß Max der Anſicht war, mein Vater müſſe es erfahren. Nicht einmal, um mich glücklich zu machen, würde er mich getäuſcht haben, und nicht einmal, damit wir vermählt würden, hätte er darein gewilligt, daß wir meinen Vater täuſchten. Daß mein Vater ſonach in Kenntniß geſetzt werden und daß dies durch mich geſchehen mußte, war eine ausgemachte Sache— aber ich erwog nicht, wie weit das Geheimniß auch irgend Jemandem anders mitgetheilt werden müßte, bis ich Penelope mit ihrem vertrauten, praktiſchen Geſichte halb un⸗ willig, halb erſchrocken vor mir ſtehen ſah. „Aber, Kind, was giebt es denn? Du ſtierſt mich ja an, als ob Du nicht recht bei Verſtande wärſt. Und Doctor Urquhart hat ſich ſeit Tages⸗ anbruch hier herumgetrieben wie ein Geſpenſt. Ich werde ihn rufen laſſen und ihm tüchtig die Meinung ſagen.“ „Nein, thue das nicht, thue das nicht,“ keuchte ich, während meine ganze Angſt zurückkehrte, denn der helle Tag iſt oft entſetzlicher als die Nacht. Penelope redete mir begütigend zu— mit jener Mütterlichkeit, die ſie angenommen, ſeitdem ich krank war, und der Sanftheit, die ſich in ihr entwickelt, ſeitdem ſie ſich glücklich fühlt und ihre Vereinigung mit Francis ſo nahe gerückt iſt. Mein gequältes Herz ſehnte ſich nach ihr, nach einem Weſen wie ich, einem guten Weſen, obſchon ich ſie früher nicht zu würdigen verſtand, denn damals war ich noch jung und thörigt und hatte niemals Sorge kennen gelernt, während dies mit ihr bereits der Fall war. Wie ich begann, weiß ich nicht— ich habe es nicht bereu't— eben ſo wenig als Max es bereute, denn ich glaube, hätte ich geſchwiegen, ſo wäre mir das Herz gebrochen, und ich erzählte meiner Schwe⸗ ſter Penelope ſofort die furchtbare Geſchichte. Ich ſehe ſie noch, wie ſie auf dem Bette ſaß und mit todtenbleichem Geſichte zuhörte, ihren Blick nicht auf mich, ſondern auf die entgegengeſetzte Wand geheftet. Sie ließ keinen Ausruf des Schmerzes oder des Abſcheues vor Max hören. Sie nahm Alles in ruhiger, gelaſſener Weiſe hin wie ich es durchaus nicht von ihr erwartet hätte. Sie ſprach kaum ein Wort, bis ich mit bitterm Schmerze rief: „Nun will ich zu Max. Laß mich aufſtehen und hinuntergehen, denn ich muß Max ſprechen.“ Nun ſahen wir beide Mädchen einander kläglich an, und meine Schweſter, meine glückliche Schweſter, welche in vierzehn Tagen vermählt werden ſollte, ſchloß mich in ihre Arme und ſchluchzte. — 86— „O Dora, mein armes, armes Kind!“ Alles Dies ſcheint ſchon lange Jahre her zu ſein und ich kann es ganz ruhig erzählen, bis ich an Penelope's Schluchzen denke. Und, und was geſchah dann? Ich entſinne mich, daß Penelope wieder eintrat, als ich mich eben an⸗ kleidete, und mir ganz in ihrer gewöhnlichen Weiſe ſagte, Papa wünſche dieſen Morgen mit ihr nach dem Cedernhauſe zu fahren. „Soll ich mitfahren, Dora?“ „Ja.“ „Vielleicht kannſt Du in unſerer Abweſenheit ihn ſprechen.“ „Dies iſt allerdings meine Abſicht.“ Sie drehte ſich um, kehrte dann noch einmal zurück und küßte mich. Ich vermuthe, ſie glaubte, dieſe Zuſammenkunft zwiſchen Max und mir werde ein ewiger Abſchied ſein. Der Wagen war kaum fort, als mir gemeldet ward, daß Doctor Urquhart ſich im Wohnzimmer befände. Harry— Harry ſeit zwanzig Jahren todt— mein eigener Bruder durch meinen Verlobten um⸗ gebracht! Ich bekenne, hätte ich dies gewußt, ehe er mein Verlobter war, den ich mit offenen Augen, mit ganzem Urtheile, ganzem Gewiſſen und ganzer Seele gewählt; den ich geliebt, nicht blos, weil er mich liebte, ſondern weil ich ihn liebte; den ich ehrte, auf den ich vertraute, ſo daß ſelbſt die Vermählung uns kaum vollſtändiger Eins machen konnte als wir bereits waren, hätte ich dies eher gewußt, ſo hätte ich ihn vielleicht nicht geliebt, ja, ich glaube, ich würde ihn niemals geliebt haben. Die Natur würde mich inſtinetgemäß davon zurückgehalten haben. Nun aber war es zu ſpät. Ich liebte ihn und ich konnte mich meiner Liebe zu ihm nicht entäußern— die Natur ſelbſt unterſagte dieſes Opfer. Es wäre geweſen, als riſſe ich mir das Herz aus der Bruſt. Er war halb mein eigenes Ich, und wenn ich mich auf dieſe Weiſe verſtümmelte, ſo konnte ich dann niemals wieder mein erſtes Ich ſein, ebenſowenig als er. Zwei lebende Weſen ſollten ſonach für Eins geopfert werden, welches vor zwanzig Jahren unab⸗ ſichtlich vernichtet ward! Konnte, ſollt? es ſo ſein? Der übrigen Welt ſteht es frei, in dieſer Sache ihr eigener Richter zu ſein, Gott und mein Gewiſſen aber iſt der meinige. Ich ging ruhig und mit vollkommen klaren Gedanken die Treppe hinunter. Bis zur letzten Minute, und als meine Hand ſchon die Thür des Zimmers berührte, ſprach mein Herz— welches nun ſchon jeden Schlag glücklicher Liebe längſt, längſt * — vergeſſen zu haben ſcheint— ein ſtilles, brünſtiges Gebet. Mar ſtand am Kamin und drehete ſich herum. Er und das ganze ſonnenhelle Zimmer ſchwamm einen Augenblick lang vor meinen Blicken— dann raffte ich meine Kraft zuſammen und berührte ihn. Er zitterte an allen Gliedern. „Max, ſetze Dich.“ Er ſetzte ſich. Ich kniete neben ihm nieder. Ich ſchloß ſeine Hände in die meinigen, aber immer noch ſaß er da wie von Stein. Endlich murmelte er: „Ich wollte Dich ſehen, blos noch ein Mal, um zu wiſſen, wie Du es trügeſt— um mich zu über⸗ zeugen, daß es Dich nicht auch getödtet— o, es iſt ſchrecklich! ſchrecklich!“ Ich ſagte, es ſei allerdings ſchrecklich, aber wir würden im Stande ſein, es zu tragen. „Wir?“ „Ja— wir.“ „Das kann nicht Dein Ernſt ſein.“ „Ja wohl iſt er es. Ich habe mir die ganze Sache überlegt und es iſt ſo.“ Er hielt mich mit ausgeſtreckten Armen von ſich ab und ſeine Augen ſchienen in meiner innerſten Seele zu leſen zu wollen. — „Sage mir die Wahrheit. Iſt es nicht Mitlei⸗ den— iſt es nicht blos Wilei Theodora?“ „O nein, nein!“ Ohne weiter ein Wort war die erſte Kriſis vorüber,— Alles, was unſer Elend zu einem getheilten Elend machte. Er öffnete die Arme und ſchloß mich wieder an den Ort, der mir gebührt— wo allein ich jemals wirklich ruhete, wo allein ich jemals zu ruhen wünſche, bis ich ſterbe. Max war, wie er ſagte, tagelang ſehr krank geweſen, und ſchien jetzt an Körper und Geiſt ſchwach zu ſein wie ein Kind. Was mich betraf, ſo war mein kindiſcher Sinn mit ſeiner Unwiſſenheit und Schwäche auf immer dahin. Ich habe ſpäter gedacht, daß in der tiefſten Liebe aller Frauen, ſei ſie auch noch ſo ehrerbietig, zuweilen ein bedeutendes mütterliches Flement liegt, gerade ſo wie mir an dieſem Tage vorkam, als ob Mar gewiſſermaßen in meiner Obhut ſtünde und ich viel älter wäre als er. Ich holte ein Glas Waſſer und ließ ihn es trinken— benetzte ſeine arme Stirn und trocknete ſie mit meinem Tuche, überredete ihn, ſich ruhig zurückzulehnen und eine lange Weile kein Wort zu ſprechen. Mehr als ein Mal aber und während ſein Haupt auf meiner Schulter ruhete, — 90— dachte ich an ſeine Mutter, die auch meine Mutter hätte ſein können— und wie, obſchon ſie ihn ſeit ſo vielen Jahren verlaſſen, ſie doch, wenn ſie Alles wußte, was er gelitten, ſich freuen mußte, zu wiſſen, daß es wenigſtens ein weibliches Weſen gab, welches, wenn der Himmel es erlaubte, ihn durch das ganze Leben mit der doppelten Liebe ſowohl des Weibes als der Mutter begleiten und auf jeden Fall ihm treu ſein würde bis in den Tod⸗ Treu bis in den Tod! Ja,— hier erneuerte ich dieſes Gelübde und wäre Harry ſelbſt gekommen und hätte dabei geſtanden, ſo würde ich daſſelbe gethan haben. Wiſſet, Ihr Alle, die Ihr dies vielleicht nach meinem Tode leſet: Es giebt zwei Arten von Liebe — die eine nur begierig zu erlangen, was ſie wünſcht, gleichgültig gegen alle Gefahren und faſt dem Himmel und der Erde trotzend— die andere, welche ſelbſt in ihrem verzweifelndſten Sehnen noch die Kraft hat, zu uns zu ſagen:„Wenn es recht iſt, zu unſerm Beſten, wenn es mit dem Willen Gottes überein⸗ ſtimmt.“ Dieſe letztere iſt, glaube ich, die wahre und geweihete Liebe, die deßhalb auch im Stande iſt, treu zu ſein bis in den Tod. Max und ich ſprachen kein Wort viten ob — 91— wir vermählt werden ſollten oder nicht— wir ſtell⸗ ten dies Alles einer höhern Macht anheim. Wir fühlten blos, daß wir einander ſtets treu ſein wür⸗ den und daß Gott ſelbſt nicht wollen konnte, daß irgend ein menſchlicher Wille oder eine menſchliche Gerechtigkeit uns trenne. Nachdem dies uns klar geworden, begannen wir Das in's Auge zu faſſen, was uns bevorſtand. Ich erzählte ihm die Geſchichte des armen Harry, ſo weit ich dieſelbe ſelbſt kannte, und dann begannen wir zu überlegen, wie die Wahrheit am beſten mei⸗ nem Vater beigebracht werden konnte. Und hier geſtatte man mir, Etwas zu geſtehen, was Max längſt verziehen hat, aber was ich bis jetzt kaum mir ſelbſt verzeihen kann. Max ſagte:„Und wenn Dein Vater die Geſchichte weiß, wird er ent⸗ ſcheiden, was werden ſoll.“ „Wie meinſt Du das?“ rief ich. „Wenn er Sühne verlangt, ſo muß ſie ihm werden, ſollte es auch durch die Hand des Geſetzes geſchehen.“ Nun erſt fiel mir ein, daß, obſchon Max ſicher war, ſo lange er kein Geſtändniß ablegte— denn die eigenthümlichen Umſtände von Harry's Tode ließen kein anderes Zeugniß gegen ihn übrig— doch ſobald dieſes Geſtändniß einmal veröffentlicht war— und dies war es, denn hatte ich es nicht Penelope geſagt?— ſein guter Name, ſeine Freiheit, ja ſogar ſein Leben in den Händen meiner Schweſter und meines Vaters lagen. Ein tödtlicher Schrecken bemächtigte ſich meiner. Ich klammerte mich an ihn, der mein Alles war in dieſer Welt, mir theurer als Vater, Mutter, Bruder oder Schweſter, und ich forderte ihn dringend und ſtürmiſch auf ſofort mit mir zu fliehen, irgendwohin bis an das äußerſte Ende der Erde, hinweg aus dem Bereiche der Gerechtigkeit und meines Vaters. Ich muß faſt außer mir geweſen ſein, ehe ich an Etwas denken konnte. Ich wußte kaum, was Alles darin lag, bis Max ſich endlich mit ernſter Miene von mir losmachte. „Es kann nicht Dein eigenes Ich ſein, welches dies ſagt— nicht Theodora.“ Und plötzlich, wie unzuſammenhängende und oft unvereinbare Dinge oft in ſolchen Augenblicken das Hirn durchzucken, dachte ich an die Scene meines Lieblingsdrama's, wo die Alternative Leben oder Ehre iſt, und die Geliebte zu dem Geliebten ſagt: „Nein, ſtirb!“ Ich hatte nicht geahnt, daß ich jemals zu meinem Max faſt dieſelben Worte zu ſagen haben würde. Ich ſprach ſie und kniete neben ihm nieder und — bat ihn um ſeine Verzeihung, daß ich von ihm be⸗ gehrt, ſo Etwas auch nur zu ſeiner Sicherheit und meinem Glücke zu thun. „Wir hätten nicht glücklich ſein können, mein Kind,“ ſagte er, indem er mit wehmüthigem, zärt⸗ lichem Lächeln mir die Haare glatt ſtrich.„Du weißt nicht, was es heißt, ein Geheimniß wie Blei auf dem Herzen laſten zu haben. Das meinige iſt mir jetzt leichter als es ſeit Jahren geweſen. Laß uns einen Entſchluß faſſen. Wann ſoll ich heute Abend wieder hierher kommen und es Deinem Vater erzählen?“ Max ward, indem er dies ſagte, bleich bis an die Lippen, aber immer noch tröſtete er mich. „Fürchte Dich nicht, mein Kind. Ich fürchte mich nicht. Nichts kann ſchlimmer ſein als was geweſen iſt— für mich. Ich war einſt ein Feigling, aber damals war ich noch ein Knabe und kaum im Stande, Recht von Unrecht zu unterſcheiden. Jetzt ſehe ich, daß es beſſer geweſen wäre, wenn ich die ganze Wahrheit ſofort erzählt und die ganze Strafe auf mich genommen hätte. Vielleicht wäre es nicht der Tod geweſen, oder wäre er es geweſen, ſo hätte ich auch nicht mehr als ſterben können.“ „Max! Max!“ „Still, ſtill!“ und er ſchloß mir die Lippen, ſo — daß ſie nicht ſtöhnen konnten.„Die Wahrheit iſt beſſer als Leben, ja beſſer ſogar als ein guter Name. Wenn Dein Vater die Wahrheit weiß, ſo wird alles Andere klar ſein. Bei ſeiner Entſcheidung werde ich beharren, möge ſie ausfallen, wie ſie wolle— er hat ein Recht darauf, Theodora,“ und ſeine Stimme ſchwankte;„ſage ihm ſpäter, daß, wenn Du mit mir vermählt worden wäreſt, es ihm nie an einem Sohne gefehlt haben würde— Deinem armen Vater.“ Dies waren beinahe die letzten Worte, welche Max in dieſer, der letzten Stunde ſprach, welche wir mit einander allein waren. Mehrere Minuten lang hielt er mich ſchweigend in ſeinen Armen und ich ſchloß die Augen und fühlte, wie in einem Traume befangen, den Sonnenſchein und den Blumen⸗ duft, und hörte das laute Gezwitſcher der beiden Canarienvögel in Penelope's Gewächshauſe. Und dann, noch einen einzigen Kuß, drängte er mich mit ſanfter Gewalt von meinem Flatze herab und liéß mich allein. Seit jenem Augenblicke bin ich ſtets allein ge⸗ weſen— Gott weiß, wie allein. Das Uebrige kann ich heute nicht erzählen. Viertes Rapitel. Seine Geſchichte. Dies iſt wahrſcheinlich der letzte jener„niemals abgeſendeten Briefe“, der Dir eines Tages zugehen wird— wann aber oder wie, das wiſſen wir nicht. Alles, was iſt, iſt zum Beſten. Du ſagſt, Du hielteſt es für räthlich, daß ein genauer ſchriftlicher Bericht über Alles, was zwiſchen Deiner Familie und mir ſelbſt am Tage unſeres Scheidens vorfiel, vorhanden ſei, damit meine fernere Handlungsweiſe nicht falſch beurtheilt werde. Sei dem ſo. Mein guter Name iſt werth, daß er bewahrt bleibe, denn es müßte Dir ſonſt ſtets zur Schande gereichen, daß Max Urquhart Dich geliebt. Da dieſer Bericht genau und umſtändlich ſein ſoll, ſo wird es vielleicht beſſer ſein, wenn ich ihn — 96— 1 nicht ſowohl an eine Perſon richte, ſondern mehr wie ein Actenſtück halte als wie einen Brief. Am 9. Februar 1857 ging ich nach Rockmount, um Theodora Johnſton zum erſten Male zu ſehen, nachdem ſie erfahren, daß ich vor langer, langer Zeit ihren Halbbruder Henry Johnſton um's Leben gebracht, nicht abſichtlich, ſondern in einer Anwand⸗ lung von trunkener Wuth. Ich kam einfach, um ihr theures Antlitz noch einmal zu ſehen und ſie zu fragen, auf welche Weiſe ihr Vater am beſten den Schlag dieſes meines Geſtändniſſes ertragen würde, ehe ich den zweiten Schritt thäte, mich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, oder auf irgend eine andere Weiſe, welche Mr. Johnſton beſtimmen würde, mein Verbrechen zu ſühnen. Ihm und ſeiner Familie ſchuldete ich mein Leben, und ich ſtellte ihnen anheim, darüber oder über mich auf die ihnen am beſten ſcheinende Weiſe zu verfügen. Mit dieſen Abſichten ging ich zu Theodora. Ich kannte ſie genau. Ich war überzeugt, daß ſie mich bemitleiden, daß ſie mir ihre Verzeihung vor unſerer ewigen Trennung nicht verweigern, daß, obſchon das an meinen Händen klebende Blut halb das ihrige war, ſie mich doch nicht weniger gerecht oder barm⸗ herzig oder chriſtlich beurtheilen würde. Ich kam zu ihr als zu einer Chriſtin— wie ich ſchon früher — 97— einmal in einer Gewiſſensfrage zu ihr gekommen war— aber auch zu der Perſon, die meine Freundin geweſen, mit allen Rechten und Ehren dieſes Namens, ehe ſie mir mehr und etwas Theureres ward. Und ich war dankbar dafür, daß das geringere Band in das größere eingeſchloſſen worden, ſo daß nicht beide gänzlich vernichtet und gelöſ't zu werden brauchten. Ich fand nicht blos meine Freundin, auf die ich mich vor allen Andern verlaſſen konnte, ſondern auch meine Geliebte, die, da ſie mich geliebt, ehe dieſer Streich fiel, ſich immer noch an mich anklam⸗ merte, und glaubte, daß Gott, der uns zuſammen⸗ gefügt, nicht dulden würde, daß uns Etwas trenne. Wie ſie mir dies Alles begreiflich machte, werde ich hier nicht erzählen, denn es betrifft nur uns allein. Als ich endlich neben ihr niederknieete und ihre geſegneten Hände küßte— meine Heilige und doch ganz Weib und ganz mein eigen— da fühlte ich, daß meine Sünde bedeckt war, daß der Allbarm⸗ herzige Erbarmen mit mir gehabt. Während ſo viele Jahre lang ich elendiglich meinem eigenen Syſtem der Buße gefolgt war, mir alle Freuden des Lebens verſagt und mich in jeden möglichen Strahl der Rechtſchaffenheit, den ich finden konnte, gehüllt, hatte der Herr mich plötzlich einen Leben um Leben. 1v. 7 8— andern Weg geführt, indem er mir die Liebe dieſes Kindes ſendete, um mich erſt zu tröſten und dann zu zerſchmettern, damit ich, nachdem ich gänzlich zermalmt, zerbrochen und gedemüthigt wäre, wieder geheilt würde. Jetzt zum erſten Male war mir zu Muthe wie einem Menſchen, der die Möglichkeit ſieht, wieder geheilt zu werden. Ihr Vater konnte mich in den Tod hetzen, das Geſetz konnte mich packen, der gute Ruf, mit welchem ich mich gedeckt, konnte in Fetzen zerriſſen und den Winden preisgegeben werden, aber dennoch war ich ſelbſt unverſehrt, ich war wieder ich, der wahre Max Urquhart, ein elender Sünder, aber nicht mehr ohne Verzeihung oder ohne Hoffnung. „Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zur Buße zu rufen, ſondern die Sünder.“ Dieſer Spruch traf die rechte Stelle. O, daß ich ihn jedem bekümmerten, elenden Herzen ſo ein⸗ prägen könnte, wie er ſich dem meinigen einprägte! O, daß ich in die äußerſten Winkel der Erde dieſe Botſchaft tragen könnte, das Evangelium, an welches Dallas glaubte, das einzige, welches Macht genug beſitzt zur Erlöſung dieſer leidensvollen Welt — das Evangelium des Erbarmens und der Ver⸗ gebung der Sünden! Während ſie noch mit mir ſprach— dieſe meine Heilige, Theodora— war es mir, als ſpräche Dallas ſelbſt, gleich einem Apoſtel, durch ihren Mund. Sie ſagte, als ich verwundert der Klarheit ihrer Beweisgründe zuhörte, ſie wiſſe kaum, wie dieſelben ihr in die Gedanken gekommen ſeien; ſie ſchienen von ſelbſt zu kommen und ſie ſei überzeugt, daß ſie wahr ſeien. Und, ſetzte ſie in ehrfurchts⸗ vollem Tone hinzu, ſie ſei eben ſo überzeugt, daß, wenn Chriſtus von Nazareth an dieſem Tage an der Thür von Rockmount vorüberginge, das einzige Wort, welches er nach Allem, was ich gethan, zu mir ſagte, ſein würde: Deine Sünden ſind Dir vergeben— ſtehe auf und wandle. Und ich that es. Ich verließ das Haus als ein ganz anderer Menſch. Meine jahr⸗lange Bürde war mir auf immer abgenommen. Ich verſtand, was es heißt, von Neuem geboren zu werden. Ich konnte mir, wenn auch nur unklar, denken, was Die gefühlt haben mußten, die zu den Füßen des Göttlichen ſaßen und auf den ſonnigen Ebenen von Galiläa einherwandelten und Gott prieſen. Ich ſchritt über das Moorland aufrecht, die Augen auf den blauen Himmel geheftet, mit einem — 100— Herzen, ſo weich und ſo jugendlich, wie das eines Kindes. Ich blieb ſogar nach Kinderart ſtehen, um ein vereinzeltes Veilchen unter einem Baume auf einem Heckenwege zu pflücken, welches hervörlugte, als wünſchte es, zu erkunden, ob bald der Frühling käme. Es erſchien mir ſo ſchön, daß es mir war, als hätte ich, ſeitdem ich ein Knabe war, nie wieder ein Veilchen geſehen. Ich will die ganze Wahrheit erzählen— ſie wünſcht es. So ſeltſam es auch ſcheinen mag und obſchon Stunde für Stunde die Zeit näher brachte, welche ich beſtimmt hatte, in Rockmount zu ſein, um einem Vater zu bekennen, daß ich der Mörder ſeines einzigen Sohnes geweſen, ſo war doch dieſer Tag kein unglücklicher. Ich verbrachte ihn größtentheils im Freien auf dem Moorlande, in der Nähe eines Gaſthauſes an der Landſtraße, wo ich einige Tage gewohnt, und trank in begierigen Zügen die Schönheit dieſer äußern Welt und fühlte auch das äußere Leben ſchön, obſchon es Nichts war gegen das erneuete Leben in meinem Innern, welches ich niemals wieder verlieren ſollte, niemals— auch wenn ich den nächſtfolgenden Tag in's Gefängniß wandern und vor der Welt als ein überführter Todtſchläger daſtehen mußte. Ja, ich glaube, ich hätte unter jenen gaffenden — 101— Tauſenden, die einſt mein Schrecken waren, das Schaffot beſteigen und ruhig ſterben können, denn ich fühlte jetzt weder Schuld noch Furcht. So viel über mich ſelbſt, was weſentlich zur Erläuterung deſſen beitragen wird, was in der Unter⸗ redung geſchah, die ich nun zu erzählen habe. Theodora hatte gewünſcht, die ſchwere Aufgabe zu übernehmen und Alles ihrem Vater zu erklären und auseinander zu ſetzen. Ich wollte dies aber nicht geſtatten und endlich gab ſie nach. Die Sache kam aber anders als wir Beide beabſichtigt hatten, denn er erfuhr die Geſchichte zuerſt von ſeiner Tochter Penelope. In dem Augen⸗ blicke, wo ich in das Studirzimmer trat, war ich überzeugt, daß Mr. Johnſton Alles wußte. Möge kein Sünder, wenn er auch geheilt iſt, ſich dem Wahne hingeben, daß ſeine Wunde niemals wieder ſchmerzen werde. Er wird nicht ſogleich ein ganzer und geſunder neuer Menſch; er kann nur allmählig und unter vielen wiederkehrenden Schmerzen in den Zuſtand der Geſundheit übergehen. Wenn Jemand glaubt, ich hätte ohne einen tödtlichen Schmerz, welcher mich für den Augenblick wünſchen ließ, daß ich niemals geboren worden, vor dieſen alten Mann treten können, ſo irrt er ſich. Aber es kamen Erleichterungen. Die erſte war, zu ſehen, daß der alte Mann lebend und wohlauf hier ſaß, obſchon von der Wahrheit vollkommen unterrichtet, was ſchon ſeit einiger Zeit der Fall ſein mußte, denn ſeine Züge waren gefaßt, ſein Thee ſtand neben ihm auf dem Tiſche und es lag eine aufgeſchlagene Bibel vor ihm, in welcher er geleſen. Auch ſeine Stimme hatte nichts Unnatür⸗ liches oder Beunruhigendes, während er, ohne mich anzuſehen, der Magd befahl, Doctor Urquhart einen Stuhl zu bringen, und wenn Jemand käme, zu ſagen, daß wir dringend beſchäftigt ſeien. Somit war die Thür geſchloſſen und wir waren mit einander allein. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo richtete er ſeine Augen auf mich. Es iſt genug, einmal in ſeiner ganzen Lebenszeit einen ſolchen Blick ertragen zu haben. „Mr. Johnſton,“ hob ich an, aber er unter⸗ brach mich. „Sprechen Sie nicht,“ ſagte er.„Was Sie gekommen ſind, mir zu ſagen, weiß ich bereits. Meine Tochter hat es mir heute Morgen erzählt. Und ich bin ſeit dieſer Zeit bemüht geweſen, zu finden, was meine Kirche zu Dem ſagt, Blut vergießt, was ſie einem Vater zu dem Mi ſeines Kindes zu ſagen befiehlt. Mein Harry, mein einziger Sohn, und Sie ermordeten ihn. Die Worte, welche nun folgten, ſollen heilig ſein. Wenn ſie in gewiſſem Grade ungerecht waren und über die Wahrheit hinausgingen, ſo darf ich deß⸗ wegen doch nicht murren. Ich glaube nicht, daß die Flüche, welche er mit ſeinen eigenen Worten und denen der heiligen Schrift auf mich häufte, in Er⸗ füllung gehen werden, denn die andern und gött⸗ licheren Worte, welche ſeine Tochter mich lehrte, ſtehen wie ein Schild zwiſchen ihm und mir⸗ Ich wiederholte ſie mir ſelbſt während meines Schweigens und war auf dieſe Weiſe im Stande, Alles zu ertragen. Als er ſchwieg und mir befahl, zu ſWehen entgegnete ich blos einige Worte, nämlich daß ich hier ſei, um mein Leben für das ſeines Sohnes zu bieten, daß er mit mir thun könne wie er wolle. „Und dies heißt, daß ich Sie der Gerechtigkeit überantworten, verurtheilen und hinrichten laſſen ſoll— Sie, Doctor Urquhart, von dem die Welt eine ſo gute Meinung hat. Ich könnte es erleben⸗ Sie am Galgen zu ſehen.“ Seine Augen ſtierten, ſein ganzer Körper zitterte krampfhaft. Ich bat ihn, ſich zu beruhigen, um ſeiner eigenen Geſundheit und um ſeiner Kinder willen. „Ja, ich will es; ſo alt ich auch bin, ſo ſoll dies doch mich nicht tödten. Ich will leben, um 6 Vergeltung zu fordern. Mein Sohn, mein armer ermordeter Harry! ermordet— ermordet!“ Er wiederholte dieſes Wort noch viele Mal, bis ich endlich ſagte: „Wenn Sie die ganze Wahrheit wiſſen, ſo muß Ihnen auch bekannt ſein, daß ich nicht die Abſicht hatte, ihn zu morden.“ „Wie, Sie ſuchen Milderungsgründe geltend zu machen? Sie wünſchen der Strafe zu entrinnen? Aber das ſollen Sie nicht! Ich will Sie hier in meinem Hauſe feſtnehmen laſſen— Sie dürfen nicht von der Stelle!“ „Gut, ſei es ſo!“ Und ich ſetzte mich. Das Ende war ſonach da. Das Leben und alle ſeine Hoffnungen, alle ſeine Werke waren für mich vorüber. Ich ſah in einer einzigen Secunde Alles, was nun kommen mußte— die Gerichtsver⸗ handlung, die Ueberführung, das Zeitungsgeſchwätz über meinen Namen— meine Miſſethaten über⸗ trieben, während man auf meine guten Thaten mit dem Finger der Verachtung zeigte, was vielleicht der —— herbſte Schmerz von allen war— einen einzigen ausgenommen— Theodora! Ob ich ihren Namen nannte, oder ihn blos dachte, kann ich nicht ſagen. Jedoch, er führte ſie herbei. Ich fühlte, daß ſie im Zimmer war, obſchon ſie an der Seite ihrer Swfer ſtand und ſich mir nicht näherte. Noch einmal ſage ich. Möge Niemand behaupten, daß die Sünde nicht ihren Lohn bringe, welcher bezahlt werden muß. Dem, welcher dies bezweifelt, wünſchte ich, ſitzen zu müſſen, wie ich ſaß, die Mienen des Vaters und der Töchter beobachtend und an das Todtenantlitz denkend, welches in jener Mitternacht auf der Ebene von Salisbury an meinem Knie ruhete. „Kinder,“ hörte ich Mr. Johnſton ſagen,„ich— habe Euch rufen laſſen, damit Ihr Zeugen deſſen ſeiet, was ich im Begriff ſtehe, zu thun. Nicht aus perſönlicher Rache— dieſe würde ſich für einen Geiſtlichen nicht ziemen— ſondern weil Gott und Menſchen Vergeltung verlangen für das vergoſſene Blut. Hier ſitzt der Mann, welcher Harty ermordet hat. Wäre er auch der beſte Freund, den ich jemals gehabt, ſtünde er in meiner Achtung auch noch ſo hoch, ſo muß ich doch, nachdem ich dies entdeckt, Vergeltung haben.“ 5 — 106— „Wie, Vater?“ fragte nicht ihre Stimme, ſondern die ihrer Schweſter. Ich muß Penelope Johnſton volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Obſchon ſie es war, welche mein Geheimniß ihrem Vater erzählt, ſo that ſie es doch nicht aus Bosheit. Wie ich ſpäter erfuhr, hatte der Zufall ihre Converſation auf eine ſolche Bahn geleitet, daß ſie nur dadurch hätte ausweichen können, daß ſie die Wahrheit durch eine directe Lüge verrathen hätte. Bei allen ihren Schroffheiten iſt doch der vorherrſchende Zug ihres Charakters die Wahrhaf⸗ tigkeit deſſelben, oder vielmehr ihr Abſcheu vor der Lüge. Ja, ihre grimmige Verſchmähung jeder Art von Doppelzüngigkeit iſt von der Art, daß ſie das Verbrechen mit dem Verbrecher vermengt, und, wenn ſie einmal getäuſcht worden, niemals verzeihen kann — wie zum Beiſpiel in der Sache mit Lydia Cart⸗ wright, deren Kenntniß mir dieſen Einblick in Miß Johnſton's Eigenthümlichkeit verſchaffte. Obſchon daher der Zufall ſie bewog, mein Ge⸗ ſtändniß zu verrathen, ſo zweifle ich doch nicht daran, daß ſie es mit der buchſtäblichſten Genauigkeit that und gegen mich weder als Feind, noch als Freund auftrat, ſondern als einfache Berichterſtat⸗ terin von Thatſachen. Auch in der Frage, welche — 107— ſie jetzt an ihren Vater richtete, lag keine perſönliche Feindſeligkeit gegen mich. Sie machte ihn ein wenig ſtutzig. „Wie ſagteſt Du, Vater? Du willſt das Geſetz walten laſſen, vermuthe ich.“ „Einen andern Weg giebt es nicht.“ „Und wenn dem ſo iſt, was wird die Folge ſein? Ich meine, was wird geſchehen?“ „Das weiß ich nicht— wie ſoll ich es wiſſen?“ „Vielleicht weiß ich es, denn ich habe die Frage den ganzen Tag überdacht und ſtudirt,“ antwortete Miß Johnſton in demſelben kalten, klaren, unpar⸗ teiiſchen Tone.„Natürlich wird er vor Gericht geſtellt werden. In Deinem Taylor über den Indi⸗ cienbeweis, Vater, finde ich, daß ein Menſch auch blos auf ſein eigenes Geſtändniß hin gerichtet und verurtheilt werden kann. In dem vorliegenden Falle aber, wo das freiwillige Geſtändniß durch Nichts unterſtützt wird und die ganze Sache ſchon ſo lange her iſt, wird man das Verbrechen ſchwerlich als ein todeswürdiges betrachten. Ich glaube, keine Jury wird ein härteres Verdict fällen als auf culpoſe Tödtung. Er wird demzufolge Gefängnißſtrafe be⸗ kommen oder nach Auſtralien deportirt werden, wo er bei ſeinem ſonſt tadelloſen Charakter ſehr bald ſeine Freiheit wieder erlangen und in einem andern * Lande ſeine Carriere wieder von Neuem beginnen wird, ohne daß wir Etwas dagegen thun können. Dies, glaube ich, iſt die praktiſche Anſicht von der Sache.“ So viel Erſtaunen Mr. Johnſton auch durch ſeine Blicke verrieth, gab er doch keine Antwort. Seine Tochter fuhr fort: „Und Du und wir werden uns dann nachſagen laſſen müſſen, daß wir in unſerm eigenen Hauſe einen Mann haben feſtnehmen laſſen, der ſich unſerer Barmherzigkeit in die Arme geworfen, der, obſchon er ſeine Schuld verheimlichte, ſie doch niemals leug⸗ nete, der uns überhaupt in keiner Beziehung getäuſcht hat. In dem Augenblicke, wo er die ganze Wahrheit entdeckte, ging er ihr, ſo furchtbar ſie auch war, nicht aus dem Wege und verbarg ſie eben ſo wenig vor uns, ſondern ſetzte, es auf alle Gefahren an⸗ kommen laſſend, uns offen davon in Kenntniß. Er iſt übrigens ein Mann, dem wir in ſeinem ganzen Leben blos dieſes eine Verbrechen nachweiſen können.“ „Wie? nimmſt Du ſeine Partie?“ „Nein,“ ſagte ſie;„ich wollte, er wäre geſtorben, ehe er einen Fuß in dieſes Haus geſetzt hätte— denn ich kann mich Harry's noch entſinnen. Ich ſehe aber auch, daß nach Verlauf ſo vieler Jahre — 909— Harry nicht der Einzige iſt, an den wir denken müſſen.“ „Ich denke an Nichts als an die Worte dieſes Buches,“ rief der alte Mann, indem er ſeine Hand ſchwer darauf fallen ließ:„Wer Menſchenblut ver⸗ geußt, deſſen Blut ſoll wieder vergoſſen werden.“ Was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung zu ſagen, Mörder?“ Während dieſer ganzen Zeit hatte ſie, die mich liebte, ihrem gegebenen Verſprechen treu, ſich nicht eingemiſcht; als ſie ihn mich aber ſo nennen hörte, zitterte ſie am ganzen Körper und ſah mich an. Es war ein mitleidiger bittender Blick, aber Gott ſei Dank, es lag kein Zweifel darin— nicht der Schatten einer Veränderung. Er gab mir Muth, zu antworten, was ich hier um meinet⸗ und ihretwillen mit aufteichnen will. „Mr. Johnſton,“ entgegnete ich,„ich habe Fol⸗ gendes zu ſagen. Es ſteht geſchrieben:„Wer ſeinen Bruder haßt, iſt ein Mörder,“ und in dieſem Sinne bin ich einer, denn ich haßte ihn damals, aber ich hatte keineswegs die Abſicht, ihn umzubringen— und den Augenblick darauf hätte ich bereitwillig mein Leben für das ſeinige hingegeben. Wenn jetzt noch mein Tod Ihnen Ihren Sohn wiedergeben, ihn lebendig machen könnte, wie gern wollte ich ſterben!“ „Sterben wollten Sie und Ihrem Schöpfer gegenübertreten? Als ein Todtſchläger, der noch keine Verzeihung gefunden? Als eine verlorene Seele?“ „Mag ich leben oder ſterben,“ ſagte ich demüthig, „ſo hoffe ich doch zuverſichtlich, daß meine Seele nicht verloren iſt. Ich habe eine große Schuld auf mich geladen, aber ich glaube an Den, der jedem Sünder auf Erden das Evangelium der Reue und der Ver⸗ gebung der Sünden gebracht hat.“ Nun aber brach das Anathema los— nicht blos des Vaters, ſondern auch des Theologen, der die jüdiſche Lehre von der Blutrache während dieſes Lebens mit dem chriſtlichen Glauben an Lohn und Strafe, und die moſaiſche Gehenna mit der calvi⸗ niſtiſchen Hölle vermengte. Ich will. nicht alles Dies wiedererzählen, es war entſetzlich; aber er ſprach blos wie er glaubte und wie viele eifrige Chriſten wirklich glauben. Ich in aller Demuth denke, daß der Herr ſelbſt ein anderes Evangelium predigte. Ich ſah es aus ihren Augen ſtrahlen, aus den Augen meines Engels des Friedens und der Verzeihung. O Du, von dem alle Liebe kommt, war es — gottlos, wenn die Liebe dieſes Deines Geſchöpfes gegen einen ſo Unglücklichen mir erſchien wie eine Verſicherung der Deinigen? Endlich hörte ihr Vater auf zu ſprechen— ergriff eine Feder und begann heſtig zu ſchreiben. Miß Johnſton näherte ſich ihm und ſah ihm über die Schulter. „Papa,“ ſagte ſie,„wenn dies ein Verhaftsbefehl iſt, den Du da ausfertigſt, ſo überlege Dir die Sache lieber noch einmal, denn als Friedensrichter kannſt Du ihn dann nicht wieder zurücknehmen. Wenn Du Doctor Urquhart zur gerichtlichen Unterſuchung ziehen läſſeſt, ſo mußt Du darauf gefaßt ſein, daß die ganze Wahrheit an den Tag kommt. Er muß ſie ſagen, oder wenn er Dora und mich als Zeu⸗ ginnen aufruft— denn ſie befindet ſich bereits im Beſitze ſeines ſchriftlichen Bekenntniſſes— ſo müſſen wir ſie ſagen.“ „Ihr müßt ſagen— was denn?“ „Daß Doctor Urquhart zu ſeiner That gereizt worden, daß Harry ihn, einen jungen Menſchen von neunzehn Jahren, zum Trinken verleitete— ihm die Beſinnung raubte und ihn beſchimpfte und verhöhnte — Alles muß dann an's Licht kommen— wie Parry ſo tief geſunken war, daß wir von der Stunde ſeines Todes an dankbar dafür waren, vergeſſen zu —— können, daß er jemals gelebt— daß er ſtarb, wie er gelebt— als ein feiger Prahler und Raufbold, der ſich an Jeden machte, von dem er Geld zu ziehen gedachte, der ſeine Talente nur zu ſeiner Schande anwendete, ohne einen einzigen Funken von Red⸗ lichkeit, Ehre und Edelmuth zu beſitzen. Es iſt furchtbar, dies von ſeinem eigenen Bruder ſagen zu müſſen, aber, Vater, Du weißt, daß es die Wahrheit iſt, und als ſolche muß es geſagt werden.“ Erſtaunt hörte ich ihr zu— dieſer älteſten Schweſter, die, wie ich wußte, mir abgeneigt war. Ihr Vater ſchien eben ſo überraſcht zu ſein, bis endlich ihre Argumente ihn augenſcheinlich unruhig machten. „Haſt Du irgend einen Beweggrund, dies Alles zu ſagen?“ fragte er haſtig und nicht ohne Auf⸗ regung;„warum ſagſt Du es, Penelope?“ „Theils um meiner ſelbſt willen, obſchon der große öffentliche Scandal Francis und mich wenig berühren wird, denn wir werden binnen Kurzem England verlaſſen. Um der Familie willen aber — um Harry's willen— nachdem alle ſeine Schlech⸗ tigkeiten und unſer Kummer über ihn ſeit zwanzig Jahren glücklich bemäntelt worden— überlege Dir es, Vater.“ Sie traf ihn tiefer als ſie wußte. Ich hatte ſchon früher, als ich faſt noch ein Fremdling im Hauſe war, es errathen, jetzt aber verrieth ſich die ganze Lebensgeſchichte dieſes alten Mannes in einem einzigen Stöhnen, welches ſich der innerſten Tiefe der Vaterſeele entrang. „Eli— der Prieſter des Herrn— ſeine Söhne waren laſterhaft und er that ihnen nicht Einhalt. Deßhalb ſtarben ſie beide an einem und demſelben Tage; es war der Wille des Herrn.“ Niemänd wagte das ehrerbietige Schweigen zu brechen, welches folgte. Er brach es endlich ſelbſt, indem er auf die Thür zeigte. „Geh', Mörder, oder Todtſchläger, oder was Du immer biſt, Du mußt frei ausgehen. Vorher aber mußt Du mir verſprechen— nein, Du mußt mir ſchwören— daß Du das Geheimniß, welches Du ſo lange behalten, nun für immer bewahren willſt.“, „Sir,“ ſagte ich, aber er unterbrach mich in heftigem Tone: „Kein Zögern— keine Erklärungen— ich will keine haben, keine geben. Wie Sie ſagten, Ihr eben iſt mein— ich kann damit thun, wie mir beliebt. Aber beſſer iſt es, Sie gehen ſuſ us Leben um Leben. 1v.. — 114— als daß ich und die Meinigen geſchändet würden. Gehorchen Sie mir! Verſprechen Sie!“ Ich that es. So wurden auf andere und noch ſeltſamere Weiſe meine Entſchlüſſe vereitelt, mein Schickſal für mich entſchieden und ich muß dieſes Geheimniß be⸗ wahren bis an's Ende. „Nun gehen Sie. Bringen Sie die halbe Erde zwiſchen uns, wenn Sie können— nur gehen Sie!“ Wieder drehete ich mich herum, um zu gehorchen. Blinder Gehorſam ſchien die einzige Pflicht zu ſein, die mir übrig blieb. Ich hätte ſogar das Haus mit einem Gefühl gänzlicher Gleichgültigkeit gegen Alles verlaſſen können, wenn ich nicht wie in einem Traume ein leiſes Weinen vernommen hätte. Ihr Vater vernahm es auch. „Dora,“ ſagte er,„ich hatte es ganz vergeſſen. Es beſtand eine gewiſſe Zuneigung zwiſchen Ihnen und Dora. Tochter, ſage ihm Lebewohl und laß ihn gehen.“ 6 Aber ſie ſagte— meine Liebe ſagte, mit ihrer ſanften deutlichen Stimme: „Nein, Papa, ich bin nicht geſonnen, ihm Lebe⸗ wohl zu ſagen— nämlich nicht auf immer— nie⸗ mals, ſo lange ich lebe!“ Ihr Vater und ihre Schweſter waren beide ſo erſtaunt, daß ſie ſie anfangs nicht em ſondern weiter ſprechen ließen. „Ich gehörte Max, ehe alles Dies geſchah,“ fuhr ſie fort.„Wenn es erſt in einem Jahre geſchehen und ich ſein Weib geweſen wäre, ſo würde dies unſere Ehe nicht gelöſ't haben. Auch jetzt darf dies nicht ſein. Wenn zwei Menſchen einander das ſind, was wir ſind, dann ſind ſie ſo gut wie vermählt und haben kein Recht, ſich zu trennen, ebenſo⸗ wenig als Mann und Weib es haben, wenn nicht Eins von Beiden gottlos wird oder Beide anderen Sinnes werden. Ich bin nicht geſonnen, mich von Max Urquhart zu trennen.“ Sie ſprach ſchüchtern und ſtand mit gefalteten Händen und geſenktem Haupte da, dabei aber ſtill und ſtandhaft wie ein Felſen. Meine Geliebte!— meine Geliebte! Standhaft! Sie hatte nöthig, es zu ſein Was ſie während der nächſten Minuten zu ertragen hatte, würde ſie, wie ich überzeugt bin, hier nicht wieder⸗ holt zu ſehen wünſchen. Sie weiß es und ich weiß es auch. Sie weiß auch, daß jeder Stoß, welchen ich ſie um meinetwillen verwunden ſah, meinem Herzen als eine Schuld gezählt iſt, die n bezahlt werden muß, wenn mlit e 8 Denen, die einander lieben, überhaupt Schulden beſtehen können. Sie ſagt, es dürfe nicht ſein. Und doch ſoll es geſchehen, wenn ſie je mein Weib wird. Man ſpricht davon, daß mancher Mann für ein Weib ſterben wolle, aber größer iſt es, für ſie zu leben— für ſie zu leben, mit dem ganzen Sein und Weſen— für ſie zu arbeiten, ſie aufrecht zu erhalten und zu erheitern— ihre tägliche Exiſtenz mit Zärtlichkeit und Liebe zu erfüllen. Wenn ſie jemals mein Weib wird, ſo wird ſie finden, was ich meine. Nachdem Mr. Johnſton Alles geſagt, was er ſagen konnte, fragte er ſie, wie ſie es wagen könne, an mich zu denken, an mich, der ich mit dem Blute ihres Bruders und dem Fluche ihres Vaters be⸗ laden ſei.. Sie ward todtenbleich, ſchwankte aber keinen Augenblick. „Der Fluch, der keinen Grund hat, wirt nicht in Erfüllung gehen,“ ſagte ſie.„Was das Blut an ſeiner Hand betrifft, ſo macht es keinen Unterſchied, ob es das Harry's iſt, oder das eines Fremden— es iſt ſchon längſt abgewaſchen. Er hat längſt bereu't. Wenn Gott ihm vergeben und geholfen hat, zu ſein, wa er iſt, und den Wandel zu führen, — 117— den er ſchon ſeit ſo langen Jahren geführt, warum ſollte ich ihm nicht auch vergeben? Und wenn ich ihm vergebe, warum ſoll ich ihn nicht lieben? Und wenn ich ihn liebe, warum ſoll ich meinem Ver⸗ ſprechen untreu werden und mich weigern, ſein Weib zu werden?“ „Du biſt alſo geſonnen, ihn zu heirathen?“ fragte ihre Schweſter. „Mit der Zeit— wenn er es wünſcht— ja!“ Von dieſem Augenblicke an entſinne ich mich ſelbſt kaum, was geſchah. Ich ſehe ſie blos noch daſtehen, ihr ſüßes Antlitz bleich wie der Tod, ohne zu ſtöhnen und auf keine der Beſchuldigungen, mit welchen ſie überhäuft ward, antwortend, ausge⸗ nommen wenn ihr befohlen ward, auf mich zu ver⸗ zichten, gänzlich und immerdar. „Ich kann nicht, Vater. Ich habe nicht das Recht, es zu thun. Ich gehöre ihm; er iſt mein Gatte.“ Endlich ſagte Miß Johnſton zu mir in für ſie ziemlich ſanftem Tone: „Ich glaube, Doctor Urquhart, es wird am beſten ſein, wenn Sie gehen“ Theodora ſah mich an und dann ihren armen Vater. Dann ſagte auch ſie: „Ja, Max, geh'“.“ — 118— Und dann verlangte man von ihr, ſie ſolle verſprechen, mich niemals wieder zu ſehen, und eben ſo wenig an mich zu ſchreiben; aber ſie weigerte ſich. „Vater, heirathen will ich ihn noch lange nicht, wenn Du es einmal nicht willſt— verlaſſen aber kann ich ihn nicht. Ich muß an ihn ſchreiben. Ich bin ſein Eigenthum und er hat blos mich. O, Papa, denk' an Dich und meine Mutter.“ Und ſie fiel ihm ſchluchzend zu Füßen. Er mußte an Harry's Mutter gedacht haben, nicht an die ihrige, denn dieſer Ausruf machte ihn nur noch härter. Theodora erhob ſich und reichte mir ihre kleine Hand. „Du wirſt finden, daß ſie feſthalten kann— Du haſt mein Verſprechen. Aber auch ohnedies wäre es ganz eben ſo geweſen. Keine Liebe ver⸗ lohnt des Beſitzes, die nicht mit oder ohne Verſprechen treu bleiben kann bis in den Tod. Du kannſt auf mich bauen. Und nun leb' wohl, leb' wohl, mein Max!“ Mit dieſem einen Händedrucke, dieſem einen Blicke in ihre liebenden, treuen Augen ſchieden wir. Ich habe ſie ſeitdem nicht wieder geſehen. ** * 44%— Dieſe Darlegung, die ſo genau iſt, wie ich ſie machen kann, ausgenommen, was jene freiwilligen Auslaſſungen betrifft, welche Du, wie ich glaube, ſelbſt gewünſcht haben würdeſt— ſiegele ich hiermit ein, damit ſie Dir nebſt jenen andern Briefen einge⸗ händigt werde, im Fall ich ſterben ſollte, während Du noch Theodora Johnſton biſt. Ich habe auch mein Teſtament gemacht, Dich zur Erbin aller meiner Habe eingeſetzt, Dich zur alleinigen Vollſtreckerin ernannt und mit Einem Worte genau in dieſelbe Stellung verſetzt, als wenn Du mein Weib geweſen wäreſt. So iſt es am beſten, damit auf keinen Fall das Geheimniß durch Ver⸗ muthungen irgend einer nicht zu Deiner Familie gehörenden Perſon an den Tag komme, ſo wie ich glaube, daß dies das iſt, was Du ſelbſt wünſchen würdeſt. Du ſagteſt ſehr wahr: Ich habe blos Dich! Noch ein Wort, welches ich in meinen gewöhn⸗ lichen Briefen nicht erwähne, damit ich Dich nicht durch Etwas bekümmere, was ſich vielleicht blos als eine Grille von mir herausſtellt. Zuweilen bei der ſchweren Arbeit dieſes meines Lebens hier beginne ich zu fühlen, daß ich nicht mehr ein junger Mann bin und daß die Reaction der großen geiſtigen und körperlichen Anſtrengung der letztvergangenen Monate meine ſonſt ſo rüſtige Kraft bedeutend vermindert hat. Nicht als ob ich glaubte, bald zu ſterben— durchaus nicht. Ich habe eine gute Conſtitution, die ſich bis jetzt gut gehalten hat und ſich auch noch einige Zeit halten wird, obſchon nicht immer, und ich bin beinahe funfzehn Jahre älter als Du. Es iſt ſehr leicht möglich, daß, ehe eine Ver⸗ änderung eintreten kann, ich Dich verlaſſe— als Witwe, obſchon Du niemals Gattin geweſen. Es iſt ſehr leicht möglich, daß wir in Folge der zahl⸗ reichen Verhängniſſe des Lebens niemals vermählt werden, daß wir einander niemals wiederſehen. Zuweilen, wenn ich zwei junge Leute verhei⸗ rathet und glücklich ſehe, während ſie die ganze Sache als Etwas betrachten, was ſich von ſelbſt verſteht, und kaum ein Glück darin ſehen— gerade wie Mr. und Miſtreß Treherne, welche mich kürzlich aufſuchten und mich dringend baten, ſie zu beſuchen — denke ich an Dich und mich, und es ſcheint ſehr bitter zu ſein, und ich ſehe in die Zukunft mit weniger Hoffnung als Furcht. Es würde dies viel⸗ leicht nicht der Fall ſein, wenn ich Dich zuweilen ſehen könnte— denn oft iſt dieſe Abweſenheit mir wie der Tod. Theodora, wenn ich ſterben ſollte, ehe wir ver⸗ — 121— mählt ſind und ohne daß es mir möglich geweſen wäre, meine letzten Worte niederzuſchreiben, nimm ſie hier. Nein, ſie kommen nicht zum Vorſchein. Ich kann blos meine Lippen auf dieſes Papier drücken — blos auf Deinen Namen, nicht auf Dich— und Dich mein Leben, meine Liebe nennen. Vergiß nicht, daß ich Dich liebte— daß meine ganze Seele erfüllt war von Liebe zu Dir. Es machte das Leben glücklich, die Erde ſchön und brachte den Himmel näher. Sie war bei mir Tag und Nacht, bei der Arbeit wie bei der Ruhe— eben ſo ſehr ein Theil von mir wie die Hand, mit der ich ſchreibe, oder die Luft, die ich athme. Ich dachte niemals an mich, ſondern an„uns“. Ich betete nie anders als für uns zwei. Meine Liebe, ſo viele Meilen fern.— O, mein Gott, warum willſt Du mir nicht ein wenig Glück gewähren, ehe ich ſterbe? Und doch, wie ich ſchon einmal ſchrieb und wie ſie vor allen Dingen ſagt: Dein Wille geſchehe! Fünftes Rapitel. Ihre Geſchichte. Freitag Abend. Mein lieber Max! Du haſt Deinen Sonntagsbrief, wie Du ihn nennſt, ſo regelmäßig bekommen, daß Du all' unſer Thun und Treiben in Rockmount faſt eben ſo genau kennen mußt wie wir ſelbſt. Wenn ich thörigt ſchreibe und Dir eine Menge geringfügige Dinge, einige davon vielleicht ſogar zwei Mal erzähle, ſo liegt der Grund davon darin, daß ich nichts Anderes zu erzählen habe. Mögen die Dinge aber gering⸗ fügig ſein oder nicht, ſo fühle ich, daß Du ſie gern hörſt, denn Du intereſſirſt Dich für Alles, was mich betrifft. Somit melde ich Dir, Deinen Befehlen gehor⸗ ſam, vor allen Dingen, daß ich mich vollkommen — 126— wohl befinde, obſchon meine Handſchrift nicht mehr ſo hübſch iſt wie ſie zu ſein pflegte. Glaube nicht, daß meine Hand zittere oder nervenſchwach oder un⸗ ſicher ſei. Nicht im Mindeſten. Ich bin jetzt weder nervenſchwach noch kraftlos. Zuweilen vielleicht, und da ich im Grunde ge⸗ nommen doch nur ein Weib bin, fühle ich das, was ich fühle, ein wenig mehr als ich ſollte, und dann, da ich nicht gut Etwas verbergen kann, wenigſtens nicht Dir gegenüber, ſo verräth ſich dieſe Thatſache in meinen Briefen, denn das Leben daheim hat ſeine Sorgen, und ich fühle mich zuweilen ſehr ermüdet — und dann habe ich Dich nicht, bei dem ich Ruhe ſuchen könnte— nämlich nicht ſichtbar, obſchon ich es in meinem Herzen ſtets thue. Ich befinde mich aber vollkommen wohl, Max, und bin ganz zufrieden. Zweifle nicht daran. Der, welcher uns durch dieſes Feuer der Trübſal führt, wird uns auch wohlbehalten dem Ende entgegen⸗ führen. Du wirſt Dich freuen, zu hören, daß Papa 3 jeden Tag weniger und weniger kalt gegen mich iſt — der arme Papa! Vergangenen Sonntag ging er ſogar aus der Kirche mit mir nach Hauſe, und ſprach über allgemeine Gegenſtände, beinahe ganz ſo —— wie er früher zu thun pflegte. Penelope iſt ſtets gut und freundlich geweſen. Du fragſt, ob ſie jemals Deinen Namen nen⸗ nen? Nein. Das Leben in Rockmount bewegt ſich langſam, ſelbſt mitten unter den Anſtalten zur Hochzeit. Pe⸗ nelope bekommt eine bedeutende Maſſe Hochzeitsge⸗ ſchenke. Miſtreß Granton brachte geſtern Abend ein ſehr ſchönes von ihrem Sohne Colin. Ich freuete mich, daß Du einen ſo langen freundſchaftlichen Brief von Colin Granton bekom⸗ men haſt— ich freute mich auch, daß, da ſeine Mut⸗ ter das Geheimniß in Bezug auf Dich und mich ver⸗ rathen, er großmüthig genug war, Dir ſelbſt jenes andere Geheimniß mitzutheilen, von welchem ich nie⸗ mals geſprochen. Ja, Du hatteſt ganz gerathen— es war ſo. Ich konnte aber nicht dafür; ich wußte es nicht. Wie hätte auch irgend ein Mädchen, welches gefühlt, wie ich damals gegen Dich fühlte, gegen irgend einen andern Mann etwas Anderes empfinden können als bloße Freundlichkeit? Dies iſt Alles. Wir wollen nie wieder ein Wort darüber ſprechen, ausgenommen daß ich Dich bitte, immer recht freundlich gegen Co⸗ lin zu ſein und ihm Gutes zu thun, ſo oft Du kannſt, denn er war auch ſehr gut gegen mich. — 125— Das Leben in Rockmount iſt, wie ich ſchon ſagte, ſehr langweilig. Ich ſtehe zuweilen auf, ver⸗ lebe den Tag und gehe Abends zu Bett, und frage mich, was ich während dieſer langen Stunden ge⸗ than. Und ich ſchlafe nicht immer feſt, obſchon ich in der Regel ſehr müde bin. Vielleicht iſt zum Theil der Gedanke daran ſchuld, daß Penelope nun bald fortgeht, weit hinweg über das Meer, ohne— außer Francis— Jemanden zu haben, der ſie liebt und ſich für ſie intereſſirt. Verſtehe wohl, daß ich meine Schweſter nicht etwa wegen Etwas bedauere, was ein natürliches und ſelbſt glückliches Loos iſt, worüber kein Weib ſich zu beklagen braucht, ſondern blos weil Francis Francis iſt— gewohnt, nur an ſich und für ſich ſelbſt zu denken. Doch vielleicht wird es anders, wenn er verheirathet iſt. Er war hier eine Woche bei urs, und während dieſer Zeit beobachtete ich ihn genauer als auf ſeinen frühern flüchtigen Beſuchen. Wenn man mit Jeman⸗ dem in Einem Hauſe wohnt, noch dazu einem ſtillen Hauſe wie das unſere, welche ſonderbare Eigenthüm⸗ lichkeiten des Charakters treten dann zu Tage! Erinnerſt Du Dich noch der Wochen, wo Du beinahe fortwährend in unſerm Hauſe warſt? Fran⸗ cis bewohnte jetzt das Zimmer, welches wir damals —— das Doctorzimmer zu nennen pflegten. Er war ziemlich freundlich und angenehm, wenn es ihm be⸗ liebte, es zu ſein, aber nichtsdeſtoweniger pflegte ich wohl zwanzig Mal des Tages zu mir zu ſagen: „Mein theurer Max!“ Dies ſoll blos andeuten, daß in Folge einer glücklichen Beſtimmung der Vorſehung ich, Theodora Johnſton, nicht den mindeſten Wunſch habe, mir den Gatten meiner Schweſter, oder überhaupt einen der Gatten meiner Schweſtern anzueignen. Apropos— in einem Briefe, den Auguſtus an meinen Vater geſchrieben, und der mir durch Pene⸗ lope in die Hände kam, erwähnt er ſeinen Beſuch bei Dir. Ich freue mich— ich freue mich, daß er Dir ſo viel Ehre und Zuneigung erweiſ't, und daß alle Leute es ſehen. Entſage nicht dem Umgange mit den Trehernes— geh' zuweilen hin— thue es um meinetwillen. Es iſt auch kein Grund vorhanden, weßhalb Du es nicht thun ſollteſt. Papa weiß es; er weiß auch, daß ich an Dich ſchreibe— er ſagt aber nie ein Wort, weder in dem einen noch in dem andern Sinne. Wir müſſen warten— warten und hoffen — oder vielmehr vertrauen. Wie Du ſagſt, der Unterſchied zwiſchen jungen und älteren Leuten iſt, daß die Einen hoffen, die Andern vertrauen. — 127— Deine Schilderung giebt mir einen ziemlich klaren Begriff von dem Gefängniſſe und der langen, kahlen, luftigen Ebene, in welcher es liegt, mit der Ausſicht auf das ferne Meer. Ich denke oft an dieſe Ausſicht und an das ſchauerliche Innere, wo Du ſo viele Stunden zubringſt— die langen Gänge, die Höfe und die Zellen, eben ſo wie Deine eigenen zwei Zimmer, welche, wie Du ſagſt, faſt eben ſo ſtill und einſam ſind, ausgenommen wenn Du hin⸗ einkommſt und meinen Brief vorfindeſt. Ich wollte, ich wäre es!— das iſt wohl nicht ganz gramma⸗ tikaliſch richtig ausgedrückt— ich wollte aber, ich wäre es— mein lebendiges Ich. Würdeſt Du Dich freuen, mich zu ſehen? Ha, ich weiß es! Doch ich will nicht über uns ſelbſt ſchreiben— es iſt nicht gut für uns. Wir wiſſen ja Alles; wir wiſſen, daß unſere Herzen zuweilen nahe daran ſind zu brechen— das meine iſt es. Aber es ſoll nicht. Wir wollen leben und warten. Wovon ſprach ich denn vorhin? Ah, von Francis. Wohlan, Franeis verbrachte eine ganze Woche in Rockmount auf Papa's ausdrücklichen Wunſch, um ſich über Geſchäftsarrangements zu be⸗ ſprechen, und damit er ſeinen zukünftigen Schwieger⸗ ſohn ein wenig mehr zu ſehen bekäme als in den letzten Jahren der Fall geweſen iſt. Die Geſchäfts⸗ — 128— angelegenheiten waren bald abgemacht— Papa giebt keiner von uns Geld, ſo lange er lebt, und was uns dann zufallen wird, darnach zu fragen haben wir noch niemals gedacht. Francis that es jedoch — Penelope fühlte ſich dadurch ein wenig verletzt— aber er entſchuldigte ſich damit, daß er ſo„arm“ ſei. Ein ſehr relativer Begriff. Ich ſollte meinen, fünfhundert Pfund jährlich wären ein ganz anſtän⸗ diger Gehalt, beſonders wenn man ihn ausſchließlich auf ſeine eigene Perſon verwenden kann. Doch wie er ſagt, ein lediger Mann hat ſo viele unvermeid⸗ liche Ausgaben, beſonders wenn er in Geſellſchaft lebt und der Neffe von Sir William Treherne von Treherne Court iſt. Alles„Verhältniſſe“! Der arme Franeis! Wenn ihm Etwas nicht nach Wunſch geht, ſo bringt er es alle Mal auf Rechnung der Verhältniſſe. Wenn ich ein Mann wäre, ſo würde ich mit offener Stirn gegen die Welt kämpfen. Das Schlimmſte, was Einem geſchehen kann, iſt doch nur der Tod. Iſt es unrecht von mir, daß ich mich gegen Dich ſo frei über Francis ausſpreche? Ich hoffe nicht. Die Meinigen ſind auch alle die Deinigen, und die Deinigen ſind die Meinigen. Du kennſt ihre Fehler und Tugenden eben ſo gut als ich, und wirſt ſie in gleicher Weiſe beurtheilen wie wir die Perſo⸗ 1 — 129— nen, die auf die Dauer unſer ſind, mögen ſie auch ſonſt ſein wie ſie wollen, beurtheilen ſollen. Ich bin dieſes Mal eifrig bemüht geweſen, Francis Charteris als meinen Bruder zu betrachten, und er iſt in vielen Dingen außerordentlich ange⸗ nehm, ja ſogar liebenswürdig. Ich ſehe zuweilen deutlich genug den ſeltſamen Zauber, welcher Penelope bewogen hat, ſo lange Jahre ihm ſo zärtlich zugethan zu ſein. Ob ſie, abgeſehen von der Liebe, ihm trauen kann— ob ſie ihm in's Geſicht ſchauen und über⸗ zeugt ſein kann, daß er ſie um Alles in der Welt nicht hintergehen würde— ob ſie jede Zeile, die er ſchreibt, und jedes Wort, das er ſagt, glauben kann, ob ſie weiß, daß Alles, was er thut, ſeinen Beweg⸗ grund blos in ſeinem Rechtsgefühl hat, ohne daß ein niedrigeres Gefühl dabei im Spiele iſt— o, Max, ich gäbe viel darum, wenn ich überzeugt wäre, daß dies Alles der Fall ſei. 3 Doch ſie haben ihr Loos gewählt, und müſſen nun einander die beſte Seite abzugewinnen ſuchen. Es müſſen dies ja alle Menſchen thun. Ach, mein Himmel, was halte ich Dir da für eine Predigt— anſtatt Dir, wie gewöhnlich, die Geſchichte dieſer Woche von Sonnabend zu Sonn⸗ abend mitzutheilen. Leben um Leben. 1V. 2 9 — 130— Während der erſten wenigen Tage gab es wirk⸗ lich gar Nichts zu erzählen. Francis und Penelope gingen mit einander ſpazieren, ſtatteten Beſuche ab, oder ſaßen plaudernd im Wohnzimmer, ohne jedoch mich daraus zu verbannen, wie ſie zu thun pflegten, als ſie noch jung waren. Am Mittwoch reiſ'te Franeis früh nach London, und kam Abends mit jenem wichtigen Gegenſtande, dem Trauringe, zurück. Beim Souper probirte er ihn. Der Ring iſt ſehr ſchön, mit Diamanten, und paßt, wie Francis ſagte, für die„Lady eines Gouver⸗ neurs.“ „Sage doch: das Weib!“ murrte ich, und be⸗ klagte mich dann über die jetzige Mode, dieſes Wort, das theuerſte und heiligſte in unſerer Sprache, ſo viel als möglich zu vermeiden. „Nun gut denn, Weib,“ flüſterte Francis, indem er den Ring an den Finger' meiner Schweſter hielt und küßte. Thränen traten in Penelope's Augen. In ihrer Aufregung ſah ſie faſt wieder aus wie ein jun⸗ ges Mädchen— ſo unendlich glücklich. Francis aber, der ſich nie glücklich fühlt, mur⸗ melte bitterlich eine Klage über die Vergangenheit, und den Wunſch, daß ſie ſchon ſeit mehrern Jahren vermählt ſein möchten. Warum wurden ſie es — nicht? Ich bin überzeugt, daß es hauptſächlich ſeine eigene Schuld war. Den nächſtfolgenden Tag reiſ'te er ab, und wird nun nicht eher wiederkommen als bis er Pene⸗ lope auf immer abholt. Mittlerweile wird er genug zu thun haben. Er muß ſeinen großartigen Freunden Lebewohl ſagen und die Rechnungen ſeiner Lieferanten bezah⸗ len, ehe er ſein Junggeſellenetabliſſement für immer ſchließt. Wie froh muß er ſein! Er ſchien auch wirklich froh zu ſein— als ob er ſich erleichtert fühlte, daß Alles feſtgeſetzt iſt und kein Zögern mehr möglich. Es koſtet Francis un⸗ geheure Mühe, einen Entſchluß zu faſſen— dieſe Mühe wird Penelope ihm künftig erſparen. Er nahm mit großer Zärtlichkeit Abſchied von ihr, nannte ſie ſein gutes, treues Mädchen, und ge⸗ lobte— was man unter den obwaltenden Umſtän⸗ den gar nicht für nothwendig halten ſollte— ihr treu zu ſein bis an's Ende ſeines Lebens. An dieſem Abend, als Penelope in mein Zim⸗ mer kam, ſaß ſie lange auf meinem Bett und plau⸗ derte hauptſächlich von alten Zeiten, wo ſie und Francis noch Kinder waren— wie ſchön er war, und wie klug— bis ſie faſt die lange Zwiſchenzeit zu vergeſſen ſchien. Na, ſie ſind Eins ſo alt wie da 9* —— Andere— die Zeit vergeht für jedes gleichmäßig— ſie iſt wenigſtens nicht mehr verändert als er. Hier muß ich Dir Etwas erzählen in Bezug auf die Sache, hinſichtlich deren wir übereingekom⸗ men ſind, wo möglich nicht zu ſprechen— nicht ein⸗ mal zwiſchen uns. Es iſt ja nun Alles vorbei und abgethan— bedecken wir es und laſſen wir es heilen. WMein lieber Max— Penelope geſtand Etwas, was mir ſehr leid thut, aber es läßt ſich nun ein⸗ mal nicht ändern. Ich ſagte Dir, daß man Deinen Namen hier niemals nennt. Geſtern Abend that es aber Penelope. Gerade als ſie mich verlaſſen wollte, rief ſie plötzlich: „Dora, ich habe mein Verſprechen gebrochen— Francis weiß die Geſchichte von Doctor Urquhart.“ „Wie!“ rief ich. „Erſchrick nicht— nicht die ganze Geſchichte weiß er— blos daß er Dich heirathen wollte, daß aber Papa erfahren, er habe in ſeiner Jugend etwas Unrechtes gethan, und Dir deßhalb verboten habe, ein weiteres Verhältniß mit ihm zu unterhalten.“ Ich fragte ſie, ob ſie gewiß wiſſe, daß ſie ſich nicht noch mehr entſchlüpfen laſſen. Nicht als ob ich dies wirklich gefürchtet hätte, denn Penelope iſt buchſtäblich genau, und in Allem, was ſie ſagt und — 133— thut, gewiſſenhaft redlich. Dennoch aber, da Francis dies etwas weniger iſt als ſie, ſo war es möglich, daß er ſie ausgefragt hätte. „Er fragte mich auch,“ entgegnete Penelope, „aber ich weigerte mich entſchieden, es ihm zu ſagen, ind bemerkte, es würde dies ein Vertrauensbruch ſein. Er war ſehr unwillig, eiferſüchtig, glaube ich,“ fuhr ſie lächelnd fort,„bis ich ihm mittheilte, daß das Geheimniß nicht mein ſei, denn alle meine eigenen Geheimniſſe hätte ich ihm ſo unabänderlich erzählt wie er mir. Darauf ſagte ern „Ja, verſteht ſich,“ und die Sache war zu Ende. „Iſt es Dir unangenehm? Zweifelſt Du an Francis' Ehrenhaftigkeit?“ „Nein, ich zweifle nicht daran. Dennoch aber kann ich nicht umhin, Max davon zu unterrichten, theils weil er ein Recht darauf hat, und theils auch, damit er ſich gegen jede ihm möglicher Weiſe daraus erwachſende Unannehmlichkeit vorſehen kann.„Es iſt indeſſen nicht wahrſcheinlich, daß ſo Etwas ge⸗ ſchehe, und wir wollen deßhalb nicht ängſtlich ſein.“ Auguſtus ſagt in ſeinem Briefe, mit welchem Lobe er jetzt ſchon von Dir in Liverpool ſprechen hört; wie Dein Dienſt im Gefängniß der geringſte Theil Deiner Arbeit iſt, und daß Du, was Du auch — 13— thuſt und wohin Du auch geh'ſt, einen guten Ein⸗ fluß hinterläſſeſt. Dies waren ſeine eigenen Worte. Ich war ſtolz darauf, obſchon ich dies Alles vorherwußte. Er ſagt, Du ſäheſt ein wenig abgemagert aus, als wenn Du Dich zu ſehr anſtrengteſt. Max, mein Max, nimm Dich in Acht. Widme dem Werke, wel⸗ ches Du zu vollenden haſt, alle gebührende Thatkraft, aber denke auch an mich, denke an Das, was mein iſt. Ich glaube z. B. daß Du zu lange und zu öftere Märſche zwiſchen der Stadt und dem Gefäng⸗ niſſe machſt, und daß vielleicht die Gefangenen ſelbſt beſſere und regelmäßigere Mahlzeiten bekommen als der Doctor. Laß Dir das geſagt ſein. Erzähle mir noch mehr von jenen armen Ge⸗ fangenen, an welchen Du ein ſo lebendiges Intereſſe nimmſt— von Deinem geiſtigen ſowohl als medi⸗ einiſchen Hospital. Und gieb mir einen klarern Begriff von Deiner Thätigkeit in der Stadt, von Deiner Praxis und Deinen Plänen, Deinen Gratis⸗ patienten, Deine Berathungsanſtalten und ſo weiter. Auguſtus ſagte auch, Du wäreſt mit dem Sam⸗ meln von ſtatiſtiſchen Notizen über allerhand geſund⸗ heitspolizeiliche Reformen und die allgemeine Frage beſchäftigt, welche jetzt ſo eifrig beſprochen wird, die Frage Was ſoll mit unſeren Verbrecherklaſſen wer⸗ — 135— den? Wie viel mußt Du zu thun haben! Kann ich Dir nicht helfen? Schicke mir Deine Manu⸗ ſeripte, damit ich ſie copire. Gieb mir Arbeit. Max, erinnerſt Du Dich noch' unſers Geſprächs an jenem Teiche, als die Sonne unterging und die Berge ſo ſtill und weich und blau ausſchaueten? Ich war kürzlich dort und dachte an Alles zurück. Ja, ich hätte glücklich ſein können, ſelbſt in dem ein⸗ ſamen Leben, welchem wir Beide damals entgegen⸗ ſahen, aber es iſt beſſer, Dir ſo anzugehören wie ich Dir jetzt angehöre. Gott ſegne Dich und behüte Dich. Deine Theodora. N. S. Ich laſſe eine Seite leer, um ſie auszu⸗ füllen, wenn ich mit Penelope wieder zu Hauſe an⸗ gelangt ſein werde. Wir wollen nämlich morgen früh nach London und uns nach dem Rufe der Die⸗ nerin erkundigen, welche meine Schweſter mitnehmen will, aber wir werden ſchon lange vor Poſtſchluß da ſein. Ich habe indeſſen dies Alles heute Nacht noch geſchrieben, um fertig zu ſein. Sonntag. N. S. Du wirſt Deinen Sonntagsbrief nicht bekommen haben, was mir ſehr unangenehm iſt.“ Es iſt jedoch das erſte Mal, daß Du umſonſt einem — — 136— Briefe entgegengeſehen, und ich hoffe, es wird auch das letzte Mal ſein. 5 Ach, nun verſtehe ich ein wehig was Penelope gefühlt haben muß, wenn ſie Tag für Tag auf Briefe von Francis wartete, die niemals kamen, wie ſie jeden Morgen vor Ankunft der Poſt fröhlich wie eine Lerche ſich im Hauſe umher bewegte, und dann mürriſch und unangenehm ward, und ihr Geſicht den ſcharfen, ſchroffen Ausdruck annahm, der ihr ſchon damals ein ſo altes Anſehen gab. Arme Penelope! Hätte ſie ihm Vertrauen ſchenken können, ſo wäre es anders geweſen— das Thun und Weſen der Männer iſt ſo ganz anders als das der Frauen— dieſe Liebe ohne vollkommenes Vertrauen aber iſt der Stachel in Penelope's Daſein geweſen. Ich verſuche, mir dies in's Gedächtniß zurück⸗ rufen, wenn ſie mich zum Unwillen reizt, wie ſie am Sonnabend that. Sie war ſchuld, daß Du Deinen Sonntagsbrief nicht bekamſt. Du weißt, daß ich dieſe Briefe in der Stadt ſtets ſelbſt auf die Poſt gebe. Unſere Dorſpoſtexpeditivn würde ſehr bald allen Rachbarn Stoff zum Geklätſch über Dich und mich geben. Ueberdies iſt es a angenehm, durch die ruhi⸗ gen Heckengänge zu wandeln, die wir Beide ſo gut — 137— kennen— mit dem Briefe an Max in meiner Hand, und zu denken, daß er ihn morgen bekommen werde. Ich wähle dazu gewöhnlich die Zeit, wo Papa vor Tiſche ausruht, während eine oder die andere von uns ihm vorlieſ't, und Penelope hat bis jetzt ohne ein Wort zu ſagen ſtets meinen Platz eingenommen und mich Sonnabends freigemacht— eine Freund⸗ lichkeit, die ich inniger fühlte als ich durch Worte zu verſtehen gab. Heute aber war ſie unfreundlich und ſchloß ſich in dem Augenblicke, wo wir aus der Stadt zurück⸗ kamen, in ihr Zimmer ein. Dann rief Papa mich und hielt mich auf bis nach Poſtſchluß. Somit konnte ich Deinen Brief nicht beſtellen — eine Kleinigkeit, wirſt Du ſagen, und ich ſei eine Thörin, daß ich mir deßwegen ſo viel Unruhe mache, beſonders da ich den Brief ja nun durch die Erzäh⸗ lung unſerer geſtrigen Abenteuer in der Stadt um ſo länger und intereſſanter machen kann. Es war kein ganz angenehmer Tag, denn es fiel Etwas mit der Dienerin vor, was Penelope ganz gewiß ärgerlich war. Ja, da ſie ſchon ohnehin etwas müde und angegriffen war, ſo machte dieſer neue Aerger, mochte er nun beſtehen worin er wollte, ſie für den Augenblick förmlich krank, obſchon ſie es nicht geſtehen wollte, und als ich wagte, ſie zu fra⸗ * — ——— — — — 138— gen, gab ſie mir ziemlich ſpitz den Wunſch zu erken⸗ nen,„ſie in Ruhe zu laſſen.“ Du kennſt Penelope's Art und Weiſe, und haſt ſie vielleicht zuweilen in mir widergeſpiegelt geſehen. Ich fürchte, Max, daß wir, wie gut wir auch natür⸗ lich ſein mögen, doch nicht gerade das ſind, was man eine„liebenswürdige Familie“ nennen würde. Als wir uns jedoch zu unſerm Gange aufmach⸗ ten, waren wir liebenswürdig, denn meine Schweſter und ich gingen in ganz heiterer Stimmung zur Stadt. Ich bin trotz aller meiner ſtillen Kümmer⸗ niſſe zuweilen wirklich heiter. Wenn man ſeine An⸗ gehörigen glücklich und zufrieden ſieht, ſo iſt dies ein weſentliches Element für unſere eigene Zufrie⸗ denheit. Das Ungemach Anderer laſtet ſchwer auf uns, weil wir nicht genau wiſſen, wie ſie es ertragen, und weil wir im beſten Falle nur daneben ſitzen und ſie leiden ſehen können; weil im Grunde genommen nur geringe Hülfe möglich iſt. Unſer eigenes Ungemach dagegen können wir ſtets ertragen. Du wirſt verſtehen, was ich unter„eigenem Un⸗ gemach“ meine. Ich bin um Deinetwillen oft ſehr bekümmert, Max, aber ich fürchte nicht für Dich, ich bin nie in Zweifel wegen Deiner, nie auch nur einen = 35 Augenblick. Selbſt in meinen wehmüthigſten Ge⸗ danken hinſichtlich Deiner liegt kein Stachel. Ich vertraue Dir, ich bin überzeugt, daß Alles, was Du thuſt, recht gethan iſt, daß Du Alles, was Du zu dulden haſt, muthig und hochherzig tragen wirſt. Auf dieſe Weiſe kann ich mich wohl über Deine An⸗ fechtungen härmen, aber niemals über Dich ſelbſt. Meine Liebe zu Dir iſt eben ſo wie mein Glaube an Dich über allem Gram erhaben. Verzeihe dieſe lange Abſchweifung. Es iſt heute Sonntag, der beſte Tag in der ganzen Woche, und der Tag, wo ich am meiſten an Dich denke. Ich kehre nun zu meiner Erzählung zurück. Penelope und ich waren Beide ſehr heiter, als wir an dem milden Maimorgen mit dem erſten Zuge aufbrachen. Wir hatten ſehr viel Geſchäfte abzu⸗ machen. Du verſtehſt von dergleichen Dingen Richts, deßhalb ſpreche ich weiter nicht davon, ſondern ver⸗ traue Dir blos unſere letzte und hauptſächlichſte Lei⸗ ſtung— die Wahl des Brautkleids. Es iſt weißer Moire antique. Doctor Urquhart hat natürlich keinen Begriff davon, was dies iſt, aber es kommt Nichts darauf an, und es hat Spi⸗ tzenfalbeln eine halbe Elle lang, und iſt in der That etwas Prachtvolles. Die Lady des Gouverneurs— ich bitte mich ſelbſt um Verzeihung— das Weib — 140— des Gouverneurs muß aber auch in der That pracht⸗ voll erſcheinen. Es war die Kleidermacherin, eine im Weſtend ſehr beliebte Perſönlichkeit, die auch für die vornehme Familie arbeitet, zu welcher auf Francis' Rath vor einigen Jahren Lydia Cartwright in Dienſt kam— apropos, ich begegnete heute der alten Miſtreß Cart⸗ wright, die nach Dir fragte und Dich grüßen ließ, und mir auftrug, Dir zu ſagen, daß ſie von Lydia gehört habe— dieſe Kleidermacherin iſt dieſelbe, welche die Dienerin Sarah Enfield empfahl, welche früher einmal bei ihr gearbeitet. Wir ſahen dieſe Perſon, die ein ſehr anſtändiges junges Frauenzim⸗ mer zu ſein ſchien, aber ſehr ſchwächlich ausſah. Sie ſagte, ihre Geſundheit habe durch das langan⸗ haltende Sitzen beim Nähen ſehr gelitten, und ſie hätte, glaube ſie, ſterben müſſen, wenn nicht eine Freundin von ihr, eine ſehr gutmüthige junge Per⸗ ſon, ſich ihrer angenommen und ſie unterſtützt hätte. Bei dieſer Freundin wohne ſie jetzt. Im Ganzen genommen gefiel Sarah Enfield uns hinreichend, um meine Schweſter zu beſtimmen, ſie zu engagiren, dafern Francis ſie erſt ſehen könnte Wir ſendeten einen Boten in ſeine Wohnung, und waren nicht wenig überraſcht, die Antwort zu erhal⸗ ten, daß er nicht zu Hauſe ſei und dies auch ſeit — 141— drei Wochen nicht geweſen. Er wäre überhaupt faſt niemals zu Hauſe. Penelope ſprach ſich etwas ärgerlich hierüber aus, und beſchloß dann, ihre Wahl ohne ihn zu treffen. Faſt niemals zu Hauſe! Was für ein munte⸗ res Leben muß Francis führen— ich wundere mich, daß er daſſelbe nicht überdrüſſig wird. Einmal iſt er es, wie er ſelbſt geſtand, geweſen, ſetzte aber hinzu, „er müſſe mit dem Strome ſchwimmen— es ſei nun zu ſpät— er könne ſich nicht Einhalt thun.“ Penelope weiß dies aber ſchon. Als wir durch den Park nach dem von Sarah Enfield uns bezeichneten Hauſe fuhren— es war in der Nähe von Kenſingtvn— Penelope wünſchte das Mädchen ſofort wiederzuſehen und ſie feſt zu enga⸗ giren— bemerkte meine Schweſter zur Antwort auf meine Aeußerung, Francis müſſe viele Einladungen haben. „Ganz gewiß iſt es ſo,“ ſetzte ſie hinzu.„Es beweiſ't dies, wie ſehr er geliebt und geachtet wird. In unſerer neuen Heimath wird es eben ſo ſein. Wir werden die allerbeſte Geſellſchaft der Inſel um uns verſammeln. Dennoch aber wird er gegen Lon⸗ don einen bedeutenden Unterſchied finden.“ Ich möchte wiſſen, ob ihr bange davor iſt, oder — 142— ob ſie argwohnt, daß ihm einſt bange davor war— daß er ſich ſcheuete, ganz und ausſchließlich auf die Geſellſchaft ſeines Weibes angewieſen zu ſein— ge⸗ rade wie der Franzoſe, welcher eine Dame, die er ſchon lange beſucht, nicht heirathen wollte, und zwar aus dem Grunde, weil er dann nicht wüßte, wo er ſeine Abende zubringen ſollte. Ach, mein Himmel, wie entſetzlich muß es ſein, zu fühlen, daß der Gatte einen Ort bedarf, wo er ſeine Abende zubringt! Wir fuhren an Holland Park vorüber. Es iſt ein herrlicher Platz. Die Bäume waren dicht be⸗ laubt, und die Vögel ſangen. Ich weiß nicht, wo wir ſodann hinkamen— ich bin, Gott ſei Dank, in London faſt gar nicht bekannt— aber es war eine hübſche, ſtille Nachbarſchaft, wo es uns große Mühe machte, das Haus, welches wir ſuchten, zu finden, ſo daß wir endlich unſere Zuflucht zu dem Poſtbüreau nahmen. Die Poſtmeiſterin, eine etwas grimmige Frau, kannte das Haus,„das heißt den Namen der Perſon, die darin wohnte, und weiter brauche ſie Nichts zu wiſſen. Dieſe Perſon nenne ſich Miſtreß Chaytor oder Chater, oder ſo Etwas“, und wir vermutheten, es müſſe dies Sarah Enfield's mitleidige Freundin ſein, weßhalb wir unverweilt hinfuhren. Es war ein kleines Haus in einem hübſchen — 143— kleinen Garten ſtehend, durch deſſen Zaun hindurch ich eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arme hin und hergehen ſah. Sie hatte einen Strohhut auf, mit einer breiten Spitzenkante, welche ihr Ge⸗ ſicht verbarg, ihre Geſtalt aber war ſehr graziös, und ſie war außerordentlich gut gekleidet. Richtsdeſtoweniger ſah ſie nicht gerade aus wie eine„Dame“. Als ſie die Klingel läuten hörte, rief ſie:„Harriet!“ in einem Tone und mit einer Aus⸗ ſprache, die ebenfalls keine Perſon von Bildung ver⸗ riethen. Penelope ſah erſt ſie und dann mich an. „Ich möchte wiſſen,“ begann ſie, ſchwieg aber, und ſagte mir dann, ich ſolle im Wagen bleiben, während ſie hineinginge; ſie wolle mich holen, wenn ſie mich brauche. Sie holte mich aber nicht. Ueberhaupt blieb ſie kaum zwei Minuten weg. Ich ſah, wie die junge Frau ſchnell in das Haus hinein eilte, während ihr Kind — ein allerliebſter Knabe— hinter ſeiner„Mama“ herkreiſchte, und gleich darauf kam Penelope feuer⸗ roth im Geſicht wieder heraus. „Wie? Es iſt wohl nicht das richtige Haus?“ fragte ich. „Nein— ja—“ antwortete ſie, und befahl dann dem Kutſcher weiter zu fahren. — Nochmals fragte ich, ob Etwas vorgefallen ſei, und ſie antwortete: „Nein, Nichts, wenigſtens was Du ver⸗ ſtündeſt.“ Und dann ſaß ſie mit Schleier in ihrer Wagenecke, und dachte nach, bis ſie plötzlich aufſprang, als ob ihr Jemand einen Stich mitten in's Herz verſetzt hätte. Ich erſchrak nicht wenig, aber ſie ſagte wieder, es ſei Nichts, und forderte mich auf, ſie„gehen zu laſſen“. Und Du weißt, daß dies auch in der That das Einzige iſt, was man mit meiner Schweſter Penelope thun kann. Auf der Eiſenbahnſtation ien wir aber einigen Leuten, die wir kannten, und ſie war ge⸗ zwungen, zu reden, ſo daß ſie, als wir Rockmount erreichten, ihren Aerger in Bezug auf Sarah Enfield überwunden zu haben ſchien und ihre Faſſung wie⸗ der erlangt hatte, das heißt, ſie befand ſich in einer jener Stimmungen, wo, mag ihr Leiden nun ein geiſtiges oder ein phyſiſches ſein, das einzige Mittel dagegen darin beſteht, daß man ſie, wie ſie ſagt, „gehen läßt.“ Ich will nicht ſagen, daß mich dies nicht be⸗ trübe. Es iſt dies doppelt der Fall, da gerade jetzt, wo ſie uns verlaſſen will, ich meine Schweſter beſſer — 5— zu verſtehen und mehr zu lieben ſcheine als ich je in meinem Leben gethan. Ich habe jedoch gelernt, mich wegen der Eigen⸗ thümlichkeiten der Perſonen, die mir theuer ſind, nicht allzuſehr zu härmen, ſondern ſie womöglich ſo zu ertra⸗ gen wie ich die meinigen ertrage, woran ich— der Himmel weiß es!— keinen Mangel habe. Ich ſah heute Morgen in dem Poſtbeutel einen Brief an Francis, und hoffe daher, daß ſie ihrem Herzen Luft gemacht und ihm die Erklärung gege⸗ ben hat, welche ſie mir verweigerte. Dieſe Sarah Enfield muß ihr irgend einen Betrug geſpielt haben, und Penelope vergiebt niemals die geringſte Täu⸗ ſchung. Sie war entweder zu müde oder zu ärgerlich, um geſtern wieder zum Vorſchein zu kommen, und Papa und ich verbrachten daher den Nachmittag und Abend allein. Heute aber ging ſie wieder gewöhnlich mit uns zur Kirche. Sie ſah bleich und angegriffen aus— die üble Laune—„der kleine ſchwarze Hund auf ihrer Schulter“ wie wir es zu nennen pflegten, war noch nicht ganz verſchwunden. Eben ſo bemerkte ich auch einen Ausdruck von Zerſtreutheit in ihren Augen, und ihre Stimme war. beim Geſange in der Kirche nicht wie gewöhnlich. Vielleicht dachte ſie daran, daß dies beinahe der letzte Leben um Leben. lv.. 10 —— Sonntag wäre, wo ſie in dem alten Kirchenſtuhl ſäße und ihren Blick auf Papa's graues Haupt hef⸗ tete, und da ihr Herz voller war, ſo waren ihre Lip⸗ pen ſchweigſamer als gewöhnlich. Du zürnſt mir doch nicht, daß ich ſo viel über meine Schweſter Penelope ſchreibe? Du ſiehſt es ja gern, wenn ich Dir von dem erzähle, was um mich her vorgeht und was meine Gedanken vorzugsweiſe beſchäftigt— und dies iſt in dem gegenwärtigen Augenblicke eben Penelope. Sie iſt ſehr gut gegen mich geweſen, und Max liebt Jeden, den ich liebe, und Jeden, der mich liebt. Morgen früh bekomme ich Deinen Brief. Gute Racht. Theodora. Sechſtes Rapitel. Seine Geſchichte. Meine theure Theodora! Gegenwärtiges ſind ein paar Extrazeilen, die ich nach Empfang Deines Briefes geſchrieben, der mir ſehr willkommen war. Ich fürchtete ſchon, es ſei meinem kleinen pedantiſchen Mädchen Etwas zu⸗ geſtoßen. Halte Dich nicht ſtreng an Deinen Sonn⸗ tagsbrief, ſondern ſchreibe jeden beliebigen Tag, wo Du kannſt. Erzähle mir Alles, was Dir begegnet. Es darf Dir und den Deinigen Richts zuſtoßen, was ich nicht wüßte. Du biſt mein. Deinen letzten Brief beantworte ich nicht eher ausführlich als bis Dein nächſter kommt— nicht. gerade weil ich übermäßig viel zu thun hätte— und übrigens würde ich mir auch Zeit machen, wenn — 148— ich keine hätte— ſondern aus verſchiedenen andern Gründen, die Du gelegentlich erfahren ſollſt. Gieb mir, wenn Du ſie noch weißt, die Adreſſe der Perſon, bei welcher Sarah Enfield wohnt. Ich vermuthe, daß ſie dieſelbe iſt, welche ich auf den Wunſch ihrer nächſten Verwandten ſchon ſeit einiger Zeit ſuche. Sollteſt Du ſie jedoch vergeſſen haben, ſo bemühe Deine Schweſter deßwegen weiter nicht. Ich kann Alles, was ich zu erfahren wünſche, auf einem andern Wege ermitteln. Zögere nie, mir über Deine Familie zu ſchreiben, am allerwenigſten entſchuldige Dich deßhalb,— Alles, was Dein iſt, iſt auch mein. Wegen Deiner Schweſter Penelope verliere nicht den Muth. Sie iſt ein gutes Mädchen, und Alles, was ihr begegnet, wird zu ihrem Beſten ſein. Liebe ſie und habe Geduld mit ihr. All'“ Deine Liebe zu ihr und den Uebrigen nimmt mir Nichts von dem, was mein iſt, ſondern vermehrt es. Laß mich bald hören, was in Rockmount vor⸗ geht. Ich kann nicht zu Dir kommen und Dir hel⸗ fen— wollte Gott, ich könnte es! Meine Liebe! meine Liebe! Von mir ſelbſt giebt es dieſe Woche wenig oder Nichts zu erzählen, und das, was es giebt, hörteſt Du ſchon geſtern. Max Urquhart. Siebentes Rapitel. Ihre Geſchichte. Mein theurer Max! Ich ſchreibe dies mitten in der Nacht. Am Tage habe ich keine Gelegenheit dazu gehabt— nicht eher als bis jetzt. Heute Abend iſt Penelope zum erſten Male wieder eingeſchlafen. Ich habe die Gele⸗ genheit benutzt, mich in das Nebenzimmer zu ſchlei⸗ chen, zum Troſt und— zu Dir. Mein theurer Max, o wenn Du wüßteſt, o wenn ich nur auf eine Minute Ruhe, nur auf eine Minute Liebe zu Dir kommen könnte!— Doch— ich will nicht mehr weinen. Es iſt viel, daß ich im Stande bin an Dich zu ſchreiben, und geſegnet, unendlich ⸗ geſegnet fühle ich mich, zu wiſſen, daß Du biſt— was Du biſt. — 150— Max, ich bin in der letzten Zeit ſchwach und gottlos geweſen; ich habe die Trennung gefürchtet, welche mich auf harte Proben ſtellt, denn ich bin nicht ſtark und vermag mich nicht allein aufrecht zu erhalten, wie ich ſonſt zu thun pflegte; ich habe den Tod gefürchtet, der Dich von mir oder mich von Dir reißen könnte. Jetzt fühle ich, daß Trennung Nichts iſt— daß ſelbſt der Tod Nichts iſt im Ver⸗ gleich mit einem Verluſte— dem, welcher meine Schweſter Penelope betroffen hat. Du haſt vielleicht ſchon innerhalb dieſer weni⸗ gen Tage davon gehört. Schlimme Neuigkeiten ver⸗ breiten ſich ſehr ſchnell. Sage mir was Du hörſt; denn wir wünſchen meine Schweſter ſo viel als möglich zu ſchonen. An unſere Freunde im Allge⸗ meinen habe ich blos geſchrieben, daß„unvorherge⸗ ſehener Differenzen wegen“ die Heirath rückgängig geworden iſt. Mr. Charteris mag in Treherne Court die Gründe angeben, welche es ihm beliebt. Wir werden keinen Verſuch machen, ihm bei ſeinem Onkel zu ſchaden. Ich hatte mich eben wieder hineingeſchlichen, um nach Penelope zu ſehen. Sie ſchläft noch und hat ſich nicht gerührt. Sie ſieht ſo alt aus— faſt wie eine Frau bon fünfzig Jahren. Kein Wunder! Bedenke— zehn Jahre— ihre ganze Jugend um⸗ — 151— ſonſt geopfert! Ich möchte wiſſen, ob ſie es über⸗ leben wird. Ich würde es nicht überleben. Ich wollte Dich fragen— glaubſt Du, daß, mediciniſch betrachtet, ihr gegenwärtiger Zuſtand ein gefährlicher ſei? Sie liegt ziemlich ſtill und nimmt nur wenig Notiz von mir oder irgend Jemandem⸗ Ihre Augen ſind während des Tages geſchloſſen, die Nacht hindurch aber weit und ſtierend geöffnet. Was ſoll ich mit ihr anfangen? Es iſt weiter Niemand bei ihr als ich. Wenn Du Beſorgniſſe hegſt, ſo tele⸗ graphire ſofort. Nimm Dir nicht erſt die Zeit, zu ſchreiben. Damit Du aber ihren Zuſtand beſſer beurthei⸗ len könneſt, muß ich Dir Alles ausführlich erzählen, und ich fange zu dieſem Zwecke da an, wo mein letzter Brief endete. Jener„kleine ſchwarze Hund auf ihrer Schulter“ von welchem ich in ſo leichtfertig ſcherzendem Tone ſprach! Gott verzeihe mir auch, daß ich ſie jenen ganzen Sonntag Nachmittag in ihrem verſchloſſenen Zimmer allein ließ— in dem Zimmer, welches ſtill war wie der Tod, und ohne daß ich ein einziges Mal angepocht und gefragt hätte:„Penelope, waz machſt Du?“ Am Sonntag Abend kam der Vicar zum Sou⸗ per, und Papa ſchickte mich hinauf, ſie zu rufen. —— Sie kam herunter, nahm ihren Platz am Tiſche ein und converſirte. Ich achtete nicht ſehr auf ſie, be⸗ merkte aber doch, daß ſie ſich in träumeriſcher Weiſe und faſt wie betäubt umher bewegte, ſo daß Papa mehr als einmal ſagte:„Penelope, ich dächte, Du wäreſt halb im Schlafe.“ Sie gab aber keine Ant⸗ wort. Eine zweite Nacht und die Hälfte des andern Tages mußte ſie auf dieſelbe Weiſe zugebracht haben. Und ich ließ ſie es thun, ohne mich zu erkundigen! Werde ich mir dies je ſelbſt verzeihen können? Am Montag Rachmittag ſaß ich bei der Arbeit und war emſig mit dem Sticken des Brauttaſchentuchs beſchäf⸗ tigt. Ich ſaß ganz allein in dem ſonnenhellen Zim⸗ mer und dachte an meinen Brief, den Du nun end⸗ lich erhalten haben würdeſt. Eben ſo dachte ich auch, daß es von meiner glücklichen Schweſter doch nicht recht ſei, zwei ganze Tage zu ſchmollen, und blos wegen eines kleinen Aergers mit einer Dienerin — wenn dies der Grund war. Ich hatte beinahe den Entſchluß gefaßt, ſie aus ihrer lächerlichen Zurückhaltung aufzurütteln, ſie keck zu fragen, was ihr eigentlich fehle, und ſie tüchtig auszuſchelten, wenn ſie es wagte— als plötzlich die Thür ſich öffnete und Francis Charteris hereintrat. Herzlich erfreut, ihn zu ſehen, und in der Hoff⸗ 2 —— nung, daß ſeine Ankunft Penelope ſofort wieder auf gute Laune bringen werde, ſprang ich auf und drückte ihm herzlich die Hand. Erſt ſpäter fiel mir ein, wie ſehr dies ihn zu überraſchen und zu erleich⸗ tern ſchien. „O, dann iſt Alles in Ordnung,“ ſagte er. „Penelope's Brief gab mir Anlaß zu fürchten, daß ſie ein wenig ungehalten auf mich ſei. Es iſt dies aber nichts Reues, wie Du weißt.“ „Allerdings hat ſie einigen Grund gehabt, un⸗ gehalten zu ſein,“ entgegnete ich, und ſtand ſchon im Begriff, von dem thörigten Geheimniſſe in Bezug auf Sarah Enfield ſo viel heraus zu plappern als ich errathen hatte, aber ein gewiſſer Inſtinkt that mir Einhalt.„Na, mach' Deine Angelegenheiten mit Penelope ſelbſt aus,“ ſagte ich lachend.„Ich will gehen und ſie holen.“ „Ja, thue das.“ Er warf ſich, indem er dies ſagte, in den ſam⸗ metnen Armſtuhl, ſeinen Lieblingsplatz in dem Hauſe ſeit den letztvergangenen zehn Jahren. Sein ſchönes Geſicht wendete ſich nach dem Lichte empor, und ſeine Finger trommelten traͤg auf der Armlehne des Stuh⸗ les— eine Gewohnheit, die er von ſeiner Kindheit. an hatte— dies iſt mein letzter Eindruck von Fran⸗ eis, als unſeres Francis Charteris. = — — — — 154— Ich mußte vor Penelope's Thür drei Mal rufen: „Francis iſt da“„Francis wartet“„Francis wünſcht Dich zu ſprechen“, ehe ſie antwortete oder zum Vor⸗ ſchein kam, und dann ging ſie, ohne von mir die mindeſte Notiz zu nehmen, langſam die Treppe hin⸗ unter, während ſie ſich dabei an der Wand anhielt. „Alſo,“ dachte ich,„iſt es doch Francis gewe⸗ ſen, der ſie geärgert hat,“ und ich nahm mir vor, ſie ihren Streit ausfechten zu laſſen— dieſen, den letzten der vielen Kämpfe, die ſie als Liebesleute mit einander gehabt hatten. Ja, es war der letzte! Eine halbe Stunde ſpäter ließ Papa mich in ſein Studirzimmer rufen, und hier ſah ich Francis Charteris genau auf dem Platze ſtehen, wo Du ein⸗ mal ſtandeſt— Du ſiehſt, daß ich mich nicht ſcheue, ſelbſt daran zu denken oder Dich daran zu erinnern. Nein, mein Max! Unſere Kümmerniſſe ſind Richts, Nichts! Penelope war auch zugegen und ſtand neben meinem Vater, welcher, indem er uns mit unruhiger, verblüffter Miene anſah, ſagte: „Dora, was ſoll das heißen? Deine Schweſter kommt hierher und ſagt mir, ſie wolle Francis nicht heirathen. Francis kommt hinter ihr hergeeilt und ſagt, ich verſtehe nicht recht was Kinder, warum — — 155— beunruhigt Ihr mich ſo? Warum könnt Ihr einen alten Mann nicht in Frieden laſſen?“ Penelope antwortete: „Vater, Du ſollſt in Frieden gelaſſen werden, wenn Du nur beſtätigen willſt, was ich zu dieſem — dieſem Herrn geſagt habe, und ihm befiehlſt, mir aus den Augen zu gehen.“ * Francis lachte und ſagte: „Um gleich darauf wieder zurückgerufen zu wer⸗ den. Du weißt, daß Du dies thun wirſt, ſobald Du wieder zu Verſtand gekommen biſt, Penelope. Du wirſt uns nicht in den Augen der Welt blami⸗ ren— Du wirſt uns nicht wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit zum Geſpött der Leute machen wollen.“ Meine Schweſter gab ihm keine Antwort. Es lag weniger Zorn als Verachtung— aber gründ⸗ liche, grenzenloſe Verachtung— in der Art und Weiſe, auf welche ſie ihre Augen aufhob und ihn anſah, ihn vom Kopf bis zum Fuße muſterte und ſich dann wieder zu ihrem Vater wendete: „Papa, ſage ihm— ich kann es nicht— mein Wunſch ſei, dieſem ganzen Verhältniſſe ein Ende zu machen. Ich wünſche ſein Angeſicht niemals wieder zu ſehen.“ „Aber warum denn?“ fragte Papa ganz ver⸗ wundert. — 156— „Er weiß ſchon warum.“ Papa und ich wendeten uns Beide zu Francis, deſſen gleichgültiges Weſen ſich ein wenig änderte. Er ward roth und ſchien ſich unbehaglich zu fühlen. „Nun, ſie mag es ſagen, wenn ſie Luſt hat; ich gebiete ihr durchaus kein Schweigen. Ich habe alle mögliche Erklärungen gegeben, und wenn ſie dieſel⸗ ben nicht annehmen will, ſo kann ich es nicht ändern. Die Sache iſt einmal geſchehen und läßt ſich nicht ungeſchehen machen. Ich habe ſie um Verzeihung gebeten und alle möglichen Verſprechungen für die Zukunft gegeben— mehr kann Niemand thun.“ Er ſagte dies in mürriſchem Tone, aber doch als ob er ſich wieder mit ihr auszuſöhnen ſuchte; Penelope aber ſchien kaum auch nur zu hören. „Papa,“ wiederholte ſie immer noch in dem⸗ ſelben ſteinernen Tone,„ich wünſche, daß Du dieſem Auftritt ein Ende machſt. Er raubt mir das Leben. Sage ihm, daß ich alle ſeine Briefe verbrannt habe, alle, bis auf den letzten. Verlange, daß er mir die meinigen zurückſchicke. Seine Geſchenke liegen alle zuſammengepackt in meinem Zimmer, mit Ausnahme dieſes da. Willſt Du es ihm zurückgeben?“ Sie zog ihren Ring vom Finger, einen kleinen gewöhnlichen Türkis, den Franecis ihr gegeben, als er jung und arm war, und legte ihn auf den Tiſch. — 157— Francis ergriff ihn haſtig, drehete ihn eine Minute in der Hand hin und her, und warf ihn dann hef⸗ tig in das Feuer. „Sie ſind Zeuge, Mr. Johnſton, und auch Du, Dora, daß nicht ich, ſondern Penelope es iſt, welche unſer Verhältniß löſ't. Ich würde demſelben in allen Ehren treu geblieben ſein— ich würde ſie ge⸗ heirathet haben.“ „Wirklich?“ rief Penelope mit funkelnden Augen; „nein— nicht dieſe letzte Entwürdigung— nein!“ „Ich hätte ſie geheirathet,“ fuhr Francis fort, „und wäre auch ein guter Ehemann geworden. Der Grund, aus welchem ſie mich ausſchlägt, iſt kindiſch — vollkommen kindiſch. Kein Mädchen von Ver⸗ ſtand, welches die Welt kennt, würde denſelben auch nur einen Augenblick lang geltend machen. Auch kein Mann würde es thun, es müßte denn ihr Lieb⸗ ling ſein, der, wie ich glaube, an der ganzen Sache ſchuld iſt und, wie Ihr wenigſtens nicht wiſſen könnt, es vielleicht gerade ſo macht, wie ich es gemacht habe — ich meine Doctor Urquhart.“ Papa ſtutzte und ſagte haſtig: „Bleiben Sie bei der jetzt vorliegenden Frage, Francis. Weſſen beſchuldigt Sie meine Tochter? Sagen Sie mir es, und laſſen Sie mich dann urtheilen.“ — 158— Francis zögerte und ſagte dann: „Schicken Sie dieſe Mädchen fort, und Sie ſol⸗ len es hören.“ Nun ging mir plötzlich ein Licht auf, und ich wußte, was es war. Wie mir dieſe innere An⸗ ſchauung kam, wie vorher unbeachtete Kleinigkeiten ſich plötzlich aufzurichten und zuſammenzufügen ſchie⸗ nen— dazu die Geſchichte vom Sonnabend, und der Schauer, welcher Penelope vom Kopf bis zu den Füßen durchrieſelte, als am Sonntag Morgen die alte Miſtreß Cartwright ſie an der Kirchthür mit einem höflichen Knix begrüßte— alles Dies konnte ich mir vorher nicht erklären, nun aber ſchien ich mit einem Male Alles ſo genau zu wiſſen, als ob es mir erzählt worden wäre. Ich brauche es nicht wei⸗ ter aus einander zu ſetzen, denn augenſcheinlich weißt Du es ebenfalls, und es iſt ſo furchtbar, ſo unaus⸗ ſprechlich furchtbar! O Max, während der erſten Minute war mir als wenn die ganze Welt unter meinen Füßen zer⸗ bröckelte— als ob ich Niemandem trauen könnte — bis ich an Dich dachte— mein theurer Max, mein lieber theurer Max! Ach, unglückliche Penelope! Ich ergriff, während ich ſo daſtand, ihre Hand, aber ſie entrang ſie mir wieder. Ich hörte mechaniſch — 159— Francis zu, während er wieder raſch und eifrig ſich bei meinem Vater zu entſchuldigen begann. „Sie kann Ihnen Alles erzählen, wenn ſie will. Ich habe nichts Schlimmeres gethan als Hunderte in meiner Stellung und in meinen unglücklichen Ver⸗ hältniſſen thun, und die Welt verzeiht ihnen, und die Frauen thun es auch. Wie konnte ich anders? Zum Heirathen war ich zu arm, und che ich heira⸗ thete, beabſichtigte ich Allen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen— ich beabſichtigte—“ Penelope hielt ſich die Ohren zu. Ihr Geſicht war ſo entſetzlich anzuſchauen, daß Papa ſelbſt ſagte: „Ich glaube, Francis, alle Erklärungen ſind hier vergeblich. Sie werden beſſer thun, wenn Sie die⸗ ſelben aufſchieben und gehen.“ „Ich halte Sie bei Ihrem Wort,“ entgegnete er ſtolz.„Wenn Sie oder Penelope ſich die Sache beſſer überlegt haben, werde ich zu jeder Zeit bereit ſein, mein Wort zu halten— in Ehren, wie es ein Gent⸗ leman muß. Adieu; willſt Du mir nicht die Hand zum Abſchiede geben, Penelope?“ Er ging auf ſie zu und wollte augenſcheinlich die Sache mit ſtolzer Miene beenden, aber er war dazu nicht ſtark oder nicht verſtockt genug. Beim Anblick meiner Schweſter, die endlich auf einen Stuhl niedergeſunken war und daſaß mit einem Geſichte wie eine Leiche, nur hatte es nicht die Ruhe des Todes, begann Francis zu zittern. „Verzeihe mir, wenn ich Dir etwas zu Leide ge⸗ than habe. Es war Alles die Folge der Verhält⸗ niſſe. Vielleicht, wenn Du etwas weniger ſtreng wäreſt— mich weniger ausgeſcholten und mehr ſtu⸗ dirt hätteſt— aber natürlich Du konnteſt eben ſo wenig für Deine Natur als ich für die meine. Leb' wohl, Penelope!“ Sie ſaß unbeweglich da, ſelbſt als er mit einem gewiſſen Grade von unwillkürlicher Zärtlichkeit ihre Hand ergriff und küßte. In dem Augenblicke aber, wo er fort war— wirklich fort— als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen und die Hufſchläge ſeines Pferdes die Straße hinabdröhnten— ich hörte ſie ganz deutlich— ſprang Penelope auf und rief: „Francis! Francis!“ Ha! welcher Schmerz, welche Verzweiflung lag in dieſem Rufe— ich glaube ihn jetzt noch zu hören. Es war aber nicht der jetzige Francis, dem ſie nachrief— davon war ich überzeugt— ich ſah es in ihren Augen. Es war der Francis von vor zehn Jahren— der Franeis, den ſie geliebt— der jetzt ſo vollſtändig todt und begraben war, als ob ſie den Stein auf ihn hätte legen und ſeine Leiche dem Schlafe im Grabe überlaſſen ſehen. — 161— Todt und begraben— todt und begraben! Weißt Du, zuweilen wünſche ich, es wäre ſo— daß ſie friedlich verwitwet wäre, und wüßte, daß ſeine Seele ſelig und bei Gott ſei. Als Papa und ich— Papa, der an dieſem Abende zum erſten Male ſeit jenem Abende, den Du weißt, mich küßte— an Penelope's Bett ſaßen und bei ihr wachten, dachte ich:„O, wenn Francis doch geſtorben wäre!“ Als ſie ſich wieder ein wenig beruhigt und ich Papa überredet hatte, ſich ſchlafen zu legen, ließ er mich rufen und hieß mich ihm einen Pſalm vorleſen, wie ich zu thun pflegte, als er krank war— weißt Du noch? Als ich fertig war, fragte er mich, ob ich vielleicht wiſſe, was Francis ſo Schreckliches ge⸗ than, daß Penelope ihm nicht verzeihen könne. Ich ſagte ihm, ſo ſchwer und ſo peinlich es mir auch war, Alles, was ich muthmaßte, oder vielmehr, wovon ich überzeugt war. Denn war es nicht die Wahrheit?— Und war dieſe nicht die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte? Aus demſelben Grunde ſchreibe ich Dir über dieſe ſchrecklichen Dinge ohne falſches Zartgefühl. — ſie ſind die Wahrheit, und dieſe geſagt werden. Leben um Leben. 1v. — — 162— Papa lag einige Zeit in tiefem Rachdenken da, endlich ſagte er: „Liebe Dora, Du biſt kein Kind mehr, und ich kann offen mit Dir ſprechen. Ich bin ein alter Mann, und Deine Mutter iſt todt. Ich wollte, ſie wäre jetzt bei uns; ſie könnte uns helfen, denn ſie war eine gute Frau, Dora. Glaubſt Du— nimm Dir Zeit, die Frage zu überlegen— daß Deine Schweſter recht handelt?“ Ich ſagte:„Ja wohl, ganz recht.“ „Und doch glaubte ich, Du huldigteſt dem Aus⸗ ſpruche:„Je größer der Sünder, deſto größer der Heilige“, und glaubteſt, jedes Verbrechen, das der Menſch begangen, könne bereu't, geſühnt und ver⸗ ziehen werden?“ „Ja, Vater, aber Francis hat weder bereu't, noch geſühnt.“ Das hat er auch wirklich nicht gethan, und deßhalb bin ich überzeugt, daß meine Sihe Recht hat— ſelbſt abgeſehen von der zweiten That⸗ ſache, daß die Entdeckung ſeines jahrelangen Betrugs ihre Liebe ſo vernichtet und wie durch einen Blitz⸗ ſtrahl ſo vollkommen ausgerottet haben muß, daß, ſelbſt wenn ſie ihn bemitleidete, ſie doch ihn auch zugleich verachten muß. Und denke Dir, ſeinen Gatten verachten zu müſſen! = Ueberdies iſt ſie nicht die Einzige, an welcher geſündigt worden. Zuweilen ſehe ich ſelbſt, während ich an dem Bett meiner Schweſter ſitze, die Viſion jenes ſchönen jungen Weſens— ſie war ſo ſchön und unſchuldig, als ſie zuerſt nach Rockmount kam — mit ihrem Knaben auf dem Arme, und es iſt mir, als müßte mir das Herz brechen vor Entrüſtung und Scham, und ich ſchaudere vor Entſetzen über die Verworfenheit der Welt, während mich zugleich ein ſeltſames Gefühl von unausſprechlichem Mitleid er⸗ greift. Max, ſage mir, was Du denkſt, Du, der Du von uns Beiden der bei weitem Verſtändigere biſt. Ich für meine Perſon glaube, daß meine Schweſter, ſelbſt wenn ſie es noch wünſchte, Francis Charteris nicht heirathen dürfte. Ach, Papa ſagte in Wahrheit, daß ich kein Kind mehr ſei. Ich komme mir ſogar vor, als wäre ich nicht mehr ein erwachſenes Mädchen, ſondern ſchon eine alte Frau, vertraut mit allen möglichen bekla⸗ genswerthen und verworfenen Dingen, als ob die Friſche und Unſchuld aus dem Leben gewichen und nirgends mehr zu finden wären— ausgenommen, wenn ich mich zu Dir wende und mein armes kran⸗ kes Herz Dir zuneige— wie ich jetzt Max tröſte mich! . Du wirſt— das weiß ich— mir ſofort nach Empfang dieſes Briefes wieder ſchreiben. Wenn Du zu uns kommen könnteſt!— Aber dies iſt unmöglich. Auguſtus wirſt Du wahrſcheinlich ſehen, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt, denn er betrachtet Dich ſchon als den Freund der Familie, obſchon bis jetzt noch von keiner andern Seite, was auch am beſten iſt. Papa ſchrieb, glaube ich, an Sir William. Er ſagte, er hielte eine gewiſſe Erklärung für ſeine Pflicht, um ſeiner Tochter willen, außerdem aber wünſcht er die Sache ganz in aller Stille abgemacht zu ſehen. Ich glaubte, er wünſche es, um Francis nicht zu compromittiren, aber er ſagte mir, die eine Hälfte der Welt werde dies gar nicht für eine Schande halten. Iſt das möglich? Iſt die Welt wirklich ſo verworfen? — Hier ward ich in meinem Briefe durch einen lauten Ruf in Penelope's Zimmer unterbrochen. Ich eilte hinein, und fand, daß ſie im Bett aufgerichtet ſaß, mit weit aus den Höhlen hervortretenden Au⸗ gen, während ſie an allen Gliedern zitterte. Ale ſie mich ſah, rief ſie: Bring' Licht— Ich träumte. Aber es iſt nicht wahr. Wo iſt⸗Francis?“ Ich gab keine Antwort, und ſie ſank langſam wieder in ihr Bett zurück. — 165— Die Erinnerung war wieder erwacht. „Ich hätte nicht einſchlafen ſollen,“ fuhr ſie fort. „Warum ließeſt Du mir es zu? Oder warum kannſt Du mich nicht auf immer und ewig in Schlaf wie⸗ gen? Auf immer und ewig“— dieſe Worte wieder⸗ holte ſie noch viele Mal.„Dora!“ hob ſie dann wieder an und heftete ihren verzweiflungsvollen Blick auf mein Geſicht,„wie gern wollte ich ſterben! Warum willſt Du mich nicht umbringen?“ Ich brach in Thränen aus. Max, Du verſteh'ſt die gänzliche Hülfloſigkeit, die man in Gegenwart eines unheilbaren Schmerzes wie dieſer fühlt— wie jeder Troſt grauſam, und jeder Vernunftgrund eitel zu ſein ſcheint.„Erbärm⸗ liche Tröſter ſeid Ihr alle,“ ſagte Hiob zu ſeinen drei Freunden, und als ein erbärmlicher Tröſter fühlte ich mich dieſer meiner Schweſter gegenüber, welche es dem Allmächtigen gefallen hatte ſo ſchwer heimzu⸗ ſuchen, bis ich eingedenk ward, daß der, welcher ver⸗ wundet, auch heilen kann. Ich knieete an ihrem Bett nieder, legte meinen Arm über ſie, und blieb ſo, lange Zeit, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, das heißt mit den Lippen, und da unſere Schwäche oft unſere beſte Stärke iſt, und da, wenn wir Etwas aufgeben, es uns oft in doppeltem Maße zurückgegeben wird, ſo waren mög⸗ — 166— kicher Weiſe dieſe meine hülfloſen Thränen für Pene⸗ lope wohlthätiger als die weiſeſten Worte. Sie ſah mich an und ſagte mehr als ein Mal: „Ich wußte nicht, daß Dir ſo viel an mir läge, Dora.“ Nun fiel mir ein, daß, ſo wie Schiffbrüchige ſich an den kleinſten Balken anklammern, Penelope vielleicht auch noch gerettet werden könnte, wenn ſie anſtatt der Ueberzeugung, daß ſie, indei ſie Francis verloren, Alles verloren, zu der Einſicht käme, daß es auch noch andere Weſen gab, an die ſie ſich klam⸗ mern konnte, andere, die ſie innig liebten, und um deren willen ſie verſuchen ſollte, noch zu leben. Dieſem Impulſe folgend, ſagte ich daher meiner Schweſter, für wie gut ich ſie hielte, und wie unrecht es von mir ſelbſt geweſen, ihre Güte nicht ſchon lange eingeſehen zu haben. Ich ſagte ihr, wie, als ich ſie endlich richtig würdigen und verſtehen gelernt, welch' ein ſchwergeprüftes Keben das ihrige geweſen, nicht blos Achtung, ſondern auch Liebe zu ihr in mir erwacht ſei— wahrhaft ſchweſterliche Liebe, ſo wie die Menſchen ſie nicht nothwendig für ihr eige⸗ nes Fleiſch und Blut empfinden, aber auch nie anders als für dieſes.(Ausgenommen, daß ich unerklär⸗ licher Weiſe einen gewiſſen Grad derſelben Liebe für Deinen Bruder Dallas fühle.) — 167— Später als meine Schweſter ſtill dalag und zu⸗ hörte, verſuchte ich ihr begreiflich zu machen, was ich ſelbſt gefühlt, als ſie an jenem Morgen, wo ich ſo elend war, an mein Bett trat und mich tröſtete, wie kein Verluſt völlig unerträglich ſein kann, ſo lange er nicht den häuslichen Frieden vernichtet, ſon⸗ dern dem Leidenden ein wenig Liebe läßt, zu welcher er in ſeinem Daheim ſeine Zuflucht nehmen kann. Und endlich überredete ich ſie, zu verſprechen, daß ſie, da es Papa und mich ſo ſehr bekümmere, ſie ſo zu ſehen— und Papa ſei ein alter Mann, den wir wahrſcheinlich nicht mehr viele Jahre bei uns haben würden— ſich um unſertwillen bemühen wolle, ſich aufzuraffen, um zu ſehen, ob das Leben nicht noch eine kleine Weile zu ertragen wäre. „Ja,“ antwortete ſie, und ſchloß ihre müden Augen, und faltete die Hände mit einem kläglichen Ausdruck von Geduld, der an unſerer raſchen, reiz⸗ baren Penelope ſehr ſeltſam war,„ja— noch eine kleine Weile. Ich glaube, ich werde bald ſterben; ich glaube, es iſt mein Tod.“ Ich widerſprach ihr nicht, ſondern gedachte Deiner Worte, daß für Penelope, da ſie ein gutes Herz habe, ſich Alles noch zum Beſten kehren werde. Auch ſind es gewöhnlich nicht die guten Menſchen, welche durch den Gram getödtet werden; während Andere das Unglück als eine Rache Gottes, oder als ein Werk des blinden Zufalls betrachten, nehmen die Guten es demüthig als eine göttliche Züchtigung hin, leben weiter und dulden.— Ich glaube nicht, daß meine Schweſter ſterben wird— was ſie auch jetzt denken oder wünſchen mag. Uebrigens haben wir es nur mit der Gegenwart zu thun, denn wie kön⸗ nen wir auch nur einen einzigen Tag vorausſehen? Wie wenig erwarteten wir Alle dies vor nur erſt Einer Woche! Es kann ſeltſam erſcheinen, daß Francis uns ſo lange, Jahre müſſen es geweſen ſein, hintergehen konnte. Wir leben aber gar ſo eingezogen, und ſind in vielen Dingen eine gar ſo einfache Familie. In wie weit Penelope glaubt, daß wir— Papa und ich— es wiſſen, darüber habe ich keine Ver⸗ muthung. In Bezug auf Francis bewahrt ſie voll⸗ ſtändiges Schweigen. Mit Ausnahme jenes einen Ausrufs, als ſie nur erſt halb wach war, hat ſie ſei⸗ nen Namen nicht wieder erwähnt. Es war noch Etwas, was ich Dir zu ſagen wünſchte, Max; Du weißt, daß ich Dir Alles ſage. Gerade als ich meine Schweſter verlaſſen wollte, fragte ſie, denn ſie hatte bemerkt, daß ich nicht aus⸗ gekleidet war, ob ich die ganze Racht gewacht hätte, —— und machte mir dann Vorwürfe darüber, daß ich dies gethan. Ich ſagte: Ich wäre nicht müde, ſondern hätte mich ganz geräuſchlos im Nebenzimmer be⸗ ſchäftigt. „Mit Leſen?“ „Nein.“ „Was haſt Du d denn gemacht?“ fuhr ſie in arg⸗ wöhniſchem Tone fort. Unverhohlen antwortete ich: „Ich habe an Max geſchrieben.“ „An was für einen Max?— Ah, jetzt fällt mir ein— ich hatte ſeinen Namen vergeſſen.“ Sie wendete ſich von mir ab und lag mit dem Geſichte nach der Wand gewendet, dann ſagte ſie: Du an ihn?“ 8 „Thue es lieber nicht. Du wirſt es ſpäter ein⸗ mal bereuen. Kind, merke meine Worte. Gute Frauen giebt es vielleicht— eine oder zwei vielleicht — einen guten Mann aber es in der ganzen Welt nicht.“ Das Herz ſtieg mir auf die Lippen, aber Tha⸗ ten ſprechen lauter als Worte. Ich verſuchte nicht, Dich zu vertheidigen. Ueberdies iſt es kein Wunder, daß ſie dies denkt. Sie hob wieder an: „Dora, ſage Doctor Urquhart, er ſei gewiſſer⸗ maßen unſchuldig, und ich hätte es geſagt. Er tödtete blos Harry's Leib; die aber, welche uns hin⸗ tergehen, ſind die Mörder unſerer Seele. Ja“— und ihr Ausdruck überzeugte mich, daß ſie nicht an ſich oder an das ihr ſelbſt zugefügte Unrecht dachte —„es giebt deren, welche beide vernichten, den Kör⸗ per ſowohl als die Seele.“ Ich gab keine Antwort. Ich deckte die Arme blos warm zu, küßte ſie und verließ ſie, denn ich wußte, daß ich ſie in gewiſſer Beziehung weder ein⸗ ſam noch allein ließ. Und nun muß ich auch Dich verlaſſen, Max, denn ich bin ſehr müde am Körper, obſchon mein Geiſt getröſtet und erfriſcht iſt— ja, in der That gleich von dem erſten Augenblicke an, wo ich dieſen Brief begann. So viele Deiner herrlichen Worte ſind in meine Erinnerung zurückgekehrt, während ich ſchrieb— Worte, welche Du dann und wann fallen ließeſt, ſchon vor langer Zeit, als wir noch bloße Bekannte waren. Du glaubteſt nicht, daß ich ſie in meinem Gedächtniſſe bewahren würde. O, gewiß thue ich es. Es iſt dies ohne Zweifel ein ſchwerer Schlag. Die Hand der Vorſehung ruht ſchwer auf uns und — 171— unſerm Hauſe. Ich glaube aber, wir werden im Stande ſein, es zu tragen. Man hat ſtets den Muth, einen Kummer zu tragen, der ſein nacktes Antlitz zeigt, der frei von Ungewißheit oder Maske ſichtbar mitten im Hauſe ſteht, und dem jedes Mit⸗ glied deſſelben entgegengehen und ihn geduldig aus⸗ halten kann. Du ſagteſt einmal, unſer Leben lehre uns oft den Grund des Leidens, und alle Ereigniſſe des Le⸗ bens hingen ſo wunderbar zuſammen, daß wir ſpä⸗ ter die Kette derſelben verfolgen und in demüthi⸗ gem Glauben und Ehrfurcht ſehen könnten, wie eins aus dem andern ſich entwickelt hat, und daß Alles, Gutes und Böſes, nothwendig und genau ſo geſchehen mußte, wie es geſchah. Auf dieſe Weiſe fange ich an, einzuſehen— Du wirſt Dich dadurch nicht verletzt fühlen, Max— wie gut es in gewiſſer Beziehung war, daß wir nicht vermählt wurden, daß ich noch zu Hauſe bei meiner Schweſter war, und daß nach Allem, was ſie und nur ſie von dem weiß, was mir dieſes Jahr begegnet iſt, ſie nicht den Troſt, den ich ihr vielleicht zu bieten im Stande bin, aus dem Grunde zurück⸗ weiſen kann, daß ich ſelbſt noch keinen Kummer ken⸗ nen gelernt. Was mich perſönlich betrifft, ſo fürchte Richts. — 172— Ich habe Dich. Du fürchteteſt einſt, daß ein großer Seelenſchmerz mir das Herz brechen würde, aber er hat es nicht gethan. Nichts in dieſer Welt wird es je thun— ſo lange ich Dich habe. Max, küſſe mich— in Gedanken, meine ich— wir wollen uns als Freunde betrachten, die eine lange und mühſame Reiſe angetreten haben, von der ſie noch nicht das Ende abſehen, aber vor welcher ihnen nicht bange iſt. Mir wenigſtens iſt nicht Leb' wohl, mein Max! Stets und nur die Deine Theodora Johnſton. Achtes Rapitel. Seine Geſchichte. Meine theure Theodora! Du wirſt meine Briefe regelmäßig empfangen. haben; auch wundre ich mich nicht ſehr darüber, daß ſie nicht beantwortet worden ſind. Ich habe von Zeit zu Zeit auf anderm Wege alle nähern Umſtände über die Krankheit Deiner Schweſter ſo wie auch von Dir gehört. Miſtreß Granton ſagt, Du hielteſt Dich gut, aber ich weiß, daß, könnte ich es jetzt ſehen, es daſſelbe kleine bleiche Antliß ſein würde, welches im vorigen Jahre von dem Bette Deines Vaters ſich an mich heranzuſtehlen pflegte. Wenn ich Dich bitte, zu ſchreiben, ſo geſchieht 12 es durchaus nicht, weil ich an Dir zweifelte, oder auf Deine FPflichten gegen Deine Familie eiferſüchtig — 174— wäre, ſondern weil ich nach dem Anblicke Deiner Handſchrift ſchmachte, ſo wie nach einer Verſicherung von Dir ſelbſt, daß Dir Deine Geſundheit nicht untreu wird— die einzige Untreue, die ich von Dir fürchte. Ich beantworte nun zunächſt eine Stelle in Deinem Briefe, die ich bis jetzt unberührt gelaſſen, denn es gab außerdem ja ſo Vieles, worüber ich an Dich zu ſchreiben hatte— die Stelle in Betreff der Freunde, die von Freunden ſcheiden.— Anfangs deutete ich dieſelbe ſo, daß Du in Deiner Riedergeſchlagenheit und Hoffnungsloſigkeit wünſchteſt, ich möchte wieder auf meine frühere Stufe hinabſteigen und blos Dein Freund ſein. Es war damals nicht Zeit, über dieſen Punkt zu ſtreiten; auch würde dies nach der einen wie nach der andern Seite hin keinen Unterſchied in meinen Briefen gemacht haben— jetzt laß mich zwei Worte hierüber ſagen. Mein Kind, wenn ein Mann ein Weib liebt, ehe er verſucht ſie zu gewinnen, ſo wird er, wenn er ohne Selbſtſucht liebt, in Bezug auf ſie ſowohl als auf ſich manchen Zweifel hegen. In der That, wie ich einmal irgendwo las:„Wenn ein Mann ein Weib wahrhaftig liebt, ſo wird er ſie unter keiner Bedingung heirathen wollen, wenn er nicht — vollkommen überzeugt iſt, das er der beſte Mann iſt, den ſie möglicher Weiſe heirathen könnte.“ Sobald ſie ihn aber liebt und er es weiß und gewiß iſt, daß, wie unwürdig er auch ſei und wie viele Fehler ſie auch haben möge— ich habe Dir doch niemals geſagt, daß Du ein Engel biſt, kleine Dame?— ſie ihre Schickſale an einander geknüpft, das ſie einander für alle Wechſelfälle des Lebens und mit allen ihren Fehlern und Tugenden auserſehen haben— wie Eure Kirche ſagt— dann gewinnen die Dinge eine ganz andere Geſtalt. Er hat ſeine Rechte, ſo beſtimmt und feſt wie kein anderes menſch⸗ liches Weſen ſie in Bezug auf ſie haben kann; ſie hat ſie ihm gegeben— und wenn er einen Funken Mannesgefühl in ſich hat, ſo wird er niemals darauf verzichten, ſondern daran ewig feſthalten. Meine theure Theodora, ich habe nicht die Ab⸗ ſicht, wieder in die Rolle Deines Freundes zurückzu⸗ treten. Ich bin Dein Geliebter und verlobter Gatte. Ich will auf Dich warten, ſo viele Jahre Du willſt, bis Du alle deine Pflichten erfüllt haſt und kein irdiſches Recht die Macht hat, uns länger zu trennen. Mittlerweile aber halte ich feſt an meinen Rechten. Alles, was ein Verlobter oder künftiger Gatte Dir ſein kann, muß ich ſein. Und wenn ich Dich ſehe — denn ich bin entſchloſſen, Dich in gewiſſen — 176— Zwiſchenzeiten zu ſehen— ſo glaube nicht, daß es der Kuß eines Freundes ſein wird— wenn es ſo Etwas giebt— Doch ich habe genug geſagt; es iſt mir nicht leicht, mich auf dieſe Weiſe auszudrücken. Meine Geliebte, dieſer Brief hat theilweiſe den Zweck, Dich in einer Sache zu Rathe zu ziehen, welche mich ein wenig beunruhigt. Jeder andern Per⸗ ſon als Dir gegenüber würde ich zögern, aber ich kenne Deinen Sinn faſt eben ſo genau wie den meinigen, und kann mit Dir ſprechen wie ich hoffe, ſtets ſprechen zu können— frei und offen wie ein Mann zu ſeinem Weibe. In Bezug auf Deine Schweſter Penelope und ihren großen Schmerz habe ich ſchon ausführlich geſchrieben. An ihrer endlichen Geneſung, der geiſtigen ſowohl als der leiblichen, zweifle ich nicht. Sie trägt in ſich die Grundlagen aller Duldung — ein ächtes aufrichtiges Gemüth und einen reli⸗ giöſen Sinn. Wenn der erſte betäubende Schmerz vorüber iſt, wird ein gewiſſes kleines Mädchen, welches ich kenne, für ſie ein rettender Engel ſein, gerade ſo wie ſie es für andere Perſonen geweſen iſt, die ich nennen könnte. Fürchte daher Richts. Fürchte Gott und habe keine andere Furcht— Du wirſt Deine Schweſter wohlbehalten an's Land — 177— bringen. Du weißt aber wohl, daß Penelope nicht die einzige Perſon iſt, welche Schiffbruch gelitten hat. Ich würde dieſen Punkt jetzt nicht zur Sprache bringen, wennich es nicht gewiſſermaßen für einePflicht hielte, und zwar für eine Pflicht, die nach gewiſſen mir zugegangenen Mittheilungen keinen Aufſchub duldet. Es iſt um ſo mehr eine Pflicht, weil meine Beſchäftigung hier mir gar ſo ſehr die Hände bindet. Du und ich, wir leben nicht für uns ſelbſt, wie Du weißt, ja wir leben nicht einmal ganz eins für das andere. Ich wünſche, daß Du mir beiſteheſt, Theo⸗ dora. In meinem letzten Briefe meldete ich Dir, wie die Geſchichte von Lydia Cartwright zu meiner Kenntniß kam und wie ich am Sarge ihres Vaters von ihrer alten Mutter inſtändig gebeten ward, ſie ausfindig zu machen und womöglich ihrer Heimath wieder zuzuführen. Ich hatte damals keine Ahnung, wer der„Gentleman“ ſei. Später aber kam ich auf die Vermuthung, daß es vielleicht ein Freund von Mr. Charteris ſei. Um mich zu überzeugen, richtete ich eines Tags einige Fragen an ihn— gerade, offene Fragen, denn ich verabſcheue alle Diplomatie; auch hatte ich per⸗ ſönlich gegen ihn keinen Verdacht. Seine Antwort war eine entſchiedene und beleidigende Verneinung, Leben um Leben. MW. 12 daß er überhaupt von der ganzen Sache Etwas wiſſe. Als die Wahrheit an den Tag kam, war ich in Zweifel, was ich in Uebereinſtimmung mit dem der Mutter des armen Mädchens gegebenen Verſprechen thun ſollte. Endlich ſtellte ich Nachforſchungen an, hörte aber, daß das Gartenhaus in Kenſington verkauft und die Bewohner deſſelben weggezogen ſeien. Nun verſchaffte ich mir die Adreſſe von Sarah Enfield— das heißt, ich beauftragte meine alte Freundin, Miſtreß Ansdell, mir ſie zu verſchaffen, und ſchickte ſie der alten Miſtreß Cartwright zu, ohne weiter einen Rath oder eine Erklärung hinzu⸗ zufügen, als daß dieſe Mittheilung von einer Perſon komme, welche Lydia kenne. Weißt Du, daß Lydia mehr als einmal an ihre Mutter geſchrieben und ihr zuweilen Geld ge⸗ ſchict und dabei gemeldet hat, ſie befände ſich wohl und glücklich, aber weiter Nichts? Heute Morgen hörte ich, daß die alte Frau unmittelbar nach Empfang meines Briefes ihr Haus zugeſchloſſen, den Schlüſſel dem Nachbar übergeben hat und verſchwunden iſt. Sie kommt aber vielleicht zurück, und zwar nicht allein. Ich hoffe innig, daß ſie nicht allein kommen wird. Und deßhalb ſchreibe — 179— ich, theils um Dich auf dieſen Fall vorzubereiten und damit Du womöglich Deiner Schweſter un⸗ nöthigen Schmerz erſpareſt, theils aber auch aus einem andern Grunde. Du weißt es vielleicht nicht und es iſt eine ſchwere Aufgabe, mein unſchuldiges Mädchen in dieſer Beziehung aufklären zu müſſen— aber Dein Vater hat ganz Recht— Lydia's Geſchichte iſt keines⸗ wegs eine ſeltene und wird auch von der Welt nicht ſo betrachtet wie von uns geſchieht. Es giebt ſehr wenig Leute— beſonders unter der Klaſſe, zu welcher Mr. Charteris gehört, welche die chriſtliche Lehre be⸗ kennen oder üben, daß auch unſere Leiber Tempel des heiligen Geiſtes find, daß das Leben eines Mannes eben ſo rein ſein ſoll wie das eines Weibes, da ſonſt kein Weib, wie ſehr ſie ihn auch bemitlei⸗ den mag, ihn achten oder heirathen kann oder ſollte. Dies iſt, wie mir ſcheint, das chriſtliche Prinzip von Liebe und Ehe— das einzige, wodurch die eine geheiligt und die andere für Alle ehrenwerth ge⸗ macht werden kann. Ich bin unabänderlich bemüht geweſen, für dieſes Prinzip nach jeder Seite hin zu wirken; auch zögere ich nicht, darüber an meine zu⸗ künftige Gattin zu ſchreiben, die, der Himmel ſei dafür geprieſen, ſich mit mir zu jedem Werke ver⸗ bündet hat, das mein Gewiſſen einſt als Sühne —— verlangte und mein Herz jetzt als demüthigen Dank darbringt. Doch genug über mich ſelbſt. Während dieſes Prinzip, daß gänzliche Reinheit ſowohl für den Mann als für das Weib weſentlich iſt, niemals ſtreng genug aufrecht gehalten werden kann, hat die Sache auch noch eine andere Seite, die mit der verwandt iſt, über welche Du und ich oft mit einander geſprochen haben. Du findeſt ſie in dem ſiebenten Kapitel des Evangeliſten Lucas und in dem achten des Evangeliſten Johannes, wo ſie, glaube ich, nicht geſchrieben ſteht, um blos ge⸗ leſen zu werden, ſondern damit auch alle Chriſten, welche den„Geiſt Chriſti“ in ſich zu haben wünſchen, darnach handeln. Nun, mein Kind, weißt Du, was ich meine und wie das rettende Gebot:„Gehe hin und ſündige hinfort nicht mehr,“ auch auf dieſe Sünde dung erleidet. Du weißt von dem, was Lydia Eurnriht zu ſein pflegte, weit mehr als ich, aber es gehört lange Zeit dazu, ehe ein einziger Fehler den Charak⸗ ter verdirbt, und ihre fortwährende Erinnerung an ihre Mutter ſowohl als auch ihre Mildthätigkeit gegen Sarah Enfield laſſen mit Recht vermuthen, daß in dem Mädchen noch viel Gutes liegen muß. — 181— Sie iſt jung. Auch habe ich nicht gehört, daß ſie jemals tiefer gefallen ſei als dieſes eine Mal. Aber ſie kann nun noch tiefer fallen, denn nach dem, was ich von Mr. Charteris' gegenwär⸗ tigen Umſtänden weiß, zu urtheilen, iſt ſie jetzt mit ihrem Kinde dem äußerſten Mangel preisgegeben. Es iſt dies bei Weitem nicht der erſte ähnliche Fall, mit dem ich zu thun gehabt, Dir aber kann ſo Etwas noch nicht vorgekommen ſein. Scheueſt Du Dich? zögerſt Du, Deine reine Hand einem armen Geſchöpfe entgegenzuſtrecken, welches niemals wieder ein unſchuldiges Mädchen ſein kann und welches auch in Folge der allzugroßen Strenge von Rockmount vielleicht um deſto leichter auf Abwege hat gelockt werden können? Wenn Du wirklich zögerſt, ſo ſage es. Es wird dies weder unnatürlich, noch für mich über⸗ raſchend ſein. Scheueſt Du Dich aber nicht, ſo wünſche ich, daß Du Folgendes thueſt: In Folge meiner eigenen eigenthümlichen Stel⸗ lung ſcheint, obſchon ich fühle, daß es geſchehen muß, doch keine andere Möglichkeit zu ſein, daß es geſchehe, als durch Dich. Sollten die Cartwrights daher in dem Dorfe wieder zum Vorſchein kommen, ſo über⸗ rede Deinen Vater, ſich nicht ganz von ihnen abzu⸗ wenden und am allerwenigſten ſie mit Hülfe des — 182— Geſetzes aus dem Orte zu vertreiben. Fort müſſen ſie allerdings— dies iſt für Deine Schweſter weſentlich, aber die alte Frau iſt ſehr arm. Sorge daher dafür, daß ſie nicht auf eine Weiſe vertrieben werden, welche ihnen zwiſchen Sünde und Hungertod keine Wahl ließe. Ueberdies iſt auch das Kind da— wie kann ein Mann jemals ſein eigenes Kind vergeſſen!— doch hierauf will ich weiter nicht eingehen. Es iſt dies ein ſeltſamer„Liebes⸗Brief,“ doch ſchreibe ich ihn ohne Zögern— Du wirſt ihn ver⸗ ſtehen. Du wirſt gern Etwas von mir hören wollen, aber es giebt wenig zu berichten. Das Leben eines Gefängnißarztes hat große Aehnlichkeit mit dem eines Mühlpferdes und iſt in gewiſſer Be⸗ ziehung beinahe eben ſo hoffnungslos, für die alten und blinden vielleicht am beſten geeignet. Ich muß meine Augen vor ſo Vielem verſchließen, was ich nicht ändern und beſſern kann, und ſo Vieles gedul⸗ dig hinnehmen, wogegen ein Kampf ein eben ſo rieſiges Unternehmen wäre als wenn man die egyp⸗ tiſchen Pyramiden mit dem Kopfe einrennen wollte, und oſt entſinkt mir daher der Muth. Dieſes große Gefängniß iſt, wie Du weißt, ein Muſter in ſeiner Art und nach dem Syſteme ein⸗ gerichtet, welches mit Hülfe der Einſamkeit auf — — — 183— moraliſche und leibliche Beſſerung abzweckt und ohne Zweifel, gegen das frühere betrachtet, vortrefflich genannt werden muß. Die Gefangenen ſind zahl⸗ reich, und Viele von ihnen geben ſich, ſobald ſie hinauskommen, die größte Mühe, wieder hineinzu⸗ kommen, ſo groß ſind die Bequemlichkeiten des Ge⸗ fängnißlebens im Gegenſatze mit dem der Freiheit. Und dennoch kommen ſie mir oft vor wie eine Heerde wilder Thiere, die auf die Art und Weiſe untergebracht und gefüttert werden, welche am beſten geeignet iſt, ihre Geſundheit zu erhalten und ſie ab⸗ zuhalten, ihren Nebenmenſchen Schaden zu thun. Ihr leibliches Wohl wird ſorgfältig in Acht genom⸗ men, aber ihre Seele— man möchte zweifeln, daß ſie deren wirklich beſitzen! Sie ſind blos Nummer eins, zwei, drei und ſo weiter, ohne eine Spur von menſchlicher Individualität oder Verantwortlichkeit. Selbſt ihre Geſichter gewinnen alle eine und dieſelbe Form und werden dick, reinlich, träg und Richts ſagend. Während der Stunde, wo ſie ſich körperliche Bewegung machen, beobachte ich ſie oft, und ſehe zu, wie Jeder innerhalb der ihm angewieſenen Grenzen hin und her ſpaziert, aber ſelten gewahre ich ein. Geſicht, aus welchem nur ein Strahl des Ausdruckes oder der Intelligenz leuchtete. — 184— So gute Folgen es auch in mancher Beziehung äußert, ſo habe ich doch in Bezug auf dieſes Einzel⸗ haft⸗Syſtem meine Zweifel. Dieſe findeſt Du ſchrift⸗ lich in dem Manuſeript ausgedrückt, welches Du verlangteſt, und deßhall will ich ſie hier nicht wie⸗ derholen. Und dennoch wird es eine wohlthätige Ver⸗ änderung für Dich ſein, Dich aus dem Kranken⸗ zimmer Deiner Schweſter in das meinige zu verſetzen — nicht ein Krankenzimmer, Gott ſei Dank! Die hieſige Gegend iſt eine ſehr geſunde, der Seewind umweht die Gefängnißmauern und ſchüttelt die Roſen in dem Garten des Directors, ſo daß man kaum glauben kann, es ſtecke ein ſo ſchauer⸗ licher Raum dahinter. Ja ſchauerlich genug iſt er zuweilen, um an jenen Reformfreund zu erinnern, welcher ſich erbot, irgend eine demoraliſirte Gegend in ein vollkommenes Utopien zu verwandeln, dafern ihm geſtattet würde, alle männlichen Bewohner, die über vierzehn Jahre alt wären, ſummariſch aufzu⸗ knüpfen. Du lächelſt vielleicht über dieſes Kompliment für Dein Geſchlecht auf Koſten des meinigen. Und doch ſehe ich hier Verworfene, von welchen ich kaum glauben kann, daß ſie dieſelbe Weibesnatur mit meiner Theodora theilen. Ueberlege ſorgfültig, was — 185— ich Dir in Bezug auf Lydia Cartwright ſagte. Eine ſolche Verworfenheit tritt ſelten plötzlich, ſondern in der Regel nur Schritt um Schritt ein. Und bei jedem Schritte, auf jeder Stufe iſt noch Hoffnung, wenigſtens lehrt mich dies meine Erfahrung. Schließe aus dieſer Schilderung nicht etwa, daß ich über meiner Arbeit hier den Muth verloren habe. Abgeſehen von Inſtructionen und Regulativen giebt es immer noch viel Raum für perſönlichen Einfluß, beſonders in der Krankenſtube. Wenn der Menſch krank oder dem Tode nahe iſt, dann wird ſein Herz, ohne daß er ſelbſt Etwas davon weiß, ein ächt menſchliches; er denkt an Gott. Aus dieſem einfachen Grunde hat mein Beruf einen großen Vorzug vor jedem andern, und es iſt ein großer Vortheil, phyſiſche Hülfe auf ſeiner Seite zu haben, ſo wie ich ſie in den Straßen und Städten nicht finde. Als ich heute aus einer ſaubern, rein⸗ lichen, gutgelüfteten Zelle, deren Bewohner wenig⸗ ſtens— wenn er will— die Möglichkeit geboten iſt, leſen zu lernen und durch das Fenſter ein Stück hellen blauen Himmel zu ſehen, ſo friſch und ſo rein wie je ein Himmel geweſen, aufblickte, dachte ich an zwei Zeilen, die Du mir einmal aus Deinem mit Poeſie ſo reich ausgeſtatteten Gedächtniſſe her⸗ ſagteſt: — 186— „Gott thront in ſeinem Himmel Und ſeine Welt iſt ſchön.“ Geſtern hatte ich einen Feiertag. Ich fuhr auf der Eiſenbahn nach Treherne Court, weil ich Etwas von Rockmount zu hören wünſchte. Ue⸗ brigens ſagteſt Du auch, es ſei Dein Wunſch, daß ich Deinen Schwager und Deine Schweſter zuweilen beſuchen möchte. Sie ſchienen ſehr glücklich zu ſein — ſo daß ſie eigentlich gar keinen Beſuch brauchen — doch empfingen ſie mich ſehr freundlich und ich erhielt Nachrichten über Dich. Sie begleiteten mich beim Abſchiede bis an das Parkthor, wo ich ſie mit einander plaudernd und lachend ſtehen ließ, als ein leibhaftes Bild der Jugend, des Reichthums und der Schönheit— ein Bild, welches zu dem Orte paßte, mit ſeinen hohen hundertjährigen Bäumen, deren Aeſte bis auf den Boden herabreichen, ſeinen grünen Hügeln und ſeinen herumſpringenden Rehheerden— während die Thürmchen des prachtvollen Hauſes, welches ſie ihre Heimath nennen, weiß aus der Ferne herüber⸗ ſchimmerten. Du ſiehſt, daß ich ein Blatt aus Deinem Buche nehme und poetiſch werde. Dieſer kurze Gegenſatz zu meinem täglichen Leben machte aber den Eindruck ganz beſonders ſtark. ——————————— —————— —————— Wegen Deiner jüngſten Schweſter brauchſt Du nicht beſorgt zu ſein— ſie ſchien ſich geiſtig und körperlich höchſt wohl zu befinden. Die letzten trau⸗ rigen Ereigniſſe ſcheinen ſie nicht berührt zu haben. Sie bemerkte blos, ſie freue ſich, daß die Sache vor⸗ bei ſei, denn ſie habe Francis nie ſonderlich leiden können. Penelope müſſe um der Veränderung willen nach Treherne Court kommen und werde ohne Zweifel ſehr bald ſich auf weit beſſere Weiſe ver⸗ heirathen. 3 Auguſtus ſagte, er und ſein Vater ſeien ſehr entrüſtet— Letzterer habe ſeinen Reffen gänzlich verſtoßen, denn„eine ſo niedrige Handlungsweiſe ſei eine Schande für die Familie.“ Und dann ſprach Treherne von ſeinem eigenen Glücke— wie ſein Vater und Lady Auguſta ſeine Gattin förmlich an⸗ beteten, und wie die Hoffnung und der Stolz der Familie auf ihr beruhe, und was er ſonſt noch Alles in demſelben Sinne hinzufügte. In der That, der Freudenbecher dieſes jungen Paares iſt voll zum Ueberfließen. Leb' wohl, meine theure Theodora! Schreibe bald. Deine Worte ſind, wie die Bibel ſagt, ſüßer als Honig für mich Unwürdigen. Max urquhart. — 5—„ Ich muß noch bemerken,— obſchon Du dies als Etwas betrachten wirſt, was ſich von ſelbſt verſteht — daß Du bei Allem, was Du in Bezug auf die alte Miſtreß Cartwright oder ihre Tochter thuſt, Nichts thun darfſt, ohne Deinen Vater vorher davon unterrichtet und ſeine Zuſtimmung erlangt zu haben. Ende des vierten Bandes. Druck von C. Roeßler in Grimma. ————— 10 16