——————— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otlmunn in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommeu. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. S „ 3„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jtit Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— H — —5 — — Teben um Feben. Dritter Band. Leben um Leben. IM. Weben m WPeben. Von der Verfaſſerin von „John Halifar“,. Das Familienhaupt“ u. ſ. w. Deutſch von A. Rretſchmar. Dritter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoirr. 1861. Erſtes Bapitel. Ihre Geſchichte. c Mlorgen fertig.“ Welch' eine lange, lange Zeit ſcheint verſtrichen zu ſein, ſeitdem ich dieſe Zeile ſchrieb. Vor einem Monate und vier Tagen ſaß ich hier und wartete auf Papa und Penelope, die von ihrer Tiſchgeſellſchaft noch nicht wieder zu Hauſe waren. Ich bemühte mich, heiter zu ſein; ich wunderte mich⸗ warum ich es nicht war, und doch war mein Herz während dieſer ganzen Zeit ſchwer wie Blei. Ich glaube, nun wird es nie wieder ſo ſchwer Wir ſind ſehr nahe daran geweſen, unſern ge⸗ liebten Vater zu verlieren. Menſchlich geſprochen, würden wir ihn auch verloren haben, wenn wir nicht Doctor Urquhart gehabt hätten, deſſen großer Geſchicklichkeit und unabläſſiger Sorgfalt— wie Doctor Black geſtern ſelbſt geſtand— Papa nächſt Gott ſein neugeſchenktes Leben verdankt. Es iſt mir unmöglich, hier die einzelnen Um⸗ ſtände des Unfalls, den mein armer Papa erlitt, und der darauf folgenden Krankheit niederzuſchreiben, von welcher jeder Tag gleichzeitig ſo lebhaft und doch ſo traumartig in meiner Erinnerung wohnt. Nie⸗ mals werde ich es vergeſſen, ſo lange ich lebe, und doch ſcheue ich mich ſelbſt jetzt noch, wieder daran zu denken, obſchon ich mich damals vor Nichts zu fürchten ſchien, ſondern ſtark genug war zu Allem. Es war mir— oder es ſcheint, als müßte mir ſo geweſen ſein— wie einmal an einem ſonnenhellen Nachmittage bei einem Picknick, vor zehn oder zwölf Jahren, wo ich, Colin Granton folgend, um den Rand eines runden Felſens auf einem zwei Fuß brei⸗ ten Vorſprunge herumging, einem ſchrägen, mit kurzem ſchlüpfrigem Graſe bedeckten Vorſprunge erzählte, um dadurch zu erläutern, was ich hier er⸗ wähne, nämlich die ruhige Bewußtloſigkeit, womit man zuweilen eine außerordentlich große Gefahr durchmacht, ſchauderte auch er und ward todtenbleich. Noch niemals ſah ich einen ſtarken Mann die Farbe ſo plötzlich und ſo vollſtändig verlieren wie bei ihm zuweilen der Fall iſt. Iſt er wirklich ſtark? Jene langen Nachtwachen müſſen ſeine Geſundheit angegriffen haben, die doch ſo werthvoll iſt, doppelt ſo werthvoll für einen Mann von ſeinem Berufe. Wir müſſen verſuchen, ihn zu bewegen, für ſich ſelbſt Sorge zu tragen und uns— Rockmount im Allgemeinen— zu erlauben, ihn dabei zu unterſtützen. Freilich hat er uns, ſeitdem ſeine Nachtwachen aufgehört haben, nicht viel Gelegenheit dazu gegeben, denn er hat uns blos ſeinen vorgeſchriebenen ärztlichen Beſuch ein Mal des Tages abgeſtattet und iſt dann kaum noch zehn Minuten dageblieben— bis heute, wo auf Papa's ausdrücklichen Wunſch Auguſtus hinüberfuhr und ihn zu Tiſche holte. Es iſt angenehm, hier niederſchreiben zu können, wie viel beſſer mein Schwager mir jetzt gefällt. Seine unwandelbare Herzensgüte, ſeine freundlich⸗heitere Weiſe und ſeine ungekünſtelte, obſchon etwas lär⸗ mende Liebe zu ſeiner Gattin, welche ſich, wie dies auch eigentlich ſo ſein ſoll, an jedem ihr angehörigen Weſen widerſpiegelt, machen es unmöglich, ihn nicht zu lieben. Ich freue mich von Herzen, daß er den Abſchied von der Armee genommen hat, ſ ſo daß, ſelbſt wenn wieder Krieg ausbricht, nicht zu fürchten ſteht, daß man ihn mit zum Dienſte im Auslande verwen⸗ det, obſchon er behauptet, daß er in dieſem Falle es, wie er ſagt, als eine Ehrenſache betrachten würde, den Feldzug als Freiwilliger mitzumachen. Liſabel lachte aber blos— ſie weiß ſchon, was das ſagen will. Immer noch hoffe ich, daß kein Grund dazu vorhanden ſein wird. Der Krieg iſt, im abſtracten Sinne betrachtet, ſchon furchtbar genug; wenn er aber perſönlich berührt, wenn die eigene Perſon und die Angehörigen den Zufällen deſſelben Preis gegeben ſind, dann iſt die Sache noch etwas ganz Anderes. Gewiſſe Schickſalsſchläge ſcheinen, wenn man ſie als perſönliche Möglichkeiten betrachtet, mehr zu ſein als die Menſchennatur ertragen kann. Wie die Mütter, Schweſtern, Frauen dies Alles während dieſes Krieges zu ertragen haben, iſt— Hier ſchwindelte mir der Kopf und ich mußte aufhören zu ſchreiben und mich niederlegen. Ich habe mich in der letzten Zeit nicht ſehr kräftig gefühlt — das heißt nicht körperlich kräftig. In meinem Herzen allerdings, denn ich bin durch und durch ruhig, glücklich und dankbar geweſen, wie wir auch Alle ſein müſſen, da Gott uns unſern theuern Vater erhalten hat, den ich nie ſo innig geliebt habe wie jetzt. In phyſiſcher Beziehung aber fühle ich mich etwas ermüdet und ſchwach, als ob ich gern mein Haupt irgendwo ausruhen und behüten laſſen möchte — das heißt, wenn Jemand da wäre, der dies thäte, was aber nicht der Fall iſt. So lange ich denken kann, hat Niemand ſich jemals für mich intereſſirt. Während ich dieſe letzte Zeile ſchrieb, kam die alte Miſtreß Cartwright und brachte mir etwas Pfeilwurzel mit Wein zum Abendeſſen und bat mich dann, zu Bett zu gehen wie ein gutes Kind. Sie ſagte, der Doctor habe ihr befohlen, nach mir zu ſehen, aber ſie würde es auch ſchon von ſelbſt gethan haben. Sie iſt eine gute alte Frau. Ich wollte, wir könnten Etwas über ihre arme verlorne Tochter ermitteln. Was wollte ich denn eigentlich ſchreiben?— O, die Geſchichte des heutigen Tages, wo ich den Faden meines Tagebuchs wieder aufnehme und die ganze Zwiſchenzeit als Lücke darin laſſe. Ich könnte Nichts darüber ſchreiben, wenn ich auch wollte. Ich ging heute nicht mit der übrigen Geſellſchaft zur Kirche, denn ich war überzeugt, daß ich nicht ſo weit zu Fuße gehen könnte, und übrigens muß auch Jemand bei Papa bleiben. Deßhalb gingen meine Schweſtern und auch Doctor Urquhart, wodurch Papa ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht zu ſehen ſchien, denn er hatte auf ein langes Morgengeplauder gerechnet. Ich habe nie geſehen, daß Papa ſich jemals ſo ſehr an irgend Jemanden angeſchloſſen oder an irgend Jemandes Geſellſchaft ſo außerordentliches Vergnügen gefunden hätte. Neulich, als Auguſtus ihn wegen einer Kleinigkeit beläſtigte, ſagte er, er wünſchte, er hätte ſeinen Schwiegerſohn ſelbſt wählen können und Liſabel würde weit beſſer gethan haben, wenn ſie Doctor Urquhart geheirathet hätte. Unſere Liſabel und Doctor Urquhart! Ich konnte nicht umhin, zu lachen. Tag und Nacht, — Feuer und Waſſer, dies wäre das beſte Bild, um eine ſolche Vereinigung zu ſchildern. Penelope würde— obſchon ſie ihm ſo unfreundlich begegnete — aber daran war Francis ſchuld— weit beſſer für ihn gepaßt haben. Jetzt ſind ſie freundlicher gegen einander als früher, wie er denn überhaupt mit ganz Rockmount in gutem Einvernehmen ſteht VWir fühlen hoffentlich — ſammt und ſonders, daß die Verbindlichkeiten, die wir gegen ihn haben, von der Art ſind, daß wir uns Zeit unſers ganzen Lebens derſelben nicht ent⸗ ledigen können. Dieſer ſchwere Kummer iſt in vieler Beziehung wie viele Leiden, ein„verkappter Segen“ geweſen. Er hat uns Alle zuſammengezogen wie das Unglück nur je thut und wie ich nicht glaubte, daß irgend Etwas es thun könnte, eine ſo ſeltſame Familie ſind wir. Aber wir beſſern uns, wir ſchließen uns jetzt nicht in unſere Zimmer ein, wir verkriechen uns nicht jedes in ſeine Höhle wie mürriſche Bären bis zur Fütterungszeit, ſondern wir verſammeln uns im Wohnzimmer und ſitzen um Papa's Studirſtuhl herum und plaudern. Hier hielten wir auch heute Morgen nach der Kirche, ehe Papa herunterkam, eine Verſammlung und Conferenz. Und ſeltſamer Weiſe— es war beinahe das erſte Mal, daß ſo Etwas je in unſerer Familie geſchah, obſchon ſie die eines Geiſtlichen iſt— ſprachen wir über die Kirche und die Predigt. Letztere ward von einem jungen Manne gehal⸗ ten, welchen Papa als Subſtituten hat annehmen müſſen und der, wie Penelope ſagte, den von ihm gehegten Erwartungen nimmermehr entſprechen würde, wenn er ſo excentriſche Texte wählte und ſo ſonderbare Predigten hielte, wie die, welche er an dieſem Morgen gehalten. Ich fragte, worüber er gepredigt hätte, und erhielt zur Antwort:„Ueber die Stätten der Zuflucht.“ Ich fürchte, daß ich die Bibel— wenigſtens den hiſtoriſchen Theil derſelben— nicht ſo kenne, wie ich ſollte, denn Penelope war faſt empört, als ich fragte, was die Stätten der Zuflucht ſeien. Sie erklärte, jedes Kind in ihrer Schule wäre beſſer mit dem alten Teſtamente bekannt, und ich wollte ſchon ſagen, viele Kinder ſeien auf viel zu ſchlüpfrige und unehrerbietige Weiſe damit bekannt, denn ich hörte ein⸗ mal zu, als eine Anzahl derſelben das kleine Drama des Eliſah, die ſpottenden Knaben und die Bären im Walde aufführten— zur großen Beſtürzung unſeres armen kahlköpfigen Organiſten und ihrem eignen geräuſchvollen Vergnügen, beſonders die beiden Knaben, welche die Bären ſpielten. Aber es wäre gottlos, unſere gute Penelope zu ärgern— wenigſtens halte ich es jetzt für gottlos. Deßhalb ſagte ich Nichts; nachdem aber die Predigt als„außerordentlich“, als„ein in unſerer Kirche un⸗ erhörtes Gemiſch von Politik und Religion“— wie es ſcheint, hatte der Prediger auch die jetzt in allen Zeitungen beſprochene Frage über die Todesſtrafe mit hineingebracht— beſprochen worden, nahm ich —— Gelegenheit, Doctor Urquhart zu fragen, worüber die Predigt eigentlich gehandelt habe. Ich kann oft mit ihm von Dingen ſprechen, die es mir niemals einfallen würde, mit meinen Schweſtern oder auch mit meinem Vater zu verhandeln; denn was für ein Gegenſtand es auch ſein möge, ſo hört er mir doch ſtets zu, antwortet und erklärt, indem er entweder meine Thorheiten hinweglacht, oder mir ernſt und freundlich zuſpricht. Dieſes Mal jedoch war er nicht ſo geduldig, ſondern fragte mich kurz, warum ich das zu wiſſen wünſchte. „Wegen der Predigt. Aus harmloſer Reugier. Oder vielmehr“— denn ich wollte nicht, daß er glauben ſollte, ich würde in einer religiöſen Ange⸗ legenheit durch keinen höhern Beweggrund als bloße Neugier geleitet,„weil ich Penelope's Urtheil über den Subſtituten bezweifle. Sie iſt zuweilen etwas ſchroff.“ „Wirklich?“ „Wollen Sie mir,“ und ich zog meine kleine Bibel, in welcher ich, im Garten ſitzend, geleſen, aus der Taſche,„die Stelle wegen der Stätten der Zuflucht aufſchlagen?— Das heißt, wenn es Ihnen nicht zuwider iſt, über dieſen Gegenſtand zu ſprechen.“ — 16— „Wer— ich— was veranlaßt Sie, dies zu glauben?“ Ich antwortete ganz offen ſein eigenes Beneh⸗ men, während die Andern über die Sache geſprochen. „Sie müſſen nicht auf mein Benehmen achten — es iſt nicht liebreich— es iſt nicht freundlich.“ Und dann bat er mich um Verzeihung und ſagte, er wiſſe recht wohl, daß er gegen mich oft unfreund⸗ licher ſpräche als gegen ſonſt Jemand. Wenn er es aber auch thut, ſo fühle ich mich doch dadurch nicht verletzt. Er hat ſicherlich viele Urſache zur Aufregung und Gereiztheit, der er durch Worte Luft machen muß. Ich wollte, er thäte dies noch mehr als es der Fall iſt. Man könnte ſich gern gefallen laſſen, von ihm ausgeſcholten zu wer⸗ den, ſobald es ihm zuträglich iſt. Ratürlich aber würde ich die theologiſche Frage nicht wieder aufge⸗ griffen haben, wenn er nicht ſelbſt einige Minuten ſpäter darauf zurückgekommen wäre. Wir ſtanden draußen vor der Glasthür. Es war Niemand in unſerer Nähe und er ſpricht auch überhaupt ſelten ernſthaft, wenn wir nicht zufällig mit einander allein ſind. „Denken Sie auch ſo wie jene— ich meine Ihre Schweſtern— daß das moſaiſche Geſetz noch unſer Geſetz iſt— das Geſetz, wo es heißt: Auge um Auge— Zahn um Zahn— Leben um Leben— und ſo weiter?“ Ich ſagte, ich verſtünde ihn nicht recht. „Es war dies das Thema der Predigt: Ob Der, welcher Jemanden um's Leben bringt, das ſeinige verwirkt. Das Geſetz Moſis verlangte dies. Selbſt der zufällige Mörder, Der, welcher ſich einer Tödtung ſchuldig gemacht— wie wir es jetzt aus⸗ drücken würden— war außerhalb der Grenzen der drei Zufluchtsſtätten nicht ſicher. Wenn der Blut⸗ rächer ihn fand, ſo konnte er ihn erſchlagen.“ Ich fragte, was nach ſeiner Meinung unter dem Bluträcher zu verſtehen ſei— ob die göttliche, oder die menſchliche Vergeltung? „Das weiß ich nicht. Wie ſoll ich es wiſſen? Warum fragen Sie mich?“ Ich hätte ſagen können, weil ich gern mit ihm ſprach und ihn ſprechen hörte; weil bei manchem verwickelten Gegenſtande, über den ich lange frucht⸗ los nachgedacht, ſeine Meinung mich geführt und auf den rechten Weg geleitet hatte. Ich deutete Etwas dieſer Art an, aber er ſchien nicht darauf zu hören oder zu achten, und fuhr fort: „Glauben Sie eben ſo wie der Prediger von heute Morgen, daß, ausgenommen in ſehr ſeltenen Fällen, wir— wir Chriſten nicht das Recht haben, Leben um Leben. M.. 2 Leben um Leben zu verlangen, oder glauben Sie aus religiöſen ſowohl als aus vernünftigen Gründen, daß jeder Todtſchläger unvermeidlich gehängt werden müſſe?“ Ich hatte oft über dieſe Frage nachgedacht und Doctor Urquhart fühlte dies augenſcheinlich eben ſo wie ich. In der That, oft iſt es mir ganz übel zu Muthe geworden bei den Hängungsgeſchichten, die ich Papa aus den Zeitungen habe vorleſen müſſen. Ich bin um ſieben Uhr Morgens aufgewacht und habe Minute um Minute das letzte Stündlein irgend eines unglücklichen Verbrechers gezählt, bis das ganze Schauſpiel ſo lebhaft vor meinen Augen ge⸗ ſtanden hat, daß die Hinrichtung ein ärgerer Mord zu ſein ſchien als das urſprüngliche Verbrechen, deſ⸗ ſen Sühne ſie war. Aber kann man deßwegen ſagen, daß die Todes⸗ ſtrafe unrecht ſei? Ich wußte es nicht. Ich wieder⸗ holte deßhalb leiſe die Worte, die mir in dieſem Augenblicke einfielen: „Denn wir wiſſen, daß ein Mörder nicht hat das ewige Leben bei ihm bleibend.“ „Aber wenn er nun kein vorſätzlicher Mörder wäre?“ ſagte Doctor Urguhart;„wenn er einen Menſchen— laſſen Sie uns einmal dieſen Fall — 19 annehmen— in heftiger Leidenſchaft oder unter Umſtänden tödtete, welche ihm alle Beſinnung ge⸗ raubt?— wenn er ſein Verbrechen auf jede mögliche Weiſe bereu't und geſühnt, wenn er das verlorene Leben durch ſein eigenes zurückerkauft.— nicht durch Sterben, ſondern durch die lange Qual des Lebens?“ „Ja,“ ſagte ich,„ich kann mir wohl denken, daß die Exiſtenz eines Verbrechers oder eines Menſchen, der vor ſeinem eigenen Gewiſſen als ein ſolcher da⸗ ſteht, zum Beiſpiel ein Duellant— weit ſchrecklicher iſt als der Tod auf dem Schaffot.“ „Sie haben Recht— ſolche Fälle habe ich geſehen.“ „Dies läßt ſich nicht bezweifeln, denn wie ein Offizier mir einmal ſagte, betrachtet der Militair⸗ ſtand das Duell immer noch als die nothwendige Vertheidigung der Mannesehre.“ Die durch unſer Geſpräch angeregten Erinnerun⸗ gen waren augenſcheinlich ſehr ſchmerzlich, ſo daß ich vorſchlug, dieſes Thema, welches nicht blos pein⸗ lich, ſondern auch unfruchtbar zu ſein ſchien, ruhen zu laſſen. „Nicht ganz unfruchtbar. Würden Sie übri⸗ gens eine Wahrheit ruhen laſſen, weil ſie zufällig ſchmerzlich oder peinlich iſt? Das ſieht Ihnen nicht ähnlich. Ich hoffe es auch nicht.“ * ₰ — W— Nachdem er einige Minuten geſchwiegen, fuhr er fort: „Es iſt dies eine Frage, über welche ich oft und lange nachgedacht habe. Ich habe meine eigene Meinung darüber und kenne auch die der meiſten andern Menſchen, aber ich möchte auch die eines Weibes darüber hören— einer Chriſtin. Sagen Sie mir: Glauben Sie, daß der Bluträcher durch die Welt der Chriſten ſchreitet wie durch das Land Iſrael, und Vergeltung fordert? daß es für Blutver⸗ gießen wie für alle anderen Verbrechen in dieſer Welt, möge es nun in einer andern werden wie es wolle, wohl Sühne giebt, aber keine Verzeihung? Ueberlegen Sie ſich die Sache wohl und nehmen Sie ſich mit dem Antworten Zeit, denn es iſt eine wichtige Frage.“ „Das weiß ich— die Hauptfrage unſerer Zeit.“ Doctor Urquhart verneigte ſich, ohne Etwas zu entgegnen. Er konnte kaum ſprechen; noch nie hatte ich ihn ſo furchtbar ernſt geſehen. Seine Aufregung rüttelte mich aus der natürlichen Schüchternheit auf, die ich allemal empfinde, wenn ich die Stimme erhebe und meine eigene kindiſche Meinung über Gegenſtände ausſpreche, über welche Jeder wohl das — Recht hat, nachzudenken, aber ſehr Wenige, zu ſprechen. „Ich glaube,“ ſagte ich,„daß in Folge des Stufenganges, auf welchem der Allmächtige ſeine Geſchöpfe zu veredeln beſchloſſen, ein Göttlicherer als Moſes uns ein höheres Geſetz brachte, worin die einzige Sühne, die verlangt wird, in Buße und Gehorſam beſteht: Bereue— gehe hin und ſündige hinfort nicht mehr! Wie mir ſcheint und wie ich hier leſe“— ich hielt meine Bibel noch in der Hand —„läuft durch das ganze neue und auch durch viele Theile des alten Teſtamentes ein klarer Lehrſatz, näm⸗ lich daß jede Sünde, wie groß ſie auch ſein möge, ſobald ſie bereu't und aufgegeben wird, von Gott gänzlich verziehen, geſtrichen und beſeitigt iſt und dies von den Menſchen ebenfalls ſein ſollte.“ „Gott ſegne Sie!“ Zum zweiten Male ſagte er dieſe Worte zu mir, ſagte ſie zwei Mal nach einander und verließ mich — ziemlich ſchroff, aber er iſt zuweilen ſo, wenn ſeine Gedanken vorzugsweiſe mit Etwas beſchäftigt ſind. So endete unſer kleines Geſpräch und doch hinterließ es einen angenehmen Eindruck. Allerdings war der Gegenſtand deſſelben ein ziemlich ſeltſamer. Meine Schweſtern würden daran eben ſo wie an der 2— unbefangenheit, womit ich Meinungen erfragte und ausſprach, Anſtoß genommen haben. Aber, o welcher Segen iſt es, einen Freund zu haben, gegen welchen man ſich furchtlos über jeden Gegenſtand ausſprechen kann, welchem gegenüber ſowohl die tiefſten als die thörigtſten Gedanken, die man hat, einfach und ſicher zu Tage treten! O, welcher Troſt— welcher unaus⸗ ſprechliche Troſt, ſich bei Jemandem ſicher zu füh⸗ len! Weder die Gedanken zu wägen, noch die Worte zu meſſen zu brauchen, ſondern ſie alle ungehin⸗ dert ausſtrömen zu laſſen, gerade ſo wie ſie ſind— Spreu und Körner durch einander; überzeugt, daß eine treue Hand ſie aufhebt und ſichtet, das, was des Behaltens werth iſt, behält und das Uebrige von dem Hauche der Güte hinwegwehen läßt. Heute Nachmittag muß Jemand in Bezug auf dieſes Sichten ein tüchtiges Stück Arbeit zu verrich⸗ ten gehabt haben, denn im Laufe deſſelben ſchwatzte ich ſo viel Unſinn, wie nur irgend ein vernünftiger Mann aushalten kann— ſelbſt ein ſo ultra⸗verſtän⸗ diger Mann wie Doctor Urquhart. Papa ſagte einmal, Dora nähme ſich gegen unſern guten Freund, den Doctor, in ihren Reden ein wenig zu viel heraus— die thörigte kleine Dora! Die thörigte kleine Dora weiß aber recht wohl, was ſie will— ſie weiß, wenn es gilt, einfältig, und wenn es gilt, weiſe zu ſein. Sie glaubt in ihrem Herzen, daß es gewiſſe Leute giebt, welchen es ſehr zuträglich iſt, wenn ſie von den Höhen ihrer Weisheit herabgezogen, und genöthiget werden, zu plaudern und zu lächeln, bis die Wolke verſchwindet und das Lächeln dauernd wird, bis es in einen Sonnenſchein übergeht, der auch alle Anderen durch⸗ wärmt. O wenn er ein glückliches Leben gehabt hätte — wenn Dallas nicht geſtorben wäre— dieſer Dallas, an den ich oft denke und den ich ganz gut zu kennen ſcheine, welch' ein fröhliches, Ge⸗ müth wäre das ſeine geweſen! Kurz vor dem Thee, als Papa ſein Schläfchen hielt, ſchlug Doctor Urquhart vor, daß wir Alle einen Spaziergang machen möchten. Penelope ent⸗ ſchuldigte ſich, überdies hält ſie es für unrecht, Sonn⸗ tags auszugehen, Liſabei aber und Auguſtus waren ſehr gern damit einverſtanden. Ich war es auch, denn ich bin ſeit Papa's Krankheit nicht über den Garten hinausgekommen. Wenn ich mich bemühe, mich auf alle trivialen Vorfälle des heutigen Tages ausführlich zu beſinnen, ſo geſchieht es, weil es ein ſo außerordentlich froher Tag geweſen iſt, deſſen Geſchichte ich hier niederſchreibe, friſche Luft mich förmlich ſchwindlig zu machen. um ihn vor den Zufälligkeiten dieſes ſterblichen Lebens, den„vielen und mannichfachen Wechſelfällen dieſer Welt“ wie das Sprüchwort ſagt, zu bewahren. Wie ganz anders, wie unvereinbar mit dem alltäglichen Gange unſerer ruhigen Tage in Rock⸗ mount pflegte jener Kirchenſpruch zu lauten:„Damit unter den vielen und mannichfachen Wechſelfällen dieſer Welt unſere Herzen ſich dahin richten, wo wahre Freuden zu finden ſind, durch unſern Herrn Jeſum Chriſtum, Amen.“ Jetzt, und als ob ich es erſt nun verſtünde, wiederhole auch ich:„Amen.“ Wir machten uns auf— Liſabel, Auguſtus, Doctor Urquhart und ich. Wir gingen durch das Dorf, die Moorlandſtraße hinab nach den Teichen, welche Auguſtus beſichtigen wollte, nämlich wegen der Wildentenjagd nächſten, oder ich möchte eher ſagen, dieſen Winter, denn Weihnacht nahet mit ſchnellen Schritten heran, obſchon das Wetter noch ſo mild iſt. Liſa und ihr Gatte gingen voran und ließen uns ſehr bald weit hinter ſich; denn da ich ſo lange nicht herausgekommen— mit Ausnahme des täg⸗ lichen Ganges im Garten herum, worauf Doctor Urquhart ſo unerbittlich beſtand— ſo ſchien die — Ich machte es jedoch möglich, durch das Dorf hin⸗ durchzuſtolpern und auch dabei das Geſpräch im Gange zu erhalten, denn Doctor Urquhart ſprach kaum ein Wort, bis wir auf das offene, helle, luf⸗ tige, von der Sonne beſchienene Moorland heraus⸗ kamen. Dann fühlte ich eine erſtickende Empfindung in der Kehle— einen Drang zum Weinen oder Schluchzen— und Alles ſchien mit. mir im Kreiſe herumzugehen. „Sind Sie müde?— Sie ſehen ganz ſo aus, als ob Sie es wären. Wollen Sie meinen Arm neh⸗ men? Setzen Sie ſich— ſetzen Sie ſich auf dieſen Stein— mein Kind!“ Dieſe Redeſätze hörte ich deutlich einen nach dem andern, konnte aber nicht antworten. Ich fühlte, wie mir die Hutbänder aufgebunden wurden und der Wind mir in's Geſicht wehte. Dann ward Alles wieder hell und ich ſah mich um. „Seien Sie nicht ängſtlich— in wenigen Augen⸗ blicken werden Sie wieder wohl ſein. Ich wundere mich nur, daß Sie ſich ſo tapfer gehalten haben und ſo ſtark ſind.“ Auch dies hörte ich in heiterem, freundlichem Tone und bald darauf ward ich mir meiner voll⸗ kommen wieder bewußt, war aber nahe daran, zu weinen— vor Aerger oder etwas Anderem, ich weiß ſelbſt nicht was. „Nicht wahr, Sie ſagen es Niemandem?“ bat ich. „Nein, ich werde es Niemandem ſagen,“ entgeg⸗ nete er lächelnd,„wenn Ohnmächtigwerden einmal ein ſo großes Verbrechen iſt. Können Sie jetzt gehen? Nur gehen Sie nicht allein— wenigſtens jetzt nicht.“ Ich wundere mich nicht über die beinahe unbe⸗ grenzte Gewalt, welche, wie Auguſtus ſagt, Doctor urquhart über ſeine Patienten hat. Er iſt ein ächter Arzt— nicht blos des Körpers, ſondern auch der Seele. Wir gingen weiter und ich ſtützte mich auf ſeinen Arm. Einen Augenblick bangte mir halb vor Liſabel's Gelächter und der einfältigen Etikette unſerer Umgegend, welcher zufolge eine Dame und ein Herr, die mit einander Arm in Arm gehen, nothwendig verlobt ſein müſſen. Dann aber vergaß ich Beides und dachte nur welch' ein Troſt in der Schwäche es iſt, einen urm zu haben, auf den man ſich ſtützt, und zwar einen, der, wie man fühlt und wie man weiß, es gern zu⸗ frieden iſt, daß man einen Ruhepunkt darauf ſuche. Ich habe es noch nie erwähnt, will es aber hier erwähnen, daß Doctor Urquhart— ich weiß das— mich lieber hat als irgend ein anderes — 27— Mitglied meiner Familie— lieber vielleicht als irgend einen Freund, den er hat, denn er hat nicht viele. Er iſt ein Mann von trefflichem, gütigem Herzen, der ſich aber nur zu Wenigen hingezogen fühlt. Ich habe ihn ſagen hören, daß, obſchon er viele Leute gern habe, doch nur eine oder zwei Per⸗ ſonen ihm abſolut nothwendig wären. Dallas hätte vielleicht zu dieſen gehört, wenn er am Leben geblieben wäre. Eines Tages ſagte er mir, ich hätte in meinen Zügen Etwas, was ihn zuweilen an Dallas erinnere. Ich glaube, dieſe Kleinigkeiten ſind die Urſache, weßhalb er mich gern hat— wenigſtens reichen ſie hin, um mich, wenn ich bei ihm bin, jene Ruhe und Zufriedenheit fühlen zu laſſen, die ich bei Per⸗ ſonen, die ſich nicht für mich intereſſiren, niemals empfinde. Wir lachten Beide mehrmals über Kleinigkeiten, die mir jetzt, wo ich wieder daran denke, gar nicht ſpaßhaft vorkommen. Und doch„gehört ein weiſer Mann dazu, um einen Narren zu machen, und nur ein Rarr iſt ſtets weiſe.“ Mit dieſem Sprüchworte tröſteten wir uns, während wir an dem Rande des größeren Teiches ſtanden und einem anderen Paare nachſahen, welches dahin ſchlenderte und ohne Zweifel ſich eifrig mit der Entenjagdangelegenheit beſchäftigte. „Ihre Schweſter und Treherne ſcheinen ſehr gut für einander zu paſſen,“ ſagte Doctor Urquhart. „Früher zweifelte ich einmal, daß dies der Fall ſein würde.“ „Ich auch. Es muß uns dies eine Warnung gegen vorſchnelle Urtheile ſein— beſonders hier.“ Dieſe letztern Worte gab mir der Muthwille ein, denn Doctor Urquhart erinnerte ſich gewiß eben ſo gut als ich des letzten und einzigen Males, wo er und ich dieſe Moorlandſtraße gegangen waren, wo wir einen ſo ernſthaften Streit hatten und ich leidenſchaftlicher und rauher gegen ihn war als ich jemals gegen Jemanden— außer in meiner eigenen Familie— geweſen bin. Ich hoffe, daß er mir verziehen hat. Und doch hatte auch er ein wenig Unrecht. „Ja, beſonders hier,“ wiederholte er lächelnd, und ich zweifle daher nicht, daß er ſich der Sache erinnerte. Gerade in dieſem Augenblicke ſcholl Liſabel's Gelächter und das ihres Gatten von fern her über. den Teich. „Sie ſcheinen ſehr glücklich zu ſein, dieſe Beiden.“ —— Ich ſagte, ich ſei davon überzeugt und es ſei eine Wohlthat, je älter man würde, deſto mehr zu finden, wie viel Glück das Leben in ſich ſchließt. „Glauben Sie das wirklich?“ „Glauben Sie es nicht?“ „O ja, aber nicht gerade in Ihrem Sinne. Bedenken Sie, Miß Theodora, die Menſchen betrach⸗ ten das Leben von einer andern Seite mit fünfund⸗ zwanzig Jahren, und von einer andern—“ „Mit vierzig, das weiß ich.“ „Daß ich vierzig Jahre alt bin? Noch nicht ganz bin ich es. Ohne Zweifel erſcheint Ihnen dies als ein ſchauerliches Alter.“ Ich ſagte, für ein Weib ſei es dies vielleicht, für einen Mann aber nicht mehr als die Blüthe des Lebens, wo er noch viele Jahre der Arbeit und des Genuſſes vor ſich habe. „Ja, denn Arbeit heißt Genuß, der einzige Genuß, der jemals befriedigt.“ Er ſtand da und ſchaute über das Moorland hinüber— über mein Moorland, welches ſich heute für uns mit ſeinem ſchönſten Lächeln geſchmückt zu haben ſchien— ja, obſchon das Haidekraut braun war und die Ginſterbüſche ihr Gold verloren hatten. So lange es aber freie Luft, Sonnenſchein und Himmel giebt, kann die Schönheit niemals von ——— meinem geliebten Moor verſchwinden. Ich fragte mich, wie Jemand es anſehen und ſich nicht ergötzen, wie er, ſo wie wir, hier ſtehen und nicht zufrieden ſein könne. Vielleicht deutete ich dies auf leicht hingewor⸗ fene Weiſe an, wenigſtens ſo weit die Sache mich betraf, der mir nach dieſem Monat der Angſt und des Kummers Alles ſo wonnig und herrlich erſchien. „Ja, ich verſtehe,“ ſagte Doctor Urquhart, „und ſo ſollte es auch mit mir ſein. Ich hoffe, daß dem ſo iſt. Es iſt ein herrlicher Tag, herrlich bis zum Schluſſe, wie Sie ſehen.“ Denn die Sonne ſank weſtwärts, und die Wol⸗ ken legten ihr Gewand an zu einem jener unendlich mannigfaltigen Spätherbſt⸗Sonnenuntergänge, deren Pracht das menſchliche Auge niemals müde werden kann. „Sie haben wohl niemals einen tropiſchen Son⸗ nenuntergang geſehen? Ich habe deren viele geſehen⸗ Ich möchte wiſſen, ob ich jemals wieder einen ſehen werde.“ Nach einigem Zögern fragte ich ihn, ob er es für wahrſcheinlich halte? Ob er England wieder zu verlaſſen wünſche? Aus einigen Gründen, ja,“ antwortete er, und ſetzte dann mit Rachdruck hinzu:„Halten Sie mich nicht für krankhaft ſentimental— krankhafte Sen⸗ timentalität iſt Etwas, was ich mehr verabſcheue als ſonſt Etwas— aber ich bin von Natur kein Menſch von heiterem Gemüth, das heißt, ich glaube, ich war einer, die Verhältniſſe ſind aber ſtärker geweſen als die Natur, und es koſtet mich jetzt Ueberwindung, zu erlangen, was, wie ich glaube, jeder Menſch ha⸗ ben ſollte, wenn er nicht geradezu ein ſchlechter Menſch iſt.“ „Sie meinen ein gleichmäßiges frohes Tempera⸗ ment, welches allen Dingen die beſte Seite abzuge⸗ winnen ſucht, wie Sie, meiner Ueberzeugung nach, thun.“ „Ein müſſiges Leben,“ fuhr er, ohne auf meine Worte zu achten, fort,„iſt vor allen Dingen für mich das ſchlimmſte. Wenn ich nicht ſo viel Arbeit habe als ich nur immer verrichten kann, ſo fühle ich mich nicht glücklich.“ Dies war bis zu einem Si Grade ver⸗ ſtändlich, obſchon Etwas mich überraſchte und ſchmerzte, nämlich, daß ſelbſt Doctor Urquhart nicht glücklich war. Iſt überhaupt Jemand glücklich? „Verſtehen Sie mich nicht falſch.“(Ich hatte nicht geſprochen, aber er erräth meine Gedanken oft auf eine Weiſe, welche mich dankbar dafür macht, daß ich Nichts zu verbergen habe.)„Es giebt eben — ſo viel Grade von Glück als von Güte, und die Vollkommenheit Eines wie des Andern iſt unmöglich. Doch ich habe meinen Theil— ja, in der That, ich habe meinen Theil.“ „Von Beidem?“ „Still— ſtill!“ Ich hätte auch nicht ſcherzen ſollen, da es ihm ſo feierlicher Ernſt war. Und nun waren wir eine Zeitlang ſo ſtill, daß ich mich entſinne, eine große Biene gehört zu haben, welche, von der milden Witterung verlockt, ſummend über das Moorland herüber kam, und endlich auf der letzten, der allerletzten Glockenblume— eine campanula wagte ich es nicht zu nennen, während Doctor Urquhart dabei ſtand— dieſes Jahres ſitzen blieb, um ihr Honigſouper zu halten. Während ſie damit beſchäftigt war, pflückte ich einen der Blüthen⸗ ſtengel, und ſtrich das Thier damit ſanft über ſeinen großen braunen Rücken und die zitternden Flügel. „Was für ein Kind Sie noch ſind!“ (Dies Mal aber irrte ſich Doctor Urquhart). „Wie ruhig hier Alles iſt,“ ſetzte er hinzu. „Ja, jene ſich dahinſchlängelnde Purpurlinie erinnert mich alle Mal an die Hügel im„Glücklichen Thale“ des Prinzen Raſſelas. Jenſeits derſelben liegt die Welt.“ — „Wenn Sie wiſſen was die Welt' iſt, wie Sie doch einmal erfahren müſſen. Ich hoffe aber, daß Sie blos die beſte Hälfte davon ſehen werden. Ich hoffe, daß Ihnen ein glückliches Leben beſchieden iſt.“ Ich ſchwieg. „Dieſes Bild— das Moorland, die Berge und der See; Ihr Teich iſt ſo breit und ſo blank wie ein See— wird mich ſtets an Raſſelas erinnern, aber man kann nicht immer in unſerem glücklichen Thale leben, eben ſo wenig als in unſerm faulen Lager. Ich wünſche oft, daß ich mehr Arbeit zu verrichten hätte.“ „Wie— und wo?“ Ich hatte dieſe Frage nicht ſobald gethan, als ich auch ſchon über die Keckheit derſelben erröthete. Bei Allem, was er mir von ſeinen Angelegenheiten erzählt, horche ich zu, wage aber niemals zu fragen, denn ich weiß, daß ich nicht das Recht habe, ihn mehr zu fragen als ihm mitzutheilen beliebt. Doch, mochte ich nun recht gethan haben oder nicht, er fühlte ſich nicht beleidigt. Er antwortete mir ausführlich, und ſprach mehr, als ob ich ein Mann und ſein vertrauter Freund geweſen wäre, als blos ein einfaches Mädchen, welches wenigſtens darin einigen Verſtand beſitzt, daß ſie fühlt, ihn ver⸗ ſtehen zu können. Leben um Leben. m. 3 — Wie es ſcheint, ſind in Friedenszeiten die Pflich⸗ ten eines Regimentsarztes faſt Nichts, ausgenommen unter Umſtänden, wo ſie eben ſo hoffnungslos als ſchwer werden, wie zum Beiſpiel hinſichtlich ungeſun⸗ der Kaſernen und anderer wohl abzuſtellender Urſachen von Sterblichkeit, worüber Doctor Urquhart und Auguſtus einmal mit einander disputirten, und worauf er ſeitdem im Geſpräche mit Papa und mir mehrmals wieder zurückgekommen iſt. Er erzählte mir, mit welchem Eifer er verſucht habe, in dieſer Beziehung Reformen anzubahnen, wie alle ſeine Pläne durch die Saumſeligkeit der Re⸗ gierung vereitelt worden ſeien, und daß er die Hoff⸗ nung aufgegeben habe, jemals ſeinen Zweck zu er⸗ reichen. Er zeigte mir ſogar einen amtlichen Brief, den er an dieſem Morgen erhalten, und worin die Frage definitiv beſeitigt wird. „Da ſehen Sie, Miß Theodora, „die Welt zu beſſern iſt ein ſchweres Werk“, zu ſchwer für meine armen Kräfte.“ „Sind Sie entmuthigt?“ „Rein. Ich glaube aber, ich habe die Sache nicht richtig angefangen. Ich habe zu viel unter⸗ nommen, und mir mehr Einfluß zugetrau't als ich beſaß. Man darf ſich nicht auf Andere verlaſſen, die Arbeit, welche man mit ſeinen eigenen zwei Hän⸗ den und ſeinem eigenen Kopfe verrichten kann, iſt weit ſicherer. Ich würde weit freier und fleißiger, weit nützlicher ſein, wenn ich den Militairdienſt gänzlich aufgäbe und auf eigene Fauſt zu prakticiren anfinge. „Das heißt, wenn Sie ſich irgendwo als Arzt niederließen wie Doctor Black?“ „Nein,“ entgegnete er lächend. ncht gerade wie Doctor Black. Meine Stellung wäre eine weit beſcheidenere. Sie wiſſen, daß ich weiter keine Ein⸗ künfte habe als meinen Gehalt.“ Ich geſtand, daß ich noch niemals an ſie Einkünfte gedacht, und nochmals lächelnd antwor⸗ tete er: „Ja, ja, davon bin ich überzeugt.“ Er fuhr hierauf fort, auseinanderzuſetzen, daß er glaube, das moraliſche und das phyſiſche Uebel ſeien ſo eng mit einander verſchmolzen, daß es ver⸗ geblich ſei, das eine anzugrkifen, ohne zu verſuchen, auch das andere zu heilen. Er meinte, beſſer als alles Erbauen von Gefängniſſen und Beſſerungsan⸗ ſtalten, oder auch von Kirchen— da das Wort Got⸗ tes ſich auch ohne Stein und Mörtel verkünden läßt — wäre die Einführung von geſundheitspolizeilichen Verbeſſerungen in unſern großen Städten, welchen zufolge man die Armen lehrte, nicht, wie ſie ſich in 3* — Armenhäuſern, Gefängniſſen und Hospitälern unter⸗ bringen laſſen, ſondern wie ſie in ihren eigenen Woh⸗ nungen für ſich ſelbſt ſorgen können. Und dann erzählte er mir zur Antwort auf meine Frage Vielerlei über das Leben, oder vielmehr die Exiſtenz der arbeitenden Klaſſen in den meiſten großen Städten— Mittheilungen, die mich mit Trauer und Entſetzen erfüllten, ſo daß ich mich wun⸗ derte, wie ich, während dergleichen Dinge um mich herum vorgingen, träumeriſch daſitzen, über mein Moorland hinüberſchauen und kindiſche Poſſen mit Bienen treiben konnte. Ja, Etwas mußte gethan werden. Ich war froh und ſtolz, daß er auf den Gedanken gekommen war, es zu thun. Weit beſſer, ſo in ſeinem Vater⸗ lande zu arbeiten als einem faullenzenden Regimente in's Ausland, oder auch ſelbſt einem zum Kampfe ausziehenden Regimente in einen furchtbaren Feldzug zu folgen. Ich ſagte dies. „Ah,— Sie haſſen die Soldaten' immer noch.“ Ich gab keine Antwort, begegnete aber ſeinen Augen. Ich weiß, daß die meinigen voll waren— ich weiß, daß meine Lippen zitterten. Furchtbar peinlich war es, mit mir gerade in dieſem Augen⸗ blicke Scherz treiben zu ſehen. Doctor Urquhart ſagte: — „Ich meinte es nicht ernſtlich— ich bitte Sie um Verzeihung.“ Wir kamen nun wieder auf die Beſprechung ſeiner Pläne und Abſichten zurück. Ich fragte ihn, wie er ſeine Arbeiten zu beginnen gedächte. „Von einem ſehr einfachen Ausgangspunkte aus. Der Doctor' beſitzt vor allen andern Menſchen unter den Armen den größten Einfluß— ſobald er nur davon Gebrauch machen will. Zum Anfange, und auch weil ich mir doch das Salz in meinen Hafer⸗ brei verdienen muß, wäre für mich das Beſte, wenn ich eine Anſtellung als Hausarzt bei einem Klinikum, einem Arbeitshauſe, einem Hospital, oder auch einem Gefängniß finden könnte. Von hier aus könnte ich ſodann den Kreis meiner Thätigkeit nach Belieben, und ſo weit als mir Zeit und Geld erlaubten, ver⸗ größern.“ „Wenn Jemand Sit jetzt zum reichen Manne machen könnte!“ „Ich glaube nicht an Reichthum. Der beſte Reichthum des Menſchen beſteht in ſeinen perſönlichen Arbeiten, in ſeinem perſönlichen Leben. Silber und Gold habe ich nicht, überall aber wo ich bin, kann ich mich ſelbſt, meine Arbeit und mein Leben geben.“ Ich ſagte, dies ſei ſchon ein großes Geſchenk, und viele Menſchen würden es ein großes Opfer nennen. „Für mich weniger als für die meiſten andern Menſchen, denn, wie Sie wiſſen, ich habe keine Ver⸗ wandten; auch iſt es nicht wahrſcheinlich, daß ich jemals heirathen werde.“ Ich glaubte das— nicht fortwährend, aber in Zwiſchenräumen. Ein gewiſſes Etwas in ſeinem Benehmen und ſeiner Denkweiſe befeſtigte dieſe Ueber⸗ zeugung in meinem Gemüthe ſchon von meiner erſten Bekanntſchaft an. Natürlich gab ich blos meine ſtillſchweigende Zuſtimmung zu dieſer vertraulichen Mittheilung zu erkennen. Was gab es weiter zu ſagen? Vielleicht erwartete er Etwas; denn als wir umlenkten, um nach Hauſe zu gehen— die Sonne war nämlich mittlerweile untergegangen— verhielt er ſich lange ſtumm. Aber ich konnte nicht ſprechen. Es kam mir nicht ein einziger Gedanke in den Kopf, der ſich geeignet hätte, ausgeſprochen zu werden. Endlich hob ich meine Augen von dem Boden empor, und ſah den Nebel, der über meinem Moor⸗ land aufzuſteigen begann, meinem weichen, träumeri⸗ ſchen Moorland. Ja, träumeriſch war es, und nur Träumen angehörend. Die Welt jenſeits aber, die 9 ſich mühende, duldende, ſündigende Welt, von welcher er mir erzählt— dieſe war eine Wirklichkeit. Ich ſagte zu meinem neben mir einherſchreiten⸗ den Freunde— denn ich fühlte lebhaft, daß er mein Freund war, und daß ich ein Recht hatte, in ſein gutes edles Geſicht aufzublicken, worin ſein ganzes Leben ſo deutlich geſchrieben ſtand wie in einem Buche— und ich bedachte auch, welch' ein Genuß und hohes Vorrecht es war, dieſes Buch fleißiger ge⸗ leſen zu haben als irgend Jemand— ich ſagte zu Doctor Urquhart— mein früheres Zögern ſchien jetzt ganz verſchwunden zu ſein— ich wünſchte Alles zu wiſſen, was er mir von ſeinen Plänen und Pro⸗ jecten ſagen könne,— ich würde dieſelben gern an⸗ hören, und möchte auch mehr thun als zuhören— ich möchte helfen. Er dankte mir.„Zuhören heißt ſchon helfen. Ich hoffe, Sie werden ſich nicht weigern, mir zu⸗ weilen auf dieſe Weiſe zu helfen— es iſt mir ein großer Troſt. Die Arbeit aber, auf die ich hoffe, iſt ausſchließlich die eines Mannes. Wenn irgend ein Weib Beiſtand leiſten könnte, ſo wären Sie es, denn Sie find das wackerſte, muthigſte Weib, welches ich jemals kennen gelernt.“ „Und glauben Sie nicht, daß ich Ihnen jemals beiſtehen könnte?“ „Nein.“ Somit war unſer Spaziergang zu Ende. Ich ſage zu Ende, denn obſchon Auguſtus und Liſabel fortwährend lachten— ſie hatten einander knöcheltief in den Teich geſtoßen, und benahmen ſich gerade wie ein paar Schulkinder, die einen Feiertag bekommen haben— und obſchon, als ſie nach Hauſe eilten, Doctor Urquhart und ich gemächlich nachfolg⸗ ten und langſam auf der Moorlandſtraße neben ein⸗ ander hergingen, ſo nahmen wir doch unſere Con⸗ verſation nicht wieder auf. Wir wechſelten kaum mehr als einige Worte; während wir aber ſo Arm in Arm gingen, fühlten wir— das heißt, fühlte ich mich weder vernachläſſigt, noch verſtimmt. Es giebt im Leben mehr als bloßes Glück— gerade ſo wie es in der Welt mehr Dinge giebt als blos freien und freien laſſen. Wenn Doctor Urquhart in Folge von Umſtän⸗ den den Entſchluß gefaßt hat, nicht zu heirathen, ſo iſt er vollkommen in ſeinem Rechte, wenn er da⸗ bei bleibt. Ich würde ganz genau daſſelbe thun. Der Charakter eines Mannes, der ſich mit einer Sache oder einer Pflicht vermählt, iſt ſtets eines mei⸗ ner Ideale geweſen— wie mein Mar— Mar und Thekla; aber ſie waren Liebende, und verlobt; es ſtand ihnen frei, mit Augen und Lippen zu ſagen: „Ich liebe Dich“— wenn auch nur ein Mal, wenn auch nur in einer kurzen Stunde. Würde dies das Scheiden weniger oder mehr bitter machen? Das kann ich nicht ſagen— ich weiß es nicht— ich werde niemals Etwas von dieſen Dingen wiſſen. Und ſomit will ich auch nicht daran denken. Als wir nach Hauſe kamen— Doctor Urquhart und ich— verließ ich ihn an der Thür, und ging hinauf in mein Zimmer. In dem Wohnzimmer traf ich Colin Granton, welcher zum Thee gekommen war. Er hätte mich in der Kirche vermißt, ſagte er, und gefürchtet, ich ſei krank, deßhalb ſei er zu Fuße herüber nach Rock⸗ mount gekommen, um nachzuſehen. Es war dies ſehr freundlich von ihm, obſchon, während er es ge⸗ ſtand, er dieſer Freundlichkeit ſich füſt zu ſchämen ſchien. Er und Auguſtus, die jetzt im beſten Einver⸗ nehmen ſtehen, hielten uns den ganzen Abend durch ihr Geſchwätz und Gelächter munter. Sie entwar⸗ fen Pläne zu allen möglichen Ausflügen— zu Jag⸗ den und dergleichen— die während der großen Weih⸗ nachtsverſammlung vorgenommen werden ſollten, welche in Treherne Court ſtattfinden wird. Doctor Urquhart— einer der eingeladenen — Gäſte— hörte Alles mit der Miene ergötzter Zufrie⸗ denheit an. Ja— er iſt zufrieden. Mehr als ein Mal, während ich ſeinem Auge begegnete, welches mir im Zimmer herum nachfolgte, wechſelten wir ein Lächeln — ein freundliches, ja ſogar liebreiches Lächeln. Ja, in der That, er hat mich gern. Wenn ich ein. wenig jünger— wenn ich ein kleines Mädchen mit einem Lockenkopfe wäre, würde ich ſagen, ich ſei ſein „Liebling“—„Liebling“— was für ein müſſiger Ausdruck— wie man ihn höchſtens auf einen Hund, eine Katze oder einen Vogel anwenden ſollte! Welch' ein Unterſchied zwiſchen Dieſem und den heiligen Worten„ich liebe“— nicht wie thörigte junge Leute es verſtehen, ſondern mit meinem ganzen Verſtande, meinem ganzen Willen und meiner ganzen Kraft, mit der ganzen Zärtlichkeit meines Herzens, aler Ehrerbietung meiner Seele. Sei ſtill, Herz— verhalte di ruhig, Seele! Ich habe, wie ich ſchon vorhin ſagte, mit dieſen Dingen Nichts zu thun. Der Abend verging ſehr angenehm und ruhig. Alle ſchienen ſich zu amüſiren, ſelbſt der arme Colin der das Beſte und Brillanteſte, was er wußte, auf⸗ tiſchte, und ſich mit uns ganz heimiſ ſch machte, ob. ſchon er, ehe er fortging, ein wenig in Ungnade fiel, indem er Etwas ſagte, was Papa unangenehm be⸗ rührte und mich froh machte, daß die kleine Conver⸗ ſation dieſes Morgens zwiſchen Doctor Urquhart und mir nicht im Familienconclave, ſondern unter vier Augen ſtattgefunden hatte. Colin ſprach nämlich von der Predigt, und wie empört ſeine Mutter geweſen, daß darin gegen die Todesſtrafe geſprochen worden. „Gegen die Todesſtrafe, ſagten Sie?“ rief Papa. „Hat mein Subſtitut dieſen ſchmachvollen Gegenſtand auf die Kanzel gebracht, um gegen das Geſetz des Landes— gegen das Geſetz Gottes zu ſprechen? Mädchen, warum habt Ihr mir Richts davon geſagt? Dora, erinnere mich daran, daß ich den jungen Mann morgen ſprechen muß.“ Ich erſchrak faſt zum Tode, und fürchtets, daß dies mit der ſofortigen Entlaſſung des armen jungen Mannes enden würde, denn Papa läßt bei ſeinem Subſtituten keine„neubackenen Anſichten“ oder Theo⸗ rieen aufkommen; ſie müſſen denken und predigen wie er, oder wieder ihrer Wege gehen. Ich ſprach ein wenig für dieſen, der ein paar wegen ihres Le⸗ bensunterhaltes auf ihn angewieſene Geſchwiſter hat, die in dem Dorfe wohnen, und ſo weit ich durfte und konnte, ſprach ich auch für ſeine Predigt. Colin, das gute redliche Herz, ſuchte mich zu unterſtützen, indem er jedes meiner Worte auf das Eifrigſte vertheidigte, obſchon er meine Beweisfüh⸗ rung dadurch nicht weſentlich förderte. „Dora,“ rief Papa mit dem größten Erſtaunen, „was ſagſt Du da?“ „Miß Dora hat ganz Recht— ſie hat ſtets Recht,“ ſagte Colin tapfer;„ich glaube nicht, daß jemals ein Menſch gehängt werden ſollte, am allerwenigſten ein armer Teufel, der wie—“ er nannte den Namen, aber ich habe ihn vergeſſen. Es war der Fall, wor⸗ über in den Zeitungen ſo viel geſchrieben worden— „einen Andern aus Eiferſucht umbrachte, oder im Zorne oder im Zuſtande der Trunkenheit— wie war es eigentlich? Heda, Urquhart,— Treherne, — laſſen Sie mich doch nicht ſitzen!“ „Worin denn?“ fragte Auguſtus lachend. „Ich behaupte, daß Mancher ſich zuweilen ver⸗ ſucht gefühlt hat, einen Mord zu begehen,“ fuhr er fort.„Mit mir ſelbſt iſt dies der Fall geweſen— ha! ha! ha!— und mancher arme Schelm wird mit einer hänfenen Halsbinde aus der Welt beför⸗ dert, der um kein Haar ſchlimmer, ja vielleicht um Vieles beſſer iſt als eine Menge junge Halunken, welche ungehängt ſterben. Das iſt die Wahrheit, Mr. Johnſton, obſchon ich es ſage.“ „Sie,“ ſagte Papa vor Zorn erbleichend,„es ſteht Ihnen vollkommen frei, zu ſagen was Sie wol⸗ len, vorausgeſetzt, daß es nicht in meiner Gegen⸗ wart geſchieht.. Niemand aber ſoll in meiner Gegen⸗ wart mein Amt ſo beleidigen, oder meinen Schöpfer ſo läſtern, daß er das Geſetz leugnet, was hier ge⸗ ſchrieben ſteht.“ Bei dieſen Worten legte er die Hand auf unſere große Familienbibel, welche Niemand weiter als er anrühren darf, und wir wiſſen, daß das weiße Blatt vor dem Titel an den Einband angeleimt iſt, damit, ſo lange der arme Papa lebt, es Niemand leſen, und auch Niemand weiter Etwas darauf ſchreiben könne. „Gottes Geſetz verlangt Blut um Blut. Wer Menſchenblut vergeußt, deſſen Blut ſoll wieder ver⸗ goſſen werden.“ Dieſes Geſetz, Sir, iſt, wie meine Kirche glaubt, niemals aufgehoben worden, und wird niemals aufgehoben werden. Obſchon Ihre weiner⸗ liche, ſentimentale Menſchenliebe mit gehängten Mör⸗ dern ſympathiſirt, Duellanten vertheidigt, und feile Todiſchläger als Helden preiſ't, ſo ſage ich doch, daß ich die Vertheidiger derſelben eben ſo wenig in mei⸗ nem Hauſe haben will als ich unter irgend einem Vorwand die Hand eines Menſchen, der einem andern das Leben genommen, in die meine drücken würde.“ Wir erſchraken Alle nicht wenig, Papa ſo auf⸗ geregt zu ſehen. Colin ward ſehr verlegen, bat um Verzeihung und nahm Alles zurück— das Unheil war aber einmal geſchehen. Obſchon wir keine ernſten Folgen für Papa fürchten— er liegt ſchon ſeit einigen Stunden ruhig ſchlafend in ſeinem Bett— ſo hat doch dieſer un⸗ glückliche Streit eine ſehr ungünſtige Wirkung auf ihn geäußert. Doctor Urquhart blieb auf angelegentli⸗ chen Wunſch bis Nitternacht, obſchon er nicht in Papa's Zimmer ging. Als ich ihn fragte, was zu thun ſei, wenn Papa's Kopf vielleicht durch dieſe Aufregung gelitten hätte, ob wir in das Lager nach ihm ſchicken ſollten— ſagte er: Nein; er würde es lieber ſehen, wenn wir Doctor Black holen ließen. Und dennoch war er beſorgt, das weiß ich; denn nachdem Colin fort war, ſetzte er ſich ganz allein in Papa's Studirzimmer, indem er ſagte, er habe einen Brief zu ſchreiben und auf die Poſt zu geben, würde aber ſofort hinauf zu Papa kommen, wenn wir ihn rufen ließen. Und als er, überzeugt, daß die Gefahr vorüber war und Papa ſchlief, ſich zum Fortgehen anſchickte, hatte ich ihn während der ganzen Zeit unſerer Be⸗ kanntſchaft noch niemals ſo außerordentlich bleich und angegriffen geſehen. Ich ſwpt⸗ ihn auf, erſt noch Etwas zu genie⸗ —— ßen— ein Glas Wein zu trinken, oder Etwas zu eſſen— oder wenigſtens ſich eins unſerer Pferde ſat⸗ teln zu laſſen, damit er nach Hauſe reiten könne, an⸗ ſtatt zu Fuße gehen zu müſſen. Aber er wollte nicht. Wir ſtanden in der Hausflur— blos er und ich— die Andern waren zu Bett. Er ergriff mich bei beiden Händen, und ſah mir lange und unver⸗ wandt in's Geſicht, während er mir Lebewohl ſagte. „Faſſen Sie Muth. Ich glaube nicht, daß Ihrem Vater etwas Schlimmes zuſtoßen werde.“ „Ich will es auch nicht fürchten. Der gute, gute Papa— es wäre in der That ſchrecklich.“ „Ja, das wäre es. Man darf nicht zugeben, daß ihn Etwas auf irgend eine Weiſe kränke— ſo lange er lebt.“ „Nein, nein.“ Weiter ſprach Doctor Urquhart ſich hierüber nicht aus, doch bin ich überzeugt, daß er mir zu verſtehen zu geben wünſchte, es ſei unſere Pflicht, hinfort in irgend einem jener Punkte, die heute zur Sprache gekommen, und in welchen er und ich über⸗ einſtimmten, obſchon wir Beide von meinem Vater abwichen, ſo viel als möglich ein ehrerbietiges Schweigen zu bewahren. Und ich dankte ihm in meinem Herzen— und, — wie ich weiß, auch mit meinen Augen— dafür, ſo wie für ſeine Selbſtbeherrſchung, die ihn bewog, Papa nicht zu widerſprechen, ſelbſt als dieſer ſo hef⸗ tig und ungerecht war. „Wann werden Sie uns wieder beſuchen, Doe⸗ tor Urquhart?“ „Ich werde ſchon einmal kommen.“ „Nun, dann laſſen Sie uns nur nicht zu lange warten. Leben Sie wohl.“ „Leben Sie wohl.“ Und hier ereignete ſich etwas ſo Seltſames, ſo Unerwartetes, daß es mir, wenn ich daran denke, ſcheint, als müßte ich geträumt haben, als ob, wäh⸗ rend alle übrigen Ereigniſſe des heutigen Tages, die ich ſo ruhig niedergeſchrieben, vollkommen natürlich, wirklich und wahrſcheinlich wären, dieſes allein etwas Unwirkliches und Unmögliches wäre, was man kaum erzählen ſollte. Und dennoch— o nein, es iſt nicht unrecht— obſchon es meine Wangen glühen, und meine Hand — dieſe arme kleine Hand— erzittern macht. Ich glaubte, er wäre fort. Ich ſtand noch auf der Thürſchwelle, und ſchickte mich an, zuzuſchließen, als Doctor Urquhart wieder den Gartenweg entlang zurückkam. Er war es— obſchon in ſeinem Weſen und ſeiner Stimme ſich ſelbſt ſo unähnlich, daß ich ſelbſt jetzt noch kaum umhin kann, das Ganze für eine Täuſchung zu halten. „Um Gottes willen!“ rief er,„um des Mitleids willen, vergeſſen Sie mich nicht ganz, Theodora.“ Und dann— dann— Er ſagte einmal, daß jeder Mann jedes Weib heilig halten müſſe; daß er, dafern er nicht zu ihren Angehörigen zähle, nicht das Recht habe— ausge⸗ nommen zum flüchtigen Gruße— ihr auch nur die Hand zu drücken, wenn— wenn er ſie nicht liebe! Aber warum erlaubte er ſich dann— MNein, ich darf es nicht niederſchreiben, und will es nicht niederſchreiben. Es iſt— wenn es Etwas iſt— etwas Heiliges zwiſchen ihm und mir— Et⸗ was, woran ſonſt Niemand Antheil hat— was Rie⸗ mandem erzählt werden kann— ausgenommen in meinem Gebet. Das Herz iſt mir ſo voll. Ich will ſchließen, und dann beten. Leben um Leben. 11I. 4 Bweites Kapitel. Ihre Geſchichte. Treherne Court. Wo ich nach abermals einmonatiger Pauſe mein Tagebuch wieder aufnehme. Papa und ich ſind ſeit einer Woche hier. Im letzten Augenblicke weigerte Penelope ſich, mitzugehen, indem ſie ſagte, es müſſe doch Jemand in Rockmount bleiben, um hauszuhalten. Ich erklärte mich bereit, es zu thun, aber ſie erlaubte es mir nicht. Es iſt hier ſehr ſchön, und Papa gefällt es außerordentlich. Die gezwungene Veränderung, die vollſtändige Umwandlung ſeiner frühern einſamen Lebensweiſe, erſt durch Liſabel's Verheirathung und dann durch ſeine eigene Krankheit, ſcheinen ihn förm⸗ lich wieder verjüngt zu haben. Ehe wir fortgingen, erklärte ihn Doctor Black für vollſtändig wieder hergeſtellt und daß er mit Grund einem geſunden, hohen Greiſenalter entgegenſehen könne. Gott gebe es, denn verändert wie er in ſo vieler Beziehung in Folge eines unbemerkbaren Einfluſſes iſt, wird er — beſonders da er viel umfänglichere Intereſſen— darf ich vielleicht ſagen Neigungen— hat als ſeit den letzten zwanzig Jahren— das Leben weit mehr genießen als jemals früher. Ach, wie kann Jemand wirklich das Leben ge⸗ nießen, ohne Andere zu haben, die er glücklich macht und von welchen er ſein Glück herleitet? Doetor Black wünſchte blos der ärztlichen Etikette wegen, daß Papa wegen ſeiner beabſichtigten langen Reiſe nach dem Norden, noch einmal Doctor Urquhart zu Rathe zöge; als wir aber nach dem Lager ſchickten, erfuhren wir, daß er„auf Urlaub abweſend“ iſt, und zwar ſchon ſeit einiger Zeit. Papa fühlte ſich getäuſcht und ein wenig unan⸗ genehm berührt. Es war auch ziemlich ſonderbar, vielleicht aber hatte er plötzliche und wichtige Geſchäfte in Bezug auf die Pläne, von welchen er mir ſagte und die ich mich nicht befugt erachte, weiter mitzutheilen, ſo lange er nicht Papa ſelbſt davon unterrichtet. Ich verlebte eine Woche jener unruhigen Trägheit, die, wie ich glaube, die meiſten Menſchen, welche nicht daran gewöhnt ſind, ihr Haus zu verlaſſen, während der erſten Tage eines Beſuchs empfinden müſſen.— Dabei war es aber keine unangenehme Trägheit, denn es gab Pläne für die Weihnachts⸗ woche zu entwerfen und jeden Winkel dieſes ſchönen Hauſes zu durchſtöbern, was den Beſitzern ſelbſt ſchwerlich einfällt, während ich und andere Gäſte ungemeines Vergnügen daran finden. Ich bin bemüht, mich jetzt heimiſch zu fühlen. In dieſem achteckigen Zimmer, welches Liſabel— welch' eine umſichtige, freundliche Wirthin iſt unſere Liſa!— ſpeziell für mich eingerichtet hat, genieße ich meine Ruhe. 8 Es iſt das kleinſte Zimmer, welches man in dieſem großen, weitläufigen Herrenhauſe betreten kann, wo ich mich zuweilen noch ſo fremd fühle wie ein Vogel in einem Kryſtallpalaſte, ſolche Vögel. wie wir in dem Aladdin⸗Palaſte von 1851 um die Wipfel jener rieſigen, regungsloſen Bäume herum⸗ fliegen ſahen und die ſich hier unter Glas fangen und durch die großen, grünen, windloſen, unbeweg⸗ lichen Blätter hatten verleiten laſſen, ein natürliches wildes Waldneſt bauen zu wollen, die armen kleinen Weſen!— Einmal von einem Neſte geträumt zu haben und dann niemals im Stande zu ſein, eins . zu finden oder zu bauen, muß etwas ſehr Betrüben⸗ des ſein. Dieſes große Paradehaus macht aber durchaus keinen Anſpruch auf den Charakter eines„Neſtes“ oder eines Daheim. Schon dieſes Wort darin zu gebrauchen erſcheint halb lächerlich, halb hochtrabend, obſchon Liſa es nicht findet. Stattlich und unge⸗ zwungen bewegt ſich unſere Schöne durch dieſe prachtvollen Zimmer und erfreut ſo ſich ihrer Stellung, als ob ſie dafür geboren wäre. Dabei beweiſ't ſie auch guten Geſchmack und Gefühl, und begegnet der ſchwachen, redſeligen, faden Lady Auguſta Treherne und dem kleinen queckſilbrigen und doch ſo gebrech⸗ lichen Sir William, deſſen braune Stutzperücke und goldene Brille ſelten außerhalb ſeines Zimmers zu ſehen ſind, mit unwandelbarer Achtung und Rückſicht. Die guten Leute ſind gewaltig ſtolz auf ſie, und zwar mit Recht. Ganz gewiß war es das Beſte, was dieſes patriziſche Blot thun konnte, ſich mit unſerem plebejiſchen zu vermählen. Und doch, dem Himmel ſei Dank, daß Liſa, und nicht ich, das Schlachtopfer dieſer Vermählung war! Mir kommt dieſes große Haus, ſo ſorgfältig gefegt und geſchmückt, zuweilen vor wie ein ſchöner Körper ohne Seele. Ich würde fürchten, daß ein Dämon davon Beſitz nähme und mich zu allerhand —— abenteuerlichen und ruchloſen Thaten triebe, um die milde Harmonie des Ganzen zu ſtören. Zum Bei⸗ ſpiel die drei aufeinanderfolgenden Salons, wo Lis und ich unſere Vormittage zubringen, inmitten eines Labyrinths von koſtbaren Sopha's, Tiſchen und Stühlen, während wir, um uns zu wärmen, die Wahl von fünf Feuern haben, die auf ſtählernen ver⸗ goldeten Roſten in von ſpitzigen Porzellainziegeln funkelnden Kaminen brennen, während große und kleine Spiegel unſere werthen Perſönlichkeiten nach allen Richtungen hin reproduciren. In dieſer prachtvollen Wildniß würde ich, wenn mich die Unruhe packte, umherſchweifen, raſen und toben wie ein wildes Thier. Der Druck, den ich hier empfände, wäre unerträglich. Tauſend Mal beſſer mein kleines Zimmer in Rockmount nißfeinen kleinen Fenſter, zu welchem die Aeſte hereinwehen, ſo daß ich ſie ſehen kann, wenn ich im Bette liege— meinem keben kleinen Bette, neben welchem ich in der⸗ Nacht, ehe ich es verließ, betete, daß meine Zurückkunft eine eben ſo frohe ſein möchte als mein Weggang. Es iſt dies das erſte Mal ſeit jener Zeit, daß ich mir erlaubt habe, zu weinen. Wenn die Menſchen ſich ohne Urſache glücklich und froh fühlen, ſo ſagt man, es ſei dies ein Zeichen, daß die Freude nicht lange dauern könne, daß ein Leid im Anzuge ſei. Eben ſo kann es andererſeits eine gute Vorbedeu⸗ tung ſein, wenn man ſich ohne Grund bekümmert fühlt. Dennoch ſcheinen einige Thränen das Herz zu erleichtern und ihm wohlzuthun. Doch genug davon. Ich wollte Treherne Court beſchreiben. Hätte Jemand von uns es vor der Hochzeit geſehen, ſo würden böswillige Leute vielleicht geſagt haben, Miß Liſabel Johnſton habe das Haus geheirathet und nicht den Beſitzer— ſo prachtvoll iſt es. Das dazu gehörige Terrain erſtreckt ſich Gott weiß wie weit; in dem Parke wimmelt es von Wild, die Allee iſt zwei Meilen lang, die Anlagen ziehen ſich nach dem Fluſſe hinab— einen der„vornehmſten“ Flüſſe Englands, wie wir in Pinnock's Geographie zu leſen pflegten— dem breiten, ruhigen und doch ſchnell⸗ fließenden Dee. Wie herrlich muß er im Sommer ausſehen, wenn dieſe hohen Bäume ihre Zweige hineintauchen und dieſe Wieſen mit trägen Kühen beſäet find! Auch Gärten ſind da und eine eiſerne Brücke und Statüen und ein Raſenplatz mit einer Sonnen⸗ Uhr, obſchon nicht halb ſo ſchön wie die im Cedern⸗ hauſe, und ein viereckiger Stall, der faſt eben ſo großartig iſt als das Haus, und welcher nach Auguſt's Meinung von eben ſo großer Bedeutung iſt.. Er hat Liſa zu einer Reiterin erſten Ranges gemacht, und bis vor Kurzem pflegten ſie in der ganzen Umgegend herumzugaloppiren. Ganz gewiß, dieſe beiden Menſchen— friſch, jung, voll anima⸗ liſchen Lebens und Muthes— erfreuen ſich des voll⸗ ſtändigſten Lebensgenuſſes, den man ſich denken kann. Ihre ganze Exiſtenz, in der Gegenwart ſo⸗ wohl als in der Zukunft, ſcheint ein einziger un⸗ unterbrochener Sonnenſchein zu ſein. Ich brach hier ab, um an Penelope zu ſchreiben. Ich wollte, ſie wäre bei uns. Sie wird ihr Weih⸗ nachtsfeſt ohne uns Alle ſehr langweilig finden. Da wir nicht zu Hauſe ſind, ſo kommt auch Francis nicht, obſchon er, wie er ſagte, ohnehin auf keinen Fall nach Rockmount hätte kommen können. Wich⸗ tige Geſchäfte ſchützte er vor. Dieſe„wichtigen Geſchäfte“ ſind in der That zuweilen ganz unaus⸗ ſtehlich. Doch es hilft weiter Richts. „Der Mann muß wirken und das Weib muß weinen.“ Nein, es ſollte nicht weinen; es iſt feig, wenn es weint. Es muß den Mann aufheitern und er⸗ muthigen, aber ihn niemals tadeln und über ihn ſeufzen. — Dennoch wünſchte ich, Penelope bekäme Francis während dieſer Weihnachtszeit einmal zu ſehen. Es iſt eine ſo heilige Zeit, wo die Herzen mit einander „in Liebe verſchmolzen“ zu ſein ſcheinen— wo man gern alle ſeine Geliebteſten um ſich verſammelt ſehen möchte. Und ſie liebt Francis— ſie hat ihn ſchon ſo lange geliebt. Doector Urquhart ſagte einmal zu mir— es war dies das einzige Mal, daß er von dieſem Gegen⸗ ſtande ſprach— denn er iſt viel zu zartfühlend, um über Familienangelegenheiten zu ſprechen, er wünſchte aufrichtig,„daß meine Schweſter und Mr. Charteris mit einander vermählt wären— es wäre das Beſte geweſen, was ihm hätte geſchehen können— und ihr auch, wenn ſie ihn liebte.“ Ich lächelte; dieſes„Wenn“ kann keinen Zwei⸗ fel in mir erwecken. In der That, obſchon ich einſt anders dachte, ſo iſt es doch eine der erſten Grundlagen, auf wel⸗ chen die Achtung und Sympathie beruht, die ich mich jetzt ſchäme, meiner älteren Schweſter nicht ſchon früher gewidmet zu haben. Künftighin werde 'ich es, ſo Gott will, beſſer machen— beſſer in jeder Beziehung. S Doch, ich will beginnen.— um eine gewiſſe halb reizbare Träumerei abzuſchütteln, die mich —— beſchleicht, vielleicht in Folge der Störung in meinen häuslichen Gewohnheiten und des plötzlichen Sturzes in ein ſo gänzlich neues Leben— bin ich geſonnen, an meinem Tagebuche weiterzuſchreiben; Alles auf⸗ zuzeichnen, was von jetzt an geſchieht, ſo daß es eine vollſtändige Geſchichte dieſes Beſuchs in Treherne Court bildet, wenn künftig einmal ich oder ſonſt Jemand ſie zu leſen wünſchen ſollte. Wird dies wohl Jemand thun? Wird Jemand das Recht dazu haben? Nein, aufgezwungene Rechte ſind häßliche Dinge; wird nie Jemand kommen und zu mir ſagen:„Dora oder Theodora— ich glaube, mein voller Name gefällt mir am beſten— ich möchte gern Dein Tagebuch leſen.“ Alſo heute Abend iſt Sonntag. Ich ſcheine allemal den Sonntag zu dieſen Einträgen zu wäh⸗ len, weil wir uns gewöhnlich zeitig zur Ruhe bege⸗ ben und es in Rockmount ein ſo friedlicher Fami⸗ lientag iſt, wie das auch hier der Fall. Wir gingen blos ein Mal zur Kirche und dinirten wie gewöhn⸗ lich um ſieben Uhr, ſo daß ich vorher einen langen Nachmittagsſpaziergang in den Gärten und Anlagen hatte— erſt mit Papa und dann allein. Ich hoffe, es war ein ächter Sonntagsſpaziergang; ich hoffe, daß ich zufrieden und dankbar war, wie ich ſein ſoll. —— So endet der Sonntag. Laßt uns ſehen, was der Montag bringt. Montag.— Er brachte eine Anzahl Gäſte — die erſten für unſere Weihnachtswoche. Zur Kirchenzeit kam eine Chaiſe an dem Thore vorgefahren, und wer ſprang mit den freundlichſten Geſichtern von der Welt heraus? Colin Granton und ſeine Mutter. Ich war ſo überraſcht— ja geradezu erſchrocken, denn ich ſtand zufällig an der großen Thür, als der Wagen erſchien— daß ich kaum zwei Worte zu ſagen wußte. Nur meine Augen verriethen vielleicht— ich hoffe es wenigſtens— daß ich nach der erſten Minute mich ſehr freute, ſie zu ſehen. Ich faßte die gute alte Frau unter den Arm und führte ſie durch die ganze Dienerſchaft hindurch in das Speiſezimmer und ließ Colin für ſich ſelbſt ſorgen— eine Aufgabe, welche der junge Mann recht wohl im Stande iſt, u löſen. Dann mußte ich Papa und Liſa ausfindig machen, und endlich der“ ſchüchternen Lady Auguſta auflauern und ſie bitten, ihr meine gute alte Freundin vorzuſtellen. Jedes befreundete Geſicht iſt ſo willkommen, wenn man getrennt iſt von der Heimath. Nach dem Imbiß begaben ſich die Herren in die Ställe, während Miſtreß Treherne ihre Beſucherin mit gaſtlichem Pompe durch die langen Corridors nach ihrem Zimmer escortirte und ich mich freute, zu ſehen, daß das allerbeſte Schlafzimmer im ganzen Hauſe der alten Dame angewieſen ward. Liſa— der Himmel behüte ſie!— ſah ein klein wenig ſtolz aus— auf ihr ſchönes Haus, was auch ganz natür⸗ lich iſt. Eine Frau hat das Recht, ſtolz zu ſein auf alle guten Dinge, womit die Liebe ihres Gatten ſie ausſtattet, nur könnten es beſſere Dinge ſein als Häuſer und Grundſtücke, Kleider und Geräthſchaften. Wenn Liſa zuweilen zu mir geſagt hat:„Liebe Schweſter, ich bin die glücklichſte Frau in der Welt. Beneideſt Du mich nicht?“ hat es meinem Herzen nie die mindeſte Schwierigkeit gekoſtet, zu antworten. Und doch iſt ſie glücklich! Es liegt ein Stic zufriedener Frauenhaftigkeit in ihrem Geſichte, der mit jedem Tage zunimmt und weit ſchöner iſt als irgend Etwas, deſſen ſich ihr Jungfrauenſtand rüh⸗ men konnte. Dabei liebt ſie ihren Gatten innig. Es war reizend, das hohe Erröthen zu ſehen, womit ſie von Miſtreß Granton's Kamin aufſprang, als man Auguſtus draußen rufen hörte„Lis! Lis! Miſtreß Treherne! Wo iſt Riſtreß Treherne?“ „Machen Sie, daß Sie hinauskommen zu Ihrem Manne, liebes Kind. Ich ſehe ſchon, daß er nicht ——————— — 6 ohne Sie ſein kann. Wie gut ſie ausſieht und wie glücklich ſie zu ſein ſcheint,“ ſetzte die alte Dame hinzu, welche die Zurückſetzung, die„mein Colin“ erfahren, völlig vergeſſen zu haben ſcheint. Beiläufig bemerkt, ich glaube nicht, daß Colin jemals unſerer Liſa einen wirklichen Antrag gemacht hat⸗ Es war gewiſſermaßen blos eine in unſerer Familie herrſchende Anſicht, daß er es thun würde. Hätte er es gethan, ſo würde ſeine Mutter ihn ganz gewiß nicht hierhergebracht haben, um ein täglicher Zeuge von Miſtreß Treherne's Schönheit und Zufrie⸗ denheit zu ſein, was er mit einem Stoicismus er⸗ trägt, welcher bei einem jungen Manne, der wirklich in ſie verliebt geweſen war, ganz außerordentlich genannt werden müßte. Vergeſſen die Männer ſo leicht?— Einige viel⸗ leicht; Alle nicht. Es iſt oft ehrenwerth und edel⸗ müthig eine unglückliche Liebe zu überwinden, aber es liegt etwas ſehr zur Urehre Gereichendes darin, ſie gänzlich zu ignoriren und zu vergeſſen. Ich glaube, ich würde einen Mann verachten, der ſeine erſte Liebe gänzlich vergäße, thäte er es auch um meinetwillen! Doch, wo war ich denn eigentlich?— Oh, ich ſaß an Miſtreß Granton's Kamin oder half ihr beim Auskleiden— eine ziemlich leichte Aufgabe, denn — ihre„Sachen“— ein anderes Wort eignet ſich nicht dafür— ſind mit der Bequemlichkeit und Nachläſ⸗ ſigkeit eines fünfzehnjährigen Mädchens anſtatt mit der Sauberkeit und Präciſion einer fünfundſechzigjäh⸗ rigen Dame an- und übergeworfen— Ordnung und Regelmäßigkeit ſind von der Vorſehung bei Erſchaf⸗ fung dieſer guten alten Frau gänzlich vergeſſen wor⸗ den. Ich mußte jaber auch zuhören, und dies iſt keine leichte Aufgabe, denn ſie hat ſtets eine Menge Dinge über Alles und Jedes zu ſagen, nur nicht über ſich ſelbſt. Ich habe es vielleicht noch nie in ſo viel Wor⸗ ten geſagt, aber ich liebe Miſtreß Granton. Jede Miene in ihrem freundlichen, alten, runzligen Geſichte iſt mir angenehm; eben ſo wie jedes Knarren ihres raſchen Trittes, jede Falte in ihrem ewigen ſchwarz⸗ ſeidenen Kleide— oft einem ſehr ſchäbigen Gewande, denn ſie fragt nicht darnach, wie ſie ſich kleidet. Sie iſt keineswegs eine jener maleriſchen, alterthümlichen vornehmen Frauen, welche ausſehen, als ob ſie ſo eben aus einem vergoldeten Rahmen herausgeſtiegen wären— ſie iſt blos eine kleine, rührige, muntere alte Dame. Als Mädchen kann ſie hübſch geweſen ſein— gewiß weiß ich's nicht, obſchon ſie jetzt noch einen feingeformten, ausdrucksv ollen Mund und ſanfte graue Augen hat— wohl aber weiß ich gewiß, daß — ſie jetzt oft wirklich ſchön ausſieht. Und warum denn? Wenn ich im Voraus bedenke, was alle die großartigen Leute bei dem Diner heute Abend von ihr und mir denken werden, ſo kann ich nicht um⸗ hin, über dieſe Anwendung des Wortes zu lächeln: — Weil ſie eins der ſchönſten Gemüther hat, welche eine alte Frau— oder auch eine junge— zieren können— durch und durch Liebe, Energie und heiterer Muth. Der Grund davon liegt darin, daß das Alter nicht vermocht hat, ihr Gemüth zu verbittern, eben⸗ ſowenig als das Leiden, ihr Herz zu verhärten. Von allen Perſonen, die ich kenne, iſt ſie die ſchnellſte zum Loben, die langſamſte zum Richten, die nachſichtigſte zum Verurtheilen. Sie iſt eine leben⸗ dige Predigt über den Text, welcher, indem er die Dreiheit der chriſtlichen Tugenden aufzählt, ſagt: „Dieſe Drei— die Liebe aber iſt vie größte unter ihnen.“ Lange Vertrautheit ließ mich viele ihrer guten Eigenſchaften überſehen, bis ich nicht blos durch die Bemerkungen Anderer darauf aufmerkſam gemacht ward, ſondern auch durch meinen eigenen Vergleich der Leute, die ich in der Welt, worunter man 6— Treherne Court verſtehen muß, treffe, mit meiner guten, alten Freundin. „Sie haben alſo viel Geſellſchaft hier?“ fragte ſie, während ich mich bemühte, ſie zu überreden, mich ihr liebes, altes graues Haar ein wenig beſſer arrangi⸗ ren und ihre Haube nicht ſo ſehr auf die Seite ſetzen zu laſſen.„Und finden Sie Vergnügen daran, liebes Kind? Haben Sie Jemanden geſehen, der Ihnen ſehr gefallen hat?“ „Niemanden, der mir beſſer gefiele als ich ſelbſt. Wie ſollte ich auch?“. Dieſe meine Bemerkung war ſehr richtig, ob⸗ ſchon Miſtreß Granton die dahinter ſteckende Bedeu⸗ tung nicht verſtand. Ich habe in der letzten Zeit mehr Werth auf mich ſelbſt geſetzt, und mich bemüht, gegen Jedermann angenehm zu ſein. Es iſt nicht hübſch, wenn die Leute ſagen:„Was für ein unan⸗ genehmes Mädchen iſt dieſe Theodora Johnſton! Ich möchte wiſſen, ob Jemand ſie leiden kann?“ Hat Miſtreß Granton vielleicht eine Idee, daß irgend Jemand— ja ich will mit der Sprache herausgehen — daß irgend Jemand mich wirklich gern hat? Ihre Augen waren ſehr ſcharf und ihre Fragen ſpitz, während ich ſie von unſerm Thun und Treiben in Treherne Court unterhielt und den Bekanntſchaf⸗ ten, die wir gemacht— einer großen Anzahl— * — von Landedelleuten an bis zu geiſtlichen Würdenträ⸗ gern und flotten jungen Offizieren von Whitcheſter, was ganz aus Kaſernen und Kathedralen net⸗ geſetzt zu ſein ſcheint. Sie gab mir jedoch keine Neuigkeiten dafür zu⸗ rück, ausgenommen, daß Colin das Cedernhaus ſo langweilig gefunden, daß er keine Ruhe gehabt, bis er ſeine Mutter mit ſich fortgelockt, welche Thatſache mich gerade nicht außerordentlich irtereſſirte. Er wat ſtets ein ruhiger junger Menſch, doch glaubte ich, daß ſeine in der letzten Zeit angefan⸗ genen Beſchäftigungen ihn zu ſtiller häuslicher Thä⸗ tigkeit geneigt gemacht hätten. Kann ſein Intereſſe daran ſchon vorüber ſein, oder iſt kein Freund zur Hand, der ihn dauernd in Thätigkeit erhält? Wir ſaßen ſo lange und plauderten, daß Liſabel, zum Diner angekleidet, mit den Treherne⸗ Diamanten an ihrem weißen Halſe und Armen funkelnd, uns zur Ordnung rief und mich fort⸗ ſchickte, um mich anzukleiden. Als ich das Zimmer verließ, hörte ich ſie ſagen, Auguſtus habe ſie geſchickt, um zu fragen, ob Miſtreß Granton kürzlich Doctor Urquhart geſehen habe. „Ja,“ entgegnete Miſtreß Granton.„Colin ſah ihn vor einigen Tagen. Er befindet ſich ſehr wohl, hat aber ſehr viel zu thun.“ Leben um Leben. IMI. 5 — „Und wo iſt er? Wird er dieſe Woche hierher kommen? Auguſtus wünſcht es zu wiſſen.“ „Das weiß ich freilich nicht. Geſagt hat er kein Wort davon.“ Liſabel fragte nicht weiter, ſondern begann ihr Sammetkleid und ihre ſchönen Spitzenmanſchetten, Lady Treherne's Geſchenk, zu zeigen, was für ſie ein weit intereſſanterer Gegenſtand war. In der That, Dankbarkeit iſt nicht die dauerndſte der menſchlichen Regungen in jungen Frauen, welche Häuſer, Männer und Alles haben, was ſie wünſchen können. Er befand ſich alſo wohl und hatte viel zu thun, obſchon nicht ſo viel, daß er hätte an Colin Granton ſchreiben können. Das freut mich. Ich habe zuweilen ſchon ge⸗ glaubt, er könne krank ſein. Die Tiſchgeſellſchaft war die zahlreichſte, ſeitdem wir hier ſind. Zwei lange Reihen von Geſichtern, aber nicht ein einziges, woran ich das mindeſte Intereſſe fand, abgeſehen von Miſtreß Granton und Colin. Ich bemühte mich, neben die erſtere, und letztere bemühte ſich, neben mich zu ſitzen zu kommen, aber beide Pläne ſchlugen fehl und wir geriethen unter fremde Perſonen, was zuweilen eben ſo ſchlimm iſt, — als geriethe man unter Räuber. Der Abend hatte für mich nicht den Genuß, den ich erwartet, ich hoffe aber, daß ich mich gut benahm, und daß ich, als Miſtreß Treherne's Schweſter, gegen die Leute auf⸗ merkſam und höflich zu ſein ſuchte, damit ſich Nie⸗ mand der armen Theodora zu ſchämen braucht. Und es war ein einiger Troſt, als ich ganz zufällig Miſtreß Granton und Liſabel ſagen hörte, „ſie habe nie ein Mädchen geſehen, welches ſich in kurzer Zeit ſo gebeſſert habe wie Miß Dora.“ Gebeſſert! Ja, das ſollte ich ſein. Es war ja Grund genug dazu da. O, daß ich doch immer beſſer werden möchte— ununterbrochen— jeden Tag. Zu gut kann ich nicht werden. Alſo, er„befand ſich wohl und hatte viel zu thun.“ Immer wieder kommt mir der alte traurige Vers in den Sinn: „Der Mann muß wirken und das Weib muß weinen— Karg iſt der Lohn, nur Sparen kann ihn mehren.“ Ach, wenn ich denken könnte, daß jemals irgend Jemand für mich wirkte! Dienſtag.— Gar Nichts geſchehen. Keine Briefe, nichts Neues. Colin fuhr ſeine Mutter und mich eine Strecke nach den Walliſer Hügeln, die ich einmal zu ſehen gewünſcht, und nach dem Imbiß 55 —— fragte er mich, ob ich mit ihm an das Ufer des Fluſſes gehen wolle, um ein Boot zu ſuchen, denn er glaubte, wir könnten noch eine Ruderfahrt machen, obſchon es December iſt; die Witterung iſt noch ſehr mild. Er erinnerte ſich, wie es mir zu gefallen pflegte, wenn er Liſabel auf den Teichen des Moorlandes herumruderte— wir wollen nicht ſagen, vor wie vielen Jahren. Ich glaube, Colin hat ſich auch„gebeſſert“. Er iſt ſo außerordentlich aufmerkſam und freundlich. Mittwoch.— Heute ereignete ſich ein wirk⸗ licher Vorfall— eine förmliche Ueberraſchung. Ich will denſelben nach Kräften auszubeuten ſuchen, denn dieſes Tagebuch ſcheint ſehr unintereſſant werden zu wollen. Ich ſtand, wie die Kinder ſagen, die Naſe an dem großen eiſernen Thore der Allee flach drückend, und ſchaute durch die Gitterſtangen hindurch auf die beiden Reihen kahler Bäume und die breite mit Kies beſtreute Fahrſtraße, die, gerade wie ein Pfeil, und in der Perſpective faſt zu einem Punkte zuſammen ſchwindet. Das Wärterhäuschen iſt an dem Ende der beiden Reihen deutlich ſichtbar, denn dieſe ſcheinen gar keine Entfernung zu ſein; wenn man ſie aber zu Fuße durchwandern ſoll, dann iſt ſie„gräulich —— —— lang“, wie der alte ſchottiſche Gärtner ſagt, der mein ſpecieller Freund iſt und mir über Alles Aus⸗ kunft giebt, was zu Treherne Court gehört, mag es in das animaliſche, oder in das vegetabiliſche, oder in's hiſtoriſche Gebiet einſchlagen. Und in der That, wenn man von dieſem Thore aus die Straße anſieht, dann ſcheint ſie wirklich „gräulich lang“ zu ſein wie das Leben. Ich dachte eben darüber nach, als mich Jemand berührte und ſagte„Dorg“. Es war Francis. Ich erſchrak nicht wenig und bin überzeugt, daß ich ſo roth geworden bin, als wenn ich Penelope geweſen wäre, das heißt, ſo wie Penelope in frühern Tagen zu erröthen pflegte. Im nächſten Augenblicke dachte ich an ſie und fühlte mich ſehr unruhig werden. „O, Francis, es iſt doch Nichts vorgefallen— es iſt doch Penelope Nichts zugeſtoßen?“ „Du albernes Mädchen, was ſoll denn vor⸗ fallen? Ich weiß von Rockmount gar Nichts. Ich glaubte nicht anders als Ihr wäret Alle daheim, bis ich Dich hier ſah und an der ſentimentalen Hal⸗ tung errieth, daß es Niemand weiter ſein könne als Dora. Sage mir, wann biſt Du hierher gekommen?“ „Wann biſt Du denn gekommen? Ich glaubte, es wäre Dir unmöglich, London zu verlaſſen.“ „ „Ich hatte Geſchäfte mit meinem Onkel, Sir William. Uebrigens, wenn Penelope hier iſt—“ „Du mußt doch recht wohl wiſſen, Francis, daß Penelope nicht hier iſt“ Ich trage nie Bedenken, gegen Francis Char⸗ teris offen mit der Sprache herauszugehen. Wir ſind einander nicht ſehr gut und wiſſen dies auch recht wohl. Seine weiche, ſeidene Höflichkeit ſcheint mir oft unaufrichtig zu ſein, und mein Mangel an feinem Benehmen, wie er es nennt, iſt ihm vielleicht eben ſo widerlich. Wir paſſen nicht zuſammen, und wären wir einander auch noch ſo ſehr gewogen, ſo würde doch dieſe Unvereinbarkeit zu Tage treten. Gewiſſe Leute können einander außerordentlich gern haben und achten, paſſen aber doch nicht zuſammen, gerade wie zwei gute Melodieen nicht alle Mal in eine und dieſelbe Harmonie gebracht werden können. Ich hörte einmal einen geſchickten Virtuoſen, welcher gleichzeitig die„letzte Roſe des Sommers“ und„Garry Owen“ zu ſpielen verſuchte. Das Reſultat hatte große Aehnlichkeit mit mancher Converſation zwiſchen Francis und mir.. Die gegenwärtige verſprach auch eine dieſer Art zu werden, und ich machte um eine 7 — 71— Präventivmaßregel anzuwenden, aufmerkſam, daß es Zeit zum Imbiß ſei. „O, ich danke; ich bin nicht hungrig; ich habe meinen Imbiß in Birmingham eingenommen.“ Dennoch aber hätte Francis bedenken ſollen, daß dies mit andern Leuten nicht der Fall war. Wir gingen quer durch den Garten nach dem Fluſſe unter die großen portugieſiſchen Lorbeer⸗ bäume, vor welchen er ſtehen blieb, um ſie zu bewundern.. „Ich habe ihr Wachsthum beobachtet, ſeitdem ich ein Knabe war. Du weißt, Dora, daß dieſes Beſitzthum einſt mein werden ſollte.“ „Es würde Dir aber ſehr viel Unruhe und Mühe verurſacht haben, und Du biſt kein Freund von Mühe. Als Gaſt wird es Dir viel beſſer hier gefallen.“ Francis gab keine Antwort, und als ich ihn nach dem Grunde der plötzlichen Veränderung ſeiner Pläne fragte und ob Penelope davon unterrichtet ſei, ſchien er ärgerlich zu werden. „Verſteht ſich, weiß es Penelope. Ich ſchrieb ihr heute und meldete ihr, daß der Zweck meines Hierſeins darin beſtünde, Sir William zu ſprechen. Kann man denn ſeinem Onkel keinen Beſuch machen, ohne ausgefragt und beargwohnt zu werden?“ —— „Ich habe Dich nie beargwohnt, Francis, nie eher als bis jetzt, wo Du ausſiehſt, als ob Du fürchteteſt, daß ich Dich beargwohnen könnte. Was giebt es? Sag' es mir doch!“ Denn in der That, ich ward immer unruhiger. Francis war ſo außerordentlich aufgeregt und reizbar, und ſeine ausdrucksvollen Züge, die wider ſeinen Willen zum Verräther werden, ließen auf ſo viel innere Zerriſſenheit ſchließen, daß ich irgend ein Uebel fürchtete, welches ihm oder Penelope drohete. Drohete es aber Einem, ſo drohete es natürlich Beiden. „Sag' es mir, Francis. Vergieb mir meine Unfreundlichkeit. Wir ſind ja beinahe Bruder und Schweſter.“ 8 „Welches Band wahrſcheinlich jede Unfreund⸗ lichkeit entſchuldigen ſoll. Aber in der That, ich habe Nichts zu erzählen— ausgenommen, daß Du mit jedem Tage unhöflicher wirſt— wahrſcheinlich iſt dies eine Folge der Inſtructionen, die Du von Deinem Freunde, Doctor Urquhart, erhältſt. Darf ich fragen, ob er hier iſt?“ „Wird er erwartet?“ „Wenn Du dies zu wiſſen wünſcheſt, ſo frage lieber Capitain Treherne.“ „Ach, was kümmern ſich die Männer um ein⸗ ander! Ich glaubte, eine junge Dame ſei die Perſon, von welcher ſich am wahrſcheinlichſten vorausſetzen ließe, daß ſie ſich für das Thun und Treiben eines jungen— doch ich bitte um Verzeihung— eines Mannes von mittlern Jahren intereſſire.“ Wenn Francis glaubte, mich durch dieſe Worte zu reizen oder zu verwirren, ſo ſah er ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht. Vor einem Monat wäre es vielleicht der Fall geweſen. Jetzt nicht, wahrſcheinlich aber— und ich habe ſpäter die Ueberzeugung davon gewonnen— verfolgte er blos ſeine eigenen Zwecke, ohne auf meine Worte zu achten. „Ernſthaft geſprochen, Dora, ich möchte über Doctor Urquhart einige Auskunft haben und ob ihm ein Brief zu Händen kommen würde. Erkundige Dich doch einmal darnach— thue mir's zu Ge⸗ fallen.“ Und er ſchlang ſeinen Arm um mich nach der liebkoſenden Weiſe eines älteren Bruders, als welchen er ſich zuweilen gegen Liſa und mich gerirte, und worauf ich niemals weiter achtete. Jetzt jedoch war es mir, als könnte ich es Wicht ertragen, und ich ent⸗ ſchlüpfte ihm. „Aber, Francis, ich ſehe nicht ein, warum Du * eine ſolche einfache Frage nicht ſelbſt thun willſt. Mich geht ja die Sache gar Nichts an.“ „Dann weißt Du alſo wirklich nicht, wo Doctor Urquhart in der letzten Zeit geweſen iſt? War er nicht in Rockmount?“ „Nein.“ „Hat er auch nicht geſchrieben?“ „Ich glaube nicht. Warum wünſcheſt Du das zu wiſſen? Haſt Du Dich mit ihm gezankt?“ Denn da ich wußte, daß die Beiden einander nicht ſonderlich leiden konnten, ſo raubte mir ein plötzlicher Gedanke— ſo lächerlich romantiſch, daß ich in der nächſten Minute darüber lachte— eine Secunde lang faſt die Beſinnung. „Gezankt, liebes Kind?— junge Dame, wollte ich ſagen— bin ich wohl jemals ſo einfältig, ſo ungebildet, mich mit Jemandem zu zanken? Ich verſichere Dir, daß dies nicht der Fall iſt. Da iſt der Dee! Welch' ein ſchöner Anblick!“ Er begann ſich über die Schönheiten des Fluſſes mit jenem zarten Geſchmacke zu verbreiten, den er in ſolcher Vollkommenheit beſitzt und dem er ſo treffende, anmuthige Worte zu leihen weiß. Unter ſolchen Umſtänden, wenn er wirklich ſich über Etwas freu't und auch Andere zur Frende anzuregen ſucht, gebe ich gern zu, daß er Anſpruch darauf machen kann, ein liebenswürdiger Gefährte zu ſein— für einen einſtündigen Spaziergang— für die Lebensreiſe aber nicht, denn dieſe iſt etwas ganz Anderes. Wenn ich in ſeiner Nähe bin, denke ich oft an Beatrice's Antwort, als Don Pedro ſie fragt, ob ſie ihn zum Manne haben will: „Nein, Mylord; ausgenommen ich hätte noch einen Mann für die Wochentage. Eure Gnaden ſind zu koſtbar, um jeden Tag abge⸗ nutzt zu werden.“ Die Liebe, welche für den alltäglichen, beſtän⸗ digen Gebrauch tauglich iſt, welche, ohne Schaden zu leiden, herabſinken kann „zur Stufe täglichen Bedarfs, bei Sonnenſchein und Kerzenlicht,“ muß etwas Seltenes ſein, und eben ſo koſtbar als ſelten. „Ich glaube, ich habe noch nie einen ſolchen Weihnachtsabend geſehen,“ fuhr er fort.„Sieh' nur, Dora, der Himmel iſt ſo blau wie im Juni. Wie ſcharf und klar iſt der Widerſchein dieſer Aeſte in dem Fluſſe! Ach, in der That, es iſt hier ein herrlicher Ort. Welch' ein Unterſchied wäre es für mich geweſen, wenn Sir William niemals gehei⸗ rathet hätte und ich Erbe von Treherne Court ge⸗ worden wäre!“ — „An Dir ſelbſt hätte es für Dich keinen Unter⸗ ſchied gemacht,“ ſagte ich muthig.„Penelope hätte Dich um keinen Strohhalm mehr geliebt als ſie ohnehin thut, nur wäret Ihr ein wenig eher ver⸗ mählt worden, was für beide Theile vielleicht um ſo beſſer geweſen wäre.“ Ja, das weiß der Himmel,“ murmelte er in ſo bitterem, bekümmertem Tone, daß er mir leid that. Dann ſetzte er plötzlich hinzu: „Glaubſt Du, daß Deine Schweſter des Wartens müde iſt? Wünſcht ſie vielleicht— unſer Verhältniß gelöſ't zu ſehen?“ „Durchaus nicht. Es war überhaupt nicht meine Abſicht, Dich zu ärgern. Penelope wünſcht Nichts der Art.“ „Wenn ſie es wünſchte,“ fuhr er fort und zeigte noch eine gereiztere Miene,„ſo wäre es ganz natürlich.“ „Nein, durchaus nicht,“ rief ich mit einem ge⸗ wiſſen Grade von Entrüſtung;„es wäre nicht natürlich! Glaubſt Du, wir Frauen hätten ſo furchtbare Eile, zu heirathen, daß verſprochene und ſichere Liebe, ſo wie Penelope fühlt— oder fühlen ſollte— nicht hinreichend ſei, um uns auf jede beliebige Anzahl von Jahren glücklich zu machen? Wenn Du dies bezweifelſt, ſo mußt Du Dich vor — — — Dir ſelbſt ſchämen. Du kennſt die Frauen nicht, am allerwenigſten ſolche Frauen wie meine Schweſter Penelope.“ „Ja, ſie iſt ein gutes, treues Mädchen geweſen,“ ſagte er wieder ſeufzend.„Die arme Penelope!“ Und dann kam er wieder auf die ſchöne Landſchaft zurück, worauf ich ſehr gern einging, denn ich fühlte jenen entſetzlichen Mangel an Stoff zum Geſpräch, der bei einem téte- à—téte mit Francis Charteris ſtets etwas Furchtbares für mich hat. So unterhielten wir uns, bis wir wieder in das Haus hineinkamen und, nicht ungern, von ein⸗ ander ſchieden. Nach dem Imbiß— und da ich in dieſem großen weiten Hauſe Niemanden finden konnte— ſaß ich eine Weile in meinem Zimmer, bis ich, als ich fand, daß es nicht gut iſt, träge und träumeriſch zu ſein, zu Miſtreß Granton ging und ihrem ange⸗ nehmen Geplauder über Leute zuhörte, mit denen ſie während ihres langen Lebens in Berührung ge⸗ kommen und welche Alle die bemerkenswerthe Eigen⸗ ſchaft haben, daß ſie die Menſchen von der Welt ſind. Der Refrain ihres Geylauders iſt natürlich „mein Colin“, welchen ſie als das engelgleichſte Kind, den ſanfteſten Schulknaben, den edelſten Jüng⸗ ling und den vollkommenſten Mann auf dieſer armen Erde ſchildert. Man kann über die liebende alte Mutter nicht lächeln. Ueberdies bin ich Colin auch ſelbſt gewogen. War er nicht meine erſte Liebe? Still! Ich darf nicht, wäre es auch nur im Scherze, dieſes heilige Wort entweihen. Ich ſaß lange bei Miſtreß Granton— zuweilen hörte ich auf ihr Geſpräch, zuweilen nicht, und ſagte wahrſcheinlich„Ja“ und„Nein“ und„verſteht ſich“ zu vielen Dingen, von welchen ich jetzt kein Wort mehr weiß. Meine Gedanken ſchweiften umher, eingelullt von dem Winde, der ſich zu einem förmlichen Weihnachtsſturme zu erheben begann. Ja, heute Abend war Weihnachtsabend und alle Weihnachtsgäſte verſammelten ſich jetzt in Land⸗ häuſern. Auch in dem unſrigen. Die lautſchallende Thürglocke ward fortwährend geläutet und Fußtritte gingen den Corridor auf und ab. Ich rufe mir gern— wäre es auch nur um der Täuſchung eines Augenblicks willen— die Em⸗ pfindungen jener Stunde zurück, wo ich in der Dämmerung träg, warm und zufrieden an Miſtreß Granton's Feuer ausruhete. Die einzige Schattenſeite meiner Zufriedenheit war der Gedanke an Penelope— das arme Mädchen — wrelches jetzt ganz allein daheim in Rockmount ſaß und Niemanden erwartete. Als die Glocke zum Ankleiden läutete, ſchlüpfte ich auf den langen, halbdunkeln Treppen nach meinem Zimmer. Da eine zahlreiche Geſellſchaft zu erwarten ſtand, ſo glaubte ich, es werde gerathen ſein, wenn ich mein neues Kleid anlegte— ein Geſchenk von Auguſtus, ſchwarzer Sammet,„ent⸗ ſetzlich altweiberhaft“ wie Liſa behauptete, und doch ſah es gut aus. Ich ſtand vor dem Spiegel und bewunderte mich darin— blos ein wenig. Ich freuete mich ſo ſehr, gut auszuſehen. Thörigte Eitelkeit, die nur eine Minute dauerte! Aber doch war dieſe Minute angenehm. Liſabel, die in mein Zimmer kam, während ihr Gatte bis an die Thür folgte, muß wirkliches Vergnügen an ihrem Glanze finden. Ich ſagte ihr dies. „Ach nein, liebes Kind. Ich bin ſo ärgerlich und mürriſch, wie ich nur ſein kann. Welch' eine Menge getäuſchter Erwartungen dieſen Abend! Leute mit Schnupfen und Rheumatismus, und langweilige Verwandte.“ „ Liſch „Nun, iſt das etwa nicht ärgerlich? Alle, die wir zu ſehen wünſchen, kommen nicht, und die, — welche wir nicht brauchen, kommen. Zum Beiſpiel Doctor Urquhart, welcher Papa ſowohl als auch Sir William ſtets in der beſten Laune zu erhalten weiß, iſt nicht da. Und Francis, welcher beide zu Tode martert und dem ich mich ſchon zu Danke ver⸗ pfiichtet fühlte, daß er nicht käme, iſt ſo eben ange⸗ langt. Dir albernem Mädchen ſcheint dies aber nicht das Mindeſte zu verſchlagen. Du denkſt die ganze Zeit an etwas Anderes.“ Ich ſagte, es verſchlüge mir wohl gtwas und ich dächte an nichts Anderes. „Auguſtus wünſchte ihn ganz beſonders zu ſprechen, aber eben fällt mir ein, Du weißt es ja gar nicht— Du wirſt es jedoch bald erfahren. Iſt es aber nicht eine Sünde und Schande von Doctor Urquhart, daß er weder ſelbſt kommt, noch Etwas meldet?“ Ich meinte, es könnte ja vielleicht Etwas vor⸗ gefallen ſein. „Ein Eiſenbahnunfall! Mein Himmel, daran habe ich nicht gedacht!“ „Ich auch nicht.“ Ich hatte einen Fahrplan und ſah auf dem⸗ ſelben nach, wenn der letzte Zug in Whitcheſter hielt, und berechnete dann, wie lange Zeit er brauchen würde, um nach Treherne Court zu fahren, und ſah nach meiner Uhr.— Rein, er konnte heute Abend nicht da ſein, „Und wenn ein Unfall vorgekommen wäre, ſo hätten wir ſchon davon hören müſſen,“ ſagte Liſa gleichgültig, indem ſie ihren Fächer und ihre Hand⸗ ſchuhe ergriff, um hinunter in's Speiſezimmer zu gehen.„Alſo, Kind, wir müſſen das Benehmen Deines Freundes uns ſchon gefallen laſſen. Biſt Du mit Ankleiden fertig?“ „In zwei Minuten.“ Ich ſchloß die Thür hinter meiner Schweſter und trat dann wieder vor den Spiegel, um eine Broche oder ſo Etwas zu befeſtigen. Mein Freund! Ja, das war er. Alle Mal, wenn man unwillig auf ihn war, pflegte ihn die ganze Familie ſo zu nennen. Es war ſehr auffällig, daß er nicht kam, beſon⸗ ders da er es Auguſtus aus einem Grunde, den ich aber nicht kannte, verſprochen. Es war jedoch auch noch ein Grund vorhanden, von welchem die Andern Richts wußten— er hatte es mir verſprochen. Er ſagte einmal ganz poſitiv zu mir, daß dieſes, das erſte Weihnachten, welches er ſeit vielen Jahren wieder in England gefeiert, mit uns— mit mir gefeiert werden ſolle. Ein Verſprechen aber iſt ein Verſprechen. Ich Leben um Leben. II. 68 * ſelbſt würde um jeden Preis es halten, ſobald es nichts Unrechtes gegen einen Andern in ſich ſchlöſſe. Dieſe Geſinnung iſt auch die ſeine. Folglich muß Etwas vorgefallen ſein. ESinen Augenblick lang war ich unwillig ge⸗ weſen, obſchon kaum auf ihn; denn wo er auch ſein mochte, ſo that er doch ſicherlich ſeine Pflicht. Und doch, warum ſollte er ſtets ſeine Pflicht gegen Jeder⸗ mann thun, nur nicht gegen mich? Hatte ich kein Recht darauf? Ich, gegen welche ſelbſt Liſa, die Nichts wußte, ihn meinen Freund nannte. Ja, meinen Freund. Mit Einem Male ſchien ich Alles zu fühlen, was dieſes Wort bedeutete, und die Laſt deſſelben auf mich zu nehmen. Es beruhigte mich. Ich ging hinunter in den Salon. Ich ſah hier die gewöhnlichen zwei Reihen von Tafelgeſichtern— das gewöhnliche Murmeln von Tiſchgeplauder— aber Alles war neblig und unbeſtimmt wie ein Bild oder wie der Schall des Geplauders entfernter Perſonen. Colin, der neben mir ſtand, ſprach fortwährend davon, wie gut ich in meinem neuen Kleide ausſähe — wie gern er mich ſo fein gekleidet ſähe wie eine Königin, und wie er hoffe, daß wir noch manche Weihnacht ſo froh wie dieſes verleben möchten, bis ein gewiſſes Etwas in meinem Innern mich aufzu⸗ — fordern ſchien, ihm Schweigen zu gebieten, und mich ſelbſt, aufzuſpringen und laut zu kreiſchen. Beim Deſſert brachte der Kellermeiſter einen großen Brief an Sir William. Es war eine tele⸗ graphiſche Depeſche— ich wußte, wie eine ſolche ausſah, denn wir hatten während Papa's Krankheit mehrere bekommen. Nun ward es mir leicht, ſtill zu ſitzen. Ich ſchien ganz wohl zu wiſſen, was kommen würde, aber der einzige klare Gedanke war „mein— mein.“ Sir William las, faltete die Depeſche wieder zuſammen, ſchob ſie Auguſtus hin und erhob ſich dann. „Freunde, füllen Sie die Gläſer! Ich habe ſo eben eine gute Nachricht erhalten; ſie kommt nicht unerwartet, iſt aber dennoch eine gute Rachricht. Meine Herren und Damen, ich habe die Ehre, die Geſundheit meines Neffen auszubringen, meines Neffen Francis Charteris, Esquire, deſignirten Gou⸗ verneurs von—“ Während des Beifallrufs, der Verwirrung und der Glückwünſche, welche nun folgten, ſchob iſ das Telegramm mir zu, und ich ſah, daß es von „Max Urquhart“ war und aus London kam. Sobald wir mit einander allein in einer 6* —— Ecke ſaßen, rückte meine Schweſter mit dem ganzen Geheimniſſe heraus. „Gott ſei Dank, nun iſt es vorüber! Ich habe noch niemals ein Geheimniß zu bewahren gehabt und Auguſtus fürchtete ſehr, daß ich es verrathen würde, und was würde dann Doctor Urquhart geſagt haben? Von dieſem ging nämlich der ganze Plan aus und er ſollte die gute Nachricht über⸗ bringen. Es thut mir ſehr leid, daß ich mich ſo hart über ihn ausgeſprochen, denn er hat für Francis' Intereſſe gearbeitet wie ein Pferd und— haſt Du jemals geſehen, daß ein junger Mann eine ihn betreffende gute Nachricht ſo kaltblütig hinnahm? — eine herrliche weſtindiſche Inſel, mit Gouver⸗ nementshaus und einem Gehalt, der groß genug iſt, um Penelope zu einer ganz ſplendiden Gouverneurin zu machen— dennoch iſt er nicht im Mindeſten dankbar dafür. In der That, ich ſchäme mich faſt dieſes Francis Charteris!“ Und auf dieſe Weiſe ſchwatzte ſie noch lange fort, aber ich wußte Nichts zu ſagen. Es war mir ſo ſeltſam und verworren zu Muthe, bis ich endlich den Kopf an die Schulter der Schweſter lehnte und ſanft weinte. Dies zog mir heftige Vorwürfe zu und man beſchuldigte mich, daß ich alle Mal weinte, 85— wenn die mindeſte Ausſicht auf eine Heirath ſich in der Familie zeige. Eine Heirath! Gerade in dieſem Augenblicke gab es für mich in der ganzen Welt Richts der Art. Ich dachte nicht im Entfernteſten daran. Ich dachte nur an das Leben, an ein Leben, welches emſig bemüht war, Alle glücklich zu machen, treu ſich ſelbſt und ſeinen Verſprechungen, Nichts und Niemanden vergeſſend, gegen Dankbare und Undankbare gleich gütig; im Vergleich damit ſank mein eigenes unbe⸗ deutendes Leben mit ſeinen kleinen Hoffnungen und kleinlichen Schmerzen in Richts zurück. „Nun, freu'ſt Du Dich, Dora?“ Ja wohl, ich freuete mich— ich war ſehr zufrieden. Es dauerte nicht lange, ſo trat Papa ein, und er und ich gingen Arm in Arm auf und ab und beſprachen die Sache, bis wir, als wir Francis allein in einer Fenſterbrüſtung ſitzen ſahen, auf ihn zugingen und Papa ihm nochmals alles Glück wünſchte. Er ſagte blos:„Ich danke,“ und mur⸗ melte Etwas davon, daß er ſich gelegentlich näher zu erklären wünſche. „Was wahrſcheinlich heißen ſoll, daß ich binnen Kurzem nur noch eine Tochter haben werde, die — mich pflegt— nicht wahr, Francis?“ ſagte Papa lächelnd. „Nun— ich meinte nicht— ich— ſtammelte er.„Ich hoffe, Mr. Johnſton, Sie werden verſtehen, daß dieſer Poſten von mir noch nicht angenommen iſt— ich weiß überhaupt nicht, ob ich ihn anneh⸗ men werde.“ Papa gab durch ſeine Miene große Ueberraſchung zu erkennen, und ich— da mir mehrere von Francis' Worten, die er an dieſem Morgen geſprochen, ein⸗ fielen, empfand mehr als Ueberraſchung— ich empfand Entrüſtung. Es ward jedoch weiter keine Bemerkung gemacht, und gerade in dieſem Augenblicke forderte Auguſtus die ganze Geſellſchaft auf, hinunter in die große Küche zu gehen und die Weihnachtsmasken anzu⸗ ſehen, welche dort ihren Aufzug hielten. Wir ſahen ſie eine lange halbe Stunde an und dann ſtürzte ſich Alles, Groß und Klein, in den vollen Strudel der Weihnachtsluſtbarkeit. Colin ganz beſonders ward ſo lebhaft, daß er mich unter den Stechpalmenzweig führen und küſſen wollte; als ich mich aber, erſt ſcherzend, dann ernſt, weigerte, ſtand er davon ab, indem er meinte, er wolle mich um Alles in der Welt nicht beleidigen. Nichtsdeſto⸗ ——— weniger küßten er und noch einige Andere meine Schweſter Liſabel. Wie konnte ſie es dulden, während ich— ich jetzt zuweilen Eiferſucht fühle, wenn nur eine fremde Berührung dieſe meine Hand ſtreift? Die Luſtbarkeiten dauerten nicht allzu lange, und jetzt, wo ich daſitze und ſchreibe, iſt das Haus ganz ſtill. Ich habe ſo eben meinen Fenſtervorhang auf⸗ gezogen und hinausgeſehen. Der Wind hat ſich gelegt und es ſchnei't. Ich liebe den Schnee an einem Weihnachtsmorgen. Schon iſt es Weihnachts⸗ morgen. Wem ſoll ich ſchweigend jene Wünſche zuſenden, die dem Herzen ſtets am nächſten liegen? Meiner eigenen Familie natürlich. Papa und Liſa und Penelope, die fern von hier iſt. Die arme⸗ gute Penelope! Möge ſie heute über's Jahr ein glückliches Weib ſein! Sind dies Alle? Vorige Weihnacht waren ſie es. Jetzt aber bin ich reicher, reicher, wie mir oft ſcheint, als irgend Jemand auf der ganzen Welt. Gute Nacht! Eine luſtige— nein, denn oft in der Luſt iſt das Herz traurig— eine Kütice Weihnacht und ein 5 Neujahr! Prittes Rapitel. Seine Geſchichte. 31. December 1856. Die Heiterkeit meiner Rachbarn in dem obern Zimmer— wahrſcheinlich ſind es Schotten oder Ir⸗ länder, von welchen es in dieſer Stadt eine große Menge giebt— iſt ein trauriger Gegenſatz zu mei⸗ ner Arbeit in dieſer Nacht. Doch warum murre ich, wenn ich einer von den Wenigen bin, welche an dieſem Feiertage über⸗ haupt thun, als ob ſie arbeiteten— in einer Nacht, welche für uns Knaben ein ſo großes Feſt zu ſein pflegte. Das Geräuſch, welches ich von da oben höre, erinnert mich an das alte Feſt von Hogmanay, welches aus vielen Gründen den Theilnehmern zur größern Ehre gereichte, wenn ſie ſich davon fern hielten, als wenn ſie es feierten. Dieſes Liverpool iſt, was den Trunk betrift, eine entſetzliche Stadt. Andere Städte ſind vielleicht eben ſo ſchlimm, die Statiſtik beweiſ't es, aber ich kenne keinen Ort, wo dem Trunke ſo offen und ſo ſchamlos gehuldigt wird— nicht blos in Reben⸗ gaſſen und engen, dunkeln Höfen, wo man nichts Anderes zu ſehen erwartet, ſondern überall. Ich mache niemals eine kurze Eiſenbahntour zu einer ſpätern Stunde des Tages, ohne wenigſtens einem betrunkenen Gentleman zu begegnen, der in ſeinem Wagen erſter Klaſſe ſchnarcht— oder in der zweiten laſſe zwei oder drei betrunkenen Strolchen, welche ſingen, fluchen und ſich von blaſſen Frauen wie Blödſinnige hin und her ſtoßen laſſen. Das Traurigſte bei der Sache iſt, daß die Frauen nicht darauf zu achten ſcheinen, daß Jeder die Sache als Etwas betrachtet, was ſich von ſelbſt verſteht. Der oft grauköpfige„Gentleman“ iſt blos „ſidel,“ wie er jeden Abend ſeines Lebens zu ſein pflegt; der arme Mann hat blos„einen Schluck“ getrun⸗ ken, wie alle ſeine Kameraden zu thun pflegen, ſo oft ſie Gelegenheit haben. Sie ſehen darin keine Schande, deßhalb lachen ſie ein wenig über ihn und thun ihm den Willen und ſind bereit, ihn gegen — 65— alle Anderen zu vertheidigen, welche etwa gegen einen ſolchen Mitpaſſagier Einwendungen erheben wollen. Sie ſelbſt thun dies nicht, eben ſo wenig als die Frauen, die zu ihnen gehören, denn dieſe ſind daran gewöhnt, betrunkene Liebhaber zu dul⸗ den und betrunkene Männer zu führen und zu be⸗ ſchwichtigen. Das Herz wendet ſich mir um, wenn ich zuweilen ein anſtändiges hübſches Mädchen, kichernd über einen dergleichen verthierten Begleiter, ihm gegenüber ſitzen ſehe, oder eine ſaubere junge Mutter mit zwei oder drei bausbäckigen Kindern, die ihren taumelnden Mann, der kaum noch ſeine rechte Hand von der linken zu unterſcheiden weiß, nach Hauſe zu locken ſucht. Heute Abend würde, wenn ich nicht zufällig an der betreffenden Eiſen⸗ bahnſtation zugegen geweſen wäre, eine ſolche Fa⸗ milie ohne Vater nach Hauſe gekommen ſein, ob⸗ ſchon dies, wie man ſich leicht denken kann, auch weiter kein großes Unglück geweſen wäre. Den⸗ noch aber ſah die Frau nicht einmal betrübt aus, ſondern lachte und ſchalt blos. Hier, wie bei den meiſten Reformen, ſind es die Frauen, welche den erſten Schritt thun müſſen. Es giebt zwei große Sürden der Männer— Trun⸗ tenheit in den unteren Klaſſen und eine noch ſchlimmere Form des Laſters in den höhern, welchen, wie ich glaube, die Frauen könnten Einhalt thun helfen, wenn ſie es verſuchten. Wollte Gott, ich könnte jedem jungen Mädchen des Arbeiterſtandes zurufen:„Erhöre niemals einen betrunkenen Freier!“ und jeder jungen an's Heirathen denkenden Dame: „Hüte Dich und ſtirb lieber als daß Du einem ge⸗ wiſſenloſen, unkeuſchen Vater Kinder giebſt.“ Es ſind dies harte Worte— darf ich ſie hier für die Augen ſtehen laſſen, welche vielleicht nach Jahren dieſes Blatt leſen? Ja wohl, denn bis dahin werden und müſſen dieſe Augen dem natür⸗ lichen Laufe der Dinge nach wenigſtens ein Zehntel meiner eigenen bittern Weltkenntniß gewonnen haben. Gott bewahre ſie vor aller Kenntniß, die nicht ge⸗ radezu nothwendig iſt! Wenn ich bedenke, daß irgend ein Leid ihnen begegnen, daß der Anblick des Laſters dieſe theuren Augen ſchrecken könnte, dann fühle ich, wie mein Verſtand wankend zu werden beginnt. Wenn zum Beiſpiel Du einen Mann heirathereſt wie viele Män⸗ ner, die ich gekannt, und die in der That die Mehrzahl unſers Geſchlechts bilden, und er wäre unfreundlich gegen Dich oder verletzte Dich auch nur im Gering⸗ ſten, ich glaube, ich könnte ihn ermor— ℳ Still, ſtill! Nicht dieſes Wort! Du ſiehſt, wie mein Geiſt zwecklos umher⸗ ſchweift, weil er Nichts mitzutheilen hat. Ich hatte es ſogar eine Zeitlang vermieden, überhaupt in dieſes Buch zu ſchreiben. Und ich bin ſehr beſchäftigt ge⸗ weſen und bin es noch— um den Grund zu jenem neuen Lebensplane zu legen, den ich Dir auseinan⸗ derſetzte. Worauf er ſeinem ganzen Umfange nach ab⸗ zweckt, ſaheſt Du nicht, auch war es nicht meine Abſicht, daß Du es ſehen ſollteſt, obſchon Deine eigenen Worte den Anſtoß dazu gaben und ihn durch einen ſo herrlichen Hoffnungsſtrahl erhellten, daß ich ihn freudig auf eine unbeſtimmte Anzahl von Jahren hinaus verfolgen könnte. Es dauerte aber nur einige Stunden und dann ſtürzten die Worte Deines Vaters— obſchon es— der Himmel ſei geprieſen, nicht die Deinigen waren!— mich wieder in Nacht und Dunkel— eine Nacht, aus welcher ich niemals hervorgekrochen ſein würde, wenn ich noch der krankhafte Feigling wäre, der ich vor Einem Jahre war. So aber ahnteſt Du nicht den Gedanken, wel⸗ chen Du mit mir hinter der Thür des Studirzimmers einſchloſſeſt, bis Dein leichter Fuß wieder dahin rückkehrte. Auch hatte ich in der Zwiſchenzeit ſe Kraft genug gehabt, um alle Umſtände zu erwägen und einen beſtimmten Plan zu entwerfen, „ ſo feſt auch, wie ich glaube, mein Herz iſt— ſeit⸗ dem ich Dich kenne. In Folge einiger Worte von Dir habe ich be⸗ ſchloſſen, meinen ganzen Lebensplan zu ändern. Das heißt, ich will künftig einmal— ob bald oder ſpät, müſſen die Umſtände entſcheiden— Dir jedes Ereigniß meiner Geſchichte vortragen und Dich dann leidenſchaftslos als Freundin bitten, zu entſcheiden, ob ich noch meinem Vorſatze gemäß in Ausſicht auf das Ende fortleben, oder die Bürde deſſelben abſchüttelnd, Gottes Erbarmen vertrauen, Alles als vorbei und abgethan und in Bezug auf mich ſelbſt glauben ſoll, daß es mir wie jedem Andern freiſtehe, zu lieben, zu freien und zu heirathen. Dann wird je nach Deiner Entſcheidung die zweite Frage folgen oder nicht folgen— jene Frage, in Bezug auf welche ſchon die Hoffnung und Unge⸗ wißheit iſt, als ginge ich durch die Pforten des Todes in ein neues Leben über. Dein Vater ſagte ganz beſtimmt— doch ich will es nicht wiederholen. Es reicht hin, mich fürchten zu laſſen, daß ich mein höchſtes Gut nicht gewinnen könnte, ohne dann zugleich auch den Fluch ihres Vaters auf mich herabzurufen. Dieſen Fluch aber herabrufen, mit Wiſſen Zwietracht zwiſchen Vater und Tochter ſäen, iſt etwas Furchtbares. Ich —— „ wage nicht, es zu thun. So lange er lebt, muß ich warten. Somit leb' wohl für jetzt, unſchuldiges Kind! Denn kein Kind kann unſchuldiger und glücklicher ſein als Du. Aber Du wirſt nicht ſtets ein Kind ſein. Wenn Du nicht heiratheſt— und Du ſcheinſt in dieſer Beziehung anderer Abſicht zu ſein als Deine Schweſtern— ſo wirſt Du in einigen Jahren eine nicht mehr junge Perſon ſein, die vielleicht wenig geſucht wird, denn Du biſt für die meiſten Augen nicht ſchön und gefällſt in Folge Deines eigenthüm⸗ lichen Temperaments nicht Vielen. Bis dahin haſt Du vielleicht Sorge und Kummer kennen gelernt, biſt vielleicht eine Waiſe und allein. Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich dieſe Möglichkeiten zuſam⸗ menzählte und nicht ſogleich wüßte, daß, in ſo weit eine menſchliche Hand Dich vor Noth ſchützen kann, Du geſchützt werden ſollſt, daß, ſo lange noch ein armes Leben dauert, Du niemals verlaſſen ſein ſollſt. Meine Abſicht, England zu verlaſſen, habe ich gänzlich aufgegeben. Auch wenn ich Dich von einem Jahre zum andern nicht zu ſehen bekommen kann, auch wenn ich meine Bekanntſchaft mit Deiner Familie zu dem dünnſten Verbindungsgliede aus⸗ dehnen muß, welches unzerriſſen bleibt, ſo muß ich doch in Deiner Nähe bleiben Es daͤrf Dir und — den Deinigen Nichts begegnen, ohne daß ich mich davon unterrichte. Und obſchon Du es vielleicht vergiſſeſt— ich ſage nicht, daß Du es vergeſſen wirſt, aber es wäre doch möglich— ſo bin ich doch nichtsdeſtoweniger entſchloſſen, daß Du mich nie⸗ mals verlieren ſollſt, ſo lange ein Mann ein Weib ſchützen, ſo lange ein Freund eine Freundin auftecht halten und tröſten kann. Einen einzigen wahnſinnigen Ausbruch meines Gefühls, zu dem ich mich hinreißen ließ, wirſt Du wahrſcheinlich auf Rechnung bloßer Freundſchaft bringen. Es war Unrecht von mir, dies bekenne ich, aber Dich in dem Lampenſcheine ſtehen, mir in dem Dunkel nachblicken zu ſehen, mit einem ſo zärtlichen, ſanften und ſüßen Antlitze, und zu wiſſen, daß ich auf lange Zeit dieſes Antlitz nicht wieder ſehen würde, dies machte mich faſt wahnſinnig. Aber Du warſt ruhig— Du wollteſt nicht verſtehen. Es würde für mich nicht gut ſein, Dich oft zu ſehen, oder in Deiner unmittelbaren Rähe zu leben, und deßhalb war es für mich das Beſte, ſofort Schritte zu der Veränderung zu thun, die ich beab⸗ ſichtige und von welcher ich Dir ſagte. Demgemäß ſuchte ich ſchon am nächſten Tage um Urlaub nach. Der Oberſt wollte zn nach Rockmount hin⸗ über reiten, um einen Beſuch zu machen, und deßhalb ſendete ich Deinem Vater eine mündliche Botſchaft. An ihn zu ſchreiben wagte ich nicht, und an Dich zu ſchreiben war nicht möglich. In dieſem wie in manchem künftigen Falle kann ich blos dem guten Herzen trauen, welches mich kennt— nicht vollſtändig— ach, wird es mich wohl je vollſtändig kennen lernen?— aber doch beſſer als irgend ein anderes menſchliches Weſen mich kennt oder jemals kennen wird. Ich glaube, es wird mich mitleidig, gedul⸗ dig und redlich beurtheilen, denn iſt es nicht ſelbſt das wahrſte, einfachſte und redlichſte Herz! Geſtatte mir hier, Eins zu bemerken. Liebe, glaube ich, iſt nicht darin— Nichts, was einen Mann auf den Gedanken bringen könnte, daß ſein eigenes Glück vielleicht nicht das einzige Opfer ſei. Sympathie und Zuneigung befitzeſt Du für mich, aber ich glaube nicht, daß Du jemals erfahren haſt, was Liebe heißt. Jeder, der Deiner würdig iſt, wird noch Gelegenheit haben, Dich zu erobern— Dich glücklich zu machen. Und wenn ich Dich glücklich, vollſtändig und rechtſchaffen lich ſä ich könnte es ertragen. * will Dir meine Pläne mittheilen. Ich habe mich um das Amt eines Arztes bei . einem Gefängniſſe in der Rähe dieſer Stadt beworben. Ich hoffe, es zu erhalten, denn es wird mir ein reiches Feld der Thätigkeit öffnen, für mich das Salz des Lebens, und es iſt blos fünfzig Meilen von Treherne Court, wo Du zuweilen Beſuche abſtatten wirſt und ich von Zeit zu Zeit im Stande ſein werde, Dir zu begegnen. Du ſiehſt— dieſe meine Hoffnung, ſo unklar und ſo unbeſtimmt ſie für die Zukunft iſt— macht mich für die gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens nicht ſchwächet, ſondern ſtärker; deßhalb glaube ich, es iſt eine heilige Hoffnung— eine Hoffnung, die ich bei allen meinen Plänen und Entwürfen mit mir umhertragen kann. Von einer Thatſache ſei überzeugt— denn mein Gemüth beſitzt genug Einheit des Vorſatzes, um nie Etwas halb zu thun— nämlich, daß kein einziger Plan, keine Händlung und kein Gedanke ohne Be⸗ ziehung zu Dir iſt. Soll ich Dir meine Mittel und Wege angeben, ſo wie ich ſie heute Nacht, in der letzten Nacht des Jahres, berechnet habe? Wenn ich mein Patent als Militairarzt verkaufe, ſo komme ich dadurch in den Beſitz einer ganz leid⸗ lichen Summe. Dieſe gedenke ich feſt anzulegen und die Zinſen zum Kapital zu ſchlagen, um eine Zuflucht Leben um Leben 1II. 7 bei zufüälliger Krankheit oder für das Alter zu haben, wenn ich nämlich ein ſolches erlebe— oder auch um— erräthſt Du es? Mein Gehalt wird ungefähr dreihundert Pfund jährlich betragen. Für einen Mann von meiner einfachen Lebensweiſe iſt die Hälfte davon ausreichend. Mancher arme Comptoiriſt, der eine gute Bildung genoſſen und in ſeinem Aeußern eine gewiſſe Eleganz zeigen muß, hat kein größeres Einkommen und wagt ſogar, daraufhin zu heirathen, wenn die Liebe ihn packt, während er ſich noch in dem waghalſigen Stadium des Daſeins befindet. Wir Männer ſind ſeltſame Geſchöpfe. Mitzwanzig Jahren ſind wir bereit, uns auf irgend welche Aus⸗ ſicht, ja ſogar auf gar keine hin, in die Ehe zu ſtürzen; mit dreißig, wo wir uns die Sache beſſer überlegt haben, ſind wir froh, daß wir glücklich entronnen ſind; nach vierzig aber, wenn die Schatten zu fallen be⸗ ginnen, wenn die äußere Welt dunkel wird und der Heerd troſtlos und einſam ausſieht, dann ſitzen wir da und brüten— ich meine, die meiſten Männer thun es. Mein Fall iſt ein vereinzelter und ſpezieller, der mit dem eigentlichen Gegenſtande Nichts zu ſchaffen hat. Mit aller Achtung vor der Meinung des jungen Tom Turton, ſeines Freundes Mr. Charteris und anderer Leute deſſelben Schlages, mit welchen ich — in der letzten Zeit in Berührung gekommen, ſcheint mir die Summe von einhundert und fünfzig Pfund jährlich vollkommen ausreichend, um einen Mann ohne koſtſpielige Lebensgewohnheiten, oder von ihm abhängige Verwandte, und der weder Weib noch Kind hat, ſo behaglich als für ihn gut iſt und auf auch nach außenhin anſtändige Weiſe, ſo wie das Leben der Mittelklaſſen es verlangt, zu erhalten. „Weder Weib noch Kind.“ Während ich dieſe Worte niederſchreibe, berühren ſie mich ſchmerzlich. Weder Weib noch Kind zu haben! Niemals zu ſuchen, was der nichtsnutzigſte betrunkene Tölpel von Handarbeiter ohne Weiteres bekommen kann; niemals die Freude zu erfahren, die ich erſt geſtern auf dem Geſichte eines armen Mannes ſah, als in einem und demſelben Zimmer mit einem todten Kinde und einem zweiten, krank darniederliegenden die Frau ein drittes zur Welt brachte, ein lebendiges Kind, und der zerlumpte, halbverhungerte Vater ausrief:„Gott ſei geprieſen, daß es ein lebendiges Kind iſt!“ ₰ O Herr des Himmels, Deine Wege ſind immer dieſelben, nur die unſrigen ſind verſchieden! Ver⸗ hüte, daß ich Dir Etwas von dem gebe, was mich Nichts koſtet. Und doch in dieſer Racht dieſer ſo bedeutungsvollen letzten Nacht des Jahres— laß — 160— mich das Schweigen brechen und ausrufen— Du allein wirſt es hören—: Ich begehre ſie— ich ſchmachte nach ihr, mein Herz und meine Seele hungern und dürſten nach ihr— nicht als einen kurzen Beſitz, wie man eine Blume pflückt und ihrer überdrüſſig wird oder ſie wegwirft. Ich wünſche ſie ſtets zu haben— des Morgens, des Mittags und des Nachts, Tag für Tag und Jahr um Jahr — glücklich oder kummervoll, gut oder fehlerhaft. jung oder alt, nur mein, mein! Es iſt mir zu⸗ weilen, als ob, da ich ſie ſo ſpät gefunden, die ganze Ewigkeit mir nicht genug von ihr geben könnte. Es iſt der Körper, den ſie bewohnt— obſchon vom Kopfe bis zum Fuße meine Liebe redlich und offen iſt wie das Tageslicht, und rein wie Schnee— ſie ſelbſt iſt es, die ich haben will, ſtets zur Hand, um die beſſere Hälfte meines Ich zu ſein, der ich vergebens dieſe langen Jahre verſucht habe, allein zu ſtehen, allein zu leben und zu dulden. Thorheit, ſtolze Thorheit— dies iſt nicht der natürliche Zuſtand der Dinge. Gott ſelbſt ſagte: Es iſt nicht gut für den Menſchen, daß er allein ſei. Ich glaube, ich werde niemals wieder ſo einſam ſein als ich geweſen bin. Dieſes gute Herz, ſo rein und ſelbſtverleugnungsvoll wie ich niemals ein weib⸗ liches Herz geſehen, wird ſich ſtets ſo viel von dem 101— meinigen, als ich zu zeigen wage, freundlich zuneigen. Dieſe ſanften redlichen Augen werden niemals weni⸗ ger zutraulich ſein als jetzt— ich müßte ihnen denn Urſache geben, an mir zu zweifeln. Ihre Freund⸗ ſchaft wie ihr Charakter iſt feſt wie ein Felſen. Aber o, wenn ſie mich liebte! Wenn ich einer jener, armen Comptoiriſten mit hundert Pfund jährlich wäre, wenn wir blos Speiſe und Trank, Kleidung und ein Dach über uns hätten und ſie liebte mich! Wenn ich— wie ich wohl hätte ſein können— ein junger Arzt wäre, der ſich Tag und Nacht mühete und keine Zeit zum Eſſen und zum Schlafen hätte, aber eine Häuslichkeit beſäße, in die ich mich flüchten könnte, und ſie, die mich liebte! Wenn wir in dieſem Zimmer ſäßen, ſo armſelig und gering es auch iſt, mit dieſer dürftigen Mahlzeit zwiſchen uns, wenn wir Gottes Segen darauf herab erflehten, während ſie, ihre Hand in der meinigen und ihre Lippen auf meiner Stirn, ſagte:„Max, ich liebe Dich!“ Gott verzeihe mir, wenn ich murre; ich bin nicht mehr jung; mein Leben gleitet hinweg— mein Leben, welches ich ſchulde. O daß ich noch lange genug leben möchte, um ſie ſagen zu hören: „Max, ich liebe Dich!“ Genug! Die letzten Minuten dieſes Jahres— — 102— dieſes geſegneten Jahres ſollen nicht mit Seufzern vergeudet werden. Schon werden die Straßen ruhig. Die Leute ſcheinen dieſes Feſt hier nicht zu feiern wie wir nördlich vom Tweed— ſie legen einen höhern Werth auf Weihnacht. Höchſt wahrſcheinlich hat ſie ganz vergeſſen, was für ein Tag heute iſt, und ſchläft friedlich aus dem alten Jahre in das neue hinein— dieſes kleine engliſche Mädchen. Wohlan, ich bin wach, und dies iſt genug für Beide. WMeinen Brief an Treherne, haſt Du ihn viel⸗ leicht geſehen? Ich vermuthe es. Ich ließ mich nicht entſchuldigen, daß ich nicht zu Weihnacht käme, weil ich die Abſicht hatte, morgen zu kommen und Dich zu ſehen. Ich gedenke, Dir ein glückliches Neujahr zu wünſchen zu dieſem, dem erſten ſeitdem ich Dich kenne, ſeitdem ich weiß, daß ein ſolches kleines Weſen wie Du in der Weit epiſtirt. Ferner gedenke ich auch jedes Neujahr Dich zu beſuchen, wenn es möglich iſt. Dieſes Wort„mög⸗ lich“ bedeutet, in ſo weit mein eigener Wille die Umſtände beherrſchen kann. Ich wünſche Dich zu ſehen— es iſt Leben für mich, Dich zu ſehen, und ſehen will ich Dich. Nicht oft, denn ich wage es nicht, wohl aber ſo oft als ich es wage. Und— denn ich glaube an Jahrestage— ſtets an dem „ — 103— Jahrestage deſſen, wo ich Dich zuerſt ſah, und am Neujahrstage. Eins— zwei— drei; ich wartete, bis die Uhr aufhören würde zu ſchlagen; und nun läuten alle Glocken von jedem Kirchthurme. Iſt dies eine engliſche Sitte? Ich muß Dich morgen fragen, das heißt heute, denn es iſt ſchon Morgen— es iſt Neujahr. Meine Morgenröthe, meine Gottesgabe, mein kleines engliſches Mädchen, ein fröhliches Neujahr! Max Urquhart. Viertes Kapitel⸗ Ihre Geſchichte. Neujahrsmorgen! Alſo dieſe langerwartete Feſtwoche iſt zu Ende, und das alte Jahr geſchloſſen. Armes altes Jahr! „Es gab mir einen treuen Freund und Liebe, Das neue aber wird ſie wieder rauben.“ Ach, nein, nein, nein! Das Leben iſt ein ſeltſames Ding. Das Aeußerſte, was ich davon ſagen kann, iſt, daß es ein ſeltſames Ding zu ſein ſcheint. Man ſollte mei⸗ nen, wenn man einen Freund liebte, und es beſtünde keine vernünftige Urſache, dies nicht zu zeigen, nun, ſo würde man es zeigen, wenn auch nur ein wenig. Man ſollte meinen, daß bei einer Entfernung von nur vietzig engliſchen Meilen— die man auf der — 105— Eiſenbahn in einer halben Stunde zurücklegt, es wenigſtens ſeltſam ſei, nicht herüber zu kommen und die befreundete Hand zu drücken; noch viel ſelt⸗ ſamer aber, einen Brief zu ſchreiben und nicht ein⸗ mal den befreundeten Namen darin zu erwähnen. Und wie bald iſt ſelbſt bei den dringendſten Geſchäf⸗ ten eine Zeile geſchrieben, oder eine Stunde erübrigt! Man ſpreche doch nicht von Mangel an Zeit. Wenn ich ein Mann wäre, ſo würde ich Zeit machen, ich würde— Thörin! Was würdeſt Du wohl thun, wenn Du nicht einmal Deine einfachſte Pflicht erfüllſt— die Pflicht, zu warten und zu hoffen! Und doch hoffe und vertraue ich. Wenn ich einmal an Jemänden glaube, ſo glaube ich ſtets an ihn, allem Zeugniß zum Trotz, ausgenommen ſeinem eigenen— ja, dies würde ich thun bis auf den letz⸗ ten Augenblick— bis der Tod uns ſcheidet. Dieſe Worte haben mich wieder zu Verſtande gebracht, denn ſie zeigen mir, daß ich mich nicht fürchte, weder in Bezug auf mich, noch auf irgend Jemand anders, ſelbſt nicht vor dieſer Veränderung fürchte. Wie ich irgendwo geleſen, theilt jede reine Liebe irgend einer Art die Natur der göttlichen Liebe darin, daß weder Leben noch Tod, weder Gegenwär⸗ ttiges noch Zukünftiges, weder Höhe noch Tiefe, noch — irgend ein anderes Weſen im Stande ſind, ſie zu trennen oder ſie zu vernichten. Man fühlt das— oder wenn man es nicht fühlt, ſo iſt es nicht wahre Liebe; es taugt Nichts, und man thut beſſer, wenn man darauf verzichtet. Ich ſchreibe ohne Plan und Methode— viel⸗ leicht liegt der Grund davon darin, daß ich dieſe Woche ein wenig müde geworden bin. Man laſſe mich meine Bedrängniſſe erzählen, wenn auch nur dieſem Papier. Bedrängniſſe verdienten ſie aller⸗ dings kaum genannt zu werden, wenn ſie nicht ge⸗ rade in dieſe feſtliche Woche gefallen wären, wo Jedes ſo ungewöhnlich glücklich und fröhlich zu ſein erwartete. Erſtens hatten wir Francis' Angelegenheit, welche eine große Freude hätte ſein ſollen, und den⸗ noch uns niedergedrückt zu haben ſcheint wie eine ſchwere Sorge, vielleicht weil der Hauptbetheiligte ſie wie eine ſolche hinnahm, keine vergnügte Miene darüber zeigte und auf keinen Glückwunſch mit einem herzlichen Danke antwortete. Eben ſo iſt er, anſtatt mit Papa und mir über ſeine glücklichen Ausſichten zu ſprechen, uns hartnäckig aus dem Wege gegangen. So oft wir ihm begegneten, geſchah es ganz gewiß zufällig, und er entſchlüpfte uns, ſobald er konnte, um den Treherne Couſins den Hof zu machen, oder — 107— fortwährend Billard zu ſpielen, was, wie er behaup⸗ tet, das intereſſanteſte Spiel in der ganzen Welt iſt. Ich haſſe es. Was kann für ein Reiz darin liegen, ſtundenlang um eine mit grünem Tuch über⸗ zogene Tafel herumzulaufen, und ſo und ſo viele rothe und weiße Bälle in ſo und ſo viel Löcher zu ſtoßen! Das habe ich nie ermitteln können, und ich ſagte ihm das. Er lachte und ſagte, ich verſtünde es blos nicht. Colin aber, der daneben ſtand, errö⸗ thete bis an die Augen, und hörte faſt unmittelbar nachher auf, zu ſpielen. Wer hätte geglaubt, daß dieſer junge Mann ſo feinfühlend ſei? Ich beginne das Intereſſe zu verſtehen, welches ein Freund von ihnen und mir an dieſen beiden jun⸗ gen Männern Auguſtus Treherne und Colin Gran⸗ ton nimmt. Obſchon Beide nicht beſonders geiſt⸗ reich, beſitzen doch Beide zwei Eigenſchaften, die bei den Männern ſo ſelten ſind, daß man dankbar dafür iſt, wenn man ſie überhaupt findet— Biederkeit und Freiſein von Egoismus. Ich habe, beiläufig be⸗ merkt, in meinem ganzen Leben nur einen einzigen von allem Egoismus En Mann kennen gelernt, und dieſer war— Na, Franz Charteris, von welchem ich jetzt ſpreche, war es nicht. Der eben erwähnte kleine — 108— Austauſch von Höflichkeiten erfolgte zwiſchen ihm und mir am Sonnabend nach dem Weihnachtstage, als ich ihn ſuchte, um ihm einen Brief von Penelope einzuhändigen. In dem Poſtbeutel war noch ein zweiter Brief an Sir William adreſſirt, welcher mir die Ueberzeugung gab, daß wir heute, und folglich bis Montag keine weiteren Gäſte bekommen werden. Dieſer Brief, welchen ich nach einiger Schwierigkeit in der Geſtalt von Fidibuſſen in die Hände bekam, erwähnte Nichts von einer ſolchen Möglichkeit, aber dann wäre es auch ein Verſprechen geweſen. Francis ſteckte das Briefchen meiner Schweſter in die Taſche, und fuhr dann in ſeinem Spiele ſo eifrig fort, daß, als Auguſtus ſich ihm von hinten näherte und ihn anfaßte, er zuſammenfuhr, als ob ihn ein Conſtabler beim Kragen packte. „Lieber Freund, entſchuidige, der„Alte“ will wiſſen, ob Du den bewußten Brief geſchrieben haſt?“ Liſa hatte mir geſagt, was für ein Brief es war— der, durch welchen Francis ſich zur Annahme des ihm angebotenen Amtes bereit erklären, und welcher ſofort abgeſendet werden ſollte. Francis machte ein ärgerliches Geſicht. „O, es iſt noch vollauf Zeit dazu. Mein Kom⸗ pliment an Sir William und ich— ich— ich will es mir überlegen.“ 1 — 109— „Nicht übel!“ murmelte Auguſtus.„Es han⸗ delt ſich um Deine Angelegenheit, Charteris, nicht um die meinige— magſt Du aber beſchließen was Du willſt, ſo muß Deine Antwort jedenfalls heute noch abgehen, denn mein Vater hat Nachricht von—“ Hier„machte er Halt“, wie er ſelbſt ſagen würde; da ich aber in dem Poſtbeutel die Handſchrift geſehen, ſo errieth ich beinahe, was er ſagen wollte. „Von wem hat er denn Rachricht? Wohl von einer der geſchäftigen Perſonen, die ſtets ſo gütig ſind, meinen Onkel von meinen Angelegenheiten un⸗ terrichtet zu halten?“ „Dummes Zeug— das iſt ſo eine von den Grillen, die Du Dir in den Kopf geſetzt haſt. Du haſt keinen beſſern Freund als meinen Vater, ſo lange Du ihn nicht wider den Strich bürſteſt. Komm' mit und erledige die Sache. Außerdem— Du kennſt ihn ja von Alters her— wird er ungeheuer wild.“ „Obſchon ich die Ehre habe, Sir William Tre⸗ herne von Alters her zu kennen, ſo kann ich doch unmöglich verantwortlich dafür ſein, wenn er unge⸗ heuer wild wird,“ ſagte Francis in ſtolzem Tone. „Mr. Granton, wollen Sie bei dieſer an⸗ ſchreiben?“ „Auf mein Wort, er iſt der kaltbrütigſte Kauz, Dden man ſich denken kann! Fürwahr, Charteris, — 110— wenn Du Dich nach Penelope eben ſo ſehr ſehnteſt, wie ich mich nach meiner Frau ſehnte—“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ entgegnete Fran⸗ cis,„ich habe Miß Johnſton's Namen durchaus nicht erwähnt.“ Allerdings geht Auguſtus mit ſeinem Couſin ein wenig ſonderbar zu Werke, und dieſer bietet dem, der es verſteht, ſo manche verwundbare Seite dar. um die eigenen Worte meines Schwagers zu gebrauchen, auch Francis wird leicht wider den Strich gebürſtet, beſonders wenn ihn etwas geärgert hat. Ich ſah ihn ſpäter an einem Fenſter des Biblio⸗ thekzimmers ſtehen und Penelope's Brief mit einem Ausdruck von ſo viel Schmerz und Verlegenheit leſen, daß ich deßwegen unruhig geworden wäre, wenn der Brief, den ich von ihr erhalten, nicht ſo heiter ge⸗ lautet hätte. Veruneinigt können ſie ſich nicht haben, denn dann iſt ſie niemals heiter. Und das iſt auch kein Wunder. Schon Schweigen oder leichte Zweifel zwiſchen Freunden ſind hart genug zu tragen, ein wirklicher Zwiſt aber, und zwar wiſchz Liebenden, muß herzzerreißend ſein. Bei allen Eigenthümlichkeiten, die Francis be⸗ ſitzt, hoffe ich doch, daß es niemals ſo weit kommen werde. — 111— Und doch muß Etwas nicht in Ordnung gewe⸗ ſen ſein, denn er ſtand da und ſchauete mit zerſtreu⸗ tem Blicke hinaus in den italieniſchen Garten, deſſen einſame Statuen halb mit Schnee bedeckt ſind. An⸗ tinous ſcheint faſt unter dem allerdings keineswegs egyptiſchen Himmel zu zittern, und eine weiße ſchlanke Egeria gießt aus ihrer Urne einen Strom von Cis⸗ zapfen. Er ſchien meine Nähe kaum zu bemerken, bis ich ihn anzureden wagte: „Francis, weißt Du, daß es bald Poſtzeit iſt?“ Er ſchrak wieder zuſammen, und konnte das kaum verhehlen. „Et tu, Brute? auch Du machſt gemeinſchaftliche Sache mit meinen Quälgeiſtern? Dann räume ich das Feld.“ — und das! Zimmer, aus welchem er eben ent⸗ ſchlüpfen wollte, wenn nicht der Rollſtuhl ſeines On⸗ kels den Ausgang verſperrt hätte. „Eben ſuchte ich Dich!“ rief die Stimme, welche, wie Francis ſagt, ſein Nervenſyſtem berührt wie ein galvaniſcher Schlag.„Haſt Du den Brief geſchrieben?“ „Mein lieber Onkel—“ „Haſt Du den Brief geſchrieben?“ „Nein, lieber Onkel, aber—“ „Ich kann nicht auf Dein„aber“ warten— ich — 112— kenne ſchon Deine Mucken! Hier iſt Feder und Dinte. Ich gehe nicht eher wieder von der Stelle, als bis der Brief fertig iſt.“ Ich glaubte, Francis würde entrüſtet werden, und zwar mit Grund, denn Sir William iſt trotz ſeiner Abſtammung in ſeinem Benehmen eigentlich nicht das, was man unter einem Gentleman verſteht. Wahrſcheinlich aber äußerte die Gewohnheit auch auf ſeinen Neffen ihre Wirkung, denn dieſer ſetzte ſich, ohne weiter Etwas zu entgegnen, ruhig nieder und ſchrieb. Eine lange hälbe Stunde verging, deren Stille nur durch das Raſcheln von Sir William's Times und Lady Auguſta's kurzem Huſten unterbrochen ward. Sie war nervös aufgeregter als gewöhnlich, und flüſterte mir zu, ſie hoffe, Mr. Charteris werde ſeinen Onkel nicht beleidigen, denn die Gicht ſei im Anzuge. Ein unfreiwilliges Gefühl banger Erwar⸗ tung bedrückte ſogar mich, bis ich endlich über das Zimmer hinüberſchlüpfend ſah, daß auf Francis' Bogen nur wenige Worte gekritzelt ſtanden. Dieſe unerträgliche Saumſeligkeit! Er würde ſich aus Nachläſſigkeit Alles entſchlüpfen laſſen— ſeine Ehre, ſein Glück— und nicht das ſeinige allein. und je mehr die Leute ihn antreiben, deſto ſchlimmer wird er. — In meiner Verzweiflung kam ich auf den Ge⸗ danken, ſelbſt mein Heil mit dieſem unverbeſſerlichen jungen Manne zu verſuchen, der, ſo gebildet und an⸗ genehm er auch iſt, mir doch vorkommt, als ſei er für unſere Penelope noch lange nicht gut genug. „Francis,“ flüſterte ich ihm zu und hielt ihm meine Uhr vor die Augen. Mit großer Herzenser⸗ leichterung haſchte er darnach und ſchloß ſeine Brief⸗ mappe. „Für heute iſt es alſo zu ſpät— ich werde morgen ſchreiben.“ „Morgen wird es aber auf alle Fälle zu ſpät ſein. Auguſtus ſagte dies ganz beſtimmt. Der Poſten wird dann Jemandem anders gegeben— und dann—“ „Und dann, Du ſcharfſinnige, logiſche und die Geſchäfte ſo gut verſtehende junge Dame?“ 8 Es war jetzt keine Zeit zu übergroßem Zart⸗ gefühl. „Dann wirſt Du auf abermals zehn Jahre hin⸗ aus nicht im Stande ſein, Penelope zu heirathen.“ „Penelope wird Dir unendlich verbunden ſein, daß Du dieſe Möglichkeit andeuteſt und mir die Schuld aufzubürden ſuchſt— ſo ein Kind wie Du!“ Bin ich wirklich ein Kind? Ihm kam jedoch Nichts darauf an, wie alt ich geworden zu ſein Leben um Leben. UI. 8 — ſcheine. Auch ärgerte mich ſein ſatyriſcher Ton nicht ſo, wie es früher der Fall geweſen ſein würde. „Verzeihe mir,“ ſagte ich;„es war nicht meine Abſicht, Dich antreiben zu wollen. Es iſt aber nicht Dein Glück allein, was auf dem Spiele ſteht, und Penelope iſt meine Schweſter.“* Seltſamer Weiſe fühlte er ſich nicht beleidigt. Vielleicht wäre es beſſer geweſen, wenn Pene⸗ lope ihm zuweilen ihre Meinung geſagt hätte, anſtatt ihn fortwährend anzubeten. Francis ſeufzte und kritzelte wieder ein paar Worte auf ſeinem Papier. „Glaubſt Du,“ ſagte er,—„Du ſcheinſt die Ge⸗ ſinnung Deiner Schweſter genau zu kennen— daß Penelope ſich außerordentlich unglücklich fühlen würde, wenn— wenn ich dieſen Poſten ablehnte?“ „Du willſt ihn ablehnen? O, das iſt wohl Dein Scherz!“ „Durchaus nicht. Die Sache ſicht weit ſchöner aus als ſie in Wirklichkeit iſt. Heißes Klima, und ich verabſcheue warme Witterung— keine Geſell⸗ ſchaft— ich müßte auf alle meine Genüſſe in Lon⸗ don verzichten— ich müßte allen meinen Freunden und Bekannten entſagen.“ „Das müßte Penelope auch.“ „Das müßte Penelope auch, ſagſt Du, aber—“ „Aber die Frauen kehren ſich daran nicht— ſie ſind daran gewöhnt. Für ſie iſt es leicht, auf Heimath und Vaterland, Verwandte und Freunde zu verzichten, und einem Manne bis an's Ende der Erde zu folgen. Es iſt das etwas ganz Natürliches, und ſie müſſen ihm noch ſehr dankbar dafür ſein, daß er ſie mitnimmt, nicht wahrz“ Er ſah mich an, und bat mich dann, nicht hitzig zu werden, da es Jemand hören könne. Ich ſagte, in dieſer Beziehung habe er von mir Nichts zu fürchten; um ſeinet- wie um unſer Aller willen wünſchte ich nicht, daß Jemand Etwas höre, und dann dachte ich an Penelope's heitern Brief, und konnte vor Wehmuth nicht weiter ſprechen. „Weine nicht, Dora; ich kann es nicht ertragen, ein Mädchen weinen zu ſehen. Es thut mir ſehr leid. Der Himmel ſtehe mir bei! Hat es wohl je einen unglücklichern Menſchen gegeben als mich? Aber die Umſtände ſind daran ſchuld— mein ganzes Le⸗ ben lang bin ich das Spiel der Umſtände geweſen. Nein, Du brauchſt mir nicht zu widerſprechen. Warum zum Teufel quälſt Du mich?“ Später bedachte ich, wie groß die ſchlummernde Entrüſtung und Aufregung ſein mußte, welche den zierlichen Lippen eines Francis Charteris dieſes häß⸗ Lliche Wort auspreßte. und als das Lächeln ent⸗ 5 — 116— ſchwand, ſah ich ein bleiches, von Unruhe und Sorge abgezehrtes Geſicht. Ich ſagte ihm in ſo ſanftem Tone als ich konnte, das Einzige, was man von ihm verlange, ſei, einen Entſchluß zu faſſen, entweder nach dieſer oder nach jener Seite. Wenn er gute Gründe habe, das ihm gemachte Anerbieten abzulehnen, ſo ſolle er es ab⸗ lehnen. Penelope würde damit zufrieden ſein. „Thue was Du für das Beſte hältſt“ ſagte ich, „nur thue es, und laß meine Schweſter es wiſſen. Es giebt zwei Dinge, welche Ihr Männer, und ſelbſt wenn Ihr ſonſt ganz gut ſeid, für Nichts achtet, die aber zwei Dinge ſind, welche einem Weibe faſt das Herz brechen. Das Eine iſt, wenn Ihr Geheim⸗ niſſe vor ihr habt— das Andere, wenn Ihr zögert und zögert, und niemals zu einem Entſchluſſe kom⸗ men könnt. Ich bitte Dich, Francis, thue dies nicht gegen Penelope. Sie liebt Dich ſehr.“ „Das weiß ich; die arme Penelope!/ Und er ſenkte das Haupt, und ließ einen Laut hören, der große Aehnlichkeit mit einem Stöhnen hatte. Nicht wenig erſchüttert, zu ſehen, daß das, was ſein Troſt hätte ſein ſollen, ſein ſchwerſter Kummer zu ſein ſchien, vergaß ich in meiner Angſt den gan⸗ en Brief, denn ich fürchtete, daß wirklich eine Diffe⸗ — 117— renz zwiſchen den beiden Liebenden beſtünde. Meine Unruhe rüttelte ihn auf. „Unſinn, Kind; es iſt ja Alles in Ordnung. Höchſt wahrſcheinlich werde ich doch noch Gouverneur von— werden, und Deine Schweſter Frau Gouver⸗ neurin, wenn ſie ſonſt Luſt hat. Still! nicht ein Wort!— Sir William ruft.— Ja, lieber Onkel, ich bin gleich fertig! Sieh', Dora, Du kannſt darauf ſchwören, daß der Brief angefangen iſt.“ Und er ſchrieb haſtig den Datum— Treherne Court. Aber auch jetzt würde er den Brief ſchwerlich beendet haben, wenn nicht ein Zufall eingetreten wäre, welcher beweiſ't, welche Kleinigkeiten wichtige Ergebniſſe herbeiführen, beſonders bei Charakteren, die ſo eindrucksfähig und veränderlich ſind wie Francis. Sir William, der eben ſeine Briefe öffnete, rief mich, um einen anzuſehen, auf welchem in der Ecke ein Name geſchrieben ſtand. „Soll dieſer Brief vielleicht an meinen Reffen ſein? Sein Correſpondent ſchreibt eine fürchterliche Klaue, und verſteht Nichts von Orthographie. Mr. F. Chatters!— Der einfachſte Handwerker hätte ſo höflich ſein können, Francis Charteris. Esquire' — 118— zu ſchreiben. Vielleicht iſt der Brief aber gar nicht für ihn, ſondern für einen der Diener beſtimmt.“ Dies war aber nicht der Fall, denn Francis, deſſen Miene ziemliche Verlegenheit verrieth, ſagte, der Brief ſei von ſeinem Schneider, und ward dann unter dem ſcharfen Blicke ſeines Onkels ſcharlachroth. Dieſe beiden Männer müſſen in frühern Tagen zuweilen ſcharf an einander gerathen ſein, da ſie ſelbſt jetzt noch eine ſo bedauerliche Macht beſitzen, einer den andern zu reizen. Franeis that mir herzlich leid, und ich ergriff den Brief, um ihm denſelben zu geben, Sir William aber miſchte ſich ein. „Nein, nein, junge Dame, bemühen Sie ſich nicht— Schneiderrechnungen können warten. Mr. Francis ſoll dieſen Brief bekommen, ſobald er den ſeinigen geſchrieben hat.“ So unfreundlich dieſes Benehmen auch war, ſo ließ Francis daſſelbe ſich doch gefallen. Ich ward aus der Bibliothek abgerufen, eine halbe Stunde darauf erfuhr ich, daß der Brief geſchrieben war, und daß Francis ſich darin bereit erklärt hatte, den Gou⸗ verneurpoſten anzunehmen. Sein Zögern war daher alſo doch wohl weiter Nichts als Verſtellung, oder ſein beſſeres Ich ſieht in, daß ein gutes und liebendes Weib in irgend — 119— einem Winkel der Welt mehr werth iſt als eine Schaar großartiger londoner Bekannter, die man fälſchlich„Freunde“ nennt. Die gute alte Miſtreß Granton ſtrahlte vor Freude über die Ausſicht auf eine zweite Hochzeit in Rockmount. „Aber,“ ſagte ſie,„was wird denn aus Ihrem armen Papa, wenn er alle ſeine Töchter einbüßt?“ Ich erinnerte ſie, daß Francis nicht die Abſicht 3 habe, mehr als eine von uns zu heirathen, und daß die andere wahrſcheinlich noch auf viele Jahre hin⸗ aus ein Inventarienſtück bleiben werde. „Na, darauf verlaſſen Sie ſich nur nicht ſo be⸗ ſtimmt, liebes Kind; es iſt aber ſehr hübſch von Ihnen, daß Sie dies ſagen. Wir wollen ſchon ſehen, und wenn die Zeit kommt, ſo wird Ihr guter Papa ſchon auch verſorgt werden.“ Was konnte ſie meinen!— Später jedoch über⸗ zeugte ich mich, daß nur meine Phantaſie ſie im Verdacht haben konnte, Etwas mehr im Sinne zu haben als ihren gewöhnlichen, ſo vielen alten Da⸗ men eigenthümlichen Eifer, junge Leute„unter die Haube“ zu bringen. Der Sonntag war wieder ein langer Tag. Die Tage ſcheinen ſo lang und ſtill, trotz aller Hei⸗ terkeit, womit dieſe Verwandten aus der Provinz —— Treherne Court erfüllen, was mir oft ſo drückend iſt und in mir ein ſo ſeltſames Gefühl nervöſer Aufregung erweckt, daß, wenn Colin und ſeine Mut⸗ ter, die ſich meiner ganz beſonders annehmen, mich vielleicht aus irgend einem Winkel aufgeſcheucht haben, ihre liebreiche Güte mir faſt Thränen auspreßt. Meine Abſicht war eigentlich nicht, über mich ſelbſt zu ſchreiben— ich bin in ganz verzweifelter Weiſe bemüht geweſen, mein Gemüth mit den Ange⸗ legenheiten anderer Leute zu beſchäftigen— aber es muß heraus. Ich bin ganz verändert. Den ganzen Sonntag, einen ſteifen, langweiligen Tag in Treherne Court, denke ich, daß ein Dutzend freundliche Worte mich weinen machen würden wie ein Kind Einmal weinte ich auch wirklich, aber es geſchah, als mich Niemand ſah, im Scheine des Kaminfeuers neben Miſtreß Granton's Armſtuhl. „Was fehlt Ihnen, liebes Kind?“ fragte ſie. „Sie ſind jetzt nicht mehr ſo munter, als Sie vor einer Woche waren. Hat Jemand meiner Dora Etwas zu Leide gethan?“ Dora leugnete dies natürlich, und verſuchte den ganzen Abend ſo fröhlich zu ſein wie eine Lerche. MRein, zu Leide gethan hat mir Niemand Etwas — dies wäre unmöglich— aber ein wenig verletzt hat man mich. Könnte ich über einige Dinge ſpre⸗ chen, die mich in Gedanken ſehr beſchäftigen, könnte ich Namen gleichgültig nennen wie andere Namen, oder einige Fragen thun, welche Licht über mir nicht klare Umſtände verbreiteten, dann würde es leichter zu tragen ſein. Aber ich kann weder meiner Zunge noch meinen Wangen trauen, und Alles geht daher nach innen hinein— ich brüte und brüte, bis mir der Kopf brennt und das Herz wund zu werden ſcheint. Die Menſchen— das peißt gute Menſchen, dürfen und können nicht Dinge ſagen, die ſie nicht meinen— es wäre nicht freundlich und nicht edel⸗ müthig, mit Einem Worte, es wäre nicht recht, und da gute Menſchen gewöhnlich recht handeln, oder wenigſtens ſo, wie ſie es für recht halten, fällt dieſer Zweifel zu Boden. Iſt Jemand aufgetaucht, der beſſer iſt als ich? mit weniger Fehlern und mehr Tugenden? Gott weiß, ich habe wenig Urſache, ſtolz zu ſein. Aber dennoch bin ich— Theodora Johnſton— wie ich von Anfang an geweſen, nicht beſſer und nicht ſchlimmer— ehrlich und treu, wenn auch nichts weiter, und er wußte es. Niemand hat mich jemals ſo vollſtändig erkannt, mit meinen Fehlern und Allem. Wir Frauen müſſen ganz anders organiſirt ſein ols die Männer. Ein Wort wird geſprochen, eine — 122— Zeile geſchrieben, und wir ſind glücklich— es unter⸗ bleibt, und unſer Herz empfindet Qualen wie über ein großes Unglück. Die Männer können dies nicht fühlen und eben ſo wenig errathen;— wenn ſie es erriethen, ſo würden ſelbſt die Leichtfinnigſten ſich doch wohl hüten, uns ſo zu verwunden. Penelope ſitzt jetzt ganz allein in Rockmount und wartet. Auguſtus wollte ſofort hineilen und ſie holen, aber Francis widerſetzte ſich. Er müſſe ſofort nach London zurück, ſagte er, und gleichwohl iſt er immer noch da. Wie können die Männer unter fremden Menſchen ſich ſo zufrieden bewegen, während die Frauen daheim ſich ſehnen und ab⸗ ſorgen? Ich bin bitter, ich bin ungezogen, ich weiß, daß ich es bin. Ich war heute ſogar mürriſch ge⸗ gen Colin, als er mich aufforderte, einen Spazier⸗ gang mit ihm zu machen, und dann darauf beharrte, im Zimmer an meiner Seite zu bleiben. Colin hat mich gern— Colin iſt ſehr freundlich gegen mich — Colin würde zwanzig Meilen weit gehen, um eine Stunde in der Geſellſchaft ſeiner alten Geſpielin zuzubringen. Dies ſagte er mir ſelbſt. Und doch war ich mürriſch gegen ihn. O, ich bin ſchlecht, ich bin ſehr ſchlecht, aber mein Herz iſt ſo zerriſſen. Ein einziger Blick in Au⸗ gen, die ich kenne— ein einziger Druck ſeiner zu⸗ verläſſigen freundlichen Hand, und es wäre in mir Alles wieder gut. Ich kann nicht mehr ſehen— die Buchſtaben ſchwimmen mir vor den Augen— na, ſei gut, ſei gut! wie man zu einem unmuthigen Kinde ſagen würde— weine Dich aus— es wird Dir wohlthun, Theodora. Dann würde ich Muth haben, das Letzte zu erzählen, was heute Abend meine Uebellaune auf den höchſten Gipfel ſteigerte und ſie dann nach Art eines Gewitters verſcheuchte. Es war ein ſo unerwarteter Vorfall, eine ſo lächerliche, alberne Geſchichte, daß, wenn Francis für mich weniger geweſen wäre als mein künftiger Schwager, ich ſeine Bekanntſchaft für immer aufge⸗ geben und nie wieder mit ihm geſprochen hätte. Ich ſaß in einer Ecke des Billardzimmers, wel⸗ ches, wenn die Spieler beſchäftigt ſind, ein ſo ruhiger, unbeobachteter Winkel iſt wie nur irgend einer im Hauſe. Ich hatte ein Buch in der Hand, las aber wenig, weil ich durch das ewige Klappern der Bil⸗ lardbälle geſtört ward. Es waren blos dil gerren im Zimmer, Fran⸗ eis, Auguſtus und Colin Granton, der auf mich zu⸗ kam und mich um: e Erlaubniß bat, nut eine einzige Partie zu ſpielen. Meine Erlaubniß? Wie — komiſch! Ich ſagte ihm, meinetwegen könne er ſpie⸗ len bis zum Johannistage. Es dauerte nicht lange, ſo waren ſie ganz durch ihr Spiel in Anſpruch ge⸗ nommen, und ihr Geſpräch dabei ging mir ſo ver⸗ worren durch den Kopf wie das Buch ſelbſt, bis end⸗ lich Etwas meine Aufmerkſamkeit feſſelte. „Höre, Charteris,“ ſagte Auguſtus,„kennſt Du Tom Turton? Er war der geſchickteſte Billardſpie⸗ ler, den ich je geſehen. Es war ein förmlicher Ge⸗ nuß, ihn zu beobachten, wie er das Queue hielt, ſo lange ſeine Hand ruhig war, ja ſelbſt wenn er einen kleinen Spitz hatte. Er war ein wilder Teufel. Was iſt aus ihm geworden?“ „Das weiß ich nicht; vielleicht weiß es Doctor Urquhart, in deſſen Geſellſchaft ich ihn das letzte Mal traf.“ Auguſtus riß die Augen weit auf. „Na, das iſt ein guter Witz, Doctor Urquhart und Tom Turton! Ich taugte auch nicht viel, ehe ich heirathete, aber Tom Turton?“ „Ja, ſie ſchienen ziemlich intim zu 3 Sie ſpeiſ'ten zuſammen, gingen in's Theater, und be⸗ ſchloſſen den Abend— ich weiß wirklich nicht mehr wo. Dein Freund, der Doctor, machte ſich ganz außerordentlich „Urquhart und Tom Turton!“ wiederholte ₰ Auguſtus mehrmals, ganz außer Stande, ſein Erſtau⸗ nen über eine ſolche Zuſammenſtellung zu überwin⸗ den, woraus ich ſchließe, daß Mr. Turton, deſſen Namen ich niemals zuvor gehört, einer der nicht allzu ehrenwerthen Genoſſen meines Schwagers während ſeines Junggeſellenſtandes war. Als Auguſtus in Folge eines Rufes hinausging, nahm Colin das Thema auf, denn er war, wie es ſchien, dieſer allbekannten Perſönlichkeit ebenfalls nicht fremd. „Sonderbar, daß Doctor Urquhart mit einem Tom Turton umgeht. Indeſſen, ich hoffe, daß es für Letztern von Nutzen ſein wird— nöthig hätte er's!“ „Ja, dieſer Doetor iſt wirklich eines jener Por⸗ zellanmuſter des Menſchengeſchlechts, woran man vergebens einen Fehler ſucht, und deren Miſſion iſt, als Patentkitter aller zerſprungenen und die Gefäße umherzugehen.“ „Wie?“ fragte Colin, ſeine gutmüthigen, einfül⸗ tigen Augen öffnend. „Es iſt nur die Frage, ob dieſer gerühmte ſchot⸗ tiſche Doctor auch nur um ein Haar beſſer iſt als andere Leute,(bergeſſen Sie nicht, dieſe zwanzig an⸗ zuſchreiben, Granton). Ich hörte einmal, er hahe eine Frau und ſechs Kinder, die in der Nähe von Panterbury oder Salisbury lebten.“ — 126— „Wie!“ rief Colin, und die Augen quollen ihm vor Erſtaunen faſt aus dem Kopfe. Ich lache jetzt — ich hätte damals lachen können— die Minute nachher— über den Schrecken, den dieſe gänzlich lächerliche und unwahrſcheinliche Geſchichte, welche Francis ſo kaltblütig zum Beſten gab, im erſten Moment uns Beiden, Colin ſowohl als mir, ein⸗ flößte. „Das glaube ich nicht,“ ſagte Colin hartnäckig —„Gott ſegne ſein redliches Herz! Sie entſchuldi⸗ gen, Charteris, aber es muß hier wirklich ein Irr⸗ thum obwalten. Ich glaube es nicht.“ „Wie Sie wollen— es kommt ja weiter NRichts darauf an; Sie ſind jetzt am Stoße.“ „Nein, ich glaube es nicht,“ beharrte Colin, der, wenn er ſich einmal Etwas in den Kopf geſetzt hat, auch dabei bleibt.„Doctor Urquhart iſt nicht der Mann, der ſo Etwas thäte. Wenn er auch eine Frau aus noch ſo niedrigem Stande geheirathet hätte, ſo würde er ſie doch in Ehren halten. Er würde niemals eine Frau nehmen und ſie zwingen, im Hintergrunde zu bleiben. Und noch dazu ſechs Kinder— er, der ein ſolcher Kinderfreund iſt?“ Francis lachte. Und ich ſaß während dieſer ganzen Zeit ruhig auf meinem Stuhl. —— „Kinder ſind zuweilen ſehr unbequem, beſon⸗ ders für einen Mann von den Eigenſchaften Ihres Freundes. Vielleicht— wir wiſſen ja, daß derglei⸗ chen Dinge geſchehen und ſich zuweilen nicht ändern laſſen— vielleicht iſt auch die Geſchichte ganz wahr, blos mit der Ausnahme, daß er vergeſſen hat, die Trauung vollziehen zu laſſen.“ „Charteris, das Mädchen ſitzt ja dort!“ Dieſe eilig geflüſterten Worte Colin's, und ein gewiſſer Ton, den Francis angenommen, ließen mich den Sinn errathen, und als ich denſelben klar erfaßt hatte— denn ich bin gerade kein Kind mehr, und Lydia Cartwright's Geſchichte hat mich in der letzten Zeit beklagenswerth klug gemacht,— fühlte ich, wie ich auf einmal am ganzen Körper erglühete und dann wieder eiskalt ward. „Das Maͤdchen.“ Ja, ſie war nur ein Mäd⸗ chen. Vielleicht hätte ſie ſich erröthend davon ſchlei⸗ chen, oder thun ſollen, als ob ſie von dem Geſpräche dieſer Männer keine Sylbe gehört hätte. Obſchon aber ein Mädchen, verſchmähete ſie es doch, eine ſolche Heuchlerin— ein ſolcher Feigling zu ſein; wie, ſie ſollte ruhig dabeiſitzen und einen Freund verhöhnen und ſeinen Charakter verdächtigen hören? Und warum? Weil ſie zufällig ein Weib war. Hinweg mit allen Bedenken! Ich würde die — 128— Weiblichkeit verachten, die ſich hinter ſolche Lumpen fälſchlich ſogenannter Beſcheidenheit wie dieſe ver⸗ kröche. „Mr. Granton,“ ſagte ich ſo ruhig und kaltblütig als mir möglich war,„Ihre Warnung kommt zu ſpät. Wenn die Herren über Etwas zu ſprechen wünſchten, was ich nicht hören ſollte, ſo hätten ſie in das Nebenzimmer gehen ſollen. Ich habe jedes Wort gehört, das ſie ſprachen.“ „Das thut mir leid,“ ſagte Colin in ſeiner ehr⸗ lichen Weiſe. Francis machte in gleichgültigem Tone den Vor⸗ ſchlag, die Sache auf ſich beruhen zu laſſen. Wie! Man hatte geſucht, Jemanden hinter ſeinem Rücken um ſeinen guten Namen zu bringen, und nun wollte man die Sache blos auf ſich beruhen laſſen! Wie, wenn nun Jemand anders als ich es gehört und es geglaubt hätte, oder wenn Colin ein weniger ehrlicher Kerl geweſen wäre als er iſt, und es ebenfalls ge⸗ glaubt hätte, und die Geſchichte dann von uns Bei⸗ den mit einigen von uns ſelbſt erfundenen zierlichen Ausſchmückungen weiter verbreitet worden wäre, was wäre das Ende davon geweſen? Dies ſind die Dinge, welche den guten Namen vernichten— nichtswürdige Mährchen, welche im Dunkeln wachſen, und ehe der Betroffene ſie faſſen, — 129— mit der Wurzel ausreißen und an's Licht zerren kann, iſt der häusliche Frieden vergiftet, und der gute Ruf dahin. Solche Gedanken drängten ſich mir in Maſſen auf. Bis dahin hatte ich kaum gewußt, wie ſehr ich mich für Urquhart intereſſirte— ich meine für ſeine Ehre, ſeinen fleckenloſen Namen, für Alles, was beiträgt, das Leben werthvoll und edel zu machen. Und er war abweſend, und folglich nicht im Stande, ſich zu vertheidigen. Ich hatte ein Recht, zu thun, was ich that. Ich ſchäme mich ſogar dieſer langen Einleitung, denn ſie könnte ausſehen wie eine Ent⸗ ſchuldigung. „Francis,“ ſagte ich, indem ich mich an dem Billard feſthielt und die Gluth meines Geſichts und das Pochen meines Herzens, welches mir faſt den Athem raubte, zu beſchwichtigen ſuchte.„Du haſt nicht das Recht, ſo Etwas zu ſagen und dann die Sache auf ſich beruhen laſſen zu wollen. Du irrſt Dich vollſtändig. Doctor Urquhart iſt niemals ver⸗ heirathet geweſen— er ſagte ſo zu Papa. Wer hat Dir mitgetheilt, daß er in Salisbury eine Frau mit ſechs Kindern hätte?“ „Mein liebes Kind, verbürgen kann ich die Sache nicht. Ich erzähle die Geſchichte blos, wie ſie mir erzählt ward.“ Leben um Leben. IMI. 6 — 130— „Von wem? Beſinne Dich auf den Namen, wenn Du kannſt. Wer Dir die Sache erzählt hat, muß auch Beweiſe haben.“ „Ich muß geſtehen, ich weiß ſelbſt nicht mehr recht, wie die Geſchichte war.“ „Du ſagteſt, er hätte eine Frau und ſechs Kin⸗ der, die in der Nähe von Salisbury lebten, oder“ — und ich ſah Francis ſcharf in's Geſicht—„er hätte eine Frau, die nicht ſein Weib ſei, die es aber ſein ſollte.“ Ich glaube, er ſchämte ſich vor ſich ſelbſt, denn er wendete ſich ab und ſtieß unmuthig unter die Bälle hinein. „Ich muß geſtehen, Dora, daß Du da ganz außerordentliche Fragen ſtellſt. Von ſolchen Dingen dürfen junge Damen eigentlich gar Nichts wiſſen— was geht Dich überhaupt die ganze Sache an?“ Ich ließ mich nicht einſchüchtern, wenigſtens verrieth meine Miene Nichts davon. „Die Sache geht mich an, eben ſo wie Colin und jeden redlichen Zuhörer. Franecis, ich glaube, Jemanden hinter dem Rücken um ſeinen guten Ruf bringen, wie Du gethan, iſt eben ſo ſchlimm als ihn ermorden.“ „Sie hat Recht!“ rief Colin;„ſo wahr ich lebe, ſie hat Recht!— Dora— Miß Dora— wenn —— Charteris mir den Schurken nennen will, der ihm dies erzählt hat, ſo ſtöbere ich ihn auf, mag er ſich verſteckt halten wo er will. Alſo, lieber Freund, ver⸗ ſuchen Sie ſich zu entſinnen. Wer war es?“ „Ich glaube,“ bemerkte Francis nach einer Pauſe,„ſein Name war Auguſtus Treherne.“ Colin ſtutzte, ſagte aber blos: „Gut, ich werde gehen und ihn fragen.“ Gerade in dieſem Augenblicke traf es ſich, daß Papa und Auguſtus an dem Fenſter vorübergingen. Ich hätte beinahe großes Unheil angerichtet, weil ich für den Augenblick nicht daran dachte, daß der Name des Ortes Salisbury war. Es wäre ſehr gefährlich geweſen, Papa auch nur durch die Erwähnung von Salisbury zu verletzen, und deßhalb ließ ich ihn vor⸗ übergehen. Dann rief ich meinen Schwager herein und ſtellte ſofort und ohne einen Augenblick zu zö⸗ gern, die geeignete Frage an ihn.. Er leugnete ſofort und vollſtändig, irgend ſo Etwas geſagt zu haben. Gleich darauf aber und Zeit genug, um noch einem ernſten Zwiſte zwiſchen ihm und Francis vorzubengen, brach er plötzlich in lautes Gelächter aus. „Jetzt weiß ich es! Das iſt wirklich ein ganz herrlicher Spaß. Eines Tages, als ich Urquhart wegen des Heirathens neckte, ſagte ich zu ihm, er — 9* — ſähe ſo grimmig aus als, ob er irgendwo auf der Ebene von Salisbury verſteckt eine Frau und ſechs Kinder hätte. Später erzählte ich dies, glaube ich, einem Kameraden im Lager, der es dann wieder Je⸗ mandem ſagte, und ſo iſt die Geſchichte herumge⸗ kommen.“ „Und das war Alles?“ „Auf mein Ehrenwort, Granton, es warAlles.“ Mr. Charteris ſagte, er freue ſich außerordentlich, es zu hören. Alle ſchienen nun die Sache als einen ganz köſtlichen Witz zu betrachten, und mitten in ihrer Heiterkeit ſchlüpfte ich hinaus. Als aber die Sache vorüber war, ward mein Muth mir untreu. O, die Schlechtigkeit dieſer Welt und der Menſchen darin! O, wenn ich nur ein menſchliches Weſen hätte, mit welchem ich ſprechen, welchem ich trauen, auf welches ich mich ſtützen könnte! Ich legte den Kopf in die Hände und weinte. Wenn er gewußt hätte, wie bitterlich ich weinte! 3 Neujahrsnacht. Da ich mich noch munter fühle, ſo will ich die übrigen Ereigniſſe dieſes Neujahrstages nieder⸗ ſchreiben. — Als ich die letzte Zeile ſchrieb, pochte Liſa an die Thür. S „Dora,“ ſagte ſie„Doctor Urquhart iſt in dem Bibliothekzimmer. Mach' ſchnell, wenn Du ihn ſprechen willſt. Er ſagt, er könne blos eine halbe. Stunde bleiben.“ Ehe eine Minute verging, hatte ich mein Schreibepult zugeklappt und verſchloſſen. Blos eine halbe Stunde! 8 Ich ſtehe im Rufe, über Dinge, die mich ärgern und langweilen, in„Hitze zu gerathen“, wie Francis ſagt. Dinge dagegen, welche mich tief verwunden, welche mir das Herz durchbohren, berühren mich ganz anders. Dann ſage ich blos„Ja“ oder„Nein“, oder„verſteht ſich“, und dann geh' ich ruhig umher, als ob Nichts geſchehen wäre. Wahrſcheinlich, wenn irgend ein tödtlicher Streich käme, ſo wäre ich wie einer jener armen Soldaten, von welchen man er⸗ zählen hört, daß ſie, von einer Kugel getroffen, wie⸗ der aufſtehen, als ob ſie unverletzt wären, ja ſogar noch einige Minuten kämpfen, dann aber plötzlich todt niederſtürzen. Ich befeſtigte mein Halsband, ſtrich mir das Haar glatt und ging hinunter. Ich weiß, daß ich ganz anſtändig das Bibliothekzimmer betreten und die Hand ausgeſtreckt haben würde. ₰ — 31— Ich meine, ich würde Doctor Urquhart gerade ſo entgegengekommen ſein wie gewöhnlich, wäre ich nicht im Corridor von dem Garten hereinkommend auf ihn und Colin Granton geſtoßen, während ſie in einem eifrigen Geſpräche mit einander begriffen waren. „Wie geht's?“ und„es iſt ein ſehr kalter Mor⸗ gen.“ Dann gingen ſie weiter. Später habe ich gedacht, daß Colin an dieſer Eile ſchuld war. Er ſah verlegen aus, als ob es eine vertrauliche Unter⸗ redung wäre, die ich unterbrochen, was auch wahr— ſcheinlich der Fall war. Ich hoffe, daß ſie ſich nicht um den oben erzähl— ten Vorfall drehete, denn Doctor Urquhart würde ſich ſehr darüber ärgern, und ſo offen und gerade Colin auch iſt, ſo lehrt ſein gutmüthiges Herz ihn doch oft den in Takt. Doctor Urquhart lieb ſeine halbe Stunde pünktlich da, und an dem Imbißtiſche fand eine Menge allgemeiner Converſation ſtatt. Auch nahm er Gelegenheit, an mich in meiner Eigenſchaft als Krankenwärterin verſchiedene Fragen in Bezug auf Papa's Geſundheit zu richten, und forderte mich, immer in demſelben allgemeinen halb ärztlichen Tone auf, auch für mich beſorgt zu ſein, da Treherne Court ein weit kälterer Ort ſei als Rockmount, und * — 135— wir wahrſcheinlich einen ſehr ſtrengen Winter bekom⸗ men würden. 8 Ich ſagte, es käme Nichts darauf an, da wir nicht die Abſicht hätten, länger als höchſtens noch eine Woche zu bleiben, worauf er blos antwortete: „Ah ſo!“ Wir hatten weiter keine Converſation, ausge⸗ nommen, daß er beim Abſchiednehmen, und nachdem er alle Bitten der Treherne's, zu bleiben, abgelehnt, mir ein„glückliches Neujahr“ wünſchte.. „Ich ſehe Sie vielleicht nicht ſogleich wieder. Für dieſen Fall leben Sie wohl! leben Sie wohl!“ Zweimal„leben Sie wohl“ und dies war Alles. Ein glückliches Neujahr! Alſo, die Weihnachts⸗ zeit iſt nun vorbei, und morgen, der 2. Januar 1857, wird ſein wie alle anderen Tage in allen andern Jahren. Wenn ich es je anders dachte oder erwar⸗ tete, ſo irrte ich mich. Ein Umſtand erfüllte mich über Doctor Ur⸗ quhart's heutigen Beſuch mit inniger und feierlicher Freude. Es war der Umſtand, daß, wenn jemals Francis oder ſonſt Jemand jener abſcheulichen Lüge auch nur einen Augenblick Glauben zu ſchenken ge⸗ neigt war, ſeine ganze Erſcheinung und ſein ganzes Benehmen die ſofortige Widerlegung derſelben waren. „ Ob Colin ihm Etwas geſagt hatte, konnte ich — 136— nicht ermitteln. Er ſah ernſt und etwas nachdenk⸗ lich aus— ſein Benehmen aber war gelaſſen und ruhig; es war die Miene eines Mannes, deſſen Le⸗ ben, wenn auch nicht über Leiden, doch über Verdacht erhaben— deſſen Herz ſtandhaft, und deſſen Gewiſ⸗ ſen frei war. „Ein durch und durch guter Menſch, wenn es jemals einen gegeben hat,“ ſagte Papa init Nachdruck, als er fort war.. „Ja,“ antwortete Auguſtus, indem er Francis und dann mich anſah;„ein ſo ehrlicher und biederer Mann wie Gott je einen geſchaffen.“ 2 Es hat daher Richts zu ſagen— ſelbſt wenn ich mich irrte. Fünftes Rapitel. Seine Geſchichte. Ich ſetze dieſe Briefe fort, weil ich bis jetzt kei⸗ nen Grund wahrgenommen habe, warum ſie auf⸗ hören ſollten. Wenn dieſer Grund eintritt, ſo ſollen ſie ſofort und auf immer aufhören und die jetzt vor⸗ handenen von meiner eigenen Hand unverweilt ver⸗ brannt werden, wie ich mit denen meines kranken Freundes in der Krim that. Davon ſei überzeugt. Morgen früh wirſt Du erfahren, was ich, wenn ſich mir die Gelegenheit dargeboten hätte, Dir am Neujahrstage geſagt haben würde— meine Ernen⸗ nung zum Hausarzte des Gefängniſſes, welches Amt ich in Kurzem antreten werde. Den andern Theil meiner Pflichten, nämlich meine Privatpraxis in der Umgegend, gedenke ich dann ſobald zu beginnen als ich nur immer kann. — 138— Du ſieh'ſt alſo, daß meine„ismaelitiſchen Wan⸗ derungen“, wie Du ſie einmal nannteſt, zu Ende ſind. Ich habe eine feſte Stellung an einem Orte. Ich beginne, dieſen breiten Fluß mit Intereſſe zu betrachten, und mache mich mit den meilenlangen Docks, den Maſtenwäldern und den beiden geſchäf⸗ tigen, ſtets wachſenden Städten an den Ufern be⸗ kannt, gerade ſo wie man ſich an die natürlichen Züge des Ortes, mag er ſein, wo er will, gewöhnt, den wir unſere Heimath nennen. Wenn dieſer Ort auch nicht meine Heimath iſt, ſo iſt er wenigſtens mein wahrſcheinlicher Wirkungs⸗ kreis auf viele Jahre hinaus. Ich werde mich be⸗ mühen, hier Wurzel zu faſſen und alle Umſtände ſo gut als möglich zu benutzen. Die Nachricht, welche Dir morgen zugehen wird, erhältſt Du nothwendig durch Treherne. Er wird ſie beim Frühſtücke bekommen, ſie ſeiner Gattin zuſchieben, die ihre muntern Gloſſen darüber machen wird, und dann wird ſie natürlich Dir in die Hände fallen. Du wirſt in gewiſſem Grade verſtehen, wa Jene nicht verſtehen, nämlich warum ich meine Stel⸗ 5. 5. S lung als Regimentsarzt aufgebe, um mich hier nieder⸗ zulaſſen. In anderer Beziehung iſt es von geringer Bedeutung, was meine Freunde denken, denn ich bin mit mir einig und in meinem Entſchluſſe durch gewiſſe freundliche Worte von Dir an jenem ſanften, ſtillen Herbſttage beſtärkt worden, wo der Rebel auf dem Moorlande ausgebreitet lag und die Sonne in dem Wellenſchlage des Teiches unterging. Du wirſt mittlerweile eine Thatſache entdeckt haben, von welcher Du, ſo weit ich die Sache beur⸗ theilen kann, vor einer Woche noch gar Nichts wuß⸗ teſt— nämlich daß Du einen Freier haſt. Er ſelbſt unterrichtete mich von ſeinen Abſichten in Bezug auf Dich und bat mich um meinen Rath und meine guten Wünſche. Was konnte ich ſagen? Ich will es Dir ſagen, denn ich will nicht, daß ein ſo biederes und wahres Gemüth wie das Deine, mich im Verdachte der Doppelzüngigkeit habe. Ich ſagte, ich glaubte, Du würdeſt die beſte der Frauen für jeden Mann ſein, den Du liebteſt, und ich hoffte, wenn Du heiratheteſt, würde es unter dieſen Umſtänden geſchehen. Ob er dieſer Mann ſei, das müſſe er ſelbſt zu ermitteln und zu beſtimmen ſuchen. Er geſtand ehrlich, daß er über dieſen Punkt eben ſo wenig wiſſe als ich, erklärte aber, daß er ſein Beſtes thun würde. Das heißt, daß, während ich mit dieſer Gefängnißangelegenheit beſchäftigt ge⸗ weſen bin, er täglich und ſtündlich Zutritt zu Deiner — 140— ſüßen Geſellſchaft gehabt hat— mit jeder Gelegen⸗ heit zu ſeinen Gunſten— Geld, Jugend, Zuſtim⸗ mung der Freunde— denn er ſagte, Du ſeieſt die Wahl ſeiner Mutter ſchon ſeit Jahren— dabei auch, was das Beſte von Allem iſt, mit einem ehrlichen Herzen, welches verſichert, daß es mit Ausnahme einiger kurz vorübergegangener Anwandlungen ſeit Euren Kinderjahren nur Dir gehört hat. Daß einem ſolchen ehrlichen Herzen nicht freies Spiel mit Dir gegönnt werde, das verhüte Gott. Ich will Dir aber dennoch die Wahrheit ſagen. Ich glaube nicht, daß er Ausſicht auf Erfolg hat. Nichts, was ich an Dir bemerkt habe, hat mir je die mindeſte Andeutung darüber gegeben. Dein plötzliches Erröthen, als Du ihm begegneteſt, überraſchte mich, eben ſo wie Dein Ausruf. Ich wußte nicht, daß Du gewohnt biſt, ihn bei ſeinem Taufnamen zu nennen. Daß Du aber dieſen jungen Mann liebſt, das glaube ichz nicht. Manche Frauen können zu 2½ überredet werden, Du aber gehörſt, ſo weit ich Dich beurtheilen kann, nicht zu dieſer Zahl. Die Zeit wird es lehren. Du biſt gänzlich und unumſchränkt frei. Verzeihe mir, aber nach der erſten Ueberraſchung dieſer Mittheilung freute ich mich, daß Du ſo frei ₰ — 141— biſt. Wäre ich ſelbſt anders als ich bin— jung, ſchön, mit einem großen Einkommen und Allem, was zu meinen Gunſten ſprechen könnte, ſo würdeſt Du doch in dieſer Kriſis gerade ſo bleiben wie Du biſt— in voller Freiheit, Dein eigenes Schickſal zu wählen, wie jedes Weib thun ſollte. Ich bin vielleicht ſtolz; ſuchte ich aber ein Weib, ſo würde die einzige Liebe, die mich je zufrieden ſtel⸗ len könnte, die ſein, welche freiwillig und ungeſucht gegeben würde— die nicht von Dem abhinge, was ich gäbe, ſondern von Dem, was ich wäre. Wenn Du dieſen Bewerber wählſt, ſo wird mein Glaube an Dich mich überzeugen, daß Deine Gefühle für ihn von dieſer Art waren, und ich werde im Stande ſein, zu ſagen:„Sei glücklich und Gott ſegne Dich!“ So weit habe ich hoffentlich mit der Ruhe eines Mannes geſchrieben, der in dem einen wie in dem andern Falle kein Recht hat, auch nur überraſcht zu ſein, der durchaus Nichts zu beanſpruchen hat und demzufolge auch Nichts beanſprucht. Treherne wird natürlich antwortenz und ich werde ſeinen Brief in dem Lager finden, wenn ich zurück⸗ komme, was übermorgen geſchehen wird. Er bringt mir vielleicht— wie ich überhaupt Tag für Tag erwartet habe, da er der treue Freund beider Parteien iſt— beſtimmte Nachrichten. — 142— Hier will ich in meinem Schreiben eine Pauſe machen. Die alten Geſpenſter haben mich jeden Tag dieſer Woche verfolgt. Geſchieht es, weil mein guter Engel hinwegſchwindet— weit hinweg? Laß mich Deine Worte zurückrufen, die Nichts je aus meinem Gedächtniſſe verwiſchen kann und für welche ich Dich auf jeden Fall ſegnen werde, ſo lange ich lebe. Ich glaube, daß jede Sünde, wie groß ſie auch ſein möge, dafern ſie bereu't und aufgegeben wird, von Gott gänzlich verziehen, ausgetilgt und abgethan iſt und dies von den Menſchen auch ſein ſollte. Eine Wahrheit, die ich niemals zu vergeſſen, ſondern fort⸗ während zu predigen hoffe, und wozu ſich mir als Hausarzt eines Gefängniſſes vollauf Gelegenheit bieten wird. Ja, wahrſcheinlich werde ich als ein armer Gefängnißarzt leben und ſterben. Und Du? „Alice's Kinder nennen Bertrum Vater.“ Dieſer Vers Elia's iſt mir den ganzen Tag im Kopfe herumgegangen— ein ſehr ruhiger, geduldiger, pathetiſch⸗ſentimentaler Vers. Charles Lamb war aber blos ein ſanfter Träumer, oder ſchrieb ihn, als er alt war. Verſtehe wohl, ich glaube nicht, daß Du dieſen jungen Mann liebſt. Wenn es aber der Fall * — 143— iſt, ſo heirathe ihn. Heiratheſt Du ihn jedoch, ohne ihn zu lieben, ſo wollte ich lieber, daß Du ſtürbeſt. O, Kind, Kind! mit Deinen Augen, die denen meiner Mutter und meines Bruders Dallas ſehr ähn⸗ lich ſehen— dann wollte ich zehntauſend Mal lieber, daß Du ſtürbeſt. Sechſtes Rapitel. Ihre Geſchichte. Penelope hat mir mein Pult gebracht, damit ich an dieſem den langen Tag während ihrer Ab⸗ weſenheit in London verbringe, wohin ſie mit Mrß. Granton gereiſ't iſt, um einen Anfang mit den Einkäufen zu ihrer Hochzeit zu machen. Es ſchien ihr ſehr Leid zu thun, daß ich ſie nicht begleiten konnte. Sie iſt außerordentlich freund⸗ lich— freundlicher als ſie jemals in ihrem Leben geweſen iſt, obſchon ich ihr viel Noth gemacht habe und ihr deren mit jedem Tage noch mehr zu machen ſcheine. Ich habe das kalte Fieber gehabt, welches ich mir wahrſcheinlich auf den langen Spaziergängen über die Moorfelder zugezogen, die ich nach unſerer — 5— Rückkehr aus dem Norden ſo häufig machte, weil ich glaubte, ſie würden mir wohlthätig ſein. Die Krankheit aber iſt für mich noch wohlthätiger gewe⸗ ſen und ſomit kommt zuletzt Alles auf Eins heraus. Ich könnte jetzt, glaube ich, ganz glücklich ſein, wenn die Perſonen, welche mich umgeben, auch glück⸗ lich wären, und vor Allem, wenn Penelope in Bezug auf mich weniger beſorgt wäre, ſo daß ihre eigenen Ausſichten auch nicht durch die kleinſte Wolke getrübt würden. Im April ſoll ſie vermählt werden und im Mai werden ſie abreiſen. Ich muß mir daher Mühe geben, womöglich ſchon lange vor dieſer Zeit wieder geſund zu ſein. Francis iſt ſehr ſelten hier geweſen, weil er mit ſeinen amtlichen Arrangements vollauf zu thun hat; Penelope aber macht ſich weiter Richts daraus und ſagt, es ſei ohnehin beſſer, wenn er während dieſer geſchäftigen Zeit fern bliebe. Sie fühlt ſich ſo glücklich, daß ſie ſogar zuweilen einen Scherz hören läßt. Miſtreß Granton leiſtet ihr an meiner Stelle hülfreiche Hand, was für die gute alte Frau auch gut iſt. Die arme Miſtreß Granton! Es ging mir anfangs tief zu Herzen, wie erſtaunt ſie über den ſeltſamen Einfall war, in Folge deſſen ihr Colin eine Reiſe nach dem Mittelländiſchen Meere machte. Lehen um Leben. IM. 10 — 146— Sie war blos erſtaunt und verblüfft, aber nicht mürriſch— wie könnte ſie jemals mürriſch über Etwas ſein, was„mein Colin“ thut; dieſer hat natürlich allemal Recht. Dieſes Mal hatte er auch wirklich Recht, ob⸗ ſchon er ſie eine Zeitlang bekümmert machte; hätte ſie aber Alles gewußt, ſo wäre ſie es noch viel mehr geweſen. Jetzt wundert ſie ſich blos ein wenig, ſieht mich mit einer gewiſſen mitleidigen Holbneugier an, iſt ganz beſonders gütig gegen mich, bringt mir jeden Brief ihres Sohnes zu leſen— Dank dem Himmel, es find ſtets ſehr heitere Briefe— und behandelt mich ganz ſo, als ob ſie glaubte, ich härmte mich wegen ihres Colin zu Tode und Colin habe noch nicht entdeckt, was in Bezug auf mich gut für ihn ſei, werde aber mit der Zeit noch dahinter kommen. Es hat nicht viel zu bedeuten, dafern ſie nur zufrieden iſt und Nichts entdeckt. Der arme Colin! Ich kann ihn blos dadurch belohnen, daß ich ſeine alte Mutter um ſeinetwillen liebe. 3 Nach einer langen Pauſe, denn das Schreiben ermüdete mich ein wenig, halte ich es für das Beſte, dieſe Gelegenheit zu benutzen, um einen Umſtand zu erzählen, der mir begegnete, ſeitdem ich das letzte Mal an meinem Tagebuche ſchrieb. —— Anfangs war es nicht meine Abſicht, hier über⸗ haupt Etwas davon zu erwähnen; nachdem ich mir die Sache aber nochmals überlegt, thue ich es, damit,. im Fall Etwas geſchähe, was mich abhielte, dieſes Tagebuch noch vor meinem Tode zu vernichten, durch die Weglaſſung dieſes Umſtandes nicht Gelegenheit zu Mißdeutungen in Bezug auf Colin's Handlungs⸗ weiſe und die meinige gegeben werde. Ich bin ſchwach genug, um zu fühlen, daß ich ſelbſt nicht nach meinem Tode in den Verdacht kom⸗ men möchte, Colin Granton auf irgend eine Weiſe ermuthigt oder mich anders für ihn intereſſirt zu haben, wie ich mich ſtets für ihn intereſſiren werde und wie er es auch mit Recht verdient. Es iſt mir peinlich, dieſen Umſtand zu beken⸗ nen, beſonders da ich mir in gewiſſem Grade Vor⸗ würfe darüber mache, ihn nicht vorhergeſehen und verhindert zu haben. An dem Tage zuvor nämlich, ehe wir Treherne Court verließen, machte Colin Granton mir einen Heirathsantrag. Wenn ich ſage, daß ich dies nicht voraus⸗ geſehen, meine ich nicht, daß dies bis zu dem Augen⸗ blicke, wo es wirklich geſchah, der Fall geweſen ſei. Man ſagt, die Frauen wüßten es inſtinctartig, wenn ein Mann ſie liebt, ſo lange ſie nämlich ſelbſt gleich⸗ 10* —— —— — — 148— gültig gegen ihn ſind. Ich aber wußte es doch nicht, wahrſcheinlich weil mein Gemüth ſo voll von andern Dingen war. Bis auf die letzte Woche unſeres Be⸗ ſuches dachte ich an ſolche Möglichkeit auch nicht im Entfernteſten. Ich erwähne dies, um zu erklären, weßhalb ich— was doch jedes Mädchen thun ſollte — die endliche Erklärung nicht verhinderte— die Erklärung, die, wenn ſie zurückgewieſen wird, für einen Mann eine ſo grauſame Demüthigung ſein muß. Die Sache trug ſich folgendermaßen zu. Vom Neujahrstage an wurden mir unſere Luſtbarkeiten und das lange Aufbleiben des Nachts, nachdem in der letztvergangenen Zeit die Sorge um Papa mich angegriffen und erſchöpft, ſehr läſtig, oder auch dieſes Fieber war im Anzuge. Ich fühlte mich nicht gerade krank, aber doch auch nicht ſo wie gewöhnlich, und Miſtreß Granton ſah es. Sie hätſchelte mich wie eine Mutter, und ſagte mir fort⸗ während, ich ſolle ſie als eine ſolche betrachten, was ich auch in meiner Unſchuld verſprach. Dann ſah ſie mich mit innigem Blicke an und ſagte oft mit Thränen in den Augen, ſie ſei überzeugt, ich würde „gegen die alte Frau nicht unfreundlich ſein“ und ſie die beſte der Töchter bekommen. Und dennoch hatte ich nicht den iibeße — Argwohn. Auch dann noch nicht, als Colin fort⸗ während um mich herum war, mich beobachtete, ſo zu ſagen, mich bediente, mich zuweilen faſt ärgerlich machte und dann allemal durch ſeine unwandelbare Herzensgüte unausſprechlich rührte. Endlich jedoch merkte ich, was im Werke war.— Ich brauche nicht zu erzählen, welche Kleinig⸗ keiten mir zuerſt die Augen öffneten, noch meine un⸗ glückliche Stimmung während der zwei Tage, wo ich allmählig die Gewißheit von Dem erlangte, was ich anfangs blos gefürchtet. Ich glaube, es muß ſtets und für jedes Weib etwas Furchtbares ſein, zu entdecken, daß Jemand, dem ſie herzlich zugethan iſt, aber blos zugethan iſt, ſie liebt. Natürlich mied ich Colin auf alle nur mögliche Weiſe und inſoweit es geſchehen konnte, ohne ihn zu verletzen, oder ohne ihn gegen Andere zu verrathen; aber dennoch war es ſchrecklich. Der Anblick ſeines redlichen frohen Antlitzes war für mich trauriger als der des traurigſten Geſichts von der Welt, und dennoch, wenn es umwölkt war, ſchnitt es mir in die Seele. Und dann, wenn ſeine Mutter mich mit Lobſprüchen und Liebkoſungen überhäufte, kam ich mir vor wie der ſchuldbewußteſte Böſewicht, welcher jemals geathmet. So ging die Sache weiter. Ich werde keine einzelnen Vorfälle erzählen, obſchon ich mich derſel⸗ ben aller bitterlich erinnere. Endlich kam das Ende. Dieſes will ich erzählen, damit in Bezug auf Das, was zwiſchen uns, Colin und mir, vorging, kein Zweifel übrig bleibe. Wir ſtanden im Corridor. Seine Mutter hatte uns eben verlaſſen, um ſich mit Papa wegen der morgenden Reiſe zu beſprechen, und uns erſucht, auf ſie zu warten, bis ſie wiederkäme. Colin ſchlug vor, in dem Bibliothekzimmer zu warten; ich zog aber den Corridor vor, weil hier fortwährend Leute kamen und gingen. Ich glaubte, wenn ich ihm niemals Gelegenheit gäbe, Etwas zu ſagen, ſo würde er ſchon von ſelbſt daraus abnehmen, was ich mich ſo ſchwer entſchlie⸗ ßen konnte, ihm mit dürren Worten zu ſagen. So ſtanden wir da und ſchauten zu den Fen⸗ ſtern hinaus. Ich habe die Ausſicht noch ganz leb⸗ haft vor mir— die große, ebene, runde Schneefläche mit der Sonnenuhr in der Mitte und jenſeits die Thore der großen Allse mit der Allée ſelbſt, zwei ſchwarze Linien mit einer weißen dazwiſchen, die in dem Nebel eines Januar⸗Nachmittags immer dünner wurden und endlich ganz hinwegſchwanden. „Wie bald der Tag zur Neige geht— unſer letzter Tag hier!“ Ich ſagte dies, ohne mir weiter Etwas dabei zu denken. Schon in der nächſten Minute aber hätte ich ſonſt Etwas darum gegeben, wenn ich dieſe Worte hätte zurücknehmen können. Colin antwortete „nämlich Etwas— ich weiß nicht mehr recht wie es lautete— in dem Tone aber, mit welchem es geſagt ward, konnte ich mich nicht irren. Ich glaube, es iſt vollkommen wahr, daß kein Weib, welches ein Herz in der Bruſt trägt, lange im Irrthume ſein kann, wenn ein Mann ſie wirklich liebt. Ich fühlte, daß Das, was ich ſeit Kurzem gefürchtet, nun wirk⸗ lich kam, aber vielleicht war es beſſer, wenn dies geſchah, denn dann war doch die Sache vorüber und zu Ende. Somit ſtand ich ſtill, heftete die Augen auf den Schnee und hielt meine Hände dicht in einander geſchloſſen, denn Colin hatte verſucht, eine davon zu ergreifen. Er zitterte ſehr und mit mir war daſſelbe der Fall. Er hatte blos ein Dutzend Worte geſagt, als ich ihn ſchon bat, zu ſchweigen, wenn er mir nicht das Herz brechen wolle, und als ich ſah, daß er bleich ward wie der Tod und ſich an die Wand lehnte, — —— —— da war es mir in der Lhat, als ob mir das Herz bräche. Einen Augenblick lang bedachte ich— ich ge⸗ ſtehe es— wie grauſam es war, daß die Dinge ſo waren, wie ſie waren; wie gut es geweſen wäre, wenn ſie anders gekommen wären und ich ihn hätte glücklich machen können— dieſe gute, ehrliche Seele, die mich liebte, ſeine gute alte Mutter und Alle, die uns angehören— ebenſo ob ich es nicht dennoch verſuchen ſollte.— Aber nein, dies war unmöglich. Ich kann begreifen, daß die Frauen ihrer Liebe entſagen, oder daran ſterben, oder ohne dieſelbe leben lernen; wie ſie aber ohne Liebe heir athen können, entweder zum Trotze, oder um des Geldes, der Noth⸗ wendigkeit, des Mitleids, oder der Ueberredung wil⸗ len, dies iſt mir völlig unbegreiflich. Ja, ſogar die ſelbſtverleugnungsvollen Heldinnen aus der Emilia Wyndham⸗Schule ſcheinen mir ſo ſchwache Geſchöpfe zu ſein, daß man ſie einfach verachten müßte, wenn man ſie nicht bemitleidete. Aus Pflicht oder Dank⸗ barkeit könnte es mir möglich ſein, für einen Mann zu arbeiten, zu leben, oder auch zu ſterben— aber niemals, ihn zu heirathen. Als daher Colin, nachdem er ſich wieder erholt, nochmals meine Hand zu faſſen ſuchte, raffte ich mich — 183— zuſammen und ward wieder ganz Ich, wofür ich Gott inſtändig dankte, weil außerdem die Aufregung meines Gemüths mich doch vielleicht für den Augen⸗ blick auf Abwege geleitet hätte. Und nun mufßte ich ihm in die Augen ſchauen und ihm die ſchlichte Wahrheit ſagen. „Colin,“ ſagte ich,„ich liebe Dich nicht; ich werde nie im Stande ſein, Dich zu lieben, und deß⸗ halb wäre es ſchlecht, auch nur daran zu denken. Verzichte auf dieſe Pläne und laß uns gegen einander wieder ſein wie zeither und wie wir von Kindheit auf geweſen ſind.“ „Dora!“ „Ja, es iſt wahr. Du mußt es glauben.“ Eine lange Zeit konnte er weiter Nichts ſagen als die Worte: „Ich wußte es— ich wußte es, daß ich nicht gut genug für Dich bin.“ Da es beinahe dunkel war, ſo kam Niemand in unſere Rähe, bis wir endlich den Tritt ſeiner Mutter hörten und ihr heiteres:„Wo iſt mein Colin?“— ſehr laut, als ob ſie uns dadurch ihre Annäherung verkünden wollte. Unwillkürlich zogen wir uns in das Bibliothek⸗ zimmer zurück. Sie ſchaute zur Thür herein, ſah uns aber nicht, oder wollte uns nicht ſehen, und — 154— trabte weiter den Corridor hinab. O, wie elend fühlte ich mich„ nt Als ſie fort war, wollte ich mich hinwegſteh⸗ len, aber Colin hielt mich am Kleide feſt. „Ein einziges Wort. Biſt Du mir niemals gut geweſen? nie auch nur im Mindeſten?“ „O ja,“ antwortete ich bekümmert und ſchämte mich ebenſowenig, dies zu ſagen, als man ſich eines Bekenntniſſes auf ſeinem Sterbebette ſchämen würde. „Ja, Colin, ich war Dir einmal ſehr gut— als ich ungefähr eilf Jahre alt war.“ und ſpäter nicht wieder „Nein— wie daraus, daß ich Dir es ſage, hervorgeht. Niemals wieder, und es wäre auch nicht möglich, daß ich es je wieder ſein könnte— nämlich auf die Weiſe, wie Du es wünſcheſt.“ „Es iſt genug— ich verſtehe,“ ſagte er mit einem gewiſſen Grade wehmüthiger Würde, der mir an Colin Granton etwas ganz Neues war.„Ich war blos gut genug für Dich, als Du ein Kind warſt, und jetzt ſind wir keine Kinder mehr. Wir werden niemals wieder Kinder ſein.“ Nein— o nein. Und der Gedanke an jene alte Zeit kam über mich wie eine Fluth— die Win⸗ terſpiele im Cedernhauſe— das Heidelbeerſuchen auf dem ſonnenhellen Sommermoore— der Kummer, als er auf die Schule ging, und die Freude, als er wieder nach Hauſe kam— die Liebe, die ſo unſchul⸗ dig, ſo ſchmerzlos war! Und er hatte mich ſeit jener Zeit ſtets geliebt — mich, nicht Liſabel, obſchon er, wie er geſtand, eine Zeitlang mit ihr zu liebeln verſucht hatte, blos um zu ſehen, ob mir Etwas an ihm läge oder nicht. Ich bedeckte das Geſicht mit den Händen und ſchluchzte. Und nun bedurfte ich meiner ganzen Selbſt⸗ beherrſchung, denn es iſt etwas Furchtbares, einen Mann weinen zu ſehen. Ich blieb bei Colin ſtehen, bis wir Beide ruhiger waren. Ich hoffte, daß nun Alles glücklich vorüber ſei, und zwar ohne die eine Frage, die ich am Meiſten fürchtete. Aber ſie erfolgte doch. „Dora, warum liegt Dir Nichts an mir? Iſt vielleicht— ſage mir's oder ſage mir's nicht— iſt vielleicht Jemand anders im Spiele?“ Gewiſſen! laß mich ſo gerecht gegen mich ſelbſt ſein, wie ich es gegen einen Andern an meiner Stelle ſein würde. Einmal ſchrieb ich, daß ich mich geirrt, wie ich mich in einigen Dingen geirrt, aber nicht in allen. Hätte ich dies redlich ſagen können, alle Schuld auf mich nehmen und alle Anderen von Allem freiſprechen — —— können, nur nicht von ihrer Güte und Freundlichkeit gegen ein armes Mädchen, welches thörigt genug war, aber rechtſchaffen und treu und ganz unbekannt mit der Richtung, welcher die Dinge ſich zuneigten, bis es zu ſpät war— wenn ich dies hätte ſagen können. Ich glaube, ich würde Colin Granton ſo⸗ fort die ganze Wahrheit geſtanden haben. So aber, wie die Dinge ſtehen, war es unmöglich: Deßhalb ſagte ich und erſchrak beinahe, als ich bemerkte, wie buchſtäblich meine Worte andere Worte nachahmten, deren untergeſchobene Bedeutung mich ganz anders berührte als die urſprüngliche, nämlich „daß ich wahrſcheinlich niemals heirathen würde.“ Colin fragte nicht weiter. Es ward zum Ankleiden geläutet und ich ver⸗ ſuchte wieder hinwegzukommen, aber er flüſterte: „Warte noch einen Augenblick— meine Mutter — was ſoll ich meiner Mutter ſagen?“ „Wie viel weiß ſie denn ſchon?“ „Nichts. Aber ſie erräth es, die gute arme Frau— und ich wollte es ihr ſchon längſt geradezu ſagen, aber konnte mich nicht überwinden. Nun aber, da Du es Deinem Vater und Deinen Schwe⸗ ſtern ſagen wirſt und—“ „Nein, Colin; ich werde keinem menſchlichen Weſen Etwas ſagen.“ — 157— Und ich war dankbar dafür, daß, wenn ich nicht ſeine Liebe erwidern, doch wenigſtens ſeinen Stolz und das zärtliche Herz ſeiner Mutter ſchonen konnte. „Sag' ihr Richts; geh' nach Hauſe und ſei ſtandhaft um ihretwillen. Zeige ihr, daß ihr Sohn nicht unglücklich iſt. Laß ſie fühlen, daß kein Mäd⸗ chen im ganzen Lande ihm koſtbarer iſt als ſeine alte Mutter.“ „Das iſt wahr,“ ſagte er ſchwer aufathmend. „Ich will ihr nicht ihr gutes altes Herz brechen. Ich will ſchweigen und Alles ertragen. Das werde ich, Dora.“ „Ich weiß, daß Du es wirſt,“ entgegnete ich und bot ihm die Hand. Ganz gewiß that dieſer Händedruck Niemandem Unrecht, denn er galt keinem Geliebten, ſondern nur meinem alten Spielkameraden— meinem guten Colin. Wir kamen nun überein, daß, wenn ſeine Mutter Fragen an ihn thäte, er ihr einfach ſagen ſolle, er habe ſich in Bezug auf mich anders beſon⸗ nen, und daß außerdem die Sache jetzt und immer⸗ dar in meinem und ſeinem Herzen begraben ſein ſolle. „Ausgenommen blos—“ und er ſchien im Begriffe, 62 Etwas zu ſagen, ſchwieg aber wieder, indem er — 168— bemerkte, es käme jetzt Nichts mehr darauf an— es ſei nun Einerlei. Ich fragte nicht weiter, denn ich wünſchte weiter Richts als nur fortzukommen. Wir drückten uns noch ein Mal lange, beküm⸗ mert und ſchweigend die Hand und ſchieden dann. Es ward eine lange Trennung, denn beim Diner hielt er ſich von mir entfernt, und, anſtatt mit uns nach Hauſe zu reiſen, ſchlug er einen anden Weg ein. Einige Wochen darauf erſchien er in Rockmount, um uns zu ſagen, er habe eine Yacht gekauft und wolle damit eine Fahrt nach dem Mittelländiſchen Meere machen. Da ich gerade draußen auf dem Moore war, ſo ſah ich ihn nicht. Den nächſtfolgen⸗ den Tag reiſ'te er ab und ſagte ſeiner Mutter, ſie ſolle noch ſeine Geſpielin Dora von ihm grüßen. Der arme Eolin! Gott behüte ihn, damit ich überzeugt ſein kann, nur ſein Herz verwundet, aber ſeiner Seele keinen Schaden zugefügt zu haben. Es war nicht meine Abſicht. Und wenn er wieder zu ſeiner alten Mutter zurückkommt und ihr vielleicht eine ſchöne Schwieger⸗ tochter zuführt, wie er ohne Zweifel eines Tages thun wird, ſo werde ich mich glücklich fühlen, die Qual jener Zeit in Treherne Court und ſpäter, und das zärtliche Mitleid zu belächeln, welches die gute 2 —— Miſtreß Granton an mich verſchwendet, weil„mein Colin“ ſich anders beſann und fortging, ohne ſeine Geſpielin Dora zu heirathen. Nur Dora. Ich freue mich, daß er mich nie bei meinem vollen Namen nannte. Es giebt blos Einen Menſchen, der mich je Theodora nannte. Kürzlich las ich in einem Buche folgende Stelle: „Die Menſchen bedenken nicht genug, daß ſie in jedem Verhältniſſe des Lebens, eben ſo wie in dem engſten von allen, einander gewiſſermaßen auf's Gerathewohl nehmen müſſen, daß, wenn das Band der Freundſchaft, der Dankbarkeit oder der Achtung einmal ſtark genug geweſen iſt, um überhaupt zu exiſtiren— entweder activ oder paſſiv— es dann auch, activ odor paſſiv, für immer beſtehen bleiben muß. Und da wir im beſten Falle unſern Nachbar, Gefährten oder Freund eben ſo wenig kennen als er leider, wie wir oft finden, uns kennt, ſo geziemt es uns, ihm mit der geduldigſten Treue, der zärt⸗ lichſten Nachſicht zu begegnen und allen ſeinen Wor⸗ ten und Handlungen, die wir nicht verſtehen, das äußerſte Maß von Redlichkeit zuzugeſtehen, welches der geſunde Menſchenverſtand und die chriſtliche Gerechtigkeit erlaubt. Ja, ſollte dieſe nicht aus⸗ reichen, iſt dann nicht immer noch die chriſtliche — 160— Liebe übrig, die, wenn ſie auch über den Glauben und die Hoffnung hinaus iſt, immer noch Alles „duldet?“ Ich höre das Geraſſel von Wagenrädern. 3 Man will mich heute gar nicht heruntergehen laſſen. Ich habe dagelegen und in das Feuer geſchaut — ganz allein, denn Francis kam mit Miſtreß Granton und Penelope geſtern zurück. Sie haben einen langen Spaziergang über das Moor gemacht. Ich ſah ihnen nach, wie ſie Arm in Arm dahinſchlen⸗ derten, bis ihre beiden kleinen ſchwarzen Geſtalten hinter der hügeligen Straße verſchwanden, was mich ſonſt ſtets an die„ſchlafende Schönheit und ihren Prinzen“ erinnerte: „Und auf den Arm des Liebenden ſich ſtützend, Ließ ſie von ihm den holden Leib umſchlingen. So ſchritten ſie der neuen Welt entgegen, Die immerdar doch nur die alte iſt.“ Sie müſſen ſehr glücklich ſein— Francis und Penelope. Ich bin neugierig, wann ich wieder geſund ſein werde. Dieſes Fieber dauert zuweilen Monate lang— — 161— ich entſinne mich, daß Doctor Urquhart es einmal ſagte. Hier muß ich, wenn ich meiner Abſicht, dieſes Journal genau und vollſtändig zu führen, treu bleiben will, Etwas niederſchreiben, was ſich geſtern ereignete und was Doctor Urquhart betrifft. Als meine Schweſter Penelope durch das Lager fuhr, ſah ſie ihn, und Papa ließ den Wagen halten und wartete auf ihn. Er konnte nicht mit einer bloßen Begrüßung vorbeikommen, was, wie Francis behauptete, ſeine Abſicht zu ſein ſchien, ſondern blieb ſtehen und ſprach. Die Converſation ſelbſt ward mir nicht wieder erzählt; denn als man darauf zu ſprechen kam, fielen einige ziemlich ſcharfe Worte zwiſchen Papa und Penelope. Sie meinte, er ſolle ſich doch nicht ſo viel Mühe geben, die Geſellſchaft eines Mannes zu cultiviren, der augenſcheinlich, abgeſehen von ſeinem Berufe, ein ungeheuer langweiliges Menſchenkind ſei. Papa antwortete mit weit größerer Wärme als ich erwartet hatte: „Du wirſt mir einen Gefallen thun, Penelope, wenn Du Deinem Vater erlaubſt, in dieſer wie in anderen Angelegenheiten ſeinem eigenen Willen zu folgen, auch wenn Du ihn für fähig hältſt,„ein ungeheuer langweiliges Menſchenkind“ zu ſeinem Leben um Leben. AMl. 11 — 162— umgange und Freunde zu wählen. Wäre auch dieſe Anklage eben ſo wahr als ſie falſch iſt, ſo hoffe ich doch niemals zu vergeſſen, daß eine Schuld der Dankbarkeit, ſo wie ich ſie gegen Doctor Urquhart habe, ſelten vergolten und niemals aus der Erin⸗ nerung vertilgt werden kann.“ Somit endete das Geſpräch. Penelope verließ mein Zimmer, und Papa ſetzte ſich neben mich auf einen Stuhl. Ich verſuchte, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen; es dauerte aber nicht lange, ſo verſanken wir Beide in Schweigen. Ein oder zwei Mal, als ich glaubte, er läſe die Zeitung, fand ich, daß er mich anſah, machte aber keine Bemerkung. Papa und ich haben Eines des Andern Geſell⸗ ſchaft in der letzten Zeit weit weniger genoſſen, ob⸗ ſchon wir iinmer noch auf dem freundlichen Fuße mit einander ſtehen, auf den wir während ſeiner Krankheit kamen. Ich möchte wiſſen, ob er jetzt, wo er wieder ganz geſund iſt, noch eine Erinnerung an die langen, langen Stunden, Nächte und Tage hat, zwiſchen welchen der Unterſchied nur im Kerzenlichte oder Tageslichte beſtand, wo er unbeweglich in ſeinem Bette lag, bewacht und gepflegt von uns Beiden. So dachte ich bei mir, als er eine Frage an mich richtete, deren abruptes Zuſammentreffen mit — meinen geheimen Gedanken mich ſo ſtutzig machte, daß ich keine andere Antwort fand als ein einfaches „Nein, Papa.“ Die Frage war: „Liebes Kind, haſt Du jemals einen Brief von Doctor Urquhart bekommen?“ Wie konnte er ſo Etwas vermuthen? Konnte Miſtreß Granton oder Penelope, die in gewiſſen Dingen ſehr viel Scharfblick beſitzt, Papa bewogen haben, Etwas zu denken oder zu vermuthen, woran ſchon der bloße Gedanke mich mit banger Furcht er⸗ füllte? Mich konnte man tadeln, wie man wollte — das konnte mich weiter nicht berühren— aber nur ein einziges Wort des Verdachts oder des Tadels gegen irgend eine andere Perſon, hätte mich mit Wuth erfüllt. Ich raffte daher meine ganze Kraft zuſammen. „Du weißt, Papa, daß Doctor Urquhart mir Nichts zu ſchreiben haben könnte. Alles, was er mir mitzutheilen hätte, würde er in einem Briefe an Dich erwähnt haben.“ „Das glaube ich auch; ich fragte blos, weil ich ihn als einen ſehr guten Freund unſerer Familie be⸗ trachte und weiß, daß Du ihn beſſer kennſt und lieber haſt als Deine Schweſtern. Wenn er aber an Dich — 164— geſchrieben hätte, ſo würdeſt Du es mir geſagt haben, nicht wahr?“ „Ja wohl, Papa.“ Ich ſagte weiter kein Wort als dies. Papa ſtrich ſeine Zeitung glatt, ſchaute gerade vor ſich hin in's Feuer und ſagte: „Ich bin in der letzten Zeit mit Doctor Urquhart nicht ganz zufrieden geweſen, ſo hoch ich ihn auch achte. Er ſcheint nicht genug Das zu ſchätzen, was — ich kann dies ohne Dünkel ſagen— aus dem Munde eines alten Mannes für einen jüngeren alle⸗ mal von einem gewiſſen Werthe iſt. Geſtern, als ich ihn hierher einlud, lehnte er es wieder ab und zwar ein wenig zu— zu entſchieden.“ Als ich ſah, daß er auf eine Antwort wartete, ſagte ich Ja Papa.“ „Es thut mir Leid, denn ich h ihn ſehr und finde an ſeiner Geſellſchaft großes Vergnügen.“ Papa machte eine Pauſe. „Wenn Jemand in einer Familie feſten Fuß gewinnen oder behaupten will, ſo giebt er ſich ge⸗, wöhnlich einige Mühe deßwegen. Thut er dies nicht, ſo läßt ſich daraus ganz natürlich ſchließen, er es nicht wünſcht.“ Abermals eine Pauſe. — 165— „So oft Doctor Urquhart es beliebt, uns zu beſuchen, wird er ſtets willkommen ſein— herzlich willkommen, einladen aber kann ich ihn nicht wieder.“ „Nein, Papa, das kannſt Du nicht.“ Dies war Alles. Er nahm wieder die Times zur Hand und las ſie durch. Ich lag ſtill. Still den ganzen Abend— ſtill bis ich zu Bett ging. Heute finde ich in dem alten Buche, welches ich ſchon vorhin erwähnte, folgende Stelle: „Die wahre Theorie der Freundſchaft iſt dieſe: Einmal ein Freund, ſtets ein Freund. Aber, antworteſt Du, ſtraft nicht die alltägliche Erfahrung dieſen Ausſpruch Lügen? Viele, wo nicht die meiſten Freundſchaften ſind wie ein Handſchuh, der, wie gut er auch anfangs paſſen möge, doch durch den fort⸗ währenden Gebrauch weit und unanſehnlich wird, wenn er ſich nicht gänzlich abnutzt. Und andere, die nicht aus⸗ und angezogen werden, ſondern an dem Menſchen haften bleiben wie ſein eigenes Fleiſch und Blut, ſind dennoch allerlei Gefahren ausgeſetzt. Er kann ſie verlieren und ohne ſie leben müſſen, wie nach dem Ablöſen eines Gliedes oder nach dem Blen⸗ den eines Auges. Eben ſo giebt es auch Freund⸗ — 166— ſchaften, welchen der Menſch auf ganz natürliche und unſchuldige Weiſe entwächſ't wie ſeinen Kinder⸗ kleidern, und die er, obſchon er ſich ihrer nicht mehr bedient, doch ſorgfältig unvergeſſen und unverſehrt aufbewahrt und oft mit Sehnſucht herborholt, ob⸗ ſchon er weiß, daß ſie ihn nicht mehr bedecken und wärmen können. Alle dieſe Beiſpiele beweiſen deut⸗ lich, daß ein Freund nicht ſtets ein Freund iſt.— O doch, ſagt Fidelis, er iſt es. Nicht an und für ſich vielleicht, wohl aber gegen Dich. Die Zukunft und die Gegenwart ſind Dein und ſein; die Vergangenheit aber liegt außerhalb Euer Beider Bereiche; ſie iſt ein unveräußerlicher Beſitz ein Band, welches niemals gelöſ't werden kann. Ihr könnt es fahren laſſen, Ihr könnt es als abgenutzt auf die Seite werfen, Ihr könnt es abſchneiden, bedecken und begraben, aber dennoch iſt es geweſen und muß es deßhalb in einem gewiſſen Sinne auch immer bleiben. Umgeſtaltung iſt das Geſetz aller irdiſchen Dinge, eine Vernichtung aber giebt es, ſo weit wir wiſſen, nicht und wird es in dem ganzen Weltall nicht geben bis zum großen Tage des zweiten Todes. „Deßhalb ſei vorſichtig. Täuſche Dich nicht ſelbſt und ſage nicht, daß, weil ein Ding nicht iſt, es auch nicht geweſen ſei. Achte Dich ſelbſt— — 167— Dein altes Ich ſowohl als wie Dein neues. Sei Dir ſelbſt treu und Allem, was jemals Dein war. Dein Freund iſt ſtets Dein Freund— wenn auch nicht um ihn zu haben, um ihn zu lieben, oder Dich über ihn zu freuen, ſo doch um Dich ſeiner zu erinnern. „Und wenn es Dir begegnet wie den meiſten Menſchen, daß nämlich im Laufe der Zeit für Dich Nichts übrig bleibt als die Erinnerung, ſo fürchte Dich deßwegen nicht. Halte feſt, was Dein war— es iſt Dein auf immer. Verleugne es nicht— ver⸗ achte es nicht; achte ſeine Geheimniſſe. Verſchweige ſein Unrecht. Und wenn Du es ſo bewahrſt, wird es niemals in Deinem Herzen liegen, wie ein todter Gegenſtand, der darin verweſ't und Verweſung er⸗ zeugt, wie todte Gegenſtände ſonſt thun. Begrabe es und gehe Deinen Gang. Es kann ſich ereignen, daß einmal in langer Zeit Du plötzlich auf das Grab dieſer Erinnerung ſtößeſt— und ſiehe da, es iſt thauig⸗grün!“ Siebentes Rapitel. Seine Geſchichte. Dieſes Geſicht— dieſes arme, kleine, blaſſe, geduldige Geſicht! Wie iſt ſie verändert! Ich wünſche niederzuſchreiben, wie es kam, daß ich Dich zufällig ſahe, obſchon„zufällig“ eigentlich nicht das rechte Wort iſt. Ich würde Dich geſehen haben, ſelbſt wenn ich den ganzen Tag und die ganze Nacht hätte warten müſſen, wie ein Dieb, draußen vor Deiner Gartenmauer. Hätte ich Dich ſehen können, ohne daß Du mich geſehen— wie auch wirklich geſchah— dann um ſo beſſer, auf jeden Fall aber würde ich Dich geſehen haben. So weit Du in Frage kommſt, iſt nur der — Wille des Himmels ſtark genug, um dieſes mein entſchloſſenes„ich will“ zu ändern. Du hatteſt keine Ahnung davon, daß ich Dir ſo nahe war; Du ſchienſt nicht an irgend Jemanden oder irgend etwas Beſonderes zu denken, ſondern trateſt an Dein Schlafzimmerfenſter und ſtandeſt hier eine Minute lang, ſehnſüchtig über das Moor⸗ land hinüberſchauend. Es war der ſtille, in ſich ſelbſt verſunkene, hoffnungsloſe Blick eines Menſchen, der einen ſchweren Verluſt erlitten, oder auf etwas ſeinem Herzen Theures verzichtet hat— beinahe Dallas' Blick, wie ich mich deſſen entſinne, als er mir in aller Ruhe ſagte, daß er, anſtatt ſeine erſte Predigt zu halten, ſofort in's Ausland gehen und der Hoffnung entſagen müſſe, überhaupt jemals predigen zu können. Kind, wenn Du mir entſchlüpfteſt und mich verließeſt wie Dallas! Du mußt ſehr krank geweſen ſein. Und dennoch würde ich davon gehört, oder Dein Vater und Deine Schweſter würden Etwas davon erwähnt haben, als ich ſie traf. Körperliche Krankheit würde aber immer noch nicht dieſen Ausdruck erklären, denn er hängt mit dem Geiſte zuſammen. Du haſt auch geiſtig gelitten. Kann es aus Mitleid mit dem jungen Manne ge⸗ —— n— ſchehen ſein, der, wie ich höre, England verlaſſen hat? Nun, es iſt nicht ſchwer zu errathen, aucher⸗ warte ich nichts Anderes, denn ich kenne ihn und Dich. Der arme Schelm! Aber er war doch recht⸗ ſchaffen und reich, und Deine Freunde würden Deine Wahl gebilligt haben. Haben ſie Dich ſeinetwegen gedrängt? Haſt Du Familienfehden zu beſtehen ge⸗ habt? Iſt es dies, was Dich ſo ſtill und bleich gemacht hat? Ja, Du würdeſt ſo handeln. Du würdeſt Dich niemals fügen, Dein Herz aber würde in aller Stille brechen und Du Richts davon ſagen. Ich kenne Dich. Niemand kennt Dich halb ſo gut als ich. Feigling, der ich war, daß ich mich nicht Deiner angenommen habe! Ich hätte es leicht thun können— als Freund der Familie— als Arzt— als ein barſcher alter Kerl von vierzig Jahren. Es ſtand für Niemanden Etwas zu fürchten als für mich ſelbſt. Ja, ich bin ein Feigling ge⸗ weſen. Mein Kind— mein ſanftes, zärtliches, kindliches Kind! Man hat Dir das Herz gebrochen 3 und ich habe mich fern gehalten und es zugelaſſen! Du hatteſt im Herbſte einen ſchlimmen Huſten und Deine Augen nehmen leicht jenen hellen, flüſſigen Blick an mit erweiterten Pupillen und einem dunkeln Schatten unter dem Augenlide, wovon man glaubt, daß er Hang zur Abzehrungskrankheit verrathe. Ich für meine Perſon bin nicht dieſer Meinung. Ich glaube, es verräth dies bei Dir, wie bei vielen Andern, blos das, was wir in Ermangelung einer deutlicheren Bezeichnung das nervöſe Temperament nennen,— eine Körperverfaſſung, die außerordentlich empfindlich und leicht Störungen unterworfen, dabei aber durch und durch geſund und kräftig iſt. Ich ſehe keine Spur von Krankheit in Dir, keinen Grund, warum Du trotz Deiner Schwächlich⸗ keit nicht ein hohes Alter erreichen ſollteſt— das heißt, wenn Du behandelt wirſt wie Du behandelt werden mußt, umſichtig und zärtlich, und wenn man Dir ein friedliches, heiteres, liebevolles Leben bereitet. Du kannſt auch Kummer und Sorge zu er⸗ tragen haben. Niemand kann Dich davor ſchützen — die Liebe aber würde Alles aufwiegen und Du würdeſt dies fühlen— Du ſollteſt es fühlen— ich könnte es Dich fühlen machen. Ich muß erfahren, was Dir gefehlt hat und wer Dein Arzt geweſen iſt. Wahrſcheinlich Doctor Black. Du hatteſt ihn nicht gern, Du fürchteteſt Dich faſt vor ihm, das weiß ich. Und dennoch würde man Dich natürlich ſeinen Händen überantwortet haben ———— — — — Dich, mein zartes kleines Weſen, meine Taube, meine Blume! Dieſer Gedanke macht mich faſt wahnſinnig. zx⸗ Vergieb! Vergieb auch dieſes Wort„mein,“ obſchon Du in einem gewiſſen Sinne ſchon jetzt mein biſt. Niemand verſteht Dich ſo wie ich, NRie⸗ mand liebt Dich ſo wie ich. Auch geſchieht es nicht auf egoiſtiſche Weiſe, denn ich betheure hier feierlich: wenn ich jetzt fände, daß ich Dein Vater oder Dein Bruder wäre und obſchon dann durch das natürliche Band des Blutes jedes andere unmöglich gemacht werden würde, ſo würde ich mich doch darüber freuen und es wäre mir lieber als wenn ich mich von Dir trennen müßte, als wenn Du mir ent⸗ ſchlüpfteſt wie Dallas, und meine Augen durch Deinen Anblick nicht mehr beglückt würden. Du ſiehſt nun, was Du mir biſt, da die bloße Erſcheinung Deines kleinen Geſichts an einem Fenſter mich auf dieſe Weiſe rühren konnte. Nun muß ich an die Arbeit gehen. Morgen werde ich Alles er⸗ fahren haben, was Dir gefehlt hat und was ſonſt betrifft. — Ich wünſche, daß Du höreſt, wie die Entdeckung gemacht ward, denn ſei verſichert, ich habe ſtets auch die entfernteſte Möglichkeit vermieden, daß Freunde oder Fremde mein Geheimniß ausfindig machten oder klatſchſüchtige Nachbarn meinen Namen mit dem Deinigen in Verbindung brächten. Anſtatt daher zu Miſtreß Granton zu gehen, machte ich einen Beſuch bei der Witwe Cartwright, der ich Nachrichten in Bezug auf ihre Tochter zu bringen hatte. Damit nicht früher oder ſpäter eine böſe oder leichtfertige Zunge Dir die Sache in ent⸗ ſtellter Weiſe erzähle, will ich lieber hier gleich Alles mittheilen, was ich in der Angelegenheit mit Lydia Cartwright zu thun gehabt, in Bezug auf welche Deine Schweſter einſt meinte, ich hätte mich„unbefugter Weiſe eingemiſcht.“ Die Witwe Cartwright bat mich in ihrer Noth, zu verſuchen, ob ich Etwas von ihrer Tochter erfahren könne, welche aus dem Hauſe, für welches ſie auf Miß Johnſton's Empfehlung als Stubenmädchen gemiethet ward, verſchwunden iſt, ohne daß man, trotz verſchiedener von Mr. Charteris und Andern vor⸗ genommener Nachforſchungen, wieder Etwas von ihr gehört hat, was Deiner Schweſter ſtets ſehr Leid gethan. Für todt hielt man ſie nicht, denn ſie ſchickte ihrer Mutter einige Mal Geld und ward kürzlich in einer Privatloge im Theater von einem jungen Manne Namens Turton geſehen, der ſie erkannte, weil er in dem Hauſe, wo ſie ſtihe diente, oft zu Tiſche geweſen war. Dies war die die ich ihrer Mutter zu machen hatte. Ich würde dieſe Geſchichte nicht gegen Dich erwähnen, wenn Du nicht lange zuvor ehe Du dieſe Briefe lieſeſt, wenn Du ſie jemals lieſeſt, erfahren hätteſt, daß ſo traurige und furcht⸗ bare Thatſachen wirklich vorkommen und daß ſelbſt das reinſte Weib ſie nicht ignoriren darf. Wer weiß übrigens nicht, ob Du nicht bei den unendlichen Wechſelfällen des Lebens vielleicht Ge⸗ legenheit haſt, in andern Fällen das zu thun, was ich gern in dieſem gethan hätte und auch eines Tages Deine Schweſter zu thun bat— nämlich Alles zur Rettung dieſes Mädchens aufzubieten, welches nach Allem, was ich von ihr höre, unge⸗ wöhnlich ſchön, liebreich und naiv ſein muß. Nachdem ihre alte arme Mutter ſich ein wenig getröſtet, erfuhr ich Rachrichten von Dir. Drei Wochen Fieber oder etwas dem Aehnliches— Nie⸗ mand wußte recht, was. Deine Angehörigen hatten bis erſt kürzlich keine Ahnung daroß daß Dir Etwas fehle. Nein— ſie ahnten Richts. Sie würden Dich — 175— auf Deine ſchweigſame, geduldige Weiſe, krank oder geſund, froh oder betrübt, gehen laſſen, bis Du plötzlich niederſänkeſt, und dann würden ſie ſich er⸗ ſtaunt herumdrehen und ausrufen:„In der That, warum hat ſie nicht geſagt, daß ſie krank ſei! Wer konnte wiſſen, daß ihr Etwas fehle?“ Und ich— ich, der ich jede Veränderung in Deinem kleinen Geſichte, jede Laune Deines ſeltſamen veränderlichen Gemüths kenne— ich habe Dich allein gelaſſen und mich geſcheu't, Dir meine Hülfe zu bringen! Feigling, der ich war! Ich begab mich ſofort nach Rockmount, erfuhr aber von dem Gärtner, daß Dein Vater und Deine Schweſter ausgegangen wären und daß Miß Dora krank ſei und das Zimmer hüte. Deßhalb wartete ich und trieb mich über eine Stunde lang auf der Straße herum, bis mir endlich einfiel, in dem Cedern⸗ hauſe nähere Auskunft zu ſuchen. Miſtreß Granton freuete ſich ſehr, mich zu ſehen. Sie erzählte mir die ganze Geſchichte von der Ab⸗ reiſe ihres Sohnes— weiches Herz! Du haſt ſein Geheimniß bewahrt, und als ich ſie fragte, ob ſie Dich in der letzten Zeit geſehen, ergoß ſie ihre Be⸗ ſorgniſſe um Dich in einem förmlichen Strome. Es muß Etwas für Dich gethan werden, etwas Schnelles und Entſchloſſenes. Mögen Alle denken „ — 176— was ſie wollen— mögen ſie handeln wie ihnen gutdünkt, ich werde es auch ſo machen. Ich rieth Miſtreß Granton, Dich ſofort nach dem Cedernhauſe zu holen— durch Ueberredung, wenn ſie könne, oder, wenn dies nicht ginge, durch Zwang. Sie könne Dich ja, meinte ich, wie um einer Spazierfahrt willen hierher holen und dann nicht wieder fortlaſſen. Sie hat einen Willen, dieſe gute alte Dame wenn ſie es für angemeſſen erachtet ihn zu gebrauchen— und beſitzt beträchtlichen Ein⸗ fluß auf Deinen Vater. Sie ſagte, ſie glaube, ſie könne ihn überreden, Dich ihr zu überlaſſen, und ihr zu erlauben, Dich zu pflegen. „Und wenn die arme Kleine ſelbſt hartnäckig iſt— ſie iſt in der letzten Zeit auf ziemlich verän⸗ derlicher Laune geweſen— dann kann ich wohl ſagen, Sie hätten mir befohlen, ſie hierher zu ſchaffen — vor Ihrer Meinung hat ſie großen Reſpect. Darf ich ihr ſagen, daß ich auf Doctor fitieete Wunſch handle?“ Ich überlegte mir's einen Augenblick und ſagte dann, ſie könne es. 8 Wir beſprachen Alles, was für Deine ueher⸗ ſiedelung— ein ernſtes Unternehmen für einen Kranken— das Beſte zu ſein ſchien. Du eine Kranke, mein helläugiges, leichtfüßiges Moorlandmädchen! — 177— Ich glaube nicht, daß Miſtreß Granton auch nur einen Schatten von Argwohn hatte. Sie dankte mir fortwährend in ihrer warmherzigen Weiſe für meine„große Güte“. Auch bat ſi mich, dann ſo⸗ fort wiederzukommen— als ihr Freund, damit ich nicht etwa collegialiſche Etikettebedenken in Bezug auf Doctor Black trüge. Bedenklichkeiten! Ich gebe ſie allen Winden preis. Es komme was da wolle— ich muß Dich ſehen, ich muß mich überzeugen, daß keine Gefahr vorhanden iſt, daß Alles für Dich geſchieht, was Dir gegründete Ausſicht auf Geneſung eröffnet. Wäre dies nicht der Fall, ſollte ich mit dem klaren Blicke, der mir, wie ich weiß, zuweilen zu Gebote ſteht, ſehen, daß Du von mir hinwegſchwindeſt, dann werde ich Dich noch erhaſchen. Ich will Dich haben— wäre es auch nur auf einen Tag oder auf eine Stunde. Ich will Dich haben, ſage ich— an meinem Herzen wie in meinen Armen. Meine Liebe, mein Kleinod, mein Weib, welches Du hätteſt ſein ſollen— Du darfſt nicht anders ſterben als in meinen Armen. Aber ich will machen, daß Du lebeſt— daß Du mich liebeſt. Ich will Dich noch als mein Weib ſehen. Ich will— Gottes Wille geſchehe! Leben um Leben. MII.. 12 Achtes Bapitel. Iyre Geſchichte. Ich bin wieder daheim. Ich ſitze am Kamin⸗ feuer meines Schlafzimmers in einem neuen Lehn⸗ ſtuhle. O wie beſorgt iſt man jetzt um mich! Ich laſſe meine Augen über die weiten Flächen des Moor⸗ landes hinſchweifen. 5 Seitdem ich das letzte Mal hier ſchrieb, in dieſem Zimmer, ſind mir ſeltſame und unerwartete Dinge begegnet. Und dennoch ſcheinen ſie ſo natür⸗ lich zu ſein, daß ich faſt vergeſſe, daß ich jemals anders war als ich jetzt bin. Ich Theodora John⸗ ſton, dieſelbe und doch nicht dieſelbe. Ich, gerade ſo wie ich war, würdig erachtet zu werden, zu ſein, was ich bin und was, wie ich hoffe, ich eines Tages ſein werde— ſo Gott will. Mein Herz iſt voll— —— wie ſoll ich über dieſe Dinge ſchreiben, über welche niemals geſprochen werden könnte und an welche der Gedanke ſchon ein Gefühl in mir erzeugt, als ob ich nur mein Haupt vor Bewunderung und Er⸗ ſtaunen beugen könnte, vor Erſtaunen darüber, daß alles Dies ſo mir geſchehen konnte, dieſem un⸗ würdigen Ich! Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich dieſes Tage⸗ buch noch lange führen werde— ſo lange es aber noch nicht für immer geſchloſſen iſt, ſoll es ſeinen Fortgang haben wie gewöhnlich. Vielleicht iſt es angenehm, es durchzuleſen, in ſpäterer Zeit einmal, wenn ich alt bin— wenn wir alt find. Eines Morgens, ich weiß nicht, wie lange nach dem letzten Datum hier, überraſchte Miſtreß Granton mich und alle Anderen dadurch, daß ſie behauptete, die einzige Rettung für mich ſei Wechſel der Luft und ich müſſe ſie ſofort zurück nach dem Cedernhauſe begleiten, um mich dort pflegen zu laſſen. An dem Thore hielt bereits ein Krankenwagen mit Kiſſen, Decken und Pelzen. Papa wartete ſchon, um mir die Treppe hinabzuhelfen, und Penelope hatte meinen Koffer gepackt— kurz, ich ward förmlich überrumpelt und es blieb mir Nichts weiter übri als mich zu fügen. Alle ſagten, es ſei dies der ſicherſte Weg zur 126 — 280— Geneſung und müſſe verſucht werden. Nun wünſchte ich allerdings, geſund zu werden, und zwar recht bald; es war nothwendig, und zwar aus mehreren Gründen. Der erſte war Penelope's Vermählung nebſt der ſich daraus für mich ergebenden Verantwortlich⸗ keit, die einzige Tochter zu ſein, die dann noch übrig iſt, um hauszuhalten und Papa zu pflegen. Zweitens ſchrieb Liſa, daß ſie noch vor dem Herbſte meiner wehen einer neuen Pflicht und eines neuen Bandes bedürfen würde, an welches wir Alle, obſchon wir nicht davon ſprachen, mit liebendem Herzen dachten, ſelbſt Papa, der, wie Penelope mir erzählte, in zerſtreuter Weiſe ein altes Schaukelpferd abgeſtäubt hatte und beim Spazierengehen ſtehen ge⸗ blieben war, um Thomas, dem alten Gärtner, zuzu⸗ ſehen, der eben ſeinen Enkel auf dem Knie reiten ließ. Der arme gute Papn! Ich hatte aber auch noch einen dritten Grund. Zuweilen fürchtete ich, in Folge von gewiſſen Worten, welche Penelope fallen ließ, daß ſie und mein Vater geheime Berathungen in Bezug auf mich und meine ſchwache Geſundheit gepflogen und daß ſie ſich Dinge einbildeten, die nicht in Wahrheit beruheten. Nein, ich ſage nochmals, ſie beruheten nicht in — 181— Wahrheit. Ich war fieberkrank, weiter Richts— und erholte mich mit der Zeit gewiß wieder. Wenn ich nicht ganz glücklich war, ſo überwand ich dies ſicherlich mit der Zeit ebenfalls. Das Herz wäre mir nicht gebrochen. Es darf dies überhaupt bei Niemandem der Fall ſein, der noch ein zweites gutes Herz kennt, an welches er glauben kann, und der weder Unrecht gethan noch erfahren hat. Es ſchien mir deßhalb nothwendig zu ſein oder wenigſtens, wenn ich mir während der langen ſchlafloſen Nächte Alles überlegte, glaube ich es, daß ich mich nicht blos um meiner ſelbſt willen aufrütteln und bemühen müßte, ſo ſchnell als möglich wieder geſund zu werden. Ich erhob deßhalb keine Einwendung gegen Etwas, was mir in gewiſſen Beziehungen etwas außerordentlich Peinliches war— einen Beſuch im Cedernhauſe. Doch peinlich oder nicht peinlich, es mußte ge⸗ ſchehen und es geſchah. Ich lag in einem Traume der Erſchöpfung, der faſt ein Gefühl wie Frieden erzeugte, in dem kleinen Wohnzimmer mit der alten vertrauten Ausſicht auf den Raſenplatz, die Sonnen⸗ uhr, die Grenze von immergrünen Gebüſchen und weiterhin das lange enge Thal von mit Tannen bewachſenen Bergen, die ſcharf gegen den weſtlichen bimmel abſtachen. —— MWiſtreß Granton lief geſchäftig herein und hinaus, und that für mich Alles ſo zärtlich, als ob ſie meine Mutter geweſen wäre. Wenn wir krank und ſchwach ſind, Troſt und Pflege zu finden; wenn unſer Herz verwundet iſt, von Liebe umringt zu ſein; wenn mit fünfund⸗ zwanzig Jahren die Welt öd' und wüſt' ausſieht, wahrzunehmen, daß ſie mit ſechzig ſchön und ſonnen⸗ hell ſein kann— dies iſt ſehr wohlthuend. Wenn ich ſagte, daß ich Miſtreß Granton liebte, ſo drückte das nur unvollkommen aus, was ich ihr verdankte und ihr jetzt verdanke— mehr als ſie wahrſcheinlich je erfahren wird. Ich war ſeit einem Tage und einer Nacht im Cedernhauſe, ohne Jemanden anders zu ſehen als die gute alte Frau, welche mich faſt nicht aus den Augen ließ und mir fortwährend Arzeneien aus ihrer„Küchenapotheke“ reichte und mir verſprach, wenn es immer ſo fort beſſer mit mir ginge, ſo ſolle das verhaßte Geſicht des Doctor Black niemals über die Schwelle des Cedernhauſes kommen. „Dennoch aber,“ ſetzte ſie hinzu,„wäre es mir ſehr angenehm, wenn Sie ſich dazu verſtünden, einen mir befreundeten Arzt zu empfangen, liebes Kind.“ Krankheit ſchärft unſere Sinne und es ſcheint dann Nichts plötzlich oder unnatürlich zu ſein. Ich wußte ſo deutlich, als ob ſie es mir geſagt hätte, wer es war, den ich ihrem Wunſche gemäß empfan⸗ gen ſollte, wer ſchon jetzt in dieſem Augenblicke draußen vor der Thür ſtand. Doctor Urquhart trat ein und ſetzte ſich neben mein Sopha. Ich weiß nicht mehr was von irgend einem von uns geſagt oder gethan ward— ich weiß blos, daß ich fühlte, wie er hier ſaß, und hörte, wie er mit Miſtreß Granton über die angenehme Ausſicht aus dieſem niedrigen Fenſter ſprach, ſo wie über den ſonnenhellen Morgen und die Amſel, welche gravitätiſch unter der Sonnenuhr hin und her hüpfte. Ich will es nicht leugnen— warum ſollte ich auch?— ſchon der Ton ſeiner Stimme, ſchon das Lächeln ſeiner Augen erfüllte meine ganze Seele mit Frieden. Ich wußte nicht, wie er hierher gekommen war, noch warum: Ich verlangte auch nicht, es zu wiſſen. Ich wußte blos, daß er da war, und in ſeiner Rähe war ich wie ein Kind, welches verlaſſen geweſen und nun Schutz gefunden, welches gehungert hat und nun geſättigt iſt. Als Miſtreß Granton zufällig aus dem Zim⸗ mer gerufen ward, drehete er ſich plötzlich herum und fragte mich, wie lange ich ſchon krank ſei. —— Ich antwortete kurz und ſagte dann zur Ant⸗ wort auf weitere Fragen, ich glaubte, es ſei das kalte Fieber, welches ich mir in den Häuſern auf dem Moorlande zugezogen, aber es ginge nun ſchon um Vieles wieder beſſer, ja ich ſei faſt ganz wieder⸗ hergeſtellt. „Wirklich? Geben Sie mir einmal Ihre Hand.“ Er fühlte mir an den Puls und zählte die Schläge deſſelben nach der Uhr. Sie waren nicht wie die eines Reconvalescenten ſein ſollen— das wußte ich wohl. „Ich ſehe Miſtreß Granton in Garten,“ ſetzte er hinzu;„ich muß ein paar Worte über Sie mit ihr ſprechen.“ Er verließ ſofort das Zimmer und bald darauf ſah ich die beiden mit einander die Teraſſe auf und abgehen. Doctor Urquhart kam blos zu mir wie⸗ der herein, um mir Lebewohl zu ſagen. Von nun an ſahen wir ihn eine Woche alle Tage. Er pflegte zu ungewiſſen Stunden zu er⸗ ſcheinen, zuweilen des Vormittags, zuweilen des Abends, aber treulich kam er, wenn auch noch ſo ſpät. Ich hatte nicht gewußt, daß er im Cedernhauſe ſo gut bekannt war, und eines Tages, als Miſtreß Granton von ihm ſprach, äußerte ich einige Worte darüber. Sie lächelte. „Ja; allerdings, daß er alle Tage kommt, iſt etwas Neues, obſchon ich mich ſtets freuete ihn zu ſehen.— Er war ſo freundlich gegen meinen Colin. In der That aber, liebes Kind, wenn einmal das Geheimniß heraus ſoll, jetzt gelten ſeine Beſuche Ihnen.“ „Mir!“ Ich freute mich über das düſtere Licht, in welchem wir ſaßen, und ſchämte mich ganz entſetzlich vor mir ſelbſt, als die alte Dame in ihrer proſaiſch⸗ ernſten Weiſe fortfuhr: „Ja wohl, Ihnen, und zwar auf meinen aus⸗ drücklichen Wunſch— obſchon er gern bereit war, Ihnen ſeinen ärztlichen Beiſtand zu widmen, denn er intereſſirt ſich ſehr für Sie. Er fürchtete, daß man Sie dem Doctor Black überliefern möchte, den er, glaube ich, in ſeinem Herzen für einen alten Charlatan anſieht. Deßhalb entwarf er den Plan, Sie hierher bringen zu laſſen, damit Sie hier ge⸗ hätſchelt und gepflegt würden. Ich bin überzeugt, daß er auf alle nur mögliche Weiſe, auf die es ge⸗ ſchehen konnte, ohne daß Sie Etwas davon erfuhren, für Sie beſorgt geweſen iſt. Sie nehmen es doch nicht übel, liebes Kind?“ „Nein.“ „Ich weiß gar nicht, wie wir es wegen des Honorars machen ſollen, dennoch aber wäre es ſehr unrecht geweſen, wenn wir ſeine Güte, die er auf ſo zartfühlende Weiſe angeboten, hätten zurückweiſen wollen. Er hat das ſanfteſte Benehmen und das weichſte Herz, welches ich je bei einem Manne kennen gelernt. Meinen Sie nicht auch?“ Nichts deſto weniger aber machte meine Ge⸗ neſung nach der erſten Woche nicht ſo ſchnelle Fort⸗ ſchritte wie die Beiden erwarteten. Papa und Pene⸗ lope beſuchten mich und ſchienen mit Doctor Ur⸗ quhart's Freundlichkeit eben ſo zufrieden zu ſein. Vielleicht gerade dieſe„Freundlichkeit,“ wofür ich, wie die Andern, die Sache jetzt anſah, äußerte einen gewiſſen beunruhigenden Einfluß auf mich. Es war aber auch möglich, daß die Krankheit— das kalte Fieber— ſich bei mir feſter bbt it als bei andern Patienten. Einige Tage lang war mir zu Muthe, wäre die Geſundheit noch weit entfernt— ja,— würde ich ſie in dieſem ganzen ſterblichen Leben nicht wieder ſehen, und dieſe Möglichkeit erſchien mir zu⸗ weilen leicht, zuweilen hart zu ertragen zu ſein. Meine Laune und Stimmung unterlag vielen Veränderungen, gegen die es ſehr ſchwer war anzu⸗ —— kämpfen und weßwegen ich jetzt die Verzeihung meiner theuern, gütigen Freunde anflehe, welche ſo geduldig gegen mich waren— ſo wie des Höchſten, des Barmherzigſten von allen. Doctor Urquhart kam täglich, wie ich ſchon geſagt habe. Wir hatten oft ſehr lange Unterre⸗ dungen mit einander, zuweilen mit Miſtreß Gran⸗ ton, zuweilen allein. Er erzählte mir alle ſeine Pläne und Alles, was er that, und führte mich all⸗ mählig aus der engen Krankenſtubenwelt, welcher ich anheimgefallen, wieder der Strömung ſeines äußeren Lebens zu— ſeines eigenen thätigen Lebens mit ſeinen umfaſſenden Pflichten und Sorgen. Das Intereſſe daran rüttelte mich auf, und die Macht und Schönheit deſſelben kräftigte mich. Alle Träume meiner Jugend,— darunter auch der, welchen ich an jenem Abende am Teiche des Moor⸗ lands geträumt— kehrten wieder zurück. Ich ſehnte mich zuweilen nach dem Leben, um ſo zu leben wie er— auf irgend eine Weiſe irgendwo und mit jedem Opfer, dafern es nur ein Leben war, dem ſeinigen in gewiſſer Hinſicht und deſſel⸗ ben nicht unwürdig. Ein ſolches Leben— ebenſo einſam, ebenſo peinlich, mehr der Pflicht als der Freude gewidmet, war— der Himmel weiß es— Alles, was ich — 188— damals für möglich hielt. Und ich glaube auch jetzt noch, daß ich damit und mit meinem unverbrüch⸗ lichen Vertrauen auf ihn ſo wie dem, wovon ich jetzt überzeugt war— ſeiner alleinigen, ausdrück⸗ lichen, unverbrüchlichen Zuneigung zu mir— mein ganzes Leben lang hätte zufrieden ſein können. Mein Geiſt war muthig genug, mein Herz aber war zuweilen ſchwach. Wenn man ſich daran gewöhnt hat, ſeine Zuflucht und ſeinen Troſt bei Jemandem zu finden, wenn das Band immer ver⸗ trauter, immer nothwendiger und immer mehr zum täglichen Bedürfniß wird, wenn das Haus gleichſam leer iſt, bis die Klingel ertönt oder der wohlbekannte Tritt in der Hausflur ſich vernehmen läßt— und dann zu wiſſen, daß dies nicht ſo fortgehen kann, daß es zu einem Ende kommen und daß man zu dem alten, alten Loben zurückkehren muß— wo man ſich in ſich ſelbſt einſchließt, ohne einen Arm, auf den man ſich ſtützen könnte, ohne ein erheitern⸗ des Lächeln, ohne eine Stimme, welche ſagte:„Du haſt Recht, thue es,“ oder„Ich glaube, da haſt Du Unrecht,“— ja dann beginnt man von banger Furcht gequält zu werden.. Wenn ich daran dachte, daß er nach Liverpool wollte, entſank mir der Muth. Ich drückte des Nachts mein Geſicht in das Kopfkiſſen und ſagte bei —— mir ſelbſt:„Theodora, Du biſt feig. Wird nicht der gute Gott Dich durch Dich ſelbſt ſtark genug machen für jedes Leiden, welches er von Dir verlangt? Stelle Alles ihm anheim.“ Und dies bemühete ich mich auch, zu thun, und zu glauben, daß er mir nicht mehr auflegen würde als ich tragen könnte oder für uns Alle zu gewiſſen *. Zeiten gut iſt. Es war nicht meine vuſitt. dies niederzuſchrei⸗ ben. Ich wollte blos meine äußere Geſchichte er⸗ zählen; da es aber einmal daſteht, ſo mag es auch ſtehen bleiben. Ich ſchäme mich deſſen nicht. So gingen die Dinge ihren Gang, aber ich ward nicht kräftiger. Eines Sonnabends Nachmittags machte Miſtreß Granton eine weite Spazierfahrt, um eine Familie zu beſuchen, für welche Doctor Urquhart ihr Intereſſe rege gemacht, wenn es überhaupt mehr als der Erwähnung bedurfte, daß Jemand in Noth ſei, um die gute Frau ſofort zu veranlaſſen, eine ganze Fluth von Menſchenfreundlichkeit auszuſtrömen. Der Name der Familie war Ansdell. Sie war fremd und gehörte mit zu dem Lager. Eine Tochter litt an der Bruſt und ging mit ſchnellen Schritten dem Tode entgegen. Es war einer meiner ſchwarzen Tage und ich lag da und überdachte, wie viel nutzloſes Gefühl an junge Perſonen, welche ſterben, verſchwendet wird, wie viel eitles Bedauern, daß ſie ſo früh⸗ zeitig von den Genüſſen, welche ſie theilen, und dem Guten, welches ſie thun, hinweggeriſſen werden, während ſie doch oft Richts thun und wenig Freude zu verlieren haben. Man nehme zum Beiſpiel Miſtreß Granton und mich. Wenn der Tod zwiſchen uns ſchwankte, ſo weiß ich, welche er am beſten thäte zu wählen— die, welche die geringſte Freude am Leben gehabt und die am beguemſten zu entbehren iſt— die ent⸗ weder in Folge eines Fehlgriffs, oder des Schickſals, oder auch gewiſſer angeborener Mängel wegen, die faſt dieſelbe Wirkung äußern wie das Schickſal, fünfundzwanzig Jahre gelebt hatte, ohne irgend Jemandem vom geringſten Nutzen zu ſein, und wel⸗ cher anſcheinend nichts Beſſeres geſchehen könnte als wenn der große Schnitter ſie in ſeine Arme faßte, um ſie in einer neuen Welt von Reuem zu ſäen und nochmals beginnen zu laſſen. Dies Alles will ich bekennen, denn es erklärt die Stimmung, welche ich ſpäter vertieth, und be⸗ wog mich, einzuſehen, daß ich nicht die einzige Perſon war, in deren Gemüthe ſo gottloſe Gedanken — 191— erwachten, die durch Vernunft und Gebet bekämpft und beſiegt werden müſſen. Ich befand mich in dem großen Beſuchzimmer, und man glaubte, ich läge friedlich auf dem Sopha — in der That aber hatte ich mich innerhalb des engen Kreiſes, den der Schein des Kaminfeuers bildete, zuſammen geduckt. Außerhalb dieſes Kreiſes war es ſehr dunkel— ſo dunkel, daß die Schatten mich geſchreckt haben würden, wenn nicht zu viele Geſpenſter in der unmittelbarſten Nähe geweſen wären— ſchlimme oder böſe Geiſter, ſo wie ſie in unſern ſchwarzen Tagen uns Alle umringen. Den⸗ noch war das Schweigen ſo unheimlich, daß ich, als die Thür ſich öffnete, einen leichten Schrei ausſtieß. „Fürchten Sie ſich nicht— es iſt Niemand weiter als ich.“ Man drückte mir die Hand und ich entſchul⸗ digte mich wegen meines Schreckens. Doctor Ur⸗ quhart ſagte, er ſei es, der ſich zu entſchuldigen habe, er hätte aber angepocht und ich nicht geantwortet, und er ſei dann eingetreten, weil er ängſtlich ge⸗ worden. Hierauf ſprach er von andern Dingen und ich faßte mich bald wieder und ſaß da und hörte ihm zu, mit geſchloſſenen Augen, bis ich plötzlich be⸗ merkte, daß er mich forſchend anſah. „Heute iſt es nicht gut mit Ihnen gegangen.“ „Es war mein ſchlimmer Tag.“ „Ich wünſchte, ich ſähe Sie bald und wirklich beſſer.“ „Ich danke.“ Meine Augen ſchloſſen ſich wieder— ich ſah Alles nur undeutlich und wie in weiter Entfernung, gerade als ob mein Leben hinwegſchwämme und mir Nichts daran läge, es feſtzuhalten— als ob es bequemer wäre, es fahren zu laſſen. „Mein Patient macht mir keine große Ehre. Wann beabſichtigen Sie, mir den Gefallen zu thun, wieder geſund zu werden, Miß Theodora?“ „Das weiß ich nicht; es kommt auch nicht viel darauf an.“ Es war mir ermüdend, ihm auch nur zu ant⸗ worten. Er ſtand auf, ging mehrmals im Zimmer auf und ab und kehrte dann auf ſeinen Platz zurück. „Miß Theodora, ich wünſche einige ernſte Worte mit Ihnen zu ſprechen— über Ihre Geſundheit. Ich möchte Sie gern beſſer ſehen— viel beſſer als jetzt— ehe ich fortgehe.“ „Das kann ja möglich ſein.“ „Auf jeden Fall müſſen Sie noch, und zwar ſehr ſorgfältig und mehrere Monate lang, gepflegt — 193— werden. Ihre Geſundheit iſt ſehr ſchwächlich. Wiſſen Sie das?“ „Ja, ich glaube.“ „Sie müſſen mir Gehör ſchenken—“ Der Ton, in welchem er dies ſagte, rüttelte mich auf. „Ja, Sie müſſen dem, was ich ſage Gehör ſchenken. Es kann Nichts nützen, es Jemand anders zu ſagen, aber Ihnen ſage ich, wenn Sie ſich nicht pflegen und in Acht nehmen, ſo werden Sie ſterben.“ Ich blickte auf. Niemand als er würde ſo Etwas zu mir geſagt haben— wenn er es ſagte, ſo mußte es wahr ſein. „Wiſſen Sie aber auch, daß es ſehr unrecht von Ihnen iſt, zu ſterben— gleichgültig aus Gottes Welt hinauszuſchlüpfen, in welche er Sie geſetzt, um ein gutes Werk zu verrichten?“ „Ich habe kein Werk zu verrichten.“ „Das kann Niemand von uns ſagen. Auch Sie ſollen es nicht Ich gebe es nicht zu“ Seine Worte machten mich bettoffen; es lag Wahrheit darin— die Wahrheit, der Glaube meinet erſten Jugend, obſchon Beides in ſpätern Jahren in den Hintergrund getreten war, bis ich ihn kennen lernte. Leben um Leben. IMI. 8 13 — Und deßhalb klammerte ich mich an dieſen Freund an, weil ich inmitten der Verſtellung und Falſchheit, die mich umgab und ſogar in mir ſelbſt lebte, in ihm ſtets die muthig geſtandene und furcht⸗ los ausgeſprochene Wahrheit fand. Warum ſollte er mir nicht auch jetzt beiſtehen? Schüchtern fragte ich ihn, ob er mir zürne? „Nicht Zorn empfinde ich über Sie, wohl aber Kummer. Sie ahnen nicht, wie tief.“ Weil ich dem Tode entgegen ging, o weil ich gottloſer Weiſe zu ſterben wünſchte! Ich wußte es nicht; daß er aber gewaltig ergriffen war, gewaltiger als er mich ſehen laſſen wollte, das ſah, ich, und es nahm mir den Stein vom Herzen. „Ich weiß, daß ich ſehr gottlos geweſen bin. Wenn Jemand mich tüchtig ausſchelten wollte— wenn ich nur Jemandem ſagen könnte—“ „Nun, warum können Sie es nicht mir ſagen?“ Und ich erzählte ihm nun, ſo genau ich konnte, alle die ſchwarzen Gedanken, welche mich an dieſem Tage beunruhigt; ich legte alle meine Laſt auf ihn; ich geſtand ihm alle meine Sünden, und als ich nicht ohne Aufregung geendet hatte— denn ich hatte niemals zuvor mit irgend einem Weſen ſo offen über mich ſelbſt geſprochen,— redete Doctor Ur⸗ quhart mit mir lange und ſanft über die Dinge, — 195— worin ich nach ſeiner Anſicht unrecht an mir ſelbſt und meiner Familie gehandelt, ſo wie von andern Dingen, wo er glaubte, daß ich blos thörigt ge⸗ weſen ſei oder mich„geirrt“ hätte. Dann ſprach er von den mannichfachen Pflichten, die ich im Leben hätte, von dem Ruhme und der Schönheit des Lebens, von dem Frieden, der ſelbſt in dieſer Welt durch ein Leben zu erlangen iſt, das, ſei es auch noch ſo traurig und ſchwierig, doch mit den ihm gewährten Mitteln das Beſte gethan hat, was es konnte— welches, ſo weit ihm zu ſehen vergönnt nat den ihm vorgezeichneten Weg einge⸗ halten und die Belohnung und Verſchönung deſſelben einzig und allein den Händen deſſen überlaſſen hat, der es gegeben und der niemals Etwas vergebens giebt. Dies war die„Predigt“ wie er es ſpäter lächelnd nannte, obſchon Alles ſehr einfach und ſo freundlich und zärtlich geſagt ward, als ob er mit einem Kinde ſpräche. Als er fertig war, ſchauete ich ihn, während das Feuer plötzlich aufloderte, an, und es war mir — obſchon er ein ſterblicher Menſch iſt, ohne Zweifel mit Fehlern genug— einige davon kannte ich auch ſchon, obſchon es nicht nöthig iſt, ſie hier zu nennen — als ſähe ich ſein Antlitz„gleich dem Antlitze 13 — 196— eines Engels.“ Und ich dankte Gott, der ihn mir geſendet— der uns einander geſendet. Denn was antwortete Doetor Urguhart, als ich ihn fragte, woher er alle dieſe ſchönen Dinge gelernt? Er antwortete lächelnd: „Einige davon habe ich von Ihnen gelernt.“ „Von mir?“ ſagte ich erſtaunt. „Ja, vielleicht ſage ich Ihnen einmal, wie dies geſchehen iſt— jetzt aber nicht.“ Er ſprach haſtig und fing gleich darauf von andern Dingen an und theilte mir— wie er jetzt gewöhnlich zu thun pflegte— genau mit, wie es mit ſeinen Angelegenheiten ſtand. Jetzt waren ſie beinahe geordnet und es ward nothwendig, daß er das Lager verließe und an einem gewiſſen Tage ſeine neuen Pflichten anträte. Nach einigem Hin⸗ und Blerebeh oder es geſchah vielmehr von uns beiden, denn er forderte mich auf, zu entſcheiden— dieſen Tag feſt — ganz kurz, als ob es ein Tag geweſen wäre wie jeder andere im Jahre— und ganz ruhig, als ob dadurch nicht für die Gegenwart gänzlich und für die Zukunft in unbeſtimmter Weiſe dieſer— wie ſoll ich es nennen— Verkehr zwiſchen ihm und mir enden müßte, der wenigſtens für eins von — 197— uns beiden ſo natürlich und nothwendig geworden war wie das tägliche Brot. Wenn ich jetzt an die zwei oder drei Minuten Schweigen denke, welche folgten, könnte ich ſehr un⸗ willig auf mich werden— weit mehr als damals, denn damals fühlte ich es kaum. Doctor Urquhart erhob ſich und ſagte, er müſſe gehen— er könne nicht länger auf Miſtreß Su warten. „Alſo Donnerſtag über acht Tage iſt der Tag,“ ſetzte er hinzu,„dann werde ich Sie viele Monate nicht wieder ſehen.“ „Wahrſcheinlich nicht.“ „Schreiben kann ich Ihnen nicht. Ich wollte, ich könnte es, aber eine ſolche Correſpondenz wäre nicht möglich, wäre nicht recht.“ Ich glaube, ich antwortete mechaniſch„Nein.“ Ich ſtand am Kaminſims und ſtützte mich mit der einen Hand, während die andere herabhing. Doctor Urquhart berührte ſie eine Secunde lang. „Das iſt die magerſte Hand, die ich je geſehen! — Sie werden doch,“ ſagte er hierauf,„im Fall dies die letzte Gelegenheit wäre, bei welcher wir zu⸗ ſammen ſprechen, Nichts von dem vergeſſen, was wir geſprochen haben? Sie werden Alles thun, was Sie können, um wieder vollkommen geſund zu — werden und dann glücklich und nützlich zu ſein? Sie werden niemals verzagend von Ihrem Leben denken— es giebt manches Leben, welches ſchwerer iſt als das Ihrige; Sie werden Geduld und Glauben und Hoffnung haben, wie ein Mädchen haben muß, welches ſo Vielen theuer iſt— Wollen Sie das verſprechen?. „Ja, ich verſpreche es.“ „Nun, ſo leben Sie wohl.“ „Leben Sie wohl.“ Ob er meine Hände nahm, oder ob ich ſie ihm gab, weiß ich nicht; aber ich fühlte, wie er ſie feſt an ſeine Bruſt drückte und wie er mich anſah, als ob er ſich nicht von mir trennen könnte, oder als ob er, ehe wir ſchieden, gezwungen wäre, mir Etwas zu ſagen. Als ich aber zu ihm aufblickte, ſchienen wir mit einem Male Alles zu verſtehen, ohne Etwas zu ſagen zu brauchen. Er ſagte blos vier Worte: „Iſt dies mein Weib?“ Und ich ſagte: Ja. Dann küßte er mich. Früher pflegte ich oft von Liebe und Liebenden zu leſen und zu hören, was ſie ſagten und wie ſie ausſähen und wie glücklich ſie in einander wären. 3 — —— Jetzt dagegen iſt es mir, als ob dieſe Dinge niemals von einer ſterblichen Feder oder Zunge geleſen oder geſagt werden dürften. Als Max fort ging, blieb ich da, wo ich war, faſt ohne mich zu rühren, eine ganze Stunde ſitzen, bis Miſtreß Granton herein kam und mir die Ge⸗ ſchichte ihrer Ausfahrt erzählte, ſo wie die ganze Krankheit der armen Luch Ansdell, welche dieſen Nachmittag geſtorben war. Das arme Mädchen— das arme Mädchen! Ende des dritten Bandes. Druck von C. Roeßler in Grimma. u ſſ ſñ 6 7 8 9 11 14 E 1