Leihbibliothek S deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß und eſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vvn jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6 6. Schadenersatz. 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Was für Dinge pflegteſt Du mir einſt zu erzählen und welche vertraute Mittheilungen machte ich Dir— an dieſem ſelben Fenſter mit dem Ellnbogen auf dieſen ſelben Platz geſtützt! Es war dies zu der Zeit, wo ich ein Kind war und Colin liebte, den„guten Colin“. Wie lächerlich erſcheint dies jetzt und welch' ein Gelächter würde ſich gegen mich erheben, wenn es Jemand gewußt hätte! Und dennoch, was für eine unſchuldige, einfache, innige Kinderliebe war es! Ich glaube kaum, daß irgend eine ſpätere Liebe, geſetzt, daß ich jemals eine ſolche fühlen ſollte, nach ihrer Art zärtlicher oder aufrich⸗ tiger ſein wird. Mond, haſt Du mich vergeſſen? Werde ich eine Perſon in mittlern Lebensjahren und wächſ't eine neue und jüngere Generation heran, welche Dir die vertraulichen Mittheilungen macht, die ich Dir ſonſt zu machen pflegte? Oder bin ich es, die Dich zuerſt verlaſſen hat? Höchſt wahrſcheinlich. Du haſt mir in meinem frühern Leben viel Schlimmes, obſchon auch viel Gutes zugefügt. Dieſe Nacht aber ſcheinſt Du freundlich und mild zu ſein. Ich will Dir ver⸗ geben, mein armer alter Mond. „Es iſt ein angenehmer Tag geweſen. Der Kopf ſchmerzt mich ein wenig von der ungewöhn⸗ lichen Aufregung— des Angenehmen? Sind angenehme Stunden denn ſo ſelten? Rein, ich bin müde von der Anſtrengung, mich an⸗ genehm machen zu müſſen, denn Penelope hat mit der Hauswirthſchaft zu thun, ſo wie auch vielleicht mit einigen kummervollen Gedanken in Bezug auf die Hochzeit, und ſie giebt ſich daher keine ſonder⸗ liche Mühe, unſern Beſuch zu unterhalten. Und Liſabel„liebt“, wie Du weißt, lieber Mond. Und dennoch würdeſt Du es nicht glauben, ausgenommen Du ſchlöſſeſt es aus dem Umſtande, ——„—— daß ſie ſich erlaubt, ſehr träg zu ſein, wenn Auguſtus hier iſt, und bis über die Ohren in Thätigkeit, wenn er nicht da iſt. Ich hätte nie geglaubt, daß eine Hochzeit ein „ſolches Stück Arbeit“ ſei, wie die alten Weiber ſagen, eine ſolche Zeit unaufhörlicher Geſchäftigkeit, Plage und Verwirrung. Ich betrachtete die Sache zeither blos vom Standpunkte der Liebe, wie Liſabel ver⸗ ſichert, und ſie lacht über mich, wenn ich mich wundere, daß ſie ſich vom Morgen bis zum Abend mit Berathungen über ihre Ausſtattung abmüht, und wie wir die achtundvierzig ſpeciellen Freunde unterbringen ſollen, welche zum Frühſtück eingeladen werden müſſen. Glücklicher Weiſe ſind es blos Freunde der Braut. Sir William und Lady Auguſta Treherne können nicht kommen, und Auguſtus liegt durchaus Nichts daran, irgend Jemanden von ſeiner Seite einzuladen. Er ſagt, er wolle ſeine Liſa. „Seine Liſa“ aber bedarf unglücklicher Weiſe noch einige Kleinigkeiten mehr, um ſich als Braut glücklich zu fühlen— einen Kranz, einen Schleier, ein Frühſtück und ſechs Brautjungfern in indiſchem Mouſſelin. Es iſt das eine etwas kühle Tracht im Herbſt, aber ſie ſagt, ſie könne unter keiner Bedin⸗ gung darauf verzichten, denn ein Hochzeitstag komme 10 nur einmal und ſie habe dem ihrigen entgegengeſehen, ſeit ſie geboren worden. Ein Hochzeitstag! Wahrſcheinlich giebt es unter uns nur Wenige, die nicht ein wenig darauf als auf den Tag ſpeculirt haben, welcher von allen andern in dem Leben eines Weibes der entſchei⸗ dendſte iſt. Ich ſchäme mich nicht, zu geſtehen, daß ich dann und wann auch an den meinigen gedacht habe. Es iſt ein thörigter Traum, der mit den erſten Jugendjahren kommt und geht, ein eingebildetes Paradies von gänzlich unmöglicher Freude, die mit einem Muſterbilde von eben ſo unmöglicher Vollkom⸗ menheit getheilt wird. Ich könnte jetzt darüber lachen, wenn das Gelächter nicht bitterer wäre als Thränen. Nachdem ich dies geſchrieben, löſ'te ich mein Haar auf und band es unter dem Kinn zuſammen, um mich nicht zu erkälten— o, mit fünfundzwanzig Jahren iſt man vorſichtig— ſtützte mich auf die Fenſterbrüſtung in der alten Attitüde, wie da ich fünfzehn Jahre war, und ſah lange hinauf nach dem Monde und über den Tannenwald hinweg. O, neugieriger Mond, ein wie angenehmer Tag iſt dies geweſen! Es war einer unſerer ruhigen Rockmount⸗ 65 Sonntage, von welchen Doctor Urquhart ſagt, daß er ſo großen Genuß daran finde. Es iſt der vor⸗ letzte Sonntag der armen Liſabel. Morgen über acht Tage wird ſie vermählt. Wir hatten unſern unvermeidlichen Bräutigam zu Tiſche und auch Doctor Urquhart. Papa befahl mir, ihn einzuladen, als wir aus der Kirche kamen. Trotz der Entfernung beſucht er jetzt oft unſere Kirche, worüber Papa ſich zu freuen ſcheint. Ich entledigte mich meiner Botſchaft, die nicht mit ſo großer Wärme aufgenommen ward als ich glaubte, daß es der Fall hätte ſein ſollen, wenn man erwog, daß ſie von einem bejahrten Manne ausging, der einem Manne, der jünger iſt als er, nicht oft das Kompliment macht, an ſeiner Geſell⸗ ſchaft Vergnügen zu finden. Ich wollte wieder gehen und ſagte, wahrſchein⸗ lich habe Doctor Urquhart ſchon eine andere und ihm liebere Einladung erhalten, als er raſch erwiderte „Nein, durchaus nicht. Dies wäre auch geradezu unmöglich.“ „Dann werden Sie alſo kommen? Aber thun Sie ſich durchaus keinen Zwang an, wenn Sie nicht gern kommen.“ Ich ärgerte mich nämlich über ein gewiſſes Zögern und eine Unruhe in ſeinem Benehmen, die — mich zu dieſem Schluſſe bewog, denn ich hatte mich gefreut, ihm die Einladung zu bringen, und mir die Mühe genommen, ihm über den halben Kirchhof nachzulaufen, um meinen Auftrag auszurichten, was ich für eine Perſon, die Jedermann gern hätte, ſicherlich nicht gethan haben würde. NB. Es iſt dies vielleicht einer der unwillkür⸗ lichen Gründe, aus welchen ich Doctor Urguhart gern habe, nämlich weil Papa und ich die einzigen beiden Perſonen unſerer Familie ſind, welche in dieſer Meinung übereinſtimmen. Liſabel macht Witze über ihn und Penelope iſt faſt unhöflich gegen ihn; dies aber hat ſeinen Grund darin, daß Francis, der vorige Woche auf einen Tag zu uns kam, einen heftigen Widerwillen gegen ihn faßte. Ich hörte, wie meine Schweſtern kaum einen Steinwurf weit von der Stelle, wo wir ſtanden, laut lachten. „Ich bitte, thun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Doctor Urquhart— kommen Sie, oder kommen Sie nicht; ich kann aber nicht warten.“ Er ſah mich mit ergötzter Miene an⸗ Ja, ich habe ganz gewiß die Ehre, ihn zu ergötzen, wie ein Kind oder eine junge Katze ihn ergötzen würde— dann ſagte er, er würde ſich glücklich ſchätzen, der Einladung zu folgen. Ich ſchämte mich im Stillen, daß ich kurzange⸗ bunden gegen einen ſo viel älteren und klügeren Mann als ich geweſen war, der wegen der Eigen⸗ thümlichkeiten, die er vielleicht hat, Entſchuldigung verdient, aber dennoch war ich ärgerlich über ihn. Es iſt dies ſehr oft der Fall. Ich begreife nicht recht, weßhalb— es iſt mir ein ganz neues Gefühl, über Jemanden ſo ärgerlich zu ſein. Ent⸗ weder liegt der Grund in ſeinem Benehmen, welches ſehr veränderlich iſt, zuweilen heiter und freundlich und dann wieder unruhig und kalt, oder in einem unbehaglichen Bewußtſein, beobachtet zu werden, welches Bewußtſein ich in dieſer Weiſe nicht einmal meinem Vater gegenüber empfunden. Eines Tages, als ich mich mit ihm über Etwas ſtritt, bemerkte Auguſtus es und ſagte lachend: „O, der Doctor bewegt alle Leute, zu thun, was ihm beliebt. Sie werden wohlthun, wenn Sie ihm ſofort Recht geben. Ich thue es ſtets.“ Aber ich kann nicht und will nicht. Sich über eine Perſon zu ärgern, zu wiſſen, daß dieſe Perſon die Macht hat, einen zu ärgern— daß ein zufäl⸗ liges Wort oder Blick einen auf das Empfind⸗ lichſte verletzen und in einen ſolchen Zuſtand von Gereiztheit verſetzen kann, als ob die ganze Welt einen verkehrten Gang ginge, und man im Stande iſt, irgend eine Albernheit oder kindiſche Ungezo⸗ genheit zu begehen— bis ein anderer zufälliger Blick oder ein Wort die Sache wieder in's Gleiche bringt— dies iſt ein außerordentlich unbehaglicher Zuſtand der Dinge. Ich muß mich davor hüten. Ich darf meiner Laune nicht geſtatten, daß ſie die Oberhand gewinne. Mein Gemüth iſt empfindlich und leicht zu verletzen, aber dennoch bin ich nicht launenhaft. Doctor Urquhart hält mich auch dafür— er ſagte es mir ſelbſt Eines Tages, als ich ſehr unfreundlich gegen ihn geweſen war, ſagte er, ich hätte ihn nicht unan⸗ genehm berührt, ſondern ihm eher Genuß bereitet. Ich— ihm, Doctor Urquhart, einen Genuß bereitet! Wie außerordentlich! Ich bereite gern den Leuten Genüſſe— eben ſo wie auch mir ſelbſt— ich meine vielleicht Ver⸗ gnügen, und ich freute mich, daß Doctor Urquhart dies ſagte. Wenn ich es nur glauben könnte! Zu⸗ weilen glaube ich es. Ich weiß, daß ich ihn lächeln machen kann, wenn er auch noch ſo ernſt iſt; daß Etwas an mir und meiner Art und Weiſe ihn auf naive kätzchenhafte Weiſe intereſſirt und amüſirt, wie ich ſchon ſagte, und dennoch ziehe ich ihn aus ſich ſelbſt heraus, mache ihn heiter, bringe Licht in ſein Geſicht, daß man kaum glauben ſollte, es ſei noch — — daſſelbe Geſicht, welches ich zuerſt auf dem Balle bei Grantons ſah, und es iſt mir angenehm, zu denken, daß ich in Folge einer oder der andern ſeltſamen Sympathie angenehm bin, wie ich nur Wenigen bin— ach, leider ſehr Wenigen! I„ch weiß, wenn die Leute mich nicht gern haben— ich fühle es ſchmerzlich. Ich fühle auch mit einem gewiſſen Grade träger Geduld, wenn ſie einfach gleichgültig gegen mich ſind. Ohne Zweifel haben ſie in beiden Fällen Recht; ich tadele deßwegen Riemanden, auch mich ſelbſt nicht. Ich führe blos eine Thatſache an. Solchen Leuten gegenüber kann ich aber nicht mehr mein natürliches Ich ſein, eben ſo wenig als ich barfuß und barhäuptig in unſern Nordwinden und unſerm Moorlandſchnee herum⸗ laufen kann. Wenn aber ein wenig Sonnenſchein kommt, dann wird mein Herz dadurch erwärmt, es ſonnt ſich darin und tanzt wie das einfältigſte junge Lamm, welches jemals auf einer Schlüſſelblumenwieſe herum⸗ hüpfte. Ich bin nicht allzubeſcheiden und gebe mich auch nie dafür aus. Ich fühle, daß Etwas in mir liegt, was Werth hat, wofür ich aber noch keine Anerkennung gefunden. Man gebe mir, was ich dafür fordern kann, den vollen, ehrlichen Preis, und — o! wenn ich ihn bis auf das letzte Scherflein aus⸗ geben könnte, wie grenzenlos reich würde ich werden! Dieſer letzte Satz hat keinen rechten Sinn, we⸗ nigſtens verſtehe ich ihn ſelbſt nicht recht. Ein Tage⸗ buch iſt ein Sicherheitsventil für große Thorheit, doch weiß ich nicht recht gewiß, ob ich dieſe letzte Seite hätte ſchreiben ſollen. Jedoch, Nichts weiter hiervon— ich will nun die Geſchichte meines Tages erzählen. Auf dem Heimwege aus der Kirche ſagte mir Doctor Urquhart, Auguſtus habe ihn aufgefordert, Brautführer zu ſein. Ich ſagte, ich wüßte es, und wünſchte, daß er ſich dazu verſtünde. Warum?“ Obſchon dieſe abrupte Frage mich überraſchte, ſo antwortete ich doch natürlich die Wahrheit und ſagte, wenn er nicht ſelbſt den Brautführer mache, ſo würde es einer der Offiziere aus dem Lager thun, und ich haßte— „Die Soldaten?“ Ich ſagte ihm, daß es nicht freundlich ſei, jene 3 unglücklichen Worte mir immerwährend wieder vor⸗ zurücken, und er ſolle mich nicht ſo ärgern. „Aergere ich Sie? Das wußte ich nicht.“ „Ja, ich glaube, daß Sie es nicht gewußt haben, 1 Auc und es iſt ſehr einfältig von mir, mich durch ſolche Kleinigkeiten ärgern zu laſſen. Sie können aber nicht erwarten, Dortor Urquhart, daß ich ſo weiſe und verſtändig ſein ſoll wie Sie— Sie ſind ja auch viel älter als ich.“ „Nun, dann ſagen Sie mir,“ fuhr er in jenem freundlichen Tone fort, bei welchem ich mir alle Mal faſt vorkomme wie ein kleiner Eſel, den ich einmal hatte und der, wenn ich ihn über das Feld herüberrief, ſogleich kam und ſeinen Kopf auf meine Hand legte,— nicht als ob ich, obſchon ich auch ſehr dumm bin, Luſt hätte, Doctor Urquhart auf dieſe Weiſe zu beläſtigen.—„Nun, dann ſagen Sie mir, was Sie eigentlich haſſen?“ „Ich haſſe es, fremde Perſonen zu Gäſten zu haben.“ „Dann betrachten Sie alſo mich nicht als eine fremde Perſon?“ „Nein, ſondern als einen Freund.“ Und das kann ich auch ſagen, denn ſo kurz auch unſere Bekanntſchaft iſt, ſo habe ich doch Doctor Urquhart mehr geſehen und ſcheine ihn beſſer zu kennen als ich irgend einen Mann im ganzen Laufe meines Lebens gekannt habe. Er wies den Titel, den ich ihm gab, nicht zurück, und ich glaube, er freute ſich darüber, obſchon er blos ſagte: Leben um Leben. U. 2 „Sie ſind ſehr freundlich und ich danke Ihnen.“ Nach einer kurzen Pauſe nahm ich den Gegen⸗ ſtund des anfänglichen Geſprächs wieder auf und gab ihm den Wunſch zu erkennen, daß er verſprechen möchte, was Auguſtus und Liſabel und wir Alle wünſchten. Er ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann in entſchiedenem Tone: „Ich werde kommen.“ „Das iſt recht. Ich weiß, daß wir uns ſtets auf Doctor Urquhart's Wort verlaſſen können.“ War meine Freude allzudreiſt? Ließ ſich erwar⸗ ten, daß er ſie falſch deuten würde? Nein, dazu iſt er zu ſcharfblickend, zu beſcheiden, zu klug. Ihm gegenüber fühle ich ſtets, daß ich mir über das, was ich thue oder ſage, keine Sorge zu machen brauche, dafern es nur wahr und aufrichtig iſt. Mag es ſein, was es wolle, ſo weiß ich, daß er es unparteiiſch beurtheilt. Und wenn er es nicht thäte, warum ſollte ich mich weiter daran kehren? Doch ja, ich würde mich daran kehren. Ich habe ihn gern— ich habe ihn ſehr gern. Es wäre mir ein großer Troſt, ihn zum Freunde zu haben— zu meinem vertrauteſten Freunde. In gewiſſem Grade betrachtet er mich auch als ſeine Freundin. Heute zum Beiſpiel erzählte er mir über ſeine eigene — Perſon mehr als er jemals irgend Jemandem von uns erzählt hat. Es kam ganz zufällig heraus. Ich haſſe die Leute, welche gleich bei der erſten Bekanntſchaft uns ihre vollſtändige Biographie zum Beſten geben. Ein ſolcher Menſch iſt entweder ein Geck oder ein Dummkopf. Ha, da verfalle ich ſchon wieder in meine ſchroffen Urtheile, welche mir Doctor Urquhart ſo oft ſchweigend verwieſen. Dieſer gute Mann, der von der Welt und ihrer Bosheit mehr geſehen als ich wahrſcheinlich jemals zu ſehen bekommen werde, iſt dennoch der menſchenfreundlichſte und nachſichtigſte Menſch, den ich je kennen gelernt. Doch kommen wir wieder zur Sache. Ehe wir Rockmount erreichten, umwölkte ſich der Himmel, und ehe eine Stunde verging, hatten wir einen gründlich naſſen Nachmittag. Penelope „ ging hinauf in ihr Zimmer, um ihren Sonntagbrief zu ſchreiben, und Auguſtus und Liſabel gaben ziem⸗ lich deutlich zu verſtehen, daß ſie den Salon für ſich allein zu haben wünſchten. Doctor Urquhart und ich waren demnach gezwungenermaßen auf uns ſelbſt angewieſen. Ich führte ihn in das Treibhaus, wo er mir einen Vortrag über die Orchideen und die Vegetation der Wendekreiſe im Allgemeinen hielt— ohne Zweifel — zu ſeiner eigenen Zufriedenheit und theilweiſe auch zu der meinigen. Ich höre ihn gern ſprechen, ſo verſtändig und doch ſo einfach; eine faſt knabenhafte Friſche ſcheint noch in ſeiner Natur zu weilen, und er hat die durch und durch knabenhafte Eigenthümlichkeit, Vergnügen an Kleinigkeiten zu finden. Er brachte eine halbe Stunde damit zu, daß er eine große braune Biene, die vor Kälte erſtarrt war, wieder in's Leben zurückrief, und in ſeinen Augen leuchtete eine Freude wie über ein menſchliches Weſen, als er ſeinen kleinen Patienten, deſſen weitere Pflege ich zu übernehmen verſprach, meiner Obhut überlieferte. Das arme alte Thier liegt jetzt in feſtem Schlafe auf einem Blumentopfe, bis ich es an dem erſten ſonnenhellen Morgen hinauslaſſen kann. „Ich fürchte nur, es wird bald wieder in Miß⸗ lichkeiten gerathen und dann keinen ſo gütigen Freund finden,“ ſagte ich zu Doctor Urquhart.„Es wird ſich an dem nächſten Blumenkelche berauſchen, und Reue und Wiederherſtellung ſuchen, wenn es zu ſpät iſt.“ „Das will ich nicht hoffen,“ ſagte der Doctor ernſt und faſt wehmüthig. Ich ſagte, es thäte mir leid, einen Scherz über . — ſeine Lieblingstheorie von der Reue und Wiedergeburt der Sünder gemacht zu haben, die er ſowohl zu pre⸗ digen als auch zu üben ſcheine. „Thue ich das? Vielleicht iſt es ſo. Glauben Sie nicht, daß ſie in der Welt ſehr nöthig ſei?“ Ich ſagte, ich hätte noch nicht lange genug in der Welt gelebt, um in dieſer Beziehung Exfahrungen zu machen. „Ich dachte nicht daran, daß Sie noch ſo jung ſind.“ Er hatte mich einmal in ſeiner geraden Weiſe nach meinem Alter gefragt und ich hatte es ihm geſagt und dabei große Luſt gehabt, dieſelbe Frage an ihn zu thun, aber ich getraute es mir nicht. Zuweilen fühle ich mich ganz heimiſch in ſeiner Nähe und als ob ich ihm Alles ſagen könnte, und dann wieder flößt er mir allerdings nicht wirkliche Furcht— Gott ſei Dank, bis jetzt habe ich mich noch vor keinem Manne gefürchtet, und hoffe auch nicht, daß ich es je werde— ſondern Schüchternheit und Ruhe ein. Ich glaube, der Grund davon liegt darin, daß er ſo überaus gut iſt und daß in ſeiner Gegenwart meine kleinen Thorheiten und Bosheiten ſich verſtecken. Ich zerbreche mir dann über dieſe oder über mich ſelbſt im Allgemeinen nicht weiter den Kopf und denke blos— nicht ſowohl an ihn — als vielmehr an etwas Höheres und Beſſeres als wir Beide ſind. Ganz gewiß kann dies nichts Un⸗ rrechtes ſein. Nachdem die Bienenfrage erledigt war, ſetzten wir uns ſchweigend nieder und horchten dem Regen zu, der auf dem Glasdache des Treibhauſes trommelte. Es war ein trüber, unfreundlicher Tag. Ich begann an Liſabel's Abſchied mehr zu denken als gut für mich war, und mit jener ſcharf⸗ blickenden Herzensgüte, die ich ſo oft an ihm bemerkt, zerſtreute Doctor Urquhart meine trüben Gedanken durch verſchiedene Mittheilungen über Treherne Court und die neuen, nicht ſehr zahlreichen Verwandten unſerer Liſa. Ich ſagte, es ſei ein Glück, daß ſie wedet Schwager noch Schwägerin habe. „Ein Glück! das kann doch nicht Ihr Ernſt ſein!“ Ich wünſchte beinahe, daß es nicht mein Ernſt wäre, und dennoch konnte ich nicht umhin, meine Meinung dahin auszuſprechen, daß Brüder und Schweſtern, Schwäger und Schwägerinnen oft keineswegs ein Segen ſeien. „In dieſer Beziehung bin ich durchaus nicht Ihrer Meinung,“ entgegnete Doctor Urquhart;„ich glaube, es iſt, mit wenigen nushnen, für den —— * Menſchen das größte Unglück, das einzige Kind einer Familie zu ſein. Nur wenige Menſchen ſind von Ratur ſo gut, oder werden unter ſo günſtigen Umſtänden erzogen, daß eine ſolche Stellung ihnen keinen Nachtheil bringt. Eine einſame Kindheit und Jugend können einen großen und guten Mann machen, aber ſie machen ſelten einen glücklichen Menſchen. Weit beſſer ſind alle Mißlichkeiten und Unruhen des Familienlebens, wo die ſcharfen Ecken des angebornen Charakters abgeſchliffen und die Geneigtheit zu krankhafter Empfindlichkeit und Egoismus gebrochen wird. Nach meiner Meinung iſt es ein großes Wunder, daß Treherne ein ſo guter Menſch geworden iſt, wenn man erwägt, daß er ein einziges Kind iſt.“ „Sie reden, als ob Sie aus eigener Erfahrung wüßten, was das heißt.“ „Nein, wir waren Waiſen, aber ich hatte einen Bruder.“ Es war dies das erſte Mal, daß Doctor Urquhart Etwas von ſeinen Verwandten oder von ſeinem frühern Leben erwähnte. Meine Neugier ward dadurch rege gemacht. Ich riskirte die Frage, ob dieſer Bruder älter oder jünger geweſen ſei als er. „Er war älter.“ „ „Und wie hieß er?“ „Dallas.“ „Dallas nehee Was für ein hübſcher Name!“ „Er iſt in unſerer Familie ſehr gebräuchlich. Es gab einen Dallas Urquhart, den jüngern Bruder eines Sir John Urquhart, der in den Religions⸗ unruhen zur biſchöflichen Kirche überging. Er hatte ein Liebesverhältniß mit der Tochter eines Geiſtlichen, eines Presbyterianers. Sie ſtarb am gebrochenen Herzen, und in Verzweiflung über ihre Vorwürfe ſtürzte Dallas ſich in einen tiefen Abgrund hinab, in welchem ſeine weißgebleichten Gebeine erſt viele Jahre nachher gefunden wurden. Iſt das nicht eine ſehr romantiſche Geſchichte?“ Ich ſagte, an romantiſchen und traurigen Geſchichten ſei kein Mangel und es wären deren ſelbſt in unſerer proſaiſchen Familie vorgekommen. Er war indeſſen nicht ſo neugierig wie ich; auch würde ich ihm weiter Richts geſagt haben, denn wir ſprechen nie über dieſen Gegenſtand, wenn wir es umgehen können. Selbſt die Grantons— unſere intimen Freunde, ſeitdem wir hierher nach Rockmount gezogen ſind— ſind nie davon in Kenntniß geſetzt worden. Und Penelope ſagte, es ſei auch nicht nöthig, Auguſtus Etwas davon zu ſagen, denn es könne weder ihn noch ſonſt einen jetzt lebenden Menſchen berühren, und um der Familie willen ſei es am beſten, wenn die traurige Geſchichte vergeſſen würde. Dies iſt auch meine Meinung. Dennoch konnte ich nicht umhin, mit dem Seufzer die Bemerkung zu machen, daß es etwas ſehr Schönes ſein müſſe, einen Bruder zu haben— einen guten Bruder. „Ja,“ antwortete Doctor Urquhart.„Der meinige war der beſte, den je ein Menſch gehabt hat. Er war Geiſtlicher der ſchottiſchen Kirche— das heißt, er würde es geworden ſein, aber er ſtarb.“ „In Schottland?“ „Rein— in Pau, in den Pyrenäen.“ „Waren Sie bei ihm?“ „Rein.“ Es ſchien dies eine ſo ſchmerzliche Erinnerung für ihn zu ſein, daß ich furz darauf das Geſpräch auf etwas Anderes zu bringen ſuchte, indem ich einige Fragen über ihn ſelbſt an ihn richtete, beſon⸗ ders über das, was ich ſchon längſt zu ermitteln gewünſcht, nämlich wie er zu ſeinem ſonderbaren Taufnamen gekommen. „Iſt es denn ein ſonderbarer Taufname? Ich habe in der That nie gewußt oder darüber nachge⸗ dacht, nach wem man mich ſo getauft hat.“ Ich meinte, es ſei wahrſcheinlich nach Max Piccolomini geſchehen. „Wer war das, wenn ich fragen darf? Ich habe außer den Büchern, welche meinen Beruf betreffen, ſehr wenig geleſen. Ich geſtehe zu meiner Schande, daß ich von Max Piecolomini noch nie gehört.“ Dieſes naive Geſtändniß ergötzte mich und ich erbot mich ſcherzend, ihm einen Kurſus in der ſchönen Literatur zu geben und mit dem großartigſten aller deutſchen Dramen, Schiller's Wallenſtein, zu be⸗ ginnen. „Nur nicht auf deutſch, wenn ich bitten darf! Ich kenne nicht ein Dutzend Worte von dieſer Sprache.“ „Aber, Doctor Urquhart, dann bin ich ja viel geſcheidter als Sie!“ Ich ſagte dies aus purem Unglauben an eine ſo lächerliche Idee, zu meiner Ueberraſchung aber nahm er die Sache ganz ernſt. „Sie haben Recht. Ich weiß, daß ich ein Menſch ohne feinere Bildung oder Erziehung bin. Das Leben eines Militairarztes bietet wenig Gele⸗ genheit zu höherer Ausbildung, und die Gelegen⸗ heiten, die ich als Knabe hatte, ließ ich, wie dies in dieſem Alter oft zu geſchehen pflegt, unbenutzt.“ „Dieſe Gelegenheiten hatten Sie in der Schule?“ „Mehr auf dem Colleg.“ „Welches Colleg beſuchten Sie denn?“ „St. Andrews.“ Da ich einmal auf fragſeliger Laune war, ſo glaubte ich, eine Frage wagen zu können, die mir ſchon oft auf der Zunge geſchwebt, nämlich was ihn bewogen habe, Arzt zu werden, was mir doch von jeher als der peinlichſte und mühſamſte Beruf erſchie⸗ nen ſei. Er zögerte mit ſeiner Antwort ſo lange, daß ich zu fürchten begann, eine meiner allzudreiſten Fragen gethan zu haben, und ihn um Entſchul⸗ digung bat. „Nein, ich will es Ihnen ſagen, wenn Sie es wünſchen. Mein Beweggrund war nicht der, welchen Sie einmal erwähnten— Leben zu retten, anſtatt zu vernichten— und übrigens wünſchte ich auch mein eigenes Leben ſtets in meiner Hand zu haben. Ich kann es nicht mit Recht als mein Eigenthum betrachten. Ich ſchulde es.“ Dem Himmel, meinte er, wie ich aus dem feier⸗ lichen Ernſte ſchloß, mit welchem er dies ſagte. Aber ſchuldet dem nicht jeder Menſch ſein Leben? Und wenn dies der Fall iſt, dann muß mein früher Traum von vollkommener Wonne, nämlich für zwei Menſchen, die ihr Leben zuſammen auf einer Art häuslicher Pitcairn's Inſel in der Mitte eines gei⸗ ſtigen ſtillen Weltmeers zuzubringen, ohne etwas Anderes zu thun zu haben als einander zu lieben— eine Täuſchung oder etwas noch Schlimmeres ſein. Ich fange an, mich zu freuen, daß ich dieſe Inſel nie gefunden. Wir ſind nicht die Vögel und Schmetterlinge, ſondern die Arbeiter im irdiſchen Weinberge. Das richtige Werk zu ermitteln und es zu verrichten, dies muß das große Geheimniß des Lebens ſein.— Mit oder ohne Liebe, möchte ich wiſſen. Mit derſelben— ſollte ich glauben. Doctor Urquhart aber ſcheint bei ſeinem Lebensplane an eine ſolche bedeutungsloſe Nothwendigkeit durchaus nicht zu denken. Und dennoch will ich nicht leichtfertig ſprechen. Ich habe ihn gern— ich ehre ihn. Wäre ich ſein verſtorbener Bruder oder eine Schweſter geweſen, die er nie gehabt, ſo würde ich ihm auf ſeiner ſelbſtver⸗ leugnungsvollen Laufbahn Beiſtand geleiſtet, anſtatt ihn davon zurückgehalten haben. Ich hätte es verſchmäht, meinen armſeligen Anſpruch auf ihn oder ſein Leben dazwiſchen zu ſchieben. Es wäre dies ja geweſen, als nähme man das Gold des Heiligthums, um aglic Bedürfniſſe damit zu beſtreiten. Während ich 3 iper Alles was ich von ihm geſehen und gehört— die Selbſtverleug⸗ nung, den Heldenmuth, die religiöſe Reinheit ſeines täglichen Lebens, welche ſelbſt in dem Herzen des leichtſinnigen Auguſtus Treherne eine Anhänglichkeit hervorgerufen, die an förmliche Devotion grenzt und welche alle Scherze Liſabel's nicht im Stande ſind zu erſchüttern, gedenke ich eines Vorfalles dieſes Tages, der mich gewaltig erſchreckte und in Bezug auf welchen ich ſelbſt jetzt kaum meinen Ohren trauen kann. Wir ſaßen Alle um das Feuer herum und warteten auf Papa's Rückkehr von der Nachmittags⸗ predigt— Penelope, Liſabel, Auguſtus, Doctor Urquhart, ich. Der Regen hatte aufgehört und tröpfelte nur noch ſchwach auf das Glas des Treibhauſes draußen. Wir fühlten uns ſehr friedlich und behaglich, es kam mir faſt vor wie ein Familiencirkel, der es auch, mit einer einzigen Ausnahme, war. Das neue Mitglied unſerer Familie ſchien es ſich ſehr bequem zu machen— ſaß neben Liſa und hielt ſie bei der von der Schürze bedeckten Hand, worüber ich Doctor Urquhart lächeln zu ſehen glaubte. Warum lächelte er? Dieſe Liebkoſung war ja eine ganz gewöhnliche. Penelope war weniger unruhig als gewöhnlich, vielleicht in Folge ihres langen Briefes und der Ausſicht, Francis in acht Tagen zu ſehen. Er kommt natürlich zu unſerer Hochzeit. Der arme Schelm, wie ſchade, daß wir nicht zwei Hoch⸗ zeiten anſtatt einer feiern können!— es iſt hart für ihn, blos ein Hochzeitsgaſt, und für Penelope, blos Brautjungfer zu ſein. Doch ich höre auf, ſelbſt über Francis und Penelope zu ſpotten. Ich ſelbſt, in meinem kleinen niedrigen Arm⸗ ſtuhl auf der rechten Ecke des Heerdteppichs, fühlte mich vollkommen glücklich. Iſt es der Contraſt zwiſchen dieſem Leben und dem der Einſamkeit, von welchem ich erſt kürzlich Kenntniß erlangt, was mir mein häusliches Leben ſo viel ſüßer macht als es ſonſt zu ſein pflegte? Die Herren begannen mit einander über den Unterſchied zwiſchen dieſer ſtillen Scene und der im November vorigen Jahres zu ſprechen, wo, nachdem Sebaſtopol genommen war, die Armee ſich anſchickte, den Winter müſſig und ſo fröhlich äls möglich zuzu⸗ bringen. Und dann kam Doctor Urquhart auf den vorigen Winter, die furchtbare Zeit, zu ſprechen, deren Jammer und Elend das engliſche Herz daheim erreicht und gerührt hatte. Und dennoch, wie Doctor Urquhart ſagte, ſolches Elend ſcheint oft die edelſte Hälfte der menſchlichen Natur wach zu rufen. Manche Anekdote, welche dies bewies, erzählte er von „ſeinen armen Kerlen“, wie er ſie nannte, Beweiſe von Heldenmuth, Standhaftigkeit, Geduld, Selbſt⸗ verleugnung und Edelmuth— ſo wie ſie dem ge⸗ heimnißvollen Willen der Vorſehung gemäß durch den großen Läuterer ſowohl als Rächer— den Krieg — ſtets entwickelt werden. Während ich zuhörte, fingen meine Wangen an zu brennen, als ich bedachte, daß ich geſagt hatte, ich„haßte“ die Soldaten. Es iſt eine erhabene Frage, zu hoch, als daß menſchliche Weisheit ſie entſcheiden könnte und die wahrſcheinlich in dieſer Welt auch nie entſchieden werden wird— die Gerechtigkeit des Blutvergießens, die Nothwendigkeit des Krieges. In ſo weit aber bin ich überzeugt— und ich beabſich⸗ tige bei der erſten Gelegenheit, Doctor Urquhart meinen Dank zu erkennen zu geben, daß er mich in dieſer Hinſicht belehrt— daß es thörigt und gottlos iſt, einen feindſeligen Widerwillen gegen irgend eine Klaſſe als ſolcher zu faſſen. Wir dürfen Niemanden„haſſen“ Der Chriſt führt niemals gegen die Sünder S ſondern nur gegen die Sünde. Als wir auf die Statiſtik der Strblichteit bei der Armee zu ſprechen kamen, überraſchte uns Doctor — urquhart, indem er uns mittheilte, wie wenig Pro⸗ cent— mein Himmel, ich fange an zu ſprechen wie ein Blaubuch!— wie wenig Procent der Todes⸗ fälle auf die in der Schlacht Gefallenen und an ihren Wunden Sterbenden kommen. Und ſeltſamer Weiſe, die Sterblichkeit während eines Feldzugs mit all' ſeinen verderblichen Zufällen iſt geringer als in den Kaſernen daheim. Er hat dies aus den Mit⸗ theilungen der Leute ſelbſt ſchon längſt vermuthet, und nachdem er ſich auf Grund unzweifelhafter Angaben davon überzeugt, gedenkt er, die Sache bei dem Kriegsminiſterium, oder, wenn dies ihm nicht gelingt, durch die Preſſe in Anregung zu bringen, damit den Urſachen hiervon nachgeforſcht und dieſelben beſeitigt werden. Allerdings wird damit ein gewiſſer Grad von perſönlicher Gefahr verbunden ſein, denn die Regie⸗ rung liebt es nicht, daß man ſich in ihre Angelegen⸗ heiten miſche; aber Doctor Urquhart ſcheint ganz der Mann zu ſein, welcher, wenn er ſich einmal eine Idee in den Kopf geſetzt hat, dieſelbe verfolgt bis zum Tode, und dies mit Recht. Wenn ich ein Mann wäre, ſo würde ich es gerade ſo machen; aber immer noch habe ich nicht erzählt, was ich erzählen wollte. Es ereignete ſich, ſo viel ich mich entſinnen kann, auf folgende Weiſe. 1 Doctor Urquhart ſagte, die Sterblichkeit der ℳ Soldaten in den Kaſernen ſei im Durchſchnitt ſtärker als bei einer entſprechenden Anzahl Arbeiter irgend welcher Klaſſe. Er bringt dies auf Rechnung eines Mangels an Raum, Reinlichkeit, friſcher Luft und guter Nahrung. „Aber auch,“ fuhr er fort,„einer andern Urſache, die unter ſolchen Umſtänden ſtets eine hervorragende Rolle ſpielt. Ich meine den Trunk. Es iſt in den Kaſernen gerade ſo wie in den Höfen und Gäßchen einer großen Stadt. Ueberall, wo man Tuute in verdorbener Luft, üblen Gerüchen und allgemeinem Elend dicht gedrängt beiſammen findet,— da trinken ſie. Sie können nicht anders— es ſcheint eine natürliche Nothwendigkeit zu ſi „Na, da haben wir den Doctor auf ſeinem Steckenpferde. Hopp, hopp, Doctor, immer luſtig vorwärts!“ rief Auguſtus. Ich wund're mich, daß ſein Freund ſeinen Unſinn ſo gutmüthig hinnimmt. „O, Sie wiſſen doch, daß es wahr iſt, Treherne,“ ſagte er, und fuhr dann zu mir gewendet fort:„In der Krim war der Trunk der große Fluch unſerer Armee. Die geiſtigen Getränke tödteten mehr von uns als die Ruſſen. Sie hätten ſehen ſollen, was ich geſehen habe— wie der Offizier ſich in Cham⸗ Leben um Leben. I. pagner um den Verſtand trank, während der Gemeine ſich in einen Schnapsladen ſtahl, um heimlich bei ſeinem Grog zu ſitzen. Man konnte nicht mit Strenge dagegen einſchreiten, denn es war allge⸗ mein.“ „Im Hospital auch,“ bemerkte Capitain Tre⸗ herne, allmählig aufmerkſamer werdend;„wiſſen Sie nicht mehr, daß Sie mir ſagten, es verginge kaum eine Woche, ohne daß Sie Todesfälle hätten, die nur durch den Trunk herbeigeführt worden „Ja, und ſelbſt dann konnte ich der Sache nicht Einhalt thun— der Branntwein ward in alle Krankenſtuben geſchmuggelt. Ich habe bei zufälligem Eintreten trunkene Unteroffiziere mit betrunkenen Patienten zechend angetroffen, ja mehr als einmal habe ich die Branntweinflaſche unter dem Pfühl eines eben Verſchiedenen hervorgezogen.“ „Ja, das weiß ich,“ ſagte Auguſtus mit ernſter Miene. Liſabel, die es nie gern ſieht, wenn ſeine Auf⸗ merkſamkeit von ihrem liebenswürdigen Ich hinweg⸗ gelenkt wird, rief ärgerlich: „Das iſt Alles ſehr ſchön geſprochen, Doctor, mich aber ſollen Sie niemals zu einem Teatotaller machen, und Auguſtus, hoffe ich, auch nicht.“ „Ich habe auch nicht die mindeſte Abſicht dieſer — Art, das kann ich Ihnen verſichern, und ebenſowenig ſcheint die Nothwendigkeit dazu vorhanden zu ſein, obſchon es für Jeden, der nicht die Macht hat, dem Rauͤſche zu widerſtehen, weit gerathener iſt, der⸗ gleichen Getränke niemals zu berühren.“ „Thun Sie ſelbſt dies niemals?“ „Ich habe es ſeit vielen Jahren nicht gethan.“ „Wohl weil Sie ſich fürchten? Na, ich glaube, Sie ſind ſonſt auch nicht beſſer geweſen als andere Leute.“ „Liſabel!“ flüſterte ich, denn ich ſah, daß Doctor Urquhart bei dieſen unſanften Worten förmlich zu⸗ ſammenzuckte, der Zunge dieſes Mädchens läßt ſich aber einmal nicht Einhalt thun. „Alſo geſtehen Sie es, Doctor, blos um des Spaßes wiſlen. Papa iſt nicht da und wir werden nicht aus der Schule ſchwatzen. Waren Sie niemals in Ihrem Leben— um Ihr eigenes häßliches Wort zu gebrauchen— betrunken?“ „Ein Mal.“ Indem ich dies niederſchreibe, kann ich kaum glauben, daß er es ſagte, und dennoch ſagte er es in ruhigem, leiſem Tone, als ob das Geſtändniß ihm wie eine gewiſſe freiwillige Sühne ausgepreßt würde. Doctor Urquhart betrunken! Welcher ent⸗ ſetzliche Gedanke! Unter n Umſtänden hätte 3 dies möglicher Weiſe geſchehen können! Aber mein Leben wollte ich zum Pfande ſetzen, daß es nicht mehr geſchehen iſt als dieſes eine Mal. Ich habe nachgedacht, wie ſchrecklich es ſein muß, irgend Jemanden, für den man ſich intereſſirt, betrunken zu ſehen. Die ſonſt ſo redlichen Augen gläſern und ſtier, die klugen Lippen Unſinn ſchwatzend. das ganze Geſicht und die Geſtalt anſtatt das zu ſein, was man gern ſieht und an deſſen Anblick man Vergnügen findet— häßlich, blödſinnig, wider⸗ wärtig zu ſehen, mehr ein Thier als einen Menſchen! Und dennoch müſſen manche Frauen es ertragen, ſie müſſen freundlich mit ihren Männern in dieſem Zuſtande ſprechen, ihre Verthiertheit bemänteln und ſie abhalten, noch weiteres und größeres Unheil anzurichten. Ich habe dies geſehen, nicht blos bei Frauen von Arbeitern, ſondern auch von vornehmen Damen in den Salons der feinen Geſellſchaft. Ich glaube, wenn ich verheirathet wäre und ich ſähe meinen Gatten nur im Mindeſten vom Weine überwältigt — ich rede nicht etwa von„betrunken“— ſondern auch nur aufgeregt, albern, mit Einem Worte anders als ſein natürliches Ich— es würde mich faſt wahn⸗ ſinnig machen, weniger um meinet⸗ als um ſeinet⸗ willen. Ihn nicht wegen eines ſchweren Verbrechens, — 37— ſondern wegen verächtlicher, feigherziger Sinnlichkeit von der Höhe, auf welche meine Liebe ihn geſtellt, herabſinken zu ſehen, ihn pflegen und bemitleiden zu müſſen— ja bemitleiden würde ich ihn, der volle Glanz und die Leidenſchaft meiner Liebe aber wäre auf immer dahin! Doch, ich will nicht weiter daran denken, ſon⸗ dern weiter erzählen, was heute geſchah. Doctor Urquhart's plötzliches Geſtändniß, wel⸗ ches Auguſtus eben ſo ſehr zu überraſchen ſchien als alle Anderen, rief eine peinliche, gedrückte Stimmung hervor. Wir ließen den Gegenſtand fallen und ſtürzten uns in das unerſchöpfliche Thema der Hochzeit und der darauf bezüglichen Anſtalten. Jetzt erfuhr ich, daß Doctor Urquhart ſich anfangs entſchieden geweigert hatte, Brautführet zu ſein, und daß er erſt, nachdem ich ihn an dieſem Morgen darum gebeten, anderer Anſicht geworden war. Ich freute mich darüber und gab meine Freude zu erkennen. Ich wünſchte nicht, daß Doctor Urquhart glauben möchte, wir hätten wegen Deſſen, was er geſtanden, oder zu deſſen Geſtändniß er vielmehr gezwungen worden eine geringere Meinung von ihm. Es war ſehr unrecht von Lifabel, es ſchien ihr aber auch wirklich leid zu thun und ſie erwies ihm bei den Berathungen über das, was ſie für die wichtigen Vorgänge, die morgen über acht Tage ſtattfinden ſollen, hält, ganz beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit. Ich war faſt ärgerlich über die exemplariſche Geduld, womit er den Orangenbaum unterſuchte und erklärte, daß die Knospen ſeiner Meinung nach bis dahin aufgeblüht ſein würden. Wäre das nicht der Fall, ſo wolle er ſeiner Pflicht gemäß verſuchen, von anderwärts deren zu beſchaffen. Eben ſo helden⸗ müthig willigte er in ſeine andere Pflicht, nämlich, den Dank für die Brautjungfern zu ſprechen, denn es ſollen Geſundheiten getrunken, Reden gehalten und noch mehr dergleichen Dinge vorgenommen werden. Gott ſtehe uns bei, wie wird Papa das Alles aushalten! Solche Familienereigniſſe haben ſtets ihre pein⸗ liche Seite. Ich bin überzeugt, Papa wird das fühlen. Ich hoffe nur, daß keine zufälligen Bemer⸗ kungen ſeine verwundbare Stelle berühren und ihn verletzen mögen. Dieſe Furcht quälte mich ſo ſehr, daß ich eine Gelegenheit benutzte, um Doctor Urquhart bemerklich zu machen, daß es gut ſein würde, wenn alle Reden ſo kurz als möglich ausfielen. „Die meinige ſoll es ſein, das verſpreche ich Ihnen. Fürchteten Sie das Gegentheil?“ fragte er lächelnd. Es war gerade bevor die Pferde gebracht wurden, und wir ſtanden Alle draußen im Mond⸗ ſchein. Schäme Dich, Mond, daß Du uns verleiteſt, uns gerade noch vor der Hochzeit zu erkälten, und auch von dem Doctor war es ſehr leichtſinnig, es zu erlauben. An ſeinem Lächeln ſah ich, daß er ſeine zeitweilige Aufregung wieder vollſtändig über⸗ wunden hatte, und dies war mir eine große Her⸗ zenserleichterung. „O, Ihnen traue ich die großartigſte Rede zu, die jemals gehalten worden. Doch im Ernſt ge⸗ ſprochen, dergleichen Reden ſind ſtets angreifend, nicht blos für den, der ſie hält, ſondern auch für die Zuhörer, ganz beſonders wird dies mit Papa der Fall ſein.“ „Ich verſtehe. Wir müſſen uns in Acht nehmen — Sie ſind eine umſichtige kleine Dame.“— Er nennt mich zuweilen„kleine Dame“, anſtatt„Miß Theodora“— Ja, Ihr Vater wird dieſe erſte Lücke im Kreiſe ſeiner Familie ſehr ſchmerzlich em⸗ pfinden.“ — Ich ſagte, das meinte ich gerade nicht, denn es ſei nicht der erſte Verluſt. Und zum erſten Male erſchien es mir traurig, daß eine Perſon, die ich niemals gekannt, an die ich kaum jemals denke, aus unſerer Mitte verloren gegangen iſt, ſo verloren, daß ſie jetzt nicht einmal genannt wird. Doctor Urquhart fragte mich, warum ich ſo ernſt ausſähe. Anfangs ſagte ich, ich möchte es ihm nicht gern ſagen, und dann war es mir, als ob es in dieſem Augenblicke, wo ich ruhig in der ſtillen Nacht nach einem glücklichen Tage ruhig plaudernd daſtand, ein Troſt, eine Nothwendigkeit wäre, ihm Alles und Jedes zu ſagen. „Ich dachte,“ hob ich an,„an eine Perſon, die mir angehört, von der aber Niemand Etwas weiß und über die wir niemals ſprechen. Still, ſtill! — laſſen Sie meine Schweſtern Richts davon hören.“ 8 „Wer war es denn? Aber ich bitte Sie, wenn Sie es mir nicht gern ſagen, ſo ſagen Sie mir es lieber nicht.“ Aus ſeinem Tone ſchloß ich, er glaube— o wie lächerlich! wie unmöglich! Und ich war nun ent⸗ ſchloſſen, es ihm zu ſagen. „Es war eine Perſon, die Papa's Liebling unter uns Allen war.“ „Eine Schweſter?“ „Nein, ein Bruder.“ Ich hatte nicht Zeit, mehr zu ſagen, denn die beiden Herren ſchwangen ſich im nächſten Augen⸗ blicke auf die Pferde, und ich weiß auch nicht gewiß, ob ich recht daran that, auch nur ſo viel zu ſagen. Doch das, was ich ihm anvertraut, iſt ſicher bei ihm aufgehoben und er wird niemals wieder darauf zurückkommen; er wird fühlen, daß ein ſo peinlicher Gegenſtand am beſten vermieden wird, ſelbſt unter uns. Im Ganzen genommen iſt es mir lieb, daß er es weiß. Als ich hineinkam, machten mich meine Schwe⸗ ſtern durch ihre Scherze ſehr zornig, doch iſt der Zorn nun einigermaßen wieder verraucht. Was kommt darauf an? Wie ich Liſabel ſagte, Freunde wachſen nicht auf jeder Hecke, obſchon vielleicht Lieb⸗ haber, und wenn man einen guten Mann findet, ſo muß man ihn ſchätzen und ſich deſſen nicht ſchämen. Nein, nein, mein ſanfter Mond, der Du ſo raſch hinter jenem Fichtengürtel hinab verſchwindeſt, ich will ihm gut ſein, wenn es mir beliebt, wie ich allem Wahren und Edlen gut bin, mag ich es in dieſer Welt finden wo ich will. — Mond, es iſt eine gute Welt, eine glückliche Welt, und ſie wird immer glücklicher, je länger man darin lebt. Und ſomit will ich noch eine Weile zuſehen, wie Du mit Deinem zufriedenen Abſchieds⸗ lächeln hinwegſchlüpfeſt, und dann— zu Bett gehen! Zweites Kapitel Seine Geſchichte. Es ſind vierzehn Tage vergangen, ſeitdem ich die letzte Zeile hier ſchrieb. Am vergangenen Sonntag vor acht Tagen machte ich eine Entdckung— eigentlich zwei Ent⸗ deckungen— nach welchen ich auf viele Tage gleichſam ſelbſt verlor. Es wird räthlich ſein, wenn ich dieſe Familie nicht wieder ſehe. Nicht als ob ich einen Beweis davon hätte, daß ſie wirklich die betreffende Familie iſt— ſchon der Name Johnſon an und für ſich und ihre zugeſtandene plebejiſche Abkunft iſt ein hinrei⸗ chender Beweis von dem Gegentheile. Aber wenn ſie es wäre! Schon dieſe Vorausſetzung, die ſich an jenein — Sonntag Abend inſtinktartig meiner bemächtigte, war, obſchon die Vernunft ſie wieder beſeitigte, hin⸗ reichend, um mir zwölf Stunden zu bereiten, die mit zwölf Jahren theuer erkauft wären, ſelbſt zwölf Jahre eines Lebens von ſolchem Glück wie nach dem, was ich damals erfuhr, für einen Menſchen möglich iſt. Nicht aber für mich.— Für mich niemals! Dieſe Phaſe des Gegenſtandes iſt jedoch ſo aus⸗ ſchließlich mein Eigenthum, daß ich ſelbſt hier dar⸗ über hinweggehen will. Mit der Zeit wird ſie be⸗ ſiegt werden— da ich ſie noch Zeit genug ent⸗ deckt habe. Ich ging meinem Verſprechen gemäß zur Hoch⸗ zeit. Dora ſagte, Doctor Urquhart bricht ſein Wort nie. Nein. Es giebt ein Verſprechen oder vielmehr ein Gelübde, welches ich unbeugſam zwanzig Jahre lang gehalten; wie könnte es jetzt gebrochen werden? Nein, das könnte es nie. Ehe es zu ſpät wird, will ich Schritte thun, um mich zu lehren, daß es nie⸗ mals gebrochen werden ſoll. Ich ſchloß mich der Hochzeitsgeſellſchaft erſt während der Ceremonie an. Man erließ mir das Frühſtück, die Reden u ſ. w. Treherne wußte, daß ich nicht wohl war. Auch ſie ſagte, ich ſähe„ſehr angegriffen“ aus, und es lag eine gewiſſe Milde in — ihrem Auge, das Mitleid, welches alle Frauen be⸗ ſitzen und ſo gern zeigen. Sie ſah wie das Ebenbild einer weißen Fee oder einer Waldnymphe oder eines Engels, der auf einer ſonnenhellen Wolke zu einem Schlafenden herabſchwebt.— Er erwacht, und Alles iſt ent⸗ ſchwunden. Während die Trauungsurkunde unterzeichnet ward— und man wünſchte, daß dies auch von mir als Zeugen geſchehe— fiel mir Etwas ein. Die Familie muß ſchon ſeit vielen Jahren in Rockmount anſäſſig ſein. Wahrſcheinlich ward der Großvater, der Landwirth, der ſich in plebejiſcher Weiſe„Johnſon“ ſchrieb, hier begraben. Oder— wenn er todt iſt, ob dies aber der Fall iſt oder nicht, darüber erhielt ich keinen Aufſchluß— es erfolgte hier wahrſcheinlich das Begräbniß jenes Bruders, deſſen als Papas Liebling gedacht ward, aber auf ſolche Weiſe und mit ſo angenſcheinlichem Kummer, daß es mir unmöglich war, weitere Nachfragen in Bezug auf ihn vorzubringen.* Ueberdies darf ich kein Geſpräch unter vier Augen mehr mit ihr haben— nämlich, mit der einen von den Miſſes Johnſon, die ich am beſten kenne. Dieſer Bruder— ich habe ſein mögliches Alter berechnet— im Vergleich mit dem der Schweſtern. —— Auch wenn er das älteſte der Kinder wäre, ſo könnte er doch jetzt nicht viel über dreißig Jahre zählen— wenn er noch lebte. Jener dagegen wäre jetzt wenigſtens fünfzig Jahre alt. Indeſſen um mit einem Male und auf immer ſolche krankhafte, unausſprechliche Phantaſiegebilde auszurotten, glaubte ich, es würde gut ſein, in dem Kirchenregiſtrr nachzublättern, was ich an dieſem Tage ohne Argwohn und mit aller Bequemlichkeit thun konnte. Auf meinem Heimgange machte ich daher bei der Kirche Halt und ging mit Unter⸗ ſtützung des halb einfältigen Küſters und Glocken⸗ läuters die Kirchenbücher der letztvergangenen zwan⸗ zig Jahre, und noch weiter zurück, durch. In keinem derſelben aber war die Familie Johnſon auch nur ein einziges Mal erwähnt. Es war daher kein Grund für meine Furcht vorhanden— kein Atom— kein Strohhalm. Alle bis jetzt zu Tage getretenen Anzeichen widerſprechen vielmehr einer Vorausſetzung, deren Entſetzen alles Entſetzliche überſteigen würde, was das Schickſal zur Züchtigung und Strafe eines Menſchen herbei⸗ führen könnte. Ich will es daher auf ſich be⸗ ruhen laſſen. Das Andere— Gott ſtehe mir bei!— 3ch glaube, ich werde ebenfalls im Stande ſein, es zu — beſeitigen— es iſt ja ausſchließlich meine eigene Angelegenheit und ich bin der Einzige, der darunter leidet. Jetzt, wo Treherne verheirathet und nicht mehr da iſt, wird auch für mich keine Nothwendig⸗ keit vorhanden ſein, Rockmount wieder zu beſuchen. Yrittes Kapitel. Ihre Geſchichte. Welch' eine Veränderung macht doch eine Hei⸗ rath— welch' eine Leere läßt ſie in einem Hauſe zurück! Das unſrige iſt ſehr eintönig geweſen, ſeit⸗ dem die arme Liſa fort iſt. Ich weiß nicht, warum ich ſie die„arme Liſa“ nenne. Sie ſcheint die heiterſte der Heitern und die glücklichſte der Glücklichen zu ſein— zwei Charak⸗ tere, welche, beiläufig geſagt, nicht immer identiſch ſind. Ihre Briefe aus Paris erzählen nur von Ge⸗ nüſſen. Auguſtus führt ſie überall hin und macht ſie mit Jedermann bekannt. Auf einem Ball der britiſchen Geſandtſchaft war ſie die„belle mariée“ und iſt dem Manne vorgeſtellt worden, gegen den ich von jeher eine Averſion gehabt, obſchon er ſich jetzt in; manchen Dingen auf für ihn ganz ehrenwerthe Weiſe benimmt.„Zur Beſſerung iſt es nie zu ſpät,“ ſelbſt nicht für einen Ludwig Napoleon. Liſabel natürlich hält ihn jetzt für den liebenswürdigſten Mann von der Welt, Auguſtus ausgenommen. Sonderbar, daß ſie an ſolchen Zerſtreuungen Geſchmack findet. Sie iſt jetzt ſeit noch nicht ganz drei Wochen vermählt. Wie wenig muß ſie die Ge⸗ ſellſchaft ihres Gatten genießen! Die angenehmſte Art und Weiſe, einen Honigmonat zu verleben, wäre nach meiner Anſicht, der ganzen Welt aus dem Wege zu gehen, ein wenig Frieden und Ruhe zu ge⸗ nießen, nach Belieben umherzuſchweifen und gemein⸗ ſchaftlich ſchöne Oertlichkeiten anzuſehen. Der Geſchmack iſt aber verſchieden. Liſabel hatte dazu keine Neigung; auch ließ ſich von ihrer Heirath nicht erwarten, daß ein ſolcher Honigmonat wünſchenswerth ſein würde. Sie pflegte zu ſagen, ſie würde ſelbſt des Engels Gabriel überdrüſſig wer⸗ den, wenn ſie ihn vier tödtliche Wochen lang fort⸗ während auf dem Halſe hätte. Es iſt möglich; ich entſinne mich, daß ich einmal eine ähnliche Bemer⸗ kung machte. Ganz gewiß aber muß dieſe Furcht vor Lang⸗ weile, wenn zwei Menſchen blos Eins auf des An⸗ dern Geſellſchaft angewieſen ſind, hauptjichlic Leben um Leben. M. Vergnügens willen oder aus Convenienz geſchloſſen worden, nicht auf jene, wo zwei Perſonen freiwillig ihr Leben an einander ketten,„zum Glück oder Unglück, in Reichthum oder Armuth, in Krankheit und in Geſundheit, in Liebe und Treue bis zum Tode.“ Wie feierlich die Worte klingen! Sie gingen mir am Trauungsmorgen Liſabel's durch Mark und Bein. Ich habe in Bezug auf dieſen Tag hier Nichts niedergeſchrieben. Ich glaube, er glich den meiſten andern Hochzeitstagen— er kam und ging wie ein Traum, und zwar wie ein nicht ſehr glücklicher Traum. Es ſchien eine Wolke über uns Allen zu ſchweben. Einer der Gründe war, daß Francis nicht kam. Erſt in der letzten Minute ſchickte er eine Entſchul⸗ digung. Er wäre nicht wohl, ſchrieb er, glaube ich. Ueberdies ſchien die Entſchuldigung keine ſtich⸗ haltige zu ſein. Freilich aber wäre es vielleicht ein ſchmerzlicher Tag für ihn geweſen, und Francis iſt einer von den Menſchen, die, womöglich, einer ſchmerzlichen Berührung aus dem Wege gehen. Dennoch hätte er erwägen ſollen, daß es auch für Penelope nicht der glücklichſte Tag ſein würde und daß er ſie durch ſein Ausbleiben nicht noch mehr be⸗ trüben dürfe. Verbindungen Anwendung leiden, die blos um des — Sie ertrug es aber mit vollkommenem Schwei⸗ gen, und Riemand, ausgenommen Auguſtus, welcher lachend bemerkte, dies„ſehe ſeinem Couſin Charteris ganz ähnlich,“ wagte weiter Etwas hierüber zu bemerken. Ich bin mit Miſtreß Granton und unſerer Liſa in ihren Tiraden gegen einen langen Brautſtand nicht einverſtanden. Ich ſehe nicht ein, warum Leute, die einander wirklich lieben, aber unmöglich einander heirathen können, nicht zufrieden eine un⸗ beſtimmte Zeit lang als Verlobte leben ſollen. Ganz gewiß iſt dies beſſer als wenn ſie völlig ge⸗ trennt, verlaſſen und hoffnungslos leben, und gegen einander kein offenes Recht, keinen Anſpruch und keine Pflicht haben.. Dann aber muß dieſer Brautſtand in Bezug auf vollkommenes Vertrauen, Geduld und anſpruch⸗ loſe Zärtlichkeit der Ehe ſelbſt gleichen. Auch darf er nicht ſo öfſentlich bekannt und nicht ſo grauſam zum Gegenſtande der Unterhaltung gemacht werden wie das Verhältniß unſerer Penelope. Alſo Francis kam nicht und Alle gingen zeiti⸗ ger fort als wir erwartet hatten. Am Hochzeits⸗ abende waren wir ganz allein, und den Tag darauf war Rockmount wieder ſo langweilig und eintönig wie vorher, ausgenommen, daß die arme Liſa fehlte. 4** Ich nenne ſie immer noch ſo— ich kaun nicht anders. Wir erkennen den Werth der Dinge nicht eher als bis wir ſie verloren haben. In jedem Winkel vermiſſe ich unſere Liſa— ihr heiteres Ge⸗ lächter, welches herzlos zu ſein ſchien, aber doch der fröhlichſte Klang im Hauſe war; ihre hohe, ſchöne Geſtalt, die in und aus den Zimmern heraus und hinein ſchwebte; ihre unerſchütterliche gute Laune, die ich ſo oft auf die Probe ſtellte— ihr ſorgloſes, ungenirtes Weſen, worüber Penelope ſich ſo oft ärgerte, bis zu ihren Thorheiten und Koketterieen, die ſie trotz Auguſtus bis zum letzten Augenblicke trieb. Meine arme Liſa! Das Hinwegräumen ihrer Muſikalien von dem Piano, ihrer Bücher von dem Geſtell und ihrer Kleider aus den Schränken und Kommoden koſtete mich einen ſo großen Schmerz, wie ich ihn je in meinem Leben empfunden. Ich war lange nicht gut und freundlich genug, als ich ſie hatte— wenn ich ſie wieder hätte, wie ganz anders würde es ſein!— Ja, das ſagen wir immer, wenn der große Schatten Zeit näher und näher kommt, aber wir laſſen ihn ſtets entſchlüpfen und können ihn nicht bewegen, auch nur um eine Stunde zurückzukehren Heute Abend kamen Miſtreß Granton und Colin zum Thee. Ihre Geſellſchaft war eine Er⸗ 1 . leichterung; unſere Abende ſind oft ſehr langweilig. Wir ſitzen alle Drei beiſammen, aber Keins hat viel Sympathie mit dem, was das Andere thut oder denkt. Wir leben— wie dies in Familien gar nicht ſelten geſchieht, Jedes in einer Welt für ſich, die nie⸗ mals von Jemand anders betreten wird, ausge⸗ nommen wenn wir gemeinſchaftlich Beſuch haben. Papa lud Doctor Urquhart zwei Mal zu Tiſche ein, erhielt aber jedes Mal eine Entſchuldigung, die ihn faſt beleidigte, und er ſagte, er werde ihn nicht eher wieder einladen als bis er freiwillig dageweſen ſei. Er ſollte kommen, denn ein alter Mann liebt Aufmerkſamkeit und hat auch das Recht, ſie zu verlangen. Heute Abend, während Miſtreß Granton mit Papa und Penelope plauderte, ſprach Colin mit mir. Er erträgt Liſabel's Verheirathung weit beſſer als ich erwartete, wahrſcheinlich weil er Beſchäfti⸗ gung hat. Er erzählte mir eine lange Geſchichte von einer Anzahl Arbeiterhäuſer, welche Doctor Ur⸗ guhart ihm gerathen hat, an der Ecke des Moor⸗ landes zu bauen, jedes mit einem Stück Feld, wel⸗ ches in einen Kartoffelacker oder einen Garten ver⸗ wandelt werden kann. Hier beſchäftigt ſich Colin vom Mittog bis Abend, beaufſichtigt, entwirft bau't, entwäſſert, arbeitet„wie ein Pferd“— ſagt — er—„und hat ſich in ſeinem ganzen Leben noch nicht ſo gut amüſirt.“ Er ſagt, er habe Doctor Ur⸗ quhart in der letzten Zeit ſehr oft geſehen und dieſer ſei ihm in Bezug auf dieſe Bauunternehmungen ſehr hülfreich an die Hand gegangen. Kann er denn aber ſo außerordentlich beſchäf⸗ tigt ſein, daß er nicht einmal ein paar Stunden zu einem Beſuche erübrigt? Pfui, Dora, wie kannſt Du ſo Etwas vermuthen! Wie kannſt Du glauben, daß Doctor Urquhart ſelbſt zur höflichen Entſchul⸗ digung Etwas ſagen würde, was nicht in Wahr⸗ heit beruht? Colin hat ſehr gewonnen. Er fängt an, zu vermuthen, daß Colin Granton, Esqu., Beſitzer eines großen Landgutes und ſiebenundzwanzig Jahre alt, etwas mehr zu thun habe als umherzubum⸗ meln, Kaninchen zu ſchießen und Billard zu ſpielen. Er erweckte meine Sympathie durch eine lange Reihe von Plänen in Bezug auf jene Arbeiterhäuſer; wie er beabſichtige, Fleiß, Reinlichkeit, mit Einem Worte alle Cardinaltugenden anzuſpornen, und zwar ver⸗ mittelſt der Ausſetzung von Preiſen für ſaubere Häuſer, wohlgepflegte Gärten und die beſterzogene und zahlreichſte Kinderſchaar. Er wird niemals ſehr klug ſein, der arme Colin! Aber er kann eine ſehr nützliche Rolle in unſerer Grafſchaft ſpielen und —, — er hat das beſte Herz von der Welt. Apropos, er ſagte mir in ſeiner unübertrefflich einfachen Weiſe, Jemand habe ihm mitgetheilt, eine der jungen Da⸗ men von Rockmount habe dies geſagt! Ich fühlte, daß ich roth ward bis über die Ohren, was Colin in nicht geringes Erſtaunen ſetzte. Im Ganzen genommen, war es kein unange⸗ nehmer Abend. Aber, o Mond, den ich ſeine Git⸗ terſcheiben auf den Teppich zeichnen ſah, als ich ein⸗ trat— er war nicht wie dit Abende vor einem Monate, als Liſabel noch zu Hauſe war. Ich glaube, die Frauen müſſen eben ſo wohl als die Männer Etwas zu thun haben. Ich wollte, ich hätte Etwas zu thun; es würde für mich eben ſo gut ſein wie für Colin. Ich beginne zu fürchten, daß ich ein ganz erbärmlich müſſiges Leben führe. Alle junge Damen, die im älterlichen Hauſe bleiben, thun dies, ausgenommen vielleicht dieälteſte Schweſter, wenn ſie eine ſolche Perſon iſt wie unſere Penelope. Warum kann ich Penelope nicht zur Hand gehen? Miſtreß Granton betrachtete es als etwas Ausge⸗ machtes, daß ich dies thäte; ſie meinte, ich würde nun, da Miß Liſabel fort ſei, für Miß Penelope Johnſton der größte Troſt, die weſentlichſte Hülfe ſein. Dies aber bin ich durchaus nicht und ich würde dies gern auseinander geſetzt haben, aber bloße * Freunde können die Meinungsverſchiedenheiten, die in einer Familie herrſchen, niemals begreifen. Wenn ich mich erböte, Penelope im Hausweſen zu unterſtützen, was für Augen würde ſie machen! Oder auch in Bezug auf ihre Schulen; doch das tann ich ohnehin nicht. Lehren iſt mir etwas ganz Unausſtehliches. In dem Augenblicke, wo ich zwei Dutzend Paar runde Augen vor mir ſehe, verliere ich den Muth und ich werde die abſcheulichſte Memme und möchte lieber in die Erde ſinken. Daſſelbe iſt der Fall mit den Diſtrictsbeſuchen. Welches Recht habe ich, weil ich zufällig die Tochter des Geiſtlichen bin, die Klinke aufzuheben und in den Häuſern armer Leute herum zu ſpioniren und ſie zu nöthigen, mir Knixe zu machen und höflich meine Traktätchen und Rathſchläge anzunehmen, die ſie weder leſen noch befolgen, und die ihnen, wenn ſie es auch thäten, doch Nichts helfen würden? Doch ſind dies vielleicht blos Sophismen, durch die ich zu rechtfertigen ſuche, daß ich Etwas nicht thue, wogegen ich einen ſo herzlichen Widerwillen habe. Andere thun es, und zwar mit gutem Erfolge. Sie nehmen die Herzen der armen Leute und, was noch beſſer iſt, ihr Vertrauen mit Sturm, tre⸗ ten nie ein, ohne Willkommen geheißen, und gehen nie fort, ohne geſegnet zu werden, wie z. B. Doctor Urquhart. Miſtreß Granton erzählte ſeine Thätigkeit unter den armen Familien, welche jetzt nicht weit vom Lager in Mooredge an Fieber und dergleichen Krank⸗ heiten darnieder liegen. Warum kann ich nicht daſ⸗ ſelbe thun, natürlich nicht ſo viel, wohl aber ein wenig? Warum kann mir nicht Jemand zeigen, wie ich es machen ſoll? Nein, ich bin nicht würdig. Mein Viertelſahrhundert Leben iſt für mich oder irgend ein anderes menſchliches Geſchöpf von keinem größern Nutzen geweſen als das jener Fliege, welche mein Kaminfeuer zu einem kurzen thörigten Summen in dem Fenſtervorhange aufgeweckt hat, ehe ſie wieder herunterfällt und ſtirbt. Ich möchte auf dieſelbe Weiſe niederfallen und ſterben, ohne ein beſſeres Andenken zu hinterlaſſen. Da— ich höre Penelope in ihrem Zimmer die Schubkäſten öffnen und ſchließen, und das Haus⸗ mädchen ausſchelten! Sie nimmt immer jugend⸗ liche ungeübte Dienerinnen aus ihrer Dorfſchule, lehrt und unterrichtet ſie ein Jahr lang und grollt dann, weil ſie fortgehen, und dennoch thut ſie da⸗ durch viel Gutes. Zuweilen kommen dieſe Mädchen wieder und danken ihr, daß ſie ganz vorzügliche Dienſtboten aus ihnen gemacht, und nur ſehr ſelten 5 3 3 6 3 3½ ae ————— ereignet ſich ein ſocher Vorfall wie mit der hübſchen einfältigen Lydia Cartwright, welche nach London ging und nie wieder zurückkam. Meine liebe Schweſter Penelope, die Du, ausgenommen in Geſellſchaft, kaum ein höfliches Wort für irgend Jemanden haſt— ausgenommen für Francis— Penelope, die Du ſeit Deinem ſech⸗ zenten Jahre unſere Hauswirthſchaft geführt, das Haus behaglich gemacht und das Anſehen der Familie vor der Welt draußen aufrecht erhalten— in der That, mit all' Deinen Launen und Grillen biſt Du mehr werth als ein Dutzend Schweſtern Theodora. Ich möchte wiſſen, ob Doctor Urquhart dies auch denkt. Er ſah ſie mehr als ein Mal ſcharf an, als wir von Francis ſprachen. Er und ſie würden in vielen Punkten ganz einerlei Meinung ſein, wenn ſie es nur wüßten und häufiger zuſammen ſprächen. Sie iſt nicht ſehr freundlich gegen ihn, aber dies hätte Nichts zu bedeuten; er taxirt die Menſchen nach dem, was ſie ſind, und nicht nach der Art und Weiſe, auf welche ſie ſich gegen ihn benehmen. Vielleicht, wenn ſie beſſer mit einander bekannt wären, würde Penelope ſich als eine beſſere Freundin für ihn be⸗ weiſen als die„kleine Dame.“ Die kleine Dame! Es iſt dies gerade ſo ein Name, wie man einem eiteln, nutzloſen Schmetter⸗ 8 5 lingsweſen geben würde, welches blos als Amüſe⸗ ment, als Spielzeug für müſſige Stunden Werth hat, um zur Zeit der Arbeit oder Sorge gänzlich auf die Seite geworfen und vergeſſen zu werden. Hält er mich wirklich für ſo Etwas? Wenn er es thut, nun ſo möge er's thun. Ein voll⸗ gültiger Beweis davon, wie langweilig Rockmount iſt und wie wenig ich Stoff zum Schreiben habe, wenn ich über dergleichen Trivialitäten wie dieſe kritzele. Wenn ſich keine beſſeren Themata finden, ſo führe ich mein Tagebuch nicht weiter fort. Miittlerweile beabſichtige ich nächſte Woche einen ernſthaften Kurſus in der Geſchichte ſo wie in der lateiniſchen und deutſchen Sprache zu beginnen. Was die letztere betrifft, ſo werde ich anſtatt flüchtiger Lectüre es mit ſchriftlichen Ueberſetzungen, wahr⸗ ſcheinlich aus meinem Lieblingsdrama Wallenſtein verſuchen. Wenn man bedenkt, daß Jemand ſo unwiſſend ſein kann, nicht einmal den Namen Max Pieccolomini zu kennen! Er war ſtets das Ideal meines Helden, treu, zuverläſſig, wacker und unendlich liebend, und dennoch im Stande, um des Gewiſſens willen ſelbſt der Vebe zu entſagen. Ferner habe ich nun alle Wochen einmal einen langen Brief an Liſabel zu ſchreiben— ich, die ich 3 e 2—— niemals in meinem Leben eine regelmäßige Corre⸗ ſpondenz geführt habe. Sie wird beinahe eben ſo gut ſein als die Penelope's mit Francis Charteris. Endlich höre ich Penelope ihre Dienerin entlaſſen, die Thür verriegeln und ſich zur Ruhe begeben. Ich möchte wiſſen, worüber Penelope nachdenkt, wenn ſie ſich endlich einmal allein ſieht, Nichts zu thun und Niemanden auszuſchelten hat? Denkt ſie an Francis? Denken Leute in ihrer Stellung ſtets zuletzt aneinander? Wahrſcheinlich. Wenn alle Sorgen und Freuden des Tages vorüber ſind und die übrige Welt ausge⸗ ſchloſſen iſt, dann wendet ſich das Herz ganz natür⸗ lich zu dem, in welchem nächſt dem Himmel es ſeine wirkliche Ruhe, ſeinen beſten Troſt findet, beſſer als bei Freund, Bruder oder Schweſter— bei dem Herzen, welches die Hälfte ſeines eigenen iſt. Werde nicht ſentimental, Theodora, ſondern geh' zu Bett! Viertes Rapitel. Seine Geſchichte. Ich hatte es faſt aufgegeben, hier zu ſchreiben. Iſt es gerathen, wieder zu beginnen? Und dennoch heute, in der ſtillen Hütte, während der Oſtwind draußen faſt ſo grimmig heult wie er vorigen Winter über die Steppen des Kaukaſus zu heulen pflegte, muß man Etwas thun, wenn auch nur um die Zeit zu tödten. In der Regel brauche ich nicht oft zu dieſem Hülfsmittel zu greifen. Die Kaſernenangelegenheit nimmt jede Mußeſtunde in Anſpruch. Der Obercommandant hat endlich eine Unter⸗ ſuchungscommiſſion verſprochen, ſobald ihm hin⸗ reichende Data geliefert worden, welche eine ſolche Maoßregel rechtfertigen. Ich habe deßhalb Beweiſe 3 3 13 1 1 1 11 3 14 1 14 13 3 1 1½ aus allen Kaſernen in dem Vereinigten Königreiche geſammelt und perſönlich alle beſucht, die ich inner⸗ halb eines ein- oder zweitägigen Urlaubs von dem Lager habe erreichen können. Die wichtigſte war die in der Hauptſtadt. Es iſt überflüſſig, hier auf Einzelheiten zurück⸗ zukommen, von welchen mein Kopf die ganze Woche ſo voll geweſen iſt, daß die Ruhe und der Ideen⸗ wechſel des ſiebenten Tages ein faſt unſchätzbarer Genuß iſt. Laien verſtehen dies nicht. Der junge Granton verſtand es auch nicht, als er vorige Nacht mit mir von London zurückreiſ'te. Er beklagte, daß er ſeinen Häuſerbau, mit welchem er trotz des Winterwetters fortfährt, erſt den Montag früh wieder aufnehmen könne. Mr. Granton erzählte mir viel von einigen ſei⸗ ner Freunde, was mich veranlaßt, zu glauben, daß das„beſte Herz von der Welt“ keine unheilbare Wunde davon getragen und vielmehr bereits auf dem Wege iſt, anderwärts Troſt zu ſuchen. Dem kann ſo ſein. Die Jugend iſt freundlich gegen die Jugend, und die Glücklichen freuen ſich über die Glücklichen. Doch, ich komme auf meine armen Kerle zurück, meine Bauernburſchen und halbverhungerten Hand⸗ werker, die ſich durch die dreizehn Pence den Tag anlocken laſſen und nach dem koſtſpieligen Drillen, welches ſie zu richtigem Kanonenfutter machen ſoll, wie Thiere in einen Stall zuſammengeſperrt wer⸗ den, bis, ausgenommen unter hartem Zwange, die thieriſche Natur darnach trachtet, die Oberhand zu gewinnen, was durchaus nicht zu verwundern iſt. Ich darf nicht an Ruhe denken, ſo lange ich nicht Alles verſucht habe, um dies Project in Bezug auf meine armen Kerle zu fördern. Und dennoch, je älter man wird, deſto mehr fühlt man, wie wenig Macht ein einziger Menſch zum Gutesthun hat— wie viel er auch zum Böſes⸗ thun haben mag. Wenigſtens iſt dies die Anſicht eines krankhaften Geiſtes, nachdem er nach Allem getrachtet und faſt Nichts gethan— dies ſchien geſtern Abend der kurze Katalog meiner Arbeit von dieſer Woche zu ſein. Die Menſchen ſind gar ſo ſchwer zu bewegen, auf Verbeſſerungsprojecte einzugehen. Sie ſprechen ſehr viel von der Nothwendigkeit derſelben, aber thätig dafür ſein wollen ſie nicht; es macht ihnen zu viel Mühe. Die Meiſten haben auch zu viel mit ihren Privatangelegenheiten zu thun, mit ihren Geſchäften, ihren Vergnügungen oder den Forderun⸗ gen ihres Ehrgeizes. Es iſt unglaublich, welche — Mühe es mir koſtete, in der Krim einige Perſonen ausfindig zu machen, welche ſich für das Gute und Nothwendige intereſſirten, und wie Wenige von die⸗ ſen ließen ſich überzeugen, daß wirklich Etwas daheim gethan werden müſſe! Im Kriegsminiſterium, wo mein Geſicht eben ſo bekannt ſein muß als das der Uhr am Quadran⸗ gel für jene feinen jungen Comptoiriſten— fehlte es nicht an Aufmerkſamkeit, wohl aber an der För⸗ derung meiner Pläne. Indeſſen ging die Zeit dort doch nicht ganz verloren, und bei meinen verſchiedenen Unterredungen mit frühern Collegen, die ich hier zu⸗ füllig traf, wurden Ideen erörtert, die nach verſchie⸗ denen Seiten hin von Nutzen ſein können. Und wie dies immer geſchieht, gerade auf der Seite, von welcher ich es am wenigſten gehofft, fand ich das wärmſte Intereſſe und den eifrigſten Beiſtand. Eben ſo— und dies iſt der Glanzpunkt einer eben nicht glänzenden Zeit— iſt mir während mei⸗ nes kurzen Verweilens in London, des erſten ſeit vielen Jahren— mehr als ein vertrautes Geſicht aus alter, längſt entſchwundener Zeit wieder in den Weg gekommen und hat mich mit einem Willkommen begrüßt, deſſen Wärme und Herzlichkeit mich über⸗ raſchte und erheiterte. Unter Denen, welche ich am Donnerſtage traf. — befand ſich ein alter Oberſt, unter dem ich vor zwölf Jahren als Aſſiſtenzarzt meine erſte Seereiſe machte. Er begegnete mir in dem Mall und redete mich mit meinem Namen an. Ich hatte den ſeinigen faſt ganz vergeſſen, bis ſein herzlicher Gruß ihn mir wieder in's Gedächtniß rief. Dann gab es eine Menge wechſelſeitige Fragen und Erinnerungen. Er ſagte, er würde mich überall wieder erkannt haben, obſchon ich mich in gewiſſen Beziehungen bedeutend verändert hätte. „Aber zu Ihrem Vortheil, Doctor; denn da⸗ mals waren Sie ein ſo mageres Bürſchchen, daß wir glaubten, wir würden Sie über Bord werfen müſſen, ehe noch die Reiſe halb zurückgelegt wäre. Sie haben uns aber Alle zum Beſten gehabt, und ſo wahr ich lebe, obſchon Sie ſeit jener Zeit ſo Manches durch⸗ gemacht haben müſſen, ſo ſehen Sie doch aus, als ob Sie noch weit mehr durchzumachen im Stande wären.“ Ich ſagte, ich hoffte das ſelbſt, und ich hoffe es auch in gewiſſen Beziehungen, und dann kam ich zur Antwort auf ſeine freundliche Frage auf das Geſchäft zu ſprechen, welches mich nach London geführt. Der gute Oberſt war ganz Ohr. Er hat ein warmes Herz, vollauf Geld und glaubt, mit Geld Leben um Leben. IM. 5 könne man Alles machen. Es koſtete mir die größte Mühe, ihn zu überzeugen, daß ſein Geldbeutel mir bei dem Obercommandanten oder den ehrenwerthen hritiſchen Offizieren, die ich zu einiger Sympathie mit den Leuten, die ſie commandirten, aufzurütteln hoffte, Nichts helfen könne. „Aber kann ich denn gar Richts für Sie thun? Sie werden ſich noch Tommy's, meines Buben, ent⸗ ſinnen, der auf dem Deck den Matroſentanz aufzu⸗ führen pflegte. Dieſem kleinen Tangenichts habe ich eine ganz gute Anſtellung im Staatsdienſte ver⸗ ſchafft. Er hat nicht viel zu thun,— von eilf Uhr bis um vier— und regelmäßige Arbeit, nämlich alle Tage die Times durchzuleſen. Ha, ha! Sie verſtehen mich wohl?“ Ich lachte auch, denn es war dies eine ziemlich genaue Schilderung Deſſen, was ich dieſe Woche in den Regierungsbureaus, wie überhaupt in öffentlichen Aemtern aller Art, geſehen, wo die Arbeit in ſo viele Unterabtheilungen zerfällt, daß ſie in den verant⸗ wortlichen Händen von nur ſehr Wenigen liegt und die Arbeit und der Lohn gewöhnlich im umgekehrten Verhältniß zu einander ſtehen. Was den ebener⸗ wähnten Fall betraf, ſo zweifelte ich, nach der Erin⸗ nerung, die ich von Maſter Tommy Turton hatte, durchaus nicht, daß eine ſolche Anſtellung ihm voll⸗ kommen zuſagte. Sein Vater und ich ſchlenderten auf dem glän⸗ zenden, halbgetrockneten Straßenpflaſter auf und ab, bis die Laternen angezündet wurden und die Fenſter der Clubs erleuchtet zu werden begannen. „Sie werden natürlich mit mir diniren— nicht in dem United Service— es iſt heute mein Tag mit Tom in ſeinem Club, dem New Universal, einem ganz famoſen Club. Keine Ausrede; wir wollen Tommy überrumpeln, er wird ſich nicht ſchlecht freuen. Er iſt außerordentlich ſtolz auf ſeinen Elub — der junge Schelm koſtet mich— es iſt unmöglich zu ſagen, was Tom mich jährlich koſtet, außer ſeiner Beſoldung! Aber er iſt ein guter Junge— wie junge Leute nun ſind— iſt einer der feinſten Stutzer im ganzen Club und beſucht ſtets die allerbeſte Geſellſchaft.“ So ſchwatzte der würdige alte Vatet, und noch vieles Andere, was ich nicht mehr weiß. Ich war den ganzen Tag auf den Beinen geweſen und Das, was die Hausfrauen„müde“ nennen— wenn ſie Armſeſſel herbei⸗ und gewärmte Pantoffeln unter naſſe Füße ſchieben, wenigſtens habe ich das thun ſehen. Das Londoner Clubleben war mir neu. Auch „ 3 wußte ich nicht, daß in England ein ſo großer Theil der Mittelklaſſen aus eigner freier Wahl ein Leben führt, welches wir im auswärtigen Kriegsdienſte nur führen, weil wir nicht anders können— das be⸗ queme egoiſtiſche Leben, in welches eine nur aus Männern beſtehende Geſellſchaft ſehr leicht verfällt. Den alten United Service-Club kannte ich, der Rew Universal dagegen war ein förmliches Wunder⸗ wert von brillantem Geſchirr, ein wahrer Palaſt von Tapezierarbeit. Tom war noch nicht da, ſein Vater aber führte mich mit nicht geringem Stolze in dieſem ſeinem Reiche umher. „Ja; ſo leben wir— er in ſeinem Club und ich in dem meinigen. Wir haben zwei nette Schlaf⸗ zimmer nicht weit von hier— das iſt Alles. Ein ſehr luſtiges Leben, verſichere ich Ihnen, wenn man nicht die Gicht hat oder hypochondriſch iſt. Wir haben es geführt, ſeitdem die arme Mutter todt iſt und Henriette geheirathet hat. Ich ſage Tom zu⸗ weilen, er ſolle ſich auch verheirathen, aber er ſagt, das ginge nicht gut und er hätte nicht die Mitte dazu. Holla, da kommt der Junge!“ Tom, ein„Junge“ von ſechs Fuß Länge, von hübſchem Ausſehen und gut gekleidet, genau nach dem Muſter von einigen Dutzenden anderer junger — Leute, denen wir begegnet waren, während ſie Arm in Arm Pall Mall hinabſchlenderten— begrüßte mich mit großer Höflichkeit und ſagte, er erinnere ſich meiner vollkommen, obſchon mein unglückliches leiſes Gehör ihn ertappte, als er ſeinen Vater bei Seite fragte, wo um's Himmels willen er dieſen alten Philiſter aufgegabelt habe? Wir dinirten gut— und ein gutes Diner iſt nicht zu verachten. So wie der Menſch alt wird, muß ihm geſtattet ſein, ſeinem Leibe gütlich zu thun; er braucht es auch in der That. Ob er aber ſchon in ſeinem vierundzwanzigſten Jahre fünf Gänge und ein halbes Dutzend Sorten Wein braucht, iſt eine andere Frage. Maſter Tom war aber mein Wirth wirklich„ein alter Philiſter.“ Nach dem Diner gine der Oberſt mit großer Wärme auf mein Geſchäft ein, welches ſein Sohn agegen augenſcheinlich als etwas höchſt Langweiliges * betrachtete. Er verſtehe durchaus Nichts von der Sache, müßten Alles wiſſen, was vorginge, während ſie doch in der That gar Nichts wüßten. Es thäte ihm und deßhalb ſchweige man. Vielleicht werde ich auch meinte er. Sie gehöre nicht in ſein Departement. 2 Sein„Alter“ glaube immer, die Regierungsbeamten ſehr Leid, aber er ſehe nicht im Mindeſten ein, was er für Doetor Urquhart thun könne. Doctor Urquhart bemühte ſich, dem jungen Herrn begreiflich zu machen, daß er auch gar Nichts von ihm verlange, und Tom hörte dann mit jenem philoſophiſchen laissez-aire zu, welches wir, die wir einer frühern Generation angehören, als beinahe unhöflich betrachten. Endlich fiel ihm Etwas ein. „Aber, Vater, Charteris kennt Alles und wäre gerade der rechte Mann für Dich. Dort iſt er.“ Und er zeigte begierig auf einen Herrn, der ſechs Tiſche weiter gemächlich bei ſeinem Weine und ſeiner Zeitung ſaß. An dieſem Morgen, während ich in einem Vor⸗ zimmer des Kriegsminiſteriums ſtand, hatte dieſer Gentleman meine Aufmerkſamkeit dadurch erregt, daß er ſich über einen der Schreiber lehnte und ihnen die Langeweile damit vertrieb, daß er ihnen eine Carricatur zeichnete. 3 Meine Phyſiognomie ſtand vollkommen zu ihren Dienſten, aber es ſchien höchſtens jenem Könige der 4 Carricaturen, dem„Punch“ erlaubt zu ſein, die ehr⸗ lichen verwitterten Züge des alten ſtattlichen Vetera⸗ nen, der eben mit mir ſprach, zum Gegenſtande des Witzes oder Spottes zu machen. Deßhalb interve⸗ nirte ich— nicht freiwillig— zwiſchen dem Carri⸗ — — caturenzeichner und meinem— ſoll ich mir dieſe Ehre geben?— Freunde. Der gute alte Kriegs⸗ mann lehnt dieſe Ehre vielleicht nicht ab. Was Mr. Charteris betraf, ſo ſchien er meine Bekanntſchaft nicht geltend zu machen zu wünſchen, und ich empfand ebenfalls keinen Wunſch, die ſeinige wieder aufzunehmen. Wir gingen daher, ohne uns zu begrüßen, an einander vorüber, und ich würde dies auch jetzt gern gethan haben, wenn nicht Oberſt Turton den Namen aufgegriffen hätte. „Tom hat Recht,“ ſagte er;„Charteris iſt der rechte Mann. Er beſitzt ungeheuern Einfluß und famoſe Connexionen, obſchon er ſich— unter uns geſagt, Doctor— ſo arm ausgiebt wie eine Kirchen⸗ maus.“ „Er hat fünfhundert Pfund jährlich,“ ſagte Tom grimmig.„Ich wollte, ich hätte auch ſo viel, dennoch aber iſt er ein netter Kerl und ſehr guter Geſellſchafter. Hört, Kellner, ſagt Mr. Charteris ein Compliment von mir und ich ließe ihn bitten, uns mit ſeiner Geſellſchaft zu beehren.“ Mr. Charteris kam. Mein Anblick ſchien ihn zu überraſchen, wir machten aber Beide die Ceremonie der gegenſeitigen —— Vorſtellung, doch ohne zu erwähnen, daß es nicht zum erſten Male war. Und während der ganzen gueaüc welche dauerte, bis das Tiſchgeräuſch verſtummte und das lange, helle, prachtvolle Speiſezimmer ziemlich ver⸗ einſamt war, erwähnte Keiner von uns Etwas von dem kleinen Zimmer, wo auf kurze fünf Minuten Mr. Charteris und ich uns vor einigen Wochen begegnet waren. Damals hatte ich ihn kaum beachtet, jetzt that ich es. Er ſtrafte Tom's und des Oberſten Lob⸗ ſprüche durchaus nicht Lügen. Er iſt ein ſehr intel⸗ ligenter, angenehmer Mann und beſitzt, wie es ſcheint, eine ungemein tüchtige klaſſiſche Bildung. Er iſt ganz der Mann, der den Frauen gefallen muß und der in einem Kreiſe von Schweſtern für ſie unwill⸗ kürlich der Maßſtab für alles Das werden muß, was an unſerm Geſchlechte Bewunderung verdient. An Mr. Charteris war wirklich Vieles zu be⸗ wundern— eine Grazie, die an Das grenzte, was wir beif dem einen Geſchlechte Anmuth, bei dem andern Weibiſchkeit nennen. Auch gab er Proben von Talenten, die gerade nicht ſehr originell oder bemerkenswerth waren, aber doch auf einen gleich⸗ mäßig ausgebildeten, eleganten Geiſt ſchließen ließen. Alles an ihm war klein, nett und regelmäßig, Nichts * —— im geringſten Grade ercentriſch oder von dem Gewöhnlichen abweichend. Ein das Vergnügen liebendes, zu thätiger Anſtrengung nach irgend einer Richtung hin aber keineswegs geeignetes Tempera⸗ ment— dies war die Vervollſtändigung des Ein⸗ drucks, welchen Mr. Francis Charteris auf mich machte. Obſchon er mir keine Aufſchlüſſe gab— im Gegentheile ſchien er eben ſo wie mein junger Freund Tom Etwas darin zu ſuchen, von der Staatsmaſchine, von welcher er einen Theil bildete, ſo wenig als möglich zu wiſſen und ſo wenig als möglich ſich dafür zu intereſſiren— trug er doch weſentlich zur Erheiterung des Abends bei. Er war es auch, der den Vorſchlag machte, das Theater zu beſuchen. „Wenn nämlich Doctor Urquhart Nichts dage⸗ gen hat. Ich glaube aber, wir werden eins fin⸗ den, wo die Vorſtellung gegen keins der zehn Gebote verſtößt, in Bezug worauf er, wie ich mir denken kann, ziemlich eigenſinnig iſt.“ „O,“ rief Tom,„Du ſollſt nicht ſtehlen“— näm⸗ lich aus dem Franzöſiſchen— und„Du ſollſt nicht tödten“— nämlich den guten Geſchmack und die Richtigkeit des Ausdrucks— ſind die einzigen Gebote, welche auf der Bühne unerläßlich ſind. Komm' mit, Vater!“ „Du biſt ein durchtriebener Schelm,“ ſagte der Vater, indem er ihm mit der Fauſt drohte und den Mund zu einem Schmunzeln verzog, welches mich an die Tage des Matroſentanzes erinnerte. 2 Der„durchtriebene Schelm“ wußte aber, wo es die beſten Amüſements gab. Obſchon ich in der Literatur nicht ſehr bewandert bin, ſo liebe ich doch meinen Shakeſpeare zu ſehr, als daß ich ihn auf der Bühne, ſein rieſiges altes Fleiſch und Blut aus⸗ gegraben und dem modernen Geſchmacke als ge⸗ ſchminktes, gepudertes, angeputztes Skelett aufgetra⸗ gen, zu ſehen wünſchte. Dieſen Abend aber ſah ich ihn, ſo wie er lebte, in der Form und Weiſe ſeiner Zeit dargeſtellt. Es gab allerdings viel Schaugepränge, denn das Stück verlangte es, aber es war gut und † natürlich, und man fühlte, daß gerade auf dieſe Weiſe die Glocken dem lebenden Bolingbroke geläutet B und das Volk ihm Beifall gejauchzt haben mußte. Auch die Darſtellung war ſehr gut und natürlich, und 5 für mich, einen ſchlichten Mann, welcher gewohnt iſt, die Frauen heilig zu halten, und zu glauben, daß die Arme eines Weibes blos für den Mann be⸗ ſtimmt ſein dürfen, der ſie liebt, war es eine Genug⸗ thuung, als die Bühnenkönigin ſich an den — —— Bühnenkönig Richard bei ienem kläglichen Abſchiede anklammerte, wo er ſagt: „Ha, Böſewichter, Ihr verletzt Ein zwiefach Eh'band— zwiſchen meiner Kron' und mir Und zwiſchen mir und meinem Weib;“— N es war eine Genugthuung, ſage ich, für mich, zu wiſſen, daß es der eigene Ehemann war, welchen die Schauſpielerin küßte. Dieſes Drama, welches Tom und der Oberſt für„faul“ erklärten, bereitete mir zwei Stunden des herrlichſten Genuſſes, was ſonſt nicht ſehr leicht iſt. Mr. Charteris meinte, das Stück ſei in ſeiner Art ganz gut, aber über die Oper ginge doch Richts. „Ja, Charteris iſt operntoll,“ ſagte Tom. „Bei jeder Abonnementsvorſtellung iſt er da, einge⸗ keilt unter die Menge, in dem entſetzlichen ſchmalen Gäßchen, welches nach dem Haymarket herausführt 1— unter einer Gruppe ſeiner Geſinnungsgenoſſen, die für einen Triller oder eine Roulade bereitwillig ſich ſelbſt zu Märtyrern machen. Ich bin kein großer Freund von Muſik.“ „Aber ich,“ ſagte Mr. Charteris kurz. „Und hübſche Damen ſehen Sie wohl auch gern an, nicht wahr, lieber Freund?“ „Das verſteht ſich.“ Und nun begann er eine Kritik der ſchönen — Frauen in den Logen um uns herum, deren nicht wenige waren. Ich betrachtete ſie auch— denn ich intereſſire mich jetzt für Frauengeſichter mehr als ich früher zu thun pflegte, aber keine war zufrieden⸗ ſtellend— nicht einmal für das Auge. Alle ſchienen ihrer eigenen Perſon und ihres Ausſehens ſich allzu⸗ ſehr bewußt zu ſein, mit Ausnahme eines kleinen Geſchöpfes mit lockigem Haar und in einem rothen Mantel— ungefähr von dem Alter der armen kleinen verwundeten Ruſſin, die vielleicht jetzt meine Adoptiv⸗ tochter wäre, wenn nicht der Tod ſie hinweggerafft hätte. Zuweilen wünſche ich, daß ſie nicht geſtorben ſein möchte. Mein Leben wäre weniger einſam ge⸗ weſen, wenn ich jenes Kind hätte adoptiren können. Ich habe gehört— und es kann wahr ſein— daß in den vornehmen Klaſſen der Engländerinnen mehr Schönheit vorhanden iſt als irgend wo anders auf der ganzen Erde. Dennoch aber iſt die ächte dem Herzen des Mannes zuſagende Engländerin eine Stufe tiefer im Range zu finden; ſie iſt weniger glatt kosmopolitiſch, ſondern mehr provinziell und ehrlich ſächſiſch, zurückhaltend und doch freimüthig, ſchlicht und doch zierlich. Der Mann, welcher ſeine Augen furchtlos zu den Schönheiten einer ſolchen aufzuheben wagen— der ſie in einem tugendhaften — Familienzirkel des Mittelſtandes aufſuchen, ihre ſtol⸗ zen Aeltern um ihre Einwilligung bitten und ſie dann gewinnen und freudig an ſeinen glücklichen Heerd führen kann, als Weib— Gattin— Mutter!— Ich weiß nicht, wie dieſer Satz eigentlich enden ſollte; es kommt indeſſen Nichts darauf an. Er hatte ſeinen Grund theils in einer Betrachtung über dieſes Clubleben und einer zweiten, ſchwärzeren Seite deſſelben, von der ich während meines Aufenthalts in London einige Schimmer erblickte. Wir beendeten dieſen Abend im Theater ganz angenehm. In der Atmoſphäre, in welcher wir uns hier befanden, und die allerdings harmlos, aber grell, unruhig und unheimiſch war, wunderte ich mich kaum, daß Mr. Charteris nicht ein einziges Mal die Freunde nannte, in deren Hauſe ich ihn zuerſt geſehen. Er ſchien ſogar die leiſeſte Annäherung an dieſen Gegenſtand zu meiden. Nur ein einziges Mal, als wir dicht neben einander uns in die kalte Nachtluft hinausdrängten, fragte er mich leiſe und haſtig, ob ich kürzlich in Rockmount geweſen ſei. Er hatte gehört, daß ich bei der Hochzeit zugegen geweſen war. Ich glaubte, ich machte eine Bemerkung darübet, —— daß ſeine Abweſenheit an jenem Tage ſehr bedauert worden. „Ja, ja; werden Sie bald wieder dort ſein?“ Dieſe Frage ward ſo zu ſagen mit einer Angſt geſtellt, die durch meine verneinende Antwort augen⸗ ſcheinlich gehoben ward. „Nun dann— ich habe Nichts auszurichten. Ich glaubte, Sie wären ſehr intim— eine liebens⸗ würdige Familie— eine ſehr liebenswürdige Familie.“ Seine Augen ſchweiften nach einigen feinen Damen, die ihn erkannt hatten und welchen er mit jenem höflichen Eifer, der bei ihm ein förmlicher Inſtinkt zu ſein ſcheint, in den Wagen half. In dem Gedränge, welches nun entſtand, verloren wir ihn aus den Augen. Zwei Mal ſpäter ſah ich ihn wieder— einmal als er mit zwei Damen in einem Wagen mit einer Grafenkrone am Schlage im Park ſpazieren fuhr, und das zweite Mal während er in der Dämmerung des Nachmittags Kenſington Road hinunterging. Dieſes Mal ſtutzte er, verrieth auf die möglich flüch⸗ tigſte Weiſe, daß er mich erkannte, und ging dann raſcher als vorher weiter. Er brauchte Nichts zu fürchten— ich empfand weder den Wunſch, noch die Abſicht, unſere Bekannt⸗ ſchaft wieder aufzunehmen. Je mehr ich von ihm —— höre, deſto höher ſteigt mein Befremden— ja, ich möchte ſagen, meine Beſorgniß über ſeine Stellung zu der Familie zu Rockmount. Hier ward ich plötzlich wegen eines Unglücks⸗ falles abgerufen, der ſich einige Meilen von hier zu⸗ getragen hatte, und als ich zurückkam, war es die höchſte Zeit, mich ſchlafen zu legen. Es war unmöglich, Etwas für den armen Mann zu thun. Es war einer von Granton's Tage⸗ löhnern, der mich von Anſehen kannte. Ich konnte blos warten, bis Alles vorüber war und die Witwe ſich ein wenig gefaßt hatte. Auf ihre dringende Bitte ſchickte ich ein Brieſchen nach dem nicht weit entfernten Rockmount, worin ſie Miß Johnſton erſuchen ließ, ſie wiſſen zu laſſen, ob ſie Etwas von Lydia gehört— einer Tochter von ihr, die früher bei den Johnſtons gedient und dann nach London gegangen und— wie die arme alte Mutter tiefbekümmert ſich ausdrückte— auf„Ab⸗ wege gerathen“ war. Zu meiner Ueberraſchung beantwortete Miß Johnſton die Botſchaft in eigener Perſon und es fand nun eine ſehr peinliche Unterredung ſtatt. Sie iſ ein gutes Mädchen— dies läßt ſich nicht bezwei⸗ ——— feln— aber ſie iſt, wie Treherne einmal von ihrem Vater ſagte, ſcharf wie eine Nadel und hart wie ein Felſen. Da es ſchon dunkel war, ſo begleitete ich ſie natürlich bis an ihr Gartenthor. Sie theilte mir mit, daß ihre Familie ſich vollkommen wohl befinde, und dies war die ganze Converſation, die zwiſchen uns ſtattfand, ausgenommen in Bezug auf den armen verſtorbenen Tagelöhner James Cartwright und ſeine Familie, von der ſie— ausgenommen von Lydia— ſehr mitleidig ſprach und meinte, daß ſie viel Noth durchzumachen gehabt. Als ich ſo neben ihr herging und mich bemühte, eine Urſache für die außerordentliche Bitterkeit und Schroffheit des Gemüthes, welche ſie an den Tag gelegt, zu finden, kam ich auf den Gedanken, daß ſie wahrſcheinlich ſelbſt ſo Manches zu erdulden gehabt. An dem Gartenthore unter dem Epheubuſche verließ ich ſie. Durch das Gitter konnte ich quer durch den naſſen Garten den von der Hausflur ii denſelben fallenden Lichtſchein ſehen. Nun will ich zu Bett gehen und ſchlafen, wenn mein Herz es geſtattet. Es iſt in der letzten Zeit ziemlich unlenkſam geweſen und hat ſorgfältige Ueber⸗ wachung nöthig gemacht, wie dies auch immer der Fall ſein wird, bis von mir Nichts mehr übrig iſt als ein leerer Hirnſchädel. Wenn ich die Kaſernenangelegenheit in einen Gang bringen könnte, von welchem ſich mit Grund gute Ergebniſſe erwarten ließen, ſo ginge ich ſofort in's Ausland— irgendwohin— es iſt ganz einerlei wohin. Es wird jetzt davon geſprochen, daß wir vielleicht bald nach Oſtindien oder nach China ge⸗ ſchickt werden— dies wäre mir ganz recht. Weit fort— weit fort, mit Tauſenden von Meilen des wogenden Meeres zwiſchen mir und die⸗ ſem alten England— weit fort von jedem Anblicke und jeder Erinnerung! So iſt es am beſten. Das nächſte Mal, wo ich die Witwe Cartwright beſuche, ſoll es in der Dämmerung geſchehen, wo ich, ohne im Mindeſten Gefahr zu laufen, Jemandem zu begegnen, leicht noch einige Schritte weiter das Dorf hinaufgehen kann. An einer gewiſſen Stelle in der Mauer iſt eine Ritze, durch welche hindurch ich das Wohnzimmerfenſter ſehen kann, deſſen Läden niemals eher geſchloſſen werden als bis es Zeit zum Schlafengehen iſt. EFhe unſer Regiment ausrückt, muß ich noch einen Beſuch machen— es wäre ein Verſtoß gegen die Höflichkeit, wenn ich nach der Gaſtfreundſchaft, die ich erfahren, dies unterlaſſen wollte.„Ich werde Leben um Leben. 1I. 6 — an einem regneriſchen Tage hingehen, wo ſie wahr⸗ ſcheinlich nicht ausgegangen ſein werden— wo wahr⸗ ſcheinlich die jüngere Schweſter über ihren Büchern droben in dem Dachſtübchen ſitzt, welches ſie, wie ſie mir ſagte, zu ihrem Studirzimmer macht, um den Beſuchen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht nimmt ſie ſich nicht die Mühe, herunterzukommen— nicht einmal, um mir die Hand zu drücken und Lebewohl zu ſagen— ein Lebewohl auf immer! O Mutter— unbekannte Mutter— die Du ganz gewiß meinen Vater geliebt haben mußt, da Du alle Freunde verließeſt und ihm, einem armen Infanterielieutenant, die Welt auf und ab folgteſt — wäre ich mit Dir geſtorben, als Du mich zu die⸗ ſer leidensvollen Welt gebarſt, wie viel hätteſt Du mir erſpart! Fünftes Rapitel⸗ * Ihre Geſchichte. 5 Eben bin ich mit meinem langen Briefe fertig und habe über der Adreſſe„Miſtreß Treherne, Treherne Cuurt“ lange zugebracht. Wie ſeltſam, ſich unſere Liſa als Herrin dort zu denken, und dies iſt ſie in der That, denn Lady Treherne, eine ſanfte ältliche Dame, hat vollauf mit Sir William's Pflege zu thun, der ſehr gebrechlich iſt. Die Herrſchaft der alten Leute ſcheint blos nomi⸗ nell zu ſein— Liſabel und Auguſtus ſind es, welche regieren. Ihr Gebiet iſt ein vollkommener Palaſt, und wie königlich muß Miß Lis ſich darin ausneh⸗ men! Wie gut wird ſie ihre Stellung behaupten und an derſelben auch Genuß finden! In ihrem Falle giebt es keine poetiſchen Leiden von übermüthi⸗ gen Eltern zu ertragen, welche ein Vergnügen daran finden, eine arme Schwiegertochter durch „die Bürde einer Ehre zu zermalmen, für die ſie nicht geboren ward.“ Schon haben Beide ſie liebgewonnen und ſind ſtolz auf ſie, was gar nicht zu verwundern iſt. Ich glaube, ich habe niemals ein ſchöneres Weſen geſehen als meine Schweſter Liſa, als ſie auf dem Wege von Treherne Court auf einen Tag nach Hauſe kam. Nach Hauſe? Ich vergeſſe ganz. daß ſie jetzt nicht mehr hier„zu Hauſe“ iſt. Wie ſeltſam muß ihr dies geweſen ſein— wenn ſie nämlich darüber nachgedacht hat. Es iſt möglich, daß ſie nicht dar⸗ über nachgedacht hat, denn es war dies von jeher nicht ihre Sache. Obſchon ſie ſich gegen uns nicht im Mindeſten verändert harte, ſo war es doch amü⸗ ſant, zu ſehen, wie ſie gegen alle anderen Leute voll⸗ kommen als die verheirathete Dame auftrat, ſogar gegen Miſtreß Granton, welche an jenem Tage uns zufällig beſuchte und ſich ſehr freute, ſie zu ſehen. Auch ſcheint ſie wegen„meines Colin“ durchaus nicht den mindeſten Groll zu hegen. Es iſt das ſehr edel von ihr— denn es iſt nicht das erſte Mal, daß die gute Dame ſich in ihren Erwartungen getäuſcht ſieht. Sie hat ſich, ſeitdem ihr Sohn das einundzwan⸗ zigſte Jahr zurückgelegt, fortwährend nach einer Frau für ihn umgeſehen, bis jetzt aber keine gefunden. Auch Colin benahm ſich mit der äußerſten Kalt⸗ blütigkeit, und als Auguſtus, der von Wohlwollen gegen das ganze Menſchengeſchlecht überwallt, ihn ein⸗ lud, ſeine Mutter, Penelope und mich auf dem erſten Beſuche in Treherne Court zu begleiten, nahm er die Einladung an, als ob ſie die ii von der Welt wäre. In der That, wenn die Herzen der Frauen ſo eindrucksfähig ſind wie Wachs, ſo ſind dagegen die der Männer ſo zähe wie Guttaperchao. Und man behauptet zuweilen gar, ſie könnten brechen! Wie wäre das möglich? K Ich hoffe, es verräth keine Barbarei von meiner Seite, wenn ich geſtehe, daß es mir von Colin und ſeinem Geſchlechte im Allgemeinen eine beſſere Meinung beigebracht haben würde, wenn ich ihn wenigſtens ungefähr einen Monat lang ſich einem heilſamen Jammer hätte hingeben ſehen. Liſabel benahm ſich in Bezug auf ihn, ſo wie auch überhaupt, außerordentlich gut. Sie war ſo freundlich wie ein Maimorgen, und rühmte fortwäh⸗ rend die guten Eigenſchaften ihres Auguſtus— dem ſie wirklich nach ihre Art und Weiſe ſehr zugethan iſt. Ohne Zweifel wird ſie zur Zahl der vielen Frauen gehören, welche nach der Hochzeit eine außerordent⸗ liche Anhänglichkeit an ihre Männer faſſen. Meinem umnachteten Verſtande iſt es aber ſtets vorgekommen, als ob ſchon vor dieſer Ceremonie eine kleine Bevor⸗ zugung ſich geltend machen müßte. Sie ſagte mir mit einem Schauder, der voll⸗ kommen natürlich und unerkünſtelt war, wie ſehr ſie ſich freue, daß ſie ſofort vermählt worden und daß Auguſtus den Abſchied von der Armee genommen, denn es ſtehe zu erwarten, daß das Regiment bald wieder zum auswärtigen Dienſte verwendet werde. Ich hatte noch Nichts davon gehört. Es war eine gewiſſe Ueberraſchung. Liſabel war den ganzen Tag ſehr liebreich gegen mich, und als ſie fortging, ſagte ſie, ſie hoffe, ich würde ſie nicht vermiſſen und wahr⸗ ſcheinlich bald ſelbſt einen guten Mann bekommen. Ich wußte nicht, was für ein Troſt es war. „Einen Mann, der Dir gehört— der für Dich ſorgt— der Dich hätſchelt— mit Einem Worte, der Dein eigenes perſönliches Beſitzthum iſt— der ſich Deiner nicht entledigen kann, ſelbſt wenn Du alt und häßlich biſt. Ja, ich freue mich, daß ich den armen guten Auguſtus geheirathet habe. Und, Kind, ich hoffe, Dich auch bald verheirathet zu ſehen. Ein gutes kleines Weſen wie Du muß ganz gewiß auch * ein gutes vortreffliches Weib werden. Ich glaube wirklich, ſie weint, der kleine Dummkopf!“ Es mußte eine Folge der allzu großen Aufre⸗ gung dieſes Tages ſein, aber es war mir, als ob, wenn ich nicht geweint hätte, meine Schläfe und meine Bruſt vor einem erſtickenden Schmerze hätten berſten müſſen, welcher lange dauerte, nachdem Liſa⸗ bel ſchon fort war. Sie blieben im Ganzen nicht länger als vier Stunden. Auguſtus ſprach davon, nach dem Lager hinüber zu reiten, um ſeinen Freund Doctor Ur⸗ quhart zu ſehen, von welchem er ſeit dem Hochzeitstage Nichts wieder gehört hat; Liſabel aber redete ihm aon ab. Die Freundſchaft der Männer mit ein⸗ ander ſcheint keinen großen Werth zu haben. Hier ſagte Penelope, ſie könne dafür ſtehen, daß Doctor Urquhart noch im Lande der Lebenden weile, denn ſie habe ihn vor acht Tagen bei Cartwright's an dem Abend getroffen, wo der arme alte Mann ſtarb. Warum hat ſie mir Nichts davon geſagt? Aber freilich, ſie hat einmal ein gewaltiges Vorurtheil ge⸗ gen ihn gefaßt, und frohlockt über ſein unhöfliches Benehmen gegen die Familie, wie ſie es nennt, nicht wenig. EGes iſt mir immer ſehr thörigt vorgekommen, fortwährend Leute zu vertheidigen, deren Charakter ſchon an und für ſich eine genügende Vertheidigung iſt. Wenn von einem Freunde etwas Unwahres ge⸗ ſprochen wird, nun dann muß man es natürlich in Abrede ſtellen und widerlegen. Aber fortwährend gegen perſönliche Vorurtheile oder Feindſeligkeit käm⸗ pfen, wie würde ich dies verſchmähen! Eben ſo ſehr wie ich es verſchmähen würde, mich gegen ähnliche Angriffe ſelbſt zu vertheidigen. Ich glaube, bei jeder geringern. Neigung, welche dieſen Namen verdient, gilt dieſelbe Wahrheit. Es fiel mir dies in einem Theaterſtücke auf, dem einzigen, welches ich jemals geſehen. In dieſem ſagt die Schweſter der Heldin zu ihr: „Katharina, Du liebſt den Mann— vertheid'ge ihn.“ Sie antwortet: „Du ſagſſt, Ich liebe ihn. Damit iſt er vertheidigt. Ich Will nicht mit Worten das vertheidigen, wofür Das Leben ich zum Pfande eingeſetzt. Ich liebe ihn und ſchweige.“ Wenigſtens glaube ich, daß die Worte ſo laute⸗ ten, denn ich ſchnitt ſie ſpäter aus einer Zeitung und habe ſie nicht wieder vergeſſen können. Wie lange her ſcheint es ſchon zu ſein— jener einzige Abend im Theater, in welches Francis uns führte, —— und welch ein ſeltſamer düſterer Traum iſt der Ein⸗ druck geworden, den es zurückließ, ungefähr von der Art, wie ich ihn allemal habe, wenn ich von Thekla und Max leſe, von einer Liebe ſo wahr und ſtark, ſo vollkommen in ihrer heiligen Stärke, daß weder Trennung, noch Gram, noch Tod irgend eine Ge⸗ walt darüber haben— eine Liebe, welche fühlen läßt, daß ſchon ſie einmal beſeſſen zu haben, eine unausſprechliche, unvergängliche Wonne ſein muß— beſſer als irgend ein Glück oder Gedeihen, welches dieſe Welt geben kann, beſſer als irgend Etwas inner⸗ halb oder außer derſelben, ausgenommen die Liebe Gottes. Ich denke zuweilen an die Katharina in jenem Theaterſtücke, wo ſie ſich weigert, ihren Geliebten das Gewiſſen für das Leben eintauſchen zu laſſen; als aber die Prüfung kommt, ſagt ſie ſelbſt zu ihm: „Nein, ſtirb!“ Eben ſo denk' ich auch oft an jene Scene in Wallenſtein, wo Thekla ihren Geliebten auffordert, ſeiner Ehre und ſeinem Vaterlande treu zu bleiben, nicht ihr, während er ſie eine Minute lang feſt, feſt in ſeine Arme geſchloſſen hält, Max meine ich. Der Tod konnte dann nicht ſo überaus hart ſein. Ich fange an— es iſt vielleicht ſonderbar, daß es ſo lange gedauert hat— meinen Glauben an mögliches Lebensglück aufzugeben. Wie es ſcheint, ſind die Menſchen gar nicht beſtimmt, glücklich zu ſein Dann und wann zeigen ſich allerdings Licht⸗ punkte, und es kann auch ſein, daß in einigen weni⸗ gen Exiſtenzen ekſtatiſche Augenblicke vorkommen, wie zum Beiſpiel der, von welchem ich ſo eben ge⸗ ſprochen, und dann iſt Alles vorüber. Viele Leute aber wandeln bis in ihr höchſtes Alter auf der lang⸗ weiligen geraden Straße dahin, mit wenig Kummer und keiner Freude. Soll mein Leben auch ein ſolches ſein? Wahr⸗ ſcheinlich. Und dann entſteht die Frage Was ſoll ich damit thun? Zuweilen denke ich an das was Doctor Ur⸗† quhart ſagte, als er meinte, er„ſchulde“ ſein Leben. In gewiſſer Beziehung iſt dies mit uns Allen der Fall— wir ſchulden unſer Leben uns ſelbſt, unſern Mit⸗ menſchen oder Gott— oder giebt es einen Vereini⸗ gungspunkt, der alle Drei einſchließt? Wenn ich dies nur ermitteln könnte! Vielleicht liegt nach Colin Granton's kürzlicher gelernter Theorie— wo er ſie gelernt hat, weiß ich — die Löſung darin, daß der Menſch Etwas zu thun habe. Daß er Etwas ſei, werden Die ſagen, welche fortwährend Selbſtbildung predigen. Selbſtbildung iſt aber oft weiter NRichts als idealiſirter Egoismus,— Menſchen dagegen, die ihrer ſelbſt überdrüſſig ſind, verlangen Beſchäftigung. Geſtern als ich mit Papa an dem Rande des Lagers hinfuhr, welches wir jetzt niemals beſuchen, ſah ich den Abhang, wo das Hospital iſt, und konnte ſogar die armen Schelme ſehen, welche in der Sonne ſaßen oder in ihren blauen Lazarethkitteln hin und her ſchlenderten. Ich dachte an Smyrna und Scutari. Nein, ſo lange es noch ſo viel Elend und Sünde in der Welt giebt, hat der Menſch kein Recht, ſich in einem Paradieſe der Selbſtveredlung und des Selbſtgenuſſes in den Schlaf zu lullen, in einem Paradieſe, wo es nur einen einzigen oberſten Adam, ein einziges vollkommenes Exemplar der Menſchheit giebt, nämlich ihn ſelbſt. Er muß hinaus und wir⸗ ken— kämpfen, wenn es ſein muß— überall, wohin die Pflicht ihn ruft. Ja, ſelbſt ein Weib hat in ſol⸗ chen Tagen kaum das Recht, ſtill zu ſitzen und zu träumen. Das Leben der Thätigkeit iſt edler als das Leben des Gedankens. So philoſophire ich fortwährend mit mir ſelbſt. Wenn ich nur einen guten angemeſſenen Grund für gewiſſe Dinge finden könnte, die mir in Bezug auf mich ſelbſt und— andere Leute viel zu ſchaffen ma⸗ chen, ſo wäre mir dies ein großer Troſt. Heute fand ich in einem Haufen Briefe, welche Papa mir gab, um Fidibuſſe daraus zu machen, fol⸗ gendes Billet, welches ich aufgehoben habe, denn die Handſchrift war ganz eigenthümlich, und in Bezug auf Handſchriften habe ich gewiſſe Grillen. „Werther Herr! „Dringende Geſchäfte und andere unvorher⸗ geſehene Umſtände, die mich feſſeln, machen es mir gegenwärtig unmöglich, irgend welche Einladun⸗ gen anzunehmen. Ich hoffe, Sie werden glauben, daß ich die Gaſtfreundſchaft von Rockmount nie⸗ mals vergeſſen werde und daß ich ſtets bin „Ihr dankbarer und gehorſamer Diener „Max Urquhart.“ Meint er damit, daß unſere Bekanntſchaft auf⸗ hören ſolle? Wären wir ein Hinderniß für ſein thä⸗ tiges, nützliches Leben— eine ſo frivole Familie wie die unſrige? Es iſt leicht möglich. Dennoch fürchte ich, Papa wird ſich verletzt fühlen. Heute Nachmittag, obſchon es Sonntag war, konnte ich nicht im Hauſe oder Garten bleiben, ſon⸗ dern ging aus, weit hinaus auf das Moorland, und wanderte, bis ich müde war. Dann ſetzte ich mich in das Heidekraut nieder, duckte mich zuſammen, verſchränkte die Arme um die Kniee und verſuchte, — die ſchwere Frage zu überdenken: Was ſoll aus mir werden? Was ſoll ich mit meinem Leben anfangen? Es liegt vor mir, anſcheinend ſo kahl, unfrucht⸗ bar und eintönig wie dieſes meilenbreite Moorland, welches ſich in langweiligen Undulationen oder ganz ebenen Flächen hinzieht, bis eine Kette niedriger Hü⸗ gel den Schluß macht. Und dennoch hat dieſe wilde Landſchaft zuwei⸗ len ganz anders ausgeſehen. Ich entſinne mich, daß ich ſie ſchon einmal ſchilderte— wie ſchön ſie war, wie luftig und frei, mit den immer wechſelnden Fär⸗ bungen des Moors unter dem ſtets veränderlichen und doch unvergänglichen Gewölbe des Himmels. Heute fand ich es ganz farblos, öd und kalt. Seine Eintönigkeit ängſtete mich faſt. Ich konnte weiter Richts thun als mich in meinem Heidekraut zuſammenducken und weinen. Thränen ſind zuweilen wohlthätig. Als ich die meinigen trocknete, ſchien die heiße Bürde, die auf meinem Haupte laſtete, leichter zu ſein. Wenn Jemand dageweſen wäre, der ſeine kühle Hand dar⸗ aufgelegt und geſagt hätte:„Armes Kind, laß es nur gut ſein!“ ſo wäre die Laſt vielleicht gänzlich gehoben worden. Aber es war Niemand da; Liſa war die Einzige, die mich jemals„hätſchelte.“ —— Ich nahm mir nun vor, wieder nach Hauſe zu gehen und einen langen Brief an Liſa zu ſchreiben. Eben als ich mich von meinem Heidekraut er⸗ hob— es iſt dies mein Lieblingsplatz, denn er iſt rund wie ein Pilz, weich wie ein Sammetkiſſen, und wird duich zwei hohe Gebüſche von der Landſtraße aus unſichtbar gemacht— hörte ich nahende Tritte. Da ich keine Luſt hatte, mich in meinem Zigeuner⸗ zuſtande ſehen zu laſſen, ſo duckte ich mich wieder nieder. Der Gang des Menſchen iſt ſo verſchieden, daß es oft leicht iſt, ihn zu erkennen. Den, welchen ich jetzt hörte, würde ich, glaube ich, überall wieder er⸗ kannt haben. Er war raſch, regelmäßig, entſchloſ⸗ ſen, beinahe haſtig, als ob keine Zeit zu verlieren wäre, als ob, wie das Sprüchwort ſagt, kein Gras darunter wachſen dürfte. Ich duckte mich noch tiefer und horchte. Ich hörte ihn ſtehen bleiben und mit einer alten Frau ſprechen, welche die Straße heraufgekommen war, um nach dem Dorfe zu gehen. Die Worte konnte ich nicht verſtehen, wohl aber erkannte ich die Stimme— in dieſer hätte ich mich nicht irren können— ſie iſt nicht wie unſere engliſchen Stimmen⸗ Welch' ein ſeltſames Gefühl iſt es, Jemandes Tritte oder Stimme zu belauſchen, der nicht weiß, daß wir in ſeiner Rähe ſind. Man kommt ſich vor wie ein Geſpenſt, welches die Menſchen bewachen und vielleicht überwachen kann, ohne daß etwas Unnatür⸗ liches oder Unrechtes dabei iſt. Er blieb ſtehen und ſprach— ich ſollte ſagen, Doctor Urquhart blieb ſtehen und ſprach— mehrere Minuten lang. Die andere Stimme gehörte, wie ich aus ihrem zänkiſchen Tone ſchloß, der armen Miſtreß Cartwright, allmählig aber ward ſie ſanfter und dann hörte ich deutlich, wie ſie ſagte:„Ich danke Ihnen, Herr Doctor— Gott ſegne Sie, Herr Doctor.“ Und dann ging er fort und verſchwand hinter dem Abhange des Hügels, Sie ſah ihm eine Minute lang nach, drehete ſich dann um und watſchelte ihren Weg weiter fort. Als ich ſie einholte, was erſt nach einiger Zeit geſchah, erzählte ſie mir die ganze Geſchichte ihrer Leiden und wie gut Doctor Urquhart geweſen. Eben ſo erzählte ſie mir auch die ganze Geſchichte von ihrer armen Tochter— wenigſtens ſo viel als davon bekannt iſt. Miſtreß Cartwright glaubt, ſie ſei noch irgendwo in London, und Doctor Urquhart hat verſprochen, ſie wo möglich ausfindig zu machen. Ich verſtehe von dieſen entſetzlichen Dingen nicht. — viel— Penelope hat es niemals angemeſſen gefun⸗ den, es uns zu ſagen, aber ich ſehe, daß das, was Doctor Urquhart geſagt, der Mutter der unglück⸗ lichen Lydia großen Troſt gewährt hat. „Miß,“ ſagte die alte Frau, während ihre Thrä⸗ nen floſſen,„der Doctor iſt ein Engel von Güte gegen mich geweſen und es ſind viele Leute hier in dieſer Gegend, die daſſelbe ſagen können— obſchon er nur ein Fremdling iſt, heute hier und morgen dort, wie man ſagen kann. Ach es wird ein ſchlim⸗ mer Tag für manchen Armen ſein, wenn er fort⸗ geht.“ Ich freue mich, daß ich ihn geſehen, ich freue mich, daß ich alles Dies gehört habe. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ſolche Dinge zu hören, macht das Herz gleichſam ruhiger. Im Grunde genommen kommt nicht viel dar⸗ auf an— durchaus nicht. Ich habe nie gewünſcht, daß Jemand an mich denken, ſich für mich intereſſi⸗ ren möchte, wenigſtens nicht halb ſo ſehr als ich Jemanden zu haben wünſche, zu dem ich aufſchauen — über den ich mich freuen, den ich ehren und hoch⸗ ſchätzen kann. Und das kann ich! Ich Närrin habe ſchon wieder geweint und ſollte eigentlich dieſes Blatt herausreißen und von Fechz anfangen. Nein, ich will es nicht thun. * * — Es wird es ja Niemand zu ſehen bekommen und es ſchadet keinem Menſchen etwas. „Gott ſegne ihn,“ ſagte die alte Frau, und ich möchte auch etwas dieſer Art ſagen. Er hat mir viel Gutes gethan— er war ſehr gütig gegen mich. Leben um Loben. I. 7 Sechſtes Rapitel. Ihre Geſchichte. Papa und Penelope ſind einer Einladung zu einem Diner gefolgt. Ich war geſtern aus und kam erſt wieder, als ſie ſchon ſort waren. Deßhalb pleibe ich wach und warte auf ſie, und will mir mittlerweile die Zeit mit Schreiben vertreiben. 3 Das letzte Datum war Sonntag und jetzt iſt erſt Dienſtag, aber es ſcheint in der Zwiſchenzeit viel geſchehen zu ſein. Dennoch hat ſich in der That Nichts ereignet als zwei ſtille Tage bei Gran⸗ ton's und ein heiterer Abend— wenigſtens würde man ihn heiter nennen. Seit Wochen iſt in der ganzen umgegend die Rede davon geweſen— von dieſem Dilettantencon⸗ cert im Lager. Wir bekamen natürlich auch unſere —— Einladung. Die ſo und ſo vielten Regimenter— ich habe mir blos eins davon gemerkt— vermel⸗ deten ihre Komplimente an Se. Hochehrwürden William Henry und die Miſſes Johnſton, und erſuch⸗ ten ſie, ſich einzufinden. Papa aber ſchüttelte den Kopf und Penelope war gleichgültig. Dann gab auch ich jeden Gedanken, hinzugehen— wenn ich jemals einen gehabt hatte— auf. Die Ueberraſchung war daher faſt angenehm, als Miſtreß Granton zufällig uns beſuchte und er⸗ klärte, ſie wolle mich mitnehmen, denn es ſei durch⸗ aus nothwendig, daß ich mir ein wenig Zerſtreu⸗ ung machte, um mich über die Trennung von Liſa⸗ bel zu tröſten. Papa erlaubte es und ich ging mit. Die Fahrt über das Moorland war ſehr ange⸗ nehm, obſchon es ein wenig ſchneite. Ich lachte beinahe über Colin, der auf dem Bocke ſaß und ſich dann und wann herumdrehte, um die weißen Flocken abzuſchütteln wie ein großer Eisbär. Sein gutes freundliches Geſicht war ordentlich erfriſchend an⸗ zuſehen. Ich gewöhne mich in der Regel ſehr bald an gewiſſe Oertlichkeiten, abgeſehen von den damit zu⸗ ſammenhängenden Perſonen. So kann ich mir gar nicht denken, daß es kein Genuß wäre, an dem gro⸗ ßen Thore des Ceternhauſes— ſo heißt der Wohn 7* — 5— ſitz der Granton's— vorzufahren und die weite * Curve zu beſchreiben, auf deren ſchulgerechte Ausfüh⸗ rung Colin allemal ſo ſtolz iſt, zurückzuſchauen nach dem alten vertrauten Hügel, wo die Winterſonne jene Baumgruppe beſcheint— dann in das Haus hineinzulaufen, durch das Billardzimmer und wieder hinaus durch die Fenſter des Speiſezimmers auf die breite Terraſſe. Dort, wenn Sonnenſchein iſt, kann man gewiß darauf rechnen, ihn zu bekommen. Hier fühlt man jeden Wind und ſieht jede Färbung der reizenden Landſchaft. Die hohen alten Cedern, die fernen Tannenwälder liegen in einer ſtillen Maſſe dunkelblauen Schattens, oder ſtechen ſcharf gegen den hellen weſtlichen Himmel ab. Ob es eine meteorologiſche Eigenthümlichkeit iſt, weiß ich nicht, aber mir ſcheint, als wäre, mag das Wetter den Tag auch geweſen ſein wie es wolle, der Sonnennntergang vom Cedernhauſe aus geſehen, ein ſchöner. Ich liebe dieſen Ort. Und wenn ich auf Jahre fortginge, wenn ich ihn niemals wieder ſähe— ſo würde ich ihn doch ſtets lieben und ſeiner gedenken. Miſtreß Granton aber auch, denn ſie ſcheint ein unzertrennlicher Beſtandtheil des Gemäldes zu ſein. Ihre kleine ältliche Geſtalt, die in die Zim⸗ mer hinein und heraus trabt, ihre helle, laute 3 — 101— Stimme— ſie iſt ein wenig taub— auf den Trep⸗ pengängen, ihre ununterbrochene Thätigkeit, ich glaube, ſie iſt nur dann ruhig, wenn ſie ſchläft. Und vor allen Dingen, ihre unveränderliche Herzensgüte und Heiterkeit, in der That, ohne meine theure alte Freundin wäre das Cedernhaus nicht das Cedernhaus. Ich glaube nicht, daß ſie es je erfahren hat, wie gut ich ihr bin und ſchon als kleines Mädchen geweſen bin.. 2 Es geht aber allen Leuten ſo; es hat noch Niemand'Etwas mit Miſtreß Granton zu thun ge⸗ habt, ohne ſie lieb zu gewinnen. Sie iſt faſt die ein⸗ zige lebende Perſon, von der ich niemals Jemanden ein unfreundliches Wort habe ſprechen hören, und der Grund davon liegt darin, daß ſie ſelbſt nie⸗ mals von einem menſchlichen Weſen ein böſes Wort ſpricht. Jedermann, den ſie kennt, iſt das„beſte Weſen,“ das„herrlichſte Weſen,“ das„klügſte Weſen.“ Ich Blaube, man könnte ihr ſelbſt den Teufel in eigener Perſon vorſtellen, ſo würde ſie ihn blos ein „armes Weſen“ nennen, und meinen, ſein Gemüth ſei wahrſcheinlich durch den unangenehmen Ort, an welchem er wohne, gereizt und verbittert worden, und dann würde ſie irgend ein Mittel in Vorſchlag bringen, um ſeine Geſichtsfarbe zu verbeſſern und ſeine Hörner und ſeinen Schweif zu verbergen. —— Bei Tiſche nahm ich meinen Lieblin zsplatz ein, wo, durch daß größte der drei Fenſter geſehen, eine Ceder mit ihren breiten grünen Zweigen von einer noch mattgelben Buche gekreuzt wird, wie ich dies Herbſt nach Herbſt von demſelben Platze aus ge⸗ ſehen habe. Es war gerade wie in alten Zeiten. Ich fühlte mich glücklich, als ob etwas Angenehmes ſich er⸗ eignen müßte, und ich ſagte dies. Miſtreß Granton ſah mich freundlich an. „Das hoffe ich auch, liebes Kind. Ich hoffe, daß wir Sie recht oft hier ſehen. Bedenken Sie nur, Sie ſind ſeit jenem Ballabende nicht wieder hier geweſen. Wie Vieles iſt ſeit jener Zeit geſchehen!“ Ich hatte auch ſchon daſſelbe gedacht. Es muß für eine Perſon, welche wie unſere Liſa einen Frem⸗ den und nicht einen alten Bekannten geheirathet hat, gegnung zu analyſiren die höchſt wahrſcheinlich durch einen bloßen Zufall herbeigeführt worden. Es muß ſeltſam ſein, wieder an das Geſicht zu denken, welches man damals kritiſch, ſorglos oder mit der unbedingteſten Gleichgültigkeit betrachtete— wie es allmählig ſich veränderte, bis man nur durch eine ungewöhnliche Anſtrengung des Gedächtniſſes das urſprüngliche Bild reproduciren und den Prozeß ſonderbar ſein, ſpäter die erſten Eindrücke einer Be⸗ — 103— verfolgen kann, mittelſt deſſen es das geworden iſt, was es jetzt iſt— ein Geſicht für ſich allein, deſſen Eigenthümlichkeiten angenehm, deſſen Unſchönhei⸗ ten heilig und deſſen Schönheiten ſchöner ſind als die aller Geſichter in der Welt. Im Laufe des Nachmittags verließ uns Colin, aber blos körperlich, denn ſeine Mutter ſprach während der ganzen Dauer ſeiner Abweſenheit von ihm— eine natürliche Schwäche, die eher ehrenwerth als verzeihlich iſt. Sie iſt ſchon ſehr lange Witwe und hat außer Colin kein Kind weiter gehabt. Während unſers Plauderns fragte ſie mich, ob wir kürzlich Doctor Urquhart geſehen hätten, und ich ſagte Nein. „Ja, ja; ſo macht er's; er iſt ein ſonderbarer Menſch. Tage und Wochen lang läßt er ſich nicht ſehen, bis er dann plötzlich und ganz unerwartet wieder zum Vorſchein kommt, gerade ſo wie er es hier macht. Apropos, er erkundigte ſich nach Ihnen — ob es wieder beſſer mit Ihnen ginge. Colin hatte ihm geſagt, daß Sie unwohl wären.“ Ich gab meine außerordentliche Ueberraſchung zu erkennen und ſtellte es in Abrede, daß ich krank geweſen ſei. „So— aber Sie ſahen wirklich ſehr unwohl — 104— aus. An jenem Tage, wo Miſtreß Treherne in Rockmount war, ſahen Sie aus wie ein Geſpenſt — mein Sohn bemerkte es auch. Na, Sie brau⸗ chen nicht gleich ſo zornroth zu werden! Mein Colin war blos beſorgt um Sie— er hat ſeine alte Ge⸗ ſpielin ſtets gern gehabt.“ Ich lächelte und ſagte, ſeine„alte Geſpielin“ ſei. ihm ſehr verbunden. Alſo, die Geſchäfte ſind nicht ſo dringend, daß Doctor Urquhart nicht Zeit finden könnte, ander⸗ wärts Beſuche abzuſtatten, und er hat ſich nach mir erkundigt! Dieſe Erkundigung hätte er bei uns ſelbſt einziehen können. Darf wohl Jemand, ſelbſt wenn er ein thätiges Leben führt, die gewöhnlichen Höf⸗ lichkeiten aus den Augen ſetzen— Gaſtfreundſchaft annehmen und dann vernachläſſigen, Bekanntſchaf⸗ ten cultiviren und dann fallen laſſen? Ich glaube es nicht. Aller Reſpect in der Welt kann das Ur⸗ theil des geſunden Menſchenverſtandes über die Hand⸗ lungen eines Andern nicht entkräften. Vielleicht macht gerade der Reſpect um ſo hartnäckiger, da⸗ mit keine einzelne That auch nur zweifelhaft bleibe. Ich war daher der Meinung, und bin dieſer Meinung auch jetzt noch zuweilen, daß Doctor Ur⸗ guhart gegen uns in Rockmount ein wenig unrecht gehandelt hat. Dennoch aber kann keine Rede da⸗ —— von ſein, daß ich dies gegen irgend ein Mitglied meiner Familie äußerte. Miſtreß Granton ſprach noch ein wenig über ihn und erwähnte dankbar, welche Verpflichtung Colin gegen ihn habe, was für ein Verluſt für Colin es ſein würde, wenn das Regiment das La⸗ ger verließe. ⁰ „Welch' ein Glück, daß Ihr Schwager gleich bei ſeiner Vermählung den Abſchied nahm! Jetzt hätte er es nicht gut thun können, denn, wie es heißt, ſoll das Regiment bald wieder in activen Dienſt treten. Colin ſagt, wir würden wahrſcheinlich wie⸗ der Krieg bekommen, aber ich fürchte es nicht.“ „Ja,“ ſagte ich. Und gerade in dieſem Augenblicke kam Colin, um mich in die Treibhäuſer zu holen, damit ich mir eine Camelie für mein Haar wählte. Wir würden wahrſcheinlich wieder Krieg be⸗ kommen! Als Miſtreß Granton mich verließ, um Toilette zu machen, ſetzte ich mich in meinem Zim⸗ mer an das Kaminfeuer und dachte— ich weiß kaum was. Alle Arten Viſionen ſchwebten an mir vorüber— Scenen, von welchen ich habe erzählen hören— im Hospital, im Kampfe und dann auf dem Schlachtfelde beſonders eine, welche Auguſtus ſo oft geſchildert, als er ſteif und kalt auf der vom —— 6 * Monde beleuchteten Ebene unter ſeinem Pferde hervor⸗ P gezogen erwachte und Doctor Urquhart neben ſich ſtehen ſah. Colin kam pfeifend auf dem Corrider vorüber und Miſtreß Granton's munteres„Sind Sie fertig, liebes Kind?“ brachte mich wieder zu dem Bewußt⸗ ſein zurück, daß ich ſolchen Gedanken nicht nach⸗ hängen dürfe. Ich ſtand auf und legte das ſiurrʒruus Seiden⸗ kleid an, welches ich auf dem Balle trug, und ver⸗ ſuchte die rothe Camelie mir in's Haar zu ſtecken; die Knospen zerbrachen aber alle unter meinen Fin⸗ gern und ich mußte darauf verzichten. Es war auch einerlei. Ich machte mir nicht viel daraus. Colin beſtand jedoch darauf und ließ ſich nicht ab⸗ halten, mit einer Laterne fortzugehen und eine zweite Blume zu holen, und ſeine Mutter gab ſich unglaub⸗ liche Mühe, mir ſie im Haar zu befeſtigen, damit ich hübſch ausſähe. Dieſe Leute waren ſo gut— es war ſchlecht on mir, daß ich mir nicht Mühe gab, heiter zu ſein und den Augenblick zu genießen. Wir fuhrenun in der kalten hellen Däm⸗ merung fort, bis wir die langen Reihen von Later⸗ welche das Lager zur Rachtzeit ſo te, eich fad, daß, wenn man — 1— ſich zwingt, heiter zu ſein, man dies zuweilen auch wirklich wird. Wir begingen in der Dunkelheit eine Menge Verſtöße— kamen an einer Schildwache vorbei, die uns anrief, und da es Niemandem von uns einfiel, die Parole zu geben, ſo ſchlug ſie ihr Gewehr auf uns an und ſtand im Begriff, ihrer Inſtruction ge⸗ mäß Feuer auf uns zu geben, worauf unſer Kutſcher ein lautes Gekreiſch erhob und Colin aus dem Wa⸗ gen ſprang, was er wohl ein Dutzend Mal thun mußte, wobei er zur großen Beſorgniß ſeiner Mutter mit ſeinen dünnen Stiefeln im Schnee herumtram⸗ pelte und fortwährend lachte— ehe wir das Ziel unſerer Hoffnungen, den Concertſaal, entdeckten. Faſt jeder andere Menſch würde mürriſch und verſtimmt geworden ſein, dieſe gute Mutter und ihr guter Sohn aber haben die heiterſte Laune und das beſte Temperament, welches man ſich denken kann. Die Gegenwart— die Gegegwart iſt, beim Lichte beſehen, das Einzige, deſſen wir gewiß ſind. Ich begann mich eben ſo heiter zu fühlen als mein Begleiter. Nachdem wir an den ungemein artigen Unter⸗ offizier unſer Billet abgegeben, traten wir in den Concertſaal. Welch' eine Maſſe Scharlach— welch! * ein Wogen von ſchönen Köpfen dazwiſchen— welch' ein heiteres Geſchwätz und Gemurmel! Während der erſten Minute, als ich ſo aus dem Dunkel draußen hereintrat, blendete mich dieſes Schauſpiel. Es ward mir faſt übel und ich konnte nicht ſehen; als wir aber endlich ruhig auf unſern Plätzen ſaßen, ſah ich mich um. Es waren viele von unſern Nachbarn und Be⸗ kannten da, die ich von Anſehen kannte und durch eine Verbeugung begrüßte— dies war aber Alles. Ich konnte jeden Winkel des Zimmers ſehen— und dies war immer noch Alles. Die Zuhörer ſchienen ſich in einem Zuſtande überwallenden Genuſſes zu befinden, beſonders wenn ſie ein Stückchen Scharlach neben ſich hatten, was faſt mit Jedermann der Fall war, nur nicht mit uns. „Sie werden ſich des armen Colin in ſeinem ſchlichten ſchwarzen Fracke faſt ſchämen, nicht wahr, Dora?“ Dies war nicht wahrſcheinlich, wie ich ihr ſagte, und mein Herz fühlte warmen Dank gegen Colin, der ſo aufmerkſam, rückſichtsvoll und gütig ge⸗ weſen war. Es war im Ganzen genommen ein heiteres und ſchönes Schauſpiel. Ernſte Perſonen wü den ieeicht meiden oder verdammen— aber nein, — 109— — ein großer liberaler Geiſt beurtheilt Alles liberal und ſieht nirgends Böſes als in der Sünde. Ich ſaß da— und freute mich über Alles, worüber ich mich freuen konnte. Mehr als ein Mal aber ſtiegen häßliche Bilder in mir auf— ich ſah im Geiſte dieſe jungen Offiziere anderwärts als hier, mit ihren heiteren bärtigen Geſichtern auf das ge⸗ röthete Gras gedrückt, ihre ſtarken jugendlichen Glieder abgeriſſen und verſtümmelt, oder, noch ſchlimmer, ſie ſelbſt, ihr freundliches, heiteres Ich in das verwandelt, was Soldaten im Kampfe ſind und ſein müſſen— eher Teufel als Menſchen— und gezwungen, das Blutbad zu vollführen, welches die abſolute Nothwendigkeit des Krieges iſt. Erſchlagen zu werden oder zu erſchlagen— was iſt wohl das Entſetzlichere? Man denke ſich eine vertraute Hand— die eines Bruders oder Gatten— welche machtlos und Nichts mehr als Erde herabſinkt, oder die gefaßt und geküßt und mit rothem Blute befleckt zurückgegeben wird— dem Blute des Gatten oder des Bruders irgend einer andern Perſon! Noch weiter in dieſer Weiſe nachzudenken, wäre gefährlich geweſen. Zum Glück that ich mir Ein⸗ halt, ehe noch meine ganze Selbſtbeherrſchung zu Ende war. — 110— Der erſte Sänger war ein ſchlanker Jüngling, welcher mit einer gewiſſen grimmigen Entſchloſſen⸗ heit und wahrſcheinlich mehr Feigheit im Herzen als er einem Regiment Ruſſen gegenüber gefühlt haben würde, vortrat und uns in ziemlich unſicherer Weiſe von ſeilem Entſchluſſe,„nicht mehr zu lieben,“ in Kenntniß ſetzte. Sein Vortrag ward laut applaudirt und er verſchwand. Dann folgte„der Rabe und die Krähe,“ ein Quartett, deſſen Vortrag ebenfalls viel zu wünſchen übrig ließ. Hierauf ſetzte uns die erſte Sopraniſtin, eine Sängerin von Fach, mit gellendem Ausdruck in Kenntniß, daß ſie„Etwas zu lieben haben müſſe“ — was ſie auch ganz gewiß hatte. Dann folgte ein Duett und hierauf erſchien der erſte Tenor, um ein italieniſches Lied zu ſingen. Der arme junge Mann! Ein Opernſänger vierten Ranges würde die Sache beſſer gemacht haben; aber es wäre in dem vorliegenden Falle Un⸗ recht, wenn man ſcharf kritiſiren wollte. Er that ſein Möglichſtes, und als er ſich nach einer langen Roulade mit Herz und Lunge auf die letzte Rote ſtürzte, erhob ſich ein ächt engliſcher Beifallruf, wel⸗ chen er mit einer unbeholfenen Kopfbewegung und einem vergnügten Lächeln beantwortete, welches 6 — 111— durchaus nicht ſchulgerecht, aber Wi und natürlich war. Der Abend war nun halb vorüber, Miſtreß Granton meinte, ich ſähe ſehr ermüdet aus, und Colin wickelte mir ſeinen Pelzrock um die Füße, denn es war ſehr kalt. Man fürchtete, daß ich mich nicht amüſirte, und ich richtete daher meine ganze Auf⸗ merkſamkeit auf einen jungen Offizier mit komiſchem Geſichte, der mit ſeiner Violine vortrat, welche er mit ſo totaler Selbſtbefriedigung ſpielte, daß er der am wenigſten ängſtliche und deßhalb erfolgreichſte ſämmtlicher Dilettanten war. Dann kam ein ſchüchterner junger Offizier mit einer herrlichen Baßſtimme, und hierauf ein ſehr ernſter junger Ofizier, der auf das Pianoforte los⸗ marſchirte, als ob es ein Malakoff wäre, und dann eine ſchwerfällige Sonate herunter hämmerte, als ob er fühlte, wie England erwarte, daß er„ſeine Pflicht thun“ werde. Dieſe that er auch und wollte eben langſam abtreten, als in jener ungezwungenen Weiſe, auf welche hier Publikum und Bühne ſich untereinander miſchten, Jemand ihm zurief: „Ansdell, man fragt nach Ihnen!“ „Wer denn?“ „Urquhart.“ — 1— Wenigſtens war ich feſt überzeugt, daß dies der Name war. Es ward nun noch eine Menge geſungen und geſpielt, und dann zum Beſchluß„God save the Oueen“ mit vollem Chore und Begleitung der Militairmuſik. Dieſe großartige alte Weiſe iſt ſtets anregend, ganz beſonders war ſie es an dieſem Abende. Alſo wir werden wahrſcheinlich wieder Krieg ha⸗ ben. Wenn dies der Fall iſt, wo werden dann binnen heute und einem Jahre alle dieſe lebensluſtigen jungen Männer ſein, die jetzt mit hübſchen Mädchen koket⸗ tiren und mit ſtolzen Müttern und Schweſtern im Saale auf⸗ und abſpazieren? Ich habe nie daran gedacht und es nie verſtanden, bis jetzt, ich. die ich die Soldaten lächerlich zu machen und zu ver⸗ achten pflegte! Dieſe Mütter— dieſe Schweſtern— ſie fühlten es vielleicht ſelbſt nicht, aber mir drohete das Herz zu berſten. Ich konnte es kaum noch er⸗ tragen. Wir brauchten einige Zeit, ehe wir bis an die Thür kamen, durch die lange Reihe von Epauletten und Degen, deren Beſitzer— ich bitte ſie um Verzeihung, aber ich kann nicht umhin, es zu ſagen — durchaus nicht allzuhöflich waren, bis eine Stimme hinten rief: ſ —— „Macht doch Platz— wie ſollen denn dieſe Damen vorbeikommen?“ Und eine helfende höfliche Hand bot ſich Miſtreß Granton dar, wie jeder Gentleman ſie jeder Dame bieten ſollte, beſonders einer alten Dame. „Sind Sie es, Doctor? Was für ein Gedränge das iſt! Wollen Sie nicht meiner jungen Freundin hier ein wenig beiſtehen?“ Jetzt— und zwar erſt jetzt— dies weiß ich beſtimmt— erkannte er mich. Es iſt ihm Etwas begegnet— Etwas hat ihn ſehr verändert. Davon war ich gleich bei dem erſten Blicke überzeugt, den ich auf ſein Geſicht warf. Ich erſchrak darüber ſo, daß ich gar nicht einmal ſagte: „Wie befinden Sie ſich?“ Ich ſtreckte nicht einmal die Hand aus. O, daß ich es gethan hätte! Er ſprach kaum einige Worte und faſt unmit⸗ telbar darauf verloren wie ihn wieder in dem Ge⸗ dränge. Unter den Wagen herrſchte ebenfalls eine unge⸗ heure Verwirrung. Colin lief hier- und dorthin, konnte aber den unſrigen nicht finden. Einige Mi⸗ nuten ſpäter ſtanden wir immer noch draußen in der uͤnfreundlichen kalten Nacht. Miſtreß Granton ſprach mit Jemandem. Ich ſtand allein und fühlte mich ſehr verlaſſen und kalt. Leben um Leben. I. 8 „Wie lange haben Sie denn ſchon dieſen Huſten 2* Ich wußte, wer dieſe Frage that, und drehete mich herum. Wir reichten einander die Hand. „Sie dürfen an ſolchen Abenden nicht in's Freie. Warum ſind Sie hierhergekommen 25 Der faſt ſchneidende Ton, in welchem Doctor Urquhart dies ſagte, beleidigte mich nicht, obſchon er ſonſt in der Regel ſich außerordentlich ſanft aus⸗ ſpricht. Ich ſagte ihm, mein Huſten hätte Nichts zu bedeuten— es war in der That auch mehr Rerven⸗ ſchwäche als Erkältung, obſchon ich dies natürlich nicht geſtand— und dann bekam ich wieder einen Anfall, nach welchem ich, als er vorüber war, zitternd und keuchend daſtand. „Sie hätten nicht hierher kommen ſollen. Iſt denn Niemand da, der ſich beſſer um Sie bekümmert, Kind? Nein— ſprechen Sie nicht— erlauben Sie mir— nur keinen Widerſpruch!“ Er nahm einen Plaid, den er über den Schultern trug, ab und wickelte ihn feſt und warm um mich. Ich ſträubte mich ein wenig, fügte mich aber dann. Sie müſſen!“ Was konnte ich weiter thun als nachgeben? Als ich nochmals proteſtirte, ward mir befohlen „gefälligſt den Mund zu halten.“ „Denken Sie weiter nicht an mich— ich bin an jede Witterung gewöhnt— ich bin kein kleines zartes Geſchöpf wie Sie.“ Ich bemerkte lachend, ich ſei weit kräftiger als er glaube; da er aber einmal unſere Bekanntſchaft damit begonnen hatte, daß er ärztliche Fürſorge für mich trug, ſo konnte er auch damit fortfahren, und es war allerdings hier ein wenig kälter als in jener Nacht im Cedernhauſe. „In.“ Hier kam Colin zur Stelle, um zu ſagen, naß wir beſſer thun würden, wenn wir dem Wagen ent⸗ gegengingen anſtatt darauf zu warten. Er wechſelte hierauf einige Worte mit Doctor Urquhart, nahm dann ſeine Mutter an den einen Arm— der gute Colin, ſeine alte Mutter vernachläſſigt er nie— und bot mir den andern. „Ueberlaſſen Sie Miß Theodora mir,“ ſagte Doctur Urquhart ziemlich entſchieden.„Kommen Sie mit?“ Ich bin überzeugt, daß er mich meinte Ich hoffe; daß er nicht unhöflich gegen Colin war, aber ich konnte nicht umhin mitzukommen. Es war ſo lange, daß wir einander nicht geſehen. Ich hielt 88 — 1— aber„gefälligſt den Mund,“ wie mir befohlen worden; auch wußte ich gar nicht, was ich hätte ſagen ſollen. Doctor Urquhart machte blos eine einzige Bemerkung, und auch dieſe war nicht beſonders auffällig. „Was für Schuhe haben Sie an?“ „Dicke“ „Das iſt recht, mit Ihrer Geſundheit dürfen Sie nicht ſpielen.“ Warum ſcheu't man ſich, gerade heraus die Wahrheit zu ſprechen, da doch ein Wort oft ſo viel Mißverſtändniß, Zweifel und Schmerz erſparen würde? Warum ſcheu't man ſich, der Erſte zu ſein, der dieſes Wort ſpricht, wenn nichts Unrechtes dabei iſt und wenn in dem Herzen kein Gefühl ſich regt, deſſen man ſich vor guten Menſchen— oder auch — dies hoffe ich— vor Gott ſchämen müßte? Ich beſchloß, mit der Sprache herauszugehen. „Doctor Urquhart, warum ſind Sie ſeit der Hochzeit nicht ein einziges Mal wieder bei uns geweſen? Es hat Papa ſehr gekränkt.“ Meine Offenheit überraſchte ihn, denn ich fühlte ihn zuſammenzucken. Als er antwortete, geſchah es in jenem eigenthümlichen befangenen Tone, den ich ſo gut kenne, der mir allemal meine eigene Befangen⸗ heit benimmt und mir das Bewußtſein giebt, daß ich für den Augenblick die ſtärkere bin. —— „Es thut mir ſehr leid. Kränken möchte ich Ihren Papa unter keiner Bedingung.“ „Nun, kommen Sie dann dieſe Woche einmal?“ „Ich danke Ihnen, aber verſprechen kann ich es nicht.“ Es fiel mir eine Möglichkeit ein. „Papa iſt ſehr eigenthümlich. Er berührt die Leute, wenn ſie ihn nicht genau kennen, zuweilen ſehr unangenehm. Iſt das vielleicht mit Ihnen auch der Fall geweſen?“ „Rein, ich verſichere es Ihnen.“ Nach einigem Zögern ſetzte ich, entſchloſſen, die Wahrheit zu ermitteln, hinzu: „Oder habe ich Ihnen Etwas in den Weg gelegt?“ „Sie? Welch' eine Idee!“ Sie ſchien auch in der That in dieſem Augen⸗ blicke ungereimt, ja faſt abgeſchmackt. Ich hätte darüber lachen können. Ich glaube, ich lachte auch wirklich. O wenn man mit einem Freunde uneinig geweſen iſt und plötzlich zieht ſich die Wolke hinweg — man weiß kaum wie oder warum, aber ſie iſt ſicherlich hinweg, hat vielleicht niemals exiſtirt— höchſtens in der Einbildung— welch' eine unendliche Herzenserleichterung iſt dies! Wie heiter fühlt man — 118— ſich und dennoch gedemüthigt; beſchümt und doch unausſprechlich zufrieden— ſo froh, ſo zufrieden, daß man ſich blos ſelbſt zu tadeln hat. Ich fragte Doctor Urquhart, was er während der ganzen Zeit gemacht. Ich hätte allerdings gehört, daß er ſehr beſchäftig geweſen ſei, wiſſe aber nicht, ob mit der Caſernen⸗Angelegenheit und ſeiner Eingabe. „Zum Theil,“ ſagte er, und gab dann einige Ueberraſchung zu erkennen, daß ich mich dieſer Sache noch erinnerte. Vielleicht hätte ich nicht davon ſprechen ſollen. Gleichwohl aber war es faſt ein Gebot der Freund⸗ ſchaft. Wenn ein Freund uns ſeine Angelegenheiten erzählt, ſo macht er ſie zu den unſrigen und wir haben ein Recht, ſpäter darnach zu fragen. Ich hätte gern gefragt— ich ſehnte mich, Alles und Jedes zu wiſſen. Denn bei jeder Wagenlaterne, an der wir vorbeikamen, ſah ich, daß ſein Geſicht nicht ſo war, wie es zu ſein pflegte— daß ein feſtſtehender Schatten von Schmerz, Unruhe, ja faſt Angſt darüber gebreitet lag. Ich kenne Doctor Urquhart erſt ſeit drei Nona⸗ ten, in dieſen drei Monaten aber habe ich ihn jede Woche oft zwei und drei Mal geſehen, und in Folge der anderweiten Beſchäftigung meiner übrigen Familie —— iſt ſeine Geſellſchaft faſt ausſchließlich mir beſchieden geweſen. Er und ich haben oft ſtundenlang neben einander geſeſſen und geplaudert, oder ſind im Garten auf⸗ und abgegangen. Ebenſo habe ich auch von meinem Schwager, der über dieſen Gegenſtand ſich ſehr offen und enthuſiaſtiſch ausſpricht, über Doctor Urquhart beinahe Alles gehört, was geſagt werden konnte. Aus allem Dieſem erklärt ſich, daß ich ſchon nach ſo kurzer Bekanntſchaft eine Freundſchaft für ihn empfinde, wie ſie zwiſchen andern Perſonen oft erſt nach Jahren zu entſtehen pflegt. Wie ich ſchon geſagt habe, es muß Etwas ge⸗ ſchehen ſein, was eine ſolche Veränderung in ihm hervorgebracht hat. Es berührte mich auf's Empfindlichſte. Warum ſollte ich nicht wenigſtens die Frage thun, die ich an jeden andern Menſchen ſofort gethan haben würde, ſo einfach und natürlich war ſie. „Sind Sie immer ganz wohl geweſen, ſeitdem ich Sie das letzte Mal ſah?“ „Ja, das heißt, nicht immer. Warum fragen Sie?“ „Weil es mir vorkommt, als wären Sie krank geweſen.“ „Nein, durchaus nicht, aber ich habe ſehr viel Geſchäfte vor, die mir Sorge machen.“ Mehr ſagte er nicht und ich hatte kein Recht, weiter zu fragen. Kein Recht! Wer war ich, wenn mir dieſes Recht fehlte— wenn ich nicht fühlte, daß ich es in gewiſſer Beziehung verdiente! Denn es iſt beinahe unmöglich, um ſeine Freunde beſorgt zu ſein, ohne zugleich in gewiſſem Grade die Macht zu beſitzen, ihnen Dienſte zu leiſten, dafern ſie nur es geſchehen laſſen. Während dieſer ganzen Zeit liefen Colin und ſeine Mutter hin und her, und ſuchten den Wagen, welcher wieder verſchwunden war. Während wir ſo daſtanden, benahm ein vom Moorlande her⸗ kommender Windſtoß mir faſt dem Athem. Doctor Urquhart drehete ſich herum und wickelte mich noch dichter ein. „Was ſollen wir thun? Sie erkälten ſich hier noch zum Tode und ich kann Sie nicht ſchützen. O, wenn ich könnte!“ Nun faßte ich Muth. Es war blos noch eine Minute Zeit. Vielleicht— und die Neuigkeit von dem drohenden Kriege durchzuckte mich wie ein Pfeil — vielleicht die letzte Minute, die wir je in unſerm Leben beiſammen waren. An mein Leben dachte —— ich nicht ſowohl als vielmehr an das ſeinige, ſo geſchäftige, ſo unſtäte, einſame und heimathloſe. Er ſagte mir einmal, unſer Familienheerd ſei der einzige, an welchem er ſich ſeit zwanzig Jahren heimiſch gefühlt. Rein, ich bin überzeugt, daß es nicht Unrecht war, zu denken, was ich dachte, oder es zu ſagen. „Doctor Urquhart, ich wünſche ſehr, daß Sie bald einmal nach Rockmount kommen. Es würde für Sie gut ſein, eben ſo wie für Papa und uns Alle, denn wir fühlen uns jetzt ſehr einſam, ſeitdem Liſabel fort iſt. Kommen Sie!“ Ich wartete auf eine Antwort, aber es erfolgte keine Entſchuldigung, ja nicht einmal ein höfliches Anerkenntniß. Höflichkeit!— Dies wäre ja die allerempfindlichſte Unfreundlichkeit geweſen. In dieſem Augenblicke kamen unſere Freunde wieder in unſere Rähe und die Gelegenheit war vorbei. Colin trat heran, Doctor Urquhart hob mich aber ſelbſt in den Wagen, und als Colin den Plaid wieder zurückgeben wollte, ſagte er faſt ärgerlich: „Nein, nein,— ſie mag ihn behalten— für die Heimfahrt!“ Es ward kein Wort weiter zwiſchen uns ge⸗ wechſelt, ausgenommen daß er, wie mir ſpäter ein⸗ —— fiel, gerade zuvor, ehe unſere Freunde ſich näherten, geſagt hatte:„Leben Sie wohl,“ worauf er dann ſchnell hinzuſetzte:„Gott behüte Sie!“ Die Worte mancher Menſchen— oft ſolcher, die in der Regel ſehr wenig ſprechen— bleiben auf ſelt⸗ ſame Weiſe in der Erinnerung haften. Warum ſagte er:„Gott behüte Sie?“ warum nannte er mich„Kind?“ Am nächſtfolgenden Morgen ſendete ich ihm ſeinen Plaid durch Colin mit beſtem Danke zurück und ließ ihm ſagen, daß er mir ſehr gute Dienſte geleiſtet. Ich bin neugierig, ob ich Doctor Ur⸗ quhart je wiederſehen werde. Und doch liegt der Beſitz unſerer Freunde nicht darin, daß wir ſie in unſerer Nähe haben, daß wir ſie und von ihnen hören, denn Mancher hat dies Alles und hat doch Richts. Der Glaube an ſie, das Vertrauen auf ſie iſt es vielmehr, die Ueber⸗ zeugung, daß ſie durch und durch treu und gut ſind, und deßhalb auch gegen Andere, uns ſelbſt mit ein⸗ geſchloſſen, nicht anders als gut und treu ſein kön⸗ nen. Ja, mögen wir es verdienen oder nicht. Es ſind nicht unſere Verdienſte, um die es ſich handelt, ſondern ihre Güte, und ſteht dieſe einmal feſt, ſo folgt das Uebrige als Etwas, was ſich von = ſelbſt verſteht. Sie würden ſich ſelbſt untreu ſein, wenn ſie gegen uns unaufrichtig oder untreu wären. Ich habe ein halbes Dutzend Freunde, die inner⸗ halb eines halben Dutzend Meilen von mir wohnen und von denen ich mich gleichwohl weiter entfernt fühle als von Doctor Urquhart, und wenn er bei den Antipoden wohnte. Er gebraucht niemals Worte in leichtfertigem Sinne. Er würde niemals geſagt haben:„Gott behüte Sie!“ wenn er nicht ſpeziell gewünſcht hätte, daß Gott mich behüten möchte— mich armes, thö⸗ rigtes, unwiſſendes, leichtſinniges Kind. Nur ein Kind,— um kein Haar beſſer oder klüger als ein Kind, voll von allen Arten kindiſcher Ungezogenheiten, Ungeduld, Zweifel— o, wenn ich wüßte, daß er in dieſem Augenblicke in unſerem Wohnzimmer ſäße, und ich könnte hinuntereilen zu ihm und ihm alle die harten Dinge, die ich in der letzten Zeit von ihm gedacht, ſagen und ihn um ſeine Verzeihung bitten, wenn ich ihn bitten könnte, mir ein treuer Freund zu ſein und mich beſſer machen zu helfen als ich je zu werden hoffen kann — welch' ein unausſprechlicher Troſt und Genu wäre mir dies! Noch ein paar Worte über meinen angenehmen Morgen im Cedernhauſe, und dann muß ich mein — 124— Pult ſchließen, und ſehen, ob das Kaminfeuer im Studirzimmer im Stande iſt. Papa liebt ein war⸗ mes Feuer, wenn er nach Hauſe kommt. Da ſind ſie! Wie ſtürmiſch ſie die Klingel zie⸗ hen! Ich ſprang vor Schrecken faſt in die Höhe. Morgen muß dies fertig ſein und— Siebentes Rapitel. Seine Geſchichte. Ich ſchloß die letzte Seite mit den Worten: „Hier werde ich nicht mehr ſchreiben.“ Es war ſonſt mein Stolz, niemals ein Verſprechen gebrochen zu haben, oder einem Entſchluſſe untreu geworden zu ſein. Stolz! Was habe ich mit Stolz zu thun? Und Entſchlüſſe, fürwahr! Wie,— ſind wir all⸗ mächtig und allwiſſend, daß wir jedem Wechſel der Umſtände, der Gefühle, oder der Ereigniſſe unſere er⸗ bärmlichen Entſchlüſſe entgegenſetzen und der Ver⸗ nunft und Ueberzeugung zum Trotz daran mit einer Zähigkeit feſthalten, die wir für herviſch und gött⸗ lich änſchen, und die im Grunde genommen vielleicht blos die blinde Halsſtarrigkeit eines ſtörrigen Thie⸗ res iſt? 5 — 126— Ich will niemals wieder einen Entſchluß faſſen, ich will niemals wieder zu mir ſelbſt ſagen:„Du, Max Urquhart, mußt, um den Ruf der Tugend, Ehre und Standhaftigkeit, von welchem blos der Himmel weiß, ob Du ihn verdienſt oder nicht, aufrecht zu er⸗ halten, ſo und ſo handeln, möge kommen was da wolle.“ Bin ich denn allein dazu beſtimmt, der Sünden⸗ bock der Welt zu ſein? Es iſt meine Abſicht, aus gewiſſen Gründen, die ich vielleicht ſpäter angebe, vielleicht auch nicht angebe, regelmäßig gewiſſe Ereigniſſe niederzuſchrei⸗ ben, die ohne mein Zuthun, faſt ohne meinen Willen geſchehen ſind, wenn nämlich der Menſch durch die Gewalt der Umſtände ſo geleitet werden kann, daß ihm blos ein Weg offen zu ſtehen ſcheint. Wohin dieſe Umſtände führen, weiß ich in dieſem Augenblicke eben ſo wenig wie an dem Tage, wo ich geboren ward. Ich. faſſe keinen Entſchluß, ich verfolge keine vorgezeichnete Richtung, ſondern thue blos von Tag zu Tag, was von mir erwartet wird, und überlaſſe alles Andere— iſt es ſo? Ja, es muß ſo ſein— Gott. 4 Das Einzige, wovon ich ſagen kann, daß ich einen abſoluten Willen dabei übe, beſteht im Rieder⸗ ſchreiben deſſen, was ich hier niederzuſchreiben gedenke, die einzige Außzeichnung, die über mein eigentliches Ich— Max Uurquhart— vorhanden ſein wird— wie er hätte bekannt ſein können, nicht der Welt im Allgemeinen, ſondern Jedem, der in ſein tiefſtes Herz geblickt, und ſein Freund, ſein geliebter Seelenkun⸗ diger war. Die Form eines Briefwechſels mit einem imagi⸗ nären Correſpondenten ſetze ich von nun an bei Seite. Ich weiß vollkommen, an wen und für wen ich ſchreibe, obſchon dieſe Perſon aller Wahrſcheinlichkeit nach niemals eine einzige Zeile davon leſen wird. Ein Officier in der Krim, welcher glaubte, er würde ſterben, gab mir eines Tages ein Packet Briefe zu verbrennen. Er hatte ſie ein Jahr nach dem andern unter jedem Glückswechſel an einen Freund geſchrieben, den er hatte, und an den er dann und wann auch andere Briefe ſchrieb, nicht wie dieſe, welche niemals abgeſendet wurden, und auch wähten ſeines Lebens gar nicht beſtimmt waren, abgeſendet träumte, ſie ſelbſt überreichen zu können, und daß ſie dann lächelnd von zwei Perſonen zugleich geleſen würden. Er irrte ſich. Umſtände, welche Träu⸗ mern wie ihm nicht ſelten begegnen, machten es un⸗ nöthig, ja unmöglich, daß die Briefe überhaupt ab⸗ gegeben wurden. Er bat mich daher, für den Fall, zu werden, obſchon er zuweilen, wie ich glaube, 4 — * uvor wenig Ruhe gehabt. — 128— daß er ſtürbe, ſie ſofort zu verbrennen. Indem ich dies that, ſtierte mir ganz deutlich aus der Aſche der Name entgegen. Aber das Feuer und ich wir waren keine Verräther— ich nahm das Schüreiſen und be⸗ grub den Namen. Der arme Schelm! Er ſtarb nicht und ich begegne ihm jetzt noch, aber wir haben nie wieder ein Wort von jenen verbrannten Briefen geſprochen. Dieſe meine Briefe verbrenne ich vielleicht auch einmal. Mittlerweile aber werde ich keinen Namen und keine Adreſſe darauf ſetzen— ſie ſollen keinen Anfang und kein Ende haben, und es ſoll, wenn ich es vermeiden kann, Nichts darin vorkommen, was die Perſon, an welche ſie geſchrieben ſind, ſpeeiell bezeichnen könnte. Für alle Andere ſollen ſie die Form einer bloßen Erzählung haben, weiter Nichts. Doch ich beginne. Ich ſaß gegen eilf Uhr Nachts Feuer in meiner Hütte. Ich war den ganzen g beſchäftigt geweſen, und hatte auch die Nacht Es war nicht meine Abſicht, unſerm Lagere cert beizuwohnen, ich ward aber gewiſſermaßen dazu gezwungen. Schlimme Nachrichten von daheim gin⸗ gen an den armen jungen Ansdell von unſerm Regi⸗ mente ein, und ſein Oberſt ſchickte mich ab, um ſie ihm vorſichtig mitzutheilen. Dann mußte ich eine —— Weile warten, um den guten Oberſten zu ſprechen, als er aus dem Concertſaale kam. Es war daher ein reiner Zufall, daß ich jenen Freunden begegnete, die ich ſodann auf mehrere Minuten nicht wieder verließ. Der Grund dieſes Verweilens in ihrer Geſell⸗ ſchaft muß erwähnt werden. Es war ein plötzlicher Schmerz über die Unſicherheit des Lebens— des jun⸗ gen Lebens, eines ſo friſchen und hoffnungsvollen Lebens wie das der ſchönen Laura Ansdell, die ich vor kaum vierzehn Tagen zufällig durch das Nord⸗ lager reiten ſah— und nun iſt ſie todt. So ſehr ich auch an beinahe jede Form der Sterblichkeit gewöhnt bin, ſo hatte ich doch dieſem grimmigen Geſpenſte noch nicht gerade in dieſer Form gegenüber geſtanden. Ich verlor einige Augenblicke lang die Faſſung darüber. Am nächſtfolgenden Tage kam ich nicht in Granton's Nähe, erhielt aber von ihm eine Botſchaft und meinen Plaid. Sie— die Dame, der ich ihn geliehen, befand ſich„vollkommen wohl.“ Weiter Richts; wie konnte ich möglicher Weiſe auch weiter Etwas erwarten? Ich ſaß, wie ich vorhin bemerkte, an meinem Feuer mit dem ſeltſamſten Wirrwarr in meinen Ge⸗ dauken. Ich ſah die roſige Laura Ansdell— bald über das Moorland galoppiren, bald ſtill und farb⸗ los in ihrem Sarge liegen— dann ein anderes Ge⸗ Leben um Leben. 9 ſicht, ungefähr von demſelben Alter, obſchon ich glaube, daß es nicht für ganz ſo ſchön angeſehen werden würde, mit darüber hereingezogener ſcharlach⸗ rother Kapuze— bleich vor Kälte, und dennoch mit einem ſo ſanften Lichte in den Augen, einer ſo zittern⸗ den Sanftheit um den Mund herum! Sie muß ein ſehr glückliches Temperament haben.“ Ich habe ſie noch nie geſehen, und bin noch nie auf längere Zeit mit ihr zuſammen geweſen, ohne daß ſie wie das leibhafte Bild der Zufriedenheit und Ruhe ausge⸗ ſehen hätte. Sie erinnert mich allemal an Dallas' Lieblingslied, als wir Knaben waren— Jeſſie, die Blume von Dunblane: „Beſcheiden wie eine, und fröhlich wie keine Strahlt ſie in ländlicher Schönheit Glanz; Fern bleibe Tücke und nimmer man pflücke Die ſchönſte Blume aus Dunblane's Kranz.“ Dazu ſage ich Amen. Es war— um zum dritten Male auf meine einfache Erzählung zurückzukommen,— etwa gegen eilf Uhr, als ein Mann zu Pferde an der Thür mei⸗ ner Hütte Halt machte. Ich glaubte, es wäre ein Ruf zu den Ansdells, aber dies war nicht der Fall. Es war der Diener von Rockmount, der mir einen Brief brachte. Einen Brief von ihr; ich ſollte ihn verbrennen, —— aber jetzt kann ich noch nicht— und da wo ich ihn verwahrt habe, iſt er vollkommen ſicher. Aus ge⸗ wiſſen Gründen werde ich ihn hier copiren: „Geehrter Herr! „Meinem Vater iſt ein ſchwerer Unfall begeg⸗ net. Doctor Black iſt nicht zu Hauſe, und es giebt in der Nähe keinen andern Arzt, auf den wir uns verlaſſen könnten. Darf ich mir wohl die Frei⸗ heit nehmen, Sie zu bitten, ſofort zu uns zu kommen? „Die Ihrige „Theodora Johnſton.“ Da ſteht es, kurz und deutlich; ein feſtes Herz führte die zitternde Hand. Wenig Dinge ſtellen den Charakter eines Weibes in helleres Licht als ihre Handſchrift; dieſe hier muß, wenn ſie ruhig iſt, ganz vorzüglich nett, zart und deutlich ſein. Ich that wohl, den Brief aufzuheben— ich bekomme vielleicht nie wieder eine Zeile. Als ich mit Jack ſprach, erfuhr ich, daß ſein Herr und eine der jungen Damen außer dem Hauſe zum Diner geweſen waren— daß ſein Herr darauf beſtänden hatte, heimwärts das Geſpann ſelbſt zu lenken, wahrſcheinlich weil Jack unfähig geweſen war— jetzt war er vollkommen nüchtern, der arme 9— Kerl!— und daß auf dem Wege durch den Tannen⸗ wald eins der Räder in ein tiefes Geleiſe gerathen, und der Phaston umgeſtürzt war. „Ich fragte, ob außer Mr. Johnſton noch Je⸗ mand Schaden genommen habe?“ „Miß Johnſton ein wenig.“ „Welche Miß Johnſton?“ „Miß Penelope, Sir.“ „Sonſt Niemand?“ „Nein, Sir.“ Alles Dies hatte ich ſchon ſo ziemlich vermuthen können, aber doch wich die geheime Furcht, die mich beſchlichen, nicht eher von mir als bis ich auf dieſe Weiſe Gewißheit hatte. Nachdem dies geſchehen, rief ich Jack herein und ließ ihn ſich am Feuer wär⸗ men, während ich in mein Schlafzimmer ging, um zu überlegen, was wohl für mich das Beſte zu thun ſei.. unſchlüſſigkeit in Bezug darauf, ob ich gehen ſollte oder nicht, war natürlich unmöglich, aber den⸗ noch war die Lage, in die ich mich auf einmal ver⸗ ſetzt ſah, eine plötzliche und ſeltſame. Allerdings konnte ich der Sache ausweichen, wenn ich Geſchäfte im Hospital vorſchützte und den Aſſiſtenz⸗Arzt unſeres Regimentes ſchickte, der ein ausgezeichneter junger Mann iſt— dennoch aber nicht —— ein junger Mann, den Frauen an einem Krankenbett in großer Noth oder Gefahr gern ſehen würden. Und in dieſer Noth und Gefahr hatte ſie mich an⸗ gerufen, hatte ſie ihr Vertrauen auf mich geſetzt. Ich beſchloß, zu gehen. Die Ueberwindung, worin ſie auch beſtehen mochte, war eine rein per⸗ ſönliche, und in dieſer kurzen Minute brachte ich ſie gleichwohl vollkommen in Anſchlag. Ich erwähne dies, weil ich klar zu machen wünſche, daß kein untergeordneter Beweggrund, Traum oder Wunſch mich veranlaßte zu handeln, wie ich gehandelt habe. Als ich Jack genauer befragte, hörte ich, daß Mr. Johnſton beim Umſtürzen des Wagens, wie man glaubte, mit dem Kopfe an einen Stein angeſchlagen war, daß man ihn bewußtlos aufgehoben, und daß er ſeitdem noch kein Wort geſprochen. Dies verrieth ſofort, an welch' einem ſchwachen Faden der ganze Zuſtand hing. Der Zuſtand— einfach dieſer und Nichts weiter, denn als ſolchen muß ich ihn, wenn ich ihn überhqupt behandeln will, betrachten. Ich habe mit Gottes Hülfe ſo manches Leben gerettet— und dieſes muß ich blos als ein abermaliges Leben betrachten, welches gerettet werden ſoll, wenn mir Gott in ſeiner Gnade vergönnt, es zu vollführen. Ich ſchloß mein Pult auf, und legte den 4 in das geheime Fach, ſchrieb ein paar Zeilen an unſern Aſſiſtenzarzt, mit Inſtructionen für das Hospi⸗ tal, im Fall ich einen Theil des nächſten Tages ab⸗ weſend wäre, nahm die etwa nöthigen Inſtrumente heraus, warf einen Blick in meinem Zimmer umher, fragte mich unwillkürlich, wie und wann ich es wohl wieder betreten würde, beſtieg Jack's Pferd und ritt fort nach Rockmount. Das Ganze hatte kaum fünf⸗ zehn Minuten gedauert, denn ich entſinne mich, daß ich nach meiner Uhr ſah, die auf ein Viertel nach Eilf ſtand. Bei einem ſcharfen Ritt iſt das Denken unmög⸗ lich, und in der That war meine ganze Aufmerkſam⸗ keit darauf gerichtet, in der Dunkelheit nicht den Weg zu verfehlen. Ein Umweg von ein paar Mei⸗ len, eine einzige verlorene halbe Stunde konnte dem alten Manne das Leben koſten, denn in ſolchen Fällen kommt gewöhnlich Alles auf ſchnelle Hülfe an. Man ſagt, unſer Beruf ſei der, welcher vor allen andern den Menſchen zum Materialismus ge⸗ neigt mache. Ich habe dies nie gefunden. Das erſte Mal, wo ich in der Nähe des Todes ſtand— doch dieſer Gedankenreihe muß ich Einhalt thun. Seit dieſer Zeit ſind Tod und ich ſo lange mit ein⸗ ander gegangen, daß es mir nie einfällt, das bloße Lebensprincip, welches allen athmenden Geſchöpfen gemeinſam iſt,„das Leben des Thieres, welches ab⸗ wärts geht“, wie die Bibel ſagt, mit der Seele eines Menſchen zu verwechſeln, welche„emporſteigt“ Ganz unterſchieden von dem Leben, welches in Blut und Athem wohnt, oder in jenem„Lebens⸗ vunkte“, welcher kürzlich entdeckt worden, und zeigt, daß auf einer Stelle, nicht größer wie ein Nadelkopf, das Prineip der Sterblichkeit wohnt— ganz ver⸗ ſchieden, ſage ich, von dieſem Etwas, was von den todten Freunden, die wir begraben, von den Leichen, die wir anatomiſiren, ſo geheimnißvoll verſchwindet, ſcheint mir der Geiſt, die Seele zu ſein, die, da ſie im Stande iſt, zu denken und zu ſtreben, nothwen⸗ dig zu dem einen heiligen Geiſte, dem einen ewigen Geiſte zurückkehren muß, der ſich einſt ſelbſt im Fleiſche unſerm Fleiſche offenbarte. Und es ſchien in dieſer ſeltſamen, unheimlichen Nacht— gerade ſo einer Winternacht, wie ich mich vor vielen Jahren entſinne— als ob dieſer Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Leben und der Seele mir klarer würde als je zuvor; als ob, Alles verzeihend, was ſeinem ſterblichen Theile begegnet war, ein Geiſt— der, wenn ſolche Beſuche geſtattet wären, obſchon ich nicht glaube, daß ſie es ſind, mich oft beſuchen würde— meinem Geiſte— harmlos, ja mitlei⸗ dig, mir, — 136— „einem Weſen, ſo unſterblich als er ſelbſt“, auf dem ganzen Wege vom Lager bis Rockmount nachfolgte. Ich ſtieg unter dem Epheubuſche ab, welcher das Gartenthor überragt, welches Thor offen gelaſſen worden, ſo daß ich ſogleich auf die Hausflur zugehen konnte, wo der Lichtſchein auf dem weißen ſteinernen Fußboden flackerte. Der Stock des alten Mannes ſtand in der Ecke, und die Hüte der jungen Damen hingen auf den Zacken des Hirſchgeweihes. Für den Augenblick gläubte ich halb, ich ſei in 6 einem Traume befangen und würde, wie ich oft gethan, nach einem halbſtündigen Schlafe erwachen, während der ſalzige Morgenwind mich auf der äußern Gallerie des Hospitals zu Scutari anwehete— ich glaubte, ich würde erwachen, aufſpringen, meine Lampe nehmen und die Runde durch die Kranken⸗ 2 ſtuben machen. dddie Minuten waren aber koſtbar. Ich zog die Klingel, und beinahe unmittelbar darauf kam eine Geſtalt die Treppe herabgeſchwebt und öffnete die Hausthür. Ich würde geglaubt haben, ſie beſtehe gar nicht aus Fleiſch und Blut, wenn ſie mich nicht mit ihrer 4 kalten Hand berührt hätte. — 137— „Ah, ſind Sie es endlich! Ich war überzeugt, daß Sie kommen würden.“ „Gewiß.“ Vielleicht fand ſie mich kalt,„handwerksmäßig“, als ob ſie einen Freund erwartet und nur den Arzt gefunden hätte. Vielleicht— ja, es m ußte ſo ſein — ſie dachte ſicherlich an mich nur als an den Arzt. „Wo iſt Ihr Vater?“ „Oben; wir trugen ihn ſofort in ſein Zimmer. Wrllen Sie mitkommen?“ * Ich folgte ihr— ich ſchien Nichts zu thun zu haben als dieſer ſchlanken Geſtalt zu folgen, mit der ſo leiſen Stimme, dem ſo ruhigen Weſen— ruhiger als ich jemals das ihrige oder das irgend eines Wei⸗ bes in einem ſolchen Falle zu ſehen erwartet hätte. Ich! Was weiß ich von Frauen! Was ver⸗ diene ich weiter zu wiſſen als daß ein Weib mich geboren hat? Es iſt ſonderbar, aber ich habe nie ſo viel an meine Mutter gedacht als innerhalb der letzten wenigen Monate. Und zuweilen, wenn ich die einzigen Reliquien, die ich von ihr habe, ein paar Bänder und eine Locke, betrachte, und mich dieſes Wenigen entſinne, was Dallas mir von ihr er⸗ zählte, habe ich geglaubt, meine Mutter müſſe in ihrer Jugend ungefähr ſo ausgeſehen haben wie die⸗ ſes junge Mädchen. Sie trat zuerſt in das Zimmer. „Sie können hereinkommen,“ ſagte ſie gleich darauf,„Sie erſchrecken ihn nicht— ich glaube nicht, daß er Jemanden kennt.“ Ich ſetzte mich neben meinen Patienten. Er lag gerade noch ſo, wie man ihn von der Straße hereingebracht, mit einer leichten Decke über ihn ge⸗ worfen, ſchwer athmend, aber vollkommen ohne Be⸗ ſinnung. „Das Licht, wenn ich bitten darf; können Sie es halten? Iſt Ihre Hand feſt?“ Und ich hielt es einen Augenblick, um zu utthei⸗ len.— Dieſe Schwäche koſtete mir zu viel, und ich hütete mich, ſie wieder zu riskiren. Als ich mit meiner Unterſuchung fertig war und aufblickte, ſtand Miß Theodora immer noch ne⸗ ben mir. Ihre Augen thaten blos die Frage, die ich, Gott ſei Dank! ſo beantworten konnte, wie ich ſie beantwortete. „Ja, der Fall iſt nicht ſo ſchlimm als ich fürchtete.“ Bei dieſem Schatten von Hoffnung— denn es war nur ein Schatten— kam Bewegung in die tödtliche Ruhe, welche ſie bis jetzt beobachtet. Sie begann fürchterlich zu zittern. Ich nahm ihr das Lice ab und gab ihr einen Stuhl. . „Achten Sie nicht auf mich. In einer Minute iſt es vorüber,“ ſagte ſie. Dann ſeufzte ſie ein oder zwei Mal und faßte ſich.„Nun, was iſt zu thun?“ Ich ſagte ihr, daß ich Alles thun würde was nöthig ſei, wenn ſie mir verſchiedene Dinge bringen wolle, die ich ihr nannte. „Kann ich Ihnen vielleicht mit zur Hand gehen? Es iſt ſonſt Niemand weiter da. Penelope hat ſich den Fuß verletzt und kann nicht von der Stelle und die Dienerinnen ſind faſt noch Kinder. Soll ich dableiben? Ich fürchte mich nicht, wenn eine Ope⸗ ration nöthig ſein ſollte.“ Ich hatte nämlich unvorſichtiger Weiſe das chi⸗ rurgiſche Beſteck aus der Taſche gezogen, obſchon dies nicht nöthig war. Ich ſagte ihr dies und ſetzte hinzu, daß ſie mich mit meinem Patienten lieber allein laſſen ſollte. „Gut. Und Sie werden alles Nöthige beſor⸗ gen, nicht wahr? Und Sie werden ihm nicht wehe thun, dem armen Papa?“ Sicherlich nicht. Wenn ich mit ihm hätte tau⸗ ſchen— wenn er meine Kraft und Geſundheit an⸗ nehmen und ich auf dieſem Bett hätte liegen können, mit dem Tode vor mir unter einem ſolchen Blicke wie der, womit ſein Kind ihn verließ, ich glaube, in dieſem Augenblicke hätte ich es thun können. — 140— Als ich den alten Mann in ſeinem Bett beque⸗ mer gelegt hatte, faßte ich ſein Handgelenk und zählte Schlag um Schlag den langſamen Puls, der eine meiner ſchwachen Hoffnungen auf ſeine Geneſung war. So wie die Hand kraftlos, faſt wie eine Tod⸗ tenhand, auf meine Kniee herabfiel, erinnerte ſie mich, ich weiß nicht wie oder weßhalb, an das hülfloſe Herabfallen jener, der erſten Todtenhand, die ich je geſehen. Zum Glück dauerte dieſe Erinnerung nur einen Augenblick. In Augenblicken wie dieſer, wo ich eif⸗ rig mit Ausübung meines Berufs beſchäftigt bin, treten alle dergleichen Phantasmen in den Hinter⸗ grund. Und der gegenwärtige Fall war dringend genug, um alle meine Sen und Fähigkeiten zu concentriren. Eben hatte ich mir ein Urtheil darüber gebildet, als leiſe an die Thür gepocht ward. Auf meinen Ruf kam ſie herein oder ſchwebte vielmehr, denn ſie hatte ihr ſeidenes Kleid ausgezogen und etwas Wei⸗ ches und Dunkles angelegt, was nicht raſchelte. In ihrem Antlitze, ſo bleich es war, lag eine ruhige Ge⸗ faßtheit, rührender als der wildeſte Schmerz— eine Eigenſchaft, welche wenig Frauen beſitzen, die der Himmel aber nur Frauen zu geben ſcheint, und wo⸗ durch er uns Männer gleichſam zwingt, niederzu⸗ knieen und etwas Göttlicheres anzuerkennen als irgend Etwas, was wir haben, oder ſind, oder jemals wer⸗ den können. Ich erwähne dies, damit man nicht von mir denke, wie von Aerzten oft gedacht wird, nämlich, daß ich kein Gefühl hätte. Sie that keine Fragen an mich, ſondern ſtand ſchweigend neben mir, ihre Augen auf ihren Vater geheftet. Die ſeinigen öffneten ſich eben, wie ſie ſchon mehrmals zuvor gethan, ſchweiften mit nichtsſagen⸗ dem Ausdrucke über die Bettvorhänge, und ſchloſſen ſich unter Stöhnen wieder. Sie ſah mich erſchrocken an— das arme Kind. Ich erklärte ihr, daß dieſes Stöhnen kein neuer Grund zu Unruhe ſei, ſondern eher das Gegentheil, daß ihr Vater aber in dieſem Zuſtande noch ſtunden⸗, ja tagelang verharren könne. „Und können Sie Richts für ihn thun?“ Wenn ich es könnte— um jeden Preis, den der ſterbliche Menſch bezahlen kann, würde ich es thun.. Ich führte ſie in die entfernteſte Ecke des Zim⸗ mers, und ſetzte ihr hier, wie ich immer zu thun pflege, wenn die Freunde des Patienten fähig ſchei⸗ nen, zu begreifen, meine Meinung über die Behand⸗ — lung, die ich einzuſchlagen gedachte, und meine Gründe dafür aus einander. In dieſem Falle vor allen andern wünſchte ich nicht die Verwandten im Dunkeln zu laſſen, damit ſie ſich mich nicht ſpäter tadelten, daß ich Nichts gethan, während doch jetzt weitet Nichts übrig blieb als eben Nichts zu thun. Ich ſagte ihr, nach meiner Meinung würde es das Beſte ſein, vollkommene Ruhe und Stille zu be⸗ wahren, und die gütige Natur auf ihre eigene ge⸗ heimnißvolle Weiſe thätig ſein zu laſſen— die Na⸗ tur, zu der man, je länger man lebt, als dem ein⸗ zigen wahren Arzte, immer größeres Vertrauen faßt. „Deßhalb,“ ſagte ich,„werden Sie alſo glau⸗ ben, daß ich, ſo wenig ich auch thue, doch das Ver⸗ fahren einſchlage, welches ich für das beſte halte, nicht wahr? Wollen Sie mir vertrauen?“ Sie ſah mich forſchend an, und ſagte dann 4 „Ja Nach einigen Augenblicken fragte ſie mich, wie lange ich bleiben könne? ob ich ſogleich wieder nach dem Lager zurückkehren müſſe? Ich ſagte Nein, denn ich hätte nicht die Abſicht, eher als morgen da⸗ hin zurückzukehren. „Ah, das iſt ſchön! Soll ich ein Zimmer für Sie in Stand ſetzen laſſen?“ „Ich danke Ihnen, ich werde lieber wach bleiben.“ N —— „Sie ſind ſehr gütig. Sie werden ein großer Troſt ſein.“ Ich, ein großer Troſt?— ich— gütig? Meine Gedanken mußten nothwendig in das richtige Geleis zurückkehren. Ich glaube, das Rächſte, was ſie ſagte, war, daß ich Penelope beſuchen möchte, wenigſtens ruhete meine Hand an der Thür, beinahe die ihre berührend, während ſie mir zeigte, wie die⸗ ſelbe geöffnet würde. „Da— das zweite Zimmer links. Soll ich mitgehen? Nein! Ich will hier bleiben, bis Sie wiederkommen.“ Nachdem ſie die Thür geſchloſſen, blieb ich einige Augenblicke in dem düſtern Gange allein. Es war gut. Kein Menſch iſt zu allen Zeiten ſeiner Herr. Miß Johnſton hatte ſich weit ſchwerer verletzt als ſie geſtanden hatte. Während ſie ſo auf dem Bett lag, noch in ihrem eleganten Kleide, mit künſt⸗ lichen Blumen im Haar, ſah ihr Geſicht, bleich und von Schmerz verzerrt, beinahe aus wie das einer alten Frau. Sie ſchien mich nicht gern kommen zu ſehen— ſie kann mich nicht leiden, das weiß ich wohl; die Beſorgniß aber um ihren Vater, und ihr eigenes Lei⸗ den hielten ihren Widerwillen in Schranken. Sie hörte meinen mediciniſchen Bericht über ihren Vater — 144— an, und unterwarf ſich meinen Befehlen in Bezug auf ſich ſelbſt, bis ſie hörte, daß ſie wenigſtens eine Woche das Bett hüten müſſe, um ihren Fuß aus⸗ ruhen zu laſſen. Dann ward ſie rebelliſch. „Das iſt unmöglich! Ich muß auf. Es iſt ja aüßer mir Niemand im Hauſe, der etwas beſor⸗ gen könnte.“ „Aber Ihre Schweſter?“ „Liſabel iſt verheirathet. O, Sie meinten wohl Dora? O, erwarten Sie nie etwas Rützliches von Dora!“ Dieſe Worte überraſchten mich nicht. Sie be⸗ ſtätigten blos Vieles, was ich in dieſer Familie ſchon bemerkt hatte. Auch konnte es in gewiſſem Grade wahr ſein. Ich glaube, ich ſehe, weit entfernt, blind dagegen zu ſein, jeden Fehler, den ſie hat, deutlicher als ſonſt Jemand. 7 Ohne zu viiertecen⸗o oder ſonſtige Vorſtellun⸗ gen zu machen, erinnerte ich Miß Johnſton noch⸗ mals an die gebieteriſche Nothwendigkeit, meinen Be⸗ fehlen zu gehorchen, und ſetzte hinzu, daß mir mehr als ein Fall vorgekommen, wo Jemand durch Ver⸗ nachläſſigung einer ſolchen Verletzung wie die ihrige, auf Lebenszeit zum Krüppel geworden ſei. „Auf Lebenszeit zum Krüppel!“ wiederholte ſie und erſchrak— ſie ward bald roth, bald blaß— . — 145— ihr Auge ſchweifte nach dem Stuhle neben ihr, auf welchem ihr kleines Schreibzeug ſtand. Wahrſchein⸗ lich hatte ſie in der Zwiſchenpauſe ihres Schmerzes verſucht, dieſe ſchlimme Nachricht abzuſenden, oder Jemanden um Hülfe anzugehen. „Sie werden lebenslang lahm,“ wiederholte ich, „wenn Sie ſich nicht auf das Sorgfältigſte in Acht nehmen.“ „Werde ich es auch ſo?“ „Nein— bei geeigneter Vorſicht hoffe ich, daß Sie wieder vollkommen hergeſtellt werden.“ „Genug; bemühen Sie ſich meinetwegen weiter nicht. Ich bitte Sie, gehen Sie wieder zu meinem Vater.“ Sie wendete ſich von mir hinweg und ſchloß die Augen. Es war mit Miß Penelope nichts weiter anzu⸗ fangen. Ich rief eine in der Nähe ſtehende Magd, ertheilte dieſer meine letzten Befehle in Bezug auf die Leidende, und entfernte mich. Eine ſeltſame Perſon— dieſe ältere Schweſter, Welche Verſchiedenheiten des Charakters kommen doch in Familien vor! Mit meinem andern Patienten war mittlerweile noch keine Veränderung eingetreten. Während ich daſtand und ihn anſah, kam ſeine Tochter leiſe um Leben um Leben. I 10 — 146— das Bett herum auf mich zu. Wir wechſelten blos einen Blick— ſie ſchien vollkommen zu verſtehen, daß Reden jetzt nicht zuläſſig ſei. Dann blieb ſie neben mir ſtehen und ſchauete ſchweigend den Kran⸗ ken an. „Sind Sie überzeugt, daß keine Veränderung eingetreten iſt?“ „Es iſt keine eingetreten.“ „Liſa— müſſen wir es dieſer nicht melden? Ich habe noch nie eine telegraphiſche Depeſche abge⸗ ſendet. Wollen Sie mir ſagen, wie das zu ma⸗ chen iſt?“ Ihre ruhige Uebernahme aller Pflichten— ihre umſichtigen methodiſchen Anordnungen— gans ge⸗ wiß, ihre Schweſter hatte Unrecht— das heißt, und ich wußte es wohl, daß jede große Nothwendigkeit ſehr bald beweiſen würde, wie Unrecht ſie in Bezug auf Miß Theodora hatte. Ich ſagte, es ſei nicht nöthig, eher eine telegra⸗ phiſche Meldung abzuſenden als bis nächſten Morgen, wo ich dann, wenn ich nach dem Lager zurückritte, es ſelbſt beſorgen wollte. „Ich danke Ihnen.“ Keine Einwendung, keine Entſchuldigung, nur dieſes weiche„Ich danke Ihnen“— welches Alles ruhig und natürlich hinnahm, ſo wie ein Mann es lieben würde, ein Weib das Geſchenk ſeines Lebens aufnehmen zu ſehen, wenn es nöthig wäre. Rein, nicht das Leben, dieſes ſchuldet er, wohl aber irgend eine, oder alle ſeiner wenigen Freuden würde er freu⸗ dig niederlegen für ein zweites ſolches:„Ich danke Ihnen.“ Während ich überlegte, was für dieſe Nacht zu thun wäre, vernahm ich ein Raſcheln und Schnat⸗ tern draußen im Gange. Miß Johnſton hatte eine Magd hergeſchickt, daß ſie bei ihrem Vater wache. Sie trat ein— ſtieß an den Thürgriff, raſſelte mit dem Leuchter und marſchirte über die Diele wie ein Regiment Soldaten— ſo daß mein Patient ſtöhnte und die Hand an den Kopf legte. Ich ſagte— ohne Zweifel etwas nachdrücklich — daß ich auf Ruhe dringen müſſe. Eine laute Stimme, eine zugeſchlagene Thür, ja auch nur ein ſchwerer Tritt auf dem Fußboden, und ich könne nicht für die Folgen ſtehen. Wenn Mr. Johnſton wieder geneſen ſolle, ſo dürfe Niemand in ſeinem Zimmer ſein als der Arzt und die Wärterin. „Ich verſtehe; komm' heraus, Suſanne.“ Es fand draußen eine kurze Conferenz ſtatt, dann trat Miß Theodora allein wieder herein, ver⸗ riegelte die Thür und war wieder bei mir. „Iſt es ſo recht?“ 10* „Ja Die Uhr ſchlug Zwei, während wir ſo daſtan⸗ den. Ich warf einen Blick auf Theodora's weißes gefaßtes Antlitz. „Glauben Sie, daß Sie wach bleiben können?“ „Ja wohl.“ Und ohne weitere Umſtände— denn ich war gerade in dieſem Augenblicke zu ſehr mit einer vor⸗ übergehenden Veränderung in meinem Patienten be⸗ ſchäftigt— ward die Sache entſchieden. Als ich mich wieder nach ihr umſah, war ſie um den Fuß des Bettes herumgeſchlichen, und hatte hinter dem Vorhange auf der andern Seite Platz ge⸗ nommen. So ſaßen wir Beide eine Stunde nuh der an⸗ dern in gänzlichem Schweigen. Ich erzähle, wie man ſieht, Alles ſo genau, wie ich mich deſſen entſinnen kann und noch entſin⸗ nen werde— lange nachdem jeder Umſtand, trivial oder wichtig, aus jedem Gedächtniſſe entſchwunden ſein wird, ausgenommen aus dem meinigen. Wenn dieſe Briefe jemals von Jemandem anders als mir geleſen werden, dann werden vielleicht längſt vergeſſene Worte und Vorfälle wieder zum Leben er⸗ wachen, und wenn ich ſterbe, wie ich dem Laufe der Natur zufolge lange vor jüngeren Perſonen thun — 5— werde, ſo wird man daraus erſehen, daß nicht die Jugend allein es iſt, welche Eindrücke lebhaft in ſich aufnehmen und feſthalten kann. Ich konnte ſie nicht ſehen, ich konnte blos das Geſicht des Leidenden auf dem Pfühle ſehen, auf das ein düſterer Lichtſchein fiel, gerade genug, um mich die mindeſte Veränderung, wenn eine ſolche eintrat, bemerken zu laſſen. Aber ſo genau ich auch aufmerkte, ſo trat doch keine dergleichen ein. Richt einmal ein Zucken oder Zittern unterbrach den nichtsſagenden Ausdruck von Ruhe, welcher weder Leben noch Tod war. Mehr⸗ mals glaubte ich, er werde, ehe es Morgrn würde, in den Tod übergehen. Und dann? Wo war all' meine gerühmte Geſchicklichkeit, mein Glaube an meine Macht, das Leben zu retten? Hier ſaß ich, das einzige menſchliche Weſen, von welchem man Hülfe erwartete, auf welches man ver⸗ traute. Man betrachtete mein Geſicht, als ob es das Zifferblatt der Schickſalsuhr wäre— ich belauſchte, wie nie zuvor an einem Krankenbett, dieſen Athem⸗ zug, welcher in der Wagſchale zitterte, und fühlte mich unwiſſend und unnütz wie ein Kind, Ja, ich war wie ein Todter vor Dir, dem ge⸗ waltigen Herrſcher, der den Stolz demüthigt! Indem ich mir ſo die Worte Hiob's zurief, —=— dachte ich an einen andern Hebräer, der„nicht zu dem Herrn floh, ſondern zu den Aerzten“, und ſtarb. Ich überlegte, ob es nicht auch noch in unſerer Zeit vorkommen könne, daß Jemand den Herrn ſuche. Ich glaube es— ja, ich weiß, daß es geſchieht. Das Licht ging aus. Ich hatte mit geſchloſſe⸗ nen Augen dageſeſſen und es nicht bemerkt, bis ich Theodora ſich über das Zimmer ſtehlen hörte, um wieder Licht zu ſchaffen. Ich ſcheuete mich vor meinem eigenen ſchweren Tritte— der ihrige ſchien ſo weich zu ſein wie Schnee — und ich zog den Fenſtervorhang ein wenig auf die Seite, ſo daß ein matter weißer Streifen über den Heerd des Kamins fiel, vor welchem ſie knieete — den ausgebrannten Heerd, denn ich hatte nicht gewagt, das Feuer zu weil dies Ge⸗ räuſch gemacht hätte. Sie blickte auf und fröſtelte. „Iſt dieſes Licht der Morgen?“ fragte ſie. „Ja. Frieren Sie?“ „Ein wenig.“ „Bei Tagesanbruch iſt es allemal tult. Gehen Sie und holen Sie ſich einen Shawl.“ Sie achtete nicht auf das, was ich ſagte, ſon⸗ dern ſetzte den Leuchter wieder auf ſeine Stelle, und kam dann zu mir herüber. —— „Wie glauben Sie, daß es mit ihm ſteht?“ „Nicht ſchlimmer.“ Sie ſeufzte, geduldig, aber hoffnungslos. Ich nahm Gelegenheit, ſie genau zu betrachten, zu be⸗ urtheilen, wie lange ihre Herrſchaft über ſich ſelbſt wahrſcheinlich dauern, oder ob nach dieſer gewaltigen Erſchütterung und ermüdenden Nachtwache ihre phy⸗ ſiſche Kraft erſchöpft ſein würde. Indem ich ſie ſo anſah, bemerkte ich einige Blutstropfen, welche unter dem Haar hervorſickernd ihr die Stirn herabrannen. „Was iſt das?“ fragte ich. „O Nichts; ich ſtieß mich, als wir Papa vom Wagen hoben. Ich dachte, es hätte aufgehört zu bluten.“ „Laſſen Sie mich die Wunde einen Augenblick anſehen. So— ich thue Ihnen nicht wehe.“ „O nein. Ich fürchte mich nicht.“ Ich ſchnitt das Haar rund um die Stelle hin⸗ weg, und legte ein Pflaſter auf die Wunde. Es be⸗ durfte dazu kaum einer Minute Zeit, es war die kleinſte chirurgiſche Operation, die man ſich denken kann, aber dennoch zitterte Theodora. Ich ſah, daß ihre Kraft anfing zu weichen, und ſie bedurfte der⸗ ſelben vielleicht noch in hohem Grade. —— „Jetzt müſſen Sie gehen und ſich wenigſtens eine Stunde niederlegen.“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Aber Sie müſſen.“ Es lag vielleicht etwas Schroffes in den Wor⸗ ten— ich wußte ſelbſt nicht recht, was ich ſagte— denn ſie ſah mich überraſcht an. „Ich meine, Sie ſollten es thun, was für ein Mädchen wie Sie ein hinreichender Beweggrund iſt. Wenn Sie nicht ausruhen, ſo werden Sie nicht im Stande ſein, die andern zwölf Stunden zu wachen, während welcher Ihr Vater Sie vielleicht bedarf. Jetzt bedarf er Sie nicht.“ „Und Sie?“ „Ich möchte gern allein ſein.“ Und dies war vollkommen wahr. Somit verließ ſie mich, zehn Minuten ſpäter aber hörte ich wieder den leichten Tritt an der Thür. „Ich bringe Ihnen das da“(einige Biscuits und ein Glas 6„Daß Sie keinen Wein trin⸗ ken, weiß ich⸗ Wein! O Himmel, nein! Wollte Gott, daß vor Jahren der erſte Tropfen meine Lippe verbrannt hätte, daß er für meine Zunge wie Galle— daß er für mich nicht Getränk, ſondern Gift geweſen wäre, wie der arme alte Mann, der jetzt hier lag, einmal — 153— wünſchte! Wohl hätte auch mein Vater, mein jetzt glücklicher Vater, der meine Mutter heirathete, und liebend und geliebt mit ihr die kurzen Jahre ihrer Jugend verlebte— wohl hätte auch mein Vater es mir wünſchen können. So ſaß ich da, nachdem ich die Nahrung, die Theodora mir gebracht, ich weiß ſelbſt nicht wie hin⸗ untergeſchluckt, denn es würde ſie verletzt haben, wenn ſie wiedergekommen wäre und Speiſe und Trank unberührt gefunden hätte. Während ich ſo wachte, ſank die Hoffnung immer mehr, und ging zuletzt in bloße Muthmaßun⸗ gen hinſichtlich der Art und Weiſe über, auf welche die Nachtwache enden würde. Es war möglich, daß in dieſem halb bewußtloſen Zuſtande das Leben ruhig hinwegſchwand, ohne Kampf oder Schmerz, was für Alle das Beſte geweſen wäre. Für dieſen Fall nahm ich mir vor, der Familie womöglich dadurch nützlich zu ſein, daß ich bliebe, bis die Trehernes ankämen, aber augenblicklich, nach⸗ dem Alles vorüber wäre, das Haus zu verlaſſen. Die Umſtände und der Wunſch der Hinterlaſſenen mußten meine einzige Richtſchnur ſein. Dann gab es weiter keine Schwierigkeit. Je weniger ſie einen Menſchen ſahen, an welchen ſich die —— Erinnerung an eine ſo ſchmerzliche Zeit knüpfte, deſto beſſer war es für ſie. Die Uhr unten ſchlug— ich zaͤhlte nicht wie viel, aber es war mir wie Morgen. Es war auch ſo, es mußte ſo ſein, und ich mußte es ebenfalls Morgen werden laſſen. Ich trat an das Fenſter, um meine Augen an der weichen, weißen Dämmerung zu erfriſchen, welche, als ich den Vorhang öffnete, ſich in das Zimmer ſtahl und das Licht gelb und düſter brennen machte. Die Nacht war vorüber; auf dem Moorlande und den fernen Hügeln war es ſchon Morgen. Ein Gedanke kam mir eim, der mir noch eine letzte Möglichkeit an die Hand gab. Das Licht aus⸗ löſchend zog ich alle Vorhänge auf die Seite, ſo daß das Tageslicht in vollem Strome über den Fuß des Bettes fiel, und ich ſetzte mich daneben, indem ich die Hand des Patienten zwiſchen die meinen faßte, und meine Augen unverwandt auf ſein Geſicht heftete. Seine Augen öffneten ſich nicht mit dem frühern nichtsſagenden Ausdrucke, ſondern mit einem, den ich niemals wieder zu ſehen erwartet hatte. Sie wendeten ſich unwillkürlich nach dem Lichte, und dann, mit einem langſamen, unſichern, aber voll⸗ — 1— kommen vernünftigen Blicke auf mich, lächelte der alte Mann ſchwach. Dieſe Minute war werth, dafür zu ſterben, oder vielmehr dieſe ganzen zwanzig Jahre dafür gelebt zu haben. Das Uebrige, was ich zu erzählen habe, muß ich auf ein ander Mal verſchieben. achtes Rapitel. Seine Geſchichte. Ich bin nicht im Stande geweſen, ununter⸗ brochen in meinen Aufzeichnungen fortzufahren. Jeder Tag iſt reich an Arbeit geweſen und ich habe jede Nacht der letzten drei Wochen in Rockmount zugebracht. Es geſchah dies, wie ich feierlich verſichere, aus keiner Nebenabſicht. Ich wollte blos hingehen wie ein gewöhnlicher Arzt, um wo möglich dem Leben zu dienen, welches an und für ſich werthvoll und für einige Wenige höchſt koſtbar war. Später— mochte nun die Sache ausfallen wie ſie wollte, ge⸗ dachte ich, wie jeder andere Arzt, Abſchied zu nehmen und Dank oder Honorar zu empfangen. Ja, wenn man mir es anbot, ſo beſchloß ich, ein Honorar — 157— anzunehmen, um ihnen ſowohl als mir zu zeigen, daß ich blos der Arzt, der bezahlte Arzt ſei. Dieſe letzte Wunde iſt mir jedoch erſpart worden und ich erwähne es jetzt blos zum Beweis, daß Richts ſo gekommen iſt, wie ich erwartete oder beab⸗ ſichtigte. Ich entſinne mich, daß Dallas, der mir die Predigten vorzuleſen pflegte, die er zur Uebung ent⸗ warf, als er ſich auf die heiligen Pflichten vorbe⸗ reitete, die er an mir zu erfüllen hatte, eine über den Tert„Dein Wille geſchehe“ entworfen hatte, worin er in Worten, ſchöner als ich ſie durch die meinigen wiederzugeben verſuchen mag, auseinander ſetzte, wie gut es für uns ſei, daß die Dinge ſelten ſo kämen, wie wir es unſern kurzſichtigen Plänen gemäß wünſchten; wie Mancher noch Gott gedankt, daß ſein eigener kleinlicher Wille nicht geſchehen, daß ihm Richts ſo begegnet war, wie er beabſichtigt oder erwartet hatte. Weißt Du, die Perſon, für die ich ſchreibe, was es heißen will, daß ich auf dieſe Weiſe meinen Bruder Dallas erwähne, deſſen Name ſeit ſeinem Tode nur ein einziges Mal über meine Lippen ge⸗ kommen iſt? Ich glaube, mein Bruder Dallas hätte Dir gefallen. Er hatte durchaus keine Aehnlichkeit mit mir; ich artete meinem Vater nach, wie die Leute ſagten, und er unſerer Mutter. Er hatte weiche engliſche Züge und glattes, ſchönes, dunkles Haar. Er war kleiner als ich, obſchon viel älter. Bei dem letzten Weihnachtsfeſte, welches wir in St. Andrews hatten, hob ich, wie ich mich noch recht entſinne, ihn in die Höhe und trug ihn zum Scherze mehrere Schritte weit, indem ich über ihn lachte, daß er ſo ſchlank und leicht war wie ein Mädchen. Wir waren luſtige Bürſchchen und hatten manchen Scherz, wenn wir beiſammen waren. Seltſam, wenn ich bedenke, daß ich ein Mann von beinahe vierzig Jahren bin und daß er ſchon ſeit zwanzig Jahren todt iſt. Du biſt es— ſo wenig Du es auch ahneſt— die mich veranlaßt hat, an dieſe meine Todten, mei⸗ nen Vater, meine Mutter und Dallas zu denken, was ich bis jetzt niemals gewagt. Doch ich erzähle weiter. Mr. Johnſton's Zuſtand war ein ſehr ſchlimmer — in ſeinen ſecundairen Stadien mehr als anfangs. Ich erklärte dies ſeiner Tochter— der zweiten Tochter, der einzigen Perſon, welche mir weſentlichen Beiſtand geleiſtet hat. Miß Johnſton war fortwährend außer⸗ ordentlich unruhig und reizbar, und Miſtreß Treherne, von der ich ganz gewiß glaubte, ſie werde Antheil an der Pflege des Kranken nehmen, war mehr ein Hinderniß als eine Hülfe. Wir konnten ihr nicht begreiflich machen, warum ſie, als ihr Vater außer Gefahr war, nicht fortwährend aus dem Kranken⸗ zimmer hinein und heraus rauſchen ſollte mit ihrer ſchwatzenden Stimme und ihren geräuſchvollen ſei⸗ denen Kleidern. Auch nahm ſie es übel, als Mr. Charteris, der auf einen Tag aus London herbeige⸗ kommen, ruhig und erſchüttert einige Minuten an dem Bette des alten Mannes zubringen durfte, während ihr Auguſtus mit ſeiner Munterkeit und ſeinem rohen animaliſchen Weſen ſorgfältig entfernt gehalten ward. „Ihr ſteckt unter Einer Decke,“ ſagte ſie eines Tages mürriſch zu ihrer Schweſter und mir.„Ihr ſpielt einander in die Hände, als ob Ihr Euer ganzes Leben lang beiſammen geweſen wäret. Geſtehen Sie es, Doctor— geſtehe es, Frau Krankenwärterin, wenn Ihr könntet, ſo würdet Ihr auch mich von Papa's Zimmer entfernt halten.“ Ganz gewiß würde ich es thun. Obſchon eine ganz vortreffliche Frau und im höchſten Grade gut gelaunt und gutmüthig, hat Miſtreß Treherne doch meine Geduld zwei unerträgliche Tage lang wieder⸗ holt auf die härteſten Proben geſtellt. Am dritten beſchloß ich, eine kleine Unterredung mit Miß Dora zu halten, welche, nachdem ſie aufgeblieben, bis um — 460— zwei Uhr meine Wache anging, zu mir, während ich beim Frühſtück ſaß, hereinkam, um meine Anord⸗ nungen für den Tag zu empfangen. Dieſe waren ſehr einfach: Ruhe und Schweigen, und mit Ausnahme der alten Miſtreß Cartwright, die ich hatte holen laſſen, ſollte nur Eine Perſon Zutritt in dem Zimmer des Patienten haben. „So iſt's recht; das freu't mich. Hören Sie nur!“ Thüren wurden zugeſchlagen— Fußtritte hallten auf der Treppe und Miſtreß Treherne rief ihrem Gatten zu, er ſolle nicht in der Hausflur rauchen. „Und ſo geht es den ganzen Tag, wenn Sie nicht da ſind. Was kann ich thun? Helfen Sie mir; ich bitte, helfen Sie mir!“ Es war eine in ihrer Innigkeit faſt kindiſche Bitte. Dann und wann iſt Theodora mir während dieſer ganzen Zeit in ihrem Benehmen gegen mich weniger wie ein Weib als vielmehr wie ein ver⸗ trauensvolles, willenloſes Kind vorgekommen. Ich ließ Treherne und ſeine Gattin rufen, und ſagte, daß es ſich hier um Leben und Tod handle und deßhalb keine Umſtände gemacht werden könnten. In dieſem Hauſe, fuhr ich fort, wo keine legi⸗ time Herrſchaft exiſtire und Alle jung und unerfahren ſeien, müſſe ich als der Arzt Autorität haben und —— dieſer Autorität müſſe gehorcht werden. Wenn ſie es wünſchten, ſo würde ich gern der ganzen Aufgabe entſagen— ich ſah aber bald, daß dies nicht ge⸗ wünſcht ward. Sie verſprachen Gehorſam und ich wiederholte die ärztlichen Anordnungen, indem ich hinzufügte, daß während meiner Abweſenheit nur eine einzige Perſon, und zwar die von mir gewählte, meinen Patienten in ihre Obhut nehmen dürfe. „Gut, gut, Doctor,“ ſagte Miſtreß Treherne, „und dieſe Perſon iſt—“ „Miß Theodora.“ „Theodora?— ach, lieber gar! Die hat ja niemals einen Kranken gepflegt. Sie taugte nie zu Etwas.“ „Sie taugt zu Allem, was ich von ihr ver⸗ lange, und ihr Vater wünſcht ſie auch in ſeiner Nähe zu haben. Wollen Sie daher die Güte haben, Miß Theodora, ſich unverweilt zu ihm hinauf zu bemühen?“ Sie hatte, bis ich ſprach, geduldig und willenlos dageſtanden, dann aber ſchoß ihr die Farbe in die Wangen und die Thränen traten ihr in die Augen. Sie verließ ſofort das Zimmer. Als ich fortging, ſtand ſie an der Thür, um mich abzulauern. Leben um Leben. I. 11 „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie.„Aber glauben Sie wirklich, daß ich für den guten Papa eine gute, ſorgfültige Wärterin ſein werde?“ „Ganz gewiß,“ antwortete ich,„ine beſſere als irgend Jemand anders hier— ja ſogar eine beſſere als irgend Jemand, den ich kenne.“ 2 Es war ein Genuß, ihre Miene freudiger Ueber⸗ raſchung zu ſehen. „Glauben Sie das wirklich? Noch nie hat Jemand eine ſo gute Meinung von mir gehabt. Ich will es verſuchen, ja, ich will es verſuchen, Ihre gute Meinung zu verdienen.“ Unwiſſendes, naives Herz! Die meiſten Menſchen haben irgend eine andere, wirkliche oder eingebildete Perſon, die ihnen mehr zuſagt als irgend Jemand anders— welcher ſie in Noth ihre Gedanken alle Mal zuerſt zuwenden, die ſie in der Krankheit wählen würden, um ſich von ihr den Schmerzenspfühl glattſtreichen zu laſſen, und deren Hand haltend ſie ſterben möchten. Nun wäre es ſehr ſchön und ſehr herrlich, in einem gewiſſen Zimmer zu ſterben, welches ich kenne — ſchattig und ſtill, mit einem Fußteppich, deſſen Muſter grüne Blätter vorſtellt, während die Tapete an den Wänden Fuchſiabüſchel veranſchaulicht. Und in dieſem Zimmer bewegt ſich eine kleine Geſtalt, ſchlank, geräuſchlos, geſchäftig und ſanft— in einem braunen Kleide, weich anzufühlen und kein Geräuſch verurſachend, mit einem weißen Kragen, der mittelſt einer kleinen bunten Schleife zuſammen⸗ gehalten wird. Der Hals iſt zart und der Kopf klein wie der eines Rehes, und die Augen ſind auch beinahe wie die eines Rehes und drehen ſich groß und ruhig herum, um einem gerade in's Geſicht zu blicken— wie ſie jetzt thaten. Ich möchte wiſſen, wenn mir irgend ein Unfall oder eine Krankheit hier zuſtoßen ſollte, ſo lange ich in dem Lager verweilte, Etwas, was mit Gewißheit vermuthen ließe, daß ich nur einige Tage oder Stunden zu leben hätte, und ich hätte noch genug Beſinnung und Willen, zu ſagen, was ich gethan zu ſehen wünſchte— wen ich wohl in dieſen letzten wenigen Stunden, wo die Sehnſucht eines Ster⸗ benden Niemanden beleidigen könnte, wohl zu ſehen wünſchen würde. Doch genug, dies iſt ja Nichts als Thorheit. Zu leben, nicht zu ſterben, iſt wahrſcheinlich der mir beſchiedene Theil. Ich nehme ihn an— man tadle mich deßwegen nicht. Ein Tag nach dem andern iſt in derſelben Weiſe vergangen. Sobald die Dämmerung ein⸗ bricht, reite ich nach Rockmount, trinke dort Thee 164— und lege mich dann in dem Doctorzimmer, wie man es nennt, ſchlafen. Hier weckt mich Treherne um Mitternacht— ich kleide mich an und kehre in jenes ſtille Zimmer zurück, wo die kleine Geſtalt von ihrem Sitze neben dem Bette lächelnd aufſteht und flüſtert:„Ich bin durchaus noch nicht müde'. Wir ſprechen noch einige Worte, dann gebe ich ihr mein Licht, wünſche ihr gute Nacht und nehme ihren Platz ein in demſelben Armſtuhle und lehne meinen Kopf zurück an daſſelbe Kiſſen, welches noch die warme, weiche Spur des ihrigen trägt, und ſo wache ich bei dem alten Manne bis an den Morgen. So iſt es regelmäßig geweſen. Bis kürzlich war die Nacht die ſchlimmſte Zeit für den Patienten. Er lag gewöhnlich ſtöhnend da, oder beobachtete die Schatten des Feuerſcheins an den Vorhängen. Zuweilen, wenn ich ihm Nahrung oder Arzenei gab, wendete er ſich mit einem wild⸗ ſtierenden Blicke nach mir, als ob er mich nicht mehr kennte, oder mich für Jemand anders hielte. Zu⸗ weilen fragte er mich auch in unſicherm Tone, wo Dora ſei?— und ob ich auch Sorge trüge, daß ſie ſich eines guten langen erfreue— die arme Dora! Dora— Theodora— die von Gott Gegebene. Es iſt gut, wenn den Namen eine gewiſſe Bedeutung —— beiwohnt, obſchon die Leute ſelten ihren Namen gleichen. Ihr Vater beginnt zu fühlen, daß ſie den ihrigen nicht Lügen ſtraft. „Sie iſt ein gutes Mädchen, Doctor,“ ſagte er eines Abends, als, nachdem er glücklich den Trans⸗ port aus dem Bette in ſeinen Armſtuhl überſtanden, ich meinen Patienten auf dem Wege der Geneſung begriffen erklärte und ſeine Tochter fortgeſchickt ward, um ihren Thee mit der übrigen Familie zu trinken und bei dieſer den Abend zuzubringen;„ſie iſt ein ſehr gutes Mädchen. Es kommt mir vor, als hätte ich den Werth meiner Töchter bis jetzt noch nicht recht eingeſehen.“ Ich antwortete ohne weiter etwas Beſtimmtes damit zu meinen, Töchter ſeien allerdings ein großer Segen— oft mehr als Söhne. „Da haben Sie Recht, Sir,“ ſagte er plötzlich nach einer kurzen Pauſe.„Sie ſind wohl niemals verheirathet geweſen?“ „Nein.“ „Nun, wen n Sie heirathen, wünſchen Sie ſich ja keinen Sohn, bauen Sie nie Ihre Hoffnung auf einen Sohn, erwarten Sie nicht, daß er Ihren Namen aufrecht erhalten, daß er die Stütze Ihres Alters ſein werde. Ich hatte einen einzigen Knaben, Sir, und er galt mir mehr als alle meine Töchter.“ — 4166— Ich fühlte mich getrieben, eine verzweifelte Frage zu thun— ich konnte ſie nicht unterdrücken — obſchon die aufgeregten Züge des alten Mannes bewieſen, daß es nur eine Frage ſein dürfe. „Lebt Ihr Sohn noch?“ „Nein. Er ſtarb jung.“ Dies alſo muß das Geheimniß ſein. Es iſt ziemlich ſchlicht und einfach Er war ein„Knabe“ — er ſtarb„jung“ vielleicht in ſeinem achtzehnten oder neunzehnten Jahre, dem Alter, wo Jünglinge am geeignetſten ſind, tolle Streiche zu begehen. Dieſer junge Mann mußte ſo Etwas gethan haben. Alle Umſtände zuſammengenommen, kam man faſt nothwendig zu dem Schluſſe, daß er vor ſeinem Tode oder durch ſeinen Tod auf irgend eine Weiſe ſeinem Vater großen Kummer und Schande bereitet hatte. Ich konnte mir es recht gut denken. Die Phan⸗ taſie entwarf das ganze Gemälde und füllte es Zug um Zug aus. Ein Mann von Mr. Johnſton's Charakter, der erſt ſpät geheirathet— wie dies nothwendig der Fall ſein mußte, da er ſiebzig Jahre alt war, während ſein jüngſtes Kind noch nicht viel über zwanzig zählte— war ſcherlich ein gefähr⸗ licher Vater für einen ungeſtümen, halsſtarrigen Knaben— noch dazu einen mutterloſen Knaben, —— denn Miſtreß Johnſton war frühzeitig geſtorben. Es war leicht zu verſtehen, wie der Zwiſt ſich zwiſchen ihm und dem Vater erhoben haben mußte, der nicht mehr jung war, deſſen Gewohnheiten und Eigen⸗ thümlichkeiten feſtſtanden, der ſtreng gut war, aber doch einer etwas engherzigen Tugend huldigte, ge⸗ wiſſenhaft, menſchenfreundlich, aber dennoch nicht zärtlich— empfindlich für den mindeſten Fehler, und doch ſelten zu Sympathie erwärmt oder ſich zu Lobſprüchen herbeilaſſend. Er war der Mann, welcher zur Achtung nöthigt und den man, wenn man ſelbſt tadellos iſt, ſogar lieben möchte— hat man dagegen einen Fehltritt begangen, ſo würde der erſte Impuls, den man in ſeiner Gegenwart empfände, der ſein, daß man vor ihm zu fliehen wünſchte bis an's Ende der Welt. Dies war ohne Zweifel auch der Fall mit dem armen„Knaben“ geweſen, welcher„jung ſtarb“. Außerhalb England ohne Zweifel, denn ſonſt hätte man ihn ſicherlich heimgebracht und in den Schatten der Kirche ſ Vaters begraben und ſein Andenken würde in der Familie, dem Dorfe, oder der Nach⸗ barſchaft irgend eine Spur hinterlaſſen haben. So aber ſchien es ganz verwiſcht zu ſein— als ob es niemals epiſtirt hätte. Niemand wußte Etwas von ihm, Niemand ſprach von ihm, nicht einmal die — 168— Schweſtern, ſeine Geſpielinnen. Dies hatte wenig⸗ ſtens ſie— die zweite Schweſter— geſagt. Es war ein ſtummer Wink für mich, ebenfalls Schweigen zu bewahren, außerdem hätte ich ſie gern mehr über ihn ausgefragt— dieſen armen gefallenen Knaben. Ich weiß, wie plötzlich, wie unwillkürlich gleichſam ein unglücklicher Knabe fallen kann— in einen Abgrund, aus dem es keine Rettung giebt. Während ich ſo daſaß an dem Kaminfeuer und Mr. Johnſton mir gegenüber ſchlafend—(der arme alte Mann, es mußte die Schuld ſeines Sohnes, aber nicht ſeine eigene ſein, die ihn in Bezug auf einzige Söhne ſo empfindlich machte)— fiel mir 2 plötzlich ein, daß in der alles Andere abſorbirenden Unruhe und Aufregung der letzten drei Wochen— jener Tag— der Jahrestag— vorübergeſchlüpft war und ich mich deſſelben nicht einmal erinnert hatte. Konnte ich ihn denn vergeſſen haben— war dies eine Andeutung, daß ich ihn wo möglich der Vergeſſenheit anheim geben und wie jeder andere Menſch mich angenehmen Pflichten und ſocialen Banden widmen ſollte, deren Wärme mir jetzt, wie dieſes wohlthätige häusliche Kaminfeuer, Leib und Seele durchdrang? Es konnte nicht immer dauern — ſo lange es aber dauerte, warum ſollte ich mich —— nicht daran wärmen? warum ſollte ich hartnäckig draußen ſitzen in der Kälte? Du wirſt dies nicht verſtehen. Es giebt gewiſſe Dinge, die ich nicht eher erklären kann als bis in dem letzten Briefe, wenn ich nämlich dieſen jemal ſchreibe. Dann wirſt Du es erfahren. Als der Thee vorüber war, kam Miß Theodora, um nach unſerem Patienten, wie ſie ihn nannte, zu ſehen, ihn zu fragen, ob er ſich gut benommen und Nichts gethan hätte, was er nicht thun ſollte. Ich entgegnete ihr, daß dies ein Grad von Vollkommen⸗ heit ſei, den man von irgend einem ſterblichen Weſen kaum erwarten dürfe. Und ſie lachte und antwortete, ſie ſei überzeugt, daß ich dies in meinem eigenen Intereſſe ſagte, weil ich fürchtete, daß man eine ſolche Vollkommenheit am Ende von mir ſelbſt verlange. Oft führt ihre kleine Hand ein unſichtbares Schwert. Ich bemühe mich, die Wunden zu ver⸗ bergen, aber das Nachdenken der letzten Stunde machte ſie ſchmerzhafter als gewöhnlich. In dem gegenwärtigen Falle bemerkte ſie es. Sie kniete nicht weit von mir nachdenklich neben dem Feuer nieder. Dann drehete ſie ſich plötzlich herum und ſagte: „Wenn ich jemals etwas Unfreundliches zu 170— 8 — Ihnen ſage, ſo verzeihen Sie es mir. Ich wollte, ich wäre nur halb ſo gut wie Sie.“ Dieſer innige und doch ſo gänzlich einfache Ton! Ein Kind hätte daſſelbe ſagen und mir mit denſelben offenen Augen in's Geſicht ſchauen können. Gott vergieb mir! Gott erbarme ſich meiner! Ich ſtand auf und trat an das Bett, um mit ihrem Vater zu ſprechen, der gerade in dieſem Augen⸗ blicke erwachte und nach Dora rief. Wenn dieſe Krankheit auch in nichts Anderem ein Segen geweſen iſt, ſo hat ſie doch Vater und Tochter näher zuſammengeführt. Theodora dachte dies wahrſcheinlich ſelbſt, als ſie heute zu mir ſagte: „Es iſt ſeltſam, wie viele Augenblicke des rein⸗ ſten Glückes man zuweilen mitten in Noth und Sorge genießt.“ Und dann— ich ſehe ſie jetzt noch, während ſie ſo mit niedergeſchlagenen Augen, lächelndem Munde und mit ihren Schürzenquaſten ſpielend— dies thut ſie ſehr oft— daſtand— ſetzte ſie hinzu, es ſei ihr jetzt zu Muthe, als ob ſie ſich vor keinem Unglück und keiner Noth mehr fürchte. Das iſt auch ſehr begreiflich. Alles, was die ſchlummernde Thatkraft des Charakters wachrüttelt, muß für ein Weib gut ſein. Gut und glücklich ſein iſt bei manchen Frauen ein und daſſelbe. M Sie iſt auch verändert— dies ſehe ich deutlich. So bleich ſie auch ausſieht, ſo liegt doch in ihrem Weſen eine Weichheit und in ihrem Antlitze eine ſanfte Gelaſſenheit, die ſehr verſchieden iſt von der Unruhe, die ich früher hier bemerkte— von jener zu manchen Zeiten bemerkbaren Reizbarkeit oder krankhaften Empfindlichkeit, obſchon ſie ſich in der Regel viel Mühe gab, Beides zu verbergen. Auch gelang ihr dies ohne Zweifel— in den Augen Aller, nur nicht in den meinigen. Sie iſt jetzt auch heiterer als ſie jemals zu ſein pflegte, nicht raſtlos lebhaft wie ihre älteſte Schweſter, ſondern als ob ſie in ihrem Herzen eine Quelle der Zufriedenheit trüge, welche erfriſchend Alles, was ſie umgiebt, überſprudelt. Ganz beſonders iſt dies in dem Krankenzimmer willkommen, wo, wie ſie weiß, unſer Hauptziel iſt, das Gemüth und das ſchwache Gehirn in unbedingter Ruhe zu erhalten. Ich könnte lächeln, wenn ich der Stunden gedenke, die wir— Patient, Arzt und Wärterin— ſeitdem Mr. Johnſton ſich wieder auf dem Wege der Geneſung befindet, mit den kindiſchſten Amüſements und dem köſtlichſten Unſinn zugebracht haben. Alles Dies iſt nun vorüber. Ich wußte, daß dem ſo war. Ich ſaß am Feuer und hörte zu, wie ſie ihren Vater zu unterhalten ſuchte, wie ſie kindiſch mit ihm plauderte und ihm Alles erzählte, was unten im Hauſe vorging. „Du kleiner Spaßvogel!“ rief er endlich. „Doctor, dieſes Mädchen wird— ich kann nicht ſagen witzig, ſondern geradezu muthwillig.“ Ich ſagte, zuweilen kämen Talente, die lange geſchlummert, noch zum Vorſchein, und es ſei leicht möglich, daß wir in Miß Theodora Johnſton noch die witzigſte Perſon ihres Zeitalters entdeckten. „Wie können Sie mich ſo verſpotten, Doctor Urquhart!“ rief ſie.„Doch ich mache mir Nichts daraus. Es bringt Sie auf gute Laune, wenn Sie Jemanden haben, über den Sie lachen können. Sie wiſſen das auch ſelbſt recht gut.“ Ich wußte es allerdings nur zu gut und meine Augen verriethen es vielleicht, denn die ihrigen ſenkten ſich. Sie erröthete ein wenig, ſetzte ſich zu ihrer Arbeit nieder und nähete eine ziemliche Zeit lang ſchweigend und nachdenklich. Was regte ſich in ihrem Innern? War es Mitleid? Glaubte ſie, ſie habe mich verletzt und, ohne es zu wiſſen, eine meiner vielen Wunden berührt? Sie weiß, daß ich ein ſchweres Leben durchzumachen gehabt, in welchem es wenig Freuden für mich gegeben hat. Gern würde ſie mir einige bereiten; ich thue ihr leid. Das Mitleid der meiſten —— Menſchen iſt ſchlimmer als ihre Gleichgültigkeit, die ihrige aber, aus der Fülle ihres reinen, zärtlichen, argloſen Herzens geſpendet, kann ich ertragen. Ich kann ſogar dankbar dafür ſein. An dieſem erſten Abend, welcher die Gleichför⸗ migkeit des Krankenzimmers unterbrach, hielten wir, ſie und ich, in Erwägung der Eigenthümlichkeiten der übrigen Familie, von welchen ſie als ausgemacht annimmt, daß ich ſie kenne und darauf Rückſicht nehme, es für beſſer, wenn heute Abend Niemand Zutritt erhielte— ein Verbot, welches die Betref⸗ fenden wahrſcheinlich nicht ſonderlich betrüben wird. Und, liebe Dora,“ fragte ihr Vater,„wie gedenkſt Du denn den Doctor und mich zu unter⸗ halten?“ „Ich gedenke eine reichliche Doſis meiner bril⸗ lanten Converſation aufzutiſchen und dieſelbe, damit ſie nicht zu anregend wird, mit ein wenig Lectüre zu würzen, natürlich einer ſolchen, woran Ihr ſo wenig Intereſſe als möglich nehmt, damit Ihr in aller Ruhe darüber einſchlafen könnt. Wahrſcheinlich werde ich einige Verſe leſen.“ Von Dir ſelbſt gedichtet?“ Sie erröthete tief. „Still, ſtill, Papa!“ ſagte ſie ſodann;„ich 1 — 174— glaubte, Du hätteſt es ganz vergeſſen. Du ſagteſt ja ohnehin, es ſei Unſinn— weißt Du noch?“ „Und höchſt wahrſcheinlich war es auch welcher. Ich will die Sachen aber ſpäter noch einmal durch⸗ leſen. Laß es nur gut ſein— es hat es ja Niemand gehört.“ Alſo, ſie dichtet. Ich wußte ſchon längſt, daß ſie ſehr talentvoll iſt und eine ſehr gute Bildung beſitzt. Talentvolle Frauen— moderne Corinnas — ich hatte früher keine ſonderliche Meinung von ihnen. Dieſe aber, dieſes ſanfte, ſchüchterne Mädchen mit ihrer heitern Einfachheit, ihrem ſtillen, häus⸗ lichen Weſen. Ich ſagte, wenn Miß Theodora Etwas vorleſen wolle, ſo würde ſie ſich vielleicht erinnern, daß ſie mir einmal verſprochen, mir einen Kurſus in deut⸗ ſcher Literatur zu geben. Es ſei ein Buch über einen Mann meines Namens vorhanden— Max— Max wie denn gleich— „Piccolomini! Sie haben ihn ſchon vergeſſen! Was für ein ſchlechtes Gedächtniß Sie doch für Klei⸗ nigkeiten haben!“ Das dachte ſie wirklich. 5 ſagte, wenn ſie der Meinung ſei, daß ein armer Arzt, der mehr ge⸗ wohnt ſei, mit Körpern als mit Seelen umzugehen, die Art von Büchern, welche ſie ſo zu lieben ſchiene, — 5— verſtehen könne, ſo möchte ich gern von Max Picco⸗ lomini hören. „Allerdings. Nur—“ „Sie meinen, ich könne es nicht verſtehen.“ „So Etwas habe ich niemals gedacht,“ rief ſie in ihrer alten abgebrochenen Weiſe und verließ ſofort das Zimmer. Das Buch, welches ſie holte, war ein kleines, zierliches. Vielleicht war es ein Geſchenk. Ich bat ſie, mich es anſehen zu laſſen. „Können Sie deutſch leſen?“ „Keine Zeile.“ Denn die wenigen Worte, die ich von fremden Sprachen weiß, habe ich mündlich gelernt, um mich Patienten aus fremden Ländern in den Hospitälern verſtändlich zu machen. Ich ſagte ihr das. „Ich bin ſehr unwiſſend, wie Sie ſchon längſt bemerkt haben müſſen, Miß Theodora.“ Sie ſagte Nichts, ſondern begann zu leſen. Anfangs überſetzte ſie Zeile um Zeile; dann ſagte ſie, eine geſchriebene Ueberſetzung werde weniger mühſam ſein, und holte eine ſolche. Sie war von 3 ihrer Hand geſchrieben— wahrſcheinlich auch von ihr verfaßt. Ohne Zweifel kennt Jeder, mit Ausnahme eines ſo unbeleſenen Menſchen wie ich, dieſe Geſchichte längſt. Sie iſt hiſtoriſch, ſagte Theodora, glaube — 176— ich— wie ein junger Soldat, Max Piccolomini, ſich in die Tochter ſeines Feldherrn Wallenſtein ver⸗ liebte, der, an der Spitze einer Empörung ſtehend, den jungen Mann aufforderte, ſich ihm anzuſchließen, indem er ihm zugleich die Hand ſeiner Tochter ver⸗ ſprach. In einer Scene verſucht ihn der Vater und veranlaßt auch die Tochter, ihn durch die Hoffnung auf dieſes Glück zu verſuchen, ebenfalls Rebell zu werden; der junge Mann aber bleibt feſt, und ſelbſt das Mädchen, als er ſich an ſie wendet, heißt ihn ſeiner Pflicht treu bleiben und ſeiner Liebe entſagen. Es iſt ein Fall, wie er ſich ereignet haben kann, wie er ſich noch gegenwärtig ereignen könnte, wenn die modernen Männer und Frauch einer ſolchen Liebe noch fähig wären. 5 Es iſt dies ungeführ dir Liebe, über welche Dallas zu philoſophiren pflegte, als wir noch Knaben waren, und wo er dann alle Mal mit ſeinem Lieb⸗ lingsverſe ſchloß— wie ſeltſam, daß mir derſelbe gerade jetzt ganz i wieder in die Erinnerung kommt: 86 könnte Dich nicht lieben ſo, Liebt' ich die Ehr nicht mehr.“ Max— ſonderbar klang der Name und ſie zögerte anfangs alle Mal, ehe ſie ihn ausſprach, und entſchuldigte ſich halb lachend, dann aber vergaß ſie über ihrem Buche alles Andere und der Name kam ganz natürlich und ſanft zu Gehör— o wie ſanft zuweilen!— Max ſtarb. Wie, weiß ich nicht mehr ganz deutlich, aber ich weiß, daß er ſtarb, und das Mädchen, welches er liebte, niemals heirathete; daß der Augenblick, wo er ſie in ſeinen Armen hielt und in Gegenwart ihres Vaters und aller anderen Anweſenden küßte, das letzte Mal war, daß ſie ein⸗ ander jemals ſahen. Zuweilen las ſie ſchnell und faſt unhörbar, und dann gerade wie die handelnden Perſonen, als ob ſie über dieſen vollſtändig ſich ſelbſt vergäße. Ich glaube nicht, daß ſie auch nur daran dachte, daß ein Zuhörer im Zimmer ſei. Vielleicht dachte ſie, weil ich ſo ſtill Haſaß, als ob ich weder hörte noch fühlte, daß ich, Max Urquhart, gänzlich vergeſſen hätte, was es heißt, jung zu ſein und zu lieben. Als ſie aufhörte, war Mr. Johnſton feſt einge⸗ ſchlafen. Wir ſaßen beide ſchweigend da. Ich ſtreckte die Hand nach den geſchriebenen Blättern aus, um einige der Sätze nochmals durchzuleſen; ſie dagegen fuhr fort, das deutſche Buch für ſich ſelbſt zu leſen. Ihr Geſicht war abgewendet, aber ich ſah die Rundung ihrer Wange und das glatte, hinten ſpiral⸗ förmig aufgewundene Hagr. Ich glaube, wenn man Leben um Leben. II. 12 es aufbände, fiele es bis auf ihre Kniee herab. Dieſes deutſche Mädchen, Thekla, hatte vielleicht gerade ſolches Haar, und dieſer Knabe— dieſer Mar— durfte es vielleicht berühren— ehrerbietig küſſen! ** Hier ward ich unterbrochen. Es war ein ſchlimmer Vorfall im Hospital geſchehen. James MeDermot, ein Fieberkranker, hatte ſich in einem“ Anfall von Delirium die Kehle abgeſchnitten. Es muß von Seiten des Krankenwärters oder des dienſt⸗ habenden Unteroffiziers— vielleicht von beiden— eine große Vernachläſſigung ſtattgefunden haben. Meine nächtlichen Abn enheiten und die Eingenom⸗ menheit meiner Gedankeh ſind nicht ohne Nachtheil geblieben, obſchon ich mich eifrigſt bemüht habe, alle meine Pflichten zu erfüllen. Und doch, als ich wieder nach Hauſe ging, ſchwebte die ſcheußliche Geſtalt des Todten mir fort⸗ während vor den Augen. Habe ich nicht ein krankhaftes Gewiſſen, welches in Selbſtanklagen förmlich ſchwelgt? Geſetzt, es gäbe Jemanden, der mich eben ſo genau kennte wie ich mich ſelbſt, der mich mir ſelbſt zeigen und ſagen könnte:„Arme Seele, es iſt Nichts. Vergiß — —— Dich, denk' an etwas Anderes— an Dein anderes Ich— an mich.“ Warum erzähle ich dies, einen der zahlloſen peinlichen Vorfälle, die bei unſerm Berufe doch fort⸗ während vorkommen? Weil ich, nachdem ich einmal begonnen, Alles erzählen muß, was mir widerfährt, gerade ſo wie ein Mann, der nach ſeiner täglichen Arbeit nach Hauſe kommt, es— laß dieſes Wort mich mit ſicherer Hand niederſchreiben— ſeinem Weibe erzählen würde— ſeinem Weibe, welches ihm näher ſteht als irgend ein ſterbliches Weſen— Bein von ſeinem Bein und Fleiſch von ſeinem Fleiſch, ſeine Ruhe, ſein Troſt, ſeine Wonne— die ein Arzt faſt mehr als irgend ein anderer Menſch bedarf, weil ſein Pfad faſt ununterbrochen ihn auf der dun⸗ keln Seite des menſchlichen Lebens führt. 6 Zuweilen aber bieten ſich uns auch Lichtblicke dar, zum Beiſpiel wenn das ſchwere Herz erleichtert iſt, oder der Schatten des Todes von einem Hauſe wieder hinwegzieht— Augenblicke, wo der Arzt ſehr zu ſeiner eigenen ſelbſtbewußten Demüthigung als ein rettender Engel betrachtet wird— Zeiten, wo er ſich freu't, ein wenig in dem Sonnenſcheine der Freude zu weilen, welche er hat herbeiführen helfen, ehe er wieder hinausgeht in die Schatten des ihm vorgezeichneten Weges. 12 — 180— Und eine ſolche wird ſtets dieſe Nacht ſein, die ich als die letzte der von mir in Rockmount zuge⸗ brachten betrachten kann. Man wollte mich durchaus nicht fortlaſſen, obſchon es nicht nöthig war, bei dem Kranken zu wachen. Und als ich Mr. Johnſton wohlbehalten in ſein Bett gebracht, beſtand man darauf, daß ich mich mit zu der heitern Abendmahlzeit niederſetzte, an welcher ſich nun, von aller Sorge befrei't, die Familie verſammelte. In dieſe Familie war natürlich auch Mr. Charteris eingeſchloſſen. Ich war der einzige Fremdling. Man begegnete mir aber nicht wie einem Fremdling— das weißt Du. Zuweilen, wie dies bei der kleinen Geſellſchaft ganz natürlich war, in drei Gruppen von je zwei Perſonen zerfallend, war es, als ob die ganze Welt ſich verſchworen hätte, mich in den wahnſinnigſten Traum zu wiegen, als ob ich von jeher vertraulich und brüderlich an dieſem Familientiſche geſeſſen hätte und auch ferner daran ſitzen ſollte, als ob meine alte Einſamkeit völlig vorübergegangen wäre, um nie wiederzukehren. Und über Alles gebreitet lag die Atmoſphäre jener deutſchen Liebesgeſchichte, die ſeltſamer Weiſe immer wieder auf die Oberfläche kam und eine Con⸗ verſation veranlaßte, welche in gewiſſen Theilen das —— — 181— Seltſamſte dieſes ganzen ſeltſamen Abends zu ſein ſcheint. Miſtreß Treherne war es, die den Anſtoß dazu gab. Sie fragte ihre Schweſter, was wir oben gemacht hätten, daß wir ſo ganz außerordentlich ruhig geweſen wären. „Geleſen— Papa wünſchte es.“ Und als Miß Theodora noch weiter ausgefragt ward, erzählte ſie, was geleſen worden ſei. Miſtreß Treherne ſchlug ein lautes Gelächter auf. Man ſollte es non ſo wohlerzogenen und lie⸗ benswürdigen Damen kaum erwarten, aber ich habe wirklich oft geſehen, wie die älteſte und die jüngſte „Schweſter ſie, die zweite— auf eine gewiſſe weib⸗ liche Manier— Männern würde es nicht einfallen, es zu thun, und ſie würden auch nicht errathen, wie es zu thun ſei— reizten, die hinreichend war, ihr die Zornröthe in die Wangen zu treiben und ihre gewohnte Sanftmuth in herausfordernden Trotz zu verwandeln. Dies war auch jetzt der Fall. „Ich ſehe durchaus nichts Lächerliches darin, wenn ich Papa aus irgend einem mir belieb Buche vorleſe.“ Ich bemerkte, daß ich ſelbſt um das ſngüch Buch gebeten hätte. 182— „Ah ſo! Nun, ich bin überzeugt, daß ſie ſich ſehr gefreu't hat, Ihnen gefällig ſein zu können.“ „Allerdings,“ ſagte ſie dreiſt,„und ich bin der Meinung, wenn wir, ich, oder Du, oder Penelope, Doctor Urquhart einen Dienſt, ſei es ein kleiner, ſei es ein großer, erzeigen können, ſo müſſen wir uns darüber freuen und lebenslang dafür dankbar ſein.“ Miſtreß Treherne verſtummte und Mr. Char⸗. teris begann, um die unbehagliche Pauſe zu unter⸗ brechen, gutmüthig eine Erörterung des fraglichen Schauſpiels. Er führte eine Zeit lang bei der lite⸗ rariſchen und kritiſchen Converſation, auf die ich nicht hörte und ihr eben ſo wenig folgte, haupt⸗ ſächlich das Wort. Dann nahmen die Damen die Geſchichte von ihrer moraliſchen und perſönlichen Seite auf und ſprachen ziemlich gut darüber. 6 Die jüngſte Schweſter entwickelte eine unge⸗ meine Zungenfertigkeit dagegen. Sie haßte tra⸗ giſche Bücher— ſie liebte einen angenehmen Schluß, wo die Leute Alle heiter und vergnügt mit einander vermählt würden. Von meiner Seite des Tiſches ward bemerklich gemacht, daß dieſes Drama kein unbefriedigendes Ende habe, obſchon die Liebenden beide ſtürben. — —— „— — 183— „Was für eine ſeltſame Idee hat Dora von Befriedigung!“ ſagte Mr. Charteris. 5 „Ja wohl,“ ſetzte Miſtreß Treherne hinzu. „Denn wenn ſie auch nicht geſtorben wären, wurde nicht von ihnen vorausgeſetzt, daß ſie einander doch nie wieder ſehen würden? Mein liebes Kind, auf welche Weiſe beabſichtigſt Du denn, Deinen Geliebten glücklich zu machen? Dadurch, daß Du ihm auf ewig Lebewohl ſagſt, ihm erlaubſt, ſich tödten zu laſſen, und dann auf ſeinem Grabe ſtirbſt?“ Alle lachten und Treherne ſagte, er ſei dankbar dafür, daß Liſa nicht die Meinung ihrer Schweſter theile. „Ja, das glaube ich, lieber Gus! Geſetzt, ich wäre gekommen und hätte wie Dora's Heldin zu Dir geſagt:„Mein lieber junger Freund, wir ſind einander ſehr gut, aber heirathen können wir ein⸗ ander nicht. Es hat aber Nichts zu bedeuten. Du mußt Dir Nichts daraus machen. Gieb mir einen Kuß und damit Gott befohlen!“— Was würdeſt Du wohl gethan haben, Auguſtus?“ „Ich hätte mich aufgehängt!“ entgegnete Au⸗ guſtus mit Nachdruck. „Wenn Du Dir die Sache, während Du den Strick ſuchteſt, nämlich nicht nochmals überlegt hätteſt,“ bemerkte Mr. Charteris trocken.(Ich habe aus verſchiedenen Gründen dieſen Herrn ſeit einiger Zeit ziemlich ſcharf beobachtet.)„Dora's Theorieen über die Liebe ſind gar nicht übel, aber zu ſehr à la Sommerfäden gehalten. Die arme menſchliche Natur bedarf eine etwas wärmere Bekleidung als dieſe luf⸗ tigen Gewänder von Irisgewebe, für deren Halt⸗ barkeit keine Garantie geleiſtet wird.“ Während er ſprach, ſah ich, wie Miß Johnſton's ſchwarze Augen ſcharf beobachtend ſich auf ſein Geſicht hefteten, aber er ſah es nicht. Unmittelbar darauf ſagte ſie: „Francis hat vollkommen Recht. Dora's heroiſche Anſichten find für ſie von keinem Vortheil, eben ſo wenig als für ſonſt Jemanden, denn ſolche Charaktere exiſtiren nicht und haben nie exiſtirt. Max und Thekla zum Beiſpiel ſind ein Liebespaar, welches in dieſer Welt geradezu unmöglich iſt.“ „Sehr richtig,“ ſagte Mr. Charteris,„gerade ſo wie Romeo und Julie unmöglich ſind. Shakeſpeare geſteht das ſelbſt: „Gewaltſam ſchwelgen, heißt gewaltſam enden.“ „Wäre Julie am Leben geblieben, ſo wäre ſie wahrſcheinlich nicht mit Gewalt, ſondern auf die geſetzmäßigſte, ſanfteſte und zufriedenſtellendſte Weiſe an den Mann verheirathet worden, den ſie nicht wollte, oder geſetzt, ſie wäre glücklich nach Mantua —— entkommen, hätte die Verzeihung ihrer Eltern erlangt und wäre wiedergekommen, um als Miſtreß Mon⸗ tague die Rolle der Hausfrau zu ſpielen, ſo kann man ſich darauf verlaſſen, daß ſie und Romeo ein⸗ ander binnen Jahresfriſt ſatt gehabt, ſich mit einander gezankt und von einander getrennt hätten, worauf ſie ſodann ſich doch noch mit Paris getröſtet haben würde, der im Ganzen genommen auch ein ſehr guter, wohlgezogener junger Mann zu ſein ſcheint. Meinen Sie dies nicht auch, Doctor Urquhart? das heißt, wenn Sie nämlich Shakeſpeare geleſen haben.“ Er ſchien zu glauben, daß dies nicht der Fall ſei. Ich antwortete, mir ſei in Bezug auf dieſes Drama oft aufgefallen, daß Shakeſpeare damit blos die Liebe eines ganz jugendlichen Paares habe erzählen wollen. „Ob dieſe Leidenſchaft,“ fuhr ich fort,„auch Dauer gehabt hätte, darüber braucht man eben ſo wenig Vermuthungen anzuſtellen als es der Dichter thut. Genug, daß, ſo lange es dauert, es ein wahres und ſchönes Gemälde jugendlicher Liebe iſt— das heißt von dem Ideal, welches die Jugend ſich von der Liebe macht, obſchon die Liebe reiferer Jahre oft etwas weit Tieferes, Höheres und Beſſeres iſt.“ Hier brach Miſtreß Treherne wieder nach ihrer eiſe in ein herzliches Gelächter aus und beſchuldigte —— ihre Schweſter, daß ſie Doctor Urquhart in einen Poeten verwandelt habe. Es iſt peinlich, für einen Narren gehalten zu werden, ſelbſt wenn es von einer muntern und ſchönen jungen Frau geſchieht. Ich ſaß da und war mir auf grauſame Weiſe bewußt, wie wenig ich dagegen ſagen konnte— wie unbeholfen und albern ich mich in der Geſellſchaft junger witziger Leute oft fühle, als ich ſie— ich meine Miß Theo⸗ dora— vom andern Ende der Tafel ſprechen hörte. „Liſabel,“ ſagte ſie,„Du ſprichſt von Dingen, die Du nicht verſtehſt. Du haſt meinen Max und meine Thekla nie verſtanden und wirſt ſie auch nicht verſtehen, eben ſo wenig als Francis ſie verſteht, obſchon er dieſes Gedicht einmal ſo ſchön fand, als er vor einigen Jahren Penelope in der n Sprache unterrichtete.“ „Dora, Deine Aufregung n ein Verſtoß gegen den guten Ton.“ „Das iſt mir einerlei,“ antwortete ſie, indem ſie ſich mit funkelndem Auge gegen ihre ältere Schweſter wendete.„Ruhig dazuſitzen und ſolche Theorieen auftiſchen zu hören, wäre mehr als ein Verſtoß gegen den guten Ton— es wäre ein Verſtoß gegen die Weiblichkeit. Ihr beiden mögt über die ₰ 1— Sache denken wie Ihr wollt, aber ich weiß, was ich ſtets gedacht habe und noch denke.“ „Nun, willſt Du uns Dein Glaubensbekenntniß nicht zum Beſten geben?“ rief Mr. Charteris. Sie zögerte,— ihre Wangen brannten wie Feuer— aber dennoch ging ſie tapfer mit der Sprache heraus. „Ich glaube trotz Allem, was Ihr ſagt, daß es nicht blos in den Büchern, ſondern auch in der Welt eine uneigennützige, treue und wahre Liebe giebt, wie die meiner Thekla und meines Max; ich glaube, daß eine ſolche Liebe— eine rechte Liebe — die Leute lehrt, zuerſt an das Recht und dann an ſich ſelbſt zu denken, und daß ſie deßhalb, wenn es ſein muß, ertragen können, irgend eine Zahl von Jahren— ja auf immer von einander zu ſcheiden.“ „Ach, mein Himmel! Ich gäbe nicht zwei Heller für einen Mann, der nicht um meinetwillen Alles thäte— ſogar etwas Unrechtes.“ „Und ich, Liſabel, würde einen Mann für einen egoiſtiſchen Feigling halten, den ich wohl bemitleiden, aber ganz gewiß nicht wieder lieben könnte, wenn er auf irgend eine Weiſe um meinetwillen ein Unrecht beginge.“ Von meiner Ecke aus, in welche ich mich ein wenig von dem Cirkel hinweggezogen, ſah ich dieſes — 188— jugendliche Geſicht— blitzend und von einem neuen Ausdruck erfüllt. Dallas pflegte, wenn er zuweilen in Eifer kam, gerade ein ſolches Licht in den Augen zu haben— gerade ein ſolcher Glanz ſtrahlte aus allen ſeinen Zügen, aber er war ein Knabe und dieſe iſt ein Weib. Ja, man fühlte ihre Weiblichkeit, die Leiden⸗ ſchaft und Macht derſelben mit allen ihren Fähig⸗ keiten zum Beglücken oder zum Wahnſinnigmachen in das innerſte Mark ſeines Weſens hinein. Die Andern ſchwatzten noch ein wenig und dann hörte ich ſie abermals ſprechen. „Ja, Liſabel,“ ſagte ſie,„Du haſt ganz recht. Ich halte es nicht für ſo wichtig, ob Leute, die ſehr innig an einander hängen, jemals ihre Ver⸗ mählung erleben oder nicht. In Einem Sinne ſind ſie ſchon vermählt, und Nichts kann zwiſchen ſie kommen und ſie trennen, ſo lange ſie nder lieben.“ 5 Dies ſchien den Treherne's ein ganz vortreff⸗ licher Scherz zu ſein und bewog Mr. Charteris zu einigen Bemerkungen, deren Beantwortung ſie aber verſchmähete. „Nein, Ihr habt mich gereizt und zum Sprechen gezwungen, aber nun bin ich fertig. Ich discutire dieſen Punkt nicht weiter.“ ——— 4 Ihre Stimme zitterte, und ihre kleinen Hände faßten und drehten krampfhaft das Tiſchtuch, aber ſie ſaß auf ihrem Platze, ohne Miene oder Blick zu verändern. Allmählig ſchwand die Röthe von ihren Wangen und ſie ward außerordentlich bleich, aber Niemand ſchien auf ſie zu achten. Die Andern waren zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Ich hatte Zeit, das Bild und jede Linie deſſelben auswendig zu lernen— dieſe kleine Geſtalt, die mit geſenktem Kopfe und gekrümmten Schultern am Tiſche ſaß, während die weiten weißen Aermel die beiden Hände beſchatteten, die ſo feſt in einander gefaltet waren, daß, als ſie ſich rührte, ich die Fingerſpuren der einen Hand auf der andern abge⸗ drückt ſah. Woran konnte ſie gedacht haben? „Miß Dora, wollen Sie die Güte haben?“ Es war blos eine Magd, welche meldete, daß ihr Vater ſie zu ſprechen wünſche, ehe er einſchliefe. „Sage, ich käme ſogleich.“ Sie erhob ſich raſch, drehete ſich aber um, ehe ſie die Thür erreichte. „Ich ſehe Sie vielleicht nicht wieder, ehe Sie gehen. Gute Nacht, Doctor Urquhart!“ Wir haben drei Wochen lang uns jeden Abend gute Nacht geſagt und die Hand gedrückt. Ich weiß, daß ich meine Pflicht gethan habe; ich habe nicht — —— zögernd umſchloſſen gehalten, was ich kein Recht hatte, umſchloſſen zu halten. Ich ſagte ſtets einfach „Gute Nacht“ und drückte die Hand kurz und raſch. Aber heute Abend? Ich ſprach kein Wort— ich ſah ſie nicht an. Und dennoch iſt die Berührung jener kalten, willen⸗ loſen Hand noch keinen Augenblick von der meinigen gewichen. Wenn ich meine Hand hier auf dieſen Tiſch lege, ſcheint dieſe Berührung hineinzukriechen und ſich darin feſtzuſetzen; laſſe ich ſie fallen, ſo kommt ſie wieder zurück, und drücke ich meine Finger darauf, ſo fühle ich ſie, obſchon Nichts da iſt— ich fühle ſie durch jeden Nerv und jeden Pulsſchlag hin⸗ durch in Herz, Seele, Körper und Gehirn. Es iſt dies reine Sinnestäuſchung, wie einige der geſpenſtiſchen Illuſionen, denen ich zuweilen unterworfen geweſen bin— denſelben, welche Cole⸗ ridge einſt bewogen, zu ſagen, er habe zu viele Geiſter geſehen, um daran zu glauben. Ich will meine Gedanken zuſammenraffen. Ich ſitze in meiner Hütte. Es brennt kein Feuer— natürlich fällt es Niemandem ein, für mich ein Feuer anzuzünden, wenn ich es nicht vorher ausdrücklich befehle. Das Zimmer iſt kühl und ver⸗ kündet mir, daß der Winter vor der Thür iſt. Es ſieht auch unordentlich darin aus, denn Niemand ——— —— berührt je meine Kleider und andern Sachen, und ich bin in der letzten Zeit zu oft abweſend geweſen, um ſelbſt auf Ordnung zu halten. Auch einſam iſt es; ſelbſt meine Katze, die das einzige in meiner Nähe verweilende Geſchöpf zu ſein pflegte, behutſam auf meinen Büchern und Papieren herummarſchirte, oder an mir heraufſprang, um dann ſchnurrend ihren Kopf auf mein Knie zu legen; ſelbſt meine Katze iſt, meiner langen Abweſenheit überdrüſſig, verſchwunden und hat ſich zu meinem Nachbar gewöhnt. Ich bin ganz allein. Na, dies iſt die natürliche Lage eines Mannes ohne nahe Verwandte, der meine Jahre erreicht und nicht geheirathet hat. Er hat kein Recht, bis an's Ende ſeiner Tage etwas Anderes zu erwarten. Vor zwei Stunden ritt ich von Rockmount nach Hauſe, während noch eine muntere Gruppe in dem Wohnzimmer um das Feuer herum ſaß— Miß Johnſton auf dem Sopha und Mr. Charteris neben ihr, Treherne gegenüber, mit ſeinem Arm ſeine junge Gattin umſchlungen haltend. Und in dem obern Zimmer, ich weiß, wie es da ausſehen wird— das ſtille trauliche Schlaf⸗ zimmer, die kleine weiße Porzellanlampe auf dem Tiſche und der eine Vorhang halb zurückgeſchlagen, ſo daß der alte Mann einen Schimmer von der ſich — 192— über das Buch neigenden Geſtalt erblickt, welche ihm die Abendpſalmen vorlieſ't; oder ſie hat auch ſchon „Gute Nacht, Papa“ geſagt und iſt fort nach dem obern Theile des Hauſes gegangen, von welchem ich Nichts weiß und den ich niemals geſehen. Ich konnte ſie mir deßhalb nur denken, wie ich ſie eines Abends zufällig ſah, als ſie mit dem Lichte in der Hand leiſe Stufe um Stufe die Treppe hinaufging, wie fromme Seelen in das Paradies emporſchweben und wir hienieden Zurückgebliebenen, öbſchon wir uns an den Saum ihres Kleides anklammern und unſere Lippen in die Spur ihrer Füße drücken möchten, ſie weder zurückhalten können, noch ſie zu bitten wagen, bei uns zu bleiben. O, wenn ich doch todt wäre, damit Du dieſen Brief leſen könnteſt— damit Du alles Dies wüßteſt, fühlteſt, begriffeſt! Ich habe Unrecht gethan, ich geſtehe es mir ſelbſt— mehr als mir ſelbſt, ſchwachſinnigen Klagen oder unmännlichen Ausbrüchen der Wuth gegen das vermeintliche Schickſal nicht nachzugeben. Iſt es denn auch unvermeidlich? Ehe ich heute Nacht anfing zu ſchreiben, ſaß ich zwei Stunden lang da und überlegte bei mir ſelbſt dieſe Frage. Ich betrachtete die Umſtände beider Partheien, denn eine ſolche Frage ſchließt — —— nothwendiger Weiſe beide in ſich— mit einer Ruhe, welche, glaube ich, ſelbſt ich erringen kann, wenn die Sache ſich nicht um mich allein handelt. Ich bin zu dem Schluſſe gekommen, daß es wirklich unvermeidlich iſt. Wenn Du meine Jahre erreichſt, wenn Du alle jene Veränderungen erfahren haſt, über welche Du jetzt in Deinem unſchuldigen, unbewußten Herzen träumſt und Theorieen aufbaueſt, dann wirſt auch Du ſehen, daß mein Urtheil richtig war. Die noch nicht errungene Liebe eines Weibes erringen zu wollen, legt, wenn wir ſie errungen haben, die Nothwendigkeit auf, ihr unſere ganze frühere Geſchichte zu erzählen, ihr Richts zu ver⸗ ſchweigen, ſei es gut oder ſchlecht, ſobald es NRie⸗ manden weiter als uns ſelbſt gefährdet. Dieſes Vertrauen hat ſie ein Recht, zu erwarten, und der Mann, der es verweigert, iſt entweder an und für ſich ein Feigling, oder er zweifelt an dem Weibe ſeiner Wahl. Zweifelt er auch, wenn ſie ſeine Gattin iſt, noch ſo an ihr, dann wehe ihm und ihr! In das Hei⸗ ligthum der Bruſt eines treuen Weibes etwas Fluch⸗ würdiges hineinzutragen, was für immer in der ſeinen verſchloſſen bleiben muß, dies iſt mir immer Leben um Leben. 1I. 13 ——½ als der ſchwärzeſte Verrath gegen Ehre und Liebe erſchienen, deſſen ein Menſch fähig iſt. Könnte ich meinem Weibe, oder dem Mädchen, dem ich Liebe zu mir einflößen möchte, meine ganze Geſchichte erzählen? und wenn ich es thäte, würde dieſe mir nicht die Thür ihres Herzens auf ewig verſchließen? Oder geſetzt, es wäre dazu zu ſpät und ſie liebte mich ſchon, würde es ſie nicht um meinetwillen lebenslang elend machen? Ich glaube, es würde der Fall ſein. Schon aus dieſem Grunde ſuh Dinge unvermeidlich. Aber auch noch ein anderer Grund vor⸗ handen; ob er bei meiner Schlußfolgerung den erſten oder zweiten Platz einnimmt, weiß ich nicht. Wenn Jemand ein Gelübde gethan hat, darf er es wohl brechen? Ich habe ein gewiſſes Gelübde gethan, welches, wenn ich mich vermählte, gebrochen werden müßte. Kein Mann bei geſundem Verſtande, oder der nur das gewöhnlichſte Gefühl von Gerechtigkeit und Zärtlichkeit beſitzt, würde ſeinen Namen einem geliebten Weibe geben, mit der Möglichkeit, daß Kinder ihn erben und er dann auf und über dieſe Alle das Ende bringt, welches ich mein ganzes Leben lang entſchloſſen als eine Nothwendigkeit — 195— betrachtet habe, die entweder unmittelbar vor meinem Tode oder nach demſelben verwirklicht werden muß. Alſo auch deßhalb iſt es unvermeidlich. Dieſes Wort— unvermeidlich— beruhigt mich alle Mal. Es iſt der Wille Gottes. Wenn er es anders gewollt hätte, ſo würde er auch einen Weg ausfindig gemacht haben— vielleicht dadurch, daß er mir ein gutes Weib geſchickt, welches mich geliebt hätte, wie die Männer zuweilen geliebt werden, aber nicht ſolche Männer wie ich. Es ſieht aber nicht zu fürchten— oder zu hoffen, wie ſoll ich ſagen?— daß jemals mich eine lieben werde. Schlaf', Kind! Du liegſt jetzt ſchon in feſtem Schlafe; ich weiß es gewiß. Du ſagteſt einmal, daß Du alle Mal ſofort in dem Augenblicke einſchlie⸗ feſt, wo Dein Kopf den Pfühl berührt. Geſegneter Pfühl! Theures, zärtliches, liebenswürdiges Haupt! „Gute Nacht!“ Schlaf' wohl, Du glückliches, unwiſſendes Kind! —— Ende des zweiten Bandes. Druck von C. Roeßler in Grimma. ſiſſ ſ 6 7 8 9 10 11 3 14 15 16 17 5. 3—— S— „. 8 8—