. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet S wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2— Pf. — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage jeſtaeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— S——— 1 Perrin und Pienerin. Zweiter Band. Berrin und Pienetin. Eine Erzählung aus dem häuslichen Leben von der Verfaſſerin von„John Halifar“. Aus dem Engliſchen von Hophie Verenc. Antoriſirte Ausgabe. Zweiler Band. Leipzig, Voigt& Günther. 1863. —.—— — Grstes Fapitel. Am nächſten Morgen, als Eliſabeth mit dieſem hei⸗ teren, ſorgloſen Geſichtsausdruck— den die, welche viel um Kranke ſind, bemüht ſein müſſen ſich anzueignen— Fräulein Leaf überredete, ruhig im Bett zu bleiben, hörte ſie an die Thür klopfen, und erſann einen Vor⸗ wand, um ſchnell zu enteilen. Sie wußte, wer gekom⸗ men war. Ja, im Wohnzimmer ſaß Hilary. Frau Jones ſprach eifrig zu ihr, obgleich ſie kaum zu lauſchen ſchien. Daß ſie trotzdem Alles gehört, war klar; ihr bleiches, erſchrockenes Geſicht, die feſt verſchlungenen Hände zeig⸗ ten deutlich, wie hart die böſe Kunde ſie getroffen habe. „Entfernen Sie ſich, Frau Jones!“ rief Eliſabeth zornig.„Fräulein Hilary wird Sie rufen laſſen, wenn ſie Ihrer bedarf.“ Und mit einer geſchickten Bewegung, die freilich mit einem kleinen Stoß etwas Aehnlichkeit hatte, befand die Wirthin ſich in der offenen Thür, welche Eliſabeth hinter Herrin und Dienerin. II. 1 ihr ſchloß. Als ſie Beide allein waren, ſtreckte Hilary ihre Hände über den Tiſch, eine Bewegung, welche faſt Verzweiflung ausdrückte, und blickte mit einem fragen⸗ den, unendlich kummervollen Blick ihrer Dienerin ins Geſicht. O, ſie hatte Niemand als dieſes arme, ſchlichte Mädchen, von dem ſie Troſt und Mitgefühl bei dieſem ſchweren Schlag, dieſer tiefen Demüthigung erwarten konnte. Hier gab es keine Verſtellung, kein Heimlichthun zwiſchen Herrin und Dienerin. „Frau Jones hat mir Alles erzählt, Eliſabeth. Wie geht es meiner Schweſter? Sie weiß noch nichts— oder hat auch ſie das Schreckliche ſchon vernommen?“ „Nein, Fräulein. Sie befindet ſich heute viel wohler. Die ganze Woche über war ſie recht leidend, doch ich durfte nicht nach Ihnen ſchicken. Jetzt aber geht es zur Beſſerung, davon bin ich überzeugt.“ „Gott ſei gedankt!“ rief Hilary jetzt weinend aus. Auch Eliſabeth war dankbar, ſelbſt für dieſe Thrä⸗ nen, denn der Ausdruck unendlichen Jammers, mit dem die ſtarren, trockenen Augen auf ſie geblickt hatten, war furchtbar geweſen. Für einen ſo herzzerreißenden Schmerz ſchien ihr die Urſache zu geringfügig. Und der Grund dazu lag auch tiefer. Nicht nur Askott's Verhaftung machte Hilary ſo elend— mancher junge Mann iſt durch Schulden dahin gekommen, und gerade durch die harte Lehre für immer gebeſſert wor⸗ den; nein, es war der verhängnißvolle„Anfang des Endes“, der Hilary ſo heftig erſchütterte. Wie viele Männer ihrer Familie waren ſchon zu dieſem„ſchreck⸗ lichen Ende“ gelangt, das gleich einem angeſtammten Uebel unter den Leaf's fortzuerben ſchien. Eine zweite Urſache zu dem bitteren Weh war der Gedanke, was Robert Lyon ſagen würde. Wer wagt es Hilary darüber zu tadeln; wenn ein Gefühl wirklich Liebe iſt, ſo iſt es nur natürlich und recht, daß die Lie⸗ benden bei Allem was den Einzelnen trifft, zuerſt des Anderen gedenken. Ja, was würde Robert ſagen? Die⸗ ſer redlichen, echt ſchottiſchen Natur war Armuth nichts, Ehre Alles. Sie wußte, daß ſein Abſcheu vor Schul⸗ denmachen dem ihrigen gleich kam. Dieſe Gewißheit und der feſte Glaube, er ſei frei von jedem falſchen Stolze, hatte ihre erſten Zweifel, daß er in ihrer jetzigen Stellung geringer von ihr denken könnte, ſiegreich nieder⸗ geſchlagen. Hilary war überzeugt, er würde ſich ihrer nicht ſchämen, ſähe er ſie an ihrem hohen Pulte bei den Rechnungsbüchern ſitzen, oder wohl gar einmal mit im Laden verkaufen. Wie oft hatten manche Dinge, die ſie für ihre Per⸗ ſon leichter genommen haben würde, ſie in ſeiner Seele tiefer berührt, weil ſie wußte, wie er dadurch verletzt und gekränkt worden wäre. Der ebenſo ſchöne als na⸗ türliche Gedanke, welchen Tennyſon poetiſch verherr⸗ licht hat: „Wenn ich erſt Einem theuer bin, Muß ich mir ſelbſt viel werther ſein,“ war ihr oft genug in den Sinn gekommen, freilich auch bei proſaiſchen und praktiſchen Dingen und hatte ſie ver⸗ hindert, ihre kleinen, weißen Hände durch unnütze harte Arbeit zu verderben, oder ſie abgehalten, manche übel⸗ berüchtigten Straßen und Durchgänge zu betreten, ſelbſt wenn dieſe ihr die oft ſo weiten Wege abgekürzt hätten, weil ſie wußte, wäre Robert in London geweſen, ſo würde er ihr niemals geſtattet haben, dort zu gehen. Aber was bedeutete das jetzt Alles? Wozu ſollte ſie jetzt noch ſokgſam ſein bei ſo geringfügigen Dingen? Seit dieſem furchtbaren Schlage war ja doch Alles, Alles vorbei.— Das waren nur kleine, äußerliche Erniedri⸗ gungen, die wahre Entehrung kam von innen heraus. Die eine große Wunde, welche ſchon lange der Familie geſchlagen war und vernarbt ſchien, hatte ſich wieder geöffnet. Jetzt begann von Neuem dieſer heiße, bittere Kampf mit Sorge, Noth, Schande, der nun ſchon durch Generationen von den Frauen der Familie Leaf geführt wurde und ein jammervolles Leben über ſie verhängt hatte. Es ſchien faſt gleich einem Fatum. Nutzlos, zu ver⸗ ſuchen ſich davon zu befreien, indem ſie die Arme nach Robert Lyon ausſtreckte, an ſeinem ſtarken, redlichen, zärtlichen Herzen beſchützt, geliebt und glücklich zu ſein. Für ſie giebt es kein Glück auf Erden! Ihr bleibt nichts als zu dulden, zu ertragen, bis das Ende kommt. Dies waren zuerſt Hilary's Gedanken und Empfin⸗ dungen— bitter, krankhaft düſter vielleicht, doch gewiß entſchuldbar. Die Aufregung hätte wohl noch länger gewährt— obgleich in ihrer vollkommen friſchen, geſun⸗ den Natur kein langes Bleiben für dieſelbe war— wenn nicht die Reaction ſchnell und plötzlich eingetreten wäre, durch Johanna's unerwartetes Erſcheinen verurſacht. *2 5 Obwohl die älteſte Schweſter blaß ausſah, ſo war ſie doch weder aufgeregt noch ängſtlich; da ſie gehört, Hilary ſei unten, hatte ſie ſich ſchnell angekleidet, um durch ihr Fortbleiben ihr Kind nicht zu erſchrecken. Und als ſie nun ihren Liebling ans Herz zog und die friſche Wange mit jenen mütterlich zärtlichen Küſſen bedeckte, den ſüßeſten, welche Hilary bis jetzt kennen gelernt, da ſchwand die nagende, bittere Seelenpein aus des armen Mädchens Bruſt. „O, Johanna, ich kann Alles tragen, ſo lange ich Dich habe!“ Und dann theilte ſie ihr in der ſtillſten, einfachſten Weiſe das Leid mit, welches Askott über ſie gebracht hatte. Nachdem es nun kein Geheimniß war, ſchien es nicht mehr halb ſo entſetzlich, und die Kunde traf Johanna weniger niederſchmetternd als Hilary und Eliſabeth ge⸗ fürchtet. Sie vernahm ſie mit großer Faſſung, man hätte glauben mögen, ſie habe ſchon darum gewußt, wenn ſie es nicht entſchieden abgeleugnet. „Du hätteſt Dich nicht ſo zu ängſtigen brauchen, um mir das Ganze zu verſchweigen, obgleich es ſehr gütig und vorſorglich gehandelt war. Du haſt unſert⸗ wegen ſchon manches Schwere durchgemacht, mein armes Mädchen.“ Eliſabeth ſchluchzte leiſe, nahm ſich jedoch bald zu⸗ ſammen. „Nein, nein, ſei ruhig, Du kannſt mir das Fehlende ein anderes Mal erzählen“, ſagte Johanna ſehr lieb⸗ reich, denn die ungewöhnlich tiefe Bewegung ihrer Die⸗ nerin rührte beide Schweſtern.„Geh jetzt und beſorge etwas Frühſtück für Fräulein Hilary!“ Nachdem Eliſabeth ſich entfernt hatte, wandten die Schweſtern ſich zueinander. Sie ſprachen nicht viel. Wozu hätte es auch genützt? Beide kannten ja nun das Schlimmſte, ſowohl die Thatſachen als ihre eigenen, weitergehenden Befürchtungen. „Was ſoll geſchehen, Johanna?“ Nach einer langen Pauſe erwiderte die Gefragte: „Ich ſehe nur einen Ausweg— ihn befreien.“ Hilary ſprang auf und maß das Zimmer mit ſchnellen Schritten. „Nein, nein, Johanna. Darin willige ich nicht. Wir können ihm doch nicht helfen, ihn nicht retten. Und er verdient auch keine Hülfe. Wenn er die Schulden aus wirklichem Mangel gemacht hätte, um ſich Speiſe und die nöthigſten Lebensbedürfniſſe zu verſchaffen, es wäre etwas Anderes— aber für Luxusartikel, elegante Klei⸗ der ſolche Summen zu verſchwenden! Du weißt doch, daß ſein Schneider ihn feſtnehmen ließ. O, ich würde eher in Lumpen einhergehen, möchte lieber uns Alle in Lumpen ſehen, als ſo etwas thun. Es iſt ſelbſtſüchtig, niedrig, feige von Askott, und ich verachte ihn. Ja, ob⸗ wohl er mein Neffe iſt, das Kind meines eigenen Bru⸗ ders, ich verachte ihn doch.“ i „Nein“— und glühende Thränen entſtrömten den flammenden Augen—„nein, ihn ſelbſt verachte ich nicht. Ich bedaure ihn mehr, denn er hat trotz ſeiner Fehler manches Gute, aber ſeine uverzeihliche Schwäche 7 und Leichtfertigkeit verachte ich. Es macht mich zornig, wenn ich denke, wie wir Alle darunter leiden werden, und beſonders Deinetwegen, Johanna. O, welchen Nutzen hätten Dir die dreißig Pfund bringen können, welche Be⸗ quemlichkeiten und Stärkungen konnte ich damit für Dich beſchaffen!“ „Gott wird auch ferner für mich ſorgen. Und glaube mir, mein armes Kind, ich fühle recht gut, daß der Schlag Dich härter trifft, ich bin ja an derartige Leiden mehr gewöhnt.“ Schaudernd ſchloß ſie ihre Augen, als ob ſie jene ſchrecklichen Zeiten noch einmal durchlebe, da Henry Leaf's Gattin und älteſte Tochter Mittagsgeſellſchaften bei ſich ſehen mußten, bei denen die Speiſen ihnen im Halſe ſtecken blieben, als ob jeder Biſſen geſtohlen ſei, wie es denn ſchließlich auch geweſen, wenn auch die ar⸗ men Frauen unbewußt Diebe waren— jene Zeiten, als ſie und die Kinder Kleider trugen, welche ſie zu vergiften ſchienen gleich dem Hemd von Dejanira, als ſie gewiſſe Straßen und einzelne Läden nicht zu betreten wagten, aus Furcht, daß die Verkäufer mit Fingern auf ſie weiſen oder wohl gar ſagen könnten:„Zahlt uns, was Ihr uns ſchuldet!“ Es waren furchtbare Erinnerungen, doch Johanna bekämpfte ſie und ſagte gefaßt: „So ſchlimm wie damals wird es nicht wieder werden, Hilary. Askott iſt jung, er mag ſich beſſern. Jo, mein Kind, der Menſch kann ſich beſſern; und er iſt ja ſo ganz anders als ſein Vater und Großvater erzogen worden. Wir dürfen nicht gleich verzagen. Komm 8 her zu mir, mein Liebling!“ Und indem Hilarh vor Johanna niederknieete, faßte dieſe ihre beiden Hände mit ſanftem und doch feſtem Druck, als ob ſie etwas von ihrer eigenen Ruhe in der Schweſter Herz ſenken möchte, das einen harten Kampf kämpfte, wie junge, redliche und ungeſtüme Herzen ſich ſtets gegen etwas auflehnen, das ihrer eigenen edlen Natur ſo ganz zuwider iſt.„Hilary, bedenke, er iſt unſer Neffe, unſer geliebter Knabe, unſer eigen Fleiſch und Blut! Wir haben ſehr thöricht ge⸗ handelt, ihn ſo lange von uns zu laſſen. Hätten wir ihn in Stowbury behalten, möchte er beſſer geworden ſein. Aber er iſt jung, darin beruht meine Hoffnung für ihn, und er liebte ſeine Tanten ſtets, dies Gefühl wird nicht erſtorben ſein.“ Hilary lächelte trübe.„Thaten, nicht Worte— ich glaube ſeinen Worten nicht mehr.“ „Nun ſo wollen wir Glauben und Hoffen jetzt zur Seite legen und nur handeln. Laß uns ihm noch eine Gelegenheit geben, ſich zu ändern, zu beſſern!“ Hilary ſchüttelte den Kopf.„Noch einmal— und noch einmal— und dann noch ein einziges Mal— und es bleibt doch ſtets daſſelbe. Ich ſehe voraus, wie es kommt. Ich weiß nicht, Johanna, wie es zugeht, aber gerade wenn ich auf Dich blicke, fühle ich mich ſo auf⸗ gebracht und hart gegen Askott. Es ſcheint mir Ver⸗ hältniſſe zu geben, da dieſes endloſe Mitleid für den Einen, die ſchwerſte Ungerechtigkeit gegen einen Anderen iſt. Es giebt Umſtände, unter denen es recht und er⸗ forderlich iſt, lieber einen kranken, verdorrenden Zweig abzuhauen, als den ganzen Baum zu Grunde zu richten. 9 Ich könnte wenigſtens ſo handeln, und ich würde mich für gerechtfertigt halten es zu thun.“ „Doch jetzt noch nicht. Er iſt ja nur noch ein Knabe— unſer lieber, ſchöner Knabe!“ Und die beiden Frauen, in deren Herzen mütterliches Fühlen und Lieben lebte, die aber in der einen noch nicht den rechten natürlichen Ausfluß gefunden hatten, und bei der anderen ſchwerlich mehr finden würden, ſie weinten über den unglücklichen Jüngling, faſt wie Mütter weinen. „Was ſollen wir aber thun?“ fragte Hilary end⸗ lich.„Dreißig Pfund bezahlen und es iſt nicht ein überflüſſiger Penny in unſerer Kaſſe!— müſſen wir borgen?“ „Nein, nein! nur nicht borgen!“ lautete die Ant⸗ wort, von einem Schauder begleitet.„Wir beſitzen ja noch den Diamantring.“ Dieſer Ring war ein Erbſtück, das ſtets an die älteſte Tochter der Familie fiel und das ſelbſt in den Tagen bitter⸗ ſter Noth mit einer Art Aberglauben als unveräußerlich feſt⸗ gehalten wurde. Das letzte Mal, als Johanna ihn be⸗ wunderte, ſagte ſie ſcherzend, ſpäter ſolle er jener höchſt wichtigen Perſon geſchenkt werden, von der die drei Tan⸗ ten ſchon ſeit Jahren ſprachen— der Gattin ihres Neffen, Frau Askott Leaf. „Wir müſſen uns ohne ihn behelfen“, ſagte Johanna, indem ſie traurig auf den ſchönen Ring blickte.„Sie kann ihn nun nicht haben— wenn er jemals heirathet, der arme Junge.“ „Ehe er nicht gründlich gebeſſert iſt, wird er es 10 hoffentlich nie thun“, entgegnete Hilary leiſe. Und dann kam ganz unwillkürlich der verzweiflungsvolle, ſchreckliche Gedanke über ſie, daß es gewiß beſſer wäre, wenn weder Askott noch ſie heirathete, damit die Familie ausſtürbe und die Welt nicht mehr beſchwerte. Deſſenungeachtet erhob ſie ſich, um zu thun, was gethan werden mußte und nur durch ſie geſchehen konnte. „Um mich ſorge Dich nicht, Johanna, ich ängſtige mich nicht. Ich werde zu einem der erſten, als redlich bekannten Juweliere gehen, er wird mich nicht betrügen und dann ſuche ich mir den Weg nach jenem Hauſe. Manche arme Frau wird vor mir dort geweſen ſein, und ich bin überzeugt, Niemand wird mir Leids zufügen. Ich denke, ich ſehe anſtändig und redlich aus, trotzdem ich den Namen Leaf trage.“ Das wehe, bittere Lachen, welches dieſe Worte be⸗ gleitete, wurde durch eine feſte, warme Umarmung Jo⸗ hanna's erſtickt; und als Hilary ihr Haupt von der Schweſter Herz erhob, war ſie wieder ruhig wie immer. Sie rief Eliſabeth, ihr die Aufträge und Beſorgungen für das Hausweſen in der gewohnten Art zu ertheilen, ſagte dann Johanna ganz wie ſonſt Lebewohl, und ver⸗ ließ dieſe, ſtill und friedlich auf dem Sopha liegend. Eliſabeth folgte der geliebten Herrin bis zur Thür. Hilary forderte von ihr die Karte, auf welcher Askott ſeinen jetzigen Aufenthalt vermerkt hatte, und obgleich das Mädchen kein Wort ſagte, ſo lagen doch in ihren treuen, beſorgten Augen viele Fragen. Die Herrin klopfte ſie ſanft auf die Schulter und ſprach gütig wie immer zu ihr: „Sei nicht ängſtlich um mich, Eliſabeth, mir wird nichts Schlimmes geſchehen.“ „Es iſt ein ſo häßlicher Ort— ein ſo ſchreckliches Haus, ſagt Frau Jones.“ „Wirklich?“ Theilweiſe, doch nicht ganz ahnte Eli⸗ ſabeth die Gefühle, welche Hilary einen Moment zurück⸗ beben ließen, ſelbſt vor dem, was als Pflicht vor ihr lag, und ihr Antlitz erſt mit flammender Röthe und dann mit fahler Bläſſe überzogen. Ja, nur die Fflicht konnte ſie zu dieſem Gange ermuthigen.„Hilft Alles nichts, Eliſabeth, ich muß gehen. Pflege meine Schwe⸗ ſter gut!“ Sie lief die Treppenſtufen hinab und ging ſchnell über den Platz. Es war ein kalter, klarer, ſonniger Tag; ein Tag, der Hilary ſtets ruhig, ja heiter ſtimmte. Trotz aller ihrer Sorgen und Kümmerniſſe beſaß ſie Jugend, Geſundheit und Energie; und eine reine, treue Liebe lebte gleich einem ſchützenden Engel in ihrem Her⸗ zen. Um wahr zu ſein, muß ich bekennen, daß noch ehe Hilary einige Straßen durchwandert hatte, ſie ſich nicht mehr ſo ganz elend und niedergedrückt fühlte. Liebe— die Liebe, von welcher ich ſpreche— iſt ein wundervoll köſtliches Gefühl; vielleicht das herrlichſte Gut, was es in der Welt giebt. Die Kraft, die Hei⸗ terkeit, das wirkliche Glück, welche ſie verleiht, ſelbſt in den ſchwerſten Zeiten, grenzen oft ans Fabelhafte. Als Hilary wartend in dem Juwelierladen ſaß, wurde ſie Zeuge einer kleinen Epiſode aus dem vornehmen Le⸗ ben; ein reiches Brautpaar wählte das Silbergeſchirr für die künftige Einrichtung aus. Wie hochmüthig und 12 nichtachtend die Braut ſich benahm, und wie ihr Ver⸗ lobter ſo ganz gewöhnlich ausſah, den Stempel jener geiſtigen Niedrigkeit und Armuth tragend, der gerade durch feine, gewählte Kleidung noch mehr hervortritt. Und dabei dachte Hilary— o, mit welcher Wonne!— an jene kräftige Mannesgeſtalt mit dem biederen Ant⸗ litz, an jenes treue, unverdorbene Herz, das, ſie war ſicher, nie eine Frau außer ihr geliebt hatte, an jene warme, feſte Hand, die ſich ihretwegen mühſelig den Weg durchs Leben bahnte und nicht eher die ihrige for⸗ dern wollte, bis es frei und offen geſchehen konnte, um der Geliebten Alles zu bieten, was ſie ſich erworben. Nein, ſie würde Robert Lyon mit ſeiner Armuth, ſeinen unſicheren, traurigen Ausſichten, denen vielleicht nie ein beſſeres Ziel winkte, nicht für den„reichſten Bräutigam“ unter der Sonne vertauſcht haben. Unter dieſer Sonne— der alltäglichen Sonne, welche Jahr aus Jahr ein die ganze Welt und alſo auch Lon⸗ don beſtrahlte, ging Hilary jetzt ſo muthig und heiter dahin, als ob ſie gar keine Kümmerniſſe drückten, als ob kein peinliches Zuſammentreffen mit Askott ihrer harrte, kein ſchwerer, demüthigender Gang vor ihr lag, vor dem alles weibliche Gefühl ihrer Natur mit Schau⸗ der zurückbebte. „Robert, mein Robert!“ flüſterte ſie innig, und plötzlich fühlte ſie ſich ihm ſo nahe, daß ſie vollkommen ruhig ward. Möglicher Weiſe werden ſehr kluge, vornehme oder glückliche Perſonen, welche ſich herablaſſen dieſe Ge⸗ ſchichte zu leſen, ſie mit geringſchätzenden Blicken be⸗ —, eee trachten und ſie unintereſſant und unideal finden, indem ſie von kleinlichen Dingen und gewöhnlichen, alltäglichen Menſchen, ja ſogar von„armen Leuten“ handelt. Ich kann es nicht ändern. Ich ſchreibe gerade für die Ar⸗ men, nicht um das Mitleid der Reichen für ſie zu er⸗ wecken, ſondern um ihnen ihre eigene Würde und die lichte Seite der Armuth zu zeigen; denn ſie hat ihre lichte Seite, und ſelbſt mit ihren Schatten, wenn dieſe nicht noch durch Sünde dunkler werden, iſt ſie heller als manches äußerlich glänzende Leben. „Beſſer eine Schüſſel Gemüſe zu Mittag durch Liebe gewürzt, als einen gemäſteten Ochſen mit Haß und Neid verzehrt.“ „Beſſer ein Stück trockenes Brot in ſtiller, licher Hütte, als ein prächtiges Haus mit Zorn und Aerger darin.“ Mit dieſen beiden wahren und weiſen Sprüchwör⸗ tern— welche Alle anerkennen und an die doch kaum ein Einziger wirklich zu glauben ſcheint, denn ſonſt wür⸗ den die Menſchen etwas anders handeln— verlaſſe ich Johanna Leaf, ruhig in ihrem einſamen Wohnzimmer ſitzend, Strümpfe für ihr Kind ſtrickend, wobei ſie man⸗ chen ſich kreuzenden Gedanken mit in das Gewebe ein⸗ flocht, doch trotz iyres Denkens und Sinnens nicht eine Maſche fallen ließ. Indeſſen wanderte Hilary fröhlich und muthig durch die ihr unbekannten Straßen, um den „ſchlimmen Ort“ zu finden, deſſen Namen ſie früher kaum gehört, und den ſie nun aufſuchen mußte. Eines wußte ſie— und die feſte Ueberzeugung machte ſie ſtolz — hätte Robert eine Ahnung gehabt von all den Sor⸗ 14 gen, die ſie befallen, von dem ſchweren Schritt, den ſie zu thun genöthigt ward, er würde die ſie trennenden Meere und Länder durcheilt ſein, würde das ſchon er⸗ worbene Vermögen, alle beſſeren Ausſichten für die Zu⸗ kunft, welche das einzige Freudige in ſeinem jetzt ſo har⸗ ten Looſe waren, aufgegeben haben, um ſtatt ihrer den Kampf mit den ungünſtigen Verhältniſſen zu kämpfen, um ſie vor jedem Ungemach zu ſchützen, alles Schwere auf ſich nehmend. Alle Einzelheiten der Geſchichte dieſes traurigen Tages will ich nicht erzählen. Hilary ſelbſt ſprach nicht davon, bis ſie nach Jahren an einem treuen Herzen ruhend den Hergang unter Thränen erzählte, und dieſes Herz ſich gelobte, daß ſo lange Leben in ihm wäre, ſie nie wieder ſo Peinliches erdulden ſollte. Askott kam nach Hauſe— oder beſſer wurde dort⸗ hin gebracht— ſehr demüthig, zerknirſcht und dank⸗ erfüllt. Niemand als ſeine Tante Johanna war da, ihn zu empfangen, und ſie küßte ihn ſchweigend, und bat dann, er möchte ſich näher zum Feuer ſetzen, denn er zitterte und war blaß vor Kälte. Es ſtanden ſogar Thränen in ſeinen ſchönen Augen, und ſeit ſeiner Kind⸗ heit hatte Niemand Askott weinen ſehen. Daß er tief bewegt war, ſo tief wie ſeine Natur es zuließ, unterlag keinem Zweifel. Damit waren die beiden Tanten zu⸗ frieden und fühlten ſich ſogar erleichtert und hoffnungs⸗ voll; ſie räumten ihm den wärmſten Platz am Kamine ein, brachten ihm ſeinen Thee, und machten ihm nicht den leiſeſten Vorwurf, ja ſie ſprachen ſogar von ganz d gleichgültigen Dingen, um jede Verlegenheit aus dem Kreiſe zu bannen. Da Hilary alles Peinliche, welches ſich auf dieſe traurige Angelegenheit bezog, vor Selina's Zurückkunft beendet wünſchte— denn ſie fühlte mit richtigem Tacte, daß Selina nicht mehr dieſelben Intereſſen mit ihnen theilte und daß es beſſer ſei, ihr wenn möglich das Ganze zu verſchweigen— ſo fragte ſie Askott nach dem Thee, ob er auch nicht vergeſſen habe, was ſie heute noch thun müßten. „Heute noch arbeiten? Ach, Tante Hilary, ich bin ſo erſchöpft. Laß mich nur dieſen Abend in Ruhe! Montag will ich Dir alle Papiere bringen.“ „Montag iſt es zu ſpät; da bin ich nicht mehr hier. Und Du weißt, ohne meine vorzügliche Rechenkunſt wirſt Du nicht fertig“, ſagte ſie mit einem ſchwachen Lächeln. „Askott, ſei gut und vernünftig, hole alle die Rechnun⸗ gen her, damit wir ſie zuſammen durchſehen!“ „Ueberſteigen ſeine Schulden dreißig Pfund?“ fragte Johanna, nachdem er das Zimmer verlaſſen hatte. „Ja, aber der Ring hat fünfzig eingebracht.“ Hilary ging an den Tiſch, holte Papier und Schreib⸗ zeug und ſetzte ſich nieder, mit einem Ausdruck trüber, dumpfer Ruhe in ihrem Geſicht, der Johanna einen Seufzer erpreßte. Tante und Reffe verbrachten einige Zeit im Durch⸗ ſehen jener Papiere und mit dem Zuſammenziehen der Totalſumme; es war eines dieſer ſchrecklichen, bedeutungs⸗ vollen Rechenexempel, bei dem die Zahlen aufhören, todte 16 Zahlen zu ſein, ſondern als rächende Ungeheuer erſchei⸗ nen, von denen Leben oder Tod abhängt. „Iſt das nun Alles? Weißt Du auch gewiß, daß dies Alles iſt?“ fragte Hilary auf die letzte Summe deutend und Askott feſt dabei anſehend. Er flammte auf und fragte, was ſie damit meine, ſein Wort zu bezweifeln. „Das ſagte ich nicht, aber Du kannſt leicht ein Ver⸗ ſehen gemacht, etwas vergeſſen haben. Du biſt in Geld⸗ ſachen ſo ſorglos.“ „Nur zu wahr. Ich bin achtlos, und dadurch komme ich ins Unglück. Doch das ſoll nun aufhören; ich will ſo pünktlich und akkurat wie Du werden! Jede Woche, jeden Tag werde ich meine Bücher aufrechnen, gerade wie Du es in jenem ſchrecklichen Laden thun mußt, Tante.“ So ſprach er ganz wohlgemuth dahin, doch Hilary brachte ihn zum Schweigen, indem ſie auf die Zahlen vor ihnen deutete. „Du ſiehſt, die Summe iſt größer als wir erwar⸗ teten. Wie ſoll ſie bezahlt werden. Denke nach und finde einen Ausweg. Du biſt ja nun ein Mann.“ „Das weiß ich“, entgegnete Askott mürriſch;„doch wozu hilft der Name? Geld macht den Mann, und ich beſitze keines. Wenn nur der alte Peter Askott jetzt ſter⸗ ben möchte, das heißt, nachdem er mich zu ſeinem Er⸗ ben eingeſetzt hätte; obgleich Tante Selina da auch wohl ein Wort mitſprechen würde. Eigentlich, da ich doch ihr Neffe bin, könnte ich mich an den alten Geizhals wen⸗ den, daß er für mich zahlte. Hurrah! das iſt ein glor⸗ reicher Gedanke!“ „Welcher?“ „Ich will das Geld vom alten Askott borgen.“ „Weil er alſo ſchon genug gegeben hat, möchteſt Du, daß er noch mehr gäbe, und Du würdeſt es nehmen— immer nehmen— Askott, ich ſchäme mich Deiner!“ Aber der junge Mann lachte nur.„Unſinn! er hat Geld und ich habe keines, weshalb ſollte er nicht mit mir theilen?“ „Weshalb nicht?“ wiederholte ſie, wobei ihre Augen flammten, die kleine, zarte Geſtalt ſich höher ſtreckte und während ſie ſprach, immer ſtolzer und bedeutender wurde.„Da Du es nicht zu wiſſen ſcheinſt, will ich es Dir ſagen, weshalb ſein Geld nicht Dir gehört. Weil ein junger Mann in der Kraft und Fülle der Ge⸗ ſundheit ſich ſchämen ſollte eines Anderen Brot zu eſſen, ſtatt ſich das ſeinige ſelbſt zu verdienen; weil er jede, auch die härteſte, ſchwerſte Arbeit thun müßte und alle Vergnügungen und Luxusartikel entbehren ſollte, ehe er ſich entſchlöſſe Geld zu borgen oder gar Schulden zu machen. Wäre ich ein junger Mann, ich würde zu ſtolz ſein, mich einem Menſchen auf ſolche beſchämende Weiſe verpflichtet zu fühlen.“ „Was für ein allerliebſter junger Mann Du ſein würdeſt, kleine Tante Hilary!“ Es lag in Askott's unverwüſtlich guter Laune zu⸗ gleich etwas Aufreizendes und Entwaffnendes. Seine Fehler waren mehr negativ als poſitiv; in ihm war keine vorſätzliche Bosheit noch wirkliche Schlechtigkeit, nur ein fabelhafter Leichtſinn. Und dabei beſaß er jenen wunderbaren Zauber in ſeinem ganzen Weſen, vnt Herrin und Dienerin. II. 2 5 —— — — — 18 in ſeinen Worten als Manieren, wodurch es ſchwer wurde, ihm lange gram zu ſein, wenn auch die eigent⸗ liche Achtung, das Vertrauen zu ihm ſchon längſt er⸗ ſtorben waren. „Komm jetzt mit mir, meine kleine hübſche Tante; Du wirſt den alten Oger beſſer zu beſänftigen wiſſen als ich. Und er muß dieſes eine Mal noch gefügig ge⸗ macht werden. Es klingt recht ſchön, ſo von Selbſt⸗ ſtändigkeit und Unabhängigkeit zu ſprechen, iſt es aber nicht ein hartes Loos, ſtets in der Angſt zu leben, nach jener abſcheulichen, ſchmutzigen Höhle abgeführt zu wer⸗ den, in der— Pah! Ich mag gar nicht mehr daran denken, und das Alles um die erbärmliche Summe von zwanzig Pfund. Du mußt wirklich zu ihm gehen, Tante.“ Sie ſah ſelbſt ein, daß es keine andere Hülfe gab; auch Johanna war der Anſicht. Und überdies wollten ſie ja nur bitten, Askott's Jahrgeld, welches der Pathe ihm vierteljährlich zahlte und welches in drei Tagen fällig war, ſchon heute zu geben. Dennoch ſträubte ſich Hilary's biedere, ehrliche Natur ſo lange gegen den ſchweren Schritt, weil dieſe Bitte die bewilligte Zulage ſtatt zu einer Gunſt zu einem Rechte ſtempelte, weil es ausſah, als dürften ſie verlangen, was doch nur die Güte gewährt hatte. Nur die große Verlegenheit, in der ſie ſich befanden, konnte ſie vermögen einzuwilligen, Herrn Peter Askott's Beiſtand zu erbitten; da es aber geſchehen mußte, ſo war es beſſer, ſie that es ſelbſt. Hegte ſie vielleicht einen leiſen Verdacht, ihr Reffe würde nicht die volle Wahrheit bekennen, und dieſe eine Be⸗ * dingung ſtellte ſie als unerſchütterlich hin— ehe Herrn Askott's Hülfe beanſprucht wurde, mußte er ohne Rück⸗ halt den ganzen Umfang der traurigen Angelegenheit erfahren. Mit einem ſeltſamen, wehen Gefühle nahm ſie den Arm ihres Neffen, der ganz in ſeiner gewohnten Weiſe ſchwatzte und lachte und nicht zu ahnen ſchien, welche Empfindungen ſie beſtürmten; und gerade dieſe Leicht⸗ fertigkeit drückte ſie noch mehr nieder. Schweigend ging ſie an ſeiner Seite durch die Straßen, die theils noch im Dunkel lagen, theils von den Gasflammen erhellt wurden. Sie wußte recht gut, daß er nur ihre Geſell⸗ ſchaft erbeten habe, damit ſie die ihm unangenehme Sache ſtatt ſeiner übernahm, und daß ſie ihrerſeits ihn nur begleite als eine Art Schutz und Schirm, um ihm das zu erſparen, was zu thun ihr ſo ſchwer wurde und ſie ſchon im Voraus demüthigte. Und doch wurde er prunkvoller Weiſe das Haupt, die Hoffnung, die Stütze der Familie genannt! Ach, wie manche Familie hat unter gleichen Verhält⸗ niſſen einer ſolchen Täuſchung, einem reinen Schemen ſich mit lächelnder Miene zu beugen! Zweites Bapitel. Herr Askott ſaß in leichtem Halbſchlummer in ſeinem einſamen Speiſezimmer. Sein Geſicht war von dem Genuſſe des Weines röthlich angehaucht, und auch ſein Herz ſchlug etwas ſchneller und wärmer, vermuth⸗ lich aus derſelben Urſache. Dennoch war er nicht etwa „berauſcht“ oder gar„betrunken“, ſolches gewöhnliche Wort iſt nur für niedere Leute anwendbar, nicht für reiche Grundbeſitzer und vornehme Herrn, welche ein Recht haben, alle Genüſſe des Lebens ihr eigen zu nennen. Herr Askott war nicht einmal„luſtig“, ſon⸗ dern nur gerade„recht gemüthlich und comfortable“, er befand ſich in jener angenehmen, wohlwollenden Stim⸗ mung, in welche ältliche Herren, nach einem wohl⸗ ſchmeckenden Mittageſſen, gewürzt durch eine gute Flaſche Wein, meiſt gerathen, beſonders wenn ſie keine höheren, geiſtigen Genüſſe kennen und die Freuden der Tafel ihre liebſten und einzigſten ſind. Aber Reichthum und Be⸗ quemlichkeit ſind auch nicht zu verachtende Dinge. Selbſt Hilary war nicht unempfindlich gegen die Schönheit 21 und Wohnlichkeit dieſes warmen, hellerleuchteten Zimmers, das von der Gluth im Kamine mit einem roſigen Schimmer durchſtrahlt wurde. Sie liebte ſo gut wie andere Menſchen, von hübſchen Möbeln und Sachen umgeben zu ſein, weiche, dem Auge wohlgefällige Stoffe zu tragen und in comfortablen Räumen gutſchmeckende Mahlzeiten einzunehmen. Wenn ſie alle dieſe Vorzüge mit den ihr nächſten und liebſten Perſonen hätte theilen und genießen können, ſo würde ſie ohne Zweifel viel glücklicher als jetzt geweſen ſein. Trotzdem war ſie vollkommen von der heiligen Wahrheit des Ausſpruches durchdrungen:„Des Menſchen Leben beſteht nicht in der Fülle der Beſitzthümer, welche er ſein nennt“ und obgleich ihr Daſein nach außen hin ſo dunkel, ſo voller Entbehrungen, Mühſal und ängſtlicher Befürchtungen war, ſo wußte ſie doch, daß ſie innen manches Werth⸗ volle beſaß, und vor Allem ein Gut, das nicht mit Geld zu erkaufen iſt und ohne welches das glänzendſte Haus, ja alle Vorzüge und Reichthümer des Lebens mehr als werthlos— geradezu eine Qual ſein würden. Indem ſie ſich in dem ſchönen Zimmer umſchaute, fühlte ſie auch nicht die leiſeſte Regung von Neid gegen Selina, die künftige Beſitzerin dieſer Herrlich⸗ keiten. Herr Peter Askott erhob ſich bei dem Eintritt ſeiner Gäſte, zog das gelbſeidene Taſchentuch von ſeinem ſchläfrigen Geſichte und bewillkommnete— der Wahr⸗ heit gemäß ſei's geſagt— ſeine künftigen Verwandten recht freundlich. Wie— wie ſollte man ihm den Grund, ihres Be⸗ 22 ſuches mittheilen? Als ſie bei dem Wein und Deſſert ſaßen, welche er für ſie bringen ließ, und ſeinen prahle⸗ riſchen Erzählungen mit halbem Ohre lauſchten, da guälte Hilary ſtets der eine Gedanke, wie ſie es dem reichen Manne am Beſten beibrächte, daß ſie als Bit⸗ tende gekommen, um von ihm, der Jahre lang den Pathen mit großer Freigebigkeit erhalten hatte, nun noch eine Summe zu erbetteln, damit Askott nicht ins Ge⸗ fängniß müßte. Dies war, wie man es auch drehen und wenden mochte, doch der wahre Sachverhalt, und als Minute auf Minute verſtrich, ohne daß ſie ihrem Zweck näher kamen, erreichte der Zuſtand innerer Qual in Hilary eine faſt unerträgliche Höhe, und Bläſſe und Röthe wechſelten jäh auf ihrem Angeſicht. Askott aber trank ſeinen Wein und aß die ſchönen Wallnüſſe ganz ruhig und voller Behagen. Endlich begann Hilary mit einer verzweifelten Kraft⸗ anſtrengung: „Herr Askott, ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen.“ „Sehr gern, ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, meine liebe, junge Dame. Wollen Sie mich in mein Arbeits⸗ zimmer begleiten? Es iſt ſehr ſchön und elegant aus⸗ geſtattet, Sie können ſich ſelbſt davon überzeugen. Und jede Sie betreffende Angelegenheit—“ „Sie ſind ſehr gütig; doch die Sache betrifft nicht mich, ſondern meinen Neffen.“ Und jetzt nahm ſie all ihren Muth zuſammen, und während Askott ſich emſig mit dem Deſſert beſchäftigte — mindeſtens war er ſo gnädig, dabei weniger ſorglos und wohlgemuth auszuſehen— theilte ſie die volle, bittere Wahrheit mit. Herr Askott lauſchte, anſcheinend ohne Erſtaunen, gewiß aber ohne eine Bemerkung zu machen. Seine ſelbſtgefällige Beredtſamkeit war verſtummt, und ſein herablaſſendes Lächeln ſchwand mehr und mehr, um einer ſtrengen, abweiſenden Geſchäftsmiene Platz zu machen. Er zog ſeine buſchigen Augenbrauen finſter zuſammen, ſchloß den herunterhängenden Mund, der trotz ſeiner Gemeinheit jene Feſtigkeit ausdrückte, welche ihm zu ſeinen pecuniären Erfolgen verholfen hatte, knöpfte ſeinen Rock zu und legte die Arme auf den Rücken. Als er ſo an ſeinem eigenen Heerde lehnte, umgeben von dem Comfort, den er ſich ſelbſt geſchaffen, ein Mann, der ſich allein ſeinen Wohlſtand verdankte, der ſich ſein Vermögen redlich und ehrlich durch ſchwere, mühſelige Arbeit verdient, und von jener Zeit an, da er ein armer Laufburſche geweſen, Niemand hatte, der ihm fortgeholfen, als ſeine eigene Kraft und Tüchtigkeit, und dennoch emporgekommen war, und nun noch Andere unterſtützte— da verglich ihn Hilary mit dem ihm gegenüberſitzenden ſchönen, jungen Manne, der trotz aller äußeren Vorzüge ih'n ſo weit nachſtand, ſo tief in ſeiner Schuld war; und ihr ſtrenges Gerechtigkeitsgefühl gab zu, daß Peter Askott befugt war, mißfüllig und verächt⸗ lich auf ihren Neffen zu blicken. „Eine allerliebſte Geſchichte“, ſagte er endlich,„doch ich wußte, daß es ſo kommen würde.“ WHiermit ſchwieg er, denn als Geſchäftsmann liebte er nicht viele Worte, und wenn er wirklich etwas fühlte, ſo verbarg er das in ſeiner Bruſt. „Ich weiß, wo es hinaus geht, mein feiner, junger Herr“— fuhr er nach einem peinlichen Schweigen fort, während deſſen Hilary's Herz hörbar ſchlug, und Askott in großer Erregung mit ſeinem Weinglaſe ſpielte— „Sie brauchen Geld, und rechnen darauf, ich werde es geben, weil es mir unangenehm ſein muß, wenn über die Familie meiner künftigen Frau häßliche, ehren⸗ rührige Geſchichten curſiren. So viel iſt klar, das kann mir nicht lieb ſein, aber ich bin ein zu ſchlauer Vogel, als daß ich mich damit locken ließe, wer mich fangen will, muß klüger und gewitzter ſein.“ Tief verletzt und beſchämt ſprang Hilary auf. „Herr Askott, das iſt unedel“, rief ſie mit bebender Stimme.„Wir wollen Sie nicht überliſten, nicht be⸗ trügen. Sie haben die volle Wahrheit erfahren. Nicht eher mochte ich Ihren Beiſtand erbitten, bis Sie Alles wüßten. Wenn es irgend ein anderes Hülfsmittel in der ganzen weiten Welt für Askott gäbe, ſo würden wir Sie nicht beläſtigt haben. Es iſt eine furchtbare De⸗ müthigung.“ Möglich, daß in Peter Askott's Herzen doch eine weiche Stelle war, oder daß gerade dieſe Zeit vor ſeiner Heirath ihn zugänglicher gemacht, ſo daß bei der rechten Berührung der ſonſt ſo harte Mann milder ward, denn er blickte faſt gütig auf das arme zitternde Mädchen und ſagte in einem ſo ſanften Tone, wie man ſelten von ihm gehört: „Aergern und betrüben Sie ſich nicht, mein liebes Fräulein! Ich werde dem jungen Burſchen da geben, was er braucht; Niemand hat Peter Askott bis jetzt geizig genannt. Aber Ihr Neffe hat mich ſchon genug Geld gekoſtet, jetzt muß er für ſich ſelbſt ſorgen. Reichen Sie mir jenes Buch herüber, Askott! Doch beherzigen Sie es wohl, es iſt das Letzte, was Sie von mir er⸗ halten!“ Er vermerkte die Nummer und das Zeichen der auszuſtellenden Anweiſung in dem Buche und auf der inneren Seite des Blattes, riß dieſes dann heraus und ſchrieb mit Buchſtaben:„Zwanzig Pfund“ Datum und Unterſchrift, ſeine Augen mit einem gewiſſen Stolz auf dem ehrlichen Namen„Peter Askott“ weilen laſſend, der, wie er wußte, an der Börſe und überall einen guten Klang und großen Werth hatte. „So, Fräulein Hilary. Ich ſchmeichle mir, das iſt keine ſchlechte Unterſchrift, noch eine, welche leicht zu fälſchen wäre. Man kann wirklich nicht vorſichtig genug mit Wech— Wos bringſt Du, John, einen Brief?“ Die Schnelligkeit, mit der er dem Bedienten den Brief faſt aus der Hand riß, zeigte, daß dieſer von Wichtigkeit ſei. Mit einer Art plumper Entſchuldigung zog er das Schreibgeräth zu ſich heran, ſchrieb zwei Geſchäftsbriefe und füllte mehrere Wechſel aus. „Hier iſt der Ihrige, Askott, nehmen Sie und damit ſei es abgethan!“ rief er, das zuſammengefaltete Papier über den Tiſch werfend.„Für ſolche kleinen, unbedeu⸗ tenden Dinge habe ich keine Zeit übrig. Entſchuldigen Sie, Fräulein, doch es hängen fünftauſend Pfund davon Be ab, daß ich dieſe Briefe in Zeit einer Viertelſtunde ſchreibe und fortſende.“ Hilary entgegnete einige höflichen Worte, und ſaß dann mit geſenktem Haupt ſchweigend da. Doch wäh⸗ rend ſie auf das Kritzeln der über das Papier eilenden Feder und das einförmige Ticken der Stutzuhr lauſchte, dachte ſie ſtets von Neuem den einen quälenden Gedanken durch, was in aller Welt aus ihrem Neffen werden ſolle, wenn dies wirklich die letzte Unterſtützung ſeines Pathen war. Askott ſeinerſeits ſprach nicht ein Wort; ſelbſt dann noch nicht, als der reiche Kaufmann, nach⸗ dem er die Briefe befördert hatte, ſich erhob und ſeinen Beſuch mit einer kurzen, ſcharfen Ermahnung verab⸗ ſchiedete. Ob das tiefe Schweigen, Aerger, Feigheit oder Scham in ſich barg, vermochte Hilary nicht zu errathen. Mit einem Gefühle nagender Demüthigung, welches faſt unerträglich ſchien, verließ ſie das Haus. Dennoch war ja das Schlimmſte überſtanden, das Geld erlangt und das Gefängniß drohte nicht mehr. Und ſo ſeltſam es klingen mag, für Hilary's ſtolzen, unabhängigen Sinn war es eine Erleichterung, daß Askott fortan ſeinem Pathen nichts mehr verdanken ſollte. Vielleicht würde das Aufhören jeder Unterſtützung den jungen Mann zum Gebrauch der eigenen Kräfte zwingen, und ſein ſchwaches, leichtſinniges Temperament zu energiſcher Thätigkeit umwandeln, vielleicht würden nun die guten Eigenſchaften, welche, wie die Tanten immer noch hofften, in ihm ſchlummerten, zum vollen Leben er⸗ wachen. „Sei nicht kleinmüthig, Askott; wir werden ſchon ſehen, wie wir durchkommen, bis Du endlich Praxis findeſt. Dann aber wirſt Du arbeiten wie ein rechter, tüchtiger Mann, nicht wahr?“ Er antwortete nicht. „Nein, nein, Du darfſt nicht ſo verzagt ſein, mein lieber Junge“, fuhr Hilary gütig fort.„Wer wird in Deinem Alter, geſund und kräftig wie Du biſt, ver⸗ zweifeln! Du haſt eine gute Erziehung genoſſen, Dir hübſche Kenntniſſe erworben, und keine Hinderniſſe ſollen Dir Deinen Weg beengen— nicht einmal Deine Tanten. Denn wir wollen Dir gewiß keine Bürde ſein, auch nicht mehr wünſchen, daß Du in unſerer Nähe bleibſt. Kannſt Du hier keine paſſende Wirkſamkeit für Dich finden, ſo magſt Du getroſt als Schiffsarzt oder Militär⸗Chirurgius außer Landes gehen, wie Du oft gewünſcht haſt. Du meinteſt ſtets, ſolche Stelle ſei leicht zu erlangen. Warum nicht jetzt den Verſuch machen? Wir werden in Alles willigen, Askott; unſer einziger Wunſch iſt, Dich ein thätiges, glückliches Leben führen zu ſehen.“ In dieſer Weiſe ſprach Hilary und fühle jett viel innigere Theilnahme für den Neffen, der niedergebeugt ihr zur Seite ſchritt, als da er vor ein Paar Stunden denſelben Weg durch ſein lebhaftes Geſpräch ihr zu ver⸗ kürzen ſuchte. Aber alle Bemühungen, ihn aufzurichten, ſchlugen fehl. Ein ſeltener Anfall von Entmuthigung oder Mürriſchſein war über ihn gekommen, eine Stimmung“ wie ſie an ihm kaum je bemerkt worden, die ſich aber bei ihrer Zurückkunft, und als Johanna's fragende 28 Augen ihn trafen, in wilden, bitteren Worten Luft machte. „Ja, ja, Tante, es iſt geſchehen, wir haben das Geld erpreßt, nun aber mag ich getroſt in mein Ver⸗ derben rennen, im Elende umkommen,— wer wird ſich fortan um mich kümmern?“ „So ſchlimm ſteht es nicht“, begann Hilary;„Askott ſoll von jetzt an nur für ſich ſelbſt ſorgen und ſich nicht ſtets auf ſeinen Pathen verlaſſen. Faſſe doch Muth“, und ſie küßte zärtlich ſeine reine, edle Stirn—„o, wir werden unſeren eigenen, einzigen Neffen nie dem Elende preisgeben. Und dieſe kleine Enttäuſchung, welche Du heute erfahren haſt, mit der iſt's wie mit den meiſten geſcheiterten Hoffnungen. Anfangs rauben ſie uns gleich einem kalten Bade den Athem, iſt aber der erſte Schreck überwunden, ſo fühlt man ſich ſtärker und friſcher als vorher.“ 8 Askott ſchüttelte jedoch ſein Haupt mit zorniger Abwehr. „Warum aber muß dieſer alte Philiſter reich wie Kröſus und ich arm wie eine Kirchenmaus ſein? Kam ich etwa in die Welt, in der es ſo hübſch ſein kann, um nur ihre Entbehrungen kennen zu lernen? Weshalb bin ich mit dieſen Naturanlagen geboren, vielleicht um nun dafür geſtraft zu werden? Weſſen Fehler iſt das?“ Ja weſſen? Dieſes ewige unlösbare Problem er⸗ ſtieg vor Hilary's Phantaſie. Das bleiche Geſpenſt des nie endenden Zweifels, der ſelbſt den Stärkſten un Gläubigſten zuweilen ſchreckt, und der trotz all des Vielen und Unſinnigen, was über das Myſterium des „Gebunden iſt Natur durch Fatums Spruch, Jedoch des Menſchen Will' iſt frei.“ geſchrieben ward, die Sache nur noch dunkler macht— dieſer Zweifel, dieſe Frage bedrückte Hilary für den Augenblick mit beengenden Banden. Wie kam es, daß Askott ſo geworden war, wie er leider war? Wurde es durch ſeine Natur begründet, trugen angeerbte Anlagen und Neigungen oder die Ver⸗ hältniſſe, in welche er gekommen, die Schuld davon? Und nun die noch viel bedeutungsvollere Frage, wer war dabei zu tadeln? Aber als Hilary's Gedanken tiefer drangen, beant⸗ wortete die Frage ſich ſelbſt, wenigſtens ſo gut wie ſie in dieſem engen, begrenzten Zuſtand unſeres menſchlichen Daſeins beantwortet werden kann. Weſſen Wille— wir wagen nicht zu ſagen, weſſen Strafe iſt es, daß Böſes unwiderruflich Böſes erzeugen muß; daß die kleinſten Abirrungen des Menſchen eine Kette von Folgen herbeiführen, durch welche das Glück anderer Perſonen auf das Traurigſte gefährdet wird, und ſie in ein Laby⸗ rinth des Elendes verſtrickt werden? Der Lohn der Sünde iſt Verderben. Wäre es nicht ſo, dann würde die Sünde aufhören, Sünde, und die Tugend, Tugend zu ſein. Wenn er der Allweiſe und Heilige, der aus uns verborgenen Gründen es für recht hielt, die Exi⸗ ſtenz des Böſen zu dulden, jetzt aber ein anderes Geſetz als das vorhin erwähnte, ſowohl in der geiſtigen als materiellen Welt geſtattete, würde er ſich da nicht ſelbſt 30 verleugnen, und die nothwendig entſpringenden Folgen und Wirkungen ſeines eigenen unſträflichen Daſeins zu nichte machen? eines Daſeins und Weſens, dem alles Böſe ſo durchaus entgegen iſt, daß wir nicht bezweifeln können, er werde es einſt ganz vertilgen, indem er es in jenen allegoriſchen Pfuhl von Feuer und Schwefel ſchleudert, welcher der„zweite Tod“ iſt. Verleugnen aber die nicht faſt ebenſo ſehr Gottes Heiligkeit und Güte, ja, wie die Atheiſten ſeine Exiſtenz, welche pre⸗ digen, daß die eine große Erlöſung, die er in die Welt geſandt hat, eine Erlöſung von der Strafe iſt— wo⸗ durch wir nicht mehr in die Hölle, ſondern in den Himmel kommen— ſtatt zu lehren, daß es eine Erlöſung von der Sünde iſt, von der Macht und der Freude an der Sünde, durch die Liebe Gottes in Chriſto. Ich wiederhole dieſe Gedanken und Betrachtungen, die Hilary's Sinn wie Blitze durchzuckten und ſie dann befähigten, ihrem Neffen ruhig und ohne Umſchweife— denn er war nicht in der Stimmung lange Erörterungen anzuhören— zu antworten. „Ich vermag Dir nicht zu erklären, Askott, warum manche von uns Menſchen ſo ſind, wie ſie ſind, und warum uns viele Dinge gerade auf dieſe oder jene Art treffen; das ſind Fragen, die Niemand von uns zu löſen verſteht, wenigſtens nicht in dieſer Welt. Wenn wir aber wiſſen, was zu thun unſere Pflicht iſt, und wie wir aus Allem, ſei es Freude oder Schmerz, Gutes herausfinden können, ſo iſt dies vollkommen genug, um uns unſeren Weg klar zu zeigen, ohne daß wir uns mit unnützem Grübeln den Sinn zu verwirren brauchen.“ 8 Askott lächelte hochmüthig und ſorglos zugleich; nein, er war nicht der Mann, ſich über ſolche Dinge mit vielem Denken abzuquälen. „Wenigſtens habe ich die zwanzig Guineen in der Taſche, ſo werde ich doch zwei bis drei Tage vor Hunger geſchützt ſein. Jetzt wollen wir ſehen, wo das Geld zu erheben iſt. Holla! Wer würde geglaubt haben, daß der alte ſchlaue Fuchs ſo dumm ſein könnte? Blick her, Tante Hilary!“ Sie war ſo wenig vertraut mit Wechſeln, daß ſie zuerſt nicht merkte, wie in der Ecke linker Hand ſich die Summe nicht verzeichnet fand. Außerdem war Alles in Richtigkeit. „Ho! ho!“ lachte Askott höchlichſt ergötzt, denn ſo ſchnell änderte ſich ſeine Stimmung.„Die zu gewin⸗ nenden fünftauſend Pfund müſſen dem alten, gewitzten Herrn den Sinn verwirrt haben. Mich ſoll wundern, ob er es merken und hereilen wird, zu ſehen, ob ich auch keinen Vortheil aus ſeiner Achtloſigkeit zog. Wie leicht könnte ich die Zwanzig in Siebenzig verwandeln und ſtatt der fehlenden Nummer 20— 70 hinſchreiben. Welch ein capitaler Spaß!“ „Wär's nicht beſſer, Du gingeſt gleich zu ihm, die Sache ordnen zu laſſen?“ „Unſinn! Das kann ich ſelbſt thun. Es iſt ganz gleichgültig, wer einen Wechſel ausfüllt, wenn nur die Unterſchrift richtig iſt. Von Geſchäften verſteht Ihr Frauen ungeheuer viel!“ Trotzdem beſtand Hilary darauf, daß er zu Herrn Askott gehe, denn ſie theilte mit vielen ihren Schweſtern 32 eine gewiſſe Aengſtlichkeit bei Geldangelegenheiten, und wünſchte beſonders dieſe Sache geordnet zu ſehen. „Nun gut; ganz nach Deinen Befehlen, Tante; ich glaube wirklich, Du ängſtigſt Dich, ich könne ein Fälſcher werden.“ Er ſprang empor, knöpfte ſeinen Rock mit mürriſcher und gekränkter Miene zu, und, ohne ſein Abendbrot anzu⸗ rühren, eilte er von dannen. Erſt nach Mitternacht kehrte er zurück. Die Tanten erwarteten ihn voll banger Sorge, ja in einem Zuſtande der Angſt, welchen nicht Worte ſchildern; aber als Hilary ihm ſchnell die Thür öffnete mit der gewiß nur natür⸗ lichen Frage: „O, Askott, wo biſt Du ſo lange geweſen?“ da ſtieß er ſie mit einer Geberde des Zornes zurück. „Wo ich geweſen bin? Ich habe einen Gang durch den Park gemacht, weiter nichts. Kann ich nicht kom⸗ men und gehen wann und wohin ich will, ohne ſtets von Euch Frauen bewacht und ausſpionirt zu werden? Ich bin furchtbar erſchöpft. Laßt mich in Ruhe!“ Sie erfüllten dieſes unfreundliche Begehr. Tief ge⸗ kränkt nahm Johanna weiter gar keine Notiz von ihm, als daß ſie ſeinen Stuhl näher zum Feuer rückte, in⸗ deſſen Hilary die Treppe hinabſchlüpfte, noch mehr Kohlen zu holen. Unten fand ſie Eliſabeth, die ſie längſt ſchla⸗ fend glaubte, auf der Treppe ſitzen, trotz aller Müdigkeit doch noch wachſam. „Iſt er zurückgekommen?“ fragte ſie,„es lauern ihm wieder Gerichtsdiener auf. Ich weiß es, denn ich ſah ſie.“ Dies war alſo der Grund, weshalb er bis nach zwölf Uhr fortgeblieben, darauf konnte man auch ſein wildes, verſtörtes Ausſehen ſchieben. Hilary war nun überzeugt, daß ihre unklaren Befürchtungen neuer Küm⸗ merniſſe nutzlos geweſen; ſie verſicherte Eliſabeth, es ſtehe Alles gut, ihr Neffe beſitze jetzt die Mittel, ſeine Gläubiger am Montag Morgen zu bezahlen, und bis dahin ſei keine Gefahr vorhanden, da Sonntags jeder Schuldner ſicher vor dem Arreſt ſei. „Geh jetzt zu Bett, mein armes, gutes Mädchen! Glaube mir, es thut mir herzlich leid, daß unſere Sorgen auch auf Dich zurückfallen.“ Eliſabeth ſchaute Hilary mit ihren grauen, treuinnigen Augen an. Wenngleich ſie nur ein Dienſtmädchen war, ſo machten dieſe Blicke doch einen unverlöſchlichen Eindruck auf ihre Herrin, all den Troſt verleihend, welchen wahre Theilnahme und Liebe ſtets giebt. Ja, die Liebe hat ihre wunderſamen Rechte und Be⸗ lohnungen. Eliſabeth, die vielleicht glaubte, ſie ſei ihrer Herrin ſehr wenig, würde ſich gewiß gewundert haben, wenn ſie gewußt, wie viel näher ſie ihr ſtand— ſie, das arme, ehrliche, liebreiche Mädchen, auf deren Wort und Treue man bauen konnte— als Askott, Hilary's eigener, naher Verwandter, den dieſe zwar noch tief bemitleidete und redlich für ihn ſorgte, dem ſie aber nicht mehr ver⸗ trauen konnte, auf den ſie in keiner noch ſo geringfügi⸗ gen Angelegenheit ſich je mehr verlaſſen würde. In der düſteren, feindſeligen Stimmung, in welcher er ſich befand, wagten ſie nicht einmal die Frage zu thun, ob er Herrn Peter Askott geſprochen und was Herrin und Dienerin. II. 3 34 dieſer zu ſeinem Verſehen geſagt habe. Der Sache würde gar keine Erwähnung gethan ſein, wenn nicht Hilary, die ſeinen Rock am Feuer trocknen wollte, ſein Notizbuch aus der Bruſttaſche genommen hätte. Haſtig riß Askott es ihr aus der Hand und rief heftig: „Was durchſuchſt Du denn meine Taſchen? Villſt Du Dich vielleicht überzeugen, ob Alles mit dem Wechſel in Ordnung ſei? Aber das iſt nicht mehr möglich, denn ich habe ihn ſchon verkauft. Vielleicht wünſcheſt Du zu wiſſen, an wen? Doch das ſollſt Du nicht er⸗ fahren. Ich will Dir nicht von all meinem Thun und Treiben Rechenſchaft geben; ich mag nicht ſtets als unmündiger Knabe behandelt werden. Du ſollteſt Dich mehr. vorſehen und überlegen, was Du thuſt, Tante Hilary!“ Niemals früher, ſelbſt nicht im höchſten Stadium kindiſcher Unart und knabenhafter Naſeweisheit, hatte ſich Askott einen ſolchen Ton erlaubt. Zuerſt blickte ſie voll ſtarrem Staunen auf ihn, das in flammende Entrüſtung überging, die ſie antrieb, ihre Würde zu behaupten und keine Beleidigungen von ihrem Neffen zu dulden. Dann aber gedachte ſie ihres eigenen Lehrſatzes, den ſie der Erfahrung verdankte, daß nämlich nur Charakter und Benehmen die wahre Würde und Herrſchaft verleihen. Buchſtäblich genommen hatte ſie keine Gewalt über ihn, über einen jungen Mann ſeines Alters würden ſelbſt Eltern dieſe nicht mehr beſitzen, es ſei denn, daß ihnen jener perſönliche Einfluß zur Seite ſtände, welcher die größte Macht ausübt. Mit einer Ruhe, die ſie ſelbſt verwunderte, ſagte Hilary nur: „Du befindeſt Dich im Irrthum, Askott, ich habe nicht den leiſeſten Wunſch, mich in Deine Angelegenheiten zu miſchen, Du biſt ganz Dein eigener Herr und magſt Dir Deine Zukunft beſtimmen. Jedenfalls aber erwarte ich, daß Du in Deinem Betragen zu mir die Höflichkeit und Achtung beobachteſt, welche jede Dame von einem gebildeten Mann verlangen kann. Du biſt wahrſcheinlich ſehr erſchöpft oder gar krank, ſonſt würdeſt Du Dich wohl nicht ſo vergeſſen haben.“ „Ich that es nicht— oder wenn es geſchehen iſt, ſo bitte ich um Entſchuldigung“, erwiderte er halb be⸗ ſänftigt und beſchämt.„Wann geht Ihr zu Bett?“ „Sogleich; ſoll ich auch Dein Licht anzünden?“ „Nein, nein, um keinen Preis! Ich würde wahn⸗ ſinnig, wenn ich zu Bett gehen ſollte. Ich erſticke hier faſt— ich möchte ins Freie, dort eine Cigarre zu rauchen.“ Sein ganzes Weſen war ſo ſeltſam, daß Tante Jo⸗ hanna, welche ſich ganz ſtill verhalten hatte, und obwohl ſie tief gekränkt war, keinen Einſpruch wagte, jetzt er⸗ ſchreckt aufſtand und zu ihm herantrat. „Askott, mein armer Junge, Du ſiehſt ſehr elend aus. Folge dem Rathe Deiner alten Tante, geh gleich zu Bett und laß Alles bis morgen ruhen; vergiß, was Dich heute drückt!“ „Ich wünſchte, ich könnte es— och, wie ich es wünſchte! Tante, o, Tante!“ Er ergriff ihre Hand, die ſie auf ſein Haupt gelegt, 36 blickte einen Moment in ihr treues, theilnehmendes Ant⸗ litz und brach dann in einen Thränenſtrom aus. Die überſtandene Angſt und Sorge waren jedenfalls zu viel für ſeine Kraft geweſen, er befand ſich in großer Aufregung, und während einiger Minuten ſchluchzte er krampfhaft; dann ermannte er ſich mit Anſtrengung und ſchien ſehr verwirrt und ärgerlich, daß er ſo ſeiner Stimmung nachgegeben hatte. Er nahm ſein Licht und ihnen haſtig:„Gute Nacht“ wünſchend, ging er zu Bett. Das heißt, er begab ſich nach ſeinem Zimmer, aber ſie hörten ihn noch lang dort auf und nieder gehen; auch waren ſie nicht überraſcht, daß er am nächſten Morgen nicht aufſtehen wollte, ſondern bis zum Nach⸗ mittag hinter verſchloſſener Thür lag; dann kleidete er ſich an und machte einen langen Spaziergang. Als er zurückkehrte, aß er in tiefſtem Schweigen ſein Mittagbrot, und ſpäter über Kälte klagend, rückte er ganz nahe zum Kamin; dort ſaß er den ganzen Abend, ein Buch in der Hand haltend, in dem er aber, wie Hilary bemerkte, keine Zeile las. Die Tanten verhielten ſich ihm gegenüber ſchweigſam, ſie hatten beſchloſſen, nichts mehr zu ſagen, denn ſie fühlten wohl, daß jede fernere Einmiſchung nicht nur nutzlos, ſondern gefährlich ſein würde. „Er wird nach und nach wieder vernünftig werden, ſeine guten oder böſen Stimmungen halten nie lange vor, wie Du weißt“, ſagte Hilary nicht ohne Bitterkeit.„Und bis dahin wollen wir ſeinen Wunſch erfüllen, und ihn in Ruhe laſſen.“ 37 Und in dieſer traurigen, unerquicklichen Weiſe ver⸗ brachten ſie die letzten Stunden dieſes Sonntages, ebenſo ſehr fürchtend, ihn zu tröſten, als mit ihm zu überlegen, mehr noch ſich hütend, ihn zu tadeln, damit er ſich nicht ganz von ihnen wende und verloren gehe. Daß er ſich ſehr elend fühlte, war nicht zu verkennen, aber es erſtaunte ſie nicht. Es wurde ihnen unendlich ſchwer, ſich von ihm fern zu halten, und ihm nicht ihre lie⸗ benden Herzen zu öffnen, wie die Glieder einer Familie ſtets thun ſollten, indem ſie jedes Leid zu einer gemein⸗ ſamen Sorge und jede Freude zu einem Alle erquickenden Segen machten. Doch in ſeiner gegenwärtigen Stimmung — der plötzlichen Aufſäſſigkeit einer ſchwachen Natur, welche ihre eigene Schwäche wohl fühlt und jede Leitung und Obergewalt fürchtet— ſchien es unmöglich, ſein düſteres, beharrliches Schweigen zu brechen oder ſein Vertrauen zu erzwingen. Vielleicht handelten ſie recht, möglicher Weiſe auch nicht. Später glaubte Hilary das Letztere. O, wie oft wünſchte ſie mit bitterer Reue, daß ſie anſtatt des ruhigen:„Gute Nacht, Askott!“ und des einen ziemlich kühlen Kuſſes, ihre Arme um ſeinen Hals geſchlungen haben möchte, ihn bittend, ja anflehend, ihr Alles zu ver⸗ trauen, was ihn bedrückte, ihr, ſeiner nächſten Verwand⸗ ten, die ſein ganzes Leben hindurch ihm nicht nur eine treue, gute Tante, mehr noch eine liebende Schweſter geweſen war. Aber es geſchah nicht; ſie ging von ihm wie dies alle Sonntag Abend der Fall war, mit dem ſchmerzlichen Gefühl, wie wenig er ihnen war und wie viel er ihnen hätte ſein können. Wenn ihre Zurückhaltung, ihr Schweigen gegen ihn ein Mißgriff waren— einer jener Mißgriffe, welche gerade feinfühlende Menſchen begehen können— ſo wurde. er wie alle ſolchen Irrthümer nur zu ſchmerzlich nach⸗ empfunden und bereut. BPrittes Fapitel. Die Woche verſtrich, ohne daß Hilary irgend eine beunruhigende Nachricht vom Hauſe erhielt. Immer⸗ währendes Beſchäftigtſein verhinderte ſie, ihren trüben Gedanken zu ſehr nachzuhängen, auch würde ſie es nicht für recht gehalten haben, ihre Zeit und Kräfte, welche doch Fräulein Balquidder gehörten, an ein ſtetes„Grä⸗ men“ zu verlieren. Und indem ſie dieſe Pflichttreue noch ſtrenger übte und einen noch höheren Herrn über ſich anerkannte, da wagte ſie es noch weniger, ſich immer mit ihrer dunklen und ſorgenvollen Zukunft zu beſchäf⸗ tigen. Und doch war dieſe ſehr trübe und unheilſchwer. Sie fragte ſich, was mit Askott geſchehen ſoll, ob man noch ferner der ſich nie erfüllenden Hoffnung, er werde endlich etwas für ſich ſelbſt thun, Raum geben dürfe; ſie überlegte, ob das kleine Hausweſen in Nr. 15 noch länger würde beſtehen können, oder ob nach Selina's Heirath nicht irgend welche Beſchränkungen zu machen wären, und ſie es vielleicht ſo einrichten könnten, daß ſie wieder mit Johanna zuſammenzöge. 40 Dieſe Gedanken erfaßten ſie ſelbſt inmitten ihrer Beſchäftigung, meiſtens aber gelang es ihrer Willenskraft, ſie zu bannen, wenigſtens ſo lange, bis die Arbeit be⸗ ſeitigt war, und ſie nicht mehr dadurch von jener abge⸗ zogen wurde. An Sorge und Kummer war Hilary nach gerade ſo gewöhnt worden, daß ſie die beſte Lehre daraus gelernt hatte, und wohl im Stande war, bis zu einem gewiſſen Grade ihren Geiſt zu beherrſchen, wie dieſer ja auch wieder Gewalt über den Körper beſitzt. So kam ſie ruhig und ſorgſam wie immer ihren geſchäftlichen Obliegenheiten nach, die hauptſächlich im Führen der Bücher beſtanden, nebenbei überwachte ſie die beiden jungen Mädchen, welche ihrer Aufſicht anver⸗ traut waren und ſah in dem kleinen Haushalte nach dem Rechten; und kein Fehler kam in den Rechnungen, keine Nachläſſigkeit in der Wirthſchaft vor. Da alle ihre Pflichten ſie auf ein ihr neues Gebiet geführt hatten, ſo mußte ſie ganz und voll bei der Erfüllung derſelben ſein. Das that ſie und es ward ihr zum Segen; denn in der Arbeit liegt ſtets Heil und Segen. Aber am ſpäten Abend, wenn der Laden geſchloſſen war und ſie allein bei ihrem Nähzeug ſaß, dann über⸗ flutheten ſie die am Tage zurückgedrängten Gedanken. Plan auf Plan durchkreuzte ſich, all die Hoffnungen, welche einſt erblüht und nun verweht waren, erſtanden wieder; und nichts hatte ſich von dem erfüllt, was ſie erwartet. Das Einzige, was wirklich geſchehen und als etwas Reelles vor ihr lag, waren zwei Dinge, die ſie niemals vorausgeſehen, nie darauf gerechnet hatte: 41 Selina's Heirath und ihre eigene Stellung zu Fräulein Balquidder. So geht es vielen Menſchen, ſelten daß ihre Berech⸗ nungen und Hoffnungen ſich verwirklichen, meiſt trifft ſie nur Enttäuſchung, bis ſie lernen, ruhig von einem Tage zum onderen zu leben, an jedem ihre Pflicht er⸗ füllend und vertrauensvoll alles Andere der gerechten und gütigen Hand überlaſſend, welche glücklicher Weiſe das Schickſalsbuch unſeren Augen verſchloſſen hält. So ſaß Hilary eines Abends emſig nähend, froh, eine ſtille, ruhige Stätte zu haben, nicht um dort nutz⸗ loſem Grämen nachzuhangen, ſondern einen Plan weiter zu ſpinnen, der ſie ſchon die ganze Woche beſchäftigte, und den ſie Johanna mittheilen wollte, wenn ſie am nächſten Tage nach Hauſe käme. Es würde ihr nicht ganz leicht werden, dies zu thun, ja, der Plan ſelbſt er⸗ füllte ſie in Hinſicht auf ſeine Ausführung mit einiger Sorge, endlich aber warf ſie dieſe in den Wind, wie es einem muthigen, braven und gläubigen Herzen geziemt. Ihr Plan war, daß ſie an den einzigen Freund der Familie ſchreiben ſollten— den einzigen Mann, den Hilary für durchaus gut hielt, dem ſie ſchrankenlos ver⸗ traute— um ihm klar und offen ihre Sorgen wegen Askott mitzutheilen, und ſeinen Rath, wenn möglich ſeine Hülfe zu erbitten. Vielleicht wußte er ihnen etwas vor⸗ zuſchlagen— vielleicht böte ſich dort in Indien eine paſſende Wirkſamkeit für einen jungen Arzt, oder es fände ſich eine Stelle bei einer der weiten Expeditionen, wo⸗ durch Askott's leicht erregte Phantaſie angezogen würde, denn die Hauptſache war, daß er Beſchäftigung erhielt, 42 und ſo bald wie möglich von ſeinem jetzigen Leben mit all den Verſuchungen und Gefahren entfernt wurde. Vielleicht würde der junge Mann dadurch wieder unter jenen Einfluß gebracht, der ſich früher als ſo ſegensvoll bewieſen hatte, den Hilary für den beſten und wirkſamſten Einfluß hielt, den es in der ganzen Welt gab. War es unnatürlich, wenn zu dem ernſten, auf⸗ richtigen Wunſche für Askott's Heil ſich der wonnige Ge⸗ danken geſellte, daß dieſes Heil ihm durch Robert Lyon kommen ſolle. Als nun ihr Plan ganz fertig vor ihr lag, ſelbſt bis zu den Worten hin, in denen ſie ihn Johanna ent⸗ hüllen wollte, bis zu der Art, in welcher die älteſte Schweſter ſchreiben ſollte, da erlaubte ſich Hilary einige Minuten ſüßen Träumens und Denkens an den fernen Geliebten. Sie rief ſich ſeine Augen, ſeine Stimme, ſein Lächeln zurück— ſie zählte vielleicht zum hundertſten Male, wie viele Monate er noch dort bleiben würde, denn da es jetzt nur noch dreiundzwanzig Monate bis zum feſtgeſetzten Termin ſeiner Rückkehr waren, ſo konnte ſie ja die Trennung nicht mehr nach Jahren berechnen. Sie ſann darüber nach, wann und wo ſie zuerſt zu⸗ ſammentreffen und wie er das eine Wort ſprechen würde, das einzige, welches nöthig war,„Gutſein“ in„Liebe“ und„Freundin“ in„Gattin“ zu verwandeln. Sie ge⸗ hörten ja ſchon jetzt ſo eng zu einander, und die Jahre der Trennung hatten ſie keineswegs entfremdet, daß es ſchien, als könne ſolcher Wechſel gar keinen großen Unterſchied hervorbringen. Und dennoch— dennoch— ſie hielt inne mit dem emſigen Nähen— wenn plötzlich wie durch Zauber Robert Lyon ihr gegenübergeſtanden hätte, ſeine Arme öffnend, glücklich, ſie mit all ihren Sorgen an ſeinem treuen Herzen zu bergen, wie ſie ſo feſt, ſo feſt ſich an ihn ſchmiegen würde, weinend vor Glück und Seligkeit, nicht erſchreckt, nicht beſchämt ihn ſehen zu laſſen, wie herzinnig ſie ihn liebte. Nur ein Traum— ach, leider nur ein Traum! Der ſcharfe Ton der Thürglocke ſchreckte ſie daraus empor, und ſie zuckte ſo heftig zuſammen, zitternd und erröthend, als wenn es Robert ſelbſt geweſen wäre, da ſie doch wußte, daß es nur die beiden jungen Mädchen ſein konnten, welche aus der Nachbarſchaft von einer kleinen Theegeſellſchaft heimkamen. Sie ergriff ihre Arbeit von Neuem, ſchickte all die ſie beſchäftigenden Gedanken dahin zurück, wo ſie meiſt gefeſſelt lagen, und erwartete den Eintritt und das harmlos fröhliche Ge⸗ plauder der beiden jungen Waiſen, die ſchon anfingen, ſie zu lieben und als Freundin zu betrachten, und denen gegenüber ſie ſich wie eine ſchon ältliche, verantwortliche Perſon vorkam. Arme kleine Hilary! Es ſchien ihr Loos zu ſein, immer irgend Jemand unter Schutz und Obhut nehmen zu müſſen. Wird es jemals dahin kom⸗ men, daß ſie die Beſchützte iſt, daß man für ſie liebend ſorgt? Sie räumte etwas von ihrem Nähzeug fort, ſchürte das verglimmende Feuer zu hellerem Brennen an, und blickte freundlich nach der Thür. Doch nicht die leichten Tritte der Mädchen, ſondern eines Mannes Schritt und Stimme ließen ſich hören. 44 „Wohnt hier eine Perſon Namens Leaf? Ich wünſchte ſie in Geſchäftsangelegenheiten zu ſprechen!“ Zu einer anderen Zeit würde Hilary ſowohl über die Art und Weiſe, als über die Worte, in welchen die Erkundigung geſchah, gelacht haben; gerade als wenn es unmöglich ſei, daß ein ſo großer Herr wie Peter Askott ein ſo geringes Weſen wie„eine Perſon Namens Leaf“ anders als in Geſchäften zu ſprechen wünſchen könne. Jetzt aber ward ſie durch ſein Kommen erſchreckt; ſie ſprang auf, unfähig mehr zu fragen als:„Meine Schweſter“— „Aengſtigen Sie ſich nicht; Ihre Schweſtern ſind ganz wohl; ich war vor einer Stunde in Ihrem Hauſe.“ „Sie ſahen ſie?“ „Nein; unter den obwaltenden Umſtänden hielt ich es nicht für rathſam.“ „Welchen Umſtänden— was meinen Sie?“ „Ich werde mich näher erklären, doch erlauben Sie, daß ich mich ſetze. Pah— da iſt aus jener alten Droſchke ein Strohhalm an meinem Rock hängen ge⸗ blieben, weshalb iſt man ſo dumm, anders als in ſeiner eigenen Equipage zu fahren. Dies iſt ein recht enges Zimmer, Fräulein Hilary.“ Er betrachtete es von allen Seiten, und dann richtete er ſeine ſcharfen Augen forſchend auf Hilary ſelbſt, als wünſchte er etwas in ihrem Weſen zu entdecken, ehe er in nähere Erörterungen einging. Sie aber ſtand vor ihm, ein wenig unruhig, doch nicht verwirrt. Das Schlimmſte, was ſie erwartete, war zu hören, er habe ſich mit ihrer Schweſter Selina 45 überworfen, vielleicht ſei ſogar die Verlobung zurückge⸗ gangen, was keinesfalls Hilary's Herz gebrochen haben würde. „So ahnen Sie wirklich nicht den Grund meines Kommens?“ „Durchaus nicht.“ „Nun, das ſchien mir ſelbſt kaum glaublich, doch wenn man ſo getäuſcht und hintergangen iſt und zwar nicht zum erſten Male, wie es mir von Ihrer Familie geſchah—“ „Herr Askott, bitte, ſprechen Sie deutlicher!“ „Ich werde es, Fräulein! Es iſt eine ſehr unange⸗ nehme Soache, die mich herführt, jeder Andere würde ſich gleich einen Polizeibeamten mitgebracht haben. Blicken Sie her, Fräulein Hilary Leaf!— Haben Sie dies ſchon früher geſehen?“ Er nahm ſein Notizbuch heraus, blätterte darin, bis er zu einer beſtimmten Bemerkung kam und ſuchte dann in ſeiner Brieftaſche noch etwas. „Mein Banguier ſchickte mir heute meine ausge⸗ ſtellten Anweiſungen, die ich ſtets nur alle drei Monat durchſehe. Er wußte das der Schwindler.“ Hilary blickte ihn fragend an. „Ja, ich meine Ihren Neffen! Schauen Sie her!“ Er breitete vor ihr einen Wechſel aus, denſelben, welchen ſie ihn vor acht Tagen ausfüllen ſah:„Zahlbar an Herrn Askott Leaf oder ſeinen Bevollmächtigten“ und worunter er dann mit kühnen Zügen ſeine Unterſchrift ſetzte— ja, es war der nämliche, doch ſtatt auf zwanzig Pfund lautete er auf ſiebenzig. 46 Augenblicklich ſah Hilary die ganze ſchreckliche Wahr⸗ heit. Sie gedachte Askott's Bemerkung, welcher capitale Spaß es ſein würde, die Summe zu verändern. Seine lange Abweſenheit an jenem Abend, ſein ſeltſam ver⸗ ſtörtes Weſen, die Weigerung, ſie den Wechſel ſehen zu laſſen— Alles ſtand klar vor ihr— in furchtbarer Klarheit. Armer, unglücklicher Jüngling! Die Verſuchung war zu ſtark für ihn geweſen. Von welcher plötzlichen, wahn⸗ ſinnigen Idee ergriffen er gehandelt haben mußte, blieb unbekannt, ob er geglaubt, er werde das Geld zu rechter Zeit wiederbezahlen können— oder Herr Askott würde die Fälſchung nicht entdecken, und wenn es geſchähe, würde es wohl erſt nach der Hochzeit ſein und ſomit eine gerichtliche Verfolgung des Neffen ſeiner Frau ihm ſelbſt Schande bringen?— Die Gründe zu ſeinem Thun kamen nicht ans Licht. Aber das war gewiß, vor Hilary lag der umgeänderte Wechſel, der dem Banquier vorgezeigt und von ihm ausgezahlt worden war, denn wie ſollte er den geringſten Verdacht ge⸗ ſchöpft haben, es könne etwas nicht in der Ordnung ſein. „Nun, iſt dies nicht ein ſchöner Dank für all meine Güte? Und ſo ſchlau war es angelegt; ein reiner Zu⸗ fall, daß ich es jetzt entdeckt habe, ſonſt wäre es erſt im nächſten Vierteljahr herausgekommen. O, er iſt ein ſauberer Patron, dieſer Herr Neffe von Ihnen! Sein Vater war nur ein Narr, er aber— wiſſen Sie, daß dies eine Fälſchung iſt?— eine Fälſchung, Fräulein“, rief Herr Askott ſich immer mehr ereifernd. 47 Hilary ſtöhnte vor Schmerz. Ja, es war ſo. Die bittere Wahrheit lag vor ihr. Askott, ihr eigener geliebter Knabe war nicht nur leicht⸗ ſinnig, verſchwenderiſch und träge, Fehler, die an ſich groß genug ſind, doch mit den Jahren gebeſſert werden konnten, nein, er hatte etwas gethan, was er nie und nimmer wieder rückgängig zu machen oder auszulöſchen vermochte. Er war jetzt ein Schwindler und Fälſcher geworden. 7„ Sie preßte ihre Hände feſt zuſammen wie Jemand, er einen großen körperlichen Schmerz empfindet und verſuchte, in Herrn Askott's Antlitz zu leſen. Endlich mußte ſie doch die eine, eine Frage in Worte kleiden. „Was gedenken Sie zu thun— werden Sie ihn verfolgen?“ Herr Askott ſetzte ſich ganz behaglich auf ſeinem Stuhle zurecht und rückte an ſeiner Kravatte, wobei ſein Geſicht einen ſehr ſelbſtzufriedenen Ausdruck an⸗ nahm. Ihm ſchien die Wichtigkeit, welche die Umſtände ihm beigelegt hatten, durchaus nicht zu mißfallen. Dieſer Familie gegenüber als Geſetzgeber dazuſtehen, von deſſen Ausſpruch beinahe Tod oder Leben abhing, das war doch wohl fünfzig Pfund werth. „Ich bin noch nicht ganz entſchieden über meine Handlungsweiſe. Das Geld, müſſen Sie wiſſen, iſt mir nicht beſonders wichtig, ich könnte es ja auch auf keine Art wiedererlangen. Aber der Taugenichts wird niemals gebeſſert werden, er iſt keinen Pfennig werth. Ich könnte ihn feſtſetzen laſſen, Niemand würde mich darum tadeln; ja, wenn ich ſelbſt nach dieſer ſauberen 48 Geſchichte mein Verlöbniß mit Ihrer Schweſter löſte, jede Verbindung mit Ihrer Familie abbräche“— und er verſuchte, ſich ſtolz emporzurichten—„ſo ſehe ich doch nicht ein, daß man es unrecht finden könnte; aber—“ Vielleicht wurde er trotz ſeiner Härte durch den Aus⸗ druck namenloſer Seelenangſt in Hilary's Antlitz gerührt, denn er fügte hinzu: „Seien Sie ruhig, ich werde Ihre Familie nicht ent⸗ ehren; ich will den Burſchen nicht der Schande preis⸗ geben.“ „Ich danke Ihnen“, ſagte Hilary, aber ihre Stimme klang fremd, faſt unnatürlich. Wos mein Geld onbetrifft, das kann er behalten und viel Gutes mag es ihm bringen. Doch das Sprüch⸗ wort ſagt:„Gebt einem Bettler ein Pferd und er wird noch ſicherer und ſchneller ins Verderben kommen.“ Ich will ihm nicht hinderlich ſein; ich ziehe meine Hände ganz von ihm zurück. Aber der junge Taugenichts thäte beſſer, mir nicht mehr unter die Augen zu treten.“ „Ja“, erwiderte Hilary ganz zerſtreut. Mit einem Zwinkern ſeiner ſcharfen Augen fuhr Herr Askott fort: „Uebrigens habe ich auch ſchon Schritte gethan, ihn fortzuſchrecken, ſodaß er ſich fernhalten wird und Sie und mich hoffentlich nicht weiter beläſtigt. Ich fuhr in Begleitung eines Polizeidieners nach Ihrer Wohnung, fragte nach Herrn Leaf, und als ich hörte, er ſei aus — natürlich eine Lüge— hinterließ ich, daß ich in einer halben Stunde zurückkehren würde. Verlaſſen Sie ſich darauf“ und wieder nickte er zuverſichtlich—„er wird die Sache merken und adurchbrennen⸗, ſo daß wir nie wieder von ihm hören.“ „Niemals wieder von Askott hören!“ wiederholte Hilary, und für einen Augenblick gedachte ſie ſeiner nicht, als deſſen, der er wirklich war— ein Schwindler, ein Fälſcher, der ſeinem Wohlthäter mit Undank gelohnt und ſeiner Familie Schande bereitet hatte. Sie ſah nur den hübſchen, lieben Knaben Askott vor ſich mit den fröhlichen, ſtrahlenden Augen, den angenehmen, wohlgefälligen Manieren, den Knaben, welchen ſie als zartes Kind in ihre Familie aufnahmen und erzogen, den ſie trotz ſeiner vielen Fehler ſo herzinnig geliebt hatten— und noch liebten.„O, ich muß nach Hauſe; dies wird Johanna's Herz brechen“, flüſterte Hilary, deren Stimme die heftige Gemüthsbewegung faſt erſtickte. Herr Peter Askott beſaß vielleicht kein Herz oder es hatte ſich bei ihm nicht entwickeln können; trotzdem empfand er ein gewiſſes Mitgefühl für die„junge Perſon“, welche leichenblaß vor ihm ſtand, ſich aber ſo zuſammennahm, um keine Scene zu machen, und als ihre beiden Gehülfinnen in das kleine Wohnzimmer kamen, ihnen mit der größten Selbſtbeherrſchung entgegentrat und ihnen mittheilte, ſie müſſe ſogleich nach Hauſe, würde aber, wenn irgend möglich, am nächſten Morgen wiederkehren. Dann traf ſie ihre Anordnungen ſowohl für den Laden als den Hausſtand für den Fall, daß ſie bis Montag wegbliebe, und dies Ale Sh in ſolcher Herrin und Dienerin. II. 50 klaren, pünktlichen und genauen Weiſe, die Peter Askott verſtand und hochſchätzte. „Sie ſind eine ganz tüchtige Geſchäftsfrau“, ſagte er mit einer patroniſirenden Miene.„Dies ſcheint ein kleiner, recht ordentlicher, wohleingerichteter Laden; ich glaube, Sie werden hier etwas verdienen.“ Hilary blickte ihn verſtört an, fuhr aber fort, den jungen Mädchen ihre Aufträge zu ertheilen. „Wie hoch beläuft ſich wohl die wöchentliche Ein⸗ nahme? Und welches Gehalt zahlt Fräulein— Fräulein — wie heißt ſie doch— Jeder von Ihnen? Sie ſind die Vorſteherin wie ich ſehe.“ Hilary antwortete nicht, denn ſie hörte ihn kaum. Ihre Gedanken waren nur von dem Einen erfüllt: „Askott niemals wiederzuſehen!“ Alle die ſchrecklichen Geſchichten fielen ihr ein, die ſie von jungen Leuten ge⸗ hört, welche Fälſchungen oder derartige Verbrechen be⸗ gangen und aus Furcht vor der Strafe ſich von ihrer Familie entfernt hatten, in Jahren nicht wiederkehrten, ins tiefſte Elend geriethen, ſich wohl gar ſelbſt den Tod gaben. Dieſe Vorſtellungen erfaßten ſie ſo lebhaft und wirkten ſo aufregend, daß, als Hilary plötzlich die Klingel der Hausthür ſchellen hörte, ſie einen leiſen Schrei kaum unterdrücken konnte. Doch noch war es kein Unglücksbote, ſondern nur Eliſabeth Hand, und die ruhige Weiſe, in der ſie ins Zimmer trat, überzeugte Hilary bald, daß nichts Schlim⸗ mes zu Hauſe geſchehen ſei. „Nein, nein, es iſt nichts vorgefallen, Fräulein. Meine Herrin wünſchte nur, ich ſolle fragen, ob Sie — nicht ſtatt morgen Abend ſchon heute nach Hauſe kommen könnten? Sie iſt ganz wohl, das heißt, ziemlich geſund, aber Herr Leaf“— Bei dieſen Worten bemerkte Eliſabeth Herrn Peter Askott und war augenblicklich ſtill. Der reiche Mann gehörte zu ihren Antipathieen, ſie hatte ein unbeſiegliches Vorurtheil gegen ihn gefaßt; und ſo war ſie jetzt ent⸗ ſchloſſen, nicht eine Silbe mehr von den Familienange⸗ legenheiten in ſeiner Gegenwart zu verrathen. Er ſeinerſeits hatte Eliſabeth ſtets in der Weiſe behandelt, wie Leute ſeines Schlages Dienſtboten zu be⸗ handeln pflegen, ſehr darauf bedacht, ſich ihnen gegen⸗ über nichts von ihrer Würde zu vergeben, aus Furcht, man könnte die kleinſte Höflichkeit oder Freundlichkeit für ein Zugeſtändniß der gleich niedrigen Abkunft mit jener Klaſſe nehmen, aus der herzuſtammen ſie doch ſo tief beſchämte. So blickte er Eliſabeth mit ſeiner hoch⸗ fahrendſten Miene an und ſprach von oben herab: „Ihr ſeid ja wohl das Dienſtmädchen, welches mir heute Nachmittag ſagte, Herr Leaf befände ſich nicht zu Hauſe. Natürlich war's eine Lüge.“ Eliſabeth ſah ihn entrüſtet an.„Nein, Herr, ich lüge niemals. Er war ausgegangen.“ „Richtetet Ihr meine Beſtellung aus, als er heim⸗ kam?“ „Ja, Herr „Und was erwiderte er, heh?“ „Nichts.“ Dies war buchſtäblich wahr; aber es lag noch Man⸗ ches dahinter verborgen, was Eliſabeth durchaus nicht 52 geſonnen war, mitzutheilen. Selbſt im Aeußeren nahm ſie eine Haltung an, welche den Widerſtand bekundete, den ſie dem Ausforſchen des Herrn Askott entgegenſetzen wollte. Denn obwohl wirklich nichts Beſonderes an jenem Nachmittag vorgefallen war, ſo fühlte ſie doch mit richtigem Ahnen, daß wieder nicht Alles in der Fa⸗ milie ſo ſei, wie es ſein ſollte. Als Askott nach Hauſe kam und ſie ihm den Beſuch ſeines Pathen mittheilte, war der junge Mann ſo todes⸗ blaß geworden, daß ſie ihm ſchnell ein Glas Waſſer holte und ſeine Tante Johanna ſich ängſtlich mit ihm beſchäftigte. Es dauerte mehrere Minuten bis er wieder zu ſich ſelbſt kam, und dann ſchaute er mit wilden, verſtörten Blicken auf ſeine Tante und umfaßte ſie mit einem ſo heftigen Gefühlsausbruch, daß Eliſabeth es für das Gerathenſte hielt, ſich ſchnell und unbemerkt zu entfernen. Obgleich es die Theezeit war, ſo zögerte ſie doch draußen eine halbe Stunde länger als ſonſt, und als ſie dann leiſe klopfte, kam ihre Herrin heraus. Es ſchien nichts Beunruhigendes vorgefallen zu ſein, wenig⸗ ſtens nichts Schlimmeres als was Eliſabeth ſchon mehr als ein Mal nach ſolchen Geſprächen zwiſchen den Tanten und dem Neffen bemerkt hatte. „Ich werde das Theczeug ſelbſt iiie denn Du mußt gleich nach Kenſington gehen, Fräulein Hilary herzuholen. Erſchrick ſie nicht, Eliſabeth— hüte Dich ja davor! Sage, mir ginge es wie immer, doch Herr Leaf ſei nicht ganz wohl, und ich dächte, ſie würde ihm gut thun können. Merke Dir genau die Worte.“ Das that Eliſabeth, und ſie würde ihre Beſtlin 8 5* 685 wortgetreu ausgerichtet haben, wenn nicht Herr Peter Askott zugegen geweſen wäre und ſie in dieſer herriſchen Art angeredet hätte. Jetzt ſchwieg ſie beharrlich. Der reiche Mann mochte in ſeinem Leben verſchie⸗ dene Arten von Dienſtleuten kennen gelernt haben, kriechende, eingeſchüchterte, impertinente, aber mit dieſer Abart der Gattung war er ganz unbekannt. Das Mädchen benahm ſich weder mürriſch noch grob, doch durchaus ſicher und unabhängig, nicht ihre Herrin noch ihn fürchtend. Er war klug genug einzuſehen, daß, wenn er etwas von ihr erfahren wolle, er es anders anfangen müſſe. „Kommt, mein Kind, und erzählt mir, was geſchehen iſt, es ſoll Euer Schaden nicht ſein, und dem jungen Burſchen wird kein Leid daraus erwachſen. Wahrſcheinlich hat er Euch gut bezahlt für Euer Schweigen.“ „Ueber was, Herr?“ „O, Ihr wißt, was geſchah, als Ihr beſtelltet, ich ſei da geweſen. Die Dienſtboten kennen ja alle Ange⸗ legenheiten ihrer Herrſchaften.“ „Herr Leaf iſt nicht mein Gebieter, und ſeine An⸗ gelegenheiten gehen mich nichts an, ich ſuche nicht hinein⸗ zudringen“, erwiderte Eliſabeth.„Wenn Sie etwas darüber zu erfahren wünſchen, ſo thäten Sie beſſer, ihn ſelbſt zu fragen. Er iſt heute Abend zu Hauſe, als ich ging ſaß er gerade mit Fräulein Leaf beim Thee.“ „Zu Hauſe— beim Thee?“ „Ja, Fräulein Hilary.“ Dies zu hören war eine unbeſchreibl iche Erleichterung. 54 Dos Geſtändniß mußte gemacht ſein; ihr Neffe mußte wiſſen oder ahnen, daß Herr Askott Alles entdeckt habe, und nun hatte er gewiß ſeiner Tante das Garze offen⸗ bart, denn außerdem hätte Johanna nicht zweierlei ge⸗ than, wozu ſie ſich höchſt ungern entſchloß— erſtens Eliſabeth ſpät Abends allein auf die Straße zu ſchicken, und dann Hilary vor der feſtgeſetzten Zeit abholen zu laſſen. Trotzdem ſaßen ſie zu Hauſe beim Theetiſch! Vielleicht war der Schlag doch nicht ſo ſchwer, wie Hilary Anfangs befürchtet— vielleicht fand Johanna einen Ausweg. Unbeſtimmte Hoffnüngen erſtiegen auch in Hilary, ſie gedachte des armen Sünders aus der Bibel, der„ſauber gekleidet und wieder er ſelbſt“ reuig und demüthig bei den Seinen ſaß, von Allen gepflegt und getröſtet mit jener unbeſchreiblichen Zärtlichkeit, welche wir für den empfinden,„der todt war und iſt wieder lebendig geworden, der verloren war und iſt gefunden worden.“ O, wie ſie ihn pflegen, ihm helfen wollten in der Weiſe, die manche Frauen ſo wohl ver⸗ ſtehen— und ſie gehörten zu dieſen— deren Beruf es ſcheint, die Irrenden und Unglücklichen aufzurichten; denn obgleich er gefehlt, das Glück hatte ihm auch nicht gelächelt. Manche Entſchuldigung für ihn machte ſich geltend. Wie unüberlegt war es von ihnen geweſen, daß ſie ge⸗ glaubt, ein Knabe von ſiebzehn Jahren, auch wenn er noch ſo ſorgſam erzogen war, könne bei Askott's Tem⸗ perament den endloſen Gefahren und Verlockungen des Londoner Lebens widerſtehen. Wie viele jungen Leute waren ſchon ſich ſelbſt überlaſſen, den Verſuchungen einer 55 großen Stadt erlegen— und dieſen hatten ſie thörichte, unwiſſende Frauen den Neffen ausgeſetzt. Das, was er gethan, konnte nicht bei voller Be⸗ ſinnung geſchehen ſein; er mußte ohne jeden Gedanken an die Folgen gehandelt haben, um nun ſein ganzes Leben hindurch bittere Reue darüber zu fühlen. Und da unſere Fehler und Sünden nicht nur eine Geißel ſind, die uns züchtigt und beſſert, ſondern zugleich eine Krankheit, aus der wir oft— zwar ſchwach und an⸗ gegriffen— doch als ganz geneſen und neu geboren er⸗ ſtehen, wer konnte da wiſſen, ob nicht gerade dieſe letzte unſelige Handlung, dieſes Verbrechen, das Endreſultat mancher früheren Verirrungen, Askott's vollkommene Beſſe⸗ rung herbeiführen würde? So flüſterte die Hoffnung mit lieblicher Stimme in Hilary's Ohr, und wie es oft geht, daß nach einem harten Schlage die Seele ſich dennoch erhebt, ſobald nur ein matter Lichtſtrahl das Dunkel theilt, ſo erkräf⸗ tigte ſich Hilary doch ſo weit, um Eliſabeth zu bitten, ſie ſolle ſie immer unten erwarten, ſie werde bald zum Gehen 2 ſein. „Mir ſcheint es das Beſte, mich gleich nach zu begeben“, ſagte Hrlary. „Gewiß, meine Liebe“, erwiderte Herr Askott ge⸗ ſchmeichelt durch ihre faſt unwillkürliche Frage um Rath und ſehr gehoben von dem eigenen Bewußtſein ſeiner unendlichen Großmuth.„Und grämen Sie ſich nicht zu ſehr. Sagen Sie Ihrer Schweſter— Selina natür⸗ lich— daß ich Alles überſehen wolle unter der Be⸗ 56 dingung, daß er mir nicht wieder unter die Augen kommt— der junge Schurke.“ „Nicht ſo— nicht ſo!“ rief Hilary klagend. „Nun ich ſchweige, obwohl dies der einzige richtige Name für ihn iſt— und der Burſche konnte es ſo gut haben. Denken Sie doch, Fräulein Hilary, als ſein Vater zu mir ſchickte und mich um zehn Pfund bitten ließ, um ſeine Frau begraben zu können, da be⸗ ſorgte ich ihre Beerdigung und vier Wochen ſpäter die ſeinige, und zwar auf anſtändige Weiſe, obgleich er durchaus kein Anrecht an mich hatte, als daß er aus Stowbury war. Dann hob ich den Knaben aus der Taufe und Jeder muß ſagen, ich habe meine Pflicht red⸗ lich an ihm erfüllt— und wie hat er mir gelohnt! Aber vertrauen Sie dem alten weiſen Sprüchwort, das hier meine feſte Ueberzeugung ausdrückt:„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.? Er iſt im Gefängniß geboren und wird im Gefängniß ſterben.“ „Das verhüte Gott!“ ſagte Hilary feierlich. Und wieder gewann die feſte Ueberzeugung die Oberhand, daß wie auch ſein Vater geweſen ſein mochte und ſeine Mutter, von der ſie nicht früher gehört als bis ſie todt war, Askott doch unmöglich ſo viele Jahre mit ſeinen Tanten gelebt haben konnte, ohne nicht wenigſtens etwas Gutes daraus zu lernen, was vielleicht den angeerbten ſchlimmen Anlagen entgegen wirkte. Denn ebenſowohl wie erbliche, körperliche Krankheiten durch eine paſſende und vernünftige Behandlung geheilt werden können, daß eine neue Generation frei davon bleibt, ſo iſt es auch mit den geiſtigen der Fall.— 57 „Nun ich will weiter nichts ſagen“, fuhr Peter As⸗ kott fort,„doch je früher der junge Mann ſich unſichtbar macht, deſto beſſer, denn er wird doch ſtets eine Plage für Sie Alle bleiben. Können Sie jetzt wohl einen Wagen für mich holen laſſen?“ Hilary klingelte mechaniſch, den Befehl zu ertheilen. „Ich will Sie mit nach der Stadt nehmen, wenn es Ihnen recht iſt; es ſpart Ihnen den Omnibus, denn ich vermuthe, Sie fahren ſtets mit dieſer Gele⸗ genheit.“ Hilary antwortete, kaum wußte ſie ſelbſt was, doch war es ein Zurückweiſen aller dieſer Anerbieten. Endlich hatte ſie Herrn Askott bis zur Hausthür geleitet, und zurückkehrend legte ſie ihre Hand an den ſchmerzenden Kopf, wobei ein tiefer Seufzer, mehr ein Stöhnen, ihren blaſſen Lippen entfuhr. „O, Fräulein Hilary, ſehen Sie doch nicht ſo elend aus!“ „Weißt Du was geſchehen iſt, Eliſabeth?“ „Nein.“ „Dann wünſche ich auch nicht, daß Du es erfährſt, und Du mußt niemals danach forſchen; denn es iſt ein Geheimniß, welches nur in die engſten Grenzen der Fa⸗ milie gehört. Kann ich Dir trauen?“ „Ja, Fräulein.“ „Jetzt reiche mir meinen Hut und laß uns nach Hauſe eilen.“ Sie durchwanderten die hellerleuchtete Straße, Hilary ſich auf ihrer Dienerin Arm ſtützend, denn ſie fühlte ſich ſehr ſchwach. Als ſie in der dunklen Ecke des — S Dmnibus ſaß, verſuchte ſie den Dingen klar ins Auge zu ſchauen und einen feſten Plan zu entwerfen, aber das laute Raſſeln betäubte und verwirrte ihre Gedanken. Sie war keines rechten Ueberlegens fähig, ſondern ihre Augen betrachteten immer die Geſichter vor ihr, und ſie fragte ſich ſtets das Eine, ob alle dieſe Menſchen auch wohl ſchon je einen ſo ſchweren Kummer getragen— wenn auch aus anderen Urſachen herſtammend— wie der, unter deſſen Laſt ſie faſt niederſank. Ach dieſe Frage kann wohl ſtets mit ja beantwortet werden. Es war faſt eilf Uhr Nachts, als Hilary an die Thür ihres Hauſes klopfte. Johanna öffnete, doch zum erſten Mal in ihrem Leben grüßte ſie ihr Kind nicht mit freundlichem Will⸗ kommen.. „Biſt Du es, Askott? Ach, ich glaubte, es ſei Askott“, rief ſie ſchmerzlich, und aufmerkſam blickte ſie die Straße entlang. „So iſt er nicht hier? Wann iſt er fortgegangen?“ fragte Hilary, deren Herz beinahe ſtill ſtand vor Schreck. „Bald nachdem Selina zurückkehrte. Sie— ſie kränkte ihn. Aber er wird wohl nicht lange bleiben? Kommt er nicht dort?“ Und ohne Hut und Tuch lief Johanna in die feuchte, kalte Nacht hinein, und ſtrengte ihre Angen an, den Er⸗ warteten zu entdecken, aber vergebens. „Ich will einmal um den Platz herumgehen, viel⸗ leicht finde ich ihn. Kehre Du aber ins Haus zurück, Johanna!“ 59 Hilary eilte mit ſchnellen Schritten in die Nacht hinein, weniger in der Hoffnung Askott zu finden, als Zeit zu gewinnen und ſich zu ſammeln, um ihren Schweſtern gefaßt gegenüber zu ſtehen und ihnen zu helfen, dieſen ſchwerſten Schlag ihres Unglücks zu tragen. Denn eine Ahnung flüſterte ihr zu, daß die äußerſte Verzweiflung einer ſchwachen Natur oft mehr zu fürchten iſt, als der größte Widerſtand eines kräftigen Charakters. Hilary war überzeugt, Askott werde nie zurückkehren. Nach einiger Zeit gaben ſie es auf, an der offenen Hausthür zu warten und zu ſpähen, und ſie begaben ſich ins Wohnzimmer. Als die erſten Erklärungen ge⸗ geben waren, verſtummte ſelbſt Selina, und die Frauen ſaßen bei einander, ſtill, müßig— nichts thuend als lauſchend, lauſchend. Jedes Geräuſch hielten ſie für Schritte auf der Straße oder für ein Klopfen an der Thür. Ach, wie gern würden ſie das ungeduldigſte Pochen, den ungeſtümſten, lauteſten Schritt vergeben haben — wenn er ihnen nur den geliebten Neffen zurückgeführt hätte! Nach Mitternacht mußten ſie Selina in heftigen Weinkrämpfen zu Bett bringen. Sie hatte Askott mit ihrer ſcharfen Zunge ſo lange verfolgt, bis er empört fortgeſtürzt war, mit den Worten, daß Keiner von ihnen ihn je wiederſehen ſolle. Jetzt klagte ſie ſich an, die Schuld von Allem zu tragen, und machte ſich die bitter⸗ ſten Vorwürfe, wodurch ſie die Sorge ihrer Schweſtern noch vermehrte. Erſt nachdem der furchtbare Sturm ſich ausgetobt, fiel ſie in Schlummer, die Einzige der unglücklichen, kleinen Familie, welche ſchlief. Denn ob⸗ wohl Eliſabeth zur Ruhe geſchickt worden war, ſo fand Hilary ſie doch Morgens um vier Uhr auf der Schwelle der Küchenthür wachend ſitzen. Ihre Herrin verſuchte nicht, ihr Vorwürfe zu machen, ſie nahm ſie nur mit in das Wohnzimmer, mit ihnen dort die ſchweigende Wacht zu theilen. Regungslos ſaßen die armen Frauen bei einander, kein Geräuſch ſtörte die bange Stille, außer wenn das Feuer geſchürt ward oder neue Lichter ſich nöthig machten. Und die Kerzen wurden gelöſcht, die Läden geöffnet, und das grelle, unwillkommene Licht des Tages fiel auf ihr großes Elend. Biertes Fapitel. „Vermißt“—„Verſchwunden“—„An“— mit allen Buchſtaben des Alphabetes zuſammengefügt ſehen wir dieſe Art Inſerate in den Zeitungen, und wenn nicht zufällig die Worte wirklich ergreifend klingen oder gar ſehr komiſch geſetzt ſind, achten wir kaum darauf. Nur die, welche ſelbſt mitdurchlebt haben, was ſolche Anzeige in ſich ſchließt, können die Tiefe dieſes Jammers ermeſſen: das plötzliche Verſchwinden der geliebten Per⸗ ſon aus dem Familienkreiſe, den ſie vielleicht im Aerger oder aus Furcht vor der Schande verließ, das ſtete bange Erwarten, das Schweben zwiſchen Hoffnung und Verzweiflung, die Selbſtvorwürfe, eingebildet oder ver⸗ dient, weil vielleicht etwas geſprochen ward, was beſſer ungeſagt blieb, etwas nicht geſchah, was hätte gethan werden ſollen. O, die bittere, nie endende Reue über ein unbedachtes, grauſames Wort, welches ſo gut zu vermeiden war! Ach, wenn die Menſchen nur begreifen wollten, daß jedes Wort, jede That die Laſt einer Ewigkeit in ſich 62 trägt, daß der kleinſte Zufall etwas unabſichtlich im Aerger oder Zorn Geſprochenes oder Geſchehenes zum letzten Worte, zur letzten That ſtempeln kann, das zu einer grauenhaft bedeutungsvollen Erinnerung wird, die zwiſchen der unwiederbringlichen Vergangenheit und der Gegenwart erſteigt und nicht nur dieſe, ſondern auch die Zukunft auf Jahre verdüſtert.« Selina war feſt überzeugt, ihr unglücklicher Neffe habe einen Selbſtmord begangen und ſie ſei die Veran⸗ laſſung dazu geweſen. Dieſe Meinung ſuchte ſie unauf⸗ hörlich ihren armen Schweſtern aufzudrängen, als dieſe ſie pflegend an ihrem Bett ſaßen, den langen endlos ſcheinenden Sonnabend über, an dem nichts geſchehen konnte. Dies war das größte Elend, daß gar nichts ge⸗ ſchehen konnte. Sie hatten nicht die leiſeſte Ahnung wo Askott ſtets verkehrte, wußten nicht, wer ſeine Gefährten geweſen waren. Mit dem letzten Funken redlicher Scham oder natürlicher Achtung vor ſeinen Tanten hatte er ſein Thun und Treiben ihnen immer geheim gehalten. Ihn ohne jeden Anhalt in dem weiten, großen London zu ſuchen, war geradezu eine Unmöglichkeit. Zwei Wege öffneten ſich Hilary's ſtetem Den⸗ ken und Grübeln, entweder Fräulein Balquidder's Rath einzuholen, oder— wie ſie bei einem ähnlichen Fall gehört— bei allen Polizeiämtern Nachfrage zu halten. Aber die erſte Idee ward gleich verworfen, nur im äußerſten Nothfall konnte ſie ſelbſt die Schande, das Elend der Familie einem Anderen entdecken, und dem zweiten Plane ſtellten ſich noch größere Hinderniſſe ent⸗ gegen. In der kalten, geſchäftsmäßigen Art und Weiſe, in welcher ein Polizeibeamter ihren verſchwundenen Neffen auffinden ſollte, lag etwas, wovor dieſe armen Frauen zurückbebten. Und da Askott von der Härte und Un⸗ verſöhnlichkeit ſeines Pathen überzeugt war— das hatte er ſeiner Tante Johanna geſtanden— ſo konnte gerade das Entdecken, man ſpüre ihm auf ſolche Weiſe nach, ihn erſt gar zur Verzweiflung treiben. Vielleicht gar zum Selbſtmorde? Hilary glaubte feſt, dahin würde es nicht kommen. Wenn Selina ſich erſchreckende Bilder ausmalte, wie er ſich von der Wa⸗ terloo⸗Brücke geſtürzt hatte, oder in einem der Parks an einem Baum erhängt gefunden ſei— oder wie er ſich in einem Gaſthauszimmer eingeſchloſſen und ſich er⸗ ſchoſſen habe— dann lachte die jüngſte Schweſter, lachte ſo ſehr ſie konnte, war es auch nur um Johanna zu beruhigen. Und Hilary theilte dieſe Furcht wirklich nicht; denn ſie wußte in einer Art war Askott zu feige zum Selbſt⸗ mord. Er ſchreckte nicht nur vor körperlichen Schmer⸗ zen zurück, alles ſichtbar Unſchöne war ihm ſo zuwider. Sie war überzeugt, ſchon mit dem Meſſer oder der Piſtole in der Hand würde er noch imnehalten, ehe er etwas ſo Häßliches, Unſauberes thäte. Während aber Stunde auf Stunde verrann, und die Schweſtern in dieſer Stille bei einander ſaßen, die wenn ein Todesfall im Hauſe geweſen wäre nicht tiefer ſein konnte, da nahmen dieſe düſteren Befürchtungen ſelbſt in Hilary's Augen einen Doppelſinn an. Sie hörte auf, ſie als lächerliche Unmöglichkeiten zu behandeln und 64 fing an ſie mit Vernunftgründen zu widerlegen; aber dieſes Thun erſchreckte ſie ſelbſt, denn es ſchien ihr ein Zugeſtändniß zu ſein, daß ſie nicht mehr gegen Chimä⸗ ren, ſondern gegen etwas Reales kämpfte. „Seit vierundzwanzig Stunden iſt er nun fort“, ſo argumentirte ſie,„wenn er etwas Verzweiflungsvolles hätte thun wollen, ſo würde er es gleich ausgeführt haben, und wir wüßten es ſchon lange, denn ſchlimme Nachrichten verbreiten ſich ſchnell. Wer er iſt, war leicht zu erſehen, denn in aller ſeiner Wäſche ſteht ſein voller Name, ich zeichnete ihn ſelbſt hinein; und die Taſchen ſeiner Röcke waren mit Briefen vollgepfropft, er pflegte ſie ſtets gleich nach dem Empfange dort hineinzuſtecken, wie Ihr wißt.“ Und bei dieſer Erinnerung an eine ſeiner„Gewohn⸗ heiten“, obgleich ſie ihnen manchen Kummer gemacht, weil dieſes ſchnelle Verſtecken der Briefe ein gewiſſes Mißtrauen zeigte, mußten die armen Tanten ſich ab⸗ wenden, ihre emporſteigenden Thränen zu verbergen. Die einfachen Worte„er pflegte es zu thun“ waren ein unwillkürliches Zugeſtändniß, daß ſein Leben in ihrer Mitte aufgehört habe, daß er fortan ſie nicht mehr er⸗ freuen oder betrüben werde. Trotzdem ſorgten ſie, daß während des ganzen Tages Alles geſchah, als ob er jede Minute zurückkommen könne; und ſowohl beim Mittageſſen als beim Thee mußte Eliſabeth ſein Couvert hinſtellen. Sie hatte ihr Verſprechen treulich gehalten; ſtill, ohne eine Frage, ja ohne einmal beſonders auf ihre Herrinnen zu achten, effüllte ſie ſorgſam ihre Obliegenheiten, und bemühte ſich die brennende Neugier der Frau Jones zu beſchwich⸗ tigen, die um Alles gern wiſſen wollte, weshalb ihre Miether die ganze Nacht gewacht hätten, und wo in aller Welt der junge Herr Leaf geblieben ſei. Nach dem Thee willigte Johanna, die ganz erſchöpft war, ein, zu Bett zu gehen; und als Hilary ſich nun ganz ſelbſt überlaſſen blieb, begann ſie ernſtlich zu er⸗ wägen, wie lange dieſe unnatürliche Ruhe dauern ſollte, und ob denn gar nichts zu thun ſei. Sie konnte er⸗ tragen was unvermeidlich war, aber es ging gegen ihre Natur, ja gegen ihr Gewiſſen, ganz ſtill und gelaſſen etwas zu erdulden, ehe es unvermeidlich geworden. Zuerſt beſchloß ſie nun, Askott's Zimmer, ſeine Klei⸗ der, Sachen und Papiere zu durchſuchen, wovon ſie bis jetzt ein Gefühl der Scheu und die Furcht, ihn zu be⸗ leidigen im Fall er zurückkäme, abgehalten. Es war ein ſehr trauriges Geſchäft— faſt als ob man die Hinter⸗ laſſenſchaft eines Geſtorbenen beſichtige, doch ohne die ernſte Feierlichkeit, welche den Todten umweht, deſſen Fehler vergeſſen und vergeben ſind, der nicht mehr lei⸗ det, noch Anderen Weh bereiten kann. Hilary fand Manches, was ihr tiefen Schmerz ver⸗ urſachte und wovon ſie niemals, ſelbſt nicht zu Johanna ſprach, aber irgend etwas, was ihr Aufklärung gegeben oder ſie auf Askott's Spur geleitet hätte, entdeckte ſie nicht. Eine Sache fiel ihr auf, daß nämlich die mei⸗ ſten ſeiner Kleidungsſtücke und alle nur etwas werth⸗ vollen Ringe, Tuchnadeln, Hemdenknöpfe und derartigen Luxusgegenſtände, welche leicht in Geld zu verwandeln waren, fehlten. Es wurde ihr dadurch klar, daß ſeine Herrin und Dienerin. II. 5 66 Flucht, ſo plötzlich ſie geſchehen, dennoch vorher als eine Möglichkeit überlegt worden war. Dies gab ihr inſofern eine gewiſſe Beruhigung, als es die bange Furcht, er könne ſich ſelbſt getödtet haben, beſei⸗ tigte und es wahrſcheinlich machte, daß Askott noch in der Nähe weile, ſich vor der Obrigkeit und ſeinem Pa⸗ then verbergend, oder daß er auf eine Gelegenheit warte aus England zu entfliehen, überzeugt, wenn Herr Peter Askott ihn wirklich nicht gerichtlich verfolge, er doch die Macht und gewiß auch den Willen habe, ſeine Zukunft für immer zu vernichten. Wohin aber konnte er gehen? Seine Tante ver⸗ ſuchte ſich jedes Wort zurückzurufen, das er jemals über Amerika, Auſtralien oder einen jener anderen Orte ge⸗ äußert, wohin die armen Ausgeſtoßenen dieſes Landes fliehen, dennoch fand ſie nichts, woran ſie ſich hätte hal⸗ ten können. Nur des Einen war ſie ſicher, wenn er wirklich fortginge, dann würden ſich auch ſeine eigenen Worte erfüllen:„ſie würden ihn niemals wiederſehen.“ Das letzte Band, der letzte Zwang, welcher ihn an einen 3 ordentlichen, ehrenhaften Lebenswandel feſſelte, wäre ge⸗ löſt, er würde ganz verloren gehen, bald hier bald dort⸗ hin geworfen von der Macht der Umſtände— oder deſſen was er ſo nannte— bis er endlich ganz zerſtört an Leib und Seele, an irgend einem entlegenen Winkel der Erde zu Grunde ging— er, Askott Leaf, der Letzte ſeines Namens und Stammes. „Es kann, es darf nicht geſchehen“, rief Hilary. Ein bitterer, verzweiflungsvoller Schrei des Widerſtan⸗ des; und ihr ganzes Herz ſchien dem armen, unglück⸗ 67 lichen Neffen entgegenzufliegen, ihre Hände ſtreckten ſich aus ihn zu faſſen, als ob er dem Ertrinken nahe ſei, damit ſie ihn dem Strudel der Wellen entreiße; ſie die Einzige, welche ihn retten konnte.— Wie aber ver⸗ mochte ſie ihn zu retten? Wenn ſie nur einmal zu ihm ſprechen könnte, ſei es durch Wort oder Brief. Doch das ſchien unmög⸗ lich, bis ſie, dieſe und jene Idee verwerfend, endlich zu der einen kam, die wie ſie wußte Mancher in gleichem Falle ausgeführt, und über die ſie ſelbſt noch vor kur⸗ zer Zeit mit Askott gelacht hatte— ein Inſerat in der Times. Die Schwierigkeit die Worte zu wählen, um Askott's Aufmerkſamkeit zu erregen und doch Anderen nicht auf⸗ fällig zu werden, war ſehr groß, da beſonders die An⸗ fangsbuchſtaben ſeines Namens ſo allgemein ſind. Hun⸗ derte von„A. Ps.“ konnten von ihrer Familie entflohen ſein, auf die Alles, was Hilary zu ſagen wagte, auch paſſen würde. Endlich kam ihr ein lichter Gedanke. „A leaf*)(mit einem kleinen l) ſicher wo auch gefunden. Komm! Sonnabend. 15.“ Als ſie es ſchrieb— dieſes unglückliche„double entendre“— wurbe ſie plötzlich von der Komik er⸗ griffen, die ſelbſt bei den ernſteſten Veranlaſſungen, in dem tiefſten Jammer ſich auf dieſe faſt grauenhafte Art zuweilen geltend macht. Sie brach in ein lautes Lachen aus, ſo unbezwinglich, ſo heftig, faſt ſtoßweiſe, daß Eli⸗ * 4 leaf heißt: Ein Blatt. 68 ſabeth, die zufällig hereinkam, entſetzt war, und bei ihrer Herrin niederknieend, ſie anflehte, ſich zu faſſen. End⸗ lich endete dieſer Anfall mit gänzlicher Erſchöpfung. Die Anſpannung aller Kräfte, wozu die letzten vierundzwan⸗ zig Stunden ſie gezwungen, hatte einer um ſo größeren Ermattung nachgegeben. Hilary fühlte, daß auf ſie jetzt nicht mehr zu rechnen ſei. Dennoch mußte die An⸗ zeige beſorgt werden, damit ſie Montag in der Times ſtände. Es gab nur eine Perſon, der ſie vertrauen konnte— Eliſabeth. Sie ſchaute auf ihre Dienerin, welche vor dem Sopha knieete, ihr die Füße und Hände rieb und zuweilen den Blick erhob, um in der ruhigen Art, welche die in der Krankenpflege Geübten beſitzen, zu entdecken, ob ſie etwas für die Leidende thun könnte, ohne ſie mit Fragen zu quälen und zu beſtürmen. Hilary hatte Eliſabeth in der letzten Zeit wenig geſehen und ſo fiel ihr eine große Veränderung an ihr auf, die gewiß nach und nach gekommen war, ſie aber jetzt ſehr überraſchte. Das Schroffe und Harte ihres Weſens war verſchwunden und an deſſen Stelle war trotz ihres nicht anmuthigen, nicht zierlichen Aeußeren, jenes unbeſchreibliche, wunder⸗ bar ſchöne Etwas getreten, welches ſowohl der Bäuerin als der Königin eigen, und an Beiden gleich lieblich zu ſehen, gleich traurig zu vermiſſen iſt— Weiblichkeit. Hierzu geſellte ſich noch der milde, ernſte Geſichtsaus⸗ druck, welcher meiſt von dieſer herrlichen Eigenſchaft un⸗ zertrennlich iſt, und ſo wohl fühlen läßt, daß, was auch eine ſolche Frau zu thun habe, ſei es wichtig oder —5 gering, ſie es ſtets in der beſten und weiblichſten Art aus⸗ führen wird. Dies dachte Hilary unwillkürlich, als ſie ihre Die⸗ nerin beobachtete, und ihr den Auftrag gab, den ſie aus⸗ richten ſollte. Große Erklärungen ertheilte ſie nicht, ſie reichte ihr nur die Anzeige zum Leſen hin, und ſagte ihr, was da⸗ mit geſchehen ſolle; und Eliſabeth that keine Frage, ſon⸗ dern hörte nur aufmerkſam zu und gehorchte. Nachdem ſie gegangen war, lag Hilary matt und regungslos auf dem Sopha. Ihre Kraft und Thätig⸗ keit ſchienen jetzt jener ſchweren, drückenden Ruhe ge⸗ wichen zu ſein, welche eintritt, wenn man auf den Höhe⸗ punkt des Ertragens angelangt iſt, jenen Zuſtand er⸗ reicht hat, da das Sprechen eines Wortes, das Aufheben der Hand faſt unmöglich ſcheint, wäre ſelbſt das Leben damit zu retten. „O, wenn ich nur ſchlafen, ſchlafen könnte!“ das war ihr einziger klarer Gedanke. Und der Schlaf, der ſüße Tröſter, kam, ſchloß die müden Augenlider, und entführte ſie in das Reich der Träume. Wie es oft geht, daß wir nicht von dem träu⸗ men, was wachend unſeren ganzen Sinn beſchäftigt, ſo auch glücklicher Weiſe hier. In einem unbekannten Lande befand ſich Hilary, das von wunderbarer Schönheit war. Hohe, in blauem Duft ſchwimmende Berge zogen ſich in der Ferne entlang, und klare, ſilberhelle Seen be⸗ ſpülten die lachenden, blumigen Ufer, an denen ſie mit Robert Lyon, der ganz unverändert war, dahinwandelte. Er ſprach nicht viel zu ihr, aber ſie war ja bei ihm, 70 und ſie wußte, daß ihre Herzen in eines verſchmolzen, daß keines je dem anderen untreu geweſen, nicht einmal mit dem Gedanken, daß auch nicht der leiſeſte Zweifel je die Ruhe, den feſten Glauben deſſelben geſtört hatte. Iſt es ſtets ſo in dieſer Welt? Führt Gott immer der treu liebenden Jungfrau den gleich treuen Gefährten zu, daß eine ſchöne, rechte Liebe, eine heilige, wandelloſe Zärtlichkeit ſie vereine, deren ſie ſich in Gottes Ange⸗ ſicht nicht zu ſchämen haben? Denn eine rechte Liebe ſieht in dieſem Leben nur den Anfang jenes künftigen, beſſeren Daſeins, und findet in der innigſten, wärmſten irdiſchen Liebe ein Etwas, welches man nicht mit zu feſter Hand halten darf, ein Etwas, das zerbrechlich wie Glas und ſchwach wie ein Strohhalm iſt, es ſei denn veredelt und geheiligt durch die göttliche Liebe. Hilary glaubte an eine ſolche Vereinigung. Und als ſie durch Eliſabeth's leiſes Klopfen aus dem Schlummer emporfuhr und, ſtatt der ſchönen Ufer und Robert Lyon, das düſtere Wohnzimmer mit dem verglimmenden Ka⸗ minfeuer ſah, da dankte ſie Gott aus voller Seele, daß ihr Traum nicht ganz ein Traum ſei, daß, ſo ſchwer ihr Kummer war, er doch nicht die Liebe ihres Herzens berühre— denn feſt und unverbrüchlich glaubte ſie an Robert Lyon's Treue. So erhob ſie ſich und ſprach wieder beinahe fröhlich wie ſonſt, indem ſie Eliſabeth fragte, ob ſie Alles gut beſorgt habe und ob das Inſerat am Montag Morgen gedruckt ſein würde. „Ja, Fräulein Hilary, es iſt Alles in der Ordnung.“ Nach dieſer Antwort zögerte Eliſabeth das Zimmer 7 zu verlaſſen, als ob ſie etwas mitzutheilen habe, wie es auch wirklich war. Sie hatte ein Abenteuer gehabt. Es war dies etwas ganz Neues, Niedageweſenes in ihrem einförmigen Leben, und ihre Augen glänzten heller, ihre Wangen brannten, und ihre alte nervöſe Erregbarkeit war zurückgekehrt, um ſo mehr, als ſie nicht recht wußte, wie ſie ſich benehmen ſolle, denn ſie ſchwonkte zwiſchen dem Wunſche, ihrer Herrin Alles zu erzählen und der Furcht, ſie in dieſer ſo ſchweren Zeit mit einer ſo unwichtigen, ſie nur be⸗ treffenden Sache zu beläſtigen. Als nämlich Eliſabeth ihre Anzeige in der Expedi⸗ tion der Times abgegeben hatte und auf die Beſchei⸗ nigung der Annahme wartete, ſtand neben ihr ein junger Mann. Anfangs beachtete ſie ihn kaum, bis er zu einem der Schreiber über einen Druckfehler in dem ihn be⸗ treffenden Inſerate ſprach, wahrſcheinlich einem aus der großen Anzahl der„Dienſtgeſuche“, wobei Eliſabeth durch den unverleugbaren Dialekt von Stowbury auf⸗ merkſam wurde. Zum erſten Male ſeit ſie die Heimath verlaſſen, traf er ihr Ohr, und in Eliſabeth's anhänglicher, ja beharrlicher Natur hatte die Heimath durch die Jahre der Abweſenheit einen viel höhern Reiz bekommen, war zu dem einen Orte in der ganzen Welt geworden, an dem ihr Herz hing. In dieſer troſtloſen Oede von Lon⸗ don die Sprache aus Stowbury zu hören, Jemand von dort zu ſehen, ja, wenn er ſelbſt nur Stowbury kannte, das durchbebte ſie mit Wonne. Sie wandte ſich ſchnell um und ſah den Sprechenden ſcharf an. Es war ein 72 ganz junger Mann, kaum dem Knabenalter ſchien er entwachſen, denn er war klein, ſchmächtig und bartlos. „Nun, Fräulein, ich hoffe Sie werden mich das nächſte Mal wiedererkennen“, ſagte der junge Menſch. Durch dieſe Bemerkung wurde Eliſabeth inne, daß er weder ſo ganz jung noch ſo einfach war, wie ſie zuerſt geglaubt. Sie zog ſich beſchämt zurück und wurde glühend roth. Das Schönſte an Eliſabeth war aber gerade ihr Erröthen, und in ſolchem Moment ſah ſie durchaus nicht reizlos aus. Sie hatte jene zarte, reine Haut, welche den Frauen ihrer Gegend eigen iſt, und wenn das junge Blut ſo warm in die Wange ſtieg, dann erblühten dort Roſen, wie ſie friſcher und lieblicher nicht das Antlitz der ſchönſten Dame ſchmückten. Entweder dies oder die natürliche Eitelkeit des Mannes, einer Frau aufgefallen zu ſein, erregte die Aufmerkſamkeit des Jünglings. „Bitte, Fräulein, Sie dürfen nicht ſo ſcheu oder gar beleidigt ſein. Vielleicht habe ich denſelben Weg wie Sie. Würden Sie meine Begleitung gern ſehen?“ „Nein, ich danke“, erwiderte Eliſabeth ſehr wür⸗ devoll. „Wollen Sie mir auch nicht einmal Ihren Namen ſagen? Ich heiße Tom Cliffe und wohne—“ „Cliffe! Sind Sie der kleine Tommy Cliffe aus Stowbury?“ Und Eliſabeth's ganzes Herz lag in ihren Augen. Es wurde ſchon früher bemerkt, daß ſie eine unge⸗ wöhnlich anhängliche Natur hatte, ſie liebte nicht allzu viel Menſchen, doch an denen, welchen ſie einmal ihre 73 Zuneigung geſchenkt, hielt ſie mit ſeltener Treue feſt. Faſt das einzige große Intereſſe, das ſie je im Leben empfunden— ihre Liebe für Hilary ausgenommen— hatte dem kleinen Knaben gegolten, den ſie vor Jahren unter den Hufen eines wilden Pferdes hervorzog; und obgleich er ein kleiner Unhold war, der ſich wenig um ſie kümmerte, und ſeine Mutter ſogar eine Frau, die in nicht gutem Rufe ſtand, ſo hatte Eliſabeth doch warm und treu an ihnen gehangen, bis ſie Beide aus den Augen verlan Es war gewiß nur natürlich, daß, als ſie hörte, der Fremde ſei derſelbe Tom, dem ſie einſt, als er ein klei⸗ ner Burſche war, das Leben gerettet hatte— und neben⸗ bei kam er noch aus dem theuren Stowbury— eine heftige Gemüthsbewegung ſich in ihr kund that, welche den jungen Mann ſehr zu erſtaunen ſchien. „Ja, ja, ich bin Tommy Cliffe aus Stowbury, das iſt gewiß. Wer ſind Sie aber?“ „Eliſabeth Hand.“ Hierauf folgte eine ſehr herzliche Begrüßung. Tom erklärte, er würde ſie bei näherem Hinblicken überall erkannt haben, er hätte ſie nie vergeſſen— niemals! Mochte dies wahr ſein oder nicht, er ſah wenigſtens aus, als ob er die reine Wahrheit ſprach; und zwei große Frendenthränen ſtiegen in Eliſabeth's Augen. „Sie ſind jetzt ein erwachſener Menſch geworden, Tommy“, ſagte ſie, mit einer Art mütterlichen Stolzes auf ihn blickend, wobei ſein auffallend hübſches und klu⸗ ges Geſicht ſie beſonders feſſelte, das wirklich ſo viel Intelligenz ausdrückte, um ſtets bemerkt zu werden, ob⸗ 74 gleich es zu einer kleinen, unanſehnlichen Figur gehörte. „Wie alt ſind Sie doch, Tom?“ „Neunzehn.“ „Und ich bin zweiundzwanzig Jahre. Wie alt wir ſchon werden“, rief ſie lächelnd. Dann fragte ſie nach Frau Cliffe, erhielt jedoch nur die kurze Antwort:„Mutter iſt todt“, in einem ſo ab⸗ weiſenden Tone geſprochen, daß man wohl merkte, fer⸗ nere Erkundigungen würden unwillkommen ſein. Auch ſeine beiden Schweſtern waren am Typhus geſtorben, und Tom hatte in den letzten drei Jahren„ſich allein durchſchlagen müſſen“, wie er ſich ausdrückte. Er war außerordentlich offen und vertraulich, er⸗ zählte wie er ſeine Laufbahn als Burſche bei einem Buch⸗ drucker begonnen habe, dann zum Setzer emporgeſtiegen ſei, und da ſeine Geſundheit das anhaltende Stehen nicht vertragen, habe er dieſe Beſchäftigung verlaſſen und ſei bei einem Schriftſteller Diener geworden. „Ein ungeheuer kluger Menſch iſt mein Herr, er hat Equipage, gibt ſplendide Mittagseſſen, zu denen ſelbſt Prinzen und Herzöge kommen, und all das Geld dazu bringen ihm ſeine Bücher. Vielleicht haben Sie ſchon den Namen von einigen gehört“, und Tom nannte ein Paar mit einer patroniſirenden Miene, über welche Eliſabeth lächelte, denn ſie hatte die Bücher ſogar geleſen. Trotz⸗ dem aber betrachtete ſie den Diener eines ſo großen Mannes mit einer gewiſſen Ehrfurcht und der„kleine Tommy Cliffe“ gewann dadurch eine noch größere Be⸗ deutung in ihren Augen. Während er mit ihr die Straße entlang ging, ſie 75 nach dem Omnibus zu geleiten, konnte ſie nicht umhin zu bemerken, was für ein kluger, ſcharfſichtiger Burſche er geworden war, wie er gleich manchen anderen Buch⸗ druckerlehrlingen durch ſeine Kunſt in die höhere geiſtige Welt der Bücher eingeführt ward und dadurch eine Bildung— Selbſtbildung natürlich— erhalten hatte, welche weit über ſeinen Stand hinausging. Während ſie auf ihn blickte und lauſchte, mußte Eliſabeth unwillkürlich an Benjamin Franklin denken und an manchen Anderen, der ſich vom Buchdruckerlehrling und von des Setzers Pult zu Ruhm und Bedeutung emporgeſchwungen hatte, und ſie meinte, vielleicht könne dies auch noch das Loos des„kleinen Tommy Cliffe“ werden. Warum nicht? Wenn es ſo geſchah, wie unendlich ſtolz würde ſie ſich fühlen! Für den Moment hatte ſie alles Andere, ſelbſt Fräu⸗ lein Hilary vergeſſen. Erſt als Tom ſie fragte, wo ſie wohne, fiel ihr plötzlich ein, daß ihre Herrin es unter den obwaltenden Umſtänden gewiß nicht gern ſehen möchte, wenn ihre Wohnung oder irgend etwas ſie Betreffendes Jemand aus Stowbury bekannt würde. Es koſtete ſie einen Kampf. Sie hätte den jungen Mann gern wiedergeſehen, würde gern mit ihm von Stowbury und den Bekannten dort geſprochen haben, aber ſie fühlte, ſie dürſe es nicht und ſo wollte ſie es auch nicht. „Sagen Sie mir, wo Sie wohnen, Tom, das wird gerade ſo gut ſein, wenigſtens bis ich mit meiner Her⸗ rin ſprach. Mich hat niemals früher Jemand beſucht, und ich weiß nicht, ob es ihr recht ſein wird.“ „Kein Anhang, kein Schatz erlaubt, he?“ Eliſabeth lachte. Der Gedanke, den kleinen Tommy Cliffe ſich als ihren Schatz vorzuſtellen, ſchien ihr zu drollig. So ſagte ſie ihm Lebewohl, nachdem ſie, Dank ſei⸗ ner fröhlichen Offenheit, Alles ihn Betreffende erfahren hatte, wohingegen er nicht das Geringſte über ſie ſelbſt und ihre Herrinnen gehört. Sie lächelte nur, als er ihr erklärte, und zwar mit einer gewiſſen romanhaften Em⸗ phaſe, er würde ſie ſchon wiederfinden und ſollte er ſie durch ganz London ſuchen. Dies war Eliſabeth's Abenteuer geweſen. Als ſie es ihrem Fräulein erzählte, erſchien es ihr ſelbſt nicht mehr ſo bedeutend, und ihre Herrin hörte auch nur ſehr oberflächlich zu und bemühte ſich ſichtlich, ſich auf Tommy Cliffe zu beſinnen und etwas Theilnahme für ihn zu fühlen, weil er aus Stowbury war. Aber jene dort verlebte Zeit lag ihr jetzt ſo fern— eine Welt voll Lei⸗ den trennte ſie von damals. Plötzlich ergriff ſie die Furcht, welche auch ſchon über Eliſabeth gekommen war. „Der junge Menſch ſah hoffentlich nicht die Anzeige? Du erzählteſt ihm doch nichts über uns?“ „Ich theilte ihm nicht das Geringſte mit“, erwiderte Eliſabeth mit ſanfter Stimme und geſenktem Blick.„Ich nannte nicht einmal irgend einen Namen.“ „Das war recht; ich danke Dir.“ Doch ach, die Bitterkeit, zu fühlen und zu wiſſen, daß Eliſabeth das kannte, für deſſen Verſchweigen ſie ihr dankte, und daß Askott's Namen nicht zu nennen die größte Güte war, welche die treue Dienerin ihr er⸗ weiſen konnte! Günftes Bapitel. Askott Leaf kehrte nicht nach Hauſe zurück. Täglich erſchien die Anzeige in der Times, zuweilen ein Wenig verändert, wie gerade ein Hoffnungsſtrahl oder eine neu erregte Furcht es mit ſich brachte, doch kein Wort, kein Brief, auch nicht ein Zeichen der Er⸗ widerung ward den armen, bangharrenden Frauen. Selbſt Peter Askott— gerührt durch ihre ſtumme Verzweiflung oder vielleicht in der Meinung, daß wenn der junge Taugenichts gefunden würde, er ſicherer in einem anderen Welttheile untergebracht wäre— begann im Geheimen nach ihm forſchen zu laſſen. Jedes ab⸗ gehende Schiff wurde eraminirt, jedes Hospital beſucht, jeder Selbſtmörder beſichtigt— Alles vergebens. Der unglückliche junge Mann war ſo plötzlich und ſpurlos aus dem häuslichen Kreiſe verſchwunden, wie ſchon Mancher vor ihm, von dem man nie wieder etwas ge⸗ hört hatte. „ Es wäre ſchwer zu begreifen wie eine Familie einen ſolchen Kummer zu ertragen vermag, wenn wir nicht 78 wüßten, daß ſchon ſo viele ihn erdulden mußten, mit der ganzen Wucht der faſt aufreibenden Marter, des Schwebens zwiſchen Furcht und Hoffnung, bis dieſe ganz erlöſcht und ſich in einen dauernden Gram verwandelt, gegen den der Schmerz, durch den Tod herbeigeführt, faſt leicht und erträglich erſcheint. Die Familie Leaf mußte dies Alles durchmachen. War es beſſer oder ſchlimmer für ſie, daß ſie gezwun⸗ gen wurden, ihren Kummer geheim zu halten, und keine Freunde ihnen zur Seite ſtanden, ſie auszufragen, zu bemitleiden oder zu tröſten, daß Johanna täglich und ſtündlich allein in dem einſamen Wohnzimmer ſitzen mußte, da Selina ſich wieder ganz aufgerichtet hatte und die Vorbereitungen zur Hochzeit beſorgte, und daß Hi⸗ lary jeden Montag Morgen nach Kenſington zurückzukehren genöthigt war, um die ganze Woche hindurch zu arbeiten — zu arbeiten— als ſei nichts vorgefallen! Es war gewiß nur natürlich, daß dies Alles nicht ſpurlos an ihr vorüberging, und eines Tages, nachdem Fräulein Balquidder ſie lange und forſchend angeblickt, ſagte ſie: „Meine Liebe, Sie ſehen krank aus; ſind Sie lei⸗ dend oder haben Sie Kummer? Meine«Kinder? ver⸗ trauen mir ſtets ihre Sorgen an, ich bin ein Doctor für Leib und Seele.“ „Das glaube ich gern“, erwiderte Hilary mit trü⸗ bem Lächeln, doch ging ſie nicht in nähere Erklärungen ein, und die alte Dame war freundlich und tactvoll genug, nicht weiter zu forſchen. Dennoch kam ſie unter dieſem oder jenem Vorwande faſt allabendlich nach Ken⸗ * 79 ſington und nahm dann Hilary ſtets mit nach Hauſe, dort zu ſchlafen. „Ihre Schweſter Selina wünſcht Sie gewiß noch ſo viel wie möglich bei ſich zu haben“, ſagte ſie, um für ihr Thun einen Grund anzugeben. Hilary widerſprach dem nicht, denn wir ſind ja oft gezwungen in etwas ſchweigend einzuſtimmen, was eine Wahrheit ſein ſollte und dennoch, wie wir nur zu ſchmerz⸗ lich fühlen, eine grauſame Lüge iſt. Denn leider war es leicht erſichtlich, daß Selina nicht mehr zur Familie gehörte. Nachdem der erſte hef⸗ tige, ſich ſelbſt anklagende Schmerzensausbruch vorüber war, nahm ſie Herrn Askott's Anſicht über den Verluſt des Neffen an und fand, daß es eine gute Art war von ihm befreit zu ſein; dann wandte ſie ſich wieder ganz der Sorge für ihre Ausſtattung und Einrichtung zu, nur noch von der Furcht gequält, es könne etwas dazwiſchen kommen, daß die Hochzeit verſchoben würde. Aber dieſe Gefahr war allem Anſchein nach beſei⸗ tigt. Keine Kunde von Askott traf ein, ſelbſt die täg⸗ lichen Nachfragen ſeiner Gläubiger hörten auf. Seine Tante Selina begann freier zu athmen, als am Morgen vor der Hochzeit— da die drei Schweſtern noch mit Schleier, Spitzen und ſolchen duftigen Stoffen beſchäf⸗ tigt waren, doch in ſo trüber und ſchweigender Stim⸗ mung, als gälte es den Vorbereitungen zu einem Lei⸗ chenbegängniß— ihnen plötzlich gemeldet wurde, ein Mann ſei draußen und wünſche ſie dringend in Geſchäf⸗ ten zu ſprechen. Es war ein Gerichtsdiener, der von Askott Leaf's 80 Tanten erfragen ſolle, ob ſeine Perſonalbeſchreibung auf dem beifolgenden Blatte richtig ſei. Denn ſein Haupt⸗ gläubiger, zum Aeußerſten getrieben, hatte beſchloſſen, ihn in den Zeitungen als„durchgegangen“ oder„ſich verbergend“ aufzurufen. Wäre ein Blitzſtrahl in das kleine Zimmer nieder⸗ gefahren, die drei Schweſtern hätten nicht mehr entſetzt und betäubt ſein können. Sie machten keine„Scene“, denn die Feinheit ihrer Bildung und ein gewiß nur edler Stolz hielten ſie zurück, vor einem Fremden die Tiefe ihres Jammers zu enthüllen, obgleich der Mann ſehr höflich war, und nachdem er gleich einem Automaten ſich ſeines Auftrages entledigt hatte, ruhig vor ſich nieder⸗ ſah, und ſie weder durch Fragen noch Blicke beläſtigte. Er war an ſolche Auftritte gewöhnt. Hilary erholte ſich am erſten von dem furchtbaren Schlage. Sie ſah ihre Schweſtern an, doch ſie ſaßen noch betäubt und ſtumm. Bei jeder Kriſis in irgend einem die Familie betreffenden Kummer überließen ſie es ihr ſtets, die Angelegenheit zu führen und zu ordnen. Schnell erwog ſie in ihrem Geiſt all die Folgen, welche aus dieſem neuen Unglück, das der Familie zur Schande gereichte, entſtehen würden. Sie ſtellte ſich Herrn Peter Askott's Aerger und Zorn vor, um die ſie ſich freilich nur inſofern kümmerte, als ſie Selina krän⸗ ken mußten; viel gewichtiger war der Umſtand, daß nach dieſem Vorfall jede Hoffnung ſchwand, den armen, un⸗ glücklichen Verſchwender wieder in ihrer Mitte zu ſehen. Hilary hielt ihn nicht für todt, ſie glaubte unverbrüch⸗ lich, daß er einſt nach ſchweren Leidensjahren, von ſeinen . f Irrfahrten gebeſſert zurückkehren werde, worauf alsdann das gemäſtete Kalb ihm zu Ehren geſchlachtet werden ſollte, und ſie Freudenthränen über den Tiefbereuenden ver⸗ gießen würden. Aber nachdem dieſer Aufruf in den Blättern geſtanden hatte, würde und konnte Askott nie⸗ mals wieder nach Hauſe zurückkommen. Mit einem ſo kalten und geſchäftsmäßigen Tone, als ſie nur immer finden konnte, ſagte Hilary, dem Beamten das Blatt reichend: „Dies iſt ein ſummariſches Verfahren. Giebt es kein Mittel es zu verhindern?“ „Ja, eines, Fräulein“, erwiderte der Mann ſehr achtungsvoll.„Wenn die Familie die Schuld bezahlt, wird natürlich der Aufruf nicht gedruckt.“ „Wiſſen Sie wie hoch die Summe iſt?“ „Achtzig Pfund.“ „Ach!“ Dieſer hoffnungsloſe Seufzer Johanna's war Ant⸗ wort genug, obgleich keine der Damen ſprach. In gewiſſen verzweiflungsvollen Lebenslagen werden manche Frauen von einem ebenſo verzweifelten Muthe erfaßt— oder eigentlich iſt es weniger Muth, als Glaube, der ihr ganzes Sein durchdringt, jener Glaube, von dem uns gelehrt wird, daß er„Berge verſetzt“. Die Ueber⸗ zeugung, daß bis zum Ende hin etwas zu thun ſein muß zur Rettung aus der Gefahr, begeiſtert ſie ſo, daß, wenn dies durch Menſchenhand gethan werden kann, ſie die Kraft in ſich fühlen, das anſcheinend Unmögliche auszuführen. Der Berg wird natürlich nicht verſetzt, Herrin und Dienerin. II. 6 82 aber dieſer Muth, dieſer lebendige Glaube lehrt, wie er zu überſteigen ſei. „Nun gut; bringen Sie dieſes Blatt Jenem, der Sie geſandt hat, zurück. Er wird ohne Zweifel ein⸗ ſehen, wie ſeine einzige Hoffnung, bezahlt zu werden, darin beruht, daß er die Anzeige zurücknimmt. Willigt er darin, ſo ſoll er in zwei Tagen von uns hören, und wir werden uns über die Tilgung der Schuld mit ihm einigen.“ Hilary gab dieſen Beſcheid mit ſo großer Ruhe und Sicherheit, daß die Schweſtern ganz erſtarrt auf ſie blickten, doch nicht wagten ihr zu widerſprechen, und der Bote ſich mit einem höflichen„Guten Morgen“ ent⸗ fernte. Als er gegangen, rief Selina: „Hilary, was haſt Du verſprochen, die Schuld zu bezahlen iſt ja eine Unmöglichkeit!“ „Erinnerſt Du Dich der Antwort, welcher jener Franzoſe ſeiner Geliebten gab: Madame, wenn es mög⸗ lich geweſen, ſo wäre es ſchon geſchehen, weil es un⸗ möglich iſt, werde ich es thund. So ſage auch ich. Es geſchieht, und zwar durch mich.“ „Ich muß mich wundern, wie Du noch über unſer Mißgeſchick ſcherzen kannſt“, erwiderte Selina gereizt. „Ich ſcherze nicht, doch wo liegt der Nutzen ſtill zu ſitzen und zu ſeufzen? Ich denke auszuführen, was ich geſagt habe. Es muß geſchehen.“ Hilary's Augen ſtrahlten in ungewöhnlichem geuer ihre ſchmalen, rothen Lippen waren feſt zuſammengepreßt. 83³ „Wenn es nicht geſchieht, wenn dieſe öffentliche Schande nicht unterdrückt wird, Schweſtern, ſeht Ihr nicht die daraus entſpringenden Folgen? Nicht was Deine Heirath anbetrifft, Selina— der Mann müßte ein Elender ſein, der die Frau aufgäbe, welche er liebt, ſelbſt wenn ihr nächſter Verwandter am Galgen ge⸗ ſtorben wäre— nein, ich ſpreche in Beziehung auf Askott ſelbſt. Er iſt nicht bösartig, obgleich er ſchlecht gehandelt hat; aber es iſt ein großer Unterſchied zwi⸗ ſchen einer böſen That und einem durchaus verderbten, ſchlechten Charakter., Ich beabſichtige ihn zu retten, wenn es in Menſchenmacht ſteht.““ „Wie?“ „Indem ich ſeinen guten Namen erhalte durch das Bezahlen der Schuld.“ „Und woher in aller Welt willſt Du das Geld nehmen?“ „Ich werde zu Fräulein Balquidder gehen und—“ „Es borgen?“ „Nein, niemals! Faſt eben ſo gut könnte ich daran denken es zu ſtehlen.“ Hilary erklärte ihren Schweſtern, ſie wolle Fräulein Balquidder erſuchen, es mit dem Gläubiger ſo zu arran⸗ giren, daß er auf wöchentliche oder monatliche Abzah⸗ lungen eingehe, die von ihrem Gehalte gemacht werden ſollten. „Ich will ſie um keine ſo ſehr große Gunſt bitten, ſie ſoll nur ſagen: Dieſe junge Dame iſt durch mich angeſtellt, ich halte ſie für achtbar und redlich und glaube, daß wenn ſie ein Verſprechen gibt, ſie es nach 6* beſten Kräften erfüllen wird.“ Ein Zeugniß, welches zur Zeit für ein Glied der Familie Leaf faſt etwas Sel⸗ tenes und Ungewöhnliches iſt.“ „Hilary!!“ „Ich werde bitter, Johanna, o ich weiß es! Aber warum haben wir auch ſo viel zu leiden? Warum wer⸗ den wir ſtets in dieſer ſchrecklichen Weiſe herabgedrückt? Weshalb ſteht uns nicht gleich anderen Frauen eine kräf⸗ tige Stütze zur Seite, Jemand der uns liebt und für uns ſorgt? Weshalb ſind wir ſo grenzenlos elend und verlaſſen, daß—“ Johanna legte ihren Finger auf die Lippen ihres Kindes: „Weil es Gottes Wille iſt.“ Hilary warf ſich laut weinend ihrer geliebten Schwe⸗ ſter in die Arme. Auch Selina vergoß ein Paar Thränen und ſagte, ſie würde ſehr gern ihr Theil zur Bezahlung der Schuld beitragen, wenn Herr Askott nichts dagegen habe. Und dann wandte ſie ſich wieder zu ihrer prachtvollen Braut⸗ toilette, und wurde ganz durch das Mißgeſchick in An⸗ ſpruch genommen, daß in dem für die Trauung beſtimmten Hute zuviel Clematis und zu wenig Orangenblüthen gar⸗ nirt waren, ein Uebelſtand, dem ſich jetzt nicht mehr ab⸗ helfen ließ. Ein Wenig ängſtigte ſie ſich auch, daß Fräu⸗ lein Balquidder in das Vertrauen der Familie gezogen werden ſollte, aus Furcht die unſelige Geſchichte könne nach dem Ruſſell⸗Platz dringen; und ſo beſtand ſie darauf, daß wenigſtens erſt nach dem nächſten Tage etwas in der Sache geſchehen ſolle. Sie war entſchloſſen, ſich 85 zu verheirathen und fürchtete, daß noch im letzten Au⸗ genblick ihr Vorhaben zerſtört werden könne. Hilary blieb jedoch feſt bei ihrer Anſicht. „Ich verſprach, daß die Angelegenheit in zwei Tagen geordnet ſein ſoll und ſo muß es geſchehen, ſonſt denkt der Mann, daß auch wir unſer Wort brechen.“ „Du kannſt ihn ja des Gegentheiles verſichern“, er⸗ widerte Selina würdevoll.„Uebrigens weiß ich wirk⸗ lich nicht, weshalb Du Dich nicht mit ihm einigen willſt, ohne Dich an Fräulein Balquidder zu wenden?“ Wieder kehrte der bittere Ausdruck in Hilary's Ant⸗ litz zurück. „Du vergißt, daß Fräulein Balquidder's ehrlicher Name die einzige Bürgſchaft iſt für die Unredlichkeit und Unzuverläſſigkeit des unſrigen.“ „Hilary, Du beſchimpfeſt uns— beleidigſt mich, wenn Du in dieſer Weiſe ſprichſt. Sind wir nicht Da⸗ men, hochgeborene, feine Damen?“ „Ich weiß nicht, Selina, mir iſt, als wüßte ich gar nichts mehr mit voller Beſtimmtheit, als das Eine, daß ich nämlich mit Freuden von Waſſer und Brot mich nähren wollte, könnte ich mir dadurch nur ein redliches, friedliches Leben erringen. O, wird dies jemals, jemals unſer glückliches Loos ſein!“ Sie ging mit ſchnellen Schritten auf und ab, wobei ſie die umherliegenden weißen Stoffe ſtreifte, mit denen Selina ſich ſo eifrig beſchäftigte. Ein bitteres, gering⸗ ſchützndes Lächeln kräuſelte Hilary's Lippe, das wohl nicht allein dem Tand und Putz galt. Aergerlich und 86 elend, jeder Nerv zuckend vor Erregung, war ſie mit ſich und der ganzen Welt im Streit. Dies Gefühl währte noch als ſie nach einigen fer⸗ neren Erörterungen ihren Willen durchgeſetzt hatte und ſich auf dem Wege zu Fräulein Balquidder befand. Sie ging mehr als ein Mal um den Platz herum, ſich be⸗ mühend jedes Wort, was ſie ſagen wollte, vorher zu überlegen, damit ſie nur das Allernöthigſte des Familien⸗ geheimniſſes verrieth, das Ganze mehr als eine Ge⸗ ſchäftsſache hinſtellte, und nur die Gunſt erbat, welche durchaus nicht zu vermeiden war. Als ſie ſo dahin⸗ ſchritt und der ſcharfe, ſchneidende Oſtwind ſie von allen Seiten traf, fühlte ſie ſich nicht nur äußerlich immer kälter werden, auch ihr Inneres ward immer ſtarrer und bitterer. „Das geht nicht; auf dieſe Weiſe werde ich nach und nach böſe. Ich muß mir ein Herz faſſen und die Sache zu Ende führen.“ Vielleicht wirkte der Wechſel als ſie aus der un⸗ freundlichen Kälte außen in das warme, hellerleuchtete Zimmer trat, nicht nur phyſiſch, ſondern auch geiſtig vortheilhaft auf Hilary ein. Die Behaglichkeit des Raumes, der ſie umfing, ſchien ihre Erregung zu ſänftigen. An dem wohlbeſetzten, doch einſamen Theetiſch ſaß die gute, reiche Dame. Inmitten des ſehr großen, ſchönen Zimmers nahm ſich der kleine Theetiſch mit der einen Taſſe darauf, dem einen Lehnſtuhl davor, faſt verloren aus. Und als Hilary eintrat, bemerkte ſie an Fräulein Balquidder jenen ernſten, ſtillen, faſt trüben Geſichtsausdruck, der 87 alleinſtehenden Menſchen meiſt eigen iſt, der aber in ſo reicher, prächtiger Umgebung doppelt weh berührt. Sobald die alte Dame ſie gewahrte, flog ein ſonni⸗ ges Lächeln über die erſt ſo ernſten Züge, und aufſtehend rief ſie fröhlich: „Wie freundlich von Ihnen zu mir zu kommen, mein liebes Fräulein, und überdies am Tage vor der Hoch⸗ zeit, wo Sie gewiß ſo beſchäftigt ſind. Setzen Sie ſich und erzühlen Sie mir davon! Doch halt, meine Liebe, Ihre Schuhe ſind ſehr naß, die müſſen Sie ausziehen.“ Fräulein Balquidder holte ſelbſt ihre warmen Pan⸗ toffeln herbei und ſteckte mit eigenen Händen die kleinen Füßchen hinein. Hilary ließ es geſchehen— ſie: war wirklich zu über⸗ raſcht, um zu widerſtreben. Fräulein Balquidder hatte, wie die meiſten Menſchen, ihre eigenen Anſichten und ſogar einige„Schrullen“, und eine derſelben war die, ihre geſchäftlichen und freund⸗ ſchaftlichen Verbindungen hart von einander zu ſcheiden. Wenn ſie nach Kenſington oder einem der anderen Läden kam, ſo war ſie ſtets die„Herrin“, eine ſehr gütige und mütterliche zwar, doch aber entſchieden und als Au⸗ torität auftretend. Ebenſowohl hatte ſie es ſich zum Geſetz gemacht, alle ihre Schützlinge gleich zu behandeln, keine„Stiefkinder“ darunter zu haben. So war es denn von Hilary gefühlt und verſtanden worden, daß ſie Fräulein Leaf, die Buchführerin war, welche gegen ihre Vorgeſetzte ihre Pflicht erfüllte, dafür gut bezahlt wurde, aber ſonſt durchaus keine näheren Beziehungen zu Fräu⸗ lein Balquidder erwartet oder erreicht hatte. 88 Doch in ihrem eigenen Hauſe trat die Letztere ihr ganz anders gegenüber; vielleicht auch mochte das plötz⸗ liche Erſcheinen des jungen, lieblichen Geſichtes in dem einſamen Zimmer die alte Dame ſo freudig geſtimmt haben. Ein tiefbetrübtes Herz wird oft von einer Kleinig⸗ keit gerührt und erquickt. Als die gütige Frau, nach⸗ dem ſie die kleinen, kalten Füße geſtreichelt und über die wollenen Strümpfe ſich ſehr lobend geäußert hatte, ſich erhob, bemerkte ſie, daß Hilary's Geſicht zuckte und ſie nur mit Mühe ihre Thränen zurückuhalten vermochte. Es giebt Frauen, bei denen man inſtinctartig fühlt, daß ſie— wie Fräulein Balquidder einſt ſcherzend von ſich äußerte— beſtimmt waren, Mütter zu ſein. Und obgleich die Vorſehung in ihrer Weisheit ihnen dieſes Glück verſagte, ſo vermochte ſie doch nicht den Quell dieſer mütterlichen Zärtlichkeit— die bei ſolchen Ge⸗ müthern eine Leidenſchaft iſt, faſt ſo ſtark und mächtig als bei anderen die Liebe— zu hemmen und verſiegen zu laſſen; und der Strom, welcher ſonſt vielleicht ein Kind, eine Familie beglückt und geſegnet hätte, darf nun weit und breit ſich ergießen, Segen bringend, wohin er fließt. Während Fräulein Balquidder Hilary zu einem be⸗ quemen Stuhle führte und ihr ſelbſt die Kiſſen zurecht legte, ſagte ſie mit einem Tone, der das junge Mädchen bis ins Herz traf: „Mein liebes Kind, Sie haben Kummer; ich be⸗ merkte es ſchon ſeit einiger Zeit, aber ich mochte nicht forſchen, da Sie es nicht zu wünſchen ſchienen. Wollen Sie mir jetzt vertrauen und geſtatten, Sie zu tröſten, Ihnen zu helfen? Sie brauchen nicht bange zu ſein, ich erzähle nichts wieder, aber Jeder kommt mit ſeinen Sorgen zu mir.“ Das war in der That ſo. Neben dieſer Mütter⸗ lichkeit beſaß die alte Dame noch die ſchöne Gabe, Ver⸗ trauen zu erwecken, eine Eigenſchaft, mit der manche ſonſt ganz vorzüglichen Menſchen durchaus nicht geſegnet ſind. Die Geheimniſſe, welche ihr anvertraut wurden, die Herzensgeſchichten, in denen ſie eine Rolle geſpielt, die wunderbaren und ſeltſamen Handlungen und Miſſio⸗ nen, die ſie in ihrem Leben berufen war auszuführen, würden den beſten Stoff für einen oder mehrere Ro⸗ mane geben, dennoch möchte kein Schriftſteller wagen ſolches Buch zu ſchreiben, weil das Publikum es als unmöglich und unnatürlich verwerfen würde. Alle dieſe Erfahrungen hatten aber der alten Dame einen klaren Einblick in die menſchliche Natur verliehen, und ihr ſo richtige, großherzige und milde Anſichten gegeben, daß ſie vielleicht die geeignetſte Perſon war, die traurige Ge⸗ ſchichte des jungen Askott Leaf recht zu verſtehen. Hilary wußte ſelbſt kaum wie die Mittheilung ge⸗ ſchah, ſie ſchien ſo wenig erzählt zu haben und dennoch ahnte und begriff Fräulein Balquidder Alles. Sie ſah weder überraſcht noch empört aus, ſie fragte auch nicht weiter, noch begann ſie weiſe Rathſchläge zu ertheilen; ſie legte nur ihre große, weiche Hand ſchützend und lieb⸗ koſend auf das junge, gebeugte Haupt vor ihr und ſagte innig: 90 „Wie viel Sie gelitten haben müſſen, mein armes Kind!“ Der weiche ſchottiſche Accent— der Hilary an Ihn erinnerte— das ernſte ruhige, doch ſo unendlich lieb⸗ reiche Weſen machten einen überwältigenden Eindruck auf das junge Mädchen. Und nicht nur an ihn wurde ſie gemahnt, die Herzlichkeit der alten Dame führte Hila⸗ ry's Gedanken unwillkürlich zu ſeiner Mutter hin. Ro⸗ bert Lyon's Mutter ſtarb als er ſiebzehn Jahre zählte, doch er hatte ihr ein beſonders zärtliches, treues Anden⸗ ken bewahrt und oft geſagt,/von allen Damen, die er kennen gelernt habe, ſei keine ſeiner Mutter gleich ge⸗ kommen, dieſer ſo kräftigen und doch ſanften, echt weib⸗ lichen Landfrau, die bei aller Schlichtheit zartſinnig und edel von Gemüth, gebildet in Wort und Weſen war, obgleich ſie nur die platte, hochländiſche Sprache redete, und die Arbeit ihrer Wirthſchaft mit eigenen Händen verrichtete.“ Es ſchien Hilarh in dieſem Moment, als ob dieſe Mutter— welcher ſie ſtets mit beſonderer In⸗ nigkeit und Verehrung gedacht hatte, wie das Mädchen die Mutter des Mannes, den ſie liebt, vor allen anderen Frauen hochhalten ſoll— jetzt zu ihr ſpräche, Worte der Liebe und des Troſtes, und ihre Hülfe anböte, die, gerade von dieſer Seite kommend, doppelt ſüß und werth⸗ voll war. Eine Einbildung freilich, die aber in dem erregten Gemüthszuſtande Hilary ſo erfaßt hatte, daß ſie auf ihre Kniee niederſank und laut weinend ihren Kopf in Fräu⸗ lein Balquidder's Schvoß barg. Dieſe ſchien ſichtlich überraſcht, es lag nicht in ihrer E Natur ſich vor Anderen ſo ihren Gefühlen zu überlaſſen, aber ſie war klug genug keine Fragen zu thun; ſie hielt nur die kleinen, zitternden Hände feſt in ihrer Rechten und ſtrich mit der anderen Hand liebkoſend über den ſchmerzenden Kopf. Manche Menſchen beſitzen eine faſt wunderbar magnetiſche Kraft, zu beruhigen und zu be⸗ ſchwichtigen und dieſe war der alten Dame eigen. Als ſie das gebeugte Haupt des jungen Mädchens empor⸗ richtete und feſt und tren ihr in die Augen ſchaute, freundlich ſagend: „Ich ſehe, jetzt iſt Ihnen beſſer“, da konnte Hilary den Blick gleich feſt erwidern und ſtand lächelnd auf. „Darf ich Ihnen nun mein Anliegen vortragen?“ „Gewiß, meine Liebe. Wenn unſere Freunde in Noth ſind, ſo iſt es das Schlechteſte und Dümmſte, wenn wir uns ſtill zu ihnen ſetzen und ſie beklagen und ſeuf⸗ zen. Handeln, das iſt das Wahre. Sind Sie gekommen meinen Rath zu erfragen, oder haben Sie ſich ſchon ſelbſt einen Plan entworfen?“ „Das that ich“; und Hilary theilte ihn mit. „Ein ſehr guter Plan, und es iſt ſehr großmüthig von Ihnen ſo handeln zu wollen. Aber ich ſehe zwei bedeutende Hinderniſſe, das erſte: kann er ausgeführt werden, das zweite: iſt es recht, wenn es geſchieht?“ Hilary erbebte. „Natürlich ſpreche ich nur in Beziehung auf Ihr Wohl. Ich bemerkte oft wie Menſchen ſich zu Märtyrern machen, Alles hingeben für einen unwürdigen Charakter, dem dies Opfer doch nichts nützen kann. Dagegen oppo⸗ nire ich ſtets, ebenſo gut wie ich es nicht leiden würde, 92 wenn einer meiner Freunde ſich in ein brennendes Haus ſtürzte, ich müßte denn überzeugt ſein, es wäre dadurch ein Leben zu retten. Iſt dies hier der Fall?“ „Ich denke es— ich glaube es feſt“, ſagte Hilary feierlich. Freude und Mitleid ſprachen aus dem Blick, der das junge Mädchen traf, als Fräulein Balquidder er⸗ widerte: „Mag es ſo ſein; dies iſt eine Sache, über die Sie ſelbſt der beſte Richter ſind. Aber da Sie ferner mei⸗ nen Rath wünſchen, ſo will ich ihn gern geben: Sie ſagen, es muß geſchehen— gut; doch mit der Ausfüh⸗ rung des Planes kann ich nicht einverſtanden ſein. Bei einem Einkommen von hundert Pfund jährlich eine Schuld von achtzig zu bezahlen, und dennoch den Lebensunter⸗ halt für zwei Damen davon beſtreiten zu wollen, das iſt eine baare Unmöglichkeit.“ „Johanna's und mein Jahrgeld dazu genommen be⸗ ſitzen wir hundert und zwanzig Pfund und einige Schil⸗ linge darüber.“ „Sie kleines ordentliches Mädchen! Aber ſelbſt da⸗ mit iſt es nicht möglich; Sie müßten denn ſo kärglich, ja dürftig leben wollen, daß Ihre Schweſter in ihren Jahren entſchieden unter dieſen Entbehrungen leiden würde. Sie dürfen die Sache nicht einſeitig betrachten. Sie müſſen auch Anderen ebenſo gerecht werden, wie dieſem jungen Manne, der, wie ich fürchte, doch niemals — Aber ich will ihn nicht richten.“ Für eine kurze Zeit ſchwiegen Beide, dann fuhr Fräulein Balquidder fort: „Ich bin überzeugt, es giebt nur einen vernünftigen Weg die Angelegenheit zu ordnen, wenn Sie feſt ent⸗ ſchloſſen ſind es zu thun. Räth Ihre eigene Ueberzeu⸗ gung, Ihr Gewiſſen, daß es geſchehen muß?“ „Ja“, erwiderte Hilary feſt. Die alte Schottin erfaßte ihre Hand mit warmem Druck. „Nun wohl; ich tadle Sie nicht. Vielleicht hätte ich ebenſo gehandelt. Doch jetzt hören Sie meinen Plan. Fräulein Leaf, kennen Sie mich genug, vertrauen Sie mir hinlänglich, um mich des Segens theilhaftig werden zu laſſen— eines der wenigen, welche wir Rei⸗ chen beſitzen— den die Worte ausdrücken:„Geben iſt ſeliger denn nehmen“7“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz.“ „Erlauben Sie, daß ich mich deutlicher erkläre. Zu⸗ fällig kenne ich den Gläubiger Ihres Neffen. Da er ein Kleidermacher iſt, ſo habe ich in früheren Zeiten mit ihm in Geſchäftsverbindungen geſtanden, und er iſt mir nicht nur als ein harter, ſondern als ein nicht ſehr bra⸗ ver Mann bekannt, mit dem keine junge Dame, ſelbſt nicht einmal in ſolchen Angelegenheiten zu thun haben ſollte. Sie abhängig von ihm, gleichſam in ſeiner Macht für mehrere Lahre zu wiſſen— und ſo würde es ſein, wenn Ihr Plan in Kraft träte— das könnte ich nicht ruhig mit anſehen. Laſſen Sie mich einen an⸗ deren Ausweg vorſchlagen. Nehmen Sie mich ſtatt ſei⸗ ner als Gläubiger an. Bezahlen Sie ihn gleich, ich will Ihnen eine Anweifung auf meinen Banquier geben.“ Das Ganze wurde ſo einfach und natürlich, als 94 etwas ſo rein Geſchäftliches hingeſtellt, daß Hilary An⸗ fangs kaum begriff, was es in ſich ſchloß. Als ſie es recht verſtand und klar ſah, daß eine ihr faſt Fremde ihr ein Geſchenk oder ein Darlehn von achtzig Pfund anbot, fühlte ſie ſich verwirrt. Dann aber— o, tadelt ſie nicht, wenn ſie die edle Unabhängigkeit, welche die Grundlage aller wahren Würde iſt, zu einem faſt krank⸗ haften Uebermaß trieb!— ſchreckte ſie vor dem Aner⸗ bieten zurück, tief beſchämt und verletzt. Endlich zwang ſie ſich zu einer Erwiderung, aber die Worte klangen kalt und förmlich. „Sie ſind ſehr gütig, und ich bin Ihnen ſehr ver⸗ bunden, doch noch nie in meinem Leben borgte ich Geld. Es wäre mir auch jetzt unmöglich.“ „Gut. Ich verſtehe Ihre Gefühle und bitte um Entſchuldigung, Sie gekränkt zu haben, entgegnete Fräu⸗ lein Balquidder auch etwas kühl. Ein peinliches Schweigen trat ein; dann nahm die alte Dame einen Bleiſtift und begann etwas in ihr Notiz⸗ buch einzuſchreiben. „Ich berechne eben, welche Summe ſie bei der größ⸗ ten Einſchränkung monatlich erſparen können. Wiſſen Sie, daß die Wohnungen in London ſehr theuer ſind?; Mir fällt gerade ein, daß wenn Sie aus dem Laden in Kenſington nach einem eben ſolchen in Richmond über⸗ ſiedelten, ich im Stande wäre Ihnen dort einige Zim⸗ mer für viel geringere Miethe, als Sie Frau Jones geben, abzulaſſen, und dann könnten Sie wieder mit Ihrer Schweſter zuſammen wohnen.“ 95 „Ach, das würde uns Beide ſo viel glücklicher machen. Wie gütig Sie ſind!“ „Sie werden ſehen, ich will Ihnen nur beiſtehen, daß Sie ſich ſelbſt helfen können und Ihnen keines⸗ weges Verbindlichkeiten auferlegen. Obgleich ich es durchaus nicht ſo furchtbar finden kann, einer alten Frau, die ganz allein in der Welt ſteht und mit dem Ihrigen thun kann, was ſie will, ein Wenig verpflichtet zu ſein.“ Es lag eine rührende Innigkeit in dem Tone, die Hilary beſänftigte, ja, mit Reue erfüllte. „Vergeben Sie mir, wenn ich zu haſtig war! Ich habe ſolchen Abſcheu, Geld zu borgen— und nachdem Sie die Geſchichte meiner Familie kennen, müſſen Sie die Urſache verſtehen.“ „Das thu ich vollkommen. Aber es giebt auch für die edelſte Unabhängigkeit Grenzen. Jemand der bei jeder Gelegenheit und zu ſeinem eigenen Vergnügen hier und dort und wo er es nur erlangen kann Geld borgt, ohne die geringſte Ausſicht zu haben, dem Gläubiger ge⸗ recht zu werden, iſt ſehr verſchieden von einem Anderen, welcher in der größeſten Verlegenheit die angebotene Hülfe eines Freundes annimmt, und dabei den redlichen Willen hat das Darlehn zurückzuzahlen. Sie haben die⸗ ſen Willen und auch die Kraft ihn auszuführen. Es füllt mir nicht ein, Ihnen ein Geſchenk zu machen, ich werde von Ihrem Gehalte monatlich etwas zurückbehal⸗ ten, bis ich meine achtzig Pfund richtig wiederhabe.“ „Wenn Sie dieſe nun aber nie zurückerhielten? Ich bin zwar jung und kräftig— trotzdem könnte ich krank wer⸗ den, ſterben, und die Schuld bliebe unbezahlt.“ 96 „Nicht unbezahlt“, entgegnete Fräulein Balquidder mit ernſtem Lächeln.„Sie vergeſſen, mein liebes Kind, des Ausſpruches:«Was Ihr einem der Gering⸗ ſten thut unter dieſen, das habet Ihr mir ge⸗ than.“„Wer ſich des Armen erbarmet, der leihet dem Herrn.“ Ich habe Ihm ſchon oft ein gutes Theil geliehen, und Er hat es mir mit Zinſen zu⸗ rückgegeben.“ Es lag etwas Feierliches und Trauriges zugleich in der Art wie die alte Dame ſprach. Hilary vergaß ihre einſeitige Auffaſſung der Sache, und ihr Stolz, ihr Ge⸗ kränktſein ſchwanden dahin. „Iſt es aber nicht Ihre Anſicht, Fräulein Balquid⸗ der, daß man arbeiten und kämpfen muß bis zum Aeu⸗ ßerſten, ehe man ſich durch Andere Verpflichtungen auf⸗ erlegen läßt, beſonders in pekuniärer Hinſicht.“ „Als eine Grundregel mag es gelten. Doch Geld iſt nicht das Erſte und Wichtigſte in der Welt, ſo daß auch eine ſolche Schuld nicht das Schwerſte zu tragen iſt. Zuweilen iſt es die größte Güte, welche Sie einem Mitmenſchen erweiſen können, eine Güte, welche ſein Herz erquickt und rührt und es Ihnen vielleicht fürs ganze Leben gewinnt, daß Sie eine Gunſt von ihm an⸗ nehmen.“ Hilarh erwiderte nichts. „Ich ſpreche aus Erfahrung. Ich habe kein ſehr frohes, glückliches Leben gehabt, mein Kind, wenigſtens würden die meiſten Menſchen es finden, doch der Herr hat mich für meine Einſamkeit und manche Entbehrungen dadurch ent⸗ ſchädigt, daß er mich mit Gütern ſegnete, welche Anderen oft 97 Glück und Ruhe wiedergegeben haben. Die meiſten Men⸗ ſchen beſitzen irgend eine Lieblingsneigung, ein Steckenpferd. Das meinige iſt Wohlthun'. Neben dem Guten, was es bewirkt, erfreut mich auch das Gefühl, daß ich es thun kann— obgleich dies gewiß eine große Schwäche von mir iſt. Wenn Alle die, denen ich Hülfe gebracht, mich wie Sie mit den Worten zurückgewieſen hätten:(Ich will nicht ge⸗ holfen ſein, will nicht, daß man mich glücklich mache?, es wäre hart für mich geweſen, würde mich meiner einzigen Freude beraubt haben.“ Ein halb trübes, halb humoriſtiſches Lächeln glitt über das ſcharfgeſchnittene Antlitz, es vergeiſtigend und ver⸗ ſchönernd. Hilary ſchwankte. Sie verglich ihr Leben, das, trotz aller Sorgen, Liebe und Hoffnung in ſich barg, mit dem dieſer einſamen Frau, die eigenes Glück nie gekannt, die ſich mit dem Glückſpenden begnügen mußte. Demüthig, ja be⸗ ſchämt küßte ſie die edle Hand, welche ſo viel Segen ver⸗ breitete, doch die nach Gottes unerforſchlichem Rathſchluß nie für das Wohl einer eigenen Familie wirken durfte. Einſam war das Leben dieſer Frau geweſen, Alles entbeh⸗ rend, was dem Herzen des Weibes das Koſtbarſte iſt; ein⸗ ſam ging ſie dem Grabe zu. Nie war ihr mehr geworden, als was auch Hilary jetzt ihr reichte, der halb bittere, halb ſüße Lohn der Dankbarkeit. „Nun, mein Kind, was ſoll geſchehen?“ „Ich will thun, was Sie für recht halten“, flüſterte Hilary. Herrin und Dienerin. II. 3 Serhstes Pnpitel. Es war kein freundlicher, lieblicher Morgen für einen Hochzeitstag. Ein dicker, gelber, echt Londoner Nebel, wie die Schweſtern ihn noch gar nicht geſehen hatten, ſchwebte auf den Straßen und verfinſterte die Zimmer, ſo daß ſie bei Kerzenlicht frühſtücken mußten. Schon in den Feſtgewändern ſaßen ſie am Theetiſch. Seit ſechs Uhr Morgens waren ſie auf; und Eliſabeth hatte ihre drei Herrinnen eine nach der anderen ange⸗ kleidet, ſich mit beſonderem Vergnügen dieſem Amte un⸗ terziehend; denn ſie ſtand noch in dem Alter, da eine Hochzeit etwas Hochwichtiges für jedes Mädchen iſt, und es war die erſte, welche ſie jemals näher berührte. In maoncher Hinſicht ward ſie durch dieſe Hochzeit enttäuſcht; es überraſchte ſie zu ſehr, daß der letzte Abend gerade wie alle früheren Abende vorüberging, ohne etwas Beſonderes zu bringen. Nachdem das Packen der beiden Reiſekoffer geſchehen war— die übrige Ausſtattung wurde gleich nach Selina's künftigem Hauſe geſchickt, um nur jede 99 Verbindung mit Nr. 15 ſo ſchnell als möglich abzubve⸗ chen— hatten die drei Damen wie gewöhnlich zu Abend geſpeiſt, und waren dann zur Ruhe gegangen, ohne daß zwiſchen ihnen irgend eine größere Zärtlichkeit oder ein Beweis inniger Liebe ſichtbar geworden wäre. Das er⸗ ſchien Eliſabeth befremdend. Sie hatte noch nicht die Bitterkeit einer Trennung kennen gelernt, bei der Nie⸗ mand beſonderen Kummer empfindet. An einem Hochzeitsmorgen iſt freilich keine Zeit für Gefühlsausbrüche, da ſcheint es nur eine Hauptbeſchäfti⸗ gung zu geben— die Toilette. Herr Askott hatte darauf beſtanden, das Seinige zu thun, damit ſeine neuen Ver⸗ wandten„anſtändig und ſeiner würdig“ bei der Trau⸗ ung erſchienen. Selina's wegen fügten ſie ſich darin; es war überdies unvermeidlich, denn ſie beſaßen kein Geld, um ſich Hochzeitſtuat zu kaufen. Entweder muß⸗ ten ſie Herrn Askott's Geſchenke annehmen, in denen er, um gerecht zu ſein, ſich nicht nur großmüthig, ſondern auch überlegt und rückſichtsvoll erwies, oder ſie waren genöthigt von der Hochzeit fortzubleiben, was ſie um „der Familie willen“ nicht mochten. Mit einem Empfinden, als wenn ſie ihre letzte Pflicht gegen Selina erfüllten, die, wie ſie vorahnend fühlten, ihnen fortan keine Schweſter mehr ſein würde, zog Jo⸗ hanna ihr lillaſeidenes Kleid an und band das ſchöne weiße Crépe de Chine Tuch um, während Hilary ein ſilber⸗ graues Popeline⸗Kleid mit einer weißſeidenen Kardinal⸗ Pellerine trug, die mit weißen Schwan beſetzt und da⸗ mals ſehr modern war. Der Anzug war eigentlich für eine Brautjungfer zu alt, aber ſie wollte ſich warm kleiden und nicht in weißen Mouſſelinſtoffen und luftiger Kantenmantille ihre Geſundheit gefährden, die ihr jetzt doppelt werthvoll war— weil von ihr die Bezahlung ihrer Schuld abhing. Askott's Gläubiger war ſchon befriedigt, Fräulein Balquidder liebte keinen Aufſchub. Als Hilary an jenem Tage zu ihren Schweſtern zurückkehrte, war die Furcht vor öffentlicher Schande beſeitigt, ſie hatte die quittirte Rechnung in der Hand, und ſchuldete nun der alten wür⸗ digen Dame achtzig Pfund. Aber die Schuld drückte und demüthigte ſie nicht. Sie hatte ſich die Lehre zu Herzen genommen, welche der edle, großſinnige Reiche ſtets dem Armen geben kann, daß nämlich die Dankbarkeit, eine ſo ſchwere, wundrei⸗ bende Kette ſie Manchem iſt, ſie Anderen— und es ſind die größeren Naturen— zu einem feſten und hei⸗ ligen Bande wird, welches ſie dem Wohlthäter eng ver⸗ knüpft. Dennoch aber war die Schuld vorhanden, und Hilary würde ſich nicht eher leicht und frei fühlen bis ſie abgezahlt war. Die Großmuth, mit der das Dar⸗ lehn ihr gegeben worden war, die konnte und mochte ſie gar nicht vergelten, in dieſer Hinſicht wollte ſie ſich ihrer alten Freundin gern fürs ganze Leben verpflichtet fühlen. Davon war ſie nicht abgegangen, daß ihr vowihren Gehalte monatliche Abzüge gemacht würden, und wie ſie durch die größte Einſchränkung dieſe Summe möglichſt erhöhen konnte, darüber hatte ſie mit Johanna nachge⸗ dacht und viel überlegt, nachdem ſie an jenem Abend ſich zur Ruh begeben. Es war durchaus keine Zeit zu verlieren, weil ſie Frau Jones die Wohnung aufſagen mußten, und wenn der Plan mit Richmond ausgeführt wurde, ſo ſtand ihnen noch eine Kündigung bevor, und dieſe Einſchränkung erfüllte Hilary ſchon im Voraus mit ſolchem Kummer, daß, als Eliſabeth hereintrat, das Abendeſſen zu bringen, ſie dem Mädchen gar nicht in das Geſicht zu ſehen wagte, und ſich wie ein geheimer Conſpirator vorkam. Hilary wußte, daß ſie unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden Eliſabeth nicht behalten konnten; bei dem Er⸗ ſparungsſyſtem, das ſie jetzt zu befolgen gezwungen waren, wurde dies das erſte Opfer, welches ſie bringen mußten. Daß es ſchon in perſönlicher Beziehung ein großes Opfer ſein würde, darüber war Hilary nicht im Un⸗ klaren. Sie mußte am meiſten darunter leiden, denn die ganze Beſorgung es Hausha ltes, dem Eliſabeth jetzt in umſichtigſter Weiſe vorſtand, fiel ihr wieder anheim, und hundert kleine Bequemlichkeiten und Annehmlichkei⸗ ten, welche das geſchickte Mädchen ihnen bis jetzt dienſt⸗ fertig erwieſen und ſich dadurch faſt unentbehrlich ge⸗ macht hatte, mußten aufhören. Trotzdem dachten die beiden Damen nicht hauptſächlich daran, der Kummer, die treue Dienerin von ſich laſſen zu müſſen, beſchäftigte ſie mehr und machte ſich jetzt ſchon ſchmerzlich fühlbar. Zwei Trennungen ſtanden ihnen bevor, aber es war, wenn auch traurig, doch eine Thatſache, daß nicht die von der Schweſter, ſondern das Scheiden von Eliſa⸗ beth ſie mehr betrübte. Ja, der Menſch erntet, was er ſäet. Wehmüthig geſtimmt ſaßen ſie an jenem nebligen Morgen beim Frühſtückstiſch, das letzte Familienmahl zuſammen genießend, und ſprachen von den gleichgültig⸗ ſten Dingen, hauptſächlich von der TDoilette. Endlich ſtanden ſie vollſtändig bereit, ſelbſt die Hüte waren ſchon aufgeſetzt. Hilary ſah entzückend in dem ihrigen aus, deſſen Modell man noch auf einem Por⸗ trait aus der Jugendzeit unſerer Königin Victoria fin⸗ den kann, einem ſehr kleidſamen Hut mit breitem Schirm, den ein Roſenzweig innen zierte. Der Johanna's war ziemlich ähnlich, doch hatte er ſtatt der Roſen kleine Schleifen von weißem Bande,„denn ihre Roſenzeit ſei vorüber“, wie ſie ſagte. Trotzdem trug ihr liebes, ſanf⸗ tes Antlitz einen Ausdruck des Friedens, den man auf Selina's, ja ſelbſt auf Hilary's Geſicht vergebens ſuchte. Die Zeit des Aufbruches nahte, die glänzende Equi⸗ page fuhr vor. Jetzt machte die Natur und die ſchwe⸗ ſterliche Liebe ſich momentan geltend. Selina wurde be⸗ wegt; nicht etwa daß ſie ihre Rührung in irgend einem unpaſſenden Gefühlsausbruch gezeigt hätte, wodurch viel⸗ leicht gar ihr koſtbares, weißes Atlaskleid oder die Bän⸗ der und Spitzen gefährdet worden wären, aber ſie ver⸗ goß ein Paar Thränen aufrichtigen Schmerzes, küßte ihre Schweſtern mit warmer Zärtlichkeit, und ſprach den Wunſch und die Hoffnung aus, daß es ihnen in Richmond recht gut gehen möge, und ſie oft zum Be⸗ ſuch zu ihr kommen möchten. „Ihr müßt es ſelbſt eingeſtehen“, ſagte ſie halb ent⸗ ſchuldigend,„es iſt gut, daß wenigſtens eine von uns 103 verheirathet ſei und eine feſte Stellung im Leben habe. Ich verſichere Euch, ich that Alles nur um meiner Fa⸗ milie willen.“ Und in dem Augenblick glaubte Selina wirklich an ihre Worte. Die Trauung war vorüber. Eliſabeth hatte aus einem Seitenflügel der St. Pankratius⸗Kirche derſelben zugeſehen. Es herrſchte großes Gepränge dabei, die zahlreichen Hochzeitsgäſte waren in der reichſten, gewähl⸗ teſten Toilette, ſchienen ſich ſelbſt und ihre Nachbarn aber mehr zu bewundern und anzuſtaunen, als ſich für das Brautpaar zu intereſſiren. Eliſabeth kannte nur ihre beiden Herrinnen; Johanna ſtand mit herabgelaſſe⸗ nem Schleier regungslos da, und Hilary, dicht hinter der Braut ſich haltend, lauſchte mit geſenktem Blick auf die ſchöne Traurede. Dieſe mußte ſie noch beſonders rüh⸗ ren, denn ein Paar klare Thränen ſammelten ſich in ihren Augen und rollten langſam über die weiche Wange. „Fräulein Hilary iſt ein Engel, und der Mann wird glücklich ſein, der ſie bekömmt“, urtheilte ihre treue Dienerin, als ſie etwas erregt von dem wichtigen Er⸗ eigniß des Morgens im Wohnzimmer ſtand und einen in der Zwiſchenzeit angekommenen Brief betrachtete, einen dieſer Briefe, welche jeden Monat regelmäßig aus Indien eintrafen, und nach deren Empfang, wie Eliſa⸗ beth wohl bemerkt hatte, ihr liebes Fräulein Hilary ſtets froher und glücklicher ausſah. „Es muß doch hübſch ſein Jemand zu haben, der uns liebt und den wir leiden mögen“, dachte Eliſabeth, und eine leiſe Sehnſucht nach dem höchſten Glück der Frau, nach ihres Lebens Krone, ſchlich ſich in das Herz der armen Dienerin. Aber es war nicht der bei Mäd⸗ chen ihres Standes gewöhnliche Wunſch nach„einem Schatz“, nach Jemand„mit dem ſie ausgehen konnte“, nein, ſie ſehnte ſich nach einem braven Mann, den ſie wahrhaft lieben und für den ſie zugleich ein Wenig ſchaffen und ſorgen könnte. Die Menſchen lieben je nach ihrer innerſten Individualität. Eliſabeth war eine kräf⸗ tige Natur, deren hauptſächlichſte Elemente leidenſchaft⸗ liche Ergebenheit und aufopfernde Hingabe waren. Wie Eliſabeth nichts in der Welt zu ſchwer geweſen wäre für Hilary zu thun, ſo würde ſie auch in ihrer wahren, rechten Liebe keine Grenzen für ihre Opferfähigkeit ge⸗ kannt haben. Solche Frauen werden leider nicht oft mit gleicher Stärke wieder geliebt. Und demnach war es vielleicht recht gut, daß die arme Eliſabeth ſich mit dem Gedanken vertraut machte, was ſie auch ganz ruhig that, daß ſie wohl niemals heirathen würde, und daß, nach der glänzenden Hochzeit ihres angebeteten Fräuleins Hilary— natürlich mit Herrn Robert Lyon— ſie für immer bei Fräulein Leaf bleiben würde, ſie zu pflegen und zu bedienen. „Und werde ich nur halb ſo gut und ſo zufrieden wie meine Herrin, ſo kann es wirklich nicht ſo entſetzlich ſein eine alte Jungfer zu werden“, ſagte Eliſabeth Hand ganz ſtoiſch und ergeben. Die Worte waren kaum den Lippen entflohen, als ihre Aufmerkſamkeit durch eine Nachfrage nach ihr ge⸗ feſſelt wurde. Ja, man nannte draußen im Gange ihren 105 Namen, und als ſie die Thür öffnete, glaubte ſie kaum ihren Augen zu trauen, da ſie ihren neugefundenen, alten Bekannten Tom Cliffe erblickte. Er trug nicht Livrée, ſondern war ſehr fein ange⸗ zogen, er ſah ſo entſchieden wie ein Gentleman aus, daß Frau Jones kleines Dienſtmädchen ihn für einen ſolchen hielt, ihn„Herr“ nannte und nach dem Wohnzimmer führte. „Alles in Richtigkeit! Ich dachte mir, dies Haus müßte es ſein. War's nicht unendlich klug von mir, Sie aufzufinden, Eliſabeth?“ Die Angeredete war ein Wenig ſteif, erſchreckt und unſicher. Da ihre Herrinnen nicht zu Hauſe waren, wußte ſie nicht ob es recht ſei, Tom einzulaſſen, um ſo mehr, als ſie ihn nur im Wohnzimmer annehmen konnte, weil ſie keine Küche hatte. Tom aber überhob ſie aller Zweifel, denn er trat nicht nur in die Stube, ſondern ſetzte ſich ganz behaglich dort nieder, und Eliſabeth war ſo froh ihn zu ſehen— froh auch wieder von dem guten alten Stowburh ſpre⸗ chen zu können. Nein, es konnte kein Unrecht ſein; ſie wollte ja nicht ein Wort von ihrer Herrſchaft erwähnen, ja wenn es möglich war, ihm ſogar verſchweigen, daß ſie bei den Fräulein Leaf lebte. Tom ſchien auch gar nicht neugierig. „Das nenn' ich ein Zuſammentreffen! Ich war in der St. Pankratius⸗Kirche um einer Trauung zuzuſehen — ein alter, reicher Pilz aus der City, der am Ruſſell⸗ Platz wohnt, heirathet eine ganz ſtattliche, aber arme Dame— und da unter der Menge bemerkte ich Sie, 7„ Eliſabeth, ſo friſch und appetitlich ausſehend wie ein rothbäckiger Apfel, oder wenn es Ihnen beſſer gefällt, wie eine blühende Roſe. Ich ſuchte mich auf alle Ar⸗ ten bemerklich zu machen, aber es gelang mir nicht, Ihren Blick zu fangen; plötzlich vermißte ich Sie, är⸗ gerlich lief ich davon, immer die Straße entlang, bis ich eine Geſtalt, welche Ihnen glich, hier hineingehen ſah, ſo folgte ich, klopfte, und bin mun da, ſehr froh Sie gefunden zu haben.“ „Schönen Dank, Tom“, ſagte Eliſabeth erfreut, ja gerührt durch die Mühe, welche er ſich gegeben ſie zu entdecken; ſie hatte ſo wenig Freunde, eigentlich keinen einzigen, daß ſie dieſen Jugendbekannten doppelt herzlich willkommen hieß. Sie waren bald in lebhafter Unterhaltung, und Tom Cliffe ſprach ſehr gut. Seiner natürlichen Klug⸗ heit war eine gewiſſe Scharfſichtigkeit und Schlauheit vereinigt, welche er ſich durch ſeine„Kreuz⸗ und Quer⸗ züge“ in London erworben. Ueberdies hatte ſein jetziger Herr, der berühmte Schriftſteller, welcher ihn aus der Buchdruckerei genommen, ſich viel Mühe mit ihm ge⸗ geben. Tom war für ſeinen Stand ein ſehr kluger und gebildeter, ja geradezu ein ungewöhnlicher junger Mann, nicht mehr ein Knabe, obgleich er noch nicht zwanzig Jahre zählte, ſondern ein Mann; jene frühzeitige Ent⸗ wicklung, die man oft bei einer ſehr zarten Conſtitution findet, ließ ihn ſelbſt 5 Ferlich um mindeſtens fünf bis ſechs Jahre älter erſcheinen, denn in Geiſt und Charakter war er ſeinem Alter bei Weitem voraus. Er war ein hübſcher Menſch, obgleich von kleiner —— 107 Geſtalt, mit ſchwarzem Haar, dunklen Augen und intel⸗ ligenten, regelmäßigen und leichtbeweglichen Geſichts⸗ zügen. Tom Cliffe war entſchieden intereſſant, und es machte Eliſabeth Freude, ihn anzuſehen und dabei mit einer halb mütterlichen, halb romantiſchen Befriedigung zu denken, daß ohne ihr Dazwiſchenkommen das wilde Pferd ihn zertreten hätte und er längſt auf dem Kirch⸗ hof in Stowbury ruhen würde. „Ich habe noch zuweilen einen„Kirchhofshuſten“, bemerkte er, als ſie von dieſer Begebenheit aus der Jugendzeit ſprachen.„Ich glaube nicht, daß ich alt werde.“ Dabei ſchüttelte er das Haupt und ſah melan⸗ choliſch und poetiſch aus, ja er las Eliſabeth ſogar einige Verſe vor, die er über das Thema gemacht hatte und die in ihrer Weiſe ganz hübſch und ſinnig waren. Eliſabeth's Intereſſe wuchs. Ein gewöhnlicher Bäcker⸗ lehrling oder Schlächterburſche würde ſie niemals in⸗ tereſſirt haben, hier aber trat ihr eine Art Held ent⸗ gegen, Jemand der zugleich ihre Sympathie und ihre Bewunderung erregte. Tom war ſo gebildet und wohl⸗ unterrichtet wie ſie, in mancher Beziehung noch mehr. Er gehörte zu den vielen klugen und lernbegierigen Män⸗ nern des Arbeiterſtandes, die damals den Anfang mach⸗ ten ſich aus ihrer Unwiſſenheit zu erheben, für ſich ſelbſt zu denken und ſich ſelbſt heranzubilden. Er beſuchte die Handwerkerſchulen und die Verſammlungen der jungen Leute, in denen die brennenden Tagesfragen: Religion, Politik, Staatsökonomie und vieles Andere in der freien Weiſe beſprochen und darüber debattirt wurde, wie die Jugend ſolche ernſten Thema behandelt. Er warf ſich mit voller Seele der neuen Zeitſtrömung in die Arme, die, wie alle ſolche Umgeſtaltungen und Bewegungen zuerſt ihre Gefahren und Klippen hatte, doch ſpäter viel Gutes bewirkte, indem ſie den politiſchen Horizont klärte und allerlei verborgenen Uebelſtände vor den Augen die⸗ ſes ſchärfſten aller Richter— der öffentlichen Meinung aufdeckte. Eliſabeth, unter dem Schutze der conſervativen Fräu⸗ lein Leaf aufgewachſen, war nicht wenig erſtaunt, als Tom, der augenſcheinlich gern ſprach, ihr eine lange Auseinanderſetzung über die wahren Principien der Char⸗ tiſten machte, und erklärte, wie Froſt, Williams und Jones— längſt vergeſſene Namen— ſehr verkannte und ungerecht behandelte Männer geweſen wären, ent⸗ ſchiedene Märtyrer. Aber mehr als verwundert war ſie, geradezu entrüſtet, bis dieſem Gefühl das tiefſte Mit⸗ leid folgte, als er geſtand, daß er nie zur Kirche gehe. Er ſähe durchaus nicht den Nutzen davon ein, wie er ſagte; die Prediger wären alle Heuchler, die theuer bezahlt würden, um über Dinge zu ſchwatzen, die ſie nicht verſtänden, noch glaubten. Die einzige wahre Re⸗ ligion ſei die, welche die Vernunft des Menſchen ſich ſelbſt bildete, um danach zu handeln. Darin lag etwas Wahrheit, wenngleich nur theilweiſe, und dieſe ſah die einfache Eliſabeth nicht. Dennoch war ſie nicht nur bewegt, ſondern ſogar fortgeriſſen durch den Ernſt und den Enthuſiasmus des jungen Mannes, des wilden, kühnen Bilderſtürmers, der bereit war das ganze Gebände des Staates und der Kirche über den Haufen zu werfen, doch ohne ein per⸗ 109 ſönliches Verlangen nach geſetzloſen Rechten oder nie⸗ drigen Vergnügungen. Sein einziges Idol war, wie er ſelbſt bekannte, Intelligenz, und darin lag ſeine Rettung vor dem Untergange. Auch ſeine zarte Geſundheit, die ſich in dem leichten Aufblitzen ſeiner Augen, der wechſelnden Farbe in ſei⸗ nen bleichen Wangen bekundete, brachten Tom Cliffe in den zwei Stunden ſeines Beſuches Eliſabeth's Herzen ſehr nahe. Es war ſolch ein warmes, großmüthiges Herz, das ſo wenig an ſich und ſeinen eigenen Werth dachte. So begann hier die alte Geſchichte, die ſeit Men⸗ ſchengedenken ſowohl in der Küche wie im Wohnzimmer ſich zuträgt und bekannt iſt, welche aber durch die fei⸗ nere Bildung der beiden dabei betheiligten Perſonen hier mehr nach der Weiſe der Herrſchaft als der Dienſtboten geſpielt wurde. Eliſabeth Hand war ein außergewöhnliches Mädchen, und Tom beſaß Klugheit genug dies bald zu begreifen. Er erwies ihr keine plumpen noch faden Aufmerkſamkei⸗ ten, verſuchte nicht ihr die„Cour zu machen“, aber er fand Gefallen an ihr, und das verbarg er nicht. Wohl war ſie nicht eigentlich hübſch, aber doch friſch, ſauber und angenehm, und daß ſie einige Jahre mehr als er zählte, war für einen ſo jungen Menſchen eher ſchmei⸗ chelhaft. Unter dem blinden, geheimnißvollen Zufall des Gernhabens und Verliebens ſcheinen dennoch gewiſſe Ge⸗ ſetze zu herrſchen und nach einem dieſer fühlt ein ſchwä⸗ cherer Charakter ſich meiſt durch einen ſtarken, ſelbſtſtändigen gefeſſelt. Eine gewiſſe Reizbarkeit und Schwäche in Tom, welche gewöhnlich den poetiſchen Naturen eigen, zog ihn zu der praktiſchen, ruhigen, gleichmäßigen Eliſabeth. Er liebte es, ſich ſprechen zu hören, und mehr noch, wenn das junge Mädchen auf ihn lauſchte, mit dem aufmerk⸗ ſamen, bewundernden Blick in ihren ſanften, grauen Augen; dabei fand er es höchſt angenehm, als ſie mit mütterlicher Vorſorglichkeit ihn bat und ermahnte, ſeine Geſundheit zu ſchonen und ihm beim Scheiden einen weichen, warmen Shawl gab, ſeine Bruſt vor der Kälte zu ſchützen. Als er Abſchied nahm, war Tom doch ſchon ein Wenig verliebt, ſo daß er, den freieren Manieren ſeines Standes folgend, Eliſabeth zu küſſen verſuchte, dieſe aber wandte ſich ſo entrüſtet ab, daß er ſie um Verzeihung bat und ſich faſt verlegen eilig entfernte. „Das iſt ein ſeltſames Mädchen, ihres Gleichen fin⸗ det man nicht alle Tage“, ſprach er vor ſich hin,„aber den Kuß muß ich doch haben.“ Indeſſen ſaß Eliſabeth ſtill da, in ſo tiefe Gedanken verſunken, daß ſie ſogar ihr Mittageſſen vergaß. Unge⸗ fähr eine halbe Stunde, ehe ſie ihre Herrinnen erwar⸗ tete, fuhr ſie aus ihrem Sinnen auf; ſie erinnerte ſich, daß wenn die Damen von dem Hochzeitsfrühſtück aus dem Hotel zurückkommen würden, ſie gewiß abgeſpannt wären und gern ihren Thee haben möchten. Sie begann Alles zurechtzumachen und wandte ihre Gedanken von Tom Cliffe ab. Ueber etwas war ſie ſehr froh, er hatte nämlich ſo viel von ſich und ſeinen Angelegenheiten geſprochen, daß er gar nicht nach den ihrigen gefragt und nicht einmal den Namen ihrer Herrinnen wußte. So konnte er doch nichts von der Familie Leaf in Stowbury erzählen. Dennoch beſchloß Eliſabeth, es Fräulein Hilary mitzutheilen, daß er hier geweſen ſei, wenn ſie es aber wünſche, ſolle er nicht wiederkommen. Als ſie dieſen Entſchluß faßte, war ſie erſtaunt, ja ein Wenig erſchreckt, zu finden, daß es ihr ſehr nahe gehen würde, wenn ſie Tom Cliffe nicht wie⸗ derſähe. Trotzdem ſchwankte ſie nicht einen Moment zu thun, was recht ſei. Ich weiß, ich ſchildere dieſes junge Mädchen mit einer ſeltenen Gewiſſenhaftigkeit und Pflichttreue, mit einem Zartgefühl und Sinn für das Rechte und Edle begabt, die, wie die Menſchen behaupten, ſelten oder nie⸗ mals in dieſem Stande gefunden werden. Warum nicht? Weil die Herrinnen ihre Dienerinnen als ſolche und nicht als Frauen behandeln, die Alles, was Weiblichkeit anbetrifft, auf derſelben Stufe mit ihnen ſtehen ſollten; aber in der ſcharfen Grenzlinie, welche ſie gleich Anfangs zwiſchen ſich und ihren Dienſtmädchen ziehen, da wird jenen meiſt die Gelegenheit abgeſchnitten ihr weibliches Gefühl mehr zu entwickeln. Und da nun die Menſchen⸗ natur einmal ſchwach iſt, und ſelten von außen her ihr Hülfe kommt, ſo kann ein ſeit langer Zeit geſunkener Stand ſich nicht ſo leicht erheben; Liebhaber werden ſich nach wie vor durch die Hinterthür heimlich einſchleichen, und die Herrſchaften werden genöthigt ſein, manches arme gefallene, oder in der Sünde verhärtete Mädchen zu entlaſſen, das einſt gut und unſchuldig war, und mit etwas beſſerer, liebevollerer Aufſicht gewiß nicht ſo ins Elend kam. Und wenn ſelbſt nichts Böſes geſchieht, wenn das heimliche Liebesverhältniß mit einer Heirath ſchließt, wie oft wird eine einſt tüchtige, anſtändige Die⸗ nerin weinend zu ihrer Herrſchaft zurückkehren mit der Klage, daß ihr„Liebſter“, den ſie ſo wenig Gelegenheit hatte ordentlich kennen zu lernen, ſich in der Ehe als ein Tyrann, ein Elender zeigt, als ein Verſchwender und Trunkenbold, der ſie nach ihrem früheren, ſo behaglichen „Dienſt“ zurücktreibt, um für ſich und ihre hungernden Kleinen etwas Brot zu erbitten. Wenn die Herrſchaften ſich etwas mehr um die Mo⸗ ralität ihrer Dienſtleute kümmerten, wenn ſie ihre An⸗ gelegenheiten, und beſonders die eine große,„ihre Ver⸗ heirathung und Gründung eines Hausſtandes“ mit etwas mehr Theilnahme behandelten und ihnen dabei rathend und prüfend zur Seite ſtänden, es müßte beſſer werden. Als Eliſabeth mit tiefem Erröthen ihrer Herrin er⸗ zählte, daß Tom Cliffe ſie beſucht habe, achtete Hilary Anfangs kaum darauf, denn ihre Gedanken waren durch etwas Anderes in Anſpruch genommen; als ſie aber des Mädchens glühendes Antlitz bemerkte, fragte ſie: „Wie alt iſt der junge Menſch?“ „Neunzehn.“ „Das iſt kein gutes Alter, Eliſabeth, um ihn zu „bemuttern“ iſt er zu alt und für einen Ehemann zu jung.“ „An dergleichen dachte ich niemals“, erwiderte Eli⸗ ſabeth eifrig— und aufrichtig für die damalige Zeit. „Wünſchte er Dich wieder zu beſuchen?“ „Er ſagte ſo.“ B „Nun, wenn er ein braver, ordentlicher junger Mann 18 iſt, ſo läßt ſich dagegen nichts einwenden. Ich möchte ihn wohl ſelbſt das nächſte Mal ſehen.“ Doch die plötzliche Erinnerung, daß wenigſtens in ihrem Dienſt wohl kein ſolches nächſte Mal ſein würde, machte Hilary ſchnell verſtummen, und gab ihr das Ge⸗ fühl, als ob ſie nicht offen und ehrlich ſei. Nach einer Weile ſagte ſie: „Eliſabeth, wir wollen ſpäter noch von Tom Cliffe ſprechen— heißt er nicht ſo? Nach dem Thee wünſcht meine Schweſter mit Dir zu reden. Komm dann gleich zu uns oben!“ Hilary ſprach in einem noch ſanfteren und gütigeren Tone als ſonſt, ſo daß Eliſabeth ſich nicht denken konnte, ihre Herrinnen wären unzufrieden mit ihr. ⁵ Seitdem die treue Dienerin die Verhältniſſe der Familie kannte, hatte ſie ſich oft Gewiſſensbiſſe gemacht, ſo viel zu eſſen, und wohl daran gedacht, daß ihr jeden Monat regelmäßig bezahltes Lohn doch eine bedeutende Lücke in dem geringen Einkommen ihrer Herrinnen verurſache. Sie wußte und fühlte, daß ſie eine große Ausgabe für ſie ſei und verſuchte dieſe ſo viel als möglich durch Sparſamkeit und Dienſteifer zu vermindern, daß aber die Damen ohne ſie fertig werden könnten, oder eine Nothwendigkeit vorhanden ſei, ſie zu entlaſſen, dieſer Ge⸗ danke war ihr niemals gekommen. Ganz ahnungslos ging ſie in das Wohnzimmer, und fand Fräulein Jo⸗ hanna auf dem Sopha liegend, während die jüngſte Schweſter den Brief aus Indien vorlas. Ruhig wurde er zur Seite geſchoben, indem ſie ſagte: „Johanna, Eliſabeth iſt hier!“ Herrin und Dienerin. II. 8 Die Angeredete ermannte ſich das zu ſagen, was ge⸗ ſagt werden mußte, aber in einer ſo ſanften und freund⸗ lichen Art als möglich. Sie theilte Eliſabeth mit— obgleich die meiſten Herrſchaften es unter ihrer Würde hal⸗ ten, ihren Dienſtleuten gegenüber die volle Wahrheit zu bekennen— daß Verhältniſſe ſie und ihre Schweſter zwän⸗ gen, ihre Ausgaben auf das Nöthigſte zu beſchränken, und daß ſie fortan in Richmond nur zwei kleine Zim⸗ mer beziehen und ſich bei den Bewohnern des Hauſes in Koſt geben würden. „Und deshalb— deshalb“— Johanna ſtockte. Es wurde ihr zu ſchwer weiter zu ſprechen, während Eliſabeth's Augen bang fragend an ihr hingen. Hilary ergriff das Wort. „So tief es uns betrübt, Eliſabeth, wir müſſen uns von Dir trennen; es iſt uns nicht länger möglich eine Dienerin zu halten.“ Es erfolgte keine Antwort. „Es iſt nicht mehr wie damals, als wir Dir riethen einen anderen Dienſt zu wählen, weil Du Dich ver⸗ beſſern könnteſt. Wir wiſſen, Du würdeſt ſelbſt für geringeres Lohn lieber bei uns bleiben als zu einer an⸗ deren Herrſchaft ziehen, und wir würden Dich ſo gern behalten. Das Scheiden von Dir wird uns ſo ſchwer wie von einem lieben Familiengliede.“ Auch Hilary's Stimme zitterte, doch ihre Willenskraft bekämpfte die tiefe Bewegung.„Es giebt keinen Ausweg, wir müſſen uns trennen.“ Eliſabeth, von ihrem erſten ſie übermannenden Schmerze zur Beſinnung gekommen, wollte in Klagen und dringende — 115 Bitten ausbrechen, daß ihre Herrinnen ſie nur behalten möchten, ſie wolle ihnen lieber umſonſt dienen als weg⸗ geſchickt werden; doch etwas in Hilary's Weſen ſagte ihr, daß jedes Flehen vergebens ſein würde, mehr als das, peinlich, und das treue Mädchen wollte nicht noch den Kummer ihrer Herrin vermehren. Als ſie, unfähig ihren Schmerz zu bekämpfen, ein lautes Schluch⸗ zen hören ließ, da drückte Hilary's Antlitz ein ſo tiefes Weh aus, daß Eliſabeth beſchloß nicht mehr zu weinen. Sie fühlte, die Sache war unvermeidlich, ſie auch mußte ihr Kreuz auf ſich nehmen, wie ihr theures Fräulein es ſchon lange gethan, aber es war gewiß der ſchwerſte Kummer, der ſie treffen konnte, dieſe Herrin zu ver⸗ laſſen. „Das iſt brav, Eliſabeth“, ſagte Hilary unendlich ſanft.„Alle dieſe Wechſel und Veränderungen ſind auch für uns ſehr bitter, dennoch müſſen wir ſie tragen. In dieſer Welt währt ja nichts ewig, nur das Eine bleibt, recht thun und treu und gut gegen einander ſein.“ Sie ſeufzte. Wahrſcheinlich waren ſchlimme Nach⸗ richten in dem Briefe enthalten, den ſie noch in ihrer Hand hielt und den ſie, obwohl er ihr Weh bereitet hatte, doch nicht entbehrt haben möchte. Trotzdem aber lag weder Verzweiflung noch Hoffnungsloſigkeit in Hi⸗ lary's Ton und Weſen, und Eliſabeth fühlte den Ein⸗ fluß dieſes großen, treuen, muthigen Herzens und er⸗ ſtarkte ſich daran. „Vielleicht können Sie mich bald wieder zu ſich neh⸗ men“, ſagte ſie, Johanna anblickend,„und inzwiſchen werde ich ſchon einen anderen Dienſt finden, Frau Jones 8 hat mir von mehreren geſprochen“, ſie ſtockte, erſchreckt, es möge herauskommen, wie oft die Wirthin ihr ange⸗ rathen habe„ſich zu verbeſſern“, was ſie ſtets empört zurückgewieſen.„Oder—“(ein lichter Gedanke erfaßte ſie)„am Ende würde ſogar Fräulein Selina, ich meine, Frau Askott, mich nehmen.“ Hilary ſah ſie ſcharf an. „Würdeſt Du das im Ernſt wünſchen?“ „Ja; denn auf dieſe Weiſe könnte ich Sie zuweilen ſehen und von Ihnen hören. Fräulein Hilary, bitte, fragen Sie Ihre Frau Schweſter, ob ſie mich haben will!“ Hilary, obgleich ſehr überraſcht— denn ſie kannte Eliſabeth's Meinung ſowohl über Selina als Herrn Peter Askott— gab dennoch das erbetene Verſprechen. Siebentes Fnpttel. Jetzt will ich Hilary für einige Zeit verlaſſen in einem Zuſtande, der wenn auch nicht Glück doch Friede iſt. Und dieſe ſtille, durch nichts getrübte Ruhe war für ſie und Johanna gerade nach den letzten ſo ſtürmi⸗ ſchen Zeiten ein wahres Paradies. Ihr Kummer um Askott war milder geworden. Die Hoffnungsloſigkeit führte endlich dieſe Reſignation herbei. Sie hatten Alles gethan, was in ihrer Macht ſtand, ſowohl um ihn aufzufinden, als um ihn vor der öffentlichen Schande zu retten, die ſeine Umkehr dann vielleicht unmöglich gemacht hätte. Jetzt mußten ſie den Erfolg ihrer Bemühungen höheren Händen überlaſſen. Zuweilen kehrten noch die Unruhe und Angſt zurück, es gab Zeiten, da ein lautes Klopfen an die Thür Johanna für Minuten nervös erzittern ließ, und wo Hilarh mit bedrücktem Gemüth jeden Vorübergehenden forſchend an⸗ blickte, ja, wo ſie ſogar heimlich ganze Straßen lang einer Geſtalt folgte, die durch den leichten, elaſtiſchen 118 Schritt und das lange, nach der Mode geſchnittene Haar, ſie an Askott erinnerte. Außerdem fühlten ſie ſich nicht unglücklich, ſie und ihre geliebteſte Schweſter. Wenngleich ſie arm waren, ſo lebten ſie doch beiſammen. Und ihre Armuth hatte keinen Stachel. Sie wußten genau, wie viel ſie ver⸗ brauchen konnten, und ob ſie auch jeden Pfennig berech⸗ nen und zuſammenhalten mußten, ſo war doch ihr Ein⸗ kommen ebenſo ſicher, als ihre Ausgaben feſtſtanden, wodurch die pekuniären Sorgen, welche ſie einſt ſo be⸗ drückten, fortfielen, und das war ein unendlicher Vor⸗ theil; aber der größte Segen war doch, Frieden im Hauſe zu haben. Niemals früher hatte Johanna ein ſo ruhiges, gemächliches Leben geführt. Während Hilary unten im Laden beſchäftigt war, ſaß ſie mit einer leichten Handarbeit in dem ſtillen Wohnzimmer, und zum Mittag⸗ eſſen ging auch ſie hinunter, um den Hauptplatz bei Tiſche einzunehmen, wobei ſie von den jungen Mädchen nicht nur mit Achtung, ſondern Zuneigung behandelt wurde. Dann kam die glückliche Theeſtunde, da ſie mit Hilary allein in ihrem kleinen, hübſchen Stübchen war und zuletzt ein Spaziergang in Richmond Park oder am Ufer der Themſe entlang nach Twickenham. Vielleicht lag es in dem Kontraſt, welchen das ſo traurig verlebte Jahr in London zu ihrer jetzt ſo friedlichen Exiſtenz bot, niemals war ihnen ein Frühling ſo friſch und duftig erſchienen, nie hatten die Bäume in ſo ſchönem, kräf⸗ tigem Grün geprangt. Die erquickende Luft ließ wieder die Roſen der Jugend und Geſundheit auf Hilary's Wangen erblühen, die in letzter Zeit etwas bleich ge⸗ weſen, und auch ihre Munterkeit kehrte theilweiſe zurück. Ihr fröhliches Lachen ertönte, und die kleinen anmuthigen Scherze belebten ihre Unterhaltung von Neuem, ſie wußte wieder wie ſonſt die Dinge ſo allerliebſt darzuſtellen und vorzutragen, daß jede Sache nicht nur ihre lichte, ſondern ſelbſt ihre humoriſtiſche Seite zu haben ſchien. In ihrem Herzen mußte ſich ein Sonnenſtrahl ver⸗ borgen haben, der mit ſeinem Glonz die oft düſtere Wirklichkeit verklärte. Nach jenem trüben Briefe aus Indien, der gerade an Selina's Hochzeitstag ankam, wurden die folgenden Briefe immer heiterer, entſchiedener, ja ſogar zärtlich innig; dennoch ließ der Robert innewoh⸗ nende Stolz, welcher nicht eher ſprechen und um etwas bitten will, als bis er ein Recht hat, Alles darzureichen, um dafür Alles zu erlangen, ihn ſtets noch die Briefe an Johanna adreſſiren. „Wos für ein Vortheil es zuweilen iſt, alt zu ſein“, ſagte Johanna oft neckend, wenn ſie die Briefe erhielt, noch öfter aber bemerkte ſie nichts darüber, denn ſie wollte ruhig abwarten, wie das Ganze ſich entwickeln würde. Sie war zu fern von Selbſtſucht, um niedrigen, eiferſüchtigen Regungen Raum zu geben, ſie wußte auch, daß eine rechte, heilige Liebe alle Bande der Natur nur noch feſter knüpft. Und Hilary? Sie trug ihr Haupt ſtolzer und höher, ihr ſchien, als ob die ganze Erde friſcher und jünger ausſähe, und der klare Fluß heller im Sonnenſchein dahinfluthe. Gott ſei uns Allen gnädig! Es iſt ſchön, wenn die Liebe unſeres Herzens das Leben vergoldet, es iſt ſchön, wenn wir, und ſei es nur zeitenweiſe, ganz glück⸗ lich ſfind— nicht nur zufrieden, ſondern glücklich. In dieſem Gemüthozuſtande meine kleine Hilary wiſſend, ſcheide ich jetzt auf einige Zeit von ihr, und Niemand hat nöthig, ſie zu beklagen, weil ſie tüchtig arbeitet, einfache Kleider trägt, in engen Zimmern wohnt, und zu Fuße an den glänzenden Equipagen der in Richmond lebenden vornehmen Leute vorübergehen muß, die nicht im Geringſten von beſſerem Herkommen oder feinerer Bildung ſind als ſie— die ſie aber nie⸗ mals beachten, es ſei denn, daß Einer neugierig nach ihrem Pulte hinüberblickt, welches in einer Ecke des Ladens ſteht und ſich verwundert, wer wohl dies diſtin⸗ guirt ausſehende Mädchen mit den hübſchen Locken ſein mag. Was thut ihr das Alles— ſie iſt glücklich. Und wohnte auch in dem ſchönen, ſtattlichen Hauſe am Ruſſel⸗Platz das Glück? Johanna und Hilary wußten es nicht, Selina gab ihnen keine Gelegenheit, darüber urtheilen zu können. „Mein Sohn iſt mein Sohn nur, ſo lange er nicht freit, Meine Tochter bleibt Tochter in alle, alle Zeit.“ So iſt es auch meiſt mit„meiner Schweſter“, doch nicht in dem vorliegenden Falle. Es konnte nicht ſein, Niemand hatte es erwartet. Wenn Hilary bei ihrem ſeltenen Kommen nach der Stadt bei Herrn Askott vorſprach, ſo fand ſie die Frau vom Hauſe ſtets in gewählter Toilette, und ſehr vornehm und freundlich in ihrem Weſen. Selina war nicht mehr im Geringſten launenhaft oder unſchweſterlich, ſondern immer höflich, beinghe etwas zu höflich. Mit — ————— 3—— 7——— faſt herablaſſender Güte beſtand ſie ſtets darauf, daß Hilaty zum Frühſtück blieb und ſorgte ängſtlich dafür, daß das Beſte, was Küche und Keller bot, ihr gebracht wurde, doch niemals lud ſie die Schweſter zum Mittag⸗ eſſen ein. Da nun Herr Askott immer bis zu dieſer Mahlzeit in der City war, ſo ſah Hilary ihn in Mo⸗ naten nicht, und ſie ſagte oft lachend, ihr Schwager ſei ihr gerade ſo gut bekannt wie der Mann im Monde oder der Groß⸗Mogul. Seine Gattin ſprach wenig, faſt gar nicht von ihm. Nach einigen oberflächlichen, formellen Fragen, wie es ihnen in Richmond ginge, wandte ſie die Unterhaltung ſtets auf ihre eigenen Angelegenheiten und erzählte Hilary von den Geſellſchaften, zu denen ſie geweſen war, und die ſie zu geben beabſichtige, und von ihren Equipagen, Kleidern und Juwelen, kurz von all den äußerlichen Herrlichkeiten, welche der Name Frau Askott ihr gebracht hatte. Sie war durch und durch„eine große Dame“ geworden und Hilary geſtand lachend, daß ſie ſich als eine ſehr unbedeutende Perſon neben ihr vorkäme. Wie ſchon einmal erwähnt, Selina benahm ſich durch⸗ aus nicht unfreundlich, nein, unter den mannichfachen Veränderungen, welche der Eheſtand in ihr hervorgebracht, hatte auch ihre Stimmung ſich entſchieden gebeſſert, und nur höchſt ſelten bemerkte man noch jene reizbare Schärfe an ihr, welche die Schweſtern ſtets entſchuldigend der „armen Selina Eigenthümlichkeit“ nannten; doch trotzdem verließ Hilary nie das ſtattliche Haus, ohne ſeufzend zu ſich ſelbſt zu ſagen:„Arme Selina!“ Es war unter den obwaltenden Umſtänden wohl nur natürlich, daß ihre Beſuche bei Selina immer ſeltener wurden, ſie machte ſie nur noch aus Fflicht, durchaus nicht ihre Erwiderung beanſpruchend, ſie fühlte, daß dies unmöglich ſei, trotzdem aber mochte ſie dieſelben nicht ganz aufgeben, weil damit der letzte Schein der ſchweſterlichen Liebe fiel. Leider wußte ſie nur zu gut, daß dies eben nur noch ein Schein ſei, und daß die einzige Perſon, welche wahrhaft erfreut war, ſie in ihres Schwagers Hauſe zu ſehen, die einzige, welche auch von Hilary mit herzlichem Willkommen begrüßt wurde, das zweite Hausmädchen, Eliſabeth Hand war. Ganz gegen alle Erwartungen hatte Frau Askott darin gewilligt, Eliſabeth in Dienſt zu nehmen; freilich unter der Androhung, daß, wenn ſie jemals auf frühere Verhältniſſe anſpiele oder auch nur Stowbury erwähne, ſie augenblicklich entlaſſen würde. Aber Selina nahm Eliſabeth und dieſe blieb. Sobald Hilary kam, wartete die treue, anhängliche Dienerin entweder auf der Treppe, ſie zu begrüßen oder noch im letzten Moment flog ſie herbei, ihr die Hausthür zu öffnen, wobei ihr Geſicht vor Freude ſtrahlte. Sie ſprachen nie viel miteinander, Frau Askott ſchien es nicht gern zu haben, doch Eliſabeth ſah wohl und glücklich aus, und wenn Hilary ihr das ſagte, lächelte ſie ſtill dazu. Dieſe Geſchichte muß die volle Wahrheit berichten, welche jenem frohen, zuſtimmenden Lächeln zum Grunde lag. Eliſabeth war ſehr geſund und wohl, denn ſie bekam kräftige Koſt, hatte ein hübſches, behagliches Zimmer und nebenbei einen ziemlich leichten Dienſt, ja, ſie fühlte ſich —— 123 ſogar glücklich, beſonders wenn ſie ihr angebetetes Fräu⸗ lein ſah. Democh aber war ihre Ueberſiedelung von Frau Jones meublirten Stuben nach dieſem ſtattlichen Hauſe doch nicht ein Wechſel vom Fegefeuer zum Para⸗ dieſe, wie Manche vielleicht denken möchten. Da die Verfaſſerin dieſer einfachen Geſchichte ſich niemals in dienender Stellung befand, am wenigſten in den großen Häuſern Londons— ein Nachtheil für die Erzählung— ſo beabſichtigt ſie auch nicht die Sitten und Gebräuche„jenes vornehmen Lebens der unteren Regionen“ zu beſchreiben und Küchen⸗Geſpräche zu wiederholen, noch gar die Launen und Streitigkeiten in den Räumen des Dienſtperſonales zu ſchildern, oder ein Gemälde zu entwerfen, wie der Haushofmeiſter und die Wirthſchafterin ſich zuſammen in Wein berauſchen, wie die Köchin dem Conſtabler den Hof macht, und der Bediente pflichtſchuldigſt jedes neue Hausmädchen, jede neue Kammerjungfer liebt. Einige Schriftſteller haben dies Alles beſchrieben, ob wahrheitsgetreu wiſſen ſie ſelbſt gewiß am beſten. Aber die Verfaſſerin dieſer Er⸗ zählung weiſt jeden ſolchen Verſuch von der Hand. Sie hat nur mit der einen Dienerin zu thun, einem ſchlichten Landmädchen, das ſo unvermuthet in das Leben der dienenden Klaſſe in London verſetzt wurde; eine neue und eigenthümliche Welt, ein Leben, von dem die höheren Stände ebenſo viel wiſſen, als von den Vorgängen in Madagaskar oder Tahaiti. Dieſe letzte Thatſache fiel Eliſabeth zuerſt auf. Sie, die in einer Art feudaler Beziehung zu ihren geliebten Herrinnen geſtanden, war erſtaunt, die ganze Diener⸗ 124 ſchaft hier zu einer Gemeinſamkeit verbunden zu ſehen, ſobald es ein Auflehnen gegen die Herrſchaft galt. Wie zahlreich und häufig auch ſonſt ihre Streitig⸗ keiten und Eiferſüchteleien unter einander ſein moch⸗ ten, immer bildeten ſie eine Partei gegen die höhere Macht, ihre Gebieter als ihre natürlichen Feinde be⸗ trachtend. Unſichtbare Feinde überdies, denn den„Herrn“ ſahen ſie faſt nie, manche unter ihnen kannten ihn gar nicht, und„die gnädige Frau“ war auch nur für ihr Kammermädchen ſichtbar. Die Haushälterin war die Verbindungskette zwiſchen den beiden Parteien, mit ihr wurden alle Geſchäfte beſprochen, ihr alle Befehle der Herrſchaft ertheilt, wie ſie auch die Beſchwerden der Dienſtleute entgegennahm. Außer daß die Spitzen des Hauſes, die Gebieter, zuweilen in einer hämiſchen, krit⸗ telnden oder geradezu verurtheilenden Weiſe beſprochen wurden, waren ſie ihren Dienern nichts als die Per⸗ ſonen, die ihnen Lohn und Brot gaben und dafür die Erfüllung gewiſſer Pflichten verlangten, welche die meiſten der Leute ſich ſehr leicht machten oder, wenn es irgend möglich war, ganz umgingen. Wenn dies eine übertriebene Schilderung eines viel⸗ leicht in mancher Hinſicht unvermeidlichen Zuſtandes n— und doch müßte es nicht ſo ſein, denn dieſe Trennung eines zuſammengehörenden Hauſes iſt die Quelle vieler Uebel— wenn dieſes Bild mit zu grellen Farben gemalt iſt, oder ich etwas geſchrieben habe, was nicht in der Wahrheit beruht, ſo möchte ich wohl, daß irgend eine„kluge Stimme aus der Küche“ ſich erhöbe, um mir zu ſagen, was wahr iſt, und ob es Mittel und Wege giebt, dieſe nöthige Umgeſtaltung dieſer Verhält⸗ niſſe herbeizuführen. Eliſabeth bat zuweilen Tom Cliffe, dies zu thun, und ein Buch darüber zu ſchreiben, und der junge, heißblütige Malcontent drohte ſtets damit, er würde eines über die Mißbräuche in der Geſellſchaft und beſonders über die Tyrannei der höheren Stände ſchreiben. Tom war der Einzige, dem Eliſabeth ihre Sorgen und Verlegenheiten mittheilte; ihm vertraute ſie, wie verſchieden ihr jetziges Leben von ihrem früheren war, wie unter der ganzen Dienerſchaft ſich auch nicht einer befand, der nicht durchaus entgegengeſetzt von dem dachte und handelte, was ihr Fräulein Hilary ſie als Recht gelehrt hatte, und wie ſie dem zufolge fortwährend ge⸗ neckt und verhöhnt wurde. „Ich ſtehe ganz allein, Tom, ganz verlaſſen da“, fägte ſie faſt weinend, als ſie am erſten Sonntage ihm zufällig auf dem Wege nach der Kirche begegnete, und in ihrem bedrückten Gemüthszuſtande doppelt froh war, ihn zu ſehen. Er tröſtete ſie und begleitete ſie ſogar in die Kirche, beinahe verſprechend, er werde am nächſten Sonntage daſſelbe thun, denn wie er ſagte,„ſie ſei eine gute, kleine Chriſtin, die ihn wohl gar noch ſelbſt zum Chriſten machen könnte.“ In dem beglückenden Gefühle, daß ſie ihm gut thue und ihn von Unheil fern halte, ihn, der ſo viel Ange⸗ nehmes und Vortreffliches in ſich hatte, traf Eliſabeth zwar keine beſtimmte Verabredung, aber ſie theilte ihm — 126 mit, wenn ihre Sonntage wären und welche Kirche ſie zu beſuchen pflegte. Ach, ſie hatte ſo wenig Vergnügen, ja, ſie genoß nur ſelten einmal die friſche Luft— wozu nützte das einem Dienſtboten, es ward durchaus nicht für nöthig erachtet. Die einzigen Stunden, die ihr zum Ausgehen geſtattet wurden, waren jeden zweiten Sonntag zum Be⸗ ſuchen des Gottesdienſtes beſtimmt. Wie angenehm war es dann aber, wenn ſie aus der Thür trat, unter den gegenüberliegenden Bäumen Tom ihrer harrend zu fin⸗ den, Tom, der ſo fein und ſauber gekleidet war und ſo hübſch und vergnügt ausſah, indem er ſie erblickte, ſie, die arme, ſchlichte Eliſabeth, welche täglich und ſtünd⸗ lich über ihre Wunderlichkeit, ihren Mangel an Schlauheit und ihr altmodiges, einfaches Weſen geneckt wurde. Tom ſchien ſie durchaus nicht für dumm zu halten, denn er ſprach zu ihr von all ſeinen Vorhaben und Plänen, die freilich ſo unſicher und abenteuerlich wie die des jungen Schneiders in Alton Locke waren, den⸗ noch aber durch die romantiſche Energie derſelben Eli⸗ ſabeth intereſſirten, er las ihr ſeine Gedichte vor, unter denen eines ſogar ſie beſang, ſo beginnend: „Theuerſte und Beſte! Nievergeſſene Freundin Aus der Kindheit gold'nen Tage.“ was eine poetiſche Uebertreibung war, denn in der Zeit ihrer Trennung hatte er niemals an Eliſabeth gedacht. Aber ſie ahnte dies nicht, und Beide hingen an den freundſchaftlichen Beziehungen aus ihrer Jugendzeit, ſie als viel inniger und feſter hinſtellend, denn ſie je geweſen, 127 um nur darin eine Entſchuldigung für ihre gegenwärtige Zuneigung zu finden; wie dies ja viele Anderen auch thun. Tom gewann Eliſabeth immer lieber. Sie berührte die reinere und edlere Hälfte ſeiner Natur, die, welche dem Geiſt und der Phantaſie gehörte. Daß er, obgleich nur ein Handwerker, Beides beſaß, war gewiß, ebenſo wie ſie die einfache Dienerin dieſen höheren Schwung nicht entbehrte; ich glaube, daß noch manche in ihrem Stande dieſe Gaben ihr eigen nennen, obgleich man es nicht vermuthet. Dieſe beiden jedenfalls außergewöhn⸗ lichen Menſchen fühlten ſich gegenſeitig angezogen, ſie durch ſeine Klugheit, er durch ihre Güte. Denn der arme Tom Cliffe hatte auch ein Ideal gehabt, und ob⸗ gleich es durch ein nicht allzuregelmäßiges Leben in den Hintergrund gedrängt worden war, ſo erſtand es doch wieder, geweckt durch die treuen, ehrlichen Augen, der ſchlichten, nicht ſchönen Eliſabeth Hand. Tom wußte, daß ſie nicht hübſch ſei, und das Alt⸗ modige ihres Anzuges verletzte ihn, der ſo eigen in all dieſen Kleinigkeiten war, oft ſehr, aber ſie war in⸗ tereſſant und gebildet und von ſo großer Wahrhaftigkeit, ſie ſympathiſirte ſo warm mit ihm; trotz aller ſeiner kleinen Launen und Reizbarkeiten, welche meiſt einen bedeutenden Geiſt, ein nervöſes Temperament und ſchwache Geſundheit begleiten, fand er ſie ſtets gleichmäßig freundlich und gut, daß ſchon dies ihn rührte. Ihre beſänftigte ihn, ihre Charakterſtärke diente ihm als Stütze, er lehnte ſich an ſie und beherrſchte ſie zu gleicher Zeit. Eliſabeth's Gefühle gegen Tom würden ſich ſchwer analyſiren laſſen, bei einem ſehr mächtigen Empfinden iſt dies nicht möglich, vornämlich wenn es nicht plötzlich, ſondern allmälig kommt. Sie bewunderte ihn auf's Höchſte und war doch wieder betrübt über ihn. Manches in ihm mißfiel ihr entſchieden, und ſie verſuchte, ihn davon abzubringen. Mit ſeiner nervöſen Reizbarkeit, für ſeine abenteuerlichen Pläne hatte ſie die innigſte Theilnahme; ſie blickte zu ihm empor und ſorgte doch zugleich für ihn, und dieſes ſtete Denken an ſein Beſtes, dieſe ängſtliche Fürſorge um ſeine Geſundheit wurde nach und nach der Hauptzweck ihres Lebens. Die Men⸗ ſchen lieben auf ſo verſchiedene Weiſe und vielleicht war dies für ein Mädchen wie Eliſabeth gerade die ihrer Natur angemeſſenſte. Die Liebe ſchlich ſich leiſe und unmerklich in ihr Herz, was jedenfalls die ſicherſte, oft aber auch die traurigſte Art iſt, wie dieſe Leidenſchaft Beſitz von uns nimmt.* So ſtanden die Angelegenheiten bis an einem dunklen regnigen Abend, als ſie um den Platz vor ihrem Hauſe herumwandelten, Tom ſeinen Gefühlen Worte gab. Zu⸗ erſt erging er ſich in etwas hochfliegenden, poetiſchen Phraſen, bis dann das uralte und ſtets neue:„Liebſt Du mich wieder?“ kam, von einem langen, langen Kuß gefolgt, der unter dem Schutze des Regenſchirmes gege⸗ ben und erwidert wurde. Für Eliſabeth war das Ganze wunderbar neu und entzückend, ihr war, als ſei ein Segen über ſie gekom⸗ men, zu groß und ſchön und ſo durchaus unerwartet, daß, als ſie an jenem Abend zu Bett ging, ſie wie ein —— 129 Kind weinte über das Glück, von Tom geliebt zu wer⸗ den— das hohe, unverdiente Glück und über ihre gänz⸗ liche Unwürdigkeit ſolcher Auszeichnung. Dann erſtanden Zweifel und Schwierigkeiten vor ihr.„Kein Begleiter, kein Liebhaber erlaubt“, das war eines der erſten Geſetze in der Dynaſtie am Ruſſel-Platz. Gleich manchem anderen Geſetze in höheren Dynaſtien war es nur gegeben, um trotzdem umgangen zu werden, denn heimlich kamen die Liebhaber doch in's Haus, über Gartenmauern kletternd, hinter Küchenthüren ſich verſteckend, wohl gar ins Fenſter ſteigend. Das Syſtem wurde zu einer ſolchen Höhe getrieben— jeder einzelne der Dienſtleute ward durch ſein eigenes Intereſſe zum Conſpirator— daß, wenn die Herrſchaft ausgegangen war und die alte Haushälterin ſich ſchon zu Bett be⸗ geben hatte, in den Räumen des Küchen⸗Departements ordentlich feſtliche Gelage ſtattfanden, kleine, leckere Abendeſſen, wobei die Vorräthe der Speiſekammer und des Weinkellers ganz ungenirt verbraucht wurden, und jeder der männlichen und weiblichen Dienſtboten einen Gaſt in Geſtalt des oder der Erwählten ihres Herzens hatte; und wenngleich nichts Unanſtändiges oder Uner⸗ laubtes vorfiel, ſo ging es mindeſtens ſehr lebhaft da⸗ bei her. Dies zu wiſſen, doch weil nichts entſchieden Böſes geſchah, zu fühlen, ſie ſei nicht berechtigt zu„klatſchen“, war eine Quelle nie endender Unruhe und Sorge für Eliſabeth. Niemals aber verſtand ſie ſich dazu, an dieſen improviſirten Feſten theilzunehmen oder als„ihren Schatz“ dort einzuführen. Herrin und Dienerin. II. 9 „Nein, Tom“, ſagte ſie, als er ſie eines Abenbs dringend bat, ihn einzulaſſen, denn es war kaltes, regne⸗ riſches Wetter und er hatte einen böſen Huſten,„nein, Tom, das kann ich nicht. Wenn auch Andere den Be⸗ fehlen der Herrſchaft zuwider handeln, mir iſt es un⸗ möglich— Fn mußt gehen. Nur auf der Straße dürfen wir uhs treffen.“ Aber in dieſem verſtohlenen Zuſammenkommen, gerade als ob ſie ſich ſeiner ſchämte oder ob ihre gegenſeitige Liebe ein Unrecht wäre, lag etwas Eliſabeth's biederer, ehrlicher Natur durchaus Widerſtrebendes. Sie wünſchte keinesweges mit Tom zu prahlen, ſie beſaß das echt weibliche Gefühl, ihres Glückes ſich mehr im Stillen zu freuen, ihres Herzens Schätze für ſich zu behalten, aber ſie empfand auch das ebenſo natürliche Sehnen für dies wichtige Ereigniß ihres Lebens bei Anderen Theil⸗ nahme zu finden. Sie hätte nur einen Menſchen haben mögen, dem ſie ſagen konnte:„Tom will mich heirathen“, und der dann geantwortet:„Das iſt recht und gut, er iſt ein braver Burſche, Ihr werdet glücklich ſein.“ Nicht daß ſie daran zweifelte, aber es würde ſo wohlthuend geweſen ſein, den Segen einer Mutter, einer Schweſter, ja ſelbſt nur einer Freundin für dieſes neue und ſüße Gefühl gehabt zu haben, das ihr ganzes Herz erfüllte und ihrem Leben ein anderes Ziel gab. So lange als ſie es ſo ganz geheim halten mußte, ſchien ſelbſt ihrer glücklichen Liebe noch eine gewiſſe Weihe zu fehlen. Tom verſtand ſie darin nicht. Er lachte nur über dieſes übertriebene Zartgefühl. Ihm behagte gerade 131 das Romantiſche, was in einem ſolchen heimlichen Lie⸗ besverhältniß liegt; man findet dies oft bei Männern, ſelten bei Frauen, es ſei denn, daß ihre Liebe nicht ganz recht und erlaubt iſt. Aber trotzdem war Tom rückſichtsvoll und freundlich genug, daß er nach einem kleinen Anfall von Gereiztheit Eliſabeth geſtattete, ihrer Mutter ihr Verlöbniß mitzu⸗ theilen und auch einwilligte, daß ſie an ihrem nächſten freien Tage nach Richmond gehen könne, mit ihrem Fräulein Hilary über denſelben Gegenſtand zu ſprechen und ſie zu bitten, auch an Frau Hand nach Stowbury zu ſchreiben, um zu beſtätigen, wie gut und klug Tom und wie unendlich glücklich Tom's Eliſabeth ſei. „Und nicht wahr, Tom, Du kommſt und holſt mich ab?“ fragte ſie ſchüchtern.„Ich glaube, beide Damen werden nichts gegen Dich einzuwenden haben.“ Tom verſicherte, er frage gar nichts danach, ob ſie das thäten oder nicht. Er ſei ein ſelbſtſtändiger Mann, habe ſein einträgliches Handwerk— denn er war zur Buchdruckerei zurückgekehrt und verdiente als ein kluger und tüchtiger Arbeiter ein hübſches Geld— deshalb könne er heirathen, wen er wolle. Wenn Eliſabeth ſich nichts aus ihm mache, ſo ſolle ſie es nur ruhig ſagen und ihm den Abſchied geben. „O, Tom!“ war Alles, was Eliſabeth antwortete, doch mit ſolcher ſanften Lieblichkeit in ihrem Ton und Weſen, daß man früher nie geglaubt haben würde, dieſe Anmuth könne je über die Südſee⸗Inſulanerin kommen. Für den Augenblick ließ ſie kluger Weiſe das Geſpräch fallen, um, wie es ſchon öfter geweſen, ihn 132 ſpäter dahin zu vermögen, in das zu willigen, was ſie für recht hielt. In den Freitagen oder Feiertagen der dienenden Klaſſe liegt etwas Rührendes, ſie kommen ſo ſelten und werden ſchon mit ſolcher Vorfreude genoſſen, leben noch ſo lange in der Erinnerung. Die Schreiberin dieſer Geſchichte geſteht, daß ſie innige Sympathie für ſolche Feſttage hat und es mit dem größten Bedauern ſieht, wenn es in der Oſterwoche oder zu Pfingſten regnet, wohingegen es ihr ein herzliches Vergnügen gewährt, die verſchiedenen Gruppen zu ſehen, welche aus ganzen Familien beſtehen, eine Schaar fröhlicher Kinder dabei, oder aus Sally's und Martha's am Arme ihres„Er⸗ korenen“, die an ſolchem Feſttage ins Freie hinaus⸗ ziehen. Der zweite Pfingſtfeiertag, an dem Tom nicht in die Druckerei brauchte und Eliſabeth Urlaub auf ſechs Stunden erhielt, war ein ſo prachtvoller Junitag, wie man ihn nur wünſchen kann. Die beiden jungen Leute beſtiegen den Omnibus— die höchſten Sitze er⸗ kletternd— und fuhren durch Kenſington, Hammerſmith, und Turnham Green, wobei Tom Eliſabeth alle Straßen und Plätze nannte und ganz ſeltſam intereſſante Ge⸗ ſchichten darüber zu erzählen wußte, ſo daß ſeine Be⸗ gleiterin meinte, ſie habe nie eine hübſchere Gegend geſehen, nie einen herrlicheren Sommertag erlebt und ſich„glücklich wie eine Königin“ fühlte, um ihre eigenen Worte zu gebrauchen. Als der Omnibus hielt, beſtand ſie mit großer Selbſtverleugnung darauf, ſich für eine Zeit lang von —,— 183 Tom zu trennen. Sie dachte, Fräulein Hilary möchte es vielleicht ungern ſehen, wenn Tom erführe, wo ſie wohne und was ihre Beſchäftigung ſei, aus Beſorgniß, er könne davon in Stowbury erzählen; ſie beſchloß alſo, den Beſuch allein zu machen, und beſtimmte ihm die Zeit, da ſie ihn auf der Richmond⸗Brücke treffen wollte, über welche ſie ihn ärgerlich dahin ſchreiten ſah, nicht ohne Freude zu empfinden, daß es ihn ſo kränke, ihre Geſellſchaft auf eine Stunde zu verlieren. Eliſabeth wußte, er würde bald ſein Mißvergnügen überwinden, was auch wirklich geſchah, ehe er eine halbe Meile weit gegangen war; dort begegnete er einem Be⸗ kannten, mit dem er weiter nach Hampton Court wan⸗ derte, den alten, großartigen Palaſt zu beſichtigen. Dieſes Beſchauen bot ihnen ein Thema, das von Beiden beim nächſten Handwerkervereine mit Wärme und Beredtſam⸗ keit behandelt und erörtert wurde, indem ſie über heuch⸗ leriſche Prieſter und unwürdige, ſtrafbare Herrſcher ſprachen, mit beſonderem Hinweis auf Kardinal Wolſey und Heinrich den Achten. Unterdeſſen ſuchte Eliſabeth den kleinen Laden— den Niemand jetzt noch in Richmond finden würde— welcher darnale den wohlbekannten Namen„Janet Balquidder“ trug. Als ſie eintrat, denn es gab keinen anderen Ein⸗ gang, gewahrte ſie in einem entfernteren Theile das reizende Lockenhaupt ihres lieben Fräuleins über ihr Schreibpult gebeugt. Eliſabeth wußte lange, daß ihre Herrin einem n Laden vorſtehe, und mit den Begriffen über Rang und Stand, welche auch in dieſer Klaſſe exiſtiren, hatte ſie im „ 134 Herzen bitter beklagt, daß eine ſo feine Dame dazu ge⸗ zwungen ſei. Als ſie aber ſah, wie hübſch und friſch ihr Fräulein Hilary ausſah, wie ſie ſich eifrig und wohlgemuth mit den großen Büchern vor ihr beſchäf⸗ tigte, mit welcher ruhigen, vornehmen Anmuth und Würde ſie, als man ihres Rathes bedurfte, zum Laden⸗ tiſch trat, da mußte Eliſabeth zugeſtehen, daß ſelbſt einen Laden zu haben, Fräulein Hilary nicht verändern oder gar herabſetzen konnte. Die Veränderung, welche mit ihr ſelbſt vorgegangen, war viel bedeutender. „Sieh da, Eliſabeth, ich hätte Dich beinahe nicht erkannt!“ Mit dieſen Worten begrüßte ſie ihre frühere Herrin. Und wirklich ſah ſie überraſchend gut aus, ſowohl von Geſicht als im Anzuge, nicht geputzt— denn ihr ſolider Geſchmack vermied alles Auffallende— aber ſehr ſauber und anſprechend. Ihr neues graues Moheairkleid, der ſchöne Shawl, dem Fräulein Hilary ſelbſt einige Male die Ehre erwieſen, ihn zu tragen, der weiße Stroh⸗ hut mit einem einfachen, weißen Bande garnirt, unter dem das dunkle, weiche Haar und die ſanften Augen ſich ſehr vortheilhaft ausnahmen, das Alles zuſammen ließ ſie zwar nicht wie„eine Dame“ erſcheinen,— denn das wird einer Dienerin ſelten, faſt nie gelingen, ſei ſie noch ſo koſtbar gekleidet— aber Eliſabeth ſah wie eine ſehr anſtändige, hübſche, junge Frau aus. Dabei kam ihr Erröthen ſo oft, ſie war ſo erregt und befangen, aber ſo ſtrahlend glücklich, daß Hilary bald ahnte, dieſem Beſuche liege eine wichtige Urſache * * 135 zum Grunde. Wohl wiſſend, daß bei ihrer Schüchtern⸗ heit das Geheimniß nie öffentlich enthüllt werden würde, forderte ſie Eliſabeth auf, ihr in ihrem Schlafzimmer bei irgend einer Beſchäftigung behülflich zu ſein, und dort hinter der Doppelthür erfuhr ſie das Ganze. Anfangs war Hilary ſehr überraſcht, ſie hatte nie daran gedacht, Eliſabeth werde heirathen und am we⸗ nigſten Tom Cliffe. „Irre ich mich, oder iſt er wirklich noch ein ganzer junger Menſch— jünger als Du?“ „Drei Jahre bin ich älter als er.“ „Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm, wir Frauen altern viel ſchneller als die Männer.“ „Leider ja“, entgegnete Eliſabeth ein Wenig betrübt. „Und erzählteſt Du mir nicht, daß er ſehr klug und hübſch ſei?“ „Ja; und ich bin weder das Eine noch das Andere. Ich habe das Alles vielmals bedacht und überlegt, gewiß Fräulein Hilary. Aber Tom hat mich lieb— oder er bildet es ſich wenigſtens ein, daß er mich leiden mag. Meinen Sie“— und die unendliche Demuth, welche die wahre Liebe ſtets begleitet, überzeugte Hilary, wie treu und aufrichtig die Liebe dieſes Mädchens ſei—„meinen Sie, daß er ſich irrt, und daß es ganz unmöglich iſt, er könne mich in dieſer Weiſe liebhaben?“ „Nein, durchaus nicht, das ſagte und dachte ich nie“, war die ernſte, offene Antwort.„Aber bedenke, er iſt drei Jahre jünger, ift hübſcher und klüger Hilary brach ab. Es ſchien ihr ſo grauſam, dies Alles zu ſagen, dennoch hielt ſie es für ihre Pflicht, daß es geſchah. Sie kannte ihre einſtige Dienerin ſo gut, daß ſie überzeugt war, wenn Eliſabeth ſich getäuſcht hätte, wenn ihre Ehe nicht das erfüllte, was ſie zu er⸗ warten berechtigt war, ſo würde ſie mehr als unglücklich — ſie könnte geradezu böſe werden. „Er liebt Dich jetzt, Du biſt überzeugt davon; aber kannſt Du ſicher ſein, daß er ein feſter, zuver⸗ läſſiger Charakter iſt? Glaubſt Du, er wird Dich immer lieben?“ „Ich weiß es nicht— aber doch wohl, wenn ich mich ſeiner Liebe ſtets werth erweiſe“, erwiderte die arme Eliſabeth. Als Hilary auf ſie ſchaute, die mit geſenktem Blick demüthig und doch ſo hoffnungsreich vor ihr ſtand, als ſie mehr und mehr die Veränderung gewahrte, welche die Liebe in Elifabeth's Weſen hervorgebracht hatte, das ganz Milde und Sanftmuth war, während ihr Geſicht den ſchönſten Schmuck der Frau, den Ausdruck echter Weiblichkeit trug, da begannen ihre Zweifel zu ſchwinden. Sie erinnerte ſich, wie manche Männer, mehr durch innere als äußerliche Reize beſtochen, wenig hübſche und ältere Mädchen als ſie ſelbſt geliebt hatten, und durch das ganze Leben hin mit ſeltener aber um ſo ſchönerer Treue dieſes Gefühl bewahrten. Da dieſer junge Mann die Einſicht gehabt hatte, Eliſabeth's Werth zu erkennen, die Perle in der weniger ſchönen Muſchel zu entdecken, ſo konnte man ihm auch zutrauen, daß ſeine Liebe echt war und dauern würde in guten und böſen Tagen. Jedeufalls liebten ſie ſich jetzt— da hörte eigentlich alles Abrathen auf. 4 137 „Nun, Eliſabeth“, rief ihre Herrin fröhlich,„jetzt iſt's genug. Ich habe meine Predigt beendet, jetzt bleibt mir nur noch, Dir herzlich und innig Glück zu wün⸗ ſchen. Wenn Tom Cliffe Dich nur verdient, ſo weiß ich gewiß, daß er nicht zu gut iſt für Dich; und das möchte ich ihm wohl ſelbſt ſagen.“ „Wirklich, Fräulein Hilary?“ fragte das Mädchen erfreut, und erzählte, wie ſie ihn gebeten, zurückzubleiben, aus Furcht, er könne ſtören. „Ganz und gar nicht. Hole ihn nur her. Ich ſage nicht wie meine Schweſter:„Kein Bräutigam geſtattet?; im Gegentheil, ich meine, in ſolcher Zeit ſteht die Herrin gerade an Stelle einer Mutter, und das kann keine wahre und rechte Liebe ſein, welche ihr verborgen wird, als ſei man beſchämt darüber.“ „Das denke ich auch, und ich ſchäme mich Tom's nicht, noch er ſich meiner“, erwiderte Eliſabeth mit einer Energie, daß Hilary unwillkürlich lächeln mußte. Sie eilte hinweg, Tom zu holen, der ſich bei dieſem Beſuch zur Zufriedenheit Aller benahm. Sein Weſen war männlich, und bei einem gewiſſen Selbſtbewußtſein doch beſcheiden; ſeine Redſeligkeit wurde durch die Wich⸗ tigkeit des Ereigniſſes und durch den überwältigenden Ein⸗ druck, den Hilary auf ihn machte, in Schranken gehalten; denn er geſtand Eliſabeth ſpäter zu,„Fräulein Hilary ſei ein wirklicher Engel und er würde ſie in ſchönen Verſen beſingen.“ Das Wenige, was Tom ſprach, gab den Damen eine ſehr günſtige Meinung von ihm, und ſie mußten nicht nur die Klugheit, ſondern auch die Bildung von Eliſabeth's Bräutigam anerkennen. Es 138 betrübte ſie, daß er von ſo ſehr zarter Geſundheit ſchien, aber in ſeinem hübſchen Antlitz war noch Beſſeres und Edleres als nur äußerliche Schönheit zu finden, ſo daß ſie gar nicht erſtaunt über Eliſabeth's innige Liebe waren. Hilary blickte dem jungen glücklichen Paare nach, als ſie in dem milden Zwielicht die Richmond⸗Straße hinabgingen, Eliſabeth hing an Tom's Arm, der ſeine etwas gebeugte Geſtalt zur vollſten Höhe ausſtreckte, und obgleich ſie in der Größe, wie in manchem Anderen nicht ganz gut zuſammen paßten, ſo ſprach ſich doch in ihrem Ausſehen und ganzen Sein zueinander jenes vollkommene Vertrauen, jene unbedingte Zufriedenheit aus, welche ein ſcharfes Auge leicht an denen entdeckt, die den Weg des Lebens zuſammen gehen wollen. Hilary blickte ihnen nach mit einem Segenswunſch, wandte ſich dann vom Fenſter und ſeufzte. W Ichtes Bapitel. Hilary's Anſicht und Rath befolgend, daß alles ihre Liebe Betreffende offen und ehrlich zugehen ſollte, erbat ſich Eliſabeth gleich am nächſten Morgen die Erlaubniß, ihre Herrin zu ſprechen und theilte ihr mit, daß ſie Tom Cliffe heirathen würde, nicht augenblicklich, doch vielleicht in einem Jahre. Frau Askott erwiderte kurz und ſcharf, die Sache ginge ſie nichts an und ſie wolle nicht dadurch beläſtigt werden. Sie ſei der Meinung, daß wenn die Dienſt⸗ boten ihren eigenen Vortheil kennten, ſie eine gute Stelle feſthielten und gar nicht ans Heirathen dächten. Dann fügte ſie noch hinzu, da die Wirthſchafterin Eliſabeth ein lobendes Zeugniß gegeben habe, ſo biete ſie ihr den Dienſt des erſten Stubenmädchens an, weil eine Ver⸗ wandte der Haushälterin Eliſabeth's Obliegenheiten jetzt erfüllen ſolle. „Und wenn Du nun jöährlich ſechszehn Pfund er⸗ hältſt und eine Hülfe Dir zur Seite haſt, welche all die ſchwere Arbeit für Dich thut, ſo wirſt Du wohl anders 140 über die Sache denken und nicht ſo thöricht ſein, hei⸗ rathen zu wollen.“ Aber Eliſabeth war dennoch anderer Meinung als ihre Herrin. Die eigene Häuslichkeit hat und muß für jedes Mädchen etwas Verlockendes haben, und die zwei kleinen Zimmer, welche ſie einſt mit Tom bewohnen würde, erſchienen ihr eine weit glücklichere Heimath als das große, ſtattliche Haus der reichen Frau, in dem ſie nicht nur ihre eigene Arbeit zu verrichten hatte, ſondern jetzt noch verpflichtet war, das unter ihr ſtehende Mäd⸗ chen, die hübſche, flatterhafte, unaufmerkſame Eſther an⸗ zulernen und für ihr Thun verantwortlich zu ſein, keine leichte Aufgabe, weil Eſther all die Dreiſtigkeit, Un⸗ ordnung und wenige Pflichttreue der meiſten Londoner Dienerinnen beſaß, und für die pünktliche, zuverläſſige Eliſabeth mehr eine Bürde als eine Stütze war. Tom tröſtete ſie in ſeiner Weiſe, die Alles leicht nahm, doch aber etwas ſehr Liebreiches hatte; und ein noch größerer Troſt in jenen ſchweren Tagen waren die kleinen Einkäufe, welche ſie für die künftige Einrichtung von dem erhöhten Lohn machte; kleine Strohhalme zum Bauen des warmen Neſtchens: eine metallene Theekanne, zwei niedliche Schalen für Pfeffer und Salz und— entſetzliche Verſchwendung! zwei echt ſilberne Eßlöffel, unter der Hand billiger gekauft. Tom hatte hübſche Sachen ſo gern; und dieſe Dinge, welche Eliſabeth aus ihren Erſparniſſen erſtunden, waren praktiſch, ſolid und brauchbar, weniger für die eigene Perſon als für die Wirthſchaft berechnet, und immer mehr mit dem Hin⸗ blick auf Tom's Geſchmack als ihren eigenen. Mit der 141 größten Sorgfalt verwahrte ſie die koſtbaren Schätze in ihrer Truhe, denn ſie theilte ihr Zimmer mit Eſther, zuweilen aber, wenn das junge Mädchen ſchon ſchlief, betrachtete Eliſabeth ihre kleinen Beſitzthümer mit rüh⸗ render, faſt ängſtlicher Zärtlichkeit, als wenn ſie das Unterpfand wären für eine glückliche Zukunft, die ihr jetzt zuweilen wie ein Traum erſchien. Denn ſie ſah ihren geliebten Tom ſo ſelten, gewöhn⸗ lich nur jeden zweiten Sonntag, wenn ſie mit ihm zur Kirche ging und dann noch an ſeinem Arm einen kleinen Spaziergang machte; doch jedesmal trennten ſie ſich an der Straßenecke. Sie brachte ihn nie ins Haus und ſprach zu keiner ihrer Genoſſinnen von ihm. Ob ſie von ihrem Verlöbniß eine Ahnung hatten, wußte ſie nicht und fragte nicht danach. Auch Frau Askott hatte wohl die Sache ganz ver⸗ geſſen, ſie ſchien mit derſelben Theilnahmloſigkeit auf ihre Dienerſchaft zu blicken, wie dieſe auf ſie. Obgleich man in den unteren Regionen meiſt in Un⸗ kenntniß war über das, was oben in den Zimmern der Herrſchaft geſchah, ſo fingen doch an Gerüchte zu eir⸗ culiren:„Der Herr habe die Frau tüchtig angefahren und eabgetrumpfto.“ Und als einſt das feierliche Mit⸗ tageſſen vorüber war, bei dem drei Bediente zugegen ſein mußten, um zwei Perſonen aufzuwarten, da hörte Eliſabeth, als ſie durch die Halle ging, jene Diener lachen und ſagen:„es ſei ſo amüſant wie ein Luſtſpiel geweſen, Katze und Hund wären dagegen friedfertig mit⸗ einander.“ Von da waren„die Gefechte oben“ einer der beliebteſten Witze unter der Dienerſchaft. ——— Doch nach wie vor verließ Herr Askott nach dem Frühſtück das Haus und kehrte zum Mittageſſen zurück, während ſeine Gemahlin die Morgenſtunden in ihrem eigenen Wohrzimmer— Bondoir nannte ſie es— zu⸗ brachte; nach dem zweiten Frühſtück fuhr ſie in ihrer eleganten Equipage aus— nie durfte der Bediente da⸗ bei fehlen; dann machte ſie eine gewählte und koſtbare Toilette und präſidirte an ihrem Tiſch mit unnachahmlicher Vornehmheit und Würde. Sie hatte ſich ihrer neuen Stellung vollkommen angepaßt, und wenn unter den Atlasgewändern, den Points und Juwelen ein einſames, enttäuſchtes Herz in bitterem Schmerze ſchlug— wen ging das etwas an? Sie erhielt das trügeriſche Spiel, den Schemen eines Glückes mit ſehr anerkennenswerther Beharrlichkeit aufrecht. Aber aller Trug bleibt eine gefährliche Sache. Sei obenauf und nach außen hin auch Alles glatt und weich, zuweilen verräth doch ein Zeichen den wahren inneren Zuſtand. Dergleichen war ſchon ein oder zwei Mal geſchehen, beſonders an jenem Tage, als die Diener ſich ſo„koſtbar amüſirt“ hatten. Auch Eliſabeth war ſchon Zeuge von ſie befremdenden und betrübenden Vorfällen geweſen, denn als ſie das Schlatzimmer ihrer Herrin aufräumte, was gewöhnlich zu der Zeit geſchah, wenn Herr Askott nach der Eity fuhr, da war dieſe ſchon einige Male ganz plötzlich, zitternd und todesbleich her⸗ eingekommen. Eines Tages befand ſie ſich in ſo großer Aufregung, daß Eliſabeth unaufgefordert ihr ein Glas Waſſer brachte, und anſtatt, wie ſie gefürchtet, herriſch und hochmüthig zurückgewieſen zu werden, hatte ihre 143 Gebieterin in dem alten Ton der„Stowburyer Zeiten“ freundlich geſagt:„Ich danke Dir, Eliſabeth!“ Aber das kluge Mädchen that als bemerke ſie es nicht, und war gleich darauf aus dem Zimmer ent⸗ ſchlüpft. Endlich brach der langgährende Vulkan aus, des Hauſes Ruhe erſchütternd. Der Bediente meinte, es müſſe beim Frühſtück ein„nettes, kleines Scharmützel“ ſtattgefunden haben; denn der Herr ſei, ohne ſeine ge⸗ wöhnlichen Dienſte abzuwarten, welche darin beſtanden, ihm Hut und Handſchuh zu reichen und eine Droſchke herbeizurufen, davon geſtürzt, die Thüren ſo gewaltig zuwerfend, däß das ganze Haus dadurch erſchüttert wurde. Kurz darauf hatte Frau Askott heftig geklingelt, und als die Dienerinnen herbeieilten, fanden ſie ihre Herrin in einer todtenähnlichen Ohnmacht auf dem Fuß⸗ boden ihres Schlafzimmers liegend, während ihre Kammer⸗ jungfer, eine närriſche, kleine Franzöſin, laut jammerte. Die erſchreckten Dienſtmädchen ſtanden alle beiſam⸗ men, rathlos und unentſchloſſen, keine brachte der armen Leidenden Hülfe, die ſtarr und regungslos lag, ohne die Bemerkungen und Meinungen zu hören, welche ganz frei ausgeſprochen wurden über das Betragen des Herrn, der jedenfalls an dieſem Vorfall Schuld ſei. Sie war die Gebieterin über alle dieſe Dienerinnen, welche ſchon eine ganze Zeit in ihrem Hauſe lebten, Lohn und Brot von ihr empfangend, doch keine liebte ſie, keine kannte ſie näher oder war bereit, etwas für ſie zu thun, bis eines der Küchenmädchen den guten Gedanken S rufen zu laſſen. 144 Der Rath wurde ſchnell befolgt, jeder war froh, die Verantwortlichkeit auf einen Anderen zu ſchieben. In fünf Minuten hatte Eliſabeth alle nutzlos Umherſtehenden aus dem Zimmer entfernt, ihre Herrin ruhte auf dem Bett, während ſie und das franzöſiſche Kammermädchen die üblichen Belebungsverſuche machten. Endlich öffnete Frau Askott die Augen. „Wer iſt hier? Was wollt Ihr von mir?“ „Nichts, gnädige Frau, ich bin es— Eliſabeth.“ Bei dem Klang dieſer wohlbekannten, milden Stimme wandte die arme Frau ſich um, denn trotz aller ſie um⸗ gebenden Pracht war ſie, wie ſie ſo bleich, elend und verlaſſen dalag, mit Recht eine arme Frau zu nennen. „O, Eliſabeth, ich fühle mich ſo krank und ſchwach, bleibe bei mir und pflege mich!“ Eine neue Ohnmacht entrückte ſie der traurigen Gegenwart. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe ſie wieder zu ſich kam, und dann war ihre erſte Bitte, die Thür zu ver⸗ riegeln und Niemand hereinzulaſſen. „Wenn aber der Arzt kommt, gnädige Frau?“ „Ich mag ihn nicht ſehen— ich brauche ihn nicht. Ich weiß, was mir fehlt. Ich—“ Sie zog Eliſabeth näher zu ſich heran, flüſterte etwas in ihr Ohr und brach dann in ein heftiges, krampfhaftes Weinen aus. Erſchreckt und betäubt wußte Eliſabeth Anfangs nicht, was ſie beginnen ſolle, dann lehnte ſie das Haupt der Leidenden ſanft an ihre Schulter und beruhigte ſie, wie man ein weinendes Kind beſchwichtigt. Das Schluchzen 145 ließ nach, und Frau Askott lag ein Paar Minuten ganz ſtill, plötzlich ergriff ſie Eliſabeth's Arm und ſagte heftig: „Daß Du aber nicht davon ſprichſt. Er weiß es noch nicht und ſoll es nicht erfahren. Es würde ihm Freude machen, gerade wie es mir unangenehm iſt. Zuweilen ſcheint es mir, als werde ich es haſſen, weil es ſein Kind iſt.“ Sie ſprach mit einer Wildheit, die man unter dem vornehmen, würdevollen Weſen der Frau Askott oder dem leidenden, ſchmachtenden von Fräulein Selina kaum vermuthet haben würde. Der Gedanke, daß ihre Herrin ein Kind erwarte, machte Eliſabeth ganz verwirrt. „Ich verſtehe nicht viel von dergleichen Dingen, aber doch glaube ich, Sie müſſen ſich nicht ſo aufregen, gnä⸗ dige Frau, und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich würde das Kindchen nicht haſſen. Es kann ſolch ein liebes kleines Herzchen ſein, das Ihnen vielleicht recht zum Segen geſchenkt wird.“ Frau Askott erhob ihre ſchweren, verweinten Augen zu dem theilnehmenden Antlitz, das ſich über ſie beugte, und der milde, echt weibliche Ausdruck that ihr wohl. „Denken Sie nur, wie hübſch es ſein wird, wenn das kleine, ſüße Weſen, das ſo ganz Ihr eigen iſt, hier an Ihrer Seite liegt, mit dem lieben, unſchuldigen Ge⸗ ſichtchen Ihnen zugewandt, während die niedlichen, weißen Finger Sie leiſe berühren.“ Eliſabeth's Stimme zit⸗ terte, denn ſie ſelbſt war von dem Bilde, welches ſie entworfen hatte, tief bewegt.„O, ich bin überzeugt, Sie werden es ſo, ſo lieb gewinnen!“ Herrin und Dienerin. II. 10 146 Die Stimme der Natur iſt mächtig. Dieſe kalte, ſelbſtſüchtige Frau, welche vierzig Jahre alt geworden war, ohne daß jemals ihr Herz von einem ſtarken, ge⸗ waltigen Empfinden bewegt worden wäre, die ohne Liebe geheirathet hatte und nun ohne Zerknirſchung, doch in bitterem Grimm die Strafe ſolcher Ehe hinnahm, ſelbſt dieſe Frau war nicht verhärtet gegen das glorreiche My⸗ ſterium der Mutterſchaft, durch welches jede Tochter Eva's die Hoffnung auf ihr erſtes Kind wie eine Art göttlicher Verkündigung fühlen und aufnehmen ſollte. Frau Askott lag ſchweigend, auf Eliſabeth lauſchend. Plötzlich rollten unter den geſchloſſenen S ein Paar Thränen über ihr Geſicht. „Kränkt es Sie, wenn ich in dieſer Weiſe ſpreche, gnädige Frau?“ „Nein, nein! Sage was Du willſt. Ich bin froh, Jemand zu haben, mit dem ich reden kann. Ach, ich bin eine ſehr arme, beklagenswerthe Frau!“ Seltſam, daß Selina Askott und überdies Eliſabeth Hand gegenüber dies Zugeſtändniß machte. Aber die Umſtände führen oft unvorhergeſehene Dinge herbei; und ein einmal gegebenes Vertrauen iſt nicht leicht wieder zurückzunehmen. Die Herrin ſchien dies auch gar nicht zu wünſchen. In der Einſamkeit ihres prächtigen Hauſes, in dem gänzlichen Mangel an weiblicher Geſellſchaft— denn ſie wollte nicht nach ihren Schweſtern ſchicken, weil, wie ſie ſagte, er ſie doch nur kränken würde und ſie mochte nicht, daß man ihre Familie beleidigte— ſchloß die arme Selina ſich immermehr an Eliſabeth, als ihren einzigen Troſt, an. 147 Trübe Monate folgten. Während der langen, ſchwü⸗ len Sommertage, in denen die kränkelnde Dame kaum ihr Schlafzimmer verließ und mürriſch und klagend die Leiden trug, welche von den meiſten Frauen mit ſolcher heiligen Freude und Ergebung erduldet werden, war Eliſabeth ſtets um ſie. Sie erfüllte jeden ihrer Wünſche, fügte ſich in all ihre Launen, die oft ſchwer zu ertragen waren, ſuchte ihre traurigen Gedanken zu zerſtreuen und war in der That ihrer Herrin einzige Geſellſchaft und Freundin. Dieſe Stellung wurde ihr von Niemand beſtritten. Nicht jede Frau hat, wie Johanna es Eliſabeth zuer⸗ kannte:„ein Talent für die Krankenpflege“ und wenige Patienten machen es möglich, daß dieſe Pflege ein Werk der Liebe werde. Der ganze Hausſtand war froh, daß Eliſabeth die ſchwere Pflicht übernahm, für deren Er⸗ füllung ſie ſo beſonders geeignet war, und um die man ſie ſo wenig beneidete. Selbſt Herr Peter Askott, als man ihm nicht länger verhehlen konnte, welches Glück, welche Ehre ihm bevorſtand und er in Rückſicht darauf ſehr aufmerkſam und freundlich wurde, ſich in alle Launen und Wünſche ſeiner Gemahlin fügend, ſelbſt er drückte Eliſabeth öffentlich ſeine Anerkennung aus und beſchenkte ſie mit ein Paar Goldſtücken, aus wahrer Dankbarkeit gegeben. Ob ihr perſönlich ihre jetzt ſo wichtige Stellung zu⸗ ſagte, ob, was ſie that, aus Pflicht oder Mitleid ge⸗ ſchah oder aus dieſer Selbſtaufopferung, welche manche Frauen ſtets denen erweiſen, die ihrer Hülfe bedürfen, das vermag ich nicht beſtimmt auszuſprechen, denn Eli⸗ 10 ſabeth redete nie darüber, ſelbſt nicht zu Hilary, der endlich eine förmliche Viſite geſtattet ward, noch zu Tom Cliffe, den ſie jetzt äußerſt ſelten ſah, da ihre Herrin mit charakteriſtiſcher Selbſtſucht ſie kaum eine halbe Stunde von ihrer Seite laſſen wollte. Anfangs war Tom darüber ſehr böſe, nach und nach beruhigte er ſich; er ſah ſeine Braut zuweilen auf einige Minuten an der äußerſten Pforte, aber er ſchrieb ihr lange, ſehr poetiſche Briefe, die er den anderen Dienerinnen des Hauſes übergab, welche dadurch in das Geheimniß hineingezogen wurden. Doch das war jetzt nicht mehr ſo ſchlimm, denn Eliſabeth hatte feſt ver⸗ ſprochen, ſobald ihre Herrin wieder wohlauf und Alles glücklich überſtanden ſei, würde ſie Tom ſofort heira⸗ then. Deshalb nahm ſie die Scherze und Neckereien der Mädchen und Diener ruhig hin; ſie fühlte ſich überhaupt zu ſtolz und glücklich, um ſich durch irgend etwas dieſe Zufriedenheit rauben zu laſſen. Trotzdem führte ſie kein frohes und leichtes Leben, denn mit Frau Askott umzugehen war ſehr ſchwer. Alle die nöthigen Opfer, welche ihr Zuſtand erforderte, wollte ſie eigenſinniger Weiſe nicht bringen, ſie weigerte ſich, dieſes oder jenes zu entbehren, und dann wieder ergriff ſie Angſt und Furcht vor dem, was ihr bevor⸗ ſtand, daß es Eliſabeth's ganzer Selbſtbeherrſchung und Ueberredung bedurfte, um die nicht unnatürlichen Vor⸗ gefühle eines möglicher Weiſe ſchlimmen Ausganges der zagenden Frau auszureden. Ein anderes Mal überließ ſich Selina einer innigen, rührenden Vorfreude, dann mußte Eliſabeth die kleine, 149 reizende Ausſtattung vor ihr ausbreiten und ſie nahm jedes einzelne Stück in die Hand, es mit Entzücken be⸗ trachtend. Zuweilen ſprach ſie ſtundenlang von dem Segen, der ihr noch ſo ſpät im Leben geſchenkt wurde, bedauernd, daß er ſo ſpät kam, daß ſie ſchon eine alte Frau ſein würde, ehe ihr Kind erwachſen wäre. „Dennoch iſt es nicht unmöglich, daß ich bis dahin lebe, um eine reizende Tochter in den Ballſaal zu füh⸗ ren oder einen klugen, großen, ſchönen Burſchen zur Univerſität zu ſchicken— in früheren Zeiten ſtudirten die Leafs immer. Henry Leaf Askott ſoll mein Sohn heißen, das ſteht feſt, und wenn es ein Mädchen iſt, möchte ich es Johanna nennen. Meinſt Du nicht, daß es meine Schweſter erfreuen würde?“ Je weicher Selina's Natur wurde, deſto mehr wandte ſie ſich wieder ihrer Familie zu. „Ich bin nicht älter als meine Mutter war, da Hi⸗ lary geboren wurde. Sie ſtarb, aber das kam von al dem Kummer und der Sorge her. Es iſt durchaus nicht geſagt, daß eine Frau im Wochenbett ſterben muß, ſelbſt wenn ſie ſchon in meinem Alter iſt. In zwanzig Jahren bin ich erſt ſechzig, des iſt noch nicht ein ſo ſchreckliches Alter. Ueberdies iſt eine Mutter niemals alt, wenigſtens nicht für ihre Kinder. Nicht wahr, Eliſabeth?“ Die Angeredete bejahte dies aus vollem Herzen. War es aus Sympathie oder Inſtinct, daß die ſchlichte, einfache Dienerin immer klüger wurde und in dieſen Geſprächen eine oft überraſchende, m Weisheit entfaltete? 150 Aber ich fürchte, dies Alles wird ſehr unintereſſant gefunden werden, außer von Frauen und Müttern, darum will ich ſchneller darüber hingehen. Als die ſchwere Stunde näher und näher rückte, kam eine erſtaunliche Ruhe, ja Sanftheit über Selina. Ihre krankhafte Abneigung, Jemand anders als Eliſabeth um ſich zu haben, milderte ſich. Sie duldete ſelbſt die Ge⸗ ſellſchaft ihres Mannes für eine Stunde Abends und überwand ihren Stolz ſo weit, um ihn zu bitten, ihre Schweſtern von Sonnabend bis Montag zu einem Be⸗ ſuche einzuladen, denn länger konnte Hilary nicht bleiben. „Man weiß doch nicht, was geſchehen kann“, ſagte ſie ernſt, aber nicht düſter zu ihm. Und obgleich er ſolche Gedanken„Unſinn“ nannte und ſie bat, dieſe krankhaften Einbildungen zu verbannen, ſo erfüllte er doch ihren Wunſch und ſchrieb eigenhändig die formelle Einladung. Die drei Schweſtern verlebten ein Paar glückliche Tage zuſammen. Hilarh war geiſtreich und heiter wie ſonſt. Sie ſcherzte und neckte Selina über die prächtige Weihnachtsbeſcheerung, die ſie ſo gütig fein würde, ihnen zu machen, und bedauerte ſie, daß ſie von dem Chriſt⸗ feſtmahl, zu dem Herr Askott in überwallender Freude ſie ſchon eingeladen, wenig genießen würde. Das zu erwartende Kindchen, geſegneter Engel, ſchien noch vor ſeinem Erſcheinen alle Unebenheiten beſeitigt zu haben, eine Miſſion, die Kinder oft erfüllen. Mit heiterer Zuverſicht, frohen Scherzen und inniger Zärtlichkeit nahmen die Schweſtern von Selina Abſchied, 151 die voll Rückſicht darauf beſtand, daß ihre eigene ſchöne Equipage ſie nach Richmond zurückbringe. „Später wird mein Sohn ſich nicht das Vergnügen nehmen laſſen, ſeine Tanten zu begleiten. Iſt's ein Knabe, ſo werde ich ihn Henry Leaf nennen und ihn ſo erziehen, daß er unſerer Familie Stolz und Ehre ſein ſoll.“ Nachdem die Damen ſich entfernt hatten, begab Frau Askott ſich zu Bett. Da es erſt neun Uhr und eine helle, klare Mondnacht war, ſo dachte Eliſabeth, ſie könne ſich wohl ein Weilchen hinunterſtehlen, um einmal friſche Luft zu ſchöpfen. Ihr langes Eingeſchloſſenſein ließ ſie zuweilen mit krankhafter Sehnſucht noch einen Blick in die Außenwelt und einen Moment des Zuſam⸗ mentreffens mit ihrem lieben, treuen Tom verlangen. Sie hatte ihn nun ſchon ſeit vierzehn Tagen nicht geſehen, und obgleich ſeine Briefe ſehr hübſch und klug waren, ſo verlangte ſie doch nach einem Blick ſeiner Augen, einem Druck ſeiner Hand, vielleicht auch nach einem warmen, innigen Kuß, den er ihr trotz ihres Ab⸗ wehrens,„weil ſie auf offener Straße ſtänden“, dennoch gab. Seine Liebe, demonſtrativ wie ſeine ganze Natur, war dieſem ſtillen, ruhigen Mädchen unendlich ſüß und theuer geworden, theurer, als ſie ſelbſt es wußte. Es war eine klare, helle Winternacht, und der Mond ſegelte über die am blauen Himmel zerſtreuten weißen Wölkchen dahin, daß ſelbſt der Ruſſel⸗Platz im Hinblick darauf ſchön wurde. Eliſabeth ſah zu dem Monde auf und dachte, wie Tom ſich dieſes Schauſpieles erfreuen würde und wünſchte ihn an ihre Seite. Und dann kam —— der beſeligende Gedanke, wie bald ſie immer beieinander ſein würden, und wie ſie trotz ſeiner kleinen Launen und Schwächen ſo glücklich mit ihm werden würde; ſie fühlte, ſie konnte Alles, Alles ertragen, wenn ſie ihn und ſeine Liebe nur hätte. Obgleich er auch in ſeine Liebe für ſie das Excen⸗ triſche und Eigenthümliche ſeines Charakters mit hinein⸗ verwebte, ſo war doch auch wieder ſo viel Wärme und Realität darin, daß ſie ihr zu einem Lebensbedingniß geworden war, wie auch Tom— beſonders nach jedem kleinen beigelegten Zwiſt— verſicherte, er könne nicht ohne Eliſabeth leben.. „Armer Tom! Wie mag er wohl ohne mich fertig geworden ſein! Nun, wir werden ja nicht mehr lange getrennt bleiben!“ flüſterte ſie innig. Wie ſie wünſchte, er möchte wiſſen, daß ſie draußen ſei, damit ſie ein kleines Geſpräch miteinander haben könnten. Unwillkürlich ſchritt Eliſabeth der Stelle zu, an wel⸗ cher ſie Tom ſtets zu treffen pflegte, wo ſie unter dem Schutze einer großen, breiten Platane beieinander ſtanden. Nimmermehr konnte das Tom ſein— ſo ähn⸗ lich die Geſtalt ihm ſah, unmöglich, er war ja nicht allein. Ein junger Mann und ein Mädchen ſtanden dort, wahrſcheinlich Liebende, denn er hatte ſeinen Arm um ſie gelegt und küßte ſie mehrere Male, ohne daß ſie es ihm wehrte. Eliſabeth ſtarrte hin, faſt ihrer klaren Sinne be⸗ raubt, denn des Mannes Figur ſah Tom's ſo entſchie⸗ den gleich. Endlich mit dem Gefühle, als müſſe ſie, 153 wenn's ein Phantom ſei, es durch ein herzhaftes Hin⸗ ſehen und Näherkommen verſcheuchen, ſchritt Eliſabeth an dieſem„Liebespaar“ vorbei. Sie bemerkten ſie nicht, denn ſie waren zu tief in ihr Geſpräch verſunken, aber ſie ſah ſie genau und er⸗ kannte Tom und Eſther, das unter ihr ſtehende Haus⸗ mädchen. Man mag Bücher und Bücher über die Eiferſucht ſchreiben und lange noch nicht wird Alles geſagt und das Thema erſchöpft ſein. Nächſt dem Gewiſſensbiß über begangene Schuld und Sünde, iſt Eiferſucht die ſchärfſte, bitterſte und ſinnverwirrendſte Qual, welche die menſchliche Natur erdulden kann. Wir mögen voll Mitleid und Staunen aus den Theaterlogen auf unſere Othello's und Bianka's blicken, mögen über den Groll zwiſchen Couſine Käthchen und Couſine Luchy lächeln, die ſelbſt im Ballſaal um den Gegenſtand ihrer Liebe rivaliſiren, oder wir mögen ſo⸗ gar über die Wortgefechte zwiſchen dem Stubenmädchen und der Köchin, deren beiderſeitiger Held der Gärtner iſt, herzlich lachen— aber fortzuleugnen iſt damit die Eiferſucht nicht./Ein Mann kann nicht zwei Frauen zu⸗ gleich lieben wollen, ein Mädchen nicht mit zwei Män⸗ nern kokettiren, ohne daß dieſe ſchreckliche Leidenſchaft, welche bitterer als der Tod iſt, hervorgerufen wird, welche der Beweggrund zu der Hälfte der Tragödien iſt, und die Urſache zu den ſchwerſten Verbrechen, die im Leben begangen werden. Die Qual kommt in verſchiedener Geſtalt, zuweilen iſt ſie ein langſam ſchleichendes Gift, ein anderes Mal ——— 154 erfaßt ſie uns plötzlich mit ihrer glühenden Macht, die, wie das rothgeſchürte Eiſen dem Körper, hier der Seele die unvertilgbaren Spuren einbrennt. So mannichfach die Eiferſucht auftritt, ſo verſchieden wird ſie von den Menſchen aufgenommen, von dieſen mit wildem Grimm, weil ſie beſonders durch die verletzte Selbſtliebe leiden; jene ſchlagen ihren Stolz um ſich, daß Keiner ihre Wunde ſehe. Andere wieder, demüthige, beſcheidene Naturen, deren einziger Stolz ihre Liebe war, verlieren mit einem Schlage Alles und ſtehen nun vereinſamt und ſchutzlos da, dem kalten, bitteren Gerede der Welt, dem Sturme des Lebens ausgeſetzt., So ging es Eliſabeth. Nach dem erſten Moment ſtarrer Betäubung, dem wilde Verzweiflung folgte, nahm ſie es als etwas ganz Natürliches hin, als eine Sache, die ſie längſt hätte erwarten können, weil ſie kommen mußte, und die ſie weiter nicht verwundern dürfe. Sie ſchritt noch einmal an dem Paare vorüber, wie⸗ der unbemerkt, und ging dann auf der anderen Seite des Platzes dem Hauſe zu. Es iſt nicht meine Abſicht, aus dieſer armen Die⸗ nerin eine tragiſche Heldin zu machen. Vielleicht findet man auch in dem Ganzen nichts Tragiſches. Ein ſtilles, einfaches, nicht hübſches Mädchen, das ſo thöricht iſt, einen jüngeren, ſchönen Mann zu lieben und zu glauben, er werde ihr treu ſein— darf die ſich wun⸗ dern, wenn ſie ſich vom Gegentheil überzeugt, wenn er ſie um ein achtzehnjähriges, reizendes Mädchen verläßt? Geht es nicht meiſt ſo im Leben zu, beſonders unter der dienenden Klaſſe? Das Beſte, was die Getäuſchte thun ——,———— ——— 155 kann, iſt, den jungen Sauſewind zu vergeſſen und ſich einen anderen Schatz zu nehmen. Eine ſehr alltägliche Geſchichte, und mehr eine Poſſe als ein Trauerſpiel. Aber es giebt Poſſen, die, wenn man genau auf den Grund blickt, viel von der Tragödie in ſich haben. Ich werde Eliſabeth nicht ſchildern, daß ſie ſich oder Eſther das Haar ausriß, noch daß ſie in einem Anfall wahnſinniger Eiferſucht über den mondlichten Platz da⸗ hinſtürmte. Es war nicht ihre Natur, ſich ſolchen „Anfällen“ und„Ausbrüchen“ zu überlaſſen, bei keiner Gelegenheit. Alles, was ſie berührte, drang tief in Herz und Seele, um dort in Freude zu erblühen oder als Schmerz ihr Gemüth zu trüben und zu verwunden. An dieſem Abend ging ſie, wie ſchon einmal geſagt, ruhig nach Hauſe; in ihrer Stube angekommen, verſchloß ſie dieſe und ſetzte ſich dann auf ihr Bett. So ſaß ſie wohl länger als eine Stunde mit Hut und Shawl, ohne zu weinen, ohne ſich nur zu rühren, kalt und hart wie ein Stein, bis es ihr war, als ob die Klingel ihrer Herrin erſchalle, und ſie die Treppe hinabſtieg. Doch man brauchte ſie nicht, und ſie ſchlich wieder hinauf, im Dunkeln zu Bett gehend. Als Eſther bald darauf kam, that Eliſabeth, als ob ſie ſchliefe. Nur einmal warf ſie einen verſtohlenen Blick auf das hübſche Mädchen, welches vor dem Spie⸗ gel ſich das ſchöne, lange Haar kämmte, und da ergriff ſie ein lebhaftes Gefühl des Widerwillens, ein Empfin⸗ den, als ob ein ſcharfes Meſſer in ihr Herz dringe, beim Anblick dieſer friſchen, rothen Lippen, die ſich ſo gern von Tom küſſen ließen, und der ſchlanken, zierlichen ——. 156 Geſtalt, die er umfaßt hatte, wie er ſie zu umfangen pflegte; aber Eliſabeth ſprach nicht, regte ſich nicht. Nach einer halben Stunde wurde ſie von der Kranken⸗ wärterin, die ſchon anweſend war, gerufen, weil Frau Askott ſehr leidend ſei und nach ihr verlange. Bald war der ganze Hausſtand in Bewegung und Verwirrung, und in dem ſchweren Kampfe zwiſchen Geburt und Tod hatte Eliſabeth nicht Zeit an etwas Anderes als an ihre Herrin zu denken. Den bangen Befürchtungen entgegen ging Alles ſchnell und glücklich vorüber, und ehe der Hausherr— der trotz aller Angſt und Glückſeligkeit doch einige Stunden ſanften Schlafes und ein gutes Frühſtück genoſſen hatte — am anderen Morgen nach der Eity fuhr, konnte er noch die Anzeige nach der Times ſchicken, welche ſeinen Freunden verkündete, daß ihm ein Sohn und Erbe ge⸗ boren ſei. Beuntes Bapitel. Die folgenden Wochen vermehrten die Aufregung in Peter Askott's Hauſe eher, als daß ſie dieſelbe ver⸗ minderten. Niemals hatte es ein ſo wunderbares Kind gegeben, nie war von einem ſolchen kleinen Ankömmling mehr Aufhebens gemacht worden, als es bei dieſem geſchah. Unbetheiligte, unbefangene Perſonen hätten den Knaben vielleicht ein häßliches, ſchwächliches kleines Ding ge⸗ nannt, und im Anfang waren Alle ſo beſorgt um ſein Leben, daß er in höchſter Eile„Henry Leaf Askott“ getauft wurde, nach dem Wunſche ſeiner Mutter, wel⸗ chem in der kritiſchen Lage, in der ſie ſich befand, Nie⸗ mand entgegenzutreten wagte. Selbſt nach vierzehn Tagen war der„Sohn und Erbe“ noch ein ſieches Kindchen, mit einem ſehr kleinen, gelben Geſicht— aber für die Mutter war er Alles in Allem. Von dem Moment an, da ſie ſeinen erſten Schrei vernahm, ſchien ihre ganze Natur verwandelt zu werden. Ihre Augen— Selina's ſchönen, kalten blauen Augen hatten eine eigenthümliche Tiefe und Innigkeit erhalten und ſtrahlten von warmer Zärtlichkeit, ſobald ſie ſich auf das an ihrer Seite ruhende Kind richteten. Sie ward es niemals müde, ſeine winzig kleinen, zierlichen Hände und Füße zu bewundern und liebkoſend zu ſtreicheln, und Jedem, dem die Gunſt wurde, in das Zimmer treten zu dürfen, zeigte ſie:„mein Kind“, mit einem Stolz, als ob es ein Wunder der Schöpfung ſei. Sie fühlte ſich über alle Worte hinaus glücklich. Auch Eliſabeth war nicht wenig ſtolz auf den kleinen Knaben. Ihren Armen war er zuerſt übergeben wor⸗ den, ſie hatte beim erſten Waſchen und Ankkeiden hülf⸗ reiche Hand geleiſtet und ihn oder ſeine Mutter ſeitdem kaum auf Minuten verlaſſen. Die alte Kinderfrau und zugleich die Wärterin der Mutter, eine ſehr bedeutende und hochangeſehene Perſönlichkeit im Hauſe, war An⸗ fangs ein Wenig eiferſüchtig auf Eliſabeth, doch nach und nach wurde ſie herablaſſend und freundlich, und be⸗ diente ſich ihrer gern im Krankenzimmer, indem ſie zu⸗ geſtand, daß eine ſo ſehr vernünftige, ruhige und brauch⸗ bare junge Perſon faſt ſo nützlich wie eine Frau von geſetzten Jahren ſei. Ja, ſie fragte Eliſabeth ſogar ein⸗ mal, ob ſie vielleicht Wittwe wäre, denn ſie ſähe aus, als kenne ſie Kummer und Sorgen, und war ſehr er⸗ ſtaunt zu hören, daß jene unverheirathet und erſt drei⸗ undzwanzig Jahre alt ſei. Niemand anderes beachtete Eliſabeth ſonſt aufmerk⸗ ſamer; ſelbſt Hilary ward von Freude und Staunen über den kleinen Neffen ſo in Anſpruch genommen, daß 159 ſie nur flüchtig bemerkte:„Eliſabeth, Du ſiehſt blaß und angegriffen aus, die letzte Zeit war doch zu an⸗ ſtrengend für Dich.“ Und die treue, gewiſſenhafte Die⸗ nerin hatte einfach die Frage bejaht, weiter aber nichts hinzugefügt. In den ganzen vierzehn Tagen hatte ſie Tom nicht geſehen. Er ſchrieb ihr ein oder zwei Mal einige flüch⸗ tigen Zeilen, und die Köchin erzählte Eliſabeth, er ſei zu verſchiedenen Zeiten an der Küchenthür geweſen, nach ihr fragend, doch da er gehört, ſie ſei oben bei ihrer Herrin beſchäftigt, wäre er ſogleich wieder fortgegangen. „Wahrſcheinlich ſchmollte er, obgleich man es ihm nicht anmerkte. Er iſt ein netter junger Mann, zuvor⸗ kommend und freundlich in ſeinem Betragen, und ich wünſche Ihnen viel Glück zu Ihrer Heirath“, ſagte die Köchin, welche gleich all den anderen Dienſtleuten ſich jetzt ſehr höflich gegen Eliſabeth benahm. Ihr Glücksſtern war immer noch im Steigen, und im ganzen Hauſe wurde ſie als eine ſehr bevorzugte Perſon betrachtet. Man erzählte ſich, daß die alte Wärterin, deren Ausſpruch ein Orakel war, ſich in der lobendſten Weiſe über Eliſabeth geäußert habe, und daß in Folge davon das Kind nach Ablauf von vier Wochen ganz ihrer Pflege und Wartung anvertraut werden ſolle, natürlich mit einer fabelhaften Erhöhung ihres Lohnes. Als dieſer Vorſchlag wirklich gemacht wurde, ſchien Frau Askott ſich plötzlich an eine Sache zu erinnern, die wohl ganz ihrem Gedächtniß entſchwunden war, denn ſie wandte ſich mit den Worten zu Eliſabeth: „Wenn es noch Dein Wunſch iſt, Dich zu verhei⸗ 160 rathen, wenn Du glaubſt, glücklicher zu werden, ſo ſtehſt Du Dir natürlich ſelbſt am nächſten, und ich will Dir kein Hinderniß in Deinem Vorhaben ſein, aber es wäre mir ſehr lieb und eine große Stütze und Beruhi⸗ gung für mich, wenn ich Dich noch einige Zeit behalten könnte, Eliſabeth.“ „Herzlichen Dank, gnädige Frau, wenn Sie es wünſchen, bleibe ich“, entgegnete Eliſabeth leiſe, und ſie beſchäftigte ſich noch eifriger mit dem Kinde, das ſie im Zimmer umhertrug, wobei ſein Köpfchen ſanft an ihrem Herzen ruhte. Wenn in dem Zwielichte, von den An⸗ deren unbemerkt, ein Paar Thränen auf das kleine, weiße Geſicht herniederfielen— ſo tröſte und helfe Gott unſerer armen Eliſabeth! Selina erholte ſich ſo ſchnell, daß nach Verlauf von drei Wochen jede Sorge für ihre Geſundheit beſeitigt war und Herr Askott nicht anſtand, eine Geſchäftsreiſe nach Edinburg zu machen; er verſprach jedoch in drei Tagen zurück zu ſein, damit der erſte Weihnachtsfeiertag in feſtlicher Weiſe begangen werden konnte. Es ſollte ein großartiges Mittagmahl werden; Johanna und Hi⸗ lary ſollten dabei in ihren Hochzeitskleidern erſcheinen, und Selina intereſſirte ſich auf das Lebhafteſte dafür, daß Johanna eine neue Haube zu dem Tage erhalte, ja ſie ruhte nicht eher, als bis ſie ſelbſt dieſe bei ihrer eigenen Putzmacherin beſtellen ließ, mit dem Befehle, von den ſchönſten, echten Spitzen das„reizendſte, kleine Mützchen“ zu machen, welches nur für eine ältere Dame erdacht werden konnte. Die Geburt des Kindes hatte alle Herzen 6 ———————— 161 und alle verwandtſchaftlichen Bande enger geknüpft. Selina auf dem Sopha ruhend, in ihrem ſchönen, weißen Caſhmiroberrock, der ſich in weichen Falten an⸗ muthig um ihre Geſtalt legte, und dem kleinen, einfachen und doch koſtbaren Morgenhäubchen, ſah ſo jung und reizend und vor Allem ſo ſanft und mütterlich aus, daß die Herzen der Schweſtern vor Liebe überfloſſen. Sie geſtanden zu, daß ſowohl Glück wie Kummer oft in unvorhergeſehener Weiſe über die Menſchen kommen, denn wer würde an jenem ſchrecklichen Abend, als Herr Askott Hilary in Kenſington aufſuchte, oder bei der ſteifen, kalten Hochzeit geahnt haben, daß ſie jemals ſo heiter und gemüthlich in Selina's Zimmer beieinander ſitzen würden, das Kind bewundernd, und im beſten Einvernehmen mit ſeinem Vater. „Vater“ iſt ein magiſches Wort, und mögen Ehe⸗ leute ſich noch ſo weit von einander entfernt haben, der Gedanke: ſie iſt die Mutter, er iſt der Vater meines Kindes, muß und wird ſie in gewiſſer Weiſe wieder zuſammenführen. Als Peter Askott ſich über die Wiege ſeines Sohnes beugte und ſeine dicken Finger die kleinen Bäckchen ſtreichelten, mit einem Ausdruck, halb Stau⸗ nen, halb Freude, wie das Alles ſo wunderbar gekom⸗ men ſei— da ſtand der gute Engel des Hauſes wohl lächelnd dabei, feſt vertrauend, daß Uneinigkeit und Zwietracht für immer aus der Familie verbannt ſein möchten, verſcheucht durch die ſanfte, heilige Berührung eines Kinderhändchens. Der Abſchied zwiſchen Selina und ihrem Manne war freundlich, faſt innig. Sie nannte ihn:„Peter“ Herrin und Dienerin. II. 162 und bat ihn, ſich recht in Acht zu nehmen und ſich wohl gegen die Kälte der Nacht zu ſchützen. Und als er fortgefahren war und die Schweſtern ſich auch ent⸗ fernt hatten, da lag Selina mit weit offenen Augen auf dem Sopha in tiefes Sinnen verſunken. Ob dieſe Ge⸗ danken fröhlicher oder trauriger Art waren, ob ſie der Reue oder der Hoffnung galten, ob ſie ſpurlos ver⸗ fliegen oder auf ihr künftiges Leben Einfluß gewonnen haben würden, wußte Niemand und erfuhr es auch nimmer. Ein leiſes Klopfen an die Thür und eine Beſtellung für Eliſabeth wurden von Selina vernommen. „Wer wünſcht Dich zu ſprechen? Tom Cliffe? Iſt das nicht der junge Mann, der Dich heirathen will? Geh gleich zu ihm, laß ihn nicht warten. Doch höre, Eliſabeth, es iſt heute ſo kalt, führe ihn in das Zim⸗ mer der Haushälterin. Sende ſie zu mir und ſage, daß ich ausdrücklich gewünſcht habe, der junge Menſch möge ins Haus kommen, obgleich ich ſonſt keine Lieb⸗ haber geſtatte.“ „Ich danke herzlich, gnädige Frau!“ erwiderte Eli⸗ ſabeth und ging hinaus. Sie mußte doch einmal mit Tom ſprechen, ſo konnte es auch heute Abend geſchehen. Ohne ſich Zeit zum Denken und Ueberlegen zu laſſen, ſtieg ſie mit ſchweren Schritten die Treppe hinab nach der Stube der Haushälterin. Tom war allein darin. Er ſah ſo ganz wie ſonſt aus, trat ihr mit derſelben vertraulichen Art wie früher entgegen, daß Eliſabeth einen Moment glaubte, ſie müſſe ſich einer traurigen Verblendung hingegeben haben, 163 ihn ſchuldig zu wähnen— jener Mondſcheinabend mit der ſchrecklichen Entdeckung müſſe ein Traum geweſen ſein, und Tom ſei noch immer ihr eigener, geliebter, treuer Tom, den die hübſche, leichtfertige Eſther, über deren Einfalt er oft ſaht hatte, weiter gar nichts an⸗ ginge. „Eliſabeth, mir ſcheint es ein Jahrhundert, ſeit ich Dich geſehen habe!“ Obgleich ſein Weſen warm und freundlich war, ſo hörte Eliſabeth doch mit dem Feingefühl der Liebe dem Ton der Stimme etwas Fremdes, Gezwungenes an, als ob die Pflicht die entflohene Zärtlichkeit erſetzen wolle. Sie duldete es, daß er ſeine Arme um ſie legte, aber ſie erzitterte dabei. „Nun, was iſt Dir? Biſt Du nicht erfreut, mich zu ſehen? Gieb mir einen Kuß, mein liebes Mädchen, bitte, Eliſabeth!“ Er küßte ſie, und dann ſchwankte ſie zu einem Stuhl. „Tom, ich habe mit Dir zu reden, und da iſt es beſſer, es geſchieht gleich.“ „Gewiß. Du haſt doch keine traurigen Nachrichten von Hauſe erhalten? Oder—“ mit einem bangen Blick ſie anſchauend—„ich habe Dich doch nicht ge⸗ ärgert?“ „Geärgert?“ wiederholte ſie, daran denkend, was für ein geringes, ausdrucksloſes Wort es war für das, was geſchehen und für die Qual und den Schmerz, welche ſie erduldet hatte.„Nein, Tom, geärgert haſt Du mich nicht gerade— aber ich muß Dir eine Frage 11* 164 thun. Mit wem ſtandeſt Du auf dem Flatz, unter unſerem Baume an jenem Mondſcheinabend, heute vor drei Wochen?“ War auch kein Aerger in dem Ton der Stimme hörbar, ſo erbebte Tom doch, ein ſo tiefer Ernſt lag darin. „Vor drei Wochen?— wie kann das noch wiſſen?“ „Ja, Du kannſt es, beſinne Dich, es war heller Mondſchein und Du ſtandeſt eine lange Zeit dort.“ „Unter dem Baume, im Geſpräch mit Jemand? Unſinn. Vielleicht war ich es nicht.“ „Du warſt es, denn ich ſah Dich.“ „Zum Henker!“ murmelte Tom zwiſchen den Zähnen. „Werde nicht böſe, ſondern ſage mir die volle Wahr⸗ heit. Das Mädchen, welches mit Dir ſprach, war Eſther— habe ich recht geſehen, Tom?“ Im erſten Augenblick ſtand der junge Mann wie vom Schlage getroffen. Dann ſuchte er ſich ſchnell zu faſſen und entgegnete ſcharf: „Nun, und wenn ſie es war, was thut das? Kann ein Mann nicht höflich zu einem hübſchen Mädchen ſein, ohne auf dieſe Weiſe ins Verhör genommen zu werden?“ Eliſabeth antwortete nicht ſogleich. Dann ſagte ſie ſehr ſanft und leiſe: „Tom, magſt Du Eſther leiden? Aber gewiß, Du würdeſt ſie ſonſt nicht küſſen. Haſt Du ſie in der Art lieb— wie Du ſonſt mich lieb hatteſt?“ Sie blickte ihm voll in die Augen. In den ihrigen —ꝛ — 165 lag kein Vorwurf, nur eine dringende Bitte und Frage, das letzte Halten an einer Hoffnung, die, wie ſie wußte, ſich als falſch erweiſen würde. „O ja, ich mag Eſther leiden. Sie iſt ein niedliches Mädchen und wir ſind gute Freunde.“ „Tom, kein Mann kann in dieſer Art der Freund eines Mädchens von achtzehn Jahren ſein, wenn er eine Andere heirathen will. Nach meiner Anſicht dürfte das nicht ſtattfinden.“ Tom lachte verlegen.„Wahrhaftig, Eliſabeth, Du biſt eiferſüchtig, das ſollteſt Du lieber überwinden.“ War ſie wirklich ohne Grund eiferſüchtig? Hatte eine Einbildung oder Grille ihr den Sinn verwirrt? War Tom rein und feſt wie Gold, ohne ein Gefühl in ſeiner Bruſt, das ſie nicht theilte, ohne eine Hoffnung zu hegen, die ſich nicht mit auf ſie bezog, war ſie ihm von allen Frauen in der Welt die liebſte, die eine, der er ſich in ungetheilter Liebe verbinden wollte, in einer Liebe, welche der ihrigen gleich kam? Wenn auch die arme Eliſabeth nicht in dieſer Weiſe argumentirte, ſo fühlte ſie doch inſtinctartig ſo. „Sage es mir offen, Tom, ſo rückhaltlos, als ob ich Jemand Anders ſei und Dir nie näher geſtanden hätte, liebſt Du Eſther Martin?“ Wahrhaftige Menſchen erzwingen die Wahrheit auch bei Anderen. Tom konnte leichtfertig und unbeſtändig ſein, aber er war nicht betrügeriſch. Er vermochte nicht Eliſabeth in die Augen zu ſehen und eine Lüge zu ſagen, er wagte es nicht.„ „Nun, wenn Du es durchaus wiſſen willſt— ich glaube, ich liebe ſie.“ So ging Eliſabeth's Schiff unter. Es war viel⸗ leicht ein ſehr leichtes Fahrzeug geweſen, dem Niemand bei klarer Ueberlegung irgend welche Schätze anvertraut hätte— ſie aber that es, all ihr Glück, all ihr Hoffen übergab ſie ihm, und es ſank in den Grund wie ein Stein. Es iſt wunderbar, wie leicht die Wellen des Meeres ſich über ſolchem Wrack ſchließen, wie ſie ſanft, als ſei nichts geſchehen, dahinfluthen, und wie ruhig der Menſch — wenn es ſein muß und kein Zweifeln mehr möglich iſt— die Wahrheit hinnimmt, die er um ſein Leben gern als Unmöglichkeit oder Lüge erwieſen haben möchte.“ Einige Minuten ſtarrte Tom regungslos in das Ka⸗ minfeuer, während Eliſabeth ſtumm ihm gegenüber ſaß. Dann machte ſie die Broche, das einzige Geſchenk, wel⸗ ches ſie von ihm erhalten, von ihrem Kragen los und legte ſie in ſeine Hand.. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte er haſtig. „Du wirſt es wiſſen. Gieb ſie Eſther, denn nicht mich, ſondern jene mußt Du nun heirathen.“ Und ſich die gefallſüchtige, leichtfertige, unbrauchbare Eſther als Tom's Frau zu denken, war faſt mehr als Eliſabeth zu ertragen vermochte. So tief dieſer Stachel ging, ſo erfüllte er ſie andererſeits inmitten ihrer De⸗ müthigung mit einem gewiſſen ehrlichen Selbſtgefühl. „Ich will Dich nicht tadeln, Tom, aber ich glaube, ich bin nicht ſchlechter als ſie. Ich weiß, daß ich weder hübſch, noch lebhaft, noch jugendlich bin, dennoch 167 bin ich etwas werth. Du ſollteſt mir das nicht ange⸗ than haben.“ Er machte die gewöhnliche Entſchuldigung, daß er „es nicht verhindern“ konnte. Dann wandte er ſich ſchnell zu ihr, ſie bittend, ihm zu vergeben und ihn nicht zu verlaſſen. Sie Tom verlaſſen! Eliſabeth hätte faſt lächeln können über die Unmöglichkeit ſolches Gedankens. „Ich verzeihe Dir, Tom, ich bin ſogar nicht mehr böſe auf Dich, wenn ich es war, es iſt überwunden.“ „Das iſt recht, Du biſt eine gute Seele. Glaubſt Du etwa, ich habe Dich nicht lieb, Eliſabeth?“ „O ja, Du magſt mich wohl leiden, trotz Eſther“, entgegnete ſie traurig.„Aber das iſt nicht meine Art zu lieben, ich könnte das nimmer ertragen.“ „Was vermöchteſt Du nicht zu ertragen?“ „Daß Du heute mich und morgen eine Andere küſſeſt, daß Du mir an dieſem Tage ſagſt, ich ſei Dein Alles und am nächſten einem andern Mädchen ganz daſſelbe verſicherſt. Es würde ſchwer genug ſein, es ruhig mitanzuſehen, wenn wir nur Freunde wären, aber für Verlobte, für Eheleute iſt es unmöglich. Nein, Tom, ich geſtehe Dir die volle Wahrheit, ich könnte das nicht dulden.“ Sie ſprach feſt und entſchieden, und für einen Mo⸗ ment glühte in ihren ſonſt ſo ſtillen, milden Augen jener wilde, zornige Strahl, der ſelbſt in ſo ruhigen Naturen entzündet werden kann, dann aber um ſo gefährlicher iſt. Tom ſah, daß er ſie nicht reizen durfte, weder in⸗ dem er ſich entſchuldigte, noch ſie zu beſänftigen ſuchte. 168 Er fühlte, zwiſchen ihnen war Alles vorüber. Ob er dabei gewonnen oder verloren hatte, ob er froh oder traurig war, wußte er kaum. „Ich nehme dies nicht zurück“, ſagte er, mit der Broche ſpielend, und dann trat er zu Eliſabeth heran, mit zitternden Händen verſuchend, ſie wieder in ihrem Kragen zu befeſtigen. Dies Thun, ſein banger, reuiger Blick dabei waren zu viel.“ Wer wahr und treu geliebt hat, wenn auch die Liebe ertödtet iſt(denn Liebe kann ſterben), weiß doch, daß er nicht mit einem Male dies Gefühl aus der Bruſt reißen und wie einen Todten begraben kann; oder wenn er es vermochte, ſo wird doch noch ab und zu, gleich einem bleichen Geſpenſt, der Geiſt der begrabenen Liebe an ſein Herz klopfen, leiſe klagend und flehend: „Laß mich wieder ein; nimm, o nimm mich auf!“ Den Geboten der weiblichen Würde folgend, hätte Eliſabeth Tom ohne einen Blick, einen Händedruck ver⸗ abſchieden müſſen, ich weiß, es wäre ihre Pflicht ge⸗ weſen, aber ſie that es nicht. Als er die Broche wie⸗ der in ihren Kragen geſteckt hatte, ſchaute ſie ihn mit einem traurigen, innigen Blick an, lange, lange, und dann ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals und ſchluchzte leiſe: „O Tom, Tom, ich hatte Dich ſo von Herzen lieb!“ Tom vermiſchte ſeine Thränen mit den ihrigen, er küßte ſie mehrere Male und fühlte ſeine frühere Zunei⸗ gung für ſie zurückkehren, wobei er Eſther's beinahe vergaß; glücklicher Weiſe— denn Liebe auf verlorenen 169 Glauben von Neuem erbauet, iſt gleich einem Hauſe, welches auf Sand ſteht— öffnete ſich die Thür und Eſther blickte hinein. So gedankenlos und unüberlegt das hübſche Mäd⸗ chen auch war, ſo beſaß ſie doch ſo viel richtiges Ge⸗ fühl, ſich zurückziehen zu wollen, als ſie die Beiden ſah. „Komm her, Eſther!“ rief Eliſabeth gebietend, ſo daß ſie augenblicklich gehorchte. „Eſther, ich habe Tom ſeine Freiheit zurückgegeben, Du kannſt ihn heirathen, wenn er Dich will. Sei ihm eine gute, brave Frau, und ich werde Dir Alles ver⸗ zeihen— wenn nicht—“ Eliſabeth vermochte nicht weiter zu ſprechen. Sie ging eilig aus dem Zimmer und ſchlich die Treppe hin⸗ auf, nur des einen Gedankens und Wunſches ſich be⸗ wußt, daß ihr nie wieder die Beiden in den Weg kom⸗ men möchten, daß ſie niemals mehr einen von ihnen ſähe. Und dieſe Bitte wurde theilweiſe erhört; hierin war das Schickſal ihr günſtig, doch in der Art, wie das Schickſal— ſagen wir lieber die Vorſehung— oft wirkt, indem es mit einem Schlage einen Knoten zer⸗ reißt, den wir armen Sterblichen mit unſeren ſchwachen, ungeſchickten Händen vergebens zu löſen verſuchten, oder indem es das, welches uns unmöglich ſchien, als das Leichteſte und Natürlichſte herbeiführt. Wie ſeltſam oft in dieſem Leben„ein Unglück dem onderen folgt“! Wie unaufhörlich, während dieſe Trauer⸗ ſpiele, wie das ſoeben erzählte, ſtill und heimlich, den Anderen unbewußt, im eigenen Herzen vorgehen, plötzlich die dabei Betheiligten durch irgend eine noch ſchlimmere Kataſtrophe zum Handeln nach Außen hin aufgefordert werden, ſo daß die Energie, welche ſie entwickeln müſſen, der heftigen Gemüthsbewegung heilſam entgegentritt, und die Theilnahme an eines Anderen ſchwerem Kummer den eigenen Schmerz übertäubt. Die alte Wahrheit, daß „ein Leiden nie allein kommt“, mag einen tiefen heiligen Sinn haben, mag eines jener myſteriöſen Geſetze ſein, welche das Weltall regieren, Geſetze, die wir freilich nur theilweiſe ahnen und verſtehen können, bis der große Tag„des Schauens und Wiſſens“ anbricht.“ Aus dieſem Grunde verlange ich kein Mitleid für Eliſabeth, daß ſie, ehe ſie ſich recht bewußt wurde, wie ſie für ewig von Tom geſchieden ſei und ihm das letzte Lebewohl geſagt habe, nach Frau Askott's Zimmer ge⸗ rufen wurde, um außen vor der Thür mit der erſchreck⸗ ten Wärterin eine Berathung zu pflegen. In dem Befinden der Herrin war einer dieſer plötz⸗ lichen Wechſel eingetreten, die zuweilen ganz unerwartet kommen, Angſt und Schrecken in einer glücklichen Fami⸗ lie verbreitend, welche ſchon an die völlige Geneſung der geliebten Patientin glaubte, und die oft damit enden, daß eine junge Gattin aus der Fülle des neuen Glückes, oder eine Mutter vieler Kinder dem häuslichen Kreiſe, mit ſeinen ſüßen Frenden und heiligen Pflichten auf immer geraubt wird. Frau Askott befand ſich ſehr unwohl. Entweder war ſie ein Wenig kalt geworden beim Aufſtehen, oder ſie hatte ſich zu ſehr aufgeregt, vielleicht auch war in dem feſten Vertrauen, daß ſie vollkommen hergeſtellt ſei, irgend 171 eine geringe Kleinigkeit verabſäumt worden, kaum der Beachtung werth, welche aber dennoch die erſte Urſache ward, daß der Tod in das vorher ſo frohe Haus ſich einſchlich. Dies Schreckliche ahnte oder fürchtete Niemand, denn wenn auch die Herrin krank war, ſo ſchien ihr Zuſtand Anfangs doch durchaus nicht bedenklich; und da es da⸗ mals noch keine Telegraphen gab, dachte Keiner daran, Herrn Askott oder die Schweſtern benachrichtigen und zum Kommen auffordern zu laſſen. Doch in derſelben Stunde, als Eliſabeth zu Selina beſchieden wurde, und ihre glühenden Wangen und den unſtäten Ausdruck ihrer Augen ſah, da war es gerade, als die Gefahr in das Krankenzimmer einzog, ja, als vielleicht der Würfel über Tod und Leben ſchon gefallen war. Die Leidende wurde ſorgſam zu Bett gebracht. Sie ſprach wenig, nur einmal ſagte ſie: „Ich fühle mich nicht ſo behaglich wie ſonſt, Eli⸗ ſabeth.“ Und als die Pientrin ſie in der alten gewohnten Weiſe tröſtete und beruhigte, verſichernd, morgen würde Alles wieder gut ſein, lächelte ſie zufrieden und ſchickte ſich zum Einſchlafen an. Deſſenungeachtet ging Eliſabeth nicht zur Ruh, ſon⸗ dern ſaß ſtill und regungslos hinter den Vorhängen des Bettes. Als um Mitternacht, wie gewöhnlich, das Kind ſeiner Mutter gebracht wurde und es wie aus Inſtinct ſich zu trinken weigerte, wobei es heftig ſchrie, kehrte wieder der fragende, unruhige Ausdruck bei Selina zurück. * 172 „Was ſoll das bedeuten? Wärterin, was thun Sie? Ich laſſe mir mein Kind nicht nehmen— nein, gewiß nicht!“ Um ſie zu beruhigen, wurde der kleine Knabe wie⸗ der in ihre Arme gelegt, und von Neuem wandte er ſich ſchreiend ab. Jetzt erfaßten Schreck und Angſt das Herz der armen Mutter. „Bin ich ſo krank? Will man mir mein Kind neh⸗ men und einer Anderen—“ Sie hielt inne; als aber die Wärterin es mit Ent⸗ ſchiedenheit aus ihren Armen nahm und forttrug, erhob ſie keinen Widerſpruch, doch ſie folgte ihm mit ihren Augen, ſo lange ſie es ſehen konnte. Es war der letzte klare, bewußte Blick geweſen; von da an verlor ſie die Beſinnung, und ehe der Morgen anbrach, phanta⸗ ſirte ſie. Trotzdem ahnte noch Keiner die Größe der Gefahr. Außer der alten Wärterin verſtund Niemand etwas von der Sache, und jene aus ſelbſtſüchtiger Furcht, vielleicht irgend einer Vernachläſſigung bezeihet zu werden, hielt es nicht für nöthig, den Arzt vor der Stunde ſeines gewöhnlichen Beſuches rufen zu laſſen. In dieſem großen Hauſe ging es wie in den meiſten ſolchen Häuſern zu, das, was Jeder hätte thun können, wurde von Keinem gethan, trotz der Unzahl der Dienerſchaft, hatte Jeder nach ſeiner Meinung der Arbeit vollauf; und ein Glied der Familie, ja, die Herrin ſelbſt, konnte krank oder ſterbend ſein, ohne daß der Kreislauf der täglichen Ge⸗ ſchäfte unterbrochen wurde. Gegen Mittag ſah ſelbſt die unerfahrene Eliſabeth, 173 daß der Zuſtand der Kranken ſehr bedenklich ſein müſſe, und daß die Kenntniſſe und Geſchicklichkeit der alten Wärterin ihm nicht gewachſen wären. Auf ihre eigene Verantwortung holte ſie den Arzt. Sein Ausſpruch verbreitete Verwirrung und Schrecken im ganzen Hauſe. Jetzt erfuhren ſie es Alle, daß die arme Dame, deren kurzes Glück auch die härteſten Herzen gerührt hatte, am Rande des Grabes ſchwebe. Zetzt ſchlichen alle weiblichen Dienſtboten, bis zu dem kleinen Küchen⸗ mädchen, welches ſich mit der ſchmutzigen Schürze die Augen trocknete, die Treppe hinauf nach jener Thür hin, hinter der bis jetzt eine ſo tiefe, geheimnißvolle Stille geherrſcht hatte, und ſie lauſchten dem heftigen Phantaſiren, welches nun aus dem Zimmer drang. Von der„armen Herrin“ und dem„kleinen, lieben Kindchen“ wurde in der Küche und in den Stuben der Dienerſchaft ſanft und theilnehmend geſprochen, während auch die Handwerker und Verkäufer, die ihre Waaren brachten, ſich mitleidig nach der Kranken erkundigten. Ein Gefühl der Ehrfurcht und Scheu ſchwebte über dem ganzen Hauſe, das ſich mit jeder Stunde des fortſchreitenden trüben, dunklen Decembertages vermehrte. Als erklärt wurde, Frau Askott ſei„in Gefahr“, da hatte Eliſabeth, wohl wiſſend, daß Keiner außer ihr zum Handeln bereit ſei, die erſte Gelegenheit benutzt, das Zimmer zu verlaſſen, um zwei Briefe zu ſchreiben, den einen an Herrn Askott nach Edinburg, den anderen an Fräulein Hilary. Sie übergab beide dem Bedienten mit der Weiſung, den erſten zur Poſt zu befördern, den zweiten aber ſogleich durch einen Boten nach Richmond 174 zu ſchicken. Doch der Diener, ein träger Burſche, der ſich gern möglichſt wenig Mühe machte, oder da die An⸗ ordnung nur von Eliſabeth gegeben wurde, ſie nicht für vollgültig hielt, brachte beide Briefe zur Poſt. So ſpähte und wartete das arme Mädchen vergeblich auf die Ankunft von Johanna oder Hilary, keine der Schwe⸗ ſtern kam. Zur Nacht hin ließ das Delirium bei der Kranken nach, doch auch ihre Kräfte ſchwanden mit Rieſenſchnel⸗ ligkeit. Drei Aerzte umſtanden das Bett der armen, bewußtloſen Frau und erklärten, daß alle Ausſicht auf Geneſung entſchwunden, wenn nicht ſchon von Anfang an der Fall ein hoffnungsloſer geweſen ſei. „Wo iſt der Gemahl der Kranken? Hat ſie keine Verwandte, keine Mutter oder Schweſter?“ fragte der elegante Herr S..., einer der berühmteſten und da⸗ mals ſehr bewunderten Aerzte, der durch den Anblick des einſamen Sterbelagers, an dem nur die alte Wärterin und eine Dienerin wachten, bewegt wurde.„Wenn die Dame noch Angehörige hat, ſo iſt es die höchſte Zeit, dieſe zu benachrichtigen.“ Eliſabeth flog die Treppe hinab und weckte den alten Haushofmeiſter, mit der dringenden Bitte, anſpannen zu laſſen und augenblicklich ſelbſt die Fräulein Leaf zu holen. Vor Mitternacht konnte er nicht dort ſein, aber es mußte geſchehen. „Ich will mich recht beeilen, mein gutes Mädchen“, ſagte er ſanft und freundlich.„Und ich werde die böſe Kunde ſo ſchonend wie möglich mittheilen. Seien Sie unbeſorgt, Eliſabeth!“ 7— — 175 Als Eliſabeth nach dem Krankenzimmer zurückkehrte, waren die Aerzte alle fort, und nur die Wärterin ſtand am Fußende des Bettes und betrachtete Frau Askott mit jenem prüfenden, ernſten Ausdruck, welchen ſelbſt das Geſicht des Miethlinges oder ſogar das eines Fremden annimmt, bei einem Anblick, der, wenn auch noch ſo oft geſehen, dennoch gleich erſchütternd und ſchauerlich bleibt, dem Anblick, wie ein Mitmenſch langſam von dieſem Leben in jene unbekannte Welt hinüberſchwebt. Eliſabeth ſchlich ſich an die andere Seite des Lagers. Die Veränderung, welche ſich auf einem Menſchenantlitz bekundet, wenn der Tod ſeine Vorboten ausſchickt, er⸗ faßte ſie mit Allgewalt. Noch niemals hatte ſie an einem Sterbebett geſtan⸗ den. Ihr Vater war geſtorben, als ſie noch ſehr klein war, ſo daß ſie ſich des Todesfalles nicht mehr erin⸗ nerte, und unter ihren Bekannten war keiner vorgekom⸗ men. Bei dreiundzwanzig Jahren war dieſe ſchwere und heilige Pflicht, einem Sterbenden die Augen zu ſchließen, ihr noch fern geblieben, eine Pflicht, welche wohl jede Frau einmal im Leben und manche ſehr oft zu erfüllen hat. Denn gerade nach weiblichem Beiſtand und Troſt ſehnt Jeder ſich in ſeiner letzten Stunde. Sehr wenig Männer, ſelbſt die zärtlichſten, ſind fähig, den letzten ſchweren Kampf mitanzuſehen und die Augen des Sterbenden zu ſchließen. Als Eliſabeth in dem düſteren Zimmer um ſich ſchaute und dann ihren Blick auf die bleiche, ſtille Ge⸗ ſtalt im Bett richtete, verließ ſie momentan der Muth. Innige Liebe möchte die Furcht und das Bangen über⸗ 176 wunden haben, mit denen Jugend und Leben vor Tod und Verfall zurückbeben, aber große Liebe band Eliſa⸗ beth nicht gerade an Frau Askott; es war mehr Pflicht, Mitleid und jene Theilnahme, welche man für Jemand fühlt, den man ſo lange Zeit bedient und ge⸗ pflegt hat. „Wenn ſie ſterben ſollte, in dieſer Nacht ſterben, ehe Fräulein Hilary kommt!“ dachte das arme Mäd⸗ chen, und wieder glitt ihr Blick durch das verdunkelte Zimmer, in dem ſie jetzt ganz allein bei der Kranken war. Denn die Wärterin, welche mit richtiger, welt⸗ licher Klugheit an die Erhaltung des„Sohnes und Erben“ dachte, was unbedingt jetzt eine wichtige Frage war, hatte ſich in die nächſte Stube begeben, um dort unter verſchiedenen jungen Frauen, welche von den Aerzten geſandt waren, die paſſendſte zu wählen, die dem armen Kinde die Mutter erſetzen ſollte. So blieb Eliſabeth allein an dem Sterbelager, und ſie nahm die ſchwere Pflicht auf ſich, ihre Furcht muthig bekämpfend. Leiſe ſetzte ſie ſich am Bett nieder, das wiederkehrende Bewußtſein in dem Geſichtsausdruck der Kranken zu erſpähen. Endlich kamen Klarheit und Verſtand zurück, wie die Aerzte es vorausgeſagt hatten. Frau Askott öffnete die Augen, ſchaute ſuchend umher und fragte dann mit ſchwacher Stimme: „Eliſabeth, wo iſt mein Kind?“ Was dieſe antwortete, wußte ſie ſelbſt nicht, aber ihre tiefe Gemüthsbewegung ſchien mehr als Worte zu verrathen. „Eliſabeth, glaubſt Du— doß ich mein Kind verlaſſen muß?“ Manche Menſchen würden es für gut und rathſam gehalten haben, mit einer Lüge zu antworten— einer feigen Lüge, welche ſo oft am Sterbebett noch der ſchei⸗ denden Seele aufgedrängt wird. Aber dieſes Mädchen wagte es nicht. Sich über ihre Herrin lehnend, wobei ſie die auf⸗ ſteigenden Thränen zurückdrängte, damit ſie nicht den Frieden verſcheuchten, der mit der letzten Stunde gekom⸗ men ſchien, flüſterte ſie ſanft und innig: „Ja, Sie werden bald zu Gott gehen. Er wird über Ihr Kind wachen und es Ihnen eines Tages ſicher und wohlerhalten zurückgeben.“ „Wird er das gewiß?“ Der Ton war ergebungsvoll, aber doch fragend; gleich dem eines Kindes, das etwas lernen ſollte, was ihm bis jetzt fremd geweſen. Und in dieſem Falle be⸗ fand ſich Selina auch. Vielleicht hatten die drei kurzen Wochen, in denen ſie das heilige Glück der Mutter ge⸗ noſſen, ihre ganze Natur ſchon ſo erhoben, daß ſie nun die Kraft gewann, mit welcher ſelbſt die ſchwächſte Seele zuweilen dem Tode entgegentreten kann, und ſie war jetzt nicht unwerth der hohen Würde, als Chriſtin zu ſterben. Plötzlich erſchauerte ſie. „Ich fürchte mich; ich dachte nimmer— daran. Iſt Niemand da, der zu mir ſpreche?“ W wie Eliſabeth Hilary oder irgend Herrin und Dienerin. II. 12 18 einen Anderen, der gewußt hätte, was er der Sterbenden zum Troſt ſagen könnte, die, wie ihre Blicke und Worte bekundeten, bis zu dieſer Stunde nie an ihren Tod ge⸗ dacht hatte. Einmal kam Eliſabeth der Gedanke, einen Geiſtlichen rufen zu laſſen, aber ſie kannte keinen und wußte, daß auch ihre Herrin hier in London keinen hatte, der ihr nahe ſtand. Das Gefühl, es ſei gut, wenn nur irgend ein Prediger, gleichviel welcher, am Bett ſtände, der ſcheidenden Seele eine Art Weihe zu geben, war Eliſa⸗ beth fremd. Ihr eigener religiöſer Glaube war ſo ganz ſtiller, perſönlicher Art, daß ſie nicht die Ueberzeugung theilte, es könne beſonders heilſam oder tröſtend ſein, wenn ein ganz Fremder an dem Lager einer ihm gänz⸗ lich Unbekannten die hergebrachten Gebete abläſe, und dann, wenn Alles vorüber wäre, ruhig fortginge. Und doch mit dem Wunſche, der faſt jede ſcheidende Seele ergreift, flüſterten Selina's bleiche Lippen:„Bete!“ Eliſabeth knieete nieder und ſprach die Worte, welche Johanna Leaf faſt allabendlich in dem kleinen Wohn⸗ zimmer in Stowbury gebetet hatte:„Unſer Vater, der Du biſt im Himmel!“ Als das Gebet des Herrn beendet war, lag die Kranke ganz ruhig. Endlich ſagte ſie: „Bitte— bringe mir— mein Kind!“ Von Anfang bis zu Ende war es„mein“ Kind. Das kleine Geſichtchen des Knaben wurde dicht an das ihre gelegt, damit ſie es küſſen konnte. „Er ſieht wohl aus, er vermißt mich noch nicht, der arme kleine Burſche!“ Plötzlich ergriff ſie die heftigſte, doch nur natürliche Seelenangſt vor dem Scheiden.„O, es iſt bitter, es iſt hart! Wer wird mein ſüßes Kind lehren, ſeiner Mutter in Liebe zu ge⸗ denken?“ Sie erhob ſich halb im Bett und erfaßte den Arm der alten Wärterin. „Sagen Sie Herrn Askott, ich hätte ausdrücklich gewünſcht, daß Eliſabeth meinen Sohn in Obhut und Pflege nehmen ſoll. Verſprich es mir, Eliſabeth! Jo⸗ hanna iſt alt— Hilary verheirathet ſich wohl noch— Du aber wirſt bei meinem Kinde bleiben— Dir— Du treues Mädchen— vertraue ich es an! Gelobe mir, es zu ſchützen und zu hüten!“ „Ich will es— bis an meines Lebens Ende!“ ſagte Eliſabeth Hand unter heißen Thränen. Sie nahm das Kind in ihre Arme, und ſtand ſo faſt eine Stunde an dem Bett der Sterbenden, bis die Wärterin flüſterte: „Tragt es fort, die Mutter kennt es nicht mehr!“ Dem war nicht ſo; Selina mußte die Worte den⸗ noch vernommen haben, ſie bewegte die ſchwachen, zit⸗ ternden Finger, als ob ſie etwas ſuche. Das Kind ſchlief noch ſüß, Eliſabeth knieete dicht am Lager nieder und machte es dadurch möglich, daß die kleine, warme Hand unter die kalten Finger geſchoben ward; augen⸗ blicklich ſchloſſen ſie ſich darüber, und ſo blieb es bis zuletzt. Als die Schweſtern kamen, knieete Eliſabeth noch auf derſelben Stelle, und verſuchte ſanft und leiſe, das 180 kleine Händchen dem kalten, feſten Druck zu entziehen, denn das Kind war erwacht und wehklagte leiſe. Doch es ſtörte ſeine Mutter nicht mehr.. Die„arme Selina“ war todt. Sie mußte ſchei⸗ den, ehe ihr Kind ſie gekannt, ehe ſie den ſüßeſten, heiligſten Namen„Mutter“ von ſeinen Lippen gehört; ehe es mit Bewußtſein ihre Liebkoſungen empfangen hatte. Gott ſchickte es— ſo mußte es gut ſein. Lehntes Zapitel. „Zum Gedächtniß von Selina Der geliebten Gattin von Peter Askott Esgr. und Tochter des Verſtorbenen Henry Leaf Esqr. Sie ſtarb am 24. December 1839, 41 Jahre alt. Dieſe Inſchrift auf einem großen, blendend weißen Marmormonument, dem erſten, das den neuen Kirchhof ſchmückte, war ſeit ſechs Monaten von den Augen der Bewohner von Stowbury bewundert worden. Welche Gründe Herrn Askott bewogen, ſeine Frou hier beerdigen zu laſſen, blieb unbekannt. Ob er von dem natürlichen Wunſche geleitet wurde, ſie in heimath⸗ 155 liche Erde zu betten und einſt dort an ihrer Seite zu ruhen, in der Stadt, die auch ſein Geburtsort war, oder ob er dem prahleriſchen Verlangen nicht wider⸗ ſtehen konnte, zu zeigen, wie er reich geworden ſei, und er ſeinen einſt ſo ſchlichten Namen— ſei's auch nur auf einem Grabſteine— mit einei der älteſten Ge⸗ ſchlechter von Stowbury vereinigen wollte, das war, wie ſchon erwähnt, nicht zu ergründen; und vielleicht forſchte auch Niemand danach. Johanna und Hilary ließen ihn thun, wie er es für gut hielt. Er hatte tiefen, wenn auch nicht über⸗ triebenen Schmerz über ſeinen Verluſt gezeigt; wenn irgend welche Gewiſſensbiſſe ſich hineinmiſchten, ſo wußten Selina's Schweſtern glücklicher Weiſe nichts davon. Niemand hatte den wahren Stand der Dinge in dieſer Ehe gekannt, als Eliſabeth, und ſie ſchwieg darüber. So ruhte das Geheimniß mit Selina im Grobe. Peter Askott bewies in ſeiner etwas rauhen Art den Schweſtern ſeiner verſtorbenen Gattin viel Theilnahme und Rückſicht. Er ließ ſie nicht aus dem Hauſe bis acht Tage nach dem Begräbniß, und beſchenkte ſie mit Allem, was zur tiefen Trauer nöthig iſt und zwar in der freigebigſten Weiſe. Ja, er berieth ſogar Manches mit ihnen, und auch der letzte Wunſch der Verſtorbenen, Eliſabeth als Pflegerin„des Sohnes und Erben“ für immer zu behalten, ward beſprochen, und Alles für die Erfüllung feſtgeſetzt. Als dies geſchehen, kehrten ſie zu ihrem gewohnten Leben nach Richmond zurück, während der Wittwer ſeine einſamen Junggeſellen⸗Gewohnheiten wieder annahm. Er hatte ſich äußerlich gar nicht ver⸗ 183 ändert, ging regelmäßig wie immer nach ſeinem Comptoir in der City und kam zur ſelbigen Stunde nach Hauſe; und ſein kurzes, eheliches Leben ſchien ihm ſelbſt wie ein Traum zu entſchwinden. Doch war es nicht ein Traum geweſen. Ab und zu hörte er das Schreien eines Kindes durch das alte, große, öde Haus ſchallen, in dem er wieder der einzige Gebieter war. Zuweilen, wenn er Sonntags aus der Kirche kam, ſtieg er eine Treppe höher nach den Kinder⸗ zimmern hinauf, und ſchaute dann mit ſtaunender Neu⸗ gier auf das kleine Weſen in Eliſabeth's Armen; er erklärte es für ein„hübſches, kräftiges Kind“, das ihrer vortrefflichen Pflege alle Ehre mache, und dann ging er wieder hinab. Niemals ſchien er den Knaben als„ſein“ Kind anzuſehen. Er war ſo lange ein einſamer Jung⸗ geſelle geweſen, der arme Mann, daß ihm die Fflichten und Zärtlichkeiten des Vaters anſcheinend unerreichbar fern lagen. Ob ſich ſein Herz noch dafür öffnen und erwärmen konnte, ob er ſpäter, wenn die erſte Zeit der Kindheit vorüber war, mehr Intereſſe an dem kleinen Henry nehmen würde, der wunderbar gedieh und ſich immer ſchoner entfaltete— wie man dies bei Kindern, deren Mütter im Himmel ſind, oft findet, es iſt als würden ſie von hütenden Engeln bewacht— das waren Fragen, über welche Eliſabeth ernſt nachdachte. Jedenfalls aber behandelte er ſie und das Kind mit vieler Rückſicht, er ließ ihr freien Willen in allem Thun, und gab ihr mehr Geld, als ſie für das Wohl des Knaben und den Comfort der Kinderſtube verwenden 184 konnte, ſtets dabei erwähnend, was ſie nur irgend für nothwendig halte, anzuſchaffen. Als der Arzt im Sommer Luftveränderung anrieth, willigte Herr Askott gleich in Eliſabeth's Vorſchlag, eine Wohnung für ſie und Henry in Richmond, in der Nähe ſeiner Tanten zu miethen; der Vater machte nur die leicht erfüllbaren Bedingungen, daß ſie die beſten und ſchönſten Zimmer nehme, welche zu haben wären, und daß ſie jeden zweiten Sonntag mit Henry nach Hauſe käme, den Tag bei ihm zu verleben. Während der langen Sommerzeit konnte man den kleinen, ſchönen Knaben, in die tiefſte Trauer gekleidet, ein Anblick, der bei einem ſo ganz jungen Kinde etwas unendlich Wehmüthiges hat— überall in Richmond auf Eliſabeth's Arm ſehen. Als nach den erſten ſechs Mo⸗ naten die Amme verabſchiedet wurde, nahm die treue, gewiſſenhafte Dienerin Henry in ihre alleinige Obhut und Pflege. Beſaß ſie auch nicht allzuviel Erfahrung, ſo hatte ſie doch geſunden Verſtand und den richtigen, mütterlichen Inſtinct, welcher manchen Frauen wie etwas Natürliches kommt. Ueberdies hing ihre ganze Seele an dieſem Kinde. Von der Stunde an, da, ſelbſt mit ihrer ſterbenden Herrin vor ſich, ein wunderbar wonniges Gefühl Eliſa⸗ beth's Herz durchzitterte, als dieſe neue Pflicht in ihr Leben kam, hatte ſie ſich der Erfüllung derſelben in einer Weiſe hingegeben, wie nur die Frauen es vermögen, deren perſönliches Glück zerſchellt, deren Daſein öde und leer iſt. Sie nahm das Kind als einen direct von Gott ge⸗ ſandten Segen für ſie, das Sorgen für daſſelbe als einen Lebensberuf, eine ſüße Freude, welche ihr ver⸗ wundetes Herz heilen und ſie Tom vergeſſen laſſen würde. Und ſo geſchah es. Frauen und Mütter wiſſen allein, wie die Pflege und Erziehung eines Kindes alle geiſtigen und körperlichen Kräfte in Anſpruch nimmt, wie jede Minute des Tages durch Denken darüber und Arbeiten dafür ausgefüllt wird; ſo daß„Grämen“ über nicht darauf bezügliche Dinge faſt unmöglich iſt. Nach und nach drängt das emporkeimende, junge Leben, das ältere verblühte und verkümmerte in den Hintergrund, und alle Hoffnungen und Pläne tnüpfen ſich an die zarte, lang⸗ ſam wachſende Knoſpe, welche eine ſo herrliche Entfal⸗ tung verſpricht. O, es iſt etwas wunderbar Geheimniß⸗ volles um die Entwicklung eines ſo friſchen Kinderlebens! Warum es ſo iſt, können wir nur ahnen, doch manche tiefgebeugte Gattin, manche Wittwe, manche einſame Tante hat den unbeſchreiblichen Segen, den ein Kind gewährt, gefühlt. Auch an Eliſabeth ging er in Erfüllung. Nicht daß ſie ganz den Schmerz ihres Verluſtes überwand, oder vollkommen Tom vergaß, aber der Gram war nicht ſo bitter, er trat in den Hintergrund vor der heiligeren, ſelbſtloſeren Liebe zu dem Kinde, vor den auf ſie über⸗ tragenen Mutterpflichten, denen ſie mit vollſter Hingebung oblag. Eliſabeth, wenn auch noch jung an Jahren, ging plötzlich, doch ruhig in die Reihen der älteren Frauen über, deren Herzensgeſchichte— und Charaktere wie ſie, lie⸗ ben nur einmal— auserzählt und beendet iſt. 186 Eſther hatte das Haus ſchon lange verlaſſen und war einige Wochen nach Frau Askott's Begräbniß mit Tom verheirathet worden. Wohl kannte die Dienerſchaft den ganzen Vorgang, doch Niemand wagte Eliſabeth zu beklagen oder zu tröſten. Es lag etwas Zurückweiſendes in ihrem Weſen, welches nicht zum Sprechen aufforderte. Sie behandelten ſie Alle mit großer Achtung, wie es auch ihre bevorzugte Stellung erheiſchte. Eliſabeth nahm dieſen Wechſel mit der ernſten Ruhe hin, welche ihr von früher Jugend an eigen geweſen. Sie erfreute ſich der Vorzüge, die ſie als eine mit dem vollen Vertrauen der Herrſchaft beehrte Dienerin genoß, kleidete ſich gut und gewählt, doch ſtets in ſanfte, dunkle Farben und wurde von Allen„Frau Hand“ genannt. Die einzigen Spuren, welche ihre Enttäuſchung bei ihr zurückgelaſſen, waren eine gewiſſe Bitterkeit, mit der ſie von den Männern im Allgemeinen ſprach, und eine Abneigung über Liebesverhältniſſe und Heirathen reden zu hören. Ueber ihre eigene Geſchichte ſchwieg ſie beharrlich, nur ein einziges Mal berührte ſie dieſelbe. Dies geſchah in einer Nacht, als Hilary wegen eines Unwohlſeins des kleinen Knaben in der Wohnung in Richmond blieb, und Eliſabeth's Lagerſtätte einnahm, während dieſe ihre Betten auf die Erde, dicht bei der Wiege legte. In der Stille der Nacht fielen zwiſchen Herrin und Dienerin einige Worte, die vielleicht niemals bei vollem Tageslicht ausgeſprochen wären, die jetzt zu einer Erklärung führten, auf welche, wie nach einem ſchweigenden Uebereinkommen, keine der Beiden jemals wieder zurückkam. 8 Eliſabeth erzählte in gedrängter Kürze Alles, was zwiſchen ihr und Tom vorgefallen war, und wie es kam, daß dieſer Eſther Martin heirathete. Und dann ge⸗ dachten beide Frauen der früheren Zeiten in Stowbury, als ſie noch junge, fröhliche Mädchen waren, und wie das Leben ſich ſo verſchieden geſtaltet hatte, von dem, was ſie damals erwarteten und erhofften— Hilary und ihre kleine Dienerin, Eliſabeth Hand. „Ja“, fuhr die Erſtere mit einem Seufzer fort, „die Verhältniſſe ſind in Wirklichkeit ganz anders, ernſter und ſchwerer, als wir es in unſerer Jugend denken. Wir träumen und träumen und glauben ganz klar und beſtimmt, die Zukunft zu ſehen, welche doch nur Gott erſchaut. Ich frage mich jetzt oft, wie mein Leben ſich noch geſtalten wird?“ „Ich war ſtets überzeugt, Sie würden heirathen, Fräulein Hilary. Es gab einen Mann— er lebt doch noch?— Kehrt er bald heim?“ „Ich weiß nicht, Eliſabeth.“ „Das war leicht erſichtlich, er liebte Sie von Herzen. Und er ſah aus wie ein Ehrenmann.“ „Er war der beſte Mann, den ich je kennen ge⸗ lernt.“ Dies war Alles, was Hilary ſagte, in ſanftem be⸗ trübtem Ton; und vielleicht hätte ſie nicht einmal dies ausgeſprochen, aber es trat faſt unwillkürlich über ihre Lippen in der tiefen Gemüthsbewegung, welche Eliſa⸗ beth's einfache, traurige Geſchichte ihr verurſacht hatte; cheilweiſe mochte auch der Grund ihres Sprechens 188 darin liegen, daß plötzlich ein tiefes, geheimnißvolles Dunkel über ihre eigene Liebe gefallen war. Sie wußte buchſtäblich nicht, ob Robert Lyon noch lebte, oder geſtorben war. Seit zwei Monaten war kein Brief von ihm eingetroffen, was bei ſeiner grenzen⸗ loſen Pünktlichkeit nicht als etwas Zufälliges betrachtet werden konnte. Sein letzter Brief war ganz ſo offen, warmherzig und innig als, die früheren geweſen, dann ohne jede Erklärung oder Hindeutung, daß er vielleicht am Schreiben verhindert werden könne, blieben die Nach⸗ richten aus. Zuweilen glaubte ſie, vielleicht kehre er zurück, doch dieſe Annahme und ſüße Hoffnung wurde wieder ver⸗ worfen; ſie kannte genau ſein Abkommen mit dem Handelshauſe, für das er arbeitete, wußte, daß der für ſeine Zurückkunft nach England feſtgeſetzte Termin nur durch irgend ein ſehr wichtiges Ereigniß, durch die drin⸗ gendſte Nothwendigkeit beſchleunigt werden könnte. Selbſt für den Fall, daß ſeine Geſundheit durch das Klima litte und er für ſeine Thätigkeit unbrauchbar würde, ſollte er, wie er Hilary mehrfach geſagt hatte, lieber nach den Bergen zur Erholung gehen, als nach England früher zurückreiſen. Und es war doch anzunehmen, daß er hiervon ſeine Freundinnen benachrichtigt haben würde. Robert Lyon war zu praktiſch pünktlich und rück⸗ ſichtsvoll, daß irgend eine jener kleinen Nachläſſigkeiten bei ihm möglich geweſen wäre, durch welche die in weiter Ferne Lebenden oft die Familie zu Haus ſolchen ſchrecklichen Befürchtungen ausſetzen. — Aus demſelben Grunde glaubte Hilary nicht an ſeinen Tod, er konnte nicht geſtorben ſein, ohne daß ſie davon gehört hätten. Sie war mit dem feſten Vertrauen, welches eine ſtarke Liebe giebt, überzengt, daß Robert alle Vorſichtsmaßregeln getroffen haben würde, ihr dieſe Kunde zukommen zu laſſen, ihr ein Zeichen ſeines Ge⸗ denkens, ein letztes Lebewohl zu ſenden, welches ihr nach ſeinem Tode das ausgeſprochen hätte, was er im Leben nie in klaren Worten ausdrückte. Zuweilen wenn die Angſt, er könne dennoch geſtorben ſein, ſie mit Macht ergriff, dann verſcheuchte jene Ueberzeugung ſie wieder. Er mußte noch leben oder ſie würde die Trauerkunde erhalten haben. Es gab noch eine Deutung für ſein Stillſchweigen, welche die meiſten Menſchen als die allernatürlichſte an⸗ geſehen haben würden— er konnte verheirathet ſein. Nicht daß er den Schritt mit Ueberlegung gethan, ſon⸗ dern plötzlich, durch verſchiedene Zufälligkeiten und Um⸗ ſtände, die ſo oft, beſonders bei Männern die Urſache zur Heirath werden, mochte er dahin gebracht ſein; oder eine jener heftigen, wilden Leidenſchaften konnte ihn er⸗ griffen haben, die zuweilen gerade einen braven, guten Mann ſich zu ihrem Opfer erwählen, ihn ſo umſtrickend mit ihrer verblendenden Macht, daß Vernunft, Gewiſſen, freier Wille übertäubt und gefeſſelt werden, bis er aus dem Taumel erwacht, um ſich gebunden und elend für's ganze Leben zu finden. Solche Dinge geſchehen— ſo ſeltſam und beklagenswerth es iſt. Aehnliches konnte auch Robert Lyon betroffen haben. Hilary glaubte nicht beſtimmt daran, doch die ge⸗ — 190 ſunde Vernunft ſtellte es ihr als eine Möglichkeit hin. Sie war nicht mehr das junge, unerfahrene Mädchen, ſie blickte auf Welt und Menſchen mit den verſtändigen Augen ihrer dreißig Jahre, und obgleich, dem Himmel ſei Dank, die ſchöne, geſunde Romantik des Herzens, welche dem Daſein Glanz verleiht, nicht in ihr erſtorben war, ſo hatte ſie von der kalten Weisheit der Erfahrung ſich doch ein Wenig niederdrücken laſſen. Sie wußte, es lag in den Grenzen des Möglichen, daß ein junger Mann, der ſeit ſieben Jahren von ihr getrennt und in ganz fremde Verhältniſſe gekommen war, die ihn mit den verſchiedenſten Menſchen zuſammenführten, ſich in ſich ſelbſt, und alſo auch gegen ſie, ſehr verändern konnte. Ohne geradezu der Treuloſigkeit ſchuldig zu ſein, konnte er plötzlich eine andere Frau, die ihm beſſer gefiel, gefunden und geheirathet haben. Und wenn er ſelbſt unvermählt zurückkam— auch dieſen nicht un⸗ möglichen Fall anzunehmen hatte ſie ſich gelehrt— ſo konnte er ſie vielleicht jetzt ſo verſchieden von der frühe⸗ ren Hilary Leaf finden, daß er, ohne einen eigent⸗ lichen Verrath an ſeiner einſtigen Liebe, doch nicht mehr die gleichen Gefühle für ſie zu hegen vermochte. Dieſe Befürchtungen ließen Hilary Johanna's Ab⸗ ſicht, an das Handelshaus in Liverpool zu ſchreiben, um Kunde von Robert Leaf zu erbitten, auf das Be⸗ ſtimmteſte entgegentreten. Es hätte ausſehen können wie ein Aufſuchen, wie ein Wunſch, ihn an dem Freund⸗ ſchaftsbande feſt zu halten, welches er niemals in etwas Bindendes umgewandelt hatte, und das vielleicht ſchon längſt gelöſt war. —,—. 00 Nein, ſie vermochte es nicht zu thun. Etwas in ihr verbot es, jenes Etwas, in der tiefſten Innerlichkeit der Frauennatur bedingt, das ohne Ueberhebung ſie doch ihren eigenen Werth fühlen läßt und verlangt, daß man ſie aufſuche, jenes Gefühl, welches ſie lehrt, daß, wenn ihre Liebe ein zu erwünſchendes Gut ſei, dieſes auch er⸗ worben werden müſſe, und ſie widerſtreben läßt, ſo theuer ihr der geliebte Mann iſt, ihm auch mur einen Schritt entgegen zu kommen. In ihrer größten Her⸗ zensangſt und Pein war Hilary dennoch entſchloſſen, es dürfe ihrerſeits keine Annäherung geſchehen, welche Liebe oder auch nur Freundſchaft von Robert Lyon zu er⸗ zwingen ſchiene. Es war nicht Stolz— man konnte Hilary nicht hochmüthig und ſtolz nennen, es war nur ein richtiges, inneres Gefühl von der Würde und dem hohen Werth jener Liebe, die als eine freiwillige Gabe lauteres Gold iſt, die aber zur Schlacke herabſinkt, wenn ſie als eine Schuld der Ehre oder gar aus Mitleid ge⸗ boten wird. Und obgleich Hilary's Herz oft zum Brechen ſchwer und bedrückt war, ſo ging ſie ruhig und pünktlich den ihr obliegenden Geſchäften nach; ſie ſaß geduldig und fleißig an ihrem Schreibpulte, und ſorgte theilnehmend und freundlich für die ihrer Beaufſichtigung anvertrauten jungen Mädchen. Man konnte ſie jetzt Fräulein Bal⸗ quidder's rechte Hand nennen, denn ſie unterſtützte ſie bei all den Plänen und Vorhaben, welche dieſe gute Frau ſtets zum Nutzen ihrer Mitmenſchen entwarf und ausführte. In den Mußeſtunden beſchäftigte ſich Hilary mit Johanna's Wohl, oder mit Eliſabeth und dem kleinen 192 Knaben, ſich mit dem größten Eifer bemühend, das Leben ſehr ſchön und glücklich zu finden, und immer noch zu glauben, daß Liebe, die Sonne deſſelben, nicht daraus verbannt ſei, und daß Gott, der allweiſe, gütige Vater die Welt regiere— wenn nur— wenn nur— Selbſt in den höchſten, grauſamſten Stolz des Weibes miſcht ſich eine unendliche Demuth. Manchen Tag war es Hilary, als wenn ſie auf ihren Knieen viele, viele Meilen zurücklegen könnte— wie jene katholiſchen Pilger — um nur ein einziges Mal noch Robert Lyon's Ant⸗ litz zu erſchauen. Der Herbſt war gekommen und dauerte in ſeltener Lieblichkeit ungewöhnlich lange an. Trotz des Novem⸗ bers war die Luft mild wie im Mai, und der Sonnen⸗ ſchein hatte jene eigenthümlich goldige, duftige Helle, welche die herbſtliche Sonne allein beſitzt; gerade wie ein Glück, noch in ſpäteren Jahren erblüht, oft ſüßer und heiliger iſt, als der Jugend Schwärmerei und Ent⸗ 1 zückungen es ſind. Es war Hilary's Geburtstag. Sie hatte ſich von den Geſchäften frei gemacht und den Vormittag mit 1 Johanna, Eliſabeth und dem kleinen Henry im Park von Richmond zugebracht, wo ſie den luſtigen Sprüngen der Eichhörnchen zuſahen, und ſich an dem friedlich weidenden Wild ergötzten. Sie hatten lange unter einer der prachtvollen Eichen geſeſſen, deren der Park ſolche Fülle bietet, dem leiſen Niederfallen der Eicheln lauſchend oder ſich an den fröhlichen Spielen des Kindes bethei⸗ ligend, das in der Kraft der Geſundheit vor Freude . 193 jauchzte, und die ernſteren Frauen durch ſein unſchuldiges Glück mit heiterer ſtimmte. Trotzdem war aber der junge Herr kein außerge⸗ wöhnliches Kind, und niemals hatte er mehr als den ihm von Natur zugehörenden Platz in Hilary's Herzen eingenommen. Sie überließ ihn faſt ganz Eliſabeth und Johanna, in welcher der großmütterliche Charakter ſich in reinſter Schönheit und Vollendung entfaltet hatte. Als die beiden Frauen ſich ganz den Anſprüchen des kindlichen Herrſchers hingegeben hatten, ſaß Hilary ein Wenig entfernt von den Anderen, und unwillkürlich die Hände faltend, ſtarrte ſie in's Blaue, immer den einen ſchweren Gedanken durchdenkend, daß von allen tiefen Schmerzen der bitterſte und nagendſte der einer unerwiederten oder unglücklichen Liebe iſt, und daß kein Weh ſo das Daſein des Weibes verdunkelt und verödet, als gerade dieſes; oder richtiger geſagt, jedes Menſchen Leben wird dadurch am meiſten zerſtört— doch die Frau empfindet es noch härter als der Mann, weil ſie es paſſiv ertragen muß. In ſolchem Erdulden Gottes weiſe Hand darin zu erkennen und zu ſegnen, iſt ſehr ſchwer. Weshalb legte er dieſes Sehnen, das weder unheilig noch ſelbſtiſch iſt, in die Bruſt des Menſchen, wenn ihm keine Erfüllung werden ſoll? Wozu dieſe Innigkeit und Zärtlichkeit, die umſonſt leben, dieſe Schmerzen, welche ganz nutzlos gelitten werden? Und dennoch dürfen wir annehmen, daß, trotzdem anſcheinend ſo viel Liebe in dieſer Welt„verſchwendet und wegge⸗ worfen wird“, ſie zwecklos erblüht ſei? Wir wiſſen nicht, durch welche geheimnißvolle Ausgleichung und 13 Herrin und Dienerin. II. — Entſchädigung der große Vater des Univerſums ſeinen erhabenen Plan durchführt, und die Worte:„Gott iſt die Liebe“ müßten jeder trauernden, zweifelnden Seele die Löſung aller dieſer räthſelhaften, verhüllten Verhält⸗ niſſe bringen. Als Hilary ſich von dem Sitze unter dem Baume erhob, lag ein tiefer Schatten auf ihrem lieblichen Ant⸗ litz, und etwas Müdes und doch Unruhiges ſprach ſich in ihren Bewegungen aus, wodurch Johanna's Aufmerk⸗ ſamkeit erregt wurde. Mit noch größerer Güte und Liebe als ſonſt hatte die älteſte Schweſter ihr Kind in letzter Zeit behandelt. Wenn Hilary, trotz aller An⸗ ſtrengung, die Anfälle von Trübſinn und Ungeduld nicht zu unterdrücken vermochte, dann war es rührend zu ſehen, wie Johanna, welche nun ſchon über ſechzig Jahre zählte, ſich in die Gefühle der Jugend zurückver⸗ ſetzte, und mit der unendlichſten Langmuth ihrer Schweſter nicht ausgeſprochene, bittere Angſt und Sorge zu mildern und zu ſänftigen ſich bemühte. Auch jetzt, da ſie Hilary's Unruhe bemerkte, ſtand ſie mit ihr auf. Sie nahm ihren Arm, und ſchweigend oder ſprechend, wenn Hilary dazu aufgelegt war, lang⸗ ſam oder ſchnell gehend, wie dieſe es angab, begleitete ſie dieſelbe durch den wunderbar ſchönen Park, der viel⸗ leicht an herrlichen Baumgruppen und tiefen, duftigen Waldesſchatten kaum ſeines Gleichen in England hat. Auf der Erhöhung, bei dem Thore von Pembroke Lodge, ruhten ſie aus, von welchem Punkt man das von der Themſe durchſchnittene Thal meilenweit als 195 eine grüne, köſtlich fruchtbare Landſchaft ſich hinſtrecken ſieht. „Wie ſchön! Ich möchte wiſſen, was ein Fremder zu dieſer Ausſicht ſagen würde, oder Jemand, der lange in fernen Landen gelebt hat. Wie unbeſchreiblich wohl und heimathlich es ihn bei dieſem Anblick berühren müßte!“ Hilary wandte ſich ſchnell ab, und Johanna fühlte gleich, welche Erinnerungen ihre Worte erweckt hatten. Obgleich ſie nicht nur betrübt, ſondern ärgerlich über ſich ſelbſt war, hielt ſie es doch für beſſer, keine Erklä⸗ rung oder Entſchuldigung zu verſuchen. So ſchlugen ſie den Rückweg ein, von gleichgültigen Dingen ſprechend; und jetzt trat ein Ereigniß ein, welches Johanna täglich erwartete, doch um nicht trügeriſche Hoffnungen in Hi⸗ lary zu erwecken, hatte ſie dieſer nie ihre Ahnung mit⸗ getheilt. Die beiden, in tiefe Trauer gekleideten Damen, die, trotz ihres einfachen Anzuges, etwas ſehr Vornehmes hatten, konnten wohl jedes Vorübergehenden Aufmerkſam⸗ keit erregen; ein Herr, der ſchnellen Schrittes auf ſie zukam und wie ſuchend ſeine Augen umher ſchweifen ließ, blickte ſie ſcharf an, ging dann in einiger Entfernung an ihnen vorüber, kehrte haſtig um, und beide Hände ihnen entgegenſtreckend rief er: „Fräulein Leaf, ich wußte, daß Sie es waren!“ Nur die Stimme, die Stimme war noch die alte wohlbekannte; alles Andere an ihm hatte ſich ſo ver⸗ ändert, daß ſelbſt Hilary, wenn ſie ihm zufüllig auf der Straße begegnet wäre, in dieſem braunen, fremdländiſch 18 ——— ausſehenden Mann, mittler Jahre, Robert Lyon nicht erkannt haben würde. Deſſenungeachtet war er es. Kein Aufſchrei, keine Ohnmacht erfolgte. Selten ge⸗ ſchieht ſo etwas im wirklichen Leben, ſelbſt wenn ein Freund plötzlich und unvermuthet vom andern Ende der Welt heimkehrt. Man ſtreckt gewöhnlich nur die Hände aus zum herzlichen Willkommen, wie die Schweſtern thaten, und blickt einander tief in die Augen, in der feſten Hoffnung, daß das glückliche Wiederſehen auch kein Traum ſei. Robert Lyon drückte die dargereichten Hände warm und treu; dann, zwiſchen beide Damen tretend, ſagte er zu Johanna: „Fräulein Leaf, wollen Sie meinen Arm nehmen?“ Ton und Weſen waren ſo ganz wie ſonſt, daß all die dazwiſchen liegenden Jahre verſanken und es wie damals war. Hilary wußte, daß trotz aller äußerlichen Veränderung Robert Lyon noch ganz derſelbe ſei, der ihnen vor ſieben Jahren, an jenem trüben Sonntagabend, in dem kleinen Wohnzimmer in Stowbury Lebewohl geſagt hatte; ſie fühlte, daß auch ſeine Liebe für ſie der Zeit und allem Wechſel widerſtanden habe, obgleich er nichts gethan, als ihre kleine Hand in ſeinen Arm gelegt hatte, ohne ein Wort dabei zu ſprechen. Hilarh Leaf, nieder auf Deine Knie, beuge Dich vor Gott und danke ihm! Bereue all die Bitterkeit und Ungeduld, welche Dein Herz doch nicht zu unterdrücken. vermochten, ſei froh und glücklich— doch bleibe auch demüthig! Das war ſie. Während ſie ſchweigend an Robert's ———————— 197 Arm dahinging, ließ ſie ihren Schleier nieder, die ſüßeſten Thränen des Dankes und der Reue zu verbergen. O, wie unendlich gütig war Gott zu ihr, ſeinem oft ſo bangenden ungeduldigen Kinde. Womit verdiente ſie es, ſo viel, viel glücklicher als andere Menſchen zu ſein? Und als ſie von fern Eliſabeth mit dem kleinen Henry erkannte, da führte ſie, um eine Begegnung zu vermei⸗ den, ihre Begleiter unvermerkt in einen Seitenweg, damit der Anblick ihrer Seligkeit des armen Mädchens Herz nicht weh berühre. „Ich landete erſt geſtern Abend in Southampton“, erklärte Robert Lyon, ſich an Johanna wendend und machte, wie es gewöhnlich im Leben bei ſolchem Wieder⸗ ſehen geht, die unintereſſanteſten Dinge zum Gegenſtande des Geſpräches.„Meine Abreiſe geſchah ganz plötzlich; kaum einige Stunden vorher erfuhr ich die Beſtimmung. Die Urſache davon waren einige ſehr unangenehmen, unſere Firma betreffenden Geſchäftsauflöſungen.“ Unter anderen Verhältniſſen würde Hilary herzlich gelacht haben, und vielleicht lächelte ſie auch jetzt, und gewiß neckte ſie Robert in ſpäterer Zeit weidlich damit, daß das Erſte, worüber er nach ſiebenjähriger Abweſen⸗ heit ſprach,„unſere Firma“ war. Jetzt aber hörte ſie eifrig zu, und miſchte ſich auch in das ihr doch ſo ſehr gleichgültige Thema. „Gehen Sie nach Hauſe, Fräulein Leaf? Man ſagte mir in Ihrer Wohnung, daß Sie zu Tiſche zurück⸗ erwartet würden. Darf ich mitkommen? Denn ich kann nur wenige Stunden hierbleiben, ſpät Abends muß ich nach Liverpool abreiſen.“ 198 „Aber wir ſehen Sie doch bald wieder?“ „Ich hoffe es. Und nicht wahr, Fräulein Leaf, ich ſtöre Sie nicht?“ Er ſagte dies mit dem alten Stolze des Schotten, oder vielleicht beſſer ausgedrückt, mit jener beſcheidenen Zurückhaltung, welche ihm ſtets eigen war, daß ein ge⸗ wiſſer Jemand unwilllürlich lächeln mußte, aber dieſer Jemand liebte dieſes Weſen an ihm; und ein Paar braune, ſanfte Augen ſchauten ihn an mit ihrem ſonnig⸗ ſten Blick, das herzlichſte Willkommen ausdrückend, Augen, ſo ſüß und lieb, in denen er, ſeit er ſie kannte, nie einen Blitz des Zornes oder eine Wolke der Un⸗ freundlichkeit geſehen hatte. „Hierfür verlohnt es ſich ſchon heimzukommen“, ſagte er mit leiſer, faſt zitternder Stimme, indem er auf die zarte Geſtalt an ſeiner Seite, o wie innig, nieder⸗ ſchaute. Dann wandte er ſich wieder einer allgemeinen Unterhaltung zu. „Ich bin gar nicht ſo beſcheiden, indem ich mich heute bei Ihnen zu Mittag einlade, Fräulein Leaf, denn ich irre mich gewiß nicht in der Annahme, guten eng⸗ liſchen Rinderbraten und Plumpudding an dem Geburts⸗ tage Ihrer Fräulein Schweſter zu finden. Gott ſchenke Ihnen noch viele fröhlichen, glücklichen Jahre, Fräulein Hilary!“ Sie war ſo tief bewegt, daß er ihren Geburtstag nicht vergeſſen habe, daß ſie, um ihre Rührung zu ver⸗ bergen, in ihren alten Muthwillen verfiel und neckend fragte, ob er wiſſe, wie alt ſie ſei. 3 4 — ————— 199 „Ja, Sie ſind heute dreißig Jahre geworden, ſeit fünfzehn Jahren kenne ich Sie.“ „Es iſt eine lange, lange Zeit“, ſagte Johanna ernſt. Es war gewiß nur natürlich, daß die älteſte Schweſter etwas ſchweigſam und nachdenklich war, und daß man⸗ cher ſcharfe, forſchende Seitenblick Robert Lyon traf. Er hatte ſich bedeutend verändert, das unterlag keinem Zweifel. Sieben in Indien verlebten Jahre würden Jeden verwandeln, Jedem die Jugendlichkeit nehmen. So war es ihm geſchehen. Als ſie in das kleine Wohnzimmer traten, und er den Hut abnahm, ſah man viele Silberfäden ſich durch ſein dunkles Haar ziehen, ſeine Geſtalt, ſowie ſein Geſicht waren hagerer geworden, wie man dies bei Menſchen, welche lange in ſo heißem Klima leben, meiſt findet, und manche Furche durchſchnitt ſein Antlitz und ſprach von harten Mühſalen und Kämpfen, die vielleicht überwunden waren, doch ihre Spuren zurückgelaſſen hatten. Selbſt Hilary mußte ſich eingeſtehen, daß er kein junger Mann mehr ſei, nicht in der Erſcheinung, noch in der Wirklichkeit. Wenngleich wir ſelbſt täglich älter werden, ſo ge⸗ ſchieht dies ſo unmerklich, daß es uns nicht auffällt, doch wenn nach langer Abweſenheit eine Perſon uns entgegentritt, die jung mit uns geweſen, da erſchreckt das Entſchwinden der Jahre uns förmlich. Hilary hatte nie vorher ſo klar gefühlt, wie weit ihre roſige Jugendzeit hinter ihr lag, als da ſie Robert wiederſah. 200 „Sie finden mich ſehr verändert?“ ſagte er, wie ſchon früher ihre Gedanken ahnend. „Ja, das kann ich nicht leugnen“, entgegnete ſie, wahr wie immer, worauf er nichts erwiderte. Er vermochte nicht— und welcher Mann könnte es— all die Empfindungen zu errathen, welche ihr Herz bewegten, als ſie auf ihn, ihre Jugendliebe ſchaute, dem nun die Jugend auf immer entflohen war, und trotzdem konnte man noch hier und dort die einſt weicheren, jüngeren Züge unter den ſchärferen, härteren Linien her⸗ auserkennen, auf welche ſie mit inniger Zärtlichkeit blickte. O, die wahre Liebe findet trotz aller Verände⸗ rung, alles Verfalles ſtets das in dem thenren Antlitz heraus, was zuerſt ſie anzog und feſſelte, und daran hängt ſie mit einer Treue, die der Furcht des„Altwer⸗ dens“ lacht und ſpottet. Trotz ſeines grauen Haares und der für manche Augen gewiß nicht vortheilhaften Veränderung, trotz des viel ernſteren, ja oft melancholiſchen Ausdruckes, der zu⸗ weilen über ſein Angeſicht glitt, von überſtandenen Leiden Kunde gebend, trotzdem er als ein nicht mehr junger Mann vor ihr ſtand, war Robert Lyon Hilary noch viel lieber und werther, als damals in den erſten Jahren in Stowbury, da das Leben noch in allem Glanze der Ingend vor ihnen Beiden lag. Es wird oft recht viel Sentimentales über„zuſam⸗ men jung geweſen ſein“ geſprochen. Das iſt durchaus nicht immer ein feſſelndes Band! Wie manche Jugend⸗ freundſchaft erliſcht und löſt ſich ganz von ſelbſt in ſpäteren Zeiten. Die Charaktere verändern ſich, die ———— ———— 201 Verhältniſſe trennen. Niemand wird zu behaupten wagen, daß eine Freundſchaft oder Liebe, in reiferen Jahren geſchloſſen, nicht ebenſo feſt, treu und innig, als die der erſten Jugend ſein kann, für manche Naturen vielleicht ſogar werther und theurer. Wenn aber zwei Menſchen ſchon lange bekannt ſind, wenn ernſte Ueber⸗ legung die Wahl der jungen Herzen beſtätigt und heiligt, dann freilich giebt es kein Band, das inniger ſein könnte als das, welches dieſe Beiden vereint, die wie Hilary und Robert ſagen können:„Wir waren miteinander jung.“ Er ſprach dies aus, als er nach dem Mittageſſen zu Hilary an das Fenſter trat, wo ſie mit einer Näharbeit ſaß. Johanna hatte ſoeben das Zimmer verlaſſen, ob abſichtlich oder zufällig blieb nnentſchieden, doch ſie war eine großmüthige Natur, ſo möchte wohl die erſte An⸗ nahme die richtige ſein. In den drei Stunden des Zuſammenſeins mit Robert Lyon hatte Hilary's Erregung ſich geſänftigt. Das Gefühl unendlicher Sicherheit und Ruhe, das ſie ſtets in ſeiner Nähe empfand— das beſte Zeichen, welcher Art ihre gegenſeitige Liebe war, und daß ſie ſich nicht nur liebten, ſondern für einander paßten, und ſich ſtützen, beſſern und zum Segen leben würden— war in aller Kraft zurückgekehrt. Jene tiefe Anhänglichkeit, die aller Liebe zum Grunde liegen ſollte, erwachte und erſtand von Neuem, ſich mit kindlichem Vertrauen an ihn ſchmie⸗ gend, welches jedes Wort, jeder Blick von ihm, ſein ganzes Weſen, das ſo an einſt erinnerte, erhöhte. Er war nicht ſo ruhig wie ſie, beſonders jetzt nicht, 202 als er neben ihr ſtehend auf ihre kleinen, fleißigen Hände blickte, und ſie bat, ihm Alles zu erzählen, was ſie ſeit ſeiner Abweſenheit betroffen habe. „Ich finde es hier anders, als ich erwartete“, und er überſchaute das niedliche, doch ſehr einfach und ſchlicht ausgeſtattete Zimmer mit unruhigem Blick. „Und wie geht es mit dem Laden?“ „Ich denke, Johanna theilte Ihnen Alles mit?“ „Ja; aber ihre Briefe kamen ſo ſelten— waren ſo kurz— nicht, daß ich mehr verlangen durfte.— Doch jetzt, wenn Sie mir vertrauen können— ſo erzählen Sie mir nun Alles“ Hilary wandte ſich zu ihm, ihrem langjährigen Freund; wenn auch nicht mehr, das war er gewiß. Viel Güte und Treue hatte er ihr bewieſen, er verdiente ihr Vertrauen. Sie erzählte ihm in kurzen, einfachen Worten die Geſchichte der letzten Jahre, und fügte dann hinzu: „Eigentlich iſt es weiter gar nicht werth davon zu ſprechen, denn Sie ſehen, wir leben jetzt ganz behaglich. Der arme Askott iſt gewiß in Auſtralien, wenigſtens ſcheint uns dies das Natürlichſte. Ich verdiene genug für Johanna und mich, und Fräulein Balquidder iſt uns eine gütige Freundin. Wir zahlten ihr das Darlehn zurück, und ſchulden nun Niemand das Geringſte. Aber wir haben ſehr gelitten, das kann ich nicht leugnen. Vor zwei Jahren war es eine ſchreckliche Zeit!“ Ohne daß ſie es ahnte, verrieth ihr offenes Antlitz mehr als ihre Worte, und es ſchnitt Robert Lyon in's Herz. 203 „Sie litten, und ich wußte es nicht!“ „Sie ſollten es auch gar nicht wiſſen.“ „Weshalb nicht?“ Er ging in heftiger Erregung im Zimmer auf und nieder.„Ich hätte es erfahren müſſen, es war grauſam, es mir zu verſchweigen. Nehmen Sie den Fall, Sie wären unter der ſchweren Bürde erlegen — wären geſtorben— oder die Sorgenlaſt hätte Sie dazu getrieben, was ſchon manche Frau vor Ihnen, ja ſelbſt Ihre arme Schweſter Selina, für eine geſicherte Exiſtenz that— zu heirathen. Doch ich bitte um Ver⸗ zeihung!“ Denn Hilary war mit flammendem Angeſicht auf⸗ geſprungen. „Nein“, rief ſie erregt,„nicht die bitterſte Armuth hätte mich ſo tief ſinken laſſen. Eher wäre ich ver⸗ hungert, als daß ich geheirathet hätte.“ Robert Lyon blickte ſie an, wie es ſchien, ohne ſie zu verſtehen, dann ſagte er ſanft, doch etwas förmlich: „Noch einmal muß ich Sie um Entſchuldigung bitten; ich hatte kein Recht, über dieſen Gegenſtand zu ſprechen.“ Hilary erwiderte nichts. Es ſchien, als wenn jetzt, wo ein Raum ſie umſchloß, ſie weiter getrennt waren, als da das Weltmeer noch zwiſchen ihnen lag. Des Mannes braune Wange wurde bleicher und bleicher, er preßte ſeine Lippen feſt zuſammen, ein Paar Mal bewegten ſie ſich, doch kein Wort trat darüber. Endlich mit einer Art verzweifelten Muthes, und in einem Tone, den Hilary noch nie von ihm gehört hatte, ſagte er: 206 „Und dennoch glaube ich ein Recht zu haben, das Recht, welches jedem Manne zuſteht, wenn es ſich um ſein ganzes Glück handelt, eine Frage zu thun. Sie wiſſen alles mich Betreffende, Sie haben es ſtets ge⸗ wußt, denn ich gab mir die größte Mühe, daß Sie es erfahren ſollten. Es giebt nichts in meinem Leben, das Ihnen nicht bekannt wäre, als wenn— als wenn Sie“ — Er brach plötzlich ab.„Ich aber weiß nichts von Allem was Sie betrifft.“ „Was wünſchen Sie zu wiſſen?“ fragte ſie zitternd. „Sieben Jahre der Abweſenheit ſind eine lange Zeit. Sind Sie noch frei— oder haben Sie ſich einem an⸗ deren Manne verlobt?“ „Nein.“ „Gott ſei gedankt!“ Er barg ſein Geſicht in den Händen und ſprach eine ganze Zeit nicht. Und dann— nicht ohne Ueberwindung, denn es wurde ihm ſtets ſchwer, ſich auszuſprechen— geſtand er Hilary, wie er ſie liebte, ſtets geliebt habe. Es war keine vorübergehende Schwärmerei der Jugend, die durch jedes neue, hübſche Geſicht angezogen, jedes mit den Reizen ſeiner eigenen Phantaſie ſchmückt, und nicht die wirklich vorhandene Perſon, ſondern das Geſchöpf ſeiner Einbildungskraft anbetet, keine plötzlich entflammte, ſelbſt⸗ ſüchtige Leidenſchaft, die nur bedacht iſt, ihr Ziel zu er⸗ reichen, gleichviel ob Vernunft, Gewiſſen, Recht ſich da⸗ gegen auflehnen— es war die tiefe, wahre Liebe eines redlichen Mannes, der mit Ernſt und Ueberlegung unter allen Frauen die eine wählte, welche er als die beſte — 205 erkannt, und nun entſchloſſen und muthig ſie zu erringen ſtrebte. Um ihretwillen hatte er den Kampf mit dem oft harten Geſchick unternommen, eine geſicherte, ſorgen⸗ freie Stellung ſich zu erwerben; für ſie hielt er Herz und Sinn rein und makellos, inmitten all der lockenden Verſuchungen des Lebens, Niemals hatte er ſie aus dem Geſicht verloren, indem er über ſie wachte, ſo gut es ihm möglich war, im Verein mit dem Gefühle der Ehrenhaftigkeit— Mancher möchte es zu weit getrie⸗ benen männlichen Stolz nennen(doch was es auch war, Hilary vergab es)— welches ihn bei noch unſicheren“ Ausſichten zum Schweigen verurtheilte, wodurch er ſie vollkommen frei ließ und ſich für gebunden hielt, ge⸗ feſſelt durch eine ſo wandelloſe Treue, wie die der Ritter aus alten Zeiten, nichts beanſpruchend, doch Alles gebend.„ So war die Liebe dieſes braven, ſchlichten, treuher⸗ zigen Schotten. Wollte Gott es gäbe mehr ſolche Männer und öfter eine ſolche Liebe in der Welt. Wenige Frauen würden ihr widerſtanden haben, gewiß nicht, Hilary, beſonders mit jenem ſüßen Geheim⸗ niß, dem„ſchützenden Engel“ in ihrem Herzen— dem ſie großen Theils ihre Kraft und den Muth verdankte, der ſie aufrecht erhalten— der edlen, großmüthigen, treuen Liebe eines guten Mädchens für einen braven Mann. Doch dieſes Geheimniß ſchien Robert Lyon nie geahnt zu haben oder er hatte ſich ſolches reichen Schatzes für unwerth gehalten. Er nahm ihre Hand feſt in die ſeine und blickte ihr voll in's Geſicht, als er ſagte: 206 „Jetzt, da Sie Alles wiſſen, glauben Sie mit der Zeit— ich will Sie nicht übereilen— doch glauben Sie, daß es mir gelingen wird, Ihre Liebe zu erringen?“ Ihre Augen, ſo treu und ehrlich, wichen ihm nicht aus. Obwohl ein ſonniges Lächeln daraus leuchtete, lag doch tiefer Ernſt darin, die Trauer, welche der geheime Kummer langer Jahre zurückgelaſſen, der nun für immer geſtillt war. „Ich habe nur Sie mein ganzes Leben lang geliebt“, ſagte Hilary. v— Cilftes Bnpitel. Laßt uns etwas länger bei dieſem Kapitel weilen, das von glücklicher Liebe erzählt, etwas ſo Schönem und Seltenem in der Welt. Ja, etwas ſehr Seltenes, ob⸗ gleich Hunderte ſich täglich finden, ſich lieben oder we⸗ nigſtens es ſich einbilden, darauf ſich verloben und hei⸗ und Hunderte daſſelbe thun, nur mit dem klei⸗ rſchiede, daß jede Neigung dabei fehlt. Aber , rechte Liebe, die jede Probe beſtand, welche Schu igen, ungünſtige Verhältniſſe und Trennung auf⸗ erlegen, die nicht wankte bei den Wechſelfällen des Le⸗ bens und den unvermeidlichen Veränderungen, welche die Jahre in jedem Charakter hervorbringen— dies iſt das ſeltenſte Kleinod, das die Erde bietet. Ich will nicht ſagen, daß jede andere Liebe als eine ſolche werthlos iſt. Es giebt Menſchen, die beim erſten Sehen jener geheimnißvollen Anziehungskraft unterlagen, die über allen Vernunftgründen ſteht, derſelben Macht, welche Hilary gleich beim erſten Male, als ſie Robert 208 Lyon's Geſicht in der Kirche erblickte, ein Intereſſe da⸗ für einflößte, und welche ihn— wie er ſpäter bekannte — ſobald er Hilary bei der erſten Stunde, die er As⸗ kott gab, in dem kleinen Wohnzimmer in Stowbury ſah, zu ſich ſelbſt ſagen ließ:„Wenn ich heirathen ſollte, möchte ich wohl ſolch ein kleines, braunäugiges Mädchen wie dieſes zur Frau haben“ Wieder giebt es Andere, die bei ihrer Wahl ſich durch zufällige Umſtände oder niedrige, weltliche Vortheile leiten ließen, und denen die Vorſehung gütiger war als ſie es verdienten, indem ihre Ehe eine innige und glückliche wurde. Doch ſo hingebend und vollkommen wie die Liebe zwiſchen Hilary und Robert war, ſich nicht oft eine in der Welt finden. Große Romantik wurde nicht dabei zur Schau ge⸗ ſtellt. Von dem Augenblick an, da Johanna wieder in das Wohnzimmer trat, Beide Hand in Hond beim minfeuer ſtehen ſah, und Hilary zu ihr kam küßte, was auch Robert nach einem kleinen verfloß das Ganze in der einfachſten Weiſe. Es gab keine Liebeszwiſtigkeiten, welche manch ſchen ſo anziehend finden, kein Schmollen und rſöh⸗ nen. Robert Lyon hatte das Glück gehabt, nicht nur eine gute, ſondern eine ſanfte, nicht launenhafte Frau zu wählen; und es war gewiß kein Grund vorhanden, daß ſie, die ſich als Freunde nicht geſtritten hatten, es jetzt als Liebende thun ſollten. Und zur Ehre Beider ſei es geſagt, ſie überließen ſich nicht jener Sucht, ſtets allein zu ſein, nur für einander zu exiſtiren, die oft un⸗ endliche Liebe genannt wird und eigentlich die größte ——. 209 Rückſichtsloſigkeit, der ärgſte Egoismus iſt, durch welche Liebende die glückliche Zeit ihres Brautſtandes zu einer nie zu vergeſſenden Qual und Pein für alle ihre Freunde und Bekannte machen. Johanna litt Anfangs etwas; dies geſchieht immer, wenn die neuen Rechte und Anſprüche mit den älteren zuſammenſtoßen, aber ſie ließ es ſelten merken; ſie war zu gut, zu ſelbſtlos dafür; ſie ſah ihr Kind glücklich, und deshalb liebte auch ſie Robert Lyon herzlich. Er war ſehr zart und rückſichtsvoll zu ihr, und als Hilary darauf beſtand, ihre Verpflichtungen gegen Fräulein Bal⸗ guidder nicht plötzlich abzubrechen und täglich ins Ge⸗ ſchäft ging, da war er mehr in Geſellſchaft der älteren als der jüngeren Schweſter, und zuweilen erklärte er Hilary ganz ernſt und feierlich, wenn ſie ihn nicht gut behandle, ſo werde er lieber um Johanna anhalten. O, die reizenden kleinen Scherze und anmuthigen Neckereien jener glücklichen Tage! Und die ſchönen, ſtillen Spaziergünge am Ufer des Fluſſes, durch den Park oder über Ham Common— gleichviel wohin; denn jede Gegend, ja die ganze Welt erſchien ihnen ſchön und lieblich, ſelbſt am trübſten Wintertage. Und vor Allem die lieben, vertrauten Geſpräche, wie die Herzen ſich öffneten und Alles ans Licht trat, alle Erinnerungen der Vergangenheit, die dort tief verborgen gelegen, wie die Gedanken und Gefühle zuſammenfloſſen in ein Streben, ein Leben, denn Beide ſind jetzt Eines; und obgleich ſie lange Jahre Land und Meer geſchieden, ſo waren ſie doch nie getrennt geweſen, ein Band hatte ſie vereinigt, ihre treue, mnhelloſe Liebe. Herrin und Dienerin. II. 6 14 210 Robert Lyon war, wie ich ſchon früher bemerkte, ſehr verändert, ſowohl im Aeußeren als geiſtig. Er hatte ſich viel in der beſten Geſellſchaft in Indien be⸗ wegt und eine hervorragende Stellung darin eingenommen; dies hatte ihm nicht nur ungezwungenere, mehr abge⸗ ſchliffene Manieren, ſondern zugleich ein ſehr beſtimmtes, entſchiedenes Weſen gegeben, wie Einer, der an Befehlen und Gehorſam gewöhnt iſt. Es war ganz außer Zwei⸗ fel, daß er, wie Johanna ihm einſt lachend ſagte:„der Herr in ſeinem Hauſe ſein würde.“ Trotzdem war er ſehr ſanft und zart zu ſeiner„klei⸗ nen Frau“, wie er ſie nannte. Stundenlang konnte er im heimlichen Eckchen am Kamin ſitzen— o, wie er das engliſche Kaminfeuer liebte!— Hilary auf einem niedrigen Seſſel an ſeiner Seite, ihre Hand feſt in der ſeinen ruhend. Zuweilen wenn Johanna das Zimmer verließ, beugte er ſich nieder, ſie feſt an ſein Herz zu ziehen. Doch genug hiervon— ich will nichts verrathen. In ſolche Sachen darf Niemand einblicken. Hilary liebte es nicht mit ihrer Glückſeligkeit zu prahlen, ſie war ſelbſt in Johanna's Gegenwart ſehr zurückhaltend. Und als Fräulein Balquidder, der man natürlich die Verlobung mitgetheilt, eines Tages nur deshalb kam, um ihren„ſo bevorzugten Landsmann“ zu ſehen, da hatte die kleine, ränkeſüchtige Hilary— welche den Beſuch ahnte— Robert dahin gebracht, ein wichti⸗ ges Geſchäft in London beſorgen zu müſſen. Sie mochte es nicht leiden, wenn er„gezeigt“ werden ſollte. „Thut nichts, ich werde ihn ſchon ein anderes Mal ſehen“, ſagte Fräulein Balquidder.„O, wie ungern I 211 verliere ich Sie, wie ſehr werde ich Sie vermiſſen, mein liebes Kind! Es iſt jetzt eine ſchlimme Zeit für mich, denn eine andere meiner jungen Damen iſt auf dem Punkt Ihrem Beiſpiele zu folgen. Habe ich Sie ihr auch oft als Muſter vorgeſtellt— bis dahin brauchte ſich ihre Folgſamkeit nicht zu erſtrecken. Wann werden Sie heirathen, liebes Fräulein?“ „Ich weiß es noch nicht— ſtill! Wir wollen ein anderes Mal darüber ſprechen“, ſagte Hilary, mit einem Blick auf Johanna. Fräulein Balquidder verſtand den Wink und ſchwieg. Die wichtige Frage wegen ihrer Verheirathung be⸗ gann immer ſchwerer auf Hilary zu laſten. Sie wußte ganz klar, was ihr Verlobter wünſchte und erwartete, daß nämlich, wenn in einigen Monaten ſeine Geſchäfte hier beendet wären, er nicht allein nach Indien zurück⸗ kehre. Als er ihr dieſes geſagt, hatte ſie nicht zu ant⸗ worten, kaum zu denken gewagt. Sie ließ die friedliche, glückſelige Gegenwart dahingleiten, ohne mit der Zu⸗ kunft ſich zu beſchäftigen. Dennoch konnte dies nicht andauern; und es kam zur Entſcheidung, an einem Nachmittage im Januar, nachdem Robert von ſeiner zweiten Reiſe nach Liverpool zurückgekehrt war. Sie erſtiegen auf ihrem Spazier⸗ gange den Richmond⸗Hügel. Die Winterſonne war gluth⸗ roth über dem Silberſpiegel der Themſe untergegangen und Venus ſchaute wie ein großes leuchtendes Auge vom weſtlichen Himmel herab. Noch lange Zeit nachher er⸗ innerte ſich Hilary genau wie die ganze Umgebung ge⸗ weſen war, ja ſelbſt unter welchem Baume ſie ſtan⸗ 14* — 212 den, als Robert ſie bat, ihren Hochzeitstag feſtzu⸗ ſetzen. Er fragte ſie, ob ſie einwilligen würde, daß die Ver⸗ heirathung gleich geſchehe, oder ob ſie lieber bis zur Zeit der Abreiſe noch als Hilary Leaf bei der Schwe⸗ ſter bleiben wolle. Er ſagte ihr, er möchte gern ſo rückſichtsvoll wie möglich gegen Johanna ſein— doch Etwas in ſeinem ganzen Weſen überzeugte Hilary mehr als je, wie er ſie liebe, was ſie ihm ſei, wie auch ſie fühlte, daß er ihr ſtets mehr und mehr werde. Ja, er war ihr theurer als ſelbſt noch einige Wochen früher, damals hatte ihre Liebe, trotz aller Wärme und Innig⸗ keit, etwas Unbeſtimmtes, Traumähnliches, jetzt war volle Sicherheit, Klarheit und ſeliges Vertrauen darin. Noch feſter hing Hilary ſich an ſeinen Arm, ſie war ſchon ſo daran gewöhnt ſein verzogener Liebling zu ſein. Sie erſchauerte bei der Vorſtellung, daß die wilde See ſich wieder zwiſchen ſie legen ſollte, bei dem Gedanken daran, wie ſie ihn vergeblich bei den Mahlzeiten und am trau⸗ lichen Kaminfeuer erwarten würde. Sie nahm alle ihre Kräfte zuſammen, ehe ſie die wenigen Worte zu ſagen vermochte: „Robert, ich muß mit Dir über Johanna ſprechen.“ „Ich ahne, was Du willſt“, erwiderte er lächelnd; „Du wünſcheſt, daß ſie uns nach Indien begleite. Ge⸗ wiß ſoll ſie es, wenn es ihr Wunſch iſt. Ich hoffe, Du dachteſt nicht, ich würde dagegen ſein?“ „Nein, das meine ich nicht. Sie kann nicht mit — — —— 1 213 uns gehen; ſie würde in einem heißen Klima nicht ſechs Monate leben. Der Arzt hat es mir geſagt.“ „Du befragteſt ihn darum?“ „Ja, in der vorigen Woche— doch ohne ihr Wiſſen, ganz im Vertrauen. Ich hielt es für recht, ich mußte die volle Wahrheit erfahren— ehe ich— o, Robert, Robert!“ Der tiefe Schmerz, den ihr Ton ausdrückte, ließ ihn ahnen, was kommen ſollte. Er blickte ſie er⸗ ſchreckt an. „Du willſt doch nicht ſagen— nein, nein, es iſt unmöglich. So grauſam könnte meine kleine Fran nicht ſein!“ Hilary's Herz zuckte vor Weh. Die Gegend vor ihr im Zwielicht liegend, der helle Himmel, Alles ver⸗ ſchwamm vor ihren Blicken, während Venus ſie mit drohendem, funkelndem Auge anſtarrte. „Robert, laß mich ein Wenig auf jener Bank ruhen und ſetze Dich zu mir! Es iſt zu dunkel, als daß die Vorübergehenden uns noch beobachten ſollten; und die Luft iſt nicht ſo kalt, um uns zu ſchaden.“ „Nein, mein Liebling.“ Er legte ſeinen Plaid ſorg⸗ lich um ſie und ſeinen Arm zugleich. Sie blickte ihn an, eine flehende Bitte in ihren Augen. „Sei nicht böſe auf mich, lieber Robert, ich habe es bedacht und überlegt von allen Seiten, in den langen Nächten, da es mir den Schlaf raubte, weil ich ſuchte das Rechte zu finden. Es kommt immer zu demſelben Endziel.“ 214 „Zu welchem?“ „Es iſt die alte Geſchichte“, antwortete ſie mit ſchwachem Lächeln.„«J kann mein Mütterle nit laſſe.» Es giebt Niemand in der Welt, für Johanna zu ſorgen und ſie zu pflegen als mich; ſelbſt auf Eliſabeth können wir nicht mehr rechnen, denn ſie iſt ganz mit dem klei⸗ nen Henry beſchäftigt. Wenn ich ſie verließe, ich bin überzeugt, es wäre ihr Tod. Und ſie kann uns nicht begleiten. Liebſter(es war dies der einzige Liebesname, den ſie ihm gab) für die nächſten drei Jahre— Du ſagteſt, es wären nur noch drei Jahre— mußt Du allein nach Indien zurückgehen.“ Robert Lyon war ein ſehr guter Mann, doch nur ein Menſch, kein Engel; und obgleich er ſeine Liebe nicht ſehr zur Schau trug, ſo war ſie trotzdem nicht ganz ruhiger, gelaſſener Art. Mit jenem eiferſüchtigen Ver⸗ langen, ſeinen Schatz, ſein Glück endlich ganz für ſich allein zu haben, das wohl eigentlich kaum tadelnswerth iſt, hatte er ſeine Hochzeit herbeigewünſcht, und oft mit Wonne bei dem Gedanken geweilt, Hilary nun bald in ſeine ſchöne, indiſche Heimath einzuführen. Es hatte ihn vielleicht mehr gekoſtet, als ſeine Braut ahnte, den Vor⸗ ſchlag zu machen, ihre Schweſter mitzunehmen. Er ſtellte Johanna ſehr hoch— aber— Wenn ich wahrheitsgetreu berichte was folgte, wird es Robert für immer in der Achtung meiner Leſer her⸗ abſetzen? Er ſagte kalt, als einzige Antwort auf Hila⸗ ry's angſtvolles Flehen: „Handle wie es Dir beliebt, Hilary“, erhob ſich ſchnell und ſprach nicht eine Silbe auf dem Heimwege. 215 Zum erſten Male herrſchten Zwang und Schweigen an ihrem Theetiſch, zum erſten Male wagte Hilary nicht in des Geliebten Antlitz zu blicken, weil es einen Aus⸗ druck trug, der ſie ſchmerzte. Robert zeigte ſich nicht mürriſch, dazu war er zu ſehr Gentleman, er bemühte ſich ſogar unterhaltend zu ſein; aber er war tief verletzt, mehr noch unwillig. Die ſtarke, ſtrenge Natur des Mannes hatte ſich gegen ein Anſinnen empört, das ihm unnatürlich ſchien; die freundliche Anmuth war aus ſei⸗ nem Geſicht gewichen, und ein Ausdruck hatte dieſe Stelle eingenommen, den ſelbſt die vorzüglichſten Män⸗ ner zuweilen nicht unterdrücken können; wehe der armen Frau, welche ſolche Regung nicht verſteht, ſie nicht zu ertragen vermag! Ich will durchaus nicht über das Thema von Ty⸗ rannen und Sklaven reden, oder ſolches Verhältniß ſo⸗ gar vertheidigen. Aber wenn zwei Menſchen den Weg des Lebens friedlich zuſammengehen ſollen, ſo müſſen ſie entweder übereinſtimmen, oder wenn einmal ein Zer⸗ würfniß eintritt, ſo muß einer nachgeben. Nicht immer mag dies der ſchwächere Theil ſein, vielleicht iſt gerade dieſe Schwachheit ein Zeichen der Kraft, doch einer von beiden muß zuerſt ſich beugen, und, wenige Ausnahme⸗ fälle abgerechnet, ſoll und muß dies die Frau ſein. Es liegt in der Natur begründet, Gottes Geſetz verordnet es, die chriſtliche Lehre zwingt dazu. Wird ein Todesſtoß die Bewunderung treffen, welche meine kleine, brave Hilary vielleicht erregt hat, die ſo muthig ſich den Weg durchs Leben bahnte, die nicht an⸗ ſtand, die Straßen Londons zu allen Zeiten zu durch⸗ ſchreiten, und wenn ihre Pflicht es gebot, ſelbſt vor dem ſchweren Gange nach dem Gefängniß nicht zurückge⸗ ſchreckt war, die endlich ihren Lebensunterhalt ſich ſelbſt verdiente, indem ſie in ein Geſchäft eintrat— wird es all dieſe Vorzüge in den Schatten ſtellen, wenn ich be⸗ kenne, daß ſie es als ihre Pflicht betrachtete, mochte Robert ſelbſt ungerechter Weiſe erzürnt ſein, den erſten Schritt zu thun, ihn zu verſöhnen. Ja, es war ihre Pflicht, denn er ſollte ihr Gatte werden, ihr„Herr und Gebieter“, dem ſie am Altar nicht nur Gehorſam ver⸗ ſprechen wollte, ſondern das Gelübde auch zu erfüllen bereit war, und aus dieſem Grunde mußte ſie die Erſte ſein, welche eine Verſtändigung herbeizuführen ſuchte, jedes Opfer bringend, nur nicht das, gegen ihre Grund⸗ ſätze zu handeln. Und wenn auch ſehr„entſchiedene, charaktervolle“ Frauen das Gegentheil behaupten werden, ſo glaube ich doch, daß alle guten, freundlichen Frauen, die in engen verwandtſchaftlichen Beziehungen zu Männern ſtehen, ſeien dieſe ihre Gatten, Väter, Brüder, wie Hilary thun müſſen, wenn ſie Friede, Liebe und ihren heilſamen Ein⸗ fluß im Hauſe ſich zu erhalten wünſchen. Ja, ſo muß und ſoll es ſein, jetzt und immerdar. Vielleicht hatte Johanna gemerkt, daß nicht Alles wie ſonſt war zwiſchen Robert und Hilary, doch ſie be⸗ ſaß zu viel Klugheit, um es weiter zu beachten, und da ſie ſich an dem Tage ſehr ſchwach fühlte, begab ſie ſich gleich nach dem Thee in ihre Schlafſtube, ein Wenig zu ruhen. Als Hilary folgte, die Kiſſen ihr zurechtlegte — und ſie warm und ſorglich zudeckte, zog Johanna ihr Kind dicht an ihre Bruſt und flüſterte: „So iſt's gut, mein Liebling. Bleib nicht länger hier. Um keinen Preis möchte ich Dich von Robert fern halten.“ „ Hilary's Herz erzitterte; und doch gaben dieſe Worte lihr mehr Kraft und Feſtigkeit, und zeigten ihr noch kla⸗ rer die heilige Pflicht— welche ſo oft von Liebenden und Verlobten vergeſſen wird— über die neuen Bande die älteren nicht zu vernachläſſigen, und daß kein Segen auf der neu geſchloſſenen Verbindung ruhen könne, wenn die längſt beſtehenden Familienrechte nicht geachtet und werthgehalten werden, wenn ohne die dringendſte, unab⸗ weisbare Nothwendigkeit ein Glied der Kette rückſichts⸗ los zerriſſen wird., Aber Robert!! Es war eine ebenſo neue als ſchreckliche Lage für Hilary draußen vor der Thür zu ſtehen, ſich fürchtend, hineinzugehen. Vielleicht würde er ſich bei ihrem Eintritt erheben, und kalt und förmlich ſagen:„es möchte wohl beſſer ſein, wenn er gehe“— worauf ſie dann mit gleicher Förmlichkeit zu antworten hätte:„nein, durchaus nicht, es ſei denn Dein beſonderer Wunſch.“ Ja, ſo war es gekommen. Dann hatte er ein Buch genommen und ihr angeboten ihr vor⸗ zuleſen, während ſie arbeitete. Und ſonſt war er ſtets ſo ſehr gegen jede Näherei Abends geweſen, weil er dann nicht in die lieben Augen ſchauen, nicht die kleine, weiche Hand in der ſeinen halten konnte. O, es war ſchwer zu ertragen! Dennoch ſaß ſie ſtill und verſuchte zu lauſchen, aber die Worte klangen ungehört an ihrem Ohr vorüber. 218 Bald ſtieg die Angſt immer höher zum Herzen— ſie konnte nicht mehr ihre Arbeit klar ſehen— ihre Hände zitterten vor innerer Bewegung. Er las immer weiter. Erſt als er durch einen glücklichen Zufall ſich nach einem Papiermeſſer umſchaute, bemerkte er den Ausdruck ihres Geſichtes, nun ſchloß er das Buch und ſah unruhig aus — nicht beſänftigt, nur unruhig. Wer wird zuerſt ſprechen— wer den Flügel des Engels faſſen, der durch das Zimmer ſchwebt? Eine Minute länger, und der Friedensbote iſt vielleicht ent⸗ flohen. Ich denke nicht daran, Hilary zu entſchuldigen. Ich weiß kaum, ob ſie viel überlegte, ob es an ihr oder Ro⸗ bert ſei den erſten Schritt zu thun. Vielleicht handelte ſie nur einem Impulſe folgend, weil es ſo herzbrechend war in Uneinigkeit mit ihm zu ſein. Wenn ſie aber nachgedacht hätte, ſo bin ich überzeugt, ſie würde gerade ſo aus Fflicht gethan haben, wie ſie jetzt mehr inſtinct⸗ artig that; ſie ging leiſe zu ihm und legte ihre Hand auf die ſeine, ſanft flüſternd: „Robert, weshalb biſt Du noch immer ſo ärgerlich auf mich?“ „Nicht ärgerlich, ich habe kein Recht dezu 4. „Ja, es ſtände Dir zu, wenn ich wirklich unrecht gehandelt hätte. Habe ich das?“ „Du mußt dies beurtheilen können. Ich glaubte, Du liebteſt mich mehr als ich es mun finde. Es war ein Irrthum— das iſt Alles.“ Ja, er befand ſich im Irrthum, doch in anderer Hin⸗ ſicht. Es war die unrichtige Auffaſſung des Frauen⸗ 2¹9 charakters, welche die Männer ſo oft haben. Sie ver⸗ ſtehen nicht, daß die Liebe werthlos iſt, ja daß ſie kaum Liebe genannt werden kann, ſondern ein Hegen und Aus⸗ führen ſelbſtſüchtiger Wünſche iſt, wenn dies Gefühl uns gegen eine andere Pflicht blind macht, oder ein anderes heiliges Anrecht mit Füßen treten läßt. Sie begreifen nicht, daß ſie, die in einem verwandtſchaftlichen Verhält⸗ niſſe nicht treu war, es auch in einem anderen nicht ſein würde. Wahr wie die höchſte Wahrheit der Menſchen⸗ natur iſt Brabantios ominöſe Warnung an Othello, die ſich leider oft erfüllt: „Mohr, gieb Acht auf ſie, Mit munterm Auge ſieh wohl zu, die mich, Den Vater täuſchte, täuſcht vielleicht auch Dich.“ ℳ Nachdem er die bittern Worte ausgeſprochen, that es Robert gewiß leid; die ſanfte Erwiderung, welche ihnen wurde, erſchütterte den ſtarken, unbeugſamen Mann bis in die tiefſte Seele; er war nicht leicht zu erzürnen, doch wenn es einmal geſchehen, ſchwer zu verſöhnen. „Robert, willſt Du ein Paar Minuten auf mich hören?“ „Gern, ſprich Hilary, nur mußt Du nicht erwarten, daß ich Dir beiſtimme. Du kannſt nicht verlangen, ich ſolle ſagen, es iſt recht, daß Du mich verlaſſen willſt.“ „Ich Dich verlaſſen? O, Robert!“ Worte ſind nicht immer die beſten und klügſten Be⸗ weisführer. Seine„kleine Frau“ ſchmiegte ſich inniger an ihn, und er drückte ſie mit krampfhafter Heftigkeit an ſeine Bruſt. 220 „Hilary, o, Hilary! wie vermochteſt Du es, mich ſo tief zu verwunden!“ Und ſtatt der Erörterungen ſchwebte ein langes, tie⸗ fes Schweigen im Zimmer, das Schweigen unendlich⸗ ſter Liebe. „Robert, darf ich jetzt ſprechen?“ „Ja, beginne Deine Predigt, mein kleines Ge⸗ wiſſen.“ „Ich will nicht predigen, und es iſt auch nicht nur eine Gewiſſensſache“, entgegnete ſie mit ſüßem Lächeln. „Du möchteſt gewiß nicht hören, daß ich Johanna nicht liebte?“ „Sicher nicht, ich habe ſie ſelbſt ſehr lieb, aber Du biſt mir natürlich viel mehr. Dem Anſcheine nach ſtehe ich Dir nicht höher als ſie, was auch vielleicht in der Natur begründet ſein mag.“ „Robert!!“ Zuweilen iſt ein fröhliches Lachen beſſer als ein Vorwurf, und es giebt noch etwas, das hier nicht näher erklärt zu werden braucht, was noch ſicherer und erfolg⸗ reicher als Beides iſt. Vielleicht verſuchte Hilary dies Erperiment, und nahm dann wieder ihr Thema auf. „Lieber Robert, verſetze Dich an meine Stelle, und verſuche dann für mich zu denken und zu entſcheiden. Ich bin ſeit dreißig Jahren Johanna's Kind geweſen, keine Mutter konnte mehr an ihrer Tochter thun, als ſie an mir gethan hat all mein Lebelang. Jetzt bin ich ihre Stütze, ſie vermöchte nicht gut ohne mich zu be⸗ ſtehen. Ihre Geſundheit iſt ſehr ſchwach; wer weiß ob ihre Tage nicht ſchon gezählt ſind. Wenn ſie mich verlöre, — —— 221 wenn ich weit fort von ihr ginge, würde ſie ſich ſehr elend fühlen und ſchwerlich jene drei Jahre bis zu unſerer Zurückkunft leben. Sollen wir ſie früher dem Grabe zuführen, um unſeres Glückes willen— das mſt⸗ Du nicht wollen?“ „Nein.“ „Bei all ſolchen Fällen, in denen nicht alle Pflich⸗ ten zu vereinigen ſind, muß ein Theil leiden, es fragt ſich nun, wer dies am beſten kann. Sie iſt alt und ſehr ſchwächlich— wir ſind jung und geſund, ſie ſteht allein, wir ſind zu Zweien; in ihrem ganzen Leben hat ſie kein Glück gekannt, als vielleicht durch mich, durch meine Liebe, meine Nähe— und wir, wir ſind ſo na⸗ menlos glückſelig! Robert, ich meine, wir können eher Schmerz ertragen, als die arme Johanna!“ „Du kleiner Jeſuit!“ erwiderte er, doch die edlere Natur des Menſchen war in ihm berührt, und der Aerger ſchwand mehr und mehr. „Denke, es iſt ja nur noch eine kurze Zeit, nur drei Jahre werden wir getrennt ſein.“ „Und wie kann ich dieſe drei Jahre ohne Dich leben?“ „Ja, das vermagſt Du, Robert.“ Sie ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und blickte ihm feſt in die Augen: „Du weißt ich bin Dein, Dein eigen, ein Theil Deines Selbſt, wenn Du von mir gehſt, dann wird es ſein, als ob ein Stück meines eigenen Ich ſich von mir loslöſte, und trotzdem kann und will ich es tragen, eher als daß ich etwas thäte oder es Dich thun ließe, was nicht recht und brav iſt.“ Robert Lyon war kein Mann von vielen Worten, doch er beſaß die ſeltene Fähigkeit, eine Sache klar und richtig zu ſehen und zu begreifen, und jede nähere Be⸗ ziehung zu ſich ſelbſt davon fern zu halten, auch ver⸗ mochte er ſeine Anſicht verſtändlich auszudrücken. „Mir ſcheint, Hilary, daß dies keine Frage über ab⸗ ſtractes Recht und Unrecht iſt, mindeſtens ließen ſich ebenſo viel Gründe gegen Deine Auffaſſung als für die meine auffinden. Es iſt nur eine perſönliche Gewiſſens⸗ ſache. Beide Dinge ſind nicht immer identiſch, obwohl ſie Anfangs ſo ausſehen, aber ſie führen zu demſelben Reſultat.“ „Und dies iſt—“ „Wenn meine kleine Hilary es für recht hält ſo zu 3 handeln, ſo darf ich ſie nicht daran hindern. Und möge dies ein Geſetz in unſerer Ehe ſein, wenn wir nämlich je dieſes glückliche Ziel erreichen“, ſagte er mit einem tiefen Seufzer,„daß, wenn wir in unſeren Anſichten nicht übereinſtimmen, Jeder des Anderen Ueberzeugung reſpectiren muß, und im höchſten edelſten Sinne recht thue, indem er jenem geſtatte nach ſeinem Gewiſſen zu handeln.“ „Mein Robert, wie gut Du biſt!“ Nach einer Stunde, als Johanna wiederkehrte, grüßten ſie frohe Geſichter, und ſie erfuhr nie, wie viel Beide ihrem Wohle zum Opfer gebracht hatten. Noch einmal, als ſie das Zimmer verließ, kam Robert auf das ernſte Thema zuvück, um einen Ausweg, eine Vermittelung vor⸗ zuſchlagen. Hierauf wollte Hilary aber durchaus nicht hören. 223 Nicht daß ſie an ihm zweifelte— doch an ſich ſelbſt. Sie fühlte es an dem Schmerz— der wie mit eiskal⸗ ter Hand an ihr Herz griff, als ſie jetzt von ſeinem treuen Arm umfaßt, an die Zeit dachte, da ſie ſeine be⸗ ſeligende Nähe nicht mehr haben würde— daß, nach⸗ dem ſie drei Monate Robert's glückliche Gattin gewe⸗ ſen ſein würde, es für ſie eine baare Unmöglichkeit wäre, ihn allein nach Indien gehen zu laſſen. Die Monate flogen dahin, ſie wurden zu Wochen, zu Tagen. Ich will nicht zu lange bei dieſer Zeit weilen. Jetzt, wo die Enden der Erde näher zuſammengerückt ſind, wo jeder Familie faſt ein theures Glied jenſeits des Meeres lebt, iſt ein Schmerz wie Hilary's etwas ſo Allgemeines geworden, daß faſt Jeder ihn verſtehen wird und vielleicht ſelbſt empfunden hat. Wie bitter dieſe Trennungen ſind! Und da ſie oft die kurze Spanne Zeit des menſchlichen Lebens noch um Vieles abkürzen, ob ſie da, wenn nicht die äußerſte Nothwendigkeit ſie gebietet, eigentlich entſchuldbar ſind, das iſt eine ſchwer zu löſende Frage! Hier erforderte die dringendſte Nothwendigkeit das Scheiden. Robert Lyon's Stellung zu„unſerer Firma“ — zu der er ſich als zugehörend betrachtete, mit jenem gerechten Stolz des Mannes, der ſeinen Weg zur Wohl⸗ habenheit ſich mühſam angebahnt hat— war eine ſolche, daß er nicht, ohne ſeine zukünftigen Ausſichten zu opfern, es abſchlagen konnte nach Bombay zurückzukehren; und noch mehr als das, es war ein Ehrenpunkt, daß er dort im Geſchäfte blieb, bis der Sohn ſeines Partners, jener junge Mann, den er im Hindoſtaniſchen unterrichtet und 224 bei einem gefährlichen Fieber vor Jahren gepflegt hatte, fähig ſei, ſeinen Platz in Indien einzunehmen. „Natürlich könnten zufällige Umſtände eintreten“, ſagte er, ſich an Hilary und Johanna wendend,„die meine Rückkehr vor Ablauf der drei Jahre möglich mach⸗ ten; doch nicht von mir dürfte dies ausgehen, ich muß ausharren und meine Pflicht dort erfüllen.“ „Ja, das mußt Du“, erwiderte Hilary mit einem leuchtenden Strahl in ihren Augen. O, wie hoch ſie ihn achtete, weil die Triebfeder ſeines ganzen Lebens die Pflicht, vor Allem die Pflicht war! Johanna that keine weiteren Fragen. Einmal hatte ſie mit zitternder Stimme und kaum zu bewältigender Unruhe ſich erkundigt, ob Robert ihr Kind mit nach Indien nehmen werde, doch Hilary küßte ſie lächelnd und erwiderte:„Nein, das iſt ganz unmöglich.“ Und ſpäter wurde das Geſpräch nie wieder aufgenommen. So gingen dieſe beiden Liebenden, kräftig und mu⸗ thig aufrecht erhalten durch das Bewußtſein der Pflicht⸗ erfüllung, dem letzten Tage ihres Zuſammenſeins ent⸗ gegen. 6 Es war faſt ein ſo ſtiller, ruhiger Tag wie jener nie zu vergeſſende Sonntag in Stowbury.„Am Morgen unternahmen ſie einen langen Spaziergang, bei welchem Robert Hilary zwang in das zu willigen, was ſie bis jetzt ſo ſtandhaft verweigert hatte, nämlich ihn für ſie und die Schweſter ſo ſorgen zu laſſen, daß ſie, ohne für für tägliches Brot zu arbeiten, gemächlich und ange⸗ nehm leben könnten. „Biſt Du beſchämt, daß ich mir meinen Lebensun⸗ 225 terhalt verdient habe?“ fragte ſie zwiſchen Lächeln und Thränen.„Zuweilen fürchtete ich, Du würdeſt geringer von mir denken, weil die Verhältniſſe mich zu einer un⸗ abhängigen Frau machten, die ſich allein eine Exiſtenz ſchaffte. Hatte ich Recht?“ Nein, mein Kleinod. Ich bin ſtolz auf Dich. Doch jetzt darfſt Du nicht mehr arbeiten. Johanna ſagt ganz richtig, der Broterwerb kommt dem Manne und nicht der Frau zu. Ich erlaube es nicht ferner.“„ Wenn er in dieſem beſtimmten Tone ſprach, fügte Hilary ſich ſtets. Während er nun mit ihr alle die geſchäftlichen Ver⸗ hältniſſe zwiſchen ihnen ordnete— und um ſie mehr dafür zu ſtimmen, was, wie er ſagte, nur ein früheres Ausüben ſeiner Rechte und Pflichten ſei— erzählte er ihr, daß, ehe er vor ſieben Jahren zum erſten Male England verließ, er ſein Teſtament gemacht und ſie zur alleinigen Erbin eingeſetzt habe, ſelbſt wenn ſie nie ver⸗ heirathet wären, ihr alle Rechte ſeiner Frau einräumend. „Dies Actenſtück exiſtirt noch und hat Kraft, ſo daß Du auf alle Fälle geſichert biſt. Ob ich lebe oder ſterbe, nie wieder kann Armuth meine Hilary befallen.“ Seine Hilary— ſein eigen. Das tiefe Empfinden dieſer Seligkeit nahm dem Scheiden den Stachel, und gab ihr bis zur letzten Minute— als ſie feſt, feſt an ſeinem Herzen lag, kaum wiſſend, ob es ein Augenblick oder ein halbes Leben ſei, die ſie in dieſem Glück und dieſer QOual verlebte— das Gefühl, als könne er nicht von ihr gehen, als müſſe er, wie von ſeinen früheren, kurzen Reiſen nach Liverpool, bald wieder zurückkehren. 15 Herrin und Dienerin. II. 226 Als er wirklich fort war, als— während ſie mit ſtarren, thränenloſen Augen auf die geſchloſſene Thür blickte— Johanna ſie ſanft berührte, leiſe flüſternd: „Mein Kind, mein theures Kind!“ da wußte und begriff Hilary erſt Alles. Die nächſten vierundzwanzig Stunden können nicht beſchrieben werden. Die meiſten Menſchen haben wohl ſolchen oder einen ähnlichen Trennungsſchmerz erlitten, ſie wiſſen was es in ſich ſchließt, das geliebte Antlitz im Hauſe zu vermiſſen, das Leben ſeines Herzens erſtorben zu fühlen. Man kommt und geht, ißt und ſchläft und findet, daß Alles iſt wie zuvor, und nach und nach erkennt man, daß es ebenſo ſein müſſe, trotz des furcht⸗ baren Verluſtes, der vielleicht dem trauernden Herzen nie zurückgegeben wird— nie. Wer es empfunden hat, was es heißt, die zurückgebliebenen Gegenſtände des Ge⸗ ſchiedenen zu ſehen, Kleinigkeiten vielleicht, einen vergeſſenen Handſchuh, ein Buch, ein Streifchen Papier mit ſeiner Schrift, die man geſtern kaum beachtet hätte, die aber heute heilige Reliquien ſind, der wird Hilary beſſer ver⸗ ſtehen. Und zu Zeiten bricht dann durch die Stille und Ruhe, welche angenommen werden muß, das wilde, grimme Weh, das heiße Sehnen nach einem Wort noch, einem Kuß— nach einem Paar Minuten des nie zu ver⸗ geſſenden vorigen Tages. Hunderte haben dies durchgemacht, und auch Hilary erlag nicht. Sie ſagte ſpäter, es ſei gut geweſen, daß ſie den bitteren Kelch gekoſtet, es habe ſie gelehrt, mit Andeven ſo zu fühlen, wie ſie es früher nicht vermocht hätte. Auch war es heilſam, daß ſie es an ſich ſelbſt lernte, —,— —— 227 wie ſolcher Schmerz getragen werden kann, ohne daß das Herz bricht, wenn die Hülfe da geſucht wird, wo allein die wahre Stütze zu finden iſt; und von woher— wenn die eigenen Troſt⸗ und Vernunftgründe nicht mehr aus⸗ reichen, und die, welche ſich beſtreben recht zu thun, un⸗ bekümmert um die Folgen, doch endlich von dem Leide übermannt in bittere Klagen ausbrechen— der kindliche Glaube ihnen wieder ins Herz gegoſſen wird und zur Hülfe kommt. Denn mögen wir alle Philoſophie der Welt unſer nennen, wenn dieſe furchtbaren Qualen des Schmerzes uns erfaſſen, was ſind wir dann mehr als hülfloſe Kinder? Wir wiſſen nicht einmal, was der nächſte Tag bringen mag. All unſere Weisheit ſpäterer Jahre ſchließt das einfache Lied, welches wir in unſerer Kindheit lernten, ein: „Befiehl Du Deine Wege, Und was Dein Herze kränkt, Der allertreuſten Pflege Des, der den Himmel lenkt; Der Wolken Luft und Winden Giebt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Wo Dein Fuß gehen kann. Auf, auf, gieb Deinen Schmerzen Und Sorgen gute Nacht, Laß fahren was die Herzen Betrübt und traurig macht; iſt Du doch nicht Regente, Der Alles führen ſoll, Gott ſitzt im Regimente Und führet Alles wohl.“ 228 Am nächſten Abend nach Robert Lyon's Abreiſe ſaßen die Schweſtern in ihrem kleinen Wohnzimmer. Hilarh hatte einen langen Brief an Fräulein Balquidder geſchrieben, ihr erklärend, daß ſie ihre Stelle im Ge⸗ ſchäfte zu Gunſten einer der anderen jungen Damen, denen es ein gleicher Segen ſein würde, niederlege. Dennoch hoffe ſie, Fräulein Balquidder in irgend einer Art, welche dieſe beſtimmen möge, nützlich ſein zu kön⸗ nen und ihr beizuſtehen bei ihren vielen Unternehmen. Sie wünſche ihre Dankbarkeit für ihr glückliches Erret⸗ tetſein aus den Waſſern der Trübſal dadurch zu bewei⸗ ſen, daß ſie denen helfe, welche noch mit den Wellen kämpften; und ſo weit es in ihrer Macht liege, würde ſie gern ihrer Wohlthäterin„rechte Hand“ bleiben, bis Robert Lyon wiederkäme, ſie als ſein Weib heimzu⸗ führen. Dieſen Brief hatte ſie Johanna vorgeleſen, deren ſchwaches Augenlicht jede Arbeit bei Abend verbot; und dann ſetzte ſie ſich neben ihre Schweſter, in Schweigen verharrend. Hilary fühlte ſich unendlich matt und er⸗ ſchöpft, doch ruhig jetzt. „Wir müſſen früh zu Bett gehen, Johanna.“ „Ja, mein Kind.“ Und die älteſte Schweſter ſtreichelte ihr ſchönes Haar in der gewohnten ſanften Art; ſie verſuchte nicht, Hilary zu tröſten, nur ſie noch inniger zu lieben, was ſtets der beſte Troſt iſt. Und Hilarh war z ſie nie, ſelbſt in ihrem heftigſten Schmerze, das Geheimniß ver⸗ rathen hatte, deſſen Entdeckung ihrer Schweſter Leben elend gemacht haben würde; das vielleicht die dreißig —,—— ——— Jahre innigſter Zuneigung zwiſchen ihnen ausgelöſcht hätte, indem die neue Liebe den Sieg über die ältere davontrug, und eine dunkle Wolke ſich zwiſchen ſie legte, die erſt mit Johanna's vielleicht nicht fernem Tode wie⸗ der entfloh. „Nein, nein“, dachte Hilary, als ſie auf das ein⸗ gefallene, müde Antlitz der Schweſter blickte, das ſchon durch die Angſt, mit der ſie in der letzten Woche Hilary beobachtet hatte, noch bleicher und älter ausſah,„nein, es iſt gut, wie es iſt, ich bin überzeugt, ich handelte recht. Das Ende wird es zeigen.“ Das Ende war näher, als ſie dachte. Zuweilen— nicht oft, denn die Selbſtaufopferung würde weniger groß und heilig ſein— nimmt die Vorſehung den Wil⸗ len für die That, und das Handeln wird uns erſpart. Plötzlich erſchallte ein Pochen an die Hausthür. „Es ſind die jungen Mädchen“, ſagte Johanna. „Nein“, rief Hilary aufſpringend,„ſo klopfen ſie nicht, es iſt—“ Der Satz ward nicht beendet, ſchluchzend lag ſie in Robert's Armen. „Was bedeutet dies Alles?“ fragte Johanna ganz verwirrt, doch zum erſten Male beachtete ſie Keiner. Einer jener ſeltſamen Zufülle, wie wir ſolche Schickun⸗ gen zu nennen pflegen, hatte unvermuthet die ganze Ge⸗ ſtalt der Dinge geändert. Der älteſte Chef der Hand⸗ lung war plötzlich geſtorben, und da ſein Sohn noch nicht fähig war ſeinen Platz in dem Hauſe in Liverpool einzunehmen, ſo mußte er nun an Robert Lyon's Statt 230 nach Indien gehen, während dieſer als einer der erſten Principale jetzt für immer in England blieb. Dieſe Nachrichten trafen ihn in Southampton, einige Stunden vor Abgang des Schiffes. Es war kein Mo⸗ ment zu verlieren, er reiſte gleich nach Liverpool, dort die nöthigſten Anordnungen zu treffen, und kehrte dann, Tag und Nacht fahrend, nach London zurück, ſelbſt der Ueberbringer der frohen Kunde zu ſein. Bielleicht lag auch in ſeiner Seele verborgen der Wunſch, ſo plötzlich und unvermuthet zurückzukommen, zu ſehen, ob es wahr ſei, was man oft behauptet: wenn die Todten und die Abweſenden wiederkehren könnten, würden ſie oft Alles verändert und ihren Platz im Hauſe beſetzt finden, kein freundliches Willkommen würde ſie grüßen, kein Herz dem Herzen entgegenjauchzen. Nun, wenn Robert trüben Ahnungen Raum gege⸗ ben— und ein Mann, der liebt, iſt nicht immer ganz vernünftig— ſie waren verweht. „Biſt Du glücklich, mich wieder zu haben?“ war Alles was er ſagte; ſelbſt dann, als Johanna, rückſichts⸗ voll wie immer, verſchwunden war, und er ſo viel reden konnte, als es ihm beliebte, ſprach er nicht mehr. Hilary's Antwort war ein Blick, ein Lächeln. Er hob ihr ſüßes Antlitz empor, das nicht mehr ſo jung und ſchön wie früher, doch ſo unendlich lieblich war; von jener Holdſeligkeit, welche die Schönheit ver⸗ dunkelt und überlebt; ein Angeſicht, das ein Mann Jahr aus Jahr ein anſchauen kann, ohne ſeiner überdrüſſig zu werden, weil ſein Ausdruck ſo unendlich liebevoll, treu und wahr iſt. Und er wußte, daß es ſeines Weibes Antliz ——— ———— 231 ſei, welches ihm den heimathlichen Herd ſchmücken würde Tag für Tag, bis ſeine Blüthe ſchwände mit dem kommenden Alter, es aber ſelbſt dann gleich geliebt und ſchön für ihn ſein würde. Die ſtarke, kräftige Natur des feſten Mannes erlag ſeiner tiefen Bewegung, gleich einem Kinde weinte er am Herzen ſeiner„kleinen Frau“ Hier wollen wir ſie verlaſſen an dem friedlichen hellen Kaminfeuer die beiden Glücklichen, die nun bald am eigenen traulichen Herde ſitzen werden. Von ihren ſpäteren Schickſalen wiſſen wir nichts— auch ihnen ſind ſie verborgen— nur das Eine iſt gewiß und es iſt der Freude genug hier auf Erden, daß, was ſie auch trifft, zuſammen getragen wird. Sie ſind bei einander, immer vereint in des Lebens wechſelnden Geſtalten, den Schmerz zu theilen, daß er ſich beſſer überwinde, das Glück doppelt zu genießen, weil es ja Beiden erblüht. Immer zuſammen, in Sturm und Sonnenſchein; ſich liebend, ſich tröſtend und veredelnd; der Mann des Wei⸗ bes Kopf, die Frau des Mannes Herz. So iſt es Got⸗ tes Verordnung und Wille; dies iſt die Vollkommenheit der Liebe, die Vollendung des Lebens, nicht weniger voll⸗ kommen, weil man Beides ſo ſelten findet. So laßt uns Abſchied von ihnen nehmen, denn wir werden ſie nicht wiederſehen. „Lebt wohl, Robert Lyon und Hilary Leaf! Fahrt wohl, Gott ſei mit Euch!“ Swölftes Bapitel. Eliſabeth ſtand in dem Kinderzimmer am Fenſter, dem kleinen Henry zu zeigen, wie Flieder und Goldregen auf dem Platze vor dem Hauſe knospeten und die blauen und goldigen Aeuglein öffneten. Dabei pflogen ſie die wichtige Berathung, ob die Sperlinge, welche ſie den ganzen Winter über mit Broſamen gefüttert hatten, wohl in den hohen Bäumen vor ihrem Hauſe niſten würden, denn Eliſabeth verſuchte ihren Liebling ſtets auf die Natur aufmerkſam zu machen und ihn mit Geſchich⸗ ten daraus zu unterhalten, bei ihrer großen Abneigung gegen London von dem Wunſche beſeelt, er möge ein „echtes Landkind“ werden. Der junge Herr Henry Leaf Askott war jetzt ein hübſcher, für ſein Alter großer und ſtarker Knabe, der mit flinken Füßchen einhertrippelte und ganz deutlich „Mammy Lisbeth“ und auch„Pa— pa“ ſagte, was ihn ſeine gewiſſenhafte Wärterin zuerſt gelehrt hatte. Als der Vater zum erſten Male den ſüßen Laut von ſeines Kindes Lippen hörte, war er ſehr erſtaunt, dann — 233 erfreut, und jetzt hätte er ungern wieder die liebe Be⸗ nennung vermißt. Eine neue Aera war in Peter Askott's Leben ange⸗ brochen. Im Anfange ſchickte er zwei Mal die Woche, zuletzt täglich nach dem„jungen Herrn Askott“, damit er ihm bei ſeinem einſamen Deſſert Geſellſchaft leiſte; ja er verlegte ſogar ſein Mittagsmahl von halb ſieben auf fünf Uhr, weil Eliſabeth, bereit, dem Wohle des Kindes jedes Opfer zu bringen, ihrem Herrn beſcheiden, aber feſt erklärt hatte, ein ſo ſpätes Aufbleiben ſei dem kleinen Henry ſchädlich. Der Vater entſagte ſeinem Portwein und ſeinem Nachmittagsſchlaf, um ſtatt deſſen Waſſerlilien und Schmetterlinge aus Orangen und kleine Schiffchen aus Nußſchalen zu machen, natürlich zur Be⸗ luſtigung ſeines Knaben. Gewöhnlich, wenn Eliſabeth, pünktlich auf die Minute, um halb ſieben Uhr erſchien, hörte ſie Vater und Sohn in der fröhlichſten Weiſe miteinander lachen, obgleich die Weinflaſchen am alten Platz ſtanden und die gefüllten Gläſer unberührt waren. Ja, der Haushofmeiſter erzählte, daß ſelbſt, nachdem das Kind gegangen war, ſein Herr entweder ruhig die Zeitungen las und dabei ſeinen Thee trank, oder bis zum Zubettgehen ein Schläfchen am Kaminfeuer machte. Ich will durchaus nicht behaupten, daß Peter Askott ſich wunderbar verändert hatte, ſolche Umwandlungen geſchehen ſelten, am wenigſten in vorgerücktem Alter. In ſeinem Aeußeren war er noch immer der prahlende, ſich überhebende, unfeine Mann, mit dem ſein Sohn in ſpäteren Jahren vielleicht einen ſchweren Stand haben würde. Aber trotzdem hatte das Kind ſein Herz erweicht, 234 die Stelle darin berührt, welche in ſeiner Jugend durch die Schönheit von Selina Leaf getroffen wurde; und Peter Askott war jetzt ein beſſerer Mann als früher. Mit ein Wenig Klugheit mochte es fortan wohl mit ihm auszukommen ſein. Wenigſtens hoffte dies Eliſabeth um ſeines Sohnes willen, und obgleich ſie ihn nicht ſehr gut leiden konnte, ſo verſuchte ſie doch, ihre Antipathie, ſo viel es ihr möglich war, zu überwinden. Sie behandelte Herrn Askott ſtets mit der größten Achtung und lehrte Henry ebenſo zu thun. Und wie es ſo oft geſchieht, ſo benahm ſich der Hausherr mehr und mehr in einer Art, welche auch Achtung verdiente. Er hörte auf zu fluchen und zu ſchwören, und ward ſowohl in ſeinen Manieren, als in ſeiner Sprache gebildeter; ſeine Ausbrüche leiden⸗ ſchaftlicher Heftigkeit wurden immer ſeltener, und die Bedienten erzählten, daß ihr Herr jetzt faſt nie mehr „angeſäuſelt“ zu Bett gehe. Gegen die ganze Diener⸗ ſchaft, aber beſonders zu der Pflegerin ſeines Sohnes, benahm er ſich jetzt mehr als Herr, denn als Tyrann, ſo daß der Haushalt in einer ſo viel ſtilleren und friedlicheren Weiſe als früher ſeinen regelmäßigen Gang ging. Man ſprach nicht davon, daß das Haus eine neue Herrin bekommen werde; es ſchien, als ob Peter Askott an ſeiner erſten Heirath genug gehabt habe. Von ſeiner verſtorbenen Gattin redete er nie, ob er ſie geliebt hatte oder nicht, ob er ihren Verluſt ſchmerzlich empfand, er⸗ fuhr Niemand, dennoch hatte es den Anſchein, als ſei Liebe und Leid beendet. 235 Arme Selina! Nur Eliſabeth in ihrer Gewiſſen⸗ haftigkeit hielt es für eine heilige Pflicht, mit dem kleinen Henry von„ſeiner Mama“ zu ſprechen, die oben in dem blauen Himmel bei Gott ſei, und ſie er⸗ zählte ihm, wie ſie ihn„ihr Kind“ auf das Zärtlichſte geliebt habe. Dieſe Liebe— das ſchönſte Gefühl, wel⸗ ches Selina's Herz gekannt hatte— war das Einzige, was nach ihrem Tode zurückblieb, die einzige Erinne⸗ rung, die ſie ihrem Sohne hinterließ. Der kleine Henry glich weder ihr noch ſeinem Vater. Vielleicht hatte er mit längſt verſtorbenen Gliedern aus beiden Familien Aehnlichkeit; und wenn auch Jeder ihn ein hübſches Kind nennen mußte, ſo war er für Eliſa⸗ beth eine Verkörperung von Schönheit, Holdſeligkeit und kindlich bezaubernder Anmuth. Er erfüllte ihr ganzes Herz, ſie lebte nur für ihn und fühlte ſich von Tag zu Tag zufriedener. Sie wurde ſtark, blühend und heiter, ſo heiter und wohlgemuth, daß ſie mit Ruhe das Schei⸗ den von Hilary ertrug, die in ſtrahlender Glückſeligkeit als Frau Robert Lyon nach Luverpool überſiedelte, von Johanna begleitet, welche fortan bei den Neuvermählten leben ſollte. So zerfloſſen Eliſabeth's beiden Jugend⸗ träume, ohne ſich zu erfüllen, ſie zog weder mit ihrem angebeteten Fräulein Hilary, noch pflegte ſie Johanna bis zu ihrem Tode, ja es war ſogar ſehr wahrſchein⸗ lich, daß ſie fortan wenig mehr zuſammentreffen wür⸗ den. Aber ihre Herrinnen hatten an ihr viel des Guten gethan, das ihnen und ihr reichliche Früchte gebracht und noch bringen würde. „Ich weiß, Du wirſt das Kind wohl in Obhut 236 nehmen— es iſt die Hoffnung der Familie“, ſagte Johanna, als ſie dem Knaben den letzten Kuß gab. „Es würde mir unmöglich ſein, ihn zu verlaſſen, wenn ich nicht wüßte, daß er bei Dir gut aufgehoben iſt.“ Eliſabeth hatte ihren— Liebling voll Stolz in ihre Arme genommen; wiſſend, daß man volles Vertrauen in ſie ſetzte, gelobte ſie ſich dieſes auch immer zu ver⸗ dienen. Auch ein anderer Traum ſpäterer Jahre war aus⸗ geträumt, aber ſo vollſtändig, daß ſie zuweilen ſich hätte fragen mögen, ob jene Zeit wirklich exiſtirt habe, ob ſie auch jemals ein junges, glückliches Mädchen war, das, wie ihre Mitſchweſtern an Liebe und Heirath gedacht hatte, oder ob ſie nicht ſchon immer die ältliche, geſetzte Perſon geweſen, der Niemand zutraute, ſie könne je ſolche Gedanken gehabt haben. Einmal war ſie nach ihrer Heimath gereiſt, um ihrer Mutter durch ihre Mittel ein ſorgenfreies Leben zu verſchaffen. Einen Bruder hatte ſie in die Lehre ge⸗ bracht, eine Schweſter verheirathet, während die jüngere nach Liverpool geſchickt wurde, um bei Frau Lyon in Dienſt zu treten; und alle hatten Eliſabeth als ihre Wohlthäterin geſegnet. Als ſie in Stowbury war, hörte ſie zufällig von Tom Cliffe, der auf der Durchreiſe die Stadt berührt und auch dort als Chartiſten Vorleſer oder Redner aufgetreten war. Seine hübſche, ſtets ſehr geputzte Frau hatte ihn natürlich begleitet, doch ſollte ſie ſehr geringſchätzend auf Tom's Geburtsort geblickt haben. Mehr erfuhr Eliſabeth nicht. Das Andenken an Beide war durch das hoöchſte Glück und den bitterſten 237 Schmerz bezeichnet, aber es war mehr und mehr ihrer Erinnerung entſchwunden. Wie ein Traum lag jene Zeit hinter ihr. Vielleicht erſcheint am letzten Tage uns das ganze Leben auch als nichts Anderes. Dennoch war Eliſabeth's kurze Herzensgeſchichte noch nicht beendet. Eines Morgens, als ſie mit Henry von ihrem Spa⸗ ziergange kam, einen Zweig eben erblühenden Flieders in der Hand haltend, gab der Poſtbote ihr auf der Treppe einen Brief, deſſen Aufſchrift ſie erbeben ließ, als ſei es ein Zeichen aus dem Grabe heraus. „Mammy Liesbeth, meine ſute Liesbeth!“ rief der kleine Henry, ſie am Kleide zupfend, und zum erſten Male hörte ſeine treue Wärterin nicht auf ihn. Heftig zitternd ſtand ſie auf der Haustreppe; endlich ſteckte ſie den Brief in ihre Taſche, nahm den Knaben auf den Arm und trug ihn in die Kinderſtube. Erſt nachdem ſie ihn, wie immer, zum Mittagsſchlaf niedergelegt, erſt dann las ſie die wenigen Zeilen, welches auf grobes Papier und mit zitternder Hand geſchrieben, doch unver⸗ kennbar von Tom waren. „Liebe Eliſabeth!— Mir ſteht nicht das Recht zu, Dich um irgend eine Gefälligkeit zu bitten, doch wenn Du einen alten Freund noch einmal im Leben ſehen willſt, ſo würde ich mich freuen, Du kämſt zu mir. Ich zögerte lange, dieſen Wunſch auszuſprechen, aus Furcht, Du möchteſt glauben, ich wolle etwas von Dir haben, denn ich bin ſo arm wie eine Kirchenmaus, und Dir ſcheint es wohl und glücklich zu gehen, wenigſtens ſpricht Dein Ausſehen dafür. Ich ſah Dich neulich, 238 Eliſabeth, und als ich noch den gütigen Ausdruck von ſonſt in Deinem Geſichte fand, da verlangte es mich mehr als je, einen freundlichen Blick von Dir zu empfangen, ehe ich dahin gehe, wo man keiner Güte mehr bedarf. Doch handle wie es Dir am beſten ſcheint. Dein treuergebener T. Cliffe. Unten ſteht meine Adreſſe. Die angeführte Adreſſe bezeichnete eine ganz elende, erbärmliche Sackgaſſe in Weſtminſter, welche jetzt durch die Victoria⸗Straße längſt fortgeriſſen und verſchwunden iſt. Wie tief mußte Tom geſunken ſein, um an einem ſolchen Ort, dem Schlupfwinkel von Armuth und Laſter zu wohnen. Eliſabeth hatte zufällig von jenem Hauſe geleſen, einem der armſeligſten und verfallenſten, weil ſeiner in den Aufforderungen zu wohlthätigen Samm⸗ lungen gedacht war, die täglich an den reichen Herrn Askott kamen, und die er dann nach der Küche ſchickte, um Feuer damit anzuzünden. Wie mußte Tom geſunken ſein, um dahin zu gerathen! Sein Brief war ein Ruf aus der Tiefe eines Abgrundes, und die Stimme ge⸗ hörte dem Freunde ihrer Jugend, ihrer erſten einzigen Liebe. Iſt je eine Frau taub dafür? Die Liebe jener Zeit mag geſtorben ſein, manche erſte Liebe ſtirbt dahin, ein beſſeres, edleres Gefühl kann ihre Stelle eingenommen haben, aber es wäre etwas Unnatürliches, ſowohl bei dem Weibe als dem Manne, wenn ſie jemals den Morgen⸗ 5 239 thau ihrer Jugend— ihr erſtes ſchönes Erwachen zum Leben ganz vergäßen. „Armer, armer Tom!“ ſeufzte Eliſabeth.„Mein eigener geliebter Tom!“ Sie vergaß Eſther's, entweder weil Tom ihrer nicht erwähnte, oder weil ſein Brief ſie ſo ganz in die alten Zeiten verſetzte, daß ſie für den Augenblick keine Ahnung von Eſther's Exiſtenz hatte. Und als die Erinnerung an ſie zurückkehrte, machte es wenig Unterſchied. Ihre Eiferſucht, Abneigung und Verachtung waren beſänftigt, ſie fühlte, ſie könne Tom's Frau ohne jede Unruhe jetzt ſehen, um ſo mehr, wenn, wie der Brief andeutete, Beide in ſo tiefem Elende waren. Vielleicht hatte Eſther ihn zum Schreiben veranlaßt, vielleicht wollte ſie— Tom gewiß nicht— etwas von Eliſabeth Hand haben, denn dieſe war bekannt, ein ſehr hohes Lohn zu erhalten und eine nicht unvermögende Perſon zu ſein. Doch gleichviel, ſelbſt für den Fall änderte es nichts. Das eine wichtige Factum ſtand feſt: Tom war in Noth und verlangte nach ihr, ſie mußte zu ihm gehen. Ihre einzige freie Zeit war Abends, wenn Henry ſchlief. Die dazwiſchen liegenden Stunden, beſonders die, als der Knabe unten bei ſeinem Vater war, be⸗ ruhigten ſie und milderten ihre Aufregung, welche die Erinnerungen an Einſt hervorgerufen, indem ſie an die längſt verſchloſſene Thür ihres Herzens klopften. Als ihr Liebling zurückkam, lachend und ſpringend und aller⸗ lei luſtige Streiche beim Zubettgehen ſpielte, da konnte ſie auch lächeln. Und als er dann in ſeinem niedlichen, 240 weißen Nachtröckchen neben ihr knieete, einem kleinen Engel gleich, und das Gebet nachſprach, welches ſie für recht hielt, ihn ſchon zu lehren, ſelbſt wenn er den Sinn noch nicht verſtand, da trafen beſonders die Worte FSliſabeth's Herz:„Dein Wille geſchehe!“„Vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldi⸗ gern!“„Führ' uns nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe uns vom Uebel!“ „Mammy Liesbeth, meine ſute Wamh nis wei⸗ nen!“ Ja ſie weinte, aber die Thränen thaten ihr wohl. Sie küßte ihren kleinen Knaben, der in fünf Minuten ganz feſt ſchlief; dann vertauſchte ſie ihr gutes, ſeidenes Kleid mit einem einfachen Kattunrock, damit Niemand an dem gefährlichen, armſeligen Orte, nach welchem ſie ſich begab, die Goldſtücke vermuthete, die ſie in ihrer Taſche trug, um auf jede Art zur Hülfe bereit zu ſein. Nachdem ſie im Hauſe alle Vorſichtsmaßregeln getroffen, daß Henry in guter Obhut ſei, machte ſie ſich auf den Weg nach Tom's Wohnung. Sie fand dieſelbe noch dürftiger und elender, als ſie es erwartet hatte. Es war eine Bodenkammer, faſt ſo kahl und leer, wie wenn ſie eben erſt erbaut ſei. Kein Kamin, nicht einmal ein Roſt war vorhanden, das ein⸗ zige Möbel beſtand in einer Kiſte, die als Tiſch und Stuhl zugleich diente, und in einer Ecke lag ein Bündel Stroh, mit einem Laken darüber; doch ſauber und rein war ſowohl der Boden, als auch die Luft in der Stube; das ihm angeborene Feingefühl ſchien Tom bis zum Ende, ſelbſt in ſo ärmlicher Umgebung, nicht zu verlaſſen. —.— 241 Eliſabeth hatte Zeit, alle dieſe Beobachtungen anzu⸗ ſtellen, denn Tom war aus, nach der Apotheke gegangen, wie ſeine Wirthin ihr mittheilte. „Er iſt ſehr krank, Madame“, ſagte die Frau höf⸗ lich, wahrſcheinlich durch Eliſabeth's anſtändiges Aeußere und weil ſie in einer Droſchke gekommen war, zu be⸗ ſonderer Rückſicht geſtimmt.„Lange kann er's nicht mehr machen, und Gott mag wiſſen, wer ihn dann be⸗ graben ſoll.“ Mit dieſen Worten noch in ihren Ohren tönend, vernahm Elifabeth plötzlich einen kurzen Huſten und das ſchwere Athmen eines die Treppe Heraufkeuchenden. Tom trat ein. Ja, er ſelbſt, doch wie verändert. Alle Jugend war von ihm gewichen, in jeder Linie ſeines bleichen, hohlen Geſichtes ſtand der Tod geſchrie⸗ ben, ein frühzeitiger Tod, über den er einſt mit ſenti⸗ mentalem Vergnügen geſprochen und geſchwärmt hatte und der nun in ſchrecklichſter Wirklichkeit ihm nahete. Er befand ſich im letzten Stadium der Schwind⸗ ſucht. Die Krankheit war in ſeiner Familie erblich; Eliſabeth hatte es gewußt, als ſie noch mit ihm verlobt war und gehofft und geglaubt, wenn ſie ſeine Frau ſei, werde ihre liebende, nie endende Fürſorge ſein trauriges Schickſal von ihm abwenden, doch jetzt vermochte ihn nichts mehr zu retten. „Wer iſt hier?“ fragte er mit ſcharfer, hohler Stimme. „Tom, ich bin es— Eliſabeth. Setze Dich nieder, ſprich nicht, bis der Huſten vorüber iſt.“ Tom erfaßte ihre Hand, als ſie bei ihm ſtand, doch Herrin und Dienerin. II. 3 3 242 er verſuchte nicht, ihr ſeine Dankbarkeit auszudrücken. Er ſchien ſich zu krank zu jeder Erörterung zu fühlen. Sehr leidende Menſchen ſind ſtets in die traurige Gegen⸗ wart verſenkt, ſie beſchäftigen ſich ſelten mit der Ver⸗ gangenheit. Doch in der Weiſe, wie Tom ihre Hand feſt hielt, ſo bittend und hülfeſuchend, das rührte Eliſa⸗ beth's Herz tief. „Ich bin ſehr krank, wie Du ſelbſt ſiehſt. O, der furchtbare Huſten, er tödtet mich faſt, beſonders Nachts.“ „Haſt Du einen Arzt?“ „Der junge Mann aus der nächſten Apotheke be⸗ handelt mich. Er iſt ein lieber, guter Menſch, aus unſerer Gegend ſtammend, wie mir ſcheint, denn er fragte mich einſt, ob ich aus Stowbury ſei, und ſeitdem giebt er mir nicht nur die Arzneimittel umſonſt, er ſchenkte mir noch ab und zu eine Kleinigkeit, wenn er mich im Winter faſt erſtarrt vor Kälte ſah.“ „Tom, o, Tom, weshalb ſchriebſt Du mir nicht früher? Haſt Du wirklich ſchon Hunger gelitten?“ „Ja, ſchon oft. Seit einem Jahre bin ich krank und ohne Arbeit.“ „Wo aber iſt Eſther?“ „Wer?“ kreiſchte Tom. „Eſther, Deine Frau?“ „Meine Frau!! Ich habe keine. Sie verzehrte all mein Erworbenes, und als ich krank wurde, lief ſie mit einem reichen Burſchen davon. Verdammt ſei ſie!“ Die Wuth, mit der er ſprach, erſchütterte ſeine ganze, gebrechliche Geſtalt und führte einen neuen Huſtenanfall herbei, aus dem er nach und nach wieder zu ſich kam, ———— 243 doch ſo gänzlich erſchöpft war, daß Eliſabeth keine wei⸗ teren Erkundigungen anſtellen mochte. Es war erſicht⸗ lich, er mußte wie ein krankes Kind behandelt werden. Sie war ſchon mit ſich einig, was ſie thun wollte. „Lege Dich ſtill und ruhig nieder, Tom. Ich werde bald zurückkehren, um Dir Hülfe zu bringen. Du haſt doch nichts dawider?“ „Nein, nein, Du kannſt mich zu Allem beſtimmen, Du konnteſt es ſtets.“ Eliſabeth taſtete ſich die Treppen hinab. Eine wun⸗ derbare Kraft und Ruhe war über ſie gekommen. Schnelle Hülfe wurde nöthig, wenn nicht Alles zu ſpät ſein ſollte. Tom, ſterbend, hatte ſich an ſie, als ſeine einzige letzte Zuflucht, um Troſt und Unterſtützung gewandt, er zwei⸗ felte nicht an ihrem Willen noch an ihrer Macht, ihm zu helfen, und er ſollte ſich nicht verrechnet haben. Die Stärke, der Muth, welche oft die ruhigſten, ſanfteſten Frauennaturen erfüllen, belebten Eliſabeth auch jetzt und kräftigten ſie zum Handeln. Sie durchwanderte viele Straßen, ſich nach einer paſſenden Wohnung umzuſehen; immer weiter und weiter führte ſie ihr Weg, bis ſchon der Abend herabſank und die Kirchthürme ſich dunkel gegen den lichten Frühlings⸗ himmel abzeichneten. Dann ging ſie über die Weſtminſter⸗ brücke, und in einer kleinen Straße auf der Surreyſeite fand ſie, was ſie ſuchte— ein hübſches, anſtändiges Zimmer bei einer Frau, die dem Anſchein nach reinlich und ordentlich war. Da die Zeit drängte, wurden nicht viel Fragen gethan; Tom ſollte nicht noch eine Nacht in jener elenden Kammer bleiben. Sie bezahlte die Miethe auf eine Woche im Voraus, kaufte Feuermaterial, Lebensmittel und Alles, was ihm noch zu ſeiner Behaglichkeit in dem möblirten Zimmer fehlen konnte, und holte ihn dann in einer Droſchke nach der neuen Wohnung ab. Der Kranke fügte ſich in Alles; er ſchien kaum zu wiſſen, was ſie mit ihm vorhabe. Als ſie ſeine wenigen Kleidungsſtücke einpackte, entdeckte ſie den Grund ſeines halb bewußtloſen Zuſtandes, denn ſie fand darunter ein feſt zuſammengefaltetes Papier mit der Aufſchrift: „Opium“. „Nimm es mir nicht“, bat er klagend,„es iſt mein einziger Troſt!“ Als er ſich in dem hübſchen, behaglichen Zimmer befand, wo in dem Kamine das Feuer luſtig kniſterte und auf dem ſauber gedeckten Tiſch der Theekeſſel ſeine trauliche Weiſe ſummte, da ſchien er wie aus einem böſen Traume zur beſſeren Wirklichkeit zu erwachen. „Wie ſchön, wie comfortable iſt es hier, Eliſabeth!“ Ihr traten die Thränen in die Augen— doch ſüße Freudenthränen. Ob Speiſe und Trank Tom geſtärkt hatten, ob, wie es bei Schwindſüchtigen oft der Fall iſt, ein letztes, plötzliches Aufflackern des Lebens eingetreten war, er ſchien ſich jetzt viel wohler und kräftiger zu fühlen und fing an zu ſprechen, Eliſabeth von ſeiner langen Krank⸗ heit erzählend, wobei er immer von Reuem auf die Güte des jungen Proviſors zurückkam. „Ich bin überzeugt, er iſt ein Gentleman, obgleich er auch heruntergekommen zu ſein ſcheint; er ſagte erſt — neulich:«die Noth lehre Vieles und befreie den Men⸗ ſchen von mancher Thorheit.“ Ich glaube, er hat Recht, und wenn ich jemals wieder geſund werde, ſo will ich auch nicht mehr durch das Land reiſen und gegen die Hochgeborenen predigen. Sie ſind im Ganzen nicht ſchlechter als wir— unter ihnen giebt es auch Gute und Böſe, wie bei uns, ſie ſind vom ſelbigen Fleiſch und Blut, wie wir. Nicht wahr, Eliſabeth?“ „Das meine ich auch.“ „Und dann will ich noch etwas Anderes thun; ich will verſuchen, ſo gut wie Du zu werden. Wie manche Nacht, wenn ich auf meinem Strohbündel wach lag und zu ſterben glaubte, dachte ich an Dich und an Alles, was Du damals zu mir ſagteſt. Du biſt eine brave, gute Frau, Eliſabeth, eine beſſere gab es nie.“ Ein wehmüthiges Lächeln glitt über ihr Geſicht, und als ſie beim Waſchen des Theegeſchirrs nach ihm hin⸗ blickte, ſah ſie wie ſein Antlitz immer bleicher und ein⸗ gefallener wurde, wobei ſeine Stimme zum Flüſtern herabſank. „Ich bin recht müde, aber ich fürchte mich ſo ſehr vor dem Bett— die Nächte ſind zu ſchrecklich. Viel⸗ leicht ſchliefe ich, wenn ich mich mit den Kleidern nieder⸗ legte.“ Eliſabeth führte ihn zu dem weichen, ſauberen Bett, ſchüttelte die Kiſſen auf und deckte ihn ſorglich zu, als wenn er ein Kind geweſen wäre. „Wie gut Du gegen mich biſt“, ſagte er ſie an⸗ ſchauend— das war Tom's ſtrahlender, innigliebender Blick aus früheren Zeiten, doch das Leuchten ſeiner Augen verlöſchte ſchnell, und matt ſchloſſen ſich die ſchwe⸗ ren Lider, indem er noch einmal flüſterte:„Ich bin ſo müde— ſo müde.“ „Dann will ich gehen, Tom; ich müßte eigentlich längſt zu Hauſe ſein. Verſprich mir, Dich recht in Acht zu nehmen; in der erſten freien Stunde komme ich wieder her. Wenn Du mich eher brauchſt, wirſt Du ſchicken? Nicht wahr, Tom? Du weißt ja, wo Du mich findeſt.“ „Ich werde es. Du biſt doch noch in demſelben Hauſe?“ „Ja.“ Und ſie ſchwiegen Beide. Nach einer Pauſe fragte Tom mit unruhiger Stimme: „Haſt Du mir verziehen?“ „Ja, Tom, vollſtändig.“ „Willſt Du mir nicht einen Kuß geben, Eliſabeth?“ Sie wandte ſich ab. Es war nicht ihre Abſicht hart zu ſein, doch es widerſtrebte ihr, Eſther's Mann zu küſſen. „Ich verſtehe— nun es thut nichts. Leb' wohl, Eliſabeth.“ „Lebe wohl, Tom!“ Als ſie an der Thür ſich noch einmal nach ihm um⸗ ſchaute, und ihn mit geſchloſſenen Augen, bleich wie ein Todter vor ſich liegen ſah, da wurde ihr Herz erweicht. Er war Tom, ihr eigener Tom, dem ſie, als er ein Kind war, das Leben gerettet hatte, auf den ſie ſpäter ſo ſtolz geweſen, für den ſie eine glänzende Zukunft erhofft, lange ehe ſie ihm näher verbunden war, den ſie geliebt hatte— von allen Männern ihn allein; und er lag ſterbend vor ihr, 247 mit vierundzwanzig Jahren ſchon dem Tode verfallen, auf dem Punkte in jene Welt überzugehen, wo ſie ihn vielleicht noch wiederfinden könnte, ohne daß Eſther trennend zwi⸗ ſchen ſie trat. „Tom“, ſagte ſie innig, an ſeiner Seite niederknieend, „lieber Tom, ich wollte Dich nicht kränken. Ich will ver⸗ ſuchen ſo gut wie eine Schweſter zu Dir zu ſein. So lange ich lebe, verlaſſe ich Dich nicht.“ „Das weiß ich.“ „So lebe denn wohl für jetzt. Ein baldiges Wieder⸗ ſehen.“ Und ſanft und innig küßte ſie ihn. O wie ſie ſpäter froh war, ſeinen Wunſch erfüllt zu haben! Spät genug kam ſie nach Hauſe; doch Niemand hatte ſich um Frau Hand's Thun und Treiben zu bekümmern, ſie brauchte Keinem Rechenſchaft abzulegen. Ehe ſie zu Bett ging, küßte ſie noch einmal ihren kleinen Henry, der ſchlaftrunken ſeine Arme um ihren Hals ſchlang, ſie drückte ihn feſt an ihr Herz und fühlte, daß es doch noch etwas in dieſer öden, einſamen Welt gäbe, wofür es werth ſei zu leben. Die ganze Nacht dachte ſie darüber nach, was ſie wohl am beſten für Tom thun könne. Obgleich ſie ſich keinen trügeriſchen Hoffnungen über ſeinen Zuſtand hin⸗ gab, ſo glaubte ſie doch, daß er bei guter Pflege und richtiger Behandlung wohl noch ein Paar Monate leben könnte; beſonders wenn ſie ihn in das in Chelſea neu errichtete Hospital bringen könnte, das gerade für folche Kranke, wie er einer war, vorzüglich ſein ſollte. Sie wußte, daß Herr Askott, der ſeinen Namen zu gern auf 248 allen Liſten für wohlthätige Zwecke prangen ſah, Vor⸗ ſteher dieſer Anſtalt war. Da die Zeit drängte, mußte ſie unverzüglich mit ihrem Herrn ſprechen. Indem ſie am nächſten Morgen den kleinen Henry herunterbrachte, ohne deſſen:„Suten Morſen, Papa“ der Vater gar nicht mehr leben zu können ſchien, entſchloß ſich Eliſabeth ihre Bitte vor⸗ zutragen. 3 Als ſie ſo beieinander ſtanden, der ſchöne Knabe dem Vater fröhlich zulächelnd, deſſen Geſicht vor Glück ſtrahlte, da erfaßte der bittere, faſt wilde Gedanke Eli⸗ ſabeth, warum wohl Peter Askott ſo reich und zufrie⸗ den, von allen Bequemlichkeiten des Lebens umgeben war, indeſſen Tom im Elende ſtarb. Dies machte ſie muthig und kühn, um von ihrem Herrn die erſte und einzige Gunſt zu erbitten, welche ſie je von ihm bean⸗ ſprucht, denn ſie mochte ihn nicht leiden, und was ſie für ihn that, geſchah nur aus Fflichtgefühl, früher ſo⸗ gar ohne Achtung vor ihm, was die letzte Zeit etwas geändert und gebeſſert hatte. „Erlauben Sie, Herr Askott, daß ich ein Paar Worte mit Ihnen reden darf?“. „Gewiß, Frau Hand. Sprechen Sie. Betrifft es den jungen Herrn— oder vielleicht Sie ſelbſt? Wollen Sie höheres Lohn? Von Herzen gern; ich bin froh, wenn ich ein Mittel finde Ihnen meine Zufriedenheit zu bezeigen über die vortreffliche Pflege und Erziehung, welche Sie meinem Sohne angedeihen laſſen.“ „Vielen Dank, Herr“, entgegnete Eliſabeth,„doch mein Anliegen iſt anderer Art.“ —————— S In aller Kürze trug ſie ihre Bitte vor. Herr Askott zog ſeine Stirn in tiefe Falten und nahm eine höchſt wichtige Miene an. Niemals vertheilte er ſeine Wohlthaten in der Stille, er liebte Geräuſch dabei; und es machte ihm beſondere Freude Schwierig⸗ keiten aufzufinden, war es auch nur um zu zeigen, wie er ſie überwältigen konnte. „Es iſt keine leichte Sache, einen Patienten in dieſe Anſtalt hineinzubringen. Doch ich ſchmeichle mir Ein⸗ fluß zu haben und ein Wort mitreden zu können; ich gab wenigſtens ein gutes Stück Geld zur Einrichtung her. Mit der Zeit wird es mir glücken, der Perſon Aufnahme zu verſchaffen. Wer iſt es doch?“ „Tom Cliffe. Er heirathete eine der Dienerinnen aus Ihrem Hauſe. Eſther—“ „Bemühen Sie ſich nicht mit den Namen, ich würde ſie doch nicht behalten; vielleicht könnte es die Wirth⸗ ſchafterin; weshalb wandte die Fran des Kranken ſich nicht an jene?“ Die nachläſſig hingeworfene Frage ſchien keine Ant⸗ wort zu erwarten, und Eliſabeth gab auch keine. Sie konnte es nicht ertragen, Tom's Elend und Eſther's Schande öffentlich bekannt werden zu laſſen. „Sagten Sie nicht, der Kranke ſei aus Stowbury? Das iſt jedenfalls eine Anwartſchaft auf meine Hülfe. Ich halte mich immer verpflichtet, als ob ich ein Par⸗ lamentsmitglied wäre, Alles was in meinen Kräften ſteht für Jemand aus meinem Geburtsort zu thun. Deshalb ſeien Sie ruhig, betrachten Sie die Sache als abge⸗ macht, Frau Hand.“ 250 Er ſtand im Begriff zu gehen, doch da die Zeit von ſo großem Werthe war, ſo hatte Eliſabeth den Muth ihn zurückzuhalten, bis er den Empfehlungsbrief geſchrieben und ihr genau mitgetheilt hatte, an welchem Tage die Aufnahme in die Anſtalt erfolgen könne. Er erfüllte ihre Bitte ſehr ruhig und gelaſſen und nahm ſogar aus ſeiner Börſe ein Goldſtück, das er auf den Brief legte. „Ich ſetze voraus, der Mann iſt arm, Sie können dies für ihn verwenden.“ „Es bedarf deſſen nicht, ich danke herzlich, Herr Askott“, ſagte Eliſabeth, es ſanft wegſchiebend. Sie konnte es nicht zugeben, daß Tom von Jemand anders als ihr Geld annehmen ſolle. In ihrer erſten freien Stunde ſchrieb ſie ihm einen langen Brief, der ihm Alles mittheilte, was ſie unter⸗ nommen hatte, ihm den Tag beſtimmend, da ſie ſelbſt ihn abholen und nach Chelſea bringen würde. Wenn er gegen ihren Plan etwas einzuwenden habe, ſollte er es ihr ſchreiben, doch ſie ſtellte es ihm ſo eindringlich vor, er möge nicht die günſtige Gelegenheit vorübergehen laſſen, gute Pflege und ärztliche Behandlung zu bekom⸗ men, daß ſie überzeugt war, er werde ihren Vorſchlag annehmen. Oftmals während des Tages kam der Gedanke an Tom, wie er ſo allein in ſeinem wenn auch behaglichen Zimmer lag, und ob auch die Wirthin ihr Verſprechen, nach ihm zu ſehen, halte, wie ein Bangen, ein tiefer Schmerz über Eliſabeth. Wie ſein Antlitz mit dem alten herzinnigen Lächeln ihr beim Abſchiede zuwinkte, wie ſie außen auf der Treppe ſeinem kurzen Huſten lauſchte— der Anblick, der Ton verfolgten ſie den lan⸗ gen, ſonnigen Junitag, und damit verwiſchten ſich Vi⸗ ſionen und längſt entſchwundene Erinnerungen an jenen anderen ſtrahlenden, glücklichen Junitag, den Pfingſt⸗ feiertag, welchen ſie an Tom's Seite ſo ſelig genoſſen; es war ihr erſter und letzter Feſttag geweſen. Als an dem beſtimmten Morgen kein Brief von Tom kam, übergab ſie ihren kleinen Henry der Obhut des Stubenmädchens, die ihn ſehr liebte, wie das ganze Haus den jungen Herrn zu verziehen drohte, und trat ihren Weg nach Weſtminſter an. Da ein ganzer langer Tag vor ihr lag, ſo ſtand ſie ein Paar Minuten, um ſich zu erholen, auf der Weſtminſterbrücke ſtill, und betrachtete das raſtloſe Trei⸗ ben Londons; reges Leben auf dem Waſſer, emſige Ge⸗ ſchäftigkeit an den Ufern, Jeder vorwärts eilend in fröh⸗ lichem, thatkräftigem Streben. „Armer Tom“, ſeufzte Eliſabeth und fragte ſich, ob ſein elendes Leben wohl noch einen glücklicheren Aus⸗ weg als den Tod haben würde. Sie ging ſchnell weiter und kam bald in die Straße, in der ſeine Wohnung lag. An der Ecke derſelben be⸗ fand ſich, wie gewöhnlich in den Straßen Londons, ein Wirthshaus, vor deſſen Thür mehr als die gewöhnliche Zahl verdächtig ausſehender Müßiggänger herumſtanden. Auch zwei Polizeidiener waren darunter, welche die Menge theilten, um einem Trupp von zwölf Männern den Durchgang zu ermöglichen. „Was bedeutet dies?“ fragte Eliſabeth. „Es ſind die Gerichtsbeamten, welche eine Todten⸗ ſchau halten wollen.“ K„ Eliſabeth, die nie früher mit etwas Derartigem in Berührung gekommen war, trat mit einem Gefühl ſcheuer Ehrfurcht zur Seite, um den Zug vorüber zu laſſen, und folgte ihm dann in einiger Entfernung. Er hielt an; o, nein, nein, nicht an dieſer Thür! Aber es war kein Zweifel, die Hausnummer ſtimmte, und vor den Fenſtern von Tom's Zimmer waren die Rouleaux niedergelaſſen. „Wer iſt geſtorben?“ fragte Eliſabeth mit hohlem Flüſtern, worüber der Polizeibeamte ſtutzte. „Ach, Niemand von Bedeutung. Ein junger Mann wurde todt in ſeinem Bett gefunden, wahrſcheinlich ſtarb er an der Auszehrung und das Verdict der Leichenſchau wird heißen:„Geſtorben durch die Heimſuchung Gottesv.“ Ja, dieſer gewohnte Ausdruck— der engliſchen Ge⸗ ſetze feierliche Anerkennung unſeres nationalen religiöſen Gefühles— war hier ganz wahr. Gott hatte den ar⸗ men Tom heimgeholt; er litt nicht mehr. Eliſabeth lehnte in der Hausthür und ſah die zwölf Beamte mit lautem Tritt die Treppe erſteigen; als ſie einer nach dem anderen herab kamen, machten ſie weni⸗ ger Geräuſch und einige der Männer blickten ſehr ernſt darein. Niemand beachtete Eliſabeth, bis die Hauswir⸗ thin erſchien. „Hier, das iſt ſie, meine Herren. Dieſe junge Frau war die letzte Perſon, welche ihn noch lebend ſah. Sie wird ein Zeugniß abgeben und beweiſen, daß mich nicht der geringſte Tadel trifft.“ 253 Und Eliſabeth nach ſich ziehend, brach die Wirthin in einen Strom von Erklärungen aus: wie ſie alles in ihrer Macht Stehende für den jungen Mann gethan, wie ſie am erſten Tage mehrere Male an ſeiner Thür gehorcht habe und ihn huſten hörte, wenigſtens glaubte ſie es, doch gegen Abend ſei Alles ſtill geworden; und als am nächſten Morgen ein Brief von der Poſt ge⸗ kommen ſei, hätte ſie es für nöthig gehalten ihn herauf zu tragen. „Und ich trat ein, meine Herren, und ich erkläre es hier an Eidesſtatt, ich fand ihn gerade ſo wie jetzt auf dem Bett liegend, ſtarr und kalt wie ein Stein.“ „Laßt mich vorbei, ich bin ein Arzt“, ſagte Jemand, und ein junger Mann in ſehr armſeligem Anzuge, mit einem großen Barte, drängte die Wirthin und Eliſabeth zur Seite, doch der Letzteren ins Geſicht ſehend, rief er gebietend: „Sogleich einen Stuhl un ein Glas friſches Waſſer für dieſe junge Frau!“ Sein ſicheres Auftreten imponirte den Beamten, die ſich um ihn drängten, ſeiner Rede zu lauſchen. Er nannte ſich John Smith und ſagte, er ſei Pro⸗ viſor in einer Apotheke und zugleich Arzt. Der junge Menſch, der oben gewohnt, deſſen Tod er erſt ſpeben * vernommen habe, wäre mehrere Monate hindurch ſein Patient geweſen und hätte ſich im letzten Stadium der Schwindſucht befunden. Er zweifle nicht, der Tod ſei aus ganz natürlichen Urſachen erfolgt, und erklärte dies in ſolchen techniſchen Ausdrücken, welche die Jury voll⸗ kommen überwältigten und ſomit überzeugten. Sie ver⸗ 2 ließen das Zimmer der Wirthin, begaben ſich zurück in das Gaſthaus, und nach kurzer Berathung lautete ihr Spruch, wie der Policiſt vorhergeſagt:„Geſtorben durch die Heimſuchung Gottes.“ Hierauf rauchten und tran⸗ ken ſie und begaben ſich nach Hauſe, zufrieden mit ſich ſelbſt, daß ſie ihre Pflichten gegen ihr Vaterland ſo vor⸗ trefflich erfüllt hatten. Indeſſen war Eliſabeth die Treppe heteſchlcen Niemand hinderte ſie daran oder begleitete ſie, denn es kümmerte ſich Keiner um den einſamen Todten. Da lag der arme Tom, faſt in derſelben Stellung wie ſie ihn verlaſſen hatte, die Decke war kaum ein Wenig verſchoben. Das Licht, welches ſie auf einen Tiſch neben ſeinem Bett geſetzt, war bis auf ein End⸗ chen Docht, das noch im Leuchter ſteckte, herabgebrannt. Niemand hatte Tom angerührt, denn ſo verlangt es das eng⸗ liſche Geſetz in allen Fällen, wo Jemand todt gefunden wird. Ob er bald, ſie gegangen, geſtorben, oder ob er durch die lange, dunkle Nacht, vielleicht bis zur Morgendämmerung mit vollem Bewußtſein gelebt habe, zu ſchwach um Jemand zu rufen, wann und auf welche Weiſe ſeine Seele zu ihrem Schöpfer zurückkehrte, das waren Geheimniſſe, die nicht enthüllt werden konnten. Jetzt war Alles vorüber. Ein mattes Lächeln lag auf ſeinem bleichen Antlitz. Als Eliſabeth in ſeinen Anblick verſunken daſtand, wagte ſie nicht zu weinen. „Armer Tom, mein lieber Tom!“ Und ſie wußte, daß er jetzt ganz ihr eigen war, daß ſie ihn trotz Alles, was er ihr angethan, geliebt habe, bis zum Lebensende lieben müſſe. ———— Breizehntes Fapitel. Eliſabeth verbrachte den größten Theil des Tages in jenem Hauſe, in Tom's Zimmer. Keiner hinderte ſie daran, Keiner fragte, in welchem Verhältniß ſie zu dem Todten ſtände, oder wer ihr das Recht gäbe, alle Anordnungen für ſein Begräbniß zu treffen. Jeder war nur zu froh, daß ſie eine Verantwortlichkeit auf ſich nahm, welche ſonſt der Commune zur Laſt gefallen wäre. Der Einzige, der ſich Eliſabeth's oder des Verſtor⸗ benen zu erinnern ſchien, war der Gehülfe des Apothe⸗ kers, der ohne daß man danach geſchickt hatte, die nöthigen ärztlichen Atteſte über die Urſache des Todes ſendete. Sie nahm ſie mit zu dem Küſter des Kirch⸗ ſpieles, und ging dann zu einem Leichencommiſſarius, der in der Nähe wohnte, ihm Alles zur Beſorgung für ein einfaches aber anſtändiges Begräbniß zu übertragen, das auf dem neuen Kirchhofe in Kenſal⸗Green ſtattfin⸗ den ſollte. Sie meinte, dort auf dem freien, grünen Friedhofe müßte es ſich beſſer ruhen, als auf einem engen und begränzten in der großen Metropolis. Ehe ſie das Haus verließ, ſah ſie noch den armen Tom in ſeinem Sarge liegen. Ihr Auge war das letzte, welches hier auf Erden auf ihm weilte. Da, erſt da, zu ſeinen Häupten ſich ſetzend, weinte ſie bitterlich. Die wenigen Sachen, welche er beſaß, eigentlich nur die Kleidungsſtücke, die er beim Sterben angehabt, wur⸗ den ihr von Niemand ſtreitig gemacht; ſo packte ſie die⸗ ſelben in ein Bündel und nahm ſie mit ſich. In der Seitentaſche ſeines Rockes fand ſie ein kleines, neues Teſtament, das ſie ſelbſt ihm einſt geſchenkt hatte; es ſah aus, als ob es viel geleſen ſei. Wenn alle ſeine Stu⸗ dien, all ſeine Anbetung für die„höchſte Intelligenz“ als das einzige beſte Gut, darin geendet hatten, ihn zum Leſen der Bibel zu führen, ſo war es doch ein geſeg⸗ netes Ziel geweſen. 5 Sobald ſie nach Hauſe gekommen, ging Eliſabeth zu ihrem Herrn, ihm den Empfehlungsbrief an das Hoſpital zurückzugeben, wobei ſie ihm mittheilte, wie er nun nicht mehr gebraucht würde. Herr Askott ſchien ziemlich beſtärzt, er fragte noch nach verſchiedenen Einzelnheiten des Todes, und nahm dann wieder ſeine Börſe heraus, ſein Univerſalmittel gegen alle Schmerzen der Erde. Aber Eliſabeth dankte für jede Unterſtützung, und bat ihn nur, ihr Lohn für das nächſte halbe Jahr ihr vorauszubezahlen. Sie zog es vor, ihren Freund aus eigenen Mitteln zu be⸗ graben. S An einem klaren, blauen Sommermorgen, da die Sonne mit blendendem Glanze die weißen Marmor⸗ platten in Kenſal⸗Green beſtrahlte, beerdigte ſie ihn dort, ſie die einzige Leidtragende bei dem Begräbniß. Der Prediger las die herkömmlichen Gebete, ſprach den Segen und ging dann eilig fort. In einigen Minuten war Alles beendet. Nachdem die Leichenträger ſich auch ent⸗ fernt hatten, ſetzte ſie ſich auf eine nahſtehende Bank, dem Todtengräber bei Zuſchüttung der Gruft zuſehend— der Gruft, die ihren Tom barg. Eliſabeth war ſehr ruhig, und nur ein ſcharfer Beobachter würde aus ihrem Ant⸗ litz doch die Wahrheit geleſen haben, welche die aufge⸗ regten Charaktere, die ſich ſtets nur in Extremen, entweder in Luſtigkeit oder Elend ergehen, nie zu verſtehen im Stande ſind— die Wahrheit:„daß ſtille Waſſer tief ſind.“ Als ſie dort ſaß, ging Jemand ſchnell an ihr vor⸗ über und ſchaute ſich fragend um. Es war der junge Mann, welcher bei der Leichenſchau ſein ärztliches Gut⸗ achten abgegeben und dadurch verhindert hatte, daß Eliſa⸗ beth noch verhört wurde. Sie erhob ſich und begrüßte ihn mit einer achtungs⸗ vollen Verbeugung; denn trotz ſeines armſeligen, abge⸗ nutzten Rockes ſah man auf den erſten Blick, daß er ein Gentleman ſei, und er war gegen Tom ſo freundlich geweſen. „Ich komme leider zu ſpät, das Begräbniß iſt vor⸗ über“, ſagte er ſich zu ihr wendend.„Es war meine Abſicht, dabei zu ſein und den armen Menſchen zu ſeiner letzten Ruheſtätte zu begleiten.“ Herrin und Dienerin. II. 17 „Vielen Dank, mein Herr“, erwiderte Eliſabeth herzlich. Der junge Mann trat näher, blickte ſie ernſt und prü⸗ fend an und ſagte dann mit vollkommener Veränderung in Stimme und Weſen: „Eliſabeth, kennen Sie mich nicht? Was iſt aus meiner Tante Johanna geworden?“ Es war Askott Leaf. Kein Wunder, daß Eliſabeth ihn nicht hatte. Das kurzgeſchorene Haar, ſein ſtarker Bart, der das halbe Geſicht bedeckte, und eine Brille waren hinreichend, ihn unkenntlich zu machen. Nebenbei lag die auffallendere Veränderung in dem Uebergange von ſeiner früheren „Dandy⸗Erſcheinung“ zu der großen Dürftigkeit, welche ſein Anzug zeigte, ſeine Kleider wurden jedenfalls ſo lange getragen, als ſie nur halten wollten, und ſein für gewöhnlich ſo niedergedrücktes Weſen machte den Ein⸗ druck, als ob er in der Welt ſehr heruntergekommen ſei, ſo daß, auch ohne das Irreführen des Namens„John Smith“ Niemand den früheren Askott Leaf in ihm ver⸗ muthet hätte. „Ich würde Sie niemals nisetkunnt haben, mein Herr“, ſagte Eliſabeth, wahr wie immer, nachdem ihr erſtes Erſtaunen ſich etwas gelegt hatte,„aber ich freue mich, Sie zu ſehen. O, wie glücklich und dankerfüllt werden Ihre Tanten bei der frohen Kunde ſein!“ „Meinen Sie? Ich fürchte gerade das Gegentheil. Aber es ändert nichts in der Sache, denn ſie werden nie wieder etwas von mir hören— außer wenn Sie mich verriethen, doch ich glaube, ich kann Ihnen trauen. Nein, Sie werden meine Bitte, zu ſchweigen, erfüllen, wär's auch nur wegen jenes armen Burſchen da unten.“ „Gewiß, Herr Leaf, ich verrathe Sie nicht.“ „Jetzt erzählen Sie mir von meinen Tanten, beſon⸗ ders von Tante Johanna!“ „Sich auf der ſonnigen Bank niederlaſſend, wobei er die Augen mit der Hand ſchützte, hörte der arme Heimathloſe in tiefem Schweigen auf Alles, was Eliſa⸗ beth ihm mittheilte; ſo erfuhr er den Tod ſeiner Tante Selina, Robert Lyon's Zurückkunft und die Kunde, wie glücklich die Familie in Liverpool lebe. „So ſind ſie jetzt Alle wohl und zufrieden“, ſagte er endlich;„ihr Glück ſcheint neu erblüht, ſeitdem ſie mich los geworden ſind. Nun ich bin froh darüber. Ich wollte nur durch Sie von ihnen hören, ich ſelbſt will ſie nie wieder durch meine Gegenwart beläſtigen und an traurige Zeiten erinnern. Sie werden mein Geheimniß bewahren, das weiß ich. Jetzt aber muß ich gehen, ich habe keine Minute Zeit mehr zu verlieren. Leben Sie wohl, Eliſabeth!“ Mit einer Freundlichkeit und Beſcheidenheit, die bei Askott Leaf überraſchen mußten, reichte er der einſtigen Dienerin ſeiner Tanten die Hand; doch Eliſabeth hielt ihn zurück. „Gehen Sie noch nicht, bitte, bleiben Sie noch ein Wenig!“ Und dann fügte ſie mit einer ſo wahren, aufrichtigen Ehrerbietung hinzu, welche den herunter⸗ gekommenen Mann bis in's Herz rührte:„Ich hoffe, Sie verzeihen mir die Freiheit, die ich mir nehme. Ich bin nur eine ſchlichte Dienerin, aber ich kannte Sie 27 als Sie noch ein Knabe waren, Herr Leaf; und wenn Sie mir vertrauen wollten, wenn Sie mir erlauben möchten, daß ich mich Ihnen in irgend einer Weiſe nütz⸗ lich erzeigen dürfte, würde ich ſehr glücklich ſein, wäre es ſelbſt nur, weil Sie ſo gut gegen ihn waren, der nun in Frieden ruht.“ „Armer Tom Cliffe! Er war kein böſer Menſch, und ich glaube, er hatte mich ein Wenig lieb, ich bin nur zufrieden, daß ich ihm ſeine Leiden zu er⸗ leichtern vermochte. Holla! Es iſt angenehm zu wiſ⸗ ſen, daß ich mindeſtens Einem etwas Gutes gethan habe.“ Askott ſeufzte, fuhr mit ſeinem groben Rockärmel über ſeine Augen und betrachtete dann ſeine Stiefel, welche nicht mehr wie ſonſt vom feinſten Glanzleder waren. „Eliſabeth, wie war Tom mit Ihnen verwandt? Wenn ich gewußt, daß Sie mit ihm bekannt wärven, ſo würde ich mich geſcheut haben, ihm näher zu treten. Aber obgleich er aus Stowbury ſtammte, ſo war ich doch überzeugt, er ahne nicht, wer ich ſei, er kannte mich nur als John Smith; und niemals erwähnte er Ihrer. War er Ihr Vetter?“ Einen Augenblick überlegte Eliſabeth, dann aber theilte ſie ihm die volle Wahrheit mit; es verſchlug ja jetzt nichts mehr. „Ich war einſt beſtimmt, ihn zu heirathen, doch er ſah eine Andere, die ihm beſſer gefiel.“ „Armes Mädchen, arme Eliſabeth!“ Vielleicht bekundete nichts mehr die große Verände⸗ 261- rung, die mit Askott vorgegangen war, als der Ton, in welchem er dieſe Worte ſprach, ein Ton, der die tiefſte Achtung und das aufrichtigſte Mitgefühl ausdrückte, und den er ſowohl bei dieſer Unterreduug, wie bei mancher folgenden beibehielt. „Jetzt, Herr Leaf, möchte ich Sie bitten, mir etwas von Ihren Schickſalen mitzutheilen, ich werde Ihren Tanten nichts verrathen, da Sie es nicht wollen.“ Askott gab dem Wunſche nach. Er war ſo lange einſam und verlaſſen geweſen, daß es ihn ordentlich heimathlich berührte, Jemand zu finden, der ein Intereſſe an ſeinen Erlebniſſen nahm. Er ſetzte ſich neben Eli⸗ ſabeth, und mit oft abgewandtem Blick und manchen Lücken, die ſie, ſo gut es möglich war, ſelbſt ausfüllen mußte, erzählte er ihr ſeine ganze Geſchichte, ſelbſt das traurige Geheimniß, das ihn gezwungen von ſeiner Fa⸗ milie zu ſcheiden und ſich an dem Orte zu verbergen, an welchem ſie ihn am wenigſten ſuchten, in der großen und ſicheren Wildniß Londons. Vorſichtig verkleidet hatte er dort ſo lange anſtändig gelebt, wie ſein Geld reichte, dann aber von Stufe zu Stufe in's Elend ſinkend, war er endlich dahin gekommen, um nur Beſchäf⸗ tigung zu erlangen, bei einem nicht allzu ſcrupulöſen Apotheker, der in jener berüchtigten Gegend wohnte, als Gehülfe einzutreten, für ein Gehalt von zwanzig Pfund jährlich. „Und ich muß in der That davon leben“, fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu.„Ich kann keine Schulden machen, denn wer würde mir etwas borgen? Ich gehe faſt in Lumpen einher, wie Sie ſehen, eſſe, wo 262 ich am billigſten meinen Hunger ſtillen kann, und ſchlafe in einem Winkel des Ladens. Ein hübſches Leben für Herrn Askott Leaf, nicht wahr? Was würden meine Tanten dazu ſagen?“ „Sie würden finden, daß es ein ehrenhaftes Leben iſt, und durchaus nicht darüber beſchämt ſein.“ Askott richtete ſich höher empor, und man ſah, wie ſeine Bruſt unter dem engen Rocke ſchwer athmete. „Nun wenigſtens macht mein Lebenswandel jetzt keinen Anderen mehr elend.“ Ja, die wunderwirkende Lehrerin, Trübſal, die dunkel und unſchön oft von außen, doch ein Juwel in ſich trägt, hatte auch dieſes Kleinod in des jungen Mannes Herz gelegt. Als ein armer, ſich verbergender Flüchtling lernte er den hohen Werth eines ehrlichen Namens kennen und ſchätzen. Verlaſſen, freundlos daſtehend, waren ihm die herrlichen Vorzüge, welche Heimath, Familie und Liebe gewähren, erſt klar geworden; in der harten Schule des Lebens, die er auf ſchwere Weiſe durchmachen mußte, hatte er erſt das Geheimniß der wahren Demuth, Milde und Theilnahme entdeckt— das vMtelk Anderer über ſich ſelbſt. Nicht bei allen Charakteren bringen Kummer und Noth ſolche Umwandlung hervor, hier aber wirkten ſie ſo günſtig. Er hatte geſündigt und die Folgen ſeiner Vergehen rächten ſich an ihm durch bittere Leiden, den⸗ noch war das Reſultat nicht zu theuer erkauft, und er empfand dies ſchon ſelbſt. Auf eine Frage Eliſabeth's erwiderte er: „Ja, Sie haben nicht Unrecht, in mancher Hinſicht — —— — vin ich entſchieden glücklicher als ſonſt. Ich fühle mich wieder freier und leichter, komme mir oft dem ähnlich vor, wie ich als Knabe in Stowbury war. Liebes Stowbury! Ich muß ſo oft mit einer faſt lächerlichen Anhänglichkeit an den alten Ort denken.— Und nun noch Eines, wenn mir etwas zuſtoßen ſollte, ſo möchte ich doch, meine Tanten erführen es, auch daß ich ſie nie vergaß, ſollen ſie dann hören.“ „Aber werden Sie ſich ihnen denn nie wieder nähern, Herr Leaf?“ fragte Eliſabeth ernſt. „Das kann ich noch nicht beſtimmen, es hängt von Umſtänden ab. Man ſagt immer, jede Sünde trage ihren Lohn in ſich und ſtrafe ſich ſelbſt, ſo ſcheint es aber auch im entgegengeſetzten Falle zu ſein. Das wenige Gute, was ich dem armen Tom that, wird mir vielleicht noch reichlich vergolten werden. Er erzählte mir einſt, er habe zu einem Herrn aus ſeiner Gegend, der ihn beſucht— es war der Einzige, welcher jemals zu ihm gekommen— von mir geſprochen. Dieſer Herr, der Tom in der alten Wohnung nicht mehr fand, kam geſtern zu mir, ſich nach ihm zu erkundigen. Das Ende unſeres Geſpräches war, daß er mir bei einem ſeiner Bekannten, einem in ſehr gutem Rufe ſtehenden Chemiſten in Tottenham Court Road, eine Stelle anbot.“ „Und Sie werden dieſe annehmen? „Gewiß, ich habe gelernt, für kleine Dienſte dankbar zu ſein. Da Sie mich nicht erkannten, ſo wird dies auch Niemand gelingen. Wer weiß, jetzt habe ich viel⸗ leicht noch die Ehre, für Onkel Askott Medicamente zu verabreichen.“ 264 „Aber“, begann Eliſabeth nach einer Pauſe, Sih werden nicht immer John Smith, Verkäufer in einem Droguerie⸗Geſchäft bleiben. Sie dürfen Ihre feine Er⸗ ziehung und Ihre ſchönen Kenntniſſe nicht auf die Dauer verbergen, noch Ihren alten guten Namen und ihre Le⸗ bensſtellung von ſich ſtoßen!“ „Eliſabeth“, o, wie weich und demüthig der Ton klang —„wie kann ich jemals meinen Namen und meine mir zukommende Stellung wieder einnehmen, ſo lange Peter Askott lebt? Vermögen Sie mir einen Weg dazu an⸗ zugeben?“ „Wenn ich mir einen Rath erlauben dürfte, Herr Leaf, ſo würde ich ſagen: Sparen Sie ſoviel als Ihnen nur möglich iſt, und dann, gerade wie Sie hier ſind, doch mit freier, ehrlicher Stirn, gehen Sie muthig zu meinem Herrn, die fünfzig Pfund in der Hand—“ „Beim Jupiter, ſo iſt's recht, Sie haben es getroffen!“ rief Askott aufſpringend.„Was doch eine Frau für einen klugen Kopf hat! Da habe ich Plan auf Plan entworfen, doch auf den einfachſten und richtigen kam ich nicht. Bravo, Eliſabeth! Sie ſind ein merkwürdiges, außergewöhnliches Mädchen!“ Ein trübes Lächeln irrte um ihre Lippen, demnoch war ſie innen zufrieden. Alles, was ſie für Einen, der ihren geliebten Herrinnen angehörte, thun konnte, ſchien dieſer treuen, gewiſſenhaften Dienerin eine Pflicht und Lebensaufgabe zu ſein. Lange nachdem Askott, deſſen lebhaftes, ſanguiniſches Temperament ſich durch keine Drangſale ganz unter⸗ — 265 drücken ließ, in heiterer Stimmung gegangen war, Eliſabeth eine Adreſſe nennend, unter der ihm ſtets Nachrichten von ſeinen Tanten zukommen konnten, obgleich ſie ihm verſprechen mußte, ihnen noch keine von ihm zu geben, lange nachdem Askott ſie verlaſſen hatte, ſaß Eliſabeth noch auf ihrer Bank und ſah dem Scheiden der Sonne zu, die über die Felder von Gräbern ihre letzten goldigen Streiflichter warf. In der heiligen Stille des ſchönen, einſamen Ortes kam auch eine tiefe, erhebende Ruhe in ihre Seele. Die Ereigniſſe der letzten Jahre zogen an ihrem Geiſte vorüber, und ein Gefühl der Dankbarkeit, wie Alles ſo wunderbar ſich geſtaltet, bemächtigte ſich ihrer. Ja ſelbſt der traurige Tod ihres armen Tom hatte dieſes Begegnen mit Askott herbeigeführt, das möglicher Weiſe noch die Veranlaſſung werden konnte, ihren geliebten Herrinnen ihren„verlorenen Sohn“ zurückzubringen. Obwohl ſie die wunderbaren Schickungen nicht mit Vernunftgründen zu zerſetzen ſich bemühte, ſo fühlte ſie doch innige Dankbarkeit, daß Gott ſie theilweiſe zum Werkzeuge für die Ausführung ſeiner Pläne gemacht habe; es war ein erhebender, ermuthigender Gedanke inmitten ihrer Verlaſſenheit, ihres Kummers.— Es ſchien Eliſabeth's Loos, ihre eigenen Leiden ſtets über die Anderer zu vergeſſen oder wenigſtens in den Hintergrund zu drängen. Faſt unverzüglich nach Tom's Tod wurde der kleine Henry vom Scharlachfieber er⸗ griffen, und blieb noch mehrere Monate, nachdem ſchon die Krankheit beſeitigt war, ſo ſchwach und angegriffen, daß ſie alle ihre Gedanken und Kräfte der Pflege des 266 geliebten Kindes widmete. Es wurde ihr ſogar ſchwer, nur ein Paar Male die Arzeneien für Henry aus jenem Geſchäfte zu holen, in welchem„John Smith“ ver⸗ kaufte. Sie bemerkte, daß er jedes Mal geſunder und hei⸗ terer ausſah, und immermehr den Anblick von Herab⸗ gekommenheit verlor, der ſie bei ihrem erſten Zuſammen⸗ treffen ſo bewegt hatte. Wenngleich er noch nicht viel beſſer gekleidet war, ſo trat der Gentleman doch ſtets mehr hervor, der freilich ſelbſt in ſeiner elendeſten Zeit nicht einmal ganz zu unterdrücken war, und er theilte ihr mit, ſein Herr behandle ihn als Gentleman, was ihm von Allem das Liebſte zu ſein ſchien. „Mir bleibt auch etwas freie Zeit für mich zu ver⸗ wenden. Um neun Uhr Abends wird der Laden ge⸗ ſchloſſen, und Morgens ſtehe ich um fünf auf. Himmel, was würde meine Tante Hilary dazu ſagen! Und dieſe freie Stunden benutze ich gut; wenn ein Menſch Luſt hat, auf redliche Weiſe etwas Geld zu erwerben, ſo giebt es manchen Weg dazu. Eliſabeth, Sie intereſſirten ſich ja ſtets für Literatur, werfen Sie einmal einen Blick in jene Blätter(er nannte zwei ſehr populäre Zeitſchriften) und wenn Sie außerordentlich kluge Ab⸗ handlungen über die Reform der Heilkunde und der⸗ gleichen gemeinnützigen Rathſchläge finden, ſo ſteht hier der Verfaſſer vor Ihnen.“ Er ſchlug an ſeine Bruſt, mit dem fröhlichen Lachen aus früheren Zeiten, und noch lange tönte der Klang erheiternd in Eliſabeth nach. Bald darauf mußte ſie mit dem kleinen Henry nach Brighton reiſen, und hörte ſomit für längere Zeit nichts von„John Smith“. Die friſche Seeluft und Eliſabeth's unermüdliche Sorgſamkeit gaben dem kleinen Patienten bald die frühere Geſundheit zurück, und gls ſie ihn blühend und kräftig dem Vater wieder heimbrachte, kannte deſſen Entzücken und Dankbarkeit gegen Eliſabeth keine Grenzen, und er verſuchte ihr ſeine Zufriedenheit durch wirklich großartige Geldgeſchenke zu beweiſen.— Es war an einem trüben Februarabend, der Schnee fiel in dichten Flocken und der Wind heulte klagend, wodurch die Behaglichkeit und Wärme des ſchönen Speiſe⸗ zimmers in Herrn Askott's Haus noch mehr hervortrat. Eliſabeth ſtand an der Thür und wartete bis die„fünf Minuten länger“, welche jeden Abend als Gunſt noch gewährt werden mußten, vorüber wären, und ſie ihren Liebling dann noch etwas widerſtrebend und doch zufrieden zu Bett brachte. Ein Diener klopfte an die Thür mit der Meldung, daß ein Fremder den Herrn in Privatgeſchäften zu ſprechen wünſche. „Er möge ſeinen Namen ſagen.“ „Er erwiderte mir ſchon, der Herr kenne dieſen nicht „Laßt ihn eintreten. Wahrſcheinlich wieder eine Bettelei.“ Herrn Askott's Meinung wurde durch die noch immer armſelige Erſcheinung des jungen Mannes beſtätigt, der durch den großen Bart ihm vollkommen unkenntlich ward. Eliſabeth fühlte, es ſei eigentlich ihre Pflicht, ſich zu entfernen, und doch vermochte ſie es nicht. Sie trat hinter die Thür, ſich ſcheuend, an Askott Leaf vorüber⸗ zugehen, weil ſie ſich ängſtigte, ihn vielleicht durch ein Nichterkennen ebenſo, als durch das Gegentheil zu ver⸗ letzen. Doch er bemerkte ſie gar nicht; denn er ſchien in großer Erregung zu ſein. „Wahrſcheinlich ein Hülfeſuchender— junger Mann. Sie brauchen irgend eine Anſtellung; glauben Sie, daß ich alle Schreiberpoſten in London zu beſetzen habe, und nebenbei auf dem Golde ſitze? Nein, nein, das geht nicht länger. Fremden gebe ich niemals etwas— dennoch will ich eine Ausnahme machen. Hier, Henry, mein Sohn, bringe dem Mann dies Geldſtück.“ Der kleine Knabe, in ſeinem hübſchen, rothen Sam⸗ metröckchen und mit ſeinem noch viel hübſcheren Geſichtchen, trippelte geſchäftig durch das Zimmer, das Geld in des armen Askott's Hand legend. Dieſer nahm es, doch zu des kleinen Herrn größtem Erſtaunen, und zum Entſetzen des Vaters, hob er das Kind empor und küßte es. „Junger Menſch, was erlauben—“ „Ich ſehe, Sie erkennen mich nicht wieder, Herr Askott und es iſt dies nicht zu verwundern. Doch ich bin gekommen, Ihnen dies zurückzuzahlen“, er legte eine fünfzig Pfund Note auf den Tiſch,„vor Allem aber will ich Ihnen danken, daß Sie mich nicht verfolgen ließen und—“ ——— — 260 „Guter Gott!“— dieſer Ausruf war in letzter Zeit an Stelle des ſonſt ſo ſchlimmen Fluchens getreten.„As⸗ kott Leaf, ſind Sie es wirklich? Ich glaubte Sie in Auſtralien oder todt.“ „Nein, ich lebe, vielleicht möchte es beſſer ſein, ich wäre todt— doch nein, es iſt ſchon gut, daß es mir doch gelang, Ihnen wiederzuerſtatten, um was ich Sie betrogen habe. Was Sie mir großmüthig ſo lange Jahre hindurch gaben, vermag ich noch nicht zurückzuzahlen, doch vielleicht wird mir auch dies noch möglich. In⸗ zwiſchen nehmen Sie dies, es iſt auf redliche Weiſe ver⸗ dient. Ja“, den zweifelnden Blick bemerkend,„obgleich ich kaum einen ganzen Rock mein nenne, ſo kann ich doch verſichern, es iſt ehrlich erworben.“ Herr Askott erwiderte nichts. Er beſah die Banknote aufmerkſam von allen Seiten, legte ſie zuſammen und ſteckte ſie in ſein Taſchenbuch; dann blickte er den jungen Mann noch einmal prüfend an, und ſich räuſpernd, ſagte er: „Frau Hand, bitte bringen Sie meinen Sohn oben!“ Eine Stunde ſpäter, als der kleine Henry ſchon lange feſt ſchlief und Eliſabeth in der einſamen Kinderſtube bei ihrer Näharbeit ſaß, erfuhr ſie durch einen der Diener, daß der„ſchäbig ausſehende junge Mann“ noch im Speiſezimmer bei Herrn Askott ſei, der Thee und kalte Küche befohlen habe, und mit noch größerem Ent⸗ ſetzen erzählte der Bediente, daß der arme Menſch ſogar mit ſeinem Herrn an einem Tiſche ſäße. Eliſabeth lächelte und ſchwieg. Jetzt wie immer waren ihr die Geheimniſſe ihrer Herrſchaft heilig. Um zehn Uhr wurde ſie nach dem Speiſeſaale ent⸗ boten. Dort ſtand Peter Askott, prahleriſch wie immer, doch mit einem freundlichen, faſt humoriſtiſchen Ausdruck in ſeinem ſonſt ſo kalten Antlitz; er ſchaute mit herab⸗ laſſender Güte rings umher und rieb ſich leiſe die Hände, als ob er ganz beſonders zufrieden mit ſich ſelbſt ſei. Der junge Askott Leaf, vor ihm ſtehend, ſah glücklich und ſchön aus, trotz ſeines dürftigen Anzuges und ſchien ſich ganz behaglich und wohlgemuth zu fühlen— eine Eigenthümlichkeit, welche ſelbſt die harten Leidensjahre ihm nicht zu rauben vermochten. Er reichte Eliſabeth herzlich beide Hände dar. „Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir irgend einen Auftrag für Liverpool zu geben haben. Morgen reiſe ich in Geſchäften für Herrn Askott dorthin; nachher werde ich wahrſcheinlich meine Tanten aufſuchen.“ Er vermochte die Worte vor tiefer Gemüthsbewegung kaum zu ſprechen, doch er bezwang dieſe und fügte hinzu: „Natürlich werde ich ihnen Alles erzählen, was Sie für mich thaten, Eliſabeth. Haben Sie irgend etwas Beſonderes zu beſtellen?“ „Nein, vermelden Sie nur meine ehrerbietigen Grüße, und der junge Herr Henry wäre wieder ganz wohl“, ſagte Eliſabeth, und ihren altmodigen Knir machend, entfernte ſie ſich ſo ſchnell als möglich.. Tief in der Nacht, als ſchon Alle im Hauſe in feſtem 6 ℳ —— Schlafe lagen, ſtand Eliſabeth noch am Fenſter im Kinderzimmer und blickte auf den Platz vor ſich, auf dem die großen Bäume ihre blätterloſen Aeſte in die mondlichte Nacht hineinſtreckten. Gerade eine ſolche helle Nacht war es vor drei Jahren, als ſie ihre Liebe, oder beſſer ihren Glauben an Tom begrub, und als der kleine Henry geboren wurde. All die Erlebniſſe der letzten Jahre zogen an ihrer Erinnerung vorüber, von dem Tage an, da ihr geliebtes Fräulein Hilary ihr mit freundlicher Anrede den Hut aus den Händen nahm, und ihn hinter der großen Uhr in der Küche in Stow⸗ burh aufhing. Dann kamen die trüben Tage, als ſie in den meublirten Zimmern in London wohnten, und dann die goldene Zeit, da ſie mit Tom Abends um den Platz wandelte, die ſchöne, morgenfriſche Zeit ihrer erſten einzigen Liebe. „Armer Tom!“ ſeufzte Eliſabeth, als ſie daran dachte, wie ſtrahlend glücklich Askott Leaf heute vor ihr geſtanden hatte, und wie ſeine Tanten über das Wieder⸗ finden ſelig und dankerfüllt ſein würden.„Nun, mein Tom würde ſich auch freuen, wenn er Alles wüßte!“ Aber ſo innigen Antheil Eliſabeth an all dem Glück um ſie her nahm, ihrem Herzen am nächſten ſtand doch das eine Grab in Kenſal⸗Green, welches ſo friedlich und ſtill unter der weißen Schneedecke lag; bei ihm weilten ihre Gedanken am meiſten.— Eliſabeth lebt noch; und dies iſt ein großer Segen für Alle, die ihr naheſtehen, denn ſie wüßten kaum, wie ſie ohne ſie fertig werden ſollten. Wahrſcheinlich wird ſie ein hohes Alter erreichen; ſie iſt geſund und 272 kräftig, von ſehr gleichmäßigem Temperament und in ihrer ruhigen Weiſe ſogar heiter. Ohne Zweifel werden noch die künftigen Kinder ihres Lieblinges, des jungen Herrn Henry, auf ihrem Schvoße ſpielen, und ſie auch „Mammy Liesbeth“ nennen. Doch niemals wird ſie heirathen, ihre Liebe gehörte nur Tom. 2 Ende. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig — 8 3 2 ſ 3 14 15 16 17 b ſ 6 7 8 9 10 11 12 1 — 4. 6 a . 8 5 6 K * 8