— Leihbibliothek Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1. oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S—— S deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 3 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: rBücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M 50 Pf. Pf. 5. 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Bücher für einen„beſonderen Zweck“ geſchrieben, werden ſo häufig gemißbilligt, daß die Verfaſſerin des vorliegenden Buches lieber ſogleich in der Vorrede bekennt, wie es von Anfang bis zu Ende eine feſte, entſchiedene Tendenz verfolgt. Das Verhältniß zwiſchen der dienenden Klaſſe und ihrer Brotherrſchaft iſt eine ſo ernſte Frage geworden, daß Alles, was eine denkende Frau— der Erfah⸗ rungen und Beobachtungen über dieſen Gegenſtand zur Seite ſtehen— darüber ſagen kann, wohl des Anhörens werth iſt, ſelbſt wenn es nur klügeren Mitſchweſtern eine Anregung wird, die wichtige Sache näher zu beleuchten. Ich hoffe und vertraue deshalb, daß Alle, die mit den hier ausgeſprochenen Anſichten übereinſtimmen, zur weiteſten Verbreitung des Buches beitragen werden, daß Herrinnen es ihren Dienerinnen geben, Damen, welche Sonntagsſchulen und wohl⸗ thätigen Vereinen vorſtehen, es den Armen borgen werden, und daß Fabrikherren und Meiſter, wenn es zufällig in ihre Hände kommt— denn es iſt eigent⸗ lich kein Buch für Männer— ihre Arbeiter ver⸗ anlaſſen, daß es von ihren Frauen und Töchtern ge⸗ leſen werde. Auf dieſe Weiſe wird es wohl an die Klaſſe ge⸗ langen, für welche es hauptſächlich geſchrieben und beſtimmt iſt. Ich muß noch bemerken, daß, obgleich die Bege⸗ benheiten in„Herrin und Dienerin“ der Erfindung angehören, ein Charakter darin der Wirklichkeit ent⸗ nommen iſt. Hätte ich die wahre Geſchichte der Heldin „Eliſabeth Hand“ erzählt, ſie würde ein Leben ent⸗ hüllt haben, ſchöner in ſeiner Einfachheit, Selbſtver⸗ leugnung und Hingebung, als es ein Roman ſchaffen konnte. Ich habe mich berechtigt geglaubt, nicht nur als Anerkennung gegen die Todte, ſondern als ein aufmunterndes, nachahmenswerthes Beiſpiel für die Lebenden das treue Charakterbild Derjenigen zu ent⸗ werfen und in dieſem Buche zu verherrli hen, welche bis zum Ende ihrer Tage gegen Gott: Menſchen eine treue Dienerin war. Grstes Papitel. Sie war eher ein großes als kleines, ſtarkgebautes, linkiſches Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren. Dieſen Eindruck machte wenigſtens die neue Dienerin auf ihre zeünftigen Herrinnen, die Fräulein Leaf, als ſie in Be⸗ gleitung ihrer Mutter, der Frau Hand, welche Wittwe und eine Wäſcherin war, in die Küche der Erſteren trat. Ich muß bekennen, als die Damen das Mädchen ſahen, fühlten ſie eine leiſe Sorge in ſich aufſteigen, ob ſie nicht zu voreilig geweſen, als ſie ſich erboten, ſie in Dienſt zu nehmen, ob ſie nicht klüger gehandelt hätten, in ihrer alten gewohnten Weiſe fortzuleben— die freilich ſo alt war, daß ſie beinahe vergeſſen hatten, es ſei jemals anders geweſen— und ohne Mädchen fertig zu werden. Viele Berathungen wurden von den drei Schweſtern gepflogen, ehe ſie ſich zu einem ſo extravaganten Um⸗ ſturze ihres Hausweſens entſchloſſen; aber Johanna, die älteſte der Damen, ſing nach gerade an ſich nicht mehr ſo jung zu fühlen, wie früher; daſſelbe war bei Selina der Fall, obgleich dieſe, da ſie noch nicht vierzig She Herrin und Dienerin. I. zählte, es um keinen Preis der Welt zugeſtanden hätte. Und Hilary, die jung, friſch und ſehr thätig war, konnte unmöglich Alles beſorgen, was der kleine Hausſtand er⸗ forderte; ſie vermochte doch nicht zu gleicher Zeit an drei Orten zu ſein: in der Schulſtube, Kinder zu unter⸗ richten; in der Küche, das Eſſen zu bereiten und in den oberen Zimmern die Arbeit eines Hausmädchens zu thun. Nebenbei brauchte ſie viel Zeit, die„arme Selina“ zu bedienen und zu pflegen, die ſehr oft zu krank war, oder mindeſtens ſich einbildete es zu ſein, um ſich in irgend einer Weiſe an der Führung des Hausſtandes oder der Schule zu betheiligen. Da nun einmal die Sache unvermeidlich war, ſo ſagte Johanna, die älteſte Schweſter, wenig darüber; doch ihr Herz that ihr oft weh, wenn ſie Hilary's hübſchen, weißen Hände von Rahm geſchwärzt oder durch Auf⸗ ſcheuern hart und rauh ſah. Für ſie war ſolche Arbeit nachgerade natürlich geworden— aber für Hilary, ihren Liebling!— Während Hilary's Kindheit wurden ihr, der Jüngſten der Familie, ſelbſtverſtändlich ſolche häuslichen Obliegen⸗ heiten ferngehalten, und ſpäter hatten ihre Studien ihr keine Zeit dafür gelaſſen, denn ſie war ein kluges, lern⸗ begieriges Mädchen und Latein, Griechiſch, ja ſelbſt die höheren Zweige der Arithmetik und Mathematik waren ihr nicht fremd; und dieſe Beſchäftigung fand ſie viel intereſſanter als Geſchirr abzuwaſchen und Stuben aus⸗ zukehren; trotzdem aber vollzog ſie jede häusliche Arbeit, welche ihr aufgetragen wurde, doch ihre Neigung führte ſie nicht dieſer Richtung zu. Erſt in der letzten Zeit 9 5 hatte ſie gelernt„Staub zu ſehen“, einen Pudding zu bereiten und Wäſche zu plätten; und als ſie zur Er⸗ kenntniß kam, wie dieſe häuslichen Verrichtungen gethan werden müßten, und wie nöthig ſie wären, da fühlte ſie erſt, welches Leben ihre Schweſter Johanna ſeit zwanzig Jahren geführt haben mußte, welche Sorgen und nie endende Mühſal ſie erduldet hatte, um alle dieſe Dinge zu thun, von denen Hilary bis dahin geglaubt, ſie ge⸗ ſchähen ganz von ſelbſt. Darum war es gerade Hilary, die nach vielem Ueber⸗ legen, wie dem Uebelſtande am beſten abzuhelfen wäre, und mit ihrem klaren, praktiſchen Sinn wohl einſehend, daß, ſo bereit ſie ſei, ſich dem Hausweſen zu widmen, ſie ihre Zeit durch Stundengeben viel beſſer verwerthen könne— die kühne Idee anregte und ausſprach:„Wir müſſen eine Dienerin nehmen“, und weil es nothwendig war mit einem jungen Mädchen den Anfang zu machen, das nicht hohes Lohn beanſpruchen konnte— höchſtens zwanzig Thaler jährlich— ſo entſchloſſen ſie ſich, dieſe Eliſabeth Hand zu miethen. Auf dieſe Weiſe kam es, daß Eliſabeth, dicht hinter ihrer Mutter ſich haltend, einer Frau mit prüfendem Blick und etwas klagender Stimme, in der Küche der Fräulein Leaf erſchien. Die drei Damen waren dort beiſammen; Johanna ordnete den Theetiſch, Selina lag auf dem Sopha und verſuchte Butterbrötchen zu beſorgen, und Hilary knieete vor dem Feuer, ein Wenig Toaſt zu bereiten, den einzigen Luxus, welchen die älteſte Schweſter ſich geſtattete. Dies war das Bild, welches die drei Damen Eliſabeth's T n 4 Augen boten, die, obgleich ſie nichts zu ſehen ſchien, doch Alles bemerkte. „Ich habe meine Tochter gebracht Madame, da Sie mir ſagen ließen, Sie wollten es mit ihr verſuchen“, begann Frau Hand, ſich an Selina wendend, welche als die größeſte, ſtattlichſte und am beſten gekleidete von den drei Schweſtern, von Fremden ſtets für das Haupt der Familie gehalten wurde, die jetzt aber rief: „OD, Johanna, meine Liebe, bitte, komm her!“ Die Angeredete trat herzu, zögernd und etwas un⸗ ſicher, denn ſie war eine ſchüchterne Natur und hatte ſich ſeit ſo langer Zeit gewöhnt, die Stelle einer Magd im Hauſe auszufüllen, daß ſie mun in der Rolle der Herrin ſich ganz ſeltſam und fremd erſchien. Unwill⸗ kürlich verbarg ſie ihre armen Hände, deren Ausſehen ſie dem ſcharfen Blicke der Arbeitsfrau ſogleich verrathen haben würde, und dann, beſchämt über dieſe Regung falſchen Stolzes, legte ſie dieſelben gerade auf ihre Schürze hin und ſetzte ſich ruhig nieder. „Wollen Sie nicht einen Stuhl nehmen, Frau Hand? Ich glaube, meine Schweſter theilte Ihnen ſchon unſere Anforderungen und Bedingungen mit. Wir verlangen nur ein gutes, anſtelliges Mädchen, denn wir ſind gern bereit, ſie in Allem zu unterweiſen.“ „Schönen Dank, Fräulein, ich bin wohl zufrieden, wenn ſie Alles lernt“, erwiderte die Mutter, vor der ſanften Stimme der Dame ihren etwas ſcharfen und beſtimmten Ton mildernd. Da ſie in derſelben Provinzialſtadt lebte, kannte ſie alle Verhältniſſe der drei Schullehrerinnen genau und wußte wohl, daß ſie bis jetzt noch kein Mädchen 0 gehabt hatten.„Es iſt meiner Tochter erſter Dienſt, und ich fürchte, ſie wird noch etwas unbeholfen ſein⸗ Halte den Kopf hoch, Liſabeth!“ „Heißt ſie Eliſabeth?“ „Ein viel zu langer und vornehmer Name“, rief Selina vom Sopha her,„nenne ſie Betty!“ „Wie Sie wollen, Fräulein, ich aber bleibe bei Eliſa⸗ beth. Es war der Name meiner erſten, jungen Herr⸗ ſchaft, meiner einzigen, denn ich hatte nur dieſen einen Dienſt.“ „Wir werden ſie Eliſabeth nennen“, ſagte die älteſte Schweſter mit der ſanften Entſchiedenheit, welche ſie zu⸗ wweilen anwendete. Während noch eine kleine Berathung über die Sonn⸗ und Feſttage und dergleichen Beſtimmungen zwiſchen ihrer Mutter und der künftigen Herrin ſtattfand, ſtand die neue Dienerin ſtill und unbeweglich in der offenen Thür, welche die Vorderküche von der hinteren, oder wie man hier ſagt, von dem„Kochraume“ ſchied.. Wie ſchon vorhin bemerkt, war Eliſabeth durchaus kein hübſches, anſehnliches Mädchen, und ihr Anzug eignete ſich nicht dazu, ſie vortheilhafter erſcheinen zu laſſen. Ihr Kattunrock hing in geraden, ſchlichten Falten bis zum Knöchel nieder und ließ die plumpen Schuhe und wollenen Strümpfe ſichtbar werden. Ueber dem Kleide trug ſie eine Latzſchürze, eine richtige Kinderſchürze, von dem billigen, groben, blaugeſprenkelten Zeuge, welches man in jenen Tagen allgemein dazu verwendete. Ein kleines, abgenutztes Tuch, nachläſſig und ſchief um den Hals ge⸗ ſteckt, ein alter, ſchwarzer Hut, der viel zu klein für ihren großen Kopf mit dem dicken, ſchlechtgepflegten Haar war, vollendeten den Anzug. Natürlich wurde eine Dame wie Selina, die ſelbſt ſehr ſchön geweſen, es theils noch war, und deshalb viel auf das Aeußere gab, durch Eliſa⸗ beth's Erſcheinung nicht ſehr zu ihren Gunſten einge⸗ nommen. Sie machte verſchiedene, eher ablehende Einwürfe und beſtand feſt darauf, daß das neue Mädchen nur „auf Probe“ genommen werden ſolle, ohne die Verpflich⸗ tung, ſie länger zu behalten, als ſie wünſchten. Ihre Anſicht von der Sache theilte ſich faſt unwillkürlich Johanna mit, welche die Unterhandlung mit der Mutter durch den Ausſpruch beendete: „Nun, Frau Hand, wir wollen hoffen, daß Ihre Tochter uns zuſagen wird. An gutem Willen und freund⸗ licher Nachſicht unſererſeits ſoll es gewiß nicht fehlen.“ „Das iſt Alles, was ich verlangen kann, Fräulein Leaf. Sie hat kein ſehr empfehlendes Aeußere, aber ſie iſt klug und willig und hat mich noch niemals be⸗ logen. Liſabeth, verneige Dich vor Deiner Herrſchaft und ſage, Du würdeſt Dir Mühe geben, Deinem Dienſte gut vorzuſtehen.“ Vorgedrängt, machte Eliſabeth eine Verbeugung, doch ſprach ſie kein Wort; und da Johanna fühlte, es ſei für alle Theile am beſten, dieſe Unterredung zu beſchließen, ſo erhob ſie ſich von ihrem Stuhl. Frau Hand, den Wiuk verſtehend, ſchickte ſich zum Gehen an, indem ſie mit einem halb ermuthigenden, halb warnenden Kopfnicken zu ihrer Tochter ſagte: „Nun, leb wohl, Eliſabeth!“ worauf dieſe den Gruß 7 ſchweigend erwiderte. Das war der ganze Abſchied zwiſchen Mutter und Kind, und Hilary konnte eine ge⸗ wiſſe Verwunderung nicht unterdrücken, darüber, daß ſie ſich nicht küßten, ja, nicht einmal die Hand ſchüttelten. Indeſſen war Hilary in dieſer ganzen Zeit mit ihrer Beſchäftigung fortgefahren. Glücklicher Weiſe war das Feuer nur ſehr gedämpft geweſen, ſo daß die Brotſchnitte nicht verbrennen konnten. Während ſie am Herde knieete, hatte ſie durch ihre langen, wallenden Locken hindurch Gohanna wollte nicht zugeben, daß ſie dieſe aufſteckte, obgleich ſie ſchon zwanzig Jahr war) ihre Blicke ganz ungeſtört auf dem neuen Mädchen ruhen laſſen. Biel⸗ leicht kam es daher, daß Hilary, weil ſie mehr Verſtand als die eine und mehr Herz als die andere Schweſter beſaß, auch eine größere Menſchenkenntniß und mehr Verſtändniß für Charaktere hatte, als beide ſich deſſen rühmen konnten; denn indem ſie Eliſabeth beobachtete, zeigte ihr Geſichtsausdruck eine freundliche Theilnahme, ja, mehr noch, ein gewiſſes Ergötzen, und die neue Dienerin ſchien ihr durchaus nicht zu mißfallen. „Nun, Mädchen, nimm Deinen Hut ab“, begann Selina, an die Johanna ſich mit einem bittenden, hülfe⸗ ſuchenden Blick gewandt, da ſie ſelbſt nicht wußte, was ſie mit dem neuen Gliede des Hausſtandes beginnen ſolle. 35 Eliſabeth leiſtete der Aufforderung Folge und ſtand dann unſchlüſſig, unbeholfen und im höchſten Grade elend in dem äußerſten Ende der Küche. „Soll ich Dir zeigen, wo Du Deine Sachen hin⸗ hängen kannſt?“ fragte Hilary, jetzt zum erſten Male 8 ſprechend, und bei dieſer noch nicht gehörten Stimme, die ſo friſch, ſo hell und angenehm klang, ſtutzte Eliſabeth. Hilary erhob ſich von den Knieen, durchſchritt die Küche, nahm aus den widerſtandsloſen Händen des Mädchens den alten, ſchwarzen Hut und das kleine Tuch und hing Beides ſorgfältig an einen Nagel, hinter der acht Tage gehenden Uhr. Es war eine ganz einfache Handlung, ohne beſondere Abſicht gethan, ohne beſonderen Dank angenommen— es ſei denn, daß ein ſchneller Blick der ſcharfen, und doch ſanften, grauen Augen dieſen bekundete, und dennoch machte ſie einen tiefen Eindruck auf Eliſabeth, die noch nach Jahren Hilary daran erinnerte. Nicht mehr verhüllt durch Hut und Shawl, nicht mehr beſchützt und bevormundet durch die Mutter, trat nun das eigene Selbſt, ſowohl das geiſtige als körper⸗ liche, des neuen Mädchens den Damen klarer entgegen. Die Schürze, eher ein kleiner Ueberwurf, bedeckte kaum ihren mageren Hals und ihre langen Arme; die Maſſen des dunkeln, rauhen Haares waren gewiß zum erſten Male durch einen Kamm auf dem großen, ſtarken Kopfe zuſammengehalten, und hier und dort entſchlüpften noch krauſe, wirre Locken nach allen Richtungen hin der Haft, und wurden immer hinter die Ohren geworfen, oder aus dem Geſicht geſtrichen(nicht geglättet, denn an Eliſabeth war nicht Glattes noch Weiches) um die Stirn frei zu laſſen, die, wie Hilary bemerkte, niedrig, breit und ſtark war. Der übrige Theil des Geſichtes, die ſchon vorhin erwähnten Augen ausgenommen, mußte entſchieden un⸗ ſchön genannt werden. Ihre Geſtalt war unentwickelt und reizlos, die Bruſt ſchmal und zuſammengepreßt, und 9 Rücken und Schultern zeigten jene runde Form, die das Tragen von Kindern oder ſchweren Laſten, ſo leicht einer noch im Wachsthum begriffenen Figur gibt; mit einem Worte, ſowohl die Natur als ihre Lebensſtellung hatten ſich hier vereinigt, um nicht ſehr gütig mit Eliſa⸗ beth Hand zu verfahren. Doch nun war ſie einmal dort, und was ſollte mit ihr geſchehen?. Dieſe große Frage beſchäftigte die Fräulein Leaf während ſie bei ihrem Thee ſaßen, indeſſen ſie Eliſabeth mit ihrem kleinen Bündel, vermuthlich ihrer ganzen Habe, nach einer engen Kammer geſchickt hatten, die früher eine Spindenſtube war, in der ſie ſchlafen ſollte. Schon der Thee brachte die erſte Schwierigkeit. Sie hatten ſich gewöhnt, dieſe, ſowie jede andere Mahlzeit in der ſauberen Küche einzunehmen. Es ſparte Zeit, Um⸗ ſtände und Feuerung; und nebenbei blieb das Wohn⸗ zimmer immer in ungeſtörter Ordnung, ſtets bereit Be⸗ ſucher zu empfangen, welche hauptſächlich Verwandte ihrer Schüler waren, und welche bei dieſer Einrichtung nicht entdecken konnten, daß die drei verwaiſten Töchter von Henry Leaf, Esquire und Advocat, und Schweſtern von Henry Leaf Junior, Esquire, welcher denſelben Poſten bekleidete, deſſen einziger Lebensberuf es aber geweſen ſchien, Alles zu vergeuden, Jedermann elend zu machen, zu heirathen und zu ſterben— daß dieſe drei Damen ſich bei Tiſche ſelbſt aufwarten mußten, und oft ohne Butter frühſtückten und ohne Fleiſch zu Mittag ſpeiſten. Jetzt aber konnte man dieſe Lebensweiſe nicht länger weiterführen. 10 „Es iſt ja aber auch gar nicht nöthig“, begann Hilary fröhlich.„Ich bin überzeugt, wir können ganz gut ein Mädchen halten und ernähren und täglich das Wohnzimmer heizen. Weshalb wollen wir nicht dort ſpeiſen und die Abende darin zubringen?“ „Wir müſſen es“, entſchied Selina.„Ich meines Theils könnte weder eſſen, noch nähen oder irgend etwas Anderes thun, wenn jenes große, plumpe Mädchen mir gegenüber ſäße und mich anſtarrte, oder beſſer, gegenüber ſtände, denn wir könnten ſie doch nicht mit uns zu⸗ ſammenſitzen laſſen. Was wird ſie ſchon von uns ge⸗ dacht haben— von Leuten, die ihren Thee in der Küche trinken?“ „Ich finde, das thut nichts“, entgegnete die älteſte Schweſter ſanft.„Jedermann in der Stadt weiß, wer und was wir ſind, oder kann es wenigſtens erfahren, wenn er ſich danach erkundigen will. Wir können unſere Armuth nicht verbergen, ſelbſt wenn wir es wünſchten; aber ich glaube nicht, daß man deshalb auf uns herab⸗ blickt, nein, nicht einmal als wir die Schule eröffneten, was Dir eine ſo ſchreckliche Sache war, Selina.“ „Ja das iſt und bleibt es; und ich habe mich noch nicht damit ausgeſöhnt, des Bäckers beide Knaben und des Schmidts kleine Tochter unterrichten zu müſſen. Du haſt unrecht gehandelt, Johanna, daß Du nicht irgend eine Schranke zogeſt; die Kinder der Handwerker mußten von dem Schulbeſuche ausgeſchloſſen werden.“ „Bettler dürfen nicht ſo wähleriſch ſein“, erwiderte Hilary ſchnell. „Bettler!“ wiederholte Selina entrüſtet. „Nein, nein, mein Liebling, das ſind wir nicht, waren es nie“, ſprach die älteſte Schweſter beſchwich⸗ tigend, bemüht einem dieſer Stürme vorzubeugen, welche oft zwiſchen jenen Beiden ausbrachen.„Du weißt wohl, Hilary, wir haben nie gebettelt, nie von Einem geborgt, ja, wir ſind ſogar Niemand etwas ſchuldig, ausgenommen dem Herrn Lyon, der darauf beſtand, Askott die Privat⸗ ſtunden hier im Hauſe zu geben.“ Hier brach Johanna plötzlich ab, und Hilary ſagte leicht erröthend: „Schweſtern, wir vergeſſen, daß die Thür nach der Treppe geöffnet iſt, und obgleich Eliſabeth ein ehrliches, offenes Geſicht und nicht den Ausdruck einer Lanſcherin hat, ſo könnte ſie uns doch hören. Soll ich ſie herunter⸗ rufen und ſie im Wohnzimmer heizen laſſen?“ Während das neue Mädchen dieſen Auftrag vollzog und, trotz Selina's Ahnung des Gegentheils, das Feuer gut und ſchnell zum Brennen brachte, beſonders nachdem ihr Hilary ein paar kleine Winke zur beſſeren Förde⸗ rung der Arbeit gegeben, wollen wir die Gelegenheit benutzen, um ein Bild der Letzteren zu entwerfen. Es wird nur klein ſein, denn Hilary ſelbſt konnte nicht groß genannt werden; Alles an ihr, Hände, Füße, Geſtalt war zierlich und klein und ſtand im ſchönſten Ebenmaß zueinander. Ihre Bewegungen, wie dies meiſt bei kleinen Menſchen der Fall, waren mehr leicht und ſchnell als elegant; doch that ſie Alles mit einer Ge⸗ fälligkeit und Zartheit, die unwillkürlich einen Hauch von Anmuth und Grazie über ihr Thun breiteten. Sie ge⸗ hörte zu jenen Perſonen, die am beſten und kürzeſten 12 durch das eine Wort„harmoniſch“ charakteriſirt werden, die niemals etwas thun, wodurch einer unſerer Sinne beleidigt wird, eine Annehmlichkeit, welche man bei vielen ſonſt ganz vortrefflichen Menſchen oft vermißt. Dennoch war ſie nicht eben ſehr ſanft und ſtill oder„unangenehm liebenswürdig“, nein, es lag eine Lebhaftigkeit, ja ſelbſt ein gewiſſes Feuer in ihrem Weſen, die klar zeigten, daß ihr Lebenswein eine Beimiſchung von Champagner in ſich hatte, nichts Erkünſteltes, Aufſchäumendes, doch eine natürlich ſprudelnde Geiſtesfriſche, welche ſowohl geeignet iſt, Andere zu erheitern, doch nicht zu berauſchen. Und in ihrem eigenen lieben Hauſe wurde dieſe köſt⸗ liche Gabe am meiſten angewendet. Nicht das Centrum des brillanteſten, bewundertſten Kreiſes konnte witziger an⸗ ziehender und unwiderſtehlich amüſanter ſein, als Hilary, wenn ſie mit ihrer Katze auf den Knieen, inmitten ihrer Schweſtern und ihres Neffen Askott beim Kaminfeuer ſaß, und ihre reizenden Späßchen machte, ihr geiſtreiches Unter— haltungstalent ſpielen ließ, zur Erheiterung ihrer Familie, welche aus jenen Perſonen, die Katze als ſolche, und nicht als die unbedeutendſte, mit eingerechnet, beſtand. Ja, Hilary war das Licht, der Sonnenſchein des Hau⸗ ſes, dafür erkannten ſie Alle an; ſie war es von ihrer Ge⸗ burt an geweſen, als ihre ſterbende Mutter ſie mit den Worten:„Kind, ſei Mutter dieſem Kinde!“ in Johanna's Arme legte, welche nicht Frau Laf's rechte Tochter war. Aber die gute Stiefmutter, die einſt das kleine, verwaiſte Mädchen an ihr Herz nahm, und fortan keinen Unterſchied zwiſchen ihmundihren eigenen Kindern machte, wußte wohl an wen ſie die Bitte richtete, wem ſie ihr Kleinod anvertraute. — Von dieſer feierlichen Stunde an, da ſie in dem Schweigen der Mitternacht das neugeborene Kind von dem Todesbett der Mutter nahm, ward Hilary's Wohl Johanna's Hauptbeſchäftigung und Lebensberuf. Durch eine ſehr kränkliche Kindheit— denn das kleine Mädchen ward inmitten von Kummer und Sorge geboren— brachte ihre unermüdliche Pflege und Achtſamkeit ſie glücklich hindurch, und keine andere Hand hatte jemals Hilary bedient oder ihr Speiſe und Trank gereicht, als Johanna's. Tag und Nacht ruhte ſie ſicher und geborgen an ihrem Herzen und war ihr gleich einem eigenen Kinde. Die treue, ſorgende Schweſter war damals dreißig Jahr, nicht zu alt für die natürliche Beſtimmung des Weibes, Frau und Mutter zu ſein, aber die Jahre rauſchten dahin und ſie blieb uuverheirathet. Doch was that es— war Hilary nicht ihre Tochter? Johanna's Stolz über ſie kannte keine Grenze; dennoch trug ſie ihn nicht zur Schau, ſie hielt es ſogar für ihre Pflicht zu thun, als ob dieſes Kind ganz wie andere Kinder ſei. Doch Hilarh war es nicht, ſelbſt nicht im Aeußeren, und Jeder fand das bald heraus. Ein gütiges Geſchick hatte ſie verſchwenderiſch mit all den Gaben ausgeſtattet, die oft vereinzelt den Menſchen verliehen werden, um für den Mangel anderer weltlicher Güter zu entſchädigen. Ihre braunen Angen, ſo ſanft wie Taubenaugen, konnten, wenn es ihr einfiel, vor Schelmerei und Uebermuth blitzen, ihr Haar, auch von brauner Farbe, doch mit einem röthlich goldigen Schimmer, als wenn Sonnenſtrahlen eingeſponnen wären, theilte ſich in zwei wellige Linien über der Stirn und fiel dann in reichen, prachtvollen Ringeln nieder, die Johanna, unbe⸗ kannt mit der Kunſt„ſehr unordentlich“ fand und ſich vergebens bemühte durch Kamm und Nadeln in Haft zu halten, oder in regelrechte, zierliche Locken umzuwandeln. Ihre Geſichtszüge waren gut, ja künſtleriſch ſchöner und edler, als dieſe einfachen Menſchen es verſtanden, beſſer als Selina's, welche in ihrer Jugend doch die Schön⸗ heit der Stadt geweſen. Wenn aber auch Johanna keine Ahnung von der plaſtiſchen Regelmäßigkeit der Formen und Züge hatte, ſo glaubte ſie doch unverbrüchlich— natürlich ohne es laut werden zu laſſen— daß es auf der ganzen Gotteswelt kein zweites Antlitz wie Hilary's gäbe. Möglicherweiſe dämmerte dieſelbe Ueberzeugung in Eliſabeth's anſcheinend etwas beſchränktem Geiſte auf, denn ſie beobachtete ihre jüngſte Herrin unausgeſetzt; ihre Augen folgten ihr wo ſie ſtand und ging; und als Hilary einmal zu ihr herantrat, um ihr zu zeigen, wo Beſen, Blaſebalg und Ofenſchippe zu finden waren, da ſchaute das junge Mädchen mit einer ſo bewundernden, alles Andere vergeſſenden Aufmerkſamkeit auf ſie, daß der Korb, den ſie trug, ihren Händen entglitt und die Kohlen über die ganze Küche rollten. Bei dieſer Kataſtrophe blickte Johanna kläglich darein, Selina ſchalt, und Askott, der gerade zum Thee hereinkam, ſpät wie immer, brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Es koſtete Hilary ſelbſt Mühe, ihr Lachen zun uter⸗ drücken, denn ſie ſtand ihrem Neffen zu nahe im Alter, um immer ein würdevolles, tantenhaftes Betragen ihm gegenüber annehmen zu können; nachdem ſie aber ihre Schweſtern in dem Wohnzimmer behaglich untergebracht 15 und Askott in die Schulſtube gelockt hatte, damit er ſeine lateiniſche Aufgabe mache, wobei ſie ihm zu helfen verſprach, ſchalt„Tante Hilary“ den jungen Mann tüchtig aus und ermahnte ihn dringend, mit dem neuen Dienſtmädchen Frieden zu halten. „Aber ſie ſieht auch zu ſeltſam und orignell aus; gerade wie eine Südſee⸗Inſulanerin. Als ſie mit dieſem verdutzten, grimmigen und verzweifelten Ausdruck die verſtreuten Kohlen betrachtete— Tante, da war ſie un⸗ vergleichlich.“ Und das friſche, jubelnde, unwiderſtehliche Lachen des Knaben brach wieder hervor. „Sie wird uns vielen Spaß machen. Soll ſie wirk⸗ lich hierbleiben?“ „Ich denke“, entgegnete Hilary und verſuchte, ernſt⸗ haft zu ſein.„Ich hoffe, Tante Johanna niemals wieder die Treppe abkehren zu ſehen, oder ſie in der kalten Morgenfrühe beim Herde zu finden, wie dies leider ſo lange der Fall geweſen. Das wird nun Alles beſſer werden durch die neue Dienerin. Siehſt Du es nicht ein, Askott?“ „Ja, ja“, erwiderte der Knabe ſorglos.„Aber bitte, verſchone mich mit ſolchen Geſprächen; die häuslichen Angelegenheiten gehören in das Bereich der Frauen, nicht in das der Männer.“ Askott war gerade achtzehn Jahre alt und im Begriff von dem Standpunkte als Lehrling eines Arztes zu dem viel wichtigeren eines Studenten der Medicin und zwar eines londoner Studenten überzu⸗ gehen. Nach einem kurzen Ueberlegen ſagte er plötzlich: „Doch höre, Tante, das neue Mädchen wird mir hoffent⸗ 16 lich in keiner Art im Wege ſein; ſorge ja, daß ſie meine Bücher und Sachen nicht anrührt!“ „Sei ganz ruhig, Askott, ich ſelbſt ordnete Alles in Deinem Zimmer, eigenhändig räumte ich Deinen alten Kram aus der Spindenſtube in“— „Aus der Spindenſtube? Wahrhaftig, das iſt nicht zum Aushalten— wo ſoll ich denn meine Sachen“— „Sie muß dort ſchlafen, wo könnten wir ſie ſonſt unterbringen?“ ſagte Hilary entſchloſſen, obgleich ſie innen ein Wenig zitterte, denn der ſchöne, fröhliche, etwas anſpruchsvolle Knabe, hatte eine nicht unbedeutende Herr⸗ ſchaft in dieſem nur aus Damen beſtehenden Haushalte gewonnen.„Du mußt Dich ſchon ohne Deine Höhle begnügen, Askott, es würde ſehr unrecht ſein, wenn Du Einwendungen machteſt, da es zu Tante Johanna's und unſer aller Beſten iſt.“ „Hm“, brummte der Angeredete, der obgleich er von Herzen nicht böſe war, doch nach Knabenart einen ent⸗ ſchiedenen Widerwillen hatte, ſich mit irgend etwas zu begnügen, was ihm nicht zuſagte.„Nun, es wird nicht mehr lange dauern“, fügte er, ſich tröſtend, hinzu,„es geht ja bald fort von hier nach dem ſchönen London. Welch ein herrliches Leben ich dort führen werde! Weißt Du, Tante, daß ich auch Herrn Lyon da wiederſehe?“ „Ja“, erwiderte Hilary kurz und kehrte dann zu Dido und Aeneas zurück, einem ſehr leichten und be⸗ ſcheidenen Latein für einen Schüler von achtzehn Jahren; aber Askott beſaß keine ungewöhnlichen Fähigkeiten, und da er, um etwas für ſeinen Lebensunterhalt zu gewinnen, ſchon früh in das Haus jenes Arztes kam, ſo war ſeine * —,F,ꝰ᷑—. 17 Erziehung vernachläſſigt worden, bis Herr Lyon, der als Lehrer an der lateiniſchen Schule in Stowbury an⸗ geſtellt wurde, ein gewiſſes Intereſſe für den Knaben faßte, und ihn und ſeine Tante Hilary in den Abend⸗ ſtunden im Lateiniſchen, Griechiſchen und der Mathematik unterrichtete. Ich will kein Geheimniß aus einem hieraus folgenden Ergebniß machen. Die menſchliche Natur bleibt ſich über die ganze Erde hin gleich. Eine Geſchichte ohne Liebe würde unnatürlich, unreal, ja geradezu eine Lüge ſein. Es gibt kein Leben ohne Liebe, wie könnte eine Schilderung deſſelben frei davon ſein? Wenn es wirk⸗ lich ſolche licht⸗ und freudloſen Exiſtenzen gäbe, ſo möge man ſie bemitleiden und Gott wolle ihnen verzeihen, denn ſie ſind eine Ausnahme, eine Abirrung von dem Menſchenthume. Die Mehrzahl von uns hat, Dank dem Himmel, nicht zu philoſophiren, ſondern einfach zu leben. Wir fühlen uns zueinander hingezogen und wiſſen oft kaum weshalb, wir lieben uns gegenſeitig und finden oft noch weniger den Grund davon auf.— An einem Sonntage in der Kirche war es, als Hilary zum erſten Mal Herrn Lyon's ernſtes, faſt ſtrenges Antlitz erblickte, das mit ſeinem ſchottiſchen Typus, welcher meiſt ſtarke ſcharfe Züge hat, neben den weichen, roſigen, die ſüch⸗ ſiſche Abſtammung verrathenden Geſichtern der Jugend von Stowbury„hart“ ausſah. Wenn in dieſer Stunde Jemand zu Hilary geſagt hätte, daß das Antlitz dieſes Fremden das eine für ſie werden würde, welches ſich Herrin und Dienerin. I. 2 18 in Kopf und Herz ſo eingeprägt, daß weder Zeit, Trennung, noch Wechſel der Verhältniſſe, ja, keine Macht der Welt es jemals aus ihrer Seele bannen könnte,— ſo glaube ich dennoch, Hilary hätte ruhig hingeblickt. Sie würde ihr Loos, ſo wie es war, angenommen haben, mit ſeinem Licht und Schatten, ſeinem Glück und Schmerz; es kam ja über ſie ohne ihr Zuthun, wie die meiſten wichtigen Lebensereigniſſe uns treffen, und was es auch mit ſich führte, es konnte doch aus keiner anderen Quelle ſtammen, als der, welche hehr und heilig iſt, aus der die reine Liebe ſtets entſpringt— aus dem Willen und dem Segen Gottes. Herr Lyon ſelbſt erfordert keine lange Beſchreibung. Bei ſeinem erſten Beſuche im Hauſe hatte er Johanna Leaf alles ihn Betreffende erzählt, was bekannt werden ſollte. Er theilte ihr mit, daß er demſelben Stande angehöre wie ſie, ein armer Lehrer ſei, der ſich allein „emporgearbeitet“, wie dies ſo viele ſchottiſchen Studenten müſſen. Sein Vater, deſſen er ſich kaum mehr er⸗ innerte, habe eine kleine Farm in Aryſhire beſeſſen, ſeine Mutter ſei todt und Geſchwiſter habe er nie gehabt. Da er bald Hilary's bedeutende geiſtige Fähigkeiten bemerkte und wohl einſah, wie ihr als Schullehrerin ein Schatz von Kenntniſſen ſehr nützlich ſein könne, ſo erbot er ſich, ſie mit ihrem Neffen zuſammen zu unterrichten; ein Vorſchlag, den ſie nur zu gern annahm, und für den ſie und Johanna ihm innig dankbar waren. Doch während dieſer Stunden hat er ſie noch etwas Anderes gelehrt, das damals von Keinem von ihnen beachtet 19 wurde— ihn mit voller Seele zu verehren, mit ganzem Herzen zu lieben. Ueber dieſe einfache Thatſache wollen wir jetzt nicht weiter ſprechen, Hilary ſchwieg ja auch darüber. So⸗ bald er von ihr geſchieden, wußte ſie, daß ihr Herz ihm gehörte. Es war dies eine traurige und doch heilige Wahrheit, die ſie ſich nicht verbergen, nicht ausreden konnte, ſelbſt wenn ſie ihr Vorhandenſein nicht gewünſcht hätte. Vielleicht wurde auch Johanna der Standpunkt der Dinge klar, als ſie ihren Liebling für eine kurze Zeit ſo ſehr ſtill und blaß ſah, dennoch äußerte auch ſie kein Wort darüber. Herr Lyon ſchrieb regelmäßig an Abkott, und ein Paar Mal ſogar an die älteſte der drei Schweſtern, aber obgleich Jeder wußte, daß Hilary ſeine beſondere Freundin geweſen, ſo empfing ſie doch keinen Brief von ihm. Er war ſehr plötzlich abgereiſt, um, wie er ſagte, einen Plan durchzuführen, der großen Einfluß auf ſeine Zukunft haben würde; doch obgleich er früher von ſeinen Angelegenheiten geſprochen hatte, ſo ging er jetzt in keine näheren Erklärungen ein. Aber Johanna wußte, daß er ein braver Mann ſei, und wenn ſie auch keinen Mann auf der ganzen Welt gut genug für ihren Liebling fand— ſo hatte ſie zu dieſem doch eine große Zuneigung und ſetzte tiefes Vertrauen in ihn. Hilary's Gedanken und Gefühle erfuhr Niemand. Aber ſie war ja noch ſo ſehr jung, und das Leben mit ſeinem reichen Hoffen lag vor ihr. Nach und nach kehrte auch wieder die roſige Friſche in ihre blaſſen Wangen 20 zurück, und ihre Stimme, ihr Lachen erklangen wieder ſo fröhlich wie ſonſt im Hauſe. Da wir nun die Lage der Dinge berichtet, ſo wird es Keinen verwundern, daß nach Askott's letztem Aus⸗ ruf:„Weißt Du auch, daß ich Herrn Lyon dort ſehen werde?“ Hilary's Gedanken von Dido und Aeneas abgezogen wurden und ſie dem Neffen träumeriſch zu⸗ hörte, der ſeine Pläne und Hoffnungen für eine große Zukunft vor ihr enthüllte— die Zukunft eines Stu⸗ denten der Mediein, vermuthlich einſt einer der berühm⸗ teſten Aerzte, deſſen ganze Carrière mit all ihren Aus⸗ gaben von Herrn Askott, ſeinem Pathen beſtritten ward, der früher ein armer Krämerlehrling in Stowbury ge⸗ weſen und jetzt jener große Kaufmann in Ruſſel Square war. Gewiß kann man es auch nur natürlich finden, daß Askott's unermeßliche Erwartungen von dem lon⸗ doner Leben ſich in den Angen ſeiner Tante in dem Einen concentrirten:„Herrn Lyon dort zu treffen.“ Aber indem ich ſo viel von ihren Herrinnen erzähle, habe ich für den Augenblick Eliſabeth ganz aus dem Geſichte verloren. Als das Mädchen allein gelaſſen war, ſtand ſie einen Moment in ihrer unbeholfenen, verwirrten Art um ſich ſchauend, dann aber ermannte ſie ſich und be⸗ gann das Gebot:„das Theezeug zu waſchen“, zu voll⸗ ziehen. Sie that es auf eine Weiſe, daß wenn Johanna ihr zugeſehen hätte, ſie dankbar geweſen ſein würde, daß es nur das gewöhnliche Service war und nicht das geliebte chineſiſche Porzellan, aus beſſeren Zeiten her⸗ ſtammend; aber wenn ſie auch laut und lärmend dabei verfuhr, ſo geſchah es doch ſchnell und leicht, als ob ihr ganzes Herz bei der Arbeit ſei. Nachdem ſie dieſe beendet, nahm ſie ein Licht und ſchaute ſich in dem Hauſe, das jetzt ihre Heimath ſein ſollte, um. Es war klein genug, wenigſtens würde es jedem Andern als Eliſabeth ſo erſchienen ſein; denn außer der Schulſtube und dem Spindenkämmerchen— welche der Wirth aus Güte den Damen noch überlaſſen hatte, um ihnen zu zeigen, wie hoch er ſie ſchätze und ihnen gern zu Willen lebe— enthielt es nur ſechs Räume, das Wohnzimmer, die Vorderküche und den Kochraum, und drei Stuben oben. Trotzdem aber war es ein hübſches wohnliches Häuschen, in Eliſabeth's Augen ein richtiger Polaſt. Mehrere Minuten betrachtete ſie ihre Küche, welche das Feuer ſo heimlich durchleuchtete, indem es den breiten, runden Eichentiſch und die hölzernen Stühle beſchien, und mit beſonders freundlichem Strahle auf der laut tickenden Uhr in dem großen Gehäuſe weilte, deſſen Inneres, mit dem Pendel und den ſchweren Ge⸗ wichten, ſowohl für Hilary's als Askott's Kindheit eine Quelle nie endenden, geheimnißvollen Entzückens geweſen war. Dort weiter hin ſtund das Sopha, plump und häßlich von Geſtalt, doch wie behaglich und comfortable, mit ſeinem geblümten Zitzüberzuge, der wenigſtens ſchon zwanzig Jahre nach jeder Wäſche wieder ganz friſch und neu ausſah! Vor Allem wurde Eliſabeth's Aufmerk⸗ ſamkeit durch ein ſeltſames Geſtell gefeſſelt, welches, aus einem Strick und verſchiedenen Hölzern beſtehend, ſich als eine Kinderſchaukel erwies. Und zuletzt ruhten ihre 22 Augen mit ſichtlichem Wohlbehagen auf dem Fußboden der Küche, der aus glatten, blau⸗ und rothkarrirten Flieſen gebildet war, die man ſo leicht fegen und reinigen konnte, und auf denen es ſich, wie Hilary und Askott erprobt, ſo herrlich mit dem Kreiſel ſpielen ließ— ein Vorzug, von dem Eliſabeth, deren Kindheit nur harte. Mühſal und keine Spiele gekannt, freilich keine Ahnung hatte. Dieſes Lieblingsvergnügen der Beiden mußte in den letzten Jahren vor den ernſteren Beſchäftigungen des Lebens natürlich in den Hintergrund treten; doch war es noch nicht allzu lange her, daß, als eine der kleinen Schülerinnen einmal unvermuthet aus der Schul⸗ ſtube trat, ſie Hilary mit der Peitſche in der Hand fand, einen nachdenklichen Kreiſel in den ſchönſten Win⸗ dungen durch die Küche tanzen laſſend. Indeſſen drang Eliſabeth weiter vor, ſich nach ihrem eigentlichen Bereiche, der Hinterküche oder dem Koch⸗ raume wendend, um ſeine Geheimniſſe zu betrachten. Vor Allem weilten ihre Augen auf dem Küchenſchrank, deſſen verſchiedene Fächer ſo hübſch beſetzt und ſo unge⸗ mein ſauber waren. Ja, gerade dieſe Ordnung und Reinlichkeit ſchienen das Mädchen als etwas ganz Neues und Merkwürdiges zu berühren; und obgleich man nicht ſagen konnte, daß ſie nachdachte und überlegte— denn dazu war ihr Geiſt nicht geweckt genug— ſo kam, als ſie jetzt beim Küchenfeuer ſtand, ein gewiſſes Sinnen über ſie, wodurch der Ausdruck ihres Geſichtes ſehr verändert wurde, und es weniger einfältig und gleichgültig ausſah als Anfangs. „Ich möchte wohl wiſſen, wer Alles dies gethan hat. 23 Sie müſſen ſehr fleißig gearbeitet haben, und zwei von ihnen ſind ſo zart und klein“— ſetzte ſie faſt bedauernd hinzu. Noch eine Weile ſtand Eliſabeth ſinnend da, denn ſich niederzuſetzen, ſchien für ſie etwas ebenſo Neues und Fremdes, als nachzudenken; dann aber ging ſie nach den oberen Zimmern, um, wie ihr geheißen, bei Einbruch der Nacht Fenſter und Läden zu ſchließen. Die Schlaf⸗ ſtuben waren klein und unzureichend, nein, kümmerlich möblirt, aber die Dielen zeigten nicht den geringſten Fleck(arme Johanna!) und die Laken und Decken der Betten waren, wenn auch geſtopft und geflickt, doch ſauber und blendend weiß. Die höchſte Ordnung und Reinlichkeit leuchtete dem Auge aus jeder Ecke entgegen. Es war kein Verſuch gemacht worden, die Armuth ma⸗ leriſch erſcheinen zu laſſen, denn was auch die Dichter ſagen mögen, Armuth kann nicht maleriſch ſein, aber es war bei der großen Dürftigkeit doch Alles anſtändig. Die ganze Einrichtung des Hauſes machte, trotz ihrer Einfachheit, den Eindruck, daß ſeine Bewohner„Damen“ waren, Damen, die keine Art der Arbeit als ihrer un⸗ würdig betrachteten, und die, was ihnen zu thun obleg, ſo gut wie möglich verrichteten. Frau Hand's harterzogene Tochter war niemals früher in ein ſolches Haus gekommen, und ihr Prüfen jedes Raumes und Eckchens ward eine Aufrichtung und Ermunterung für ſie. Ihr eigenes kleines Schlaf⸗ kämmerchen war gerade ſo ordentlich und comfortable wie ſie die Stuben ihrer Herrinnen gefunden, ein Umſtand, 24 der einen tiefen Eindruck auf Eliſabeth machte. Jener helle, fröhliche Blick, der zugleich etwas Weiches und Kluges hatte und das Einzige war, was ihr rauhes, nicht hübſches Geſicht verſchönte, erglänzte wieder in ihren Augen, als ſie ihr kleines Rollbett aufſchlug und die warmen Decken und friſchen Laken ſah, die, obwohl grob, doch ganz neu und ſehr ſauber genäht waren. „Sie hat es gewiß ſelbſt gemacht“, ſprach Eliſabeth leiſe vor ſich hin. Auf welche ihrer Herrinnen ſich dieſes „ſie“ bezog, blieb unerörtert; doch durch einen inneren Impuls jetzt ſelbſt von dem Wunſche getrieben, ſich nützlich zu erweiſen, eilte die neue Dienerin in die Schlafſtuben zurück, um zu ſehen, ob dort nicht etwas für ſie zu thun ſei. Endlich fand ſie in einem der Waſchtiſche einen leeren Waſſerkrug, und hingeriſſen von ihrem Eifer, nahm ſie dieſen in die eine, das Licht in die andere Hand und lief ſchnell die Treppe hinab. Unſelige Geſchäftigkeit! Hilary's Katze, aus ſüßem Schlummer auf dem Herde erweckt, ſprang in demſelben Augenblick die Treppe hinauf. Es erfolgte ein Zu⸗ ſammenſtoß— ein Taumeln, und nun fiel erſt der Leuchter, dann der Krug und zuletzt Eliſabeth ſelbſt die Stufen hinunter. Bei dem ſchrecklichen Getöſe eilte die ganze Familie beſtürzt herbei. „Was hat das Mädchen zerbrochen?“ rief Selina. „That ſie ſich Schaden?“ fragte Johanna ängſtlich. 6 5 b Hilary ſagte nichts, doch ſie holte ein Licht, half erſt Eliſabeth auf und las dann die Scherben des zer⸗ brochenen Gefäßes zuſammen. „Himmel, es iſt mein Krug— mein Lieblingskrug iſt zerſchlagen und ſo, daß ich ihn nicht wieder kitten laſſen kann! O, du ungeſchicktes, fahrläſſiges, unnützes Geſchöpf!“ „Selina!“ flüſterte die älteſte Schweſter ängſtlich bittend. „Ja ſo, ich vergaß; Du biſt die Herrin. Nun, wes⸗ halb ſprichſt Du nicht mit Deinem Mädchen?“ Johanna in ihrer ſtillen, ſanften Art überzeugte ſich erſt, ob Eliſabeth keine körperliche Verletzung erlitten habe, und fragte dann, wie das Mißgeſchick geſchehen ſei; denn als ein ſolches empfand ſie es. Nicht nur, daß der daraus entſtandene Verluſt unangenehm war, ſie fühlte auch, daß eine Dienerin, welche die unglückliche Anlage habe, viel Geſchirr zu zerbrechen, für ſie ein Lurus ſein würde, den ſie ſich nicht geſtatten könnten. Ueberdies war ſie ſchon ängſtlich geworden, da Selina ihr im Wohnzimmer eine lange Auseinanderſetzung dar⸗ über gemacht, daß das neue Mädchen unmöglich für ſie paſſen würde, und ſo beredt geweſen war, daß eine ge⸗ wiſſe Bedenklichkeit ſich auch der älteſten Schweſter be⸗ mächtigt hatte. „Erhole Dich, mein Kind“,— denn Eliſabeth zit⸗ terte noch—„und dann ſage mir offen, wie Alles kam.“ „Es war die Katze“, ſchluchzte die Gefragte. „Welche ſchamloſe Frechheit“, rief Selina.„Du — böſes Mädchen, wie kann es die Katze geweſen ſein? Weißt Du, wie grob Du gelogen, und lügen iſt Sünde, jeder Lügner kommt in die“— „Unſinn! Still!“ mit dieſen in beſtimmtem Tone geſprochenen Worten unterbrach Hilary den Redeſtrom. In ihrer Kindheit war Selina's„Zunge“ ihr Schrecken geweſen, jetzt aber ärgerte ſie ſich nur noch darüber. Selina's heftiges, launenhaftes Temperament war ſeit langer Zeit als ein unvermeidliches Uebel in der Fa⸗ milie anerkannt, ja man kümmerte ſich kaum noch darum, wohl wiſſend, daß ihr Bellen ſchärfer als ihr Biß war, aber es blieb doch immer unangenehm, daß ſie ſich ſo bald vor dem neuen Dienſtmädchen bloß⸗ ſtellte. Im Anfange blickte die Letztere mit einfachem Er⸗ ſtaunen auf die zürnende Dame, als aber Selina, gerade den Anderen zum Trotz, ſich in einen wahren Sturm der Leidenſchaft hineinarbeitete und die übertriebenſten Anſchuldigungen hageldicht auf des armen Opfers ge⸗ beugtes Haupt fielen, da ging auch eine große Verän⸗ derung in Eliſabeth's Weſen vor. Nach einer beharr⸗ lichen Wiederholung:„Es war die Katze“, konnte man kein weiteres Wort aus ihr herausbringen. Sie ſtand mit geſenktem Blick, gerunzelter Stirn und trotzig auf⸗ geworfener Lippe, ein richtiges Bild eiſerner Hals⸗ ſtarrigkeit. Obgleich noch ſo jung, ſchien Eliſabeth doch gleich ihrer Herrin einen ungewöhnlichen Theil„Eigen⸗ willen und Trotz“ zu beſitzen, eine geiſtige Mißgeſtaltung, mit der manche Menſchen geboren werden, wie andere mit einer Haſenſcharte oder einem Klumpfuß, nur daß 27 jener erſte Fehler verbeſſert werden kann, wenn auch der Kampf dagegen oft ein heißer iſt und erſt zuweilen mit dem Leben endet. Eliſabeth hatte dieſen Streit mit dem böſen Feinde wohl noch gar nicht begonnen, ſie wußte noch nicht, was Selbſtbeherrſchung ſei; denn ihre ganze Erſcheinung, als ſie zwar wortlos, doch mit welchem Geſichtsaus⸗ druck! bei dem Strom von Scheltworten daſtand, war geradezu zurückſtoßend. Selbſt Hilary wandte ſich ab und gab dem Gedanken Raum, daß es doch wohl leichter geweſen ſein möchte, den ganzen Tag Unterricht zu ertheilen und Abends das Hausweſen zu beſorgen, als ſolch eine Dienerin zu haben, nicht der Schande zu gedenken, daß Selina's„Eigenheiten“ ſich ſo vor einer Fremden enthüllten. Hilary wußte ſchon aus Erfahrung, daß der Ver⸗ ſuch, den Zornesausbruch zu dämpfen, nutzlos ſei. Das einzig Mögliche war, Selina ihren Grimm ausſprudeln zu laſſen, bis ſie von ſelbſt aufhörte, und dann in einer ſtillen, paſſenden Stunde Eliſabeth zu erklären, daß die ſcharfen Worte nun einmal der Schweſter„Art und Weiſe“ wären und man Nachſicht damit haben müſſe. Obgleich dies ſehr demüthigend und gewiß der Autorität nicht förderlich war, eine neue Dienerin zu lehren, Nach⸗ ſicht mit einer ihrer Herrinnen zu haben, ſo blieb doch kein anderer Ausweg. Hilary hatte wohl vorausgeſehen, daß es dahin kommen würde, dennoch glaubte ſie nicht, daß gleich am erſten Abend ein ſolcher Auftritt ſich ereignen werde. Aber der Sturm war losgebrochen, und zwar mit 28 . ungewöhnlicher Heftigkeit. Ob Selina durch des jungen Mädchens trotzigen Ausdruck und ihr beharrliches Schwei⸗ gen noch mehr gereizt ward, oder ob, wie es ſo oft bei Menſchen ihrer Gemüthsart der Fall iſt, ſie etwas Anderes vorher gekränkt hatte und ſie nun die erſte Gelegenheit ergriff, ihren Zorn auszulaſſen: gewiß iſt es, daß ihre Worte ſich faſt überſtürzten, bis ſie endlich aus wirklicher Erſchöpfung ſchwieg. Und als ſie ſich nun an allen Gliedern zitternd auf das Sopha warf— da, o Unglück!— ſah ſie ihren Neffen in der Thür des Schulzimmers ſtehen, vor Entzücken über ihren Zorn lächelnd und hinter ihrem Rücken Geſichter ſchneidend. Das war zu viel. Die arme Dame fand keine Worte mehr zum Schelten, aber ſie ſtürzte auf Askott los, und ehe ſich dieſer es verſah, brannte eine Ohrfeige auf ſeiner Wange. Hier bei dieſer ſchrecklichen Kataſtrophe falle der Vorhang.. Sweites Papitel. Obwohl kleine Zwiſtigkeiten zwiſchen Askott und ſeiner Tante Selina nichts Seltenes waren, ſo hatte doch noch keine die Höhe erreicht, wie jene im vorigen Kapitel be⸗ ſchriebene. Hilary mußte zur Hülfe herbeieilen und im wahren Sinne des Wortes den wüthenden Jüngling mit Gewalt in die Schulſtube hineinziehen, indeſſen die bleiche, zitternde Johanna Selina bat, nach ihrem Zimmer zu gehen und ſich niederzulegen. Dazu bedurfte es keiner großen Ueberredung; denn im Augenblick, als die That geſchehen war, fühlte ſie auch, wie ſie ſich ſelbſt ernied⸗ rigt und ihren Neffen beleidigt habe, und heiße Reue trat ein. Ihre Heftigkeit endete in einer Fluth nervöſer Thränen, und ſie ließ ſich willig wie ein Kind oben führen und zu Bett bringen— der gewöhnliche Beſchluß dieſer beklagenswerthen Zornesausbrüche. Während dieſer Vorgänge dachte Niemand an Eliſa⸗ beth, und die unglückliche Urheberin dieſer Scene ſtand als Zuſchauerin bei dem Herdfeuer. Welche Gedanken ſie beſchäftigten, berichtet die Geſchichte nicht. Ob es in. ihrer eigenen niederen Häuslichkeit auch zankende Ge⸗ ſchwiſter und ſchlagende Mütter gegeben, iſt uns nicht bekannt geworden, ebenſo wenig, ob ſie ſehr erſtaunt war, dieſelben Vorgänge in einem ſo feinen, gebildeten Hauſe zwiſchen Herren und Damen ſich zutragen zu ſehen. Das aber iſt gewiß, das junge Mädchen wurde ſehr ernſt, ja ernſt, nicht mehr trotzig, denn ſobald Selina die Küche verlaſſen, ſchwanden auch mehr und mehr die drohenden Wolken von Eliſabeth's Geſicht, und als Hilary wiederkam, war der Sturm in ihr ganz be⸗ ſchwichtigt; doch jene bemerkte ſie kaum, denn ſie ſuchte Johanna, die blaß und vor Aufregung zitternd in die Treppe herabſtieg. „Iſt ſie zu Bett?“ „Ja, meine Liebe. Es war auch das Beſte, Selina befand ſich ſchon den ganzen Tag unwohl.“ Hilary's Lippen kräuſelten ſich, doch erwiderte ſie nichts. Sie beſaß nicht Johanna's endloſe Geduld mit Selina. Schweigend führte ſie die älteſte Schweſter nach dem Wohnzimmer, rückte ihren Armſtuhl zum Kamin, ſchloß die Thür und ſetzte ſich dann neben ſie, ihre Hand leiſe und ſanft in die ihrige faſſend. Johanna drückte die kleinen, weichen Finger; einige Thränen rollten langſam über ihre blaſſen Wangen, doch trocknete ſie dieſe ſchnell. Und dann ſaßen die beiden Schweſtern ſchweigend, mit ſchweren, tiefbetrübten Herzen bei einander. Jede Familie hat ihren wunden Fleck, ihren geheimen Kummer. Hier war es Selina. Ob ſie es ſich einge⸗ ſtanden oder nicht, ſie wußten nur zu gut, daß jede Un⸗ annehmlichkeit, jede Störung des ſonſt ſo friedlichen, häuslichen Lebens von der„armen Selina“ herrührte. Sie nannten ſie oft mit tiefem Mitleid„arm“ und ge⸗ wiß war dies nicht ungerechtfertigt, denn wenn man die bedauert, welche unglücklich ſind, wie vielmehr muß man die bemitleiden, welche Andere elend machen. Und dies that Selina, hatte es ihr ganzes Leben hin⸗ durch gethan. Zuweilen ward ſie ſich deſſen bewußt und fühlte es mit tiefen Schmerzen; manches Mal war nach einer folchen Scene ihre Reue, ihre Zerknirſchung faſt ebenſo heftig als ihre Leidenſchaft es geweſen, ſodaß ihre Schweſtern noch genöthigt wurden, alle nur mög⸗ lichen Entſchuldigungen für ſie zu erſinnen; und ſie damit gegen ihre Selbſtanklage zu vertheidigen und zu tröſten ſuchten, daß„ſie es ja nicht ſo böſe meine“—„es wären die Nerven oder ſonſt ein Unwohlſein“—„es komme nur von ihrer düſtern Art, die Dinge aufzu⸗ faſſen.“ So ſprachen die guten, liebevollen Schweſtern zu der Tiefbereuenden, und dennoch wußten und fühlten ſie, daß nicht ihre Armuth mit all ihren Bedrängniſſen, nicht die Demüthigungen, welche ihre veränderte Lebensſtellung unvermeidlich mit ſich führte, halb ſo ſchwer und bitter zu tragen ſeien, als das, was ſie Selina's„Eigenheiten“ und„Launen“ nannten, die zwar kein Verbrechen waren, doch in ihren Folgen oft ſo unheilvoll wie ein ſolches wirkten. Askott war der Einzige, der nicht einmal den Ver⸗ ſuch machte, die Sache zu beſchönigen oder zu entſchul⸗ digen. Als er ein Knabe geweſen, hatte er ganz frei 32 heraus erklärt, er haſſe Tante Selina, und noch jetzt trat er ihr mit offenem Trotz entgegen; und es wurde durchaus nicht leicht, ein irgend nur ſcheinbar gutes Ver⸗ hältniß zwiſchen den Beiden herzuſtellen. Hilary's ge⸗ rechter Aerger war niemals weiter als bis zu dem Wunſche gegangen, Selina verheirathet zu ſehen, da dies ihr die leichteſte Art ſchien, von ihr befreit zu werden. In der letzten Zeit hatte ſie dies nicht mehr ſo brennend gewünſcht, denn da ſie gelernt, ernſter über die Wichtig⸗ keit der Ehe zu denken, war es ihr vielleicht klar ge⸗ worden, daß eine Frau, welche ſchon nicht im eigenen Hauſe ein Segen iſt, dies wohl noch weniger in dem ihres Mannes ſein wird; und noch weiter in die Zukunft blickend, konnte Hilary es nur als eine gnädige Schickung Gottes betrachten, daß Selina nicht zur Mutter von Kindern beſtimmt wurde. Trotzdem hatte ihr Nichtheirathen überall ein gewiſſes Staunen erregt, da ſie in ihrer Jugend nicht nur ſchön und anmuthig, ſondern auch anziehend geweſen. Ob das ſcharfe Auge der Männer dennoch die dunkle Stelle ihres Charakters entdeckt, unter der reizenden Hülle den Klumpfuß bemerkt hatte? Denn wenngleich ihr vielver⸗ ſprechende Aufmerkſamkeiten und Huldigungen wurden, ſo empfing die arme Selina doch keinen einzigen Heiraths⸗ antrag. Glücklicherweiſe konnte man auch nicht be⸗ haupten, daß einer ihrer Anbeter ihr beſonders theuer geweſen war; ſie gehörte zu den Frauen, die, wenn Alles ſich aufs Beſte gefügt, natürlich geheirathet hätten, die aber niemals der Schwäche ſich ſchuldig machen würden, zu lieben, wohl gar unerwidert zu lieben. Jetzt war nur 32 33 noch wenig Hoffnung vorhanden, Selina aus dem Hauſe ſcheiden zu ſehen, um in eine andere Familie die Unzu⸗ friedenheit und Grämlichkeit, die endloſe Tadelſucht gegen Jeden und die eigene große Empfindlichkeit hinüberzu⸗ tragen, Fehler, welche nicht nur den Anderen das Leben verbitterten, ſondern das der armen Selina ſelbſt zu einer immerwährenden Qual machten. Noch immer ſaßen die beiden Schweſtern ſchweigend im Wohnzimmer. Was nützte es, von Neuem das alte Thema zu beſprechen; ſie wußten ja nur zu gut, daß dieſe Bürde getragen werden mußte. Und hatte nicht jede Familie ſolchen geheimen Kummer, den ſie klagelos trug? Zu⸗ weilen, wenn die Schweſtern um ſich ſchauten, dankten ſie Gott noch von Herzen, daß ihre Laſt nicht ſchwerer ſei, da Selina im Grunde doch gut und eine ſehr ehren⸗ hafte Frau war, die ihre Angehörigen wirklich liebte, wenigſtens ſo wie eine Natur, welche ihren Schwer⸗ punkt im eigenen Ich findet, lieben kann. Nur wenn Hilary, wie an dieſen Abend, in Johan⸗ na's blaſſes Angeſicht blickte, in das Jahr um Jahr tie⸗ fere Furchen zog, wenn ſie ſah wie eine Aufregung gleich der vorhin erlebten, ſie angriff, ſie, die nach der harten Mühſal ihres Lebens vor Allem ein fröhliches, friedliches Daſein verdient hätte— dann fühlte Hilary, von, dem Ungeſtüm der Jugend hingeriſſen, daß, was ſie auch für ſich ſelbſt ertrug, ſie für Johanna nicht länger erdulden wollte, und in ſolchen Momenten ſympathiſirte ſie mit Askott und hätte Selina beinahe auch gehaßt. „Wo iſt der böſe Knabe? Man muß ernſtlich mit ihm reden,“ begann Johanna, ſich erſchöpft erhebend. 3 Herrin und Dienerin. I. „Ich habe ihm eine gute Strafpredigt gehalten; er hat verſprochen, nicht wieder ſo ungezogen zu ſein.“ „Ein Verſprechen, welches er bis zur nächſten Ge⸗ legenheit halten wird“, erwiderte Johanna hoffnungslos. „Aber, Hilary“— mit einer plötzlichen Verwirrung— „was fangen wir mit Eliſabeth an?“ Auch daran hatte die jüngſte Schweſter ſchon gedacht. In ihrem Geiſte waren all die Für und Wider, die unvermeidlichen Uebelſtände erwogen worden, welche aus der Gegenwart einer Dienerin erwuchſen, und beſonders dadurch, weil man vor ihr das Familiengeheimniß, die wunde Stelle nicht verbergen konnte, ja weil ſie dieſe leider ſchon auf die ſchlimmſte Weiſe entdeckt hatte. Aber Hilary war ein ſcharfſichtiges, kluges Mädchen; ſie be⸗ ſaß die ſeltene Gabe, die Dinge in ihrer wahren Geſtalt zu ſehen, unbeirrt durch ihre eigenen parteiiſchen Gefühle, in der That, ganz ohne Beziehung auf ſich ſelbſt. Es ſtund feſt, daß Johanna die Hausarbeit nicht mehr thun ſollte, Selina nicht wollte, und ſie nicht konnte, folglich mußten ſie eine Gehülfin haben. Beſſer gewiß, daß dies ein junges Mädchen ſei, über das ſie denſelben Einfluß wie über ein Kind gewannen, als wenn ſie eine ältere, erfahrenere Dienerin gewählt, die ihnen vielleicht auf alle Art widerſtrebt und außer dem Hauſe ſie beredet hätte. Ueberdies hatten ſie Frau Hand verſprochen, ihrer Tochter eine Probezeit zu bewilligen; einen Monat alſo mußten ſie Eliſabeth behalten, dann würde ſich das Weitere finden. Weshalb ſollte ſie ſich ſchon um kom⸗ mende Uebel grämen und quälen? Nachdem Hilary's fröhliche Stimme dies Johanna erklärt hatte, ſchien dieſe wunderbar geſtärkt und beruhigt zu ſein. „Du haſt Recht, mein Liebling; ſie muß ihren Mo⸗ nat hierbleiben, wenn ſie nicht ganz etwas Unerlaubtes thut. Glaubſt Du, daß ſie vorhin die Unwahrheit ſprach?“ „Ueber die Katze? Ich weiß kaum, was ich darüber denken ſoll. Wir wollen Eliſabeth rufen und ſie noch einmal befragen. Thu' Du es, Johanna; ich meine, ſie könnte Dich nicht gerade anſehen und dabei lügen.“ Und mancher Andere würde Hilary's Meinung ge⸗ theilt haben, indem er in dies liebe, ernſte Antlitz blickte, deſſen Friſche verblüht, deſſen Haar lange vor der Zeit zu Silber gebleicht ward, und das trotzdem ſchön war durch den Ausdruck einer faſt kindlichen Unſchuld, eines tiefen Friedens. „Bleibe ſitzen, Johanna, ich werde ſie rufen. Mein Himmel, die Fräulein Leaf müſſen neben der neuen Dienerin ſich auch noch eine Klingel anſchaffen— wenn ſie nur erſt gelernt hätten, Beide richtig zu gebrauchen.“ Hilary's kleiner harmloſer Scherz verfehlte diesmal ſeine Wirkung. Johanna lächelte nicht, und der Eintritt Eliſabeth's ſchien die alten Bedenken wieder wach zu rufen. Wie war es möglich, ſich bei einer Untergebenen über das Betragen einer ihrer Gebieterinnen zu entſchul⸗ digen? Wie konnte man eigentlich dieſes Kind ſchelten, nachdem es gleich am erſten Tage ein ſo böſes Beiſpiel vor Augen gehabt? Wer weiß, ob Eliſabeth nicht in Selina's Weiſe fortfahren und ihr und Hilary trotzig widerſprechen würde? 3* 36 Nein— ſo ſah es nicht aus. Das junge Mädchen ſtand mit etwas einfältiger, bedrückter Miene da— aber weder Eigenſinn noch Uebelwollen waren an ihr bemerkbar, im Gegentheil, ſie ſchien eher demüthig und bereuend. Johanna ſchöpfte Muth. „Eliſabeth, ich bitte Dich, mir über den unangeneh⸗ men Vorfall die lautere Wahrheit zu berichten. Aengſtige Dich nicht, ſprich offen und frei! Es würde mich we⸗ niger bekümmern, wenn Du alles Geſchirr in der Wirth⸗ ſchaft zerbrächeſt, als wenn Du mir eine einzige Lüge ſagtrſt“ „Ich log nicht— es war die Katze.“ „Wie iſt dies möglich? Du kamſt doch mit dem Kruge in der Hand die Treppe herunter.“ „Ja, und ſie ſprang hinauf und fuhr mir zwiſchen die Füße, ich glitt aus und der Krug entfiel meiner Hand.“ Die Damen wechelten einen Blick des Verſtändniſſes. Dieſe Erklärung des Sachverhaltes ſchien ihnen voll⸗ kommen begründet, auch ſprach des Mädchens ehr⸗ liches, offenes Weſen für die Glaubwürdigkeit ihrer Ausſage. „Ich zweifle nicht, daß ſie die Wahrheit geſprochen,“ ſagte Hilary.„Erinnere Dich auch, ihre Mutter er⸗ zählte, ſie habe niemals gelogen.“ Dieſe Anſpielung war zu viel für Eliſabeth. Sie brach zwar nicht in ein heftiges Schluchzen aus, doch ſagte ſie unter leiſem Weinen: „Wenn Sie mir nicht glauben, Fräulein, da möchte ich lieber wieder nach Hauſe zu meiner Mutter gehen.“ „Ich glaube Dir,“ erwiderte Johanna freundlich, und wartete, bis die Schürze, als Taſchentuch benutzt, die Thränen getrocknet hatte.„Ja, Eliſabeth, es iſt mir jetzt vollkommen klar, wie das Ganze geſchah. Wenn Du meiner Schweſter die Sache ſo erzählt hätteſt, da würde ſie Dich auch beſſer verſtanden haben. Sie war über den Verluſt des Kruges ärgerlich, um ſo mehr, als ſie vorausſetzte, Deine Unachtſamkeit habe ihn ver⸗ urſacht; jetzt wird ſie ſich freuen, ihren Irrthum einzu⸗ ſehen.“ Hier hielt Johanna inne, nicht recht wiſſend, wie ſie das ausdrücken ſollte, was ſie noch für ihre Pflicht hielt zu ſagen, ſo aber, daß die Dienerin ſie recht verſtand, und die Würde der Herrſchaft nicht darunter litt. Hilary, ihr Bedenken ſehend, kam ihr jetzt zur Hülfe. „Fräulein Selina iſt etwas heftiger Natur, Eliſabeth, aber es liegt dies meiſt in ihrer Kränklichkeit, denn im Grunde meint ſie es nicht böſe. Du mußt Dich recht in Acht nehmen, ſie zu reizen, und niemals, ſelbſt wenn ſie Dich ſchilt, darfſt Du trotzig antworten. Bedenke ſtets, Du biſt nur noch ein junges, ſehr unerfahrenes Kind, und ſie iſt eine Dame und überdies Deine Herrin.“ „Sie? Ich glaubte, dieſe ſei es.“ Der ſo ſichtliche Schreck, den Eliſabeth's Mienen ausdrückten, und ihr Deuten auf Johanna mit den Worten: „Dieſe ſei es“— hatte etwas ſo Komiſches, daß Hilary nur mit Mühe ernſt bleiben konnte. Ihr Lächeln zu ver⸗ bergen, wandte ſie ſich nach dem Bücherbrett, anſcheinend nach einem Buche zu ſuchen. „Ja, ich bin die Aelteſte von uns, und Du magſt 38 mich als die eigentliche Hausherrin betrachten, was jedoch nicht ausſchließt, daß Du meinen Schweſtern wie mir gehorcheſt. Vergiß nie, Dich in jeder Verlegenheit zu⸗ erſt an mich zu wenden und alle Dinge mir wahr⸗ heitsgetren zu berichten. Ich werde Dich ſtets gern unterweiſen und Dir faſt jeden Fehler vergeben, nur nicht Lüge und Betrug. Jetzt geh mit Fräulein Hilary in die Küche, ſie will ſo gütig ſein, Dir zu zeigen, wie Du die Hafergrützſuppe zum Abendbrot bereiteſt.“ Eliſabeth gehorchte ſchweigend, ſie ſchien ein unge⸗ wöhnliches Talent zum Schweigen zu beſitzen; und ſie war nicht nur achtſam, ſondern auch willig und verſtän⸗ dig, obgleich eine gewiſſe nervöſe Aengſtlichkeit, welche Hilary bei einem ſo kräftigen und harterzogenen Mädchen verwunderte, ſie Anfangs etwas linkiſch machte. Den⸗ noch gelang es ihr ganz gut, drei Suppenteller zu füllen und ſie ohne Unfall in das Zimmer zu tragen. Und dieſe vortreffliche Speiſe, welche das einfache Abendbrot der Damen bildete, duftete köſtlich, nur muß ich leider bekennen, daß ſie dieſelbe früher nach einer alterthüm⸗ lichen, füdländiſchen Mode als dicken Brei mit Zucker und Syrup aßen, bis Herr Lyon, ob ſolches Verbrechens entſetzt, ſeinen nationalen Gebrauch, ſie mit Milch zu kochen und als Suppe zu eſſen, einführte. Es mag ein ſehr wenig romantiſches Factum ſein, daß Hilary, die ſelbſt in dem roſigen Alter von zwan⸗ zig Jahren mehr praktiſch als poetiſch war, niemals dieſe Suppe bereitete, ohne an Robert Lyon zu denken und ſich des erſten Abends zu erinnern, als er bei ihnen blieb und ihr einfaches Mahl mit ſo großem Wohlbehagen theilte. Von da an bat er ſie, ſo oft er bei ihnen war, um einen Teller ſolcher Suppe, deren Genuß, wie er ſagte, ihn in ſeine Kindheit zurückverſetze. Und Hilary— getrieben von jenem ſeltſam ſüßen Gefühl, welches die Frau empfindet, den zu bedienen, den ihr Herz mit De⸗ muth und Stolz zugleich als ihren Herrn anerkennt, daß ſie wie Miranda zu Ferdinand ſagt: „Gefährtin Dir zu ſein, Das kannſt Du weigern, aber Deine Magd Will ich doch ſein, Du wolleſt oder nicht.“ — Hilary wußte es ſtets ſo einzurichten, daß ſie ihm ſein Abendbrot mit eigenen Händen und genau nach ſeinem Geſchmacke bereitete. Dieſe ſchönen Tage waren verſtrichen; Herr Lyon hatte die Stadt verlaſſen. Und als ſie jetzt beim Feuer ſtand, gedachte ſie— denn ab und zu erlaubte ſie ſich in ihrem geſchäftigen Leben einige Minuten ſüßen Träu⸗ mens— jener ſtillen, ſternenklaren Auguſtnacht, als ſie in der Hausthür lehnte und er, Abſchied nehmend, ihre Hand feſt, warm und innig in die ſeine ſchloß; und es war bei ihr wie bei Johanna, auch ſie ſetzte unbedingtes Vertrauen in Robert Lyon; nicht geradezu in ſeine Liebe, es ſchien ihr ſogar unmöglich, daß er ſie lieben könne, ehe ſie nicht beſſer und ſeiner würdiger geworden, aber ſie vertraute ihm darin, daß er niemals weniger wahr und gut werden könne, als er jetzt war. Hilary glaubte unverbrüchlich, er werde wiederkehren und den Umgang mit ihnen fortſetzen, wodurch er ihrem ſtillen, öden Leben eine andere Richtung gegeben, denn nicht allein, daß ſeine Gegenwart ſie Alle erheitert hatte, es war 40 auch durch ihn in dieſen kleinen, nur von Damen ge⸗ führten Hausſtand das neue Element eines klaren, feſten, männlichen Willens und energiſcher Thatkraft gekommen, Vorzüge, welche der junge Mann in ſo hohem Grade be⸗ ſaß, daß Johanna oft ſagte, man möchte glauben, er ſei ſtatt fünfundzwanzig mindeſtens vierzig Jahre. Und was vor Allem in ihrer jetzt ſo veränderten Lebensſtellung ſeine Nähe zu einem Segen für ſie gemacht, das war die tiefe, ſchweigende Sympathie eines Menſchen, der da wußte was Armuth ſei, der ſelbſt den Kampf mit dem Leben gekämpft, welcher, wie ſein Angeſicht zuweilen zeigte, ein harter geweſen war, obwohl er ſelten davon ſprach. An die mögliche Folge dieſes angenehmen Umganges — ob Robert Lyon ſie, die im Hauſe doch einzig Paſ⸗ ſende für ihn, zu heirathen gedenke,— ob die Welt es vorausſetze und ſich ſehr wundern würde, wenn es nicht geſchähe,— dachte die argloſe, ſchlichte Hilary niemals. Wenn er ihr geſagt, ſie müßten immer in der Art weiter leben, ſie würde ſtets Hilary Leaf und er Robert Lyon, der treue Freund der Familie, bleiben, ſo würde das junge Mädchen ihn glückſelig lächelnd an⸗ geſchaut haben und vollkommen zufrieden geweſen ſein. Freilich hatte ſie auch niemals in Beziehung auf ihn etwas erfahren, was das Lächeln von ihrem jungen Antlitz verſcheuchen konnte; nicht ein Schatten von Eifer⸗ ſucht ward in ihr erregt, keine beängſtigenden Gerüchte über ihn ſchwebten in dem kleinen Kreiſe, der ihre und ſeine Welt ausmachte. Herr Lyon war ſtets ernſt und beſonnen in ſeinem ganzen Weſen; nie erzeigte er einer Dame mehr als die hergebrachte Höflichkeit, keine konnte ſich rühmen, ihm das leiſeſte Intereſſe abgeibonnen zu haben. Und dieſes junge, einfache Mädchen liebte ihn— nur ihn, ohne die leiſeſten Nebengedanken auf ſeine „Familie und ſeine Verbindungen“ denn er beſaß keine, oder auf ſeine„günſtigen Ausſichten“ denn wenn er ſolche hatte, ſie kannte dieſe nicht. Sehr praktiſchen und vorſichtigen Menſchen gegenüber kann ich keine Entſchul⸗ digung, keine genügende Erklärung für dieſe Liebe finden, es ſei denn die, welche Shakeſpeare durch die Schöpfung ſeiner„Miranda“ gab. Als das kleine Dienſtmädchen wieder die Küche be⸗ trat, verließ Hilary mit einem leiſen Seufzer das Reich ihrer Träume, und indem ſie Askott rief, kehrte ſie in das alltägliche Leben und zugleich zu dem Abendeſſen der Familie zurück. Nachdem dies beendet— und einige ſehr heilſamen Ermahnungen hatte Askott dabei erhalten und gut genug hingenommen— war es faſt zehn Uhr geworden. „Wie ſpät iſt es ſchon; ſo lange dürfen wir ein ſolches Kind wie Eliſabeth nicht wieder aufbleiben laſ⸗ ſen“, ſagte Johanna, indem ſie die große Bibel zur Hand nahm, ohne die kein Abend beſchloſſen wurde, denn Askott's frühes Fortgehen und die Fülle der eige⸗ nen Arbeiten machten es den Schweſtern Morgens un⸗ möglich, das Tagewerk mit einer Andacht zu beginnen; am Abend wurde ſie indeſſen nie verſäumt. Oft las Johanna nur einige Sprüche aus dem heiligen Buche, ohne dieſe einmal näher zu erklären; ſie meinte, das Wort Gottes trage genug Kraft und Klarheit in ſich, 42 um, als Samen in die Seele geſtreut, ſich ſelbſt zur Frucht herauszuarbeiten. Da ſie einen ſehr ſchlichten, demüthigen Sinn hatte, ſo wähnte Johanna ſich nicht befähigt, lange Andachtsübungen zu halten, und vorge⸗ ſchriebene Gebete abzuleſen widerſtrebte ihr. So las ſie ſtets nur einige Verſe oder ein Kapitel aus der Bibel im Kreiſe ihrer Familie laut vor, und dann betete ſie das Vaterunſer. Doch bei ihrer angeborenen Schüchternheit wurde ſelbſt dies Johanna in Gegenwart einer Fremden ſehr ſchwer, und nur ihr großes Pflichtgefühl beſtimmte ſie, auf Hilary's Bemerkung:„Ich denke, wir müſſen Eliſa⸗ beth hereinrufen“, bejahend zu antworten. Eliſabeth kam, und auf das Geheiß ihrer Herrin, ſich zu ſetzen, nahm ſie auf der äußerſten Kante eines Stuhles Platz und blickte mit unbehaglichem Staunen um ſich, als ſei ſie beunruhigt, was man nun mit ihr vornehmen werde. Es herrſchte eine tiefe Stille in dem kleinen Zimmer, welches ſo ſchmal war, daß es durch das große Piano, die ſechs zuckerkiſtenen Stühle und den Armſeſſel, in dem Johanna mit der großen Bibel auf ihrem Schvoße ſaß, faſt ausgefüllt wurde. „Kannſt Du leſen, Eliſabeth?“ „Ja, Fräulein.“ „Hilary, gib ihr eine Bibel!“ Und ſo folgte Eliſabeth, geleitet durch ihren nicht allzu ſaubern Finger, den Worten, welche die ſüße, weiche Stimme aus dem neuen Teſtamente vorlas, Worten, einfach und ſchlicht genug für das Faſſungs⸗ vermögen eines Kindes, ja ſelbſt eines Heiden. Die 43 Südſee⸗Inſulanerin, wie Ascott ſie eine lange Zeit be⸗ harrlich nannte, that dann, wie ſie die Familie thun ſah; doch indem ſie ſich anſchickte niederzuknieen, warf ſie in ihrer Verwirrung einen Stuhl um, und Johanna mußte eine Weile warten, bis wieder die gebührende Stille eingetreten war. Eliſabeth's Augen hingen, wäh⸗ rend ſie auf den Knieen lag, an der Wand des Zim⸗ mers, die eine grüne, buntblumige Tapete bekleidete; ob ſie aufmerkſam zuhörte, ob ihre Seele die Worte mitbetete— wer hätte es ſagen können; doch ihr gan⸗ zes Weſen war anſtändig und der feierlichen Handlung angemeſſen. „Und vergib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigern!“ Faſt unwillkür⸗ lich legte Johanna's ſanfte Stimme einen etwas ſtär⸗ kern Nachdruck auf dieſe Worte, welche in jedes Men⸗ ſchen Leben und vornämlich in dem einer Familie nicht genug beherzigt werden können. War ſie wohl die Einzige, welche dabei an die„arme Selina“ dachte? Alle erhoben ſich von ihren Knieen und Hilary legte die Bibel an ihren Platz. Die kleine Dienerin ſtand unſchlüſſig in einer Ecke, nicht wiſſend, ob ſie bleiben oder ſich entfernen ſolle. Hilary gab Johanna einen Wink. „Ja wohl“, ſagte dieſe, ihrer Stellung als Haus⸗ frau gedenkend,„es iſt Zeit für uns Alle, zu Bett zu gehen. Nimm Dich wohl in Acht mit dem Lichte und vergiß nicht, morgen um ſechs Uhr aufzuſtehen.“ Dieſes galt dem neuen Mädchen, das einen Knir 44 machte und faſt fröhlich antwortete:„Ja wohl, Fräu⸗ lein!“ „Schön. Gute Nacht, Eliſabeth!“ Und Johanna's Beiſpiel folgend, ſagten nicht nur Hilary, ſondern auch Askott in freundlicher, höflicher Weiſe:„Gute Nacht, Eliſabeth!“ Drittes Bnpitel. Die Weihnachtsfeiertage waren zu Ende und Askott ging nach London ab. Es war dies ſeit Jahren die größte Veränderung, welche in dem ſtillen Hauſe vor⸗ gekommen, und die Fräulein Leaf vermißten den Neffen ſehr ſchmerzlich. Askott war gerade kein ſo beſonders angenehmer Knabe, deſſen Gegenwart nur Freude be⸗ reitete, aber wie es meiſt in der Frauennatur begründet iſt, hatten ſeine Tanten ihn trotzdem ſehr lieb und waren ſtolz auf ihn; in ihrem einſamen Altjungfernthum, ihrer kinderloſen Familie, würden ſie jeden Neffen, wie er auch geweſen wäre, geliebt haben, und es machte ſich nebenbei ein kleiner verzeihlicher Stolz geltend, daß dieſer Neffe ein großer junger Mann war, der ihnen weit über die Köpfe ragte, ein hübſches Aeußere und gefällige Ma⸗ nieren beſaß, und obgleich er nicht einen ſo hervortre⸗ tenden Verſtand hatte, um etwas ganz Außergewöhnliches zu thun, ſo war er doch klug genug, daß ſie der Hoff⸗ nung Raum geben konnten, der jetzt verſunkene gute Stern 46 der Familie werde durch ihn künftig wieder erſtehen und von Neuem ſtrahlen. Es lag etwas Rührendes in der Art idealiſirender Liebe, mit welcher die drei Frauen auf den Jüngling ſchauten; ſelbſt Selina, die in ſeiner Gegenwart ſtets an ihm zu tadeln fand, lobte ihn hinter ſeinem Rücken, ihn, dieſen großen, hübſchen, verwöhnten und etwas trägen Burſchen, der, wie jeder Andere, als die Fräulein Leaf, es nur zu klar ſah, ſich mehr mit ſeinem eigenen edlen Ich und deſſen Wohlergehen beſchäftigte, als er an das ſeiner drei Tanten zuſammengenommen dachte. Der ein⸗ zige von allen Menſchen, welcher ihm Ehrfurcht, ja eine gewiſſe Scheu einflößte, war Herr Lyon, für den er ſtets eine hohe Achtung und Bewunderung an den Tag legte. Wie groß Robert Lyon's Zuneigung zu dem jungen Manne war, vermochte ſelbſt Hilary nicht zu ergründen, doch erzeigte er ihm ſtets Freundlichkeit und Wohlwollen. Eine Perſon aber gab es im Hauſe, die ſich, ſo ſon⸗ derbar es klingen mag, dem Alles beherrſchenden Jüng⸗ ling nicht beugte. Von dem erſten Tage an beſtand ein kleiner Krieg zwiſchen ihm und Eliſabeth. Ob ſie ſeine Späße über ſie gehört und nachgerade begriff, was er mit der„Südſee⸗Inſulanerin“ meinte, oder ob ihr trotzi⸗ ger Sinn ſich dagegen ſträubte, ſich ebenſo wie ſeine Tanten durch allerlei eigenmächtige Einfälle und Launen von ihm tyranniſiren zu laſſen, das wurde nicht klar; aber gewiß iſt es, daß Askott, der allgemeine Liebling des Hauſes, wenig Gnade vor den Augen der neuen Dienerin fand. Sie antwortete niemals, wenn er ſie 5 mit jenem beliebten„Holla!“ anrief; ſie widerſtand dem Anſinnen, ſeine Stiefel mehr als einmal täglich zu putzen, und mit der größten Beharrlichkeit ſäuberte ſie ihren Feuerherd ſtets von Neuem von„dem Kram“, wie ſie höchſt reſpectwidrig die Töpfe und Tiegel nannte, welche, wie Askott ſich ausdrückte, zu ſeinen „medieiniſchen Studien und Experimenten“ nöthig waren. Obgleich der Krieg mehr paſſiv als angreifend ge⸗ führt wurde, und die Tanten ſich zuweilen im Stillen über die kleinen Gefechte ergötzten, ſo war es im Ganzen doch eine Erleichterung, als der Urheber derſelben von dannen zog; wobei Eliſabeth den neuen und höchſt gen⸗ tilen Mantelſack des jungen Herrn ungeheißen und ſehr dienſteifrig die Treppe hinunter trug, und zwar mit einer ſo fröhlichen, heiteren Miene, wie ſie noch vor wenigen Wochen ihrem Geſichte ganz fremd geweſen war, und die ſelbſt inmitten des ſchmerzlichen Ab⸗ ſchiednehmens von Hilary bemerkt wurde und ſie be⸗ luſtigte.„ „Mir ſcheint, dieſes Mädchen iſt ein Charakter“, äußerte ſie ſpäter zu Johanna,„ſie iſt in ihren Zu⸗ und Abneigungen merkwürdig ſtark und beharrlich.“ „Das kannſt Du ſchon ſagen, meine Liebe, denn ihr ganzes Geſicht leuchtet, wenn ſie Dich nur erblickt.“ „Wirklich? Das muß daher kommen, weil ich am meiſten mit ihr verkehre. Es iſt erſtaunlich, wie man bei den häuslichen Beſchäftigungen bekannt miteinander wird, und welche Ehrfurcht es der dienenden Klaſſe ein⸗ flößt, wenn eine Dame verſteht, ein Bett zu machen und einen Pudding zu bereiten.“ 48 „O, wie ich wünſchte, Du hätteſt nicht nöthig, we⸗ der das Eine, noch das Andere zu thun“, ſeufzte Jo⸗ hanna, indem ſie liebevoll auf das junge, ſchöne Antlitz und die leichte, zierliche Geſtalt der Schweſter blickte, die hier und dorthin eilte, das Schulzimmer zum Em⸗ pfange der Kinder in Bereitſchaft zu ſetzen. „Thörichter Wunſch, den ich gar nicht hege! Dieſe Arbeiten werden mich nicht weniger angenehm und lieb⸗ lich machen.“ Hilary gebrauchte dieſe Eigenſchaftswörter öfter in Beziehung auf ſich ſelbſt, in der feſten Ueber⸗ zeugung, ſie wären ein erdichtetes Patent für Jedermann. „Uebrigens muß ich noch ſehr jung ausſehen, Johanna, denn ich bin feſt überzeugt, die Mitreiſenden auf der Eiſenbahnſtation hielten mich heute für Askott's Braut. Als wir uns das letzte Lebewohl ſagten, benahm ſich ein alter Herr, ſein Nachbar, ganz beſonders theilnehmend dabei, und Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie Askott mit der höchſten Indignation bemerkte:„Es iſt ja mur meine Tante!“ Johanna lachte, die Schatten von ihrem Antlitz ſchwanden, und Hilary's Abſicht war erreicht. Sie lieb⸗ koſend, ſagte die älteſte Schweſter: „Laß gut ſein, mein Herz, ich hoffe, Du wirſt eines Tages eine wirkliche Braut ſein, und einen braven Mann finden.“ „Vielen Dank, Johanna, es eilt nicht damit.“ Jetzt aber klopften die kleinen Mädchen und Knaben ſchnell hintereinander an die Thür, und die tägliche, monotone Beſchäftigung des Unterrichtens begann, von 49 dem einfachen Buchſtabiren: Hru-n-d— Hund, und Keart — Kat- z-e—ze, Katze, an, bis zu den geiſtigen Höhen von Pinnock und Lennie, Telemach und„Latinum De- lectum“ ſich aufſchwingend. Weiter ging es nicht. Erſtens war Stowbury mit ſehr vorzüglichen lateiniſchen und anderen Schulen verſehen, und dann meinten die Eltern und Vormünder, daß die Fräulein Leaf, ge⸗ borene Damen, die nicht zu Lehrerinnen auferzogen waren, nur ſehr jungen Kindern den Unterricht ertheilen könnten. Darin hatte bis jett manches Wahre gelegen, es änderte ſich jedoch durch Hilary's große Lernbegier und den Schatz von Kenntniſſen, welchen ſie ſich erwor⸗ ben. So blieb denn Johanna ruhig und zufrieden dabei, die Kinder buchſtabiren zu lehren, während Selina die„kleinen Bäcker und Schlächter“, wie ſie die⸗ ſelben verächtlich nannte, in beſtimmten Stunden im Nähen unterwies, ſonſt aber das Schulzimmer mied. Die höheren Zweige des Unterrichtes waren nach und nach Hilary zugefallen, welche in letzter Zeit, vielleicht aus Sympathie mit einem ihrer Freunde, ein erſtaun⸗ liches Talent für das Lehrfach entwickelte. Es iſt dies ein Talent, eine ſeltene Begabung, das wird Jeder zugeſtehen, am meiſten der, welcher es nicht beſitzt, wie dies bei der armen Johanna der Fall war. Mit welcher Bewunderung ſie Hilary beobachtete, die friſch und munter von Klaſſe zu Klaſſe eilte, hier ein lobendes Wort, dort einen Tadel ausſprach, aber aller Schüler Aufmerkſamkeit zu feſſeln wußte, die ſchwachen ermunterte, die unnützen in Ordnung hielt und über Herrin und Dienerin. I. 4 50 jedes Glied dieſes kleinen Kreiſes den Einfluß geltend machte, welcher der ſtärkſte, dauerndſte und unerklär⸗ lichſte iſt— den perſönlichen Einfluß. Ebenſo aber blickte Hilary als ein Vorbild in Geduld und Sanft⸗ muth auf die älteſte Schweſter, wenn es in ihrem ſchweren Tagewerke doch Momente gab, wo dies ihr einförmig und bedrückend ſchien, und ihr eigener raſcher Geiſt durch die Dummheit der Kinder ermattet ward. Die Zeit, von der ich erzähle, iſt lange vorüber. Die Schulkinder von damals mögen jetzt gewiß ſchon Väter und Mütter ſein und ſich in Stowbury oder anderswo anſäſſig gemacht haben, und doch werden noch Manche von ihnen an Fräulein Leaf denken, welche ihre erſten Schritte in das Reich des Wiſſens leitete, wobei ſie in dem Schulzimmer zwiſchen dem Kamine und dem Fenſter ſaß, deſſen Vorhang niedergelaſſen war, erſtens damit das Licht ihre mattwerdenden Augen nicht blende, und zweitens, um die Aufmerkſamkeit der Kinder durch die verlockende Ausficht auf grüne Felder und wehende Bäume nicht zu zerſtreuen. Sie mögen ſie noch deutlich vor ſich ſehen in ihrem dunklen, einfachen Kleide und der ſchneeweißen Schürze, auf welcher die halbzerriſſenen und beſchmuzten ABC⸗Bücher ſich faſt ſchämten zu liegen. Und vor Allem werden ſie ſich ihres lieben, ſanften Geſichtes und ihrer noch ſanfteren Stimme erinnern, die nie ein hartes Wort ausſprach, deren bekümmertem Ton man es nur anhörte, wenn ſie„unartige Kinder“ waren. Ja, ich bin überzeugt, manche dieſer Männer und Frauen gedenken inmitten ihrer ernſten Beſchäf⸗ tigungen mit Rührung an ihre erſte Lehrmeiſterin zurück 51 deren nie endende Geduld und Langmuth, ſelbſt mit den dümmſten und eigenſinnigſten Schülern unerſchöpflich war, deren freundliche Theilnahme für jedes erlaubte Vergnügen, jeden kindlichen Schmerz ſie ſtets ſicher ſein konnten; und ich zweifle nicht, ſie werden anerkennen, daß, ob ſie viel oder wenig durch ihren Unterricht lern⸗ ten— in dieſem vorgeſchrittenen Zeitalter würde man es gewiß gering ſchätzen— Fräulein Leaf ſie doch das Eine lehrte:„ſie, die Lehrerin, von Herzen zu lieben;“ das, wie Ben Johnſon von der Gräfin von Pembroke ſagte, ſchon an ſich eine„liberale Erziehung“ war. Und wenn Hilary's jüngerer und unruhiger Geiſt ſich zuweilen gegen die Einförmigkeit ihres Lebens auf⸗ lehnte, wenn ſie, anſtatt ihre Tage mit dem unerquick⸗ lichen Unterrichten kleiner dummer Kinder hinzubringen, ſich wünſchte, auf der Bahn der Wiſſenſchaft fortzu⸗ ſchreiten und täglich klüger und einſichtsvoller zu werden, um endlich aus ihrer engen Sphäre in die weite, that⸗ kräftige, geſchäftige Welt zu treten, von der Robert Lhon ihr ſo viel erzählt, wenn dieſes heiße Sehnen und Streben ſich regte, dann wirkte Johanna's Antlitz, das ſich ſo mild und freundlich über die unſauberen Bücher beugte, wie eine tröſtende Beruhigung auf ſie, das junge Mädchen fühlte, daß ſie gern immerdar ſo weiterleben wolle, ſo lange nur die geliebte Schweſter an dem Platze vor ihr nicht fehlte. Deſſenungeachtet erſchien ihr dieſer Winter endlos lang, beſonders nach Askott's Abreiſe. Johanna hatte, halb aus Güte, halb um des Vortheiles willen, ſich entſchloſſen, ihr ſchon ſo anſtrengendes Tagewerk noch 4 nch m Schwatzen.“ ꝙun Schnt 52 1 dadurch zu vermehren, daß ſie an vier Abenden in der Woche einigen halberzogenen Müttern ihrer kleinen Schüler Unterricht ertheilte, und ſie lehrte, gut und richtig zu ſchreiben und ihre Rechnungsbücher in Stande zu halten. Selina, empört über dieſes Beginnen, hatte die Gewohnheit angenommen, ſich nun Abends in die Schulſtube zurückzuziehen, um nicht im Wohnzimmer mit jenen Frauen zuſammen zu ſein, ſehr zu Hilary's Verdruß, die ſie dort in ihren ſtillen Studirſtunden nicht nur durch ihre Gegenwart, ſondern vielmehr noch durch die endloſen Klagen ſtörte, daß die gute, alte Zeit vorbei war, da ſie ruhig in ihrer ſauberen Küche ſaßen und noch durch kein Dienſtmädchen geplagt wurden; denn Selina gehörte zu den Menſchen, welche die Vor⸗ züge einer Sache erſt dann einſehen, wenn dieſe ihnen unwiderbringlich verloren iſt. „Wahrhaftig ich weiß nicht, wie wir es mit Eli⸗ ſabeth aushalten ſollen“, begann ſie mürriſch.„Dieſes gierige“— „Sage lieber, ſchnellwachſende Mädchen“, erwiderte Hilary. „Dieſes gierige Mädchen ißt mehr als Zwei von uns zuſammen verzehren. Und ihre Kleidung!— ihre Mutter hält ſie nicht einmal darin anſtändig!“ „Es möchte dies auch ſchwer ſein bei einem jährlichen Lohne von zwanzig Thalern.“ „Hilary, wie kannſt Du wagen, mir zu widerſprechen? Ich rede nur von Thatſachen.“ „Und ich nicht minder. Aber ich habe weder Zeit 53 „Die haſt Du nie, außer wenn man wünſcht, Du möchteſt ſtill ſein, dann galoppirt Deine Zunge gleich dem beſten Rennpferde.“. „Wirklich?— Schön; wohl wie Gilpin's: „Das Laſten trägt, und den Wettritt beſteht, Weil der Preis auf tauſend Pfund erhöht!“ „Ach, ich wünſchte, es wäre ſo! Heiſa! wenn ich wüßte, auf welche Weiſe ich eine ſolche Summe Geldes erwerben könnte!“ Selina war zu ärgerlich, um zu antworten, und fünf Minuten lang konnte Hilarh ruhig in ihrem Homer leſen, aus dem Robert Lyon ſie früher mit ſo großem Vergnügen unterrichtete, weil ſie, wie er ſagte, ſchneller begriff und beſſer lernte, als einer ſeiner vorzüglichſten Schüler. Sie hatte alle häuslichen Widerwärtigkeiten vergeſſen, indem Thetis und die Nymphen vor ihr er⸗ ſtanden, und ſie wiederholte erſt in dem wohlklingenden Griechiſch und dann in Pope's ſchlichterem doch lieblichem Engliſch, die Aufzählung der oceaniſchen Schönheiten, mit den halblauten Worten endend: „Janira ſo ſchwarz, Janaſſa blond und klar, Amalthea mit welligem Ambra⸗Haar.“ „Schwarz ſagſt Du? Ja, wahrhaftig heute war ſie den ganzen Tag ſo ſchwarz und rußig wie ein Schorn⸗ ſteinfeger. Und ihre Latzſchürze“— „Was?— Ach, Du ſprichſt von Eliſabeth.“ „Ja, ihre Schürze hat drei Riſſe, und es fällt ihr gar nicht ein, dieſe auszubeſſern, trotzdem ich ihr ſchon in der vorigen Woche Zwirn und Nadel dazu gab⸗ 54 Aber ſie verſteht nicht mehr damit unzugehen, wie ein Wickelkind.“ „Vermuthlich, weil es ſie nie gelehrt ward.“ „O ja; ſie beſuchte ein Jahr die Volksſchule und lernte nähen und Wäſche zeichnen.“ „Vielleicht konnte ſie ſich nicht weiter darin üben. Wie ſollte ſie auch Zeit dazu gefunden haben, da ſie alle ihre kleinen Geſchwiſter warten und pflegen mußte, wie Frau Hand uns erzählte. Das iſt auch ein Vor⸗ theil für uns, denn ſie hat große Nachſicht mit unſern kleinen Plagegeiſtern. Erſt heute war es, als der wilde, unbändige John Smith ſo jämmerlich hinfiel, daß Eli⸗ ſabeth hinzuſprang, ihn ſanft in die Küche trug, und nachdem ſie ihm Geſicht und Hände gewaſchen, ihn lieb⸗ koſte und tröſtete, wie nur die ſorgſamſte Mutter es konnte. Ihr größter Vorzug iſt jedenfalls ihre Art, mit Kindern umzugehen.“ „Du findeſt ſtets etwas zu ihren Gunſten hervor.“ „Ich müßte mich ja auch ſchämen, ſollte ich nicht irgend ein Lob für Jemand haben, den man immer un⸗ gerecht beſchuldigt.“ Nach einer kurzen Pauſe begann Selina von Neuem: „Haſt Du ſchon bemerkt, meine Liebe, in welcher ſeltſamen Art ſie ihr Kleid hinten zumacht, oder eigent⸗ lich nicht zumacht, denn nur der oberſte und unterſte Haken werden befeſtigt, indeſſen dazwiſchen ein—“ „Hiatus valde deflendus.— Mein Himmel! Dieſe ewigen Unterbrechungen ſind kaum zu ertragen! Selina, wie kann ich es ändern, wenn ein armes, fünf⸗ zehnjähriges Mädchen noch nicht ein Muſterbild der Vollkommenheit iſt, wie wir Alle es natürlich ſind— man merkt es nur zuweilen nicht.“ Und Hilary erhob ſich mißmuthig, ja mehr noch, verzweifelt und trug ihre Bücher und das Licht in ihre kalte, aber ruhige Schlafſtube, die Lippen dabei feſt zuſammenbeißend, damit ſie nicht in Verſuchung komme, etwas zu erwidern, was Selina„impertinent“ genannt haben würde, und was es von einer jüngern Schweſter einer älteren gegenüber vielleicht auch geweſen ſein möchte. Ich ſtelle Hilary als kein vollkommenes Weſen hin. Nur durch Kummer und Trübſal wird der Menſch der Vollendung nahe geführt, und Trübſal in der wahren Bedeutung des Wortes war dieſem ſo zärtlich ge⸗ liebten und ſorgſam behüteten Mädchen noch fremd ge⸗ blieben. An dieſem Abend, als die beiden Schweſtern vor dem Einſchlafen noch mit einander ſprachen— ſie hatten ſtets daſſelbe Zimmer getheilt, von der Zeit an, da Johanna, mit dem kleinen, mutterloſen, kränklichen Kinde im Arme, halbe Nächte die Stube durchwandert war, um es ſo beſſer in Schlaf zu bringen— an dieſem Abend begann Hilarh mit einiger Aengſtlichkeit von der kleinen Dienerin zu reden. „Ich fürchte, ich habe Selina heute um ihretwillen ſchwer beleidigt; aber was bleibt endlich anders zu thun übrig? Selina iſt über die Maßen ungerecht— ſie verlangt geradezu Unmöglichkeiten. Sie möchte Eliſabeth mit einem Male zu einer perfecten Köchin, einem um⸗ ſichtigen Hausmädchen und einer geſchickten Kammer⸗ jungfer machen, und dies Alles, ohne daß ſie die ge⸗ 56 ringſte Anleitung dazu erhält. Sie fordert die ſchwerſten Leiſtungen von ihr, ohne einmal abzuwarten, ob ſie den Befehl verſtanden, und ohne ihr zu zeigen, wie ſie ihn ausführen kann. Natürlich ſtarrt das Mädchen ſie ver⸗ dutzt an, und erfüllt entweder ihre Aufträge gar nicht, oder ſo ſchlecht, daß ſie eine tüchtige Strafpredigt be⸗ kommt.“ „Hältſt Du ſie für ſehr dumm?“ fragte Johanna, wie immer unmwillkürlich, an die große Einſicht ihres Lieblings appellirend. „Eliſabeth iſt nichts weniger als dumm; ſie iſt nur ſehr unerfahren und unwiſſend und— Du wirſt es kaum glauben— ſehr nervös erregt. Selina's ganze Art erſchreckt und ängſtigt ſie ſo, daß ſie ihr gegenüber immer in Verwirrung geräth; mit mir wird ſie ſehr gut fertig.“ „Ja, das iſt kein Kunſtſtück, das würde Jedem ge⸗ lingen“— Johanna, noch immer befürchtend,„das Kind“ könne eitel werden, fügte hinzu—„wenigſtens Jedem, mit dem Du Dir ſolche Mühe gäbeſt, ihn zu belehren. Du glaubſt alſo, daß wir noch etwas Tüch⸗ tiges aus Eliſabeth machen können? Ihr Probemonat iſt morgen zu Ende. Wollen wir ſie entlaſſen?“ „Um vielleicht an ihrer Stelle eine Lügnerin, eine Klatſchſchweſter, wohl gar eine Diebin zu bekommen. Nein, nein, beſſer iſt es, uns bekannte kleine Uebel zu ertragen, als größere heraufzubeſchwören. Wir könnten viel ſchlimmere Mädchen finden, als unſere Südſee⸗ Inſulanerin eines iſt.“ 57 „O, gewiß“, beſtätigte Johanna mit einem leiſen Schauder. „Uebrigens fällt mir ein, daß der erſte Schritt, welche man bei der Civiliſirung der Polyneſier that, der war, ihnen Kleider zu geben. Und ich habe außerdem gehört, daß Laſter und Lumpen oft Hand in Hand gehen, daß ein Menſch faſt unwillkürlich fühlt, er ſchulde ſich ſelbſt und der Geſellſchaft ein beſſeres Betragen, ſobald er ein ſauberes Geſicht, ein reines Hemd und einen anſtändigen Rock hat. Wie wär's, wenn wir dieſes Experiment bei Eliſabeth verſuchten? Wie viel alte Kleider beſitzen wir wohl?“ Es waren ihrer wenige, denn die Familie Leaf konnte nur das fortgeben, was wirklich für ſie unbrauchbar geworden, und das große Talent, alte Sachen wieder neu erſcheinen zu laſſen, beſaß beſonders Hilary in hohem Grade. Sie überdachte ihre und Johanna's Garderobe, fand aber nichts, was ſie entbehren konnten. „Und doch, mein Liebling, ein Stück können wir hergeben, denn keinenfalls darfſt Du mehr das alte, braune Merinokleid tragen, obgleich Du es ſo ſorglich fortgepackt haſt, als ſolle es zum nächſten Winter noch eine Staatsrobe werden. Nein, Hilary, Du mußt ein neues, wollenes Kleid haben, und folglich kannſt Du Eliſabeth mit dem alten beglücken.“ Hilary lachte, doch erwiderte ſie nichts. Obgleich ſie nur eine ſehr einfache Garderobe beſaß, ſo war ihr doch jedes Stück werth und lieb. Jedes Kleid hatte ſeine eigene kleine Chronik zu erzählen; an jedem Anzuge hafteten beſondere Erinnerungen, und die Freuden 58 Annehmlichkeiten, ja ſelbſt die kleinen Schmerzen, welche ſie während des Tragens erfahren, erſtanden immer von Neuem, ſo lange nur ein Stückchen des alten Stoffes übrig blieb, und da die lieblichen Er⸗ innerungen bei Weitem überwiegend waren, ſo trennte Hilary ſich ſchwer von einem alten Kleidungsſtücke. Und nun gar das braune Merinokleid, was hatte das Alles mit durchlebt! Zwei Winter war es von ihr ge⸗ tragen worden, als ſie bei ihren griechiſchen und latei⸗ niſchen Studien an Robert Lyon's Seite ſaß, und ein⸗ mal hatte er es wohlgefällig angeblickt und es ſogar berührt, indem er ſagte, es habe eine hübſche Farbe und er liebe weiche Stoffe zum Anzuge für eine Dame. Der Gedanke, dieſes wenn auch abgetragene, doch be⸗ ſonders geliebte Kleid zerſchneiden zu ſollen, that Hilary ſo weh, daß ſie beinahe geweint hätte. Was aber mußte Johanna denken, wenn ſie ſich weigerte, ihren Wunſch zu erfüllen?— und Eliſabeth bedurfte ſo ſehr eines Rockes.„Ach, mir ſcheint, ich werde recht bösartig“, ſeufzte ſie im Stillen. Eine ganze Weile lag ſie ſchweigend in ihrem Bett, während Johanna davor ſaß und allerlei Pläne ent⸗ warf, wie dieſes unglückliche Kleid durch Hinzufügung einer alten Kappe von demſelben Zeuge, für die große, eckige Geſtalt Eliſabeth's paſſend gemacht werden könne. Sie zergrübelte ihr Gehirn, um einen Ausweg zu fin⸗ den, bis die jüngſte Schweſter, nicht ohne eine Kraft⸗ anſtrengung, ihr zu Hülfe kam und ihr erklärte, wie Rock und Jacke ganz gut daraus herzuſtellen wären. — „Du biſt doch ein kluger Kopf, Hilary; ich wüßte wahrlich nicht, was ich ohne Dich beginnen ſollte.“ „Glücklicherweiſe wirſt Du niemals dieſem ſchreck⸗ lichen Dilemma ausgeſetzt ſein. Nun aber gieb mir einen Kuß und gute Nacht!“— Ich zweifle nicht, manche Leſer werden finden, ich ſchreibe über kleine, lächerlich geringfügige Dinge und Begebenheiten. Doch iſt nicht das ganze Leben aus ſolchen Kleinigkeiten zuſammengeſetzt? Und wagen wir es von dieſem Moſaikgewebe, deſſen Muſter wir erſt von einer gewiſſen Ferne klar überſchauen können, welches aber die Hand der ewigen Weisheit wob,— wagen wir es, von ihm zu ſagen, daß es zu klein und zu ge⸗ wöhnlich ſei? Biertes Bapitel. Während ihre beſorgten Herrinnen ſich über ſie und ihre Zukunft beriethen, lag die kleine Dienerin in ihrem Bett und ſchlief, denn ihre ruhigen, aber lauten Athem⸗ züge, welche durch die dünne Wand hörbar wurden, verkündeten, daß ſie ſich eines geſunden Schlafes erfreue. Ob Eliſabeth, wie Hilary meinte, wirklich zu unwiſſend und ſorglos war, um die entſchwindenden Tage und Wochen zu beachten und ſomit Tag vergeſſen hatte, oder ob ſie, Selina behauptete, ſich nur um Eſſen, Trinken und Schlafen bekümmerte, und alles Andere ihr in ihrer Dummheit gleichgültig war, blieb ungewiß; jedenfalls aber konnte man nicht die geringſte Sorge oder Angſt um ihre Zukunft an ihr bemerken. Sie verrichtete ihre Arbeit wie ſonſt, und da ſie jetzt vertrauter damit geworden, that ſie dieſelbe vielleicht etwas ſchneller und beſſer als früher; aber ſie ſagte nichts; keine Frage, ob man mit ihr zufrieden ſei und ſie zu behalten gedenke, trat über ihre Lippen. Sie 61 war jedenfalls eine ſehr ſchweigſame, wenig demonſtri⸗ rende Natur. „Stille Waſſer ſind tief“— bemerkte Hilary in Hinſicht darauf. „Aber es gibt Einrichtungen, die man Abzugskanäle nennt“, entgegnete Johanna.„Wann gedenkſt Du mit ihr zu ſprechen?“ Das wußte Hilary ſelbſt noch nicht. Sie war heute ungewöhnlich ermüdet von dem anſtrengenden Unter⸗ richtgeben und dem Lärm der Kinder, die in Ausſicht auf den morgenden Sonntag in erhöhter Stimmung geweſen. Ehe ſie die Papierſchnitzel und all die kleinen Unordnungen, welche ſie immer in der Klaſſe hinter⸗ ließen, forträumte, ſtand ſie ein Weilchen am Fenſter, ihre Augen an den grünen, lachenden Gefilden und dem fernen Walde weidend, deſſen Eingang ein weißes Mo⸗ nument zierte, welches man bei klarem Wetter ganz deutlich unterſcheiden konnte, und auf dem Hilary's Blicke ſelbſt während der Schulſtunden gern ruhten. Jener Wald, mit der blauen Hügelkette dahinter, gehörte zu dem prachtvollen, einige Meilen entfernten Landſitze eines Edelmannes und war das einzige Stückchen einer wirklich ſchönen Gegend, das Hilary bis jetzt zu ſehen bekommen. In den vorletzten Ferien hatte ſie dort mit ihren Schweſtern und Askott— und auch Robert Lyon war auf ſeine ausdrückliche Bitte von der Partie ge⸗ weſen— einen ganzen langen, wundervollen Herbſttag in fröhlichſter Stimmung verlebt. Auch heute fragte ſie ſich von Neuem, wie ſie ſchon oft gethan, ob ein ſ olcher Tag wohl je wiederkehren würde. 62 Daß aber der Frühling, der langerſehnte, kam, war gewiß; und es trat Hilary, als ſie jetzt am Fenſter lehnte, zum erſten Male ſo unabweisbar entgegen. Auf den Feldern grünte die junge Saat, und in den Sammet⸗ teppich der Wieſen waren hier und dort weiße Punkte geſtreut, welche nach Hilary's Anſicht nur Gänſeblümchen ſein konnten. O, wie ſie wünſchte, ſie wäre noch nicht zu alt und zu geſetzt geweſen, um wieder, wie einſt, über die Landſtraße zu laufen, den eingeſunkenen Zaun zu überſpringen und ſich ſelbſt zu überzeugen, ob wirklich die Wieſenblumen ſchon blühten. „Ich denke, Johanna— horch, was iſt das?“ In dieſem Augenblick kam Jemand die Treppe in ſchnellen Sätzen herab, öffnete die Hausthür und that das, was Hilary vorhin zu thun wünſchte. „Es iſt Eliſabeth, ohne Hut und Tuch, mit etwas Weißem hinter ihr herflatternd. Wie ſie über das Feld fliegt. Sieh nur! Was kann ſie vorhaben?“ 5 Doch lautes Schreien aus Selina's Zimmer, in welchem ſie ſchon den ganzen Tag im Bett lag, ließ e erſchreckten Schweſtern nicht länger an ihr Mäd⸗ chen denken. Sie eilten hinauf und fanden Selina auf ihrem Lager ſitzend, im höchſten Grade erſchreckt und erregt. „Haltet ſie auf! Schließt ſie ein! Ich bin über⸗ zeugt, ſie hat den Verſtand verloren. Verriegelt die Thür— oder ſie kommt zurück und mordet uns Alle!“ „Wer?— Sprichſt Du von Eliſabeth? War ſie hier, und was iſt geſchehen?“ 63 Aber es dauerte eine geraume Zeit, ehe ſie Selina's verwirrte Reden begriffen, endlich wurde ihnen ſo viel klar, daß Eliſabeth zur Bedienung bei der leidenden Schweſter geweſen war, und nachdem ſie ein in Eſſig getauchtes Handtuch auf ihren Kopf gelegt, noch manches Andere im Zimmer beſorgt hatte. „Sie iſt wohl zu gebrauchen bei einem Kranken (dies Lob von Selina!) und ich verſichere Euch, ich ſprach ſehr mild und freundlich zu ihr über die Pflichten ihrer Stellung, und wie ſie ſich beſſer kleiden und höf⸗ licher benehmen müßte, wenn ſie bei einer guten Herr⸗ ſchaft zu bleiben wünſche. Sie ſtand in ihrer gewohnten ſtillen, aber mürriſchen Art dabei, ohne ein Wort zu erwidern; den Rücken mir zugewandt, ſtarrte ſie aus dem Fenſter. Ich ſagte eben zu ihr:« Eliſabeth, mein Kindy— gewiß, Hilary, ich ſprach in meiner freundlichen Weſ „Ich bezweifle es nicht, doch fahre fort!“ „Ich hatte ſie alſo in der Art angeredet, als ſie ſich blitzſchnell umwandte, ein reines Handtuch von der Stuhllehne ergriff, das meinige mir vom Kopfe riß,— ja, Johanna, von meinem eigenen Kopf— und davon⸗ ſtürzte. Ich rief ſie zurück, aber ſie kümmerte ſich nicht mehr um mich, als wenn ich ſtatt eines leidenden Menſchen ein Stein geweſen wäre. Dabei hatte ſie die Thür weit offen gelaſſen, ſo daß der Zug mich traf. Mein Himmel, dieſe Erkältung wird mein Tod wer⸗ den“ Und Selina brach in jämmerliche Klagen aus. Die älteſte Schweſter ſuchte ſie nach beſten Kräften zu tröſten und zu beruhigen, während Hilary ſchnell vor 64 die Hausthür lief, in allen Richtungen hin nach Eliſa⸗ beth ausſpähend, aber nirgends war eine Spur von ihr zu entdecken. „Es iſt höchſt unbegreiflich“, ſagte ſie bei ihrer Zu⸗ rückkunft.„Was kann dem Mädchen angekommen ſein? Du biſt ganz ſicher, Selina, daß Du nichts äußerteſt, was ſie“— „O, ich weiß, was nun folgen ſoll. Natürlich willſt Du mich tadeln. Was nur Unangenehmes im Hauſe geſchieht, daran bin ich ſchuld. Und vielleicht haſt Du Recht. Vielleicht bin ich wirklich ein Hinderniß— eine Bürde— es würde viel beſſer ſein, wenn ich todt und begraben wäre. O, ich wünſchte, es wäre erſt ſo weit!“ Wenn Selina auf dies Thema verfiel, dann blieb den Schweſtern nichts als Schweigen. Nachdem ſie ihre heftige Erregung ein Wenig beſänftigt hatten, durchſuchten ſie das Haus nach der Entſchwundenen, doch vergeblich. Uebrigens aber war Alles in der Küche in der beſten Ordnung, wenigſtens ſo, wie man es eine Stunde vor dem Mittagseſſen dort erwarten kann. Das Feuer brannte. Ein Napf mit geſchälten Kartoffeln ſtand auf dem Herde, und die Meſſer und Gabel lagen zum Putzen bereit. Jedenfalls war Eliſabeth's Flucht nicht vorher überlegt worden. 3 „Es iſt Unſinn, daß ſie den Verſtand verloren haben ſoll. Sie iſt ebenſo klar und geſund im Kopfe wie ich“, bemerkte Hilary zu Johanna, die mehr und mehr bedenklich wurde.„Es wäre möglich, daß ſie in einem Anfall von leidenſchaftlichem Aerger davonge⸗ laufen iſt, und dennoch bezweifle ich es wieder. Sie hat eher eine ruhige, etwas mürriſche, als heftige Ge⸗ müthsart, und dann beſitzt ſie Vernunft genug, um ein⸗ zuſehen, daß ein ſolcher Streich ſie wahrſcheinlich um ihren Dienſt bringt.“ „Ja, ich fürchte, wir werden ſie nun doch entlaſſen müſſen“, bemerkte Johanna traurig. „Warte, und höre, was ſie zu ihrer Entſchuldigung anführen wird!“ bat Hilary.„Gewiß kommt ſie in wenigen Minuten zurück.“ Aber ſie kam nicht, ſelbſt nach einigen Stunden war ſie noch nicht wiedergekehrt. Das Mißvergnügen ihrer Herrinnen wurde jetzt zum wirklichen Aerger, der dann wieder in trüben Ahnungen und Befürchtungen unterging. Selbſt Selina hörte auf, die ihr widerfahrene Kränkung ſtets von Neuem durch⸗ zuſprechen, ſie erhob ſich von ihrem Lager, zog ſich an, und ſetzte ſich in die Küche zu den Schweſtern, die immer noch nach einem Aufſchluß über das ihnen räthſel⸗ hafte Verſchwinden ihrer Dienerin ſuchten. Endlich machte ſich Hilary dabei, das Mittagbrot ſelbſt zu be⸗ reiten, wie ſie es vor Eliſabeth's Hierſein gethan, aber keine der Damen hatte Luſt und Appetit zum Eſſen. Und wieder war es die praktiſche Hilary, welche, als es ſchon Nachmittag geworden, dem Zuſtande der Angſt und Ungewißheit, in dem ſie ſchwebten, dadurch ein Ende zu machen ſuchte, daß ſie entſchloſſen ſagte: „Schweſtern, es iſt das Beſte, wenn ich ſchnell zu Frau Hand gehe.“ Herrin und Dienerin. I. 5 66 Als ſie noch mit Johanna überlegte, was ſie der Mutter ſagen ſollte, wenn das unglückliche Kind ſich dort nicht vorfände, öffnete ſich die Thür, und die Schuldige trat ein. Doch nicht mit ſchuldbewußter Miene kam Eliſabeth, weit entfernt davon. Sie war ſehr erhitzt und athem⸗ los, und wie ihr Haar verwirrt um das Geſicht hing, ihre Schürze zuſammengerollt um die Taille lag, machte ſie einen ſehr unordentlichen und unangenehmen Eindruck; aber ihre Augen leuchteten und ihr Antlitz glühte in freudiger Erregung. Unter ihrem Arme nahm ſie ein Handtuch hervor und ſagte ſchnell: „Hier iſt das eine— das andere— werden Sie zurückbekommen— wenn es gewaſchen iſt.“ Nachdem ſie die Worte mit Mühe hervorgeſtoßen, lehnte ſie ſich an die Wand, um Athem zu ſchöpfen. „Eliſabeth! Wo biſt Du geweſen? Wie kannſt Du es wagen, in dieſer Art fortzulaufend Dein Betragen iſt empörend— geradezu empörend. Johanna, weshalb ſprichſt Du nicht mit Deinem Mädchen?“(Wenn die älteſte Schweſter ihrer Nachſicht und Güte wegen ſelbſt ſtrengem Tadel verfiel, ſo hieß es ſtets mit beſonderem Nachdruck:„Deine Schweſter“—„Dein Neffe“— „Deine Dienerin“.) Aber zum erſten Male gelang es Selina's ſcharfem Ton und ſcheltenden Wokten nicht, den gewohnten trotzigen Ausdruck in Eliſabeth's Geſicht hervorzurufen, und als ihre Herrin ſie mit ſanfter Stimme fragte, wo ſie geweſen ſei, antwortete ſie ohne Angſt und Zögern: 67 „Ich war am äußerſten Ende der Stadt.“ „Am äußerſten Ende der Stadt!“ wiederholten die drei Damen, das größte Erſtaunen in Blick und Ton bekundend. „Ja. Aber ich habe mich ſo geeilt; bin hin und her im Galopp gelaufen; doch es iſt ein tüchtiger Weg, und er war ſehr ſchwer, obgleich er nur klein iſt „Er! Wer in aller Welt iſt dieſer Er?“ „Wie dumm von mir, ich vergaß nach ſeinem Namen zu fragen, aber ſeine Mutter wohnt in der Thorſtraße. Irgend einer ihrer Bekannten ſah mich, als ich ihn zum Doctor trug, und er eilte, ſie herbeizuholen. Er war faſt todt, Fräulein Leaf— wenigſtens ſagte ſo der Arzt, doch er wird nun wieder geſund werden; und morgen bekommen Sie Ihr Handtuch rein gewaſchen zurück.“ Während Eliſabeth in dieſer unklaren, verwirrten Art, aber mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und Energie ſprach, ſchien Johanna immer mehr dem Gedanken Raum zu geben, daß Selina's Befürchtungen begründet ſeien, und daß das arme Mädchen den Verſtand ver⸗ loren habe. Doch Hilary's größerer Scharfblick zog einen anderen Schluß. „Vor Allem beruhige Dich, Eliſabeth“— ſagte ſie mild, doch ernſt, und ihre Hand feſt auf die Schulter des Mädchens legend, zwang ſie daſſelbe, ſich zu ſetzen, wobei die zuſammengewickelte Schürze niederrollte und große Blutflecken zeigte. Selina ſchrie bei dem Anblick entſetzt auf. Jetzt ſchien Eliſabeth zu vermuthen, daß ſie etwas 68 Tadelnswerthes oder mindeſtens etwas Verdächtiges ge⸗ than habe. Die freudige Erregung ihres Weſens ſchwand ſchnell dahin, und der mürriſche, trotzige Ausdruck, mit dem ſie ſich zuweilen gegen die Autorität auflehnte, trat wieder in ihrem Geſichte hervor, als Hilary noch zu rechter Zeit begann: „Nein, nein, wir wollen Dich nicht ſchelten, aber wir müſſen doch die Urſache Deines ſonderbaren Thuns wiſſen.“ Und durch ſolche und noch manche geſchickte Frage erfuhr ſie nach und nach den ganzen Vorgang. Während Eliſabeth an Selina's Fenſter geſtanden, hatte ſie drei kleine Knaben beobachtet, die, wie es ſchien, ſich einer damals ſehr beliebten Beluſtigung hingaben, indem ſie einem auf der Wieſe graſenden Pferde die ſchönſten und längſten Schwanzhaare auszuziehen ver⸗ ſuchten, um Angelſchnüre daraus zu machen. Plötzlich ſah ſie, wie das Thier ausſchlug und wie zwei der Knaben fortliefen, während der dritte zu Boden ſank und dort regungslos liegen blieb. Mit jenem ſchnellen Ahnungsvermögen, deſſen ſie Niemand für fähig gehal⸗ ten, errieth ſie, was geſchehen ſei, und ſie that nun augenblicklich das Einzige und Beſte, was unter dieſen Umſtänden thunlich war. Sie ergriff ein Handtuch, eilte ſchnellſten Laufes über die Felder zu dem unglück⸗ lichen Knaben hin, verband ſeine Kopfwunde ſo gut es ihr möglich war, und trug ihn zu dem nächſten Doctor, der aber mindeſtens eine halbe Stunde Weges weit wohnte. Sie erwähnte es in ihrer Erzählung nicht— und 69 erſt ſpäter erfuhren ſie es— daß ſie das Kind in ihren Armen gehalten, während der Arzt die Wunde unter⸗ ſuchte und verband, die ſo ſchrecklich ausſah, daß des Knaben Mutter ohnmächtig wurde. Auch daß ſie ihn ſpäter noch nach Hauſe getragen, ihn zu Bett gebracht und erſt verlaſſen hatte, als er wieder bei Beſinnung war, erzählte ſie nicht. Auf Johanna's beſorgte Frage, ob ſie ſehr angegriffen ſei, erwiderte ſie: „Meine Arme ſchmerzen mich ein Wenig; er war kein Wickelkind mehr— mochte wohl ſchon zwölf Jahre alt ſein, aber er war ſehr klein für ſeine Jahre.— Und er ſah gerade aus, als ob er todt ſei— und blutete ſo ſchrecklich.“ Bei dieſer Erinnerung wurde das Mädchen mo⸗ mentan ſehr bleich und zitterte ſichtlich. Johanna holte aus dem Speiſeſchranke ihre einzige Flaſche Wein, die nur in ſeltenen Fällen und dann als Arzenei gebraucht wurde. „Trink dies, Eliſabeth“, ſagte ſie, ihr ein Gläschen füllend.„Und dann waſche Dich und iß Dein Mittag⸗ brot, wir werden ſpäter weiter mit Dir reden.“ Das Mädchen ſchaute ſie mit einem langen, ernſten Blick an, in dem ſich ein maßloſes Erſtaunen ausdrückte und fragte: „Habe ich etwas Unrechtes gethan, Fräulein?“ „Das ſagte ich nicht. Aber trinke jetzt und ſprich nicht, Kind!“ Eliſabeth gehorchte; dann verſchwand ſie in die Hinterküche und kam bald mit ſauberen Händen, ge⸗ 70 ordnetem Haar und einer reinen Schürze wieder, um ihre Nachmittagsarbeiten zu verrichten, als ob nichts vorgefallen ſei. Die Unterredung, welche ihre Herrin ihr für ſpäter angekündigt, erfolgte nicht. Was hätte ſie ihr ſagen, weshalb ſie tadeln ſollen? Ohne Zweifel war nach dem ſtrengen Buchſtaben des Geſetzes durch ihr ſeltſames Fortlaufen die Hausordnung von dem Mädchen verletzt worden, aber andererſeits hatte ſie ein höheres Geſetz dabei erfüllt, das— der Barmherzigkeit, wie Hilary in glänzender Vertheidigungsrede bewies. Nicht weniger hatte ſie durch ihre Handlungsweiſe Muth, Entſchloſſen⸗ heit, praktiſche Einſicht und vor Selbſtloſigkeit an den Tag gelegt. „Und ich möchte wiſſen“, fuhr Hilary immer wärmer werdend fort,„ob das nicht gerade die Eigen⸗ ſchaften ſind, welche zum Helden befähigen.“ „Wir brauchen aber keinen Helden, ſondern eine tagd, die unſere Hausarbeit thut.“ „Ich will Dir ſagen, Selina, was wir brauchen— eine Frau, oder beſſer, ein Mädchen mit den Anlagen, eine gute, brave Frau zu werden. Finden wir das, ſo wird alles Andere ſpäter kommen. Ich meines Theils behalte lieber dieſes rauhe, unerzogene Kind mit dem warmen Herzen, das ſo viel Gewiſſenhaftigkeit, Treue und Wahrheitsliebe beſitzt und außerdem heute Selbſt⸗ eherrſchung und Aufopferung bewies, als daß ich die gewandteſte, erfahrenſte Dienerin ſtatt ihrer haben möchte. Mein Rath iſt— laßt ſie hierbleiben.“ Hierdurch wurde die Sache entſchieden; denn es war 71 ein merkwürdiges Factum, daß der„Rath“ der jüngſten Schweſter ſtets von der Familie, ob unwillkürlich oder be⸗ wußt, wie ein Ukas betrachtet ward. Nachdem Eliſabeth das Theezeug hereingebracht hatte, was ſie heute mit einer ganz beſonderen Sorgfalt that, wahrſcheinlich weil ſie wünſchte, die Erinnerung an ihr ſeltſames Verſchwinden durch ein erſtaunlich gutes Betragen vergeſſen zu machen, rief ihre Herrin ſie zu ſich heran und fragte, ob ſie wiſſe, daß heute ihr Probe⸗ monat zu Ende ſei? „Ja, Fräulein.“ Dieſe Antwort wurde von der gewohnten Verneigung begleitet, die ein Mittelding zwiſchen dem tiefen, förmlichen Knir, den ihre Mutter zu machen pflegte und der noch aus alter Zeit herſtammte, und jener kurzen Verbeugung war, welche jetzt in der Volksſchule üblich; und weitere Erfahrungen hatte Eli⸗ ſabeth Hand in Betreff guter Manieren noch nicht ge⸗ ſammelt. „Wenn Du Dich nicht ohne Erlaubniß entfernt hätteſt, würde ich heute Morgen zu Deiner Mutter ge⸗ gangen ſein. Ja, als Du zurückkehrteſt, wollte Fräulein Hilary ſich eben zu ihr begeben, freilich in anderer Abſicht als der, welche mich heute Morgen hinge⸗ führt hätte. Indeſſen hoffe ich, das wird nicht wieder geſchehen.“ „Was?“ fragte Eliſabeth. Johanna zögerte mit der Antwort und blickte ver⸗ legen auf ihre Schweſtern. Für ihre ſchüchterne Natur war es ſtets eine ſchwere Aufgabe, die Sprecherin in der Familie zu ſein, und dieſe Zaghaftigkeit machte es 72 ihr nicht minder peinlich, die Scheidewand zu durch⸗ brechen, welche zwiſchen ihr, einer feingebildeten Dame in ſchon vorgerückten Jahren und dieſem jungen, gewöhn⸗ lichen Mädchen der dienenden Klaſſe zu beſtehen ſchien. Sie beklagte es häufig, daß ſie, trotz der freundlichſten Geſinnungen gegen Eliſabeth, oft nicht wiſſe, wie ſie mit ihr ſprechen, ſich ihr verſtändlich machen ſolle. So war es auch heute— aber Hilary kam ihr zur Hülfe. „Fräulein Johanna meint“, begann Hilary,„daß, da vermuthlich nicht täglich kleine Knaben dort auf der Wieſe halb getödtet werden, ſie auch feſt überzeugt iſt, daß Du nicht wieder wie heute Morgen das Haus auf ſo ſonderbare Weiſe verlaſſen wirſt. Sie nimmt ferner an, daß nur eine ſo wichtige Urſache, wie die Verwun⸗ dung des Kindes, Dich beſtimmen konnte, uns Alle ſolchem Schreck und ſolcher Angſt auszuſetzen. Ohne ein derartiges Ereigniß wirſt Du gewiß nicht wieder ſo handeln. Verſprichſt Du das?“ „Ja, Fräulein Hilary.“ „Nun, ſo vergeben wir Dir hiermit von Herzen die Sorge, in der wir Deinetwegen geſchwebt haben; ja“— denn trotz Selina's warnender Zeichen fühlte Hilary, daß ſie noch nicht freundlich genug geweſen ſei—„Jja, Eliſabeth, wir loben Dich ſogar für Dein warmes Mitgefühl bei Anderer Leiden. Und wenn Du bei uns bleiben willſt und uns verſprichſt, Dir immer mehr Mühe zu geben, unſere Anforderungen zu erfül⸗ len, ſo ſind wir bereit, Dich in unſerem Dienſt zu behalten.“ 0 „Dank Ihnen, Madame— vielen Dank, Fräulein Hilary! Ja, ich bleibe.“ Sie ſagte weiter nichts, aber ein tiefer Seufzer, als ob ſie von ſchwerer Sorge befreit ſei, entſtieg ihrer Bruſt, und dann ging ſie geſchäftig in ihre Küche zurück. Aus dieſem Seußzer ſchloß Hilary, daß ſie Alle dem Mädchen doch nicht ſo gleichgültig wären, wie es den Anſchein gehabt. „Jetzt aber müſſen wir an ihre Kleidung denken“, begann Johanna, die auch zufrieden ſchien, daß der große, entſcheidende Moment vorüber war.„Du weißt, was wir verabredeten, Hilary, und wir haben keine Zeit zu verlieren. Wie wäre es, wenn Du gleich Dein braunes Kleid herunterholteſt?“ Wortlos entfernte ſich Hilary. Es giebt für alle Menſchen, ſelbſt für die, welche in der innigſten Familiengemeinſchaft leben, welche nicht nur durch die Bande des Blutes, ſondern durch frei⸗ willige Liebe und Shmpathie verbunden ſind, Stunden und Zeiten, in denen die Einſamkeit, in der wir Alle in der Tiefe unſeres Weſens leben unb leben müſſen, ſich mit ſchmerzlichem Druck auf unſer Herz legt. Jo⸗ hanna mußte viele ſolcher Stunden gekannt haben, als Hilary noch ein Kind war, und dieſe durchlitt jetzt ſolche ſchwere Momente. Sie entfaltete das braune Kleid und nahm aus ſeiner Taſche, einem ſicheren Verſteck, ein kleines Erinnerungs⸗ zeichen an jenen glückſeligen Herbſttag. „Liebes Fräulein Hilary! Morgen komme 74 ich, mich Ihnen bei dem Spaziergange anzu⸗ ſchließen. Ihr treuer Robert Lyon.“ Das war das einzige Briefchen, welches ſie jemals erhalten. Er ſchrieb noch immer regelmäßig, und jetzt, da Askott in London war, noch häufiger— doch nur an Johanna. Hilary las die einfachen Zeilen ſtets von Neuem, überlegte dann, wo ſie das Zettelchen nun bergen ſolle, damit Johanna es nicht finde, und machte ſich dann wieder Vorwürfe, daß ſie vor dieſer theuren Schweſter, die ſie mit Mutterzärtlichkeit umfaßte, ein Geheimniß haben wolle. „Aber trotzdem liebe ich ſie ſo innig, nichts kann je dieſes Gefühl vermindern. Sie glaubt, ich ſei ganz glücklich, und vielleicht bin ich es auch; und doch— o, wenn ich ihn nur nicht ſo ſehr vermißte!“ Und das ſchmerzliche, ſchmerzliche Sehnen, das ſie zuweilen erfaßte, kam jetzt wieder über ſie. Wir wollen ſie darum nicht tadeln! Gott, der uns zum Leben rief, legte auch dieſes Wünſchen und Sehnen in unſer Herz. Er erſchuf auch die Liebe, nicht nur die verwandtſchaft⸗ liche Zuneigung und Zärtlichkeit, ſondern die Liebe; die Nothwendigkeit, ein zweites Weſen zu ſuchen und zu finden, welches die andere Hälfte unſeres Ich iſt und dieſes erſt zu einem vollen Ganzen macht, welches uns Ruhe, Kraft und Glück bringt, daſſelbe Streben mit uns theilt, und unſere innige Hingabe durch gleiche Zärtlichkeit lohnt, wie von allen Menſchen nur gerade dieſer eine es vermag. Vielleicht wird dieſe Liebe ſelbſt . in wenigen Ehen gefunden, und gewiß kann man ohne ſie leben. Johanna hatte bewieſen, daß man es konnte. Aber ſie nahte ſich nun ſchon dem ſtillen Herbſte ihres Da⸗ ſeins, und die zwanzigjährige Hilary ſtand in der Blüthezeit, im Lenze, da es keimt und wogt und ſehn⸗ ſuchtsvoll tönt, ſowohl in der Natur als im Menſchen⸗ herzen; und ein langes, langes Leben lag vor ihr. Armes Kind! Wir wollen ſie nicht tadeln! Sie war durchaus nicht ſentimental, ihre ganze Natur neigte entſchieden zum Frohſinn, ja ſogar zu Lachen und Scherz. Auch jetzt überwand ſie ſchnell dieſe Regung trauervoller Sehnſucht, und als ſie bald darauf mit der Scheere in der Hand bei dem braunen Kleide ſtand, ihren Schweſtern vordemonſtrirend und es thatſächlich beweiſend, wie leicht es ſei, aus wenig viel zu machen, da ahnten ſie nicht, wie noch vor ganz kurzer Zeit dieſe hellen, fröhlichen Augen, die des Hauſes Sonnenſchein waren, durch Thränen umwölkt geweſen. „Welche namenloſe Mühe Du Dir giebſt“, bemerkte Selina.„Ich an Deiner Stelle würde Eliſabeth das Kleid ſchenken, ſie könnte dann ſehen, wie ſie es paſſend machte.“ „Ich habe ſtets gefunden, daß es mir ſelbſt doppelt ſo viel Mühe verurſacht, wenn ich von Menſchen etwas erwarte und fordere, was ſie geradezu nicht leiſten kön⸗ nen, Selina. Beweiſe mir, wie ein Kind, welches noch nicht vernünftig mit Nadel und Scheere umgehen kann, 76 ſich ſelbſt einen Anzug fertigen ſoll, und ich will gern von meiner Anſicht abſtehen.“ „Ja, Hilary“, begann Johanna, wieder eines jener Wortgefechte zwiſchen den Beiden befürchtend—„Selina hat Recht; wenn Du Eliſabeth nicht lehrſt, ihre Kleider ſelbſt zu machen, wie ſoll ſie je damit zu Stande kommen?“ „Johanna, Du biſt die Weisheit in Perſon— und die Ordnungsliebe obenein; Du kannſt es nicht ſehen, wenn die Wohnſtube mit Fleckchen Zeug beſtreut wird; und deshalb willſt Du mich heute Abend los werden. Gut, ich gehe! Gieb mir den Arbeitskorb und das Bündelchen her— ich verſchwinde nach der Küche, um dort unſerer„Südſee⸗Inſulanerin“ den erſten Unterricht in der edlen Kunſt des Schneiderns zu ertheilen. Ge⸗ habt Euch wohl!“ Aber das Schickſal hatte beſchloſſen, daß Hilary's gute Abſicht ſich heute noch nicht erfüllen ſollte. Sie fand Eliſabeth nicht, wie es jetzt meiſt ihre Gewohnheit war, immer thätig arbeitend und umher⸗ ſchaffend, wie alle die fleißigen Menſchen thun, welche noch nicht eine richtige Eintheilung ihrer Zeit gelernt haben— auch nicht, wie es zuweilen vorkam, am Heerde kauernd, halb im Schlafe, nein, heute ſaß ſie in aller Form vor einem Tiſche. Vor ihr ſtand das flackernde Licht und ein Tintefaß aus der Schulſtube; eine Feder, nebſt einem Stückchen zerknitterten Papieres lagen dabei. Aber ſie ſchrieb nicht. Sie hatte den Kopf in ihre Hände geſtützt, und nicht nur ihre Miene, ihre ganze Stellung drückte Muthloſigkeit, ja Verzweiflung aus 77 dabei war ſie ſo in ſich verſunken, daß ſie Hilary's Kommen gar nicht bemerkte. „Ich wußte nicht, daß Du ſchreiben kannſt, Eli⸗ ſabeth.“. „Ich kann es ja auch nicht.“ Dieſe Antwort wurde im kläglichſten Tone ertheilt.„Nein, es geht gar nicht mehr— ich habe Alles verlernt— die Buchſtaben wollen ſich nicht zueinander fügen.“ „Laß einmal ſehen!“ Hilary bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, um ernſthaft zu bleiben bei dem Anblick dieſes originellen Gekritzels. Das mit Tintenflecken be⸗ deckte Papier ſah aus, als ob eine Kreuzſpinne, welche vorher dem Tintefaß einen Beſuch abgeſtattet, dann auf dem weißen Raume die verſchiedenſten Evolutionen ausgeführt hatte.„Was wollteſt Du denn ſchreiben, Eliſabeth?“ Bei dieſer Frage erröthete das Mädchen tief, ant⸗ wortete aber offen wie immer: „Die Mutter jenes Knaben, Frau Cliffe, wünſchte, daß Jemand ihrem Manne, der in Birmingham arbei⸗ tet, den Unfall ſchreiben möchte, und ich erbot mich dazu. Ich habe es in der Volksſchule gelernt, aber Alles wieder vergeſſen. Fräulein Selina hat doch Recht, wenn ſie ſtets behauptet, ich tauge zu gar nichts.“ „Nun, nun, ſo ſchlimm iſt es nicht. Gräme Dich nicht, mein Kind!“ Denn in des Mädchens Stimme zitterten Thränen.„Manche ſehr tüchtige Menſchen konnten nicht ſchreiben. Aber ich ſehe nicht ein, wes⸗ halb Du es nicht lernen kannſt. Soll ich es Dich lehren?“ Starres Staunen und grenzenloſe Dankbarkeit leuch⸗ teten aus Eliſabeth's Angen, aber ſie ſagte nur: „Wie gütig Sie ſind, Fräulein Hilary!“ „Schon gut. Ich bringe Dir hier eines meiner alten Kleider und wollte Dir zeigen, es für Dich paſſend zu machen, doch ſtatt deſſen werden wir nun eine Schreibe⸗ ſtunde haben. Setze Dich und laß mich ſehen, was Du noch kannſt!“ In einem Zuſtande nervöſer Aengſtlichkeit, der Hi⸗ lary Mitleid einflößte, nahm Eliſabeth die Feder. Ent⸗ ſetzliche Striche und Figuren, Buchſtaben vorſtellend, kamen zu Tage, zahlloſe Kleckſe folgten, und endlich— o, Unglück!— fiel ſogar das Tintefaß um, eine ſchwarze Fluth verbreitend, welche Herrin und Dienerin von ihren Sitzen emporſchreckte, wobei Hilary froh war, daoß ſie ihr gutes Kleid ſchon mit einem ſchlechteren vertauſcht hatte, wie die drei Schweſtern es Wenz ſtets aus Sparſamkeit thaten. Als Eliſabeth ſah, was ihre Ungeſchicklichkeit ange⸗ richtet, war ſie nicht nur beſtürzt, ſondern vor Beſchämung ganz zu Boden gedrückt. „Nein, nein, Fräulein Hilary, ſelbſt Sie ver⸗ mögen mir nichts beizubringen“, ſtammelte ſie in Ver⸗ zweiflung.„Ich bin zu dumm; ich muß es aufgeben.“ „Thorheit, Eliſabeth!“ Und die energiſche, fröhliche kleine Dame blickte ernſt und lange in das umwölkte Geſicht des Mädchens, das halb Kind, halb Jungfrau war, bis etwas ihres eigenen Geiſtes ſich dort wieder⸗ zuſpiegeln ſchien. Ob das Ereigniß des Morgens Eli⸗ ſabeth zu regerem Leben erweckt, ob ihrer Herrinnen 36 Güte ihr Herz gerührt hatte, und bei ihr, wie bei den meiſten Frauen, das Herz der Schlüſſel zur ſchlummern⸗ den Intelligenz war, oder ob endlich der Einfluß, den die veränderte Lebensweiſe auf ſie ausübte, die Wirkung hervorgebracht— gewiß iſt es, daß Hilary bis jetzt nie bemerkt hatte, welches kluge Geſicht ihre kleine Die⸗ nerin beſaß, wie der gut geformte Kopf und die reine Stirn Verſtand andeuteten, und wie in den tiefliegenden, grauen Augen ſich warmes Gefühl, ja zärtliche Innig⸗ keit ausdrückten. „Thorheit, Eliſabeth!“ wiederholte ſie noch einmal. „Du mußt nie daran denken, eine gute, nützliche Sache, ſei ſie noch ſo ſchwer, aufzugeben. Ich würde es niemals thun. Wir wollen einen anderen Weg ein⸗ ſchlagen, und wie ich es mit meinen kleinen Schülern mache, bei dem Anfange beginnen. Warte, ich werde ein Vorſchriftenbuch aus der Schulſtube holen!“ Hilary beluſtigte ihre Schweſtern durch eine Beſchrei⸗ bung deſſen, was ſie ihre neu errichtete„Polhneſiſche Academie“ nannte; dann aber lief ſie ſchnell zu Eliſabeth zurück und begann die rauhe, grobe Hand des Mäd⸗ chens durch die erſten Myſterien der Kaligraphie zu leiten. Es würde eine Unwahrheit ſein zu behaupten, daß dies eine leichte Aufgabe geweſen. Es wird ſchon durch die Natur bedingt, daß der Gebrauch von Fähigkeiten, welche durch ganze Generationen hin nicht geübt wor⸗ den ſind, im Anfange ſchwer fällt. Die Annahme, daß der Sohn eines Arbeiters, der ſich dem Studium wid⸗ men will, dieſes Ziel nicht mit größerer Mühe und mehr Hinderniſſen erreicht, als ein Sohn der höheren, gebildeten Stände, dem ganz unbewußt ſchon von der Wiege an eine gute Erziehung zu Theil wird,— dieſe Annahme iſt ein großer Irrthum. Darum alle Achtung vor denen, welche den Verſuch machen, ſelbſt wenn ſie nur langſam fortſchreiten zur höchſten und ſicherſten Vervollkommnung— der Selbſtveredlung und Selbſt⸗ bildung. Und auch Eliſabeth hatte Anſpruch auf dieſe Achtung. „Sie ſtellt ſich ungeſchickt genug an“, ſagte Hilary, nachdem die erſte Stunde vorüber war,„aber ſie beſitzt eine fabelhafte Ausdauer, die ich geradezu bewundere. Sie beſpritzt ſich die Finger, die Naſe, die Schürze mit Tinte, doch es kümmert ſie nicht— mur immer vor⸗ wärts in ihrer Arbeit. Dabei hat ſie das Gute, bei einer Sache zu bleiben; erſt nachdem ſie mehrere Seiten mit A beſchrieben und dieſes nun genügend machte, ver⸗ langte ſie zum B überzugehen. Ja, ja, es wird ſchon werden mit ihr.“ „Ich hoffe, ſie wird ihre Arbeit darüber nicht ver⸗ nachläſſigen“, bemerkte Selina ſcharf.„Ich kann es nicht ſo beſonders ſegensreich nennen, daß Du nun auch noch anfängſt, Eliſabeth ſchreiben zu lehren, da ſie und wir doch alle Hände vollauf zu thun haben.“ „Das iſt es“, entgegnete Hilary nachdenklich.„Ich weiß ſelbſt nicht, wie ich Zeit finden ſoll, ſie zu unter⸗ richten, und Abends, wenn ſie ihre Arbeit gethan hat, iſt ſie ſo müde, daß ſie mit der Feder in der Hand einſchlafen wird— ich ſelbſt habe es früher nicht beſſer gemacht.“ 81 Hilary dachte jener Zeit, als ſie ſo beſonders eifrig ſtrebte, ihren Geiſt zu bilden, um einem anderen Geiſte, den ſie ſo hochachtete, nicht zu ſehr nachzuſtehen; da hatte ſie, nachdem ſie ihr ſchweres Tagewerk beendet, noch ſpät Abends begonnen, ſich ſelbſt zu unterrichten; und obwohl ſie mit ihrer ungewöhnlichen Willenskraft die Müdigkeit und Abſpannung beſiegte, ſo wußte ſie wohl, wie ſchwer eine ſolche Aufgabe iſt. Sie ſagte oft zu Johanna, ſie begriffe es vollkommen, daß der geiſtige Fortſchritt(dieſer Ausdruck kam damals gerade auf) bei der arbeitenden Klaſſe langſam ſei, und wie ſchwer es für die Lehrer der Handwerkervereine ſein müſſe, neue Ideen, klares Verſtändniß in die Köpfe Derer zu bringen, welche durch übermäßig harte körperliche Arbeit ſtumpf und beſchränkt geworden waren. „Wie wäre es, wenn ich meine„Polyneſiſche Aca⸗ demie? Sonntags hielte?“ fragte Hilary plötzlich und blickte Johanna an, ihre Meinung zu erfahren. Nun waren die beiden älteſten Schweſtern Land⸗ fräuleins nach der guten, alten Art, die in einer Zeit ſchon gelebt hatten, da die Worte Sonntagsfeier und Sonntagsentheiligung in der engliſchen Sprache noch gar nicht vorkamen. Sie vergaßen nie, daß der Sabbath heilig gehalten werden ſolle, und ſie richteten es ſtets ſo ein, daß er für das ganze Haus ein Tag der Ruhe war. Am Morgen gingen ſie Alle regelmäßig zur Kirche, Hilary und Selina zuweilen auch noch am Abend. In den Nachmittagsſtunden hatten ſie gewöhnlich einen Spaziergang durch die Felder unternommen, hauptſäch⸗ lich wegen Askott, um ihn von ſchlechter Geſellſchaft 6 Herrin und Dienerin. T 82 fern zu halten und in ſeinem Inneren höhere und beſſere Gedanken und Gefühle anzuregen, als ſein ſonntägliches Lieblingsvergnügen, auf der Mauer zu ſitzen und Steine nach einem beſtimmten Ziele zu werfen, darin erwecken konnte. Als er das Haus verlaſſen hatte, wurde Eli⸗ ſabeth's Wohl in das Auge gefaßt, und es ſchien den Damen das Beſte, ſie alle Sonntagnachmittag zu ihrer Mutter zu ſchicken, doch mit der beſtimmten Weiſung, Abends acht Uhr wieder daheim zu ſein; und von da an bis zum Zubettgehen gab es noch zwei volle Stun⸗ den, welche beſſer benutzt werden konnten, als ſie zu verſchlafen, wie das junge Mädchen es meiſt that. „Ich möchte wohl wiſſen“, begann Hilary, das Re⸗ ſultat ihres langen Nachdenkens laut werden laſſend, „ob am Tage zu ſchlafen nicht ebenſo gut ein Bruch der Sonntagsfeier iſt, als ſchreiben zu lernen. Was meinſt Du, Johanna?“ Die einfache, gottesfürchtige Johanna, der das Glau⸗ ben und Lieben eben ſo natürlich war, wie das Athem⸗ holen, hatte ſich nie den Kopf mit derartigen Fragen zerbrochen. Auch jetzt lächelte ſie mild und zuſtimmend. Aber Selina wurde ſehr aufgebracht. Schreibunterricht zu ertheilen an einem Sonntag, die alltägliche Arbeit in den heiligen Ruhetag hineinzuziehen, etwas zum eigenen Vergnügen da vorzunehmen, ſchien ihr ſündhaft. Von ſolchen Dingen war niemals früher im Hauſe die Rede geweſen. Was man auch von der Familie Leaf ſagen konnte, das mußte man ihr wenigſtens nachrühmen, ſie habe nimmer den Feiertag entheiligt. Niemand könne behaupten, daß ſelbſt Henry“— 83 Hier hielt Selina in ihrem Redeſtrome plötzlich inne.— Als das Geſpräch wieder aufgenommen wurde, kam Hilary, welche Anfangs halb beluſtigt, halb geärgert war, auf ihr Vorhaben mit großem Eifer zurück. „Ich könnte Dir erwidern, Selina, daß Schreiben nicht Eliſabeth's tägliche Arbeit iſt, und daß ſie zu unter⸗ richten gerade nicht zu meinem perſönlichen Vergnügen geſchieht, doch ich will mich nicht auf Wortſticheleien einlaſſen. Die Frage iſt, was heißt:„Du ſollſt den Feiertag heiligen?*) Ich behaupte— und ich bleibe bei meiner Anſicht— ihn zu einem Tage der Ruhe, ſtiller, glückſeliger Freudigkeit zu machen, nach der Müh⸗ ſal der arbeitsſchweren Woche zu einem Tage der An⸗ dacht und Gottesverehrung, die man aber nicht nur durch Kirchengehen, ſondern auch dadurch beweiſt, daß man ſoviel Gutes thut als möglich, das heißt den Feier⸗ tag heiligen. Und deshalb habe ich die Abſicht, Eliſabeth Sonntags zu unterrichten.“ „Sie wird es niemals in dem rechten Sinne auffaſſen und es als Arbeitv betrachten.“ „Und wenn ſie das ſelbſt thut, ſo ſcheint mir ar⸗ beiten religiöſer als faullenzen. Mir iſt, als wenn ich Die Verfaſſerin dieſer Geſchichte wünſcht ausdrücklich zu erklären, daß ſie allein für die Anſichten, welche darin ausge⸗ ſprochen ſind, verantwortlich iſt. Jebem wahrhaften, ſtreuen Chriſten, der ihre Meinung nicht theilen ſollte, kann ſie nur erwidern, daß anders zu ſchreiben, als man nach ſeiner ge⸗ wiſſenhafteſten religiöſen Ueberzeugung glaubt, gerabezu un⸗ möglich iſt. 6* 84 weniger ſündigte, wenn ich Sonntags in Feld und Garten meine Kartoffeln beſtelle, oder in meiner Stube Strümpfe ſtopfe, als wenn ich, wie manche Leute, den Sonntag dadurch feiere, daß ich, wie ſie, ſchöngeputzt zur Kirche gehe, dann ein ſehr koſtbares Mittageſſen einnehme, nun bei einem Buche einnicke, oder wohl ganz regel⸗ recht den Tag, an dem ſo viel Gutes gethan werden konnte, verſchlafe.„ „Still, Kind!“ ermahnte Johanna; denn Hilary's Wangen brannten und ihre Stimme klang heftig erregt. In dem Feuer der Jugend nahm ſie das Ganze wieder zu ſtürmiſch und ging in ihrer Abneigung gegen For⸗ meln und leere Gebräuche vielleicht, wie ihr zuweilen geſchah, etwas zu weit.„Ich denke“, fügte die älteſte Schweſter hinzu,„daß wir uns um uns ſelbſt und nicht um Andere bekümmern müſſen. Laß uns die Sonntags⸗ feier begehen, wie es mit unſerem Gewiſſen überein⸗ ſtimmt; nur würde ich mich ſtets in Acht nehmen, etwas zu thun, was die Gefühle meiner Nachbarn ver⸗ letzte.“ Hilary blickte in das ſanfte, liebe Antlitz der Spre⸗ chenden, und alſobald ſchwand der Ausdruck ärgerlicher Erregung aus ihren Zügen. „Soll ich mein Vorhaben aufgeben?“ fragte ſie weich. „Nein, mein Liebling. Es iſt ganz nach Gottes Gebot, am Sonntage Gutes zu thun; und ein armes, unwiſſendes Kind zu unterrichten, iſt ein gutes Werk. Erkläre ihr das nur auf die rechte Weiſe, ſo wird nichts Uebles davon herkommen.“ ————— 85 „Sie wird es aber niemals richtig verſtehen, ſie iſt ja doch nur eine Magd“, bemerkte Selina mürriſch. „Deſſenungeachtet will ich den Verſuch wagen.“ Hilary vermochte nicht zu beſtimmen, wie weit es ihr gelang dem Faſſungsvermögen des jungen, ſchlichten Mädchens die eine große Frage klu zu machen, in der ſo viele wichtigen Punkte ſich vereinigen, die Frage— ob dem Buchſtaben oder dem Geiſte des Geſetzes, dem ſtrengen Gebote der Pflicht oder dem milderen der Liebe zu folgen ſei. Und während ſie darüber ſprach, öffneten ſich ihr ſelbſt ſolche Tiefen der Weisheit, ſolche Schätze des Reichthumes in Beziehung auf dieſes Thema, daß ſie unwillkürlich von ſcheuer Ehrfurcht erfaßt davor zurückbebte und ſich verwunderte, wie ein armes, kurz⸗ ſichtiges Menſchenkind es überhaupt wagen könne, über ſolche Dinge zu ſprechen und zu disputiren. Das Eine aber war gewiß, Eliſabeth begriff die Güte ihrer Herrin. Sie ſtand an Hilary's Seite und blickte auf die kleine, zarte Hand, welche die ihrige ſo ſorgſam in den erſten Schreibeſtunden geführt hatte, und die nun immer neue Vorſchriften für ſie anfertigte. Endlich ſagte ſie: „Welche Mühe Sie ſich mit mir geben; und ich bin doch nur ein armes, einfältiges Mädchen, während Sie eine kluge, feine Dame ſind! Wie gütig das von Ihnen iſt!“ Hilary war momentan um eine Antwort verlegen. Sie konnte nicht ableugnen, daß ſie„gütig“, noch daß ſie„eine Dame“ war; und jedenfalls beſtand zwiſchen ihr und Frau Hand's ungebildeter Tochter ein unver⸗ 86 kennbarer Unterſchied. Daß Eliſabeth dies einſah, be⸗ zeigte ſie durch die zunehmende Ehrerbietung ihres Be⸗ tragens, das immer achtungsvoller wurde, jemehr ſie ſich ſelbſt vervollkommnete. Dennoch widerſtritt es Hilary's gutem Herzen, ſie mehr als nöthig fühlen zu laſſen, welche Kluft zwiſchen ihnen war und immer ſein würde; nicht einmal ſo ſehr der Abſtand zwiſchen Herrin und Dienerin(und ſelbſt das Beſtehen dieſes Verhält⸗ niſſes iſt recht und von Gott verordnet) als vielmehr noch die Kluft zwiſchen dem Klugen und dem Unwiſſen⸗ den, dem Hochgebildeten und dem Gewöhnlichen. Nach kurzem Nachdenken ſagte Hilarh deshalb: „Nun, Eliſabeth, Du haſt es ſtets in Deiner Macht, meine„Güte“, wie Du es nennſt, zu vergelten; je klüger und brauchbarer Du Dich zeigſt, deſto nützlicher biſt Du mir, je beſſer Du wirſt, je lieber werde ich Dich haben.“ Die Angeredete lächelte. Vor dieſem ſonnigen, ſtrahlenden Lächeln verſchwand faſt die Unſchönheit ihrer Geſichtszüge und ſie wurden geiſtig durchleuchtet, ſo daß man ſie nichts weniger als häßlich nennen konnte. „Einſt vor langen, langen Jahren“, fuhr Hilary fort,„da England noch ſehr verſchieden von ſeiner jetzigen Geſtaltung war, pflegten die engliſchen Damen viele Frauen um ſich zu haben, die ſie ſchon als ganz junge Mädchen, faſt noch als Kinder, in ihr Haus nahmen und für ihren Dienſt und zu ihrer Annehmlichkeit er⸗ zogen. Sie lehrten ſie kochen, ſpinnen, nähen, ſingen, und vielleicht auch— nur waren die Damen damals 87 ſelbſt noch ſehr mangelhaft gebildet— leſen und ſchrei⸗ ben. Sie verbrachten jeden Tag mehrere Stunden im Kreiſe dieſer ihrer dienſtbaren Gefährtinnen, und da man nur der Geſellſchaft ſich erfreuen kann, die wenig⸗ ſtens etwas mit unſeren Neigungen ſympathiſirt, ſo möchte man annehmen—“ W Hilary ſchwieg plötzlich ſtill; denn ſie wurde inne, wie ihr Gedankenflug ſie unerreichbar hoch über Eli⸗ ſabeth's Begriffe geführt habe, und daß es wohl beſſer ſein möchte, ihre Theorie für ſich zu behalten und ſie nur praktiſch zu Tage zu bringen. „Und ſiehſt Du, Eliſabeth, wenn ich nun einen Theil meiner Zeit dazu anwende, Dich zu belehren, ſo mußt Du mir auch nach und nach ſolch eine treue, dienſtbare Gefährtin werden, die mir näher ſteht als nur eine Dienerin.“ „O, ich will Alles, Alles werden, was Sie wün⸗ ſchen, Fräulein Hilary!“ Dieſe Antwort wurde mit einer faſt leidenſchaftlichen Innigkeit gegeben, daß die junge Gebieterin darob erſtaunte. „Ich glaube wirklich, das Mädchen gewinnt mich lieb“, ſagte ſie halb lachend, halb gerührt zu Johanna. „Iſt dem ſo, dann werden wir in jeder Beziehung raſch vorwärts ſchreiten. Es iſt gerade wie bei Deinen Schulkindern, wir müſſen erſt die Herzen gewinnen, ehe wir auf ihren Verſtand wirken können. Nun mag zwar Elifabeth's Kopf etwas ſchwer von Begriffen ſein, aber ich glaube, ſie hat mich lieb.“ 88 Johanna lächelte; doch um keinen Preis hätte ſie eingeſtanden— das Kind konnte zu eitel werden — daß dieſer Umſtand für ſie durchaus nichts Ueber⸗ raſchendes habe. Fünftes Papitel. Ein Hausſtand, welcher nur aus Frauen beſteht, hat ſeine Licht⸗ und Schattenſeiten. Er kann leicht zu einem etwas einſeitigen Urtheile führen, das nach dem eigenen beſchränkten Horizonte der kleinen Häuslichkeit den Maß⸗ ſtab an die Vorgänge der Außenwelt legt, auch eine gewiſſe Aengſtlichkeit und Zimperlichkeit im Fühlen und eine zu große Wichtigkeit kleinen, unbedeutenden Dingen eingeräumt, werden meiſt darin zu finden ſein. Auf der anderen Seite herrſcht aber in dieſer engen Sphäre oft ein ſolcher Friede, ein Hauch ſo veredelnder Reinheit, ein großmüthiges Dulden und eine Fülle der Güte und Zärtlichkeit, wie das andere Geſchlecht es kaum für möglich halten wird und ſchwerlich begreifen und genug zu würdigen vermag. Die Männer wollen nicht glau⸗ ben, was doch eine Wahrheit iſt, daß wir beſſer„allein⸗ ſtehen“ können als ſie; daß wir leichter und mit ge⸗ ringerem Nachtheil ohne ſie fertig zu werden vermögen, als ſie ohne uns; daß wir wohl befähigt ſind, ſowohl für unſere ernſten Lebenspflichten als für unſere In⸗ 90 tereſſen und Annehmlichkeiten zu ſorgen, und dies oft beſſer als ſie es können, daß wir, um es kurz zu faſſen — ſo ſeltſam es auch klingen mag— mehr ſelbſtſtän⸗ dige Unabhängigkeit und Kraft zum Alleinſtehen beſitzen als ſie. Natürlich iſt das wahre, das volle, höchſte Leben nur in der Vereinigung von Mann und Frau zu finden, Niemand wird wahnſinnig genug ſein, das zu beſtreiten. Ich ſpreche nur von der Exiſtenz, welche an ſeiner Stelle beſteht und in dieſer Zeit der Eheloſigkeit immer mehr um ſich greift, und aus der die arme Menſchheit nun das Beſte zu machen hat, und zwar oft etwas ſo Gutes ſchafft, das dem Vorzüglichſten nach weltlichen Begriffen weit vorzuziehen iſt. Gewiß möchte manche in geräuſchvollem Treiben lebende, große, reiche Familie, die hier und dort Kränkungen und Täuſchungen erleidet oder durch die kalten Förmlichkeiten ihrer Verhältniſſe erſtarrt und beengt iſt, die ruhige, beſcheidene, unaus⸗ ſprechlich gemüthliche Häuslichkeit der drei unverheira⸗ theten Schweſtern ihnen beneidet haben, deren einzige Prüfung Armuth war, deren größter Kummer in dem beſtund, was ſie doch ſchon lange ſo geduldig trugen: der armen Selina„Eigenheiten“. Ich bin überzeugt, es war ſehr gut für Eliſabeth Hand, daß ihr erſter Dienſt, nachdem ſie die Heimath verlaſſen, ſie in dieſen nur aus Frauen beſtehenden, regelrechten, einfachen Haushalt führte, in welchem weder Unordnung noch Verſchwendung herrſchte. Es wurde heilſam für ſie, daß während ihrer Herrinnen beſchränk⸗ ten Verhältniſſe ihr manche Genüſſe verſagten, deren 9 die Dienerſchaft reicherer Häuſer ſich erfreut, ſie auch die geringen Annehmlichkeiten und Vorzüge des kleinen Hausweſens noch mit beſonderer Sorgfalt im Auge haben mußte. Dadurch ward Eliſabeth zu einem„Gliede der Familie“, deren Intereſſen nach und nach ihre eigenen wurden. Von den wenigen kleinen Luxusartikeln an Spei⸗ ſen, die in Obſt, Kuchen und eingemachten Früchten be⸗ ſtehend, von den Eltern einiger Schüler an die Damen geſchenkt wurden, bis zu den Zeitungen und geliehenen Büchern ward nichts vor Eliſabeth verſchloſſen oder ihr vorenthalten. Am nächſten Tage, nachdem ihr Probemonat been⸗ det, wurde die große Frage des Verſchließens im Familiencongreß berathen, wobei, wie vorauszuſehen, wieder zwei verſchiedene Meinungen ſich geltend machten. Selina war für die augenblickliche Einführung von Schlöſſern und einem Schlüſſelkorbe. „So lange ſie nur zur Probe hier war, hatte es nicht ſo viel auf ſich; jetzt aber, da wir ſie in aller Form in Dienſt genommen haben, müſſen wir auch ein regelrechtes Syſtem für unſere Autorität begründen. Wie kann ſie eine Familie achten, die mit der größten Sorg⸗ loſigkeit nichts verſchließt?“ „Wie könnten wir eine Dienerin achten, vor der wir Alles unter Schloß und Riegel legen müßten?“ „Eine Magd achten! Wie meinſt Du das, Hilary?“ „Ich meine, wenn ich vor einer mir dienſtbaren Perſon nicht wirklich Achtung fühlte, ich ſie nicht einen Tag in meinem Hauſe behalten würde.“ „Warte gefälligſt bis Du ein eigenes Haus haſt, in 92 dem Du Beſtimmungen ertheilen kannſt, Fräulein!“— erwiderte Selina gereizt.„Nie in meinem Leben hörte ich ſolche unſinnige Behauptung. Alſo in dieſer Art willſt Du Eliſabeth behandeln, daß Du Alles offen vor ihr läßt— Geld, Bücher, Kleider⸗ und Speiſeſchränke, ſie in alle Deine Geheimniſſe einweiheſt und ſie zu Deiner Herzensfreundin erhebſt!“ „Ein fünfzehnjähriges Mädchen würde ſich nicht recht zur Herzensfreundin eigenen, und glücklicher Weiſe habe ich wenige Geheimniſſe; wenn ich ihr aber nicht unſeren Thee, Kaffee und Zucker anvertrauen könnte, ſie über⸗ haupt von Anfang an in Verdacht haben müßte, ſo würde ich vorſchlagen, ſie lieber gleich zu entlaſſen.“ „Sehr ſchöne Worte! Was meinſt Du dazu, Jo⸗ hanna? Doch das iſt eigentlich eine überflüſſige Frage, da Hilary ihre Anſicht kundgethan.“ „Ich glaube“, erwiderte die älteſte Schweſter, den Stich unbeachtet laſſend,„daß Hilary diesmal Recht hat. Wie die Menſchen es in großen Haushaltungen einrichten, weiß ich nicht, doch in unſerer kleinen Häus⸗ lichkeit ſcheint es mir beſſer unſerer herkommlichen Weiſe treu zu bleiben. Iſt das Mädchen gut, ſo wird der Beweis, daß wir ihr vertrauen, ſie noch beſſer machen, iſt ſie ſchlecht, ſo finden wir es dadurch nur noch leich⸗ ter heraus, und können ſie dann fortſchicken.“ Aber Eliſabeth wurde nicht entlaſſen. Ein Jahr verging, ein zweites folgte, ihr Lohn ward erhöht und ſomit auch ihre Stellung. Von einem kleinen„Mädchen“ war ſie nun zu einer ordentlichen Dienerin emporge⸗ ſtiegen. Ihre armſeligen Röckchen und Schürzchen ver⸗ . F —————— — 93 wandelten ſich in gute, tüchtige Anzüge, und ihr rauhes Haar wurde endlich durch Selina's unabläſſiges Reden unter einer Mütze verſteckt, denn das Tragen von Mützen war nach der Anſicht dieſer Dame das richtige und un⸗ entbehrliche Zeichen der Dienſtbarkeit. Wollte man behaupten, daß in dem verfloſſenen Zeitraum, ja ſelbſt noch jetzt, da ſie ſchon dieſe Stel⸗ lung erlangt, Eliſabeth ihrer Herrſchaft nicht Aerger und Verdruß bereitet hätte, ſo wäre dies nicht nur eine Unwahrheit, ſondern geradezu eine baare Unmöglichkeit. Welches junge Mädchen unter ſiebzehn Jahren— und gehöre ſie ſelbſt den beſten Ständen an— wird ihren Eltern, Vormündern oder Herrinnen nicht Anlaß zu Sorge und Unzufriedenheit geben? Wer kann einen alten, beſonnenen Kopf auf junge Schultern ſetzen? oder erwarten, daß gerade in dieſem Lebensalter, da der Charakter noch ſo wenig feſt iſt, eine Dienerin immer Selbſtbeherrſchung und Einſicht haben ſolle— wie na⸗ türlich alle Herrinnen dieſe ſtets beſitzen? Ich bin genöthigt zu bekennen, daß Eliſabeth einige — und nicht allzu wenige— ſehr beharrlichen Fehler hatte, und daß kein Kind ſeine Eltern, kein Schüler ſeine Lehrer mehr reizen und ihre Geduld ermüden konnte, als Eliſabeth es zuweilen ihren Herrinnen gegen⸗ über that. Sie war zu Zeiten gedankenlos und nach⸗ läſſig, kurz und unfreundlich in ihrem Weſen, unordent⸗ lich im Arzuge; manchmal wurde ſie geradezu unaus⸗ ſtehlich und war ſo voller Ungezogenheiten— wie frei⸗ lich Viele aus der beſſeren Klaſſe es immer ſind, dann konnte ſie Stunden, ja Tage lang maulen und trotzen ward, eine Art Freundſchaft gebildet. Als aber die Fräulein Leaf entdeckten, daß dieſe Frau in üblem Rufe ſtand und außerdem von ihrer Dienerin die wenigen Sparpfennige borgte, ohne ſie jemals wiederzuer⸗ ſtatten, wurde ihr das Haus verboten. Dies empfand Eliſabeth als eine ſo tiefe und heftige Kränkung für Frau Cliffe und ſich ſelbſt, daß ſie eine ganze Woche trotzte und ſchmollte. Eine noch gefährlichere Kriſis in ihrem Geſchick war es, als ein Band von Scott's Romanen mehrere Tage vermißt und dann unter ihrem Kopfkiſſen verſteckt ge⸗ funden wurde, wobei man ſie ſpäter im Bett darin leſend antraf, und zwar Nachts eilf Uhr, als der Licht⸗ ſchimmer Selina nach der Kammer der Schuldigen ge⸗ führt hatte. Beide Abirrungen waren keine Verbrechen. Hilary beſchwor eine Fluth ſcharfer Worte auf ihr eigenes Haupt herab, als ſie erklärte, es lägen ihnen ſogar ent⸗ ſchiedene Tugenden zum Grunde; denn ein Mädchen, welches ſich lieber des eigenen Geldes beraubte, um an der erwählten Gefährtin, ſei dieſe auch deſſen unwürdig, feſtzuhalten, müſſe nicht nur Selbſtverläugnung, ſondern Treue im Charakter beſitzen. Und wenn eine Dienerin, die den Tag über ſich müde gearbeitet, ihre Nachtruhe opfere aus Bewunderung und Intereſſe an einer Ge⸗ ſchichte wie:„Das Herz von Mid⸗Lothian“, ſo bekunde dies einen gewiſſen Grad von geiſtigem und moraliſchem Verſtändniß und Fortſtreben, welche eher ermuntert als getadelt werden müßten. Und obgleich dieſes verſtohlene, nächtliche Eindringen in die Schätze der Literatur natür⸗ 94 und das ganze Haus durch ihr Betragen ungemüthlich machen, wie dies in einer kleinen Häuslichkeit, in der Herrſchaft und Diener mehr und näher in Berührung kommen, ſo leicht durch die Letztern geſchehen kann. Trotz dieſes Alles hatten aber die Damen das, was Hilary die„Achtung“ vor Eliſabeth nannte, nicht ver⸗ loren. Sie ertappten ſie nie auf einer Lüge, einer Ver⸗ ſtellung oder Ausrede, konnten ſie auch nicht einer un⸗ ehrlichen oder niedrigen Handlung ziehen. Sie nahmen ihre Fehler hin, wie wir ja Alle die mehr nur die Oberfläche berührenden Fehler der uns Näherſtehenden ertragen müſſen, mehr geduldig als zornig, eher ver⸗ ſuchend, ſie zu verbeſſern als zu beſtrafen. Und obgleich es verſchiedene Elemente im Hauſe gab und drei Herrin⸗ nen gehorcht werden mußte, von denen die jüngſte jeden⸗ falls zu nachſichtig, die mittelſte zu ſtreng war, ſo konnte doch kein Mädchen lange mit dieſen geſinnungs⸗ tüchtigen, hochgebildeten Damen leben, die ſo manche Sorge zu beſtehen hatten, ohne nicht den veredelnden Einfluß des guten Beiſpieles zu fühlen. Beſonders wa⸗ ren es zwei Eindrücke, die ſich tief in Eliſabeth's Seele legten— und gerade dieſe beiden Dinge verſteht die dienende Klaſſe ſchwer— die Würde der Armuth, und die Schönheit des Gebotes, welches das Gute befördert und das Böſe verdrängt, das Gebot liebender Güte. Zwei ſehr ernſte Auftritte muß ich der Wahrheit gemäß erwähnen, bei denen Eliſabeth's Entlaſſung an einem ſeidenen Faden hing. Es hatte ſich nämlich zwiſchen ihr und Frau Cliffe, der Mutter des kleinen Tommy, welcher damals im Felde beinahe erſchlagen 96 lich nicht gebilligt werden konnte, ſo muß ich doch leider bekennen, daß Hilary dem jungen Mädchen nicht nur bei jeder paſſenden Gelegenheit Bücher gab, ſondern ſogar mit ihr über das Geleſene ſprach. Zu Selina's größtem Entſetzen waren es meiſt Romane, Novellen, Gedichte— eine Lektüre, welche Hilary ſelbſt ſehr liebte, und welche in ihr ſüße, herrliche Träume vom Leben erweckt hatte, Träume, in denen alle Frauen treu, zärt⸗ lich, heroiſch waren, und wenn es ſein mußte, ſich ſelbſt opferten, und alle Männer— gewiſſermaßen Robert Lyon glichen. That Hilary unrecht? War es, wie Selina und wie ſelbſt Johanna zuweilen behauptete,„gefährlich“, vor Eliſabeth Muſterbilder idealer Vollkommenheit hin⸗ zuſtellen, und ganz neue Gedanken über das Leben, ſeine Macht und Schönheit, ſeinen wahren Zweck in ihr zu erwecken, Gedanken und Begriffe wie ſie wohl nimmer den Kopf dieſes armen, dienenden Mädchens erhellt hätten, deſſen Eltern zwar achtbar und anſtändig waren, doch ſonſt in nichts ſich über die gewöhnliche arbeitende Klaſſe erhoben? Ich will dieſen Punkt nicht näher erörtern, denn ich nehme ja Eliſabeth nicht zum Texte einer Predigt, ſondern ſchreibe einfach ihre Lebensge⸗ ſchichte. Eines war unleugbar, daß nach und nach die Mängel des Mädchens ſich verringerten und ihr größter Fehler ſich beſſerte, nämlich dieſe üble Laune, welche ſich zwar nie in Worten kund that, doch ſie trotzig und mürriſch machte, wobei ſie und Selina oft ganze Wochen nicht mit einander ſprachen. Freilich ſchmollte Eliſabeth mn, ſie murrte nie oder war gar naſeweis; ſie that ihre Arbeit wie gewöhnlich, mit einer Art beharrlicher Aus⸗ dauer, ſich nicht nur gegen die ihr überlegene Macht ſtemmend, ſondern noch gegen etwas in ihrem eigenen Innern, mit dem der Kampf noch ſchwerer war. „Ich fühle mehr Betrübniß ihretwegen, als daß ſie mich ärgert“, pflegte Johanna zuweilen zu ſagen, wenn ſie aus der Küche mit dieſem traurigen Geſicht kam, dem einzigen Zeichen des Mißvergnügens, welches ihre milde Natur äußerte.„Eliſabeth wird, wie wir Alle, einen ſchweren Weg durch das Leben haben, und noch ſchwerer als Viele. Armes Kind!“ Nach und nach lernte Eliſabeth, dem Beiſpiele der Anderen folgend, auch mit Fräulein Selina fertig zu werden, die ſich ihrerſeits in einer Art gewaffneter Neutralität verhielt. Und einſt als eine kurze, aber ge⸗ fährliche Krankheit Johanna's den kleinen Haushalt in ſeinen Grundfeſten erſchütterte, und Jeden aus ſeinen Sonderintereſſen aufſchreckend mit dem Anderen zu treuer Gemeinſchaft verband, einen tiefen, Alle bedrohenden Kummer zuſammen zu tragen, da äußerte ſogar Selina, daß ſie doch eine viel ſchlechtere Wahl als die Eliſabeth's zur Dienerin hätten treffen können. Nach dieſer Krankheit ſeiner Tante kam Askott nach Hauſe. Es war ſein erſter Beſuch von London aus, da ſein Pathe, wie er ſagte, gegen die Ferienreiſen ſei. Jetzt aber hatte Johanna zu große Sehnſucht nach dem Neffen ausgeſprochen, der nicht mehr länger ein Knabe, ſondern ein junger Mann von beinahe zwanzig Jahren war und auch nicht jünger ausſah, ſondern dieſem Herrin und Dienerin. 7 98 ſtattlichen Alter Ehre machte. Wie ſtolz ſeine Tanten waren, ihn wie im Triumph durch die Stadt zu führen und alle Glückwünſche über ſein gutes Ausſehen und ſeine feinen Manieren entgegenzunehmen. Es war dies die alte Geſchichte— ſo alt wie der Welt Beſtehen. Ich habe ja nicht die Anmaßung, Neues erfinden zu wollen. Frauen, und beſonders unverheirathete Tanten, werden dieſe Geſchichte bis in alle Ewigkeit wiederholen, ſo lange ſie Nichten und Neffen beſitzen, auf die ſie ihren natürlichen Hang zu innigem Liebhaben und ihre unbewußte, unſchuldige Helden-Anbetung übertragen können. Die Fräulein Leaf, ſelbſt Selina eingerechnet, deren ärgerliche Gereiztheit gegen den naſeweiſen Knaben jetzt durch den eleganten, jungen Herrn ganz beſeitigt war, zeigten ſich nicht klüger als ihre Nachbarn. Doch eine Perſon im Hauſe verſchmähte es noch, gleich beharrlich ihr Knie vor Askott zu beugen. Ob, wie die Pſychologen es vielleicht erklärt haben würden, in Beider Naturen unbewußt ein ſich gegenſeitiges Ab⸗ ſtoßen begründet war, oder ob Eliſabeth an einem ein⸗ mal gefaßten Vorurtheil mit grimmigem Starrſinn hielt — genug, die frühere Abneigung beſtand ungeſchwächt zwiſchen Beiden. Der junge Mann nahm wenig Notiz von dem Mädchen, außer daß er bemerkte,„hübſcher ſei ſie auch nicht geworden“, aber Eliſabeth beobachtete ihn und ſein Thun mit einer Schärfe und Strenge, denen nichts entging; und mit einer nicht zu ermattenden Ausdauer ſuchte ſie all ſeinen kleinen Eingriffen in die häuslichen Gewohnheiten entgegenzuwirken, Eingriffen, die in einer ſo leichten, angenehmen Art geſchahen und ſtets beſtanden hatten, daß er ſelbſt und auch ſeine Tanten wohl kaum merkten, wie ſie durchaus egoiſtiſch waren und immer ſein Wohl im Auge hatten. „Ich kann es nich ſehen(nicht verbeſſerte Hilary, die ſehr auf gutes Sprechen hielt und ſchon verſchiedene teingeſchoben und einige Provinzialismen aus Eliſabeth's Sprache entfernt hatte),„ich kann es nicht ruhig mit anſehen, Fräulein Hilary, wenn er ſich im Wiegeſtuhle ſo bequem ſchaukelt, während Fräulein Johanna, die ſo blaß und angegriffen iſt, den ihr zugehörenden Platz entbehrt. Und daß er Nachts ſo ſpät aufbleibt und doppelte Portionen von Licht und Feuermaterial ver⸗ brennt, und wenn er endlich oben geht, dies ſo laut und lärmend thut, daß er Sie Alle gewiß jedesmal aus dem Schlafe erweckt, das gefällt mir gar nicht.“ „Du vergißt, Eliſabeth, Herr Askott muß ſeinen Studien zum nächſten Examen obliegen.“ „Warum ſteht er Morgens nicht zeitig auf, ſtatt bis in den Tag hinein im Bett zu bleiben, wodurch das Frühſtück bis nach zehn Uhr verzögert wird? Wes⸗ halb ſtudirt er nicht bei Gottes ſchönem Tageslicht. Es ſparte Oel und wäre beſſer für ſeine Augen.“ Hilary wurde verlegen, welche Antwort paßte hier⸗ auf? Was Eliſabeth geſagt, war unbedingt Wahrheit, und eine ſolche, ſelbſt um die Würde der Familie auf⸗ recht zu erhalten, zu umgehen oder anders auszulegen, hätte Hilary's redliche, offene Natur niemals vermocht. Uebrigens würde die ſcharfſichtige Dienerin es gleich herausgefunden haben, wie daſſelbe Geſetz für Sparſamkeit 100 und Ordnung nicht ſo für die Küche und anders für das Wohnzimmer lauten könne, wie Recht immer Recht bleiben müſſe. Deshalb nahm Hilary diesmal ihre Zuflucht zum Schweigen, indem ſie ſich auf das Eifrigſte mit dem Apfelpudding beſchäftigte, welchen ſie gerade bereitete. Aber ſie beſchloß in Folge von Eliſabeth's Aeuße⸗ rungen die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um Askott eine Strafpredigt zu halten, ſo ernſt und ſtreng wie ſie wohl ſelten aus dem Munde einer Tante gehört worden war. Und dieſe erwünſchte Stunde des Alleinſeins bot ſich gleich am ſelbigen Nachmittage, als die beiden an⸗ deren Tanten zum Thee zu einer Familie gegangen waren, die Askott„langweilig“ nannte, und deshalb die Einladung obgeſchlagen hatte. Hilary blieb natürlich bei dem verwöhnten jungen Herrn, um ihm ſpäter den Thee zu bereiten, und in der Zwiſchenzeit ging ſie mit ihm auf einer der nahgelegenen, öffentlichen Prome⸗ naden auf und nieder, wobei ſie ihre Standrede begann. Im Anfange hörte Askott ziemlich geduldig und gutgelaunt zu, indem er die Sprechende in ſeiner patro⸗ niſirenden Weiſe einige Male:„Ein liebes kleines Kerl⸗ chen“ nannte, denn es machte ihm beſonderes Vergnügen, ſeine hübſche, junge Tante Hilary zu patroniſiren; aber als dieſe immer ernſter auf ſeine Pflichten hinwies, und daß er nicht mehr ein Knabe, ſondern ein Mann ſei, der nun aber auch die wahren Rechte eines Mannes üben müſſe, indem er für das Wohl Anderer denke und —— —— ſorge, und vornämlich das ſeiner Tanten immer im Auge habe— da wurde Askott hitzig. „Jetzt ſei ſo gut und höre auf, Tante Hilary! Ich möchte nicht die Fortſetzung von Herrn Lyon's Reden durch Dich erhalten.“ „Wie meinſt Du das? Ich verſtehe Dich nicht!“ Denn in der letzten Zeit hatte Askott ſehr wenig von Robert Lyon geſprochen— nicht halb ſo viel als dieſer in ſeinen regelmäßigen Briefen an Johanna über den Neffen ſchrieb. „Ich meine, daß ich keine Strafpredigten hören will, am wenigſten von einer Frau. Es iſt ſchon ſchwer genug, ſie von einem Manne zu ertragen, aber erſtens iſt Lyon ein kluger Burſche, der die Welt kennt, und das geht jeder Frau ab, und dann hilft er mir in den Sprachen immer noch vorwärts, da dulde ich es ſchon eher, daß er mich zuweilen etwas vornimmt. Doch von Dir würde ich es nie leiden, und ſo bitte verſchone mich damit!“ Etwas in Askott's Ton, das mehr männliche Ent⸗ rüſtung als die frühere knabenhafte Empfindlichkeit be⸗ kundete, erſchreckte die kleine Tante und ließ ſie ver⸗ ſtummen. Auch war es ein großer Troſt für ſie, daß der Jüngling, wie er in ſeinem Aerger geſtanden, einen Freund und Berather an ſeiner Seite hatte, deſſen Ermahnungen ſo viel beſſer und weiſer als die ihrigen waren. Und ſo beſchloß ſie nichts mehr zu ſagen. Das ſeltene Nennenhören von Robert Lyon's Namen — denn Zeit und Abweſenheit übten auch hier ihre 102 natürliche Wirkung, und außer wenn ſeine Briefe kamen, wurde faſt nie mehr von ihm geſprochen— verſenkte Hilary in Nachdenken. „Gehſt Du oft zu ihm, Askott?“ fragte ſie endlich. „Zu wem— zu Herrn Lyon?“ Und der junge Mann, froh, dem früheren Geſpräch zu entrinnen, gab ſich mit Eifer dem neuen Thema hin, wobei er ganz fröhlich und mittheilſam wurde.„Mein Himmel, er würde ſich nicht viel daraus machen, ob ich zu ihm käme. Er wohnt in einem Hinterhauſe, einige Treppen hoch, und ſein einziges Zimmer muß ihm zugleich als Schlafgemach, Wohnſtube und Küche dienen. In einem nahgelegenen Speiſehauſe ißt er für neun Pence zu Mittag, und Morgens und Abends kocht er ſich ſeine Hafergrütze ſelbſt. Er hat es mir einſt erzählt, denn er ſchämt ſich deſſen nicht im Geringſten. Zuweilen muß es bei ihm ſehr knapp hergehen; aber da er es doch ſo einzurichten weiß, daß er einen anſtändigen Rock trägt und ſeine Collegien auf der Univerſität bezahlen kann— wobei er übrigens die größten Auszeichnungen erntet— ſo kümmert ſich Niemand um ſeine anderen Verhältniſſe und plagt ihn mit unnützen Fragen. Das iſt das Gute des Londoner Lebens, Tante“, ſagte der junge Mann, ſich in der Würde ſeiner Weisheit und Erfahrung hoch emporrichtend—„habe nur das An⸗ ſehen eines Gentleman, betrage Dich als ſolcher, ſo läßt man Dich in Ruhe und beläſtigt Dich nicht durch Neugier.“. „Ja“, antwortete Hilary halb unbewußt zuſtimmend. Und dann wanderten ihre Gedanken voll Sehnſucht zu dem einſamen Studirenden in dem kleinen, ärmlichen Stübchen. Er konnte arbeiten und leiden, krank ſein und ſterben in gleicher Verlaſſenheit— wer fragte da⸗ nach, wen kümmerte das, dort in der großen Weltſtadt. Dieſe Seite des Londoner Lebens warf ein neues Licht in Hilary's Seele, aber kein freudiges. Robert Lyons Briefe an Johanna handelten ſtets nur von dem, was ſie, wie er glaubte, allein intereſſire; mit der Zurück⸗ haltung, die im Charakter der Schotten begründet iſt, ſprach er wenig von ſich ſelbſt, nur daß er in einem der letzten Briefe erwähnte, er habe ſich tapfer dazu gehalten auf der Univerſität und wolle nun gleich weiter an größere Arbeiten gehen. Wie vielmehr Mühſal und Entbehrungen dieſe„neuen größeren Arbeiten“ bedingten, das wußte Hilary freilich nicht. Wahrſcheinlich hatten ſelbſt ſeine Erfolge, von denen Askott geſprochen, weniger Raum in ihren Ge⸗ danken, als die Vorſtellungen, wie ſein Geſicht jetzt durch Krankheit noch bleicher und ſchärfer und durch übermäßige Arbeit und Entbehrungen abgezehrt ausſehen würde. „Und ich kann nicht bei ihm ſtehen! darf ihm nicht helfen!“ das war der bittere Jammerſchrei ihres Her⸗ zens. Dann fand ſie einige Erleichterung in dem Ueber⸗ denken und Ausmalen der Zukunft und wie es ſein würde, wenn das geſegnete Loos ſie träfe, von ihm zum Weibe erwählt zu werden. O, wie ſie ihn hegen und mit Liebe umgeben wollte, wie nur ihm all ihre Sorge geweiht ſein ſollte! Nicht die größte Dürftigkeit würde ſie ſchrecken, und keine Mühſal im Haushalte konnte ſi drücken oder demüthigen, wenn es ſeinem Wohle gälte. Für ihr muthiges Herz ſchien kein Kampf mit dem Leben zu ſchwer und zu lang, wenn er nur an ſeiner Seite beſtanden werden konnte. Und als ſie ſo dahin⸗ wandelte durch die früh niederſinkenden Herbſtnebel, und die herabfallenden Blätter über ihren Weg wehten, ſchien ſelbſt die Natur die Gefühle ihres Herzens zu theilen und Beide mahnten, daß Jugend und Sommer nicht lange beſtehe. Dann ſchwebte wieder das Bild einer ſchlichten, aber von Liebe und Glück durchſtrahlten Häuslichkeit vor Hilary's Seele, und die Worte des Dichters tönten vor ihren Ohren:„Raum iſt in der kleinſten Hütte für ein glücklich liebend Paar.“ Während Tante und Reffe, mit ganz verſchiedenen Gedanken beſchäftigt, ihren Weg fortſetzten, glühte und kniſterte das Kaminfeuer in ihrem einſamen Wohnzimmer hell und luſtig— denn Askott liebte eine große Flamme — und gewährte den Vorübergehenden einen freundlichen Anblick. Endlich ſtand einer derſelben, ein Herr, an der Pforte ſtill, ſchaute in's Fenſter hinein, ging noch einmal bis zum Ende der menſchenleeren Terraſſe und blieb dann wieder vor dem Hauſe ſtehen. Die gänz⸗ liche Verlaſſenheit des Wohnzimmers ſchien ihn zu er⸗ ſtaunen, zwei Mal legte er die Hand auf den Drücker der Pforte und wieder zog er ſie zurück, endlich öffnete er ſie, ſchritt auf das Haus zu und klopfte an die Vorderthür. Eliſabeth's Erſcheinen erweckte neue Verwunderung. „Iſt Fräulein Leaf zu Hauſe?“ 105 „Nein, mein Herr.“ „Befindet ſie ſich wohl, iſt die ganze Familie ge⸗ ſund?“ und er trat mit der Sicherheit eines alten Be⸗ kannten in den Flur. („Ich würde ihm die Thür vor der Naſe zugeſchlagen haben“, bemerkte Eliſabeth ſpäter,„mur ſah er gar zu ſehr wie ein echter Gentleman aus, Fräulein Hilary.“) Der Fremde und das Mädchen blickten ſich prüfend an, und dann ſagte der Erſtere lächelnd: „Ich glaube von Ihnen ſchon gehört zu haben; Sie ſind Fräulein Leaf's Dienerin— Eliſabeth Hand.“ „Ja, Herr!“ In dieſer Antwort lag durchaus nichts Holdſeliges, auch hielt Eliſabeth noch mit großer Ent⸗ ſchiedenheit die Thürklinke feſt. „Wenn Ihre Herrinnen bald nach Hauſe kommen, ſo möchte ich, ſofern Sie es geſtatten, wohl ihre Rückkehr im Wohnzimmer erwarten. Ich bin ein alter Freund der Damen, mein Name iſt Lyon.“ Eliſabeth hätte nicht ſo ganz zur Familie gehören müſſen, wenn dieſer Name ihr fremd geweſen wäre. Auch daß der Herr ſie kannte, bekundete gewiſſermaßen ſeine Identität. Ueberdies war Eliſabeth ganz unwill⸗ kürlich durch den Blick und das Benehmen des Fremden beeinflußt, der als ein wahrer Gentleman das arme, junge Dienſtmädchen mit derſelben Höflichkeit behandelte, die er einer geborenen Herzogin erwieſen haben würde. Auch ſein plötzliches, leuchtendes Lächeln, das wie Sonnen⸗ ſchein über ſein ſonſt ſo ernſtes Antlitz glitt, und gleich dieſem die Herzen erwärmte und zutraulich machte, blieb nicht ohne Wirkung auf ſie. Die Cerberus ähnliche Haltung, mit der ſie die Thür bewacht, ſchwand gegen eine gewiſſe Freundlichkeit, und ſie ging ſo weit in ihrem Vertrauen, dem Fremden zu ſagen, Fräulein Johanna und Selina Leaf wären zum Thee ausgebeten, aber Fräulein Hilary und Herr Askott würde bald nach Hauſe kommen; wenn es dem Herrn gefällig, möge er nur näher treten. Später als Eliſabeth von einiger Neugier ergriffen wurde, auch einmal nach dem„Rechten“ ſehen wollte, machte ſie ſich etwas im Wohnzimmer zu ſchaffen; doch fehlte ihr der Muth, Herrn Lyon anzureden, und auch er ſprach nicht. Er ſaß am Fenſter und blickte in das neblige Zwielicht hinein; außer daß er den Kopf bei ihrem Eintritt wandte, ſchien er die Stellung nicht ein⸗ mal verändert zu haben. Eliſabeth ging in die Küche zurück, auf das wohlbekannte Klopfen ihrer jungen Her⸗ rin zu lauſchen, aber Herr Lyon mußte daſſelbe gethan haben, denn ehe ſie die Thür erreichte, war dieſe ſchon geöffnet. Warme, herzliche Begrüßungen erfolgten, ſehr zu Eli⸗ ſabeth's Beruhigung, denn eigentlich hatte ſie wieder ein⸗ mal ein Gebot übertreten, indem ſie einen Fremden einließ; und dann gingen alle drei in's Wohnzimmer und ſaßen dort, ohne nach Licht oder Thee zu klingeln, bei⸗ nahe eine Viertelſtunde. Endlich trat Hilary heraus, aber zu Eliſabeth's Verwunderung ging ſie ſtatt nach der Küche in ihr Schlafzimmer. Erſt nach einigen Minuten kam ſie wieder herunter, und nachdem ſie ihre Anordnungen für den Abend ge⸗ troffen hatte und zuſah, daß Alles mit beſonderer Sorg⸗ ſamkeit verrichtet werde, ſtand ſie träumend am Heerd⸗ feuer. Voll Staunen bemerkte die Dienerin, wie wunderbar hell die Augen ihrer jungen Herrin leuchteten, welch ſüßes, glückliches Lächeln um ihre Lippen ſpielte. Sie mußte immer von Neuem hinblicken, denn niemals früher hatte ſie Fräulein Hilary ſo geſehen, nie dieſen Ausdruck an ihr wahrgenommen; und ſie ſah ihn auch nicht wieder. „Machen Sie ſich doch keine Mühe hier in der Küche“— ſagte Eliſabeth dringend; und die junge Dame ſchreckte bei der Anrede aus ihrem Nachdenken auf.„Ich will ſchon Alles zur Zufriedenheit beſorgen. Bitte, Fräulein Hilary, gehen Sie in's Zimmer!“ Und Hilary ging hinein. Sechstes Bnpitel. Eliſabeth beſorgte alles zum Thee Erforderliche mit ungewöhnlicher Schnelligkeit und in großer Erregung. Ein Beſuch war in dieſer ſtillen Familie ein ſeltenes Ereigniß, aber nun gar der Beſuch eines Herrn und eines jungen Herrn, das war ein ſo beſonderer Vorfall, der zugleich Intereſſe und Neugier erweckte, denn daß das ſiebenzehnjährige Mädchen in Bezug auf dieſe letzte Eigenſchaft zu kurz gekommen ſein ſollte, iſt nicht gut anzunehmen; und überdies gehörte ſie jetzt ſo ganz zur Familie, daß ihre Theilnahme durch Alles, was dieſelbe betraf, in Anſpruch genommen wurde. Ihre kurzen, ſcharfſinnigen Bemerkungen über die wenigen Gäſte des Hauſes und die kleinen Schüler amüſirten Hilary oft eben ſo ſehr wie ihre Kritiken über die Bücher, welche ſie las; da aber keines von Beiden jemals aufgedrängt oder gar in naſeweiſer Art gegeben wurde, ſo ließ Hi⸗ lary es hingehen und lachte im Geheimen mit Johanna darüber. Indem ſie ſich über die geleſenen Bücher unterhielten, —— 1090 war es wohl nur natürlich, daß Hilary und Eliſabeth, die Eine zweiundzwanzig, die Andere ſiebzehn Jahre alt, auf einen Gegenſtand kamen, der für Frauen ihres Alters beſonders intereſſant war, wenn er freilich auch ſelten zwiſchen Herrin und Dienerin ſonſt beſprochen werden mochte. Deſſenungeachtet zog Hilary ſich nie zurück, wenn ſie auf dieſes Thema fielen, und äußerte ganz offen wie zu jedem Anderen ihre Meinung. „Das Mädchen hat nicht nur Gefühle, ſondern ſo⸗ gar auch Begriffe darüber, wie vermuthlich die meiſten Frauen“— ſo argumentirte Hilary im Stillen—„und ſo iſt es ſehr wichtig, daß dieſe Gefühle richtig und die Begriffe klar ſind; es kann ihr von weſentlichem Vortheil werden und ſie vor vielem Leid bewahren.“ Auf dieſe Weiſe kam es, daß Eliſabeth Hand, deren kurzes, barſches Weſen, unſchöne Perſönlichkeit und eigenthümliche Gemüthsart ſie wenig anziehend für die Männer ihres Standes machte, ſo daß ſie noch keinen Schatz gefunden, freilich auch ſich nicht danach ſehnte— ſo kam es, daß ſie ganz unwillkürlich die Theorie ihrer Herrin über die Liebe zu ihrer eigenen erwählt hatte. Auch für ſie war die Liebe, reine edle Liebe, das Sü⸗ ßeſte und Herrlichſte, das Höchſte und Heiligſte, was das Leben zu bieten vermochte, auf das man mit reinem Herzen gläubig hoffen und harren mußte bis es kam, an das man, wenn es mit ſeinem Segen über uns ge⸗ kommen, treu, feſt und unwandelbar, allen Hinderniſſen trotzend, hangen mußte bis in den Tod. Mancher wird ſagen, daß ein ſolcher Glaube, eine ſolche Anſicht faſt unmöglich ſei in unſerer jetzt ſo 110 alltäglichen, jedes höheren Aufſchwunges entbehrenden Welt, und daß es ſehr gefährlich ſei, den Kopf eines armen Dienſtmädchens mit derartigen Ideen anzufüllen; aber Frau bleibt Frau, ſei ſie eine Dienerin oder eine Fürſtin; und wenn es nur von der Königin abwärts allen Mädchen gelehrt würde, in dieſer Art über die Liebe zu denken, ſo möchte es vielleicht einige gebrochenen Herzen mehr, aber weniger verdorbene geben; ſo würde das Leben vieler Männer minder ſündhaft, das vieler Frauen nicht ſo enſſittlicht ſein; eine geringere An⸗ zahl unheiliger Ehen und troſtloſer, zerriſſener Familien würde die Welt aufzuweiſen haben. Nachdem Eliſabeth das Theezeug auf die Seite geräumt hatte, ſtand ſie in der Küche und lauſchte auf die aus dem Wohnzimmer zu ihr dringenden Stimmen, dabei ihren eigenen Gedanken nachhängend. Sie hatte ſich ſchon oft im Stillen gewundert, daß noch kein Ritter erſchienen war, um ihre reizende Prin⸗ zeſſin, ihr angebetetes, bewundertes Fräulein Hilary auf ſein herrliches Schloß zu führen. Dieſe freilich ſchien die jungen Herren von Stowbury mit ganz gleichgültigen Augen zu betrachten, was Eliſabeth nur vollkommen in der Ordnung fand, da keiner von ihnen gut genug für ſie geweſen wäre. Der einzige paſſende Bewerber für ihre junge Gebieterin mußte Jemand ſehr Großes und Vornehmes ſein,— eine Zuſammenſtellung der beſten Helden von Walter Scott, Shakeſpeare, Fenimore Cooper, Maria Edgeworth und Harriet Martineau. Als der fremde Herr erſchien, in ſeinem einfachen Anzuge und Hute— nein, es war nur eine ſchottiſche — Mütze— und ſich weder durch Größe noch Schönheit beſonders auszeichnete, deſſen Kommen aber Fräulein Hilary ſo viel Freude machte, und der, wie Eliſabeth beim Herumreichen des Thee's bemerkt, ihre junge Dame anblickte, wie noch Keiner ſie angeſchaut hatte, als Herr Robert Lyon nun auf der Scene erſchien, da wurde die „treue dienſtbare Gefährtin“ ſehr enttäuſcht. Sie hatte Jemand Beſſeres, jedenfalls Jemand An⸗ deres erwartet. Ihr erſtes, ſo ſtolzes Luftſchloß ſtürzte zuſammen; armes junges Kind! Aber ſchnell wurde ein zweites von ihr erbaut, und mit der lebhaften Phantaſie ihres Alters entwarf ſie nun ein neues Bild der Zu⸗ kunft, deſſen Beſchluß der war, daß Fräulein Hilary in weiten, ſchneeweißen Gewändern die Stufen der Ter⸗ raſſe herunterſchwebte, um in einen hübſchen Wagen mit ſchönen Pferden zu ſteigen, die ſie dem Glück und Reich⸗ thum entgegenführten; während ſie, Eliſabeth, mit tiefem Weh im Herzen und dem Wunſche, ihr zu folgen, zurück⸗ blieb, feſt entſchloſſen, den Reſt ihres Lebens Fräulein Johanna zu weihen. „Sie kann nicht ſo allein und ſchutzlos bleiben, nur mit Fräulein Selina, die ſie immer quält. Nein, nein, wenn ſelbſt Fräulein Hilary nach mir verlangt, ſo werde ich doch hier ausharren; ja gewiß— das will ich thun.“ Nachdem dieſer heldenmüthige Entſchluß gefaßt war, wurde das Träumen des jungen Mädchens dadurch unterbrochen, daß Askott aus dem Wohnzimmer nach ſeinem Rock und Hut rief, weil er ſeine Tanten um nenn Uhr abholen ſolle, wohin ihn Robert Lyon begleiten 112 wollte. Und als ſie Alle in der Hausthür ſtanden, hörte Eliſabeth die Worte: „Der Abend iſt ſo ſchön, Fräulein Hilary, es würde Ihnen gewiß nicht ſchaden, wenn Sie mitkämen. Wollen Sie nicht?“ „Wenn Sie es wünſchen.“ Hilary lief die Treppe hinauf, Hut und Shanl zu holen; doch als Eliſabeth nach einigen Minuten ihr mit einem Lichte folgte, fand ſie ihr Fräulein im Dunkeln mitten im Zimmer ſtehen, mit bleichem Geſicht und zitternden Händen. „Danke ſchön— vielen Dank!“ ſagte ſie mechaniſch, als das Mädchen ihr den Shawl umlegte und befeſtigte, und dann ging ſie ſchnell hinab. Eliſabeth ſah, wie ſie nicht Askott's, ſondern Herrn Lyon's Arm nahm und wie ſie dann in der ſtillen, ſternenklaren Nacht ver⸗ ſchwanden. „Etwas iſt nicht in der Ordnung; ich möchte nur wiſſen, wer ſie gekränkt hat?“ dachte Eliſabeth in ſchmerz⸗ lich zorniger Aufwallung. Keiner hatte ſie gekränkt, Niemand konnte man ta⸗ deln. Es war Hilary nur etwas geſchehen, was gleich einem ſcharfen Schwerte ihr junges, glückliches Herz durchdrungen, alles reuhig Leben, alle Jugendfriſche ertödtend. Robert Lyon hatte ihr vor einer halben Stunde mitgetheilt, und ſie mußte es anhören als ob es eine einfache Neuigkeit ſei, auf die man ein erſtauntes „Wirklich?“ äußerte,— doß heute und morgen ſeine 113 beiden letzten Tage in Stowbury wären, daß er gleich darauf England verließe, um nach Indien zu gehen. Es war ihm ein Anerbieten gemacht worden, das die meiſten Menſchen als ein ſeltenes Glück betrachtet haben würden. Einer ſeiner Collegen auf der Univer⸗ ſität, dem er im Hindoſtaniſchen fortgeholfen, erkrankte plötzlich und wurde nun„auf ihn angewieſen“; mit dieſem Ausdruck bezeichnete er kurzweg die Jenem ge⸗ leiſteten Dienſte, welche doch ſehr bedeutend geweſen ſein mußten, da ſie dieſe Anerkennung fanden. Der Vater des jungen Mannes, der ein großer Kaufmann in Liverpool war und zugleich ein bedeutendes Geſchäft in Bombay beſaß, machte ihm den Antrag, nach dieſer Stadt überzuſiedeln, dort auf drei Jahre in ſeinem Hauſe mit einem Gehalte von dreihundert Rupien mo⸗ natlich einzutreten; nach Ablauf des dritten Jahres ſolle er ein Theilnehmer jenes Geſchäftes werden, unter der Bedingung, noch zwei Jahre in dieſer Stellung dort zu bleiben.. Dies erzählte Robert Lyon Hilary und Askott in gedrängter Kürze; denn er liebte es nicht viel Worte zu machen. Askott aber that ſo viele Fragen, daß ſeine Tante keine zu ſtellen nöthig hatte. Sie lauſchte nur und bemühte ſich, es zu begreifen, das heißt, es in der geſchäftsmäßigen Weiſe, wie es gegeben ward, aufzu⸗ faſſen, fühlen wollte ſie es nicht. Nein, ſie wagte es nicht mit dem Gefühle aufzunehmen, wenigſtens nicht eher, als bis ſie Arm in Arm draußen in der dunklen Nacht dahingingen. Da hörte ſie ihn fragen: „Sie finden alſo, daß ich recht gethan?“ Herrin und Dienerin. I. 8 „* 8 114 „Recht?“ wiederholte ſie ganz mechaniſch. „Ich meine, ob ich gut that, indem ich dieſen ſchnellen Wechſel meiner Laufbahn annahm, der freilich Smeinen ganzen Lebensplan verändert? Es geſchah nicht ohne Abſicht, glauben Sie mir; ich habe einen wichtigen Grund dazu.“ Früher würde ſie ihn ohne Zagen nach dieſem Grunde gefragt haben, jetzt vermochte ſie es nicht mehr. Robert Lyon ſprach weiter, klar und deutlich und doch im gedämpften Tone, doß, obgleich Askott nur wenige Schritte von ihnen entfernt war,— Hilary fühlte, die Mittheilungen wären für ſie allein be⸗ ſtimmt. „Es iſt ein großer Wechſel von dem Leben eines Gelehrten zu dem eines Geſchäftsmannes. Ich leugne nicht, daß ich früher das Erſtere vorzog. Ein Mitglied der Univerſität, ein Profeſſor an derſelben zu werden, ſchien mir das Höchſte, zu deſſen Erreichung ich Alles daran ſetzen wollte. Jetzt— denke ich anders.“ Er hielt inne; doch nicht um eine Antwort zu er⸗ warten, die auch nicht erfolgte. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Ich ſtrebe nicht nach Schätzen, aber nach einem anſtändigen, zureichenden Einkommen, und zwar wünſche ich dies ſobald wie möglich zu erlangen. Ich will nicht meine Geſundheit durch das anſtrengende Studium untergraben, ich habe ihr ſchon genug geſchadet.“ „Sind Sie krank geweſen? Sie ſprachen nie davon.“ „Ach nein, es war auch kaum der Mühe werth, und 115 ich weiß eine thätige, nicht ſitzende Lebensweiſe wird bald Alles wieder in Ordnung bringen. Keine Furcht! es iſt noch Kraft in dem alten Burſchen, und er wünſch durchaus nicht zu ſterben. Aber ich habe in den zwe letzten Jahren zu hitzig gearbeitet. Ich möchte es weder mich ſelbſt, noch Jemand, der mir theuer wäre, noch einmal durchmachen ſehen. Es iſt vorbei, doch es ließ ſeine Spuren zurück. Mein ganzes Leben hin durch bin ich arm geweſen, und doch fühle ich erſt jetzt einen ent⸗ ſchiedenen Schrecken vor der Armuth.“ Hilary erbebte; noch weniger vor den Worten ſelbſt, als vor dem Tone, in dem ſie geſprochen wurden, der hart, faſt wild klang und in welchem zugleich Verzweiflung und herausfordernder Trotz lagen. „Es iſt befremdlich“, erwiderte ſie,„dieſen Schrecken hätte ich Ihnen nicht zugetraut; ich empfinde ihn nicht, ja, ich kann ihn nicht einmal verſtehen.“ „Ich wußte, daß Sie es nicht könnten“, ſprach er leiſe und ſchwieg dann. 8 Auch Hilarh redete nicht. Eine unbeſtimmte Un⸗ ruhe, ein quälender Verdacht ſtieg in ihr auf. Konnte es wirklich ſein, daß Robert Lyon von dem„auri sacra fames“ ergriffen worden war, gegen das er ſo oft ge⸗ ſprochen und es verächtlich gemacht hatte?“ War durch ſeinen langen, harten Kampf mit der Armuth ſolch ein Alles übertönender Wunſch nach Reichthum in ihm erweckt, daß er, um dieſen zu erlangen, jedes Andere opfern wollte; ſich ſelbſt aus dem Vaterlande verbannte und Leib und Seele für Gold preisgab? Dieſer Möglichkeit in Hinſicht auf ihn Raum zu geben, war ſo furchtbar, daß Hilary ſchon vor dem Gedanken daran ſchauderte. Dann aber bezwang ſie ſich und um ihm gerecht zu werden, legte ſie ihm, offen und ehrlich wie immer, ihre Anſicht dar. „Ich glaube, daß dies Auswandern, um ein Ver⸗ mögen zu erwerben, welches junge Männer jetzt ſo lieben, oft ein ſehr großer und ſchädlicher Mißgriff iſt. Sie geben hier viel mehr auf, als ſie dort erreichen können; opfern: Vaterland, Heimath und Geſundheit. Nach meiner Anſicht hat kein Menſch das Recht, weder ſeine Seele noch ſein Leben für ſo und ſo viel Tauſende das Jahr zu verkaufen.“ Robert Lyon lächelte:„Nein, gewiß nicht; und ich verkaufe auch keines von Beiden. Mit meinen mäßigen Gewohnheiten habe ich in Bombay dieſelbe Ausſicht geſund zu bleiben als in London, vielleicht dort noch mehr. Und die Jahre, welche ich abweſend ſein werde, hätte ich doch fern von Ihnen zubringen müſſen— ich meine, ſie würden ebenſo ſchwerer und alles Andere hintenanſetzender Thätigkeit gewidmet geweſen ſein. Auch dieſe Zeit wird vorüber gehen, und dann komme ich zurück, reich— reich. Glauben Sie, daß ich habſüchtig, geldgierig geworden bin?“ „Nein.“ „Bitte, ſagen Sie mir, was Sie von mir denken!“ „Ich— ich verſtehe Sie und Ihr Thun nicht ganz.“ „Und ich vermag mich nicht näher zu erklären. Erſt wenn ich zurückgekehrt bin, wird es geſchehen. Bis dahin müſſen Sie mir vertrauen, Hilary!“ Es geſchieht zuweilen, daß ſelbſt in Momenten größter, kaum zu ertragender Seelenſchmerzen, irgend eine Kleinigkeit, ein Wort, ein Blick, eine Berührung der Hand, ſolchen Strahl des Friedens und der Hoff⸗ nung in das umwölkte Herz dringen läßt, daß nichts dieſes freudebringende Licht wieder zu verlöſchen ver⸗ mag. Es leuchtet fort und fort durch die dahinrollende Zeit, oft hell und klar, zuweilen trüber, aber es kann ebenſo wenig aus dem Gedächtniß vertilgt werden, wie ein Stern, von dem ihm beſtimmten Platz am Himmels⸗ zelte gerückt wird. Dieſen Eindruck, und nicht nur im Moment des Ausſprechens, ſondern durch die folgenden einſamen Jahre hindurch, machten die fünf Worte:„Hilary, Sie müſſen mir vertrauen!“ Ja, ſie that es; und in der Vollkommenheit dieſes Vertrauens ſchien ihre eigene, von ihm getrennte Iden⸗ tität mit all den Gefühlen des Schmerzes vernichtet; ſie dachte nun nicht mehr an ſich ſelbſt, ſondern nur ihm galten alle ihre Gedanken. So verlor ſie in der gegen⸗ wärtigen Zeit jedes Bewußtſein perſönlichen Leides, und ihr Gang durch die ſtille Herbſtnacht war ſo froh und glücklich, als ob ſie ſo für Wochen, Monate, Jahre in ungeſtörtem Vertrauen und ruhiger Zufriedenheit dahin⸗ wandeln ſollten, ſtatt daß morgen die bittere Trennungs⸗ ſtunde ſchlug, und es der letzte, letzte Tag daheim war. Es iſt irgend wo behauptet worden, alle Liebenden müßten früher oder ſpäter lernen, Freunde zu ſein, am beſten und ſicherſten ſei es für die, bei denen die Freund⸗ ſchaft der Beginn zur Liebe war, damit ſie zu ihr immer zurückkehren könnten, wenn die Bezauberung der Leidenſchaftgewichen ſei. Vielleicht mag es vom Standpunkte 118 der Romantik aus dieſen Beiden etwas ſchaden, wenn ich bekenne, daß Robert Lyon zu Hilary nicht ein Wort von Liebe, doch viel von Geſchäftsſachen ſprach, indem er ihr all ſeine Pläne für die nächſten Jahre darlegte und ihr, ſo gut es in der kurzen Zeit thunlich, eine klare Einſicht in ſein künftiges Leben geſtattete. Dann warf er einen ſchnellen Blick ſeitwärts und als er ſah, daß Askott faſt aus Gehörweite war, ſagte er mit jenem ſüßen, gedämpften Ton der Stimme, der wie ein Dichter ſang,„eine ſtille Umarmung ſei“: „Jetzt aber erzählen Sie mir viel, recht viel von Ihrem Ergehen!“ Anfangs ſchien es, als wäre gar nichts mitzutheilen, doch nach und nach gelang es ihm, eine Menge von Hilary zu erfahren. Sie ſprach von Johanna's ſchwacher Ge⸗ ſundheit, die ihr nicht mehr lange das Unterrichten geſtatten würde, und von der allmäligen Abnahme der Schülerzahl, aus welchen Gründen wiſſe ſie nicht, ſo daß wohl die Ausſicht vorhanden ſei, es würde ein Wechſel in ihrem Leben ſtattfinden müſſen. Worin dieſer Wechſel beſtehen ſolle, das überlegte ſie mit ihrem Freunde, ſo weit dies nämlich bei einer ſo ganz unbeſtimmten Lage der Dinge möglich war. Auch einer anderen, ſie peinigenden Beſorgniß erwähnte ſie auf ſein ferneres Fragen, einer Beſorgniß, der ſie kaum die rechte Geſtalt zu geben vermochte und die Askott galt. Robert Lyon vermochte dieſe nicht zu be⸗ ſeitigen, er verſuchte es nicht einmal, dennoch beruhigte er Hilary dadurch, daß er ſie unterwies, wie der eigen⸗ willige Jüngling noch am beſten zu leiten ſei.— Sein — 119 krüftiger, klarer Geiſt, richtiges Urtheil und mehr noch ein Gefühl inniger Vereinigung, als ob Alles, was ſie betreffe, ihn ebenſo berühre, und er ſein Theil auf ſich nähme— alles dies gab Hilary unausſprechlichen Troſt, ſo daß ſie, ſelbſt mit dem vollen Bewußtſein deſſen, was vor ihr lag, doch glücklich war, glücklich, wie ſie es ſeit Jahren nicht geweſen. Vielleicht(möge die Wahr⸗ heit bekundet werden, die glorreiche Wahrheit, daß ſchon das Vorhandenſein treuer, echter Liebe, ſei ſie offen be⸗ kannt oder ſtill im Herzen geborgen, doch die einzige, vollkommene Freude und Beſeligung im Leben ſei) viel⸗ leicht, ſage ich, hatte Hilary ſich noch nie ſo glücklich gefühlt, als an dieſem Abende. Zuletzt ließ Robert Lyon ſich noch die Zuſicherung geben, daß bei jeder Sorge, jedem Kummer ſie ſich an ihn wenden wolle. „An mich und an Niemand anders, das vergeſſen Sie nie! Keiner als ich darf Ihnen beiſtehen, und ich will und werde es mit Freuden, ſo lange ich lebe. Glauben Sie mir das?“ Das Licht einer Laterne fiel auf ſein treues, offenes Antlitz, und feſt antwortete ſie: „Ich glaube und vertraue Ihnen.“ „Und Sie leiſten das erbetene Verſprechen?“ Dann löſten ſich ihre verſchlungenen Arme, und Hi⸗ lary wußte nun, daß ſie nie wieder ſo zuſammengehen würden, bis— wann, und wie dann? Auf dem Rückwege begleitete Robert Lyon Johanna und beſchäftigte ſich nur mit ihr, und am nächſten Tage, 2 da ſehr trübes, feuchtes Wetter war und ſie das Wohn⸗ zimmer nicht verlaſſen konnten, blieb ihm und Hilary keine Minute zu einem Privatgeſpräch. Er ſchien es auch gar nicht zu wünſchen, vermied es ſogar ſichtlich. So verging dieſer ſtille, eigenthümliche Tag— ein Sonntag, der nie zu vergeſſen war. Spät Abends, als die Andacht ſchon vorüber, erhob ſich Robert plötzlich, indem er ſagte, er wolle nun gehen, da er morgen bei Tagesanbruch Stowbury verlaſſen müſſe. „Werden wir Sie nicht noch einmal ſehen?“ fragte Johanna. „Nein, dies wird mein letzter Sonntag in England geweſen ſein. Leben Sie Alle wohl!“ Bei dieſen Worten wurde er ſehr blaß, reichte Allen ſchweigend die Hand, Hilary zuletzt, und faſt ehe ſie es inne wurden, war er gegangen. Mit ihm entſchwand nicht aller Friede, Glaube, oder aller Muth aus Hilary's Herzen— denn für Jeden, der wahrhaft liebt, iſt, ſo lange der Geliebte lebt und würdig lebt, keine Trennung hoffnungslos, kein Schmerz ganz überwältigend— aber all der Glanz ihrer Jugendzeit war dahin, wie auch all das Glück, welches das Lieben und Geliebtwerden verleiht, das ſich in innigem Begegnen und noch herzlicherem Abſchied, in endloſen Spaziergängen und traulichen Geſprächen, in zärtlichem Kuß und ſüßem Worte kundthut. Solche Se⸗ ligkeit war nicht für ſie, und wenn ſie dieſe bei Anderen ſah, ſo ſagte ſie ſich, oft nicht ohne ein nur natürliches Gefühl ſcharfen Wehes, noch öfter aber mit rührender, * 121 frommer Ergebung:„Es iſt ſo Gottes Wille— er geſchehe!“ Auch Johanna dachte und ſprach ſo im Stillen. Sie hätte gern ihr Leben geopfert, um wieder etwas Röthe in die blaſſen Wangen ihrer Lieblingsſchweſter, etwas Freude in ihr armes Herz zurückzubringen; aber ſie ehrte Hilary's Schweigen und that nicht eine Frage. Doch manche, manche Racht, wenn dieſe ruhelos an ihrer Seite lag oder im Schlafe ſeufzte und klagte, dann nahm Johanna ſie in ihre Arme und bettete den Kopf ihres Lieblings an ihre Bruſt, wo er ſo oft als Kind gelegen, und ob auch tiefe Trauer ihre Seele erfüllte, ſagte ſie doch leiſe zu ſich:„Es iſt Gottes Wille!“ Ich habe die kurze, traurige Geſchichte von Hilary's Jugend ſo ausführlich erzählt, um den Beweis zu geben, wie es unmöglich war, daß Eliſabeth Hand ſo lange in einem Hauſe mit den beiden, edlen Frauen leben konnte, ohne daß dieſe einen großen Einfluß auf ſie ausübten. Die Erfahrung lehrt ja ſchon, daß jeder Menſch und vornämlich jede Frau auf die, mit denen ſie umgeht oder die ihr untergeben ſind, entweder in guter oder böſer Hinſicht einwirkt. Eliſabeth war ein Mädchen von aufmerkſamer Beo⸗ bachtung und nicht geringem Scharfſinn. Ueberdies ver⸗ leiht eine innige Anhänglichkeit ſelbſt denen Augen, Tact und Zartgefühl, mindeſtens in Beziehung auf den Ge⸗ genſtand ihrer Zuneigung, welche in anderer Hinſicht dieſe Eigenſchaften nicht beſitzen. Als am Montag Morgen beim Frühſtück Selina bemerkte—„es ſei ſchönes Reiſewetter für Herrn Lyon, der doch jedenfalls ein Glückskind ſei und gewiß ein großes Vermögen erwerben werde, und es ſolle ſie nur wundern, ob ſie je wieder etwas von ihm hören wür⸗ den“— da gelobte ſich Eliſabeth, durch Hilarh's Ge⸗ ſichtsausdruck und Johanna's kurze Antwort:„die Zeit wird es lehren“ aufmerkſam gemacht, daß ſie nie und in keiner Weiſe eine Anſpielung auf jenen Herrn ſich erlauben wolle. Etwas war geſchehen; ſie wußte frei⸗ lich nicht was, und es lag ihr auch gar nicht ob, danach zu forſchen. Die Familienangelegenheiten, ſo weit man ſie damit betraut, hatte ſie mit Wärme zu ihren eigenen gemacht, doch in die Familiengeheimniſſe zu dringen, dazu fehlte ihr das Recht. Doch noch lange nachher, nachdem Selina aufgehört hatte, ſich über ihn zu„wundern“, oder nur noch ſeinen Namen zu nennen— denn ſeine Gegenwart oder Ab⸗ weſenheit berührte ſie, den Mittelpunkt ihres Ideen⸗ kreiſes, ja nicht perſönlich— dachte die kleine Dienerin an Herrn Lyon, und grübelte darüber, was wohl ſein plötzliches Kommen und Gehen bedeutet haben könne. Wie oft weilten ihre Gedanken bei jenem ſtillen Sonn⸗ tage, den er im Wohnzimmer im Geſpräche mit ihren Herrinnen zubrachte, und wie Fräulein Johanna beim Leſen des Abendſegens zweimal innehalten mußte, weil ihre Stimme ſo zitterte; und wie dann, als Alle längſt zu Bett waren, Eliſabeth ihr theures Fräulein Hilary noch beim Feuer im Wohnzimmer ſitzend fand, in die verglimmenden Kohlen ſtarrend mit einem Blick ſolcher Troſtloſigkeit, daß das Mädchen davon tief ergriffen 123 ward und ſich leiſe fortſtahl, ohne den Muth zu haben, ſie anzureden. Und Eliſabeth that mehr als dies; denn obgleich es ſeltſam erſcheinen mag, ſo iſt es doch ſicher, daß ein Dienſtbote, der, wie wir glauben, nichts bemerkt von dem was vorgegangen, oft mehr thun kann zur Erleich⸗ terung, als ein Glied der Familie, das doch Alles weiß, denn gerade dieſes Wiſſen iſt oft die größte Qual des Leidenden. Eliſabeth folgte ihrer Herrin mit einer nie ermüdenden Aufmerkſamkeit, doch in ſo ſtiller, ruhiger Weiſe, daß Hilary es gar nicht merkte; ſie erſparte ihr jede kleine häusliche Mühſal und jede mu mögliche Erquickung und Freude führte ſie ihr zu. Es läßt ſich wenig dabei namhaft machen, die Art wie es geſchah, war die Hauptſache. Wenn Hilary in den langen, trüben Wintertagen das Kaminfeuer im Wohnzimmer ſtets hell und behaglich fand, und Alles in ſo ſchöner Ordnung war, daß ſie nichts daran zu ändern brauchte, wenn bei ihrem Ein⸗ tritt in die Küche das Geſicht ihres Mädchens immer ein freundliches Lächeln überſtrahlte, wenn ihre Sachen, die ſie in der inneren Unruhe, welche ſie verzehrte, oft verlegt hatte, doch ſtets wieder am rechten Platze ſich vorfanden, und beim Fortgehen Hut, Haudſchuhe, Shawl auf ganz geheimnißvolle Weiſe, gerade wie ſie dieſelben brauchte, vor ihr lagen, und beim Nachhauſekommen gewärmte Schuhe ſie erwarteten, ſo waren dies Alles freilich nur Kleinigkeiten, die aber Hilary in der erſten Zeit ihres heftigen Schmerzes eine unbeſchreibliche Lin⸗ derung und Erleichterung gewährten. 124 Und der Anblick, wie ihr liebes Fräulein ihren Pflich⸗ ten in Haus und Schule mit ſo blaſſem Antlitz oblag, und wie dann nach und nach Abends beim behaglichen Kaminfeuer wieder Hilary's altes helles Lachen und ihre anmuthigen Scherze ertönten— wer könnte ſagen, welche Lehren dies der Seele des ſchlichten, dienenden Mäd⸗ chens einprägte, welch reiches Samenkorn dadurch in ihr Herz geſtreut wurde, dort zu keimen, zu reifen und Frucht zu tragen, je nach den Erforderniſſen, welche die Zukunft an ſie ſtellte? Wer könnte beſtimmen, wie dies Alles wirkte?— das iſt nur Gott bekannt. Er allein weiß, durch welche für uns ſcheinbar großen Geringfügigkeiten unſeres irdiſchen Lebens er uns zu der Größe des künftigen und zu unſerer Unſterblichkeit erzieht.— „ Siebentes Fapitel. Der Herbſt ging in den Winter über; Weihnachten kam, ohne Askott herzuführen, wie die Tanten gehofft und er es verſprochen hatte. Statt deſſen traf ſie ein großer Kummer, denn es liefen mehrere Rechnungen ein, die Askott, wie er in einem kläglichen Briefe an ſeine Tante Hilary verſicherte, durchaus nicht von dem Jahr⸗ gelde, welches ſein Pathe ihm ausgeſetzt, bezahlen konnte. Es waren keine bedeutenden Summen, wenigſtens wür⸗ den ſie vermögenden Leuten nicht ſo erſchienen ſein, auch hatten nicht ſchlimmere Dinge als der Luxus, ſich zu⸗ weilen ein Pferd zu leihen, oder einmal einem Freunde ein kleines Mittagbrot auf dem Lande zu veranſtalten, die Ausgaben herbeigeführt— aber in einem ſo ſpar⸗ ſamen, geregelten Hausſtande, in dem man ſelten ein⸗ mal eine kleine Summe zurücklegen konnte, verurſachten die Rechnungen dennoch einen gewaltigen Schreck. Askott hatte die Tante Hilary gebeten, ſein Geheim⸗ niß zu bewahren, dies war aber geradezu unmöglich. An dem Tage alſo, da ſie das Schulgeld eingenommen 3 ————— 26 hatten und mit ihrer gewöhnlichen Sorgſamkeit Einnah⸗ men und Ausgaben verglichen, legte Hilary den Brief des Neffen ihren Schweſtern vor, einen Brief voll von Reue und guten Verſprechungen. „Ich will in Zukunft bedächtiger und ſparſamer ſein— gewiß ich will es, wenn Du mir nur dieſes eine Mal hilfſt, liebe, beſte Tante Hilary; und Du mußt auch nicht zu ſchlimm von mir denken! Ich habe nichts Böſes oder Schlechtes gethan. Ach, Du kennſt nicht das Leben in London— weißt nicht, was es heißt, mit einer Menge junger Leute zuſammen zu ſein, und wie ſchwer es da iſt, Nein zu ſagen.“ Bei dieſer Stelle des Briefes wechſelten die Tanten ſorgenvolle Blicke. Gerade die letzten Worte, welche der junge Mann achtlos hingeſchrieben, machten ihnen größeren Kummer, als Askott ihnen jemals früher be⸗ reitet hatte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“—„Wie der Vater, ſo der Sohn.“—„Die Sünden der Eltern ſollen an den Kindern heimgeſucht werden.“ So lau⸗ ten manche Sprüchwörter; ſo beſtätigt es die untrügliche Verordnung eines gerechten Gottes, der nicht ein ſo wei⸗ ſer und gerechter Herrſcher ſein würde, wenn er ſelbſt es ſich geſtattete, ſeine eigenen unantaſtbaren Geſetze für die Regierung des Weltalls zu brechen, und ſeinem reinen, heiligen Weſen ſo untreu zu werden, daß er der Sünde einen andern Lohn gäbe, als Verderben und Tod. Und obgleich durch ſeine unendliche Güte und Barmherzigkeit der bereuende und gebeſſerte Sünder nicht mehr von der der Sünde folgenden Strafe getroffen wird, und jeder Menſch es in ſeiner Gewalt hat, ſowohl irgend ein erb⸗ liches moraliſches, als phyſiſches Uebel durch richtiges Verhalten abzuſchwächen oder ganz zu beſiegen und ſo⸗ mit dem ſchrecklichen Verhängniß und Fluche zu entrin⸗ nen— ſo bleibt doch das Grundgeſetz in Kraft und muß es bleiben, als ein Beiſpiel und eine Warnung. So gewiß eine jede Sünde, welche der Menſch begeht, eine ganze Reihenfolge von Sünden nach ſich zieht, ſo iſt es nicht minder wahr und begründet, daß ein Einzelner ſei⸗ nen Typus der Schwachheit oder Schlechtigkeit einer ganzen Nachkommenſchaft vererben kann, wobei dieſe Fehler in der einen Generation verſchwinden, um in der andern wieder aufzutauchen, gerade wie es mit erblichen phyſiſchen Krankheitsanlagen und Eigenthümlichkeiten iſt; hier wie dort bedarf es der ſorgfältigſten Ueberwachung, der ſtrengſten Erziehung, um den verderblichen Neigun⸗ gen und Anlagen der Natur entgegenzutreten und ſie zu überwinden, um dieſes:„Es liegt im Blute“, das ſo ſchwer auszurotten iſt, zu beſiegen, welches oft noch die dritte und vierte Generation das Andenken an ihn oder ſie verwünſchen läßt, die ihnen ſolch beklagenswerthes Erbtheil hinterließen. Der Fluch des ganzen Lebens von Henry Leaf, dem Vater, und Henry Leaf, dem Sohne, war, daß ſie Männer ge⸗ weſen, die niemals„Nein ſagen“ konnten, das wußten die Frauen der Familie nur allzuwohl. Den drei Schweſtern war gerade dieſer Fehler ſo ſchrecklich— ein Verbrechen konnte man ihn kaum nennen, obwohl er in ſeinen Folgen dieſem gleich ſtand— die traurigen, ihr Glück zerſtörenden Erfahrungen, welche ſie ſelbſt dadurch gemacht, hatten ſich ſo feſt in ihre Seelen geprägt, daß ſie in Askott's Kindheit und Jugend ſeinen Eigenſinn, mit dem er ihrem Willen entgegentrat, ſeinen Hang zum Egoismus und ſeine kleinen Rückſichtslofigkeiten faſt als ein gutes Omen dafür anſahen, daß er ſeinem armen Vater nicht ähnlich werden würde.“ Wenn die beiden unglücklichen Henry Leaf an die⸗ ſem Abend aus ihren Gräbern hätten erſteigen können, um dieſe drei Frauen, ihre Töchter und Schweſtern, mit Askott's Brief vor ſich ſitzen zu ſehen, wie ſie Pläne entwarfen, um die geringen Ausgaben des Haushaltes noch mehr zu beſchränken, und die kleinen, bis dahin ge⸗ ſtatteten Annehmlichkeiten ganz zu vermeiden, damit ihr Neffe als ehrlicher Menſch die Schulden bezahlen könne, welche er für ſo leicht entbehrliche Vergnügungen ge⸗ macht— wenn die beiden Abgeſchiedenen ſich hätten über⸗ zeugen können, wie von jenem Augenblicke an die Sor⸗ gen und Befürchtungen für Askott ſich wie eine ſchwere Wucht auf die ſchon ſo hartgeprüften Herzen legten, Sorgen, die fortan niemals wieder ganz wichen, was auch Askott verſprechen mochte, ſo würden bei dieſer Entdeckung die beiden„armen Geiſter“ ſtöhnend und ächzend entflohen ſein, mit dem Wunſche, daß ſie kinder⸗ los geſtorben wären, oder dem noch beſſeren und rich⸗ tigeren, daß ſie in ihrem Leben die erbliche Anlage zur Verſchwendung durch Selbſtbeherrſchung und Sparſam⸗ keit bekämpft hätten, während nun ihre Sünden noch jetzt unheilvoll fortwirkten, Leid und Kummer auf ihre Familie bringend, indeſſen ſie ſchon zu Staub geworden in der Erde ruhten. 129 „Es muß geſchehen“; das war das Reſultat der langen Ueberlegung, welche die Damen gepflogen, und ſelbſt Selina ſtimmte diesmal mit den Schweſtern voll⸗ kommen überein. Trotz aller ihrer Fehler beſaß ſie doch richtiges Gefühl und große Anhänglichkeit für ihre An⸗ gehörigen, wie man dies häufig in Familien findet, die aus beſſeren Zeiten in Armuth gefallen ſind, und die nun in einer Weiſe zuſammenhalten, welche Jeden für Alle einſtehen läßt, ein Verbundenſein, von dem man in die⸗ ſer Art in großen, wohlhabenden Häuſern keine Ahnung hat. „Nein, wir dürfen den Knaben nicht in Schulden laſſen, es würde eine Unehre für die Familie ſein“, ſagte Selina entſchieden. „Nicht das in Schuldenbleiben, ſondern das Schul⸗ denmachen iſt die wahre Schande, ſowohl für Askott als für ſeine Verwandte.“ „Still, Hilary!“ und Johanna deutete warnend nach der Thür, aber es war zu ſpät. Entweder war Eliſabeth plötzlich eingetreten, oder die Damen hatten, vertieft in ihr Geſpräch, ihr Kommen nicht bemerkt, jedenfalls waren aber die letzten Worte von ihr gehört worden. Ihr Geſichtsausdruck bezeugte es, mehr noch die brennende Röthe, die auf ihre Wan⸗ gen ſtieg, als Johanna Hilary zum Schweigen auffor⸗ derte. Eliſabeth ſtand unſchlüſſig in der offenen Thür, nicht wiſſend, ob ſie fortlaufen oder eintreten ſolle; doch die ihr angeborene Ehrlichkeit gewann die Oberhand, und indem ſie einige Schritte vorwärts trat, ſagte ſie: „Verzeihen Sie, Fräulein Leaf, ich wollte gewiß nicht lauſchen— dennoch hörte“— Herrin und Dienerin. I. 9 130 „Was und wie viel haſt Du gehört?“ „Nur was Fräulein Hilary ſagte. Aber ſeien Sie unbeſorgt, ich erzähle nichts wieder; ich ſpreche niemals über die Angelegenheiten meiner Herrſchaft. Mutter meint, das ſei unrecht.“ „Deine Mutter iſt eine gute, verſtändige Frau, Du verdankſt ihr ſehr viel. Jetzt kannſt Du gehen.“ „Und künftig vergiß nicht an die Thür zu klopfen, ehe Du eintrittſt“, ſagte Fräulein Selina. Dies war Eliſabeth's erſtes Bekanntwerden mit dem, was mancher Dienſtbote zu theilen hat— den geheimen Kummer der Familie. Wenn auch ihre Herrinnen ſie nicht zur Vertrauten wählten, ſo verbargen ſie ihr von dieſem Tage an doch nicht mehr, daß ſie Sorgen hat⸗ ten, verhehlten es nicht, daß ſie in dieſem Winter noch ſparſamer als ſonſt in dem kleinen Haushalte ſein müßten, und daß ſowohl mit dem Feuermaterial als mit der Erleuchtung ſehr ſorgſam umzugehen ſei. Auch die noch größeren Einſchränkungen im Eſſen, die einige Male in der Woche ein Frühſtück ohne Butter und ein Mittag⸗ brot ohne Fleiſch mit ſich führten, mußten ſowohl in der Küche als im Wohnzimmer freudig ertragen werden; denn niemals legten die Damen ihrer Dienerin Ent⸗ behrungen auf, ohne dieſe zu theilen. Und ſeltſamer Weiſe, ganz Selina's Prophezeihun⸗ gen entgegen, wurde Eliſabeth's Betragen unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen durchaus nicht weniger achtungs⸗ voll, im Gegentheil, ſie benahm ſich jetzt noch ehrerbie⸗ tiger als früher zu ihren Herrinnen. Je näher ſie der Stufe trat, auf der dieſe ſelbſt ſtanden, deſto F ir . 131 deten ſich Gemüth und Geiſt bei ihr aus, ſo daß ſie ihre Sorgen begriff und nachfühlte und immer mehr einſah, wie das Einzige, welches dem Menſchen wirk⸗ liche Autorität über einen Anderen verleiht, Charakter⸗ ſtärke iſt. Ob alſo der Haushalt noch ſparſamer geführt wurde, und die wenigen kleinen Annehmlichkeiten ganz fortfielen, ſo ertrug dies Eliſabeth doch gern und freudig, ja, ſie ſetzte ſogar ihren Stolz darin, fortan auch nicht das Ge⸗ ringſte zu verſchwenden und Alles auf das Vortheilhaf⸗ teſte anzuwenden, wie ſie es von den Anderen ſah. Viel⸗ leicht mag geſagt werden, daß ſie eine Ausnahme unter den Dienerinnen geweſen ſei, ich aber möchte der die⸗ nenden Klaſſe nicht ſolches Unrecht anthun, dies zu glau⸗ ben; ich nehme ſogar an, daß ſich gewiß noch viele ihres Gleichen dort vorfinden, brave, ehrliche Mädchen, die bei ſo guten Herrinnen, wie die Fräulein Leaf waren, ge⸗ wiß eben ſo brauchbar und treu wie Eliſabeth Hand ſich bewieſen haben würden. Wochen und Monate ſchwanden dahin— langſam wie es uns in ſchweren, angſtvollen Zeiten immer er⸗ ſcheint. Und es waren ſchlimme Tage für die drei Schweſtern; die Schule wurde immer kleiner, und As⸗ kott's Briefe— jetzt faſt die einzige Verbindung mit der Außenwelt, denn ihre zunehmende Dürftigkeit entfremdete die Damen natürlich ſelbſt ihrer früheren Geſelligkeit— wurden immer unbefriedigender; und dieſer Mangel an Ausführlichkeit ward nicht mehr durch jene anderen Briefe gut gemacht, welche einſt Johanna's in Hinſicht uf Askott ſo beruhigten. 9* 9 132 Robert Lyon hatte einmal, nachdem er ſich einge⸗ ſchifft, geſchrieben, und dieſen Brief durch den Lootſen des engliſchen Kanales nach Hauſe geſchickt, dann folgte ein langes Schweigen. October, November, December, Januar, Februar, März— wie oft zählte Hilary die verfloſſenen Monate, und fragte ſich im Stillen, wie bald wohl ein Brief eintreffen könne, und ob überhaupt jemals wieder einer kommen würde. Zuweilen wenn die Gegenwart mit ihren Sorgen und Aengſten ſie bedrückte, und die Zukunft dunkel und ungewiß vor ihr lag, fühlte ſie ſich ſo verlaſſen und troſtlos, daß ſie faſt hätte ſagen mögen:„meine guten Tage ſind dahin“— wenn nicht doch noch die Hoffnung, welche in den Jahren, in denen Hilary ſtand, wohl nie ganz erliſcht, das Dunkel er⸗ leuchtet hätte. Reiche Leute laſſen ſich das Herz viel leichter bre⸗ chen, das heißt, ſie kommen viel ſchneller in den kränk⸗ lichen, düſteren Gemüthszuſtand, der durch die Bezeichnung: „ein gebrochenes Herz“ verherrlicht iſt. Arme Menſchen können ſich dem nicht hingeben, ſie haben keine Zeit dazu. Ihre ſtete Arbeit erhält ſie geſund, und ihre ſpärlichen Vergnügungen ſind ſelten ſchaal und leer, ſondern brin⸗ gen meiſt wahre Freude. Heilige Armuth! ſo dunkel und traurig ſie einerſeits iſt, ſo liegt doch neben den Schat⸗ ten helles Licht, ſo hat ſie auch ihre großen Vorzüge; vorausgeſetzt, daß es eine achtungswerthe, furchtloſe Ar⸗ muth iſt, frei von Selbſtſucht, wüſtem, rohem Weſen und Zänkereien, vor Allem, frei von Schuldenlaſt. „Wir wollen hungern, ja, wir wollen lieber ins Arbeitshaus gehen, als in Schulden gerathe rief —————————————— 133 Hilary mit einem Strome leidenſchaftlicher Thränen, da Selina ſie einſt zu überreden verſuchte, einen Shawl, den ſie ſehr nöthig brauchte, auf Borg zu nehmen, um ihn in einer beſſeren Zeit zu bezahlen.„Jo, ja, lieber ins Arbeitshaus; es würde weniger ſchmachvoll ſein, dem Vaterlande für eine Wohlthat verpflichtet, auf ehrliche Weiſe ihm verſchuldet zu ſein, als unter falſchen Vor⸗ ſpiegelungen auf eine niedrige Art von einem Einzelnen etwas zu leihen, ohne die gewiſſe Ausſicht, es bezahlen zu können.“ Und als Hilary im nächſten Monat, für einige früher gegebenen Unterrichtsſtunden, in Beſitz der Mit⸗ tel kam, ſich nicht nur den nöthigen Shawl zu kaufen, nein, vermöge ihres Talentes„mit wenig weit zu rei⸗ chen“ auch für Johanna noch einen neuen Hut anzu⸗ ſchaffen, da hätte ſie ſingen und tanzen mögen in ihrer jubelnden Herzensfreude. Aber ſolche lichte Momente kamen nicht allzuhäufig; das tägliche Leben war doch hart und dornenvoll, blieb ſelbſt dann noch ſchwer, als endlich der Brief:„aus fremden Landen“ eintraf, dem in regelmäßigen Zeitab⸗ ſchnitten andere Briefe folgten. Sie handelten mehr von Thatſachen als Gefühlen, und zwar in einfachſter, ſchlichteſter Weiſe; als literariſche Productionen betrach⸗ tet, wären ſie nicht ſehr werthvoll geweſen, denn ein ſo vorzüglicher Lehrer und kenntnißreicher Mann Robert Lyon war, ſo hatte er doch nichts vom Dichter in ſich. Er ſchrieb, wie er ſprach; Beides war die treue, unge⸗ ſchminkte Wiederſpiegelung ſeines klaren, richtigen Ver⸗ ſanz und ſeines guten, liebevollen Herzens. 134 Wenn auch dieſe Briefe dem Namen nach an Johanna gerichtet waren, ſo brachten ſie Hilary deshalb nicht weniger Troſt und Freude. Dieſem Thun lag vielleicht eine Grille zu Grunde oder eine übertriebene Zurück⸗ haltung und Zartheit; gewiß geſchah es aus derſelben Urſache, die Robert vor Jahren von ihr ſcheiden ließ, ohne mehr zu ſagen als:„Hilary, Sie müſſen mir ver⸗ trauen!“ Welche Beweggründe er auch haben mochte, ſo zu handeln, Hilary achtete dieſe, und ſchwankte nie in ihrem Glauben an ihn. Und wenngleich Johanna die Briefe nicht immer beantwortete, ſie kamen dennoch vegelmäßig, jeden Monat, und theilten alle ſeine Erleb⸗ niſſe mit; ja, wie dies oft mit Briefen iſt, die aus ſo großer Entfernung eintreffen, wo zwiſchen dem Empfänger und dem Schreibenden das weite Weltmeer liegt, ſo ent⸗ hüllten ſie mehr von des Letzterem innerem Leben und Charakter, als er ſelbſt es vielleicht wußte. Und Hilary, deren einzige Erfahrung über die Män⸗ ner der kaum gekannte Vater, der nur zu gut in ihrem Gedächtniß lebende Bruder und endlich, der mit ſo großer Angſt und Sorge bewachte Neffe bildete— Hilary dankte Gott, daß es doch einen Mann in der Welt gab, an den eine Frau ſich lehnen konnte, ohne die Stütze gleich einem ſchwachen Reis zerbrechen zu fühlen, einen Mann, in den ſie vollen Glauben und feſtes Vertrauen zu ſetzen vermochte. Ichtes apitel. Die Zeit verfloß. Robert Lyon war nun ſchon mehr als drei Jahre abweſend; aber in dem monotonen Leben der drei Schweſtern hatte nichts eine Veränderung erfahren— außer vielleicht Eliſabeth, die jetzt mehr einer Frau als einem jungen Mädchen glich und mit ihrer derben, kräftigen Geſtalt und ihrem ſoliden, altmodigen Weſen gut für dreißig Jahre gelten konnte. Askott Leaf hatte ſeine Wanderungen durch die Hoſpi⸗ täler und ſeinen Examen überſtanden, und war nun ſo weit, um auf eigene Hand prakticiren zu können. Sein Pathe zahlte ihm gütiger Weiſe auch jetzt noch das Jahrgeld aus, und trotzdem bat er ſeine Tanten, als er einige Male nach Stowbury kam, ihm aus klei⸗ nen Schulden herauszuhelfen— das letzte Mal betraf es ſogar eine größere Forderung. Doch nach langem, pein⸗ lichem Berathen beſchloſſen ſie, ihm mitzutheilen, daß er mit ſeinem Jahrgelde auskommen müſſe, da es ihnen unmöglich ſei, ihn zu unterſtützen; denn ſie befanden ſich jetzt in drückenderen Verhältniſſen als früher. Biele neue Schulen waren in der Stadt errichtet worden, und die ihrige wurde immer weniger beſucht. Es war jetzt für ſie keine leichte Aufgabe, mit ihren geringen Mit⸗ teln die Koſten des Haushaltes zu beſtreiten; und als Askott zu Weihnachten ihnen eine Fünfpfundnote und einen lieben, dankerfüllten Brief ſchickte, der mehr Werth hatte als das Geld, da fühlten die Tanten ſich un⸗ beſchreiblich glücklich und dankbar. Aber ihre Schule kam immer mehr in Rückgang; und als ſie eines Abends den Grund davon aufzufinden ſuch⸗ ten, erklärte Hilary halb im Ernſt halb im Scherz, es müſſe daran liegen, daß der Prophet nie in ſeinem eige⸗ nen Lande gelte. „Die Menſchen in Stowbury werden es nimmer“ glauben, wie gelehrt und klug ich bin; ich fürchte nur leider, daß es eine nutzloſe Art der Gelehrſamkeit iſt. Griechiſch, Latein und Mathematik können Kindern von kaum ſieben Jahren nichts helfen, und andere ſchicken ſie uns nicht.“ „Sie denken, ich bin nur befähigt, ganz kleine Kin⸗ der zu unterrichten— und vielleicht haben ſie Recht“, ſagte die älteſte Schweſter. „Ich wünſchte, Du brauchteſt Dich gar nicht damit zu plagen. O, ich möchte Erzieherin werden, aber nicht hier, dann verdiente ich vielleicht ſo viel, die ganze Fa⸗ milie zu erhalten.“ „Am Ende wird es doch dahin kommen, daß eine Veränderung in unſerer Lebensſtellung ſich nöthig bemerkte Johanna gedankenvoll. —— 37 „Eine Veränderung!“ Es ſchmerzte faſt die älteſte Schweſter, wie ihr Liebling ſchon durch das Wort be⸗ lebt wurde.„Wohin meinſt Du, daß wir gehen ſollen? Nach London? O, ich habe mich ſchon lange danach geſehnt, in London zu leben, ich glaubte nur, Du wür⸗ deſt es nicht mögen, Johanna.“ Das war die Wahrheit. Durch vieles Kränkeln vor der Zeit alt geworden, würde Johanna am liebſten ihr Leben in der ihr bekannten Umgebung beſchloſſen haben — aber Hilary war jung und kräftig. Die älteſte Schweſter rief ſich die Erinnerung an jene Tage zurück, als auch ſie fühlte, daß Ruhe nur ein anderer Ausdruck für Stumpfheit war, als es ihr auch am ſchwerſten von Allem erſchien, was ihr jetzt ſo leicht vorkam— ſtill zu ſitzen und geduldig auszuharren und zu ertragen. Ueber⸗ dies lag vor Hilary noch das ganze Leben; es konnte unter dem kräftigen Schutze eines braven, liebenden Mannes ein glückliches werden; die nie ausbleibenden Briefe aus Indien prophezeihten faſt, daß es ſo ſein würde, aber feſt zu beſtimmen war es doch nicht. Johanna's eigene Erfahrung ließ ſie nicht allzugroßes Vertrauen weder in die Menſchen, noch in das Glück ſetzen. Wie aber auch Hilary's Zukunft ſich geſtalten mochte, jedenfalls würde ſie ſehr verſchieden von ihrem eigenen ſtillen, farbloſen Leben werden. Und als ſie auf ihre junge Schweſter blickte, auf deren holdem Antlitz der letzte Sonnenſtrahl glühte— ſie machten einen Spazier⸗ gang auf der Terraſſe— da betete Johanna aus vollem Herzen, daß ihre Hoffnung ſich erfüllen möge. Für ſich ſelbſt war ſie mit ihrem beſcheidenen, kümmerlichen Looſe 138 zufrieden, doch Hilary mußte etwas Beſſeres werden, als eine arme Schullehrerin in Stowbury. Für den Augenblick wurde von der Sache nicht wei⸗ ter geſprochen, aber Johanna beſaß jene tiefe, ſtille, marienhafte Natur, welche die Dinge im Gedächtniß be⸗ hält und ſich dann darüber mit ihrem Herzen beräth; ſo konnte ſie, als der Gegenſtand wieder zur Sprache kam, ihn gelaſſen aufnehmen, mit dieſer ſanften Ruhe, die ihr ſo beſonders eigen war, dieſem unzerſtörbaren Frieden einer Seele, welche keine Stürme zu Boden wer⸗ fen können, weil ſie ſchon lange in einer beſſeren Welt Anker geworfen hat. Die Urſache, welche die Ueberſiedelung nach London wieder zur Sprache brachte, war ein Brief von Herrn Askott, der Folgendes ſchrieb: „Geehrtes Fräulein Leaf! Ich bitte Sie, mich wiſſen zu laſſen, ob es Ihr Wunſch iſt, wie es der Ihres Neffen zu ſein ſcheint, daß dieſer, ſtatt nach Stowbury zurückzukehren, ſich in London als praktiſcher Arzt niederläßt. Da ſeine Erziehung nun vollendet iſt, glaube ich meine Pflichten gegen ihn erfüllt zu haben; trotzdem bin ich nicht abgeneigt, ihn gelegentlich zu unter⸗ ſtützen, wenn er nicht, gleich ſeinem Vater, ein junger Mann wird, der es vorzieht, ſich auf die Hülfe An⸗ derer zu verlaſſen, ſtatt ſich ſelbſt fortzuhelfen; in wel⸗ chem Falle ich mich ganz von ihm zurückiehen würde. Ich bin, mein Fräulein, Ihr ergebener Diener Pierre Askott.“ 139 Die Schweſtern laſen den Brief eine nach der an⸗ deren, doch ſchien keine gewillt, darüber zu ſprechen. Endlich brach Hilary das Schweigen: „Die Hindeutung auf den armen Henry finde ich durchaus unpaſſend und herzlos.“ „Und dennoch war Herr Askott ſehr gütig gegen ihn; ſeiner praktiſchen Umſicht verdanken wir es, daß unſer armer kleiner Neffe mit ſeiner Wärterin zu uns nach Stowbury geſchickt wurde, ſonſt wäre das Kind vielleicht geſtorben. Doch natürlich weißt Du nichts mehr von jener Zeit, meine Liebe“, ſagte Johanna ſeufzend. „Er iſt gütig geweſen, das iſt wahr, aber es ge⸗ ſchah ſtets in ſolcher herablaſſenden, beſchützenden Art“, bemerkte Selina. „Ich glaube, nur aus dieſem Grun erwies er uns ſeine Wohlthaten. Er hält es für fein und vornehm, uns zu patroniſiren und unſerer Familie Gutes zu er⸗ weiſen; ja, ja das denkt er— er— dieſer ſtarke, dick⸗ köpfige Krämerlehrling, der uns ſtets in der Kirche un⸗ verwandt anſtarrte.“ „Uns? Sage Dich. Ich dächte, er wurde ſtets un⸗ ter die Schaar Deiner Anbeter gerechnet“, rief Hilary muthwillig neckend, worauf Selina ſich höchſt indignirt abwendete. Dann begannen ſie die große, beunruhigende Frage zu erörtern— Askott's Zukunft. Sie machten ſich Vor⸗ würfe, ihn ſo lange in London gelaſſen zu haben— ſo lange ihrem heilſamen Einfluſſe fern, der vielleicht dem Uebel entgegengewirkt hätte, auf welches ſein Pathe mit ſo ſcharfen Worten in jenem Briefe hindeutete. Doch 140 ihn jetzt, nachdem er einmal fort geweſen, wieder in ihre armſelige Häuslichkeit zurückzulocken, war unmöglich. „Wie wäre es, wenn wir zu ihm gingen?“ warf Hi⸗ lary ein. Die Armen und Alleinſtehenden beſitzen wenigſtens einen großen Vortheil— ſie haben Niemand, den ſie ſtets um Rath zu fragen brauchen, Niemand, der ſich viel darum kümmert, was ſie thun und wohin ſie gehen. Nur die Familie hat nöthig einig zu ſein und danach zu handeln. Wenige Stunden nach dem Empfange von Herrn Askott's Brief kam Hilary in die Küche, Eliſabeth zu ſagen, daß ſobald ihre Arbeit beendet ſei, Fräulein Jo⸗ hanna ſie zu ſprechen wünſche. „Nun— habe ich etwas verſehen? Hat Fräulein Selina mich wieder verklagt?“ Eliſabeth hatte ihren böſen Tag, was zwar niemals ſein ſollte, dennoch aber ſowohl bei den Herrſchaften, als bei den Dienſtleuten vorkommt. Hilary merkte es gleich an der Art wie ſie die Kohlen aufſchüttete und in der Küche umherſchaffte, aber heute hatte die junge Herrin wichti⸗ gere Dinge in ihrem Kopfe, als ſich um Eliſabeth's üble Laune zu kümmern. Ruhig erwiderte ſie: „Ich habe nicht gehört, daß eine meiner Schweſtern unzufrieden mit Dir iſt. Nur um Deines eigenen Be⸗ ſten willen wollten ſie mit Dir reden. Wir beabſichti⸗ gen eine große Veränderung, wir wollen Stowbury ver⸗ laſſen, um fortan in London zu leben.“ „In London leben!“ Obgleich Sliſabeths Gefühle und Bera 141 ſchnell und richtig waren— denn das lehrte ſie ihr Herz— ſo hatte ſie doch den echt fächſiſchen Kopf, der nicht allzu leicht im Begreifen iſt. Es war ſprüchwört⸗ lich im Hauſe, daß nichts ſchwerer ſei, als Eliſabeth eine neue Idee beizubringen, nichts— als vielleicht ſie ſpäter wieder von dieſer loszumachen. Aus dieſem Grunde zog Hilary es vor, langſam vorwärtszugehen, und ſie nicht mit der plötzlichen Nach⸗ richt des Umzuges ganz außer Faſſung zu bringen. „Nun, was ſagſt Du zu dem Plane?“ fragte ſie freundlich. „Er gefällt mir gar nicht“, lautete die kurze, mür⸗ riſche Antwort. Es gehörte zu Hilary's Ueberzeugungen, daß kein Menſch etwas Tüchtiges ſein kann, der nicht ein eigenes Urtheil, einen feſten Willen hat. Vielleicht war dieſer Glaube durch die Verhältniſſe bedingt worden, aber ſie hielt un⸗ erſchütterlich feſt an ihm. Mit der übertriebenen Ein⸗ ſeitigkeit des Gefühles, welche bittere perſönliche oder Familienerfahrungen meiſt zurücklaſſen— galt ihr ein feſter Wille als das erſte Erforderniß, um ſich zu einem Menſchen hingezogen zu fühlen. Es war dies bei Robert Lyon und auch bei Eliſabeth der Fall ge⸗ weſen. Aber dieſe Eigenſchaft hat auch ihre Unbequemlich⸗ keiten, wie Hilary heute erfahren ſollte. Als das Mäd⸗ chen den Heerd zu ſäubern begann mit ärgerlichen, un⸗ wirſchen Geberden und lautem Geräuſch, da that die Herrin das Klügſte und Würdigſte, was ſie unter die⸗ ſen Umſtänden thun konnte, und was nebenbei für die 4 ſehr empfindliche Eliſabeth der härteſte Tadel war— ſie verließ augenblicklich die Küche. Eine ganze Stunde entſchwand, ohne daß die Klin⸗ gel des Wohnzimmers ertönte, und obgleich es Waſchtag geweſen war, erſchien Fräulein Hilarh nicht, um, wie ſie ſonſt zu thun pflegte, beim Legen der Wäſche behülf⸗ lich zu ſein. Beſchämt und bedrückt in tiefſter Seele wartete Eliſabeth ſo lange, bis ſie es nicht mehr auszu⸗ halten vermochte, und klopfte dann an die Thür, be⸗ ſcheiden fragend, ob ſie das Abendbrot bringen ſolle. Die ſanfte, freundliche Antwort, welche ihr wurde, und der Wunſch, ſie möge eintreten, weil man einige Worte mit ihr reden wolle, verſcheuchten noch die letzte Spur der üblen Laune aus dem Mädchen. „Fräulein Hilary hat Dir unſere beabſichtigten Pläne mitgetheilt, wir wünſchten jetzt noch über Deine Zukunft mit Dir zu ſprechen.“ „Nun?“ „Wir glauben, Du wirſt uns nicht gern nach Lon⸗ don begleiten wollen, und vielleicht möchte es für Dich auch nicht rathſam ſein. Du kannſt jetzt höheres Lohn erhalten, als wir Dir jemals zu bieten vermögen; wir haben ſchon früher daran gedacht, Dich darauf aufmerkſam zu machen, Dir frei ſtellend, einen beſſeren Dienſt zu ſuchen.“ „Sie ſind ſehr gütig“, lautete die eher verlegene als dankbare Antwort. „Nein, wir ſind nur gerecht und ehrlich; denn wir möchten niemals eine Dienerin für geringeres Lohn be⸗ halten, als ihre Leiſtungen verdienen. Bis jetzt konnte unſer früheres Uebereinkommen noch beſtehen, denn Du weißt, Eliſabeth, Dich anzulernen, hat uns manche Mühe verur⸗ ſacht.“ Die gütige Herrin lächelte trübe, als ob der Gedanke an die Entlaſſung des Mädchens, die erſte Veränderung der vielen, die ihnen bevorſtanden, ſie näher berühre, als ſie es zeigen wolle.„Nun, nun, mein liebes Kind, Du brauchſt nicht ſo ernſt darein zu blicken; wir ſind durch⸗ aus nicht böſe auf Dich, im Gegentheil traurig, Dich verlieren zu müſſen, und wir werden Dir das beſte Zeugniß ausſtellen.“ „Ich will— aber— gar nicht— von Ihnen gehen.“ Eliſabeth ſtieß die Worte abgebrochen hervor, mit Mühe ein Schluchzen bekämpfend, und lief ſStel aus dem Zimmer. „Wer hätte das gedacht“, bemerkte Selina verwun⸗ dert,„ich glaube gar, ſie weinte.“ Kein Zweifel darüber, denn als Hilary etwas ſpäter in die Küche trat, verſuchte Eliſabeth ganz beſchämt ihre Thränen zu verbergen, indem ſie ſich noch eifriger mit ihrer Arbeit beſchäftigte. Die junge Herrin nahm keine Notiz davon, ſondern half ihr beim Legen der Wäſche und ſagte endlich ruhig: „Du würdeſt alſo wirklich gern mit nach London ziehen, Eliſabeth?“ „Nein, es fällt mir gar nicht ein, es gern zu thun. Da Sie aber hingehen, begleite ich Sie— obgleich Fräulein Johanna ſehr ſchnell entſchloſſen war, mich fortzuſchicken.“ „Wir hatten nur Dein Beſtes im Auge.“* 144 „Früher ſagten Sie immer, es ſei gut für ein Mäd⸗ chen, nicht den Dienſt zu wechſeln, und wenn Sie den⸗ ken, ich werde mir eine andere Stelle ſuchen— ſo irren Sie ſich; das geſchieht nicht.“ Obgleich die Form der Rede entſchieden unhöflich war, und zum erſten Male ſprach Eliſabeth in dieſer Weiſe zu ihrem geliebten Fräulein Hilary, welche dies bei einer anderen Gelegenheit auch ſtreng gerügt haben würde, ſo ließ ſie es heute doch unbeachtet vorübergehen. Verwundetes Gefühl, gekränkte Anhänglichkeit lagen der Gereiztheit zum Grunde, und das rührte Hilary. Sie wußte auch, daß es ihr ſelbſt ſehr weh thun würde, wenn ſie in der Küche in London ein fremides Geſicht ſähe, ſtatt des wohlbekannten, heimathlichen von Eliſabeth⸗ Dennoch erachtete ſie es für ihre Pflicht, dieſer zu erklären, daß das Leben in London manche Unbequem⸗ lichkeiten mehr haben würde, daß ſie für jetzt ihr Lohn nicht erhöhen könnten, und die Familie ſich Anfangs vielleicht noch mehr beſchränken müßte als in Stowbury. „Nur in der erſten Zeit, denn ich hoffe, viele Schü⸗ lerinnen zu finden; und nach und nach wird auch unſer Neffe durch ſeine Praxis guten Verdienſt haben.“ „Gehen Sie ſeinetwegen nach London, Fräulein?“ „Nur um ihn.“ Eliſabeth's leiſes Murren und ihr Geſichtsausdruck ſagten ſo deutlich wie Worte:„Das wußte ich“; und dann überließ ſie ſich einem Schweigen, das ſie gewiß gerechte Entrüſtung nannte, das aber gegen die ange⸗ wandt, welche nichts verſchuldet hatten, wieder übler 145 Laune ſehr ähnlich ſah— eine kleine Ungerechtigkeit, die wir Menſchen nur zu leicht begehen. Es füällt mir nicht ein, dieſes Mädchen als einen vollkommenen Charakter ſchildern zu wollen. Sie hatte unüberwindliche Abneigungen neben ſelten treuer Anhäng⸗ lichkeit, innere und äußere Fehler, gegen die ſie ſtreiten mußte, wie wir ja Alle ſolche böſe Feinde zu bekäm⸗ pfen haben. Oft, erſt ganz am Ende des Kampfes, zu⸗ weilen erſt nachher, giebt Gott uns den Sieg. Ohne weitere Erörterungen war es nun entſchieden, daß Eliſabeth ihre Damen nach London begleiten ſolle. Auch Frau Hand zeigte ſich ganz zufrieden damit, und wurde nur durch die eine Befürchtung beunruhigt, daß vielleicht jene böſe Perſon, Frau Cliffe, Tommy's Mut⸗ ter, die dem Gerüchte zufolge nach London gezogen war, ihre Tochter auf Abwege führen könne. Aber Hilary erklärte ihr, daß dies Begegnen in der Weltſtadt faſt ſo unmöglich ſei, als wenn zwei Stecknadeln ſich in einem großen Heuſchober zuſammen finden ſollten, und daß überdies Eliſabeth kein Mädchen ſei, welches man ſo leicht zum Böſen verleiten könne. „Nein, nein, ſie iſt ein braves Geſchöpf, das muß ſelbſt ich, ihre Mutter, ſagen. Ich wünſchte wohl, die Kleinen nähmen ſich ein Beiſpiel an unſerer Eliſabeth. Nach zwei oder drei Jahren werden Sie uns das Mäd⸗ chen wohl zum Beſuch nach Hauſe ſchicken, nicht wahr, Fräulein? Man möchte doch ſi Kind einmal wieder⸗ ſehen.“ Hilary verſprach das, und dann ging ſie zurück durch die alte, Stadt, welche nicht mehr lange ihr Herrin und Dienerin. I. 10 146 Wohnort ſein ſollte, und dachte darüber ſorgenvoll nach, was wohl in dieſen zwei oder drei nächſten Jahren ſich ereignen, wie ihr Aller Leben ſich geſtalten würde. Es war ein denkwürdiger Tag— dieſer ſonnige achtundzwanzigſte Juli— an dem der kleinen, voſigen Prinzeſſin, welche nun ſchon Großmutter iſt, die Krone von drei Königreichen auf ihr junges Haupt geſetzt wurde; und Stowbury zeigte ſich gleich allen anderen Städten des Landes in dem Feſtſchmucke von Kränzen und Blumen⸗ gewinden, grünen Lauben und Triumphbogen, wehenden Fahnen und Bannern. Auf den Straßen und Plätzen ſtunden lange, weißgedeckte Tafeln, an denen arme alte Männer geſpeiſt und die Frauen mit Thee bewirthet wurden. Alles war auf den Beinen, den Feſttag zu feiern, und voll Jubel die Geſundheit der jungfräulichen Königin zu trinken, oder ſtille Gebete für ihr Wohl zum Himmel zu ſenden, denn Jeder war erfüllt von leiden⸗ ſchaftlicher Loyalität für die junge Herrſcherin. Vierundzwanzig Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, aber Alle, die ſich dieſes Tages erinnern, werden zugeſtehen, daß es niemals einen Tag gleich dieſem gegeben, an dem im ganzen Lande jedes Mannes Herz voll ritterlicher Ergebung, das jeder Frau voll inniger Zärtlichkeit die⸗ ſer einen königlichen Jungfrau entgegenſchlug, die— Gott ſegne ſie!— all die Liebe ſo wohl verdiente und ſich zu erhalten wußte. Hilary führte eine Dame durch die belebten Straßen der Stadt, ihr, der Fremden, die Feſtlichkeiten zu zeigen. Es war die kleine, ſchüchterne Wittwe, die das Haus mit der ganzen Einrichtung von den Fräulein Leaf über⸗ 147 nahm, und die ſie außerdem noch ſehr glücklich gemacht hatten— denn ſelbſt der Arme kann dem noch Aermeren ein Wohlthäter werden— indem ſie ſich weigerten für „die Kundſchaft“ der Schule irgend eine Entſchädigung anzunehmen. Später wurde Hilary aus der Wohnung jener Dame von Eliſabeth abgeholt, der man einen freien Nachmit⸗ tag gegeben, und Herrin und Dienerin gingen zuſammen nach Hauſe, wobei ſie hier und dort die noch im Zwie⸗ licht ſtehenden fröhlichen Gruppen von Menſchen beobach⸗ teten, welche über den froh verlebten Tag ſprachen, oder den Klängen der National⸗Hymne lauſchten, die aus den erleuchteten Fenſtern der Stadthalle drang, in der die Leute der geringeren Stände ſich verſammelt hatten, um den Tag durch Tanz und Muſik, aber in anſtändigſter Fröhlichkeit zu feiern. Hilarh, die ſich oft aus den beengenden Verhält⸗ niſſen der kleinen Stadt in die weite, thatenreiche Welt geſehnt, in der ſo viel Großes gedacht, geſchrieben und verrichtet wurde, in die Welt, mit der Robert Lyon einen ſo ſchweren Kampf zu beſtehen hatte, um feſten Fuß darin zu faſſen— Hilary fühlte jetzt, als ſie durch die alten Straßen ſchritt, doch ein leiſes Bangen und Be⸗ dauern, die ſo wohlgekannte Stätte zu verlaſſen und ſeufzend ſagte ſie: „Ich möchte wiſſen, Eliſabeth, wie es in London ausſieht und wie ſich unſer Leben dort geſtalten wird!“ Eliſabeth antwortete nicht. Einen Augenblick zeigte ſich auf ihrem Geſicht der Wiederſchein des Lichtes, das . 10* — 148 von dem Antlitz ihrer Herrin leuchtete, dann aber nahm es wieder den Ausdruck von Entſchloſſenheit und Abwei⸗ ſung an, der ihr ſo natürlich war. Für das Leben, welches vor ihnen lag und das Keine kannte— o wenn ſie geahnt, wie es werden würde!— war auch ſie vor⸗ bereitet und gewappnet. Heuntes Fapitel. Der Tag der Abreiſe war gekommen. Als die Schweſtern zum letzten Male durch die alten, noch menſchenleeren Straßen von Stowbury fuhren, ſagte Johanna: „Ich erinnere mich wie meine Großmutter mir öfter erzählte, daß ihr künftiger Mann, als ſie ihn bei ſeiner erſten Bewerbung aus Coquetterie ausſchlug, ſich in ſeiner Verzweiflung ſtracks auf's Pferd warf, um nach London zu reiten, und ſie fühlte ſich ſo elend bei der Vorſtellung, welche Gefahren die Reiſe dahin und der Aufenthalt dort ihm bringen könne, daß ſie nicht ruhte, bis man ihn zurückholte, worauf ſie ihn gleich hei⸗ rathete.“ „Nun ſolche romantiſche Kataſtrophe wird ſchwerlich einer von uns begegnen, es müßte denn Eliſabeth ſein“, erwiderte Hilary, mit dem Verſuche durch einen kleinen Scherz die Zeit zu kürzen und das Wehe des Scheidens zu mildern, welches Johanna faſt überwältigte.„Was X.„ 150 * ſagſt Du dazu, Eliſabeth— denkſt Du Dich in London zu verheirathen?“ Aber die Angeredete vermochte ſelbſt ihrem lieben Fräulein Hilary nicht zu antworten. Die Damen hatten nicht geglaubt, daß ihr das Verlaſſen ihres Geburts⸗ ortes ſo nahe gehen würde. Ihre Augen hingen un⸗ verwandt an dem Kirchthurme von Stowbury, und als ſie ihn nicht mehr mit ihrem Blick erreichen konnte, ſtarrte ſie theilnahmlos und„ſtumm wie ein Fiſch“ aus dem Wagenfenſter. Ein Paar große, klare Thränen ſammelten ſich in ihren Augen, aber mit ärgerlicher Geberde trocknete ſie dieſelben und man ſah, ſie that ſich Gewalt an, um nicht in lautes Weinen auszu⸗ brechen. Ihre Herrſchaft hielt es ſomit für das Beſte, das Mädchen ſich ſelbſt zu überlaſſen. Als die Reiſenden endlich bei der Station ankamen, von wo aus ſie zum erſten Male auf der Eiſenbahn fahren ſollten, entſpann ſich ein kleiner Streit über die Art, wie man reiſen wollte. Johanna war entſchieden für„die zweite Klaſſe“, ſchon weil ſie da Eliſabeth bei ſich behalten konnten; für welche Güte ein ſchwaches Lächeln um des Mädchens zitternde Lippen irrte.. Bald waren ſie in dem kahlen, ungepolſterten Coupe der zweiten Klaſſe untergebracht, und nun ging es wie im Wirbelwind an Dörfern und Städten vorbei, durch England dahin, in Richtungen, die all ihren geographi⸗ ſchen Kenntniſſen widerſprachen und dieſe verwirrten. Als der Tag durch einen ſchweren, dichten Regen vor der Zeit verdunkelt wurde, begannen die ſchon ſo trüben, 151 erſchöpften Lebensgeiſter der vier Reiſenden immer mehr zu ermatten. Johanna ſah erſchreckend bleich und elend aus, Selina war, um Askott's Ausdruck zu gebrauchen, „ſo ſcharf wie ein zweiſchneidiges Schwert“ und ſelbſt Hilary, wenn ihre Augen ſich von der grauen, naſſen Landſchaft außen abwendeten, fand keinen Punkt im Wagen innen, auf dem ſie zur Erholung ruhen konnten, es ſei denn Eliſabeth's friſches, rundes Geſicht geweſen. Ob es vom Geiſte des Widerſpruches kam, der den Naturen beſonders eigen, welche in der Jugend mehr ſtreng und ernſt als ſanft ſind, oder ob es einem beſſeren Gefühle zuzuſchreiben war, die Thatſache ſtand feſt, daß, wenn die Stimmung der Anderen immer gedrückter wurde, die Eliſabeth's ſich hob. Nichts vermochte ſie ſchneller aus einem ihrer„brum⸗ migen Anfälle“ herauszubringen, als wenn eine ihrer Herrinnen in üble Laune gerieth. Als Selina nun unruhig hin und herzurücken begann, bald da, bald dort⸗ hin ſich wendend, wobei ihre klagende Stimme Johanna's Nervenabſpannung bis zur Qual zu ſteigern ſchien, ſo daß ſelbſt Hilary bat:„Selina, verhalte Dich ruhig!“ da erhob ſich Eliſabeth augenblicklich aus dem Verſunken⸗ ſein in ihre düſtere Unzufriedenheit und zeigte ſich hülf⸗ reich und thätig. Sie war nur eine ſchlichte Dienerin, aber die Natur verleiht jene Eigenſchaft, welche wir„Charakterſtärke“ nennen, ohne nach dem Stande des Empfängers zu fragen. Hilary dachte ſpäter noch oft daran, wie viel angenehmer der Beſchluß als der Anfang der Reiſe ge⸗ weſen— wie Johanna bequem dalag, ihre Füße in 152 Eliſabeth's Schooß ruhend, mit deren beſtem Tuch ſorg⸗ lich zugedeckt, und wie Selina's ganze Aufmerkſamkeit durch eine Vorrichtung gefeſſelt wurde, die ſie mit Hülfe eines Handtuches, einer Gabel und Eliſabeth's Korb, den durch das Dach des Wagens eindringenden Regen auffangen ließ; ſtolz auf ihren klugen Einfall, wurde ſie ruhiger und weniger unangenehm. So waren denn Hilary's Sorgen augenblicklich etwas zum Schwei⸗ gen gebracht, und ſie konnte ſtill ſitzen, die Augen auf die Regenlandſchaft gerichtet, welche ſie nicht ſah, wäh⸗ rend ihre Gedanken weit fortwanderten nach jener vor ihr liegenden fremden Stadt und dem unbekannten Leben dort, in das ſie gleichſam hineingezogen wurde, wie wir Alle, unwiſſend, widerſtandslos, oft faſt unbewußt in neue Verhältniſſe und Geſchicke hineingeriſſen werden. Zum erſten Male ſtiegen beunruhigende Zweifel über die Zu⸗ kunft in Hilary auf. So ſehr ſie ſich geſehnt und geſtrebt nach London zu gehen, jetzt da der Würfel ge⸗ fallen und die Brücke abgebrochen war, erſchien ihr das alte einfache, aber ſo friedliche Leben in Stowbury in einem anderen Lichte und erſtieg als etwas ſehr Theu⸗ res, Verlorenes vor ihr auf. „Ich möchte wohl wiſſen, ob wir je dahin zurück⸗ kehren werden, und was geſchehen wird, ehe es dazu kommt“, dachte ſie im Stillen, und unwillkürlich fiel ein ängſtlich forſchender Blick auf Johanna, die neben dem friſchen, kräftigen Dienſtmädchen beſonders alt und an⸗ gegriffen ausſah. „Eliſabeth!“ Die Angeredete, welche die Füße ihrer Herrin durch Reiben zu erwärmen ſuchte, ſchreckte zu⸗ 153 ſammen bei dem ungewohnt ſcharfen Ton von Hilary's Stimme.—„Laß, ich werde das meiner Schweſter ſelbſt thun; blicke hinaus auf London, das vor uns liegt!“ Denn die große, rauchgeſchwärzte Wolke, die ſich am regenſchweren Horizonte erhob, bezeichnete wirklich die Gegend, wo London lag. Bald traten aus dem Dunſt⸗ meer Häuſer hervor, und dann hielten ſie auf dem Bahnhofe an und wurden aus dem Wagen auf den Perron hinausexpedirt. Dort ſtanden ſie, die armen, verlaſſenen Frauen und durchſpähten ängſtlich die wo⸗ gende Menge nach dem einen ihnen bekannten Geſichte — das aber nicht zu finden war. „Es iſt ſehr ſonderbar, ſehr unrecht von Askott. Hilary, Du haſt ihm doch genau die Stunde unſerer Ankunft geſchrieben? Dies eine Mal konnte er wenigſtens pünktlich ſein.“ So zürnte Selina, während Eliſabeth halb durch ein Wunder im Beſitz alles Gepäckes gekommen war, das ſie nun mit derſelben Umſicht und Kraft, wie ſie es herbei geſchafft, gegen die übertriebene Dienſtfertigkeit der Träger vertheidigen mußte, die es ihr gewaltſam entreißen wollten, indeſſen ſie einen bequemen Sitz für ihre Herrin davon herzurichten bemüht war. „Habe Geduld, Selina! Loß uns noch einige Mi⸗ nuten warten, Hilary!“ Mit dieſen Worten ſetzte Johanna ſich nieder und blickte mit ihrem milden, leidensvollen Antlitz in das ihrer jüngſten Schweſter, die mit dem Feuer der Jugend über die Vernachläſſigung des Neffen ſehr empört war. 154 Sie wartete bis der Perron faſt ganz menſchenleer geworden und die letzte Droſchke ſich entfernt hatte, als ein Wagen mit größter Schnelligkeit vorfuhr und Askott hinaus ſprang. Er war ſo ſehr betrüht, ganz niedergeſchlagen und beſchämt, daß er ſeine Tanten hatte warten laſſen; aber ſeine Uhr mußte falſch gehen— einige Freunde hatten ihn länger bei Tiſche aufgehalten— und der Zug war gewiß früher als ſonſt eingetroffen. Die Damen fanden nicht heraus, welche Entſchuldi⸗ gung die richtige war, aber ſie blickten in ſein ſchönes, helles Antlitz und ihr Zorn ſchwand dahin, wie Wolken vor dem Strahle der Sonne entweichen. Askott war ſo ganz und gar ein Gentleman, er trug feine, geſchmack⸗ volle Kleider— ja, er war noch beſſer angezogen als in Stowbury— und dann ſchien er ſo herzensfroh, die Tanten zu ſehen. Er half ihnen Allen ſorglich beim Einſteigen in den Wagen, ſelbſt Eliſabeth, obgleich er Hilary zuflüſterte:„Um's Himmels willen, weshalb brachtet Ihr ſie mit?“ und dann, als er eben im Be⸗ griff war, fröhlich auf den Bock zu ſpringen, kehrte er noch einmal zurück mit der Frage, wohin der Kutſcher fahren ſolle! „Wohin?“ wiederholten ſeine drei Tanten in un⸗ begrenztem Erſtaunen. Sie hatten nie anders gedacht, als daß der Neffe ſie in ſeine Wohnnng führen werde. „Ihr müßt es ſelbſt einſehen“, ſagte Askott mit einiger Verlegenheit,„daß Ihr es bei mir ſehr wenig comfortable finden würdet. Eines jungen Burſchen 155 Stuben ſind nicht wie die Zimmer eines eigenen Hauſes, überdies“— „Ueberdies giebt es für einen jungen Mann, der ſich ſeiner alten Tanten ſchämt, bald Ausreden, um ſie los zu werden.“ „Selina!“ bat Johanna leiſe.„Mein lieber Junge, Deine Tanten wollen Dir gewiß keine Unbequemlichkeiten verurſachen. Führe uns nur nach einem Gaſthofe heute Abend, morgen werden wir uns ſelbſt eine Wohnung ſuchen.“ Askott ſchien von großer Sorge befreit. „Und Du biſt mir nicht böſe, Tante Johanna, ge⸗ wiß nicht?“ ſagte er mit einer leiſen Reue in Ton und Blick, die an ſeine Kindheitstage erinnerten, denn er konnte nicht blind dagegen ſein, wie ſehr erſchöpft die arme Tante ausſah. „Nein, mein Liebling, ich zürne Dir nicht; es thut mir nur leid, daß wir es nicht früher erfuhren, wir hätten uns dann beſſer vorſehen können. Wohin ſollen wir uns nun wenden?“ Askott nannte mehrere Hotels, doch man ſah, daß er ſie nur dem Namen nach kannte. Endlich erinnerte ſich Johanna eines Gaſthauſes, in welchem ihr Vater bei ſeinen häufigen Beſuchen in London zu wohnen pflegte, von wo aus man ihn auch ſterbend heimbrachte. Und obwohl alle die damit verknüpften Erinnerungen trauriger Art waren, ſo ſchien dies Hotel ihnen doch weniger fremd in der großen, unbekannten Stadt und ſie fuhren dorthin. „Es iſt ein ganz guter Gaſthof“, rief Askott 156 eifrig.„Ich werde Euch dort ſchon comfortable unter⸗ bringen; und wir wollen ein kleines, hübſches Abendeſſen beſtellen und recht fröhlich ſein. Alles in Ordnung? Fahrt zu, Kutſcher!“ Er ſprang auf den Bock und blickte übermüthig in den Wagen hinein, den Dampf ſeiner Cigarre und ſein langes, wallendes Haar— Selina's beiden großen Ab⸗ neigungen— gerade beim Herüberbiegen ihr in's Geſicht wehend, aber er ſah dabei ſo hübſch und ſo heiter aus, daß ihr Zürnen in ein Lächeln überging. „Wie ſchön und fein der Knabe geworden iſt.“ „Ja“, erwiderte Johanna mit einem leiſen Seufzer, „und haſt Du bemerkt, wie ähnlich er ſeinem“— Der Satz ward nicht beendet. Ach, was müßte ein Mann empfinden, der geglaubt, daß ſeine Thorheiten nur ihm Schaden brachten, wenn er hörte, wie nach Jahren ſeine nächſten Verwandten davor zurückbebten, auszuſprechen, als das Schlimmſte, was ſie von ſeinem Sohne ſagen können:„er wird ſeinem Vater ähnlich.“ Vielleicht lag es an dem unaufhörlichen Geräuſch, dem Raſſeln der Wagen auf der Straße— wenigſtens ſo verſicherten ſie es ſich gegenſeitig— daß die Damen die erſte Nacht in London kaum ein Auge ſchloſſen; und als ſie Morgens beim Frühſtückstiſch ſaßen und den Neffen ſchon eine ganze Stunde vergebens erwartet hatten, da mochte es wohl die Düſterheit des kleinen Zimmers verſchulden, daß ein Schatten über ihnen Allen lag. Aber die trübe Wolke war unleugbar vor⸗ handen.. Sie verdichtete ſich mehr und mehr, trotzdem draußen 157 die Sonne hell und klar vom Himmel lachte, und die vom Regen der Nacht getränkte Erde doppelt friſch er⸗ ſchien, ſo daß ſelbſt der Stadttheil, in dem ſie wohnten, freundlich ausſah, und das Fflaſter der Straßen or⸗ dentlich vor Weiße und Sauberkeit leuchtete, ſo daß man „dreiſt davon hätte eſſen können“, wie Eliſabeth ſagte, das allereinzigſte Lob, welches ſie bis jetzt London zu⸗ erkannte. Sie hatte den ganzen vorigen Abend ſtumm in einer Ecke des Zimmers geſeſſen, weil ihre Herrin ſie nicht in die„terra incognita“ eines Londoner Hotels hinausſchicken wollte. Askott war Anfangs ſehr ver⸗ drießlich geweſen über„das Geſpenſt beim Feſte“, wie er ſie nannte, doch nach und nach hatte er ſeinen Aerger vergeſſen; und mit einer Miſchung kindlicher Fröhlichkeit und männlicher prahlender Sicherheit hatte er über ſeine Pläne und Abſichten geſprochen, wie er ein hübſches Haus miethen wolle an einem der freien Plätze, min⸗ deſtens in einer Straße, die darauf mündete, und wie auf dem glänzendſten und größten aller Meſſingſchilder: „Henry Leaf, Wundarzt“ zu leſen ſein ſolle; und wenn er ſich dann ſchnell eine einträgliche Praxis erwerben werde, ſo müßten die Tanten alle zu ihm in ſein wohn⸗ liches Haus ziehen. Die guten Tanten lächelten und lauſchten vergnügt dem Erzählen des jungen Mannes, und vergaßen ganz die dunkle, ſchweigende Geſtalt in ihrer Ecke, die viel⸗ leicht eingeſchlafen war oder auch zuhörte. 3 Aber über die frohe Zuverſicht von geſtern hatte ſi heute ein trüber Flor geſenkt.— ſein, ſich gleich nach einer Wohnung umzuſehen. „Eliſabeth, komm her zu mir und ſieh Dir Lon⸗ don an!“ Die Gerufene trat zu Hilary, welche wieder eine lange, lange Stunde damit zu verkürzen ſuchte, daß ſie auf die wogend? Menſchenmenge in den Straßen ſchaute und ihre Bemerkungen darüber machte. Auch Selina warf ab und zu einen Blick durch das Fenſter, aber noch öfter ging ſie unruhig auf und ab, ſtets von Neuem ſich wundernd, daß Askott nicht kam, indeſſen die älteſte Schweſter, die niemals unſtät war, immer ſtiller und ſtiller wurde. Ihre Augen hatte ſie feſt auf die Thür gerichtet mit einem Ausdruck, der ihrem leidensvollen Antlitz eingeprägt war durch manche Stunde ängſtlichen Harrens und athemloſen Lauſchens auf den Schritt des Erwarteten, der ſelten kam, und wenn er kam, nur Sorge und Kummer mit ſich brachte. O, wie viele Jahre ſchon war ihren Zügen dieſer ſchmerzliche Aus⸗ druck eigen, ein untrügliches Zeichen des langen, langen Kampfes zwiſchen der Macht der Verwandtenliebe und der Stimme des Gewiſſens, zwiſchen Mitleid und ge⸗ rechtem Zorne, kaum mehr zu unterdrückender Verachtung. Dieſer Kampf war ſchon ſeit mehr als einer Generation den Frauen dieſer Familie als ſchwere Bürde auferlegt worden, ja er ſchien zuweilen als ein nicht zu bannendes Fatum über ihnen zu ſchweben. Gegen Mittag ſchlug Johanna vor, die Rechnung vom Kellner zu fordern, und die Größe derſelben er⸗ chreckte die Damen ſo, daß Hilary meinte, ſie dürften nicht zum Mittageſſen im Hotel bleiben, das Beſte würde 159 „Wie, ohne die Begleit ung eines Herrn? Unmög⸗ lich. Ich habe immer gehört, keine Dame könne in London allein auf der Straße gehen.“ „Dann würden wir ſehr ſchlimm daran ſein, Se⸗ lina. Wie es auch werden mag, ich will den Verſuch wagen. Man nannte uns ja die Gegend, in der die Wohnungen am billigſten und beſten wären— das heißt für uns am beſten. Es kann nicht weit von hier ſein. Ich möchte mich gleich auf den Weg machen.“ „Ganz allein?“ rief Johanna ängſtlich. „Nein, meine Liebe. Ich nehme den Plan von London und Eliſabeth mit mir; ſie wird ſich nicht ängſtigen.“ Eliſabeth lächelte und erhob ſich mit dem Ausdruck tiefſter Ergebenheit, mit dem ſie ſich angeſchickt haben würde, Fräulein Hilary bis zum Nordpol zu folgen, wenn es nöthig geweſen wäre. Nachdem Selina's Ge⸗ genreden überſtimmt wurden, die auch nicht mehr ſo heftig waren, da ſie ſelbſt ſich nicht dem unpaſſenden Unternehmen anzuſchließen brauchte— und nachdem man immer noch einige, und wieder einige Minuten gezögert hatte, in der Hoffnung, Askott kommen zu ſehen, wurde endlich wirklich aufgebrochen. Und nach einem Abſchiede faſt ſo feierlich, als wenn in der That eine Expedition nach dem Nordpol ihnen bevorſtände, traten Herrin und Dienerin auf die ſonnige Straße und verſchwanden bald in der wogenden Menge. Ein ſeltſames Empfinden überkam ſie und doch war Anregung darin. Die ungeheure Einſamkeit, welche für den Einzelnen in einer Londoner Volksmaſſe iſt, wurde 160 von dieſen beiden einfachen Mädchen aus der Provinz noch nicht begriffen. Sie fühlten nur das Leben in derſelben, das raſtlos treibende, thätige Leben. Nichts verwunderte Hilary mehr, als der Geſichtsausdruck der Vorübergehenden, die ſo ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt und in ſich verſunken ſchienen, daß ſie auf keinen Anderen achteten; und trotz Selina's Befürchtungen geſchah ihr nicht das Geringſte, ja man kümmerte ſich weniger um ſie, als in Stowbury. Gutes, altes Stowbury! Wie weit entfernt ſie davon waren, wurde ihnen wieder einmal klar, als ein unſauberes, in Lumpen gehülltes Mädchen, mit dem Blick des Laſters in den Augen, ihnen eine Moosroſe anbot,„eine ſchöne, friſche Moosroſe für einen einzigen Penny“; Elifabeth, die ein Wenig zurückgeblieben, kaufte ſie, fand aber bald, daß es eine abgebrochene, auf ein Endchen Draht geſteckte Blume war. „Das ſcheint Londoner Manier zu ſein“, ſagte ſie ſehr ſtreng, und es bemächtigte ſich ihrer eine ſo men⸗ ſchenfeindliche Stimmung, doß ſie kaum auf die ſchönen Plätze und herrlichen Gebände achtete, und als ihre Herrin ſie auf die großen, hübſchen Häuſer aufmerkſam machte, nur erwiderte:„Ich möchte nicht die hohen Treppen auf und ablaufen.“ Trotzdem blieb Hilary heiter. Sie war froh, in dieſen Gegenden zu ſein, die ſie aus der Erzählung ſo wohl kannte, froh, ſich nun wirklich in Perſon da zu befinden, wo ſie im Geiſte ſo oft geweilt hatte. Dieſer Umſtand an ſich erfriſchte ſie ſchon. Sie meinte, ſie würde ſich viel glücklicher in London fühlen als anderswo; 161 in den langen Jahren der Trennung, welche vielleicht noch vor ihr lagen, würde es gewiß ſehr gut ſein, recht thätig ſchaffen und ſorgen zu müſſen; ja, ſelbſt einen ſchweren Kampf mit den neuen Verhältniſſen zog ſie trägem Dulden vor. Immer wieder kam ihr der Aus⸗ ſpruch eines Dichters ins Gedächtniß, als etwas durch⸗ aus„Wahres“. Und wenngleich er im Original von einem Manne zur Frau gegenüber gebraucht wurde, und ſie lächeln mußte, wie Viele, zum Beiſpiel Selina unter dieſen, es unweiblich finden würden, daß ſie, ein Mäd⸗ chen, die Worte ſich zu eigen machte, ſo that ſie es dennoch. Hilary glaubte feſt, daß die Liebe die edelſte und reinſte iſt, welche ganz unabhängig von der Gegen⸗ liebe durch eigene Kraft lebt und beſteht, und durch welche ſowohl der Mann als die Frau zu der Ueber⸗ zeugung gelangt, um ſagen zu können, daß die höchſte Aufgabe des Lebens— natürlich immer Gottes Ge⸗ boten und ſeinem Willen zuerſt ſich fügend— die iſt: „Wenn ſelbſt Dich nicht zu gewinnen, doch ſtets mich würdiger Dir zu fühlen.“ Solche Gedanken machten Hilary's Schritt feſt und ihr Herz leicht, ſo daß ſie kaum merkte, welche Ent⸗ fernung ſie ſchon zurückgelegt hatten, bis die ſchwere Londoner Luft ſie zu bedrücken, und das zwar glatte, aber heiße Pflaſter ihren Füßen weh zu thun begann. „Biſt Du müde, Eliſabeth? Wir werden uns bald ruhen. Hier müſſen Zimmer zu miethen ſein, ich weiß nur noch nicht recht den Namen“— Als Hilary an einer Ecke den Namen der Straße las, bemerkte Eliſabeth, wie ein nihene Erröthen das Herrin und Dienerin. I. 11 162 erſt ſo blaſſe, müde Geſicht ihrer Herrin überflog. In dem Augenblick ſchlug eine Thurmuhr. „Das muß die St. Pankratius⸗Kirche ſein. Und dies— ja dies iſt die Burton⸗Straße— der Burton⸗ Platz.“ „Ich bin überzeugt, Fräulein Leaf würde hier nicht gern wohnen“, bemerkte Eliſabeth, indem ſie mit nicht ſehr freundlichem Blick die düſteren rez-de-chaussée betrachtete, in denen doch viele achtbaren Generationen ſich heimiſch fühlen mußten, und wo beim herannahenden Ende der Saiſon beinahe ein Haus um das andere den Zettel trug:„Möblirte Zimmer zu vermiethen.“ „Du magſt Recht haben“, erwiderte Hilary zerſtreut. Dennoch fuhr ſie fort, die ganze lange Straße auf und nieder zu gehen, und wandte ſich dann dem trübſeligen, ödeausſehenden Platze zu, der mit einigen Bäumen be⸗ ſetzt war, an denen das Laub ſchon dürr und welk wurde, nicht in jenes goldige Roth übergehend, mit dem der Herbſt die Wälder ſchmückt, ſondern von dem vor⸗ zeitigen Abſterben getroffen, das einen ſo häßlichen, traurigen Anblick gewährt. „Ich bin froh, daß er nicht hier iſt— herzensfroh“, dachte Hilary, als ſie nun mit eigenen Augen dieſe düſtere, reizloſe Gegend ſah, in der Robert Lyon in ſeiner Dachſtube Jahr aus, Jahr ein ſtudirt hatte, wäh⸗ rend dieſe welken, beſtaubten Bäume das einzige ſicht⸗ bare Erinnerungszeichen an jenes freie Landleben waren, in dem er, der Natur ſo nahe, ſeine Kindheit verbracht hatte, und das er, wie ſie wußte, leidenſchaftlich liebte. Jetzt verſtand ſie, was er gemeint hatte mit jenem 163 „Heißhunger“, wie er es zuweilen ſcherzend nannte, jenem Sehnſuchtsfieber nach einem einzigen Blick auf friſche, grüne Bäume und Felder, auf eine blühende Hecke voll zwitſchernder Vögel. Sie fragte ſich, ob auch ſie wohl dieſes Gefühl ergreifen würde in dieſer fremdartigen Wüſte, als die ihr London mehr und mehr erſchien und ſie bedrückte. Ja, ſie war zufrieden, daß er fern war, fort aus dieſen beengenden Verhältniſſen— und doch wenn er plötzlich um jene Ecke dort gebogen wäre, wenn er ſie begrüßt hätte mit ſeinem lieben Lächeln, dem warmen, treuen Händedruck— Für einen Moment lehnte ſich ihr Herz mit einem wilden, rebelliſchen Weheſchrei gegen das Schickſal auf — denn Jahre und Jahre dieſes ſchon ſo kurzen Da⸗ ſeins zu verlieren in dieſer Halb⸗Exiſtenz, welche ein Leben fern von dem beſten Schatze unſeres Herzens, dem Lichte unſerer Augen iſt, das iſt hart und grauſam! „Fräulein Hilary!“ Sie ſchreckte empor aus ihrem Verſunkenſein und legte ihr Herz ſogleich unter Schloß und Riegel. „Fräulein Hilary, Sie ſehen ſo erſchöpft aus.“ „Meinſt Du? Nun da wollen wir uns bei dieſem Kuchenbäcker ausruhen und ſtärken, denn wir dürfen uns nicht krank machen, wir haben heute noch viel zu thun, Eliſabeth.“ Ja, auf ſo viele Mühſal hatten ſie gewiß nicht ge⸗ rechnet. Sie durchwanderten eine Straße nach der anderen, beſahen gewiß zwanzig Wohnungen, ehe ſie 11* 164 auch nur eine annähernd für ſie paſſende antrafen. Dennoch mußten ſie einen Ort ausfindig machen, an dem Johanna's armer, ſchmerzender Kopf für dieſe Nacht ungeſtört ruhen konnte. Endlich vollkommen erſchöpft von der Anſtrengung, die ein ſolcher Tag in London mit ſich bringt, und die nicht nur den Körper, ſondern auch den Geiſt zu Boden wirft, fing Hilary's Muth an zu ſinken. O, was ſie gegeben haben würde für einen ſtarken, ſtützenden Arm, eine tröſtende Stimme, ein Herz, das ihr zugeflüſtert:„Aengſtige Dich nicht, wir ſind ja bei einander; wir tragen Alles gemeinſam.“ Und mit jenem überwältigenden Sehnen, welches nur die Frau in ihrer Hülfloſigkeit zuweilen empfinden kann, bangte ſie ſich nach der Stütze ſeines Armes, nach nach der theuren Stimme, die ihr Troſt brächte, nach dem einzigen Herzen, dem, wie ſie fühlte, ſie ganz ver⸗ trauen konnte. Arme Hilary! Und dennoch warum ſie bedauern? Für ſie gab es nur drei Möglichkeiten; wenn Robert Lyon ihr treu war, ſo wurde ſie ſein, ganz und mit voller Hingebung, ſein liebendes und geliebtes Weib bis zum Lebensende; verließ er ſie, ſo würde ſie ihm ver⸗ geben; ſtarb er, ſo blieb ſie trotzdem die Seine, keinem anderen Manne angehörend, bis der Tod ſie dem Ge⸗ liebten vereinte. Eine derartige Liebe kannte auch Sorge und Schmerz, aber nicht jene Angſt und Furcht, welche das Band der Herzen lockert und die Gefühle ſchwächt. Wenn ſie auch auf nichts anderes bauen, auf nichts anders ſich feſt verlaſſen kann, ihrer ſelbſt iſt ſie immer ſicher. 165 „Ihre Kraft iſt. ſtark, Wohl kann ſie leiden, doch lange währt das Leiden nicht.“ Und ſelbſt durch das heißeſte Weh zieht ſich ein Ge⸗ fühl der Sicherheit und des Friedens, das oft an wahre Freudigkeit ſtreift. Hilary bekämpfte die ſie umfluthenden Empfindungen und richtete alle ihre Gedanken auf die zu miethende Wohnung. Endlich fand ſie eine, aus deren Zimmern man jene, vorhin erwähnten beſtaubten Bäume ſehen, und die Uhr der Pankratius⸗Kirche hören konnte. „Ich möchte glauben, dieſe würde uns paſſen, we⸗ nigſtens für's Erſte“, ſagte ſie heiter; und dann erkun⸗ digte ſie ſich, ob nicht noch ein S zu haben ſei. Es ſtand nur eine kleine Giebelſtube leer.„Damit möchte Askott nicht zufrieden ſein“, ſprach Hilary leiſe vor ſich hin, und dann fügte ſie mit ſchnellem Entſchluſſe laut hinzu:„Das Beſte iſt, ich ſuche Askott auf, ehe ich mich entſcheide. Willſt Du mich begleiten oder hier bleiben, Eliſabeth?“ „Ich werde mitgehen, wenn es Ihnen recht iſt, Fräulein.“(Das Ihnen recht, klang faſt wie mir recht.) „Wird Herr Askott bei uns wohnen?“ „Vermuthlich.“ Schweigend ſchritten ſie dahin, bis ſie die Gower⸗ Straße erreichten, über deren Schönheit Hilary ganz erſtaunt war. „Hier ſollte mein Neffe wohnen? Es muß ein Mißverſtändniß ſein, und dennoch wollen wir das be⸗ zeichnete Haus aufſuchen.“ 166 Nein, es war kein Irrthum. Herr Askott Leaf hatte drei Monat hier gewohnt, war aber am heutigen Morgen ausgezogen. Auf die Frage, wohin, wußte das Hausmädchen keine genügende Auskunft zu geben, doch rief ſie die Wirthin herbei, welche eine Frau ganz in demſelben Genre war, wie die vielen Zimmervermietherinnen, mit denen Hilary heute ſchon verkehrt hatte, nur noch etwas gezierter, un⸗ ſauberer, und mit noch mehr Flitterſtaat behängt als die früheren. „Ja, Herr Leaf iſt ausgezogen, ohne ſeine jetzige Adreſſe zu hinterlaſſen. Junge Leute finden es zuweilen unbequem, ihre neue Wohnung anzugeben, gewiß hätte er's gethan, wenn er geahnt, daß eine junge Dame nach ihm fragen würde.“ „Ich bin Herrn Leaf's Tante“, erwiderte Hilary mit flammendem Antlitz. „Wirk— lich?“ Aus dem Ton der Stimme ſprach höfliche Ungläubigkeit. Aber die Frau hatte einen ſcharfen, geübten Blick, wie ihn ſo oft betrogene Londoner Hauswirthinnen wohl bekommen, als ſie Herrin und Dienerin genauer betrach⸗ tete, änderte ſich ihr Betragen, und ſie fing ſogar an, ihren letzten Miether zu loben; es ſei ein ſo gentiler, an⸗ genehmer Herr geweſen, der immer nur guten Umgang gehabt, und der ihr auch verſprochen hätte, ihre Zimmer ſeinen Freunden zu empfehlen. „Und die kleine Miethsſchuld ſoll ihm weiter keine Sorge machen, das ſagen Sie ihm gefälligſt, Fräulein; er kann mich bezahlen, wenn es ihm paßt. Sollte er — — 167 nicht bald einmal herkommen, ſo möchte ich mir die Freiheit nehmen, ſeine Koffer und Bücher zu dem Herrn Pierre Askott zu ſchicken, welcher in der— ja nun habe ich Straße und Nummer vergeſſen.“ Die argloſe Hilary nannte Beides. „Richtig, das ſtimmt. Es iſt der alte Herr, bei dem Herr Leaf alle vierzehn Tage zu Tiſche eingeladen war; ein ſehr, ſehr reicher Mann, deſſen einziger Erbe er ſein wird, wie er mir erzählte. Herr Askott iſt wohl ein Verwandter von Ihnen?“ Hilary verneinte es, und nachdem ſie der Wirthin geſagt, ſie werde bald von Herrn Leaf hören, eilte ſie von dannen. „Werden Sie es aushalten, ſo ſchnell zu gehen, Fräulein?“ fragte Eliſabeth beſorgt. Hilary ſtand nach Athem ringend ſtill. Hoffnungs⸗ los irrte ihr Blick über die lange, heiße, ſtaubige Straße, auf die ein Londoner Nachmittag ſchon ſeine Dämmerung ſenkte. „Laß uns nach Hauſe— nach Hauſe!“ Und bei dieſen Worten rang ſich ein Schluchzen aus dem gepreßten Herzen, ein leidenſchaftliches, abgebrochenes Schluchzen, dem aber kein zweites folgte. Nein, ſie durfte ihre Kraft nicht durch Weinen erſchöpfen. „Du haſt Recht, Eliſabeth, ich werde matt und das darf nicht ſein. Etwas muß entſchieden werden.“ Wieder hemmte ſie ihren Schritt und legte ihre Hand auf die glühende Stirn, die heißen Augen.„Ich will zurück⸗ kehren und jenes Quartier miethen, Du magſt dort bleiben und Alles in Ordnung bringen, indeſſen ich meine 168 Schweſtern hole. Doch warte, ich habe noch etwas vergeſſen!“ „Sie ging noch einmal in das ſoeben verlaſſene Haus zurück und ſchrieb auf eine ihrer Karten die einzige, immer geltende Adreſſe, welche ſie angeben konnte, die des Banquiers in der City, der 3 ihre fünfzig Pfund Jahrgeld auszahlte. „Wenn einer von Herrn Leaf's Creditoren nach ihm fragt, ſo geben Sie ihm dies; ſeine Freunde können immer auf der Londoner Univerſität von ihm hören.“ „Vielen Dank, Madame“, erwiderte die nun honig⸗ ſüße Hauswirthin.„Ich fürchtete niemals, daß der junge Herr mich mit meiner Forderung im Stich laſſen wolle. Iſt er auch ſtets etwas nachläſſig mit dem Be⸗ zahlen der Rechnungen geweſen, ſo war er doch durch und durch ein Gentleman; ich würde ihn gern wieder bei mir aufnehmen— oder vielleicht ſuchen Sie Zimmer?“ „Nein, ich danke. Guten Morgen.“ Und Hilary verließ ſchnell die geſprächige Frau. Nicht ein Wort wurde zwiſchen ihr und Eliſabeth gewechſelt, bis ſie in den engen, düſteren Stuben ſtan⸗ den, die fortan ihr„zu Hauſe“ bilden ſollten und dann redete ſie über wirthſchaftliche Einrichtungen. Sie ſprach ſchnell und viel und verſuchte den treuen, ſorgenvollen Augen auszuweichen, die, wie ſie wußte, einen ſo ſchnellen und klaren Blick hatten. Zu täuſchen waren ſie nicht; in Allem, was die Familie betraf, zeigte Eliſabeth ſich beſonders ſcharfſichtig, das hatte Hilary oft bemerkt. Sie war überzeugt, daß dem Mädchen nicht ein Wort ihres Geſpräches bei der Hauswirthin entgangen war, 169 daß ſie, gerade ſo gut wie ſie ſelbſt, Alles wußte, was bekannt war und ahnte, was zu befürchten ſtand. „Eliſabeth!“— Hilary ſtockte, ehe ſie weiter ſprach, denn es war zu ſchwer, darüber zu reden.—„Eliſabeth, vergiß nicht, daß wir Alle fremd in London ſind, und Familienangelegenheiten dürfen nicht über das Haus hinauskommen. Erwähne niemals, wenn Du an Deine Mutter ſchreibſt oder ſonſt zu irgend Jemand hier, was Du heute hörteſt über—“ Sie vermochte Askott's Namen nicht zu nennen; ſie fühlte ſich zu beſchämt. Sehntes Papitel. In möblirten Zimmern zu wohnen, nicht nur zeit⸗ weiſe, ſondern auf die Dauer, in Frau Smith's Wohn⸗ ſtube oder Frau John's Salon ſich häuslich einzurich⸗ ten und ſie als ihr„Daheim“ zu betrachten— trotzdem nicht ein Stück der Möbel ihnen zu eigen gehört und ſie die gemietheten Räume nach wöchentlicher Kündigung ver⸗ laſſen oder aus ihnen verwieſen werden können— dieſe Art der Exiſtenz iſt für manche Menſchen nicht nur nicht peinlich, ſogar angenehm. Sie gehören zu den Naturen, die gleich der Erdbeerpflanze ſolche Anlage zum Umher⸗ irren, ſo große Vorliebe für den Wechſel des Ortes haben, daß ſie wie dieſe, wohin man ſie ſetzt, bald die Vorzüge des ihnen angewieſenen Platzes herauszufinden, und ſich zu eigen zu machen wiſſen; ja, ganz wie die vor⸗ hinerwähnte Pflanze breiten ſie ſich wuchernd aus, und würden gleich ihr, wenn ſie nicht oft die Stelle ihres Aufenthaltes wechſelten, welken und ſterben. Zu dieſer Klaſſe der Geſellſchaft gehören die Touriſten, die Emi⸗ granten, die Weltumſegler, und groß iſt der Vortheil, ————— 171 welcher ihren Mitmenſchen durch ſie erwächſt, denn ſie ſind thatkräftig, energiſch und wirken anregend; nur muß ihre Vorliebe für Wechſel und Ortsveränderung nicht geradezu in entſchiedene Unſtätheit übergehen, die ſie verhindert irgendwo Wurzel zu faſſen, daß ſie, gleich einem ſtets rollenden Steine, nie Moos anſetzen können und nach und nach eine ſo glatte und harte Oberfläche annehmen, die nichts mehr feſthält, und an die ſich nichts anzuſchmiegen wagt. Wieder giebt es andere Menſchen, welche die Eigen⸗ ſchaft des Anſchmiegens und Feſthaltens in einem ſolchen Grade beſitzen, daß ihnen Schmerz daraus erwächſt, denen der kleinſte Wechſel peinlich iſt, die immer aus demſelben Glaſe trinken, auf dem nämlichen Stuhle ſitzen müſſen, um ſich behaglich zu fühlen, und welche durch die geringſte Veränderung im Zimmer unangenehm be⸗ rührt werden. Ohne Zweifel hat dieſe Eigenthümlichkeit ihre ſchlimmen Seiten, trotzdem ſie an ſich weder klein⸗ lich noch verächtlich iſt. Denn iſt nicht gerade dieſe An⸗ hänglichkeit, dieſe Treue und Beſtändigkeit die Baſis alles Bürgerthumes, jeder Verbrüderung und der Fa⸗ milienliebe? Ja, um von dem heiligſten aller Bande zu ſprechen, iſt es nicht bei ihm dieſes Gefühl, das den Greis in dem matten, verblühten Antlitz ſeines bejahrten Weibes noch die roſige Schönheit der Jugend finden läßt, die längſt entſchwand, die er aber aus alter ſüßer Gewohnheit und Anhänglichkeit noch dort leuchten ſieht und ſich daran erfreut. Für Perſonen, welche in hohem Grade dieſen ſelte⸗ nen(ſoll ich ſagen, unheilvollen²) Charakterzug ſolcher Beſtändigkeit und Anhänglichkeit beſitzen, iſt das Woh⸗ nen in möblirten Zimmern vielleicht eines der ſchrecklich⸗ ſten Dinge im Leben. Ob eine dunkle Ahnung dieſes Factums Eliſabeth's Seele beſchlich, als ſie, am Fenſter ſtehend, ihrer Herrinnen Ankunft im neuen„Daheim“ erwartete, iſt nicht beſtimmt zu ſagen. Sie war tiefer Gefühle fähig, wenngleich ſie ſich nicht gewöhnt hatte, dieſe zu analyſiren; aber ſie ſah traurig und bedrückt aus, nicht mürriſch, ſelbſt Askott hätte ſie nicht der„Un⸗ wirſchheit“ beſchuldigen können. Und doch war ſie an dem Tage ſchon auf verſchie⸗ dene Weiſe gereizt worden. Als ſie zum Einkaufen ausging, hatte ſie ſich in den vielen ſich kreuzenden Straßen mehrere Male verirrt und war dann mit ſchlecht gewogener But⸗ ter und feuchtem, mit Sand vermiſchtem Zucker heim⸗ gekehrt, feſt überzeugt, daß die Londoner Verkäufer die größten Betrüger unter der Sonne wären. Ein Topf Erdbeeren, die Eliſabeth von ihrem eigenen Gelde kaufte, um den Theetiſch mit der einzigen Frucht, welche Fräulein Leaf gern aß, zu zieren, bereitete ihr eine neue Enttäu⸗ ſchung, denn nachdem ſie die wenigen friſchen, großen Beeren obenauf abgenommen hatte, zeigten ſich die an⸗ dern als kleine, welke, verkümmerte Früchte, ſo daß ſie in höchſter Indignation das Gefäß dem Inhalte ins Feuer warf. Drittens entſpann ſich zwiſchen ihr und der Wirthin ein Streit, nicht nur über das ihnen beſtimmte Feuer⸗ material, welches Eliſabeth in Hinſicht auf ihre Stow⸗ bury⸗Gewohnheiten ſehr dürftig erſchien, ſondern mehr noch über das Verlangen, Gedeck und Servietten für 173 den Theetiſch zu haben, eine Forderung, von der die Wirthin noch niemals etwas gehört, wie ſie verſicherte, weil ſie nämlich für den Miethzins auch Tiſchzeug und Geſchirr zu liefern hatte. Als die verlangten Artikel nach einigem Sträuben endlich aus einer unſauberen Schublade in der Küche hervorgezogen wurden, machte ihr Ausſehen, wie nur natürlich, einen ſehr unangenehmen Eindruck auf das an höchſte Ordnung und Reinlichkeit gewöhnte Mädchen. Und wieder ſchwebte die heimath⸗ liche Einrichtung vor ihrer Seele, in der die Küche mit gleicher Sauberkeit als die Zimmer gehalten wurde, und die Schlafſtuben in einfacher Behaglichkeit und Ordnung nicht gegen die Wohnzimmer zurückſtanden. Wie anders in London! Wenn hier die Leute ein Paar ziemlich an⸗ ſtändige Stuben aufzuweiſen hatten, ſo ſchienen ſie zu⸗ frieden zu ſein, in irgend einem dunklen, engen Win⸗ kel zu ſchlafen, und inmitten der größten Verwirrung und Unreinlichkeit, gleichviel wo und worin zu kochen. Eliſabeth ſchob dies alles ſie ſo unangenehm Berüh⸗ rende auf„London“ und ihre Abneigung wuchs immer⸗ mehr. Sie hatte verſucht, ihrer Bedrückung Herr zu wer⸗ den, indem ſie die Möbel in den Zimmern hier und dort hin rückte— es war die herkömmliche Ausſtattung möblirter Zimmer: ein Tiſch, ſechs Stühle, ein Sopha, eine Kommode und ein Eckſchrank, auf dem eine Thee⸗ maſchine thronte; die Schlüſſel dieſer Möbel waren Fräulein Hilary ſchon feierlichſt übergeben worden. Trotz Eliſabeth's Bemühen, Alles auf's Beſte herzurichten, ſah das Zimmer doch kahl und unwohnlich aus, und die matte, gelbliche Tapete, die ſehr bunte, großmuſtrige Stubendecke erhöhten noch den trübſeligen, ungemüth⸗ lichen Eindruck. Ueberdies lag das Haus Nr. 15 auf der Schattenſeite der Straße, billige Quartiere findet man ſtets nur dort, und nur wer ſelbſt in ſolchen möblirten Zimmern gewohnt hat— nicht im eigenen Hauſe— kann verſtehen was es heißt, ſich beſtändig in einer halb⸗ dunklen Stube aufzuhalten, in welcher die Sonne als höchſte Gunſt auf eine Stunde hineinlugt, im Winter nach ihrem ſchnellen Verſchwinden eine feuchte Kälte, im Sommer eine ſchwere, dunſtige Luft zurücklaſſend, die ſich wie Blei auf den Geiſt der Bewohner legen. Kein Wunder in der That, daß, wie ſtatiſtiſch bewieſen iſt, Cholera und Fieber aller Arten ſtets ihre meiſten Opfer in den auf der Nordſeite liegenden Häuſern Londons ſuchen. Eliſabeth fühlte dies Alles, war ſie ſich auch nicht bewußt wodurch. Sie betrachtete aufmerkſam, wie der Sonnenſchein nach und nach die höchſten der gegenüber⸗ liegenden Häuſer verließ— ein matter, geiſterhafter Ab⸗ glanz jenes Sonnenſcheines daheim, der den grünen Wald und die wogenden Felder in ſeine rothen Gluthen tauchte; dabei lauſchte ſie auf die langen, monotonen Ausrufe der vorüberziehenden Verkäufer, die an einem Ende des Platzes verhallten, um am anderen wieder zu ertönen: „Erd— beeren, kauft— Erd— beeren!“ An das nächſte Mittageſſen denkend, irrte ihr Blick prüfend über den Karren eines Gemüſehändlers, der matt und langſam neben ſeinem erſchöpften Eſel dahinſchlich und mit hei⸗ ſerer Stimme ſein eintöniges Rufen erſchallen ließ: 5 „Blumenkohl— Blumenkohl— ſchöne, friſche Schoten, ſechs Pence die Metze!“ Aber ach, die Schoten waren weder jung noch friſch und der Blumenkohl konnte auch auf keine dieſer Eigen⸗ ſchaften Anſpruch machen. Ueberdies begann Eliſabeth plötzlich an dem Rechte zu zweifeln, ſolche Gemüſe, die daheim freilich nur einfache Gartenfrüchte waren, doch hier zu den Luxusartikeln gehörten, eigenmächtig zu kau⸗ fen. Dieſer Gedanke, von manchem anderen begleitet, der durch die ihr ungewohnte Müſſigkeit hervorgerufen wurde, und den die Trübſeligkeit aller Dinge um ſie noch weiter ausſpann, verſenkte Eliſabeth in eine ihr ganz fremde Welt tiefen Nachdenkens, indeſſen ſie re⸗ gungslos auf die ſtille Gaſſe vor ſich ſtarrte— denn eine abgelegene Straße Londons iſt beſonders in der Abenddämmerung ſehr ſtill und öde. 3 Plötzlich ſchreckte ſie empor aus ihrem Sinnen; zwei Droſchken hielten vor der Thür, die Familie war end⸗ lich angekommen. Askott begleitete ſeine Tanten. Zwei neue Mantel⸗ ſäcke und eine ſehr elegante Hutſchachtel warfen einen gewiſſen Glanz über das einfache Reiſegepäck der Stow⸗ buryer Damen; und Eliſabeth's ſcharfe Augen, denen nichts entging, bemerkten auch den von der Wirthin wegen rückſtändiger Miethe einbehaltenen Koffer unter den Sa⸗ chen des jungen Herrn. Dieſer ſelbſt ſah ganz heiter und wohlgemuth aus, er half ſeiner Tante Johanna vor⸗ ſorglich aus dem Wagen, gab ſeine Befehle über das Fortſchaffen des Gepäckes und bezahlte die Kutſcher mit ſo vornehmer Miene, daß ſie ganz unterthänig den Hut 176 zogen und ſich bedeutungsvoll zuwinkten, als wollten ſie ſagen:„Das iſt ein echter Gentleman.“ Dieſe Anſicht ſchien die Wirthin zu theilen, denn ſie verbeugte ſich ſehr tief, indem Fräulein Leaf ihr den jungen Mann als„meinen Neffen“ vorſtellte, und die Hoffnung ausſprach, daß ſich im Hauſe noch ein leeres Zimmer für ihn vorfinden möge, welches auch wirklich gefunden wurde, indem er das für Johanna beſtimmte in Beſitz nahm, während ſie und Hilary eine Giebel⸗ ſtube bezogen; beide Schweſtern waren darüber einig, daß Askott ein hübſches, luftiges Studirzimmer haben müſſe. „Du weißt, mein lieber Junge“, begann Tante Johanna— und bei ihrem zärtlichen Tone blickte er etwas beſchämt nieder, gerade als ob er noch ein kleiner Knabe geweſen, dem eben ein begangenes Unrecht ver⸗ geben worden war—„Du weißt, Du mußt von nun an tüchtig arbeiten.“ „Verſteht ſich, Tante. Glaub mir, ich bin auch ge⸗ rade der Mann dazu. Das iſt eine hübſche Stube, und in den offenen Kamin hinein kann ich vortrefflich rauchen.“ Sie kamen fröhlich ſprechend von oben herab, und Askott ſetzte ſich mit dem beſten Appetit zu dem„kärg⸗ lichen Abendbrot“ nieder, wie er es nannte; freilich hatte er nicht ganz Unrecht, denn der Schinken, den Eliſa⸗ beth einige Straßen weit aus einem Speiſehauſe holen mußte, koſtete zwei Schillinge das Pfund und die Eier, welche die Wirthin erſt wieder nach einem kleinen Kampfe ſich zu kochen entſchloſſen hatte, wurden von dem jungen Herrn als nicht„ganz friſch“ verächtlich zur Seite geſchoben. Doch nach Frauenart ließen die Tanten ihm in Allem ſeinen Willen. Es ſchien, als wollten ſie Alles verſuchen, ihm die neue Heimath, in die er kam oder mehr noch hineingezogen ward, ſo angenehm als mög⸗ lich zu machen und ihn mit den Banden der Liebe da⸗ ran zu knüpfen, den einzigen Banden, welche etwas werth ſind, obgleich auch ſie zuweilen— der Himmel mag wiſſen aus welchem Grunde— ſich machtlos erweiſen und und wie Strohhalme zerreißen und zu Boden ge⸗ worfen werden. Während Eliſabeth ab und zu ging, hörte ſie die Familie ſtets fröhlich ſprechen und lachen. Askott trieb allerlei Scherze; er erzählte von ſeinem Studentenleben und entwarf Pläne für die Zukunft, da er als Wund⸗ arzt erſter Klaſſe in vollem Glanze und in ſehr bedeu⸗ tender Praxis floriren würde. Und als Eliſabeth die Lichter hereinbrachte, bemerkte ſie, wie der junge Mann ſeine Tanten zärtlich küßte und ſich dann anſchickte, Fräu⸗ lein Johanna— die erſchreckend blaß und erſchöpft aus⸗ ſah, aber wie immer mild lächelte— bis zur Thür ihres Schlafzimmers ſorgſam die Treppen hinaufzu⸗ führen. „Heute Nacht wirſt Du aber nicht länger aufblei⸗ ben, mein Liebling; heute darfſt Du nicht mehr leſen und ſtudiren!“ bat ſie innig. „Nein, davon ſoll auch keine Rede ſein; aber mor⸗ gen ſteh ich mit der erſten Lerche auf, gewiß Herzens⸗ tante. Jetzt beginnt ein neuer Zeitabſchnitt in meinem Leben.“ Serrin und Dienerin. I. 2 —— 8 Askott ging wieder in das Wohnzimmer hinab, warf ſich mit einer Miene, als ob er ſich ſehr erleichtert fühle, auf das Sopha und ließ einen Ausruf der Befriedigung hören, darüber, daß endlich„all die Frauen“ fort wären. Er hatte Eliſabeth nicht bemerkt, die vor der Kommode knieend, in einem Kaſten etwas ordnete, und die nun aufſtand, um die Fenſterladen zu ſchließen. „Holla! Seid Ihr dort? Laßt, ich werde das ſelbſt thun, ehe ich ſchlafen gehe. Ihr könnt verſchwinden!“ „Wie, mein Herr?“ „Fort— verſchwinden. Verſteht Ihr mich nicht? Stört mich nicht länger!“ „Das iſt auch nicht meine Abſicht“, erwiderte Eli⸗ ſabeth, mehr ernſt, als mürriſch, denn ſie ſchien ent⸗ ſchloſſen zu ſein, ſich in den Stand der Dinge zu fin⸗ den und nicht mehr die feindliche Partei zu bilden. Ueberdies war ſie jetzt zu alt, um Manches, was man bei einem Kinde überſehen und vergeben konnte, noch zu thun; und hatte Fräulein Hilary ihr nicht eine lange Vorleſung gehalten über die Nothwendigkeit, Herrn As⸗ kott oder Herrn Leaf— wie er in ſeiner Würde und verantwortlichen Stellung als einziger Mann in der Familie und Haupt des Hauſes genannt werden ſollte— mit Ehrerbietung zu behandeln? Als der junge Mann ſo nachläſſig hingeſtreckt, mit geſchloſſenen Augen auf dem Sopha ruhte, ſchaute Eliſabeth ihn einen Moment ſcharf an, und dann ihrer guten Vorſätze eingedenk, fragte ſie, ob er noch etwas zu beſorgen habe? „Verwünſcht! Noch hier! Ich brauche nichts. Doch halt!“ 179 Und Askott warf einen ſchnellen Blick auf das all⸗ tägliche, ehrliche Geſicht und die nicht ſehr anmuthsvolle, kleinſtädtiſche Figur der„Südſee⸗Inſulanerin“. „Hören Sie, Eliſabeth, Sie könnten mir einen Ge⸗ fallen thun!“ Er ſprach nicht nur höflich, ſondern faſt bittend ſchmeichelnd, und ganz erſtaunt wandte ſich das Mädchen um.„Möchten Sie nicht die Wirthin fragen, ob ſie einen Drücker zur Hausthür hat?“ „Einen— was?“ „Einen Drücker— o, ſie weiß ſchon, was ich meine. Jedes Haus in London hat ihn; ſagen Sie ihr, ich würde ihn gut in Acht nehmen, und die Pforte ganz feſt ſchließen; ſie brauche ſich nicht um Diebe zu äng⸗ ſtigen.“ „Ganz wohl, Herr Leaf.“ Eliſabeth ging, kehrte jedoch bald mit dem Beſcheide zurück, Frau Jones müſſe ſchon ſchlafen und zwar in der Küche, denn ſie habe die Thür nicht geöffnet. Doch indem ſie einen mächtig großen Hausſchlüſſel auf den Tiſch legte, fragte Eliſabeth: „Vielleicht iſt hier das was Sie wünſchen, Herr Leaf. Aber um Diebe dürfen Sie keine Sorge tragen; drei große Riegel und eine Sicherheitskette ſchützen die Thür.“ „Schon gut!“ rief Askott, mühſam ein Lachen un⸗ terdrückend.„Ich danke Ihnen, das iſt für Ihre Mühe.“ Dabei warf er ein Geldſtück auf den Tiſch. Eliſabeth nahm es gelaſſen auf und legte es wieder hin. Vielleicht mochte ſie ihn nicht gut genug leiden um Geſchenke von ihm anzunehmen, vielleicht dachte ſie 12* 180 auch als redliches, verſtändiges Mädchen, daß ein junger Mann, der nicht einmal ſeine Miethe bezahlen konnte, durchaus nicht nöthig hatte, halbe Thaler ſo unnütz fort⸗ zuwerfen, möglich auch, daß ſie zu den ſeltenen Ausnah⸗ men unter der dienenden Klaſſe gehörte, welche nicht gern dergleichen Gaben empfangen, denn ihr liebes Fräulein Hilary hatte Eliſabeth viel von ihren eigenen Anſichten und Empfindungen mitgetheilt, auch über die Mode jede kleine Höflichkeit oder Dienſtleiſtung eines Niedrigſtehen⸗ den mit Geld zu bezahlen, während dieſelbe Gefälligkeit von einem unſeres Gleichen als ſelbſtverſtändlich und natürlich, einfach mit Dank angenommen wird. Welche Gefühle Eliſabeth auch leiten mochten, das Geld blieb ruhig auf dem Tiſche liegen; und ſie war eben im Be⸗ griff die Thür zu ſchließen, als Askott ſie noch einmal anredete. „Da meine Tanten ſo ſehr beſorgt wegen Diebe und Einbruch ſind, ſo iſt es beſſer ihnen nichts von dem Drücker zu erzählen.“ Eliſabeth ſtand eine Minute ſtill und verlegen, dann erwiderte ſie: „Fräulein Hilary iſt nicht im Geringſten ängſtlich, und ich bin gewohnt, ihr Alles mitzutheilen.“ Trotzdem die Dienerin zu unwiſſend war, um je von einem Thürdrücker gehört zu haben, ſo beſaß ſie doch Scharfſinn genug, zu merken, daß in der Familie nicht Alles ſei, wie es ſein ſollte. Ja, ſie lag noch lange in ihrem Kämmerchen, in dem ſie ihre beiden Herrinnen in ihren Betten ſprechen hören konnte, lag mehr als eine Stunde wach und verſuchte, Alles, was heute geſchehen * 181 war, in Einklang zu bringen, ihr ahnte, daß wieder manches Traurige und Kummervolle dabei ſei; vor Allem beſchäftigte es ſie, was wohl Askott mit dem Haus⸗ ſchlüſſel gewollt habe, und weshalb er ihn nicht von den Tanten, ſondern von ihr forderte, und ſie dabei mit ſo erſtaunlicher Höflichkeit behandelte. Man mag vielleicht hier einwenden, daß eine dienſt⸗ bare Perſon durchaus nicht nöthig habe, über ſolche Vor⸗ gänge im Hauſe nachzugrübeln, noch ihres Herrn Thun kritifiren oder gar forſchen dürfe, weshalb wohl ihre Gebieterinnen traurig wären, daß es vielmehr ihre einzige Pflicht und Obliegenheit ſei, ihre Arbeit gleich einem Automaten zu verrichten und an nichts Antheil zu nehmen. Denen, die ſolche Art der Dienſtleiſtung lie⸗ ben, kann ich nur ſagen:„Mögt Euch damit begnügen, und ernten, was Ihr ſäet!“ Lange nachdem Eliſabeth, jung und geſund wie ſie war, ſich trotz ihres kurzen, harten Lagers, eines ſüßen, feſten Schlafes erfreute, entdeckten Hilary und Johanna, nach einem vergeblichen Verſuch, ſich gegenſeitig zu täu⸗ ſchen, indem ſie ſich ſchlafend ſtellten, daß ſie noch wach lägen, mit ſchwerem Herzen über die Zukunft denkend. Wie war es möglich, die Koſten des Haushaltes, welche mit fünfundzwanzig Schillingen Miethe für die Woche begannen, von dem einzig ſicheren Einkommen, ihrem Jahrgelde von fünfzig Pfund, zu beſtreiten? Denn die Familie Leaf gehörte noch zu den Leuten jenes guten, alten Schlages, welche Einnahmen nach Zufall und Mög⸗ lichkeiten zu berechnen und darauf zu zählen, als Wahn⸗ finn oder Unredlichkeit betrachteten. . 182 Schon der gewöhnliche Menſchenverſtand belehrte ſie, daß dieſe fünfzig Pfund durchaus zu den Ausgaben des Hausſtandes nicht hinreichten, und daß ſie bald gezwun⸗ gen ſein würden, die kleine Summe anzugreifen— war es nicht heute Askott's wegen ſchon geſchehen?— welche ſie aus dem Verkaufe ihrer häuslichen Einrichtung in Stowbury gelöſt hatten. Dieſer Verkauf ſtellte ſich ihnen jetzt als ein Mißgriff dar, ja, die Furcht erſtieg, daß wohl ihr Umzug nach London ein noch größerer Miß⸗ griff geweſen ſei, einer jener Irrthümer, die wir Alle von Zeit zu Zeit begehen, ſpäter tief bereuen, und nach dem Leiden das Beſte daraus zu nehmen ſuchen müſſen, indem wir dadurch lernen. Glücklich ſind die, welche das unwiederbringlich Verlorene nicht zu tief und nutz⸗ los beklagen, ſondern mit beſſerer Einſicht ſich vor neuem Verluſte ſchützen. Davon ſprach Hilary mit dem ihr eigenen Muth und beruhigte dadurch Johanna's Bangen theilweiſe. Und dann beriethen ſie, was für ſie Alle das Beſte ſei, damit die Zukunft nicht zu ſorgenvoll ſich geſtalte. Unterrichtertheilen blieb immer die einzige Hülfs⸗ quelle. In jenen Tagen wurden die Arbeitsfähigkeiten und Berechtigungen der Frauen noch nicht aus einem ſo freien Geſichtspunkte wie jetzt betrachtet. Damals er⸗ ſchien es noch Allen, als wenn der erſte Anſpruch an uns: das Erfüllen unſerer Pflichten gegen uns ſelbſt, gegen unſere Familie und Freunde ſei. Man hatte die feſte Ueberzeugung— leider ſchwindet dieſe immer mehr — daß jede Frau, gleichviel ob verheirathet oder nicht, niemals aus dem ſicheren Kreiſe der Heimath oder des 183 häuslichen Lebens heraustreten ſolle, wenn nicht die aller⸗ dringendſte Nothwendigkeit es erfordere. Man fand es damals viel zweckmäßiger und paſſender für die Fami⸗ lie, daß die Frauen die Haushaltung ſelbſt führten oder darin Andere unterſtützten, indem ſie das Eſſen bereite⸗ ten und die Wäſche und Kleider mit eigenen Händen nähten und ausbeſſerten, daß ſie überhaupt nach dem Geſetze:„es ſei klüger, einem Uebel vorzubeugen, als es zu heilen“, alle die Mittel herauszufinden ſich bemühten, wodurch der Wohlſtand einer Familie erhalten und ge⸗ fördert wurde— und wer vermöchte dies beſſer als ge⸗ rade die Frauen?— anſtatt ſich in die Reihen der Männer zu drängen, in ihre Arbeitsfächer hineinzuwagen, um in den meiſten Fällen einen ungleichen Kampf zu beginnen, aus dem ſie oft gebrochen an Leib und Seele zurückkehren, in Weſen verwandelt, welche keinem Stande mehr angehören und welche nun die Fehler und die daraus folgenden Leiden beider Geſchlechter angenommen haben, ohne die Vorzüge eines derſelben zu genießen. „Ich mag ſinnen und denken wie ich will“, ſagte die arme Hilary,„ich finde nicht was ich anders thun kann, als Stunden zu geben. O, gelänge es mir nur, eine Stelle zu erhalten, in der ich die Kinder den ganzen Tag über unterrichtete und beaufſichtigte, damit ich am Abend frei ſei und ihn im Kreiſe meiner Familie, am traulichen Kaminfeuer verleben könnte; da hätte ich auch noch Zeit, alle Strümpfe zu ſtopfen und Askott's Wäſche auszubeſſern, das würde ſeine großen Ausgaben doch etwas beſchränken.“ „Es wäre Askott's Sache, den Unterhalt für die —4 Familie zu erwerben, und ſeine Tante dürfte ihm nur den Hausſtand führen“, bemerkte Johanna.„So hielt man es wenigſtens zu meiner Zeit, und ich glaube, ſo gebürt es ſich. Der Mann muß in die Welt hinaus, Geld zu verdienen, die Frau ſoll damit im Hauſe weiſe und ſparſam ſchalten und walten.“ „Doch iſt dieſe gute alte Einrichtung nicht immer anwendbar, wir ſelbſt wiſſen, daß ſie unter Umſtänden unmöglich iſt.“ „Ja, leider“, beſtätigte Johanna ſeufzend. Denn ſie noch mehr als Hilary betrachtete die Verhältniſſe ihrer Familie in dem Lichte der Vergangenheit, einem Lichte, faſt zu düſter und traurig, um lange den Blick darauf weilen zu laſſen.„Aber in dem vorliegenden Falle, mein Liebling, war wie ſo oft etwas nicht in der Ordnung, und dieſes unrechte Etwas vertrieb die Män⸗ ner und Frauen unſerer Familie von dem ihnen ange⸗ wieſenen, naturgemäßen Platz. Mag dieſes Etwas zu⸗ weilen eine unabweisbare Nothwendigkeit ſein, ſo kann ich es doch niemals für eine rechte und gute Sache an⸗ erkennen, die gar nachgeahmt werden ſoll, wodurch die Frauen in die Welt hinausgehen, um gleich Männern ſich ihren Weg zu ertrotzen und—“ „Ich denke gar nicht daran, etwas Derartiges zu thun“, erwiderte Hilary lächelnd.„Ich will nur ver⸗ ſuchen, auf vernünftige Weiſe ein Wenig Geld zum Beſten meiner Familie zu verdienen, bis Askott ſo weit iſt, ſich als praktiſcher Arzt niederzulaſſen und Kund⸗ ſchaft zu erwerben. In einer der neuen Vorſtädte Lon⸗ dons glaubt er einen geeigneten Platz für ſeine Wirk⸗ 185 ſamkeit zu finden, und er wird ſogleich die nöthigen Schritte dazu thun. Iſt es nicht ein guter Gedanke?“ „Ja“, entgegnete Johanna kurz; aber ſie beſprachen dieſen Plan nicht, wie ſie es mit ihren eigenen Zukunfts⸗ plänen gethan hatten; und ſeltſamer Weiſe rechneten ſie beim Ueberſchlagen ihres Einkommens nie die Summe zu, welche Askott mit vieler Entſchuldigung, daß ſie ſo gering ſei, ſich erboten hatte, wöchentlich zum Haushalte zuzuzahlen. Jetzt begann die Morgendämmerung anzubrechen; die Londoner Sperlinge begrüßten ſie mit lautem Gezwit⸗ ſcher, und nun beſtand Hilary darauf, daß ſie alles Be⸗ rathen und Sprechen aufgeben und gleich guten Kindern einſchlafen ſollten. „Du haſt auch Recht. Gute Nacht, mein Segen!“ flüſterte Johanna zärtlich. Und wirklich hatte„ihr Se⸗ gen“ mit dem ſeltenen, friſchen Muth, der des jungen Mädchens Bruſt belebte— o, wie Hilary nach Jahren dieſen Muth faſt wahnſinnige Vermeſſenheit nannte!— die ſchwere Bürde des Kummers und der Sorge von dem zaghafteren Herzen der älteren Schweſter genommen, ſo daß Johanna ſich beruhigt zur Seite wandte und bald ſüß ſchlummerte. Aber noch lange nachdem ſchon das blaſſe Morgen⸗ grauen in helles Tageslicht übergegangen war, lag Hi⸗ lary noch mit weit offenen Augen und lauſchte auf die lauten Schläge der Uhr, welche vom St. Pankratius⸗ Thurme die Viertelſtunden verkündeten. Ja, Hilary war brav und muthig, die Gefühle, die ſie Anfangs zu Jo⸗ hanna's Beruhigung zu beſitzen verſicherte, erfüllten 186 wirklich ihr Herz. Und da nun ihr einförmiges Leben in Stowbury abgebrochen war, und ſie im Wirbel des Londoner Treibens ſich befand, in dem auch er gearbei⸗ tet und gerungen, fühlte ſie ſich doppelt ſtark und that⸗ kräftig. Der feſte, unerſchütterliche Wille, ſich durchzu⸗ kämpfen, war in ihr lebendiger und mächtiger als in den meiſten Frauen— oder ſollte es nur ein Abglanz jenes Charakters geweſen ſein, der für ſie der Inbegriff alles Guten und Großen war? Nachdem ſie lange nachgedacht und Alles was ihr begegnen konnte, erwogen hatte, alle Laſt, alle Mühſal, die ſie erwarteten, vor ſich aufthürmend, ja ſelbſt jenem bleichen Geſpenſte des Mangels— das zwar an der Thür des Hauſes ſchon öfter geſtanden, doch noch nie die Schwelle überſchritten hatte— muthig in das Ant⸗ litz ſchauend, ſagte Hilary entſchieden:„Nein, ich zage nicht; mir iſt, als vermöchte ich mich vor nichts in die⸗ ſer Welt zu fürchten— wenn nur— wenn—“ „Wenn er mich liebt.“ Das war es, was unaus⸗ geſprochen in ihrer Bruſt lebte; dies war der hülfe⸗ ſuchende Ruf des bangen Frauenherzens, das unendliche Verlangen nach dem innigſten Bedürfniß des Frauen⸗ lebens, tiefer empfunden und begehrt als in dem des Mannes, weil es individueller iſt; da heißt es nicht „wenn ich nur geliebt bin“, ſondern„wenn er mich nur liebt“. Und als Hilary nun mit feſtem Willen ihre Augen ſchloß und den ſchmerzenden Kopf zum Ruhen zwang, da kam das Sehnen, welches, wenn ſie litt, ſie ſtets doppelt ſtark erfaßte, heftiger als je, das Sehnen nach der feſten Hand, ſie zu ſtützen, der Bruſt, an die 187 ſie ſich lehnen konnte, nach dem ſtarken und doch zärt⸗ lichen Herzen, nach welchem ſelbſt die muthigſte Frau ſich zuweilen bangt; einem Herzen, das ſie tröſten und aufrecht erhalten kann, mit der Kraft, die nicht eine an⸗ dere Frau gleich ihr, ſondern nur der Mann beſitzt, der durch die eigene Schwäche der Geliebten vielleicht zwei⸗ fach ermuthigt wird, den ſchweren Kampf des Lebens tapfer durchzufechten. Aber dieſe Stütze war den Frauen der Familie Leaf von keinem ihrer männlichen Mitglie⸗ der je geworden. Den nächſten Anſpruch darauf, eine ſolche Stütze zu ſein, hatten noch die Briefe aus Indien, die Johanna zuweilen ſcherzend ein Lebensbedürfniß, ein Familiengut nannte; denn es waren Familienbriefe, es gab keine Heim⸗ lichkeiten darin; ſie gingen von einer Hand zur andern und mit voller Offenheit wurde darüber geſprochen, ſo daß Selina ſich nicht viel darum bekümmerte und nie⸗ mals errieth, daß ihnen doch eine beſondere Urſache zum Grunde lag. Aber ihr pünktliches Eintreffen, das treue Erinnern jedes auch des kleinſten Vorfalles der Ver⸗ gangenheit, das warme Intereſſe des Schreibers für Alles, was die Gegenwart und Zukunft der Familie be⸗ traf— das Alles überzeugte die beiden Schweſtern, wie ſie Robert Lyon vertrauen konnten. Ja, Hilary glaubte an ihn, und in ihrem vollkom⸗ menen Glauben fand ſie vollkommene Ruhe. Mochte er ſie heirathen oder nicht, ſie fühlte es täglich mit größerer Sicherheit und Ueberzeugung, daß er ihr doch den Segen gebracht— und wie wenigen Frauen wird dies ſchöne Loos zu Theil— den höchſten Segen, einen 188 durchaus guten und braven Mann zu lieben und von ihm geliebt zu werden. So mit ſeinem treuen Antlitz vor ihr ſtehend, ſeine Stimme ſo deutlich hörend, als ob es erſt geſtern ge⸗ weſen, da er ſagte:„Hilary Sie müſſen mir vertrauen!“ flüſterte ſie zurück: „Ich thue es, Robert— gewiß ich vertraue Dir!“ Und dann entſchlummerte ſie ſüß und ſanft wie ein Kind. Gilftes Fapitel. Mit einer erhabenen Gleichgültigkeit gegen herge⸗ brachten Aberglauben, vielleicht auch weil ſie gar nicht daran gedacht, hatten die Fräulein Leaf ihren großen Umzug Freitags begonnen, ſo daß ihr erſter Tag in London, oder beſſer in der neuen Wohnung, ein Sonn⸗ tag war. In London hat der Sonntag ſtets etwas Auffallen⸗ des und Eigenthümliches für Leute aus der Provinz; denn er zeigt zwei ſehr ausgeprägte und verſchiedene Sei⸗ ten. Zuerſt die ungemein ruhige, anſtändige und fromme Seite, welche Selina und Hilary bemerkten, als ſie um eilf Uhr ſich dem Strome der feſtlich gekleideten, gut ausſehenden Menſchen anſchloſſen, die einzeln oder in ganzen Familien aus den Häuſern kamen und nach der St. Pankratius⸗Kirche gingen. Aber Hilary lernte auch die entgegengeſetzte Seite kennen, als Askott, der trotz ſeines Verſprechens noch nicht einmal zum Frühſtück auf⸗ geſtanden war, ſeine„hübſche Tante“ reuig und ſchmei⸗ 190 chelnd bat, ſich von ihm zum Nachmittagsgottesdienſte in die Weſtminſter⸗Abtey führen zu laſſen. Auf dem ganzen durch die Straßen, über die Plätze fanden ſie viele Kaufläden geöffnet; die Equipagen roll⸗ ten, und die Menge der Fußgänger wogte den Parks zu. Das gefiel Hilary nicht recht; und trotzdem neigte ſich ihr Herz theilnahmsvoll den Armen und den Arbei⸗ tern zu, welche die ganze Woche ſich geplagt hatten, und nun die freien Stunden des Sonntages mit ſolcher Wonne zu genießen ſchienen, indem ſie der ſeltenen Vergünſti⸗ gung, friſche Luft zu ſchöpfen, ſich erfreuten, oder ver⸗ gnügt zuſchauten, wie ihre bleichen, halbverkommenen Kinder im Graſe lagen und die Enten im St. James Park mit Brotkrumen fütterten. Sie verſuchte mit Askott über die große Frage der Sonntagsfeier zu ſprechen, aber wenngleich er einige Mi⸗ nuten höflich zuhörte, ſo nahm er doch nicht den gering⸗ ſten Antheil an dem Geſpräche. Auch die alte, groß⸗ artige Abtey mit ihren prächtig gewölbten Hallen und Durchgängen, in denen die Monumente gleich hohen Bäu⸗ men ſtanden, mit den Bogenfenſtern, durch deren Glas⸗ malerei der helle Sonnenſchein von außen zu einem ge⸗ heimnißvollen, faſt überirdiſchen Lichte gedämpft wurde, das die weiten Räume wie mit matt roſigem Dufte füllte und beſonders feierlich auf den unzähligen Denk⸗ ſteinen ruhte, unter denen ganze Generationen ſchlum⸗ merten— ſelbſt dies Alles ſchien des jungen Mannes Intereſſe nicht zu feſſeln. Als Hilary aus ihrem Rau⸗ ſche andächtigen Entzückens erwachte, ſah ſie, wie ihr Neffe ſich damit unterhielt, die Verſammlung anzuſtar⸗ 191 ren und zu muſtern, und in den Pauſen zwiſchen dem Gottesdienſte mit leiſer Stimme witzige Bemerkungen über die Leute zu machen. Als die geendet, ſprang er ſchnell auf, und ſchien mit unendlicher Genug⸗ thuung zu fühlen, daß er ſeine Pflicht gethan habe, und daß es doch(um ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen) „eine verwünſcht langweilige Sache geweſen ſei“. Trotzdem war es ſeine Abſicht, freundlich und rück⸗ ſichtsvoll gegen ſeine„reizende Tante“ zu ſein. Er ſagte ihr, daß er ſie gern ſpazieren führe, weil ſie ſo hübſch ſei, er lobte ihren feinen, geſchmackvollen Anzug, der nur ein Wenig altmodiſch wäre, doch dem würde er bald abhelfen, ſeine Tanten ſollten ſich ſpäter nur in Seide kleiden, er würde ihnen einen ſchönen Wagen halten und der Ehre und Freude ſollte kein Ende ſein. Auf dem Heimwege machte er einen langen Umweg, um Hilary ein Haus zu zeigen, wie er eines miethen wolle. Es erſchien ihrem nicht verwöhnten Auge unendlich groß⸗ artig, mit ſeinen Pfeilern und der breiten, hohen Treppe, beſſer geeignet für einen reichen Privatmann, der ſich aus dem Geſchäftsleben zurückgezogen, als für einen jungen Arzt, der ſoeben erſt ſeine Laufbahn beginnen wollte. „Ja, wir dürfen es Keinem merken laſſen, daß wir erſt Anfänger ſind, ſonſt würde man uns nicht viel trauen“, ſagte Askott mit weiſer, erfahrungsreicher Miene. „O wie mancher junger Burſche nahm nicht nur ein Haus, ſondern Pferde und Wagen auf Borg, und fuhr und fuhr damit, bis er ſich ſo nach und nach ins Glück hinein kutſchirte. In der Welt gilt doch nur der Schein, und — Einer ſtreut dem Andern Sand in die Augen, dem Hum⸗ bug muß man mit gleicher Münze zahlen. Das iſt der richtige ante, trau meiner Erfahrung.“ ihre ehrlichen Augen auf das Antlitz des Jünglings, der noch einige Jahre weniger als ſie zählte, und der trotzdem, wenn er in dieſer Weiſe ſprach, ihr ſo erbarmungsvoll und erſchreckend alt erſchien; und ſie war froh und dankerfüllt, daß ſie, koſte was es wolle, nach London gekommen waren, um bei ihm zu ſtehen, ihm zu helfen auf ſeinem Wege, ihn zu retten, wenn er der Rettung bedurfte, um Alles zu thun, was in dieſer vorſorglichen Weiſe nur Frauen vermögen. Denn war er eigentlich nicht noch ein Knabe, der hin und wie⸗ der einer leitenden Hand bedurfte? Und doch, als er ihr jetzt zur Seite ſchritt, ſo kräftig und männlich in ſeiner Erſcheinung, da berührte ſie der Gedanke, wie mancher junge Mann in Askott's Alter ſchon die Stütze, der Broterwerber für ſeine verwaiſten Schweſtern, oder ſeine verwittwete Mutter ſei, wie Viele ſelbſt ſchon für Weib und Kind ſorgten; aber trotzdem wiederholte ſie ſich tröſtend und freudig:„Er iſt ja nur noch ein Knabe.“ Gott helfe den armen Frauen, die für ihre Ange⸗ hörigen, ſeien es Väter, Brüder, Gatten, in dieſer Art Entſchuldigungen herausſuchen müſſen. Als ſie endlich die St. Pankratius⸗Kirche erblickten, ſagte Askott plötzlich: „Könnteſt Du Dich jetzt wohl allein 3 Hauſe finden, Tante Hilary?“ „Gewiß— doch weshalb fragſt Du?“ „Würdeſt Du böſe ſein, wenn ich Dich hier ver⸗ ließe? Ich habe eine Verabredung getroffen mit einigen meiner Kameraden, alle Sonntage in Hampſtead oder Richmond zu Mittag zu ſpeiſen. Es iſt durchaus nicht koſtſpielig und nichts Böſes dabei, ich verſichere es Dir feierlich. Ueberdies iſt es der Geſundheit dienlich, ein⸗ mal in der Woche ordentlich friſche Luft zu ſchöpfen.“ „Mag ſein; aber Tante Johanna wird Dich ungern vermiſſen.“ „Meinſt Du? Ach, Du wirſt ſie ſchon begütigen und für meine Abweſenheit entſchädigen. Und ich werde zum Thee bei Euch ſein. Ja, gewiß ich komme.“ „Da müßteſt Du Dich ſehr beeilen, denn den trinken wir bald.“ „Das vergaß ich. Ihr müßt die Stunden Eurer Mahlzeiten ändern; Eure gewohnte Lebensweiſe paßt mir gar nicht. Kein Mann liebt es, ſo früh zu Mittag zu eſſen.— Das aber muß ich Dir noch ſagen, Du biſt die liebſte, ſüßeſte kleine Tante, die ich je kennen gelernt habe. Du wirſt doch auch ſicher nach Hauſe kommen? Holla! Da iſt mein Omnibus!“ Askott ſprang auf den Bock und war bald ent⸗ ſchwunden. Hilary ſtand noch ganz betäubt da, und fühlte wie⸗ der jenes niederdrückende Gefühl im Herzen, das ſie heute ſchon mehrere Male befallen hatte. Obgleich Askott durchaus nichts Unfreundliches that, auch in ſeinem ſchö⸗ nen, leuchtenden Angeſicht kein böſer Zug zu entdecken war, ſo gab ſich doch ſowohl darin, wie in ſeinem gan⸗ zen Weſen ein Mangel kund, ein Mangel an Ernſt, * Herrin und Dienerin. I. 13 Stetigkeit, Wahrheitsliebe; ein Etwas herrſchte darin vor, das, weit entfernt vom Schlechten und Böſen, doch fühlbar machte, es fehle an dem Rechten. Dies be⸗ trübte Hilary tief und ließ ſie angſtvoll in ſeine Zu⸗ kunft blicken. Und dieſe Angſt und Sorge waren ſo verſchieden von jenen Gefühlen, mit welchen ſie an den andern einzigen Mann dachte, deſſen Zukunft ſie in⸗ tereſſirte, da lag neben dem ungewiſſen Bangen, was das Schickſal bringen konnte, doch die vollkommene Ruhe, daß er es würdig tragen werde, und daß jede Verſu⸗ chung, welche Robert Lyon treffen könnte, ſtandhaft be⸗ ſiegt werden würde, mit dem redlichen Kampfe, der dem Chriſten geziemt. Aber Askott? Deſſen Leben lag noch als eine dunkle, ungelöſte Frage vor ihr. Sie konnte es nur in die ſtarke, allmächtige Vaterhand befehlen. So fand Hilary ihren Weg heimwärts, nachdem ſie ein Paar Mal hoöfliche Conſtabler darum gefragt; und dann ging ſie noch ein Wenig weiter— darf ich ein ſo romantiſches Thun von einer ſo praktiſchen, vernünftigen kleinen Perſon verrathen?— um noch wieder einmal die Straße, in der er gewohnt, zu durchſchreiten. Nie⸗ mand erfuhr es, und es that ja auch Keinem Schaden. Im Hauſe Nr. 15 war indeſſen der Nachmittag langſam genug vergangen. Selina hatte ſich, wie ge⸗ wöhnlich Sonntags, niedergelegt, und als Eliſabeth ihr alle die kleinen Dienſte geleiſtet, welche dieſe etwas ver⸗ wöhnte Dame ſtets verlangte, war das Mädchen nach dem trübſeligen Waſchhaus hinuntergegangen, das ihr unter dem Namen:„einer Privat⸗Küche“ übergeben wor⸗ 195 den war. Nachdem ſie den häßlichen, unreinlichen Raum nach beſten Kräften geſäubert, und ſo gut als mög⸗ lich eingerichtet hatte, ſaß ſie dort zuweilen, gleich Ma⸗ rius zwiſchen den Trümmern Karthagos und ſeufzte nach der ſauberen, gemüthlichen Kochküche in Stowbury. Aus ihrer kurzen Erfahrung hatte ſie doch ſchon den Schluß gezogen, daß die Menſchen in London nicht viel taugen konnten, da ſie ſo gar nichts auf eine comfor⸗ table Küche gaben. Sie fragte ſich, wie ſie jemals in ſolchem Raume ſich heimathlich fühlen ſolle, und hätte vielleicht ihr trauriges und mürriſches Geſicht darüber in den Zimmern ihrer Herrinnen gezeigt, wenn nicht Fräulein Leaf gerade heruntergekommen wäre und mit jenem ſüßen, milden Lächeln ſich umſchauend geſagt hätte: „Anmuthig iſt dieſer Aufenthalt nicht, aber Du haſt daraus gemacht, was ſich nur thun ließ, Eliſabeth. Ja, wir müſſen Alle Manches zu vergeſſen ſuchen. Da meine Augen heute ſchwächer als ſonſt ſind, ſo möchte ich wohl, Du kämeſt mit mir, ein Kapitel aus der Bibel mir vor⸗ zuleſen.“ Bald ſaß in dem ruhigen Zimmer das Mädchen ihrer Gebieterin gegenüber und las aus jenem Buche, das da ſpricht: „Ihr Knechte, ſeid gehorſam Euren leibli⸗ chen Herren, mit Furcht und Zittern, in Ein⸗ fältigkeit Eures Herzens, als Chriſto; und wiſſet, was ein Jeglicher Gutes thun wird, das wird er von dem Herrn empfahn, er ſei ein Knecht oder ein Freier.“ 13* „Und Ihr Herren, thut auch daſſelbige gegen ſie, und laſſet das Dräuen, und wiſſet, daß auch Euer Herr im Himmel iſt, und iſt bei ihm kein Anſehen der Perſon.“ Und ich denke, daß der Herr, dem Paulus diente, nicht nur in Worten, ſondern auch in Werken, als er den Sklaven Oneſimus zu Philemon zurückſandte mit der Bitte, daß dieſer ihn annehme:„nun nicht mehr als einen Knecht, ſondern mehr denn einen Knecht, einen lieben Bruder—“ ich denke, daß der göttliche Meiſter liebevoll auf dieſe beiden Frauen blickte, die im Alter und in der Lebensanſchauung ſo verſchieden, doch in Einem zuſammenkamen, und daß er ſie durch Seinen heiligen Geiſt, Sein Wort lehrte, wie nur Er ſelbſt es lehren kann. Das Vorleſen wurde durch einen vor dem Hauſe hal⸗ tenden Wagen unterbrochen, dem ſogleich ein Klopfen an die Thür folgte, ein Klopfen, wie es nur von einem ſehr großen, kräftigen Bedienten herrühren konnte, ſo laut, daß Johanna erſchreckt in ihrem Lehnſtuhle empor⸗ fuhr. „Es kann kein Beſuch für uns ſein, wir kennen ja Niemand. Eliſabeth, bleibe ſitzen!“ Und dennoch war es ein Beſuch, der ihnen galt, ob⸗ wohl ſie trotz alles ſpäteren darüber Denkens nie be⸗ griffen, wie er ſie in dem großen London aufgefunden hatte. Eine Viſitenkarte wurde ihnen durch Frau Jone's unſaubere Magd überbracht, der auf dem Fuße ein Mann, ich müßte wohl ſchreiben, ein Herr folgte, von gedrungener, ſtarker Figur, mit rundem, vollem Geſicht 197 und kahlem Kopf; obgleich Johanna ihn ſeit Jahren nicht geſehen, ſo erkannte ſie in ihm doch den einſtigen Krämerlehrling, jetzt den wohlhabenden Herrn Peter As⸗ kott vom Ruſſel⸗Platze. Sie erhob ſich, ihn zu empfangen; es lag ſtets Stattlichkeit und große Würde in Johanna's Art, Fremde zu begrüßen; dieſe Förmlichkeit ſchrieb ſich aus einer früheren Zeit her, als die Leaf's noch eine der angeſehen⸗ ſten Familien der Grafſchaft waren. Bielleicht brachte dieſe vornehme Würde, ſo anmu⸗ thig ſie war, den kleinen Herrn außer Faſſung, oder als ein unverheiratheter Mann mochte er wohl nicht oft in Damengeſellſchaft ſein, denn er wurde glühend roth, drehte ſeinen Hut verlegen zwiſchen den Fingern und nach einem zögernden und doch prüfenden Blick, ſagte er: „Ich glaube, ich habe die Ehre, Fräulein Leaf zu ſehen, die älteſte der Schweſtern.“ „Die bin ich; und ich freue mich, endlich eine Gelegen⸗ heit zu finden, Herr Askott, Ihnen für all die Güte zu danken, welche Sie meinem Neffen ſchon ſo lange er⸗ weiſen. Eliſabeth, gieb dem Herrn einen Stuhl!“ Indem ſie dem Gebot folgte, und ehe ſie das Zim⸗ mer verließ, warf Eliſabeth einen verſtohlenen, prüfen⸗ den Blick auf den Freiden, deſſen Name und Geſchichte ihr ſo wohlbekannt waren. Die meiſten kleinen Städte haben ihren Helden, und der von Stowbury war Peter Askott, der als ein Krämerlehrling nach London gewan⸗ dert war, dort ſein Glück zu ſuchen und der es ſelt⸗ ſamer Weiſe auch fand. Durch Fleiß und Induſtrie oder durch Glück— eigentlich ſind in manchen Fällen 198 die Worte gleichbedeutend— erhob er ſich zu einem großen Kaufmann der City, der außer ſeinem guten Ge⸗ ſchäft ein ſtattliches Haus und eine ſchöne Equipage ſein eigen nannte. Er hatte ſeine Geburtsſtadt nie wie⸗ der beſucht, was auch, da er keine Verwandte dort be⸗ ſaß, nicht erwartet werden konnte, doch ſobald man von Stowbury aus Angriffe auf ſeine Mildherzigkeit machte, und dies geſchah nicht ſelten, ſo war er ſtets bereit für die wohlthätigen Anſtalten dort reichliche Gaben zu ſenden. So nahm er in jener Stadt den Platz eines wahren Helden ein, und obgleich die Leute in der That ſehr wenig über ihn wußten, ſo fabelten ſie deſto mehr, ihn der heranwachſenden Generation als einen modernen Dick Whittington hinſtellend, dem die größte Verehrung ge⸗ büre, weil er über ſeinen Geburtsort Ruhm und Glanz gebracht habe. Selbſt Eliſabeth hatte eine hohe Idee von Peter Askott. Als ſie den kleinen, wohlbeleibten Mann betrachtete, der trotz der feinen Kleider und des blitzenden Diamantringes unfein, ja gewöhnlich ausſah, und deſſen ganzes Weſen ein ſeltſames Gemiſch von Prahlerei und Unbeholfenheit zeigte, dachte ſie lächelnd, wie ſehr unintereſſant doch der Held ſei, über den ſo viele und ſpannende Geſchichten in Stowbury erzählt wurden. Deſſenungeachtet ging ſie zu Selina, um dieſe von dem Beſuche zu benachrichtigen und ſie zu verhindern, in ihrem Negligée zu erſcheinen, das ſie Sonntags, wenn ſie allein waren, meiſtens trug. Nachdem die erſte Verlegenheit überwunden war, ſchien Herr Askott ſich in Fräulein Leaf's Geſellſchaft ganz wohl zu fühlen. Er ſprach viel— nicht von Stowbury, das wurde von Beiden mit Schweigen übergangen— aber von London, und beſonders von„meinem Hauſe“, „meiner Equipage“,„meinen Dienſtleuten“, dabei klagte er über die Kutſcher, die den Trunk nicht laſſen konnten, die Diener, welche den Tiſch nicht gut und ſauber be⸗ ſorgten, und endete mit einer ſeiner Lieblingsredensarten, „daß Stand und Reichthum ſchwere Verantwortlichkeiten mit ſich brächten.“ Er ſchien zwar durchaus von dieſer Laſt nicht nie⸗ dergebeugt zu ſein, denn er hatte ein wohlgenährtes, blühendes Geſicht, deſſen Stirn und Augen Kraft und Scharfſinn ausdrückten, und den Commentar dazu gaben, wie er ſeine gute Stellung erlangt hatte. Die untere Hälfte ſeines Antlitzes gefiel Johanna nicht, obwohl ſie kaum wußte warum, wenn auch ein Phyſionomiſt leicht den Grund dafür hätte angeben können. Peter Askott hatte einen herunterhängenden, trotzigen und ſinnlichen Mund mit vollen Lippen, einen ſtarken Hals, einen Stiernacken, wie man es nennt, alles Zeichen einer we⸗ ſentlich rohen und gemeinen Natur, die ſowohl dem Edelmanne wie dem Bauer angeboren ſein kann, die keine Erziehung zu verfeinern im Stande iſt, die ſogar Talent und Begabung, welche dabei exiſtiren können, nicht ganz zu verwiſchen vermögen. Er erinnerte Jeden unwillkürlich an das alte wahre, wenn auch etwas derbe Sprüchwort:„Du kannſt keine ſeidene Börſe aus eines Schweines Ohr machen.“ Trotzdem war Herr Askott kein böſer oder ſchlechter 200 Mann, obgleich noch etwas Anderes und Tieferliegen⸗ des als ſeine glorreiche Gleichgültigkeit gegen die Gram⸗ matik, es ihm bei aller Eleganz der äußeren Erſcheinung unmöglich machte, ein Gentleman zu ſein. Sie ſprachen von Askott, als dem Beiden am näch⸗ ſten liegenden Gegenſtande zur Unterhaltung, und Jo⸗ hanna Leaf drückte ihre eigene Dankbarkeit und die ihres Neffen aus, der ſich lebenslänglich ſeinem guten Pathen verpflichtet fühlen würde. Dieſer nahm den Dank mit ſichtlichem Vergnügen hin. „Askott iſt kein ſchlimmer Burſche— ich glaube, er hat ganz gute Vorſätze, aber, Fräulein, er iſt ſchwach, ich fürchte, er iſt ſehr ſchwach. Kennt nicht viel von ſeinem Fache— iſt durchaus kein Geſchäftsmann. Dennoch müſſen wir ſuchen, ihm emporzuhelfen; ich bereue nichts, was ich für ihn gethan habe.“ „Ich hoffe, er ſoll Ihnen auch nie Veranlaſſung dazu geben“, erwiderte Johanna ernſt. Jetzt entſtand eine unbehagliche Pauſe im Geſpräche, die glücklicher Weiſe durch das Oeffnen der Thür und den Eintritt einer hohen, ſtattlichen Geſtalt unterbrochen wurde. „Meine Schweſter Selina— Herr Peter Askott.“ Der kleine dicke Mann fuhr zuſammen und als er ſich verbeugte, wurde ſein Geſicht, ja ſelbſt die Stirn, von flammender Röthe übergoſſen. Wie ſchon früher bemerkt, war Selina die Hübſcheſte in der Familie, und eine erklärte Schönheit von Stow⸗ bury geweſen; und ſelbſt noch jetzt, trotzdem ſie nicht weit von vierzig Jahr war, konnte ſie in gewählter, kleidſamer Toilette, mit ihrem wohlerhaltenen Antlitz, deſſen ſchönen Züge und friſcher Teint durch keine Run⸗ zeln entſtellt wurden, und mit ihrer ſchlanken, und doch vollen Figur, ſehr gut und ſtattlich ausſehen. Jeden⸗ falls war ſie nicht verblüht genug, noch mochte das Herz des reichen Stadtherrn ſo erkaltet ſein, daß nicht plötz⸗ lich wieder eine Erinnerung an einſt aufgelebt, und die blendende Viſion vor ſeinen Augen erſtanden wäre, welche vor langen Jahren jeden Sonntag die Augen des armen Ladenburſchen gefeſſelt hatte. Wenn es in dem Herzen eines Mannes— und ſei es der weltlichſte— eine reine, unberührte Stelle giebt, ſo iſt es gewöhnlich die, welche ſeine erſte, knabenhafte Liebe einnahm. Peter Askott's Blick weilte lange auf Selina, dann ſah er verlegen in ſeinen Hut, und endlich traf ſein Auge glücklicher Weiſe das Fenſter und ſomit ſeine Equi⸗ page. Das belebte ſeinen Muth, und lehrte ihn erken⸗ nen, welche große Perſon er war— er, Herr Peter Askott vom Ruſſel⸗Platze, der gütige Beſchützer und Wohlthäter der herabgekommenen Familie Leaf. „Sehr erfreut, Sie zu ſehen, Fräulein. Lange her, ſeit wir uns zum letzten Male begegneten— Keiner von uns Beiden iſt mehr ſo jung wie damals, obgleich ich geſtehen muß, daß Sie ſich gut gehalten haben.“ Selina richtete ſich noch ſtolzer empor; ſie war nahe daran, die Beleidigte zu ſpielen, als auch ſie noch zu rechter Zeit den eleganten Wagen mit den ſchönen Pfer⸗ den vor der Thür bemerkte. Jetzt ſetzte ſie ſich beſänf⸗ tigt nieder und begann ein Geſpräch mit Herrn Askott, 202 und Niemand konnte höflicher und angenehmer ſein als Selina— wenn ſie es nämlich ſein wollte. Daher kam es, daß die ſtattliche Equipage langſam auf und nieder fuhr, oder daß die Pferde das FPflaſter zerſtampften, beinahe eine ganze Stunde lang. Ja, ſelbſt Hilary fand noch den Beſuch vor. Es war ihr ärgerlich, den Neffen wegen ſeines Aus⸗ bleibens entſchuldigen zu müſſen, um ſo mehr, da ſein Pathe lachend bemerkte, junge Leute müßten austoben, und ſie möchten Askott nur nicht vor Mitternacht oder gar erſt am nächſten Morgen erwarten. Obgleich er hiermit, wie in vielen anderen Dingen die Damen etwas kränkte, ſo konnte doch nicht behaup⸗ tet werden, daß er nicht höflich gegen ſie war— un⸗ ausſprechlich höflich zeigte er ſich. Er bot ihnen Ein⸗ trittskarten für den zoologiſchen und botaniſchen Garten an; und nach einem kleinen Ueberlegen und Zwinkern ſeiner grauen Augen war er ſogar ſo kühn, die ganze Familie für den nächſten Sonntag zum Mittageſſen ein⸗ zuladen. „Ich gebe meine Geſellſchaften ſtets Sonntags, denn außerdem habe ich keine Zeit“, bemerkte er, als er der älteſten Schweſter leichtes Zögern ſah, die Einladung anzunehmen.„Handeln Sie ganz nach Ihrem Belie⸗ ben, Fräulein, es ſteht Ihnen ja frei, nicht zu kommen.“ Doch Selina, zu der er ſich am meiſten wandte, verbeugte ſich zuſtimmend mit anmuthigem Lächeln. Von Hilary nahm Herr Askott faſt gar keine No⸗ tiz. Hätte man ihn nach ihr gefragt, ſo würde er ſie als eine kleine, unſcheinbare, ſchlecht gekleidete Perſon —.———————————— beſchrieben haben, die ganz wie eine Gouvernante aus⸗ ſah. Und plötzlich mußte ihm ihr Lehramt auch ein⸗ fallen, denn er fragte ſie, ob ſie wieder eine Schule er⸗ richten wollte. Auf ihre Entgegnung, daß ſie lieber Pri⸗ vat⸗Unterricht ertheilen möchte, verſprach er ihr, ſie ſolle den großen Vortheil ſeiner Protection in dem weiten Kreiſe ſeiner Bekannten erhalten. Beim Abſchiednehmen bat er noch, Askott morgen früh zu ihm zu ſchicken, da er ihn zu ſprechen wünſche. „Denn Sie müſſen es ſelbſt begreifen, Fräulein Leaf, obgleich das Jahrgeld, welches ich Ihrem Neffen zahle, für mich ein Nichts iſt, ein Tropfen in dem Meere meines Einkommens— ſo macht doch die Länge der Zeit eine hübſche runde Summe daraus, und ſieht man nun kein rechtes Streben von des jungen Mannes Seite, für ſich ſelbſt zu ſorgen, dann denkt auch wohl der gütigſte Menſch der Welt einmal daran, die Unterſtützung aufhören zu laſſen. Ich will das nicht thun, wenig⸗ ſtens nicht gleich; Askott iſt ein hübſcher, junger Bur⸗ ſche, und es macht mich faſt ſtolz, ihm ſo emporgehol⸗ fen zu haben, daß er doch die erſten Sproſſen der Lei⸗ ter erklimmt hat, und überdies fühle ich große Hoch⸗ achtung“— ſich gegen Selina verbengend—„ſehr große Hochachtung für Ihre Familie. Dennoch aber dürfte eine Zeit kommen, da ich genöthigt ſein könnte, meine Börſe zu ſchließen. Sie verſtehen mich, Fräulein?“ „Gewiß“, antwortete Johanna, ſich bemühend mit Würde und Ruhe zu ſprechen, denn ſie bemerkte, wie Hilary's Geſicht von flammender Röthe überſtrömt wurde.„Ich glaube, Herr Askott, die Zeit iſt nah, da mein Neffe aufhören wird, eine Bürde für Sie zu ſein. Ihre eigene Güte hat übrigens dieſes Opfer über Sie gebracht, aber hoffentlich werden Sie niemals Ihren Pathen, oder einen von uns, undankbar gefunden haben.“ „Ach, was das anbetrifft, ich rechne nie auf Dank⸗ barkeit. Wenn Askott ſich wirklich eine gute Stellung erwirbt— freilich wäre er der Erſte in ſeiner Familie, dem dies gelänge——— Doch Verzeihung, Fräulein Leaf! Meine Damen ich empfehle mich Ihnen. Darf ich bitten, daß Ihre Dienerin meinen Kutſcher ruft?“ Sobald er das Zimmer verlaſſen hatte, brach der Sturm in Hilary los. „Wäre ich Askott, ſo wollte ich lieber in einem elenden Bodenkämmerchen hungern, Steine am Wege klopfen oder die Straße kehren, ehe ich von dieſem Manne abhängig wäre, dieſem prahlenden, geldſtolzen, ungebildeten Narren.“ „Kein Narr“, entgegnete Johanna zurechtweiſend. „Er iſt ein praktiſcher, umſichtiger Geſchäftsmann, und gewiß von Herzen kein böſer Menſch. Unfein und roh iſt er, aber wenn wir Alle, welche dieſe Eigenſchaf⸗ ten beſitzen, haſſen ſollten, da würden wir eine Unzahl finden. Und bedenke, Hilary, wenn ſeine Art, Güte und Wohlthaten zu erweiſen, auch keinesweges angenehm iſt, ſo hat er doch viel für Askott gethan.“ „Ich glaube, Johanna, Du würdeſt für einen ge⸗ wiſſen Jemand mit dem Pferdefuße noch ein freund⸗ liches, entſchuldigendes Wort haben“, rief Hilary — lachend.„Nun Selina, wie denkſt Du über Deinen kleinen, wohlbeleibten Freund?“ Selina erklärte etwas auffahrend, daß ſie durchaus nicht ſo viel an Herrn Peter Askokt auszuſetzen fände. Er hätte keine feine Erziehung genoſſen, trotzdem ſei er doch ein höchſt reſpectabler Mann. Daß er ſie ſo bald aufgeſucht, ſei ſehr höflich und aufmerkſam. Sie glaube in Anbetracht ſeiner jetzigen Stellung ſollten ſie ver⸗ geſſen— ja, als Chriſten wären ſie ſogar verpflichtet es zu thun— daß er einſt ihres Krämers Lehrling ge⸗ weſen, und müßten die Einladung zum nächſten Sonn⸗ tag annehmen. „Ich meines Theils gehe hin, wenngleich es Sonn⸗ tag iſt. Ich betrachte es faſt als eine religiöſe Pflicht, die Pflicht gegen meinen Nächſten.“ „Welche gebietet, ihn zu lieben als Dich ſelbſt. Nur zu, Selina, ich mache keinen Einwand. Es würde ein ſehr paſſender Schluß für die romantiſche Geſchichte ſein, die Stowbury zu erzählen pflegte, wie der Laden⸗ burſche ſich die Augen faſt blind ſah nach der ſchönen, jungen Dame; und Du könnteſt all die Annehmlichkei⸗ ten meines Hauſes am Ruſſel⸗Platze ameiner Equi⸗ page und meiner Diener» genießen, und nebenbei im Stande ſein, Deine ganze Familie emporzubringen. Bitte, bitte, Selina, ſuche Herrn Peter Askott zu fangen!“ Hilary brach in ein fröhliches, unwiderſtehliches Lachen aus, während zu ihrem maßloſen Erſtaunen Selina's Antlitz von zorniger Röthe überflammt wurde. 206 „Schweig, Du unnützes, albernes Kind, und ſprich nicht von Dingen, welche Du gar nicht verſtehſt.“ Majeſtätiſch und in höchſter Indignation rauſchte ſie nach dieſer Zurechtweiſung aus dem Zimmer. „Was habe ich gethan? Iſt ſie wirklich gekränkt? Hätte ich geahnt, ſie könnte es für Ernſt nehmen, ſo würde ich kein Wort geſagt haben.“ Die Schweſtern waren ſchon zu ſehr an Selina's üble Launen gewöhnt, als daß ſie ſich lange über die⸗ ſen letzten Anfall beunruhigt hätten, und als ſie zum Thee wieder in der beſten Stimmung erſchien, kamen ſie ihr wie immer freundlich entgegen, glücklich und dankerfüllt für den ſeltenen Sonnenſchein am Himmel der Familie, der leider nie ſehr lange ungetrübt ſtrahlte. Der Abend ward trotzdem Allen lang. Sie warte⸗ ten mit dem Eſſen bis nach zehn Uhr, doch Askott kam nicht. Johanna las wie immer das Kapitel aus der Bibel; Eliſabeth wurde zu Bett geſchickt, aber keine Spur von dem Abweſenden ließ ſich erſpähen. „Ich werde aufbleiben; er kommt gewiß gleich“, verſicherte Hilary, und ſie ſetzte ſich in das einſame Wohnzimmer, welches nur durch ein Licht erhellt und ohne Kaminfeuer ein troſtloſer Aufenthalt war. Erſt um Mitternacht kehrte der junge Mann zurück. Vielleicht fühlte er doch Reue, als er Hilary's bleiches, müdes Antlitz ſah und ihre ſtille Art bemerkte, mit der ſie ſein Licht anzündete, denn er entſchuldigte ſich viel⸗ mal über ſein Ausbleiben. „Auf Ehre, Tante Hilary, ich werde Dich nie wie⸗ der ſo lange warten laſſen. Arme, liebe Herzenstante, 207 wie erſchöpft Du ausſiehſt“, und er küßte ſie zärtlich. „Doch glaube mir, wenn Du als junger Mann unter vielen fröhlichen Kameraden Dich befändeſt, ſie würden Dich auch überreden.“ „Du müßteſt lernen: Nein? zu ſagen, Askott!“ „Ach“— mit einem tiefen Seufzer—„ich müßte es, wenn ich nur ſo gut und feſt wie meine liebſte Tante wäre.“ zwölftes Fapitel. Monate ſchwanden dahin; die Bäume auf dem Burton⸗Platz waren entlaubt, und die Rufe der vorüber⸗ ziehenden Verkäufer, des Sommers Gaben, Blumen und Früchte feilbietend, verſtummten nun ganz in der ſtillen Straße. Die drei Schweſtern vermißten ſie faſt, denn in die Einſamkeit ihres Wohnzimmers waren ſie als Lebenszeichen der Außenwelt hineingedrungen. Es war eine troſtloſe Exiſtenz, die ſie führten, von Morgen bis Abend in der ſtillen Stube ſitzend, in der gänzlichen Verlaſſenheit von Leuten, die weder Geld noch Luſt haben, um an den Vergnügungen theilzunehmen, welche London bietet, die ganz unbekannt dort, von Niemand beſucht werden und auch zu Niemand gehen können. Herr Peter Askott war der Einzige, der zuweilen kam, auch wohl einmal zum Thee blieb; aber die Gaſtfreund⸗ ſchaft wurde nur von Seiten der Damen ausgeübt. Die erſte und einzige ſeiner Mittagsgeſellſchaften, zu der Selina unter jeder Bedingung gehen wollte— und auch 209 Johanna fand es angemeſſen, daß Hilary und Askott die Einladung annahmen— fiel ſehr glänzend aus, aber ſie waren die einzigen Damen dabei geweſen, und obwohl Herr Askott die Pflichten als Wirth mit großem Eifer erfüllte und die Ehre ſeines Hauſes mit vielem Pomp aufrecht erhielt, auch Selina an das oberſte Ende der Tafel placirte, wo ſie ſich ſehr gut ausnahm, ſo kamen die Schweſtern doch darin überein, daß es beſſer ſei, fernere Einladungen abzulehnen; ſelbſt Selina meinte, dies ſei würdiger und paſſender. Außer Herrn Peter Askott kam Niemand zu ihnen. Ihr Neffe erbot ſich nie, einen ſeiner Freunde mitzu⸗ bringen, und nach und nach ſahen ſie ſelbſt ihn nur wenig. Er war ſehr viel aus, beſonders zu den Mahl⸗ zeiten, ſo daß die Tanten endlich die ſchwere und koſt⸗ bare Sache aufgaben, ihre einfache, kärgliche Lebens⸗ weiſe ſeinetwegen zu ändern, um ihn dadurch mehr an das Haus zu feſſeln. Sie würden ſelbſt angeſtanden haben, jenes kleine Koſtgeld von ihm anzunehmen, welches er ſich freiwillig erboten zu zahlen, wenn er es ihnen gegeben hätte— was aber nicht geſchah. Sobald er indeſſen einen Tag oder einen Abend bei ihnen blieb, war er gut und zärtlich gegen ſie, und die Beſchreibung alles deſſen, was er für ſie thun wolle, wenn er nur erſt Praxis habe, bildete ſtets das Lieblingsthema ſeiner Unterhaltung. S. Die Tanten führten indeſſen den Hausſtand ſo ſparſam als möglich von jener kleinen Summe flüſſigen Geldes, die ſie noch beſaßen, immer hoffend, es würde Herrin und Dienerin. I. 14 210 bald beſſer werden, wenn Hilary erſt Schülerinnen hätte. Dieſe Hoffnung erfüllte ſich aber nicht. Für Jeden, der London kennt, wird dies keine Ueberraſchung ſein; zu verwundern war es mur, daß die Fräulein Leaf ſo unerfahren und vertrauensvoll ſein konnten, ſich einzu⸗ bilden, eine junge Dame, die aus einer kleinen Stadt ganz fremd nach London kam, und ſich dort in einer abgelegenen Straße niederließ, ohne Freunde oder Em⸗ pfehlungsbriefe zu haben, würde Schülerinnen finden. Nichts als ihr eigener Muth und der nie verſiechende Springquell der Hoffnung, welchen ihre glückliche, ge⸗ ſunde Natur beſaß, unterſtützt durch Jugendkraft, konnten Hilary aufrecht erhalten in dem Vorhaben, welches zehn Jahre ſpäter ihr als vollſtändiger Wahnſinn erſchienen ſein würde, der es auch wirklich war. Aber der Himmel beſchützt ja die Unmündigen und Unvernünftigen, beſon⸗ ders wenn ſie nicht aus Eigenwillen und Selbſtſucht einem faſt unerreichbaren Ziele zuſtreben; und er nahm auch die arme Hilary in ſeine Obhut. Die endloſe Kette von Schwierigkeiten und Mühſal, in denen Körper und Geiſt ermatteten, die Gefahren, welche ihr drohten, die Schlingen, denen ſie entging— wozu ſoll ich das Alles hier näher beſchreiben? Viele haben ſchon ſolche Schilderungen entworfen, noch Mehrere machten Alles ſelbſt durch, und ſie geſtanden zu, daß, wenn derartige Zuſtände in einem Buche wiedergegeben werden, die Phantaſie weit hinter der Wirklichkeit zu⸗ rückbleibt. Später vermochte Hilary auf dieſe Zeit nie ohne Schander zurückzuſchauen, ſich verwundernd, wie ſie all das Schreckliche ertragen hatte, wie ſie den Muth gefunden, das Alles zu wagen. Wahrſcheinlich wäre ſie früher erlahmt in ihren erfolgloſen Beſtre⸗ bungen, wenn ſie nicht auf Johanna geblickt, deren mildes Antlitz immer bleicher und älter wurde und trotz dem ſtets ein glückliches Lächeln trug, ſobald Hilary nur in der Thür des trübſeligen, dunklen Wohnzimmers er⸗ ſchien, und es durch ihre Gegenwart erhellend und verſchönend, für Johanna faſt zum lieben:„Daheim“ machte. Wenn ſie, zuweilen fröhlich lachend, zuweilen mit ſtrömenden, glühenden Thränen von ihren mißglückten Verſuchen und Bemühungen erzählte, ſo war es ſtets ein Herzenstroſt, Johanna's weiche Hand liebkoſend auf ihrem Haare zu fühlen und ihre ſüße Stimme zärtlich flüſtern zu hören: „Gräme Dich nicht, mein Kind, zur rechten Zeit wird doch noch Alles gut werden. Gott ſchickt uns nur das Beſte.“ Und das Antlitz, matt und verblüht, aber klar und ruhig wie ein milder, heller Sommerabend, ſtrahlend von dem Glauben, dem Frieden, der beſſer als alles Ver⸗ ſtändniß iſt, war ein lebender Commentar für die Wahr⸗ heit dieſer Worte. Auch Eliſabeth wurde ein Troſt für Hilary. Wäh⸗ rend ſie von Hauſe fern war, von einem Ende Londons zum anderen wandernd, um ſich hier auf eine Zeitungs⸗ annonce als Lehrerin zu melden, dort in einem Penſio⸗ nat um Stunden zu bitten, fielen alle häuslichen Ge⸗ ſchäfte an Eliſabeth. Sie kaufte ein und überwachte 2¹2 mit ſcharfem Auge die Vorräthe; ſie bereitete das Eſſen und beſorgte den Tiſch, ja zuweilen half ſie ſogar mit dienſtfertiger, wenn auch ungeübter Hand beim Nähen und Ausbeſſern der Wäſche. Es war ſehr gut, daß Johanna jetzt keine andere Beſchäftigung und Selina keine andere Unterhaltung hatte, als immer und immer zu nähen, denn um mit wenigen Mitteln die Garderobe von drei Damen ſtets ordentlich und anſtändig zu er⸗ halten, und auch noch für Askott die Wäſche anzufertigen, dazu gehörte viel Fleiß. „Wie erſchreckend ſchnell unſere Sachen ſich jetzt abtragen“, ſagte Hilary eines Tages, indem ſie ihr älteſtes Kleid anzog, um nicht ein beſſeres in dem dicken Nebel und den ſchmutzigen Straßen zu verderben. „In einem Laden unweit von hier ſah ich wun⸗ derſchönen Merino am Fenſter liegen“, bemerkte Eliſa⸗ beth; aber ihre Herrin ſchüttelte abwehrend den Kopf. „Nein, nein; mein altes ſchwarzſeidenes Kleid iſt noch ganz gut, und ich kann ja zwei Tücher umbinden. Mich kennt hier Niemand und in einer großen Stadt trägt ſich Jeder, wie es ihm gefällt. Sieh nicht ſo ernſt aus, Eliſabeth! Was thut es denn, wenn ich nur warm bind? So, jetzt laufe an Deine Arbeit!“ Eliſabeth gehorchte, kehrte indeſſen bald wieder zu⸗ rück, ein Bündel im Arme— einen großen, ſehr dicken, altmodiſchen Shawl. „Meine Mutter erhielt ihn als Geſchenk von ihrer Herrin— ſie gab ihn mir; aber keine von uns trug ihn je, er paßt doch nicht für unſeres Gleichen. Wenn Sie ihn nur für einen ſo entſetzlich naßkalten Tag nicht zu ſchlecht fänden, Fräulein!“ Das verlegene, faſt beſchämte Angeſicht, die bittende Stimme— nein, da war an kein Ablehnen zu denken. Ein nur natürliches Wehgefühl durchzuckte Hilary's Herz, daß ihre Dürftigkeit ſie ſo weit gebracht hatte, um ihrer Dienerin verpflichtet zu ſein; dann aber erröthete auch ſie, weniger vor Beſchämung, die Freundlichkeit des Mädchens anzunehmen, mehr über ihren eigenen Stolz, der ſich Anfangs gegen dieſe Güte ſträubte. „Ich danke Dir herzlich, Eliſabeth!“ ſagte ſie ernſt, doch unendlich ſanft, und ſie ließ ſich in den dicken Shawl einhüllen. Seine ſchrecklich grellen rothen und gelben Blumen würden ſie, das wußte ſie gewiß, den Augen der Vorübergehenden auffallen laſſen, ſelbſt in London, wo Jeder ſich nach ſeinem Belieben kleidete, aber ſie fügte ſich darin; und während ihrer langen Pilgerfahrten an dieſem Tage erwärmte der Shawl nicht nur ihre Schultern, ſondern auch ihr Herz. Auf dem Heimwege ſtand Hilary aufmerkſam vor einem Schuhmacherladen ſtill— ihre armen kleinen Füße waren ſo feucht und kalt geworden in den alten, dünnen Schuhen. Durfte ſie ſich wohl erlauben, ein Paar neue Stiefeln zu kaufen? Nicht aus Eitelkeit ſtrebte ſie danach, das war lange überwunden. Sie fragte nicht mehr, ob die„reizend kleinen Füße“, welche einſt ſo bewundert wurden, in plumpen, häßlichen Schuhen ſteckten, doch aus Rückſicht auf ihre Geſundheit wünſchte ſie, daß dieſe wenigſtens die Näſſe abhielten. Wenn ſie ſich erkältete— krank würde— ſtürbe; ſtürbe und 214 Johanna allein den ſchweren Kampf des Lebens durch⸗ kämpfen müßte— ſtürbe, ehe Robert Lyon zurückkehrte! Beide Gedanken erfaßten ſie mit Schrecken. Sie war noch zu jung und hatte trotz Allem noch zu wenig ge⸗ litten, als daß die Vorſtellung von Tod und Grab ſie ruhig laſſen konnte. „Es wird doch nichts ſ wenn ich nach dem Preiſe der Stiefel frage“, dachte Hilary,„ich erſpare das Geld dann, wenn ich noch weniger den Omnibus benutze.“ Nur auf die Weiſe, es an etwas Anderem zu erſparen, konnten die Schweſtern ſich jetzt ein neues Kleidungsſtück anſchaffen Nachdem ſie mehrere Paare anprobirt hatte— nicht ohne mit tiefem, ſchmerzlichen Erröthen ein kleines Loch, welches durch den weiten Weg in ihre ſonſt ſo ſorgſam geſtopften Strümpfe gekommen war, zu bemerken, über⸗ zeugt, daß der Verkäufer und eine alte, im Laden be⸗ findliche Dame es auch geſehen hatten— kaufte Hilary die einfachſten und dauerhafteſten Stiefel, die ſie finden konnte. Die Rechnung überſtieg den Inhalt ihrer Börſe um ſechs Pence, die ſie am nächſten Tage zu bringen verſprach; denn ſo entſetzlich es ihr war, eine Schuld über Nacht anſtehen zu laſſen, ſo konnte ſie heute doch nicht noch einmal den Weg zurücklegen. Lieber Leſer, blicke mild und ſchonend auf dieſe Schilderung kleinlicher Kämpfe und Sorgen, auf Leiden, die durchaus nichts Intereſſantes haben. Ich male Dir das Bild, nicht, weil es neu und originell, ſondern weil es ſo erſchreckend wahr iſt. Tauſende von Mädchen 215 und Frauen aus guter Familie, mit feiner Erziehung wiſſen, daß ich die Wahrheit zeichne; der grauſame Conflict mit Noth und Dürftigkeit, in dem ſie ſelbſt ihre Jugend verbracht haben, hat ſich unauslöſchlich in ihre Seele gebrannt; und glücklich ſind ſie noch zu preiſen, wenn ſie das Schwere in ihrer Jugend erlitten, da Leib und Seele Muth und Spannkraft zum Er⸗ tragen beſitzen. Auch noch ein anderer Grund bewegt mich, länger bei dieſem Thema zu weilen und es etwas weiter auszuführen. Wie oft wird den Frauen der Vorwurf des Geizes gemacht, namentlich von Männern; ja, man klagt ſie an, von Natur aus, kleinlich und ge⸗ nau in Beziehung auf Geldſachen zu ſein. Möglich, daß dieſe Anſchuldigung ihr Wahres hat. Doch mag nicht in vielen Fällen der ſtete Kampf mit kleinlichen Mängeln und Bedürfniſſen, dieſes Berechnenmüſſen des Pfenniges, das Denken und Ueberlegen, wie hier und dort zu ſparen ſei, um nur anſtändig auszukommen, die Natur der Frauen ganz unwillkürlich weniger frei⸗ gebig gemacht haben? Zuweilen bedarf es Jahre des Glückes und Wohlſtandes, um die Wirkungen einer in Kahrungsſorgen verlebten Jugend auszugleichen. Ja, ich führe dem Leſer dies Bild der Armuth vor Augen, von ſeiner wirklichen und nicht von ſeiner poe⸗ tiſchen Seite— wenn Armuth überhaupt eine male⸗ riſche und poetiſche Seite beſitzen kann— um ihm zu zeigen, wie in ihr Edelſinn, Selbſtüberwindung, Energie und Opferfähigkeit oft zu ſeltener Höhe erblühen, auch möchte ich dadurch auf den Segen hinweiſen, welchen nur einfache, beſchränkte Verhältniſſe dem Menſchen 216 verleihen können, ich meine, die Gewohnheit mehr auf die Realität als den Schein der Dinge zu blicken, mehr Freude an den geiſtigen, innerlichen, als den ſinnlichen, äußeren Genüſſen zu finden. Wenn man erſt dieſe Wohlthat recht und wahr erkannt hat, dann hört die Dürftigkeit auf, Schrecken und Scham einzuflößen. Hilary war nicht beſchämt, ſelbſt in dem Augenblick nicht, als ihre Armuth durch das Leben in London viel ſchmerzlicher und fühlbarer, denn in Stowbury wurde. Sie litt dadurch, aber ärgerlich und gedemüthigt wurde ſie nicht; entweder war ſie zu ſtolz dazu oder nicht ſtolz genug; ihre einfachen, dürftigen Verhältniſſe ſchienen ihr ſtets nur etwas Aeußerliches, was ihre ſonſtige Stellung zur Welt nicht weiter berührte. Es fiel ihr gar nicht ein, auf den Schuhmacher böſe zu ſein, der, obwohl er ihr die ſechs Pence anvertraute, ſich dennoch ſorgſam ihren Namen und ihre Wohnung notirte, ebenſowenig beargwöhnte ſie die alte Dame, welche der Verhandlung zuhörte— ſie ſchien eine wohlbekannte, gute Kundin zu ſein und trug ein ſchweres, ſchwarzſeidenes Kleid und koſtbares Zobelpelzwerk— daß ſie geringſchätzend auf ſie herabſehe. Hilary ſelbſt verachtete nie Jemand, es wäre denn um ſeine Schlechtigkeit geſchehen. So wartete ſie ſtill und zufrieden, weder an ſich ſelbſt denkend, noch an das, was Andere von ihr halten möchten. Ihre ganze Seele war mit den beiden Perſonen beſchäftigt, die in jeder Minute des Ausruhens ſich ihrer Gedanken bemächtigten, und die Macht beſaßen, jede Kränkung, alles Weh zu beſänftigen, indem ſie ſie über all die kleinen Sorgen und Mühen emporhoben— Jo⸗ hanna und Robert Lyon. Unter dieſem Einfluſſe ward ihr erregtes Antlitz ruhiger, und es lag ein ſo ſehn⸗ ſuchtsvoller, liebeinniger Ausdruck in ihren klaren Augen, daß es nicht zu verwundern war, daß die vorhin er⸗ wähnte alte Dame ſie aufmerkſam betrachtete, wie wir zuweilen ganz fremde Menſchen durch ein plötzlich erwecktes Intereſſe genau beobachten. Es iſt gar nicht zu berechnen, wie weit ein ſolches Intereſſe führen, noch was daraus entſtehen kann. Zu⸗ weilen wird es als„romantiſch“„unnatürlich“„einem Theatercoup ähnlich“ lächerlich gemacht, und trotzdem laſſen ſich ſolche Thatſachen, die oft geſchehen, beſonders Leuten von reger Sympathie und ſchneller Faſſungsgabe, nicht fortleugnen. Ja, ſelbſt ganz alltägliche Menſchen haben davon gehört oder es ſelbſt erfahren, wie ſolch ſchnell entſtandenes Intereſſe ſich in eine geheimnißvolle, lebenslängliche Liebe verwandelt hat, wie treue Freund⸗ ſchaftsbündniſſe, ſeltſam geſchloſſene, doch außerordentlich glückliche Ehen, und die wunderbarſten Schickſalswechſel ſich daraus entwickelt haben; alles Dinge, für welche man weiter keine Erklärung findet, als in dem Glauben an die ewig waltende Vorſehung. Als Hilary aus dem Laden trat, erſchreckte ſie eine Stimme, welche dicht bei ihr erklang. „Ich bitte um Entſchuldigung, doch wenn Ihr Weg Sie nach Southampton Row führt, möchten Sie dann wohl eine alte Frau von der Wohlthat ihres großen, capitalen Regenſchirmes ein Wenig profitiren laſſen.“ „Herzlich gern“, erwiderte Hilary, höchlichſt ergötzt über das ſeltſame Verlangen. Aber es wurde mit 218 wahrem Vergnügen erfüllt, denn die alte Dame ſprach mit dem„Accent der ſchottiſchen Hochlande“, den die närriſche Hilary nie ohne ein Beben Herzens hören konnte. „Vielleicht denken Sie, die alte Frau könnte auch lieber eine Droſchke nehmen, ſtatt ſich Fremden aufzu⸗ drängen, aber ich bin noch friſch und kräftig, und da mich nur eine Straße von meiner Wohnung trennt, ſo mag ich nicht ſo unnütz mein Geld ausgeben.“ „Ganz recht“, beſtätigte Hilary mit einem leiſen Seufzer, denn ſie wußte nur zu gut den Werth des Geldes zu ſchätzen. „Ich ſah Sie in dem Schuhmacherladen, und Sie ſchienen mir eine der jungen Damen zu ſein, die einem alten Mütterchen gern eine Gefälligkeit erweiſen, ſo dachte ich:„Du willſt ſie anreden.““ „Es freut mich, daß Sie es thaten.“ Arme, liebe Hilary, wie ſtolz und froh ſchlug Dein Herz, indem Du erfuhreſt, daß Du wirklich noch Je⸗ mand etwas Gutes und Freundliches erweiſen konnteſt! So wanderten ſie dahin; es war eine lange, lange Straße und Hilary ging ſich ein weites Stück Weges um, natürlich aber ſprach ſie nicht davon, vorausſetzend, daß ihre Gefährtin gar nicht wiſſe, wo ſie wohne,— eine unrichtige Annahme. Endlich ſtanden ſie vor einem ſehr anſtändigen, hübſchen Hauſe nahe Brunswick Square ſtill, an dem auf blitzender Meſſingplatte die Worte: „Fräulein Balquidder“ zu leſen waren. „Dies iſt mein Haus und mein Name. Ich danke 219 Ihnen herzlich für Ihre Güte! Wie der Regen ſrh Sie ſind ganz durchweicht.“ Lächelnd ſchüttelte Hilary die Tropfen von ihrem dicken Shawl ab. „Es wird mir nichts ſchaden; ich bin gewöhnt in jedem Wetter auszugehen.“ „Sind Sie eine Lehrerin?“ Die Frage wurde in ſo gütigein Tone gethan, daß ſie nicht als unpaſſend geltend konnte. „Ja; aber ich habe keine Schülerinnen und werde ſchwerlich welche bekommen.“ „Warum nicht?“ „Vermuthlich, weil ich Niemand hier kenne. Es ſcheint entſetzlich ſchwer, in London als Lehrerin beſchäftigt zu werden. Doch Verzeihung, Madame.“ „Es iſt an mir, ſolche zu erbitten“, ſagte Fräulein Balquidder nicht ohne Würde,„dafür, daß ich einer Fremden Fragen vorlege. Aber einſt war ich ſelbſt hier fremd und allein und es aging hart her», wie wir in Schottland ſagen, ehe ich mir mein tägliches Brot ver⸗ diente. Obwohl ich keine Lehrerin war, ſo kenne ich doch die mühevolle Exiſtenz einer ſolchen ganz genau, und wenn ich Töchter hätte, die für ihren Lebensunter⸗ halt arbeiten müßten, ſo würde ich die eine Bedingung ſtellen, daß ſie niemals Lehrerinnen oder Erzieherinnen würden.“ „Wirklich? Und aus welchem Grunde?“ „Jetzt, da Sie in den naſſen Kleidern vor mir ſtehen, kann und will ich Ihnen das nicht erklären, meine Liebe, aber wie ich ſchon vorhin erwähnte, wenn 220 Sie Vergnügen machen wollen, mich zu be⸗ ſuchen— Dank“, erwiderte Hilary, ſich verbeugend, denn ſie war noch nicht erfahren genug, in den Londoner Gebräuchen, um ſich vor einer neuen Bekanntſchaft zu ſcheuen. Ueberdies gefiel ihr das ſcharfgeſchnittene, aber gutmüthige Geſicht der alten Dame, und der ſchottiſche Accent war ihrem Ohre Muſik. Zu Hauſe fühlte ſie ſich etwas bang, ihren Schwe⸗ ſtern die Verabredung, welche ſie getroffen, mitzutheilen. Selina war ſehr unzufrieden, nein, geradezu empört, ſie hielt es für nothwendig, daß der Polizeidirector,— oder der Geiſtliche ihres Sprengels— oder auch Herr Peter Askott, welcher in der Gegend wohnte und gewiß etwas von ſeinen Nachbarn wußte, über die Ehren⸗ haftigkeit von Fräulein Balquidder ausgefragt werden ſollten. „Ich finde, die Dame hätte mehr Grund, die unfrige in Frage zu ziehen“, entgegnete Hilary beluſtigt, „denn ich nannte ihr weder meinen Namen noch meine Wohnung. Sie weiß auch gar nichts über mich.“ Zwei Tage nachher wäre dieſe Behauptung des jungen Mädchens nicht mehr als vollkommen wahr hin⸗ zuſtellen geweſen, und ſie ſelbſt würde die Unrichtigkeit derſelben erkannt haben, wenn ſie durch die Zimmerdecke in ihrer Wirthin Stube hätte ſchauen können; denn Fräulein Balquidder, eine ſehr kluge Perſon, die nie⸗ mals eine Sache halb that, aber auch bei ihren groß⸗ müthigſten Handlungen nie eine gewiſſe Vorſicht vergaß — und dieſe findet man meiſt bei der rechten Wohl⸗ 221 thätigkeit— ſaß zwei Tage nach ihrem Zuſammentreffen mit Hilary in Frau Jones' Wohnzimmer und ſuchte, was nur irgend möglich war, über die Familie Leaf zu erfahren. Deſſenungeachtet blieb die projectirte Bekanntſchaft beinahe zwei bis drei Wochen nur als Möglichkeit lie⸗ gen, durch Selina's entſchiedenes Abrathen und Hilary's eigene Schüchternheit verzögert. Auch die neuangefachte Hoffnung, eine Schülerin zu erhalten, zog Hilary von allem Anderen ab; aber dieſe lockende Ausſicht erſtarb wie die früheren, und nach und nach nahte das bleiche Geſpenſt wirklichen Mangels ſich mehr und mehr der Thür des Hauſes. Als die Schweſtern die letzte Wochen⸗ rechnung bezahlt hatten, blickten ſie einander entſetzt an, nicht wiſſend, woher ſie das Geld zur nächſten nehmen ſollten. „Gott ſei Dank, daß wir wenigſtens Niemand etwas ſchulden, auch nicht einen Pfennig“, ſagte Hilary dank⸗ erfüllt, und doch wurden die Worte von einem tiefen Seufzer begleitet. „Ja, darin liegt ein großer Troſt!“ Und der Aus⸗ druck von Johanna's Antlitz war nicht verzweiflungsvoll; in ihrer Stellung, wie ſie daſaß mit gefalteten Händen, lag tiefe Ruhe, obwohl der Blick jener armen Wittwe, von welcher die Bibel uns erzählt, deren letztes Laib Brot verzehrt und der letzte Tropfen Oel aus dem Kruge verbraucht war— kaum tief trauriger geweſen ſein konnte, als Johanna Leaf's in dieſem Momente. „Ich weiß, wir haben nichts verſchwendet und Niemand betrogen— Gott wird uns gewiß helfen.“ 222 „Er hilft uns, mein Liebling.“ Die beiden Schweſtern küßten einander zärtlich, mit Thränen in den Augen, und dann begannen ſie zu über⸗ legen, wie ſie aus ihrer drückenden Lage ſich befreien könnten. Askott mußte erfahren, wie es mit der Familie ſtand. Bis jetzt hatten ſie ihn ſo ſelten wie möglich mit den Geld⸗ und Haushaltungsangelegenheiten beläſtigt, erſtens weil dieſe ihm unleidlich waren und dann ſahen ſie ihn ſo wenig. Anfangs glaubten ſie, das ändern zu können, doch nachdem er einſt in höchſter Entrüſtung erklärt, er wolle nicht gleich einem Kinde an ihren Schürzen hängen, hielten Johanna und Hilary es für beſſer, ihn ganz nach ſeinem Gefallen kommen und gehen zu laſſen. Sie fühlten es inſtinktmäßig, daß bei Männern, und vornämlich bei jungen, der einzige Weg, das flüchtige Herz zu feſſeln, der iſt, ihm volle Freiheit zu geben und nur das Mögliche zu thun, um das Haus dem Manne ſtets zu einem lieben, angenehmen Aufent⸗ halte zu machen. Es war rührend zu ſehen, wie ſie ſich bemühten, wenn Askott einmal einen Abend bei ihnen blieb, das wenig comfortable Wohnzimmer traulicher zu geſtalten und durch fröhliche Geſpräche den ſtillen Raum zu be⸗ leben. Johanna trug ihr Nähzeug zur Seite, Selina hörte mit dem ſteten Tadeln und Murren auf; und Hilary ließ ihre witzige, brillante Unterhöltungsgabe ſpielen, welche niemals verfehlte, die Familie zu erhei⸗ tern. Selbſt Askott war zuweilen ſo gnädig anzuer⸗ 6 0 X b 23 kennen, daß, wohin er auch käme, er Niemand fände ſo „geiſtreich“ wie Tante Hilary. Auf ihren Einfluß ihm gegenüber trauend, hatte ſie ſich vorgenommen, einmal i mit ihm zu ſprechen; denn wenn eine ſchwere, unangenehme Sache gethan werden mußte, war Hilary ſtets die Muthigſte, dies auszuführen. An jenem Abend, als die Schweſtern ſchon zur Ruhe gegangen waren und nur die jüngſte Tante noch bei dem Neffen ſaß, ſagte ſie plötzlich: „Askott, wie ſteht es mit Deinen Geſchäftsangelegen⸗ heiten, wann denkſt Du mit dem Praktiziren zu be⸗ ginnen?“ „Sehr bald; aber es eilt ja nicht.“ „Das möchte ich doch nicht behaupten. Weißt Du, mein lieber Junge—“ und Hilary öffnete ihre Börſe —„daß dies all das Geld iſt, welches wir noch be⸗ ſitzen?“ „Unſinn!“ rief Askott lachend; doch da er ſah, ſie ſpaße nicht, ſetzte er hinzu:„Verzeihung, Tante, aber ich bin ſo ſehr dgran gewöhnt, daß es mir immer knapp geht, daß ich mich gar nicht mehr darum ſorge; zuletzt kommt doch Alles wieder in Ordnung, wenigſtens bei mir.“ „Aber wie— wodurch?“ „Ach, das weiß ich ſelbſt kaum— bis jetzt aber ging es doch ſtets noch weiter. Gräme Dich nicht, Tante; ich borge Dir ein oder zwei Pfund.“ Sie zuckte zuſammen bei den Worten. Dieſe armen, ſpolzen, zärtlichen Frauen, die, wenn ihr Neffe, ſtatt ein 224 feiner Herr zu ſein, ein hülfloſer Kranker geweſen wäre, ihn gepflegt und erhalten haben würden, indem ſie für ihn arbeiteten und wenn es ſein mußte, bettelten— und zwar mit Herzensfreudigkeit— nichts verlangend als ſeine Liebe, dieſe armen, ſtolzen, zärtlichen Frauen ver⸗ mochten es nicht, Geld von ihm zu fordern. Selbſt jetzt, als er es auf dieſe Weiſe anbot, es Hilary unmöglich, es zu nehmen. Und trotzdem mußte etwas geſchehen. „Ich wünſchte Askott“— und ſie rang nach Muth, ihm das zu ſagen, was er hören mußte—„ich wünſchte, Du erböteſt Dich, mir nicht Geld zu borgen, ſondern die Summe zu bezahlen, welche Du zum Haus⸗ ſtande zugeben wollteſt und ſo gar nicht zu entbehren meinteſt.“ „Natürlich will ich das; welch ein gedankenloſer Burſche bin ich geweſen; aber— aber ich glaubte— dachte, Ihr würdet das Geld von mir gefordert haben, wenn Ihr es gebraucht hättet. Thut nichts, jetzt be⸗ kommſt Du Alles auf einmal. Laß ſehen, wie viel es austrägt, Tante Hilary, Du biſt ja der beſte Rechen⸗ meiſter in der Familie, bitte, zähle zuſammen, wie viel ich Euch ſchulde!“ Sie that es, und als Askott die Totalſumme hörte, ſtarrte er Hilary erſtaunt an. „Auf Ehre, ich hatte keine Ahnung, daß es ſo viel ſei. Wie leid mir das thut; aber ich bin in dieſem Quartal mit dem Gelde ziemlich auf der Neige— nur ein Paar Pfund ſind mir geblieben, die Sache im Gange S 25 D zu erhalten; dieſe jedoch ſollſt Du haben, Tante, und das Uebrige zahle ich ſpäter. Hier, nimm!“ Er legte, ohne zu zählen, vier oder fünf Pfundnoten auf den Tiſch. Hilary nahm zwei, doch erſt nachdem ſie ihn gefragt, ob er dieſe auch entbehren könne, ſie möchte ihm durchaus keine Ungelegenheiten verurſachen. „Nein, nein, gewiß nicht; und wenn ich ſelbſt darunter litte, es thäte nichts; Ihr ſeid ſtets ſehr gute, fürſorg⸗ liche Tanten geweſen.“ Askott küßte ſie, von einem plötzlichen Anfall der Reue ergriffen, und ſagte ihr gute Nacht, doch mit einer Miene, als wünſche er nicht länger gequält und„ab⸗ kapittelt“ zu werden. Hilary ging von dannen, trüber und hoffnungsloſer in Bezug auf ihn, als wenn er ihr die Thür vor der Naſe zugeworfen oder ſie gar geſcholten hätte. Wäre er ihrem Ernſt in derſelben Weiſe entgegengetreten, ja, hätte er ſelbſt ſeinem Aerger nicht gebieten können, denn ſo wenig ſie geſagt hatte, er mußte es doch gefühlt haben, daß ſeine Tanten mit ihm unzufrieden waren, ſie würde Alles lieber geſehen haben, als dieſe unbe⸗ ſchreibliche Leichtherzigkeit, dieſes Weſen, welches wohl eher den Namen„Leichtſinn“ verdiente. Nein, hiermit war nichts anzufangen. An Askott war kein„Heran⸗ kommen“, um ein bezeichnendes Wort zu gebrauchen. Er meinte es nicht böſe. Sie wiederholte ſich ſtets von Neuem, daß er es nicht böſe meine. Er hatte kein zurückſtoßendes Weſen oder üble Angewohnheiten, er war im Gegentheil ſtets gefällig, freundlich und liebevoll in ſeiner ihm eigenthümlichen, ſorgloſen Weiſe, aber ebenſo Herrin und Dienerin. I.. 15 gut konnte man von einem ſchwankenden Halme Stütze erwarten, wie von ihm, oder von einem hier und dort⸗ hin flatternden Schmetterlinge verlangen, daß er ſich um etwas Ernſteres kümmere, als die nächſte Blume im Auge zu haben. Er beſaß nun einmal das ver⸗ gnügungsſüchtige Temperament, welches nicht geradezu ſündhaft oder ſinnlich iſt, dennoch aber Zerſtreuungen und Luſtbarkeiten für das Erſte und Vorzüglichſte im Leben hält, und welches das, was ernſtere, tiefere Na⸗ turen als„Pflicht“ betrachten und in ihm ihren Troſt, ihre Stütze finden, als Unſinn und Ueberſpanntheit an⸗ ſieht, als eine ſentimentale Grille, deren praktiſche Aus⸗ führung eine Unmöglichkeit und Thorheit ſei. Armer Knabe! Und die Welt liegt vor ihm mit ihren Kämpfen und Klippen, wie wird er hindurch kommen? Selbſt wenn keine ſchweren Schickſale ihn be⸗ fallen, ſo wird ſein ſchönes Antlitz doch nicht immer den Runzeln des Alters, ſeine kräftige Geſtalt der Schwäche der Jahre und Krankheit entgehen können und endlich muß der Tod ſich nahen. Wie ſoll, wie wird er ihm begegnen? Der Gedanke oder beſſer, die Frage:„Wie wird das Ende eines ſolchen Menſchen ſein?“ drängt ſich mir ſtets auf. Ach! die Antwort kommt uns nur zu oft aus Hoſpitälern, Armenhäuſern, Gefängniſſen und Irrenanſtalten. Zu derartigen Befürchtungen— Gott ſei Dank die letzte ausgenommen— war Hilary in Hinſicht auf Askott ſchon nach und nach gekommen, und das ſoeben gehabte Geſpräch hatte ihr Bangen nur noch vermehrt. — — Als ſie in ihrem Kämmerchen war, preßte ſie ihre Lippen feſt zuſammen und ſagte entſchloſſen zu ſich ſelbſt: „Außer mir iſt Niemand da, der etwas thun könnte oder thäte; deshalb muß ich alle Kräfte anſpornen; doch Johanna darf nichts wiſſen.“ Sie lag lange wachend im Bette, ſich den Kopf zergrübelnd, auf welche Weiſe ſie den Haushalt noch ſparſamer einrichten könnte, und wie ſie ſelbſt Geld ver⸗ diente; endlich von der verzweifelten Lage, in der ſie ſich befanden, zu noch größerem Muth und Scharfſinn an⸗ getrieben, erfaßte ſie plötzlich eine Idee, welche die Er⸗ innerung an ein Geſpräch mit Eliſabeth erweckte. Es war nichts als ein Verſuch— vielleicht wieder eine bald fehlſchlagende Hoffnung, dennoch aber durfte es nicht übergangen werden. Um nichts in der Welt hätte ſie zu Selina darüber ſprechen mögen, und ſelbſt zu Jo⸗ hanna, die auch noch wachte, ſagte Hilary ganz harmlos und beiläufig, als erwarte ſie durchaus kein Reſultat davon: „Da ich doch morgen nichts Anderes zu thun habe, ſo kann ich ebenſo gut einmal zu Fräulein Balquidder gehen.“ 15* Yreisehntes Bapitel. Das Haus von Fräulein Balquidder war ſehr hübſch von außen, und innen auf das Beſte eingerichtet, und ein kleines, ſauberes Stubenmädchen führte Hilary ſo⸗ gleich in das Speiſe⸗ und Wohnzimmer. Die Herrin ſaß vor einem Schreibtiſch, welcher mehr dem eines Geſchäftsmannes, als dem einer Dame glich, Briefe und Papiere lagen darauf umher, doch herrſchte in dieſer anſcheinenden Unordnung die größte Regelmäßig⸗ keit und Sorgfalt, eine jede Sache hatte ihren beſtimm⸗ ten Platz, und man ſah bald, daß die Eigenthümerin jenen pünktlichen, ordnungsliebenden, akuraten Sinn beſaß, welcher eine der größten und ſeltenſten Vorzüge, ſowohl für den Einzelnen als für die Allgemeinheit iſt. Man konnte Fräulein Balquidder keine ſtattliche oder anſehnliche Dame nennen, ſie war es ſelbſt in der Ju⸗ gend nicht geweſen; und jetzt hatte das Alter ſeine Spuren in dieſen großen, ſtarken Zügen zurückgelaſſen; „echt ſchottländiſche Züge“ würden Jene ſie genannt haben, welche denken, alle ſchottiſchen Frauen müſſen ſtarkknochig, plump und häßlich ſein; ſie haben wohl nie die edle, prachtvolle Schönheit geſehen— nicht dieſes alltägliche Hübſchſein— ſondern die Schönheit in ihrer höchſten, ſowohl körperlichen als geiſtigen Voll⸗ endung, welche man nicht ſelten jenſeit des Tweed findet. Wenn nun aber nichts Liebliches oder Anmuthiges in Fräulein Balquidder's Aeußerem war, ſo beſaß es auch nichts Unangenehmes oder Auffallendes. Ihre große, ſtarke Geſtalt in dem einfachen, ſchwarzſeidenen Kleide, die ſaubere, weiße Mütze, unter der die kleinen, kurzen, hellen Locken, nicht etwa grau oder ſilberweiß, ſondern„echte Flachslocken“ hervorſahen, und ihr gut⸗ herziger, mütterlicher Blick— denn ſie hatte durchaus nichts Altjüngferliches, ſondern mehr etwas Matronen⸗ haftes— das Alles zuſammen gab einen Eindruck, den man durch das Wort„gemüthlich“ am beſten bezeichnet. Ja, ſie war eine gemüthliche Frau. Sie beſaß die ſchöne, ſeltene Eigenſchaft, die ſchon bei jedem Menſchen werthvoll, aber bei alten, einſamen Frauen, welche dem Lebensende ganz verlaſſen zuſchreiten, doppelt ſchätzbar iſt, die Eigenſchaft, aus der tiefen Zufriedenheit des eigenen Herzens auch die Umſtehenden glücklich und froh zu machen. Hilary wurde ganz unwillkürlich in ihrer Nähe heiterer, denn es bringt der von Kummer bedrückten Jugend ſtets Troſt, wenn ſie alte Leute glücklich und befriedigt ſieht. „Willkommen, meine Liebe, herzlich willkommen! Ich fürchtete ſchon, Sie hätten Ihr Verſprechen ver⸗ geſſen.“ „O nein“, entgegnete Hilary, den Druck der warmen, kräftigen Hand, welche groß wie die eines Mannes, und weich und ſanft wie die einer Frau war, herzlich er⸗ wiedernd. „Weshalb beſuchten Sie mich nicht früher?“ Mehr als eine Ausrede fiel Hilary ein, doch war ſie zu ehrlich, ſolche zu gebrauchen. Es widerſtrebte auch ihrem geraden Sinn, dies als einen zufälligen Beſuch hinzuſtellen, da ſie doch wußte, welche wichtigen, perſön⸗ lichen Gründe ſie hergeführt hatten. „Darf ich Ihnen ſagen, warum ich heute kam? Weil ich Rath und Hülfe brauche und nach dem, was ich geſtern hörte, überzeugt bin, Sie können mir Beides geben.“ „Wirklich? Wer ſagte Ihnen das?“ „Es kommt von einem Seitenwege her, Frau Jones ſprach zu unſerer Dienerin davon.“ „Zu dem Mädchen, welches ich auf der Treppe ihres Hauſes ſah? Ich muß mich entſchuldigen, Fräulein Leaf, doch ich weiß jetzt, wo Sie wohnen. Ihre Wirthin iſt mir zufällig bekannt.“ „Das ſagte ſie, und dabei erzählte ſie unſerer Eli⸗ ſabeth, Sie wären eine reiche und gütige Dame, welche ſich dafür intereſſire, anderen armen Frauen zu helfen — nicht mit Geld, nein, ſo meinte ich es nicht“— Hilary wurde glühend roth, aus Furcht, ſie könne miß⸗ verſtanden ſein—„ſondern, indem Sie ihnen Arbeit verſchaffen. Ich ſuche Arbeit— o, wüßten Sie, wie — 231 lange und vergebens ich danach ſuche, wie ich ſie dringend brauche!“ „Setzen Sie ſich, meine Liebe.“ Denn Hilary zitterte heftig, ihre Stimme bebte, und trotz aller Selbſtbe⸗ herrſchung füllten ihre Augen ſich mit Thränen. Fräulein Balquidder, die gewohnt ſchien, ſich allein zu bedienen, verließ das Zimmer, kehrte aber bald mit Tellern, Gläſern und Kuchen zurück; dann nahm ſie Wein von einem Schranke, und nachdem ſie für ſich und Hi⸗ lary davon eingegoſſen, ſagte ſie: „Es iſt gerade meine Frühſtückszeit, und ich bin eine große Freundin vom regelmäßigen Eſſen und Trinken. Ich laſſe mich niemals bei meinen eigenen Mahlzeiten ſtören, oder hindere Andere darin, wenn ich es umgehen kann. Ich lönnte ebenſo gut verlangen, daß jenes Kaminfeuer dort ohne Kohlen weiterbrenne, wie daß mein Geiſt kräftig und thätig ſei, ohne dem Körper Nahrung zu geben. Sie verſtehen mich? Es ſcheint, daß Sie eine gute Geſundheit beſitzen, Fräulein, ich hoffe, Sie ſind vorſichtig und pflegen dieſe Himmels“ gabe.“ „Ich denke, ich thue es“, entgegnete Hilary lächelnd. „Jedenfalls ſorgt meine Schweſter und Eliſabeth in der Hinſicht für mich.“ †„Das Weſen, der Blick dieſes Mädchens gefiel mir gleich. Wenn eine Familie nur bedächte, daß die beſte Bürgſchaft für ihre Wohlanſtändigkeit und Ehrbarkeit das Ausſehen ihres Hausmädchens iſt. Danach beurtheile ich ſtets eine neue Bekanntſchaft.“ „Darin liegt wirklich etwas“, erwiderte Hilary er⸗ 232 götzt, und von ihren trüben Gedanken durch die frei⸗ müthige Art und die herzgewinnende Stimme abgezogen; ja, herzgewinnend, und nicht weniger wohltönend, wenn auch in das gute Engliſch ſich zuweilen ein ſchottiſches Wort verwebte und der Accent der Heimath durchklang. Auch beſaß Fräulein Balquidder eine Art trockenen Humors, der eben nur den Schotten eigen, und ſehr verſchieden von dem„Witz“ des Irländers, dem„Spaß⸗ machen“ des Engländers iſt; ja, es war ſchottiſcher Humor, etwas gewichtig und nachdrücklich, doch ſprühend, gleich den Funken jenes großen Kohlenhaufens, rothglühend in der Mitte und fähig, eine ganze Häuslichkeit zu er⸗ wärmen. O, wie oft hatte dieſer gutgemeinte Humor das kleine Haus in Stowbury erhellt und erwärmt — denn Robert Lyon beſaß ihn im hohen Grade. Gleich einem Gruße aus alter ſchöner Zeit berührte es Hilary und machte ſie ſchnell vertraut mit ihrer Wirthin. Ebenſo mußte dieſe etwas in dem heroiſchen Dulden und Leiden des jungen, einſamen Mädchens finden, was ſie an ihre eigene Jugend erinnerte. So ſeltſam und unbegreiflich dieſe ſo plötzlichen, gegenſeitigen Zunei⸗ gungen erſcheinen, ſo liegt ihnen doch meiſt etwas zum Grunde, was ſie möglich und natürlich macht, wie es hier der Fall war. Nach einer. halben Stunde ſaßen die beiden Frauen ſo vertraulich ſprechend beieinander, als wären ſie alte Freunde, und Hilary hatte ihre bedrängte Lage, ihre Kümmerniſſe und Wünſche klar dargelegt. Sie wurden zuſammengefaßt in dem einen 233 Nothſchrei— wie vielen tauſend hülfloſen Frauen bekannt —„ich brauche Arbeit— Verdienſt!“ Fräulein Balquidder hörte nachdenklich und aufmerk⸗ ſam zu; nicht daß es eine neue Geſchichte für ſie war — ach, ſie vernahm beinahe täglich dieſe Klagen, dieſen Hülferuf— aber in der Art des Ausſprechens lag etwas Neues für ſie, und zwar in der Einfachheit und Klarheit aller Angaben, in dem Wegfallen jedes falſchen Stolzes oder jeder falſchen Scham. Da wurde keine Gunſt demüthig erbettelt, und doch erbat ſich Hilary freundlichen Rath, und ſchreckte nicht zurück vor der Güte, welche ſie erfuhr. Das arme, bedrückte Mädchen ſprach freimüthig und ohne zu zaudern zu der reichen, alten Dame nur ihre beiderſeitige gleiche Lage, ihr Fran thum anerkennend, doch fürchtete ſie nicht einen Moment, ihre verſchiedene Stellung, durch Armuth und Wohl⸗ habenheit herbeigeführt, könne eine Schranke zwiſchen ihnen ziehen. Als Hilary ihre Leidensgeſchichte beendet hatte, wand⸗ ten ſich Beide, wie es in ihrem Charakter lag, zu der praktiſchen Seite, und überlegten, was das junge Mädchen am nöthigſten bedürfe, und was Fräulein Balquidder für ſie thun könne. Nachdem die Letztere einige Male im Zimmer auf und ab gegangen war, die Hände auf dem Rücken ver⸗ ſchränkt— die einzige, etwas männliche Angewohnheit von ihr— ſagte ſie: „Ehe wir weiter ſprechen, meine Liebe, muß ich Ihnen etwas mittheilen— ich bin keine Dame.“ Hilary blickte ſie ganz beſtürzt an. „Ich meine“, fuhr Fräulein Balquidder lächelnd fort,„ich bin keine feinerzogene, hochgeborene Dame wie Sie. Ich erwarb mir mein Vermögen ſelbſt und zwar durch den Handel, denn ich hatte lange Zeit ein Putz⸗ und Schnittwaaren⸗Geſchäft.“ „Sie müſſen daſſelbe ungewöhnlich gut und geſchickt geführt haben“, war die unwillkürliche Antwort, welche durch die große Aufrichtigkeit vielleicht die paſſendſte ward. „Ich denke, ich verſtand meine Sache“; und Fräu⸗ lein Balquidder ließ ihr eigenthümlich herzliches und zufriedenes Lachen hören, welches eine ihrer wenigen ſchwachen Seiten bekundete, nämlich das Bewußtſein ihrer ſeltenen Fähigkeiten als Geſchäftsfrau, und ihre Freude über den wohl verdienten Erfolg ihres Strebens. „Sie ſehen nun wohl ſelbſt ein, daß ich Ihnen bei Ihrem Vorhaben, Erzieherin zu werden, nicht behülflich ſein kann; vielleicht thäte ich es nicht einmal, ſelbſt wenn es in meiner Macht ſtände; denn nach meiner Anſicht wäre es das größte Glück, wenn mindeſtens die Hälfte der Lehrerinnen und Gonvernanten in einfache, ſchlichte Geſchäftsfrauen verwandelt würden, ein Heil für ſie ſelbſt und für die noch übrige große Zahl jener armen Mädchen. Doch das geht mich nichts an. Ich be⸗ faſſe mich nur mit Dingen, die ich verſtehe. Fräulein Leaf, würde es Sie beſchämen, in ein Ladengeſchäft einzutreten?“ Man darf es Hilary nicht verargen, wenn dieſe directe und unvorhergeſehene Frage ſie außer Faſſung brachte. Sie hatte ſtets nur in den höheren Klaſſen 235 der Geſellſchaft gelebt, und in der Provinz ſind die Standesunterſchiede viel ſchärfer und ſchroffer, da giebt es für den reichſten Handwerker oder Geſchäftsmann, der einen Laden hält, keine Vereinigung mit einem Doctor, Beamten oder Prediger, ſelbſt wenn dieſer in ſeiner höheren Stellung faſt mit Anſtand verhungert. Es hatte in früheren Zeiten oft Hilary's Stolz ver⸗ letzt, daß ſie die Kinder von Krämern unterrichten mußte, doch mit den Jahren wurde ſie einſichtsvoller, beſonders durch Robert Lyon lernte ſie viel. Sie konnte nie vergeſſen, wie Selina ihn einſt nach ſeinem Urgroßvater fragte und wie er ſchnell und lächelnd ant⸗ wortete:„Jedenfalls muß ich einen gehabt haben; doch ich hörte nie von ihm.“ Deſſenungeachtet bedarf es langer Zeit, um die Standesvorurtheile, welche durch Jahre, ja, durch ganze Generationen hindurchgingen, zu beſeitigen; und gegen ihren Willen ſchreckte Hilary bei Fräulein Balquid⸗ der's Frage zurück und das Blut ſtieg dunkel in ihr Geſicht. „Bedenken Sie ſich, ehe Sie antworten, doch dann ſprechen Sie frei und offen; Sie werden mich nicht kränken, mein liebes Kind.“ Der freundliche, beruhigende Ton brachte Hilary die verlorene Faſſung zurück. „Ich dachte nie früher an ein derartiges Unter⸗ nehmen, aber ich will mich gewiß keiner ehrenhaften Beſchäftigung und Arbeit ſchämen. Doch in einem Laden zu verkaufen— Fremde zu bedienen— ich bin ſo ſehr ſchüchtern fremden Leuten gegenüber—“ und wieder flammte des jungen Mädchens Antlitz in peinlicher Röthe. Fräulein Balquidder blickte ſie halb beluſtigt, halb mitleidsvoll an. „Nein, nein, meine Liebe, Sie würden keine gute Verkäuferin machen; wenigſtens giebt es ſehr viele Mäd⸗ chen und Frauen, die beſſer dazu paſſen. Und nach meiner Anſicht ſollten die Menſchen ſich bemühen, die Arbeit aufzufinden, wofür ſie ſich eignen und die ſie gut ausführen können. Wenn ſie das ſtets thäten, ſo wür⸗ den wir nicht ſo viele Fälle ſtolzer Verzweiflung und verfehlten ehrgeizigen Strebens haben. Es ſieht zuweilen ſehr großartig und intereſſant aus, ſich abzüquälen, um das zu thun, was man durchaus nicht leiſten kann, ſich dann das Haar auszuraufen und die Welt anzuklagen, daß ſie uns verkannt und ſchlecht behandelt hat— ſehr groß und tragiſch mag ſich das ausnehmen, aber dumm iſt es doch; um ſo mehr als ohne Zweifel ſich irgend eine andere Arbeit gefunden hätte, die wir gut verrichten konnten, und wofür die Welt uns gedankt haben würde. Gerade wie ſie es mir gewiß Dank gewußt hat, daß ich ſtatt eine mittelmäßige Sängerin oder Muſiklehrerin zu werden— ja, ja, mein Kind, man hatte auch ſein Talent— eine tüchtige Geſchäftsfrau wurde, welche eines der größten Magazine für Damentoilette in Lon⸗ don hielt.“ Während ſie ſprach, hatte Hilary ſich ganz erholt, und was Fräulein Balquidder ihr etwas umſtändlich erzählte— denn Alle, welche ſich in der Jugend hart durchkämpfen mußten, ſprechen gern in dem ruhigen, 237 ſorgenfreien Alter von jenen ſchweren Tagen— will ich hier kürzer berichten. So mühevoll dieſe Zeit geweſen war, ſo hatte ſie reichen Lohn gebracht, und ſchon in dem Alter von fünfzig Jahren ſtand Fräulein Balquidder mit einem recht bedeutenden, unabhängigen Vermögen da, doch ohne irgend welche Verwandte zu beſitzen. Sie dachte und ſann, was ſie nun wohl am beſten mit ſich und ihrem Gelde anfinge, denn wenn ſie auch das Geſchäft aufge⸗ geben hatte, ſo war ſie doch zu thatkräftig, um ſich ſchon ganz der Ruhe zu überlaſſen. „Ich könnte ein Landgut gekauft haben, um es, wem zu vererben? oder ich hätte ein Haus in Belgravia und eine Loge im Theater nehmen können, um ſie— mit Niemand zu theilen. Wir Alle haben unſere Liebhabereien, doch keine von dieſen waren die meinen.“ „Das glaube ich“; erwiderte Hilary etwas zer⸗ ſtreut. Sie dachte daran, wenn ſie ein ſolches Vermögen zu erwerben vermöchte und es— fortgeben dürfte. Wenn durch irgend welche Macht ein braves, redliches Herz überzeugt werden könnte, daß es wirklich nichts bedeutet, wer das Geld beſitzt und giebt, und daß es zuweilen eine innigere, ja, die tiefſte Liebe bekundet, wenn ein ſtolzer, armer Mann ſo viel Selbſtgefühl und Muth hat, um einem Mädchen ruhig und entſchieden zu ſagen:„Ich liebe Dich und will Dich heirathen, ich bin kein ſolcher Feigling, um vor Deinem Golde zurück⸗ zubeben.“ Doch ach, welcher thörichte Traum! Sie war ja die arme, arme Hilary Leaf, welche der reichen Dame gegenüber ſaß, deren Lebensweg ſo eben und leicht er⸗ ſchien. Für den Augenblick kam ihr eigenes Loos ihr hart und ſchwer vor, doch ſie war jung und geſund, da fehlt die Hoffnung nicht. Sie wußte noch nicht, welcher langen, langen Jahre der Mühſal und Anſtrengung es bedurft hatte, bis die Augen der alten, freundlichen Dame vor ihr den hellen, klaren Blick erlangten, der jetzt ſo ſegensvoll wie Sonnenlicht wirkte, bis die Stimme ſich den ſanften, gleichmäßigen Ton erwarb, dem Hilary jetzt ſo aufmerkſam lauſchte, weil er ſie beruhigte und beſſer machte, gerade wie es Johanna's Stimme auch that. „Sie ſehen es an mir, meine Liebe“, fuhr Fräulein Balquidder fort,„wenn man keine eigenen Sorgen hat, muß man ſich welche ſchaffen, und wenn Niemand da iſt, der ſich um uns kümmert, ſo müſſen wir uns aller Anderen liebreich annehmen. Ich glaube“— eine kleine Pauſe deutete an, daß auch dieſes Frauenleben gleich allen anderen ſeine Geſchichte gehabt hatte, die lange, lange auserzählt war—„ich glaube, ich war nicht auserſehen, eines Mannes Weib zu werden, aber ich bin gewiß, es war meine Lebensbeſtimmung, eine Mutter zu ſein. Und Sie würden ſich wundern, Fräulein Leaf, wenn Sie wüßten, welche«Kinderſchaar ich in allen Gegenden der Welt beſitze“, ſagte die alte Dame, mit dem ihr eigenthümlichen humoriſtiſchen Geſichts aus⸗ druck und dem lieben, friſchen Lächeln. Sie fuhr dann fort, Hilary zu erklären, daß nach⸗ dem ihre eigene Erfahrung ſie gelehrt, wie groß die 2 Anzahl der jungen Mädchen ſei, welche ihr hartes Loos zwänge, Arbeit zu ſuchen— indem ſie genöthigt wur⸗ den zu vergeſſen, daß es einſt ſo ſegensreich beſtimmt war, der Mann ſolle für die Frau ſchaffen— ſie ſich die Aufgabe geſtellt habe, ihnen mit ihren Mitteln und Kräften zu helfen und beizuſtehen. Ihr Lieblingsſtreben war, gebildete, kenntnißreiche Frauen dahin zu vermögen, die vornehmere, aber kümmerliche Stellung einer Gouver⸗ nante oder Lehrerin mit irgend einem anderen ehren⸗ haften und erſprießlicheren Erwerbszweige zu vertauſchen, und in die Klaſſe der Arbeiterinnen und Verkäuferinnen durch ihren Eintritt eine höhere Intelligenz und Ver⸗ edlung hineinzubringen. Zu dieſem Zwecke hatte ſie kleine und größere Summen dazu verwendet, in London und der nächſten Umgegend verſchiedene Läden zu eta⸗ bliren, manche in der Art wie ſie ſelbſt einem vorge⸗ ſtanden, doch einige auch in anderer Weiſe ausgeſtattet, die alle durch Frauen und Mädchen verſehen und be⸗ ſorgt wurden, denen ſie, je nach ihren Fähigkeiten und Verdienſten, kleinere oder größere Gehälter zahlte. „Gute Arbeit, gute Beſoldung; nicht einen Heller mehr oder weniger als ausbedungen, ich würde es nicht für recht halten. Jedes der Geſchäfte überwache ich ſelbſt und es wird unter meinem Namen geführt. Zu⸗ weilen bringt dieſes mir einen kleinen Gewinn, jenes Schaden. Natürlich habe ich lieber Nutzen als Verluſt, doch eines gegen das Andere gehalten, ſo gleicht es ſich meiſtens aus und mein Geld verdient dabei noch zwei bis drei Procent. Das genügt mir vollkommen. Sie ſehen, ſowohl ich als meine jungen Schützlinge, wir 240 ſtehen uns ganz gut dabei, es iſt ein ehrlicher Handel von beiden Seiten, keine Wohlthätigkeit, kein Almoſen⸗ ſpenden.“ „Nein, nein“, entgegnete Hilary, deren Muth ſich immermehr hob. Sie war noch jung und thatkräftig genug, um all die Wonne der Arbeit zu fühlen, der tüchtigen, redlichen Arbeit für gleichen Lohn.„Ich glaube, ich könnte es auch thun— mit etwas Anleitung und Uebung vermöchte ich auch einem Ladengeſchäft vor⸗ zuſtehen.“ „Ich bin überzeugt, Sie könnten etwas thun, was ſchwerer iſt und für deſſen gute Beſorgung ich ſeltener Jemand finde, weil es mehr Kenntniſſe erfordert als die Frauen gewöhnlich beſitzen. Sie könnten die Rech⸗ nungen führen und würden ſomit das Haupt ſein; willige, dienſtfertige Hände ließen ſich eher herbeiſchaffen. Ja, mir fällt ſchon etwas ein; eine der jungen Damen, die meinem Papier- und Schreibmaterialien⸗Geſchäfte in Kenſington ſeit zwei Jahren vorgeſtanden hat, wird ſich jetzt verheirathen. Sind Sie im Rechnen geübt, kennen Sie etwas von Buchführung?“ Und ſich plötzlich in die Geſchäftsfran verwandelnd und zwar in eine, welche gewohnt war, anzuordnen und zu befehlen, ließ Fräulein Balquidder Hilary eine kleine Prüfung beſtehen, aus der dieſe mit hochrothen Wangen ſiegreich hervorging. „Ich wünſchte, es gäbe mehr Mädchen gleich Ihnen, wie heilſam wäre es, wenn alle jungen Damen ſo herangebildet würden wie—“ 241 „Wie Knaben“, erwiderte Hilary lachend,„denn ich ſagte ſtets, ich ſei in der Weiſe erzogen.“ „Nein, ich möchte keine Frau in einen Mann ver⸗ wandelt ſehen“, entgegnete die alte Dame faſt ärgerlich. „Aber ich wünſchte, die jungen Mädchen lernten weniger Künſte und dergleichen meiſt unbrauchbaren Dinge und erwürben ſich dafür mehr gründliches Wiſſen; Schrei⸗ ben, Leſen, Rechnen, das bringt Nutzen; auch müßten ſie mehr zur Pünktlichkeit und Ordnung angehalten werden, um ſich gleich den Männern ſelbſt fortzuhelfen. Doch nun zu unſerer Angelegenheit zurück. Wollen Sie die Führung jenes Geſchäftes übernehmen?“ Hilary athmete ſchwer und ſchnell. So ſehr ſie ſich nach Arbeit geſehnt, daran hatte ſie nicht gedacht— Ladenjungfer! Was würden die Schweſtern, was würde er ſagen? Hieran wagte ſie jetzt kaum zu denken. „Wie viel könnte ich dabei verdienen?“ Fräulein Balquidder überlegte einen Moment und erwiderte dann kurz— denn es war zum erſten Male, daß ſie ihrem Prinzipe untreu wurde, und die Arbeit höher, als ſie werth war, bezahlte—:„Ich werde Ihnen jährlich hundert Pfund geben.“ Hundert Pfund! Welche Summe! Sie erſchien der armen Hilary als ein Vermögen. „Wollen Sie mir ein Paar Tage Bedenkzeit geſtatten, um mit meinen Schweſtern mich zu be⸗ rathen?“ Hilary ſprach ruhig, doch der erfahrenen, alten Dame entging nicht, wie erregt ſie war, wie ſie mit den widerſtreitendſten Gefühlen kämpfte, ein Kampf, der 16 Herrin und Dienerin. I. am beſten allein ausgefochten werden mußte. Deshalb erhob ſich Fräulein Balquidder mit den Worten: „Ich halte die Stelle acht Tage lang offen für Sie, überlegen Sie ſich Alles recht genau. Doch jetzt muß ich Sie fortſchicken, meine Liebe, denn ich habe viel zu beſorgen.“ Sie ſchieden als Freundinnen, und Hilary ſchritt die Straßen entlang, ohne den Wind und Regen zu fühlen. Doch als ſie ſich ihrem Hauſe nahte, ver⸗ mochte ſie noch nicht einzutreten, und ſie ging noch einige Male den Burton⸗Platz herum, verſuchend einen feſten Entſchluß zu faſſen, ehe ſie ihren Schweſtern den Vorſchlag mittheile. Und erſt mußte ſie noch einen kleinen Kampf beſtehen, den Niemand als Gott wiſſen durfte. Es war vielleicht thöricht, da ſie ihm doch noch nicht angehörte und er kein Recht über ihr Thun und Handeln hatte, daß ſie ſtets zu der Frage zurückkehrte:„Was wird Robert Lyon ſagen?“ Er wußte, ſie arbeitete für ihren Lebensunterhalt; zuweilen ſchien ihm das nicht lieb geweſen zu ſein, doch da es erforderlich war, ſo gehörte Robert Lyon nicht zu denen, die über eine unvermeidliche Sache viel Worte machen. Sich als Erzieherin oder Lehrerin ihr Brot zu verdienen, das war ſelbſt für eine Dame eine herge⸗ brachte, ich möchte ſagen, geheiligte Sitte. Doch wie anders klang der Vorſchlag, den man Hilary ſveben gemacht! Wenn er es unpaſſend, unweiblich fände, daß ſie hinter dem Ladentiſche ſtand! Es war ihm ſo 243 ſchrecklich, wenn eine Frau aus ihrem Kreiſe trat; that⸗ kräftig und muthig mochte ſie ſein, doch in weiblicher Art; wenn die Umſtände ſie zwangen, die Stille und Zurückgezogenheit des Hauſes zu verlaſſen, wohl, ſo mußte es geſchehen, doch nur nie aus freiem Antriebe ſich in die Welt hinauswagen, nie in die Reihen der Männer ſich drängen! Würde Robert Lyon geringer von ihr denken, weil ſie zu lernen hatte, ſich ſelbſt durchzubringen, und weil ſie gegen die natürliche Ordnung der Dinge ſich allein den ſchweren Weg bahnen mußte? Dieſe alte ſchöne Sitte, noch beſſer dies geheiligte Geſetz— möge es nie umgeſtoßen werden!— welches beſtimmt, daß das Weib eine gute Hausfrau und Mutter ſei, die frohe, zufriedene Leiterin jener kleinen glücklichen Welt, die der armen Hilary ſo fern zu liegen ſchien, wie jene unbe⸗ kannte Himmels⸗Sphäre. „Wenn er nun gar auf mich herniederblickte, wenn er bei ſeiner Rückkehr mich anders wiederfände, als er es erwartet hatte?“ Und glühend heiße, bittere Thränen brannten in ihren Augen, als ſie in leidenſchaftlicher Aufregung die Straßen durchſchritt. Dann kam die beſſere Einſicht. „Nein, nein, die Liebe taugt nichts, welche nicht Alles trägt, der man nicht durch alle Zeit vertrauen darf. Wenn er mich vergeſſen könnte— wenn er eine Andere mehr als mich zu lieben vermöchte, mehr, inniger als mich, gleichviel ob ich hübſch oder häßlich, arm oder reich, jung oder alt bin— dann würde ich 16 244 auch nicht weiter nach ſeiner Liebe fragen, mich nicht darum kümmern. Sie wäre meiner nicht werth, dieſe wandelbare Liebe, ich würde ſie nicht zu halten verſuchen. Ja, Robert, ſelbſt wenn es mein Herz bräche, ich würde Dich aufgeben.“ Ihre Augen flammten, ihre kleine Hand ballte ſich unter dem Shawl feſt zuſammen und dann war es ihr wieder, als wenn ſie, doch jetzt gleich einem leiſen Vor⸗ wurf, durch alle Ferne hindurch die ruhige, klare Stimme hörte, welche die Macht beſaß, ihren leidenſchaftlichſten Ausbruch des Schmerzes zu ſänftigen, die Stimme, welche einſt an jenem dunklen Abend in Stowbury's Straßen zu ihr ſagte:„Hilary, Sie müſſen mir ver⸗ trauen!“ Ja, er war ein Mann, dem Jeder wohl vertrauen konnte. Ohne Zweifel glich er anderen Männern und war durchaus nicht der Held, für den dieſes ſo innig liebende Mädchen ihn hielt, aber in jedem Verhältniſſe und allen Menſchen gegenüber hatte ſich Robert's Zu⸗ verläſſigkeit bewährt. Er beſaß auch jene ſeltene Eigen⸗ ſchaft der Treue, was ſchon in ſeinem Angeſicht zu leſen war. Nicht nur Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, ſondern Treue ſtand darauf. Wenn er ein Vorhaben gefaßt, ſich einem Gefühle hingegeben hatte, ſo blieb er dieſem nicht nur zeitenweiſe treu, ſondern für ewig; wenn nicht Ehre und Gewiſſen ein Zurücktreten ver⸗ langten, ohne dies gab es für dieſen Ma in nicht einmal den Gedanken an einen Wechſel ſeiner Geſinnungen. „Robert, Robert!“ ſchluchzte das arme, einſame Mädchen, das plötzlich von der Verlaſſenheit ihrer Lage und dem Gedanken an die Unbeſtändigkeit und Verän⸗ derlichkeit, nicht geradezu die Falſchheit, doch die Wandel⸗ barkeit der Menſchen überwältigt wurde—„o, Robert ſei tren! treu Dir ſelbſt, tren mir!“ Vierzehntes Bapitel. Als Hilary ihr Haus erreicht hatte, öffnete Eli⸗ ſabeth die Thür; das Wohnzimmer war öde und leer. „Fräulein Leaf habe ſich niedergelegt und Fräulein Selina ſei mit Herrn Peter Askott zu des Lordmajors Umzug und Feſt gefahren“, berichtete die Dienerin. „Mit Herrn Peter Askott!“ wiederholte Hilary etwas überraſcht, doch bei tieferem Nachdenken fand ſie es nur natürlich. Selina liebte Vergnügen, ſie empfand nicht nur die Beſchränktheit, ſondern die Einförmigkeit ihrer Lage ſo bitter:„Ich hoffe, meine wird zum Eſſen zurückkehren?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte Eliſabeth kurz. Wäre Hilary weniger von eigenen Gedanken in An⸗ ſpruch genommen geweſen, ſo würde ſie bald bemerkt haben, daß mit ihrem Mädchen etwas nicht ſtimmte, und ſie hätte gewiß gefragt:„Eliſabeth, was fehlt Si Denn die gütige, einſichtsvolle Herrin hielt es nicht unter ihrer Würde, zu beachten, wenn das Mädchen 247 einmal ſtiller und trüber als ſonſt war. Sie fand es nicht unnatürlich, daß Eliſabeth, fern von der Heimath, ganz einſam und ohne Bekannte in London, und all den vielen häuslichen Unannehmlichkeiten ausgeſetzt, welche ihr Wohnen in möblirten Zimmern mit ſich führte, auch zuweilen Grund zur Klage haben konnte. Wenn die Herrin dieſe Uebelſtände nicht zu beſeitigen ver⸗ mochte, ſo konnte ſie doch wenigſtens ein Wort freund⸗ licher Theilnahme ſprechen, das einem armen Dienſt⸗ mädchen ebenſo werthvoll iſt wie einer regierenden Königin. Heute jedoch wurde es Eliſabeth nicht zu Theil und dieſe zog ſich bald in ihre„Privat⸗Küche“ zurück. Das Mädchen erwog in ihrem Inneren eine ſchwere ethiſche Frage. Zum erſten Male hatte ſie heute ihrem Fräulein Hilary nicht Alles mitgetheilt. Zweierlei war geſchehen, und ſie konnte nicht in's Klare kommen, ob ſie das wiedererzählen ſolle oder nicht. Eliſabeth beſaß ſchon von Natur eine größere Pflichttreue und Gewiſſenhaftigkeit— welche die Ver⸗ hältniſſe noch mehr ausgebildet hatten— als man es gewöhnlich in ihrem Stande, ja ſelbſt in beſſeren Stän⸗ den findet. War dies ein Fehlgriff, ſo trug Hilary die Schuld davon; wahrſcheinlich verurſachte es Eli⸗ ſabeth manches Leid, manche Enttäuſchung mehr in dieſer Welt, der ſie entgangen ſein würde, wenn ſie nur nach den gewöhnlichen Anſichten, und beſonders nach denen der dienenden Klaſſe, von Recht und Moralität gehan⸗ delt hätte— aber dieſen Fehlgriff oder Irrthum wird der Engel der Vergeltung, wenn er einſt ihre Thaten 248 abwägt, ihr gewiß als Tugend und zur Ehre an⸗ rechnen. Der erſte jener beiden Vorfälle, welche Eliſabeth ihrer Gebieterin verſchwiegen hatte, ereignete ſich zur Frühſtückszeit, als Askott früher als ſonſt herab kam und Eliſabeth fragte, ob ein kleiner, unſauberer Herr mit einer Habichtsnaſe ſich geſtern nach ihm erkundigt hätte. Nach kurzem Beſinnen erinnerte ſich das Mädchen, daß ein Mann, dieſer nicht zu ſchmeichelhaften Beſchrei⸗ bung entſprechend, da geweſen ſei, doch ſich geweigert habe, ſeinen Namen zu ſagen, weil er die Damen nicht kenne, obgleich er ein genauer Freund von Herrn Leaf ſei. Askott lachte:„Ein ſehr genauer Freund— er hat Recht; aber meine Tanten würden nicht ſeine Geſell⸗ ſchaft, ja, nicht einmal ſein Herkommen mögen. Sollte er alſo wieder nach mir fragen, ſo ſagen Sie, ich ſei über Land gefahren.“ „Ja, mein Herr. Werden Sie noch vor dem Eſſen reiſen?“ fragte Eliſabeth, deren praktiſcher Sinn ſich gleich zu dieſer Mahlzeit wandte, die, wenn Askott ſie theilte, ſtets aus warmen Speiſen beſtehen mußte. Der junge Mann ſchien höchlichſt ergötzt und er⸗ widerte lächelnd:„Wahrhaftig, Sie ſind die Unſchuld ſelbſt— befolgen Sie, was ich Ihnen aufgetragen und kümmern Sie ſich weiter nicht— ſtill, da iſt meine Tante Hilary!“ Und ihrer jungen Herrin bleiches, ängſtliches Ge⸗ ſicht, müde und abgeſpannt durch eine ſchlafloſe Nacht, zog Eliſabeth von dem ſoeben beſprochenen Gegenſtande ab, und da im Laufe des Vormittages noch etwas nach ihrer Anſicht viel Schlimmeres und Wichtigeres geſchah, ſo dachte ſie an das, was Askott ihr aufgetragen, kaum mehr. Da Eliſabeth wußte, Fräulein Johanna habe ſich niedergelegt und glaubte, Fräulein Selina wäre aus⸗ gegangen, ſo trat ſie, um etwas zu holen, ohne anzu⸗ klopfen in das Wohnzimmer. Dort gewahrte ſie Herrn Peter Askott und Selina in eifrigem Geſpräch beiein⸗ ander ſtehen. Sie waren ſo vertieft, daß ſie ihr Kommen nicht hörten, und ſie ſchloß die Thür wieder, ohne von ihnen bemerkt zu ſein. Was ſie aber ſo ſehr verwirrte, war der Umſtand, daß ſie geſehen, ja, ſie täuſchte ſich nicht, wie Herr Peter Askott ſeinen Arm um Fräulein Selina's Taille gelegt hatte. Wenngleich ſie das gar nichts anging, ſo war die treue Dienerin nicht nur erſtaunt, ſondern beunruhigt, um ſo mehr, als Fräulein Johanna's Verwunderung über der Schweſter Ausfahrt mit Herrn Askott ihr zeigte, daß jene keine Ahnung habe, es könne ſich irgend etwas Außerordentliches in der Familie ereignen. Stand eine Hochzeit in Ausſicht? Konnte Fräulein Selina wirklich dieſen kleinen, widerwärtigen Mann lieben und ihn heirathen wollen? Denn ſo ſonderbar es klingen mag, dieſes junge Dienſtmädchen hatte den feſten Glauben— und wie manche ſtrahlende Schönheit von Rang und Vermögen beſaß ihn nie oder verlor ihn im Weltgetreibe— daß Heirath und Liebe gleichbedeu⸗ tende Worte und Begriffe ſind, ſie war feſt überzeugt, kein Mädchen würde einem Manne erlauben, ſeinen Arm um ſie zu legen, wenn ſie ihn nicht heirathen wolle; und daß eine Ehe aus einer andern Urſache als reiner, inniger Liebe, daß ſie um des Geldes oder ſonſtiger Vortheile willen geſchloſſen werden könne, dies war nach Eliſabeth's Begriffen unmöglich. Dieſe Anſicht, dieſer Glaube paßt nicht mehr recht für unſere moderne Zeit und exiſtirt vielleicht nur noch in ganz verſteckten Winkeln der Erde, oder in einigen ſeltenen Ausnahmsfällen— aber Gott ſei Dank, daß er überhaupt noch vorhanden iſt. Hilary beſaß ihn und von ihr war er auf Eliſa⸗ beth übergegangen. „Ich möchte wiſſen, ob Fräulein Hilary um die Sache weiß, und was ſie dazu ſagen würde?“ Dies ſtand unabläſſig vor des Mädchens Sinn, und damit erſtieg die große Gewiſſensfrage, ob ſie es mit⸗ theilen oder verſchweigen ſolle. Es gehörte zu Hilary's Lehrſätzen, ſowohl für die Küche als das Wohnzimmer anwendbar— vielleicht für die erſtere noch paſſender, weil dort die Angelegenheiten der Herrſchaft oft ſo rückſichtslos beſprochen werden— daß ein durch Zufall entdecktes Geheimniß ebenſo heilig gehalten werden ſolle, als ſei es gegen ein feierliches Verſprechen der Verſchwiegenheit anvertraut, auch daß das Geheimniß eines Feindes noch weniger verrathen werden dürfe, als das des beſten Freundes. „Fräulein Selina iſt zwar nicht mein Feind“, ſprach Eliſabeth leiſe vor ſich hin lächelnd,„aber ſo ſehr lieb habe ich ſie nicht; und ſo möchte ich gerade nichts thun, ſie zu reizen oder zu ärgern. Jedenfalls will ich für's Erſte ſchweigen.“ 251 Aber das Geheimniß drückte ſie ſchwer; und neben⸗ bei fühlte ihr ſo braves, redliches Gemüth einen gewiſſen Mangel an Achtung vor ihrer Herrin. Was konnte ſie denn an dieſem gewöhnlich ausſehenden, alltäglichen Manne Anziehendes finden? Sie hatte ihn ja nur ein Paar Mal geſehen, wußte nichts von ſeinem Leben; und ſeine Perſönlichkeit war eher zurückſtoßend, wenigſtens Eliſabeth hatte bald mit der ſcharfen Beobachtungsgabe, die man nicht ſelten in der dienenden Klaſſe antrifft— vielleicht auch weil gewöhnliche, rohe Menſchen ſich den Dienſtleuten gegenüber noch weniger zuſammennehmen — herausgefunden und feſtgeſetzt: „Weder Pferde und Wagen, noch Gut und Geld, ja, nichts in der Welt kann aus ihm einen Gentleman machen.“ In ſeiner eleganten Equipage ſchickte Herr Peter Askott Selina zurück, von dem Neffen begleitet, den ſie irgendwo in der Stadt aufgefunden hatten, und der ganz gemüthlich zum Mittageſſen kam, ohne die ge⸗ ringſten Vorbereitungen zu machen, um über Land zu reiſen. Doch ungeachtet des gehabten Vergnügens und trotz der großen Aufmerkſamkeit, welche, wie Selina erzählte, einige der Comitee⸗Mitglieder, Stadträthe und andere bedeutende Perſönlichkeiten ihr erwieſen hatten, war ſie ſtill und nachdenklich, ja wortkarg. In dem Wohn⸗ zimmer herrſchte ein peinliches Schweigen, als ob alle Anweſenden etwas auf dem Herzen hätten und nicht mit der Sprache herauswollten. Hilary fühlte, einer müſſe den Anfang machen, und wer würde es thun, 252 wenn nicht ſie? Nachdem ſie, beſchützt von dem Zwielicht im Zimmer, ihre Hand leiſe in Johanna's gelegt hatte, ſagte ſie: „Selina, ich muß einen kleinen Familienrath halten; mir iſt ſoeben ein Antrag gemacht worden.“ „Ein Heirathsantrag!“ fragte Selina emporſchrek⸗ kend.„Ach, ich vergaß, Du warſt heute Morgen bei Fräulein Balquidder; hat ſie Dir einen annehmbaren Vorſchlag gethan— ſollſt Du irgend einem Neffen oder einer Nichte Stunden geben?“ „Sie hat gar keine Verwandte. Doch ich will Euch lieber den ganzen Verlauf meines Beſuches er⸗ zählen.“ „Hoffentlich iſt die Sache unterhaltend“, ſagte Askott, der dem Einſchlafen nahe auf dem Sopha lag— ſeine gewöhnliche Manier nach Tiſche. Er blieb, während ſeine Tante Hilary ſprach, jedoch wach, und als ſie zu dem Schluſſe ihres Berichtes kam, brach er in ein herz⸗ liches Lachen aus: „Wahrhaftig, das iſt eine famoſe Idee! Du einem Ladengeſchäfte vorſtehen! Auf meine Kundſchaft kannſt Du rechnen, ich komme, um von Dir zu kaufen, Du wirſt Dich allerliebſt hinter dem Zahltiſch ausnehmen!“ Selina aber rief ärgerlich: „Du kannſt doch gewiß nicht im Ernſt an die Sache denken. Es wäre eine Schande für die Fa⸗ milie.“ Hilary, der älteſten Schweſter Hand feſter faſſend — die Beiden hatten das Ganze ſchon beſprochen,— erwiderte beſtimmt: — —— „Ich kann keine Schande darin finden. Da unſere Familie ſo arm iſt, daß ſowohl die Frauen wie die Männer für ihr tägliches Brot arbeiten müſſen, ſo kommt es nur darauf an, daß dies auf anſtändige, ehrenhafte Weiſe verdient wird. Was meinſt Du, Askott?“ Sie blickte ihn ſcharf an, denn ſie hätte ſo gern ſeine wahre Anſicht gewußt. Er aber nahm dieſe Angelegenheit, wie Alles, ſehr ſorglos. „Ich weiß gar nicht, warum Tante Selina ſolch Aufhebens macht. Weshalb mußt Du arbeiten, Tante Hilary? Können wir uns denn nicht noch ein Wenig länger durchbringen, bis ich Praxis habe und für Euch Alle ſorgen werde? Ich bin ja das Haupt der Familie.— Wie ſchrecklich dunkel iſt es im Zimmer!“ Er ſprang auf und ſchürte das Kaminfeuer zu ſo hellen Flammen an, daß in kurzer Zeit ein großer Haufe Kohlen, der, wie Hilary gehofft, den halben Abend ausreichen ſollte, verzehrt wurde— o, die grauſame Nothwendigkeit ſolcher Sparſamkeit! Das peinliche Schweigen, welches eingetreten war, wurde durch Hilary gebrochen, indem ſie Johanna bat, ihre Meinung auszuſprechen. Dieſe erwachte aus ihrem tiefen Denken und ſagte nun: „Askott hat Recht, er iſt das Haupt der Familie, und ich hoffe, er wird mit der Zeit als ſolches für ſie ſorgen; doch iſt er es jetzt noch nicht im Stande und leben müſſen wir, oder beſſer, ſo lange wir leben, dürfen wir nicht verhungern.“ „Das verſteht ſich, Tantchen.“ „Ich meine, lieber Junge, wir müſſen anſtändig, ehrenhaft leben, wir dürfen keine Schulden machen“, und Johanna's Stimme wurde ſcharf, als ob die Er⸗ innerung an die Schreckenstage ihrer Jugend ſie wieder überkomme— wenn Henry Leaf's älteſte Tochter über⸗ haupt eine Jugend gehabt hatte. Ja, Askott, frei von Schulden iſt frei ſein von ſchwerer Pein.“ Und indem ſie ihre ſchmale, bleiche Hand auf ſeinen Arm legte, und mit einem Gemiſch von Hoffnung und Zuverſicht in ſein ſchönes Angeſicht ſchaute, fuhr ſie fort:„Du weißt, wie theuer Du mir biſt, dennoch möchte ich Dich lieber an der Landſtraße Steine klopfen ſehen, denn daß Du als ein Gentleman, wie Du es nennſt, als ein Schwindler, wie ich es bezeichne, von anderer Menſchen Geld lebteſt.“ Der junge Mann ſprang heftig auf, und indem glühende Röthe in ſein Geſicht ſtieg, ſagte er: „Du gebrauchſt ſtarke Ausdrücke, Tante Johanna. Doch vielleicht magſt Du Recht haben. Was geht es mich an. Gute Nacht, ich muß einen Bekannten zu be⸗ ſtimmter Stunde treffen.“ Hilary drückte ihm ſehr ernſt ren Wunſch aus, er möge bei dem Familienrathe gegenwärtig bleiben. „Nein, nein, ich haſſe ſolches Hin⸗ und Herſchwatzen. Macht Ihr es unter Euch aus. Was geht es mich an — es iſt nicht meine Angelegenheit.“ „Es kümmert Dich alſo nicht, was aus uns Allen wird? Der Gedanke iſt mir ſchon öfter ge⸗ kommen.“ Mehr noch durch den Ton als durch die Worte betroffen, hielt Askott bei dem Anziehen ſeiner feinen lila Glacee⸗Handſchuhe inne. „Mein Himmel, was habe ich gethan, um dieſen Vorwurf zu hören? Ich mag nicht viel taugen, doch ſo ſchlimm bin ich nicht, Tante Hilary.“ „Sie meinte es nicht ſo böſe, mein lieber Askott“, ſagte Johanna zärtlich. Er wurde durch die innigen Worte mehr gerührt, als durch den Tadel. Er kam zu ſeiner älteſten Tante und küßte ſie mit jenem warmherzigen Ungeſtüm, der ihm ſchon oft Verzeihung erwirkt hatte, weil etwas ganz Unwiderſtehliches darin lag. So auch heute. „Ich weiß, ich bin lange, lange nicht gut genug gegen Dich, Herzenstante, aber ich hoffe, ich werde Dir noch beweiſen können, wie ich die beſten Vorſätze habe, welche bald in Wirklichkeit übergehen ſollen. Ich will ja ſo emſig arbeiten und ſchaffen, damit ich bald ein reicher Mann werde, der dann nie leiden wird, daß ſeine hübſche Tante Hilary ſich in einem Laden abmüht. Jetzt aber adieu, denn ich habe eine Verabredung ge⸗ troffen, die ich einhalten muß, es betrifft Geſchäftsange⸗ legenheiten, wichtige Sachen— von denen vielleicht unſer Aller Glück abhängt.“ Ein Liedchen ſummend ging er von dannen, mit jener gutmüthigen, ſorgloſen Miene und dem lebhaften, fröh⸗ lichen Weſen, welche Askott Leaf ſo ganz eigenthümlich waren, und welche die Tanten ſtets zu dem Ausſpruche veranlaßten, daß er ja nur noch„ein Knabe“ ſei, der das ungebundene, gedankenloſe Leben eines ſolchen führte. Nachdem ſein ſchönes Antlitz aus dem kleinen Kreiſe verſchwunden war, ſetzten die drei Damen ſich wieder an das Feuer. Sie machten weiter keine Bemerkungen über ihn und ſein Thun, ſie waren ja Frauen und er war ihr Herzblatt; ſie ſprachen gar nicht von ihm, ſondern Hilary erklärte nun den Schweſtern ihren künftigen Lebensplan, durch deſſen Erfüllung der ganzen Familie eine ſorgenfreiere Exiſtenz werden ſollte. Sie ſprach davon in ſo be⸗ ſtimmter Weiſe, als ſei Alles ſchon feſtgeſetzt, und fügte zuletzt hinzu, ſie hoffe, Selina werde keine Einwendung erheben. „Es iſt durchaus nicht möglich“, erwiderte Selina würdevoll. „Weshalb? Die Arbeit iſt nicht zu ſchwer für mich, und eine Dame bleibe ich trotzdem. Uebrigens wäre es beſſer, das Anrecht an dieſen Titel aufzugeben, wenn wir nicht als redliche, ehrenhafte Damen leben können. Und woher ſoll das Geld genommen werden, um den Hausſtand weiter zu führen, Selina? Wir beſitzen keines mehr und können vor Weihnacht nichts erwarten.“ „Die Umſtände mögen ſich verbeſſern. Wir haben Freunde.“ „Keine in London— Du müßteſt denn Herrn Peter Askott einen Freund nennen; ich meines Theils könnte und würde ihn nie um einen Heller bitten. Denke doch, Selina, wie furchtbar es wäre, ſich von Jemand unterſtützen zu laſſen,— wenn es nicht von einer uns ſehr theuren Perſon geſchähe. Nein, nein, das vermöchte ich nicht zu ertragen— eher wollte ich darben, hungern, betteln!“ „Kind, ereifere Dich nicht ſo gewaltig!“ „Ja, es iſt hart“— und der Schrei lang zurück⸗ gehaltenen Schmerzes brach hervor—„es iſt hart, ſich ſein Brot erwerben zu müſſen auf eine uns nicht zu⸗ ſagende Art, und noch härter und ſchwerer iſt es, die ganze Woche, außer Sonntags, von Johanna getrennt zu ſein. Aber die Nothwendigkeit gebietet es, und ſo muß es geſchehen. Uns bleibt nur die Wahl zwiſchen Elend, Schulden und Arbeit; das Erſte iſt nicht ange⸗ nehm, das Zweite unmöglich, alſo ergreife ich das Letzte. Du mußt einwilligen, Selina, denn ich will es an⸗ nehmen.“ „Kind, thue es mir nicht an“, ſprach Selina ſanfter als ſonſt und nicht ohne eine gewiſſe Bewegung.„Thue es nicht, ſetze mich nicht herab, denn ich muß Dir ſa⸗ gen— ich wollte es Euch ohnedies heute Abend mit⸗ theilen— Herr Peter Askott hat mir ſeine Hand ange⸗ tragen, und ich habe ſie angenommen.“ Wenn ein Blitzſtrahl unter ſie niedergefahren wäre, ſo hätten die Schweſtern nicht mehr erſtarrt ſein können. Freilich war dieſes unendliche Erſtaunen wieder ihrer großen Argloſigkeit zuzuſchreiben viele Frauen an ihrer Stelle würden die Sache vorhergeſehen, wohl gar Pläne dafür entworfen haben; ſie hätten es als eine brillante Partie betrachtet, und lachende Bilder von dem Hauſe — berrin und Dienerin. I. 17 258 am Ruſſel⸗Platz, von all der Pracht und dem Glanze, welche der„theuren Selina“ zu Theil werden würden, und wovon auch die Familie Nutzen ziehen mußte, hätten ſie umgaukelt. Doch dieſe Beiden waren anders, hegten abweichende Anſichten. Sie ſahen ihre Schweſter Selina, die ſelbſt nicht mehr jung war und ſo viele Eigenheiten beſaß, im Begriff einen Mann zu heirathen, den ſie kaum kannte, einen Mann, den Keine von ihnen leiden mochte, deſſen Gegenwart ſie nur aus Rückſichten der Dankbar⸗ keit ertragen hatten. Es war ſchon peinlich genug, ihn zuweilen als Beſuch bei ſich zu ſehen, doch ihn als Schwager— als Gatten anzuerkennen!— „O, Selina, es kann nicht Dein Ernſt ſein.“ „Und weshalb nicht? Warum ſoll ich nicht ſo gut wie viele Andere heirathen?“ fragte ſie ſcharf. Da keine der Schweſtern dieſen Punkt beſtritt, weil ſie überhaupt zu erſtarrt waren, um viel ſprechen zu können, ſo fuhr Selina majeſtätiſch fort: „Ich verſichere Euch, nie iſt einem Mädchen ein tadelloſerer, großmüthigerer Heirathsantrag geworden als gerade dieſer. Es iſt wahr, Herrn Askott's Herkunft iſt eher eine niedere, ſchlichte, doch das kann ich über⸗ ſehen, denn in ſeiner jetzigen Stellung, mit ſeinem Reich⸗ thume wird er ein vorzüglicher Ehemann werden.“ Kein Wort der Widerrede ward vernommen; was ſollte jetzt noch geſagt werden? Selina war ſelbſtſtändig, ſie konnte heirathen, wen ſie wollte. Nach ihrer ganzen Eigenthümlichkeit war es vielleicht nur natürlich, daß ſie eine ſolche Verbindung einging, wie deren ja tauſende geſchloſſen werden, bei denen der Mann eine hübſche, feinerzogene Gattin als Repräſentantin ſeines Hauſes wünſcht, und dieſe dafür eine bequeme, angenehme Stellung, welche viele Vortheile bietet, eintauſcht— es iſt am Ende kein ſchlechterer Handel, als mancher andere. Mit einer noch leiſen Hoffnung, es könne vielleicht doch noch zurückgewieſen werden, fragte Hilary, ob Se⸗ lina ſich ſchon ganz feſt entſchieden habe. „Unwiderruflich. Er ſchrieb mir geſtern Abend und heute Morgen erhielt er meine Antwort mündlich.“ Nun wenigſtens hatte Selina Niemand mit ihrer „Liebesgeſchichte“ gequält und beunruhigt. Ihr war es eine reine Geſchäftsſache geweſen. Die Schweſtern ſahen, wie an kein Rückgehen zu denken war, und ſomit hörte jedes Kritiſiren über Herrn Askott auf. Jetzt da ſie einmal begonnen, wurde Selina mittheil⸗ ſam und ſprach von ihrer glänzenden Zukunft. „Er hat ſich ſehr liberal, ſehr anſtändig benommen. Für den Fall ſeines Todes fällt mir ein bedeutendes Vermächtniß zu, und er ſagt, es würde ihm Freude machen, meine Familie zu unterſtützen, damit es Euch möglich ſei, ſtets unſerem Stande gemäß zu er⸗ ſcheinen.“ „O, wir ſind ihm außerordentlich dankbar.“ „Sei nicht ſpitz, Hilary! Er meint es gut. Und dann muß er fühlen, daß dieſe Heirath doch— doch— ein gewiſſes Herabſteigen von meinem Platze iſt, an 17* — das ich vor zwanzig Jahren niemals gedacht haben würde.“ Selina ſeufzte; verurſachte die Rückerinnerung an ihre Jugend dieſen ſchweren Seufzer? Oberflächlich und gemüthlos wie ſie jetzt oft erſchien, ſo hatte auch ihr Herz vielleicht einſt einen goldenen Traum geträumt, ein Ideal umfaßt, welches gewiß ein von Herrn Askott ſehr verſchiedener Mann geweſen war. Doch der trübe Schatten verflog ſchnell, und ſie vertiefte ſich in alle Anordnungen, Ausſtattung und Hochzeit betreffend, über die ſie, ſogar über den Brautanzug, ſchon ganz einig mit ſich war. „Und ſo ſiehſt Du nun ſelbſt Hilary“— der für einige Zeit vergeſſene, ſtreitige Punkt wurde wieder berührt—„wie es unter dieſen Verhältniſſen ganz un⸗ möglich iſt, daß meine Schweſter als Verkäuferin in einem Laden ſteht. Ich werde mit Herrn Askott ſprechen, und Du wirſt hören, was er darüber ſagt.“ Doch als dieſer Herr am nächſten Tage als glück⸗ licher, erwählter Bräutigam erſchien, ſo nahm er die Sache ſehr leicht. Er hielt es für Jeden praktiſch und erſprießlich, eine unabhängige Stellung einzunehmen und begriff gar nicht, warum junge Mädchen— Ver⸗ zeihung, junge Damen— nicht auch für ihr tägliches Brot arbeiten ſollten, wenn ſie Luſt dazu hätten. Er wünſchte nur, der Laden läge etwas ferner als Kenſington, und hoffte wenigſtens, daß der Name Leaf nicht auf dem Schilde paradiren werde. Aber die Braut, gar nicht zufrieden mit dieſer 261 Anſicht, beſtand darauf, er ſolle vollgültigen Einſpruch thun. „Aergern Sie ſich nicht, meine liebe Selina“, ſagte er trocken— wie Hilary zuſammenzuckte, als er die Schweſter beim Namen nannte—„doch es ſcheint mir durchaus nicht meine Sache, mich hier einzumiſchen. Ich heirathe Sie, aber nicht Ihre ganze Familie.“ „Herr Askott hat Recht, wir wollen dieſes Geſpräch fallen laſſen“, erwiderte Johanna mit würdevollem Ernſt, während Hilary mit flammendem Antlitz dabei ſaß und dachte, daß, ſo arm und dürftig die Familie ſtets ge⸗ weſen ſei, ſie doch erſt heute wahre Erniedrigung er⸗ fahren habe. O, wie ſchwer war ihr Herz an dieſem Tage! Am Morgen war der Brief aus Indien angekom⸗ men, zum beſtimmten Datum, zur feſtgeſetzten Stunde. Bei Allem, was Robert Lyon that, war er pünktlich wie eine Uhr. Der Brief lag da, doch ſein Inhalt war kürzer und trauriger als ſonſt; er berichtete von Kränklichkeit, unſicheren Ausſichten, und heißem, ſchwerem Sehnen nach der Heimath, doch war die Beſorgniß herauszuleſen, daß noch Jahre vergehen könnten, ehe dieſe Sehnſucht zu ſtillen ſei. „Mein einziger Troſt iſt“— und zum erſten Male verrieth ſich ſein Herz ein Wenig—„daß, ſo ſchwer und trüb mein Leben hier iſt, ich es allein trage, allein darunter leide.“ Aber dies war kein Troſt für Hilary. Daß ſie Beide ihre ſchöne Jugendzeit getrennt verbringen mußten, da doch mur etwas von dem Golde dazu gehörte, 262 welches ein Mann wie Herr Peter Askott in Fülle be⸗ ſaß, ſie zuſammenzuführen, das war hart. Ja, möchten ſelbſt Prüfungen und Armuth zu beſtehen ſein, wenn ſie nur beieinander wären, Hand in Hand den Weg des Lebens gehend. Hilary verließ das Wohnzimmer, in welchem die Verlobten ſaßen und ihre Rolle möglichſt gut zu ſpielen ſuchten, indem ſie den Umſtehenden eine Liebe zeigten, die nicht exiſtirte, und Huldigungen und Aufmerkſam⸗ keiten erwieſen und angenommen wurden, welche bei einem ſo„glücklichen Brautpaar“ unerläßlich ſind. In ihrem kalten Schlafkämmerchen angekommen, las ſie Robert's Brief, in dem jedes Wort Treue und Wahrhaftigkeit athmete, ſtets von Neuem, und trotz des trüben In⸗ haltes brachte er ihr Troſt und Ermuthigung. Sie fühlte, daß eine wahre, rechte Liebe in ihrem ſchmerz⸗ lichſten, unerfüllten Sehnen, und trotz aller Bitterkeit hoffnungsloſer Trennung doch ſüßer und beglückender iſt, als die„achtbarſte“, glänzendſte Heirath ohne Liebe. Am Schluß der Woche trat Hilary ruhig und ge⸗ faßt in das Geſchäft in Kenſington ein, und Selina begann die Vorbereitungen zu ihrer Verheirathung. Fünferhntes Japitel. Indem ich ſo viel über die Herrinnen zu berichten hatte, habe ich in letzter Zeit anſcheinend Eliſabeth Hand überſehen. Sie war auch ganz die Perſon überſehen zu werden, denn ſie hielt ſich ſtets im Hintergrunde, ſelbſt jetzt noch, da Hilary's Abweſenheit das ganze Hausweſen mit allen Sorgen und Mühen in ihre Hände gelegt hatte. Sie erfüllte ihre Obliegenheiten mit jener Ruhe und Schweig⸗ ſamkeit, die ſchon dem ganz jungen Mädchen eigen waren, ſelbſt Johanna brachte ſie nicht viel zum Reden. Sie gehörte zu den Naturen, die nur bei außergewöhnlichen Fällen und wenn man ihrer beſonders bedarf, aus ſich heraustreten und dann— doch die Zeit wird lehren, was dieſes ſchlichte Dienſtmãdchen zu thun im Stande war. Noch nach Jahren erinnerte ſich Hilary, mit welcher ſeltſamen Zurückhaltung und Abgeſchloſſenheit Eliſabeth ruhig dahin ging; wie ſie in ihrem Anzuge und Weſen ſo altmodiſch und einfach wie bisher blieb und keine 264 der Londoner Moden oder leichtfertigen Manieren an⸗ nahm; auch daß nie eine Klage über ihre Lippen trat, blieb ihrer jungen Herrin unvergeßlich, und dennoch litt Eliſabeth unter den Unbequemlichkeiten der Wohnung und der ganzen Lebensweiſe am meiſten, und zwar mehr, als eine der Damen damals vermuthete. Langſam, doch ſicher bildete ſich in ihr jener ſtarke Charakter aus, deſſen Grundfeſten eigene Kraft und Selbſtbeherrſchung ſind, Eigenſchaften, welche in allen Klaſſen der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft aus den Frauen, die ſie beſitzen, die Hülfrei⸗ chen und Troſtſpendenden, die Gebenden ſtatt der Em⸗ pfangenden, die Schaffenden, ſtatt der in Ruhe Genie⸗ ßenden machen. Der Weg dieſer Frauen ſcheint ſtets mehr auf der ſchattigen und dunklen Seite des Lebens zu liegen, und ihr Loos arbeiten und dulden zu ſein. Eliſabeth hatte wenig Zerſtreuung und Vergnügen. Sie machte keine Bekanntſchaften und bat nie um einen freien Tag; ſie ſchien gar nicht danach zu verlangen. Eine große Freude, ja, ein Hochgenuß war es für ſie, wenn ihr liebes Fräulein Hilary ſie zuweilen Sonntag Nachmittags mit nach der Weſtminſter⸗Abtei oder der St. Pauls⸗Kirche nahm. Ihr Vergnügen, ihre innige Dankbarkeit erfreute dann ſelbſt die Herrin, und beſaß die Macht, dieſe von ihren eigenen Sorgen und Kümmer⸗ niſſen abzuziehen. Es iſt ſolch ein unendlicher Segen, Jemand ganz glücklich zu machen, ſei es ſelbſt nur für eine Stunde. Dieſe ſchönen Sonntagnachmittage ausgenommen, ver⸗ brachte Eliſabeth ihre ganze Zeit, den Hausſtand zu be⸗ ſorgen und Fräulein Leaf zu bedienen und zu pflegen, die mit erſtaunlicher Schnelligkeit immer älter und ſchwächer wurde. Wahrſcheinlich war das Getrenntſein von Hi⸗ lary, ihrem Kinde, die ſeit ihrer Geburt ſtets an ihrer Seite geweſen, ein ſchwererer Schlag für ſie, als ſie ſelbſt geglaubt hatte und eingeſtehen wollte; vielleicht auch mochte das Wohnen in den engen Räumen, die ſie ſel⸗ ten oder nie verließ, der gänzliche Mangel an Abwechſe⸗ lung, das Entbehren kleiner Behaglichkeiten und Be⸗ quemlichkeiten, welche Stowbury ihnen geboten, welche aber trotz Hilary's Sorgſamkeit nicht beſchafft werden konnten, die nachtheilige Veränderung herbeigeführt haben. Selina's Brautſtand, der als eine Sache der Wohl⸗ anſtändigkeit und Form ſechs Monate dauern mußte— nach ihrer Beſtimmung— verminderte die Ausgaben der Familie nicht. Alte Kleider zu tragen und im Omnibus zu fahren, war für die künftige Frau Askott vom Ruſſel⸗Platz unmöglich; und obgleich ſie, um ge⸗ recht zu ſein, ihre Anſprüche mehr beſchränkte, als man ihr früher, unter den Verhältniſſen, zugetraut haben würde, ſo gebrauchte ſie doch Geld. „Es iſt ja das Letzte, ich werde Euch nie wieder etwas koſten“, ſagte ſie begütigend, und dann wandte ſie ſich gleich wieder dem Gegenſtande zu, der alles Intereſſe in Anſpruch nahm: der Ausſtattung, welche Herr Askott auf das Reichſte und Glärzendſte beſorgen ließ. Dieſe Einrichtung hatte den Stolz der Familie Leaf Anfangs ſehr verletzt, doch woher ſollte ſie die Mittel nehmen, Selina irgend welche Ausſteuer zu geben? Wenn aber auch dies angenommen werden mußte, ſo hätten die Schweſtern doch jedes ſie betreffende Geſchenk zurück⸗ 266 gewieſen, wenn ſolches ihnen gemacht wäre. Aber außer den Hochzeitskleidern und einer Einladung zum Früh⸗ ſtück dabei, welches auch in einem Hotel ſtattfinden ſollte, ward ihnen nichts angeboten. Obwohl nun alſo ein wichtiger Feſttag in Ausſicht ſtand, ſo ging das ſtille, einförmige Leben im Hauſe der Schweſtern doch ununterbrochen fort. Die ſchönſten Stunden wurden durch Hilary's Beſuch herbeigeführt, der ſtets von Sonnabend Abend bis Montag Morgen währte. Und in dieſen kurzen Sonnenblicken, wo Jeder beſonders liebenswürdig war und ſich bemühte, die eigenen Sor⸗ gen zu verbergen, überſah Hilary Etwas, worüber Eli⸗ ſabeth ſchon lange mit ihr hatte ſprechen wollen, doch nie den Muth dazu fand; denn es war ja nicht ihre Angelegenheit, man hätte ſie vielleicht ſogar beſchuldigen können, ſie miſche ſich in Familienſachen. Vor Allem erforderte es die Nothwendigkeit, Mittheilungen zu machen, welche wie Geklätſch ausſehen konnten, auch wohl als ein Spioniren zu deuten waren, und zwar betraf es Jemand, den Eliſabeth nicht leiden mochte. Darin lag aber gerade der Schwerpunkt; obwohl ſie nur eine arme, ſchlichte Dienerin war, ſo beſaß ſie eine Art ritterlichen Ehrgefühles, welches ſie ermahnte, beſonders gegen ihren Feind gerecht zu ſein. Feind! Das Wort iſt vielleicht zu ſtark; doch von Tag zu Tag ſteigerte ſich ihre Bitterkeit gegen Askott Leaf. Nicht etwa, daß er ſie perſönlich gekränkt oder ſchlecht behandelt hätte, nein, im Gegentheil, er gehörte zu den jungen Männern, die ſtets von ihren„Unter⸗ gebenen“ wohl gelitten ſind, weil er fröhlich, gutmüthig * und trotz aller Vornehmheit leutſelig zu ihnen war; machte er auch viel Anſprüche, verurſachte er ihnen viel Arbeit, ſo geſchah es doch immer auf freundliche Weiſe und er belohnte dafür, nicht nur mit Trinkgeldern, ſon⸗ dern was oft noch mehr gilt, mit einem dankenden Worte, ſo daß wenige Dienſtboten ſich über Askott beklagt haben würden. Aber Eliſabeth's Abneigung hatte tiefere Urſachen, die erſte und hauptſächlichſte war ſeine entſchiedene Gleich⸗ gültigkeit gegen die Angelegenheiten ſeiner Tanten, die ſich ſowohl in Bezug auf Selina's Heirath kundgab, welche er nur einen„capitalen Streich“ nannte, als auch auf die Einkünfte und Ausgaben der Familie erſtreckte, die trotz Hilary's Gehalt immer noch nicht in das rich⸗ tige Verhältniß kamen. All die Erſparniſſe und Ent⸗ behrungen, die noch nöthig waren, ſchien er nur zu be⸗ merken, wenn ſie ihn betrafen, und obgleich er weder darüber klagte noch murrte, ſo ging er doch aus dem Hauſe, um nicht darunter zu leiden. Er war jetzt mehr als je von ſeiner Familie fern, und that ſein Möglichſtes, ſie über ſein Thun und Han⸗ deln im Dunkel zu erhalten, indem er zu ganz verſchie⸗ denen Stunden fortging und nie beſtimmte, wann er wiederkäme, und wenn ſelbſt dies geſchehen, doch ſein Wort nicht hielt. Dies war um ſo unangenehmer, als eine Menge von Leuten nach ihm fragten, und vor der Hausthür warteten, weil ſie ihn in„Geſchäften“ ſpre⸗ chen wollten, einige von ihnen erlaubten ſich ſogar in ſo wenig ſchmeichelhaften Ausdrücken von dem jungen Herrn zu reden, daß Eliſabeth aus Angſt, Frau Jones könne dies hören, fortan immer ſelbſt die Thür öffnete, um Beſcheid zu ertheilen. Doch die Wirthin war eine gewitzte Frau, nicht um⸗ ſonſt hatte ſie ſchon ſeit dreißig Jahren möblirte Zim⸗ mer vermiethet. Es dauerte nicht lange, ſo wußte ſie, und ſorgte, daß Eliſabeth ihre Entdeckung erfuhr, daß Herr Askott Leaf ſich„in Verlegenheit wie man ſich in dieſem Fall ausdrückt. Und hier ſei mir eine Bemerkung a denn ich glaube man wird mich in Beziehung auf einen Gegen⸗ ſtand in dieſer Geſchichte der Schroffheit und Unbarm⸗ herzigkeit beſchuldigen, indem ich das Schuldenmachen zu einem Verbrechen ſtemple, während der größte Theil der Menſchen es durchaus nicht als ſolches betrachtet. Man wird mir vorwerfen, daß wir, ich, der Autor ſelbſt, und alle guten und tugendhaften Charaktere dieſer wahrhaf⸗ tigen Erzählung, uns bei dem häßlichen Worte:„Schul⸗ den“ ereifern und erhitzen wie die Truthähne beim An⸗ blick eines Stückchen rothen Tuches, das doch bei alle⸗ dem nur ein harmloſes rothes Läppchen iſt und bleibt. Ganz recht; manche Art der Schulden erweckt und verdient Mitleid. Der Kaufmann, welcher durch große Verluſte bankerott wird— eine ſehr verwöhnte Familie, die durch unrichtige Liebe und Güte im Dunkel über ihre Vermögensverhältniſſe erhalten wurde, und Thaler ausgab, wo ihr nur Pfennige zu Gebote ſtanden— endlich jene Perſonen, gleichviel ob Männer oder Frauen, die ohne leichte oder ſchlechte Grundſätze zu haben, doch in Allem was Geldſachen anbetrifft, ſo vollkommen un⸗ praktiſch ſind, daß ſie trotz der bitterſten Erfahrungen doch nie den Werth des Geldes kennen lernen, und in der Hinſicht immer unmündige Kinder bleiben— dieſe Alle mögen, wenn ſie in Schulden gerathen, Anſpruch auf Nachſicht und Vergebung haben, denn ſie fehlen aus Zufall und Irrthum, doch nicht mit Vorbedacht. Aber jenen Menſchen, die Sachen beſtellen und kau⸗ fen, beſtimmt wiſſend, daß ſie dieſelben nie bezahlen kön⸗ nen, allen denjenigen, welche ſich kein Vergnügen, keine noch ſo luxuriöſen Bequemlichkeiten zu verſagen ver⸗ mögen, ſo ſehr das Gewiſſen ſie mahnt, daß ſie von anderer Leute Geld leben— oder endlich den nicht ſchlech⸗ ten, trägen und ſchlaffen Perſonen“, welche wohl ihre Einnahmen und Ausgaben regeln könnten, wenn es nicht zu beſchwerlich wäre— allen dieſen keine Nach⸗ ſicht, kein Mitleid, ſie verdienen es nicht. Zu welcher Klaſſe von Schuldenmachern Askott Leaf gehörte, wird dieſe Geſchichte zeigen. Ich erzähle ſie, oder mehr noch ich laſſe ſie und ihre Moral für ſich ſelbſt ſprechen, denn es iſt ja die Geſchichte von Hunderten und Tauſenden. Daß ein junger Mann ſeine Jugend nicht genießen ſollte, wäre hart; daß es höchſt angenehm iſt, ſich hübſch zu kleiden, gut zu leben, und mit vollen Händen für ſich und Andere Geld auszugeben, ſteht außer allem Zweifel. Niemand würde es anders wünſchen. Man⸗ cher junge Menſch, der mit zwanzig Jahren ſeine Güte und Leichtherzigkeit bis zur Verſchwendung trieb, wurde mit vierzig Jahren der ſparſamſte und vernünftigſte Fa⸗ milienvater, während ein anderer, der, ohne daß er es nöthig hatte, auf filzige Weiſe darbte und ſparte, ſich 270 im Alter zum richtigen Geizhals ausbildete. Es liegt ſogar in der gedankenloſen Großmuth und Freigebigkeit der Jugend etwas, wodurch das Herz erwärmt und er⸗ friſcht wird, ſelbſt wenn der Verſtand es nicht billigen kann. Aber daß Askott Leaf's Freigebigkeit ſich ſtets und immer mur auf ihn ſelbſt bezog, das brachte Eliſa⸗ beth ſo auf. Wenn ſie zuweilen ein neues Kleidungsſtück in ſein Zimmer trug, in dem andere, noch unbezahlte und gut erhal⸗ tene Anzüge unordentlich umherlagen, oder wenn ſie viele Paare der ſchönſten und feinſten Stiefel putzte und Dutzende der eleganteſten Battiſttaſchentücher für ihn waſchen mußte— dann erfaßte ſie der gerechte Zorn, indem ſie all der kleinen und großen Mängel gedachte, an welchen die Garderobe von Fräulein Hilary litt, oder Bequem⸗ lichkeiten herbei wünſchte, die Fräulein Johanna's Kränk⸗ lichkeit faſt erforderte, alles Dinge, welche Askott nie einfielen. Natürlich nicht, wie kann ein junger Mann an dergleichen denken, wird Mancher ſagen. Aber es giebt welche, die es können und thun. Ant⸗ worte mir, Du Sohn jener armen Wittwe, Du ſorg⸗ ſamer Bruder Deiner verwaiſten Schweſtern, Du flei⸗ ßiger Schreiber, der nur für das Wohl der Familie arbeitet— antwortet Ihr Alle: iſt es nicht beſſer und herzerhebender an Andere als nur an ſich ſelbſt zu den⸗ ken? Kann ein Menſch, ja ſelbſt ein junger Mann, ſein höchſtes, einziges Glück in ſeinem rein perſönlichen Vergnügen und Genuß finden? Doch ich will mit dieſem Predigen meine Ge⸗ — ſchichte nicht aufhalten, ihre Entwickelung wird deutlich genug zu den Herzen ſprechen, welche hören wollen. Eliſabeth's Sorgen und Gewiſſensbiſſe, ob ſie nicht unrecht handle, wenn ſie länger ſchweige, kamen endlich zur Ruhe, indem ſie den feſten Entſchluß faßte, nächſten Sonntag mit ihrer jungen Herrin über Askott's Ange⸗ legenheiten zu ſprechen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß man ſie des Angebens beſchuldige. Die Woche hatte viel Angſt und Noth gebracht, weil die älteſte der Schweſtern krank wurde, nicht gefährlich zwar, aber für Eliſabeth dennoch beunruhigend. Johanna klagte nicht, doch als ihr Liebling am Montag Morgen das Haus verlaſſen hatte, kehrte ſie zu ihrem Bett zurück und ſtand nicht wieder auf. Sie wollte weder, daß Hilary noch Selina davon benachrichtigt würden, die Letztere war auf einige Tage in Dulwich zum Beſuch bei der Gattin von Herrn Askott's Compagnon. „Ich brauche nichts, was Du mir nicht leiſten könn⸗ teſt, Eliſabeth; Du wirſt nach und nach eine ganz vor⸗ zügliche Krankenpflegerin“, ſagte ſie mit einem zwar friedlichen, aber ſo unendlich matten Lächeln, daß es dem Mädchen ins Herz ſchnitt. Es ſchien, als ob Jo⸗ hanna Leaf leiſe, leiſe der irdiſchen Hülle entſchwebte, um bald dahin zu gehen, wo ſie die Sorgen der Welt nicht mehr verfolgen würden. Mit ihr von Askott's Angelegenheiten zu ſprechen, war Eliſabeth ganz unmög⸗ lich. Sie dankte Gott, daß bis in das ſtille, abgelegene Krankenzimmer der lieben Herrin kein lautes Klopfen oder Klingeln, keines jener harten Worte drang, und daß ſie nichts erfuhr von der Schreckenskunde, welche die Wirthin dem Mädchen mittheilte, daß ſie nämlich aus einem Schreiben erſehen habe, wie Gerichtsdiener Herrn Askott Leaf ſuchten. „Und je früher ich Euch Alle aus meinem anſtän⸗ digen Hauſe los werde, je lieber wird es mir ſein“, hatte die Wirthin am nämlichen Morgen in großer Ent⸗ rüſtung zu der Dienerin geſagt, welche ſie bat, ihre kranke Herrin nicht zu ſtören, ſondern mit der Kündi⸗ gung zu warten bis Fräulein Hilary heim käme. Nachdem Askott ganz heiter und wohlgemuth wie immer ſein Frühſtück genoſſen und fröhlich mit der Tante geplaudert hatte, rief er im Vorzimmer Eliſabeth herbei und bat ſie, Jedem, der nach ihm fragen würde, den Beſcheid zu geben, er ſei nach Birmingham gereiſt und werde erſt Montag zurückkehren. Da das Mäd⸗ chen Anfangs zögernd, und dann immer entſchiedener ſich weigerte, dieſe unfreiwilligen Lügen zu ſagen, wurde er erſt ſehr ärgerlich, dann legte er ſich aufs Bitten und verſicherte ſie, wenn ſie ſeinen Wunſch nicht erfülle, ſo würde es ſein Untergang werden. O, ſie verſtand jetzt Alles— denn ſie war leider viel klüger in ſolchen Din⸗ gen geworden— und mit Schrecken bemerkte ſie einen jüdiſch ausſehenden Mann, der den ganzen Tag über das Haus bewachte und jede Perſon, welche ſich dem⸗ ſelben nahte, aufmerkſam betrachtete. Als ſie am Fenſter in dem Zimmer ihrer Herrin ſaß, ſah ſie den Mann in dem gegenüberliegenden Brannt⸗ weinladen verſchwinden, und im ſelbigen Moment ſtürzte eine dunkle Figur um die Straßenecke und in ihr Haus hinein. Eliſabeth überzengte ſich, ob die Kranke ſchlich dann ganz ſacht aus dem Zimmer. ſie leiſe Tritte ſich die Treppe heraufſtehlen. „Holla!— O, Sie ſind es, Eliſabeth!“ „Soll ich Ihr Licht anzünden, Herr Leaf?“ Als der Lichtſtrahl auf Askott fiel, war ſie erſtarrt über ſeinen Anblick. Ganz vom Regen durchnäßt, den Hut tief in die Augen gedrückt, den Kragen des Rockes hoch⸗ ſchliefe und Jetzt hörte gezogen, gerade als ſolle es eine Art Verkleidung ſein, dabei bleich, außer Athem und zitternd, ſo ſtand er vor ihr, und ſchwerlich würde Jemand in dieſer ſo ſeltſam und abentheuerlich ausſehenden Figur den feinen, vornehmen Herrn Askott Leaf erkannt haben. Er wankte in ſeine Stube und fiel erſchöpft auf das Bett. „Wünſchen Sie etwas?“ fragte Eliſabeth in der Thür ſtehend. „Nein— doch ja— warten Sie ein Wenig. Eli⸗ ſabeth, kann man ſich auf Sie verlaſſen?“ „Ich hoffe es.“ „Die Gerichtsdiener ſind hinter mir her; ich habe ſie noch einmal getäuſcht, bin ihnen ſo eben glücklich entwiſcht. Wenn ſie meine Anweſenheit hier erfahren, dann iſt das Spiel verloren— und es würde meiner Tante Tod ſein.“ So ſehr Eliſabeth ihm zürnte, ſo war ſie doch froh, dieſe Worte von ihm zu hören, froh, zu bemerken, wie ſeine tiefe Bewegung ihn übermannte und er, alle Arten von Selbſtvorwürfen ausſtoßend, ſein Geſicht in den Kiſſen barg. Herrin und Dienerin. I. 18 274 „Dies Alles hilft jetzt nichts, Herr Askott“, ſagte ſie beinahe ſanft und begütigend, wie man zu einem Kinde ſpricht, denn es lag in ſeiner Verzweiflung eher etwas Kindiſches als Männliches. Trotz ihrer Entrüſtung bemitleidete ſie ihn jetzt; ein gutes Herz fühlt für Jeden, der in Noth iſt, Theilnahme, wenn er ſelbſt Tadel ver⸗ dient.„Was ſoll nun weiter geſchehen, Herr Leaf?“ „Nichts— ich beſitze keinen Heller mehr, und ich habe nicht einen Freund in der Welt.“ In einem neuen, noch ſtärkeren Aufall von Ver⸗ zweiflung kehrte er ſein Haupt nach der Wand und ſchloß die Augen. Eliſabeth mußte an ſich halten, daß ſie nicht laut ihre Meinung über einen ihrer„Vorgeſetzten“ äußerte; doch ihr feſter, im Dulden und Tragen ſo ſtandhafter Charakter wandte ſich faſt mit Geringſchätzung von die⸗ ſer ſchwachen, ſonſt ſo übermüthigen und leichtlebigen Natur, welche nun beim erſten Schickſalsſchlage gleich niedergeworfen ward. „Stehen Sie auf und werden Sie ruhiger, es bringt keinen Nutzen, ſich böſe Dinge noch ſelbſt zu ver⸗ verſchlimmern. Wenn Niemand weiß, daß Sie hier ſind, ſo braucht es auch Niemand zu erfahren; ſchließen Sie Ihre Thür und verhalten Sie ſich ganz ſtill. Wenn ich Fräulein Johanna's Thee hole, bringe ich Ihnen etwas Eſſen mit, und ſelbſt Frau Jones ſoll nichts merken.“ „Sie ſind ein capitales Frauenzimmer, wahrhaftig Eliſabeth!“ rief der junge Mann, ſchnell wieder zur Hoffnung und Sorgloſigkeit ſich wendend.„Das iſt ganz köſtlich. Beſorgen Sie mir ein gutes Stück Fleiſch oder Schinken— aber vergeſſen Sie nicht eine Flaſche Ale!“ „Ganz wohl, Herr!“ Die Antwort klang etwas mürriſch, und hätte er Eliſabeth's Geſicht geſehen, ſo würde der Ausdruck ihm nicht ſehr geſchmeichelt haben. Doch ſie brachte ihm alles Verlangte, und bewahrte ſein Geheimniß; obgleich, als ſie Frau Jones verſichern hörte:„Herr Leaf ſei den ganzen Tag nicht nach Hauſe gekommen“ es ihr war, als ob ſie ſelbſt eine Lüge ſage. Mit bangem, lautſchlagendem Gewiſſen erwartete ſie die hergebrachte Frage ihrer Herrin:„Iſt mein Neffe zu Hauſe?“ aber glücklicher Weiſe wurde ſie nicht ge⸗ than. Die Leidende lag ſtill und ruhig, und die treue Wärterin bereitete ihr Alles ſorglich zur Nacht vor, und bettete ſie mit einem ſeltſam feierlichen Gefühl auf ihrem — Lager, gerade als ob ſie ihr theures Fräulein zum letz⸗ ten Schlafe zurechtlege, der ſie in ſeine ſanften Arme nehmen wollte, um ſie zu ſchützen vor dem Sturme, welcher über dem Himmel der Familie hing und in jeder Minute losbrechen konnte. Doch alle wüben Wolken waren dem verflogen, der die Urſache dieſes, ja faſt jedes Kummers war. Sobald es ſtill im Hauſe geworden, ſchlich Askott die Treppe herunter und begann mit dem beſten Appetit ſein Abend⸗ brot zu verzehren, ja, er wurde ſogar mittheilſam. „Sehen Sie doch nicht ſo düſter aus, Eliſabeth! Ich werde mich ſchon durchſchlagen. Der alte Askott muß zahlen, ich kann ihm nicht helfen. Er hat ja die Ehre mein Onkel zu werden. Das war ein glücklicher Fang, 276 den Tante Selina gethan. Ich wünſchte nur, Tante Hilary folgte ihrem Beiſpiele.“ „Wenn Sie nichts mehr bedürfen, ſo möchte ich zu Bett gehen.“ „Fort denn— und zu Weihnacht werde ich ein hübſches Kleid als Geſchenk nicht vergeſſen. Sie ſind ein kluges, brauchbares Mädchen, und ich bin Ihnen ſehr verpflichtet.“ Einen Augenblick ſchien er die Abſicht zu haben, die gewöhnliche, unpaſſende Höflichkeit oder Erkenntlichkeit, welche junge Leute den Dienſtmädchen gegenüber gebrau⸗ chen, auch hier anzuwenden— aber Eliſabeth war ihm doch gar zu wenig hübſch, er konnte ſich nicht entſchlie⸗ ßen, ſie zu küſſen. In dieſem Moment wurde furchtbar an der Klingel geriſſen und durch das Schlüſſelloch der Thür ſchrie man:„Feuer! Feuer!“ Ganz entſetzt öffnete Eliſa⸗ beth und mit lautem Gelächter ſprang ein Mann her⸗ ein, ſeine gewichtige Hand auf Askott legend. Es war ein Gerichtsdiener. Als nun jeder Ausweg abgeſchnitten, kehrten Askott's männliche Haltung und ſeine Entſchloſſenheit zurück. Ob⸗ gleich er ſehr bleich wurde, widerſetzte er ſich nicht, ja er behielt ſogar Geiſtesgegenwart genug, um zu verhin⸗ dern, daß Frau Jones in ihrem Schreck und ihrer Ent⸗ rüſtung ſeine kranke Tante weckte. „Sie wird es bald genug erfahren; laſſen wir ſie bis morgen ſchlafen! Eliſabeth, hören Sie zu!“ Er ſchrieb auf eine Karte den Ort, wohin man ihn führte. „Geben Sie dies meiner Tante Hilary. Wenn ſie ein —— Mittel fände, mich aus dieſer Verlegenheit zu befreien, ſo würde ich ihr ſehr dankbar ſein— doch nein, ich verdiene es nicht. Sie ſoll ſich nicht um mich grämen! Kommt, Ihr Leute!“ Er zog den Hut tief in die Augen, ſprang in den vor der Thür haltenden Wagen und war entſchwunden. Der ganze Vorgang hatte nicht fünf Minuten gedauert. Wie verſteinert ſtand Eliſabeth im leeren Zimmer— was ſollte und mußte nun zuerſt geſchehen? Ihre Ge⸗ danken eilten zu Hilary, ſie mußte vor Allem benach⸗ richtigt werden; wie aber ſollte ſie ſo ſpät am Abend zu ihr gelangen, und konnte ſie Fräulein Leaf der Güte und Sorgfalt von Frau Jones überlaſſen? Das ging nimmermehr. Plötzlich fiel ihr Fräulein Balquidder ein. Vielleicht könnte ſie eine Botſchaft— nein, nein die Fa⸗ milienangelegenheiten, und ſo traurige und entwürdigende überdies, durften nicht einem Fremden anvertraut wer⸗ den— doch einen Brief nach Kenſington ſenden. Nicht ohne Anſtrengung verfaßte Eliſabeth ihren er⸗ ſten Brief— und zwar an ihr geliebtes Fräulein Hilary. Geehrtes Fräulein! „Herr Leaf hat ſich ſelbſt in Ungelegenheiten ge⸗ bracht und man hat ihn von hier fort, ich weiß nicht wohin, geführt. Ich wage nicht meiner Herrin die Nachricht mitzutheilen, denn ſie iſt krank, obgleich es ſchon wieder etwas beſſer mit ihr geht. Ich wünſchte, Sie wären hier, und bis Sie kommen, ſoll ihr Fräu⸗ lein Schweſter nichts erfahren. Ihre gehorſame und dankbare Dienerin Eliſabeth Hand.“ = 278 Sie nahm Askott's Drücker und verließ leiſe das Haus. Draußen in der dunklen, nebligen Nacht ver fehlte ſie mehr als einmal den Weg, weil ſie noch nie ſo ſpät auf der Straße geweſen war und ſich nicht gut zurecht finden konnte. Selten daß ſie Jemand begegnete, außer dem Conſtabler, der auf dem naſſen Trottoir auf und ab ging. Als er ſeinen forſchenden Blick auf ſie richtete, fuhr ſie gleich einer Schuldigen zuſammen, bis ſie ſich erinnerte, daß ſie nichts Böſes thue und deshalb keine Furcht zu haben brauche. Dies war der einfache Glaubensſatz, den Hilary ſie gelehrt, und er hielt ſie muthig aufrecht bis zu Fräulein Balquidder's Thür. Dort aber bangte dem armen Mädchen von Neuem, und noch mehr, als Fräulein Balquidder ſelbſt, in dem ſonderbarſten Koſtüm auf das Klopfen erſchien, und mit ſtrengem Tone fragte, wer es ſei, der zu ſo ſpäter Stunde die Ruhe eines anſtändigen Hauſes ſtöre? Eliſabeth hatte ihre Antwort überlegt, um das zu ſagen, was nöthig war, und doch nichts zu verrathen, was Fräulein Hilary vielleicht verſchweigen wollte. „Entſchuldigen Sie, Madame, ich bin Fräulein Leaf's Dienerin. Meine Herrin iſt krank, und ich wünſchte, daß dieſer Brief in Fräulein Hilarn's Hände käme.“ „So, ſo. Tretet ein! Iſt nicht Euer Name Eli⸗ ſabeth?“ „Ja, Madame.“ „Warum ſeid Ihr ſo ſpät unterweges? Schickt Euch Eure Herrin?“ „Nein.“ C „Iſt ſie ſo ſehr krank? Das muß ſchnell gekommen 279 ſein. Ich ſprach noch heute Fräulein Hilary, und ſie wußte nichts.“ Eliſabeth zagte vor dem forſchenden Blick dieſer durchdringenden Augen. „Da ſcheint mir mehr verborgen, als Ihr mir ſagt, Jungfer. Iſt Eure Gebieterin wirklich ſo gefährlich krank, daß Ihr deshalb zur Schweſter ſchickt?“ Rein „Nun was iſt dann der Grund? Sprecht offen, ich haſſe alle Heimlichkeiten.“ Es war keine kleine Prüfung für Eliſabeth, aber ſie blieb ſtandhaft. „Verzeihen Sie, Madame, doch ich glaube, meine Herrin würde es nicht gern ſehen, wenn ich darüber ſpräche, und ſo darf ich auch Ihnen nichts verrathen.“ Nun war dem ehrlichen, offenen Gemüth der Schottin nichts mehr zuwider als Heimlichthun und Ver⸗ ſtecktheiten, aber dennoch erkannte ſie jedem Menſchen das Recht zu, ein Geheimniß zu bewahren, wenn ſolches ihm anvertraut war. Sie ließ ihre Augen ſcharf und for⸗ ſchend auf dem Geſichte des Mädchens weilen, und von dieſer Prüfung anſcheinend befriedigt, ſagte ſie eher freundlich: „Ihr habt Recht, Kind, der Herrſchaft Geheimniſſe müſſen die Dienſtboten immer bewahren. Nun erklärt mir nur, was Ihr wünſcht. Soll ich einen Wagen nehmen und Fräulein Hilary gleich ſelbſt holen?“ Eliſabeth dankte, meinte aber, das ſcheine ihr nicht nöthig; es wäre gewiß am beſten, wenn der Brief mor⸗ gen ganz früh nach Kenſington geſchickt würde, dann —— käme Fräulein Hilary wie zufällig nach Hauſe, und die kranke Schweſter würde weiter nicht erſchreckt.“ „Ihr ſeid ein gutes, nachdenkliches Mädchen, wer lehrte Euch ſo beſonnen und vernünftig zu handeln?“ Von dieſen freundlichen Worten wurde Eliſabeth, die erregt und erſchöpft war durch Alles was ſie in den letzten Stunden erlebt hatte, ſo tief ergriffen, daß ihre Standhaftigkeit zu wanken begann. Sie weinte zwar noch nicht, doch war ſie nicht fern davon. Fräulein Balquidder rief mit ihrem ſchnellen, be⸗ fehlenden Tone über die Treppe hinab: „David, iſt Eure Frau ſchon zu Bett?“ „Nein, Madame.“ „Dann ſagt Ihr, ſie ſolle dies junge Mädchen in die Küche holen und ihr etwas Abendbrot geben. Und nach⸗ her mögt Ihr ſie ſicher nach Hauſe bringen, denn ſie iſt ſehr erſchöpft wie Ihr ſeht.“ „Ja, Madame.“ Und dem grauköpfigen David folgend, nahm Eliſa⸗ beth zum erſten Male, ſeit ſie in London war, ein or⸗ dentliches Abendbrot in einer ſauberen, behaglichen Küche ein, welches durch Erzählungen von Fräulein Balquid⸗ der's Güte und Großmuth gewürtt wurde. Als ſie eine Stunde ſpäter, geſtärkt an Geiſt und Leib, heim⸗ kehrte, da ſchlief ſie ruhiger und hoffnungsvoller ein, als ſie es unter den obwaltenden Umſtänden für möglich gehalten hatte. Ende des erſten Vandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Von der Verfaſſerin der vorliegenden Erzählung erſchienen bereits in unſerm Verlage: — John Halifar, Gentleman. Aus dem Engliſchen von „— SFophie Berena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. Geh., Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Toben um Peben. Von der Verfaſſerin von„John Pnlifur“ 8 Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 3 Antorisirte Ansgubr. 3 Bände. Geh., Preis 2 Thlr. 15 Ngr. In unſerem Verlage erſchienen vor Kurzem ferner: Miriam Oder: Graf und Rünſtlerin. Nach dem Engliſchen: Transformation von Nathaniel Hawthorne. Deutſch von Clara Marggraff. Ankoriſirle Ausgabe.— 3 Bände. Geheftet, Preis 2 Thlr. ——— Der Tordmayor von London Oder: Leben in der City vor hundert Jahren. Hiſtoriſcher Roman von 3 W. Harriſon Ainsworth. Aus dem Engliſchen vvn A. Rretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. Preis 2 Thlr. cr t Inn Oder: Des Lebens Silbeffaden von Shirley Brooks. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autorifirte Ausgabe. 6 Bände. Geheftet, Preis 4 Thlr. Leipzig. Poigt& Günther. ſ 8 9 10 11 12 13 18 1 20