dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchenttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.———— auf 1 Monat: 5 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Ver— Pf. 5. Answürtige honnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre e Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 6———*——— — 2— Von der Perfaſſerin des„Fumilienhaupt“. Deutſche autoriſirte Ausgabe. Zweiter Band. Verlags⸗Comptoir. 1860. 3 weiter Band. John Halifax U. Erſtes Kapitel. Uac Mitternacht— wie lange nachher, weiß ich nicht genau, weil ich vergeſſen hatte, die Stun⸗ den der Abteiglocke zu zählen und unſer Licht nieder⸗ gebrannt war— alſo nach Mitternacht hörte ich an dem Athem meines Vaters, daß er eingeſchlafen war. Ich freute mich darüber, einerſeits für ihn, aber auch noch aus einem andern Grunde. Ich konnte nicht ſchlafen, alle meine Sinne waren unnatürlich aufgeregt, mein ſchwacher Körper und mein ſcheuer, blöder Charakter gewann Kraft und Thätigkeit genug, um Alles zu überwinden. Während dieſer einen Nacht fühlte ich mich wenig⸗ ſtens ſelbſt ein Mann. Mein Vater ſchlief von Natur feſt; ich wußte, daß ihn bis zu Tagesanbruch Nichts ſtören würde, und ſo war ich denn meiner Pflicht hier überhoben. 18 Ich verließ ihn und ſchlich leiſe die Treppe nach Sally Watkins' Küche hinab. Alles war ſtill, nur der treue Wächter Jem ſchlummerte⸗an dem ausgehenden Feuer. Ich berührte ſeine Schulter, worauf er mich bei dem Kragen faßte und beinahe zu Boden ſchlug. „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Phineas! ich hoffe, ich habe Ihnen nicht weh gethan?“ rief er er⸗ ſchrocken; denn Jem, ein kräftiger Bube von fünf⸗ zehn Jahren, war der weichherzigſte Knabe von der Welt.„Ich dachte wirklich, es wäre Einer von je⸗ nen Leuten, zu denen Mr. Halifar gegangen iſt.“ „Wo iſt Mr. Halifax?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, Herr, möchte es aber wohl erfahren. Es würde auch nicht lange dauern, daß ich ihn herausfände, wenn er mir nicht be⸗ ſtimmt befohlen hätte: Jem, Du bleibſt hier und giebſt auf die da oben Acht(er deutete mit dem Dau⸗ men nach der Treppe hin), und ſo, Mr. Phineas, habe ich hier gewartet.“ Mit dem Gehorſam eines Hundes ſetzte ſich Jem, wenn auch ungern, wieder an ſeinen Platz. Ich wußte, daß ihn NRichts von hier wegbringen würde und der Schlaf meines Vaters unter eben ſo ſicherem Schutze ſtand als ſich die Lohgerberei unter der Be⸗ wachung des redlichen Bulldoggen befand. Jem „ — § war brav wie ein Löwe und folgſam wie ein Kind. Ich hielt mich alſo hier nicht länger mehr nöthig. „Jem, leihe mir Deinen Rock und Hut, ich muß noch nach der Stadt gehen.“ Jem war ſo erſchrocken, daß er mit offenem Munde daſtand, während ich mir ſeine Kleider über⸗ warf und die Thür aufſchloß. Endlich ſchien ihm klar zu werden, daß er mich eigentlich daran ver⸗ hindern müſſe. „Aber, Herr! Mr. Halifax ſagte—“ „Ich gehe eben fort, um Mr. Halifax zu ſprechen.“ Und ſomit entkam ich aus dem Hauſe. Es ſchien dem treuen Jem nicht einzufallen, daß er Etwas mehr als eine ihm anbefohlene Pflicht thun könne, denn er ſtand an der Thür und ſah mir mit einem hoffnungsloſen Blicke nach. „Nun, ich ſetze voraus, daß Sie Ihren Weg finden werden, Herr, denn mir hat Mr. Halifax ge⸗ ſagt:„„Jem, Du bleibſt hier,““ und Sie ſehen, ich warte hier.“ Er ging in das Haus zurück, und ich hörte, wie er die Thür mit einer Entſchloſſenheit verriegelte, als wolle er nur John einlaſſen und Wache halten, wenn es auch bis zum jüngſten Tage dauere. Ich ſtahl mich durch den dunkeln Eingang auf die Straße hinaus. Es war Alles ſtill, und ich hätte mir Jem's Kleider nicht zu borgen gebraucht, um mich vor wüthenden und tollen Aufrührern zu ſchützen. Es war keine Spur von ihnen zu ſehen, nur fand ich unter einer der drei Oellampen, die Norton Bu⸗ ry's Dunkelheit erhellten, einen Knäuel zuſammen⸗ gedrehten, mit Harz vermengten Hanfes. Sie hatten alſo wirklich jenes ſchreckliche Zerſtörungsmittel— Feuer, im Sinne gehabt, und meine Befürchtungen waren demnach nicht unbegründet, ſowohl für unſer Haus als auch vielleicht für John, der dort war. Und fort eilte ich, durch ein dumpfes Geräuſch, das ich zu hören glaubte, noch mehr beängſtigt; aber die Straße war leer und ich ſah Riemand als den Wächter der Abtei, der in ſeinem Häuschen ſaß. Ich rief ihn an und frug:„Iſt hier noch Alles ſicher? Wo ſind die Aufrührer?“ „Was für Aufrührer?“ „Die vor Abel Fletcher's Mühle waren; ſie müſ⸗ ſen jetzt vor ſeinem Hauſe ſein.“ 3 „Das wäre möglich.“ „Und will ihm denn Niemand in der Stadt bei⸗ ſtehen, kein Conſtabler ihm helfen, kein Geſetz ihn ſchützen?“ „O, er iſt ja ein Quäker und das Geſetz kann keinem Quäker helfen.“ Das war die Wahrheit, eine durchgehende harte Wahrheit in jenen Tagen. Freiheit und Gerechtig⸗ keit waren leere Namen für Alle, die Nonconformiſten waren, welcher Sekte ſie auch angehörten; für ſie war die glorreiche Conſtitution und das Geſetz nur wirkſam, wenn die eiſerne Hand deſſelben ſich gegen ſie ſelbſt erhob. Ich hatte dies in dem Augenblicke vergeſſen und ward ſchmerzlich daran erinnert. So wollte ich kein Wort mehr verſchwenden und ging, ſo ſchnell ich konnte, den Kirchhof entlang, bis ich ein rothes Licht durch die Stämme der Kaſtanienbäume leuchten ſah. Es war eine Hanffackel. Endlich befand ich mich alſo in der Mitte dieſes kleinen Haufen Menſchen, die ſich Aufrührer nannten. Nur eine Hand voll war von jenen Männern noch übrig, welche die Mühle angriffen; doch hatten ſich einige Landleute aus der Umgegend mit ihnen vereinigt und Alle ſchienen durch den Hunger zur Verzweiflung gebracht zu ſein. So zogen ſie laut⸗ los von Coltham heran und nur ein leiſes Murmeln verrieth ihre Nähe; wo ſie aber auch geplündert ha⸗ ben mochten, bis jetzt hatten ſie das Haus meines Vaters noch nicht angegriffen, es ſtand verſchloſſen, düſter und ſtumm wie immer an der andern Seite des Weges. Ich hörte ein Flüſtern:„Der alte Mann iſt nicht hier— Niemand weiß, wo er iſt— Gott Lob nein!—“ „Seid Ihr Alle beiſammen?“ rief der Mann, welcher die Fackel trug, ſie hoch emporhaltend, um“ ſich genauer zu überzeugen. Niemand ſchien mich zu bemerken, außer ein Mann, der ſich hinter einem Baume verſteckt hielt und den ich fürchtete, weil er ſichtlich dort auf Wache war. „Haltet Euch fertig, Jungens!— Aber erſt das Harz her, die Flamme muß heller brennen!“ Doch in dem allgemeinen Eifer fiel die Fackel zur Erde, und dies einzige Licht, das ſie hatten, ward niedergetreten und verloſch. Eine wahre Fluth von Flüchen und Schimpfreden erſcholl, doch konnte Niemand herausbringen, wer es gethan hatte; ich aber vermißte den Mann hinter dem Baume und es war mir auch nicht möglich, ihn wieder herauszu⸗ finden, bis ſich der ärgerliche Haufen nach der näch⸗ ſten Lampe begeben hatte. Einer blieb zurück und ſtand dicht an unſerem eiſernen Gitter. Bedächtig ſah er ſich um, ob Niemand in ſeiner Nähe ſei, und dann ſprang er über das Thor fort. So dunkel es auch war, glaubte ich ihn dennoch zu erkennen. „John?“ frug ich leiſe. „Phineas?“ und mit einem Sprunge war er ——— —— wieder an meiner Seite.„Wie konnten Sie es wagen—“ „Dieſe Nacht vermochte ich Alles zu thun. Aber Sie ſind unverſehrt? kein Menſch hat Ihnen Etwas zu Leide gethan? Gott ſei Dank, daß Ihnen Nichts geſchehen iſt!“ Und ich ſtützte mich auf ſeinen Arm, auf den Arm meines Freundes, den ich ſo lange und ſo ſchmerzlich vermißt hatte. Er hielt mich feſt, ſein Herz fühlte mit dem meinigen gleich, nur konnte er keine Worte dafür finden. „Aber, Phincas, wir haben nur eine Minute Zeit und ich muß Sie in Sicherheit bringen; wir wollen verſuchen, in das Haus zu gelangen.“ „Wer iſt darin?“ „Jael, ſie iſt eben ſo gut wie ein Trupp Con⸗ ſtabler; ein Mal hat ſie die Burſchen fortgebracht, aber ſie ſind wiedergekommen oder werden doch gleich hier ſein „Und die Mühle?“ „Bis jetzt noch unbeſchädigt; ich habe drei Männer aus der Lohgerberei dort aufgeſtellt, Ihr Vater darf es aber nicht wiſſen. Die ganze Nacht bin ich zwiſchen hier und dort ab und zu gegangen, die Aufrührer erwartend, die jeden Augenblick von der Mühle am Severn zurückkommen mußten. Still, da ſind ſie. Jael, pſt!—“ Er klopfte leiſe an das Fenſter. In wenigen Augenblicken hatte Jael die Thür aufgeſchloſſen, uns eingelaſſen, ſie wieder feſt verriegelt und ſich ſelbſt dann als Wächter dahinter aufgeſtellt, mit Etwas in der Hand, das den Piſtolen meines Vaters ſehr ähnlich war; doch möchte ich ſie in unſerer friedli⸗ chen Geſellſchaft nicht durch die beſtimmte Beſtätigung dieſer Thatſache herabſetzen. „Bravo!“ rief John, als wir Alle im Innern des verſchloſſenen Hauſes ſtanden und von außen Stimmen und Fußtritte die Nahenden verkündigten. „Bravo, Jael! das Weib Heber des Keniten war nicht tapfrer als Ihr.“ Sie ſah John dankbar an und folgte ihm ge⸗ horſam von Zimmer zu Zimmer. „Ich habe Alles gethan, was Du gewollt haſt, Du biſt ein vernünftiger Junge, John Halifax. Ich denke, wir ſind in Sicherheit.“ „Sicher?— Schloß und Riegel können nicht gegen Feuer ſchützen“— denn das war es, was uns drohte. den ſie nicht,“ wiederholte John, als das Geſchrei: „Brennt es nieder!“ immer lauter und lauter ward. „Sie können das nicht thun— nein! das wer⸗ —— Aber ſie hatten es dennoch im Sinne. Von dem Bodenfenſter aus beobachteten wir, wie eine Fackel nach der andern aufleuchtete; zuweilen ward eine gegen das Haus geſchleudert, doch fiel ſie von der ſchweren eichenen Thür machtlos zurück und er⸗ loſch auf den ſteinernen Stufen unſerer Treppe. Sie diente nur dazu, uns noch beſſer als bei Tageslicht erkennen zu laſſen, aus welchen hageren, zerlumpten Geſtalten und verhungerten Geſichtern der Haufen beſtand. John ſowohl als ich erſchraken über dieſen jäm⸗ merlichen Anblick. „Ich will mit ihnen reden,“ ſagte John.„Jael, öffne das Fenſter!“ und ehe ich es verhindern konnte, lehnte er ſich weit hinans. „Holla! hier!“ Bei dieſer lauten, befehlenden Stimme ſah man alle Köpfe ſich erwartungsvoll erheben. „Männer! wißt Ihr, was Ihr im Begriffe ſeid, zu thun?— Wer das Haus eines Beſitzers niederbrennt, der wird gehangen!“ Es erfolgte erſt ein Schrei und dann ein Ge— lächter. „NRicht das eines Quäkers; kein Menſch wird gehangen, weil er eines Quäkers Haus verbrennt!“ „Das iſt nur zu wahr!“ murmelte Jael zwiſchen den Zähnen.„Wir müßten wie Mardochai's Volk fechten, Arm gegen Arm, bis wir unſere Feinde ge⸗ ſchlagen hätten.“ „Fechten,“ wiederholte John, als er an dem nun geſchloſſenen Fenſter ſtand, gegen welches mehr denn eine brennende Fackel geſchleudert ward—„mit dieſen da wollten Sie fechten, Jael? Was wollen Sie jetzt machen?“ Sie hatte ein großes Buch erfaßt, gewiß das letzte Buch im ganzen Hauſe, das ſie in weniger kritiſchen Augenblicken genommen haben würde, um eine zerbrochene Scheibe zu verſtopfen. „Nein, meine gute Jael, das nicht!“ und ſorg⸗ fültig ſtellte er das Buch an ſeinen Platz zurück— das Buch, in dem er nach der Gewohnheit aller Chriſten wohl Tag für Tag und Jahr für Jahr ſolche ſchöne einfache Worte geleſen haben mochte als dieſe: „Liebet Eure Feinde, ſegnet, die Euch flu⸗ chen thut wohl denen, die Euch haſſen, bit⸗ tet für die, ſo Euch beleidigen und verfol⸗ Eine oder zwei Minuten ſtand John, die Hand auf das Buch gelegt, nachdenkend da. Dann be⸗ rührte er meine Schulter. Phineas! ich habe einen neuen Plan erſonnen, wenigſtens einen ſo alten, daß er wieder neu geworden iſt. Mag er nun gelingen oder nicht, ſo werden Sie mir vor Ihrem Vater das Zeugniß geben können, daß ich that, was ich für recht hielt. Und nun zur Sache.“ Zu meinem Schrecken öffnete er das Fenſter abermals und zwar ganz und gar, und ſah hinaus. „Ihr Leute, hört, ich möchte mit Euch ſprechen!“ Er hätte eben ſo gut ſeine Worte an das ſtür⸗ mende Meer richten können. Die einzige Antwort, die er bekam, beſtand in einem Hagel von Stein⸗ würfen, die ihr Ziel aber verfehlten. Der Haufen ſtand zu weit vom Hauſe entfernt, dazu war unſer ſpitzes Eiſengitter acht Fuß hoch, vielleicht noch höher, eine Schranke, die bis jetzt noch Keiner zu überſteigen gewagt hatte. Endlich aber traf doch ein Stein John an der Bruſt. Ich zog ihn zurück, obgleich er verſicherte, keine Schmerzen zu fühlen. Entſetzt flehte ich, nur ſein Leben nicht auf's Spiel zu ſetzen. „Das Leben iſt nicht immer die Hauptſache, die man vor Augen haben muß,“ antwortete er freund⸗ lich.„Aengſtigen Sie ſich nicht, ich werde nicht zu Schaden kommen, aber ich muß ausführen, was ich für recht halte.“ Ich konnte ihn kaum verſtehen, ſo groß ward — der Lärm draußen und immer wilder ertönte das Schreien. „Brennt Alles nieder! brennt ſie ſelbſt nieder, es ſind ja nur Quäker!“ „Es iſt kein Augenblick zu verlieren— ſtill— laßt mich nachdenken. Jael, iſt das ein Piſtol?“ „Und geladen,“ verſicherte ſie, es ihm einhändi⸗ gend, und zwar mit ſolchem Entzücken, daß man in ihr nicht ein Mitglied der Brüdergemeinde vermuthet hätte. John rannte die Treppen hinab, und noch ehe ich eine Ahnung von dem hatte, was er thun wollte, waren die Riegel ſchon von der Thür geſchoben und er ſtand den Aufrührern frei gegenüber auf dem oberſten Podeſt der Steintreppe. Da ich wußte, daß er nicht zurück zu halten ſein würde, folgte ich ihm. Ein Pfeiler verdeckte mich, und ich brauchte nicht zu fürchten, daß er mich bemerken würde, obgleich ich dicht hinter ihm ſtand. So ſchnell war die Ausführung ſeines Ent⸗ ſchluſſes geweſen, daß ſelbſt der Haufen vor uns ihn nicht eher zu begreifen ſchien, bis eine ihrer hochge⸗ ſchwungenen Fackeln den jungen Mann beleuchtete, der ihnen gegenüber, den Rücken gegen die Thür ge⸗ wendet, ſtand. Der Anblick überraſchte ſie ſo, daß ich ſelbſt fühlte, John ſei für den Augenblick nicht in Gefahr. Sein Benehmen ſetzte ſie in Erſtaunen, ja, ſie waren erſtarrt. Aber der Sturm wüthete zu ſtark, um länger als eine kurze Minute beſchwichtigt zu ſein. Von Neuem erklangen die verſchiedenſten Simmen. „Wer biſt Du? auch Einer von den Quäkern — Nein, er iſt es nicht!— Verbrennt ihn dennoch — es iſt einerlei!— Rührt ihn nicht an— wagt es nicht!“ Es war ſichtlich, daß ſich eine Meinungs⸗Ver⸗ ſchiedenheit unter den Aufrührern vorbereitete. Einer der ſtärkſten Männer, der bis jetzt zu den Vorderſten gehörte, ſchien plötzlich die Maſſe beruhigen zu wollen. John ſtand ſeinem Manne. Eine der Fackeln, die auf ihn geworfen ward, fing er auf, uud ich glaubte, er würde ſie jetzt auf die Maſſe zurückſchleudern, aber er that es nicht, er drehte ſie nur um und trat ſie mit dem Fuße aus. Dies einfache Verfahren brachte inen wunderbaren Eindruck auf das Volk hervor. Der große Mann trat dicht an das Gitter und rief John beim Namen. „Seid Ihr es, Jacob Baines? Es thut mir Leid, Euch hier zu ſehen.“ „Seid Ihr es, Herr?“ —— „Was wollt Ihr?“ „Nichts von Ihnen— wir ſuchen Abel Fletcher — wo iſt er?“ „Das werde ich Euch gewiß nicht ſagen.“ Nach dieſen Worten entſtand von Reuem eine Bewegung, und abermals ſchien Jacob Baines Ge⸗ walt und Oberhand zu gewinnen. John Halifax blieb unbeweglich. Er ward bald von Allen erkannt. Ich hörte darüber manches abgebrochene Wort, als wie:„Thut dem jungen Manne Nichts— er war gegen meinen Sohn freund⸗ lich— ja, das war er— er iſt ein wahrhaft edler Mann— ja, er kam ſo arm her wie wir ſelbſt ſind.“ Endlich erhob ſich eine ſcharfe, durchdringende Stimme, die ſich vor allen andern hörbar machte. „Sagt mir, junger Mann, habt Ihr jemals empfunden, was es heißt, beinahe verhungert zu ſein?“ „Ja, und das manches Mal.“ Dieſe kurze und unerwartete Antwort ſchien den ganzen Haufen in Staunen zu ſetzen. Dann ließ ſich wieder dieſelbe Stimme hören: „Sprecht weiter— wir wollen Euch kein Leides thun— Ihr ſeid einer der Unſrigen!“ „Nein— ich bin nicht einer der Eurigen— denn ich würde mich ſchämen, in der Nacht heran zu ſchleichen, um meines Brotherrn Haus niederzu⸗ brennen.“ Ich erwartete einen neuen Ausbruch, doch dem war nicht ſo; wie gebannt hörten ſie auf dieſe klare männliche Stimme, in der nicht der geringſte Schat⸗ ten von Furcht lag. „Und weßhalb thut Ihr das?“ fuhr John fort. „Nur weil er Euch nicht ſeinen Weizen verkaufen oder ſchenken wollte, und doch— war es ſein Korn und nicht das Eurige.— Kann nicht jeder Menſch mit dem Seinigen thun was er will?“ Die Beweisführung ſchien Anklang zu finden. Es bleibt ſelbſt in dem roheſten Haufen ein gewiſſer Sinn für Gerechtigkeit, wenigſtens in einer Ver⸗ ſammlung engliſcher Männer. „Seht Ihr nicht ein, wie thörigt Ihr gehandelt habt? und noch dazu ſtießt Ihr Drohungen aus. Ihr kennt ja Mr. Fletcher, Viele von Euch ſind ſeine Arbeiter, er iſt nicht der Mann, dem man zu drohen wagen darf.“ Dies ſchien nicht gut aufgenommen zu werden, doch fuhr John in ſeiner Rede fort, ohne ſich daran zu kehren: „Eben ſo wenig bin ich Einer, der ſich drohen läßt. Seht her, den Erſten, der ſich unterſteht, in Mr. Fletcher's Haus zu dringen, ſchieße ich nieder. Doch John Halifax. 1l. 2 wahrhaftig, ich möchte Euch armem verhungertem Volke nicht gern ein Leides anthun! Ich weiß was es heißt, hungern zu müſſen, Ihr thut mir Alle Leid — vom Grunde meines Herzens Leid—“ Dieſer Ton warmer Theilnahme ward nicht mißverſtanden, noch konnte man ſich über das Mur⸗ meln, das folgte, täuſchen. „Aber was ſollen wir anfangen, Mr. Halifax,“ rief Jacob Baines,„wenn wir faſt ſterben vor Hun⸗ ger? Was hilft uns da das Reden noch?“ John's Aeußeres ward erſchüttert. Er hob ſeinen Kopf empor und warf ſein Haar zurück, eine Bewegung, die ich ſo wohl an ihm kannte. Er ſchritt bis an das Gitterthor hinab. „Wenn ich Euch nun Etwas zu eſſen gebe, wollt Ihr mir dann ruhig zuhören?“ Es erſcholl ein bejahender, faſt wahnſinniger Freudenruf. Die armen Unglücklichen, ſie fochten weder für einen falſchen noch einen richtigen Grund⸗ ſatz, ſondern nur um das nackte Leben zu retten. Sie hätten für einen Mund voll Brot ihre Seelen verkauft. „Ihr müßt mir verſprechen, ruhig und ver⸗ nünftig zu ſein,“ ermahnte ſie John, ſobald er ſich verſtändlich machen konnte. — „Ich kenne Euch, Ihr ſeid meiſt Alle aus Nor⸗ ton Bury, und wenn auch Abel Fletcher ein Quäker iſt, ſo könnte ich Euch doch an den Galgen bringen. Alſo ſei't vernünftig und denkt daran.“ „Ja, ja, aber gebt uns Etwas zu eſſen!“ John Halifax rief Jael und bat ſie, ihm durch das Wohnſtubenfenſter Alles zu geben, was ſie an Speiſe im Hauſe habe. Sie gehorchte ihm — und zwar, wenn ich jetzt daran denke, muß ich mich wundern— ohne Widerrede. Ich hörte nur, wie ſie den Riegel vor der Hausthür feſter zuſchob, dann aber ging ſie mit einem Seufzer wieder auf ihren Platz am Fenſter zurück. „Nun kommt herein!“ rief John, das Gitter aufſchließend. Sie drängten ſich an die Stufen heran; nicht mehr als zwei Rotten waren es, weniger als man dem Lärme nach geglaubt hatte; aber dreißig oder vierzig verhungerte und verzweifelnde Menſchen. Gott bewahre mich, daß ich das je wieder erleben ſollte. John vertheilte die Speiſen, ſo gut er es ver⸗ mochte; ſie fielen darüber her wie die wilden Thiere; gekochte oder rohe Speiſen, Brote, Vegetabilien und Mehl, Alles war ihnen gleich und Alles ward an ſich geriſſen, feſtgehalten und bis auf das Letzte abgenagt, 6 in der Haſt und Begierde, die der Hunger erregt.. Dann erſcholl der Ruf nach einem Trunke. „Waſſer, Jael, bringe ihnen Waſſer!“ „Bier!“ ſchrieen ſie. „Waſſer!“ wiederholte John.„Nichts als Waſſer. Ich mag keine betrunkenen Ruheſtörer vor meines Herrn Hauſe haben.“ Entweder mit Abſicht oder zufällig knackte der Hahn ſeines Piſtols. Aber es war völlig unnütz — ſie wurden durch eine ſtärkere Waffe gezügelt— die beſte, die ein Mann beſitzt— durch einen feſten, unbeugſamen Willen. Nicht lange dauerte es, ſo war alles Eßbare, was ſich im Hauſe befand, verzehrt; John erklärte ihnen das und ſie glaubten ihm. Für Viele unter ihnen bedurfte es freilich wenig genug; geſchwächt durch langen Hunger, ſanken ſie nach einigen Biſſen Brot krank und matt hin, ohne es recht hinunter⸗ ſchlucken zu können. Andere wieder verſchlangen was ſie nur konnten, und fielen dann überſättigt wie die Thiere auf die Steinſtufen nieder. Nur Wenige ſaßen und aßen wie vernünftige Menſchen, und nur Einer unter ihnen— der mit der ſcharfen, durch⸗ dringenden Stimme— frug,„ob er ein Stückchen Brot für das alte Weib nach Hauſe mitnehmen dürfe.“ DDies hörend, wandte ſich John ſehr bewegt ab, und erſt in dieſem Augenblicke bemerkte er mich. „Phineas, das war Unrecht von Ihnen. Doch ietzt iſt es hier nicht mehr gefährlich.“ Nein, die Gefahr war vorüber, ſelbſt für Abel Fletcher's Sohn. Ich ſtand ruhig an John's Seite, glücklich und zufrieden. „Nun, Leute!“ ſagte er, ſich lächelnd umſehend, „habt Ihr genug zu eſſen gehabt?“ „O ja!“ antworteten Alle. Und Einer fügte hinzu: „Gott ſei gedankt!“ „Das iſt recht, Baines! und ein andres Mal vertraut auf Gott den Herrn. Ihr werdet dann nicht einen zweiten Sonnen⸗Aufgang wie dieſen“— er deutete auf den ſich leiſe röthenden Himmel— „brandſchatzend und in Empörung verleben, ſo daß Ihr Euch ſelbſt an den Galgen und Eure Kinder dem Hungertode nahe bringt.“ „Sie mögen wohl ſchon ſo weit ſein,“ ſagte Jacob Baines plötzlich.„Wir haben eine Mahlzeit gehabt, und dafür danke ich— aber was wird aus unſern Kleinen zu Hauſe?— Ich ſage Ihnen, Mr. Halifax,“ und er ſchien von Neuem in Verzweiflung zu gerathen,„wir müſſen Etwas für unſere Kin⸗ der haben.“ — John wandte ſich mit bekümmertem Antlitze ab. Ein anderer Mann zupfte ihn am Rocke. „Sir! als Sie ein armer Junge waren, habe ich Ihnen eine wollene Decke geliehen, um darunter zu ſchlafen. Ich beneide Sie nicht, emporgekom⸗ men zu ſein; Sie waren zu einem vornehmen Leben geboren. Aber Mr. Fletcher, der iſt doch ein harter Mann.“ „Und ein gerechter,“ verſicherte John.„Ihr, die Ihr für ihn arbeitet, ſprecht, hat er Euch je einen Pfennig abgezogen? Wäret Ihr zu ihm gekommen und hättet geſagt:„Herr, die Zeiten ſind böſe, wir können mit unſerm Gehalte nicht leben,“ ſo würde er Euch vielleicht— ich ſage vielleicht— das Brot gegeben haben, das Ihr ihm jetzt ſtehlen möchtet.“ „Glauben Sie, daß er es uns noch jetzt gege⸗ ben hätte?“ Und Jacob Baines, der ſtarke, wilde Geſell, er, der Anführer der ganzen Rotte, derſelbe, welcher von unſern Kleinen geſprochen hatte, trat vor John hin und ſah ihm feſt in's Auge. „Ich habe Euch als Kind gekannt, Ihr ſeid nun ein junger Mann und werdet auch einſt Vater werden. O, Mr. Halifax, möchte Ihnen nimmer Speiſe oder ein gutes Mahl für Ihre Kleinen fehlen; aber geben Sie uns heute für die Unſrigen auch ein Stückchen Brot.“ „Ich will es verſuchen, arme Leute.“ Er rief mich bei Seite, ſagte mir ſeine Abſicht und forderte meinen Rath, ja, als Abei Fletcher's Sohn meine Zuſtimmung zu Ausführung ſeines Planes. Er wollte Scheine ſchreiben, auf die jeder Mann, wenn er ſie bei der Mühle vorzeige, eine ge⸗ wiſſe Portion Mehl erhalten ſolle. „Glauben Sie, daß Ihr Vater damit zufrieden ſein wird?“ „Ich denke, gewiß.“ Ja, ofügte John nachdenkend hinzu,„ich bin gewiß, er erkennt es an. Und überdem, will er nicht Etwas fortgeben, ſo verliert er am Ende Alles; aber aus Furcht davor thut er Nichts. Rein, nein, er iſt ein gerechter Mann, ich bin nicht ängſtlich. Geben Sie mir etwas Papier, Jael.“ Er ſetzte ſich ſo beſonnen hin, als befünde e er ſich allein in dem Zahlhauſe bei ſeiner Arbeit. Ich ſah über ſeine Schulter und bewunderte die klare, feſte Handſchrift, ſo wie die Schnelligkeit, Beſtimmt⸗ heit und den durchdringenden Verſtand, mit dem er erſt ſeine Gedanken zu ordnen und dann dieſelben auszuführen verſtand. Dabei beſaß er neben ſeinen — übrigen Geſchicklichkeiten auch die der guten Geſchäfts⸗ führung, ein Talent, das ſo häufig unterſchätzt wird und doch ſehr oft einen gewöhnlichen Verſtand zu einem geſcheuten Kopfe erhebt, und ohne welches der klügſte Menſch auf der Welt kein großer Mann werden kann. Als es zum Unterſchreiben der Scheine kam, hielt John plötzlich inne.„NRein, das thue ich doch lieber nicht.“ „Weßhalb?“ „Ich habe kein Recht dazu und Ihr Vater könnte mich anmaßend finden.“ „Nach der heutigen Nacht anmaßend?“ „O, das thut Nichts. Nehmen Sie die Feder, das iſt Ihre Sache, Phineas.“ I/tch gehorchte ihm. „Iſt es nicht ſo beſſer als gehangen zu werden?“ frug John, als er den Leuten die kleinen Streifen Papier aushändigte, die für ſie mehr Werth hatten als ganze Pfundnoten, was er ihnen auch klar zu machen wußte. „Wie? giebt es wohl noch einen Herrn in Norton Bury, der, wenn man kommt, um ihm Haus und Hof zu verbrennen, nicht die Conſtabels und Solda⸗ ten kommen läßt, welche die Hälfte der Empörer wie tolle Hunde niederſchießen und die andere Hälfte in das Grafſchafts⸗Gefängniß ſchicken? Hier aber nach allen Euren Unthaten läßt man Euch ruhig gehen, gut geſpeiſ't und mit Nahrung für Eure Kinder verſehen! Weßhalb thut man das?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Jacob Baines be⸗ ſcheiden. „Ich will es Euch ſagen, weil Abel Fletcher ein Quäker und ein Chriſt iſt.“ „Hurrah! für Abel Fletcher! Hurrah! für die Quäker!“ riefen ſie, das Echo in den Straßen von Norton Bury erweckend, das gewiß auf dieſen Ruf noch nie vorher geantwortet hatte. Und ſo endigte der Auflauf. John machte die Hausthür hinter ſich zu und betrat ſchwankend und angegriffen den Flur. Jael, das redliche Herz, ſtellte ihm einen Stuhl hin, und wie fröſtelnd und ſprachlos ſaß er da. Stumm legte ich ihm die Hand auf die Schulter, er nahm ſie und drückte ſie herzlich. „O Phineas, was bin ich froh, lieber Junge, wie froh, daß es ſo glücklich endigte!“ „Ja, danken Sie Gott!“ „Wahrhaftig, das wollen wir thun!“ Er bedeckte eine oder zwei Minuten ſeine Augen —— mit der Hand, dann ſtand er auf, bleich, aber den⸗ noch ganz der Alte. „Nun wollen wir Ihren Vater aufſuchen.“ Wir fanden ihn ruhig ſchlafend auf John's Bette; aber ſobald wir eintraten, wachte er auf. Das helle Tageslicht ſchien auf ſein Angeſicht— er ſah ſeit geſtern um zehn Jahre älter aus— erſchrocken und ärgerlich fuhr er John Halifax an. „Was, junger Mann!— ach, ich beſinne mich. — Wo iſt mein Sohn, mein Phineas?“ Ich fiel ihm um den Hals, als wäre ich noch ein Kind. Und auch er ſtreichelte und drückte meinen Kopf, als wäre er der eines Kindes. „Iſt Dir Richts geſchehen, gewiß Nichts?“ „Nein,“ antwortete John,„weder das Haus noch die Lohgerberei iſt beſchädigt.“ Er ſah erſtaunt auf.„Wie iſt das möglich geweſen?“ „Phineas wird Ihnen das erzählen, oder beſſer noch, warten Sie, bis Sie zu Hauſe ſind.“ Aber mein Vater drang darauf, Alles zu hören. Ich erzählte, ohne mir eine Bemerkung über John's Benehmen zu erlauben; er liebte ſo Etwas nicht und zudem ſprach die Wahrheit für ſich ſelbſt. Ich ſchilderte das Geſchehene einfach und wahr, und fügte Richts hinzu. —— Abel Fletcher hörte zuerſt ſtillſchweigend zu. Als ich fortfuhr, griff er nach ſeinem Hute, ſetzte ihn auf und drückte die breite Krempe tief in die Augen. Selbſt nicht, als ich von dem Mehle ſprach, das wir in ſeinem Namen verſprochen hatten und deſſen Austheilung ihm nach unſerer Rechnung viel koſten mußte, äußerte er eine Sylbe oder bewegte ſich eine Muskel ſeines Geſichtes. Zuletzt frug ihn John, ob er zufrieden ſei: „Ganz zufrieden.“ Aber nach dieſen Worten blieb er lange ſtumm ſitzen, die Hände über ſeine Kniee ineinander ver⸗ ſchlungen, den Hut tief in das Geſicht gedrückt, ſo daß Nichts zu ſehen war als der feſt und ſtreng ge⸗ ſchloſſene Mund; er blieb ſo ſtumm und bewegungs⸗ los, daß wir zuletzt ängſtlich wurden. John redete ihn freundlich an, wie ein Sohn zu ſeinem Vater ſpricht: „Haben Sie noch viel Schmerzen an Ihrem Fußet kann ich Ihnen beim Nachhauſegehen behülf⸗ lich ſein?“ Mein Vater ſah ihn an und reichte ihm freund⸗ lich die Hand. „Du biſt ein braver Junge und noch dazu ein liebevoller Junge, ich danke Dir.“ Weiter ſagte er Richts. Aber alle menſch⸗ lichen Worte konnten nicht ſo viel ſagen als dies innerlich zufriedene Schweigen. Mit verſchiedenen Ruhepunkten brachten wir meinen Vater nach Hauſe. Es war gerade wieder ein Sommermorgen wie vor zwei Jahren, wo wir zitternd und ermüdet vor dieſer feſt ver⸗ ſchloſſenen Thür ſtanden. Wir Beide gedachten jenes Tages, ich weiß nicht, ob mein Vater ſich daran erinnerte. Er trat ein, ſchwer an John's Arm hängend, ließ ſich in denſelben Stuhl nieder, in demſelben Zimmer, wo er ſo hart über uns urtheilte, beſonders über ihn. Es war wohl noch Etwas von jener Bitterkeit in der Seele des jungen Mannes zurückgeblieben, denn an der Schwelle blieb er ſtehen. „Komm' herein,“ ſagte mein Vater, ihn an⸗ ſehend. „Nur wenn ich hier willkommen bin, ſonſt nicht.“ „Du biſt willkommen.“ Er trat ein— ich zog ihn herein— er ſaß mit uns zuſammen. Aber ſeine ganze Haltung war unſicher, er ſchloß ſeine Hände und machte ſie wieder auf. Mein Vater hatte ebenfalls ſeinen Kopf in beide Hände vergraben und bewegte ſich nicht. Ich ſtahl mich leiſe hinter ſeinen Stuhl und dankte ihm für ſein Willkommen. „Du haſt mir für Nichts zu danken,“ ſagte er, und Etwas von ſeiner alten Strenge fühlte ich her⸗ aus.„Was ich einſt that, war geſetzlich recht, oder ich glaubte es doch. Was ich jetzt that und Willens bin, zu thun, iſt abermals nur recht und billig, John, wie alt biſt Du?“ „Zwanzig Jahre.“ „So will ich Dich alſo von heute an auf ein Jahr als meinen Geſchäftsführer annehmen und Dich über Alles belehren, obgleich Du faſt eben ſo viel davon verſtehſt als ich. Bei einundzwanzig Jahren wirſt Du dann im Stande ſein, für Dich ſelbſt zu beſtehen, oder ich nehme Dich als meinen Compagnon an, wir wollen das ſpäter ſehen. Aber,“ und nun richtete er ſeine Augen auf mich und dann blickte er wieder gerade und feſt in John's redliches Antlitz,„erinnere Dich dabei, daß Du in gewiſſer Weiſe den Platz dieſes Jünglings ein⸗ nimmſt. Möge Gott einſt mit Dir verfahren wie Du mit meinem Sohne verfahren wirſt, meinem einzigen Sohne!“ „Amen,“ lautete die feierliche Antwort. Und Gott, der uns Beide jetzt ſieht, ja, jetzt und vielleicht nicht ſo weit von einander entfernt als es Manchen erſcheint— er weiß— ob John Halifax dieſes Gelübde erfüllt oder nicht erfüllt hat. Bweites Rapitel. „Das nenne ich großartig, Phineas; nachdem Jemand einen Monat lang krank geweſen iſt, den ganzen Garten umher zu gehen, ohne ſich auch nur ein Mal auszuruhen. Indeſſen müſſen Sie doch Ihre zu große Ueberwindungskraft mäßigen und ruhiger werden.“ Ich folgte ihm nicht ungern, denn ich fühlte mich noch entſetzlich ſchwach. Doch ward mir eine Krankheit jetzt nicht mehr; eine ſo ſchwere, mich ganz niederdrückende Prüfung für Seele und Leib, wie es früher der Fall war. Alles kam mir verändert vor, ſeitdem John wieder mit mir lebte. Er gab mir Leben und Geſundheit, geiſtige und körperliche Kraft durch ſeine männliche Freudigkeit, durch die Art, mit der er alle kleineren Sorgen des Lebens ſo ſcherzhaft nahm, bis ſie ſich wie der Schaum einer Welle brachen und verſchwanden. Aber auch jedem größern Uebel des Lebens trat er muthig entgegen; man konnte ihn mit einem guten Schiffe vergleichen, das durch die hohe See getrieben, ſich ihr muthig entgegenſtellt, und ſich zuletzt ſelbſt hineinſtürzt, um ſie kühn zu beſiegen. Es war gerade ein Monat nach dem Brotauf⸗ laufe, als ich mich wieder beſſerte, und dieſer Mo⸗ nat war ein Triumph für John's zärtliche Pflege geworden, denn ich fühlte, daß ich nie wieder krank werden könne, ſo lange ich ihn an meiner Seite hätte, was ich ihm auch ſcherzweiſe verſicherte. „Sehr ſchön; und ich werde Sie immer bei dieſem Uebereinkommen feſthalten! Aber nun ſetzen Sie ſich nieder; hören Sie zu, was die Zeitungen ſagen, und bereiten Sie Ihre Seele zu dem vor, was in der Welt geſchehen wird. Es iſt doch etwas Merkwürdiges, wenn ein Jahr mit einem neuen Jahrhunderte beginnt. Scheint es Ihnen nicht auch zuerſt ſehr ſonderbar, 1800 zu ſchreiben?“ „Ich ſehe jetzt nur, welche ſchöne Hand Sie ſchreiben, John!“ „Wirklich? Das Verdienſt davon gehört einem Ande⸗ „ ren. Erinnern Sie ſich der erſten Lehrſtunde auf dem Gipfel des Mythus?“ „Ich möchte wiſſen, was aus den beiden Her⸗ ren geworden iſt?“ „O! hörten Sie Nichts davon, daß Mr. Brith⸗ wood jetzt ein Spion iſt, und eine ſchöne Dame, eine Ausländerin, geheirathet hat?“ „Und was iſt aus Mr. March geworden?“ Ich habe keine Ahnung davon. Aber kommen Sie, ſoll ich die Zeitungen leſen?“ Er las ſehr hübſch vor, und ich hörte ihm gern zu. Ich erinnere mich, es war Etwas über das neue Viertel, die Ruſſel- und Taviſtockſtraßen, die mit zierlich angelegten Kindergärten umgeben werden ſollten. „London muß doch ein ſchöner Ort ſein.“ „Gewiß! ich möchte ihn wohl ein Mal ſehen, Ihr Vater ſagt, es ſei möglich, daß er mich künfti⸗ gen Winter in Geſchäften hinſchicke; wäre das nicht prächtig? Wenn Sie nur auch mitgehen könnten.“ Ich ſchüttelte den Kopf, denn ich hatte den größ⸗ ten Widerwillen, mich aus meiner ruhigen Häuslich⸗ keit zu entfernen, die jetzt Alles, was ich liebte, in ſich ſchloß, oder doch in der nächſten Nähe um ſich hatte. Mir kam es vor, als ob jede Veränderung nur etwas Schlechteres bringen müßte. John Halifax. I. 3 „Demungeachtet dringt Doctor Jeſhop aber auf einen andern Aufenthalt für Sie. Ich habe auch ſchon in der letzten Woche die ganze Gegend hier durchlaufen als Abenteurer, der einen Land⸗ Aufenthalt ſucht, und wiſſen Sie, daß ich einen ge⸗ funden zu haben glaube— Sind Sie nicht begierig, etwas Näheres darüber zu hören?“ Ihm zu gefallen ſagte ich:„Ja.“ „Ein allerliebſter, niedlicher Ort, am Abhange des Enderly⸗Berges. Eine Cottage, eine Roſen⸗ cottage, denn es iſt Alles voll von rankenden Roſen, bis zu dem Dache hinauf!“ „Wo liegt Enderly?“ „Haben Sie nie von der Enderlyplatte gehört, einer der ſchönſten Hochebenen in ganz England? eine ſo friſche, freie, luftige Atmoſphäre, der Wind ſtreicht wohlthuend darüber hin.“ Seine Beſchreibung war an dieſem ſchwülen, ſchweren Tage ſchon erfriſchend, wo kein Luftzug das enge Thal traf, in dem Rorton Bury lag. „Würden Sie denn nicht vorziehen, an einem Bergabhange zu wohnen, der höher liegt als alle andern Orte, und die ganze Gegend überſieht? Nun wohl, das iſt gerade die Lage von Enderly, das Dorf liegt dicht am Rande der Hochebene.“ „Iſt es ein Dorf?“ . — F „Es ſind etwa ein Dutzend Cottagen und vor jeder Thür ein halbes Dutzend kleine Köpfe, und ein Dutzend großer runder Augen, die mich verwundert+ anſahen. Aber dieſe ſegensreiche Stille und Ruhe des Ortes! Kein Zank in ſchmutzigen, feuchten Gaſſen, keine Lohgerberei, ich meine,„fügte er, ſich ſelbſt verbeſ⸗ ſernd hinzu,„daß es ein vollkommener Landaufenthalt iſt, und ich liebe das Land mehr als die Stadt!“ „Wirklich? Sollten Sie das Hirtenleben und ſeinen Beruf in der That ſo lieben, wie es mein Namensbruder hier ſo wortreich beſchreibt?“ „Laſſen Sie ſehen, was er ſagt.“ Und unter den verſchiedenen Büchern, die ge⸗ wöhnlich überall, wo wir ſaßen, zwiſchen uns aus⸗ gebreitet lagen, ſuchte ich eines hervor, das er wohl nicht ohne große Mühe ausfindig gemacht und in ſeine Leibfarbe gebunden mir verehrt hatte: „Das Purpur⸗Eiland“ von Phineas Fletcher. Wohl ſelten leſen die Leute noch dieſen weiſen, zarten und ſanften alten Dichter, und doch ſind ſeine Worte ſo einfach und ſchön, in denen er das Land⸗ und Hirtenleben ſchildert! John las einzelne Verſe mit wahrer Freude, und endigte mit einem Lobe der Einfachheit der Bedürfniſſe, wo weder Gold noch Seide zu finden ſei. „Aber woran erinnert mich das!“ rief er plötz⸗ 3* — lich.„Ich muß Ihnen eine ſehr intereſſante That⸗ ſache mittheilen, nämlich daß ich in der Küche der ² Roſencottage ein ſeidenes Kleid hängen ſah; ob⸗ gleich mir Mrß. Tod eine ſehr anſtändige Frau zu ſein ſcheint, ſo glaube ich doch nicht, daß ihr das Kleid gehört.“ „Es wohnen vielleicht Fremde bei ihr?“ „Ja, die Wirthin ſprach von einem alten Herrn, aber der trägt doch keine ſeidenen Kleider.“ „Nun, ſo wird ſie ſeine Frau tragen! Aber leſen Sie weiter.“ „Gern, aber ich wollte nur eine Parallele zwiſchen den Hirten und uns ſelbſt während unſers Sommeraufenthaltes in Enderly ziehen. So wird denn des alten Herrn Frau wohl die ſeidene Pracht, und wir, die Hirten, die Einfachheit darſtellen.“ „Sie ſind unverbeſſerlich.“ Trotz aller ſeiner Scherze fühlte ich dennoch einen gewiſſen ernſten Grundton ſeiner Stimmung durch, der ſich ſeiner ſeit dem Augenblicke bemächtigt hatte, wo die ausgeſprochenen Abſichten meines Vaters ſeine Zukunft und ſeine Laufbahn eigent⸗ lich feſtſtellten. Er ſchien einen Wendepunkt ſeines Lebens, der ſich näherte oder entwickelte, zu erwarten und das Gleichgewicht ſeines Innern war ſichtlich geſtört. „Nein, ich will ernſthaft ſein,“ verſicherte er, und den angefangenen Vers, ſowie einige darauf folgende überſchlagend, begann er eine neue Stelle mit verändertem Tone. Es war die Beſchreibung eines Gottwohlgefälligen Hirtenlebens und endigte mit den Worten: „Auf ſeine Augen ſenkt der Schlaf ſich nieder, Und dicht bei ihm ruht ſanft ſein Weib, ſo bieder; Der kleine Sohn, des Vaters Abbild, liegt Dicht an ſein treues Vaterherz geſchmiegt: Ihn quält nicht ſein Haus— ihn quält nicht ſein Stand, Er liebt und pflegt, was Gott ihm geſandt. Und ſtirbt er, ſo wird kein Leichenſtein, Sondern Gras und Blumen ſein Denkmal ſein.“ John endigte hier. So guter auch ſtets las, ſo hatte ich ihn doch nie mit ſolchem Ausdrucke leſen hören. Als er ſchwieg, war es, als bräche eine lieb⸗ liche Muſik in ihren ſüßeſten Tönen ab, oder als verſtumme plötzlich die Stimme des eignen Herzens, die nur ſo ſpricht, wenn wir entfernt von den Men⸗ ſchen und allein mit uns ſelbſt ſind. „David,“ frug ich nach einer Pauſe,„woran denken Sie?“ Nach ſeiner alten Gewohnheit ſtieg ihm das Blut beſonders raſch in das Geſicht, als er aus ſei⸗ nen Träumen erwachend rief:„Nichts; nein, das iſt nicht die Wahrheit. Ich dachte daran, wie mein — —— Ideal von Glück dem hier beſchriebenen zufriedenen Daſein des Hirten vollkommen gleicht, ja bis auf ſeinen ſtillen grünen Grabhügel!“ „Ihre Gedanken ſcheinen an dem grünen Grabe beſonders zu haften, und doch erfreute ſich der Hirt noch mehrerer Zwiſchenſtufen des Glückes, er zu dieſem letzten Ruhepunkte gelangte.“ „Ich dachte dieſer ebenfalls.“ „Alſo ſcheinen Sie den Vorſatz gefaßt zu haben, auch eines Tages ein treues Weib zu nehmen und einen kleinen Sohn zu haben?“ „Das hoffe ich, mit Gottes Hilfe.“ Es mag ſonderbar ſcheinen, doch es war dies das erſte Mal, daß unſer Geſpräch dieſe Wendung nahm. Obgleich er zwanzig und ich zweiundzwan⸗ zig Jahre alt war, ſo konnten wir doch Beide, und dem Himmel ſei Dank, daß wir es konnten, im An⸗ geſichte Gottes verſichern, daß die Thorheiten und Sünden der Jugend uns, wenn auch nicht gleich unbekannt, doch gewiß gleich verhaßt waren. Man⸗ che mögen das bezweifeln, ja darüber lächeln, aber ich kann es jetzt in meinem Alter mit Stolz und Ehre verſichern, daß wir jungen Männer an je⸗ nem Tage den Gegenſtand der Liebe ſo ſcheu, ſo zart behandelten, und ſie ſo hoch ſtellten als nur zwei junge unſchuldige Mädchen es vermocht hätten. John's ernſtgeſprochenen Worten:„Mit Gottes Hilfe,“ folgte ein längeres Schweigen. Später frug ich:— „Sie wollen alſo wirklich heirathen?“ „Gewiß, ſobald ich in der Lage bin.“ „Sollten Sie ſchon“— und während ich ſprach, beobachtete ich ihn genau, denn mir war eine Mög⸗ lichkeit durch die Seele geflogen.—„Sollten Sie ſchon Jemand geſehen haben, die Sie gern zur Frau haben möchten?“ Rein Ich war ruhig, denn John's einfaches Nein war für mich bündiger als alle Verſicherungen der Welt. Wir ſagten weiter Richts mehr, und es trat eine jener Pauſen in der Unterhaltung ein, die unter uns gewöhnlich waren, und von denen John zu ſagen pflegte, es ſei der höchſte Beweis der Freund⸗ ſchaft, daß man ſtundenlang im vollkommenſten Schweigen neben einander ſitzen oder gehen könne, ohne durch des Andern Geſellſchaft geſtört zu werden; dann aber begannen wir von Neuem über Enderly zu reden. Ich erkannte bald, daß meine Rolle in dieſem Plane nur eine zuſtimmende ſein durfte; mein Va⸗ ter und John hatten bereits Alles eingerichtet. Ich ward dem Letzteren ganz übergeben, denn Nichts in der Welt hätte Abel Fletcher bewegen können, nur auf einen Tag ſein Haus, ſeinen Garten und ſeine Lohgerberei zu verlaſſen. So war es denn beſchloſſen, daß wir Beide auf einen oder zwei Monate unſere Junggeſellenwoh⸗ nung bei Mrß. Tod nehmen ſollten. Drei Mal in der Woche mußte John nach Norton Bury reiten, um Nachrichten von mir zu bringen und ſeinen Ge⸗ ſchäften bei der Lohgerberei nachzukommen. Denn ein Jeder mußte es ſehen, und Niemand erkannte es wohl dankbarer als ich, daß, mochte es ſich Abel Fletcher geſtehen oder nicht, der Knabe John Halifax dennoch ſeine rechte Hand in allen Geſchäften gewor⸗ den war. An einem ſchönen Auguſttage brachen wir nach Enderly auf. Es lag einige Meilen entfernt und ein gebirgiger ſchlechter Landweg führte dahin, auf dem wir langſam in unſerem Poſtwagen dahinfuhren. Ich legte mich zurück, athmete die friſche Luft ein und erfreute mich der wechſelnden Gegend, aber vor Allem genoß ich das ſtumme Entzücken, mit dem John Alles betrachtete. Er ſah außerordentlich gut an jenem Tage aus, ich hätte beinahe„elegant“ geſchrieben; doch ſelbſt in ſeiner Jugend konnte man John nicht zierlich nennen, ja es gab Menſchen, die ihn gewöhnlich ausſehend fanden; aber das war auch unrichtig. In ſeinem Antlitze lag jener Reiz, welcher bei Männern und Frauen der größte und dauerndſte bleibt, der einer unend⸗ lichen Verſchiedenheit des Ausdrucks. Man entdeckte im⸗ mer wieder etwas Reues; bald war's ein ſonderbar zärt⸗ licher Blick, dann der Blitz eines flüchtigen, geiſtreichen Gedankens, oder ein leiſes Beben, das ein Gefühl verrieth, das tiefer und anders war als Alles, was er bis dahin gezeigt hatte. Glaubte man auch zuletzt ihn wirklich vollkom⸗ men ſtudirt, in jeder Linie verſtanden zu haben, ſo ward man dennoch immer wieder von etwas ganz Ungeahnetem überraſcht; denn es war keines jener unbeweglichen Geſichter, deren Eigenthümer eine Art Stolz darein ſetzen, ihre Züge in harten Stein zu verwandeln; Züge, welche die Natur ſo geſtaltet hat, daß ſie als Fleiſch und Blut der Seele gelten können. Gewiß auch er beſaß ſeine Geheimniſſe, eine heilige Scheu, die ſich zu der edeln Kraft des Schweigens und der Selbſtüberwindung ausbildete. Es war ein Geſicht, das man mit einem ſchön geſchriebenen Buche vergleichen konnte; nur mußte Derjenige, der darin leſen wollte, aus derſelben Heimath ſtammen, um ſeine tiefe Sprache zu verſtehen. Im Uebrigen war John, dem David gleich, — welchen Namen ich ihm noch ab und zu gab, wirklich ein blühender hübſcher Menſch, groß, wohlgebaut und kräftig.„Der Ruhm eines jungen Mannes iſt ſeine Stärke,“ das fiel mir immer ein, wenn ich ihn anſah. Er kleidete ſich mit großer Einfachheit, ge⸗ wöhnlich in Grau und den Schnitt der Quäker in Etwas nachahmend. Ich erinnere mich, daß ich an jenem Tage eine beſondere Sauberkeit in ſeinem Anzuge bemerkte, die inſeinem Alter weder unnatürlich noch un⸗ paſſend erſchien. Sein gut ſitzender Rock, die Weſte mit langen Schößen, welche durch den feinſten leinenen Bu⸗ ſenſtreif und eben ſolche Manchetten gehoben ward; ſeine bis über dasKnie reichenden ſchwarzſeidenen Beinkleider, und die Schuhe mit breiten glänzenden Stahlſchnallen verſehen, bildeten einen Anzug, der, ſo veraltet er auch jetzt erſcheinen mag, mir doch noch immer als das Hübſcheſte und Kleidſamſte vorſchwebt, was ein junger Mann tragen kann. Und alle junge Leute, die ich jetzt ſehe, kommen dem Bilde nicht nahe, un⸗ ter welchem John Halifax an jenem Tage, noch heute in mir lebt. Mit dem natürlichen feinen Gefühle der Jugend, das bei ihm beſonders ausgebildet war, da er ſich durch ſo viel ſtreitende Gegenſätze hindurch gearbeitet hatte, bemerkte er plötzlich meine Blicke. „Fehlt mir noch Etwas, Phineas? Sie ſehen, —— ich bin nicht ſehr erfahren in dem, was feſttägliche Kleidung betrifft.“ „Ich habe durchaus Nichts an Ihnen oder an Ihrer Kleidung auszuſetzen,“ verſicherte ich lächelnd. „Dann iſt es gut; denn ich bitte zu bemerken, daß es nur Ihnen und Enderly zu Ehren iſt, wenn ich heute meine Lohgerberhülle ablegte und den vor⸗ nehmen Mann anzog.“ „Das können Sie nicht, John, Sie können das nicht ſcheinen, was Ihnen die Geburt gab.“ Er lachte, aber ich glaube, es gefiel ihm. Wir erreichten jetzt das Gebirge, John war ausgeſtiegen und hatte den Gipfel des ſteilen Weges lange vor dem Poſtwagen erreicht. Ich betrachtete ihn, wie er oben ſtand, eine kleine Reitgerte in der Hand, die den Roſen- und Weidenzweig erſetzte, den er ſtets als Knabe trug. Seine Geſtalt zeichnete ſich ſcharf ge⸗ gen den Himmel ab, ſein Kopf war etwas gehoben, da er ſichtlich mit höchſter Freude das luftige Pla⸗ teau vor ſich betrachtete. Sein Haar, wohl ein wenig dunkler als früher, aber doch noch immer die ächte Sachſenfarbe bewahrend und lockig wie beim Knaben, ward vom Winde unter dem breiten Hute er⸗ faßt, und ſeine ganze Erſcheinung gab das Bild des Lebens, der Geſundheit, Kraft und Freudigkeit. Ich mußte mir ſagen, jeder Vater könne ſtolz — auf einen ſolchen Sohn, jede Schweſter auf einen ſolchen Bruder, und jedes junge Mädchen auf einen ſolchen Bräutigam ſein. Und da dieſes letztere Ver⸗ hältniß das einzig mögliche von allen Dreien für ihn war, ſo kam mir die natürliche Frage, wie lange es wohl noch dauern werde, bis die Zeit Alles ge⸗ ändert habe, und ich nicht mehr der Einzige ſei, der ſtolz auf ihn wäre. Wir fuhren ein wenig weiter und kamen an die Grenze des hohen Moorlandes, wo ein verfalle⸗ nes Wirthshaus ſtand, unter dem Namen der Bär allgemein bekannt. Hoch in der Luft ſchwankte das Schild, das das Bild des Thieres trug. Braun und düſter ſah es auf die Landſchaft herab, die wohl ſchon ſeit 200 Jahren den Bären unter den ver⸗ ſchiedenſten Geſtalten kannte. „Iſt das Enderly?“ frug ich. „Noch nicht, aber es liegt nahe dabei. Haben Sie nie das Moor geſehen? Nun wohl, von hier aus kann ich Ihnen etwas Aehnliches zeigen. Sehen Sie die glänzende Stelle ganz in der Ferne dieſer Land⸗ ſchaft? Das iſt Waſſer, unſer bekannter Severn, doch zu einer Seebucht angeſchwollen. Aber Sie müſſen ſich die Bucht in Gedanken vorſtellen, denn Sie können hier nur das kleine Stück Waſſer glän⸗ zen ſehen; wie ein großer Diamant ſieht es aus, den eine junge Titanin aus ihrem Halsbande nahm und in die Berge hinein warf!“ „John, Sie werden jetzt wirklich poetiſch.“ „Bin ich das? Gut, aber wahrhaftig! ich bin heute anders als ſonſt und wie bethört, dieſe Ge⸗ birgsluft macht mich halb toll vor Entzücken. Ha⸗ ben Sie je eine ſolche Atmoſphäre geathmet? und da⸗ bei iſt es ſo frei, ſo erhaben auf dieſer Ebene, der Gipfel ſieht aus, als ob meine Titanin einen kleinen Montblanc gefunden und ſich damit amüſirt hätte, ihn wie einen Kuchenteig zuſammenzudrücken.“ „Eine der Kochkunſt ergebene Göttin, wie es ſcheint!“ „Ja, aber bei alledem doch eine Göttin! Und ihr Kuchen, ihr Pilz, ihr zuſammengedrückter Montblanc, wie Sie es nennen wollen, iſt doch wunderſchön. Dort der breite grüne Streif, Nichts als Weiden und Himmel, Himmel und Weiden! Dies iſt die Enderly⸗Hochebene; wir werden gleich den Rand derſelben erreichen, von wo es plötzlich in ein wunderhübſches Thal hinuntergeht. Sehen Sie nur hinab, da iſt die Kirche. Wir ſind in Einer Höhe mit der Spitze des Thurmes. Nimm Dich in Acht, mein Sohn!“ rief er dem Poſtillon zu, der ſich mühſam durch dieſe buchſtäblich pfadloſe, öde Gegend einen Weg ſuchte.„Fahre uns nur nicht —— in die Höhlen der Steinbrüche, noch laß uns den Berg ſo ſchnell hinabſchleudern, daß wir Kopf über Kopf unter rollen, kacilis descensus Averni, und auf Mrß. Tod's Gartenhecke hängen bleiben.“ „Wenn Mrß. Tod lateiniſch kennte, würde ſie ſich ſehr geſchmeichelt fühlen. Sie ſehen aber doch unſere künftige Wohnung nicht als eine Art von Avernus an?“ John lachte herzlich.„Nein, wie ich Ihnen ſchon ſagte, ich liebe Enderly Hill. Ich weiß ſelbſt nicht weßhalb, aber ich liebe es. Es kommt mir vor, als hätte ich den Ort ſchon früher gekannt, und ich bin überzeugt, wir werden dort glücklich ſein.“ Und als er das ſagte, verwandelte ſich die un⸗ gewohnte Lebendigkeit ſeines Weſens in eine ſanfte Ruhe, die dem Worte„Glück“ einen noch größern Nachdruck gab. Ein ſonderbares Wort, in einem Wörterbuche kaum zu finden! Doch wie er es jetzt ausſprach, ſchien es mir verſtändlicher und auch ich ward zufrieden. Wir ſchlugen einen engen Weg ein, der den Berg hinabführte, und befanden uns bald im Angeſichte von der Roſen⸗Cottage. Sie verdiente dieſen Namen voll⸗ kommen, denn in meinem Leben ſah ich keine ſolche Maſſe jener Blüthen. Die Roſen hingen in ganzen Büſcheln herab, zwölf an einem Zweige, die ihre roſigen Wangen an einander drückten, und ihren eigen⸗ thümlichen Wohlgeruch verbreitend, rankten ſie ſich in die Wohnzimmr hinein, und immer höher bis zu den Bodenfenſtern hinauf. Unten war gelber Jas⸗ min, der in einem Bogen die Hausthür ſchmückte, während eine Waldrebe die andere bedeckte; die Cot⸗ tage hatte nämlich zwei getrennte Eingänge. Trotz dieſer beiden andern Gewächſe blieb aber doch der hauptſächlichſte Eindruck, den man hier empfing, der von Roſen, für das Auge wie für den Geruch Richts als Roſen. „Wie geht es Ihnen, Mrß. Tod?“ redete John eine freundliche Frau mittlern Alters an, die aus dem Thorwege rechter Hand uns entgegentrat; ſie war ſehr ſauber gekleidet in Rock und Jacke, wie Jael es nannte, ebenfalls das rothe Calamanco-Un⸗ terkleid, das in der Gegend der Taſchen etwas herauf⸗ genommen war. 6 „Sehr gut, mein Herr! ich hoffe, Ihnen ebenſo. Die Kinder haben Sie nicht vergeſſen, ach! ſehen Sie, Mr. Halifax.“ „Um ſo beſſer!“ er ſtreichelte zwei bis drei kleine Weißköpfe und hob das Jüngſte hoch in die Luft empor. Es kam mir ſonderbar vor, John mit einem Kinde auf dem Arme zu ſehen. „Macht nicht mehr Lärm als nöthig iſt, junger — Burſche!“ rief die gute Frau dem Poſtillon zu,„weil der kranke Herr heute gerade nicht wohl iſt.“ „Das thut mir leid; hätten wir es gewußt, ſo wären wir ſicher nicht an dieſer Thür vorgefahren. Welches iſt ſein Zimmer?“ Mrß. Tod deutete auf ein Fenſter an der andern Seite des Hauſes. Eine Hand ſchloß in dieſem Augen⸗ blicke das Fenſter und ließ die Jalouſie herunter; eine Hand, die, ſo flüchtig ihr Anblick auch war, uns doch nicht in Zweifel ließ, daß ſie eher einer Frau als einem Manne angehöre. Als wir uns in dem Wohnzimmer eingerichtet hatten, beſtätigte John ebenfalls meine Bemerkung. „Wahrſcheinlich war es ſeine Frau. Armes Ding, es muß ſehr traurig ſein, an ſolchen Sommer⸗ abenden ſo eingeſchloſſen in der Stube zu ſitzen!“ Es war wirklich ein trauriger Anblick, dies ge⸗ ſchloſſene Fenſter, während draußen die friſche bal⸗ ſamiſche Luft wehete und der Sonnenuntergang und die Roſen einen ſeltenen Genuß gewährten. „Nun wie gefällt Ihnen Enderly?“ frug John, als der Thee fortgenommen war und ich mich hin⸗ gelegt hatte, um mich auszuruhen, während er am Fenſter ſaß, ſeinen Ellebogen auf das Bret deſſelben ſtützte und ſeine Wange an einen Buſch jener — Roſen legte, die ſich überall neugierig einzuſchleichen wußten. „Es iſt ſehr hübſch, und ſo wohnlich und ge⸗ müthlich, als wären wir hier bei uns zu Hauſe.“ „Mir kommt es auch ſo vor,“ flüſterte John halb für ſich. „Wiſſen Sie wohl, es erſcheint mir kaum glaub⸗ lich, daß ich dieſen Ort nur ein Mal vorher geſehen habe, ſo bekannt iſt mir Alles. Ich dächte, ich müßte ſchon früher dieſe ſanftabſteigende Wieſe vor dem Hauſe geſehen haben, mit ihren dunkeln Punkten von Ginſterbüſchen. Welche klare Linie bilden die Wi⸗ pfel der Bäume gegen den gelblichen Abendhimmel; und von der rechten Seite dieſer hochliegende Platz; es iſt Alles jetzt in Dunkel gehüllt, aber bei Tage iſt es ein prächtiger Anblick! Und zwiſchen dieſer Höhe und Enderly liegt der reizendſte Thalgrund, den ich kenne, und der Weg unter jenen dunkeln Kaſta⸗ nien führt leiſe da hinunter.“ „Wie genau Sie den Ort ſchon zu kennen ſcheinen!“ „Ich ſagte es Ihnen ja, ich liebe ihn. Ich habe mich ſelten vorher ſo befriedigt gefühlt. Wir wer⸗ den eine frohe Zeit hier verleben, Phineas.“ „Ja gewiß!“ Selbſt wenn ich anders empfunden John Halifax. II. 4 — hätte, wie wäre es mir wohl möglich geweſen, ihm nicht bejahend zu antworten! Ich lag ſo, bis es beinahe ganz finſter ward und ich, ſtatt meines Freundes John, nur noch einen dunkeln Schatten im Fenſter erkennen konnte. Da ſagte ich ihm gute Nacht, und zog mich zurück. Gleich darauf hörte ich ihn, wie ich wohl ahnete, das Haus verlaſſen und fort nach dem Plateau hinauf⸗ gehen. In der gänzlichen Stille dieſes einſamen Hau⸗ ſes konnte ich einige Minuten lang den immer mehr ſich entfernenden Schall ſeiner Fußtritte auf dem feſten Steinwege verfolgen, und die klare, deutliche Melodie des Liedes hören, die er vor ſich hinpfiff. Es war eines der alten hübſchen Geſänge, die er liebte. Zuletzt verklang es gänzlich, und über mich kam der Schlaf mit ſeinen Träumen. Vrittes Rapitel. „Dieſe Mrß. Tod iſt eine ungewöhnliche Frau! ich wiederhole es— eine ſehr ungewöhnliche Frau!“ Und ſeine Ellnbogen auf den Tiſch legend, von dem die eben beſprochene„ungewöhnliche“ Frau das Frühſtück weggenommen hatte, blickte John mit ſeinen lebendigen braunen Augen zu mir herüber. „Weßhalb, David?“ 4 „Sie hat das ganze Haus voller Kinder und weiß dieſelben ebenſowohl als ihr eigenes Temperament im Zügel zu halten. Bewundernswürdige Geduld! Die Menſchen müſſen ſie wohl erlangen, die mit klei⸗ nen Kindern umgehen, obgleich ich mir nicht denken kann, daß man es gern thut.“ „John, das iſt wirklich Verſtellung! Ich habe Sie eine halbe Stunde vorher ſelbſt beobachtet, wie Sie den älteſten kleinen Jungen auf einem wider⸗ 4 N ———— ——— ——— ſpenſtigen Eſel feſthielten und dabei ſo herzlich lach⸗ ten, daß Sie kaum zu ſtehen vermochten!“ „That ich das?“ erwiderte er halb beſchämt. „Nun, ſo geſchah es nur, um den kleinen Unband zu verhindern, Lärm unter den Fenſtern zu machen. Und dies erinnert an eine zweite ſehr bemerkens⸗ werthe Tugend der Mrß. Tod: ſie kann ihre Zunge im Zaume halten!“ „Wie ſo?“ „Sie hat während zweier voller Tage nicht ein Wort über unſere Nachbarn auf der andern Seite von Roſe Cottage fallen laſſen.“ „Möchten Sie von ihnen hören?“ John leugnete zwar, doch lachte und bekannte er nachher, daß er eine Art Vergnügen empfinde, Er⸗ kundigungen über Menſchen, ihre Umgebungen und Verhältniſſe einziehen zu können. „Und in den ſehr umſchreibenden Worten Um⸗ gebungen und Verhältniſſe iſt jene Frau wohl mit inbegriffen? Aber ich weiß eigentlich nicht, was Sie für ein beſonderes Intereſſe an dem alten Herrn und der alten Dame nehmen?“ „Halt, Phineas! Sie haben die ſehr ſchlechte Gewohnheit angenommen, ſogleich Schlüſſe zu ziehen. Bei dem großen Mangel an aller Beſchäftigung hier wäre es, dächte ich, recht gut für Sie, etwas Intereſſe für unſere Nachbarn zu nehmen. Deßhalb habe ich denn auch große Luſt, Sie in eine Schlußfolge oder Vorausſetzung— ja Entdeckung mit einzuweihen⸗ Hören Sie, Freund!“ und er nahm eine Miene an, die ein ſentimentales Geheimniß verrieth;„was dann, wenn das Individuum nun gar keine alte Dame wäre?“ „Was? des alten Herrn Frau?“ „Frau?— hm! wieder eine zu ſchnelle Schluß⸗ folge; nun, wir wollen dies bei Seite ſetzen und ſie das Individuum nennen, nämlich die Eigenthümerin des grauſeidnen Kleides, welches ich in Mrß. Tod's Küche entdeckte— dies nun habe ich wiedergeſehen.“ „Das graue Kleid? wann und wo?“ „Dieſen Morgen früh. Ich ging hinter dem⸗ ſelben auf dem Plateau, aber weit davon ab, denn ich fürchtete, daß es— Laſſen Sie mich ſie ſagen, alſo, daß es ſie ſtören könne, wenn man ihr folge und ſie beobachte. Sie ging ziemlich ſchnell vor⸗ wärts und trug einen kleinen Korb, ich bilde mir ein, mit Eiern gefüllt.“ „Vortreffliche Haushälterin eine ganz prächtige Frau!“ „Nochmals, ich hege einige Zweifel gegen dieſe Vorausſetzung. Sie ging viel zu ſchnell und heiter 6 —— ——— — 54— ihren Weg als die Frau eines kranken Mannes ver⸗ mocht hätte.“ Ich mußte über John's eigenthümliche Anſichten der ehelichen Pflichten lachen. „Ueberdem nennt Mrß. Tod ihren Kranken ſtets den alten Herrn, und ich glaube nicht, daß ſie eine ältliche Dame iſt.“ „Doch heirathen zuweilen alte Männer junge Frauen.“ „Ja, aber es iſt immer traurig und oft nicht ein⸗ mal recht. Nein!“— und es beluſtigte mich wirk⸗ lich, wie ernſthaft, ja böſe John dieſe Anſicht aus⸗ ſprach.—„Und wenn auch die Dame nicht das Aus⸗ ſehen einer Nymphe oder Waldgöttin hat, da ſie weder klein noch zart iſt und ſehr praktiſch einen guten wollenen Mantel mit einer Kappe über ihrem grauſeidenen Kleide trug, ſo glaube ich dennoch nicht, daß ſie alt oder auch ſelbſt verheirathet iſt.“ „Wie iſt das möglich, zu beſtimmen? oder ſahen Sie das Geſicht?“ „Natürlich nicht,“ erwiderte er empört.„Es wäre doch wahrhaftig nicht ſchicklich geweſen, eine Dame zu verfolgen, wie ein Schuljunge einem Schmetterlinge nachläuft, und nur, um ſie dann an⸗ zuſehen. Ich blieb auf dem Berge ſtehen, bis ſie in das Haus gegangen war.“ „In Roſe Cottage?“ „Nun ja!“ „Gewiß war ſie ausgegangen, um für ihren— ich meine für den kranken— Mann friſche Eier zum Frühſtücke zu ſchaffen! Gute Seele!“ „Scherzen Sie immerhin, Phineas; ich glaube aber dennoch, daß ſie wirklich eine gute Seele beſitzt. Auf ihrem Wege nach Hauſe ſah ich ſie zwei Mal ſtill ſtehen; ein Mal bei einer alten Frau, die Spähne ſammelte, und dann, um einen Knaben zu ſchelten, der ſeinen Eſel prügelte.“ „Konnten Sie hören, was ſie ſagte?“ „Nein; aber ich ſah es an des Knaben ſcheuen Blicken und bin überzeugt, daß ſie ihn getadelt hat.“ „Darnach zu urtheilen iſt ſie dann nicht mehr jung. Ein ſchönes junges Geſchöpf kann ja gar nicht ſchelten!“ „Davon bin ich noch nicht überzeugt,“ ſagte John nachdenklich.„Ich möchte mich darin ſelbſt weder täuſchen, noch durch irgend Etwas getäuſcht werden. Vollkommenheit giebt es nicht, ja ſie iſt unmöglich. Es iſt alſo weit beſſer, über die junge Perſon zu urtheilen, wie ſie wirklich iſt.“ „Die junge Perſon! Sie meinen doch damit die ſchöne Göttin?“ „Nein!“ ſagte er in ſeiner beſtimmten Weiſe. „Ich proteſtire übrigens feierlich gegen Gottheiten, denn es könnte leicht geſchehen, daß ich glaubte, um einen Engel zu werben, und zuletzt Richts in ihr fände als eine— Mrß.—“ „Halifar!“ ergänzte ich, worüber er leiſe errö⸗ thend lachte. „Aber wie groß muß unſer Mangel an Gegen⸗ ſtänden der Unterhaltung ſein, daß wir ſolchen Un⸗ ſinn ſprechen! Wie ſind wir nur darauf gekommen?“ „Durch Ihre Freundin im grauſeidenen Kleide wahrſcheinlich!“ „Requiescat in pace. Möge ſie ſich ihrer Eier freuen! Ich aber muß nun die braune Stute ſatteln und nach Norton Bury reiten. Ein lieblicher Tag dazu, wie werde ich davon fliegen!“ Er ſtand vergnügt auf und ſein Antlitz leuchtete wie die helle Morgenſonne. Keine kränkelnde Em⸗ pfindſamkeit hatte ſeiner jugendlichen Natur geſchadet, wenn auch viel Poeſie in ihm lag, und nie hat es wohl eine wahrhaft edle Seele ohne dieſelbe gegeben. Aber tief verborgen lag ſie in ihm, kuhig und bis jetzt noch ſchlummernd. So war denn ſein Herz alſo auch noch frei wie die Luft. ueber meinen bequemen Stuhl gelehnt, rollte er ihn dicht an das Fenſter, damit ich die ſchöne Ausſicht genießen könne. — 87— „Was brauchen Sie für Bücher aus der Stadt, Phineas? und nicht wahr, vor Tiſch machen Sie einen kleinen Spaziergang und werden mir nicht traurig?“ „Gewiß nicht!“ Wie hätte ich dies wohl auch ſein dürfen, da ich wußte, daß, ob er abweſend oder in meiner Nähe, ich immer den Segen, den unbe⸗ ſchreiblichen Segen genoß, der vorzüglichſte Gegen⸗ ſtand ſeiner Gedanken und ſeiner Sorge zu ſein, der mir, mit oder ohne Worte— und das Beſte im Leben bleibt am Ende unausgeſprochen— ſtets durch tauſend kleine Aufmerkſamkeiten die Zärtlichkeit ſeiner Freundſchaft und den Hauch ſeiner brüderlichen Liebe zu beweiſen wußte. Ja, jetzt beſaß ich dies noch Alles allein, und Gott, der weiß, wie wenig mir bis⸗ her das Leben gab, möge mir verzeihen, wenn ſich in meine unausſprechliche Dankbarkeit auch ein Schat⸗ ten ſelbſtiſcher Freude einſchlich über den alleinigen Beſitz dieſes unſchätzbaren Gutes. Er ging noch hin und her, um mir Alles in Ordnung zu bringen, wie er ſagte, und meinen ein⸗ ſamen Tag einzurichten. Dies geſchah unter man⸗ cherlei Lachen und Späßen, denn wir waren die luſtigſten Junggeſellen, die es gab, wenn es uns die Pflichten unſerer verantwortlichen Stellung“ geſtatteten, wie John ſagte. — 58— „Verantwortliche Stellung“ war nämlich ein Ausdruck, deſſen ſich unſere gute Wirthin ſehr gern bediente, zwei verſchiedenen Miethern, einem Manne und einer unbeſtimmten Anzahl von Kindern gegen⸗ über. „Aber da iſt einem derſelben ein Unglück zuge⸗ ſtoßen.“ „Es iſt Jack, mein Namensvetter; Gott helfe mir! ich wußte es vorher, daß er mit dem verwünſch⸗ ten Eſel noch ein Unglück haben würde. He, Junge! Du mußt Dir Nichts daraus machen, ſtehe auf!“ Doch nur zu bald bemerkte er, daß der Fall ernſter war als wir dachten, und verſchwand wie ein Pfeil, aus dem Fenſter hinaus ſpringend. Einen Augenblick ſpäter ſah ich ihn den unglücklichen Jack, mit einer blutenden Wunde an der Stirn, unter lau⸗ tem Schreien hereintragen. „Erſchrecken Sie nicht, Mrß. Tod, ich ſah, wie es geſchah, es iſt eine leichte Wunde. Jack, lieber Junge, ſei doch ein Mann und ſchreie nicht ſo, Du ängſtigſt ja Deine Mutter.“ Doch als die gute Frau darüber beruhigt war, daß keine wirkliche Urſache zur Sorge da ſei, änderte ſich ihre Stimmung und ſie ſchalt Jack tüchtig über ſeine Fahrläſſigkeit und daß er dem Herrn ſo viel Unruhe mache. — 59— „Aber, Herr! der Junge hat immer Unglüc. Vor drei Monaten, gerade an dem Tage als Herr March hier ankam, ſpielte er mit einem der Wagen⸗ pferde, dies ſchlug aus und zerbrach ihm den Arm. Eine Zeit lang iſt er dann wohl aufmerkſam, doch bald darauf iſt er wieder der Alte. Ich ſage immer zu Tod: Es hilft uns Nichts, uns mit dem Jungen abzuärgern.“ „Ein wenig Geduld müſſen Sie haben!“ ant⸗ wortete John, der den unglücklichen kleinen Galgen⸗ ſtrick aus unſerem Wohnzimmer nach der Küche der Mrß. Tod getragen hatte, die den Mittelpunkt des Hauſes bildete, und indem er die bös ausſehende Wunde der Mutter verbinden half, ſuchte er ihren mütterlichen Zorn zu beſchwichtigen.„Vergeben Sie dem Jungen immer, er wird dann gewiß das nächſte Mal verſtändiger und folgſamer ſein als wenn Sie ihn beſtraft hätten.“ „Glauben Sie das?“ frug die Frau, und ent⸗ weder durch ſeine Worte oder ſein Weſen ergriffen, ſah ſie ihn ſtarr an und wiederholte ihre Frage; „Glauben Sie dies wahr und wahrhaftig?“ „Ich bin davon überzengt, denn Richts hat eine ſo gute Wirkung, als wenn man wirklich unrecht gethan hat und es wird Einem dennoch verziehen. Willſt Du nicht gehorſamer werden, mein kleiner Namensvetter Jack?“ „Jack wird ſtolz auf ſeinen Namen ſein, mein Herr!“ ſagte die Mutter voller Verehrung.„Und ich kann nicht leugnen, daß es mir einleuchtend er⸗ ſcheint, was Sie da ſagten. Gerade ſo ſpricht mein Mann des Sonntags. Tod iſt ein Schotte, Mr. Halifax, und das iſt ein gutes Volk, das gern und viel in der Bibel lieſ't. Es ſteht ja wohl viel von der Vergebung darin, nicht wahr, mein Herr?“ „Ganz richtig,“ erwiderte John lächelnd.„So biſt Du denn dies Mal gut davon gekommen, Jack; aber Du darfſt nun auch Deiner Mutter nicht wie⸗ der ungehorſam werden, weder wegen eines Eſels noch um anderer Dinge willen.“ „Nein, Herr! ich danke ſehr—“ ſchluchzte Jack beſchämt.„Sie, Sir, ſind auch ein gütiger Herr! Mr. March war das nicht, der ſagte, es geſchähe mir ganz recht, unter die Pferde gekommen zu ſein.“ „Halt' Deinen Mund!“ rief die Mutter heftig, denn die gegenüberliegende Thür bewegte ſich in ihren Angeln und eine Dame trat herein. „Mrß. Tod, mein Vater wünſcht—“ fremde Geſichter erblickend, ſtockte die Dame. Bei dem Tone dieſer Stimme, der ſehr lieblich klang, wenn er auch etwas lebhaft und beſtimmt war, wandten John — und ich uns unwillkürlich um, wir waren verlegen und wußten nicht recht, ob wir ſprechen oder bleiben ſollten. Sie überhob uns alles Zweifels. „Mrß. Tod, mein Vater wünſcht ſeine Suppe um eilf Uhr zu haben. Sie vergeſſen es wohl nicht?“ „Nein, Miß March.“ Worauf die Dame die Thür wieder unn und verſchwand. Sie trug ein grauſeidenes Kleid. Ich ſah John an, doch gab er nicht auf mich Achtung, ſondern hielt ſeine Augen auf jene Thür gerichtet, welche das ſo eben erſchienene Bild ſogleich wieder verhüllte. Wenn uns der Anblick der jungen Dame auch nur für einen Augenblick ward, ſo iſt er doch lebendig in meinem Gedächtniſſe geblieben. Ich ſehe ſie noch vor mir. Ein Mädchen, früh, aber nicht unnatürlich früh entwickelt, eine ziemlich große Geſtalt, nicht ſo zart, daß man ſie mit einer Sylphide vergleichen konnte, ſondern zum Leben und zur Thätigkeit ge⸗ ſchaffen. Eine dunkle Geſichtsfarbe mit dunklem Haar und dunklen Augen, gab ihrer ganzen Erſchei⸗ nung jenen ſüdlichen warmen Ton, der den Begriff von Zärtlichkeit und Innerlichkeit giebt, mit einem Charakter, der Kraft und Milde vereinigt. Wenn ſie auch vollkommen weiblich in ihrer ganzen Eigen⸗ — 62— thümlichkeit war, ſo hatte ſie doch durchaus Richts von einem Engel. Schön war ſie kaum zu nennen, und der Ausdruck„niedlich“ paßte auch nicht für ſie; aber es war eine Atmoſphäre der Friſche, Geſundheit und Jugend über ſie verbreitet, die ſo lieblich und wohlthuend war wie das Wehen des Frühlings ſelbſt. Ihr Anzug beſtand aus jenem oft beſprochenen grauſeidenen Kleide, ſehr einfach gemacht, ohne Aus⸗ putz und beſondere Schnörkeleien, bis zum Halſe hinaufreichend, ſowie den Arm bis zu dem Handge⸗ lenk umſchließend, wo es mit einem feinen weißen Pelzſtreifen beſetzt war, wodurch die Haut ebenſo zart erſchien. „Das iſt Miß March,“ erklärte unſere Wirthin nach ihrem Verſchwinden. „Iſt ſie das?“ erwiderte John, ſeinen Blick von der Thür wendend. „Sie iſt ſehr verſtändig für ein Mädchen von ſiebzehn Jahren, und gutmüthiger und freundlicher als ihr Vater, der immer Etwas verlangt und ſtets vor ſich hin brummt. Der arme Herr! er kann es vielleicht ſelbſt nicht ändern, aber es iſt ſehr für die Tochter! nicht wahr, mein Herr?“ „Sehr!“ lautete John's Antwort. Die Kürze derſelben war ungewöhnlich. Noch immer ſtand er ruhig bei dem Küchentiſche, die letzten Binden um Jack's Kopf anlegend, und verweilte ſelbſt noch einige Augenblicke dort, als ſein kleiner Schützling ſchon wieder ſpielte. Ich mußte ihn erinnern, daß wir Mrß. Tod doch wohl nicht länger beſchwerlich fallen dürften. „Nein, nein! gewiß nicht. Kommen Sie, Phi⸗ neas. Ich hoffe, Mrß. Tod, unſere Gegenwart hat die junge Dame nicht geſtört.“ „Gott ſegne Ihr gutes Herz, mein Herr! Aber es ſtört ſie ſo leicht Nichts, und ich kenne wirklich kein freundlicheres junges Geſchöpf wie ſie iſt. Sie kommt oft hierher an den Heerd, gerade wie Sie, meine Herren, und wird Sie gewiß immer gern hier ſehen,“ fügte Mrß. Tod ſich verbeugend hinzu. „Wenn Mr. March eingeſchlafen iſt, dann ſitzt ſie wohl ein halbes Stündchen hier und unterhält ſich mit Tod und mir, oder ſpielt mit unſerer Jüngſten.“ In dieſem Augenblicke ſtieß das eben in Rede ſtehende kleine Weſen einen ſolchen Schrei in ſeiner Wiege aus und fing ſo an zu weinen, daß wir jun⸗ gen Männer eilig unſern Rückzug nahmen. „Alſo Ihr graues Kleid iſt endlich enthüllt, John! Wenn ſie auch jung iſt, ſo kann man ſie doch keine Schönheit nennen.“ „Ich habe das auch nie behauptet.“ „Immer aber eine angenehme Erſcheinung, ge⸗ ſund, freundlich und kräftig ausſehend. Ich kann ſie mir vollkommen vorſtellen, wie ſie mit ihrem Korbe voll Eier in der Hand über die Wieſe geht, hier mit der alten Frau ſpricht und dort den Kna⸗ ben ſchilt.“ „Machen Sie keine Witze über ſie, die Aermſte muß einen harten Stand mit ihrem Vater haben.“ Natürlich ſcherzte ich von dem Augenblicke an nicht mehr, wo ich ſah, wie ernſthaft er ward. „Hat Sie aber der Name des Vaters nicht über⸗ raſcht, John? March! denken Sie nur, wenn ſich herausſtellte, daß es derſelbe Mr. March wäre, den Sie vor fünf Jahren aus dem Severn retteten? Welche poetiſche Zuſammenſtellung der Verhältniſſe würde das geben!“ „Unſinn!“ rief John heftig, heftiger als er ſonſt zu mir ſprach; dann kam er zu mir heran und. ſagte mir ein freundliches Lebewohl.„Nehmen Sie ſich in Acht, alter Freund! es wird ſpät werden, ehe ich von Norton Bury zurückkehre.“ Ich ſah ihn aufſteigen und den kleinen Weg über die Wieſe langſam fortreiten, ſich noch einmal nach Roſe Cottage umſehend, ehe er gänzlich unter den Kaſtanienbäumen verſchwand; es war ein hüb⸗ ſcher Anblick, da er ausgezeichnet gut zu Pferde ſaß. — 6— Als ich ihn nicht mehr ſehen konnte, fiel mein Auge zufällig auf Mr. March's Fenſter, wo ich eine Hand bemerkte, und zwar wie ich glaubte, von einem weißen Pelzſtreif eingefaßt, welche die Jalouſie herunter ließ. Es machte mir Vergnügen, zu denken, daß Mi March ihn ebenfalls beobachtet haben könne. Ich brachte meinen Tag allein in dem Wohn⸗ zimmer nachdenkend zu, obgleich Mrß. Tod mehr denn einmal freundlich meine Einſamkeit zu er⸗ heitern ſuchte. Sie behandelte mich in einer offenen, freien, faſt mütterlichen Weiſe, nicht halb ſo ehrer⸗ bietig wie ſie mit John Halifar umging. Die Sonne war hinter dem Nunnely-Berge und den vier Pappeln verſchwunden, die an der Grenze unſers kleinen Stückchen Wildniß ſtanden, drei zu⸗ ſammen, eine etwas entfernt. Sie bildeten zu glei⸗ cher Zeit unſere Grenzſteine und unſere Zeitmeſſer, denn der erſte Sonnenſtrahl, der über die Weiden kam, berührte ihre Wipfel am frühen Morgen, und das Abendlicht zeigte ihre Geſtalt bis ſpät in die Nacht hinein. Sie ſtanden meinem Fenſter nahe genug, um ihre raſchelnde Bewegung bei Wind und Sturm zu hören, und an ruhigen Tagen zeigten ſie ſich unſern Augen ſo ſtill und aufrecht gegen den Himmel ſtehend, wie Säulen, die man der Erinne⸗ John Halifax. II. 5 — rung weiht. Sie waren mir ſo lieb geworden wie Freunde, dieſe vier Pappeln, und ſchienen mir oft lebende Weſen zu ſein. Wir machten zuerſt an jenem Abende Bekanntſchaft, wo ich John's Rückkehr am Fenſter erwartete, und unſere Freundſchaft erhielt ſich bis in die ſpätere Zeit hinaus. Es war über neun Uhr, als ich den Huf des Pferdes auf dem Wege klappern hörte; erfreut lief ich ihm entgegen. David war an dieſem Abende nicht mehr der heitere Jüngling wie ſonſt, noch weniger der Hirt David, wie er ſich zuweilen nannte. Er war ſicht⸗ lich ermüdet und in der Lohgerberſtimmung, wie er das Uebermaß von Geſchäften bezeichnete. „Die Zeiten ſind ſchwer,“ ſagte er, als wir die Fenſter geſchloſſen hatten und Mrß. Tod, nachdem die Lichter angezündet waren, uns eine gute Nacht bot und in ihrer freien, unbefangenen Weiſe hinzu⸗. ſetzte,„ſie hoffe, Mr. Halifax habe Alles, was er be⸗ dürfe,“ denn ſie betrachtete John ſtets als den Mit⸗ telpunkt unſerer kleinen Wirthſchaft. „Die Zeiten ſind ſchwer,“ wiederholte John nachdenklich,„und ich weiß nicht, wie Ihr Vater mit ſo vielen Sorgen allein durchkommen ſoll. Ich muß mich ſo einrichten, ſtatt drei Tage fünf in der; — 67— Woche bei ihm zuzubringen. Ich fürchte, Sie wer⸗ den ſehr viel allein ſein.“ „Und Sie ſelbſt werden wenig Genuß von dem ſchönen Landleben haben, das Sie ſich ſo hübſch ausmalten, und das Sie ſo zu entzücken ſchien.“ „Das muß Sie nicht bekümmern— es iſt auch vielleicht ganz gut.— Ich habe ein Leben voller Arbeit vor mir und darf nicht auf zu viel Vergnü⸗ gen darin rechnen. Aber wir wollen jede Minute ſo viel und gut benutzen als möglich. Wie haben Sie ſich heute befunden? Kräftiger?“ „Viel kräftiger! Was haben Sie für Pläne zu Morgen?“ „Ich möchte Ihnen die Weiden im erſten Mor⸗ genſchimmer zeigen; der Blick dort iſt gar zu lieblich.“ „Der Blick auf die Natur oder auf die menſch⸗ liche Natur beſonders?“ Er lächelte ein wenig— doch nur über meinen Muthwillen— und ich ſah deutlich, es traf ihn nicht im Mindeſten.„Rein, nein, ich weiß, was Sie meinen, aber ich habe ſie beinahe vergeſſen, und wenn auch nicht gänzlich, ſo war ich doch jetzt nicht mit ihr beſchäftigt. Wir müſſen einen andern Weg einſchlagen, als ich zuerſt dachte, es möchte der jun⸗ gen Dame ein ferneres Begegnen mit uns nicht ein⸗ mal angenehm ſein.“ 5* Die ernſte, feſte Weiſe, wie er den Gegenſtand behandelte und bei Seite ſchob, war ein ſchweigen⸗ der Vorwurf für mich. Ich ließ die Sache fallen, und wir hatten auch ernſtere Angelegenheiten zu be⸗ ſprechen als über unſere Rächſten zu reden. Um ſieben Uhr des andern Morgens befanden wir uns auf der Hochebne. „Ich bin aber wahrlich nicht hierher gekommen, Phineas, um mit Ihnen hier im Thau zu ſtehen. Kommen Sie ein wenig mehr voran, auf meine Terraſſe, wie ich ſie nenne, dort werden Sie ein ſchö⸗ nes Panorama ſehen.“ Und das war es wirklich. Rund um die hohe Fläche zog ſich ein Thal wie ein Schloßgraben, oder als ob ein breiter Fluß in ſeinem Laufe angehalten und ſeit Jahrhunderten ausgetrocknet worden ſei, ſo daß ſich nun nach und nach in demſelben Wieſen, Wald, Land und eine Stadt gebildet hatte. Denn im tiefſten Grunde lag friedlich und ſtill wirklich eine weiße Stadt. Von dieſem kleinen Kerne der Bil⸗ dung hatte ſich nun wieder eine Anzahl hübſcher heller Landhäuſer getrennt und am entgegengeſetzten Ufer angebaut, was hier ein lieblicher Bergabhang war. Dunkle, ſchattige Höhlen, gelbe Kornfelder und dunkle Gruppen von Bäumen bedeckten dieſe Bergſeiten in den verſchiedenſten Farben bis zum höchſten Gipfel, der Runnely⸗Berg genannt, hinauf, hinter welchem ich am Abende vorher die Sonne untergehen ſah, und der nun in den zarteſten Far⸗ ben des Morgen⸗Grauens vor uns lag. „Finden Sie das nicht ſchön, Phineas? Ich liebe den Blick gar zu ſehr. Ein liebes, ächt engli⸗ ſches, uns anlächelndes Thal, das manches kleine Reſt einer glücklichen engliſchen Familie in ſich ver⸗ birgt. O! denken Sie ſich nur, als Patriarch dieſen ganzen Strich Landes ſein zu nennen, und es zum Guten oder Böſen durch eine Hand führen zu kön⸗ nen. Sie glauben gar nicht, was für ein einfaches, alterthümliches Volk hier herum lebt— Abkömmlinge einer alten Colonie flämiſcher Tuchweber, die noch immer dem Gewerbe treu geblieben ſind.— Könnte man durch den Buchenwald unten im Thale hindurch ſehen, ſo würden Sie die größte Stütze der ganzen Umgebung entdecken, eine große Tuch⸗Fabrik durch eine Mühle getrieben.“ „Das wäre Etwas für Sie, John!“ und wirk⸗ lich ſah ich ſein Geſicht ſich wie als Knabe verklären, wenn er von ſeinen Maſchinen und Erfindungen ſprach.„Was iſt aus jenem wundervollen kleinen Webeſtuhle nur geworden, den Sie einſt anfertigten?“ „O, ich habe ihn noch; aber Sie glauben gar nicht, was das für eine ſchöne Fabrik iſt; ich habe ſie durch und durch beſehen. Wenn der Eigenthümer nur ſeine thörigten flämiſchen Einrichtungen weg⸗ werfen wollte; ich glaube wahrhaftig, er und ſeine Vorfahren haben alle in derſelben Weiſe gearbeitet und ſeit den Zeiten der Königin Eliſabeth iſt Richts geändert worden. O, nur eine oder die andere der neuen Erfindungen hier angewendet, ſo wie— aber ich vergeſſe, daß Sie ſich nie mit Maſchinen beſchäf⸗ tigen mochten.“ „Sie können ſie aber ſo gut erklären und ich will mir die größte Mühe geben, Sie zu verſtehen.“ Wir thaten Beide unſer Beſtes, und ich glaube, er brachte es wirklich dahin, meinen beſchränkten Kopf damit bekannt zu machen, in dem es doch wohl an zehn Minuten einen Platz fand. Aber länger blieb mir der Eindruck ſeiner kräftigen Rede und ſei⸗ ner klaren Art und Weiſe, Andern mitzutheilen, was er ſelbſt ſo gut wußte. Ich bewunderte ihn, wie allgemein ausgebildet er durch ſich ſelbſt gewor⸗ den war, und ſprach das aus. „O, das iſt leicht genug, wenn man ein gutes Gedächtniß für Thatſachen und wirkliche Eindrücke hat. Ueberdem wiſſen Sie, daß ich eine beſondere Neigung für Alles habe, was Erfindungen und Ma⸗ ſchinen heißt. Ich könnte Stundenlang einem Müh⸗ 8 —— lenwerke zuſehen, beſonders wenn es durch ein großes Waſſerrad getrieben wird.“ „Dann würden Sie wohl gern ein Mühlen⸗ beſitzer ſein?“ „Ob ich das gern wäre!“ rief er, während ein heller Schein ſein Antlitz verklärte. „Doch ſind das unnütze Fragen; man kann ſich ſeinen Beruf nicht wählen, wenigſtens nur in ſehr ſeltenen Fällen. Und übrigens iſt es ja auch nicht das Handwerk, ſondern der Charakter des Mannes, der dem Menſchen ſeine Bedeutung giebt. Ich bin nun einmal ein Lohgerber und bin feſt ent⸗ ſchloſſen, ein ausgezeichneter zu werden. Dabei fällt mir ein, ich möchte wohl wiſſen, ob Mrß. Tod, die ſo viel von feinen und vornehmen Leuten ſpricht, unſer Gewerbe kennt?“ Ich denke und wünſche es nicht. O, David, dieſen einen Monat wollen wir wenigſtens die Loh⸗ gerberei vergeſſen.“ Denn ich haßte dieſe Beſchäftigung mehr denn je hier in unſerm freien arkadiſchen Leben. Ja, der Gedanke daran war mir nicht allein für mich, ſon⸗ dern auch für John unerträglich. Liebevoll und freundlich tadelte er mich; aber ich denke, er hätte eben ſo empfunden, wenn er ſich überhaupt ſo Etwas auszuſprechen geſtattet hätte. — „Wer würde wohl glauben, der mich hier ſtehen ſieht, ſo entzückt von der friſchen, freien Luft und dem lieblichen Blicke auf dieſe duftigen Weiden mit Blumen überſät— ſehen Sie die prächtigen blauen Büſchel zu Ihren Füßen, Phineas?— wer würde glauben, daß ich den geſtrigen ganzen Tag damit zubrachte, die Lohgerbergruben und die rohen Häute zu unterſuchen! Pfui, ich wundere mich, daß die zarte kleine Hyazinthe nicht in meinen Händen verwelkt, und ſolche häßliche Hände dazu!“ „Das iſt unrecht, John, ſie find doch wahrlich nicht ſchlecht, und wären ſie wirklich häßlich, was thäte das?“ „Und Sie haben recht, mein Kind, es ſchadet Nichts. Sie haben mir gute Dienſte geleiſtet und werden es noch thun, wenn ſie auch nicht gerade zum Blumenpflücken gemacht ſind.“ „Da iſt aber noch Jemand, der auf der Hoch⸗ ebene Sträuße windet. Sehen Sie nur, wie ſchlank ſich die Geſtalt gegen den Himmel abzeichnet. Es iſt am Ende Ihre Titania, John.“ „Gleich der Proſerpina ſucht ſie nach Blumen, ſie ſelbſt die Schönſte—“ „Nein, nicht die Schönſte, denn ich behaupte, ſie ſieht Ihrer Freundin im„grauen Kleide“ ſehr ähnlich— der Miß March— bitte um Verzeihung.“ „Sie iſt es auch,“ ſagte John, ſo gleichgültig, daß ich ihn im Verdacht hatte, er habe ſie gewiß ſchon einige Minuten vor mir entdeckt. „Es ruht wirklich ein beſonderes Geſchick darauf, daß Sie ihr immer hier begegnen.“ „Nicht im Mindeſten. Sie hatte dieſen Morgen ihren Spaziergang nach einer andern Seite hin ge⸗ nommen, es iſt alſo ein reiner Zufall, daß wir hier zuſammenkommen,“ erklärte John ernſthaft.„Aber kommen Sie, man muß eine Dame in ihrem Ver⸗ gnügen nicht ſtören.“ Er führte mich mit ſich, doch ſehr gegen meinen Willen, denn ich hatte große Luſt, dies jugendlich friſche Geſicht wiederzuſehen, das ſo ernſt und doch heiter und gut ausſah. So ſuchte ich denn John vergebens zu überzeugen, daß dies Antlitz eine ſo ſelbſtſtändige Würde verrathe, die es der Beſitzerin deſſelben gewiß ſehr gleichgültig ſein laſſe, ob ſie auf ihrem einſamen Spaziergange zwei oder zweihundert Herren begegne. Mein Begleiter gab das zu, doch blieb er dem⸗ unerachtet unerbittlich, und da er ein„Mann von Welt“ war, der auf ſeinen Reiſen für meinen Vater oft zufällig eine feinere Geſellſchaft kennen gelernt hatte, ſo mußte ich ihm in dieſer Beziehung ver⸗ . — trauen und mich ſeiner größern Erfahrung in Sachen des guten Betragens unterwerfen. Indeſſen war das Geſchick freundlicher wie er, nahm den fraglichen Knoten der Etiquette ſelbſt in die Hand und löſ'te ihn zu meiner Zufriedenheit. Nahe bei der Cottage ſtießen die beiden Wege zuſammen, die wir eingeſchlagen hatten, wie ſich auch wahrſcheinlich unſere Frühſtücksſtunden begeg⸗ neten, ſo daß wir Drei uns plötzlich Miß March gegenüber befanden. Sie mußte uns eben ſo gut ſehen wie wir ſie. Ich hatte Recht. Weder unſere Begegnung noch wir ſelbſt ſchienen einen Eindruck auf Miß March zu machen. Die friſchen Morgenroſen ihrer Wangen wurden nicht dunkler, und eben ſo wenig ſchlug ſie die Augen nieder, als ſie uns einen kurzen Augenblick mit einem ruhigen, beobachtenden Mädchen⸗Ausdrucke anſah. Natürlich fand keine Wiedererkennung ſtatt, und nur das kleine Grübchen an der Seite ihres Mundes verrieth, wie gut ſie wiſſe, wer wir waren, und daß ſie uns nur aus harmloſer weiblicher Neugierde betrachtete. Sie mußte an unſerer Thür vorübergehen, wo Mrß. Tod mit dem jüngſten Kinde ſtand. Es ſtreckte ſeine Arme verlangend nach ihr aus, mit jener lieb⸗ lichen Kindesbewegung, der, wie ich glaube, keine Frau zu widerſtehen vermag; Miß March auch nicht, denn ſie ſtand ſtill und nahm das Kind auf den Arm. Es war ein hübſcher Anblick, Mantel und waren bei der Bewegung nach dem Kinde etwas herabgeſunken und ließen ihre graziöſe Geſtalt, ſo wie ihr dunkles ſchönes Haar erkennen, das nach damaliger Sitte in einer Maſſe Locken vom Kopfe herabhing. Als ſie ſo mit glänzenden Augen daſtand, während das Blut in ihre klaren, dunkel gefärbten Wangen ſtieg, frug ich mich ſelbſt, ob ich nicht in meinem Urtheil zu ſchnell geweſen ſei, als ich ſie „nicht ſchön“ nannte. Wahrſcheinlich dachte John, nach ſeinem Blicke zu urtheilen, daſſelbe. Sie ſtand gerade vor unſerer Eingangsthür; doch war ſie ſo glücklich mit der Mrß. Tod hübſchem Jungen, daß ſie uns vollkommen vergeſſen zu haben ſchien, bis die Wirthin ein Wort fallen ließ, daß ſie die Herren eintreten laſſen möge. Da zog ſie mit einem ſichtlichen Erſchrecken Mantel und Kappe feſter um ſich und trat bei Seite. An ihr vorübergehend war es wohl natürlich genug, daß John die Augen aufſchlug, und ich ver⸗ mochte kaum die meinigen wieder von ihr abzuwen⸗ den, ſo lieblich und anmuthig war ihre Erſcheinung. — Sie lächelte ein wenig— er verbeugte ſich, was ſie höflich erwiderte— und ſo kehrten wir in unſer Zimmer zurück. Ich konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß dies ein guter Anfang zur Be⸗ kanntſchaft mit unſerer Nachbarin ſei. „Bewahre! keine Bekanntſchaft, die reine Höf⸗ lichkeit von zwei Menſchen, die unter Einem Dache wohnen. Es wird auch nie zu etwas Näherem kommen.“ „Wohl wahrſcheinlich nicht!“ John ward ſichtlich durch meine letzten Worte betrübt, und eben ſo beſorgte ich, daß er, vom Fen⸗ ſter aus die kleine Gruppe betrachtend, die an der Hausthür ſtand, Jemand aus derſelben vermißte, und zwar weder Mrß. Tod noch das Kind. „Ihre Erſcheinung iſt mir jetzt viel lieber ge⸗ worden, David. Ihnen auch?“ Es fiel mir erſt ſpäter ein, wie ſonderbar es war, daß, nachdem eine ziemliche Zeit bereits ver⸗ floſſen war, ehe ich mir dieſe Frage erlaubte, wir dennoch inſtinktmäßig den Namen nicht ausſprachen, ſondern das perſönliche Pronomen dafür gebrauchten. „Ein gutes, edles Geſicht!“ fuhr ich fort,„aber ich kann nun einmal ſo unregelmäßige Züge wirk⸗ lich nicht ſchön finden.“ ch auch nicht!“ „Mit beſonderer Grazie aber verbeugte ſie ſich⸗ und ich glaube, John, wir können zum erſten Mal in unſerm Leben ſagen, daß wir eine Dame geſehen haben.“ „Gewiß iſt ſie eine vornehme Dame.“ „Ja, und ich glaube, wie das Mädchen mir erſcheint, daß ſie gewohnt iſt, in der großen Welt zu leben. Und um deſto wahrſcheinlicher erſcheint es mir, daß ihr Vater, der Mr. March, der Vetter der Brithwvod's iſt. Ein ſeltſames Zuſammen⸗ treffen!“ „Ein ſehr ſeltſames!“ Und nach dieſer kurzen Antwort verfiel John in ein vollkommenes Schweigen. Wir kamen öfter wieder auf die Verhältniſſe unſerer Nachbarn an jenem Morgen zurück, das heißt, ich, denn John blieb ernſt und in nicht mittheilender Laune. Ja, als ich mir eine Frage erlaubte, wie Mrß. Tod das Frühſtück fortnahm, wer Mr. March ſei und von wo er hierhergekommen wäre, ward ich, ſobald un⸗ ſere Wirthin uns verlaſſen hatte, ſtreng über meinen Hang zur Klatſcherei getadelt. Was ich lachend beantwortete und ihn darauf aufmerkſam machte, wie klug es ſei, daß er mich nicht vorher, ſondern erſt dann ſchelte, nachdem ich in Erfahrung gebracht hätte, daß Mr. March ein Edel⸗ — 75— mann mit einem ſelbſtſtändigen Beſitzthum ſei, der hier herum keine Verwandten habe und gewöhnlich in Wales lebe. „Er kann alſo nicht unſer Mr. March ſein,“ verſicherte ich. „Nein,“ antwortete John, ſichtlich erleichtert. Es beluſtigte mich, ſeinen Ernſt bei dieſen Kleinig⸗ keiten zu beobachten, und oft lachte ich ihn über die große Zuneigung für unſere Nachbarn aus— und beſonders über das ſichtliche Intereſſe— das er gewiß gut verborgen zu haben glaubte, und die Vorliebe, welche ein junger Menſch von zwanzig Jahren ſehr natürlicher Weiſe für eine bezaubernde junge Perſon faßt. Ich fand es ſehr begreiflich, denn ich bewun⸗ derte ſie auch ganz beſonders. Ich begreife es ſelbſt kaum, wie ich mir alle heitern Scherze jenes Morgens über Miß March zu⸗ rückzurufen vermag, und merkwürdig bleibt es, wie ſeltſame Wege das Geſchick oft geht, das leiſe wie ein Kind an unſerer Thür erſcheint, wir bemerken es kaum oder ſchicken es lachend wieder fort. Es iſt gewöhnlich Alles ſo natürlich, ſo einfach und zu⸗ fällig, daß wir nicht erkennen, was es wirklich iſt. Ach wir können nicht glauben, daß der kindliche Eindringling in der Wirklichkeit oft der König un⸗ ſeres Glücks, der Mittelpunkt unſeres Lebens wird. Aber ſo iſt es dennoch meiſten Theils. Und weil es ſo iſt, ſo muß es gut ſo ſein. Wir beendigten unſern Morgen, indem wir Romeo und Julie von Shakeſpeare laſen, wobei ſich das alte Foliobuch ſelbſt zu beleben ſchien. Es giebt eine Zeit, eine ſchöne Zeit, wenn ſie auch nicht dau⸗ ernd iſt, in der für jede junge Seele Romeo und Julie das Stück aller Stücke, die Dichtung aller Dichtungen bleibt. Wir befanden uns jetzt in die⸗ ſer Phaſe. John las es mir ganz und gar vor, und nicht zum erſten Male; dann mich eingeſchlafen glaubend, ſaß er, das Buch auf ſeinen Knieen, den Blick nach dem offenen Fenſter gewendet. Es war ein warmer Sommertag, tonlos und bewegungslos, ein Tag der Ruhe und des Träu⸗ mens. Zuweilen flog eine Biene ſummend zwiſchen den Roſen ein und aus— wie ein glücklicher Ge⸗ danke.— Sonſt regte ſich Nichts, nicht einmal ein Vogel war zu hören oder zu ſehen, nur zuweilen hörte man unter den Buchen das Girren einer Wald⸗ taube— eine tiefe, zärtliche Stimme— die uns an die Töne einer Mutter erinnerte, welche an der Wiege ihres Kindes ſitzt, oder an zwei Liebende, die in der erſten Umarmung, Herz an Herz gedrückt, da⸗ ſtehen, weder ein Wort finden können noch eines bedürfen. Horchend auf die Stimme der Natur, ſaß John da. Woran dachte er? Was bedeutete das leiſe Zucken um ſeinen Mund und die wunderbare Gluth, ſo wie der ſanfte Thau ſeiner Augen? Ich ſchloß die meinigen. Er hat nie erfahren, daß ich ihn in jener Stunde beobachtete. Er glaubte mich während jener Stunde ſanft eingeſchlafen, die ihm wie eine Minute verflog. Mir ward ſie lang — ach, wie lang!— als ich grübelnd und mit einer innern Empfindung des Schmerzes darüber nach⸗ dachte, was zu ſeiner Zeit kommen mußte und was, wie ich innerlich wohl wußte, bereits im Kommen begriffen war. Viertes Rapitel. Eine Woche war verfloſſen, in der wir uns mit Enderly bekannt gemacht hatten; ich wenigſtens, denn John genoß freilich wenig genug von dem Orte, für den er eine ſolche Vorliebe gewonnen hatte, in⸗ dem er, ſeinem Vorſatze getreu, von ſieben Tagen fünf abweſend war, an denen er fortritt, ſo wie der Tag graute und die Wipfel meiner vier Pappeln be⸗ leuchtete, und erſt wiederkehrte, wenn die Venus über ihren Häuptern thronte. Es war für ihn hart, doch trug er es mit der gewöhnlichen Kraft ſeines Geiſtes. Für mich verging ein Tag wie der andere. Am Morgen ſchlich ich hinaus und erſtieg den Berg hin⸗ ter dem Roſe Cottage Garten, wo ich unter dem John Halifar. M. 6 Rande der Hochebene ein geſchütztes Plätzchen fand, um mich zu ſonnen, und zu gleicher Zeit Gelegenheit hatte, die Ameiſen zu beobachten, die von einem zum andern der unzähligen Ameiſenhügel wanderten, die ſich hier befanden. Oft wendete ich auch meine Auf⸗ merkſamkeit auf die dichten ſammetnen Kräuter, die hier überall ſproßten, denn die Weiden, weit davon entfernt, einen öden Anblick zu gewähren, zeichneten ſich durch einen wahren Teppich des grünſten, weich⸗ ſten Raſens aus, der mit den zierlichſten und ſel⸗ tenſten Blumen beſäet war. Ein Fuß Breite ge⸗ nügte meiſtentheils, um mich Stunden lang mit der Schönheit einer Pflanze, deren Form und Farbe zu beſchäftigen und ſie zu bewundern. Meine menſchlichen und geſelligen Intereſſen waren dagegen wenig ausgebreitet. Zuweilen drangen das Lachen und die Spiele der Dorfkinder und der kleinen Familie Tod bis zu dem Platze hinauf, wo ich lag, während ſie ſich am Abhange des Berges verſammelten, wo die kleinen Tod's eine Art Rolle als die Vornehmeren ſpielten. Oder es kam auch wohl eine alte Frau vorbei, die mit ihren Eimern zu der Quelle unter mir ging. Es war ein ſonder⸗ barer, ſehr alter Steinbrunnen, zu dem das Vich von den Weiden oft an mir vorüber getrieben ward. wo es dann, bis zu den Knieen im Waſſer ſtehend — und ſaufend, große Kreiſe und Ringe in demſelben verurſachte. Da ich den ganzen Tag außerhalb des Hauſes zubrachte, ſah ich auch wenig von den Bewohnern der Cottage. Ein oder zwei Mal gingen ein Herr und eine Dame am Fuße des Abhanges ſo langſam ſpa⸗ zieren, daß ich überzeugt war, es könne kein Anderer als Mr. March und ſeine Tochter geweſen ſein. Er war groß, und ich konnte ſeine grauen Haare unter⸗ ſcheiden; doch war ich ihnen nicht nahe genug, um ſeine Züge zu erkennen. Sie ging an der entgegen⸗ geſetzten Seite und unterſtützte ihn mit ihrem Arme; ſie trug nicht mehr die leichte Kappe, in der wir ihr begegnet waren, ſondern das ſteife häßliche Ding, welches die Damen ſeit einiger Zeit auf den Kopf ſetzten und das ſie nach Jael's Mittheilungen einen „Hut“ nannten. Außer dieſer flüchtigen Erſcheinung hatte ich durchaus keine Gelegenheit, Beobachtungen über un⸗ ſere Nachbarn anzuſtellen. Wenn auch Mrß. Tod zuweilen bei Gelegenheit des Tiſchdeckens oder ande⸗ rer Handreichungen ihren Namen nannte, ſo geſchah das doch nur geſprächsweiſe und in gewöhnlicher Art, wie z. B. Miß March habe gebeten, die Kinder recht ruhig zu halten, oder Mrß. Tod hoffe, ihr Lärm auf dieſer Seite des Hauſes würde mich doch nicht 6* ſtören, aber Mr. March ſei ein gar zu wunderlicher Herr; ſelbſt in ſeinem Anzuge, denn Miß March müſſe ihm jeden Morgen ſelbſt ſeine Halstücher auf⸗ plätten. Nebenher mache er eben ſo viel Lärm, wenn an ihrem Anzuge auch nur eine Nadel falſch geſteckt ſei, und wahrhaftig, eine ſo thätige, immer in Anſpruch genommene junge Dame könne doch nicht ſo angeputzt ausſehen, als habe ſie in einer Putz⸗ Schachtel geſeſſen. Mr. March bedürfe gar zu viel Bedienung und er thue gerade, als habe er hier ſein großes Schloß in Wales und ſeine ſieben Bedienten um ſich. Mrß. Tod unterhielt mich gerade ſo, als müſſe ich die ganze Lebensgeſchichte aller ihrer Miether und nebenher noch die Aller, deren ſie Erwähnung that, kennen. Eine ziemlich allgemeine Gewohnheit in Enderly. Es war im Ganzen bequem, und bewahrte Einen davor, noch längere Erzählungen anhören zu müſſen, doch in dieſem Falle hätte ich gern noch mehr erfahren. Oft fühlte ich mich denn auch ver⸗ ſucht, ſie über Verſchiedenes zu fragen, doch ſprach John, den ich deßhalb um Rath fragte, ſo beſtimmt dagegen, und nannte es ein Unrecht, den Angelegen⸗ heiten Anderer in ſo unerlaubter Weiſe nachzuſpüren daß ich mich beinahe ſelbſt ſchuldig fühlte, und mich frug, ob mein kränkelndes, träumendes, unnützes — Daſein mich nicht zur Reugierde verleite oder gar zur Klatſcherei und den damit in Verbindung ſtehen⸗ den fkleinen Sünden, die wir uns gewöhnt haben, als weibiſch zu bezeichnen, wodurch wir das andere Geſchlecht ſchwer beleidigen. Wie ich ſchon vorher geſagt habe, waren unſere Wohnungen vollkommen getrennt, wie zwei verſchie⸗ dene Häuſer, ſo daß Keiner Etwas von ſeinen Nach⸗ barn hörte oder ſah, außer von dem neutralen Boden aus,— der Küche von Mrß. Tod;— doch trennte mich John's Verbot gänzlich davon, obgleich ich ſonſt wohl verſucht hätte, einzudringen. Außer den beiden Tagen, wo er zu Hauſe blieb und John mich auf ſein Pferd ſetzte, um mich dann weit, weit über Feld und Thal und Berge fortzuführen, und nach meilenweiten Wanderungen erſt im Zwie⸗ lichte nach Haus zurückzukehren, außer jenen beiden frohen Tagen verlebte ich die Woche in gänzlicher Einſamkeit und erwartete ſehnſüchtig den Sonntag. Wir hatten uns vorgenommen, ihn immer zu einem lieblichen, langen Land⸗Sonntage zu machen, und begannen unſern Tag ſchon um ſechs Uhr Mor⸗ gens. John ſchlug mir an einem derſelben einen neuen Spaziergang über die Weiden vor, den er auf meine Frage ſo bezeichnete, daß wir hier ſicher wären, Miß March nicht zu begegnen.= „Haben Sie über dieſen Gegenſtand Verſuche angeſtellt, die Sie jeden ihrer Schritte mit ſolcher Beſtimmtheit berechnen laſſen? Bitte, ſagen Sie mir, haben Sie ihr wieder begegnet, denn Sie ſind ia öfter Morgens früh allein ausgegangen?“ „Der Morgen iſt die einzige Zeit, die mir zum Spazierengehen bleibt, das wiſſen Sie, Phineas!“ „Ach es iſt wahr, Sie haben wenig Vergnügen in Enderly, und ich wünſchte beinahe, wir könnten bald nach Hauſe zurückkehren!“ „Daran dürfen Sie nicht denken, und Ihnen hat der Aufenthalt hier wirklich unendlich gut gethan. Nein, wir dürfen auf keine Weiſe an unſere Rückkehr denken!“ Ich wußte und weiß es noch heute, daß es ihm voller Ernſt mit dieſer Sorge war, wenn auch noch andere Gedanken in ſeiner Seele ſchlummerten, die treue Liebe für mich war die Hauptbeſchäftigung ſeines Geiſtes. „Gut! wir wollen bleiben, aber unter der Be⸗ dingung, daß auch Sie hier zufrieden ſind, John!“ „Ganz glücklich; ich liebe die Ritte nach Norton Bury, aber über Alles kehre ich gern hierher zurück. Von dem Augenblicke an, wo ich den Enderley⸗Berg erſteige, fällt die Lohgerberei und Alles, was zu ihr gehört, wie ein Alp von mir ab und ich erwache zu ₰ — einem freien, ſchönen Leben. Aber Sie müſſen doch bekennen, Phineas, daß dieſe Wieſe ein lieblicher Ort iſt, beſonders des Morgens?“ „Gewiß!“ verſicherte ich, über ſeinen Eifer lächelnd.„Aber Sie haben mir nicht geſagt, ob Sie Miß March wieder begegnet haben?“ „Sie hat mich nicht ein einziges Mal geſehen.“ „Aber ſie dagegen ward von Ihnen geſehen? Antworten Sie ehrlich.“ „Warum ſollte ich das nicht thun! Ja, ich habe ſie wohl ein oder zwei Mal geſehen, aber nie⸗ mals ſo, daß ich ſie hätte ſtören können.“ „Das erklärt mir, weßhalb Sie ſo genau die Richtung ihrer Spaziergänge kennen.“ Er erröthete tief.„Ich hoffe, Phineas, daß Sie mir nicht zutrauen werden, ich könne mich in irgend einer Weiſe einer Dame aufdrängen oder ſie beleidigen wollen.“ „O! nehmen Sie die Sache doch nicht ſo ernſt⸗ haft, wahrhaftig, ich habe es nicht ſo gemeint. Es kommt mir auch gar nicht ſo unnatürlich vor, daß ein junger Mann, wie Sie, ſich Mühe giebt, um eine ſo feine Arbeit der Natur näher zu betrachten, wie dies ſiebzehnjährige Mädchen mit ihren apfelrunden Wangen.“ —— „Dann aber wie ein Renette⸗Apfel, denn ſie iſt braun, wie Sie wiſſen, das echte„Nußbraune Mäd⸗ chen,“ lachte John wieder in vollkommen guter und heiterer Laune.„Es iſt wahr, ich ſehe ſie gern; ich habe viele Mädchen geſehen, die hübſcher waren, aber Keine, die ſo gut ausſah.“ „Eine gute Redensart!“ Doch ev ſah ſo ernſt⸗ haft dabei aus, daß ich nicht darüber ſcherzen konnte. Und es war die Wahrheit. Denn ich ſelbſt wäre wohl die Weiden halb durchwandert, um einen ein⸗ zigen Blick von Miß March zu gewinnen. „Aber, John, weßhalb haben Sie nie darüber geſprochen?“ „Weil Sie mich nie darnach fragten.“ Wir verſtummten, und ſchwiegen, bis wir die ganze Länge eines alten römiſchen Lagers durch⸗ ſchritten hatten. Unter den vielen Gräben, welche die Hochebene durchzogen, zeigte der beſterhaltenſte die Grenze eines Schlachtfeldes, wo manche Siege erfochten ſein mochten, und dorthin hatte John mich heute geführt, damit dieſe Merkwürdigkeit mir nicht unbekannt bleibe. „Ja,“ verſicherte ich endlich, eine lange Reihe von Gedanken beſchließend, die ſicher ſehr entfernt von allen römiſchen Lagern und Alterthümern waren, „ja, es iſt ſehr natürlich, daß Sie ſie bewundern, 5 —— und eben ſo wäre es natürlich und gar nicht un⸗ wahrſcheinlich, wenn ſie—“ „Stille,“ rief er,„was ſprechen Sie da für Un⸗ ſinn! Unmöglich!“ Und ſeinen Fuß auf einen loſen Stein ſetzend, ſchleuderte er dieſen hinab in den Gra⸗ ben, wo Jahrhunderte früher wohl mancher Römer ſeinen Tod gefunden hatte. Die heftige Bewegung und das feſt ausgeſpro⸗ chene„Unmöglich“ überraſchten mich weniger als die Schnelligkeit, mit der ſein Geiſt meinen unaus⸗ geſprochenen Gedanken erfaßt und ihn weiter ausge⸗ ſponnen hatte, als ich es ſelbſt meinte. „Gewiß! die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer ſolchen Frage iſt mir nie eingefallen. Ich ſprach nur aus, was ich dachte, daß Sie ſie bewundern könnten, ohne alle weitere beſtimmte Pläne, wie junge Leute eben ſolche Gedanken faſſen. Es würde mich aber betrüben, John, ſähen Sie es anders an.“ „Das laſſen Sie nur! Wie, ich habe ſie viel⸗ leicht fünf Mal in meinem Leben geſehen und werde ihr wahrſcheinlicher Weiſe nicht wieder begegnen; dazu habe ich ſie nie geſprochen; kann ich wohl ſo in Gefahr kommen? Uebrigens,“ ſetzte er in einem viel ernſteren Tone hinzu,„habe ich zu viel äußere Sorgen, die mich beſchäftigen, um mich dem harm⸗ — loſen Vergnügen hinzugeben, was eine Verliebtheit bietet. Beruhigen Sie ſich alſo, Phineas.“ Ich lächelte, und wir begannen eine neue Un⸗ terhaltung über Lager und Gräben— vallum und praetorium;— die Dänen, Sachſen und Normannen, die wir möglicher Weiſe ſehr gelehrt ausſpannen, aber es iſt zu lange her, und ſelbſt wäre ich Tages darauf gefragt worden, hätte ich mich ſchuldig be⸗ kennen müſſen, Alles vergeſſen zu haben. Ich erinnere mich, daß an jenem ſchönen, ſtillen Sonntage die Sonne nicht hell am Himmel erſchien, aber die Erde und der Himmel waren in einen ſanf⸗ ten grauen Ton verſchmolzen, als wir auf den Wei⸗ den ausgeſtreckt dalagen und bald ferner, bald näher die Kirchenglocken zu uns herüber hallten; als dann Alles um uns wieder ruhig ward, nahmen wir unſere alten Sabbathsgeſpräche auf und beſchäftigten uns mit den Dingen dieſer Welt und denen der zukünfti⸗ gen; ſpäter erſt, wie die Dämmerung eintrat, gingen wir in den Buchenwald unter der Cottage und ſogen den Duft der ſchönen Farrenkräuter ein. So wid⸗ mete er ſich mir vom Morgen bis zum Abend, ſorgte für meine Freuden und meine Bequemlichkeiten, und vollendete die Aufgabe, die er ſich gemacht hatte, mich nicht zu verlaſſen, ja, und dieſer Sonntag war —— der letzte, an dem ich David noch allein mir ange⸗ hörig nennen konnte, an dem er immer um mich war. Naturgemäß, recht und billig iſt es, und Gott bewahre mich, daß ich je darüber murren oder mich beklagen ſollte. um zehn Uhr Abends, als John mich noch ein Mal bewog, hinauszuſehen, um die Größe und Un⸗ ermeßlichkeit der Weiden unter den dunklen Fittichen der Nacht zu bewundern, und wir uns fragten, ob wohl Alles im Hauſe ſchon zu Bette ſei, kam Mrß. Tod plötzlich geheimnißvoll in unſer Zimmer und verſchloß die Thür hinter ſich. Der Ausdruck der Verlegenheit lag auf ihrem ſonſt ſo friſchen, runden Geſichte. „Mr. Halifax, könnte ich Sie wohl auf ein Wort ſprechen?“ „Mit Vergnügen. Setzen Sie ſich, Mrß. Tod; ich hoffe, Ihren Kindern iſt doch Nichts begegnet?“ „Nein, ich danke Ihnen. Sie ſind gar zu freund⸗ lich, Rein, es betrifft nur die arme Miß March.“ Ich konnte ſehen, wie John's Finger den Sh umklammerten, über dem er lehnte.„Ich hoffe— begann er, und ſtockte wieder. „Ihr Vater iſt in dieſer Nacht entſeßzlich krank geworden, und es iſt beinahe ſieben Meilen von hier bis zu dem Doktor in S.; da ſagte Miß March, — das heißt, ſie nicht, denn ich habe ihr noch nicht ein Wort davon geſagt, aber in meinem Sinne dachte ich, Mr. Halifax,— es iſt zwar ſehr dreiſt— wie groß die Freundlichkeit wäre, wenn ein junger Herr ſein Pferd meinem Manne leihen wollte, um hinüber⸗ zureiten und ſchneller den Doktor holen zu können.“ „Sehr gern. Jetzt gleich?“ „Tod iſt noch nicht zu Hauſe.“ „Er ſoll mein Pferd mit Vergnügen haben. Sagen Sie Miß March, daß— nein, ſagen Sie ihr lieber Nichts. Es war recht von Ihnen, Mrß. Tod, daß Sie ſich in dieſer Sache gleich an uns wendeten. Es iſt wirklich ein Glück, in Ihrem Hauſe krank zu werden, ſo freundlich ſind Sie!“ „Danke Ihnen, mein Herr!“ erwiderte die red⸗ liche Wirthin höchſt entzückt.„Aber jeder Menſch muß gern für Miß March Etwas thun. Wenn Sie ſie kennten, würde es Ihnen eben ſo gehen.“ „Ohne Zweifel,“ verſicherte John, und ſein Ton war höflicher als warm, wie es mir vorkam. Er ſchloß die Thür hinter der verſchwindenden Geſtalt von Mrß. Tod; aber als er ſich wieder zu mir ſetzte, waren ſeine Gedanken abweſend. Unruhig nahm er ein Buch nach dem andern, ohne das richtige zu finden. Auf alle meine Vermuthungen über den kranken Nachbar und das Lob, das ich der Wirthin, dieſer Perle von Freundlichkeit, ſpendete, antwortete er abgebrochen und einſilbig. Plötzlich ſprang er auf und ſagte: „Phineas, ich denke, ich gehe „Wohin?“ „Um den Doktor Brown zu holen. Da Tod nicht hier iſt, ſo wäre es doch nur meine Chriſten⸗ pflicht, und ich kenne den Weg.“ „Aber in dieſer dunklen Nacht!“ „Ach, das ſchadet Richts. Unter mir wirh das Pferd ſicherer gehen wie mit einem Fremden. Und wenn ich auch Sorge dafür getragen habe, daß mit den drei Pferden in der Lohgerberei abzuwechſeln ſei, ſo bleibt es doch eine gute Strecke von hier nach Norton Bury. Dazu iſt es mein Lieblingspferd, ich reite es alſo lieber ſelbſt.“ Ich mußte über die vielen guten Gründe lächeln, die er anführte, um eine ſo einfache Sache zu thun, und ſtimmte ſeiner Anſicht bei, daß es das Beſte wäre, was er thun könne. „Dann müßte ich doch Mrß. Tod rufen, um ſie zu fragen! Oder vielleicht macht es noch weniger unruhe, gehe ich ſelbſt hinunter nach der Küche.— Wollen Sie gehen, Phineas, oder ich?“ Kaum meine Antwort abwartend, nahm er ſchon ſeinen Weg von unſerm Zimmer nach dem „ſtreitigen Lande,“ wie er die Küche nannte. Ich folgte ihm. Niemand war dort und wir blieben mehrere Minuten allein, auf das Stöhnen über uns horchend. „Das muß Mr. March ſein, John.“ „Ich höre es! Gott im Himmel, wie ſchrecklich wird das für ſie ſein, und dabei ein ſo junges Ding, die ganz allein mit ihm iſt,“ flüſterte er leiſe vor ſich hin, als er in die verlöſchende Gluth des Heerd⸗ feuers ſtarrte. Ich ſah, daß er bewegt war, doch trug ſein Antlitz nur den Ausdruck des reinſten, hei⸗ ligſten Mitleidens und kein ſelbſtiſcher Gedanke miſchte ſich mit hinein. In dieſem Augenblicke erſchien Mrß. Tod an der Thür, die zu dem andern Theile der Cottage führte, und ſchien mit Miß March zu reden, deren klare, beſtimmte und eilige Stimme von der Treppe her⸗ über tönte, doch dies Mal zu einem Geflüſter herab⸗ ſinkend. „Nein, Mrß. Tod, ich bedaure es keinesweges, daß Sie es gethan haben, es iſt ſo für meinen Vater am beſten. Sagen Sie Mr.— dem jungen Herrn, ich vergaß ſeinen Namen,— daß ich ſehr dank⸗ bar bin.“ —— „Das will ich thun, Miß March,— aber er iſt gerade hier— Gott ſegne ihn! Sie hat die Thür ſchon wieder zugemacht. Wollen Sie nicht Platz nehmen, Mr. Halifax, im Augenblicke ſoll das Feuer wieder brennen, Mr. Fletcher. Sie ſind immer in meiner Küche gern geſehen.“ Und Mrß. Tod wirth⸗ ſchaftete hierhin und dorthin in dem Bewußtſein des freundlichen Eindruckes, den dieſe hübſche altmodiſche Küche beſonders des Abends machen mußte. Als aber John den eigentlichen Grund unſeres Eindringens mittheilte, wollten die Ausdrücke ihrer Freude und Dankbarkeit gar kein Ende finden. Er war der beſte junge Herr, den es auf Erden gab.— Das müſſe ſie auch Miß March erzählen, denn ſie habe ihr ſchon ſo oft von ſeiner Herzensgüte ge⸗ ſprochen. „„Miß,““ ſagte ich ihr gleich den vrſten Tag, an dem Sie hier waren, um zu miethen,(ſie redet oft ein wenig mit mir, und dann ganz offen und frei; ſie iſt ja ſo viel allein, und dann weiß ſie, daß ich ſelbſt zu ſtolz bin, um je vergeſſen zu können, daß ſie eine vornehme Dame von Geburt iſt.)„„Miß,““ ſagte ich,„„was Mr. Halifax ſein mag, ich weiß es nicht, aber daß er ein wahrhaft vornehmer Mann iſt, davon bin ich überzeugt.““ Ich war der einzige, aber aufmerkſame Zuhörer dieſer Rede geblieben, denn John hatte ſich bereits entfernt; wenige Minuten darauf brachte er das Pferd geſattelt aus dem Stalle, und nach einigen Worten, die er mit mir wechſelte, hörte ich ihn fort⸗ reiten. Ich hätte gern gewußt, ob dies Mal auch eine mit weißem Pelz verbrämte Hand die Jalouſie auf⸗ zog, um ihm nachzuſehen. John blieb nur eine beiſpiellos kurze Zeit fort, und der Doktor kam gleich wieder mit ihm zurück geritten. Sie trennten ſich an der Hausthür, und glühend von dem raſchen Ritte trat er in das Wohn⸗ zimmer und ſagte weiter Nichts als daß der Herbſt⸗ Abend kalt genug geworden ſei; es ſchlug in der Küche Ein Uhr, als er ſich ermüdet hinſetzte. „Sie hätten aber auch längſt zu Bette ſein müſſen, Phineas! Wollen Sie ſich nicht niederlegen? Ich werde noch eine Weile aufbleiben, um zu hören, wie es mit Mr. March ſteht.“ „Ich möchte es auch gern wiſſen. Es iſt ſon⸗ derbar, welch' ein Intereſſe man für ganz Fremde empfindet, wenn man an einem ſo einſamen Orte, wie dieſer, mit ihnen zuſammen wohnt, beſonders wenn ſie Angſt und Sorge haben.“ „Ja, ja, das iſt es,“ ſagte er ſchnell,„es iſt die Einſamkeit und ihre große Sorge. Haben Sie in meiner Abweſenheit noch etwas Räheres über Mr. March gehört?“ „Nur, daß es ihm etwas beſſer gehen ſoll, ſo daß Alles zu Bette gegangen iſt, außer ſeiner Toch⸗ ter und Mrß. Tod.“ „Hören Sie! Ich glaube, der Doktor geht eben fort. Ob nicht Einer fragen ſollte? Nein, man könnte es zudringlich finden, und übrigens muß er beſſer ſein. Aber Mr. Brown ſagte, er könne leicht in einem ſolchen Anfalle ſterben. Ach Gott! Das arme junge Ding.“ „Hat ſie keine Verwandten, keine Brüder oder Schweſtern? Das wird Mr. Brown ſich erlichwiſſen.“ „Ich wollte ihn nicht gerade fragen, aber eigent⸗ lich glaube ich es nicht. Doch geht mich das Nichts an, meine Pflicht iſt jetzt, Sie ſo bald als möglich zu Bette zu bringen, Phineas.“ „Warten Sie noch einen Augenblick, John! Wir wollen ſehen, ob wir nicht noch irgend Etwas für ſie thun können.“ „Ja, wenn wir nur noch Etwas helfen könn⸗ ten!“ wiederholte er, als wir noch ein Mal die Grenzlinie überſchritten und Mrß. Tod's Reich be⸗ traten. John Halifar. U. 7 — Wieder war hier Alles ſtill, aber hell loderte das Küchenfeuer und ein Heimchen ließ ſich auf dem einſamen Heerde hören. Die Schmerzenslaute oben hatten aufgehört, doch unterſchied man ein leiſes Sprechen und eben jetzt erklangen Schritte auf der Treppe. Es waren Mrß. Tod und Miß March. Wir hätten die Küche verlaſſen ſollen, und ich dächte, John ſprach auch ſo Etwas aus, ja machte eine Bewegung, als ſei er dazu bereit; aber ich kann nicht ſagen, wie es kam, daß wir dennoch blieben. Sie trat ein und ſtellte ſich an das Feuer, ohne uns zu bemerken. Ihre friſche Farbe war gewichen, und der matte Blick zeigte, daß ſie lange Stunden gewacht habe. Ein weißes Pique⸗Kleid, das ſie trug, erhöhte noch ihre bleiche Farbe. „Ich denke, es iſt beſſer, Mrß. Tod, ſichtlich beſſer,“ verſicherte ſie eifrig.„Sie können ruhig zu Bette gehen, und das ganze Haus ebenfalls. Ich hoffe, Sie ſagten, Mr.— oh!—“ Sie erblickte uns, ſtockte, und die Roſen auf John näherte ſich ihr. Ich hatte eine gewiſſe— ſteife Verlegenheit von ihm erwartet, aber nein, er war zu wenig mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Sein ihren Wangen kehrten für den Augenblick zurück, in⸗ 3 dem ſie uns durch eine leichte Kopfbewegung begrüßte. ernſtes, feines und herzliches Benehmen zeigte zugleich die größte Höflichkeit. „Ich hoffe, gnädige Frau!“ junge Männer ge⸗ brauchten jene achtungsvolle Anrede faſt immer,„es geht Mr. March beſſer; wir konnten uns nicht eher entſchließen, fortzugehen, bis wir darüber beruhigt wären.“ „Ich danke Ihnen! mein Vater iſt viel beſſer. Sie ſind gar zu freundlich,“ verſicherte Miß March, mädchenhaft die Augen niederſchlagend. „Ja, er iſt menſchenfreundlich,“ verſicherte die warmherzige Mrß. Tod.„Er hat allein den ganzen Weg zurückgelegt, um den Doktor zu holen.“ „Das thaten Sie, mein Herr? Ich dachte, Sie hätten nur Ihr Pferd dazu gegeben?“ „Oh, ein Nachtritt iſt ganz angenehm. Und Sie glauben gewiß, gnädige Frau, daß Mr. March. wohler iſt? Kann ich gar Richts mehr für Sie thun?“ Sein ſanfter Ernſt machte ihn älter ausſehend als er war, und die ruhige Verehrung, die er im Allgemeinen den Frauen und ihrem ganzen Geſchlechte bewies, ſchienen der jungen Dame vollkommen ihre Unbefangenheit wiederzugeben, ſo daß ſie in der Offenheit und Friſche ihres Charakters ganz zu ver⸗ — geſſen ſchien, daß ſie, eine junge Dame, mit einem jungen Manne am dritten Orte zuſammenkam, und dabei gegenſeitig ſo unbekannt, daß ſie nur den Na⸗ men von einander wußten. Ihre ehrliche und einfache Natur überwand alle angenommenen Gewohnheiten, und ihm die Hand reichend ſagte ſie: „Ich danke recht herzlich, Mr. Halifax! Sollte ich der Hilfe bedürfen, würde ich Sie gewiß darum bitten; gewiß, nur Sie.“ „Ich danke Ihnen für dies Wort! Gute Nacht.“ Er drückte ihre Hand ehrfurchtsvoll und eilte fort. Ich ſah, wie Miß March's Blick ihm folgte; dann wandte ſie ſich lächelnd zu mir. Es war ein mitleidiges Lächeln und ein freundliches Wort, das für einen armen Kranken paßte, den ſie wohl ſchon oft aus dem Grunde ihres weiblichen Herzens be⸗ dauert hatte. Ich folgte John gleich darauf in das Wohn⸗ zimmer. Er ſprach kein Wort, machte keine Bemer⸗ kung, zündete ſein Licht an und ging hinauf in ſein Schlafzimmer. Aber nach Jahren geſtand er mir, daß der Druck dieſer Hand, einer ſonderbaren Hand, deren innere Fläche weich wie Sammet war, während die — 101— Finger ſich gewöhnlich zuckend bewegten, ſo daß die Kinder ſagten, ſie wären mit den Flügeln eines kleinen Vogels zu vergleichen, der Druck dieſer Hand ward für den jungen Mann die Offenbarung einer neuen, ungekannten Welt. Viertes Rapitel. Den andern Morgen ſchien es mir, als ritte John noch früher wie gewöhnlich fort. Er ſprach nur noch einige Worte mit mir, und während Mrß. Tod mit unſerm Frühſtücke beſchäftigt war, frug er ſie in einem ernſten, fremden Tone:„Wie befindet ſich Mr. March heute Morgen?“ und dies blieb denn auch die einzige Erinnerung an die Begebenheit der vergange⸗ nen Nacht. Ich verlebte einen langen, ruhigen Tag in dem Buchenwalde unterhalb der Cottage, wo ich am Rande des kleinen Baches ſaß, der freilich durch die Hitze des Sommers zu einem dünnen Faden einge⸗ trocknet war, aber dennoch ſanft rauſchte. Er ſchien mir wie ein lebender Menſch zu ſprechen. Als ich heimkehrte, ſtand Miß March vor der — 103— Cottage, und ſo ſonderbar es klingt, ihr Vater ne⸗ ben ihr. Doch hatte ich ſchon früher gehört, daß ſeine Anfälle oft nur von geringer Dauer wären, und daß er, wie ſo mancher wirklich Hinſiechende, die Gefahr, wenn ſie ihnen nahetritt, bei Seite ſchöbe und ſich des augenblicklichen Wohlerſeins freue. Mich kommen ſehend, flüſterte ihm Miß March Etwas zu; er wendete einen glanzloſen Blick auf mich, und nickte mit dem Kopfe, der ſich über einen Pelzkragen erhob, ohne ſeinen Großvaterſtuhl zu verlaſſen. Ja! es war Mr. March, derſelbe Mr. March, dem wir einſt begegneten. So verändert er auch war, ich kannte ihn doch ſogleich wieder; doch ſchien ich ihm gänzlich fremd, was auch natürlich war. Seine Tochter kam mir einige Schritte entgegen. „Ich ſehe, Mr. Fletcher, es geht Ihnen beſſer. En⸗ derley iſt ein geſunder Ort, wie ich meinen Vater gern überzeugen möchte. Dies iſt Mr. Fletcher! der Herr, der—“ „Der ſo freundlich war, in letzter Nacht nach S. für mich zu reiten. Erlauben Sie, Ihnen ſelbſt da⸗ für zu danken.“ Ich lehnte es ab, und Miß March ſuchte Al⸗ les zu erklären. Doch müſſen wir Beide nicht ſehr deutlich geweſen ſein, denn ich glaube, der arme Herr hat es nie recht eingeſehen, wer nach S. ge⸗ —— ritten war, um Doktor Brown zu holen. Doch blieb ſich das auch ziemlich gleich, da der Ausdruck ſeiner Erkenntlichkeit ſichtlich mehr die Folge einer natürlichen Höflichkeit war als aus dem Bewußtſein eines ihm geleiſteten Dienſtes entſprang. „Ich bin ſehr kränklich, mein Herr! Liebes Kind, erkläre Du das—“ Und ermüdet fiel er in ſeinen Seſſel zurück. „Mein Vater hat nie ſeinen zehnjährigen Auf⸗ enthalt in Indien überwunden.“ „Aufenthalt? Aber verzeih', mein Kind, Du vergißt zu ſagen, daß ich dort Gouverneur von—“ „Ach ja! Das Klima iſt dort ſehr gefährlich, Herr Fletcher. Aber ſeitdem mein Vater wieder in England iſt, ohngefähr ſeit fünf Jahren, iſt er doch bei Weitem wohler. Ich hoffe, er wird ſich bald ganz erholen.“ Mr. March ſchüttelte traurig den Kopf. Armer Mann! Sein Lebens⸗Element ſchien in einem un⸗ deutlichen Rebel zu ſchweben, deſſen eigentlicher ver⸗ lorener Lichtpunkt nie etwas Anderes war als ſein eigenes Ich. Was für ein Daſein mußte dieſe junge Perſon ſo an ihn gebunden führen; wie ſchwer, trotzdem daß ſie ſeine Tochter war! Ich konnte mir den grellen Gegenſatz zwiſchen Beiden nicht verhehlen. Er mit ſeinem ſchmalen, fein geſchnittenen Geſichte, dem eingefallenen Munde und der geraden, langen Naſe, die man, wie ich einſt hörte, eine„Melancholiſche Naſe“ nennen konnte, und die gewöhnlich einen ſchwachen, ſchwerfälligen und hypochondriſchen Charakter verräth, während ſeine Tochter— aber die habe ich bereits beſchrieben. „Herr Fletcher iſt auch kränklich, lieber Vater!“ ſagte ſie mit einem ſo herzlichen Tone der Stimme, daß mich die Bemerkung über meine Gebrechlichkeit nicht kränkte oder verletzte, und ich dankbar den Stuhl annahm, den ſie mir neben ihrem Vater an⸗ bot. Sie ſchien ſich gern mit mir unterhalten zu wollen, und ihr ganzes Weſen war unbefangen, freundlich und gutmüthig. Wir ſprachen von gewöhnlichen Gegenſtänden aus unſern nächſten Umgebungen, oder über Weſt⸗ Indien, deſſen früherer Gouverneur keineswegs ge⸗ neigt ſchien, uns ſeine Stelle vergeſſen zu laſſen. Ich frug Miß March, ob ſie gern dort geweſen ſei? „Ich war nicht dort. Mein Vater mußte mich in Wales zurücklaſſen, meiner armen Mutter Heimath. Waren Sie je in Wales? Ich liebe es ſo— Es kommt mir wahrhaftig vor, als gehörte ich ganz be⸗ ſonders in das Gebirge.“ Sie ſagte das in einer Weiſe und ſah dazu aus, wie der in das Leben getretene Berggeiſt, noch etwas — 106— rauh vielleicht und ſcharf gezeichnet, aber das Leben würde das ſchon abzuſchleifen wiſſen, und immer war es beſſer und wohlthätiger zum täg⸗ lichen Verkehr, als die grüne, ſanfte Fläche einer ſtehenden Vollkommenheit. Wenn man ſie ſah, mußte man wenigſtens ſo urtheilen. Mir gefiel Miß March außerordentlich und ich freute mich darüber. Als ſie ſich mit ihrem Vater zurückzog, der wie ein Kind an ihrem Arme hing, wandte ſie ſich plötz⸗ lich noch einmal zu mir und frug, ob ſie mir etwa Bücher zum Leſen leihen könne, denn der Tag müſſe mir ohne meinen Freund lang, ja oft langweilig werden. Ich nahm es dankbar an, und gleich darauf kehrte ſie mit einem ganzen Arme voll literariſcher Schriften zurück, genug, um jede junge Dame in je⸗ ner Zeit des Forſchergeiſtes in einen Blauſtrumpf zu verwandeln. „Ich habe nicht die Zeit, ſo viel zu leſen und zu ſtudiren,“ antwortete ſie auf meine bewundernde Frage;„aber ich liebe es an Andern ſehr. Doch nun guten Abend, denn ich muß eilen zurückzukom⸗ men; Sie ſowohl wie Ihr Freund, Sie können Alles, was Sie von unſern Büchern brauchen kön⸗ nen, nehmen. Glauben Sie aber nicht“— und — hierbei kehrte ſie noch ein Mal zurück, um mir das Folgende zu ſagen—„daß, weil mein Vater Nichts ſagte, er und ich, wir Herrn Halifax nicht unendlich dankbar für ſeine Freundlichkeit ſind, die er uns vergangene Nacht bewieſen hat.“ „Es war für John ſicherlich eine Freude, wie es immer iſt, wenn man Jemaud einen Dienſt er⸗ weiſen kann.“ „Ich will Ihnen das gern glauben, Herr Flet⸗ cher!“ und dabei verließ ſie mich. Nach John's Rückkehr theilte ich ihm Alles mit, was mir begegnet war; ohne eine Bemerkung zu machen, hörte er mir zu. Doch ſaß er den ganzen Abend und blätterte in den Büchern von Miß March, beſonders las er laut oder für ſich Fragmente aus einem Werke, von dem ich geglaubt hätte, er würde es verſpotten, da es keine claſſiſche Poeſie war, ſondern der neueren Zeit angehörte; genug, es war eine Sammlung Lyriſcher Balladen, die in die⸗ ſem Jahre von einem jungen Manne Mr. William Wordsworth und einem Ungenannten gemeinſam herausgegeben waren. Ich hatte es vorher ſchon aufgeſchlagen, doch, wie mir vorkam, ziemlichen Un⸗ ſinn darin gefunden; John war aber glücklicher, er ſchlug ein kurzes Gedicht„die Liebe“ auf, von dem ungenannten Freunde, er las es und ich hörte mit —— derſelben Aufmerkſamkeit zu, als wäre es von Shake⸗ ſpeare. Es war über ein junges Mädchen„Geno⸗ veva“ gemacht, eine kleine, einfache Erzählung, ſie iſt jetzt bekannter, aber damals kam ſie uns wie eine unbekannte, tiefe myſtiſche Muſik vor, die uns jun⸗ gen poetiſchen Menſchen das Herz im Buſen er⸗ ſchütterte. Ob wohl Miß March Etwas von dem Liede wußte, das ſie hervorgerufen hatte, und von dem Unglücke, das zu allen Zeiten unter jungen Leuten entſteht, wenn ſie ſich Bücher untereinander leihen, beſonders poetiſche Werke? Den darauf folgenden Tag befand ſich John in einer ſonderbaren Stimmung. Statt wie ſonſt im Freien umherzulaufen, ſaß er träumend, müſſig und freundlich im Hauſe, genug, er war ein veränderter Menſch. Ich neckte ihn und ſchob alle Schuld auf den annoymen Freund, der ihn in einer ſolchen Ver⸗ zauberung halte, daß er den ganzen Morgen nur ein Mal aufgeſehen habe, was geſchah, als Mr. und Miß March an unſern Fenſtern vorüber gingen. Am Rach⸗ mittage ließ er ſich folgſam wie ein Lamm von mir nach dem Buchenwäldchen führen, damit die wun⸗ dervolle Sprache der Quelle ihn aus ſich herausreißen ſolle, wie ſie es bei mir that. Aber das war nicht möglich. Unſer Leben, wenn auch noch ſo nahe ver⸗ W — 109— bunden, ward jetzt ſo verſchieden, wie der muſikali⸗ ſche, lebendige Quell von dem ſtarren, grauen Fel⸗ ſen abſtach, an dem er vorbeilief. Der Eine ver⸗ folgte heiter ſeinen vorgeſchriebenen Lauf; der Andere blieb das, wozu Gott ihn gemacht hatte, dort, wo Gott ihm ſeinen Platz gab, und vollbrachte ebenfalls ſeine Beſtimmung. Aus dem kleinen Gehölze heimkehrend, zeigte ich John einen neuen Weg, den ich entdeckt hatte; er führte durch die lieblichſte Wieſe auf wellenförmi⸗ gem Grunde, halb Baumgarten halb Feld, wo die Bäume mit den reifenden feinen Aepfeln und Holz⸗ äpfeln beladen, angenehm mit Waldbäumen abwech⸗ ſelten. Als wir hinaufgingen, denn Feld, Wald und Wieſen, Alles bildete ein nach und nach auf⸗ ſteigendes Terrain, ſahen wir unter einem Baume einen unbeſetzten Tiſch ſtehen. „Eine hübſche ländliche Scene— ein häus⸗ liches Arkadien im kleinen Maaßſtabe!“ ſagte John. „Ich möchte mich dort gleich zum Thee einladen. Wer mag das nur ſein?“ „Wahrſcheinlich Reiſende. Vornehme Landleute nehmen gern ihre Mahlzeiten unter dem anſtändigen Dache eines Baumes ein. Es ſollte mich nicht wundern, wäre das einer der tollen Einfälle von Mr. March.“ — 110— „Nennen Sie es nicht Tollheiten— er iſt ein alter Mann.“ „Machen Sie mir keine Vorwürfe, ich will Nichts gegen ihn ſagen; habe auch wahrhaftig keine Gelegenheit dazu, denn da kommen Beide vom Hauſe grade hierher.“ Freilich waren ſie es, Miß March führte ihren Vater durch das unebene Stückchen des Weges über die Weiden nach der kleinen Pforte, die zu dem ein⸗ gehegten Platze führte. Grade an dieſem Eingange begegneten wir uns alle Vier. „Es iſt unmöglich ihnen auszuweichen,“ flüſterte ich John zu. „Ich möchte es auch gar nicht, weßhalb denn?“ antwortete er, und hielt die Pforte auf, um Vater und Tochter durchgehen zu laſſen. Sie ſah auf und lächelte freundlich. Ich glaubte, dies Lächeln und ſeine Verbeugung, freilich keine große Anerkennung, würden das einzige Zeichen des Dankes bleiben. Doch nein! Mr. Marchs dunkles Bewußtſein mußte durch irgend einen hellen Strahl erleuchtet worden ſein. Er ſtand ſtill. „Mr. Halifax— denke ich?“ John verbeugte ſich. Einen Augenblick ſtanden ſie ſich gegenüber, Einer den Andern anſehend; der ſchlanke, kräftige — 111— Jüngling, ſo frei und ſo voller Grazie in ſeiner Haltung, und der alte ſchwache Mann— kränklich und vor der Zeit zuſammengebrochen. „Mein Herr!“ redete der Aeltere John an, und ich glaubte in ſeinem Blicke etwas Anderes noch aus Neugierde zu leſen, es lag Etwas von jenem zögern⸗ den Nachdenken in demſelben, mit dem Jahre vor⸗ her ſein Auge auf John geruht hatte, ſo als erinnere er ihn an irgend Jemand, den er früher kannte. „Ich habe Ihnen noch ſehr zu danken, mein Herr!“ „Ich verdiene wirklich keinen Dank, und hoffe nur, es geht Ihnen heute beſſer.“ Mr. March bejahete das, doch intereſſirte ihn John's Erſcheinung ſichtlich ſo, daß er ſelbſt ſeine Klagen auszuſprechen vergaß.„Meine Tochter ſagt mir, daß Sie unſer Nachbar ſind; ich bin ſehr glück⸗ lich, in Ihnen einen ſo Freundlichen zu finden!“ und mit einem halb hörbaren Flüſtern wandte er ſich an ſeine Tochter:„Meine Liebe! ich dächte, Dein armer Bruder Walther würde ſehr viel Aehnlichkeit mit Hertn, Herrn—“ „Herrn Halifax gehabt haben— Papa.“ „Mr. Halifax! wir ſind im Begriff, unſern Thee dort unter jenen Bäumen zu nehmen; es iſt der Wunſch meiner Tochter, die eine beſondere Vorliebe für alles Ländliche hat. Wollen Sie uns das Ver⸗ gnügen Ihrer Gegenwart ſchenken? Ihrer und“— ich muß bekennen, daß die zweite Einladung erſt in Folge eines Winkes von Miß March kam—„und Ihres Freundes?“ Natürlich nahmen wir es an. Ich war be⸗ ſonders erfreut und nicht wenig beglückt, zu bemerken, wie natürlich es ſich machte, daß, ſowie John auf dem Schauplatze erſchien— ich, Phineas, immer in die zweite Linie, und zwar als John's Freund zu⸗ rücktrat! Sehr bald, und ſo ſchnell, daß uns unſere neue Stellung wie eine Begebenheit aus„Tauſend und Einer Nacht“ erſchien, fanden wir uns unter dem Apfelbaume ſitzend, zwiſchen deſſen Zweige die ſinkende Sonne ihre Strahlen ſandte und, die Haare des„Nußbraunen Mädchens“ küſſend, ſie in die be⸗ ſondere Farbe der braunrothen Kaſtanien verwandelte, während ſie ohne Hut da ſaß und den damals koſt⸗ baren, ſchönen Thee in kleine, weiße chineſiſche Taſſen goß. Sie war nicht in graue Seide gekleidet, ſon⸗ dern trug einen weißen, durchſichtigen Muſſelin, wäh⸗ rend ein Zweig jener kleinen weißen und rothen Ro⸗ ſen, die in Büſcheln die Fenſter unſers Wohnzim⸗ mers ſchmückten, daran befeſtigt war, als ob die — 113— Blumen in ihrer ſchönen Mädchenbruſt gewachſen wären. Sie entſchuldigte ſich, der kleine Jack hätte ſie aus unſerm Reiche geſtohlen, um ſie ihr zu geben— glücklicher Jack! und ſie erhielt eine kurze, etwas un⸗ zuſammenhängende Antwort von John, daß er ſehr erfreut darüber ſei. Er ſaß ihr gegenüber, ich an ihrer Seite, ſie hatte mir den Platz angewieſen. Es befremdete mich etwas, daß, obgleich ihr Ton gegen uns Beide ſehr freimüthig und freundlich war, ſie doch in ihrer gan⸗ zen Haltung mir gegenüber unbefangener und freund⸗ licher erſchien als gegen ihn. Ebenſo bemerkte ich, daß, während ſie heiter mit mir plauderte, John ſeine Unterhaltung gänzlich dem Vater widmete. Doch war die Aufmerkſamkeit der jungen Dame getheilt, ja ſie verlor unzweifelhaft kein Wort, das an der andern Seite des Tiſches geſprochen ward. Ich wunderte mich auch nicht darüber, denn war ſeine Zunge ein Mal gelöſ't, ſo gab es wenige Menſchen, die beſſer ſprachen wie John Halifax. Nicht, daß er zu Eueren glänzenden Unterhaltungsmenſchen ge⸗ hörte; denn die Sprache war für ihn weder eine Wiſſenſchaft, noch eine Kunſt oder eine Vollkommen⸗ heit, ſondern nur ein Mittel, ſeine Gedanken auszu⸗ drücken, und dabei wählte er das Gewand, in das John Halifax. I. 8 — 114— er ſie kleidete, gewiß immer am einfachſten und ſchick⸗ lichſten. Seine Unterhaltung ward nie ermüdend, weil er nur ſprach, wenn erwirklich Etwas zu ſagen hatte; und nachdem er es in der gedrängteſten und für den Augenblick paſſendſten Weiſe mitgetheilt hatte, ſchwieg er. Und in dem Alter von zwanzig Jahren iſt Schweigen eine der ſeltenſten Tugenden. Wir ſprachen viel über Wales, wo John mehr denn ein Mal auf ſeinen Reiſen geweſen war, und dieſe Mittheilung erwärmte Miß March immer mehr gegen ihn, ſo blöde und zurückhaltend ſie auch zu Anfang war. Sie theilte uns manche unſchuldige Begebenheit aus ihrem Leben dort mit, ſprach von den Tagen ihrer Kindheit und ihrer lieben alten Erzieherin, deren Name, wie ich mich ſehr wohl er⸗ innere, Cardigan war. Sie ſchien allein unter der Pflege dieſer Dame aufgewachſen zu ſein, und es war nicht ſchwer zu errathen, daß ihre„arme Mama“ zu früh geſtorben war, um für die zurückgelaſſene Tochter etwas mehr als ein Name zu bleiben. Sie verdankte wohl Alles, was ſie war, allein dieſer guten Erzieherin. „Meine Liebe,“ erinnerte Mr. March zuletzt ver⸗ drießlich,„Du machſt aber doch zu viel aus unſerer vortrefflichen Jane Cardigan. Sie wird ſich nun 8 — 115— verheirathen, und dann nicht mehr viel nach Dir fragen.“ „Still, Papa! das iſt ja noch ein Geheimniß. Bitte, Mr. Halifax, iſt Ihnen Norton Bury be⸗ kannt?“ Dieſe plötzliche Frage überraſchte John ſo ſehr, daß er nur eine eilige bejahende Antwort geben konnte. Auch ließ ihm Mr. March durchaus keine Zeit zu einer längern Erklärung. „Ich kann den Ort nicht leiden; die Vettern meiner verſtorbenen Frau, die Brithwood's, leben dort, mit denen ich— hm!— politiſche Zwiſtig⸗ keiten hatte. Und dann ertrank ich dort beinahe in dem Severn.“ „Papa! ſprich, bitte, davon nicht,“ ſagte Miß March ängſtlich, ſo ängſtlich, daß ich überzeugt bin, ſie bemerkte das plötzliche und tiefe Erröthen von John Halifax nicht. Doch ward er der Bewegung bald Herr, fügte aber nicht ein Wort hinzu, und ſeinen Wunſch errathend, ſchwieg ich natürlich auch. „Ich für mein Theil,“ fuhr die junge Dame fort,„hege durchaus keinen Abſchen gegen Norton Bury. Im Gegentheil, ſo viel ich mich erinnere, habe ich den Ort ſehr bewundert.“ „Sind Sie je dort geweſen?“ Obgleich die Frage die einfachſte von der Welt war, ſo ward ich 8* —— doch von dem Blicke, den John auf ſie richtete, und der ſanften Modulation ſeiner Stimme ſonderbar getroffen. „Als ich ein Mädchen von zwölf Jahren war, doch wir wollen von Dingen reden, die Papa lieber hört. Nicht wahr, Dir gefällt der heutige Abend gut? Horch, wie girren die Tauben in dem Buchenwäld⸗ chen!“ Ich frug, ob ſie je dort geweſen ſei. Sie war aber ganz unbekannt mit den Geheimniſſen deſſelben, mit ſeinen Ausſichten, den Lauben, welche die Wald⸗ rebe dort bildete, und dem Gewäſſer, deſſen Rauſchen, wenn man g am hinhörte, ſelbſt bis hierher erklang. „Ich wu t ein Mal, daß ein Bach uns ſo nahe ſei; ich habe gewöhnlich meine Spaziergänge nur nach der Hochebene genommen,“ antwortete Miß March lächelnd und erröthend, obgleich es ſie nur leiſe und zart überflog. Niemand von uns antwortete darauf. Mr. March lehnte ſich halbſchlummernd in ſei⸗ nen Armſtuhl zurück; ſo blieb denn die Unterhaltung den drei Jüngern überlaſſen, oder vielmehr den zwei Jüngern, denn ich ſchwieg auch und ließ John al⸗ lein das Feld behaupten. Es war für mich unter⸗ haltend genug, Beiden zuzuhören, und zu bemerken, —— wie ſie nach und nach immer zutraulicher wurden; was unter dieſen Umſtänden ſehr natürlich war, an dieſem ſtillen, einfachen Orte, wo alle Formen der Etiquette wie von ſelbſt verſchwanden und nur die Rückſichten blieben, die der edle Mann und die zarte Frau immer gegenſeitig bewahren werden. Wie jung erſchienen Beide, wie glücklich in ihrer offenherzigen freien Jugend, während die Sonnen⸗ ſtrahlen ſie beleuchteten, eine Art Glorie über ihren Häuptern bildend, die, wie es der Glanz im Leben oft zur Folge hat, ſie faſt ſchmerzlich blendete. „Wollen Sie meinen Platz annehmen, Miß March? Die Sonne wird Sie hier nicht ſo treffen.“ Sie lehnte es ab, und verſicherte, Niemand um ihrer Bequemlichkeit willen ſtrafen zu wollen. „Es würde indeſſen keine Strafe ſein!“ ver⸗ ſicherte John, aber in ſo ernſter Weiſe, daß Niemand es für eine„hübſche Redensart“ angeſehen haben würde, bis man über die Worte nachgedacht hatte; ſie fuhren Beide in ihrer Unterhaltung fort. In dem Verfolg derſelben wußte er ihren breiten Hut ſo ſorgfältig und zu gleicher Zeit ſo unabſichtlich, zwiſchen ihr und der Sonne zu halten, daß die ſtolze alte Königin bereits in vollſtem Glanze zur Ruhe gegangen war, che ſie bemerkte, daß ſie ſo gut be⸗ wahrt und geſchützt worden ſei. Sie ſprach zwar nicht darüber; wie hätte ſie auch über eine ſolche Kleinigkeit ſprechen können! Doch war es eine von den„Kleinigkeiten,“ die ein weibliches Herz oft mehr rühren als alle Worte. Miß March ſtand auf.„Ich möchte doch gern Ihren Bach und ſeinen wunderbaren Geſang kennen lernen,“(John Halifax hatte ihr erzählt, wie ſehr er mich in meinen langen, einſamen Tagen zerſtreue und unterhalte,)„es ſoll mich wundern, was er mir ſagen wird? Können wir ihn hier vom Ende die⸗ ſes Feldes hören?“ „Nicht ordentlich; wir thun beſſer, in das Ge⸗ hölz zu gehen.“ Denn ich wußte nur zu gut, wie angenehm das John ſein würde, obgleich er ein zu großer Heuchler war, um meinen Vorſchlag auch nur mit einem Worte zu unterſtützen. Miß war einfacher, hatte keinen mit ünvlichen Eifer bei. „Du wirſt mich nicht vermiſſen, Papa! ich werde nicht länger als fünf Minnten fortbleiben. Nun, Mr. Fletcher, wollen Sie mit mir gehen?“ „Und ich werde bei Mr. March bleiben, damit er hier nicht ganz allein iſt,“ tlät John, ſich wieder hinſetzend. Weßhalb that der Menſch das? warum ſaß er — 119— da und ſah uns mit ſo geſpannten Blicken nach, als ich Miß March über die Wieſe und unter die Buchen führte? Es war mir unfaßlich. Das junge Mädchen ging und ſprach mit mir in vollkommener Einfachheit und Unbefangenheit, frei von allen Bedenken. Grade ſo, wie mich alle Frauen während meines ganzen Lebens behandelt haben; ſie zeigten mir das ſchweſterliche Vertrauen und die ſchweſterliche Freundlichkeit, welche mir für die Einſamkeit meines Lebens, die der Himmel mir auferlegt hatte, einen Erſatz bot und mir bewies, was ich mir ſelbſt ſagen mußte, daß keine Frau mir je mehr ſein würde als eine Schweſter. Und doch betrachtete ich ſie mit Vergnügen, dies junge Mädchen, wie ſie bald neben, bald vor mir ging, Alles bemerkend und ſich über Alles freuend. Sie ſprach in ihrer zutraulichen Weiſe viel von mir ſelbſt, frug mich, was ich alle Tage vornähme und ob ich nicht oft in dieſer einſamen Wohnung betrübt würde? „Ich bin zuweilen auch betrübt, oder würde es werden, wenn ich Zeit hätte. Es iſt immer hart, ein einziges Kind zu ſein.“ Ich bekannte, daß ich das nie gefunden hätte. „Aber Sie haben auch Ihren Freund! Hat Mr. Holifax Schweſtern und Brüder?“ — 10— „Nein, nicht ein Mal lebende Verwandten.“ „O!“ erklang ihr bemitleidender Ruf, als ſie eine Waldrebe abbrach und ſie mit ihren niemals ruhenden Fingern zerpflückte.„Sie und er ſcheinen aber große Freunde zu ſein?“ „John iſt mir Bruder, Freund, ja Alles auf der Welt.“ „Iſt er Ihnen das? Dann muß er ſehr gut ſein, ſo ſieht er auch wahrhaftig aus,“ bemerkte Miß March nachdenklich. „Und ich glaube, man hat es mir wenigſtens geſagt, daß gute Menſchen zu den Seltenheiten ge⸗ hören.“ Mir blieb die Zeit nicht, auf dieſe Frage weiter einzugehen, da das Original ſelbſt erſchien und durch die dichteſten Gebüſche drang, um uns zu erreichen. Er bat um Verzeihung, wenn er uns ſchrecke, aber Mr. March habe ihn hergeſchickt. „Sie wollen doch nicht damit ſagen, daß Sie gezwungen herkommen? es wäre ein ſchlechtes Com⸗ pliment für dieſes liebliche Gehölz.“ Und das„Nußbraune Mädchen“ ſah etwas empfindlich aus, worauf John mehr wie ernſthaft die Frage aufwarf: „Ich hoffe, ich bin Ihnen nicht unbequem.“ Sie lächelte ſo unbefangen heiter, daß ſein auf⸗ — 121— ſteigender Stolz wie der Rebel vor dem Sonnenſcheine verſchwand. „Ich ward beinahe gezwungen, Sie zu erſchre⸗ cen, indem ich durch das Gebüſch drang, da ich meinen Namen hörte. Was für entſetzliche Ent⸗ deckungen hat Ihnen denn hier mein Freund über mich gemacht, Miß March?“ Er ſprach ſcherzend, doch kam es mir vor, als ſei er dennoch unruhig. Die junge Dame aber lachte. „Ich habe große Luſt, es Ihnen nicht wieder zu erzählen, Mr. Halifax.“ „Auch nicht, wenn ich Sie darum bitte?“ Er ſagte das ſo ernſthaft, daß ihr keine andere Wahl blieb als zu antworten. „Mr. Fletcher hat mir drei einfache Thatſachen mitgetheilt: Erſtlich, daß Sie eine Waiſe ohne Fa⸗ milie wären; zweitens, daß er Sie für ſeinen beſten Freund halte; drittens, nun wohl, ich muß immer die Wahrheit ſagen, daß Sie vortrefflich wären.“ „Und was erwiderten Sie?“ „Ueber das Erſte war ich umwiſſend; das Zweite hatte ich bereits errathen; das Dritte—“ Er ſah ihr geſpannt in das Auge. „Das Dritte— bezweifelte ich ebenfalls nicht.“ John drückte flüchtig ſeine Erkenntlichkeit aus; 8 —— ſein Geſicht glänzte vor Freude, nein! im vollſten Gefühle des Glückes. Er ging mit Miß March vor⸗ an, ſeinen natürlichen Platz in der Unterhaltung einnehmend, während ich eben ſo natürlich als aus eigner Wahl mich zurückhielt. Aber ich hörte Alles, was ſie ſagten, und ließ dann und wann auch ein Wort mit hinein fallen. So, Manches redend, dann auch wieder ſchwei⸗ gend ihre beiden Geſtalten beobachtend und ohnge⸗ fähr ihre Größe gegen einander abwägend— ihr Kopf reichte etwas über John's Schulter— folgte ich dieſen beiden jungen Leuten durch das ſtille Gehölz. Ich muß aber noch ein Wort über dies Wäld⸗ chen hinzufügen, dies mir ſo werthe und bekannte Gebüſch. Ich habe nie etwas dem Aehnliches geſe⸗ hen. Es war ſchmal, ſo ſchmal, daß man in dem dunkelſten Schatten deſſelben die Sonne auf den Zweigen an der Außenſeite ſpielen ſehen konnte⸗ Ein junges Gehölz, allein aus den glattſtämmigen Buchen und der ſtarren, unbiegſamen ſchottiſchen Föhre beſtehend, die Eine neben der Andern wie Adam und Eva im Paradieſe ſtanden. Keine alten Bäume waren darin zu finden, kein verkrüppelter oder verwitterter Stamm, jeder Baum ſtand auf⸗ recht in voller Kraft der Jugend und in der Voll⸗ —— kommenheit ſeiner Gattung da. Ebenſo wenig hatte ſich bis jetzt ein erſticktes ſchlechtes Unterholz gebil⸗ det; man ſah nur Moos, Farrnkräuter und Wald⸗ rebe, und die Stämme der Bäume ſtanden ſo klar und gerade da, daß ſich ein Bogen neben dem An⸗ dern wie in den Kirchen bildete, wo die ſchlanken Pfeiler das Dach tragen. John erklärte das Alles ſeiner Begleiterin, ſie beſonders auf den eigenthümlichen Charakter der beiden Baumgattungen aufmerkſam machend, die er mit dem Manne und der Frau verglich, der ſtarren Föhreund der beweglichen Buche. Sielächelte über dieſe Gedanken, und manch' ein feiner Scherz entſpann ſich zwiſchen Beiden. Ich hatte John nie vorher in Frauengeſellſchaft geſehen, und war erſtaunt, die Verfeinerung ſeiner Sprache und die Poeſie ſeiner Gedanken zu bemerken. Ich vergaß die Wahrheit, daß jeder Mann ein Mal in ſeinem Leben pretiſch empfindet. Sie ſtanden an dem kleinen Flüßchen ſtill, wo er ihr den Lauf des Waſſers von der Quelle herab erklärte, dem alten Urquell, wo das Vieh immer getränkt ward; wie luſtig es dann ſeinen Lauf durch die Bäume nehme, bis es im tieſſten Grunde des Thales unten zu einem breiten Fluſſe werde. —— „Klein angefangen endigt groß,“ bemerkte Miß March. John antwortete ihr mit dem ſeligſten Lächeln; er ſchöpfte mit der hohlen Hand in das Waſſer und trank es; ſie that daſſelbe. Dann drehte ſie in mun⸗ term jugendlichem Scherze aus einem breiten Blatte einen Becher, in welchem ſie mit der größten Ge⸗ ſchicklichkeit vielleicht zwei Theelöffel voll Waſſer wäh⸗ rend zweier Minuten erhielt, welche ſie mir anbot. „Ich bin heute die Rebekka an der Quelle, hier, Eleazar!“ rief ſie lachend. John ſah uns an„Ich bin auch durſtig,“ bat er leiſe. Das junge Mädchen zögerte einen Augenblick, dann füllte ſie nochmals den arkadiſchen Becher und reichte ihn John dar. Ich fürchte, er trank aus demſelben tiefer und einen ſtärkern Trank als dies unſchuldige Waſſer. Beide ſtanden ſtumm neben einander an dem Bache, ſahen hinunter in die Tiefe und ließen die murmelnden Wellen allein reden.— Was ſie ihnen ſagten— ich weiß es nicht. Aber gewiß iſt das: Alles, was ſie dieſen Beiden erzählten, konnte mir niemals geſagt werden. Als wir von unſeren neuen Bekannten Abſchied nahmen, war Mr. March außerordentlich höflich und —— verſicherte, daß unſere Geſellſchaft ihm und ſeiner Tochter immer äußerſt angenehm ſein würde. „Er nennt ſie immer ſo förmlich„meine Toch⸗ ter,““ bemerkte ich, das Stillſchweigen brechend, in⸗ dem wir zurückblieben. „Ich möchte ihren Taufnamen kennen.“ „Ich glaube, er iſt Urſula.“ „Woher haben Sie das erfahren?“ „Er iſt in einem ihrer Bücher eingeſchrieben.“ „Urſula,“ wiederholte ich— ungewiß, wo ich den Ramen ſchon früher gehört haben mochte.„Ein hübſcher Name!“ „Ein ſehr hübſcher Name!“ Wenn John ſo das Echo von mir ward, fand ich es ſtets am Beſten, in Schweigen zu verharren. Fünftes Rapitel. Am nächſten Tage fiel der Regen unaufhörlich und in Strömen herab, die Berge ſo überfluthend und verdunkelnd, wie ich es eben nirgends anders ſo als in Emderly erlebt habe. Das Wetter ſchien ſich gänzlich verändern zu wollen, obgleich wir erſt im Anfange des Herbſtes waren; und an dieſem und den nächſtfolgenden Tagen hatten wir RNichts als Wind, Regen und Sturm. Der Himmel war ſo trübe wie Miß March's graues Kleid; zuweilen nur gegen Abend brach ſich ein Streif dunſtigen Goldes Bahn über den Nunnelyberg, und erglänzte, als ob uns gezeigt werden ſollte, was ein Sonnenuntergang im September ſein könnte. John mußte in dieſer Woche jeden Tag nach Rorton Bury reiten, und war wohl deßhalb doppelt — 127— aufmerkſam und freundlich gegen mich; aber jede Nacht hörte ich ihn in Sturm und Regen nach den Weiden hinaufgehen. Ich wäre ihm gern gefolgt, aber ich glaubte, es ſei beſſer, zurückzubleiben. Als er am Sonntag Morgen zum Frühſtück kam, hörte ich, wie er Mrß. Tod nach Mr. March frug. Wir wußten, daß der Kranke die ganze Woche leidend war, und ſahen weder ihn, noch ſeine Tochter ein einziges Mal. Mrß. Tod ſchüttelte bedeutungsvoll den Kopf. „Er iſt ſehr krank, mein Herr! kränker als er je war, wie es mir vorkommt. Sie ſitzt den größten Theil der Nacht bei ihm auf.“ „Ich dachte es wohl, denn ich ſah ihr Licht brennen.“ „Beim Himmel, Mr. Halifax, Sie gehen doch nicht des Nachts oben auf der Hochebene? Es iſt dies gefährlich für Ihre Geſundheit!“ rief die redliche Seele, die es nie leugnete, daß Mr. Halifar ihr Lieb⸗ ling war, Miß March ausgenommen. „Ich danke Ihnen, daß Sie für meine Geſund⸗ heit ſo ängſtlich beſorgt ſind,“ erwiderte er lächelnd. „Aber ſagen Sie uns vor allen Dingen, Mrß. Tod, kann man irgend Etwas thun, dem armen Herrn dort drüben eine Erleichterung zu verſchaffen?“ — 2— „Ach nein, mein Herr! aber ich ſage Ihnen dennoch meinen Dank.“ „Sollte er kränker werden, laſſen Sie mich Doctor Brown holen. Ich werde dieſer Tage zu Hauſe ſein.“ „Ich werde Miß March Freundlichkeit wiedererzählen, mein Herr!“ und mit beſorgten Blicken verließ ſie das Zimmer. „Gehen Sie heute wirklich nicht nach Norton Burhy, John?“ „Ich wollte es erſt, doch da es keine Eile hat, habe ich meinen Vorſatz aufgegeben. Sie ſind in letzter Zeit ſo allein geweſen. Nein, ich will die Wahrheit nicht verhehlen, ich habe andere Gründe.“ „Kann ich ſie erfahren?“ „Natürlicher Weiſe. Es iſt wegen unſerer Mitbewohner. Doctor Brown, dem ich heute Morgen auf der Straße begegnete, ſagte mir, daß der Vater höchſtens noch zwei Tage leben könne, vielleicht aber auch nur noch wenige Stunden. Und ſie weiß es nicht.“ Er lehnte an dem Kamin, und ich ſah, wie tief er bewegt war; ich war es ebenfalls. „Man hat doch wohl nach* Verwandten geſchickt?“ — 129— „Sie hat keine; wenigſtens ſagte mir Doctor Brown, ſie habe darüber geſprochen, das heißt, keine näheren als die Brithwood's, und wir wiſſen, was das für Leute ſind.“ Ein junger vornehmer Mann und ſeine S die ſprüchwörtlich die luſtigſten, leichtſinnigſten und ſtolzeſten aller Familien in der Grafſchaft waren. „Aber, Phineas, ich will Sie nicht traurig machen; und übrigens ſind ſie uns doch fremd, ja ganz fremd. Kommen Sie und ſetzen ſich zum Früh⸗ ſtück her.“ Aber er konnte weder eſſen, noch über andere Gegenſtände ſprechen. Mit jedem Augenblicke wurde er zerſtreuter. Endlich ſagte er ſchnell: „Phineas! Ich glaube doch, es iſt ſchlecht, geradezu ſchlecht, wenn ein Arzt ſich ſcheut, Jemand offen zu ſagen, daß er dem Tode nahe ſei; aber noch ſchlechter iſt es, die Familie in Unwiſſenheit zu laſſen, bis plötzlich der Schlag unerwartet fällt. Sie müßte es doch erfahren, es muß ihr geſagt werden, ſie kann ja noch Vieles mit ihrem armen Vater zu ſprechen haben. Und Gott ſtehe ihr bei! Es wäre durchaus nöthig, ſie etwas darauf vorzubereiten, es könnte ſie ſonſt wahrhaftig zum Tode erſchrecken.“ Er ſtand auf und ging auf und ab. Das Siegel war nun einmal von ſeiner Verſchloſſenheit John Halifax. 1I. L gefallen und ſo ſprach er frei und offen wie früher mit mir, vielleicht gerade weil ſeine Gefühle in dieſem Augenblicke Nichts mehr verbergen wollten. Die ſüßen Traumbilder, welche jenen ſchönen Sonnen⸗ untergang im Walde bevölkerten, verſchwanden in der Atmoſphäre dieſes Augenblicks, welche mit dem feierlichen Dunkel des nahenden Todes erfüllt war. Endlich hielt er in ſeinem ſchnellen Gange ein, vielleicht durch meine ihn ſtets verfolgenden Blicke ruhiger geworden. „Ich weiß, Sie ſind eben ſo betrübt wie ich, Phineas! Was können wir aber thun? Wir müſſen vergeſſen, daß ſie uns fremd ſind, und ſie behandeln, wie ein Chriſt für den Andern handeln ſoll. Glauben Sie nicht, daß ſie Alles wiſſen muß?“ „Gewiß. Sie kann ja auch nach anderer Hilfe verlangen.“ „Das würde vergeblich ſein. Doctor Brown verſichert, es ſei ein hoffnungsloſer Zuſtand, und zwar ſchon ſeit langer Zeit; doch hat er es nie glauben wollen, noch gewollt, daß es ſeine Tochter erfahren ſolle. Er hängt wahrhaft verzweiflungsvoll am Leben; wie ſchrecklich für ſie!“ „Sie beſchäftigen ſich viel mit der Tochter!“ „Das thue ich!“ ſagte er mit Beſtimmtheit. „Er erntet, was er geſä't hat, der arme Mann! — 131— Gott weiß es, ich bedaure ihn! Aber ſie iſt ſo gut wie ein Engel im Himmel!“ Es war ſichtlich, daß John von einer oder der andern Seite viel über Vater und Tochter erfahren hatte. Doch war jetzt nicht die Zeit, um ihn aus⸗ zufragen, denn in dieſem Augenblicke hörten wir durch die ſich öffnende Thür ſchwache Wehklagen, die durch das ganze Haus drangen, und nur zu gewiß aus dem Zimmer des kranken, vielleicht ſter⸗ benden Mannes kamen. Mrß. Tod, welche Doctor Brown noch auf dem Pferde geſprochen hatte, trat jetzt in unſer Zimmer, bleich und mit rothen Augen. „Ach, Mr. Halifar!“ Und die freundliche Seele brach von Neuem in Thränen aus. John führte ſie zu einem Stuhle und gab ihr ein Glas Wein zu trinken. „Ich bin ſeit vier Uhr Morgens bei ihnen ge⸗ weſen und davon ganz ſchwach geworden,“ rief ſie „Der arme Mr. March; lebend habe ich ihn nie be⸗ ſonders gern gemocht, aber nun er ſterbend iſt, bin ich doch ſehr betrübt.“ Er war wirklich ſterbend. „Weiß es ſeine Tochter?“ frug ich. „Nein, nein! ich wage nicht, es ihr zu ſagen, und Niemand darf es ihr ſagen!“ „Scheint ſie es nicht zu errathen?“ 9* — 132— „Gar nicht. Armes junges Ding! Sie mag wohl noch Niemand in dieſem Zuſtande geſehen haben. Sie glaubt ihn nicht kränker als er früher ſchon war, und es doch überwand. Sie will es auch nicht anders glauben. Sie iſt immer eine gute Tochter für ihn geweſen, war ſie dies nicht?“ Wir ſaßen Alle ſchweigend da; endlich ſagte John mit leiſer Stimme: „Mrß. Tod, ſie muß es doch erfahren, und Sie würden es ihr am Beſten ſagen können.“ Aber die ſanftherzige Wirthin erſchrak vor dieſer Aufgabe.„Wenn Tod nur zu Hauſe wäre; er, der ſo voller Weisheit iſt, die er in der Kirche geſam⸗ melt hat.“ „Ich glaube,“ unterbrach ſie John eifrig,„daß eine Frau dies immer am Beſten vermag. Aber wenn Sie es abſchlagen und Doctor Brown nicht vor Morgen wiederkommen kann und Niemand Anders da iſt, eine ſo ſchwere Pflicht zu übernehmen, ſo ſcheint es, wenigſtens glaube ich—“ hier fehlten ihm die Worte, und er endete ſeine Rede plötzlich.„Wenn Sie es meinen, will ich ſelbſt es ihr mittheilen.“ Mrß. Tod überſchüttete ihn mit Dankſagungen. „Wie kann ich aber nur mit ihr zuſammen kommen? Geſchähe es zufällig, wäre es immer beſſer.“ — „Ich werde es ſo einrichten. Das Haus iſt jetzt ruhig; ich habe alle Kinder bis auf das Jüngſte fortgeſchickt. Das kleine Kind tröſtet ſie am Erſten.“ Und wieder ihre ehrlichen Augen verbergend, lief Mrß. Tod aus dem Zimmer. Wir vermochten den ganzen Morgen Richts anzufangen. Der drohende Kummer hätte eben ſo gut uns ſelbſt als Leute treffen können, die drei Wochen früher uns ganz fremd geweſen waren. Wir ſaßen und ſprachen wenig, ſelbſt wenig von ihnen perſönlich, aber deſto mehr von dem dunkeln Engel, deſſen Antlitz ich bis jetzt wenigſtens noch nicht in der Rähe erblickt hatte, der nun plötzlich an der Thür unſerer kleinen Behauſung ſtand und ſeine verſchie⸗ denen Einwohner zu einer Familie vereinigte, die ſich in der Gegenwart des großen Gleichmachers, des Todes, eng verbunden fühlten. Stunde auf Stunde dieſes langen Tages ver⸗ ging unter ſtrömendem Regen, es hörte nicht auf, immer von Neuem ſtrömte es ſo herab, als ob wir von der übrigen Welt für immer getrennt werden ſollten, als ob jeder Gedanke verwiſcht werden müſſe, außer der, der uns an das erinnerte, was unter unſerem Dache geſchah, an die große Verän⸗ derung, welche in den obern Räumen unſeres Hauſes vor ſich ging, von denen die Seufzer bis zu uns herab ſtiegen und von wo Mrß. Tod von Zeit zu Zeit betrübt und eilig zu uns zurückkehrte, um Mr. Halifar zu berichten, wie es oben ſtehe. Es war beinahe dunkel geworden, ehe ſie uns mittheilte, daß Mr. March etwas eingeſchlafen ſei, und ſie ſeine Tochter endlich überredet habe, hinunter zu kommen. Sie ſtehe jetzt an dem Heerde und trinke eine Taſſe Thee. „Sie müſſen nun gehen, mein Herr! denn ſie bleibt gewiß nicht länger als fünf Minuten. Bitte, gehen Sie!“ „Ich will auch,“ ſagte er, ward aber entſetzlich bleich.„Phineas, ſie darf uns nicht Beide zugleich ſehen. Bleiben Sie vor der Thür. Ach, wäre doch ein Anderer da, der es ihr mittheilen könnte!“ „Werden Sie zaghaft?“ „Nein, nein!“ Und er ging fort. Ich folgte ihm nicht, doch hörte ich von ihm ſelbſt und von Mrß. Tod, wie es zuging. Sie ſtand ſo in Gedanken vertieft, daß ſie nicht einmal ſeinen Eintritt bemerkte. Sie ſah um Jahre älter und bekümmerter aus als das junge Mädchen, das kaum vor acht Tagen an den Ufern des Fluſſes ſtand. Als ſie ſich umdrehte und mit John — 135— ſprach, war auch ihr ganzes Weſen ein anderes. Keine Blödigkeit oder Zurückhaltung; der Kummer hatte Beides zurückgedrängt. „Ich danke! mein Vater iſt ſehr ernſthaft krank. Sie ſehen, ich bin in großen Sorgen, obgleich Mrß. Tod voller Freundlichkeit für mich iſt. Weinen Sie nicht ſo, gute Mrß. Tod! Ich kann und darf nicht ſo weinen. Ach! fange ich einmal an, vermag ich nicht wieder aufzuhören, und wie könnte ich dann meinem armen Vater beiſtehen?“ Sie legte ihre Hand, die ſo leiſe zuckende Hand, auf die Schulter der guten Frau und ſah zu John auf. Er ſagte oft nachher, daß dieſe trockenen, thrä⸗ nenloſen Augen ihm bis in das Herz gedrungen wären. „Wie kann ſie nur ſo ſchluchzen, Mr. Halifax? Papa wird morgen wieder wohler ſein, ich weiß das.“ „Ich will es hoffen,“ antwortete er, das letzte Wort betonend.„Wir müſſen immer hoffen bis zuletzt.“ „Bis zuletzt?“ frug ſie mit einem unruhigen Blicke. „Und dann können wir nur noch glauben.“ Sie ward noch durch Etwas mehr als das — 136— bloße Wort erſchüttert Wohl eine Minute lang be⸗ trachtete ſie ihn aufmerkſam. „Sie meinen, ja, ich verſtehe, was Sie ſagen wollen. Aber Sie irren ſich. Der Doctor würde es mir geſagt haben, wenn, wenn—“ ſie zitterte und ließ den Satz unvollendet. „Mr. Brown fürchtete, wir Alle fürchteten,“ verſicherte Mrß. Tod weinend.„Nur Mr. Halifax allein ſagte—“ Miß March wandte ſich mit einer plötzlichen Bewegung zu John. Der ſchmerzliche Blick, den ſie auf ihn warf, konnte nicht mit Worten beantwortet werden. Ich glaube, er faßte ihre Hand, doch kann ich es nicht gewiß ſagen. Eins nur kann ich ver⸗ ſichern, denn ſie ſelbſt ſagte es mir ſpäter, daß er wie ein kräftiger, mitleidsvoller, tröſtender Engel auf ſie herabgeblickt habe. Ein Bote Gottes ſei er ihr erſchienen. Dann brach ſie auf und flog zur Treppe hin. John kehrte zu mir zurück, ſetzte ſich neben mich, doch konnte er mehrere Minuten lang nicht ein Wort her⸗ vorbringen. Nach einiger Zeit, ich weiß das Maaß derſelben nicht genau, hörten wir Mrß. Tod laut nach Mr. Halifax rufen. Bir eilten Beide durch die leere — Küche an den Fuß der Treppe, die zu Mr. March's Zimmer führte. Mr. March's Zimmer! Ach, ihm gehörte Nichts mehr auf dieſer flüchtigen, vergänglichen Erde. Er hatte ſie verlaſſen. Im Schlafe war der Geiſt ſanft entflohen. Er hatte die ewige Welt erreicht. Friede ſeiner Aſche! wie ſein Leben auch geweſen ſein mag, er war ihr Vater! Auf der halben Treppe fanden wir Mrß. Tod ſitzend, Urſula March auf ihren Knieen haltend, die beinahe ohne Beſinnung dalag. Wir erfuhren, daß ſie zuerſt gefaßt geweſen ſei, als ſie bei der Rückkehr in das Krankenzimmer die ſchreckliche Entdeckung ge⸗ macht habe; dann, als alle Belebungsverſuche ver⸗ geblich blieben und die Gewißheit des Todes ihr klar ward, war ſie es, die dem Vater die Augen ſchloß, und erſt nach dem letzten Kuſſe, als ſie ver⸗ ſuchen wollte, hinabzugehen, fiel ſie auf der dritten Stufe leblos nieder. Hier lag ſie, phyſiſche Schwäche hatte das ſtarke Herz überwunden, überwältigt lag ſie da. Sie hatte nun Nichts mehr zu thun; wäre dies der Fall ge⸗ weſen, ich bin überzeugt, ſie hätte es auch jetzt noch vermocht. John nahm ſie in ſeine Arme, ich weiß nicht, nahm er ſie ſelbſt oder gab ſie ihm Mrß. Tod, aber ——— er trug ſie fort, durch die Küche hindurch in unſer kleines Wohnzimmer, wo er ſie auf das Sopha legte. „Schließen Sie die Thür, Phineas! und ſagen Sie, daß Niemand uns folgt. Mrß. Tod! ich glaube, ſie erwacht.“ Sie ſchlug wirklich mit einem ſe Seufzer ihre Augen auf, um ſie aber gleich wieder zu ſchließen. Dann aber erhob ſie ſich mit einer großen Kraftan⸗ ſtrengung und ſah uns Alle an. „O, meine Liebe! meine Liebe,“ ächzte Mrß. Tod, ſie in ihre Arme ſchließend und ſelbſt wie ein Kind ſchluchzend,„weinen Sie, weinen Sie ſich aus.“ „Ich kann nicht,“ flüſterte ſie und ſank wieder zurück. Wir ſtanden erſchüttert da und blickten auf dies arme bleiche Antlitz, in dem jeder Zug den betäubenden, ſtarren und bewegungsloſen Kummer ausdrückte. Für John waren dieſe zwei Minuten eines ſolchen Anblicks mehr als eine Jahre lange Erfahrung ſeinem männlichen Herzen geweſen wäre. „Sie muß herausgeriſſen werden!“ rief er endlich.„Sie muß zum Weinen gebracht werden! Mrß. Tod, führen Sie ſie hinauf an das Bett 4 Vaters. 6 3 — 139— Das Wort that, was es ſollte, was ihr Leben forderte. Sie fiel unter ſtrömenden Thränen in Mrß. Tod's Arme. „Nun, Phineas, kommen Sie fort.“ Er verließ das Zimmer, nahm verwirrt ſeinen Weg aus dem Hauſe und ich folgte ihm. —— — Sechſtes Kapitel. „Ich bin überzeugt, Mrß. Tod, daß es für ſie beſſer iſt; wenn ſie alſo darein willigt, muß es ge⸗ ſchehen,“ ſagte John. Wir Drei beriethen nämlich am Morgen nach dem Tode einen Plan, den wir bereits zwiſchen uns Beiden abgemacht hatten, daß wir unſere Seite des Hauſes Miß March überlaſſen und dagegen die ihrige bewohnen wollten; natürlich das ſtille Zimmer aus⸗ genommen, in dem nun kein Laut der Klage mehr erklang und alles Leid verſtummt war. Entweder war John's Beſtimmung oder Mrß. Tod's Zuſpruch erfolgreich geweſen; genug, wir er⸗ hielten die Botſchaft, daß Miß March unſer freund⸗ liches Anerbieten nicht abzuſchlagen im Stande ſei. So zogen wir denn um und ſaßen den ganzen lan⸗ gen Tag in dem Wohnzimmer unſerer Nachbarin, — und hörten den Regen herabfallen und die Kirchen⸗ Glocken läuten. Der Wind blies herbſtlich und ſchüttelte unſere Fenſter, ja ſelbſt die in dem ſtillen Zimmer über uns erzitterten. Es klang gräulich dort und wir freuten uns, daß die arme junge Trauernde nicht hier wohnte. Am Dienſtag Morgen hörten wir den ſchweren Fußtritt, den wohl Jeder ſchon einmal vernommen hat, die Treppe hinauf ſteigen, dann den entſetzlichen Hammetſchlag. Mrß. Tod kam und erzählte uns, daß Niemand, ſelbſt nicht ſeine Tochter den mehr ſehen könne, den wir noch vor wenigen Tagen als Mr. March gekannt hatten. Alles war für dieſe Welt vorbei. „Die Beerdigung muß alſo auch wohl bald ſein. Ich bin begierig, was das arme Ding dann anfangen wird?“ John antwortete nicht. „Bleibt ſie denn wohl in guten Umſtänden zu⸗ rück? was glauben Sie? „Darüber kann man gar Nichts beſtimmen.“ Seine Antworten waren zwar kurz und abwei⸗ ſend genug, aber ich konnte es nicht laſſen, über das arme junge Weſen zu ſprechen und die Frage auf⸗ zuwerfen, ob ſie kein Freund oder Verwandter in dieſer trüben Zeit aufſuchen würde. — — 142— „Erinnern Sie ſich, ſie ſagte ein Mal in Mitten ihrer Thränen, daß ſie in der weiten Welt nicht einen Freund habe?“ Und dieſer Ausſpruch, den John mit einer Art von Triumph wiederholte, ſchien ihm eine große Beruhigung zu gewähren. Doch wurden alle unſere Vermuthungen durch eine Botſchaft unterbrochen, die Mrß. Tod ausrich⸗ tete, in der Miß March den Wunſch ausſprach, Mr. Halifax bei ſich zu ſehen. „Mich? mich allein?“ frug John erſchrocken. „Sie allein, mein Herr. Sie wünſchte mit Jemand über das Begräbniß zu ſprechen, da ſchlug ich ihr Mr. Halifax vor, den freundlichſten Herrn, den es giebt, und ſie erwiderte, wenn es ihm nicht unangenehm wäre, zu mir zu kommen.“ „Sagen Sie ihr, bitte, ich ſtände zu ihrem Befehl.“ Er folgte der Wirthin und kehrte nach einiger Zeit ſehr ernſt zurück. „Warten Sie noch einen Augenblick, Phineas, und Sie ſollen Alles hören; aber ich bin ganz be⸗ nommen. Ihr Vertrauen zu mir iſt überraſchend. Könnte ich ihr nur mehr helfen!“ Dann erzählte er mir Alles, was geſchehen war, wie er und Mrß. Tod gemeinſam das ſchnelle Be⸗ — 143— gräbniß eingerichtet hätten, wie gefaßt und kräftig ſie geweſen ſei— dies arme Kind ſo ganz allein.— „Hat ſie wirklich Niemand, der ihr beiſtehen kann?“ „Niemand! Sie möchte wohl zu Mr. Brithwood ſchicken, doch ſtand er nicht gut mit ihrem Vater, ſagte ſie, ſo habe ſie denn vorgezogen, mich um dieſe Güte zu bitten, weil ihr Vater mich gern hatte und immer eine Aehnlichkeit mit ſeinem verſtorbenen Walther fand.“ „Armer Mr. March! Er mag nun mit ſeinem Walther vereinigt ſein. Aber, John, werden Sie auch Alles thun können, was für ſie geſchehen muß? Sie ſind noch ſehr jung.“ „Sie ſcheint das auch zu fühlen, denn ſie be⸗ handelte mich, als wäre ich vierzig Jahre alt. Sehe ich denn ſo alt und ernſt aus, Phineas?“ „Zuweilen. Und über das Begräbniß?“ „Es wird ſehr einfach ſein. Sie iſt entſchloſſen, ſelbſt zu folgen, und wünſcht Niemand bei ſich zu haben als Mrß. Tod und mich.“ „Wo ſoll er begraben werden?“ „Auf dem kleinen Kirchhofe, den wir oft ge⸗ ſehen haben, hier nahebei. Ach, Phineas! wir dachten wohl nicht, wie bald wir dort unſern Todten beſtatten würden!“ — 144— „Gott Lob, nicht unſer Todter!“ Aber in der nächſten Minute verſtand ich es anders.„Unſer Todter“ bezeichnete das unwillkür⸗ liche Geſtändniß des einzigen Gefühls, das uns allein befähigt, für den bis dahin Fremden ſo em⸗ pfinden zu können, daß es in uns heißt:„Alles, was Dein, iſt mein, und was mein, iſt Dein! jetzt und für immer.“ Ich beobachtete John, als er ſtumm am Feuer ſtand. Seine gedankenvolle Stirn und ſeine feſt ge⸗ ſchloſſenen Lippen widerſprachen der Jugendlichkeit ſeiner ganzen übrigen Erſcheinung. So wenig Jahre er auch zählte, ſo hatte ihn doch das Leben viel ge⸗ lehrt. Er war im Innern ein Mann, fähig und bereit, des Mannes Beruf in der Welt klar zu er⸗ kennen und durchzuführen; dabei lag in ſeiner gan⸗ zen Erſcheinung ſo viel ernſte Reinheit, ſo viel Red⸗ lichkeit und Wahrheit, daß es nicht zu verwundern war, wie die junge Waiſe— trotzdem ſie Beide jung waren und ſie wenig von ihm kannte— ſich ihm doch mit vollem Vertrauen näherte. Und Nichts verbindet zwei Herzen ſo eng— ſei es in der Liebe oder in der Freundſchaft— ſo ſchnell und ſo ſicher als das Vertrauen, das man in Leidenszeiten ein⸗ flößt und empfängt. — 145— „Sagte ſie Ihnen noch mehr, John? Theilte ſie Ihnen Etwas über ihre Verhältniſſe mit?“ „Nein. Aber nach dem, was Mrß. Tod fallen läßt, fürchte ich“— vergebens ſuchte er ſeine Zufrie⸗ denheit darüber zu verbergen—„daß ſie Wenig oder Nichts haben wird.“ „Arme Miß March!“ „Wie kann man ſie arm nennen? Sie iſt eine Frau, die man nicht bedauern darf, ſondern die man ehren muß. Sie würden ſicher ſo empfunden haben, hätten Sie ſie heute Morgen geſehen, ſo freundlich, ſo vernünftig und ſo kräftig, Phineas!“— und ich ſah das Beben ſeiner Lippen—„das war die Art Frau, von der Salomon ſagt: Ihr Preis iſt höher denn der der Edelſteine.“ „Das glaube ich auch, und ich zweifle nicht, heirathet Urſula March, wird ſie einſt die Krone ihres Mannes.“ Meine Worte, vielleicht auch der Seufzer, der ſie begleitete und den ich nicht unterdrücken konnte, ſchien John zu überraſchen, doch erlaubte er ſich keine Be⸗ merkung. Wir kamen aber den Tag über nicht wie⸗ auf dieſen Gegenſtand zurück. Zwei Tage ſpäter folgte unſere kleine Geſell⸗ ſwaft dem Sarge durch dieſelbe mit Waldreben um⸗ rankte Thür, an der wir kurze Zeit vorher Mr. March John Halifax. II. 10 Lebewohl geſagt hatten, und weiter durch die kurze Strecke der Wieſen nach dem Kirchhofe, der kaum größer als der Cottage⸗Garten war, wo die wenigen Todten lagen, die Enderly's Bewohner hier in lan⸗ gen Zwiſchenräumen beſtattet hatten. Es war ein kleiner Zug— zuerſt die Tochter, durch die gute Mrß. Tod unterſtützt— dann John Halifax und ich. So begruben wir ihn— den Fremden— welcher jetzt und für künftige Zeiten, wie John ſagte, unſer Todter geworden war. Wir begleiteten die Waiſe zurück, die feſten Schrittes den ſchweren Weg gegangen war und un⸗ beweglich an dem friſchen Grabe geſtanden hatte, und nur die dunkle Kappe, die ihr Haupt bedeckte, tiefer in das Geſicht zog. Doch als wir nach Roſe⸗ Cottage zurückkamen und ſie einen flüchtigen, aber erſchütterten Blick auf das wohlbekannte Fenſter warf und Mrß. Tod ſie ohne Widerſtand lange in ihre mütterlichen Arme ſchloß, da fühlten wir, wie ihr zu Muthe war. „Kommen Sie fort,“ ermahnte mich John in leiſem Tone, und wir entfernten uns. Abermals verbrachten wir dieſen Tag in unſerm Wohnzimmer— das ſonſt Mr. March gehörte— und wo nun, da die Läden nicht mehr geſchloſſen — 147— waren, die helle Sonne freundlich hineinſchien; wir verſuchten unſere alte Weiſe wieder aufzunehmen, zu fühlen und zu denken, wie an früheren ſonnen⸗ hellen Tagen in Enderly. Aber es gelang uns nicht; eine unmerkliche, aber große Veränderung war über uns gekommen. Es erſchien uns, als ſei ein Jahr ſeit jenem Sonntag⸗Nachmittage verfloſſen, wo wir ſo vergnügt den Thee unter dem Apfelbaume tranken. Wir hörten an dieſem Tage Nichts mehr von Miß March, den nächſten empfingen wir eine Be⸗ ſtellung voll des beſten Dankes für unſere Güte von ihr. Sie war endlich dem Rathe der Mrß. Tod ge⸗ folgt und verließ ihr Schlafzimmer nicht, wenn auch nicht gerade ernſtlich krank, doch geiſtig gänzlich zuſammengebrochen. Drei Tage ſpäter, als ich John bei ſeiner Rückkehr von Norton Bury entgegenkam, bemerkte ich, wie ſein erſter Blick, als er aus den Kaſtanienbäumen herausritt, auf das Fenſter fiel, das einſt das meinige war. Ohne daß er mich erſt lange frug, erzählte ich ihm ſchon immer Alles, was ich durch Mrß. Tod über ihr Ergehen erfuhr. Er hörte mir dann gewöhnlich ſtillſchweigend zu und ſprach gleich darauf von andern Dingen; ja, er er⸗ wähnte ſogar nur ſelten Miß March's Namen. Am vierten Morgen endlich bot ſich die Gele⸗ 10 —— ——— 3 —— — — 148 genheit, ihn zu fragen, ob er meinem Vater mitge⸗ theilt habe, was hier geſchehen war. „Nein.“ Ich ſah ihn überraſcht an. „Wünſchen Sie, daß ich es ihm erzähle, ſo werde ich thun, was Ihnen lieb iſt, Phineas.“ „Ach nein, er hat wenig Intereſſe für Fremde.“ Einige Zeit nachher, als er in dem Wohnzim⸗ mer wartete, ſagte John: „Wahrſcheinlich werde ich heute Abend ſpät zurückkehren, nach den Geſchäftsſtunden muß ich noch eine kleine Unterhaltung mit Ihrem Vater haben.“ Unſchlüſſig ſtand er an dem Kamin, ich aber ſah in ſeinem Ausdrucke, daß er Etwas auf dem Herzen habe. „David!“ „Nun, Knabe?“ „Wollen Sie mir nicht ſagen, was Sie meinem Vater mitzutheilen haben?“ „Ich kann jetzt nicht länger hier bleiben,— vielleicht heute Abend— aber dummes Zeug— was iſt dabei zu erzählen, gar Nichts.“ „Alles was Sie betrifft kann für mich niemals unintereſſant ſein.“ „Das weiß ich wohl!“ ſagte er freundlich, und verließ das Zimmer. Als er es wieder betrat, —— ſah er viel heiterer aus, ſtand mit ſeiner Reitgerte gegen ſeinen alten Rock ſchlagend da, und rief nach mir, um ſein braunes Pferd zu bewundern. „Das will ich thun und ſeinen Herrn gleich dazu. John, wenn Sie zu Pferde ſitzen, ſehen Sie aus wie ein Ritter aus dem Mittelalter. Es iſt möglich, daß Etwas von dem alten Normannenblute in„Guy Halifax's, des Edelmanns,“ Adern floß.“ Dies ſchien eine gefährliche Erinnerung zu ſein, er veränderte ſo ſchnell und heftig die Farbe, daß ich fürchten mußte, ihn geärgert zu haben. „Nein, nein, das iſt nicht möglich, das kann nicht ſein, niemals. Ich bin das, wozu Gott mich machte, und was ich mit Gottes Hülfe aus mir ſelbſt machen werde.“ Er ſagte Nichts weiter, und wenige Minuten darauf ritt er fort; doch heute wie alle Tage bemerkte ich den ſchnellen, fragenden Blick, der hinauf zu den verhängten Fenſtern jenes Zimmers flog, wo die junge Waiſe betrübt und einſam lag. Spät Abends, kurz vor dem zu Bette Gehen, be⸗ gann er mit lächelnder Miene:„Phineas, Sie woll⸗ ten gern wiſſen, worüber ich mit Ihrem Vater zu reden wünſchte?“ „Ach, erzählen Sie!“ 2 „Es iſt kaum der Mühe werth⸗ Es handelte — 150— ſich nur für mich darum, zu erfahren, wann er allein ſein Geſchäft begonnen hat. Ich glaube, er war nicht viel älter wie ich jetzt bin.“ „Gerade einundzwanzig Jahre.“ „Und ich werde nächſten Juni zweiundzwanzig.“ „Denken Sie denn daran, ſelbſt ein Geſchäft zu begründen?“ „Eine leichte Sache,“ ſagte er mit einem bit⸗ tern Lachen, beſonders da jedes Geſchäft ein bedeu⸗ tendes Kapital erfordert und das einzige, was ich zu führen verſtehe, noch ganz beſonders. Nein, nein, Phineas! Sie werden es nicht erleben, daß ich im nächſten Jahre eine gefährlich werdende Lohgerberei errichte. Mein Kapital iſt Aull.“ „Außer Ihrer Jugend, dazu Geſundheit, Muth, Ehrgefühl, Rechtlichkeit und noch mehr ſolcher Klei⸗ nigkeiten.“ „Aber keine, die ich in Geld verwandeln könnte. Und Ihr Vater hat mir ganz beſonders geſagt, daß ein Lohgerber ohne Geld Richts anfangen kann.“ „Außer— wie es bei ihm der Fall war— wenn er von einem Andern als Partner angenom⸗ men wird, der ſeine Dienſte ſo vollwichtig findet, daß ſie als Kapital angenommen werden. Mein Vater gewann wahrlich zu Anfange wenig genug, kaum mehr als Sie ſich jetzt rechnen können; doch — richtete er ſich ſo ein, daß er anſtändi glebte und in Folge der Zeit heirathete.“ Ich vermied, bei den letzten Worten John an⸗ zuſehen. Er antwortete auch nicht, aber kurz darauf kam er zu mir heran und lehnte über meinen Stuhl. „Phineas, Sie ſind ein weiſer Rathgeber, ein Troſt in allen Leiden. Ich habe mich eine ganze Zeit lang über meine Zukunft abgeängſtigt; aber ich will Muth faſſen. Es kommt wohl noch die Zeit, wo weder Sie noch irgend Jemand ſich meiner zu ſchämen braucht.“ „Das wird und kann auch jetzt ſchon Niemand, der Sie kennt, wie Sie wirklich ſind.“ „Als John Halifar— aber nicht als Lohgerber⸗ Lehrling.— O, Freund! da ſitzt der Stachel! Hier kann ich alles Unangenehme vergeſſen! Hier bin ich mein eigenes Selbſt; aber von dem Augenblicke an. wo ich den Fuß in Norton Bury ſetze— wenn es auch ein unwürdiges, ſchwächliches Gefühl iſt, das unterdrückt werden muß.— Wir wollen aber lieber von etwas Anderem ſprechen.“ „Von Miß March? Sie iſt heute den ganzen Tag viel wohler geweſen.“ „Von ihr? nein, heute nicht,“ ſagte er eiftig. „Pfui! mir iſt, als röchen meine Hände noch nach all' den Fellen. Geben Sie mir ein Licht.“ — 152— Er ging hinauf und kam nur grade zum zu Bette Gehen wieder herunter. Der nächſte Tag war ein Sonntag. Als die Glocken läuteten, ſahen wir eine ſchwarz verſchleierte Geſtalt vor unſerm Fenſter vorbeigehen. Armes Mädchen! ſie mußte nun allein zur Kirche gehen. Wir folgten ihr, nahmen uns aber in Acht, nicht von ihr geſehen zu werden, weder in der Kirche noch nachher. Wir hörten auch den ganzen Tag Nichts mehr von ihr. Am Montage aber kam eine Beſtellung, die ſagte, daß Miß March uns gern Beide zu ſprechen wünſche. Natürlich folgten wir dieſer Einladung. Wir fanden ſie in unſerm frühern Wohnzim⸗ mer allein, ernſt und bleich, doch vollkommen gefaßt. Die frauenhafte Würde ihres tiefen Kummers, die ſie umgab, ſchien dieſe Zuſammenkunft zwiſchen uns jungen Männern und ihr— dem noch ſehr jungen Mädchen— ſchützend zu umgeben, wodurch alle weltlichen Anſtands⸗Rückſichten beſeitigt wurden. Als ſie aufſtand und uns entgegen kommend die Hand reichte, herrſchte eine tiefe Stille, die nur durch das Rauſchen ihres ſchwarzen Kleides unter⸗ brochen ward. Sie ſchien den ſchwerſten Theil ihres Kummers ſo weit in ſich verarbeitet zu haben, daß er in der verborgenen Kammer des Herzens ruhete, — 153— wo aller Gram ſein Ende findet; unvergeſſen, un⸗ verändert, aber in ein tiefes Schweigen gehüllt, wie es die Heiligkeit deſſelben verlangt. Vielleicht, denn wir dürfen auch nicht mehr von der Natur verlangen als ſie geben kann, machte die große Verſchiedenheit der Charaktere, Gefühle und Anſichten, die zwiſchen Miß March und ihrem Vater herrſchte, dieſen Ver⸗ luſt weniger zu einem des Herzens als zu einem, der, ſo groß und unerſetzlich er war, doch mehr der Ge⸗ wohnheit und den Natur⸗Gefühlen angehörte, der alſo nach dem erſten heftigen Schmerze unmerklich ſanft ausheilen mußte. Ueberdem war ſie jung, jung im Leben und in der Hoffnung, jung an Geiſt und Körper, und ſo leidenſchaftlich die Jugend in ihrer Betrübniß iſt, ſo kann ſie doch nicht lange trauern. Ich bemerkte bald und nicht ohne Freude, daß Miß March in vieler Beziehung wieder ſo war, wie wir ſie kennen gelernt hatten, wenigſtens ſo weit ihre Natur wieder gewonnen hatte, als es gut, na⸗ türlich und recht war. Sie und John ſprachen viel zuſammen. Ihr Ton und Weſen war unbefangen und natürlich, wie man einen Freund behandelt, dem man die wärmſte Dankbarkeit ſchuldig iſt. Sein Betragen dagegen war gezwungen; nach und nach indeſſen verlor ſich das auch, es war eine Atmoſphäre, die ſie umgab, welche jede Verſtellung unmöglich machte und das innerſte Herz traf. Es war, als ob in ihrer Hand der Prüfſtein der Wahrheit liege. Er— nein— ich glaube, ich war es, der frug, wie lange ſie noch in Enderly zu bleiben gedenke. Ich kann es ſelbſt kaum ſagen. Früher glaubte ich, daß mein Vetter Richard Brithwood zu meinem Vormunde beſtimmt ſei. Mein Va— es iſt aber, glaube ich, geändert worden. Ich wünſchte wenig⸗ ſtens, es wäre geſchehen. Mr. Halifax, Sie kennen ja wohl Norton Bury?“ „Ich lebe dort.“ „Wirklich?“ frug ſie ſehr überraſcht.„Dann kennen Sie wahrſcheinlich meinen Vetter und ſeine Frau?“ „Nein, aber ich habe ſie geſehen.“ John ſagte dies Alles, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen. „Wollen Sie mir ganz offen ſagen— denn ich weiß Nichts von ihm und es iſt mir von Wichtig⸗ keit, zu erfahren— was für eine Art Frau Lady Caroline iſt?“ Dieſe Frage, ſo geradezu geſtellt und von die⸗ ſen unſchuldigen kindlichen Blicken begleitet, war ſchwer zu beantworten, denn Norton Bury hatte — manche üble Dinge über die junge Frau unſers Squire geſprochen, die er in Neapel heirathete, und zwar aus dem Hauſe der wohlbekannten Lady Hamilton. „Sie wiſſen wohl, daß ſie Lady Caroline Ra⸗ venel, die Tochter des Earl von Luxmore, iſt? „Ja— ja— aber das iſt einerlei. Ich kenne Lord Luxmore nicht— ich möchte aber beſonders Näheres von ihr ſelbſt wiſſen.“ John zögerte einen Augenblick, antwortete aber dann, wie er der Wahrheit gemäß konnte.„Man ſagt, ſie ſei ſehr gut für die Armen, wohlthätig und freundlich. Aber, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, wohl nicht eine Frau, welche Miß March gern mehr ſchuldig ſein möchte als eine Höflichkeit.“ „Das war auch nie meine Abſicht. Ich habe nicht nöthig, irgend Jemand um Etwas zu bitten. Aber wohl hätte Lady Caroline, wäre ſie eine wirk⸗ lich gute Fran, ein wahrer Troſt und ein guter Rath⸗ geber für ein kaum achtzehnjähriges Mädchen wer⸗ den können, die noch dazu eine Erbin iſt, wie ich glaube.“ Eine Erbin?“ Wie mit einem rothen Strome ward John's Antlitz übergoſſen, dann aber ward er leichenblaß.„Ich— verzeihen Sie— ich glaubte — 156— es anders. Erlauben Sie mir, Ihnen darüber meine Freude auszuſprechen.“ „Die meinige wird es nicht erhöhen,“ ver⸗ ſicherte ſie mit einem Seufzer.„Jane Cardigan meinte immer: Reichthum bringe nur Sorgen. Arme, gute Jane! Ich wollte, ich könnte zu ihr zurück⸗ kehren; aber das iſt doch unmöglich.“ Es trat ein Schweigen ein, welches irgend Einer nothwendig unterbrechen mußte. „Es kann aber auch viel Gutes mit einem großen Vermögen gethan werden,“ bemerkte ich. „Gewiß. Ich weiß nicht, ob das meinige ſehr groß iſt; ich habe nie Etwas von Geldſachen ver⸗ ſtanden, und nur gerade geglaubt, was man mir davon erzählte. Wie aber auch mein Vermögen ſein mag, groß oder klein, ich will ſuchen, es gut anzuwenden.“ „Davon bin ich überzeugt.“ John ſagte nicht ein Wort, doch ſeine melan⸗ choliſchen Augen blieben mit einer Art ſtolzer Zärt⸗ lichkeit bei dieſen Worten auf ihr haften. Gleich darauf ſtand er auf, um ſich zu empfehlen. „Gehen Sie jetzt noch nicht,“ bat ſie,„ich muß Sie über Norton Bury fragen. Ich hatte keine Idee, daß Sie dort lebten. Und Mr. Fletcher a Ich erwiderte bejahend darauf. „In welchem Theile der Stadt?“ „In der Colthamſtraße, dicht bei der Abtei.“ „Ach, das Glockenſpiel der Abtei, wie oft habe ich das Nacht für Nacht gehört, als ich vor Schmer⸗ zen nicht einſchlafen konnte.“ „Schmerzen? was für Schmerzen?“ frug John, der bei dieſem Gedanken an ihren Leiden den leben⸗ digſten Antheil nahm. Das alte wohlbekannte Lächeln flog über Miß Narch's Angeſicht.„Ach! ich habe es beinahe ver⸗ geſſen, obgleich es recht ſchlimm damals war; ich hatte mich bei einem Streite mit meiner Wärterin ziemlich gefährlich mit einem Brotmeſſer an dem Handgelenk verwundet.“ „Wann war das?“ frug John eifrig. Ich ſagte Nichts, denn ich hatte nach und nach Alles errathen. Ach! die Fluth des Geſchicks ſchwoll meinem armen David entgegen. Was konnte ich anders thun als bei ihm ſtehen und wachen? „Wann es war? Warten Sie, vor fünf— ſechs Jahren. Aber es iſt ja nicht der Mühe werth, davon zu reden.“ „Es iſt doch nicht ſo gering. Bitte, erzählen Sie es mir.“ Und John ſtand vor ihr, ihren Worten hor⸗ chend, ja ſie zählend, wie Jemand die Tropfen einer — 158— mit Freude gefüllten Phiole zählt, die ſich immer mehr entleert, aber die unbarmherzige Hand der Zeit läßt nicht ab, ſie gießt und gießt bis zu Ende. „Nun wohl! wenn Sie es denn wiſſen wollen, es war eine meiner Unarten, denn ich war ein un⸗ artiges Kind. Man ſchlug mir ein Stück Brot ab, das ich verlangte, um es einem armen Jungen zu geben.“ „Der gegenüber unter einem Vorbau ſtand— im vollſten Regen— nicht wahr?“ „Woher wiſſen Sie das? aber er ſah hungrig aus und ich bedauerte ihn ſo ſehr.“ „Wirklich?“ frug er in einem faſt unverſtänd⸗ lichen Tone. „Ich habe nachher oft ſeiner gedacht, wenn ich zufällig die Narbe ſah.“ „Zeigen Sie ſie mir— darf ich?“ Und ihre Hand ergreifend ſchob er ſanft den Aermel zurück und entdeckte gerade über dem Hand⸗ gelenk eine tiefe weiße Narbe. Er ſah ſtarr darauf hin, während ein Beben über ſeine Lippen flog; dann ohne ein Wort des Abſchiedes oder der Entſchuldi⸗ gung zu ſagen, verließ er das Zimmer. Siebentes Rapitel. Ich blieb mit Miß March allein. Sie ſah über⸗ raſcht, aber nicht ohne Verlegenheit nach der Thür, durch welche John verſchwunden war. „Was iſt ihm, Mr. Fletcher? kann ich ihn in irgend einer Weiſe verletzt haben?“ „Gewiß nicht.“ „Weßhalb ging er fort?“ Aber ſo einfach die Frage an und für ſich war, ſo einfach ſie gethan ward, ſie zog doch zu viel nach ſich, ſo daß ich nicht das Recht zu haben glaubte, ſie zu beantworten, während ich mir ebenfalls weder Verſtellungen noch Lügen erlauben wollte, die thörigt, oft gefährlich und ſehr oft unglücklich endigen; ſelbſt dann, wenn Miß March zu den Frauen gehört hätte, denen man ſo Etwas bieten durfte, würde ich es —— nicht gern gethan haben; ſo antwortete ich alſo einfach: „Ich kenne zwar die Urſache, aber ich möchte ſie Ihnen nicht gern mittheilen, denn ich denke mir, John wird es Ihnen lieber ſelbſt erzählen.“ „Wie er es wünſcht!“ erwiderte Miß March nicht ohne Zurückhaltung in ihrer ſonſt ſo unbefan⸗ genen Weiſe, doch verlor ſich das bald, und ſie ſprach wieder mit ihrem gewohnten Freimuthe über Norton Bury und fragte mich nach ihren Verwandten, den Brithwood's. Ich antwortete ihr vollkommen offen, nur darin vorſichtig, daß ich unſere Verhältniſſe nicht berührte. Als John nicht zurückkehrte, verließ auch ich ſie bald, und ging in unſer Wohnzimmer. Er war auch dort nicht, doch ließ er mir durch den kleinen Jack ſagen, dem er auf den Weiden be⸗ gegnet war, daß er einen langen Spaziergang machen und nicht vor dem Mittageſſen wiederkommen würde. Die Mittagſtunde kam, doch mußte ich allein eſſen. Es war das erſte Mal, ſeitdem ich ihn kannte, daß er ſelbſt in ſo geringfügigen Dingen ſein Verſprechen nicht hielt. Es that meinem Herzen weh, und ich verlebte einen traurigen Tag. Ich wagte nicht, ihn aufzuſuchen, damit er bei ſeiner Rückkehr nicht ein leeres, trübes Zimmer finden ſollte. Beſſer, daß — 161— ein helles Feuer und ich ihn bei ſeiner Ankunft be⸗ willkommneten. Ich, ſein Freund und Bruder, der ihn in dieſen ſechs Jahren mehr lieben gelernt hatte als irgend etwas Anderes auf der Welt; und doch, was konnte ich jetzt für ihn thun, wo das Geſchick mir den Scep⸗ ter aus der Hand gewunden hatte! Ja, ich war machtlos geworden, vermochte ihn durch Richts zu kräftigen, konnte ihn vor keinem Schmerze bewahren. Was ich in jenen langen, einſamen Stunden empfunden habe, das hat wohl ſchon Mancher in ſich ſelbſt erfahren; manche Eltern mögen ſo über ihr Kind, manche Schweſter über den Bruder, mancher Freund über den Freund geſorgt haben, es iſt ein natürliches allgemeines Gefühl! Trage es ein Jeder, der ſo geprüft wird, in Geduld, als das Loos der Menſchenkinder, und diejenigen, welche erringen, was ſie ſuchen, mögen ſie die alten Bande dennoch in Liebe und Treue ehren, und nicht mit dem neu ge⸗ ſchloſſenen Bunde grauſam im Angeſichte der alten Verhältniſſe prahlen! Nachdem ich dieſe Wahrheit einmal ausgeſpro⸗ chen habe, zu der mich ein Gefühl drängte, als ſei es recht, dieſen Rath laut werden zu laſſen, will ich auch nicht mehr auf dieſen Gegenſtand zurückkommen. Am Nachmittage fiel etwas Außergewöhnliches John Halifar.. 11 vor. Ein Wagen mit vier Pferden beſpannt, die Leute in reichen Livrsen prangend, hielt vor der Thür; ich erkannte die Equipage ſogleich, wie Jeder in Norton Bury. Sie war leer, doch hörte ich ſpäter, daß die Kammerjungfer von Lady Caroline hinten im Bedientenſitze geſeſſen habe, und ihr kleiner ſchwarzäugiger Page ſprang mit einem großen Briefe in der Hand herab, der, wie ich vorausſetzte, für Miß March beſtimmt war. Ich freute mich für John, daß er nicht zu Hauſe war, und daß der Wagen mit all' ſeinem Glanze wieder fortfuhr, noch ehe John heimkehrte. Es dunkelte bereits, als er wieder das Haus betrat. Ich ſtand am Fenſter und ſchaute auf meine vier Pappelbäume, die ſich aus dem Dunkel wie Finger erhoben, die nach dem Himmel zeigten,— da ſah ich ihn über die Wieſen herkommen. Zuerſt wollte ich ihm bis an die Thür entgegen gehen, aber ein zweiter Gedanke hielt mich zurück, ich ſchürte nur das Feuer etwas mehr an, damit er es ſchon von fern ſehen könne. „Was für eine helle Flamme haben Sie! Ich hoffe doch nicht, daß Sie mit dem Eſſen warteten? Rein, Thee; das iſt auch weit beſſer. Ich bin ſo weit gegangen und bin müde.“ — 163— Die Worte waren heiter, der Ton ebenſo. Zu fröhlich, bei Weitem zu fröhlich klangen ſie. Dieſe Art von Heiterkeit macht denſelben Eindruck auf das Herz des Freundes als die Muſik der Soldaten, wenn ſie von dem ſich eben ſchließenden Grabe des Kameraden heimkehren. „Wo waren Sie, John?“ „Weit weg über den Nunnely⸗Berg. Ich muß Sie einmal da hinauf führen, es iſt eine ſo ſchöne, weite Ausſicht. Mrß. Tod erzählte mir davon und erwähnte einer Ballade, die einer ihrer Onkels dar⸗ über geſchrieben habe:— Du erſpähſt von jenem Berge dort Dreiundzwanzig Kirchen mit Glas und Auge ſofort.— Iſt das nicht eine merkwürdige Thatſache?“ So fuhr er während der ganzen Theeſtunde fort, unaufhörlich und ſchnell ſprechend; er bezwang ſich ſichtlich, und bitterlich hätte man darüber weinen können. Nach dem Thee drang ich darauf, daß er ſich in meinen Armſtuhl ſetzen ſolle; ich fürchtete, daß er nach einem ſo weiten Wege, an einem rauhen Abende wie dieſer, ganz kalt geworden ſein müſſe. „Nicht im Mindeſten, ſondern gerade das Gegen⸗ theil; fühlen Sie nur meine Hand.“— Sie brannte. —„Aber ich bin müde, durch und durch müde.“ 1 — Er lehnte ſich zurück und ſchloß die Augen. Oh! die gräßlichſte Ermattung an Leib und Seele war in dieſen Zügen zu leſen. „Warum gingen Sie auch allein, Jhh Sie wiſſen doch, daß Sie mich immer bereit finden.“ Er ſah lächelnd zu mir auf, aber die augen⸗ blickliche Erheiterung flog vorüber. Rein, ich war nicht mehr zu ſeinem Glücke hinreichend. Wir ſaßen ſtumm neben einander, ich wußte, daß er ſpäter mit mir ſprechen würde, doch jetzt waren die Pforten ſeines Herzens noch verſchloſſen. Es ſchien, als dürfe er ſie noch nicht öffnen, weil ſonſt die Fluth ſo gewaltſam herausſtrömen würde, daß ſie uns überwältigte. um neun Uhr brachte Mrß. Tod das Abend⸗ brot. Sie hatte ſtets dies oder jenes zu berichten, beſonders ſeitdem die letzten Ereigniſſe die Bewohner von Roſe⸗Cottage ſo eng verbunden hatten; heute nun war ſie übervoll von Reuigkeiten. Sie hatte den ganzen Abend der armen Miß March bei dem Einpacken geholfen; ſie wußte ſicher⸗ lich nicht, weßhalb ſie ihr eigentlich den Beinamen der„Armen“ gab. Wer hätte glauben ſollen, daß Miß March ſo vornehme Verwandte habe? Ob wir auch wohl die Equipage von Lady Carvline Brith⸗ wood heute bemerkten? Es war ein ſo wunderſchöner — Wagen, der nur für Miß March hergeſchickt war; aber ſie wollte nicht mitfahren.„Nun freilich hat ſie ſich entſchloſſen, das arme, liebe Kind. Sie ver⸗ läßt uns morgen.“ Als John dies hörte, war er gerade wie gewöhn⸗ lich beſchäftigt, Mrß. Tod bei dem Schließen der ſchweren Fenſterläden behilflich zu ſein. Er ſtand mit der Hand an dem Riegel bewegungslos da, bis die gute Frau das Zimmer verlaſſen hatte. Dann ſchwankte er bis zu dem Kamin, wo er beide Ellnbo⸗ gen auf den Sims ſtützte und ſein Geſicht mit den Händen bedeckte. Jetzt war alle Verſtellung verſchwunden, er ver⸗ ſuchte es nicht einmal mehr. Eines jungen Mannes erſte Liebe, nicht die erſte Einbildung davon, nein, ſeine erſte Liebe, in vollſter Leidenſchaft, Verzweiflung und Schmerz, war über ihn gekommen, wie ſie uns Alle einmal erfaßt Ich ſah ihn unter derſelben zuſammenbrechen und konnte ihm nicht helfen. Die nächſten Momente des tiefſten Schweigens waren für uns Beide gleich bitter. Ich rief endlich freundlich:„David.“ „Nun?“. „Ich fürchtete immer, daß die Sachen ſo ſtänden.“ Jal — 166— „Wenn Sie ſich nur ausſprechen wollten, es thäte Ihnen ſicher wohl.“ „Ein anderes Mal. Laſſen Sie mich fort, in die Luft gehen. Ich erſticke!“ Seinen Hut ergreifend, eilte er von mir fort. Ich wagte nicht, ihm zu folgen. Nachdem ich einige Zeit gewartet hatte und Alles im Hauſe ſtill war, vermochte ich die Unge⸗ wißheit nicht länger zu ertragen und ging aus dem Hauſe. Ich dachte ihn auf der Hochebene zu finden, und zwar wahrſcheinlich auf ſeinem Lieblingsplatze, ſeiner„Terraſſe,“ wie er es nannte, wo er dieſe mäd⸗ chenhafte Geſtalt zuerſt geſehen und ſie ſpäter an manchem Tage verfolgt hatte, wie ſie leicht durch den morgendlichen Sonnenſchein und den Thau dahin wanderte Ein innerer Inſtinkt ſagte mir, daß ich ihn dort finden müſſe. So ſtieg ich den kürzeſten Weg hinauf, den Fußweg verfehlend, denn es war eine ſtockdunkle Nacht und die Weiden lagen ſo weit und todtenſtill vor mir wie ein mitternächtiges Meer. John war nicht dort, und wäre er auch da geweſen, ich hätte ihn doch nicht ſehen können. Ich vermochte Nichts zu unterſcheiden als die weite Aus⸗ dehnung der Hochebene, oder hinabſehend den breiten —— Nebelſtrom, der ſich durch das Thal hindurch wälzte, und an deſſen anderer Seite einige Cottage-Lichter blitzten, die wie Leuchtfeuer ausſahen, welche ſich am entfernteſten ufer einer undurchdringlichen Ueber⸗ ſchwemmung erhoben. FPlötzlich fiel mir ein, von Mrß. Tod gehört zu haben, daß die Ebene nach eingetretener Dunkelheit wegen ihrer vielen Brunnen und Steinbrüche für Alle ſehr gefährlich ſei, die ſie nicht genau kennten. In furchtbarer Angſt rief ich John's Namen, doch erfolgte keine Antwort. Verzweiflungsvoll lauter ſchreiend, ging ich blindlings immer weiter, bis ich endlich an einen der alten römiſchen Gräben kam, ſtolperte und fiel. Mit großen Schritten ſtürzte Je⸗ mand durch den Nebel auf mich zu und half mir auf. „Oh! David, David!“ „Phineas, Sie ſind es? Wie konnten Sie ſich in dieſer kalten Nacht herauswagen? Weßhalb nur?“ Die Zärtlichkeit, die er mir ſelbſt in dieſem Augenblicke zeigte, übermannte mich gänzlich. Ich vergaß meine männliche Geiſteskraft, oder vielmehr fiel ſie unbewußt von mir ab, und wie es in der Bibelſprache heißt:„ich fiel ihm um den Hals und weinte bitterlich.“ Später war es mir nicht unlieb, daß es ſo kam; denn meine Weichheit mochte ihm ſeine Kraft wieder⸗ — 168— geben. In dem Sturme der Leidenſchaft, der ihn erfaßt hatte, war es ſicher gut, daß er empfand, wie der reich bekränzte Becher der Liebe nicht der einzige Halt des Lebens bleibe, ſondern welch' ein großer Werth in dem Beſitze eines Freundes und Bruders liege, der das Daſein mit der Liebe eines Jonathan umgiebt, die oft diejenige des Weibes übertrifft. „Ich habe unrecht gehandelt,“ begann er mit gebrochener Stimme;„doch ich weiß nicht, was ich that. Mir iſt jetzt beſſer. Kommen Sie, wir wollen nach Hauſe gehen.“ Er ſchlang ſeinen Arm um mich wie zum Schutze, und blieb ſelbſt noch oben am Feuer bei mir ſitzen, um mit mir zu reden. Wie ſtark der Kampf auch geweſen ſein mußte, ich erkannte, daß er über⸗ wunden war; er ſah wieder aus wie ſonſt, nur ſo unbeſchreiblich bleich, doch hatte er wieder ſeine alte Stimme; ja, ſelbſt wenn er von ihr ſprach, denn er nannte zuerſt ihren Namen. „Phineas, glauben Sie gewiß, daß ſie morgen abreiſ't?“ „Ich muß es glauben. Wollen Sie ſie wieder⸗ ſehen?“ „Wenn ſie es wünſcht.“ „Und ihr Etwas ſagen?“ — 169— „Nein! Wenn ich bis vor wenigen Augenblicken die ganze Wahrheit noch nicht kennend, oder viel⸗ mehr gar nicht daran denkend, glaubte, ich hätte die Kraft, alle Hinderniſſe zu überwinden, ſo erkenne ich jetzt, daß ſchon der Gedanke allein an ſolche Dinge mich zu einem Thoren oder vielleicht zu einem Kna⸗ ben macht. Ich will Keines von Beidem ſein, ſon⸗ dern ein Mann bleiben.“ Ich erwiderte Nichts; was konnte man auch darauf antworten? Ruhig wurden dieſe Worte geſpro⸗ chen, wenn auch jede Sylbe einen Kampf koſtete, als riſſe er ſich ein Stück ſeines Herzens heraus. „Sagte ſie Ihnen irgend Etwas, oder wunderte ſie ſich, daß ich ſie heute Morgen ſo plötzlich verließ?“ „Ja, und ich erwiderte darauf, daß Sie ihr den Grund davon wohl ſelbſt mittheilen würden.“ „Das ſoll auch geſchehen. Sie darf nicht länger in Unwiſſenheit über meine Verhältniſſe gehalten werden. Sie ſoll die ganze Wahrheit erfahren, außer — Eines— das braucht ſie nie zu wiſſen.“ Ich errieth an dem gebrochenen Tone ſeiner Stimme, was das„Eine“ war, was ſie nicht zu wiſſen brauchte, aber doch jede edle Frau gewiß für etwas Großes hält, das unſchätzbare Gut, das in der Licbe eines guten Mannes liegt. Die Liebe in einer Ratur, wie die ſeinige, mußte, einmal empfun⸗ — 170— den, für ein ganzes Leben währen. Und ſie ſollte es nie erfahren! Oh! ich war betrübt, ja ſelbſt für Urſula March betrübt. „Glauben Sie Phineas, daß ich ſo recht handle?“ „Vielleicht, ich weiß es nicht. Sie müſſen dar⸗ über am beſten ſelbſt urtheilen.“ „Es iſt recht,“ ſagte er ſehr beſtimmt.„Für mich iſt keine mögliche Hoffnung hier zu ſehen; da bleibt Nichts übrig als zu ſchweigen.“ Ich konnte darin nicht mit ihm übereinſtimmen. konnte mich nicht davon überzeugen, daß ein junger zwanzigjähriger Mann, dem die Welt offen ſtand, durchaus hoffnungslos in ſeinem Lieben ſein ſollte, und beſonders nun ein junger Mann wie John Ha⸗ lifax. Aber wie die Dinge ſich einmal geſtaltet hat⸗ ten, hielt ich es für das Beſte, ihn ſich ſelbſt zu über⸗ laſſen und ihm weder einen Rath oder auch nur eine Anſicht aufzudrängen. Was die Vorſehung be⸗ ſchloſſen hatte, mußte dennoch geſchehen, und ich fand, daß mein Eingriff eben ſo unnütz als gefähr⸗ lich werden, ja daß er in mancher Beziehung zum Unrecht ausſchlagen könnte. So verſchloß ich meine Gedanken in mir und verharrte in Stillſchweigen. — 171— John brach es zuerſt, mit ſich ſelbſt redend, a habe er meine Gegenwart vergeſſen. „Wenn ich mir denke, daß ſie es war, die dem freundloſen armen Knaben die erſte Freundlichkeit erwies! Nie, niemals werde ich das vergeſſen! Ach, es hat mir wohler gethan als ich es ausdrücken kann. Und dieſe Narbe an ihrem Arme, ihrem lieben, zarten, kleinen Arme! Was hätte ich dieſen Morgen darum gegeben, ihn——“ Er brach hier in dem inſtinktmäßigen Gefühle ab, das jeder edle Mann hat, der die heilige Leiden⸗ ſchaft, die innerſte Zärtlichkeit ſeiner Liebe als ein reines Geheimniß zwiſchen ſich und der Frau ſeiner Wahl bewahrt ſehen will. Ich erkannte das ebenfalls, wußte, daß ſich in ſeinem Herzen ein Geheimniß ausgebildet habe, ein Wunſch, eine Seelen⸗Nothwendigkeit, die ſtärker als irgend eine Freundſchaft und gewaltiger als die innigſte Bruderliebe war. Ohne daß ich es vielleicht wußte, ſeufzte ich tief. John ſah ſich um.„Phineas, Sie dürfen nicht denken, daß ich deßhalb— Sie werden das ſelbſt, wie ich hoffe, ſpäter einſehen— nein, fürchten Sie nicht, daß ich Sie je weniger lieben oder mhige meines Bruders gedenken könnte.“ Er ſprach aus voller, warmer Bruſt, wir reich⸗ ſn uns die Hände ſchweigend, aber innig. So ward mein letzter dauernder Schmerz geheilt, und von da an war ich gänzlich beruhigt. Ich glaube, wir trennten uns dieſe Nacht in einer Weiſe wie nie zuvor. Wir fühlten, daß unſre Freundſchaft ihre Probe— die größte Probe einer jeden Freundſchaft— glücklich ausgehalten und über⸗ ſtanden hatte, und daß, welche Bande ſich auch noch außerhalb derſelben bilden konnten, unſre Herzen bis zum Tode vereinigt waren. Der nächſte Morgen brach ſo grau und in Re⸗ bel gehüllt an, wie ich viele Morgen in Enderly ſah; aber ach, doch ſo himmliſch ſchön! wie ein Netz von Perlen ſchlangen ſich die thaugetränkten Sommer⸗ fäden zu unſern Füßen zuſammen, während über unſern Häuptern die Rebelſtreifen wie die Wagen der Luftgeiſter vor dem Anblicke der Sonne flohen, die ſich nur eben hoch genug über die Hoch⸗ ebene erhob, um den Horizont der gegenüber⸗ liegenden Berge und die Spitzen meiner vier Pap⸗ peln zu berühren, während das Thal und Roſe⸗Cot⸗ tage noch in der Morgendämmerung lagen. John rief mich, um mit ihm nach den Weiden zu gehen, und ſeine Stimme klang ſo hell vor meiner Thür, daß ich mit einem leichten Herzen aufſtand und zu ihm ging. — 6— Er führte mich ſeinen gewohnten Spaziergang nach der„Terraſſe.“ Keine Möglichkeit konnte uns jetzt die zarte Geſtalt entgegen führen, die wir ſonſt am Abhange des Berges leichten Schrittes gehen ſahen. Dieſer Traum war nun vorbei. Keiner ſprach davon; John ſchien friedlicher oder wenigſtens inner⸗ lich beruhigter zu ſein, nur hatte ſich das ſüße Mi⸗ nenſpiel ſeines Geſichts in den finſtern, ernſten Aus⸗ druck des Mannes verwandelt. Der Höhepunkt der Jugend, die Steigerung aller Gefühle, es war durch⸗ lebt, er konnte nun nicht mehr knabenhaft empfinden. Wir erreichten den Theil von John's Terraſſe, von dem man auf den Kirchhof hinabſehen konnte. Unſre Blicke fielen unwillkürlich auf den kleinen Hü⸗ gel friſcher rother Erde, das bis jetzt noch namen⸗ loſe Grab. Es ſtand Jemand dicht daneben, die Einzige, von der man es erwarten konnte. Selbſt hätte ich ſie nicht erkannt, ſo würde John's Anblick mir geſagt haben, wer es ſei. Eine tödtliche Bläſſe überzog ſein Geſicht, ſeine Ruhe hatte ihn ver⸗ laſſen und jeder Nerv zitterte. Es brach mir das Herz, zu erkennen, wie die Wurzeln dieſer Liebe bis in das innerſte Mark ſeiner Seele gedrungen waren und ſich mit jeder Fiber ſeines Daſeins verflochten hatten; einer Liebe, die, wenn auch ſo früh ent⸗ ſprungen und ſo ſchnell gereift, doch der Fluch ſeines — 174— ganzen Daſeins zu werden drohte; indeſſen darf man keine Liebe für eine edle Frau, möge ſie auch noch ſo hoffnungslos ſein, wirklich als einen Fluch betrachten. „Wollen wir nicht fortgehen,“ flüſterte ich, „und einen Spaziergang nach der andern Seite der Ebene hin machen? Sie wollte früh Roſe⸗Cottage verlaſſen.“ „Wann?“ „Noch vor Mittag, wie ich hörte. Kommen Sie, David.“ Er litt es, daß ich meinen Arm in den ſeinigen legte und ihn fortführte. Nach einem oder zwei Schritten drehte er um. „Ich kann nicht, Phineas, ich kann es nicht! Ich muß ſie noch einmal wiederſehen, nur für eine Minute, eine kleine Minute.“ Aber er ſtand, wir ſtanden Beide ſo, daß ſie uns nicht ſehen konnte, bis ſie ſich weiter vom Grabe entfernte. Wir hörten das Zuwerfen der Kirchhof⸗ thür, konnten aber nicht unterſcheiden, wohin ſie ihre Schritte lenkte. John bewegte ſich nun auch; ich fragte, ob wir ietzt unſern Weg fortſetzen wollten; doch ſchien er mich nicht zu hören, ich ließ ihm alſo ſeinen Willen; er führte ihn vielleicht zum Guten, wer konnte es u am Ende wiſſen? Er ſtieg den Berg hinab und kam bald an der Ecke der Cottage an. Miß March ſuchte dort unter den vielen verwelkten Roſen, die ſich an unſerem, jetzt ihrem Wohnſtubenfenſter hinaufrankten, nach einer friſchen Blume. Sie ſah und erkannte uns, aber nicht ohne ſichtliche Erregung. „Die Roſen ſind alle verblüht,“ ſagte ſie betrübt. „Vielleicht kann ich noch höher hinauf eine fin⸗ den, darf ich es verſuchen?“ Ich bewunderte, daß ſein Ton mit ihr ganz derſelbe wie früher war. „Ich danke Ihnen, das iſt gut, ich wollte noch gern eine haben, um ſie mitzunehmen,— ich verlaſſe heute Roſe⸗Cottage, Mr. Halifax.“ „Das habe ich gehört.“ Er ſagte nicht„mit Bedauern gehört;“ ich wußte nicht, ob ſie die Weglaſſung dieſes Wortes berührt habe. Nein,— ſie betrachtete uns Beide ſichtlich nur als Bekannte, die unzertrennlich, ja eng und herzlich mit dieſer eben verlebten Zeit verknüpft waren, und als Solche einen mehr als gewöhnlichen Platz in ihrer Erinnerung einnahmen. Niemand, der natürlichen Verſtand und natürliches Zartgefühl, beſaß, konnte die Bewegung mißverſtehen, die ſie zeigte. — 176— Als wir das Haus betraten, ſchlug ſie uns vor, zu ihr zu kommen, da ſie uns Einiges zu ſagen habe, und dann erinnerte ſie ſich nochmals mit vie⸗ lem Danke unſerer Güte und Freundlichkeit. Wir waren bald Alle wieder, und zwar zum letzten Male, in dem kleinen Wohnzimmer verſammelt. „Ja, ich reiſe ab,“ ſagte ſie betrübt. „Und wir hoffen, daß alle unſre guten Wünſche Sie begleiten dürfen, für immer und überallhin.“ „Danke Ihnen, Mr. Fletcher.“ Es war ſonderbar, welch' ein ernſter Ton ſich unſrer Unterhaltung jetzt immer mittheilte. Wir hätten eben ſo gut drei alte Leute ſein können, die ſeit lange die Leiden der Welt durchkämpften und er⸗ trugen, ſtatt zweier junger Männer und einer jungen Dame in der erſten Blüthe der Jugend. „Seitdem ich Sie geſtern ſprach, haben die Ver⸗ hältniſſe meine Pläne feſter beſtimmt. Ich werde für eine Zeitlang bei meinen Verwandten, den Brith⸗ wood's, bleiben. Es ſcheint mir ſo am Beſten, da⸗ bei iſt Lady Caroline ſehr freundlich und ich ſo vereinſamt.“ Sie ſagte dies nicht als etwas Wſer ſondern einfach die Rothwendigkeit erkennend und ſich Muth einſprechend. Darauf folgte eine kleine abgebrochene Unterhaltung zwiſchen uns Beiden, denn John äußerte kaum ein Wort. Er ſaß am — Fenſter, ſein Geſicht zum Theil mit der Hand be⸗ ſchattend, und ſo verdeckte er den Blick, der ſie un⸗ aufhörlich verfolgte und auf ihr ruhte. Oh! hätte ſie ihm begegnet! Die Augenblicke wurden immer kürzer. Wollte er ihr noch wirklich ſagen, was er beabſichtigte, ſeine Stellung in der Welt darlegen? Hatte ſie vielleicht ſchon Etwas geahnt und errathen, oder waren wir für ſie noch immer einfach Herr Halifax und Herr Fletcher aus Norton Bury? Es ſchien faſt ſo. „Ich hoffe, dies ſoll kein langer Abſchied wer⸗ den,“ ſagte ſie, zu mir gewendet, mit mehr als Höf⸗ lichkeit in ihrem Ausdrucke;„ich glaube wohl einige Wochen in dem Hauſe auf dem Mythos zu bleiben, und wie lange wird Ihr Aufenthalt hier in Enderly noch dauern?“ Ich ſchwieg ungewiß. „Aber Sie wohnen in Norton Bury, und ich hoffe, ich rechne darauf, daß Sie meinem Vetter er⸗ lauben werden, Ihnen in ſeinem eigenen Hauſe ſeinen und meinen Dank für Ihre große Güte und Theil⸗ nahme in dieſer Sorgenzeit auszuſprechen?“ Keiner von uns antwortete. Miß March ſah überraſcht, verletzt, ja unfreundlich aus; als aber ihr John Halifax. M. 12 —— Auge auf John haften blieb, verlor ihr Ausdruck ſeine Härte und wurde ſanft, ja ergeben. „Mr. Halifax, ich kenne meinen Better nicht, dagegen aber Sie. Wollen Sie mir ehrlich— wie ich es von Ihnen überzeugt bin— ſagen, ob Mr. Brithwood's Charakter der Art iſt, daß Sie ihn nicht würdig finden, mit ihm zu verkehren?“ „Er würde mich ſeines Umganges nicht werth halten,“ erwiderte John leiſe, aber beſtimmt. Miß March lächelte ungläubig.„Vielleicht, weil Sie nicht reich ſind? Was thut aber das! Mir genügt es vollkommen, wenn meine Freunde mit mir auf gleicher Stufe der Bildung ſtehen.“ „Mr. Brithwood würde mir den Anſpruch auf dieſe Eigenſchaft nicht zugeſtehen.“ Erſtaunt, mehr als erſtaunt trat die junge Dame einen Schritt zurück. „Ich verſtehe Sie nicht recht.“ „So will ich es Ihnen erklären.“ Ihre Ver⸗ wunderung ſchien in ihm alle Würde der Redlichkeit, allen männlichen Stolz auf's Neue zu beleben, und wieder ganz der Alte, ſah er ihr feſt in's Auge. „Es iſt nicht mehr als recht und billig, Miß March, daß Sie erfahren, wer und was ich bin, und wem Sie die Ehre Ihrer gütigen Freundlichkeit an⸗ gedeihen ließen. Sie hätten es vielleicht früher W — —,— ———, — wiſſen ſollen, doch ſchien das Leben hier in Enderly uns als Freunde auf gleiche Stufe zu ſtellen.“ „Auch ich habe das nicht anders empfunden.“ „Dann werden Sie mir auch um ſo eher ver⸗ zeihen, daß ich Ihnen nicht früher ſagte, wonach Sie niemals fragten, und was ich nur zu gern vergaß: wir ſind nicht Ihresgleichen. Die Geſellſchaft würde uns wenigſtens nicht als ſolche betrachten und ich zweifle ſogar, ob Sie ſelbſt uns gern als Ihre Freunde anerkennen möchten.“ „Weßhalb nicht?“ „Weil Sie ein Edelfräulein und wir Handels⸗ leute ſind.“ Dieſe Nachricht erſchreckte ſie ſichtlich, es konnte auch bei ihrer Erziehung nicht anders ſein. Sie ſaß ſtumm, mit niedergeſchlagenen Augen da. John's Stimme klang immer ſicherer, ja faſt ſtolz.„Mein Beruf iſt, wie Sie ſpäter in Norton Bury hören werden, der eines Lohgerbers, ich bin in der Lehre bei Abel Fletcher, Phineas' Vater.“ „Mr. Fletcher?“ fragte ſie, und blickte halb freundlich, halb ſchmerzlich betrübt zu mir auf. „Oh, Phineas iſt noch etwas weniger unter Ihrem Stande als ich. Er iſt reich und hat eine gute Erziehung gehabt, ich habe mich ſelbſt erziehen müſſen. Ich kam vor ſechs Jahren als Bettelknabe nach Norton Bury. Nein, das nicht gerade, denn 12* — 180— ich habe niemals gebettelt, entweder gearbeitet oder gehungert.“ Der Ernſt, ja die Leidenſchaft, mit der er dies ſagte, zog Miß March's Blick auf ihn doch ſchlug ſie ihn gleich wieder nieder. „Ja, Phineas fand mich in einem Gäßchen, bei⸗ nahe verhungert; wir ſtanden im vollſten Regen dem Hauſe des Oberbürgermeiſters gegenüber. Ein klei⸗ nes Mädchen— Sie kennen es, Miß March— erſchien an der Thür und reichte mir ein Stück Brot heraus.“ Jetzt erſchrak ſie noch mehr.„Sie— Sie waren das?“ „Ich war es.“ 8 John ſtockte einen Augenblick und über ſein ganzes Weſen hatte ſich eine rührende Sanftmuth verbreitet, als er fortfuhr:„Ich habe dies kleine Mädchen nie wieder vergeſſen, und oft, wenn ich im Begriff war, Unrecht zu thun, hat ihr Bild mich bewahrt, die Erinnerung an ihre Güte mich gerettet.“ Dies Antlitz war jetzt in die Sophakiſſen gedrückt und heiße Thränen entquollen den ſchönen Augen. John fuhr fort: „Ich bin froh, ſie nochmals wiedergeſehen zu haben, froh, im Stande geweſen zu ſein, für das unendliche Gute, was ſie mir einſt that, ihr einen nie wieder, wenigſtens ſo nicht. Erlauben Sie mir noch einmal den Arm zu betrachten, der für mich 8 geringen Dienſt zu leiſten, und ich will ihr jetzt mein Lebewohl ein für alle Mal ſagen.“ Eine ſchnelle unwillkürliche Bewegung dieſes verborgenen Geſichtchens ſchien ihn zu fragen:* „Weßhalb?“ „Weil,“ fuhr John fort,„die Welt ſagen würde, wir wären ungleichen Standes, und es könnte weder Miß March noch mir zur Ehre gereichen, wollte ich das zu leugnen verſuchen, und zwar um ſo weniger, als ich einſt zu beweiſen hoffe, daß wir dennoch auf gleichem Boden zuſammen ſtehen.“ Miß March ſah zu ihm auf; es war ſchwer, zu beſtimmen, mit welchem Ausdrucke, ob mit Freude, mit Stolz oder nur voller Erſtaunen; vielleicht eine Vereinigung von Allem zuſammen. Sie reichte uns ſtillſchweigend die Hand, erſt mir, dann John. Lag ein Beweis der Freundlichkeit darin, oder galt es nur als Zeichen des Abſchiedes, ich weiß es nicht. John nahm es als das Letztere und ſtand auf. Seine Hand lag an der Thürklinke, doch konnte er ſich nicht entſchließen zu gehen. „Miß March,“ ſagte er, vielleicht ſehe ich Sie verwundet ward.“ Ihr linker Arm hing über dem Sopha, und deutlich war die Rarbe ſichtbar. John ergriff die Hand und hielt ſie feſt. „Arme kleine Hand! Segensreiche kleine Hand! Möge Gott ferner mit ihr ſein!“ Plötzlich drückte er ſeine Lippen auf die Stelle der Narbe— es war ein langer, inniger Kuß, wie nur ein Liebender zu küſſen vermag.— Sie mußte ihn ſicherlich empfunden und erkannt haben. Einen Augenblick nachher war er verſchwunden. Miß March reiſ'te denſelben Tag ab, und wir blieben in Enderly allein. Im Verlags⸗Comptoir zu Wurzen erſchienen ferner und ſind durch alle Buchhandlungen zu haben: Der Donrel. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhunderte von Don Mariano José de Larra. Aus dem Spaniſchen übertragen von S 2 Julius Gbersberg, K. K. Oberlieutnant, Ritter m. h. Orden, Profeſſor a. d. Artillerie- Akademie zu Olmütz. . Drei Bände. Preis 1 Thlr. 6 Ngr. Die Plinde von Sorrent. Roman v Francesco Mastriani. Aus dem Italieniſchen übertragen von Sulius Ebersberg, K. K. Oberlieutnant, Ritter m. h. Orden, Profeſſor a. d. Artillerie⸗ Akademie zu Olmütz. Drei Bände. Preis 1 Thlr. 6 Rgr. Die Geheimniſſe von Benebridge Hall. J. Satori(Neumann). Drei Bände. Preis 1 Thlr. 6 Ngr. en„ Erzählungen. Luhojatzy. Sieben Baͤnde compl. Preis 2 Thaler 24 Neugr. Inhalt: 1. Die Auferſtandene.— Die Heirath im Sturme.— U. Der Prophet von Zwickau.— Der Flammänder.— M. Der Schuſter von Breslau.— Der Engel von Hoimsberg.— 1v. Die Wieſenherren.— V. Schön⸗Elschen.— Schneider⸗Liebchen.— vl. Vaterſegen.— Der Lutherbrand.— VI. Die ſächſiſchen Refor⸗ mirten.— Michels Liebe. Meue Erzählungen von Fr. Lubojatzky. Sicben Bände. Preis 2 Thlr. 24 Ngr. Inhalt: 1. Das Pfarrhaus von Lauterbach.— Die Letzten eines Königshauſes.— n. Des Königs Hauptquartier.— Veilchenblaue Seide, oder Bruder Barbs.— III. Der Landſtürmer und ſeine Toch⸗ ter.— Die Dresdener Fürſtenhexe.— 1V. Der Patriot und ſein Sohn.— Der Lilienſteiner Schatz— V. Herz und Welt.— Tantchen Kolibri, oder: Treue Liebe ſiegt.— Ein Küßchen am Fenſter.— vI. Die Schweden in Pirna.— Eheleid.— vn. Die Leoniden von Oederan.— Magdalena, das Kind der Fabrik. König Friedrich Auguſt Ill. von Sachſen und ſeine Zeit. Hiſtoriſcher Roman von Fr. Lubojatzky. Drei Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Arme und ſeine Braut. Erzählung aus dem Leben on 2 Fr. Lubojatzky. Preis: 15 Neugroſchen. —.* n n n 18 1 18 3 8 9 10 11