— S S ⁰ ⁰ . 9 Leihbibliothek Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonncment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v „„ 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei. ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſett werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfat des Ganzen verpflichtet. 7 ieer Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . Von der Perfaſſerin des„Familienhaupt“. Deutſche autoriſirte Ausgabe. Dritter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1860.. John Halifar. Dritter Band. John Halifax. II. 1 Erſtes Rapitel. De Winter war gekommen, und alle die Som⸗ mertage in Enderly lagen wie ein Traum hinter uns. Von ihr, die der ſchöne Mittelpunkt dieſes Traumes geweſen war, hörten wir kaum mehr reden. John und ich, wir gingen eines Tages den Weg entlang, der nach dem Mythos führte; wir bewunderten die untergehende Sonne, die ſich kalt und roth gegen die Fenſter des Hauſes wider⸗ ſpiegelte, das ſeit Monaten leer ſtand, da die Familie verreiſ't war. Die Wieſen, von dem Avon über⸗ ſchwemmt, bildeten nun durch den Froſt die ſchönſte Eisbahn von der Welt, und der ganze Weg war mit Zuſchauern aus allen Klaſſen bedeckt. Ganz Norton Bury ſchien anf den Beinen, und die Hälfte davon begrüßte meinen Begleiter, bis ich nicht umhin konnte, ihm meine Freude auszuſprechen. daß ſich ſeine Bekanntſchaften ſo ausgebreitet hätten. Unter den Letzteren befand ſich eine ältliche Dame, die uns bald einholte und ſo nett und zierlich wie eine alte Jungfer, aber ſo heiter und hell aus⸗ ſah wie eine glückliche alte Frau. Ich erkannte gleich, wer es war,— Mrß. Jeſhop, unſeres guten Doctors neue Frau und alte Liebe, die er kürzlich erſt, zur allgemeinen Verwunderung und Neugierde von Norton Bury, heimgeführt hatte. „Sie ſcheint Sie beſonders gern zu mögen?“ frug ih. als ſie nach einer freundſchaftlichen Be⸗ grüßung, die John ſehr höflich erwiderte, ſchnell weiter ging. „Sie waren Beide ſehr freundlich für mich, als ich vor vier Wochen in London war; ich dächte auch, ich hätte mit Ihnen darüber geſprochen.“ Dieſe Londoner Reiſe war allerdings einer. der Gegenſtände, über die er mir überhaupt nie Ctwaa mitgetheilt hatte, denn er war auf eine faſt peinliche Weiſe ſchweigſam geworden, und ich wagte auch nicht ein Schweigen zu brechen, unter deſſen Schutze die tiefe Wunde ſanft ausblutete, die ſo leicht von Neuem wieder gereizt werden konnte. Und unſere 5 Liebe zu einander war zu treu und innig, um durch eine Zurückhaltung der Art gefährdet zu werden. Wir ſtießen nochmals auf die alte Dame, als wir den Schlittſchuhläufern zuſahen. Sie ſprach John dort an und betrachtete mich mit ihren freund⸗ lichen, klugen blauen Augen. „Ich kann mir denken, wer Ihr Freund iſt, wenn Sie ihn mir auch nicht vorſtellten.“ Gohn holte ſchnell das Verſäumte nach.)„Tom und ich“ (wie komiſch war es uns, den alten Junggeſellen, unſern guten Doctor,„Tom“ nennen zu hören),„wir waren beſorgt, was aus Ihnen geworden ſei, Herr Halifar? Ich hoffe, Sie fühlen ſich jetzt kräftiger als in London?“ „War er in London krank, gnädige Frau?“ „Eigentlich nicht, Phineas, aber doch genug, um Doctor und Mrß. Jeſhop's große und freundliche Theilnahme zu erregen.“ „Die Sie uns aber nicht gedankt haben; denn ſeitdem wir hier ſind, ſetzten Sie noch keinen Fuß über unſere Schwelle. Ihr eigenes Gewiſſen muß Ihnen ſagen, daß Sie undankbar in ½ John erröthete ſichtlich. „Wahrhaftig, es mnß Ich glaube es Ihnen und wußte es auch,“ * erwiderte ſie mit unbeſchreiblicher Güte.„Aber nun ſagen Sie mir auch den eigentlichen Grund.“ John zögerte.. „Seien Sie nur der warmen vheltnihme gewiß, die wir Beide für Sie empfinden, und dann ſagen Sie ehrlich und frei die Wahrheit.“ „Ja, das ſoll geſchehen! Sehen Sie, Ihre Güte und Freundlichkeit in London konnte keine Urſache werden, mich in Norton Bury bei Ihnen einzuführen. Es hätte Ihnen und Doctor Jeſhop vielleicht gar nicht angenehm ſein können, hier mit mir Umgang zu haben.“ In den Augen der alten Frau leuchtete noch etwas Höheres als Freundlichkeit, indem ſie ihn be⸗ trachtete. „Mr. Halifax, ich danke Ihnen für dieſe reine Wahrheit! Wahrheit iſt immer das Beſte. Nun aber hören Sie die meinige. Man hatte mir geſagt, Sie wären ein Mann des Handels und Gewerbes; ich ſelbſt fand in Ihnen aber einen vornehmen Mann. Weder ich noch mein Doctor halten beide Eigen⸗ ſchaften i unvetträgl ich und wir werden Beide ü„Sie jeder Zeit und unter allen nbei ung zu ſehen.“ ichte ihm ihre Hand, die John ſtill⸗ ſchweigend und ehrfurchtsvoll ergriff. —— — 7 „Nun, wie wäre es, wenn Sie dieſen Abend kämen? Aber alle Beide!“ Wir nahmen es an, und auf ihre weitere Ein⸗ ladung, ſie zu begleiten, gingen John, die alte Dame und ich zuſammen weiter. Ich konnte nicht anders als Mrß. Jeſhop mit dem größten Vergnügen betrachten. In MRorton Bury erzählte man ſich, daß ſie ihr ganzes Leben über eine arme Gouvernante geweſen wäre; indeſſen hatte dieſe harte Aufgabe keinen Schatten auf den heitern Abend ihres jetzigen Daſeins geworfen. Trotz ihrer Runzeln und der etwas ſtarken, ja harten Züge machte ihr Antlitz einen offenen, hellen und glück⸗ lichen Eindruck, und dabei war es allerliebſt, ſie ſprechen zu hören, wenn ſie auch den Accent ihrer Provinz Wales nicht verleugnen konnte. Zuweilen erinnerten mich einige Töne leiſe an— Gewiß, es war leicht zu errathen, weßhalb John die alte Dame ſo ſichtlich gern mochte. „Ich kenne dieſen Weg ganz gut, Mr. Halifax, denn ich brachte hier ſchon einen Sommer mit einem kleinen Mädchen zu, die nun erwachſen iſt. Ich bin eben im Begriff, mich nach ihr bei den Brithwood's zu erkundigen, die geſtern erwartet wurden.“ Ich fürchtete mich, John anzuſehen, denn ſelbſt ich fühlte mich durch dieſe Nachricht erſchüttert. Ich ſegnete in dem Augenblicke Mrß Jeſhop's unbefangenes Geplauder. „Ich hoffe, Sie bleiben jetzt einige Zeit hier, denn ich habe ein beſonderes Intereſſe dabei. Nicht gerade in Bezug auf Lady Caroline, wenn ſie mich auch immer freundlich beſchützte, aber deſſenunge⸗ achtet zweifle ich, ob ſie es je vergeſſen würde,— woran, wie Tom behauptet, ich mich nicht gern erinnern ließe, weil ich zu ſtolz ſei— daß ich nichts Anderes war als die arme Erzieherin Jane Car⸗ digan.“ „Jane Cardigan?“ rief ich aus. „Was, Mr. Fletcher, kennen Sie meinen Namen? Und jetzt fällt es mir ein, ich glaube, ich habe den Ihrigen auch ſchon gehört. Richt grade durch Tom! — Es iſt nicht möglich— ei doch, es war wirklich ſo.— Wie ſonderbar! Haben Sie je von einer Miß Urſula March ſprechen hören?“ John's Antlitz ward wie mit Purpur über⸗ goſſen. Mrß. Jeſhop bemerkte es und konnte auch nicht anders. Erſt ſah ſie erſtaunt, aber dann ſehr ernſt aus. Ich antwortete, daß wir die Ehre gehabt hätten, Miß March dieſen letzten Sommer in Enderly zu ſehen. „Ja!“ fuhr die alte Dame etwas förmlich fort, „ietzt erinnere ich mich, Miß March erzählte es mir v — ——— 9 mit allen Einzelheiten. Sie ſprach von zwei Herren, die ſich bei ihres Vaters Tode ſehr theilnehmend und freundlich benommen hätten, ein Mr. Fletcher und ſein Freund— waren Sie das, Mr. Halifax?“ „Ganz richtig!“ erwiderte ich, denn John ſtand ſprachlos dabei. Ach, ich ſah es nur zu wohl, daß alle meine Hoffnungen für ihn, mein langes Schwei⸗ gen, das ich abſichtlich über dieſen Gegenſtand ſo lange beobachtete, ganz vergeblich geweſen waren. Nein, er hatte ſie nicht vergeſſen! Es lag nicht in ſeiner Natur, vergeſſen zu können. Mrß. Jeſhop fuhr fort, ſich an mich zu wenden. „Ich muß Ihnen Beiden noch meinen wärmſten Dank in Beziehung auf mein geliebtes Kind aus⸗ ſprechen. Sie war in einer ſehr ſchwierigen Lage, und hat es mir erſt viel ſpäter geſtanden, das arme Geſchöpf. Ich bin wirklich ſehr dankbar, daß ihre Sorgen ſo viel geringer wurden, indem ſich Fremde (kam es mir nur ſo vor oder betonte ſie dies Wort beſonders), gänzlich Fremde ihrer ſo freundlich und vorſorglich annahmen.“ „Niemand hätte wohl anders handeln können. Wie geht es Miß March? Iſt ſie wohl und hat ſie ſich von ihrein Kummer erholt?“ „Ich hoffe es. Glücklicher Weiſe giebt es wenig Gefühle und Sorgen, die bei achtzehn Jahren lange — 10— haften. Sie iſt ein edelmüthiges Kind. Sie hat ihre Pflicht erfüllt, und es war Dem gegenüber, den Gott ihr genommen hat, wahrlich nicht leicht; jetzt beginnt ſie ihr Leben von Reuem, und zwar ſicher im Wohlſtande. Möchte ſie nur auch glücklich dabei ſein!— Doch ich muß Ihnen nun Lebewohl ſagen.“ Sie ſtand an dem Thore vor des Squire Hauſe ſtill. Es war ein großes eiſernes Gitter,— eine Schranke, eben ſo ſtolz und undurchdringlich als es in jenen Zeiten die war, welche die Reichen von den Armen und den Adel von dem Volke trennte. John's Blick ſtreifte flüchtig darüber hin, dann eilte er fort. „Halt, Mr. Halifax! Sie kommen doch? Sie müſſen es verſprechen.“ „Wenn Sie es wünſchen.“ „Und verſprechen Sie mir noch dazu, daß Sie mir unter allen Umſtänden die„„reine Wahrheit““ ſagen wollen, gerade wie heute Morgen? Gut, ich ſehe, Sie ſind es Willens. Leben Sie wohl.“ Die eiſernen Gitterthore ſchloſſen ſich hinter ihr und vor uns. Wir verfolgten unſern Weg ſchwei⸗ gend weiter, den Mythos hinauf, nach unſerm Lieb⸗ lingsplatze. Dort ſtand er mehrere Minuten noch immer ſchweigend. Endlich begann er: — „Der Wind iſt kühl, Phineas, Sie müſſen frieren!“ Nun konnte auch ich ſprechen, durfte ihn bitten, mit mir über ſeinen Kummer zu reden. „Seit langer Zeit haben Sie mir Nichts mehr mitgetheilt, und doch würde es Ihnen ſicher gut thun.“ „Mir kann Nichts helſen, Nichts als ein ſtilles Ertragen! Mein Gott! Was habe ich nicht ge⸗ tragen! Fünf volle Monate vor Durſt ſterbend, und nicht einen Tropfen Waſſer, um meine heiße Zunge zu kühlen.“ Er entblößte ſein Haupt und ſetzte Hals S Kopf dem ſcharfen Winde aus. Seine Bruſt hob ſich, ſeine Augen ſchienen Flammen zu ſprühen. „Gott, vergieb mir! aber zuweilen kommt mir der Gedanke, ich könne mich dem Böſen ergeben, nur um einen Blick ihres Auges, oder einen Druck ihrer lieben kleinen Hand zu gewinnen.“ Ich antwortete Nichts. Was hätte ich auch auf Worte wie dirſe erwidern ſollen? Alles, was ich thun konnte, war, den ſtarken Ausbruch der Erregung abzuwarten. Dann ließ ich fallen, daß es wohl nicht unwahrſcheinlich ſei, er begegne ihr bald ein Mal. „Ja, in weiter Entfernung, wie jener Wolke dort oben. Aber ich bedarf ihrer hier nah' bei mir — nah', in meinem Hauſe, in meinem Herzen.— Phineas,“— er rang nach Athem—„ſprechen Sie mit mir— von etwas Anderem, ganz Anderem. Laſſen Sie mich nicht zum Nachdenken kommen, oder ich— ich könnte verrückt werden.“ Und er ſah wirklich ſo aus. Ich war ganz überwältigt. Ich hatte ihn immer und bei jeder Gelegenheit ſo geſammelt gefunden, ſo ſtreng und feſt in der Erfüllung ſeiner täglichen Pflichten, und bei alledem innerlich dieſe Qual, dieſer Streit, die Verzweiflung, die eines jungen Mannes unglückliche Liebe hervorruft. Es mußte zum Ausbruche kommen — beſſer, daß es dazu kam. „Und Sie haben trotzdem die ganze Zeit ſo fortgearbeitet?“ „Ich mußte wohl. Nur Arbeit und Beſchäf⸗ tigung erhält mich bei Sinnen. Ueberdem“— er lachte bitter—„bin ich ja am ſicherſten in der Lohgerberei. Dort konnte mir der Gedanke an ſie nicht kommen, und ich war froh darüber. Dann ſuchte ich wieder allein zu ſein, aber bei alledem, was bin ich— ein Lehr⸗Junge, nichts mehr als ein bäuriſcher Geſell“ „Rein, das iſt unrecht.“ „Iſt es das? Nun, es übermannte mich ſo. Ich hoffte, ich könnte wieder ein Edelmann werden, Sie wiſſen, als rechtmäßige Forderung— ein Traum, ein Stückchen jenes alten Traumes von früher. So gelangte ich nach London.“ „Und begegneten dort den Jeſhop's?“ „Ja, aber ich wußte nicht, daß ſie Jane Car⸗ digan war. Aber ſie gefiel mir, das Leben mit ihnen war mir angenehm. Ich athmete eine höhere, freiere Luft, ſo erſchien es mir, dieſelbe Luft— o Phineas, es war gräßlich, wieder zu meinem Tagewerke hier zurückzukehren, zu der verwünſchten Lohgerberei.“ Ich ſchwieg. „Sehen Sie wohl“— und das herbe Lächeln ſchnitt mir in die Seele—,„ſehen Sie, wie entſetz⸗ lich ſchwach ich geworden bin. Sie werden am Ende die Bekanntſchaft mit mir abbrechen.“ „Theilen Sie mir noch das Uebrige mit, ich meine das Ende Ihres Londoner Aufenthaltes,“ ſagte ich nach einer Pauſe.„Hörten Sie Etwas von ihr?“ „Natürlich nicht, obgleich mir ihre Anweſenheit bekannt war; ich hatte es aus den Hofliſten erfahren. Denken Sie nur, eine Dame, deren Name in den Hofliſten ſteht, und nach der ſich ein— Lohgerber⸗ Junge erkundigt! Aber ſehen mußte ich ſie, das ſteht ja jedem Bettler frei, wie Sie wohl wiſſen. So ſuchte ich denn nach ihr in Straßen und Gärten, im Park, des Abends an den Thüren der Theater und des Sonntags an den Kirchthüren, und doch fand ich ſie nirgends. Denken Sie nur, während fünf ganzer Monate nicht ein einziges Mal!“ „Aber, John, wie konnten Sie dann ſagen, daß Sie glücklich geweſen wären?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, weßhalb! Vielleicht war es mein Stolz, vielleicht weil— Ach ſehen Sie doch nicht ſo unglücklich aus! Warum ver⸗ leiten Sie mich auch, Alles auszuſprechen! Sie ſind viel zu gut für mich!“ Natürlich beachtete ich ſo hingeworfene Worte nicht. Ich ließ ihn ruhig ſtehen und ſah, wie er ſich gegen einen Mauer⸗Pfeiler lehnte und ab und zu mit ſeiner kräftigen Hand daran rüttelte, als wolle er ihn niederreißen. Endlich frug ich ruhig: „Was denken Sie denn nun zu thun?“ „Was ich thun will? Nichts! Was könnte ich wohl beginnen? Freilich drängt ſich meiner Seele oft der Gedanke auf, nach Indien auszuwan⸗ dern wie der junge Warren Haſtings, von dem wir redeten, und dann nach zwanzig Jahren reich wie ein Nabob wiederzukehren und ſie zu heirathen.“ „Sie heirathen?“ wiederholte ich trübe. „Oh, ich könnte es, und das macht mich eben beinah toll Wenn ſie und ich uns jetzt begegneten, und als Frau und Mann auf gleicher Stufe ſtänden, ſo würde ich es dahin bringen, daß ſie mich liebte; ich fühle, daß ich das über ſie vermöchte. Anſtatt wie jetzt blöde hinter ihr her zu ſchleichen, würde ich offen und kühn durch dies Gitterthor eintreten,— glauben Sie, daß ſie wirklich hier iſt?“ Er zitterte, und zwar nur bei dem Gedanken, ihr ſo nahe zu ſein. „Ach es iſt hart, ſehr hart! Aber ich möchte mich ſelbſt verachten! Warum baue ich nicht auf meine Würde als Mann, meine ehrliche mir angeborene Mannes⸗Würde, gehe geraden Weges zu ihr und be⸗ kenne ihr meine Liebe; ſage ihr, daß Gott ſie für mich und mich für ſie geſchaffen hat, als treuer Mann und treues Weib? Phineas! meine Ueber⸗ zeugung iſt“,— und heftig wie ſein ganzes Weſen war, ſo ſprach er auch die folgenden Worte mit einer ſo großen Kraft, daß ſie wie eine Prophezeihung klangen—„daß, wenn Miß March je heirathet, ſie meine Frau wird— meine Frau!“ Ich konnte nur flüſtern:„Gott gebe es!“ „Aber wir werden niemals heirathen, weder der Eine noch die Audere! Wir werden einſam und allein unſern Weg wandeln bis in eine beſſere Welt. Vielleicht tritt ſie mir dort näher und ich darf ſie jenſeits an mein Herz ſchließen.,, John blickte gen Himmel. Eine große glühende Winterwolke thürmte ſich gegen Weſten auf, und dicht darunter, nein, beinahe darauf liegend, glänzte der Neumond, eine kleine, milde Mondſichel; ein Anblick, der wohl fähig war, den wüthendſten Sturm menſchlicher Leidenſchaft zu beſchwichtigen; auch in ihm ward es ſtill. Mehrere Minuten blickte er nach Oben und ſchloß dann ſeine feuchtgewordenen Augen. „Wir wollen nicht wieder darüber reden, Phi⸗ neas. Ich werde Dich nicht mehr betrüben und in Zukunft ein beſſerer Bruder für Dich werden. Komm' fort!“ Er legte meinen Arm in den ſeinigen und wir ſchlugen unſern Rückweg ein. An der Lohgerberei vorübergehend, ſchlug John vor, meinen Vater abzuholen; meinen armen Vater, der mit jedem Tage bitterer und älter ward und ſich täglich mehr und mehr auf John verließ, der nie aufhörte, ihn zu achten und Jeden zur Ehrfurcht gegen ihn anzuhalten als ihren. Herrn und Meiſter. Wenn auch öffentlich nichts Anderes als ein Lehrling, ſo hatte er dennoch jetzt das Geſchäft allein in Händen. Es war eine Freude, zu ſehen, wie das Geſicht meines Vaters ſich bei unſerer Ankunft erhellte, wie gern er ſich bei dem Heimwege auf John's kräftigen Arm ——— ſtützte, der nun der Halt für Zweie war, für ihn und für mich. So gingen wir durch die Straßen von Norton Bury, wo uns Jedermann kannte, und, wie es mir heute ſchien, ein Jeder freundlich grüßte, wenigſtens Einen von uns; ernſt und ſtreng ging mein Vater neben uns her und runzelte die Stirn jedes Mal, wenn John Halifax einen Gruß empfing. „Du haſt Dir zu viel Freunde geſchafft, John! ich warne Dich.“ „Keine Freunde, nur gute Bekannte!“ lautete die freundliche Antwort. Ach! er war es nur zu ſehr gewohnt, täglich und ſtündlich Abel Fletcher's ärger⸗ liche Stimmung zu ertragen. Aber ſie ſteigerte ſich über alle Maßen, als Doctor Jeſhop's zierlicher kleiner Wagen mit ſeiner netten kleinen Frau am Rande des Fußweges hielt und John anredete. „Ich muß Sie und Mr. Fletcher bitten, ſtatt heute, uns morgen Abend beſuchen zu wollen. Lady Caroline Brithwvod wünſcht Sie kennen zu lernen.“ „Mich?“ „Ja, Sie,“ lächelte die alte Dame;„Sie, John Halifax, den Helden des Volkes, der den Brotaufruhr unterdrückte und Mr. Pitt in London darüber Auf⸗ ſchlüſſe gab. Aber weßhalb erzählten Sie mir nur nicht die wundervolle Geſchichte? Die gnädige Frau iſt ganz voll davon, und verſichert, mir ſo lange John Halifax. II. 2 ——— zuſetzen zu wollen, bis ich ihr zu Ihrer Bekannt⸗ ſchaft verhelfe, und ich kenne ihre Art. Sie müſſen wirklich ſchon um meinetwillen kommen.“ Und weiter keine Antwort erwartend, fuhr Mrß. Jeſhop fort. „John! was iſt das?“ frug mein Vater wur „Wo willſt Du hingehen?“ Ich ſah wohl, daß dies der erſte uurnſchuß war, der die Schlacht eröffnete, die jedes Mal aus⸗ brach, wenn John einen hübſchern Anzug trug als den beliebten grauen, oder in den Verdacht gerieth, andere geſellige Beziehungen wie die unſrigen anzu⸗ knüpfen. Er ertrug die Angriffe meines Vaters immer mit großer Geduld, und heute beſonders. Er antwortete nicht, ſondern fuhr nur ein oder zwei Mal mit der Hand über Stirn und Augen, ſo, als ob er Etwas nicht deutlich erkennen könnte. Abel Fletcher wiederholte ſeine Frage. „Ja, es war Mrß. Jeſhop, Sir!“ „Ich weiß es wohl,“ brummte mein Vater. „Der Doctor iſt in ſeinem Alter noch ein Thor. Wo wünſchte ſie Dich zu ſehen?“ „Sie? Ach, Sie meinen Lady Caroline?“ Abel Fletcher ſtand ſtill, ſtieß ſeinen Stock feſt in die Erde, zog ſeinen Arm aus dem John's und muſterte ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. —— „Dich? eine vornehme Frau wie ſie, will Dich ſehen? Junger Menſch, Du lügſt.“ „Ich wußte es! ich ſah es vorher, wie das feine Weſen endigen würde! Nach London gehen, in die Fußſtapfen vornehmer Leute treten und dabei Dein redliches Geſchäft vernachläſſigen, um ſelbſt wie ein Edelmann zu erſcheinen!“ Ich hoffe, daß ich das bin.“ Worte würden meines Vaters Entſetzen und Er⸗ ſtaunen nicht auszudrücken vermögen.„O, Knabe!“ rrief er,„armer verleiteter Knabe. Der Herr möge ſich Deiner erbarmen!“ John lächelte, ſeine Seele war ſichtlich mit andern Dingen beſchäftigt, doch ſtieg vielleicht da⸗ durch Abel Fletcher's Aerger noch mehr. „Und Du verlangſt wohl nichts Beſſeres als Dich dem Schweife der andern Edelleute anzuhängen, ſo wie Richard Brithwood, in der That ein Fuchs⸗ jäger, Trinker, Spieler, ein Narr.“ Ich ärgerte mich, ich hielt den jungen Squire, den Vetter von Miß March, nicht für ſo ſchlecht. „Oder,“ fuhr mein Vater fort, ſich immer mehr und mehr erhitzend,„oder einer Dame nachzu⸗ laufen wie ſeine Frau iſt, dieſe Jeſabel, die Tochter eines Ahab, welche zwiſchen den heidniſchen Gräueln von Frankreich und den Ausſchweifungen Neapel's aufgewachſen iſt, wo ſie bei dem niedrigen, gemeinen Weibe wohnte, die ſich Lady Hamilton nennt, wenn man es auch hier geheim halten möchte.“ John fuhr zuſammen, denn ſelbſt bis in unſere ruhige Stadt hatten die Zeitungen den Winter über die Geſchichten von Relſon und Lady Hamilton erzählt.„ „Nehmen Sie ſich in Acht!“ rief er ſehr erregt. „Jeder Flecken auf dem Rufe einer Frau ſchadet nicht allein ihr, ſondern Allen, die mit ihr bekannt ſind. Um Gottes willen, Sir! mag es wahr ſein oder nicht, laſſen Sie es nicht in Norton Bury laut werden, daß Lady Caroline Brithwood eine Bekannte oder Verwandte von Lady Hamilton iſt!“ „Ach! was gehen uns dieſe Weiber an,“ rief mein Vater, die Stufen, die zu ſeinem Hauſe führten, hinaufſteigend, wohin John ihm folgte. „Nein, mein vornehmer junger Mann, mein armes Haus wird ſchwerlich gut genug für ſo Einen ſein, wie Du biſt.“ John wandte ſich tief verletzt um, doch über⸗ wand er ſich. „Sie ſind ungerecht gegen mich, Abel Fletcher! und werden das bald ſelbſt einſehen. Kann ich ein⸗ treten?“ Mein Vater antwortete nicht und ich führte John wie gewöhnlich in das Haus. Wir hatten übrigens Beide an mehr zu denken als an Abel Fletcher's augenblickliches Mißvergnügen. Dieſer ſonderbare Zufall, was konnte er nach ſich zichen? zu was führen? Aber nein, beurtheilte ich Mrß. Jeſhop richtig, ſo würde ſich das weder daraus ent⸗ wickeln, noch dazu führen, was John's Phantaſie ſich plötzlich dachte und toller Weiſe ausmalte. Die Phantaſie eines Liebenden, die Hoffnungen eines Liebenden! Selbſt ich erkannte, daß es nur Frrlichter waren. Aber des Doctors gute Frau, die kluge Erzie⸗ herin von Miß March, konnte keinen jungen Mann mit ſolchen Trugbildern täuſchen wollen. So war ich denn vollkommen überzeugt, daß, wenn wir den Brithwood's auch bei ihr begegneten, wir doch ſonſt Niemand von der Familie ſehen würden. Ich glaubte es ſelbſt noch, als wir bei dem Thee zwei zierliche Einladungskarten erhielten; es waren die erſten Einladungen zu weltlichen Vergnügungen, wodurch unſer Quäkerhaus in Verſuchung geſetzt ward, und die Jael wie feurige Kohlen von ſich ſchleuderte. Die Karten forderten uns zu einem kleinen Abendbrote bei Doctor Jeſhop mit Lord und Lady Caroline Brithwood auf. „Geben Sie ſie Ihrem Vater, Phineas!“ ſagte John, vergeblich den erhöhten Glanz ſeiner Augen und das Lächeln zu verbergen ſuchend, das dann und wann wie ein Blitz ſein Antlitz erhellte.„Es iſt zu morgen, Sie ſehen, zu morgen.“ Armer Jüngling! in der Hoffnung auf dies „Morgen“ vergaß er alle irdiſche Beziehungen. Meines Vaters ſcharfe Stimme weckte ihn. „Phineas, Du wirſt zu Hauſe bleiben. Sage der Frau, es ſei mein Wille.“ „Und John, Vater?“ „John mag in ſein Unglück laufen, wenn er es will. Er iſt ſein eigner Herr.“ „Das bin ich immer geweſen,“ lautete ſeine Antwort, weniger ſtolz als betrübt.„Ich hätte vielleicht vor Jahren ohne des Himmels Barmher⸗ zigkeit und Ihr Mitleiden in mein Verderben laufen können! Laſſen Sie uns jetzt nicht in Streit ge⸗ rathen.“ „Das iſt Alles Deine Schuld. Warum kannſt Du nicht in Deiner eignen Geſellſchaft bleiben? Achte Dich ſelbſt genug und ſei ein einfacher Gewerb⸗ treibender, wie ich Einer bin.“ „Und was ich immer zu bleiben gedenke. Aber das iſt doch nur mein Stand und nicht ich ſelbſt. Ich, John Halifar, bleibe gerade derſelbe in der Loh⸗ gerberei wie in dem Geſellſchaftszimmer des Doctor Jeſhop. Die eine Stellung kann mich eben ſo wenig erniedrigen, wie mich die andere erheben kann. Ich könnte mich ſelbſt nicht„achten“, dächte ich anders darüber.“ „Was?“ und mein Vater ließ im pöchſten Er⸗ ſtaunen ſeine Pfeife ſinken.„So hältſt Du Dich alſo wirklich ſelbſt für einen Edelmann?“ „Wie ich Ihnen ſchon vorher ſagte, Sir; ich hoffe, es zu ſein.“ „Im Stande, Dich mit den vornehmſten Leuten im Lande zu verbinden?“ „Wenn ſie es wünſchen und ich es will, ſicherlich.“ Nun liebte Abel Fletcher, wie alle ehrliche Männer, Redlichkeit über Alles, und John's kühner, offener Sinn, ſein helles Auge ſchienen ihn heute mehr zu rühren als ſonſt. „Knabe, Knabe, Du biſt jung! Aber es bleibt nicht immer ſo, es kann nicht ſo bleiben.“ Er klopfte die Aſche aus ſeiner Pfeife, die ſich noch wenige Minuten vorher in ſtarken kräuſelnden Wolken bis zum Täfelwerk erhob. Sinnend ſaß der Alte jetzt da. „Was nun diinladung betrifft,“ fuhr John ihn betrachtend fort,„ſo könnte ich ſie annehmen, und zwar ohne Ihr Wiſſen und ohne Ihre Erlaubniß, aber ich theile Ihnen Alles lieber offen mit, wie es immer geſchehen iſt. Sie ſind der freundlichſte Lehr⸗ herr und der treueſte Freund für mich geweſen; ich hoffe alſo, mich Ihnen, ſo lange ich lebe, weder zu widerſetzen, noch Sie zu hintergehen.“ Sein ernſtes und doch ſo achtungsvolles Weſen, ſein ſanfter Blick, in dem ſich eben ſo viel Kummer als Sorge ausſprach, hätte wohl ein herberes Gemüth als das Abel Fletcher's erweicht. „John, weßhalb miſcheſt Du Dich nur unter dieſe vornehmen Leute?“ „Nicht weil ſie vornehm ſind; ich habe andere Urſachen, ernſte Urſachen.“ „Sei ehrlich und erzähle mir Deine ernſten Gründe.“ John war verlegen. „Junger Mann, weßhalb errötheſt Du? Doch nur, weil Du beſchämt biſt?“ „Beſchämt? Rein!“ „Iſt es ein Geheimniß, das, wenn es laut wird, Dir oder einem Andern Schande bringt?“ „Schande?“ und aus den hellen Augen leuchtete ein Blitz der Verachtung. „Dann ſage die Wahrheit.“ „Das ſoll geſchehen. Ich will mich ſelbſt über⸗ —— zeugen, ob Lady Caroline Brithwood eine paſſende Frau iſt, um ein junges, unſchuldiges und gutes Weſen unter ihren Schutz zu nehmen.“ „Kennſt Du Jemand der Art?“ „Jo „Mann oder Frau?“ „Frau.“ Mein Vater drehte ſich um und ſah John feſt in das Auge. So ſtreng der Blick auch war, ſo konnte ich doch ein großes Mitleid darin erkennen. „Ich dachte das wohl! Du haſt den Fluch gefunden, der auf eines Mannes Daſein laſtet, eine Frau.“ Zu meiner größten Verwunderung erwiderte John nicht eine Sylbe, ſondern ſchien ſich ſelbſt und ſein Geheimniß zu vergeſſen, ja! ſo tief war er in den Anblick des alten Mannes verſunken, daß er, weßhalb, weiß ich nicht, ſelbſt freiwillig ſein Geheim⸗ niß verrieth. Gewiß war es, daß ich nie in meinem Leben eine ſo heftige Erregung in den Zügen meines Vaters bemerkt hatte. Es war, als ob Jemand eine langverborgene, aber niemals geheilte Wunde berührt, und ſo alle alte Schmerzen auf's Neue belebt hätte. Erſt mehrere Jahre nachher verſtand ich die ganze wie ſchon geſagt, erſt viel ſpäter erfuhr. Bedeutung von John's Verſunkenheit und den Grund ſeiner großen Geduld meinem Vater gegenüber. Die peinlichen Gefühle endigten indeſſen bald in heftigem Zorne. „Heraus damit, wer hat Dich betrogen? Iſt von einer Heirath die Rede, oder nur—“ „Halt!“ rief John mit glühenden Wangen. „Die Dame—“ „Sie iſt eine Dame! Ah, nun weiß ich, warum Du ein feiner, vornehmer Herr ſein wollteſt.“ „Ach, Vater, wie können Sie nur—?“ „Alſo Du weißt auch darum, ich ſehe es Dir an. Willſt Du Dich ein zweites Mal von ihm ver⸗ führen laſſen? Aber das ſoll nicht geſchehen; ich ſetze Dich hinter Schloß und Riegel, ehe Du Dich ſelbſt zu Grunde richteſt und Deinen alten Vater in das Unglück bringſt!“ Dieſe Worte waren ſchwer zu ertragen; aber ich glaube, es war John's eigene Vorſchrift, daß man ſelbſt das Härteſte von einem würdigen und ehrenwerthen Verwandten erdulden müſſe, und er ſelbſt ergriff auch in dieſem Augenblicke meine Hand und flüſterte:„Geduld.“ Er, der Alles über die frühere Geſchichte meines Vaters kannte, was ich, „Sir, Sie ſind im Irrthum; Phineas hat gar Nichts mit dieſer ganzen Sache zu thun. Er iſt vollkommen unſchuldig, und ich verdiene auch nicht Ihren Tadel, wenn Sie mich nur hören wollten.“ „Erzähle Alles! die Ehre iſt kühn und uner⸗ ſchrocken, die Scham aber ſchweigt.“ „Ich empfinde keine Scham! eine ehrliche Liebe iſt kein Unrecht für einen Mann. Und mein Be⸗ kenntniß derſelben ſchadet Niemand. Sie kennt die meinige nicht, noch erwidert ſie dieſelbe.“ Nachdem er dies trübe und ernſten Tones geſagt hatte, trat John einen Schritt zurück und ſetzte ſich. Sein Geſicht war vom tieſſten Schatten verdeckt, aber das Feuer beleuchtete ſeine Hände, feſt in einander gefügt und bewegungslos wie aus Stein. Mein Vater war ſichtlich tief erſchüttert. Der Himmel allein weiß es, welche Geiſter vergangener Tage an das Herz des alten Mannes geklopft haben mochten. Alle Drei ſaßen wir eine ganze Weile ſtill, dann frug mein Vater: „Wer iſt ſie?“ „Ich möchte es Ihnen lieber nicht ſagen. Nur ſo viel, ſie ſteht in weltlichen Verhältniſſen über mir.“ „Ach!“ klang der ſchmerzliche Ausruf meines Vaters.„Aber Du wrirſt Dich doch nicht ſelbſt demüthigen und Deinen Frieden Arreh Du ſie heiratheſt?“ „Ich hätte es gethan, glaubte ich mich geliebt! Selbſt jetzt, wenn ich durch irgend ehrenwerthe Mittel bis zu ihrer Höhe hinaufſteigen kann, ſo daß ich ihre Liebe zu gewinnen vermag, werde und will ich ſie heirathen.“ Dies beſtimmte„werde und will ich“ ſchien die Erfüllung in ſich zu tragen. Der unbeſiegbar feſte Wille erfüllte meinen Vater mit Bewunderung, noch mehr, mit Ehrfurcht. „Thue, was Du für das Beſte hältſt, und Gott helfe Dir,“ ſagte er freundlich.„Möge Dein Wunſch Dir nimmer ein Fluch werden! Fürchte Nichts, mein Junge!— Ich werde Dein Geheimniß be⸗ wahren.“ „Ich bin davon überzeugt.“ Der Gegenſtand ward nicht weiter berührt; meines Vaters Haltung zeigte, daß er das Geſpräch beendigt zu ſehen wünſchte. Er zündete ſeine Pfeife wieder an und rauchte ſtumm und traurig weiter. Jahre nachher, als Alles, was von Abel Fletcher übrig blieb, unter jenem grünen Hügel ruhte, dicht neben einem andern Hügel auf dem Be⸗ gräbnißplatze der Brüdergemeinde in der St. Marie⸗ ſtraße, erfuhr ich, was außer mir ganz Norton Bury ſeit langer Zeit wußte, daß meine arme Mutter, dies junge unerfahrene Kind, deren Ehe man als eben ſo unglücklich wie kurz bezeichnete, von Geburt ein Edelfräulein war. Bweites Rapitel. — Mrß. Jeſhop's Empfangzimmer, durch das Ka⸗ minfeuer röthlich angeſtrahlt, erglänzte in der ſchönen Beleuchtung vieler Wachslichter. Die Geſellſchaft be⸗ ſtand aus einigen Damen in hellfarbigen luftigen Kleidern und einigen Männern in den neueſten blauen Röcken mit gelben Knöpfen, gelben Weſten und einem ſtehenden Lächeln: dies war mir der einzige erinner⸗ liche Eindruck einer mir eben ſo neuen als überra⸗ ſchenden Umgebung. Die Frau des Doctors hatte uns ſehr förmlich allen ihren Gäſten vorgeſtellt, wie es damals Sitte war, und beſonders bei ſo kleinen vertraulichen Abend⸗ geſellſchaften. Die Art, wie man uns aufnahm, iſt mir wirklich entfallen, aber ohne Zweifel mit einer vornehmen Ueberraſchung, doch nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Höflichkeit, die damals ſehr allgemein üblich —— war. Beſonders aber erinnerlich iſt es mir, daß Mrß. Jeſhop, wenn auch mit einem unverkennbaren Lächeln um ihren guten kleinen Mund, mehrere Male laut und deutlich wiederholte: „Es iſt wirklich ſehr freundlich von Ihnen, Mr. Halifar, daß Sie gekommen ſind; Lady Caroline Brithwood wünſchte ſchon ſo lange Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen, ſie wird alſo doppelt entzückt ſein, Sie zu ſehen.“ Gleich darauf begann ein Jeder ſich beſonders höflich mit Mr. Halifax zu unterhalten. John aber wußte ſich ſchnell zwiſchen dieſen Menſchen eine richtige Stellung zu verſchaffen, und zwar beſonders durch eine beſcheidene Selbſtbeherr⸗ ſchung, die der Jugend immer ſo wohl anſteht. Die gefahrdrohenden Wellen der größeren Geſellſchaft eb⸗ neten ſich auf dieſe Weiſe für ihn wie vor einem küh⸗ nen Schwimmer, der ſeine Kräfte kennt, ihnen ver⸗ traut und den Kampf nicht ſcheut. „Mr. Brithwood und Lady Caroline werden wohl erſt ſpät kommen,“ hörte ich unſere Wirthin ſagen,„ich erwähnte wohl ſchon, daß Miß March—“ Doch bei dieſen Worten öffnete ſich die Thür und die erwarteten Gäſte wurden angemeldet. John und ich hatten uns in eine Fenſtervertiefung zurück⸗ gezogen und ich konnte deutlich ſeine ſchweren Athem⸗ lich angeſehen ward, durch dieſen Beſuch erwies. züge hinter mir vernehmen, doch wagte ich mich weder nach ihm umzuſehen, noch mit ihm zu ſprechen; ich ſelbſt war nicht ruhiger als er. Denn wenn ich es auch offen und klar wiederholen muß, daß ich nie in eine Frau verliebt war, ſo hatte ſich doch der Glanz jener Enderlytage auch in mir zurückgeſpiegelt. Ja, es kommt mir jetzt oft vor, als ſei auch ich durch das goldne Thor geſchritten und habe ſo weit in das Paradies der Jugend mit hineingeblickt, um für immer die Fähigkeit gewonnen zu haben, mit Denen zu weinen, die vor der Thür ſtehen geblieben find. Nein, ſie war nicht gekommen! Wir nahmen Beide Platz. Ich weiß ſelbſt nicht, war ich erfreut oder bekümmert. Ich hatte den Squire und Lady Caroline nur ſelten und von fern geſehen. Er war ein ſtattlicher junger Mann in hellfarbige, ſichtlich ſehr enge Klei⸗ der eingezwängt. Sie, eine Dame, die wohl über die erſte Jugend hinaus, aber doch noch ſehr hübſch war, ſchwebte wahrhaft einher und gab im All⸗ gemeinen den Eindruck von griechiſchen Gewändern, blendenden Armen und Schultern, glänzenden Ju⸗ welen und ſtrahlendem Lächeln. Dies Lächeln nun ſchien im vollſten Maaße auf die Doctorfamilie zu fallen, der man eine ſo ſeltene Gunſt, wie es ſicht⸗ — als ob Doctor Jeſhop wirklich der ausgezeichnetſte Mann ſeiner Zeit geweſen wäre. Der brave Arzt löſ'te ſich vollkommen in Verbeugungen, verlegenen Höflichkeitsbeweiſen und hübſchen Redensarten auf, in denen er mehr denn ein Mal die gewöhnlichen An⸗ ſpielungen auf eine Begebenheit fallen ließ, der er ſein Glück verdankte, jenes Tages nämlich, wo die Königin Charlotte ihm die Ehre erwies, bei der Durchfahrt in Norton Bury gnädigſt von einem Unwohlſein befallen zu werden. Mrß. Jeſhop da⸗ gegen ſchien die Ehre eines ſo vornehmen Beſuchs außerordentlich ruhig aufzunehmen; ſie empfing die Tochter eines Earl mit der ihr gebührenden Höflichkeit und unterhielt ſich dann eine lange Zeit mit Mr. Brithwood, doch hoffte ich vergebens, den Namen Urſula in dieſem Geſpräche nennen zu hören. So endigte denn die krankhafte Erwartung, die ich in dieſen Tagen in des Freundes Antlitz bemerkt hatte. Er ſollte ſie alſo nicht ſehen, es war vielleicht ſo beſſer, aber mein Herz blutete bei ſeinem Anblicke. Doch durfte man ſich Gedanken der Art hier nicht erlauben, beſonders da ſich Mrß. Jeſhop's Augen mit einem ſonderbaren Ausdrucke auf ihn und mich rich⸗ teten, über deſſen Bedeutung ich durchaus nicht klar ward; doch mußte ich mir ſagen, daß eine ſo gute John Halifax. In. 3 Frau, die Miß March dabei ſo herzlich liebte, weder etwas Uebles noch Unfreundliches gegen uns im Sinne haben konnte. So ſuchte ich denn meine Aufmerkſamkeit ganz den Brithwood's zu widmen. Man hatte auch wirk⸗ lich keine andere Wahl als die ſchöne Lady Caroline anzuſehen, die halb Norton Bury anbetete, während die andere Hälfte verächtlich über ſie urtheilte; indeſſen gehörten letztere zu der Zahl derjenigen, die ſie nicht kennen wollte. Aber diejenigen, welche ſie ihres Umganges würdigte, Alle, die unter ihrem Einfluſſe ſtanden, wurden unwiderſtehlich angezogen, denn ſie mußte ſiegen, wo ſie auftrat. Auch an dieſem Abende gehörten bald alle Anweſende zu dem ſich um ſie bil⸗ denden Kreiſe. Männer und Frauen waren ſchnell von der Zauberkraft ihrer Schönheit hingeriſſen, von der Lieblichkeit ihres Weſens und dem Reize ihres beſondern Lächelns und Lachens gefeſſelt. Ich hätte gern gewußt, wie Lady Caroline Brithwood John gefallen. Ihn konnte ſie wohl nicht genau erkennen, wenn auch ihr heller und durchdrin⸗ gender Blick Alles in dem Zimmer zu bemerken ſchien. Aber John hatte ſich bei ihrem Eintritte etwas zurück⸗ gezogen, und das halbe Dutzend zunger Leute, die ſich unter den Gäſten befanden und eine Unterhal⸗ tung mit ihm angeknüpft hatten, ſchlichen ihm nun ſcheu aus dem Wege, als ob ſie in der Wirklichkeit erſt mit Schreck die Größe der Kluft erkennten, die zwiſchen John Halifar, dem Lohgerber, und den Brithwood's von dem Mythos lag. Einige unter ihnen blickten ſogar unruhig auf unſere Wirthin, als ob ein furchtbares Gericht über die arme unwiſſende Mrß. Jeſhop losbrechen müſſe, die ſo entgegengeſetzte Stände zu vermiſchen wagte. So machte es ſich denn ganz natürlich, daß, während ſich Alles um die Brithwood's ſchaarte, John und ich allein und halb von dem Fenſter ver⸗ deckt ſtehen blieben. Bald genug hörte ich Lady Caroline ziemlich deutlich flüſtern: „Mrß. Jeſhop! meine Liebe, einen Augenblick. Wer iſt nun eigentlich Ihr jeune héros? Lhomme du peuple! ich bemerke ihn nicht! Trägt er nägel⸗ beſchlagene Schuhe und wollene Strümpfe? und hat er nicht ein breites Geſicht und eine Stutznaſe, wie alle Ihre paysans Anglais 74 „Urtheilen Sie ſelbſt, gnädige Frau! er ſteht dicht neben Ihnen. Mr. Halifax, erlauben Sie mir, Sie Lady Caroline Brithwood vorzuſtellen.“ Hatte Lord Lurmoore's Tochter je verlegen aus⸗ geſehen, ſo war es in dieſem Augenblicke. „lui? Mon Dieu, lui 7«0 Und ihr überhinfah⸗ 3 — render Ausdruck verſchwand, die halb ausgeſtreckte Hand zog ſich zurück. Rein, es war unmöglich, John Halifar gegenüber als vornehme Beſchützerin aufzutreten! Er verbeugte ſich ernſt und ſie ebenfalls, ſo daß Beide ſich auf gleicher Stufe als Herr und Dame gegenüberſtanden. Nach der erſten Ueberraſchung fand ſich ihre liebenswürdige Laune bald genug wieder, und die bereits für ſich gewonnene Geſellſchaft von Norton Bury verlaſſend, gab ſie ſich die Sporen zu einer neuen Eroberung.* „Mr. Halifar, ich bin entzückt, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen! Ich verehre das Volk, beſonders — und einen liſtigen Blick auf ihren Mann wer⸗ fend, der ſich mit dem Tory, Mr. Jeſhop, über Mr. Pitt exaltirte und den erſten Conſul Bonaparte her⸗ abſetzte,„beſonders“ fuhr ſie fort,„e peuple fran- gais. Me comprenez- vous 7“ „Madame, je vous comprends.« Ihro Gnaden ſahen höchlichſt überraſcht aus. Die franzöſiſche Sprache war in der ehrenwerthen Handelswelt eben nicht ſehr gewöhnlich, oder viel⸗ mehr in keiner andern als in der vornehmen Geſell⸗ ſchaft gebräuchlich. Aber John fuhr fort:„Ich muß indeſſen von 3 — Lady Carolinen Brithwood's Meinung abweichen, wenn fie das engliſche Volk mit dem ſo bezeichneten peuple frangais vergleichen, denn das ſind zwei ſehr verſchiedene Klaſſen von Menſchen.“ „Ach, ca ira, cs ira—“ ſie lachte, einige Töne dieſes ſchrecklichen Liedes vor ſich hinſummend„Aber Sie ſprechen Franzöſiſch, alſo wollen wir uns lieber in dieſer Sprache unterhalten, damit wir Niemand erſchrecken und verletzen.“ Ich rede es nicht ſo geläufig, da ich es haupt⸗ ſächlich mich ſelbſt gelehrt habe.“ „Der beſte Lehrer! Mon Pien! Wahrhaftig, Sie ſind wie gemacht, un héros zu ſein, und Ihnen fehlt nur noch der letzte Meiſterſtrich, den nur allein die Hand einer Frau zu geben vermag. Haben Sie je eine wahre Freundin beſeſſen?— Sie müſſen und werden auch Phomme du peuple werden. Aber wer waren Ihre Eltern? Sind Sie aus dem Volke ge⸗ boren?“ Ich ſah, daß John mit ſeiner Antwort zögerte, wußte, wie ſelten er jene Namen ausſprach, die in der alten Bibel aufgezeichnet waren, wie heilig er ſie hielt. Sollte er ſie jetzt auspoſaunen, um der müſſigen Neugierde dieſer Frau zu genügen? „Gnädige Frau!“ antwortete er ruhig,„ich ward Ihnen unter dem einfachen Namen John Ha⸗ —— lifax vorgeſtellt. Ich dächte, ſo lange ich ihn nicht verleugne, gnügt dieſer Name vor der Welt.“ „Oh, ich ſehe! ich ſehe!“ Aber er konnte es mit ſeinen niedergeſchlagenen Augen nicht bemerken, wie das bedeutungsvolle Lächeln in ihrem Geſichte in dem Ausdrucke der ſanfteſten Theilnahme ver⸗ ſchwand.„Sie haben wohl Recht! Rang iſt Richts; ein kalter, glänzender Marmor ohne Seele. Geben Sie mir dafür das reiche Leben des Volkes, das wah⸗ res Fleiſch und Blut iſt! Liberté! Fraternitél Egalité! Ich würde wahrhaftig lieber als Gamin in Paris leben, wie das Daſein meines Bruders in Luxmore Hall führen!“ So redete ſie fort und fort, zuweilen franzöſiſch, zuweilen engliſch, die Antworten des jungen Mannes blieben dagegen zurückhaltend und kurz. Sie warf ihre glänzenden Netze immer weiter aus und ſchien feſt entſchloſſen, gefallen zu wollen. Die Natur hatte ſie auch ganz beſonders dazu ausgerüſtet; denn ſelbſt, wäre ſie nicht eines Earls Tochter geweſen, ſo hätte doch Lady Caroline überall den bezaubernden Mittel⸗ punkt jeder Geſellſchaft ausgemacht, in der ſie ſich be⸗ wegte. Nicht daß ihre Unterhaltung beſonders tief oder geiſtreich geweſen wäre, aber die gewöhnlichſten und äußerlichſten Dinge klangen in ihrem Munde witzig, und im höchſten Grade beſaß ſie die Kunſt zu bezaubern, indem man ſie ſelbſt für hingeriſſen hielt. Auf dieſe Weiſe beherrſchte ſie die Freuden der Welt und genoß ſie zu gleicher Zeit im vollſten Maße, ſo daß ihr der Kummer des Lebens ebenſowenig zu nahen ſchien, als ſie fähig geweſen wäre, ihn zu er⸗ tragen. Trat mir ihr Charakter im erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft in dieſer Art entgegen, ſo fand ich ihn nach manchem Jahre unſerer Bekanntſchaft ebenſo wieder. Oft ſah ich in dem Zenith ihrer vol⸗ len Reife auf dieſen Abend zurück, wo ſie ſo lieblich und heiter und anziehend erſchien. Die Welt kennt ihr Alter oder glaubt es doch zu kennen. Ob der Himmel ſie barmherziger beurtheilt haben mag?— ich weiß es nicht. Was aber auch über ſie geſagt ward, ich kann nur wiederholen:„Arme Lady Ca⸗ roline!“ Es mußte auf dem Grunde aller der glänzenden Schlacken doch ein Kern wahren Goldes in ihr ge⸗ legen haben, das bewies ihre vom erſten Augenblicke an empfundene Freundſchaft für John Halifax. Längere Zeit dauerte ihr Geſpräch und ſie wußte ihn ſo gut auszuforſchen, als es eine wohlerzogene Frau einem jungen Manne von Verſtand gegenüber vermag. Er ſah befriedigt aus und unterhielt ſich ſehr liebenswürdig. Hatte er ſie vergeſſen? Nein! — 40— Die unruhigen, ſtets aufmerkſamen Blicke zeigten bei jedem, auch dem leiſeſten Geräuſche, daß nur ein Ge⸗ danke ihn beherrſche. Jedoch hielt er ſich tapfer, und ich war ſtolz, daß Urſula's Verwandte ihn kennen lernten, wie er wirklich war. „Lady Caroline!“(mit einem etwas ungeduldi⸗ gen Ausdrucke wandte ſich die Lady zu ihrer Wirthin, die ihr ſichtlich unbequem war)„ich fürchte, wir müſ⸗ ſen alle Hoffnung aufgeben, unſere junge Freundin noch heute Abend zu ſehen.“ „Ich ſagte es Ihnen vorher. Eine Reiſe mit Poſtpferden iſt immer ſehr unbeſtimmt, und die Wege von Bath hierher ſind nicht gut. Waren Sie je in Bath, Mr. Halifar?“ „Aber ſie muß auf dieſe Weiſe ſehr lange unter⸗ wegs ſein,“ fuhr Mrß. Jeſhop fort.„Wer begleitet ſie nur?“ „Ihr eigenes Mädchen und unſer Diener Laplace. Sie brauchen ſich nicht zu ängſtigen, vortreffliche und gewiſſenhafte Gouvernante! Ich kann Sie verſichern, daß Ihr früherer Zögling ſich in vollkommener Sicher⸗ heit befindet. Das Furore, was ſie in Bath machte, hat ſich bedeutend bei den Jägern auf reiche Erbin⸗ nen gelegt, ſeitdem man die traurige Entdeckung machte, daß Miß March—“ „Verzeihen Sie,“ unterbrach ſie Mrß. Jeſhop, . „wir befinden uns hier unter Fremden. Ich bin übrigens vollkommen über mein liebes Kind beruhigt.“ „Wie reizend iſt doch eine ſo liebevolle Treue!“ bemerkte die Lady, ſich mit einem ſüßen, träumeriſch niedergeſchlagenen Blicke zu John wendend. Der junge Mann verbeugte ſich nur und das Geſpräch ward wieder aufgenommen, wenigſtens von ihrer Seite, indem ſie ſchnell und viel erzählte und ſich mit den einſylbigen Antworten John's begnügte. Die Zeit zum Souper nahte; eine eben ſo wich⸗ tige als glänzende Stunde für die Geſellſchaften in Norton Bury, und auch jetzt richteten ſich ſchon alle Augen ängſtlich nach der Thür. „Ehe wir es aber aufſchieben,“ ſagte Lady Ca⸗ roline,„will ich einen Vorſatz ausführen, der nach dem Souper mit Schwierigkeiten verknüpft ſein würde,“ und zum erſten Male hörte ich einen ſchar⸗ fen ſpöttiſchen Ton durch ihre ſonſt ſo weiche Stimme dringen,„und Sie noch beſonders meinem Manne vorſtellen, Mr. Brithwood.“ Er näherte ſich ihr auf dieſe Aufforderung. Es war ein ſehr verſchiedenes Paar. Sie in ihrer voll⸗ kommen wohl erhaltenen Schönheit, mit einer fran⸗ zöſiſchen geſelligen Grazie begabt; er dagegen ein plumper, aufgeblaſ'ner, ganz unerfahrener junger Mann, oft ein noch roheres und verletzenderes Weſen als der genußſüchtige Mann im Alter. „Mr. Brithwood, ich möchte Sie mit einem meiner neuen Freunde bekannt machen.“ Der Squire verbeugte ſich etwas unbeholfen, die Wahrheit deſſen beweiſend, was man ſich in Nor⸗ ton Bury zuflüſterte, daß Richard Brithwood zu Hauſe mehr mit ſeinen Reitknechten als mit gebilde⸗ ten Leuten umgehe. „Er iſt hier aus dieſer Stadt und Sie müſſen von ihm gehört haben, ja ihm vielleicht begegnet ſein.“ „Ich habe nicht allein das Vergnügen gehabt, Mr. Brithwood zu begegnen, ſondern— aber un⸗ zweifelhaft iſt ihm das entfallen.“ „Bei'm Himmel! das iſt wahr. Aber wie iſt Ihr Name, Sir?“ „John Halifax.“ „Was, Halifax, der Lohgerber?“ „Derſelbe.“ „Pah!“ Er pfiff leiſe vor ſich hin zund drehte ſich auf dem Abſatze um. John wechſelte ſchnell die Farbe. Lady Caro⸗ line lachte, es war ein gedankenloſes, heit'res Lachen, wobei ſie flüſterte—„Bete— Anglais.“— Dem⸗ unerachtet ſagte ſie leiſe: —— „Mon ami— Sie vergeſſen, daß ich Sie dieſem Herrn vorſtellte.“ „Ein ſchöner Herr!— Ein Abfall von einem Herrn, Lady— Ich bin's müde, darüber zu reden.“ „Und ſo ſind wir es gewiß auch zur Genüge; ich rief Sie eben nur der Form wegen, um meine Einladung zu unterſtützen. Ich hoffe, Mr. Halifar wird ſo freundlich ſein, Sonntag mit uns zu eſſen.“ „Der Teufel— auch!“ „Richard! Sie beleidigen mich!“ rief ſie, ihren weichen ſchönen Arm von dem Drucke ſeiner groben Hände losmachend. „Madame. Sie müſſen wahrhaftig nicht recht bei Sinnen ſein. Der junge Mann iſt ein Gewerbe⸗ treibender— ein Lohgerber.— A nicht für meine Geſellſchaft paſſend.“ „Ich lade ihn auch gerade nur für die mei⸗ nige ein.“ Aber dies leiſe geführte Geſpräch blieb dem Ge⸗ genſtande deſſelben gänzlich verborgen, denn durch den Haupt⸗Eingang trat mit Mrß. Jeſhop eine ſchlanke Mädchengeſtalt in tiefer Trauer ein. Wir kannten ſie Beide wohl— unſern Traum von Enderly— unſer nußbraunes Mägdelein. John war der Rächſte an der Thür; Beider Augen begegneten ſich. Sie grüßte ihn, er verbeugte ſich und ward todtenbleich, während Antlitz und Nacken von Miß March wie mit Purpur übergoſſen ſchienen. Keiner von Beiden ſprach ein Wort, noch ſah man ein Zeichen ihrer nähern Bekanntſchaft. Sie ging an ihm vorüber, kam in meine Rähe und ſetzte ſich, wie ich glaube, zufällig an meine Seite; doch ſo wie ſie mich erblickte, gab ſie mir die Hand. Wir wechſelten einige Worte und ich fand ihr Weſen ganz unverändert; nur ſprach ſie ſehr ſchnell und ihre Finger zeigten jenes mir bekannte nervöſe Zucken. Sie verſicherte, unſer Wiederſehen ſei ihr ganz unerwartet, aber ſie freue ſich ſehr, mich hier zu finden. So ſaß ſie alſo wieder neben mir und ich blickte auf ihre geſenkten Augenlider und betrachtete ihre Stirn von dem Kranze ihrer nußbraunen Locken ein⸗ gefaßt. Wie ertrug er dieſen Anblick er, von deſſen Herzen das meinige nur ein ſchwacher Widerhall war? Aber ein treuer Widerhall, da ich jeden Schlag deſſelben in peinigender, ſchmerzlicher Wahrheit mit empfand. Er veränderte ſeinen Platz und entfernte ſich etwas von den Brithwood's— die noch immer in einem kleinen Kampfe begriffen waren— wenn auch mehr in Blicken als Worten— John hatte nicht darauf Acht— denn ſah er uns auch nicht beſtimmt an, ſo war ich doch überzeugt, daß er jedes Wort hörte, was mir Miß March ſagte. Der Squire rief in einem herablaſſenden Tone ſehr laut durch das Zimmer: „Mein guter Freund— das heißt— hm! Ich meine Sie, junger Halifax!“ „Reden Sie mit mir, Mr. Brithwood?“ „Ja, es bedarf einiger Worte zwiſchen uns Beiden.“ „Ich bin bereit.“ Sie ſtanden ſich Beide gegenüber. Der Eine ſichtlich verlegen, der Andere vollkommen ruhig, viel⸗ leicht etwas ernſter in dem Gefühl, es unter ihren Augen zu beweiſen, daß ſeine Haltung den Stempel der wahren Vornehmheit an ſich trage, die nur aus einer edlen Gefinnung entſpringen kann; eine Eigenſchaft, die Richard Brithwood trotz ſeines gro⸗ ßen Vermögens nicht beſaß. Man fühlte, daß Beide ſich gegenüber ſtanden, und Aller Blicke waren auf ſie gerichtet. „Bei meiner Seele, das iſt ja hier ganz ſchreck⸗ lich! Ich will lieber nach der Lohgerberei kommen und mich dort ausſprechen.“ „Ich ſähe es lieber, Sie thäten es jetzt hier.“ — „Nun wohl, obgleich es eine ſehr unangenehme Sache bleibt— und wirklich— ich hätte wohl ge⸗ wünſcht, daß man mich nicht ſo weit gebracht hätte, ich denke aber, Sie werden Nichts auf den Unfinn meiner Frau geben.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Na, kommen Sie, es hilft Nichts, um die Sache herum zu gehen. Wir wollen offen und ehr⸗ lich ſein, ich will Sie nicht beleidigen. Sie mögen ein ſehr achtungswerther junger Mann ſein, ſo viel ich weiß, aber Rang bleibt Rang. Ratürlich, Doe⸗ tor Jeſhop kann einladen, wen er will— und beim St. George— ich bin gegen Jedermann höſtich— aber trotz dem Wohlgefallen meiner Frau— kann ich Sie wirklich nicht gut an meinen Tiſch laden.“ „Noch würde ich mich ſo demüthigen, eine Ein⸗ ladung der Art anzunehmen.“ Er ſagte dieſe Worte ruhig und ſo deutlich, daß ſie der ganze Kreis gehört haben mußte, und wandte ſich dann fort, als Mr. Brithwood in voll⸗ ſtem Aerger wie ein Mannt aufſprang, der ſein Spiel verloren hat. „Sich demüthigen? Was meinen Sie damit, Sir? Müßten Sie nicht froh ſein, Eingang in die Häuſer der Vornehmen zu finden, wie Sie auch hin⸗ einkämen, wenn auch mit Ach und Krach? Ha, ha, ja, ich weiß wohl, Sie thäten es gern. Es iſt immer dieſelbe Geſchichte mit Euch gemeinem Volke, Ihr Aufrührer und Demokraten. Der Herr iſt mein Zeuge, ich ſähe Euch am liebſten Alle gehangen.“ Das jugendliche Blut ſtrömte heftig in John's Antlitze; doch überwand er ſich ſchnell.„Sir! ich bin weder ein Aufrührer noch gehöre ich zu den Demokraten!“ „Aber Sie bleiben immer ein Gewerbetreibender und haben einſt Abel Fletcher's Karren mit Häuten gefahren.“ „Das that ich.“ „Und ſind Sie nicht derſelbe Burſche— wenn ich mich recht erinnere— der Lohgerberburſche— der uns ein Mal aus der Fluth herauszog— Vetter March und mich?“ Ich hörte einen unwillkürlichen Ausruf neben mir, und ſah, wie ängſtlich Urſula zuhorchte; auch bemerkte ich, wie geſpannt ſie auf John blickte und ſeine Antwort erwartete. ſollte ſie gleich hören. „Ihr Gedächtniß trü ie nicht, ich war jener Knabe.“ „Danke noch heute dafür! Herr des Himmels! was für ein hübſches Leben hätte ich verlieren müſſen! Sie haben aber keine Belohnung dafür bekommen, Sie warfen die Guinée fort, die ich Ihnen anbot; —— kommen Sie morgen zu mir, ich will zwanzig Gui⸗ neen daraus machen.“ Die Beleidigung war zu groß.„Sir, Sie vergeſſen, daß, was wir auch früher geweſen ſein mögen— hier und in dieſem Augenblicke— begeg⸗ nen wir uns als Gleichgeſtellte.“ „Gleichgeſtellt?“ „Als Gäſte deſſelben Hauſes ſtehen wir uns wohl ſicher ganz gleich.“ Richard Brithwood ſtarrte ihn ſtumm vor Wuth an. Die Umſtehenden blieben ebenfalls ſprachlos, obgleich Auftritte der Art, ſelbſt in Gegenwart von Frauen, damals nicht ungewöhnlich waren, be⸗ ſonders mit Männern von Mr. Brithwood's Cha⸗ rakter. Seine Frau ſelbſt ſchien auch nicht befrem⸗ det, ſie zuckte nur die Schultern und ſummte einige Takte des„Ca ira“ vor ſich hin, was ihren Mann über alle Maßen erbitterte. „Halte Deinen Mund, Frau! Was, weil ein Lehrjunge uns das L e und Mylady ſich in den Kopf ſetzt, ihn it⸗ wie ſie es ſchon mit ſo manchen andern Herumtreibern in ihren ver⸗ wünſchten Freiheits⸗- und Gleichheits-Ideen gethan hat, ſoll ich ſo einen bei mir an meinem Tiſche ſehen und ihn wie einen vornehmen Herrn behandeln? Bei dem— Madame— das geſchieht nimmermehr.“ — Er ſprach heftig Und laut. John blieb ſtumm. Seine Hände lagen krampfhaft und feſt in einander und es war nicht ſchwer, zu ſehen, wie heftig ſein Blut wallte, und daß, wenn er ſeine Lippen ein Mal öffnete, Richard Brithwood harte Dinge hören würde. Dieſer kam mit geballter Fauſt auf ihn zu— „Nun— geben Sie Acht, Sie— Sie Vagabund.“ Urſula March eilte auf ihn zu, ergriff ſeinen Arm und ſagte mit leuchtenden Augen: „In meiner Gegenwart, Vetter, verlange ich, daß dieſer Herr wie ein Mann von Stande behandelt wird. Er war gut für meinen Vater.“ „Ihren Vater? der iſt auch verflucht!“ John's rechte Hand bewegte ſich; er faßte den Wüthenden bei der Schulter. „Seien Sie ſtill! es iſt beſſer für Sie.“ Brithwood ſchüttelte die Hand ab, wandte ſich um und hob die ſeinige zum Schlage gegen ihn; der höchſte Grad der Beleidigung war gefallen, der unter Männern nur mit Blut g waſchen werden kann. John taumelte zů Einen Augenblick ſchien es, als wolle er auf ſeinen Gegner losfahren und ihn zu Boden werfen— aber— er that es nicht. Jemand flüſterte:„Er kann ſich nicht ſchlagen, er iſt ein Quäker.“ „Nein,“ rief er, und ſtand ſtolz aufgerichtet da, John Halifax. MI. 4 —— bleich wie ein Geiſt, und ſeine Stimme klang tief und fremd: „Aber ich bin ein Chriſt. Ich darf nicht Schlag um Schlag zurückgeben. Ja! ich bin ein Chriſt.“ Dies war eine neue Auffaſſung, ein in der Wirk⸗ lichkeit ungewohnter Grundſatz, wenn er auch den Ohren der Chriſten bekannt genug klingen mußte. Niemand antwortete ihm; Alle ſahen ihn an, Einige entfernten ſich ſogar mitleidig lächelnd aus ſeiner Nähe. Da reichte ihm Urſula March ihre Freundes⸗ Hand; er nahm ſie und ward in demſelben Augen⸗ blicke ruhiger. Gleich darauf entſtand ein Flüſtern ein ihrer Nähe:„Mr. Brithwood geht fort!“ „Laßt ihn gehen!“ rief Miß March, in deren Augen man noch die Erregung las. „Nein, es iſt nicht recht. Ich will mit ihm reden. Darf ich?“ und ſanft zog John ſeine Hand aus der ihrigen, die ihn bemüht war, und näherte ſich Mr. wogd.„Sir Sie haben nicht nöthig, das Haus zu verlaſſen vig entferne mich jetzt. Sie und ich wir werden uns ſetzt, ſo weit es in meiner Gewalt liegt, nicht wieder begegnen.“ Seine ſtolze Höflichteit, ſeine vollendete Würde und Ruhe überwältigten ſeinen prahleriſchen, lauten Gegner gänzlich, und er ſtarrte ihm offenen Mundes * nach, als John dem Wirthe und einigen Bekannten Lebewohl ſagte. Die Frauen hielten ſich zu ihm, der Inſtinkt derſelben iſt immer der richtige. Selbſt Lady Caroline erklärte unter einer Fluth von be⸗ dauernden Reden, ſie glaube, es gäbe in der ganzen Welt keinen Mann, der eine ſolche Erniedrigung ſo liebenswürdig und bewunderungswürdig ertragen hätte. Bei dem Worte„Erniedrigung“ ſprang Miß March auf, und mit ihrer jugendlichen Heftigkeit ſagte ſie:„Verzeihen Sie, aber keine empfangene Be⸗ leidigung kann einen Mann erniedrigen. Die einzige wirkliche Herabwürdigung iſt, wenn er ſich ſelbſt entehrt.“ John hörte noch im Hinausgehen dieſe Worte. Kein gekrönter Sieger konnte glücklicher und ſtolzer ausſehen als er, indem er das Zimmer verließ. Eine Minute nachher folgten wir ihm, die Frau des Doctors und ich. A ½ S und Glück waren ſchon wieder verſch „Mrß. Zeſpoh en, ich hatte Recht,“ flüſterte er. Ich hätte nicht herkommen ſollen. Es iſt für mich eine harte Welt! Ich werde es nie, nie überwinden.“„„ „Ja, Sie werden es dennoch!“ und urſula ſtand ien ihm mit gerötheten Wangen, aber mit 4— Augen, die nicht mehr glühten, wohl aber ruhig und furchtlos um ſich blickten. Mrß. Jeſhop ſchlang ihren Arm um das junge Mädchen und ſagte:„Auch ich denke, Mr. Halifax, Sie brauchen die Welt nicht zu fürchten, wenn Sie immer ſo handeln wie heute Abend, und wenn ich auch bedauere, daß die Dinge ſo weit gekommen ſind, ſo iſt es doch nur um meines armen Kindes willen hier.“ „Habe ich Sie betrübt? Ich bitte, ſagen Sie mir, habe ich Ihnen Kummer gemacht?“ „Nein!“ rief Urſula wieder mit der alten Le⸗ bendigkeit in jedem Zuge ihres ſchönen Geſichtes. „Sie haben nichts Anderes gethan als mir bewieſen, was ich all' mein Leben lang behalten will— daß nur ein Chriſt ein wahrer Edelmann ſein kann.“ Sie hatte ihn verſtanden und er fühlte das; ja, ſie verſtand ihn, ſo wie ein Mann nur von einer Frau in der Welt verſtanden werden kann, wodurch dann ſtark werden. Sie reichten ſich noch eih di Hände nd ſahen ſich ohne Furcht tief in die Augen. Für den Augen⸗ blick ſchien alle irdiſche Leidenſchaft bei Seite geſetzt zu ſein und ſie erkannten Einen in dem Andern, das gleiche Ziel, die gleiche Richtung und den gleichen Glauben; etwas Höheres als Liebe, etwas Beſſeres als Glück vereinigte ſie, es mußte ein erhebender Augenblick für Beide ſein. Mrß. Jeſhop ſtörte ſie nicht; ſie hatte ſelbſt er⸗ fahren, was treue Liebe iſt, wenn das Gerücht wahr ſagte, daß ſie ihrem würdigen Doctor dreißig Jahre treu geblieben ſei. Aber ſie war auch bei alle dem eine vorſichtige Frau, welche die Welt kannte. „Sie müſſen nun gehen,“ ſagte ſie, freundlich ihre Hand auf John's Arm legend. „Ich gehe— aber ſie— was wird aus ihr?“ „Bekümmern Sie ſich nicht um mich, meine Jane wird für mich ſorgen,“ ſagte Urſula, ihren Arm um den Hals der alten Gouvernante legend, indem ihr Kopf an ihrer Schulter ruhte. Wir kannten Miß March nicht zärtlich, wenig⸗ ſtens nicht in einer äußerlich ſchmeichelnden Weiſe. Sie erſchien uns in einem neuen Lichte, und in dem⸗ ſelben entdeckten wir i Tiefen ihrer Natur, unbeſchreibliche Tiefen der Sa iftmuth und Liebe. John betrachtete ſie ine Minute; eine lange, leidenſchaftliche, ſehnſüchtige inute, dann flüſterte er mir zu:„Ich muß fort.“ Wir nahmen ſchnell Abſchied, und fort eilten wir in die Racht hinaus, in die dunkle, kalte Nacht, wo Sturm und Blitze tobten. „ Yrittes Rapitel. Wochen lang nachher lebten wir wie gewöhn⸗ lich fort. Urſula March wohnte kaum einen Stein⸗ wurf von uns entfernt, denn ſie hatte ihres Vetters Haus verlaſſen und lebte mit Doktor Jeſhop und deſſen Frau zuſammen. Es war für John eine harte Prüfung. Keiner von uns war ſeitdem wieder zu Mrß. Jeſhop ein⸗ geladen, und wir iten ſie nicht deßhalb tadeln; ihr war eine große Ver twortung aufgelegt und Norton Bury war in eziehung auf Klatſcherei ein ſchrecklicher Ort. Schon waren Geſchichten auf Ge⸗ ſchichten durch die Stadt gelaufen, die Miß March's Undankbarkeit gegen ihre Familie ausmalten. Von Munde zu Munde war die durch alle mögliche Lügen verſtellte Anekdote vom jungen Halifax und dem — 65— Sautre gegungen; hätte es ſtatt deſſen geheißen: eine Begebenheit zwiſchen dem jungen Halifax und Miß March, ſo bin ich überzeugt, John würde ſie nicht mit der Ruhe ertragen haben, wie er dieſe Gerüchte jetzt an ſich vorübergehen ließ. So wie die Verhältniſſe ſich jetzt geſtaltet hatten, ſah er ſie zwar oft, aber immer nur zufällig, eine augenblickliche Erſcheinung am Fenſter, oder ein flüchtiges Begegnen in der Straße. Ich wußte es jedes Mal nur zu gut, wenn er ſie auf dieſe Weiſe geſehen hatte, er mochte es erwähnen oder nicht; ich ſah es in ſeinen ſchmerzlichen, unruhigen Blicken, die ſich oft ſtundenlang nicht beruhigten. Ich bewachte ihn Tag für Tag in Todesangſt voller Zweifel und Kummer. Denn obgleich er Richts ſagte, ſo war doch eine große Veränderung über den Knaben gekommen, wie ich ihn noch immer nach alter Weiſe nannte. Seine Kraft, die ſchönſte Eigenſchaft eines Jüng⸗ lings, hatte ihn verlaſſen, er war hager, matt und unſtät geworden. Die geſunde Willenskraft und die ruhige Beſonnenheit, die ihn ſein ganzes Leben über auszeichnete, war gänzlich verſchwunden. „Was ſoll ich nur mit Dir beginnen, David?“ frug ich ihn eines Abends, als er elender denn je ausſah. Ich wußte wohl weßhalb, denn Urſula und ihre Freundin waren eben an unſe vorübergegangen, um in dem Zwielichte des Früh⸗ lings ihren Spaziergang zu machen.„Ich fürchte, Du biſt ſehr krank.“ „Nicht im Mindeſten, davon. iſt auch bei mir gar nicht die Rede, laß mich nur allein.“ Wenige Minuten nachher bat er mich um Ver⸗ zeihung wegen der unfreundlichen Worte.„Das warſt Du ja nicht, John, was eben aus Dir ſprach!“ verſicherte ich.. „Nein, Sie haben Recht, es war nicht mein altes Ich; es war eine Art Teufel, der jetzt in mir iſt, hier“— er berührte ſeine Bruſt—„o! das Zimmer, in dem er hier lebt, wird zu Zeiten eine brennende Hölle!“ Er ſagte das leiſe, in dem Tone der höchſten Angſt. Was ſollte ich darauf antworten? Nichts. Er ſtand am Fenſter und ſah müſſig hinaus. Die Kaſtanien in dem Abteigarten bekamen ſchon grüne Knospen, und von Weitem erklangen die Stimmen der Kinder bei ihren Spielen, der ſüße Ton, den man nur hört, wenn die Tage länger zu werden beginnen. „Es iſt ein lieblicher Abend!“ ſagte er. „John!“ ich ſah ihm in das Angeſicht. Er konnte ſeine freundſchaftliche Verſtellung nicht län⸗ —— ger mir gegenüber behaupten.„Sie haben Etwas über ſie gehört?“ „Das habe ich,“ ſagte er mit gebrochener Stimme.„Sie verläßt Norton Bury.“ „Gott ſei gedankt!“ murmelte ich. John wandte ſich heftig nach mir um, doch nur für einen Augenblick.„Vielleicht ſollte auch ich ſagen: Gott ſei Dank! So hätte es nicht mehr lange dauern können, oder ich wäre das geworden, vovor mich Gott in ſeiner Gnade bewahren, oder nich zu ſich nehmen möge. Ach! wenn ich nur terben könnte!“ Er bog ſich über das Fenſterbret und verbarg den Kopf in ſeine Hände. „John,“ ſagte ich, aus der Tiefe dieſer Ver⸗ zweiflung eine eben ſo verzweifelte Hoffnung ſchö⸗ pfend;„wie wäre es, wenn Sie, ſtatt in dieſem Schweigen zu verharren, graden Weges zu ihr gin⸗ gen und ihr Alles ſagten?“ ch habe auch daran gedacht! Ein edler Ge⸗ danke, aber beſonders paſſend für einen Lehrjungen! Ja! zwei Abende hintereinander bin ich raſend genug geweſen, bis an Doktor Jeſhop's Thür zu gehen, aber nicht weiter; bedenken Sie wohl, man hat mich ſeit jenem Abende auch nie wieder aufgefordert, ein⸗ zutreten. Aber noch che ich klopfte, kam mir jedes Mal meine Vernunft zu Hülfe, und ich kehrte glück⸗ licher Weiſe nach Hauſe zurück, ohne mich ſelbſt zu einem Narren oder Schurken geſtempelt zu haben.“ Auch hierauf vermochte ich Nichts zu antwor⸗ ten. Ach! ich wußte ſelbſt nur zu wohl, daß es in den Augen der vernünftigen Welt mehr als eine Tollheit genannt werden muß, wenn ein junger Menſch von 21 Jahren, der Lehrling eines Handels⸗ hauſes, um die Hand eines vornehmen jungen Mäd⸗ chens ſogar noch eher wirbt als er weiß, ob ſie ihn liebt. Eben ſo kann es aber auch in den Augen der weltlichen Ehre nur als eine Gemeinheit gelten, ſpricht ein armer Jüngling eine Dame mit Vermö— gen an; wenn auch hier daſſelbe freilich viel geringer war als man früher glaubte, was ſich die Brith⸗ wood's ſehr gefliſſentlich auszubreiten bemühten. „David! Ich wollte, Sie hätten ſie nie ge⸗ ſehen,“ flüſterte ich. „Still! wiederholen Sie das Wort nicht. Wüßten Sie Alles, was ich von ihr hörte— täglich— ſtünd⸗ lich, von ihrer Selbſtloſigkeit, ihrer Charakterkraft und ihrem großmüthigen, warmen Herzen. O, es bleibt ein Segen, ſchon allein ſie gekannt zu haben. Sie iſt ein Engel! Nein, mehr als das, eine Frau! Aber ich möchte ſie nicht wie eine Heilige von fern, in einem Schrein bewundern! Ich bedarf ihrer als —— einer Gefährtin auf dem Wege durch das tägliche Le⸗ ben; um mich zu ſtärken, zu tröſten, mich rein und gut zu machen. Ich könnte ein guter Menſch wer⸗ den, hätte ich ſie zur Frau! Nun—“ Er ſtand auf und ging ſchnell auf und nieder, doch nahmen ſeine Augen mehr und mehr einen heftigen, düſtern Ausdruck an. „Komm' mit, Phineas! wir könnten zuſam⸗ men ausgehen, um ſie unterweges zu begegnen. Zu⸗ weilen grüßt ſie heiter und lächelt, zuweilen hält ſie mir ihre kleine Hand entgegen, und hofft, ich ſei wohl. Und dann geht ſie vorüber, und ich ſtehe und ſehe ihr nach wie ein halb Verrückter. Da, ſieh! da ſind ſie.“ Gemächlich, auf der andern Seite der Straße fortgehend, ſprechend und einander zulächelnd, ſah ich Miß March in ihrer eigenthümlichen heiteren Weiſe mit Mrß. Jeſhop vorübergehen.— Sie dachten ſichtlich nicht im Mindeſten an uns. Doch als ſie an unſerm Hauſe vorübergingen, wandte ſich Urſula halb um, und blickte hinter ſich; ein ſanfter, mädchenhafter Blick, während das Lächeln ihren Mund noch umſchwebte. Sie konnte Keinen von uns ſehen, denn John hatte mich vom Fenſter geriſſen und ſich ſelbſt außer ihren Geſichtskreis —— geſtellt. So ſich noch ein Mal umſehend, ging ſie weiter und Beide verſchwanden. „Nun wohl, Phineas, es iſt Alles vorbei!“ „Was meinen Sie?“ „Ich habe ſie zum letzten Male geſehen!“ „Nun, ſie wird doch jetzt noch nicht reiſen?“ „Aber ich, ich will vor dem Teufel und ſeinen Engeln fliehen. Hurrah, Phineas, mein Junge! Wir wollen uns einen luſtigen Abend machen; denn Morgen gehe ich nach Briſtol, und ſegele von dort nach Amerika.“ Er ſchüttelte meine Hände mit einem lauten, langen, aber halb tollen Lachen; und fiel dann ſchwer in ſeinen Stuhl zurück. Wenige Stunden nachher lag er auf meinem Bette, von der erſten ſchweren Krankheit ſeines Le⸗ bens ergriffen. Es war wohl ein böſes Fieber, das ſeit der vorjährigen Hungersnoth ſtark in und um Norton Bury herrſchte; wenigſtens behauptete das Jael, und ſie war ein erfahrener Arzt und hatte manchen Kranken geheilt Er wollte Niemand an⸗ ders um ſich haben, und ſchien ſehr erſchrocken, bei der Erwähnung von Doktor Jeſhop's Hülfe. Ich beſtritt auch zu Anfang ſeinen Widerwillen nicht, denn ich wußte ſehr wohl, daß, was auch die äußere Veranlaſſung ſein mochte, die Wurzel allein in ſei⸗ nem herben geiſtigen Kummer lag, den kein Arzt zu heilen vermochte. So hoffte ich denn auf die ſegensreiche Ruhe in einem Krankenzimmer, die ſchon oft eine ſo heilende Kraft im Unglücke bewieſen hat, auf Jael's Pflege und ſeines Bruders Liebe. Jedoch holten wir ſchon nach wenigen Tagen einen Arzt aus Coltham zu Hülfe, der ſeine Krank⸗ heit für das allgemein herrſchende Fieber erklärte, das er ſich wohl dadurch geholt hatte, indem er darauf beſtand, noch immer in ſeinem Bodenſtübchen in Sally Watkins' ungeſund gelegenem Hauſe zu wohnen. Der Arzt meinte, die Krankheit müſſe ſich lange vorbereitet haben, doch unterliege es keinem Zweifel, daß ſie jetzt ihre Kriſis erreichen und bald eine Beſſerung eintreten würde. Aber dem war nicht ſo; die Tage verwandelten ſich in Wochen, und immer lag er noch zu Bette, eigentlich ohne zu klagen, ja ſelten nur ſchien er zu leiden, außer an Mattigkeit, welche Folge des Fiebers war; aber ſprach ich von Beſſerung, ſo wendete er ſich nach der Wand um, als ſei er des Lebens müde. Einſt, als er wieder einen ganzen Morgen ſo dagelegen hatte, ohne ein Wort zu ſprechen, trat mir die Wahrheit, die ich bisher Tag für Tag als eine eingebildete Furcht von mir gedrängt hatte, plötzlich ——— in einer wirklichen Geſtalt nahe, daß der Menſch dennoch, ohne alle körperliche Krankheit, an einem Seelenleiden ſterben kann. Ich faßte ſeine arme magere Hand, die auf der Bettdecke lag; einſt hatte er in Enderly ihre etwas zu kräftige Bildung be⸗ dauert, ach! jetzt war ſelbſt Urſula's Hand nicht weißer und feiner. Er entzog ſie mir.. „Ach, laß mich doch ruhig, Phineas.“ Dieſe matte, gereizte Stimme, dieſe unnatür⸗ liche Sehnſucht nach Ruhe! Was! wenn trotz aller Verſicherung der Aerzte er dennoch immer mehr und mehr verfiele!— mein Freund— meine Hoffnung — mein Stolz! mein einziger Troſt in dieſem Le⸗ ben;— wenn er mich und dieſe Welt dennoch für eine andere verließe, von wo— ſo leidenſchaftlich ich auch nach ihm rufen würde, er mir doch weder antworten, noch wiederkehren könnte! O! Gott der Barmherzigkeit! Wenn ich allein und ohne meinen Bruder in dieſer Welt zurückblei⸗ ben müßte! Wohl oft hatte ich früher an eine Trennung gedacht, aber immer nur, daß ich, wenn der Geber alles Lebens dem meinigen ein Ende machte, ſanft vorangehen würde, und unter dem Schutze und dem Beiſtande ſeiner Liebe, die mir ſtets zur Seite ſtände, ſtill und ruhig einſchlafen dürfte, dann, ihm länger keine Bürde mehr, überließ ich die Arbeit eines glor⸗ reichen Lebens ihm, deſſen reiches Gewebe alle die armen zerriſſenen Fäden des meinigen mit in ſich aufnehmen und zu der höchſten Vollkommenheit ver⸗ arbeiten könnte. Aber jetzt ſollten alle dieſe Träume verſchwinden, ſollte er mich— ich nicht ihn ver⸗ laſſen? Ich ſank auf meine Kniee nieder, und der unausgeſprochene Ruf meiner Todesangſt drang zu den Höhen des Himmels! Wie vermochte ich ihn zu retten? Mir erſchien nur Ein Weg, und ich verfolgte ihn, ohne weiter daran zu denken, ob ich recht oder unrecht, ehrenvoll oder nicht ehrenvoll handelte. Sein Leben hing an einem ſeidenen Faden, und da gab es keine Wahl; übrigens war ja auch mein Gebet um Hülfe zu Gott aufgeſtiegen! Ich ſchob die Vorhänge etwas von der Seite und ſah in das Freie. Seit Wochen war ich nicht über die Schwelle unſerer Thüre gekommen und erſchrak faſt bei dem Anblicke des Frühlings. Er machte in dem roſigen Abendlichte einen doppelt lieblichen Eindruck. Drü⸗ ben in den Bäumen des Abteigartens ſang eine Am⸗ ſel ihr Lied, Alles ſah friſch und fruchtbar aus, vol⸗ ler Hoffnungen auf das fortſchreitende Jahr! Und er! dort lag er, ſterbend auf ſeinem Krankenbette. Die zurückgeſchlagenen Gardinen entlockten ihm —— nur den Stoßſeufzer:„Kein Licht! ich kann es nicht ertragen! Laßt mich in Ruhe!“ Ohne einem menſchlichen Weſen ein Wort zu ſagen, war ich eine halbe— nachher auf dem Wege zu Urſula March. Ich fand ſie allein und arbeitend in dem Gar⸗ tenzimmer. Der Doktor war ausgegangen, und in der langen Gartenallée ſah ich Mrß. Jeſhop von fern, mit Shawl und Hut, bei ihren Johannis⸗ beeren beſchäftigt; ſo waren wir alſo ſicher. Wie ich eben ſagte, fand ich Urſula arbeitend, aber ein ſanfter träumender Ausdruck in ihren Au⸗ gen war nicht zu verkennen. Mein Eintritt erſchreckte ſie ſichtlich und verſcheuchte wohl ſüßere und zartere Gedanken. Aber ſie empfing mich ſehr herzlich, verſicherte, ſie bedauere, ſo lange Keinen von uns geſehen zu haben, ſei aber ſehr erfreut, daß ich käme, und die— in ihrer Hand bewegte ſich wieder beſon⸗ ders eifrig. Die feinen, zarten Finger, das ſanfte liebliche Lächeln, Alles wie ſonſt! O! ich hätte ſie haſſen können. „Es iſt wohl kein Wunder, Miß March, daß Sie uns ſo lange nicht ſahen; John iſt ſehr krank geweſen— ja er iſt es noch, vielleicht dem Tode nah.“ —— Ich richtete meine Worte wie die ſchärfſten Pfeile gegen ſie, und wartete ab, ob ſie treffen würden. Sie trafen und verwundeten ſie. Ich ſah, wie ſie zitterte. „Krank! und Niemand hat es mir geſagt?“ „Nicht? nun, es würde Sie auch nicht beſon⸗ ders erſchüttert haben; freilich für mich—“ und in dem Uebermaße meines Schmerzes brach ich in eine leidenſchaftliche Klage aus—„Für mich hat im Vergleich zu John Nichts mehr einen Werth, nicht ſo viel wie ein Strohhalm! Wenn er ſtirbt—“ Ich ließ der Fluth meines Schmerzes freien Lauf, ich wollte ſie damit überſtürzen, damit ſie ihn ſähe und fühlte; auch in die ſtillen, heitern Gemächer ihres glücklichen Lebens ſollte er eindringen und es eben ſo veröden als das meinige; denn trug ſie nicht die Schuld davon? Vergieb mir! Ich war grauſam gegen Dich, urrſula! und Du warſt immer gut und freundlich gegen mich! Sie ſtand auf, kam zu mir heran und gab mir die Hand. Die ihrige war eiskalt, und ihre Stimme titterte heftig. „Beruhigen Sie ſich, er iſt jung und Gott iſt barmherzig.“ Sie konnte nicht mehr ſprechen,. ſich er⸗ Iohn Halifax. 1I. ſchöpft nieder, faltete, öffnete und faltete ihre Hände wieder, ſichtlich in nervöſer Aufregung; zu gleicher Zeit malte ſich in ihren Blicken eine wilde Angſt, die ſie zu verbergen wünſchte; aber die meinigen ver⸗ folgten ſie erbarmungslos, wie eine Schlange den kleinen Vogel, den ſie dadurch feſſelt. Sie ſaß auch wirklich wie ein armer kleiner Vogel mit gebroche⸗ nen Schwingen da, den der Sturm erfaßt und niedergedrückt hatte. Sie ſtand auf und wollte das Zimmer ver⸗ laſſen. „Ich will Mrß. Jeſhop rufen, ſie wird uns vielleicht rathen—“ „Sie hilft uns Nichts. Bleiben Sie hier.“ „Wenn man noch anderen ärztlichen Rath holte? — Doktor Jeſhop— Sie bedürfen der Unter⸗ ſtützung.“ „Keine außer Derjenigen, welche nicht kommen wird. Seine körperliche Krankheit iſt wohl beſiegt, aber jetzt hängt Alles von der Seele ab. Ach, Miß March!“ und ich ſah ſo flehentlich zu ihr auf, wie ein Unglücklicher, der um ſein Leben bittet,„wiſſen Sie nicht, woran mein Bruder ſtirbt?“ „Stirbt!“ ein Schauer kam über ſie vom Kopf bis zum Fuße, aber ich ließ nicht nach. S „O, denken Sie nur, ein Leben wie das ſei⸗ nige, das ein Segen für Alle, die er liebt, werden müßte, ja für die ganze Welt, das ſoll ſo hin⸗ geopfert werden? Ich will nicht ſagen, daß es ſo kommen wird, aber es kann doch ſo kommen. Wäre er geſund, würde er gegen das Gefühl kämpfen, das ich nicht näher bezeichnen will; aber jetzt unterſtützt ihn eine verlorene Jugendkraft nicht mehr. Ohne eine Veräuderung oder Hülfe von Außen iſt es mit ſeiner Kraft zu Ende; das ſehe ich klar ein, ich, der ich ihn wärmer und zärtlicher liebe als ihn irgend Jemand zu lieben vermag.“ Sie ward ſichtlich bewegt. „Viel zärtlicher,“ wiederholte ich;„denn während John mich nicht am meiſten auf dieſer Erde liebt, iſt er mir mehr als irgend jemand Anderes auf der Welt. Selbſt jetzt, wo ich die Hoffnung aufgegeben habe, in ſo fern nicht— Aber ich habe kein Recht, mich weiter auszu⸗ ſprechen.“ Ich brauchte es auch nicht mehr, ſie fing an mich zu verſtehen. Ein tiefes, ſanftes Roth wie die aufgehende Sonne verbreitete ſich über ihr Antlitz und ihren Nacken, ja färbte ſelbſt ihre Arme — ihre zarten, bloßen Arme. Sie ſah mich an, 5* — nur ein Mal, aber ihr Blick drückte eine ſtumme, ernſte Frage aus. „Es iſt Wahrheit, Miß March, ach! und ſchon ſeit dem vergangenen Jahre. Sie werden dieſe tiefe Wahrheit achten, ja Sie wollen und werden ſie ehren, nicht wahr?“ Sie bewegte ihr Haupt, als Zeichen der Be⸗ jahung, das war Alles. Kein Wort war über ihre Lippe gekommen, und dies Stillſchweigen brachte mich zur Verzweiflung. „Was? nicht ein Wort? nicht einmal eine ge⸗ wöhnliche Beſtellung von der Freundin an den Freund, der noch dazu krank darniederliegt?“ Daſſelbe Schweigen. „Nun, es iſt beſſer,“ rief ich endlich ganz faſſungslos.„Beſſer für ihn, wenn es ſo ſein muß, daß er ſtirbt und zu ſeines Gottes Frieden eingeht, der ihn, wie Sie ſelbſt erkennen werden, zu edel ge⸗ ſchaffen hat, um für die Liebe einer Frau zu ſter⸗ ben.“ Ich verließ ſie, ſie ſaß noch auf demſelben Flecke und ich ging meiner Wege. Von den Stunden, die jetzt folgten, iſt es am Beſten, ſo wenig wie möglich zu ſagen. Meine — Seele war in ſo großer Aufregung des Schmerzes, daß ſich in mir Recht und Unrecht auf ſeltſame Weiſe vermiſchten. Ich konnte nicht beſtimmt ſagen, und kann es ſelbſt jetzt noch nicht, ob das, was ich that, das Rechte war; ich weiß nur, daß ich aus einem ſo plötzlichen und innerlich lebendigen Antriebe handelte, daß es mir als eine höhere Führung der Vorſehung erſchien. Alles, was ich ſpäter noch zu thun ver⸗ mochte, beſtand darin, den Erfolg vertrauungsvoll Dem zu überlaſſen, von dem wir ſo oft ſagen, daß wir Ihm Alles vertrauen, und doch über wie Vieles beunruhigen wir uns umſonſt, wir Kleingläubigen! Ich habe es ſchon früher geſagt und wieder⸗ hole es, daß ich glaube, jede wahre Ehe, deren es vielleicht nur Eine unter Fünftauſend ehelichen Ver⸗ bindungen giebt, wird im Himmel und nur dort allein geſchloſſen, ja, daß aller menſchliche Einfluß eben ſo machtlos bleibt, ſie zu fördern, wie ſie zu hintertreiben. So überließ ich denn auch jetzt dem Himmel dieſe Heirath, wenn Gott es dazu kommen laſſen wollte. S Und nach einiger Zeit hatte ich mich genug beruhigt, um in das ſtille Krankenzimmer eintreten zu dürfen, wo kein Anderer eingelaſſen ward als Jael und ich. —— Die alte Frau begegnete mir an der Thür. „Leiſe, Phineas“, warnte ſie.„Es iſt eine Veränderung dort eingetreten.“ Eine Veränderung! ach des gewichtigen Wortes! Ich ging nicht, ich ſchwankte an John's Bette. Ja! hier war eine Veränderung eingetreten, aber nicht eine, bei deren Nennung das Blut in meinen Adern ſchon zu Eis gerann,— nein, Gott ſei ewig gedankt für ſeine Barmherzigkeit, dieſe Veränderung war nicht eingetreten. Ich fand John aufgerichtet in ſeinem Bette ſitzen, aus ſeinen Augen wie in ſeinem ganzen Weſen ſprach ein neues Leben. Ja,„Leben“ iſt mehr als Soffnung, etwas Höheres, Göttlicheres. Phineas, wie angegriffen Sie ausſehen! Machen Sie und gehen Sie zu Bette.“ Es war ſeine alte Art zu ſprechen, der alte natürliche Ton ſeiner Stimme, wie ich ihn ſeit Wochen nicht mehr gehört hatte. Ich warf mich an ſeinem Bette nieder, vielleicht vergoß ich auch dort heiße Thränen, Gott mag es wiſſen!— Man findet es für einen Mann beſchämend, wenn er weint, und doch hat„Ein Mann“ geweint, und zwar auch über ſeinen Freund und Bruder. „Du mußt Dich nicht mehr über mich grämen, lieber Junge! Morgen, denke ich, wenn's Gott ge⸗ fällt, werde ich hoffentlich viel wohler ſein.“ Inmitten aller meiner Freude konnte ich es aber doch nicht unterlaſſen, über die Urſache zu erſtaunen, die eine ſo wunderbare Veränderung her⸗ vorgerufen hatte. „Sie würden lächeln, wenn ich es Ihnen ſagte — S nur ein Traum.“ Nein, ich lächelte nicht, denn ich glaubte an den Herrn und Gebieter unſerer geiſtigen Kräfte, ſei es im Schlaf oder im Wachen. „Ein ſo ſonderbarer Traum, daß ich noch jetzt den Eindruck davon nicht verlieren kann. Denken Sie nur, Phineas, ſie ſaß da an meinem Bette, wo Sie jetzt ſitzen.“ „Sie?“ „Urſula!“ Ich könnte den Ton noch wiederholen, in dem er dies Wort ausſprach, das bis dahin nie über ſeine Lippen gekommen war; er hatte ſie entweder „Miß March“ genannt oder die unperſönliche Form gebraucht, unter der aͤlle Liebenden den geliebten Namen verbergen.—„Urſula,“ ſagte er, und zwar in einer Weiſe, in der kein Mann einen andern Namen ausſpricht als den einzigen, der die Muſik ſeines Herzens iſt, von dem er vorausſieht, er wird — der Klang ſeines Hauſes werden, der einzige, der dort herrſcht, der ihm zuletzt geläufig wird, aber immer gleich ſüß und lieblich bleibt. „Ja, ſie ſaß dort und ſprach mit mir; ſagte mir, ſie wiſſe, daß ich ſie liebte, ſo liebte, um für ſie zu ſterben. Das ſei aber unrecht, fuhr ſie fort, ich ſolle aufſtehen und an mein täglich Werk für dieſe Welt gehen, und zwar nicht um ihretwillen, ſondern um Gottes willen; ein treuer Mann müſſe für die Frau, die er liebe, leben, in edler Weiſe leben — nur ein Schwächling wolle für ſie ſterben.“ Erſtaunt hörte ich ihm zu, denn gerade ſo hätte Urſula March ſprechen können; es war derſelbe Geiſt, der an jenem Abende aus ihren Augen ſprach, als ſie zum letzten Male mit mir und John zuſammen geweſen war. Ich frug, ob er noch mehr von ihr geträumt habe? „Nichts Klares mehr. Mir kam es vor, als wären wir mit ihr auf der Hochebene in Enderly, und ich folgte ihr; ob ich ſie aber erreichte oder nicht, kann ich nicht ſagen. Aber ſo viel ſteht in mir feſt, Phineas, ich werde thun, was ſie mir ge⸗ heißen hat, aufſtehen und an mein Werk gehen.“ Und ſo geſchah es. Er ſchlief in dieſer Nacht ſanft wie ein Kind; den nächſten Morgen aber fand ich ihn bereits aufgeſtanden und angezogen, wenn — auch ſo bleich wie ein Geiſt; doch aus ſeinen Augen ſprach Muth und Hoffnung. Selbſt mein Vater bemerkte das, als John zu Mittag mit Jael's Hülfe die Treppen hinab geſchlichen kam.— Arme alte Jael! Wie ſtolz ſah ſie an dem Tage aus! „Wie, mein Junge, Du haſt Dich herausge⸗ riſſen? Nun wirſt Du in kurzer Zeit wieder ein Mann werden.“ „Das hoffe ich, und ein beſſerer als ich früher war.“ „Du magſt beſſer und ſchlechter werden; wie dem auch ſei, wir konnten nicht ohne Dich fertig werden, John! Heda, Phineas, wer ſpielt da mit meiner Brille?“ Der alte Mann wendete ſich um und las ſeine Zeitung nach allen Richtungen durch. Wir hatten wohl nie ein zufriedeneres Mahl in unſerem Hauſe verlebt als dieſen Mittag. Den Nachmittag blieb mein Vater zu Hauſe, eine für ihn ſehr ſeltene Sache, und was noch merk⸗ würdiger war, er rauchte ſeine Pfeife ruhig unten im Garten. John lag auf einem zuſammengeſtellten Sopha, das aus drei unſerer hochlehnigen Stühle gemacht war, die wir gegen das Fenſterbrett geſtellt hatten, das mit einem Kiſſen verſehen war. Ich las ihm Etwas vor und ſuchte ſeine und meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf die„Große Plage“ in London und Daniel Defos zu lenken. Gerade in dem Augen⸗ blicke, als er meinen verſtohlen auf ihn geworfenen Blicken noch bleicher und matter als ſonſt erſchien, ſein Lächeln verſchwand und ſeine Gedanken ſichtlich abweſend waren,— ſtürzte Jael in das Zimmer. „John Halifar, da iſt eine Frau, die nach Dir frägt.“ Nein, John. Es wäre nicht nöthig geweſen, daß Dein leidenſchaftliches Blut die bleichen Wangen ſo dunkel färbte, als gäbe es nur Eine Frau in der Welt.— Nein, es war nur Mrß. Jeſhop. Er ſtand ſo bleich, hager und matt da, daß der guten Frau bei ſeinem Anblicke die Augen über⸗ gingen. „Wie krank müſſen Sie geweſen ſein, mein armes Kind! Verzeihen Sie, aber ich bin eine alte Frau. Setzen Sie ſich, bitte, wieder hin.“ Mit der freundlichſten Gewalt zwang ſie ihn dazu und ſetzte ſich neben ihn. „Ich hatte keine Ahnung. Warum ließen Sie es uns nicht wiſſen, weder den Doctor noch mich? Wie lange ſind Sie nur krank geweſen?“ „Ich bin ja jetzt beinah ganz wiederhergeſtellt, gewiß. Ich werde ſicher morgen ſchon wieder aus⸗ gehen. Nicht wahr, Phineas?“ und bittend ſah er nach einer Beſtätigung zu mir auf. Feſt und ſtolz bejahte ich es. Ich war froh, daß ſie es erkennen und ſehen mußte, wie dies un⸗ ſchätzbare Juwel ſeines Herzens nicht etwa verloren ging, weil ein hochmüthiges Mädchen zu ſtolz war, es zu tragen. „Aber Sie müſſen ſich ſchonen, recht ſorgſam für ſich ſein, wirklich!“ „Das wird gewiß geſchehen, Mrß. Jeſhop, oder ſollte er es nicht ſelbſt thun, ſo ſind Viele da, die ihn pflegen werden, und denen ſein Leben unbe⸗ ſchreiblich theuer und werth iſt.“ Ich ſagte das ſchärfer als ich es dieſer guten, alten Frau gegenüber geſollt hätte, aber ihre freund⸗ liche Antwort ſagte mir zu gleicher Zeit, daß ſie mich verſtanden habe und mir verzeihe. „Das glaube ich wohl, Mr. Fletcher! Und ich glaube kaum, daß Mr. Halifax weiß, wie— wie Alle ihn ehren und achten.“ Und mit einem liebe⸗ vollen mütterlichen Ausdrucke faßte ſie John's Hand: „Sie müſſen ſich aber nun beeilen und bald beſſer werden. Mein Mann wird morgen kommen und Sie beſuchen. Und Urſula,“— hier faßte ſie ſorg⸗ fältig in die Tiefen ihrer Taſche—„das liebe Kind, ſchickt Ihnen hier dies.“ Es war ein kleiner ungeſiegelter Brief, deſſen Adreſſe einfach ſeinen Namen enthielt, in ihrer klaren, runden und ſchönen Handſchrift las man „John Halifax.“ Seine Finger griffen krampfhaft danach.„Ach — ſie iſt— ſehr freundlich. Die Worte fehlten ihm, und die Hand, die den Brief hielt, hielt un⸗ eröffnet dieſen und zitterte wie ein Espen⸗Blatt. „Ja, ſie hat eine dankbare Natur,“ verſicherte Mrß. Jeſhop, feſt darauf hinblickend, als ſie mit mir ſprach.„Ich wünſchte ſie wahrhaftig nicht anders und wollte nicht, daß ſie Diejenigen vergeſſen könnte. deren Werth ſie in ihrer Unglückszeit erkannte.“ Ich blieb ſtumm, und auch die Zunge der alten Dame verſagte ihr. Sie zog ihren Handſchuh aus und wiſchte mit dem Finger über jedes Augenlid, dann blieb ſie ruhig ſitzen. „Haben Sie ihren kleinen Brief geleſen, Mr. Halifax?“ Keine Antwort. „Ich möchte Ihre Antwort mit zurücknehmen. Sie theilte mir mit, was ſie Ihnen geſchrieben hat.“ Ja, die ganze Welt hätte dieſe einfachen Zeilen leſen können. „Mein lieber Freund! „Ich habe es erſt geſtern erfahren, daß Sie krank geweſen ſind. Niemals werde ich es vergeſſen, wie gut Sie gegen meinen armen Vater waren, und gern käme ich und beſuchte Sie, wenn Sie es mir erlauben wollten. „Ihre aufrichtige „Urſula March.“ Dies war der ganze Brief. Ich ſah ihn nach mehr als dreißig Jahren vergelbt und verblichen in ſeinem Taſchenbuche verſteckt liegen. „Was ſoll ich nun meinem Kinde antworten?“ „Sagen Sie“— er erhob ſich und verſuchte zu ſprechen—„bitten Sie ſie, zu kommen.“ Er wandte ſeinen Kopf nach dem Fenſter zu, und die Sonne glänzte auf zwei große Tropfen, groß wie die Thräne eines Kindes. Mrß. Jeſhop entfernte ſich, und wir warteten nun eine lange ängſtliche Stunde, ohne uns beinahe zu bewegen. John lag zuweilen mit geſchloſſenen Augen da, zuweilen ſtarrte er träumend auf das Stückchen blauen Himmel, der zwiſchen den Abtei⸗ Bäumen ſichtbar ward und durch die eiſernen Gitter vor den Fenſtern zu uns hereinſah. Mehr wie ein Wal richteten ſie ſich aber auch auf den kleinen Brief, — 78— den er in ſeinen Händen verborgen hielt. Er fühlte ihn in ſeiner Rähe, und das war ihm genug. Mein Vater kam endlich aus dem Garten zurück und ſetzte ſich zu ſeinem Nachmittags⸗Schlummer nieder; aber ich glaube, John bemerkte ihn kaum, und ich? eben ſo wenig. Mein armer alter Vater! Doch wir ſind ja Alle ein Mal jung geweſen,— laßt die Jugend alſo ihre Tage genießen. Endlich kam Urſula.— Sie ſtand an der Thür des Wohnzimmers. Durch die Bewegung des eben zurückgelegten Weges roſig angehaucht, gab ſie das Bild der Jugend und Unſchuld, die weder erröthet noch Urſache dazu hat, denn ſowohl ihre Gedanken wie ihre Handlungen waren alle durch Gottes Geſetz und ihr eignes Herz geheiligt. John erhob ſich, um ihr entgegen zu gehen; ſie ſprachen nicht, ſondern reichten ſich nur die Hände. Er hatte jetzt nicht Kraft genug, um ſich zu über⸗ winden, und ſo mußte ſie in ſeinem erſten Blicke, der ihr begegnete, ſehen und fühlen, daß ich ſie nicht belogen hatte. Der ihrige dagegen— nun, der ſenkte ſich tief, ſo tief, wie Urſula's helles Auge ſich nie vorher geſenkt hatte. Da wußte ich, wie Alles enden mußte. —— Jael's ſcharfe Stimme ward laut.„Aber, Fletcher! Die Frau des Doctors wünſcht Dich unten in dem Küchen⸗Garten zu ſprechen; ſie be⸗ hauptet, ihre Stachelbeeren wären nicht halb ſo grün wie die unſrigen.“ Mein Vater erwachte aus ſeinem Schlafe, rieb ſich die Augen, bemerkte die Anweſenheit einer Dame, rieb ſie wieder und blieb erſchrocken ſitzen. John führte Urſula zu des alten Mannes Stuhle. „Mr. Fletcher! dies iſt Miß March, eine Freundin, die, von meiner Krankheit hörend, die große Freund⸗ lichkeit“— Seine Stimme verſagte ihm und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und leiſem Tone fügte ſie hinzu: „Ich bin eine Waiſe, und er war gegen meinen theuren Vater ſehr gut.“. Abel Fletcher machte eine bejahende Bemerkung, ſetzte ſeine Brille auf, ſah ſie genau an und nickte abermals mit dem Kopfe, ernſt, bedachtſam und zu⸗ frieden mit ſeiner Beſichtigung. Sein ſtrenger Blick ruhte auf ihr, und je länger er das junge Geſicht betrachtete, deſto mehr beſänftigte ſich ſein Ausdruck, denn er las in demſelben Einfachheit, Würde und Wahrheit. „Biſt Du John's Freundin, ſo ſa in meinem Hauſe willkommen. Willſt Du Dich nicht ſetzen?“ Und ihr ſeine Hand mit einer Miſchung von Freundlichkeit und höflicher Grazie reichend, wie ich ſie niemals bei meinem alten Vater, dem Quäker, geſehen hatte, führte er ſie nach ſeinem eigenen Armſtuhle. Wie lebendig ſehe ich ſie dort noch ſitzen in ihrem ſchwarzſeidenen Ueberrocke, mit jenem weißen leichten Pelzwerke beſetzt, das ſe ſo gern trug und das der kühle Frühlings⸗Abend ihr anzulegen er⸗ laubte; dazu ihren Reithut auf dem Kopfe, deſſen Federn bis auf ihre Schulter herabfielen und ſich leiſe bewegten; denn ſie zitterte ſichtlich. Nach und nach zeigte ſich die ganze Wirklichkeit vor des alten Mannes prüfendem Auge. Er ließ ab von ſeinem kritiſchen Blick, und ſagte halb lächelnd: „Willſt Du bei uns bleiben und den Thee mit uns trinken?“ So kam es denn, ich weiß kaum wie, daß unſer Wohnzimmer in dem Zwiſchenraume einer Stunde den fremdartigſten Anblick gewährte, den ich je dort erlebte.— Ach, es war wohl kein Wunder, als ſie ihren Platz am Ende des Tiſches einnahm und ihm ſeinen Thee mit ihrer Hand reichte, mit ihrer feinen, vornehmen Hand, daß mein alter Vater erſchrocken aufſah, als ſei es eine Andere wie Miß March, die ————— —— hier ſaß. Kein Wunder, daß er bei dem Klange ihrer leiſen, ruhigen Frauen⸗Stimme, ſo anders als wir ſie hier zu hören gewohnt waren, ſich plötzlich mit einem halb ſcheuen, halb ſehnſüchtigen Blicke umſah, als wäre ſie der Geiſt einer Anderen, die aus dem Grabe erſtanden ſei. Aber Mrß. Jeſhop wußte ihn in eine Unter⸗ haltung zu verflechten, und war er auch ein Weiber⸗ haſſer, ſo konnte er doch der Freundlichkeit der kleinen Doctors⸗Frau nicht widerſtehen. Zudem kam der Doctor ſelbſt noch nach dem Thee, und die alten Leute waren Alle ſo von ihrer zutraulichen Unter⸗ haltung in Anſpruch genommen, daß ſie ſich wenig um uns Drei bekümmerten. Miß March ſaß an einem kleinen Tiſche nahe am Fenſter, einige Hyazinthen bewundernd, die Mrß. Jeſhop uns mitgebracht hatte,— ein kluges Geſchenk, denn ganz Norton Bury wußte, daß Abel Fletcher's ſchwache Seite ſein Garten und ſeine Blumen waren. Dieſe nun, an Farbe wie Geruch beſonders lieblich, mußten Den außerordentlich reizen, der ſo lange rrank geweſen war. So lag denn John da, ganz verſunken in den Anblick dieſer Blumen und in den ihrigen; ja, als ob Vergangenheit und Zukunft ſeien, John Halifar. I. ſeine ganze Seele ſich nur in dem Genuſſe dieſer einen glücklichen Stunde auflöſe. Was mich betrifft, ſo weiß ich nicht mehr genau, wo ich ſaß, noch würde ſich deſſen irgend ein Anderer erinnern. „So,“ ſagte Miß March in dem Tone einer kindlichen Zufriedenheit leiſe vor ſich hin, als ſie die letzte Hyazinthe nach ihrem Geſchmacke geordnet hatte, „ſo ſind ſie wirklich ſchön!“ worauf ich John's timme in einem ſonderbar fremden zitternden Tone antworten hörte:„Es iſt zu dunkel geworden, um über die Farben urtheilen zu können, aber der Geruch iſt ſelbſt von hier köſtlich.“ „Ich könnte den Tiſch näher zu Ihnen hin rücken.“ „Ich danke Ihnen, laſſen Sie es mich nur thun. Wollen Sie ſich hierher ſetzen?“ Nach einem ſehr kurzen Augenblicke des Zögerns folgte ſie ſeiner Aufforderung und ſetzte ſich an ſeine Seite. Keines von Beiden ſprach, aber ruhig ſaßen ſie neben einander, während der Schein der unter⸗ gehenden Sonne ihre beiden Häupter traf. Beide zugleich ſanft berührend, ſank ſie eben ſo ſanft immer tiefer, bis ſie verſchwand. „Wir haben heute Abend Neu⸗Mond,“ ſot Wi March uhi und ernſt. „Wirklich? Nun dann bin ich gerade einen vollen Monat krank geweſen, denn ich— denn ich ſah ihn damals zwiſchen den Bäumen glänzen, als“— Er verſtummte und ſagte nicht, an welchem Abende; ſie frug auch nicht danach. Ich glaubte, bei einer ſo unwichtigen Unterhaltung ſei mir das Zuhören derſelben geſtattet. „Ich hoffe, Sie werden bald wieder ausgehen können,“ begann Miß March von Neuem;„Norton Bury iſt eine hübſche Stadt.“ Ohne Etwas darauf zu erwidern, frug John plötzlich:„Werden Sie dieſelbe wirklich bald ver⸗ laſſen?“ „Jetzt nicht, ich weiß es ſelbſt noch nicht be⸗ ſtimmt, aber vielleicht gar nicht. Ich denke,“ fügte ſie eifrig hinzu,„da ich vollkommen unabhängig und ganz von meinen Verwandten getrennt bin, ja, da ſie mich verlaſſen haben, ſo kann ich meinen Wünſchen folgen und mit Mrß. Jeſhop zuſammen wohnen.“ „Gewiß, ſehr natürlich,“ lautete John's äußerſt förmlich gehaltene Antwort, und er verharrte darauf in einem längeren Schweigen. „Ich hoffe,“ ſagte Urſula, die Pauſe unter⸗ brechend, aber dann plötzlich ſtockend, als ob die eigene Stimme ſie erſchreckt habe. 6* „Was hoffen Sie?“ „Daß lange, ehe dieſe Sichel zum Vollmonde geworden iſt, Sie Ihre Kräfte wieder gewonnen haben.“ „Ich danke Ihnen! ja, das hoffe ich auch. Ich bedarf der Kräfte, Gott weiß es!“ ſetzte er ſeufzend hinzu. „Und Ihnen wird werden, was Sie bedürfen, um Ihr Werk in der Welt zu vollbringen. Sie dürfen nicht ſo zaghaft ſein.“ „Ich fürchte mich auch nicht, werde meine Laſt tragen wie alle anderen Menſchen. Ein Jeder hat eine unvermeidliche Bürde auf ſich zu nehmen.“ „Das glaube auch ich.“ Das Zimmer war jetzt ſo dunkel geworden, daß ich ſie nicht mehr unterſcheiden konnte; aber ihre Stimmen klangen, als hörte ich ſie aus weiter Ferne: faſt wie die Stimmen der Kinder, die in Enderly von dem Urquell zu mir herauftönten, wenn ich im Zwielichte am Rande der Hochebene lag und träumte. „Ich habe den Plan,“ fuhr John fort,„ſobald ich es im Stande bin, Norton Bury zu verlaſſen und für einige Zeit in das Ausland zu gehen.“ „Wohin?“ „Nach Amerika. Es iſt das beſte Land für einen jungen Mann ohne Vermögen, ohne Verwandte und ohne Stellung, der eigentlich Richts als ſeine eigene rechte Hand beſitzt, wodurch er ſich ein Ver⸗ mögen erwerben könnte, wie ich es will— und vermag.“ Sie flüſterte Etwas, von dem man nur das Wort„ganz recht“ verſtand. „Es freut mich, daß auch Sie ſo darüber urtheilen.“ Doch hatte ſein Ton der Stimme wieder den förmlich fremden Ausdruck angenommen, der dann und wann hervortrat und ſehr ſonderbar gegen die leiſe innerliche Zärtlichkeit abſtach, mit der er zu ihr ſprach.„Auf jeden Fall muß ich England ver⸗ laſſen, ich habe triftige Gründe dafür.“ „Was ſind das für Gründe?“ Die Frage ſchien John zu erſchüttern, er ant⸗ wortete nicht gleich darauf. „Wenn Sie es wünſchen, will ich ſie Ihnen mittheilen, auch ſchon deßhalb, damit, wenn ich je wiederkehre oder nicht zurückkomme, Sie, die Sie Ihre Güte gegen mich ſo weit ausdehnten, ſich meine Freundin zu nennen, wiſſen, daß mich nicht jugendliche Ruheloſigkeit oder der Wunſch nach Ver⸗ änderung von hier forttreibt.“ Er ſchien eine Antwort zu erwarten; doch da ſie nicht erfolgte, fuhr er fort: „Ich gehe von hier, weil ein großes Leid über mich gekommen iſt, dem ich, wenn ich hier bleibe, weder entgehen, noch es beſiegen kann. Ich möchte nicht unterliegen und lieber, wie Sie ſagten, meine Arbeit in der Welt vollbringen, wie es einem Manne gebührt. Kein Menſch hat das Recht, zu ſeinem Schöpfer zu ſagen:„Meine Laſt iſt ſchwerer als ich ſie tragen kann!““ Finden Sie das nicht auch?“ „Gewiß.“ „Glauben Sie nicht, daß ich das Recht habe, einem unvermeidlichen Uebel ſo zu begegnen und es in dieſer Weiſe zu überwinden?“ „Iſt es unvermeidlich?“ „Still!“ antwortete John heftig.„Streiten Sie darüber nicht mit mir; Sie können es nicht beurtheilen, wiſſen es auch nicht. Es iſt hart genug, daß ich von hier fort muß. Bliebe ich, ſo würde ich meiner ſelbſt unwürdig. Vergeben Sie mir, ich habe nicht das Recht, darüber zu ſprechen. Aber Sie nennen mich Ihren Freund, und da darf ich Ihnen gegenüber wohl das Recht in Anſpruch nehmen, mich ſelbſt beurtheilen zu dürfen, denn— denn“— ſeine Stimme zitterte, verſagte ihm beinahe gänzlich, er flüſterte nur:„Gottes Liebe ſei mit Dir und nehme Dich in ſeinen Schutz, wohin ich auch gehen mag.“ „John, bleibe!“ Es war nur ein leiſer, ſchwacher Schrei des Herzens, aber er hörte ihn und empfand ihn. In der Stille der Dunkelheit näherte ſie ſich ihm wie ein junger Vogel ſich zu ſeinen Gefährten flüchtet, — und er nahm ſie für immer unter den Schutz ſeiner Liebe auf. Plötzlich ward Alles klar zwiſchen Beiden. Denn was die Welt auch ſagen konnte, ſie fühlten ſich vor Gottes Angeſichte gleich, und ſie empfing eben ſo viel als ſie geben konnte. ** * Als Jael Licht brachte, erſchien mir Alles im Zimmer zuerſt wie mit einem blendenden Glanze übergoſſen. Dann ſah ich, wie John aufſtand und Miß March ebenfalls. Ihre Hand faſſend, führte er ſie durch das Zimmer. Sein ſtolz erhobener Kopf. ſeine glänzenden Augen, ſein ganzer Anblick gab das Bild eines Mannes, der vor aller Welt erklärt: „Dies iſt mein Eigen!“ „Was?“ rief mein Vater, ſie über ſeine Brille hinweg betrachtend. John ſprach tief ergriffen:„Wir haben keine Eltern, weder ſie, noch ich. Segne ſie, denn ſie hat gelobt, mein Weib zu werden.“ Und der alte Mann ſegnete ſie unter Thränen. —————— viertes Kapitel. „Ich möchte Dich kaum an dieſem feuchten Tage heraustreiben, Phineas; aber es iſt ein ſo großer Troſt, Dich bei mir zu haben.“ Seitdem er ein eignes Haus zu gründen im Begriff war, fiel auch zwiſchen uns eine äußere Schranke und das brüderliche„Du“ that unſerm Herzen wohl. Meine Begleitung war ihm vielleicht en wirklich nothwendig, denn John hatte eine ſchwere Aufgabe zu erfüllen. Er war auf dem Wege zu Mr. Brithwood auf dem Mythos, um ihm, Urſula's geſetzlichem Vor⸗ munde und Bevollmächtigtem, die Anzeige zu machen, daß ſie ſich mit ihm, mit John Halifax, dem Loh⸗ gerber, verlobt habe. Er fand es nothwendig, dies ſelbſt zu thun, und es geſchah gleich, nachdem er volljährig geworden war, gerade acht Tage nach ihrer Verlobung, am neunzehnten Juni eintauſendachthundert und eins. Wir erreichten das eiſerne Gitter des Hauſes, und John zögerte einen Augenblick, dann aber zog er die Klingel mit entſchloſſener Hand. „Erinnerſt Du Dich des letzten Males, als wit hier ſtanden, John?“ „Gewiß thue ich das!“ Indeſſen floh das glückliche Lächeln ſchnell von ſeinen Lippen, und ich ſah, wie er ſie mit einem faſt ſchmerzlichen Ernſte feſt aufeinander preßte. Er war in dieſem Augenblicke nicht allein ein Liebender, ſon⸗ dern auch ein Mann. Und kein Mann würde ohne Ueberwindung Dem entgegengetreten ſein, was er in dieſem Hauſe und bei dieſer Gelegenheit zu erwarten hatte. Man ſah ſchon genug an dem wohlbekannten Seitenblicke des Dieners, den er mit ſeinem Namen „John Halifar“ entſetzte. „Mr. Brithwood iſt beſchäftigt, Sir; es iſt beſſer, Sie kommen morgen wieder,“ verſicherte der Menſch, der ſichtlich die Geſchäfte ſeines Herrn gut genug kannte. „Es thut mir Leid, ihn zu ſtören, aber ich muß Mr. Brithwood heute gerade ſprechen.“ ii Und John folgte dem Diener entſchloſſen in das große, leere Eßzimmer, wo wir auf dunkelrothen Sammetſtühlen ſaßen und den großen Hirſchkopf mit ſeinen verzweigten Geweihen betrachteten, und während funfzehn Minuten vollkommen Zeit hatten, unſere Aufmerkſamkeit auf die ſilbernen Krüge und Kannen zu richten, ſo wie die Droſſeln zu beobach⸗ ten, die draußen auf dem feuchten Platze herum⸗ hüpften. „Das geht ſo nicht,“ ſagte John ruhig genug, und zog, wenn anch in einer etwas weniger gelaſſe⸗ nen Weiſe, noch ein Mal die Klingel. „Haben Sie Ihrem Herrn gemeldet, daß ich hier bin?“ „Ja, mein Herr!“ und unwillkürlich verſchwand das höhnende Lachen von den Mundwinkeln des Dieners, mit dem er eingetreten war. „Wann werde ich die Ehre haben, ihn zu ſehen?“ „Er ſagte, der Herr möge nur ſeine Frage durch mich an ihn gelangen laſſen.“ John zögerte einen Augenblick und überwand ſichtlich Etwas in ſich, was des Geliebten und an⸗ gehenden Gatten von Urſula March nicht würdig geweſen wäre. „Sagen Sie Ihrem Herrn, daß mein Geſchäft nur mit ihm ſelbſt abgemacht werden kann; ich muß bitten, ihn perſönlich zu ſprechen, und wäre es nicht etwas Wichtiges, ſo würde ich mich ſicher hier um dieſe Zeit nicht aufdrängen.“ „Sehr wohl, mein Herr.“ Nicht lange nachher brachte der Bediente die Antwort, daß Mr. Brithwood in der Gerichtsſtube, aber freilich nur auf fünf Minuten, zu ſprechen ſein würde. Man führte uns wieder über den Hof, wo wir zwei Damen ausreiten ſahen, von denen die Eine John Halifar einen Kuß zuwarf, und von dort gelangten wir in das Richterlehnamtshaus. Dort, vollkommen getrennt von ſeiner eigenen Behauſung, ſaß Mr. Brithwood zu Gericht. In dem Vorzimmer ſahen wir einen jungen kräftigen Burſchen in Ketten gelegt, wahrſcheinlich einen Wilddieb, finſter und wild vor ſich hinſtarrend; nicht weit von der Thür ſtand weinend ein junges Mädchen mit einem Kinde auf dem Arme, aber ohne Ring am Finger, Gott erbarme ſich ihrer; ein anderer, bös ausſehender Geſell, halb betrunken, von einem Conſtabel be⸗ gleitet, rief uns bei dem Vorübergehen nach:„Einen Tropfen Bier.“ Dies war das Volk, über das Richard Brith⸗ wood, Esquire und Richter der Grafſchaft, zu richten und das er zu beſtrafen hatte, ſowohl nach ſeiner — eigenen Anſicht über Recht als wie nach ſeiner Kenntniß der Landesgeſetze. Er ſaß hinter ſeinem Gerichtstiſche, ſo amts⸗ eifrig ſeinem Schreiber hinter ihm dictirend, daß wir Beide eintraten und John bereits den größten Theil des Zimmers durchſchritten hatte, ehe er uns ſah oder uns zu ſehen ſchien. „Mr. Brithwood!“ „O, Mr. Halifax. Guten Morgen.“ John erwiderte die Begrüßung, die wohl haupt⸗ ſächlich deßhalb gegeben ward, um zu zeigen, daß der Hausherr keinen Groll mehr empfinde, oder vielmehr um die Unmöglichkeit hervorzuheben, daß ein ſo hochſtehender Mann wie Richard Brithwood an und für ſich, und nun gar in ſeiner öffentlichen Stellung, einen Groll oder Haß gegen ein ſo unter⸗ geordnetes Weſen wie John Halifax hegen könne. „Ich möchte wohl um einige Minuten bitten, Sip „Gewiß, gewiß, reden Sie,“ und er nahm eine wichtige Amtsmiene an.* „Verzeihen Sie, mein Geſchäft iſt ein perſön⸗ 5 liches,“ erwiderte John, auf den Schreiber blickend. „Hier giebt es keine Privatgeſchäfte,“ bemerkte der Squire vornehm. „Dann werde ich mit Ihnen an einem andern Orte ſprechen. Aber die Ehre einer Zuſammenkunft mit Ihnen muß mir werden, und zwar ſogleich.“ Entweder ward Mr. Brithwood von einer unbeſtimmten Furcht erfaßt, und er ſelbſt wußte wohl, weßhalb, oder John's unwiderſtehliche Per⸗ ſönlichkeit zwang ihn zur Höflichkeit, wie der Stär⸗ kere denn immer eine Gewalt über den Schwächern ausübt; genug, er gab dem Schreiber ein Zeichen, das Zimmer zu verlaſſen. „Und, heda, James, ſchicke alle Uebrigen in das Gefängniß zurück bis auf morgen. Bei meinem Leben, es iſt beinahe drei Uhr. Dies gemeine Volk kann doch unmöglich verlangen, daß ein Edelmann ſeinen Mittagstiſch aufſchiebt.“ Ich hoffe, daß dieſe Rede nur für die Verbrecher vor der Thür Kſn ward, wir nahmen es natürlich ſo an. „Nun, Sie, Sir, werg Sie nun vielleicht Ihr Geſchäft beendigen? je früher, je beſſer.“ „Es wird Sie nicht aufhalten. Es iſt eigentlich nur eine Sache der äußeren Form, demungeachtet aber hielt ich es für meine Schuldigkeit, der Erſte zu ſein, der Sie davon unterrichtet. Mr. Brithwood, ich habe die Ehre, Ihnen eine Beſtel⸗ lung von Ihrer Verwandten, Miß, March, zu bringen.“ —— „Sie iſt für mich Richts mehr, ich wünſche ihr Antlitz nie wieder zu ſehen, dieſe böſe Sieben!“ „Sie werden wohl ſo gut ſein, ſich jeder Be⸗ zeichnung der Art zu enthalten, wenigſtens in meiner Gegenwart.“ 8 „In Ihrer Gegenwart! bitte, wer ſind Sie, Sir?“ „Sie wiſſen ſehr wohl, wer ich bin.“ „O ja! Und wie geht die Löhgerberei? Haben Sie vielleicht Anerbietungen über Pferdehäute? Immer äußerſt glücklich, mit Ihnen in Geſchäften zuſammen zu kommen. Aber was können Sie mög⸗ licher Weiſe mit mir oder einem Mitgliede meiner Familie zu thun haben?“ John biß ſich auf die Lippen, des Squire's Ton war äußerſt bitter und trat faſt noch mehr durch die äußere Förmlichkeit ſeines Tones hervor. „Mr. Brithwood, ich ſpreche nicht von mir ſelbſt, ſondern von der Dame, deren Beſtellung ich die Ehre habe zu überbringen.“ „Dieſe Dame, Sir, hat ſelbſt die Wahl ge⸗ troffen, ſich von ihrer Familie zu trennen, und die Familie kann alſo keinen Verkehr mehr mit ihr haben,“ verſicherte der Squire wegwerfend. „Dabon war ich ſchon vorher überzeugt,“ lautete die eben ſo ſtolze Antwort. — „Waren Sie das? Und bitte, was für ein Recht haben Sie, mit Miß March's perſönlichen Ver⸗ hältniſſen bekannt zu ſein?“ „Welches Recht? Nun das war gerade die urſache ihrer Beſtellung an Sie, hämlich, daß ich in wenigen Monaten ihr Gatte ſein werde.“ John ſagte dies ſehr ruhig, ſo ruhig, daß der Squire zu Anfang ſeinen Sinnen nicht zu trauen ſchien, dann aber brach er in ein wieherndes Ge⸗ lächter aus. „Gut! das iſt der beſte Spaß, den ich je gehört habe.“ „Verzeihen Sie, ich ſpreche im vollkommenſten Ernſte.“ „Bah! Wie viel Geld bedürfen Sie, mein Bürſchchen? Eine hübſche Geſchichte! Aber Sie verlangen doch nicht etwa, daß ich daran glaube, ha, ha! So verrückt wird ſie doch nicht ſein. Gewiß, Frauen haben ihre Einfälle und Phantaſieen, wie wir Alle wiſſen, und Sie ſind wahrhaftig hübſch und jung genug; aber Sie zu heirathen—“ John ſprang auf, ſeine ganze Geſtalt zitterte vor Wuth. „Nehmen Sie ſich in Acht, Sir! Nehmen Sie ſich in Acht, wenn Sie meine Frau beleidigen!“ Er ſtand vor dem Elenden, der feige zuſammen fuhr. Er berührte ihn nicht, aber er ſtand vor ihm, bis Richard Brithwood ganz außer Faſſung nach einigen Entſchuldigungen ſuchte. „Setzen ſie ſich; bitte, ſetzen Sie ſich; wir wollen in unſerem Geſchäfte fortfahren.“ John Halifax ſetzte ſich. „Alſo meine Couſine iſt Ihre Frau! Sagten Sie nicht ſo?“ „Sie wird es in kurzer Zeit werden. Wir ver⸗ lobten uns vor acht Tagen mit dem Wiſſen und der Einwilligung von Doctor und Mrß. Jeſhop, ihren nächſten Freunden.“ „Und auch mit Wiſſen Ihrer Verwandten?“ frug Mr. Brithwood in ſpottendem Tone, und ſicht⸗ lich froh, daß ihm ſein geringer Verſtand dieſe Frage eingab. „Ich habe keine Verwandten.“ „Das hörte ich immer ſchon. Und da dies wirklich der Fall iſt, ſo möchte ich fragen, was eigentlich der Grund Ihres Beſuches iſt? Wo be⸗ findet ſich Ihr Rechtsbeiſtand und wo ſind Ihre Ehe⸗ pacten? Ich frage, junger Mann, ha! ha! Ich möchte wohl wiſſen, was Sie eigentlich von mir, WMiß March's Bevollmächtigtem, wollen?“ „Miß March iſt, wie Sie wiſſen, durch den letzten Willen ihres Vaters vollkommen frei in der John Halifax. 10) 7 * Wahl ihrer Heirath, und ſie hat gewählt. Aber da ich unter gewiſſen Verhältniſſen mit vollkommener Offenheit zu handeln wünſche, ſo komme ich zu Ihnen und ſage Ihnen als ihrem Vetter und dem Teſtamentvollſtrecer ihres Vaters, daß ſie meine Frau werden will.“ Und er verweilte bei dem Namen, als ob der Klang ſchon ihm Ruhe und Kraft verleihen könnte. „Darf ich fragen, was Sie unter dem Aus⸗ drucke„gewiſſer Verhältniſſe“ verſtehen?“ frug der Andere hämiſch. „Das wiſſen Sie ſehr wohl. Miß March hat Vermögen und ich beſitze Richts; wenn ich nun auch wünſchte, daß dieſer Unterſchied umgekehrt ſtattfände, und dies der Grund iſt, der mich vielleicht an dem jetzt gefaßten Entſchluſſe gehindert hätte, ja ihn ver⸗ zögerte, ſo habe ich dennoch um ſie geworben und bin angenommen, und es ſoll mich nicht ſtören, ſe zu heirathen.“ Wahrſcheinlich nicht!“ hohnlachte Mr. Brith⸗ wood. John's Heftigkeit flammte auf. „Ich wiederhole, es wird mich nicht hindern, die Welt mag darüber ſagen, was ſie will, wir folgen einem höheren Geſetze als ſie; Miß March kennt mich; ſollte ich fürchten, ihr vollkommen zu —— vertrauen? Ich würde mich ſelbſt für feig halten müſſen, wagte ich nicht, die Frau, die ich liebe, zu heirathen, weil die Welt von mir ſagen könnte, ich thäte es um ihres Geldes willen!“ Er ſtand, die Hand auf den Tiſch geſtützt, und ſah Richard Brithwood feſt in das Auge. Der Squire ſaß ſtumm vor der Heftigkeit des jungen Mannes da. „Verzeihen Sie,“ fügte John ruhiger hinzu, „vielleicht bedürfte ich auch Ihrer Vergebung, Ihren Namen mit in dieſe Erörterung gebracht zu haben; aber ich wünſchte, daß zwiſchen mir und Ihnen, der Sie ihr nächſter Verwandter ſind, Alles klar ſein möchte. Sie wiſſen nun genau, wie die Sachen ſtehen, und da ich Richts mehr hinzuzufügen habe, will ich Sie nicht länger aufhalten.“ „Aber ich habe Ihnen noch Etwas zu ſagen,“ ſchrie der Squire, der von dem Augenblicke an, wo er ſeinen Feind ſich zurückziehen ſah, wieder Muth gewann.„Warten Sie einen Augenblick.“ John blieb an der Thür ſtehen. „Sagen Sie Urſula March, ſie könne Sie oder jeden andern Vagabonden nach Gefallen hei⸗ rathen, das geht mich Nichts an. Aber ihr Ver⸗ mögen iſt in meiner Gewalt und ich habe darüber zu beſtimmen. Macht iſt Recht, und Beſitz Reun⸗ 7* 2 zehntel des Geſetzes. Nicht ein Pfennig ſoll durch meine Hände ihr gezahlt werden, ſo lange ich es feſthalten kann.“ John verbeugte ſich, ſeine Hand noch auf die Thürklinke gelegt.„Wie es Ihnen beliebt, Mr. Brithwvod. Das war nicht der Gegenſtand unſerer Zuſammenkunft. Guten Morgen.“ Und wir verließen das Zimmer. Das eiſerne Gitterthor hinter uns laſſend und wieder auf der offenen Landſtraße wandernd, athmete John frei auf. „Es iſt vorüber. Alles iſt nun gut.“ „Glaubſt Du, daß ſeine Drohung wahr iſt, und daß er es wirklich thun kann?“ „Sehr möglich; laß uns aber weiter nicht dar⸗ über ſprechen.“ Und friſch ging er vorwärts, als ob eine Laſt von ſeiner Seele gefallen wäre, ſo daß Körper und Geiſt wieder auflebten, um die Hoheit des Sonnen⸗Unterganges, die Friſche des Sommer⸗ Abendes zu genießen. „Was iſt das für ein Tag geworden nach dem Regen! Wie wird ſich Urſula däran erfreuen!“ Und nach Rorton Bury zurückkehrend, begegne⸗ ten wir ihr, im Begriff, mit Mrß. Jeſhop einen Spaziergang zu machen. Es war jetzt nicht mehr nöthig, dies Zuſammenkommen zu verheimlichen. — Sie ſah fragend und erröthend zu ihm auf. Natürlich hatte er ihr kein Geheimniß aus unſerm heutigen Gange gemacht, ihr, die jetzt ein Recht hatte, Alles zu wiſſen, was ihn betraf. John nahm ihren Arm.„Komm', wir brauchen uns nun nicht mehr um Norton Burh zu kümmern,“ ſagte er lächelnd. So gingen ſie vor uns her, mit einander eif⸗ rig und oft ernſthaft redend, während wir ihnen folgten. „Gott ſegne die lieben Herzen!“ ſagte die gute alte Dame, als ſie ſich auf einem Steine am Ein⸗ gange eines Bohnenfeldes ausruhte.„Ja, wir ſind Alle ein Mal jung geweſen!“ Nicht Alle, gute Mrß. Jeſhop, dachte ich, nictA. Gewiß, es war eine große Freude, ſie zu be⸗ trachten— wie der Anblick treu Liebender es immer iſt— und nun beſonders junger Liebender, die noch in dem Morgen ihres Glückes ſtehen. Wohlthuend war es, in jedem Zuge ihrer glücklichen Geſichter den Segen des Naturgeſetzes der Liebe zu erkennen— einer Liebe, die in den Tagen der Jugend begann— wahr und rein blieb, frei von allen ſentimentalen Täuſchungen oder Thorheiten, ohne falſche Scham — einer Liebe, die ſich zu dem ernſten Bunde gegen⸗ —————.———————————— —— ſeitig verpflichtet, in dem ſie enden muß und enden ſoll— in Gottes heiligem Gebote der Ehe. Wir kehrten durch die Felder zurück, um bei Mrß. Jeſhop den Thee zu trinken. Es war John's Gewohnheit, jeden Abend zu ihr zu gehen, obgleich man das Wort nicht von ihm gebrauchen konnte, er mache dort„den Hof.“ Nichts Unähnlicheres hätte man von ſeinem oder eigentlich von Beider Beneh⸗ men ſagen können. Sie waren ſehr ruhige Liebende, vor Leuten nicht viel mit einander verkehrend. Kein Flüſtern in den Ecken, oder ſich von der Geſellſchaft Fortſtehlen, keine öffentlichen Beweiſe der Zärtlichkeit, deren höchſter Reiz doch wohl nur in der vollkom⸗ menſten Heilighaltung derſelben beſtehen kann, we⸗ nigſtens denke ich mir das ſo. Keine koketten Bitten. kein Verſuch der Gewalt des Einen über den Andern, in jenen oft ſo peinlichen kleinen Zänkereien, wodurch vielleicht die Leidenſchaft nur angereizt wird, die aber ſo leicht der Tod wahrer Liebe werden. * Nein, unſer junges Ehepaar benahm ſich über⸗ all paſſend. Sie ſaß mit ihrer Arbeit beſchäftigt, und er machte ſich bei Allen angenehm, indem er ſich vollkommen den täglichen Gewohnheiten der Familie Jeſhop anſchloß. Aber was er auch thun mochte, die kleinſte Bewegung Urſula's oder der lei⸗ ſeſte Ton ihrer Stimue gab ſeinen Augen einen ſo — 103— ſtillen, ſanften Glanz, als ſei er ſich überall ihrer Gegenwart bewußt; der Gegenwart derer, die das Glück ſeiner Seele ausmachte. Nahte ſich der Abend, ſo ſchien dies ſanfte un⸗ ſichtbare Band Beide noch feſter zu verknüpfen. Sprachen ſie auch wenig mit einander und ſaßen ſich bei Tiſche nur gegenüber, ſo fand man dennoch bei der Begegnung ihrer Blicke jenes tiefe Vertrauen, den Frieden und die Freude, die aus dem vollkom⸗ menen Verſtändniß entſprangen, welches zwiſchen Beiden herrſchte. Er hatte ihr ſichtlich Alles mitgetheilt, was ihm an dieſem Tage begegnet war, und ſie ſchien vollkommen befriedigt. Mehr vielleicht als ich es war, denn ich wußte, wie wenig John zum Leben haben würde, ohne das Vermögen, das ſeine Frau ihm mitbringen ſollte; doch war das ihre eigne Sache und nicht meines Amtes, meinen Zweifel und meine Befürchtungen laut werden zu laſſen. Wir ſaßen Alle ruhig und uns heiter unter⸗ haltend um den Theetiſch; doch verließ uns John bald, wenn auch nicht ohne große Ueberwindung; denn er hatte es ſich zum Geſetze gemacht, alle Abende mehrere Stunden an meines Vaters Stelle in der Lohgerberei zu bleiben. Urſula ließ ihn zur — 104— Thür hinaus. Dies war ein Recht, das ſie ſtillſchwei⸗ gend in Anſpruch genommen hatte, ohne daß es ihr Jemand beſtritt oder ſie dabei ſtörte. Als ſie zurückkehrte— und es mochte wohl einige Minuten länger als die ſtrengſte Nothwendig⸗ keit gedauert haben— lag ein wunderbarer Glanz auf dieſem jugendlichen Antlitze, obgleich ſie ſehr ernſt und ſehr aufmerkſam einer langen Beſchreibung zu⸗ hörte, die Mrß. Jeſhop uns über Backen und Ein⸗ pökeln machte. „Ja, meine Liebe, Sie müſſen jetzt alle ſolche Gegenſtände lernen.“ „Gewiß,“ verſicherte Miß March, ihr Köpfchen ein wenig ſenkend. „Ich verſichere Sie,“ ſagte die gute Doctorin, ſich zu mir wendend,„es vergeht kein Tag, wo ſie nicht zu mir in die Küche kommt— das ſchadet Nichts, meine Liebe, man kann Mr. Fletcher ſchon Alles ſagen— und keine Dame braucht ſich darüber zu ſchämen, daß ſie weiß, wie ein gutes Diner ge⸗ kocht und ein Haus in rechter Ordnung gehalten wird.“ „Nein, ſie kann ſtolz darauf ſein, und John findet das auch, wie ich ſehr wohl weiß.“ Bei dieſer Antwort von mir lächelte Urſula ein wenig. Indeſſen lag ein ſo tiefes Nachdenken in — 105— ihren Augen und die Farbe ihrer Wangen brannte viel höher als unſer Geſpräch rechtfertigte; ich ſann alſo darauf, wie ich Mrß. Jeſhop von dieſem Gegenſtande auf einen andern leiten könnte, als ich durch eine plötzliche Erſcheinung unterbrochen ward, deren Eintritt uns wie ein Blitz erſchreckte. „Fortgeſtohlen, wirklich fortgeſtohlen, wie mein Mann ſich ausdrücken würde, und durch das Dunkel der Racht bin ich durch die Straßen gewandert, bis zu der Thür von Doctor Jeſhop. Wo iſt ſie? und wie geht es ihr, ma petite?“ „Caroline?“ „Ah, da ſind Sie, kommen Sieher, ich habe Sie ſeit einer Ewigkeit nicht geſehen.“ Und Lady Caroline küßte ſie in ihrer allerlieb⸗ ſten franzöſiſchen Weiſe auf beide Wangen, was Ur⸗ ſula ruhig geſchehen ließ, ohne es zu erwidern; nein, ich will es nicht mit Gewißheit ſagen, ob ſie ſie küßte oder nicht. „Verzeihen Sie, wie geht es Ihnen, Mrß. Jeſhop, gute liebe Frau? Was für eine Angſt habe ich aus⸗ geſtanden, um herzukommen! Freuen Sie ſich nicht auch, mich zu ſehen, Urſula?“ „Ja! gewiß,“ erwiderte ſie in dem redlichen, wahren Tone, der ihre Gefühle weder vergrößerte noch verfälſchte. ———————————— „Sie dachten wohl kaum daran, mich je wie⸗ derzuſehen?“ „Nein, wahrlich nicht, und ich würde es auch ſelbſt nicht gewünſcht haben— wenn—“ „Wenn Richard Brithwood es nicht geſtattete? Puh! was haben Sie nicht für ſonderbare Anſichten über die männliche Gewalt! Alſo, ma chöre, Sie wollen wirklich ſelbſt heirathen, wie ich höre?“ „Wie ruhig ſcheinen Sie das zu nehmen! Mich elektriſirte dieſe Nachricht wirklich heute Morgen. Ich habe es wahrhaftig immer geſagt, daß dieſer junge Mann un héros de roman wäre. Ma foi! Es iſt die hübſcheſte kleine Epiſode, die ich je erlebte. Gerade wie die Geſchichte vom König Cophetua und dem Bettelmädchen, aber umgekehrt. Wie iſt Ihnen zu Muthe, meine Königin Cophetua?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Caroline.“ „Ich Sie noch weniger, denn die Geſchichte er⸗ ſcheint mir wirklich unbegreiflich. Aber Sie ant⸗ worteten mir mit Ihrem einfachen„Ja,“ und ich weiß, daß Sie nie die geringſte Lüge über Ihre Lippen gebracht haben. Und doch— es iſt nicht möglich— wenigſtens hoffentlich noch nicht gewiß! Es mag eine kleine affaire de ooeur ſein; ach! ich hatte deren bereits mehrere, ehe ich zwanzig Jahre —— alt war— und ſehr niedliche, ritterlich⸗roman⸗ tiſch— genüg, Alles was Sie wollen! Und hier ein ſo vortrefflicher junger Mann noch dazu! Hélas! die Liebe iſt in Ihrem Alter unendlich ſüß!“— ein kleiner Seufzer entſchlüpfte ihr.—„Aber Heirath!— ich hoffe, mein Kind, daß Sie noch nicht feſt mit die⸗ ſem jungen Manne verlobt ſind?“ „Ich bin es aber dennoch.“ „Wie ſpitz Sie das ſagen! Nein, werden Sie nicht böſe. Ich mag ihn ſehr gern. Wirklich ein ſehr hübſcher Menſch. Aber er gehört doch dem Volke dabei an.“ „Ich ebenfalls!“ „Unartiges Kind! Sie wollen mich nicht ver⸗ ſtehen. Ich meine die niedern Klaſſen der Bürger. WMein Mann behauptet, er wäre ein Lehrburſche in einer Lohgerberei.“ „Er war es früher, aber jetzt iſt er Theilneh⸗ mer von Mr. Fletcher's Lohgerberei.“ „Nun, das iſt beinahe eben ſo ſchlimm, und Sie haben ſich alſo wirklich entſchloſſen, einen Loh⸗ gerber zu heirathen?“ „Ich werde Mr. Halifax heirathen, und ich dächte, wir hörten mit dem Streite darüber auf, Lady Caroline.“ „La belle sauvage!“ lachte die Lady. Und im — 108— Dunkel kam es mir vor, als ſähe ich, wie ſie in ihrer leichten hübſchen Weiſe ſich zu ihr hinüber bog und Urſula's Hand ergriff.„Rein, ich meinte es nicht böſe.“ „Das glaube ich gern; aber wir wollen lieber das Geſpräch darüber abbrechen.“ „Nein, bewahre, ich kam gerade her, um dar⸗ über zu reden; ich konnte ohnedies nicht einſchlafen. Je haime bien, lu le sais, ma pelite Ursule!“ „Danke ſchön,“ erwiderte Urſula freundlich. „Und ich würde Sie auch ſehr gern verheirathet ſehen. Wir Frauen müſſen nun einmal heirathen, ſonſt ſind wir zu Richts zu gebrauchen. Aber aus Liebe heirathen, wie wir gewohnt ſind es uns vor⸗ zuſtellen, und wie bezaubernde Poeten es uns ſchildern — nein, meine Liebe, kout est changé dans ce monde.“ Urſula erwiderte Nichts. „Ich kann mir ſchon denken, daß mein Freund, der junge bourgeois, ſehr verliebt in Sie iſt. Richard ſchwört zwar darauf, er wäre es nur dans les beaux veux de Votre cassette. Doch weiß ich das beſſer. Was liegt aber auch daran? Alle Männer verſichern, daß ſie uns lieben— doch dauert es nicht lange; das Feuer brennt aus.— In einem Jahre iſt es vorbei, wie wir Frauen Alle erfahren haben. Nicht wahr, Mrß. Jeſhop? Ach, ſie iſt fortgegangen, wie ich ſehe.“ ———————— —— Wahrſcheinlich glaubte ſie auch mich nicht mehr im Zimmer, oder dachte auch wohl nicht an mich, genug, ſie ließ das Geſpräch nicht fallen. Miß Ur⸗ ſula verſicherte: „Jane wird Ihre Anſicht nicht theilen, Couſine Caroline; ſie liebte ihren Mann lange, ſchon als ſi noch ein junges Mädchen war. Er fürchtete ſich aber bei ihrer gegenſeitigen Armuth vor einer Heirath und ließ ſie allein ihren Weg gehen. Ich finde das unrecht.“ 5„Wie vernünftig wir jetzt in ſolchen Dingen geworden ſind!“ lachte Lady Caroline.„Aber die alten Turteltauben beſchäftigen mich eben nicht ſehr. Erzählen Sie mir lieber Etwas von ſich.“ „Ich habe Nichts weiter zu ſagen.“ „Nichts weiter? Mon Dieu! wiſſen S nicht, daß Richard wüthend iſt; daß ijieden Sou, den er von Ihrem Vermt ten hat, ſo lange als er kann, — ſei es geſetzlich oder ungeſetzlich. Er erklärte dies heute Morgen ganz beſtimmt. Sagte Ihnen der junge Halifax Nichts davon?“ „Mr. Holifax hat es mir mitgetheilt.“ „Mr. Halifax! wie ſtolz ſie das ſagt! Und wollen Sie ihn dennoch heirathen?“ a — 110— „Was! einen bourgeois? einen Gewerbetreiben⸗ den? Mit ſo wenigem Gelde als ſolche Leute, wie ich glaube, gewöhnlich nur beſitzen. Sie, die allen com⸗ fort des Lebens bis jetzt genoſſen haben, und immer wie eine vornehme Dame lebten? Wahrhaftig, ſo hoch ich auch in Gedanken eine Liebes⸗Heirath ſtelle — ſo geſtehe ich— in der Wirklichkeit muß ich Sie für verrückt halten, wenigſtens halb verrückt, meine Liebe!“ „Thun Sie das wirklich?“ „Und ihn dazu! Gerade wie die Männer alle ſind! vorzüglich Verliebte. Sie bleiben immer ſelbſtiſch.“ aroline!“ ſt das nicht etwa egoiſtiſch, eine allerliebſte ſich zu ziehen, um nachher eine Dienerin, Selavin, Nichts als das Weib eines armen Mannes aus ihr zu machen?“ ie iſt aber oft ſtolz darauf, es zu werden,“ verſicherte ſie mit einer jugendlich heftigen Stimme. Sie wollen, denn Sie waren immer freundlich und gut gegen mich und ich habe Sie wirklich lieb gehabt; aber Mr. Halifar dürfen Sie auch nicht mit Einem Worte tadeln. Sie kennen ihn nicht ein wie wäre das auch möglich?“ „Lady Caroline, Sie können über mich ſagen, was 3 — 111— „Und Sie glauben, ihn zu kennen? ahl ma pe- tite! wir denken das Alle ſo lange, bis wir das Ge⸗ gentheil davon erkennen. Und ſo hat er Sie alſo gedrängt und gequält, bis Sie ihn gleich heirathen, ob reich oder arm— um jeden Preis, und was auch dabei auf dem Spiele ſteht.— Recht wie ein Lieb⸗ haber und ein Mann gehandelt! Ich ſehe Alles vor mir— halb bezaubert— halb überredet—“ „Das that er nicht!“ und des Mädchens Stimme ward von Schmerz bewegt.„Ich hätte es ſonſt gewiß nicht geſagt, aber nun muß ich es zu ſeiner Ehre thun. Er frug mich heute Nachmittag, ob ich die Armuth ſcheute? Wenn ich warten wolle, ſo ſei er gern bereit, ſo lange und ſo hart zu arbei⸗ ten, bis er mir eine Heimath geben könne, wie die⸗ jenige, für die ich geboren bin. So handelte er, Caroline.“ „Und wie lautete Ihre Antwort?“ „Nein! und tauſend Mal nein! Er wird mit einer ſchweren Aufgabe zu kämpfen haben— und wenn ich ihm helfen kann— wenn er es ſelbſt be⸗ kennt— ſoll ich ſie ihn da allein ausfechten laſſen?“ „Ach! Kind— Sie, die keine Ahnung von dem haben, was Armuth heißt— wie werden Sie es ertragen?“ „Ich werde es verſuchen.“ — 112— „Sie, die niemals ein Haus geführt haben—“ „Ich kann es aber ſo gut wie Andere lernen.“ „Ciel! das iſt wundervoll! Und dieſer junge Mann hat weder Freunde, noch Fürſprecher, noch Vermögen! Richts wie ſich ſelbſt.“ „Nur ſich ſelbſt!“ wiederholte Urſula mit einem ſtolzen Trotze. „Wollen Sie mir fagen, weßhalb Sie ihn eigent⸗ lich heirathen?“ „Weil—“ und Urſula ſprach in einem ſo lei⸗ ſen Tone, daß es ſchien, als riſſen ſich die Worte wider Willen aus ihrer Bruſt—„weil ich ihn ehre — weil ich ihm vertraue— und ſo jung ich auch bin, ich habe genug von der Welt geſehen, um dank⸗ bar zu erkennen, daß es einen Mann in derſelben giebt, den ich ehren und vollkommen trauen kann. Und— wenn es auch ſelbſtſüchtig erſcheinen mag— weil er mir half, als Sorge und Angſt über mich einbrachen, weil er an mich glaubte, als Alle mich verurtheilten, und mich liebte, als ich mich verlaſſen und unglücklich fühlte. Und ich bin ſtolz auf dieſe Liebe— rühme mich derſelben und Niemand ſoll ſie mir rauben— Niemand wird es wollen und kön⸗ nen— ich müßte denn ihrer unwürdig werden.“ Lady Caroline ſchwieg, und gegen ihren Willen hörte man einen Seufzer, der ſich aus dem tiefſten Grunde dieſes leichten, oberflächlichen Herzens erhob. „Bien— chacun a son goüt! Aber Sie haben nie auf Aeußerlichkeiten viel gegeben— die vielleicht nicht immer unwichtig ſind, indeſſen manche verhei⸗ rathete Leute fühlen ſich auch ohnedem ganz ruhig und zufrieden.— Ehrfurcht, Vertrauen!— bah!— Mein Kind— lieben Sie Mr. Halifax?“ Keine Antwort. „Nun, weßhalb ſo zurückhaltend? Man ſagt, daß in England und unter dem Volke— es ſoll keine Beleidigung ſein, ma petite— es findet ſich ja zuweilen, daß man den Mann liebt, den man heirathet. Sagen Sie mir, denn ich muß fortgehen, lieben Sie ihn? ein Wort: Ja oder Nein?“ Gerade in dem Augenblicke ward Licht gebracht und zeigte Urſula's Antlitz durch etwas Höheres als Glück verſchönt, und ihre Augen mit einer frommen Dankbarkeit zum Himmel erhebend, ſagte ſie einfach: „John weiß es!“ — John Halifax. uI. 8 Fünftes Rapitel. Im Spät⸗Herbſte verheirathete ſich John mit Urſula March. Er war einundzwanzig und ſie acht⸗ zehn Jahre alt. Sie waren ſehr jung, vielleicht zu jung, würden manche bedenkliche Menſchen ſagen; und doch denke ich oft, daß auf ſolchen Verbindungen ein doppelter Segen ruht. Eine wahre und heilige Ehe, eine reine Liebes⸗Ehe, mag ſie früh oder ſpät geſchloſſen werden, muß geſegnet und glücklich ſein. Sogar ſcheint es mir, als müßten Jene die größte Ausſicht auf Glück haben, die ſich an der Schwelle des Lebens finden, gemeinſam ihre Pflichten antreten, und zwar mit freiem, friſchem Herzen, ſich gegenſeitig Einer nach dem Andern bilden, reich durch den Reich⸗ thum der Jugend, leicht durch Alles erfreut, brav, und hoffnungsvoll auf die Dauer ihres Glückes. — 115— So waren dieſe Beiden. Gott ſegne ſie! Sie wurden beinahe allein getraut, da Keiner von ihnen Verwandte hatte. Dazu hielt John die Anſicht feſt, daß ein ſo feierliches Feſt wie eine Hei⸗ rath nur durch den äußeren Schein entheiligt werden könne. So ging denn Urſula eines goldenen Herbſt⸗ morgens in ihrem einfachen weißen Muſſelinkleide nach der Abteikirche, wo John und ſie ihre Gelübde freudig ablegten ohne andere Zeugen als die beiden Jeſhop's und ich. Sie trennten ſich dann von uns, um einen kurzen Feiertag zu genießen, ſie fuhren ohne Pomp und ohne Thränen fort, vollkommen glücklich als Mann und Frau. Als ich nach Hauſe zurückkehrte und meinem Vater mittheilte, was eben geſchehen ſei, war er ſehr wenig überraſcht. Er hatte den beſtimmten Wunſch ausgeſprochen, nicht eher von der Heirath zu hören, als bis ſie vorüber ſei; er haßte alle Hochzeiten. „Nun es ein Mal geſchehen iſt, mag es gut ſein,“ ſagte er ziemlich mürriſch.„Sie ſcheint ein gutes junges Ding, ja ſelbſt für eine Frau vernünf⸗ tig genug.“ „Und allerliebſt dazu, Vater.“ „Aber Gunſt täuſcht und Schönheit vergeht. So iſt alſo der Junge fort;“ und dabei ſah er ſich im Zimmer um, als ob er John ſuche, der ſeit ſeiner S Krankheit bei uns gewohnt hatte.„Ich dachte es mir wohl, als er mich um einen Tag Urlaub bat, als er mir gute Nacht ſagte. So iſt er alſo verhei⸗ rathet und fortgezogen! Komm, Phineas, ſetze Dich neben Deinen alten Vater. Ich freue mich, daß Du immer ein Junggeſelle bleiben willſt.“ Wir ſetzten uns, mein Vater und ich, und wäh⸗ rend der alte Mann ſeine Pfeife nachdenklich rauchte, gedachte ich der Winterabende, wo wir junge Män⸗ ner beide an dem Kamin zuſammen laſen, oder der Sommertage, die wir an der Gartenmauer zubrach⸗ ten. Er war nun ein verheiratheter Mann und ſtand an der Spitze eines Haushaltes. Andere hatten jetzt Rechte auf ihn, ja das erſte, beſte und heiligſte Recht an jene Liebe, die mir ſonſt allein gehörte, und obgleich es eine vollkommen glückliche, Segen verheißende Heirath war, und obgleich ich mich an dieſem Tage und immer mit meinem Bruder und über ſein Glück gefreut habe, ſo blieb es doch ein trauriges Gefühl, ihn von uns gehen zu ſehen, und ſich zu ſagen, daß dieſe Jugendtage ſo gut wie vor⸗ über waren, daß ſein Jünglingsplatz nicht wieder beſetzt werden könne. & Aber ich hatte natürlich dies Gefühl überwun⸗ den oder es doch unterdrückt, als ich Beide in ihrem — 117— Hauſe aufſuchte, nachdem John ſeine junge Frau dort eingeführt hatte. Es war ein altes Wohnhaus, das mein Vater mit der Mühle früher zuſammen baute; ein Mal war ich vor langer Zeit dort geweſen, es lag in Mitten der Stadt, die Fenſter der Hauptſeite ſahen nach einer öden Straße hinaus und der wüſte Gar⸗ ten war mit vier Steinmauern umfaßt. Wahrlich, kein bräutliches Obdach. Ich fürchtete auch für ſie den erſten Eindruck, obgleich John die letzten beiden Monate vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abende eifrig darin beſchäftigt geweſen war und auf faſt komiſche Weiſe ſeine Arbeit geheim hielt, ſo, als ſei er eiferſüchtig, daß kein Anderer einen Blick darauf thue, oder eine Hand daran lege, um das Haus für die junge Frau herzurichten. Groß konnten die Einrichtungen nicht ſein, das wußte ich wohl, denn der dritte Theil von meines Vaters Geſchäftseinkommen verſprach nur eine geringe Summe. Aber hatte man die düſtere Außenſeite erſt hinter ſich, ſo gewährte das Haus einen wunder⸗ voll hellen und friſchen Anblick, die Wände und Thü⸗ ren waren neu geſtrichen und mit den zarteſten und feinſten Muſtern ausgemalt.(„Der Herr hat Alles allein gemacht,“ bemerkte ſtolz das kleine Hausmäd⸗ chen, Jenny— Jem Watkins Liebe—; ich hatte — 118— ſelbſt die Stelle für ſie bei Mrß. Urſula erbeten.) Aber obgleich nur wenig Zimmer eingerichtet waren, und das ſehr einfach, beinahe ärmlich, ſo fand man den⸗ noch überall Geſchmack und erkannte die liebevollſte Sorgfalt; die Farben paßten zuſammen und die Mö⸗ bels waren gut und in hübſchen Formen hergeſtellt. Sie arbeiteten im Garten, Mr. Halifax und ſeine Frau. Ja, ſeine Frau, er war wirklich ein Ehemann. Beide ſahen unbeſchreiblich jung aus; er knieete und pflanzte Buchsbaum, ſie ſtand daneben, die Hand auf ſeine Schulter gelegt, die Hand mit dem bedeu⸗ tungsvollen Ringe. Er lachte über Etwas, was ſie eben geſagt haben mußte, es war das alte wohlbe⸗ kannte Lachen.„David.“ Keiner von Beiden hörte mich bis ich dicht neben ihnen ſtand. „Phineas, willkommen, willkommen!“ Er ſchüttelte mehrere Male herzlich meine Hand. So auch Urſula, tief erröthend. Beide nannten mich Bruder, und Beide waren ſo warm und herzlich, wie Bruder und Schweſter nur ſein konnten. Wenige Minuten ſpäter ſchlüpfte Urſula— „Mrß. Halifax,“ wie ich verſicherte, ſie nun nennen zu müſſen— in das Haus, und John und ich blie⸗ ben allein. Er ſah ſeinem Weibe nach, bis ſie ihm aus den Augen verſchwand, ſpielte mit dem Spaten — 119— und ſetzte ihn endlich fort, legte dann ſeine beiden Hände auf meine Schultern, und vor tiefer Bewegung erzitternd, ſah er mir ſcharf in das Geſicht. „Biſt Du glücklich, David?“ „Ach Freund, beinahe erſchrocken über meine Glückſeligkeit. Möge Gott mich derſelben und Urſu⸗ la's würdig machen!“ Er hob die Augen zum Himmel empor, und ein neuer Ausdruck lag in dieſem Blicke, lieblich und feierlich zu gleicher Zeit, ein Blick, der die vollkom⸗ menſte Befriedigung eines Lebens ausſprach, das in einem andern theuern, mit ihm verſchmolzenen Leben ſeine Vervollkommnung und Ergänzung gefunden hat und nun ein ſo vollſtändig abgeſchloſſenes Ganze bildet, daß Freunde und Verwandte wohl noch einen liebevollen Platz darin finden, das aber doch eigent⸗ lich Nichts mehr bedarf, ſondern in ſich ſelbſt ein Genüge und eine Zufriedenheit erfährt, wie jede wahre Ehe ſie geben ſollte. Es war ein Blick, der unbewußt Gottes heiliges Geſetz erfüllte— das göttliche Gebot, das da ſagt, daß ein Mann Vater und Mutter, Brüder und Freunde verlaſſen ſoll, und ſeinem Weibe angehören, ſo daß Beide Ein Fleiſch und Blut werden. So warm ich mich auch ſeines Glückes freute, ſo empfand ich dennoch für einen Augenblick die — 120— zarte Trennungslinie, welche ſich von nun an, ohne unſere Schuld, ohne daß er ſich deſſen bewußt war, für immer zwiſchen uns erhob. Es war nur das Recht und das Geſetz der Verhältniſſe, die Verſchie⸗ denheit zwiſchen Verheiratheten und Unverheirathe⸗ ten, die indeſſen die Letztern nur allein lebendig em⸗ pfinden, was auch wohl die Abſicht des himmliſchen Vaters ſein mag, damit ſich aus ihrer großen Ein⸗ ſamkeit auf dieſer Erde ein kleines innerliches Para⸗ dies entwickelt, in dem ſie ſeine Stimme vernehmen und lieben dürfen. Wir waren rund um John's Garten gegangen, wo ſich freilich nichts Paradieſiſches vorfand, denn er beſtand bis jetzt aus einer Wüſte, die halb mit veralteten Kohlbeeten, leeren Blumenbeeten und großen alten Obſtbäumen ausgefüllt war, die ſpär⸗ liche Früchte trugen. „Künftiges Jahr ſoll es beſſer ausſehen,“ ver⸗ ſicherte John hoffnungsvoll.„Es kann mit der Zeit ein ſehr hübſcher Garten hier werden.“ Und mit dem Auge des Herrn blickte er auf ſeine kleine Beſizung, während er ſeinen Arm halb ſtolz und halb blöde um die Schulter ſeiner Frau ſchlang, die wieder an ſeiner Seite ſtand, ſcheinbar um ihm einen Brief zu bringen, was wohl wahrſcheinlich nur eine Entſchuldigung war, denn in den ſüßen erſten Ta⸗ — 121— gen des gemeinſamen Lebens iſt es natürlich, daß Jeder gern in der Gegenwart des Andern ſein möchte. Es war ein ſchöner Anblick, die ſtille, ſanfte Weiblichkeit ſo über den ſchnellen Verſtand des„Ruß⸗ braunen Mädchens“ herrſchen zu ſehen.. „Darf ich mit hinein ſehen?“ fragte ſie, an ihn gelehnt. „Natürlich, meine einzige Kleine!“ ein faſt ko⸗ miſcher Liebesname, den er ihr gab, die nichts weni⸗ ger als klein war. Ich hätte lachen können, erin⸗ nerte ich mich jener Zeiten, wo ſich John Halifar vor dem ſtattlichen vornehmen Fräulein verbeugte, die an Mrß. Tod's Thür ſtand. Wer hätte damals gedacht, daß er Miß March je meine„einzige Kleine“ nennen würde! Aber es war kein Augenblick, um zu ſcherzen, denn indem Beide den Brief laſen, ſah ich die junge Frau roth vor Aerger werden und ſeine Blicke ſich verfinſtern. Doch nahm John gleich darauf das Papier, drückte es zu einem Ball zuſammen und warf es in Mitten eines Rosmarinbuſches, dann nahm er die beiden Hände ſeiner und ſah lächelnd in ihr bewegtes Antlitz. „Das kann und darf Dich nicht ärgern, mein Herz; wir wußten es vorher und ſo macht es uns ja keinen Unterſchied.“ — 122— „Nein, aber es iſt eben ſo ſchlecht als ungerecht. Ich hätte doch nicht geglaubt, daß er wagen würde, Dir das zu ſchreiben.“ „Höre nur her, Phineas! Sie glaubt, Niemand dürfe es wagen, ihrem Manne etwas Böſes anzuthun, ſelbſt nicht Richard Brithwood.“ „Er iſt ein—“ ⸗„Still, meine Liebe! Wir wollen nicht mehr von ihm reden, denn alle ſeine Drohungen können uns nicht verletzen, und der arme Mann nie halb ſo glücklich werden wie wir ſind.“ Das war richtig. So blieb denn Mr. Brith⸗ wood's ungezogener Brief ruhig in dem Rosmarin⸗ buſche liegen, um zu vermodern, während wir auf und ab gingen und tauſend Pläne für die kleine Haushaltung entwarfen. In ihrem jungen, hoff⸗ nungsreichen Glücke ward ſelbſt die Armuth ein Ge⸗ genſtand des Scherzes. „Wir wollen,“ verſicherte John heiter,„zwei lebende Abhandlungen über die Vortheile der Armuth darſtellen. Wir fürchten uns weder vor ihr, noch ſchämen wir uns ihrer. Uns iſt es gleich, ob man es weiß oder nicht, denn wir denken, unſere Achtbar⸗ keit liegt allein in uns ſelbſt.“ „Aber unſere Nachbarn?“ — „Unſere Nachbarn mögen von uns denken, was ihnen beliebt. Der Stachel der Armuth iſt ſchon halb abgebrochen, wenn man ſein Haus nur für die eigene Bequemlichkeit und nicht für die Bemerkungen der Nachbarn einrichtet.“ „Das wollen wir auch nicht,“ rief Urſula, ihren Kopf in heiterm Trotze zurückwerfend.„Uebri⸗ gens ſind wir jung, haben wenig Bedürfniſſe und können leicht unſer Leben nach unſern Mitteln ein⸗ richten. 4 „Und ſelbſt ohne Se Kleider,“ ſagte ihr Mann halb zärtlich halb betrübt. „Du wirſt doch nicht ſo unhöflich ſein, zu ſagen, daß ich nicht auch recht hübſch in einem baumwolle⸗ nen Kleide ausſähe? Und ob ich ſo glücklich darin bin, das muß ich am Beſten wiſſen.“ Er ſah ſie noch ein Mal lächelnd an, dies zärt⸗ liche männliche Lächeln, das den tiefen Blick ſeiner dunkelbraunen Augen ſo ſanft und hell erſcheinen ließ; gewiß, keine Frau hatte bei einem Lächeln wie das ſeinige ſich vor dem Gedanken zu ſcheuen, daß dieſer Mann das Oberhaupt, aber auch die Sonne ihres Lebens ſein würde. Wir gingen bald darauf hinein, und die junge Frau zeigte uns ihr neues Haus; wir beſichtigten und bewunderten Alles bis hinab zu dem Waſch⸗ —— hauſe; dann verſammelten wir uns in dem Wohn⸗ zimmer, ſie beſaßen nur das einzige, zum Thee, und nach demſelben ordnete Urſula ihre Bücher, einige auf angeſtrichenen Brettern, die ſie ſtolz als John's eigene Arbeit bezeichnete, und andere auf einem alten Inſtrumente, das er ausfindig gemacht hatte, und von dem er verſicherte, daß es zu nichts Anderem zu gebrauchen ſei als Bücher darauf zu legen, da ſeine Frau nicht zu den vollkommenen jungen Damen der Neuzeit gehöre und weder ſpielen noch ſingen gelernt habe. „Aber ich hoffe, Dir wird deßhalb das Inſtru⸗ ment nicht unangenehm ſein, Urſula? Ich mag es gern, denn ich verbinde eine leiſe Erinnerung an meine Mutter damit, die einſt auf einem ſolchen Kla⸗ viere ſpielte.“ Er ſprach leiſe, Urſula hatte ſich ihm mit einem zärtlichen, ehrfurchtsvollen Blicke genähert. „Du haſt mir nie von Deiner Mutter ge⸗ ſprochen.“ „Ich habe wenig zu erzählen, mein Herz. Du wußteſt es lange vorher, wen Du heirathen würdeſt — John Halifax, der weder Freunde noch Ver⸗ wandte hat, und deſſen Eltern ihm Nichts als ihren Namen hinterließen.“ „Und erinnerſt Du Dich ihrer?“ — 125— „Meines Vaters gar nicht, und meiner Mutter nur wenig.“ „Und beſitzeſt Du gar Nichts, was ihnen ge⸗ hörte?“ „Nur ein Andenken. Würdeſt Du es gern ſehen?“ „Ach! ſehr gern.“ Sie ſagte das leiſe und ſichtlich zögernd.„Es war ſchmerzlich für ihn, ſeine Eltern nicht gekannt zu haben,“ fügte ſie hinzu, als John das Zimmer verlaſſen hatte.„Ich hätte ſie auch ſehen mögen. Indeſſen— es iſt genug, daß ich ihn habe.“ Sie lächelte und warf die ſchönen Locken etwas von der Stirn zurück, von ihrer ſchönen ſtolzen Stirn, die eine Juwelen⸗Krone beſcheidener getragen haben würde als die ungeſchmückte Ehre, John Ha⸗ lifax's Frau zu ſein. Ich wollte, er hätte ſie ſo geſehen. In demſelben Augenblicke kam er zurück. „Urſula! Hier iſt Alles, was ich von meinen Eltern beſitze. Niemand außer Phineas hat es bis ietzt geſchen.“ Er hielt das kleine griechiſche Teſtament in der Hand, welches er mir vor Jahren gezeigt hatte. Sorgfältig und mit demſelben innigen, ehrerbietigen Ausdrucke, den er ſchon als Knabe hatte, öffnete er — 126— die ſeidene mit Bändern zugeknüpfte Umhüllung,— unzweifelhaft eine Frauenarbeit— es mußte die ſeiner Mutter ſein. Seine Frau berührte ſie ſanft und zärtlich. Er zeigte ihr das erſte Blatt, ſie be⸗ trachtete die Inſchrift und wiederholte ſie dann laut: „Guy Halifax⸗ Edelmann. Ich dachte, — ich dachte— Man las in ihren Mienen eine angenehme Ueberraſchung; ſie hätte keine Frau ſein müſſen, und beſonders keine Frau, die mit dem Stolze über ihre Geburt aufgewachſen war, um nicht darüber Freude zu empfinden und ſie im erſten Augenblicke zu zeigen. „Du dachteſt, ich wäre der Sohn eines Arbei⸗ ters, oder Niemandes Sohn? Nun, iſt Dir ſo viel daran gelegen?“ „Nein!“ rief ſie, ſich in ſeine Arme werfend, und dann ihren Kopf erhebend, ſah ſie ihn mit einem Blicke an, in dem ihre ganze Seele lag.„Nein, mir iſt Richts daran gelegen; und wäre Dein Vater ein König auf ſeinem Throne, oder ein Bettler von der Straße, es wäre für mich ganz gleich. Du blie⸗ beſt doch immer Derſelbe— mein— mein John Halifax!“ „Gott ſegne Dich, meine geliebte Frau! Er, — 127— der mir Dich gegeben hat,“ ſüßrrt John, ſie an ſein Herz drückend. Sie hatten wohl Beide die Gegenwart eines Dritten vergeſſen, die lieben Seelen; ſo ließ ich ſie in dieſem glücklichen Vergeſſen, indem ich mich hin⸗ aus nach der Küche zu Jenny ſchlich und mit ihr beſprach, wie wir es einrichten könnten, um Jem Watkins zwei Tage in der Woche zur Hilfe in dem Garten zu bekommen. „Aber, Jenny,“ lächelte ich, meinen n Finger zu ihr aufgehoben,„kein Müſſiggang und kein Geſchwätz. Junge Leute müſſen tüchtig arbeiten, wenn ſie auf ein ſo glückliches Ende Kſen wie das Eurer Herrſchaft iſt.“ Das kleine Mädchen ward ſo dunkelroth wie die Lieblings⸗Päonien ihres Schatzes, und verſprach Gehorſam. Es war auch keine Gefahr; alle roſen⸗ rothen Chriſtenmädchen hätten den gewiſſenhaften Jem nicht dahin gebracht, auch nur um ein Jota in ſeiner Pflicht gegen Mr. Halifax zu fehlen. So war denn Liebe in der obern Wohnung und Liebe in der Küche. Aber ich bin feſt überzeugt, das junge Paar ward wegen ſeiner Freundlichkeit und Theilnahme nicht ſchlechter von dem Brautpaare bedient, das eine Treppe niedriger das Glück in ſeiner gegenſeitigen Liebe fand. — 128— John ging mit mir nach Hauſe; eine Freude, die ich kaum erwartet hatte, auf welche aber Beide, er ſowohl als Urſula drangen. Denn vom erſten Tage ihrer Verlobung an war wirklich ein vollkom⸗ men geſchwiſterliches Verhältniß zwiſchen ihr und mir eingetreten. Ihre wahrhaft edle weibliche Natur würde ſich über eine Handlungsweiſe geſchämt haben, die, wie ich höre, manche junge Frau einſchlägt,— nämlich ihren Mann von ſeinen alten Freunden zu entfernen. Rein, ſicher in ihrem Reichthume, wie in dem rechtmäßigen Beſitze ſeines liebevollen Herzens, öffnete ſie das ihrige für Alles, was auf John Be⸗ zug hatte, und für Jeden, den er liebte. Was ſein war, betrachtete ſie auch als das ihrige, und hielt es heilig und hoch. So waren wir denn auch die beſten Freunde, Schweſter Urſula und ich. John und ich ſprachen unterweges von ihr, von ihrem roſigen Ausſehen, das hoffentlich in der Stadtwohnung nicht erblaſſen würde. Er erzählte von dem Entzücken der guten Mrß. Tod, als ſie jetzt einen Tag in ihrer lieben alten Cottage in En⸗ derly zubrachten. Er ſchien indeß den Namen ſeiner Frau nur mit einer Art Scheu auszuſprechen und nicht gern ein Glück auszumalen, das ihm noch ſo neu war, daß er fürchtete, ein Hauch könne es wie⸗ der in Luft zerſchmelzen. —— Nur als wir bei dem Uebergange einer Straße einer ſchönen Equipage begegneten, ſah er ihr mit einem Lächeln nach und bemerkte: „Graue Ponies! Sie liebt graue Ponies mit langen Schwänzen ſo ſehr. Armes Kind! Wann werde ich in der Lage ſein, ihr eine Equipage zu halten? Und doch vielleicht einſt— wer weiß es!“ Er leitete die Unterhaltung auf einen andern Gegenſtand, und erzählte mir von einer Tuchfabrik, die durch ein Waſſerwerk getrieben würde, was ſchon früher in Enderly ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. „Und weißt Du wohl, daß mir der Gedanke kam, als ich das Maſchinenwerk betrachtete, es könne ſtatt durch das große Waſſerrad— deſſen Du Dich wohl erinnerſt— durch Dampf getrieben werden?“ „Was für eine Art von Dampf?“ „Phineas, ich ſehe, Dein Gedächtniß iſt auch nicht beſſer geworden. Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß ich Dir von einem Ingenieur in Schott⸗ land erzählte, der einen Verſuch machte, ein Boot auf dem Kanal zwiſchen dem Forth und dem Clyde durch Dampf in Bewegung zu bringen? Weßhalb ſollte nun nicht dieſelbe Kraft zur Bewegung einer Tuchmaſchine gebraucht werden können? Ich weiß, daß es gehen muß, und habe den Plan zu einer ſolchen Maſchine ſchon fertig. Ja, ich machte geſtern John Halifax. M. 9 Abend eine Zeichnung davon und zeigte ſie Urſula; ſie verſtand mich ſogleich.“ Ich lächelte. „Und ich glaube wohl, daß man mit etwas Geduld und Geſchicklichkeit auf dieſe Weiſe bei der Tuchfabrik in Enderly ſein Glück machen könnte.“ „Wie, wenn Du es verſuchteſt,“ rief ich ſcher⸗ zend, und war ſehr überraſcht, zu bemerken, wie ernſt John die Sache nahm.. „Ja, ich wünſchte, ich könnte es verſuchen, wenn es nur irgend möglich zu machen wäre. Ich habe allerdings ein oder zwei Mal daran gedacht. Die Mühle gehört Lord Luxmore, ſein Rentmeiſter be⸗ ſorgt Alles; wenn man alſo dort Werkmeiſter werden könnte.“ „Verſuche es, Du kannſt Alles durchführen, was Du beginnſt.“ „Nein, ich darf nicht daran denken; ſie und ich, wir haben es überlegt, es geht nicht,“ ſagte er ſehr beſtimmt.„Es iſt meine ſchwache Seite, mein Steckenpferd, wie Du weißt. Aber jetzt darf ich an keine Wünſchehder Art denken und vor allen Dingen nicht, um einer Idee nachzuhängen, das begonnene Werk aufgeben. Was hörſt Du von der Lohgerberei, Phineas?“ „Mein Vater vermißt Dich und war verdrieß⸗ — 131— lich. Mir kommt vor, als ſähe er ängſtlich aus, und er quält ſich mehr mit den Geſchäften, als er es nöthig hätte.“ „Geſtatte es ihm nicht. Halte ihn ſo viel als möglich zurück, ich werde ſchon die Lohgerberei be⸗ ſorgen. Du ſowohl wie er, Ihr wißt, daß ich Alles, was für uns geſchehen kann, gewiſſenhaft thun werde.“ „Gewiß, John—“ „Nein, es iſt Nichts geſchehen, was Dich beun⸗ ruhigen könnte, nichts Anderes als was uns über⸗ haupt das letzte Jahr brachte. Es geht in allen Zweigen des Handels jetzt ſchlecht. Aber ich fürchte Nichts, wir werden den Sturm ſchon überwinden. Ich bin nicht ängſtlich.“ So heiter er auch das ſagte, ſo ward es mir doch klar, was er wohl ſchon laüge wußte, daß ſich unſer Vermögen in dem Zuſtande eines nach und nach leck gewordenen Schiffes befand, deſſen Steuer den ſchwachen Händen meines alten Vaters entſchlüpft war. Freilich hatte es John erfaßt, kräftig ſtand er an dem Steuerrade, und vielleicht vermochte er es mit Gottes Hilfe glücklich wieder an das ufer zu 5 führen. Mir blieb keine Zeit, mehr zu ſigeh denn aber⸗ mals der Wagen mit den hübſchen vier 9* Ponies unſern Weg. Zwei Damen ſaßen darin, und eine ſah nach uns um und grüßte. In dem Augen⸗ blicke trat auch ein Diener zu uns heran und bat Mr. Halifax um die Gefälligkeit, zu Lady Brithwood an den Wagen zu kommen. „Wirſt Du es thun, John?“ „Gewiß,— warum nicht?“ und er folgte der Aufforderung. „Ah, ich bin entzückt, Sie zu ſehen, mon beau cousin!— Das iſt er, Emma,“ ſetzte ſie zu der Lady gewendet hinzu, welche ein liebliches Geſicht hatte, und man begriff, daß dieſe Dame den Männern die Köpfe verdrehte, und ſelbſt jenem ehrenwerthen Manne, in deſſen Leben nur die eine Sünde hervortrat, durch ſie bezaubert geweſen zu ſein. John hörte den Namen, erkannte auch vielleicht das Geſicht, das nur zu allgemein bekannt war. Das ſeinige nahm einen Ausdruck der Strenge an, wie ich es nie vorher geſehen hatte, und doch war eine Spur des Mitleidens darin zu erkennen. „Geht es Ihnen gut? Wahrhaftig, er ſieht wohl aus— west-ce pas, ma chère?“ John hielt ruhig den Blick beider Damen aus, der faſt in zu offener Bewunderung ihm ruhte, und grüßte ſehr ernſt. — 133— „Nun, und unſere junge hübſche Frau? unſer Schatz, den Sie uns fortzuſtehlen wußten? Rein, nein, es war hübſch von Ihnen! Wie geht es Urſula?“ „Ich danke, Mrß. Halifax iſt wohl.“ Lady Caroline lächelte bei dem höflichen, förm⸗ lichen Weſen des jungen Mannes, das bei aller Kälte vorwaltete und ihm nicht übel ſtand, aber ſie ließ ſich nicht zurückſtoßen. „Es freut mich ſehr, Ihnen begegnet zu ſein; wir müſſen wirklich Freunde bleiben. Unſere Freunde brauchen ja nicht immer die unſerer Männer zu ſein, nicht wahr, Emma? Sie werden von der ſchönen jungen Frau entzückt ſein. Wir wollen Beide die erſte Gelegenheit ergreifen und wie verkleidete Prin⸗ zeſſinnen Mrß. Halifax beſuchen.“ „Erlauben Sie mir abermals meinen Dank auszuſprechen, Lady Caroline— aber—“ „Keine Aber, ich habe auch meinen Willen, und Mr. Brithwood braucht es niemals zu erfahren;— erfährt er es dennoch,— nun ſo mag es geſchehen. Ich habe Euch Beide zu gern, und habe mir ein⸗ mal vorgenommen, daß wir gute Freunde fein wol⸗ len, ſo lange ich in Norton Bury bin. Seien Sie nur nicht ſtolz und ſtoßen mich zurück. Ihr ſeid gute Menſchen, die einzigen ſogenannten guten Men⸗ — 134— ſchen, die ich je geſehen habe, die dabei nicht unan⸗ genehm ſind.“ Und ſich verbeugend ſah ſie mit ihrer gewin⸗ nenden Lieblichkeit John gerade in das Geſicht, einer Lieblichkeit, welche weder Höfe noch. Geſelligkeit, ſon⸗ dern die Natur allein dieſen ſchönen Weſen verleiht; das ihrige zeigte allerdings ſchon Spuren des Ver⸗ blühens und die Kunſt mußte die ſo frühzeitigen Zeichen des Dahinſchwindens zu verſtecken ſuchen. John begegnete dieſem Blicke nicht ohne Beküm⸗ merniß; es ward ihm ſo ſchwer, der Freundlichkeit Härte entgegenzuſetzen. Aber ein leiſes Lachen der andern Dame erreichte ſein Ohr, und ſeine Ungewiß⸗ heit, wenn er ihr wirklich ſchon Raum gegeben hatte, war vorüber. „Nein, Lady Caroline, das iſt nicht mö lich, und Sie werden es bald ſelbſt einſehen, daß es ſich nicht thun läßt. Da wir in einer gewiſſen Nach⸗ barſchaft leben, ſo werden wir uns gelegentlich und gewiß immer mit freundſchaftlichen Geſinnungen be⸗ gegnen; aber unter den jetzigen Verhältniſſen und unter allen Umſtänden wird ein freundſchaftlicher Umgang zwiſchen unſern Häuſern unmöglich.“ Lady Caroline zuckte die Achſeln mit einer aller⸗ liebſten Empfindlichkeit.„ Wie Sie wollen! Ich — — 135— buhle nicht um die Freundſchaft eines Menſchen. Le jeu ne vaut pas la chandelle.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ erwiderte John ernſt.„Glauben Sie nicht, daß ich gegen die Freundlichkeit, die Sie meiner Frau früher bewieſen haben, undankbar bin; aber die Verſchiedenheit zwi⸗ ſchen ihr und Ihnen, zwiſchen Ihrem Leben und dem unſrigen iſt zu groß.“ „Vraiment!“ ertönte es nicht ohne Bitterkeit und mit einem anderen Achſelzucken von den ſchönen Lippen. „Unſere Lebenswege liegen ſo weit auseinander wie die beiden Pole; unſer Haus und unſere Geſell⸗ ſchaft würden Ihnen nicht zuſagen, und meine Frau dagegen könnte die Ihrige niemals beſuchen.“ Und mit einem Blicke auf beide Erſcheinungen, deren Wan⸗ gen mit falſchen Roſen gemalt waren, und deren Lächeln ebenfalls nur künſtlich erſchien, ſetzte er be⸗ ſtimmt hinzu:„Nein, Lady Caroline, das wäre unmöglich.“ Sie ſah einen Augenblick beſchämt nieder, doch bald ihre Heiterkeit wiedergewinnend, die nicht lange zurückzudrängen war, lachte ſie. „Höre nur, Emma! So jung und ſo ſtreng! Mais nous verrons. Sie werden ſchon Ihre Anſicht ändern. Au revoir, mon beau cousin.“ — 136— Sie fuhren raſch davon und waren bald ver⸗ ſchwunden. „John, was wird Mrß. Halifar ſagen?“ „Mein unſchuldiges Kind! Gott ſei gedankt, ſie iſt ſicher und fern von ihnen Allen— ſicher in den Armen eines armen, aber rechtlichen Mannes.“ Er ſagte dies in tiefer Bewegung. „Aber Lady Caroline—“ „Sahſt Du, wer an ihrer Seite ſaß?“ „Die ſchöne Frau?“ „Und trotz ihrer Schönheit, ach, dennoch eine Unglückliche; Phineas, es war Lady Hamilton.“ Weder er noch ich ſprachen weiter darüber. An⸗ meiner Hausthür verließ er mich mit ſeinem alten herzlichen Lachen und ſeinem gewöhnlichen Schlage auf die Schulter. „Nimm Dich in Acht, mein Junge, wenn ich auch nicht in Deiner Rähe bin! Denke nur daran, daß ich dennoch Dein Tyrann bleibe, gerade als ob ich bei Dir wäre.“ Ich lächelte, und er entfernte ſich, um in ſein ruhiges, geſegnetes eheliches Leben zurückzukehren. Sechſtes Kapitel. Winter und Frühling gingen ſtill vorüber. Ich war oft krank und konnte wenig ausgehen; aber meine beiden Freunde beſuchten mich oft, John und Urſula, beſonders aber die Letztere. Während dieſer Krankheit, in der ich ſo oft in ihr liebes Geſicht blickte, ſo gern auf ihre friſche Stimme horchte, mit der ſie mich ſo angenehm und ſchweſterlich unterhielt, wenn ſie neben meinem Krankenſtuhle ſaß, lehrte ſie mich, den Namen„Mrß. Halifax“ aufzugeben und ſie„Urſula“ zu nennen. Es war allerdings nur nach und nach, daß ich mich daran gewöhnte, denn ſie gehörte nicht zu jener Klaſſe niedlicher junger Mädchen, die man unverheirathet oder ſpäter als Frauen faſt inſtinktmäßig bei ihren Taufnamen anredet. Schon in ihrer erſten Jugend war ihr Weſen wederzunter⸗ würfig, noch eben ſehr ſanft, und nur für Einen— ————— den Einzigen, deſſen Leitung ſie ſich unterwarf— zeigte ſie ſich durch ihr ganzes Leben als die zärtlichſte und nachgebendſte Frau von der Welt. Allen An⸗ dern gegenüber betrug ſie ſich, wenigſtens in ihrer Jugend, mit einer gewiſſen Würde und Beſtimmtheit, ja mit einer abweiſenden Zurückgezogenheit, ſo daß es, wie ich ſagte, nicht leicht war, ſie ſich als Urſula zu denken. Später, wo ſie in dem Lichte eines neuen Charakters erſchien, zu dem Gott ſie beſtimmte, ja, ſie beſonders dazu ausrüſtete, fing ich an, ihr einen andern Namen zu geben. Doch wird ſich das nach und nach entwickeln. In den langen Sommertagen, wo unſere Be⸗ ſitzung äußerſt ſtill und beinahe trübe war, hatte ich die Gewohnheit angenommen, mich nach John's Hauſe zu begeben und dort unter den Aepfelbäumen ſtundenlang zu ſitzen. Der Garten war jetzt ſehr verſchieden von jener Wildniß, in der wir ihn zuerſt fanden. Die alten Bäume waren verſchnitten und neue dazwiſchen gepflanzt. Mrß. Halifax nannte ihn ſtolz ihren Obſtgarten, obgleich ſie die Krone des größten Baumes mit der Hand erreichen konnte; fer⸗ ner ſah man als Zuwachs zu dem dort heimiſchen Kohl lange Reihen weißblühender Erbſen, dickköpfigen Blumenkohl und alle möglichen, leicht zu gewinnen⸗ den Gemüſe. Mein Vater hatte große Sendungen — 139— von ſeinen berühmten Johannisbeerſträuchern und Spalierfrüchten geſchickt, die den Stolz von Norton Bury ausmachten; Mrß. Jeſhop dagegen füllte die Einfaſſungen und Beete mit Ablegern der beſten, wohlriechendſten Blumen aus ihrem Garten, ſo daß trotz der Mauern, die den Fleck umgaben, trotzdem er inmitten der Stadt lag, er doch ein ganz hüb⸗ ſcher Garten geworden war; gerade eine Art von Garten, wie ich ihn liebte, halb bepflanzt, halb wild aufgeſchoſſene Früchte, Blumen und Gemüſe, die in aller Ruhe und Gemeinſchaft neben einander auf⸗ wuchſen, keins zu hoch geſtellt, um den Nachbar zu ſtören, keins ſo mißachtet, daß es ſich nicht ſeiner Natur gemäß ausbreiten konnte. Ach, lieber alt⸗ modiſcher Garten voll der ſchönſten Wicken und weißen Glockenblumen, Ritterſporn und Braut in Haaren, mit breiten Rabatten voller weißer Federnelken, Pri⸗ meln und Malven, oft ſechs bis ſieben Fuß hoch, in den ſchönſten Farben vom hellſten Gelb bis zum dunkelſten Roth glänzend, während die wohlriechen⸗ den Blumen durch ganze Büſche von Relken, Lev⸗ koyen und Roſen vertreten waren, worunter ſich hier und dort Süßholz, Rosmarin und Thymian miſchte, — ein lieblicher Garten, worin ſich alle Farben und Wohlgerüche vereinigten; ja, ſogar ein verlaufener Löwenzahn ſtand in ſeiner gelben Weſte da, wie ein — 140— grober Bauerburſche, der ſich in ſeiner Weiſe ganz hübſch findet, oder eine Majoranſtaude, die, Niemand wußte wie, beſcheiden in der Ecke eines Beetes ihren Platz gefunden hatte und nun in ihrer Umgebung als eine wohlgepflegte feine Pflanze erſcheinen wollte. Lieber, alter Garten, wie man ihn in unſern Tagen nur noch ſelten findet! Ach, ich gäbe die ſchönſten engliſchen Anlagen fort, könnte ich Dich dafür herauf⸗ zaubern! So war John's Garten geworden, und in manchem anderen Herzen noch als in dem meinigen lebt die Erinnerung daran, wie an jede Blume und jeden Winkel in demſelben fort und wird noch einer zweiten Generation unvergeßlich bleiben. Doch ich rede jetzt von dieſem Garten, als er noch eben ſo jung wie ſeine Pfleger war. Sie be⸗ ſtanden aus Mrß. Halifax, ihrem Manne, Jem und Jenny. Der Herr des Hauſes konnte nicht viel darin arbeiten, da ihn ſeine Geſchäfte manche lange Stunde feſſelten; aber es machte mir Freude, Urſula Morgen für Morgen in der Oberaufſicht ihres Beſitzthums zu beobachten, in dem ſie ſich mit ihrem Gehülfen Jem genug zu thun machte, und Jem verehrte ſeine Her⸗ rin ſehr. Oder ich lag, wenn der Mittag drückend heiß heraufzog, in dem kühlen Wohnzimmer und horchte auf ihre Stimme und ihre Schritte, wie ſie — — 141— Jenny unterrichtete oder auch von ihr lernte, denn die junge vornehme Frau mußte viel lernen und ſchämte ſich deſſen nicht; ja oft vernahm ich ihr herz⸗ liches Lachen über ihre eigenen Mißgriffe, und dann verſuchte ſie es von Reuem, denn ſie war keinen Augenblick müſſig oder gelangweilt. Sie that Vieles im Hauſe ſelbſt, und oft, wenn ſie gern mit mir ſprechen wollte, ſaß ſie mit einer braunen Schüſſel auf ihren Knieen, indem ſie Kartoffeln ſchälte oder Bohnen ſchnitt, auch öfter Johannisbeeren auskernte. Ihre Finger— Miß March's anerkannt ſchöne Finger — wurden durch den Gegenſatz mit ihrer Arbeit faſt noch zarter und weißer als ſie ſonſt erſchienen. Oder wenn der Sommerabend kam, ſaß ſie auch oft am Fenſter und nähte, immer fleißig, aber ihren Stuhl ſo geſtellt, daß ſie mit einem Blicke die Straße über⸗ ſehen konnte, durch welche John zurückkommen mußte. In weiter, weiter Ferne erkannte ſie ihn ſchon, und bei ſeinem Anblicke erhellte ſich ihr ganzes Antlitz ſo lieblich und veränderte ſich, wie eine Landſchaft bei dem Aufgange der Sonne. Schnell lief ſie dann, um ihm die Thür zu öffnen, und ich konnte deutlich ihre leiſe geſprochenen Worte„mein Liebling“ hören, dann aber folgte eine lange, lange Stille in dem Flur. Sie waren unbeſchreiblich und ſelten glücklich —— in dieſer erſten Zeit ihrer Ehe, in dieſen ruhigen Tagen der Armuth, wo Niemand ſie beſuchte und ſie zu Niemand gingen, wo ihr dunkles altes Haus und der Garten mit ſeinen vier hohen Mauern ihre ganze Welt ausmachte. Ich erinnere mich, daß John und ich in einer ſchönen Julinacht bei Sternenlicht die Gänge auf und ab wandelten. Es war eine ſo große Hitze, daß man ſehr geneigt war, die halbe Racht im Freien zuzubringen. Eine ganze Zeit hatte uns Urſula an dem Arme ihres Mannes begleitet, doch dann er ſie zu Bett und wir blieben allein. Wie ſanft leuchteten dieſe ſchwachen Sommer⸗ ſterne, die ein lichter Dunſtkreis umgab, welch' ein geheimnißvoller duftiger Nebelſchleier ſenkte ſich von ihnen herab! Ein Nebel, in dem ſich Alles, was uns umgab, in lieblicher, unerreichbarer Ferne zu verſchmelzen ſchien, in welchem der Himmel über uns, der die Welt beſcheinende Himmel mehr empfunden als wirklich geſehen ward. „Wie ſonderbar erſcheint uns Alles! wie über⸗ irdiſch!“ ſagte John mit leiſer Stimme, als wir ſtillſchweigend eine Weile den Garten auf und ab ge⸗ gangen waren.„Phineas, wie wunderbar iſt doch Alles!“ 8 „Was meinſt Du?“ —— „Was?— oh, Alles und Jedes!—“er hielt einen Augenblick ein.„Rein, nicht Alles, aber Man⸗ ches, was ſich jetzt in Alles, was ich denke oder fühle, mit hinein verflicht. Etwas, das Dir noch unbe⸗ kannt iſt, aber heute Abend ſollſt Du es auf Urſu⸗ la's Wunſch erfahren.“ Demungeachtet dauerte es mehrere Minuten, ehe er Worte zu finden ſchien. „Sieh' dieſen Birnbaum, wie voller Früchte er iſt, nicht wahr? Wie nahe hängen ſie an einander, und doch kommt es mir vor, als ſei es erſt geſtern geweſen, daß Urſula und ich unter demſelben ſtan⸗ den und die Blüthen zu zählen verſuchten.“ Er ſtockte, berührte einen Zweig mit der Hand und ſeine Stimme ward ſo leiſe, daß ich ihn kaum zu verſtehen vermochte. „Nun weißt Du wohl, Phineas, wenn dieſer Baum ohne Blätter daſteht, werden wir, wenn mit Gottes Segen Alles gut geht, ein kleines Kind haben.“ Ich drückte ſtumm ſeine Hand. „Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, wie das iſt! Ein Kind, das ihrige und das meinige, kleine Füße, die durch das Haus wandern werden, ein kleines Stimmchen, das wir reden lehren ſollen! Denke nur, daß ich um Weihnachten Vater ſein werde!“ — 144— Er ſetzte ſich auf eine Gartenbank nieder und ſprach lange kein Wort. „Ich möchte wiſſen,“ ſagte er endlich,„ob mein Vater eben ſo jung war als ich geboren ward, und ob er wohl eben ſo fühlte, wie ich es jetzt thne. Du glaubſt gar nicht, was für eine erhabene Freude es iſt, ein Kind zu erwarten; eine kleine von Gott ge⸗ gebene Seele, die für die Ewigkeit beſtimmt iſt. Wie werden wir dieſe Aufgabe erfüllen, wir, die wir Beide noch ſo unerfahren, ſo jung ſind! Sie wird ja nur erſt neunzehn Jahre, wenn mit Gottes Hülfe ihr Kindchen geboren wird Des Abends ſitzen wir hier oft ſtundenlang auf dieſer Bank, ſie und ich, und erzählen uns, was wir thun müſſen und wie wir das kleine Ding erziehen ſollen, bis wir zuletzt in dem ehrfurchtsvollen Bewußtſein des großen Se⸗ gens, den wir erwarten, verſtummen.“ „Gott wird Euch helfen und kräftigen „Wir vertrauen auf ihn und dann verſchwindet unſere Furcht.“ Eine kleine Weile blieb ich noch ſo neben John ſitzen, die verſchwimmenden Züge ſeines Geſichts be⸗ obachtend, das halb emporgehoben zum Himmel und zu jenen Myriaden von Welten aufſah, die, wie unſer Glaube uns lehrt und wie wir auch glauben — 145— dürfen, dem Allmächtigen nicht mehr werth ſind als eine einzige menſchliche Seele. Aber er ſagte Nichts mehr über die Hoffnung, die ihm aufgegangen war, oder über die Gedanken, welche in der Stille dieſer Sommernacht aus den heiligſten Tiefen ſeines Herzens quollen. Und wur⸗ den ſie auch nach dieſer Zeit nie wieder zu Worten, ſo wußte er doch, daß es keine Freude, keine Hoff⸗ nung oder Sorge für ihn gab, die verſtanden oder unverſtanden nicht von mir getheilt ward. Als der erſte Schnee im Winter fiel, erſchien der kleine Erſtling. Es war ein Mädchen. Ich konnte mir denken, daß ſie ſich wohl lieber einen Sohn gewünſcht hätten, doch verſchwanden alle andern Gedanken, als das zarte kleine Mädchen zur Welt kam. Es war ein hübſches Kind, wenigſtens verſicherten es alle Frauen von Mrß. Jeſhop an bis auf Jael herunter, die un⸗ ſer armes Haus verließ und ruhig in das von Mrß. Halifax trat, um jeglichem Beſchauer die Maſſe weißer Behänge mit dem unendlich kleinen Stückchen Menſch darin zu zeigen, von dem ſie ſehr beſtimmt werſiche es ſei das Ebenbild ſeines Vaters. Dieſer junge Vater nun— aber was kann ich darüber ſagen? Wie vermöchte ich wohl die Freude eines Vaters über ſein Erſtgeborenes zu ſchildern? John Halifax. 1I. 10 — 146— Ich ſah John erſt den Tag nachher, als er ruhig und glücklich lächelnd in unſer Haus trat. Aber Jael erzählte mir, daß ſie ihn wie ein Kind weinen ſah, als ſie ihm ſein Erſtgebornes über⸗ brachte. Das kleine Mädchen wuchs mit den Schnee⸗ glöckchen. Sie war wohl dem Schvoße des Winters entglitten, ſo durchſichtig rein, ſchön und bleich ſah ſie aus. Ich hatte mich nie vorher viel um Kinder bekümmert, doch dies hatte ſich, mir unbewußt, in das Herz eingeniſtet. Es kommt mir auch vor, als ſtänden mir alle Einzelheiten dieſer ſtillen, ruhigen Kindheit heute noch ſo lebendig wie damals vor der Seele; von dem Moment an, wo ihre nur wenig Wochen alten Finger mit den feinen Roſanägeln, das treuſte Abbild im Kleinen von ihres Vaters Hand, ſich um meinen kleinen Finger ſchloſſen und ſie mir das erſte Lächeln abgewann. Sie ward nach dem ſehr beſondern Vornamen von John's Mutter„Muriel“ genannt. Die junge Mutter wollte es ſelbſt ſo, nur fügten ſie noch den Herzenswunſch hinzu, daß eine kleine Veränderung in dem zweiten Namen ſtattfinden möchte. So erhielt das Kind die Namen Muriel Joy— Muriel Joh Halifax. — 147— Dieſer Name, heilig und unvergeßlich für uns, ich kann ihn nur unter Thränen ſchreiben. *„ — Im December 1802 war ſie geboren, unſere kleine Muriel, und am 9. Februar, ach, ich habe nicht nöthig, den Tag beſonders anzumerken, erhielt ſie ihren Namen in der Taufe. Wir aßen Alle bei dem jungen Paare, Doctor und Mrß. Jeſhop, mein Vater und ich. Es war das erſte Mal ſeit zwanzig Jahren, daß mein Vater unter einem andern Dache als dem ſeinigen eine Mahlzeit einnahm. Wir erwarteten ihn nicht mehr; denn als wir ihn vorher frugen und ihn baten, zu kommen, ſchüttelte er immer nur den Kopf; doch gerade als wir uns Alle zu Tiſche niedergeſetzt hatten, Urſula am untern Ende, deren brennende Wangen und lächelnder Mund das Ent⸗ zücken der Hausfrau über Alles verrieth, was ihr ſo gut gelungen war, hörten wir einen kleinen Schrei der Ueberraſchung, ſahen ſie aufſpringen, und in der Thür ſtand mein alter Vater. Es war ſeine kräftige Geſtalt, wenn auch ſeit den letzten Jahren etwas gebeugt, ſein glattgeſcho⸗ renes Antlitz, bleicher geworden, aber dennoch derſelbe kräftige, bräunliche Ton der Farbe, ſeine ſcharfen, 10* — harten Züge, die ein ſanfter Ausdruck belebte, und die klugen, lebendigen Augen leuchteten freundlicher als ich ſie je zuvor ſah; beſonders ſorgfältig in ſeinen Feiertagskleidern geſchmückt, faßte die weiße, flecken⸗ loſe Halsbinde ſein ſtarkes Kinn ein; den Quäkerhut in einer, den Stock in der andern Hand, ſah er uns faſt liſtig an, was ſonderbar mit dem ernſten Zuge des Mundes im Gegenſatze ſtand. So erſchien er vor uns, ſo ſehe ich Dich, o! Du, mein lieber alter Vater vor mir. Das junge Paar konnte nicht aufhören, ihn zu bewillkommnen, ihm ihre Freude zu zeigen. Er ſagte nur:„Ich danke Dir, John— ich danke Dir, Urſula!“ und ließ ſich neben der Letztern nieder, ohne irgend einen Grund anzugeben, weßhalb er ſo plötzlich ſeinen Vorſatz aufgegeben hatte. Das Mit⸗ tagsmahl war einfach, ſo einfach, wie es ſich für Diejenigen ſchickte, die, wie ihre Gäſte wohl wußten, keinen Anſpruch anf Luxus machen durften. Aber waren auch keine anderen Verzierungen, kein Schmuc als der einfache friſche Strauß von Laurustinus und weißen Weihnachtsroſen auf der Tafel zu ſehen, ſo glaube ich kaum, daß König George ſelbſt je einem edlern, ſchönern Feſte beiwohnte. Später vereinigten wir uns Aue um das —— flackernde Feuer, oder ſahen vom Fenſter aus auf den dicht fallenden Schnee. „Es hat die letzten zwei Monate gar nicht ge⸗ ſchnei't,“ ſagte John,„nicht ein einziges Mal wieder ſeit dem Tage, wo unſer kleines Mädchen h ward.“ Und als ob ſie ſich nennen gehört hätte und böſe wäre, daß wir uns nicht früher ihrer erinnerten, ertönte in demſelben Augenblicke ein Schrei des kleinen Mädchens über uns; dieſer unverkennbare Kinderſchrei, der die Atmoſphäre eines ganzen Hauſes zu verändern ſcheint. Mein Vater fuhr zuſammen, er hatte niemals den Wunſch ausgeſprochen, John's Kind zu ſehen. Wir wußten, daß er ſo kleine Geſchöpfe nicht liebte. Abermals erklang das kleine hilfloſe Weinen; Urſula ſtand auf und ſtahl ſich hinweg. Abel Fletcher ſah ihr mit einem ſonderbaren Ausdrucke nach; bald darauf äußerte er, noch nach der Lohgerberei gehen zu müſſen. „O nein! bitte, verlaſſen Sie uns noch nicht,“ bat John;„Urſula möchte Ihnen ſo gern unſere Kleine zeigen.“ Mein Vater ſtreckte ſeine Hände aus, ſo, als wünſche er ein Heer der verſchiedenſten ſtrei⸗ — 150— tenden Gedanken und Gefühle zurückzudrängen. Dazwiſchen hörten wir immer wieder das feine Kinderſtimmchen, das ſich zuletzt in jenes ſanfte, zufriedene Girren auflöſ'te, dem einer Waldtaube ähnlich, die in ihr Reſt heimkehrt, ein Ton, den jede Mutter mit Wonne hört. Gleich darauf kam Mrß. Halifax zurück, ihre kleine Winterblume, das ſüße Mädchen, in ihrem Arme. Abel Fletcher ſah zu Beiden auf, ſchloß dann die Augen und blickte nicht wieder nach ihnen um. Einen Augenblick ſchmerzte es Urſula ſichtlich, doch vergaß ſie es bald in der allgemeinen Bewun⸗ derung über ihren Schatz. „Sie zeigt, daß ein Schneeſturm ſie uns her⸗ weh'te,“ verſicherte Mrß. Jeſhop, das Kind der Mutter abnehmend,„denn ſie iſt gerade ſo und weich wie der Schnee ſelbſt.“ „Und ſo lautlos, ſie ſchrei't wirklich lin⸗ oft liegt ſie ſo, mit geſchloſſenen Augen vor ſich hin girrend, den halben Tag über. Wie feſt ſie Ihr Kleid faßt! Nein, ob es wohl je ein zwei Monate altes Kind gab, das ſo Alles bemerkt, und ſie gebraucht dazu ihre kleinen Finger, Alles faßt ſie damit an; ach, Doctor! nehmen Sie ſich in Acht,“ fügte die Mutter ängſtlich hinzu, als die Kleine durch eine ſcharf zugeſchlagene Thür ſo erſchrak, daß ſie zitterte. — 151— „Ich habe in meinem Leben kein Kind geſehen, das ſo empfindlich gegen Geräuſch iſt,“ verſicherte John, als er mit ihr ſprach und ſie zu beruhigen ſuchte; wie ſonderbar war es mir, ihn ſo zu ſehen, und doch wieder ganz natürlich dabei! „Ich glaube wahrhaftig, ſie kennt ſchon die Verſchiedenheit zwiſchen ihrer Mutter Stimme und der meinigen, und jedes ungewohnte Geräuſch erſchreckt ſie in dieſer Weiſe.“ „Sie muß ein beſonders feines Gehör haben,“ ſagte der Doctor etwas empfindlich; und kluger Weiſe leitete Urſula die Unterhaltung auf etwas Anderes, zeigte Muriel's Augenwimpern und Lider, die beſonders groß und lang für ein ſo kleines Kind waren, und endigte dann mit der Frage über die eigentliche Farbe ihrer Augen, dieſem fruchtbaren nie endenden Streite zwiſchen Mutter und Verwandten. „Ich finde, ſie hat ganz die des Vaters, nicht wahr? Aber wir haben noch nicht oft Gelegen⸗ heit gehabt, darüber zu urtheilen, denn ſie iſt ein ſo faules kleines Fräulein, daß es wirklich kaum die Augen aufſchlägt; oft könnte man glauben, ſie ſchliefe, hörte man nicht das ſanfte kleine Girren, und dann wacht ſie mit einem Male auf wie jetzt. Hier, ſehen Sie. Komm' an das Fenſter, mein Liebchen! und zeige Doctor Jeſhop Deine hübſchen braunen Augen.“ — 152— Es waren hübſche Augen, lieblich in Schnitt und Farbe, mit den ſchönſten Wimpern; aber es lag etwas Wunderbares in ihrem Ausdrucke, oder ich möchte eher ſagen in dem Mangel deſſelben. Manche Kinder haben einen unſichern, leeren Blick, hier aber ſchien das Auge nichts Beſtimmtes zu erfaſſen, es war ein Blick, der in das Innere ſah, ein nichtserfaſſender Blick. Er erregte Doctor Jeſhop's Aufmerkſamkeit, und ich bemerkte, daß ſein Ausdruck verletzter Würde ſich in eine gewiſſe Aengſtlichkeit verwandelte. „Nun, wem find ſie ähnlich, dem Vater oder mir? dem Vater, hoffe ich; denn für ihre Schönheit wäre das viel beſſer. Rein, keine Höflichkeit, hören Sie!“ „Ich, ich weiß es wirklich nicht genau. Ich werde beſſer bei Licht darüber urtheilen können.“ „Ich will Licht anzünden laſſen.“ „Nein, nein! Wollen wir es nicht lieber bis auf einen andern Tag laſſen? Ich werde morgen wiederkommen und mir ihre Augen beſehen.“ Sein ganzes Benehmen war ängſtlich und aus⸗ weichend. John bemerkte es. „Liebe, gieb ſie mir. Geh' und verſchaffe uns Licht, willſt Du?“ — 153— Als ſie hinausgegangen war, trat John mit ſeinem Kinde an das Fenſter, ſah lange und auf⸗ merkſam in das kleine Antlitz, und ſich dann zu Doetor Jeſhop wendend, frug er: „Glauben Sie? Nein, es iſt nicht möglich, daß irgend Etwas an den Augen des Kindes iſt?“ urſula eintretend, hörte die letzten Worte. „Was ſagteſt Du über des Kindes Augen?“ Keiner vermochte ihr zu antworten. Alle hatten ſich um das Kind verſammelt, das auf dem Schooße ſeines Vaters lag, während Doctor Jeſhop die weißen Augenlider zu öffnen verſuchte, die fortwährend feſt geſchloſſen waren. Ein kleiner Schrei des Schmerzes entfuhr dabei dem Kinde, worauf die Mutter hinzu⸗ ſtürzte und es heftig an ihre Bruſt drückte. „Sie ſollen meinem Kinde Nichts thun! Es iſt nichts Uebles an ihren ſüßen Augen zu ſehen. Geht Alle fort, Sie dürfen das Kind nicht wieder anfaſſen.“. „Liebe!“ Ihre Heftigkeit zerſchmolz vor dieſem leiſen, innigen Worte; ſie lehnte an ſeiner Schulter und ſuchte ihrer Thränen Herr zu werden. „Es ängſtigt mich ſo, allein ſchon der Gedanke daran. O, Mann, laß ihre Augen nicht wieder anſehen.“ —— „Nur noch ein Mal, mein Liebling. Es iſt beſſer, wir ſind dann beruhigter. Phineas, gieb mir das Licht.“ Dieſe Worte, die ſo liebevoll und durch große Ueberwindung ſeiner Selbſt ruhig und beſchwich⸗ tigend klangen, waren dennoch ſehr beſtimmt, ſo, daß Urſula ſich nicht mehr widerſetzte, ſondern ihm Muriel überließ, dies kleine unbewußte Täubchen! Durch ihres Vaters Stimme beruhigt, öffnete ſie noch ein Mal weit ihre Augen. Doctor Jeſhop hielt das Licht dicht vor dieſelben, ja ein Mal ſo nahe, daß es beinahe ihr Geſicht berührte; doch die großen ruhigen Augen ſchloſſen ſich weder, noch bewegten ſie ſich. Doctor Jeſhop ſetzte das Licht nieder. „Nun!“ flüſterte John in heftiger Auflehnung gegen— ach, gegen die ihm ſich aufdrängende Ge⸗ wißheit. Er ergriff ſelbſt das Licht uud wiederholte den Verſuch. „Sie ſieht Nichts. Kann ſie blind ſein?“ „Blind geboren.“ Ja, dieſe ſchönen Kinderaugen, ſie waren ver⸗ dunkelt, gänzlich verdunkelt. Es lag weder etwas Schmerzliches noch Unnatürliches in ihrem Blicke, ausgenommen die Leere des Ausdrucks, deren ich vorher erwähnte. Aeußerlich war in ihrer Organi⸗ — 5— ſation keine Störung, aber in dem feinen innern Mechanismus mußte Etwas fehlen. Sie hatte nie geſehen und konnte auch auf dieſer Welt nie ſehen lernen! „Blind!“ das Wort ward leiſe geſprochen, kaum lauter als ein Seufzer, aber die Mutter hörte es doch. Sie ſchob Alle von ſich und nahm ihr Kind an ihr Herz. Mit einem verzweiflungsvollen Unglauben an das Gehörte ſah ſie ihr ſelbſt in die Augen, welche ihrem Blicke nie begegnen konnten, weder in Angſt, noch in Liebe. Arme Mutter! John! John! John! der letzte Ruf endigte in einem Schrei, als ob er ihr ſicher helfen würde. Er näherte ſich ihr und nahm ſie in ſeine Arme; Beide, Weib und Kind. Sie legte ihren Kopf an ſeine Schulter und weinte bitterlich.„Ach⸗ John! es iſt hart, ſehr hart! Unſer ſüßes Einziges, unſer eigenes kleines Kind!“ John konnte nicht ſprechen, ſondern drückte ſie nur feſt und finſter an ſich. Als ſie ſich ein wenig beruhigte, flüſterte er ihr den Troſt zu, den ein⸗ zigen, den ſelbſt der Gatte ihr nur zu geben ver⸗ mochte, durch weſſen Willen dieſer Schmerz über ſie gekommen ſei. „Und es iſt ein Kummer, der Euch mehr treffen wird als das arme Lämmchen,“ verſicherte Mrß. —— Jeſhop, ihre liebevollen Augen trocknend.„Sie wird das, was ſie nie kannte, auch eben nicht vermiſſen. Sie kann dennoch ein glückliches Kind werden! Seht her, wie ſie lächelnd daliegt.“ Aber die Mutter vermochte jetzt dieſen Troſt noch nicht zu faſſen. Sie ging auf und ab, oder ſtand ſtill und wiegte ihr Kind ſtumm, aber unter ſtrömenden Thränen. Nach und nach erleichterte ſich ihre Angſt unter dieſen Thränen, oder ward doch milder, und die Furcht, das kleine Weſen zu ſtören, das an ihrer Bruſt eingeſchlafen war, gab ihr“ die Kraft, ihren Schmerz zurückzudrängen. Da fühlte ſie plötzlich, daß Jemand hinter ihr ſtand und ſie leiſe in einen Armſtuhl niederdrückte. Es war mein Vater. Er ſetzte ſich neben ſie und legte ſeine Hand in die ihrige. „Gräme Dich nicht, Urſula! Ich hatte einen kleinen Bruder, der blind war, und nie habe ich ein glücklicheres Geſchöpf geſehen.“ Mein Vater ſeufzte und wir Alle waren erſtaunt über die wunderbare Sanftmuth, ja Zärtlichkeit, die über ihn gekommen war. „Gieb mir Dein Kind einen Augenblick her,“ ſagte mein Vater. Urſula legte es ihm auf die Kniee und er berührte feierlich die Bruſt der ſchla⸗ —— fenden Muriel.„Gott ſegne Dich, meine Kleine! O, ich weiß es, Dein Leben wird geſegnet ſein!“ Dieſe Worte, die mit derſelben Sicherheit aus⸗ geſprochen wurden wie der prophetiſche Segen der ſcheidenden Patriarchen des alten Teſtamentes, erſchüt⸗ terte uns Alle tief. Wir wandten unwillkürlich unſere Augen nach dem kleinen Mädchen, als ob ſein Segen ſichtbar werden müſſe, oder das Geheimniß, das ihre Vugen ſchloß, ihr eine Heiligkeit verliche wie Denen, die Gottes Finger berührt hatte. „Nun, Kinder! muß ich aber nach Hauſe gehen,“ ſagte mein Vater. Sie hielten uns auch dies Mal nicht zurück. Es war auch für die armen Eltern das Beſte, allein zu bleiben. „Sie kommen aber bald wieder?“ bat Urſula, die Hand zärtlich drückend, die ihre Locken berührte, als er aufſtand und auch ihr zuflüſterte:„Gott ſegne Dich!“ „Vielleicht, wir können Nichts vorher wiſſen! Bleibe Deinem Manne immer eine gute Frau, mein Kind! Und Du, John, ſei niemals zu ſtreng gegen ſie, auch nicht gegen ihre kleinen Fehler. Sie iſt noch jung, ſehr jung.“ Er ſeufzte wieder. Man ſah deutlich, daß er an eine Andere als an Urſula dachte. —— Als wir mitſammen die Straße hinabgingen, ſprach er nur ein oder zwei Mal mit mir, und zwar über Gegenſtände, die mich durch ihre Sonderbarkeit befremdeten und der Vergangenheit angehörten, wie z. B. kleine Einfälle und Handlungen meiner Kind⸗ heit, von denen ich nicht ahnete, daß er ſie im Gedächtniß behalten habe. Als wir in das Haus traten, frug ich ihn, ob ich noch bis zum zu Bette Gehen bei ihm bleiben könne. „Nein, nein; Du ſiehſt müde aus und ich habe noch einen Geſchäftsbrief zu ſchreiben. Es iſt beſſer, Du gehſt wie gewöhnlich zu Bette.“ Ich ſagte ihm gute Nacht und war im Begriff, fortzugehen, als er mich zurückrief. „Wie alt biſt Du, Phineas, vier⸗ oder fünf⸗ undzwanzig Jahre?“ „Fünfundzwanzig, Vater.“ „Wie, ſo alt?“ Er legte ſeine Hand auf meine Schulter und ſah freundlich, ja zärtlich auf mich nieder.„Du biſt noch immer ſchwächlich, aber Du mußt Dich herausreißen und ſo alt werden wie Dein Vater. Gute Racht! gute Racht! Gott ſei mit Dir, mein Sohn!“ Ich verließ ihn wahrhaft glücklich. Früher — 159— hatte ich wohl nicht geglaubt, daß mein Vater und ich uns ſo gut einleben, gegenſeitig ſo lieb gewinnen würden. In der Mitte der Nacht trat Jael in mein Zimmer, ſetzte ſich an mein Bett und ſah mich an. Ich hatte einen ſonderbaren Traum aus meiner Kinderzeit gehabt, wo ich Vater und Mutter in ihrer Jugend vor mir ſah. Alles, was mir Jael jetzt nach und nach und ſo zartfühlend mittheilte, als wäre ſie, wie in frühern Jahren, meine Wärterin, ſchien mir zuerſt ſo un⸗ möglich, daß es noch wie ein Theil meines Traumes an mir vorüberging. Als ſie um zehn Uhr das Haus wie gewöhnlich zugeſchloſſen hatte und in das Wohnzimmer kam, um meinem Vater zu ſagen, daß es Zeit zum zu Bette Gehen ſei, antwortete er nicht, er ſaß mit dem Rücken nach der Thür und ſcheinbar mit Schreiben beſchäftigt; ſo ging ſie wieder hinaus. Eine halbe Stunde ſpäter kehrte ſie zurück. Er ſaß noch ſtill und hatte ſich nicht gerührt. Eine Hand ſtützte den Kopf, die andere lag auf dem iſche, die Finger ſteif, eine Feder haltend. Er ſchien ſtarr auf das eben Geſchriebene zu ſehen; die Worte lauteten: „Guter Freund! morgen werde ich—“ Aber hier hatte die Hand für immer aufgehört zu ſchreiben. O, geliebter Vater! An jenem Morgen warſt Du bei Gott! Siebentes Rapitel. Es war das Jahr 1812. Zehn Jahre hatte ich bereits als Bruder in dem Hauſe meiner Adoptiv⸗ Geſchwiſter gelebt, wohin John mich am Begräbniß⸗ tage meines Vaters führte und in mich drang, es nicht wieder zu verlaſſen. Kurze Zeit darauf hatte es ſich klar herausgeſtellt, daß ihn das Geſchick, oder lieber die Vorſehung von einem Verhältniſſe erlöſ'te, von welchem er ſich, ſo lange mein armer Vater lebte, nie frei gemacht haben würde. Das Lohger⸗ bereigeſchäft war nämlich ſchon ſeit Jahren ſo un⸗ günſtig in ſeinen Erfolgen geweſen, daß der reine Ueberſchuß nur noch in der Idee exiſtirte, und die Nothwendigkeit erforderte für das Beſtehen unſerer Familie, daß wir die Lohgerberei verkauften und . alle Kräfte des Geſchäftes auf die Mühle verwandten. John Halifar. 1I. 11 ₰ — 162— In dieſer Kriſis ſtarb auch Jael, als ob ihr altes Herz, das keine neue Richtung zu erfaſſen ver⸗ mochte, durch die Veränderung aller Verhältniſſe gebrochen würde. Wir legten ſie zu den Füßen meiner Mutter und meines Vaters. Arme, alte Jael! Und ſo hatte denn der Kirchhof in der St. Marien⸗ ſtraße Alle in ſich aufgenommen, die mich in meiner Kindheit geliebt hatten, die zu mir gehörten. So empfand ich, oder hätte ſo empfinden müſſen, wenn Urſula und John nicht mit Einer Stimme ge⸗ rufen hätten—„Komm' nach Hauſe, Bruder!“ Ich widerſtand zuerſt, denn es gehört zu einer meiner beſtimmteſten Anſichten, daß es nicht gut iſt, wenn verheirathete Leute Jemand— ſtehe er ihnen auch noch ſo nahe— für immer in ihr Haus aufnehmen, der das heilige Doppelleben, oder vielmehr die Ein⸗ heit ihres häuslichen Lebens ſtört. Ich wollte verſuchen, ſelbſt zu arbeiten, um mir, wenn es möglich wäre, meinen Lebensunter⸗ halt zu gewinnen; wo nicht, ſo hoffte ich aus dem Schiffbruche von meines Vaters Vermögen noch ſo viel zu retten, um in ärmlicher Weiſe fortzuleben. Aber John Halifar wollte Richts davon hören, und urſula, die grade ſaß und nähte, während die Kleine auf ihrem Schooße lag und mit geſchloſſenen Augen ſanft vor ſich hingirrte, Urſula nahm meine Hand — 163— und legte ſie auf die der ſüßen Muriel, die kleinen Finger griffen nach den meinigen—„Sehen Sie, Phineas, ſie bedarf Ihrer auch,“ und ſo blieb ich. Vielleicht war es aus dieſem Grunde, daß ich John's ältere Tochter, die kleine blinde Muriel, mehr wie eines der andern Kinder, mehr wie irgend Et⸗ was auf Erden— John ausgenommen, liebte. Er bekam verſchiedene Kinder, und das dunkle alte Haus, ſowie der eingeſchloſſene Garten ward durch die feinen Stimmen derſelben von Abend bis zum Morgen belebt. Der erſte und lauteſte war allemal Guy, der ein Jahr ſpäter als Muriel geboren war; er glich ſeiner Mutter, und war ihr beſonderer Liebling. Dann kamen noch Zwei, Edwin und Walther. Aber Muriel blieb als Schweſter die ein⸗ zige, die ihnen gegeben ward, und ſie erſehnten ſich auch keine Andere. Sollte ich einen Namen nennen, der dem Cha⸗ rakter dieſes Kindes entſpräche, ſo würde es nicht der geweſen ſein, den ihre glückliche Mutter nach ihrer Geburt wünſchte, ſondern etwas Heiligeres und Zarteres. In ihr lag mehr als Joy, Freude, ſie ſchien der verkörperte Friede zu ſein.. Ihre Bewegungen waren langſam und ruhig, ihre Stimme ſanft, der Ausdruck ihres kleinen Ge⸗ ſichtchens außerordentlich hell und klar. Sie mochte —— das Haus ſo leiſen Schrittes verlaſſen, wie der Schnee auf die Erde fällt, oder mit uns zuſammen ſein, entweder auf ihres Vaters Knie geſchäftig ſtrickend, oder ſeinen Erzählungen, ſowie den Spie⸗ len der Kinder zuhörend, Muriel blieb ſich immer gleich. Niemand hat ſie jemals ärgerlich, unruhig oder traurig geſehen. Der ſanfte Friede, in dem ſie fortlebte, ſchien durch keine der Sorgen unſerer un⸗ ruhigen Welt geſtört zu werden. Wie ich ſchon ſagte, ſie war von ihrer früheſten wirklichen Kindheit an ein lebender Friede, den ſie uns Allen mittheilte, und beſonders in den erſten zehn ſchweren Jahren, wo unſer Haus viel zu leiden, viel zu bekämpfen hatte. Wenn dann ihr Vater Abends matt und abgearbeitet heimkehrte, an Leib und Seele krank, durch den täglich und ſtündlich zu beſtehenden Streit mit der Außenwelt, ſo ſtärkte und ſänftigte ihn Muriel, wenn ſie ſich leiſe zu ihm heranſchlich und ihr Köpfchen an ſeine Bruſt ſchmiegte. Ja wenn Urſula ſelbſt ſich anſtrengte und ihr Theil der Arbeit redlich erfüllte, damit der Mann Alles heiter und hell fände, wenn er Abends das Haus betrat, und Nichts von den Sorgen ahnete, die oft ſo ſchwer auf ihr lagen, wenn ſie in dieſem Wunſche zuweilen zu eifrig ward und ihre Stimme hier und dort zu ſcharf oder heftig erklang, ſo be⸗ — 165— ruhigte auch in ihr der Anblick Muriel's Alles. Die Gegenwart des blinden Kindes ſänftigte in einem jeden Einzelnen Worte und Gedanken. Ja! ich glaube, die Eltern würden Jeden er⸗ ſtaunt angeſehen haben, der ſie bedauerte, ein blin⸗ des Kind zu haben. Der Verluſt, der ſie mehr als ihren Liebling getroffen hatte, ward zu einer Art Gewohnheit und hörte auf ſie zu verwunden, wäh⸗ rend der Segen immer neu blieb. Wie mein theu⸗ rer alter Vater es vorhergeſagt hatte:„O, ich weiß es, Dein Leben wird geſegnet ſein ſo geſchah es auch. Nie empfanden die Eltern einen Kummer über ſie und durch ſie. Selbſt die Kinder⸗ krankheiten, welche die drei andern Kinder natur⸗ gemäß trafen, gingen mitleidig an ihr vorüber. Muriel fehlte nie Etwas! Der Frühling 1812 war ein Abſchnitt, der lange in unſerer Familie unvergeßlich blieb. Das Scharlachfieber hatte das Haus heimgeſucht und ließ noch manche bange Sorge zurück, ſelbſt nachdem es überſtanden war. Als wir nun endlich unſere kleine Heerde, wenn auch noch bleich, doch wieder fröhlich zu einem Gartenfeſte unter dem ſchattigen alten Birnbaume verſammeln konnten, empfanden wir Alle tief erſchüttert die Dankbarkeit, welche eine glücklich überſtandene Gefahr einflößt „Ja! Gott ſei Dank, es iſt Alles überſtanden!“ rief John, als er ſeinen Arm um Urſula ſchlang und in ihr leidendes Antlitz blickte, aus dem ihm aber immer wieder das ihr eigenthümliche Lächeln ent⸗ gegenſtrahlte, dies helle, muthige Lächeln, das Nichts verwiſchen konnte.„Und nun müſſen wir ſehen, wie wir Dir eine kleine Erfriſchung verſchaffen.“ „Unſinn! Ich bin ſo wohl wie nur möglich, Doktor Jeſhop hat mir noch heute Morgen geſagt, daß ich jünger denn je ausſähe. Ich, eine Mutter von ſo vielen Kindern und dreißig Jahre alt! Nun, Onkel Phineas, bitte, ſehe ich ſo alt aus wie ich bin?“ Ich konnte nicht Nein ſagen, beſonders jetzt nicht. Aber ſie nahm es ſo liebenswürdig auf, war ſo gleichgültig dagegen, daß ich, und ſicherlich ihr Mann auch, eine lieblichere, heiligere Schönheit in ihrem bleichen Antlitze entdeckten, die uns zu einer größern Liebe zwang, als aller Schmelz ihrer Jugend es vermocht hatte. Glücklich die Frau, die über ihr Altwerden nicht erſchrickt! „Liebe!“ John nannte ſie gern ſo, und ge⸗ brauchte das Wort, als ſei es ihr Taufname, der, wie in allen mit Kindern geſegneten Familien längſt in der allgemeinen Benennung„Mutter“ untergegan⸗ gen war. Ich bezeichnete ſie etwas feierlicher„die — Mutter,“ denn ſie erſchien mir als das edelſte Bild aller Mtterlichkeit. „Liebe!“ begann John nach einem langen Blicke auf ihr Antlitz. Ach John, das Deinige war auch bedeutend gealtert, aber er dachte an ſich ſelbſt gewiß immer zuletzt.„Sage was Du willſt, ich weiß doch was ich thue, ſchon um der Kinder willen, ach das iſt ihre ſchwache Seite. Sieh' nur, Phineas! ſie ſchwankt ſchon! Nun wir werden auf drei Monate nach Longfield gehen.“ Longfield war das Utopien der ganzen Familie, für Alt und Jung, und lieferte den Beweis unſeres einfachen Sinnes; denn dies Longfield war nur ein kleines Pächterhaus, ohngefähr ſechs Meilen von der Stadt, wo wir ein Mal Thee getrunken hatten und ſeitdem Alle den Wunſch hegten, dort zu leben. Denn ſo hübſch unſere Beſitzung auch geworden war, ſie blieb immer in Mitten der Stadt, und unſere Jugend ſehnte ſich wie alle naturgemäß aufgewachſenen Kin⸗ der nach der Freiheit des Landlebens, nach Kornfel⸗ dern, Wald und Wieſe; ſie wollten ſich gern ſelbſt ihre Blaubeeren ſuchen und im Freien mit Mur⸗ meln ſpielen; Freuden, die ſie bis jetzt nur in lan⸗ gen Zwiſchenräumen hin und wieder kennen lernten, wenn der Vater ſich ein Mal einen ganzen Tag ge⸗ währen durfte, wo er zu gleicher Zeit der Schutz — und die Freude, die Sonne und das Schild der glücklichen Bande war. „Kinder! horcht auf, was Vater ſagt, wir ſollen drei Monate in Longfield zubringen.“ Die drei Jungen brachen in ein Freudengeſchrei aus. „Dann werde ich den Strom hinunterkahnen, und immer des Abends irgend ein Pferd einfangen, worauf ich zurück reite, Hurrah!“ rief Guy. „Und ich,“ verſicherte der praktiſche und ernſt⸗ hafte Edwin,„will nach den Enten und Hühnern ſehen, die Dreſcher beſuchen und zuſehen, wenn ſie das Korn durchſieben.“ Wogegen der kleine Walther lispelte:„Ich will ein klein, ganz klein Lämmchen zum Spielen haben;“ dieſer Jüngſte ward noch als Kind betrachtet und demgemäß verhätſchelt. „Aber, ſagt denn meine kleine Tochter Nichts?“ frug der Vater ſich umwendend, wie immer, wenn die leiſeſte Berührung ihre Gegenwart verrieth, und jetzt fühlte er, wie die weichen Finger ſanft den Aer⸗ mel ſeines Rockes ſtreichelten.„Was wird Muriel in Longfield anfangen?“ „Muriel wird draußen ſtzen und den ganzen Tag die Vögel ſingen hören.“ — „Das ſoll geſchehen, meine kleine Heilige!“ er nannte ſie oft ſo, oder mein Segenskind, und ſie war in Wahrheit Beides. Rührend ſah es aus, wie ſie das kleine, ſanfte Geſichtchen an die Wange ihres Vaters lehnte, ganz dieſelben Züge, nur eben im verkleinerten Maßſtabe, dieſelbe glänzende Farbe des Haares, vielleicht um einen Schein heller als das ſeinige, doch blieb ſich der natürliche ſchöne Fall der Locken bei Beiden gleich; ſie ſahen vielleicht weniger wie Vater und Tochter aus, ſondern gaben mehr den Eindruck eines Mannes und eines guten Engels; die ſichtbare Verkörperung der ſchönſten Hälfte ſeiner Seele. So erſchien ſie ihm ſelbſt immer, dieſes Kind ſeiner Jugend, ſein erſtgeborenes und theuerſtes. Nachdem der Plan, nach Longfield zu gehen, feſtſtand, begannen Vater, Mutter und ich, uns ſiber die Mittel und Wege zur Ausführung zu be⸗ rathen, was von unſern nothwendigen Lebensbe⸗ dürfniſſen oder kleinen Annehmlichkeiten aufgegeben, was für Erweiterungen gemacht werden müßten, um den Kindern nicht allein für dieſen Sommer, ſondern auch für die folgenden Jahre die Herrlichkeit des Landlebens zu verſchaffen.. Dieſe Familienberathungen waren aber durch⸗ aus nicht Ehrfurcht gebietender Art, da Alles öffent⸗ —— lich abgemacht wurde. Es gab überhaupt in unſe⸗ rem Hauſe keine Geheimniſſe; denn waren auch Va⸗ ter und Mutter zuweilen verſchiedener Anſicht, ſo hatten ſie doch nur Einen Gedanken, Einen Wunſch, das Glück der Familie. Dieſe Einigkeit war es denn auch wohl, die ſelbſt in der gedrückteſten Zeit unſerer Armuth keine Spur von Bitterkeit in uns aufkommen ließ; wir erkannten ihre Macht, traten ihr aber muthig entgegen, ja wir konnten ſogar oft herzlich dabei lachen. So gingen wir Alle innig verbunden, Hand in Hand durch das Leben, und die Noth deſſelben lehrte uns Manches, Ausdauer, Fleiß, Selbſtſtändigkeit, und als Beſtes von Allem, Entſagung. Ja, ich habe die Ueberzeugung gewon⸗ nen, daß Armuth in der Jugend für das ganze ſpätere Leben nicht allein ein Segen werden kann, ſondern daſſelbe auch wirklich erleichtert. Unſer Vermögen war jetzt geordnet und im Zunehmen begriffen, ſo daß jedes kleine Vergnügen vorher nicht mehr ſo viel Ueberlegung koſtete. Wir fanden denn auch bald, daß wir uns den Aufenthalt in Longfield, und für John die Anſchaffung eines Pferdes zum Hin⸗ und Herreiten geſtatten konnten, und zwar durch das kleine Opfer, uns mit Einer Dienerin in Longfield zu begnügen, während wir Jenny in dem Hauſe in Norton Bury zurückließen, —— die noch immer als Köchin bei uns blieb, obgleich ſie längſt Mrß. Jem Watkins geworden war. Außer dieſer Einſchränkung aber verſagte ſich die Mutter noch ganz im Geheimen das lang ver⸗ heißene Seidenkleid, das erſte ſeit ihrer Verheirathung, und noch dazu hatte ſie ſich die Freude machen wol⸗ len, John dadurch zu überraſchen, daß ſie dieſelbe Farbe jenes wohlbekannten grauen Kleides wählte, das er zuerſt in der Küche von Enderly hängen ſah. „Aber man gibt ja gern Alles auf,“ verſicherte ſie,„um den Kindern dieſes Glück und dem Vater die Freude zu gewähren, daß er den ganzen Sommer über die Ritte durch grüne Felder genießt. Ach wie gern lebte ich immer auf dem Lande!“ „Wirklich?“ Und es ſchien, als wenn John ihr jetzt noch lieber alle Wünſche erfüllen möchte wie als Bräutigam, wo es ihm ſchwer ward, ihr die Ponies nicht zu kaufen.„Nun, in ſpäterer Zeit kann es vielleicht doch geſchehen!“ „Wenn unſer Schiff endlich ankommt, nämlich das Geld, das Richard Brithwvod nicht bezahlen und John Halifax nicht mit Hülfe des Geſetzes ein⸗ treiben will. Nein, geliebter Mann! ich bin ge⸗ wiß die Letzte, die über Deine Eigenheiten mit Dir ſtreiten möchte“ Man fühlte ihr den zärtlichen —— Stolz an, der ſich ſelbſt dann zeigte, wenn ſie die Don Quipoteartige Ausführung dieſer ſeiner An⸗ ſichten bekämpfte.„Vielleicht kommt als Lohn für unſere Ausdauer das Geld eines Tages, ehe wir es uns verſehen; und dann wird John's Herzenswunſch in Erfüllung gehen, und er plötzlich Beſitzer der Tuchmühle in Enderly.“ John lächelte halb wehmüthig. Jedermann hat ein Steckenpferd, dies war das ſeinige, und zwar bereits ſeit fünfzehn Jahren. Nicht allein um ſich ein Vermögen zu erwerben, das er freilich dadurch erwartete, aber die nützliche Thätigkeit, die ihm dieſe Stellung brachte, der erweiterte Einfluß, die unend⸗ liche Gelegenheit, Gutes zu thun, das reizte ihn. „Nein, Liebe! ich werde nie der Patriarch des Thales werden, wie Phineas die Beſitzer nennt. Dieſe Larushece iſt doch für mich zu ge⸗ worden! Was meinſt Du, Phineas?“ „Nein!“ rief Urſula, der wir die kleine Be⸗ gebenheit aus unſerer Knabenzeit erzählt hatten. „Du biſt ja ſchon zur Hälfte durchgedrungen. Je⸗ dermann kennt und achtet Dich in Norton Bury. Phineas, ich glaube, man hätte geſtern Abend in der Verſammlung eine Stecknadel fallen hören können, ſo ſtill war es, als er gegen das gefällte Urtheil über die Angeklagten ſprach. Und welch' ein Lärm und —— Rufen nach dem Ende der Rede! Ach! ich war ganz ſtolz!“ „Ueber den Lärm, Liebe?“ „Unfinn! aber über die Urſache deſſelben. Stolz war ich darauf, daß mein Mann die Armen und Unterdrückten vertheidigte; ſtolz bin ich, zu ſehen, wie er geehrt und von Jahr zu Jahr mehr ange⸗ ſehen wird, bis—“ „Bis die Prophezeihung in ihrem Geburtstags⸗ verſe in Erfüllung geht: Ihr Mann iſt gekannt in Land und Stadt, er ſitzt unter den Aelteſten des Landes.“ Mrß. Halifax lachte, als ich ſie an einen frühern Scherz erinnerte, aber gab doch zu, daß ſie die Er⸗ füllung nicht ungern ſehen würde. „Und es wird auch geſchehen, er iſt jetzt ſchon gekannt von Land und Stadt, von Nah' und Fern! Denken Sie nur, wie viel Nachbarn kommen und tragen John lieber ihre Klagen untereinander vor, als ſie bei den Gerichten anhängig zu machen. Und wie manche Wilddiebe hat er nicht von ihrem un⸗ ehrlichen Gewerbe überzeugt—“ „Ungeſetzlichen,“ ſchaltete John ein. „Gut, ungeſetzlichem Handwerke, und redliche, ordentliche Menſchen aus ihnen gemacht! Und dann, wie wird er von allen ſeinen Nachbarn, Reich und Arm, geliebt und um ſeinen Rath gebeten, wie be⸗ folgt man ihn; ich bin überzeugt, er iſt ſo geliebt und hat mehr Einfluß als manches Parlamentsmit⸗ glied.“ John lächelte unt ein wohlgefälliger Zug ſpielte um ſeinen Mund, aber er ſagte Nichts, wie er denn überhaupt ſelten und nicht einmal in ſeinem eige⸗ nen Hauſe von ſich ſprach. Das Schönſte in ihm war ſeine vollkommene Unbewußtheit, wie unſer ſtiller Severn, der, ſo breit und groß ſein Lauf auch iſt, doch immer nur durch ſeinen natürlichen Quell getrieben wird. „Das war Muriel!“ rief der Vater aufhorchend. Das Kind ſchlüpfte oft leiſe von uns fort und plötzlich hörten wir dann im Hauſe die ſüßeſten Töne von Muriel's Stimme, wie Einer von uns das alte Klavier benannt hatte. Schon als Kind fand ſie ihren Weg dorthin und entlockte ihm erſt nur einzelne Töne, dann aber fand ſie Melodieen heraus, und zwar mit jener Schnelligkeit und Zart⸗ heit des Ohres, die den Blinden ſo eigenthümlich iſt. „Wie hübſch ſie ſpielt! Ich wünſchte, ich könnte ihr eines jener neuen Inſtrumente anſchaffen, die ſie Pianoforte's nennen. Ich habe mir den Mechanismus davon angeſehen.“ — „Ihr würde eine Orgel noch beſſer zuſagen. Du hätteſt ſie heute Morgen in der Abteikirche ſehen ollen.“ „Still, ſie hat aufgehört zu ſpielen. Guy, lauf' und bringe Deine Schweſter herunter,“ ſagte der Vater, ſeinen Liebling immer herbeiwünſchend. Guy kehrte gleich darauf mit einer ſonderbaren Geſchichte von zwei Herren zurück, die ſich in dem Wohnzimmer befänden. Der eine habe ihn freund⸗ lich auf den Kopf geklopft—„So groß war der Herr, größer noch wie Vater,“ fügte er hinzu. Und das war richtig, dazu erſchien er in hellem Nanking, einem blauen Rocke mit goldenen Knöpfen, und dem ſchneeweißeſten Halstuche, das bis über das Kinn hinauf reichte. Vor dieſem großen Herrn ver⸗ beugte ſich John ſehr förmlich, während ſeine Frau in der Ueberraſchung eines plötzlichen Wiedererken⸗ nens erröthete. „Es iſt ſo lange her, daß ich nicht das Glück hatte, Miß March zu ſehen, daß ich fürchten muß, Mrß. Holifar habe mich gänzlich vergeſſen.“ „Gewiß nicht, aber erlauben Sie mir, Lord Luxmore, Ihnen meinen Mann vorzuſtellen.“ Mir ſchien, als ob Etwas von dem alten Hoch⸗ muthe der Miß March in den ſanften, frauenhaften Ausdruck der Mutter zurückkehrte. Stolz war ſie wohl noch, aber ſicher nicht für ihre Perſon mehr. Und wirklich, als ſich beide Männer gegenüberſtan⸗ den, hätte jede Frau ihr Haupt ſtolz erheben dürfen, die John Halifar als ihren Mann vorſtellte, wenn auch Lord Luxmore in ſeiner Jugend ein hübſcher Mann war, und wie alle Welt verſicherte, in ſeinem feinen Weltton mit dem Prinz⸗Regenten in die Schran⸗ ken treten konnte. Von den beiden Herren erſchien ſichtlich der Vor⸗ nehmere am wenigſten unbefangen, Mr. und Mrß. Halifar dagegen waren außerordentlich höflich, aber ſehr kalt. Sie konnten wohl nicht glauben, und jede ehrenwerthe und tugendhafte Familie der Mittel⸗ klaſſen hätte damals ebenſo empfunden, daß ihrem Hauſe eine große Ehre durch den Beſuch des Lord Luxmore zu Theil würde. Aber wie ich ſchon vorher ſagte, der Edelmann war ein außerordentlich feiner Weltmann und brach daher ſchnell das Eis. „Mr. Halifax, ich habe lange ſchon Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen gewünſcht, und mich ermuthigte meine Tochter zu dieſem Beſuche, Mrß. Halifax.“ Caroline Brithwood, und wir erfuhren, daß ſie eben vom Auslande zurückgekehrt ſei und ihren Vater und Bruder mitgebracht habe. „Verzeihen Sie, ich habe vergeſſen, Ihnen hier meinen Sohn vorzuſtellen, Lord Ravenel.“ Der ſo vorgeſtellte Jüngling verbeugte ſich nur. Er war ohngefähr 18 Jahre alt, groß und ſchlank, mit feinen Zügen und großen, ſanften Augen. Er zog ſich bald nach der Gartenthür zurück, in deren NRähe er ſtand, beobachtete die Spiele der Knaben, und ſuchte, etwas blöde, ſich mit Muriel bekannt zu machen. „Ich glaube, Mrß. Halifax, Ravenel hat Sie ſchon vor mehreren Jahren geſehen. Seine Schwe⸗ ſter verzog ihn als Kind außerordentlich. Seine Er⸗ ziehung iſt eben in der Akademie von St. Omer vollendet, nicht wahr, William?“ „Ja, in dem katholiſchen Collegium von St. Omer,“ wiederholte der Jüngling. „Ach, was thut das!“ ſagte der Vater ziemlich raſch.„Mr. Halifax, glauben Sie nicht, daß wir noch eine katholiſche Familie ſind. Ich hoffe, der nächſte Earl von Luxmore wird en Sitz wieder in arlamente einnehn können, mit oder ill?“ e dieſe Frage, ſeine Ueberzeugung, 12 — 178— die leider eine ſeltene war, offen ausſprechend, daß Gewiſſensfreiheit herrſchen müſſe, und daß alle Men⸗ ſchen, die ein reines und rechtliches Leben führten, den Anſpruch an den Staat machen dürften, be⸗ ſchützt zu werden, und ihm dienen zu können, wie auch ihr religiöſes Bekenntniß lauten möge. „Mr. Halifax, ich theile ganz vollkommen Ihre Anſicht. Ein kluger Mann muß jede Art von Glau⸗ ben für werthlos halten.“ „Verzeihen Sie, Lord Luxmore, aber das war gewiß das Letzte, was ich ſagen wollte. Ich halte im Gegentheil den Glauben eines Menſchen zu hoch und heilig, um einem andern Menſchen das Recht zu geſtatten, ihn darüber zur Rede zu ſtellen. Das ſich und ſeinem Schöpfer auszumachen hat.“ „Richtig! Welche Leichtigkeit in der Ausdrucks⸗ weiſe Ihr Mann beſitzt, Mrß. Halifar. Er müßte — aber ich habe auch ſchon gehört, daß er in dem erſten Range der öffentlichen Redner hier ſteht.“ lächelte nach Art der S nahm aber ſchnell das Wort. „Ich habe durchaus kei Ehrgeiz. Recht zu Anforderungen der Art. iſt eine Angelegenheit, die jeder Einzelne allein mit ₰ — — 179— oder was ich dafür halte, in einer ihnen verſtänd⸗ lichen Form auseinander zu ſetzen.“ „Das iſt es eben, mein lieber Herr; das Volk hat nicht mehr Verſtand wie hier der Knopf meines Stockes(ein Geſchenk Sr. königl. Hoheit, Mrß. Halifax) und muß alſo wie eine Heerde Schaafe ge⸗ leitet oder gehütet werden. Wir—“ es war ein ſehr vornehmes wir—„ſind ſeine naturgemäßen Hir⸗ ten. Aber wir brauchen freilich noch eine Mit⸗ telklaſſe, wenigſtens gegütlich eine Stimme aus derſelben, ein—“ „Einen Hirtenhund, der der Zunge nachhilft,“ fiel John trocken ein.„Kurz und gut, einen öffent⸗ lichen Sprecher, außerhalb oder innerhalb des Hauſes?“ „Beides,“ verſicherte der Lord, gegen die Spitze ſeiner Stiefeln mit dem königlichen Stocke ſchlagend.„Ja, ich ſehe, Sie verſtehen mich; doch ehe wir dieſen etwas zarten Gegenſtand berühren, giebt es noch einen anderen, über den ich und mein Ver⸗ walter Mr. Brown— Ihre ſehr werthe Meinung hören möchten.“ „Wahrſcheinlich über das Anerbieten, das er mir geſtern Abend auf den beſondern Wunſch Euerer Lordſchaft machte, wegen Pachtung der Tuchfabrik, die vor Kurzem frei ward?“ 12 — John hatte uns Nichts davon geſagt; weß⸗ halb, das zeigte uns ſeine Haltung nur zu bald. „Und wir werden uns zuſammen ganz gut ein⸗ richten, nicht wahr? Brown ſagte mir, Sie hätten ſchon lange die Mühle zu haben gewünſcht, und ich kann mich nur glücklich ſchätzen, Sie als meinen Pächter zu haben.“ „Mylord! ich wiederhole, was ich Ihrem Geſchäftsmanne ſchon ſagte, es iſt unmöglich. Und nun wollen wir nicht mehr darüber ſprechen.“ John näherte ſich mit einem heitern Lächeln ſeiner Frau, die ernſt und trübe vor ſich hinſah. Lord Luxmore hatte den Ruf, ein Mann bon ſchnellem Verſtande und diplomatiſchen Talenten zu ſein; dabei beſaß er— oder konnte ſich doch den einnehmenden Zauber des Betragens aneignen, der ſeine Tochter ſo ſehr auszeichnete. Er gefiel ſich, hier beide Eigenſchaften zu gebrauchen, und ſo ſtand er auf und näherte ſich mit einer freundlichen Offenheit dem Ehepaare. „Da ich wirklich Ihr Freuud bin, Ihnen alles Gute wünſcht, und dazu eine alte Bekannt⸗ † ſchaft von Mrß. Halifax, ſo darf ich wohl weßhalb es unmöglich iſt.“ „Ich habe durchaus nicht die eſct meine — 181— Gründe zu verleugnen; ich gebe deßhalb den Wunſch auf, weil mir das Kapital fehlt.“ Lord Luxmore ſah überraſcht aus.„Verzeihen Sie mir, aber ich hatte die Ehre, mit dem verſtorbe⸗ nen Mr. March näher bekannt zu ſein. Gewiß, das Vermögen Ihrer Frau—“ urſula erhob ſich in ihrer alten ſchnellen Weiſe —„das Vermögen ſeiner Frau?(John, laß mich reden, ich will, ich muß es ſagen!) Lord Luxmore, von dieſem Vermögen ſeiner Frau hat er nie einen einzigen Heller bekommen; Richard Brithwood hielt es zurück, und mein Mann hat lieber Tag und Nacht für mich und die Kinder gearbeitet, als ſich an die Gerichte zu wenden.“ „Ah, wahrſcheinlich aus Grundſatz? ich habe von dergleichen Anſichten ſchon früher gehört,“ ſagte der Carl mit einem leiſen Anfluge von Spott. „Und Sie waren mit ſeiner Handlungsweiſe zufrie⸗ den?“ „Von ganzem Herzen; denn ich wäre lieber für immer arm geblieben, als daß er ſich ſein Daſein verdürbe, ſeinen Geiſt mit Sorgen beſchwerte und vielleicht gar ſein Gewiſſen in Gefahr brächte, indem er mit einem böſen Manne über Geldangelegenheiten in Streit liegt.“ Es war wohlthuend, Urſula anzuſehen, wäh⸗ rend ſie ſprach, wohlthuend, den Blick zu beobachten, den Mann und Frau wechſelten, die oft und in manchen Beziehungen verſchiedener Anſicht waren, aber doch beſtimmt und feſt durfte man ſie in allen ihren Grundſätzen eines Sinnes nennen. John ſagte gleich darauf: „Liebe! jeder andere Gegenſtand der Unterhal⸗ tung würde wohl Lord Luxmore mehr intereſſiren als unſere eignen Angelegenheiten.“ „Nein, durchaus nicht— durchaus nicht!“ Und ſichtlich war der Earl ärgerlich und verdrieß⸗ lich.—„Ein ſo auffallendes Benchmen,“ flüſterte —„ſo ſehr, hm!— unklug! wenn die Sache bekannt— von den Zeitungen aufgenommen würde, ich muß wirklich darüber eine kleine Unterredung mit Richard Brithwood haben.“ Das Geſpräch ſtockte, und John gab ihm eine andere Wendung, indem er einige Bemerkungen über den jetzigen Miniſter Perceval machte. „Mir hat ſeine letzte Rede ſehr gefallen, er ſcheint ein ehrlicher Mann mit klarem Verſtande zu ſein, trotz ſeiner eigenſinnigen Oppoſition gegen die Bill.“ „Er wird nicht mehr dagegen ſprechen. 4 „O, Mylord, ich bin überzeugt— er bleibt ſich bis zum Tode treu.“ —— „Das mag ſein— und doch—“ der Lord lächelte.„Mr. Halifar, ich habe eben durch die Taubenpoſt Nachrichten empfangen,— meine Vögel fliegen gut,— ſehr intereſſante Neuigkeiten für uns und unſere Partei. Im Vorzimmer des Un⸗ terhauſes iſt Mr. Perceval geſtern früh erſchoſſen worden.“ Wir erſchraken Alle. Noch eine Stunde vorher hatten wir ſeine Rede geleſen und nun war er todt! „O! John!“ rief die Mutter mit Thränen in den Augen.„Seine armen vaterloſen Kinder!“ Und mehrere Minuten ſtanden ſie und hörten die Umſtände dieſer traurigen Geſchichte, während ihre Blicke auf ihren eignen Kleinen ruhten, die im Garten ſpielten, und ihre Gedanken, wie die ſo man⸗ cher engliſchen Eltern an dieſem Tage, in dem ſtatt⸗ lichen Hauſe in London weilten, wo die Witwe und die Waiſen den Todten beweinten. Er mag ein großer Staatsmann geweſen ſein oder nicht, aber er war unzweifelhaft ein guter Mann, und Manche werden ſich noch des Schreckens über dieſen ſchnellen Tod erinnern, und wiſſen, wie alle redlichen Herzen in England über den Tod des Mr. Perceval trauerten, ſie mochten ihn im Leben geliebt oder nicht geliebt haben. — Lord Luxmore ſchien nicht unter die Zahl der Trauernden gerechnet werden zu können. „Requiescat in pace! Ich werde die Heiligſpre⸗ chung des armen Mr. Bellingham beantragen; denn nun Perceval todt iſt, muß eine neue Wahl ſtatt⸗ finden, und von dieſen Wahlen hängt die Katholiken⸗ Emancipation ab. Mr. Holifax,“ ſich plötzlich zu ihm wendend—„Sie würden uns in dieſem Augenblicke von großem Nutzen im Parlamente werden!“ „Sollte dies der Fall ſein?“ „Wollen Sie— ich ſpreche grade heraus— wollen Sie eintreten?“ In das Parlament treten! John Halifax, Mit⸗ glied des Parlamentes! Seine Frau und ich wir waren Beide ebenſo überraſcht bei dieſer plötzlich aus⸗ geſprochenen Möglichkeit. John dagegen blieb ſehr ruhig. Lord Luxmore fuhr fort:„Ich verſichere Sie, daß Nichts leichter als das iſt. Ich kann Sie ſo⸗ gleich für einen Flecken hier ganz in der Nähe ein⸗ bringen; für einen Wahlflecken meiner Familie.“ „Den Sie gern von einer Ihnen paſſenden Perſönlichkeit bis zur Mündigkeit von Lord Ravenel eingenommen ſähen? Mr. Brown ſetzte mir das ſchon geſtern auseinander.“ — 185— Lord Luxmore ward ſichtlich verſtimmt. Ueber⸗ einkünfte der Art waren zwar in den Beziehungen zu dem Parlamente damals ebenſo gebräuchlich wie ſie jetzt noch zum Vortheile der Kirche abgeſchloſſen werden, indeſſen ſuchte man ſie allgemein zu beſchö⸗ nigen, als ob eine gewiſſe Unredlichkeit darin läge. Der junge Lord mußte das auch wohl empfinden, denn er drehte ſich zu uns, als er ſeinen Ramen hörte, doch wandte er ſich eben ſo ſchnell wie mit Blut übergoſſen ab, als er verſtand, wovon die Rede war. Nicht ſo der Vater. „Brown iſt—(kann ich Ihnen eine Priſe an⸗ bieten, Mr. Halifax?— Was? nicht ein Mal von der eignen Miſchung des Prinz⸗Regenten)— Brown iſt wirklich ein vortrefflicher Menſch, aber immer etwas zu eilig in ſeiner Schlußfolge. Wie die Sa⸗ chen ſtehen, iſt mein Sohn noch gänzlich unentſchie⸗ den zwiſchen der Kirche— das heißt,— dem geiſtlichen Stande und der Politik. Aber um auf unſer Geſpräch zurückzukommen— Mrß. Halifar, gelingt es mir nicht, Sie auf meine Seite zu brin⸗ gen?— Es würde ſehr leicht ſein, alle Schwierig⸗ keiten, wie Befähigung u. ſ. w. zu beſeitigen. Wür⸗ den Sie Ihren Mann nicht gern als Mitglied für den alten ehrenwerthen Burgflecken Kingswell auf⸗ treten ſehen?“ 6 — 186 — Kingswell! es war nichts Beſſeres als ein verfallenes Dorf, in dem John den kleinen ländlichen Beſitz— das einzige Eigenthum, das ich von meinem Vater erbte, für mich bewirthſchaftete. „Kingswell! ein Ort, wo nicht ½ ein Dutzend Häuſer ſtehen?“ „Je weniger, je beſſer, meine tiebe Mrß. Hali⸗ fax; die Wahl kann mir kaum etwas— Unruhe verurſachen, und das Land wird durch Ihres Man⸗ nes Talente und Rechtlichkeit den größten Gewinn davon haben. Natürlich müßte er ſein Geſchäft— ich vergeſſe immer, womit er handelt— aufgeben, und unabhängig leben. Er iſt wahrhaftig dazu ge⸗ macht, um in der Politik eine Rolle zu ſpielen, und es wird für mich ebenſo ehrenvoll als glücklich ſein, daß ich mir ſagen darf, dazu beigetragen zu haben. Alſo, Mr. Halifax, Sie nehmen meinen Burgflecken als Wahlort an?“ „In keiner der mir von Ew. Herrlichkeit an⸗ gebotenen Beziehungen kann ich dieſen Vorſchlag annehmen.“ Lord Luxmore traute ſeinen Ohren taum.— „Mein lieber Herr Halifax, Sie ſind der ſonderbarſte Mann!— darf ich abermals nach Ihren Gründen fragen?“ „Ich habe verſchiedene; doch wird der Eine ge⸗ — 187— nügen. Obgleich ich nicht leugne, gern Einfluß, ja WVWacht gewinnen zu wollen, ſo würde doch das Letzte von 3 Allen politiſcher Einfluß ſein, den ich mir zu er⸗ ringen wünſchte.“ „Sie würden leicht dieſem unwillkommenen Einfluſſe entgehen!“ verſicherte der Lord,—„denn die Hälfte des Unterhauſes beſteht aus ſtummen Leuten, die ſtimmen, wie wir es wünſchen.“ „Ein Charakter, zu dem ich vollkommen un⸗ tauglich bin. Ich muß geſtehen, daß, ſo lange die politiſche Ueberzeugung nicht aufhört, ein Handels⸗ gegenſtand zu ſein, und ehe dem Volke nicht erlaubt wird ſich ſelbſt ſeine ehrenwerthen Vertreter zu wäh⸗ len, ich es entſchieden ablehnen muß, zu der Zahl derſelben zu gehören. Ich dächte, wir ließen dieſen Gegenſtand hiermit fallen.“ „Mit Vergnügen.“ Mit einer gegenſeitigen höflichen Verbeugung fand die Frage ihre Ende, und verlor ſich in die ge⸗ wöhnlichen Tagesgeſpräche. Vielleicht auch erkannte der Lord, der, nachdem die Weltfreuden ihn über⸗ ſättigt, ſeinen Verſtand auf das Lieblingsſpiel der Alten— die Politik, gerichtet hatte— daß in jenen Tagen der ſtreitenden Parteien, wo zuerſt das auf⸗ geregte Geſchrei des Volkes laut ward und nicht unbeachtet blieb, es beſſer ſei, ſich keinen Feind in —— dieſem jungen Manne zu machen, der mit noch man⸗ chem Andern in der Mitte jener Kluft zwiſchen Adel und Volk ſtand, die ſichtlich mit jedem Jahre gerin⸗ ger ward. Er blieb noch eine Weile in unſerm Hauſe und entfernte ſich dann mit einer ſo wohlwollenden Her⸗ ablaſſung, daß ſie des Prinz⸗Regenten vollkommen würdig war, ſeinen blöden Sohn mit ſich fortziehend, der in der ganzen Zeit kaum ſechs Worte geſprochen hatte. Seine Abweſenheit ſchien Vater und Mutter von einer wahren Laſt zu befreien. „Wahrhaftig, John, ſein Beſuch hat ihm nicht viel geholfen, und ich hoffe, es wird lange dauern, ehe unſere ſtille Häuslichkeit wieder von einem Lord heimgeſucht wird. Kommt zum Eſſen, Kinder!“ Aber der Eindruck, den Se. Herrlichkeit zurück⸗ ließ, blieb ein peinlicher, der ſelbſt in der ruhigſten, oft glücklichſten Stunde des Tages noch auf uns laſtete, als wir wie hewöhnlich, nachdem die Kinder zu Bette gegangen waren, uns traulich um das Feuer ſetzten. urſula und ich blieben länger als ſonſt allein. „John kommt heute Abend beſonders ſpät,“ wiederholte ſie mehr denn ein Mal, und ich ſah, wie ſie bei jedem Schritte unter dem Fenſter, bei —— jedem Klingelzuge zuſammenfuhr, wenn ſie auch nicht aufſprang, denn ſie kannte ſowohl ſeinen Gang wie ſein Klingeln nur zu genau. „Da kommt er!“ riefen wir Beide zu gleicher Zeit, ſichtlich erleichtert. John trat gleich darauf ein. Und mit ihm, wie immer, Friſche und Freu⸗ digkeit. Was für Sorgen ihm auch außerhalb ent⸗ gegengetreten ſein mochten, und Gott weiß es, ſie waren oft ſchwer genug; ſowie er nach Hauſe kam, ſchienen ſie von ihm abzugleiten, und was uns auch drückte und quälte, es wurde bei Seite geſchoben, wenn ſein Anblick uns auch nicht immer Alles ver⸗ geſſen machen konnte. „Da bin ich, Onkel Phineas!— Sind die Kinder alle wohl, mein Liebling?— Sieh' da, ein Feuer, das iſt mir lieb. Wahrhaftig, es iſt heute ein ſo kalter Abend wie im November.“ „Haſt Du eine Schwäche, John! ſo iſt es für das Heerdfeuer. Du biſt ein richtiger Salamander.“ Er lachte und wärmte die Hände an der Gluth. — Ja! will lieber hungern wie frieren, Liebe, un⸗ ſere einzige Verſchwendung beſteht in Kohlen. Ein prächtiges Feuer iſt es! Gerade ſo mag ich es gern.“ Sie nannte ihn närriſch— glättete aber neben ihm ſtehend die Wolke auf ſeiner Stirn mit einem leiſen Kuſſe, und ſah dabei aus, als hätte ſie ihm — zu Liebe gern das ganze Haus in Feuermaterial verwandelt.. „Die Kleinen ſind natürlich wohl Alle zu Bette?“ „Die ungezogenen Jungen wären am liebſten die halbe Nacht wach geblieben, um von Longfield zu ſprechen. Nie habe ich die Kinder ſo entzückt ge⸗ ſehen.“ 3 „Sind ſie das wirklich?“ Mir kam der Ton, mit dem er dies frug, traurig vor, und es ſchien, als ob der Vater mit weit geringerem Intereſſe als ſonſt auf die Familiengeſchichten hörte, nach denen er immer bei der Heimkehr zuerſt frug, die ihm ſtets neu und wundervoll vorkamen, und von denen er verſicherte, ſie wären für ihn nach der Arbeit des Tages daſſelbe, was dem müden Wanderer eine grüne Wieſe iſt. Heute hörte er bald mit ſeinen Fragen auf. „Beſter John! Du ſcheinſt ſehr müde?“ 3 „Etwas.“ „Haſt Du den Tag über viel zu thun gehabt?“ „Es hatten ſich viel Geſchäfte gehäuft.“ Ich ſowohl als ſeine Frau verſtanden die Ur⸗ ſache dieſer kurzen Antworten, und ich ſtahl mich leiſe nach dem Tiſche, wo Guy's beflecktes Schreibe⸗ buch und Edwin's erſtaunenswürdige Summe ſei⸗ — ner Addition, der Hülfe des Onkels Phineas ſehr be⸗ dürftig. John nahm ſogleich einen Armſtuhl ein, und nun ſah man erſt, wie ermüdet er war— matt an Leib und Seele, ſowie wir ihn ſelten ſahen. Es that mir im Herzen weh', dieſe widerſtandsloſe Ab⸗ ſpannung der ſonſt ſo kräftigen Geſtalt, den ſchar⸗ fen Zug um den Mund zu bemerken, der wahrlich nicht durch ſeine Zweiunddreißig Jahre entſtanden ſein konnte. Und dazu dieſe Augen, die kaum mehr wie John's Augen ausſahen, die mit einer Art ſtumpfer Ruhe, zu ängſtlich, um ſchläfrig zu erſcheinen, in die rothe Gluth, oder auf andere Gegenſtände ſtarrten. Endlich ermannte er ſich ſelbſt und nahm die Arbeit ſeiner Frau auf. „Immer mehr kleine Röcke? Du biſt ja ſtets mit Nähen beſchäftigt, Liebe!“ „Mütter müſſen fleißig ſein— wie Du weißt. Und ich glaube, es giebt keine Knaben, die ihre Kleider ſo auswachſen wie die unſrigen. Es iſt ordentlich lächerlich; wenn die Sachen ſich nur nicht ſo ſchnell abtrügen!“ „Ach!“ erklang der Seußzer aus des Vaters tiefſter Bruſt. „Zwar für meine Hände nicht zu ſchnell,“ ver⸗ ſicherte Urſula heiter.„Sieh', John, dieſe hübſche — Stickerei; aber ich will mir keine Mühe mehr damit geben. Ich werde in Longfield keine Zeit zu ſo niedlichen Arbeiten haben, ſie ſind auch dort nicht nöthig.“ Ihr Mann nahm die feine Arbeit, bewunderte ſie und legte ſie wieder bei Seite. Nach einer Weile ſagte er:— „Würde es Dir ſehr ſchwer werden, wenn wir gar nicht nach Longfield gingen?“ „Gar nicht nach Longfield gehen!“ der un⸗ willkürliche Ausruf zeigte, wie ſehr ſie ſich darauf gefreut hatte. „Ich frage, weil ich fürchte— es iſt hart, ich weiß es— aber ich fürchte, wir werden es nicht möglich machen können. Biſt Du ſehr betrübt darüber?“ „Ja!“ ſagte ſie offen und wahr,—„nicht ſo⸗ wohl für mich, wie für die Kinder.“ „Ach, die armen Kinder!“ Urſula nähte eine Weile eifrig weiter, bis ſie den trüben Ausdruck ihres Geſichtes überwunden hatte. Dann ſah ſie freundlich zu ihrem Manne auf und rief:„Wir wollen uns nicht mehr um die Kinder betrüben! Erzähle mir nur, John, erzähle.“ Wie es ſeine Gewohnheit war, ſo theilte er ihr auch jetzt mit, daß ihn an dieſem Tage mehrere Verluſte getroffen hätten,— alte Schulden aus dem — 193— Geſchäfte, die ihn drängten, und wenn auch nicht unmöglich— es doch unvorſichtig erſcheinen ließen, ſich vermehrte Ausgaben in dieſem Jahre zu erlauben. Nein, war es irgend möglich, ſo mußten Einſchrän⸗ kungen gemacht werden. Urſula hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, oder ſich eine Bemerkung zu er⸗ lauben. „Iſt das auch wirklich Alles?“ frug ſie liebe⸗ voll. „Alles!“ „Dann laß es gut ſein. Ich mache mir Richts daraus, und für die Kinder werden wir ſchon ein anderes Vergnügen finden. Wir Alle haben ja frü⸗ her ſo manche Freude genoſſen, lieber Mann; es iſt wirklich nicht ſchwer, dieſe Eine aufzugeben.“ Er erwiderte in einem ſo leiſen Flüſtern wie das eines Bräutigams:„Ich könnte Alles in der Welt aufgeben, aber Du und die Kleinen!“ Nachdem ſie mir bei dem Abendbrote die An⸗ gelegenheit mit den Worten:—„Onkel Phineas— Sie haben wohl gehört, daß wir in dieſem Jahre nicht nach Longfield gehen können?“— anzeigte, ward die Sache beſeitigt. Das Opfer mußte gebracht werden und unſer arkadiſcher Traum für dies Jahr verſchwinden. Aber John's bekümmerter Ausdruck verſchwand John Halifax. II. 13 — nicht ſo bald. Es ſchien, als ob dieſer Abend die lange und ſchwere Arbeit ſeines Lebens zu einer Kriſis gebracht habe, in der die ſtärkſte Natur zu⸗ ſammenbricht— oder vor der haarbreiten Nähe des Falles mit dem Bewußtſein erzittert— mit dem furchtbaren Bewußtſein, daß er ſelbſt mit dem allgemeinen Falle untergehen müſſe. Sein Geſicht war verfallen, ſeine Bewegungen unruhig und ge⸗ reizt, bei jedem Laut ſchreckte er auf; zuweilen ver⸗ rieth ein heftiges Wort, oder eine Verdrießlichkeit bei Kleinigkeiten, wie viel ihm ſeine Selbſtüberwin⸗ dung koſtete. Urſula, die am leichteſten Erregbare von Beiden, ward an dieſem Abende ſanft und geduldig. Sie beobachtete ihn weder, noch quälte ſie ihn mit Fragen— vernünftig wie ſie war, ſchien ſie mit ihrer Arbeit beſchäftigt, und wenn ſie ſprach, war es über unbedeutende Gegenſtände, damit er ihre Angſt ſo wenig wie möglich bemerke. Er fühlte es ihr aber dennoch an.— „Nein, ängſtige Dich nicht, ich bin nicht krank, mein Kopf thut mir nur weh. So— laß mich hier wie die Kinder ruhen.“ Seine Frau rückte ihm näher, ſo daß er den Kopf an ihre Schulter lehnen konnte; dort fand das arme müde Haupt Ruhe und verlor nach und nach den herben ſchmerzlichen Ausdruck ſeines Geſichtes, — 195— ſo daß es wieder John's alte natürliche Züge wur⸗ den, und zwar ſo ſtill und ruhig, wie die kleinen Geſichter der Kinder über uns, in denen gewiß der Schlummer bereits alle Gedanken an Longfield ver⸗ wiſcht hatte. Endlich ſchlief auch er ein. Urſula hielt warnend ihre Finger empor, damit ich keine ihn ſtörende Bewegung machen ſolle. Die Uhr in der Ecke des Zimmers und das leiſe Ziſchen der Flamme im Kamin war das einzige Geräuſch im Zimmer. Sie nähte emſig fort, und als die Arbeit beendigt war, ließ ſie ſie in ihren Schooß fallen und blieb unbeweglich neben ihm ſitzen. Ihre Wange berührte leiſe ſein Haar, und in den Augen, die ſo feſt auf das Röckchen vor ihr gerichtet ſchienen, ſah ich die hellen Thränen glänzen. Aber ihr Blick war friedlich, ja glücklich in dem Gefühle an die Geliebten, an Mann und Kinder, ihr wirkliches Eigenthum— die Gott ihr in Frieden und Ge⸗ ſundheit erhalten— uud in der Einigkeit der Liebe bewahrt hatte. Dieſen unſchätzbaren Segen, dazu den Troſt, ſeine Stütze und ſeine Freude zu ſein, das ſüßeſte aller Gefühle, ihre Kinder in reiner Gottes⸗ furcht und zu der Ehre des Vaters aufwachſen zu⸗ ſehen, das hätte dieſe ſeltene Frau und Mutter wohl nicht für alle Schätze der Welt vertauſcht. „Was war das?“— Wir erſchraken Alle auf 1 — — S das Heftigſte, als ein plötzlicher lauter Zug an der Klingel John weckte und die Kinder in ihren Betten entſetzte. Und nur um eines Briefes willen, den ein Diener des Lord Luxmore abgab. Nachdem die Mutter dieſe Urſache mit etwas verächtlichem Aus⸗ drucke entdeckt hatte, lief ſie die Treppe hinauf, um die Kleinen zu beruhigen. Als ſie wieder kam, ſtand John mit dem Briefe in der Hand; er hatte mir den Inhalt noch nicht mitgetheilt, und als ich frug, antwortete er in einem faſt unhörbaren Tone— „— Gleich!—“ Bei dem Eintritte ſeiner Frau gab er ihr, ohne ein Wort zu ſprechen, den Brief. Wohl war er geeignet, ihr einen Schrei der Freude zu entlocken. Wahrlich, die Schickungen des Himmels für uns waren wunderbar. „An Mr. John Halifar! „Mein Herr! „Nachdem Ihre Frau, Urſula Halifax, das von ihrem verſtorbenen Vater feſtgeſetzte Alter er⸗ reicht hat, werde ich einen Monat nach dem heu⸗ tigen Tage, auf eine von Ihnen zu empfangende Quittung das Kapital und die aufgeſammelten Zinſen zahlen, das ich bisher verwaltete, und das Derſelben nach den Beſtimmungen des ver⸗ — „ — 197— ſtorbenen Henry March Exquire von jetzt ab ge⸗ ſetzlich zufällt. „Mein Herr, ich nenne mich „Ihren u. ſ. w. „Richard Brithwood.“ „Wunderbar! wunderbar!“ Das war Alles, was ich ſagen konnte. Wie ſonderbar, daß ein ſchlechter Mann von einem an⸗ dern auch nicht guten Menſchen aus eigennützigen Abſichten dahin vermocht ward, eine Handlung der Gerechtigkeit zu vollziehen, und daß ihre weltklugen Abſichten uns Gutes brachten! Dies Alles aber mußte grade in dem Augenblicke der Noth geſchehen, wo John's Kräfte ihr Ende erreicht zu haben ſchienen. „Ach, John!— mein John! nun haſt Du nicht mehr nöthig, ſo angeſtrengt und ſchwer zu arbeiten,“ lautete der erſte Schrei ſeiner Frau, als ſie ihn unter Thränen umarmte. Er auch war tief erſchüttert. Dieſe plötzliche Befreiung von ſeiner Laſt ließ ihn erſt die ganze Schwere derſelben fühlen, und erkennen, wie groß die Verantwortung, wie lähmend die St auf ihn ge⸗ wirkt hatte. „Gott ſei gedankt! Nun ſeid Ihr, Du und die Kinder, auf jeden Fall geſichert!“ 88— Er ſetzte ſich ſehr bleich nieder— ſeine Frau kniete an ſeiner Seite und ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken— und ich— ich verließ leiſe das Zimmer. Als ich wiederkehrte, ſtanden ſie an dem Kamine, Beide ſo glücklich, wie zwei Menſchen natürlich ſein müſſen, denen ein ſo großer Glücksfall ganz uner⸗ wartet begegnete. Ich brachte ihnen meine Glück⸗ wünſche in einer mehr heitern als ernſten Weiſe dar; denn wir hatten Alle mehr oder weniger John's Gewohnheit angenommen, in Momenten der Erre⸗ gung den Dingen eine heitere Seite abzugewinnen. „Ja, er iſt nun ein reicher Mann— und Sie müſſen Ihrem Bruder mit beſonderer Achtung be⸗ gegnen, Phineas!“ „Und Deiner Schweſter ebenfalls, die nun nur in ſeidnen Gewändern einhergehen wird. Sie iſt noch immer jung und hübſch! Nicht wahr?— wie prächtig wird ſie in dem grauſeidnen Kleide aus⸗ ſehen!“ „John, Du ſollteſt Dich wirklich ſchämen; Du, ein Familienvater, der bald einer der größten Mühlenbeſitzer in Enderly ſein wird—“ Er ſah ihr liebevoll, aber halb abweiſend in das Auge.„Nein, nicht eher als bis ich Dir und den Kindern eine geſicherte Zukunft geſchaffen habe.“ — 199— „Wir ſind ja geſichert genug, wenn wir Dich nur haben.— O! Phineas, machen Sie es ihm doch begreiflich, wie ich die Sache anſehe; beweiſen Sie ihm, wie es der glücklichſte Tag in dem Leben ſeiner Frau ſein wird, wenn ſie ſeinen Herzenswunſch er⸗ füllt ſieht.“ Wir ſaßen noch eine Weile beiſammen und ſprachen über die ſonderbare Wendung unſeres Ge⸗ ſchickes— denn jetzt wie früher thaten ſie Alles, um mir die Ueberzeugung zu geben, daß, was ihnen gehöre, auch das meinige ſei. Dann nahm Urſula ihr Licht, um fortzugehen. „Liebe!“ rief John, ſie zurückhaltend und mit einem Blicke betrachtend, der Etwas von ſeinem frühern neckenden Ausdrucke hatte,—„Mrß. Hali⸗ fax! wann werde ich die Ehre haben, Ihre grauen langgeſchweiften Ponies beſtellen zu dürfen?“ Ende des dritten Bandes. 8 8 8 22 8 8 8 — — E — — E — S S § 5 — 8 3 S 8 5 8 9 10 8 17 18