Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oitmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und iieh der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————.——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— Pf. 3 —„ 2„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersgtz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 2 2 2 * Von der Perfaſſerin des„Familienhaupt“. * Deutſche autoriſirte Ausgabe. Vierter Band. Wurzen, omi 1860. ⸗ Sohn Halifar. Vietter Band. John Halifax. Iv. 1 Erſtes Rapitel. Wanig⸗ Wochen ſpäter überſiedelten wir nach Longfield, was nun für mehrere Jahre die Heimath der Familie blieb. Longfield! glückliches Longfield! Kleines Neſt, wo Liebe, Freude und Friede herrſchte, wo die Kinder aufwuchſen und wir alt wurden, wo Jahreszeit auf Jahreszeit Veränderung und Reife in und um uns brachte, wo Sommer und Winter, bei Tage und bei Nacht Gottes gnädige Hand über uns wachte, unſern Ein⸗ und Ausgang ſegnete, unſer Hab und Gut beſchützte und uns mit dem höchſten aller Güter krönte, indem wir ein Haus bildeten, wo wir wie „Brüder in Einigkeit zuſammen lebten.“ Geliebtes Longfield! Mein Herz ſchlägt noch in der Erinnerung an dich ſo warm wie in meiner Jugend, obgleich ich dem Grabe nahe bin. Aber wie ſoll ich es beſchreiben, dieſes Familien⸗ Plätzchen,— ſo allein für die Familie eingerichtet, daß es ſich kaum beſchreiben läßt! Freilich fanden wir den Ort bei unſerer erſten Ankunft ſehr klein. Man mußte bei einer Feld⸗ umfriedigung von der großen Straße abbiegen und gelangte dann durch das ſogenannte„weiße Thor“ auf einen Weg, der hinab zu dem Fluſſe führte, vor dem ſich eine grüne Anhöhe erhob, auf der das Haus, ein einfaches Pächter⸗Haus, ſtand. Es enthielt ein Wohnzimmer und drei anſtän⸗ dige Schlafzimmer, eine Küche und Wirthſchafts⸗ Räume; wir richteten noch einige bewohnbare Räume in der Scheune und Käſe⸗Kammer ein. In einem derſelben ſchliefen die Knaben, Guy und Edwin, an deſſen niedrige Decke der Vater ſich jedes Mal den Kopf ſtieß, wenn er des Morgens die Knaben weckte. Alle Fenſter ſtanden des Sommers offen, und Vögel, ja Fledermäuſe benutzten das, um zum Entzücken der Kinder ein und aus zu fliegen. Ein anderes großes Vergnügen für das kleine Volk beſtand darin, daß wir die Küche in dem erſten Jahre unſeres Aufenthaltes zum Eßzimmer benutzen mußten, wo denn Edwin's Tauben und Muriel's Lachtauben, ja ſelbſt zuweilen eine ernſthafte Henne uns durch die offene Thür beſuchte. Ob unſer geiſti⸗ ges und leibliches Vermögen ſich eben ſo ausbreitete und entwickelte, wie die Kinder in dieſer Atmoſphäre der allgemeinen Güte und Liebe, kann ich nicht mit Beſtimmtheit ſagen, aber ſo viel iſt gewiß, daß kein Unglück für uns aus einem Syſteme entſprang, das bei der großen Raum⸗Beſchränkung während der erſten Jahre in Longfield eine Nothwendigkeit für uns ward, und das in„Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit“ beſtand. Dieſe Worte, die ſo viel Wahres und Schönes enthalten und nur durch eine falſche Auslegung ihren Sinn verloren haben, fingen damals bereits an, in Europa zu verklingen, um dem ebenfalls unrichtig aufgefaßten Schrei Cloire! Gloire! Platz zu machen. Sie erinnern mich aber an eine Begebenheit, die, wie ich glaube, zuerſt die ſüße, wohlthuende Gleich⸗ mäßigkeit unſeres Lebens unterbrach. Es war an einem ſchönen September⸗Morgen, als Mrß. Halifax mit mir und den Kindern hinunter nach dem Fluſſe gegangen war, wo wir Pläne zu einer Brücke über das Waſſer und zu einem Stalle für John's Pferd machten,— die Mutter hatte immer noch auf die grauen Ponies verzichtet. Denn nachdem die nöthigen Verbeſſerungen in Longfield manche Mehrausgaben erfordert hatten und John darauf beſtand, für Frau und Kinder ein bedeutendes Vermächtniß feſtzuſetzen, ehe er ſich für ſein Geſchäft die geringſte Summe geſtattete, fanden wir uns keinesweges ſo reich, um große Veränderungen in unſerer Lebensart eintreten zu laſſen. Und der Mutter höchſter Genuß beſtand doch am Ende haupt⸗ ſächlich darin, die Kinder geſund und fröhlich, den Mann frei von Sorgen zu ſehen, und zu wiſſen, daß er ohne allen Zweifel jetzt der Erfüllung ſeiner Wünſche nahe ſei. Denn er hatte uns heute eben nur auf kurze Zeit verlaſſen, um die Pachtung der Enderly⸗Mühle zu unterſchreiben. Mrß. Halifax ſah gerade nach ihrer Uhr, und ſie und ich wir berechneten mit einer faſt kindiſchen Freude, ob nicht jetzt der Augenblick ſein könne, in dem er das wichtige Inſtrument unterſchriebe, als Guy in voller Eile herbeilief, um uns zu erzählen, daß ein halber Wagen mit vier Pferden durch das weiße Thor angefahren komme. „Wer kann das ſein? Aber ſie müſſen ange⸗ halten werden, da ſie ſonſt John's neuen Kiesweg, ſeinen ganzen Stolz, verderben. Onkel Phineas, wollen Sie ſo gut ſein und ſehen, wer es iſt?“ Wem ſollte ich begegnen? Wohl der letzten Perſon, an die ich dachte, die überhaupt aus der Familien⸗Erinnerung ſeit länger denn zehn Jahren verſchwunden war— Lady Caroline Brithwood, in ihrem Reiſe⸗Kleide von grünem Tuche und ihrem dunkeln Reithute mit Federn geſchmückt, die man Prinz von Wales Federn nannte, heiterer denn je, wenn auch ihr niedliches Geſicht trotz aller Schminke verändert war und ihr liebliches Weſen eine Miſchung von Rohheit und Dreiſtigkeit angenommen hatte. „Iſt dies Longfield, wo Mr. Halifax— mon Dieu, Mr. Fletcher, ſind Sie es?“ Sie reichte mir ihre Hand mit der offenſten Freundlichkeit und in der beſten Laune von der Welt. Sie beſtand darauf, den Wagen fortzuſchicken und mich zu dem Fluſſe hinab zu begleiten, um eine Ueberraſchung, eine kleine Scene zu bereiten. Mrß. Halifax, die den Wagen wieder fortfahren ſah, dachte ſichtlich an keinen Beſuch mehr. Sie ſtand in dem kleinen Thale, das der Fluß hier bildete, und hielt Walther auf ihren Armen, etwas zurück⸗ gebogen, um das Gewicht des Knaben beſſer zu tragen; ihre rechte Hand war bemüht, Guy feſtzu⸗ halten, der barfuß am Ufer in dem Waſſer herum⸗ patſchte; Edwin, der einzige der Knaben, der uns nie Sorgen machte, war ruhig fortgegangen und ſaß bei Muriel. Die Lady klopfte in die Hände.„Bravo! bra- vissimo! ein allerliebſtes Familien⸗Bild, Mrß. Halifax.“ „Lady Caroline!“ Urſula ließ die Kinder los und eilte, ihre alte Bekannte wieder zu begrüßen, die ſie nicht geſehen hatte, ſeitdem ſie Urſula Halifax war. Der Gedanke daran bewegte ſie wohl, denn es war mit einer unwillkürlichen Zärtlichkeit, daß ſie in das kränkliche Geſicht blickte, in dem das freund⸗ liche Lächeln nicht mehr die kommenden Runzeln verbergen konnte. „Es iſt manches Jahr, daß wir uns nicht ſahen, Couſine Caroline, und wir ſind Beide etwas verändert.“ „Sie mit Ihren drei großen Jungen ſind es gewiß. Iſt das kleine Mädchen auch Ihr Kind?— ach ja, ich erinnere mich, William erzählte miir— arme Kleine!“ Und mit ängſtlicher Scheu wandte ſie ſich von unſerer Muriel, unſerem Friedenskinde ab. „Wollen Sie uns nicht in das Haus begleiten? Mein Mann iſt nur nach Enderly hinüber geritten und muß bald wiederkommen.“ „Und wird ſich freuen, mich zu ſehen? es ſoll mich wundern, denn ich fürchte mich eigentlich Etwas vor dieſem Ihrem geſtrengen Manne, Urſula! Und doch hätte ich große Luſt, zu bleiben.“ Urſula lachte und bewillkommnete ſie nochmals. Sie fühlte ihr eigenes Glück ſo dankbar, daß ſie es gern überall hin zu verbreiten wünſchte. So gingen wir, die Kinder uns folgend, nach dem Hauſe zurück. Unter dem großen Wallnuß⸗Baume, an dem niedrigen Gitter, das den Blumen-Garten vor Schafen und Kühen ſchützte, ſtand Mrß. Halifax ſtill und zeigte den grünen Abhang hinunter, nach den Feldern, über das Thal hinweg auf die gegenüber⸗ liegenden bewachſenen Berge. Iſt das nicht eine ſchöne Ausſicht?“ ſagte Guy, die Fremde am Kleide zupfend. Unſere Kinder lebten in einer ſo beſtändigen Atmoſphäre der Liebe, daß ſie weder Furcht noch Blödigkeit kannten. „Sehr hübſch, mein kleiner Freund!“ „Das iſt der Baumberg! Vater will Nachmittag mit uns Allen hingehen.“ „Gehſt Du gern mit Deinem Vater ſpazieren?“ „Ob wir's gern thun?“ und ein plötzliches Lächeln verbreitete ſich über den ganzen kleinen Kreis. Es erzählte genug von dem Glücke dieſes Familien⸗ Lebens. —— Lady Caroline lachte laut auf.„O! meine Liebe, ich ſehe, wie die Dinge ſtehen. Sie bereuen es wohl nicht, John Halifax, den Lohgerber, ge⸗ heirathet zu haben?“ „Bereuen ſollte ich es?“ „Nein, werden Sie nicht böſe. Ich habe es immer geſagt, daß er ein edler Menſch wäre, und der Earl ſieht das auch ein. Aber nun gar William, — für den iſt Ihr Mann wirklich ein Held.“ „Lord Ravenel?“ „Ach ja, mein kleiner Bruder iſt nun ein großer Mann geworden, und entſetzlich bigott, ja er möchte unſer ganzes Haus wieder ſo katholiſch machen als damals, wo drei oder vier unſerer Familie ihre Köpfe für König Jacob verloren. Nein, aber er iſt ein guter Junge, mein armer William! Ich ſollte nicht über ihn ſprechen.“ Urſula frug höflich, ob ſich ihr Vetter Richard wohl befinde. „Ach, ich denke wohl; er iſt ja immer wohl. Zwar hat ihm ſeine erſtaunenswürdige Ehrlichkeit gegen Mr. Halifar jetzt einen Gicht⸗Anfall gebracht, — mais n'importe,— wenn ſie nur ein Mal wieder zuſammen kommen, wird ſich wohl Alles ganz gut machen.“ —— „Mein Mann hat Mr. Brithwood nie Etwas nachgetragen.“ „Das begreife ich, denn ich ventt das eben ſo wenig. Aber ſehen Sie, es iſt Wahl⸗Zeit, und der Earl will gern einen Freund von uns, einen Edelmann, als Wahlprätendenten für Kingswell auf⸗ ſtellen. Mr. Halifax beſitzt ja wohl dort einige kleine Häuſer?“—— „Sie gehören Mr. Fletcher, mein Mann führt nur die Geſchäfte.“ „Still, ſtill!“ rief Lady Caroline,„ich verſtehe Nichts von Geſchäften, ich weiß nur, daß ſie Ihres Mannes bedürfen und deßhalb freundlich mit ihm ſtehen möchten. Iſt das klar genug?“ „Gewiß; aber haben Sie keine Sorge, Mr. Halifar wird niemals Böſes mit Böſem vergelten! Iſt dies auch der Grund Ihres Beſuches, Lady Caroline?“ „Aber, mon Dieu! was würde aus der Welt werden, wenn wir Alles ſo gerade heraus ſagten wie Sie, Miſtreß Urſula!— Und doch iſt es aller⸗ liebſt, namentlich auf dem Lande. Nein, meine beſte Couſine, ich kam— ja ich weiß ſelbſt kaum, weßhalb! Wahrſcheinlich, weil ich Luſt dazu hatte,— die ge⸗ wöhnliche Urſache aller meiner Handlungen. Iſt dies Ihr salon à manger? Laden Sie mich nicht zu Mittag ein, ma cousine?“ „Natürlich,“ verſicherte die Mutter, obgleich mir vorkam, als wenn ſie die Einladung nachher drücke, wahrſcheinlich in dem Zweifel, ob John ſie gern oder nicht gern ſehen würde. Aber in kleinen wie in großen Dingen hatte ſie das volle Vertrauen, daß der beſte Weg zum Herzen ihres Mannes der ſei, wenn ſie thue, was ihr nach ihrer eigenen Ueber⸗ zeugung recht und gut ſcheine. So war denn Lady Caroline für dieſen Tag unſer Gaſt, ein ungewohnter Gaſt, aber ſie war ſo liebenswürdig, daß ſie ſich vollkommen wie zu uns gehörig betrachtete. Guy, ſchon von der Wiege an ein vollkommener kleiner Ritter, erklärte ſich zu ihrem Bewunderer und war ihr unzertrennlicher Knappe. Edwin zeigte ihr gleich ſeine Tauben und Walther brachte ihr mit einem ſüßen, blöden Erröthen „ein klein Blümchen,“ und als den größten Beweis ihrer Liebe wollten alle Drei ſie zu dem ſchönen, noch nicht acht Tage alten Kalbe führen. Lachend folgte ſie den Knaben und erzählte ihnen, wie ſie kürzlich in Sicilien einen acht Tage alten Prinzen geſehen habe, den Sohn von Luuis Philipp, dem jungen Herzoge von Orleans, und der Prinzeſſin Marie Amalie.„Und wahrhaftig, Kinder, er war nicht halb ſo hübſch, wie Euer kleines Kalb. urſula, ich bin zuweilen krank vor Langerweile an den Höfen. Ich möchte gleich Hirtin werden und Schafe auf die Weide führen, wenn wir nur ein hübſches Arkadien fänden.“ „Giebt es ein beſſeres Arkadien als das eigene Haus?“ „Das eigene Haus!“ Ihr Geſicht drückte den höchſten Grad von Widerwillen, Furcht und Verachtung aus. Ich er⸗ innerte mich, gehört zu haben, daß der Squire ſeit ſeiner Rückkunft vom Auslande ganz wie ſein Vater geworden ſei, ſich alle Tage betrinke und dann den ganzen Tag in dieſem Zuſtande bleibe. „Iſt Ihr Mann verändert, Urſula? Er muß noch immer ein junger Mann ſein. Ach, wie ſchön iſt es, noch jung zu bleiben!“ „Man ſagt, daß John älter ausſieht als er iſt, aber ich kann es nicht finden.“ „Wieder ein Stückchen Arkadien! Iſt das möglich? beſonders in England, in dem Paradieſe für die Chemänner, wo der erſte Gatte im Königreiche ein ſo glänzendes Beiſpiel giebt. Wie urtheilt Ihr ſtets zu Hauſe bleibenden engliſchen Frauen wohl über meine Freundin, die Prinzeſſin von Wales?“ „Möge Gott ihr helfen und eine beſſere Frau aus ihr machen, wie ſie bis jetzt geweſen iſt, dieſe mißgeleitete, ſchlechte Ehefrau!“ ſagte Urſula betrübt. „Kann aus einer mißgeleiteten, ſchlechten Ehefrau noch ein gutes Weib werden? Iſt dem ſo, Mrß. Halifax, dann könnten Sie ſich auf dieſe ein Patent geben laſſen.“ Der Gegenſtand berührte die Familie zu nahe, und Urſula wußte geſchickt die Unterhaltung durch die Frage abzuleiten, ob Lady Caroline jetzt in Eng⸗ land bleiben würde. „Cela dépende— Sie ſah plötzlich ſehr ernſt aus. „Ihre friſche Landluft macht mich ganz müde, wollen wir hineingehen?“ Das Mittag⸗Eſſen war fertig, ein einfaches Mahl, denn weder der Vater noch irgend Eines von uns frug viel nach feinen Speiſen; aber ich bin über⸗ zeugt, hätten wir in einer Hütte leben und uns von Erdtoffeln und Salz aus hölzernen Schüſſeln nähren müſſen, ſo würde unſere Mahlzeit ordentlich und gut geweſen ſein, und unſere Hütte ſo niedlich ausgeſehen haben wie nur möglich. Denn die Familien⸗Mutter beſaß die beſte Mitgift einer Frau, die Gabe der Zierlichkeit. Wir waren auch keineswegs über unſeren ein⸗ fachen Mittags⸗Tiſch verlegen, wo für Niemand Um⸗ ſtände gemacht wurden. Wir hatten wenig Gerichte, aber feine ſchneeweiße Tiſch⸗Gedecke und hübſches Porcellain, und da von der einen Seite des Zimmers durch die offenen Fenſter die Wohlgerüche des Blumen⸗ gartens hereindrangen und die grünen Zweige der ulme von der andern Seite ſpielten, ſo war es, als ob wir im Freien äßen. Die Knaben waren alle um Lady Caroline in einem kleinen Kabinet vor dem Eßzimmer verſammelt, wo ſie ihre Stunden hatten; Muriel ſaß wie gewöhnlich noch vor der Thür, mit einer ihrer Tauben ſpielend, die ſich gewöhnt hatte, ihr entweder auf Schulter oder Hand zu ſitzen, als ich ſie leiſe vor ſich hin ſagen hörte: „Vater kommt.“ „Wo, mein Liebling?“ „Von der Straße her; nun kommt er auf den Kies⸗Weg. Gewiß pflückt er von dem ſchönen Jasmin, der an dem Brunnen ſteht. Nun fliege fort, kleine Taube, Vater iſt da!“ Und im nächſten Augenblicke erſcholl ein all⸗ gemeiner Ruf unter den Kindern:„Vater iſt da!“ Er ſtand an der Hausthür, hob Eines nach dem Andern zu ſich auf, hatte für Jedes ein gutes Wort und einen Kuß, dieſer zärtliche, liebevolle Vater! Ein heiliger Name, welchen Gott ſelbſt fordert und ſich zugelegt hat! Glücklich die Kinder, welche das Wort„Vater“ im höchſten Sinne deſſelben ver⸗ ſtehen können, und denen von dem erſten Bewußt⸗ ſein ihrer kleinen Seelen an ihr Vater das geweſen iſt, was er in allen Familien ſein ſollte, das treue Abbild auf Erden des Vaters im Himmel, der in ſich Gerechtigkeit, Weisheit und die S in der Liebe vereinigt! Glücklich, faſt noch glücklicher aber die Frau, die einen ſolchen Vater für ihre Kinder beſitzt! Urſula näherte ſich ihm auch, denn ſein Auge ſuchte ſie bereits, und empfing die Umarmung, ohne die er ſie nie verließ und nie zurückkehrte. „Iſt Alles gut abgemacht, John?“ „Vollkommen!“ „Wie froh bin ich,“ rief ſie mit einem zweiten Kuſſe als Glückwunſch, der ſonſt nicht leicht öffentlich gegeben ward. Er wollte eben noch mehr erzählen, als Urſula etwas zögernd ſagte:„Wir haben auch heute einen Beſuch.“ Lady Caroline trat aus dem Verſteck, in dem ſie ſich in der Ecke des Zimmers gehalten hatte, lachend heraus.„Sie haben mich nicht erwartet, wie ich ſehe; bin ich auch willkommen?“ „Jedes Willkommen, das Mrß. Holifax ihren Gäſten ſagt, bedeutet auch das meinige.“ Aber ſo höflich John das ſagte, war dennoch eine kleine Zurückhaltung nicht zu verkennen, und einem wachſamen Auge konnte es nicht entgehen, daß ſein Ausdruck mehr Ueberraſchung als Freude über dieſen Ueberfall zeigte, der ſeine ſonſt ſo ruhige Häuslichkeit ſtörte. Auch bemerkte ich, wie Lady Caroline als höchſten Beweis ihrer Herablaſſung Muriel den Platz neben ſich bei Tiſche anbot. John zog faſt ängſtlich die Kleine zu ſich heran und ſagte: „Sie ſitzt immer hier bei mir, ich danke Ihnen.“ Die Unterhaltung bei Tiſche ward hauptſächlich nur zwiſchen der Lady und ihrem Wirthe geführt; ſie ſprach in der Gegenwart von Männern ſelten mit Frauen. Das Geſpräch bewegte ſich theils über den Kaiſer Napoleon und Lord Wellington, Lord William Bentinck und die ſardiniſche Polizei, über die ehelichen Zwiſtigkeiten in Carlton Houſe und die Alles ver⸗ ſchlingende politiſche Frage dieſes Jahres,— die Katholiken⸗Emancipation. „Sie ſind, wie mir mein Vater ſagt, hier eine Haupt⸗Stütze der Bill. Natürlich helfen Sie ihm wohl morgen in Kingswell bei der Wahl?“ „Ich kann es kaum eine Wahl nennen,“ er⸗ widerte John.„Er hat ſie uns heute Morgen mit John Halifax. w. 2 abgewendet hatte, quälte ſie jetzt, mit ihm nach dem ziemlich ſtrengen Bemerkungen angezeigt. Eine Wahl! es wäre Nichts wie eine Rede, die Nennung eines Namens und ein Aufheben der Hände von einigen Dutzend armen Arbeitern, kleinen Pächtern von Mr. Brithwood und Lord Luxmore, die einige Pfunde für ihre Dienſte gewinnen konnten,— und die Sache war entſchieden.“ „Wer iſt genannt, Lady Caroline?“ „Ein junger Herr mit wenig Vermögen, aber vielen Talenten, der mit uns aus Neapel zurückkam.“ Da der Ton der Lady förmlicher als gewöhnlich war, ſah John unwillkührlich zu ihr hin. „Da die Wahl morgeh iſt, kann der Name natürlich kein Geheimniß mehr ſein.“ „O nein, Vermilye, Mr. Gerard Vermilye. Kennen Sie ihn?“ „Ich habe von ihm gehört.“ Ob mit Abſicht oder nicht, ich weiß es nicht, aber als John ſprach, ſah er Lady Caroline gerade in das Geſicht. Sie ſchlug die Augen nieder und ſpielte mit ihren Armbändern, der Wahl in Kings⸗ well aber ward nicht mehr gedacht. Wir ſtanden bald darauf vom Tiſche auf, und Guy, der während des ganzen Mittags ſeine be⸗ wundernden Blicke nicht von der„hübſchen Lady“ Garten hinunter zu gehen, um ihr eine Lilie, der Mutter Lieblings⸗Lilie, zu zeigen. Ich rieth, ſich erſt die Erlaubniß dazu einzuholen, und ward mit dieſer Frage abgeſchickt. Ich fand John und ſeine Frau in einem ernſten, ja ſichtlich traurigen Geſpräche vertieft. „Liebe!“ ſagte er,„ich habe es ſchon lange ge⸗ wußt; aber wäre ſie nicht hergekommen, würde ich Dich nicht durch die Mittheilung betrübt haben.“ „Vielleicht iſt es nicht wahr,“ rief Urſula warm⸗ herzig,„die Welt iſt ſo leicht bereit, Schlechtigkei⸗ ten über uns arme Frauen zu erfinden.“ „Uns Frauen? ſage das nicht, Urſula, ich kann es nicht ertragen, meine Frau in einer Reihe mit ihr nennen zu hören.“ „John“ „Nein, ich will es nicht. Du weißt es nicht, wie es mich ſtört, wenn ihre Hand die Deinige berührt.“ „John!“ Der ſanfte Ton rief ihn zu ſeiner beſſern Er⸗ kenntniß zurück. „Vergieb mir! Aber ich möchte nicht, daß Dir — meiner geliebten Frau— auch nur der leiſeſte Fleck nahe träte. Ich kann den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß Du Verkehr mit einer Frau haben könn⸗ „ teſt, die man als leicht bezeichnet, einer Frau, die ihrem Manne untreu iſt.“ „Das kann ich nicht glauben; Caroline mag leichtſinnig ſein, aber ſchlecht war ſie niemals. Höre nur— wäre das Alles wahr— wie vermöchte ſie dann ſo heiter mit den Kindern zu lachen! John! ach denke nur, ſie hat keine Kinder.“ Das tiefe Mitleiden in Urſula's Herzen ging in das ihres Mannes über. John faßte die beiden Hände, die auf ſeinen Schultern ruhten, als ſie ihm bittend in das Auge ſah; die glückliche Frau ver⸗ theidigte ohne Worte Eine, von der die Welt wußte, daß ſie eben ſo zum Böſen verführt, wie unglück⸗ lich war. „Wir wollen noch warten, bis wir über ſie ab⸗ urtheilen. Liebe, Du befolgſt beſſer die Lehren des Chriſtenthums als ich“ Den ganzen Nachmittag über ward der Lady mehr als Höflichkeit, ja Freundlichkeit, von Beiden bewieſen, einer Frau, von der es außerhalb unſeres zurückgezogenen Lebens, ja, von John ſelbſt nur zu bekannt war, daß die Welt über ihre Beziechungen zu Mr. Gerard Vermilye ſchon mit Fingern auf ſie weiſe. Sie mit ihren Gaben, mit ihrer Chamäleon⸗ Natur und Gewalt, ſich in dem Entzücken des Augen⸗ blicks zu ſonnen und hinzugeben, befand ſich in einem — Zuſtande der größten Freude. Sie ward eine Schä⸗ ferin, fütterte mit Edwin das Federvieh, beraubte ſich aller ihrer Gold- und Schmuckſachen, um ſie Walthet zum Spielen zu geben; ja, ſie wuſch ſogar an der friſchen Quelle ihr Roth fort und kam mit leiſe gerötheten natürlichen Farben auf ihren bleichen Wangen zurück. Sie ſchien ſo glücklich zu ſein— ſo unſchuldig— kindlich glücklich, daß ich mehr denn einmal beruhigte Blicke zwiſchen John und Ur⸗ ſula wechſeln ſah, die ihre Freude darüber ausdrück⸗ ten, der göttlichen Milde gefolgt zu ſein, die nichts Böſes glaubt. Nach dem Thee gingen wir unſerer Gewohnheit gemäß wieder in das Freie; die Kinder ſpielten, während Vater und Mutter den Feldweg langſam auf und ab gingen, Arm in Arm wie Brautleute, oder zuweilen lehnte er ſich auch zärtlich an ſie an. So konnten ſie Stunden lang im Zwielicht gehen und mit einander reden. Lady Caroline zeigte auf Beide—„Sehen Sie dort— Adam und Eva moderniſirt, Baucis und Philemon in ihrer Jugend. Bon Dieu! Wie ſchön iſt die Jugend!“ Sie ſagte das mit einem Seufzer, als ob ſie die ſchrecklichſte Angſt vor den Tagen empfände, die auch für ſie kommen mußten, die dunkeln Tage. — 22 „Die Leute,“ antwortete ich,„die ſich ſo lieben wie dieſe dort, bleiben immer jung.“ „Liebe! was iſt das für ein altmodiſches Wort! Ich haſſe es! es iſt ſo— wie ſagen Sie im Engli⸗ ſchen?— ſo dschirant. Ich möchte um Alles in der Welt keine grande passion haben.“ Ich mußte bei dem Gedanken lächeln, das in⸗ nige Band, das Mr. und Mrß. Halifax verknüpfte, mit dem franzöſiſchen Charakter d'une grande passion verwechſelt zu ſehen. „Aber häusliche Liebe— cheliche Liebe— Liebe unter Kindern und am Heerde— glauben Sie däran?“ Sie heftete ihre ſchönen Augen auf mich; ſie hatten einen ſonderbaren Blick, ängſtlich wie der eines Vogels, der in des Vogelſtellers Netz getrieben ward. „C'est impossible— impossible!“ Das Wort klang ſcharf zwiſchen ihren zuſam⸗ mengepreßten Zähnen. Dann ging ſie aber gleich darauf ſchnell weiter und ward wieder ganz die lieb⸗ liche Erſcheinung wie immer. 3 Als der Abend gänzlich einbrach und die jün⸗ gern Kinder zu Bette gegangen waren, gerieth ſie in ſichtliche Unruhe über das Ausbleiben des Wagens. Endlich kam ein Bediente zu Fuß. Aergerlich frug ſie, weßhalb man ihr die Equipage nicht ſchicke? — . — 23— „Der Herr hat es nicht befohlen, Mylady!“ antwortete der Mann etwas kurz⸗ Lady Caroline ward bleich— aus Aerger oder aus Furcht— vielleicht auch aus beiden Urſachen. „Sie haben die Frage Ihrer Herrſchaft nicht ordentlich beantwortet,“ erinnerte Mr. Halifar⸗ „Sir! mein Herr ſagte— ich bitte Mylady um Verzeihung, wenn ich ſeine Worte wiederhole— „Mylady wäre gegen ſeinen Willen fortgegangen⸗ ſie könne alſo auch nach ihrem Belieben wiederkommen.“ Mylady brach in ein Gelächter aus; ſie lachte heftig und lange⸗ „Sagen Sie ihm, daß ich die auch thun würde— gewiß, das will ich— es iſt das letzte und leichteſte Gebot.“ John ſchickte den Diener aus dem Zimmer und Urſula warnte ſie, nicht ſo vor einem Bedienten⸗ zu ſprechen. „Vor einem Bedienten? O! meine gute Eou⸗ ſine, wir tragen zur Unterhaltung unſeres ganzen Hauſes bei— mein Mann und ich.— Wir ſpielen dieſelbe Rolle für unſere Umgebung wie der Prinz⸗ Regent und die Prinzeſſin v. Wales für das Land⸗ Wir trennen unſere Leute in zwei Theile— ich be⸗ zaubere ſie— und er ſetzt ſie in Furcht. Ha! ha! Das iſt gut eingerichtet, Richard Brithwood!„Ich — ſoll nach Hauſe kommen wann und wie ich will.“ Nun wohl, ich will von dieſer gütigen Erlaubniß Gebrauch machen.“ Ihre Augen glüh'ten mit einem Unheil verkün⸗ denden Feuer, und ihre Wangen brannten. „Mrß. Halifax, ich werde noch für einige Stun⸗ den Ihre Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen müſſen. Können Sie einen Brief für mich fort⸗ ſchicken?“ „An Ihren Mann?— gewiß.“ „An meinen Mann?— Niemals!— Ja, an meinen Mann!“ Der erſte Satz verrieth eine furchtbare Verachtung— der andere klang weicher und beinahe verzweiflungsvoll.—„Sagen Sie mir ſelbſt, Urſula, woran erkennen wir einen Mann, einen Gatten? an ſeiner Rohheit und Tyrannei?— der Tyrannei, die das Geſetz geſtattet— oder an ſeiner Güte, ſeinem Mitgefühl, ſeiner Hingebung, an Allem, was das Leben verſchönt, an Allem, was uns Freude bringt— Glück und——— in Sünde endigt.“ Die Worte erklangen ſo leiſe, daß ſie erſchreckend zuſammenfuhr, als ob das eigene Gewiſſen es ge⸗ flüſtert habe— das Gewiſſen, das allein ihre Pläne und Wünſche kannte. John näherte ſich ihr; er ſprach ernſt, aber nicht unfreundlich: — „Lady Caroline, ich bin tief betrübt, daß dies grade in meinem Hauſe vorfallen mußte, und zwar durch einen Beſuch, den Sie gegen den Willen Ihres Mannes machten.“ „Seinen Willen?“ „Verzeihen Sie mir— aber ich glaube, daß ſich eine Frau zuletzt doch dem Willen ihres Mannes— wenn er kein Unrecht verlangt, immer fügen muß⸗ Ich freue mich, daß Sie ſich entſchloſſen haben, an Mr. Brithwood zu ſchreiben.“ Sie ſchüttelte den Kopf in ſpottender Weiſe. „Darf ich mir die Frage erlauben— da ich den Brief doch beſorgen ſoll— an wen er ge⸗ richtet iſt?“. „An—“ Ich bin überzeugt, ſie hätte eine Lüge geſagt, wären John's Augen nicht ſo feſt auf ſie ge⸗ richtet geweſen.—„An— einen Freund.“ „Freunde find in allen Momenten für Damen gefährlich, wenn ſie——“ „Ihren Mann haſſen— ha! ha! beſonders Freundſchaften mit Männern.“ „Beſonders Freundſchaften mit Männern.“ Hier kam Guy— der gegen alle Ordnung ſo lange außer dem Bette geblieben war, um ſeiner „Verehrten Dame“ noch einen Dienſt erweiſen zu können— und ſagte ihr gute Racht, indem er ihr ſein roſiges Mündchem entgegenhielt. „Ich küſſe ein kleines Kind! Ich!“ und von dem unnatürlichen heftigen Lachen verfiel ſie in ein leidenſchaftliches Weinen. Die Mutter gab ihr einen Wink, Guy zu ent⸗ fernen; ſie und John führten Lady Caroline in das Wohnzimmer und verſchloſſen die Thür. Natürlich hörte ich damals nicht, was vorfiel, doch erfuhr ich es ſpäter. Die Thränen der Lady Caroline waren vor⸗ übergehend wie alle ihre Empfindungen. Sie ward bald ruhiger, forderte Schreibmaterial und beſtellte es dann wieder ab. „Nein, ich will bis Morgen warten. Urſula, nicht wahr, Sie behalten mich dieſe Nacht hier?“ Mrß. Halifax ſah fragend zu ihrem Manne auf, aber er gab keine Zuſtimmung. „Lady Caroline, Sie könnten ruhig hier bleiben, wäre es nicht, wie Sie wohl wiſſen, ein ſehr un⸗ glücklicher Entſchluß. In Ihrer Stellung müßten Sie doppelt darauf bedacht ſein, weder der Welt noch Ihrem Manne eine Waffe gegen ſelbſt in die Hand zu geben.“ „Mr. Halifax, wer gab Ihnen das Recht—“ Mir hat Riemand ein Recht gegeben, und ich —— fühle in mir nur das eines redlichen Mannes, der eine Frau vor ſich hat, die auf ſchreckliche Weiſe mißgeleitet iſt, und in ihrem Unrechte faſt verzweifelt. Ja, der es dankbar erkennen würde, könnte er ſie retten.“ „Mich retten? vor was oder vor wem?“ „Vor Mr. Gerard Vermilhe, der Sie unten auf der Straße erwartet, und wenn Lady Caroline Brithwood ihn in dieſer Criſis ſieht, oder gar mit ihm flieht, ſo verliert ſie für immer ihren Platz un⸗ ter den ehrenwerthen Frauen Englands.“ John ſagte das, ohne ſich das Anſehen beſonde⸗ rer Tugend oder Verachtung zu geben, ſondern er legte es einfach wie eine Thatſache dar. Die über⸗ führte Frau ſenkte ihr Haupt und verbarg es in beiden Händen. Urſula, tödlich erſchrocken, konnte lange keine Worte finden. „Iſt es wahr, Caroline?“ „Was ſoll wahr ſein?“ „Das, was mein Mann über Sie gehört hat?“ „Ja!“ rief ſie aufſpringend und ihr ſchönes Haar zurückſchlagend. Schön noch immer, obgleich ſie wohl fünf⸗ bis ſechsunddreißig Jahre ſein mußte. „Ja! es iſt wahr und es ſoll wahr werden. Ich will die Bande zerbrechen und ein Leben führen, für das ich geboren war. Ich hätte es ſchon lange ge⸗ than, wenn nicht— aber es iſt gleich— O! urſula, er betet mich an, ſo jung und ſchön er iſt, er betet mich dennoch an. Er wird mir meine verlorene Jugend wiedergeben, ja! das wird er thun.“ Und aus einem franzöſiſchen Liedchen ſang ſie leiſe: la liberté et ses plaisirs, la jeunesse et Tamour. Die Mutter ſah ſtrenger als gewöhnlich aus, wie es wohl bei jeder Frau ihres Charakters natür⸗ lich war. Ja, das Mitleiden wäre vielleicht ſelbſt aus dieſem guten Herzen momentan verſchwunden, wenn das Geräuſch, das ſich in dem Zimmer über ihnen von Kinderſtimmchen und Kinderfüßen erhob, ihr nicht abermals den ſchmerzlichen Gedanken gab: „Sie hat keine Kinder.“ „Caroline!“ rief ſie, bei dem Vorübergehen ihr Kleid feſthaltend.„Als ich mit Ihnen zuſammen lebte, hatten Sie ein Kind, das nur athmete, um gleich darauf zu ſterben. Es verließ dieſe Welt un⸗ befleckt; wie werden Sie dieſem Kinde zu begegnen wagen, wenn auch Sie einſt ſterben?“ Ihr leiſer Geſang endigte in ein lautes Schluch⸗ zen.„Ich hatte Dich vergeſſen, mein kleines Kind⸗ chen! 0 mon Dieu, mon Dieu!“ Mrß. Halifax, die jenen gedankenloſen franzöſi⸗ ſchen Ausruf für eine ernſte Regung hielt, tröſtete ſie =—— eiſe und wies auf Ihn hin, der allein helfen und ſtärken kann. „Sie ſprechen von Ihm? ich habe Ihn nie kennen gelernt, weiß nicht, ob Gott wirklich lebt, nein, nein, es giebt kein zukünftiges Leben!“ Urſula wandte ſich entſetzt ab.„John, was ſollen wir mit ihr anfangen? kein Vaterland, keine Familie, keinen Gott!“ „Er hört niemals auf, von ſich ſelbſt Zeugniß abzulegen. Sieh' nur dort, Liebe!“ Die unglückliche Frau ſaß, ſich hin und her wiegend, ihre Hände ringend und laut weinend. „Es war ſchrecklich, zu ſchrecklich! Warum haben Sie von meinem ſüßen Kinde geſprochen? Nun?“ „Sagen Sie mir nur Eins! ich will uud kann Niemand anders glauben als Ihnen allein, Caro⸗ line. Sind Sie wirklich unſchuldig an allem Unrecht, das man Ihnen nachſagt?“ Lady Caroline fuhr von ihrer Berührung zu⸗ rück.„Halten Sie mich nicht ſo feſt, Sie haben viel⸗ leicht einen beſondern Maßſtab der Tugend; ich da⸗ gegen einen andern!“ „Aber antworten Sie mir dennoch.“ „Und wenn ich es thäte, würden Sie, eine red⸗ liche engliſche Frau, war das nicht der Ausdruck Ihres Mannes? würden Sie ſich dann nicht ganz von mir abwenden?“ „Das würde ſie nicht thun,“ verſicherte John, „denn ſie iſt glücklich geweſen und Sie ſehr un⸗ glücklich.“ „Ach, ſehr, ſehr unglücklich!“ Dieſer ſchwere Seufzer drang zu Beider Herzen, und Urſula hatte ſich unter heißen Thränen über ſie gebeugt.„John hat Recht, Couſine Caroline, ich werde mich niemals von Ihnen wenden. Ich weiß es wohl, man hat ſich ſchrecklich gegen Sie ver⸗ ſündigt, ſchrecklich. Nur ſagen Sie mir, daß Sie ſelbſt nicht geſündigt haben.“ „Doch, ich habe in dem Sinne geſündigt, wie Ihr es meint.“ Urſula erſchrak, ſah ſich nach ihrem Manne um und Keines von ihnen ſprach. „Mrß. Halifax, warum nehmen Sie Ihre Hand nicht aus der meinigen?“ „Icht laſſen Sie mir Zeit; es iſt ſchrecklich. Ach, John!“ Wieder frug Lady Caroline in einem empfind⸗ lichen, bittern Tone:„Nehmen Sie doch die Hand da fort.“ „Mann, ſoll und muß ich das?“ „Nein.“ „ — 831— Sie ſtanden einige Minuten Beide ſtumm neben⸗ einander, Urſula und die arme Frau, ich nenne ſie arm, denn dies verdienen die, welche Mitleid leiden, wie vielmehr die, welche geſündigt haben. John nahm zuerſt das Wort.„Coufine Caro⸗ line!“ ſie ſah ihn erſtaunt an,„wir ſind Ihre Ver⸗ wandten und möchten uns auch gern als Ihre Freunde betrachten. Wollen Sie uns anhören?“ Sie weinte noch immer, doch weniger heftig. „Aber zuerſt müſſen Sie verſprechen, für immer Sünde und Unrecht aufzugeben.“ „Ich kann das als kein Unrecht betrachten. Er iſt ein ehrenwerther Mann, liebt dabei und ich liebe ihn wieder. Das iſt am Ende die einzige wahre Ehe! RNein, ein Verſprechen gebe ich nicht. Laßt mich gehen.“ „Verzeihen Sie, jetzt nicht. Ich kann es nicht zugeben, daß eine Verwandte meiner Frau von mei⸗ nem Hauſe aus entflieht, ohne daß ich es zu ver⸗ hindern ſuche.“ „Verhindern? Sie, Mr. Halifax? Sie vergeſ⸗ ſen, wer Sie ſind und wer ich bin, die Tochter des Earl von Luxmore.“ „Und wären Sie des Königs Tochter, ſo könnte das keinen Unterſchied machen. Ich will Sie wider Ihren Willen retten, wenn ich es vermag. Ich habe übrigens ſchon mit Mr. Vermilye geſprochen und er hat ſich bereits von hier entfernt.“ „Fort? das einzige lebende Weſen, das mich tiebt. fort? Ich muß ihm folgen, ſchnell, ſchnell!“ „Das iſt unmöglich, er muß ſchon Meilen weit von hier ſein. Er ſelbſt fürchtete, daß dieſe Angele⸗ genheit Morgen in Kingswell zur Sprache kommen könnte, und glauben Sie mir, Lady Caroline, er iſt ein Mann, dem ſeine Freiheit und Sicherheit werth iſt als Ihre Liebe.“ John's Fruu war ſo wenig gewohnt, von ihm dieſe kalte weltliche Sprache zu hören, daß ſie ſich erſtaunt, ja vorwurfsvoll zu ihm wandte; aber er hatte ganz richtig geurtheilt; für den Augenblick machte dieſer Ton bei der Welt⸗Frau mehr Eindruck als irgend eine Sitten⸗Predigt. Sie fing an, Mr. Halifar zu fürchten. Sie ward in ihren Handlun⸗ gen mehr durch Wallungen als Anſichten geleitet, und dieſe ſelbſt waren leicht zu lenken. Sie ſetzte ſich wieder und murmelte vor ſich hin: „Ich habe meinen freien Willen, ſie können mich nicht zwingen.“ „Nur in ſo weit als mein eigenes Gewiſſen mich rechtfertigt, indem ich einen Frevel zu verhin⸗ dern ſuche.“ „Einen Frevel?“ „Allerdings würden Sie einen begehen. Weder Ihre franzöſiſche Sophiſtereien noch die Rohheiten Ihres Mannes können das Geſetz aufheben, das, wenn Sie es auch nicht als göttliches Gebot be⸗ trachten, doch immer ein menſchliches bleibt, das für den Frieden, die Ehre und die Sicherheit der Geſell⸗ ſchaft nothwendig iſt.“ „Was für ein Geſetz?“ „Du ſollſt nicht ehebrechen.“ Selten gebrauchen die Menſchen dies einfache Bibelwort, und Urſula erſchrak ſelbſt, als ſie es in ſo feierlicher Weiſe von ihrem Manne ausſprechen hörte. Vor der unglücklichen ſich ſelbſt erkennenden Frau aber riß es die ſentimenlale Verhüllung fort, mit der die Welt damals wie jetzt ihre Verderbniß zu verſtecken ſucht. Ihre Sünde erhob ſich dunkel vor ihrem Auge; ſie beugte ſich vielleicht zum erſten Male vor derſelben. „Thue ich das? Und William wird erfahren, wer ich bin; armer William!“ Sie erhob ihre Au⸗ gen zu Urſula zum erſten Male mit dem Bewußtſein der Schuld, denn bis dahin ſah ſie nur erſchrocken und bekümmert aus. „Es weiß es Niemand außer Euch. Sagt es William nicht. Ach! ich wäre ſchon lange entflo⸗ hen, wäre ich nicht um ieinstwilen geblieben. Er John Halifax. 1v. 3 iſt ein guter Jüngling! laßt ihn nicht ahnen, daß ſeine Schweſter eine—“ Sie ließ das Wort unausgeſprochen. Die Scham beugte ſie tief nieder, die Scham, die gewöhn⸗ lich eine Vorläuferin der rettenden Reue iſt, wenig⸗ ſtens hoffte es John ſo. Er verließ das Zimmer, ſie unter dem Schutze ſeines andern Ich's, ſeiner Frau, ſicher und gut aufgehoben wiſſend. Als er ſich dann zu mir ſetzte und mir in wenigen Worten das mit⸗ theilte, was ich ſchon mehr als halb errathen hatte, ward ich hauptſächlich von dem Ausdrucke ſeines Ge⸗ ſichtes erſchüttert, denn ich erkannte, wie ein Mann zu gleicher Zeit ſtreng im Urtheil, zart im Mitleiden und kräftig in dem Willen zur Rettung ſein kann, ein Mann, der wie John als Lebens⸗Prinzip einzig und allein die Nachfolge Deſſen erkennt, der auf Er⸗ den ſelbſt das Bild Gottes war. Urſula rief ihren Mann zu ſich hinein; ſie ſpra⸗ chen lange zuſammen, und nach dem, was ich hörte, glaubte ich, es handele ſich darum, daß Lady Caro⸗ line die Nacht hier zu bleiben wünſchte, und daß er mit ſeinem richtigeren Urtheil die Nothwendigkeit erkannte, ſie dürfe keine Stunde verlieren, ſondern müſſe eilen, um unter dem Schutze ihres Mannes in ihr Haus zurückzukehren. „Es iſt die einzige Möglichkeit, ihren Ruf zu retten. Sie muß es wenigſtens auf ſo lange thun, bis man andere Mittel ergreifen kann. Sage ihr das, Urſula.“ Nach wenigen Minuten kehrte Mr. Halifar zurück.. „Ich habe ſie endlich überzeugt; ſie verſichert, Alles thun zu wollen, was Du für Recht hältſt. Sie möchte nur noch gern die Kinder ſehen, ehe ſie fort⸗ geht. Kann ich mit ihr hinaufgehen?“ „Arme Seele! ja,“ erwiderte John leiſe und wandte ſich dann fort. Ungeſehen von ihr, konnten wir doch die arme Lady verfolgen, wie ſie durch das ſtille, leere Haus nach dem Schlafzimmer der Kinder ging, und hören, wie ihr unterdrücktes Weinen ſie die ganze Zeit nicht verließ. Dann ging ich mit John hinab und half ihm Mrß. Halifax's Damenſattel auf ſein Pferd legen, denn in ihren jungen Tagen liebte Urſula das Reiten ganz beſonders. „Sie kann dann wieder darauf zurückreiten,“ ſagte John,„ſie wünſcht mitzugehen und es iſt auch das Beſte; dann kann man nichts Anderes ſagen als daß Lady Caroline einen Tag in Longfield zu⸗ brachte, von wo meine Frau und ich ſie nach Hauſe zurückbegleiteten.“ 3* Während wir noch ſo ſprachen, ſahen wir die beiden Damen durch den Garten herankommen. Mir kam es vor, als ob ich ſelbſt in dieſem Augenblicke das Echo jenes eigenthümlichen ſorgloſen Lachens hörte, das das weiche, alle Eindrücke in ſich auf⸗ nehmende Gemüth jener Frau verrieth, und ich fühlte, wie der erſte beſte Eindruck, der ihr auf ihrem gefahr⸗ vollen Wege begegnen mußte, ſie verändern würde. John Halifax half ihr bei dem Beſteigen des Pferdes, ſchlang ſich den Zügel um einen Arm, wäh⸗ rend er ſeiner Frau den andern gab. So entfernten ſie ſich durch den Feldweg und weiter hinaus durch das weiße Thor. Ich verweilte noch ein wenig am Ufer des Stro⸗ mes und horchte auf den Wind und auf das Mur⸗ meln des Waſſers, das in dunkler Nacht oder am hellen Tage immer in gleicher Sprache unſerer glück⸗ lichen Heimath nahe blieb. Ich ſeufzte und mußte der„unglücklichen Lady Caroline“ gedenken. Bweites Kapitel. Obgleich es bis Mitternacht dauerte, ehe John und ſeine Frau wiederkehrten, ſaß ich dennoch auf und erwartete ſie. Sie ſprachen nur wenig und gingen gleich zu Bette. Am nächſten Morgen nahm Alles wieder ſeinen gewöhnlichen Gang im Hauſe und Niemand als wir Drei kannten die Begebenheit dieſer Nacht. Guy ſah ſich bei dem Frühſtücke nach allen Seiten um und frug nach der hübſchen Lady, und als wir ihm ſagten, daß ſie abgereiſ't ſei und er ſie ſchwerlich wiederſehen werde, ſchien er für den Augen⸗ blick ſehr enttäuſcht. Indeſſen bald darauf lief er hinunter nach dem Strome, ſpielte wie gewöhnlich und vergaß Alles. Zuweilen kam es mir auch an jenem Morgen vor, als ertöne die Stimme der Mutter weniger hell und ſeltener, oder als ſei ihre ſonſt ſo friſche Er⸗ ſcheinung, die wie ein belebender April⸗Wind alle Ecken und Winkel des Hauſes ſo wie alle lebenden Weſen berührte, an dieſem Tage trüber und ſanfter; aber ſie äußerte keine Sylbe gegen mich und ich ſchwieg natürlich auch. John war früh nach der Kornmühle geritten, die er ebenſo wie das Haus in Rorton Bury noch in ſeinem Beſitze behalten hatte; er konnte es nicht leiden, alte Verhältniſſe aufzugeben. Er kam zum Eſſen zurück, kündigte uns aber gleich an, daß er nach Tiſche wieder fortgehen müſſe. Urſula war ſichtlich unruhig, und wenige Mi⸗ nuten darauf folgte ſie mir unter den Wallnußbaum, wo ich mit Muriel ſaß, und bat mich, mit John nach Kingswell zu gehen. „Die Wahl findet heute ſtatt, und er hält es für ſeine Pflicht, dort zu ſein. Er wird natürlich Lord Lurmore und Mr. Brithwood begegnen, und obgleich ich ſehr wohl weiß, daß mein Mann keines Schutzes bedarf, ſondern Alles, was er zu thun hat, allein durchführen kann, ſo iſt es doch für mich eine Beruhigung, und ich freue mich immer, wenn ich unſern Bruder in ſeiner Nähe weiß.“ Sie nannte mich unverändert Bruder, als ob mir der Name durch Blut und Geſetz zukomme. Natürlich ging ich mit nach Kingswell und ritt John's guten Braunen, während er zu Fuße neben mir herging. Es traf ſich jetzt nicht mehr oft, daß wir ſo allein waren, und ich erfreute mich doppelt des Zufalls. Als wir auf ſtillen Wegen und grünen Wieſen fortwanderten, ſchienen alle lieben alten Tage wiederzukehren, wo wir Knaben waren und ich Nie⸗ mand auf Erden beſaß, den ich ſo liebte wie David, und David Niemand ſo liebte wie mich. Die natür⸗ liche Entwickelung des Lebens veränderte wohl Man⸗ ches, aber unſere Freundſchaft erlitt nur einen Wechſel in der äußeren Form, keineswegs in der innerlichen Stärke und Tiefe des Gefühls. Oft iſt mir ſchon der Gedanke gekommen, daß eine jede Liebe und eine jede Freundſchaft in gewiſſer Beziehung auch ihrer dreitägigen Beerdigungszeit bedarf, um ihrer Wahrheit und Unſterblichkeit gewiß zu werden. Die meinige hat ebenfalls den bittern, aber kurzen Augenblick ihres Verſinkens erlebt, der— ich muß es bekennen— nach John's Heirath ſtattfand. Manche furchtbare Stunde habe ich in der Dunkelheit vor der Pforte weinend zugebracht, die nach meiner Meinung zu dem Grabe unſerer Freund⸗ ſchaft führte, denn ich hielt dies Glück für verloren; aber unſere Liebe ſtrahlte mir ſchon in jenem guten alten Garten im Lichte einer neuen Morgenröthe —— wieder entgegen und ſeitdem hat ſie mich überall begleitet und ich bin ihrer unverbrüchlichen Treue gewiß geblieben. In ſolchen Gedanken ritt ich fort und ſah neben mir auf dem Fußpfade John munter weiter ſchreiten und wie in ſeiner Jugend bald einen Zweig bald ein Blatt abpflücken und damit ſpielen. Oft auch entdeckte ich das alte ihm ſo eigenthümliche Lächeln, das keiner ſeiner drei Jungens, ſelbſt der hübſche Guy, geerbt hatte. Er ſprach mit mir von der Mühle in Enderiy und allen ſeinen dortigen Plänen, die ihn beſonders glücklich zu machen ſchienen. Endlich löſte ſich ſein langes, oft ſchweres Pflichtleben in eiu Daſein auf, das er liebte. Er ſah wahrhaftig ſo ſtolz und glück⸗ lich wie ein Knabe aus, als er aller der neuen Er⸗ findungen erwähnte, die er in der Tuchweberei ein⸗ zuführen gedachte, und wie er und ſeine Frau darin übereinſtimmten, noch für einige Jahre in dem klei⸗ nen Longfield mit ihrem bisherigen Einkommen fortleben zu wollen, um die Zinſen ihres Kapitals zur Verbeſſerung der Enderly⸗Mühle und der dorti⸗ gen Arbeiter zu verwenden. „Ich werde nahe an hundert Männer und Frauen unter mir haben. Denke nur, wie viel Gutes man da thun kann. Sie hat wenigſtens —— ſchon ein halbes Dutzend Pläne dazu in Gedanken. Gott ſegne das liebe Herz!“ Es war leicht zu errathen, von wem er ſprach, von der Einen, die in jeder Beziehung Hand in Hand mit ihm ging. „Iſt das Mittagsmahl am nächſten Montag in der Scheune auch ihr Einfall geweſen?“ „Theilweis; ich wollte gern eine jährlich wieder⸗ kehrende Feſtlichkeit für die alten Leute aus der Loh⸗ gerberei, die Müllerleute und die armen Kingswell⸗ Pächter einrichten,— aber, Phineas, hatte ich nicht Recht in Allem, was ich mit dem armen Volke dort that?“ Als uns in Kingswell nämlich mehrere Pacht⸗ häuſer als Pfänder zurückfielen, hatte er wohl ein Dutzend armer Familien aus jener elenden Gaſſe, in der Solly Watkins wohnte, dort hinein geſetzt, wo ſie wenigſtens friſche Landluft und Raum genug hatten, um geſund und anſtändig zu leben, und nicht wie eine Heerde Vieh in einem Stalle einge⸗ pfercht zu ſein. „Du kannſt ſtolz auf Deine Pächter ſein, denn ich verſichere Dir, ſie ſtechen außerordentlich vortheil⸗ haft gegen die des Lord Luxmore ab.“ „Und auch ſeine Wähler, nicht wahr? Die freien, unabhängigen Burgeinſaſſen, die Mr. Vermilye in das Parlament ſchicken?“ „Wenn ſie es durchſetzen können,“ erwiderte John, biß ſich mit einer Miene auf die Lippen, die eine entſchloſſene, zum Kampfe gerüſtete Stimmung verrieth, ein Ausdruck, den ich in dieſer Zeit oft in i. ihm aufſteigen ſah, wo ihm in ſeinem weiteren Ver⸗ kehr mit der Welt Erfahrungen entgegen traten, die 3 ſein Gefühl wie ſeine Grundſätze anwiderten, die er 1 indeſſen jetzt ertragen mußte, da er noch nicht hoch 3 und mächtig genug da ſtand, um auf eigene Hand der großen Maſſe allgemeiner Verderbniß entgegen zu treten, die ſich ſo lange in der engliſchen Geſchichte ſo angehäuft hatte, bis der wirkliche Abſcheu und die Laſt derſelben ſo groß ward, daß ſich ein allge⸗ meiner Schrei nach Verbeſſerung erhob. „Weißt Du auch, Phineas, daß ich in letzter Woche Deine Häuſer für den doppelten Preis hätte verkaufen können? Sie ſind in dieſem Wahljahr be⸗ deutend geworden, da Deine Pächter die einzigen Wähler in Kingswell ſind, die nicht zu gleicher Zeit von Lord Luxmore abhängen. Siehſt Du nun, wie die Sachen ſtehen?“ Das war nicht ſchwer zu errathen, da ſich dieſe Art von Spiel über ganz England verbreitet hatte, und von allen Denen, die einen politiſchen Einfluß erlangen oder erkaufen wollten, mit Nachſicht behan⸗ delt oder gar ſelbſt benutzt ward, bis die Reformbill die ganze Verdorbenheit und Verwerflichkeit dieſes Wahlſyſtems aufdeckte. „Natürlich wußte ich, daß Du Deine Häuſer nicht verkaufen würdeſt, und ich werde auch jedes mir zu Gebote ſtehende Mittel anwenden, um zu verhindern, daß ſie ihre Stimmen verkaufen. Was auch die Folge ſein mag, ein Verfahren wie bei die⸗ ſer Wahl in Kingswell iſt eine Handlung, gegen die jeder redliche Engländer ſich ſtemmen und, wenn er es kann, verhindern muß.“ „Wirſt Du es können?“ „Ich weiß es nicht gewiß, aber ich will es ver⸗ ſuchen. Erſtlich aus dem einfachen Gefühle des Rech⸗ tes, und weil mein Gewiſſen es mir gebietet; dann aber, weil Mr. Vermilye durch das Geſetz verfolgt außer Landes gehen muß, wenn ſeine Berufung in das Parlament ihn nicht davor ſchützt. Du begreifſt alſo, weßhalb ich ſo handle.“ Ach, ich erkannte Alles nur zu wohl; aber ich ſah auch vorher, daß John's Handlungsweiſe noth⸗ wendig gegen Lord Luxmore's Wünſche laufen werde, und er hatte eben die Pacht der Enderly⸗Mühle un⸗ terſchrieben. Indeſſen, was er einmal als Recht erkannte, das ſetzte er durch, es mochte ihm Schaden — — oder Gefahren bringen, und auch hierin mit ſeiner Frau übereinſtimmend, ließ ſie ihn ohne Einſpruch gewähren. Wir erreichten den Fuß des Kingswell-Berges und ſahen den kleinen Flecken vor uns, mit ſeinen grauen alten Häuſern, der kleinen alterthümlichen Kirche, durch beſonders hohe Eibenbäume beſchattet und ganz mit Epheu bedeckt, der auf Jahrhunderte des Alters hindeutete. Ein Wagen fuhr an uns vorüber, worin zwei Herren ſaßen, die John mit einer freundlichen Ver⸗ beugung begrüßten, die er ebenfalls erwiderte. „Das iſt gut, ich werde alſo doch einen recht⸗ lichen Engländer zur Seite haben, der mich heute unterſtützt.“ „Wer war es?“ „Sir Ralph Oldtower, von dem ich Longfield kaufte. Ein vortrefflicher Mann, den ich lieb habe, ſelbſt ſein ſchönes römiſches Profil mag ich gern, das vollkommen einem ſeiner ritterlichen Vorfahren gleicht, den man auf einem Grabſteine in der Kirche von Kingswell findet. Ja, es liegt ſelbſt etwas Wohlthuendes in der ſteifen Höflichkeit ſeiner tüchti⸗ gen Tory⸗Geſinnung, denn er iſt es aus voller Ueber⸗ zeugung, und handelt nach derſelben. Ein wahrer, echter engliſcher Edelmann, den ich hochachte.“ „Und doch bezeichnet man Dich in Norton Bury als einen Demokraten, John.“ „Das bin ich auch, denn ich gehöre dem Volke an. Demungeachtet will ich aber eine wahre Ariſto⸗ kratie aufrecht erhalten ſehen, die beſten Männer des Landes.— Erinnerſt Du Dich unſerer alten Griechen, die wußten zu herrſchen; das Recht dazu lag in ihrer Befähigung, gleichviel, ob durch Geburt, durch Geſinnung oder Verſtand dazu berechtigt.“ Ich hörte ihm gern zu, denn es war jetzt nur eine ſeltene Freude, wo das Geſchäftsleben mit ſeinen ſteten Anſprüchen ihm wenig Zeit zum freundſchaft⸗ lichen Austauſche der Gedanken ließ. Es überraſchte mich aber, zu ſehen, wie viel verſchiedene Gegenſtände ſein Geiſt in dieſen Jahren in ſich aufgenommen und verarbeitet hatte, und wie ſich dadurch ſein Ge⸗ ſichtskreis erweiterte und ſein Streben erhöhte. Es iſt wohl der Lebensgang jedes edleren Menſchen, der in einer glücklichen Häuslichkeit den Frieden findet, Zeit und Kräfte in derſelben zu ſammeln, um von dort aus die weitern Kreiſe der Welt zu beobachten und ſich den Platz zu wählen, wo er auch ſein Werk in derſelben zu vollbringen vermag. Daß John vor vielen Andern zu einer weiteren Thätigkeit befähigt war, konnten wohl diejenigen nicht bezweifeln, die ihm nahe ſtanden. Es ſprach ſich ſchon in ſeinem 6— Antlitze jene Feſtigkeit und Ruhe aus, die von Cha⸗ rakterkraft und Erfahrung zeugt. Ich vermißte auch in dieſem Antlitze keineswegs die vergangene jugend⸗ liche Schönheit, ſondern erkannte die tiefen Lehren, welche die Zeit Tag für Tag darin aufgezeichnet hatte, und wohl konnte man dieſen Ausdruck ſchön nennen, weil er vollkommen harmoniſch war. Ja, ich durfte mich ebenſowohl des Mannes der Gegen⸗ wart erfreuen, als mit Ruhe ſeines Alters gedenken. Mir ſchien der Weg faſt zu kurz, als John den Zügel des Pferdes erfaßte, um es anzuhalten und mir die Ausſicht jenſeits des Kirchhofes von Kings⸗ well zu zeigen. „Sieh' was das für ein breites Thal iſt, reich an Waldungen, Wieſenland und Kornfeldern. Wie ſchön erheben ſich die Walliſer Berge in der Ferne; es thut dem Menſchen wohl, darauf hinzublicken. Ja, ſie rufen mir ein Stückchen meines früheren Le⸗ bens zurück, was jetzt ſelten geſchieht und was ſonſt ſo lebendig in mir fortlebte, als wir zuſammen Shakeſpeare, Deinen Namensvetter und jenen anony⸗ men Freund laſen, der ſo großen Lärm in der Welt verbreitete. Ich liebe ihn noch immer!— Denke nur, ein Geſchäftsmann, der Coleridge liebt!“ „Ich ſehe nicht ein, weßhalb er das nicht thun ſollte?“ — Run, ich denke und hoffe, meine poetiſche Lieb⸗ haberei wird ſich in Enderly wieder mehr ausbilden. Oder vielleicht, wenn ich ein alter Mann geworden bin und den guten Kampf gekämpft habe, dann— hollah, hier! Matthew Hales, haben ſie Euch ſchon jetzt betrunken gemacht?“ Der Mann— ein alter Arbeiter von uns— faßte an ſeinen Hut und verſuchte graden Weges vor dem Herrn vorbeizugehen, der zu gleicher Zeit ſtreng und betrübt ausſah⸗ „Ich dachte mir wohl, daß es ſo kommen würde, und ich zweifle, daß ein Wähler in Kingswell ſein wird, der nicht ſeinen Stich hat.“ „Es iſt überall daſſelbe,“ verſicherte ich.„Was kann ein Menſch auf ſeine eigene Hand dazu thun.“ „Auf eigene Hand oder nicht! Jedermann muß thun, was er vermag, und Niemand weiß, was er leiſten kann, bis er ſeine Kräfte geprüft hat.“ So ſprechend trat er in das Gaſtzimmer des Hauſes mit dem Luxmore⸗Wappen, wo die Wahl vor ſich gehen ſollte. Dieſe Wahl war ein ſehr einfaches Verfahren. Sir Ralph Oldtower ſaß als Sheriff mit ſeinem Sohne an einem Tiſche,— jener ernſt ausſehende junge Mann, der mit ihm zuſammen im Wagen — ſaß— neben ihm ſahen wir Mr. Brithwood und Lord Luxmore. Das Zimmer war beinahe ganz mit Pächtern, Arbeitern und dergleichen Menſchen gefüllt. Wir traten ein, möglichſt wenig Geräuſch machend; aber John's Kopf ragte über die meiſten der Anweſenden empor, ſo daß der Sheriff ihn ſogleich ſah und grüßte. Ebenſo verneigten ſich der junge Mr. Herbert Oldtower und der Earl von Luxmore. Richard Brithwood allein ſchien nicht Acht auf ihn zu geben, drehte ſich um und ſah nach einer andern Seite hin. Ich hatte den Squire, Lady Caroline's Gatten, ſeit mehreren Jahren nicht geſehen. Er war gewor⸗ den, was er in ſeiner Jugend verſprach, ein aufge⸗ ſchwämmter, roh, ja gemein ausſehender Mann mittlerer Jahre, ein Mann, dem man in unſern Tagen nur ſelten begegnet; denn ſelbſt ich, Phincas Fletcher, habe lange genug gelebt, um eine große Veränderung der Sitten und der Moralgeſetze zu erfahren, ſo daß Unmäßigkeit— ſonſt die gewöhn⸗ liche Eigenſchaft eines Edelmannes— jetzt zu den ſeltenen und allgemein getadelten, ja mißgeachteten Fällen gehört. „Still, weniger Lärm!“ brummte Mr. Brith⸗ wood.„Ruhig, Ihr Burſchen da an der Thür! Nun, Sir Ralph, machen Sie, daß das Geſchäft —————————— . —— bald zu Ende kommt, damit wir zu Tiſche zu Hauſe ſind.“ Sir Ralph wendete ſein edles graues Haupt etwas dem Lichte zu, ſetzte ſeine goldene Brille auf und begann die Wahl⸗Vorſchrift zu leſen. Als er geendigt hatte, erſcholl ein ſchwaches Lebehoch. Der Sheriff bemerkte es, und vorbiegend ſprach er höflich mit Lord Luxmore; n ſah, daß ihre Bekanntſchaft nur äußerlich w Die Leute behaupteten, Sir Ralph könne es nicht vergeſſen, daß, während die Oldtowers bereits in den Kreuzzügen für die Chriſtenheit fochten, Ravenel ein ganz unbekann⸗ ter Name war, der ſich durch Nichts auszeichnete. Es mochte alſo wohl dem alten Baron nicht leicht werden, den Urſprung der Lordſchaft bei den Lux⸗ more's zu überſehen, und er, deſſen Vorfahren aus ehrenwerthen, edlen Männern und fehlerfreien Frauen beſtanden, konnte die Flecken nicht vergeſſen, die ſpäter noch das Wappenſchild der Luxmore verdun⸗ kelten. Das war des Volkes Ueberzeugung, aber die anerkannt edlen Grundſätze des Sir Ralph wirkten dabei gewiß eben ſo mächtig als ſein Stolz, und die wirkliche Verachtung gründete ſich dagegen haupt⸗ ſächlich auf den unedlen Charakter des Earl von Luxmore. John Halifax. 1v. 4 —— Ihr Geſpräch endete bald, und der Sheriff er⸗ hob ſich, um kurz anzuzeigen, daß Richard Brithwood einen Wahl⸗Kandidaten vorzuſchlagen wünſche. Der Kandidat war Niemand anders als Gerard Vermilye, Esquire, bei deſſen Namen ein Mann aus Norton Bury in ein wieherndes Gelächter ausbrach, das nur gedämpft ward, indem man ihn ſogleich von der ue ausſchloß. Dann unterſtützte Mr. Thomas Brown, der Rentmeiſter des Carl von Luxmore, den Vorgeſchla⸗ genen. Nach einigen Worten, die zwiſchen dem Sheriff, ſeinem Sohne und Lord Luxmore, geſprochen wurden, und deren Erfolg nicht befriedigend zu ſein ſchien, erhob ſich Sir Ralph Oldtower abermals. „Herren und Wähler, da kein anderer Kandidat genannt ward, ſo bleibt mir Richts übrig, als daß ich den Squire Gerard Vermilye—“ John Halifax näherte ſich dem Tiſche.„Sir Ralph, verzeihen Sie meine Unterbrechung, aber darf ich mir einige Worte erlauben?“ Mr. Brithwood ſprang mit einem ärgerlichen Fluche auf. „Mein lieber Herr!“ ſagte der Baronet mit einem Tadel ausdrückenden Blicke, der ihm bewies, daß ſich nur Wenige ſo unedle Worte erlauben würden. —— „Beim—— Sir Ralph, Sie werden doch dieſen gemeinen Menſchen nicht anhören!“ „Verzeihen Sie, es iſt meine Pflicht, ihn zu hören, wenn er ein Recht hat', in dieſer Angelegen⸗ heit zu ſprechen. Mr. Halifax, ſind Sie ein Bürger von Kingswell?“ „Das bin ich.“ Dieſe Thatſache überraſchte wohl Niemand mehr als mich. Brithwood rief wüthend, es ſei eine Unwahrheit. „Der Menſch gehört überhaupt gar nicht hier zu der Nachbarſchaft. Er ward in den Straßen von Norton Bury aufgegriffen, ein Bettler, ein Dieb. Das weiß ich gewiß!“ „Sie müßten es beſſer wiſſen, Mr. Brithwood! Sir Ralph, ich bin weder ein Bettler noch ein Dieb geweſen, ich habe meinen Lebenslauf als Feldarbeiter begonnen, bis mich Mr. Fletcher in ſein Geſchäft nahm.“ „So habe ich es auch immer gehört,“ erwiderte Sir Ralph höflich.„Und nach dem Manne, der glücklich genug iſt, einen edlen Urſprung nachweiſen zu können, achte ich denjenigen gewiß am höchſten, der ſich eines niedrigen nicht ſchämt.“ „Das iſt nun nicht gerade mein Fall,“ erwi⸗ derte John mit einem lächelnden Zuge um den Mund. 4* „Aber wir ſind von der augenblicklichen Frage abge⸗ wichen, die einfach dahin zu beantworten iſt, ob ich ein Bürgerrecht in dieſem Orte beanſpruchen kann.“ „Und worauf gründen Sie den Anſpruch?“ „Sie werden in unſern Privilegien eine Be⸗ ſtimmung finden, die nur ſelten in das Leben tritt, daß die Tochter eines Bürgers dies Vorrecht auf ihren Mann übertragen kann. Der verſtorbene Va⸗ ter meiner Frau, Mr. Henry March, war ein Bürger von Kingswell. Ich nahm mein Recht in Anſpruch und habe mich in dieſem Jahre in die Liſten ein⸗ tragen laſſen. Fragen Sie Ihren Schreiber, Sir Ralph, ob ich nicht wahr geſprochen habe.“ Der alte weißköpfige Schreiber bekräftigte ſeine Angaben. Lord Luxmore ſah zwar außerordentlich über⸗ raſcht, aber doch bei aller Höflichkeit ungläubig aus. Sein Schwiegerſohn konnte ſich eines lauten Ausbruchs über dieſen„Schelmenſtreich“ nicht er⸗ wehren. „Ich will dies unpaſſende Wort weiter nicht berühren, Mr. Brithwood, ſondern nur einfach er⸗ klären—“ „Wir ſind vollkommen überzeugt,“ unterbrach ihn Lord Lurmore freundlich.„Mein lieber Herr, darf ich aber nun eine ſo nütziiche und wie ich ſehe mächtige Stimme als die ihrige für unſern Freund, Mr. Vermilye, in Anſpruch nehmen?“ „Mylord, es ſollte mir ſehr leid für Sie thun, hätten Sie mich falſch verſtanden. Es iſt durchaus nicht meine Abſicht— außer in der höch⸗ ſten Noth— von meiner Stimme Gebrauch zu machen. Aber thäte ich es, ſo würde es aller⸗ dings nicht für den von Mr. Brithwood Genannten ſein. Sir Ralph, ich zweifle, daß Mr. Gerard Ver⸗ milye unter einigen obwaltenden Umſtänden, die ich um die Erlaubniß bitte darzulegen, einen Sitz im Parlamente einnehmen kann, ſelbſt wenn er gewählt wird.“ Aus der Maſſe der Maſchinen⸗ und Fabrik⸗ Arbeiter erhob ſich ein Beifallsmurmeln. Wie es bei allen Volks⸗Verſammlungen der Fall iſt, hatten auch hier diejenigen, welche in der Abhängigkeit der reichern Bürger und des Adels lebten, furchtſam und blöde dageſtanden, aber nun ſich ein Führer und ein ihnen Bekannter fand, waren ſie bereit, ihm zu folgen. „Hört ihn! hört unſern Brotherrn!“ vernahm man von allen Seiten. Mr. Brithwood war ſicht⸗ lich zu wüthend, um Worte zu finden, Lord Lux⸗ more dagegen nahm mit einem ſpöttiſchen Lächeln eine Priſe und ſagte: „Humores mutant mores! Ich glaubte, Mr. Ha⸗ — 54— lifax, Sie wollten alle politiſchen Beziehungen ver⸗ meiden.“ „Gewiß, wenn die Fragen ſich nur auf Politik beziehen, aber nicht, wenn von Redlichkeit, Gerech⸗ tigkeit und Sittenreinheit die Rede iſt, und da mir einige Thatſachen zu Ohren gekommen ſind, die Lord Lurmore vielleicht nicht kennt, und die Mr. Vermilye's Wahl als eine Verletzung gegen alle drei Eigenſchaf⸗ ten erſcheinen laſſen, ſo ſetze ich mich derſelben ent⸗ gegen.“ Ein lauteres Murren ward hörbar.„Still, ihr Schurken,“ ſchrie Mr. Brithwood in ſeinen ge⸗ wöhnlichen Ausdrücken, die des alten Baronets ernſte Rüge zum zweiten Male hervorriefen. „Es ſcheint wirklich, Sir Ralph, daß die De⸗ mokratie in Ihrer Nachbarſchaft herrſcht. Allerdings habe ich wenig Bekanntſchaften unter den arbeiten⸗ den Klaſſen, aber ich habe doch bisher nie gewußt, daß das Volk die Mitglieder für das Parlament wähle.“ „Das geſchieht auch nicht, Lord Luxmore,“ er⸗ widerte der Sheriff etwas von oben herab.„Aber wir haben immer das Volk gehört. Mr. Halifax, faſſen Sie ſich kurz. Was haben Sie gegen die Wahl von Mr. Brithwood's Kandidaten anzu⸗ führen?“ —— „Erſtlich bezweifle ich ſeine Befähigung dazu, denn er hat nicht dreihundert— ja kaum hundert Pfund jährlicher Einnahme; dann iſt er überall in Norton Bury ſo verſchuldet, daß bereits Klagen gegen ihn eingelaufen ſind, und nur der Sitz im Parlamente ihn vor der Achterklärung bewahren kann. Füge ich nun noch ein Verbrechen hinzu, das freilich ſo gewöhnlich wie das Tageslicht iſt, das aber dennoch das Gericht nicht überſehen darf wenn es öffentlich angezeigt wird, daß er nämlich alle funfzehn Wähler von Kingswell mit kleineren oder größeren Summen beſtochen hat— ſo glaube ich genug geſagt zu haben, um jeden ehrenwerthen Engländer zu überzeugen, daß Mr. Gerard Vermilye ſich nicht für ein Mitglied des Parlaments eignet.“ Nach dieſen Worten erſcholl ein lauter Schrei der Zuſtimmung von jenem Theile der Anweſenden, der ſich in der Nähe der Thür aufhielt, im Vereine mit Denen, die ſich unter den Fenſtern eingefunden hatten und ſo dicht wie die Bienen zuſammenſtanden. Sie, die keine Stimme beſaßen, alſo auch natürlich den unbeſtechbaren Theil der Gemeinde ausmachten, begannen ihre Verachtung gegen die funfzehn unglück⸗ lichen Wähler laut werden zu laſſen. Denn obgleich Beſtechung ſo gewöhnlich als das Tageslicht war, wie John richtig ſagte, ſo brauchte die Thatſache — doch nur öffentlich bekannt zu werden, um den ſo⸗ genannten ehrenwerthen Theil des Volkes zum größ⸗ ten Tadel zu erregen, ſo lange es ſich ſelbſt nicht mit darein verwickelt fand. Richt angenehm ward der Sheriff von einem ſonſt ſo ungewöhnlichen Laute bei einer Wahl über⸗ raſcht, der die entgegengeſetzte Meinung des Volkes von der des Ortsherrn ausdrückte. „Wirklich, Mr. Brithwood, Sie müſſen eben ſo unwiſſend über den Charakter Ihres Kandidaten ge⸗ weſen ſein, wie ich es war, ſonſt hätten Sie wohl irgend Jemand andres gewählt! Herbert—“ er wendete ſich an ſeinen Sohn, der bis zur letzten Auf⸗ löſung ſeit mehreren Jahren als Mitglied für Norton Bury im Parlamente ſaß,„Herbert, ſind Dir die angeführten Thatſachen bekannt?“* Mr. Oldtower ſah verlegen aus. „Antworte!“ ſagte ſein Vater.„In Sachen des Rechts oder Unrechts darf man keine Rückſichten haben.— Meine Herren und würdigen Freunde! Wollen Sie Mr. Oldtower, der Ihnen ſeit Jahren bekannt iſt, anhören?— Herbert, ſind dieſe Beſchul⸗ digungen wahr?“ „Ich fürchte es!“ erwiderte der ernſthafte j iunge Mann noch ernſter als gewöhnlich. „Mr. Brithwood, ich bedauere ſehr, daß dieſe — Entdeckung nicht früher gemacht ward. Was ge⸗ denken Sie nun zu thun?“ „Bei Gott der mich geſchaffen hat, gar Richts! Der Flecken gehört Lord Luxmore. Ich könnte den Satan nennen, wenn es mir beliebte; mein Kandi⸗ dat bleibt ſtehen.“ „Ich dächte,“ meinte Lord Luxmore bedeutungs⸗ voll,„es wäre für alle Parteien beſſer, wenn wir Mr. Vermilye aufrecht hielten!“ „Mylord,“ erwiderte der Baronet, und man ſah deutlich, daß nicht allein die ſtrengſte Gerechtig— keit, ſondern auch ein gewiſſer Eigenſinn in ſeinem Charakter lag, beſonders wenn irgend Etwas ſeine Grundſätze und ſeine perſönliche Würde verletzte. „Sie vergeſſen, daß, wenn ich auch gewiß gern bereit bin, die Wünſche der Familie zu erfüllen, der dieſer Burgflecken gehört, es mir doch unmöglich eine Ge⸗ nugthuung gewähren kann, eine Perſon gewählt zu ſehen, die ſo durchaus unpaſſend für den Dienſt des Vaterlandes und des Königs iſt. Sollte alſo wirk⸗ lich noch ein andrer Kandidat da ſein, ſo daß die allgemeine Stimme in dieſer ſchwierigen Sache entſcheidend auftreten könnte—“ „Sir Ralph,“ ſagte John ſehr beſtimmt,„dieſe Frage bringt mich zu der Aeußerung eines Wunſches, für den ich vorher ſprach. Als Landeigenthümer und — zugleich Bürger dieſes Ortes nehme ich das Recht in Anſpruch, einen zweiten Kandidaten vorzuſchlagen.“ Das höchſte, überwältigendſte Erſtaunen erfaßte alle Anweſenden. Dies Recht war ſo lange unbe⸗ nutzt geblieben, daß man wirklich vergeſſen hatte, es als ſolches zu betrachten. Sir Ralph und ſein Schrei⸗ ber ſteckten ihre ehrwürdigen Köpfe eine ganze Weile zuſammen, ehe ſie zu einem Entſchluſſe über dieſen Gegenſtand gelangten. Endlich erhob ſich der Sheriff. „Ich fühle mich verpflichtet, zu erklären, daß dies Verfahren, obgleich ungewöhnlich, dennoch vollkom⸗ men geſetzlich iſt.“ „Nicht ungeſetzlich?“ kreiſchte Mr. Brithwood. „Nicht ungeſetzlich? Und deßhalb erwarte ich den Vorſchlag des Mr. Halifax zu hören. Ich hoffe nicht, mein Herr, daß Ihr Kandidat ein Demokrat iſt.“ „Seine politiſchen Anſichten weichen von den meinigen ab, indeſſen bleibt er der Einzige, den ich in dieſem Augenblicke der Noth zu nennen vermag, und er iſt ein Mann, den ich— und ich bin über⸗ zeugt, auch alle meine Nachbarn— mit herzlicher Freude wieder in das Parlament treten ſehe. Ich bitte, Mr. Herbert Oldtower zu wählen.“ Es entſtand eine große Bewegung an dem obern. Ende der Tafel; an der entgegengeſetzten Seite des“ Zimmers hörte man einen unwiilkürlichen allgemei⸗ — 24 nen Beifallsruf, denn unter unſeren Landesfamilien waren wenige ſo warm verehrt als die Oldtower's. Sir Ralph ſprang erſchrocken auf.„Ich hoffe, daß mir Niemand der Anweſenden zutrauen wird, ich ſei von der Abſicht des Mr. Halifax unterrichtet geweſen, noch Mr. Oldtower, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht. Mein Sohn muß für ſich ſelbſt reden.“ Mit ſeinem angeborenen Ernſte, mit dem ſich eine ihn ſehr wohl kleidende Beſcheidenheit miſchte, ſagte Mr. Oldtower, daß er unter dieſen Verhält⸗ niſſen nicht anſtehe, die ihm angebotene Ehre anzu⸗ nehmen. „Wenn dies der Fall iſt,“ ſagte ſein Vater et⸗ was verſtimmt,„ſo habe ich nur meine Pflicht als Beamter der Krone zu erfüllen.“ Unter einiger Bewegung ſah man verſchiedene Hände ſich erheben, und dann ertönte der Ruf: „Laßt uns zur Abſtimmung ſchreiten!“ „Zur Abſtimmung?“ ſchrie Mr. Brithwood; „dies iſt ein Burgflecken, der Einer Familie gehört, und hier hat gewiß ſeit funfzehn Jahren keine Ab⸗ ſtimmung nach Köpfen ſtattgefunden. Sir Ralph, ich glaube, Ihr Sohn iſt verrückt geworden.“ „Sir— Verrücktheit hat nie in der Familie der Oldtower's geherrſcht. Meine Stellung hier iſt — übrigens nur die eines Sheriffs der Grafſchaft. Wenn eine Abſtimmung gefordert wird—“ „ „Verzeihen Sie, Sir Ralph, es wird, denke ich, kaum der Mühe werth ſein. Kann ich Ihnen nicht hier Etwas anbieten?“ Es war nur ſeine Schnuftabaksdoſe. Aber des Earls Höflichkeit und ſein bedeutungsvolles Lä⸗ cheln füllte die Lücke in der Phraſe aus. Sir Ralph erhob ſich in ſeiner vornehmen Weiſe und aus ſeinen alten Augen leuchtete das ganze Feuer ſeiner Jugend. „Lord Luxmore ſcheint weder die Pflichten noch die Grundſätze eines Edelmannes zu kennen,“ ſagte er kalt, wandte ſich um und redete die Verſammlung an:„Meine Herren, die Abſtimmung wird auf den Rath meines Nachbars hier um vier Uhr Nachmittag abgehalten werden.“ „Sir Ralph Oldtower hat gefügige Nachbarn,“ verſicherte Lord Luxmore. „Auf Wunſch meines Rachbars Mr. Halifax,“ antwortete der alte Mann etwas lauter und aus⸗ drucksvoller als ſonſt. „Ein Herr— er hielt einen Augenblick inne, als ſei er zweifelhaft, ob ihm dieſer Titel mit Recht. zukomme oder nur aus Höflichkeit gebraucht würde, ſah John noch ein Mal ſcharf an und wiederholte ———— dann:„Ein Herr, für den ich ſeit dem erſten Augen⸗ blicke unſerer Bekanntſchaft die höchſte Achtung em⸗ pfunden habe—“ * Es war die erſte öffentliche Anerkennung der geſellſchaftlichen Stellung, die man ihm ſeit einiger Zeit unausgeſprochen angedeihen ließ; daß ſie aber von einem ſo ehrwürdigen und wahrhaftigen alten Manne kam, deſſen geringſtes Verdienſt die Würde und Rechtlichkeit war, mit der er ſeinen vierhundert⸗ jährigen Familienrang aufrecht hielt, das röthete John's Wangen mit einer edlen Genugthuung und einem ſehr verzeihlichen Stolze. „Erzähle es ihr,“ flüſterte er mir zu, als ſich die Verſammlung zerſtreute und er mich bat, nach Hauſe zu reiten und ſeiner Frau die Urſache ſeines Ausbleibens zu erklären.„Theile ihr Alles mit, Du weißt, ſie wird ſich darüber freuen.“ Ja, ſie war ſehr froh. Ihr Antlitz glühte und ſtrahlte, wie das einer Frau nur vermag, deren theuer⸗ ſter Stolz in der Ehre ihres Mannes beſteht. Deſſenungeachtet trieb ſie mich gleich nach mei⸗ ner Ankunft wieder zurück. Wie ich abermals meinen Weg über den Kings⸗ wellberg nahm, war es, als ob die ganze Gegend in Bewegung ſei, um dem neuen Schauſpiele beizu⸗ wohnen. Eine angefochtene Wahl! RNein, einer — ſolchen Begebenheit erinnerten ſich ſelbſt die älteſten Bewohner der Gegend nicht. Die funfzehn Wähler, ich dächte, das wäre ihre Zahl geweſen, ſchienen Alle von dem Gefühle ihrer eigenen Wichtigkeit beſonders erregt, und dazu von einer neuen ſie überraſchenden Anſicht erſchüttert zu ſein, die Mr. Halifax Mehreren von ihnen auf dem Kirchhofe unter dem großen Eibenbaume klar zu machen ſuchte, daß nämlich die Stimme jedes einzelnen Mannes nur der gewiſſen⸗ hafte Ausdruck ſeiner eigenen Meinung ſein dürfe, ia, das Unrecht, die Freiheit der Söhne und die Ehre der Töchter zu verkaufen, ſei kein größeres als mit ſeiner Stimme einen Handel zu treiben. So fand ich John bei meiner Rückkehr, und unter Denen, die ihm am aufmerkſamſten zuhörten, bemerkte ich einen Menſchen, der mir ſchon am Mor⸗ gen aufgefallen war— Jacob Baines— früher der Anführer des Brotauflaufes, der lange und eben ſo tüchtig in der Lohgerberei wie in der Mühle arbeitete und immer der ehrlichſte und pflichtvollſte von John's Arbeitern blieb, und ſich ſelbſt unbewußt gab er den Beweis für die Wahrheit der göttlichen Lehre, die da ſagt, daß Diejenigen oft am Innigſten lieben, denen viel vergeben wird. Die Abſtimmung geſchah in der Kirche, ein— nicht ungewöhnlicher Gebrauch in den Burgflecken der Grafſchaft, der aber gerade in Kingswell ſo ſelten vorkam, daß die Sache dem Volke dadurch doppelt feierlich erſchien. Der Kirchenvorſteher ward an der Kanzel aufgeſtellt, um die Abſtimmungen zu empfan⸗ gen, nicht weit davon ſaß der Sheriff in ſeinem Fa⸗ milienſtuhle entblößten Hauptes, ſo ernſt und würdig da, daß ſein ganzes Weſen der Verſammlung eine durchaus ſchickliche Haltung einflößte, wodurch es um ſo mehr auffiel, daß nur Mr. Brithwood und Lord Luxmore eine Ausnahme davon machten. Beide, ſcheinbar ihrer Sache gewiß, waren wie⸗ der in der beſten Laune und ſprachen und lachten laut auf der andern Seite der Kirche. Es war ein kleines Gebäude, ſchmal und in Kreuzesform, ſo daß man jedes Wort überall deutlich hören konnte. „Meine Lords, Herren und Freunde Alle!“ ſagte Sir Ralph ſich ernſthaft erhebend,„ich hoffe, daß ein Jeder die Heiligkeit des Ortes ehren wird.“ Lord Luxmore, der mit ſeiner diamantenbeſetz⸗ ten ſtrahlenden Doſe in der Hand und einem ebenſo ſtrahlenden Lächeln um den Mund auf und ab ging, blieb in der Mitte des Schiffes ſtehen, verbeugte ſich und erwiderte:„Gewiß, mit dem größten Vergnü⸗ gen!“ und näherte ſich dem Altare mit einem Aus⸗ drucke, als verleihe ſeine Gegenwart dem Orte die höchſte Ehre, die er ihm angedeihen laſſen könnte. Die Abſtimmung begann unter allgemeinem Schweigen. Drei Pächter erſchienen, Einer nach dem Andern, und ſtimmten für Mr. Vermilye. Man bemerkte Tabak auf ihren Weſten und wahr⸗ ſcheinlich war noch etwas Gewichtigeres als Tabak in ihre Taſchen gefloſſen. Dann näherte ſich der kräftige grauköpfige Mann, von dem ich vorher ſprach, Jacob Baines. Er warf einen ſcheuen Blick auf Sir Ralph; wohl möglich, daß er in ſeiner Jugend unter weniger gün⸗ ſtigen Verhältniſſen mit dem Sheriff in Berührung gekommen war. Indeſſen gewann er bald ſeinen Muth wieder. „Ew. Gnaden, darf ein Mann wohl ein offenes Wort mit Ihnen ſprechen?“ „Gewiß! aber faßt Euch kurz, mein guter Freund,“ erwiderte der Baronet, der für ſein freund⸗ liches Weſen mit gewöhnlichen Leuten berühmt war. „Sir! ich bin ein armer Mann, wohne in einem der Häuſer, die dem Lord gehören, und habe ſeit einem Jahre keine Miethe gezahlt. Mr. Brown ſagte mir nun letzthin, ja, er ſagte: Jacob, ſtimme für Mr. Vermilye, und ich erlaſſe Dir die Miethe, und hier ſind zwei Pfund zehn Schillinge, um noch für uns zu ſprechen. Ich erzähle das Matthew Hales,(er iſt Mr. Halifax's Pächter, Ihro Gnaden, * 8 2— 65— und des Lords Rentmeiſter hat ihm gar vier Pfund für ſeine Stimme bezahlt). Es iſt gewiß, daß wir arme Leute ſind und Seine Herrlichkeit ein Lord; na, und das Alles zuſammengerechnet.“ „Holla! mache es kurz, Du Schurke; Du hältſt die Abſtimmung nur auf.“ „Ei, ei, Squire,“ und mit einem gewiſſen Humor, der in ihm trotz des Alters nicht erſtorben war, vrrbeugte er ſich gegen Mr. Brithwood. „Warten Sie, bitte, bis ich hiermit fertig bin.“ Und er holte aus ſeiner ſchmutzigen Taſche eine Hand voll Guineen. Der arme Mann! wie hell ſie glänzten, dieſe ſchönen Geldſtücke; ſie waren für ihn Nahrung, Kleidung und Leben! „So, Alle, das iſt recht, mein ehrlicher Freund—“ „Danke beſtens, Sir Ralph; ja, wir ſind ehr⸗ liche Menſchen, wir könnten ja auch ſonſt unſerm Herrn nicht gerade in das Geſicht ſehen. Zu Michaeli werden es zwölf Jahre, da rettete er Viele vom Hungertode und von noch etwas Ueblerem. Wir hätten Alle Schurken werden können, ehe man die Hand umdrehte. Und nun will ich meine Stimme abgeben, Sir, aber wohl nicht für Mr. Vermilye.“ John Halifax. 1w. 5 Ein leiſes Beifallmurmeln begleitete den alten Jacob, als er durch das Schiff der Kirche ging, wo ſich auf den Steinbänken am Eingange eine länd⸗ liche Jury verſammelt hatte, die ſich ziemlich unvor⸗ theilhaft über den Kandidaten des Lord Luxmore ausſprach. „Er iſt viel Geld in Rorton Bury ſchuldig. 4 „Warum zeigt er ſich nicht bei der Wahl wie jeder andere ehrliche Mann?“ „Er fürchtet die Häſcher,“ erklärte der alte gich⸗ tiſche Conſtabler, der für die Ruhe von Norton Bury zu ſorgen hatte.„Er iſt der Schwindler in ganz England.“ „Verflucht ſei er!“ murmelte eine alte Frau. „Sie war ein gutes Kind, meine arme Sally! Gott möge ihn ſtrafen!“ Während dieſer ganzen Zeit ſaß Lord Luxmore in ſeiner ruhigen Würde da, überzeugt, daß Alles ſo fortgehen würde, wie es immer in der Welt ge⸗ weſen ſei, und daß trotz der unerhörten Begebenheit einer beſtrittenen Wahl er ſeines ihm zugehörigen Burgfleckens doch gewiß ſein könne. Es mußte, um mich gering auszudrücken, doch ſeine Herrlichkeit ſehr überraſchen, als der Erfolg der Abſtimmung ihm bewies, daß von funfzehn Wählern Sechs für Mr. Vermilye und Neun für ſeinen Gegner ſtimmten. —— So war alſo Mr. Oldtower das geſetzlich erwählte Parlamentsmitglied für Kingswell. Der Earl empfing dieſe Nachricht mit einem ungläubigen vornehmen Lächeln, dagegen fehlten Mr. Brithwood die Worte nicht. „Es iſt eine Betrügerei, eine ſchändliche Ver⸗ ſchwörung; ich will ihn aber ſchon von ſeinem Sitze fortbringen! Bei meiner Seele, das ſoll geſchehen.“ „Das würde Ihnen doch ſchwer werden,“ ſagte John Halifax, die Guineen, welche Jacob Baines aufgezählt hatte, vor Mr. Brown, dem Rentmeiſter, zuſammenſchiebend.„So gering die Zahl der Wähler auch war, ſo kann ich mir nicht denken, daß ein Parlament die Abſtimmung von neun redlichen Männern für ungültig erklären ſolle. Aber es thut mir leid, Mylord, ſehr leid, Mr. Brithwood,“ und es drückte ſich ein freundliches Bedauern in ſeinen Zügen aus,„daß ich bei dieſer Gelegenheit gezwungen ward, als Ihr Gegner aufzutreten. Sie ſelbſt werden mir vielleicht ſpäter die Gerech⸗ tigkeit angedeihen laſſen, daß ich nur nach meinem beſten Gewiſſen gehandelt habe.“ „Sehr wohl möglich,“ erwiderte der Lord mit einer ſatyriſchen Verbeugung.„Ich denke aber, meine Herren, unſer Geſchäft iſt für heute beendigt, und die Fahrt nach Norton Bury iſt ziemlich lang. 5* 5 — 68— Sir Ralph, dürfen wir auf die Ehre Ihrer Geſell⸗ ſchaft rechnen? Nein? Leben Sie wohl, meine Freunde; Ihr Diener, Mr. Halifax.“ „Noch ein Wort, Mylord. Ich fürchte, daß meine Arbeiter, die zu gleicher Zeit Ihre Miether find, das gewöhnliche Geſchick Derer erleiden möchten, die als Verſchuldete ihres Gutsherrn auch noch gegen ſeine Anſicht abſtimmen; ehe man alſo zu härtern Maßregeln ſchreitet, würde mich Ihr Geſchäftsmann ſehr verbinden, wollte er ſich wegen der Bezahlung an mich wenden.“ „Sir! meine Unterbeamten W eigenem Ermeſſen.“ „Dann vertraue ich auf die Güte und das Sht gefühl Eurer Herrlichkeit.“ „Von Ehrgefühl ſpricht man nur mit ſeines Gleichen. Aber auf Eins kann ſich Mr. Halifax immer verlaſſen, auf mein gutes Gedächtniß.“ Und mit einem ſo zufriedenen Lächeln und einer ſo vornehmen Verbeugung, als verlaſſe er das Feld als Sieger, entfernte ſich Lord Luxmore. Und bald blieb Niemand von allen Denen zurück, die Kirche und Kirchhof füllten und eine ſolche Auf⸗ regung hervorriefen, daß dieſer Tag noch bis heute in der Erinnerung der alten Bewohner fortlebt, die ſich aber ſehr ſchlecht behandelt finden, daß der gut⸗ ———— ———— geſinnte und freie Burgflecken von Kingswell durch die Reformacte aus der Liſte der engliſchen Markt⸗ flecken geſtrichen ward. Sir Ralph Oldtower ſtand noch eine ganze Zeit im Geſpräche mit John Halifax vertieft, und nachdem er endlich ſeinen Wagen fortgeſchickt hatte, ging er mit ihm zuſammen über den Kingswellberg nach dem Edelhofe zurück; ich ritt neben ihnen und manches Fragment ihrer Unterhaltung traf mein Ohr. „Was Sie da ſagen, Mr. Halifax, iſt Alles ſehr gut und wahr. Aber was können wir dabei thun? Unſere engliſche Verfaſſung iſt vollkommen, wenig⸗ ſtens ſo vollkommen, wie ein Menſchenwerk ſein kann. Wenn ſich darin nun dennoch Beſtechung und Verwerflichkeit entwickelt, ſo thut uns dies gewiß ſehr leid, ja wir tadeln es, aber wir können ſie nicht ändern, es iſt unmöglich.“ „Glauben Sie denn, Sir Ralph, daß der Schöpfer einer Welt, die Er, ſo weit wir es zu erkennen vermögen, eben ſo wie alle Seine andern Schöpfungen, durch verſchiedene Stufen der Voll⸗ kommenheit entgegenführt, glauben Sie, daß Er einen Ausſpruch gerechtfertigt finden würde, der eine Verbeſſerung in derſelben für unmöglich hält?“ „Sie fühlen noch wie ein junger Mann,“ erwi⸗ derte der Baronet mit einem etwas wehmüthigen Ausdrucke.„Aber die ſpätern Jahre werden Ihnen die Welt und ihre Entwickelung in einem klareren Lichte zeigen.“ „Das hoffe ich zuverſichtlich.“ Sir Ralph warf einen Seitenblick auf John, vielleicht nicht ohne einen gewiſſen Neid über die wahre und friſche Jugend in ihm, die er zwar nur ſo lange geſtattete, bis die Weisheit der reifern Jahre ſie ändern mußte. Zuweilen mochte auch in dem alten Manne die Ueberzeugung aufdämmern, daß eben in dieſer Jugend die Kraft, das Leben und der Geiſt einer neuen aufſteigenden Zeit liege, vor der die alte verarbeitete Generation in ihren natur⸗ gemäßen Staub zerfallen werde. Der Staub todter Jahrhunderte, er bleibt eine ehrenwerthe Aſche, der ehrfurchtsvollen Aufbewahrung würdig, um ſie vor der vatermörderiſchen Entheiligung eines ſpäter lebenden Geſchlechtes zu ſchützen, an das die Reihe ebenfalls kommen wird, um denſelben Weg hinabzu⸗ ſtürzen! Ja, die ehrwürdige geliebte Aſche der Ver⸗ gangenheit, aber dennoch eben nur Aſche. Das Geſpräch endigte hier, da ſich unſere Wege trennten. Sir Ralph ließ eine herzliche Einladung an John ergehen, und als er ſeine zögernde Ant⸗ wort bemerkte, fügte er hinzu, daß„Lady Oldtower —— die Ehre haben würde, in kurzer Zeit ſelbſt zu Mrß. Halifax zu kommen.“ John verbeugte ſich.„Aber, Sir Ralph, ich muß Ihnen vorher ſagen, daß wir Beide, meine Frau ſowohl als ich, ſehr einfache Leute ſind, nicht gern neue Bekanntſchaften machen, ſondern nur Freunde zu gewinnen wünſchen.“ „Da trifft es ſich ja ſehr glücklich, daß Ladh Oldtower und ich denſelben Grundſatz haben.“ Und mit einem innigen Händedrucke verließ uns der alte Mann. „Du haſt heute einen guten Schritt vorwärts gemacht, John!“ „Habe ich das?“ frug er zerſtreut in tiefe Gedanken verſunken, während er die Hecken im Vor⸗ beigehen plünderte. „Was wird Deine Frau ſagen?“ „Meine Frau? Gott ſegne ſie!“ Und er ſchien nur dem Schluſſe ſeiner Gedanken Worte zu verleihen. „Es wird für ſie weniger Unterſchied wie für mich machen. Sie heirathete mich in meiner Riedrigkeit, aber mit Gottes Willen ſoll einſt keine Lady im Lande höher ſtehen wie meine Urſula!“ Hier, wie in allen Dingen, dachte ein Jeder mehr an den Andern, und Beide an Den, deſſen Wille für ſie höher denn alle menſchliche Liebe war, ſelbſt als eine Liebe wie die ihrige. Langſam ſah ich die Thürme des Edelhofes in der Dunkelheit verſchwinden, die Berge verloren ihre Geſtalt und plötzlich glänzte uns das kleine Licht entgegen, in dem wir die Lampe des Wohnzimmers von Longfield erkannten, die uns wie ein Glüh⸗ würmchen über die nebligen Felder entgegenſtrahlte. „Ich bin begierig, ob die Kinder ſchon zu Bette gegangen ſind, Phineas?“ Und ſein Vaterauge ruhte mit Innigkeit auf dem kleinen glänzenden Lichte, das Vaterherz ſehnte ſich nach dem kleinen Neſte ſeiner Heimath. „Wahrhaftig, da iſt Jemand an dem Weißen Thore, Urſula!“ „John? Ach Du biſt es!“ Die Mutter ſprach ihre Gefühle nicht nach Art vieler Frauen aus, aber ich erkannte die Größe ihrer Angſt, ſowohl an dem leiſen Zucken ihrer Hand als daß ſie uns hier erwartete. „Iſt Alles gut gegangen, Mann?“ „Nun, ich denke. Mr. Oldtower iſt gewählt und der Andere muß die Gegend verlaſſen.“ „Dann iſt ſie gerettet.“ „Wir wollen es hoffen! Komm', mein Liebling!“ und er ſchlang ſeinen Arm um ihre Geſtalt, denn — ſie zitterte.„Wir haben gethan, was in unſerer Macht ſtand, und müſſen nun das Uebrige erwarten; komm' nach Hauſe.“ Mit aufwärts gehobenem Blicke und in einem innigern Tone fügte er hinzu:„Gott ſei für dies Haus und unſere Heimath gedankt!“ Yrittes Rapitel. Wir ſtanden in Longfield immer früh auf, es war ein zu lieblicher Anblick, der Aufgang der Sonne! Ueber den Baumberg erhob ſie ſich zuerſt, verbreitete dann ihr Licht auf die Wipfel des Lärchenwaldes und neigte ſich endlich auf den breiten Abhang unſerer Felder hinab; von hier aber erhob ſie ſich dann nach Redwood und Leckington hinauf, und während unſer tiefbeſchattetes Thal noch mit dem ſtärkſten Thau bedeckt war, ſtrahlte Leckington bereits in einem glühenden Lichtmeere. Eine Freude war es, dazu die Kleinen aus- und eingehen zu ſehen, glücklich und vergnügt, wie Kinder gewöhnlich in den erſten geſunden Stunden des Tages ſind; ſie fütterten ihre Hühner und Tauben, liebkoſ'ten ſie, und jeden Au⸗ genblick riefen ſie Vater und Mutter, um ſich mit — ihnen über irgend ein Wunder in dem Garten oder auf dem Pachthofe zu freuen. Und alle Beide waren ſtets bereits, die kleinſten jener Kindergeheimniſſe und Freuden zu theilen, ſehr wohl wiſſend, daß in der erſten Jugend Nichts zu gewöhnlich, Nichts zu gering für die Theilnahme Derer ſein darf, die der Vater aller Menſchen mit der heiligen Elternwürde begnadigt hat.. Ich ſehe ſie noch heute vor mir, wenn ſie in der Mitte der Blumenbeete ſtanden, von der hellen Morgenſonne beſchienen; des Vaters Haupt ragte über die ganze Gruppe empor, und ſo blieb er auch in den wenigen Stunden, die er dem Familienleben ſchenken durfte, die angeſehenſte Perſon von Allen, die Mutter immer an ſeiner Seite, und Beide durch alle die kleinen Arme und die roſigen Geſichtchen verbunden, von denen Jeder gern Alles hören und Alles ſehen, und Jeder der Erſte und Niemand der Letzte ſein wollte. Keiner blieb auch nur eine Se⸗ eunde lang ſtumm und ruhig, außer die Eine, welche wie ihres Vaters Schatten immer an ſeiner Seite zu finden war, und die er, vielleicht ſich ſelbſt unbe⸗ wußt, weniger wie ein Kind als wie einen Geiſt aus einer beſſern Welt behandelte, ſie faſt ängſtlich, aber ohne beſondere äußere Zeichen beobachtend und beſchützend, damit ſie nicht zufällig erſchrecke und, —— ehe man es ahnete, von dieſer Erde verſchwände. Er mochte nach Hauſe kommen, wann er wollte; erwartete ſie ihn nicht ſchon an der Thür, ſo war immer ſeine erſte Frage:„Wo iſt Muriel?“ Muriel's ſanftes Antlitz ſah an dieſem Montage Morgen, am Morgen nach der Wahl, beſonders fröhlich aus, weil ihr Vater den ganzen Tag zu Hauſe bleiben wollte. Es war der jährliche Feiertag, durch den er ſich vorgenommen hatte, ſeine Arbeiter zu erfreuen. Dies erſte Mittagsmahl, das wir nun gaben, war in ſeiner Zuſammenſetzung dem bedeu⸗ tungsvollen Feſte nicht unähnlich, von dem es heißt, daß die Armen, die Lahmen, die Schwachen und Blinden dazu geladen wurden, Alle, die es bedurften und von denen Keiner die Freundlichkeit erwidern konnte. Dazu ward nun gekocht und allerlei Vor⸗ bereitungen getroffen, Alles, was das Herz der Männer erfreuen konnte; ſo wie für die Frauen, die ſchwer arbeitenden Frauen, Thee und Backwerk, und zur frohen Beluſtigung der ſo freudearmen Jugend beſtimmte man kleine Looſe von Kupfermünzen und Silbergroſchen. Miſtreß Halifax, Jem Watkins und ſeine Jenny waren den ganzen Morgen über ſo emſig wie die Bienen, John ſelbſt gab ſich die größte Mühe, zu helfen, aber endlich ſtellte ihm die Mutter vor, wie — traurig es für die Kinder ſei, ihren Feiertagsſpazier⸗ gang zu verlieren, und da ſie uns ſo Alle von dem Schauplatze der allgemeinen Thätigkeit gewiſſer⸗ maßen verabſchiedete, brachten wir zwei Stunden lang eine liebliche, genußreiche Zeit unter den großen Eichen auf dem Baumberg zu. Die Kleinen ſpielten und liefen bis zur Ermüdung herum, dann zog John die Zeitungen heraus und las den Einzug von Lord Wellington, Herzog von Ciudad Rodrigo, in Madrid vor, von den geſchlagenen Adlern und den zerriſſenen blutigen Fahnen aus Badajoz, die ſchon auf dem Wege zum Prinzregenten in die Heimath begriffen waren. „Ich wollte, die Schlachten hörten auf und es würde Friede!“ ſagte Muriel. Aber die Knaben wünſchten es natürlich anders; ſie, die ſich ſchon der Nachrichten gewonnener Schlachten erfreuten, ſpielten ſelbſt im Hauſe franzöſiſche und engliſche Krieger und führten im Garten Belagerungen und Blockaden auf. „Wie ſonderbar es doch iſt, ſo ruhig hier auf grünem Raſen zu ſitzen und auf das ſtille Thal zu blicken, während die ernſten Gedanken weit von uns in Spanien weilen, wo vielleicht in dieſem Augen⸗ blicke und unter dieſem hellen Himmel blutige Schlachten gefochten werden. Rein, Jungens, Ihr ſollt nicht Soldaten werden.“ „Arme kleine Burſchen!“ rief ich,„Sie kennen noch kein anderes Leben als das in Kriegszeiten.“ „Wie iſt es denn im Frieden?“ frug Muriel. „Eine ſchöne Zeit, mein Kind! wo Alles ſich freut, Väter und Brüder heimkehren, die Arbeit gedeiht, die Lebensmittel für die Armen wohlfeil werden und Alles fortſchreitet.“ „So lange möchte ich leben, um das noch zu ſehen! Werde ich dann ein erwachſenes Mädchen ſein?“ John erſchrak. Sie war ein ſo anderes Weſen wie alle gewöhnlichen Kinder, daß, während wir uns oft die Zukunft der Knaben ausmalten, ja die Mutter lachend verſicherte, ſie wiſſe genau, wie Guy als junger Mann ausſehen würde, ſich Niemand Muriel als junges Mädchen denken konnte. „Möchte meine Muriel denn ſo gern erwachſen ſein? Und iſt ſie nicht zufrieden, meine kleine Tochter zu ſein und es immer zu bleiben?“ „Ja wohl, für immer!“ Ihr Vater zog ſie näher zu ſich heran und küßte ihre ſanften geſchloſſenen blinden Augen. Dann ſtand er ſeufzend auf und ſchlug vor, nach Hauſe zu gehen. — Dies erſte Feſt in Longfield ward ein beſonders heiterer Tag. Bald nach 12 Uhr kamen alle Männer mit ihren Familien, und gleich darauf ſaßen ſie auch Alle am Tiſche. Jem Watkins' Plan, die Scheune dafür einzurichten, ward mit dem Gedanken eines Feſtes im Freien vertauſcht, und zwar unter dem Schutze eines Heuſchobers und eines blauen milden Septemberhimmels. Jem machte mit großer Würde den Wirth, was uns, Urſula, John und mir, den ganzen Tag über zum beſondern Vergnügen gereichte. Während des Nachmittags bildeten ſich nach eigenem Gefallen verſchiedene Kreiſe. Mehrere ließen ſich von Mr. Edwin und Mr. Guy erzählen, die Beide ſehr groß für ihr Alter und ſehr beliebt bei den Leuten waren; auf der andern Seite ſah man die Mutter, an deren Kleide der kleine Walther mit blöden, niedergeſchlagenen Augen hing, inmitten der andern armen Mütter umhergehen, mit der Einen redend, die Andere tröſtend, der Dritten rathend und Alle mit gleicher Liebe anhörend. Dabei war es kein herablaſſendes Wohlwollen, das den Bedürf⸗ tigen entgegentrat, ihre Worte klangen immer offen und natürlich, ja zuweilen ſogar etwas ſcharf, wenn eine ermahnende Erinnerung nothwendig ward; aber ihr ernſtes Wohlwollen, die thatkräftige Güte des Herzens, mit der ſie auch immer das Wahre und — Richtige herauspfand, traf und rührte alle Frauen. Wenn auch vielleicht manche eine heilſame Furcht vor ihr hatte, ſo erkannten doch Alle den Einfluß der„Miſtreß“, der zu gleicher Zeit tief und treu, weit und allgemein war. Sie lachte mich zwar aus, wenn ich ihr das ſagte, verſicherte, es ſei Unſinn, ſie folge ja nur John's Vorſchrift, der ſeinen Arbeitern das Gefühl geben wolle, daß er eben ſo gut ihr Freund wie ihr Herr ſei. „Und wie lautet dieſe Vorſchrift?“ „Man ſoll auf Alles, was ſie ſagen, mit Auf⸗ merkſamkeit achten, für ſie ſorgen, und ſich gewöhnen, ſie bei ihrem Taufnamen zu nennen.“ Ich konnte mich eines gewiſſen Lächelns nicht erwehren, es war eine Antwort, die ſo ganz in Mrß. Halifar Charakter lag; ſie liebte keine wort⸗ reichen Gefühle, Handlungen ſchienen ihre Lebens⸗ Aufgabe zu ſein. Der Abend neigte ſich bereits, als wir uns auf der langen Bank unter dem Nußbaume verſam⸗ melten, nachdem wir Alle in größerer oder gerin⸗ gerer Weiſe zu der gemeinſchaftlichen Unterhaltung beigetragen hatten. Die Sonne ging in unſerem Rücken unter und ſandte ihre letzten dunkelrothen Strahlen auf das höher liegende Feld, wo die jungen — Männer und jungen Mädchen bei Pfänder⸗Spielen munter umherliefen, und ihr fröhliches Gelächter und ihre heiteren Stimmen bis zu uns herüber tönten. „Ich glaube, ſie haben heute einen glücklichen Tag verlebt, John, und werden morgen e arbeiten.“ „Das bin ich überzeugt.“ „Ich auch,“ verſicherte Guy, der den ganzen Tag den kleinen Herrn geſpielt und ſeinen Willen und ſeine Meinung bei jeder Gelegenheit mit einer gewiſſen Würde ausgsſprochen hatte, zu unſerer größten Beluſtigung, während er von den Leuten verzogen und beſonders beachtet ward. „Was meinſt Du, mein Sohn?“ Aber hier konnte Martin Guy nicht weiter und Alle lachten ihn aus. Er erröthete in kindiſchem Aerger und ſchlich zu ſeiner Mutter heran. Dieſe machte ihm neben ſich Platz und ſah bittend zu John auf. „Guy iſt aus der Richtung gekommen, wir müſſen ihm wieder in ſein Fahrwaſſer zurückhelfen,“ ſagte der Vater.„Komm' her, mein Sohn! höre die Urſache unſeres Ausſpruches und ſieh' ein, daß es beſſer iſt, ſeiner Sache nicht ſo gewiß zu ſein, ehe man ſie genau kennt. Unſere Leute werden beſſer John Halifax. 1v. 6 arbeiten, indem ſie es mit Liebe thun. Nicht nur ihrem Herrn blind gehorchen, weil es ihre Pflicht iſt, ſondern ein warmes Intereſſe für ihn und Alles, was ihm gehört, nehmen, weil ſie wiſſen, daß er eben ſo fühlt und denkt. Denn ſie haben geſehen, daß, wenn er auch in vieler Beziehung ihr Vorge⸗ ſetzter und ſie ſeine Untergebenen ſind, er niemals den Spruch der Bibel vergißt, den ich Euch heute Morgen las, lieben Kinder:„„Eineraber iſt nur Euer Meiſter, und das iſt Chri⸗ ſtus, aber Ihr ſeid Alle Brüder unter einander.““ Verſteht Ihr das?“ Ich glaube wohl, daß ſie es begriffen, da ſie gewohnt waren, daß er ſo mit ihnen ſprach, ja ſelbſt oft über ihre Jahre hinaus. Indeſſen nicht in einer Art von Predigt, denn dieſe Kleinen empfingen in ihren erſten Kinderjahren kaum einen andern religiöſen Unterricht als das täglich mit ihnen geleſene Kapitel aus dem Neuen Teſtamente und das tägliche Beiſpiel, das Vater und Mutter ihnen gaben, und das eine einfache und wörtliche Ausführung deſſelben war. Als die beſte Probe davon durfte es wohl gelten, daß Alles, was in unſerem Haushalte gedacht, geſagt oder gethan ward, in einer Weiſe geſchah, als würde dem Herrn dadurch eben ſo treu gehorcht und gefolgt, wie in jener Familie in Bethanien, die er liebte. — 6— Wenn ich ſagen ſoll, zu welcher Secte wir ge⸗ hörten oder zu welcher wiſſenſchaftlichen Glaubens⸗ Lehre wir uns bekannten, ſo vermag ich nur dieſelbe Antwort zu geben, mit der John allen dergleichen, Fragen begegnete:„Wir ſind Chriſten.“ Nach dieſen Worten der heiligen Schrift, auf die die Kinder immer mit der größten Verehrung horch⸗ ten, denn dies Buch ward von ihren Eltern am Höchſten geachtet und geliebt, darin zu leſen oder Etwas daraus zu lernen, ſah man als die größte Belohnung an, als Gunſt, die nicht leichtſinnig ge⸗ ſtattet ward,(aber Gott Lob! niemals als Strafe; ein ſchrecklicher Gedanke!) alſo nach der Anführung der heiligen Schrift hörten wir auf, über Guy zu lachen, und er, ſich darüber zu ärgern. Der kleine Sturm zog vorüber, wie alle unſere häuslichen Stürme, und ließ einen freien, klaren Himmel zurück. Da Einer den Andern liebte, ſo ward Alles immer leicht geſchlichtet, wenn wir uns, wie natürlich, zu⸗ weilen ſtritten; aber wie geſagt, wir vereinigten uns immer leicht, weil wir uns liebten. „Vater, ich höre das Gitter aufmachen, es kommt Jemand,“ ſagte Muriel. Der Vater unterbrach, wandte ſich ſogleich um, wie er immer that, wenn er die ſanfte Stimme 6* ſeiner kleinen Tochter hörte, ſah ſich um und ſagte: „Es iſt nur ein armer Junge, wer mag es ſein?“ „Es wird einer von Denen ſein, die oft nach Milch kommen, aber wir haben heute Nichts übrig. Was willſt Du, mein Kind?“ Der Knabe, der elend und verkommen ausſah, öffnete ſeinen Mund und ließ ein verwundertes: „Wie?“ hören. Urſula wiederholte die Frage. „Ich ſuche Jacob Baines.“ „Du wirſt ihn an jenem Heuſchober mit den Andern bei ſeiner Pfeife und ſeinem Bier finden.“ Der Knabe flog wie ein Pfeil davon. „Ich glaube, er iſt aus Kingswell, John, kann dort Etwas vorgefallen ſein?“ „Ich will ſelbſt gehen und hören.— Rein, Jungens, jetzt keine Spiele mehr; ich bin gleich wieder zurück.“ Er ging nicht ohne ünruhe fort, was Urſula bei dem erſten Blicke ſah, aufſtand und ihm folgte. Ich ging gleich nach ihr ebenfalls fort. Dicht an dem Heuſchober ſahen wir eine Gruppe Männer, die erregt mit einander ſprachen; die ge⸗ ſchwätzigen Mütter hatten ſich ihnen eben zugeſellt, während ſich in der Ferne das junge Volk in langen Reihen fröhlich im Ringel⸗Tanze bewegte. — Wir hörten bei unſerer Annäherung deutlich das Weinen einiger Frauen und die lauten Ver⸗ wünſchungen der Männer. „Was iſt geſchehen?“ frug Mr. Halifax, in ihre Mitte tretend, und plötzlich verſtummte das Weinen und die Flüche, während Alle zu gleicher Zeit eine confuſe Geſchichte von Schändlichkeiten er⸗ zählten.„Still, Jacob, ich verſtehe Nichts von alle Dem.“ „Dieſer Zeuge hat Alles geſehen, und er über⸗ treibt die Dinge nicht,“ erzählte Billy. Nach und nach erfuhren wir die Reuigkeiten, die der zerlumpte Billy brachte, der an jenem Tage zur Bewachung der fünf Wohnungen zurückgeblieben war, die Lord Luxmore den Familien vermiethet hatte. Während ihrer Abweſenheit nun war eine Beſchlag⸗ nahme ihrer Sachen für die ſchuldige Miethe ange⸗ ordnet, und Alles, was ſie an ärmlicher Einrichtung beſaßen, hatte man ihnen genommen; ja zwei oder drei kranke alte Leute ließ man auf dem harten Fuß⸗ boden liegen, und die armen Familien hier erfuhren, daß ſie bei ihrer Heimkehr Nichts wie die vier Wände finden würden. Abermals wiederholten ſie die Erzählung mit neuem Weinen und Schwüren der Rache. „Sei't ruhig!“ gebot Mr. Halifax wieder, aber ich ſah wohl, wie ſein redliches engliſches Blut in ihm kochte.„Jem!“ Jem Watkins erſchrak über den unge⸗ wohnten befehlenden Ton des Herrn.„Jem, ſattle das Pferd, geſchwind! Ich muß nach Kingswell und dann zum Sheriff reiten.“ „Gott ſegne Sie, Herr!“ ſchluchzte Jacob Baines' verwitwete Schwiegertochter, die, wie ich in einem Geſpräche zwiſchen ihr und Mrß. Halifax hörte, ein krankes Kind in Kingswell zurückgelaſſen hatte. Jacob Baines ſchwang mit bedeutungsvollem Ausdruck einen Knotenſtock, der zufällig an dem Heuſchober ſtand. „Wer hat das nur befohlen, Herr?“ „Setze den Stock fort.“ Der Mann zögerte; ſo wie er aber dem finſtern Blicke ſeines Herrn begegnete, gehorchte er ihm ſanft wie ein Lamm. „Aber, Herr, was ſollen wir machen?“ „Nichts. Wartet hier, bis ich zurückkomme, es ſoll Euch nichts Böſes geſchehen.— Nicht wahr, Ihr habt Vertrauen zu mir, meine guten Leute?“ Sie verſammelten ſich Alle um ihn,— dieſe ſtarken, wild ausſehenden Geſtalten, in denen rohe Kraft genug war, um jedem Feinde zu begegnen oder ihn auch anzugreifen,— und doch wußte er ſie zur Beſonnenheit und Vernunft zu bringen. Er erklärte — ihnen ſo faßlich wie möglich die Ungerechtigkeit, die ihnen augenſcheinlich zugefügt war, eine Ungerechtig⸗ keit, die alle Geſetze überſchritte, und der am erfolg⸗ reichſten nur innerhalb der Schranken des Geſetzes entgegengetreten werden könne. „Es iſt theilweiſe mein Fehler, daß ich nicht ſchon heute Eure Miethe bezahlt habe; dies ſoll aber nun gleich geſchehen, und ich will verſuchen, Euch Euer Hab' und Gut noch heute wiederzuſchaffen. Geht es nicht, nun, ſo werdet Ihr geſunden Burſchen es ſchon ſo aushalten, und die Frauen und Kinder, die nehmen wir bis morgen auf,— können wir das nicht, Liebe? „O, ganz leicht,“ ſagte die Mutter.„Weint nicht, meine guten Frauen. Mary Baines, ich werde das Kind pflegen. Faßt Muth, der Herr wird ſchon Alles in Ordnung bringen.“ John lächelte ihr innig dankbar zu, der Frau, die ihn weder durch Schwäche noch durch Selbſtſucht hinderte, ſondern ſeine rechte Hand war, die ihn überall unterſtützte. Als er zu Pferde ſtieg, gab ſie ihm ſeine Reitgerte und flüſterte leiſe: „Nimm Dich auch ſelbſt in Acht, hörſt Du! und komme ſo bald zurück, als Du kannſt.“ Und ſo folgte ſie ihm mit ihren Augen, wie er ſchnell über das Feld fortgaloppirte. Es war nicht leicht, in der geſpannten Erwar⸗ tung die drei Stunden ſeiner Abweſenheit zuzubringen. Die trübe und bewölkte Nacht ſenkte ſich immer tiefer, und heulend brach ſich der September-Wind an den Fenſtern und Ecken des Hauſes. Wir ließen die Frauen in die Küche treten, während die Männer auf dem Pachthofe ein Feuer anzündeten und, um ſich zu wärmen, ſich darum lagerten. Es gelang mir nur mit Mühe, Edwin und Guy fortzubringen und zum zu Bette Gehen zu bewegen, da ſie„das luſtige Feuer“ durchaus nicht verlaſſen wollten, und mehr wie ein Mal ſah ich die Mutter mit einem Tuche über dem Kopfe, ihr weißes Kleid im Winde wehend, bei demſelben ſtehen, um die armen Leute zur Geduld zu ermahnen, die durch das Unrecht, das ſie erlitten hatten, immer heftiger und aufge⸗ regter wurden. „Phineas,“ frug ſie,„in wie fern iſt ihnen Unrecht geſchehen, das heißt, iſt das Geſetz über⸗ ſchritten und kann John durch ſeine Vertretung Un⸗ annehmlichkeiten haben? Ich konnte ihr„Rein“ ſagen, ſo weit ich ſelbſt es zu verſtehen glaubte. Die Grauſamkeit und Un⸗ rechtlichkeit lag nach meinem Gefühl hauptſächlich in der Eile, mit der man die Auspfändung angeordnet und die Beſchlagnahme und Fortſendung der Sachen betrieben hatte, ſo daß man den Leuten keine Mög⸗ lichkeit der Wiedereinlöſung geſtattete. Es iſt leicht, den Armen, der keinen Beſchützer hat, zu quälen und zu bedrängen. „Aengſtigen Sie ſich nicht, mein Mann wird Ihnen ſchon zu Ihrem Rechte verhelfen, wie es auch kommen mag.“ „Aber Lord Luxmore iſt ihr Gutsherr!“ Sie ſah ängſtlich zu mir auf.„Ich verſtehe, was Sie meinen; nur zu leicht kann man ſich einen Feind machen. Aber es ſchadet Nichts und ich bin niemals ängſtlich, wenn John thut, was er für Recht hält, wie ich es von ihm auch jetzt überzeugt bin; der Ausgang iſt in einer höheren Hand als in der unſtigen und der des Lord Luxmore.— Aber wo iſt Muriel?“ Denn während wir ſprachen, hatte ſich das Kind, das vor des Vaters Rückkehr nicht zu Bette zu bringen war, von meiner Hand losgeriſſen und war in die ſtürmiſche Nacht hinausgerannt. Wir fanden ſie ganz allein unter dem Nußbaume ſtehen. „Ich wollte hören, ob Vater käme; wie lange bleibt er wohl noch fort?“ „Ich hoffe, er kommt bald,“ erwiderte die Mutter mit einem Seufzer. —— „Aber Du darfſt hier nicht ſo lange in Dunkel⸗ heit und Kälte ſtehen!“ „Ich friere nicht und weiß nicht, was Dunkel⸗ heit iſt,“ ſagte Muriel ſanft. Und ſo war es in ihr und um ſie. Unſchuldig und arglos, kannte ſie weder in ihrem äußeren noch inneren Leben die Dunkelheit, keine Kälte, keine Sorge in den Augen ihrer Umgebung, keinen Winter, kein Alter; die Hand, die auf ihren Augen lag, ſchien einen ewigen Frieden in ihre Seele geſenkt zu haben. Ja ich glaube, ſie war, ſo weit es einem menſchlichen Weſen geſtattet iſt, vollkommen glücklich. Es mußte für uns der größte Troſt ſein, das wahr⸗ zunehmen, und noch jetzt iſt es eine ſüße Beruhigung, geliebte Muriel, Du theures Kind! Wir brachten ſie mit nach dem Hauſe zurück, aber hier beſtand ſie darauf, auf ihrem gewöhnlichen Platze, der Hausthür⸗Schwelle, ihren Vater erwarten zu wollen. Sie war es denn auch wieder, die zuerſt das Oeffnen des Weißen Thores hörte und uns ſein Kommen anzeigte. Urſula ging ihm bis an den Fluß entgegen. Als ſie den Fußweg heraufkamen, waren ſie nicht allein. John unterſtützte eine alte lahme Frau,— und Urſula hielt ein krankes Kind in ihren Armen, —— auf das ſich Mary Baines bei ihrem Eintritt in die Küche mit einem leidenſchaftlichen Schrei ſtürzte. „Waos haben ſie Dir gethan, mein Tommy? Du warſt nicht ſo elend, wie ich fortging. Ach! ſie haben mir mein Kind getödtet, ja! ja!“ „Still!“ warnte Mrß. Halifax.„Wir werden ihn ſchon wieder geſund machen, wenn es Gott gefällt. Hört, was der Herr erzählt.“ Er theilte den Männern, die ſich an der Küchen⸗ Thür verſammelt hatten, den Erfolg ſeiner Be⸗ mühungen mit. Sie waren, wie ich es vom erſten Augenblicke an in ſeinem Geſichte las, fruchtlos geweſen. Er hatte Alles in Kingswell ſo gefunden, wie es gemeldet war. Dann ritt er ſogleich zum Sheriff, doch fand er Mr. Mulp nicht zu Hauſe, der ſich in ſehr pein⸗ lichen Geſchäften in Luxmore Hall befand. „Meine Freunde,“ ſagte John, in ſeiner Er⸗ zählung plötzlich abbrechend,„Ihr müßt ſchon für einige Stunden Eure Geiſter beruhigen und Euer Geſchick hier abwarten. Jeder Menſch hat Prüfungen der Art durchzumachen. Euer Gutsherr ſelbſt iſt— nun ich verſichere Euch, ich wollte lieber der Aermſte von Euch ſein als mich heute an Lord Luxmore's Stelle befinden. Habt Geduld, ich will Euch für dieſe Nacht Alle unterbringen. Morgen ſoll Eure Miethe bezahlt werden, dann könnt Ihr Eure Sachen zurückholen und ein neues Leben beginnen, von jetzt an als meine Miether und nicht mehr als die des Lord Luxmore.“ „Hurrah!“ erſcholl es von allen Seiten und die Männer waren ſichtlich befriedigt, wie Arbeiter leicht zu beruhigen ſind, die von der Hand zum Munde leben, und denen ihr Lebelang die Gegen⸗ wart Hauptſache iſt. Sie folgten ihrem Herrn, der ſie in einer Scheune unterbrachte und dann zurück⸗ kehrte, um mit Urſula zu berathen, was mit den Frauen gemacht werden ſolle. So wurden denn in der kürzeſten Zeit die fünf hei⸗ mathsloſen Familien ganz vertheilt, und es blieb nur Mary Baines und ihr krankes Kind übrig. „Was machen wir nur mit den Beiden?“ frug John bedenklich. „Ich ſehe nur Eine Möglichkeit. Wir müſſen ſie in das Haus nehmen. Die Mutter ſagt, dem Kinde fehle nur Nahrung, es hungere. Sie glaubt zwar, es hätte die Maſern gehabt; indeſſen da ſie unſere Kinder ſchon hatten, fürchte ich mich weiter nicht. Komm' mit mir hinauf, Mary Baines.“ Mit einem dankbaren Blicke auf ihren ſchlafenden Knaben ging ſie durch die Kinderſtube in ein Käm⸗ merchen, das hinter derſelben lag, um dort der armen jungen Mutter und ihrem Kinde ein Obdach zu geben; tröſtete ſie dabei noch mit manchem freund⸗ lichen Worte und half ihrer Unwiſſenheit durch den guten Rath der Erfahrung, denn Urſula war der allgemeine Arzt für alle Armen in der Umgegend. Darüber war es beinahe Mitternacht geworden, als ſie wieder zu uns in das Wohnzimmer herunter kam, wo John und ich zuſammen ſaßen, er die ſchlafende Muriel im Arme. Das Kind, das ſein feines, bleiches Geſichtchen an ſeine Bruſt ſchmiegte, hätte wohl gern die ganze Nacht ſo zugebracht. „Iſt nun Alles in Ordnung, Du Liebe? Wie angegriffen mußt Du ſein!“ John ſchlang ſeinen linken Arm um ſeine Frau, als dieſe vor dem hellen Kamin⸗Feuer an ſeiner Seite hinkniete. „Müde bin ich natürlich; aber Du glaubſt nicht, wie gut ſie da oben wohnen. Die arme Mary Baines weint nur immer fort über ihr Kind und verſichert, es ſei halb verhungert; ſind ſie denn ſo arm?“ John antwortete nicht gleich; mir kam es vor, als ſähe er plötzlich anders, faſt ängſtlich aus, und drücke ſein kleines Mädchen unmerklich feſter an ſich. „Der Junge ſcheint ſehr krank, in viel höherem Grade wie unſere Kinder, als ſie die Maſern hatten.“ „Und doch, wie viel haben die armen kleinen —— Würmchen gelitten, beſonders Walther! Der Gedanke daran machte mich noch viel mitleidiger mit der armen Frau. Habe ich aber auch gewiß nichts Unrechtes gethan?“ „Nein, Liebe! Du haſt recht und gut gehan⸗ delt, und deßhalb haben wir auch nicht nöthig, uns zu ängſtigen. Sieh', wie geſund und feſt Muriel ſchläft; es thut mir immer ſo leid, ſie zu wecken, und doch müſſen wir zu Bette gehen.“ „Einen Augenblick noch!“ bat ich,„und erzähle uns, wonach ich bis jetzt zu fragen vergaß, was war das für ein peinliches Geſchäft, das heute den Sheriff zu Lord Luxmore rief?“ 2 John blickte auf ſeine ſich zärtlich an ihn ſchmiegende Frau, in deren Antlitze ein ſüßer Frieden lag, auf ſein ſchlafendes Kind und auf das vom Kaminfeuer erleuchtete Zimmer, das gegen den heulen⸗ den Sturm, der draußen tobte, doppelt freundlich erſchien. „Wir, die wir ſo glücklich ſind, Liebe, wir dürfen und ſollen Niemand verdammen.“ Sie ſah ihn erſchrocken und fragend an.„Du meinſt doch nicht?— Nein, es iſt nicht möglich!“ „Es iſt wahr. Sie iſt entflohen.“ urſula bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. „Schrecklich! Und erſt zwei Tage iſt es her, daß ſie hier war und unſere Kinder küßte.“ Wir blieben alle Drei, ohne ein Wort zu finden; endlich wagte ich die Frage, wann ſie fortgegan⸗ gen wäre. „Heute Morgen in der Frühe. Sie nahmen dazu, wenigſtens Mr. Vermilye, Alles mit, was er von Lord Luxmore's Eigenthum fortbringen konnte, Familien-Schmuck und eine bedeutende Summe Geld. Der Earl läßt ihn jetzt nicht allein als den Verführer ſeiner Tochter verfolgen, ſondern auch als einen Schwindler und Dieb.“ „Und Richard Brithwood?“ „Er trinkt, trinkt, und trinkt. Das iſt der Anfang und das Ende bei ihm.“ Es war Richts mehr darüber zu ſagen. Sie verſchwand ſo gänzlich aus ihrem bisherigen Leben, wie ein Stern aus den Bahnen des Himmels. Von da an war in vielen Jahren weder in unſerer noch in anderen Familien je wieder die Rede von Lady Caroline Brithwood. * Den ganzen folgenden Tag war John fern vom Hauſe in Kingswell, um dort Alles in Ordnung zu bringen. Die vertriebenen Miether, jetzt die unſrigen, verließen uns endlich, John, dem beſten Herrn in ganz England, ein Lebehoch bringend. Als wir uns, froh, daß Alles glücklich über⸗ ſtanden war, Abends zum Thee verſammelten, frug John ſeine Frau nach dem kranken Kinde. „Ich fürchte, es iſt noch ſehr krank.“ „Glaubſt Du gewiß, daß es die Maſern ſind?“ „Ich denke es mir, und ich habe ja beinahe alle Kinder-Krankheiten geſehen, außer— nein, das iſt beinahe unmöglich!“ fügte die Mutter haſtig hinzu. Sie warf einen ängſtlichen Blick auf ihre Kleinen, und man ſah ein leiſes Zittern ihrer Hand, als ſie ihnen ihre Milch gab.„Glaubſt Du, John, daß, ſo hart es auch bei dem kranken Kinde geweſen wäre, ich ſie mit den Andern hätte fortſchicken ſollen?“ „Gewiß nicht. Und wäre es wirklich eine gefährliche Krankheit, hätte Mary Baines es uns ſicher geſagt. Was für Symptome zeigen ſich bei dem Knaben?“ Urſula unterrichtete ihn von Allem, und mir ſchien, als ob er immer ernſter und ernſter würde, obgleich er ihr Richts ſagte. 5 „Beruhige Dein Gemüth, Liebe; ein Wort von Doctor Jeſhop wird Alles klar machen, ich werde ihn nach dem Thee aufſuchen. Faſſe Muth, will's Gott, wird unſern Kindern kein Unglück widerfahren. Der Mutter Antlitz leuchtete wieder freundlich und mit ihr wurde Alles heiter, ſo daß die Thee⸗ Stunde ſo gemüthlich wie immer verging. Wegen des feuchten Wetters behielt Mrß. Halifax die Kinder nachher im Zimmer, verſammelte ſie neben ſich vor dem Kaminfeuer, wo ſich eine allgemeine lebendige Abend⸗Unterhaltung entwickelte, während aus der offenen Thür des dunklen Wohnzimmers Muriel's Stimme erklang, wie wir das alte Inſtrument nann⸗ ten. Die Töne erſchienen uns noch ſüßer als ſonſt, an dieſem Abende gerade, als ob Muriel mit den Engeln ſpräche, ein Vergleich, den der Vater meiſt gebrauchte, aber ſelbſt darüber erſchrak und ihn nie wiederholte. Er horchte ihr eine Weile zu, doch dann, ohne Etwas zu ſagen, zog er ſeinen Ueberrock an, um den Doctor zu holen. Ich begleitete ihn bis zum Fluſſe hinab. „Phineas!“ begann er,„willſt Du, ohne daß es die Mutter bemerkt, ſie und die Kinder unten zurückhalten, bis ich wiederkehre?“ Ich verſprach es.„Aengſtigſt Du Dich über Mary Baines Knaben?“ „Nein, ich habe viel Vertrauen zu den uns gegebenen Mitteln und vorzüglich zu— doch mag ich's hier nicht ausſprechen. Aber Vorſicht iſt immer John Halifax. Iv. 7 — beſſer. Erinnerſt Du Dich wohl noch des Tages, wo ich die Kinder beinahe gegen Urſula's Willen impfte?“ Ich wußte es ſehr gut; und eben ſo, daß die Impfe bei Allen außer bei Muriel gefaßt hatte, ſo daß wir kürzlich noch davon geſprochen hatten, das damals oft getadelte wunderbare Mittel noch ein Mal zu verſuchen. Ich deutete auch darauf hin. „Phineas, Du mißverſtehſt mich,“ erwiderte er nicht ohne Heftigkeit.„Sie iſt eben ſo ſicher wie die Andern, ich habe ſelbſt darüber an Doctor Jen⸗ ner geſchrieben. Aber ſprich weiter nicht darüber.“ „Weßhalb nicht?“ „Weil ich heute in Erfahrung brachte, daß die Pocken in Kingswell geweſen ſind.“ Ein kalter Schauer überlief mich. Denn ob⸗ gleich die Einimpfung von Kuh⸗ und Menſchenpocken die Krankheit in den höhern Klaſſen bedeutend ge⸗ mildert hatte, ſo blieb ſie doch immer eine Geiſel, die viele Arme und vorzüglich Kinder hinwegraffte. Ein großer Eigenſinn zeigte ſich noch im Allgemei⸗ nen gegen die Hülfe, und ganz Norton Bury war in der höchſten Aufregung, als Mr. Halifax, der in London die Bekanntſchaft mit dem Doctor Jenner gemacht hatte, ſeinen Kindern ſelbſt die Menſchen⸗ pocken einimpfte, da er dort Niemand fand, der dies ——— Geſchäft ausübte. Doch in der natürlichen Angſt ſeines Herzens wollte er ſie dennoch nicht der Gefahr der Anſteckung ausſetzen. „John, glaubſt Du?“ „Nein, ich erlaube mir ſelbſt nicht, daran zu denken. Aber Du hörſt, nicht ein Wort davon zu Hauſe. Lebe wohl!“ Er eilte fort und ich ging langſam den Fuß⸗ weg zurück; gedrückt, als ob ſich eine Schrecken⸗ und Kummerwolke über unſer glückliches Longfield zu⸗ ſammenziehe. Der Arzt kam ſehr bald und ging zu dem kran⸗ ken Knaben hinauf, dann aber blieb er lange mit Mr. Halifax allein. Nachdem er fortgegangen war, trat John wieder zu uns in das Zimmer, wo ur⸗ ſula, mit dem kleinen Walther auf den Knieen, ſaß. Das Kind in ſeinem weißen Nachtröckchen ſpielte mit ſeinen Brüdern und wärmte ſich ſeine kleinen roſigen Zehen am Feuer. Die Mutter war wieder ganz gefaßt, zufrieden und vergnügt. Ich bemerkte John's Blick, den er auf ſie warf, und fürchtete das Schlimmſte. „Was ſagt der Doctor, wird das Kind bald beſſer ſein?“ „Wir müſſen es hoffen.“. „John, was meinſt Du? Mir ſchien der kleine 3 — 100— Junge wirklich beſſer, als ich ihn das letzte Mal ſah. Und nun, ich höre aber die arme Mutter oben wie⸗ der weinen.“ „Laß ſie weinen, ſie hat alle Urſache dazu,“ er⸗ widerte John in einem bittern Tone.„Sie hat es die ganze Zeit gewußt und nicht an unſere Kinder gedacht; aber ſie ſind geſchützt. Beruhige Dich, Liebe, mit Gottes Hülfe ſind ſie ſicher davor. Sehr Wenige werden angeſteckt, wenn ſie geimpft ſind.“ „Die Pocken? Hat der Kleine da oben die Pocken? O Gott, hilf uns! Meine Kinder! meine Kinder!“ Sie ward bleich wie der Tod und ein Zittern ging durch ihren ganzen Körper. Die kleinen Jun⸗ gen erſchraken und kletterten an ihr hinauf, ſie ſchloß ſie leidenſchaftlich in ihre Arme und wendete den Kopf ängſtlich, als ob Jemand hinter ihr ſtände, der ſie ihr entreißen wollte. Muriel, die das plötzliche Schweigen überraſchte, fand ihren Weg zur Mutter, ſtrich mit den Händchen über ihr Geſicht und frug ängſtlich:„Iſt Jemand unartig geweſen?“ „Nein, mein Liebling, nein!“ „Dann ſei nicht betrübt. Vater hat ſo oft ge⸗ ſagt, wenn wir artig wären, ſei Alles gut. Haſt Du das nicht geſagt, Vater?“ — 101— John zog ſeine kleine Tochter an ſein Herz und gab ihr wohl ſchon zum hundertſten Male den Namen, mit dem mein guter alter Vater von ihr Abſchied nahm:„Geſegnetes Kind!“ Wir wurden Alle ruhi⸗ ger. Die Mutter konnte weinen und das that ihr gut; wir redeten auch den Knaben und Muriel zu, verſichernd, daß eigentlich gar nichts Beſonderes ge⸗ ſchehen ſei und wir uns nur ängſtigten, daß ſie von der Krankheit des Kleinen angeſteckt werden könnten, deßhalb ſie auch nicht zu ihm gehen dürften. „Ja, ſie muß das Haus verlaſſen, und zwar gleich in dieſer Minute,“ rief die Mutter ſtreng und nicht ohne Heftigkeit. Ihr Mann antwortete nicht ſie abe als ſie aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen, hie ſie zurück.„Urſula, weißt Du auch wohl, daß Kind ſterbend iſt?“ „Mag es immerhin ſterben! Die ſchlechte Frau, die es wußte und Richts ſagte, als ich ſie in die Nähe meiner Kinder brachte, meiner eigenen ſüßen Kinder!“ „Ich wollte auch, ſie hätte unſer Haus nicht betreten, aber was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Denke nur, Liebe, wenn Du es wärſt, die man in dieſer dunkeln regnigen Nacht mit einem Kinde aus dem Hauſe werfen wollte!“ — 102— „Still, ſei ſtill!“ und weinend ſank ſie nieder. „Mein Liebling!“ flüſterte John, als er ſie zwang, ſich an ihn anzulehnen, ihre Stütze und ihren Schutz in allen Dingen.„Glaubſt Du nicht, daß auch mein Herz wie das Deinige vor Angſt brechen möchte? Aber ich vertraue auf Gott. Dieſe Sorge kam über uns, indem wir unſere Pflicht erfüllten; laß uns fortfahren, recht zu thun, und wir werden nicht nöthig haben, uns zu ängſtigen. Nach menſch⸗ licher Anſicht ſind unſere Kinder ſicher und es iſt nur unſer eigener Schreck, der die Gefahr vergrößert. Es iſt möglich, daß ſie die Krankheit gar nicht be⸗ kommen. Und dann, wie könnten wir es vor un⸗ ſerm eigenen Gewiſſen verantworten, wenn wir das arme Geſchöpf wegſchickten und ihr Kind ſtürbe?“ „Nein! nein!“ „Wir wollen aber alle Vorſichtsmaßregeln an⸗ wenden. Die Jungen müſſen nach dem andern Ende des Hauſes gebracht werden.“ Ich ſchlug vor, daß man ihnen mein Zimmer gäbe, da ich ſchon die Pocken gehabt hatte, alſo frei von Anſteckung war. „Ich danke Dir, Phineas. Und ſelbſt, ſollten ſie krank werden, ſo hat ſich Doctor Jenner in ſo weit beruhigt, daß der Anfall, der trotz der Impfung — 103— eintritt, dann immer die leiſeſte Form annimmt. 6 Habe Geduld, Liebe, vertraue auf Gott und fürchte Dich nicht.“ Die Stimme ihres Mannes beſchwichtigte ſie nach und nach. Endlich wandte ſie ſich nach ihm um und ſchlang ſtumm beide Arme um ſeinen Nacken. Dann aber erhob ſie ſich geſtärkt und ging an ihre gewöhnlichen Pflichten, ſo, als ob die ſchreckliche Sorge nicht mehr auf uns laſtete. Mary Baines und ihre Kinder blieben im Hauſe. Am nächſten Tage gegen Mittag ſtarb der kleine Knabe. Es war der erſte Todesfall unter unſerm Dache, und wir waren tief erſchüttert; natürlich aber die Kinder ganz beſonders. Wir hielten ſie ſo erſi möglich am andern Endẽ des Hauſes, oder gar außer⸗ halb deſſelben, doch kehrten ſie immer wieder gern dahin zurück, um wenigſtens das Fenſter anzuſehen, von wo der kleine Junge, wie Muriel verſicherte, ſich in einen Engel verwandelte und hinausflog. Die Mutter ließ ihnen dieſen Glauben, ſie fand es unrecht und ſchrecklich, daß der erſte Gedanke an den Tod in einem Kinde der ſein ſollte, daß man in ein Grab verſenkt werde. Schön er undauch wahrer war Muriel's Annahme der Verwandlung in einen Engel, der fortfliegt. Wir richteten es alſo auch ſo — 104— ein, daß die kleine Leiche fortgebracht werden ſollte, ehe die Kinder aufgeſtanden wären. Es war ein ſehr ſtiller Abend, den wir an un⸗ ſerm Theetiſche verlebten. Ein Gefühl der Ehrfurcht ſchien ſich der Kleinen bemächtigt zu haben, ohne daß ſie ſich vielleicht deſſen bewußt waren. Manche Fragen thaten ſie über Tommy Baines, und warum er eigentlich fortgegangen wäre, welche die Mutter alle einfach nach der heiligen Schrift beantwortete, wie zum Beiſpiel: er ſei nicht gegangen, Gott habe ihn fortgenommen. Als ſie aber Mary Baines wei⸗ nend auf den Feldweg gehen ſahen, frug Muriel, „weßhalb ſie weine und wie ſie ſich ſo betrüben da Gott den kleinen zu ſich genom⸗ habe?“. Später ſuchte ſie von mir allein zu erfah⸗ ren, was es denn nun eigentlich für ein Ort ſei, wo er hingegangen wäre, und wie er dahin gelangte? ob er alle ſeine Kleider, und beſonders auch den ſchö⸗ nen Strauß Waldrebe mitgenommen habe, den ſie ihm noch geſtern ſandte, und vorzüglich wollte ſie wiſſen, ob er ſich allein dahin fand, oder ob die Engel, mit denen ſich Muriel in Gedanken oft be⸗ ſchäftigte, ihn abgeholt hätten und nun für ihn ſorg⸗ ten. Sie hoffte, nein, ſie war überzeugt, ſie wären † — 105— gekommen, und wünſchte nur, ihnen begegnet oder ſie wenigſtens im Hauſe gehört zu haben. Da ich nun ſah, wie ſehr des Kindes Seele da⸗ von erfüllt war, glaubte ich, es ſei das Beſte, ihr ſo einfach als möglich den feierlichen Augenblick zu erklären, in dem man das Leben verliert und mit der Unſterblichkeit angethan wird. Ich wünſchte ſo ſehnlichſt, daß mein Liebling, dem der Tod nie ſicht⸗ bar nahe treten konnte, ihn nicht als einen Gegen⸗ ſtand des Schreckens betrachten möchte, ſondern als einen ruhigen Schlaf, dem ein freudiges Erwachen in einer andern Welt folge, deren Herrlichkeit kein Auge vorher geſehen und kein Ohr gehört habe. „Die kein Auge geſehen hat?“ wiederholte Mu⸗ riel gedankenvoll.„Onkel Phineas, können die Men⸗ ſchen dort alle ſehen?“ „Ja, mein Kind. Dort giebt es keine Finſter⸗ niß mehr.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, dann aber ſagte ſie ernſt:„Ich möchte auch wohl hingehen, ſehr, ſehr gern möchte ich dahin gehen. Wie lange glaubſt Du wohl, daß es noch dauern wird, Onkel Phineas, ehe die Engel zu mir kommen?“ „Viele, viele Jahre noch, mein theures, einziges Kind,“ antwortete ich erſchrocken, denn wahrhaftig, —— ſie glich ihnen ſo, daß ich fürchtete, es möchte einer ſchon in der Rähe ſein, um ſie zu holen. Doch wenige Minuten darauf ſpielte ſie ſo ver⸗ gnügt mit ihren Brüdern und unterhielt ſich mit ihrer Lieblings⸗Taube ſo allerliebſt und kindlich, daß meine Furcht unwillkürlich verſchwand. Wir ſchickten die Kinder früh zu Bette und ſaßen noch lange am Feuer, uns berathend, wie der Anſteckung am Beſten vorzubeugen ſei, und auch mit der Hoffnung beruhigend, daß ſie in den zwei Tagen keinen großen Schaden im Hauſe angerichtet haben könne. John blieb feſt in ſeinem Glauben an Doe⸗ tor Jenner und die Impfung, unwillkürlich beruhigt gingen wir zu Bette, und bald lag das Haus in einen ruhigen Schlaf verſunken, obgleich unter dem⸗ ſelben Dache das todte Kind in einem weit tiefern Schlafe ruhte. In der ſchmalen Kammer, welche dicht an der Kinderſtube lag, die ich bewohnte, und durch dieſe von dem übrigen Hauſe gänzlich getrennt ward, regte ſich Nichts mehr. Bei dem Einſchlafen beſchäf⸗ tigten ſich meine Gedanken mit der kleinen Leiche, und ich träumte auch davon. Mitten in der Nacht weckte mich ein leiſes Ge⸗ räuſch und zuerſt glaubte ich, noch zu träumen, denn ich ſah eine kleine weiße Geſtalt, die an dem Fuß⸗ — 107— ende meines Bettes vorbei zu ſchweben ſchien, und zwar ſo leiſe, ja unhörbar, daß es der Geiſt des Kin⸗ des ſein konnte, und er verſchwand in die Kammer des todten Knaben. Für einen Augenblick machte mich der Gedanke an etwas Ueberfſinnliches, der uns angeboren iſt, unbeweglich. Dann horchte ich angeſtrengt und er⸗ kannte deutlich einen Laut in dem nächſten Zimmer, einen ſchwachen Schrei, aber ſchnell wieder unter⸗ drückt; einen menſchlichen Laut. Alles, was ich je über Scheintod und zu frühes Begraben gehört hatte, trat mit allen ſeinen Schrecken vor meine Seele, und alle Geiſterfurcht oder Sorge vor An⸗ ſteckung überwindend, ſtand ich auf, warf einige Kleider über, und ein brennendes Licht in der Hand, trat ich in die Kammer. Da lag die kleine Leiche unberührt und für immer ſtumm. Aber wie der Geiſt derſelben, der bei dem zurückgelaſſenen Staube wacht, ſaß Muriel zu Häupten des todten Kindes. Ich nahm ſie auf meinen Arm und eilte in meiner Todesangſt aus dem Zimmer. Zitternd verbarg ſie ihr Geſicht an meiner Schulter und rief:„Habe ich etwas Böſes gethan? wirklich? Ich wollte ſo gern wiſſen, was es eigent⸗ lich ſei, was, wie Du ſagteſt, von dem kleinen — 108— £ Tommy hier bleibe. Ich faßte es an, es— es war ſo kalt. Ach, Onkel Phineas! das iſt doch nicht der arme kleine Tommy?“ „Nein, Du Segens⸗Kind! nein, mein Liebling! denke nicht mehr daran!“ Und ſelbſt nicht wiſſend, was hier zu thun war, rief ich John und erzählte ihm, wo ich ſeine kleine Tochter gefunden hatte. Er ſprach kein Wort, nahm aber das Kind aus meinen Armen in die ſeinigen, brachte es in ſein Zimmer und verſchloß die Thür. Von dieſem Augenblicke an ſchlief die Sorge in uns nicht mehr. Aengſtlich warteten wir eine ganze Woche hindurch von Stunde zu Stunde, die Kinder beobachtend und jeden Wechſel in ihrem Ausſehen verfolgend. Dann erkrankte Muriel zuerſt. Ich mußte es dem Vater mittheilen, als er am Abende zurück kam und ich ihn am Fluſſe erwartete. Es war ihm ſichtlich ein Todesſchreck. „O mein Gott! ſie nur nicht! Rein, ſie nur nicht!“ rang es ſich über ſeine Lippen, und daran erkannte ich, was ich längſt ahnte, daß ſie ihm das liebſte ſeiner Kinder war. Edwin und Walther bekamen ebenfalls das Uebel, wenn auch nur leicht. Niemand war in wirk⸗ licher Gefahr außer Muriel, aber Wochen lang hatten— wir, wie die Leute ſagen,„Krankheit im Hauſe,“ — 109— dieſer tiefe Schatten, der das Leben verdunkelt, und den alle Eltern nur zu wohl kennen, unter dem man leben und handeln muß, der Einem nicht Tag noch Nacht Ruhe läßt. Die Eltern hier trugen ſchwer an ihrer Bürde, aber ſie trugen ſie redlich; wenn die Mutter nicht mehr konnte, was freilich nur ſelten der Fall war, dann unterſtützte der Vater ſie; ja, wollte oder könnte ich erzählen, was er Alles leiſtete, wie er nach der Arbeit des Tages Nacht für Nacht aufſaß und wachte, wie die ſorglichſte Frau die kleinen verdrüßlichen Knaben pflegte, oder ſie wie ein Spielkamerad zu unterhalten ſuchte, ſo würden viel⸗ leicht Manche lächeln, die ſehr erhaben und vornehm über die Würde des Mannes reden können. Die ſchwerſten Augenblicke in den vierundzwan⸗ zig Stunden des Tages waren wohl die, wenn er heimkehrte und mich am Weißen Thore auf ihn war⸗ tend fand, um ihm Bericht über unſere Kranken zu geben. Wir wanderten dann den Fluß entlang, und in dieſen Stunden erkannte ich, was er bisher nur Gott gegenüber ausſprach, die Macht, dieſe Ge⸗ walt der Elternliebe! Ja, erſt dort ward es mir im Angeſichte der menſchlichen Liebe klar, wie gewal⸗ tig die des Herrn Himmels und der Erde ſei, der ſich ſelbſt den Vater genannt hat, um uns die klarſte Offenbarung ſeiner göttlichen Liebe zu geben. ——— Und glücklich führte Er uns durch dieſe Zeit der Noth; Er erhielt uns alle unſere ſüßen Kleinen. An einem November⸗Sonntage, wo alle Felder rings um das Haus in Nebel gehüllt waren und der Regen ſanft und eindringend auf die geduldige Erde herabfiel, die durch den langen Oſtwind ſo ausgedörrt und abgeſtorben war, daß ſie froh zu ſein ſchien, den falſchen Schein von Sonne und Licht abwerfen und ſich in Thränen auflöſen zu dürfen; da verſammelten wir zum erſten Male wieder unſere kleine Heerde mit Dank und Freude um uns. Muriel ward im Triumph von ihrem Vater herabgetragen und lag lächelnd auf dem Sopha; der Schein des Feuers ſpielte auf dem magern weißen Geſichtchen, weiß und ohne Narben. Die Krankheit hatte ſich mild gegen das blinde Kind gezeigt, denn ſie war lieblicher denn je anzuſehen. Aelter gewor⸗ den vielleicht, denn die runden Formen der Kindlich⸗ keit waren verſchwunden, aber dagegen trug ihre ganze Erſcheinung jenen unausſprechlichen Ausdruck, mit dem wir aus Mangel an einer paſſenden Bezeich⸗ nung alle unſere unbeſtimmten Vorſtellungen jener ungekannten Welt verwirklichen und ein ſolches Weſen engelgleich nennen. „Iſt Muriel nun wieder ganz wohl? wohl und kräftig?“ frugen Vater und Mutter iedes Mal, wenn — 111— ſie ſie anſahen, worauf ſie immer antwortete:„Sehr wohl!“ Am Nachmittage, als die Knaben im Eßzimmer ſpielten und John und ich an der Gartenthür ſtan⸗ den und auf den fallenden Regen horchten, hörten wir nach langer Zeit wieder Muriel's Stimme er⸗ klingen. „Vater, höre!“ flüſterte die Mutter, ſich uns nähernd und ihren Arm in den ihres Mannes legend. Langſam und leiſe ertönten die Töne des alten In⸗ ſtrumentes; ſie ſpielte einen der Chorgeſänge aus der Abtei. Dann aber verſchmolzen ſie in uns un⸗ bekannte Melodieen, ſüß und ſonderbar. Die Eltern ſahen ſich gegenſeitig an und ihre Herzen ſchlugen voll Dank und Freude. „Und das Kind der armen Mary Baines lag auf dem Kirchhofe.“ Viertes Rapitel. „Was für ein Troſt! Die Tage werden länger! Ich glaube wirklich, dies war der traurigſte Winter, den ich je erlebte. Nicht wahr, meine kleine Tochter? Wer brachte ihr die Veilchen?“ Und John ſetzte ſich auf die eine Ecke meines Armſtuhles, in dem Muriel jetzt zur Theeſtunde zu⸗ ſammengekauert lag, und nahm ihr liebes kleines Ge— ſicht zwiſchen beide Hände, worauf es ſich ſogleich zum Lächeln verzog, ſowie der Vater es berührte, und frug ſie, wann ſie mit ihm ſpazieren gehen wolle. „Morgen.“ „So haben wir ſchon oft geſagt und immer iſt es wieder aufgeſchoben— was meinſt Du, Mutter, iſt das kleine Mädchen kräftig genug dazu?“ Mrß. Halifax zögerte und ſagte Etwas über 1 den Oſtwind.. — 113— „Und doch glaube ich, es würde ihr gut ſein, wenn ſie ſich dem Oſtwinde ausſetzte und ſpielte vor der Thür wie die Knaben. Würdeſt Du das nicht gern thun, Muriel?“ Das Kind erſchrak und ſagte: „O nein!“ .„Das kommt daher, weil Du ein kleines Mäd⸗ chen und natürlich nicht ſo kräftig wie die Knaben biſt. Nicht wahr, Onkel Phineas?“ fuhr der Vater ſchnell fort, als er bemerkte, daß ich ihn und das Kind beobachtete. „Muriel wird ſchon kräftiger werden, wenn das warme Wetter kommt. Wir haben einen ſo ſtrengen Winter gehabt, daß jedes der Kinder dadurch gelitten hat,“ verſicherte die Mutter in einem heitern Tone, als ſie für ihre Tochter eine Taſſe der beſten Milch und Sahne eingoß, der jetzt mit allgemeiner Zuſtim⸗ mung immer das Schönſte und Beſte des Hauſes gegeben ward. Ja, ich glaube, Jeder hat es empfunden,“ be⸗ ruhigte ſich der Vater ſelbſt, indem er auf ſeine Kna⸗ ben ſah, die mit ihren runden Apfelgeſichtern um den Tiſch ſaßen. Es gehörte ein ſcharfes Auge dazu, um an ihnen ein Leiden oder eine Abnahme der Ge⸗ ſundheit zu entdecken.„Aber mein Plan wird ſchon Alles in Ordnung bringen. Ich habe geſtern die John Halifax. 1v. 8 — 114— Sache mit Mrß. Tod abgemacht, die ganz bereit iſt, uns Alle aufzunehmen. Jungens, werdet Ihr gern nach Enderly gehen? Nun, ſobald die Birken grün werden, ziehen wir hin.“ Denn wir hatten uns in Longfield eine Art Naturkalender eingerichtet— wenn der Hagedorn ſproßte oder Guy das erſte Rothkehlchenneſt fand, — wenn die Wieſe gelb von Kuhblumen ward und ſo fort. „Iſt es denn durchaus nothwendig, daß wir dorthin gehen müſſen?“ frug die Mutter, die gern an ihrer Scholle klebte und Longfield— das kleine Longfield, wie ihren Augapfel zu lieben begann. „Ich denke ſo, wenn Du nicht darein willigſt, mich allein nach Enderly gehen zu laſſen.“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Was? mit all' Deinen Sorgen für die Müh⸗ len? Wie kannſt Du ſo leichtſinnig davon reden?“ „Nicht leichtſinnig, Liebe, nur fröhlich. Alle Sorgen müſſen ertragen werden, weßhalb nicht mit einem ſo fröhlichen Herzen als möglich? Sie können nicht ewig dauern, was auch Lord Luxmore thun mag. Wenn wir, wie ich Dir ſagte, Longfield für dieſen einen Sommer wieder an Sir Ralph über⸗ laſſen, ſo werden wir ſo viel gewinnen, daß wir die Mühle in vollkommen guten Stand ſetzen können. — 115— Will der Gutsbeſitzer Nichts thun, nun, ſo thue ich es und baue ſogleich eine Dampfmaſchine dazu.“ Dies Letzte war nun ein Lieblingsplan, der an manchem Winterabende von uns Dreien in Longfield beſprochen ward. Zuerſt konnte Mrß. Halifax nur beſorgt dazu ausſehen, wie viele Mütter und Frauen in jenen Tagen gethan haben würden, wo man jede Neuerung mit argwöhniſchen Augen betrachtete, jede Verbeſſerung für gleichbedeutend mit Untergang und Verluſt hielt. Sie möchte wohl zu Anfange eben ſo gedacht haben, hätte ſie nicht volles Vertrauen zu ihrem Manne gehabt. Jetzt aber ſah ſie bei Erwäh⸗ nung der Dampfmaſchine lächelnd zu ihm auf. „Lady Oldtower frug mich heute danach. Sie meinte, ſie wolle hoffen, daß Du nicht eben ſo un⸗ glücklich dadurch werden möchteſt, wie Mr. Miller in Glasgow, und ich verſicherte ihr, darüber nicht ängſtlich zu ſein.“ Ihr Mann warf ihr einen frohen Blick zu.„Es iſt leichter, ſich das Vetrauen der Welt zu erwerben, wenn wir es im eigenen Hauſe finden.“ „Oh, habe keine Furcht! Was auch Lord Lux⸗ more thun mag, Du wirſt doch Dein Glück machen.“ Den ganzen Winter über mußte John er⸗ fahren, wie viel Sorgen mit der Erfüllung eines Lieblingswunſches verknüpft ſind, und zwar haupt⸗ — ſächlich, weil der Lord, wie er vorhergeſagt hatte, ein vortreffliches Gedächtniß beſaß. Die Wahl in Kingswell zeigte ihre Folgen in hundert kleinen Be⸗ ziehungen, in denen die ſchwere Hand des Beſitzers dem Pächter fühlbar ward. Er ſuchte ſich tapfer da⸗ gegen zu ſtemmen, aber es blieb immer ein harter Kampf zwiſchen Macht und Recht, Unterdrückung und feſtem Widerſtande. Es würde ihm noch ſchwe⸗ rer geworden ſein, wäre nicht Einer geweſen, den John als ſeinen Freund betrachten durfte, wenigſtens Einer, der Mr. Halifax unveränderlich ſo nannte— unſer Nachbar Sir Ralph Oldtower. „Wie oft iſt Lady Oldtower hier geweſen, Ur⸗ ſula?“ „Zuerſt kam ſie, wie Du Dich erinnern wirſt, gleich nach der Angſt und Sorge, die wir wegen der Kinder hatten; ſeitdem, denke ich, noch zwei Mal, und heute wollte ſie mich einladen, bei ihr zu früh⸗ ſtücken und Muriel mitzubringen. Doch gehe ich nicht hin, ich ſagte es ihr gleich.“ „Aber ich hoffe, freundlich? Du kannſt Dich ſo vortrefflich ausdrücken, Liebe, und haſt es ihr wohl klar auseinandergeſetzt, daß es wirklich keine Unhöf⸗ lichkeit iſt, wenn wir ihre Einladung ablehnen? Nun, es ſchadet Nichts. Der Tag wird ſchon kom⸗ men, wo wir unſern Platz behaupten können und — 117— unſere Kinder ſich mit dem Adel des Landes meſſen dürfen.“ Wenn ſich auch John ſelten in dieſem Gefühle verrieth, ſo glaube ich doch, daß er ſehr beſtimmt das Vorgefühl ſeiner künftigen Macht hatte, was man übrigens ſehr häufig bei Menſchen findet, die ſich ſelbſt ihr Geſchick ſchafften. Der innere Inſtinct liegt in ihnen, emporzuſteigen, und eben ſo beſtimmt als ein Gewäſſer ſeine richtige Höhe erreicht, gelan⸗ gen ſie auch zu der ihrigen. Wenige Wochen ſpäter ſiedelten wir Alle nach Enderly über. Blieb auch die Haupturſache die, daß John immer an Ort und Stelle ſei, um die Mühlenwerke zu beobachten, ſo glaubte ich dennoch einen zweiten Grund, den er ſich wohl ſelbſt nicht geſtehen wollte, zu entdecken, der ſich aber unbewußt in ſeinen angſtollen Blicken kundgab. Ich ſah ſie, wenn er Muriel zu innerer Kraftanſtrengung anzu⸗ regen ſuchte, indem er ihr beſchrieb, wie ſehr der Enderlyberg ſie entzücken würde, wie ſüß die Schlüſ⸗ ſelbkumen in dem Buchenhaine blühten, und wie kräftig und friſch der Wind Abends und Morgens über die Weiden dahin fahre Sichtlich war es ſein tägliches Bemühen, ſie die Welt und Alles, was darin war, lieben zu lehren, und jedes Mal wandte er ſich ſchmerzlich ab, wenn ſie ihm zwar freundlich zu⸗ —— — 118— hörte, ſich dann aber leiſe zu dem alten Inſtrumente fortſchlich und die träumende, ſchwermüthige Muſik erklang, welche die Kinder das Geſpräch mit den Engeln nannten. Um nach Enderly zu kommen, mußten wir das Thal berühren, wo John's Tuchfabrik lag. Wie oft waren wir auf unſeren Spaziergängen dort vorübergegangen, wie oft hatten wir uns dort auf⸗ gehalten, um dem Waſſerfalle dieſes Niagara im Kleinen zuzuhorchen und die ſich ſtets wiederholende Bewegung des großen Waſſerrades zu beobachten! Wie wenig dachten wir damals daran, daß dies Alles ihm einſt gehören ſollte, oder daß John dieſelbe Be⸗ lehrung über den Unterſchuß und Ueberſchuß bei ſeinen eigenen Söhnen wiederholen würde, die er mir damals gab! Es erweckte in uns Allen ein ſüßes, wenn auch halb melancholiſches Gefühl, Enderly wiederzuſehen, dieſelben ſteilen Matten hinauf- und die engen Maul⸗ thierpfade herabzuklettern, auf denen er mich ſo liebe⸗ voll unterſtützte. Er konnte es jetzt nicht mehr, da er ſeine kleine Tochter in ſeinen Armen hielt. Leider war es eine angenommene Sache geworden, daß Muriel über jeden Berg und jede beſchwerliche Stelle getragen ward. Wir ruhten halben Weges bei einer niedrigen Mauer aus, wo ich oft geſeſſen hatte und — 119— den Sonnenuntergang über dem Nunnelyfelſen be⸗ wunderte, indem ich John's Heimkehr dort abwartete. Jeden Abend, beſonders nach der Abreiſe von Miß March, fand er mich dort. Er ſah ſich lächelnd nach mir um.„Erinnerſt Du Dich wohl noch an Alles, mein Junge?“ über welche Benennung ſich Guy außerordentlich wunderte. Aber wie ſtiegen in mir für den Augenblick alle alten Zeiten auf, wo weder Frau noch Kinder da waren, ſondern er nur und ich allein! Dieſer Sitz an der Mauer mit dem kleinen Durchblicke im Halb⸗ dunkel auf das Thal unter der Mühle, auf die Nun⸗ nelyberge und jene Reihe von Bäumen, die wie Schildwachen des Sonnenunterganges da ſtanden— es gehörte Alles zu meiner Geſchichte, mir allein und für immer. „Enderly iſt ganz das Alte geblieben, Phineas! Zwölf Jahre haben keine Veränderung hier hervor⸗ gebracht, nur in uns ſelbſt“ Und zärtlich ruhte ſein Auge auf der Frau, die einige Schritte von ihm ſtand und die drei Knaben an einer gefährlichen Stelle auf der Mauer feſthielt.„Ich glaube, man könnte die ganze Weisheit in der Beurtheilung un⸗ ſeres Lebens in zwei Phraſen ausdrücken, die wir bei unſerem Freunde Shakeſpeare im Hamlet und Othello finden:„es iſt ſonderbar— und es iſt ſo am Beſten wie es iſt.“ Ich näherte mich Mrß. Halifax und half ihr den frageluſtigen Knaben gegenüber in der Erklärung der Landſchaft vor uns und ſuchte endlich den eigen⸗ willigen Guy auf den hinabführenden Weg zu brin⸗ gen, wo, als ob ich ſie geſtern verlaſſen hätte, meine alten Freunde, die vier lombardiſchen Pappeln, ſtan⸗ den, drei neben einander und eine etwas entfernt. Mrß. Tod erwartete uns an der Thür ihres Gartens, nachdem ſie uns ſchon von Weitem bewill⸗ kommnet hatte; ein wenig ſtärker und etwas röther, ſonſt ganz die Alte. Aber ſie vergaß ſich in ihrem Entzücken ſo vollkommen, daß ſie die Mutter„Miß March“ anredete, und bei dieſem längſt verklungenen Namen fuhr Urſula unwillkürlich zuſammen, wech⸗ ſelte die Farbe und ihre Augen wandten ſich in ſicht⸗ licher Bewegung nach der Seite hin, wo der Kirch⸗ hof lag. „Es iſt Alles im Stande, Miß— gnädige Frau! Tod hat die Befehle von Mr. Halifar wahrhaftig nicht vergeſſen, und die ſchönſten Blumen und den beſten Epheu darauf gepflanzt.“ „Ja, ich weiß es wohl.“ Sowie ſie indeſſen die Kleinen zu Bett dehnnch hatte, vermißten wir die Mutter, und als wir unſern * — 121— Weg nach dem kleinen Kirchhofe nahmen, fanden wir ſie ruhig und ſtill dort ſitzen. Wir fühlten uns Alle in Enderly glücklicher und ſchon nach wenigen Tagen blühte Muriel von Neuem wieder auf, verlor ihre Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben und begleitete mich überallhin, wo ich ausging. Es war ihre liebſte Zeit im Jahre, wo die Vögel ſingen und die Blumen ihre ſüßeſten Wohlgerüche verbreiten. Ja, ich ſelbſt konnte meine Buchen nicht inniger lieben als Muriel, und ſie wie⸗ derholte es mir unaufhörlich, es ſei der glücklichſte Frühling ihres Lebens. John hatte außergewöhnlich Viel zu thun, ſeine Geſchäfte in Norton Bury waren tüchtigen Händen übertragen und er widmete ſich faſt gänzlich der Tuch⸗ fabrik. Früh und ſpät war er bei den Mühlen zu finden, häufig folgten Muriel und ich ihm auch dort⸗ hin und blieben dann den ganzen Morgen über in den ſchönen Wieſen, die dazu gehörten. Durch ver⸗ ſchiedene Anlagen nahm freilich in jener Zeit die Gewalt des Waſſers, von der die ganze Maſchinerie abhing, oft zu oder ab, indem man kleine Seeen— Schleußen oder Waſſerfälle einrichtete; doch ſaßen wir oft ſtundenlang an dem Fluſſe, horchten auf das leiſe Murmeln deſſelben, auf den ſcharfen, ſon⸗ derbaren Schrei der Schwäne, die hier gehalten wur⸗ — den, oder auf das Gezwitſcher der Waſſerhühner mit ihren Kleinen, welche im Schilfe niſteten. Ab und zu kam denn auch der Vater und verweilte einige Mi⸗ nuten bei uns, liebkoſ'te Muriel und theilte mir mit, wie es in der Mühle ausſah. Als wir Dreie auch eines Morgens wieder dort an einer kleinen Brücke ſaßen, von einer großen Rü⸗ ſter beſchattet, um deren Wurzeln das Waſſer einen ſo klaren See bildete, daß wir deutlich einen großen Hecht erkannten, der wie ein dunkler Schatten in dem Schlamme des Grundes lag, ſagte John plötzlich: „Was geht mit dem Waſſer vor? Bemerkſt Du Nichts, Phineas?“ „Ich fand ſchon ſeit zwei Stüuptn daß es ſinke, und ich glaubte, Du eß es bei der Mühle angehalten.“ „Nein, bewahre— aber ich muß ſehen, was das iſt. Lebe wohl, mein ſüßes Kind! Halte mich nicht ſo feſt, Vater iſt gleich wieder hier— und iſt dieſer ſonnige Platz nicht hübſch genug für mein kleines Mädchen, um dort zu träumen?“ Sein Ton klang heiter, doch verrieth der Aus⸗ druck ſeines Geſichtes große Aengſtlichkeit. Schnell ging er die Wieſe hinunter und in die Mühle hinein. Bald darauf ſah ich ihn denſelben Weg wieder zurück« kehren, genau die Stelle beobachtend, wo der Fluß — 123— ſeine Gränze berührte. Endlich aber ſchlug er die Richtung nach der kleinen Stadt ein, am Ende des Thales, bei der unter Bäumen verſteckt Luxmore⸗Hall lag. Erſt zwei Stunden ſpäter kehrte er wieder zu uns zurück. Als er ſich uns näherte, den Fluß immer feſt im Auge behaltend, war dieſer beinahe ganz geſun⸗ ken, ſo daß der Schlammboden deutlich zu erkennen war. „Ja, das iſt es— es kann nichts Anderes ſein! Ich hätte doch nicht geglaubt, daß er ſich das erlau⸗ ben würde.“ „Was, John,— und wer?“ „Lord Luxmore.“ Er ſprach in dem gepreßten Ton der heftigſten Leidenſchaft.„Lord Luxmore hat dem Waſſer, das meine Mühle treibt, einen andern Lauf gegeben.“ Ich verſuchte ihn zu überzeugen, daß das eben ſo unmöglich als auch gegen alles Geſetz ſei. „Aber nicht gegen das Recht, das der Stärkere über den Kleinern hat. Er giebt übrigens der Sache eine anſtändige Färbung, verſichert, er mache nur drei Tage in der Woche darauf Anſpruch, um in Luxmore⸗Hall einen Springbrunnen anzulegen. Aber ich weiß beſſer, worauf es ankommt;— ich habe es —— bereits ſeit einem Jahre vorausgeſehen. Er iſt ent⸗ ſchloſſen, mich zum armen Manne zu machen.“ John ſprach in großer Aufregung, und fühlte kaum die kleine Hand Muriel's, die ihn ängſtlich be⸗ rührte. „Was bedeutet das„„zum armen Manne machen?““ Hat Jemand den Vater geärgert?“ „Nein, mein Liebling, nicht geärgert, aber ſehr, ſehr unglücklich gemacht.“ Er hob ſie auf und verbarg ſeinen Kopf an † ihrer kleinen Schulter, während ſie ihn küßte und ſein Haar ſtreichelte. „Gräme Dich nicht, Vater; Du haſt oft geſagt, alles Andere ſei Nichts, wenn man nur recht han⸗ dele! Und Vater thut nur das Rechte.“ „Ich wollte, dem wäre ſo.“ Er ſetzte ſich nie⸗ der und nahm ſie auf ſeinen Schooß; das leiſe Flü⸗ ſtern der Ulmen und das Tröpfeln des Waſſers übte ſeinen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Nach und nach hob ſich ſein Geiſt in demſelben Maße als er vorher niedergedrückt erſchien, wie das häufig bei ihm der Fall war. „Nein, Lord Luxmore ſoll mich nicht zu Grunde richten. Ich habe einen Plan, doch muß ich erſt mit meinen Leuten reden. Ich werde für eine Zeit lang das Tagelohn beſchränken müſſen.“ — „Schon bald?“ „Von heute an. Je früher es geſchieht, je beſſer, wenn es doch ein Mal ſein muß, und bevor der Winter eintritt. Arme Burſchen! ſie werden es ſchwer haben und mir zur Laſt fallen. Aber es iſt doch nur für einige Zeit, und ich muß vernünftig mit ihnen ſprechen und ſie zur Geduld ermahnen, ſo viel ich kann. Gott weiß es, ſie bedürfen ſie nicht allein!“ Als die Sonne in dieſem Augenblicke ſo hell auf die fernen weißen Mauern von Lurmore⸗Hall ſchien, biß er unwillkürlich die Zähne feſt zuſammen. „Giebt es denn keinen Weg, Dir Recht zu ver⸗ ſchaffen? Und iſt es eine ungeſetzliche Handlung, warum wendeſt Du Dich nicht an die Gerichte?“ „Phineas, Du vergiſſeſt meine Anſichten darüber, wenn es auch nur die meinigen ſind, und ich Nie⸗ mand zwinge, ſie anzunehmen. Aber es iſt mein Grundſatz, ich wende mich nicht an die Gerichte und möchte nicht, daß ich Anlaß zur Wiederholung der alten Klage gäbe:„Seht, wie die Chriſten unter einander ſtreiten.““ Ich führte keine Gegengründe mehr an, denn wie man auch an und für ſich im Prinzipe über eine Frage urtheilen mag, ſo bleibt es wohl keinem Zwei⸗ — 126— fel unterworfen, daß, wenn Jemand eine Handlung für unerlaubt hält, ſie für ihn auch Unrecht bleibt. „Nun, Onkel Phineas, geh' Du mit Muriel nach Hauſe, erzähle meiner Frau, was ſich zugetra⸗ gen hat, und daß ich ſo bald als möglich zum Thee zurückkommen würde. Aber ſie ſolle ſich nicht äng⸗ ſtigen, wenn ich auch noch etwas Noth und Sorge mit meinen Leuten haben werde.“ Das that nun die Mutter auch niemals. Es lag nicht in ihrer Natur, unnütze Zeit in Angſt und eingebildeten Sorgen zu verſchwenden. Sie beſaß die ſeltene weibliche Tugend, niemals viel Unruhe in das Leben zu bringen. Sie trug, was getragen werden mußte, that, was gethan werden mußte, aber machte keinen Lärm, weder über ihre Aufgabe noch über ihre Leiden. So hörte ſie an dieſem Abende alle meine Aus⸗ einanderſetzungen ruhig an, verſtand fie, wie ich glaube, beſſer als ich, ſchon deßhalb, weil ſie tiefer in ihres Mannes Pläne und Befürchtungen eingedrungen war. Sie erkannte vom erſten Augenblicke an die Lage, in der er ſich befand, und nach dem Ausdrucke ihres Geſichtes zu urtheilen, mußte ſie ſchwierig genug ſein. „Sie glauben alſo, daß John Recht hat?“ „Natürlich glaube ich das.“ — 127— Ich hatte weder eine Frage noch einen Zweifel darüber für möglich gehalten, aber es war mir eine wahre Freude, ſie ſo antworten zu hören. Und wie ich ſchon vorher ſagte, Urſula war nicht eine von den Frauen, die ſich blindlings leiten laſſen, ſelbſt nicht von ihrem Manne. Zuweilen wichen ſie in ihrer Meinung von einander ab, doch ward das immer in Liebe ausgeglichen, während ſie in größern Angelegenheiten das einfache Vertrauen in ihn ſetzte, daß, wenn Einer von ihnen Recht und der Andere Unrecht habe, ſie wohl diejenige ſein müſſe, die ſich irre. Sie ſprach nicht mehr darüber, brachte die Kin⸗ der zu Bette und kam dann wieder mit Hut und Shawl herunter. „Wenn Sie nicht zu müde ſind, Phineas, wol⸗ len Sie mich begleiten? Ich will nach der Mühle gehen.“ Sie trat ihren Weg mit großer Schnelligkeit an, doch nicht ſo eilig, daß ſie nicht auf der Höhe der Weiden durch das Geſchrei eines Kindes aufge⸗ halten ward; ſie nahm es auf und zeigte ihm den Weg nach dem Dorfe von Enderly zu ſeiner Mutter zurück. Es war beinahe dunkel geworden, und wir be⸗ gegneten Niemand als einem jungen Manne, der mir — 3— ſchon öfter des Abends aufgefallen war. Stets in einen weiten Mantel gehüllt und mit einem fremd⸗ ländiſchen Hute auf dem Kopfe, machte er einen un⸗ angenehmen Eindruck. „Wer iſt das nur, der unſere Fabrik zu beob⸗ achten ſcheint?“ fragte Mrß Halifax haſtig. Ich erzählte ihr, daß ich ihn ſchon öfter geſehen hätte. „Er ſieht beinahe wie ein Papiſt aus— ich meine ein Katholik.“(John hörte die Bezeichnung Papiſt nicht gern..„Mrß. Tod verſichert, es wären Viele dieſes Glaubens hier herum verſteckt. Sie fin⸗ den gewöhnlich Obdach in Luxmore⸗Hall.“ Dieſer Name gab unſern Gedanken eine beſorg⸗ liche Richtung, und kaum hatten wir den Fuß des Berges erreicht, ſo bemerkte ich, daß die Geſtalt uns beinahe bis nach dem Mühlen⸗Thore gefolgt war. Wir fanden den Meiſter in Mitten ſeiner leeren Mühle in der Nähe eines unthätig gewordenen We⸗ beſtuhles. Er ſah außerordentlich niedergeſchlagen aus.— Urſula berührte ſeinen Arm, noch ehe er ſie bemerkt hatte. „Nun, meine Liebe, Du weißt, was geſchehen „Ja, John! Aber gräme Dich nicht deßhalb.“ — 129— „Ich thäte es auch nicht, wäre es nicht um meiner armen Leute willen.“ „Was gedenkſt Du nun zu thun? Was Du Dir ſchon längſt vornahmſt?“ „Unſere Wünſche erfüllen ſich oft zu unſerm eigenen Kreuze,“ ſagte er nicht ohne Bitterkeit.„Es iſt das Einzige, was mir zu thun übrig bleibt. Da die Waſſerkraft ſo bedeutend verringert ward, muß ich entweder die Mühlen ſtill ſtehen oder durch Dampf arbeiten laſſen.“ „So thue es nur und ſtelle Deine Dampf⸗ maſchine auf.“ „Und bringe dadurch die ganze Gegend in Auf⸗ regung, die mir nachſagen wird, daß ich die Hand⸗ arbeit zerſtöre. Ein neuer Aufſtand der Arbeiter wird ausbrechen, die mir meine Mühlen verbrennen und meine Maſchinen zerſtören. Das iſt es gerade, was Lord Luxmore beabſichtigt. Sagte er nicht, er wolle mich in das Elend bringen? Er thut mehr als das, er zerſtört meinen guten Namen. Hätteſt Du nur die armen Leute gehört, die ich dieſen Abend fortſchicken mußte. Sie, die nur geringe Arbeit in den nächſten zwei Monaten erwarten und dann den Bau der Maſchine vor ſich ſehen, die ihnen nach ihrer Ueberzeugung den Lebensunterhalt raubt. Was ſollen ſie von ihrem Brotherrn denken?“ John Halifax. 1v. 9 — 130— Er ſagte das Alles in einer Weiſe, wie wir es nicht an ihm gewohnt waren und wozu ſich der Menſch leider oft durch irdiſche Noth und Ungerech⸗ tigkeit verleiten läßt.„Armes Volk!“ fügte er hinzu, „ich kann ſie nicht tadeln, ja ich ſtand ihnen ſtumm gegenüber, als ſie mir heute Abend antworteten, ich müſſe die Folgen von dem tragen, was ich anfinge, ſie hätten kein Brot für Frau und Kinder! Aber ich bedarf doch deſſen auch für die Meinigen. Lord Luxmore trägt allein die Schuld.“ Hier kam es mir vor, als hörte ich einen tiefen Seufzer, der aus dem dunklen Schatten hinter dem Webſtuhle hervordrang. John und Urſula waren wohl zu unruhig, um darauf zu achten. „Kann man irgend Etwas thun?“ frug ſie,— „wenigſtens um die Sache hinzuhalten, bis Deine Dampfmaſchine iſt? Wird ſie ſehr theuer werden?“ „Theurer als ich hoffte.— Aber es muß doch ein Mal geſchehen; wer Nichts wagt, gewinnt auch Nichts. Du und die Kinder, Ihr ſeid auf jeden Fall geſichert, und das iſt doch ein Troſt. Aber,— aber meine armen Leute in Enderly!“ Urſula wiederholte ihre Frage, ob Richts für ſie geſchehen könne. „Ja,— ich mochte den Plan nicht ausſprechen, aber—“ „John, ich weiß, was Du im Sinne haſt.“ Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm, und indem ſie ſchnell zu ihm aufblickte, ſahen ſie ſich Auge in Auge. Es ſchien mir oft, als wenn ſie in Folge langer Ge⸗ wohnheit eben nur durch einen Blick Einer in der Seele des Andern zu leſen vermöchten. Endlich ſagte John: „Würde das Opfer nicht zu groß ſein, Liebe?“ „Wie kannſt Du nur ſo ſprechen! Wir werden ſehr leicht Etwas erſparen, indem wir noch einfacher leben und einige überflüſſige Angewohnheiten aufge⸗ ben. Siehſt Du, nur äußerliche Dinge, alſo weß⸗ halb ſollen wir uns um Gegenſtände ängſtigen, die nur das Außenleben betreffen?“ „Das willſt Du wirklich?“ frug er in einem zärtlichen Tone. Ich erkannte bald, in welcher Weiſe ſie die Schwierigkeiten zu überwinden gedachten, indem ſie nämlich die Zinſen des Kapitals für die Leute verwendeten, das John ſeiner Frau verſchrieben hatte, um die Seinigen ſelbſt dann vor Schaden zu bewahren, wenn die Unternehmungen ſeines Geſchäfts mißlingen ſollten. Drei Monate der kleinen Entbeh⸗ rungen, drei Monate wieder in der alten Weiſe von 9* Norton Bury gelebt, und den armen Familien in Enderly konnte volles Lohn gewährt werden, wenn es auch an Arbeit fehlte. Und in unſerm ſtillen Thale herrſchte dann weder Mangel noch Erbitterung und vor allen Dingen kein Tadel, der den Herrn traf. Dies Alles ward zwiſchen Beiden in weniger Worten abgemacht als ich hier gebrauchte, um dies niederzuſchreiben. Sie waren ſo ſehr Eins in ihren Herzen, daß die Entſcheidung ſich ſchnell machte. „Nun,“ ſagte John, ſich aufrichtend, als ſei ihm eine Laſt von den Schultern genommen;„nun kann geſchehen, was da will, Lord Lurmore vermag mir nicht mehr zu ſchaden.“ „Lieber Mann, laß uns nicht mehr von Lord Luxmore ſprechen.“ Derſelbe Seufzer und eben ſo geiſterhaft er⸗ tönte aus der Dunkelheit. Dies Mal hörten ſie ihn Beide auch. „Wer iſt dort?“ „Nur ich, Mr. Halifax. Seien Sie mir nicht böſe. Es war eine ſanfte, milde Stimme, eine, die wohl lange der Unterordnung gewohnt war, und der junge Mann, den Urſula für einen Katholiken hielt, trat aus dem Schatten zu uns heran. — 133— „Ich kenne Sie nicht, mein Herr. Aber wie kamen Sie hier nach meiner Mühle her?“ „Ich folgte Mrß. Halifax; oft habe ich ſie und Ihre Kinder beobachtet. Aber Sie erinnern ſich meiner wohl nicht mehr?“ Ja, als er ſich dem einen trüben Lichte näherte, erkannten wir Alle ſein Geſicht, freilich noch bleicher als ſonſt, und ein noch trüberer, hoffnungsloſerer Blick begegnete uns aus dieſen großen grauen Augen. „Ich bin ſehr überraſcht, Sie hier zu finden, Lord Ravenel.“ „O ſtill, der Ton dieſes Namens iſt mir ſchon verhaßt. Gern hätte ich früher darauf verzichtet, mich vor ihm und der ganzen Welt verborgen, wenn er es nur erlaubt hätte.“ „Er? Sprechen Sie von Ihrem Later?“ Der Jüngling— nein, er war ein junger Mann geworden, doch ſah er kaum anders als ein Knabe aus— bejahte es ſchweigend, als fürchte er, den Namen auszuſprechen „Würde er Ihren Beſuch bei mir aber nicht tadeln?“ fragte John, ſtets bemüht, jede geſetzliche Autorität ſtreng bis zur 5 einer Haaresbreite feſtzuhalten. „Es ſchadet Nichts, er iſ fort. Er ließ mich während der letzten ſechs Monate in Lurmore allein.“ — 134— „Haben Sie ihn verletzt?“ lautete Urſula's Frage, die mit freundlichen Blicken ſein feines Antlitz betrachtete, das ſie vielleicht an ein anderes erinnerte, das wohl für immer aus unſerem und ſeinem Ge⸗ ſichtskreiſe verbannt war. „Er tadelt und haßt mich, weil ich Katholik bin und Mönch werden möchte.“ Der junge Mann bekreuzte ſich, dann aber ſah er ſich erſchrocken um, als fürchte er, beobachtet zu werden.„Sie verrathen mich nicht, Mr. Halifax, Sie ſind ein guter Mann und ſprachen warm für uns. Oh! ſagen Sie es mir— ich bewahre Ihr Geheimniß heilig— ſind Sie nicht auch katholiſch?“ „Nein, wahrhaftig nicht.“ „Und ich hoffte es. Aber Sie verſprechen mir doch, daß Sie mich nicht verrathen?“ Mr. Halifar mußte über eine Möglichkeit der Art lächeln. Und doch waren des jungen Mannes Befürchtungen im Allgemeinen nicht grundlos, denn in jenen Tagen ward der Katholik eben ſo gut wie der Proteſtant, welcher der Staatskirche nicht ange⸗ hörte, von dem Geſetze ſowohl wie von der öffent⸗ lichen Meinung verfolgt und gekränkt. Alle, welche die Grenzlinie der allgemeinen Kirchenform verließen, 5 wurden als Sieue Beiſten und Atheiſten be⸗ zeichnet. — 135— „Aber weßhalb wollen Sie ſich von der Welt zurückziehen?“ „Ich bin ihrer ſatt! Ich fand niemals Jemand darin, den ich liebte oder der mich liebte, alſo Sancta Maria, ora pro nobis.“ Seine Lippen bewegten ſich in einem ſtillen Ge⸗ bete, einem auswendig gelernten lateiniſchen unfrucht⸗ baren Gebete; aber mit dem Ernſte, wie er es ſprach, ſchien es ihm dennoch gut zu thun. Und als ob die Mutter jenen jammervollen Schrei im Geiſte wieder hörte, deſſen ich mich in dieſem Augenblicke auch erinnerte:„Armer William! Erzählen Sie es William niemals!“ wandte ſie ſich liebe⸗ voll zu ihm und frug, ob er mit uns nach Hauſe gehen wolle. Er ſah außerordentlich überraſcht aus.„Ich? Sie können mich nicht meinen, nach Allem, was Ihnen Lord Luxmore Böſes zufügte.“ „Kann das eine Urſache werden, weßhalb ich ſeinem Sohne nicht Gutes thun möchte, im Fall es mir möglich wäre? Und iſt es in meiner Macht?“ Der Jüngling ſchlug ſeine ſanften ſchönen Augen auf, und bei dem Ausdrucke derſelben erinnerte ich mich, was uns ſeine Schweſter von ſeiner enthu⸗ ſiaſtiſchen Verehrung für Mr. Halifar erzählt hatte. „Oh, Sie könnten es, Sie könnten es!“ ſ —— —— — 136— „Aber ich und die Meinigen ſind Ketzer, wie Sie wiſſen.“ „Ich will für Sie beten. Nur erlauben Sie mir, zu Ihnen zu kommen— Sie und Ihre Kinder öfter zu ſehen.“ „Sie werden ſtets willkommen ſein.“ „Herzlich willkommen, Lord—“ „Nein, nicht dieſen Namen, Mrß. Halifax! Nen⸗ nen Sie mich, wie ich in St. Omer hieß, Bruder Anſelmo.“ Der Mutter ſchwebte ein Lächeln auf den Lippen, doch John erlaubte ſich über keine religiöſe Glaubens⸗ richtung zu lächeln, ſo thörigt ſie ihm auch erſchei⸗ nen mochte. Er hielt jede Aufrichtigkeit und Red⸗ lichkeit der Ueberzeugung um ſo heiliger, je ſeltener man ſie findet. So kam es denn, daß von jetzt an Bruder An⸗ ſelmo in Roſe⸗Cottage faſt wie zu Hauſe war. Was hätte der Earl wohl geſagt, wäre ein Vögelchen hin⸗ über nach London geflogen, um ihm zu erzählen, daß ſein einziger Sohn, der Erbe ſeiner Ehren, Titel und politiſchen Grundſätze, ſich in einer dauernden und offenen Verbindung— denn es lief gegen unſre Anſichten, in geheimen Beziehungen zu Jemand zu ſtehen— mit John Halifax, dem Mühlenbeſitzer, be⸗ finde, mit John Halifax, dem Radikalen, wie er no — 137— weilen bezeichnet ward, in deſſen Umgange er Grund⸗ ſätze, Lebensanſichten und Gedanken einſog, die min⸗ deſtens geſagt denen der Familie Luxmore ganz ent⸗ gegengeſetzt waren! Aber mehr wie über dies Alles, was würde der vornehme Vater geſagt haben, wäre er inne gewor⸗ den, daß ſein einziger Sohn, für den er nach allen Nachrichten bereits eine in Beziehung auf Vermögen eben ſo glänzende Heirath angebahnt hatte wie die ſeiner Tochter, daß Lord Ravenel den ganzen Schatz ſeines liebenden Gemüthes in halb väterlicher, halb jugendlicher Neigung, wie es bei jungen Leuten oft der Fall iſt, einem Kinde weihte, und zwar der klei⸗ nen Muriel, John Halifax's blinder Tochter! Er pflegte zu ſagen, unſer Friedenskind mache ihn beſſer; und ſo ſaß er oft neben ihr und blickte ſie an, als wäre ſie ſein Schutzengel oder ſeine beſon⸗ dere Heilige. Das kleine Mädchen dagegen war ihm in ihrer ſtillen, ruhigen Weiſe herzlich gut und gefiel ſich in ſeiner Geſellſchaft, ſo lange ihr Vater nicht bei ihr war, denn den liebte ſie doch über Alles. Die hauptſächlichſte Sympathie zwiſchen ihr und Lord Ravenel oder Anſelmo, wie er von uns genannt zu werden wünſchte, blieb immer die Muſik. So lehrte er ſie in der nahegelegenen leeren Kirche das und in den langen Sommerabenden — 438— ſaßen Beide ſtundenlang vor der Orgel, während ich unten zuhörte, und kaum begriff, wie dieſe zarten Kinderfinger ſo himmliſche Töne hervorzurufen ver⸗ möchten, und gern gab ich mich dem Glauben hin, daß himmliſche Hilfe ihr dabei von Oben kommen müſſe, denn wir hatten ja ſo oft geſagt,— wenn wir auch jetzt inſtinktmäßig das Wort nicht mehr wieder⸗ holten— daß Muriel ſo gern mit den Engeln redete. Um dieſe Zeit beſchäftigte ſich John etwas we⸗ niger als ſonſt mit ihr. Er ward durch Sorgen und täglichen, ja ſtündlichen Aerger erdrückt. Nur zwei Mal die Woche ſah man noch das große Waſſer⸗ rad ſich langſam bewegen, die Waſſerläufe in den Wieſen ſowie die Kanäle, die durch den mechaniſchen Druck ſonſt zu ſcheinbaren Waſſerfällen wurden, ver⸗ gingen gänzlich und trockneten aus. Ja, der Spa⸗ ziergang durch die grünen Abhänge zwiſchen den Grashügeln, den Muriel und ich mehr als die Hoch⸗ ebene liebten, hörte auf, ein Vergnügen zu ſein. Sie vermißte das Geräuſch des Waſſers, den Schrei des Waſſerhuhns und das Rauſchen des Rohres. Aber mehr als alles Andere verlangte ſie nach ihrem Va⸗ ter, der zu viel in der Mühle zu thun hatte, um ju uns herauszukommen, und ſelbſt für ſeine kleine Toch⸗ — — 139— Er richtete die wunderbare neue Erfindung, eine Dampfmaſchine, bei ſich ein; vorher war er in Mancheſter und an andern Orten geweſen, um mit eigenen Augen die Handhabung dieſer großen Kraft zu beobachten. Seine frühern mechaniſchen Kennt⸗ niſſe und ſein ſeltener Geiſt ließen ihn leicht Alles begreifen, und ſo arbeitete er ſelbſt früh und ſpät mit den Leuten, die er ſich von Mancheſter mitge⸗ bracht hatte, denn er ſah wohl ein, daß in unſerm primitiven Thal das Geheimniß ſtreng bewahrt wer⸗ den mußte, bis die Sache in vollkommener Ordnung und vollendet ſei. So ſtanden denn die einfachen Leute, wenn ſie ſich Sonnabends ihren leichterworbenen Wochenlohn holten, verwundert vor der Maſſe Eiſen und dem ſonderbaren Mauerwerke da, und waren neugierig, was der Meiſter nur in aller Welt mache. Doch ſtand er trotz aller ſeiner Freundlichkeit in ſo hoher Achtung, daß ſich Niemand eine beſtimmte Frage erlaubte. ————— — — — Fünftes Rapitel. Der Sommer verfloß in dieſer Weiſe und bereits begann ſich das Buchengehölz zu röthen und die kleine gelbe Herbſtblume über die ganze Fläche der Weiden zu verbreiten, während ſich zwiſchen ihnen das Scharlachauge der Wieſendiſtel erhob. Die Morgen wurden feucht und neblig, ſo daß wir Muriel nicht mehr auf unſern frühen Spaziergängen nach der Terraſſe mitnehmen konnten, John's Lieb⸗ lingsaufenthalt, wohin wir alle Morgen unſere Schritte lenkten, ehe ſich noch Jemand im Hauſe regte. Zuerſt vermißte ſie ihr Vater ſchmerzlich, doch wiederholte er ſich immer ſelbſt, daß Kindern eine ſo frühe Bewegung in der Morgenluft nicht gut ſei. Endlich aber hörten ſeine Spaziergänge gänzlich auf — 141— und er ſaß gewöhnlich bis zum Frühſtücke vor der Thür der Cottage und hielt ſie vor ſich auf ſeinen Knieen. Später verſicherte er mit einer Art von Eifer⸗ ſucht, daß Jeder in der Familie mehr als er ſelbſt von ſeiner kleinen Tochter habe, und fing an, ſie ſich jeden Nachmittag hinunter nach der Mühle zu holen, wo er ſie überall mit ſich führte, ja ſie an den ſchwierigen Stellen in ſeine Arme nahm und dahin trug, wo die Geſchäfte ſeine Gegenwart erfor⸗ derten. Wie oft habe ich bemerkt, daß die rauhe und gewöhnlich ausſehende Müllerin mit ihren blauen Händen und der blauen Latzſchürze ſtill ſtand und den Herrn und die kleine blinde Miß aufmerkſam mit ihren Blicken verfolgte. Und ich kann noch heute nicht anders als glauben, daß die Ruhe, mit der die Arbeiter der Enderlymühle die Einführung der Dampfmaſchine aufnahmen, die friedfertige Auf⸗ merkſamkeit, mit der ſie wochenlang den Bau der⸗ ſelben beobachteten, theilweiſe aus der Bewunderung entſtand, die ihnen die Vaterliebe von Mr. Halifar einflößte, theilweiſe aber auch aus dem unbeſtimmten abergläubiſchen Intereſſe, das ſie an das bleiche, ſüße Antlitz Muriel's feſſelte. Enderly ward immer trauriger, und wir —— —— — —— wünſchten uns Alle wieder an unſern heimlichen häuslichen Heerd in Longfield. „Die Kinder kehren doch Alle weit wohler aus⸗ ſehend zurück als ſie herkamen. Findeſt Du das nicht, Onkel Phineas? Beſonders aber Muriel?“ Auf dieſe letzte Verſicherung blieb mir nichts Anderes zu antworten übrig als eine allgemein gehaltene Bejahung; dann aber ſtand ich auf und entfernte mich mit dem Gedanken, wie blind doch die Liebe ſei, alle Liebe, außer der meinigen, die ſtets die trübſte Seite der Gegenſtände entdeckte. Als ich wiederkehrte, fand ich Mutter und Tochter in einem geheimnißvollen Geſpräche bei⸗ ſammen ſtehen. Ich konnte mir denken, was es ſein mußte, denn ich hatte gehört, wie Urſula meinte, es ſei beſſer, ihr zu ſagen, daß ſie Etwas erwarten könne, Etwas, was ihr kommenden Winter viel Vergnügen machen werde. „Erinnere Dich aber daran, daß es ein großes Geheimniß iſt,“ flüſterte die Mutter. „Ja, gewiß!“ und mir kam es vor, als ob das kleine immer mager werdende Geſicht ſich ſanft röthete.„Aber ich hätte doch lieber eine kleine Schweſter, wenn es möglich wäre. Nur—“ und der Ausdruck des Kindes ward ernſt und trübe, „nur möchte ich wiſſen, würde ſie mir gleichen?“ — 143— „Wohl möglich, Schweſtern gleichen ſich oft.“ „Nein, ſo meine ich es nicht; aber Du weißt wohl—“ und Muriel berührte ihre Augen. „Das kann ich Dir nicht ſagen, mein Kind; indeſſen bitte ich Gott, daß ſie in allen andern Dingen meiner Muriel gleicht, meinem Lieblinge, meinem Friedenskinde!“ ſagte Urſula, ſie unter Thränen an ihr Herz drückend Nach dem ihr geſchenkten Vertrauen, das Muriel ſehr ſtolz machte, und das ſie ſich nur herabließ, mir nach eingeholter Erlaubniß mitzutheilen, ſprach ſie ſo gern und viel von der Schweſter, bis die kleine Maud, ein Name, den ſie ihr gab, bereits eine wirk⸗ liche Perſon im Hauſe ward. Die Würde und der Ruhm, die alleinige Be⸗ ſitzerin dieſes Geheimniſſes zu ſein, ſchien dem kleinen Mädchen von eilf Jahren neues Leben, neues menſch⸗ liches Leben zu verleihen. Sie bekam in dem Be⸗ mühen, der Mutter in verſchiedenen Vorbereitungen zu helfen, wirklich ein weibliches Anſehen; beſonders eifrig war ſie in dem einzigen Zweige weiblicher Arbeit, die der arme Liebling machen konnte, und ſaß fleißig an dem zierlichſten Paar Kinder⸗ ſtrümpfchen ſtrickend, die man nur ſehen konnte Ich fand letztere nach Jahren wieder, einen bereits fertig, den anderen noch mit den halbverroſteten Stricknadeln ——— — —— ————— — — ———— ———— ——— — 144— darin und an den feinen Knäul feſtgeſteckt, gerade wie das Kind die Arbeit aus der Hand gelegt hatte. O, Muriel! Muriel! Der Vater war entzückt über dieſe Geſchäftigkeit, der ſie ſich widmete, und daß ſie ſtets an der Seite der Mutter zu finden war. „Was wird ſie Urſula für eine Stütze werden; eine älteſte Tochter iſt das immer für die Mutter. Ja, das wird ſie werden. Glaubſt Du es nicht, Onkel Phineas?“ Ich lächelte zuſtimmend. Ach, ſeine Bürde war bereits ſchwer genug. Ich that gewiß kein Unrecht, zu lächeln. „Wenn die Dampfmaſchine zuerſt arbeitet, müſſen wir ſie doch hinunter führen, damit ſie es mit erlebt. Ich wünſchte zwar, Urſula wäre nach Hauſe gereiſ't, ohne den morgenden Tag abzuwarten, indeſſen iſt Nichts dabei zu befürchten; meine Tute ſind vortrefflich gelaunt und vollkommen ruhig. Der Tag, der in ſo manchen Fabriken Furcht und Unzufriedenheit erzeugt, wird hier zu einem Feſte. Jungens, wollt Ihr mitkommen? Edwin, Du mein praktiſcher Knabe, Du, der die Sache einſt führen wird, willſt Du mir verſprechen, Onkel Phineas' Hand nicht loszulaſſen, wenn ich Dir die Dampf⸗ maſchine in ihrer Bewegung zeige?“ Edwin ſah ihn mit ſeinen klaren, durchdrin⸗ — 145— genden Augen verſtändig an. Er war früh in ſeinem ganzen Weſen wie ein erwachſener Menſch, vernünftig, von Kindheit an ſelbſt ruhig, wenn Guy mit ihm zankte; aber ich bemerkte, daß er auch nicht ſo leicht wie Guy mit andern Kindern Freundſchaft machte. Guy war freilich der unartigſte von Allen und doch liebten wir ihn am meiſten. Armer Guy! Er hatte das offenſte, wärmſte und zärtlichſte Gemüth, immer bereit, das Rechte zu thun, aber er führte es beinahe nie durch. „Vater!“ rief er,„ich möchte auch die Dampf⸗ maſchine arbeiten ſehen, aber nicht wie Edwin, der noch ein kleines Kind iſt, ich faſſe Onkel Phineas nicht an.“ Darüber entſtand einer jener Gewitterſtürme, der den Horizont der Familie ſchnell überflog, und während deſſen ich mich dies Mal mit Muriel nach der leeren, faſt dunkel gewordenen Kirche fortſtahl; für ſie war ſie freilich nicht dunkel, und über eine Stunde ſaß ſie hier und ſpielte. Nach und nach warf der Mond ſein ſanftes Licht durch die hohen Fenſter und beleuchtete die vergoldeten Orgelpfeifen und die kleine elfenartige Geſtalt, die unter denſelben ſaß. Ein oder zwei Mal hielt ſie ein, um mich zu fragen, wo nur Bruder Anſelmo bleiben möge, der uns gewöhnlich des Abends in der Kirche erwartete, John Halifax. 1w. 10 — 146— und den wir heute, am letzten Abende, ehe wir Alle nach Longſield überſiedeln wollten, gewiß erwartet hatten. Endlich kam er, ſetzte ſich ſchweigend neben mich und hörte zu. Sie ſpielte gerade einen Abſchnitt aus einer ſeiner katholiſchen Meßchöre. Als ſie auf⸗ hörte, rief er:„Muriel!“ Ihre ſanfte erfreute Antwort erſcholl von der Gallerie. „Kind, ſpiele das Miſerere, das ich Dich lehrte.“ Sie gehorchte und ließ die Töne der Orgel wie den Schrei einer gequälten Seele erklingen. Wahrhaftig, was man auch von Andern rühmen mochte über das Spiel des Kindes, Mozart nicht aus⸗ genommen, Nichts konnte das des blinden kleinen Mädchens übertreffen. „Nun das Dies irae! das über uns Alle kommen wird,“ ſetzte er flüſternd hinzu. Das Kind ſchlug einige Töne an, ſchwer und ſchmerzlich hallten ſie in der Kirche wider, wie das dumpfe Rollen des Donners; plötzlich aber brach ſie ab, ging in füßere Töne über und endigte mit einer andern Melodie. „Das iſt Haendel's:„Ich weiß, daß mein Erlöſer lebt!““ Sie ſpielte dies beſonders ſchön, und die klaren — 147— runden Töne ſchienen die Worte wie menſchliche Stimmen auszuſprechen. „Ich weiß, daß mein Erlöſer lebt.— Am jüngſten Tage noch wird Er auf dieſer Erde ſtehen.“ „Und ob die Würmer meinen Leib zer⸗ ſtören, ſo ſoll ich Gott den Herrn in dieſem meinem Fleiſche ſehen.“ Und damit hörte ſie auf. „Weiter, weiter!“ riefen wir Beide. „Jetzt nicht, jetzt nicht mehr.“ Und wir hörten ſie aufſtehen und die Orgel verlaſſen. „Aber meine kleine Muriel hat ihr Lied noch nicht beendigt?“ „Sie wird es zu einer andern Zeit thun,“ erwiderte das Kind. Sie fühlte ſich von der Orgel nach der Treppe und hinunter bis in das Schiff der Kirche, wo wir ſie erwarteten, mit ihr fortgingen und die Thür verſchloſſen. Lord Ravenel war ſichtlich trübe geſtimmt, er verließ Luxmore⸗Hall für einige Zeit. Wir konnten leicht errathen, weßhalb, denn der Earl ward erwartet. Indem er uns Lebewohl ſagte, wendete er ſich ſchmerzlich bewegt mit den Worten zu ſeinem 10* — 148— kleinen Lieblinge:„Ich wollte, ich brauchte mich nicht von Dir zu trennen! Wirſt Du mich auch nicht ver⸗ geſſen?“ „Bücken Sie ſich zu mir herunter, ich möchte Sie anſehen.“ Das war der Ausdruck, den ſie gebrauchte, wenn ſie mit ihren feinfühlenden Fingerſpitzen das Antlitz Derer berührte, die ſie lieb hatte; dann ſagte ſie ſtets, ſie habe ſie nun geſehen. „Nein, ich werde Sie nicht vergeſſen.“ „Und mich auch lieb behalten?“ „Und Sie immer lieb haben, Bruder Anſelmo!“ Er küßte weder ihre Wange, noch ihren Mund, ſondern ihre kleine Kinderhand, und zwar mit einer Verehrung, als ſei ſie die Heilige, die er anbetete, oder die Frau, für die er ſpäter eine höhere Liebe em⸗ pfinden ſollte. Dann eilte er fort. „Wahrlich,“ flüſterte die Mutter mir ſcherzend zu, als ſie ihn unter den alten wohlbekannten Nuß⸗ bäumen forteilen ſah,„wahrhaftig, die Zeit hat Flügel. Die Sache wird ernſthaft, was meinſt Du, Vater? Fünf Jahre ſpäter und wir müſſen den jungen Mann in Muriel verliebt glauben.“ Aber John und ich wir ſahen in das ſanfte, ruhige Geſicht, es war halb das eines Kindes und halb das eines Engels. — 149— „Still!“ rief er, als läge in Urſula's Worten eine Entheiligung. Dann aber hob er das Kind zu ſich auf, lachte und bekannte, wie böſe er ſein würde, ſollte es Jemand wagen, ſich je in Muriel zu„verlieben“. Der nächſte Tag war zu dem erſten Verſuche mit der Dampfmaſchine beſtimmt. Gelang dieſer Verſuch, ſo wollten wir ſogleich von dort mit Extra⸗ poſt nach Longfield reiſen; denn die Mutter begann ſich ſehr nach ihrer Häuslichkeit zu ſehnen, und wir Alle mit ihr. So ward denn ein wehmüthiger unſchied von der guten Mrß. Tod genommen, die ihrer Seits in ein lautes Bedauern ausbrach und, nun ihre Jun⸗ gens erwachſen waren, verſicherte, es gäbe keine Kinder auf Erden, die man mit den unſrigen ver⸗ gleichen könne. Und wirklich, als die drei Knaben jetzt munter ihres Weges gingen, längſt ihren Streit vergeſſend und nur begierig auf das Neue und Un⸗ bekannte, was ihrer wartete, gab es wohl in der ganzen Umgegend nicht wieder drei ſo hübſche Buben. Stolz betrachtete ſie Mrß. Halifax, die ſich, wie alle Mütter, in ihren Söhnen ſonnte, während John uns langſam den Abhang hinab folgte, Mrß. Tod verſichernd, daß ſie Alle im nächſten Frühlinge — 150— wiederkehren würden, und dabei ſorglich in Decken gehüllt, ſeine kleine, zarte Winterroſe trug, ſeine ein⸗ zige Tochter. Wir fanden bereits vor der Mühle viel Men⸗ ſchen verſammelt, da John es im richtigen Augen⸗ blicke allgemein bekannt gemacht hatte, daß er den einzig möglichen Weg eingeſchlagen habe, um noch überhaupt die Fabrik in Thätigkeit zu erhalten, indem er ſeine Webſtühle durch Dampfkraft in Be⸗ wegung ſetze. Die Nachricht hatte allgemein überraſcht, ward aber mit ungewöhnlicher Ruhe ſowohl von ſeinen eigenen Arbeitern, als von allen Einwohnern des Enderlythales aufgenommen. Indeſſen ward auch hier eine gewiſſe hochmüthige Zweifelſucht laut, die man bei der Ausführung jeder neuen Erfindung trifft. Uum die verſchloſſene Thür, welche zum Dampfkeſſel führte, hatten ſich viel Männer gedrängt, und ein Dorforakel, das die Unmöglichkeit der Dampf⸗ kraft beweiſen wollte, war beſchäftigt, ein Feuer im Freien anzumachen und den beſten Theekeſſel ſeiner Frau darauf zu ſetzen, welchen ſie ärgerlich fortriß und ihn dabei etwas verbrühte, ſo daß er ſich hin⸗ kend fortmachte und einen ſchmerzlichen Beweis zu 3 dem Sprüchworte lieferte:„Ein Stückchen Wiſſen iſt ein gefährlich Ding.“ — 151— „Macht Platz, meine guten Leute,“ rief Mr. Halifax, und durchſchritt den Mühlgarten, ſeine Frau am Arme, von einem unwillkürlichen Murmeln der Verehrung und Achtung gefolgt. „Der Herr iſt und bleibt doch ein hübſcher Mann! er wird ſich ſeinen Weg ſchon machen!“ dies waren die Bemerkungen, die man von einigen ſeiner Leute hörte, und wahrſcheinlich drückten ſie die Ge⸗ fühle aller Uebrigen aus. Nur wenige Eigenſchaften verleihen wohl dem Menſchen im Allgemeinen eine ſo große Gewalt über die Gemüther als Muth und Kühnheit. Vielleicht beſtand darin das Geheimniß, weß⸗ halb John bis jetzt ſo glücklich eine Kriſis über⸗ ſtanden hatte, die ſo vielen Fabrik⸗ und Mühlen⸗ beſitern die Zerſtörung ihres ganzen Vermögens koſtete; denn die Einführung der Dampfkraft gab den Arbeitern die Ueberzeugung, daß ſie alle menſch⸗ liche Thätigkeit unnütz mache, ihnen alſo ihren Ver⸗ dienſt raube; vielleicht auch daß die Einwohner unſeres Thales in ihrem einfachen Naturzuſtande noch größeres Vertrauen in den eigenen Brotherrn ſetzten, aber gewiß war es, John ging durch den Zuſammenfluß und das Gedränge der Menſchen ruhig hindurch, und nur eine einzige Stimme erhob ſich, e S — 152— die den alten gefährlichen Ruf wiederholte:„Nieder mit den Maſchinen!“ 66 „Wer ſagt das?“ So wie die Stimme des Herrn erſcholl und das Feuer ſeines Auges blitzte, zog ſich der Knäuel der Arbeiter zurück und der Ausdruck der Unzufrie⸗ denheit verſtummte. Ruhig ging Mr. Halifax zwiſchen ihnen hin⸗ durch, betrat die Mühle und ſchloß die Thür zu dem Raume, auf dem er zu Maſchinen Kammern eingerichtet hatte, und worin er und die beiden Ar⸗ beiter aus Mancheſter in der letzten Woche Tag und Nacht beſchäftigt geweſen waren, um die Aufſtellung und Einrichtung der Dampfmaſchine zu bewerkſtelli⸗ gen. Sie arbeiteten unter Schloß und Riegel; doch verſicherten die Leute, dies gewohnt zu ſein. „Ihre Leute ſind halb verrückt, Mr. Halifax! Sie glauben, daß ſechs Teufel darin verſteckt wären.“ Und dabei deutete der Sprecher auf den großen Dampfleſſel, den man in einem anſtoßenden Gebäude eingemauert hatte. „Sechs Teufel, ſagen Sie? Nun wohl, dann werde ich der Meiſter Michael Scot ſein, was meinſt Du, Phineas? und meine Teufel tüchtig arbeiten laſſen.“ Er lachte, doch war er ſichtlich erregt. Noch — 153— ein Mal beſichtigte er Stück für Stück die ganze künſtliche Maſchine, die dabei ſo fein und eigen be⸗ handelt werden mußte; rieb hier und da an den Meſfingplatten, die ſo hell wie ein Spiegel leuchte⸗ ten; trat dann einen Schritt zurück und betrachtete das Ganze mit Stolz, ja mit Liebe. „Macht ſie nicht einen hübſchen Eindruck? Wenn ich ſie nur ordentlich aufgeſtellt habe, und ſie über⸗ haupt arbeitet.“ Seine Hände bebten, ſeine Wangen brannten, der kleine Edwin drängte ſich an ihn und faßte ihn beim Knie, doch ſetzte er das Kind haſtig aus dem Wege, denn er hatte einige kleine Fehler an der Maſchine entdeckt, und während die Arbeiter dies nach ſeiner Angabe änderten, beobachtete er ſie athem⸗ los und in ſichtlicher Angſt. Seine Frau näherte ſich ihm. „Rede nicht mit mir. Nein, Urſula. Gelingt es nicht, ſo bin ich verloren.“ Sie flüſterte nur leiſe ſeinen Namen„John!“ indem ihre weiche, aber kräftige Hand die ſeinige erfaßte, und dieſer Druck ſchien ihn zu ſtärken und zu erfreuen. Ein augenblickliches Lächeln ſlog über ſein Geſicht. „Nun,“ er öffnete die Thür und rief die Außen⸗ ſtehenden an,„zwei von Euch können hereinkommen =— — — und es ſehen, wie meine Teufel arbeiten. Jetzt alſo, Jungens, geht aus dem Wege; mein kleines Mäd⸗ chen,“ ſeine Stimme klang milder,„wird ſich mein Liebling auch nicht fürchten? Nun, Leute, iſt Alles fertig?“ Er drehte das Ventil auf.. Mit einem ſonderbar tönenden Geräuſche, ſo daß die beiden Leute aus Enderly erſchrocken zurück⸗ ſprangen, als wenn die ſechs Teufel wirklich heraus⸗ kämen, ſtrömte der Dampf in den Cylinder, und langſam fing ſich das Räderwerk an zu bewegen. „Es iſt Alles in guter Ordnung; die Maſchine arbeitet.“ „Nein, ſie ſtand plötzlich ſtill.“ John ſeufzte aus tiefſtem Herzensgrunde. Doch jetzt ſah man den Kolben wieder langſam auf⸗ und niedergehen, dieſen ſtarken rechten Arm des Rieſen⸗Automaten. Die bewegende Kraft. ergriff bald die großen und kleinen Zahnräder, ſo daß ſich die einen in langſamer, majeſtätiſcher Weiſe taktmäßig um ſich ſelbſt drehten, während ſich die andern mit ſchwindelnder Eile bewegten, daß man kaum zu un⸗ terſcheiden vermochte, ob ſie ſich drehten oder ſtill ſtänden. Und plötzlich hatte ſich dieſer Schöpfung des menſchlichen Geiſtes eine Seele mitgetheilt; dieſer — 155— wunderbar und geheimnißvoll zuſammengeſetzten Maſſe von Holz und Metall. Genug, das Unge⸗ heuer war lebendig geworden. Sprachlos beobachtete John dieſe Entwickelung. Jetzt, wo ihre Prüfung überſtanden war, brach ſeine Kraft zuſammen; ermattet ſetzte er ſich an die Seite ſeiner Frau, nahm Muriel auf ſeinen Schvoß und lehnte ſein Haupt an das ihrige. „Iſt Alles gut, Vater?“ flüſterte die Kleine. „Alles vollkommen gut, mein Einziges.“ „Du haſt es wohl vorhergeſagt, daß Du es durchſetzen würdeſt, und Du haſt es ausgeführt,“ rief ſeine Frau, deren Augen im Gefühle des Sieges glänzten, während ſich ihr Kopf ſtolz erhob. John dagegen ſenkte den ſeinigen immer tiefer und tiefer, leiſe vor ſich hin murmelnd: „Ja! Gott ſei gedankt, ja!“ Dann öffnete er die Thür für alle Außenſtehende, um ihnen dieſen wunderbaren Anblick zu gewähren. Dutzendweiſe ſtrömten ſie herein und ſtanden in ſtiller Verwunderung, Neugierde und ſchlecht ver⸗ hehlter Furcht ſtumm da. John gab ſich die Mühe, ihnen den Zuſammenhang ſtufenweiſe zu erklären, bis die Klügſten unter ihnen den Grundſatz des Ganzen erkannten und ſich über den Gedanken der ſechs Teufel beluſtigten. Aber mit ſcheuer Ehrfurcht ————— —— — 156— blickten ſie doch auf ihren Herrn, als ſei er noch Etwas mehr als ein Menſch. Offenen Mundes horchten ſie auf jedes ſeiner Worte, und immer voller und beengter wurde der Maſchinenraum, bis man daſelbſt kaum mehr frei athmen konnte; aber freilich hielten ſie ſich immer in einer gewiſſen ſcheuen Ent⸗ fernung von dem eiſenbewaffneten Ungeheuer, das unaufhörlich fort und fort arbeitete, als wäre es fähig, bis in alle Ewigkeit zu arbeiten. John führte Frau und Kinder hinaus in die freie Luft. Aber Muriel, die während der letzten Minuten mit einem Ausdrucke der Freude neben ihrem Vater ſtand und den regelmäßigen Tönen der Ma⸗ ſchine, die wie das Athmen eines Dämons klangen, aufmerkſam zugehört hatte, verließ ſichtlich ungern die Fabrik. „Wie froh bin ich, Vater, daß ich heute mit hier ſein konnte; ſo froh!“ wiederholte ſie. Er verſicherte ihr immer und immer wieder, daß ſie ihn den nächſten Sommer gewiß nach En⸗ derly begleiten ſolle, und jeden Tag wolle er ſie mit nach der Dampfmaſchine nehmen, ja, wenn ſie es wünſche, ſie dort den ganzen Tag bei ſich behalten. Es war nun Alles ſo weit, daß uns Nichts mehr übrig blieb als ſo ſchnell wie möglich uns auf den Weg nach dem geliebten Longfield zu begeben. Auf den Wagen wartend, ſetzten ſich Mrß. Ha⸗ lifax und die Knaben nicht weit von der Brücke, die über den jetzt vertrockneten und ſchweigſam gewor⸗ denen Waſſerfall führte, deſſen Stufen früher der Fluß in ſüß tönendem Gemurmel benetzte, und wo jetzt Unkraut und lange Waſſerpflanzen wucherten. „Es ſieht recht verödet hier aus, doch brauchen wir uns nun nicht mehr darüber zu grämen,“ ſagte Mrß. Halifax. „Nein,“ antwortete ihr Mann.„Ein Mal die Dampfkraft erlangt, kann ich ſie in jeder mir be⸗ liebigen Weiſe anwenden. Meine Leute werden mich nicht daran hindern, ſie trauen mir und lieben mich.“ „Und fürchten ſich auch vielleicht ein wenig vor Dir. Aber das thut Nichts, es iſt eine zuträgliche Art von Furcht, und ich geſtehe, ich möchte nicht gern mit einem Manne verheirathet ſein, vor dem ſich Niemand fürchten könnte.“ John lächelte. Seine Aufmerkſamkeit war auf einen Reiter gerichtet, der von der Landſtraße auf uns zu geritten kam.„Ich glaube wahrhaftig, das iſt Lord Luxmore; ich bin begierig, ob er ſchon von meiner Dampfmaſchine gehört hat. Liebe, willſt Du in die Fabrik hineingehen oder hier bleiben?“ — 158— „Natürlich bleibe ich.“ Die Mutter ſetzte ſich ſogar der Brücke näher, ihre Knaben dicht neben ſich, und wie John lächelnd meinte, mit einem Ausdrucke, wie die Mutter der Gracchen, oder die Hochländerin, die einen Sohn nach dem andern in das Feld ſtellte, um gegen den Mörder ihres Vaters zu fechten und ihn zu beſiegen. „Scherze nicht,“ bat Urſula, die ſelbſt viel er⸗ regter als ihr Mann war. Zwei Zeichen des Zor⸗ nes brannten auf ihren zarten Wangen, als Lord Luxmore ſich ihr näherte und ſie im Vorüberreiten grüßte. Mrß. Halifax erwiderte es ſtolz genug. In demſelben Augenblicke erſcholl aber von der Fabrik her ein lautes Lebehoch, und deutlich konnte man die Worte unterſcheiden:„Ein Hurrah für den Herrn! Hurrah für Mr. Halifar!“ Urſula lächelte nicht ohne Stolz. Lord Luxmore wandte ſich mit einem ſo freund⸗ lichen Ausdrucke zu ſeinem Pächter, daß man ſie in dem beſten Verhältniſſe glauben mufßte. „Was iſt das für ein Lärm, den man hört, Mr. Halifax?“ „Es ſind meine Leute, die mir ein Lebehoch bringen.“ „O! wie angenehm und für das eigene Gefühl wohlthuend! Aber darf ich fragen, weßhalb es geſchieht?“ John theilte ihm in gedrängter Kürze die Ur⸗ ſache mit, und drückte ſich mit derſelben feinen Höf⸗ lichkeit aus, in der er angeſprochen ward. „Und dieſe Dampfmaſchine, von der ich übri⸗ gens ſchon hörte, wird Ihnen alſo in Ihren Fabrik⸗ Anlagen einen großen Vortheil bringen?“ „Gewiß, Mylord. Sie macht mich von dem Fluſſe hier unabhängig, ſo daß den Fontainen in Luxmore jetzt die alleinige Benutzung deſſelben zu Gebote ſteht.“ Es wäre wohl beinahe mehr geweſen, als von der menſchlichen Natur erwartet werden kann, hätte ſich nicht bei dieſen Worten ein leiſer Anflug von Spott und Triumph in John's Antlitz gezeigt, der auf des Lords höfliche Einladung ihn zu Fuße begleitete. Indem ſie einen kleinen Hügel erreichten, verlor ſie Mrß. Halifax aus den Augen, die beſchäftigt war, die beiden jüngſten Knaben in den angelangten Wagen zu ſetzen. „Ich habe Sie nicht ganz verſtanden. Wollten Sie ſo gefällig ſein und es noch ein Mal wiederholen?“ „Sehr gern, ich meinte, daß mir die Verände⸗ rung des Stromlaufes, den Sie, mein Herr, an⸗ ordneten, den größten Vortheil gebracht hat. Sie — 160— mögen es beabſichtigt haben oder nicht, geſtatten Sie auf alle Fälle, Ihnen meinen Dank auszuſprechen.“ Ohne zu antworten, ſah der Earl John feſt in das Auge, und gleich darauf gab er ſeinem Pferde die Sporen, daß es im vollſten Laufe davonflog. „Die Kinder! großer Gott, die Kinder!“ Guy war am Uferrande und pflückte Blumen, aber Muriel, wir hatten zum erſten Male in unſerm Leben Muriel vergeſſen. Und ſie ſtand auf dem Wege, den das Pferd nahm, das hilfloſe blinde Kind; im nächſten Augen⸗ blicke lag ſie niedergeworfen vor uns. Ich hatte nie einen Fluch von John's Lippen gehört, und den er jetzt ausſtieß, blieb der einzige. Lord Luxmore mußte ihn auch vernommen haben. Und das Bild des beſinnungsloſen Vaters, der ſein Kind unter den Hufen des Pferdes hervorzog und es mit wilder Haſt an ſeine Bruſt drückte, blieb wohl dem guten Gedächtniſſe des Lords lange ein⸗ geprägt. Er ſtieg ſogleich ab und frug ängſtlich:„Ich hoffe, das Kind iſt nicht verletzt? Es war ein reiner Zufall, Sie müſſen das ſelbſt einſehen, ein reiner Zufall.“ Aber John hörte ihn nicht, er hätte wohl kaum den Donner des Himmels vernommen. Er kniete — 161— bei einem kleinen Waſſerlaufe am Ufer, das Kind im Arm. So wie das Waſſer ihr Geſicht berührte, öffnete es die Augen mit jenem glanzloſen Ausdrucke, der ſo peinlich anzuſehen war.„ „Mein kleiner Liebling!“ Muriel lächelte und ſchmiegte ſich feſt an ihn. „Nein, Vater, mir fehlt wirklich Nichts.“ Lord Luxmore ſchien ſichtlich erleichtert und wiederholte ſeine Entſchuldigung. Keine Antwort. „Geh' fort!“ ſchluchzte Guy, ſeine kleinen Hände geballt zum Lord erhoben.„Geh' fort oder ich ſchlage Dich todt! Schlechter Mann! Hätteſt Du meine Schweſter getödtet, ſo ſollteſt Du auch nicht leben bleiben!“ Lord Luxmore lachte über die Wuth des Kna⸗ ben, warf ihm eine Guinée zu, welche Guy ihm wie⸗ der mit aller Gewalt zurückſchleuderte, und ritt ruhig weiter. „Guy, Guy!“ rief die ſchwache ſanfte Stimme, die mehr über ihn vermochte als alle andern, die der Mutter ausgenommen.„Guy, Du mußt nicht böſe ſein. Vater, verbiete es ihm doch.“ Aber der gute Vater war nur mit Muriel be⸗ ſchäftigt, verließ ſie mit keinem Blicke und befühlte John Halifax. 1W. 11 ℳ — alle ihre kleinen Glieder, um ſich zu überzeugen, daß ihr Nichts zugeſtoßen ſei. Es ſchien in der That, als wäre ſie durch ein Wunder gerettet, und John hielt mit einer angſt⸗ vollen Zähigkeit an dem alten Glauben des Hauſes feſt, daß Muriel durch Richts Schaden leiden könne. „Da wirklich Alles gut überſtanden iſt und ſie gehen kann, glaubſt Du gewiß, es im Stande zu ſein, mein kleines Lamm? ſo iſt es wohl am Beſten, wir ſagen der Mutter Nichts davon, wenigſtens nicht eher als wir in Longfield ſind.“ Aber es war zu ſpät, die Mutter konnte auch nicht getäuſcht werden, denn jede Veränderung in den Geſichtern der Kinder erſchreckte ſie augenblicklich. So rief ſie denn auch gleich, als wir uns ihr näherten: „John, es iſt Etwas mit Muriel vorgegangen.“ Er erzählte ihr die Sache ſo leicht als möglich, wie wir es auch ſelbſt in den erſten zehn Minuten glaubten, bis wir durch die entſetzliche Bläſſe des Kindes und ſihr gänzliches Schweigen geängſtigt wurden. Der Wagen wartete indeſſen noch immer auf uns. „Was ſoll geſchehen, Urſula?“ flüſterte ich, — 163— denn ich ſah, daß es unnütz war, John um Etwas zu fragen. „Wir müſſen nach Enderly zurückkehren,“ er⸗ widerte ſie ſogleich ſehr beſtimmt. Und Muriel den Armen des Vaters übergebend, führte ſie den trüben kleinen Zug an, indem wir den Hügel wieder hinabgingen, um nach Roſe-Cottage zurückzukehren. chſtes Rapitel. Oyhne irgend eine beſondere Rückſpracheänderten wir ſtillſchweigend alle unſere früheren Pläne und es war nicht mehr von unſerer Rückkehr nach Long⸗ S* die Rede. Jeder fühlte, ohne es ausſprechen zu wollen, daß die Fahrt dorthin unmöglich war; denn Tag für Tag lag Muriel entweder in ihrem kleinen Bette in einer Stube des oberſten Stoc⸗ werkes, oder ward um die Mittagszeit behutſam von ihrem Vater hinunter getragen, freilich ohne je zu klagen, aber auch ohne den Verſuch zum Gehen zu machen. Frugen wir ſie, ob ſie ſich krank fühle, ſo erwiderte ſie immer:„O nein, ich bin nur ſo ſehr müde.“ Weiter konnte man Richts aus ihr heraus⸗ bringen. — 165— „Sie wird traurig, weil Niemand mit ihr ſpielt, und es iſt unrecht, daß die Knaben immer fortlaufen und ihre Schweſter allein laſſen,“ ſagte John nicht ohne Bitterkeit, als wir eines Morgens an dem Sopha ſaßen, wo Muriel lag, während die fröhlichen Stimmen der Jungen von der Hochebene her zu uns herab klangen. „Ach Väter! laß die Brüder ohne mich ſpielen, bitte. Ich mache mir wahrhaftig Nichts daraus, und bleibe lieber ruhig hier liegen.“ „Aber es iſt meinem kleinen Mädchen gar nicht gut, immer zu liegen, und betrübt auch den Vater.“ „Thut es das?“ Sie richtete ſich auf und begann ihre Glieder zu bewegen, aber ſichtlich ſehr matt und mühſam. „Das iſt recht, mein Liebling! Nun zeige mir auch, wie gut Du gehen kannſt.“ Muriel ſtand auf und verſuchte durch das Zimmer zu gehen, nach Stühlen und Tiſchen greifend; ach! jetzt nicht mehr, um ſich zurecht zu finden, ſon⸗ dern einer Unterſtützung bedürftig. Endlich fing ſie an zu ſchwanken, und deßhalb weinend rief fie: „Ich kann nicht gehen, ich bin ſo müde; ach, Vater, lieber Vater! nimm mich auf Deinen Arm!“ Ihr Vater hob ſie auf, ſah ihr lange in das blinde Antlitz und vergrub dann das ſeinige an ihrer Schulter, ohne ein Wort zu ſprechen. Aber ich denke, in dieſem Augenblicke ſah er auch die lang verborgene Hand ſo deutlich und klar, wie ich ſie ſeit einem Jahre aus den unveränderlichen Höhen des Himmels ausgeſtreckt und bereit erblickte, das zu ergreifen, was ihr Eigenthum war. John's Züge trugen ſeitdem eine Veränderung an ſich, die früher keine Sorge ſeines geprüften, aber glücklichen Lebens hervorgerufen hatte,— ein unaus⸗ löſchliches Zeichen, das mit Flammenſchrift dort eingebrannt blieb. Den ganzen Tag hielt er ſie in ſeinen Armen und verſuchte durch die verſchiedenſten Erzählungen ihr eine Art Unterhaltung zu bereiten. Ward ſie dadurch ermüdet, ſo ließ er ſie ſanft an ſeiner Bruſt ausſchlafen. Nachdem ſie aber zu Bette ge⸗ bracht war, bat er mich, mit ihm auf die Hochebene zu gehen. Es war eine trübe Nebel⸗Nacht; Kühe und Eſel ſtanden groß und geſpenſterhaft wie die Schatten der Wirklichkeit da und an dem Himmel war kein einziger Stern zu entdecken. Wir nahmen unſern gewöhnlichen Weg nach der Terraſſe und kehrten wieder zurück, ohne ein ein⸗ ziges Wort gewechſelt zu haben. Plötzlich aber ſagte John ſchnell und leiſe: —— „Es war gut, daß ihre Mutter heute zu be⸗ ſchäftigt war, zu viel zu thun hatte, um es zu be⸗ merken.“ „Ja,“ antwortete ich, mich eben ſo allgemein wie er ausdrückend. „Verſtehſt Du mich, Phineas? Man darf ihre Mutter auf keinen Gedanken bringen, ihr keine Angſt einflößen, in keiner Weiſe, aber deßhalb mußt Du auch nicht ſo betrübt ausſehen wie heute Morgen, Phi⸗ neas; nein, ſo darfſt Du nicht ausſehen.“ Er ſagte das Alles ſehr erregt, während ich ihn durch einige Worte zu beruhigen ſuchte. Darauf gingen wir ſtumm weiter, bis wir, uns dem Hauſe nähernd, das Licht in Muriel's Zimmer erblickten. Da fühlte ich faſt mehr des Vaters Seufzer, als daß ich ihn hörte. „O Gott, meine einzige Tochter! mein liebſtes Kind!“ Ja, es war ihm das Liebſte! ich wußte es wohl. Sonderbares Geheimniß der göttlichen Füh⸗ rung, daß Er uns ſo oft, ſei es durch den Tod oder in anderer Weiſe, das Liebſte nimmt, und wunder⸗ bar, daß Er dabei unſeren Schrei hört, mit dem wir uns im Staube winden:„Vater! ach Alles! Alles! nur das nicht.“ Aber unſer Vater antwortet uns nicht, und unter der Zeit ſehen wir, wie die Luſt unſerer Augen, ſei es ein Leben, eine Liebe, eine Segnung, uns mehr und mehr entſchwindet, bis ſie uns verlaſſen hat. Und doch müſſen wir den Glauben an unſern Vater im Himmel feſthalten Vielleicht iſt dies die ſchwerſte aller unſerer Glaubens⸗-Prü⸗ fungen! Wohl müſſen wir Gott danken, wenn Er uns eine ſo ſtarke Liebe für Ihn in das Herz legt, daß wir Ihm ſelbſt noch dann feſt vertrauen, wenn Er uns in dem Liebſten ſchlägt. Dieſer Vater, deſſen Herz gebrochen war, ver⸗ mochte es dennoch. Nachdem die Kinder zu Bette geſchickt waren und wir Drei noch zuſammen ſaßen, hätte Niemand glauben können, daß eine ſchwerere Wolke auf uns ruhte als die Betrübniß, welche die ganze Familie darüber empfand, daß der Liebling des Hauſes noch nicht wieder ſo kräftig als ſonſt ſei. „Aber ich denke, John, wir werden ſie wieder ganz munter haben, noch ehe ich“— Die Mutter ſtockte und lächelte. Es war wirklich eine beſondere Gnade des Himmels, der eine ſo wunderbare Blindheit über ſie kommen ließ, ihr ſo viel andere Pflichten und Sorgen gab, daß dadurch ihre Aufmerkſamkeit von Muriel abgelenkt ward. Während deſſen blieb es unſere unausgeſetzte Sorge, vom Morgen bis zum Abend ſie ſo viel wie möglich — 169— fern von ihrer kleinen Tochter zu halten und ſo ihre Seele vor der Erkenntniß der Gefahr zu bewahren. So legte ſich denn die Mutter nach wenigen Wochen hinter auf ihr Schmerzens-Lager und gab der Familie ein anderes Kind, Muriel eine kleine Schweſter. Dieſe war denn auch die Erſte, der man die Nachricht mittheilte. Der Vater erzählte es ihr, und ſeine natürliche Freude, ſein Dankgefühl war ſo groß, daß alle anderen Gedanken für den Augenblick ver⸗ ſcheucht zu ſein ſchienen. „Nun iſt ſie da, mein Liebling!“ ſagte er,„die kleine Maud iſt angekommen, ich bin nun wirklich reich, ich habe zwei Töchter.“ „Muriel freut ſich auch, Vater!“ Aber ſie zeigte ihre Freude in einer wunderbaren ruhigen, nachden⸗ kenden Weiſe, nicht wie ein Kind, ſelbſt anders als ſie ſonſt war. „Woran denkſt Du, mein Lämmchen?“ „Ich hoffe, daß, wenn auch nun Vater noch eine andere Tochter hat, er dennoch zuweilen an die Aelteſte denken wird.“ „Sie iſt eiferſüchtig,“ rief John in einem ſonder⸗ baren Entzücken, das ihn ſtets erfaßte, wenn er eine Schwäche oder einen Fehler an ihr entdeckte, wodurch ſie ihm auf gleicher und ſicherer Stufe mit anderen Menſchen zu ſtehen ſchien.„Sieh' nur, Onkel Phi⸗ neas, unſere Muriel iſt wahrhaftig eiferſüchtig.“ Muriel lächelte, ohne ein Wort zu ſprechen. Dies Lächeln aber, ſo rein, ſo abweichend von allen Gefühlen oder Leidenſchaften in uns, die wir auf der Erde leben, alſo irdiſch empfinden,— traf den Vater in das Innerſte der Seele. Er ſetzte ſich neben ſie und ſie warf ſich in ſeine Arme. „Was iſt heute für ein Tag, Vater?“ „Der erſte December.“ „Ich freue mich, daß der Geburtstag der kleinen Maud in Einem Monate nit dem meinigen iſt.“ „Aber Du kamſt im tiefen Schnee, Muriel, und jetzt iſt es noch warm und milde.“ „Es wird ſchon Schnee zu meinem Geburts⸗ tage kommen, es iſt noch alle Jahre ſo geweſen. Der Schnee iſt mir gut, Vater. Ich möchte wohl ein Mal mitten darin liegen und ſo damit zugedeckt ſein, daß Du mich nirgends finden könnteſt.“ Ich hörte wohl, wie John ihr ſchwaches, ſanftes Lachen zu wiederholen verſuchte. „Dieſen Monat werden es eilf Jahre, daß ich geboren bin; nicht wahr, Vater?“ „Ja, mein Liebling.“ „Was für eine lange Zeit! Wenn meine kleine — 171— Schweſter erſt ſo alt wie ich ſein wird, dann werde — das heißt, dann müßte ich eine ganz große Dame ſein. Denke Dir mich zwanzig Jahre alt, ſo groß wie Mutter, die Kleider ſo tragend wie die ihrigen, wie ſie befehlen, ſprechend und arbeitend im Hauſe umhergehen, wie komiſch!“ und ſie lachte wieder. „Ach nein, Vater, das ginge doch nicht; ich möchte lieber Deine kleine Muriel bleiben, ſchwächlich und klein, die ſo gern in Deinen Armen liegt und da ſchläft.“ Sie ſprach auch nicht mehr viel und bald war ſie feſt eingeſchlafen. Aber der arme Vater! er ſaß ſtumm und in ſich gekehrt da. Muriel ſchwand immer mehr. Stundenweiſe war ſie zwar ſo wohl, daß die Hand hinter den Wolken zu verſchwinden ſchien, bis wir ſie dann plötzlich wieder hervortreten ſahen. Eines Sonntags, ohngefähr zehn Tage nach Maud's Geburt, war es ſo bitter kalt, daß die Mutter ſelbſt verboten hatte, Muriel nach der anderen Seite des Hauſes zu bringen, wo ſie mit der Neu⸗ geborenen wohnte. Mrß. Tod deckte den Tiſch, während John ſich mit ſeinen drei Knaben am S beſchäftigte. Als er ſich umdrehte, ſah er, daß alle Stühle um den Tiſch ſtanden, bis auf einen. — 172— „Warum ſetzen Sie nicht Muriel's Stuhl heran, Mrß. Tod?“ „Sir, ſie ſelbſt meinte, ſie fühle ſich ſo matt, daß ſie lieber heute nicht herunter kommen möchte,“ antwortete Mrß. Tod zögernd. „Sie möchte nicht herunter kommen?“ „Es iſt auch beſſer, wenn ſie es nicht thut, Mr. Halifax. Sehen Sie nur, wie es ſchneit; es wird wohl morgen wärmer für das Kind ſein.“ „Sie haben Recht; ja, ich hatte nicht an den Schnee gedacht, ſie kann morgen herunterkommen.“ Ich ſah, wie der guten Mrß. Tod die Augen übergingen. Sie war zu vorſichtig, um mehr dar⸗ über zu ſprechen, aber ſie erkannte die Wahrheit ſo gut wie ich. Sehr wohl erinnere ich mich dieſes Sonntags, wo zum erſten Male ihr Platz bei Tiſche leer blieb. Es dauerte wohl noch einige Tage, daß der Vater ſeinen Willen durchſetzte und ſie jeden Abend, wenn er aus der Fabrik heimkehrte, herunter trug, ſie auf ſeinem Schooße behielt und während des Thee's auf alle Weiſe zu unterhalten ſuchte oder die Knaben dazu anhielt. Doch hörte auch dieſe Freude ſchon gegen das Ende der Woche auf. Und als nun Mrß. Halifax, beinahe wieder geneſen, im Triumphe an unſerem Sonntags⸗Tiſche erſchien, wo ſich die Knaben um ſie drängten, weil Jeder zuerſt die kleine Schweſter Maud küſſen wollte, ſah ſie trotz ihres Lächelns erſtaunt im Zimmer umher und frug: „Wo iſt Muriel?“ „Sie ſcheint das böſe Wetter ſehr empfunden zu haben,“ erwiderte John,„und ich glaubte, es ſei beſſer, wenn ſie oben bliebe.“ „Nein,“ verſicherte Guy betrübt und verwundert, „Schweſterchen iſt ſchon ſeit vielen vielen Tagen nicht herunter gekommen.“ Die Mutter erſchrak und ſah erſt ihren Mann und dann mich fragend an. „Weßhalb hat mir das Riemand erzählt?“ „Ach Liebe, es war nichts Neues darüber zu ſagen.“ „Hat das Kind eine Krankheit gehabt, von der ich Nichts weiß?“ „Nein.“ „Hat ſie Doctor Jeſhop geſehen?“ „Gewiß— öfter.“ „Mutter,“ verſicherte Guy im Eifer, ſie zu be⸗ ruhigen,— denn ſo unartig er auch zuweilen war, ſo blieb er doch dabei der zärtlichſte aller Knaben, beſonders aber gegen Muriel und ſeine Mutter— „die Schweſter iſt auch nicht ein Bischen krank, ich — 174— weiß es ſehr gut. Sie hat noch eben mit mir gelacht und geſpaßt, und mir verſichert, daß ſie das kleine Kind viel beſſer tragen würde als ich. Sie iſt ſo luſtig wie nur möglich.“ Die Mutter küßte ihn in einer faſt ungeſtümen Weiſe, das einzige äußere Zeichen der Leidenſchaft⸗ lichkeit, zu der ſich ihre Mutter-Liebe ausgebildet hatte. Sie ward ſichtlich beruhigter. Demungeachtet übergab ſie die kleine Maud Mrß. Tod, als dieſe in das Zimmer trat. „Bitte, nehmen Sie die Kleine, während ich zu Muriel hinaufgehe.“ „Thun Sie das nicht, bitte, Mrß. Halifax!“ rief die gute Frau ängſtlich. Urſula ward bleich wie der Tod.„Sie hätten es mir doch ſagen ſollen,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin.„John! Du mußt mir erlauben, daß ich mein Kind ſehe.“ „Gleich— gleich. Guy, gehe hinauf und ſpiele mit Muriel. Phineas, nimm Du die andern Kinder mit Dir.— Du ſollſt in der Minute hinaufgehen, meine Herzens⸗Frau.“ Wir mußten Alle das Zimmer verlaſſen und dann ſchloß er die Thür. Wie er ihr mittheilte, was ſie erfahren mußte, und was uns Doctor Jeſhop an dieſem Morgen offen geſagt hatte,— wie Vater — 175— und Mutter dies erſte offenbare Wort ertrugen, das ihnen ihren unausſprechlichen Schmerz klar machte, — es blieb uns Allen unbekannt. Ich ſaß an Muriel's Bette, als ſie heraufkamen. Unſer Liebling horchte den ſpaßhaften Erzählungen zu, die der Bruder, an ihr Kopfkiſſen gelehnt, auf luſtige Weiſe hervorbrachte. Ein ſüßes Lächeln lag auf ihrem Geſichte und ein roſiger Schein belebte ihre Züge, ſo daß ich hoffte, Urſula werde wenigſtens für den Augenblick die große Veränderung nicht ſo bemerken, welche die letzten Wochen hervorgerufen hatten. Aber ſie erkannte dennoch Alles! Wer vermöchte wohl eine Mutter zu blenden? Ich ſah ſie im erſten Augenblicke zurückſchrecken, ſich dann mit einem ſtum⸗ men, verzweiflungsvoll flehenden Blicke zu ihrem Manne wenden, als wollte ſie ſagen:„Hilf mir, die Sorge iſt größer als ich ſie zu tragen vermag.“ Muriel, die ihren Schritt hörte, ſtieß in dem Augenblicke einen Freuden⸗Schrei aus:„Mutter! es iſt meine Mutter!“ Dieſe ſchloß ſie an ihr Herz. Muriel vergoß einzelne Thränen der Freude. Die Mutter konnte nicht weinen und in ihren Worten wußte ſie eine wunderbare Selbſtbeherrſchung zu — 16— beweiſen. Anders war es mit ihrem Ausdrucke, aber ſie wußte ja, daß das Kind blind war. „Nun!“ rief ſie,„mein Lämmchen wird ver⸗ nünftig ſein, ſie darf nicht weinen, es könnte ihr ſchaden. Wir müſſen gerade heute recht vergnügt ſein.“ „Ja gewiß.“ Dann flüſterte ſie leiſe:„Bitte! ich möchte ſo gern die kleine Maud ſehen.“ „Wen!?“ antwortete die Mutter zerſtreut. „Meine kleine Schweſter Maud— Maud, die meinen Platz einnehmen und von nun an Aller Liebling ſein wird.“ „Still, Muriel!“ ſagte der Vater mit erſtickter Stimme. Ein ſanftes, faſt wunderbares Lächeln erhellte ihre Züge und ſie ſchwieg. Das Neugeborene ward jetzt von Mrß. Tod heraufgebracht und von allen Knaben begleitet. Es war rührend, wie ſich Alle um das Bett drängten, wo die Kleine dicht neben Muriel lag, die ihre zarten Hände leiſe über das kleine Kinder⸗Geſicht gleiten ließ, da ſie ihre Schweſter nach ihrer Weiſe zum„erſten Male“ ſah. Sie war ſehr erfreut, und mit ernſthafter Miene befühlte ſie alle die kleinen Glieder und wußte das Kind dann ſo mütterlich zu beruhigen, als dieſes anfing zu ſchreien, daß wir uns Alle daran ergötzten. „Mein niedliches Mädchen wird in einem oder zwei Monaten die vorzüglichſte Kinderwärterin ſein,“ verſicherte Mrß. Tod. Muriel antwortete nicht darauf, ſondern be⸗ ſchäftigte ſich nur mit dem Kinde.„Wie fett ſie iſt, und ſeht nur, ganz feſt halten die kleinen Finger ſchon das Band! Und das Köpfchen ſcheint ſo rund, die Haare faſſen ſich ſo weich an, ſo weich wie die Bruſt meiner Tauben in Longfield. Was für eine Farbe hat es? wie das meinige?“ Es war wirklich beinahe derſelbe Schnitt, wie denn Maud überhaupt nach dem Ausſpruche Aller die größte Aehnlichkeit mit Muriel hatte. „Ach, wie froh bin ich darüber! Aber wie ſind dieſe?“ frug ſie, ängſtlich auf die Augen deutend. „Nein, mein Liebling, ſie ſind nicht wie die Deinigen,“ lautete die leiſe Antwort. „Das iſt ſchön. Bitte, liebe kleine Maud, ſchreie nicht, es iſt nur Deine Schweſter, die Dich berührt. Wie weit offen faſſen ſich die Augen an! Ich möchte wiſſen,“— nach einer nachdenklichen Pauſe—„wiſſen, ob Du mich ſehen kannſt. Kleine Maud, ich möchte gern, daß Du Deine Schweſter ſäheſt.“ John Halifar. w. 12 „Gewiß kann ſie Dich ſehen. Wie ſie nach dem Lichte ſtarrt!“ rief Guy, worauf Edwin ſogleich das Gegentheil behauptete, verſichernd, daß er glaube, kleine Kinder könnten ebenſo wenig früh ſehen als kleine Katzen und Hunde; hieraus entwickelte ſich ein lebhafter Streit und eine warme Theilnahme unter den Kindern, die ſich um das Bette verſammelt hat⸗ ten, während Muriel ruhig auf ihre Kiſſen zurück⸗ lehnte, die kleine Schweſter zärtlich an ihr Herz gedrückt. Die Eltern verließen ſie nicht mit ihren Blicken. Es war ein liebliches Bild, dieſe fünf geliebten Weſen— dieſe Kinder, die Gott ihnen gegeben hatte — eine Gruppe vollkommen und abgerundet, wie ein Buſch von Maßliebchen, oder ein Zweig reifer Früchte, dem man weder Etwas— noch Etwas hinzufügen mochte. Nein— ich mußte mich bei dem Lächeln der Eltern überzeugen, daß dies eine Mal die himmliſche Barmherzigkeit ihre Augen ſo verblendete daß ſie nicht über den Moment der Gegenwart hinausſahen. Die Kinder waren ausgelaſſen luſtig. Den ganzen Nachmittag trieben ſie ihre unſchuldigen Spiele an Muriel's Bette; ſie nahm zuweilen Theil daran, znweilen hörte ſie auf uns. Nur ſelten kam jener abweſende, ſonderbare Blick über ſie, als wäre ſie mit ihren Gedanken halb bei uns und horchte * — 179— dennoch wieder auf Etwas, von dem wir Richts wußten noch ſahen; es war dann, als ob ihre Seele durch jene weit geöffneten Augen wundervolle und ungekannte Geſichte habe, und in jenen Augenblicken ſchienen ihre Augen die klar ſehenden, die unſti⸗ gen aber die verdunkelten und verblendeten zu ſein. Es ſcheint mir unbegreiflich, erinnere ich mich, wie heiter wir an jenem Sonntage Nachmittag wa⸗ ren, wie wir in dem kleinen Schlafzimmer am Ende des Hauſes unſern Thee tranken, und wie ruhig Muriel nachher im Zwielicht ſchlief, das Kind, Maud, in ihren Armen haltend. Mrß. Halifax ſaß ſtumm an dem kleinen Bette, ein Aufflackern des Feuers erhellte das Zimmer und zeigte die Aengſtlichkeit, mit der ſie dieſe Beiden bewachte, die Aelteſte und Jüngſte, die ſo ſanft ſchliefen. Ihr Athem war ſo leiſe, daß man kaum erkannte, weſſen der ſchwächſte war, das ſanft ſich verlaufende, oder das eben be⸗ ginnende Leben. Ihr Athem ſchien ſich untereinan⸗ der zu vermiſchen und die beiden kleinen Geſichter, die ſo dicht neben einander lagen, ſich in ſonderbarer Weiſe immer ähnlicher und ähnlicher zu werden. Wenigſtens kam es uns Allen ſo vor. Während deſſen behielt John ſeine Knaben neben ſich, auf der breiten Fenſterbank; ſie waren ſtill wie die Mäuſe, und Alle ſahen auf die ſchneeige 12 — Landſchaft, in der einzelne ſchwarze Büſche auftauch⸗ ten und das Buchenwäldchen beſonders dunkel gegen den Neumond abſtach, der über den Wipfeln der Bäume zur Ruhe ging; dieſe kleine junge Mond⸗ ſichel, die ſo friedlich, ja lächelnd den Schnee be⸗ leuchtete! 8 Die Kinder beobachteten ſie bis zum letzten Augen⸗ blicke mit geſpannter Aufmerkſamkeit, wo dann Guy die tiefe Stille des Zimmers durch den Ruf unter⸗ brach: „Nun— iſt ſie fort!“ „Still.“ „Nein, Mutter ich bin wach,“ ſagte Muriel. „Wer iſt fort, Guy?“ „Die Mondſichel, eine ſo hübſche kleine Sichel.“ „O, Maud wird einſt wohl den Mond ſehen.“ Sie legte ihre Wange wieder dicht an die der kleinen Schweſter und ward wieder ſtill. Dies blieb die einzige Unterbrechung dieſer friedlichen, heiligen Stunde. Maud ſtörte die Ruhe derſelben, indem ſie auf⸗ wachte uud ſchrie, und nur ungern gab Muriel zu, daß man ihr die kleine Schweſter fortnahm. „Ich möchte ſie ſo gern bei mir behalten,— nur dieſe eine Nacht; und Morgen iſt mein Ge⸗ burtstag! Bitte, Mutter, kann ſie nicht hier bleiben?“ — 181— „Wir wollen Beide bei Dir bleiben, mein Lieb⸗ ling; ich verlaſſe Dich nicht mehr.“ „O! ich bin ſo froh darüber.“ Und wieder wendete ſie ſich um, als wollte ſie ſchlafen. „Biſt Du müde, mein Herzchen?“ frug John, ſie ängſtlich betrachtend. „Nein, Vater.“ „Soll ich die Knaben mit nach unten nehmen?“ „Noch nicht, lieber Vater.“ „Was wünſchteſt Du denn ſonſt?“ „Nichts als dieſen Sonntag Abend ruhig bei Euch liegen zu dürfen.“ Er frug, ob ſie ihn gern leſen hören möchte, wie er alle Sonntage Abends zu thun pflegte. „Ja, bitte. Und Guh ſoll neben mir ruhig an meinem Bette ſitzen und zuhören. Ach, das wird ſo hübſch ſein! Guy iſt immer gegen ſeine Schweſter gut— immer ſehr gut.“ „Das weiß ich nicht,“ verſicherte Guy in einem Tone, der zeigte, daß ihm ſein Gewiſſen ſchlug.— „Aber wenn ich ein großer Mann bin, dann will ich es ſein, ganz gewiß.“ Niemand erwiderte Etwas darauf. John öff⸗ nete das große Buch, das er ſeine Kinder ſchon lange vorher kennen und lieben gelehrt hatte— und las aus demſelben die Lieblingsgeſchichte Aller— — 182— von Joſeph und ſeinen Brüdern. Die Mutter ſaß neben ihm am Feuer, Maud leiſe auf ihren Knieen wiegend. Edwin und Walther hatten auf der Ka⸗ mindecke ihren Platz gefunden und ſahen mit ihren großen Augen den Vater aufmerkſam an. Das Licht hinter ihnen beleuchtete ſanft die bewegungs⸗ loſe Geſtalt, die im Bette lag, deren Hand er in der ſeinigen hielt, zu der er ſich immer wieder wandte, und dann erſt beruhigt weiter las. Seine Stimme gewann im Leſen eine väterliche, edle Ruhe, wie Jakob ſie wohl ſelbſt hatte, als ſeine Kinder noch klein waren und er ſie unter den Pal⸗ men um ſich verſammelte— lange vorher, ehe er die bittere Klage zum Herrn empor ſandte:— Bin ich meiner Kinder beraubt, ſo bin ich ein geſchlagener Mann!— ein Ausruf, den John unwillkürlich nicht mit las. Eine Stunde lang ſaßen wir wohl ſo beiſam⸗ men— die einzigen Töne, die neben dem heulenden Winde ſich hören ließen, durch den das kleine Ge⸗ bäude erzitterte, blieben die Stimme des Vaters. Doch auch dieſe verhallte zuletzt, er ſchloß die Bibel und legte ſie bei Seite. Die ſchöne Familienvereinigung, das Bild, worin Riemand fehlte— es ſollte ſo nicht wiederkehren. Es zerbrach, ſollte, mußte bald der ———————.—— —— ——————.—— — 183— Vergangenheit angehören und für immer eben nur ein Bild derſelben bleiben. „Nun, Knaben, es iſt die höchſte Zeit, daß Ihr gute Nacht ſagt. Macht, geht und gebt Eurer Schweſter einen Kuß.“ „Welcher?“ frug Edwin in ſeiner komiſchen Weiſe.„Wir haben ja jetzt zweie bekommen, und ich weiß wirklich nicht, welche die Stärkere iſt.“ „Ich ſchlage Dich, wenn Du das noch ein Mal ſagſt!“ rief Guy.„Welche? nein, Maud iſt ja nur das Kind, und Muriel wird immer die Schweſter bleiben.“ Die Schweſter lächelte matt, als ſie ſeinen zärt⸗ lichen Kuß erwiderte. Es ſchien oft, als wäre Guy ihr Lieblingsbruder. „Nun fort mit Euch, Jungen, und geht ruhig die Treppe hinab, recht ruhig, ſage ich Euch.“ Sie gehorchten, das heißt, ſo buchſtäblich wie eine Knabennatur eine Ermahnung der Art befol⸗ gen kann. Eine Stunde ſpäter aber hörte ich noch Edwin und Guy ſich im Dunkel laut über die Ei⸗ genſchaften der beiden Schweſtern ſtreiten und über die Stellung von Muriel und Maud hin- und her⸗ ſprechen. John und ich ſaßen an dieſem Abend noch ſpät zuſammen auf. Er konnte keine Ruhe finden, ob⸗ — 184— gleich er verſicherte, er habe die Mutter und beide Töchter ſo traulich zuſammen verlaſſen wie ein Neſt Waldtauben. Wir horchten auf die wildſtür⸗ mende Nacht, bis ſich das Wetter ausgetobt hatte; darüber ging unſer Feuer aus, und wir flüchteten uns noch zu den letzten Kohlen in Mrß. Tod's Küche, das alte ſtreitige Land. Wir vermieden, von der Gegenwart zu reden, und hielten uns an die Erinne⸗ rungen der Vergangenheit. Die lebendigen Tage der Gegenwart, die Keinem von uns aus den Ge⸗ danken kamen, blieben wohl bis auf die letzten zehn Jahre hinaus unberührt. Noch gaben wir einem Gedanken Worte, der mich in ängſtlicher Weiſe drückte und den ich ebenfalls ein oder zwei Mal in John wiederzufinden glaubte, wie ähnlich dieſe Nacht der war, in welcher Mr. March ſtarb; dieſelbe Stille herrſchte im Hauſe, derſelbe Sturm von Außen, daſſelbe helle Holzfeuer und dieſelbe alte getäfelte Küche. Mehr wie ein Mal glaubte ich über mir die leiſen Schritte und das ſchwache Stöhnen zu verneh⸗ men, ich war überzeugt, die Treppenthür müſſe ſich öffnen und uns das Bild von Miß March in weißen Gewändern mit ſtarrem Blicke zeigen. „Ich dächte, die Mutter wäre heute Abend recht wohl und auch beruhigt geweſen,“ bemerkte ich zögernd, als wir uns trennten.. — 185— „Das war ſie, Gott helfe ihr und uns Allen!“ „Er wird uns nicht verlaſſen!“ Das blieb Alles, was wir darüber ſprachen. Er ging noch⸗ mals hinauf und brachte die beruhigende Rachricht, daß Mutter und Kinder ruhig ſchliefen. „Ich denke, ich kann ſie bis zu Tagesanbruch allein laſſen, und Du, Onkel Phineas, geh' Du auch zu Bette, Du ſiehſt ſo matt aus!“ Ich folgte ſeinem Rathe, doch verfolgten mich die ganze Nacht über unruhige Träume, in denen ich zuerſt die Nacht durchwachte, in der Mr. March ſtarb; dann ſchwebte mir die andere Nacht vor, in der jener weiße, kleine Geiſt am Fuße meines Bettes vorüber nach dem Zimmer ſchlich, in dem Marh Baines' todter Knabe lag. Und beſtändig glaubte ich, bei Anbruch des Tages die leiſen Töne der Or⸗ gel durch mein Fenſter zu vernehmen, das nach der Kirche ſah— gerade ſo, als ob Muriel ſie ſpielte. Lange, ehe es heller Tag war, ſtand ich auf, und als ich durch die Stube der Kinder ging, rief mich Guh laut an: „Holla! Onkel Phineas, iſt es ein ſchöner Morgen? denn ich muß früh in den Buchenwald gehen, um Buchennüſſe und Tannenzäpſfchen für die Schweſter zu holen, es iſt ihr Geburtstag.—“ — 186— Für ſie war es— Aber für uns— O! Muriel, unſer Liebling, unſer liebſtes Kind! Ich eile, über die Geſchichte dieſes Morgens fort⸗ zukommen, denn mein altes Herz trauert noch heute ebenſo tief wie damals. John ging früh am Morgen die Treppe hinauf. Es war dort Alles ſtill. uUrſula lag im ruhigſten Schlafe, die kleine Maud an ihrer Bruſt, auf ihrer andern Seite lag mit weit geöffneten Augen, dem Tageslichte zugewandt, diejenige, die man ſeit zehn Jahren gewohnt war, die blinde Muriel zu nennen. Sie ſah' jetzt für ewige Zeiten. **** Am Abend deſſelben Tages ſaßen wir Dreie in dem Vorzimmer zuſammen; wir älteren allein, denn ʒ die Schlafzeit der Kinder hatte längſt geſchlagen. Der Kummer hatte uns ſelbſt der Thränen beraubt, und wir waren Alle ruhig geworden. Selbſt Urſula hatte, wie es ihre Gewohnheit war, das Licht der Knaben ausgelöſcht und nachdem ich ſpäter ihre leiſen Schritte über uns zu hören glaubte, vielleicht auch nach alter Gewohnheit, die ſie dorthin führte, wo die zärtliche„gute Nacht“ einer Mutter unnütz geworden war, ſelbſt Urſula ſaß in ihrem Wiegen⸗ ſtuhle und verſuchte klein Maud's Weinen zu beruhi⸗ — 187— gen, indem ſie ſie nährte und eine halb kindiſche Melodie leiſe ſummte, die eine Familienformel ge⸗ worden war, da ſie ſich von der Erſten auf alle Fünfe vererbt hatte— wie traurig klang ſie jetzt! John, der an dem Tiſche ſaß, ſeine Augen vor dem Lichte ſchützte, und vor dem ein aufgeſchlagenes Buch lag, von dem er noch keine Zeile geleſen hatte, blickte zu ihr auf. „Liebe, greife Dich nicht ſo mit dem Kinde an, gieb es mir.“ „Nein, nein, laß mir mein Kind, es tröſtet mich ſo!“ und die Mutter brach in ein unaufhalt⸗ ſames Weinen aus. John ſchloß ſein Luch und ging zu ihr. Er nahm ſie in ſeinen Arm, und ließ hin und wieder ein beruhigendes Wort fallen, wenn die Angſt und der Schmerz in ihr alle Gränzen überſtiegen, unter⸗ ſtützte ſie ſanft, bis ſie ſich beruhigt hatte, ohne ſie auch nur ahnen zu laſſen, daß, ſo bitter auch ihr Kummer ſein mochte, der ſeinige noch ſchwerer auf ihm laſtete. So war er ſchon während des ganzen Tages der Halt und Troſt der Familie geweſen. Für ſeinen Schmerz fand der Vater keine Worte. Endlich ward Mrß. Halifax gefaßter. Sie ſaß neben ihrem Manne, ihre Hand in der ſeinigen, ohne S — 188— zu ſprechen, aber das Antlitz ihres gemeinſamen Grames feſt in das Auge faſſend und von dort zu Gott aufblickend. Sie wußten Beide, daß Er allein helfen konnte, ihn zu tragen; aber daß Jeg⸗ liches ihnen leichter ward, was Er ihnen nach ſeinem heiligen Willen auferlegte, wenn ſie es nur gemein⸗ ſam tragen durften. So ſaßen wir alle Drei zufammen und kein Laut war in dem Wohnzimmer zu hören, als Mrß. Tod mir ein Zeichen gab, an die Thür zu kommen. „Er will durchaus herein, er iſt ganz verwirrt, der arme Menſch! Er hat es eben erſt erfahren.“ Sie ward durch ihr Schluchzen unterbrochen. Lord Ravenel ſchob ſie in dem Augenblicke bei Seite und ſtand vor uns. Wir hatten ihn ſeit dem Abende nicht geſehen, wo wir den unſchuldigen Scherz mach⸗ ten, er ſei in Muriel verliebt. Uns Alle ſo ruhig verſammelt ſehend, das Wohnzimmer dabei unver⸗ ändert, wie er es immer fand, wenn er Abends zu uns kam, trat der junge Mann erſtaunt einige Schritte zurück. „Es iſt nicht wahr! nein, es iſt unmöglich,“ ſtammelte er.. „Es iſt nur zu wahr!“ erwiderte der Vater. „Kommen Sie herein.“ Die Mutter hielt ihm die Hand entgegen.„Ja, kommen Sie herein, Sie haben ſie ſo lieb gehabt, unſere—“ Ach, dieſer Name! es war Nichts wie ein Name! Wir brachen aber Alle in bittere Thränen aus. Dann erzählten wir ihm alle Einzelheiten über unſern Liebling; vorzüglich war es Urſula, die ſprach. Sie theilte ihm Alles mit, aber ſo ergeben, wie es eben nur diejenige vermag, welche mit den höchſten Schmerzen und der größten Erhebung der Mutter⸗ würde begnadigt ward; die es vermochte, ihr Kind, ein Theil ihrer ſelbſt, der Verweſung des Grabes hin⸗ zugeben, und das Leben, das aus dem ihrigen her⸗ vorgegangen war, dem Schöpfer aller Dinge zu opfern. Wie viel höher— wie anders als alle Schmer⸗ zen und Opfer müſſen die Kämpfe ſein, welche eine Mutter zu beſtehen hat, die auserſehen iſt, ihr eig⸗ nes Fleiſch und Blut, die Frucht ihres Leibes, dem Herrn zurückzugeben! Dieſe Würde, dieſe Heiligkeit ſchien ſich immer ſichtlicher der trauernden Mutter mitzutheilen, je länger ſie von ihrem verlorenem Glücke ſprach; und immer wiederholte ſie:„Ich erzähle Ihnen das Al⸗ les, weil Sie Muriel ſo lieb hatten.“ Er hörte ihr ſchweigend zu, endlich ſagte er: 8 — 8 — * — — * S S 8 2 * — E 6 9 6 8 10 18 ———— ——