deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat:. Wet.— Pf. 1 Wer. 50 Pf 2 Ver.— Pf. 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre S Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des e verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Von der Perfaſſerin des„Jamilienhauyt“ Deutſche autoriſirte Ausgabe. Fünfter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1860. 5 Fünfter Band. ohn Huliſn. v. 1 Erſtes Rapitel. Wir kehrten nach Hauſe zurück, alles Sterb⸗ liche unſeres Lieblings in Enderly zurücklaſſend, wo es ſanft unter dem Schnee ruhte. Noch zwölf Jahre nachher lebten wir in Long field in einem ruhigen Frieden, den kein beſonderes Ereigniß ſtörte, ſo daß, wenn ich darauf zurückſehe, dieſer Zeitraum mir das Bild eines ſtillen See's giebt, deſſen ſanfte Bewegung ihn wie eine reine Glasfläche erſcheinen läßt. Die erſte Welle, welche an eine Veränderung mahnte, ſtieg, wie ich mich ſehr wohl erinnere, eines Abends auf; es war Frühling und Mrß. Halifax und ich ſaßen nach unſerer Gewohnheit unter dem alten Nußbaume, unſerem alten Nußbaume, kaum ge⸗ altert, obgleich manche Fine Nachbarn und Freunde, 1*. die früher Schößlinge waren, jetzt als Bäume neben ihm ſtanden, gerade wie bei uns einige der Kinder zu jungen Leuten herangereift waren. „Edwin kommt heute ſpät aus Norton Bury,“ meinte Urſula. „Wie ſein Väter.“ „Nein, denn es iſt jetzt erſt John's Stunde. Aber hören Sie?— das iſt ſein Wagen.“ Denn Mr. Halifax, jetzt ein wohlhabender Mann, fuhr täglich nach ſeiner Fabrik in einer eben ſo ge⸗ ſchmackvollen Equipage, wie ſie nur einer der Guts⸗ beſitzer zwiſchen hier und Enderly haben konnte. Seine Frau ging hinab nach dem Fluſſe, um ihn dort zu empfangen, und Beide kamen über den Feldweg zurück. Beide hatten ſich ſeit der Zeit, wo ich zuletzt von ihnen ſchrieb, verändert. Sie, noch immer thä⸗ tig und friſch ausſehend, war doch ſichtlich in jene hübſche Periode des Stärkerwerdens getreten, welche Damen eines mittleren Alters nicht übel ſteht. Er war etwas gebeugter in ſeiner Haltung geworden, während die Züge ſeines Geſichts ſchärfer hervortra⸗ ten und die Haare frei aus der Stirn geſtrichen waren. Aber kein graues Haar konnte man in den krauſen Locken entdecken, in denen nach und nach fünf kleine Hände geſpielt und gezauſ't hatten, und dennoch war in des Vaters Locken kein Zeichen des Alters zu finden. Sowie er mir guten Abend geſagt hatte, ſah er ſich wie gewöhnlich nach den Kindern um und frug, ob die Jungens und Maud zum Thee wiederkämen.* i „Nun, ich denke, Guy und Walther kommen nie zu rechter Zeit nach Hauſe, wenn ſie drüben auf dem Edelhofe ſind.“ „Sie ſind jung, laß ſie ſich mit einander ver⸗ gnügen,“ ſagte der Vater lächelnd.„Und Du weißt ja, Liebe, daß Du die Oldtowers vor allen uuſeren vornehmen Freunden am Meiſten achteſt und liebſt.“ Dieſe waren auch nicht mehr das alte Geſchlecht. Der gute Sir Ralph war zur Ruhe gegangen und Sir Herbert an ſeine Stelle getreten; Sir Herbert, der in ſeiner würdigen Erkenntlichkeit niemals eine gewiſſe Wahl vergeſſen hatte, bei der er zuerſt die perſönliche Bekanntſchaft von Mr. Halifax machte. Die Familie des Herrnhauſes hatte uns mit mehreren andern Grafſchaftsfamilien in Berührung gebracht. Als John's Vermögen, wie das vieler Anderer, bei dem Beginne des dreißigjährigen Frie⸗ dens ſehr raſch zunahm, wo zuerſt ſo viel kleine Fa⸗ brikanten zu Kaufmanns⸗Prinzen und Baumwollen⸗ Lords wurden, machte dieſer Landadel einen uns oft beluſtigenden Unterſchied zwiſchen dem Lohgerber John Halifax aus Norton Bury und Mr. Halifax, dem immer wohlhabender werdenden Fabrik⸗ und Mühlen⸗ beſitzer. Viele von ihnen waren ſogar gefällig ge⸗ nug, zu entdecken, was für eine angenehme und da⸗ bei präſentable Frau Mrß. Halifax ſei, die Tochter des alten Mr. March, des Gouverneurs von Weſt⸗ indien, und eine Couſine von Mr. Brithwood. Aber Mrß. Halifax hielt mit der größten Zähigkeit den Grundſatz feſt, nur als Mrß. Halifax betrachtet und beſucht zu werden, als Frau von John Halifax, dem Lohgerber oder Fabrikbeſitzer, wie ſie lieber ſagten. Alle Ehrenbezeigungen und Höflichkeiten, die nicht um ſeinetwillen oder mit ihm genoſſen wurden, hat⸗ ten für ſie nicht den geringſten Werth. Dieſer Eigenthümlichkeit ſchloß ſich noch eine andere von John an, die nämlich, daß er Zeit ſeines Lebens Alles, was man Geſellſchaft nannte, nicht leiden konnte, alle ſogenannten Bekanntſchaften ver⸗ mied, aus denen keine Freunde werden konnten; aber wie viel Menſchen können auch wohl die Zahl der⸗ ſelben an ihren Fingern abzählen, die während eines ganzen Lebens des heiligen Namens von Freunden würdig befunden wurden? Natürlich ward der Kreis unſerer Geſelligkeit dadurch weit mehr beſchränkt als es in vieleu Familien der Fall war, die ſich in gleicher Stellung mit uns befanden, worüber denn — ———————— — auch unſere Nachbarn viel ſprachen. Aber wir küm⸗ merten uns wenig darum, nicht mehr als uns die Klatſchereien in Norton Bury trafen. Unſere Herzen gehörten unſerer Familie und der Heimath an, dem glücklichen, lieben Longfield. Mir kommt es vor, als würde der Ort immet hübſcher“ſagte John, als der Thee vorüber war, der ohne ein einziges der Kinder eine ſehr ſtille Mahlzeit ward, weßhalb wir uns auch beeilten, ſo⸗ gleich wieder nach dem alten Nußbaume hinauszu⸗ gehen.„Gewiß hübſcher als ſonſt,“ fuhr er fort, während ſeine Augen über das ſonderbare niedrige Gebäude ſchweiften, voll Ecken und Stückwerk, denn faſt in jedem Jahre war irgend Etwas angebaut oder abgeriſſen; weiter ſchweifend ruhten ſie auf dem ſauber gehaltenen ſchönen Platze, Jem's beſonderem Stolze, und auf der ſich ſenkenden kleinen Wieſe, die jetzt von gelben Bytterblumen und friſch aufſprie⸗ ßendem Graſe bedeckt war.„Laßt mich nachdenken, wie lange haben wir hier gewohnt? Phineas, Du biſt der Einzige, der ſich einer Jahreszahl erinnert. In welchem Jahre ſind wir nach Longfield gekommen?“ „Achtzehnhundertundzwölf. Dreizehn Jahre ſind es her.“ „Mir nicht zu ſagte Wrß. Halifax ſehr ernſt.„Ich hoffe, wir bleiben hier bis zu unſerem Lebensende. Möchteſt Du es nicht auch, John?“ Er zögerte etwas mit ſeiner Antwort und ſagte dann:„Ja, ich wünſchte es ebenfalls, doch bin ich nicht ſicher in mir, ob es Recht wäre.“ Wir wollen dieſe Frage nicht wieder aufneh⸗ men, erwiderte die Mutter verſtimmt.„Ich dachte, wir wären Alle darüber einig, daß das kleine Long⸗ field tauſend Mal angenehmer und hübſcher iſt als Beechwood, ſo groß es auch ſein mag. Aber John glaubt, nie genug für die Leute in Enderly thun zu können.“. „Das nicht allein, meine Liebe, es ſind noch andere Gründe, die damit zuſammenhängen. Weißt Du wohl, Phineas,“ fuhr er nachdenkend fort, in⸗ dem er den Sonnenuntergang über dem Berge von Leckington betrachtete,„oft denke ich, mein Leben iſt zu gemächlich und ruhig, und ich bin eigentlich kein guter Verwalter des Reichthums, der ſich ſo ſchnell vermehrt hat. Ein bei funfzig Jahren ſo geſegneter Mann wie ich müßte etwas wirklich Großes und Nützliches für die Welt thun, und ich bin erſt fünf⸗ undvierzig! Früher träumte ich, Wunder wie große Dinge ich bei fünfundvierzig Jahren geleiſtet haben müßte,— aber nach und nach wird dieſer Wunſch matter!“ 9 Seine Frau und ich antworteten nicht. Wir kannten Beide die Wahrheit nur zu gut; wir wuß⸗ ten, daß die äußere Ruhe, welche über ſein Leben ge⸗ kommen war, keine wirkliche Pflichterfüllung aus⸗ ſchloß, ſelbſt nicht in dieſen letzten zwölf Jahren; wir wußten eben ſo gut, daß all' die höhern Pläne und Beſtrebungen, die den Ruhm und den Reiz eines Lebens ausmachen, wie die Pflichterfüllung ſeine Stärke iſt, daß dieſer thatkräftige Muth, der edlere Ehrgeiz, der beſonders dem erſten Mannesalter an⸗ gehört, daß dies Alles in ihm wohl nicht todt war, aber ſchlief; ſo tief, daß es wohl kaum einer menſchlichen Stimme möglich ward, dieſe Gefühle zu erwecken, denn ſie ſchlummerten unter den Maßlieb⸗ chen in dem Grabe des Kindes in Enderly. Ich weiß nicht, ob es Recht war, aber unna⸗ türlich konnte man es kaum nennen. In einem Her⸗ zen wie das ſeinige, das liebte, wie wenige Männer zu lieben vermögen, das an der Erinnerung feſthielt wie ebenfalls nur Wenige, da konnte eine ſo tiefe Wunde nie gänzlich heilen. Ein gewiſſes Etwas in ihm war für immer anders geworden, als ob ein Theil des väterlichen Lebens mit Muriel von ihm fortgenommen ſei und in der kleinen todten Bruſt ſeiner Erſtgeborenen, ſeines liebſten Kindes, ruhte. „Du vergiſſeſt,“ erinnerte ihn Mrß. Halifax zärt⸗ lich,„Du vergiſſeſt, John, wie Viel Du geleiſtet haſt und wie viel mehr Du thun wollteſt. Was ſind Deine Verbeſſerungen in Enderly, was Deine Hülfe bei der Katholiken⸗Emancipation, bei der Abſchaf⸗ fung der Sklaverei und der Parlamentsreform? Wie? ich kenne kaum einen Plan, der etwas Gutes für Privat- oder allgemeines Intereſſe beabſichtigte, dem Du nicht eine hülfreiche Hand leiſteteſt.“ „Eine hülfteiche Börſe— was leichter iſt.“ „Ich mag Dich nicht ſelbſt tadeln hören. Frage nur Phineas hier, unſern Familien-Salomon.“ „Ich danke Ihnen, Urſula,“ ſagte ich, mich dem nicht ſeltenen Glücke unterordnend, zu gleicher Zeit gelobt und ausgelacht zu werden. „Onkel Phineas, was hätte John in aller Welt wohl Beſſeres thun können als ſeine Fabrik empor⸗ bringen und ſeine drei Söhne gut erziehen?“ „Die ich überhaupt kaum erzogen habe!“ verbeſ⸗ ſerte er, ſein eigenes ſchwer errungenes und beſchrä tes Wiſſen tief empfindend. Aber gerade deßhalb w er wohl doppelt beſorgt, ſeinen Söhnen die möglichſt beſte Erziehung und Bildung zu verſchaffen, ohne ſie indeſſen aus dem Hauſe zu geben, denn davor hegte er die entſchiedenſte Abneigung. Und es blieb eine Wahrheit, daß man in der ganzen Grafſchaft nicht — drei beſſer erzogene und hübſchere Jungen finden konnte. Ich denke, Guy hat ſeine Idee, mit Ralph Oldtower nach Cambridge zu gehen, ſo ziemlich über⸗ wunden, John?“ N „Ja; ein Univerſitäts⸗ oder Schulleben würde auch Richts für Guy ſein,“ erwiderte der Vater nach⸗ denklich. „Still! laß uns nicht weiter davon reden, da ſind die Kinder.“ Es war wohl nur eine Redensart, ſie noch ſo zu nennen, obgleich dieſe beiden großen Burſchen, welche im Dunkeln ſo männlich wie der Vater aus⸗ ſahen, die Einfachheit und die Familienſprache ſo liebten, daß ſie über den Namen weder beſchämt wurden, noch ſich darüber ärgerten. „Wo iſt Eure Schweſter?“ „Maud hält ſich noch mit Edwin am Fluſſe auf,“ antwortete Guy nachläſſig. In ſeinem Herzen lebte noch der kindliche Glaube fort, daß die Jüngſte — Schooßkind Aller wie ſie war— nie etwas Ande⸗ res werden könne als„Klein Maud“. Die Eine, von der die Knaben noch oft ſanft und zärtlich in ihren Abendunterhaltungen am Kaminfeuer ſprachen, wenn es draußen ſtürmte und der Schnee die Erde bedeckte — dieſe blieb die Einzige, die Guy als Schweſter bezeichnete. Maud oder Miß Halifax, wie ſie von Anfang an um ſo cher genannt ward, als man unſern ver⸗ lorenen Liebling nie anders als Muriel gerufen hatte — alſo Miß Halifax näherte ſich uns an Edwin's Arme, was ſie ſehr gern that, aus doppelten Grün⸗ den: ein Mal, weil es der einzige Arm blieb, der für ihre kindliche Geſtalt niedrig genug war, und dann konnte man ſie ganz beſonders Edwin's kleine Maud nennen, und zwar von jeher. Sie war der Aehnlichkeit, die wir ſchon in der Wiege an ihr fan⸗ den, gänzlich entwachſen, vielleicht auch bemerkten wir es jetzt nicht mehr, denn in Haar⸗ und Haut⸗ farbe erhielt ſich die außerordentlichſte Gleichheit, während es innerlich freilich nichts Unähnlicheres mit unſerer Muriel geben konnte als dieſe lebhafte und muntere kleine Elfe. „Edwin's Maud“ blieb fröhlich mit ihm ſchwa⸗ tzend etwas entfernt von uns, Guy nahm ſeinen Platz neben der Mutter ein und ſchlang ſeinen Arm um ſie. Sie waren noch in kindlich einfacher Weiſe zärtlich mit ihr, dieſe hoch aufgewachſenen Söhne, die nicht einen Tag vom Hauſe fort in Lehranſtalten geweſen waren, wo ſie von den Söhnen anderer Mütter hätten lernen können, daß eines jungen Man⸗ nes hauptſächlicher Beweis der Kraft darin beſtehe. zärtliche Familienliebe zu verachten. „Guy, Du thörigter Knabe,“ lachte ſie, wäh⸗ rend ſie ihm ſeine Mütze abnahm und ſein Haar aus der Stirn ſtrich, wobei ſie ſich Mühe gab, nicht ſtolz über ſein hübſches Ausſehen zu erſcheinen., Was haſt Du den ganzen Tag gemacht?“ „Ich habe natürlich mich ſelbſt angenehm zu machen geſucht.“ „Und das war er,“ verſicherte Valiher, deſſen größte Bewunderung ſein älteſter Bruder erregte. „Er unterhielt ſich mit Lady Oldtower und ſang mit Miß Oldtower und Miß Grace. Es gab wahrhaftig nie einen ſolchen jungen Mann wie unſer Guy.“ „Unſinn!“ rief die Mutter, während Guy nur lachte, der zu ſehr an die Familienbewunderung ge⸗ wöhnt war als daß es ihm ſchadete oder er dadurch verlegen ward. „Wann kehrt Ralph nach Cambridge zurück?“ „Gar nicht. Er wird die Univerſität ganz ver⸗ laſſen und fortziehen, um den Griechen beizuſtehen. Weißt Du, Vater, Alles geht nach Griechenland, ſelbſt Lord Byron hat ſich den Uebrigen angeſchloſſen. Ich wünſchte nur, ich könnte auch dabei ſein!“ „Gott bewahre!“ flüſterte die Mutter. —————————————————— „Weßhalb nicht? Ich wäre ſicher ein guter Soldat geworden und liebe dieſen Stand mehr als alles Andre.“ „Mehr als meine rechte Hand im Geſchäfte und die Deiner Mutter im Hauſe zu werden? Mehr als uns Sohn, Troſt und Hoffnung zu bleiben? Nun, Guy, das mag ich nicht glauben!“ „Du haſt Recht, Vater,“ lautete ſeine Antwort mit einem traurigen Blicke, denn das eben entwor⸗ fene Bild glich weder Guy in Dem, was er war, noch was er zu werden wünſchte. Es war nicht zu leugnen, daß er mit ſeinem liebenswürdigen heiteren Sinne und ſeinen glänzenden, hervorſtechenden Eigen⸗ ſchaften nicht ſo zuverläſſig war als der ernſte Ed⸗ win, der ſich ſchon früh als ein vollkommener Ge⸗ ſchäftsmann zeigte und mit unermüdlicher Ausdauer immer bei den Mühlenwerken und Fabriken in En⸗ derly und bei einer kleineren Anlage, die aus der Mahlmühle bei Norton Bury entſtanden war, arbeitete. Guy verfiel in ein tiefes Nachdenken, was den ängſtlichen Augen nicht entging, die öfter und länger auf ihm als auf dem Antlitze der andern Kinder haf⸗ teten. In ihrer ſchnellen und beſtimmten Weiſe ſtand Mrß. Halifax auf und ſagte:„Es iſt Zeit, hinein zu gehen.“ So wechſelte alſo das Bild im Freien bei Son⸗ nen⸗Untergange mit einer häuslichen Scene. Die Mutter ſaß an ihrem kleinen Tiſche, auf dem der hohe ſilberne Leuchter ſtand, der ein ſanftes Licht auf ihren Arbeitskorb, der niemals leer war, und auf die fleißigen Hände warf, die nie müſſig blieben. Der Vater neben ihr, denn er war ſeiner alten Ge⸗ wohnheit treu geblieben, ſich immer in ihrer Rähe zu halten, ſelbſt jetzt, wo er ſich die Bequemlichkeit eines Mannes im mittlern Alter geſtattete und einen Armſtuhl und Zeitungen erlaubte So ſaß er auch heute zuweilen laut vorleſend, zuweilen ſprechend, zuweilen ſie aber auch müſſig mit liebenden Augen betrachtend, die noch immer in der alternden Frau Schönheiten entdeckten. Das junge Volk zerſtreute ſich in verſchiedene Winkel des Zimmers; Guy und Walther an dem un⸗ verhangenen Fenſter, es war unſere Gewohnheit, das gaſtliche Licht nie zu verbergen, beobachteten den Mond, und wetteten mit halber Stimme, in wie vielen Minuten ſie über die Eiche klettern, oder auf die Spitze des Baumberges gelangen könnten. Ed⸗ win ſaß mit hochgezogenen Schultern und las eifrig, während ſeine Finger die ſtarken Haare emporſtrichen, und ſo ſeine breite, im Knochenbau ſehr ausgeprägte Stirn zeigten, auf der, wie Maud verſicherte, ſich ſchon die Runzeln des Alters bildeten. Dieſe kleine Miß — 16— nun war nach allen Richtungen hin zu finden, Jeden in ſeiner Arbeit unterbrechend und ſelbſt Nichts thuend. „Maud!“ rief der Vater endlich,„ich fürchte, Du machſt Onkel Phineas gar zu viel Unruhe.“ Onkel Phineas ſuchte die Sache zu beſchönigen, aber die kleine Dame war gewiß die ſchwierigſte von allen ſeinen Zöglingen; ſie hatte nämlich zum Beſten Beider ſchon längere Zeit den beſondern Un⸗ terricht der Mutter nicht mehr genoſſen, denn um ganz wahr zu ſein, muß ich bekennen, daß, ſo un⸗ ſchätzbar auch der Einfluß der Mutter in der unſicht⸗ baren Atmoſphäre der Seelen⸗Ausbildung war, ſo konnte man in den niedern Zweigen der Erziehung, wie in dem Unterrichte, leicht einen beſſern Lehrer als Urſula finden. So ward denn auch nach und nach hauptſächlich mir die Erziehung der Kinder übergeben, natürlich durch verſchiedene nothwendige Lehrer unterſtützt, und es ward gerade in dieſem Au⸗ genblicke oft erwogen, ob es nicht gut wäre, Miß Halifar's Bildung durch eine gute Gouvernante zu vollenden, aber immer nur im Hauſe ſelbſt. Denn alle Vollkommenheiten und alles Wiſſen der Welt würden dieſe Eltern nicht dahin gebracht haben, we⸗ der Sohn noch Tochter, lebendige Seelen, die ihnen der göttliche Vater anvertraute, anderswo als unter — ihren Augen und dem Schutze und Schirme ihrer natürlichen Heimath erziehen zu laſſen. „Als ich heute in Jeſhop's Handlungs⸗Hauſe wartete—“(und das war eine andere große Ver⸗ änderung, an die wir uns noch immer nicht ge⸗ wöhnen konnten, daß unſer guter Doctor und ſeine Frau uns verlaſſen hatten, und ſein Bruder und Erbe das liebe alte Eßzimmer in eine Zahlbank verwandelte, die von zehn bis vier Uhr offen war,) „während ich dort wartete, Liebe, hörte ich von einer Dame ſprechen, die mich deßhalb intereſſirte, weil ſie mir eine vortreffliche Erzieherin für Maud zu ſein ſchien.“ „Wirklich!“ erwiderte Mrß. Haliſax ziemlich gleichgiltig. Maud dagegen war ſichtlichz bemüht, zu erfahren, wie die Dame wohl ausſehen möge, und ich frug zu gleicher Zeit, wer die Lady ſei? „Wer? ich habe wirklich nicht danach gefragt,“ erwiderte John lächelnd.„Aber über die Frage, was ſie ſei? gab mir Jeſhop die beſte Auskunft, eine gute Tochter, die für jede Art von Bezahlung Kindern in Norton Bury Unterricht giebt, um eine leidende Mutter zu unterſtützen. Nicht wahr, Urſula, Du wirſt ſie unſere Maud unterrichten laſſen? ich bin davon überzeugt.“ John Halifar. v. 2 „Iſt ſie eine Engländerin?“ frug Mrß. Halifax, die durch eine gewiſſe franzöſiſche Dame, welche in wenigen Monaten den Frieden des Herrn-Hauſes ge⸗ ſtört, und ihren großen Liebling, Grace Oldtower, ſelbſt Etwas verändert hatte, außerordentlich gegen dergleichen Perſonen eingenommen war, und deßhalb dieſen Gouvernantenplan von Anfang an ſehr kalt aufnahm.„Und würde ſie bei uns leben müſſen?“ „Das denke ich beſtimmt.“ „Dann iſt es unmöglich. Das Haus würde dazu nicht paſſen, es iſt für uns kaum groß genug. Nein, wir können in Longfield Niemand mehr auf⸗ nehmen.“ „Aber es iſt möglich, daß wir Longfield verlaſſen.“ Die Knaben wandten ſich hoch aufhorchend nach uns um, denn dieſe Frage war ſchon früher öffentlich beſprochen worden, wie alle Familien⸗An⸗ gelegenheiten. In unſerm Hauſe herrſchten keine Geheimniſſe, und die jungen Leute hatten ſtets ſo viel Vertrauen empfangen, daß ſie deſſen würdig ge⸗ worden waren, und die Eltern, reines Herzens und rein in ihren Handlungen, ſcheuten ſich auch nicht, ihren Kindern Alles zu erzählen. „Longfield verlaſſen?“ wiederholte Mrß. Halifax, „gewiß nicht, nein, gewiß nicht,“ aber ein Blick auf — ihren Mann drängte den ungeduldigen Ton, mit dem ſie ſprach, zurück. Er ſaß und ſtarrte betrübt in das Feuer. „Laß uns dieſe Frage nicht weiter beſprechen, wenigſtens heute Abend nicht. Es erregt Dich, John. Wir wollen es bis Morgen verſchieben.“ Aber das lag nicht in ſeiner Art und Weiſe. Er gehörte zu den wenigen Menſchen, die, einmal eine Handlung als Nothwendigkeit erkennend, ſie dann auch nicht auf ein unſicheres Morgen verſchie⸗ ben mögen. Seine Frau ſah ihm an, daß er ſich mit ihr auszuſprechen wünſchte, und war bereit, ihm zuzuhören. „Ja, dieſe Frage ängſtigt mich recht ſehr. Ob wir jetzt, wo unſere Kinder erwachſen werden, und unſer Einkommen ſich verdoppelt und verdreifacht, unſern Kreis der Beſchäftigung, Fflichten und des Umganges erweitern ſollen, oder uns für immer in die ruhige Grenze des kleinen Longfield abſchließen ⸗ dürfen. Liebe, was ſagſt Du dazu?“ „Das Letztere! das Letztere! weil es das An⸗ genehmſte iſt.“ „Ich fürchte gerade im Gegentheil nicht dae Letztere, weil es das Angenehmſte wäre.“ Er ſagte das freundlich, ſeine Hand auf ihre Schulter legend, und mit jenem eigenthümlichen 28 Ausdrucke auf ſie herabblickend, der ſich immer bei ihm zeigte, wenn er ihr Etwas ſagte, was ihr ſchwer zu hören ward. Ich habe außer bei John dieſen Blick nie an einem andern lebenden Menſchen wieder gefunden. Wohl aber in einem Bilde:„Das liebende Hugenotten⸗Paar.“ Die Frau ſuchte das weiße Zeichen der Katholiken um ſeinen Hals zu ſchlingen, das ihn in der Bartholomäus⸗Nacht vor dem Tode retten ſollte; indem er ſie umfaßte, ſchob er es leiſe bei Seite, nicht ſtreng, ſondern lächelnd. Dies ruhige, zärtliche Lächeln, das von mehr Feſtigkeit zeugte als eine gerunzelte Stirn, man empfand, wie es die Todesangſt der Frau bewältigen mußte, ſo, daß ſie bald, wenn auch unter Thränen, und welche Frau hätte das anders vermocht? flüſtern würde:„Geh' und ſtirb. Theurer als Du ſelbſt, iſt mir Deine Ehre und Deine Pflicht.“ Als ich dies Gemälde ſah, ward mein altes Herz bis in das Innerſte ergriffen, denn in dieſem ſeltenen Ausdrucke hatte der Maler John's Eigenthümlichkeit wiedergegeben, gerade wie ich ihn in einigen gro⸗ ßen Umſchwungs⸗Perioden ſeines Lebens geſehen hatte, und namentlich in dem Augenblicke, wo er ſeiner Frau den Entſchluß mittheilte, zu dem er ſelbſt nur ſchwer gekommen war, daß er es recht und vortheil⸗ haft ſinde, Longfield zu verlaſſen, ſeit ſo vielen; —— — Jahren unſere theure, glückliche Heimath, in der die Mutter jede Blume des Gartens, jeden Stein und ieden Fleck an der Wand liebte. „Longfield verlaſſen?“ wiederholte ſie abermals mit einem tiefen Seufzer. „Longfield verlaſſen?“ tönte es aus den Kehlen der Kinder wieder, von dem Jüngſten bis zum Ael⸗ teſten, aber vielleicht mehr verwundert als betrübt. Edwin's kluge, helle Augen blickten ſchnell von dem Buche auf, ſenkten ſich aber ſogleich wieder; er war weder von vielen Worten, noch vermochte er ſeine Empfindungen zu zeigen. „Jungens, kommt heran, wir wollen über die Sache mit einander reden!“ Sie vergrößerten unſern Kreis, und wenn auch voller Achtung für den Vater, ſo waren ſie ihm gegen⸗ über doch unbefangen und offen; dieſe Söhne ſeiner Jugend, denen er nicht allein Vater und Oberhaupt, ſondern auch eben ſo gut Gefährte, Führer und zärt⸗ licher Freund war. Sie ehrten, vertrauten und lieb⸗ ten ihn, zwar das Letztere nicht ganz in derſelben Weiſe wie die Mutter, denn es ſcheint faſt ein ſon⸗ derbares Natürgeſetz, daß der Einfluß einer Mutter auf Söhne größer iſt, während der des Vaters ſich ſtärker bei Töchtern zeigt. Aber ſelbſt ein Fremder hätte nicht auf dieſe aufmerkſamen, verſchiedenartigen * und doch durch eine Familien⸗Aehnlichkeit ſich aus⸗ zeichnenden Geſichter blicken können, ohne zu empfin⸗ den, welche tiefe achtungsvolle Liebe in dieſer Ju⸗ gend für den Vater lebte. „Ja, nach der ernſteſten Ueberlegung dieſer An⸗ gelegenheit und mancher Berathung mit Eurer Mut⸗ ter hier, fürchte ich, daß wir Longfield verlaſſen müſſen.“ „Das glaube ich auch,“ verſicherte Miß Maud von ihrer Fußbank aus, wo ſie ſaß, und dieſe Be⸗ kräftigung, die ſie ſo gewichtig ausſprach, verwan⸗ delte unſere ernſte Stimmung in ein herzliches Lachen, von dem ſelbſt die Mutter ſich nicht ausſchließen konnte. Dann ihre Arbeit bei Seite ſchiebend, ſo wie den trüben Ausdruck überwindend, mit dem ſie während des ganzen Geſpräches darüber gebeugt ſaß, rückte ſie ihren Stuhl näher zu ihrem Manne heran, legte ihre Hand in die ſeinige und bald ruhte auch ihr Haupt an ſeiner Schulter. Worauf Guy, der bis dahin den Ausdruck ſeiner Mutter ängſtlich bewacht hatte, im Zweifel, ob ſie für oder gegen den Plan ſeines Vaters ſtimme, und davon auch ſeine Anſicht abhängig zu machen ſchien, nun ebenfalls dem Geſpräche eine ungetheilte, ja zufriedene Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte. —— —— * „Ich bin jetzt wieder durch Beechwvod Hall ge⸗ kommen. Ihr erinnert Euch doch Beechwoods?“ Ja, es war das„große Haus“ in Enderly, gerade unter der Abdachung des Berges unter Roſe⸗ Cottage. Der Buchenwald ſelbſt bildete einen Theil der Garten⸗Anlagen, und aus den Obſtgärten hatte der ehrliche James Tod, der ſie beaufſichtigte, man⸗ ches Mal ſeine Taſchen voll der ſchönſten Birnen ge⸗ pflückt, um ſie den Jungen mitzubringen, und die ſchönſten, wohlriechendſten Blumen für Muriel ge⸗ ſammelt. „Aber, Vater, Beechwood hat ſo lange leer ge⸗ ſtanden, wird es auch geſund ſein, dort zu wohnen?“ „Ich denke es wohl, Edwin, mein praktiſcher Junge,“ erwiderte lächelnd der Vater.„Was meint Ihr, Kinder, würdet Ihr gern dort wohnen?“ Jedes machte ſeine Bemerkungen darüber, Guy's Geſicht erglänzte vor Freude bei dem Gedanken an die hübſchen Fiſch- und Jagdparthieen um Enderly, und beſonders in der Gegend von Luxmore; und Maud berechnete ſchon die verſchiedenen Beſuche, die zu John Halifax, Esquire von Beechwood⸗Hall, kom⸗ men würden. „Keine von allen vortrefflichen Gründen ſchei⸗ nen mir doch die Eures Vaters zu ſein,“ ſagte Mrß. —— 9 Halifax ziemlich trocken. Doch John, über jugend⸗ lichen Leichtſinn oft nachſichtiger als ſie, antwortete: „Ich will Euch meine Gründe auseinander ſetzen, Jungens. Als ich noch ein junger Mann war, ehe ich Eure Mutter heirathete, ja, ehe ich ſie nur geſehen hatte, beſtand der größte Wunſch meiner Seele darin, Einfluß, und wäre es möglich, auch Reichthum in der Welt zu gewinnen, vorzüglich aber doch Einfluß, und ich glaubte, ich könne das beſſer als mancher Andere gebrauchen, da Diejenigen den Armen am meiſten nützen, die den Armen am beſten ver⸗ ſtehen. Und vermochte das, denn Ihr wißt, als Onkel Phineas mich fand, war ich—“ „Vater!“ rief Guy, von einer tiefen Röthe übergoſſen,„wir können wohl über dieſe Thatſache fortgehen, da wir jetzt zu der edlern Klaſſe der Ge⸗ ſellſchaft gehören.“ „Das waren wir immer, mein Sohn.“ Der Verweis, der nicht mit ſo einer gewohnten Milde ertheilt ward, traf den Jüngling bis in das Innerſte. Er ſchlug die Augen nieder und erröthete in anderer, aber edlerer Weiſe. „Ich weiß es wohl, Vater, bitte, fahre fort.“ „Und nun,“ begann der Vater, ſeinen eigenen Ge⸗ danken eben ſo wohl nachgebend als laut mit den Kindern redend,„nun, nach fünfundzwanzigjähriger — Arbeit habe ich endlich die Stellung gewonnen, die ich mir wünſchte. Das heißt, ich möchte ſie wie eine Berechtigung betrachten und meinen Platz unter den Männern einnehmen, die ſich in letzter Zeit aus dem Volke erhoben haben, um daſſelbe zu leiten und ihm zu helfen, wie die Canning's, Huskiſſon's, Peel's.“ „Willſt Du in das Parlament treten? Sir Herbert frug mich heute, ob Du es beabſichtigeſt. Er verſicherte, Du würdeſt Alles erreichen, gäbſt Du Dich ganz der Politik hin.“ „Nein, Guy, nein. Die Weisheit ſowohl als die Menſchenliebe beginnt zuerſt im eigenen Hauſe. Ich will erſt in meinem Thale regieren, lernen erſt meine eigenen Arbeiter behandeln, ehe ich mir an⸗ maße, den Staat zu regieren. Und das bringt mich ebenfalls wieder zu dem pro und contra über den Aufenthalt in Beechwood Hall.“ „Erkläre ſie, John, und ſetze den Kindern Alles ordentlich auseinander.“ Seine Gründe waren; erſtens der Vortheil, der ſeinen Söhnen daraus erwuchs, denn John Halifax gehörte nicht zu den Philanthropen, welche die ganze Welt beglücken wollen, ausgenommen ihre eigenen umgebungen und ihre eigene Familie. Er wünſchte, denn je höher der Menſch ſteigt, je weiter und edler wird ſeine Thätigkeit, ſein ganzer Geſichtskreis, nicht . 5 ſich allein zu erheben, ſondern auch ſeinen Söhnen nach ſeinem Tode eine Stellung zu hinterlaſſen, die ihnen geſtattete, an der ſtets ſteigenden Fluth der menſchlichen Veredelung mit zu arbeiten, erſt in ihrer eigenen Familie, dann weiter nach Außen hin, in ſo fern ſie ihre Eigenſchaften und ihre Stellungen dazu befähigten. „Ich verſtehe Dich!“ rief der älteſte Sohn mit glänzenden Augen,„Du willſt eine Familie gründen. Ja! das wollen wir, und zwar in Beechwood⸗-Hall; alle folgenden Generationen ſollen zur Ehre und zum Ruhme Deines, ja unſers Namens, fortleben.“ „Mein Sohn, es giebt nur Einen Namen zu deſſen Ehre wir leben ſollen. Nur Einen Namen, in dem alle Geſchlechter der Erde geſegnet ſind, und in dieſem allein wünſche ich eine Familie zu gründen, wie Du es nennſt, damit unſer Licht vor den Men⸗ ſchen leuchte, und wir eine Stadt werden, die auf einem Berge liegt, ſo daß wir einfach Allen, die uns fragen, antworten können:„Ich und mein Haus, wir dienen dem Herrn!“ Es war nur ſelten, daß John Halifax in dieſer Weiſe ſprach— und die wörtlichen Ausdrücke des Buches gebrauchte— das unſeres Lebens Führer war und deſſen Wort nie leichtſinnig in unſerer Fa⸗ milie wiederholt ward. Wir hörten ihm aufmerk⸗ ſam zu, als er ſich ernſt erhob und im Scheine veß Heerdfeuers fortfuhr: „Ich glaube, daß man mit Seinem Segen dem Herrn eben ſo gut in Reichthum wie in Armuth dienen kann, eben ſo gut in einem großen wie in einem ſo kleinen Hauſe als Longfield iſt. Ich werde kein Zweifler, weil ſich meine Beſitzungen ausdehnen, und fürchte mich nicht, weder ein reicher noch ein großer Mann zu werden, ſollte ich dazu berufen ſein.“ „Wer kann wiſſen, ob es nicht ſo kommt,“ ſagte Urſula ſanft. John begegnete dem Blicke ſeiner Frau und lächelte. „Liebe! Du warſt einſt ein guter Prophet mit einem gewiſſen:„Ja, Du wirſt es!“ aber nun, Kinder, Ihr wißt, als ich Eure Mutter heirathete, beſaß ich Nichts, und ſie gab Alles für mich auf. Da nahm ich mir vor, ſie dennoch eben ſo hoch zu ſtellen als irgend eine Dame der Umgegend; ich meinte das da⸗ mals in Beziehung auf Vermögen, weil ich es zu ihrem Glücke für nothwendig hielt; ſie und ich wir ſind aber Beide jetzt verſtändiger geworden. Wir wiſſen, daß wir niemals glücklicher ſein können als wir in dem alten Hauſe in Norton Bury nnd hier in dem kleinen Longfield waren. Ja, ich verdoppele ihre Verantwortung, wenn ich ſie zur Lady von Beech⸗ — 2— * wood Hall mache, ſo wie ich vielleicht ihre Sorgen verdreifache, ihr unendlich viel mehr neue Pflichten auflege, und ihr dabei nicht halb ſo ſüße Freude bereite, als ſie hier zurückläßt. So ſoll denn meine Frau jetzt allein und für ſich ſelbſt entſcheiden.“ Urſula ſah zu ihm auf und Thränen ſtanden in ihren Augen, obgleich die Feſtigkeit einer treuen Liebe dazwiſchen durchleuchtete. „Ich danke Dir, John, ich habe entſchieden; wenn Du es wünſcheſt und für Recht hältſt, wollen wir Longfield verlaſſen und nach Beechwood gehen.“ Er küßte ihre Stirn und ſagte liebevoll:„So wollen wir es alſo machen.“ Guh ſah ihn faſt vorwurfsvoll an, als ob der Vater dies Opfer erzwinge; ich aber möchte fragen, ob das Opfer nicht größer für den iſt, der es em⸗ pfängt, als für den, der es bringt. So war denn Alles eingerichtet, um das ge⸗ liebte Longfield zu verlaſſen. John verkaufte es nicht, ſondern es ward an Jemand von unſerer Be⸗ kanntſchaft verpachtet, von dem wir überzeugt ſein konnten, daß er Alles, was zu uns gehörte, mit ängſtlicher Sorgfalt pflegen würde, zu dem wir immer wieder zurückkehren und es ſehen konnten; aber unſere Heimath, unſer eigenes liebes Reſt, das konnte es niemals wieder werden. Sehr betrübt, ja betrübter als ich dachte, ward unſer Abſchied von allen den uns gewohnten Ge⸗ genſtänden; der Obſt⸗ und Blumengarten, die Wieſen, der Strom, die bewaldeten Berge, jeder Zoll Erde und jede Welle war uns ſo lieb und theuer gewor⸗ den, wie die Geſichter unſerer Kinder. Ja, beinahe ſo lieb als das eine Antlitz, das eine kurze Zeit in dieſen Umgebungen gelebt hatte, ohne die Schönheit derſelben geſehen zu haben. Das Kind, das an einem heitern Frühlingsmorgen mit ſeinen drei Brüdern ſo fröhlich aus dem Weißen Thore hinaus gegangen war, und nie wieder nach Longfield heimkehrte. Es lag vielleicht in dem Umſtande, daß Muriel's Krankheit und Tod fern vom Hauſe ſtatt fand, daß ſich das Andenken an unſere lebende Muriel und ihre irdiſche Kindheit ſpäter beſonders eng mit dem Hauſe von Longfield verknüpfte. Die andern Kinder dagegen wurden ſo nach und nach älter, ſo unmerklich von Jahr zu Jahr, daß ſich ſpäter ihr Bild als Kinder halb verwiſchte. Aber Muriel blieb für uns immer dieſelbe. Ihre Erſcheinung, ach! nur ein Schatten, aber dennoch oft lebendiger als die der andern Kinder, ſchien immer unter uns zu ſein. Sie ſchwebte im Zwielichte durch das Haus, und ſaß am winterlichen Heerdfeuer in der gewehnten Aleinen Ecke, und im Frühlinge ſchien ſie mit ihren leiſen, unhörbaren Schritten durch die Blumenbeete zu wandeln. Die Andern wuchſen auf, wurden Männer und eine Jungfrau, doch das eine Kind, das uns genommen war, blieb immer„das Kind.“ Selbſt an dem letzten Abende, dem allerletzten Abende, an dem John von Enderly zurückkehrte, ſeine Frau ihn unten am Fluſſe erwartete, und Beide nun über die Felder herauf kamen, wie ich ſie ſeit ſo manchem, manchem Jahre geſehen hatte, ach! da ſchien es mir noch ſelbſt, als ob ſeine Augen fragend auf der Stelle ruhten, wo früher die kleine blaſſe Geſtalt auf der Thürſchwelle zu ſitzen pflegte, ihre Taube an ihrer Bruſt, ängſtlich auf ihn horchend und ihn erwartend. Wir hielten ſeitdem keine Tauben mehr. Und als in derſelben Nacht nun Alles ſchlum⸗ merte, ſelbſt die Mutter, die in unruhiger Thätigkeit hin und her wandernd, ſich ſelbſt zu überreden ſuchte, daß ſich der Umzug Morgen noch nicht bewerkſtelli⸗ gen laſſen werde, in dieſer letzten Nacht, als John wie gewöhnlich die Hausthür ſchließen wollte, ſtand er noch eine ganze Zeit draußen und ſah hinab in das Thal. „Wie ruhig hier Alles iſt; Du kannſt ſelbſt das leiſe Geflüſter der Stromeswellen hören. Armes, liebes, altes Longfield!“ Und ich ſeufzte in der Ueberzeugung, daß wir nie wieder eine ähnliche an— dere Heimath finden würden. John antwortete nicht. Faſt mechaniſch hatte er eine lange Clematisranke wieder an ihren Platz feſtgebunden, die Muriel und Guy einſt vor Jahren vom Felde mit herein gebracht und hier eingepflanzt hatten; jetzt freilich bedeckte das damals ſchwache Ge⸗ wächs die ganze Vorderſeite des Hauſes. Dann trat er zu mir heran, und über die Gatterpforte lehnend, ſah er ſtarr in das Mondenlicht hinauf. „Ob ſie wohl weiß, daß wir Enderly verlaſſen?“ In dem Augenblicke nicht daran denkend, frug ich:„Wer?“ „Das Kind.“ Bweites Kapitel. Es war ein hübſcher Anblick, Vater und Sohn neben einander den Kießweg(ach! der Feldweg ge⸗ hörte allerdings der Vergangenheit an), der den breiten ſonnigen Spaziergang vor dem Frühſtücks⸗ zimmer in Beechwvod Hall bildete, auf⸗ und abgehen zu ſehen. Es war früh, kaum acht Uhr, aber wir hatten unſere Stunden und Gewohnheiten von Longfield Hall beibehalten. Und überdem war es ein großer Tag, Guy's Mündigwerdung. Merkwürdig war es, ihn zu beobachten, wie er neben ſeinem Vater her⸗ ging, in jedem Zoll der„junge Erbe“, und ſich deſſen vielleicht nicht ganz unbewußt. Sonderbar ſtach dabei die Erinnerung an ſeine Geburt ab, wie be⸗ ſcheiden er an einem regnigen Decembermorgen in dem alten Hauſe in Norton Bury vor einundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickte. Heute dagegen war es ein heller Tag, hell, wie der Ausdruck von uns Allen, als wir ſo traulich um den Frühſtückstiſch ſaßen. Hier, wie in frühern Zeiten, war es der Mutter Stolz und des Vaters Freude, daß keines der lieben Geſichter fehlte, daß Sommer und Winter ſich Alle eine Stunde im ge⸗ meinſchaftlichen Geſpräche und in Familienſcherzen verſammelten, ehe die Geſchäfte und Sorgen des Tages begannen; und es ſchien dabei eine allgemeine Uebereinkunft geworden zu ſein, daß ein Jeder ſtrebte, dies kleine Streifchen frühen Lichtes ſo lange unbe⸗ wölkt zu halten, bis Vater und Brüder an ihr Tagewerk gegangen waren. An dem Frühſtückstiſche ſah man weder trübe noch kalte Geſichter, noch berührte man unangenehme Gegenſtände des Ge⸗ ſpräches. So war es denn gegen alle Gewohnheit, als Mr. Holifax die Zeitungen mit ernſter Miene bei Seite legte. „Dies ſind traurige Rachrichten! Die Zeitung berichtet heute, zehn Banken hätten ihre Zahlungen eingeſtellt.“ „Aber es wird doch für uns keine Verluſte herbeiführen?“ John Halifax. v. 3 — „Edwin denkt immer an uns und an unſer Geſchäft,“ bemerkte Guy etwas ſtreng. Es gehörte zu den ſchwachen, ſehr leiſen Miß⸗ tönen unſeres Hauſes, daß dieſe beiden Jünglinge, ſo vortrefflich ſie waren, im heranreifenden Mannes⸗ alter nicht immer gut zuſammen paßten. „Ich kann nicht finden, daß Edwin unrecht hat, ſogleich an uns zu denken, da von uns viele andere Menſchen abhängen,“ bemerkte der Vater in dem ruhigen Tone, den er immer annahm, wenn er die Meinungsverſchiedenheit zwiſchen ſeinen Söh⸗ nen auszugleichen verſuchte; er milderte dann die Frage und erhielt ſo das Gleichgewicht.„Wenn wir auch ſelbſt für uns unbeſorgt ſein können, ſo dächte ich, daß die Verluſte, die wir überall in unſerer Nähe erleben, uns die Pflicht auflegen, mit unſerem guten Glücke nicht zu prahlen, indem wir es durch Guy's Prachtliebe und Vornehmheiten ver⸗ ſchleudern; was meinſt Du, mein Sohn?“ Der Jüngling ſchlug die Augen nieder. Es war in der Familie wohlbekannt, daß er, ſeitdem wir in Beechwood waren, mit ſeinem vergnügungs— liebenden Sinne wohl manche Veränderungen in unſerer Art und Weiſe des Lebens gewünſcht hätte, wie Fuchsjagden, Mittagsgeſellſchaften, Bälle u. ſ. w., daß aber der Geſchmack des Vaters, obgleich er die — 35— Gaſftfreundſchaft weit ausdehnte, jeden äußern Schein mied und unſerm Leben ganz den Charakter eines Familienvereines gab, wodurch es dem höherſtre⸗ benden jungen vornehmem Manne, Guy Halifax, Esquire und Erben von Beechwood Hall, etwas unſchmackhaft ward. „Du magſt es prachtliebend nennen oder wie Du willſt, aber ich weiß nur, daß ich gern mehr nach der Art unſerer Nachbarn leben möchte. Und gerade weil ich weiß, daß wir es könnten, wir, die man zu den wohlhabendſten Familien rechnet, und—“ Er brach hier plötzlich ab, indem die Thür ſich öffnete und Guy zu viel Zartgefühl und Takt beſaß, unſere Reichthümer in Gegenwart von Maud's armer Gouvernante zu beſprechen. Die große, ernſte, traurig ausſehende und dunkel gekleidete Miß Silver trat ein; dieſelbe, von der John in Mrß. Jeſhop's Bank gehört hatte, und die ſeit vier Monaten, ſeitdem wir in Beechwood waren, bei uns lebte. Einer der Knaben ſprang auf und bot ihr einen Stuhl an; denn die Eltern gaben ihnen das Beiſpiel, ſie mit der größten Achtung zu behandeln, ja, würden ſie nur zu gern als Mitglied der Familie betrachtet haben, wären ſie nicht durch ihre große Zurückhaltung daran verhindert worden. 3* Miß Silver näherte ſich mit dem täglichen Blumenſtrauße, ein Geſchäft, das ihr Mrß. Halifar übertragen hatte. „Es waren die beſten, gnädige Frau, die ich finden konnte; ich glaube, Watkins hat alle Blumen aus dem Treibhauſe für dieſen Abend aufgehoben.“ „Ich danke Ihnen, meine Liebe. Dieſe genügen vollkommen. Guy, bitte Miß Silver, Deinen Platz am Kamin anzunehmen. Sie ſieht ganz durch⸗ froren aus!“ Aber Miß Silver lehnte dieſe Freundlichkeit ab und ging an der andern Seite des Tiſches nach ihrem gewöhnlichen Stuhle. urſula beſchäftigte ſich in einer nervöſen Unruhe mit der Austheilung des Frühſtücks. Denn obgleich Miß Silver wirklich Achtung einflößte, ſo fand es die Mutter doch ſchwer, ihre außerordentliche und abweiſende Ruhe zu ertragen. Sie war gewiſſenhaft, ja faſt ängſtlich⸗freundlich gegen ſie, und die Gouvernante eben ſo gewiſſenhaft pünktlich in ihrer Aufmerkſamkeit und Höflichkeit; indeſſen dies unbewegliche ernſte Benehmen, die Ver⸗ ſchloſſenheit, mochte ſie aus Blödigkeit oder Stolz entſpringen, machte Urſula oft ungeduldig und erregt. Heute war es nun ein allgemeiner Feiertag füt Beide, Herrſchaft und Leute; ein Mittagseſſen in den Fabriken, und Abends fand ein ſogenannter Thee ſtatt, der aber zu meinem größten Vergnügen immer mehr die Geſtalt eines Balles anzunehmen ſchien. Aber die Eltern hatten bei dieſer Gelegenheit den Wünſchen der Jugend nachgegeben und die halbe Nachbarſchaft war durch den allgemein beliebten Mr. Guy Halifax zur Feier ſeiner Mündigwerdung ein⸗ geladen. Die Mutter, halb beſchämt über ihre Nachgie⸗ bigkeit gegen den Jüngling, gab ihm einen leiſen Schlag auf die Schulter und ſagte:„Nur für dies eine Mal, Du närriſcher Menſch!“ Wir zerſtreuten uns bald darauf Alle; Guy und Walther ritten nach dem Herrnhauſe, Edwin verſchwand mit ſeiner Schweſter, der er täglich in dem Schulzimmer lateiniſchen Unterricht gäb. John forderte mich zu einem Gange nach den Bergen auf. „Gehen Sie mit ihm, Phincas,“ flüſterte mir ſeine Frau zu,„es wird ihm gut thun, doch reden Sie nicht ſo viel von der Vergangenheit mit ihm. Es iſt eine harte Woche für John!“ g Der Blick der Mutter war trübe, denn Guy und das Kind waren nur ein Jahr und drei Tage auseinander geboren; aber es ſiel ihr nicht ein, darauf hinzudeuten, wie ſchwer auch ihr dieſe Woche ward. Dieſer eine große Schmerz ihres Lebens hatte ſich wohl ſanfter und geſunder in ihr verarbeitet als in ihrem Manne, entweder weil Männer, ſelbſt die beſten, überhaupt nur leiden, Frauen aber auch ihr Leid ertragen können; oder weil durch die geheim⸗ nißvolle Ordnung der Natur Maud's Kinderlippen die Bitterkeit des Schmerzes aus dem Herzen der getroffenen Mutter fortgeſogen hatten, als der Verluſt noch friſch war. Er hörte freilich nie auf, in dem warmen Herzen fortzubluten, das zwar Raum für alle lebende Kinder fand, das aber mit der größten Zärtlichkeit und über alle Sorgen hinaus das Kind liebte, das nicht mehr lebte. Unwillkürlich blieben John und ich auf unſerem Spaziergange einen Augenblick an der niedrigen Kirchhofmauer ſtehen und ſahen hinüber nach dem weißen Steine, worauf ihr Name eingegraben war: „Muriel Joy Halifax,“ unter demſelben eine Zeile aus dem Neuen Teſtamente, von dem Wunder han⸗ delnd, das ſie ſo beſonders gern hörte: Sonſt war ich blind und nun ſehe ich! mit dem Datum darunter, ſeit wann ſie ſah. Weiter Nichts, es be⸗ durfte weiter Nichts. „Den 5. December 1813!“ wiederholte der — — Vater, die Inſchrift leſend.„Sie wäre jetzt eine erwachſene Perſon! Wie ſonderbar! meine kleine Muriel!“ Gedankenvoll ging er weiter, beinahe denſelben Spuren folgend, wo er ſonſt ſeinen Liebling nach den Bergen bis auf den Rand der Hochebene trug. Es ſchien, er lebte in jener Zeit fort, in der er ſie in ſeinen Armen hielt, dieſe Kleine, welche der Himmel, wie ich ſchon vorher ſagte, in ſeiner aus⸗ gleichenden Barmherzigkeit, trotz der vorüberziehenden Jahre, trotz aller Veränderungen zu dem Schatze erhoben hatte, den ihnen Niemand zu rauben ver⸗ mochte, dies einzige Kind, das ihnen immer ein Kind blieb. Als wir uns an demſelben Platze ausruhten, dem ſonnigen Winkel, wo wir ſonſt ſtundenlang mit ihr ſaßen, fühlte ich, daß des Vaters Herz dieſen Troſt ſo innerlich und gewiß empfand, daß die Erin⸗ nerung den Stachel des Schmerzes verlor. Er begann ſelbſt von ſeinen andern Kindern zu reden, beſonders von Maud, und dann von ihrer Erzieherin Miß Silver. „Ich wünſchte, ſie wäre angenehmer, John, beſonders liebenswerther; es ängſtigt mich oft, wie kalt ſie die Freundlichkeit der Mutter empfängt.“ „Das arme Ding! Sichtlich iſt ſie nicht an Güte und Liebe gewöhnt. Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie erſtaunt ſie geſtern ausſah, als wir ihr etwas mehr als ihr beſtimmtes Gehalt auszahlten und meine Frau ihr zu heute Abend ein hübſches ſeidenes Kleid ſchenkte. Ich wußte wirklich nicht recht, wollte ſie es zurückweiſen oder brach ſie nur nach junger Mädchen Art in Thränen aus.“ „Iſt ſie ein junges Mädchen? Die Jungens verſichern, ſie ſähe wenigſtens aus, als wäre ſie dreißig Jahre alt. Guy und Walther lachen immer über ihren ſchlechten Anzug und ihr feierliches, vor⸗ nehmes Weſen.“ „Das iſt Unrecht, Phineas! ich muß darüber mit ihnen ſprechen. Sie müſſen mit der armen Miß Silver mehr Nachſicht haben, die ich eigentlich ſehr achte.“ „Das weiß ich; aber findeſt Du wirklich Ge⸗ fallen an ihr?“ „In vielen Dingen ja, und dabei ſchätze ich ſie von ganzem Herzen, ſonſt wäre ſie auch natürlich nicht hier. Ich finde, die Menſchen müßten eben ſo eigen in der Wahl der Erzieherin ihrer Töchter, wie in der Frau ihres Sohnes ſein; und haben ſie ſie gewählt, müſſen ſie ihr auch immer die ſchuldige Ehre beweiſen.“ „Nun, Du wirſt bald Söhne haben, die ſich —— ſelbſt ihre Frauen ausſuchen, John! ich bilde mir ein, daß Guy für die hübſche Grace Oldtower eine kleine Schwäche hat.“ Aber der Vater ließ die Sache unbeantwortet. Er war alle Mal ſehr kurz bei Scherzen der Art. Und dabei kam uns in dieſem Augenblicke Mr. Brown, der Inſpektor des Lord Luxmore, entgegen; er ritt langſam vorüber und berührte kaum ſeinen Hut vor Mr. Halifax. „Armer Mr. Brown! er hat noch immer einen gewiſſen Groll gegen mich wegen der mexikaniſchen Speculation, in die ich mich nicht einlaſſen wollte; er that es und hat Alles verloren, was er bei Lord Luxmore gewonnen hatte. Mir kommt wirklich vor, Phineas, als ob alle Menſchen in dieſem Jahre ganz toll nach jeglichen Speculationen geworden wären. Es mußte nachher ein Rückſchlag und ein paniſcher Schrecken folgen, und dieſer ſcheint ſchon zu be⸗ ginnen.“ „Aber Du biſt ſicher, denke ich; denn da Du der allgemeinen Richtung nicht folgteſt, ſo kann doch für Dich kein Rachtheil daraus entſtehen? Hörte ich nicht ſelbſt, wie Du verſicherteſt, daß Du auch nicht für den Verluſt eines Pfennigs zu fürchten habeſt?“ „Ja, unglücklicher Weiſe,“ erwiderte er mit einem trüben Lächeln. — —— „John, was meinſt Du?“ „Ich meine, daß es eine ſchwierige Stellung bleibt, zwiſchen allen fallirenden Nachbarn allein unbeſchädigt ſtehen zu bleiben. Das Unglück macht die Leute ungerecht. Neulich in der Verſammlung waren die auf mich gerichteten Blicke meiner Herren Magiſtratscollegen kalt genug, ja, Blicke, die zwanzig Jahre früher mein Blut in große Bewegung geſetzt hätten. Und, Du kennſt ja den Artikel in dem Merkur von Norton Bury, über die Anmaßung der Volksmillionaire, Tuchweber u. ſ. w., die das Leben ihrer Landsleute auf das Spiel ſetzen. Das galt mir, Phineas, ſieh' nicht ſo ungläubig aus, das ſollte meine Verhältniſſe ſchildern!“ „Wie niedrig!“ „Aber ich bin nicht ohne Sorge darüber, denn es kann mir Schaden thun; beſonders unter den Arbeitern, die ohne eigenes Urtheil glauben, was man ihnen ſagt; ſie ſehen, daß ich gedeihe, während Viele fallen; daß meine Tuchfabrik die einzige iſt, die ſtets Arbeit hat, und doch habe ich mehr Hände als ich zu beſchäftigen vermag. Ich muß faſt jede Woche Neuankommende abweiſen, und dadurch ver⸗ breitet ſich von Neuem das Geſchrei, daß meine Maſchinen die Arbeit heruntergeſetzt haben. Du ſiehſt alſo, daß alle Dem, was Guy über unſere * . * — zunehmende Wohlhabenheit ſagt, ſein Vater binnu nicht auf Roſen ſchläft.“ „Es iſt ſchändlich, gemein!“ „Nicht im Geringſten, es iſt nur natürlich, und der Zoll, den Derjenige entrichten muß, der glücklich in ſeinen Erfolgen iſt. Es wird ſich auch bald genug verlieren, und unterdeſſen wollen wir ſo wenig als möglich daran denken.“ „Aber biſt Du auch ſicher? iſt es Dein Leben?“ denn eine plötzliche Angſt durchzuckte mich, eine Angſt, die durch mehr denn ein Ereigniß dieſes Jahres be⸗ gründet war, dieſes ſchrecklichen Jahres 1825. „Sicher? ja,“ und er hob ſeine Augen zum Himmel auf.„Ich glaube, ſo lange ich zu arbeiten habe, wird auch mein Leben geſichert ſein. Aber um der Meinen willen führe ich ſeit dem letztver⸗ gangenen Monate auf meinen Gängen nach der Bank von Coltham neben meiner Geldbörſe immer dies mit mir.“ Bei dieſen Worten zog er ein kleines Piſtol aus ſeiner Bruſttaſche. Ich war ſehr erſchrocken. „Weiß das Deine Frau?“ „Natürlich; aber ſie weiß auch eben ſo gut, daß ich mich nur in der höchſten Gefahr deſſelben bedienen würde, und eben ſo, daß mich dieſe Vorſicht wahr⸗ —— ſheinlich, weil ſie bekannt iſt, vor der Gelegenheit ſchützen wird, die Waffe zu gebrauchen. Gott wolle, daß ich nie dazu gezwungen werde! Aber laß uns von andern Dingen reden.“ Er ſtand ſtill und ſah mit einem trüben in ſich verſunkenen Blicke das ſonnebeſchienene Thal hinab, das zum größten Theil bereits ſein Eigenthum ge⸗ worden war. Denn Alles, was er im Geſchäft erſparen konnte, ward niemals zu Speculationen verwandt, ſondern er ſchien ein patriarchaliſches Vergnügen darin zu finden, immer mehr und mehr Land zu kaufen, hauptſächlich zum Beſten ſeiner Fabrik, und Allem, was dazu gehörte. „Meine armen Leute, ſie ſollten mich doch beſſer kennen! Aber es mag wohl ſo ſein ſollen in der Welt, daß man niemals ſeine Wünſche in Erfüllung gehen ſieht, ohne irgend einen bittern Zuſatz dabei zu empfinden. Von früheſter Jugend an war ic nur beſorgt, meinen Namen ſo untadelhaft unt rein durch das Leben zu halten wie der Chevalier Bayard; wie würden die Menſchen lachen, hörten ſie, daß ein Kaufmann darnach ſtrebt, dem Ritter Bayard nachzueifern! Bayard sans peur et sans reproche! Und ſo könnte und ſollte es ſein! Ja, trotz aller; Verleumdungen iſt es noch möglich, daß ich durch⸗ dringe.“ —— „Wie wirſt Du aber dem Allen entgegentreten? was kannſt Du dabei thun?“ „Nichts als es überwinden!“ Er ſchwieg ſtill, blickte über das Thal und über die kalten Berggipfel hinaus, immer höher und höher, wo die höchſten Spitzen ſich dem dunkelblauen klaren Himmel näherten. Ich folgte ſeinem Auge und fühlte: Ja! er wird Alles überwinden! Wir ließen die Sache auf ſich beruhen und gönnten uns Beide eine ſtille Stunde angenehmen Geſpräches über Mancherlei. Als wir durch das Buchengehölz zurückgingen, wo ein leichter Schnee auf die blätterberaubten Bäume fiel, ſagte John nachdenklich: „Es wird ein harter Winter und wir werden Manchen unterſtützen müſſen von unſern Arbeitern. Der Andrang zu den Mahlzeiten um Weihnachten wird groß werden!“ „Man ſagt, daß der Weg zu den engliſchen Herzen durch den Magen gehe. So wirſt Du Dir vielleicht bis zum Frühlinge Recht verſchafft haben.“ „Werde nicht ärgerlich, Phineas. Wie ich heute ſchon meiner Frau ſagte, das iſt es wirklich nicht werth. Die Hälfte des Uebels, das uns die Leute angedeihen laſſen, geſchieht hauptſächlich aus Un⸗ wiſſenheit. Wir müſſen geduldig ſein.„Nur in Geduld kannſt Du Herr Deiner Seele bleiben.“ Er ſagte dies mehr zu ſich ſelbſt wie zu mir, ſo, als ſei es der fortlaufende Faden ſeiner eigenen Gedanken. Die meinigen folgten ihm, und ich fühlte, er werde nicht umſonſt kämpfen, denn trotz ſo mancher Sorgen gab er Einem dennoch das Bild eines geſegneten Menſchen. Geſegnet, und während dieſes ganzen Tages auch glücklich, beſonders bei der Mahlzeit, welche in der Fabrik ſtattfand, und die mich außerordentlich an jenes Mahl erinnerte, das wir einſt in Longfield gaben. Es that dem Herzen wohl, das Lebehoch zu vernehmen, das ſie dem Herrn und dem jungen Herrn mit dazu brachten, der als ein ſolcher heute zum erſten Male erſchien, da die Firma von nun an „Halifax und Sohn“ heißen ſollte. Und in lächelnder Befriedigung ruhte des Vaters Blick am Abende auf dem Kreiſe ſeiner Kinder, in . deren Mitte er ſtand,„Guy's Gäſte“ zu erwarten, wie er ſtets die vornehmen Leute bezeichnete, zu deren Unterhaltung und Empfang unſer Haus ſeit drei Tagen von Oberſt zu Unterſt gedreht ward; das einfache alte Eßzimmer hatte man in einen glän⸗ zenden Ballſaal verwandelt, und die Eintrittshalle glich, mit Hilfe aller grünen Töpfe und Bäume und chineſiſchen Laternen, einer Ehrenpforte. John verſicherte, er habe ſein eigenes Arbeitszimmer nicht wieder erkannt; ſollten ſich dieſe feſtlichen Umwand⸗ lungen öfter wiederholen, ſo fürchte er, ſich bald ſelbſt nicht mehr zu kennen. Doch bei alle Dem und trotz des komiſchen Abſcheues, den er bei dieſer erſten Umgeſtaltung unſerer ruhigen häuslichen Gewohnheiten zeigte, glaube ich dennoch, daß er in dem Entzücken ſeiner Kinder eine wirkliche Freude empfand, mit denen er die geſchmückten Räume durchwanderte, die mit Epheu, Lorbeer und Lebensbaum bekränzt waren, zu gleicher Zeit ihre Geſchicklichkeit und ſie ſelbſt be⸗ wundernd, indem ſie ihm Alles zeigten und ausein⸗ anderſetzten. Wahrlich, einen hübſchen Anblick gewährte unſer junges Völkchen, denn Kinder waren ſie nicht mehr, ſelbſt nicht einmal Maud, die für ihr Alter groß und erwachſen ausſah und ſich heute mit einem Ballkleide geſchmückt hatte, weißer Mouſſelin und Camelia, wo ſie in jedem Zoll als„Miß Halifax“ erſchien. Selbſt Walther hatte in letzter Zeit die Jacke ausgezogen und gebrauchte ſogar ſchon zuweilen ein Raſirmeſſer; während Edwin, wenn auch klein, durch ſeinen klugen und gereiften Ausdruck dennoch das Anſehen gewann, als ſei er der Aelteſte von allen —— — Dreien, was er dem Charakter nach auch war. Es war ein hübſches Familienbild, und Jedermann konnte mit Freuden auf einen Kreis ſo ſeiene Kinder blicken. Meine Augen ſuchten natürlich den Vater, als er zwiſchen ſeinen Söhnen ſtand. Er war größer als ſie Alle und mit der ſeltenen Eigenſchaft der Würde in einem beſonders hohen Grade begabt. Gewiß, die Natur hatte ihn durch ſeine ſtattliche, freundliche Erſcheinung vor vielen Andern begabt, und dazu geſellte ſich ein apoſtoliſcher Friede und Lieblichkeit in der hohen, bereits etwas kahl ge⸗ wordenen Stirn, während die vollen Locken des Hinterhaares anfingen, ſich leiſe grau zu färben. Doch blieben dieſe äußern Zeichen eben nur zufällig, ſeine wahre Würde entſprang aus ſeinem Innern, unabhängig von allem Andern lag ſie in ſeinem perſönlichen Charakter. Es war ein Vergnügen, ihn zu beobachten, und zu ſehen, wie die zunehmenden Jahre ſeinem Aeußeren eher wohl thaten als ihm Etwas nahmen. Stets zeichnete er ſich vortheilhaft vor allen andern Män⸗ nern aus, ſelbſt in ſeiner Kleidung folgte er der allgemeinen Mode nicht immer, ſie näherte ſich eher etwas der Art und Weiſe der Quäker, in den dun⸗ keln Farben, welche er trug, dem ſeltenen Wechſel 8 im Schnitt und beſonders in der außerordentlichen Zierlichkeit und Sauberkeit derſelben. Mrß. Halifax neckte ihn wohl zuweilen über ſeine große Eigenheit für ſchönen Cambrik und feine Schleier-Leinewand, aber innerlich war ſie doch ſtolz auf ſeine Erſchei⸗ nung. „John ſieht heute Abend ſehr gut aus!“ lau⸗ teten ihre erſten Worte, als ſie hereinkam und ſich neben mich ſetzte. Man hätte kaum nach ihrem ruhigen Weſen glauben können, daß ſie von Dem unterrichtet ſei, was John mir heute Morgen mit⸗ getheilt hatte. Aber es war, als ob durch lihre innerliche Vereinigung Beide eine wunderbare Kraft und eine eben ſo wunderbare Furchtloſigkeit ge⸗ wonnen hätten. Ja, ſie war ſo weit gelangt, von ihm zu lernen, was ihrem empfänglichen, ängſtlichen Gemüthe wohl von Ratur fremd war, den uner⸗ ſchütterlichen Glauben, der uns im Augenblicke des Unglücks fähig macht, es zu ertragen, uns aber auch befähigt, die heitere Zeit noch in Ruhe und ohne vorahnende Sorge zu genießen. So blieb ihr Antlitz denn auch ſo hell und friedlich wie das ſeinige, ja ſo durchſichtig hell, daß man jedes Mal das liebliche mädchenhafte Er⸗ röthen ſah, wenn John ſich ſeiner Frau näherte, um John Halifax. v. 4 — ſie zu bewundern, wozu er noch ſo vollkommen urſache hatte, daß es Niemand überraſchen konnte. Sie lachte ihm entgegen und verſicherte, ſie wolle in ihrem Alter verſuchen, noch hübſch zu werden.„Ich dachte, ich könnte mich heute an Guy's Geburtstage auch putzen. Magſt Du mich gern ſo ſehen, John?“ „Sehr gern; ich liebe dies ſchwarze Sammet⸗ Kleid, ein Stoff, zu gleicher Zeit ſo reich und ſanft und ohne äußeren Prunk; und die Kante um den Hals— was für eine Kante iſt es?“ „Valenciennes; noch als ich ein Mädchen war, liebte ich ſchon beſonders ſchwarzen Sammt und Valenciennes.“ John lächelte, ſichtlich erfreut, daß ihr jetzt dieſe Vorliebe erfüllt werden konnte.„Und endlich haſt Du auch meine Broſche an, wie ich ſehe.“ „Ja, aber“— ſie ſchüttelte den Kopf—„er⸗ innere Dich Deines Verſprechens.“ „Phineas, dieſe meine Frau iſt eine eitle Frau. Sie weiß, daß ihr eigener Werth höher als Rubinen und Diamanten ſteht. Nein, nein, Mrß. Halifar kann ſich beruhigen, ich ſchenke ihr keine Juwelen wieder.“. Sie hatte ſie auch nicht nöthig. Mit dem Lächeln einer Cornelia ſtand ſie zwiſchen ihren drei Söhnen. Sie empfand, daß die Augen ihres Mannes auf ihr ruhten, und zwar in jener ruhigen Durch⸗ dringung der Liebe, die beſſer als eines Bräutigams Liebe iſt,— die Liebe eines Ehemannes, der beinahe dreiundzwanzig Jahre verheirathet war. In dieſem Augenblicke kamen mehrere Gäſte an, und John verließ mich, um ſeiner Pflicht als Wirth nachzukommen. Wie ich bald bemerkte, war dies keine leichte Pflicht, denn die Zeit drückte ſchwer und die Seelen der Menſchen waren beunruhigt. Jedermann, außer die leichtſinnige und leichtfüßige Jugend, war ernſt und nicht zum Vergnügen aufgelegt. Manche, die noch leben, werden ſich des Jahres 1825 erinnern, dieſes Jahres des Schreckens. Mit Beendigung des Krieges wuchs der Handel zu einer plötzlichen krankhaften Größe an und artete in eine ſeiner übelſten Richtungen aus. Spekulationen aller Art entſtanden wie Schwämme an ſchlechtem Holze, ſie wuchſen eine Zeit lang, um deſto ſchneller zu vergehen. Und dann folgte natürlich der Unter⸗ gang nicht von Hunderten, ſondern von Tauſenden aller Stände und Klaſſen. Dies Jahr und dieſer 4* Monat des Jahres gab durch den Bankerott mancher alten und redlichen Firma, beſonders unter den Banquiers, das erſte Zeichen der beginnenden allge⸗ meinen Erſchütterung. Selbſt bis in unſere zurückgezogene ländliche Nachbarſchaft ward es fühlbar, ja ſogar unter den Gäſten dieſes Abends. Es waren Vornehme und Geringe, die heterogenſten Elemente, die aber nur ein Mann von Mr. Halifax's Verhältniſſen und Charakter um ſich verſammeln konnte; Stadt⸗ und Land⸗Leute, Diſſenters und Hochkirchliche, Geſchäfts⸗ Männer und Gewerbtreibende. John durfte dieſe Vereinigung wagen und that es gern. Aber wenn es ihm auch durch ſeinen perſönlichen Einfluß gelang, daß ſich Viele, die er aus den verſchiedenſten Klaſſen der Geſellſchaft liebte und achtete, hier begegneten und ſich ebenfalls lieben und ehren lernten, ſo war es ihm doch an dieſem Abende nicht möglich, die Wolke zu verſcheuchen, die über uns Allen zu hängen ſchien, eine Wolke, die ſo ſchwer war, daß Keiner der Anweſenden davon ſprechen mochte. Sie berührten die fremdartigſten Gegenſtände, um Dasjenige fern zu halten, was ſichtlich alle Gemüther beſchäftigte und ängſtigte,— die allgemeiner werdende Noth und die Furcht, die an Jedermanns Thür klopfte, aber nur nicht an die unſrige. Natürlich ſiel ſo die Unterhaltung auf unſere Nachbarn, wie es bei einer Land-Unterhaltung oft geſchieht. Ich ſaß ruhig da und hörte auf Sir Herbert Oldtower, der ſich verwunderte, wie Lord Luxmore es zugäbe, daß ſein Schloß ſo gänzlich ver⸗ falle und man die Nadelhölzer rings umher nieder⸗ haue. „Bäume, die um manches Jahrhundert älter als ſeine Titel ſind! Es iſt geradezu ein Frevel. Und dazu iſt die Beſitzung ein Fideicommiß, alſo ein wahrer Raub an den Erben! Aber man weiß es wohl, daß man ſich mit Lord Ravenel Alles erlauben kann, ein ſo ſchwacher, unthätiger Genuß⸗Menſch, wie er iſt.“ „Da ſind Sie aber doch nicht gut berichtet, Sir Herbert!“ rief Mr. Jeſhop aus Norton Bury, ein herzensguter Menſch.„Er ſteht mit mir in Geld⸗ Beziehungen, das heißt, ich muß einigen armen Katholiken aus der Umgegend Unterſtützungen aus⸗ zahlen. Aber, Gott verzeihe mir, er hat mir ja verboten, davon zu ſprechen! Rein, wirklich, träge und unzugänglich mag er ſein, wie viele vornehme Leute, auch vielleicht rauh und ſtreng, aber Lord Ravenel iſt auch nicht im Geringſten mit ſeinem Vater zu vergleichen. Nicht wahr, Mr. Halifar?“ „Ich habe Lord Ravenel ſeit vielen Jahren nicht geſehen.“ Und als ob noch bis zu dieſem Augenblicke der Name des jungen Mannes die Erinnerung jenes Tages hervorzauberte, an dem wir ihn zum letzten Male ſahen,— eines Tages, der uns Allen heilig blieb, wenn auch die traurigen Erlebniſſe deſſelben der Vergangenheit angehörten, und der ſich von den übrigen Tagen bedeutſam unterſchied,— ſo brach John dies Geſpräch ab, indem er ſich zu einem jungen Mädchen wandte, mit dem er ſich gern unter⸗ hielt und die beide Eltern allen Mädchen unſerer Bekanntſchaft vorzogen, die einfache, hell wie die Sonne ausſehende Grace Oldtower. Es dauerte auch nicht lange, ſo begann der Tanz. Trotz meiner Quäker⸗Erziehung oder vielleicht gerade deßhalb entzückte es mich, dem Tanze zuzu⸗ ſehen. Nämlich, wie er damals Mode war, wo ſich die jungen Leute luſtig und leicht bewegten und es ausſah, als gefielen ſie ſich darin, wie die Schwalben die lange Reihe ihres Triumphes dahinzuſtreichen, ſich mit Grazie in unſeren Landes⸗Tänzen hier⸗ und dorthin wendend, immer lieblich, aber auch immer ſchicklich. Damals hielten es die Menſchen noch nicht für nothwendig, um das Maaß der Freude zu er⸗ höhen, daß ein junges blödes Mädchen von einem —— Fremden um die Taille gefaßt und im Walzer oder einer wilden Polka mit fortgeriſſen ward, bis ſie endlich ſtill ſteht, ſchwindlig und athemlos, mit brennenden Wangen und verwirrtem Haar, wie ich unſere hübſche Maud nicht gern geſehen hätte. Nein; indeſſen die kleine Dame an dieſem Abende beobachtend, hatte ich die größte Luſt, ihr zuzurufen: Seh' ich, o Welle, im Tanze Dich neigen, Möcht' ich, Du führteſt den lieblichen Reigen Ferner ſo fort und bliebeſt uns nah'. Ja! mit dem leichten Sinne, den ſie beſaß, ſchien ſie wirklich bereit, dieſem Wunſche zu ent⸗ ſprechen. Als die Tanzenden jetzt ein ziemlich unordent⸗ liches Viereck bildeten, um einen neuen Tanz, eine Quadrille, aufzuführen, die Miß Grace Oldtower leitete, vermißten wir Guy. „Wo iſt nur Guy?“ frug die Mutter, die ſeine Abweſenheit in dem gefüllteſten Zimmer entdeckt hätte.„Miß Silver, haben Sie Guy irgendwo ge⸗ ſehen?“ Miß Silver, die an dem Inſtrumente ſaß und ſpielte,— ſie hatte jede Theilnahme an dem Tanze abgelehnt— wendete ſich und erröthete ſichtlich. — „Ja, ich habe ihn geſehen, er iſt in der Bi⸗ bliothek.“ „Wollten Sie wohl ſo gut ſein und ihn holen?“ Die Gouvernante ſtand auf und ging mit einer vornehmen Haltung durch das Zimmer; ſie kam uns ſtattlicher als ſonſt vor. Das ſeidene Kleid von einer ſchönen ſanften Farbe, das ſie heute trug und das ganz nach dem Geſchmacke von Mrß. Halifax gemacht war, dazu der Kranz von grünen Lorbeer-Blättern, mit dem ſie auf Maud's beſonderen Wunſch ihr dunkles Haar geſchmückt hatte, verurſachten eine ſo außerordentliche Veränderung in Miß Silver's ganzer Erſcheinung, daß ich nicht unterlaſſen konnte, Mrß. Halifax darauf aufmerkſam zu machen. „Ja, ſie ſieht wirklich ſehr gut aus. John 3 verſichert immer, daß ſie ſchöne Züge habe; aber ich für mein Theil mache mir gar Richts aus Euren Statuen⸗Geſichtern. Ich liebe Farbe und Aus⸗ druck; ſehen Sie da zum Beiſpiel die helle kleine Grace Oldtower an, eine wahrhafte engliſche Roſe! die liebe ich. Die arme Miß Silver! ich wünſchte— Was ihr Mrß. Halifax als Erſatz für die nicht abzuleugnende Schärfe wünſchte, mit der ſie eben über ſie geſprochen hatte, blieb unaufgeklärt, denn gerade in dem Augenblicke kam Guy herein, und * — ſein hübſches Haupt vor der engliſchen Roſe beugend, wie die Mutter ſie nannte, und ihr alle jene kleinen unnennbaren Aufmerkſamkeiten widmend, führte er ſie zum Tanze. Wir ſetzten uns, um ihnen zuzuſechen.„Guy tanzt läſſig und mir kommt es vor, als ſähe er blaß aus.“* „Wahrſcheinlich iſt er müde. Er war heute Morgen ſehr lange mit Maud und Miß Silver auf dem Eiſe. Was für ein allerliebſtes Geſchöpf iſt aber doch ſeine Tänzerin?“ fügte Mrß. Halifax nach⸗ denklich hinzu. „Die Kinder wachſen ſchnell auf,“ ſagte ich. „Ja wirklich. Wenn ich bedenke, daß Guy heute einundzwanzig Jahre wird, gerade das Alter erreicht, in dem ſein Vater heirathete!“ „Guy wird Sie bald genug daran erinnern.“ Mrß. Halifax lächelte.„Je früher, je rf wenn er nur eine ordentliche Wahl trifft und m wenigſtens eine Tochter bringt, die ich lieben kann.“ Und mir kam es vor, als läge Liebe, ja mütter⸗ liche Liebe in jenen Augen, welche der hübſchen engliſchen Roſe durch die lieblichen Windung des Tanzes folgten. Guy und ſeine Tänzerin ließen ſich ganz in unſerer Nähe nieder und ſeine Mutter bemerkte jetzt auch wie bleich er von Neuem ward, worauf er geſtand, nicht ohne Schmerzen zu ſein. Er hatte ſich an dem Morgen den Fuß verletzt, als er Maud und Miß Silver über das Eis führte; indeſſen war es eine Kleinigkeit, kaum werth, davon zu reden. Es ging denn auch mit einer oderzwei ängſtlichen Fragen der Mutter und einem ſanften Schatten der Trauer vorüber, der ſich auf dem thaugetränkten Antlitze der kleinen Roſe zeigte, die ſichtlich an kein Leiden denken mochte, das ihrem alten Spiel⸗Kame⸗ raden begegnen könnte. Gleich darauf kam Sir Herbert, um Mrß. Halifax zum Souper zu führen, Guy folgte mit der hübſchen Grace am Arme und die übrigen Gäſte, deren Zahl ſo groß war, daß ſie unſern größten Tiſch in John's Bibliothek füllten, reihten ſich ihnen in großer Heiterkeit an. 6 6 Entweder hatte die warme gaſtliche nnn die hier herrſchte, oder der Anblick der Jugend und der allgemeine Einfluß geſelliger Freude die trübe Wolke für den Augenblick verjagt, denn ſichtbar war ſie wirklich jetzt nicht, und der Herr des Hauſes ſah auf zwei lange Reihen glücklicher Geſichter, ſein eignes aber ſo hell als die ihrigen, und weiter bis zu dem Ende des Tiſches hinab, wo die Frau und — Mutter ſaß. Sie war zu Zeiten an dieſem Abende nicht ohne eine leiſe nervöſe Aeußerung geweſen, doch ſchien ſie jetzt vollkommen ruhig und froh,— froh, ihren Mann vor ſich zu ſehen, wie er an der Spitze ſeiner gaſtlichen Tafel ſeinen Sitz einnahm in der Mitte ſeiner eigenen Freunde und ſeiner eigenen Familie, ein geehrter und geliebter Mann. Es ſchien ihr eine gute Vorbedeutung, ein Zeichen, daß die bitteren Sorgen der Außenwelt an ihnen vor⸗ überziehen würden. Wie bitter dieſe geweſen ſein mochten und wie leicht verletzbar das Herz einer Frau immer bleibt, vermochte ich aus der Eiferſucht zu leſen, mit der ſie, trotz ihres Lächelns und der Freundlichkeit ihrer Manieren, jeden Blick und jedes Wort ihrer Um⸗ gebung beobachtete, in denen ſich die Achtung und Anerkennung für ihren Mann auszuſprechen ſchien, ſo wie in dem Vermeiden jeglichen Geſprächs⸗Gegen⸗ ſtandes, der mit den unglücklichen Zeit⸗Umſtänden in Verbindung ſtand; aber mehr als aus allem Anderen entnahm ich es aus dem ſchnellen Griffe nach den Zeitungen, die ein ſorgloſer Diener noch feucht vom Schnee und friſchen Druck, von der eben durchfahren⸗ den Nacht⸗Poſt abgegeben, hereinbrachte. „Bekommen Sie Ihre Kreis⸗Blätter immer regelmäßig?“ frug Jemand über Tiſche. Doch ſchienen 60— Andere bei dieſer Frage des Rorton Bury⸗Mercurs zu gedenken, der ſich in heftigen Anklagen über ihren Wirth ausgelaſſen hatte, denn es entſtand eine pein⸗ liche Stille, während deren ich Urſula's Antlitz heftig aufflammen ſah. Doch überwand ſie ihren Aerger und antwortete: „Man findet oft manches Intereſſante in unſeren Provinzial⸗Blättern, Sir Herbert, und mein Mann ſetzt etwas darein, ſich von Allem zu unterrichten, von Böſem und Gutem, und jede politiſche Schat⸗ tirung zu kennen. Er glaubt den Zuſtand des Landes nur dann richtig beurtheilen zu können, wenn er alle Parteien hört. „Gerade wie ein Arzt, der ſich erſt von allen Symptomen unterrichten muß, ehe er über den Fall des Kranken urtheilen kann. Wenigſtens pflegte das immer unſer alter Freund Doctor Jeſhop zu ver⸗ ſichern.“ „Wie?“ rief Mr. Jeſhop, der Bangnier, der, ſeinen eigenen Namen hörend, aus einer trüben Ver⸗ ſunkenheit erwachte, in der er Richts zu bemerken ſchien als vielleicht die Zeitungen, die noch immer in ihrem gedruckten Umſchlage zwiſchen ihm und Mrß. Halifax lagen.„Wie? ſprach hier Jemand von— O, ich bitte um Verzeihung, bitte um Ver⸗ zeihung, Sir Herbert!“ fügte ſchnell der alte Mann —— hinzu, eine beſcheidene, redliche Seele, der heute viel⸗ leicht noch zurückhaltender auftrat als ſonſt. „Ich erinnerte mich nur,“ ſagte Sir Herbert mit ſeiner gewöhnlichen vornehmen Höflichkeit,„an Ihren vortrefflichen Bruder, der unter uns Allen ſo hoch geachtet ward— freilich, was die Achtung be⸗ trifft, erlauben Sie mir, es auszuſprechen, hat er uns nicht ohne ſeinen würdigen Erben gelaſſen.“ Der alte Banquier erwiderte die förmliche Ver⸗ beugung mit einer gewiſſen nervöſen Eile. Sir Herbert nahm auch gleich darauf ſein Recht als alter Freund der Familie in Anſpruch, um ſich für die gebräuchliche Rede Ruhe zu erbitten, die dem eben⸗ falls gebräuchlichen Toaſte„auf Glück und Geſundheit des Erben von Beechwood“ vorängehen mußte. Es entſtand eine große Zuſtimmung, ein Füllen der Gläſer, ein allgemeines Lächeln und Flüſtern; Jedermann ſah auf den armen Guy, der roth und blaß ward und ſich gewiß gern hundert Meilen weit fort wünſchte. In dieſer Verwirrung fühlte ich mich leiſe am Aermel gezupft und ſah, durch Maud's lachendes Geſicht vor den Uebrigen verdeckt, den zu mir gebeugten Kopf des alten Banquiers, die Zeitung in der Hand, welche ihn ganz bezaubert zu haben ſchien. „Es iſt die Londoner Zeitung, die Mr. Halifax immer drei Stunden früher als wir Alle erhält. Kann ich ſie wohl öffnen? Es iſt ſehr wichtig für mich, und Mrß. Halifax würde es vilticht entſchul⸗ digen, wie?“ Gewiß! und beſonders, hätte ſie die ingſlichen Blicke des alten Mannes geſehen und bemerkt, wie vergeblich ſeine zitternden Finger verſuchten, den Umſchlag ohne ein Raſcheln des Papieres zu ent⸗ fernen, was ſeine verſtohlene Reugierde verrathen konnte. Sir Herbert erhob ſich jetzt, räusperte ſich und begann: „Meine Damen und Herren! Ich rede ſelbſt als Vater und zu gleicher Zeit als der Sohn eines Vaters, deſſen ich hier nur erwähne, um zu ſagen, wie ſein gutes Herz ſich dieſes Tages freuen würde. Die große Achtung, welche Sir Ralph ſtets für Mr. Halifax empfand, hat ſich und wird ſich auf—“ Hier rief plötzlich Jemand: „Mr. Jeſhop! Seht nur Mr. Jeſhop an!“ Der alte Mann war wirklich plötzlich mit dem Ausrufe des Schreckens zurückgeſunken. Seine Augen ſtarrten in das Leere und ſeine Wangen waren todtenbleich geworden. Doch als er Aller Blicke auf ſich gerichtet ſah, ſuchte er ſich verzweiflungsvoll zuſammenzunehmen. 6 „Es iſt Richts, Nichts von der geringſten Be⸗ deutung. Rein,“ und krampfhaft die Zeitung feſt⸗ haltend, die Mrß. Halifax ihm freundlich fortnehmen wollte, verſicherte er,„es ſteht gar nichts Neues darin, ich verſichere Sie, durchaus Nichts.“ Aber ſeine Aufregung ſowohl als der trübe Verſuch, den er machte, dieſelbe zu verbergen, zeigten zur Genüge, daß ſie ernſte Nachrichten enthalten mußte; natürlich alſo auch, daß die Menſchen in dieſem kritiſchen Augenblicke nur zu bereit waren, die Art der Nachrichten ſchnell zu errathen; Neuig⸗ keiten, die jedes Zeitungs⸗Blatt zum Gegenſtande der Furcht machten, und ganz beſonders nun die Londoner Zeitung. Edwin nahm den Augenblick wahr und las auf der offenen Seite die bald nur zu bekannte unglückliche Stelle„W—'s haben ihre Zahlungen eingeſtellt.“ W—s war ein großes Londoner Haus, der beliebteſte Banquier unſerer ganzen Gegend, mit dem viele Provinzial-Banken in Beziehung ſtanden, vorzüglich aber Mr. Jeſhop, von dem wohl Riemand genau wußte, wie tief er darein verwickelt war. „W—'s haben ihre Zahlungen eingeſtellt.“ Dies leiſe Murmeln, dem dann ein momentanes Stillſchweigen folgte, ging durch das Zimmer, als Einer die Zeitung aus der Hand des Andern nahm; athemlos ſahen ſich unſere Gäſte an, und Furcht, Verdacht und ſicheres Verderben malten ſich in ihren Blicken.. Die Verhältniſſe der Nachbarn in dem unſchul⸗ digen Enderly waren ſich gegenſeitig ſo bekannt, daß Jedermann wußte, es befinde ſich in der heiteren kleinen Geſellſchaft Niemand, deſſen Haus nicht näher oder ferner von dieſem Unglücke mit betroffen ſei, das Unſrige ausgenommen. Keine äußere Höflichkeit vermochte die allgemeine Verſtimmung zu verbergen, Wenige dachten an Jeſhop, Jeder nur an ſich. Mancher Familien⸗ Vater ward bleich, manche Mutter brach in ein ver⸗ haltenes Weinen aus. Mehr als ein chrliches Ge⸗ ſicht, das noch fünf Minuten vorher hell wie die aufgehende Sonne, voller Freundlichkeit und Herzlich⸗ keit um ſich blickte, veränderte ſich plötzlich zu einem kalten, berechnenden Ausdrucke, aus deſſen blitzenden Augen man den Wunſch las, die eignen Verhältniſſe zu verbergen, dagegen aber deſto tiefer in die des Nachbars zu dringen. Ich hörte Jemand leiſe ſagen:„Das wird morgen ein Laufen nach Jeſhop's Kaſſe werden,“ indem er nach dem alten Manne hinüberſah, der — mit einem Richts ſagenden Lächeln da ſaß und im⸗— mer wiederholte,„daß Nichts, aber gar Nichts ge⸗ ſchehen ſei.“ „Ein Laufen? Das will ich glauben, denn hier heißt es:„Sauve qui peut,« und der Teufel holt den Letzten.“ „Was ſagen Sie zu dem Allen, Mr. Halifax?“ Man ſah John ruhig an ſeinem Platze ſitzen, er zeigte keine Bewegung und hatte noch kein Wort ge⸗ ſprochen. Als ihn Sir Herbert, der ſich am ſchnellſten wieder ſammelte, beim Namen nannte, ſah er ſich zum erſten Male wieder um, und anſtatt der zwei Reihen heiterern Geſichter erblickte er nun ſorgenvolle, är⸗ gerliche, ängſtliche Züge der niedergeſchlagenen Menſchen, die aber Alle ihre Augen mit einem unbe⸗ ſtimmten Mißtrauen auf ihn richteten. „Mr. Halifax!“ ſagte der Baronet, und man konnte trotz ſeiner ſich ſtets gleichbleibenden Höflich⸗ keit dennoch bemerken, daß auch er nicht ohne Sor⸗ gen ſei—„das iſt eine unangenehme Störung Ihrer freundlichen Gaftfreundſchaft. Wenn ich auch vorausſetze, daß ein Jeder von uns auf mehr oder weniger Verluſte gefaßt ſein muß, ſo hoffe ich doch, daß der Ihrige nur gering ſein wird.“ Es erfolgte keine Antwort. John Halifax. V. 5 „Oder vielleicht, wenn es auch kaum wahr⸗ ſcheinlich ſein dürfte, berührt Sie dieſer Bankerott perſönlich gar nicht?“ Er, wie mancher Andere horchte geſpannt auf Mr. Halifax's Antwort, die lange auf ſich warten ließ. Da indeſſen ſichtlich darauf gerechnet ward, ſo gab er ſie, wenn auch zögernd, ernſt und trübe, als ob er ein großes Unglück mitzutheilen habe. „Nein, Sir Herbert, mich berührt dieſes Ereigniß durchaus nicht.“ Sir Herbert und Andere mit ihm ſahen erſtaunt, ja unangenehm überraſcht zu ihm auf, und ein un⸗ verſtändliches Murmeln von Glückwünſchen folgte. Dann aber entſpann ſich bald ein ängſtliches Hin⸗ und Herreden, in dem der Herr des Hauſes gänzlich ver⸗ geſſen ward, bis der Baronet ausrief:—„Meine Freunde, mir ſcheint, wir vergeſſen hier alle Höflich⸗ keit. Erlauben Sie mir, ohne fernern Aufſchub den Toaſt auszubringen, den ich vorher im Begriffe war, vorzuſchlagen:— Dem Mr. Guy Halifar Geſundheit, langes Leben und Glück!“ So ward der Geburtstags⸗Toaſt des armen Guy beinahe lautlos getrunken, und auf die wenigen Worte, die er darauf erwiderte, wurde kaum geach⸗ tet; man ſtand vom Tiſche auf und das Feſt war vorüber. Unſere Gäſte entfernten ſich nach und nach, dieſe oder jene Entſchuldigung anführend. Vielleicht ge⸗ ſchah es unwillkürlich, doch blieb es deßhalb nicht minder peinlich und wahr, daß ſich Einer nach dem Andern von uns zurückzog, als ob wir an der allgemeinen Sorge keinen Theil nehmen könnten, da wir nicht darunter litten. Mit bleichen Lippen und zerſtreuten Blicken ward unſeres Glückes Erwähnung gethanoder Ein⸗ zelne verſchwanden plötzlich aus dem kleinen Kreiſe und zeigten nur zu deutlich, wie empfindlich und ſchmerzlich ſie die Verſchiedenheit des Glückes be⸗ rührte. Andere ſchienen abſichtlich jeden Schatten von Beruhigung oder Troſt von ſich zu weiſen, und das Alles mußte John in ſich verarbeiten. Er begegnete Allen mit vollkommener Ruhe, nur ſelten ein Wort erwidernd. Was konnte er auch ſagen? Alle freundliche Reden, wahr oder unwahr, nahm er mit einer Art trüber Ruhe hin, verſteckte, heftige Worte, deren nicht wenige fielen, ſchien er nicht zu achten, ſondern blieb ſich in ſeiner Würde als Herr des Hauſes gleich, ja er war für Alles, was er als ein ſolcher nicht hören durfte, großmüthi⸗ ger Weiſe taub und blind. Endlich ſtand er, wie ein Paria des Glückes, allein an ſeinem eignen Heerde. 5* — 6— Der letzte Wagen war fortgefahren, die ermüde⸗ ten Hausbewohner hatten ihre Betten aufgeſucht, und ich blieb allein in der Bibliothek. John trat herein, und ſtand mit beiden Armen auf den Kamin⸗ ſims gelehnt, ſtumm und bewegungslos da. Er verharrte ſo lange in dieſer Stellung, daß ich ihn endlich anſtieß. „Nun wohl, Phineas!“ Ich ſah es nur zu gut, die Erlebniſſe dieſes Abends hatten ihn tief getroffen. „Denkſt Du an Deine redlichen, freundſchaft⸗ lichen und uneigennützigen Gäſte? Thue es nicht, ſie ſind kaum einer Erinnerung werth.“ „Nein, wenigſtens keines ärgerlichen Gedankens,“ und er lächelte über meinen Aerger, es war ein trü⸗ bes Lächeln. „Ach, Phineas, jetzt fange ich erſt an, zu ver⸗ ſtehen, was der Fluch des Reichthums bedeutet.“ Prittes Rapitel. Es war eine große, aber in verdrießlicher Ruhe daſtehende Verſammlung, zur Hälfte aus Frauen beſtehend, Alle bemüht, die eignen Sorgen zu ver⸗ bergen, während Jeder nur das eigene Intereſſe vor Augen hatte, ohne ſich auch nur im Geringſten um das Anderer zu bekümmern. Es war Markttag und die Verſammlung ver⸗ größerte ſich von Minute zu Minute vor der Bank in Norton Bury. Sie ſchloß alle Klaſſen der Be⸗ wohner in ſich, von der ſtattlichen Pächterfrau oder Verkäuferin bis zur bleichen, erſchrockenen Dame von einem beſchränkten Einkommen, die ſich noch nie in einem ſo großen Gedränge befunden hatte; und ebenſo von dem Handwerker in ſeiner Schürze bis zu dem vornehmen Herrn, der in ſeinem Wagen an der Ecke der Straße hielt, überzeugt, daß unter den geringen Hoffnungen, die hier noch eine Erfül⸗ lung finden konnten, die ſeinigen am Beſten geſichert wären. Jedermann war, wie ich ſchon ſagte, ſehr ruhig. Man hörte keine der gewöhnlichen Späße, die alle Mal in einem größern Gedränge laut werden, Nichts von dem lauten Geſchrei einer Volksverſammlung. Alle waren mit ſich ſelbſt und ihren perſönlichen An⸗ gelegenheiten beſchäftigt, Alle richteten ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf die feſtverriegelte, roth verhangene Thür und die grünen Jalouſieen der Fenſter, an denen ſie die Worte laſen:„Offen von zehn bis vier Uhr.“ Die Glocken der Abtei ſchlugen dreiviertel. Man ſah eine kleine Bewegung— hörte ein Raſcheln von Papier, das dieſer und jener hervorzog, als ob er die Banknoten genauer betrachten wolle— aber ganz öffentlich, ohne jegliche Angſt vor Diebſtahl, ſie wa⸗ ren Nichts mehr werth. John und ich wir ſtanden ein wenig entfernt und ſahen von derſelben Stelle auf das Gedränge hinüber, von wo wir ſchon einſt eine ſehr verſchie⸗ denartige Verſammlung beobachteten; denn Mr. Jeſhop hatte das frühere Haus des Doktor Jeſhop gekauft, und in der Rähe der grünen Jalouſieen der Bank zeigten ſich die wohlbekannten Fenſter von meinem lieben alten Vaterhauſe. Guy's Geburtstag war auf einen Sonnabend gefallen, und dies fand am Montag⸗Morgen ſtatt. John und ich wir waren zu einer unge⸗ wöhnlich frühen Stunde nach Norton Bury gefahren. Er theilte mir zwar den Grund dafür nicht geradezu mit, doch war er leicht zu errathen. Auch bemerkte ich bald, wie groß ſein Intereſſe, wie tief ſein Ge⸗ fühl ergriffen war, als er die Verſammlung erblickte, von der er alle nähere Beziehung ſo genau kannte und die ihn doppelt rührte, je ehrenwerther und ruhiger ihre Haltung blieb, und je mehr er erkannte, wie ſie hauptſächlich aus Frauen beſtand. Ich bemerkte dies zuerſt. „Ja!“ erwiderte John—„ich wußte es vorher, Jeſhop's Bank iſt bekannt, eine Maſſe kleiner Ein⸗ zahlungen angenommen und kleiner Bankſcheine aus⸗ getheilt zu haben, ſo, daß er nicht die Hälfte davon realiſiren könnte, ohne es ſehr zu empfinden. Ent⸗ ſteht alſo eine größere Kündigung, ſo muß er die Zahlungen an demſelben Tage einſtellen, und dann kennt wohl Gott nur allein den Umfang des Elen⸗ des, das daraus für die Armen entſpringen würde.“ Mitleidig ſchweiften ſeine Augen über die zu⸗ nehmende Maſſe trüber Geſichter, die blau vor — Kälte immer ängſtlicher wurden, je öfter ſie ſich von der verſchloſſenen Bank⸗Thür, wie durch einen ge⸗ meinſchaftlichen Inſtinkt, nach der Abteiuhr wandten, die in der hellen Atmoſphäre des ſonnigen Morgens erglänzte. Der Zeiger derſelben näherte ſich bereits dem erſten Schenkel der großen leuchtenden X— und glitt dann leiſe zu dem andern hinüber, bis die zehn Schläge langſam und regelmäßig in die helle, kalte Luft hinaus tönten; dann begann das Glockenſpiel, und Norton Bury war ſtolz auf ſein Abtei⸗Glocken⸗ ſpiel, die Melodie:„Freuet Euch des Lebens.“ Die Glocken ſpielten die Melodie durch alle Verſe bis zur letzten Note, und verfielen dann in ihr altes Schweigen. Die Verſammlung blieb auch ſtumm— und horchte athemlos— aber leider nicht dem heitern Abtei⸗Glockenſpiel. Die Thür der Bank blieb verſchloſſen, kein Ge⸗ räuſch der Riegel ward hörbar, kein Schreiber⸗Ge⸗ ſicht erſchien an den verhangenen Fenſtern. Das Haus blieb ſo einſam und feſtverſchloſſen, als wäre es ganz verödet. Volle fünf Minuten nach der Abteiuhr wartete das arme geduldige Volk auf der Straße, dann aber erhob ſich ein Murren. Ein oder zwei Männer — 73— klopften an die Thür, und einige erſchrockene Frauen, die beſonders gedrängt wurden, ſchrieen laut auf. John vermochte es nicht länger mit anzuſehen. „Komm' mit mir!“ flüſterte er ſchnell,„ich muß Je⸗ ſhop ſprechen, und wir können durch die Garten⸗ thür hineingehen.“ Dies war eine kleine Pforte an der Ecke der Straße, uns Beiden aus jenen Tagen„der erſten Liebe“ nur zu wohl bekannt, wenn wir Abends zum Thee kamen und Mrß. Jeſhop mit Urſula in dem Garten fanden, wo ſie die Pflanzen begoſſen und die Roſen aufbanden. Heute traten wir nun auch in daſſelbe Gartenzimmer, wo ein großer, entſchei⸗ dender Augenblick zwiſchen Urſula und mir ſtatt⸗ fand; ich weiß nicht, ob John etwas Räheres davon wußte, geſprochen hat er darüber nie mit mir. Als wir aber jetzt durch die Glasthür hineinkamen, ſtand das Bild des jungen Mädchens lebendig vor mir, wie ſie mit geſenktem Köpfchen arbeitend daſaß. Konnten wirklich fünfundzwanzig Jahre ſeit jenem Tage verfloſſen ſein? Die Phyſiognomie war jetzt gänzlich verändert, und von einem Gartenſalon nicht mehr die Rede. Es war ein trübes, dunkles Zimmer, in dem man nichts Wohnliches und Häusliches fand als ein gro⸗ ßes Kaminfeuer, das oberhalb in voller Gluth — brannte, während ſich unten dunkle Kohlenhöhlen bildeten. Vor demſelben, den Frühſtückstiſch unbe⸗ rührt laſſend, ſaß, die Füße gegen den Roſt ge⸗ ſtemmt, Joſiah Jeſhop, das Haupt auf den Arm geſtützt, auf dem man den Ausdruck der Verzweif⸗ lung las. „Mr. Jeſhop! mein guter Freund!“ „Hören Sie nur das Volk da draußen. Wird meine Thür eingeſchlagen? Sprechen Sie mit ihnen, Mr. Halifax! O! ſagen Sie ihnen, ich ſei ein alter Mann— wäre aber immer ein ehrlicher Mann ge⸗ weſen— immer.— Wenn ſie mir jetzt nur etwas Zeit gönnen wollten.— Hören Sie? Gott im Him⸗ mel, hilf mir!— Wollen ſie mich in Stücken zer⸗ reißen?“ John verließ das Zimmer einige Augenblicke— kehrte dann zurück und ſetzte ſich neben Mr. Jeſhop. „Beruhigen Sie ſich nur erſt—“ der alte Mann zitterte wie ein Espenlaub—„und dann ſagen Sie mir, ob Sie Richts dagegen haben würden, mir Ihr volles Vertrauen über den Stand Ihrer Geſchäfte zu ſchenken?“ Mit einem tiefen Athemzuge, der ſeine unaus⸗ ſprechliche Dankbarkeit ausdrückte, ſah der alte Ban⸗ quier John in das Antlitz, während das ſeinige wie das eines geängſtigten Kindes erzitterte, und leiſtete ſeiner Aufforderung Folge. So groß auch ſein Verluſt bei W—s Fall geweſen ſein mochte, ſo ſchien er doch nicht ſelbſt dadurch verloren zu ſein. Ja, er war vollkommen zahlungsfähig, und zog er Hypotheken und Pfandſcheine ein, ſo vermochte er gewiß ſowohl die Landleute, die mit ihm in Ban⸗ quiergeſchäften ſtanden, zu befriedigen— als ſeine eigenen Bankſcheine zu realiſiren, die allgemein in der Grafſchaft verbreitet waren, und ſich beſon⸗ ders in den Händen der niedern Klaſſen, kleinen Handelsleute und dergleichen befanden, wenn dieſe ſeine Kunden ihm nur Zeit zur Bezahlung laſſen wollten. „Das werden ſie aber nicht thun, ſondern es wird ein Zulauf an der Bank ſein, der mich rui⸗ niren muß. Es iſt eine harte Prüfung, zahlungs⸗ fähig, wie ich bin, bereit und in der Lage, Alles bis auf den letzten Heller auszuzahlen, wenn man mir nur acht Tage Friſt gönnte! So wie es aber jetzt ſteht, muß ich wahrſcheinlich meine Zahlungen ein⸗ ſtellen!— Hören Sie wohl, ſie ſind ſchon wieder an der Thür.— Mr. Halifax!— um Gottes willen beruhigen Sie ſie!“ „Es ſoll geſchehen; nur ſagen Sie mir zuerſt, wie viel Geld Sie bedürfen würden, um mit dem, was ſich in Ihrer Kaſſe befindet, das Geſchäft für einen oder zwei Tage im Gange zu erhalten?“ Des alten Mannes Verſtandeskräfte ſchienen bei dieſer Frage zurückzukehren, er beruhigte und beſann ſich— fing ſogleich an zu rechnen, und in wenigen Augenblicken nannte er die ihm nothwendige Sum⸗ me, ich dächte, es wären drei- oder viertauſend Pfund geweſen. „Gut, ich habe bereits einen Plan erſonnen; aber erſt müſſen wir jener armen Leute da draußen gedenken. Gott Lob, ich bin ein reicher Mann, und ſie kennen mich Alle. Phineas, ſei ſo gut und gieb mir das Schreibzeug dort.“ Er ſetzte ſich nieder und ſchrieb; ſonderbar, wie mich ſeine Stellung an den Tag erinnerte, wo er nach dem Brotauflaufe auch an meines Vaters Schreibtiſche ſaß und ſchrieb; es waren viele, viele Jahre ſeitdem vergangen. Schnell hatte er die An⸗ zeige beendigt und Mr. Joſiah Jeſhop's Unter⸗ ſchrift auch die ſeinige hinzugefügt, um die Ver⸗ ſicherung zu bekräftigen, daß die Kaſſe ohne ir⸗ gend einen Verluſt um Ein Uhr Mittags geöffnet ſein werde;— er gab dem erſtaunten Schreiber den Auftrag, dieſe Zeilen an das Kaſſenfenſter auszu⸗ ſtellen. Ein lauter Freudenſchrei von Außen zeigte, wie —— bereit man war, dieſen Hoffnungsſtrahl aufzuneh⸗ men, und wie feſt ſie auf den Namen eines Mannes bauten, der in der ganzen Gegend dafür bekannt war, daß ſein Wort ſo viel wie ſeine Verſchreibung galt, auf John Halifax. Der Banquier athmete auf, aber nur für kurze Zeit, denn eine Aufforderung der im obern Stocke verſammelten Herren verlangte ſehr beſtimmt ſeine Gegenwart. 6 „Laſſen Sie mich an Ihrer Stelle hinauf gehen. Sie können mir ſchon zutrauen, daß ich Ihre Sache nach beſten Kräften führen werde.“ Der Banquier überſchüttete ihn mit Ausdrücken des Dankes. „Nicht doch, gerade in dieſem Hauſe gehört Euch mein Wort, wo ich mich der Vergangenheit ſo lebhaft erinnere,“ und ſeine Augen fielen auf zwei ſchlecht gemalte Bilder, die ſich indeſſen nicht ohne Aehnlich⸗ keit von den gegenüberliegenden Wänden anlächelten, das einzige Andenken, das man noch von dem guten Doktor und ſeiner heitern, kleinen alten Frau hier finden konnte.„Alſo, Mr Jeſhop! überlaßt mir die Sache, es iſt mir nicht allein eine Freude, Euch zu helfen, ſondern auch meine Schuldigkeit.“ Der alte Mann vermochte die Thränen nicht zurückzuhalten. Ich kann nicht ſagen, wie es John einrichtete, um die im hohen Rathe vereinigten Provinzial⸗Mag⸗ naten zu befriedigen, die zuerſt ihr eignes Beſtes in's Auge faßten, dann beriethen, wie man das Haus zu retten vermöge, und endlich, hatte wohl das arme Volk da draußen eine Ahnung von dieſem verhängnißvollen„endlich!“ oder kam der ehren⸗ werthen Verſammlung im obern Stocke, die vor dem gemeinen Worte eines Mäkelns oder eines Handels mit Aktien zurückgeſchaudert wäre, die Erinnerung an ein altes Sprüchwort in den Sinn, das mir recht unangenehm durch den Kopf ging, als ich das Murren in der Straße beobachtete, und das ich mir immer wiederholen mußte:„Vox populi, vox Dei?“ aber man würde wohl meinem Latein wenig Glauben geſchenkt haben. John kam nach einer halben Stunde mit einem fröhlichen Geſichte wieder herunter; ſagte mir, daß er für ein oder zwei Stunden nach Coltham fahren müſſe und ob ich ihn hier erwarten wolle. „Iſt Alles abgemacht?“ frug ich. „Ich hoffe, es ſoll bald ſo weit ſein. Ich kann aber nicht länger hier bleiben, um Dir Alles zu er⸗ zählen— Lebe wohl.“ Ich war kein Geſchäftsmann, konnte ihm alſo auch in Nichts beiſtehen, und dachte, es ſei für mich — das Beſte, in dem Familiengarten auf und ab zu gehen, wo ich den Reif an den Blättern der Sträucher und an den Stämmen jener Roſen beobachtete, die ſonſt die Lieblinge der kleinen Mrß. Jeſhop waren, dieſelben Roſen, unter denen ich ſie an jenem unver⸗ geßlichen Abende ſah, wo Urſula's gebeugter Nacken mit einem dunklen Roth, wie das der untergehenden Sonne, übergoſſen ward, als ich ihr ſagte, daß John Halifax zu edel ſei, um aus Liebe für irgend eine Frau zu ſterben! Nein— er hatte für ſie gelebt, um ſie gewor⸗ ben— und ſie gewonnen. Und als ich ſo in den längſt vergangenen Zeiten lebte, ward mein altes Herz freudig bewegt, daß die Vorſehung ſich mei⸗ ner unnützen Hand bedient hatte, ihm dieſen Segen zuzuführen; denn des Mannes höchſter Segen iſt eine tugendhafte, liebende Frau, die ſeinem Leben in allen dieſen wundervollen Jahren doch die Krone aufſetzte. Durch die nackten Baumzweige der Abtei konnte ich meine alte Freundin, die Abteiuhr, erken⸗ nen, deren Geſicht keine Runzel des Alters an ſich trug; als ich nun ſah, wie die Stunde Eins ſich näherte, vermochte ich meine Angſt nicht mehr zu überwinden und ging alſo in das leere Geſchäfts⸗ zimmer, wo ich Niemand hindernd mich hinter den —— heruntergelaſſenen Jalouſieen der Kaſſe verſchanzen konnte. Die Verſammlung ſtand beinahe noch bewe⸗ gungslos da; ich muß es wiederholen, es war eine geduldige, redliche, müde gewordene Volksmaſſe, in der Mitte dicht gedrängt und an den Enden dünner auslaufend. An der äußerſten Spitze derſelben hielt in einem kleinen Wagen ein Herr, der das Ganze mit einer läſſigen Neugierde betrachtete. Da ich ſcheinbar auch nichts Beſſeres zu thun hatte, beob⸗ achtete ich wieder den Herrn. Er war nach der letzten Mode gekleidet, dabei aber nicht ohne einen gewiſſen excentriſchen Anſtrich, den der außergewöhnliche, junge, vornehme Lord zu⸗ erſt aufgebracht hatte, von dem Jedermann ſprach, Lord Byron. Sein Halstuch leicht umgeſchlungen, verdeckte den Hals nicht ſo ängſtlich wie früher, das Haar ſiel lang ohne zierliche Ordnung um den Kopf. Sein Geſicht, das eines Dreißigers, erſchien mir nicht unbekannt, doch vermochte ich mich nicht zu erinnern, wo ich es geſehen; es war zart und fein, mit einem zugleich cyniſchen und melancholiſchen Ausdrucke. Er ſaß in Pelze gehüllt in ſeinem Wagen, und ſah ohne Intereſſe auf das Getreibe um ihn her, ja, er machte den Eindruck, als ob Richts mehr in dieſer Welt für ihn des Lebens werth ſei. — „Armer Menſch!“ rief ich unwillkürlich aus, indem mir die hellen, geſchäftigen und heiteren Ge⸗ ſichter unſerer aufwachſenden Jünglinge vor die Seele traten, aber ebenſo auch das desVaters, ſo be⸗ lebt durch ſeine thatkräftige Willenskraft wie durch ſeine gereifte Heiterkeit; Eigenſchaften, welche dem Leben den höchſten Reiz verleihen. Gott möge je⸗ den Menſchen vor ſeinem Tode bewahren, ehe er dies erlernt hat!—„Armer Menſch, ich wünſchte, ſein Lebensüberdruß möchte in unſerm Hauſe eine Lehre finden!“ Aber der Herr entzog ſich meiner gethtung bald, indem er unter ſeinen Pelzen verſchwand, da der Himmel ſich trübte und es an zu ſchneien fing. Diejenigen auf der Straße ſchüttelten ſich ruhig ab, und ſahen nur noch eifriger nach der Abtei⸗Uhr; ich fürchtete, es würde Hiobsgeduld erfordern, um ſie noch eine Viertelſtunde länger m zu laſſen. Endlich ſchlug eine entſchloſſene Fauſt an die Thür. Mir kam es vor, als hörte ich einen Schrei⸗ ber aus dem Flurfenſter reden. „Meine Herren!“ die Stimme klang vor lauter Höflichkeit ganz zitternd.„Meine Herren, in fünf Minuten— gewiß, die Kaſſe wird in Mi⸗ nuten— John Halifax. V. 6 —— Das Ende des Satzes verlor ſich, denn in dem⸗ ſelben Augenblicke rollte unſre Beechwood⸗Equipage von der Ecke der Straße mit ſchaumbedeckten Pfer⸗ den heran und Mr. Halifax ſprang heraus. Er verdiente es wohl, daß ihm das Volk Platz machte und ein Lebehoch brachte, denn er führte einen leinenen Sack bei ſich— einen großen, ſchmutzig und häßlich ausſehenden Sack— einen köſtlichen und herrlichen Sack— der den Troſt, ja vielleicht das Leben für Hunderte in ſich trug.⸗ Ich wußte durch eine innere Eingebung, was er gethan hatte— daſſelbe, was ſpäter in einem oder zwei Fällen einige reiche und großmüthige Englän⸗ der in der ſchweren Kriſis jenes Jahres thaten. Die Thür des Banquierhauſes öffnete ſich wie durch Zauberei. Das Volk drängte und ſtieß ſich, um herein zu kommen; doch kaum ertönte John's Stimme, der ihnen zurief:„Guten Leute, bitte, laßt mich vorangehen,“ ſo halfen ſie ihm, an ihnen vorüber zu gelangen. Er kam auch bis dicht an den Tiſch, hinter welchem, neben einer anſehn⸗ lichen Reihe von ähnlichen leinenen Säcken voller Geld, der alte Banquier ſtand, dem man indeſſen trotzdem die tödtliche Angſt anſah, denn er war es ſo weiß wie ſein Halstuch. Mit lauter Stimme, ſo daß Jedermann ſeine —— Worte hören konnte, ſagte John:„Mr. Jeſhop, ich rechne es mir zum beſondern Vergnügen, mit Ihnen ein Geſchäft zu machen. Da ich vollkommen über⸗ zeugt bin, daß in dieſen gefährlichen Zeiten Rie⸗ mand eines ſichern Rufes genießt als Sie, ſo geſtat⸗ ten Sie mir, Ihnen hiermit eine Summe von fünf⸗ tauſend Pfund einzuzahlen.“ „Fünftauſend Pfund!“ hörte man von Mund zu Munde wiederholen. Dieſe Summe ſchien in einer kleinen Provinzialbank etwas ganz Unerhörtes. Sie gab dem Hauſe unbegrenztes Vertrauen. Man⸗ cher, der gelärmt, geſchworen und ſich zum Zahl⸗ tiſche hindurch gearbeitet hatte, um ſeine Bank⸗ ſcheine in Geld zu verwandeln, ſteckte ſie bei dieſer Nachricht wieder uneingelöſ't in ſeine Taſche; An⸗ dere, und zwar hauptſächlich Frauen, gaben ſie mit zitternder Hand, aber mit freudethränenden Augen zum Wechſeln hin, und Manche, die in der Abſicht gekommen waren, ihre Geſchäfte hier gänzlich abzu⸗ brechen, änderten ihre Anſichten und zahlten lieber noch Geld ein. Alles ſchien befriedigt, und der Sturm, der die Kaſſe bedrohte, war vorübergezogen. Mr. Halifax ſtand ruhig neben dem Zahltiſche und ſah auf die Menge der Menſchen. Nach dem erſten Geflüſter der Ueberraſchung und Freude dachte Niemand mehr an das, was er gethan hatte, noch — 64— beachtete man ihn. Nur eine alte Witwe machte ihm beim Vorübergehen eine Verbeugung, als ſie ihre drei glänzenden Guinéen in die Taſche ſteckte, und ſagte: „Das iſt Ihr Werk, Mr. Halifax! der Herr ver⸗ gelte es Ihnen.“ „Ich danke Euch!“ erwiderte er, ihr herzlich die Hand ſchüttelnd. Ich aber mußte bei dem An⸗ blicke ſo vieler Hin⸗ und Hergehenden denken: Unter Allen nur„dieſe eine Samariterin!“ Niemand Anderes von den Anweſenden ſagte auch nur ein Wort, oder nannte ſeinen Namen;— da erſcholl plötzlich eine Stimme: „Ja, es iſt wirklich Ihr Werk, und eine Hand⸗ lung des allgemeinen Wohlwollens, die ſo leicht jetzt kein Lebender gethan haben würde, Mr. Ha⸗ lifax.“. Und der Herr, der das ſagte— derſelbe, den ich in ſeinem Wagen draußen beobachtet hatte— näherte ſich uns und hielt ihm freundlich die Hand entgegen. „Ich ſehe, Sie erinnern ſich meiner nicht mehr; mein Name iſt Ravenel.“ „Lord Ravenel!“ wiederholte Jöhn erſchüttert, fügte aber weiter Richts hinzu. Ich fühlte es wohl, wie bei dieſem unerwarteten Begegnen die . —— ſchreckliche Fluth der Erinnerung an den Augenblick zurückkehrte, wo ſie ſich zum letzten Male an jenem kleinen Krankenbette in dem oberſten Zimmer des Enderlyhauſes ſahen. Indeſſen überwand er das Gefühl bald, weil er es nothwendig fand, und wir Drei begannen uns über andere Gegenſtände zu unterhalten. Während er ſo ſprach, kehrte doch Etwas von dem alten Anſelmo in ſeinem Ausdrucke zurück, be⸗ ſonders aber als ihm John den Vorſchlag machte, mit uns nach Enderly zu fahren. „Enderly— wie ſonderbar klingt der Name! aber ich würde den Ort gern wiederſehen. Armes altes Enderly!“ Ungewiß— alle ſeine Bewegungen waren träumeriſch und unſicher geworden— fuhr er mit ſeiner Hand über die Augen— dieſelbe weiße Frauenhand mit den langen Fingern, die vor Jah⸗ ren Muriel's Hände über die Taſten der Orgel leitete. „Ja, ich denke, ich kann mit Ihnen nach En⸗ derly zurückfahren; nur habe ich noch einige Worte mit Mr. Jeſhop zu ſprechen.“ Es war ein Auftrag für einige arme katho⸗ liſche Familien, die, wie wir ſchon früher wußten, ſeit langer Zeit eine Penſion von ihm bezogen. 4 — „So ſind Sie alſo doch noch ein Katholik?“ frug ich.„Wir hörten das Gegentheil.“ „Wirklich?— O, natürlich. Man erfährt ſehr ſonderbare Geſchichten über ſich ſelbſt. Wahrſchein⸗ lich hörten Sie alſo auch, daß ich nach dem heiligen Lande gereiſ't ſei, dort Jude ward, mich dann nach Konſtantinopel begab und von dort als medaner heimkehrte?“ „Aber ſind Sie Ihrem alten Glunben treu ge⸗ blieben?“ frug John.„Immer noch ein wahrer Katholik?“ „Wenn Sie das Wort Katholik in ſeiner ur⸗ ſprünglichen Bedeutung nehmen— gewiß. Ich bin ein Univerſaliſt; ich glaube Alles— und Nichts. Laſſen Sie uns aber von etwas Anderm reden.“ Der verächtliche Skepticismus ſeines ganzen Weſens änderte ſich plötzlich, als er nach Mrß. Halifar und den Kindern frug.—„Freilich, nicht länger mehr Kinder, wie ich vorausſetze.“ „Kaum noch— Guy und Walther ſind beinahe ſo groß wie Sie, und meine Tochter—“ Nicht ohne Schreck wiederholte er:„Ihre Toch⸗ ter?— Ach ja, ich erinnere mich. Das Kind Maud. Gleicht ſie— gleicht ſie——“ „Nein.“ Niemand ſetzte etwas Mehreres hinzu, aber ihre „ S Herzen ſchienen ſich, durch dieſelbe zärtliche Erinne⸗ rung verbunden, gegenſeitig zu erwärmen. Wir fuhren bald darauf fort. Lord Ravenel, ganz in Pelze gehüllt, beklagte ſich bitter über den Schnee und das Glatteis. „Ja, der Winter fängt ſehr ſtreng an,“ erwi⸗ derte John, als er ſeine Pferde bei dem Schlagbaume des Chauſſéehauſes anhielt.„Es wird für Manche ein trauriges Weihnachten werden.“ „Ach wahrhaftig, ja!“ antwortete der Chauſſee⸗ wärter, an ſeinen Hut faſſend;„und dürfte ich mir die Freiheit nehmen, ſo möchte ich ſagen, es iſt eine dunkle Nacht und der Weg ſehr einſam,“ flüſterte er leiſe und geheimnißvoll. „Ich danke Euch, mein Freund, ich weiß aber das Alles.“ Aber John blieb darnach eine Zeitlang ſehr ſtill. So fuhren wir weiter durch die dunkle Gegend, während der Schnee uns in's Geſicht trieb, und zwar auf ſo abgelegenen Wegen, daß das Geräuſch unſerer Räder der einzige Laut blieb, der unſer Ohr erreichte, und dieſer mochte meilenweit vernommen werden. Plötzlich ſtanden unſre Pferde ſtill. Drei oder vier bös ausſehende Geſtalten waren hinter einem — 6 Grabenrande hervorgeſprungen und bemächtigten ſich der Zügel. „Hollaho!— Was wollt Ihr hier?“ „Geld!“ „Laßt meine Pferde os! es ſind wilde Thiere. Ihr könnt leicht unter ihre Füße gerathen.“ „Was thut das?“ Dies kurze Geſpräch dauerte kaum eine Minute, zeigte aber klar, in welcher Lage wir uns befanden; auf dieſem einſamen Moore, meilenweit von irgend einer Behauſung entfernt, trat uns unſte Gefahr — aber mehr noch John's Gefahr lebendig vor Augen. Er ſelbſt ſchien ſie kaum zu erkennen. Hoch aufgerichtet ſtand er an den Bock gelehnt, die Peitſche in der Hand.„ „Geht fort, Ihr Burſchen— oder ich muß Euch überfahren.“ „Das ſollte Dir bekommen!“ Und mit einem gellenden Schrei ſprang der eine der Männer vor, hing ſich an den Racken des niederſtürzenden Pfer⸗ des, ward aber ſelbſt zu Boden geworfen, ſodaß er zwiſchen den Hufen des Pferdes lag. Der Unglück⸗ liche ſeufzte noch ein Mal auf und blieb dann ſtill. Sogleich ſprang John aus dem Wagen, ergriff den Kopf des Pferdes und hielt es zurück. 8 — „Haltet an! der arme Menſch iſt todt oder bend. Ich ſage Euch, haltet an.“ Während dieſe Männer, die vielleicht im Be⸗ griff waren, ihre erſte ſchlechte Handlung zu voll⸗ bringen, ſtumm vor Erſtaunen da ſtanden, ſah man den Herrn, den ſie berauben wollten, beſchäftigt, ihrem Kameraden zu helfen. Er hielt ihn in ſeinen Armen und trug ihn in die Nähe der Wagenlater⸗ en, rieb ſein Geſicht mit Schnee und ſuchte ſeine großen Hände zu erwärmen. Aber es war umſonſt. Das Blut tröpfelte aus einer Wunde in den Schlä⸗ fen, und mit geöffnetem Munde fiel ſein Haupt auf John's Knie zurück. „Er iſt wohl todt?“ Die Andern beobachteten ſchweigend Mr. Hali⸗ fax, der noch immer neben dem todten Manne knieete, deſſen Kopf er hielt und traurig betrachtete.. „Mir iſt, als kennte ich ihn— wo iſt ſeine Frau?“ Der Eine deutete über das Moor hinber auf ein ſo ſchwaches Licht, daß es wie ein Glühwurm erſchien.„Nehmt die Decke aus meinem Wagen und ſchlagt ſie um ihn“ Sein Befehl ward ſogleich be⸗ folgt.„Nun tragt ihn nach Hauſe, ich folge ihm gleich.“ „Gewiß nicht!“ rief Lord Ravenel, der aus dem Wagen geſtiegen war und vor Froſt zitternd neben Mr. Halifar ſtand.„Sie werden ſich doch nicht ſelbſt in die Gewalt dieſer Schurken begeben wollen? Was für Geſchöpfe das ſind, die untern Klaſſen!“ „Sie würden das nicht von Allen ſagen, wenn Sie ſie kennten. Phineas, willſt Du Lord Ravenel nach Hauſe fahren?“ „Verzeihen Sie, aber das werde ich auf keinen Fall thun,“ ſagte Lord Ravenel mit edler Würde. „Wir werden bei Ihnen bleiben, um das Ende der Geſchichte abzuwarten. Was für ein ſonderbarer Mann iſt doch dieſer Mr. Halifax immer geweſen und iſt es noch bis auf den heutigen Tag!“ ſetzte er nachdenklich hinzu, als er ſich wieder in ſeine Pelze hüllte und dann in Stillſchweigen verfiel. Indem wir den Spuren jener dunkeln Geſtal⸗ ten im Schnee folgten, gelangten wir bald an eine Gruppe von Lehmhütten, die am Rande des Moor⸗ landes ſtanden. Ohne weiter ein Wort zu ſprechen, nahm John eine Wagenlaterne und betrat eine jener Hütten. Zu meinem Erſtaunen ſtieg Lord Ravenel ebenfalls aus und folgte ihm. Ich ward mit den Zügeln in der Hand draußen gelaſſen, und zwei oder drei jener wild ausſehenden Geſtalten warteten am Wagen, ohne daß mir jedoch irgend eine Unan⸗ nehmlichkeit begegnete; ja, als John nach einigen * Minuten wieder erſchien, nahm ſogar Einer derſel⸗ ben höflich die Peitſche auf und reichte ſie ihm. „Ich danke. Aber nun, Ihr Leute, ſagt, was Ihr eigentlich von mir wolltet?“ „Geld!“— rief der Eine.„Arbeit!“— der Andere. „Und Ihr wähltet einen ſehr guten Weg dazu. Gerade wie die Straßenräuber hieltet Ihr mich auf einſamen Wegen an! Ich glaube nicht, daß irgend Jemand aus Enderly eine ſolche feige Handlung be⸗ gangen hätte.“ „Wir ſind keine Feiglinge!“ lautete die trotzige Antwort.„Ihr führt Piſtolen bei Euch, Mr. Ha⸗ lifax.“ „Dazu zwingt Ihr mich. Mein Leben iſt mei⸗ ner Frau und meinen Kindern gerade ſo viel werth⸗ als das jenes armen Burſchen den Seinigen,“ rief John.„Gott ſtehe uns Allen bei! es wird zu Zei⸗ ten für einen Jeden ſchwer, durch die Welt zu kommen. Wie? kennt Ihr mich denn nicht beſſer, Leute? Weßhalb kommt Ihr nicht zu mir in mein Haus und bittet mich redlich um ein Mittagbrot und eine halbe Krone?— Ihr könntet Beides jeden Tag haben.“ „Danke! danke!“ erſcholl der allgemeine Ruf. „Und nicht wahr, Herr,“ ſagte ein alter Mann,„Sie — und der andere vornehme Zeuge Sie werden die Ein⸗ miſchung der Geſetze verhindern. Sie werden uns nicht in's Gefängniß bringen, weil wir Sie auf der Straße anfielen, Mr. Halifar?“ „Nein! Ihr müßtet mich denn wieder angreifen. Aber ich fürchte das nicht und will Euch trauen.— Seht her!“ Er nahm das Piſtol aus ſeiner Bruſt⸗ taſche, zog den Hahn auf und feuerte beide Läufe ſorglos in die Luft.—„Nun, gute Racht, und führe ich je wieder ein Feuergewehr bei mir, ſo iſt es Eure Schuld und nicht die meinige.“ Dies ſagend öffnete er Lord Ravenel die Wagenthür, der ſeinen Platz gedankenvoll und ergriffen wieder einnahm; dann auf den Kutſcherſitz ſteigend, fuhr uns John in ei⸗ nem trüben Schweigen durch das ſchneeige ſtern⸗ beſchienene Moorland nach Beechwood. Viertes Rapitel. Es war eine Scene, die den Abendbildern in Longfield glich, jenen Bildern, die ſich in der Som⸗ merſonne unſres Lebens der Erinnerung eingeprägt. hatten, und die keine ſpätere Rebenſonne je wieder zu erzeugen vermochte; denn nichts Irdiſches kann ganz in derſelben Geſtalt wieder lebendig werden. Ich denke mir, der Himmel hat es grade ſo gewollt, daß der ſich ſteigernde Fortſchritt unſerer Exiſtenz uns ſelbſt mit dem Verluſte verſöhnt, und uns zeigt, wie der Wechſel grade ein neues Streben und Seh⸗ nen hervorruft; eine Sehnſucht, die nie und in keinem Gegenſtande ausruhen kann und ſoll, als in dem Einen, dem Vollkommnen, dem einzigen, Alles befriedigenden Gute, in dem weder ein Wechſel noch ein Schatten von Veränderlichkeit liegt. Ich ſage das, um mich vor mir ſelbſt über — Gedanken zu entſchuldigen, die mich zuweilen ſehr ernſt ſtimmten, ja mich ſogar in dem glücklichen Heimathslichte von John's Bibliothek überfielen, wo ſich die Familie während mehrerer Wochen nach den zuletzt mitgetheilten Ereigniſſen Abends verſammelte. Denn der arme Guy war ſeitdem ein Gefangener. Aus dem kleinen Schmerze war ein verſtauchter Fuß geworden, was bei einem großen und kräftigen jun⸗ gen Manne eben nichts Unbedeutendes genannt werden konnte. Er trug dieſe Unbequemlichkeit zuerſt ziemlich ungeduldig, ſöhnte ſich aber zuletzt doch mehr damit aus, indem er las und zeichnete, ſich unterhalten ließ und ſich ſogar für den Unterricht ſeiner Schweſter Maud intereſſirte, die ihre Stunden jeden Morgen in der Bibliothek nahm. Miß Silver hatte dieſe Einrichtung vorgeſchla⸗ gen, wie ſie denn ſeit Guy's Unfall eine größere Theilnahme an den Tag legte als ſonſt bei ihr der Fall war, und ihm, wie es ſchien aus einer Art Reue, mancherlei kleine weibliche Freundlichkeiten erwies, ja ſich im Ganzen angenehmer als früher zeigte. Sie miſchte ſich jetzt Abends unter die Gruppe junger Leute, die ſich um Guy's Sopha ver⸗ ſammelten und aus Edwin, Walther und der kleinen Maud beſtanden. Vater und Mutter ſaßen ihnen ge⸗ genüber, aber gewöhnlich dicht bei einander, er mit ſeinen Zeitungen und ſie mit ihrer Arbeit beſchäf⸗ tigt. Zuweilen überließen ſie ſich auch einer ſüßen Unthätigkeit, ihre Hände vereinigten ſich dann, wenn ſie in einem leiſen Tone mit einander ſprachen, oder ſtill und lächelnd die Heiterkeit ihrer Kinder beob⸗ achteten. Ich für mein Theil nahm gewöhnlich meinen Platz in der Ecke des Kamin's ein,— es war ein ordentlicher alter Kaminheerd mit einem Sitze an jeder Seite und eiſernen Böcken anſtatt eines Roſtes, wo manches Scheit Holz ſein kurzes und heiteres Leben verziſchte und knackte. Nichts konnte einen freundlicheren, wohnlicheren Eindruck gewähren als dies altmodiſche, trauliche Zimmer, von dem drei Seiten mit Büchern ausgefüllt waren, Alles Bücher, welche John während ſeines Lebens geſammelt hatte. Vielleicht war es ihr liebes, ihm ſo wohlbekanntes Anſehen, was ihm das Zimmer ſo beſonders werth machte, ja es ihm als ſein beſonderes Eigenthum erſcheinen ließ. Doch hielt er es vor ſeiner Familie nicht verſchloſſen, denn er hatte ſie ſo gern um ſich, daß ſie ſelbſt in ſeinen Arbeitsſtunden bei ihm durfte. So ſaßen wir denn des Abends, wie jetzt, un beiſammen, Jeder beſchäftigt und Keiner den Andern ſtörend. Ab und zu hörte man wohl ein Stückchen Geſpräch, oder ein helles Lachen, das gewöhnlich von Guy, Walther und Maud ausging, ſo daß Edwin ſelbſt von ſeinen ewigen Büchern verwundert aufſah, und die ernſte Gouvernante ihren Mund zum Lä⸗ cheln verzog. Seitdem ſie dies überhaupt gelernt zu haben ſchien, ward uns Allen erſt ſichtbar, wie hübſch Miß Silver eigentlich war.„Eine edle Schönheit,“ dünkt mich, war das eigentliche Wort für ſie. Dieſe graden, vornehmen Züge, die Rein⸗ heit der Formen und der Farbe feſſelte unwillkürlich das Auge, und vielleicht wurde das der Männer noch mehr angezogen als das der Frauen, wenigſtens konnte Mrß. Halifax nie dahin gebracht werden, es zu erkennen. Freilich hatte ſie eine beſondere Vor⸗ liebe für kleine, feine Brünetten, wie Miß Oldtower, während Miß Silver groß, ſtark und ſchön genannt werden mußte; ſchön in allen Beziehungen, und nun ſie ſichtlich anfing, etwas mehr Aufmerkſamkeit auf ihren Anzug und ihre Erſcheinung zu verwen⸗ den, entdeckten wir auch, daß ſie noch jung ſei. „Heute grade erſt einundzwanzig Jahre, wie mir Guy ſagte,“ bemerkte ich eines Tages gegen urſula. „Woher weiß Guy das?“ ch glaube, er hat dies wunderbare Geheim⸗ niß durch Maud entdeckt.“ —— ₰ „Maud und ihr Bruder ſind ſeit ſeiner Krank⸗ heit ja ganz außerordentliche Freunde geworden. Finden Sie das nicht?“ „Ja, als ich heute Morgen in die Bibliothek trat, fand ich alle Beide und ſelbſt Miß Silver ſo vergnügt wie nur möglich.“ „Wirklich?“ frug die Mutter mit einem unwill⸗ kürlichen Blicke auf die Gruppe uns gegenüber. Es war aber durchaus nichts Beſonderes zu beobachten; ſie ſaßen Alle in der harmloſeſten Ruhe zuſammen, Edwin leſend, Maud auf einem Kiſſen zu ſeinen Füßen mit der Katze ſpielend, und Miß Silver mit einer jener reizenden Muſſelin⸗Stickereien beſchäftigt, die man in jener Zeit zum Beſatze der Kleider gebrauchte. Guy hatte ein Muſter dazu ge⸗ zeichnet, und lehnte nun in dem Sopha zurück, ſich mit der Hand vor dem Feuer ſchützend und die Gouvernante hinter derſelben thteid wie ich dies in letzter Zeit oft bemerkte. „Guy,“ rief ſeine Mutter(und Guy ſuzt zu⸗ ſammen),„Guy, woran denkſt Du?“ „An Nichts; das heißt“— hier verließ Miß Silver zufällig das Zimmer—„Mutter, komm', bitte, her, ich möchte gern Deine Anſicht hören. Hier ſetze Dich zu mir,— aber es iſt durchaus nichts Wichtiges.“ John Halifax. v. *—— Demohnerachtet brachte er die große Frage doch nur mit einigem Zögern hervor, daß nämlich heute Miß Silver's Geburtstag ſei, und er finde, man müſſe ihn doch erwähnen und ihr ein kleines Ge⸗ ſchenk als Zeichen der Erinnerung geben. „Und ich dachte an die große„Flora,“ die ich mir von London kommen ließ, und die ihr viel Freude machen würde, denn ſie liebt Botanik ganz beſonders.“ „Was weißt Du denn von der Botanik?“ frug Edwin heftig und nichtachtend, wie es ſchien, bis ich mich erinnerte, wie ſehr er ſich auf dieſe Wiſſenſchaft geworfen hatte, und wie er den langen Winter über mit Maud und ihrer Gouvernante die längſten Spa⸗ ziergänge in der Gegend machte, um mit ihnen die Eryptogamen zu ſtudiren.. Guy würdigte ſeinen Bruder keiner Antwort; er war mit dem Durchblättern der ſchönen Flora zu beſchäftigt, die auf ſeinen Knieen lag. „Was meint Ihr Andern dazu? Vater, glaubſt Du nicht, daß es ihr Freude macht? Dann, denke ich, giebſt Du es ihr.“ In dieſem unpaſſenden Augenblicke kam Miß Silver zurück. Sie mochte bemerken, daß von ihr die Rede war, wenigſtens inſoweit es ihr Guy's eifrige Worte —— und der Mutter gänzliches Schweigen ſagte, denn ſie ſah ſich etwas verlegen um und war im Begriffe, ſich wieder zurückzuziehen. „Gehen Sie nicht fort,“ bat Guy ängſtlich. „Bitte, bleiben Sie!“ fügte ſeine Mutter hinzu. „Wir ſprachen grade von Ihnen, Miß Silver. Mein Sohn hofft, Sie werden dies Buch von ihm und von uns Allen freundlich annehmen, das mit den beſten Geburtstagswünſchen begleitet wird.“ Und ſich mit etwas mehr Ernſt als ſonſt erhe⸗ bend, näherte ſich Mrß. Halifar dem jungen Mädchen, berührte ihre Stirn mit den Lippep und gab ihr das Geſchenk. Miß Silver erröthete, wich erſchrocken zurück und ſagte:„Sie ſind außerordentlich gütig, aber ich möchte es lieber nicht annehmen.“ „Weßhalb? Lieben Sie überhaupt keine Ge⸗ ſchenke, oder nur dies hier nicht?“ „Oh nein, gewiß nicht.“ „Dann,“ ſagte John, der ebenfalls zu ihr her⸗ antrat und ihr die Hände mit einer beſonders herz⸗ lichen Freundlichkeit ſchüttelte,„bitte auch ich, neh⸗ men Sie dies Buch. Erlauben Sie uns, Ihnen zu zeigen, wie ſehr wir Sie achten, wie gänzlich wir Sie als zu der Familie gehörig betrachten.“ Guy ſah ſeinen Vater mit einem Blicke der — 100— dankbarſten Freude an, aber Miß Silver mehr als vorher erröthend hielt ſich dennoch immer zurück. „Nein, ich kann es nicht, wirklich nicht.“ „Weßhalb können Sie es nicht?“ „Aus verſchiedenen Gründen.“ „So geben Sie mir wenigſtens Einen derſelben an, es iſt mehr als man von einer jungen Dame erwarten kann,“ ſagte Mr. Halifax heiter ſcherzend. „Mr. Guy hat die Flora für ſich ſelbſt beſtellt, ich darf nicht erlauben, daß er ſich dieſes Vergnügens um meinetwillen beraubt.“ „Ich würde keineswegs darauf verzichten müſſen, wenn Sie es beſäßen,“ erwiderte der Jüngling mit leiſer Stimme, wotauf ihn ſein jüngerer Bruder abermals ſehr ärgerlich anſah⸗ „Was für ein Lärm um Nichts! Wie ſoll man bei ſo vielem Hin- und Herſprechen wohl leſen können!“ „Du alter Bücherwurm! Du bekümmerſt Dich freilich um Nichts und um Niemand als um Dich ſelbſt,“ erwiderte Guy lachend. Aber Edwin, wirk⸗ lich entrüſtet, ſtand auf uns ſttzte ſich in die entfern⸗ teſte Ecke des Zimmers. „Edwin hat Recht,“ ſagte der Vater in einem Tone, der ſeinen Entſchluß, dies Geſpräch zu been⸗ digen, ſo deutlich zeigte, daß ſelbſt Miß Silver ihm gehorchte.„Mein liebes Fräulein, ich hoffe, das — 101— Buch wird Ihnen Freude machen. Guy, ſchreibe nur gleich ihren Namen hinein.“ Guy folgte ſichtlich gern dieſem Befehle, doch dauerte es eine ganze Weile, ehe er damit fertig ward. Seine Mutter kam heran und ſah ihm über die Schulter. „Louiſe Eugenie— woher weißt Du das, Guy? Louiſe Eugenie Sil—— iſt das Ihr Name, meine Liebe?“ Die Frage, ſo einfach ſie war, ſchien die Gou⸗ vernante dennoch in große Verlegenheit und Aufre⸗ gung zu ſetzen. Doch ſtand ſie endlich auf und ſagte in ihrer früheren trotzigen Weiſe, die in letzter Zeit ganz verſchwunden war: „Nein, ich will Sie nicht länger täuſchen. Mein eigentlicher Name iſt Louiſe Eugenie d'Argent.“ Mrß. Halifax erſchrak.„Sind Sie eine Fran⸗ zöſin?“ „Von Vaters Seite, ja!“ „Weßhalb ſagten Sie das nicht früher?“ „Weil Sie, wie Sie ſich erinnern werden, bei unſerer erſten Unterhaltung ſagten, daß keine Fran⸗ zöſin Ihre Tochter je erziehen ſollte. Und ich war eine Heimath⸗ und Freundloſe.“ Beſſer ſterben als eine Unwahrheit ſagen!“ rief die Mutter verächtlich. — 102— „Ich ſagte keine Unwahrheit, denn Sie frugen mich nie nach meiner Familie.“ „Nein, nein,“ fiel John ihr in die Rede.„So dürfen Sie nicht mit Mrß. Halifax reden. Weßhalb haben Sie den Namen Ihres Vaters abgelegt?“ „Weil das engliſche Volk die Tochter meines Vaters verachtet hätte. Sie kennen ihn, Jedermann kennt ihn. Er war d'Argent, der Jacobiner, d'Ar⸗ gent le Rouge.“ Sie ſtieß die Worte mit einer gewiſſen Bitter⸗ keit heraus und verließ das Zimmer. „Das iſt eine ſchreckliche Entdeckung. B Du haſt ſie viel geſehen, hatteſt Du je geahnt— „Ich wußte es, Mutter,“ antwortete Edwin, ohne den Blick von ſeinem Buche zu erheben.„Aber Engländerin oder Franzöſin, es macht doch bei Alle⸗ dem keinen Unterſchied.“ „Ich dächte doch auch, es ſei wirklich gieich!⸗ rief Guy eifrig.„Was auch ihr Vater geweſen ſein mag, Niemand wird ſich erlauben, übler von ihr zu denken.“ „Still, bis auf eine gn Zeit,“ warnte der Vater mit einem Blicke auf Maud, die mit weit geöffneten Augen, in denen die Thränen glänzten, auf all' die Enthüllungen über ihre Gouvernante horchte. —— Aber Maud's Thränen ſowohl wie die ſo pein⸗ lichen Geſpräche ſollten bald durch den Eintritt des Beſuchs von Lord Ravenel unterbrochen werden, der ſeit ſechs Wochen jeden Abend unſer Gaſt geworden war. Seine ſtets gern geſehene Gegenwart ward heute eine wahre Erleichterung. Wir ſprachen nie vor Fremden über Familien⸗Angelegenheiten. Die Knaben unterhielten ſich mit Lord Ravenel, und Maud nahm ihren privilegirten Platz an ſeiner Seite auf einem Tabouret ein. Von dem erſten Augen⸗ blicke an war ſie ſein Liebling geworden, wie er ver⸗ ſicherte wegen der großen Aehnlichkeit mit Murick. Aber ich glaube, mehr als die eingebildete Aehnlich⸗ keit mit dieſem ſüßen verſchwundenen Antlitze, von dem er nur mit der unausſprechlichſten Zärtlichkeit ſprach, lag Etwas in Maud's blühender Jugend, die zwiſchen Kindheit und Jungfräulichkeit ſchwankte, die Munterkeit des einen und die Reize des andern Alters in ſich vereinigend, was ſie für dieſen Mann ſo beſonders anziehend machte, welcher bei zweiund⸗ dreißig Jahren des Lebens überdrüſſig war, und es wie eine Laſt betrachtete, wenigſtens ſprach er ſo darüber. In unſerm Hauſe dagegen ward das Leben für Niemand eine Bürde, noch ward man deſſen über⸗ drüſſig, ſelbſt nicht an dieſem Abende, wenn uns auch — 104— unſer Nachbar weniger heiter und lebendig als ſonſt fand, denn John war noch ſchweigſamer als gewöhn⸗ lich, und Mrß. Halifax ſchien in Träumereien ver⸗ ſunken; dagegen widerſprachen ſich Edwin und Guy, beſonders aufgeregt, noch wärmer als es ſonſt ſelbſt die Freiheit der Sprache in Beechwood geſtattete. Miß Silver erſchien an dieſem Abende nicht wieder. Lord Ravenel ſchien dieſe kleinen Desagrements ſehr ruhig aufzunehmen. Er blieb bis zu ſeiner ge⸗ wöhnlichen Zeit, lächelte matt über den lebhaften Streit der Knaben, oder horchte mit einer halb wohl⸗ gefälligen, halb melancholiſchen Gleichgiltigkeit auf Maud's heiteres Geſchwätz, während ſeine Augen ihr mit einer Zärtlichkeit durch das Zimmer folgten, die der Unterſchied von zwanzig Jahren nicht allein einem Manne geſtattet zu empfinden, ſondern ſie auch einem Kinde zu zeigen. Zu der gewohnten Stunde ſtand er auf und ritt fort, nicht ohne einen Seufzer, das heitere Beechwood mit dem einſamen, trockenen Luxmore zu vertauſchen. Nachdem er uns verlaſſen hatte, vereinigten wir uns nicht wieder um das Feuer wie ſonſt. Maud verſchwand, der jüngſte Knabe ebenfalls, Guy ſetzte ſich auf ſeinem Sopha zurecht, nachdem er vor— her mit großen Schmerzen durch das Zimmer hinkte, um ſich die Flora zu holen, die Edwin ſorgfältig in —— — 105— einem Bücherſpinde bewahrt hatte. Dann es ſich aber bequem machend, was der alle Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens liebende Jüngling gern that, lehnte er ſich zurück und ſah träumend auf das Titelblatt, worauf ihr Name geſchrieben war, dar⸗ unter„von Guy Halifax mit—“ „Was willſt Du noch hinzufügen, mein Sohn?“ Er ſah zu ſeiner Mutter auf, antwortete aber nicht und machte das Buch zu. Sie war ſichtlich verletzt, doch ſagte ſie Richts mehr, ſondern ging bald hier⸗, bald dorthin, um die Möbels in dem Zimmer vor dem zu Bette Gehen in Ordnung zu bringen. John ſaß nachdenkend in ſei⸗ nem Armſtuhle. Freundlich frug ſie ihn, worüber er nachſinne? „Ich denke an den Mann Jacques d'Argent.“ „So hatteſt Du ſchon bon ihm gehört?“ „Wenige würden zwanzig Jahre früher ſeinen Namen nicht gekannt haben. Er war einer der Fürchterlichſten aus der Schreckens⸗Regierung. Ein Menſch ohne Gewiſſen, ohne Rechtlichkeit, ja ſelbſt ohne Gefühl des äußern Anſtandes.“ „Und die Tochter dieſes Menſchen haben wir in unſerm Hauſe gehabt, um unſer unſchuldiges Kind zu unterrichten!“ — 106— Schreck und Verachtung ſprachen ſich in jedem Zuge des Geſichtes der Mutter aus. Es war nicht zu verwundern. Jetzt, wo die Gährung überwunden iſt, welche in unſerer Jugend die menſchliche Geſell⸗ ſchaft ſo gewaltſam erſchütterte, wenn wir auch noch fern von dem Frieden ſind, der ſie beſchließt und die Nachkommenſchaft befähigt, eine ſo große hiſtoriſche Kriſis, wie die franzöſiſche Revolution, wahr und richtig zu beurtheilen, ſieht doch der größte Theil unſeres engliſchen Volkes mit Abſcheu auf den lei⸗ denſchaftlichen Streit der Meinungen in jener Zeit zurück. Und hatte Mrß. Halifar eine ſchwache Seite, ſo beſtand ſie in dem ausgeſprochenſten Vorurtheil gegen alles franzöſiſche, und was ihr gleichbedeu⸗ tend ſchien, jacobiniſche Weſen. Zum Theil war dies wohl aus dem Wohlge⸗ fallen an Beſchäftigung und Geſprächen über mora⸗ liſche Grundſätze entſtanden, bei Frauen eine Rich⸗ tung, die mit dem Alter immer mehr zunimmt und ſich befeſtigt; andererſeits aber glaube ich, durch die furchtbare Warnung, die uns das Geſchick jener Frau gab, von der wir ſeit Jahren Nichts mehr ge⸗ hört hatten, und deren Name unſern Kindern gänz⸗ lich unbekannt, oder von ihnen vergeſſen blieb. „John! kannſt Du nicht ſprechen? Siehſt Du nicht die erſchreckende Gefahr des Verhältniſſes?“ ——————— — 107— „Liebe, verſuche ruhiger zu werden.“ „Wie kann ich das? Erinnere Dich, erinnere Dich nur an Caroline!“ „Aber wir reden nicht von ihr, ſondern von einem Mädchen, das wir kennen, und vollkommen Gelegenheit hatten, beurtheilen zu können. Ein Mädchen, das, was auch ihr Urſprung ſein mag, ſechs Monate in unſerm Hauſe lebte und ſich tadel⸗ los betrug.“ „Wollte der Himmel, ſie hätte es niemals be⸗ treten! Aber es iſt noch nicht zu ſpät. Sie kann und ſoll es augenblicklich verlaſſen.“ „Mutter!“ fuhr Guy auf. Seitdem ſie ihn geboren hatte, hörte die Mutter ihren Namen nie in dieſem Tone ausſprechen. Sie ſtand erſtarrt da. „Mutter! Du biſt ungerecht, herzlos und grau⸗ ſam. Sie darf das Haus nicht Se ich ſage, ſie ſoll es nicht verlaſſen!“ „Guy, wie kannſt Du wagen, in dieſer Weiſe mit Deiner Mutter zu reden?“ „Ja, Vater, ich wage dies, und lieber Alles, als—“ „Halt' ein! Bedenke, was Du ſagſt, oder Du möchteſt es bereuen.“ Und indem Mr. Halifax in jenem leiſen Tone 108— „ ſprach, zu dem ſeine Stimme herabſank, wenn er tief gekränkt oder erzürnt war, legte er ſeine gewich⸗ tige Hand auf des Jünglings Schulter. Vater und Sohn wechſelten heftige Blicke. Die erſchrockene Mutter warf ſich zwiſchen Beide. „Laß es ſein, John! Sei nicht auf ihn böſe. Er konnte nicht anders, mein armer Knabe!“ Ihr bekümmerter Ausdruck ließ Guy und den Vater zurücktreten. John ſchlang ſeinen Arm um ſeine Frau und zog ſie auf ein Sopha nieder. Sie zitterte ſtark. „Du ſiehſt hier, wie Unrecht Du thateſt, Guy. Wie konnteſt Du Deiner Mutter ſo wehe thun?“ „Ich dachte nicht, ſie dadurch zu verletzen,“ er⸗ widerte der junge Mann.„Ich wünſchte nur, ſie vor Ungerechtigkeit und Unfreundlichkeit gegen Je⸗ mand zu bewahren, der ſie gerade Gerechtigkeit und Güte zeigen müßte— gegen ein Mädchen, das ich ehre, achte— ja, das ich liebe.“ „Liebe?“ „Ja, Mutter! ja, Vater! i liebe ſie, und habe die Abſicht, ſie zu heirathen.“ Guy ſprach dieſe Worte mit einer ſo ruhigen Beſtimmtheit aus, die ſehr verſchieden von der ge⸗ wöhnlichen Heftigkeit ſeines Charakters war. Man konnte leicht erkennen, daß eine große Veränderung — 109— mit ihm vorgegangen, und ihm dieſe Leidenſchaft, deren ſtilles Wachsthum Niemand bemerkt hatte, vollkommen ernſt war. Aus dem Knaben hatte ſich plötzlich ein Mann entwickelt, und ſeine Eltern empfanden das. Ihre Blicke ruhten auf ihm, und dann ſahen ſich Beide bekümmert an. Der Vater fand zuerſt die Worte wieder: „Das Alles iſt ſehr ſchnell gekommen. Du hät⸗ teſt mit uns vorher davon ſprechen ſollen.“ „Ich wußte es ſelbſt nicht, bis— bis ganz zuletzt,“ antwortete der Jüngling, ſehr viel ſanfter, indem er erröthend ſeinen Kopf ſenkte. „Weiß Miß Silver, weiß die Dame Deines Herzens davon?“ „Rein.“ „Das iſt gut,“ ſagte der Vater nach einer klei⸗ nen Pauſe.„Du haſt in dieſem Schweigen als ein redlicher Mann gehandelt, und als ein pflichtvoller Sohn gegen Deine Eltern.“ Guy ſah erfreut auf und ſchob ſeine Hand zu der ſeiner Mutter; doch weder nahm ſie dieſelbe noch ſtieß ſie ſie zurück; ſie ſchien gänzlich betäubt. In dieſem Augenblicke bemerkte ich, daß ſich Maud in das Zimmer geſchlichen hatte; ich ſchickte ſie ſo ſchnell als möglich wieder fort. Ach! es war — 110— ja das erſte Geheimniß, das wir vor ihr zu verber⸗ gen hatten, das erſte peinliche Geheimniß in unſerm glücklichen Hauſe. In einem ſolchen Hauſe bringt natürlich die erſte„Liebes⸗Geſchichte“ eine große Veränderung her⸗ vor; mag ſie einen Sohn oder eine Tochter betreffen; größer noch, wenn dies bei dem Erſtern der Fall iſt. Ich weiß zwar nicht, weßhalb, aber es iſt ſo, daß eine traurige Wahrheit in den Strophen liegt, die mir die Mutter dieſen Morgen halb lachend wieder⸗ holt hatte: „Mein Sohn iſt mein Sohn nur, ſo lang' er nicht frei't. Die Tochter bleibt Tochter zu all' und jeder Zeit.“ Und wenn nun gar, wie in dieſem Falle, der Sohn ein Mädchen zu heirathen wünſcht, deren Wahl der Vater nicht ganz billigt, und welche die Mutter nicht von Herzen liebt, ſo wird der Schmerz wohl um das Zehnfache vermehrt. Diejenigen, welche mit der blendenden Ein⸗ bildungskraft der Jugend nur den Glanz und die Schönheit einer Liebe, einer erſten Liebe ſehen, über⸗ zeugt ſind, daß ſie das Leben vollkommen ausfüllt, den Anfang, das Ziel und das Ende ausmacht, müſſen ſich wundern, daß ich, der ich doch auch ein „ Mal jung war und nun alt bin, nicht allein den — 111— Liebenden in das Auge faſſe, ſondern, wie ich es in dieſer Nacht that, auch das Recht der Eltern wahr⸗ nehme. Ich war von Kummer überwältigt, als ich die Drei betrachtete und die Folgen und Leiden be⸗ rechnete, die fern oder nah' in der Neigung des armen Guy lagen. „Nun, Vater,“ ſagte er endlich, ſich wie durch Eingebung an den Vater wendend, deſſen Herz ihn wohl am beſten verſtand. „Was, mein Sohn?“ frug dieſer wehmüthig. „Du warſt auch ein Mal jung!“ „Das war ich,“ und mit einem zärtlichen Blicke auf des Jünglings erregtes und geſchlagenes Antlitz fuhr er fort:„Glaube nicht, daß ich nicht mit Dir zu empfinden vermöchte, wenn ich auch wünſchte, Du wäreſt etwas weniger leidenſchaftlich geweſen.“ „Als Du Dich verheiratheteſt, warſt Du nur wenig älter als ich.“ „Aber meine Heirath war ſehr verſchieden von der, die Du beabſichtigſt. Ich kannte Deine Mutter ſehr gut, und ſie mich ebenfalls. Wir waren Beide geprüft, und zwar durch Leiden, die wir gemeinſam trugen, ſowohl durch Irrungen als mancherlei an⸗ dere Sorgen. Wir haben uns nicht leichtſinnig oder verblendet gewählt, ſondern mit vollem freiem Willen und offenen Augen. Rein, Guy!“ fügte er — 112— mit ernſter, ſanfter Stimme hinzu,„meine Wahl war nicht die Folge einer plötzlichen Idee, oder einer raſenden Leidenſchaft, ich ehrte Deine Mutter höher als alle Frauen, ich liebte ſie wie meine eigene Seele!“ „Eben ſo liebe ich Louiſen, ich möchte jeden Tag für ſie ſterben.“ Die Heftigkeit des Sohnes entlockte dem Vater ein Lächeln; es war kein unglänbiges, ſondern nur ein trübes. Während dieſer ganzen Zeit hatte die Mutter bewegungslos und ohne einen Laut hören zu laſſen, dageſeſſen. Plötzliche Fußtritte und ein leiſes Klopfen an der Thür vernehmend, eilte ſie vorwärts, verſchloß ſie und rief mit einer Stimme, in der man ſchwer⸗ lich die ihrige zu erkennen vermochte: „Es kann Niemand herein, geht fort!“ Ein kleiner Brief ward unter der Thür hinein geſchoben. Mrß. Halifax nahm ihn auf, öffnete und las ihn mechaniſch, ſetzte ſich darauf wieder hin und beachtete ihn ſelbſt dann nicht, als Guy, von der Handſchrift überraſcht, eifrig das Papier ergriff. Es enthielt nur eine Zeile, die Miß Silver's Wunſch ausſprach, Beechwood ſogleich verlaſſen zu können, unter der ihr rechter Rame völlig ausge⸗ ſchrieben ſtand:„Louiſe Eugenie d'Argent.“ — 113— In einer Nachſchrift ſagte ſie:„Ihr Schweigen wird mir als Erlaubniß zu meiner Abreiſe gelten, und ich werde Morgen in der Frühe von hier fort⸗ gehen.“ „Morgen, Morgen abreiſen? und ſie weiß noch nicht einmal, daß ich ſie liebe! Mutter! Du haſt mein Glück zerſtört! Ich kann Dir das nie⸗ mals vergeben.“ Seiner Mutter nimmer vergeben! Seiner Mutter, die ihn zur Welt brachte, nährte und aufzog, die ihn mit jener Liebe liebte, der keine andere in der Welt gleicht; ja, die ganzen einund⸗ zwanzig Jahre hatte ſie ihn mit der Liebe begleitet, die nur eine Frau für ihren Erſtgeborenen empfindet. Es war hart, und der leidenſchaftlichſt Liebende mußte dies Wort in ruhigern Momenten für hart erklären. Kein Wunder alſo, daß ſelbſt die Um⸗ armung ihres Mannes Urſula nicht vor dem Aus⸗ drucke des herzbrechenden, ſprachloſen Schmerzes be⸗ wahren konnte, der ſich ihres Antlitzes bemächtigte, als ſie ihrem Sohne nachſah, der in einen Anfall unbezwinglichſter Heftigkeit und Schmerzes aus⸗ brach. Aber einer Mutter gleich, überſah ſie in dem tiefen Mitleide über ſeinen Gram die Heftigkeit ſeines Weſens. „Er iſt außer ſich in dieſem Augenblicke und John Halifax. v. 8 — 114— kann ſich ein Leid anthun, John! laß mich—“ ihr Mann gab ſie frei. Unſichern Schrittes und kraftlos wankte ſie zu Guy hin und berührte leiſe ſeinen Arm. „Beruhige Dich oder Du wirſt krank, und ich kann mein geliebtes Kind nicht elend ſehen! Komm', ſetze Dich hier neben Deine Mutter.“ Er gehorchte. Und ihr in die Augen ſehend, wo kein Zorn mehr zu finden war, ſondern nur Liebe und Schmerz, kehrte der gute Geiſt in den jungen Mann wieder zurück. „Oh! Mutter, Mutter, vergieb mir! ich bin ſo elend, ſo unglücklich!“ Sein Kopf lehnte ſich ermüdet an ihre Schulter und ſie umſchlang ihn und küßte ihn zärtlich; dieſen ihren Knaben, der ihr nun niemals mehr ganz ge⸗ hören konnte, der eine Andere mehr lieben lernte als ſeine Mutter. Nach einiger Zeit ſagte ſie:„Vater, gieb Dei⸗ nem Sohne auch die Hand. Sage ihm, daß wir ſeinen Zorn gegen uns vergeben wollen, ja, daß wir vielleicht einſt—“ Sie ſtockte, entweder ungewiß über des Vaters Anſicht, oder bei ihm Unterſtützung ſuchend. „Einſt,“ fuhr John fort,„wird Guy erken⸗ nen, daß wir nichts Anderes in der Welt ſuchten — 115— und wollten als das Beſte unſerer Kinder, das uns eben ſo nahe am Herzen liegt als ihr Glück.“ Guy erhob ſich, ſtrahlend vor Hoffnung und Freude.„Oh Vater, oh Mutter, wolltet Ihr wirk⸗ lich—?“ „Wir können Nichts vorherſagen,“ antwortete der Vater,„Nichts wenigſtens vor Morgen. Dann wollen wir alle Drei die Sache ruhig überlegen, und ſehen, was zu thun iſt.“ Natürlich wußte ich mit Sicherheit, zu welchem Entſchluſſe ſie gelangen würden. 8„ Fünftes Rapitel. Als ich ſpät noch aufſaß und über das Alles nachdachte, trat Mrß. Halifax in mein Zimmer. Sie ſah ſich um und frug nach ihrer Gewohn⸗ heit, ob ich noch irgend Etwas wünſchte, ehe ſie zu Bette gehe(überall war ſie ſo gut wie eine Schwe⸗ ſter für mich); ſie blieb dann einen Augenblick neben meinem Stuhle ſtehen— ich konnte ihr Geſicht nicht ſehen, bemerkte aber, daß ihre Hände ſich unruhig bewegten. Ich zeigte auf den Seſſel, den ſie gewöhnlich einnahm. „Nein, ich kann mich nicht ſetzen, ich muß Ihnen gute Nacht ſagen.“ Dann aber plötzlich auf den eigentlichen Grund gelangend, ſagte ſie:„Phi⸗ neas! Sie ſind doch immer der Erſte des Morgens auf. Wollen Sie— John meint, es wäre das Beſte, käme es von Ihnen— wollen Sie an Maud's Gou⸗ vernante eine Beſtellung von uns ausrichten?“ „Gewiß— was ſoll ich ſagen?“ „Nur daß wir ſie bitten, Beechwood nicht eher zu verlaſſen, bis wir ſie geſprochen haben.“ Hätte Miß Silver den Ton gehört, in dem dieſe „Bitte“ ausgeſprochen ward, ſo zweifle ich, ob ſie nicht ihre Abreiſe eher beſchleunigt als aufgehalteu hätte. Aber Gott ſtehe der armen Mutter bei, ihre Wunden waren noch zu friſch. 5 „Wäre es nicht beſſer,“ bemerkte ich,„Sie ſchrieben ihr?“ „Ich kann nicht— nein, das kann ich nicht,“ erwiderte ſie mit der Schärfe, die oft aus einem großen Schmerze entſteht, fügte aber gleich darauf entſchuldigend hinzu:„Ich bin ſo müde— es iſt zu ſpät heute Abend.“ „Ja! es iſt beinahe Morgen, ich glaubte Euch längſt zu Bette.“ „Nein, wir find die ganze Zeit in Guy s Zim⸗ mer geweſen, und haben mit ihm geſprochen; ſein Vater glaubte, es ſei beſſer für ihn.“ „Und iſt Alles abgemacht?“ „Ja! 4 Nachdem ſie das ſagte und dadurch bekannte, ihr Entſchluß ſei gefaßt, war die Frage als erledigt — 118— zu betrachten, und Guy's Mutter hatte ſich ſelbſt wiedergefunden. „Ja!“ wiederholte ſie,„John hält es für gut ſo. Wenigſtens daß ſie Guy's— die Gefühle kennt, die Guy für ſie hegt. Wenn dieſe nach einem Prü⸗ fungsjahre ſich gleich bleiben, und er iſt es dann noch zufrieden, ſein Leben mit einem ſehr geringen Ein⸗ kommen zn beginnen, ſo haben wir unſere Zuſtim⸗ mung zu der Heirath unſeres Sohnes gegeben.“ Es überraſchte mich, wie die Seele der Mutter nur allein mit dem einen Theile dieſer Angelegenheit beſchäftigt war— Guy's Gefühlen— unſeres Soh⸗ nes Heirath u. ſ. w. Die andere Seite der Frage oder auch nur die Möglichkeit eines Hinderniſſes daher, ſchien ihr durchaus nicht in den Sinn zu kommen. Es wäre auch mir vielleicht nicht einge⸗ fallen, denn ich theilte das Familienvertrauen auf Guy's Glück, hätte Mrß. Halifax's gänzliches Vergeſſen mich nicht darauf gebracht, daß es noch einer ande⸗ ren Zuſtimmung zu dieſer Heirath bedürfe als der der Eltern. „Sie ſehen, Phineas, daß es uns nicht ſehr von ihm trennen wird,“ begann ſie von Reuem, ſichtlich bemüht, die gute Seite der Sache hervorzuheben, „und dazu hat ſie gar keine lebenden Verwandten— gar keine. Als Einkommen wird Guy den Reinertrag — 149— der Norton Bury Mühlen haben; und dann können ſie, wie wir, in dem alten Hauſe von Norton Bury anfangen.— Das liebe alte Haus!“ Der Gedanke an die eigenen Tage der Jugend ſchien ſanft und beſchwichtigend über ſie zu kommen und dem Schmerze den Stachel zu nehmen, indem ihr klar ward, daß es nur recht und billig ſei⸗ dem heiligen Naturgeſetze nicht entgegenzutreten, ſon⸗ dern es zu erfüllen, indem man den Kindern auch geſtatte zu lieben, ſich zu verheirathen, um glücklich wie die eigenen Eltern zu werden. „Ja,“ antwortete ſie, als ich dies leiſe andeu⸗ tete,„ich weiß, daß Sie Recht haben; Alles iſt ganz gut und wie es ſein ſoll, wenn ich auch zuerſt darüber erſchrak. Es ſchadet Nichts, John ehrt ſie und mag ſie gern. Ich— oh, ich werde ſchon eine ganz vortreffliche Schwiegermutter werden,— wenigſtens mit der Zeit.“ Mit dieſem Lächeln, das beinahe fröhlich ge⸗ worden war, ſagte ſie mir gute Nacht, aber ſchnell und eilig; vielleicht wünſchte ſie mich zu verlaſſen⸗ ſo lange ihre Heiterkeit dauerte. Dann hörte ich ihre Schritte auf dem Gange— plötzlich ſtand ſie ſtill— wahrſcheinlich an Guy's Zimmerthür; dar⸗ auf ſchloß ſich die ihrige und das Haus ward ſtill. Ich ſtand früh am andern Morgen auf; doch —— nicht im Mindeſten zu früh, denn ich begegnete Miß Silver ſchon in der Halle in Hut und Shawl, mit eigener Hand einen Theil ihrer Pakete tragend. Sie beabſichtigte augenſcheinlich ihre Abreiſe, und es ge⸗ lang mir nur mit der größten Schwierigkeit, ſie, ohne meine Gründe zu verrathen, zu einer Aende⸗ rung ihres Planes zu bringen. Armes Mädchen! Die Ereigniſſe des vergange⸗ nen Abends hatten ihr jene ſcheinbare Gleichgültig⸗ keit genommen, die ſie als den beſten Schutz einer hülfloſen, ſtolzen Gouvernante gegen die Welt anzu⸗ ſehen ſchien. Sie wollte kaum auf mich hören— war in außerordentlicher Aufregung, und wohl ein halb Dutzend Mal bat ſie mich, ſie fortgehen zu laſ⸗ ſen, und ſetzte ſich dann wieder nieder. Ich hatte ſie weder einer ſo großen Unſchlüſſig⸗ keit, noch eines ſo lebhaften Gefühles für fähig ge⸗ halten, ihr ganzes Weſen überzeugte mich immer mehr von einer Thatſache, die Jedermann für gewiß hielt, wofür ich aber gern einen Beweis haben wollte, nämlich daß, wenn Guy ſie um ihre Liebe bäte, er ſicher ſein dürfe, daß die Ihrige ihm ſchon gehört habe, noch ehe er es ausſprach, eine Ueberzeugung, die zu jeder guten und glücklichen Heirath eigentlich nothwendig iſt. Dies in ihr zu ſehen glaubend, erwärmte mein — 121— Herz für das Mädchen. Ich achtete ihre tapfere Flucht und freute mich, daß ſie nicht nöthig war. Gern hätte ich ihre Betrübniß mit einigen hoffnungs⸗ vollen, wenn auch undeutlichen Worten getröſtet, aber ich fürchtete dadurch ein Recht an mich zu rei⸗ ßen, das keinem Andern als dem Liebenden zuſteht. So hielt ich meine Zunge im Zaum und beobachtete nur mit einem mich unterhaltenden Vergnügen, wie ſchnell die Farbe in dieſem ſonſt ſo unbeweglichen Geſichte wechſelte. Endlich, als die Bibliothekthür ſich nach uns öffnete, die wir in der Halle waren, ſtieg dies Erröthen wie eine unwillkürliche Fluth bis zu ihrer Stirn hinauf. Aber uns trat nur Edwin entgegen, der in letzter Zeit die Gewohnheit angenommen hatte, ſehr früh aufzuſtehen, um Mathematik zu ſtudieren. Er ſah uns erſtaunt an, als er mich neben Miß Silver bemerkte. „Was iſt das für eine Kiſte? Sie will doch nicht abreiſen?“ „Nein; ich bat ſie, es nicht zu thun. Füge Du noch Deine Ueberredung hinzu, Edwin.“ Aber trotz ſeiner großen Ruhe war Edwin den⸗ noch ein Jüngling voller Ueberlegung, Einfluß und nicht ohne ein tiefes Verſtändniß. So wenig er auch in das Geheimniß des vergangenen Abends eingeweiht war, ſo nahm ich dennoch wahr, daß er Alles ziemlich richtig zuſammenſtellte. Er mußte es ahnen, dies zeigte die eigenthüm⸗ liche Art, mit der er ſich der Gouvernante näherte, ihre Hand faßte und nur ſagte: „Nicht wahr, Sie bleiben. Ich bitte Sie darum.“ Sie machte weiter keine Einrede und blieb. Ich ließ ſie mit Edwin zurück, und machte meinen gewöhnlichen Morgenſpaziergang vor dem Frühſtück, den Garten auf⸗ und abgehend. Es war ein beklommenes, peinliches Frühſtück, obgleich der hauptſächliche Grund dieſer Stimmung, Guy, glücklicher Weiſe nicht anweſend war. Wir Anderen führten eine abgebrochene, hölzerne Unter⸗ haltung, wie man ſich wohl denken konnte. Nach Miß Silver's Benehmen des geſtrigen Abends, und ihrem Vorſatze am heutigen Morgen, glaubte ich, ſie werde all' ihren Stolz zuſammen⸗ nehmen, um Guy's Eltern entgegen zu treten, was man einer jungen Dame voll edlen Selbſtbewußt⸗ ſeins nicht verdenken konnte, der weder die Gefühle der Eltern noch deren Abſichten bekannt waren. Doch täuſchte ſie meine Erwartung vollkommen und zeigte ſich ſo ſanft und freundlich, wie dieſer milde Früh⸗ lingsmorgen ſelbſt. Ja, gleich ihm, ſchien ſie oft — nahe daran, einen feuchten Schmelz anzunehmen, denn mehr als ein Mal füllten ſich ihre niedergeſchla⸗ genen Augen mit Thränen. Als nun der Frühſtücks⸗ tiſch von Allen verlaſſen ward, von Edwin zuerſt, ſie aber zerſtreut an ihrem Platze ſitzen blieb und Mrß. Halifax ſie leiſe berührte, da erſchrak ſie heftig, und derſelbe lebhafte Farbenwechſel, deſſen ich vorher erwähnte, ward ſichtbar. Er veränderte den Aus⸗ druck ihres Geſichtes ſo gänzlich, daß ſie zehn Jahre jünger, zehn Jahre glücklicher und dadurch zehn Mal lieblicher ausſah. Dieſer Ausdruck— ich war nicht der Einzige, der ihn bemerkte— fand wie durch eine Eingebung einen Widerſchein in dem der Mutter, und ließ die wenigen Worte, welche ſie an Miß Silver richtete, ſanfter als jede mögliche Rede erklingen. „Meine Liebe, wollen Sie mit mir in die Biblio⸗ thek kommen?“ „Um Stunden zu geben? ja, ich bitte um Ver⸗ zeihung! Maud— wo iſt Maud?“ „Es iſt jetzt nicht von Unterricht die Nede. Wir haben ein kleines Geſpräch mit meinem Sohne. Onkel Phineas, kommen Sie mit!— Und Sie auch, meine Liebe!“ „Wie Sie wünſchen!“ und mit einem bei ihr ungewohnten Gehorſam folgte ſie Mrß. Halifar. — 124— Armer Guy! Blöder junger Liebhaber, der zum erſten Male nach ſeiner Beichte nun dem bekannten Gegenſtande ſeiner Wahl begegnen ſollte; ich bedau⸗ erte ihn wahrhaft! Und hätten Frauen in ſolchen Angelegenheiten nicht doppelt ſo viel Selbſtüberwin⸗ dung— was Miß Silver bewies— ſo würde ſie mir eben ſo leid gethan haben. Doch mußten ihre Zweifel ja nun bald überwunden ſein, und ſie hatte nicht den Antrag zu machen, den ſchrecklichen Hei⸗ rathsantrag, der ſelbſt unter den günſtigſten Umſtän⸗ den— wie ich hörte, einen eben ſo großen Entſchluß erfordert als ſich dem Munde der Kanonen gegen⸗ über zu ſtellen. Ich ſpreche ſcherzend darüber, wie wir Alle an jenem Morgen es ſehr gezwungen mit dem Scherze verſuchten, außer Mrß. Halifax, die kaum ein Wort hervorbrachte. Endlich als Miß Silver ſehr unruhig ward und ängſtlich auf den Unterricht zurückkam, ſagte ſie: „Jetzt nicht. Ich gebrauche Maud für eine halbe Stunde. Wollen Sie ſo freundlich ſein, wäh⸗ rend der Zeit meinen Flatz bei meinem Sohne ein⸗ zunehmen?“ „Oh ſicherlich!“ Ich ward ärgerlich, wirklich ärgerlich über dieſe ſchnelle Bereitwilligkeit; aber dann dachte ich: Wer — kennt das Innere und Aeußere der Frauenwege? Und auf jeden Fall mußte für Guy's Beſtes die Sache abgemacht werden, und zwar je ſchneller je beſſer. Seine Mutter ſtand auf; ſich über ihn beu⸗ gend, flüſterte ſie: „Mein Sohn! mein liebes Kind!“ und ich denke, ſie küßte ihn— dann verließ ſie leiſe und ruhig das Zimmer; ich folgte ihr. Vor der Thür trennten wir uns, und ich hörte ſie die Treppe hinauf nach ihrem Zimmer gehen. Es mochte ungefähr eine halbe Stunde ſpäter ſein, als Maud und ich aus dem Garten kommend, ihr in der Halle begegneten, Niemand war bei ihr und ſie ſtand müſſig da; zwei ſehr merkwürdige Er⸗ ſcheinungen im täglichen Leben der Familienmutter. Maud lief mit einigen Schlüſſelblumen auf ſie zu: „Sehr hübſch— ſehr hübſch, mein Kind.“ „Aber Du ſiehſt ſie ja gar nicht an, und freuſt Dich auch nicht darüber— ich will lieber zu Miß Silver gehen und ſie der zeigen.“ „Nein,“ lautete die haſtige Antwort.„Komm' zurück, Maud, Miß Silbver iſt beſchäftigt.“ Einige Ausflüchte hervorſuchend, ſandte ich das Kind fort, denn ich bemerkte, daß ſelbſt Maud's Ge⸗ genwart der Mutter unbequem war; dieſer armen — 126— Mutter, deren Ungewißheit zu einer nich tödtlichen Angſt ward. An dem Fenſter des Eßzimmers ſtehend, wartete ſie, ging in der Halle ein und aus, horchte, und wartete wohl wieder an zehn Minuten. „Es iſt ſehr ſonderbar— wirklich ſonderbar. Er verſprach, beſtimmt zu kommen und Alles zu er⸗ zählen; und ſicher mußte er doch auch zuerſt zu mir kommen, um es mir zu ſagen, zu mir, ſeiner Mutter!“ Sie ſtockte bei dem Worte, ſichtlich durch 55 tiefen Schmerz erdrückt. „Horch! war das die Bibliothekthür?“ „Ich glaube es— noch eine Minute länger und Sie ſind beruhigt.“ Ja, eine Minute ſpäter und wir wußten Alles. Der junge Liebende trat ein— die ſchmerzliche Kunde war in ſeinem Geſichte zu leſen. „Mutter! ſie hat mich abgewieſen. Nun kann ich nie mehr glücklich werden!“ Armer Guy! ich ſuchte mich ſeinen Blicken zu entziehen, und ließ Mutter und Sohn allein. Wieder verfloß eine Stunde dieſes ſonderbaren, merkwürdigen Tages. Das Haus ſchien ängſtlich ſtill. Maud, gequält und untröſtlich, war mit Wal⸗ ther in den Buchenwald geflüchtet, den Vater und Edwin hatten ihre Geſchäfte nach der Fabrik gerufen, —— und eine Botſchaft von ihnen ſagte uns, daß ſie nicht zu Tiſche wiederkommen könnten. Ich wan⸗ derte von Zimmer zu Zimmer, aber immer dasjenige vermeidend, das verſchloſſen war, und das ich ſorg⸗ fältig bewachte, damit Mutter und Sohn nicht ge⸗ ſtört würden. Endlich hörte ich Beide die Treppe hinauf gehen, Guy war zu lahm, um ſich ohne Unterſtützung be⸗ wegen zu können. Ich hörte des armen Jünglings traurige Ausrufungen, und die beruhigende, freund⸗ liche Stimme der Mutter, die ihm zu antworten ſchien. Ich dachte bei mir ſelbſt:„Wenn unſer Guy ein Mal lieben ſollte, hätte er doch ſein ideales Bild der Weiblichkeit etwas mehr der Familie angepaßt; hätte er ſich doch eine Frau gewählt, die ſeiner Mutter nur etwas ähnlich ſähe!“— Aber ich glaube, das wäre ein unerfüllter Wunſch geblieben! So war er denn alſo zurückgewieſen! unſer Guy, den wir Alle für unwiderſtehlich hielten, unſer Guy,„den man nur anzuſehen brauchte, um ihn zu lieben“, wie es in der Familie hieß. Manche ſtrenge Leute würden verſichern, es ſei eine gute Lehre für dieſen Jüngling, wie für alle jungen Leute; das be⸗ ſtreite ich aber,— ich bezweifle, daß es einem jun⸗ gen Manne wohlthätig ſein kann, wenn ihm bei dem Beginne ſeiner Laufbahn ein ſo niederſchlagendes — 128— Ereigniß begegnet, das ihn noch dazu durch Unbe⸗ ſonnenheit oder Weltunkenntniß der Frau gänzlich unerwartet trifft; da wird er vielleicht für längere Jahre härter und ſchlechter. Die meiſten Frauen ſind ſcharfſichtig in Liebesangelegenheiten, und die meiſten Männer, vorzüglich junge Männer, blind genug, um ſich verleiten zu laſſen; ſo muß alſo jede Frau, die wiſſentlich einen Antrag geſtattet, nur um ihn dann zurückzuweiſen, nicht allein ſich ſelbſt, ſondern ihr ganzes Geſchlecht in den Augen ihres Verehrers für lange Zeit herabſetzen. Wenigſtens dachte ich, es müßte ſo ſein, als ich nach der Weiſe alter Jung⸗ geſellen ſchnell über dieſe Gegenſtände in dem Augen⸗ blicke urtheilte, wo ich Mrß. Halifax begegnete, die eben aus Guy's Zimmer kam. Sie ſchritt eilig, aber geräuſchlos über die Flur nach einem kleinen Vorzimmer, das Miß Silver zu ihrer eigenen Benutzung inne hatte, und von wo ohngefähr ſechs Stufen zu der Stube führten, die ſie und ihre Schülerin gemeinſam bewohnten. Das Vorzimmer war offen, die Thür nach dem Schlaf⸗ zimmer verſchloſſen. „Iſt ſie dort?“ „Ich glaube es.“ Guy's Mutter ſtand einen Augenblick unſchlüſſig. Ihre zuſammengezogenen Brauen und die ganze ner⸗ — 129— vöſe Aufregung, Alles verrieth, daß ſie einen Entſchluß gefaßt hatte, der ihr ſchwer ward; plötzlich wandte ſie ſich nach mir um. „Halten Sie die Kinder etwas fern; wollen Sie, Phineas? Laſſen Sie weder dieſelben noch über⸗ haupt Jemand Etwas von Guy's Geſchichte wiſſen.“ „Natürlich nicht.“ „Es iſt da noch ein Mißverſtändniß, es muß eins ſein. Sie iſt am Ende unſerer Einwilligung noch nicht ſicher, der ſeines Vaters und der meinigen; ſehr recht, ſehr recht von ihr gehandelt! Ich muß ſie wegen dieſer Zaghaftigkeit ehren und achten. Aber ſie ſoll auch von dem Gegentheile überführt werden, den Frieden meines Sohnes darf man deß⸗ halb wahrlich nicht opfern. Sie verſtehen mich, Phineas?“ Vielleicht beſſer als die arme Mutter ſelbſt. Doch als ich nun einen ſchnellen Blick auf Miß Silver warf, die, als Antwort auf das eilige Klopfen, die Thür etwas öffnete, und ſie mit herab⸗ hängenden unordentlichen Haaren und von Weinen geröthetem Geſichte vor mir ſah, da eilte ich in voller Verlegenheit fort, was dem Zuſchauer von Liebesgeſchichten gewöhnlich begegnet. Ich fing an zu hoffen, daß ſich Alles in irgend einer Weiſe aus⸗ gleichen könne und alle Partheien ſich ſo verſtän⸗ John Halifax. V. 6 — 130— digen würden, daß das Ganze nach guter alter romantiſcher Art mit den Worten endigen müſſe: „Und ſie lebten bis an das Ende ihrer Tage glücklich und zufrieden mit einander.“ Ich ſah Niemand von ihnen bis zur Theeſtunde wieder, wo Mrß. Halifax zuſammen mit der Gou⸗ vernante kam. Mich überraſchte etwas Ungewöhn⸗ liches in ihrem Weſen; die Eine erſchien eben ſo unterwürfig und beſcheiden als die Andere zärtlich und freundlich, Beide aber waren dabei außeror⸗ dentlich ernſt, ja, mehr als das, betrübt; aber es war eine Betrübniß, die das Unvermeidliche ergeben trägt und fern von aller Bitterkeit und Heftigkeit bleibt. Weder Guy noch Edwin oder der Vater hatten ſich zu uns geſellt, und als John's Stimme in der Halle gehört ward, hatte ſich Miß Silver bereits angeſchickt, mit Maud fortzugehen. „Gute Nacht,“ ſagte die Mutter leiſe ſüſernd, erhob ſich, küßte ſie freundlich und ließ ſie, ohne ſie zurückzuhalten, das Zimmer verlaſſen. Als Edwin und ſein Vater erſchienen, ſahen Beide außerordentlich ernſt aus, ſo ernſt, als ob ſie durch eine Ahnung von allen Sorgen unterrichtet wären, die bei uns herrſchten. Natürlich erwähnte es Niemand, nur bemerkte die Mutter, daß ſie heute beſonders ſpät zurückkehrten und ſehr angegriffen — 131— ausſähen. Das Abendbrot ward ſtillſchweigend ein⸗ genommen und Edwin zündete gleich darauf ſein Licht an, um zu Bette zu gehen. Sein Vater rief ihn noch einmal zurück. „Edwin, erinnere Dich ja daran.“ „Gewiß, Vater!“ „Es iſt Edwin irgend Etwas begegnet,“ ſagte die Mutter, als die beiden jüngſten Brüder die Thür hinter ſich ſchloſſen.„Woran ſoll er ſich erinnern?“ Ihr Mann zog ſie ſtatt aller Antwort näher zu ſich heran und ſah ſie mit jenem eigenthümlichen zärtlichen Ausdrucke an, den ſie nur zu wohl als Vorboten einer trüben Nachricht.kannte, einer Sorge, die er ihr nicht erſparen, ſondern nur mit ihr tragen konnte. Mit einem tiefen Schluchzen lange zurück⸗ gehaltenen Schmerzes lehnte Urſula ihr Haupt an ſeine Schulter. „Ich ſehe, Du weißt Alles; ich dachte es wohl, daß Du es errathen würdeſt: Ach, John! unſere glücklichen Tage ſind vorüber, unſere Kinder ſind keine Kinder mehr!“ „Aber dennoch die unſrigen, Liebe! und das werden ſie immer bleiben.“ „Was iſt das, wenn wir ſie nicht mehr glücklich machen können? wenn ſie von Andern und nicht von uns ihr Glück erwarten? Mein armer Knabe! 9* — 132— mein Eigen! und doch muß ich mir ſagen, daß ſeine eigene Mutter ihm weder Troſt zu geben, noch vor Schmerz ihn mehr zu ſchützen vermag!“ Sie weinte bitterlich. Als ſie ſich ein wenig beruhigt hatte und John ſie vermochte, ſich wieder neben ihn hinzuſetzen, bat er ſie mit etwas abgewandtem Geſichte, ihm Alles mitzutheilen, was heute geſchehen ſei. In wenigen Worten ward Guy's Zurückweiſung und deren Urſachen auseinandergeſetzt. „Sie liebt einen Andern. Als ich, ſeine Mutter, zu ihr kam und die Sache mit ihr beſprach, da be⸗ kannte ſie es.“ „Und was erwiderteſt Du?“ „Was konnte ich ſagen? ich vermochte ſie nicht zu tadeln, ja ich war ſelbſt für ſie beſorgt. Sie weinte ſo bitterlich und bat mich, ihr zu vergeben. Ich verſicherte, daß ich das von Herzen thäte, und hoffte, ſie werde noch glücklich ſein.“ „Das war recht! und ich freue mich, daß Du ihr es ſagteſt. Hat ſie Dir mitgetheilt, wer er, dieſer Geliebte, war?“ „Nein. Sie verſicherte, es nicht zu dürfen, bis er ihr die Erlaubniß dazu gegeben habe, und daß ſie ſelbſt nicht wiſſe, ob ſie ſich je würden hei⸗ rathen können. Sie ſchien mit Allem unbekannt — 133— und nur davon überzeugt, daß er gut und freundlich und das einzige Weſen auf der Welt ſei, das ſich je um ſie bekümmert habe.“ „Armes Mädchen!“ Durch ſeinen Ton erſchrocken, rief ſie:„John! Du haſt mir noch Etwas zu ſagen. Du weißt, wer es iſt, wer der Mann iſt, der ſich zwiſchen meinen Sohn und deſſen Glück ſtellte?“ „Ja, ich weiß es.“ Ich kann nicht ſagen, wie weit die Mutter errieth, was mir wie durch einen Blitzſtrahl klar ward; aber ſie ſah plötzlich mit ſprachloſer Angſt ihrem Manne in das Geſicht. „Liebe kann ein großes Unglück werden, aber ſie iſt kein Vergehen; weder die unſrige noch die ihrige iſt es geworden. Sie wußten Nichts von Guy's Neigung. Er, Edwin, verſichert es ſelbſt.“ Iſt es Edwin?“ rief ſie mit einem Schrei, als ſollte ihr das Herz brechen.„Sein eigener Bruder! ſein wahrer Bruder! o, armer Guy!“ Wohl hatte die Mutter Grund, zu trauern, und der Vater, auszuſehen, als ob in Einem Tage Jahre des Kummers über ihn gekommen wären! Denn ein derartiges Unglück, wie über dies Haus einge⸗ brochen war, wo die Liebe als eine unantaſtbare Wahrheit galt, die man weder verlachte, noch weg⸗ — 134— philoſophirte, mußte die unausbleibliche Folge haben, daß die Familie von jetzt an in manchen Beziehungen nicht mehr Eine Familie blieb. Eines der heiligſten Gefühle des Lebens war zerſtört, das Band der brüderlichen Einigkeit für immer zerriſſen. Für mehrere Minuten ſaßen wir über die uns verwirrende Geſchichte nachdenkend da, als ob ſie uns von irgend einer fremden Familie erzählt worden wäre. Faſt mechaniſch erhob die Mutter ihre Augen, und der erſte Gegenſtand, auf den ſie fielen, war eine gewöhnliche Zeichnung in Waſſerfarben, die man, ſo ſchlecht ſie hingeſudelt war, dennoch als einzige Erinnerung an Etwas aufbewahrte, was man ſich ſpäter nicht zurückrufen konnte; ein roth⸗ wangiges Kind mit einem Fallhute, das nach einem andern rothbäckigen Kinde mit einem Blumenſtrauße langte, ſollte den kleinen Edwin und den kleinen Guy vorſtellen. „Guy lehrte Edwin laufen, wie Edwin ſpäter Guy die Buchſtaben überhörte. Wie liebten dieſe beiden Knaben ſich! Nun wird Bruder gegen Bruder ſtehen! Und ſie werden niemals, niemals wieder wie Brüder für einander empfinden!“ „Liebe!“ „Sprich nicht mit mir, John! Jetzt nur nicht, es iſt zu ſchrecklich, daran zu denken. Beide meine Knaben! Beide meine guten, edlen Kinder! und Beide ſollen um dieſes Mädchens willen unglücklich werden! Ach, hätte ihr Schatten nie unſer Haus verdunkelt! wäre ſie nie geboren!“ „Nicht doch, ſo darfſt Du nicht ſprechen. Bedenke, Edwin liebt ſie und ſie kann Edwin's Frau werden.“ „Niemals!“ rief die Mutter verzweiflungsvoll. „Das werde ich nie zugeben. Guy iſt der älteſte. Sein Bruder hat ſchlecht gehandelt und ſie ebenfalls. Nein, John, ich werde und will es nicht erlauben.“ „Du willſt nicht erlauben, was bereits ge⸗ ſchehen iſt, was die Vorſehung zugelaſſen hat? Urſula, Du vergiſſeſt ganz, daß ſie ſich lieben.“ Dieſe Thatſache, dieſe feierliche Anerkennung des hervorragenden Rechtes der Liebe, woran John, woran Beide als an ein heiliges Geſetz feſt und unerſchütterlich glaubten, ſchien ſich Mrß. Halifax's Seele zu bemächtigen. Ihre Leidenſchaft war beſiegt. „Mein Urtheil iſt nicht klar. Du beſitzeſt das immer. O, Du mein Mann und Herr, hilf mir.“ „Arme Frau! arme Mutter!“ flüſterte er, ſie liebkoſend, und in dieſer Zärtlichkeit ſich ſelbſt ver⸗ geſſend, ſeufzte er:„Ach, daß ich ſie in ein ſolches Meer von Sorgen ſtürzen mußte!“ Vielleicht gedachte er in dem Augenblicke der umſtände, wie er Miß Silver in das Haus brachte, — 136— vielleicht aber warf er ſich auch ſeine eigene Verblen⸗ dung oder den Mangel an väterlicher Sorgfalt vor, indem er die jungen Leute immer zuſammen ver⸗ kehren ließ. Indeſſen war John nicht der Mann, über unvermeidliche Dinge zu klagen, oder durch einen übertriebenen Tadel der eigenen mangelnden Vorſicht, einen Zweifel an der göttlichen Vorſehung an den Tag zu legen. „Liebe!“ ſagte er,„ich flrchte wir haben Beide zu ängſtlich den Deus ex machina mit unſern Kindern geſpielt, und darüber vergeſſen, in weſſen Händen ſowohl das Heirathen, wie der Weg des ehelichen Lebens liegt, der entweder ein Lebenskreuz oder eine Lebenskrone bringt. Sorgen kommen, ohne daß wir es vorherſehen. Wir können nur verſuchen, den Weg zu erkennen und, ihn findend, darauf zu wandeln.“ 6 Urſula pflichtete ihm bei, wenn auch mit ſchwerem Herzen, aber ſie gab ihm Recht, heute, wie in ihren jungen Jahren, überzeugt, daß ihres Mannes Wille immer der weiſeſte und beſte ſei. Mit wenigen Worten theilte er ihr Alles mit, was Edwin an dieſem Tage ſeinem Vater bekannt hatte; wie er und ſie ſich durch das Zuſammenleben lieb gewannen, was man ja oft bei jungen Leuten ſteht, die ein Paar werden, während Niemand glaubt, — 137— daß ſie für einander paſſen, und die nur der Inſtinct des eigenen Herzens leitet. In dieſe Liebe verſunken, von der Edwin verſicherte, daß ſie erſt ſeit dieſem Morgen ausgeſprochen ſei, hatte Keiner von ihnen an Guy gedacht. Und ſo ereigneten ſich Dinge, die keine irdiſche Gewalt mehr ändern, noch ungeſchehen machen konnte; Dinge, die nach allen Richtungen hin, nach denen man ſie betrachtete, uns nur trübe und dunkel erſchienen. Wir konnten nur blindlings unſern Weg verfolgen, Schritt für Schritt, und einfach jenem Glauben vertrauen, deſſen Beſtätigung wir in der Vergangenheit unſeres Lebens fanden, dem feſten Glauben, daß ſelbſt das Uebel Denen, die einfach und in Gottesfurcht fortleben, nur ein verhüllter Bote des Guten wird. Etwas dem eben Geſagten Aehnliches lag in John's Worten, als er ſeine Frau zu tröſten ſuchte; Worte, denen ſie ſo gern zuhörte, friedliche, ſanfte Worte, die wie ein Balſam auf ihr wundes Herz fielen; ſie niemals dadurch zu täuſchen ſuchten, daß ſie ihr den Schmerz als nichteriſtirend ſchilderten, ſondern ihr den beſten Weg zum Ertragen deſſelben zeigten. Zuletzt erhob ſie ihr Haupt, als ob ſie mit Gottes Hilfe und der Unterſtützung ihres Mannes die Fähigkeit gewonnen habe zu tragen, was Gott ſchickte. — 138— „Nur Eins bitte ich Dich zu verhindern: Guy darf Nichts wiſſen. Wenigſtens jetzt kann er es nicht tragen; erſt wenn er wieder kräftiger iſt. Edwin wird ihm doch gewiß Nichts ſagen?“ „Nein, er verſprach es mir ganz feſt. Erſchrick nur nicht gleich ſo ſehr, es iſt wirklich Nichts zu fürchten.“ Aber dieſe Verſicherung ſelbſt ſchien ihre Angſt zu erwecken. Sie ſtrengte ihr Gehör an, um die leiſeſte Bewegung in den Zimmern über ſich zu ent⸗ decken, wo die jungen Leute wohnten. Guy und Walther theilten eines derſelben, Edwin behielt das andere allein für ſich. „Sie werden doch nicht zuſammen kommen? Freilich hat Guy die Gewohnheit, ſich zuweilen noch an Edwin's Feuer zu ſetzen. Still! war das nicht der Ton von Guy's Stubenthür?“ „Liebe!“ warnte er, ſie zurückhaltend. „Ich weiß es wohl, John! und denke auch nicht daran, hinaufzugehen, denn Guy möchte Ver⸗ dacht ſchöpfen. Ich ängſtige mich auch nicht, denn ſie hatten ſich immer ſo lieb, meine guten Knaben!“ Sie ſetzte ſich wieder, ſichtlich bemüht, nicht auf das Geräuſch oben zu hören. Aber die Wahr⸗ heit drängte ſich ihr zu mächtig auf. „Höre nur! ich weiß, ſie ſprechen zuſammen. — 139— Du ſagteſt, Edwin habe es Dir feſt verſprochen; nicht wahr, John?“ „Heilig verſprochen.“ „Aber Guy könnte dennoch durch Zufall die Wahrheit entdecken! Horch! ſie ſprechen ſehr laut. Fällt da nicht ein Stuhl? Ach, John, halte mich nicht zurück! Meine Kinder! meine Jungens!“ und ſie ſtürzte die Treppe in Todesangſt hinauf. Welcher Anblick bot ſich den Augen der Mutter dar! Zwei Brüder, von denen es unſer Stolz ge⸗ weſen war, daß Keiner wagte, die Hand gegen den Andern zu erheben, ſtanden jetzt in einem Kampfe vor uns wie Kain und Abel. Und nach der Wuth ihres Ausdrucks zu urtheilen, hätte der Streit wohl denſelben Ausgang nehmen können. „Guy! Edwin!“ doch hätte die Stimme der Mutter eben ſo gut den Winden gebieten können. Der Vater trennte ſie.„Jungens, ſeid Ihr verrückt geworden? In dieſer Weiſe, wie unvernünf⸗ tige Creaturen, gegen einander zu ſtreiten! Schämt Euch, Guy! Edwin! ich ſetzte ein beſſeres Vertrauen in Euch.“ „Ich konnte nicht anders, Vater! Er hatte doch wahrhaftig kein Recht, ſich in mein Zimmer zu drängen und mir ihren Brief fortzuſtehlen.“ „Alſo war es doch ihr Brief?“ rief Guh wüthend. —— „So! ſie ſchreibt Dir, und Du warſt wohl im Begriff, wieder zu ſchreiben?“ Edwin antwortete nicht, aber ſtreckte ſeine Hand nach dem Briefe aus, und zwar mit einem Ausdrucke der raſendſten Leidenſchaft, die man ſelten an ihm ſah, vielleicht kaum drei Mal ſeit ſeiner Kindheit. Guy achtete nicht darauf. „Gieb ihn mir zurück, Guy; ich rathe es Dir!“ „Erſt will ich ihn leſen. Ich habe ein Recht dazu!“ „Das haſt Du nicht; denn ſie iſt die meinige.“ „Die Deinige?“ Und Guy lachte ihm in das Geſicht. „Ja, die meinige. Frage Vater und Mutter, Beide wiſſen es.“ „Mutter?“ der Brief fiel aus des armen Jüng⸗ lings Hand.„Mutter, Du kannſt mich nicht täuſchen. Er ſagt dies nur, um mich zu kränken. Ich war wüthend, ich weiß es wohl. Aber, Mutter, das kann nicht wahr ſein!“ Sein trauriger Ton, die beinahe kindliche Weiſe, mit der er ihren Aermel erfaßte, um ſie feſt⸗ zuhalten, als ſie ſich von ihm abwandte, ach! es war zu rührend, armer Guy! — „Edwin, es iſt wohl nur mein Bruder Edwin, der es ſich einbildete?“ Halb verwirrt blickte er bei den Worten von dem Einen zum Andern; aber Niemand ſagte ein Wort, Niemand wagte, ihm zu widerſprechen. Edwin, deſſen Heftigkeit vorüber war, trat in einer beſcheidenen, betrübten Weiſe einige Schritte vor, um den Brief ſeiner Geliebten aufzunehmen. Dies bemerkend, flog Guy auf ihn zu und faßte ihn am Kragen. „Du Feigling, unterſtehe Dich! Nein, nein, ich will ihm Nichts thun; ſie iſt ihm gut. Geh' fort, wohin Du willſt. O, Mutter, Mutter, Mutter!“ Weinend fiel er ihr um den Hals. Sie um⸗ ſchlang ihn mit ihren Armen, wie ſie von ſeiner früheſten Kindheit an gethan hatte, und ſo verließen wir ihn denn. „Er ward von ſeiner Mutter getröſtet.“ Ja, Du Prophet Iſraels, Du warſt ein weiſer Mann. Sechſtes Rapitel. Lange bis nach Mitternacht ſaßen John und ich in der Bibliothek am Feuer. Manche angſtvolle Nachtwache hatten wir mit einander verbracht, keine betrübtere als dieſe. Denn es war das erſte Mal, daß das Haus in ſich uneins war. Eine Sorge hatte daſſelbe erſchüttert, die nicht von Außen, ſondern von Innen kam, eine Sor⸗ ge, die wir nun nicht mehr gemeinſam wie eine Familie tragen konnten. Ach! düſter und immer düſterer drängte ſich uns die Ueberzeugung auf, daß uns weder Schmerz noch Freude mehr wie früher Eins finden würde. Ich dächte, alle Eltern müßten einen Schmerz wie dieſen entſetzlich hart empfinden, dieſen erſten Kum⸗ mer, in dem ſie ihren Kindern nicht mehr zu helfen vermögen, das erſte Mal, daß dieſe Kinder lernen — 143— ſollen, allein dazuſtehen, wo Jeder ſeine eigene Bürde für ſich tragen und ſein eigenthümliches Geſchick gut oder ſchlecht, aber allein in ſich verarbeiten muß! Wenn dem zärtlichſten und edelſten Vater nichts An⸗ deres zu thun übrig bleibt als mit ausgeſtreckten Armen in des Kindes Nähe zu bleiben, damit dies die Stütze ergreifen kann, wenn es ihrer bedarf, ge⸗ wiß, dort Theilnahme, Troſt und Liebe zu finden. Hätte ſich dieſer Vater nun ſein Lebelang allein auf eine einſame Stufe des väterlichen Stolzes und der väterlichen Würde geſtellt, wäre er nie der Freund, Rathgeber und Vertraute ſeiner Söhne geweſen, wie groß wäre dann ſein Unglück geweſen! Wir wußten es Beide wohl, nur zu wohl, daß, wenn es Etwas giebt, was einen Jüngling in's Verderben führen, zur Verzweiflung bringen kann, die Thür hinter ihm verſchließt, um ſie Andern zu öff⸗ nen, die leicht der Eingang zur Hölle werden kann, ſo iſt es eine Vereitlung von Hoffnungen, wie der arme arme Guy ſie erfahren hatte. 4 edein Vater erkannte das Alles, ſah es klarer und trüber als die Mutter es zu beurtheilen ver⸗ mochte. Und doch, als ſie ganz ſpät, dem Tagesan⸗ bruche nahe, zu uns mit der Rachricht eintrat, daß Guy ſich beruhigt habe, ja in dieſem Augenblick ſanft wie ein Kind ſchlafe, war ihr Mann im Stande, — 144— ihre innige Dankbarkeit zu theilen und ihre Hoff⸗ nung für die Zukunft zu beleben. „Aber was ſollen wir nur mit Guy anfangen?“ „Gott weiß es!“ antwortete John; doch, gab der Ausdruck, mit dem er dies ſagte, den Worten einen anderen Sinn als in dem ſie gewöhnlich ge⸗ braucht werden, eine Deutung, welche die Mutter ſogleich verſtand. „Ja, Du haſt Recht. Er weiß es.“ Und ſo verließen ſie beinahe beruhigt das Zimmer. Ich erwachte erſt ſpät am nächſten Morgen; die Sonne ſchien hell auf mein Bett und die Sper⸗ linge zwitſcherten laut in dem Epheu. Meine Träu⸗ me hatten mich mit einer ſonderbaren Stetigkeit nach Roſe⸗Cottage geführt, zu der Zeit, wo John's Liebe zuerſt für Urſula erwachte. „Onkel Phineas!“ hörte ich mich rufen. Es war John's Sohn, der mir gegenüber ſaß mit matten, trüben Augen und einem ängſtlichen Ausdrucke um den ſonſt ſo heitern, hübſchen Mund, der einzig wirk⸗ lich hübſche Mund in der Familie.„ „Du biſt früh auf, mein Junge.“ „Was hilft es, im Bette zu liegen? Ich bin ja nicht krank. Uebrigens möchte ich ſein wie immer. Ich wünſche nicht, daß Jemand glauben könne, ich — ich grämte mich, weil—“ — 145— Er ſtockte, ſichtlich mit ſich ſerbſt kämpfend. Eine neue Lehre für unſern armen Guy. „War ich geſtern Abend zu heftig? Ich meinte es nicht ſo. Ich will ein Mann ſein, und zwar nicht der erſte Mann, den eine Dame ausgeſchlagen hat,— wie?“ Und ſich überwindend, fing er an zu pfeifen; aber ſeine Lippen ſchloſſen ſich, die ſchönen Augen⸗ brauen zogen ſich ſchmerzlich zuſammen, und der Jüngling konnte einen heftigen Ausbruch des Schmer⸗ zes nicht zurückhalten. Hauptſächlich kränkte es ihn. getäuſcht worden zu ſein. Unwiſſentlich, wie wir gern glauben wollen, aber dennoch immer getäuſcht. Er theilte mir manche intereſſante Einzelheiten mit.— Guh war eine Natur, die ſich im Geſpräche ganz hinzu⸗ geben vermochte, und dann dadurch auch beruhigt ward; ſo hörte er auch jetzt nicht auf, von Miß Silver zu reden, ihre Herzlichkeit und Freundlichkeit zu rühmen, die, indem ſie ihn beſonders dadurch aus⸗ Jeichnete, der Liebe ähnlich ward. „Der Liebe— ja, ſie liebte mich! Natürlich, denn ich war ja Edwin's Bruder!“ Das war eben der Stachel, der in ihm zurück⸗ blieb und das Herz des armen Knaben ſein Lebelang verwundete. Er hatte nicht allein ſeine Liebe, nein, John Halifax. V. 10 — 146— noch etwas Höheres, den Glauben an das weibliche Geſchlecht verloren. Er fing an, ſeinen Verluſt leich⸗ ter zu nehmen, ja er glaubte vielleicht ſelbſt, er habe den Werth deſſelben zu hoch angeſchlagen. Er ſaß noch immer neben meinem Bette und fing jetzt an zu ſingen. Er hatte eine ſchöne Stimme und ein gutes Gehör,— jetzt ließ er ſpöttiſche Weiſen erklin⸗ gen, gegen welche ich eine beſondere Abneigung hegte, leichte Lieder, die von Wein und Mädchen handelten, die Entfernung von geliebten Lippen beklagten, ſich aber bereit erklärten, alle hübſchen Lippen zu lieben, die ihm nahe wären. Dann ſah er mich lachend an, trat an das Fenſter, öffnete es und ſah hinaus. Es war vielleicht unrecht— ein Unrecht und eine Selbſtliebe, deren alle Liebende ſich ſchuldig machen, beſonders junge Leute im erſten Rauſche ihrer Glückſeligkeit— daß Edwin und Louiſe vor den Augen ihres Bruders dort auf und ab gingen. Einen Augenblick kämpfte er gegen die Leiden⸗ ſchaft in ſich. „Onkel Phineas! Sieh' nur ein Mal her Wie reizend— ha ha! Sahſt Du je ein ſolches Sie ſind Thoren!“ Es iſt möglich, daß ſie Thoren waren, aber Glückliche, glücklich bis in den innerſten Nerv ihres — 147— Lebens. Der ältere Bruder verlor faſt alle Beſinnung bei dieſem Anblicke. „Er muß bedenken, was er thut,— ſage ihm das, Onkel Phineas! Es wäre wirklich beſſer. Er muß daran denken oder ich ſtehe für Nichts. Ich habe Edwin lieb gehabt, wirklich lieb, aber jetzt iſt mir, als haßte ich ihn.“ „Guy!“ „Ach, wäre es ein Fremder und nicht Er ge⸗ weſen, irgend Jemand anderes in der Welt, nur nicht mein Bruder!“ Und in dieſem bittern Ausrufe löſ'te ſich des Jünglings Herz wieder auf; er hatte ein ſo zartes Herz— der Mutter Herz. Nach einiger Zeit nahm er ſich zuſammen und ging mit mir zum Frühſtück hinunter, ſelbſt darauf dringend; er traf dort Alle verſammelt, auch Miß Silver und Edwin, der ſich neben ſie geſetzt hatte, als ſei es ſein Recht. Dieſe Liebenden, wenn ſie auch tief bekümmert ausſahen, und um ihnen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich bekennen, daß ſie es wirklich waren, brauchten dennoch von Keinem von uns bedauert zu werden. Noch brauchten wir uns in Beziehung auf Va⸗ ter und Mutter zu grämen, denn ſie betrachtend ſah man einen ruhigern Ausdruck in Beiden. In der 105 —— Stille der Nacht hatten Mann und Frau, Herz um Herz austauſchend, mit einander Rath gepflogen, und vereint ihre Sorge vor dem niedergelegt, der alle Bürden des Lebens erleichtert. Es ſchien wirk⸗ lich, als ſchlage das ihrige nicht mehr ſo ſchwer, und als ob ſie ſelbſt in dieſer ſonderbaren Verwickelung des Geſchickes die Fähigkeit erlangt hätten, geduldig zu warten und auf des Allmächtigen Gnade nicht allein für ſich zu hoffen, ſondern auch für die Kin⸗ der, die er ihnen gegeben hatte. Als das Frühſtück vorüber war, las John, ſei⸗ ner Gewohnheit gemäß, das Kapitel aus der Bibel und das Gebet vor, dann folgte das Vater unſer, und indem es ein Jeder trotz der ſtreitenden Gefühle in alter Gewohnheit nachſprach, wurden die Seelen ſanfter und ſtiller. Ich glaube, daß ſelbſt nach Jahren wir uns Alle noch dieſes S und der Bibelſtelle erin⸗ nerten. Als die Andacht e war, traten uns frei⸗ lich die irdiſchen Sorgen von Neuem näher. Nichts ſchien ſeinen natürlichen Weg zu gehen. Wir ſtanden zu Zweien und Dreien zuſammen, un⸗ ſicher, was wir beginnen ſollten. Guy ging allein auf und nieder. Seine Mutter frug ihn, da ſein Fuß jo viel beſſer zu ſein ſchien, ob er nicht wie — 149— gewöhnlich nach der Fabrik hinunter gehen werde; doch ſchlug er es ab. Miß Silver erinnerte einige Mal an die Stunde, die Edwin aber zu vermeiden ſuchte, indem er vorſchlug, daß ſie und Maud lieber zuſammen ausfahren ſollten. Mrß. Haolifax ſtimmte eifrig dafür. Lady Oldtower hatte ſchon ſeit einiger Zeit oft nach ihnen verlangt.„Würdet Ihr nicht gern auf einen oder zwei Tage hinüber gehen?“ frug ſie, ſich an die Gou⸗ vernante wendend. Guy griff das auf.„Sie wollen fortgehen? Wann?“ Er richtete ſeine Worte beſtimmt an Miß Sil⸗ ver, ſeine Augen feſt auf ſie richtend. Sie antwor⸗ tete etwas verwirrt:„Sogleich.“ „Natürlich zu Wagen? Kann ich die Ehre haben, Sie zu fahren?“ „Rein!“ erklang Edwin's beſtimmte Antwort. Ein heftiger Blick ward zwiſchen beiden Brüdern ge⸗ wechſelt, ein ſchrecklicher Blick an und für ſich, aber noch trauriger als Warnung für kommende Tage. Kein Wunder, daß die Mutter ſchauderte und die junge Braut bleich und ängſtlich das Zimmer ver⸗ ließ. Edwin folgte ihr. Dann ergriff Guy ſeine Schweſter und zog ſie auf ſeine Kniee. „Komm' her, Maud! Du ſollſt nun mein Mäd⸗ — 150— chen werden. Niemand anders braucht Dich ſonſt. Küſſe mich, Kind!“ Aber das kleine Fräulein wandte ſich ab. „So! Du haſſeſt mich alſo auch? Edwin wird es Dich wohl gelehrt haben. Gut, gut, geh' nur fort, Du Betrügerin.“ Er ſtieß ſie heftig von ſich. Maud fing an zu weinen. Und jetzt ſah ihr Vater von dem Buche auf, worin er zwar nicht geleſen, aber für beſſer ge⸗ halten hatte, zu thun, als ob er nicht auf das um ihn Vorgehende Achtung gäbe. „Komm' hier zu mir her, mein Kind, meine Maud!— Guy, Du ſollteſt doch gegen Deine kleine Schweſter nicht unfreundlich ſein. Suche Dich ſelbſt zu überwinden, mein Junge.“ Wenn auch dieſe Worte ganz freundlich und beinahe flüſternd geſprochen wurden, ſo ſchien es doch mehr zu ſein als des armen Jünglings gereiz⸗ tes Gefühl zu ertragen vermochte. „Vater, Du beleidigſt mich,— ich kann das nicht ertragen, und will lieber das Zimmer verlaſſen.“ Er ſtürzte hinaus und ſchlug die Thür heftig hinter ſich zu. Seine Mutter wollte ihm folgen, ſetzte ſich aber wieder nieder. Die Augen, welche ſie zu ihrem Manne aufſchlug, waren um Verzeihung — 151— flehend und ſchwer von einem unausſprechlichen Kummer. John ſagte indeſſen Nichts, gar Nichts, obgleich es ſichtlich war, daß dies erſte heftige, unehrerbietige Wort, das er von einem ſeiner Kinder hörte, ihn tief wie ein Pfeil getroffen hatte; für einen Augen⸗ blick ward er zum Zorne gereizt, einem heiligen Zorne, der aus dem gerechten Unwillen eines Vaters entſprang, der fühlte, daß das unrecht gegen ihn ſelbſt nur der kleinſte Theil der Sünde ſei, die ſein Kind beging. Vielleicht war es dieſe Erkenntniß, die ſo fern von aller perſönlichen Kränkung blieb, ſo viel höher als eine verletzte Würde war, weßhalb ſein Zorn ſo ſchnell verſchwand, daß er bereits vorüber⸗ gezogen war, als die andern Kinder erſchrocken und geängſtigt den Ausbrüch deſſelben erwarteten. In dieſer kurzen Dauer lag Etwas, was die Kinder weit mehr erſchütterte und ſie trieb, ſich leiſe aus dem Zimmer zu ſchleichen. Auch urſula fühlte eine tiefere Bewegung und blickte beängſtigt zu ihm hin, ſo als ob ſie zum erſten Male ihren Mann nicht verſtehen könne. „John! Du mußt Guy verzeihen, er wollte Dich nicht kränken.“ „Nein, nein.“ — 152— „Ach, er iſt ſo ſehr unglücklich. Er hat nie vorher in ſeiner Pflicht gegen Dich gefehlt.“ „Aber worin habe ich in der meinigen gefehlt? Was— wie Du ſonſt ſagteſt— was habe ich in ihm nicht verſtanden? Worin bin ich ihm zu nahe getreten, ich, der ich für meine Kinder Gott Rechen⸗ ſchaft geben ſoll?“ Sie knieete an ſeiner Seite nieder, ſchlang beide Arme um ſeinen Hals und rief: „John, John! lieber Mann, ſieh' nicht ſo un⸗ glücklich aus. Ich habe Dich wahrhaftig nicht tadeln wollen, wir mögen Unrecht haben, Beide, Alle zu⸗ ſammen; aber wir wollen uns nicht fürchten. Wir wiſſen, wer eben ſo viel Mitleid mit uns hat als wie wir mit unſern Kindern.“ So ſprach ſie fort und ſagte noch manches An⸗ dere, doch dauerte es lange, ehe ihre Worte auch nur den geringſten Troſt brachten. Später aber ſprachen die Eltern noch viel zuſammen und machten die ver⸗ ſchiedenſten Pläne, um Guy's Seele durch etwas Neues zu beſchäftigen, ihn zu beſchwichtigen oder Edwin auf eine kurze Zeit wenigſtens aus ſeinen Augen zu entfernen. Ich ſuchte ein Mal den Vor⸗ theil davon auseinanderzuſetzen, wenn Guy das elter⸗ liche Haus verlaſſen könnte, doch ſchien Mrß. Halifar — 153— ſo ſehr vor dem Gedanken zurückzuſchrecken, als ſei es der Anfang einer dauernden Verbannung. „Nein, nein, lieber Alles, nur das nicht. Uebri⸗ gens würde Guy das gar nicht wünſchen. Er hat mich noch nie in ſeinem Leben verlaſſen, und ſein Abſchied würde mir das Gefühl geben, als fiele die ganze Familie auseinander.“ Ach, ſie konnte und wollte ſich nicht einge⸗ ſtehen, daß die Familie ſchon getrennt war, mehr auseinandergeriſſen als es je eine Heirath, eine Ab⸗ weſenheit oder gar der Tod vermocht hätte. Wir hatten aber noch eine andere Sache zu beachten, die für jede Familie eben ſo wichtig als räthlich iſt, wie man nämlich die innern Wunden vor dem Geſchwätze der tadelnden Welt verbergen könnte. Und als nun durch einen glücklichen Zufall grade an dem Morgen Lady Oldtower mit einem ganzen Wagen voll Töchter herüber kam, ſo benutzte Mrß. Holifax dieſe Gelegenheit und theilte ihr in einer ſo natürlichen Würde die Nachricht von der Verlobung ihres Sohnes Edwin mit, daß ſie da⸗ durch allen Bemerkungen die Spitze abbrach und die Einladung der Lady annahm, die wiederholentlich und dringend Maud und Miß Silver bat, ſie zu be⸗ ſuchen. Mir ſiel indeſſen auf, daß Mrß. Halifat, wenn ſie von oder mit dem jungen Mädchen ſprach, die in einem Tage von einer einfachen Gouvernante ein Mitglied der Familie geworden war, dieſe wie früher Miß Silver oder„meine Liebe“ nannte, und niemals von„Louiſe“ oder„Mademoiſelle d'Argent“ ſprach. Ehe ſie fortfuhren, kam Edwin eilig herein und ſprach leiſe Etwas mit ſeiner Mutter, das ſichtlich für Beide peinlich zu ſein ſchien. „Ich habe Nichts gemerkt, Edwin, und hatte auch nicht die mindeſte Abſicht, ſie zu verletzen. Iſt ſie Dir aber wirklich ſchon der Maßſtab und Richter für die Handlungen Deiner Mutter geworden?“ Edwin war ein guter Menſch, wenn auch viel⸗ leicht weniger liebevoll als die anderen Söhne. In dieſem Augenblicke beſänftigte aber ſeine große Zu⸗ rückhaltung und ſeine unendliche Geduld 8 den Sturm. „Aber nicht n Du wirſt gegen ſie ſein? ich weiß, Du wirſt es.“ „Verſprach ich es Dir nicht?“ „Und darf ich ſie Dir jetzt herbringen?“ „Wenn Du es wünſcheſt.“ Es ſollte die erſte öffentliche Anerkennung der Braut des Sohnes Seiten der Mutter ſein. Ihr — 155— erſtes Begegnen war vor Fremden geweſen, wo Beide mit großer Sorgfalt vermieden hatten, anders wie gewöhnlich zu erſcheinen, und kein Wort, keine Miene hatte denn auch ihr verändertes Verhältniß verrathen. Als es aber nun zum erſten Male nothwendig ward, Miß Silver wie eine erwählte Tochter zu empfangen, ihr mit dem natürlichen Gefühl entgegen zu treten, das unter dieſen Umſtänden eine Frau der Andern zeigt, und zwar mit Wärme und Herzlichkeit einer Mutter für die Frau ihres Sohnes,— da machte ſich der Mangel, der traurige Mangel deſſelben recht fühlbar. Mrß. Halifax ſtand, vergeblich nach Selbſtüber⸗ windung ringend, in dem Fenſter des Eßzimmers. „Könnte ich ſie nur lieben! wenn ſie mich nur zwingen könnte, ſie lieb zu gewinnen!“ flüſterte ſie leiſe vor ſich hin. Ich hoffte aus dem tiefſten Grunde meines Herzens, daß Edwin ſie weder verſtanden, noch ge⸗ ſehen haben würde, wie ſie unwillkürlich zurücktrat, als er dies hübſche Mädchen ſeiner Mutter zuführte, auf die er ſo ſtolz zu ſein ſchien, dieſe glückliche, ihm verlobte Braut. Manche Naturen erweicht das Glück, wie Frühling und Sonnenſchein;— mit in Thränen ſchwimmenden Augen blickte Louiſe zu ihr auf. — 156— „Ach! Sind Sie gütig gegen mich! Riemand war es, ſeitdem ich dies Land betrat.“ Das gute Herz in Mrß. Halifax ſiegte, ſie öffnete ihre Arme. Seien Sie treu, lieben Sie meinen Edwin recht und ich werde Sie auch lieben, ich bin feſt davon überzeugt.“ Sie abermals umarmend, fielen der Mutter Thränen auf ihr Haupt; dann des Mädchens Hand feſthaltend, ſetzte ſie ſich wieder und bewies ihr aller⸗ hand kleine Freundlichkeiten. „Sind Sie auch gewiß recht warm? Edwin, ſieh', ob mein Pelz⸗Mantel auch für ſie da iſt.— Was haben Sie für kalte Hände! Nehmen Sie etwas Wein, ehe Sie fortfahren.“ Miß Silver ward immer weicher, und ſchluchzend brachte ſie einzelne Worte von Vergebung hervor. „Wie? habe ich Etwas von Vergebung ge⸗ ſprochen? Nun, dann laſſen auch Sie es. Wir wollen Geduld haben, dann werden wir zur rechten Zeit auch glücklich werden.“ „Und— und Guy?“ „Guy wird ſich ſchon wiederſinden,“ erwiderte — 157— die Mutter nicht ohne Stolz.„Wir wollen ſeiner nicht erwähnen, meine Liebe, ich bitte Sie darum.“ In dieſem Augenblicke mußte Guy das Rollen des Wagens gehört und ſich eingebildet haben, daß Miß Silver bereits fortgefahren wäre, denn er er⸗ ſchien an der Thür des Wohnzimmers. Er fand ſeine Mutter mit der Hand von Miß Silver ſpielend, und Edwin, der glücklich und ſtolz daneben ſtand, mit ſeinem Arm Louiſen umſchlingend. Er ließ ſie nicht los, nicht in der Gegenwart ſeines Bruders, und vielleicht ward der Liebhaber durch den Ausdruck deſſelben dazu getrieben, den ſeinigen nicht zu verändern. Erſchrocken ſprang Mrß. Halifax auf.„Sie iſt eben im Begriff, fortzufahren, Guy! Gieb ihr die Hand und ſage ihr Lebewohl.“ Guy ergriff des jungen Mädchens Hand, die ſie ihm bekümmert und freundlich entgegen hielt, und ließ ſie nicht los. „Laß ſie gehen!“ rief Edwin ärgerlich. „Sicherlich! Ich habe nicht den mindeſten Wunſch, ſie hier zu behalten. Leben Sie wohl, eine fröhliche Fahrt.“— Und immer noch ihre Hand in der ſeinigen, blickte er mit glühenden Augen in das — 158— Geſicht, das er ſo ſehr geliebt hatte, wie Jünglinge lieben, mit einer heftigen, phantaſiereichen Leiden⸗ ſchaft, hauptſächlich durch äußere Schönheit ent⸗ zündet.„Nun, ich werde aber mein Recht fordern, ein für alle Male,— darf ich, Schweſter Louiſe? Und mit einem mißtrauiſchen Blicke auf Edwin erfaßte Guy ſeines Bruders Braut um die Taille und gab ihr einen oder zwei leidenſchaftliche Küſſe. Dies geſchah ſo plötzlich und unter einem ſo un⸗ befangenen Scheine des Rechtes, daß Edwin es nicht rügte; aber als er ſchnell mit Louiſen davon eilte,„ verrieth der Blick, mit dem beide junge Männer ſich begegneten, daß alle Brüderlichkeit und Freundſchaft zwiſchen ihnen aus ſei. Dieſe Beleidigung konnte nicht wieder vergeſſen werden. Sie war fort, das Haus von ihrer und Edwin's Gegenwart befreit. Guy blieb mit mir und ſeiner Mutter allein. Mrß. Halifax nähete eifrig. Sie ſchien ſein unruhiges Kommen und Gehen, ſein plötzliches Auf⸗ 3 fahren nicht zu bemerken, ſein finſteres Hinbrüten nicht zu ſehen, wodurch ſein Geſicht wie das eines völlig Fremden ward, vor dem er ſelbſt zurückge⸗ ſchreckt ſein würde, eines ganz Anderen als das unſeres heitern Guy. ² S — 159— „Mutter!“— Der Ton ſeiner Stimme entſetzte mich eine ſo empfindliche, unerträgliche Bitterkeit war an die Stelle ſeiner einſt ſo lieblichen Stimme getreten.„Wann kommen ſie zurück?“ „Du meinſt—“ „Ich meine jene Menſchen!“ „In acht bis vierzehn Tagen. Dein Bruder kommt natürlich noch heute Abend wieder.“ „Mein Bruder? Du thuſt beſſer, das nicht zu ſagen, es iſt ein häßliches Wort.“ Mrß. Haolifax verſuchte nicht einmal, einen Tadel auszuſprechen; ſie wußte wohl, daß es nutzlos, ſchlimmer als das geweſen ſein würde. „Mutter!“ ſagte Guy endlich, indem er ſich ihr näherte und über ihren Stuhl lehnte.„Du mußt mich fort laſſen.“ „Wohin, mein Sohn?“ „Wohin es iſt, nur fort aus dem Bereiche dieſer Beiden. Du ſihſt, ich vermag es nicht zu ertragen; es macht mich ganz verwirrt und ſchlecht, ich bleibe nicht mehr ich ſelbſt, oder vielmehr zu ſehr ich ſelbſt, und mein Ich iſt eben durchaus ſchlecht.“ Mein, Guy! nein, Du mein liebes Kind! Habe nur Geduld, es geht Alles vorüber.“ — 160— „Es möchte wohl, hätte ich nur Etwas zu thun. Mutter!“ und er kniete mit einem Blicke des innigſten Mitleidens neben ihr nieder.—„Mutter, Du brauchſt nicht ſo ſchrecklich unglücklich auszuſehen, ich werde Edwin Richts thun, ihn nicht ſeines Glückes berauben; aber im Angeſichte deſſelben Tag für Tag und Stunde für Stunde fortzuleben, das kann ich nicht. Verlange dies nicht von mir, laß mich fortgehen.“ „Aber wohin?“ „Irgend wohin, wie ich ſchon ſagte. Nur laß mich weit, ſo weit wie möglich von ihnen fortgehen, wo mich nicht einmal Nachrichten treffen können. Nach irgend einem Orte, ach Mutter, liebſte Mutter! wo ich Niemand mehr ängſtige, Niemand unglücklich mache!“ 61 Die Mutter ſchüttelte leiſe mit dem Kopfe, als ob, ſo lange ſie lebe, ein ſolcher Ort nicht gefunden werden könnte. Aber ſie fühlte, daß Guy Recht habe, und daß der Gedanke, zu Hauſe zu bleiben, ſchon eine Grau⸗ ſamkeit gegen ihn geweſen wäre. Wie er ſelbſt ſagte, er konnte es nicht ertragen. Wenige hätten es auch wohl vermocht, ſelbſt nur wenige Frauen, und Männer gar in noch geringerer Zahl. Eine einzige große Entſagung iſt wohl möglich auszu⸗ S——— führen, ſie kann ſogar oft beruhigend und friedlich werden, wie der Tod; aber täglich zu ſterben, und gar in der Jugend, mit aller Heftigkeit der Gefühle, der geringen Selbſtkenntniß und Selbſtüberwindung jenes Alters? Nein! Guy's Inſtinct, von hier entfliehen zu wollen, war, wie die Mutter einſehen mußte, wohl das Weiſeſte, Sicherſte und Beſte, was er thun konnte. Mein Sohn, Dein Wunſch ſoll erfüllt werden, Du kannſt abreiſen.“ Das hatte ich nicht von ihr erwartet, wenigſtens nicht ſo augenblicklich. Wie ſie an ihm hing, wie ſie an ſeinen täglichen Umgang, an ſeine tägliche Zärtlichkeit gewöhnt war,— denn er ſtand ihr näher und verzog ſie in ſeiner Liebe mehr wie alle anderen Kinder,— muß ich bekennen, ich hatte auf eine größere Abneigung, auf ein traurigeres, ſtand⸗ hafteres Bitten von ihrer Seite gerechnet,— aber nein! Und auch ſelbſt dann nicht, als der Jüngling, nachdem er ihre Erlaubniß, ſie zu verlaſſen, erhalten hatte, ausſah, als ſei dies die größte Gabe, die er je im Leben von ihr empfing. „Und wann kann ich reiſen?“ „Wann Du willſt.“ John Halifax. v. „Heute noch; vielleicht könnte ich heute noch fortgehen?“ „Wünſcheſt Du es, ſo kann es geſchehen, lieber Sohn.“ Doch kaum hatte ſie dies Wort ausgeſprochen, ſo ſchien die ganze Bedeutung, die furchtbare Gewalt ihres Opfers über ſie zu kommen. Die Finger, die Guy's Hand geſtreichelt hatten, während ſie auf ihren Knieen ruhte, umklammerten dieſe jetzt feſt, während ſie mit der andern Hand ſein Haar von der Stirn ſtrich und ihn mit einem Blicke anſah,— mit einem Blicke, der ausdrückte, es werde ihr unmöglich, ſich von ihm zu trennen. „Guh! o Guy! mein Herz bricht. Verſprich mir wenigſtens, wenn ich Dich von mir laſſe, daß Du ſucheſt, Dich wieder zuſammen zu nehmen, und mir nie etwas Anderes ſein willſt, als mein geliebter, guter Sohn, mein Kind!“ Was er darauf antwortete oder was ferner zwiſchen Beiden vorging, gehörte weder vor meine Ohren, noch wollte ich es wiſſen. Ich verließ ſogleich das Zimmer. Als ich etwas ſpäter wie John von ſeiner Fabrik wieder nach Hauſe kam, fand ich, daß Alles zu Guy's augenblicklicher Abreiſe geordnet war. — 163— Der Vater führte als äußeren Grund der Reiſe ein Woll⸗Geſchäft in Andaluſien an, was ihm Spanien als Ziel derſelben ſteckte. Es würde ihn in Anſpruch nehmen, ſeine Gedanken zerſtreuen und dabei ihn in ſteter Bewegung erhalten. Man ſagt ja überhaupt, Reiſen ſei das beſte Mittel gegen Schmerzen des Herzens. Wir hofften, es ſolle ſich bewähren. Der härteſte Punkt, der lange unentſchieden blieb, weil die Eltern fühlten, daß jeder Widerſpruch in Guy's jetziger Stimmung ſchädlich, ja gefährlich werden konnte, war immer der eigenſinnige Gedanke des Jünglings, allein abreiſen zu wollen. Er ſchlug die Begleitung der Mutter bis nach London aus, eben ſo die des Vaters, der ihn wenigſtens bis zu dem Punkte bringen wollte, wo eine jener neuen und gefährlichen Erfindungen ſchon in das Leben getreten war, die man Eiſenbahnen nennt, und die den Reiſenden zu ſeinem Verderben anlocken. Aber Guy wollte gerade mit derſelben reiſen, die tollſte und fremdartigſte Weiſe des Fortkommens zog ihn beſonders an. So ward denn zuletzt nachgegeben, daß er noch, wie er wünſchte, an demſelben abreiſen ſollte. Es ſchien uns Allen ein ſonderbarer Tag, und dennoch ſo kurz! Mrß. Halifax blieb in un⸗ aufhörlicher Thätigkeit; ich erblickte ſie ab und zu, wenn ſie von Zimmer zu Zimmer eilte, entweder Guy's Bücher in den Händen oder ſeine Wäſche über dem Arme. Zuweilen blieb ſie auch einige Minuten am Fenſter ſtehen, noch einige nothwendige Stiche an einer Arbeit zu machen, die ſie ſelbſt Watkins nicht überlaſſen wollte,— der guten Jenny, die ein roſiges Mädchen war, als Guy das Licht der Welt erblickte,— ſondern eifrig daran ſtichelte. Wir hielten an dem Tage ſelbſt nicht unſere regelmäßigen Mahlzeiten; es war auch vielleicht beſſer, daß es nicht geſchah. So ſah ich denn John zu ſeiner Frau herantreten, wie ſie nähte, ihr ein Stück Brot und ein Glas Wein bringend, doch ver⸗ mochte ſie Nichts davon zu nehmen. „Verſuche es, Mutter,“ flüſterte Guy betrübt. „Was ſollte wohl aus mir werden, wenn ich Dich krank machte?“ „Ach, ſei unbeſorgt, ganz unbeſorgt,“ lächelte ſie, koſtete Etwas von dem Weine,„brach ſich ein Stückchen Brot ab und fuhr fort zu arbeiten. Die letzten Stunden vergingen ſo wirr und unordentlich, daß ich mich ihrer kaum erinnern kann. Ich ſehe nur immer Guy und ſeine Mutter überall zuſammen vor mir, immer neben einander, Alles gemeinſchaftlich vornehmend, ſo, als ob ſie jede ihnen — noch gehörende Minute benutzen wollten, bis der letzte Augenblick da ſei. Eben ſo bleibt mir der Eindruck ihrer bewunderungswürdigen Feſtigkeit, ihrer ruhigen Stimme, wenn ſie mit Guy über all⸗ gemeine Kleinigkeiten ſprach, oder mit Einem von uns, was freilich ſelten geſchah,— ſie zitterte nicht, noch verlor ſie ihren eigenthümlichen reichen, vollen, ja heitern Klang, als ob ſie ihn zwingen wollte, bis über die See hinaus der Mutter, der Familien⸗ Mutter Stimme in ſeiner Erinnerung zu bewahren. Nur ein Mal ward ſie ſchärfer, als Walther, der troſtlos umherwanderte, niederkniete, um ſeines Bruders Mantelſack zuzuſchließen. „Nein, geh' fort und laß das. Ich kann Alles allein machen.“ Und ſo flog die Zeit faſt vorüber, bis ihr Kind fortreiſen mußte. Der ganze Haushalt war in der Holle verſammelt, um Mr. Guy Lebewohl zu ſagen, Mr. Guy, den Jedermann ſo beſonders lieb hatte. Alle glaubten, wovon Jedermann, uns ausgenommen, überzeugt war, daß plötzliche Geſchäfte ihn zu einer langen gefährlichen Reiſe zwängen. Ehrfurchtsvoll umgaben ſie ihn, und ihre herzlichen, ehrlichen Glück⸗ wünſche begleiteten ihn, Segenswünſche, die gut für den Jüngling waren, gut, daß er ſie von England, von der Heimath mit fortnehmen durfte. — 166— Endlich gingen Guy, ſein Vater und ſeine Mutter noch allein in die Bibliothek. Gleich darauf kam ſelbſt der Vater zu uns heraus und ſchloß die Thür hinter ſich, damit Niemand Zeuge der letzten Worte war, die zwiſchen Mutter und Sohn fielen. Dieſe überwunden, traten Beide zu gleicher Zeit in die Halle, Beide tapfer und ruhig, und dieſe Ruhe bewahrten ſie ſelbſt bei dem letzten Lebewohl. So ſandten wir unſern Guy mit zärtlichen Segens⸗Wünſchen fort, fort in die weite, gefahrvolle Welt, allein, ohne Schutz und Schirm, außer(und in dieſer Ausnahme lag allein das Geheimniß unſerer Ruhe) außer der Furcht Gottes, dem Rathe des Vaters und den Gebeten ſeiner Mutter. Ende des fünften Bandes. Druck von C. Rveßler in Grimma. Im Verlags⸗Comptoir zu Wurzen ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu haben: Die Salpjäger. Ein Roman aus Merico. Vier Bände. Preis 2 Thlr. Die Freiſchaar. Eine Erzählung aus dem letzten amerikaniſchen Kriege. Drei Bände. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Die Heimath in der Wiüſte, Abentener einer verirrten Familie in der Wildniß. Zwei Bände. Preis 1 Thlr. Die Buſchhnaben. Ein Jagd⸗ und Thier⸗Roman. Drei Bände. Preis 1 Thlr. 6 Ngr. Die Kriegsfährte. Ein Roman. Fünf Bände. Preis 2 Thlr. Das Fideicommiß. 5 Von Emilie Flygare-Carlén. 3n's Yeutſche übertragen von Dr. Wachenhuſen. Drei Theile. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Dor Borunmmnd. Roman von Emilie Flygare-Carlen. Sechs Theile. Preis 2 Thlr. 22 ½ Ngr. Binnen ſechs Wochen. Novelle von Emilie Flygare-Carlén. Aus dem S chwediſ Preis 12 Ngr. Ein launiſches Weib. Roman ₰ von* 3 Emilie Flygare-Carlén Zweite Auflage. Fünf Bände compl. Preis 2 Thlr. 6 7 8 9 10 11 14 15 16 1 . 1 5 —————