Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Seih und Seſebedingungen. 1. OMensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Gm⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für enri 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 3———.———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sie ſollte nach Edwins und Louiſens Wunſche ſehr ſtill gefeiert werden. Wenn auch die Zeit man⸗ ches Weh' gemildert, manche beſänftigende Lehre ge⸗ geben hatte, ſo war dennoch zu erwarten, daß dieſe Heirath viel Schmerzliches hervorrufen mußte. Guy verweilte noch außer Landes, und ſeine Abweſenheit hatte den glücklichen Erfolg gehabt, den man damit beabſichtigte. Mit jedem Monate klan⸗ gen ſeine Briefe hoffnungsvoller, und ein Jeder brachte dem Mutterherzen immer größern Balſam. Endlich ſchrieb er auch noch an Andere als an die Mutter, worauf dann Walther und Maud in langen Familien⸗Erzählungen antworteten, und zuletzt kam es dahin, daß ſie ohne Scheu, ja, mit einer Art Stolz und Freude,„von meinem Bruder ſprachen, der im Auslande iſt.“ Die Familien⸗Wunde war bei⸗ nahe geheilt, der Familien⸗Friede faſt gänzlich her⸗ geſtellt, ſo, daß Maud ſich ſogar einbildete, Guy müſſe„zu unſerer Hochzeit“ wieder nach Hauſe kom⸗ men; doch hatte ſie niemals genau alle Umſtände der Vergangenheit erfahren und war auch übrigens noch zu jung, um Liebes⸗Angelegenheiten zu verſtehen. Ja, ſo gnädig war Alles durch die Zeit gemildert. daß uns Aelteren jene drei ſchweren Tage oft wie ein Traum erſchienen, und uns war, als ſei dies gefürchtete Jahr ſo ruhig wie jedes andere an uns vorübergegangen. Nur hatte dieſer Zeitraum Ur⸗ ſula's Haare von braun in grau verwandelt, und John erwähnte es damals zuerſt, doch nur geſprächs⸗ weiſe, ſo, daß ich mich kaum erinnern kann, wo und wann es geſchah, eines leiſen Schmerzes, der zwar zu gering ſei, um darüber zu klagen, ihm aber eine Warnung bei dem Hinaufgehen des Enderly⸗Berges werde, daß er nicht mehr ſo gut ſteigen könne wie in ſeiner Jugend. Ich antwortete ihm lächelnd, daß wir Beide alt würden, und uns darauf gefaßt — * machen müßten, bald unſer Haupt nach der andern Seite des Lebens⸗Berges zum Hinabſteigen zu wen⸗ den. Ich war froh, indem ich dies ſagte, überzeugt ſein zu dürfen, daß kein Zweifel darüber obwalten könne, wer von uns zuvörderſt den Fuß deſſelben erreichen werde. Ja! ich empfand eine grſtpigung⸗ das halbe Jahrhundert meines Lebens glücklich hinter mir zu haben; ich war froh, ſo manche von John's Sorgen überwunden zu ſehen, beſonders die äußern, deren ich zuletzt nicht mehr erwähnte, weil ſie auch wirklich vor dem Familien⸗Kummer verſchwanden, der uns ſo bald darauf traf. Wie er verſprochen hatte, ſo geſchah es, er wußte alles Geſchwätz zum Schwei⸗ gen zu bringen. Nah' und fern erzählte man ſich zwar wohl von dem Tage, an welchem das Haus Jeſhop ſeinem Falle nahe geweſen ſei, und eben ſo flüſterten die armen Leute hier und da von einem Ereigniſſe, das auf der Landſtraße ſtattgefunden habe, wo ein Herr von Räubern angefallen wäre, der ſie auf keine andere Weiſe zur Rechenſchaft zu ziehen ſuchte, als daß er die Witwe des Einen groß⸗ müthig unterſtützte und den Andern glücklich außer Landes ſchaffte, und zwar nicht auf Koſten der Re⸗ gierung, ſondern aus eigenen Mitteln. Es waren dies Alles keine bemerkenswerthen, in die Augen ſpringenden Handlungen, kaum daß ein Mal unter dem Zeichen von einigen Sternen oder Punkten Etwas darüber in den Tagesblättern erſchien, nur der Merkur von Norton Bury ließ ſeine letzte bittere Bemerkung durch eine Klage laut werden, daß in der ganzen Grafſchaft kein Name ſo ſelten an der Spitze einer Wohlthätigkeits⸗Subſcription ſtehe als der des Squire John Halifax auf Beechwood. Aber das Recht machte ſich dennoch Bahn, wie dies früher oder ſpäter der Fall iſt; er rechnete eben ſo feſt dar⸗ auf, daß ſein guter Name hinreichen würde, ſich ſelbſt zu vertheidigen, als ſein Glaube an den einzigen ſichern Sieg, den der Wahrheit, unumſtößlich war, und ſie ſiegte auch ſchließlich hier. Mit ihm durch das Land zu fahren, er hatte nie mehr eine Waffe bei ſich, oder mit ihm einen Spaziergang zu machen, wie wir einen Tag vor Edwin's Hochzeit die bekannten Straßen von Norton Bury heiter hinunter gingen, war für die ganze Familie ein dauerndes Vergnügen. Jedermann kannte ihn, Jedermann grüßte ihn und lächelte ihm zu, der an uns vorüberging, als müſſe ihm ſeine Gegenwart und ſein Wiedererkennen Glück bringen. Seine Frau lachte und verſicherte oft, ſie zweifle, ob Mr. O'Connell von Derrynane, der damals grade eine große Aufregung in Frland hervorrief, und —— 7 das Feuer eines religiöſen und politiſchen Streites durch das ganze Land anfachte, ob alſo dieſer Da⸗ niel O'Connell mehr Liebe und Anhänglichkeit unter ſeinen Anhängern genieße als John Halifax ſich in der Nachbarſchaft erworben hatte, mit der er ſeit längerer Zeit lebte. Mrß. Halifax ſelbſt war dieſen Morgen po ders heiter, denn ſie hatte Briefe von Guy erhalten, welche von einem ſehr hübſchen Geſchenke begleitet waren, von dem er ſelbſt verſicherte, alle Moden⸗ Magazine von Paris danach durchſucht zu haben, ein weißer, geſtickter chineſiſcher Shawl. Alles das war dieſen Morgen durch Lord Ravenel angekom⸗ men, und es war nicht das erſte Mal, daß er als ueberbringer guter Nachrichten von Guy erſchien, wodurch er ſelbſt ſehr willkommen in Beechwood ward; willkommener als wohl ſonſt der Fall ge⸗ weſen wäre, denn ſeine Lebensrichtung war doch eine ſo ganz andere als die unſrige. Man konnte zwar Lord Ravenel nicht mit ſeinem Vater verglei⸗ chen, aber Blut bleibt Blut, und Erziehung ſowohl als Gewohnheit ſind nicht leicht zu überwinden. Die Knaben lachten oft über ſein vornehmes, gleich⸗ gültiges Weſen, und Maud neckte ihn über ſeine weichliche Bequemlichkeit und das geringe Intereſſe, das er an den Tag legte, während ſeine öftern Be⸗ ſuche die Mutter beunruhigten, da ſie nicht einzu⸗ ſehen vermochte, wozu ſie uns bei der gänzlichen Verſchiedenheit unſerer Verhältniſſe nützen könnten. Nur John war immer gleich freundlich, ja zärtlich für ihn, und wir Alle erriethen weßhalb. Denn ſelbſt, hätte der junge Mann nicht ſo manche gute Seiten gehabt, da ſeine Fehler mehr in Unterlaſſun⸗ gen als in wirklich böſen Eigenſchaften beſtanden, würden wir ihm doch um Muriel's willen gut ge⸗ weſen ſein. Er war an dieſem Morgen nach Beechwood gekommen, hatte ſich wie gewöhnlich den Familien⸗ Gewohnheiten angeſchloſſen und uns nach Rorton Bury begleitet. Ein lebhafteres Intereſſe als ge⸗ wöhnlich malte ſich in ſeinen träumeriſchen Augen, als wir die Schwelle unſers alten Hauſes über⸗ ſchritten, und er erzählte Maud, wie er vor vielen Jahren mit ſeinem Vater hier geweſen ſei. „Es war das erſte Mal, daß ich Ihrem Vater begegnete,“ hörte ich ihn mit dem Ausdrucke eines Gefühls ſagen, als ob er dem Geſchicke für dieſe Bekanntſchaft dankbar ſein müſſe. Mit ihrer gewöhnlichen Höflichkeit frug Mrß. Halifax nach dem Befinden des Lord Lurmore; dies war die einzige Berückſichtigung, deren der alte Earl ſich in unſerm Hauſe rühmen konnte. „Er iſt noch immer in Compiegne. Erwähnte Guy Richts davon? Lord Luxmore findet die größte Freude in Guy's Geſellſchaft.“ Ihr Erſchrecken zeigte, daß dieſe Nachricht Guy's Mutter eben ſo neu wie unwillkommen war. Und wohl ſehr natürlich; denn es gab ſicherlich keine Mutter in ganz England, die nicht vor dem Ge⸗ danken zurückgeſchreckt wäre, ihren geliebten Sohn, und beſonders einen jungen Mann von Guy's Cha⸗ rakter, und unter den Verhältniſſen, in denen derſelbe ſich befand, in die Geſellſchaft verſchlagen zu wiſſen, die den nur zu bekannten Earl von Luxmore in ſeiner leichtfertigen Altersſchwäche umgab. „Mein Sohn ſchreibt Richts davon. Uebrigens iſt er auch ſeit ſeiner Ankunft in Paris zu ſehr mit Geſchäften überhäuft, um viel ſchreiben zu können. Sein Aufenthalt dort iſt dabei ſehr beſchränkt,“ und das ſchien ſie zu beruhigen.„Ich zweifle alſo, daß ihm ſo viel Zeit bleibt, oft nach Compiegne zu gehen.“ Sie ſagte natürlich weiter Nichts zu dem Sohne des Lord Lurmore, aber ſie konnte ihre Unruhe nicht verbergen. „Ich habe Ihren Sohn zuerſt nach Compiegne gebracht, wo ihn, ſein Verſtand und ſeine Liebens⸗ würdigkeit zum allgemeinen Lieblinge macht. Ich —— kenne auch wirklich Niemand, der ein angenehmerer Geſellſchafter als Guy iſt.“ Seine Mutter verbeugte ſich kalt. „Ich denke, Mrß Halifax, Sie wiſſen genug⸗ ſam, wie ſehr des Earl's Anſichten von den meini⸗ gen abweichen— immer abgewichen ſind— aber er iſt ein alter Mann und ich ſein einziger Sohn. Er ſieht mich natürlich gern ab und zu, und ich gehe alſo zu ihm, obgleich ich bekennen muß, daß ich we⸗ nig Vergnügen in dem Kreiſe finde, den er um ſich verſammelt.“ „Und in dieſem Kreiſe, wenn ich recht verſtan⸗ den habe, iſt mein Sohn mit inbegriffen?“ „Warum nicht? es iſt ein ſehr glänzender Kreis. Der ganze Hof von Carl dem Zehnten kann nichts Unterhaltenderes aufweiſen; und im Uebrigen, was thut es? Man lernt die Dinge ſo nehmen, wie ſie erſcheinen, ohne weiter unter der Oberfläche viel zu forſchen. Und zuletzt ermüdet man in den ohn⸗ mächtigen Don Quixotiaden gegen unüberwindliche uebel.“ „Das iſt freilich nicht unſere Anſicht in Beech⸗ wood,“ erwiderte die Mutter ſchnell und brach die Unterhaltung ab. Aber immer und immer ſchien die Sache wieder ihre Seele zu beſchäftigen, ja, trotz der Heiterkeit des jungen Volkes, und der ernſtern —— Freude, die das Glück ſeines Sohnes Edwin in dem Vater hervorrief, ſeines guten Sohnes, der ihm nie⸗ mals eine Sorge gemacht hatte. Er verſicherte, daß dieſe Einrichtung von Edwin ihm lebendig jene Zeit zurückgerufen habe, in der er ſelbſt des Abends, den Hammer in der Hand, das Haus betrat, um noch Bücherbretter in den Zimmern, oder Nägel in die Mauer einzuſchlagen, um die Corinthenbüſche daran zu befeſtigen, und wie er jedes Einzelne mit wahrer Freude ausgeführt, weil er wußte, daß Alles vor die aufmerkſamen, lebendigen Augen ſeiner Urſula March kommen werde. „Das heißt vor Urſula Halifax, denn ich glaube nicht, daß ich ihr irgend Etwas von meinen Wunder⸗ werken eher gezeigt habe als bis ſie Urſula Halifax war. Erinnerſt Du Dich noch, Phineas, als Du das erſte Mal kamſt und uns im Garten beſchäftigt fandeſt?“ 3 „Und ſie trug ein weißes Kleid und einen Strohhut mit blauen Bändern! Wie alt ſah ſie aus? kaum älter als hier Miß Maud.“ John ſchlang ſeinen Arm um ſeines Weibes Taille, die zwar nicht mehr ſo zart geblieben, aber dagegen voller Anſtand und Grazie geworden war, ihm einige Liederverſe ſeiner Jünglingsbücher zurück⸗ rief, wo es in einem alten engliſchen Geſange hieß — „Und wenn ſich neidiſch nun die Jahre mehren, Und rauben wollen alles Lieb und Schöne. So wird man Dich in Deinen Töchtern ehren, Wie ich auch werben will mit meinen Söhnen.“ Uurſula lachte, und für den Augenblick verſchwand der Schatten von der Stirn. Ihr Mann ſchien ihn glücklicher Weiſe nicht bemerkt zu haben, und ſie war weit entfernt, ihm den Grund deſſelben mittheilen zu wollen. Sie ließ ihn einen glücklichen Tag ver⸗ leben, ja, ward es ſelbſt durch ſeine Bemühungen, indem ſie alle trübe und peinliche Gedanken mit Kraft zurückdrängte, und die ſüßen Erinnerungen an ihre alte Häuslichkeit nach der Heirath wach rief. John ſchien feſt entſchloſſen, dieſe Ehe unter eben ſo heili⸗ gen und hoffnungsvollen umſtänden als die ihrige feiern zu wollen. Wir waren Alle ſo voll davon, ſo damit be⸗ ſchäftigt, daß ich mich erſt am Tage nach der Abreiſe des Lord Ravenel, der ſichtlich gern zu der Hochzeit eingeladen worden wäre— doch bot es ihm John nicht an— erinnerte, was er uns über Guy's Ver⸗ einigung mit Lord Luxmore's Geſellſchaft geſagt hatte. Der Mutter ängſtlicher Blick, als ſie mir einen Brief in das Ausland gab, rief mir das Alles zurück. „Beſorgen Sie ihn ſelbſt, Phineas, wollen Sie? „— ich möchte nicht, daß er falſch abginge oder auf irgend eine Weiſe zu ſpät ankäme.“ Nein, denn er war an ihren Sohn in Paris. „Es wird wohl der letzte Brief ſein, den ich nöthig habe zu ſchreiben,“ fügte ſie hinzu, ihn genau betrachtend, um gewiß zu ſein, daß Alles in Ordnung wäre; die Adreſſe war allerdings für ihre ſonſt ſo feſte, freie Hand etwas undeutlich,„mein Kind kommt zurück.“ „Guy wird erwartet, zur Hochzeit?“ „Rein, aber gleich nachher, Er iſt wieder ganz der Alte, und ſehnt ſich nach der Heimath.“ „Und nach ſeiner Mutter?“ Die Mutter vermochte nicht zu antworten. Der Gedanke an Guy's Heimkehr war für ſie, was das Licht den Augen, das Leben dem Herzen iſt. Sie ſah während der ganzen Woche um zehn Jahre jünger aus. Mit jugendlichen Schritten, wie die eines jungen Mädchens, eilte ſie, die Vorbereitungen der Hochzeit zu beendigen, und mit ihnen noch an⸗ dere, vielleicht ihrem mütterlichen Herzen noch theu⸗ rer, denn fand überhaupt ein Vorzug ſtatt, ſo rich⸗ tete er ſich auf denjenigen, um deſſen willen und vielleicht auch durch den ſie am meiſten von allen ihren Kindern zu leiden hatte. Auch John, obgleich des Vaters Freude ernſter und nicht ohne Sorgen zu ſein ſchien— Sorgen, die er in Gegenwart der Mutter zu verbergen ſuchte— erwartete ſehnſüchtig des Sohnes Rückkunft. „Es iſt der älteſte Sohn,“ wiederholte er mehr denn einmal, als er mit mir von der Hoffnung ſprach, Guy jetzt für immer in Beechwood gefeſſelt und eingerichtet zu ſehen.„Nach mir wird er das Haupt der Familie.“ „Nach John!“ ich fand es faſt lächerlich, ſo weit in die Zukunft zu denken. unter all' den glücklichen Geſichtern, die ich am Tage vor der Hochzeit ſah, war doch das der Mutter am glücklichſten, als ich ihr aus Guy's Zimmer kommend begegnete, das ſeit ſeiner Abreiſe ver⸗ ſchloſſen und unbewohnt geblieben war. Jetzt öff⸗ nete die Mutter mit einem ſeligen Ausdrucke zum erſten Male die Thür deſſelben wieder. „Wenn Sie wollen, können Sie hineintreten, Onkel Phineas. Sieht es nicht hübſch aus?“ Und das war es wirklich, mit den friſchen weißen Gardinen, dem ſchönen Bette, die Bücher ordentlich aufgeſtellt, und Alles, bis auf die Jagd⸗ und Fiſchfang⸗Geräthſchaften, ſtand auf ſeinem Platze. Ich lobte das niedliche Zimmer, aber mit einem 3 —— heitern, zweifelnden Blicke, wie lange es ſo ordentlich bleiben werde. „Das iſt freilich eine Frage. Wie er Alles immer untereinander wirft! Ein unordentlicher, unnützer Burſche!“ Und obgleich die Mutter dabei lachte, ſah ich dennoch, wie die Muskeln ihres Ge⸗ ſichtes vor innerer Bewegung zuckten. „Er wird wohl nun nicht mehr als ein kleiner Burſche behandelt werden können; ich bin begierig, ob wir ihn ſehr verändert finden werden?“ „Sehr wahrſcheinlich. Braun und mit einem großen Barte, wenigſtens ſagt er das in ſeinem Briefe, ich werde meinen Jungen kaum wiedererkennen!“ Ein Blick ihres Auges zeigte aber das Gegentheil der mütterlichen Befürchtung. „Ich ſehe hier auch einige der ſchönen Roſen von Mrß. Tod.“ „Sie zwang mich, ſie mitzunehmen, denn ſie verſicherte, Mr. Guy halte jedes Mal an, wenn er vorbeireite, um ſich einige abzupflücken, und hoffent⸗ lich werde ſie ihn auch ſchon wieder nächſten Sonn⸗ tag ſo vorüberreiten ſehen. Guy muß der alten, treuen Seele wirklich gleich einen ſeiner erſten Be⸗ ſuche machen.“ Ich bemerkte, daß Guy wohl überhaupt auf die ganze gend ſeine Beſuche erſtrecken müſſe —— wenigſtens nach all' den Einladungen zu urtheilen, die an ihn ergangen wären. „Ja, ja, alle Menſchen wollen mir meinen Sohn fortholen. Jedermann will ihn freundlich willkommen heißen. Sehen Sie nur, wie hell der alte Watkins ſeine Gewehre geputzt hat! Sir Her⸗ bert hat mir ſchon verſichert, Guy müſſe nächſte Woche zur Jagd zu ihm hinüber kommen, und er ging ja auch immer außerordentlich gern nach dem Herrn⸗Hauſe.“ Ich mußte über das unſchuldige Lächeln der Mutter mit lächeln, die ſicher vor dem Vorwurfe, Heirathen machen zu wollen, zurückgeſchreckt wäre, und doch ſah ich, daß ſie in dieſem Augenblicke an ihren Liebling Grace Oldtower dachte, die noch immer Grace Oldtower war, und wie die alige⸗ meine Rede ging, eine der reichſten Heirathen aus⸗ geſchlagen hatte, zur größten Verwunderung und zum Tadel aller ihrer Freunde, Mrß. Halifax aus⸗ genommen. „Nun, kommen Sie, Phineas!“ rief ſie leiſe ſeufzend, als ob die Freude zu mächtig auf ſie wirke, oder in dem Gefühle, ſich zu weit in die ungekannte Zukunft zu vertiefen.„Kommen Zimmer —— für ihn iſt fertig, mag er nun ankommen wann er wil Sie ſchloß und verriegelte die Thür, um— wann?— wieder aufgeſchloſſen zu werden. Der Morgen brach an, und Niemand konnte ſich einen ſchöneren Hochzeits⸗Morgen wünſchen. Sonnenſchein in der Natur iſt Sonnenſchein auf jedem Geſichte im Hauſe; freilich nur Familien⸗ Geſichter, denn es waren keine anderen Gäſte geladen und wir hatten den Tag ſo geheim als möglich ge⸗ halten; John haßte Nichts mehr als eine öffentliche große Hochzeit. So war es denn nicht zu verwun⸗ dern, als Jedermann in ſeinem Zimmer war, um ſich zur Kirche anzuziehen, daß Maud und ich, die wir an der Thür des Vorſaales ſtanden, den Reiſe⸗ wagen des Lord Ravenel vorfahren ſahen, der ſchneller und mit größerer Sicherheit herausſprang als man ſonſt an ihm gewohnt war. Maud lief unter das Thor, ihn ſichtlich durch ihre Erſcheinung überraſchend, und wirklich glich ſie in ihrem hübſchen Brautjungfern⸗Schmucke ganz dem Bilde, das man ſich von Jugend und Glück zu machen pflegt. „Iſt hier heute Hochzeit? Das wußte ich nicht, John Halifax. vl. 2 ich will lieber morgen kommen,“ und er ſchien bereit, wieder in den Wagen zu ſteigen. Dieſe Bewegung befreite mich von einer unbe⸗ ſtimmten Angſt vor ſchlechten Nachrichten, und machte die erſte Frage, welche über meine Lippen ging, weniger peinlich als vorher, nämlich, ob er Guy geſehen habe? „Nein.“ „Wir glaubten im erſten Augenblicke, es könnte Guy ſein, der nach Hauſe käme,“ rief Mand.„Wit erwarten ihn. Haben Sie, ſeitdem wir uns ſahen, Etwas von ihm gehört? Iſt er auch wohl?“ „Ich glaube.“ Mir erſchien die Antwort ſehr kurz; doch ſchien er beſonders Guy's Schweſter zu betrachten, die ihm in ihrer kindlichen, herzlichen Weiſe beide Hände entgegenſtreckte; ſie hatte noch nicht auf das Vorrecht verzichtet, Lord Ravenel's Liebling zu ſein. Und als er zögernd nochmals äußerte, nach Luxmore zurück⸗ fahren zu wollen, um ſich nicht bei dem Feſte auf⸗ zudrängen, wollte das kleine Fräulein nicht einen Augenblick länger Etwas davon hören. Sie führte den unerwarteten Gaſt in die Bibliothek, ließ ihn dort mit ihrem Vater allein, ging zur Mutter, um dieſer ſeine Ankunft, ſo wie ihren Fehlgriff zu er⸗ zählen, indem ſie ihn für Guy hielt, und ſchien ganz Ich kam in das Wohnzimmer und ſaß dort, die ſonnenhellen Hochzeits⸗Anzüge und Hochzeits⸗ Geſichter betrachtend, alle ſo hell und glücklich wie ſie nur ſein konnten, das der Mutter mit inbegriffen, wenn auch für einige kurze Augenblicke ein Schatten darüber hinflog, als man die Ankunft des Poſtboten wahrnahm; doch beruhigte ſie ſich ſelbſt ſogleich, daß es höchſt unwahrſcheinlich ſei, Guy werde ſchreiben, da ſie ihm geſagt habe, es ſei nicht mehr nöthig. So ſtand ſie denn zufrieden vor mir, die weiten Falten ihres ſchönen Shawls glättend, den Guy ihr mit der Bitte geſchenkt hatte, ihn heute zu tragen. Dieſer im Verein mit ſeiner zärtlichen Erinnerung ſchien ihr beinahe ſo wohl zu thun als die ſichtbare Gegenwart ihres Sohnes, ihres Knaben, den ſie morgen ſicher erwartete. „John, wie leiſe kommſt Du herein! Und Lord Ravenel! Er weiß es wohl, wie gern er bei uns geſehen iſt. Dürfen wir ihn heute als einen der Unfrigen betrachten und ihn als Zeugen von Edwin's Trauung mit uns zur Kirche führen?“ 2* —— Lord Ravenel verbeugte ſich. „Maud hat uns ſchon mitgetheilt, daß Sie Guy nicht ſahen. Ich zweifle, daß es ihm möglich iſt, heute noch zu kommen, aber morgen erwarten wir ihn beſtimmt.“ Lord Ravenel verbeugte ſich wieder. Dann fügte Mrß. Halifar noch etwas über ſeine heutige unerwartete Ankunft hinzu. „Er iſt in Geſchäften hier,“ verſicherte John, und urſula erlaubte ſich weiter keine Frage. Sie ſprach noch weiter mit Lord Ravenel, und als ich ſie ſo ſtehen ſah, ihre Finger mit den ſchweren Franzen ihres Shawls ſpielend, und wie die Sonne auf das reiche Seiden⸗Kleid von heilem Silbergrau ſchien, ihrer Lieblings⸗Farbe, gab ſie ein eben ſo reizendes Bild matronenhafter Grazie und ſtiller Zufriedenheit als die hübſche glückliche Braut ſelbſt. Ich betrachtete ſie noch ſo, als John mich bei Seite rief. Ich folgte ihm in die Bibliothek. „Schließe die Thür zu.“ Sein Ton wie ſein Blick verriethen mir ſogleich, daß Etwas vorgefallen ſei. „Ja, ich will Dir es gleich ſ ich Zeit habe.“ — Während er ſprach, ſchien ihn ein heftiger Schmerz, phyſiſch oder moraliſch, oder Beides zugleich, zu erfaſſen. Ich hatte ſchon die Hand an die Thür gelegt, um Urſula zu rufen, aber er hielt mich mit einer Art Furcht und Angſt davon zurück. „Rufe Niemand, ich kenne das. Waſſer!“ Er trank ein neben ihm ſtehendes Glas Waſſer ſchnell hinunter und erholte ſich nach und nach. Kaum war die Farbe auf ſeine Wangen zurückgekehrt, als wir Maud's lachende Stimme im Vorſagle hörten. „Vater, wo biſt Du? Wir warten auf Dich.“ „Ich komme im Augenblicke, mein Kind.“ Rachdem er dies mit ſeiner natürlichen und gewohnten Stimme geſagt hatte, ſchloß er die Thür abermals und wandte ſich ſchnell zu mir. „Phineas, Du mußt von der Kirche zurück⸗ bleiben; mache irgend eine Entſchuldigung oder ich will ſie ſchon für Dich finden. Schreibe in meinem Namen einen Brief unter dieſer Adreſſe nach Paris. Sage, Guy Halifax's Vater werde unfehlbar in dem Zeitraume einer Woche dort ſein und alle Fragen beantworten.“ „Alle Fragen!“ wiederholte ich verwirrt. Er wiederholte die Phraſe Wort für Wort. „Kannſt Du das behalten? Aber hörſt Du, wört⸗ lich; und dann beſorge es vor unſerer Rückkehr von der Kirche zur Poſt.“ Hhier ward der Mutter Ruf laut:„John, kommſt Du?“ „Im Augenblicke, Liebe!“ Ihre Hand lag von der anderen Seite an der Thür, aber ihr Mann hielt den Griff von Innen feſt; dann kam er athemlos zu mir zurück.„Ver⸗ ſtehſt Du, Phineas? Und nicht wahr, Du wirſt ſorgſam ſein, recht ſorgſam? Sie darf es nicht wiſſen, nicht vor heute Abend.“ „Ein Wort! Lebt Guy und iſt er wohl?“ „Ja— ja.“ „Gott ſei Dank!“ Aber während ich das ſagte, war Guy's Vater ſchon fort. So ſchrecklich die Nachrichten auch ſein mochten, dieſe ſchlechten Nachrichten, die mich ſeit dem Anblicke Lord Ravenel's wie eine böſe Ahnung verfolgten, ſo waren ſie doch zu ertragen. Denn ich konnte mir keinen größeren Gram denken als den Tod des Knaben. So kehrte ich denn zu den Uebrigen mit einer Ruhe zurück, die natürlich nur aus der Nothwendig⸗ keit eines ſolchen Augenblickes entſpringt, um ihnen meine Entſchuldigungen zu machen und alle Ein⸗ wendungen zu beantworten. Ich verfolgte den Heirathszug, wie er das Haus verließ,— eine ein⸗ fache Verſammlung. Erſt die Mutter, von Edwin geführt, dann Maud, Walther und Lord Ravenel. John beſchloß den Zug, Louiſen an ſeinem Arme⸗ So ſah ich ſie ſich durch den Garten bewegen und den Weg durch den Buchen⸗Wald nach der kleinen Kirche auf dem Berge einſchlagen. Nachdem ich meinen Brief geſchrieben und fort⸗ geſchickt hatte, ging ich zurück in die Bibliothek. Nichts Beſtimmtes wiſſend und nicht fähig, Etwas zu errathen, kam eine gewiſſe dumpfe Ruhe, eine Geduld über mich, wie wir ſie empfinden, wenn wir ein ungekanntes, aber unvermeidliches Unglück erwarten. Die ſchreckliche Erinnerung an John's Anblick, als er mich in die Bibliothek rief, wo er ſich nieder⸗ ſetzte oder vielmehr auf ſeinen Stuhl hinſank, ſtellte alles Andere, ſelbſt Guy in den Hintergrund; ich hatte nur den Vater vor Augen— war das Krank⸗ heit? aber er hatte ſich nie über Etwas beklagt; er klagte überhaupt niemals und es ging oft ein Jahr vorüber, in dem er nicht einen Tag krank war. Und als ich ihn noch eben mit Louiſen durch den Garten gehen ſah, war mir ſein freier, feſter Gang aufgefallen, der kein Zeichen von Krankheit oder Schwäche an ſich trug. Dabei war es nicht ſeine Art, irgend ein Geheimniß vor Denen zu haben, die er liebte, gebot es nicht die Nothwendigkeit. Rein, er konnte nicht ernſtlich krank ſein, ohne daß wir es gewußt hätten. So grübelte ich, bis ich die Glocken der Kirche hell läuten hörte. Die Trauung war vorüber. Mir blieb gerade noch ſo viel Zeit, ſie an dem Eingangs⸗Thore zu erwarten, durch welches Edwin und ſeine Frau kommen mußten, indem ſie durch eine lebende Straße heiterer Geſichter und auf einem Teppich friſch geſtreuter Blumen einhergingen. En⸗ derly wollte ſich ſein Willkommen nicht nehmen laſſen, das ganze Dorf begleitete das junge Paar im Triumphe nach Hauſe. Ich habe noch eine dunkle Er⸗ innerung, wie glücklich Jedermann ausſah, wie hell die Sonne ſchien und die Glocken tönten, wie laut das Volk ſchrie, ein verworrenes Bild von Geſichtern und Tönen, in denen ich keinen Menſchen unterſchied als John. — Während die jungen Leute hineingingen, blieb er auf den Stufen der Halle ſtehen, um den Leuten in wenigen Worten zu danken und ſie zur allgemeinen Freude einzuladen. Unter lautem Hurrah⸗Rufen antworteten ſie und eine ſtarke Stimme forderte auf, „dem Maſter Guy noch ein Lebehoch zu bringen.“ Entzückt wandte ſich Guy's Mutter um und Thränen der ſtolzen Freude glänzten in ihren Augen. „John! bitte, danke ihnen und ſage, daß Guh es morgen ſelbſt thun wird.“ Der Herr dankte ihnen zwar, doch ſetzte er ihnen das nicht auseinander, oder die rauhen, ehrlichen Stimmen verſchlangen jegliches Verſtändniß der letzten Worte,—„daß Guy morgen nach Hauſe kommen würde.“ Während dieſer ganzen Zeit und auch bei dem Frühſtücke bewahrte Mr. Halifar dieſe ruhige Haltung. Nur ein Mal, als alle Uebrigen ſich um Braut und Bräutigam verſammelt hatten, fragte er mich: „Phineas, iſt Alles ſo geſchehen, wie ich es ſagte?“ „Was iſt geſchehen?“ frug urſula, plötzlich ſtil werdend. 6 —— „Es war ein Brief, den ich ihn dieſen Morgen zu ſchreiben bat.“ Nun war ich all' mein Lebenlang auf John's Geſicht ſtolz geweſen, in dem man ſtets die Wahrheit las, und das nimmer mit der ſteinernen Kälte prahlen wollte oder konnte, unter der manche Menſchen ſich ſelbſt und ihre Empfindungen vor den ihnen Theuerſten und Rächſten zu verbergen ſuchen. War er traurig, ſo ſahen wir es; war er glücklich, ſo ſahen wir es ebenfalls. Es war bei ihm Grundſatz, daß Nichts als die ſtrengſte Nothwendigkeit den Menſchen zur kleinſten Verſtellung zwingen dürfe. Indem ich ihn nun ſeiner Frau ſo antworten hörte, überfiel mich die ſchrecklichſte Angſt, und auch Mrß. Halifax ward unruhig. „Richt wahr, ein Geſchäfts⸗Brief?“ „Theilweiſe eine Geſchäfts⸗Sache. Ich werde Dir das Alles heute Abend erzählen.“ Sie ſchien wieder beruhigt.„Wie Du willſt Du weißt, ich bin nicht neugierig.“ Aber indem ſie weiter ging, wandte ſie ſich noch ein Mal um. „John, war es etwas Wichtiges, was gethan werden mußte, Etwas, das ich doch auch erfahren muß, dann läſſeſt Du mich nicht in Unwiſſenheit darüber? Bitte“ —— „Nein, mein liebſtes Herz, nein.“ Alſo mußte Etwas geſchehen ſein, dem nicht mehr abzuhelfen war; Etwas, das zugleich der Ver⸗ gangenheit ſchon angehörte und unverbeſſerlich ſein mußte; Etwas, das er wenigſtens für einige Stunden ſeinen andern Kindern gern verbergen wollte, um ihnen nicht die Heiterkeit dieſes Tages zu ſtören, dem kein Zweiter ſo folgen konnte, dieſer glücklichſte ihres Lebens, dieſer Hochzeits⸗Tag Edwin's und Louiſens. So ſaß er geſammelt an der Hochzeits⸗Tafel, trank die Geſundheit der Reuvermählten und gab ihnen ſeinen Segen. Endlich ſchickte er ſie fort, lächelnd und traurig zu gleicher Zeit, wie es die hergebrachte Pflicht von einem jungen Paare bei ihrer Abreiſe erheiſcht. Edwin zögerte einen Augenblick an dem Wagen⸗Tritte, wandte ſich noch einmal, um ſeine Mutter zu umarmen, und flüſterte ihr zu „Verſichere Guy meiner Liebe.“ „Es erinnert zu ſehr an Guy's Abreiſe,“ ſagte die Mutter, ſchnell die Thränen abtrocknend, die ihr aus den Augen ſtürzten und über ihr ſanft kächelndes Antlitz hinabrollten. Sie hatte nie bis zu dieſem Augenblicke von dem traurigen Tage geſprochen. „John, glaubſt Du an die Möglichkeit, daß Guy noch heute Abend ankommen könnte?“ „Weßhalb nicht? Mein Brief muß ihn zur 4 rechten Zeit erreicht haben. Lord Ravenel iſt ſeitdem nach Paris hin⸗ und zurückgereiſ't. Aber,“ ſich 3 ganz zu dem jungen Lord wendend,„Sie ſagten, dächte ich, daß Sie Guy nicht in Paris geſehen 1 3 hätten?“ „Nein.“ „Hörten Sie auch Richts von ihm?“ „Ich— Mr. Halifax—“ In der peinlichſten Verlegenheit, die ſeine Kraft der Selbſtüberwindung vollkommen überſtieg, ſah der junge Mann bittend zu John hin, der für ihn 1 antwortete: „Lord Ravenel brachte mir heute Morgen einen Brief von Guy.“ „Wie ſonderbar, ein Brief von Guy und Du ſagteſt mir gar Nichts davon?“ Sie fand es nur„ſonderbar.“ Vielleicht dachte . ſie an eine Verlegenheit oder irgend eine Thorheit; man bemerkte an ihrem plötzlichen Farben⸗Wechſe 3 und dem ſchnellen, mißtrauiſchen Blicke, den ſie auf Lord Ravenel warf, daß ſie glaubte, der Knabe habe dies ſeinem Vater gebeichtet. Mit dem inſtinct⸗ mäßigen Wunſche, dies zu verbergen, dieſem echt mütterlichen Gefühle, ließ ſie für den Augenblick jede weitere Frage fallen. Wir ſtanden noch Alle vor der Hallen⸗Thür. Ohne ſich zu weigern, ließ ſie ſich von ihrem Manne in die Bibliothek führen. „Nun bitte, den Brief! Kinder, geht hinaus; ich muß mit Eurem BVater ſprechen. Den Brief, John!“ Die Hand, welche ſie danach ausſtreckte, zitterte heftig. Sie verſuchte das Papier zu entfalten, ließ dann wieder davon ab und ſah ängſtlich zu John auf. „Er ſoll mir doch nicht ſagen, daß er noch nicht nach Hauſe kommt? Du weißt, ich kann Alles er⸗ tragen, aber zurück muß er kommen.“ John ſagte nur:„Lies!“ und während ſie ihm folgte, hielt er ihre Hand feſt in der ſeinigen, wie man wohl thut, wenn Jemand ſich einer großen Qual unterziehen ſoll, welche ertragen werden muß und die keine menſchliche Liebe dem Andern abnehmen, ihn darauf vorbereiten oder ſie lindern kann. Ach! er hatte es gebrochen! —— Der Brief, den ich ſpäter las, lautete ſo: „Lieber Vater! Liebe Mutter! „Ich habe Euch Alle beſchimpft. Ich habe in einem Spielhauſe zu viel getrunken. Mich beleidigte dort ein Mann und zwar in Bezug auf meinen Vater,— aber Ihr werdet Alles hören, wie es alle Welt jetzt ſchon wiſſen wird. Ich ſchlug nach ihm, indem ich Etwas in der Hand hatte, und der Mann ward verwundet „Er mag in dieſem Augenblicke ſchon todt ſein, ich weiß es nicht. „Noch heute Abend gehe ich nach Amerika ab. Ich werde nie wieder in die Heimath zurücktehren! Gott ſegne Euch Alle! „Guy Halifax. „P. S. Ich erhielt heute meiner Mutter Brief.— Mutter! Ich hatte meine Sinne nicht beiſammen, ſonſt hätte ich es nicht gethan. Mutter! Du Liebling! vergiß mich O laß Dein liebendes Herz nicht um mei⸗ netwillen brechen.“ „Nie wieder nach Hauſe kommen! Rie, nie wieder!“ Sie wiederholte das immer und immer, ſich ſelbſt unbewußt, Richts als dieſe fünf Worte. Die Natur verſagte ihren Dienſt, oder vielmehr half ſie ihr mitleidig es tragen. Als John ſeine Frau in ſeine Arme ſchließen wollte, fand er ſie leblos; und ſo blieb ſie mit einzelnen Zwiſchenräumen ſtundenlang. dies war das Ende von Edwin's Hochzeits⸗ Tage. Bweites Rapitel. Lord Ravenel kannte, wie Jedermann in Paris, die ganze Geſchichte, obgleich er— wie er mit Wahrheit verſicherte— Guy nicht ſah. Der Jüng⸗ ling war unmittelbar, aus Furcht vor einer geſetz⸗ lichen Verfolgung, geflohen; aber er hatte vom Schiffe aus noch an Lord Ravenel geſchrieben, und ihn gebeten, uns den Brief und die Nachricht ſogleich nach Beechwood zu bringen. Der Mann, den er getroffen hatte, gehörte nicht gerade zu Lord Luxmore's Kreiſe, doch war es durch einen ſeiner„vornehmen Freunde,“ daß Guy in ſeine Geſellſchaft gerieth. Es war ein Engländer, der erſt kürzlich zu der Barons⸗Würde und einem dazu gehörigen Vermögen gelangt war, und ſein Name erſchreckte uns wahrhaft, obgleich er von Lord Ra⸗ —— venel ausgeſprochen und von uns aus Rückſicht für ihn ſo aufgenommen ward, als hörten wir ihn zum erſten Male; es war Sir Gerard Vermilye. Sobald Urſula ſich nur Etwas erholt hatte, gingen Mr. Halifax und Lord Ravenel zuſammen nach Paris. Dies ward nicht nur nothwendig, um den Gerichten entgegen zu treten, ſondern auch um die ⸗ Spur des jungen Mannes aufzufinden, zu deſſen Geſchick wir keinen andern Leitfaden beſaßen als das weite Wort Amerika. Guy's Mutter trieb ſelbſt, daß ſie fortkamen, dieſe arme Mutter, die, eben aus dem Bette aufgeſtanden, wie ein Geiſt umherging, Treppe auf Treppe ab, überall im Hauſe, nur nicht in das eine Zimmer, das nun abermals verſchloſſen ward und die Vorhänge herabgezogen, als ob der Tod ſelbſt dort ſeinen Einzug gehalten habe. Ach, wir lernten erſt jetzt kennen, daß es bittrere Sorgen und Schmerzen giebt als den Tod. Mr. Halifax reiſ'te ab. Darauf folgte für uns eine lange Zeit ſchwülen Kummers, ob Tage oder Wochen, erinnere ich mich kaum, in der wir ganz abgeſchloſſen in Beechwood lebten, wohl wiſſend, daß unſer Name, John's fleckenloſer, ehrlicher Name, in Jedermanns Munde war, in jeder Geſellſchaft be⸗ John Halifax. vI. 3 —— ſprochen, in jeder Zeitung erörtert und getadelt wer⸗ den mußte. Walther und ich verſuchten zu Anfang, die Blätter zurückzuhalten, in der Furcht, die Mut⸗ ter könne in dieſer oder jener ſchlechten Flugſchrift die entſtellte Geſchichte ihres Sohnes finden, oder erfahren, was lange zweifelhaft blieb, daß er in ganz Frankreich und England als Mörder und Todtſchlä⸗ ger erklärt war. Aber es blieb unmöglich, ihr Etwas zu verheimlichen, ſie wollte Alles leſen und hören, Allem entgegentreten, ſelbſt jenen Nachbarn, die ohne Theilnahme und Zartgefühl nach Beechwood kamen. Freilich nur im Anfange, denn nach einiger Zeit ward ſie von Allen allein gelaſſen, außer von der kleinen Grace Oldtower. „Kommen Sie recht oft,“ hörte ich ſie zu dem jungen Mädchen ſagen, das ſie ſo lieb hatte, nach⸗ dem ſie den ganzen Morgen zuſammen geſprochen oder auch müſſig und nachdenkend neben einander geſeſſen hatten.„Kommen Sie oft, wenn es auch hier im Hauſe traurig iſt. Erſcheint es Ihnen nicht recht ſonderbar jetzt ohne Mr. Halifax?“ Freilich lag darin die Hauptveränderung, mehr noch zu Anfang als in Guy's Geſchick, denn es erſchien uns Allen noch lange wie Etwas, das wir nicht glauben konnten, wie eine Geſchichte, die man uns von einer andern Familie erzählt habe. Die gegenwärtige uns treffende Oede und Leere entſtand aus der Abweſenheit des Familienhauptes. Sonderbar genug, wenn auch durch ſeine häus⸗ lichen Gewohnheiten leicht erklärlich, war er ſelten mehr als wenige Tage vom Hauſe entfernt geweſen. Wir vermißten ihn alſo auch überall, an ſeinem Platze bei Tiſche, in ſeinem Armſtuhle am Feuer; ebenſo wie ſeinen ſchnellen Zug an der Klingel, wenn er von der Fabrik nach Hauſe kam, ſeinen Gang, ſeine Stimme, ſein Lachen. Das Leben und die Seele unſeres Hauſes ſchien von der Stunde an von uns gewichen, wo der Vater fortgereiſ't war. Ich glaube, bei der wunderbaren Fügung aller Dinge— denn wir wiſſen, daß Alles uns zum Beſten dienen ſoll— war dieſe Abweſenheit für Urſula gut. Sie lehrte ſie, daß ſie durch den Verluſt von Guy noch nicht alles Glück verloren hatte. Sie zeigte ihr, was ſie, durch die Leidenſchaft der Mutterliebe ver⸗ leitet, vielleicht vergeſſen hätte, wie es ſo manche Mutter thut, daß über aller Mutterpflicht noch dieje⸗ nige ſteht, die der Frau gebietet, ihrem Manne an⸗ zugehören; denn höher als alle Liebe iſt doch dieje⸗ 3* nige, welche ihr gehörte, ehe noch eins der Kleinen geboren war. Indem nun jeden Tag Briefe von John kamen und ſie dieſelben erwartete und ergriff, als ob es Liebesbriefe wären, ſie mit jedem Tage ſeine Abwe⸗ ſenheit ſtärker empfand und immer ſehnſüchtiger auf ſeine Rückkehr hoffte, jede Entſcheidung, jede kleine Erheiterung, die man für ſie erdachte, auf den Zeit⸗ punkt verſchob,„wenn Euer Vater nach Hauſe kommt,“ begann auch nach und nach Hoffnung und Troſt in dem Herzen der trauernden Mutter aufzudäm⸗ mern.. Und als endlich John den Tag ſeiner Ankunft beſtimmte, ſah ich, wie Urſula die kleine Anzahl ſeiner Briefe zuſammen band, dieſer Briefe, wie ſie in ihrem ganzen glücklichen Leben nur wenig ſo zärtliche, tröſtliche und ſtärkende empfangen hatte. „Ich hoffe, ich werde nicht mehr nöthig haben, noch Briefe zu bekommen,“ ſagte ſie mit einem hal⸗ ben Lächeln; dies ſchwache Lächeln, das wieder in ihrem Antlitze aufzuleben begann, erſchien mir wie ein Verſuch, als müſſe ſie ſich erſt daran gewöhnen, zur Heimkehr ihres Mannes hell zu erſcheinen. Und als der Tag nun wirklich kam, brachte ſie — das ganze Haus in die zierlichſte Ordnung, ja zog ſelbſt eines ihrer beſten Kleider an und Kitt geduldig, daß Maud ihre Haare bürſtete und in Locken ordnete. Wie weiß waren ſie in letzter Zeit ge⸗ worden! Und dann wartete ſie mit dem leichten Er⸗ röthen ihrer Wangen, wie das eines jungen Mäd⸗ chens, das auf ſeinen Geliebten hofft, auf den Laut des heranrollenden Wagens. Alles, was von Guy mitzutheilen war— und es klang beſſer als wir hoffen durften— hatte John bereits in ſeinen Briefen erzählt. Bei ſeiner Heim⸗ kehr erſchien er alſo weder durch eine noch unbekannte Sorge gedrückt, noch von der Furcht vor bittern Mittheilungen gequält. Er ſprang aus ſeinem Wa⸗ gen in voller Freude, ſeine Frau vor der Thür zu finden, und von ſeinem ganzen Hauſe mit dem Lä⸗ cheln eines glücklichen Willkommens empfangen zu werden. Es gab wohl auf Erden keinen ſchöneren Segen als dieſe Heimkehr des Vaters verbreitete. freilich bleich aus, doch nicht ange⸗ griffener als man erwarten mußte. Ernſt natür⸗ lich auch, aber ein ſanfter Ernſt, fern von aller Un⸗ ruhe einer zerreißenden Angſt. Der erſte Stoß die⸗ ſes ſchweren Unglücks war überwunden. Er hatte — alle Schulden ſeines Sohnes bezahlt, ſeinen guten Namen gerettet, ſo weit es möglich war, dem Jüng⸗ linge eine ſichere Heimath bereitet und die Nachricht ſeiner glücklichen Ankunft in der neuen Welt erhal⸗ ten. Es blieb Nichts mehr zu thun übrig als den unvermeidlichen Gram ſtill in ſich zu verbergen, und zu hoffen, daß die lindernde Zeit die ſo ſchwer zu ertragende Schande auslöſchen werde, und daß, nach⸗ dem Guy's Hand rein von Blut geblieben, und Sir Gerard Vermilhe ſeit ſeiner Herſtellung ein wahrer Held der Geſellſchaft geworden war, die Menſchen nach und nach die Erinnerung einer That verlieren möchten, die in der Hitze der Jugend begangen, und durch ſo bittete Reue gebüßt ward. So nahm der Vater ſeinen alten Platz wieder ein und ſah zwar ernſthaft auf die ihm gebliebenen Kinder, doch durch kein unheilbares Leiden niederge⸗ drückt. Es ſchien, noch etwas Tieferes als die eben durchlebte Zeit mache ihm ſeine Heimath werther denn je. In ſeinen Armſtuhl zurückgelehnt ward, er nicht müde, Alles und Jedes zu bemerken, was ihn angenehm berührte, und immer zu wiederholen, wie. hübſch Beechwood ſei, und wie lieblich es wäre, ſich wieder zu Hauſe zu befinden. Ebenſo ergriff er ſtets gleich wieder Urſula's Hand, wenn ſie dieſe durch irgend einen Zufall aus der ſeinigen zog, und in dem Augenblicke, wo ſie ihren Platz an ſeiner Seite verließ, erklang ſtets ſeine Frage:„Liebe, wo gehſt Du hin?“ und er rief ſie zurück. Ja, einſt als alle Kinder das Zimmer verlaſſen hatten und ich in einer dunkeln Ecke ſaß, und ſo wahrſcheinlich nicht bemerkt ward, ſah ich, wie John das Geſicht ſeiner Frau zwiſchen beide Hände nahm, ſie mit dem zärtlichſten Blicke lange, lange und betrübt anſchaute und ſie dann innig an ſeine Bruſt zog. „Ich will mich nie wieder von Dir trennen! Du mein Eigen, ſo lange ich lebe. Nein! Meine Frau, meine Urſula!“ Sie nahm das ganz natürlich auf, ſo wie ſie ſeit neunundzwanzig Jahren jeden Ausdruck der Liebe empfangen hatte. Ich verließ ſie, ſich Auge in Auge, Herz an Herz gegenüber ſtehend, als ob ſie Nichts auf dieſer Welt je ſcheiden könnte. Der nächſte Morgen war ſo heiter, wie alle unſre Morgen gewöhnlich anbrachen, denn noch vor dem Frühſtücke kamen Edwin und Louiſe, und nach demſelben gingen Vater, Mutter und ich wohl über eine Stunde in dem Garten auf und ab, uns über die Lebensausſichten des jungen Paares unterhaltend. Dann kam die Poſt; doch hatten wir keine Urſache mehr, ſie beſonders zu erwarten, ſie brachte auch nur einen Brief von Lord Ravenel. John las ihn mit einer etwas ernſteren Miene, wie er ſonſt dieſe Briefe empfing, die während des letzten Jahres oft genug einliefen, und die eben ſo oft den Spott der Knaben wie die heftige Vertheidi⸗ gung Maud's wegen der zarten kleinen Handſchrift hervorriefen als wegen des beſonders ſchönen Papiers und des vornehmen Baronetſiegels mit der Krone. John fowohl wie ſeine Frau empfingen ſie gern; ſie waren nicht gleichgiltig gegen dieſen Beweis, der durch manche andere Thatſache verſtärkt ward, daß Mr. Halifax der einzige Menſch ſei, den Lord Ravenel wirklich achtete und bewunderte. Doch ſchien dies Mal ihr Vergnügen etwas gedämpft, und als Maud wie gewöhnlich den Brief verlangte, und ganz ent⸗ zückt die Nachricht verbreitete, daß„ihr“ Lord Ra⸗ venel in kurzer Zeit wiederkommen werde, erſchien es mir, als ſei ihnen dieſer Beſuch nicht ſo willkommen als gewöhnlich. Doch jetzt ſowohl als früher, noch ehe Mr.— Halifax den Brief beendigt hatte, ſeufzte er, ſah ſich — betrübt um, und wiederholte nur:„Armer Lord Ravenel!“ „John!“ frug ſeine Frau leiſe flüſternd, denn es ſchien eine ſtillſchweigende Uebereinkunft, jede An⸗ ſpielung auf den Pariſer Aufenthalt in Gegenwart der Familie zu vermeiden,„haſt Du durch irgend einen Zufall Etwas von ihr gehört?— Du weißt, wen ich meine?“ „Richt eine Sylbe.“ „Du erkundigteſt Dich aber doch?“— Er be⸗ jah'te es. „Ich wußte es wohl. Sie muß beinahe eine alte Frau ſein, oder vielleicht iſt ſie ſchon todt. Arme Caroline!“ Es war das erſte Mal ſeit vielen, vielen Jah⸗ ren, daß dieſer Name wieder in unſerm Hauſe ge⸗ nannt ward. Unwillkürlich rief er mir— und vielleicht Andern auch— den Tag in Longfield zurück, wo Guy ſich der„hübſchen Lady“ gänz⸗ lich gewidmet hatte, und wo wir zum erſten Male den andern Namen hörten, der durch eine ſonderbare Verkettung der Umſtände ſo unglücklich für uns ge⸗ worden war, daß er unſerer Familie wie eine Todten⸗ glocke klang, den des Mr. George Vermilye. Die Wiedererſcheinung des Lord Ravenel in Beechwood— und er ſchien mit eben ſo großem Eifer als Vergnügen zu kommen— verleitete mich oft, ihn weit fort von uns zu wünſchen, denn er ſetzte nie einen Fuß über unſre Schwelle, ohne daß ein trüber Schatten ſich auf der Stirn unſerer El— tern zeigte, und das war wohl kein Wunder. Die jungen Leute empfingen ihn dagegen immer gern und waren freundlich und heiter wie immer, ſo daß er täglich von dem verödeten, lange unbewohnten Luxmore zu uns herüber ritt, wo er trotz aller Ein⸗ ſamkeit doch gern zu verweilen ſchien. Eines Tages wünſchte er Maud und Walther mit ſich hinüber zu nehmen, um ihnen mehrere herr⸗ liche Föhren zu zeigen, die bei der einträglichen Aus⸗ rottung mit abgehauen waren, und das ſchöne alte Schloß ſo nackt daſtehen ließen, wie das erſte beſte Arbeitshaus. Aber der Vater machte Einwendun⸗ gen; es war ſichtlich, daß er die Gaſtfreundſchaft zwiſchen Luxmore und Beechwood nur von dem letzt⸗ genannten Orte ausgeübt zu ſehen wünſchte. Lord Ravenel bemerkte das auch ſehr gut. „Luxmore iſt aber nicht Compiegne,“ ſagte er, ſich mit ſeinem trocknen, halb trüben halb cyniſchen Lächeln — 1 zu mir wendend.„Mr. Halifax könnte mir immer die Geſellſchaft ſeiner Kinder erlauben.“ Und als er ſo im Graſe lag— es war hoher Sommer— Maud's weißes Kleid zwiſchen den Bäumen verfolgend, entdeckte ich— oder bildete es mir ein— etwas ganz Verſchiedenes von jedem früheren Ausdrucke, der das ſanfte, matte Geſicht William Lord Ravenel's bis dahin erhellt hatte. „Wie groß das Kind in letzter Zeit geworden iſt! Ich denke, ſie iſt ohngefähr neunzehn Jahre, nicht wahr?“ „Noch nicht ſiebzehn.“ „Ach! ſo jung?— Nun, es iſt hübſch. jung zu ſein. Liebe kleine Maud!“ Er wendete ſich nach der andern Seite um, mit ſeinen zarten Händen die Augen vor der Sonne ſchützend, dieſe ſeltenen ſchönen Hände, über die unſere Knaben manchmal gelacht hatten, verſichernd, es ſeien eher Frauenhände, die ſich zu keiner Arbeit paßten. Lord Ravenel ſelbſt mochte die Wolke fühlen, die ſich auf unſern Verkehr gelagert hatte, ein Schat⸗ ten, der in Betracht der letzten Ereigniſſe kommen mußte, ja natürlich zu nennen war; denn als ſich — der Abend nun nah'te, ſchien ihm ſein Abſchied zwar wie immer ſchwer, aber jetzt ſo ſchmerzlich zu wer⸗ den, wie es überhaupt ſeine blafirte Gleichgiltigkeit gegen alle Empfindungen, angenehme oder unange⸗ nehme, nur geſtattete. Er wartete, zögerte, wieder⸗ holte zu verſchiedenen Malen, wie glücklich es ihn machen würde, Beechwood wiederzuſehen, wie die ganze Welt, außer Beechwood, ihm ſchaal, veraltet und unnütz erſcheine. John ließ dieſe Bemerkung unbeantwortet, doch lag in ſeinem Geſichte jenes offene Lächeln, mit einer gewiſſen freundlichen Satyre gemiſcht, vor dem des jungen Edelmanns Byron'ſche Nachahmungen ſtets wie Nebel vor der Morgenſonne zerrannen, und Wärme, ja eine friſche Männlichkeit hervortrat, „Ich danke Ihnen herzlich, Mr. Halifax; herzlich für Alles, was Sie und Ihre Familie für mich ge⸗ weſen ſind. Ich hoffe, ich darf mich Ihrer Freund⸗ ſchaft noch manches Jahr erfreuen. Und könnte ich Ihnen auf irgend eine Weiſe die meinige anbieten oder Ihnen durch meinen geringen Einfluß in der Welt nützlich werden—“ „Ihr Einfluß iſt nicht gering,“ fiel John ernſt⸗ haft ein.„Ich habe Ihnen das ſchon oft geſagt, und wirklich, ich kenne wenig Menſchen, denen grö⸗ ßere Gelegenheit dazu geboten wird.“ „Aber ich habe ſie mir entgleiten laſſen, und vielleicht für immer.“ „Nicht für immer. Sie ſind noch jung und haben eine halbe Lebenszeit vor ſich.“ „Wäre ich das wirklich?“ Und in dieſem Augen⸗ blicke hätte man wohl kaum das bleiche, lebloſe Antlitz wiedergekannt, das trotz aller Zartheit des Jünglingsalters doch zu Zeiten ſo entſetzlich alt aus⸗ ſah.„Rein, nein, Mr. Halifax, wer hörte wohl je von dem Beginne eines Lebens bei ſiebenunddreißig Jahren?“ „Sind Sie wirklich ſiebenunddreißig Jahre?“ frug Maud. „Ja, ja, mein Kind. Iſt das ſo ſehr alt?“ Er klopfte ihr auf die Schulter, nahm ihre Hand, betrachtete dieſe runde, roſige Mädchenhand mit einer trübſinnigen Zärtlichkeit, ſagte uns dann im Allgemeinen Lebewohl und ritt fort. Es wunderte mich damals, obgleich ich dem Gedanken auswich; doch auch ſpäter und heute noch überraſcht es mich immer von Neuem, wie ſonderbar es war, daß die Mutter weder Acht darauf hatte, noch gewiſſe Möglichkeiten zu berechnen ſchien, die jeder andern weltlichen Mutter als ganz natürlich vorgekommen wären. Ich kann dies mir nur durch die große Abgeſchloſſenheit unſeres Lebens in Beech⸗ wood erklären, durch die ſchweren Sorgen, die uns von Außen drückten, und durch die anerkannte Wahr⸗ heit, die unſere Familienerfahrung uns wohl am allerbeſten hätte lehren ſollen, es aber dennoch nicht that, daß in dergleichen Fällen diejenigen, welche man für die Erfahrenſten und Umſichtigſten hält, oft gerade in der allerſonderbarſten, traurigſten und entſetzlichſten Weiſe verblendet ſind. Als nun am andern Tage Lord Ravenel nicht zu Pferde, ſondern in ſeinem ſelten gebrauchten eleganten, mit einem Wappen geſchmückten Wagen in Beechwood vorfuhr, waren Alle— ich ausge⸗ nommen— ſehr erſtaunt, ihn wieder ankommen zu ſehen. Er gab vor, ſeine Abreiſe nach Paris aufge⸗ ſchoben zu haben, ohne aber dafür einen Grund anzugeben. Er theilte unſern Mittagstiſch, wie ge⸗ wöhnlich, und nach dem Eſſen ebenfalls nach alter Gewohnheit meinen und Maud's Spaziergang. Wir nahmen zufällig den Weg durch den Buchenwald, und zwar beinahe denſelben, den ich mich erinnerte vor langen Jahren mit John und Urſula gegangen zu ſein. Es überraſchte mich, Lord Ravenel darauf eine Anſpielung machen zu hören, auf ein Erlebniß, das freilich in unſerer Familie ſehr bekannt war; denn ich glaube, alle Eltern erzählen und alle Kinder hören gern von den Zeiten, wo Vater und Mutter ſich zu lieben anfingen. „Sie kannten weder Vater noch Mutter in ihrer Jugend?“ frug Maud, unſerer Unterhaltung folgend, und ihr hübſches unſchuldiges Geſichtchen plötzlich nach uns umwendend. „Nein, kaum möglich.“ Und er lächelte.„Ach doch— es kann ſein— ich vergeſſe, daß ich jetzt kein ſehr iunger Mann mehr bin. Wie alt waren Mr. und Mrß. Halifax, als ſie ſich heiratheten?“ „Vater war einundzwanzig Jahre, und die Mut⸗ ter achtzehn, nur ein Jahr älter wie ich.“ Und halb beſchämt über dieſe bezügliche Bemerkung lief Maud davon. Ihre heitere Unſchuld bewies mir und auch wohl meinem Nachbar des Mädchens gänzliche Her⸗ zensunbefangenheit. Die offenſte Kinder⸗Unſchuld war noch ihr Eigenthum. Lord Ravenel ſah ihr nach und ſeufzte.„Es iſt ein Glück, früh zu heirathen. Finden Sie das nicht, Mr. Fletcher?“ Ich verſicherte ihm— worüber ich mir ſogleich, nachdem ich es geſagt hatte, Vorwürfe machte, inſo⸗ weit man es thun darf, wenn man eine Frage nach eigener wahrſter Ueberzeugung beantwortet— ich verſicherte ihm alſo, daß ich diejenigen für glücklich hielte, die früh ihre Befriedigung fänden, und daß ich nicht einzuſehen vermöchte, weßhalb man ſein Glück ausſchlagen ſollte, nur weil man ſich einbildet, es nach dem Willen der Vorſehung erſt ſpäter genie⸗ ßen zu müſſen. „Es ſoll mich wundern,“ ſagte er träumend, „ob ich es je finden werde.“ Ich frug, durch einen unwiderſtehlichen Impuls getrieben, warum er nicht geheirathet habe? „Weil ich nie eine Frau fand, die ich lieben, der ich glauben konnte. Und was noch ſchlimmer iſt,“ ſetzte er mit großer Bitterkeit hinzu,„ich kann mir nicht denken, daß es eine Frau giebt, der man vertrauen kann.“ Wir verließen in dieſem Augenblicke den Buchen⸗ wald und ſtanden an der niedrigen Kirchhofsmauer; — die Sonne glänzte auf den weißen Marmorſteinen, wo man die Worte las„Muriel Joy Halifax.“ Lord Ravenel lehnte ſich über die Mauer, ſeine Augen feſt auf das kleine Grab gerichtet. Nach einer Pauſe ſagte er ſeufzend: „Wiſſen Sie wohl, daß ich oft gedacht habe, wäre ſie leben geblieben, hätte ich ſie lieben, ja hei⸗ rathen können— dies Kind!“ Hier kam Maud auf uns zugeſprungen. In ihrer kindlichen Tyrannei, die ſie gern ihm gegen⸗ über ausübte und der er ſich gern unterwarf, drang ſie darauf, zu wiſſen, worüber Lord Ravenel eben geſprochen habe. „Ich ſagte,“ antwortete Lord Ravenel, ihre beiden Hände feſthaltend, und in ihr helles, unbefan⸗ genes Auge blickend,„wie zärtlich ich Ihre Schweſter Muriel geliebt hätte.“ „Das weiß ich!“ und Maud ward plötzlich ernſt.„Ich weiß auch, daß Sie mir gut ſind, weil ich meiner Schweſter gleiche.“ „Und wenn dem ſo wäre, würde es Sie erfreuen oder betrüben?“. „Oh, erfreuen, und mich ſtolz machen! Aber John Halifax. vl. 4 . —— Sie ſagten noch etwas mehr oder waren im Begriff, es zu thun. Was war das?“ Er zögerte lange, dann antwortete er:„Das will ich Ihnen ein anderes Mal ſagen.“ Maud wandte ſich unbefriedigt, beinahe ärgerlich ab, aber ſichtlich Nichts weiter bemerkend. Ich in⸗ deſſen ward über ſie und Lord Ravenel ernſtlich beſorgt. Es giebt unter allen Arten der Liebe eine, die ſowohl in der gewöhnlichen Meinung wie in der Poeſie übel berüchtigt iſt, für unwahrſcheinlich und lächerlich gilt, die mir aber dennoch eben ſo möglich als erhaben vorkommt, ich meine die Liebe, die ſich trotz der Verſchiedenheit des Alters bildet. Ach, es giebt wahrlich wenig rührendere Fälle voll tieferen Ernſtes als die Liebe eines alten Mannes für ein junges Mädchen. Lord Ravenel's Verhältniß konnte wohl kaum zu dieſer Kategorie gezählt werden, aber die Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen ſiebzehn und ſiebenunddreißig Jahren war immer hinlänglich genug, um ihn zu einer gewiſſen zitternden Unſicherheit zu berechtigen. und ſich mit beſonderer Aengſtlichkeit an die Grenze der ſchwindenden Jugend feſtzuhalten, deren Werth er wohl nie ſo erkannt hatte als jetzt. Es war nicht ohne ein ſchmerzliches Intereſſe, daß ich ihn beobach⸗ tete, wenn er dem Kinde folgte, ihr Sträuße binden half, mit ihr die Blumen begoß und ſich in alle ihre kleinen Einfälle, ja Eigenheiten fügte, deren WMiß Maud als die Jüngſte und Verzogenſte ein gutes Theil beſaß. Als die gewöhnliche Stunde neun Uhr ſchlug, wo die kleine Dame aufgefordert ward, zu Bette zu gehen,„um ſich die Roſen ihrer Jugend zu erhalten,“ ſah er halb vorwurfsvoll bei der Mutter Ein⸗ miſchung auf. „Maud iſt kein Kind mehr; und dies iſt viel⸗ leicht mein letzter Abend—“ er ſtockte, von der unwillkürlichen Prophezeihung erſchüttert. „Ihr letzter Abend? Unſinn! Sie werden recht bald wiederkehren. Sie müſſen es und ſollen es!“ rief Maud mit großer Beſtimmtheit. Ich hoffe, ich werde es können, ich will auf Gott vertrauen!“ Er ſprach leiſe und hielt ihre Hand in achtungs⸗ voller Entfernung, ſie aber nicht küſſend, wie er ſonſt immer bei jedem Abſchiede gethan hatte. „Maud, vergeſſen Sie mich nicht. Wann und 4* wie ich heimkehren mag, liebes, theuerſtes Kind, bleiben Sie ſich gleich und vergeſſen mich nicht!“ Maud konnte das Schluchzen ihres kindlichen Schmerzes nicht überwinden und flog zum Zimmer hinaus, die Mutter hielt dies zum Theil für Aerger und entſchuldigte ihres Kindes Unart oberhin bei dem Gaſte. Lord Ravenel ſaß eine lange, lange Zeit ſchwei⸗ gend da. Als wir glaubten, er werde ſich entfernen, ſagte er plötzlich:„Mr. Halifax, darf ich Sie um fünf Minuten in Ihrer Bibliothek bitten? 2 Die fünf Minuten wurden zu einer halben Stunde. Mrß. Halifax konnte nicht begreifen, was in aller Welt ſie zu ſprechen hätten. Ich ſchwieg. Zuletzt kehrte der Vater allein zurück. „John, iſt Lord Ravenel fort?“ „Noch nicht.“ „Was konnte er Dir zu ſagen haben?“ John ſetzte ſich neben ſeiner Frau nieder, nahm den Knäuel ihres Strickzeuges, wickelte den Faden ab, um ihn dann wieder aufzuwickeln. Sie bemerkt ſogleich, daß ihn Etwas ſehr überraſcht und — hatte. Ihr Herz zog ſich zuſammen, dies zarte, reizbare Herz erbebte in einer natürlichen Angſt. „O, Mann! iſt es ein neues Unglück?“ „Nein, Liebe,“ ermunterte er ſie lächelnd, „Nichts, was Vater und Mutter im Allgemeinen dafür anſehen können. Er hat bei mir um unſere Maud angehalten.“ „Was! wozu?“ lautete der Mutter erſte einfache Frage, und dann die Antwort errathend:„Unmög⸗ lich! lächerlich, ganz lächerlich! ſie iſt ja noch ein Kind!“ „Demungeachtet wünſcht Lord Ravenel unſere kleine Maud zu heirathen.“ „Lord Ravenel wünſcht unſere kleine Maud zu heirathen!“ Mehr wie ein Mal wiederholte Mrß. Halifar dieſe Worte für ſich hin, ehe ſie an die Wahrheit derſelben glauben konnte. Und als ſie dieſe begriff, brachte der erſte Eindruck derſelben ihrer Seele nur Schmerz. „Ach, John, ich hoffte, wir hätten dieſe Ange⸗ legenheiten abgethan; ich dachte, wir würden von unſeren übrigen Kindern davor Frieden haben!“ John lächelte wieder, denn es lag in ihrer Auffaſſung dieſes Gegenſtandes wirklich etwas Ko⸗ miſches; doch der Ernſt deſſelben kehrte bald zurück, und doppelt, als Beide, ihre Augen aufſchlagend, Lord Ravenel vor ſich ſtehen ſahen. Zuerſt erſchien ſeine Haltung feſter und kräftiger als ſonſt, ja, es lag Etwas von dem ſtattlichen vornehmen Weſen ſeines Vaters darin, doch mit einem ritterlichen zarten Anfluge gemiſcht, der ihn ſich nähern ließ, um die Hand von Maud's Mutter zu küſſen. „Mr. Halifax wird Ihnen Alles mitgetheilt haben?“ „Das hat er.“ „Dann darf ich wohl im vollſten Vertrauen zu Ihnen Beiden meine Antwort abwarten?“ Er harrte denn auch geduldig genug und ſchein⸗ bar in geringem Grade über den Ausgang derſelben zweifelhaft. Ueberdem war es ja nur die erſte Frage nach der Zuſtimmung der Eltern und nicht der Hauptpunkt, ob Maud ihn wähle. Und bei all' ſeiner natürlichen Beſcheidenheit mußte man es Lord Ravenel, dem in der großen Welt Erzogenen, wohl verzeihen, daß er ſich ſeiner Stellung bewußt— war; fühlend, er trete nicht nur als William Ravenel auf, ſondern der einzige Sohn und Erbe des Lord Luxmore ſtehe hier als Bewerber. Erſt nach einer längern Pauſe, in welcher Mann und Frau kaum einige Worte flüſterten, da ſie einander zu wohl kannten, als daß eine Be⸗ ſprechung nöthig geweſen wäre, bat der Bewerber in einer noch förmlichern Weiſe abermals um eine Antwort. „Sie iſt ſchwierig auszuſprechen. Denn meine Frau ſowohl als ich bekennen, gänzlich im Dunkeln über Ihre Gefühle zu ſein. Der plötzliche Entſchluß—“ „Verzeihen Sie, meine Abſichten ſind durchaus nicht plötzlich entſtanden. Sie haben ſich ſeit Mo⸗ naten, ja, ich möchte ſagen, ſeit Jahren, in mir entwickelt.“ „So muß es uns um ſo mehr betrüben.“ „Betrüben?“ Lord Ravenel's außerordentliche Ueberraſchung riß ihn aus der Stellung des Bewerbers in die des Liebenden; er blickte in ſichtlicher Beſorgniß von Einem zum Andern. John zögerte, die Mutter ließ Etwas von der großen Bwiiepenheit zwiſchen Beiden fallen. „Sie meinen im Alter? ich weiß es wohl,“ —— antwortete er traurig.„Aber zwanzig Jahre ſind doch kein unüberwindliches Hinderniß für eine Heirath.“ „Nein,“ verſicherte Mr. Halifax. „Und was jegliche andere Verſchiedenheit betrifft ſowohl im Vermögen wie im Rang—“ „Ich denke, Lord Ravenel!“ fiel die Mutter mit ihrem würdigen Tone ein,„Sie kennen den Charakter und die Grundſätze meines Mannes genug, um zu wiſſen, wie gering er eine Verſchie⸗ denheit der Art achtet, wenn Sie ſich auf diejenige beziehen, die man zwiſchen dem Sohne des Earl von Luxmore und der Tochter von John Balifeh vorausſetzt.“ Der junge vornehme Mann erröthete in unbe⸗ fangener Scham über das, was er angedeutet hatte. „Das freut mich! und ſeien Sie verſichert, daß ſich von meiner Familie auch kein Hinderniß entgegen⸗ ſtellen wird. Der Earl hat lange mich zu verhei⸗ rathen gewünſcht, weiß aber auch ſehr gut, daß ich heirathen kann, wenn ich will, und nur aus Liebe eine Verbindung ſchließen werde. Geben Sie mir alſo nur Ihre S Ihre Reine Maud zu ge⸗ winnen!“. —— Es erfolgte ein tödliches Schweigen. „Nochmals bitte ich um Verzeihung!“ nahm Lord Ravenel nicht ohne eine gewiſſe hauteur das Wort;„ich muß mich nicht klar ausgedrückt haben; geſtatten Sie, Mr. Halifax, daß ich Sie um die Erlaubniß bitte, mir die Neigung und nach gehö⸗ riger Zeit die Hand Ihrer Tochter gewinnen zu dürfen.“ „Ich wünſchte, Sie verlangten von mir irgend Etwas, das mir nicht ſo unmöglich wäre, zu erfüllen.“ „Unmöglich? was meinen Sie damit, Mrß. Halifax?“ er wandte ſich inſtinetmäßig zur Frau, zur Mutter. Urſula's Augen trugen den Ausdruck der ſchmerz⸗ lichſten Freundlichkeit, eines Wohlwollens, das jede Mutter für Den empfinden muß, der redlich um ihre Tochter wirbt; doch erwiderte ſie deutlich: „Ich muß mit meinem Manne gleich empfinden und eine ſolche Heirath für unmöglich halten.“ Lord Ravenel ward ſcharlachroth, ſetzte ſich, ſtand wieder auf und ſtellte ſich bleich und ſtolz vor ſie hin. „Darf ich um Ihre Gründe fragen?“ — „Wenn Sie ſie zu wiſſen wünſchen, gewiß,“ erwiderte John.„Obgleich ich, ſeien Sie deſſen gewiß, es nur mit dem tiefſten Schmerze thue. Lord Ravenel, ſehen Sie nicht ſelbſt, daß unſere Maud—“ „Warten Sie einen Augenblick,“ unterbrach er ihn.„Es iſt doch nicht etwa eine frühere Neigung? nein! es kann nicht ſein!“ Dieſe Vorausſetzung rief bei den Eltern ein Lächeln hervor.„Wahrhaftig Richts der Art, ſie iſt noch ein reines Kind.“ „So halten Sie ſie alſo noch für zu jung zum Heirathen?“ rief er eifrig.„Gut, es mag ſein! Ich will warten, obgleich meine Jugend mich leider immer mehr verläßt, doch will ich warten, zwei, drei Jahre, ſo lange Sie es wünſchen.“ John hatte nicht nöthig, zu antworten. Der Kummer über ſeine Entſcheidung zeigte genugſam, wie unvermeidlich und unwiderruflich ſie ihm war. Lord Ravenel's Stolz erhob ſich.„Würde es für Ihre Tochter ein ſo großes Unglück ſein, wenn ich ſie zuerſt zur Vicomteſſe Ravenel und nachher zur Gräfin von Luxmore machte?“ „Ich muß es glauben. Ihre Mutter ſowohl 59— . als ich würden unſere kleine Maud lieber an der Seite ihrer Schweſter Muriel liegend wiſſen, denn ſie als Gräfin von Luxmore zu ſehen.“ So hart dieſe Worte auch waren, ſo ſprach ſie John doch ſo leiſe und mit dem Ausdrucke des tief⸗ ſten Kummers und Schmerzes aus, daß ſie den jungen Mann nicht mit Aerger, ſondern mit einer Art Ehrfurcht erfüllten, ſo, als ob der Geiſt ſeiner Jugend, ſeiner vergeudeten Jugend, emporgeſtiegen wäre, um dieſe Wahrheit darzulegen, und ihm zu zeigen, daß alles Dies, was Beleidigung und Rache zu ſein ſchien, nur die bitterſte Nothwendigkeit war. Er konnte nur in einer beſcheidenen Weiſe die Worte hervorbringen:„Ihre Gründe?“ „Ach, Lord Ravenel!“ antwortete John betrübt, „erkennen Sie nicht ſelbſt, daß die Entfernung zwiſchen uns ſo groß iſt wie die der beiden Pole? Nicht in weltlicher Beziehung, ſondern in tiefern Dingen, in perſönlichen Verhältniſſen, die an der Wurzel der Liebe, der Familie, ja, der Ehre nagen.“ Lord Ravenel erſchrakl.„Wollen Sie damit ſagen, daß Etwas in meinem vergangenen Leben liegt, richtungslos und unnütz, wie es geweſen ſein — mag, was meiner Ehre oder der Ehre unſeres Hauſes unwerth ſei?“ Bei dieſen Worten ſtockte er und ſchwieg unwill⸗ kürlich, als ob der Laut derſelben ihm erſt klar mache, wie im Vergleich mit der unbefleckten Würde dieſes Geſchäftsmannes, der untadelhaften Reinheit ſeiner Tochter, die flitterhafte Wappenpracht der ſogenannten Ehre des Hauſes Luxmore Richts als ein zerriſſener Fetzen ſei, den der erſte tüchtige Sturm niederreißen mußte. „Ich verſtehe Sie jetzt.„Die Sünden der Väter ſollen an den Kindern heimgeſucht werden,“ wie Ihre Bibel ſagt, Ihre Bibel, an die ich halb und halb zu glauben beginne. Mag es ſo ſein! Mr. Halifax, ich will Sie nicht länger aufhalten.“ John verhinderte des jungen Mannes eiliges Fortgehen. „Nein, Sie verſtehen mich nicht richtig. Ich halte Niemand für die Fehler und Verirrungen Anderer für verantwortlich, ſondern nur für die eigenen.“ „So muß ich alſo daraus ſchließen, daß es meine eigene Perſon iſt, der Sie Ihre Tochter nicht geben wollen?“ „So iſt es.“ Lord Ravenel verbeugte ſich abermals mit einer ſpöttiſchen Förmlichkeit. „Ich bitte Sie, keinen falſchen Schluß zu ziehen,“ fuhr John ſehr ernſt fort.„Ich kenne Richts in Ihnen, was die Welt verdammen müßte, ja, Vieles, was zu bewundern iſt; aber Ihre Welt iſt nicht unſere Welt, noch Ihre Gewohnheiten die unſrigen. Wenn ich Ihnen alſo meine kleine Maud gäbe, ſo würde Ihnen das kein dauerndes Glück gewähren, mein Kind aber, mein eigen Fleiſch und Blut, an den Rand jenes Strudels bringen, in dem ſpäter oder früher jedes arme Leben untergehen muß.“ Lord Ravenel antwortete nicht. Seine neu erwachte Energie, ſein Stolz, ſein Spott, Alles war nach und nach verſchwunden; ſeine tödtende, unthä⸗ tige Melancholie hatte wieder ihre Macht über ihn ausgebreitet. Mr. Halifar betrachtete ihn mit einer kummervollen Theilnahme. „O, hätte ich das nur vorausgeſehen! Die Größe von ganz England würde ich zwiſchen Sie und mein Kind geſchoben haben.“ „Hätten Sie das thun wollen?“ „Verſtehen Sie mich recht. Nicht weil Sie unſer warmes Intereſſe, unſere Freundſchaft nicht — etwa beſäßen, denn Beides wird Ihnen immer ge⸗ hören. Aber das ſind äußere Bande, die bei großer Verſchiedenheit dennoch beſtehen können. Aber in der Ehe muß vollkommene Einheit und Einigkeit herrſchen; einerlei Richtung, ein Glaube, die gleiche Liebe, oder die Ehe bleibt unvollkommen, iſt nichts Heiliges, ſondern wird nur ein weltlicher Contract, weiter Nichts.“ Lord Ravenel hörte dieſen Grundſätzen erſtaunt zu, ſetzte ſich dann nieder und ſah nachdenklich vor ſich hin. „Ja, Sie mögen Recht haben,“ ſagte er endlich. „Ihre Maud iſt nicht für Einen meines Gleichen gemacht; was ſagt die alte Mythe? ich vergaß es. Che sarà sarà! Ich bin nicht mehr als Andere; ich bin nur das, wozu ich geboren bin.“ „Haben Sie auch wohl erkannt, wozu Sie geboren ſind? Nicht nur zu einem vornehmen Manne, ſondern zu einem wahrhaften Edelmanne; nicht allein zum Edelmanne, ſondern zum Manne, einem Manne, dem Ebenbilde Gottes. Wie können und dürfen Sie Ihrem Schöpfer die Schuld auf⸗ bürden?“ — „Was hat Er mir gegeben? was habe ich Ihm zu danken?“ „Erſtlich überhaupt, Menſch zu ſein; die Menſch⸗ heit, welche Sein eigner Sohn nicht verſchmähte, an ſich zu tragen; dann irdiſche Gaben, wie Rang, Reichthum, Einfluß— Dinge, wofür Andere ein. halbes Leben lang arbeiten müſſen, um ſie zu ge⸗ winnen; und außerdem ſind Sie durch Kummer geprüft, haben Weisheit gelernt und Erfahrung geſammelt. Wollte Gott, daß meine armen Worte Ihnen das Gefühl von Dem geben könnten, was Ihnen Gott gab und was Sie daraus gewinnen ſollten!“ Ein Strahl, hell wie eines Knaben Hoffnung, und kühn wie eines Jünglings Wollen, brach aus jenen matten Augen, und verſchwand. „Sie ſprechen von dem, was ich hätte ſein können; Mr. Halifax. Nur iſt es jetzt zu ſpät.“ „Zu ſpät! iſt ein Wort, das es weder in der ganzen weiten Welt, noch in dem Univerſum giebt. Wie dürfen wir alſo, deren Atom von Zeit nur ein Theil der großen, ſtets gegenwärtigen Ewigkeit iſt. wie dürfen wir es wagen, ſo lange wir leben, oder —— ſelbſt am Ende unſeres Daſeins dem Einen, Ewigen zuzurufen:„Es iſt zu ſpät. Indem John in größerer Erregtheit als ihm ſonſt eigen war, geſprochen hatte, überflog ihn eine plötzliche, oder vielmehr krampfhafte Röthe, die eben ſo ſchnell verſchwand und ihn bis zu den Lippen erbleichen ließ. Er ſetzte ſich ſchnell hin und blieb in der ihm gewöhnlichen Stellung, den linken Arm gegen die Bruſt gepreßt, ſitzen. Mit ſchwacher Stimme, als ob das Sprechen ihm ſchwer werde, begann er:„Lord Ravenel!“ Der Andere ſah mit dem Blicke der alten ach⸗ tungsvollen Aufmerkſamkeit zu ihm auf, der mich lebhaft an den Blick des Lords als Kind erinnerte, das uns in Norton Bury beſuchte, ſo wie an den jungen Anſelmo, deſſen enthuſiaſtiſche Heldenver⸗ ehrung ihn mit einem ſo blinden Vertrauen an Muriel's Vater gefeſſelt hatte. „Lord Ravenel! verzeihen Sie, wenn ich irgend Etwas geſagt habe, was Sie verletzt hat. Es ſollte mir unausſprechlich leid thun, wenn wir uns nicht als Freunde trennten.“ „Trennten?“ „Wir müſſen es für einige Zeit. Ich darf jetzt . 8 weder meines Kindes noch Ihre Glückſeligkeit länger auf das Spiel ſetzen.“ „Nein, die ihrige ja nicht! Bewahren Sie ihr dieſe, ich tadle ſie nicht. Das unſchuldige, liebliche Kind! Gott behüte ſie, daß ſie nie ein Leben wie das meinige kennen lernt!“ Er ſaß ſtumm da, ſeine gefalteten Hände matt herabhängend, ſein Ausdruck träumeriſch; ja er ſchien mir mehr als hoffnungslos zu ſein; dann ſprang er mit einer plötzlichen Gewalt auf. „Ich muß nun gehen.“ Sich Mrß. Halifax nähernd, dankte er ihr in großer Bewegung für alle ihre Güte. „Ihrem Manne freilich verdanke ich mehr als das, wie ich es ihm vielleicht eines Tages beweiſen kann. Wenn man auch nicht immer das Beſte von mir glaubt, ſo können Sie mir doch vertrauen. Leben Sie wohl!“ Beide ſagten ihm Lebewohl und baten Gott um ſeinen Segen mit einer kaum geringern Zärt⸗ lichkeit, als wenn die Dinge ſeinem Wunſche gemäß geendigt hätten, und ihm, anſtatt dieſes Abſchiedes, der viel trüber und unſicherer als alle frühern John Halifar. vI. 5 — war, das elterliche Willkommen als neuerwählter Sohn geworden wäre. Ehe Lord Ravenel uns ganz verließ, wandte er ſich noch ein Mal kummervoll und zögernd mit den Worten zu John: „Wenn ſie, wenn das Kind nach mir fragen oder ſich über meine ſchnelle Abreiſe wundern ſollte, denn ſie iſt mir in ihrer unſchuldigen Weiſe gut, dann werden Sie ihr doch— was wollen Sie ihr dann ſagen?“ „Nichts, das iſt das Beſte.“ „Gewiß, das iſt es, das iſt es.“ Er gab uns allen Dreien die Hand, ohne irgend Etwas zu ſagen; dann rollte der Wagen von dannen und wir ſahen ſein Antlitz, dies bleiche, ſchöne, melancholiſche Antlitz nicht mehr. Es währte viele, viele Jahre, ehe irgend Jemand außer uns wußte, wie nahe unſere kleine Maud daran geweſen war, Vicomteſſe Ravenel und künf⸗ tige Gräfin von Luxmore zu werden. Yrittes Rapitel. Es war wenige Wochen, nachdem uns Lord Ravenel verlaſſen hatte, deſſen Abreiſe faſt durch die Freude in den Hintergrund trat, den uns der erſte lange Brief von Guy machte, der um dieſe Zeit ankam, daß John eines Mörgens die Zeitungen mit dem Ausrufe fallen ließ: „Lord Luxmore iſt todt!“ Ja, dieſer alte böſe Mann war wieder zu Staube geworden, der ſo lange gelebt hatte, daß die Leute kaum mehr glaubten, daß er ſterben könne. Er war dahin, der Mann, der, wenn wir je einen Feind hatten, der Einzige blieb, der ſich als ein ſolcher gegen uns zeigte. Es liegt etwas Sonderbares in einem Todesfalle von Jemand, der, wie wir uns ſelbſt 5* 1. vor uns rechtfertigten, ſo lange er lebte, von uns ver⸗ dammt, gemieden, ja gehaßt ward, bis der Tod zwiſchen uns tritt und ihn vor einen andern Gerichtshof for⸗ dert als unſern armſeligen, und uns durch einen höheren Finger den Mund verſchließt, und uns ver⸗ bietet, einen Gedanken oder ein Wort des Haſſes gegen den in uns aufkommen zu laſſen, der nun— was iſt?— ein entkörperter Geiſt und eine Hand voll verweslichen Staubes. Lord Luxmore war todt. Er war dahin ge⸗ gangen, wo er ſeine Abrechnung zu machen hatte; es war nicht mehr an uns, ihn zu richten. Wir erfuhren nie die Geſchichte dieſes Todtenbettes, und ich glaube, Niemand außer ſeinem Sohne hat je die ganze Wahrheit deſſelben gekannt. John ſaß noch immer, die Zeitung vor ſich lie⸗ gend, ſtill da, als wir ſchon über dieſe Neuigkeit lange mit einander geſprochen hatten, wenn auch ein Gefühl der Ehrfurcht den Kreis um den Frühſtück⸗ tiſch beherrſchte. Maud ſchlich ſich zögernd dem Vater näher, und bat, ſie die Anzeige von des Earl's Dahinſchei⸗ den leſen zu laſſen. — „Rein, mein Kind; aber ich will ſie Dir vor⸗ leſen, wenn Du es wünſcheſt.“ Ich errieth den Grund dieſer abſchlägigen Ant⸗ wort, und als ich mit in das Blatt hineinſah, das er las, erblickte ich nach der langen Liſte von Titeln, die dem jungen Earl von Luxmore jetzt gehörten, eine bittere Zeile; wie mußte ſie das Herz desjenigen zerriſſen haben, von dem wir zuerſt unter der Be⸗ zeichnung„des armen William“ ſprechen hörten! „Iſt gleichwohl entſprungen Caroline, verheirathet in dem Jahre 17. an Richard Brithwood, Esquire, ſpäter ge⸗ ſchieden.“ Und durch einen ſonderbaren Zufall las man ohngefähr zwanzig Zeilen weiter, unter den vorneh⸗ men Heiraths⸗Anzeigen: „Aus der Brittiſchen Geſandtſchaft in Paris, Sir Gerard Vermilye, Bar., mit der jungen und ſchönen Tochter des—“ Ich vergaß den Namen, und weiß nur, daß es nicht der ihrige war, den die„junge ſchöne Braut“ wohl nie gehört haben mochte. Lady Carolinen hatte er nicht geheirathet. Dieſe Morgen⸗Nachricht brachte die Familie „ —— Lurmore wieder unſern Gedanken ſo nahe, daß John und ich, als wir nach dem Frühſtücke ausfuhren, un⸗ willkürlich darauf zurückkamen. Ja, allein auf un⸗ ſerm Vorderſitze, während Mrß. Halifax, Miß Halifax und Mrß. Edwin Halifax im Innern des Wagens in ganz andere Geſpräche vertieft waren, berührten wir einen Gegenſtand, der durch ſchweigende Ueber⸗ einkunft bei Seite geſetzt worden war, wie es in unſerm Haushalte mit allen unvermeidlichen Uebeln gehalten ward. Arme kleine Maud! wie eifrig war ſie, die Nachrichten heute Morgen zu hören! Sie weiß nicht, wie nahe ſie davon hätte berührt werden können.“ „Nein!“ antwortete John nachdenklich, dann aber frug er mich mit einer gewiſſen Haſt:„Weß⸗ halb ſagteſt Du„arme Maud?“ Ich vermochte es wirklich nicht zu ſagen, es war ein reiner Zufall, die unwillkürliche Folge einer meiner Grillen, die meine Seele in letzter Zeit oft beunruhigt hatten; Einfälle, die vielleicht haupt⸗ ſächlich Demjenigen eigenthümlich ſind, der, niemals einen gewiſſen Beſitz kennend, den Werth deſſelben überſchätzt. Aber wenn ich ſah, wie wenig wahre und ernſte Liebe es in der Welt gab, ſo kam es mir — oft hart vor, daß für Maud die des Lord Ravenel unbekannt bleiben ſollte. Es war wohl möglich, daß in meiner Antwort gegen meinen Willen Etwas dergleichen lag, denn John blieb eine ganze Weile ſtill, dann aber ſprach er über verſchiedene Gegenſtände, und erzählte mir von machen Verbeſſerungen, Plänen und Anlagen, die er in ſeiner Beſitzung und für ſeine Leute aus⸗ zuführen gedenke. In allen dieſen Plänen und deren Durchführung bemerkte ich eine Eigenthümlichkeit, die zwar durch ſein ganzes Leben ging, aber in letz⸗ ter Zeit noch beſonders ſtark hervortrat, nämlich daß Alles, was er zu thun für nöthig hielt, ſogleich in das Leben trat. Ein Aufſchieben oder Verzögern lag nie in ſeinem Charakter; jetzt aber ſchien er geradezu einen Abſchen vor jeglichem Aufſchub zu haben, und mochte Richts auch nur für eine Stunde ausſetzen. Nichts, was gethan werden ſollte, legte er bei Seite, ehe es beendigt war; ſeine Geſchäfte waren in einer vollkommen klaren Ordnung, und jedes Tagewerk mußte mit dem Schluſſe des Tages vollendet ſein. Selbſt in den tauſenderlei kleinen Gegenſtänden, die immer neu entſtanden, und in ſeiner Stellung als Magiſtratsperſon und Landbe⸗ —— ſitzer lagen, ſo wie aus ſeinem allgemeinen Intereſſe für die Bewegungen der Zeit entſprangen, ward der⸗ ſelbe Grundſatz unveränderlich feſtgehalten. Sowohl in ſeinen Beziehungen zur Außenwelt wie in denen ſeines eigenen kleinen Thales, ſchien er entſchloſſen, „zu arbeiten, weil es noch Tag ſei.“ Konnte er es möglich machen, ſo blieb kein Fleiß unbeach⸗ tet, keine Pflicht unerfüllt, nichts Gutes ohne Aner⸗ kennung, kein Uebel unverbeſſert, oder ſchließlich doch ohne Vergebung. „John!“ rief ich, als mir an jenem Tage dieſe Eigenthümlichkeit mehr als ſonſt an ihm auffiel. „Du biſt gewiß einer der treueſten Knechte des Herrn, den Er ſicher„wachend“ findet, wenn Er kommt.“ „Das hoffe ich. Daran müſſen alle Menſchen denken; ich aber ganz beſonders.“ Ich glaubte nach dem Ausdrucke jener Worte, er habe ſeine Verantwortlichkeit als Vater, Herr und Beſitzer eines großen Vermögens vor Augen. Wie hätte ich mehr als das wiſſen oder ahnen können! „Findeſt Du ſie bleich ausſehend,— frug er plötzlich. „Wen? Deine Frau?“ „Nein, Maud, meine kleine Maud!“ —— Erſt in der letzten Zeit hatte er angefangen, ſie „ſeine“ kleine Maud zu nennen. Denn mit jener unerſchütterlichen Treue in ſeinen Gefühlen, die einen Theil ſeines Charakters ausmachte, und ihn hin⸗ derte, eine Liebe an die Stelle der andern zu ſetzen, war ſeine zweite Tochter ihm nie daſſelbe geworden als die ältere. Jetzt indeſſen bemerkte ich, daß Maud ſeinem Herzen näher trat, er ſie öfter zu ſei⸗ ner Begleiterin wählte und ſie mit einer aufmerk⸗ ſamen Zärtlichkeit beobachtete, man konnte leicht errathen, weßhalb. „Vielleicht mag ſie in letzter Zeit etwas bleicher au geſehen haben, etwas nachdenklicher geworden ſein. Aber unglücklich iſt ſie gewiß nicht.“ „Nein, Gott ſei Dank, das glaube ich auch nicht.“ „Du haſt es doch auch gewiß nicht bereut, wie Du gegen Lord Ravenel handelteſt?“ frug ich ängſtlich. „Nein, nicht einen Augenblick. Es koſtete mir ſo viel, daß ich weiß, es war das Rechte.“ „Aber wenn ſich die Dinge anders geſtaltet hätten, wenn Du nicht ſo ſicher über Maud's Ge⸗ fühle geweſen wärſt?“ — Er zuckte ſchmerzlich zuſammen, antwortete aber dann:„Ich denke, auch ſelbſt in dem Falle hätte ich es gethan.“ Ich ſchwieg. Die Allgewalt, das höchſte Vor⸗ recht der Liebe, das er ſonſt eben ſo hoch hielt als ich, ſchien mir in ſeiner göttlichen Freiheit bedroht. Es kam mir einen Augenblick vor, als ob er in der Mitte ſeines Lebens ſich in die Reihen der kaltblütigen und harten elterlichen Vorſicht, des Reſpeet fordernden elterlichen Geſetzes begeben habe; ja, als ob Urſula March's Liebhaber und Maud's Vater zwei verſchie⸗ dene Perſonen wären. Man findet das leider oft genug im Leben. „John!“ rief ich,„hätteſt Du das thun, des Kindes Herz brechen können?“ „Ja, wenn ich ihren Frieden, vielleicht ihre Seele dadurch gerettet hätte, wäre ich im Stande geweſen, meines Kindes Herz zu brechen!“ Er ſagte das langſam und mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes, ſo, als ob es nicht das erſte Mal ſei, daß er über die Möglichkeit einer ſolchen Frage nachgedacht habe. „Phineas, ich möchte mich mit Dir klar dar⸗ über ausſprechen, im Falle eines künftigen möglichen Mißverſtändniſſes. Ich halte nur ein einziges Recht höher als das der Liebe, und das iſt das der Pflicht. Es iſt eine über alle Gefahren und alle Opfer ge⸗ hende Pflicht eines Vaters, ſein Kind vor Allem zu bewahren, von dem er glaubt, das es ſeiner Seele gefährlich werden könnte, beſonders ſo lange, als ſie noch zu jung iſt, um klar einzuſehen, wie weit über alle menſchliche Anſprüche, mögen es die eines Vaters oder eines Geliebten ſein, die ihres Gottes an ſie ſelbſt und ihre unſterbliche Seele gehen. Alles und Jedes, was Dem Gefahr bringen kann, muß ausge⸗ riſſen werden, ſelbſt wenn es die rechte Hand oder das rechte Auge wäre. Aber Gott ſei gedankt, ſo war es nicht mit meiner kleinen Maud!“ „Auch er hat ſeine Enttäuſchung redlich er⸗ tragen.“ „Edel hat er ſich gezeigt; und er kann jetzt ein wahrer Edelmann werden. Aber ſo lange er noch ſo iſt, wie er iſt, und ſo bleibt, kann ihm meine kleine Maud nicht anvertraut werden. Ich muß für ſie ſorgen, ſo lange ich lebe!— Nachher—“ Das Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen, oder verwandelte ſich vielmehr in jenes ernſte Sin⸗ nen, das ich ſo oft in letzter Zeit an ihm bemerkte, wenn er in ein gänzliches Schweigen verfiel. Ich kann nicht ſagen, daß er alsdann betrübt geweſen wäre, im Gegentheil verbreitete ſich eine Klarheit und Heiterkeit um ihn, welche mich oft an jenen ſüßen Blick ſeiner Knabenjahre erinnerte, der ſich durch die mannigfachen Sorgen ſeiner ſpätern Jahre verwiſcht hatte. Wenn ich ihn im Profil betrach⸗ tete, ſo verleitete mich der Ausdruck ſeines Mundes, ſo feſt und ſo ruhig wie ſonſt, die Thorheiten unſerer phantaſtiſchen Jugend wieder zu beleben, und ihn „David“ zu nennen. Wir fuhren durch Norton Bury und ſetzten Mr. Edwin dort ab. Dann weiter, den alten be⸗ kannten Weg nach dem Herrn⸗Hauſe; an dem Weißen Thore vorüber, mit dem Blicke auf unſer kleines Longfield. „Es ſieht noch gerade eben ſo aus; der Pächter hält es gut in Ordnung,“ ſagte John, ſeine Augen zärtlich auf die alte Heimath gerichtet. „Ja, ganz das Alte! Weißt Du, was Deine Frau dieſen Morgen zu mir ſagte? Sie meinte, wenn Guy heimgekehrt, die jungen Leute erſt alle verhei⸗ rathet wären und Du Dich von den Geſchäften zu⸗ rückgezogen habeſt, um Dich jenem otium cum digni- tate zu ergeben, und eine gelehrte Muße zu genießen, was Du, Dir ſtets gewünſcht, würde ſie gern Beech⸗ wood verlaſſen. Sie verſicherte, die Hoffnung nicht aufzugeben, daß Ihr einſt Eure alten Tage im klei⸗ nen Longfield gemeinſam beſchließen könntet.“ „Wirklich? Ja, ich weiß, es iſt immer ihr Lieblingstraum geweſen.“ „Wohl nicht nur ein Traum, oder Etwas, was nicht erfüllt werden könnte. Ich denke mir Euch Beide gern wie alte Leute an jeder Seite des Feuers ſitzend, oder auch an derſelben Seite, wenn Ihr das vorzieht— ſehr heiter— denn Du wirſt mit allen Deinen Kindern und unzähligen Enkelkindern um Dich verſammelt, ein recht vergnügter alter Mann werden. Oder ich ſehe Euch allein vor mir ſitzend, wie in den erſten Tagen Eurer jungen Ehe, Du und Deine altgewordene Frau, die beſte und hübſcheſte alte Frau, die man nur ſehen kann.“ „Phineas, ſtill, ſtill!“ ich ward durch den Ton erſchreckt, mit dem er mir auf meine ſcherzende Rede antwortete.„Ich meine,“ fuhr er fort,„male die Zukunft nicht ſo; es iſt thörigt, ja, beinahe un⸗ recht. Gottes Wille iſt nicht immer der unſrige; und Er weiß es am beſten.“ — Ich wollte ihm antworten; doch erreichten wir gerade das Thor des Herrn⸗Hauſes, und— von dem gaſtfreundlichen Kreiſe der Oldtower's, be⸗ fanden wir uns in Mitten der Wirklichkeit. Dieſe waren Alle über die eben gehörte Nachricht in großer Aufregung; eine ſo ſonderbare, plötzliche und unvorhergeſehene Nachricht, daß ſie alle andern Gegenſtände verſchlang, und uns mitgetheilt ward, noch ehe wir fünf Minuten im Hauſe waren. „Haben Sie die ſonderbare Wieit von der Familie Luxmore gehört?“ Ich ſah, mit welcher großen Aufmerkſamkeit Maud ihre Augen auf Lady Oldtower richtete. „Von des Earls Tode? ja, wir laſen es in den Zeitungen,“ und John ſuchte auf einen andern Ge⸗ genſtand des Geſpräches überzugehen; aber vergebens. „Dieſe Neuigkeit betrifft den jungen Earl. Ich habe nie in meinem Leben ſo Etwas gehört, nie⸗ mals. Wenn es wirklich wahr iſt, ſo nähert ſich dieſe Art von Selbſtentäußerung wirklich der Ver⸗ rücktheit. Iſt es aber möglich, daß er Sie, bei der großen Freundſchaft für Ihre Familie, nicht davon unterrichtete?“ Mit einiger Geduld gelang es uns denn, die Thatſache von der geſprächigen Lady Oldtower zu erfahren. Sie hatte ſie, ich weiß nicht von wem, gehört; aber übeln Rachrichten fehlt nie die Zunge, welche ſie verbreitet. Es ſchien, daß man nach dem Tode des Earl entdeckte, was man ſchon längſt vermuthete, daß ſeine Verbindlichkeiten eben ſo alles Maß überſchrit⸗ ten wie ſeine thörigten Ausgaben. Ja, daß er ge⸗ zwungen außer Landes lebte, um in Etwas der lär⸗ menden Verfolgung der Hunderte von Leuten zu entgehen, die er unglücklich gemacht hatte; arme Handwerker, die ſehr wohl wußten, daß ſie nur wäh⸗ rend des Lebens ihres alten Schuldners auf Be⸗ zahlung rechnen konnten, da die große Beſitzung Fideikommiß war und dem Sohne zukam. Ob Lord Ravenel je von dieſer Lage der Dinge unterrichtet war, oder ob er in völliger Unwiſſenheit ſein eigenes Leben nach dem ſeines Vater einrichtete, wußte man nicht; auch war dies ziemlich gleichgültig. Die Thatſache, die gleich nach dem Tode des Lord Lurmore bekannt ward, erweckte natürlich manche frühere Muthmaßungen. Kaum eine Woche vor dem Tode des letzten Earl ward zwiſchen ihm und ſeinem Sohne, wie 80— man ſagt, auf beſondere Veranlaſſung des Letztern das Fideikommiß aufgehoben, ſo daß die Beſitzung verkäuflich ward und zur Bezahluug der Schulden verwendet werden konnte., So blieb alſo Lord Ravenel aus eigener Ver⸗ anlaſſung— wie Jemand einem Andern erzählte, der es von einem Dritten hörte—„zur Ehre der Familie“ ein Bettler und Erbe eines leeren Titels. „Oder,“ wie Lady Oldtower hinzufügte,„was für einen Mann von Stande eben ſo viel heißt als ein Bettler ſein; er behielt ſich die Summe von zwei⸗ hundert Pfund jährlich vor, wie man ſagt, um ihn vor gänzlichem Elende zu bewahren.“ „Ah! da kommt Mr. Jeſhop; das dachte ich wohl. Der kann uns Alles erzählen.“ Der alte Mr. Jeſhop war eben ſo aufgeregt als alle Anweſenden. „Ja! es iſt Alles wahr, nur zu wahr, Mr. Halifax! Er war geſtern Abend in meinem Hauſe.“ „Geſtern Abend?“ Ich glaube nicht, daß irgend jemand Anderes den Ausruf des Kindes hörte; ich konnte es aber nicht laſſen, die kleine Maud zu heobachten, wohl bemerkend, wie groß ihre Bewe⸗ gung war, die, wenn auch vollkommen kindlich und —— unbewacht in ihrer Aeußerung, ihren unſchuldigen Buſen hob, und ihre Augen mit feuchtem Glanze überzog. Da ſie indeſſen ruhig in ihrer Ecke ſitzen blieb, bemerkte es Niemand. „Er ſchlief in meinem Hauſe! ich meine Lord Ravenel, den Earl von Luxmore. Dieſer Titel und Name wird ihm viel einbringen! Mein erſter Schrei⸗ ber iſt beſſer daran als er; er hat ſich ſelbſt jeden Pfennigs beraubt, bis auf— aber Gott verzeih' mir, ich vergaß— er gab mir dieſen Brief für Sie, Mr. Halifax!“ John trat an das Fenſter, um ihn zu leſen, und ließ ihn nachdem im Kreiſe umhergehen, was auch das Beſte war. „Mein theurer Freund!“ „Sie werden von dem Tode meines Vaters gehört haben.“ („Er nannte ihn ſonſt immer den Earl,“ flüſterte Maud, die über meine Schulter mit hin⸗ ein ſah.) „Ich richte dieſe Zeilen nur an Sie, um Ihnen auszuſprechen, daß ich mich der feſten Ueberzeugung hingebe, Sie werden mir auch ohne dies zutrauen, daß ich mich bei meinem letzten John Halifar. vl. 6 Beſuche in Beechwood über Alles, was Sie jetzt von den Verhältniſſen des Verſtorbenen hören, in gänzlicher Unwiſſenheit befand, und nur eine ſehr geringe Ahnung ſeiner Verlegenheiten hatte. „Zu gleicher Zeit bitte ich Sie, glauben zu wollen, daß ich Alles angewandt habe und noch anwenden werde, um Ihre Intereſſen als mein Pächter, der Sie hoffentlich bleiben wollen, auf das Sorgfältigſte zu ſichern. „Meine dankbarſten Empfehlungen für Sie und Ihr ganzes Haus. „Ihr und der Ihrigen „getreuer Luxmore.“ „Gieb mir den Brief zurück, Maud, mein liebes Kind!“ Sie hatte ſich in Beſitz deſſelben geſetzt; ein Recht, das ſie als ſein Liebling in Anſpruch nahm, und auch auf Lord Ravenel's frühere Briefe immer ausgeübt hatte. Aber jetzt gab ſie dieſen ohne ein Wort des Widerſpruchs ihrem Vater zurück. „Mr. Jeſhop, was meint er mit meinen In⸗ tereſſen als ſein Pächter?“ „Gott verzeih' mir! mich betrübt die Sache ſo tief, daß mir Alles durch den Kopf geht. Er bat mich, Ihnen auseinander zu ſetzen, daß er ſich einen Theil von der Beſitzung Luxmore, und zwar die Enderly⸗Mühlen, vorbehalten habe. Die Rente, welche Sie dafür bezahlen, werde, wie er verſichert, ein hinreichendes Einkommen für ihn ausmachen, und ſo lange Ihr Pacht-Kontrakt dauert, könne Ihnen auf dieſe Weiſe kein anderer Beſitzer Schaden thun. Sehr vorſorglich, ſehr rückſichtsvoll! wirk⸗ lich, Mr. Halifax!“ John antwortete nicht.„ „Ich habe nie Jemand ſo verändert geſehen. Er hatte einige Sachen mit mir zu beſprechen, per⸗ ſönliche Wohlthaten, die ich für ihn austheilte. Er war ernſt, voll klaren Verſtandes und umfaſſender Geſchäfts⸗Kenntniſſe, mein eigener Schreiber hätte Alles nicht beſſer ausführen können. Später ſaßen wir noch zuſammen und ſprachen, und ich verſuchte, freilich nur thörigter Weiſe, wenn eine Sache doch ein Mal abgemacht iſt, ihm zu beweiſen, wie unſin⸗ nig er ſowohl gegen ſich ſelbſt als gegen ſeine Erben gehandelt habe. Doch ſchien er das nicht einzuſehen und verſicherte, daß die Aufhebung des Fideikom⸗ miſſes Niemand Schaden bringen könne, noch dazu, da er nicht heirathen würde. Armer Menſch!“ — „Iſt er noch bei Ihnen?“ frug John in leiſem Tone. „Rein, er iſt dieſen Morgen nach Patis abge⸗ reiſ't, wo ſein Vater begraben werden ſoll. Für ſpäter, meinte er, wären ſeine Pläne noch ganz un⸗ gewiß. Er ſagte mir Lebewohl, was, ich kann es verſichern, für mich ſehr traurig war.“ Und der alte Mann wiſchte ſeine blaue Naſe mehrere Male mit einem gelben Schnupftuche, legte ſein Geſicht in alle möglichen Arten von Falten, ſchien entſchloſſen, dieſen traurigen Gegenſtand nicht mehr zu berühren, und kam weder auf den Earl, noch auf ſeine Geſchäfte wieder zurück. Auch verſuchte dies Niemand Anderes aus der Geſellſchaft. Es lag etwas ſo Edles in der ganzen Handlungsweiſe des jungen Edelmannes,— ſie iſt in ſpäterer Zeit nicht ohne Nachahmung in unſerer Ariſtokratie geblieben— daß davor ſelbſt die Zungen der Klatſcherei verſtummten. Die Sache war ſo neu, ſo ganz von Dem ab⸗ weichend, was man bisher für möglich hielt, und nun beſonders bei einem Manne wie Lord Ravenel, deſſen Charakter immer als harmlos und müſſig, ja — als der eines nicht zählenden Miſanthropen betrachtet ward, daß die Welt, wirklich ſtarr vor Erſtaunen, es nicht begriff. Unter all' den geſchwätzigen Be⸗ ſuchen dieſes Morgens, welche kamen, um bei Lady Oldtower die Neugierde von Coltham zu befriedigen, — dem eleganten Coltham, berühmt für alle ſcan⸗ dalöſen Erzählungen des feinen Tones u. ſ. w.— war aber nicht Einer, der, wenn ſich auch wundernd, doch nicht mit Achtung von Lord Luxmore und ſeinen Angelegenheiten geſprochen hätte. Einige glaubten und fürchteten zwar wohl, er könne verrückt werden, wogegen Andere verſicherten, daß er gewiß, ſeinem Uebertritte zur katholiſchen Kirche treu bleibend, in ein Kloſter treten wolle. Einige redliche Herzen erkannten ihn als einen edlen Menſchen, und be⸗ dauerten nur, daß er ſich entſchloſſen habe, der Letzte der Luxmore zu bleiben. Was uns betraf, ſo ſprachen weder Mr. noch Mrß. Halifar, Maud oder ich den ganzen Morgen auch nur ein Wort darüber. Richt eher, als bis John und ich uns nach dem Frühſtücke zwiſchen den Be⸗ ſuchen fortſtahlen und in dem Garten auf und ab gingen, in dem ſonnigen Obſtgarten, nach althollän⸗ diſcher Weiſe, viereckig, mit hohen Hecken und Stein⸗ —— Mauern umgeben, während er von dem Hauſe durch eine glänzende Gruppe von Lorbeer⸗Bäumen ge⸗ trennt war. Plötzlich erſchien Maud athemlos zwiſchen jenen Lorbeern. „Ich ging Dir nach, Vater. Ich— ich ſuchte nach Stachelbeeren, und ich— ich mußte Dich ſprechen.“ „Sprich nur, kleines Fräulein.“ Er zog ihren Arm durch den ſeinigen und ſie ging den breiten Gang zwiſchen uns Beiden auf und ab, doch ohne nach den Stachelbeer-Beeten ab⸗ zulenken. Sie ſah ernſter und bleicher als ſonſt aus, und der Vater frug ſie, ob ſie müde wäre? „Nein, aber mein Kopf ſchmerzt mich. Dieſe Leute aus Coltham ſprechen ſo viel. Vater, ich möchte, Du erklärteſt mir, denn ich verſtehe es nicht recht, Alles, was ſie über Lord Ravenel erzählen.“ John ſetzte ihr die Sache ſo einfach und kurz wie möglich auseinander. „Jetzt verſtehe ich; alſo obgleich er Earl von Luxmore war, iſt er doch ſo arm, ja ärmer wie wirk Und er ſelbſt hat ſich dazu gemacht, um ſeine und ſeines Vaters Schulden zu bezahlen und andere Menſchen zu ſchützen, daß ſie nicht durch ſeine Fehler leiden müſſen. Iſt es ſo recht?“ „Ja, mein Kind.“ „Iſt das nicht eine edle Handlung?“ „Sehr edel!“ „Mir kommt es vor, als ſei es das edelſte Be⸗ nehmen, von dem ich je hörte. Ich möchte ihm das wohl ausſprechen. Wann wird er nach Beechwood kommen?“ Maud ſagte das ſchnell mit gerötheten Wangen und in der heftigen Weiſe, die ſie von ihrer Mutter geerbt hatte. Als ihre Fragen nicht gleich eine Antwort fanden, wiederholte ſie ſie ungeſtüm. Ihr Vater erwiderte:„Ich weiß es nicht., „Wie ſonderbar! Ich glaubte, er müßte gleich kommen, wahrſcheinlich doch heute Abend.“ Ich erinnerte ſie, daß Lord Ravenel Mr. Je⸗ ſhop Lebewohl geſagt habe, um nach Paris zu reiſen. „Er hätte zu uns anſtatt zu Mr. Jeſhop kom⸗ men ſollen! Schreibe ihm, Vater, und ſage ihm das. Sage ihm, wie wir uns freuen würden, ihn zu ſehen, und vielleicht kannſt Du ihm helfen, Du hilfſt ja Jedermann. Er ſagte immer, Du wäreſt ſein beſter Freund.“ „Sagte er das?“ „Ja, aber nun ſchreibe, Vater! Nicht wahr, Du wirſt es thun?“ John ſah auf das kleine Mädchen herab, das ſo vertrauensvoll an ſeinem Arme hing, und blickte dann ſorgenvoll vor ſich hin. „Mein Kind, ich kann nicht!“ 1 „Wie? Du willſt ihm nicht ſchreiben, nun er arm und in Noth iſt? Das ſieht Dir nicht ähnlich, Vater.“ Und Maud zog ihren Arm aus dem ſeinigen halb fort. Ihr Vater legte die kleine widerſpenſtige Hand wieder auf ihren Fleck zurück. Er kämpfte ſichtlich mit ſich ſelbſt, ob er ihr die ganze Wahrheit oder nur Etwas davon mittheilen ſollte. Gewiß war dieſer Kampf in ihm nicht neu, denn er mußte wohl ſchon längſt dieſe Möglichkeit, ja Wahrſcheinlichkeit vorausgeſehen haben; beſonders, da bis jetzt jeder Verkehr mit ſeiner Familie offen wie das helle Tages⸗ licht geweſen war. Nach ſeiner Anſicht blieben alle Ausflüchte oder ein gefliſſentliches Zeigen einer Un⸗ wahrheit eben ſo ſchlimm als geradezu zu lügen. Trug ſich Etwas zu, das er ſeinen Kindern nicht mit⸗ theilen konnte, ſo ſagte er alle Mal ganz einfach: „Ich kann es Euch nicht ſagen,“ worauf 3e dann auch nicht mehr frugen. Ich war ſehr begierig, wie er es mit Maud machen würde. Sie ging gehorſam, aber keineswegs befriedigt neben ihm her, ab und zu in der Erwartung zu ihm aufſehend, daß er endlich ſprechen werde. Zuletzt vermochte ſie nicht länger zu warten. „Gewiß iſt irgend etwas Schlimmes geſchehen. Du biſt ſichtlich nicht ſo mit Lord Ravenel beſchäf⸗ tigt wie früher.“ „Wo möglich noch mehr—“ „Dann ſchreibe ihm. Sage ihm, daß wir— daß ich ihn zu ſehen verlangte. Bitte ihn, zu kommen und eine längere Zeit in Beechwood zu bleiben.“ „Ich kann es nicht, Maud. Es iſt ihm auch unmöglich. Ich glaube nicht, daß es ihm angenehm ſein mi ſo bald nach Beechwood zu kommen.“ „In wie langer Zeit nicht? Können„ Monate— oder gar ein Jahr vergehen?“ „Vielleicht mehrere Jahre.“ „Dann iſt es richtig! Es iſt irgend Etwas geſchehen. Du biſt nicht mehr ſo gut mit ihm wie früher. Ach, Vater! und dabei iſt er arm und in Sorgen.“ Sie riß ihren Arm aus dem ſeinigen und warf vorwurfsvolle Blicke auf ihn. John faßte ihren Arm und zog ſie ſanft auf die niedrige Mauer einer kleinen Steinbrücke nieder, unter welcher der Bach leiſe murmelnd floß. Maud's Thränen fielen ungehindert und ſchnell hinein. Dieſer heftige und kurze Schmerzens⸗Ausbruch, wie der Zorn eines Kindes, war dem Vater ſowohl wie mir eine Art Troſt. Als er nachließ, ſagte John: „Hat der Zorn meiner kleinen Maud gegen ihren Vater nun ſein Ende erreicht?“ „Ich bin nicht böſe geweſen, nur ſo erſchrocken und betrübt. Sage mir, was vorgefallen iſt, Vater, bitte!“ 2 „Ich will Dir ſo viel mittheilen als ich kann. Lord Ravenel und ich wir hatten am letzten Abende ſeines Beſuches eine ſehr peinliche und ſchmerzliche —— unterhaltung, nach welcher wir Beide für räthlich hielten, daß er uns für jetzt nicht wieder beſuchen ſollte.“ „Warum nicht? Hattet Ihr Euch gezankt? aber ſelbſt dann, dächte ich, wäre mein Vater immer der Erſte, Jedermann zu verzeihen.“ „Nein, Maud, wir hatten uns nicht geſtritten.“ „Aber was war es dann?“ „Frage mich nicht weiter, mein Kind! Ich kann es Dir nicht ſagen.“ Maud ſprang empor, der Widerſpruchsgeiſt loderte in ihr auf.„Mir kannſt Du es nicht ſagen, mir, ſeinem Lieblinge, mir, die ich mich mehr um ihn bekümmere als Einer von Euch. Ich denke, mir könnteſt und müßteſt Du es ſagen, Vater.“ „Du mußt mir ſchon erlauben, darüber zu ent⸗ ſcheiden, wenn ich bitten darf.“ Dieſe Antwort machte Maud demüthiger.„Weiß es ſonſt Jemand?“ „Deine Mutter und Onkel Phineas, der zufüällig gegenwärtig war. Niemand ſonſt, und Niemand Anderes ſoll es erfahren.“ Bei dieſen Worten zitterten John's einpen und nahmen jene bläulich⸗weiße Farbe an, welche jede — innere Erregung hervorrief. Er ſetzte ſich an„ Seite ſeiner Tochter nieder und faßte ihre Hand. „Ich wußte vorher, daß es Dich grämen würde, und hielt es ſo lange als möglich vor Dir geheim. Nun mußt Du nur geduldig ſein und wie ein gutes Kind Deinem Vater vertrauen.“ Es lag Etwas in ſeinem Weſen, was ſie be⸗ ruhigte. Sie ſeufzte nur und ſie könne es nicht verſtehen. „Noch kann ich es zuweilen ſelbſt nicht, meine arme kleine Maud. Es giebt ſo viel traurige Dinge im Leben, die wir im Glauben hinnehmen und tragen, und mit Geduld tragen müſſen, ohne daß wir ſie ie verſtehen. Ich denke aber, einſt werden wir dahin gelangen.“ Seine Augen wandten ſich nach Oben, nach dem hochgewölbten blauen Himmel, der uns in ſeiner friedlichen Schönheit das Gefühl giebt, als müßten wir dort das Paradies ſuchen, obgleich wir wiſſen, daß das Himmelreich in uns ſelbſt iſt und das Geiſterreich uns überall umgeben kann. Maud ſah ihren Vater an, rückte näher zu ihn heran und fiel ihm in die Arme. „Ich wollte nicht unartig ſein! Ich werde verſuchen, nicht mehr an ſeinen Verluſt zu denken. Aber ich mochte Lord Ravenel doch ſehr gern und er war mir ſo gut.“ „Kind!“ und der Vater ſelbſt konnte ein Lächeln über die Einfalt ihrer Sprache nicht zurückhalten, „es iſt oft nicht das Schwerſte, im Leben Diejenigen zu verlaſſen, denen wir gut ſind und die uns eben ſo lieb haben, weil wir ſie in einem gewiſſen Sinne nie verlieren können. Weder in dieſer, noch, wie ich überzeugt bin, in jener Welt kann irgend Etwas Diejenigen trennen, die ſich treu und ehrlich lieben.“ Ich denke, er war ſich nicht bewußt, wie viel in dieſen Worten lag, wenigſtens in Beziehung auf ihre Gefühle, ſonſt würde er es nicht geſagt haben. Beſonders hätte er wohl ſicher eben ſo gut wie ich bemerkt, daß das Wort„Liebe,“ das bis dahin noch nicht ausgeſprochen war, ſondern durch verſchiedene umſchreibende Phraſen ausgedrückt ward, die kleine Maud ſichtlich bewegte. Sie ließ ihren ſchnellen fragenden Blicke von Einem zum Andern gehen, während die Farbe einer Juli⸗Roſe ihre Wangen bedeckte. Ihre ganze Haltung, ihr Erröthen, das ver⸗ ſchämte Zucken des Mundes, Alles erinnerte mich lebhaft an ihre Mutter achtundzwanzig Jahre früher wie jetzt. Erſchreckt ſuchte ich das Ende der Unterhaltung zu beſchleunigen, damit ſie nicht willkürlich oder un⸗ willkürlich das Ergebniß herbeiführe, das zwar John's Entſchluß in Richts verändert hätte, wodurch aber ihr Herz vielleicht gebrochen werden konnte. So ſie bittend, ſich zu umarmen und zu ver⸗ tragen, was Maud ſcheu und ohne nach irgend Etwas zu fragen that, trieb ich Vater und Tochter eilig in das Haus zurück; und ernſteren Rückſichten gehor⸗ chend, ließ ich die Frage in den Hintergrund treten, ob John durch meine vielleicht zu weit getriebene Sorge geängſtiget werden könne. Als wir nach Norton Bury zurückfuhren, be⸗ merkte ich, daß Maud, während ihre Mutter und Lady Oldtower zuſammen ſprachen, ſchweigſamer als gewöhnlich ihnen gegenüber ſaß. Doch als die Damen ausſtiegen, um die Läden zu beſuchen, zeigte ſie wieder die allerliebſte Unabhängigkeit der Miß Halifax: „Mit zögerndem Fuße dort ſtehen zu bleiben, Wo Frauen und Kinder ihr Weſen gern treiben.“ — Sie nahm das Vorrecht der Einen und die Freiheit der Andern zu gleicher Zeit in Anſpruch. Ihre Jungfräuliche Gnade fand ſich indeß bald durch die Bänder und Seidenſtoffe gelangweilt, und ſie trat zu mir an die Thür des Ladens, ſich mit Bemerkungen über die Vorübergehenden unterhaltend. Es waren deren nicht mehr ſo Viele als ſonſt, obgleich die alte Stadt noch immer ihr gleiches Aus⸗ ſehen behauptete, ja, je älter ich wurde, mir immer ſchöner erſchien. Dieſelbe Kutſche von Coltham hielt in dieſem Augenblicke vor dem Wirthshauſe, und dieſelbe Gruppe von müſſigen Herumtreibern nahm wie ſonſt ein Intereſſe an der Entleerung ihres Inhaltes. Aber die Eiſenbahn hatte der Kutſche und Norton Bury ſchlechte Dienſte geleiſtet, denn wo man ſonſt ſechs Paſſagiere herauskommen ſah, erſchien heute nur Einer. „Was für eine ſonderbare kleine Frau, Onkel Phineas! Wenn die Leute ſo alt ſind, ſollten ſie ſich nicht mehr ſo putzen,“ rief Maud eifrig. „Iſt ſie alt?“ „O, das ſieht man doch wohl!“ Und als ſie ſich jetzt von einer Seite zur andern drehte, zeigte ſie ihr altes Geſicht deutlich, und was 6 war das für ein Antlit! Veraltet, mager, zum Tode bleich, während auf jeder Wange ein Fleck rother Schminke prangte und ein dreiſtes Lächeln den geiſterbleichen Mund umſpielte. Maud's Urtheil war mehr denn richtig; das helle, dünne Kleid, kürzer als ſelbſt die Colthamer Eleganten für an⸗ ſtändig gehalten haben würden, der fliegende Hut, die Maſſe hängender Locken, genug, die ganze Er⸗ ſcheinung war gemacht, um in dem ruhigen Norton Bury Erſtaunen zu erregen. Und als ſie nun in ſeidenen Strümpfen und leichten Schuhen dort trip⸗ pelte, ließ ſich ein leichter Spott nicht zurückhalten. „Die Leute ſollten eine alte Frau nicht aus⸗ lachen, ſo ſonderbar ſie auch erſcheint. Iſt ſie viel⸗ leicht verrückt, Onkel Phineas?“ „Wohl möglich. Sieh' Dich nicht nach ihr um.“ Denn ich war überzeugt, daß dies hier der Ueberreſt eines Lebens war, zu dem Frauem oft herabſinken, eines Lebens, deſſen Rame nicht einmal in Maud's reine Welt gedrungen war. Sie ſchien überraſcht, gehorchte mir indeſſen und trat zurück. Ich blieb an der Ladenthür ſtehen, das zunehmende Gedränge beobachtend, nicht ohne jenes Mitleid, das jeder ehrliche Mann, wenn auch mit einer gewiſſen Scham, für eine gefallene Frau empfindet, die hier der verachtete Gegenſtand des Spottes ward. Halb geängſtigt und furchtſam verlor ſie dennoch ihr ſtehendes Lächeln nicht, und von einer Seite des Pflaſters zu der anderen ſchlüpfend, ſchoß ſie ihre Blicke in jeden vorüberfahrenden Wagen. unglückliches Geſchöpf! und dabei lag in ihren Be⸗ wegungen eine gewiſſe Grazie und Leichtigkeit, als ſei ſie einem höheren Stande entſproſſen. In dieſem Augenblicke kam die Equipage vom Mythos in ihrem gewöhnlichen täglichen Trabe mit Mr. Brithwood die Straße herunter gerollt, der ſeinen gichtkranken Fuß vor ſich hingeſtreckt hatte. Die kleine Frau trat einen Schritt näher, ward aber zurückgehalten. „Canaille! Ich habe immer dieſes Norton Bury gehaßt! Ruft meinen Wagen, ich will nach Hauſe fahren.“ Mir kam dieſe Stimme, trotz der gewöhnlichen Worte der wahnwitzigen Wuth, dennoch bekannt vor, beſonders aber, als ſie ſich in einem befehlenden S an den alten Kutſcher wandte. „Halt' an, Peter! Ihr kommt ſehr ſpät! Fort, Ihr Leute! Seht Ihr nicht meine Equipage?“ John Halifax. vl. 7 Ein ſchallendes Gelächter folgte dieſen Worten, ſo laut, daß ſelbſt Mr. Brithwood ſeine ſchweren trunkenen Augen öffnete und ſich erſchrocken umſah. Canaille!“ und der Schrei, mit dem ſie ſich beinahe unter die Füße der Pferde warf, um dem Volkshaufen zu entgehen, gehörte mehr der Furcht als der Wuth an.„Laßt mich gehen! Mein Wagen wartet. Ich bin Lady Caroline Brithwood!“ Der Squire hörte ſie. Für einen Augenblick ſah Eines dem Anderen ſtarr in's Auge, der betrogene rohe Ehemann, das entehrte geſchiedene Weib,— Beide ſahen ſich mit Furcht und Abſcheu an. Es war das lebendig gewordene Bild zweier Sünder, die ihr Verderben ſelbſt verſchuldeten, wie man es in der poetiſchen Beſchreibung des Inferno von Dante findet oder in dem Feuer⸗ und Schwefelpfuhl der Hölle, wie ihn ſich vielleicht verblendete, aber redliche Chriſten denken. Es dauerte nur einen Augenblick, dann faßte ſich Richard Brithwood. „Kutſcher, fahr' zu!“ Aber der Mann— es war ein alter Mann,— ſchien ſich zu beſinnen, ob er die Pferde gerade über „ſeine gnädige Frau“ forttreiben ſollte, ja, er ſah ſelbſt mit einem gewiſſen Mitleid auf ſie herab; ich erinnerte mich gehört zu haben, daß ſie immer gut und freundlich gegen ihre Leute geweſen ſei. „Fahr' zu, Narr'— Hier“— und Mr. Brith⸗ wood warf kleine Münzen unter das Volk.—„Holt den Conſtabler; hört, bring' Einer von Euch das Weib nach dem Wachthauſe.“ Und der Wagen rollte fort, ſie an den Eckſtein geſchmiegt zurücklaſſend, von wo ſi ihm mit einem Mittelding von Lachen und Seufzen nachſah. Niemand faßte ſie an. Vielleicht hatten Manche von ihr gehört, Einige mochten ſie ſogar geſehen haben, wie ſie in ihrem früheren Zuſtande, als die junge hübſche Frau des Squire, als die reizende Lady Caroline, durch die Straßen Norton Bury's fuhr. Ich war ſo in den traurigen Anblick verloren, daß ich gar nicht bemerkte, wie John und urſula, hinter mir ſtehend, gleichfalls Alles geſehen und ſichtlich Alles verſtanden hatten. „Was iſt hier zu thun?“ flüſterte ſie ihm zu. „Was können wir thun?“ Hier kam Maud herausgelaufen, um zu ſehen, was mit der Frau geſchehen ſei. — —. — 100— „Geh' in den Laden, Kind!“ befahl Mrß. Ha⸗ lifar ſtreng.„Bleibe dort, bis ich Dich hole.“ Lady Oldtower näherte ſich ebenfalls der Thür; aber bemerkend, was den Auflauf veranlaßt hatte, zog ſie ſich erſchrocken und empört zurück. John blickte ſeine Frau ernſt an, doch zum erſten Male wollte oder konnte ſie ſeine Meinung nicht faſſen; ſie zog ſich ängſtlich zurück. „Was muß geſchehen? ich meine, was verlangſt Du von mir?“ „Was nur eine Frau thun kann, eine Frau wie Du, und in Deiner Stellung.“ „Ja, wenn ich nur mir allein angehörte. Aber denke an unſer Haus, an Maud. Was werden die Leute ſagen? Es iſt ſchwer, das Richtige zu thun.“ „Nein; was that Er? wie würde der Herr jetzt handeln, wenn Er hier in der Straße neben uns ſtände? Und ſorgen wir für einen der Geringſten der Seinigen, wird er ſich nicht unſer und unſerer Kinder annehmen?“ Mrß. Halifax ſchwieg, dachte einen nupu nach, zögerte und gab dann nach. „John, Du haſt Recht! Du haſt immer Recht. Ich will Alles thun, was Du wünſcheſt.“ * — 101— Und dann ſah ich, wie Mr. und Mrß. Halifax durch die erſtaunte Menge, im Angeſicht Vieler, die aus den Fenſtern ſahen, und von denen ſie Alle gekannt waren, ja Viele ſelbſt kannten, nach dem Platze gingen, wo die unglückliche Frau niederge⸗ ſunken war. „Sind Sie der Conſtabler? Er ſagte, er wolle nach dem Conſtabler ſchicken.“ „Still! erſchrecken Sie nicht, Couſine— Cou⸗ ſine Caroline.“ Gott weiß, wie lange es her ſein mochte, daß eine Frau in dieſem Tone zu ihr ſprach. Es ſchien ſogar ihren geſtörten Verſtand zu erſchüttern. Sie ſtand auf und lächelte freundlich. „Sie ſind ſehr freundlich, Madame! Ich glaube, ich habe ſchon früher das gehabt, Sie zu ſehen. Ihr Name iſt— „Urſula Halifax. Erinnern Sie ſich nicht?“ frug ſie freundlich, wie man mit einem Kinde ſpricht. Lady Caroline verbeugte ſich,— ein ſchrecklicher Spott ihrer früheren heiteren Grazie.„Nicht genau, aber ich darf ſagen, es wird mir gleich in— au revoir, Madame!“ Sie war im Begriff, fortzugehen, und warf —— ihnen mit ihrer Hand Küſſe zu, mit dieſer gelben, verſchrumpften, alten Frauen⸗Hand, aber John hielt ſie zurück. „Meine Frau wünſcht Sie zu ſprechen, Lady Caroline. Sie möchte Sie bitten, mit uns nach Hauſe zu kommen.“ „Plait-il? o ja, ich verſtehe. Es würde mich ſehr glücklich, ſehr glücklich machen.“ John bot ihr ſeinen Arm mit dem Ausdrucke einer ernſten Höflichkeit, Mrß. Halifax unterſtützte ſie von der anderen Seite. Ohne weiteres Aufſehen geleiteten ſie dieſelbe in den Wagen und fuhren mit ihr nach Hauſe, Maud meinem Schutze anvertrauend und das erſtaunte Norton Bury ſagen und denken laſſend, was ihm beliebte. Viertes Rapitel. Während beinahe dreier Jahre lebte Lady Caro line in unſerm Hauſe— wenn man dieſe traurige Exiſtenz ein Leben nennen kann— bettlägerig und kindiſch: „durch jedes Spiel erfreut und jeden Stihhun gereizt.“ Kein Bewußtſein, weder für die Gegenwart noch für die Vergangenheit, Niemand von uns er⸗ kennend, ja kaum bemerkend, ausgenommen dann und wann das Kind Edwin's, die kleine Louiſe. Wir wußten, daß alle unſre Nachbarn über uns ſprachen, und das„ſonderbare Betragen“ von Mr. und Mrß. Halifax wie das neunte Wunder der Welt betrachteten; ja, daß Lady Oldtower ſelbſt ein wenig geſchwankt hatte, ehe ſie ihrer Schaar hübſcher — Töchter erlaubte, ſich unter einem und demſelben Dache mit jenem armen Ueberbleibſel einer Frau zu befin⸗ den, die ganz fern von ihnen dalag, und wohl jetzt kaum mehr irgend einem weiblichen Weſen ſchäd⸗ lich werden konnte. Doch im Laufe der Zeit hörte das Geſpräch von ſelbſt auf, und als ſich an einem Sommertage ein kleiner, aber ſichtlich anſtändiger Be⸗ gräbnißzug aus dem Gartenthore hinaus nach dem Enderly⸗Kirchhofe bewegte, war Alles, was man dar⸗ über ſagte: „Oh! iſt ſie todt? Es muß eine rechte Erleich⸗ terung ſein, und wie gut war es doch von Mr. und Mrß. Halifax!“ Ja, ſie war todt, und zwar ohne ein Zeichen der Reue, des Kummers und der Dankbarkeit von ſich zu geben. Außer vielleicht kurz vor ihrem Tode ein lichter Moment, den Maud bemerkt zu haben verſicherte, die kleine Maud, die ſie mit einer Hinge⸗ bung gepflegt hatte, der weder Vater noch Mutter entgegentraten, weil Beide von dem Grundſatze aus⸗ gingen, daß eine Frau nicht früh genug den ſchönſten weiblichen Beruf erlernen könne, der in der Thätig⸗ keit, Zartheit und Wohlthätigkeit beſteht. Miß Ha⸗ lifax war überzeugt, in den ſich verdunkelnden Augen — 105— wenige Minuten vor dem Ende einen Strahl des Bewußtſeins geſehen zu haben, und ſich zu ihr nie⸗ derbeugend, vernahm ſie leiſe flüſternd den Namen „William, armer William!“ Sie hatte es mir nicht erzählt, ſondern nur mit ihrer Mutter davon geſprochen, und auch nur flüchtig. So endigte dies elende Leben,— einſt ſo ſchön, ſo geliebt— oder ward vielleicht für eine. neue Sphäre wiedergeboren, um von Reuem nach der höchſten Schönheit zu ſtreben, nach der höchſten göttlichen Liebe. Denn was ſind wir, daß wir der unendlichen Gnade Grenzen ſetzen könnten, die von dem Herrn und Geber alles Lebens ausgeht, zu dem alles Leben wieder zurückkehrt! Wir beerdigten ſie und verließen ſie dann. Arme Lady Caroline! Niemand trat uns dabei entgegen, und wir hatten auch Niemand darnach gefragt, da Keiner da war, der ein Recht dazu gehabt hätte. Lord Lux⸗ more war ſogleich nach dem Begräbniſſe ſeines Va⸗ ters verſchwunden, und Niemand wußte wohin, außer ſein Anwalt, der mit ihm verhandelte, die Schaar der Gläubiger vollkommen befriedigte und in deſſen Hände ſein einziger Schuldner, John Halifax, ſeine — 106— jährliche Rente ablieferte. Er ſchrieb mit derſelben Lord Lurmore einige Mal; doch wurde der Briefe einfach durch den Geſchäftsmann als richtig einge⸗ laufen gedacht, ſie aber nie beantwortet. Ob John in irgend einem Lady Carolinens erwähnte, weiß ich nicht, aber bezweifle es, da es zu Richts führen konnte, und ihn nur betrüben mußte. Es war mehr als wahrſcheinlich, daß er ſie ſeit lange todt glaubte, wie wir und die ganze Welt überzeugt waren. In dieſer Welt iſt ein einzelner Mann, ſelbſt ein vornehmer Mann, von geringem Gewicht. Lord Ravenel ſank in das weite Meer ſeiner Gewäſſer und die Wellen ſchlugen über ihm zuſammen. Ob er darin untergegangen oder gerettet war, blieb für Jedermann nur von geringer Bedeutung. Er ward überall bald vergeſſen, außer in Beechwood, und ſelbſt dort ſchien es zu Zeiten auch der Fall zu ſein. Doch herrſchte in unſerer Familie niemals die Gewohnheit, ſchnell und leicht zu vergeſſen. Obgleich ſieben Jahre verfloſſen waren, ohne daß wir Guy's heiteres Geſicht wiedergeſehen hatten, kämpften wir doch noch eben ſo hart gegen den Schmerz, mit dem wir ihn ſo lebhaft vermißten. Je mehr Zeit darüber verfloß, je herber ward die — 107— Sehnſucht in dem Herzen der Mutter, der die Worte für ihren Gram fehlten. Auch der Vater wünſchte den älteſten der Söhne herbei; denn da Edwin's eigene Geſchäfte immer mehr zunahmen und Walther's unentſchiedener Charakter ihn noch lange, nachdem er aus der Kindheit getreten war, als Knabe erſchei⸗ nen ließ, bedurfte er wahrlich der jüngeren Kraft, um ſich darauf zu ſtützen, und er ſagte oft nicht ohne Angſt: „Ich möchte, der Guy wäre wieder zu Hauſe!“ Indeſſen hatten wir noch immer keine Ausſicht zu ſeiner Rückkehr, denn beſſer er kam gar nicht als gegen ſeinen Wunſch und Willen, oder daß wir auch nur den leiſeſten Schmerz oder den Schatten von Unzufriedenheit in ihm empfunden hätten, denn er war zuftieden in ſeinen Verhältniſſen und angeſehen in der weſtlichen Welt; dabei führte er ein thätiges, nützliches Leben und hatte ſich einen geachteten Na⸗ men gemacht. Er hatte einen Theilnehmer in ſeinem Geſchäft gefunden, wie er uns ſagte, mit dem ihn eine wahre Freundſchaft verband, und ſie machten gute Fortſchritte, ja konnten vielleicht in wenigen Jahren ein ſo ſchnelles Vermögen geſammelt haben, wie gewandte Geſchäftsleute nur in Amerika zu er⸗ werben, und in jener Zeit beſonders, vermochten. — 108— Ebenſo war er auch ernſter geworden, und be⸗ ſchäftigte ſich eifrig mit höhern Gegenſtänden als mit denen, die nur auf die Geſchäfte Bezug hatten, und theilte warm die Sympathieen ſeines Vaters für einzelne politiſche Angelegenheiten, die damals die Menſchen ganz beſonders beſchäftigten. Eine große Anzahl gleicher Thatſachen, welche die Fabrik⸗ kinder in Amerika und England betrafen, eine Maſſe von Gründen, die Mr. Buxton bei ſeinem Antrage über die Abſchaffung der Sclaverei nachgewieſen hatte, und manche andere Gegenſtände noch, die ſich aus einer innerlich kräftigen Thätigkeit entwickelten, ordneten ſich in der männlich reifenden Kraft des Mr. Guy Halifax in Boſton— unſeres Guy. „Der Junge wird ſeinen Weg in der Welt machen,“ verſicherte der Vater eines Tages, als er deſſen letzten Brief eben geleſen hatte.„Es ſoll mich wahrhaftig nicht wundern, wenn ihn bei ſeiner Heimkehr eine Deputation aus Rorton Bury, ſeiner Vaterſtadt, empfängt und ihm die Ehre anbietet, ſie im Parlamente zu vertreten. Er würde ihnen— wenigſtens in Bezug auf die Wahlumtriebe und die Damen— beſſer zuſagen als ſein alter Vater.— Nun, was meinſt Du, Liebe?“ — 109— Mrß. Halifax lächelte faſt wider Willen, denn ihr Mann bezog ſich auf einen Gegenſtand, der ihr in letzter Zeit manchen Kummer gemacht hatte. Nachdem die Reform⸗Bill durchgegangen war, wünſch⸗ ten manche unſerer Nachbarn ihre lange gehegte Hoffnung in Erfüllung gehen zu ſehen, indem ein Mann wie John, von ſo ehrenwerthem Charakter, ſo vielem praktiſchen Wiſſen und ſo großem Einfluſſe in der Stadt, als ihr Parlaments⸗Mitglied aufträte, und überzeugt, daß eben nur die Reformfrage das einzige Hinderniß geweſen wäre, das ihn zurück⸗ halten konnte, in das Haus zu treten, forderten ſie ihn jetzt dringend auf, ſich für Norton Bury wählen zu laſſen. Doch zum allgemeinen und noch mehr zu unſer Aller Erſtaunen ſchlug er es ab. Oeffentlich führte er keinen andern Grund da⸗ für an, als daß er die Ueberzeugung habe, dieſe Pflichten, die er ſo hoch und heilig halte, nicht ſo erfüllen zu können, wie er es für nöthig halte, und wie er ſie einſt hätte ausüben können. Sein Brief, kürz und einfach, in dem er„ſeinen guten Nachbarn“ dankt, und ihnen ein jüngeres und würdigeres“ — 110— Mitglied wünſcht, mag noch in irgend einem Akten⸗ ſtücke des Norton Buryer Archivs liegen Selbſt der Mercur von Norton Bury konnte bei dem Abdrucke deſſelben nicht umhin, ſeines rühren⸗ den Edelmuthes in dieſen wenigen Worten zu geden⸗ ken, und daraus ſchließend, daß hiermit ſeine politi⸗ ſche Bahn beſchloſſen ſei, ließ er ſich herab, Mr. Halifax zu bezeugen, „daß ſie keinen beſſern Mann ſich hätten auf⸗ ſparen können.“ Es war ſeiner Familie und namentlich ſeiner Frau nicht unbekannt, daß der Eintritt in das Par⸗ lament längſt ſeine Gedanken beſchäftigt habe, ja ſein Wunſch geweſen ſei, ebenſo, daß er ſehr wohl wußte, wie es ihrem natürlichen Stolze geſchmeichelt hätte, den Titel eines Parlaments⸗Mitgliedes, und zwar eines umgeſtalteten Hauſes der Gemeinen hinter ſeinem geliebten Namen zu ſehen, und dennoch hatte er auf ihre Fragen auch keinen andern Grund anzu⸗ führen, als was er den Wählern von Norton Burh antwortete. „Aber Du biſt doch noch nicht ſo alt,“ ent⸗ gegnete ich ihm eines Tages,„und Du haſt im vollſten Sinne des Wortes die mens sana in corpore — 11— sano. Kein Menſch kann mehr geeignet ſein, ſeinem Vaterlande in dem Sinne zu dienen, wie Du es ſelbſt verlangteſt und ihm früher dienen wollteſt, wenn die Reform errungen ſein würde.“ Er lächelte heiter und dankte mir für meine gute Meinung. „Nein, Du ſelbſt hatteſt früher die Anſicht, daß ſolche Dienſte eine Pflicht wären. Was hat Dich ſo verändert?“ „Ich habe meine Anſichten nicht geändert, aber die Verhältniſſe haben meine Handlungsweiſe geän⸗ dert; was nun die Pflicht anbelangt, ſo gehören alle Pflichten zuerſt der Familie. Glaube mir nur, ich habe viel und reiflich darüber nachgedacht; und nun laß uns nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Bruder.“ Ich ſah wohl ein, daß ihn Etwas in der gan⸗ zen Sache peinigte, und folgte alſo natürlich ſeinem Wunſche. Selbſt dann, als er einige Tage ſpäter — vielleicht um die Enttäuſchung der Mutter in Etwas zu entſchädigen— den oben erwähnten Wink fallen ließ, daß Guy ſtatt ſeiner in das Parlament treten könnte. Jemand an John's Stelle, oder in ſeinem Namen handeln oder eintreten zu ſehen— ſelbſt ſeinen eigenen Sohn— war kein erfreulicher Ge⸗ danke, nicht einmal im Spaß; wir ließen ihn alſo unbeantwortet und John berührte ihn auch nicht wieder. So verfloß die Zeit ruhig genug; Vater und Mütter traten in den ehrwürdigen Stand des Groß⸗ vaters und der Großmutter, und die kleine Maud ward Tante Maud. Sie nahm dieſe neue Würde und dieſe neuen Pflichten mit großer Freude und dem beſten Erfolge auf. Sie war in den letzten Jahren allerdings viel älter geworden, und bei zwan⸗ zig Jahren ſo gereift wie manche Frau es kaum bei dreißig Jahren iſt, das heißt ſie beſaß alle Vorzüge einer älteren Perſon. Sie war gefühlvoll, thätig, beſtimmt und bedacht, zuweilen nachdenklich und durch Stimmungen gequält, die mit einem weniger geſunden Charakter wohl zur Melancholie hätten ausarten können; aber da ſich dieſe Stimmungen leicht durch einige freundliche Worte oder durch einen; kleinen Abſtecher zu Edwin's milderten, ſich überhaupt nur in einer kleinen Unruhe und Erregtheit bemerk⸗ lich machten, ſo ſah man ſie immer friedlich und ruhig in die glückliche Heimath zurückkehren, deren —— hauptſächliche Freude ſie, die einzige Tochter, war, was ſie auch ſelbſt empfand. Mehr wie ein Mal hatte ſie ganz untadelhafte Gelegenheiten, es zu verlaſſen; denn Miß Halifar beſaß die größte Anziehungskraft, ſowohl äußerlicher als innerlicher Art, abgeſehen von ihrem nicht unbe⸗ deutenden Vermögen. Aber ſie ſchlug alle Bewer⸗ bungen aus, und war, ſo viel wir zu wiſſen glaub⸗ ten, noch immer eine junge Perſon mit freiem Herzen. Der Vater und die Mutter ſchienen ſich mehr darüber zu freuen als wäre das Gegentheil der Fall geweſen. Sie würden ihr ſicher jedes Glück gegönnt haben, das ſie ſich wünſchte, aber es beruhigte ſie ſichtlich, daß ſie ſchwierig in der Wahl deſſelben war und zögerte, die mütterlichen Arme zu verlaſſen, um einer ungeprüften Liebe zu trauen. Ja, ſo groß iſt die menſchliche Schwäche der Eltern, daß ich wirklich glaube, ſie ſahen zuweilen mit Freude auf die Mög⸗ lichkeit, daß ſie immer Miß Halifax bleiben könnte. Ich erinnere mich ſehr wohl eines Tages, als Lady Oldtower halb ernſthaft und halb ſcherzend warnte, „jede Heirath ſei beſſer als gar nicht heirathen“, John Halifar. vI. 8 8 — 114— daß Maud's Vater ſehr beſtimmt antwortete:„Beſſer nicht heirathen als eine Heirath, die nicht die beſte iſt.“ „Wie meinen Sie das?“ S „Ich glaube,“ ſagte er lächelnd,„daß jeder Mann irgendwo in der Welt ſeine rechte Frau, und jede Frau ihren rechten Mann finden muß, ja daß ſie ſchon leben. Wenn der für Maud kommt, ſoll ſie ihn haben. Wo nicht, ſo werde ich auch zufrieden ſein, ſie als altes Mädchen glücklich zu ſehen.“ So kam denn nach manchen Stürmen dieſe Stille über unſer Leben, eine Zeit der Thätigkeit aber eines ſich gleich bleibenden, ja monotonen Frie⸗ dens. Ich habe immer gehört, daß zu einem voll⸗ kommenen Frieden eine Art Monotonie nothwendig ſei, und wir hatten für unſern täglichen Gebrauch genug davon, hofften jedoch noch auf mehr in der Zukunft, wenn Guy heimgekehrt ſein würde und wir, das Geſchick aller Kinder vollkommen geſichert, für uns einem grünen, friſchen Alter entgegen ſehen könnten, das „in langer Glückſeligkeit ſanft dahin fließt.“ Ja, es war eine Zeit einer himmliſchen Stille, die, je länger ich darauf zurückblicke, mir immer gleich himmliſch erſcheint. Süße Sommertage und Herbſt⸗ — 5— Nachmittage wurden unter den Buchen im Walde oder auf der Hochebene verbracht, ebenſo ruhige Winterabende, die wir allein verlebten, Maud und ihre Mutter arbeitend, Walther zeichnend. Der Vater ſaß ſo, daß er die Lampe hinter ſich hatte, und ihr Licht einen glänzenden Schein auf ſein Antlitz und ſeine weiße kahle Platte warf; indem es aber auf die Locken unterhalb ſpielte, gab es dem ausge⸗ bleichten Haar Etwas von der Farbe früherer Jahre wieder. Auch rührte mich oft der jugendliche Ton ſeiner Stimme, die zuweilen erklang, wenn er etwas Munteres in dem Buche fand, das er vor ſich hatte, und es uns vorlas, oder auch wenn er es bei Seite legte, ruhig daſaß und ſich, wie er es liebte, mit uns unterhielt, über ſpeculative, philoſophiſche oder poli⸗ tiſche Gegenſtände, die ihm nothwendiger Weiſe in der Eile und dem Drucke des Geſchäftslebens, unter der Bürde und Hitze des Tages entgehen mußten, die ſich ihm aber nun, wo die kühlen Schatten des Abends anbrachen, wieder in ihrer ganzen Schön⸗ heit und Sympathie näherten, ihm noch ſo theuer wie ſeine Jugendträume waren. 3 Glückliche, glückliche Zeiten, ſonnenheller Sommer, friedlicher Winter, wir bemerkten kaum, wie ſie vor⸗ 8* 116— überzogen; aber jetzt erkennen wir in Beiden, mit einem unausſprechlich heiligen Gefühle des Friedens, den Vorgeſchmack der Zeit, in der weder Sommer noch Winter ſein wird, wo wir weder nach Tagen noch Jahren mehr rechnen. Die erſte Unterbrechung unſerer Ruhe kam bald nach dem neuen Jahre. Es war kein Weihnachts⸗ brief von Guy angekommen, und während ſeiner langen Abweſenheit hatten wir auch noch nicht ein einziges Mal um dieſe Zeit vergebens auf Briefe ge⸗ wartet. Als die gewöhnliche Monatspoſt jetzt nun ohne ein Wort von ihm kam, der zweite Monat uns ebenfalls Nichts brachte, fingen wir an, uns nicht mehr öffentlich über dieſe Fehlſchlagung zu wundern, und hörten auf, ihn wegen ſeiner Vernachläſſigung zu ſchelten, wenn wir auch immer wieder und wieder den Beweis für dieſen letztern Grund anführten und verſicherten:„Guy iſt immer in ſeiner Correſpondenz ein recht nachläſſiger Junge geweſen.“ Als aber nach und nach die Wangen der Mutter immer bleicher wurden, der Vater immer ängſtlicher ausſah und nur noch gezwungen heiter erſchien, gaben wir es auch in der Familie auf, all' die guten — 117— Gründe hervorzuſuchen, weßhalb die Briefe von Guy ausgeblieben ſein konnten. Wir hatten wie gewöhnlich durch jede Poſtver⸗ bindung geſchrieben. Bei der letzten, die im März abging, bemerkte ich, daß außer dem gewöhnlichen Packet für Mr. Guy Holifax ſein Vater noch eine Vorſichtsmaßregel hinzugefügt hatte, indem er in Geſchäftsform an„die Herren Guy Halifax und Compagnie“ ſchrieb. Guy hatte in ſeiner Sorg⸗ loſigkeit immer vergeſſen, den Namen ſeines Part⸗ ners zu erwähnen; aber auf dieſe Adreſſe mußte ſein Theilnehmer uns, im Fall einer plötzlichen Reiſe oder Krankheit Guy's, doch wenigſtens ant⸗ worten. Im Mai, nein, es war am erſten Mai, ich weiß es ſehr genau, denn wir waren gerade mit Louiſen und ihrer Kleinen unten in der Mühlenwieſe geweſen, um Blumen zu pflücken, kam das ameri⸗ kaniſche Brieffelleiſen an. Es brachte uns ein großes Packet, in dem alle unſere Briefe dieſes Jahres zurückgeſchickt wurden und das von einer fremden Hand die Adreſſe trug: „An John Halifax, Esquire, Beechwood. Auf Wunſch des Mr. Guy Halifax.“ — 118— Obgleich dieſer erſchreckende Anblick ſelbſt die Mutter ſo verwirrte, daß ihr Auge ein unter den übrigen Papieren befindliches Briefchen zu Anfang nicht fand, ſo enthielt es doch die ſehr beruhigenden Gründe, weßhalb wir ſie zurückerhielten. Es waren einige Zeilen von Guy ſelbſt, der uns meldete, daß ihn beſondere Glücksfälle beſtimmt hätten, gleich zurückzukommen. Sollten Umſtände ihn an der Ausführung dieſes Planes hindern, würde er unfehl⸗ bar gleich ſchreiben; ſonſt würde er ſehr wahrſcheinlich mit einem amerikaniſchen Kaufmannsſchiffe abſegeln, das der„Polarſtern“ heißt. „Dann iſt er auf ſeinem Heimwege! er wnt 6 Die Mutter hielt mit einer zitternden Hand den Brief feſt, während ſie ſich mit der andern auf die Gallerie von John's Schreibtiſche ſtützte; ich errieth jetzt wohl, weßhalb John alle Briefe zuerſt nach dem Zahlhauſe bringen ließ.„Wann glaubſt Du, daß wir Guy erwarten können?“ Bei dem Gedanken dieſes glücklichen Wieder⸗ ſehens verließ ſie ihre Kraft. Sie weinte lange und bitterlich. 8 John ſaß ruhig, ſich über ſeinen Schreibtiſch beugend, da. Sein Ausdruck, ſo ernſt und ſo froh, — 119— zeigte, welche ſchwere Laſt durch die Ausſicht auf die Rückkehr des Sohnes von der Bruſt des Vaters ge⸗ fallen war. „Die Schiffe fahren ſelten länger als einen Monat, aber dies iſt ein beſonders leichtes Fahrzeug, das wohl einer längern Zeit bedarf. Liebe! zeige mir den Datum des Briefes.“ Sie ſah ſelbſt nach. Er war vom Januar. Der plötzliche Wechſel von Zuverſicht zu Un⸗ ſicherheit, dieſer harte, ſchwere Schlag, der uns das, was wir kaum als ein wirkliches Glück erfaßten, nur mehr als eine Hoffnung, einen Zufall, eine Möglichkeit erſcheinen läßt, wer kennt dieſe Erfah⸗ rung nicht? Ich erinnere mich ſehr wohl, wie wir Alle ſtumm vor Schreck in dem dunkeln kleinen Zahl⸗ hauſe ſtanden; ich ſehe noch Louiſen mit ihren Kindern in dem Thorwege vor mir, wie ſie ihr kindiſches Lachen zu unterdrücken ſuchte und ihnen leiſe von dem armen Onkel Guy erzählte. John war der erſte, der der unausgeſprochenen Angſt Worte gab, und zeigte, daß ſie weniger be⸗ gründet war als wir erſt dachten. — „Wir hätten auch dieſen Brief ſchon vor zwei Monaten haben müſſen, das zeigt uns, wie häufig ein Aufenthalt ſtattfindet, und ſo dürfen wir auch jetzt nicht zu ſehr geängſtigt und erſchreckt werden. Guy erwähnt nicht, wann das Schiff abſegelt, und es mag jetzt gerade unterwegs ſein! Hätte er nur den Namen des Schiffseigners angegeben! aber ich kann an den Lloyd ſchreiben und dort Alles er⸗ fahren. Ermuntere Dich, arme Mutter. Will's Gott, ſollſt Du Deinen kopfloſen Burſchen bald hier haben.“ Er ſchob die Briefe in das Couvert zurück und hielt eine Generalberathung, in die ſich ein vorüber⸗ gehender Anflug leiſer Heiterkeit miſchte, ob wir, ſie als unſer Eigenthum betrachtend, das Recht hätten, ſie zu verbrennen, oder ob ſie, dem Poſtamte einmal übergeben, nicht mehr dem Schreiber, ſondern dem Empfänger gehörten, und Guy ſie mit allen unnützen Reuigkeiten bei ſeiner Rückkehr in Anſpruch nehmen könne. Dies ward zuletzt beſchloſſen, und die Mutter erklärte mit einem matten Lächeln, daß Niemand ſie anrühren ſolle, denn ſie werde ſie bis zu„Guy's Ankunft“ unter S und Riegel halten. —— Damit nahm ſie ihres Mannes Arm und wir Uebrigen folgten ihnen, als ſie langſam den Hügel von Beechwood hinaufgingen. Doch nahmen die Kräfte von Mrß. Halifax ſeit dieſem Tage ſichtlich ab. Richt plötzlich, und kaum für den Augenblick merklich; auch nicht durch irgend ein äußerliches Unwohlſein verurſacht, ſie klagte auch über Nichts als über die„natürliche Schwäche des zunehmenden Alters“, aber die Veränderung war deutlich zu ſehen. Von Woche zu Woche wurden ihre längern Spaziergänge kürzer, ihre Dorfſchule übergab ſie mir; und obgleich ſie noch immer das Hausweſen führte und darauf beſtand, die Schlüſſel zu behalten, ſo fiel doch nach und nach,„um ſie praktiſcher zu machen,“ die Oberaufſicht der Häus⸗ lichkeit in Maud's Hände. Die Antwort vom Lloyd erfolgte: der Polar⸗ ſtern war ein amerikaniſches Fahrzeug, wahrſchein⸗ lich von geringer Ladung und geringem Werthe, denn die Aſſekuranz wußte Nichts von demſelben. Abermaliget Aufſchub und abermalige Unge⸗ wißheit. Der Sommer kam, aber kein Guh erſchien, ebenſowenig Nachrichten von ihm, keine Zeile, kein Wort.* —— Sein Vater ſchrieb nun wieder nach Amerika, und Nachfragen geſchahen nach allen Seiten Endlich ſchien ſich eine Spur zu finden. Der Polarſtern war abgeſegelt, hatte bei den Inſeln angeſprochen, aber ſpäter ward Nichts mehr von ihm gehört. Indeſſen blieb es doch immer eine kleine Hoff⸗ nung. Die erſte gute Kunde erzählte John gleich ohne des bis jetzt vermißten Schiffes zu erwähnen und ſelbſt dieſe Nachricht wußte er leiſe beizubringen, denn die Mutter war zu ſchwach und zart geworden und konnte die Dinge nicht mehr ſo wie früher ver⸗ arbeiten. Sie klammerte ſich, wie an Worte über Leben und Tod, an die Nachſchrift der Schiffseigen⸗ thümer:„daß ſie keine beſtimmte Erinnerung von dem Namen Halifax hätten; es wäre möglich, daß ein Herr dieſes Namens an Bord geweſen ſei, doch ſie könnten es nicht beſtimmt ſagen. Aber wahr⸗ ſcheinlich ſei es nicht, da der Polarſtern ein Handels⸗ ſchiff wäre, weder paſſend noch bequem für Paſſa⸗ giere.“ So verging wieder Woche auf Woche, ich weiß nicht mehr, wie ſie vorübergingen, wie man dies ſpäter nie weiß. Aber in der Gegenwart erſchienen ſie uns ſchrecklich und wir empfanden es Stunde für Stunde; jeden Morgen erwachten wir mit der Zu⸗ verſicht, daß uns im Laufe des Tages eine Hoffnung erſcheinen könne, und jeden Abend gingen wir ſo ſchwer und trübe zu Bette, als gäbe es auf der weiten Welt Nichts mehr, was einer Hoffnung ähnlich ſähe. Nach und nach, und ich glaube, dies war das ſchrecklichſte Bewußtſein, ward dies Leben der Unſicherheit ein natürlicher Zuſtand für uns, und Alles in und außer dem Hauſe ging ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gang, ſo, als ob wir genau von Dem unterrichtet wären, was der allmächtige Vater allein wußte: wo unſer Sohn weilte und was aus ihm geworden ſei. Oder noch mehr, als ob wir die Ge⸗ wißheit empfangen hätten, die uns doch wahrſchein⸗ lich erſt das Ende unſerer Tage bringen konnte, daß er bereits gänzlich aus dem Leben geſchieden ſei und es kein Weſen wie Guy Halifax mehr unter der unbarmherzigen Sonne gäbe. Das Herz der Mutter brach. Sie äußerte es durch keinen Klagelaut, aber wir laſen es auf ihrem Antlitze. Eines Morgens, an dem Tage nach John's Geburtstage, den wir mit Grace Oldtower, den beiden Großkindern, Edwin und Louiſe, zu feiern ver⸗ ſuchten, erſchien ſie nicht zum Frühſtück, noch zum —— Mitttagseſſen; ſie ſagte, nicht gut geſchlafen zu haben und dadurch zu angegriffen zum Aufſtehen zu ſein; manchen Tag blieb es nun ſo mit der gleichen ſchwachen Entſchuldigung, und zuletzt ohne dieſelbe. Ach, ſo verändert ſie auch war, wie vermißten wir ſie im Hauſe! Wie ein Geiſt wanderte ihr Mann von Zimmer zu Zimmer, konnte nirgends aushalten, nirgends Etwas thun. Endlich kam es dahin, daß er uns gänzlich verließ, und in den Stunden, die er zu Hauſe zubrachte, ging er nur noch für wenige Minuten aus dem ſtillen Schlaß⸗ zimmer, wo jedes Mal, wenn er es betrat, das arme bleiche Antlitz aufſah und lächelte. Ja, lächelte! denn ich bemerkte, wie manche Andere es in ähnlichen Fällen gethan haben mögen, daß, je mehr ihre körperliche Geſundheit ſchwand, je mehr kräftigte ſich ihre geiſtige. Die ſchwere Bürde ſchien ihr leichter zu werden, und geduldiger und freudiger unterwarf ſie ſich dem Willen des Allmäch⸗ tigen, was er auch bringe. Und als ſie ſo in der Bibliothek auf ihrem Sopha lag, wohin ſie John an einem oder zwei Abenden eben ſo leicht getragen hatte als er ſonſt die kleine Muriel von einem Orte zum andern trug, ſchien ſeine Frau völlig zufrieden, wenn ſie nur ſeine Hand in der ihrigen haltend, ihm ruhig zuhören konnte, wenn er ihr Etwas vorlas, oder auch nur ihn ſtill anſehen durfte, als ob das Antlitz ihres Sohnes, das ſie noch wenige Wochen vorher, wie ſie ſagte, ſtets verfölgte, nun in dem des Vaters verſchwinde. Vielleicht dachte ſie auch, das Eine bald wiederzuſehen, während das Andere— „Phineas!“ flüſterte ſie eines Tages, als ich ihre Füße mit einem Shawl bedeckte, oder irgend eine andere Kleinigkeit that, für die ſie mir dankte, „Phineas, wenn mir irgend Etwas zuſtößt, werden Sie John hoffentlich tröſten?“ Erſt jetzt fing ich an, die Möglichkeit ernſthaft zu betrachten, die mir bis dahin ſo unglaublich erſchien, die ich mir eben ſo wenig träumen ließ, als daß der Mond vom Himmel fallen könnte. Was wäre das Haus ohne die Mutter! Ihre Kinder ahnten NRichts von Allem, was ich ſah; aber ſie wgren jung, doch ihr Mann— Ich konnte John nicht verſtehen. Fr, ſonſt ſo ſcharfſichtig, er, der bei jeder Sorge und Noth feſt auf die Hand blickte, die ihn ſchlug, weder eine feige —— Furcht, noch ein ungläubiges Verſtecken vor dem Schmerz kannte, gewiß, er mußte ſehen, was ihn bedrohte. Und doch blieb er ſo ruhig, als ob er Nichts ſähe. So vollkommen ruhig, wie kein Menſch zu ſein vermöchte, dem die große Trennung zwiſchen zwei Weſen vor Augen tritt, die beinahe in ihrem ganzen Leben nicht zwei, ſondern Ein Fleiſch waren. Doch hatte ich ihn einſt ſagen hören, wie eine große Liebe, und dieſe nur allein, eine Trennung erleichtere. War es die Kraft dieſer Liebe, die ſeine Frau ſo treu und feſt umſchloß, die ihn jetzt furchtlos machte, indem ſie ihn durch ihre Vervollkommnung von ihrer Unſterblichkeit überzeugte? Doch für den Augenblick klammerte ſich ſeine menſchliche Liebe noch feſt an ſie und zeigte in tau⸗ ſend Geſtalten ſeine über ſie wachende Zärtiichkeit. Und die ihrige ſchloß ſich eng und ganz abhängig ihm an; ſie ließ ſich von ſeiner Sorge umfangen, von ihm leiten und führen, als ob ſie ihm gegenüber; ihre Hilfloſigkeit ausruhend und ihre Abhängigkeit ſüß fände. So manche kleine äußerliche Zärtlichkeit, die in einer langen Ehe natürlich aufhört, belebte ſich von Neuem; er brachte ihr Blumen aus dem —— Garten und Bücher aus der Stadt, und oft genug, wenn er ſich unbeachtet glaubte, ſah ich ihn vor ihr ſtehen und ihre abgemagerte Hand, an der der Trau⸗ ring nur noch loſe hing, feſt an ſeine Lippen drücken. Dieſe Hand, die ſeit ſo manchem Jahre die ſeinige war, die aber auch ſein blieb, bis die Vergänglichkeit ſie ihm raubte. Ja, er hatte Recht. Verluſt, Trauer und der Tod ſelbſt werden einer ſolchen Liebe wie der ihrigen gegenüber machtlos. Wir befanden uns bereits in der Mitte des Juli. Vom Januar bis zum Juli waren ſechs Monate! Unſere Nachbarn, unter denen ſich Viele befanden, die wahrhaft mit uns fühlten, frugen nicht mehr, „ob Nachrichten von Guy angekommen wären?“ Selbſt die hübſche Grace Oldtower, noch immer hübſch, aber nicht mehr jugendlich friſch, ſchlug nur ihre Augen fragend auf, wenn ſie unſere Thür betrat, und ſenkte ſie mit einem hoffnungsloſen Seufzer wieder zu Boden. Sie hatte uns Alle treu und redlich ſeit vielen Jahren geliebt. Eines Abends, als Lady Oldtower uns eben verlaſſen hatte, nachdem ſie den ganzen Tag bei uns geweſen war, ſaßen Maud und ich allein in der — — —— — 128— Bibliothek, wie dies jetzt gewöhnlich war. Der Vater brachte ſeine Abende alle in den obern Zim⸗ mern zu. Wir konnten ſeine Schritte deutlich über uns hören, wenn er dort eintrat, oder auch nach dem Fenſter ging, um es zu öffnen oder zu ſchließen, und dann ſeinen Stuhl wieder an ſeinen gewohnten Platz zog, an dem Bette ſeiner Frau. Zuweilen vernahmen wir dann ein leiſes Gemurmel, wenn er las oder ſprach, und dann folgte wieder ein langes Schweigen. Maud und ich wir ſaßen auch ſtumm neben einander. Sie folgte ihren Gedanken, ich den mei⸗ nigen. Vielleicht waren es oft dieſelben, vielleicht, denn Jugend bleibt dennoch Jugend, und ſo mögen ſie doch weit von einander abgewichen ſein. Die ihrigen waren auf jeden Fall tiefe und feſſelnde Ge⸗ danken, ſo emſig arbeitend wie ihre Nadel; denn unwillkürlich war der Mutter Weſen und Arbeit⸗ ſamkeit über ſie gekommen. Die Lampe war bereits angezündet, doch ſtan⸗ den die Fenſter noch weit offen, und durch die ſchwüle Sommernacht hindurch konnten wir das Murmeln des Fluſſes und das Raſcheln der Bäume vernehmen. Wir ſaßen ganz ſtill, auf Niemand wartend, überhaupt Nichts erwartend, in einer dumpfen Geduld, die um dieſe Stunde gewöhnlich über uns kam, dieſe Stunde vor der Schlafenszeit, wo Nichts mehr vor uns lag als der Gedanke, wie wir am Beſten dem neuen trockenen Tage entgegen⸗ gehen ſollten. „Maud, war das nicht der Ton der Haus⸗ thür?“ Walther, ſie zu ſchließen, ehe er zu Bette gehe, es hatte die Mutter in voriger Nacht geſtört.“ Es folgte wieder eine ſo tiefe Stille, daß wir Beide erſchraken, als das Mädchen die Thür öffnete. „Miß Haliſat, hier iſt ein Herr, der die Miß zu ſprechen wünſcht.“ Maud ſprang athemlos von ihrem Seſſel auf. „Iſt es Jemand, den Du kennſt?“ „Nein, Miß.“ „Führe den Herrn herein.“ Er ſtand bereits in der Thür, groß, braun, mit ſtarkem Bart. Maud warf einen raſchen Blick John Halifax. vl. 9 —— — 135— auf ihn, ſtand dann auf und verbeugte ſich fremd, ganz Miß Halifax von Beechwood. „Wollen Sie Platz nehmen? Mein Vater—“ „Maud, kennſt Du mich nicht? Wo iſt meine Mutter? Ich bin Guy!“ Fünftes Rapitel. Guy und ſeine Mutter waren beiſammen. Sie lag in ihrem Ankleidezimmer auf einem Sopha, er ſaß auf einem niedrigen Seſſel neben ihr, ſo daß ſie ihren Arm um ſeinen Racken ſchlingen, und ſein Ge⸗ ſicht dann und wann zu ſich herumwenden konnte, um ihn anzuſehen; und mit welchem Blicke! Sie hatte ihn zwei volle Tage gehabt— zwei Tage— gegen acht Jahre! Doch ſchienen dieſe acht Jahre zu einer kurzen Spanne Zeit zuſammen⸗ zufinken, und die zwei Tage ſich zu einem Berge von Glück auszudehnen, die eine Schranke vor der trüben Vergangenheit zogen, wie das Glück nur vermag, und dem Allbarmherzigen ſei für dieſe Gnade Dank! Aber beſonders für Seine Barmherzigkeit, die ſo ge⸗ wiß wahr iſt als Alle, die reines Herzens ſind, Seine 9* — 132— Treue erfahren, daß eine helle kurze Zeit der Freude ganze Jahre ſcheinbar unendlicher Schmerzen ver⸗ wiſchen kann, und nicht allein in der Wirklichkeit, ſondern ſogar in der Erinnerung. Nur zwei Tage waren ſeit dem Abende ver⸗ floſſen, wo Guy zurückkam, und doch ſchienen Mo⸗ nate ſeitdem vergangen zu ſein. Wir hatten uns nach und nach an die große bärtige Geſtalt gewöhnt, an die fremde Stimme und den ungewohnten Gang im Hauſe; Alle, außer Maud, die noch immer etwas bläſſer und zurückgezogen blieb. Wir hatten es auf⸗ gegeben, dieſen unſern Guy— dieſen großen, ernſten Mann, der den Dreißigen nahe war, und wenigſtens wie fünfunddreißig ausſah— mit Guy dem Kna⸗ ben, der uns verlaſſen hatte, zu vereinigen, mit dem Jünglinge, den wir nie wiederfinden konnten. Dem⸗ ungeachtet nahmen wir ihn wie er war, in unſere Herzen auf, ihn mit unausſprechlicher Freude em⸗ pfangend. Er war allerdings ſehr gealtert. Es war na⸗ türlich, ja, recht, daß er es war. Er hatte viel ge⸗ litten, ein gutes Theil mehr als er uns mittheilte, wenigſtens erſt viel ſpäter davon ſprach; er war durch Armuth, Arbeit, Krankheit und Schiffbruch — 433— geprüft. Er hatte uns durch den Polarſtern ge⸗ ſchrieben, war vierzehn Tage ſpäter mit einem an⸗ dern Schiffe abgefahren, hatte Schiffbruch erlitten, war von einem auswärtigen Fahrzeuge aufgenom⸗ men, und endlich in England gelandet, er ſowohl als ſein Theilnehmer im Geſchäft, ſo arm wie ſie das Vaterland verlaſſen hatten. „War denn Dein Theilnehmer ein Engländer?“ fragte Maud, die am Fuße des Sopha's zuhörend daſaß.„Du haſt uns gar Richts von ihm erzählt.“ Guy erwiderte halb lächelnd:„Das wird ſchon nach und nach kommen. Es iſt eine lange Geſchichte. Aber jetzt gerade kann ich an Niemand, überhaupt an nichts Anderes als an meine Mutter denken.“ Er wandte ſich zu ihr, wie er wohl zwanzig Mal des Tages that, um ſeine rauhe Wange auf ihre Hand zu drücken und ihr mit vor Liebe über⸗ ſtrömenden Augen in das magere Antlitz zu ſchauen. „Du mußt nun geſund werden, Mutter, ver⸗ ſprich es mir!“ Ihr Lächeln verhieß es, und begann ſchon die Erfüllung des Verſprechens. „Ich glaube wirklich, ſie ſieht ſchon ein wenig kräftiger aus; was meinſt Du, Maud? Du kennſt — — 134— ſie beſſer als ich; ich kann mich in alten Zeiten nie erinnern, ſie krank geſehen zu haben. Ach, Mutter! ich will Dich nie wieder verlaſſen, nie wieder!“ „Nein, mein Sohn!“ „Nein, Guy, nein!“ rief der eintretende John, der ſie Beide zufrieden betrachtete.„Nein, mein Junge, Du darfſt Deine Mutter nicht wieder ver⸗ laſſen!“ „Ich werde Keines von Euch verlaſſen, Vater!“ ſagte Guy mit einer ſo achtungsvollen Zärtlichkeit, daß es der Mutter Herz bis in den tiefſten Nerv be⸗ glücken mußte. Ihm ſeinen Platz überlaſſend, wäh⸗ rend er den von Maud einnahm, ſaßen ſich Beide gegenüber. Vater und Sohn beſprachen verſchiedene Gegenſtände über ihre Familien⸗Geſchäfte und Ein⸗ richtungen, und beriethen ſich mit einander, wie es zwiſchen Vater und Sohn ſein muß. Dieſe acht Jahre der Trennung ſchienen ſie enger verbunden zu haben; die Verſchiedenheit der Jahre, zwiſchen ihnen geringer als bei den meiſten Vätern und Söhnen, war zu einer größern Annäherung verſchmolzen. Nie in ſeinem ganzen Leben war Guy ſo liebevoll und ehrerbietig gegen ſeine Mutter geweſen. Und mit einem beſondern Vertrauen und beſonderer Zärt⸗ „ — 135— lichkeit ſchien John's Herz ſich ſeinem älteſten Sohne zuzuneigen, dem Erben ſeines Namens, ſeinem Nach⸗ folger in dem Enderly⸗Geſchäfte. Denn damit Guy ſich nicht mehr als ein unnützes, berufloſes Geſchöpf auf der Welt betrachten ſollte, ſondern gleich ſeinen naturgemäßen Platz einnehmen könne, war ſchon der Plan entworfen, die Firma„Halifax und Söhne“ in„Halifax, Gebrüder“ umzuwandeln. Vielleicht in nicht langer Zeit,“ meinte die Mutter ganz im Gehei⸗ men, denn ſie wünſchte nicht, daß Guy jetzt ſchon von dieſem Theile des Planes unterrichtet würde, „vielleicht in nicht langer Zeit iſt er„Guy Halifax Esquire von Beechwood“ und„die Alten“ ſind in dem glücklichen kleinen Longfield!“ Bis jetzt hatte Guy Niemand außer uns ge⸗ ſehen, und war auch von Niemand geſehen worden. Obgleich die Mutter die beſten Gründe hervorſuchte, weßhalb Guy nicht als ein„ſchiffbrüchiger Seemann“ öffentlich erſcheinen dürfe, wegen Anzug u. ſ. w., ſo bemerkte man doch ſehr leicht, daß ſie nicht ohne Be⸗ ſorgniß ein Zuſammentreffen vorausſah, das noth⸗ wendiger Weiſe bald ſtattfinden mußte, aber das Guy auch nicht im Geringſten berührte, Er hatte geſprächsweiſe und im Allgemeinen nach„allen mei⸗ —— —— —— — ——— — 6— nen Brüdern und Schweſtern“ gefragt, und ihm ward eben ſo allgemein geantwortet, doch hatte we⸗ der er noch Einer von uns den Namen von Edwin oder Louiſen genannt. Sie wußten, daß er zurückgekommen war; doch wie und wo die erſte Begegnung ſtattfinden würde, überließen wir gänzlich dem Zufalle, oder beſſer ge⸗ ſagt, der Vorſehung. Sie fand denn auch Statt. Guy ſaß ruhig zu den Füßen ſeiner Mutter auf dem Sopha, und ſein Vater und er beſprachen, in welcher Weiſe die Schulkinder, Pächter und Arbeitsleute ein Ereigniß 4 feiern ſollten, für das wir uns beſonders intereſſir⸗ ten, wenn auch in nicht größerm Maße als es in dieſem Jahre alle Klaſſen des ganzen Königreiches beſchäftigte— die Abſchaffung der Negerſclaven in den Kolonieen nämlich— die am 1. Auguſt 1834 in's Leben treten ſollte. Er ſaß in einer Stellung, in der er mich lebhaft an ſeine Kindheit erinnerte, ein Bild der Befriedigung, obgleich ein Sonnen⸗ ſtrahl, der durch die Jalouſieen drang und ſeinen Kopf beleuchtete, manche tiefe Sorgenlinie auf ſeiner Stirn, und mehr denn ein Silberhaar auf ſeinem Haupte entdecken ließ. — 137— Während einer Pauſe, in welcher Keiner von uns wohl genau ſagen konnte, woran er dachte, hörten wir ein kleines Klopfen an der Thür, und ein kleines Stimmchen von Außen rief: „Bitte, ich möchte hereinkommen!“ Maud ſprang auf, um es zu verhindern, aber Mr. Halifax hielt ſie zurück und ging ſelbſt, die Thür zu öffnen. Ein kleines Kind ſtand vor der⸗ ſelben; ein Mädchen ohngefähr drei Jahre alt. Wahrſcheinlich errathend, wer es ſei, ſprang Guh auf, ſetzte ſich aber ſogleich wieder auf ſeinen Platz. „Ich möchte Großmama und Onkel Guy ſehen!“ Guy erſchrak, doch blieb er unbeweglich ſitzen. Die Mutter nahm ihr Enkelkind in ihre ſchwachen Arme, und es küſſend ſagte ſie leiſe: „Da iſt Onkel Guy, geh' und ſprich mit ihm.“ Sie ging und berührte ſein Knie. Guy fühlte die zarte, furchtloſe kleine Hand. Er wendete ſich zu ihr und ſah ſich widerſtrebend und fragend nach dem kleinen Dinge um, doch redete er ſie weder an noch faßte er ihre Hand. „Biſt Du Onkel Guy?“ 6„Ja.“ — „Warum giebſt Du mir denn keinen Kuß? Hier küſſen mich Alle,“ ſagte der allgemeine kleine Liebling, weder blöde noch furchtſam, noch eine Zurückſetzung für möglich haltend. Auch ward ſie ihr nicht zu Theil. Ihre kleinen Finger ſpielten ungehindert mit der feſt geſchloſſenen Hand. „Wie heißeſt Du, meine Liebe?“ „Louiſe, Mama's kleine Louiſe.“ Guy ſtrich die Locken zurück und ſah lange und nachdenklich in das kindliche Antlitz, das Zug für Zug ihre Schönheit geerbt zu haben ſchien; aber ſanfter und verklärter, wie dem Menſchen wohl zuweilen der Geiſt ſeiner alten Schmerzen Jahre lang, nachdem man ſie zu Grabe trug, wieder be⸗ gegnet. Doch ſtrahlt uns alsdann der Friede der Auferſtehung in himmliſcher Klarheit aus den be⸗ kannten Zügen entgegen. „Kleine Louiſe, Du gleichſt—“ Er ſtockte, neigte ſich zu ihr herab und küßte ſie. In dieſem Kuſſe verſchwand für immer der letzte Schatten ſeiner Jünglingsliebe. Nicht, daß er ſie vergeſſen konnte, Gott bewahre jeden guten Men⸗ ſchen davor, daß er ſich ſeiner erſten Liebe ſchämte oder ſie vergäße. Aber ſie ſelbſt und alle ihre Leiden flogen weit fort in die heilige Unſterblichkeit eines Traumlebens. Als er dann wieder aufſah und eine ſchöne, ſtarke, matronenartige Frau neben dem Sopha ſeiner Mutter bemerkte, erſchrak Guy weder, noch ward er bleich. Es war eine Andere, nicht mehr ſeine ver⸗ lorene Louiſe. Er ſtand auf und reichte ihr ſeine Hand. „Sie ſehen, Ihre kleine Tochter hat bereits Freundſchaft mit mir geſchloſſen. Sie iſt Ihnen ſehr ähnlich, nur hat ſie Edwin's Haare. Wo iſt mein Bruder Edwin?“ „Hier, alter Freund! Willkommen zu Hauſe!“ Die Brüder begrüßten ſich warm, nein, liebe⸗ voll. Edwin war nicht aus ſich heraustretend in ſeinen Gefühlen; aber ich ſah, wie ſeine Züge bebten und wie er ſich länger als eine Minute mit einem Knoten in dem Latze ſeines kleinen Mädchens be⸗ ſchäftigte. Als er dann das Wort wieder nahm, war es, als ob nie irgend Etwas geſchehen oder Guy fortgeweſen ſei. Die Mutter lag, ihre Arme übereinander ge⸗ ſchlagen, und ſah ſtumm von dem Einen auf den Andern, oder die Augen ſchließend, bewegten ſich die Lippen leiſe, wie im Gebete. Es ſchien, ſie bedürfe nun dies, um ihre unausſprechliche Freude zu er⸗ tragen. Bald darauf verließen uns Louiſe und Edwin für einige Stunden, und Guy kam auf die Geſchichte ſeines Lebens in Amerika zurück und auf ſeinen Theilnehmer, der mit ihm heimgekehrt, und wie er ſelbſt Alles verloren hatte. „Für ihn iſt es noch weit ſchwerer, denn er iſt älter als ich. Er wußte gar Richts von Geſchäften, wie er ſich mir als Schreiber anbot; ſeitdem aber hat er wie ein Selave gearbeitet. In einer ſchwe⸗ ren Krankheit, die mich überfiel, pflegte er mich, iſt mir überhaupt in dieſen drei Jahren der beſte und treueſte Freund geweſen. Er iſt ein edler Menſch. Vater, wenn Du nur wüßteſt—“ „Nun, mein Sohn, ſage mir Alles. Lade ihn nach Beechwood ein; oder ſoll ich ihm ſchreiben und ihn darum bitten? Maud, gieb mir das Schreib⸗ zeug Deiner Mutter her! Nun, Guy, Du bleibſt doch immer der zerſtreute Menſch; Du haſt uns noch nicht einmal den Namen Deines Freundes geſagt.“ Guy ſah ſeinem Vater in ſeiner offenherzigen — 4141— Weiſe gerade und feſt in's Auge; zögerte, fand ſich aber ſichtlich dann zurecht. „Ich theilte ihn Dir nicht mit, weil er es nicht wünſchte, bis Du ihn ſo gut verſtehen könnteſt wie ich ſelbſt es vermag. Du haſt ihn früher gekannt, doch hat er vernünftiger Weiſe ſeine Titel aufgegeben. Seitdem er zu mir nach Amerika gekommen iſt, nennt er ſich nur Mr. William Ravenel.“ So natürlich die Sache war, wenn man ruhig darüber nachdachte, ſo erſtaunte uns doch dieſe Ent⸗ deckung außerordentlich, ja, ſchien uns zuerſt un⸗ glaublich. Für Maud war es gut, daß die kleine Lyuiſe auf ihrem Schooße ſaß, und ſo in gewiſſer Weiſe die heftige Bewegung der armen Tante Maud — und mäßigte. „Maud liebte ihn. Vielleicht hatte ſe die urſche ſeiner Entfernung errathen, und Liebe erzeugt dann freilich oft Liebe. Dazu kam ſein edles Verzichtleiſten auf Rang, Reichthum und auf ſie ſelbſt. Frauen ſonnen ſich in einem moraliſchen Helden, in Einem, der die Kraft beſitzt, ſelbſt die Liebe aufzu⸗ geben, und dieſen Verluſt dann aus Ehr⸗ und Pflicht⸗ gefühl muthig zu tragen. Auch mag ſeine Abweſen⸗ heit das Ihrige dazu beigetragen haben— Abweſen⸗ — 142— heit, die eine oberflächliche Phantaſie zum Vergeſſen bringt— treibt dagegen oft den kleinſten Saamen einer treuen Neigung zu der vollſten Blüthe der Liebe. Ja! Maud liebte ihn. Wie oder wann und wo dies zuerſt in ihr entſtand, vermochte Niemaud zu ſagen, ſie vielleicht ſelbſt nicht. Doch dem war ein Mal ſo, und ihre Eltern ſahen es. Beide, ſo wie der Bruder, waren tief bewegt. „Vater!“ flüſterte er,„habe ich etwas Unrech⸗ tes gethan? Ich wußte es nicht, wie konnte ich es auch ahnen?“ „Nein, nein, mein Sohn! Es iſt ſonderbar, Alles ſcheint jetzt ſo ſonderbar! Maud, mein Kind,“ begann John, der ſich aus einem längeren Still⸗ ſchweigen herausriß,„geh' und bringe Louiſen zu ihrer Mutter.“ Das Mädchen ſtand auf, ſichtlich froh, fortzu⸗ gehen. Als ſie durch das Zimmer ſchritt, das kleine Weſen ſich um ihren Hals ſchlang und ſie es in einer mütterlichen ſüßen Weiſe feſt an ſich drückte, ein Charakter, der ſo früh über ſie gekommen war — da dachte und hoffte ich— „Maud!“ ſagte John, ihre Hand drückend, als — 143— ſie bei ihm vorüberging,„Maud fürchtet ihren Vater doch nicht?“ Ihre Stimme erklang zuerſt unſicher und ver⸗ legen, dann aber rief ſie mit einer leidenſchaftlichen Beſtimmtheit, als ſei ſie vor ſich ſelbſt beſchämt: „Nein!“ Sie bog ſich dabei über die Rücklehne ſeines Stuhles, küßte ihn und ging dann hinaus. „Nun, Guy?“ Guy theilte uns nun in ſeiner offenen Weiſe die ganze Geſchichte von William Ravenel und ſich ſelbſt mit; wie der Erſtere entſchloſſen in Amerika angekommen ſei, um ſein Loos im Guten oder Böſen zu theilen, um mit Maud's Bruder zu ſinken oder tapfer zu kämpfen, und, wie Guy bald bemerkte, hauptſächlich deßhalb, weil er Maud's Bruder war. Endlich in dem offenen Boote auf dem atlantiſchen Meere, wo der Tod, dieſer große Offenbarer aller Dinge, ihnen in's Antlitz ſchaute, entdeckte er ihm ſein ganzes Geheimniß. Es verband ſie noch inni⸗ ger und machte aus Freunden Brüder. So lautete Guy's Mittheilung, die er mit einer gewiſſen Beſtimmtheit darlegte, ſo, als ſei er ent⸗ ſchloſſen— mochte ſeines Vaters Wille auch anders — 144— ſein— den ſeinigen, der ſich nun auch zu dem feſten Willen der Familie ausgebildet hatte, zum Beſten ſeines Freundes auszuſprechen. Doch als er ſah, wie ernſt, ja bekümmert, der Vater daſaß, ward er demüthiger und endigte ſeine Erzählung mit dem Ausrufe, den er am Anfange gebrauchte. „Vater, wenn Du nur wüßteſt—“ „Mein Wiſſen und mein Urtheil ſcheint aller⸗ dings ſehr beſchränkt geweſen zu ſein, mein Sohn. Aber der Eine iſt weiſer als ich, der Eine, in deſſen Händen der Anfang und das Ende aller Dinge liegt.“ Dieſe Art von Zerknirſchung, mit der er ſprach, das Aufgeben einer Entſcheidung, die den meiſten Menſchen ſo ſchwer wird zurückzunehmen, wenn ſie zu ihrer Zeit richtig ausgeſprochen, aber ſpäter durch das Geſchick als falſch dagelegt wird, erſchütterten den Sohn tief. „Vater! William ſelbſt ſagt, Dein Urtheil ſei recht, er verſichert, Du habeſt nicht anders handeln können, und daß er Alles, was ſeitdem aus ihm ge⸗ worden ſei, nur Dir und dieſem Tage verdanke. Obgleich er ſie noch immer liebe, nie eine Andere lieben werde, ſo erklärt er doch, daß der Verluſt dieſer Liebe ſeine Rettung bewirkt habe.“ — 145— „Er hat Recht,“ ſagte Mrß. Halifax.„Die Liebe iſt Nichts werth, die keiner Prüfung zu wider⸗ ſtehen vermag, ja ſelbſt einer harten Prüfung, wenn es nöthig iſt. Und wie ich John oft, ſehr oft ſagen hörte, ja wie er heute Abend noch wieder⸗ holte: es giebt und darf in dieſer Welt kein Wort geben, das„zu ſpät“ heißt. John antwortete nicht. Er ſaß, das Kinn auf die rechte Hand geſtützt, die andere gegen die Bruſt gepreßt, in ſeiner Lieblings⸗Stellung. Ein oder zwei Mal ſeufzte er tief und ſchmerzlich. Guy's Eifer konnte nicht länger warten.„Vater, ich verſprach ihm, entweder zu ſchreiben oder ihn ſelbſt noch heute zu ſprechen.“ „Wo iſt er?“ „In Norton Bury. RNichts würde ihn ver⸗ mögen, herzukommen, außer die Gewißheit, daß Du ſelbſt es wünſcheſt.“ „Ich wünſche es.“ Guy ſprang voller Freuden auf.„Soll ich ſchreiben?“ i „Ich werde es ſelbſt thun.“ Aber John's Hand zitterte ſo heftig, daß er ſtatt ſeiner freien, kräftigen Handſchrift nur Flecke John Halifax. vl. 10 — 146— auf das Papier machte. Er lehnte ſich matt in ſeinen Seſſel zurück und ſagte: „Ich werde ein alter Mann, das ſehe ich wohl. Guy, es war die höchſte Zeit, daß Du nach Hauſe kamſt.“ Mrß. Halifax glaubte, er ſei müde, und machte ihm auf ihren Kiſſen einen Platz für ſeinen Kopf zurecht, wo er einige Minuten ruhte,„gerade nur ihr zu Gefallen,“ ſagte er. Dann ſtand er auf und erklärte, ſelbſt nach Norton Bury zu unſerem alten Freunde hinüber fahren zu wollen. „Nein, laß mich ſchreiben, morgen kannſt S es eben ſo gut thun.“ Der Vater ſchüttelte den„Nein, es muß noch heute geſchehen.“ Seiner Frau Lebewohl ſagend,— er verließ. ſie nie, auch nicht für eine Stunde, ohne beſonders zärtlich von ihr Abſchied zu nehmen— ging John fort. Guy bekannte,„er ſei ſo glücklich wie ein König.“ Seine alte Liebenswürdigkeit kehrte zurück; er verſicherte, in dieſer Sache, die lange ſo ſchwer auf ihm gelaſtet, wie der größte Diplomat Wondel zu haben. ſ „Und ich bin überzeugt, ich werde ſelbſt glücklich —— ſein, wenn ich ſie ſo ſehe. Sie müſſen ſich gleich heirathen, und wir wollen William zu unſerem Theilnehmer im Geſchäft aufnehmen. Das war ein Plan der Mutter, wir nennen einander William und Guy, wie Brüder. Heiſſa! ich bin ſo glücklich! Ihr nicht auch?“ Die Mutter lächelte. „Du wirſt bald Niemand mehr bei Dir haben als mich. Das ſchadet Nichts. Ich behalte Euch dann allein und werde zu gleicher Zeit ein verzogenes Kind und ein alter Junggeſell.“ Die Mutter lächelte wieder, ohne zu antworten. Sie glaubte ſich wahrſcheinlich auch eine große Di⸗ plomatin. William Ravenel— er war von nun an kein Anderer mehr für uns als William— kam mit Mr. Halifax nach Hauſe. Erſt empfing ihn die Mutter; dann hörte ich den Vater nach dem Fräu⸗ lein⸗Zimmer gehen, wo ſich Maud den ganzen Tag eingeſchloſſen hatte,— das arme Kind— um ſeine Tochter herunter zu holen. Und endlich beobachtete ich Beide, Mr. Ravenel und Miß Halifax, wie ſie zuſammen durch den Garten nach dem Buchenwalde gingen, wo die Bäume und Blätter flüſterten und 10* — 148— die Wald⸗Tauben girrten, und, wie ich ver⸗ muthete, die alte Geſchichte erzählten und hörten, die ſo alt wie Adam iſt und doch immer ſchön und neu bleibt. in. Es war ein wundervoller Tag. Der Abend vereinigte uns, wie wir nicht glauben konnten, je wieder auf dieſer Welt um die Familien⸗Tafel ver⸗ einigt zu werden,— Guy, Edwin, Walther, Maud, Louiſe und William Ravenel,— Alle verändert, aber Keiner verloren. Ein wahres Feſt der treuen Liebe feierten wir; eine erneute Verherrlichung des Fa⸗ milien⸗Bandes, welches, durch ſo viel Kummer be⸗ laſtet, nun wieder zu feſt verknüpft war, um jemals zerreißen zu können. Als wir Alle ruhig geworden, Einer den Andern betrachtete und wir wieder in unſere alten Gewohn⸗ heiten verfielen, war im Ganzen weniger äußere Veränderung zu entdecken als man wohl ver⸗ muthet hätte. Der Tiſch erſchien der alte; Alle nahmen unwillkürlich ihre früheren Plätze ein, außer daß die Mutter auf dem Sopha lag und Maud bei dem Theekeſſel präſidirte. L6 Es that dem Herzen wohl, Maud anzuſehen, wie ſie ſich in ihrer Eigenſchaft als Vice⸗Königin —— um die Wirthſchaft bekümmerte, vielleicht mit dem ſehr natürlichen Gefühle, Einem der Gegenwärtigen zeigen zu wollen, wie geſetzt und vernünftig ſie ſei, gar nicht mehr zu jung. Man konnte ihr anfühlen, wie tief ſie von ſeiner Liebe durchdrungen war und wie ihre Liebe ihm ſeine Jugend wieder⸗ brachte. Dieſe Art von Verantwortlichkeit, ſo ſüß ſie auch war, gab ihr etwas Frauenhaftes und Ernſtes. Sie wollte ihm zu gleicher Zeit Frau und Kind, Erfriſchung und Tröſterin, Unterſtützende und unterſtützt Werdende ſein. Ja, Liebe erhebt und heiligt alle Dinge. Sie waren kein ſchlechtes Ehe⸗ paar, trotz der Verſchiedenheit ihrer zwanzig Jahre. Und ſo verließ ich ſie und ſetzte mich zu John und Urſula, wir, die vergangene Generation, oder doch bereit, in des Himmels ſchöne Zeit hinüber zu gehen, um für die Kommenden Platz zu machen. Wir ſprachen wenig, denn unſere Herzen waren zu voll. Früher, als Jemand daran dachte aufzubrechen, führte John ſeine Frau nach ihrem Schlafzimmer, verſichernd, daß, ſo wohl ſie auch ausſähe, ſie dennoch erinnert werden müſſe, mit dieſem guten Ausſehen und ihrem Glücke Haus zu halten. Als er wieder herunter kam, ſtand er noch eine — 150— kurze Zeit und ſprach mit Mr. Ravenel. Während er ſprach, kam es mir vor, als ſähe er matt aus, ja als würde er vor Ermüdung bleicher; eine oder zwei Minuten nachher verließ er das Zimmer. Ich folgte John und fand ihn in ſeinem Zimmer gegen den Kamin gelehnt. „Wer iſt da?“ Er ſprach ermattet und ſah entſetzlich aus. Ich rief ihn bei Namen. „Komm' herein, hole Niemand. Schließe die Thür.“ Die Worte kamen abgebrochen und heiſer aus ſeiner Kehle. Ich gehorchte ihm. „Phineas!“ ſagte er und hielt mir die Hand entgegen, als fühlte er, daß er mich betrübt habe; „laß das ſein, ich werde gleich wieder wohler werden. Ich weiß ſehr wohl, was es iſt,— o mein Gott! mein Gott!“ 33 Schreckliche, furchtbare Leiden, vor denen die menſchliche Natur zurückſchaudert; ein Leiden, wobei das arme menſchliche Fleiſch in ſeiner Todes⸗Angſt zu ſeinem Schöpfer ſchrei't, als ob in dieſem Augen⸗ blicke ſelbſt das Leben um dieſen Preis werthlos ſei. Ich weiß jetzt, wie ſchwer und was er erduldete. Er hielt mich feſt, halb bewußtlos wie er war, — 151— ſo daß ich keine Hilfe holen konnte;und als wir einen Schritt auf dem Flur hörten, wie früher einſt an dem Tage von Edwin's Hochzeit,— ach, wie plötzlich überkam mich die Erinnerung daran!— ſchleppte er ſich nach der Thür und verſchloß ſie W einmal. Nach einigen Minuten ſchien das Schlimmſte des Anfalles überwunden und er ſetzte ſich in ſeinen Stuhl nieder. Ich holte etwas Waſſer, er trank und ließ mich ſein Geſicht damit benetzen,— ſein Antlitz, ſo grau und todtenbleich! Meines 8 theures Antlitz! Aber ich erzähle nur die einfachen Ereigniſſe, Nichts mehr. Ein paar tiefe Athemzüge, ſo ſchwer, als wären ſie zum Leben nothwendig, und er war wieder ganz der Alte. „Gott ſei Dank! nun iſt es vorüber. Phineas, Du mußt Alles, was Du geſehen haſt, zu vergeſſen ſuchen. Ich wollte, Du wäreſt nicht hergekommen.“ Er ſagte das nicht in einem Tone, der mich verletzen konnte, ſondern zärtlich, als ob er ſehr be⸗ ſorgt für mich wäre. „Was iſt das aber?“ —— „Es iſt kein Grund zur Angſt da, nicht mehr als an jenem Tage, erinnerſt Du Dich? in derſelben Stube. Ich hatte einmal einen ähnlichen Anfall vorher gehabt und einige Male ſeitdem. Es iſt ein ſchrecklicher Zuſtand, wie Du ſiehſt, und ich kann ihn kaum ertragen; aber Du ſiehſt auch, daß er vorübergeht. Es wäre Unrecht, es meiner Frau oder ſonſt Jemand zu ſagen; wirklich! ich möchte es nicht. Du verſtehſt mich.“ Er ſprach davon wie von einer abgemachten Thatſache und als ob dieſe Auseinanderſetzung mich befriedigen und von ferneren Fragen zurück⸗ halten müſſe. Darinn irrte er ſich aber. „John, ſage, was es iſt.“ „Was es iſt? Nun, etwas Aehnliches, als 66 damals hatte, aber es kehrt ſelten wieder und ich bin dann gleich darauf wohl. Ich möchte gern, daß weiter nicht davon geſprochen würde. Bitte, vergiß es.“ 0 Aber das konnte ich nicht und ich glaube, er auch nicht. Er nahm ein Buch und blieb ſtill; doch ſah ich, wie ſeine Augen oft mit einem beſon⸗ deren Ernſte auf mich gerichtet waren, ſo, als wünſchte er meine Kraft zu prüfen, oder als ob er gern er⸗ — 453— kennen möchte, bis zu welchem Grade ich ihn liebte und wie viel ich ihm zu Liebe zu ertragen vermöchte. „Du lieſeſt nicht, John. Du biſt in Gedanken, aber worüber?“ Er antwortete nicht gleich und ſchien unſicher, ob er es mir ſagen oder nicht ſagen ſollte. Dann erwiderte er:„Ich dachte an Deinen Vater, erinnerſt Du Dich ſeiner?“ Ich ſah überraſcht zu ihm auf. „Ich meine, ob Du Dich erinnerſt, wie er ſtarb?“ Ich ſchauderte unwillkürlich, obgleich wohrlich nicht bei dieſer theuern und heiligen Erinnerung. „Ja; aber weßhalb ſprechen wir jetzt gerade darüber?“ „Warum nicht? Ich habe oft daran gedacht, welch' ein glücklicher Tod es war, ſchmerzlos, plötzlich, ohne vorhergehende zerſtörende Krankheit, ein plötz⸗ licher Uebergang von dieſem Leben zu einem ewigen. Phineas, Deines Vaters Tod war der den ich je erlebte.“ „Es iſt möglich, ich weiß es nicht recht— John,“— abermals erſchreckte mich Etwas in ſeinem Blick und Ausdruck—„weßhalb ſagſt Du mir das?“ „Ich weiß es kaum.— Doch! ich weiß es.“ — 154— „So ſage es mir.“ Er ſah über den Tiſch zu mir auf, Auge feſt in Auge, als ob er meinem Geiſte die Ruhe ſeines eigenen mittheilen wollte.„Ich glaube, Phineas, daß, wenn ich ſterbe, mein Tod dem Deines Vaters nicht unähnlich ſein wird.“ Etwas heftig kam über meine Lippen das Wort von einer Unmöglichkeit, gänzlicher Unmöglich⸗ keit, daß Jemand die Art oder die Zeit ſeines Todes zu beſtimmen vermöge. „Das weiß ich wohl. Ich weiß, daß ich noch zehn oder zwanzig Jahre leben und auch an einer anderen Krankheit ſterben kann.“ „Krankheit?“ „Nein, es iſt Richts, erſchrick nicht. Du ſiehſt, ich ängſtige mich nicht. Ich habe es ſchon ſeit vielen Jahren geglaubt, aber beſtimmt weiß ich es erſt, ſeitdem ich in Paris war.“ „Warſt Du in Paris krank? Du ſprachſt nie davon.“ „Nein, weil— Phineas, glaubſt Du die Wahr⸗ heit ertragen zu können? Du mußt Dir ſagen, daß es keinen wirklichen Unterſchied machen kann. Ich werde nicht eine Stunde früher ſterben, weil ich darauf vorbereitet bin.“ Er ſagte das freundlich und ruhig, ruhiger als ich jetzt dieſe Worte niederſchreiben kann, und ich horchte— horchte. „Phineas!“ Ich fühlte den warmen Druck ſeiner Hand auf meiner Schulter, dieſer Hand, welche mich wie die eines Bruders mein ganzes Leben lang geleitet hatte. „Phineas! wir haben uns ſeit vierzig Jahren gekannt. Iſt unſere Liebe und unſer Glaube ſo ſchwach, daß Einer von uns für ſich oder für ſeinen Bruder den Tod fürchten müßte?“ „Phineas!“ und das zweite Mal, daß er mich anredete, lag ein leiſer Vorwurf in ſeinem Tone; „kein Anderer als Du weiß dies. Ich ſehe, ich hatte vollkommen Recht, es Dir vorzuenthalten. Ich wollte, ich hätte Dir das Alles nicht geſagt.“ Da ſtand ich auf. Nach meinem dringenden Bitten theilte er mir die ganze und volle Wahrheit mit. Sie war, wie dies in den meiſten Fällen iſt, vollkommen gekannt wenigeér furchtbar. Die Krankheit hatte ihm bis jetzt wenig Leiden gebracht, die Anfälle waren kurz — 156— und ſelten. Sie hatten immer ſtattgefunden, wenn er allein war, oder hatte er ihre Annäherung gefühlt, ſo war es ihm möglich geweſen, ſich zu entfernen und ſie in der Einſamkeit zu überſtehen. „Es iſt mir immer geglückt, bis heute Abend. Sie hat nicht die geringſte Ahnung davon,— ich ſpreche von meiner Frau.“ Seine Stimme verſagte ihm. „Schrecklich iſt mir zu Zeiten der Gedanke an meine Frau geweſen. Vielleicht hätte ich es ihr ſagen ſollen. Oft nahm ich mir vor, es zu thun, änderte aber immer meinen Vorſatz. In letzter Zeit, als ſie ſo krank war, glaubte, ja hoffte ich beinahe, daß es ihr nicht geſagt zu werden brauchte.“ „Hätteſt Du lieber geſehen, daß ſie—“ John nahm ruhig das Wort auf, vor dem ich zurückſchrak.„Ja, ich wünſchte, daß ſie von uns Beiden zuerſt voranginge. Sie litte dann weniger und es würde nur eine kurze Trennung ſein.“ Er ſprach davon wie ein Anderer von einem neuen Wohnorte, von einer bevorſtehenden Reiſe ge⸗ ſprochen haben würde. Für ihn war dieſer große Augenblick, dieſer letzte Schrecken der Menſchheit ein zwar feierlicher, aber längſt gewohnter Gedanke, der — 157— ihm keine Furcht einflößte. Und als wir jetzt ſo zuſammenſaßen, ging Etwas von ſeinem Geiſte auf den meinigen über; ich fühlte, wie klein die Spanne Zeit zwiſchen dem ſterblichen und unſterblichen Leben ſei, wie in Wahrheit Beide nur Eins in Gott ſind. „H!“ ſagte er,„das iſt es gerade, was ich meine. Es liegt für mich immer etwas Unchriſtliches in einer beſonderen Vorbereitung zum Tode, wovon die Leute reden, als ob wir uns nicht immer, im Fleiſch oder ohne daſſelbe, in der Allgegenwart des Vaters befänden, und mag der Meiſter kommen, wann er will, ſo ſoll Er uns immer wachend finden. Er⸗ innerſt Du Dich wohl, mir das eines Tages geſagt zu haben?“ „Ach jener Tag!“ „Thut Dir mein Geſpräch wehe? Dann will ich nicht weiter reden.“ „Nein, fahre fort.“ „Das iſt Recht. Ich glaube, dieſer Anfall iſt etwas ſchlimmer geweſen als der letzte, ſo daß ich ihn erwähnen muß. Es iſt mir ein großer Troſt, mit Dir darüber zu ſprechen, ein großer Troſt, Phincas. Erinnere Dich immer daran.“ Und ich habe das in mir bewahrt. „Nun noch eine Sache, und meine Seele iſt be⸗ ruhigt. Obgleich ich noch manches Jahr leben kann, und ich hoffe, es ſoll ſo kommen, manches arbeitſame Jahr, ſo ſiehſt Du doch, daß ich keines Tages ſicher bin und deßhalb Vorkehrungen treffen muß. Zu Hauſe werde ich von heute an ſicher ſein können,“ — er lächelte ſichtlich erleichtert—„und ſelten gehe ich aus, ohne Einen meiner Söhne mit mir zu nehmen. Dennoch, aus Vorſicht, ſieh' nur.“ Er zeigte mir ſein Taſchenbuch; dort ſtand auf einer Karte, die ſeinen Namen trug, mit ſeiner eigenen leſerlichen Handſchrift Folgendes geſchrieben: „Zu Hauſe und dort meiner Frau Alles vorſichtig mitzutheilen.“ Ich ſchloß das Buch, und indem ich das that, fiel ein kleiner Zettel heraus, ganz gelb und ver⸗ ſchoſſen, der einzige Liebes⸗Brief ſeiner Frau, unter⸗ ſchrieben:„Ihre treue Urſula March.“ John nahm es auf, betrachtete es und legte es wieder an ſeinen Platz. „Armer Liebling! armer Liebling!“ ſeufzte er und blieb eine Zeit lang ſtill.„Ich bin ſehr froh, daß Guy zurückgekommen it und daß ſich meine —— kleine Maud ſo glücklich verlobte. Höre nur, wie die Kinder lachen!“ Für einen Augenblick flog wohl ein natürlicher Schatten des Bedauerns über die Züge des Vaters, dieſes Vaters, dem alle Freuden der Familie ſo werth waren; aber er verſchwand gleich darauf. „Wie vergnügt ſind ſie! Wie ſonderbare Dinge mußten uns und den Unſtigen nicht begegnen! Hörteſt Du wohl, wie Urſula heute ſagte, daß uns in dieſem Augenblicke keine Sorge drücke?“ Ich klammerte mich daran feſt, denn Dr. K. hatte erklärt, daß, wenn John ein ruhiges Leben, ein Leben ohne Sorgen führe, ſo könne er, menſchlich geſprochen, ein ſchönes und hohes Alter erleben. „Ja, Dein Vater erreichte es. Wer weiß? wir können Beide noch alte Männer werden, Phineas.“ Als er mit dieſen Worten aufſtand, ſah er kräftig an Geiſt und Körper aus, voller Geſundheit und Heiterkeit, ja kaum die Grenze jenes Alters be⸗ tretend, von dem er ſprach. Und ich war älter wie er. „Nun, willſt Du noch mit mir hinein gehen, um den Kindern gute Nacht zu ſagen?“ Im erſten Augenblicke glaubte ich es nicht zu — 460— können, dann aber vermochte ich es. Nachdem ſich auch die Letzten vergnügt entfernt hatten, ſtanden John und ich noch lange Zeit in dem leeren Wohn⸗ zimmer; wie in den Tagen unſerer Knabenzeit, wenn wir mit einander ſprachen, ſo lag auch jetzt ſeine Hand auf meiner Schulter.. Was wir uns ſagten, werde ich hier nicht niederſchreiben, aber ich erinnere mich jedes Wortes, und er, ich weiß es, er erinnert ſich deſſen auch noch. Dann reichten wir uns die Hände. „Gute Nacht, Phineas!“ „Gute Nacht, John!“ ——,—— Sechſtes Rapitel. Freitag, der erſte Auguſt des Jahres 1834, war ein Tag, deſſen ſich noch Mancher erinnern mag; es war ein ſanfter, grauer Sommermorgen, der ſich ſpäter ſtrahlend erhellte. Alle Glocken läuteten, die Zünfte und Geſellenſchaften zogen mit Bändern und Bannern umher, den Schulkindern wurden Feſte, den Arbeitern Feiertage gegeben. In Stadt und Land verbreitete ſich ein allgemeiner Geiſt der Freude, weil das redliche alte England ſeine großmüthige Stimme erhoben hatte, nein, mehr als das, freudig ſeine zwanzig Millionen zahlte, und ſo die Reger in allen ſeinen Colonieen frei machte. Manche mögen auch noch in irgend einem vergeſſe⸗ nen Fache die Medaille bewahren, die zu Tauſenden und John Halifar. vI. 11 — 162— Zehntauſenden von allen Klaſſen gekauft ward, in — Kupfer, Silber und Gold, die die Wohlthätigkeitsſchulen vertheilten und die von Großeltern den Enkeln gege⸗ ben wurden. So ſah ich, wie Mrß. Halifax ſie an einem blauen Bande der kleinen Louiſe als Erin⸗ nerung dieſes Tages um den Hals band. Dieſe ſchöne Medaille, auf der man den Sclaven aufrecht ſtehend ſah, die freien Hände gen Himmel ſtreckend, von denen die Feſſeln abgefallen waren.„So“— hörte ich John ſeiner Frau verſichern—„ſo könne er ſich vorſtellen, daß Paulus in dem römiſchen Ge⸗ fängniß geſtanden habe, als er denen, die ihn liebten, antwortete:„Ich habe einen guten Kampf ge⸗ kämpft. Ich habe den Lauf beendigt und bin im Glauben feſt geblieben.“ Jetzt, wo meine Ohren geſchärft waren, hörte ich John oft in dieſer Weiſe ruhig mit ſeiner Frau reden. Er blieb den ganzen Vormittag an ihrer Seite, ſie in ihrem Gartenſtuhl umherfahrend, oder auf unſern Grasplatz führend, um unſere Schuljugend in ihrer ganzen Herrlichkeit zu ſehen, und die Schüſſe zu hören, die, von den Leuten im Mühlengarten ab⸗ gefeuert, zu uns herauftönten, denn ganz Enderly ² 4 — 163— folgte dem Beiſpiele ſeines Herrn und nahm an der Emancipation der Sclaven ein Intereſſe, wie man es von dem tüchtigen, arbeitſamen England nur er⸗ warten konnte. Wir hatten unſte Jugend alle um uns verſam⸗ melt, und Einer wie Alle erklärten, es ſei ein herrlicher großer Tag. John war ebenfalls glücklich, unendlich glücklich. Nach Tiſche fuhr er ſeine Frau zu ihrem Sitze an der Trauereſche, wo der Geruch des Heues ſie von den Wieſen her erreichte, das nicht längſt zum zwei⸗ ten Male geſchnitten war, und das leiſe Rauſchen des Fluſſes bis zu ihren Ohren drang, der zwar ſchon etwas ausgetrocknet, aber doch noch ein lieb⸗ liches Bild gab. Ihr Mann ſaß neben ihr im Graſe und zwang ſie durch ſeine zierlichen Bemerkungen zum Lachen, indem er ſie in ihrem neuen Hute und dem ſchönen weißen Shawl bewunderte, den Guy ihr geſchenkt hatte, den der junge Herr ſelbſt jetzt aber nicht Zeit hatte zu loben. Er war nach der Schule gegangen, um dort dem Thee beizuwohnen, den man den Kindern reichte; ſeine Schweſter, Schwägerin und noch eine andere Dame begleiteten ihn, deren Augen in ſchweſterlicher Freude glänzten, 1* — 164— wenn ſie ihren alten Spielgenoſſen anſah. Guy's Schweſter aber war ſie dennoch nicht, auch nicht Etwas dergleichen, und ich fragte mich, ob er in dem Innerſten ſeines Herzens dieſen Umſtand nicht dankbar erkenne. „Ja, Mutter,“ rief der Vater lächelnd,„Du wirſt ſehen. wie es endigt. Alle unſre jungen Vögel werden uns davon fliegen und es wird Niemand zurück bleiben als Du und ich allein!“ „Das ſchadet Richts, John;“ und ſich zu ihm niederbeugend gab ſie ihm einen ſanften, ernſten Kuß, jetzt noch ſo werthvoll, wo ſie eine alte Frau gewor⸗ den war, als in den Tagen ihrer Jugendblüthe. „Das ſchadet Nichts. Wir waren ſchon ein Mal nur zu zweien, und nun werden wir Beide wieder allein zuſammen ſein, aber dennoch glücklich! Wir bedürfen Niemand als uns ſelbſt.“ „Nur uns allein, Du Liebling!“ Dies letzte Wort und den Ton, in dem er es ausſprach, werde ich in der Einſamkeit immer eben ſo klar hören wie in jenem Augenblicke. Dies Bild Beider, wie ſie unter der Eſche ſaßen, die Sonne das weiße Tuch Urſula's noch heller erſcheinen ließ, den Trauring an ihrer weißen Hand beleuchtete und —— . — dem ſilbernen Scheine von John's Locken die frühere jugendliche Goldfarbe wieder verlieh; es wird vor meinen alten Augen eben ſo lebendig bleiben wie damals. Ich war auf einige Zeit in mein Zimmer ge⸗ gangen, als John mich zu ſeinem gewöhnlichen Lieblingsſpaziergange nach der Terraſſe der Hochebene abholte. Er gab ihn nur ungern auf, und ver⸗ ſicherte ſtets, der Tag käme ihm nur halb oder unvoll⸗ kommen vor, wo er nicht den Sonnenuntergang geſehen habe. So brachten wir denn faſt jeden Abend eine oder mehrere Stunden damit zu, entweder auf der Hochebene auf und ab zu gehen, oder uns in jener kleinen Grotte niederzuſetzen, die der über⸗ hängende Felſen bildete, und wo man, wie von dem Hauptſitze eines natürlichen Amphitheaters, Roſe⸗ Cottage und den alten Brunnen ſehen konnte, wo das Rindvieh getränkt ward; tiefer unten unſer grünes Gartenthor, die dunklen Schatten des Buchen⸗ waldes und weiter darüber hinaus den Nunnely⸗ Berg, wo die Sonne unterging. Als wir etwas weniger als fonſt gegangen wären, denn der Abend blieb warm und es war ein angreifender Tag geweſen, ſetzten John und ich uns —— zuſammen nieder. Wir ſprachen ein wenig hin und her, hauptſächlich aber von Longfield, wie ich dort mein altes Zimmer wieder haben ſollte und wo wir eine neue Kinderſtube für die Enkelkinder anlegen könnten. „Wir können den Kindern nicht aus dem Wege gehen, das ſehe ich deutlich,“ ſagte er lachend.„Wir werden Longfield im Sommer gerade ſo voll haben wie ſonſt. Aber im Winter, da wird es ruhig ſein, und wir ſitzen dann ſtill in der Ecke des Kamins und verſenken uns in meine ſtaubige Wüſtenei alter Bücher. Was meinſt Du, Phineas? Du ſollſt mir auch bei den Verbeſſerungen helfen, die ich mit den Vorleſungen zu machen gedenke, die ich vor zehn Jahren in Norton Bury halten wollte. Unſer altes Latein wollen wir wieder hervorſuchen und uns in der modernen Literatur umſehen; es wird Unſinn genug ſein, fürchte ich. Nichts kommt doch unſerm alten Freunde Will von Avon oder Deinem Namens⸗ Vetter, dem würdigen Phineas Fletcher, gleich!“ Ich erinnerte ihn an ſein Werk:„Das Leben und die Schickſale des Hirten,“ das er immer ſo liebte, und verſicherte, es ſei ſein Ideal eines fried⸗ lichen Glückes. W „Ja, und ich empfinde noch heute ſo.„Halt' feſt an den Träumen deiner Jugend,““ ſagt der alte Deutſche; ich bin den meinigen nicht abtrünnig ge⸗ worden. Ich habe ein glückliches Leben genoſſen, ja, und was wenige Menſchen ſagen können, es war gerade die Art der Glückſeligkeit, welche meinen Wünſchen entſprach. Ich denke, es leben Manche, die, nachdem ſie Tag für Tag getreulich ihre gerin⸗ gen Kräfte anwendeten, zufrieden ſind, ihren Faden weiſern Händen zu überlaſſen, wollen dieſe ihn fertig verarbeiten. Ich wünſche dann aber Allen, daß ihnen ihr Gewebe ſo hell erſcheint wie mir das mei⸗ nige.“ So ſprach er ruhig daſitzend weiter, das Kinn auf ſeine Hand geſtützt, während ſeine Augen ſanft und lieblich nach Weſten blickten, wo die Sonne wohl noch eine Stunde vor ihrem Untergange ſtand. „Erinnerſt Du Dich wohl noch, wie wir in Deines Vaters Garten auf dem Raſen lagen, und doch nie den Sonnenuntergang recht ſehen konnten, außer ſtellenweiſe durch die Baumzweige des alten Abteigartens? Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie die Taxushecke noch ſo dick beſchnitten halten, wie damals?“ Ich ſagte ihm, wie Edwin heute erzählt habe, — 168— daß irgend ein fremder Pächter ein Wirthshaus aus dem alten Hauſe zu machen gedenke, und den Gar⸗ ten in eine Kegelbahn verwandeln wolle. „Das iſt eine Schande! Ich wollte, ich könnte es verhindern. Und doch vielleicht nicht,“ ſetzte er nach einem kurzen Stillſchweigen hinzu.„Sollten wir nicht lieber das allgemeine Geſetz des Wechſels anerkennen und uns ihm unterwerfen? wie Jeder ſein Tagewerk an ſeinem Platze erfüllt und dann ver⸗ ſchwindet, gerade wie die Sonne hier untergeht, nur wiſſen wir nicht wo ſie bleibt, während wir von uns ſelbſt wiſſen, wohin wir gehen, und auch den Weg kennen, derſelbe geſtern und heute und in alle Ewigkeit.“ Kurz ehe er ſo ſprach(und Gott daß ich in dem ewigen Königreiche dieſe Stimme eben ſo wieder höre— ſelbſt dort möchte ich ſie um keinen Ton verändert wiederfinden—) kam ein ganzer Trupp unſrer jungen Leute aus Mrß. Tod's Cottage, und grüßte uns von unten herauf. Da ſtand Mrß. Edwin und unterhielt ſich mit der guten alten Seele, die ihr kleines Kind ſehr be⸗ wunderte, aber doch nicht zugeſtehen wollte, daß — 169— irgend ein Kind denen von Mr. Halifar gleich kom⸗ men könne. Nicht weit davon ſahen wir Edwin in eifriger Unterhaltung mit ſeinem Bruder Guy, während dicht daneben Grace Oldtower, hübſcher und jünger ausſehend denn je, einen Blumenſtrauß für die kleine Louiſe pflückte. Etwas entfernter ging ein anderes Paar neben⸗ einander, das ſichtlich für nichts Anderes als für ſich gegenſeitig Augen hatte. „Ich glaube wirklich, John, daß dieſe Beiden, William und Maud, die glücklichſten von allen unſe⸗ ren Kindern werden.“ Er lächelte, ſah ihnen eine Weile nach und legte ſich dann ruhig auf den ſich abflachenden Raſenplatz hin, das Auge immer noch gegen den Sonnenunter⸗ gang gerichtet. Als ſie im Niederſinken hell auf den Platz ſchien, wo wir ſaßen, ſah ich, wie John ſeinen breit geränderten Strohhut über das Geſicht zog und beide Hände über die Bruſt gefaltet ſich zum Schlaf zurecht legte. Ich wußte, daß er angegriffen war, und ſo ſprach auch ich nicht weiter, ſondern deckte ihn nur mit meinem Ueberrocke zu. Er ſah auf und dankte — 170— mir ohne Worte mit ſeinem alten lieben Lächeln.— Einſt, ja einſt werde ich ihn an dieſem Lächeln wie⸗ derkennen.— Wohl über eine halbe Stunde ſaß ich ſo und beobachtete die untergehende Sonne, die immer tiefer und tiefer ſank, eine rothe runde Kugel, ohne daß eine Wolke ſie verhüllte. Schöner habe ich dies Schauſpiel nie vorher geſehen, ſo klar, daß man den Augenblick bezeichnen konnte, wo die Scheibe verſchwand.* Maud und Mr. Ravenel waren den Berg her⸗ auf gekommen, ich machte ihnen ein Zeichen, den Vater nicht zu ſtören, und ſo ſaßen wir alle Drei ſtill neben einander und blickten nach Weſten. Im⸗ mer weiter ging die Sonne hinab, bald ſahen wir nur noch die halbe Kugel, ſpäter einen Streif, einen unſichern Lichtſchein, dann war ſie verſchwunden. Und doch ſaßen wir noch immer da, ernſt, aber nicht betrübt in die glänzende Helligkeit verſunken, die das untergegangene Geſtirn hinter ſich zurückließ, wohl wiſſend und glaubend, es morgen wieder glorreich erſtehen zu ſehen. „Wie kalt iſt es geworden!“ ſagte Maud.„Ich dächte, wir müßten den Vater wecken.“ Sie näherte ſich ihm und legte ihre Hand leiſe . —— auf die ſeinigen, die gefaltet und frei dalagen, trat zurück, erſchrak und rief ängſtlich: „Vater!“ Ich ſchob die Tochter bei Seite, und ich war es auch, der den Hut von John's Antlitze nahm, von ſeinem Antlitze, denn John ſelbſt war weit, weit von uns entfernt. Uns hatte er verlaſſen und war zu dem gegangen, deſſen treuer Diener er geweſen war. Im ſanften Schlafe hatte der Herr ihn gerufen. Seine beiden Söhne trugen ihn den Abhang hinunter und legten ihn in ein oberes Zimmer von Mrß. Tod's Cottage. Erſt dann ging ich nach Hauſe, um es ſeiner Frau zu ſagen. * ** Endlich ward ſie etwas gefaßter, wenigſtens lag ſie ruhig, wenn auch todtenbleich auf ihrem Bette. Es war zehn Uhr Abends geworden und ich verließ ſie von allen ihren Kindern umgeben, die über ſie wachten. Ich ging nach Roſe⸗Cottage, um eine Stunde allein zu ſein und ihm noch ein Mal in's Angeſicht zu ſehen, das ich für eine kurze Zeit nicht wieder ſehen konnte, wie er ſelbſt geſagt hatte. — 172— „Eine kurze Zeit— eine kurze Zeit,“ ſo ſuchte ich mich zu tröſten Ich glaubte dies von John ſelbſt noch zu hören, wie er vor kurzer Zeit neben mir ſtand, ſeine Hand auf meine Schulter gelegt. Derſelbe John und doch ſo verſchieden von dem, der hier vor mir lag, ſo ſtill und ſchön wie der Menſch nur im Tode ausſieht, jünger, faſt um zwanzig Jahre jünger als er mir heute Morgen erſchien. „Lebe wohl, John! Lebe wohl! der Du mir mehr als Bruder warſt. Es iſt ja nur für eine kurze Zeit.“ Als ich ſo in Gedanken vertieft ſaß und auf ſeine friedlich gefalteten Hände ſah, der Ausdruck ſeines geſchloſſenen Mundes mir ſo ſüß erſchien und die ſonderbare geiſterhafte Aehnlichkeit mit Muriel's kleinem Geſichte immer mehr hervortrat, die einſt in derſelben tiefen Ruhe auf demſelben Kiſſen lag; da fühlte ich, daß mich Jemand leiſe anfaßte. Es war Mrß. Halifax. Wie ſie hierher kam, weiß ich nicht, und eben ſo wenig, wie es ihr möglich ward, ſich aus dem Kreiſe ihrer Kinder fortzuſtehlen, noch, wie ſie 3. die ſeit Wochen nicht gegangen war— ihren Weg hier herauf ſo allein und im Dunkeln fand. Eben S —— —,— — 123— ſo wenig, wo ihr die Kräfte herkamen, dieſe mehr als menſchlichen Kräfte, die ihr geſtatteten, hier zu ſtehen, und ſie ſtand gerade und ernſthaft vor mir, ihn anſchauend— anſchauend, wie ich es eben auch gethan. „Nicht wahr, Phineas, er ſieht aus wie er immer ausſah?“ Die Stimme war leiſe und ſanft, durch kein Schluchzen unterbrochen.„Einſt ſagte er mir, er wünſche nicht, daß ich ihn in dieſem Falle ſähe; aber ich vermag es doch nun.“ Ich gab ihr meinen Platz und ſie ſetzte ſich an ſeinem Bette nieder. Es mochte wohl an zehn Mi⸗ nuten dauern, daß wir ſo zuſammen blieben, ohne ein Wort zu wechſeln. „Ich dächte, ich hörte Jemand an der Thür. Lieber Bruder, wollen Sie die Kinder herein rufen?“ Guy knieete ganz überwältigt an der Seite ſeiner Mutter und beſchwor ſie, ſich von ihm nach Hauſe führen zu laſſen. Gleich— gleich, mein Sohn. Du biſt ſo gut für mich— aber— Dein Vater! Ach, Kinder, kommt herein und betrachtet Euern Vater!“ Sie verſammelten ſich Alle weinend um ſie; ſie allein ſprach, ohne eine Thräne zu vergießen. — 174— „Ich war ein Mädchen, jünger als irgend Einer von Euch, als ich Euern Vater zum erſten Male ſah! Nächſten Monat wären wir dreiunddreißig Jahre verheirathet— dreiunddreißig Jahre!“ Ihre Augen gewannen einen träumeriſchen Ausdruck, ſo, als ob ſie ihre Phantaſie in dieſen ganzen Zeitraum zurückführte, und faſt mechaniſch ſpielten ihre Finger mit dem Trauringe. „Kinder, wir waren ſo glücklich wie ich es nicht ausſprechen kann. Er war ſo gut und liebte mich ſo— mehr als das, er machte mich viel beſſer, weil ich ihn ſo liebte. Ach, was iſt mir ſeine Liebe von dem erſten Augenblicke an geweſen! Meine Kraft, mein Frieden und meine Hoffnung, in allen Sorgen mein Troſt, und im Glücke, wie lieblich war ſie da! Immer glücklicher und in ſich vollendeter ward mein Leben, ich ſelbſt erſchien mir immer würdiger, weil er mich als ſein Eigen gewählt hatte. Und was er war— Kinder, Keiner als ich hat je ſeine Güte ganz gekannt. Keiner als er allein hat gewußt, wie zärtlich ich Euern Vater geliebt habe. Wir waren uns gegenſeitig mehr werth als irgend Etwas auf dieſer Welt, aber wir wußten dennoch, daß wir Den über Alles lieben mußten, der uns zuſammengeführt hatte.“ Ihre Stimme ward beinahe unhörbar, doch . — 175— nahm ſie ſich zuſammen und noch ein Mal ſprach die Mutter in ihrem natürlichen alten Tone: „Guy, Edwin, Ihr Alle, Ihr dürft nie Euren Vater vergeſſen. Ihr müßt handeln wie er es wünſchte, und nach allen Seiten hin leben wie er gelebt hat. Ihr müßt ihn und Euch untereinander lieben. Kinder, nicht wahr, Ihr werdet nie ſo han⸗ deln, daß Ihr Euch ſchämen müßtet, Eurem Vater zu begegnen?“ Als ſich Alle um ſie drängten, küßte ſie Jeden, ihre drei Söhne und zwei Töchter, Einen nach dem Andern. Dann, als ob ihre Sinne durch den Raum, in dem wir uns befanden, verleitet würden, ſah ſie ſich ermattet um, als ſuche ſie noch nach einem an⸗ dern Kinde, faßte ſich aber ſogleich und lächelte. „Wie froh wird der Vater ſein, ſie wieder zu haben, ſeine eigene kleine Muriel!“ „Mutter, geliebte Mutter, komm' nach Hauſe!“ flüſterte Guy unter Thränen. Seine Mutter wandte ſich zu ihm, gab ihm noch einen Kuß— dem Lieblinge unter allen ihren Kin⸗ dern— und wiederholte dieſelben Worte. „Gleich, gleich! Aber jetzt verlaßt mich Alle; ich muß mit meinem Mannenocheine Weile allein ſein.“ Im binausgehen ſah ich, wie ſie ſich nach dem Bette wandte, und hörte ſie„John, John!“ rufen. Es war derſelbe Ton, beinahe dieſelben Worte, mit denen ſie ſich Jahre vorher an ihn anſchmiegte, als ſie getraut waren. Gerade daſſelbe leiſe Flüſtern wie ein müdes Kind, das ſich in die es beſchützenden Arme wirft.„John, John!“ Wir ſchloſſen die Thür und ſetzten uns außer⸗ halb auf die Stufen der Treppe. Mochte es Minu⸗ ten oder Stunden gedauert haben, kein Laut war von Innen oder von Außen zu hören. Endlich ging Guy leiſe hinein. Er fand ſie noch immer an der Seite des Bettes ſitzen, aber halb auf demſelben liegend, wohin ich ſie ſich wenden ſah, als ich die Thür ſchloß. Ihr Arm war um den Nacken ihres Gatten geſchlungen, ihr Kopf, in das Kiſſen gedrückt, lag dicht an ſeinen Haaren. Es wg als ob Beide ſtill eingeſchlafen wären. Eines der Kinder rief ſie, doch antwortete e nicht, noch bewegte ſie ſich. Guh hob ſie auf, ſanft und zärtlich, ſeine Mut⸗ ter, die keine andere Stütze mehr hatte als ihn— ſeine Mutter,— die Witwe. Nein, Gott ſei Dank! Sie war— keine Witwe mehr. Ende des und letzten Bandes. Druck von C. Roeßler in Grimma. . S ſ 8 9 10 11 12 13 14 18 19 „ 2