* —— .. Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. * . eih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abomement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: S ————— auf 1 Monat:— Pf. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtaunt über die ungewöhnliche Zurückhaltung in ihren Ausdrücken, ſahen mein Vater und ich uns nach dem Angeredeten um; doch indem der Knabe Platz machend uns ſcharf anblickte, hörte unſere Verwunderung auf, denn ſo abgeriſſen, ärmlich und ſchmutzig er auch war, ſo ſah er doch wahrhaftig nicht wie ein„Vagabunde“ aus. „Du brauchſt Dich nicht in den Regen zu ſtel⸗ len, mein Junge; geh' etwas mehr an die Wand zurück, ſo bleibt Raum genug für uns Alle,“ ſagte „ 5 1 N mein Vater, meinen Rollwagen in eine kleine Gaſſe unter den Schutz eines Vorbaues lenkend. Mit dank⸗ barem Blicke legte der Knabe ſelbſt Hand an, um mich tiefer hineinzuſchieben. Es war eine kräftige Hand, hart und gebräunt durch Arbeit, obgleich er kaum ſo alt war als ich. Was hätte ich darum Pen ſo ſtark und groß zu ſein Sally rief von ih& Hausthür herüber:„Will der Herr Phineas nicht ein wenig hereinkommen und ſich an dem Feuer wärmen?“— Aber jeder Schritt und jede Bewegung ward mir ſchwer, und ſo zog ich es vor, an dem Eingange der Gaſſe zu bleiben und den herbſtlichen Regenguß durch die Straßen ſtrömen zu ſehen; nebenbei lag mir aber auch daran, den fremden Knaben nicht aus den Augen zu verlieren. Ohne ſich zu bewegen, blieb dieſer an die Mauer gelehnt, entweder aus Ermüdung oder um uns nicht zu hindern. Er ſchien uns auch weiter kaum zu beachten, ſondern richtete ſeine Blicke feſt auf das Pflaſter, denn wir waren endlich dahin gelangt, die Hauptſtraße von Norton Bury gepflaſtert zu ha⸗ ben, und beobachtete die vom Winde gepeitſchten Regentropfen, die bei jedem Male, daß ſie nieder⸗ fielen, einen ſprühenden Waſſernebel um ſich ver⸗ breiteten. Er hatte für einen Knaben von vierzehn — Jahren ein ſelten ernſtes, mageres Antlitz, und es wird mir leicht, die Erſcheinung mir und dem Leſer zurückzurufen, obgleich mehr denn fünfzig Jahre ſeit⸗ dem verfloſſen ſind. Braune, tiefliegende Augen, mit ſtarken Augen⸗ brauen, die Raſe hatte nichts Bemerkenswerthes, dagegen lagen die fein geſchweiften Lippen feſt und geſchloſſen aufeinander, und das ſtarke, ſcharf aus⸗ laufende Kinn gehörte zu denjenigen, welche einem Geſichte Charakter und Entſchloſſenheit verleihen, ja, ohne welches ſelbſt das ſchönſte Antlitz das Gefühl eines Mangels zurückläßt. Wie ich ſchon vorher bemerkte, war der Knabe groß und kräftig gebaut, und ich armes ſchwächli⸗ ches Weſen, wie hoch ſchätzte ich körperliche Kräfte! Alles in ihm zeigte das, was ich nicht beſaß: ſeine muskulöſen Glieder, ſein breiter, feſter Schulterbau, die geſunde Farbe ſeiner faſt magern Wangen, ja ſelbſt die vollen Locken ſeines glänzenden ſtarken Haares. S So ſtand er als Hauptperſon eines Gemäldes da, das mir heute noch ſo klar vor Augen ſteht als hätte ich es geſtern erſt geſehen;— die kleine ſchmutzige Gaſſe, von der einen Seite in die Hauptſtraße mün⸗ dend und am andern Ende einen Blick auf grüne Felder gewährend, die offenen Hausthüren, aus denen das Geräuſch der Strumpfweberſtühle drang, ſo wie das Geſchwätz der Kinder, die in der Gaſſe ſpielten und ein aus Kartoffelſchaalen gebildetes Schiff darauf ſchwimmen ließen. Vor uns die Hochſtraße, in der uns gegenüber das große, mit einem Porticus ver⸗ zierte Haus des Bürgermeiſters lag, und etwas höher hinauf, wo die Regenwolken ſich zu brechen ſchienen, erhob ſich aus einer Gruppe ſchöner Bäume der viereckige Thurm unſerer alten Abtei— Norton Bury's Ruhm und Stolz. Ueber demſelben ergoß ſich durch die dunkeln Wolken in dieſem Augenblick plötzlich ein helles Licht. Der fremde Knabe erhob ſein Haupt und ſah ſich überraſcht danach um. „Der Regen wird bald aufhören,“ bemerkte ich, ungewiß, ob er mich verſtehen würde. Woran mochte er ſo aufmerkſam denken?— dies arme Arbeiter⸗ Kind— den Wenige überhaupt eines Gedankens für fähig gehalten hätten. Ich glaube kaum, daß mein Vater den Knaben beachtete oder an ihn dachte, nachdem er ihm aus einer Art Gerechtigkeitsgefühl einen Schutz in unſerer Nähe geſtattet hatte. Der würdige Mann bedurfte auch wahrlich keiner neuen Gegenſtände des Nach⸗ denkens, da er der alleinige Gründer eines langſam aufſteigenden, aber jetzt glänzenden Geſchäftes war. Ich bemerkte es wohl an dem ſich verfinſternden + — 6— Ausdrucke ſeines Geſichtes und an der ungeduldigen Bewegung, mit der er ſeinen Stock in die kleinen Waſſerflächen ſteckte, wie ſeht er wünſchte, ſich in ſeine nahegelegene Lohgerberei begeben zu können. Er zog ſeine große ſilberne Uhr heraus— der Schrecken des ganzen Hauſes— denn ſie ſchien Etwas von dem Charakter des Beſitzers angenommen zu haben; rückſichtslos wie das Geſetz und das Schickſal — ging ſie nie, ſelbſt nicht um eine Minute falſch. „Dreiundzwanzig Minuten habe ich durch die⸗ ſen Regen verloren, Phineas, mein Sohn! Wie ſoll ich Dich nur ſicher nach Hauſe ſchaffen? Du müßteſt Dich denn entſchließen, mit mir nach der Lohgerberei zu kommen.“ Ich ſchüttelte den Kopf. Es war ein hartes Geſchick für Abel Fletcher, ein ſo kränkliches Geſchöpf als einziges Kind zu haben; denn ich war jetzt bei ſechszehn Jahren ſo unnütz und hülflos wie ein kleiner Junge. „Gut, gut, ich muß Jemand ſuchen, der Dich nach Hauſe begleitet,“ denn obgleich mir mein Vater einen kleinen Rollwagen angeſchafft hatte, in dem ich mich mit geringer äußerer Hülfe ſelbſt in ſo weit fortbe⸗ wegen konnte, um ihn gelegentlich auf ſeinen Gängen von unſerem Hauſe nach der Brüdergemeinde zu be⸗ gleiten— ſo ließ er mich doch niemals ganz allein. „Sally— Sally Watkins!— Höre— will Eines Deiner Kinder ſich ehrlich einen Groſchen verdienen?“ Sally war nicht mehr im Bereiche ſeiner Stimme, doch ſah ich, wie der Knabe neben uns bei meines Vaters Rede roth ward und unwillkürlich einen Schritt vortrat; ich hatte vorher noch nicht bemerkt, wie elend und hungrig er ausſah. „Vater!“ rief ich leiſe, doch hatte der Knabe ſchon ſeine Blödigkeit überwunden und ſeine Stimme wiedergefunden. „Herr! ich ſuche Arbeit; darf ich mir den Gro⸗ ſchen erwerben?“ Er ſprach ein ziemlich gutes Engliſch— ſehr verſchieden von unſerer ſchlechten breiten G... ſchen Ausſprache— und indem er ſeine abgetragene Mütze in der Hand hielt, ſah er meinem Vater frei in das Auge. Der alte Mann betrachtete ihn genau. „Wie heißeſt Du, Knabe?“ „John Halifax.“ „Wo kommſt Du her?“ „Aus Cornwall.“ „Lebt noch Jemand von Deiner Familie?“ „Nein.“ Ich hätte den Fragen meines vter gern Ein⸗ — —— ————— 3 halt gethan; doch mußte er wohl ſeine guten Gründe dazu haben, die ſelten ſtrenger Art waren, wenn ſeine Handlungen auch oft ſo erſcheinen mochten. „Wie alt magſt Du wohl ſein, John Halifar?“ fuhr mein Vater fort. „Vierzehn Jahre, mein Herr!“ „Und biſt Du an Arbeit gewöhnt?“ „An welche Art von Arbeit?“ „An jede, die ich thun kann.“ Ich hörte dieſem Verhör, das hinter meinem Rücken vor ſich ging, zitternd zu. „Gut,“ ſagte mein Vater nach einer kleinen Pauſe,„Du ſollſt meinen Sohn nach Hauſe fahren und ich will Dir einen Groſchen geben. Komm'her — biſt Du wirklich ein Burſche, dem man trauen kann?“— er hielt ihn eine Armlänge von ſich entfernt und betrachtete ihn mit Blicken, die der Schrecken aller nichtsnutzigen Buben von Norton Bury waren. Indem Abel Fletcher die Silbermünze in ſeiner langſchößigen braunen Weſtentaſche verfüh⸗ reriſch erklingen ließ, wiederholte er nochmals:„Ich frage, biſt Du ein Burſche, dem man trauen kann?“ John Halifax ſchlug weder ſeine Augen nieder noch antwortete er. Er ſchien zu empfinden, daß dies ein entſcheidender Augenblick für ihn ſei, ja, daß 10 er alle ſeine Geiſteskräfte gebrauche, um dieſem An⸗ griffe ſeine ganze Redlichkeit entgegenzuſetzen. Er hielt ihn auch wirklich aus, und durch ſein Schwei⸗ gen blieb er Sieger. „Soll ich Dir den Groſchen gleich geben, Junge?“ „Nicht eher als bis ich ihn verdient habe.“ Seine ausgeſtreckte Hand zurückziehend ließ mein Vater das Geld in die meinige fallen und verließ uns. Ich folgte ihm mit den Augen, als er feſten Fußes durch die mit Waſſer überſtrömte Straße ſchritt. Seinen breiten ſtattlichen Rücken bedeckte ein Rock, ſtreng nach dem Schnitt der Quäker, aber fleckenlos,* fein und warm, ein Paar Hoſen von klein geripptem Zeuge und lederne Stiefeletten vervollſtändigten den Anzug, während der breitkrämpige Hut und die gleichmäßig herabhängenden grauen Haare der gan⸗ zen Erſcheinung eine beſondere Würde verliehen. Er gab das vollkommene Bild deſſen, was er war— ein ehrlicher— ehrenwerther, wohlhabend geworde⸗ ner Handelsmann. Ich verfolgte ihn die ganze Straße hinab, meinen guten Vater, den ich vielleicht mehr verehrte als ich ihn liebte. Der Knabe aus Cornwall betrachtete ihn gleichfalls. Es regnete noch immerwährend, und ſo blieben wir unter dem Vorbau. John Halifax lehnte an derſelben Stelle, ohne zu ſprechen. Nur einmal, als der Zug durch die kleine Gaſſe mich traf, legte er meinen Mantel feſter um meine Schultern. „Ich fürchte, Sie ſind nicht wohl?“ „Nein.“ Und wieder lehnte er ſtill an der Wand gegenüber dem Hauſe des Bürgermeiſtes mit dem Porticus, den breiten Stufen und ſeinen vierzehn Fenſtern, von denen das Eine geöffnet und ein ganzes Neſt von kleinen Kinderköpfchen ſichtbar werden ließ. Es waren die Kinder des Oberbürgermeiſters — ich kannte ſie wohl dem Anſehen nach, weiter aber nicht; denn ihr Vater war ein Beamter und der meinige ein Lohgerber. Sie gehörten der Abtei an und zählten ſich zu den Rechtgläubigen,— ich, zu denen der Brüder⸗ gemeinde; es ſchien den roſigen Kindern des Bürger⸗ meiſters viel Vergnügen zu machen, uns zu beobach⸗ ten, wie wir uns frierend vor dem Regen zu ſchützen ſuchten. Unzweifelhaft mußte unſer Anblick ihnen ihren Aufenthalt in noch angenehmerm Lichte erſcheinen laſſen. Mir that das Richts, aber anders war es für den armen, verlaſſenen, heimathsloſen, wandern⸗ den Knaben, ſo nah' dem Fenſter einer luſtigen Kin⸗ derſtube zu ſtehen, ihre Stimmen und das Geräuſch einer wohl nicht unwillkommenen Mahlzeit zu hören. — — Ich war begierig, zu erfahren, was es auf ihn für einen Eindruck machen würde. Gerade in dieſem Augenblicke erſchien ein anderer Kopf am Fenſter, der eines etwas ältern Kindes; ich hatte ſie ſchon mit den Andern geſehen; ſie war nur zum Beſuche dort. Auch ſie ſah zu uns herüber, verſchwand aber eben ſo ſchnell wieder. Gleich darauf ſahen wir, wie die Hausthür ſich halb öffnete, und ſichtlich fand ein Streit hinter derſelben ſtatt, ja wir hörten über die ſchmale Straße hinüber einige heftige Worte. „Ich will— ich ſage Ihnen aber, daß ich es i „Sie dürfen nicht, Miß Urſula.“ „Doch— ich will es doch!“ Und nun ſahen wir das Kind in der einen Hand ein Brot haltend, in der andern Hand ein Vorſchneidemeſſer. Sie brachte es wirklich dahin, ein großes Stück Brot abzuſchneiden, und es aus der Thür reichend, rief ſie: „Nimm das, armer Junge!— Du ſiehſt ſo hungrig aus— da, nimm es.“ Aber das Dienſt⸗ mädchen zog ſie zurück, die Thür ward zugeſchlagen und man hörte einen lauten Schrei. John Halifax erſchrak und ſah nach dem Kin⸗ — „ derſtubenfenſter hinüber, das gleichfalls geſchloſſen ward. Wir hörten weiter Nichts. Nach einer Minute des Wartens ging er über die Straße und nahm das Stück Brot auf. Nun war aber in jenen Tagen das Brot eine überaus theure Waare, die armen Leute konnten es ſich nur ſelten kaufen und lebten faſt nur von Kleien und dem groben Abfalle des Kornes. Wahrſcheinlich hatte John Halifar ein ſolches Weizenbrot ſeit Mo⸗ naten nicht mehr gekoſtet, wenigſtens ſchien es ſo, denn er betrachtete es mit lüſternen Blicken; dann aber wieder nach der verſchloſſenen Thür hinüber⸗ ſehend, zögerte er, davon zu nehmen. Es dauerte auch eine ganze Weile, ehe er das erſte Stück abbrach; überhaupt aß er langſam, ernſt und nachdenklich dabei ausſehend. Sobald der Regen aufhörte, traten wir unſern Rückweg an; er fuhr mich die Hochſtraße hinunter nach der Abteikirche zu, ohne zu ſprechen. Ich da⸗ gegen hätte ſo gern wieder ſeinen angenehmen Corn⸗ waller Accent gehört. „Wie kräftig Sie ſind!“ rief ich ſeufzend, als er mich durch eine plötzliche Wendung vor einem Reiter rettete, der im Begriff war, mich umzureiten, — ich erkannte in ihm den jungen Mr. Brithwood aus dem Hauſe Mythe, der ſich wenig kümmerte, — wohin er galoppirte oder wem er dadurch ſchadete. „Wie groß und ſtark ſind Sie!“ fuhr ich fort. ⸗ Bin ich dase— Nun wohl, ich werde meine Kräfte ſchon gebrauchen müſſen.“ „Wozu?“ „Um mir mein Brot zu erwerben!“ Er hob ſeine breiten Schultern und ſetzte ſeinen Fuß feſter auf das Steinpflaſter, als ob er wiſſe, daß die Welt vor ihm liege, der er ohne Furcht allein und auf eigne Hand entgegentreten müſſe. „Was haben Sie denn in letzter Zeit gear⸗ beitet?“ „Alles, was ich zu thun bekommen konnte, denn ich habe nie ein Handwerk gelernt.“ „Würden Sie es jetzt noch gern thun?“ Er zögerte einen Augenblick— ſo als ob er ſeine Worte überlegte.„Einſt dachte ich wohl daran, das zu werden, was mein Vater war!“ „Und was war er?“ „Ein Gelehrter und ein feiner Mann.“ Dies war neu, obgleich es mich eigentlich nicht überraſchte. Mein Vater, wenn auch ſelbſt Loh⸗ gerber und faſt eigenſinnig eiferſüchtig auf die Würde des Handels und Gewerbes, hielt doch ſtreng an der Theorie des geſunden Menſchenverſtandes, die einen Vortheil in einer guten Abkunft erblickt. Denn da . — 2 * es ein Geſetz der Natur bleibt, das nur ſelten Aus⸗ nahmen geſtattet, daß ſich die Eigenſchaften der Vor⸗ eltern auf die Nachkommen vererben, ſo ſcheint die Sache klar genug, daß, ſelbſt bei gleichen Vortheilen, der Sohn einer guten Familie mehr Ausſichten hat, ein vornehmer Mann zu werden, als der Sohn eines Handwerkers. Und obgleich er und ſein Vater vor ihm Beide Handwerker geweſen waren, ſo, glaube ich, vergaß doch Abel Fletcher nie, daß wir von einem guten Geſchlechte abſtammten, und es machte ihm Vergnügen, mich, ſeinen einzigen Sohn, nach einem unſerer nicht unbekannten Vorväter zu nen⸗ nen,— Phineas Fletcher, der das Purpur Eiland geſchrieben hat. So erſchien es mir denn ganz richtig und naturg daß John Halifax aus beſſerem denn bäueriſchem Blute entſproſſen ſei, und ich zweifelte nicht, daß mein Vater auch daſſelbe empfinden würde, da man bei jedem Worte, das er ſprach, ein Gemüth und eine Erziehung erkennen mußte, die weit über ſeine Verhältniſſe hinausreichten. „Dann würden Sie vielleicht,“ fuhr ich in unſerem Geſpräche fort,„nicht gern irgend ein Handwerk ergreifen?“ „Das würde ich dennoch. Was könnte es mir ————— — ſchaden, wenn auch mein Vater von guter Herkunft war!“ „Und Ihre Rutter? 2 Er wandte ſich plötzlich ab, ſeine Wangen glühten und ſeine Lippen zitterten:„Sie iſt todt!“ ſagte er.—„Ich höre nicht gern, daß Fremde von meiner Mutter reden.“ Ich bat ihn um Verzeihung. Es war klar, daß er ſie geliebt und tief betrauert hatte, ja, daß die Verhältniſſe ſeine ruhigen Kindesgefühle in eine männliche Verſchloſſenheit verwandelt hatten, und er verbarg, wo er liebte und wen er betrauerte.— Wenige Secunden darauf fügte ich Etwas hinzu, was den Wunſch ausſprach, daß wir uns nicht fremd bleiben möchten. „Wirklich?“— Des Knaben halb erſtauntes, halb dankbares Lächeln drang mir zum Herzen. „Sind Sie öfter auf dem Lande geweſen?“ „Die letzten drei Jahre beſonders viel, gerade wo ich am ſchnellſten Arbeit fand, bei der Hopfen⸗ oder Aepfelernte oder auch als Schnitter. Nur dieſen Sommer nicht, da hatte ich den Typhus und konnte nicht arbeiten.“ „Aber wo waren Sie denn da?“ „Ich lag in einer Scheune, bis ich beſſer ward. —— 3 — Ich bin aber jetzt ganz wohl! Sie brauchen ſich nicht zu fürchten!“ „Wahrhaftig, daran dachte ich nicht.“ Wir wurden bald bekannter zuſammen. Er führte mich ſorgfältig durch die Stadt, in den Abtei⸗ gang, wo die Sonne durch die überhängenden Baum⸗ zweige ihr Spiel trieb. Nur ein Mal ſtand er ſtill, um mir einen langen Zweig eines braunwerdenden Kaſtanienbaumes abzupflücken. „Iſt das nicht hübſch? nicht wahr? Nur ſchade, es erinnert uns an den Herbſt.“ „Und was machen Sie den Winter über, wo es keine Arbeit im Freien giebt?“ „Ich weiß es nicht.“ Des Knaben Ausdruck veränderte ſich plötzlich, und der matte, Noth ausdrückende Blick, den er ver⸗ lor, ſo wie er ſprach, kehrte ſchmerzlicher als vorher zurück. Ich machte mir Vorwürfe, ihn auch im Laufe unſeres heitern Geſpräches vergeſſen zu haben. „Ach!“ rief ich, als wir aus dem Schatten der Bäume über die Straße lenkten,„da ſind wir zu Hauſe!“ „Sind Sie es?“ frug der heimathloſe Knabe und blickte ſchnell auf die breite reinliche Steintreppe, von ſchweren eiſernen Gittern eingefaßt, die zu dem John Halifax.). 2 ehrenwerthen und hübſchen Hauſe meines Vaters führte. 7 „Dann alſo einen fröhlichen Tag— was ſo viel heißt als leben Sie wohl!“ Ich erſchrak— das Wort klang betrübt. Mein trauriges einſames Leben, wenn auch kurz, war den⸗ noch durch meine Kränklichkeit verlängert, und meine ſechzehn Jahre hatten ſich in eine unnatürliche trübe Gereiftheit verwandelt, ſo daß das Antlitz dieſes Knaben wie ein Sonnenblick in mein Daſein fiel; es war ein Abglanz der friſchen Jugend, der kind⸗ lichen Heiterkeit und Kraft, die ich nie genoſſen hatte und genießen konnte. Von ihm ſcheiden, hieß für mich in meine Dunkelheit zurückkehren. „Nein, jetzt noch keinen Abſchied,“ bat ich, mich mühſam aus meinem kleinen Wagen aufrichtend, um die Treppe hinaufzuſteigen. John Halifax kam mir zu Hilfe. „Wenn ich Sie nun hinauftrüge! Ich könnte es gewiß— nein, was wäre das für ein Spaß, laſſen Sie mich!“ Er ſuchte die Sache in einen Scherz zu ver⸗ wandeln, um mich nicht zu kränken, aber das Beben ſeiner Stimme zeigte eine Zartheit der Empfindung, wie man ſie nur bei Frauen findet; eine größere Zärtlichkeit klang mir aus derſelben entgegen als — ich je gewohnt war zu hören. Ich ſchlang meine Arme um ſeinen Nacken, er hob mich ſicher und ſorglich auf und ſetzte mich an meiner Thür wieder hin. Dann mit einem zweiten Lebewohl ſchickte er ſich zum Fortgehen an. Mein Herz machte ſich Luft mit einem nicht zu überwindenden Ausrufe. Was ich ſagte, weiß ich nicht, aber es zwang ihn, zurück⸗ zukehren. „Kann ich noch irgend Etwas für Sie thun, mein Herr?“ „Nennen Sie mich nicht Herr, ich bin auch Nichts mehr als ein Knabe wie Sie. Aber ich bedarf Ihrer, gehen Sie nicht fort. Ach! da iſt mein Vater!“ John Halifar trat zurück und lüftete ſeine Kappe in ehrerbietiger Haltung, als der alte Mann an ihm vorüberging. „So biſt Du noch hier? Haſt Du für meinen Sohn auch gut geſorgt, und hat er Dir Deinen Groſchen gegeben, mein Junge?“ Keiner von uns hatte an das Geld gedächt. Wir bekannten es und mein Vater lachte, nannte John einen braven Knaben und ſuchte in ſeiner Taſche nach einem größeren Geldſtücke. Ich ver⸗ ſuchte ſein Ohr zu gewinnen und ihm einige Worte zuzuflüſtern— doch erhielt ich keine Antwort unter 2* —— der Zeit hatte John Halifax zum dritten Male ſeinen Rückweg angetreten. „Warte, Burſche, ich vergaß Deinen Namen, hier iſt Dein Groſchen und noch eine Kleinigkeit für Deine Freundlichkeit gegen meinen Sohn.“ „Ich danke Ihnen ſehr, aber für eine Freund⸗ lichkeit kann ich keine Bezahlung nehmen.“ Er nahm den Groſchen, ließ aber die andere Münze in meines Vaters Hand zurück. Dho!“ ſagte der alte Mann,„Du biſt ein ſonderbarer Knabe; aber ich kann hier nicht länger ſtehen und mit Dir reden. Komm' herein, Phineas, es iſt Zeit zum Eſſen,“ ſich dann aber zu John Halifax umdrehend, ſagte er, als käme ihm ein plötz⸗ licher Gedanke:„Biſt Du hungrig?“ „Sehr hungrig,“ die Natur ſprach endlich laut und zwei große Thränen zeigten ſich in des Knaben Augen,„zum Sterben hungrig.“ „Mach', geh' hinein, und Du ſollſt Dein Mittag⸗ eſſen haben. Aber warte,“ und mein unerbittlicher Vater hielt ihn bei der Schulter feſt,„Du biſt doch ein ehrlicher Burſche und von ehrlichen Eltern?“ „Ja,“ erwiderte er erbittert. „Du arbeiteſt für Tagelohn?“ „Ich thue es, wenn ich Arbeit bekommen kann.“ „Biſt Du nie in einem Gefungniſſe geweſen?“ „Nein,“ ſchrie der Knabe mit einem empörten Blicke.„Ich brauche Euer Eſſen nicht, Herr; ich wäre geblieben, weil Ihr Sohn es wünſchte und höflich gegen mich war, ich ihn auch überdem lieb⸗ gewonnen habe. Nun aber denke ich, iſt es beſſer, daß ich gehe. Guten Morgen, mein Herr!“ Es giebt einen Vers in einem ſehr alten Buche, ſelbſt in menſchlicher Beziehung das ſchönſte Buch aller Bücher, worin es heißt: 2 „Und da er hatte ausgeredet mit Saul, verband ſich das Herz Jonathan's mit dem Herzen David's, und Jonathan gewann ihn lieb wie ſein eignes Herz.“ Und an dieſem Tage hatte auch ich, ein viel elenderer und hilfloſerer Jonathan, meinen David gefunden. Ich ergriff ſeine Hand und ließ ihn nicht fort⸗ gehen „Nun, Jungens, geht in das Haus und macht keine langen Umſtände,“ ſagte Abel Fletcher ziemlich kurz, als er voranging. Ja, meinen David feſthaltend, W ich ihn in meines Vaters Haus. Bweites Rapitel. Unſer Mittagsmahl war vorüber. Mein Vater und ich hatten es in dem großen Eßzimmer einge⸗ nommen, wo die ſteifen, hochlehnigen Stühle ſich in gegenüberſtehenden Reihen auf dem eichenen Getäfel anſahen, das ſo hell und hart wie Marmor, ſo glatt wie Glas war. Außer dem Eßtiſche, der Schenke und der alten Kukuks-Uhr befanden ſich keine andern Möbel darin. Ich wagte natürlich nicht, den armen umher⸗ wandernden Knaben in dies beſondere Reich meines Vaters zu bringen; aber ſobald dieſer nach ſeiner Lohgerberei gegangen war, ließ ich John rufen. Jael brachte ihn herein. Jael war das einzige weibliche Weſen, das wir um uns hatten, das aber, ausgenommen gegen mich, wenn ich beſonders krank war, gegen Niemand die Eigenſchaften ihres Ge⸗ ſchlechts, Sanftmuth oder Zärlichkeit, an den Tag legte. Es hatte auch jetzt offenbar Zank in der Küche gegeben. „Phineas— der Junge hat ſein Eſſen bekom⸗ men, Du darſſt ihn nun nicht länger aufhalten. Ich kann es nicht zugeben, daß Du Dich mit dieſem Betteljungen abquälſt.“ Ein Betteljunge! Der Gedanke kam mir ſo ſpaßhaft vor, daß ich mich eines Lächelns nicht erwehren konnte, als ich ihn anſah. Er hatte ſich das Geſicht gewaſchen und ſeine ſchönen Locken ge⸗ kämmt. Seine Kleider, zwar abgetragen und ge⸗ flickt, waren aber nicht ſchmutzig, und es lag eine ſo roſige, geſunde Friſche in ſeiner klaren Geſichts⸗ farbe, daß man ſah, er liebe und verehre das Ele⸗ ment des Waſſers, das arme Leute ſonſt gewöhnlich verabſcheuen. Und nun die Krankheit des Hungers von des Knaben Antlitz verſchwunden war, konnte man ihn, wenn auch nicht gerade ſchön, aber doch als hübſch bezeichnen. Wahrhaftig, ein hübſcher Bet⸗ teljunge! Ich hoffte, er ſollte Jael's Bemerkung nicht gehört haben, doch war dem nicht ſo. „Madame!“ ſagte er mit einer Verbeugung in der beſten Laune, ja ſelbſt mit einem leiſen Anfluge von Scherz:„Sie irren; ich habe nie in meinem Leben gebettelt, denn ich bin ein Menſch mit voll⸗ kommen freiem Eigenthume, das in meinem Kopfe und in meinen beiden Händen beſteht und mit dem ich einſt ein gutes Capital zu gewinnen hoffe.“ Ich lachte. Jael zog ſich zurück, unſicher. ge⸗ worden und wirklich geärgert. John Halifax näherte ſich meinem Krankenſtuhle und frug in einem ganz veränderten Tone, wie ich mich befände und ob er noch Etwas für mich thun ſolle, ehe er das Haus verlaſſe.„ „Sie dürfen nicht fortgehen, wenigſtens nicht, ehe mein Vater zurückkehrt.“ Denn die verſchieden⸗ ſten Pläne hatten ſich in meinem Kopfe gekreuzt, die alle nur zu dem einen Ziele führten, wie ich den Knaben in meiner Nähe behalten könnte, deſſen Ge⸗ ſellſchaft mir als das Einzige erſchien, das mir, dem Brüder⸗, Schweſter- und Freundloſen, noch ein In— tereſſe für das Leben gab, oder das es mich doch we⸗ nigſtens nicht ſo langweilig dahin ſchleppen ließ. Wollte ich ſagen, meine Ideen ſeien aus Mitleid oder Güte entſtanden, ſo würde ich eine Unwahrheit aus⸗ ſprechen; es war die reine Selbſtſucht, wenn man das unabweisbare Gefühl ſo nennen muß, das uns treibt, ein Glück zu erringen, eine Seele an uns zu feſſeln, die uns das Geheimniß jener plötzlichen Nei⸗ gungen offenbart, die mehr aus Inſtinct als aus Ver⸗ nunft und Bewußtſein entſpringen. Ich will nicht verſuchen, die meinige zu recht⸗ fertigen; ich vermag nicht zu ſagen, wie ſich die Seele Jonathan's an die Seele David's hing, ich weiß nur, daß dem ſo war und daß am erſten Tage, als ich, Phineas Fletcher, den Knaben John Halifar ſah,„ich ihn wie mein eigenes Herz liebte.“ Meine Bitte, mich nicht zu verlaſſen, war ſo dringend, daß ſie ſichtlich den alleinſtehenden Knaben bis in das Innerſte rührte. „Ich danke Ihnen,“ erwiderte er mit unſicherer Stimme, ſich an den Kamin lehnend und mit der Hand über ſein Geſicht fahrend.„Sie ſind ſehr freundlich; wenn Sie es wünſchen, will ich noch ein oder zwei Stnnden bleiben.“ „Dann kommen Sie her, wir wollen uns ſetzen und zuſammen ſprechen.“ Worüber wir uns unterhielten, kann ich nicht wiederholen, nur ſo viel, daß es ſich um verſchiedene und weitliegende Gegenſtände handelte, woran ſich Knaben erfreuen— vorzüglich ſprachen wir von dem Leben und ſeinen Ereigniſſen. Plötzlich frug er mich:„Können Sie leſen?“ „Ich denke wenigſtens,“ und im ſtolzen Bewußt⸗ ſein meiner Gelehrſamkeit konnte ich mich eines Lä⸗ chelns nicht erwehren. „Und ſchreiben?“ „Ja gewiß.“ Er dachte einen Augenblick nach und ſagte dann in einem leiſen Tone:„Ich kann nicht ſchreiben und weiß nicht, wann ich im Stande ſein werde, es zu erlernen. Ich möchte wohl, daß Sie Etwas für mich in ein Buch ſchrieben.“ „Sehr gern.“ Er zog aus ſeiner Taſche ein kleines ledernes Futteral, darin befand ſich noch eins von ſchwarzer Seide, und darin wieder lag ein kleines Buch. Er wollte es nicht aus der Hand geben und hielt es ſo, daß ich die Blätter ſehen konnte. Es war ein grie⸗ chiſches neues Teſtament. „Sehen Sie her! Er deutete auf das erſte weiße Blatt und ich las: „Guy Halifax's Buch. Guy Halifax, Edelmann— heirathet die Jungfrau Muriel Joice den 17. Mai im Jahre unſers Herrn 1779. John Halifax, ihr Sohn, geboren den ni 0 Dann war noch eine Inſchrift von zitternder, ungeübter Frauenhand: „Guy Halifax, geſtorben den 4. Ja⸗ nar 81. —— „Was ſoll ich ſchreiben, John?“ fragte ich nach einem kurzen Schweigen. „Ich werde es Ihnen gleich ſagen. Soll ich Ihnen erſt eine Feder geben?“ Er hatte ſeine linke Hand auf meine Schulter gelegt, doch hielt ſeine rechte Hand das ihm ſo werthe Buch feſt. „Schreiben Sie:„Muriel Halifax, geſtor⸗ ben den 1. Januar 1791. „Nichts weiter?“ „Nein, Nichts mehr.“ Er blickte eine oder zwei Minuten auf die ge⸗ ſchriebenen Worte, trocknete ſie ſorgfältig am Kamin⸗ feuer, legte das Buch wieder in die zwei Futterale und ſteckte es dann in ſeine Taſche. Er ſprach kein Wort mehr darüber, ſondern dankte mir nur, und ich frug ihn auch weiter nicht. Dies blieb Alles, was ich über die Familie des Knaben erfuhr— auch glaube ich nicht, daß er ſelbſt mehr davon wußte— Er verdankte ſeinen Vor⸗ eltern keine Familiengeſchichte, ſeine Chronik begann mit ihm und war ſein alleiniges Werk. Keine poe⸗ tiſche Sage tauchte für ihn auf, ſeine Verwandten blieben ihm unbekannt, und ſein Stammbaum be⸗ gann und endigte mit ſeinem eignen ehrlichen Namen — John Halifap. Unter verſchiedenen Vorwänden ging Jael ein und aus und betrachtete John Halifax und mich nicht ohne einen ſichtlichen Verdacht; beſonders wenn ſie mich lachen hörte— was ein ſeltenes und ſehr be⸗ merkenswerthes Ereigniß war, denn Heiterkeit lag weder in meiner Natur noch war ſie in unſerm Hauſe gewöhnlich. Nun aber hatte dieſer junge Burſche— ſo hart ihn die Welt auch prüfte— dennoch einen überſprudelnden Geiſt, voll heiteren Scherzes und ge⸗ ſunden Humors, was für mich eine unbeſchreibliche Erfriſchung ward. Ich empfing dadurch Etwas, was nicht in mir lag— etwas mir ganz Neues. Ich konnte die lebhaften braunen Augen und die fei⸗ nen Grübchen voll neckenden Spaßes, die um den feſtgeſchloſſenen Mund eine Art Verſteck ſpielten, nicht anſehen, ohne mich erheitert und erfriſcht zu fühlen; mir war zu Muthe, wie Jemand, der aus einem dunkeln Zimmer in die helle Luft tritt. Doch dies Alles war für Jael neu und unge⸗ wöhnlich. „Phineas,“ und ſie ſtellte ſich am Ende des Tiſches mir gegenüber.„Es iſt ein ſchöner, ſonnen⸗ heller Tag, Du mußt hinausgehen.“ „„Ich war ſchon draußen, ich danke, Jael.“ Und John und ich wir fuhren in unſrer Unterhaltung fort. „Phineas!“— ein zweiter und beſtimmterer An⸗ —— griff.—„Es bekommt Dir nie, ſo viel zu lachen, und es iſt auch Zeit, daß dieſer Knabe ſeinen eigenen Ge⸗ ſchäften nachgeht.“ „Unſinn, Jael!— Still!“ „Nein, ſie hat Recht!“ ſagte John Halifar auf⸗ ſtehend, während jener frühreife Ausdruck, wahr⸗ ſcheinlich durch herbe Erfahrungen entſtanden, alle Kindlichkeit von ſeinem Antlitze verſcheuchte.„Ich habe einen fröhlichen Tag gehabt! Haben Sie den herzlich en Dank dafür! Und nun will ich gehen.“ Fortgehen! Rein, daran war nicht zu denken, wenigſtens nicht vor der Rückkehr meines Vaters. Denn jetzt, mehr denn je, hatte ſich der Plan, den ich wagen wollte, meinem Vater mitzutheilen, meiner Seele feſt eingeprägt. Gewiß, er konnte mir meinen Wunſch nicht abſchlagen, mir, ſeinem kranken Sohne, deſſen Leben ſo freudlos war. „Weßhalb wollen Sie gehen? Sie haben ja Nichts zu thun.“ „Nein, ich wünſchte, dem wäre ſo, doch ich will mir Etwas ſuchen.“ „Was?“ „Was mir gerade vorkommt; das iſt der einzig richtige Weg. Mir hat mein Brot nie gefehlt, noch habe ich je darum gebettelt, wenn ich auch oft ſehr hungrig geweſen bin.— Was meine Kleidung be⸗ —— trifft,“— er ſah betrübt auf die Seinige, leicht und abgetragen, wie ſie war, ſelbſt hier und da nicht ohne Löcher, wo die kräftigen Muskeln des ſtarken, ſchnellwachſenden Knaben ſich Platz machten.—„Ich fürchte, ſie würde ſich darüber grämen,— das iſt am Ende Alles!— Sie hielt mich immer ſo ſauber.“ In dem Tone, wie er von ihr ſprach, mußte er ſeine Mutter meinen. Hierin hatte das Waiſenkind einen Vorzug im Vergleiche zu mir. Ich erinnerte mich der Meinigen nicht. „Kommen Sie!“ rief ich, denn ich hatte mein Herz ermuthigt und fürchtete keine abſchlägige Ant⸗ wort von meinem Vater.„Kommen Sie und ſeien Sie fröhlich. Wer weiß, wie Alles kommt.“ „O ja, Etwas muß immer kommen; ich bin auch nicht ängſtlich!“ Er warf ſeine Locken zurück und blickte lächelnd aus dem Fenſter in den blauen Himmel; dies feſte, muthige, ehrliche Lächeln, das dem Geſchicke in jeglicher Geſtalt zu begegnen vermag und das ſelbſt den Verlaſſenen ſanft muthigt und ſeine Stimmung erhöht!— „John, wiſſen Sie wohl, daß Sie einem mei⸗ ner jugendlichen Helden ſehr gleichen— dem Dick Whittington? Haben Sie je von ihm gehört?“ „Nein.“ „Kommen Sie mit mir in den Garten!“— denn — 31— ich erblickte eine neue bedenkliche Erſcheinung Jael's und wollte meine gute alte Pflegerin nicht gern kränken; überdem war ich John nicht ähnlich und keineswegs tapfer und kühn. „Sie werden dann auch gleich das Glocken⸗ geläut der Abtei hören— wir legen uns in das Gras und ich erzähle Ihnen die ganz wahre und merkwürdige Geſchichte von Sir Edmond Whit⸗ tington.“ Ich erhob mich und ſah nach meinen Krücken. John fand ſie ſogleich und gab ſie mir mit einem ernſthaften, theilnehmenden Blicke. „Sie bedürfen dergleichen Hülfsgegenſtände nicht,“ ſagte ich mit einem Verſuche zum Lachen, denn ich konnte mich noch nicht daran gewöhnen und fühlte mich oft verlegen, ſie zu gebrauchen. „Ich hoffe, Sie werden ſie nicht immer ge⸗ brauchen.“ „Vielleicht nicht— Doctor Jeſhop weiß es ſelbſt noch nicht gewiß. Aber es ſchadet ja auch nicht viel; denn wahrſcheinlich werde ich nicht mehr lange leben.“ Dies war, Gott vergebe es mir, immer mein letzter und beſter Troſt. John ſah ſich überraſcht und mitleidig nach mir um; aber er ſagte kein Wort. Ich ſchleppte mich an ihm vorüber, er folgte mir auf den langen Gang — 32— zu der Gartenthür.— Ermüdet ſtand ich hier ſtill. John Halifax unterſtützte mich freundlich. „Wenn Sie es möchten, ſo denke ich gewiß, daß ich Sie tragen könnte. Ein Mal habe ich ſchon einen Mehlſack, acht Stein ſchwer, getragen.“ Ich mußte lachen, was er wohl bemerkt ha⸗ ben mochte, und willigte ſogleich ein, die Stelle des Mehlſackes einzunehmen. Er nahm mich auf ſeinen Rücken, was für ein kräftiger Burſche war er!— und rannte ſo mit mir in den Garten hin⸗ ein. Wir waren Beide herzensvergnügt; und ob⸗ gleich ich älter wie er war, ſo fühlte ich mich, trotz meiner großen Schwäche und Krankheit, dennoch luſtig wie ein Kind. „Bitte, bringen Sie mich bis an jene Clema⸗ tislaube; man ſieht von hier aus auf den Avon! Wie gefällt Ihnen unſer Garten? ½ „Es iſt ein hübſcher Ort.“ Er gerieth in keine große Bewunderung, wie ich halb und halb erwartet hatte; aber er betrachtete Alles genau, und ein ruhiges innerliches Behagen verbreitete ſich über ſein Antlitz. „Es iſt ein ſehr hübſcher Ort.“ Das war er auch wirklich. Ein großes Viereck, in dem ſich vornehmlich ein Grasfleck befand, ſo eben und ſchön wie in einem Parke, mit Rabatten eingefaßt. Darüber hinaus, durch eine kleine Hecke getheilt, lag der Küchen⸗ und Obſtgarten, meines Vaters Stolz, wie der altmodiſche Grasplatz der mei⸗ nige war. Denn als ich in frühern Jahren zu elend war zum Gehen, kroch ich darauf herum und lernte ſo jeden Zoll dieſes ſanften grünen, mit Maasliebchen überſäeten Teppichs kennen, den ein breiter Kiesweg umgab; und hier blieb ich, durch eine dreiſeitige Umzäunung der Mauer, des Fluſſes und der Taxushecke, von der übrigen Welt abge⸗ ſchloſſen. John Halifax's verſtändnißvoller Blick ſchien Alles zu überſehen. „Haben Sie lange hier gewohnt?“ wiederholte er etwas trübe.„Dieſer Grasplatz iſt wohl 30 Ellen im Geviert, glaube ich. Ich könnte ihn ab⸗ meſſen, aber ich bin zu müde.“ „Und doch trugen Sie—“ „Oh! das iſts gar Nichts. Ich bin ſchon oft viel weiter als heute gegangem Aber es iſt doch immer ein guter Weg, den ganzen Morgen in der Umgegend herumzulaufen.“ „Von wo kamen Sie heute her?“ „Von dem Fuße jener Berge!— ich vergeſſe immer, wie ſie heißen— da drüben.— Ich habe wohl ſchon größere geſehen, aber ſie ſind doch hoch 3 John Halifax. 1. —%— genug und dunkel und kalt, beſonders wenn man dort zwiſchen den Schaafheerden liegen muß. So von Weitem ſehen ſie ganz freundlich aus!— Es iſt eine ſehr ſchöne Ausſicht.“ Das hatte ich zwar immer ſchon gefunden, aber jetzt fiel ſie mir noch mehr auf, wo ich eine Seele bei mir hatte, der ich ſagen konnte, wie ich mich daran erfreute. Ich muß ſie beſchreiben, dieſe erſte Land⸗ ſchaft, die ich erblickte, das einzige ſchöne Bild meiner Kinderjahre, das ſo lebhaft wie alle jene Erinnerungen vor mir ſteht. An der Stelle der Laube war die Mauer, welche unſern Garten den Fluß entlang umſchloß, abge⸗ tragen. Mein Vater hatte dies auf meinen Wunſch gethan, weil ich mir einen Platz in derſelben Art wünſchte, wie ihn die Königin Marie in Stirling beſaß, von dem ich viel geleſen hatte. Von hier konnte man weit in die Gegend hinausſehen. Dicht unter meinen Füßen floß der Avon— der Shake⸗ ſpeare'ſche Avon— hier aber ein ruhiges und träges Waſſer, indeſſen, wie wir Einwohner von Rorton Bury zu unſerm Schaden öfter erfuhren, doch fähig, in ſchwellende Wuth und ſchäumende Bewe⸗ gung zu gerathen. Jetzt freilich floß er ruhig genug dahin, ſich ſelbſt genügend, indem er eine Mühle in Bewegung ſetzte, die nahe dabei lag, und deren — 3— gleichmäßiges, einſchläferndes ich beſon⸗ ders gern hörte. An dem jenſeitigen Ufer breitet ſich eine weite grüne Fläche aus— der Ham genannt, auf wel⸗ cher man Vieh aller Art weiden ſah. Daran ſtieß ein zweiter Fluß, in einem weiten Bögen die grüne Weide einfaſſend. Doch lag der Strom ſo niedrig, daß man ihn von der Stelle, wo wir ſaßen, nicht ſehen konnte; man vermochte nur den Lauf, den er nahm, durch die hin- und herſchwimmenden weißen Segel zu erkennen, die ſonderbar genug bald zwiſchen einigen Gruppen von Bäumen oder zwiſchen land zum Vorſchein kamen. Sie erregten John's Aufmerkſamkeit. „Das können doch nicht Boote ſein? Rein— oder iſt dort Waſſer?“— „Gewiß— Sie könnten ſonſt keine Segel dort ſehen. Es iſt der Severn, obgleich man ihn in die⸗ ſer Entfernung nicht entdecken kann, jedoch iſt er tief genug, daß er, wie Sie ſehen, die Kähne dort tragen kann. Man ſollte es, von hier geſehen, kaum glauben, und doch weiß ich, daß er immer breiter und breiter wird, bis er, wenn er die Königs⸗ Rhede erreicht, ein mächtiger wird, der ſpäter den Briſtolkanal bildet.“ „Dort ich ihn wohl geſehen!“ rief John 3* mit leuchtenden Augen.„O, ich kenne und liebe den Severn!“ Er ſtand eine ganze Weile in den Anblick ver⸗ tieft. Ein ungewohnter Ausdruck war in ſeinen Augen zu leſen; Augen, in denen ich zum erſten Male das Wachſen eines tiefern Gedankens beobach⸗ tete, bis mir eine göttliche Schönheit aus ihnen* entgegenleuchtete. Plötzlich ertönten die Glocken der Abtei und der Knabe erſchrak ſichtlich. „Was iſt das?“ „Sieh' Dich um, Whittington! Lord Mayor von London!“ ſang ich mit dem Glockenſpiel. Ihn betrachtend ſchien mir dann aber mit einem Male die ganze Geſchichte ſo gewöhnlich, die Ehre, eine ſolche Stellung zu erreichen, ſo viel kleiner wie ſonſt, daß ich eigentlich froh war, John die Erzählung nicht mitgetheilt zu haben. Ich zeigte ihm nur den ver⸗ witterten alten Thurm der Abtei, der jenſeits unſerer Gartenmauer an der Landſtraße lag, die zwar von hier nicht ſichtbar, doch an derſelben vorbei hinauf zum ehemaligen Kloſter führte. „Wahrſcheinlich gehörte dieſer Garten in alter Zeit auch zu der Abtei, unſer Obſtgarten iſt zu ſchön. Die Mönche haben ihn vermuthlich gepflanzt, die alten Brüder wußten ſchöne Früchte zu würdigen!“ — ½— „Wirklich?“ Er hatte nicht verſtanden, was ich meinte, war aber ſichtlich bemüht, ohne zu fragen, zu errathen, was ich ſagen wollte. Ich war innerlich über die Möglichkeit beſchämt, er könne glauben, ich hätte die Ueberlegenheit mei⸗ ner Kenntniſſe zeigen wollen. „Die Mönche ſind, wie Sie wiſſen Geiſtliche, ſehr gute Menſchen, das muß man ſagen, aber ſie ſind ganz unthätig.“ „So? Glauben Sie wohl, daß ſie auch dieſe Taxushecke pflanzten?“ Er unterſuchte ſie genau. Nun bewunderte und kannte man unſere Taxus⸗ hecke von Nah' und Fern; in der ganzen Gegend gab es keine ähnliche. Sie war über 15 Fuß hoch und mehrere Fuß dick. Jahrhunderte des Wachs⸗ thumes und eine große Sorgfalt im Beſchneiden und ineinander Flechten hatte ſie zu einer hohen grünen Wand gemacht, ſo ſtark und undurchdringlich wie eine Mauer. John unterſuchte ſie hier und dort, jede Lücke bemerkend; dann lehnte er ſich mit der ganzen Kraft ſeiner breiten Bruſt gegen dieſe dichte Maſſe von Zweigen. Aber dies undurchdringliche grüne Schild widerſtand ſelbſt ſeiner jugendlichen Kraft. Zuletzt kehrte er zu mir zurück, glühend von ſeiner vergeblichen Anſtrengung. „Was beabſichtigten Sie eigentlich? Sie brau⸗ chen ſich doch nicht da durchzudrängen.“ „Ich wollte nur ſehen, ob es möglich wäre!“ Ich ſchüttelte den Kopf.„Was würden Sie machen, John, wenn Sie hier eingeſchloſſen wären, und könnten nur durch die Taxushecke entkommen? Es wäre Ihnen ſelbſt unmöglich, ſie zu erklimmen.“ „Das weiß ich, und ich würde deßhalb keine Zeit verlieren, um es zu verſuchen.“ „So würden Sie es alſo aufgeben?“ Er lächelte. Es lag kein Aufgeben in ſeiner Miene.„Ich will Ihnen ſagen, was ich thun würde; ich bräche Zweig für Zweig ab, bis ich mir einen Weg gebahnt hätte und glücklich auf der an⸗ dern Seite heraus kommen könnte.“ „Wohlgethan, mein Burſch! Wenn es Dir aber gleichgültig iſt, ſo wünſchte ich doch lieber, Du gäbſt für jetzt den Verſuch mit meiner Hecke auf.“ Mein Vater ſtand hinter uns und hatte unbe⸗ merkt unſer Geſpräch mit angehört. Wir waren Beide verlegen, obgleich uns ſeine ernſte Freundlich⸗ keit zeigte, daß er nicht böſe war, ja ſich ſelbſt mit uns beſchäftigte. „Iſt das Deine gewöhnliche Art, Schwierig⸗ keiten zu überwinden, Freund? Wie heißt Du?“ Ich übernahm die Antwort. Denn von dem Augenblicke an, wo Abel Fletcher erſchien, hatte John ſeine ganze jugendliche Heiterkeit verloren, um jenen frühreifen Ernſt, ja, jene Zurückhaltung ſeines Weſens anzunehmen, die ihn, wie ich glaubte, ſeine herben Erfahrungen über Menſchen und Welt früh ge⸗ lehrt hatten; doch war es ein trauriger Anblick bei einem ſo jungen Knaben. Mein Vater ſetzte ſich neben mir auf dieſelbe Bank, bog einen unbequemen Clematiszweig zurück, und da dieſer immer wiederhervorkam und ſeine kahle Platte berührte, brach er ihn endlich ab und warf ihn in den Fluß; ſich dann mit beiden Händen auf ſeinen Stock lehnend, betrachtete er John Hali⸗ far genau vom Kopfe bis zum Fuße. „Sagteſt Du nicht, daß Du Arbeit ſuchteſt? Du ſiehſt beinahe ſo aus.“ Sein Blick auf die abgetragenen Kleider trieb dem Knaben das Blut in's Geſicht. „O, Du brauchſt Dich nicht zu ſchämen; beſſere Leute wie Du haben in Lumpen angefangen. Haſt Du etwas Geld?“ „Den Groſchen, den Sie mir gaben, das heißt mit dem Sie mich bezahlten. Ich nehme RNichts, was ich mir nicht erwerbe,“ erwiderte der Knabe, ſeine Hände in ſeine leeren Taſchen ſteckend. „Fürchte Nichts. Ich war gar nicht Willens, —— Dir irgend Etwas zu geben, außer wenn Du— würdeſt Du gern Arbeit annehmen?“ „Ach, Herr!“ „O, Vater!“ Ich weiß kaum, in weſſen Ausrufe die größte Dankbarkeit lag. Abel Fletcher ſah überraſcht, aber doch nicht ungehalten aus. Seinen breitgeränderten Hut bald ab⸗, bald wieder aufſetzend, blieb er einige Augen⸗ blicke in Nachdenken verſunken; er zeichnete mit ſeinem Stocke Kreiſe auf den Kies, ohne zu ſprechen. Man ſagte— nein, Jael ſelbſt hatte einſt in der Heftigkeit die Thatſache gegen mich erwähnt, daß der wohlhabende Quäker einſt ohne einen Groſchen in der Taſche nach Norton Bury gekommen ſei. „Nun wohl, was für eine Arbeit kannſt Du leiſten, Knabe?“ „Alles,“ lautete die ſchnelle Antwort. „Gewöhnlich heißt Alles können ſo viel wie Nichts,“ ſagte mein Vater ziemlich kurz. „Was haſt Du dies ganze Jahr gemacht? Aber die Wahrheit, hörſt Du!“ John's Augen leuchteten, indeſſen ein Blick von mir beſänftigte ihn. Er erwiderte ruhig und ehrerbietig:„Laſſen Sie mich einen Augenblick be⸗ ſinnen, dann werde ich Alles angeben. Im Früh⸗ — 41 linge war ich in einem Pachthofe, ritt die Pferde bei dem Pflügen und behackte die Rüben. Dann brachte ich Schaafe nach der Weide in den Bergen; im Juni war ich bei der Heuernte und holte mir dabei das Fieber. Sie brauchen nicht zu er⸗ ſchrecken, mein Herr, ich bin ſchon ſeit ſechs Wochen wieder geſund, ſonſt wäre ich Ihrem Sohne nicht zu nahe gekommen, dann—“ „Es iſt gut, Junge, ich bin zufriedengeſtellt.“ „Ich danke Ihnen, Herr!“ „Du brauchſt mich nicht Herr zu nennen, das iſt Thorheit, ich bin Nichts anders als Abel Flet⸗ cher.“ Mein Vater hatte faſt ziemlich die Ausdrücke der Brüdergemeinde beibehalten, obgleich er in der Praxis ein ziemlich gleichgültiges Mitglied derſelben war und ſeine Frau nicht einmal aus ihrer Mitte genommen hatte. In dem Wunſche, einfach bei ſeinem Namen genannt zu werden, lag, wie mich dünkt, mehr Stolz als Demuth. „Gut, ich werde es nicht vergeſſen,“ antwortete der Knabe dreiſt, indem er nur mit Mühe ein feines Lächeln verbarg.„Und nun noch ein Mal, Abel Fletcher, ich werde bereitwillig und dankbar jede Arbeit nehmen, die Sie mir geben.“ „Wir wollen es uns bedenken.“ Ich ſah begierig und voller Erkenntlichkeit mei⸗ — 42— nen Vater an, doch ſchlugen ſeine nächſten Worte mich bedeutend nieder. „Phineas, einer von meinen Leuten in der Lohgerberei hat ſich heute anwerben laſſen, hat einen ehrlichen Unterhalt aufgegeben, um ein bezahlter Meuchelmörder zu werden. Nun möchte ich wohl einen Burſchen haben, der zu jung iſt, um in jedem Bierhauſe von dem Manne des Blutes, dem Rekruten ſuchenden Sergeanten eingefangen zu werden. Glaubſt Du, daß dieſer Knabe den Platz ausfüllen könnte?“ „Weſſen Stelle, Vater?“ „Die von Bill Watkins.“ Ich war wie vom Donner gerührt; ich hatte wohl gelegentlich den beſagten Bill Watkins ge⸗ ſehen, deſſen Geſchäft darin beſtand, die Häute, welche mein Vater gekauft hatte, von den Pächtern aus der Umgegend abzuholen. Mir ſchwebte das Bild von Bill ſehr beſtimmt vor Augen, von deſſen Karren die blutigen Häute der todten Thiere herab⸗ hingen, während er mit beſchmutzten Händen und Kleidern vornauf ſaß und ſeine Pfeife rauchte. Der Gedanke, John Halifax in dieſer Stellung zu ſehen, war mir nichts weniger als angenehm. „Aber, Vater!“ Er las die Geringſchätzung in meinen Augen; ach er wußte nur zu gut, wie ſehr ich die Loh⸗ gerberei und Alles, was dazu gehörte, verachtete. „Du biſt ein Narr und der Junge ebenfalls. Er kann ſich eine andere Beſchäftigung ſuchen.“ „Aber, Vater, giebt es denn ſonſt gar Nichts?“ „Ich habe nichts Andres, und hätte ich Etwas, würde ich es ihm nicht geben. Wer nicht arbeiten will, wird auch Richts zu eſſen haben!“ „Ich will aber arbeiten,“ rief John trotzig; er hatte uns zugehört, ohne weder mich noch meinen Vater zu verſtehen. „Ich frage Nichts danach, was es iſt, nur muß es eine ehrliche Beſchäftigung ſein.“ Abel Fletcher war erweicht, er drehte mir den Rücken zu und richtete ſeine Worte nur an John Halifax allein. „Kannſt Du fahren?“ „Das kann ich.“ Und ſeine Augen glänzten in kindlicher Freude. „Still! es iſt nur ein Karren— der Karren mit den Häuten.— Verſtehſt Du irgend Etwas von der Lohgerberei?“ „Nein, aber ich werde es lernen.“ „Oho! nicht ſo eilig! nun, hurtig ſein iſt im⸗ mer beſſer wie träge ſein. Für's Erſte kannſt Du den Karren fahren.“ „Ich danke, Herr— Abel Fletcher wollte ich ſagen. Ich werde es gewiß gut machen, das heißt, ſo gut ich es kann.“ „Und erinnere Dich, kein Aufenthalt auf der Landſtraße; nichts Starkes trinken, um dann, wie der arme Bill, auf dem Boden des Glaſes den ver⸗ wünſchten Heller des Königs zu ernten, damit Deine Mutter dann ſchreiend und fluchend dazu kommt. Du haſt wohl keine, wie? Um ſo beſſer, alle Weiber ſind geborene Närrinnen, beſonders Mütter.“ „Herr!“ Und des Knaben Wangen brannten, ſeine Lippen bebten und die Stimme verſagte ihm; nicht ohne ſichtliche große Ueberwindung drängte er die Thränen zurück. Dieſe Selbſtbeherrſchung wirkte vielleicht ergreifender als wenn er geweint hätte, wenigſtens ſagte ſie meinem Vater weit mehr zu. Es verfloſſen einige Minuten, in denen mein Vater mit ſeinem Stocke eine kleine Vertiefung in Mitte des Weges machte, in der er Etwas vergrub, ich denke, er begrub noch mehr als den kleinen Kieſelſtein. Abel Fletcher ſagte nicht unfreundlich: „Gut, ich werde Dich beſchäftigen, obgleich ich ſonſt nicht einen Jungen ohne irgend eine Sicherheit über ſeinen Charakter nehme. Ich glaube wenig⸗ ſtens nicht, daß Du eine aufzuweiſen haſt.“ „Nein,“ lautete die Antwort, während ſein grader, feſter Blick unbewußt der Verſicherung wider⸗ ſprach, denn unter allen Umſtänden, dünkte mich, war ſein ehrliches Geſicht ſein beſter Gewährs⸗ mann. „Es iſt alſo abgemacht,“ verſicherte mein Va⸗ ter, dies Geſchäft ſchneller beendigend als ich bei ſeinem vorſichtigen Charakter, ſelbſt in ſcheinbar ſo unwichtigen Angelegenheiten, je erlebt hatte. Ich ſage bei ſcheinbar geringen Dingen, denn wie blind ſind wir oft, wenn wir von unwichtigen Kleinigkeiten reden. Gleichgültig aufſtehend, ſchüttelte mein Vater, entweder aus einer gutmüthigen Wallung, oder um den Handel als abgeſchloſſen zu bezeichnen, des Knaben Hand und ließ einen Schilling darein fallen. „Wofür iſt das?“ „Um zu zeigen, daß ich Dich als meinen Die⸗ ner anwarb.“ „Diener!“ wiederholte John heftig und beinahe ſtolz;„doch ja, ich verſtehe, ich werde mir Mühe geben, Ihnen gut zu dienen.“ ſchien John's männliches, ſelbſtſtän⸗ dabei nicht zu bemerken. Er war zu ſehr mit der Berechnung beſchäftigt, wie viel Schillinge der angemeſſene Lohn für die Arbeit ſeien, die ein ſo viel jüngerer Knabe wie Bill Watkins leiſten könne. Rach gehöriger Ueber⸗ legung beſtimmte er die ihm paſſend dünkende Summe. Ich vergaß, wie viel es war, doch bin ich gewiß, der Lohn war nicht übermäßig, denn das Geld hatte in der Kriegszeit einen hohen Werth, und überdem war der Glaube in jener Zeit zu weit ver⸗ breitet, um meinen Vater nicht mit zu ergreifen, daß Wohlſtand nicht glücklich für die arbeitende Klaſſe ſei, die in ihrer Niedrigkeit erhalten werden müſſe. Nachdem die Gehaltsfrage erledigt war, die John Halifax ohne Einwurf annahm, verließ uns mein Vater, kehrte aber in der Mitte des grünen Raſenfleckes noch ein Mal um. „Du ſagteſt vorher, Du habeſt kein Geld; hier iſt für eine Woche im Voraus; mein Sohn iſt Zeuge, daß ich Dir das Geld gezahlt habe, ich werde Dir dann jeden Sonntag einen Schilling weniger geben, bis unſere Rechnung richtig iſt.“ „Sehr ſchön, mein Herr! meinen beſten Dank.“ Abend und Gute * John nahm ſeine Mütze ab, un faßte auch Abel Fletcher an ſeinen Hut, des Gruſſes. Dann verließ er uns und wir hatten — 47— den Garten für uns allein, Jonathan und ſein eben aufgefundener David. Ich fiel ihm nicht um den Hals, wie es der fürſtliche Hebräer that, mit dem ich mich ſelbſt ver⸗ glichen habe, dem ich aber leider in Nichts als in meiner Liebe glich. Aber ich drückte zum erſten Male ſeine Hand, ſah ihm in die Augen, als er ge⸗ dankenvoll neben mir ſtand, und flüſterte:„Ich bin ſo froh!“ „Danke, ich bin es auch!“ ſagte er mit leiſer Stimme. Dann kehrte aber ſeine alte Heiterkeit zurück, er warf ſeine abgetragene Mütze hoch in die Luft und rief ein lautes„Hurrah!“ wie ein ächter Knabe. Und ich mit meiner armen ſchwachen Stimme wiederholte den Ruf auch. 3 Drittes Rapitel. In meiner Jugend und ſelbſt noch ſpäter hatte ich mit Unterbrechungen die unnütze, oft unglückliche und immer thörigte Gewohnheit angenommen, ein Tagebuch zu ſchreiben. Für mich hat dieſelbe jedoch weniger traurige und verwirrende Folgen gehabt wie für die meiſten Andern. Aus dieſen Blättern und aus manchem Schatze meiner Erinnerungen, deren Bilder durch ein langes, innerlich geführtes Leben beſonders lebendig geblieben ſind, habe ich dieſe Erzählung ge⸗ ſchöpft; denn farblos wie mein Daſein war, haben ſich die äußern Begebenheiten beſonders klar und feſt in mein Gedächtniß geprägt. Es liegen natürlich auch leere und unwichtige Zeiten dazwiſchen; dieſe werde ich nicht auszufüllen ſuchen, ſondern nur dem Faden der Erzählung folgen. — ð— So kam und ging denn ſeit dieſem erſten Be⸗ gegnen mancher Tag, ehe ich John Halifax wiederſah — ja, ehe ich ſelbſt nur an ihn dachte;— denn ich verlebte einen jener Zeitabſchnitte meines größten Leidens, in dem ich nicht im Stande war, über die vier grau gemalten Wände meines Zimmers hinaus an Etwas zu denken; wo Morgen, Mittag und Abend gleich ſchwer an mir vorüberzogen und keine andere Veränderung zurückließen, als daß es eben Tageslicht, Lampenluft und Dämmerung ward. Später, als ſich meine Schmerzen linderten, ward ich gelegentlich von der Erinnerung an ein freudiges Ereigniß heimgeſucht, das in mein trocke⸗ nes Leben gefallen war. Das Bild eines ehrlichen, hellen Antlitzes ward in mir lebendig, das eben ſo bereit ſchien, ſich an der Welt zu freuen wie mit ihr zu kämpfen; ich hörte den Ton einer Stimme, die, wenn ſie mit mir ſprach, immer zärtlich und mitlei⸗ dig klang, jedoch ohne dadurch zu verletzen. Ich ſah das beſondere Lächeln, das ſich ſo überraſchend um den ſonſt ernſten Mund ſtahl, jenes nicht zu unter⸗ drückende Lächeln, welches von der vollkommenen Herzensfreudigkeit zeugt, die alle Früchte eines edlen Gemüthes reift, und ohne welche dem beſten Herzen doch Etwas fehlt, indem es ungeſund, leer und kalt erſcheint. John Halifar. 1. 4 5 Ich war begierig, zu erfahren, ob ſich John nach mir erkundigt habe. Endlich wagte ich zu fragen. Jael„glaubte wohl, doch wußte ſie es nicht recht. Sie konnte ſich ihren Kopf nicht über ſolche Menſchen zerbrechen.“ „Wenn er wieder nach mir frägt, kann er dann heraufkommen?“ „Nein.“ Ich war zu matt, um zu ſtreiten, und Jael war eine zu ſtarke Gegnerin. So lag ich denn Tag für Tag in meinem Krankenzimmer, oft des Knaben ge⸗ denkend, aber nie wieder von ihm redend. Ich wie⸗ derholte auch nicht meine Bitte, ob er zu mir kom⸗ men dürfe, und doch würde es ein neues Leben für mich geweſen ſein, dies heitere Geſicht vor mir zu haben, nach dem ich mich ſo ſehnte. Endlich brach ich die Bande der Krankheit— welche Jael immer ſo lange und ſo feſt hielt als ihr nur möglich war— und kehrte wieder in die Außenwelt zurück. Es war ein beſonderer Tag, an dem ich zum erſten Male wieder hinunter ging, Jael hatte das Haus verlaſſen, um einige Beſorgungen zu machen; ein ſanfter, heller Herbſtmorgen, ſo mild wie ein Früh⸗ lingstag, verleitete ein fortziehendes Rothkehlchen, mir noch Etwas vorzuſingen, und zwar ſo laut, als ob eine ganze Schaar Vögel aus den dünner gewordenen Zweigen des Abtei⸗Gartens ihr Lied ertönen ließen. Ich öffnete das Fenſter, um beſſer zu hören, jedoch immer in tödlicher Angſt vor Jael. Ich horchte, aber konnte keinen Laut ihrer ſcharfen Stimme entdecken, die gewöhnlich ſehr unangenehm aus den untern Regionen des Hauſes heraufdrang; ſie würde ſchlecht zu dem ſüßen Herbſttage und zu dem Geſange des Rothkehlchens gepaßt haben. Ich ſaß eine Weile ſo müſſig da, ſtill für mich grübelnd und mich wun⸗ dernd, weßhalb es wohl nöthig ſein möchte, daß eine allgemeine Erfahrung uns lehre, wie die Menſch⸗ heit immer herber und unangenehmer werde, je mehr ſie an Alter zunehme. Mein Rothkehlchen hatte ſein Lied beendigt; ich unterhielt mich damit, einen ſcharlachrothen Gegen⸗ ſtand zu beobachten, welcher ſich auf der ländlichen Straße herabbewegte; unſer Haus lag nämlich an der Grenze, wo das Stadtgebiet von Norton Bury ſich mit dem platten Lande verbindet. Es wies ſich bald aus, daß es der Mantel einer geputzten jungen Pächtersfrau war, die in ihrem kleinen karrenartigen Wagen zu Markte fuhr und an der Seite ihres ver⸗ gnügt ausſehenden Mannes ſaß. Sehr ſauber und nett gekleidet, erſchien ſie vollkommen mit ſich zufrie⸗ 4* den, da alle Marktbeſucher ſich nach ihr umſahen, um ihren neumodiſchen Anzug zu bewundern. Un⸗ zweifelhaft theilten ſie meine Meinung, daß Scharlach viel hübſcher kleide als ein dunkles Grau. Dem Karren des Pächters folgte ein anderer, den ich zuerſt gar nicht bemerkte, da ich durch das muntere, geſunde Geſicht des rothen Mantels an⸗ gezogen ward. Der Pächter nickte gutgelaunt mit dem Kopfe, Mrß. Scharlach⸗Mantel aber rümpfte ihr Näschen. O Stolz. Stolz, dachte ich, nicht ohne In⸗ tereſſe die beiden Karren beobachtend, von denen der eine ſich nur mit Mühe an der andern Seite der engen Straße vor dem des Pächters vorbeidrängen konnte. Endlich gelang es ihm, indem er zum größten Aerger der jungen Frau einen kleinen Vor⸗ ſprung gewann, während der Kutſcher ſich umwen⸗ dend ſeinen Hut mit einem unbeſchreiblich heitern, offenen und wohlgefälligen Lächeln lüftete. Gewiß kannte ich dies Lächeln und dieſen ſchön geformten Kopf mit ſeinem hellen, reichen Lockenhaar. Ach, eben ſo kannte ich den Karren mit den herab⸗ hängenden Ueberreſten von todten Schaafen. Es war unſer Karren mit den Häuten, und John Ha⸗ lifax, der ihn fuhr. John! John!“ rief ich hinab, aber er hörte mich nicht, denn ſein Pferd hatte ſich vor dem rothen „ Mantel geſcheut und erforderte eine beſonnene, kräf⸗ tige Hand. Sehr kräftig bewies ſich die des Knaben⸗ ſo daß der Pächter ſeine beiden großen Fäuſte zu⸗ ſammenſchlug und ihn mit einem„Bravo“ belohnte. Ja, John! mein John Halifar— da ſaß er auf ſeinem Karren und fuhr! Er ſchien mir beinahe ganz derſelbe, wie ich ihn zum erſten Male ſah— vielleicht war ſeine Kleidung noch abgetragener durch mannigfache Regengüſſe, denn Jael hatte mir erzählt, daß es ein naſſer Herbſt geweſen ſei. Armer John! Wohl mochte er heute dankbar zu dem klaren blauen Himmel aufſehen; ach! und der Himmel konnte wie⸗ der auf kein helleres, fröhlicheres Geſicht herabſchauen — als auf dieſes, das ſelbſt die Lumpen, welche es umgaben, noch veredelte. Ich beobachtete ſo geſpannt ſeine Annäherung an unſer Haus und war ſo glücklich dabei, daß mir der Gedanke gar nicht kam, ob er mich bemerken würde. Sein Pferd beſchäftigte ihn auch anfangs ſo, daß er mich nicht ſah; doch gerade in dem Augen⸗ blicke, als mich die Möglichkeit ſchmerzlich durchzuckte, er könne ſo gleichgültig an mir vorüber fahren, flog ein Lächeln der Freude über ſein Antlitz und fröhlich nickte er zu mir hinauf; indeſſen veränderte ſich plötz⸗ lich ſeine Haltung, er nahm ſeine Mütze ab und grüßte wie es dem Sohne ſeines Herrn gebührte. —— Im erſten Augenblicke war ich darüber erſchrocken; dann aber konnte ich nur den ehrbaren Stolz achten, der zeigte, daß er ſeine Stellung vollkommen kenne und ſie weder ändern noch unbegriffen an ſich vor⸗ übergehen laſſen wolle; eine Annäherung zwiſchen uns konnte nur von meiner Seite ausgehen. So fuhr er denn auch, nachdem er gegrüßt hatte, weiter, bis ich ihm nachrief: „John! John!“ „Ja, Herr! o ich bin ſo froh, daß Sie wieder beſſer ſind!“ „Warten Sie einen Augenblick, bis ich zu Ihnen hinaus komme.“ Ich beeilte mich mit meinen Krücken, zur Hausthür zu gelangen, Alles, über der Freude, ihn zu ſehen, vergeſſend— ſelbſt meine Angſt vor Jael ſchwieg. Was hätte ſie wohl geſagt? Denn wenn ſie auch dem Buchſtaben nach den Grundſatz der Quäker befolgte—„Nenne Niemand Deinen Herrn“— ſo kannte ich ſie doch genug, um zu fra⸗ gen— was würde Jael geſagt haben, hätte ſie mich, Phineas Fletcher, an dem Eingange der ehrwürdigen Wohnung meines Vaters mit dem wandernden Bur⸗ ſchen ſprechen ſehen, der des Herrn Karren mit den Häuten fuhr? Aber ich ſcheute ſie nicht und öffnete die Thür. „John, wo ſind Sie?“ — „Hier!“(er ſtand, den Zügel über dem Arme an dem Fuße der Treppe.)„Brauchen Sie mich?“ „Ja, kommen Sie herauf und bekümmern ſich nicht weiter um den Karren.“ Aber das war nicht John's Art und Weiſe. Er führte das widerſpenſtige Thier unter einen Baum, ſorgte, daß es dort gut ſtand, und übergab es einem kleinen Jungen. Dann eilte er über die Straße zurück und war in einem Sprunge an meiner Seite. „Ich hatte keine Ahnung, daß ich Sie heute ſehen würde; man ſagte mir geſtern, Sie lägen noch zu Bette(er hatte alſo doch nach mir gefragt); dür⸗ fen Sie auch an dem kühlen Tage hier draußen bleiben?“ „Es iſt warm genug,“ verſicherte ich, auf die Sonne deutend; aber ich fror dennoch. „Bitte, gehen Sie hinein!“ „Wenn Sie mitkommen.“ Er nickte mir zu, faßte meinen Arm und unter⸗ ſtützte mich, als ob er mein ſtärkerer älterer Bruder ſei und ich ein hülfloſes Kind. Wohl gepflegt und ſorgfältig gehalten wie ich es ſtets gewohnt war, empfand ich doch jetzt zum erſten Male in meinem Leben die Bedeutung des ſo ſelten verſtandenen und empfundenen Wortes— zärtliche Sorgfalt.— Ein Gefühl, ſehr verſchieden von dem der Freundlichkeit, der Zuneigung und des Wohlwollens; ein Gefühl, das ſich zumeiſt nur in kräftigen, tiefen und ver⸗ ſchloſſenen Naturen ausbildet, und deßhalb haupt⸗ ſächlich in ſeiner höchſten Steigerung nur bei Män⸗ nern gefunden wird. John Halifar beſaß es in einem Grade wie ich es bei Niemand, weder bei einer Frau noch bei einem Manne je gekannt habe. „Ich bin ſo froh, daß Sie wieder beſſer find,“ wiederholte er, ohne ſonſt ein Wort hinzuzufügen. Aber ein Blick von ihm ſagte mehr als ein halbes Dutzend theilnehmender Redensarten anderer Leute. „Und wie iſt es Ihnen ergangen, John? wie gefällt Ihnen die Lohgerberei ſeien Sie ehrlich!“ Er verzog ſein Geſicht etwas jämmerlich, doch komiſch dabei und ſagte vergnügt:„Jedermann muß das gern thun, was ihm ſein tägliches Brot giebt. Für mich bleibt es ein großes Ereigniß, in dreißig Tagen nicht hungrig geweſen zu ſein.“ „Armer John!“ Ich faßte mit meiner Hand die ſeinige, ſeine ſtarke gebräunte Hand. Vielleicht überraſchte uns Beide in dem Gegenſatze die Erkennt⸗ niß, daß die Verſchiedenheit der Wege, die uns der Himmel führt, nicht immer ſo groß iſt wie ſie uns oft erſcheint. —— „Ich habe mich ſo nach Ihnen geſehnt, John. Können Sie jetzt nicht mit mir hereinkommen?“ Er ſchüttelte den Kopf und zeigte nach dem Karren hinüber. In dieſem Augenblicke bemerkte ich Jael durch die offene Flurthür eben S vom Markte zurückkehren. War ich in dieſem Augenblicke ein Figüng⸗ ſo war ich es nicht für mich. Ich kannte die Lavine böſer Worte, die ſich ergießen mußte; aber konnte ich es vermeiden, ſollte der Strahl ihn nicht treffen. „Schwingen Sie ſich auf Ihren Karren, John, und laſſen mich ſehen, wie gut Sie fahren können. Für jetzt leben Sie wohl. Fahren Sie nach der Lohgerberei?“ „Ja, ich bleibe für den ganzen Tag dort.“ Und ſein Geſicht zeigte einen Ausdruck, als freue er ſich nicht dieſer entzückenden Ausſicht. Kein Wunder! „Ich werde Sie dort heute Rachmittag auf⸗ ſuchen.“ „Wie?“ frug er mit einem Blicke der freund⸗ lichſten Ueberraſchung.„Aber thun Sie es nicht; Sie dürfen es nicht wagen.“ „Aber ich will es!“ Ich mußte ſelbſt lachen, als ich dies Wort gebrauchte. Was würde Jael dazu geſagt haben? Was die brave Frau nun eigentlich ſagte, als ſie gerade noch zu dem richtigen Augenblicke kam, um von dem fortgehenden John eine halb ceremo⸗ nielle Verbeugung zu empfangen, davon habe ich nicht die leiſeſte Erinnerung. Ich weiß nur, daß ich mich weder fürchtete noch grämte, wie ſonſt wohl bei dergleichen Scenen der Fall war, ſondern daß ich nach ihrer eigenen Ausdrucksweiſe Alles in ein Ohr hinein⸗ und zu dem andern wieder hinausgehen und mich nicht ſtören ließ, ſo lange aus der Thür zu ſehen, bis ſich der letzte Schimmer der blonden Locken auf der ſonnigen Straße verlor. Dann ſchloß ich das Haus und ſchlich vergnügt wieder in das Zimmer zurück. Von dem Augenblicke an bis zu Mittag blieb ich ſo ruhig ſitzen, daß ich mir ſelbſt Jael's Zufrie⸗ denheit erwarb. Ich dachte an die alte, wundervoll ſchöne Erzählung der Bibel, die ſich meiner Seele in jüngſter Zeit ſo lebhaft eingeprägt hatte, ich ſah Jonathan vor mir, wie er an dem Steine Aſel mit dem jungen Hirten ſprach, der ſo bald König von Iſrael werden ſollte, und fragte mich, ob Jonathan ihn eben ſo ſchnell geliebt, eben ſo beſtimmt ſeine ſpätere Bedeutung vorhergeſehen haben würde, hätte er, des Königs Sohn, den armen Hirten David zuerſt in Bethlehem unter ſeinen Schaafen, ſtatt mit dem Haupte des Goliath geſehen. Als mein Vater nach Hauſe kam, fand er mich an meinem alten Platze, auf ihn wartend. Er ſagte Nichts als—„Biſt Du wirklich wieder beſſer, mein Sohn?“— Aber ich wußte, wie froh er innerlich war, mich wieder um ſich zu haben, und er bewies dies auch, indem er ungewöhnlich geſprächig während des Eſſens war, wenn auch der Ton ſeiner Unter⸗ haltung in jener ſtrengen belehrenden Weiſe blieb, die er für nothwendig hielt, um meine Kinderſeele, wie er ſie beharrlich nannte, auszubilden und zu leiten. Er knüpfte ſeine Betrachtungen an eine Geſchichte, die Doctor Jeſhop ihm eben erzählt hatte und die von einem kleinen Mädchen aus ſeiner Praxis han⸗ delte, die ſich in einem Anfalle von Heftigkeit ſchwer mit einem Meſſer verletzte. „Laß es Dir eine Warnung ſein, mein Sohn, leidenſchaftlichen Empfindungen nicht nachzugeben,“ (mein guter Vater dachte dabei an mich, hatte aber keine Urſache zu dieſer Furcht), wie dies Kind, an deſſen Vater ich mich ſehr wohl erinnere, denn er lebte hier und war auch zornig und heftig, und ließ ſich leicht auf ſchlechte Wege bringen, ehe er außer Landes ging — Phineas— dies Kind, dies unglückliche Kind, wird die Erinnerung an dieſe Wunde ihr ganzes Leben lang mit ſich herumtragen müſſen.“ „Das arme Ding!“ erwiderte ich zerſtreut. „Es iſt keine Urſache da, ſie zu bedauern. Tho⸗ mas Jeſhop verſicherte mir, ihr Eigenſinn ſei noch nicht gebrochen,— dieſe kleine Urſula ſoll—“ „Heißt ſie Urſula?“ Ich erinnerte mich eines kleinen Mädchens, das John Halifax Brot geben wollte und deſſen Schrei wir hörten, als ſich die Thür hinter ihr ſchloß. Armes kleines Mädchen, wie betrübte mich ihr Unfall! Ich wußte, wie beſorgt auch John darüber ſein würde, und da er nicht helfen konnte, entſchloß ich mich, ihm gar Richts davon zu ſagen. Das nächſte Mal, daß ich Doctor Jeſhop ſah, frug ich ihn nach dem Kinde, und erfuhr, es ſei von hier fort, irgend wohin gebracht— ich vergaß den Ort— und nach und nach verſchwand die ganze Sache aus meinem Gedächtniſſe. „Vater!“ ſagte ich, als er zu erzählen aufgehört und Jael, die immer mit uns zu gleicher Zeit und an demſelben Tiſche aß, und jenſeits des Salzfaſſes ihren Platz hatte, ſich entfernt hatte und nicht mehr durch ihre demüthigen Vorbringungen ihren Beifall zu je⸗ dem Worte meines Vaters ausdrückte,„Ich möchte gern heute Nachmittag mit Dir nach der Lohger⸗ berei gehen.“ Jael, die beſchäftigt war, den Tiſch abzuräumen, die lange Reihe der Stühle zurechtzuſtellen und dem weiten Mittelraume des zmt⸗ wieder ſein trockenes, ödes und altmodiſches Anſehen zu geben, indem ſie dieſe Saharah mit friſchem Sande beſtreute, ſtand wirklich ſtarr vor Erſtaunen da. „Abel! Abel Fletcher! Der Junge iſt eben erſt aus dem Bette aufgeſtanden, er iſt noch nicht im Stande—“ „Weib, ſchweig'!“ erklang die rauhe Antwort. „So biſt Du wirklich kräftig genug, um ausgehen zu können, Phineas?“ „Wenn Du mich mitnehmen willſt, Vater.“ Er ſah wohlgefällig auf mich herab, wie immer, wenn ich die Redensarten der Quäker gebrauchte; denn im gewöhnlichen Leben erlaubte ſich damals kein Kind, den Vater mit Du anzureden; noch dazu war ich nicht in die Brüder⸗Gemeinde aufgenom⸗ men, und zwar der letzten Bitte meiner Mutter ge⸗ mäß, die mein Vater ſtreng befolgt hatte, viel⸗ leicht um ſo gewiſſenhafter, weil, wie man ſich ſagte, ſie während ihres Lebens nicht gerade ſehr glücklich zuſammen gelebt hatten. Doch was er ihr auch in ihrer kurzen Verbindung geweſen ſein mag, mir hat er ſich ſtets als ein guter Vater gezeigt, und um ſeinetwillen habe ich die Brüdergemeinde immer ge⸗ liebt und geehrt. — 62— „Phineas,“ ſagte er, nachdem er eine ganze Fluth von Jael's Scheltworten, Drohungen, böſen Prophezeihungen und Beſchwörungen durch die kur⸗ zen Worte beſeitigt hatte,„mache Dich fertig zum Ausgehen. 3 „Ich freue mich, Phineas, mein Sohn, daß Dein Geiſt ſich jetzt mehr den Geſchäften zuzuwen⸗ den ſcheint, und bin überzeugt, ſollte Dir noch eine beſſere Geſundheit verliehen ſein, ſo wirſt Du eines Tages—“ „Nein, nicht das, mein Vater,“ unterbrach ich ihn traurig, denn ich wußte, worauf er hindeuten wollte, und das konnte ſich nie erfüllen. Geiſtig und phyſiſch fühlte ich mich gleicher Weiſe von dem Geſchäfte meines Vaters zurückgeſtoßen. Ich verab⸗ ſcheute die Lohgerberei— ja, ich ward Tagelang un⸗ wohl, beſuchte ich ſie— und ſo verging oft Monat auf Monat, ohne daß ich in die Rähe derſelben kam. Ich konnte nie den einen großen Wunſch meines Vaters erfüllen, ſein Beiſtand und ſein Nachfolger zu ſein; ich wußte, es war mir eine Unmöglichkeit. Es ſchmerzte mich etwas, daß mein heutiger Plan ihn in gewiſſer Weiſe täuſchen mußte, und ſchweigſam, ja ziemlich langweilig legten wir unſern Weg zurück. Auf alte gewohnte Weiſe durchzogen wir die Straßen von Norton Bury, mein Vater ging ernſt und würdig voran, während ich meinen kleinen Wagen ſo nahe wie möglich an ſeiner Seite zu len⸗ ken ſuchte. Mancher ſah ſich nach uns um, wenn wir an ihnen vorüber kamen, beinahe Jedermann kannte uns, doch nur von Wenigen wurden wir ge⸗ grüßt, ſelbſt nicht von unſern Nachbarn, denn wir waren Nichtconformiſten und Quäker. Ich war ſeit dem Tage, wo ich mit John Ha⸗ lifax durch die Stadt gefahren war, nicht wieder dort geweſen. Die Jahreszeit war viel weiter vorgeſchrit⸗ ten, aber dennoch ſchien es mir wenigſtens in der Sonne angenehm warm, und in den Straßen ſah es freundlich aus, ſelbſt bei uns in Norton Bury, wo ſie eng und hoch waren. Ich bitte es dem Orte ab. Alterthumsforſcher haben ihn immer als ſehr intereſſant und bemerkenswerth gerühmt, und ich ſelbſt habe oft die ſchweren vorſtehenden und reich⸗ verzierten Giebel der Häuſer bewundert, die ſo dun⸗ kel und alterthümlich auf mich herabſahen. Aber im Allgemeinen beachtet man ſelten, was Einem während eines ganzen Lebens täglich vor Augen ſteht, und ſo war ich denn auch jetzt weniger für die Schönheit und Eigenthümlichkeit der Stadt empfäng⸗ lich als unangenehm von der Feuchtigkeit des Fuß⸗ weges und dem unaufhörlichen dumpfen Lärm der Webeſtühle berührt; dazu geſellten ſich die Töne von — 61— ſcheltenden Weibern und ſchwatzenden Kindern, die aus den kleinen Gaſſen herausdrangen, welche zwi⸗ ſchen der Hochſtraße und dem Avon liegen. In dieſen kleinen Gaſſen lebten Hunderte von Familien unſerer ärmern Klaſſen, in Elend, Lumpen und Schmutz vergehend. Mochte wohl John Halifax auch hier wohnen? Die Lohgerberei meines Vaters lag in einer noch etwas entferntern Gaſſe. Bald genug kam mir die eigenthümliche Atmoſphäre entgegen, zu⸗ weilen ein nicht unangenehmer Geruch von Baum⸗ borke, zu andern Zeiten aber wieder ein ſo gräßlicher Luftzug, als wäre man in der Rähe eines eben ver⸗ laſſenen Schlachtfeldes. Ich bewunderte, daß es irgend Jemand darin aushalten konnte, und doch mußten es Viele ertragen. Als wir eintraten, ſah ich mich zuerſt unter den Arbeitern nach dem Knaben um, dem Einzigen, den ich kannte. Er ſaß in der Ecke eines Schuppens und half mit dem größten Eifer zwei oder drei Frauen Borke ſpalten; jedoch fand er dabei doch Zeit, um dem armen blinden Gaule eine Handvoll ſüßen Klee's zu geben, wenn dieſer langſam an ihm vorbeikam, in⸗ dem er das Göpelwerk in Bewegung ſetzte, das die Rinde von dem Holze abſchälte. Niemand ſchien ihn zu beachten und er redete auch mit keinem der An⸗ weſenden. Er ſah uns nicht einmal, als wir an ihm vor⸗ übergingen. Ich frug meinen Vater leiſe, wie er mit dem Knaben zufrieden wäre. „Was für einem Knaben?— Ach Den. O, gut genug, ich weiß wenigſtens nichts Böſes von ihm. Willſt Du ihn haben, um Dich durch den Hof zu fahren?“ „Heda, Junge,“ ſage ich,„Gott verzeihe mir, ich habe ſchon wieder Deinen Namen vergeſſen.“ John Halifax ſprang bei dem herben, befehlen⸗ den Tone der Stimme auf, doch überzog ein Lächeln ſein Geſicht, als er mich ſah. Mein Vater nahm ſeinen Weg nach einigen Gruben, in denen er, wie er mir erzählte, einen wichtigen Verſuch anſtellte, nämlich ein Fell in fünf Minuten vollkommen zu gerben, während man ſonſt acht dazu gebrauche. Ich ſtand hinter ihm. „John, ich möchte Sie ſprechen,“ ſagte ich, dieſen zu mir winkend. John kam hinter dem Haufen Borke hervor und näherte ſich uns ſchüchtern. „Was haben Sie für mich zu thun, Herr?“ „Nennen Sie mich nicht Herr; wenn ich Sie John rufe, müſſen Sie auch Phineas ſagen!“ John Halifar. 1. 5 — 66— und ich hielt ihm meine Hand entgegen, die ſeinige war vom Staube der Baumrinde geſchwärzt. „Scheuen Sie ſich nicht, mir die Hand zu geben?“ „Dummes Zeug, John!“ So war dieſe Sache für immer abgemacht. 4 Und wenn er es auch nie in ſeinem Weſen an einer gewiſſen Achtung und Zuvorkommenheit fehlen ließ, ſo erſchien das doch mehr eine natürliche Berückſichti⸗ gung des Jüngern gegen den Aeltern, oder des Stär⸗ kern gegen den Schwächern, als eine Pflicht, welche der dienende Knabe dem Sohne ſeines Herrn ſchuldete. Und ſo war es mir auch grade am liebſten. Sorgſam leitete er mich zwiſchen den tiefen Gruben der Gerberei hindurch, abſcheuliche Löcher, zwiſchen denen die Fußwege wie ein Netz ausge⸗ breitet lagen, bis wir das tiefere Ende des Grund⸗ ſtücks erreichten. Es war hier durch den Avon und einen großen Haufen vom Abfall der Baumrinde begrenzt. „Dies iſt kein übler Platz, um ſich auszuruhen; und wenn Sie aus Ihrem Wagen ſteigen wollen, kann ich es Ihnen gleich bequem machen.“ Da ich damit zufrieden war, lief er ſogleich fort und holte eine alte wollene Pferdedecke, die er über die weiche, trockene Maſſe breitete. Dann führte er mich dorthin und deckte mich mit meinem Mantel zu. Bequem ausgeſtreckt, meinen Hut über die Augen gezogen, ruhte mein Blick auf dem glänzenden Streife des Avon zu meinen Füßen und darüber hinaus auf der grünen Fläche, dem Ham, mit den weidenden Kühen. Ich fand meinen Platz nichts weniger als unangenehm, ja wirklich hübſch, trotzdem die Lohger⸗ berei hinter mir lag; doch ſie ſtörte hier keinen meiner Sinne. „Sitzen Sie auch dort gut?“ „Sehr gut, beſonders wenn Sie ſich hier neben mir ausruhen wollen.“ Und ſo unterhielten wir uns. Ich frug ihn, ob er dieſen Stoß Borke oft mit ſeiner Gegenwart beehre, er ſchiene mir hier ſo vollkommen zu Hauſe. „Das bin ich auch,“ antwortete er lächelnd, „es iſt mein Schloß oder mein Haus.“ „Und es iſt nicht übler hier wie anderswo zu leben.“ „Außer wenn es regnet. Regnet es immer ſo viel in Norton Bury?“ „Schämen Sie ſich, John!“ und ich deutete auf den ſchönſten blauen Herbſthimmel, wenn auch freilich in einiger Entfernung ein Abendnebel aufſtieg. —— „Jetzt allerdings iſt es ſehr ſchön, aber dort über den Severn zeigt ſich eine Wolke, die uns gewiß noch vor der Nacht Regen bringt. Ich werde meinen hübſchen Octoberabend heute nicht genießen können.“ „Sie können ihn ja vom Hauſe aus bewun⸗ dern.“ John ſchüttelte den Kopf.„Wahrhaftig, das müſſen Sie, es muß ja hier nach Sonnenunter⸗ gang fürchterlich kalt ſein.“ „Nicht oft. Doch, frieren Sie jetzt? Soll ich? Aber ich habe nichts Anderes als dieſe Decke Ihnen zu geben.“ Er wickelte ſie feſter um mich. Unbeſchreiblich leicht und ſanft war dieſe rauh ausſehende Hand des Knaben. „In meinem ganzen Leben habe ich Niemand geſehen, der ſo mager iſt wie Sie. Sie ſind noch magerer geworden als wie ich Sie das erſte Mal ſah. Sie ſind wohl ſehr krank geweſen, Phineas? was fehlte Ihnen?“ Seine Beſorgniß war ſö tiefgefühlt, daß ich ihm erklärte, was ich hier auch wiederholen will, um dann den unnützen Gegenſtand nicht wieder zu berühren, wie ich ſeit meiner Geburt klein, ſchwäch⸗ lich und ſo kränklich geweſen bin, daß mein Leben eine Reihe ſteter Krankheiten war und ich wenig Hoffnung hege, dies könne ſich anders als durch meinen Tod ändern. „Aber glauben Sie nicht, John, daß es mir ſchwer wird?“ denn ich bemerkte mit Betrübniß, wie erſchrocken und beſorgt ſein Blick auf mich fiel.„Ich bin ganz zufrieden, ich habe ein ruhiges Leben, habe einen guten Vater, und jetzt hoffe ich auch das noch gefunden zu haben, was mir fehlte, einen— guten Freund!“ Er lächelte, doch ſichtlich nur, weil ich es that. Ich fühlte, er verſtand mich nicht. In ihm, wie in vielen kräftigen, ſich ſelbſt beherrſchenden Charak⸗ teren, lag eine gewiſſe Schwierigkeit, Eindrücke in ſich zu empfangen, die, wenn einmal aufgenommen, unauslöſchlich bleiben. Obgleich ich in vielen Beziehungen ganz das Gegentheil von ihm war und keine ſeiner Eigen⸗ thümlichkeiten beſaß, ſondern ſchnell und warm empfand, ſo liebte ich doch dieſen Gegenſatz beſonders in ihm, wie wir Alle die Eigenſchaften an Andern hoch anſchlagen, die von den unſrigen abweichen. So war ich denn auch weder verletzt noch betrübt, daß der Knabe nur nach und nach das empfand, was mein Herz ihm in Liebe gab und was ich von ihm erwartete. In jedem Tone ſeiner Stimme, in jedem unbe⸗ —— fangenen Blicke ſeiner treuen, ehrlichen Augen erkannte ich, daß er zu den Charakteren gehörte, von denen wir überzeugt ſein dürfen, daß von jedem Gefühl, das ſie laut werden laſſen, noch ein unermeßlicher Schatz unausgeſprochen und verborgen in ihnen liegt; ein Charakter, deſſen Grundton eine Feſtigkeit war, worauf ſich alle Liebe und alle Zuneigung allein feſt erbauen kann. Er war ein Menſch, den man kennen zu lernen Zeit gebrauchte; aber je länger man ihn kannte, je höher wuchs das Vertrauen, und wer ihm das einmal geſchenkt hatte, der be⸗ wahrte es ihm für das Leben. Meine Phantaſie mag zu lebhaft, oder mein Urtheil zu voreilig erſcheinen, wenn ich ſage, daß ich alle dieſe Eigenthümlichkeiten in einem Knaben von 14 Jahren entdeckte; es iſt nicht unmöglich, daß, indem ich dieſe Zeilen ſchreibe, ſich in meine Cha⸗ rakteriſtik manche ſpätere Erfahrung miſcht; da in⸗ deſſen Alles Wahrheit iſt, ſo mag es immerhin ſtehen bleiben. „Doch nun haben wir genug von mir ge⸗ ſprochen,“ ſagte ich,„jetzt von Ihnen; wie ſagt Ihnen die neue Welt hier zu? Gefällt Ihnen die Lohgerberei beſſer, iſt ſie Ihnen jetzt angenehmer? Antworten Sie redlich.“ Er ſah mir feſt in das Auge, ſteckte ſeine beiden Hände in die Taſchen ſeiner Jacke und pfiff ein Stückchen. „Bitte, John, vermeiden Sie es nicht, dieſe Frage zu beantworten. Ich möchte die Wahrheit wirklich wiſſen.“ „Nun denn, ich haſſe die Lohgerberei hier.“ Sein Herz ſchien durch dieſen Ausfluß ſeiner Galle etwas erleichtert, und indem er dabei einen Haufen Gerberlohe mit dem Fuße in den Fluß ſtieß, ward er wieder ruhiger. „Aber glauben Sie nicht, Phineas, daß ich dieſe Beſchäftigung immer ſo widerwärtig finden will. Nein, ich nehme mir vor, mich daran zu gewöhnen, wie ſo mancher beſſere Menſch ſich an ſchlimmere Dinge gewöhnt hat. Es iſt eine Schwäche, das zu verabſcheuen, wodurch man ſich ſein Brot erwirbt, nur weil es uns unangenehm iſt, noch dazu wenn es das einzige Mittel bleibt, um durch die Welt zu kommen.“ „Sie ſind für Ihr Alter ſehr vernünftig, John.“ „Nun, lachen Sie mich nur nicht aus.“(Aber ich that es nicht und hatte im vollſten Ernſte ge⸗ ſprochen.)„Und halten Sie mich nicht für ſchlechter, wie ich bin; beſonders aber glauben Sie nicht, daß ich gegen Ihren guten Vater undankbar ſei, der mir aus meiner Roth in dieſer Welt half; es iſt die erſte wirkliche Unterſtützung, die mir je geworden iſt? Jetzt, wo ich den Fuß auf die erſte Sproſſe der Leiter ſetzte, erreiche ich vielleicht noch eine höhere Stufe.“ „Davon bin ich überzeugt,“ antwortete ich ihm im feſten Glauben daran.„Aber Sie müſſen viel über dieſe Gegenſtände gedacht haben.“ „Nun, ich habe Zeit genug, um nachzudenken, und die Gedanken arbeiten ſchneller in meinem Kopfe, wenn ich hier auf dem Haufen Borke liege, als wenn ich in meinem Zimmer bin. Ich habe ſchon oft ge⸗ wünſcht, ich könnte leſen, das heißt, ſo recht geläufig leſen. So wie es jetzt iſt, habe ich nichts Anderes zu thun als zu denken, und zwar nur an mich ſelbſt und was ich gern werden möchte.“ „Wenn Sie nun am Ende noch einmal, wie Dick Whittington, das Geſchäft Ihres Herrn über⸗ nehmen könnten, würden Sie unter der Bedingung wünſchen, ein Lohgerber zu ſein?“ Er zögerte einen Augenblick, doch verrieth ihn ſein ehrliches Geſicht, dann antwortete er aber mit entſchloſſener Stimme:„Ich würde Alles gern werden, was ehrenvoll und rechtlich iſt. Ich habe immer in der Welt geſehen, daß, was auch ein Mann ſein mag, ſeine Beſchäftigung macht ihn zu Richts, aber wohl kann er jede Beſchäftigung zu Ehren —— bringen. Denn— aber ich weiß wohl, daß ich die Sache nicht ſo recht klar ausdücken kann, weil es eben in meinem Kopfe noch nicht ſo klar iſt,— ich bin ja nur noch ein Knabe. Demnach aber geht Alles darauf hinaus, daß es gleichgültig iſt, ob ich die Lohgerberei liebe oder nicht; ich werde, ſo lange ich kann, daran feſthalten.“ „Das iſt recht und ich freue mich wahrhaft darüber. Demunerachtet,“ ich betrachtete ihn grade, wie er vor mir ſtand, feſten Fußes auf dem ungleichen Boden des Borkenhaufens, den Kopf hoch erhoben, den Mund geſchloſſen, um den ein feines Lächeln ſpielte.„Demungeachtet, John, iſt und bleibt es meine Anſicht, daß Sie Alles können, was Sie wollen.“ Er lachte.„Das iſt ſehr fraglich, wenigſtens für den Augenblick. Was ich auch werden könnte, ſo bin ich doch jetzt nichts Anderes als der Junge, der Ihres Vaters Karren fährt und in Ihres Vaters Lohgerberei arbeitet, John Halifax, der ganz zu Ihrem Befehle ſteht, Mr. Phineas Fletcher.“ Halb im Scherz, halb im Ernſt entblößte er ſeine ſchönen Locken mit einer Verbeugung, die zu ſeiner übrigen Erſcheinung gar nicht paßte, ſo daß ich unwillkürlich an das griechiſche Neue Teſtament und die Inſchrift„Guy Halifax, Edelmann“ denken —— mußte. Indeſſen hatte das weder für mich, noch für ihn irgend einen Einfluß. Der Knabe, gleich manchem Anderen, verdankte ſeinem Vater nichts Anderes als ſeine Exiſtenz, und der Himmel weiß, ob dieſe Gabe nicht oft mehr ein Fluch wie ein Segen iſt. Der Nachmittag war während unſerer Geſpräche vergangen, aber ich dachte nur ſehr ungern daran, mich von meinem Freunde zu trennen. Plötzlich ſiel mir ein, nach ſeiner Wohnung zu fragen. „Was meinen Sie?“ „Wo Sie wohnen? wo Sie eſſen und ſchlafen?“ „Was das anbetrifft, ſo habe ich ſelten Zeit zum Eſſen und Trinken. Gewöhnlich verzehre ich mein Mittagbrot auf der Landſtraße, wo ich dann zum kalten Pudding oft die ſchönſten Blaubeeren am Wege finde, ein gutes Gericht! Das Abendbrot, wenn ich Etwas habe, ſo eſſe ich es am liebſten hier auf dieſer Borke, wenn die Arbeiter fort ſind und die Lohgerberei leer iſt. Ihr Vater erlaubt mir immer, hier zu bleiben.“ „Aber wo iſt denn Ihre Wohnung, wo Sie ſchlafen?“ Er ſchwieg, wechſelte etwas die Farbe, ſagte aber gleich darauf:„Um die Wahrheit zu ſagen, überall, wo ich einen Platz finde. Gewöhnlich hier.“ ——— „Was? im Freien?“ „Freilich.“ Ich war ſehr erſchrocken. Im Freien zu ſchlafen, ſchien mir der höchſte Grad des menſchlichen Elendes zu ſein, dazu ſo erniedrigend; es kam mir vor, wie eine Landſtreicherexiſtenz, aber nicht wie die eines anſtändigen Knaben. „John, wie iſt das möglich, und weßhalb thun Sie ſo Etwas?“ „Das will ich Ihnen ſagen,“ erwiderte er, ſich ziemlich mürriſch zu mir ſetzend, ſo, als habe er meine Gedanken geleſen und meinen Tadel errathen, ſei aber dennoch feſt entſchloſſen, der Welt zu zeigen, daß er, aller Andern Anſicht zum Trotz, einzig und allein ſeinem eigenen Urtheile folgen werde.„Sehen Sie, ich verdiene die Woche 3 Schillinge, was auf den Tag fünf Pence macht; davon brauche ich zu meiner Zehrung 3 Pence, ich bin ein ſtarker im Wachsthum begriffener Knabe, und es iſt ſehr ſchwer, hungern zu müſſen. Es bleiben mir alſo nur 2 Pence für meine Wohnung. Ich verſuchte es ein, auch zwei Mal in den beſten Wohnungen, die ich für dies Geld finden konnte, aber—“ und hier breitete ſich ein Ausdruck des tiefſten Ekels über die Züge des Knaben, als er hinzufügte:„Ich verſuche es nicht wieder. Ich bin niemals daran gewöhnt geweſen und bleibe lieber in der freien Luft für mich allein. Das iſt der Grund.“ „Ach, John!“ „Nein, Sie brauchen ſich darüber nicht zu grämen. Sie glauben gar nicht, wie hübſch es iſt, außerhalb eines Hauſes zu ſchlafen, und wie aller⸗ liebſt die Sterne ausſehen, wenn man in der Nacht aufwacht und ſie dann ſo glänzend über unſerem Kopfe ſcheinen.“ „Aber iſt es denn nicht ſehr kalt?“ „Nein, wenigſtens nicht oft; ich habe mir ein recht warmes kleines Neſt in dem Haufen Borke zurecht gemacht und liege da in meine Decke gehüllt, die mir einer der Arbeiter gab, ſo gut wie eine kleine Feldmaus. Ueberdem gehe ich jeden Morgen in den Strom, tauche unter und ſchwimme dann eine Weile, was mich für den ganzen Tag warm macht.“ Ich ſchauderte, ich, dem kaltes Waſſer ſchon unangenehm war. Ja, trotz allem ſeinem Ungemach ſtand er vor mir, das Bild der Geſundheit. Ach! und ich beneidete ſie ihm. Aber dies herumziehende Leben, das er in ſo hellen Farben ſchilderte, konnte doch ſo nicht fort⸗ gehen.„Was wird denn nun aber, wenn der Winter kommt?“ — 6— John ward betroffen.„Ich weiß es nicht; nun,“ fügte er lachend hinzu,„ich denke, ich werde mich ſchon irgendwo einrichten, wie die Sperlinge.“ Er ſchien ſich nicht bewußt, wie richtig ſein Gleichniß war, denn gewiß ſo obdachlos wie die Vögel in der Luft war er ſelbſt, die aber der Eine dennoch ſpeiſtt, wenn ſie nur ſeine Hülfe anrufen wollen. Meine Frage hatte ihn ſichtlich nachdenklich gemacht; er blieb eine ganze Weile, ohne zu ſprechen. 5 Endlich nahm ich das Wort.„John, erinnern Sie ſich noch jener Frau, die Sie ſo heftig in der kleinen Gaſſe anrief?“ 6 „O ja! ich werde niemals irgend Etwas ver⸗ geſſen, was mit jenem Tage in Verbindung ſteht,“ erwiderte er ſehr weich. „Sie war früher meine Amme, und iſt keine böſe Frau, wenn auch viel Noth und Sorge ihren Charakter verbitterte. Ihr älteſter Sohn Bill, der Soldat geworden iſt, fuhr früher Ihren Karren, wie Sie wiſſen.“ „So?“ ſagte John in einem fragenden Tone; denn ich ging nur langſam mit meinem Plane heraus, er ſollte nicht mehr davon erfahren als nothwen⸗ dig war. —— „Sally iſt arm, wenn auch nicht gänzlich ver⸗ armt. Ihre zwei Pence für jede Nacht würden ihr ſehr willkommen ſein, und ich glaube, wenn Sie es mir überlaſſen, mit ihr zu reden, könnten Sie Bill's Dachſtube ganz allein für ſich bekommen. Sie hat nur noch einen kleinen Jungen zu Hauſe. Es verlohnte ſich doch der Mühe, es zu verſuchen.“ „Gewiß! und Sie ſind ſehr freundlich, Phineas.“ Er ſagte zwar weiter Richts, aber der Ton dieſer paar Worte ſprach mehr aus als ein ganzes Buch. Ich kehrte zu meinem kleinen Wagen zurück denn ich wollte keinen Tag in dieſer Angelegenheit verlieren. So überredete ich denn auch John, mit mir zu Sally Watkins zu gehen. Meinen Vater konnten wir nicht gleich finden, doch wagte ich es, die Beſtellung für ihn zurückzulaſſen, daß ich nach Hauſe gefahren ſei und John Halifax mitgenommen habe; es war mir ſelbſt überraſchend, wie viel dreiſter ich geworden war, ſeitdem Jemand mir zur Seite ſtand, für den ich gern handeln und ſorgen wollte. Wir waren bis zur Thür der Witwe Watkins gelangt. Es war ein ärmliches Haus, ärmlicher als es mir früher vorgekommen war; aber ich rief mir alle die Qualen zurück, die mir ihre Reinlichkeit in jener Zeit auferlegte, als ſie meine Wärterin war, und meine Hoffnung für John belebte ſich dadurch. —— —— Sally ſaß fleißig und ſtill ergeben in ihrer Küche, eine alte Jacke ausbeſſernd, die früher Bill gehörte und nun, da ſie durch den großen rothen Rock erſetzt war, auf Jem, den zweiten Knaben, übergehen ſollte. Aber Bill füllte der armen Mutter Herz noch immer ganz aus, und ſie konnte nichts Anderes thun als weinen und auf Bonaparte ſchimpfen. Ihre Seele war ſo gänzlich damit be⸗ ſchäftigt, daß ſie in dem anſtändigen jungen Arbeiter den armen halbverhungerten Knaben nicht wieder zurerkennen ſchien, den ſie einſt auf der Gaſſe ſo ſtark mit ihrer Zunge bearbeitet hatte. Sie willigte auch ſogleich ein, daß er ſeine Wohnung bei ihr nehmen könne, und ſah nur mit einem ſehr erſchrockenen Geſichte auf, als ich ihn meinen Freund nannte. So machten wir denn zuerſt Alle zuſammen unſer Geſchäft ab, und als John hinaufging, um ſich das Zimmerchen anzuſehen, ſchloſſen Sally und ich noch einen beſondern Vertrag ab. Ich wußte, daß ich mich auf Sally verlaſſen durfte, die ich zu meiner Freude dadurch unterſtützen konnte. Die arme Frau! ſie verſprach, ihm Alles recht wohnlich einzurichten und unſer Geheimniß zu bewahren. Als John ſich wieder zu uns geſellte, war ſie gleich ſehr höflich, ſelbſt freundlich. — Sie verſicherte ihm, es werde ihr ein wahrer Troſt ſein, daß nun wieder ein anderer hübſcher ſtarker Burſche in Bill's Bette ſchlafen ſolle, der grade wie ihr armer lieber Junge zu ſelber Zeit ein⸗ und ausgehen werde. Ich fand den Vergleich ſehr hinkend und ward beinahe böſe; aber John lächelte darüber. „Und wenn er ab und zu die Hand in der Küche mit anlegen will, ich denke, er wird nicht zu vor⸗ nehm dazu ſein?“ „Nicht im Mindeſten,“ verſicherte John freundlich. Ehe wir das Haus verließen, wünſchte ich ſelbſt gern das Zimmer zu ſehen; er führte mich hinauf und wir ſetzten uns Beide auf das Bett des armen Bill. Man konnte es eben nicht ſehr rühmen, denn es beſtand aus einem Sacke, der mit Heu gefüllt war, einer wollenen Decke unten und einer darüber; und das einzige Paar Betttücher, das John für lange Zeit beſaß, erbat ich mir erſt für ihn von Jael. Die Dachſtube war ſehr niedrig und klein, kaum groß genug, daß eine Katze darin herumſpringen konnte, nicht einmal ein Kätzchen, und doch be⸗ trachtete ſie John mit dem Stolze eines eigenen Beſitzthums. „Ich verſichere Ihnen, ich bin ſo glücklich — wie ein König. Sehen Sie nur einmal aus dem Fenſter.“ Ja, das Fenſter war das Beſte; man konnte aus demſelben auf das Dach gelangen, und von dort hatte man die ſchönſte Ausſicht in ganz Norton Bury. Von der einen Seite die Stadt, die Abtei, und darüber hinaus eine große Strecke Wieſen und Wald, ſo weit das Auge reichte. Auf der andern Seite der breite Ham, von dem glänzenden Severn umgeben, und das dahinterliegende Land verlor ſich dann weit in die blauen Berge hinein. Es war ein Gemälde, das durch den beſtändigen Wechſel, ſo wie durch ſeine ruhige Schönheit und ſeinen milden Zauber einen Einfluß ausübte, der die einfache täãg⸗ liche Handlung des aus dem Fenſter Sehens zu einer größeren Belehrung machte als ſie eine Welt von Büchern zu geben vermochte. „Wie gefällt Ihnen Ihr Schloß?“ frug ich, John's ſtrahlendes Antlitz betrachtend.„Finden Sie es hübſch?“ „Das wollte ich meinen!“ rief er in dem Ent⸗ zücken ſeines Herzens, und das meinige ſchlug eben⸗ falls vergnügt. Liebes kleines Zimmer! dem Himmel ſo nah', ja ſo nah', daß der Regen zu Zeiten hineinſtrömte, oder die Sonne ſo heiß auf das Dach brannte, daß John Halifax. I. 6 es eſhem Glühofen glich, während im Winter Schnee und Eis ſich ſo hoch aufthürmte, daß das Fenſter verfinſtert ward. Und doch wie glücklich, wie fröhlich ſind wir dort geweſen! Wie oft haben wir in ſpätern Tagen Deiner gedacht! Viertes Rapitel. Der Winter kam in dieſem Jahre früh und trat plötzlich ein. Mir erſchien er lang und öde, noch viel ſchlim⸗ mer als dieſe Jahreszeit überhaupt für mich war. Ich konnte mein Zimmer nicht verlaſſen und ſah Nie⸗ manden als meinen Vater, Doctor Jeſhop und Jael. Endlich faßte ich den Muth, dem Erſteren zu geſtehen, wie ſehr ich wünſchte, daß er mir John Halifax bald ein Mal ſchicken möge. „Wozu willſt Du den Burſchen haben?“ „Ich möchte ihn gern ein Mal wiederſehen.“ „Was? Ein Junge aus der Lohgerberei iſt keine paſſende Geſellſchaft für Dich. Ueberlaſſe ihn ſich nur allein, es wird ſchon Etwas aus ihm wer⸗ den, wenn Du ihn nicht über ſeine eigentliche Stel⸗ lung hinaus heben willſt.“ 6* Vozn Halifax über ſeine eigenliche Stellung hi⸗ näus zu heben! Ich ſtimmte darin mit meinem Va⸗ ter überein, daß dies unmöglich ſei, doch trennten ſich unſere Anſichten vollkommen über den Begriff ſeiner Stellung. Aber in der Furcht, ihm durch irgend Etwas zu ſchaden, und die Ueberzeugung feſthaltend, daß ſeine Zukunft allein von der Gunſt ſeines Herrn abhänge, wagte ich nicht weiter über den Gegenſtand zu ſtreiten. Nur ſuchte ich bei jeder Gelegenheit, ſo ſelten ſie ſich auch darbot, John ein paar Zeilen zu⸗ kommen zu laſſen, die ich mühſam in Druckſchrift aufzeichnete, wohl wiſſend, daß er dies leſen könne, und dann fügte ich ein oder mehrere Bücher bei, aus denen er ſich ſelbſt weiter fortzubilden vermochte. und ſo wartete ich geduldig, aber mit Sehnſucht auf den Frühling, wo ich ohne fernere vergebliche Verſuche gewiß ſein konnte, den Freund wieder zu ſehen. Ich kannte ihn genug und wachte auch ſelbſt zu eiferſüchtig über ſeiner Selbſtachtung und Würde, um ihn durch die Gewalt meiner Bitten oder durch Liſt in ein Haus zu locken, in dem er nicht gern ge⸗ ſehen ward, ſelbſt nicht in das Haus meines eigenen Vaters. An einem Februartage, wo der Froſt ſich endlich löſ'te und ein milder Regen die Schneemaſſen fort⸗ nahm, von denen mir Jael erzählt hatte, daß ſie — weit und breit das Land bedeckten, wollte ich mich auch ein Mal zur Thür hinaus wagen, um mich ſelbſt zu überzeugen, wie lange der ſegensreiche Engel des Frühlings mit ſeiner Ankunft zögern würde. So ſchleppte ich mich denn in das Wohnzimmer hinab und von dort in den Garten; Jael ſchalt und mein Vater ermuthigte mich in rauher Weiſe dazu. Mein armer Vater! er hielt die Ueberzeugung feſt, daß die Menſchen nicht krank ſein würden, wenn ſie es nicht ſelbſt wollten, und daß ich viel mehr leiſten könne, wenn ich nur den Entſchluß dazu faßte. Ich hatte mich lange nicht ſo kräftig gefühlt; ach! es war ſo lieblich, endlich das lang verborgene Gras zu erblicken, unter dem Schutze der Taxushecke im Sonnenſcheine auf und ab gehen zu können, und mit Vergnügen betrachtete ich die weißen Reihen Schneeglöckchen, die eins nach dem andern hervor⸗ kamen wie arme Kriegsgefangene kurz vor ihrer Hin⸗ richtung. Im nächſten Augenblicke aber ſchämte ich⸗mich des herzloſen Vergleiches, denn mir trat das Bild des armen Bill Watkins vor die Seele, der am letzten December nach einer Schlacht von den Franzoſen als Spion erſchoſſen ward. Armer rothbackiger, mun— terer Bill! Für ihn wäre es beſſer geweſen, hätte „ — 86— er das unrühmliche Geſchäft fortgeſetzt, den Karren mit abgezogenen Häuten zu fahren. „Haben Sie kürzlich Sally geſehen?“ frug ich Jael, die nahe bei mir Grünkohl abſchnitt;„hat ſie ihren Kummer etwas überwunden?“ „Sie iſt nicht reich genug, um ſich ihren Ge⸗ fühlen überlaſſen zu können; da hat ſie Jem und drei kleinere außerdem ſatt zu machen, und dann der an⸗ dere ſtarke, große Junge, der bei ihr lebt und mehr verzehrt als er ihr bezahlen kann, davon bin ich überzeugt.“ Ich nahm die Anzüglichkeit ruhig hin, denn ich wußte, daß mein Vater John's Lohn in letzter Zeit erhöht und dieſer dagegen ſeine Miethe vermehrt hatte. Dies, ſowie einiges Andere, was nur zwiſchen mir und Sally abgemacht war, beruhigte mich gänz⸗ lich darüber, daß John der Witwe keine Laſt, ſon⸗ dern vielmehr eine Hülfe geworden war; ich ließ alſo ruhig Jael reden, es ſchadete weder mir noch ſonſt Jemand. „Wie hübſch die Schneeglöckchen doch ausſehen, Jael!— halt!— Sie ſetzen Ihren Fuß gerade dar⸗ auf!“. Aber es war zu ſpät, ſie hatte ſie bereits mit ihren hohen Abſätzen an den Schuhen zertreten, und — 8— war jetzt im Begriffe, mich umzuſtoßen, als ſie im größten Schrecke eilig zurücktrat. „Wer iſt nur der junge Herr, der den Garten herunter kommt? und ich in meinem ſchmutzigen Kleide, die Schürze voller Kohl!“ Und ſie ließ das Gemüſe auf den Weg fallen, als der„Herr“ ſich uns näherte. Ich lachte, denn trotz ſeiner veränderten Er⸗ ſcheinung ward es mir doch zuletzt nicht ſchwer, John Halifax zu erkennen. Er trug einen neuen Anzug, und ich muß dem wunderbaren Verfeinerer, dem Schneider, ſeinen Ruhm laſſen;— ſeine Kleider waren ſo anſtändig, hübſch und einfach, daß jeder junge Lehrling ſie gern ſo getragen hätte. Sie ließen ſeine Geſtalt vortheil⸗ haft erſcheinen, die ſich ſehr ausgebildet hatte, ſowohl in Größe und Kraft als in Grazie. Er hatte um ſeinen Hals ein gewöhnliches, aber weißes Hals⸗ tuch geſchlungen, und über daſſelbe fielen gut geord⸗ net ſeine hellen ſchönen Locken. So war es denn keineswegs unnatürlich, daß Jael oder irgend ein Anderer ſich in ihm irren konnte. Auch ſah ſie ihn ziemlich verächtlich an, als ſie den eben erwähnten Irrthum bemerkte. „Was haſt Du hier zu thun?“ frug ſie ihn ſcharf. — „Abel Fletcher hat mich mit einem Auftrage hergeſchickt.“ „So komm' damit heraus und ſprich nicht ſo mit Phineas. Du biſt keine Geſellſchaft für und ſein Vater will es nicht.“ „Jael!“ rief ich empört. John antwortete nicht, doch ſeine Wangen brannten vor Entrüſtung. Ich faßte ihn bei der Hand und verſicherte ihm, wie ſehr ich mich freute, ihn wieder zu ſehen— aber im erſten Augenblicke zweifelte ich, ob er mich verſtan⸗ den habe. „Abel Fletcher ſchickt mich her,“ wiederholte er in einem vollkommen ruhigen Tone,„um mit Phi⸗ neas auszugehen; hat er aber Etwas gegen meine Geſellſchaft einzuwenden, ſo iſt Richts leichter als es zu ſagen.“ Er wandte ſich nach mir um— und ich denke, mein Ausdruck mußte ihn zufriedenſtellen. Jael verließ uns etwas verlegen, in ihrem Aerger die Hälfte des Kohls aus ihrer Schürze fallen laſſend. John langte ſie ihr auf, doch erhielt er bei'm Fortgehen nur einen kleinen Stich. „Du biſt ja in Deinen neuen Kleidern ſehr höf⸗ lich! Sei nur mit oder ohne ſie immer gleich auf⸗ merkſam, und beſonders ſage ich Dir, laß nicht wie⸗ der den Karren mit den Fellen unter den Wohnſtu⸗ benfenſtern ſtehen.“ „Ich fahre jetzt nicht mehr den Karren,“ ant⸗ wortete er und weiter Richts. „Sie fahren den Karren nicht mehr?“ frug ich ängſtlich, als Jael nicht mehr zu ſehen war, denn ich fürchtete, es möchte irgend etwas Unangenehmes geſchehen ſein. „Nein, und zwar weil ich mich dieſen Winter ſelbſt das Leſen und Rechnen aus Ihren Büchern ge⸗ lehrt habe; nun bemerkte Ihr Vater dies und ſagte, ich ſolle von nun an ſtatt der Felle das Geld ein⸗ ſammeln, das mir beſſeren Lohn einbringt und mir viel angenehmer iſt— dies iſt die ganze Ge⸗ ſchichte.“ Doch ſo wenig er auch darüber ſagte, ſo glänzte doch ſein ganzes Geſicht vor Freude und Stolz. Es „war aber auch ein großer Schritt vorwärts. „Er muß viel Vertrauen zu Ihnen haben, John,“ ſagte ich, wohl wiſſend, wie peinlich ängſt⸗ lich mein Vater in der Wahl ſeiner Geldeinnehmer war.. „Das macht mich auch ſo glücklich! Er iſt überhaupt ſehr gut gegen mich, Phineas, und gab mir heute einen beſondern Feiertag, um mit Ihnen auszugehen; iſt das nicht großartig?“ — „Wahrhaftig, das iſt es! Wie vergnügt wer⸗ den wir zuſammen ſein! Ich glaube beinahe, ich wäre heute im Stande, ſelbſt Etwas zu gehen.“ Des Jünglings Gegenwart gab mir in der That immer neues Leben, neue Kraft und Hoffnung. Sein bloßer Anblick war für mich eben ſo beglückend wie das Nahen des Frühlings. „Wo wollen wir hingehen?“ frug er, als wir ſchon fern vom Hauſe waren und er mich durch die Straßen von Norton Bury fuhr. „Ich möchte wohl nach dem Mythos.“ Der Mythos war ein kleiner Berg, nahe an den Vorſtädten, wo es beſonders fruchtbar und ſchön war, und wo der Squire von Brithwood ſich ohn⸗ gefähr vor zehn Jahren ein ſchönes Haus gebaut hatte. „Das wollen wir thun, und dabei werden wir auch die hohe Fluth ſehen— ein ſchöner Anblick. Der Fluß iſt noch immer im Steigen, wie ich höre, in der Lohgerberei wird ſchon ein großer Damm da⸗ gegen aufgeführt. Wie hoch ſteigt wohl die Fluth hier, Phineas?“ Ich kann mich deſſen nicht erinnern. Aber ſehen Sie doch nicht ſo ernſthaft aus. Wir wollen vergnügt zuſammen ſein.“ Und wahrhaft, ja ſo recht innerlich erfreute ich — mich an unſerem Herumſchweifen. Der helle Son⸗ nenſchein war lieblich, und entzückend fand ich es, mich auf der Brücke an der andern Seite der Stadt auszuruhen und die feuchte Luft einzuathmen, die von dem höher ſchwellenden Waſſer aufſtieg, ſowie das laute Geräuſch zu verfolgen, als es wie ein Waſſerfall über die Schleuſe ſtürzte. „Ihr langſamer, unanſehnlicher Avon macht ſich hier ganz breit. Wie hoch geht der weiße Schaum und wie kräuſeln ſich die Wellen hübſch— aber ſehen Sie nur, der ganze Ham iſt unter Waſſer; wie ſchön glänzt dies in der Sonne!“ „Sie ſcheinen eine ſchöne Ausſicht zu bewun⸗ dern, John?“ „Oh! und ob ich dies thue!“ rief er ſo recht aus vollem Herzen. Das meinige hob ſich bei ſeiner Freude. „Sie glauben gar nicht, wie ſchön ſich dies Alles von meinem Fenſter ausnimmt, ich beobachte dies ſchon ſeit einer ganzen Woche. Jeden Morgen ſcheint ſich das Waſſer neue Kanäle zu bilden. Sehen Sie nur den da an den Weidenbäumen, wie heftig ſtrömt das Waſſer da durch!“ „Ach! wir hier in Rorton Bury ſind das Stei⸗ gen der Flüſſe gewohnt.“ „Waren ſie bedenklicher Art?“ „Früher, ja; doch nicht mehr zu meiner Zeit. Aber nun, John, erzählen Sie, was Sie den Win⸗ ter über gemacht haben.“ Es war ein kurzer, einfacher Bericht— ange⸗ ſtrengte Arbeit, alle Tage von Montag an bis Sonn⸗ abend, zu hart, um des Nachts etwas Anderes thun zu lkönnen als in den geſunden, traumloſen Schlaf der Jugend zu verfallen. „Aber wann haben Sie das Rechnen und Leſen gelernt?“ „Gewöhnlich in müſſigen Augenblicken, wenn ich neben meinem Karren auf der Landſtraße ging. Es iſt erſtaunlich, wie viel verlorene Augenblicke man ſo im Laufe eines Tages findet, wenn man ſie wirk⸗ lich benutzen will. Und dann hatte ich außerdem noch den Sonntag Nachmittag. Ich hoffe, ich that damit nichts Unrechtes.“ „Nein!“ verſicherte ich ihm beſtimmt. „Was für Bücher haben Sie denn durchgeleſen?“ „Alle, die Sie mir ſchickten: des Pilgrims Fort⸗ ſchritt, Robinſon Cruſoe und die Arabiſchen Nächte. Die ſind wunderſchön, nicht wahr?“ und ſeine Augen funkelten vor Freude. „Und ſonſt noch?“ „Ebenfalls das Buch, das Sie mir zu Weih⸗ nachten ſchenkten. Ich habe es oft geleſen.“ — Mir gefiel der Ton ſanfter Hochachtung, in dem er davon ſprach, und ich freute mich, von ihm das Bekenntniß zu hören, deſſen er ſich nicht ſchämte, oft in dem Buche geleſen zu haben— in der Bibel, die ein Knabe ſelten zur Hand nimmt. Ich frug ihn nun über dieſen Gegenſtand nicht weiter; mir ſchien es und ſcheint es noch heute ſo, daß ich weiter Nichts zu wiſſen brauchte. „Können Sie nun ganz fertig leſen, John?“ „Rach meiner Art ganz gut.“ Dann ſich plötz⸗ lich zu mir wendend:„Sie leſen wohl ſehr viel? Ich hörte Ihren Vater einmal ſagen, daß Sie ſehr fleißig wären. Was wiſſen Sie nur Alles?“ „Ach, nichts Beſonderes!“ aber er quälte mich zu ſehr und ich erzählte es ihm. Die Liſte war freilich klein, doch⸗ hätte ich ſie⸗noch geringer ge⸗ wünſcht, als ich in John's Geſicht ſah. „Und ich kann gerade nur leſen, und werde nächſtens funfzehn Jahre.“ Es lag eine Beſchämung, ein Kleinmuth, ja bei⸗ nahe eine Verzweiflung in dem Tone ſeiner Stimme, daß es mir zu Herzen ging. „Das muß Sie nicht betrüben,“ ſagte ich, meine ſchwache, unbrauchbare Hand auf die ſeinige legend, die mich ſo kräftig und ſicher führte.„Wo⸗ her ſollten Sie wohl während Ihrer angeſtrengten Arbeit die Zeit dazu gefunden haben?“ „Aber ich möchte gern mehr lernen und muß es auch.“ „Das ſollen Sie. Es iſt wenig, aber Alles, was ich ſelbſt weiß, will ich Ihnen lehren.“ „Oh! Phineas!“ er warf mir einen Blick des Dankes aus ſeinen glänzenden, feucht gewordenen Augen zu und ging dann ſchnell über den Weg, kehrte aber in einer oder zwei Minuten zurück, in der einen Hand einen der längſten und ſchönſten Zweige einer Heckenroſe haltend. „Lieben Sie nicht eine ſolche Blume? Ich gar zu ſehr. Rein, warten Sie, bis ich die Dornen ab⸗ geſchnitten habe.“ Und ſo ging er neben mir, die ſchönen Roſen mit ſeinem Meſſer reinigend. Ich betrachtete ſtillſchweigend ſeinen im Profil ſich ſcharf abzeichnenden Mund. Ich vermochte alle ſeine Gedanken nach dem Ausdrucke dieſes Mundes zu errathen, der ſo wechſelnd, ſo zärtlich, und oſt ſo unbeſchreiblich lieblich war. So ſah er jetzt aus, und ich wußte zu meiner Freude, daß er ſich alsdann glücklich fühlte. Wir erreichten jetzt den Mythos.„David,“ rief ich(denn ich hatte die Gewohnheit beibehalten, ihn David zu nennen, und jetzt, wo er die Geſchichte aus 3 K — 95— der Bibel kannte, mußte ich vorausſetzen, er wiſſe, weßhalb ich ihn ſo taufte, denn er liebte den Namen). „Ich glaube nicht, daß ich hier hinauf mit meinem Wagen gelange.“ „Doch das müſſen Sie! Ich werde ordentlich nachſchieben, und kommen wir zu der höchſten Spitze, dann trage ich Sie. Es iſt zu lieblich, auf dem Gipfel des Mythos die Sonne untergehen zu ſehen. Es muß lange her ſein, daß Sie keinen Sonnenun⸗ tergang ſahen!“ Es dauerte auch nicht lange, ſo ſtanden wir auf der höchſten Höhe des ſteilen Weges. Ich weiß nicht, ob es ein durch die Natur gebildeter Berg war, oder ob er zu den alten römiſchen oder brittiſchen Ruinen gehörte, die ſich vielfach genug hier in der Gegend vorfanden; er war aber überall unter dem Namen Mythos bekannt. Dicht unter demſelben, an dem Fuße eines ſteilen Abhanges, floß der Se⸗ vern vorüber, ſchon hier breit und tief, doch immer mächtiger werdend, je mehr er ſich durch die ſanft anſteigende Landſchaft dem Gebirge näherte, das den Horizont begrenzte. Der Severn bot hier einen ſchönen Anblick dar, zwar weder großartig noch über⸗ raſchend, aber im wahrſten Sinne des Wortes ſchön: ein friedlicher, lieblicher, wohlthuender Fluß, voller Kraft in ſeiner Strömung und Gewalt in ſeiner — 6— Tiefe; ſicher und langſam nahm er ſeinen Weg durch das Land, wie das Leben eines guten Menſchen einen wohlthuenden Einfluß auf Alles, was ihn umgiebt, ausübt. „Lieben Sie den Severn immer noch, John?“ „Gewiß!“ Mir ſchien, als ob ſeine Gedanken den meini⸗ gen nicht folgten. Plötzlich rief er:„Was iſt das!“ auf eine neue Erſcheinung deutend, die ich ſelbſt nicht oft in unſern Flüſſen geſehen hatte. In der Mitte des Stromes bildete ſich eine 4 bis 5 Fuß hohe Maſſe Waſſers, die wie ein Wall daſtand. „Es iſt die Fluth, ich habe das öfter ſchon an dem Severn bemerkt, wenn die ſchnelle Strömung mit der Springfluth zuſammen trifft. Sehen Sie nur den Schaum, der ſich bildet, wie die Mähne eines wilden Ebers. Es wird auch oft der Fluß Eber genannt.“ „Aber es iſt doch nur eine ſtarke Welle!“ „Jedoch ſtark genug, um ein Boot zu ver⸗ ſchlingen.“ Und während ich das ſagte, ſah ich zu meinem Schrecken wirklich ein Boot mit zwei Männern, die alle ihre Kräfte anſtrengten, um der Strömung der Fluth auszuweichen. — 91 „Es iſt vergeblich, ſie werden ſicher ertrinken! Oh! John, ſehen Sie nur.“ Doch dieſer war bereits von meiner Seite ver⸗ ſchwunden. Sich durch Ginſterbüſche und Gras forthelfend, kletterte er den ſteilen Abhang hinab und gelangte unten an den Rand des Fluſſes. Der Athem ſtand mir ſtill. Die Fluth arbeitete ſich mühſam durch und verwandelte den ſonſt ſo ebenen glänzenden Fluß in einen Strudel der entge⸗ gengeſetzteſten Strömungen, in dem ſich kein Boot aufrecht halten konnte, am wenigſten dieſe kleine Gon⸗ del mit ihrem umgeſtürzten Segel. Ich erkannte in dem einen der Herren einen jungen Mann, den ich früher geſehen hatte, Mr. Brithwood aus dem Hauſe auf dem Berge Mythos; der Andere war mir unbe⸗ kannt. Sie arbeiteten tüchtig, gelangten auch aus der Mitte des Stromes hinaus, aber kamen nicht nahe genug an das Ufer, um landen zu können, und näherten ſich immer mehr dem Eber des Fluſſes, von dem ſie kaum noch zwei Ruderlängen trennten. „Wir müſſen ſchwimmen!“ rief Einer dem An⸗ dern zu, doch war das unmöglich, und es hätte ſie auch nicht retten können. „Hierher gehalten!“ ſchrie John mit der ganzen John Halifax. 1. 5. — Kraft ſeiner Stimme.„Werft den Strick aus, und ich will Euch heranziehen.“ Es war eine harte Arbeit und ich ſchauderte, als ich ihn bis an die Kniee in den wilden Fluß waten ſah; aber es gelang ihm. Beide Herren wur⸗ den geſund und ſicher an das Ufer gebracht. Der Jüngere verſuchte nun noch, ſein Boot zu retten, doch vergeblich, es war zu ſpät. Schon hatte es der Fluß Eber verſchlungen, der Strick zerriß wie ein dünner Faden, das hübſche weiße Segel ward niedergeſchmettert, zeigte ſich zwar noch ein Mal auf der Oberfläche, doch zerbrochen und zerriſſen wie eine Muſchel, die in den Strudel eines Mühlbaches geräth, und verſchwand dann auf immer. „Es iſt Alles vorbei, die hübſche Gondel iſt verloren.“ Leben dabei einbüßen können,“ erwiderte der Andere heftig; es war ein alter, kränklich ausſehender Mann in tiefer Trauer, deſſen Leben nicht eben ſehr heiter zu ſein ſchien, obſchon er es ſichtlich ſehr hoch ſchätzte. Sie erſtiegen Beide den Mythos, ohne weiter auf John Achtung zu geben. Zuletzt drehte ſich der Aeltere um. „Aber wer zog uns eigentlich an das Land? Waren Sie es, mein junger Freund?“ „Was klagen Sie darüber? Wir hätten unſer John Halifax entleerte ſeine Stiefeln von dem eingedrungenen Waſſer und antwortete: „Ich denke wohl!“ „Da verdanken wir Ihnen wirklich viel!“ „Nicht mehr als mit einem Kronenthaler be⸗ zahlt werden kann,“ bemerkte der junge Brithwood verdrießlich.„Ich kenne ihn, Vetter March. Er arbeitet in der Lohgerberei von Fletcher, dem Quäker.“ „Unmöglich!“ rief Mr. March, der wohlwollend, aber wehmüthig auf den Knaben blickte.„Nein, junger Mann, ſagen Sie mir gütigſt, wem ich ſo verpflichtet bin?“ „Mein Name iſt John Halifax.“ „Ja! aber was ſind Sie?“ „Was er ſagt; Mr. Brithwood kennt mich gut genug. Ich arbeite in der Lohgerberei.“ „Ach!“ Mr. March wandte ſich um und nahm wieder eine abweiſende vornehme Haltung an, doch ſichtlich eben ſo überraſcht als enttäuſcht. Der junge Brithwood lachte laut auf. „Ich ſagte es Ihnen ja, Vetter! He! Junge,“ John betrachtend.„Hier iſt Etwas, um den durch⸗ näßten Rock mit einem beſſern zu vertauſchen. Ich glaube wahrhaftig, es iſt derſelbe Burſche, den mein Cab beinahe überfuhr; war es nicht ein Karren mit Fellen? Ja, ja, ich erinnere mich.“ „So war es,“ ſagte John ſtolz, und als des jungen Mannes beleidigendes Gelächter wieder erſcholl, ſchwieg er mit ſichtlicher Ueberwindung. Das Ge⸗ lächter hörte auf. „Nun, das muß man ſagen, es iſt ein guter Streich für einen ſchlechten, junger— wie heißen Sie— ſo, hier iſt eine Guinee,“ er hielt ſie ihm hin, doch fiel ſie zur Erde und ward nicht aufgenommen. „Nicht doch, Richard,“ ermahnte der kränkliche Herr, der bei alledem wirklich ein feiner Mann war. Er ſtand einen Augenblick ſtill, ſichtlich unruhig und mit verſchiedenen Plänen kämpfend.„Mein guter Freund,“ begann er endlich mit unſicherer Stimme, „ich werde Ihren Muth nie vergeſſen. Könnte ich irgend Etwas für Sie thun?— und für's Erſte möge eine Kleinigkeit“— er ließ Etwas in John's Hand gleiten. Dieſer erwiderte mit einer Verbeugung, daß er lieber kein Geld nehmen möchte. Der Herr blickte verwundert auf. Dann ent⸗ ſtand ein nochmaliger dringenderer Verſuch des An⸗ erbietens und Ablehnens, und endlich ſteckte Mr. March ſeine Guinee etwas unſchlüſſig in ſeine Taſche, des Knaben ſchlanke Geſtalt und ſein bewegtes edles Antlitz betrachtend. „Wie alt ſind Sie?“ „Beinahe fünfzehn Jahre.“ „Ach!“ erklang es wie ein ſchwerer Seufzer. Er wandte ſich zum Fortgehen, kehrte aber noch ein Mal um.„Mein Name iſt March, Henry March; ſollten Sie ja ein Mal,— Den beſten Dank, mein Herr! Guten Morgen.“ Es kam mir vor, als hätte Mr. March ihm gern die Hand gegeben, indem er ihm noch einmal„guten Morgen“ zurief, doch ſchien es John nicht zu bemer⸗ ken oder er mochte es nicht bemerken wollen, und Mr. March fragte den vorangehenden Mr. Brithwood, doch wandte er ſich bei der letzten Biegung des Weges noch ein Mal nach ihm um, und dann verſchwanden Beide. „Ich bin froh, daß ſie fort ſind, nun können wir es uns wieder bequem machen!“ rief John, ſich neben mir niederwerfend; er drückte das Waſſer aus ſeinen naſſen Strümpfen und lachte herzlich über meine Angſt, daß er ſich erkälten könne, ſo wie über meine Wuth, mit der ich von Brithwood's Ungezo⸗ genheiten ſprach. Ich ſaß in meinen Mantel gehüllt und betrachtete ihn, wie er mit dem langen Roſen⸗ zweige verſchiedene Kreiſe und Linien im Sande zog. Mir ging ein Gedanke durch den Kopf.„John, 102— laſſen Sie mir die Gerte, und ich will Ihnen den erſten Schreibunterricht geben.“ So ſuchte ich hier auf dem weichen Kies und mit einem Roſenſtiel ſtatt der Feder ihn die Buch⸗ ſtaben des Alphabetes einzeln und in ihrer Znſam⸗ menſetzung zu lehren. Er begriff es natürlich außer⸗ ordentlich leicht und ſo ſchnell, daß das Schreibebuch, das uns die Mutter Erde hier geſtattete, bald nach allen Richtungen hin mit den Buchſtaben„J O H N — John“ bedeckt war. „Bravo!“ rief er, ſeine gigantiſche Feder ſchwin⸗ gend, als wir unſern Rückweg antraten, habe ich doch Etwas gelernt.“ Als wir die Brücke erreichten, die über den Avon führt, ſtanden wir nochmals ſtill, um das immer noch ſteigende Waſſer zu betrachten. Selbſt in dieſer kurzen Zeit konnten wir die zunehmende Höhe deſſel⸗ ben bemerken; wieder hatten ſich neue Kanäle gebil⸗ det und einer derſelben erreichte bereits den hohen Wall; wir hielten uns lange bei dieſem Anblicke auf. Die Richtung, die es nahm, war glücklicher Weiſe noch unſchädlich genug, da es nur einen Theil des Ham überfluthete; aber die mächtige Gewalt des Waſſers, ſo frei von allen Banden, flößte uns eine Art von Ehrfurcht ein. Beſonders überraſchte es mich, eine alte Weide, an deren Fuße ich oft geſeſſen — 3 hatte, um mich der erſten Frühlingsblumen zu freuen, jetzt von Waſſer umgeben wiederzufinden, das preiter als der Avon war, und ſo ſchnell über die Wurzeln des alten Baumes hinwegrollte, daß es mir vorkam, als ſei es ärgerlich über dies Hinderniß und wolle daſſelbe untergraben und mit ſich fortreißen. Blieb die Fluth ſo ſtark, ſo konnte man vorausſehen, daß in wenigen Stunden Richts mehr von dem ſchönen Baume übrig bleiben würde. John's Auge ruhte nachdenkend auf dem Laufe des Fluſſes, auf den Häuſern und Werften, die an dem ufer deſſelben lagen.„Es iſt kein angenehmer Anblick. Haben Sie das Waſſer je ſo hoch geſehen?“ „Ja, ich dächte doch; in Norton Bury frägt Niemand danach. Mein Vater meint, es ſei nur durch das plötzlich eingetretene Thauwetter entſtan⸗ den, und er muß es wohl aus Erfahrung wiſſen, da ſeine Lohgerberei ſo nahe an dem Fluſſe liegt.“ „Daran dachte ich eben! Doch es wird kalt, kommen Sie nach Hauſe.“ Er führte mich glücklich heim, und herzlich— nein zärtlich— ſchieden wir von einander an meiner eigenen Thür. „Wann kommen Sie wieder, David?“ „Wenn Ihr Vater mich ſchickt.“ —— Ich fühlte in dieſen Worten, wie er die Be⸗ ſchränkung unſeres Umganges in dieſer Beziehung ſtets anerkennen werde. Keiner Heimlichkeit, keiner Täuſchung war John Halifar fähig, ſelbſt die Freund⸗ ſchaft konnte ihn nicht dazu bringen. Mein Vater kam dieſen Abend ſpät nach Hauſe, und obgleich 9 Uhr vorüber war, ging er dennoch nicht zu Bette, ſondern ſetzte ſich mit ſeiner Pfeife in die Ecke am Kamin. ſt der Fl noch immer im Steigen, Vater? Und kann er wirklich der Lohgerberei Gefahr brin⸗ gen?“ „Was weißt du von der Lohgerberei?“ „John Halifax ſagte nur—“ „John Halifax hätte beſſer gethan, zu ſchweigen.“ Ich frug nicht weiter. Mein Vater rauchte ſtumm fort, bis ich ihm gute Nacht ſagte. Ich glaube, der Lärm meiner Krücken erweckte ihn aus einem tiefen Sinnen, in das ſich ſeine üble Laune aufgelöſ't hatte. „Wo biſt du heute geweſen, Phineas, mit dem Knaben, den ich dir ſchickte?“ „Auf dem Mythos,“ und nun erzählte ich ihm den ganzen Vorfall, der uns dort begegnete. Er hörte es, ohne zu antworten. — 105— „War es nicht brav von ihm, Vater?“ „Hm!“ er blies einige nachdenkende Rauchwol⸗ ken von ſich.„Phineas, der Knabe, nach dem du immer ſo verlangſt, iſt ein guter, ein ſehr verſtändi⸗ ger Junge, doch mußt du dich nicht zu viel mit ihm beſchäftigen. Vergiß nicht, daß er nur mein Diener iſt, und Du mein Sohn, mein einziger Sohn!“ Ach! es war hart für meinen armen Vater, ſolch' einen einzigen Sohnzie ich, zu haben. Ohngefähr in der Mitte der Nacht, wenigſtens glaube ich es, als ich ſo wachend da lag, war es mir, als ob ich ein Klopfen an der Hausthür hörte. Ich ſchlief in einem kleinen Zimmer zur ebenen Erde, dem Wohnzimmer gegenüber. Noch bevor ich mich recht beſinnen konnte, ſah ich meinen Vater, vollkom⸗ men angezogen, mit einem Lichte in der einen Hand bei mir durchgehen, und in der andern bemerkte ich, obgleich er ein Mann des Friedens war, Etwas, das ſtets in einem feſtverſchloſſenen Kaſten am Hauptende ſeines Bettes lag. Denn zehn Jahre vorher war ihm eine bedeutende Summe geſtohlen worden, und der Dieb ging frei aus. Das Geſetz nahm Abel Fletcher's Eid nicht gerichtlich an, er war ja nur ein Quäker. Das Klopfen ward jetzt lauter, p als ob der — 106— Menſch keine Zeit habe, um in Rückſicht auf Andere Lärm zu vermeiden, „Wer iſt da?“ frug mein Vater, und nach em⸗ pfangener Antwort öffnete er die Hausthür, nachdem er die meinige zugemacht hatte. Eine Minute ſpäter hörte ich in mein Zimmer gehen.„Phineas! ſind Sie hier? Erſchrecken Sie nicht.“ Von dem Auge ſo bekannte Sti ſchwunden.„Es iſt n geſchehen?“ „Ja. Das Waſſer ſteigt und ich bin hier, um Ihren Vater zu holen; er kann jetzt nochzviel retten. Ich ſtehe zu Ihren Dienſten, Herr,“ erwiderte er auf den lauten Ruf meines Vaters.„Nun, Phineas, legen Sie ſich wieder ruhig nieder, die Nacht iſt bitter kalt. Verſprechen Sie mir, ſich nicht ſtören zu laſſen. Ich ſorge für Ihren Vater.“ Sie verließen zuſammen das Haus und kamen die ganze Nacht nicht zurück. Dieſe Nacht des 5. Fe⸗ bruar im Jahre 1795 blieb lange in Norton Burh unvergeßlich. Brücken wurden zerſtört, Boote und Kähne fortgeriſſen, Häuſer vom Waſſer verſchlungen oder in ihrem Fundamente untergraben. Der Ver⸗ luſt an Menſchenleben war gering, doch der an Vermö⸗ blicke an, als ich John's mir ört, war alle Angſt ver⸗ ohl Etwas in der Lohgerberei — 107— gen deſto größer. Sechs Stunden dauerte das Werk der Zerſtörung, dann erſt begann die Fluth zurück⸗ zutreten. Es war eine lange, peinliche Erwartung, ehe ſie heimkehrten, mein Vater und John. Bei Tages⸗ Anbruch erſt ſah ich Beide an der Schwelle des Hauſes erſcheinen. Ein wohlthuender Anblick! „Oh! Vater, lieber Vater!“ und ich zog ihn mit beiden Händen in das Zimmer, ihn feſter und inniger umklammernd als it mir ſeit meiner Kindheit je erlaubt hatte. r litt es ruhig. „Du biſt ſehr früh auf und es iſt ein zu kalter Morgen für Dich, mein Sohn! Geh' geſchwind wie⸗ der an das Feuer.“ Seine Stimme klang freundlich, und ſeine friſche Geſichtsfarbe war einer tödtlichen Bläſſe ge⸗ wichen, zwei ungewöhnliche Erſcheinungen an Abel Fletcher. „Vater, ſage mir, was iſt Dir begegnet?“ „Nichts, mein Sohn! als daß der Geber alles irdiſchen Gutes für paſſend gefunden hat, mir einen Theil des meinigen zu nehmen. Ich mit vielen Anderen aus dieſer Stadt bin um mehrere Tauſend ärmer geworden als ich mich geſtern zu Bette legte.“ Er ſetzte ſich. Ich wußte, daß er an ſeinem Vermögen hing, weil er es ſich ſchwer erworben —— hatte, und konnte nicht vorausſetzen, daß er den Ver⸗ luſt ſo ruhig ertragen würde. „Vater, betrübe Dich nicht, es hätte noch ſchlim⸗ mer werden können.“ „Gewiß. Ich hätte Alles, was ich auf der Welt beſitze, verloren, wenn nicht— wo iſt der Knabe? Warum bleibſt Du vor der Thür ſtehen? Komm' John, und mach' die Thür hinter Dir zu.“ John gehorchte, aber ohne ſich uns zu nähern. Er war durchnäßt und kalt. Ich forderte ihn auf, ſich an den Kamin zu ſetzen. „Ja thue das, Kind,“ ſagte mein Vater freund⸗ lich. John trat heran. Ich ſtand zwiſchen Beiden und fürchtete mich, zu fragen, was ihnen begegnet ſei; doch war ich überzeugt, daß die Gefahr nicht klein geweſen ſein konnte, ich las es in den ernſten Zügen des Vaters, ſo wie in den glänzenden Augen des Knaben, die von der Erregung des Kampfes erglühten, was der Jugend ſo ſchön anſteht. „Jael!“ rief mein Vater, ſich erhebend,„gieb uns Frühſtück, für den Knaben und für mich, wir haben dieſe Nacht ein ſchweres Stück Arbeit voll⸗ bracht.“ — 109— Jael brachte den Krug mit Bier, Brot und Käſe, doch zeigte Nichts dabei, daß das Mahl für mehr als für Einen angerichtet ſei. „Noch einen andern Teller,“ befahl mein Vater ſtreng. „Der Burſche kann nach der Küche gehen, Abel Fletcher, wo ihn ſein Frühſtück erwartet.“ Mein Vater konnte ihr gegenüber zuweilen nach⸗ geben, denn ſelbſt der Herr ſchonte Jael. Aber wahr⸗ haftig, jetzt mußte ſein Wille ſiegen. „Weib, thue was ich ſagte, bringe noch einen Teller und einen Krug mit Bier.“ und ſo ward John Halifax zu Jael's größtem Aerger und zu meiner höchſten Freude eingeladen, und ſaß mit ſeinem Herrn an Einem Tiſche. Dieſe Begebenheit machte in unſerm Hauſe einen unaus⸗ löſchlichen Eindruck. Nach dem Frühſtücke, als wir bei dem aufſtei⸗ genden Nebel jenes Februarmorgens am Feuer ſaßen, erklärte mir mein Vater gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, was er verloren hatte und wie die Fluth ihn unwiderruflich arm gemacht haben würde, wäre er nicht zu rechter Zeit davor gewarnt worden. „Es war alſo gut, daß John kam?“ frug ich, ängſtlich, nicht zu viel zu ſagen. — 110— „Ei wohl, und der Knabe iſt mir noch dazu ſehr nützlich geweſen; es iſt ein alter Kopf auf jun⸗ gen Schultern.“ John ſah ſtolz über dieſes Lob aus, obgleich es ihm ziemlich verdrießlich geſpendet ward. Gleich darauf aber ſchien ein Verdacht dutch Abel Fletcher's Seele zu ziehen. „Knabe,“ ſagte er, ſich plötzlich nach John Ha⸗ lifax umdrehend,„Du ſagteſt mir, Du habeſt bei dem Scheine des Mondes die Waſſer ſteigen ſehen. Was machteſt Du denn außerhalb Deines Bettes und was hielt Dich um 11 Uhr Nachts ab, ruhig und ſtill zu ſchlafen?“ John erröthete empfindlich; ſein ſchnelles jun⸗ ges Blut war nur zu bereit, ihm in das Geſicht zu ſteigen. Dieſes ſprach nicht zu ſeinem Vortheil bei meinem Vater. „Antworte! Ich will dieſe Nacht wenigſtens nicht ſtreng gegen Dich verfahren.“ „Wie es Ihnen beliebt, Abel Fletcher,“ antwor⸗ tete der Jüngling keck.„Ich habe nichts Böſes ge⸗ than, ich war in der Lohgerberei.“ „Was hatteſt Du da zu thun?“ „Nichts. Ich war bei den Leuten, die wachen ſollten und Licht bekommen hatten; ich kann mir kein Licht halten.“ — 111— „Weßhalb ſaßeſt Du noch auf?“ fuhr mein Va⸗ ter fort, ſtreng und ſcharf wie das Eiſen einer Rat⸗ tenfalle oder wie der Richter einen Zeugen verhört, in jenen Gerichtshöfen, die niemals für, ſondern immer nur gegen uns Quäker gebraucht werden. John zögerte, und abermals ſprach ſein peinli⸗ ches Erröthen gegen ihn.„Herr, ich will es beken⸗ nen; es iſt kein Unrecht. Obgleich ich ſo groß und ſtark bin, kann ich dennoch nicht ſchreiben, und Ihr Sohn war ſo gut, es mich zu lehren. Nun fürchtete ich die Buchſtaben wieder zu vergeſſen, und verſuchte, ſie mit einem Stückchen Kalk an dem Hau⸗ fen der ausgemärzten Borke zu wiederholen. Es that ja Niemandem Schaden.“ Obgleich des Knaben Sprache ſchnell, ja beinahe heftig war, bekam er doch keinen Verweis, ſondern mein Vater frug freundlich genug: „Iſt das wirklich Alles, Knabe?“ „Ja“ Abel Fletcher verfiel in ein tiefes Nachdenken, während wir Beide in der Angſt, ihn zu ſtören, leiſe flüſterten. Er rauchte wohl eine ganze Pfeife aus, ſein einziger und größter Luxus, und rief dann: „John Halifax!“ „Hier bin ich.“ —— „Es iſt Zeit, daß Du an deine Arbeit gehſt.“ „Es ſoll gleich geſchehen. Leben Sie wohl, Phineas, guten Morgen, Herr! Haben Sie noch Etwas zu beſtellen?“ Mit ſeinem hübſchen ehrlichen Ausdrucke ſtand er, die Mütze in der Hand, voll männlichen Anſtan⸗ des vor ſeinem Meiſter. Jeder Lehrherr hätte auf einen ſolchen Burſchen, jeder Vater auf einen ſolchen Sohn ſtolz ſein können. Mein armer Vater ließ nicht ein einziges Mal ſeinen Blick von ihm auf mich fallen. Er würde um alle Schätze der Welt den unterdrückten Seufzer nicht haben hören laſſen, und noch weniger die Frage, warum Gott ihm, wie ſo vielen Menſchen, den einzigen Wunſch ſeines Herzens verſagte? „John Halifar, Du biſt mir in dieſer Nacht von großem Nutzen geweſen. Was für eine Belohnung wünſcheſt Du Dir?“ Und unwillkürlich faßte ſeine Hand nach der Taſche. John wandte ſich fort. „Ich danke Ihnen, ich verlange Nichts. Es iſt mir Lohn genug, daß ich meinem Herrn nützlich ſein konnte, und daß er es anerkennt.“ Mein Vater dachte einen Augenblick nach, dann reichte er ihm die Hand. — 113— „Du haſt Recht, Knabe! Ich bin Dir vielen Dank ſchuldig und werde es nie vergeſſen.“ Nochmals tief erröthend, ging John ſo e er ſah ſo ſtolz aus wie ein Kaiſer, und ſo glücklich wie ein armer Mann, der einen S voll Gold gefun⸗ den hat. „Weißt Du Nichts, was dem Jungen Freude machen könnte?“ ſagte mein Vater, nachdem wir noch eine Weile zuſammen geſprochen hatten, wenn auch nicht von John. Ich wußte wohl Etwas, und zwar Etwas, was ich ſchon lange gewünſcht, aber immer für eine Un⸗ möglichkeit gehalten hatte. Selbſt in dieſem Augen⸗ blicke war es nicht ohne Zagen und Zweifel, daß ich den Vorſchlag machte, er möchte jeden Sonntag bei uns zubringen dürfen. „Unſinn! Du kennſt die Jungen von Norton Bury nicht. Er würde Nichts danach fragen, und ſich lieber alle Feſttage mit ſeinen Bekannten an den. Straßenecken herumtreiben.“ „John kennt Niemand, Vater, bekümmert ſich um Niemand und frägt nach Niemand als nach mir. Laß ihn immer kommen.“ „Wir wollen ſehen.“ Mein Vater zog nie ſein Wort zurück, noch brach er es. Und nach dieſer Antwort:„Wir wollen John Halifax. 1. 8 —— ſehen!“ kam John nicht allein jeden Sonntag zu uns, ſondern noch an einem andern Tage in der Woche, und zuletzt ward er in ſeines Herrn Hauſe wie unſe⸗ res Gleichen angeſehen und wie mein Freund em⸗ pfangen. Fünftes Kapitel. In der größten Gleichförmigkeit gingen Som⸗ mer und Winter an uns vorüber, wie ſich die Jahre in Rorton Bury überhaupt hinzuſchleichen ſchienen. Von den Begebenheiten der äußeren Welt hörte ich wenig, intereſſirte mich auch eben nicht ſehr dafür. Meines Vaters Tagewerk glich in ſeiner mechaniſchen Wiederholung vollkommen einem Uhrwerke, und wir Beide, John Halifax und Phineas Fletcher, wir ver⸗ brachten unſer Daſein, der Eine thätig und nützlich, der Andere unnütz und traurig. Keiner von uns zählte die Tage oder Monate, Keiner blickte rückwärts noch vorwärts. Endlich an einem Junimorgen erwachte ich zu der Ueberzeugung, daß ich zwanzig Jahre, und John Halifax ein Mann geworden ſei. Die Verſchieden⸗ heit zwiſchen uns Beiden war vollkommen ſo geblie⸗ 8* — ben, wie ich ſie oben in unſerer Lebensweiſe beſchrie⸗ ben habe. unſere Geburtstage fielen gerade um eine Woche auseinander, und nur indem ich mich des ſeinigen erinnerte, der ihn zu der Würde von achtzehn Jah⸗ ren erhob, trat mir auch der meinige vor die Seele. Wenn ich ſagte, daß er ihn zu einer Würde erhob, ſo war das ein falſcher Ausdruck, denn jene Stellung im Leben, zu der man durch die vorauszuſetzende Reife von achtzehn Jahren gelangt, beſaß er längſt. In ihm hatte ſich die Männlichkeit, ſowohl im Charakter als in der ganzen Erſcheinung nicht wie bei andern jun⸗ gen Leuten geſtaltet, die einen ängſtlich erſehnten, zu frühzeitigen Anſpruch darauf machen, ſondern er hatte ſie als eine ihm rechtlich zukommende Erbſchaft in aller Beſcheidenheit angetreten, und ſich eben ſo einfach als natürlich darin bewegt, ſo natürlich, daß ich ihn nie anders als einen Knaben betrachtete, bis es mir an jenem eben erwähnten Juni⸗Sonntage einfiel, daß ich ſelbſt zwanzig Jahre alt ſei. Ich ſprach über dieſen Gegenſtand in träume⸗ riſcher Stimmung, als wir Beide auf unſerm ge⸗ wohnten Sommerplatze ſaßen, in der Clematislaube an der Gartenmauer. „Es kommt mir ſelbſt ſonderbar vor, John, aber es iſt wahr, ich bin heute zwanzig Jahre geworden.“ —— „Nun, und was iſt dabei?“ Ich blickte hinab in den Fluß, der zu meinen Füßen wie das Bild meiner vergangenen Jahre da⸗ hinfloß, dunkel und träge— ja, wie ſie auch in Zu⸗ kunft vorüberziehen mußten— John frug mich, was mir im Sinne läge. „Ich denke über mich ſelbſt nach, was für ein ſchönes Exemplar des edlen Genus homo ich eigent⸗ lich abgebe.“ Ich ſagte das nicht ohne große Bitterkeit, aber John wußte immer dieſer Stimmung in mir entge⸗ genzutreten. Nachſichtig war er auch heute, wie mit allen meinen böſen Launen, und ich empfand es mit jenem tiefen Danke, mit dem wir beſonders anerken⸗ nen, daß man uns trägt, uns vergiebt, vielleicht uns auslacht und uns beſſert, aber Alles nur weil man ſo innig geliebt wird. „Eine Selbſtprüfung iſt an Geburtstagen ſehr dienlich. Phineas, kommen Sie, wir wollen ein Verzeichniß Ihrer äußern und innern Eigenſchaften anlegen.“ „John, ſeien Sie nicht ſo kindiſch.“ Ich will auch meinen Willen haben, wenn er auch vielleicht nicht ſo thörigt iſt wie der anderer Menſchen;— ſo hören Sie— luprimis, wie Shakeſpeare ſagt— lnprimis Größe: volle fünf Fuß; eine Ge⸗ — 118— ſtalt, die nach hiſtoriſchen Forſchungen den meiſten großen Männern eigen iſt, Alexander von Macedo⸗ nien und den Erſten Conſul mit eingerechnet.“ „Oho!“ rief ich in einem vorwurfsvollen Tone, denn dies war der Hauptgegenſtand unſeres Streites — indem ich den großen Währwolf des Tages— Na⸗ poleon Bonaparte— haßte und er ihn bewunderte. „Inprimis, ein zarter, ſchwächlicher Körper, aber nicht lahm, wie er früher war.“ „Nein, Gott ſei Dank!“ „Sehr mager.“ „Ja, ein reines Skelet.“ „Antlitz länglich und blaß.“ „Gelbbleich, John.“ „Gut— bleich— große Augen— ſehr geeig⸗ net zum Beobachten— ja durchbohrend. Wenden Sie ſie von mir ab, Phineas, oder ich bleibe nicht einen Augenblick länger hier im Graſe liegen. Ich danke Ihnen. Um auf unſere Arbeit zurückzukommen: „Inprimis et finis, ich bin ein großer Lateiner geworden— lange Haare, welche— da die Puder⸗ Streuer ihnen ihre natürliche Farbe wiedergegeben haben— von einer ſo ſchönen Schwärze ſind, daß jede junge Dame bekennen müßte— leider aber ha⸗ ben wir keine in unſerer ganzen Bekanntſchaft— ſie ſeien wahrhaft bezaubernd.“ — 119— Ich lächelte und konnte, ſo ſchwach wie ich war, eine aufſteigende Röthe nicht unterdrücken. Indeſſen ich war nun einmal zwanzig Jahre, und wenn auch Sally und Jael die einzigen Exemplare des andern Geſchlechtes blieben, die ſich meinem Horizonte näher⸗ ten, ſo war es doch ein⸗ oder zweimal geſchehen, ſeit⸗ dem ich Shakeſpeare geleſen hatte, daß ſich auch mir ein Jünglingstraum nahete, in dem ſich die Gött⸗ lichkeit des Weibes in lieblicher Geſtalt zeigte. In⸗ deſſen blieben dieſe Erſcheinungen leere Träume. Früh trat die harte und nackte Wahrheit an mich heran und zeigte mir, daß ich zu ſchwach und weich⸗ herzig ſei, um die Liebe oder Achtung einer Frau gewinnen zu können. Und ſelbſt wenn dies möglich geweſen wäre, hätte ich, kränklich wie ich war, von einem erblichen Uebel heimgeſucht, nie daran denken dürfen, daſſelbe durch eine Heirath noch weiter fort⸗ zupflanzen. So ſtieß ich denn ein⸗ für allemal jedes Gefühl der Art von mir zurück, und Gott ſei gedankt, ich habe in meinem ganzen Leben nie in dieſem Ent⸗ ſchluſſe gewankt. Freundſchaft ward mir ſtatt der Liebe gegeben, Pflichterfüllung anſtatt eigenen Glückes. Es war ſo gut, und ich eine ſtille innere Befriedigung. Dieſe Ueberzeugung und der Kampf, der ihr folgte— wenn auch kurz, ſo doch ſchwer— blieb das einzige Geheimniß, das ich vor John hatte. Ich war jetzt ſchon ſeit Monaten ruhiger geworden und vermochte über ſeinen Scherz zu lachen, meine bezaubernden dunkeln Locken zu ſchüt⸗ teln und ihn einen verrückten Jüngen zu nennen. Indem ich dies aber ſagte, ward mir vielleicht in. Folge jenes Blickes, den er nicht auf ſich gerichtet haben wollte, die aufdämmernde Wahrheit klar wie der helle Tag, daß er nicht länger als Knabe gelten könne. „Nun, laſſen Sie mich das Verzeichniß um⸗ drehen, John. Wie alt ſind Sie?“ „Sie wiſſen es ja, in nächſter Woche werde ich achtzehn Jahre.“ „Und wie groß?“ „Fünf Fuß elf und einen halben Zoll,“ und aufſtehend zeigte er die angegebene Höhe in ihrem beſten Lichte; wenn ihn vielleicht auch jetzt noch mehr ſeine Größe als ſeine Grazie auszeichnete, denn wie die meiſten jungen Leute wußte er nicht, wo er mit ſeinen Armen und Beinen bleiben ſollte, ſo war er doch— Ich vermag nicht zu beſchreiben, was er war, noch konnte ich es damals. Ich erinnere mich nur, daß, als ich ihn anblickte und ſcherzhaft mit„Inpri- — 121— mis“ beginnen wollte, mir das Herz ſchlug und ich die Worte nicht herauszubringen vermochte. Mit Wehmuth konnte ich ſeitdem immer nur wiederholen:„David, ach, Sie ſind ein junger Mann geworden!“ Er lächelte, natürlich vor Freude, denn er blickte hinaus in die neue Welt, die vor ihm lag und zu der ich ihm nie folgen konnte, wie ich ſehr gut fühlte. „Ich bin froh, daß ich älter ausſehe als ich bin,“ begann er nach einer kleinen Pauſe, nachdem er ſich neben mir in das Gras geworfen hatte.„Es iſt ſchon in der Lohgerberei gut geweſen. Die Men⸗ ſchen würden nur ſchwer einem Schreiber trauen, der noch wie ein Junge ausſähe. Aber Ihr Vater hat mir dennoch ſein Vertrauen geſchenkt.“ „Das hat er, und Sie brauchen auch nie daran zu zweifeln. Noch geſtern ſagte er mir, daß er jetzt auch nicht länger unzufrieden ſei, wenn Sie ſich in Ihren Mußeſtunden mit den verſchiedenſten Wiſſenſchaften beſchäftigten, da das keinen ſchlechten Geſchäftsmann aus Ihnen mache.“ „Das hoffe ich auch nicht, denn es müßte mich tief beſchämen. Ich würde ja eben ſo wenig meine Pflicht gegen mich ſelbſt als gegen meinen Herrn er⸗ füllen, wenn ich ſeine Arbeit um die meinige ver⸗ — nachläſſigen wollte. Ich bin nur zufrieden, daß er nicht über mich klagt, Phineas.“ „Im Gegentheil, ich glaube, er denkt daran, Ihnen im Laufe des Sommers eine Erhöhung zu⸗ kommen zu laſſen. Aber, ach!“ rief ich, auf einen Gedanken zurückkommend, der ſich mir immer auf⸗ drängte, wenn ich den Jüngling betrachtete, wenn er ihn auch ſtets ſo beſtimmt zurückwies, daß ich ſelbſt oft meine vorgefaßte Meinung für nicht gerechtfertigt halten mußte,„wie ſehnlich wünſchte ich, Sie wären etwas Beſſeres als der Schreiber in einer Lohger⸗ berei! Ich habe einen andern Plan, John.“ Doch dieſer Plan ſchien ein Geheimniß bleiben zu ſollen. Jael kam ſehr ernſt ausſehend zu uns nach dem Garten. Sie war, wie ich wußte, ſchon am Tage vorher zu einer langen Unterhandlung mit ihrem Herrn berufen worden, deſſen Gegenſtand ſie verſicherte, mir nicht mittheilen zu können, doch leugnete ſie nicht, daß von mir die Rede geweſen ſei, und ſeitdem ſprach ſie nach ihrer Art beſonders zärt⸗ lich und ſanft mit mir, ja, nannte mich mehr denn einmal:„Mein Lieber,“ als wäre ich noch ein Kind. Jetzt nun kam ſie mit einem halb ärgerlichen, halb betrübten Ausdrucke, mich zu einem Geſpräche mit meinem Vater uud Doctor Jeſhop zu rufen. Ich vermochte nur einige abgeriſſene Worte zu — 123— verſtehen, die ſie, hinter mir gehend, vor ſich hin⸗ murmelte, als:„Er wird ihn umbringen— herſtellen — wahrhaftig.— So unfähig wie ein Kind— Abel Fletcher iſt rein verrückt— ich hoffe, Thomas Jeſhop wird es redlich ausſprechen und ihm Alles ſagen—“ und dergleichen mehr. Dadurch, wie durch ihre un⸗ gewohnte Zärtlichkeit errieth ich, was mich erwar⸗ tete: die Entſcheidung meiner Zukunft, die mein Va⸗ ter immer wie ein Schreckbild über mir ſchweben ließ, obgleich ſie meine verſchiedenen Krankheiten immer wieder zurückdrängten. Ich wußte wohl, daß die Hoffnungen und Pläne meines armen Vaters uner⸗ füllt bleiben würden, und mit ſchwerem Herzen trat ich vor ihn.. Dieſe Zuſammenkunft weiter zu beſchreiben iſt wohl unnöthig. Nur ſo viel, daß mein Vater nach derſelben den letzten Funken von Hoffnung verlor, in ſeinem Sohne einen Beiſtand des Geſchäftes oder einen Nachfolger zu ſehen, und ich jeden Traum ſchwinden ſah, den ich noch hegte, mich zu einer Hülfe und Stütze für ihn erkräftigen zu können. Dieſe Erkenntniß koſtete uns wohl von beiden Seiten viel; doch, nach dem Geſpräche dieſes Tages ließen wir dieſen Schmerz ſtillſchweigend bei Seite liegen und erörterten ihn nie wieder. Ich kehrte in den Garten zu John Halifar zu⸗ — 124— rück und erzählte ihm Alles. Die Hand auf meine Schulter legend, hörte er mir mit ſeinem ernſten, zärt⸗ lichen Blicke zu, der mehr Theilnahme ausſprach als Worte vermögen. Wenn er nun auch noch Einiges in ſeiner ver⸗ ſtändigen Eigenthümlichkeit hinzufügte, ſo ließen er und ich doch nun einen Schleier über dieſen unver⸗ meidlichen Schmerz fallen, und er ruhete ſtill unter dem friedlichen Schweigen der Freundſchaft. Als mein Vater Doctor Jeſhop, John Halifax und ich uns ſpäter bei Tiſche wieder begegneten, ſchien der Gegenſtand in Vergeſſenheit gerathen zu ſein und ward auch nicht wieder berührt. Nachdem aber das Mittagsmahl vorüber war und der geſprächige Doctor uns verlaſſen hatte, Abel Fletcher ſeine Pfeife in Ruhe rauchte und wir Beide uns in ein entferntes Fenſter zurückzogen und in je⸗ nes reſpektvolle Schweigen verfielen, das man in meinen jungen Tagen jedem Aelteren und Vorgeſetz⸗ ten gegenüber für anſtändig hielt, bemerkte ich, wie ſich meines Vaters Augen oft mit einem forſchenden, beobachtenden Ausdrucke auf John Halifax richteten. War es möglich, daß meine Andeutung Anklang gefunden hatte, die ich dieſen Morgen ſo leiſe, ſo zart fallen ließ, als ob der Einfall eben in meiner Seele entſprungen ſei, ſtatt daß er dort ſchon ſeit Monaten — 125— auf einen günſtigen Augenblick wartete? War es möglich, daß ein Gedanke, den er zuerſt ſo verächt⸗ lich verwarf, in ſeinem lebendigen, ſcharfen Geiſte Wurzel ſchlug, um in ſpätern Tagen die gewünſch⸗ ten Früchte zu tragen? Ich hoffte es und betete darum zu Gott; that aber jetzt, als bemerkte ich Nichts, und ließ die Saat ſtillſchweigend reifen. Der Juni-⸗Abend dieſes Tages brach an und ging vorüber. Die Glocken zum Abend⸗Gottesdienſte lauteten und verſtummten. Die erſten dunkeln Schat⸗ ten lagerten ſich auf der Erde und dann ſtrahlte ein heller Stern über dem alten Thurme der Abtei. Wir beobachteten das Alles vom Garten aus, wo wir Sonntag für Sonntag bei ſchönem Wetter unſere Abende verlebten und die verſchiedenſten Gegenſtände im Himmel und auf Erden beſprachen, gewöhnlich aber wie es am Sonntag⸗Abend paßte, an dem die Sterne über unſern Häuptern funkelten, mit himm⸗ liſchen Dingen endigten. „Phineas!“ rief John, im Graſe ſihend, beide Hände um ſeine Kniee geſchlungen; ein Stern, ich denke, es war der Jupiter, ſchien ihm gerade in die Augen, und es war, als ob ſie noch dunkler würden, bis ſie einen ihm nur eigenthümlichen Ausdruck er⸗ hielten.„Phineas, ich bin doch begierig, wie bald wir dies ſtille, bequeme Leben verlaſſen müſſen, um — unſern Kampf mit der Welt zu beginnen, und eben ſo möchte ich wiſſen, ob wir bereit dazu ſein werden.“ „Nun, Sie gewiß!“ „Ich weiß es nicht. Ich bin mir ſelbſt nicht klar, in wie fern ich dem Unrechte widerſtehen werde, wenn es ſich mir als etwas Angenehmes naht. Manche verbotene Dinge ſind gerade anlockend, zum Beiſpiel, ſtatt Morgens früh aufzuſtehen und ſich in das kleine dunkle Zahlhaus zu begeben, um dort von acht Uhr Morgens bis ſechs Uhr Abends Papier zu bekritzeln, würde ich nicht viel lieber fortlaufen, weit in die Welt hinaus, alle mögliche wilde Streiche, aber auch große Dinge unternehmen und vielleicht gar nicht wieder in die Lohgerberei zurückkehren?“ „Gar nicht wieder?“ „Nein, nein, ich ſprach das zu ſchnell hin; ich meine auch nicht, daß ich ſo etwas Schlechtes thun würde, ich ſage nur, daß mir zuweilen der Wunſch zu dergleichen Dingen durch den Kopf geht. Ich kann mir nicht helfen, es iſt mein böſes Prinzip, mit dem ich zu kämpfen habe. Jedermann hat ſeinen eigenen Feind— denke ich— aber beruhigen Sie ſich, Phineas, der meinige iſt beſiegt.“ Er ſprang auf, doch ſchien mir in dem Zwie⸗ lichte, als ſähe er beſonders bleich aus. Er ſtreckte — 127— mir ſeine Hand entgegen, um mir aus dem Graſe aufzuhelfen, und wir gingen ſchweigend in das Haus. Nach dem Abendeſſen, als die Glocke halb Neun ſchlug, ſchickte ſich John, wie gewöhnlich, an, das Haus zu verlaſſen. Er näherte ſich meinem Vater, ihm eine gute Nacht zu wünſchen, doch war dieſer in tiefe Gedanken verſunken, während er an dem kalten Kamine ſaß, als brenne dort ein helles Feuer. „Gute Racht!“ wiederholte John zum zweiten Male, bevor ſein Herr auf ihn hörte. „Wie? Ach, gute Nacht, gute Nacht, Junge. Höre ein Mal, Halifax, was haſt Du Morgen zu thun?“ „Nicht viel, nur erwarten wir morgen die ruſſiſchen Häute; die Wochen⸗Rechnung habe ich wie gewöhnlich noch geſtern Abend abgeſchloſſen.“ „Nun, ich werde Morgen alle Deine Bücher revidiren, ſehen, wie es mit Dir ſteht und ob Du zu irgend einer andern Thätigkeit fähig biſt. Uebrigens kannſt Du Dir einen Feiertag machen, wenn Du willſt.“ Wir dankten ihm von ganzem Herzen. „Nun, John,“ flüſterte ich ihm leiſe zu.„Nun iſt ja Ihr Wunſch erfüllt und Sie können Morgen fort, in das Weite laufen.“ Er erwiderte,„der Wunſch ſei ihm vergangen.“ —— Wir nahmen uns alſo vor, einen ſchönen Tag unter Gottes freiem Sommer-Himmel zuzubringen, und zwar in einem Felde, ohngefähr eine Meile von der Stadt, das man die Weingärten nannte. Der Morgen kam und wir ſchlugen zuerſt den Weg ein, der die Abteimauer entlang führte und von der andern Seite durch die Weiden beſchattet ward, die in dem Waſſerlaufe ſtanden. Bald gelangten wir in die ſchönen ruhigen Wieſen und Kleefelder, von denen man erzählte, ſie hätten früher den Wein für die roſigen Mönche getragen, wären aber ſpäter durch einen dunkleren Strom als das Blut der Trauben überſchwemmt worden. Die Weingärten wurden zum Schlachtfelde, und unter den üppigen Halmen des wogenden Graſes, wie unter den Zweigen der wilden Aepfelbäume ſchläft wohl mancher Anhänger der rothen und weißen Roſe. Ja, es zeigt ſich noch zuweilen in einer beſonders tiefen Furche ein einzel⸗ ner weißer Knochen— aber gewöhnlich bleiben die Reliquien jener Zeit ungeſtört in ihrer Ruhe— denn die Wieſen werden meiſtentheils nur zu Weiden oder Heufeldern gebraucht. John und ich wir lagerten uns auf das eben ge⸗ mähete Gras und ſonnten uns in der warmen, ſüßen Luft. Wie ſchön erſchien uns Allés! ſo ruhig und ſtil! Der Thurm der Abtei bildete auch hier wie überall in der Gegend von Norton Burh den ſchönſten Punkt, und erſchien uns ſo nahe, daß es war, als ob er ſich aus der Mitte der Felder oder Hecken erhöbe. „Nun, David,“ und ich wendete mich zu der langen ausgeſtreckten Geſtalt um, die das Gras be⸗ trächtlich niederdrückte,„ſind Sie zufrieden?“ „Ei wohl!“ So verbrachten wir den ganzen Sommermor⸗ gen; oft kamen wir auf einige der unzähligen Ge⸗ genſtände zurück, über die wir gern unſere Bemer⸗ kungen austauſchten, aber wir beſaßen Beide keinen großen Wort⸗Reichthum und ſprachen nur, wenn wir uns gerade Etwas zu ſagen hatten. So konn⸗ ten wir denn auch wie heute ſtundenlang in ſüßen Träumen neben einander ſitzen und ſelten nur ein Wort wechſeln. Demungeachtet vermochte ich faſt immer, John's Gedanken zu verfolgen, wenn ſie von dem einen zu dem andern Gegenſtande übergingen, wie man einen hellen Fluß ſelbſt zwiſchen den ſich vorſchiebenden Bäumen eines Waldes noch blinken ſieht— zuweilen freilich— wie heute, wußte ich es nicht genau. Am RNachmittage, als unſer Brot und Käſe langſam und mit gehöriger Würde verzehrt war, um der Mahlzeit ihr volles Recht zu laſſen, ſagte er plötzlich: John Halifax. 1. 9 „Phineas, finden Sie nicht, daß es hier lang⸗ weilig wird? Wollen wir uns vielleicht einen an⸗ dern Platz ſuchen? Jedoch muß es Sie nicht ermüden.“ Ich konnte ihm das Gegentheil verſichern, da meine Geſundheit dieſen Sommer beſſer als gewöhn⸗ lich war. Aber in dem Augenblicke als wir auf⸗ brachen, kamen zwei ſonderbar ausſehende Perſonen auf uns zu; ſie waren jung und auch nicht jung und konnten jedem Alter und jeder Beſchäftigung angehören. Beſonders beluſtigte uns der Anzug des Jüngeren durch die eigenthümliche Miſchung von Eleganz und Gewöhnlichkeit, wie zum Beiſpiel grau geſtreifte Strümpfe und glänzende Schuhſchnallen von falſchen Steinen, ſchmutzige Sammetbeinkleider und einen Frack von blauem Tuch. Doch zeigte der Träger dieſes unpaſſenden Anzuges eine gewiſſe Leichtigkeit und eine ſo wohlwollende hübſche Hal⸗ tung, daß ſeine Freundlichkeit und Heiterkeit ange⸗ nehm hervortrat. Er näherte ſich John mit einer Verbeugung, die gewiß der erſte Gentleman des Tages, wie das Volk den Prinz⸗Regenten damals nannte, nicht beſſer hätte machen können, und ſagte: „Mein Herr, wollen Sie ſo gütig ſein, mir zu ſagen, wie weit es noch bis Coltham iſt?“ — 131— „Zehn Meilen, und der Poſtwagen wird ohn⸗ gefähr in drei Stunden hier vorbeikommen.“ „Ich danke Ihnen— für jetzt aber hilft mir ein Wagen— oder vielmehr der Wagen nicht viel. Meine junge Herren, verzeihen Sie, wenn wir fort⸗ fahren, unſer Deſſert oder auch unſer Mittagbrot zu verzehren. Lieben Sie rothe Rüben?“ Er bot ſie uns mit einer höflich einladenden Bewegung an, indem er begierig davon aß. Ich lehnte es ab, aber John nahm die Einladung mit mehr Zartgefühl an als ich mich rühmen konnte. „Man kann noch ſchlechter eſſen,“ verſicherte er, „ich weiß das aus eigener Erfahrung.“ „Es war gerade nur ein Einfall von mir, mein Herr, aber ich bin nicht die erſte intereſſante Perſönlichkeit, die ſich auf Ihren Feldern in Norton Bury mit Rüben nährt. Einer, der ſich ſpäter zum Predigen auf den Pldern entſchloß— der be⸗ rühmte John Philip— Hier gab ihm der ältere und weniger ange⸗ nehme der Wanderer ein Zeichen, zu ſchweigen. „Mein Begleiter hat Recht,“ fuhr er unbefan⸗ gen fort,„ich will unſern berühmten Freund nicht verrathen, indem ich ſeinen Zunamen nenne; er iſt jetzt ein großer Mann und wünſcht vielleicht nicht, daß es in weitern Kreiſen bekannt wird, wie einſt 9* —— ſein Mittagbrot aus Rüben beſtand. Wollen Sie vielleicht dagegen meinen beſcheidenen Namen wiſſen?“ Er nannte ſich; doch will ich, Phineas Fletcher, ſeine Verſchwiegenheit hiermit nachahmen und der Neugierde der Welt nicht fröhnen. Es war übrigens ein Name, der jetzt und damals ganz außerhalb meines Kreiſes lag; jedoch glaube ich, iſt er ſeitdem zu einer Art von Berühmheit bei den Leuten ge⸗ langt, die in der Welt leben; ich gehe weiter und bin überzeugt, daß der Eigner deſſelben ſogar auf der höchſten Höhe ſeines Ruhmes immer den heitern Witz des feinen Weltmannes und das gute Herz bewahrte, das er uns zeigte, als er mit uns ſeine rothen Rüben verzehrte. Wenn ich nun auch ſeinen Familiennamen verſchweige, ſo mag er doch den des Herrn Charles behalten. „Nun wir aber wirklich genug gegeſſen und geſchwatzt haben, wie des Seemanns Frau mit ihren Kaſtanien— Sie kennen doch die Dichtungen meines Freundes W. Shakeſpeare?— ſo muß ich ſuchen, dem andern Theile der Pflichten meines Daſeins nachzukommen. Sie ſagten, der Poſtwagen nach Coltham gehe in drei Stunden hier vorbei! Gut, dann habe ich die Ehre, Ihnen einen vergnügten Tag zu wünſchen, Herr— wie?“ „Halifar—“ — ———— —————— — 133— „Und der Ihrige?“ „Fletcher.“ „Eine Verwandtſchaft mit Jenem, der ſich mit dem würdigen Beaumont vereinigte?“ Ich verſicherte, mein Vater habe mit Niemand eine Verbindung geſchloſſen; aber John, der in letzter Zeit mehr als ich geleſen hatte, und nie verlegen ward, erklärte ihm, daß ich von derſelben alten Familie ſtammte, der die Brüder Phineas und Phi⸗ lip Fletcher angehörten. Worauf Herr Charles, der mich bis dahin etwas überſehen hatte, ſeinen Hut abnahm und mir zu meiner berühmten Abſtam⸗ mung Glück wünſchte. „Dieſer Mann iſt ſichtlich viel in der Welt her⸗ umgekommen!“ ſagte John lächelnd.„Ich möchte wiſſen, wie es in der Welt eigentlich hergeht?“ „Sahen Sie denn als Kind nicht auch viel von der Welt?“ „Nur die niedrigſte und ſchlechteſte Seite der⸗ ſelben, aber nicht die, welche ich jetzt gern kennen lernen möchte. Für was halten Sie wohl dieſen Mr. Charles? Auf jeden Fall ein kluger Mann, und gern möchte ich ihm wiederbegegnen.“ „Ich auch.“ Indem wir uns ſo unterhielten und abwech⸗ . —— ſelnd über unſeren neuen Bekannten grübelten, gingen wir immer weiter, bis wir an eine Stelle kamen, die das Landvolk die„Blutige Wieſe“ nannte, weil hier, wie an vielen Orten der Nach⸗ barſchaft, in den Kriegen der Häuſer Lancaſter und York große Schlachten geliefert wurden. Es war ein etwas ſenkrechtgeneigtes Feld, durch das ſich ein kleiner Bach bis an das Ende der Wieſen ſchlängelte, wo der Avon theils durch Baumpflanzungen verſteckt, theils frei von allem grünen Schmuckruhig vorüberfloß. Hier breiteten ſich ebenfalls die Heufelder nach allen Richtungen hin aus; entweder war das Gras eben gemäht, oder umgewendet, oder ſchon in duftenden Haufen zuſammengeſetzt. Die Wieſen waren durch Wagen von Heuerntern belebt, die Männer in blauen Beinkleidern, die Mädchen in zierlichen Jacken und Röcken von Wollenſtoff. Aber es waren bei Weitem mehr Frauen wie Männer, da die Blüthe der ländlichen Bevölkerung Englands in den Krieg gegen Bonaparte gezogen war. Indeſſen blieb die Zeit der Heuernte die glücklichſte und froheſte Jahreszeit, und auch für unſere kleine Stadt waren es Feiertage, wo die halbe Bevölkerung draußen in der Sonne zu finden war. „Wollen wir nicht nach einem ruhigen Platze gehen, John? Mir ſcheint da unten auf der Wieſe — — — 135— ein ordentlicher Auflauf; und wer mag nur der Mann ſein, der jenſeits des Waſſers auf dem Heu⸗ wagen ſteht?“ „Erkennen Sie den hellblauen Rock nicht wie⸗ der? Es iſt unſer Herr Charles. Sehen Sie nur, wie er geſtikulirt und ſpricht. Was iſt er nur?“ Ohne ſich weiter zu beſinnen, ſprang John über die niedrige Hecke und lief den Anger nach der Blu⸗ tigen Wieſe hinab. Ich folgte etwas langſamer. Da ſtand unſer neuer Freund hoch auf einem der einfachen Heuwagen, deren man ſich in Norton Bury bediente; ein roh zuſammengeſchlagenes Ge⸗ ſtell auf Rädern, an allen vier Ecken mit Stangen verbunden. Er war ohne Hut und ſeine Haare hingen in wohlgepuderten Locken zierlich um den Kopf. Ich hoffe nur, er hat ſeine Puderſteuer red⸗ lich entrichtet, gegen die wir uns Alle ſo empört auflehnten, ſo feſt bindet uns die Gewohnheit ſelbſt an etwas Häßliches. Trotz des Puders, des blauen Rockes und der abgetragenen Sammetbeinkleider, war die Erſcheinung des Mr. Charles eine über⸗ raſchend angenehme. Kein Wunder alſo, daß die Heuernter ſich von allen Seiten ſammelten, um ihn reden zu hören. Worüber ſprach er? War es möglih, daß er, — wie ſein Freund John Philip, durch einen inneren Beruf zum Predigen auf das Feld getrieben ward? Es ſchien faſt ſo, beſonders nach den geiſtlichen Geberden ſeines älteren, untergeordneten Beglei⸗ ters, der dicht vor dem Wagen mit gefalteten Händen ſaß, und ganz nach Art der Methodiſten ſtöhnte und ächtzte, als ſei er beſonders erweckt und gerührt. Immer aufmerkſamer hörten wir zu, jeden Augenblick in der Erwartung, durch einen Ausdruck verletzt und empört zu werden. Doch nein! Ich muß zur Ehre unſers Herrn Charles verſichern, daß er auch nicht im Entfernteſten die Gränzen der Ehr⸗ erbietung und des Anſtandes überſchritt. Seine Rede, wenn auch in Form einer Predigt, enthielt nichts Anderes als eine moraliſche An⸗ ſprache, wie man ſie alle Tage vom Katheder eines Profeſſors hören kann. Wie ich ſpäter er⸗ fuhr, hatte er zum Texte derſelben eine Stelle gewählt, welche die Landleute mit aller der Ehrer⸗ bietung anhörten, als ſei ſie einem höheren und heiligeren Buche entlehnt als dem Shakre „Mitleid iſt doppelt geſegnet. Es ſegnet den, der giebt, und den, der empfängt. Es iſt das Höchſte in dem Höchſten.“ 6 — 137— Und dieſen Tert führte er aus, mit jedem Augenblicke ſich durch ſeinen Gegenſtand immer mehr und mehr erwärmend, ſeine Stimme und ſeine Haltung, die zuerſt ſehr gezwungen erſchienen, wäh⸗ rend ab und zu die Winkel ſeines ausdrucksvollen Mundes ein Lächeln nicht immer unterdrücken konn⸗ en, ward freier und man erkannte darin den Aus⸗ uck der inneren Ueberzeugung. Wir in Norton Lury hatten eine ſolche Beredtſamkeit nie gehört. „Wer mag er nur ſein, John? Iſt das nicht nundervoll?“ Doch John hörte mich nicht, ſeine genze Aufmerkſamkeit war durch Mr. Charles ge⸗ feſelt. Eine Rede wie dieſe, in der ſich eine ver⸗ ſeinerte Sprache mit der zierlichſten Haltung und einer blendenden Einbildungskraft paarte, ſchien ihm wie eine Offenbarung des Geiſtes, nach deren Ver⸗ wirklichung er mit allem Eifer der Jugend trachtete. Was dieſe Anſßrache für einen Eindruck auf uns bei größerer Reife gemacht hätte, weiß ich nicht aber bei achtzehn und zwanzig Jahren wur⸗ den wir vollkommen davon geblendet; es war alſo kein Vunder, daß ſie die übrige Verſammlung eben⸗ falls bewegte. Schwache Greiſe auf Senſen und Hacken geſtützt, ſchüttelten ihre alten Häupter mit weiſer Miene, als ob ſie Alles verſtanden hätten. Uund als der Sprecher den Krieg und ſeine Schrecken — 16— berührte, die jedem Engliſchen Herzen ſo ſchmerzlich nah' getreten waren, zerſchmolzen viele Frauen in Thränen und Schluchzen. Und als nun ſchließlich der Redner ſelbſt tief bewegt durch die Bilder, welche er herauf beſchworen hatte, plötzlich einen Augenblick inne hielt, als ſei er erſchöpft, und um eine kleine Beiſteuer bat, um ihm bei einem guten Werke zu helfen, drängte Alles zu ihm hin. „Nein, nein, meine guten Leute!“ rief Mi. Charles, ſeine gewöhnliche Haltung wieder gewir⸗ nend, wenn auch vielleicht ein wenig herabgeſtimnt und zwar, wie mir vorkam, aus Gewiſſensbiſſen. „Nein— ich nehme von Keinem mehr els ſechs Pfennige, und auch dann nur, wenn ich feſt überzeugt ſein kann, daß Ihr ſie wirklich übrig hebt. Ich danke Euch, meine würdigen Männer, ich denke Euch, Ihr guten jungen Mädchen, und hoffe, Euere Herzliebſten ſollen bald aus dem Kriege heim⸗ kehren! Ich danke Euch Allen, Ihr lieben, guten Herren! die Ihr Euch ſo bewährtet, und nun eine gute Ernte für Alle.“ Er verbeugte ſich in ſo feiner und würdevoller, aber doch verabſchiedender Weiſe, daß, wöhrend er noch auf ſeinem Wagen ſtand, das gute Volk, das ſelbſt keine Zeit mehr hatte, ruhig fortging, —= 5— und das Feld im Beſitze von Mr. Charles, ſeinem Genoſſen und uns ſelbſt ließ, um die er ſich bis jetzt wenig bekümmert hatte. Er ſtieg vom Wagen, und während ſeine Gefährte in ein lautes Gelächter ausbrach, ſah er ſehr ernſt aus. „Arme redliche Seelen!“ murmelte er, ſich die Augenbrauen reibend; ich war aber keinesweges ge⸗ wiß, ob es wirklich nur die Augenbrauen waren, „ich will ſterben, wo ich je wieder einen ſolchen Streich ausführe, Charles!“ „So war es wirklich nur ein Poſſenſpiel, mein Herr?“ frug John, ſich ihm nähernd;„das thut mir leid.“ „Mir auch, junger Mann!“ erwiderte der An⸗ dere, ohne Verlegenheit zu zeigen; er ſchien über⸗ haupt ein Menſch, deſſen offenen Charakter Nichts einzuſchüchtern vermochte.„Aber Hunger leiden, verzeihen Sie, iſt nicht angenehm, und Noth kennt kein Gebot. Es iſt eine Lebensfrage für mich, daß ich heute Abend noch Coltham erreiche, und nach⸗ dem man zwanzig Meilen gegangen iſt, kann man die andern zehn nicht leicht mehr zurücklegen, und dann noch vor einem bewundernden Publikum als Macbeth erſcheinen.“ —— — „So ſind Sie Schauſpieler?“ „So iſt es, Ew. Geſtrengen zu dienen—“ Er wiederholte hier einige Verſe aus dem eben angeführten Trauerſpiele mit einem nicht zu be⸗ ſchreibenden Ausdrucke, während ſein ſchönes Ge⸗ ſicht mager und leidend ausſah, was nicht wenig dazu beitrug, unſere Gefühle für den armen Schau⸗ ſpieler zu beſänftigen. Ueberdem hatten wir in letzter Zeit den Shakeſpeare ſtudirt, was alle junge Leute ganz leidenſchaftlich für Macbeth einnimmt. „Sie haben heute eine gute Probe von Ihrem Talente abgelegt,“ ſagte John;„alle Leute hielten Sie hier für einen Methodiſten-Prediger.“ „Doch habe ich durchaus nicht von Theologie geſprochen, ſondern, wie Sie mir zugeſtehen müſſen, nur einfache Moral gepredigt.“ John blieb ihm einen Augenblick die Antwort ſchuldig und ſagte dann nach einigem Beſinnen: „Ja, aber was brachte Sie auf den Einfall?“ „Die Erfahrung, daß vor mehreren Jahren die gleiche Nothwendigkeit eine ebenſo beluſtigende Scene hervorrief, und zwar, wie ich Ihnen ſchon ſagte, war es John Philip, nein, ich will Ihnen ſeinen Namen nicht verſchweigen, es war der größte Schauſpieler und der edelſte Menſch, den die Eng⸗ liſche Bühne je ſah, John Philip Kemble.“ — 141— Und bei Nennung dieſes Namens nahm er mit wahrer Hochachtung ſeinen Hut ab. Wir Beide kannten auch dieſen vielbewunderten Namen, be⸗ ſonders aber John. Ich bemerkte, wie groß der Zauber war, den die Geſellſchaft Mr. Charles' auf ihn ausübte, und fand es keinesweges zu bewundern. Ein geiſtreiches und ſchöpferiſches Talent, wie dieſes, habe ich nie wieder geſehen. Er konnte vom Ernſt zum Scherz, von dem Lieblichen zum Strengen übergehen, und in jeder Stimmung zeigte er ſich edel, ſtrebend und als Mann von Welt. Und weder John noch ich hatten je einem Charakter der Art begegnet, die in unſerm Alter gerade ſo beſonders anziehen. Ich ſpreche immer von uns; denn wenn ich ihm auch meiſtentheils folgte, ſo geſchah es doch allein aus eignem freiem Antriebe. Der Nachmittag verging, während wir mit un⸗ ſern beiden Gefährten am Ufer des Baches ſaßen und uns unterhielten. Mr. Charles hatte ſein Geſicht gewaſchen, ſeine vom Gehen wunden Füße gekühlt, und unſeren Bitten nachgebend, theilten er und ſein Begleiter, den er Mr. Yates nannte, mit uns den Reſt unſers Brotes und unſers Käſes. „Nun,“ verſicherte er aufſpringend,„bin ich bereit, mit Jedem zu kämpfen, ſelbſt mit dem Than ——— — — von Fife, welcher heute Nacht von einem Burſchen gegeben wird, der 6 Fuß 12 Zoll hat. Was iſt die Uhr, Mr. Halifar?“ Mr. Halifax, es freute mich, ihn zum erſten Male ſo nennen zu hören, hatte unglücklicher Weiſe keine Uhr in ſeinem ganzen irdiſchen Beſitzthume, und geſtand freundlich die Wahrheit. Aber er machte ſchnell eine Berechnung nach der Stellung ſeines un⸗ fehlbaren Zeitmeſſers, der Sonne, und ſagte, es ſei vier Uhr. „Dann muß ich eilen, fortzukommen. Wollen Sie nicht mit uns umkehren, meine jungen Herren? Sie werden ſich doch ſolchen Hochgenuß nicht ent⸗ gehen laſſen, wie die Aufführung des Macbeth, unter, ich will nicht ſagen, meiner geringen Mitwir⸗ kung, aber unter der der himmliſchen Siddons! Das iſt eine Frau! Shakeſpeare ſelbſt könnte Luſt bekom⸗ men, ſie vom Himmel aus zu beobachten. Sie kommen mit uns, nicht wahr?“ John machte eine ſchmerzlich verneinende Be⸗ wegung, wie ſchon mehrere Male vorher, wo der Schauſpieler uns aufgefordert hatte, ihn nur auf ein paar Stunden nach Coltham zu begleiten, von wo wir noch vor Mitternacht wieder zurückge⸗ kehrt ſein könnten. — 143— „Was meinen Sie, Phineas?“ ſagte John, als wir auf der großen Straße den Poſtwagen er⸗ warteten.„Geld habe ich, und wir haben ſo ſelten ein ſolches Vergnügen; könnten wir es Ihrem Va⸗ ter nicht ſagen laſſen? Glauben Sie, daß es ein Unrecht wäre?“ Ich wußte das ſelbſt nicht, und im jetzigen Au⸗ genblicke, wo ich die Frage in ihrem rein morali⸗ ſchen Sinne betrachte, kann ich nicht mit Sicher⸗ heit ſagen, ob es eine wirkliche Sünde war, oder nicht. Aber ſeit länger gewohnt, Recht oder Un⸗ recht nur in David's Augen zu leſen, verhielt ich mich ganz leidend. Wir warteten mehrere Minuten an der Hecke; Mr. Charles hörte halb verletzt mit ſeinen Bitten auf, obgleich er eigentlich ein zu freundlicher Mann war, um Etwas übel zu nehmen. Er richtete jetzt ſeine Worte hauptſächlich an mich, während John, ohne weiter daran Theil zu nehmen, vorausging, unmuthig die Blätter der Hecke abreißend. Als der Wagen die Landſtraße daherfahrend ſichtbar ward, war ich noch vollkommen unwiſſend, ob er einen Entſchluß gefaßt hatte, und wohin er ausſchlug. Der Wagen gelangte endlich in unſere Nähe — 4— und der Kutſcher ward angehalten, Mr. Charles reichte uns die Hand zum Abſchiede, und ſein und ſeines Begleiters Fuhrlohn mit einer Hand voll jener Wohlthätigkeitspfennige bezahlend, ſtieg er ein. Doch hielt das Zählen derſelben die Abfahrt noch einen Augenblick auf und unter Scherzen und Lachen berechnete man ſich. Währenddeſſen legte John beide Hände auf meine Schultern, ſah mir ernſt in die Augen, er ſchien mir dabei beſonders erregt, und frug: „Phineas, ſind Sie müde?“ „Nicht im Mindeſten.“ „Glauben Sie wohl bis nach Coltham kom⸗ men zu können, ohne daß es Ihnen Schaden thut? Und würden Sie gern hingehen?“ Auf alle dieſe ſchnell geflüſterten Fragen ant⸗ wortete ich ebenſo eilig bejahend. Mir genügte es, zu ſehen, daß er gern den Abend dort zubringen wollte. „Es iſt doch nur dies eine Mal, und ich denke, Ihr Vater wird uns das Vergnügen nicht verargen; er iſt auch jetzt in der Lohgerberei zu beſchäftigt, um vor Mitternacht zurückzukommen. Wir werden dann ebenfalls bald zu Hauſe ſein, wenn ich Sie dieſe zehn Meilen auf meinem Rücken trage. Kommen Sie und ſteigen Sie ein, wir wollen mitfahren.“ — 145— „Bravo!“ rief Mr. Charles, ſich aus dem Wagen lehnend, um mir beim Einſteigen zu helfen. John folgte, und der entſcheidende Augenblick lag hinter uns. Aber ich bemerkte, daß während der erſten Mei⸗ len John nicht ein Wort ſprach. John Halifat. 1. 10 Sechſtes Rapitel. So nahe wir bei Coltham wohnten, war ich doch nur ein Mal in meinem Leben dort geweſen; John Halifax dagegen kannte die Stadt ganz gut, da er in ſeiner Eigenſchaft als Buchführer mei⸗ nes Vaters gebraucht ward, um Holz und Borke in der Nachbarſchaft zu kaufen. Als unſer Wagen vor dem erſten Wirthshauſe hielt, das das bedeutungs⸗ volle Zeichen eines Thierfelles trug und den Namen „zum Vließ“ führte, war ich überraſcht, zu ſehen, wie wohlbekannt er mit den Gewohnheiten und Räumlichkeiten des Hauſes war. Er trat mit einer gewiſſen Ruhe ein, und die Aufwärter zeigten ſich beſonders achtungsvoll und gehorſam. Es war ſichtlich, daß er ſich ſeine Stellung in der Welt, we⸗ — — 147— nigſtens in unſerer kleinen Welt, geſchaffen hatte, alſo kein Knabe mehr, ſondern ein fertiger Mann war. Ich ſah das Alles mit wahrem Vergnügen und überließ ihm jegliche Einrichtung; ruhig auf dem Sopha liegend, auf das er mich in der Gaſtſtube des Wirthshauſes geführt hatte, hörte ich, wie er ſeine Befehle gab, und beobachtete ihn genau. Doch während er auf und ab ging, kam es mir vor, als wären ſeine Blicke unſtet und ruhelos, wenngleich ſeine Haltung beſonnen wie immer erſchien. Mr. Charles hatte uns verlaſſen, aber eine Zu⸗ ſammenkunft mit uns auf dem Grundſtücke des Kaffeehauſes verabredet, wo ſich das Theater befand. „Ich glaube, es iſt ein ärmliches, ſcheunenarti⸗ ges Gebäude,“ ſagte John, vor mir ſtehen bleibend, um mir die Kiſſen bequemer zu legen.„Man ſollte jetzt wirklich ein anderes bauen, wo Coltham eine hübſche und elegante Stadt wird. Ich wollte, ich könnte Ihnen die Brunnen⸗Promenade zeigen, wo die ganze feine Welt ſpazieren geht, Phineas, doch müſſen Sie ſich jetzt ausruhen.“ Ich widerſprach ihm nicht, da ich wirklich ſehr ermüdet war. „Nicht wahr, Sie werden gewiß gern Mrß. Siddons hören, von der wir ſo oft geſprochen haben? Mr. Charles ſagt zwar, ſie ſei nicht mehr jung, aber 10* dennoch immer noch ganz prächtig. Vor mehr denn zwanzig Jahren iſt ſie zuerſt auf demſelben Theater hier aufgetreten. Yates hat ſie damals geſehen. Ich möchte wohl wiſſen, Phineas, ob Ihr Vater ſie je ſpielen ſah?“ „Oh gewiß nicht! Um keinen Preis der Welt würde mein Vater je ein Schauſpielhaus betreten.“ „Was?!“ „Nein, nein, John, Sie brauchen nicht zu er⸗ ſchrecken. Sie wiſſen ja, daß ich der Brüdergemeinde keinesweges angehöre, alſo auch nicht an ihre Ge⸗ ſetze gebunden bin.“ „Ja, es iſt wahr, ganz wahr!“ und er begann von Neuem ſeinen Gang durch das Zimmer, doch war ſeine Heiterkeit verſchwunden. „Wenn ich allein hier wäre, nun, da verſtände es ſich von ſelbſt, daß ich das Recht hätte, ein Ver⸗ gnügen, das ich für erlaubt halte, zu genießen; oder da ich jetzt dem Haushalte eines Herrn angehöre, ſo würde ich den Tadel zu ertragen wiſſen, der mir daraus entſpränge,“ ſetzte er mit einer ſtolzen Miene hinzu;„aber Jemand zu verleiten, Phineas,“— ſich plötzlich zu mir wendend—„wollen Sie lieber nach Hauſe gehen? Ich führe Sie zurück.“ Ich widerſprach dieſer Vorausſetzung aus allen Kräften, und verſicherte ihm, die Sache für kein Un⸗ — 149— recht zu halten, was auch wirklich der Fall war, und forderte ihn auf, ſich die Freude nicht zu verderben, ſondern heiter zu ſein, was mir auch ſo gut gelang, daß wir in wenig Minuten voller Lachen und in jugendlicher Luſtigkeit den Weg nach dem Schauſpiel⸗ hauſe antraten. Es war ein ärmlicher Ort, nicht viel beſſer als eine Scheune, wie Mr. Charles ſagte, und noch dazu in einer kleinen Gaſſe liegend, die nach der Haupt⸗ ſtraße führte. Dieſer ſchmale Weg war bereits mit Theater⸗ beſuchern aus allen Ständen und mit den verſchie⸗ denſten Equipagen überſäet, die von dem Perſonen⸗ wagen mit 6 Pferden in allen Größen bis zu den Sänften und Rollſtühlen hier zu finden waren, ſich aber im Gedränge mit einer unruhigen Maſſe zu Fuß befanden, und das Alles ſtieß, ſchob und ſchrie, bis das Ganze das Bild eines gemeinſamen Tum⸗ melplatzes gab. „Ach, John, nehmen Sie ſich in Acht!“ und nicht ohne Furcht hing ich mich an ſeinen Arm. „Aengſtigen Sie ſich nicht, ich bin groß und ſtark genug, um jedem Gedränge zu widerſtehen. Halten Sie ſich feſt, Phineas!“. Wäre ich eine Frau geweſen, und ſelbſt die Frau, die er liebte, er hätte nicht zärtlicher meine Kränk⸗ — lichkeit und Schwachheit berückſichtigen können. Die phyſiſche Schwäche, welche mich oft demüthigte und ohne Zweifel in den Augen der meiſten Männer als etwas Verächtliches erſchien, war mir dennoch nur aus der Hand des Himmels zugetheilt, und deßhalb betrachtete ſie John nur mit dem tieſſten Mitleiden. Das Gedränge ward immer dichter und furcht⸗ barer. Ich blickte über die Maſſe der Menſchen hin⸗ aus auf die Berge, die in den verſchiedenſten Rich⸗ tungen die Stadt umgaben. Wie ſtill und grün erhoben ſie ſich an dem ruhigen Juniabende! Ach! ich wünſchte, wir wären erſt glücklich wieder in Norton Bury. Doch in dieſem Augenblicke ſah man eine leichte Bewegung in der Maſſe, als eine Sänfte hindurch⸗ getragen oder vielmehr der Verſuch dazu gemacht wurde. Es entſtand eine Reibung, und einer der Träger ward zur Erde geworfen. Einige riefen:„Schämt Euch,“ Andere fanden, daß der Spaß durch dieſen Zwiſchenfall nur noch größer würde. Als endlich die Verwirrung den höch⸗ ſten Punkt erreichte, ſah der Kopf einer Dame aus dem Fenſter der Sänfte. Es war ein merkwürdiges Geſicht, und wer es einmal geſehen hatte, konnte es nie wieder vergeſſen. Bleich, dabei große, ja beinahe harte Züge eine römiſche Raſe, volle, leidenſchaftliche — 151— Lippen, die einen Anflug von Sinnlichkeit an ſich trugen, und ſehr große dunkle Augen. Sie fing an zu reden, und der Ton ihrer Stimme entſprach ihrer ganzen Erſcheinung.„Gute Leute, laßt mich durch, ich bin Sarah Siddons.“ Augenblicklich machte die Menge Platz, und auseinander gehend ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus, der weit durch die ganze Stadt dringen mußte. Dann trat eine plötzliche Stille ein, während ſie grüßte und lächelte. Ach, was für ein Lächeln war dies! Aber dann ſchloß ſich die Gardine der Sänfte wieder.— „Jetzt iſt der Augenblick gekommen, halten Sie ſich nur an mir feſt,“ flüſterte John, und mit einem Sprunge vorwärts zog er mich nach ſich, und in der nächſten Secunde hatte er auch ſchon die Stange der Sänfte erfaßt, die dem verletzten Träger entglitten war. So befanden wir uns denn, noch ehe ich recht wußte, was mit uns vorging, glücklich und wohlbe⸗ halten im Innern des Theaters. WMrß. Siddons ſtieg aus und wandte ſich, um die Träger zu bezahlen— die einfachſte Handlung von der Welt— doch durch ſie zu etwas Edlerem umgeſtaltet. Die hohe, in einen Mantel gehüllte und verſchleierte Geſtalt, die Stimme, die ertönte, ließ ſie ſelbſt in dieſem ſchmalen, ſpärlich erleuchteten Gange als eine wahre Königin der Tragödie erſchei⸗ — 152— nen, wenigſtens machte ſie auf uns Beide dieſen Ein⸗ druck. Der eine Mann ward bezahlt, wahrſcheinlich nach ſeinem fröhlichen Geſichte zu urtheilen, mehr wie bezahlt, und ſie wandte ſich nun zu John Halifax. „Ich bedaure ſehr, junger Mann, Ihnen ſo viel Noth gemacht zu haben. Hier iſt eine kleine Ver⸗ gütung dafür.“ Er nahm das Geld, ſuchte eine der kleinſten Silbermünzen heraus und gab ihr das Uebrige zurück. „Wenn Sie mir erlauben, ſo behalte ich dies als ein Andenken an den Augenblick, wo ich die Ehre hatte, Mrß. Siddons nützlich werden zu können.“ Mit ihren großen dunklen Augen blickte ſie ihn ſcharf an, dann verbeugte ſie ſich ernſt und würde⸗ voll, ſagte:„Ich danke Ihnen, mein Herr!“ und ging an uns vorüber. Wenige Minuten darauf hatte uns ein Unter⸗ beamter des Theaters aufgefunden und brachte uns auf Befehl der Mrß. Siddons Billets zu den beſten Plätzen, die dies Haus aufweiſen konnte. Es war ein herrlicher Abend, und ſelbſt jetzt, wo ich mich deſſen ſeit einer ſo langen Reihe von Jahren wieder erinnere, wird mein altes Blut warm und lebendig, und ich ſage noch heute wie damals: Es war ein herrlicher Abend! — 153— Ehe der Vorhang aufging, hatten wir vollkom⸗ men Zeit, die für uns ſo neue Scene, das Innere eines Theaters, genau zu betrachten. So ärmlich und klein der Raum war, ſo hatte er ſich doch mit Allem gefüllt, was an eleganter Welt in Coltham zu finden war, und der kleine Badeort, durch kö⸗ nigliche Fürſprache gehoben, vermochte ſelbſt mit dem Mode gewordenen, thörigt luxuriöſen Bath in die Schranken zu treten; und geblendet ward man durch die Maſſe der Diamanten, der reichen Auf⸗ ſätze und Federn, die damals den Namen Prinz von Wales Federn führten. Es war der Augenblick eines Uebergangs in den Kleidermoden, und ſo bot die Verſammlung das Bild der gemiſchteſten Koſtüme; die alten Damen hielten noch ängſtlich an ihren ſeidenen Unterkleidern mit den langen Taillen feſt, worüber die ſteife und anſtändige Bouffante erglänzte, während die jungen Schönen bereits der franzöſiſchen Mode huldigten und leichten Mouſſelin mit ſchmaler Beſetzung und kurz gegürteten Taillen trugen. Wir hatten ſchon Jael ſehr ergrimmt darüber urtheilen hören, denn Quäkerin, wie ſie war, konnte ſie nicht leicht ihre Abneigung gegen den Schmuck alles„Fleiſches“ ver⸗ bergen und verrieth dabei doch ein unterdrücktes, aber tiefes Intereſſe für weiblichen Putz. — 154— John und ich ſtimmten darin mit ihr vollkom⸗ men überein, daß etwas Schmerzliches darin liege, junge engliſche Mädchen nach der Sitte unſerer Feinde jenſeits des Kanals gekleidet zu finden. Und dieſe Feinde, ſie ſanken immer mehr herab, ſie wurden in Beziehung auf Religion, Politik und Moral immer kleiner; ja unglücklich mußte man die Nation nen⸗ nen, in der hochgeſtellte Frauen ſich dazu hergeben konnten, ſich wie heidniſche Gottheiten zu kleiden, mit entblößten Armen und Nacken, nur mit Sandalen gezierten Füßen; aber dabei hatten ſie Nichts von der edlen Einfachheit der alten Welt angenommen, ſondern nur die äußere Würde der neueren Zeit verloren. Wir Beide, die wir noch die geheimnißvolle Verehrung der Jünglinge für das weibliche Geſchlecht in der idealen und ſchönſten Weiſe bewahrt hatten, ſo daß ich glaube, wir würden in unſerer Unwiſſen⸗ heit in jeder Frau, der wir begegneten, eine Julia oder eine Desdemona geſehen haben, wir empfanden durchaus nichts Anziehendes in dieſen wenig hübſch angezogenen, in Flitterſtaat gehüllten, gezierten Schö⸗ nen von Coltham. Aber das Stück begann. Es fällt mir nicht ein, es beſchreiben zu wollen, denn Jeder hat von Mrß. Siddons als Lady Maec⸗ — 155— beth gehört. Dieſes, das erſte und letzte Schauſpiel, dem ich je beiwohnte, ſteht mir noch heute, nach mehr als einem halben Jahrhunderte, eben ſo leben⸗ dig vor Augen als in jener Nacht. Ich ſehe ſie noch immer in der erſten Scene, einen Brief leſend, vor mir, dieſe wunderbare Frau, die trotz des modi⸗ ſchen ſchwarzen Sammtkleides und des Spitzen⸗ ſchleiers, den ſie trug, nicht nur die Rolle der Lady Macbeth ſpielte, ſondern ſie wirklich war; noch immer höre ich den entſetzten fragenden, geiſterhaften Ton, der das ganze Haus mit einem unüberwind⸗ lichen Schauder durchzuckte, als ob ſich uns etwas Uebernatürliches nahe, als ſie ihre Hände betrachtend ſich tröſtete: „Sie werden bald wieder trocknen!“ Und dann der jammervolle Schrei eines ge⸗ brochenen, ſonſt kräftigen Herzens, der durch die Todtenſtille der Verſammlung zitterte: „Oh! alle Wohlgerüche Arabiens können dieſe kleine Hand nicht wieder rein waſchen!“ Nun iſt ſie verſchwunden, eben ſo ſchnell unſern Augen entrückt, wie die drei Stunden an uns vor⸗ über flogen, in denen wir auf jeden ihrer Athemzüge horchten. Die Leute ſagen mir, daß eine neue Ge⸗ neration über den Ruf der Mrß. Siddons lächelt, der ihnen nur durch mündliche Ueberlieferung zuge⸗ —— — 156— kommen iſt. Sie haben ſie nicht geſehen! Ich we⸗ nigſtens werde meine Verehrung für ſie mit in das Grab nehmen. Von Mr. Charles habe ich nicht viel zu ſagen. John und ich, wir mußten Beide lächeln, als wir das hübſche, offene Geſicht und die männliche Hal⸗ tung deſſelben in die arme, jammernde, ſentimental⸗ flehende Rolle des Macbeth verwandelt ſahen. Doch glaube ich, er ſpielte gut, obgleich wir ihn unwill⸗ kürlich immer mit dem Rüben eſſenden Redner auf dem Heuwagen vergleichen mußten. Und als nun gar in der erſten Scene zwiſchen Banquo und den Heren Macbeth die Gelegenheit ergriff, um uns über die Fußlampen hinweg einen Wink zu geben, da wurde es allem Bühnenzauber unmöglich, uns in dem gutmüthigen, luſtigen Mr. Charles den wüthen⸗ den Than von Cawdor erblicken zu laſſen. Ich habe ihn ſpäter nie wiedergeſehen, indeſſen weiß ich, daß er noch lebt. Möge ſein Alter ſich ſo friedlich geſtal⸗ ten als ſeine Jugend heiter und luſtig war. Das Stück hatte ſein Ende erreicht. Es folgte zwar noch eine Poſſe, doch empfanden wir keine Luſt, deßhalb länger zu bleiben. Halb geblendet, halb verwirrt, ſowohl phyſiſch als moraliſch, fanden wir uns mühſam in den Straßen zurecht; aber ſelbſt in ijenen Augenblicken vergaß John nicht, mich zu unter⸗ — 157— ſtützen. Endlich ſtanden wir ſtill, und uns an einen Pfeiler lehnend, der eine von dem halben Dutzend Oellampem trug, welche die Stadt erleuchteten, ſuch⸗ ten wir unſer geiſtiges Gleichgewicht wieder zu ge⸗ winnen. John gelang es zuerſt; er ſtrich mit der Hand über die Stirn, ließ ſie durch die erfriſchende Nacht⸗ luft kühlen und holte tief Athem. Er ſchien mir aber bleich auszuſehen. Ich rief:„John!“ Er wandte ſich zu mir und legte ſeine Hand auf meinen Arm.„Was ſagen Sie? Friert Sie?“ „Nein.“ Er legte dennoch ſeinen Arm um meine Schultern, um mich vor dem Winde zu ſchützen. „Nun,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,— „wir haben unſer Vergnügen gehabt, und es iſt jetzt vorüber; wir müſſen nun aber auch wieder in das alte Geleiſe zurückkehren. Ich bin begierig, zu wiſſen, wie ſpät es iſt.“ Die Glocke des nächſten Thurmes antwortete ihm durch den hellen Klang, der ſich über die ſtille Stadt verbreitete. Ich zählte die Schläge— es war eilf Uhr. Lampe an. Bis zu dieſem Augenblicke hatte Keiner Erſchrocken ſahen wir uns bei dem Lichte der — 158— von uns an die verfloſſene Zeit gedacht. Eilf Uhr! Wie ſollten wir noch in dieſer Nacht nach Norton Bury zurück kommen? Denn freilich, nun die Aufregung vorüber war, fühlte ich mich ſchwächer und elender denn je, und meine Glieder verſagten mir den Dienſt. „Was ſollen wir nun thun, John?“ „Was? nun das wird ſich bald zeigen. Sie können und ſollen auch nicht gehen; wir müſſen einen Wagen miethen und nach Hauſe fahren. Ich habe Geld genug bei mir, mein ganzes monatliches Gehalt, ſehen Sie!“ er griff in ſeine Taſchen, und zwar in eine nach der andern; aber plötzlich ward er bleich und rief:„Was? Wo iſt mein Geld geblie⸗ ben?“ Wo, das war die Frage, denn daß es fort war, blieb unzweifelhaft, wahrſcheinlich in dem großen Gedränge geſtohlen, ja man konnte wohl nicht mehr daran zweifeln. Und ich hatte nicht einen Groſchen, ich brauchte ſelten Geld, trug alſo beinahe nie Etwas bei mir. „Würde uns nicht irgend Jemand Etwas leihen?“ fragte ich. „Ich habe in meinem ganzen Leben nie den Verſuch gemacht, und wollte ich mir nun gar einen Wa⸗ gen und ein Pferd leihen, dann würde manmich hübſch — 159— auslachen.— Warten Sie, ja, ich will doch noch einen Verſuch machen.“ Er kam zwar nicht ſogleich, aber nach einer Weile wieder zurück und nahm mit einem ſorgloſen Lachen meinen Arm. „Es hilft Nichts, Phineas, ich habe geſehen, daß ich keine ſo angeſehene Perſon bin als ich mir einbildete. Aber was bleibt uns nun übrig?“ Ja, was ſollten wir anfangen? Wir ſtanden da, zwei freundloſe Jünglinge ohne einen Pfennig in der Taſche, und dabei zehn Meilen vom Hauſe entfernt. Wie ſollten wir um Ritternacht dorthin zurückkommen, das war eine ernſte Frage. Wir be⸗ riethen uns einige Augenblicke, dann ſagte John beſtimmt: „Wir müſſen uns ſchon zu finden ſuchen und aufbrechen. Jeder Moment iſt für uns koſtbar. Ihr Vater wird ſo ſchon denken, daß uns ein Unglück begegnet iſt. Kommen Sie, Phineas, ich will Ihnen aufhelfen.“ Seine kräftige, muntere Stimme, verbunden mit der Nothwendigkeit der Umſtände, gaben meinen Nerven neues Leben. Ich ſtützte mich auf ſeinen Arm und wir ſchritten muthig durch die ſchlafende Stadt und eine oder zwei Meilen weiter auf der großen Straße, die nach Norton Bury führt. Es — 160— wehte eine kühle, erfriſchende Luft, und mir ſcheint immer, als könne man in der Nacht weiter und beſſer gehen als am hellen Tage. Eine Zeit lang hörte ich aufmerkſam dem Geſpräche John's zu, der mir von den Sternen erzählte, denn er hatte ſich in letzter Zeit neben andern Studien auch mit der Aſtronomie beſchäftigt; dann riefen wir uns alle Ereigniſſe des heutigen Tages gemeinſam zurück und ich fühlte kaum eine Anſtrengung oder Er⸗ müdung. Aber nach und nach übermannte ſie mich; meine Schritte wurden immer langſamer und ſchwerer, ſelbſt die ſüße Sommernacht⸗Luft gewährte mir keine Erfriſchung. John ſchlang ſeinen jugendlichen Arm kräftig und ſtark um meine Taille, und ich konnte, ſo unterſtützt, noch eine Weile weitergehen. „Halten Sie ſich noch etwas aufrecht, Phi⸗ neas! Hier iſt ein Heuſchober ganz in der Nähe. Ich wickle Sie in meinen Rock und Sie können dort eine Weile ausruhen. Eine oder zwei Stunden mehr thun nun auch Nichts zur Sache, und wir ſind doch bei Tages Anbruch zu Hauſe.“ Ich bejahte es mit ſchwacher Sumu Aber mir kam es vor, als würden wir nie nach Hauſe gelan⸗ gen, wenigſtens ich nicht. Eine kurze Strecke ſchleppte ich mich noch fort, oder ward vielmehr fortgezogen; dann aber ſchwanden die Sterne über mir, die dunklen Felder und die ſich dazwiſchen ſchlängelnde weiße Landſtraße vermiſchten ſich vor meinen Augen, und ich verlor das Bewußtſein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich an einem kleinen Bache, dicht bei der Straße, und mein Kopf ruhte auf John's Knieen, der meine Stirn ſanft benetzte. Ich konnte ihn nicht ſehen, hörte aber ſein unterdrücktes Aechzen. „David, betrüben Sie ſich nicht, mir wird gleich wieder ganz wohl ſein.“ „Oh Phineas, Phineas! ich glaubte, ich hätte Sie getödtet.“ Er fügte weiter Richts hinzu, aber ich glaube, er wollte unter dem Schatten der Nacht Etwas ver⸗ bergen, worüber ſich ſein männlicher Charakter ſchämte. Thränen entfielen ſeinen Augen, er brauchte ſie nicht zu verheimlichen. Ich verſuchte mich zu erheben, denn ich ſah einen leiſen Schimmer, der ſich von Oſten her zeigte. „Iſt das ſchon Tagesanbruch? Wie weit haben wir noch bis Rorton Bury?“ „Nicht ſehr weit; aber Sie ſollen keinen Schritt weiter gehen. Ich werde Sie tragen.“ „Unmöglich!“ John Halifar. 1. 11 — 162— „Unſinn! Ich habe es bereits ſchon eine halbe Meile weit gethan. Kommen Sie!“ und mir mit einer Handbewegung zeigend, was ich dabei zu thun hätte, mußte ich ſeinem Willen folgen. Welche Macht ihn unterſtützte, weiß ich nicht, aber ſo viel bleibt gewiß, er trug mich, natür⸗ lich mit Unterbrechungen, während welcher ich zu⸗ weilen eine Viertelmeile oder weniger ging, den ganzen Weg bis Norton Bury. Das Tageslicht verbreitete ſich immer mehr und mehr, und als wir bleich und erſchöpft meines Vaters Thür erreichten, warfen die blaſſen Strahlen der Morgenſonne ihren Schein bereits auf die Sommer⸗ landſchaft. „Gott ſei gedankt!“ flüſterte John, als er mich am Fuße der Treppe niederſetzte.„Da ſind Sie glücklich zu Hauſe.“ „Und Sie? Sie werden doch mit kommen und mich hier nicht verlaſſen?“ Er blieb einen Augenblick in Nachdenken ver⸗ ſunken, dann ſagte er:„Nein!“ Wir ſahen ungewiß zum Hauſe hinauf. Nie⸗ mand war dort zu entdecken, und die feſt verſchloſſe⸗ nen Fenſter mußten uns glauben laſſen, daß der ſtille Haushalt gegen die ſonſtigen frühen Gewohn⸗ heiten in Norton Vury noch in tiefen Schlaf vet⸗ — 163— ſunken ſei. Es dauerte ſelbſt eine lange Zeit, ehe John's ſtarkes Klopfen beantwortet ward. Ich war zu ermüdet, um überhaupt viel zu empfinden, doch weiß ich nur, daß dieſe fünf Minuten mir wie eine Ewigkeit erſchienen. Ich würde ſie gewiß nicht ertragen haben, wenn nicht John's Stimme mir nahe geweſen wäre. „Muth,“ rief er mir zu,„Muth; ich werde alle Schuld auf mich nehmen. Wir haben doch gerade keine Sünde begangen und dagegen unſern Leicht⸗ ſinn theuer bezahlt. Alſo faſſen Sie Muth.“ Nachdem fünf Minuten vergangen waren, öff⸗ nete mein Vater die Hausthür. Er war in ſeinem täglichen Anzuge, ſah auch aus, wie wir gewohnt waren ihn zu ſehen, und ob er ſich um uns geäng⸗ ſtigt hatte oder aufgeblieben war, um uns zu erwar⸗ ten, konnte man nicht entdecken; auch habe ich nie Etwas darüber erfahren. Er ſagte nicht eine Sylbe, öffnete nur die Thür, ließ uns eintreten und verſchloß ſie wieder hinter uns. Aber wir konnten in ſeinem Geſichte leſen, daß er bereits Alles wiſſe. Dem war auch ſo; ein Nachbar, der von Coltham zurückkehrte, hatte ſich die Mühe gegeben, Abel Fletcher mitzutheilen, wo er ſeinen Sohn geſehen habe freilich an dem letzten — 164— Orte, wo man eines Quäkers Sohn zu ſehen erwar⸗ tete, im Schauſpielhauſe. 3 Wir wußten ſehr wohl, als mein Vater uns in das Wohnzimmer führte und die Fenſterläden öffnete, damit das helle Licht des Tages uns noch mehr be⸗ ſchämen ſollte, daß es ſich nicht darum handelte, die Wahrheit durch uns zu erfahren, ſondern daß er unſere Ausſagen prüfen wollte, als er mit ſrengem Tone frug: Phineas, wo biſt Du geweſen?“ John antwortete für mich:„In dem Theater von Coltham. Es iſt allein durch meine Schuld geſchehen, denn er that es nur, weil ich dorthin zu gehen wünſchte.“ „Und weßhalb hatteſt Du den Wunſch?“ „Weßhalb?“ Die Antwort ſchien ihm nicht leicht zu werden.„Ach! Mr. Fletcher, find Sie nie⸗ mals jung geweſen, wie ich es jetzt bin?“ Mein Vater antwortete nicht, und John ſchien mehr Muth zu gewinnen. „Es war, wie geſagt, mein Fehler allein. Es mag unrecht geweſen ſein— ich ſehe es jetzt ein— aber die Verſuchung war zu groß. Mein Leben hier iſt ſo einförmig, ich habe mich ſchon lange nach einem kleinen Vergnügen geſehnt, oder doch nach einer klei⸗ nen Veränderung.“ „Die ſoll Dir werden!“ Dieſe Worte, ſo ruhig und langſam ſie auch geſprochen wurden, erſchreckten uns Beide tödtlich. „Und wie lange haſt Du ſchon dieſen Vorſatz gehegt, John Halifax?“ „Nicht einen Tag, nicht eine Stunde vorher, es war ein plötzlicher Gedanke.“(Mein Vater ſchüt⸗ telte ſein Haupt ungläubig..„Sir! Abel Fletcher, habe ich Euch je belogen? Wollen Sie mir nicht glauben, ſo glauben Sie wenigſtens Ihrem Sohne! Fragen Sie Phineas. Nein— nein, fragen Sie ihn nicht!“ Und in größter Angſt ſtürzte er nach dem Sopha, auf das ich hingefallen war.„Oh Phineas, wie grauſam bin ich gegen Sie geweſen!“ Ich verſuchte ihn anzulächeln, da ich kaum ſprechen konnte. Doch ſchob mein Vater John bei Seite. Junger Mann, ich kann meinen Sohn allein pflegen. Du ſollſt ihn von jetzt an auf keine ſchlechten Wege mehr führen. Geh' ich habe mich in Dir geirrt.“ Es wäre eher zu ertragen geweſen, hätte mein Vater heftig und in der Sprache und Ausdrucksweiſe der Weltleute uns geſcholten; aber dieſe ruhigen, kalten und unwiderruflichen Worte:„Ich habe mich in Dir geirrt,“ waren zehn Mal ſchrecklicher. John ſchlug ſeine Augen beſchämt zu ihm auf, aller Stolz war aus ihnen verſchwunden. „Ich wiederhole es, ich habe mich in Dir geirrt. Du ſchienſt ein Knabe nach meinem Herzen zu ſein, ich traute Dir und an dieſem Tage wollte ich Dich auf den Wunſch meines Sohnes als Lehrling bei mir eintreten laſſen, um Dir dann in gehöriger Zeit einen Antheil an dem Geſchäfte zu geben. Nun aber—“ Es folgte eine ſtumme Pauſe. Endlich flüſterte John leiſe und gebrochenen Herzens:„Ich verdiene es. Ich bin wohl entlaſſen, und kann mir mein Brot wo anders zu verdienen ſuchen? Soll ich gehen?“ Abel Fletcher zögerte mit der Antwort, ſah den armen Jüngling an, der vor ihm ſtand— oh, Da⸗ vid, wie wenig ſahſt Du dir ähnlich— dann ſagte er:„Nein, das wünſche ich nicht, wenigſtens jetzt nicht!“ Ich ſchrie laut auf in der Freude meines er⸗ kichterten Herzens. John trat wieder zu mir heran und wir drückten uns die Hände. „John! Sie gehen doch nun nicht?“ „Nein, ich will bleiben, um meinen Charakter in den Augen Ihres Vaters wiederherzuſtellen. Seien Sie ruhig, Ph ras, ich trenne wich nicht von Ihnen.“— — 167— Junger Mann, das müſſen Sie dennoch!“ „Aber „Phineas, ich habe es einmal geſagt. Ich be⸗ ſchuldige ihn weder eines Verbrechens, noch einer Ehrloſigkeit, aber ſchwach und den Verſuchungen der Welt nachgebend, iſt er ſo ſelbſtiſch, daß er Andere auch noch verführt. Deßhalb kann ich ihn wohl als meinen Schreiber behalten, aber niemals als den Begleiter meines Sohnes.“ Wir wußten wohl, daß dies„Niemals“ unwi⸗ derruflich war. Und doch verſuchte ich verzweiflungsvoll dagegen anzukämpfen. Ich hätte eben ſo gut eine Stein⸗ mauer mit meinem Körper umwerfen wollen. John rührte ſich nicht. aſſen Sie es, Phineas,“ flüſterte er zuletzt. „Betrüben Sie ſich nicht um mich. Ihr Vater hat Recht, wenigſtens nach ſeiner Anſicht. Laſſen Sie mich ruhig gehen, vielleicht komme ich nach einiger Zeit wieder. Wenn nicht—“ Ich ſtieß bittere Worte aus; ich wußte kaum, was ich ſagte. Mein Vater ſchien nicht darauf zu achten, er öffnete nur die Thür, um Jael zu rufen. Da gewann ich noch ſo viel Kraft, um John noch einige Worte zu ſagen, ehe die alte Frau kam. —— —— — 168— „Leben Sie wohl! Vergeſſen Sie mich nicht! Gewiß nicht?“ „Gewiß nicht!“ ſagte er.„Und lebe ich, ſo werden wir auch ſpäter wieder Freunde ſein. Leben Sie wohl, Phineas!“ Und er war verſchwunden. Obgleich er ſein Wort hielt und in der Loh⸗ gerberei blieb, ich auch von Zeit zu Zeit zufälliger Weiſe von ihm hörte, ſo ſah ich doch von dieſem Tage an während zweier langer, langer Jahre John Halifax nicht ein einziges Mal wieder. Sirbentes Rapitel. Es war das Jahr 1800 in allen engliſchen Familien unter dem Namen des theuren Jahres bekannt. Das jetzige Geſchlecht hat von jener ſchreck⸗ lichen Zeit keinen Begriff. Krieg, Hunger und Auf⸗ ſtand gingen Hand in Hand denſelben Weg, und Niemand war da, der ſie aufzuhalten vermochte. Denn es beſtand eine große Kluft zwiſchen den höhern und niedern Klaſſen; der Reiche gewann immer mehr Gewalt über den Armen, der Arme haßte den Reichen, aber unterlag ihm zu gleicher Zeit. Keiner aber beſaß ſo viel chriſtlichen Sinn, um kühn die Schranke, die ſie trennte, zu überſchreiten, und dem Niedrig⸗ geborenen ſeine Manneswürde, dem Hochgeborenen ſeine Ehre an das Herz zu legen und ſo Beide zur That außzufordern. — Die Sorge, die überall ihr Haupt erhob, erreichte auch unſere ſtille Stadt Rorton Bury. Mich berührte ſie noch nicht perſönlich, da ſie ſich dem Heiligthume unſeres Hauſes nur von Außen wie ein Vogel böſer Vorbedeutung nahte, während ich und die Geduld unſere Tage einſam im Innern verlebten. Ach, dieſe zwei Jahre waren hart und ſchwer für mich! Obgleich ich körperlich viel litt, ſo daß man mich ſelten an den Sorgen der Welt Theil nehmen ließ, empfand ich doch unausgeſprochen, daß es eine traurige Zeit ſei. Jael klagte über ihre einge⸗ ſchränkte enge Haushaltung, oder lobte ihre Erfin⸗ dungskraft beſonders, durch die ſie allein auskommen könne, und die Stirn meines Vaters ward immer düſterer, ernſter und ſtrenger, ja oft ſo böſe, daß ich meinen höchſten Wunſch nicht mehr auf das Spiel ſetzen mochte, denn äußerlich und innerlich blieb es der ſtete Kampf meines Lebens, mir John Halifax wiederzuerobern. Er war noch immer Schreiber meines Va⸗ ters, ja ich mußte oft glauben, daß er in deſſen Vertrauen wie in den ihm übertragenen Pflichten vorſchreite; denn ich hörte von längeren Reiſen, auf die er durch ganz England geſandt werde, um Korn aufzukaufen; denn Abel Fletcher hatte zu dem — 271— Beſitze ſeiner Lohgerberei noch den einer Waſſermühle hinzugefügt, deren ſtetes Geräuſch und Geſchwirr uns in unſerer Jugend zur Gewohnheit geworden war. Doch ſprach mein Vater nie von jenen Ab⸗ weſenheiten, wie er überhaupt nur ſelten John's Erwähnung that. Er mochte ihm aber auch noch ſo ſehr in Geſchäftsbeziehungen vertrauen, ja ihn gebrauchen, ich wußte ja doch, daß er in jeder andern Richtung unerbittlich ſei. Und John war eben ſo ſtreng als er. Er hätte keine geheime oder unerlaubte Freundſchaft zwiſchen uns geſtattet, ſelbſt nicht um meinetwillen, und ich wußte ganz genau, daß, wenn er nicht meines Vaters Schwelle mit Ehren offen, ja ſtolz überſchreiten könne, er ſie nie betreten werde. Zwei Mal nur hatte er mir in jener Zeit ge⸗ ſchrieben; zu meinem Geburtstage waren mir durch meinen Vater die Briefe unverſiegelt übergeben worden. Sie ſagten mir, was ich auch ohnedem wußte, daß er jetzt und für immer feſt bleibe in der Freundſchaft für mich. Weiter fügte er Nichts hinzu. Etwas Anderes fiel mir noch auf; ich bemerkte, daß ein kleiner Knabe, Jem Watkins, auf den der ſchwere Dienſt des verſtorbenen Bill gefallen war, ſich nach und nach in unſerem Hauſe eingebürgert hatte, halb als Laufburſche, halb als Gartengehülfe, und da er ſchnell und gelehrig war, ſo nahm ihn Jael in ihren beſondern Schutz. Dabei ſah ich bald, wie der beſagte kleine Jem, wenn er im Hauſe oder im Garten in meine Nähe kam, der vortreff⸗ lichſte kleine Page war, den ein Kranker nur finden konnte; er ſchien inſtinktmäßig alle meine Bedürf⸗ niſſe und die mir angenehmen Dienſte zu errathen, und erfüllte ſie mit der größten Hingebung, was mich zuerſt überraſchte und oft langweilte. Aber ſpäter erkannte ich es beſſer. Der Sommer verſtrich, und mit ängſtlichen Blicken ſah das Volk auf die ſchlechtſtehenden Korn⸗ felder, wie Jael mir erzählte, wenn ſie von ihren Nachmittagsſpaziergängen heimkehrte;„es ſei jäm⸗ merlich mit anzuſehen,“ verſicherte ſie,„wir wären doch erſt im Juli und doch koſte das Korn doppelt ſo viel wie ſonſt, und das Mehl ſei kaum zu be⸗ zahlen.“ Und dann ſah ſie auf unſere Kornmühle hinüber, wo an verſchiedenen Tagen in der Woche das Waſſerrad eben ſo unbeweglich wie ſonſt an Sonntagen ſtand; denn mein Vater verbrauchte nicht gleich das gekaufte Korn, ſondern hob es auf, weil er nach ſeiner Erfahrung an eine ſchlechtere Ernte als die letzte glaubte. Aber wenn auch Jael Richts ſagte, ſo fielen ihre Blicke doch oft auf die Mühle —— und ſie konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. Und nachdem ſie eines Tages ſehr aufgeregt eintrat und ſagte, es wäre ein Auflauf vor der Mühle entſtan⸗ den, den der junge Mann John Halifax durch ſein Zureden auseinandergebracht hätte, erlaubte ſie mir nicht einmal mehr, meinen ſeltenen Spaziergang in dem Schatten der Bäume des Abteigartens zu machen; auch würde ſie mir gewiß nicht geſtattet haben, auf unſerer Gartenmauer zu ſitzen und den ruhigen Lauf des Avon zu beobachten, hätte ſie es verhindern können. An einem Sonntage, es war der 1. Auguſt, denn mein Vater war von der Brüder⸗Verſamm⸗ lung viel ſpäter als gewöhnlich zurückgekehrt, weil er, wie Jael verſicherte, ſeiner Gewohnheit gemäß, an dieſem ſeinem Hochzeitstage nach dem Kirchhofe der Brüder in St. Mary's Straße geweſen ſei, wo, fern von ihren eigenen Verwandten und Glaubens⸗ genoſſen, meine arme junge Mutter begraben war; an dem genannten Sonntage fing ich zuerſt an zu begreifen, daß die Dinge ſchlecht ſtänden. Abel Flet⸗ cher ſaß bei Tiſche mit jenem trüben, harten Blicke, der ihn nicht mehr verließ, und einige ſchmerzliche Falten zeigten, daß er auch nicht ohne phyſiſche Leiden ſei. Denn trotz aller Enthaltſamkeit konnte er ſeinen angeerbten Feind, die Gicht, nicht ganz —— beſiegen, und dieſe Woche hatte ſie ihm hart zu⸗ geſetzt. Doctor Jeſhop kam herein und ich ſtahl mich glücklich genug fort und ſaß wohl eine Stunde auf meinem Lieblingsplatze im Garten müſſig, auf die Wieſen, die Weiden und das Ernteland blickend, wobei ich mehr als eine Eigenthümlichkeit der Land⸗ ſchaft denn als ein bedeutſames Ereigniß bemerkte, daß man das halbreife Korn bereits geſchnitten hatte, das, in dünne Garben zuſammengebunden, auf den Feldern umherlag. Nachdem der Doctor fortgegangen war, ließ mein Vater mich und ſeinen ganzen Haushalt zu ſich rufen, in deſſen Mitte, beſcheiden unter den Frauen ſtehend, ſich auch der kleine Jem befand. Daß Abel Fletcher nicht in ſeiner gewöhnlichen Stimmung war, ſah man ſchon daraus, daß ſeine Pfeife unangeraucht neben ihm auf dem Tiſche lag und ſein Krug mit Bier noch unangerührt daſtand, wenngleich der Schaum geſunken und das Getränk matt geworden war. Zuerſt wandte er ſich an Jael.„Frau, haſt Du heute unſer Mittageſſen bereitet?“ Sie bejahte die Frage mit Selbſtbewußtſein. „Du darſſt uns nicht mehr wie früher zu eſſen geben. Kein Kuchen, keine Paſteten, und nur ſo viel — 175— Weizenbrot als die höchſte Noth erfordert. Unſere Nachbarn ſollen nicht ſagen, daß Abel Fletcher Mehl in ſeiner Mühle und vollauf in ſeinem Hauſe habe, während der Hunger überall im Lande herrſcht. Alſo nimm Dich in Acht.“ „Ich ſoll mich in Acht nehmen?“ erwiderte Jael furchtlos.„Du kannſt nicht ſagen, daß ich einen Pfennig von dem Deinigen je verſchwendete. und was mich betrifft, ſo gebe ich gern den Armen. Vor einigen Tagen noch rief mir eine Frau nach, daß ich gutes Korn zu Stärke verſchwendete, heute, ſieh' mich an—“ Und mit einem krampfhaften Selbſtgefühl zeigte ſie auf die Bouffante, die ſonſt ſo ſteif und rund um ihren runzligen Hals ſtand, daß die Eignerin von vorn wie eine Kropftaube ausſah. Ach! die Schönheit und die Stärke, Beides war verſchwunden, und es blieb Nichts als ein altes vergelbtes und zerdrücktes Stück Mouſſelin. Arme Joel! ich wußte, dies war das größte perſönliche Opfer, das ſie bringen konnte, und doch mußte ich lächeln, ſelbſt mein Vater konnte es nicht unterdrücken. Hältſt Du Dich über mich auf, Abel Fietcher?“ rief ſie ärgerlich.„Predige nicht Andern, während die Sünde auf Dein eignes Haupt fällt.“ Ich bin überzeugt, daß die arme Jael durchaus — 176— keine ſcherzhafte Anſpielung im Sinne hatte, als ſie, ernſthaft vortretend, auf den ſeit Jahren getragenen Puder deutete, der ſich auf dem Kopfe ihres Herrn kaum von dem Schnee der Jahre unterſchied. Er ertrug den Angriff ernſt und ruhig, und ſagte nur: „Sei ſtille, Weib!“ „Nein, ſo lange nicht,“ fuhr Jael fort, den letzten und giftigſten Pfeil aus dem Köcher ihres Zor⸗ — nes hervornehmend,„als das arme Volk in Rorton Bury in Hunger und Schulden daliegt, während die reichen Leute ihren Weizen nicht eher verkaufen wollen, bis die Hungersnoth da iſt. Nimm Du Dich ſelbſt in Acht, Abel Fletcher!“ Mein Vater zuckte zuſammen, entweder durch die Gicht oder ſein Gewiſſen gequält. Dies ſehend, ließ Jael in ihrem Angriffe nach, ſchickte die übrigen Leute fort und pflegte ihren Herrn ſo ſorgfältig, daß man nicht glauben konnte, ſie habe ihn eben erſt beleidigen wollen. Bei ſeinen Gichtanfällen war mein Vater, in ſonſt bei Männern nicht gewöhnlicher Art, ſanfter, und er war um ſo leichter zu behandeln, je mehr er litt. Er hatte jetzt einen heftigen Schmerzanfall, der ihn ſehr erſchöpfte. Nachdem er ſich davon Etwas erholt hatte und wir Beide allein ſaßen, ſagte er: „Phineas, die Lohgerberei hat in letzter Zeit nicht viel eingebracht, und ich hoffte, die Mühle — würde es für ſie jetzt thun. Aber was nicht iſt, iſt nicht. Würdeſt Du Dich betrüben, mein Sohn, einſt nach meinem Tode etwas weniger zu haben?“ „Vater!“ „Nun wohl; dann will ich in einigen Tagen anfangen, meinen Weizen zu verkaufen, was mir der Junge ſchon lange gerathen, ja, um was er mich gebeten hat. Er iſt klug und ich werde alt. Er mag Recht haben.“ „Wer, Vater?“ frug ich ſcheinbar ungewiß. „Du kennſt ihn genugſam, John Halifax.“ Ich glaubte, es ſei das Beſte, Nichts mehr zu ſagen. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf, jetzt meinen Vater mehr und mehr zu erweichen. Am Montag Morgen ging mein Vater wie ge⸗ wöhnlich in die Lohgerberei. Ich blieb in meinem Schlafzimmer, das nach dem Garten hinaus lag, und von wo ich Nichts ſah als die Bewegung der Bäume und das Hüpfen der Vögel auf dem großen Grasplatze, Nichts hörte als den ſanften Klang der Abteiglocken, die Stunde für Stunde ſchlugen. Was in der Welt, in der Stadt, ja ſelbſt in den nächſten Straßen vorging, lag für mich ſo fern wie ein Traum. Zur Mittagszeit ſtand ich auf und ging hinunter, um meinen Vater zu erwarten; ich ſaß eine, zwei, John Halifax. I. 12 * 5— drei Stunden in vergeblicher Erwartung. Das ward mir befremdend, denn noch nie hatte er ſich ver⸗ ſpätet, ohne es durch einen Boten zu Hauſe wiſſen zu laſſen. Nach einiger Ueberlegung, ob ich auf ſeine Gewohnheiten ſo viel Werth legen dürfe, und nach einigen Rathſchlägen von Jael, die mehr Aengſt⸗ lichkeit verrieth als ein verdorbenes Mittageſſen ver⸗ diente, ſchickte ich Jem Watkins nach der Lohgerberei, um nach ſeinem Herrn zu fragen. Er kam mit ſchlechten Nachrichten zurück. Die kleine Gaſſe, die nach der Lohgerberei führte, war mit wüthenden Menſchen gefüllt; ſelbſt die Geduld unſerer ſtumpfen, verhungernden Armen in Norton Bury hatte zuletzt ihr Ende erreicht, ſie waren dem Beiſpiele vieler Andern gefolgt, und es war ein Brotaufſtand in der Stadt. Gott weiß, wie ſchrecklich ſolche Aufſtände ſind, wenn ein Volk in Verzweiflung ſich erhebt; nicht etwa in der wahnſinnigen, blutdürſtigen Einbil⸗ dung eines Vaterlandsgefühles, ſondern um Nah⸗ rung für ſich, Weiber und Kinder zu ſchaffen. Gott allein weiß, welche Wuth jedes einzelne Herz dieſer armen Bethörten erfaßte, die ſich zu einer Auflehnung vereinigten, wo jeder Mann ſeine Waffen in dem Gefühle trug, daß er nur zwiſchen — 15— — zwei Gewißheiten zu wählen habe, zu verhungern oder gehangen zu werden. 6 Der hieſige Aufſtand war nicht allgemein zu nennen. Norton Bury war kein großer Ort und es herrſchten dort vielfach Pocken und gefährliche Fieber, welche die Zahl der Armen numeriſch ver⸗ kleinerten. Jem verſicherte, die Unordnung herrſche hauptſächlich in der Gegend unſerer Mühle und der Lohgerberei. „Und wo iſt mein Vater?“ Jem wußte es nicht und ſah auch ziemlich ſo aus, als frage er nicht viel darnach. „Jael, wir müſſen gleich Jemand fortſchicken, der meinen Vater ausfindig macht.“ „Ich gehe ſelbſt,“ verſicherte Jael, die ſchon Mantel und Kappe in der Hand hielt. Trotz aller Einwendungen begleitete ich ſie natürlich. Die Lohgetberei ſtand verlaſſen da, der Zuſam⸗ menlauf hatte ſich getheilt; die eine Hälfte war vor unſere Mühle, die andere vor eine zweite gezogen, die etwas weiter unten am Fluſſe lag. Ich frug eine arme erſchrockene Arbeiterin, ob ſie wiſſe, wo mein Vater ſei? Sie glaubte, er ſei fortgegangen, um ſich militairiſche Hilfe zu holen. Aber Mr. Halifar ſei bei der Mühle; ſie hoffe, es werde ihm dort Nichts geſchehen. — 180— Selbſt in jenem Augenblicke der Sorge empfand ich ein Gefühl der Freude. Ich war beinahe drei Jahre nicht in der Lohgerberei geweſen, und wußte alſo nicht, daß John ſo hoch geſtiegen ſei, Mr. Holifax genannt zu werden. Es blieb mir Nichts übrig als hier die Rückkehr meines Vaters abzuwarten. Ich konnte mir nicht denken, daß er die Unvernunft begehen würde, nach der Mühle zu gehen; überdem wußte ich John dort. Mein Herz ward in ſchrecklicher Weiſe getheilt, indeſſen gebot mir die Pflicht, meinen Vater vorzüglich zu beachten. Jael ſaß entweder ſtill in dem Schuppen oder ging unruhig auf und ab zwiſchen den Gräben der Lohgerberei. Ich ging bis an das äußerſte Ende derſelben, von wo man nach der Mühle hinüber⸗ ſehen konnte. Was war das für eine halbe Stunde! Endlich ſank ich ermattet auf den Haufen Borke nieder, auf dem wir, John und ich, einſt als Knaben geſeſſen hatten. Er mußte nun über zwanzig Jahre alt ſein; ob er wohl verändert war? „O, David! David!“ ſeufzte ich ängſtlich, auf jeden Ton lauſchend, der von der Stadt herüber⸗ ſcholl,„was würde aus mir, wenn Dir ein Unglück geſchähe!“ — —— In dieſem Augenblicke hörte ich Schritte über den Hof kommen. Nein, es war nicht der Gang meines Vaters, es waren feſtere, ſchnellere, junge Schritte; ich ſprang auf. „Phineas!“ Was war das für ein Händedruck! Lange hielten wir uns mit beiden Händen feſt! Innig und ſtolz ſah ich zu ihm auf, in das noch immer kindliche Antlitz. Aber freilich, die Geſtalt war männlicher geworden. Für einen Augenblick vergaßen wir Alles in unſerer Freude, dann aber ließ er meine Hand los und frug ſchnell: „Wo iſt Ihr Vater?“ „Ich wünſchte, ich wüßte es. Man ſagt, er hole ſich Soldaten zum Schutz.“ Nein, gewiß, das würde er niemals thun. Ich muß mich aber nach ihm umſehen. Leben Sie wohl.“ „Noch nicht, lieber John!“ Ich kann nicht bleiben, ich kann es nicht!“ wiederholte er mit Beſtimmtheit,„ich muß gehen. „ Bedenken Sie Ihres Vaters Verbot.“ Und fort war er. Wenn mein Herz ſich auch dagegen auflehnte, ſo mußte ihm doch mein Gewiſſen Recht geben; es wunderte mich aber doch, daß er, der nie ſeinen eigenen Vater gekannt hatte, ſo ſtreng die Pflicht kindlichen Gehorſams übte. Ich dächte, das ſollte eine beſondere Warnung für alle Diejenigen ſein, die ſo ſtolz auf den Namen und die Würde eines Vaters ſind, ohne den Pflichten deſſelben in irgend einer Weiſe nachzukommen, wenn ſie ſehen, daß elternloſe Kinder oft die Heiligkeit dieſes Verhält⸗ niſſes lebendiger empfinden als Diejenigen, die noch das Glück in der Wirklichkeit genießen. Natürlich kann von Denjenigen nicht die Rede ſein, welche ſo geſegnet ſind, daß ſie dies Familienband in höchſter Vollkommenheit verwirklicht ſehen. Wenige Minuten ſpäter ſah ich ihn mit meinem Vater zurückkommen, ernſt und eindringlich auf ihn einredend. So ungewöhnlich es war, daß der alte Mann überhaupt auf Jemand hörte, und ſo ſichtlich er John's Gründe beachtete, ſchienen ſie ihn dennoch nicht zu überzeugen. Bekümmert aber, ſtarr wie ein Fels, ſtand er da, ſeinen kranken Fuß auf einen Haufen Felle geſtützt. Ich näherte mich ihm. „Phineas!“ rief mein Freund ängſtlich,„kom⸗ men Sie und helfen Sie mir;“ ein mißtrauiſcher Blick, den mein Vater auf uns warf unterbrach ihn einen ₰ —,— —,—— — 183— Augenblick; aber feſt und ſtolz dieſem Blicke begeg⸗ nend, rief er:„Rein, Abel Fletcher, Ihr Sohn und ich haben uns vor zehn Minuten zum erſten Male geſehen und nur wenige Worte gewechſelt. Doch können wir jetzt unſere Zeit nicht verſchwenden, um dieſe Sache zu erörtern. Phineas, helfen Sie mir Ihren Vater überzeugen, daß ſein Eigenthum ge⸗ rettet werden kann. Er will ſeine Zuflucht nicht zu den Geſetzen nehmen, weil er von der Brüderge⸗ meinde iſt. Vielleicht möchte es auch deßhalb unnätz werden, ſie in Anſpruch zu nehmen.“ „Richtig!“ erwiderte mein Vater mit einem bittern, bedeutungsvollen Lächeln. „Aber er könnte ſeinen Beſitz durch ſeine eige⸗ nen Leute vertheidigen laſſen und brauchte nicht ſelbſt nach der Mühle zu gehen, was er im Begriff ſteht zu thun.“ Ich hielt ſeinen Arm feſt.„Vater, geh' nicht!“ „Mein Sohn!“ erwiderte er mit einem jener eiſernen Blicke, wie ich ſie immer nannte, eine Mitgift ſeiner Natur, die vielleicht einſt hätte gemil⸗ dert werden können, aber nun zu einer feſten, ſtarren Gewohnheit geworden war, die in keine andere Form mehr gebracht werden konnte.„Mein Sohn, keine Gegenrede! Wer die mir gegenüber verſucht, der greift fehl. Hätten jene Geſellen noch ein oder zwei 181— Tage gewartet, ſo hätte ich meinen ganzen Vorrath von Weizen für einen geringen Preis verkauft; jetzt aber ſollen ſie Nichts von mir erlangen. Ich will ſie für eine andere Zeit Weisheit lehren. Geh' Du ruhig nach Hauſe, mein S auch Du, Jael, geh'!“ Doch Niemand folgte ſeinem Befehle. John hielt mich zurück, als ich meinem Vater folgen wollte. „Er thut es dennoch, Phineas, und nach ſeinem Charakter muß er es thun. Mit Gottes Hilfe will ich ſorgen, daß ihm kein Leid geſchieht, 2 gehen Sie nach Hauſe.“ Daran dachte ich natürlich nicht. Zum Glück war keine Zeit zum Streiten und unſer Geſpräch mußte bald endigen. Er folgte meinem Vater, und ich ihm. Jael verſchwand. Es ging ein Fußſteg von der Lohgerberei nach der Mühle, den Fluß entlang, den wir ſtillſchwei⸗ gend verfolgten. Als wir den Ort erreichten, war Alles leer; doch weiter ab hörten wir vom Fluſſe her einen Lärm und ſahen, daß eine große Anzahl Männer beſüſtigt war, unſere Gartenmauer nieder⸗ zureißen. „Sie denken, er iſt nach Hauſe gegangen,“ —— ⸗ S6 ———— — 185— flüſterte John;„wir wollen ihn hier um ſo ſicherer bewahren. Geſchwind, Phineas.“ Wir gingen über eine kleine Brücke, und John zog einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche, um uns durch eine kleine Thür in die Mühle einzulaſſen, den ein⸗ zigen Eingang zu derſelben, der von Innen verriegelt und dreifach verſchloſſen werden konnte. Er war in ſolchen Zeiten von großem Nutzen. Die Mühle zeigte ſich als ein ſonderbares, dum⸗ pfiges, einſames Gebäude, beſonders aber der Raum, in dem ſich das Räderwerk befand und deſſen Fuß⸗ boden der dunkle gefährliche Fluß ausmachte. Wir ſtanden hier eine Weile; da es keine Fenſter hatte, blieb es der ſicherſte Aufenthalt. Dann folgten wir meinem Vater zum oberſten Stockwerke, wo er ſein Korn Säckeweiſe aufgeſpeichert hatte. Es waren deren allerdings ſehr viele; in ſolchen Zeiten genug, ſich ein großes Vermögen zu machen, aber ein unſeliges Vermögen! „Ach, wie konnte mein Vater!“ „Still!“ flüſterte John.„Sie wiſſen, er hat es für ſeinen Sohn geſammelt.“ Aber während wir hier ſtanden und Abel Fletcher mit einem ernſten, trüben Lächeln ſeine goldenen Säcke zählte, hörten wir ein Hämmern und Klopfen an der untern Thür, die Aufrührer waren da!— ———— — 186— Elende Burſchen! Eine Hand voll armer verhun⸗ gerter Männer, die uns mit Steinwürfen und Drohungen überſchütteten. Ein Piſtolenſchuß hätte ſie wohl auseinander getrieben, aber meines Vaters Grundſatz, keinen Widerſtand zu leiſten, verbot ihm dies Mittel. So gering ihre Kräfte uns erſchienen, ſo lag doch eben ſo viel Furchtbares als Jämmerliches in dem dumpfen Geheul, das von Zeit zu Zeit zu uns heraufdrang. „Bringe Deine Säcke heraus! wir müſſen Brot haben!“ ſchrieen ſie. „Wirf Dein Korn herunter, Abel Fletcher!“ „Abel Fletcher wird es Euch hinunter werfen, Ihr Geſellen!“ ſagte mein Vater, ſich aus dem obern Fenſter herauslehnend, während ein Gemiſch von Flüchen und Triumphgeſchrei von unten antwortete. „Das iſt ſchön!“ rief John erfreut.„Dank, Dank, Mr. Fletcher; o! ich wußte, Sie würden zuletzt nachgeben.“ „Wußteſt Du das?“ ſagte mein Vater ſich kurz umdrehend. „Nicht weil man Sie zwingen könnte, noch um Ihr Leben zu ſchützen, aber weil Sie es ſelbſt für Recht halten!“ „ — 187— „Hilf mir bei dieſem Sacke!“ war ſeine ganze Antwort. Er war von ſchwerem Gewicht, doch für John's vervige, jugendlich kräftige Arme nicht zu groß. Er zog ihn in die Höhe. „Nun mach' das Fenſter auf; wenn auch die Scheiben zerbrechen, es ſchadet Nichts. Hinauf zum Fenſter, ſage ich Dir!“ „Aber wenn ich ihn da hinauf bringe, fällt der Sack in den Fluß. Das können Sie nicht, nein, das können Sie nicht wollen.“ „Hebe ihn auf das Fenſter, John Halifax.“ Aber John blieb unbeweglich. „So muß ich es ſelbſt thun!“ und bei der über⸗ großen Kraftanſtrengung, die er machte, fiel der Sack ihm gerade auf ſeinen lahmen Fuß. Durch den Schmerz zur Verzweiflung gebracht, denn ſonſt mag ich nicht glauben, mein alter Vater könne eine ſolche Handlung gethan haben, fühlte er ſeine Kräfte dop⸗ pelt und dreifach geſteigert, und in einem Augenblicke darauf hatte er den Sack halb durch das Fenſter geſchoben, und im nächſten hörten wir einen ſchweren Fall in den Fluß unter uns. Der koſtbare Weizen war im Angeſichte der verhungerten Aufrührer in das Waſſer geworfen! Ein Schrei der Wuth und Verzweiflung erhob ſich. — 188— Einige ſprangen in den Fluß, ehe die durch den Fall erregten Wellen ſich beruhigt hatten; aber es war zu ſpät. Ein ſcharfer Gegenſtand in dem Bette des Stromes hatte den Sack zerſchnitten und wir ſahen tauſend und tauſend tanzende Körner auf der Ober⸗ fläche des Avon ſchwimmen. Einige wenige der Männer ſchwammen oder gingen, ſo weit ſie ver⸗ mochten, hinein, hier und dort eine Handvoll erobernd, aber an dem Mühlrade ward der Lauf des Fluſſes ſchneller und der Weizen war bald gänzlich ver⸗ ſchwunden, außer was ſich noch in dem an das Land gezogenen Sacke befand. Und ſelbſt über dieſes Letzte fochten ſie wie die böſen Geiſter gegeneinander. Wir Beide, John und ich, vermochten dies nicht mit anzuſehen. Er hielt ſeine Hand über die Augen und flüſterte den Namen deſſen, den ich ihm trotz ſeiner Jugend weder unehrerbietig noch gedankenlos ausſprechen hörte. Es war ein Anblick, der jeden Einzelnen erſchütterte und zwang, den Vater des Menſchengeſchlechtes um Erbarmen anzurufen. Abel Fletcher ſaß auf ſeinen übriggebliebenen Säcken, in einer Erſchöpfung, die wohl nicht allein von phyſiſchem Schmerze entſtand. Nachdem der Pa⸗ roxysmus des Aergers vorüber war, konnte er, der immer ein rechtlicher Mann war, wohl nicht anders als über Das, was er gethan hatte, erſchrecken. Er — ſchien überwältigt, und zwar in einem Grade, der Gewiſſensbiſſe vorausſetzen ließ. John blickte bald zu ihm hinüber, bald wieder nach außen. Einen Augenblick horchte er ſchweigend auf den Lärm außerhalb des Hauſes, und ſich dann zu meinem Vater wendend, ſagte er: „Sir! Sie müſſen nun machen, daß Sie fort⸗ kommen, Sie haben nicht eine Minute übrig, ſonſt zünden ſie die Mühle an.“ „Laß es geſchehen!“ „Was? und Phineas iſt hier bei Ihnen?“ Mein armer Vater erhob ſich plötzlich bei mei⸗ mem Namen. Wir führten ihn die Treppe hinab, denn er konnte kaum mit ſeinem kranken Fuße gehen, und ſein ſonſt kräftiges Geſicht war bleich und ermattet vor Schmerz; doch kam kein Wort der Entgegnung über ſeine Lippen, noch verrieth eine Klage ſeine Leiden. Die Mühle war auf Pfeiler in der Mitte des ſchmalen Fluſſes gebaut, ſo daß von jeder Seite nur wenige Schritte über kleinen Brücken nach den beiden entgegengeſetzten Ufern führten. Die niedrige Thür, aus der wir gingen, lag nach der Seite von YNorton Bury zu, und zwar vor dem andern Ufer verſteckt, wo ſich die Aufſtändiſchen vereinigt hatten. — 190— Schnell verließen wir die Mühle und waren aus ihrem Geſichtskreiſe verſchwunden, indem wir den engen Pfad einſchlugen, der von dort nach der Loh⸗ gerberei führte. „Nehmen Sie meinen Arm, wir müſſen ſchneller gehen.“ 8 „Nach Hauſe?“ frug mein Vater, als ihn John ſchweigend weiter führte. „Nein, Herr! nach Hauſe nicht; das Volk wird eher dort ſein als Sie. Ihr Leben iſt nicht eine Stunde ſicher, oder Sie müſſen ſich entſchließen, Soldaten zu Ihrem Schutze zu verlangen.“ Abel Fletcher lehnte dies beſtimmt ab. Der ſtrenge alte Quäker hielt feſt an ſeinen Grundſätzen. „Dann müſſen Sie ſich Beide für einige Zeit verbergen. Gehen Sie auf mein Zimmer, dort werden Sie ſicher ſein. Reden Sie ihm zu, Phineas, um ſeinet⸗ und Ihretwillen.“ Doch meinem armen gebeugten Vater gegenüber bedurfte es keines Zuredens. John's und meinen Arm ergreifend, auf den er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben ſtützte, ließ er ſich von uns fort⸗ ziehen, wohin wir wollten. So ſtand ich denn nach langer Zeit abermals in Sally Watkins' Dachſtübchen, wo John Halifax ſeit dem Tage lebte, als ich ihn dort eingeführt hatte. —— — — — 361— Sally ahnte Nichts von unſerem Beſuche in ihrem Hauſe; ſie war fortgegangen, um ſich nach⸗ dem Aufſtande zu erkundigen. Niemand ſah uns als Jem, und auf Jem konnten wir wie auf einen Felſen bauen. Ich las dies ſchon in dem Lächeln, mit dem er, ſeine Mütze abnehmend,„Mr. Halifax“ grüßte. „Nun,“ ſagte John, das Bett glatt ſtreichend, damit ſich mein Vater gleich darauf hinlegen könnte, und mich in ſeinen Mantel hüllend.„Nun müßt Ihr Euch Beide ganz ſtill verhalten, Ihr müßt viel⸗ leicht die Nacht hier zubringen, und Jem ſoll ſogleich Licht und Etwas zu eſſen holen. Mr. Fletcher, ver⸗ ſuchen Sie ſich hier ſo gut wie möglich einzurichten.“ „Ja, ja.“ Es war ſeltſam, mit welcher Be⸗ ſtimmtheit, wenn auch im achtungsvollſten Tone, John ſprach, und wie ruhig mein Vater antwortete. „Und Phineas!“ er ſchlang ſeinen Arm um meine Schulter, wie in alten Zeiten,„denken Sie auch an ſich; ſind Sie etwas kräftiger geworden als Sie ſonſt waren?“ Ich drückte ſeine Hand, ohne zu antworten. Mein Herz hob ſich, als ich den ſonſt gewohnten ſo zärtlichen Ausdruck wieder hörte. Alles konnte ſich zum Beſten wenden, wenn nur mein David mir wieder gegeben ward. — 192— „Nun leben Sie wohl, ich muß eilen, fortzu⸗ kommen.“ „Wohin?“ frug mein Vater ſich erhebend. „Um zu verſuchen, das Haus und die Lohger⸗ berei zu retten; ich fürchte, wir werden die Mühle aufgeben müſſen. Rein, halten Sie mich nicht zurück, Phineas! ich bin von Allen gekannt und mir droht keine Gefahr. Uebrigens bin ich jung. Sorgen Sie nur hier für Ihren Vater. Ich komme zur rechten Zeit ſchon wieder“ Er ergriff nochmals zärtlich meine beiden Hände, ließ ſie dann los und ich hörte ihn die Treppe hin⸗ unter gehen. Es war mir, als ob ſich das Bimmr durch ſeine Abweſenheit verdunkelte. Der Abend verging entſetzlich langſam. Mein Vater, durch Schmerz erſchöpft, lag ſchlummernd auf dem Bette. Ich ſaß und beobachtete den Himmel über den Giebeln der Häuſer, welcher zwiſchen den alten Winkeln und Ecken immer denſelben hellen blauen Anblick gewährte. Ich vergaß halb und halb die Ereigniſſe des heutigen Tages, es ſchienen mir kaum zwei Wochen, ſtatt zwei Jahre, zwiſchen dem Augenblicke zu liegen, wo John und ich an dieſem Fenſter ſaßen und zuerſt unſern Shakeſpeare ſtudirten. Ehe es finſter ward, unterſuchte ich John's Zimmer genauer; es war bedeutend verändert. Die — 193— Einrichtung verbeſſert, und ſeine Erfindungsgabe hatte die kahle Bodenſtube zu einem traulichen Schlafzimmer umgewandelt. Eine Ecke war mit Bücherbrettern gefüllt, namentlich mit praktiſchen und wiſſenſchaftlichen Werken beſetzt. John's ganze Richtung ließ ihn der Tagesliteratur keinen beſon⸗ dern Geſchmack abgewinnen. Cowper, Akenſide und Peter Pindar waren ihm gleichgültig, und ich fand unter allen ſeinen Büchern keinen andern Poeten als eben Shakeſpeare. Außerdem verſuchte er ſich noch ſichtlich in ſeinen alten mechaniſchen Arbeiten. Da lag ein Teleſtop im Fenſter, deſſen Cylinder von Pappe gemacht war und in dem die Linſen erfinderiſch an⸗ gebracht ſchienen. Ein roher Teleſkopenſtänder von gewöhnlichem Tannenholze ſtand am äußerſten Vor⸗ ſprunge des Daches, wo das Feld der Beobachtungen befriedigend genug für den jungen Aſtronomen gewe⸗ ſen ſein mußte. Andere Fragmente von künſtlichen Handarbeiten, beſonders brauchbar zu Maſchinen, lagen in dem verkleinertſten Maßſtabe zerſtreut auf dem Boden umher, und auf einem Stuhle, gerade als ob er ſich am Morgen noch damit beſchäftigt habe, ſtand ein ſehr kleiner Webeſtuhl, doch vortreff⸗ lich in ſeiner Zuſammenſtellung, mit einigen bereits John Halifax. I. 13 194— gewebten Streifen darauf, das dem Fabrikate des Tuches nicht unähnlich war. Ich hatte jede Kleinigkeit genau betrachtet, ohne zu ſehen, daß mein Vater erwacht war und mit ſeinem ſcharfen Auge das Alles ebenfalls bemerkte. „Der Junge arbeitet tüchtig,“ ſagte er halb für ſich.„Er hat geſchickte Hände und einen klaren Kopf.“ Ich lächelte, aber gab weiter nicht darauf Achtung. Der Abend endigte, freilich in nicht ſo fried⸗ licher Weiſe wie gewöhnlich in Norton Bury; denn wenn ich ab und zu das Fenſter zu öffnen wagte, ſo drangen unglückverheißende fremde Töne von der Stadt zu uns herauf. Ich zitterte innerlich. Indeſſen, John war ja vorſichtig und tapfer; überdem kannte ihn ja Jedermann. Gewiß, ihm geſchah nichts Böſes. Gewiſſenhaft trat Jem zur Zeit der Abend⸗ mahlzeit ein; doch konnte er uns keine Nachrichten bringen, denn er hatte auf den Wunſch von Mr. Halifax die ganze Zeit auf der Treppe Wache gehal⸗ ten, wie er mir ſagte. Mein Vater ſprach gar nicht, frug ſelbſt nicht nach der Mühle. Nach ſeinem Ausſehen zu urtheilen, konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, ſeine Phantaſie führe ihm jene hungrigen Menſchen vor Augen, die ſich um das koſtbare Gut ſtritten, das ſo eigen⸗ ſinniger, ja ungerechter und heftiger Weiſe vergeudet —— — 495— ward. Gott verzeihe mir, daß ich, ſein eigner Sohn, dies harte Wort gebrauche; aber ich bin überzeugt, daß der ſchreckliche Anblick meinen armen Vater bis zu ſeinem Todestage nicht wieder verließ. Jem ſchien zum Sprechen aufgelegt. Er be⸗ merkte, daß der Herr wieder wohler ausſähe, und frug, ob dies nicht ein nettes Zimmer ſei. Ich lobte es, und hoffte, es gehe ſeiner Mutter jetzt auch beſſer. „Gewiß. Mr. Halifax zahle ihr höhere Miethe und ſie ſuche ihm Alles angenehm zu machen. Frei⸗ lich brauche er nicht viel, da er beinahe alle Tage fort ſei.“ „Was? arbeitet er denn des Nachts?“ „Er lernt,“ ſagte Jem mit wichtiger Miene, „er iſt entſetzlich klug. Aber bei alle Dem lehrt er Charley und mich zuweilen noch ein wenig leſen. Er iſt gar zu gut gegen uns und gegen unſere Mutter auch. Sie ſagt, daß ihr Mr. Halifar—“ „Schicke den Knaben fort, Phineas,“ murmelte mein Vater, ſich nach der Wand umdrehend. Ich gehorchte, aber frug doch Jem erſt leiſe, ob er keine Ahnung habe, wann Mr. Halifar zurück⸗ kommen würde. „Er ſagte, es könne wohl bis gegen Morgen dauern. Es iſt ein böſes Volk da draußen. Er 13 — 5 wolle die Nacht abwechſelnd vor Ihrem Hauſe oder in der Lohgerberei bleiben, er fürchtete„Feuer.““ Dies Wort erſchreckte meinen Vater, denn er kannte nur zu wohl dies Ende aller Aufſtände. „Mein Haus! meine Lohgerberei! ich muß gleich ſelbſt aufſtehen; komm', hilf mir. Er muß doch zurückkommen, der Junge, der Halifax. Das ſoll meinen Arbeitsleuten angeſchrieben werden, dem Wilkes und Johnſon, und Jacob Baines, ja, ich ſage es. Aber Du weißt ja von Nichts, Phineas!“ Er verſuchte ſich anzukleiden und ſeine ſchweren Schuhe überzuziehen; doch fiel er vor Schmerz und Ermattung zurück; ich half ihm, ſich wieder nieder⸗ zulegen. „Phineas! Kind!“ ſagte er ganz zuſammen⸗ gebrochen,„Dein alter Vater iſt ſo hilflos geworden wie Du ſelbſt.“ So wachten wir die ganze Nacht hindurch zu⸗ ſammen, zuweilen wohl einſchlummernd, doch bei dem leiſeſten Geräuſche auffahrend, oder das Flackern des langen Lichtdochtes erſchien uns wie Feuer, und unwillkürlich als das, was unſer Haus bedrohte. Dann und wann hörte ich wohl einzelne Worte, die mein Vater vor ſich hin ſprach:„Wenn der Junge nur in Sicherheit iſt!“ Ich ſagte Nichts, ich betete nur. So ging ein Theil der Racht vorüber. —— Ende des erſten Bandes. Druck von C. Roeßler in Grimma. .„———— 1 3 5 5— 1 ₰ 1 4. 7 1 15 * 8 9 10 1 3 4 16 17 1 — —————