Leihbibliothek 6 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen.. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. e 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Es war Mai geworden und die herrliche Land⸗ ſchaft am Karaſſu prangte im üppigſten Grün des Som⸗ mers; die Sonne ſchwellte bereits die grünen Trauben der Reben; ein Meer von heißem Duft ruhte auf den leuchtenden Blumen und Blüten, und wer dieſe duft⸗ und gluterfüllte Luft athmete, fühlte, auch ohne den Blick auf die fernen weißen Spitzen des Kaukaſus zu richten, daß er ſich ſüdlich von dieſer gigantiſchen Mauer befand, welche die Natur zwiſchen Europa und Aſien aufgerichtet; er fühlte, daß eine Region ihn umgab, in welcher die Sonne das Blut heißer und die Muskeln träger macht. Es war Nachmittag, und Sophia Brazow ſaß in jener von der Natur gebildeten Laube, in welcher Paul Ombrazowitſch damals vor ihren und Daniel's Augen jenes Schauſpiel mit der Schlange aufgeführt. Sie war allein; ihr Hut lag auf ihrem Schooße, und unter dem Mützelburg, Der Held von Garika. 1. 1 2 Hut hatten ſich ihre Hände über einander gelegt. Ihre Stellung und der Ausdruck ihres Geſichts verkündeten, daß ſie in Betrachtungen verſunken war. Wer kennt die Seele eines ſolchen Weibes und mag ſchildern, was in ihr vorgeht? Wir vermögen viel⸗ leicht zu errathen, von welchen Gefühlen und Gedanken ein reines, unſchuldiges Mädchenherz bewegt wird, denn es iſt uns ja vergönnt, auch Gott zu ahnen, der ſich in einem ſolchen frommen Herzen widerſpiegelt; wir ver⸗ mögen vielleicht, wenn auch ſchwerer, zu enträthſeln, wo⸗ von das Innere einer tief Geſunkenen erfüllt iſt, denn aus der Ahnung des Guten errathen wir vielleicht auch den Gegenſatz, das Laſter. Aber wer vermag einzu⸗ dringen in das Herz eines jener Weſen, die, wie Sophia Brazow, zu den Räthſeln der Natur gehören, jener We⸗ ſen, die bewegt und hingeriſſen werden von dem Wind des Augenblicks, die ihre Entſchlüſſe in Minuten wech⸗ ſeln, deren Herrin die Laune iſt und die ſelbſt nicht wiſ⸗ ſen, was ſie wollen, weil ihnen jene geheime göttliche Richtſchnur fehlt, die kein Verſtand erſetzen kann, die Tiefe des Gemüths? Sophia war das echte Muſterbild jener weiblichen Weſen, wie man ſie oft in Rußland und auch in Frankreich findet, wo eine oberflächliche Erzie⸗ hung, ein frivoler Umgangston und leichte Literatur all⸗ mälig den angeborenen Seelenadel verwiſchen, das — 3 natürliche Sittlichkeitsgefühl ſchwächen und an die Stelle wahrer, aufrichtiger und ſtarker Empfindung jene Ge⸗ fallſucht ſetzen, die ſich begnügt, mit äußerer Liebens⸗ würdigkeit und glänzendem Witz die Männer zu täuſchen und anzulocken, die nichts als erobern und das Eroberte eine Zeit lang genießen will und dann nach neuen Sie⸗ gen hinausflattert. Auch in dieſen Frauen ruht der gött⸗ liche Urgrund der weiblichen Natur. Aber er iſt über— wuchert von jenen glänzenden Schlingpflanzen der ge⸗ ſellſchaftlichen Koketterie; die Schmarotzergewächſe er⸗ ſticken den urſprünglichen Stamm. Es würde eines gan— zen und echten Mannes und ſeiner feſten Liebe bedürfen, um den trügeriſchen, gleißneriſchen Schmuck der ange⸗ lernten Erziehung herabzureißen und ein ſolches Weib zurückzuführen auf ihre wahre, urſprüngliche Reinheit. Aber wohl ſelten feſſelt die Kokette einen Mann, der eine ſolche Herculesarbeit beginnen und die Geliebte ſich ſelbſt zurückgeben möchte. Den Mann von echtem Ge⸗ müth und ſtarker Empfindung führt ſein ſicherer Blick gewöhnlich glücklich vorüber an jenen glänzenden Halb⸗ heiten, und naht er ſich ihnen, ſo wendet er ſich bald ab und ſucht ein reines Herz, denn wer kann wiſſen, ob das Gemüth der Kokette nicht bis in die Wurzel hinein vergiftet, ob eine Heilung noch möglich iſt? In Sophia's Umgebung befand ſich kein ſolcher 4 Hercules. Suchte ſie ihn? Zuweilen ja, aber nur ahnend, denn ſie wußte ja ſelbſt nicht, was ſie von den Beſſern ihres Geſchlechts unterſchied, von denen ſie nur wenige kennen gelernt. Zuweilen dämmerte ihr eine Ahnung auf, daß weder Paul noch Daniel die wahren Män⸗ ner ſeien, deren ihr Herz bedürfe. Aber ſie war zu wenig daran gewöhnt, in die Tiefen des Gefühls und Gedankens hinabzuſteigen, um den wahren Grund zu finden, weshalb weder Paul noch Daniel ihr genügten. Sie ſchalt ſich dann ſelbſt eine Närrin, die in Peters⸗ burg verwöhnt worden ſei. Und darin hatte ſie nach ihrer Art Recht. Sie war dort von Offizieren und Her⸗ ren des Hofs umſchwärmt und gefeiert worden wegen ihres Witzes, ihrer leichten Plaudereien, ihrer vertraulichen Art, ſich zu bewegen; umſchwärmt und gefeiert, weiter nichts, denn von einer Heirath, einer ernſten Verbindung hatte Niemand geſprochen; die Brazows waren nicht reich, ſonſt würde ja auch ſchon der Bruder nicht Nina Garika geheirathet haben, die freilich blendend ſchön, aber nichts weniger als geiſtreich und höchſtens leidlich gutmüthig war. So wog und wog ſie hin und her. Daniel liebte ſie, daran konnte ſie nicht zweifeln. Aber ihn heirathen, den langweiligen Schwächling? Auch Paul Ombrazo⸗ witſch liebte ſie, ſie mußte es wenigſtens glauben. Aber für ihn, den armen Major, war ſelbſt eine Gräfin Brazow . mit ihrem nicht bedeutenden Vermögen noch eine glän⸗ zende Partie. War der Major aufrichtig? Sie konnte ihm nicht unbedingt trauen. Aber er war intereſſant, energiſch, er verſtand es, ſie zu meiſtern, und das gefiel ihr. Er ließ zuweilen durchblicken, daß er des Schmach⸗ tens müde ſei; er hatte davon geſprochen, ſich verſetzen zu laſſen, und der Krieg bot Gelegenheit genug dazu. Sophia fühlte, daß es ihr auf der Stelle weh that, wo das Herz ſitzt, wenn ſie daran dachte, Paul Ombrazo⸗ witſch könne fortgehen, und ſie war geneigt zu glauben, daß auch ſie ihn liebe. Aber klar und beſtimmt konnte ſie es ſich ſelber nicht ſagen. Gab es doch Momente, in denen auch Daniel Garika ihr etwas entlockte, was der Sympathie ähnlich war. Sie wußte, daß die Stunde herannahte, in der ſie ſich entſcheiden mußte, und das machte ſie ſo nachdenk⸗ lich. Langweiliges Dari, wo man ſolchen Grübeleien nicht dadurch entfliehen konnte, daß man auf einen Ball oder in eine Oper ging! Sie wußte, daß ihr Bruder vor kurzem einen Brief von Daniel Garika erhalten, und ahnte den Inhalt deſſelben. Auch geboten die Um- ſtände entſcheidendes Handeln. Ganz Georgien war in der größten Aufregung. Von Südweſten her näherten ſich die türkiſchen Truppen. Von Norden her ſtieg Schamhl mit ſeinen Reitern die Berge herab; jeder Tag konnte den Krieg bis in die nächſte Nähe von Dari und Garika tragen. Michael Brazow, Commandeur einer Ab⸗ theilung Milizen, übte ſeine Truppen; Daniel, der ſelbſt⸗ ſtändig eine Abtheilung Milizen zu führen hatte, da ſein Commandeur erkrankt war, beſchäftigte ſich ebenfalls mit der Einübung ſeiner Schaar. Noch war von einer Gährung unter den einheimiſchen Truppen, von einem rufſenfeindlichen Geiſt nichts bemerkt worden, aber ein einziger bedeutender Sieg Schamyl's im Norden oder der Türken im Süden konnte Imerethien, Mingrelien und einen Theil Georgiens zur offenen Empörung trei⸗ ben. Die Zahl der rein ruſſiſchen Truppen, und zu dieſen gehörte die Dragonerſchwadron des Majors, war nicht bedeutend. Genug, der ſonſt ſo ruhige Boden ſchien vulkaniſch geworden zu ſein; Gefahren, die man längſt für beſeitigt gehalten, waren wieder nahe gerückt. Jedermann wußte, daß die Franzoſen und Engländer offene Verbündete der Türken geworden, und ſelbſt unter den Eingeborenen war die Macht jener weſtlichen Staa⸗ ten bekannt, und manche Hoffnung auf eine ſo gewaltige Hülfe mochte rege werden. Michael Brazow hatte ſeine Frau und Kinder und auch Sophia nach Tiflis ſchicken wollen, aber Nina war nicht zu bewegen geweſen, ſich von ihrem Gatten zu trennen, und deshalb war auch Sophia geblieben. Im Uebrigen konnte man ſich nicht 7 erinnern, daß die Tſcherkeſſen und Tſchetſchenzen es ge⸗ wagt hätten, bis zum Karaſſu vorzudringen und ihn zu überſchreiten. Deshalb ließ ſich hoffen, daß die Gegend von Garika auch diesmal von dem Lärm und den Greueln des Kriegs verſchont bleiben würde. Ein leichtes Räuspern ließ Sophia aufblicken. In der Nähe des Eingangs zu der Rotunde, welche die Bäume mit ihren Schlingpflanzen bildeten, ſtand ein Mann in der Tracht der Landbewohner, den Sophia ſogleich als einen Eingeborenen aus Kureli erkannte, deſſen ſich der Major zuweilen zu Sendungen bediente. Die Gräfin winkte ihn näher, und der Bote überreichte ihr ein klei⸗ nes zierliches Billet. Sophia kannte die Landesſprache genügend, um ihn zu fragen, ob er ſie bereits im Schloſſe geſucht habe. Der Bote antwortete, er ſei dort geweſen um dem Grafen ein größeres Schreiben des Majors zu überbringen, und habe erfahren, daß die Comteſſe ſich im Park befinde. Sophia öffnete das Billet. Es war nicht das erſte geheime, das ſie von dem Major empfing. Sie konnte dieſe kleinen Intriguen nicht entbehren, doch hütete ſie ſich, darin weiter zu gehen, als ſie für gut hielt, und ſie geſtattete dem Major keine größern Rechte, wenn ſie auch zuweilen ein heimliches Billet von ihm annahm, in welchem er einen zärtlichen, aber discreten Seufzer aus ſprach und vielleicht andeutete, daß er an dieſem oder jenem Tage nach Dari kommen werde und ſie zu finden hoffe Das Billet, das ſie heute empfing, enthielt mehr. „Theure Comteſſe“, ſchrieb der Major,„mit dieſen Zeilen zugleich erhält Ihr Bruder die Nachricht, daß wir den Feind zu erwarten haben. Ich weiß nicht, wie lange ich noch in Kureli bleibe, vielleicht kaum noch vierund⸗ zwanzig Stunden. Ich komme heute nach Dari hinüber; ich muß es, denn es iſt durchaus nothwendig, daß ich Sie ſpreche, und zwar allein. Zürnen Sie mir nicht, aber es muß ſein, und ich überlaſſe es Ihnen ſelbſt, mir die Gelegenheit anzudeuten, ſobald wir uns geſehen haben werden. Die gefährliche Lage, in der wir alle uns be⸗ finden, wird mich bei Ihrem Bruder entſchuldigen, wenn ich erſt ſpät am Abend nach Dari komme; um ſo leich⸗ ter wird es ſein, hoffe ich, zehn Miuuten mit Ihnen allein zu ſprechen. Ueberlegen Sie, wie ſich das thun läßt, und bedenken Sie, daß ich einen ſo großen Wunſch nicht ausſprechen würde, wenn ich dieſe Unterredung nicht für durchaus nothwendig hielte, mehr in Ihrem als in meinem Intereſſe. Ich halte die Terraſſe für den ge⸗ eignetſten Ort und werde zu jeder Zeit, die Sie beſtim⸗ men, dort ſein. Geben Sie mir Ihre Mittheilung ſchriftlich, falls es etwa nicht möglich wäre, daß wir uns allein ſpre⸗ chen könnten. In Tod und Leben der Ihrige! Paul O.“ —— — — ————— — S — Es war ein Ausdruck des Erſtaunens, gemiſcht mit Unwillen, der ſich in den Zügen Sophia's zeigte, als ſie das Billet las. Dieſe Forderung trat zu keck, zu ent⸗ ſchieden an ſie heran, als daß ſich ihr weiblicher Stolz oder richtiger vielleicht ihr weiblicher Widerſpruchsgeiſt nicht hätte regen ſollen. Der Major verlangte eine ge— heime, wahrſcheinlich nächtliche Unterredung. Das war anmaßend, aber es war auch kühn, und ſchon nach wenigen Minuten Ueberlegung verzieh ihm Sophia um ſeiner Kühnheit willen. Was ſie am Manne vor allem liebte, war Energie, und der Major zeigte ſie, ähnlich wie Daniel Garika ſie damals gezeigt hatte, als er Re⸗ chenſchaft und eine beſtimmte Antwort von ihr forderte, damals, als eine Ahnung in ihr aufgedämmert war, daß in dieſem Nachkömmling von Königen nicht alle Thatkraft erſtorben ſei. Der Major forderte; gut, es lag in Sophia's Hand, zu gewähren oder zurückzuweiſen. Sie wollte den Beſuch Paul's erwarten und dann einen Beſchluß faſſen Daß ihr der Major wirklich Mittheilun⸗ gen von Bedeutung zu machen habe, daran konnte ſie kaum zweifeln. Sie wußte, daß er die Intrigue liebte, und daß er nicht gezögert haben würde, irgend einen Vorwand zu erfinden, um einen beſtimmten Zweck zu erreichen. Aber ſo wie die Verhältniſſe jetzt lagen, mußte ſie annehmen, daß er die Wahrheit ſpreche. 10 Schon überlegte ſie, faſt ohne ſich deſſen bewußt zu werden, welcher Ort am geeignetſten für eine geheime Unterredung ſei, als ein Diener ihres Bruders erſchien und ſie bat, zu dem Grafen zu kommen, der ſie in ſeinem Zimmer erwarte. Sie glaubte, daß dieſe Aufforderung mit den Nachrichten in Zuſammenhang ſtehe, die Michael Brazow wahrſcheinlich von dem Major erhalten, und kehrte durch den Park nach dem Schloſſe zurück. In dem Augenblicke jedoch, in welchem ſie das Schloß betrat, hörte ſie den Hufſchlag eines Pferdes, das den Hof ver⸗ ließ. Sie trat an ein Fenſter und fragte einen Diener, wer ſo eben fortgeritten. Die Antwort lautete:„Prinz Daniel.“ „So war Daniel hier, ohne den Verſuch gemacht zu haben, mich zu ſprechen?“ fragte ſie ſich mit Be⸗ fremden. Er ließ doch ſonſt, wenn er auch in der letzten Zeit ſcheuer und zurückhaltender geworden, keine Gelegenheit vorübergehen, in ihrer Nähe zu ſein. Sollte die Aufforderung ihres Bruders mit dem Beſuche Da⸗ niel's zuſammenhängen? Langſamer, aber mit geſtei- gerter Erwartung ging ſie nach dem Zimmer ihres Bruders. Michael Brazow, der vor ſeinem Schreibtiſch ſitzend ſeine Schweſter empfing, war einer jener Männer, die man in der Geſellſchaft als vortreffliche Menſchen 11 bezeichnet, weil Sie Niemand hindern, durch nichts auffallen, durch nichts Eiferſucht erregen. Von ſchöner Geſtalt, regelmäßigem Antlitz, im beſten Mannesalter, erſchien er ſchon auf den erſten Blick als einer jener Soldaten oder Gutsbeſitzer, die nicht überreich mit Geiſtesgaben geſegnet ſind, aber durch ihre Gefälligkeit, ihren cordialen Umgangston, ihre oberflächliche Gutmü⸗ thigkeit ſich vortrefflich zu Geſellſchaftern eignen und nirgendwo ein Spiel verderben. Er war, ehe er Nina geheirathet, Offizier geweſen und commandirte, wie erwähnt, auch jetzt noch die Miliz der Landſchaft, in welcher Dari lag. Ein gutes Glas Wein, eine echte Cigarre, ein harmloſes Geplauder über das frühere Leben als Soldat und die ſich immer gleichen Thorheiten der Jugend waren das Höchſte, was er zu erſehnen ver⸗ mochte. Im Uebrigen war er ein guter Oekonom, und Dari hob ſich unter ſeiner Verwaltung von Jahr zu Jahr. Er nahm ſeine Frau, wie ſie war; es lag nicht in ſeiner Natur, große geiſtige Anſprüche zu machen, und da ſie ſchön und jung war, ſo hätte er nicht gewußt, was etwa an ihr auszuſetzen wäre. Gegen Sophia war er vorſichtig; er fürchtete ihren überlegenen Geiſt und ihren Spott und behandelte ſie mit großer Zuvorkommenheit, vermied jedoch gern ihre Geſellſchaft, in der er ſich gedrückt fühlte. Er wußte, daß ſie ihren eigenen Willen hatte, 12 und miſchte ſich deshalb höchſt ſelten in ihre Angelegen⸗ heiten. Genug, Michoel Brazow war von erträglichem Mittelgut. In jenen Gegenden jedoch, in welchen Un— wiſſenheit, gewaltthätiger Sinn, Hinterliſt und rohe Ge⸗ nußſucht noch ſo häufig unter der Ariſtokratie zu finden ſind, hätte man ihm ohne Bedenken die Bezeich⸗ nung eines der beſſern Glieder ſeines Standes geben müſſen. Der Graf hatte einige Briefe vor ſich liegen, in denen er las, erhob ſich aber ſogleich, als Sophia ein⸗ trat, und höflich, wie er ſtets gegen ſeine Schweſter war, reichte er ihr einen Seſſel und bat ſie, ihm gegen— über Platz zu nehmen. Seine Miene, für gewöhnlich ſorglos und ohne einen beſtimmten Ausdruck, zeigte eine gewiſſe Unruhe, ja ſelbſt Verlegenheit. Er fragte, wie das Wetter ſei, wie Sophia ſich befinde, genug. er ſchien nicht zu wiſſen, was er beginnen ſollte. Sophia glaubte ihm zu Hülfe kommen zu müſſen und fragte ruhig: „Du haſt mich rufen laſſen, Michael ich vermuthe, Du haſt mir etwas Beſonderes zu ſagen!“ awohl, Sophia. Zuerſt, daß ich einen Brief von dem Major erhalten, in welchem er meldet, daß Schamyl, dieſer unruhige Geiſt, ſich gegen die Militär⸗ ſtraße gewendet hat und, wie es ſcheint, gegen Tiflis 13 vorgehen will. Wir werden alſo in den nächſten Tagen Ordre zu erwarten haben, uns marſchfertig zu halten. Munition iſt, wie Du weißt, ſchon vor einigen Tagen in reichlichem Maße eingetroffen. Ich denke ernſtlich daran, Dich, Nina und die Kinder nach Tiflis zu ſenden.“ „Ich denke, Michael, wir ſind hier ſicherer als dort“, antwortete die Comteſſe.„Ich glaube nicht, daß Schamhl's Reiter ſich bis zu uns vorwagen werden. Ich halte es für beſſer, wir bleiben hier, ſo lange wenigſtens, als Du nicht Ordre erhältſt, in eine andere Gegend zu marſchiren.“ „Dann dürfte es zu ſpät ſein“, ſagte Michael. „Indeſſen, ich füge mich Eurem Wunſche. Ich halte es ſelbſt für wahrſcheinlich, daß die Tſchetſchenzen erſt nach dem Falle von Tiflis bis hierher vordringen werden, und bis dahin hat es noch gute Wege. Es iſt eine ſchlimme Zeit. Ein Bekannter ſchreibt mir aus Tiflis, daß man dort nicht ohne Beſorgniß um den Ausgang des Kampfes ſei, den der Czar in dem Glauben unter⸗ nommen, die Türkei würde iſolirt bleiben und ihm keinen Widerſtand leiſten können. Odeſſa iſt bombar⸗ dirt worden, die engliſche Flotte ſegelt auf Kronſtadt. Wir wiſſen kaum noch, wohin wir unſere Truppen ſchicken ſollen.“ „Das hat mir der Major vor einigen Tagen 14 ausführlich auseinandergeſetzt“, ſagte Sophia gleich⸗ müthig. Jawohl, ja, er weiß das Alles beſſer als ich“, erwiderte Michael Brazow.„Ich wollte nur andeuten, daß wir uns auch hier in einer ſchlimmen Lage befinden. Die Türken im Süden, Schamyl im Norden, die eng- liſche und franzöſiſche Flotte an der Küſte von Kolchis — es fehlt uns nur noch ein Aufſtand im Lande ſelbſt, und der Brei iſt fertig.“ „Bah, wer denkt daran!“ ſagte Sophia ſorglos. „Hier iſt Alles ruhig!“ „Du ſagſt das ſo!“ rief der Bruder.„Im Allge meinen iſt das Volk ruhig. Aber die Türken ſchicken verkleidete Emiſſäre in das Land; man ſoll hier und da ſolche Burſchen aufgegriffen Fürs erſte beſorge ich nichts, aber wenn Schamhl Tiflis nimmt, und wenn etwa gar unſere Truppen im Süden eine Schlappe er⸗ leiden—“ „Ich muß geſtehen, Deine Beſorgniß ſetzt mich in Erſtaunen!“ unterbrach ihn Sophia.„Ich ſehe wohl, die Männer verlieren leichter den Kopf, als ich dachte.“ „Mein Gott, Sophia, weil wir die Gefahr beſſer kennen als Ihr!“ antwortete Michael lebhaft.„Und weil wir beſſer als Ihr wiſſen, was auf dem Spiele ſteht!“ 1* 15 „Nun, es mag ſein!“ erwiderte Sophia mit einem leichten Lächeln, das nicht ohne Beimiſchung von Spott war.„Aber ich vermuthe, Du hatteſt noch andere Gründe, mich rufen zu laſſen.“ „Ja, Sophia, allerdings. Es iſt eine Angelegenheit von— Wichtigkeit, eine unangenehme Angelegenheit — ich weiß eigentlich nicht, wie Daniel dazu kommt, mich damit zu beauftragen. Er kennt Dich doch und weiß, daß Du Dir keine Vorſchriften machen läßt!“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ ſagte Sophia aufmerkſam. „Handelt es ſich um Daniel Garika?“ „Nun ja“, antwortete Michael.„Er war heute hier, ſo eben, und ſprach mit mir. Sophia“, fügte er dann hinzu, ſich ſammelnd,„ich habe ein ernſtes Wort mit Dir zu ſprechen.“ „Sprich nur, Michael, ich bin bereit zu hören“, ſagte Sophia mit der größten Ruhe. „Du weißt“, begann der Bruder,„daß Daniel Dich liebt. Wenigſtens behauptet er, es Dir nicht nur auf alle Weiſe gezeigt, ſondern auch in klaren Worten geſagt zu haben. Er fügt hinzu, daß er, wie es ſich von ſelbſt verſtehe, um Deine Hand gebeten, daß Du ihn aber mit ausweichenden Worten hingehalten. Heute nun bat er mich, Dir zu ſagen, daß er wünſche, eine beſtimmte Erklärung von Dir zu erhalten.“ 16 Michael ſah ſeine Schweſter fragend an. Sophia antwortete ihm durch einen gleichen Blick. Es entſtand eine Pauſe. „Ich fragte ihn, warum er ſich nicht abermals an Dich ſelbſt wende“, fuhr Michael dann fort,„aber er erwiderte mir, es ſei beſſer, wenn ich mit Dir ſpräche, Du würdeſt vielleicht zu mir offener ſein Nun, Sophia, ſiehſt Du, Nina und ich, wir wiſſen lange, daß Daniel Dich liebt, und wir glauben beide, daß Du eine gute Partie machen würdeſt, wenn Du ihn heiratheteſt. Er iſt nicht ohne Vermögen, und ſeine Güter, wenn er erſt Aufmerkſamkeit darauf verwendet, werden ihm mehr als das Doppelte deſſen eintragen, was mir die meinigen bringen. Er iſt ein junger Mann, gewiß nicht häßlich, ohne Fehler im Charakter. Ich habe mich alſo eigentlich ſchon lange gewundert, weshalb Du Dich nicht entſchei⸗ den kannſt, ſein Anerbieten anzunehmen.“ „Lieber Bruder“, antwortete Sophia,„die Antwort iſt ſehr einfach: weil ich nicht weiß, ob ich ihn liebe, ja, weil mir zuweilen ſcheint, als ob ich ihn nicht liebe!“ „Die Liebe, ja, die Liebe ſpielt bei Euch Frauen doch eine Hauptrolle!“ ſagte Michael verlegen und faſt ſeufzend.„Bedenke, daß es auch für Dich Zeit wird, Deine Zukunft zu ordnen. Du haſt ſo viel, um allein leben zu können, aber es würde doch ein trauriges Leben 17 ſein. Ueberlege es Dir, Sophia. Daniel wird morgen wiederkommen, um meine oder eigentlich Deine Antwor zu hören.“ „Morgen? Iſt er nicht recht geſcheidt?“ rief Sophia lachend.„So ſchnell ſoll ich mich entſcheiden?“ „Ja, er drang darauf, mit einer Entſchiedenheit und Beſtimmtheit, die ich bis jetzt noch nie bei ihm wahrge⸗ nommen. Er ſchien ſehr erregt und forderte eine Antwort, eine ganz beſtimmte Antwort— Ja oder Nein! Du mußt ihn entſchuldigen mit der Lage, in der wir uns befinden. Man kann nicht wiſſen, was der nächſte Tag bringt.“ „Eben deshalb ſollte ich meinen, wäre es jetzt eine ſehr unpaſſende Zeit, auf eine derartige Antwort zu dringen“, ſagte Sophia faſt zürnend.„Ich begreife es, wenn ein Soldat ſeine Braut heirathet, ehe er in den Krieg zieht, aber ich begreife nicht, wie man eine Dame, von deren Gegenliebe man nicht feſt überzeugt iſt, gerade deshalb zur Erklärung zwingen will, weil man in den Krieg zieht und ſie vielleicht nie wiederſieht. Gerade die jetzige Lage, Michael, zwingt mich, mit meiner Ent⸗ ſcheidung zu zögern. Ich bin mir unklar über das, was ich für Daniel empfinde; ich glaube, daß es Zuneigung, aber ich zweifle, daß es Liebe iſt. Ich mag mir alſo mein Wort nicht abdringen laſſen. Ich ginge ohne Noth⸗ Mützelburg, Der Held von Garika. II. 2 18 wendigkeit eine Verpflichtung ein, deren Folgen ich noch gar nicht vorausſehen kann. Geſetzt, der Krieg zöge ſich in die Länge, ſo wäre ich während dieſer ganzen Zeit meiner Freiheit beraubt, und das wäre traurig für mich, da ich ja, wie Du weißt, Daniel nicht ſchwärmeriſch liebe. Wozu ſoll ich mich jetzt ſchon binden, da die Noth mich nicht dazu drängt?“ „Was ſoll ich alſo Daniel antworten?“ fragte Michael immer noch verlegen. „Daſſelbe, was ich ihm ſchon einmal geſagt habe“, erwiderte Sophia,„daß er nämlich warten möge.“ „Aber, liebe Schweſter“, begann Michael nach einer Pauſe,„er wartet, wie er mir ſagte, ſchon lange, ſchon ſo lange, als Du bei uns biſt. Und er würde vielleicht recht gern noch einmal ſo lange warten, wenn er nur wüßte, daß am Ende ſein Wunſch in Erfüllung ginge. Aber er meint, ſo wenigſtens ſagte er zu mir, Du hielteſt ihn hin, weil Du ihn nicht liebteſt, und weil Du, ehe Du ihn zurückwieſeſt, erſt Gewißheit haben wollteſt, ob ein Anderer Dich liebe; mit einem Worte, Du wollteſt ihn erſt dann heirathen, wenn Du keinen Andern fändeſt!“ „Wie, iſt Daniel Garika ſo klug, an eine ſolche Möglichkeit zu denken?“ fragte Sophia ſpöttiſch.„Das hätte ich ihm kaum zugetraut. Nun, lieber Michael, ich 19 denke, das ſind meine eigenen Herzensangelegenheiten, in die ſich Daniel Garika nicht zu miſchen hat. Wenn ich ſeine Bewerbung annehme und ihm mein Jawort gebe. ſo kann er überzeugt ſein, daß ich es aufrichtig thue. Bis dahin laſſe ich ihn bitten, keine Vermuthungen auf⸗ zuſtellen.“ „Er iſt eiferſüchtig auf den Major“, fuhr Michael fort.„Er ſagt, er würde Dir verzeihen, wenn Du ihm einen Andern vorzögeſt, aber er ſei es müde, der Neben⸗ buhler eines Mannes zu ſein, der Dir nichts zu bieten habe als ſeine Majorsgage, und eine dunkle Abkunft!“ „Lieber Bruder“, erwiderte Sophia ſcharf,„aus dieſen Worten höre ich den ganzen Hochmuth Daniel's. Er vergißt, daß die Ehre, ruſſiſcher Offizier zu ſein, Rang und Vermögen aufwiegt. Du warſt ſelbſt Offizier, Du biſt es noch und wirſt mir beiſtimmen.“ „Nun ja“, ſagte Michael aufrichtig,„Du haſt Recht. Ein ruſſiſcher Offizier iſt jedem Fürſten ebenbürtig Aber Daniel iſt ja auch Offizier, und wenn ich Dir offen meine Anſicht ſagen ſoll, ſo würde ich Daniel Garika lieber meinen Schwager nennen als den Major. Ich glaube, Daniel meint es aufrichtiger; Paul Ombrazowitſch verfolgt vielleicht eigennützige Abſichten, indem er ſich um Dich bewirbt.“ „Aus dieſen Worten höre ich wieder Daniel ſpre⸗ 20 chen“, entgegnete Sophia kalt und ruhig.„Nun, ich hoffe, lieber Bruder, mein Gatte wird Dir willkommen ſein, mag ich ihn wählen, wo ich wolle. War das Alles, was Du mir zu ſagen hatteſt? Meine Antwort bleibt dieſelbe: ich kann mich noch nicht entſcheiden!“ Michael rückte ungeduldig mit ſeinem Stuhl. Es ſſchien ihm entſetzlich ſauer zu werden, weiter zu ſprechen, aber ſichtlich hatte er noch nicht Alles geſagt. „Du haſt die Nacht zum Ueberlegen“, begann er nochmals.„Ueberdenke es reiflich. Ich glaube kaum, daß Dir in dieſer Gegend eine heſſere Partie geboten werden wird. Ich gebe gern zu, daß Du einen Mann verdienſt, der Dir mehr zu bieten vermag, aber Du könnteſt ihn nur in Petersburg finden, und Dich dort längere Zeit aufzuhalten erlauben Dir Deine Vermögensverhältniſſe nicht, ſelbſt wenn auch ich Opfer bringen wollte. Außer⸗ dem würden politiſche Gründe Deine Verbindung mit Daniel höchſt wünſchenswerth machen!“ „Politiſche Gründe?“ fragte Sophia, und zum er⸗ ſten Male zeigte ihr Geſicht eine ernſte und beſorgte Auf⸗ merkſamkeit. „Ja, liebe Schweſter, das Wort iſt heraus!“ ſagte Michael, ſichtlich erleichtert.„Ich wollte nicht gern da⸗ von ſprechen, da ich hoffte, Du würdeſt in eine Verbin⸗ ung mit Daniel willigen, auch ohne daß ich zu jenen 21 politiſchen Gründen meine Zuflucht nähme. Aber ich muß es nun wohl thun. Ich habe zwei Briefe aus Tiflis erhalten, den einen vor ungefähr vier Wochen, den andern geſtern. In dem erſten fragte mich ein hochgeſtellter Offizier— ich darf Dirtden Namen nicht nennen, da die Angelegenheit als eine vertrauliche be⸗ handelt werden ſoll— ich ſage, in dem erſten fragte man an, weshalb die Verbindung zwiſchen Dir und Daniel Garika ſich verzögere, da man doch wiſſe, daß er Dich liebe und daß Du ihm geneigt ſeieſt.“ „Das ſchrieb man?“ fragte Sophia haſtig.„Iſt das wahr?“ „Sophia, auf mein Wort!“ erwiderte Michael. „Ich antwortete darauf, daß, ſoviel ich wiſſe, eine Er⸗ klärung zwiſchen Euch beiden nicht ſtattgefunden habe, daß ich für meinen Theil aber Eure Verbindung wünſche. In dem geſtrigen Briefe, der in weit beſtimmtern Aus⸗ drücken abgefaßt iſt, ſpricht derſelbe hochgeſtellte Offizier ſein Erſtaunen aus, daß immer noch nichts in dieſer Angelegenheit erfolgt ſei. Ich will Dir die betreffende kurze Stelle ſelbſt vorleſen, Sophia!“ Und er zog einen Brief aus einem kleinen Fach des Schreibtiſches, ſuchte und las: „Die Angelegenheit iſt von Wichtigkeit, mein lieber Graf. Der Krieg nimmt eine drohende Geſtalt 22 an, und es iſt für uns von der größten Bedeutung, daß Se. Majeſtät auf die unbedingte Treue ſeiner Unter⸗ thanen zählen kann. Bis jetzt iſt Transkaukaſien ruhig und wird es bleiben. Aber man muß auch das Seinige thun, um dieſe Ruhe zu erhalten. Daniel Garika re⸗ präſentirt ein Geſchlecht, das einſt mächtig war. Man muß Alles vermeiden, was ihn reizen könnte. Die Verbindung mit einer Ruſſin, die ihn vor Thorheiten ſchützt, wird das ſicherſte Mittel ſein, einen ſo jungen und möglicherweiſe ehrgeizigen Plänen noch zugäng⸗ lichen Mann an uns zu feſſeln. Alſo zögern Sie nicht, ſich ein Verdienſt um die Ruhe unſerer Provinz zu er⸗ werben, das Ihnen der Czar nicht vergeſſen wird. Ich glaube, die Angelegenheit liegt in Ihrer Hand, da ja, wie ich wiederhole, die jungen Leute einander geneigt ſein ſollen. Laſſen Sie mir, angeſichts der drohenden Lage, in der wir uns befinden, bald, recht bald die ſichere Nachricht zukommen, daß Daniel Garika durch ein Band an uns gekettet iſt, das ſo leicht nicht zerreißen kann, wenn ſeine zukünftige Gattin, an deren Treue gegen das Vaterland Niemand zweifelt, ihren Einfluß und ihren bekannten Scharfſinn zu benutzen weiß.“ Sophia war leiſe aufgeſtanden und hinter den leſenden Bruder getreten. „Das iſt ja die Handſchrift—“ 23 „Still!“ unterbrach Michael erſchreckt die Spreche⸗ rin und warf den Brief wieder in das geheime Fach. „Mag es ſein, weſſen Handſchrift es wolle, Du weißt jetzt, daß man ſich mit Dir beſchäftigt!“— Sophia war bleich geworden. Offenbar hatte ſie einen ſolchen Einfluß nicht erwartet. Selbſt Michael bemerkte die Verwirrung und Beſtürzung, die ſich deut⸗ lich in ihren Zügen ausprägte. „Es thut mir leid, liebe Sophia“, ſagte er brüder⸗ lich theilnehmend,„daß man Dir auf dieſe Weiſe einen Theil der Freiheit Deines Entſchluſſes rauben will, aber ich kann nach meiner Weiſung nicht anders handeln, als ich thue. Ich muß fürchten, daß man mir die Schuld zuſchreibt, wenn dieſe Verbindung mit Daniel Garika nicht geſchloſſen wird. Im Uebrigen, ich ſagte es Dir ſchon vorher, ſehe ich kein Unglück für Dich dabei. Du weißt, daß auch ich Nina aus politiſchen Rückſichten ge⸗ heirathet, und ich habe mich nicht ſchlecht dabei befunden.“ „Glaubſt Du, daß Daniel Garika vielleicht ſelbſt eine ſolche Einmiſchung herbeigeführt?“ fragte Sophia, und das leiſe Zittern ihrer Stimme verrieth, daß ſie heftig bewegt ſei. „Wo denkſt Du hin?“ rief Michael erſtaunt.„Das liegt nicht in ſeinem Charakter. Nein, ich könnte mein Wort darauf geben, glaube ich, daß er mit dieſer Ein⸗ 24 miſchung nichts zu thun hat. Die Sache iſt ganz ein⸗ fach. Schon als ich im Januar in Tiflis war, ſprach — nun, ſprach ZJemand mit mir von Deiner bevorſte⸗ henden Verbindung mit Daniel, und ich antwortete, wie ich es auch aufrichtig glaubte, daß Deiner Verbindung mit Daniel nichts im Wege ſtehe. Mein Schwager ſelbſt lebt die ruſſiſche Regierung bis jetzt wohl noch zu wenig, um ſie zu ſeinem Brautwerber zu machen!“ Er lachte gutmüthig über ſeinen eigenen Einfall, ſtand auf und nahm nicht ohne Herzlichkeit Sophiens Hand. „Ueberlege es Dir, liebe Schweſter“ ſagte er.„Es würde mir ſehr leid thun, wenn Du Dir 3wang an⸗ thun ſollteſt. Aber bis jetzt habe ich in Deinem Ver⸗ hältniß zu dem Major noch nichts bemerkt, was mich darauf ſchließen laſſen könnte, daß Du ihn Daniel vor⸗ zögeſt. Ich bleibe dabei, Daniel iſt eine beſſere Partie für Dich. Und man betrachtet in Tiflis die Verhältniſſe ganz richtig. Das haben mir Daniel's Reden nicht erſt ſeit heute gezeigt. Es geht etwas in ihm vor; es ſind, wie es ſcheint, alte ehrgeizige Ideen in ihm aufgetaucht. Vielleicht hat man ihn gereizt. Er ſprach von der Ver⸗ achtung, mit welcher die Ruſſen auf die Eingeborenen blickten, die doch ein edleres Geſchlecht und die eigent⸗ lichen Herrſcher ſeien; er betonte mehrmals, daß, wenn 25 Du ihn zurückwieſeſt, ihn nichts an uns feſſeln, nichts ihm Rückſichten auferlegen werde. Ich hatte Mühe, ru⸗ hig zu bleiben, denn es dämmerte auch in mir die Ah⸗ nung auf, daß er jung ſei und daß er ſeinen Vater und ſeine Ahnen nicht vergeſſen. Er iſt im Stande, wenn Du Dich hartnäckig zeigſt, eine traurige Thor⸗ heit zu begehen, die ihn verderben, und mich, vergiß das nicht! arg compromittiren würde. Sei vernünftig, liebe Schweſter! Du haſt ja ſelbſt geſagt, Du ſeieſt ihm nicht abgeneigt. Nimm ſeine Bewerbung an; dann kannſt Du wenigſtens überzeugt ſein, daß Dein zukünftiger Gatte Dich liebt. Und wie wenige Frauen können das von ihren Gatten behaupten! Oder willſt Du darauf ſchwören, der Major liebe Dich aufrichtiger? Du haſt Zeit bis morgen früh. Und lehnſt Du ab, liebe Schweſter, dann nenne wenigſtens um Deinet⸗ und meinetwillen Gründe, die eine Ableh⸗ nung erklärlich und vernünftig machen!“ Er drückte ihr die Hand. Sophia ſtand eine Zeit lang ſchweigend. „Gut!“ ſagte ſie dann.„Morgen früh um neun Uhr ſollſt Du meine Antwort haben!“ Und ſie verließ das Zimmer, noch immer bleicher als ſonſt und mit einem Ausdruck, den Michael, der ihr ernſt nachſchaute, nicht zu enträthſeln vermochte. 26 Bis Sonnenuntergang blieb Sophia allein auf ihrem Zimmer. Zum erſten Male in ihrem Leben fühlte ſie, daß eine gewaltige Hand ſich nach ihr ausſtreckte, ihr Schickſal in eine beſtimmte Richtung drängen wollte, und mit der ganzen Widerſtandskraft ihres Geiſtes lehnte ſie ſich dagegen auf. Bisher war ſie frei geweſen, und dieſe Freiheit hatte ihrem Daſein, das ſonſt in der letz⸗ ten Zeit wenig Veränderung bot, Reiz und Abwechſe⸗ lung verliehen. Das Spiel der Koketterie, mit welchem ſie bald den Major, bald Daniel an ſich zog und ab⸗ ſtieß, war ihr einziges Vergnügen geweſen und hatte ihrem Charakter ſo ſehr entſprochen, daß dieſer plötz⸗ liche Zwang ſie faſt niederwarf und ihren Geiſt für ei⸗ nige Zeit lähmte. Ja, es war eine gewaltige Macht, die ſich in ihr Schickſal hineindrängte, das verbarg ſich Sophia keinen Augenblick. Der Wunſch der Regierung, faſt gleichbe⸗ deutend mit Befehl, duldete kaum einen Widerſpruch. Der Wortlaut jenes Briefes, den einer der erſten Män⸗ ner des Reichs an den Bruder geſchrieben, ließ keine doppelte Auslegung übrig, er verlangte aus politiſchen Gründen die Heirath Sophia's mit Daniel. Was konnte ſie dagegen thun? Ihr Geiſt lehnte ſich auf, bäumte ſich, wollte die Feſſel abwerfen, aber die Vernunft, ſo⸗ bald ihre bleichen Strahlen durch die Wolken des Zorns 27 und der ſchreckensvollen Beſtürzung brachen, die ihre Seele verdüſterten, zeigte ihr immer wieder, daß ein Kampf mit jenem allmächtigen Willen eine Thorheit ſei. Wie vernichtet ſaß ſie in ihrem Seſſel; die Stunden vergingen, ohne daß ſie eine Ahnung von ihrem Schwin⸗ den hatte. Sie mußte ſich jetzt klar zu werden ſuchen, ſie mußte in die Tiefe ihres eigenen Herzens blicken, und ſie fand, daß ſie den Major liebe, nicht Daniel. Wäre es der Wunſch der Regierung geweſen, daß ſie die Gattin des Majors werde, ſo würde ſie, ihrer Natur gemäß, eben⸗ falls über ein ſolches Eingreifen in ihre Freiheit erbit⸗ tert geweſen ſein, aber es wäre ihr leichter geweſen, ſich zu fügen. Jetzt fühlte ſie, daß der Major ihr theuer war und daß ſie Daniel haßte. Ja, ſie haßte ihn von dem Angenblick an, in welchem das herbe Geſchick ihr keine andere Wahl mehr ließ. Ein Wirbelwind von Ge⸗ danken tobte durch ihren Kopf. Sollte ſie ſich aufleh⸗ nen? Sollte ſie fliehen? War ſie der Liebe des Ma⸗ jors ſicher? Würde dieſer es wagen, der Ungnade der Regierung zu trotzen, denn dieſe Ungnade mußte ihn treffen, wenn er es wagte, ſich um eine Hand zu bewer⸗ ben, über welche die Regierung verfügt hatte. Mit brennendem Schmerze fühlte ſie, daß ſie dem Major nicht vertrauen könne. Und was dann? Der einzige 5 Grund, welchen ſie ihrem Bruder entgegenſtellen konnte, wäre derjenige geweſen, daß ſie bereits mit Paul Om⸗ brazowitſch verſprochen ſei. Und wie konnte ſie das? O bittere Qual, den Schmerz, der uns ſo ſüß dünkt, wenn wir ihn Andern anthun, auf uns ſelbſt zurück⸗ fallen zu ſehen! Wenn der Major mit ihr geſpielt, wie ſie mit Daniel, und jetzt mit der ihm eigenen Gewandt⸗ heit einen Vorwand gebrauchte, um ſich zurückzuziehen? Ihre Lippen preßten ſich zuſammen bei dieſem Gedan⸗ ken, und in ihrem Innern ſchwur ſie dann beiden Rache, Daniel und dem Major. Endlich aber wurde ſie etwas ruhiger. Ihr Stolz ſiegte. Sie wollte dem Major mittheilen, was ihr drohte, aber nichts ſollte verrathen, was ſie für ihn empfinde. Zog er ſich zurück— gut, ſo wurde ſie Daniel's Gattin. Sie war ja nicht die erſte, die ein ſolches Opfer brachte. Sie ſchrieb einige Worte auf ein kleines Stück Papier:„Auf der Terraſſe— unter meinem Fenſter!“ Eine Dienerin kam, um ihr zu melden, daß ſervirt ſei. Sie warf einen Blick in den Spiegel, erſchrak über ihr finſteres, drohendes Geſicht und brach dann in ein leich⸗ tes Lachen aus. „Du wirſt Dich nicht freuen, Daniel, wenn ich Deine Frau werde!“ flüſterte ſie vor ſich hin und ging dann gefaßt nach dem Eßſaal. Dort traf ſie ihren Bru⸗ 29 der und den Major, der ſo eben angekommen war. Sie begrüßte ihn kälter als gewöhnlich. Es war ihr eigen⸗ thümlich, als ſie ihn ſah. Sie glaubte, ſie würde auch ihn haſſen können, tödtlich haſſen, wenn ſie wüßte, daß ſie von ihm betrogen worden, daß ſeine Worte nur leere Schmeicheleien geweſen. Der Major bemerkte ihre Kälte und ſchien verlegen. Sophia fragte nach Nina die ſie auf ihrem gewöhnlichen Platze vermißte. „Meine Frau läßt ſich entſchuldigen“, ſagte Brazow. „Ich weiß nicht, was ihr iſt. Sie war den Nachmittag über ſehr unruhig und aufgeregt und will, wie ſie mir ſagte, früh zu Bett gehen. Ich denke, es iſt nur ein leichtes Unwohl⸗ ſein, die Folge einer Erkältung. Doch ſenden Sie mir mor⸗ gen den Arzt aus Kureli, Major, ich bitte Sie darum“ Die Unterhaltung wandte ſich dann ſogleich den Ereigniſſen der letzten Tage zu. Der Major erzählte faſt allein. Sophia war ſtill, ihr Bruder nachdenklich. Daß die nächſten Tage, oder jedenfalls die nächſten Wochen die Nachricht von heftigen Kämpfen auf allen Seiten bringen würden, unterlag keinem Zweifel. Michael tadelte es, daß man die Feſtungen an der Küſte des Schwarzen Meeres ohne Kampf aufgegeben; er meinte, das würde die Bergvölker zu einem Angriff ermuthigen. Paul Om⸗ brazowitſch vertheidigte die Maßregel des Commandi⸗ renden, der ſehr gut wiſſe, daß die leichtgebauten Feſtun 30 gen den Kanonen der engliſchen und franzöſiſchen Schiffe nicht widerſtehen könnten, und durch ein freiwilliges Auf⸗ geben dieſelben vor der Zerſtörung retten wolle, da Hoffnung vorhanden ſei, ſie ſpäter wiederzuerhalten. Eine Stunde verſtrich über dieſem Geſpräch. Der Major verſuchte zuweilen in Sophia's Augen zu leſen, aber ihre Blicke blieben ruhig und kalt. Einmal erhob ſich Michael, um einen Diener zu rufen und ihn zu ſeiner Frau zu ſchicken, um ſich nach dem Befinden derſelben zu erkundigen. Sophia benutzte den Moment und ließ das Stückchen Papier neben der Hand des Majors nie⸗ derfallen. Er nahm es haſtig und es zuckte über ſein Geſicht. Noch ſprach Michael mit dem Diener; der Ma⸗ jor konnte einen Blick auf das Papier werfen. „Tauſend Dank!“ flüſterte er, und blitzſchnell Sophias Hond ergreifend, führte er ſie an ſeine Lippen. Aber Sophia blieb auch jetzt kalt und zog ihre Hand ſchnell zurück. Befremdet blickte der Major ſie an, ſetzte dann aber ſogleich ruhig das Geſpräch fort, als Michael wie⸗ der zu ihnen trat. Bald darauf kam auch der Diener und meldete, daß die Frau Gräfin ſich, nachdem ſie ſich niedergelegt, ruhiger fühle und zu ſchlafen hoffe. Michael ſchickte den Diener abermals fort, um ſeiner Gattin ſagen zu laſſen, daß er dafür ſorgen werde, daß Niemand ſie ſtöre. Er 7 31 ſelbſt werde noch eine Zeit lang in ſeinem Zimmer Briefe ſchreiben und ſich nur dann perſönlich in der Nacht nach ihrem Befinden erkundigen, wenn ſie ihn zu ſehen wünſche. Es war zwiſchen neun und zehn Uhr. Sophia er⸗ hob ſich, über Kopfweh klagend. Der Major nahm Ab⸗ ſchied und verſprach dem Grafen auf deſſen Bitte, ihm ſchleunigſt jede wichtige Nachricht mitzutheilen, die er aus Tiflis oder von Kutais und Oſuregethi her erhalte. Die letztere Stadt, im Süden von Gurien, hart an der türkiſchen Grenze gelegen, war ſchon ſeit einigen Wochen im Beſitz der Türken, die von dort aus Kutais, die Hauptſtadt Imerethiens, bedrohten. Eine halbe Stunde darauf herrſchte tiefe Ruhe im Schloſſe. Hier irgendwelche Vorſichts. oder gar Ver⸗ theidigungsmaßregeln zu treffen, daran hatte Niemand gedacht. Im Nothfall war Dari eine natürliche, wenn auch ſchwache Feſtung, und eine tapfere Beſatzung konnte es vor einem Handſtreich ſchützen. Man lebte hier wie mitten im tiefſten Frieden. Diebe kannte man nicht, deshalb wurden auch keine Wächter aufgeſtellt. Der Berg und das Schloß Dari ſowie das Städtchen unten am Karaſſu waren um zehn Uhr vom tiefſten Dunkel und vom tiefſten Schweigen eingehüllt. Der Major hatte, ungefähr zehn Minuten von dem 32 Schloſſe entfernt, ſein Pferd an einen Baum gebunden und kehrte jetzt durch den Wald nach dem Schloſſe zu⸗ rück. Der Mond ſchien nicht; die Sterne ſtanden klar am Himmel, aber ihr mattes Licht drang nicht durch die dichtbelaubten Kronen der Eichen und Buchen und durch die dichten Teppiche der Schlingpflanzen. Oft ſah der Major den Himmel gar nicht und ſchritt in vollſtän⸗ diger Dunkelheit dahin, mit ausgeſtreckten Händen, lang⸗ ſam und vorſichtig, nur leiſe auftretend. Schon war er bis in die Nähe der niedrigen Mauer gelangt, welche die Fruchtgärten von dem Parke trennte, als er plötzlich ſtehen blieb, denn es war ihm, als höre er einen Schritt und das Athmen eines Menſchen. Die Bäume ſtanden hier weniger dicht, und es ſchien dem Major, als ſehe er dicht vor ſich auf dem dunklen Hintergrund den noch ſchwärzern Umriß einer menſchlichen Geſtalt ſich abzeich— nen. Er hielt den Athem an und lauſchte Aber auch der Andere, wenn es ein Anderer war, ſchien aufmerk⸗ ſam geworden zu ſein. Der Major vernahm nichts mehr. Aber trotzdem ſchien es ein Menſch zu ſein; das ſcharfe Auge des Majors erkannte ſogar bereits, daß es ein Mann von hoher ſchlanker Geſtalt ſei. Blitzſchnell durch⸗ fuhr es ihn, doch nicht Daniel? Was war zu thun? Wer zuerſt ſprach, verrieth ſich zuerſt, und andererſeits mußte Paul Gewißheit haben. 33 Er hätte keinen Schritt weiter thun können, wenn jener Andere wirklich Daniel war. Aber konnte es denn Daniel ſein? Hatte der Prinz Nachricht von der Abſicht des Majors? Unmöglich! Der Major wußte, daß Daniel am Nachmittag in Dari geweſen, der Graf hatte es ihm gelegentlich geſagt. Aber ohne einen Verrath Sophia's konnte er nichts von dieſem Rendezvous wiſſen, und an einen ſolchen Verrath war nicht zu denken. Oder waren Daniel und Sophia einig und wollte letztere erſte rem den Genuß verſchaffen, einen andern Liebhaber ſchmachten zu ſehen? Nein, das zu glauben wäre Wahn⸗ ſinn geweſen! Indeſſen der Intriguant ſieht oft Geſpen⸗ ſter und zittert mehr als der Offene und Aufrichtige vor dem Wenn und Aber. Hundert argwöhniſche Vermuthun⸗ gen durchfuhren den Major, aber die Ueberlegung ſagte ihm doch wieder und immer wieder, daß es nicht Daniel Garika ſein könne. Der Fremde bewegte ſich ein wenig, als wollte er einen Schritt zur Seite thun. „Wer iſt da?“ rief der Major laut und feſt, denn er ertrug die Ungewißheit nicht länger. Er hatte die Frage auf Ruſſiſch gethan und wie⸗ derholte ſie dann in der Landesſprache. „Und wer ſeid Ihr?“ lautete die Antwort, eben⸗ falls in der Landesſprache. WMWützelburg, Der Held von Garika. M. 3 34 Der Major athmete auf. Das war nicht Daniel's Stimme; dieſe Stimme hatte für ihn etwas Fremdar⸗ tiges, das er bisher auf Dari nicht gehört. Seine Si⸗ cherheit kehrte zurück. „Die erſte Frage verdient auch die erſte Antwort“, ſagte er kurz und beſtimmt.„Redet!“ „Ich bin auf guten Wegen, vielleicht auf beſſern, als Ihr ſeid!“ lautete die Antwort.„Wohin wollt Ihr?“ „Ich will Antwort, Mann!“ rief der Major und er zog ein Taſchenpiſtol aus der Bruſttaſche und ſali knackend den Hahn. In dieſem Augenblick begann der Nachtwind in den Zweigen der Bäume zu rauſchen, und zugleich war es dem Major, als höre er noch ein anderes Geräuſch und als ſehe er den Schatten verſchwinden. Er trat vor; ſeitwärts hörte er jetzt deutlich ein Rauſchen und die Schritte eines ſich Entfernenden, ja, faſt ſchien es ihm, als ſeien es die Schritte zweier Perſonen. Doch konnte er ſich irren. Dann war Alles ſtill. Der Major blieb ſtehen, ſetzte den Hahn des Pi⸗ ſtols in Ruhe und überlegte. Wer konnte das geweſen ſein? Weder Daniel Garika, noch Michael Brazow— das ſtand feſt! Jeder Andere war ihm gleichgültig. Er dachte an ein Liebesabenteuer. Vielleicht beſuchte irgend Jemand aus der Nachbarſchaft ſein Liebchen auf dem 35 Schloffe. Sollte er ſich durch dieſe Begegnung abhalten laſſen, weiter zu gehen? Nimmermehr. Wahrſcheinlich erwartete ihn Sophia bereits. Sein Plan war gefaßt. Entdeckte man ihn, traf er auf ein Hinderniß, ſo wollte er berichten, daß er verdächtigen Perſonen begegnet und nach dem Schloſſe zurückgekehrt ſei, um den Grafen zu benachrichtigen. Paul Ombrazowitſch war eine verwe⸗ gene Natur, ein Hinderniß ſchreckte ihn nicht ſo leicht. Vorſichtig ging er weiter, zuweilen plötzlich ſtillſte⸗ hend und lauſchend, ob ihm nicht Jemand folge. Aber er hörte nichts mehr. Jener Fremde mochte vielleicht einen Lauſcher noch mehr ſcheuen als er ſelbſt. Er ging durch den Fruchtgarten und ſtieg die Terraſſen hinan. In zwei Fenſtern ſah er Licht— das mußte das Zimmer Sophia's ſein Entſchloſſen ſtieg er auf die oberſte Ter⸗ raſſe. Er ſah einen Schatten am Fenſter, dann wurde der Lichtſchein ſchwächer, eine Thür bewegte ſich. Dem Major klopfte das Herz. Er ſollte Sophia ſehen— allein! Die Zimmer der Comteſſe lagen nach der innern Seite des Schloſſes, doch ſtand ihr ein ganzer Flügel zur Dispoſition und in dieſem einige Zimmer, die nach dem Park hinausgingen und in welchen die Dienerinnen ſchliefen. Jenes erleuchtete Zimmer war ein Vorzimmer, das durch ein unbewohntes Kabinet in Verbindung mit 36 dem Wohnzimmer der Comteſſe ſtand. Sie konnte es erreichen, ohne von den Dienerinnen bemerkt zu werden. Dieſe ſämmtlichen Zimmer lagen in einem hohen Erd⸗ geſchoß; nach dem Garten zu war daſſelbe von einer hölzernen Gallerie umgeben, von welcher eine Treppe nach der oberſten Terraſſe niederführte. Eine Thür ſchloß die Treppe von der Gallerie ab, und dieſe Thür war es, die Sophia jetzt öffnete, um zu dem Major hinabzuſteigen. Ombrazowitſch ging ihr einige Stufen entgegen und ſagte mit bewegter Stimme:„Meine theure Comteſſe, ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Sie wiſſen nicht, welche Seligkeit Sie mir gewähren!“ Und vielleicht unwillkürlich ſtreckte er ſeine Hand aus, um die ihrige zu ergreifen. Sophia mußte trotz der Dunkelheit dieſe Bewegung bemerkt haben, denn ſie zog ihre Hand, die auf dem Geländer der Treppe ruhte, ſogleich zurück. „Herr Major“, ſagte ſie.„ich darf vorausſetzen, daß Sie keinen Augenblick vergeſſen werden, daß nur die dringende Sprache Ihres Briefes mich bewogen, ja faſt gezwungen hat, hierher zu kommen. Ein einziges Wort, das mich daran erinnern könnte, daß ich leichtſin⸗ nig geweſen— und ich kehre nach meinem Zimmer zurück.“ Der kalte, eiſige, bis zur höchſten Förmlichkeit ge⸗ 37 meſſene Ton ihrer Worte mochte den Major daran mahnen, wem er ſich gegenüber befinde und daß ſüße Worte hier vergebens ſeien. „Ich bitte um Verzeihung, obwohl ich bis jetzt nichts gethan, was der Verzeihung bedürfte“, ſagte er; „denn meine Einladung, das einzige Verwegene, das ich gethan, entſprang nur aus dem Wunſche, Ihnen einen Dienſt zu erweiſen. Indeſſen, Comteſſe, iſt es nicht möglich, in das Haus zu treten?“ Und er berichtete ſchnell von der Begegnung im Park und deutete die Möglichkeit an, daß Jemand ſie belauſchen könne. Sophia wies dieſe Möglichkeit zurück und erklärte, auf der Treppe bleiben zu wollen. So ſtanden ſie in der Dunkelheit nahe bei einander, der Major einige Stufen tiefer als Sophia. „Nun, bitte, was haben Sie mir zu ſagen?“ fragte die Comteſſe kurz und feſt. Der Major begann damit, daß er in einfachen Wor⸗ ten mittheilte, er habe außer militäriſchen Berichten im Laufe des Tages auch einen Brief von einem Freunde in Tiflis erhalten, der mit Bezug auf die hier und dort ſich bemerkbar machende unruhige Stimmung des Lan⸗ des davon geſprochen, daß man die Abſicht habe, den Prin- zen Daniel Garika mit der Comteſſe Sophia Brazow zu verbinden, um ihn dadurch enger an Rußland zu keiten. „Comteſſe“, fuhr er dann fort,„Sie können erra⸗ then, was in mir vorging, als ich dieſen Brief las. Sie verlangen, ich ſoll ruhig ſprechen— gut, ich will es. Aber Sie können mich nicht verhindern, zu ſagen, was ich Ihnen, ſo oft wir uns ſahen, durch Wort und Blick offenbart: daß ich Sie liebe! Welches Schickſal ſteht mir nun bevor? Der Einfluß, der ſich zu Gunſten Daniel's geltend macht, iſt ein mächtiger, ich weiß es. Werden Sie die Bewerbung des Prinzen annehmen, wenn ſie von Tiflis aus unterſtützt wird?“ „Mein Bruder ſprach mir heute von derſelben An⸗ gelegenheit“, antwortete Sophia.„Ich werde überlegen Glauben Sie, daß Prinz Daniel den Einfluß der Regie⸗ rung gewünſcht hat?“ Paul Ombrazowitſch ſchien ſogleich antworten zu wollen und wahrſcheinlich verneinend, aber er war zu ſehr Diplomat, um einen möglichen Vortheil zu vernach⸗ läſſigen, und antwortete zögernd, daß er das nicht wiſſen könne, daß er es aber nicht glaube. Dann wiederholte 3 Frage, ob Sophia die Bewerbung annehmen werde⸗ „Ja, ich werde ſie annehmen“, antwortete dieſe, je- des Wort betonend.„Ein Widerſpruch gegen die Wünſche der Regierung iſt nur dann möglich, wenn ich, wie mein Bruder ganz richtig geſagt, einen weſentlichen Grund für 39 meine Weigerung anführen kann. Außerdem liebt mich Daniel wirklich!“ „Und ich liebe Sie nicht?“ rief der Major ſtürmiſch und bitter. „Soll ich der Regierung etwa antworten laſſen, daß ich Daniel nicht heirathen könne, weil der Major Om⸗ brazowitſch es nicht gern ſehen würde?“ erwiderte Sophia mit herbem Ausdruck der Stimme. „Comteſſel“ rief der Major, und diesmal ſchien eine wirkliche Bewegung ſeine Stimme zu erſticken,„Com⸗ teſſe, es handelt ſich nur darum, ob Sie den Prinzen lieben. Iſt das nicht der Fall, ſo will ich eher der Re⸗ gierung offen den Krieg erklären, als Sie ſeine Gattin werden laſſen. Aber, Comteſſe, meine Stellung iſt eine ſchwierige. Bei der leiſeſten Ahnung davon, daß ich viel⸗ leicht die Urſache Ihrer Weigerung ſein könnte wird man mich entfernen, wird man uns trennen. Das will ich ver⸗ meiden, wenn es möglich iſt, und es iſt möglich, wenn Sie meinen Rath hören wollen und— wenn Sie mich lieben!“ „Major“, antwortete Sophia,„ſprechen Sie weni⸗ ger von Liebe, mehr von Vernunft. Betrachten Sie die Angelegenheit ruhig wie ich. Geſetzt, ich liebte weder Sie noch Daniel und wallte es vermeiden, der Regierung eine offene Weigerung entgegenzuſeten, was würden Sie mir rathen, zu thun?“ „Comteſſe, Sie quälen mich! Ich würde Ihnen rathen, Ihrem Bruder zu ſagen, daß eine Verpflichtung, eine ältere Verbindung, von Petersburg oder Moskau her, es Ihnen zum Gebot mache nicht ſogleich zu ant⸗ worten, daß Sie genöthigt ſeien, vorher jenen Herrn zu benachrichtigen, um ihn zu fragen, ob er ſein Wort ein⸗ löſen wolle oder nicht. Es iſt ein trauriger Ausweg, Comteſſe, aber Zeit gewinnen heißt hier Alles ge⸗ winnen.“ „Ich danke Ihnen, Major“, antwortete Sophia eiſig kalt.„Nein, was hülfe mir eine ſolche Ausflucht, deren Unwahrheit man leicht entdecken könnte? Wenn ich Daniel's Bewerbung ſpäter doch annehmen müßte, warum ſoll ich ſie nicht morgen annehmen?“ „Dann lieben Sie mich nicht, Comteſſe!“ rief der Major. „Ich erinnere mich nicht, das je behauptet zu ha⸗ ben“, antwortete Sophia.„Gute Nacht, Herr Major! Wenn ich vorher den Gegenſtand Ihrer Mittheilung ge⸗ kannt hätte, ſo würde ich Ihnen und mir die Mühe die⸗ ſer Unterredung erſpart haben. indem ich Ihnen ange⸗ deutet hätte, daß mir die Wünſche der Regierung bereits bekannt ſeien.“ Sie wandte ſich zum Gehen. Diesmal aber ergriff der Major ihre Hand und hielt ſie feſt. 41 „Comteſſe! Sie dürfen nicht gehen!“ rief er.„Sie lieben Daniel nicht, Sie lieben mich! Was wollen Sie? Ich bin ein einfacher, ein armer Major. Soll ich der Regierung offen entgegentreten? Man ſchickt mich in eine Garniſon nach Sibirien. Laſſen Sie uns im Ein⸗ verſtändniß handeln, und wir können Alles erreichen. Wenn der Prinz Ihr Wort nicht erhält, ſo wird er eine Thorheit begehen, wird ſich compromittiren, offen den Unzufriedenen ſpielen. Dann iſt eine Verbindung zwi- ſchen Ihnen beiden unmöglich. Oder ſagen Sie mir, was ich thun ſoll. Ich will meinen Abſchied nehmen, meine Carrière in Rußland aufgeben, in fremde Dienſte treten, ſobald Sie mir das Verſprechen geben, mir treu zu bleiben, und mir die Hoffnung auf Ihre Hand erhalten. Aber es wäre eine Thorheit! Ich kann hier eine glän- zende Carriére machen, kann in wenig Monaten Gene⸗ ral ſein! Seien Sie barmherzig, Comteſſe! Erfinden Sie einen Grund, zögern Sie, und Alles wird gut werden!“ „Ich kann nicht“, antwortete Sophia kalt.„Laſſen Sie meine Hand frei, Major; ich muß zurückkehren. Nina könnte kränker geworden ſein und nach mir geſchickt haben.“ „Comteſſe, Sie machen mich raſend!“ rief der Ma⸗ jor, ihre Hand ſo ſtark preſſend, daß Sophia zuſammen- zuckte. Sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, und ich nehme den Abſchied!“ In dieſem Moment tönte von einem andern Flügel her ein lauter Ruf in der Landesſprache: „Diebe! Räuber! Zu Hülfe!“ „Um Gotteswillen!“ rief Sophia.„Laſſen Sie meine Hand!“ „Nein!“ rief Ombrazowitſch.„Ihr Wort, daß Sie mich lieben, oder ich bleibe!“ „Major, Sie ſind wahnſinnig! Laſſen Sie mich!“ rief die Comteſſe. „Nein, Sie treiben mich zum Aeußerſten!“ rief er und faßte ihre Hand mit ſeinen beiden Händen.„Sie lieben mich, ich weiß es, aber Sie ſollen es auch ſagen!“ „Unverſchämter! rief ſie, aber das Wort erſtarb ihr auf den Lippen, denn in demſelben Moment rief eine Stimme ganz in der Nähe: „Hierher! Hier find die Diebe!“ Der Major ließ die Hand Sophia's fahren und ſprang mit einem Ruf der Verwünſchung die Treppe hinab. In demſelben Angenblick aber fühlte er ſich von zwei Armen umſpannt, ſo kräftig, ſo gewaltig, ſo mäch⸗ tig, daß ihm faſt der Athem ſchwand. „Unſeliger, ich bin kein Dieb!“ rief er ſich erman⸗ nend und mit den Zähnen knirſchend. 43 „Nun, wer denn?“ fragte eine Stimme in der Lan⸗ desſprache, und dieſelben Arme hielten den Major wie eine eiſerne Klammer umſpannt. „Wer iſt das? Wer biſt Du? Laß mich los!“ rief der Major und verſuchte ſich loszureißen. Da ward es hell. Ein Diener, mit einer Säbel⸗ klinge in der einen, einem brennenden Scheit Holz in der andern Hand, kam herbei. Ombrazowitſch rang wie ein Verzweifelnder mit dem ſtarken Manne, der ihn um⸗ faßt hielt. Er erkannte das weiße Haar deſſelben. „David, Du biſt es! Laß mich los! Ich bin der Major!“ rief er. „Der Major, das kann Jeder ſagen; ich erkenne Euch noch nicht!“ antwortete der Alte. Noch andere Die⸗ ner näherten ſich. Die Stimme des Grafen tönte in der Nähe. Paul Ombrazowitſch ſeß einen Schrei aus wie ein gefeſſelter Panther. Der Alte ließ ihn los. Der Major wollte fliehen, aber es war zu ſpät. Michael Brazow war um eine Ecke gebogen und ſtand kaum zehn Schritt von dem Major und Dabid entfernt, die hell von dem brennenden Scheit beleuchtet waren. Das Geſicht des Majors flammte für einen Augen⸗ blick in wildem Grimme auf, dann wurde es bleich und kalt. Er trat auf den Grafen zu und in franzöſiſcher 44 Sprache ſagte er zu dem erſtaunten Herrn des Schloſſes: „Ich bitte um Verzeihung, Herr Graf, wegen der Störung. Ich bin natürlich kein Dieb; das iſt ein Miß⸗ verſtändniß. Ich komme von der Comteſſe Sophia.“ II. Die Brüder. Um die vorhergehende Scene zu verſtehen, iſt es nöthig, einen Blick auf die Schickſale und Pläne Ge⸗ orge's zu werfen und zu erfahren, daß es kein Zufall, kein Mißverſtändniß war, das David dem Major ent⸗ gegenführte. George verließ die geneſende Miß Mary, ihren Vater und Wiedenburg im Monat April. Ob er gern ging, ob er, der Leidenſchaftliche und oft Eiferſüchtige, deſſen Zuneigung zu Marh noch gewachſen war, als er ihren Tod befürchten mußte, ob er ſie gern in der Nähe Wiedenburg's zurückließ, das wußte er wohl nur allein zu ſagen. Denn er mußte ſeine Liebe in ſein Inneres verſchließen. Es gab für ihn während der Krankheit Marh's begreiflicherweiſe weder eine Gelegenheit, noch auch ſpäter während ihrer Geneſung eine Anregung, dieſe Liebe zu offenbaren. Auch mochte er in der Nähe des ruhigen, beſonnenen und mehr gereiften Wiedenburg 46 fühlen, daß er noch zu wenig gethan hade; zu wenig Mann ſei, um den Verſuch machen zu dürfen, einen ſo koſtbaren Schatz zu erringen. Jedenfalls war es keine Zeit zur Liebeswerbung. Ihn rief die Pflicht, für ihn die heiligſte, die Pflicht, ſein Vaterland zu befreien. In Urmiah, der Stadt, in welcher die Flüchtlinge mit ihrer Kranken eine gaſtliche Aufnahme gefunden, waren die amerikaniſchen Miſſionäre ziemlich genau von Allem unterrichtet, was in der Nähe und Ferne vorging. Man kannte die Bewegungen der Truppen; man berechnete, wie gefährlich der Krieg für Rußland werden könne, wenn England und Frankreich ſich ernſtlich an demſelben bethei⸗ ligten und alle alten Feinde des Czarenreichs ſich er⸗ vöben. George ſchwelgte in Hoffnungen und Träumen, und da die Geneſung Marh's nur ſehr langſam vor ſich und Mr. Hhwell über den Weg, den er ſpäter einzuſchtn en hätte noch nicht ſich einig war⸗ ſo hielt es Ged rge für unvereinbar ſeiner Pflicht, noch länger in Ur ah zu weilen. Wieder von Johnnh be⸗ mu gleitet mit Allen was er bedurfte, auch mit Geld gut aach er nach dem Norden auf. S Vielleicht b. orte in ſeinem Herzen die Soff umm n Wochen, wenn Marh mit n wenige. e antrat, bereits an der egleitern die Rückre* von ihm als Herrſcher Spitze eines Volksſtam mes ſtehe. ging 47 nnerkannt ſein werde, und daß er ſich Marh in dem vollen Glanze ſeiner neuen oder vielmehr der alten, neu auflebenden Herrlichkeit werde zeigen können. Es war nicht Eitelkeit, die ihn ſo denken ließ. Die Liebe hebt jede edle Natur über ſich hinaus; man möchte ſich der Geliebten ſo groß, ſo edel, ſo glänzend zeigen als nur möglich. Wie viele der beſten Herzen zu allen Zeiten glühten zugleich von Vaterlandsliebe und von der flammenden Sehnſucht, der Geliebten die Kränze eines glorreichen Siegs zu Füßen zu legen! George ritt zuerſt in das türkiſche Lager an der ruſſiſchen Grenze und beſprach ſich mit einigen Führern. Man war dort infolge einiger kleinen Siege faſt trun ken von Siegeshoffnung, und George's Begeiſterung entflammte ſich zum Rauſch, als er die zahlreichen Kriegsſchaaren ſah und die kühnen Verſprechungen der Füh⸗ rer vernahm. Schwierig erſchien es nur, das Vaterland ſelbſt zu betreten. Eine Truppenſchaar wollte man ihm nicht anvertrauen, und Garika lag auch zu tief im Innern, als daß man hätte hoffen können, es ohne heiße Kämpfe zu erreichen. Ueber Daniel Garika wußte man nichts, als daß er ſich bis jetzt unempfänglich für die einzelnen Lockungen gezeigt habe, die man ihm zugeſendet. Es wäre alſo ein berzweifeltes Wagſtück von ſeiten Ge. orge's geweſen, ſich ſeinem Bruder ohne weiteres anzy. 48 vertrauen. Er konnte ſelbſt im beſten Fall erwarten, mit einem gewiſſen Mißtrauen empfangen zu werden; freilich zweifelte er mit ſeinem ſtürmiſchen Muthe nicht daran, daß er bald alle Hinderniſſe beſiegen, alle Herzen mit ſich fortreißen werde. Doch fund ſich bald ein Mittel, in die frühere Landſchaft von Garika zu gelangen. Einer der türkiſchen Führer, der es unternommen, geheime Verbindungen mit den früher unabhängigen Völkerſchaften des ſüdlichen Kaukaſus anzuknüpfen, kannte den Aufenthalt eines Mannes, deſſen Herz noch jetzt von tiefem Haſſe gegen Rußland entflammt war und der den Vermittler zwiſchen den Türken und einzelnen Völkerſchaften Georgiens ſpielte. Sobald der Name deſſelben Alia Waſſi, ge⸗ nannt wurde, erinnerte ſich George, daß er dieſen Namen noch als Kind gehört, und es ſtellte ſich auf ſeine Fragen heraus, daß Alia Waſſi einer der vorneh⸗ mern Diener des entthronten Herrſchers von Garika geweſen, der mit dem Vater George's in die Verbannung gegangen und dann in die Gegend von Garika zurück⸗ gekehrt war, wo er einſam in einem kleinen Dorfe lebte, ungefähr zwiſchen Dari und Garika. Wenn es irgend eine Perſon gab, bei welcher George Sympathie für ſeine Pläne erwarten durfte, ſo war es dieſe. Ein georgiſcher Führer war bald gefunden, denn es gab 49 genug Leute im türkiſchen Heere, welche die Ruſſen haßten und die aus den nahen Ländern herübergekommen waren, um gegen die Soldaten des Czaren zu fechten oder wenigſtens als Führer und Spione zu dienen. Mit dieſem und Johnny brach George an einem der letzten Tage des April auf, nach Nordoſten, der Heimath zu. Was der junge Mann fühlte, als der georgiſche Führer ſich nach mehrtägigem, vorſichtigem Ritt zu ihm wandte und ihm ſagte:„Dies iſt die alte Grenze von Garika! Dieſer Wald erſtreckt ſich bis nach Kureli, nach Dari und noch darüber hinaus! Dieſer Bach fließt in den Karaſſu!“ wer vermag es in ſeiner ganzen Hef⸗ tigkeit zu ſchildern? Erbleichend und erglühend vor inne⸗ rer Bewegung warf er ſich vom Pferde auf die Erde, umfaßte den Boden und küßte ihn mit Thränen in den Augen. Dann umarmte er Johnnh und ſagte dem er⸗ ſtaunten, gutmüthigen Manne vielmals:„Das iſt meine Heimat, Johnny! Hier bin ich geboren! Hier lebten meine Vorfahren und waren Könige!“ Und Johnny drückte ſeinem jungen Herrn ſtumm die Hand und ſchien eine größere Ehrerbietung für denſelben zu fühlen. Der nach⸗ denkliche Zug auf ſeinem Geſicht war vielleicht nur durch die plötzlichen Zweifel hervorgerufen, ob er Mr. George von jetzt ab nicht wenigſtens Mylord nennen müſſe. Von nun an ging der Ritt viel langſamer. George Mützelburg, Der Held von Garika. 1I. 4 50 ſchien Alles ſehen, Alles durch das Auge in ſein Herz aufnehmen zu wollen. Die Landſchaft in ihrer paradieſi- ſchen Schönheit erſchien ihm in der That wie der Gar⸗ ten Eden; die Männer, die ihnen begegneten, betrach⸗ tete er mit aufmerkſamen und innigen Blicken, denn ſie erſchienen ihm wie alte Bekannte. Der Führer mußte Vorſicht empfehlen. George beſaß zwar für ſich und Johnny einen engliſchen Paß, aber nach der Kriegser⸗ klärung Englands war auch dieſer eine ſehr gefährliche Legitimation, und das Mindeſte, was George zu erwar⸗ ten gehabt hätte, falls er auf einen mißtrauiſchen ruſſi⸗ ſchen Beamten geſtoßen wäre, würde ſeine zwangsweiſe Zurückſendung oder ſeine Abführung nach Tiflis geweſen ſein. Sie ritten deshalb nur auf geheimen Waldwegen, welche der Führer kannte. Es war faſt Abend, als ſie eine Lichtung erreichten, an deren Rande einige Hütten lagen. George und Johnny mußten im Walde warten; der Führer ritt voran, um zu hören, ob Alia Waſſi in ſeiner Wohnung ſei. Nicht lange darauf tehrte er zurück mit einem alten Manne in der einfachen Kleidung der Landleute, mit langem weißen Haar und mit Augen, die trotz des ho⸗ hen Alters noch ſcharf und klug leuchteten. George ſtieg vom Pferde und ging dem Alten entgegen. Dieſer ſtand ſtill, beobachtete George aufmerkſam, nahm dann ſeine 51 Mütze ab und ſagte:„Jener Mann hat mir berichtet, daß Du ein Sohn Daniel Garika's, meines gnädigen Herrn, ſeieſt, und jetzt, da ich Dich ſehe, glaube ich ihm. Du kannſt kein Anderer als Giorgi ſein, den wir dort in der Stadt des Czaren ertrunken glaubten.“ „Und Du biſt Alia Waſſi!“ rief George, der die Sprache des Alten, wenn auch mit einiger Mühe, ver⸗ ſtand.„Du warſt ſein Begleiter, als ihn unſere Feinde nach Sibirien ſchickten, Du ſahſt ihn ſterben, damals, als ich noch ein Kind war.“ „Ich ſah es und ich gelobte ihm, ſein Gedächtniß in Ehren zu halten, und mehr als das!“ antwortete der Alte. George war ſo bewegt, daß er ſich kaum zu faſſen vermochte. Der große, der einzige Gedanke ſeines Le⸗ bens, ſolange er denken konnte, jetzt war er erfüllt. Er ſtand auf vaterländiſchem Voden, er ſprach mit ei— nem Manne, der ſeinen Vater gekannt! Er ergriff die Hände des Alten. Der Greis küßte die Hand des jun⸗ gen Mannes. „Nicht ſo, Alia!“ ſagte George, ſeine Bewegung bemeiſternd.„Ich komme nicht hierher als der Enkel eines Königs, dem man ſeine Krone geraubt, als der Sohn eines Fürſten, deſſen kühne Pläne im Entſtehen ſcheiterten. Ich komme als ein Kind dieſes Landes, um 4 52 den Verſuch zu wagen, das Volk von Garika an alte Zeiten zu erinnern und es zum Kriege zu führen gegen den alten Feind. In dem Lande der Freiheit, in dem ich bis jetzt gelebt, kennt man die blinde Unterwürfigkeit des Volkes nicht. Wenn ich auch Dein Herrſcher würde, Alia, durch Recht und Geburt, ſo würde ich doch in einem ſo treuen Diener, wie Du es biſt, nur den Freund, nicht den Untergebenen ſehen. Betrachte mich als Deinen Sohn, als Deinen Schützling und laß mich Dich als meinen Freund betrachten.“ „Ich verſtehe nur ſchwer Deine Worte und ſchwer den Sinn Deiner Rede“, ſagte der Alte, deſſen Blicke mit der größten Aufmerkſamkeit auf George ruhten und deſſen Augen mehr und mehr zu glänzen begannen,„aber ich ſehe, daß Du mit dem Herzen ſprichſt und daß das Blut Deines Vaters und Deiner Mutter und Deiner Großmutter in Dir fließt.“ „Ich bin glücklich, daß Du mich überhaupt ver⸗ ſtehſt“, antwortete George.„Ich war ein Knabe von zwölf Jahren, als ich aus Petersburg entfloh. Und wie lange hatte ich ſchon damals die Sprache meines Landes nicht mehr ſprechen hören! Ich habe ſie mit Mühe in meinem Gedächtniß feſtzuhalten verſucht, und ſie wird neu in mir aufleben, wenn ich einige Tage bei Euch weile. Kannſt Du mir ein Obdach gewähren, Alia?“ 53 „Was ich habe, iſt Dein, Giorgi Garika!“ ant⸗ wortete der Alte.„Gott ſei gelobt! Ich habe in mei⸗ nen alten Tagen noch die Freude, zu ſehen, daß mein Herr und Fürſt einen Sohn beſitzt, der ſeiner würdig iſt! Komm mit mir. Dieſe Hütten ſind ſicher. Bis hierher kommt ſelten ein Ruſſe, und wenn er kommt, ſo werde ich Dich zu verbergen wiſſen, bis die Zeit da iſt, in der wir nicht mehr gezwungen ſind, Dich zu ver⸗ bergen Sie gingen nach der Wohnung Alia Waſſi's. Die einzelnen Hütten gehörten ihm; er wohnte in der einen. ganz allein, denn er beſaß weder Frau noch Kind; in den andern wohnten Landleute, die ihm die Aecker be⸗ wirthſchafteten, denn er beſaß noch immer einen beträcht⸗ lichen Theil des umliegenden Landes. Seine Wohnung zeigte manche Erinnerung verſchwundener Tage, Bücher, Geräthe, Schmuckſachen. An der Wand hing ein ſchlecht gemaltes Bild, das einen Mann in reicher georgiſcher Tracht darſtellte. George fühlte ſein Herz klopfen, als er es erblickte. „Mein Vater?“ ſtammelte er. „Dein Vater!“ antwortete Alia.„Wenn Du zu Deinem Bruder Daniel kommſt, ſo wirſt Du beſſere Bilder von Deinem Vater ſehen. Aber— doch ſtill da- von! Hier iſt noch etwas für Dich!“ 54 Und er holte aus einem Schranke ein kleines Me⸗ daillon und öffnete es. George ſah das Portrait einer ſchönen Frau mit entſchloſſenen, edlen Zügen. „Das iſt Deine Mutter, meine Herrin!“ ſagte der Alte leiſe.„Dein Vater gab es mir. Aber es iſt Dein wie Alles, was Du ſiehſt!“ George ſetzte ſich in eine Ecke, mit dem Medaillon in der Hand, dem Bilde des Vaters gegenüber. Dort ſaß er bis in die Dämmerung hinein. Tiefe Wehmuth erfüllte ſein Herz, und ohne daß er es wußte, floſſen ihm die Thränen ſchwer und langſam über die Wangen. Seine ganze Seele ruhte in der Vergangenheit; für die Hoffnungen der Zukunft hatte ſie in dieſer Stunde kei⸗ nen Raum. Erſt allmälig erhob ſich aus dem Gram über die ſo früh ihm geraubten Aeltern die flammende Idee der Rache gegen diejenigen, die das Leben ſeiner Aeltern verkürzt. Dieſer Gedanke führte ihn in die Wirklichkeit zurück und erinnerte ihn, wo er war. Er rief nach Alia und der Alte kam. 2 Es begann nun, während Alia das Beſte, was er beſaß, Brod und Fleiſch und einen Wein von unver⸗ gleichlicher Güte, ſeinem jungen Freunde auftrug, ein Geſpräch, das ſich bis tief in die Nacht hineinzog. George machte den Zuhörer und unterbrach den Alten nur zu⸗ weilen mit Fragen. Alia ſchilderte die Verhältniſſe des „ * Landes in den letzten fünfzig Jahren, die Gegenwart, die Stärke und die Schwächen der Ruſſen, die Abſich⸗ ten der Tſchetſchenzen, die Ausſichten für den gegen⸗ wärtigen Kampf. Dann ſprach er von Nina und Daniel. Letztern ſchilderte er als einen Schwächling, dem die ruſſiſchen Epauletten lieber ſeien als eine Fürſtenkrone. Er kannte die Neigung Daniel's für Sophia und ſchilderte ſie genau. Er wußte auch, daß Sophia dem Major Ombrazowitſch den Vorzug gab. George wollte das Alles ausführlich wiſſen. Es waren ja die erſten Nachrichten über ſeinen Bruder. Alia ſagte, er habe dem Prinzen einige Schriftſtücke, die von den Türken ausgegangen und an die Georgier gerichtet, zukommen laſſen, ohne daß Daniel wiſſe, von wem ſie gekommen; man ſei auch in Tiflis der Anſicht, als dürfe man Daniel nicht ganz trauen. Aber er ſelbſt hoffe nichts von ihm. Eine einzige Möglichkeit ſei vorhan⸗ den, ihn zum Haſſe gegen die Ruſſen und zur That⸗ kraft aufzureizen, wenn nämlich Sophia ſich offen gegen ihn erkläre. Aber das laſſe ſich nicht erwarten; jeden⸗ falls werde Brazow bei der jetzigen Lage ſeiner Schwe⸗ ſter Vorſicht predigen. „So glaubſt Du, daß es jetzt gefährlich wäre, mich meinem Bruder zu offenbaren?“ fragte George. „Ja!“ antwortete Alia.„Daniel iſt ſchwach, und 56 ein ſchwacher Menſch kann leicht ein ſchlechter werden. Du bleibſt bei mir, bis die Lage der Dinge eine klare geworden iſt. Eher könnteſt Du Nina ſehen, wenn Du es wünſcheſt. Sie iſt gutmüthig und wahrſcheinlich Frau genug, um ein Geheimniß zu verbergen. Doch iſt es ſicherer, Du bleibſt auch ihr jetzt fern. Sie liebt ohne Zweifel ihren Gatten mehr als einen Bruder, deſſen ſie ſich nicht erinnern kann und den ſie längſt geſtorben glaubte. Bedenke, daß Alles, was für uns gut wäre, dem Grafen Brazow Verderben bringen müßte.“ Er ſchilderte dann den Charakter und die augen⸗ blickliche Stimmung der Garikaner und der benachbarten Die Schilderung fiel ungünſtiger aus, als George erwartet hatte. Die Garikaner, einſt ein tapferer Volksſtamm, waren durch einen langen Frie⸗ den, durch die von Rußland ausgehende ſyſtematiſche Fernhaltung vom Waffendienſt erſchlafft. Viele hatten ſich daran gewöhnt, die Ruſſen als die bleibenden Her⸗ ren des Landes zu betrachten. Die Söhne mancher rei⸗ chern Familien waren dem Beiſpiel Daniel's gefolgt und hatten die ruſſiſche Uniform angelegt. Die Land⸗ leute verhielten ſich in träger Gleichgültigkeit, bauten ihre Aecker und bezahlten ihre Steuern. Von den Ael⸗ teren, welche den Vater George's und Daniel's gekannt hatten, lebten nur noch wenige. Dennoch glaubte Alia 57 Waſſi, daß man die Befreiung von der ruſſiſchen Herr⸗ ſchaft mit Freuden begrüßen werde, denn ſchon hatten die Aushebungen zum Militär, mit denen Rußland auch hier in neuerer Zeit ſtrenger verfahren war, Mißmuth hervorgerufen. Auch unterhielten die Kämpfe des tapfern Schamhl eine gewiſſe Gährung im Volke. Wenn alſo die Türken ſiegreich vorgingen, wenn Schamhl Siege errang, ſo war es wohl möglich daß ein Theil der Ga⸗ rikaner ſich erhob und ſich um die Enkel ſeiner frühern Könige ſchaarte; noch lebten hier und dort Erinnerun⸗ gen an die frühere Größe und Blüte des Reichs. Aber Alia verbarg dem jungen Manne die Schwierigkeiten der Lage nicht. Es bedurfte eines mächtigen Anſthßes, um die trägen Gemüther zu entflammen. Ob das Er⸗ ſcheinen George's allein hinreichen werde, dieſe Wirkung zu üben, ſchien zweifelhaft. Bewegt und erregt ſuchten die Männer in ſpäter Nacht ihr Lager. Johnnh ſchlief bereits ſo tief, als ob er ſicher im Schutze Englands ruhe. Aber George ſah den Morgen dämmern, ehe er die Augen ſchloß. Es war ja die erſte Nacht in der Heimat! Die erſten Tage vergingen ruhig. Alia Waſſi war viel außer dem Hauſe; er durchwanderte die Gegend, um Erkundigungen einzuziehen, die Nachricht von dem Vorrücken der Türken zu verbreiten und die Einzelnen, denen er vertrauen konnte, davon zu unterrichten, daß große Dinge im Werke ſeien. Zuweilen begleitete ihn George in einfacher Tracht. So ſah er Garika und Dari, einſt die Stammſitze der Herrſcherfamilie, der er ent⸗ ſproſſen. War er allein zu Hauſe ſo hatte er freilich Muße genug, über ſeine Lage nachzudenken, und es er⸗ ging ihm wie allen heißblütigen, jugendlichen Männern, er mußte ſich geſtehen, daß die Schwierigkeiten, in der Nähe betrachtet, größer ſeien, als er in der Ferne ge⸗ glaubt. Wohl war er in der Heimat, aber dieſe Heimat war ihm fremd geworden. Zuweilen beſchlich ihn das Gefühl, als ob eigentlich England ſein Vaterland ſei. Er ſprach viel mit Johnny, der ebenfalls ſeine Tracht hatte ändern müſſen, um nicht, wenn er zufällig erblickt werde, Aufſehen zu erregen, und der ſich wahrſcheinlich herzlich langweilte, es aber ſeinem Herrn zu Liebe nicht verrieth. Johnny hörte geduldig Alles, was ihm George über das Land und ſeine Hoffnungen erzählte. „Ein Regiment Hochländer, Sir!“ war ſeine ge⸗ wöhnliche Bemerkung, begleitet von einem leichten Achſel⸗ zucken.„Ein Regiment Hochländer, ein paar Kanonen— dann ließe ſich Alles machen. Und die werden ſchon kommen!“ Und dann legte er gewöhnlich eine ſo gründliche Verachtung der Ruſſen an den Tag, daß ſelbſt George — ,— — ,— 59 es für nöthig hielt, ihn an die ruſſiſchen Kriegsſchiffe vor Sinope zu erinnern und darauf aufmerkſam zu machen, daß die Ruſſen denn doch nicht ſo verächtliche Geg⸗ ner ſeien. Eines Tages, als Alia Waſſi nach Hauſe zurück⸗ kehrte, begleitete ihn ein alter Mann mit weißem Haar, aber von faſt rieſigen Körperformen. Es war David, ein jüngerer Bruder Waſſi's, der noch im Dienſte Nina's auf Dari ſtand, da er der ſterbenden Fürſtin Garika verſprochen, ihr Töchterlein nicht zu verlaſſen. David war ruhiger als Alia, aber ebenfalls der Familie Garika treu zugethan und ein Feind der Ruſſen. Alia hatte ihm deshalb ohne Beſorgniß das Geheimniß George's oder Giorgi's, wie er hier genannt wurde, mittheilen können. David beſtätigte Alles, was Alia über Daniel und ſein unmännliches Verhältniß zu Sophia Brazow ge- ſagt. Auch er hielt es für durchaus nothwendig, daß Daniel durch eine Abweiſung Sophia's gereizt werden müſſe, wenn er ſich entſchließen ſolle, gegen Rußland auf⸗ zutreten. Aber die beiden Männer, obgleich in Herzens⸗ angelegenheiten und Frauenintriguen wenig erfahren, durchſchauten dennoch den Charakter Sophia's gut genug, um zu befürchten, daß dieſe noch lange ihr Spiel mit Daniel treiben werde, wenn nicht ein plötzlicher Zwiſchen⸗ fall irgend eine Entſcheidung herbeiführe. Als darauf George den Wunſch äußerte, ſeine Schwe⸗ ſter zu fehen, beriethen die beiden Männer ſehr lange, ob das möglich und räthlich ſei. Ihre Berathungen und Beſchlüſſe waren folgende. George ſollte zuerſt einen Brief an Nina und ſpäter an Daniel ſchreiben, worin er ſie benachrichtigte, wie es ihm ergangen und daß er, von Sehnſucht, ſein Vaterland wiederzuſehen, getrieben, nach Garika gekommen ſei. Er ſollte hinzufügen, daß er der Pflegeſohn eines reichen Mannes und in guten Verhält— niſſen ſei. Denn die alten Männer, genau mit dem Cha⸗ rakter der betheiligten Perſonen bekannt, fürchteten, daß Daniel, Nina und Brazow, wenn ſie die Rückkehr Ge. orge's erfuhren, an die Möglichkeit denken könnten, er wolle ihnen einen Theil ihres Beſitzthums entziehen. George ſollte in dieſem Briefe ſchreiben, daß er es nicht gewagt, ſich öffentlich zu zeigen, weil er fürchte, von der ruſſiſchen Regierung wegen ſeiner Flucht beſtraft zu werden; auch ſollte er ſeinen Aufenthalt nicht nennen und ſie bitten, gegen Jedermann zu ſchweigen, da er nur einen engliſchen Paß habe und England mit Rußland im Kriege ſei. Er ſollte die Bitte um eine Unterredung hin⸗ zufügen. Dann wollte man ſehen, welchen Eindruck die Briefe auf Nina und Daniel machen würden. Letz terem ſollte der Brief erſt dann übergeben werden, wenn Nina bereits in eine Unterredung eingewilligt, damit — —,— 61 er nicht im entgegengeſetzten Sinne auf ſie wirken könne. Eine Unterredung zwiſchen Nina und Daniel über dieſen Gegenſtand ſollte dadurch vereitelt werden, daß David es übernahm, die Gräfin noch an demſelben Tage, an welchem ſie den Brief erhielt, für die Unterredung mit George zu gewinnen. Man nahm an, daß Daniel an dieſem Tage wohl nicht nach Dari kommen werde; geſchah es, ſo wollte David verſuchen, Nina zu überreden, nicht mit Daniel, der dann ſeinen Brief noch nicht erhalten, über George zu ſprechen, weil die Ueberraſchung des letztern von dem Grafen bemerkt werden und auffallen könnte. Bei der Unterredung mit Nina ſollte George dann ſeine politiſchen Pläne vollkommen verbergen zugleich aber zu erfahren ſuchen, ob ſich ihr Gatte über die Lage des Landes und Rußlands geäußert und was Nina über die Abſichten und Neigungen Sophia's erfahren. Denn darüber wußte David nicht mehr, als was er mit den Augen errathen konnte, da die Geſpräche im Schloſſe faſt ausſchließlich franzöſiſch geführt wurden und David dieſe Sprache nicht verſtand. Wenn dann auch ſpäter Nina und Daniel das Geheimniß George's gegen Brazow ver⸗ riethen, ſo waren ſie doch bereits gewiſſermaßen George's Mitſchuldige und mußten die Partei deſſelben nehmen, ihn zu ſchützen ſuchen. Inzwiſchen konnte ſich Manches ereignen. Der Hauptgrund, der die beiden Männer ver⸗ anlaßte, auf George's Plan einer Unterredung mit Nina einzugehen, war übrigens die Rückſicht auf das Gefühl George's, der nicht als ein Feind Brazow's und dadurch auch ſeiner Schweſter auftreten wollte, ohne ſie nicht vor⸗ her einmal geſehen und ihr gezeigt zu haben, daß er ſie liebe. Zwangen ihn dann ſpäter auch die Verhältniſſe zu einem feindlichen Auftreten, ſo lag doch in der Erinne⸗ rung an dieſe erſte, rein verwandtſchaftliche Unterredung etwas Verſöhnendes für Bruder und Schweſter. George ſchrieb die Briefe in franzöſiſcher Sprache, einfach, aber mit der Wärme des Gefühls, die ihm eigen war. Alia übergab ſie David, der es übernahm, der Gräfin den Brief an dem Tage zu übergeben, der ihm geeignet ſchien, und etwas ſpäter den andern an Daniel zu ſenden. George ſollte ſich dann bereit halten, ſeine Schweſter zu beſuchen. Dies war die Lage der Verhältniſſe an dem Tage, an welchem Paul Ombrazowitſch die Comteſſe Sophia um jene heimliche Unterredung gebeten hatte. An dem⸗ ſelben Tage, am Vormittag, hatte David ſeiner Herrin den Brief George's gegeben. Sobald ſie ihn geleſen, hatte ſie ſich, erſchüttert und erregt, in ihr Kabinet zurückgezo⸗ gen und jenes Unwohlſein vorgeſchützt, um allein zu ſein. Nur David hatte Zutritt zu ihr erhalten, was nicht auffiel, da er ihr älteſter und treueſter Die⸗ ner war. Nina in ihrer Gutmüthigkeit dachte nicht einen Au⸗ genblick daran, die Wahrheit deſſen in Zweifel zu zie- hen, was ihr George ſchrieb, oder ſeine Scheu vor Ent⸗ deckung einem andern Grunde zuzuſchreiben, als der Furcht vor der mächtigen und gefürchteten ruſſiſchen Re⸗ gierung. Sie ſehnte ſich danach, George zu ſehen, und überließ im vollkommenſten Vertrauen David die An⸗ ordnung der Zuſammenkunft. Als Daniel am Nachmit⸗ tag kam, ließ ſie auch ihm ſich krank melden, da ſie den Grund David's, daß die Ueberraſchung Daniel's bei einer ſo ſeltſamen Nachricht Aufſehen erregen könne, ganz natürlich fand. Im Uebrigen hatte ihr ja David geſagt, daß Daniel ebenfalls im Laufe des Tages einen Brief von George erhalten werde, und daß ſie dann ſpäter mit ihm darüber ſprechen könne, wie dieſe Nach⸗ richt am beſten ihrem Gemahl mitzutheilen und was überhaupt zu thun ſei. David ſollte am Abend George zu ihr führen. Alle Vorbereitungen waren getroffen, daß Michnel nicht plötzlich bei ihr eintreten könne. Im ſchlimmſten Falle erſchien ihr auch eine ſolche Ueber⸗ raſchung nicht als ein Unglück, da ja der Gräfin jeder Gedanke an politiſche Rückſichten fern lag und Michael, wie ſie annahm, ſich mit ihr freuen mußte, den todt⸗ geglaubten Bruder wiederzuſehen. George und Alia Waſſi erhielten am Nachmittag † die Nachricht, daß Nina gegen zehn Uhr abends bereit ſein werde, George zu ſehen. Die Wohnung Alia's war ungefähr drei Stunden von Dari entfernt. Die Männer brachen alſo, von einem Diener begleitet, bei guter Zeit auf und waren vor neun Uhr an der verabredeten Stelle. Bald darauf erſchien David, um mitzutheilen, daß Alles in Ordnung ſei, und George nach Dari zu führen. Alia blieb mit dem Diener zurück. Auf dem Wege dorthin, in der Nähe des Schloſſes war es, wo ſie das Geräuſch der Schritte des Majors hörten. „Ich kann nicht ahnen, wer das iſt“, flüſterte Da⸗ vid.„Fragt man uns, ſo antworte Du, damit man meine Stimme nicht erkennt. Es wird vielleicht ein Die⸗ ner ſein, der zu ſeinem Liebchen ſchleicht. Sowie ich Deinen Arm drücke, Giorgi, hörſt Du auf zu antworten und folgſt mir.“ Wir wiſſen, wie die Begegnung ſtattfand und wie es den Beiden gelang, ſich zu entfernen, ohne daß der Major ahnen konnte, wer mit ihm geſprochen. Anders war es mit David. „Seltſam!“ flüſterte er, als ſie in der Nähe des —,— 65 Schloſſes waren.„Die Stimme kenne ich. Es geht etwas vor. Daniel war am Nachmittag auf dem Schloſſe der Graf ſprach mit ſeiner Schweſter, der Ma⸗ jor iſt hier im Dunkeln, vielleicht hören wir noch mehr. Giorgi, was auch geſchehen möge, Du bleibſt ruhig bei Deiner Schweſter. Da biſt Du ſicher. Nie⸗ mand kommt zu ihr, und ich hole Dich, ſobald ich es für Zeit halte.“ „Aber was kann denn geſchehen?“ fragte George. „Wenn Du einen Verrath fürchteſt—“ „Keinen Verrath— nur ſtill!“ unterbrach ihn David. „Ich glaube, ich faſſe heute den Fuchs. Aber rühre Dich nicht, was Du auch hören mögeſt. Du wirſt Alles erfahren, wenn ich erſt ſelbſt weiß, was ich ahne.“ Sie gingen noch vorſichtiger als vorher, bis ſie das Schloß erreichten. David führte den jungen Mann durch eine ſonſt verſchloſſene Thür in das Kabinet ſei- ner Schweſter und entfernte ſich, als ſich George und Nina noch in der Verwirrung des erſten Anblicks ge gegenüberſtanden, mit der Entſchuldigung, daß er ſehen wolle, ob Alles ſicher ſei. Der ſchlaue Alte ſchlich vorſichtig wie eine Katze nach dem Flügel, in welchem Sophia wohnte. Er ahnte die Wahrheit. In dem Moment, in welchem Paul Ombrazowitſch der Comteſſe auf der Treppe ent Mützelburg, Der Held von Garika. 11. 5 66 gegenging, langte David auf der Terraſſe an. Er lauſchte eine Minute lang, dann ſchlich er zurück in das Schloß, um einem Diener, der in der großen Küche die Wache hatte, zu ſagen, daß nicht Alles in Ordnung ſei und daß er ein Scheit Holz anzünden ſeinen Säbel nehmen und unter dem großen Thor warten möge. Darauf ſchlich er zurück. Er verſtand nichts von der franzöſiſch geführten Unterhaltung, aber er fürchtete, ſie werde nicht lange währen. Deshalb eilte er zurück und rief zuerſt unter dem Fenſter Michael Brazow's: „Diebe! Licht! Hülfe!“ Was weiter geſchah, haben wir in dem letzten Abſchnitt geſchildert. Sobald Paul Ombrazowitſch die Worte geſpro⸗ chen:„Ich komme von der Gräfin Sophia!“ wandte ſich Michael Brazow zu den Dienern und ſagte kalt: „Was ſteht Ihr hier? Macht, daß Ihr wegkommt! Wie könnt Ihr ſolche Eſel ſein und den Herrn Major anfallen, der nach Hauſe zurückkehren will? Fort!“ Die Diener gingen. David entfernte ſich ſcheinbar tief beſchämt und eine Entſchuldigung murmelnd. „Der gnädige Herr befehlen, daß ich zur Herrin gehe und ihr mittheile, daß es nichts geweſen?“ fragte er demüthig. „Jawohl, thue das und ſage nichts als: es ſei ein blin⸗ der Lärm geweſen. Hörſt Du? Weiter nichts!“ rief Michael. F F 67 David entfernte ſich ehrerbietig und trieb die Die⸗ ner und Dienerinnen, die ſich ſcheu und neugierig am großen Thor verſammelt hatten, mit ſtrengen Worten in das Schloß zurück. Dann eilte er nach dem Kabi⸗ net Nina's. „Es iſt nichts!“ rief er den Beiden zu, die in ban⸗ ger Erwartung mitten im Zimmer ſtanden.„Es war ein blinder Lärm. Alles iſt ruhig. In ſpäteſtens einer halben Stunde hole ich Dich, Giorgi.“ Inzwiſchen gingen Michael Brazow und der Ma⸗ jor ſchweigend neben einander nach dem Arbeitszimmer des Grafen. Für den letztern war dieſe Scene ſo un— erwartet, ſo plötzlich gekommen, daß er in der That nicht zu ſprechen vermocht hätte, ſelbſt wenn er gewollt hätte. Der Major ſah bleich, aber ruhig aus, als er in das Zimmer des Grafen trat. Sein Plan war gefaßt. Es handelte ſich nur darum, wie Sophia ihn aufnehmen werde. Wußte ſie, daß er nicht entkommen? Hatte ſie gehört, was vorgegangen? Er bermuthete es. Der Graf deutete auf einen Seſſel; Ombrazowitſch ſetzte ſich aber nicht. Der Graf ging langſam und nach- denklich im Zimmer auf und ab. Er überlegte, was er in einem ſo außerordentlichen Fall zu thun habe. „Sie haben mir die Wahrheit geſagt?“ fragte et dann den Maſor. 68 „Ja wohl, Herr Graf!“ „Und Sie würden in Gegenwart meiner Schweſter Ihre Ausſage wiederholen?“ fragte Brazow. Gewiß, Herr Graf!“ antwortete der Major, und dann als er ſah, daß Brazow nach dem Klingelzug griff und klingelte, fügte er hinzu:„Wäre es nicht beſſer, Herr Graf, wenn wir in dieſer Angelegenheit ſo wenig Aufſehen als möglich machten?“ „Gewiß!“ antwortete der Graf.„Ich will auch nur meine Schweſter ſprechen!“ Es erſchien ein Diener. Der Schloßherr ſagte ihm, er möge zu der Comteſſe gehen, eine ihrer Dienerinnen wecken und der Comteſſe ſagen laſſen, daß er, ihr Bru⸗ der, ſie in einer ſehr dringenden Angelegenheit ſogleich zu ſprechen wünſche. Wenn es ihr irgend möglich ſei, ſo möge ſie kommen. Als der Diener gegangen war, begann Michael Brazow wieder ſeine langſame Promenade durch das Zimmer. Paul Ombrazowitſch ſtand bleich, auf den Seſſel geſtützt. Wie würde Sophia ſeine Kühnheit auf⸗ nehmen? Er kannte ſolche Naturen; ſie waren unbere chenbar. Möglicherweiſe imponirte ihr ſeine Keckheit und ſie geſtand, daß ſie ihn liebe. Möglicherweiſe fühlte ſie ſich beleidigt und gab dieſer Angelegenheit eine Wen⸗ dung zu ihren Gunſten, trennte ſich für immer von ihm. 69 Es waren entſcheidende Minuten, denen der Major ent⸗ gegenſah. Faſt eine Viertelſtunde verging. Sollte Sophia nichts geſehen haben, nichts ahnen? Würde ſie ſagen, daß ſie ſich ſchon in ihrem Schlafzimmer befunden, daß ſie ſich erſt habe ankleiden müſſen? Endlich erſchien ſie. Sie war in einen weiten Nachtmantel gehüllt, deſſen Kapuze faſt ihr Geſicht verbarg. In der Thür blieb ſie ſtehen, wie es ſchien, überraſcht davon, daß ſie ihren Bruder nicht allein finde. Dann trat ſie näher Der Graf ging ihr entgegen und reichte ihr einen Seſſel. Sie lehnte ihn mit einer Handbewegung ab. „Was iſt denn geſchehen, Michael? Weshalb läßt Du mich ſo ſpät rufen? Und Du biſt nicht allein?“ fragte ſie. „Es thut mir leid, daß ich Dich habe ſtören müſ⸗ ſen“ ſagte der Graf,„aber ich mußte es thun, um eine ſeltſame Angelegenheit ſogleich aufzuklären. Ich hörte nach Dieben rufen, eilte hinaus und fand auf der Ter⸗ raſſe, unter den Fenſtern Deines Flügels, David mit dem Herrn Major ringend, der mir ſagte, er käme von Dir!“ „Von mir?“ antwortete Sophia, ihren Blick düſter auf den Major richtend. „Es iſt die Wahrheit, Comteſſe!“ ſagte dieſer und 70 ſeine Blicke ſchienen in ihrer Seele leſen zu wollen.„Ich hätte gern jedes Opfer gebracht, ich rang wie ein Verzweifelter mit dieſem Narren, dieſem David; aber als Ihr Herr Bruder dazu kam, blieb mir keine andere Wahl, als die Wahrheit zu ſagen oder wie ein Dieb behandelt zu werden.“ „Keine andere Wahl?“ fragte Sophia mit demſel⸗ ben düſtern Blick.„Das will mir eigenthümlich ſchei⸗ nen. Sie hätten ſagen können, daß Sie von Jemand anders kämen.“ „Nein, nein, Sophia, es iſt beſſer ſo, daß ich Alles weiß!“ rief der Graf bitter. „Alles?“ wiederholte die Comteſſe.„Wir werden hören! Herr Major, Sie haben meinem Bruder geſagt, daß Sie von mir kämen. Haben Sie ihm nichts, nichts weiter geſagt?“ Was ging in ihrer Seele vor? Ja, wenn Ombra⸗ zowitſch es gewußt hätte! Er mußte ſeine Antwort danach formen. Was dachte, was fühlte, was beabſich⸗ tigte Sophia? Ihre Miene war ſo kalt, ſo ſtreng, ſo drohend, ohne einen Funken von Theilnahme von Auf⸗ munterung oder auch nur von Schwanken. Hatte er ſich geirrt? Liebte ſie ihn nicht? Führte ſein verzwei felter Entſchluß zum Gegentheil deſſen, was er beabſich⸗ tigt? War Sophia verletzt, beleidigt durch ſein Ge⸗ 8 71 ſändniß? In der That, er hätte eine leichte Antwort geben können. Es gab hübſche Mädchen unter den Dienerinnen auf dem Schloſſe. Der Graf würde gelä⸗ chelt haben, wenn ihm der Major ein kleines Geſtänd⸗ niß in dieſer Beziehung gemacht, Dabid hätte geſchwie⸗ gen; er war ja ſonſt ein verſtändiger Diener. Aber Ombrazowitſch hatte die Wahrheit ſagen wollen, um Sophia zu einer Entſcheidung zu zwingen. Und wie fiel dieſe Entſcheidung aus? „Comteſſe“, antwortete er,„ich fühlte mich nicht berufen, mehr zu ſagen, als was ich geſagt. Es hängt von Ihnen ab, welche Mittheilung Sie Ihrem Bruder über dasjenige machen wollen, was vorgefallen. Ich beklage es aufs Tiefſte. Es iſt wahr, ich hätte eine Ausrede erſinnen können, aber ich war verwirrt, voll⸗ kommen kopflos.“ „Sie ſind es ſonſt ſelten!“ ſagte Sophia kalt, als er zögerte„Nun, Michael, meine Antwort iſt ſehr ein⸗ fach. Hier iſt der Brief, in welchem der Herr Major mich um eine Unterredung bat. Du ſiehſt, daß es die erſte war, höchſt wahrſcheinlich iſt es auch die letzte. Ich ging darauf ein, weil ich es für möglich hielt, daß der Herr Major mir irgend etwas Außergewöhnliches zu ſagen haben könne. Er iſt ein Freund unſerer Familie, ein alter Bekannter von mir; ich glaubte, ſeine Bitte, 72 wenn ſie auch ſeltſam war, nicht abſchlagen zu dürfen, und traute mir Kraft und dem Herrn Major Takt ge⸗ nug zu, um eine ſolche Unterredung ohne einen Nach⸗ theil für meine Ehre überſtehen zu können. Dies iſt der Brief!“ Michael nahm das Billet und durchflog es. Seine Miene war ruhiger geworden. Es lag in dem ganzen Weſen Sophia's eine ſo entſchiedene Ablehnung jedes zärtlichen Verhältniſſes, daß Michael nicht daran zwei⸗ feln konnte, Sophia habe ſich ihre vollkommene Freiheit bewahrt und werde ſie ſich bewahren. „Nun, und darf ich fragen, was der Herr Major Dir ſo Wichtiges zu ſagen hatte?“ „Er theilte mir mit, was Du mir am Nachmittag über die Pläne der Regierung geſagt“ antwortete Sophia. Michael Brazow fühlte, daß er nicht weiter gehen könne. Die Angelegenheit nahm einen ganz andern Aus⸗ gang, als er erwartet, einen Ausgang, mit dem er zu⸗ frieden ſein konnte. „Ich bitte Dich nochmals um Verzeihung, liebe Schweſter, daß ich Dich in ſo ſpäter Stunde hierher be⸗ müht“ ſagte er,„aber Du begreifſt, daß ich in dieſer Angelegenheit klar ſehen mußte!“ „Vollkommen!“ antwortete Sophia.„Wiſſen die Diener, was der Herr Major geſagt?“ V— —————— —,———— 73 „Möglicherweiſe David“ antwortete Michael„Und ich werde dafür ſorgen, daß er, wenn er es nicht weiß, es nicht ahnen kann, und wenn er es weiß, es nicht weiter ſagt. Es wird nichts übrig bleiben, als einen Ausweg zu erſinnen; der Herr Major wird ſich dozu be⸗ quemen müſſen, denn hoffentlich wird er nicht aller Welt den wahren Zuſammenhang oder gar die Thatſache der Unterredung ohne Zuſammenhang mittheilen wollen.“ „Ich bin zu jeder Sühne bereit“, ſagte der Ma⸗ jor, der mit aufeinandergepreßten Lippen und faſt höh⸗ niſch vor ſich nieder ſah.„Man kann die Leute glauben laſſen, ich ſei von einer Dienerin gekommen. Es thut mir leid, daß dieſe Angelegenheit ſo traurig geendet hat. David kann natürlich nichts ahnen. Wie hätte er mich ſonſt für einen Dieb halten können?“ Es lag etwas Mißtrauiſches in dieſen Worten. Stieg der Gedanke abermals in ihm auf, daß man ihm eine Falle hatte legen wollen? Doch das war unmög- lich. Sophia hatte wahrlich keinen Grund, mit ihm ent⸗ deckt zu werden, ſonſt hätte ſie jetzt nicht mit ſolcher Härte jedes innigere Einverſtändniß mit ihm in Abrede geſtellt. Oder wollte ſie ſich ſeiner entledigen? Nein, dazu hätte ſie einfachere Wege einſchlagen können Er fühlte, daß er ſich mit thörichtem Argwohn quäle. Aber eins ſtand feſt, Sophia hatte ihn zurückgewieſen. Das 74 Haus des Grafen war ihm in Zukunft verſchloſſen. Er hätte raſen mögen über die ſchwankende Laune dieſes Weibes die jede Berechnung zu Schanden machte. Ver⸗ † ſpielt war dieſes Spiel, für heute wenigſtens, für einige geit, aber nicht für immer! So leicht wollte er den Kampf nicht aufgeben. Ja, es flammte eine dämoniſche Luſt in ihm auf, nun erſt recht zu ſiegen, Sophia zu demüthigen, in ſeine Feſſeln zu ſchlagen! „Gute Nacht, Michael!“ ſagte die Comteſſe, und ohne auf den Major zu achten, der ſich verneigte, verließ, ſie das Zimmer. Es trat eine peinliche Pauſe ein. Der Graf wußte offenbar nicht, was er noch mit Ombrazowitſch ſprechen ſolle, und in dieſem kochte der ganze Zorn über die blinde Mißgunſt des Zufalls, die ihm Alles verdorben. Ein Zwiſchenfall kam den Beiden zu Hülfe. Man hörte lautes Pochen und Rufen. Michael Brazow glaubte zu hören, daß man nach ihm verlange. Da es eine auf⸗ geregte Zeit war und man ſtündlich neue Nachrichten und Befehle nach Tiflis zu erwarten hatte, ſo konnte das nicht auffallen.. „Ich will hören, was es gibt“, ſagte er. Gntſchut digen Sie mich, Herr Major!“ „Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie“, erwiderte dieſer.„Vielleicht intereſſirt dieſe Nachricht auch mich!“ —————— 75 Brazow nahm eine Kerze und ſie ſchritten hinaus auf den Hof. Man hatte bereits einem Reiter das Thor geöffnet. Es war ein Dragoner aus Kureli mit einer Depeſche für den Grafen und einer andern für ſeinen Major. Der Mann war ſchnell in der Nacht durch den Wald geritten; ſein Geſicht war zerriſſen von den Zwei⸗ gen, die ihn geſtreift. Der Graf und der Major laſen ihre Depeſchen beim Scheine der Kerze. Sie waren faſt gleichlautend. Der Major ſollte mit ſeiner Schwadron in öſtlicher Richtung den Karaſſu hinaufziehen und theils recognos- eiren, theils die einzelnen Abtheilungen Miliz, die ihm genauer bezeichnet waren, an ſich ziehen und inſpiciren. An einem beſtimmten Orte ſollte er ſich mit einem grö· ßern Corps vereinigen und ſich dem Führer deſſelben unterordnen. Die Milizen Brazow's und Daniel Garika's ſollten unter der Führung des Majors ebenfalls den Karaſſu hinaufziehen. Der Marſch ſollte ſobald als mög- lich, ſpäteſtens innerhalb zwanzig Stunden angetreten werden. „Gut denn, auf Wiederſehen morgen, Herr Graf!“ ſagte Paul.„Ich treffe Sie am Mittag, wenn es Ihnen recht iſt, in Garika! Freut mich, daß wir eine kleine Campagne zuſammen zu beſtehen haben! Das zerſtreut die Gedanken. Empfehlen Sie mich den Damen!“ Er grüßte militäriſch und verließ mit dem Drago⸗ ner den Hof um ſein Pferd aufzuſuchen. Michael Brazow ſandte einen Boten an den Orts⸗ vorſteher nach Dari hinab, um ihn von der Ordre un⸗ terrichten zu laſſen. Dann befahl er, ihn um vier Uhr zu wecken, und ging hinüber nach ſeinem Schlafzimmer. Jetzt erſt erinnerte er ſich ſeiner Gattin. Er klopfte an die Thür des Zimmers, in welchem die Dienerinnen ſchliefen. Man ſagte ihm, die Frau Gräfin habe nach Niemand verlangt und ſcheine zu ſchlafen. Beruhigt ent⸗ fernte ſich Michael. Nina ſchlief nicht. Wenige Minuten vorher hatte George Abſchied von ihr genommen, und ſie ſaß noch bewegt und leiſe weinend in ihrem Schlafzimmer. Welch eigenthümliches Wiederſehen! Die gutherzige Frau fühlte das Traurige dieſes geheimen Sichwiederfin⸗ dens, obwohl ihr Gefühl nicht zu denen gehörte, die man fein oder ausgebildet nennen darf. Ein Bruder, ein todtgeglaubter, längſt vergeſſener Bruder, plötz lich vor ihr ſtehend, und was auf jede Frau Ein⸗ druck macht, ein ſo ſchöner Mann, von ſo feinen Sit⸗ ten, ſo ſanft und doch ſo warm in ſeinem Weſen, ein Mann, aus deſſen Auge Treue und innige brüderliche Liebe ſprachen und in dem ſie eine höhere Natur ahnte wenn ſie ſich deſſen auch nicht klar bewußt wurde, der . ——————— 7 ⸗ 77 mit ſolcher Bewegung von den Aeltern ſprach, die ſie noch weniger gekannt als er, und, ein Fremdling in ſeiner Heimat, verſtohlen zu ihr ſchleichen mußte— wohl mußte ſie das Alles ſeltſam durchzittern! Am liebſten hätte ſie ſogleich ihren Gatten rufen laſſen, um ihm Alles zu ſagen. Aber George hatte ſie gebeten, dem Grafen gegenüber noch das tiefſte Stillſchweigen zu bewahren, ſo lange wenigſtens, bis er mit Daniel geſprochen. Es war ihr eigen zu Muthe. Sie fühlte, wie ihm ihr Herz freundſchaftlich entgegenſchlug, wie ſie ihn mehr lieben könne als Daniel, der ihr niemals mehr gezeigt hatte als eine kühle, nachläſſige Achtung, die oft Gleichgültig⸗ keit ſchien. Und doch war ihr George ſo fremd. Sie fühlte, welcher Abſtand zwiſchen ihm und Daniel und auch dem Grafen ſei. Die einfache Frau konnte ſich nicht bewußt werden, daß dieſes Fremdartige nichts An⸗ deres war als die höhere Bildung, der eigenthümliche Adel, den die Beſchäftigung mit geiſtigen Dingen, ein tieferes Seelenleben und ein Streben nach dem Ideal verleiht. Aber ſie empfand es als ein Fremdes, das dennoch ſchön war und das ſie mit einer ſcheuen Vewun⸗ derung erfüllte. Sie fühlte etwas wie Stolz, daß dies ihr Bruder ſei, aber die innerliche Scheu blieb ihr doch. Dieſes Wiederſehen, dieſe Erſcheinung war ihr zu plötz⸗ lich, faſt erſchreckend gekommen. Inzwiſchen gingen George und David durch den Wald dem Platze zu, an welchem Alia ihrer harrte. David achtete das Schweigen ſeines Begleiters oder mochte ſeinen eigenen Gedanken nachhängen, denn er un⸗ terbrach das Schweigen deſſelben nicht. Sie hörten den Major, der ſein Pferd ſuchte, und die ſchweren Hufſchläge von dem Pferde des Dragoners, und George fragte, wer das ſei. David antwortete, er werde ihm bald Auskunft geben. So gelangten ſie zu Alia. „Nun, wie findeſt Du Nina?“ fragte der Alte.„Ich danke Gott, daß Alles gut abgelaufen; es war ein Wagſtück.“ „Meine Schweſter iſt ein gutes Weſen“ antwortete George.„Vielleicht würde ſie anders, ich will nicht ſagen, beſſer geworden ſein, wenn meine Mutter gelebt und ſie erzogen hätte, aber ſie hat ſich ein gutes Herz bewahrt. Zuerſt ſtanden wir uns befangen und fremd gegenüber, aber das war nicht anders zu erwarten. Ich ſah bald, daß es nicht Mißtrauen, ſondern nur natürliche Scheu war, die ſie von mir trennte, und meine Worte fanden bald Eingang in ihr Herz. Als ich von den Aeltern ſprach, weinte ſie; als ich aber von dem einſtigen Glanz unſerer Familie und von dem traurigen Ende der Aeltern ſprach, an welchem Rußland nicht unſchuldig ſei, ſchien ſie qual⸗ voll berührt und verſtand mich nicht. Ich brach bald —,— 79 davon ab. Ihren Gatten liebt ſie, das kann und ſoll nicht anders ſein. Ueber Daniel ſprach ſie wenig; er ſcheint ihr nicht viel ſchweſterliche Liebe abgewonnen zu haben. Politit iſt ihr fremd. Sie wiederholte mir einige Worte ihres Mannes, die darauf hindeuten, daß er einen ernſten Kampf mit Schamyl und den Türken fürchtet, aber an einen Aufſtand des Landes nicht glaubt und an einem endlichen Siege der Ruſſen nicht zweifelt. Von Sophia ſprach ſie mit kalter Achtung; ſie ſcheint ihre Schwägerin mehr zu fürchten als zu lieben. Als ich ſie fragte, was an der bevorſtehenden Verbindung Daniel's mit Sophia Wahres ſei, ſprach ſie offen aus, daß ihr Mann dieſelbe wünſche. Aber ſie glaube, Daniel werde nicht glücklich ſein, denn Sophia liebe ihn nicht; ſie ſei wetterwendiſch und werde ſtets andern Männern ſüße Augen machen; ſie trachte nach Höherem als nach einer Verbindung mit Daniel und werde ihn nur nehmen, wenn kein Beſſerer komme. Michael wünſche die Ver⸗ bindung, weil ſie für ſeine Schweſter vortheilhaft ſei, und deshalb werde die Heirath doch wohl, wenn auch erſt ſpäter, zu Stande kommen. Ich verließ ſie traurig; ich empfand, daß eine Grenze zwiſchen uns ſei, daß wir nicht gemeinſam fühlen. Dennoch liebe ich ſie und es drückt mich nieder, daß ich ſie vielleicht in kurzer Zeit betrüben werde und die Ruhe ihres Familienlebens ſtören muß.“ 80⁰ „O“ ſagte Alia,„Nina Garika wird nicht betteln gehen, wenn ihre Brüder wieder Herren des Landes find. Habt Ihr den Schutz Rußlands annehmen müſſen, ſo kann Brazow auch wohl einmal Euren Schutz annehmen. Aber ich dächte, Du kehrteſt zurück, David. Wann ſoll ich mit Giorgi zu Daniel gehen?“ „Morgen in der Frühe!“ antwortete David.„Und ich habe noch etwas zu ſagen: Daniel iſt unſer!“ Die beiden Männer ſtießen bei dieſen mit erhobe⸗ ner und triumphirender Stimme geſprochenen Worten einen Ruf der Ueberraſchung aus. „Ja, Daniel iſt unſer!“ fuhr David fort.„Frage ihn morgen, Alia, ob er ein Mädchen heirathen will, das mit einem Ruſſen nächtliche Zuſammenkünfte hält. Erzähle ihm, was ich Euch ſagen werde, und er wird raſend ſein. Der Mann, der uns unterwegs anredete, Giorgi, war ein ruſſiſcher Offizier, der Nebenbuhler Da⸗ niel's. Ich erkannte ihn ſogleich an der Stimme und ahnte die Wahrheit. Ich ſah, wie er heimlich mit Sophia Brazow ſprach und ihre Hand hielt. Da rief ich nach Dieben und hielt ihn feſt, als er fliehen wollte. Sagt nicht, woher Ihr das wißt. Es iſt gleichgültig. Oder Du kannſt auch ſagen Alia, Du habeſt es von mir gehört; Du hätteſt mich geſprochen, und ich hätte mir die Sache zuſammengereimt, obwohl ich den Major erſt für einen 81 Dieb gehalten. Sage nur zu Daniel, er möge Brazow und ſeine Schweſter und den Major offen fragen, ob es wahr ſei! Und es iſt wahr! Sie werden es nicht leugnen können! Daniel wird ſchäumen. Er haßt den Major, er wird Sophia haſſen, und Giorgi's und Deine Worte werden ein offenes Herz bei ihm finden!“ „Bei Gott, David, das iſt eine gute Nachricht!“ rief Alia mit freudiger Stimme. Und er ſuchte in der Finſterniß George's Hand und ſagte:„Nun vorwärts, Giorgi! Das Schwerſte iſt gewonnen, Daniel iſt unſer. Morgen früh gehen wir zu ihm, und wenn Schamyl von den Bergen ſteigt, werden Daniel und Giorgi Garika an der Spitze der Männer dieſes Landes ſtehen und die alte Schmach und Knechtſchaft rächen! Gute Nacht, David! Dank für die Nachricht!“ Und die Männer traten durch die Nacht ihren Rück⸗ weg nach verſchiedenen Seiten an. Es war am andern Tage kurz vor Mittag, als Daniel Garika in ſeinem Zimmer ſtand. Unter ſeinen Fenſtern zeigte ſich ein eigenthümlich bewegtes aber trauriges Bild. Die Miliz von Garika hatte ſich verſam⸗ melt, dem BVefehl, den Daniel am Abend vorher erhal— ten, zufolge, und Frau und Kind hatten die Männer begleitet, um den letzten Abſchied von ihnen zu nehmen. Es waren wenig über hundert Mann, aus Garika und Mützelburg, Der Held von Garika. 1I. 6 82 einzelnen Dörfern, meiſt ſchlanke Leute mit blaſſen Ge⸗ ſichtern und viel mehr friedlich als kriegeriſch in ihrem Aeußern. Kampfluſt ſchien ſie nicht zu beſeelen; ſie blick⸗ ten trübe vor ſich hin oder auf ihre Frauen und Kinder, und der Gedanke an die Zukunft erhöhte die Bläſſe auf ihren Wangen. Die Mehrzahl trug die Landestracht; nur einzelne, wahrſcheinlich die Unteroffiziere, trugen an den Aermeln und auf der Schulter Abzeichen. Auch ihre Bewaffnung machte keinen furchterweckenden Eindruck. Wohl trugen die Meiſten Flinten und Säbel, aber die Flinten ſchienen alt zu ſein, und die Männer hielten ſie, als wüßten ſie nicht recht, was ſie damit anfangen ſoll⸗ ten. Einzelne waren nur mit Säbeln und alten Piſto len bewaffnet. Genug, ſie machten den Eindruck eines Landſturms, der weder Haus und Hof, noch Frau und Kind zu vertheidigen hat, ſondern nur einem höhern Befehl folgt, und dem deshalb jene todesmuthige, ſtille Erbitterung fehlt, die ſonſt auch friedliche Landleute zu Helden machen kann, wenn es ſich um die Vertheidigung der heiligſten Güter handelt. Ja, die Männer von Garika waren nicht mehr krie⸗ geriſch, oder wenn ſie es noch waren, ſo hatte der Funke der Begeiſterung, der aus Knaben Helden macht, noch nicht zündend in ſie eingeſchlagen. Man wußte, daß Schamyl im Anzuge ſei, und ſein Name ging flüſternd 83 von Mund zu Mund. Hätte ſich der gefürchtete Tſche⸗ tſchenzenführer unmittelbar gegen Garika gewandt, ſo würden ſich viele Muthige gefunden haben, entſchloſſen, den verwegenen Räubern, die gleichſam im Fluge plün⸗ derten, Widerſtand zu leiſten und den Verſuch zu ma⸗ chen, ſie durch Entſchloſſenheit zu verſcheuchen. Aber es hieß, Schamhl habe ſich gegen Tiflis gewendet. Wes halb rief man alſo die Garikaner gegen ihn zu Hülfe? Waren nicht Ruſſen genug da, ihm zu widerſtehen? Noch gab es genug unter den Männern, die mehr Theil- nahme für den kühnen Tſchetſchenzenführer als für die Generale des Czaren fühlten, und es ging eine unklare und unbeſtimmte Ahnung durch alle, daß ſie ſich wür⸗ den niedermetzeln laſſen müſſen, ohne die Genugthuung zu haben, für irgend etwas zu kämpfen, das ſie liebten. Es fehlte die dumpfe, drohende Unruhe, die dem Nahen eines verhaßten Feindes vorhergeht, mit dem man im Verzweiflungskampfe ringen möchte, wenn man auch der Vernichtung gewiß iſt. Eine düſtere, drückende Schlaff heit prägte ſich in den Mienen und Geſtalten der Män⸗ ner aus. Alle empfanden, daß ſie in einen Kampf ge— führt werden ſollten, der ihnen gleichgültig, ja verhaßt war, und daß ſie ſich dem lieber durch die Flucht ent⸗ zogen hätten. Fehlte doch überhaupt ſchon heute ſo Man⸗ cher, den man geſtern noch friſch und geſund geſehen. 6* 84 Heute lag er entweder ſcheinbar ſterbenskrank im Bett oder war in die Wälder geflohen, um ſich nachher ſo gut als möglich zu entſchuldigen. Es war eine traurige Schaar, und die Weiber, deren dumpfer Schmerz ſich nicht ein⸗ mal bis zur Höhe lauten Jammers erheben konnte, ver— mehrten das Peinliche und Qualvolle dieſes Anblicks. Das ſah indeſſen Daniel nicht. Er hielt den Brief George's in der Hand, den er nun ſchon wiederholt ge⸗ leſen, und blickte mit finſterer Miene vor ſich hin. Was war das? Jenes nur halbverſtandene Wort, das er für einen Betrug gehalten, als es ihm zu Ende des vergangenen Jahres der geheimnißvolle Bote überreicht, es war zur Wahrheit geworden. Sein in Petersburg er⸗ trunkener Bruder George war in der Nähe. Sollte er das glauben? War es ein Betrug? Und weshalb kam George jetzt, nachdem er nie früher von ſich hören laſſen? Stand dieſes Wiedererſcheinen in Verbindung mit dem Kriege, mit dem Nahen der Türken? Daniel grübelte. Sein mißtrauiſches Herz empfand keine Freude bei dem Gedanken, daß er einen Bruder würde an ſein Herz drücken können. Im Grunde ſeiner Seele ſchlummerte etwas von jener orientaliſchen Bruderliebe, die in dem Bruder nur den Nebenbuhler, den Thronprätendenten ſieht. Daniel's Seele war kalt; daher ſtammte auch ſeine Schwäche und Unentſchloſſenheit, denn nur die 85 warme Empfänglichkeit für das Große verleiht Kraft und Energie. Es lag in ihm der Keim zu einem orien⸗ taliſchen Despoten, der Hunderte niedermetzeln laſſen kann und zuletzt winſelnd vor dem mächtigern Feinde niederfällt. Aber es war trotzdem nicht jene in ihrer Eiſigkeit großartige Kälte eines Tamerlan und Nero; an ihm war Alles kleinlich und ſchwach, Strohfeuer, Wankelmuth und Mißtrauen. In einigen Punkten zwar beruhigte ihn der Brief. George ſchrieb, daß er nur komme, ſeine Heimat und ſeine Verwandten zu ſehen, daß er hinreichend begütert ſei um auch in Zukunft im Auslande zu leben, da er hoffe, daß ihn die Großmuth ſeines Pflegevaters nie verlaſſen werde. Aber es wehte ein eigener Ton durch den Brief; etwas von jener Hoheit, die Nina's Herz mit ſcheuer Bewunderung erfüllt hatte und jetzt in Daniel's Herzen etwas wie Neid erweckte.„Was will er denn hier? Die Heimat, mich und Nina ſehen, nachdem er ſo lange nicht an uns gedacht? Wenn es ihm anderswo gut geht, weshalb bleibt er nicht dort, wes⸗ halb wagt er ſich hierher, wo die Ruſſen ihn nicht freundlich begrüßen werden? Und wo wohnt er, wo hält er ſich verborgen? Das Alles ſieht aus als wäre mehr dahinter— eine Abſicht, mich zu betrügen, vielleicht?“ So fragte er ſich. Nur ſelten blitzte etwas Edleres 86 in ihm auf. Dann wünſchte er, George möchte ſogleich eintreten. Ein Bruder! Es lag etwas in dem Gedan⸗ ken, das Daniel durchzitterte, weil es doch noch einige zarte Saiten in ihm gab. Aber er war verbittert. Die Leidenſchaft für Sophia, ihre Kälte, der Gedanke an die Möglichkeit, ſich gegen Rußland aufzulehnen, das Alles hatte ihn in der letzten Zeit faſt krank gemacht, da er groß geworden war in Schlaffheit und nicht männlich mit großen und gewaltigen Gedanken zu kämpfen ver⸗ ſtand Es verſtimmte ihn, daß er herausgeriſſen worden aus der behaglichen, gleichförmigen Bahn des Lebens. Jede geiſtige Anſtrengung war ihm zuwider Nun kam auch noch dieſer Bruder! Weshalb quälte man ihn mit Ueberraſchungen? Zwiſchen dieſe Gedanken drängten ſich andere. Heute ſollte er Nachricht erhalten, ob Sophia ſeine Bewerbung angenommen. Statt nach Dari hinüberzureiten, woran ihn der Befehl zum Ausmarſch hinderte, erwartete er nun Michael Brazow bei ſich ſelbſt. Der Graf konnte jeden Augenblick mit ſeiner Schaar eintreffen. Und wenn Sophia nun keine beſtimmte Antwort gegeben? Schon begann er wieder, ſie zu entſchuldigen. Es bangte ihm vor jeder Entſchiedenheit, vor jeder Gewißheit. Die Ordre zum Aufbruch war auch nach Dari gekommen; in den Vorbereitungen hatte man nicht Zeit für eine ſo 87 zarte Beſprechung gefunden, die plötzliche Kriegsgefahr hatte alle Gedanken auf andere Gegenſtände gelenkt; genug, ſchon entſchuldigte er ſich vor ſich ſelbſt, wenn er ſich gezwungen ſehen würde, eine zögernde Atwprt Sophia's gelten zu laſſen. Daniel war in voller Marſchuniform, den Säbel an der Seite, aber der Mißmuth, die Schlaffheit ſei⸗ ner Züge ſtand in einem leicht bemerkbaren Widerſpruche mit dieſer kriegeriſchen Rüſtung. Auch er zog nicht gern in dieſen Kampf, der ihn von Sophia und der Bequem- lichkeit des gewohnten Lebens entfernte. Sich mit die⸗ ſen Milizen zu ärgern, Regen und Wind auszuhalten, und was das Unangenehmſte war, unter dem Com⸗ mando des Majors und ſpäter unter dem Oberbefehl anderer ruſſiſcher Offiziere zu ſtehen, wie langweilig war dieſe Ausſicht! Die Ausſicht auf Kampf dagegen ent⸗ muthigte ihn nicht. Perſönlich war Daniel tapfer wie jeder militäriſch erzogene Mann. So ſtand er, als ein Diener eintrat und meldete, daß Alia Waſſi mit noch einem andern Manne den Prinzen zu ſprechen wünſche. Daniel kannte den Na⸗ men gut genug, wenn er auch Alia Waſſi ſeit Jahren nur ſehr ſelten geſehen und kaum wußte, wo er wohnte. War dieſer andere George? Er gab die Erlaubniß zum Eintritt, 88 Gleich darauf erſchien der alte Weißkopf, an ſeiner Seite George in der Landestracht. Daniel, mitten im Zimmer ſtehend, erwartete ſie mit leichtem Herzklopfen. Die Blicke der beiden Brüder begegneten ſich, derjenige Daniel's ſcheu und mißtrauiſch, der Blick George's ſanft fragend, weich, faſt bittend. Die Aehnlichkeit erkannte Daniel im Augenblick. An der Wand hing ein Portrait des Vaters; George mit ſeinen ſchmalen, feinen Zügen glich demſelben wunderbar, mehr als Daniel, deſſen Züge breiter und ſchlaffer waren, obwohl auch die beiden Brüder ſich ſehr ähnlich ſahen. „Daniel Garika“, ſagte der Alte vortretend,„ich führe Dir hier Deinen Bruder zu. Du kannſt, wenn Du einen Blick auf jenes Bild Deines Vaters wirfſt, nicht zweifeln, daß er es iſt. Doch davon iſt jetzt nicht die Rede. Wir kommen in einem entſcheidenden Augen⸗ genblick, Daniel! Unter Deinen Fenſtern ſtehen die Kinder Deines Landes. Du wirſt ſie mit den Ruſſen gegen Schamhl führen?“ „Ich dächte, jetzt hätte ich erſt mit dieſem Manne zu ſprechen, der ſich meinen Bruder nennt“, ſagte Daniel ablehnend, und dann fügte er auf Franzöſiſch zu George hinzu:„Ich habe Ihren Brief erhalten. Sie werden es natürlich finden, wenn er mich überraſcht hat. Darf ich Sie bitten, mir nähere Aufklärungen zu geben?“ 89 „Jetzt nicht! rief Alia, zwiſchen die Brüder tretend, denn er verſtand den Sinn, wenn auch nicht die Worte von Daniel's Rede.„Ihr könnt ſpäter ſprechen. Jetzt drängt die Entſcheidung! Daniel, Du wirſt nicht mit den Ruſſen ziehen! Ich weiß, was Dich zu ihrem Sklaven macht: ein Weib! Aber David, den ich heute geſprochen, hat dieſes Weib geſtern Abend überraſcht, als ſie mit dem Ruſſen, dem Major in Kureli, auf de⸗ Terraſſe unter ihrem Fenſter heimlich ſprach in ſpäter nächtlicher Stunde! Willſt Du denen trauen, Dich für diejenigen opfern, die Dich verrathen?“ Daniel, der bei den erſten Worten Alia's un⸗ willig hatte aufbrauſen wollen, fuhr zurück und er⸗ bleichte. „Was weißt Du davon?“ ſtammelte er.„Von wem ſprichſt Du?“ „Von der Gräfin Sophia, Deiner Schwägerin!“ antwortete Alia, und die Blicke des Alten ſchienen in Daniel's Herz dringen zu wollen.„Dabid hat ſie über⸗ raſcht. Und auch Michael weiß es. Willſt Du eine Fremde heirathen, die Dich mit ihren Landsleuten be⸗ trügt? Der Major und Michael werden bald bei Dir ſein. Frage ſie, verlange Antwort! Sei ein Mann! Wirſt Du mit ihnen ziehen, wenn ſie Dir die Wahyrheit geſtehen von dem, was ich ſage?“ 90 „Sophia— heimlich mit dem Major, und Michael weiß es?“ rief Daniel abgebrochen, ſtammelnd. „Ja, geſtern Abend, während Giorgi mit Nina ſprach!“ antwortete Alia.„Aber da ſind ſie ſelbſt, nun frage ſie! Und wenn Du weißt, daß Du betrogen biſt, Daniel, ſo handle!“ In der That hörte man die Muſik der Dragoner. Der Major und Michael, die ſich unterwegs vereinigt, ritten auf den Hof während die Milizen Brazow's und die Schwadron Dragoner ſich vor dem Schloſſe aufſtellten. „Ich werde ſie fragen!“ rief Daniel, noch immer todtenbleich.„Und Ihr, was wollt Ihr?“ „Wir bleiben hier, wenn auch nicht bei Dir, doch im Schloß, um Zeugen zu ſein, wie ein Garika handelt, wenn man ihn betrügt!“ rief Alia.„Sorge nicht um uns! Ich kenne das Schloß ſo genau als Du und werde Giorgi für alle Fälle ſichern. Geh nur hinab!“ „Gut!“ ſagte Daniel und ſeine farbloſen Lippen zitterten.„Wenn es ſo iſt, wie Du ſagſt, dann Fluch den Ruſſen und ihrem ganzen Anhang!“ Er verließ das Gemach. Alia Waſſi und George traten an ein Fenſter. Die Muſik der Dragoner ertönte inzwiſchen luſtig weiter. Der Major und Brazow, mitten auf dem Hof haltend, ſchienen Daniel zu erwarten. In dem Moment, 91 als dieſer unten aus der Thür auf den Hof trat, drängte Alia Waſſi plötzlich George zurück, öffnete das Fenſter, deutete mit der Hand nach Norden und rief mit einer Stimme, die Alles übertönte:„Schamyl! Schamyl!“ Wie auf ein gegebenes Zeichen verſtummte die Muſik. Aller Blicke wandten ſich nach Norden, und da das Schloß hoch lag und gerade nach Nordoſten, nach dem Karaſſu, der Berg ſteil abfiel, ſodaß der Blick bis weit auf die nördlichen Berge ſchweifen konnte, ſo ſah die Mehrzahl durch die reine und klare Luft etwas wie einen ſchwarzen Schatten, der ſich in Geſtalt einer ſchmalen Linie klar von einem hell von der Sonne be⸗ ſchienenen Felsabhang abhob. Es gehörten freilich ge⸗ übte Augen dazu, um zu errathen, daß dies eine Schaar Reiter ſei, aber unter den Verſammelten waren wenige, deren Auge nicht auf meilenweite Entfernung eine ſolche Linie zu deuten gewußt hätte. Ein Flüſtern ging durch die Miliz; dann wurden die Reihen todtenſtill. Die Dragoner richteten ſich ſtraffer auf, und die Trompeter nahmen mit einer Disharmonie die Melodie wieder auf, wo ſie dieſelbe abgebrochen. Es lag etwas eigenthümlich Einſames und Verlaſſenes in den Klängen dieſer wenigen Trompeten, etwas wie gezwungene Luſtigkeit, wie erkünſtelter Trotz. Selbſt das ſchwache Echo ſchien keinen Muth zu haben, einzuſtimmen. 92 Inzwiſchen hingen alle Blicke an jenem Schatten⸗ ſtreifen. Wohin er ſich richtete, das ließ ſich auf eine ſo weite Entfernung nicht beſtimmen. Aber er bewegte ſich ein wenig, das war deutlich zu ſehen, und zwar nach Süden zu. In dieſem Moment trat Daniel Garika auf Michael und den Major zu, das Geſicht noch immer bleich. Aber es war nicht die Bläſſe der ſondern diesmal der Entſchloſſenheit. Die Miene, die Haltung Daniel's mußten dem Gra⸗ fen und dem Major auffallen. Ihre Blicke wurden auf⸗ merkſamer. Brazow ritt dem Prinzen einige Schritte entgegen. „Guten Tag, Daniel!“ ſagte er und verſuchte ein Lächeln.„Der Krieg beginnt. Wer war der Mann, der aus dem Fenſter rief?“ Daniel beantwortete weder den Gruß, noch die Frage. Er ſuchte nach den Worten für eine Anrede. „Herr Graf“, ſagte er dann,„welche Antwort brin⸗ gen Sie mir von der Comteſſe?“ Michael ſtutzte und eine Wolke zog über ſein Geſicht. „Ich glaube, mein lieber Prinz, dies iſt kaum der Augenblick, davon zu ſprechen“, antwortete er.„Wir ſind nicht allein, und außerdem zwingt uns der Augen⸗ blick, an andere Dinge zu denken.“ 93 „Dennoch wünſche ich Ihre Antwort jetzt zu hören und zwar hier“, ſagte Daniel faſt heftig.„Die Gegen⸗ wart des Herrn Majors genirt mich nicht; im Gegen⸗ theil, ich halte ſie für nothwendig.“ Die Miene des Majors blieb ſcheinbar ruhig, aber Verwunderung und Neugier ſprachen aus ſeinen Blicken. Was war vorgegangen? Welche Scene ſollte ſich hier entwickeln? Er hatte Daniel nie ſo trotzig und entſchloſ⸗ ſen geſehen. „Ihre Worte ſetzen mich in Erſtaunen“, antwortete Michael Brazow unmuthig.„Ich muß in der That ge⸗ ſtehen, daß mir der Augenblick für die Erklärung, die Sie verlangen, nicht geeignet erſcheint. Sobald wir allein ſind, werden Sie meine oder vielmehr Sophia's Ant⸗ wort hören.“ „Es thut mir leid, auf meiner Frage beſtehen zu müſſen“, ſagte Daniel.„Es iſt möglich, daß wir nicht ſo bald allein ſind, und außerdem wünſche ich, wie ge⸗ ſagt, daß der Herr Major zugegen ſei.“ „Daniel“, rief Brazow,„ich finde Ihre Hartnäckig⸗ keit ſonderbar und faſt beleidigend. Was ich Ihnen zu ſagen habe, betrifft nicht mich und Sie allein, ſondern auch eine Dame. Ich kann nicht vor aller Welt davon ſprechen.“ „Wir ſind nur unſer drei“, ſagte Daniel.„Alſo Sie wollen nicht antworten, Graf?“ N „Nein, hier nicht!“ erwiderte Michael entſchieden und in gereiztem Tone. „Gut, ſo werde ich eine andere Frage an Sie rich⸗ ten, und ich bin überzeugt, daß Sie mir dieſe Frage ge⸗ wiß beantworten werden!“ fuhr Daniel fort.„Iſt es wahr, daß die Comteſſe Sophia geſtern Abend, am Abend deſſelben Tages, an welchem ich um eine Entſcheidung bat, eine heimliche Unterredung, mit andern Worten ein nächtliches Rendezvous mit dieſem Herrn, mit dem Major Ombrazowitſch gehabt hat?“ Die Frage kam unerwartet; ſie mußte den orſen verwirren und den Major überraſchen „Aber, mein lieber Daniel“, rief Brazow,„das iſt doch in der That kein Ort und keine Gelegenheit, um über derartige Dinge zu verhandeln. Noch einmal, laſſen Sie uns jetzt abbrechen. Ich werde Ihnen Alles er⸗ klären!“ „Die Erklärung beſteht in einem einzigen Wort“, ſagte Daniel.„Ja oder Nein?“ „Nun, wenn Sie denn wollen, ja, Sophia hat eine Unterredung mit dem Major gehabt, weil er ſie darum gebeten, die erſte und letzte, die einzige“, antwortete Michael unruhig.„Ich hätte es Ihnen von ſelbſt mitge⸗ theilt, zugleich mit der Antwort Sophia's, die nicht un⸗ günſtig iſt.“ 95 „Nicht ungünſtig? Wirklich?“ rief Daniel höhniſch lachend.„Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Herr Graf. Will vielleicht die Comteſſe mich wirklich heirathen und ſich auch ſpäter noch Rendezvous mit dem Herrn Major ge.„ ben? Beſten Dank! Ich habe nicht Luſt, ein gefälliger Ehemann zu ſein. Die Comteſſe iſt vor meinen Bewer⸗ bungen ſicher! Ich könnte einige ſcharfe Worte über eine Dame ſprechen, die den Einen anhörte und dem Andern Rendezvous gab, aber ſie geht mich nichts mehr an!“ „Prinz“, rief Brazow heftig,„keine Beleidigung! Eine Unterredung iſt kein Rendezvous! Wie können Sie urtheilen, ohne gehört zu haben? Von wem haben Sie überhaupt die Nachricht?“ „Das iſt meine Sache!“ antwortete Daniel ſcharf und höhniſch.„Es ſcheint faſt, als hätte mir dieſer un⸗ ſchuldige Zwiſchenfall verſchwiegen bleiben ſollen. Das wäre allerliebſt geweſen, ſehr aufrichtig von Ihnen, Herr Graf.“ „Prinz“, rief Brazow,„wir ſprechen uns darüber ſpäter! Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen. Ich will jetzt nichts mehr hören. Wir find im Dienſt des Kaiſers und haben an andere Dinge zu denken. Geben Sie den Be⸗ fehl zum Aufbruch, Herr Major Die Truppen ſind ver⸗ ſammelt.“ „Sie ſtehen im Dienſt des Kaiſers, nicht ich!⸗ ſagte 96 Daniel kalt.„Ich bleibe hier, und meine Garikaner blei⸗ ben bei mir. Adieu, meine Herren!“ „Prinz“, rief jetzt der Major und verſperrte ihm mit ſeinem Pferde den Weg,„ich muß um nähere Er⸗ klärung dieſer Worte bitten, die jedenfalls auf einem Irrthum beruhen.“ „Durchaus nicht!“ antwortete Daniel.„Ich bin Mi⸗ lizoffizier, das iſt wahr, aber als ſolcher nicht im un⸗ mittelbaren Dienſt des Kaiſers. Soviel ich weiß, ſollen die Milizen nur zur Vertheidigung des Landes dienen. Nun gut, unſere Gegend iſt bedroht— da drüben iſt Scha · myl— ich bleibe hier, und wenn Ihnen das Wohl eines Landes am Herzen läge, das Sie freilich nicht lieben können, da Sie hier nicht geboren, da Sie hier nur durch eine Heirath eingezogen, ſo würden Sie daſſelbe thun und Dari ſchützen!“ Eine Minute lang blieben der Graf und der Ma⸗ jor ſtumm nach dieſen Worten. Es lag nicht in ihnen allein, ſondern in dem ganzen Weſen Daniel's etwas ſo Unge⸗ wöhnliches, daß ſie dieſen Gegenſatz gegen früher kaum zu begreifen vermochten. Außerdem war Paul Ombra⸗ zowitſch mit ſeinen Gedanken beſchäftigt. Daniel unter⸗ richtet von dem Rendezvous, was hätte er Beſſeres wün⸗ ſchen können? War ihm nicht in der Nacht der Gedanke gekommen, dem Prinzen heimlich den Vorfall melden zu 97 laſſen? Und Daniel faſt im Aufſtande gegen Rußland, ſtimmte das nicht mit ſeinem eigenen Plane überein, den er Sophia entwickelt? War das nicht ſeine einzige Hoffnung geweſen? In der That, es geſtaltete ſich Alles ſchneller und günſtiger, als er zu hoffen gewagt; er durfte wieder an die Möglichkeit denken, Sophia zu ge⸗ winnen. Nur mit Mühe verbarg er ſeine Freude und zwang ſich, befremdet, kalt und ſtreng zu erſcheinen. „In der That, Prinz, eine ſeltſame Auslegung Ihrer Pflichten, die faſt an Inſubordination grenzt!“ ſagte er. „Ich glaube, ich muß meiner Ordre folgen, und dieſe lautet: Sie und den Herrn Grafen mit den Milizen von Garika und Dari den Karaſſu hinabzuführen. Haben Sie die Güte, mich zu begleiten, bis ich die Entſchei⸗ dung eines höhern Offiziers einholen kann.“ „Ich bleibe!“ rief Daniel.„Ich habe mich ver⸗ pflichtet, das Land zu ſchützen, und das werde ich thun. Aber mein Land iſt Garika, nicht das ganze große Geor⸗ gien, nicht Tiflis. Ich werde Garika ſchützen gegen jeden Feind, und noch weiß ich nicht, wo ich eigentlich den Feind zu ſuchen habe.“ „Der Doppelſinn in Ihren Worten iſt ſehr durch⸗ ſichtig!“ ſagte der Major etwas ſpöttiſch.„Es ſcheint, als ob alte Erinnerungen in Ihnen erwachten, zu Ihrem Schaden— gewiß! Doch das iſt Ihre Sache. 7 Miützelburg, Der Held von Garika IMI. 98 Was meinen Sie, Graf? Soll ich die Weigerung des Prinzen als offenen Widerſtand behandeln, oder ſoll ich den Weg der Güte verſuchen?“ „Daniel“, rief Brazow jetzt, wenn auch gereizt, doch faſt bittend,„Sie machen ſich unglücklich. Nehmen Sie Vernunft an! Sie ſind erbittert— ohne Grund! Es wird ſich Alles aufklären. Thuen Sie keinen voreiligen Schritt; Sie würden ihn bereuen. Kommen Sie mit uns. Es ſteht nicht in der Macht des Majors, Sie von Ihrer Pflicht zu dispenſiren, und es iſt Ihre Pflicht als Soldat, zu gehorchen. Bedenken Sie, daß wir im Kriege ſind! Wir ſtehen unter dem Kriegsgeſetz.“ „Ich dispenſire mich ſelbſt und auf eigene Verant⸗ wortlichkeit“, antwortete Daniel.„Genug, meine Herren, ich bleibe hier; Garika liegt mir mehr am Herzen als Tiflis, das werden Sie begreifen.“ Und zu den Garikanern tretend, die dieſem in der Landes ſprache und ziemlich laut geführten Wortwechſel mit ſteigender Aufmerkſamkeit gelauſcht hatten, rief er: „Männer von Garika! Wir haben die Waffen ge⸗ nommen, um unſere Häuſer, unſere Aecker zu vertheidi⸗ gen, nicht um in der Ferne einen Feind zu bekämpfen, der vielleicht nicht unſer Feind iſt. Ihr ſteht unter meinem Befehl; kein Anderer hat Euch zu gebieten. Ihr bleibt hier, verſammelt und bewaffnet, ſolange uns Ge⸗ 99 fahr droht. Die Dragoner mögen mit ihrem Major ziehen; ſie ſind des Czaren Truppen. Ihr aber ſeid die meinigen und Ihr bleibt!“ Die Worte wirkten zauberhaft. Dieſelben Männer, die vorher bleich und düſter einem nicht erſehnten Kampf entgegenſahen, ſtießen einen Jubelruf aus und ſchwangen ihre Waffen, als ſeien ſie bereit, ſich auf jeden Feind zu ſtürzen. Etwas von dem alten Heldenmuth der Garikaner ſchien in ihnen aufzutauchen. „Wir bleiben!“ riefen ſie.„Es lebe der Prinz Da⸗ niel! Es lebe der Fürſt von Garika!“ Die Frauen hoben ihre Kinder empor und jubelten lauter als die Männer; die Milizen von Dari, die au⸗ ßerhalb des Thores bei den Dragonern aufgeſtellt waren, drangen herein und fragten, was geſchehe. Wenige Worte genügten, ſie aufzuklären, und ſie ſtimmten zum Theil mit ein in den Ruf:„Wir bleiben! Es lebe Fürſt Daniel!“ Inzwiſchen wechſelten der finſter gewordene Graf Brazow und der Major, deſſen Antlitz ſehr ruhig war und deſſen Augen zuweilen von geheimer Freude leuchteten, haſtig einige Worte. „Der Menſch iſt raſend geworden!“ flüſterte Bra⸗ zow.„Sollte er es wagen zu trotzen?“ „Sie ſehen, daß er es thut; die Lorbeeren der Tür· 100 ken laſſen ihn nicht ſchlafen“, erwiderte der Major ſpöttiſch. „Aber er ruinirt ſich. Und er iſt mein Schwager!“ flüſterte Brazow.„Wos wollen Sie thun, Major?“ „Entweder nichts oder Alles!“ antwortete dieſer. „Entweder wir marſchiren ab und überlaſſen ihn ſeinem Schickſal, oder ich laſſe ihn verhaften, im Nothfall mit Gewalt. Was halten Sie für das Beſſere?“ „Sie fragen mich?“ rief Brazow faſt zornig.„Ich kann Ihnen nicht rathen. Natürlich wünſche ich keine Gewalt. Ohne Ihre unglückliche Unterredung mit Sophia wäre das Alles nicht geſchehen. Dieſer Narr, der Da. vid, muß geſchwatzt haben!“ „O Herr Graf, was hat eine ſolche Unterredung mit einer offenbaren Inſubordination zu thun?“ fragte der Major, die Achſeln zuckend.„Hier ſehen wir, wie mir ſcheint, nur die Früchte einer längſt ausgeſtreuten Saat. Indeſſen, ich werde nicht zur Gewalt ſchreiten. Der Prinz mag bleiben. Vielleicht beſinnt er ſich eines Beſſern und folgt uns ſpäter.“ Dieſe Worte waren faſt ſpöttiſch geſagt; Ombra⸗ zowitſch konnte ein Lächeln boshaften Triumphs kaum unterdrücken. Andererſeits war Brazow tief und leiden⸗ denſchaftlich erregt. Sein Schwager ungehorſam, mög⸗ licherweiſe ein Feind Rußlands, im offenen Widerſtand 101 gegen die Regierung, welches Licht mußte das auf ihn⸗ den Gemahl Nina's werfen, den man in der letzten Zeit faſt verantwortlich gemacht hatte für die Ruhe Garikas und die Treue Daniels! Und das Alles um dieſer un⸗ ſeligen Unterredung willen, die der Major erſchlichen hatte! In der That, der Graf war faſt.zorniger auf den Major, den er haßte, als auf Daniel, deſſen Aufre⸗ gung durch Eiferſucht und gekränkte Liebe zu entſchuldi- gen war. „Prinz“, rief der Major jetzt, ſich Daniel nähernd, „mein letztes Wort! Sie ſind im Irrthum, wenn Sie glauben, daß Sie nicht nöthig hätten, der Ordre zu ge⸗ horchen. Ueberlegen Sie! Ich will Sie nicht zwingen, wenn ich auch könnte. Ich mag die Verantwortung für einen ſolchen Schritt nicht übernehmen, ja, ich will ſelbſt von meiner Pflicht abweichen, um einen Mann, dem ich ſo nahe geſtanden, nicht zu verletzen. Aber bedenken Sie, welche Verantwortung Sie übernehmen, nicht nur für ſich, ſondern auch für dieſe Milizen! Ich muß Sie jetzt verlaſſen. Folgen Sie mir, wenn Sie mit ruhigem Blut Alles überlegt haben. Ich werde dem, was vorgefallen, eine möglichſt gute Deutung geben.“ Die Worte des Majors klangen freundſchaftlich und verſöhnend; der Spott, die Ueberlegenheit, das Hofmei⸗ ſternde in ſeiner Miene aber ſchienen darauf berechnet, 102 den Stolz Daniel's noch empfindlicher zu kränken. Und er erreichte ſeinen Zweck. „Ich bin ſehr ruhig, Herr Major!“ antwortete Daniel, zitternd vor Zorn.„Sparen Sie Ihre Ermah⸗ nungen für ruſſiſche Cadetten. Ich werde mich zu ver⸗ antworten wiſſen, vorausgeſetzt, daß ich das überhaupt nöthig habe!“ „Nun gut, gut!“ antwortete Ombrazowitſch mit ver⸗ letzender Gleichgültigkeit.„Machen Sie das mit ſich und Ihrer Pflicht ab. Adieu, Prinz! Ich hätte gewünſcht, Sie hätten meinen Rath angenommen!“ Er grüßte oberflächlich und ſprengte zu ſeinen Dra⸗ gonern. Michael Brazow hielt in peinlicher Unruhe noch auf dem Hofe. Es ſchien ihm unmöglich, ſeinen Schwager ſo leicht aufzugeben. Er ſuchte nach Worten. „Daniel, Daniel!“ rief er endlich.„Kommen Sie, ich beſchwöre Sie! Sie machen ſich und alle unglücklich! Sie haben ſich verblenden laſſen. Jene Unterredung Sophia's mit dem Major war von der unſchuldigſten Art. Er liebt ſie, das wiſſen wir alle, und hatte ſie um eine Unterredung beſchworen, um—“ Die Fanfare, die auf den Befehl des Majors von den Trompetern angeſtimmt wurde, übertönte ſeine Worte. 103 „Genug, genug!“ rief Daniel laut.„So etwas er⸗ fährt man beſſer zu früh als zu ſpät. Sophia iſt vor meiner Bewerbung ſicher. Ich werde Garika und Dari ſchützen, da Sie ſelbſt dazu nicht den Willen haben!“ Brazow wollte noch ſprechen, aber die Art, wie ſich Daniel von ihm abwandte, ſchien ihn zu erbittern. „Sie werden es bereuen!“ rief er zornig. Und er ſprengte dem Major nach. Die Schwadron Dragoner hatte ſich geordnet und ſetzte ſich ſo eben in Marſch. Dem Major ſchien es ſehr gleichgültig, ob ihm ſonſt noch Jemand folge; er ſah nicht zurück. Brazow ſuchte ſeine Milizen mit den Blicken, aber er ſah ihrer nur noch wenige. Die meiſten hatten ſich mit den Garikanern auf dem Schloßhofe vereinigt. Andere riefen ihm zu:„Wir bleiben, Herr Graf! Wir ſchützen Dari!“ Nur wenige, unter ihnen die Ruſſen, die ſich in Dari niedergelaſſen, meiſt ehemalige Diener der Familie Brazow, ſchienen bereit, ſeinem Commando zu folgen. Der Graf erhob ſeine Stimme, ſprengte in den Schloßhof zurück, zog den Degen, befahl, tobte, wetterte — umſonſt! Ueberall rief man ihm entgegen:„Wir bleiben!“ Er ſtellte den Widerſpenſtigen vor, daß ſie ihr Leben wagten, daß ſie unter dem Kriegsgeſetz ſtänden und unzweifelhaft wegen Meuterei füſilirt werden würden. 104 „Wir ſind keine Ruſſen!“ rief man ihm entgegen. „Wir bleiben und ſchützen Haus und Hof, Weib und Kind!“ Einige riefen ihm zu, er möge doch ſelbſt biben; aber das waren nur wenige. Andere riefen:„Sie find ein Ruſſe. Gehen Sie mit dem Major! Wir ſind Gari⸗ kaner und bleiben!“ Der Graf war außer ſich vor Zorn, in den ſich Scham über ſeine Ohnmacht miſchte. Endlich ſchien er dieſes vergeblichen Tobens müde zu ſein. Er riß ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche, ſchrieb einige Worte mit Bleiſtift darauf und gab es einem Manne, der es Daniel überbringen ſollte. „Ihr werdet es bereuen!“ rief er dann.„Narren, die Ihr ſeid! Ihr werdet fühlen, wenn Ihr nicht hören wollt!“ Er ſprengte aus dem Schloßhof, ſammelte die We⸗ nigen, die ihm treu geblieben, und zog dem Major nach, deſſen Schwadron unter den luſtigen Klängen eines Mar⸗ ſches den Berg hinabritt. Daniel nahm das Papier, das der Garikaner ihm reichte Es trug die Adreſſe Nina's. „Dein Bruder iſt raſend geworden“, ſtand darauf. ¹„Er verweigert den Gehorſam und bleibt in Garika. Sorge dafür, daß er ſich mit Sophia ausſpricht, dann 105 kann noch Alles gut werden. Ich muß weiter mit dem Major; ich kenne nur meine Pflicht. Ihr habt nichts vom Feinde zu befürchten. Ich bin bald wieder bei Euch!“ „Gut“, ſagte Daniel bitter lachend,„ſie ſoll das Papier erhalten. Aber mit Sophia ſprechen, nein, das fällt mir nicht ein. Ich müßte ſie denn verhöhnen und ihr ſagen wollen, was ich über ſie denke! Komme, was komme! Ich laſſe mich von dieſem Major und von dem Grafen nicht behandeln wie ein Knabe. Das iſt vorbei! O dieſe Sophia, dieſe Schlange!“ Und er brach in jenes bittere, krampfhafte Lachen aus, das oft nichts weiter iſt als ein Schluchzen, dem die Thränen fehlen. Dann ſtieß er mit dem Fuß auf die Erde und rief: „Nun vorwärts! Jetzt muß gehandelt werden. End⸗ lich einmal iſt mir das Herz frei und ich habe dieſe Laſt abgeſchüttelt! O ich wünſchte, ich träfe mit dieſem Ma⸗ jor zuſammen. Er oder ich!“ Ganz ſeiner Aufregung hingegeben, ſtand er, als ob er allein ſei, mitten auf dem Hofe, während die Menge ihn umgab. Einige beobachteten jenen dunklen Streifen, der die Reiterſchaar der Tſchetſchenzen bezeich⸗ nete und inzwiſchen ein bemerkbares Stück vorgerückt war. Es ließ ſich jetzt erkennen, daß dieſe Schaar ſich vollfommen ſüdlich, in der Richtung nach Tiflis bewegte. 106 Alſo hatten Garika und Dari für jetzt nichts zu befürch⸗ ten. Ob dies nun den Muth der Garikaner hob oder ob wirklich ein kriegeriſcher Geiſt in ſie gefahren, ſeit ſie ſich ſelbſtſtändig und nicht mehr als Diener Rußlands fühlten, genug, ſie ſchwangen ihre Waffen, ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten. In dieſem Augenblick erſchien der weißhaarige Alia Waſſi in der Thür des Schloſſes. In der Linken trug er hoch erhoben ein rothgelbes, zerriſſenes Banner mit einem Löwen auf der Stangenſpitze, in der Rechten ein breites, etwas gekrümmtes Schwert. Stolz aufgerichtet ſchritt der Greis langſam auf Daniel zu. Als die Menge ihn bemerkte, verſtummte ſie für einen Augenblick, dann aber brach unermeßlicher Jubel aus. „Das Banner von Garika! Das Schwert von Gu. rika!“ jauchzte man von allen Seiten.„Da iſt er, da iſt Alia Waſſi! Er hat Banner und Schwert nni Garika iſt noch nicht todt!“ Aufmerkſam gemacht durch den wilden Jubel, ſich auch Daniel dem Greiſe zu und ſchien überraſcht, als er die alten Feldzeichen erblickte. Thatſache war es, er geſtand es ſpäter ſelbſt, daß er nicht gewußt, wo dieſe alten Zeichen geblieben, daß ſie ohne ſein Wiſſen im Schloſſe verborgen geweſen, das Alia Waſſi allerdings beſſer kannte als der Herr ſelbſt. Aber ſie waren da, 107 die alten Zeichen, unter denen die Könige von Garika zum Siege gezogen, und ſelbſt Daniel fühlte etwas von Begeiſterung, ſcheuer Ehrfurcht und tiefer Bewegung. Alia Waſſi war bis dicht zu Daniel herangetreten; die Menge umdrängte beide. Als man bemerkte, daß Alia ſprechen wollte, wurde es ſtill auf dem Hofe, ſo ſtill, daß man aus der Ferne noch die Trompeten der Dragoner herübertönen hörte. „Fürſt Daniel Garika“, ſagte der Greis,„Du haſt Dich als ein Mann gezeigt, würdig Deiner Ahnen, wür⸗ dig der Könige von Garika. Du haſt dem Fremdling den lange erzwungenen Gehorſam verweigert, Du haſt nicht dulden wollen, daß die Männer von Garika zum Gemetzel geführt würden gegen ihre eigenen Freunde. Denn ſind das unſere Feinde, die dort drüben niederſteigen von den Bergen, um den Ruſſen Tod und Verderben zu bringen? Nein, ſie kämpfen gegen denſelben Feind, dem auch wir unterlegen ſind, hoffentlich nicht für im⸗ mer. Wohl haben die Männer der Berge Recht, uns als ihre Feinde zu betrachten, denn ſie kämpften für uns, wäh⸗ rend wir dem Banner der Moskowiter folgten. Aber die Stunde iſt gekommen, in der wir unſern Irrthum erkennen und uns verbünden mit denen, die es allein gewagt haben, der Macht des Czaren zu widerſtehen. Ganz Georgien, Kolchis, Suanien, Mingrelien, die Län⸗ 108 der nördlich und ſüdlich vom Kaukaſus, ſoweit man die Schneeſpitzen des Elborus und Kasbek leuchten ſieht, erheben ſich, wie der Löwe von Garika, entfalten ihre Banner, wie ich dieſes Banner entfalte, und wenden ſich gemeinſam gegen die Unterdrücker. Nur wenige Meilen von uns ſtehen die Streiter des Sultans, ſiegreich gegen die Ruſſen, und die großen Mächte des Weſtens, jede einzelne mächtiger als das Czarenreich, ſenden bereits ihre Flotten in das Schwarze Meer, und vor ihnen flie⸗ hen die Segel der Ruſſen, vor ihnen flüchten die Mos kowiter aus ihren Feſtungen am Meeresufer in das In⸗ nere des Landes. Wenn Georgien will, ſo wird es frei ſein. Der Moskowiter hat die Völker im Süden des Kaukaſus unterdrücken können, als ſie uneinig waren und Niemand ihnen Hülfe ſandte, aber er wird fliehen müſ⸗ ſen, wenn vom kolchiſchen Strande bis zum Ufer des Kaspi-Sees die ſtreitbaren Männer ſich erheben und der Sultan und die großen fränkiſchen Mächte ihre Tauſende und aber Tauſende ihm entgegenwerfen, wenn Schamyl mit ſeinen blitzſchnellen Reitern ſie wie der Sturmwind überfällt und wenn hinter jedem Strauch und jedem Felſen ſich ein Feind gegen den langjährigen Unterdrücker erhebt. Nicht einer wird hinübergelangen über den Kau⸗ kaſus, um den Tod der Moskowiter zu melden. Es ſchwankt die Macht des Czarenreichs, und wie eine Säule, 109 zu hoch gethürmt, wie jener Thurm von Babel, von dem die Schrift uns meldet, wird ſie krachend zuſam⸗ menſtürzen und unter ſich alle zerſchmettern, die ſie er⸗ richtet. Wollt Ihr zurückbleiben, Männer von Garika und Dari, wenn alle gegen die Moskowiter kämpfen? Wollt Ihr allein Eure Freiheit nicht erwerben? Wollt Ihr ferner dem Fremden Eure Häuſer und Aecker über⸗ laſſen, ihm Steuern zahlen und Euch von ihm in ferne Länder zum Kriege ſchleppen laſſen? Und Du, Daniel, älteſter Sohn der Könige von Garika, Enkel der Herren von Dari, Garika und Kureli, willſt Du zögern und Dich des Namens Deiner Väter unwerth zeigen? Willſt Du, bereits getäuſcht und betrogen von den Ruſſen, das An⸗ denken Deines Vaters und Deiner Mutter ſchänden, in⸗ dem Du ferner den Söhnen der Koſaken gehorchſt, die nicht würdig ſind, Deine Füße zu küſſen? Nein, Du wirſt es nicht. Wir haben geſehen, daß Du ein Mann ſein kannſt, wenn der Uebermuth und die Tücke der Fremdlinge Dich reizt. Du wirſt an der Spitze der Männer von Garika ſtehen, mit Dir werden die Krieger von Georgien, Mingrelien, Imerethien und Gurien, die Sieger von den Bergen, die Männer der Kabarda, die Lesghier, die Tſchetſchenzen, die Suaner und Abchaſen ſich vereinigen. Wie eine Wetterwolke werdet Ihr auf die Feinde ſtürzen und ſie verderben, und ehe der Win⸗ 110 terſchnee die Vorberge des Kaukaſus einhüllt, ehe das Eis niederſteigt an den Riongletſchern, wirſt Du wieder König von Garika ſein, und die Männer, die ſich bisher im ſchweigenden Groll vor der Macht der Fremdlinge gebeugt, werden Dir huldigen als dem wahren Erben dieſes Reichs, als dem neuerſtandenen, wahren und recht mäßigen Herrſcher dieſes Landes! Tod den Ruſſen! Es lebe der König von Garika!“ Die zitternde und doch weithin ſchallende Stimme des Greiſes, ſeine leuchtenden Augen, die Thränen, die über ſeine gefurchten Wangen rannen, das Banner, das er hoch in der Luft ſchwang, das Schwert, das er trium⸗ phirend erhob, Alles riß die ohnehin ſchon erregte Menge zu einer faſt wahnſinnigen Begeiſterung hin. Viele ſtürzten auf die Kniee vor Daniel, Andere küßten die Bannerſtange und das Schwert. Der Ruf:„Tod den Ruſſen! Es lebe der König von Garika!“ gemiſcht mit Ausbrüchen des Jubels und unterbrochen vom Schluch⸗ zen der Erregung, erſchütterte den Schloßhof. Daniel ſelbſt, ein Kind und Spielball des Augenblicks, wie er war, ſtand ſprachlos und ſo heftig ergriffen, daß ihm Thränen aus den Augen ſtrömten. „Ja!“ rief er endlich und erhob die geballte Fauſt, „Tod den Feinden! Tod denen, die mich und Euch be⸗ trügen! Garika ſoll wieder ein freies und ein mächtiges 111 Reich ſein! Ich will Euch führen, ich bin bereit. Nicht länger ertragen wir den Uebermuth der Feinde! Sendet Boten durch das Land! Ruft Alles zum Kampf! Tod oder Sieg, ich bin entſchloſſen!“ Inzwiſchen hatte Alia Waſſi eine Bewegung nach dem Fenſter hinauf gemacht, an welchem er vorher mit George geſtanden. Jetzt überreichte er Daniel das Schwert. Er ſelbſt hielt das Banner hoch erhoben in kräftiger Fauſt. „Der Himmel ſelbſt hat uns ein Zeichen gegeben, daß wir ſiegen werden!“ rief er, und die Menge ver⸗ ſtummte, ſobald ſie ſeine Stimme vernahm.„Der Him⸗ mel ſelbſt will uns zeigen, daß das Haus der Könige von Garika nicht erſtorben iſt, daß es nicht nur in Da⸗ niel lebt. Ihr wißt, daß unſer Herr, den man in die kalte Ferne ſandte, damit er dort ſterbe, uns zwei Söhne hinterließ, Daniel, den erſtgeborenen, und Giorgi, den zweiten. Wir glaubten, Giorgi ſei geſtorben in der Hauptſtadt der Moskowiter Er iſt es nicht. Er iſt zu· rückgekehrt, nachdem er bis jetzt im Weſten, im Lande der Freiheit gelebt; er iſt gekommen, um uns zu mel⸗ den, daß viele Tauſende von Verbündeten uns nahen: er iſt gekommen, um mit Daniel zu kämpfen und zu ſiegen oder zu ſterben. Auf zwei Säulen, zwei ſtarken, kräftigen Säulen ruht das Haus der Herrſcher von Garika. Das iſt ein Zeichen des Himmels, daß es nicht untergehen 112 ſoll und nicht untergehen wird. Zum erſten Male iſt Giorgi Garika heute wieder in das Schloß ſeiner Väter getreten, an dem Tage, an welchem wir das Joch der Fremden abſchütteln. Das iſt ein Zeichen, daß der Geiſt des alten Löwen von Garika wieder auflebt und wieder eingezogen iſt in dieſe Burg und dieſes Land! Giorgi Garika, komm und grüße die Männer, deren Vorältern in Treue für Deine Ahnen lebten und ſtarben!“ Es herrſchte Todtenſtille. Eine tiefe feierliche Be⸗ wegung hatte die Menge ergriffen. Die Meiſten glaub- ten, daß der zweite Sohn ihres frühern Herrſchers in der Hauptſtadt des Ruſſenreichs geſtorben. Seine Wie⸗ derkehr erſchien allen als ein Wunder, als ein Zeichen des Himmels. Sie hätten die Ankunft eines Engels, eines himmliſchen Sendboten nicht mit größerer Ehr⸗ furcht erwarten können. Selbſt Daniel war erſchüttert. Große Momente werfen auch in kleine Herzen einen Fun⸗ ken göttlicher Begeiſterung und erheben ſie über die en⸗ gen Schranken ihrer gewöhnlichen Begriffe und Gefühle. In einem ſolchen Momente der Erregung war auch ihm der Bruder ein willkommener Gaſt, gewiſſermaßen ein Unterpfand für eine glückliche Löſung. Große Ereigniſſe laſſen ſelbſt dem kalten Zweifler das Seltſame als etwas Natürliches erſcheinen. 113 Aller Blicke waren auf den hohen und ſchlanken jungen Mann gerichtet, der langſam über den Hof kam und, obwohl in die Tracht eines georgiſchen Landmanns gekleidet, in ſeinem Weſen in ſeiner Haltung ſo viel Adel zeigte. Die Erregung des Augenblicks hatte alles Blut aus ſeinen Wangen getrieben und machte es ihm unmöglich, anders als langſam vorzuſchreiten. Dadurch erhielt ſeine Erſcheinung etwas ganz Eigenthümliches; er glich einem Menſchen, der ſo eben von einem ſchweren Krankenlager erſtanden, ja, der aus dem Grabe zurückge- kehrt iſt. Er verneigte ſich ſanft gegen die Menge und legte die Hand aufs Herz, mit ſo viel Aufrichtigkeit und natürlicher Wahrheit, daß die Blicke der Garikaner heller aufleuchteten, zum Zeichen, wie ſehr ſeine Erſcheinung zu ihrem Herzen ſprach. Geräuſchlos theilte ſich die Menge und bildete ihm eine Gaſſe. So ſchritt er im tiefſten Schweigen bis zu Daniel. „Mein Bruder“, ſagte er, mit ſeiner Bewegung kämpfend,„für mich haben unſere Aeltern nie aufgehört, die Könige dieſes Landes zu ſein. Ich grüße Dich als Herrſcher, als König von Garika!“ Er entblößte ſein Haupt und neigte ſich tief vor Daniel, über deſſen Antlig ein Strahl der Befriedigung leuchtete. Die Huldigung eines Bruders vor den Augen der Menge ſchwellte das eitle Herz Daniel's mit gewal⸗ Mützelburg, Der Held von Garika. M. 8 114 tigem Stolz, um ſo mehr, da dieſe Huldigung ſo ein⸗ fach, natürlich und ungekünſtelt war. „Sei mir willkommen, Giorgi!“ ſagte er„Wir haben uns noch nicht begrüßt. Ich glaube, ich konnte Dich an keinem beſſern Orte und zu keiner beſſern Stunde wiederſehen!“ „Daniel“, ſagte Giorgi,„es gab eine Zeit, in der mein Herz traurig war, da ich hörte, Du hätteſt Deine Ahnen vergeſſen und ſeieſt ein Freund unſerer Feinde geworden Um ſo ſtolzer und freudiger bin ich jetzt, da ich ſehe, daß ein Garika im rechten Augenblick nie ſein Blut verleugnet. Gebiete über mich! Ich bin hierher gekommen, um für die Freiheit Garikas zu ſterben. Ich wäre früher gekommen, hätte ich früher hoffen dür⸗ fen zu ſiegen. Aber wir allein wären ohnmächtig gegen einen ſo ſtarken Feind geweſen. Jetzt ſteht die Welt in Flammen gegen Rußland; wir haben nur unſer Banner zu erheben, um die Feinde fliehen zu ſehen. Laß mich mit Dir kämpfen! Stelle mich an den ge⸗ fährlichſten Ort. Ihr habt mich todt geglaubt, Ihr alle“, fügte er mit erhobener Stimme zu der Menge gewandt, hinzu, während ſeine Wangen ſich rötheten, „und doch lebe ich! So habt Ihr Garika todt geglaubt, und dennoch iſt es jung und lebt und wird ſiegen. Nein, ich ſollte nicht eher ſterben, als bis ich die Männer von 115 Garika im ſiegreichen Kampf gegen Rußland geſehen, und wenn ich das geſehen, was liegt mir dann am Tod? Eine Stunde Sieg und Triumph iſt mir mehr werth als ein ewiges Leben in Knechtſchaft und Schmach!“ So tief war der Eindruck ſeiner Worte, denen die bewegte Stimme und der fremdartige Hauch der Sprache etwas ganz eigenthümlich Ergreifendes verliehen, daß die Menge kaum zu athmen wagte und daß alle ihn anblick⸗ ten wie eine Erſcheinung aus einer andern Welt. „Männer, Freunde, Brüder“, fuhr er fort, die Stimme noch mehr erhebend,„ich komme zu Euch nicht als der zweite Sohn Garikas, nicht als einer, der mehr iſt als Ihr! Dort ſteht Euer König und Herr es iſt Daniel! Ich bin es nicht! Ich komme als ein Freund, als ein Bote aus fernen Landen, wo ein glückliches Volk lebt, in Frieden und Freundſchaft ſeinem Herrſcher ge⸗ horchend, der in ſeinem Volke freie Männer ehrt. Ich komme, um unter unſerem Könige Daniel mit Euch ge⸗ gen diejenigen zu kämpfen, die nicht nur Euch, ſondern ihre eigenen Brüder im eigenen Lande unterdrücken. Denn es ſind Sklaven, die uns beherrſchen, und wir wollen nicht die Sklaven von Sklaven ſein! Männer von Ga⸗ rika, wenn die Macht Rußlands gebrochen iſt, wenn dieſes goldigrothe Banner von Garika ſiegreich von den Zinnen deſer Burg hinüberleuchtet nach dem freien Kau⸗ 8* 116 kaſus, dann werdet Ihr doppelt freie Männer ſein, frei von der Bedrückung Rußlands, frei auch von den Laſten, die Euch früher beſchwert haben. In dem Lande, in welchem ich Schutz und Zuflucht fand und bis jetzt lebte. immer der Heimat gedenkend, in dieſem Lande iſt Jeder gleich und für alle nur ein Geſetz, ein Recht. So wird es in Zukunft auch in Garika ſein; mein Bruder wird Euch danken für Eure Treue und Euren Heldenmuth, indem er Alles von Euch nimmt, was Euch und Euren Aeltern ſchwer zu tragen war. Die Ruſſen haben Euch viel genommen; er wird um ſo weniger nehmen und verlangen, damit die Freude und der Wohlſtand wieder einkehre in Eure Hütten und damit Ihr Eure Herrſcher preiſt, nicht nur weil Ihr unabhängig von fremdem Joch, ſondern auch weil Ihr frei, glücklich und zufrieden ſeid. Das verſpreche ich Euch im Namen meines Bruders, an deſſen Edelmuth ich nicht zweifle. Jetzt aber heißt es kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit. Deshalb, wer Waffen tragen kann, trage ſie! Wer einen Mann weiß, der noch nicht zu uns ſteht, der eile und hole ihn! Niemand darf zurückbleiben in dem heiligen Kampf, in welchem das alte Banner von Garika uns voranweht und Euer König das Schwert des großen Daniel führt, der dieſes Reich gründete. Was macht die Reiter Schamyl's, die Helden der Berge ſtark? Die Kraft ihrer Arme, die 117 Schärfe ihrer Schwerter, die Güte ihrer Flinten? Nim⸗ mermehr! Stark ſind ſie, weil ſie für ihre Freiheit kämpfen und weil ſie an den Sieg glauben, weil ſie wiſſen, daß die Leiche jedes Einzelnen den verhaßten Feind aufhält und ein Wall iſt für die Freiheit ihrer Berge. Wenn Ihr dieſen Glauben und dieſe Hoffnung, dieſes Vertrauen auf Euch ſelber habt, ſo werdet Ihr ſtark ſein wie die Männer der Tſchetſchenia, und der Ruſſe wird vor Euch fliehen, wie er vor den Söhnen der Berge flieht. Schamyl ſelbſt aber, der Euch bis jetzt mißachtete. weil Ihr geduldig das Joch der Knechtſchaft trugt, wird in Euch Freunde und Männer begrüßen, wenn Ihr das alte Banner erhebt und Euch mit ihm auf die Feinde werft. Dann wird es zünden wie ein Blit durch alle Länder dieſſeits und jenſeits der Alpen des Kaukaſus. Brüder, Freunde, ich ſchwöre es Euch, ich weiß, daß Hunderttauſende von Kriegern aus den tapferſten Nationen der Welt gegen den Czaren heran⸗ ziechen. Bald wird er gezwungen ſein, ſelbſt diejenigen ſeiner Streiter zu Hülfe zu rufen, die bisher den Kaukaſus bändigen ſollten. Männer, wollt Ihr dieſe Zeit vorüber⸗ gehen laſſen? Wollt Ihr nicht Theil nehmen an dem allgemeinen großen Kampfe? Soll es heißen, Ihr allein wäret zurückgeblieben und verdientet weder die Freiheit noch das Leben? Nein, im Gegentheil, Ihr werdet die 118 Erſten ſein, damit Euer Name bis auf ewige Zeiten leuchte als das Vorbild für die Völker des Kaukaſus! Und wenn auch kein anderes Volk ſich erhoben hätte, Ihr werdet zu den Waffen greifen und Euer Beiſpiel wird Tauſende entzünden! Es lebe unſer Vaterland! Krieg den Ruſſen!“ Wohl war es möglich, daß nicht alle ihn verſtan⸗ den hatten, theils weil der Sinn ſeiner Worte ihnen nicht ganz verſtändlich war, theils weil er Redewendungen gebrauchte, die von der gewöhnlichen Landesſprache ab⸗ wichen. Aber in ſolchen Momenten reißt die Sprache des Herzens alle mit fort. Und daß Giorgi Garika von Herzen ſprach, das verrieth der Klang ſeiner Stimme, das Flammen ſeiner Augen und der Ausdruck ſeiner Züge. Als er das Wort:„Krieg den Ruſſen!“ rief und den Arm ausſtreckte, erhoben ſich alle Arme auf dem Schloßhof und alle Lippen wiederholten den Schrei. Wenn auch nur Hunderte riefen, ſo war es, als ob Tauſende zugegen ſeien. Viele drängten ſich um ihn und küßten ſeine Hände und die Zipfel ſeines Kleides.„Wie er ſeinem Vater ähnlich ſieht!“ riefen die Aeltern„Er ſoll unſer Führer ſein!“ jubelten die Jüngern. Alia Waſſi's Blicke hingen faſt trunken an den Zügen des jungen Mannes. Nur in Daniel regte ſich bereits wieder etwas von den niedrigen Empfindungen einer kleinen 119 Seele. Er wußte am beſten, wie ſchwer es ihm gewor⸗ den, ſich hinaufzuſchwingen zu dem Entſchluſſe, der über ſeine Zukunft entſcheiden ſollte. Nur die Begeiſterung der Menge, das Gefühl geſchmeichelten Stolzes hatten ihn beharren laſſen in der Erregung, die ſich ſeiner bemäch⸗ tigt. Und nun kam dieſer Bruder, um ihm einen Theil, vielleicht den größern Theil des Triumphs zu entreißen! Und dieſer Bruder hatte bereits in ſeinem, in Daniel's Namen Verſprechungen gemacht, die Daniel freilich in dem jetzigen Augenblicke nicht ganz begriff, die aber auf Manches hindeuteten, was Daniel auch von Michael Bra⸗ zow und dem Major beſprechen hören, auf Ideen der Neuzeit, Freiheit der Völker! Und der Prinz war ein Ariſtokrat, wie nur je einer in Petersburg erzogen. Was waren ihm dieſe Leute? Diener, Steuerzahlende, im Nothfall Soldaten, nichts weiter! Mißtrauen und Eifer⸗ ſucht erkälteten wieder die Seele, die ſo eben von einem Strahle echt menſchlichen und brüderlichen Gefühls er⸗ wärmt worden war. „Ich danke Euch meine Freunde!“ ſagte George, die Männer, die ihm ihre Ehrfurcht bewieſen, ſanft von ſich drängend.„Ich ſelbſt bin Euch fremd, leider! aber ich ſehe, doß Ihr meine Aeltern geliebt habt, da Ihr ihre Kinder liebt. Laßt uns jetzt ans Werk gehen. Mein Bruder und Alia Waſſi, die genauer mit den Verhält. 120 niſſen bekannt ſind, werden die Befehle geben. Ich aber werde ſtets da ſein, wo die größte Gefahr iſt. Zählt auf mich, wenn es gilt!“ Als er ſo den Männern die Hände drückte, mit Thränen in den Augen, leuchtete die reinſte Seligkeit aus ſeinem Geſicht. In der That war dies einer jener Augenblicke, die ein langes Leben voll Entbehrung und Sehnſucht vergeſſen laſſen können. Er ſtund am Ziele ſeiner Wünſche. Das Volk von Garika jubelte ihm ent⸗ gegen und wollte mit ihm und ſeinem Bruder den Kampf gegen den verhaßten Erbfeind beginnen. Gab es eine andere Zukunft als diejenige, die er ſah, aufſteigend im Roſenlicht des heitern Morgens? Und wenn auch eine andere kam, wenn er auch fiel, war dann nicht der Inhalt eines Menſchenlebens erfüllt, war nicht der Name Garika ehrenvoll gerächt, und ließ ſich nicht hoffen, daß eine ſpätere Zukunft das Werk vollführen und beenden werde, zu deſſen Anfang er hier beigetragen? Ja, es war ein Moment, wie er wenigen Sterblichen gegönnt iſt. Nichts Aehnliches hatte George bis dahin gekannt. Es war ein Augenblick, ſchön genug, um zu ſterben. Doch nein, noch nicht! Erſt der Sieg, dann der Tod! Alia Waſſi ſtand zwiſchen den beiden Brüdern. Er überreichte George das Banner und begann nun ſchnell ſeine Befehle zu geben. Dieſer Greis vereinte die Er⸗ 121 fahrenheit des Alters mit der Kraft der Jugend, die Schnelligkeit des Kriegers mit der Umſicht des Diplo⸗ maten. Er zog ein Bündel gleichgeformter Papiere, Karten ähnlich, aus der Taſche und gab Jedem, den er mit einem beſondern Auftrag fortſchickte, eins dieſer Er⸗ kennungszeichen. Dieſe ſollten für Waffen ſorgen, jene für Munition. Dieſer Bote ſollte nach Tiflis reiten, um einem Freunde zu melden, was geſchehen, jener nach Mingrelien, ein dritter nach dem Lager der Türken, ein vierter zu den Tſchetſchenzen; viele andere wurden nach den umliegenden Orten geſendet. Eine Abtheilung wurde beordert, Beile und andere Inſtrumente zu holen, damit man Holz fällen und Garika befeſtigen könne. Noch An⸗ dere ſandte er nach ſeiner Wohnung, um die zahlreichen Waffen, die er dort im Laufe der Jahre angeſammelt, herbeizuholen. Lautlos vernahmen die Männer die Be⸗ fehle und verſchwanden, ſobald ſie einen Auftrag er— halten. Es ſchien ein neuer Geiſt in dieſes Volk gekom⸗ men; es erwachte aus einem langen Schlafe. Endlich waren die erſten und wichtigſten Befehle er⸗ theilt. Daniel und George, deren Aufmerkſamkeit bis dahin ganz von den Anordnungen Alia's in Anſpruch genommen geweſen, gingen in das Schloß. Dort, als ſie ſich beide allein ſahen, warf ſich George an das Herz des Bruders und pries, bald jubelnd, bald weinend, das 122 Glück dieſes Tages und des Wiederſehens. Daniel ſchien ſich Mühe geben zu müſſen, dieſe Hingebung zu erwi⸗ dern. Endlich warf er ſich in einen Seſſel, mürriſch und abgeſpannt. „Ja, ich will mich rächen an dieſer Sophia!“ rief er.„Ha, wenn wir wieder Herren des Landes ſind, ſo wird ſie vor Neid vergehen! Eine Königin hätte ſie ſein können, die Närrin! Nun mag ſie ihren Major nehmen. Und auch das nicht, der Koſak ſoll ſterben von meiner eigenen Hand!“ Was George bis jetzt von ſeinem Bruder geſehen und was er über dieſen von Alia, David und Nina ge⸗ hört, ließ ihm keinen Zweifel, daß er einen kleinlichen und engherzigen Menſchen vor ſich ſehe. Aber George hatte das Bedürfniß zu lieben, er wollte ſeinen Bruder lieben. Er hoffte, daß die größere Aufgabe, die neue, ernſte Zeit, der heilige Kampf, der ihnen bevorſtand, den Bruder hinaufheben würde auf eine höhere Stufe. Vor allem lag ihm daran, das Herz des Bruders zu gewin⸗ nen, das Mißtrauen zu beſeitigen, das er aus dem Be⸗ nehmen deſſelben herausfühlte. Er bat alſo Daniel, von dem zu erzählen, was ihm widerfahren, und nach Art aller Liebenden und Eiferſüchtigen war Daniel nur zu geneigt, ſein Herz zu öffnen. Er hatte ja auch nichts Wichtigeres zu berichten. Bald zornig, bald den Thränen 123 nahe, bald hohnlachend, bald in einer Verzweiflung, die leicht errathen ließ, daß ein einziges ſüßes Wort So⸗ phia's ihn zurücklocken könne in das Lager der Ruſſen, erzählte er mit der ganzen Weitſchweifigkeit eines ver⸗ ſchmähten Liebhabers ſeine wirklichen und eingebildeten Qualen. George hörte ihm geduldig zu, ſuchte ihn zu tröſten, verwies ihn auf die Zukunft, auf den großen Kampf, vor dem alle perſönlichen Leiden ſchwinden müßten, aber er fühlte wohl heraus, daß Alia und deſſen Leute recht geſehen; nur beleidigte Eitelkeit, nur Eiferſucht und der Durſt nach perſönlicher Rache hatten Daniel's Gemüth bis zu einem ſolchen Grade erhitzen können. Der edle und ſchöne Gedanke der Freiheit und Unabhängigkeit lag ihm fern. Mit ſchwerem Herzen ge⸗ ſtand ſich George, daß eine Zeit kommen könne, wo er dieſen Kampf vielleicht ohne ſeinen Bruder würde führen müſſen; gegen ihn, daran wagte er noch nicht zu denken. Alia ſchien abſichtlich dafür geſorgt zu haben, daß die Beiden nicht geſtört würden, damit ſie ſich ausſpre⸗ chen könnten. Allmälig verſtummten denn auch die Kla⸗ gen Daniel's und er verſank in eine düſtere Träumerei oder vielmehr Erſchlaffung. George hielt nun den Zeit⸗ punkt für gekommen, von der Lage des Augenblicks, von den Mitteln des Kampfes, von den Möglichkeiten der Zukunft zu ſprechen. Die reine und ideale Begeiſterung 124 jener erſten Minute war dahin. Es begann die Arbeit, eine mühſelige Arbeit, da ſie damit anfangen mußte, dem Bruder Muth und Zuverſicht einzuflößen, ihn zum Aus⸗ harren zu zwingen. George ſprach, wie es ihm Herz und Verſtand ein⸗ gaben. Ob ihm Daniel zuhörte, wußte er nicht, denn der Bruder unterbrach ihn mit keiner Silbe. Nur einmal, als George die Worte„bürgerliche Freiheit“ ausſprach, erhob Daniel den Kopf. „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte er miß⸗ muthig.„Mir fiel ſchon vorher in Deiner Rede Man⸗ ches auf. Was ſoll das heißen? Ich werde der Herr dieſes Landes ſein, wie meine Ahnen es geweſen ſind.“ „Das ſollſt Du auch, und zwar in einem noch ſchö⸗ nern, edlern Sinne!“ rief George eifrig.„Du ſollſt herrſchen über ein Volk, das ſich ſeiner Menſchenwürde bewußt iſt und dem gute Geſetze ſeine Freiheit ſichern. Die Welt ſoll nicht ſagen, daß wir dieſes Land frei von der ruſſiſchen Herrſchaft gemacht hätten, um hier die Th⸗ rannei einheimiſcher Despoten einzuführen. Daniel, es iſt ein ſchönes Land und die Menſchen ſind gut und edel. Ich habe mehr von der Welt geſehen als Du, und ich ſage Dir, Du kannſt weit, weit wandern, ehe Du ſolchen Reichthum, ſolche Schönheit der Natur und ſo treue Menſchen wiederfindeſt. Dieſes Land iſt ein Garten 125 Gottes. Es ſoll auch der Sitz glücklicher Menſchen werden. Bildung und Freiheit ſollen herrſchen unter Deinem Scepter! Wenn die Ruſſen ihre Eroberungen in dieſem Lande vor Europa rechtfertigen wollen, ſo ſagen ſie, dieſe Völkerſchaften ſeien Barbaren; ſie er⸗ oberten dieſe Länder nur, um die Civiliſation einzufüh⸗ ren. Wir müſſen der Welt beweiſen, daß dies eine Lüge iſt und daß die Civiliſation, die bürgerliche Entwickelung eines Volkes nur eine Frucht der Freiheit und Unab⸗ hängigkeit ſein kann, oder daß ſie wenigſtens durch freie Männer eingeführt werden muß, nicht durch die Sklaven Rußlands. Wie, dieſe zuſammengewürfelten Schaaren, dieſe durch eine mächtige Hand zuſammengezwungenen Koſaken, Baſchkiren und Kalmücken wollen ſich als Ver⸗ treter der Bildung und der Civiliſation zeigen? Sie, die ihre übelriechenden Hütten verlaſſen und nichts mit ſich nehmen als ihre Branntweinflaſche und ihre Roheit, ſie wollen die Befreier von Ländern ſein, die ſchon vor Jahrtauſenden blühten und in denen der Keim einer neuen und herrlichen Zukunft liegt? Man vergleiche einen Tſcherkeſſen mit einem Koſaken, einen Georgier mit einem Baſchkiren; man ſehe den edlen Anſtand, den na⸗ türlichen Stolz, die Mäßigkeit, die Tapferkeit, den na— türlichen Adel des einen neben der ſklaviſchen Demuth des andern, die ſich zitternd vor dem Alleinherrſcher 126 beugt und nur gezwungen oder betrunken oder in uner⸗ meßlicher Uebermacht den Kampf mit jenen aufzunehmen wagt; man vergleiche ſie mit einander, und man wird keinen Augenblick zweifelhaft ſein, auf welcher Seite die Berechtigung zur Freiheit und zu einer großen Zukunft iſt. Deshalb, Daniel, iſt es nothwendig, nicht nur die alte Unabhängigkeit zu erobern, ſondern auch in dieſen herrlichen Männern eines ſchönen Landes das himmliſche Feuer anzufachen, das für die ganze Erde ſeit einem Jahr⸗ hundert neu emporlodert, nachdem es lange nur bei ein⸗ zelnen Völkern unter der Aſche fortgeglommen, das Feuer der Freiheit, der menſchlichen, bürgerlichen Rechte. Die Herrſcher von Garika ſollen keine orientaliſchen Despoten ſein! Man ſoll von ihnen nicht ſagen, daß ſie ihre Sklaven den Ruſſen entriſſen, um mit Skorpionen zu züchtigen, wo jene nur geißelten. Sie ſollen die mäch⸗ tigen Herrſcher eines freien Volkes ſein, verbunden mit den Ländern der Freiheit und Bildung, ihr Volk empor⸗ hebend auf die Stufe der Bildung, die unſerm Jahr⸗ hundert geziemt. Dann wird der Thron dieſer Herrſcher feſter wurzeln als je. Dann wird er nicht beim erſten Anſtoß brechen und durch fremde Intriguen nicht er⸗ ſchüttert werden können. Tapferer werden die Gari⸗ kaner kämpfen als die Männer der Berge, und vereint mit den muthigen Stämmen dieſes Landes 127 werden ſie unbezwinglich daſtehen gegen Liſt und Ge⸗ walt!“ Daniel hatte mit finſterer Miene zugehört. Offenbar ahnte er den Sinn der Worte George's, wenn er auch nicht ganz verſtand, was dieſer ſprach. „Was ſoll das heißen?“ ſagte er dann mürriſch. „Ich werde der König und Herr dieſes Landes ſein und man wird mir gehorchen!“ „Ja, Du ſollſt König und Herr, aber die Garika⸗ ner ſollen keine Sklaven ſein!“ rief George.„Recht und Geſetz ſollen walten; unparteiiſche Richter ſollen urthei⸗ len, das ganze Volk wird Dir durch ſeine Vertreter Rath ertheilen, Du wirſt mäßig und ſparſam leben, damit der Volkswohlſtand gedeihe, gute Schulen werden Bildung verbreiten. Garika ſoll ein Vorbild werden für die tief⸗ geſunkenen Länder, an dem ſie ſich zu neuer Macht em⸗ porarbeiten!“ „Ich habe von ſolchen Königen gehört“, ſagte Da⸗ niel ſpöttiſch,„von Königen, die thun müſſen, was ihre Unterthanen wollen. Ich verſtehe nicht viel von Politik, ich weiß nicht, wo das iſt. Aber die Garikaner ſind ge⸗ wöhnt, zu gehorchen, und ſie werden gehorchen. Und ich hoffe, Du, als der jüngere Bruder, wirſt mit gutem Bei⸗ ſpiel vorangehen. Wenn Du das nicht willſt, ſo ſage ich Dir, es wäre beſſer, Du wäreſt nicht gekommen!“ 128 Seine Stirn war finſter, ſein Blick unheimlich. George fühlte ſein Herz erkalten, aber er ſchwieg. Schon oft hatte er mit Alia Waſſi über die Reformen geſpro⸗ chen, die in dieſem Lande eingeführt werden müßten, wenn es von den Ruſſen unabhängig ſei. Der kluge Greis hatte das Weſen der Abſichten George's, wenn auch nicht die Einzelnheiten, wohl erkannt und dem jungen Manne von Herzen beigeſtimmt. Es lag auch auf der Hand, wie gefährlich es ſei, die unſichere Zukunft eines Landes, das der mächtige ruſſiſche Nachbar ſtets zurückzuerobern trachten würde, einem ſo ſchwankenden, eitlen, ſich ſelbſt unklaren Manne, wie Daniel war, anzuvertrauen. Es galt alſo in Zukunft, trotz Daniel den Plan durchzufüh⸗ ren, nicht nur die Ruſſen zu verſcheuchen, ſondern auch dem Volke Freiheiten und Wohlthaten zu gewähren, die es in Liebe und Treue an ihre wiedergewonnenen Herr⸗ ſcher ketteten. Und noch waren die Ruſſen nicht ver⸗ ſcheucht, noch war der Anfang, das Schwerſte nicht ge— than! George, deſſen Feuergeiſt ſo gern alle Schwierig⸗ keiten mit einem Male überflogen hätte, fühlte wie ein Adler, deſſen ſcharfe Kralle an einen Felſen geket⸗ tet iſt. Jetzt erſchien Alia Waſſi. Daniel hätte am liebſten kein ernſtes Geſpräch mehr gehört, das zeigte ſeine ver⸗ droſſene Miene, aber er fühlte wohl, daß er den Andern 129 nicht Alles überlaſſen dürfe, wäre es auch nur, um ſich als Herrſcher zu zeigen und eigenmächtig darein zu ſpre⸗ chen. Es handelte ſich darum, die geeigneten Anordnun⸗ gen zu treffen, um einem erſten möglichen Angriff der Ruſſen zu begegnen. Denn obwohl dieſe ihre ganze Kraft gegen Schamhl und die Türken aufbieten mußten, ſo blieben ihnen doch Streitkräfte genug, um ein kleines Detachement nach Garika zu ſchicken, ſobald ſie die Vor⸗ gänge erfuhren. Aber auch dem kleinſten Detachement war man jetzt noch nicht gewachſen. Alia ſchlug deshalb vor, mit allen ſtreitbaren Männern nach Weſten, in den wildern, gebirgigen Theil des Landes zu ziehen und zu verſuchen, ſich mit den Türken in Verbindung zu ſetzen und Streitkräfte aus den Gegenden am obern Rion an ſich zu ziehen. Erſt wenn das Heer auf einige Tau⸗ ſend Mann angewachſen war, konnte es ernſtlich in die kriegeriſchen Ereigniſſe eingreifen. Davon wollte Daniel nichts hören. Er wollte in Garika bleiben, es vertheidi⸗ gen. Es ließ ſich Manches für dieſen Entſchluß anführen, namentlich wenn man, wie Daniel, der Hoffnung war, daß von allen Seiten Tauſende unter das Banner von Garika ſtrömen würden. Deshalb gab auch Alia ſeinen Plan auf, obwohl er der klügere war. Es wurde beſchloſſen, Ga⸗ rika zu befeſtigen und mit Lebensmitteln zu verſehen Au⸗ ßerdem ſollte aber am Morgen des nächſten Tages ein ban Mützelburg, Der Held von Garika. I1. 9 130 nach Kureli unternommen werden, in welchem höchſtens zwanzig Dragoner zurückgeblieben waren. Man hoffte dort Waffen und Munition zu finden und durch einen erſten gelungenen Handſtreich die Unentſchloſſenen zu er⸗ muthigen, ſich dem Aufſtande anzuſchließen. Dari, der Sitz Nina's, ſollte geſchont und gar nicht beſetzt werden. „Wir müſſen indeſſen heute noch hinüberreiten und Nina von dem benachrichtigen, was geſchehen“, ſagte Daniel. „Du willſt die Schweſter Brazow's wiederſehen!“ entgegnete Alia Waſfi faſt verächtlich. „Nun ja, ich will ihr ihre eigene Schmach ins Ge⸗ ſicht ſchleudern!“ rief Daniel. „Weshalb? Und weshalb Schmach?“ fragte George ſanft.„Sie iſt eine Dame. Willſt Du ihr zürnen, daß ſie Dich nicht liebt? Haſt Du mir nicht ſelbſt geſtan⸗ den, daß ſie Dir niemals wirkliche Liebe gezeigt? Sie hat Dir einen Andern vorgezogen; iſt das ein Verbre chen? Du ſiehſt daraus nur, wie ſehr dieſe übermüthi⸗ gen Ruſſen uns verachten. Sie zieht einen armen Offi⸗ zier von dunkler Herkunft dem Erben der rechtmäßigen Herrſcher von Garika vor. Verachte ſie, kümmere Dich nicht um ſie! Aber ſie zu ſchmähen, dazu haſt Du kein Recht. Du würdeſt damit nur Deine eigene Schwäche verrathen!“ 131 „Schöne Redensarten!“ rief Daniel zornig.„Laßt mich in Ruhe, ich will mich nicht hofmeiſtern laſſen. Ich thue, was mir gut ſcheint. Will mich Jemand nach Dari begleiten, gut! Wenn nicht, ſo reite ich allein!“ „Gehe mit ihm!“ ſagte Alia leiſe, als Daniel haſtig das Zimmer verließ.„Du wirſt vielleicht verhindern können, daß er ſich zu tief herabwürdigt!“ „Ja, ich glaube, unſere ſchwierigſte Aufgabe wird ſein, ihn von Thorheiten abzuhalten!“ ſagte George ſeufzend. „Und gehe hinab und zeige Dich den Männern auf dem Hofl“ ſagte Alia.„Ich werde ein ſchönes Pferd für Dich ſatteln laſſen; einen Anzug finden wir wohl für Dich. Daniel muß dieſe ruſſiſche Uniform ablegen. Aber ich ſage Dir, achte darauf; es wird ihm ſchwer werden; er iſt ein Kind! Nun, wenn die Garikaner nur einen Garika lieben, ſo iſt das genug. Und Du wirſt dieſer eine ſein!“ George ging hinab. Er hatte in der kurzen Zeit ſeiner Anweſenheit im Lande ſich die Sprache ſo weit zu eigen gemacht, daß er ſich vollkommen verſtändlich ausdrücken und auch die Sprache der Landleute verſtehen konnte. Er ſprach mit dieſem und mit jenem, erzählte von ſeiner Rettung in Petersburg, von England, von den Türken, von den Kurden, von der Macht der Fran⸗ 9 132 zoſen und Engländer. Die Niederlage Rußlands ſtellte er als ganz unzweifelhaft hin und ſchilderte das Glück, das die Garikaner in einem freien Lande genießen wür⸗ den. Nicht allein, was er ſagte, ſondern wie er es ſagte, gewann ihm alle Herzen. Sein freundliches Lächeln, ſeine treuen und ſanften Augen, die leutſelige Art ſeines Weſens— das Alles waren Erſcheinungen, die man in Garika nie an einem Manne beobachtet, der den„Her⸗ ren“ angehörte. Lange blickte man ihm nach, wenn er zu einer andern Gruppe ging. „Wie ſanft er iſt! Wie er lächelt! Wie ein Kind!“ ſagten die Garikaner.„Dem könnte ich keine Bitte ab⸗ ſchlagen! Er ſpricht, als ob er nicht mehr ſei als wir. Sieht er nicht der Mutter ähnlich? Er hat etwas wie eine Frau. Ob er wohl tapfer ſein wird im Kampf? Er ſieht zart und fein aus, aber zuweilen blitzt es in ſeinem Auge!“ „Sorgt Euch nicht, Kinder!“ ſagte Alia Waſſi, der gerade an ihnen vorüberging, lächelnd.„David war ein Kind, als er ſeine Schleuder warf. Und ich ſage Euch, er wird der erſte ſein, wenn es zu kämpfen gilt. Denn ihn treibt das Herz, und wo das Herz iſt, da iſt auch der Muth!“ Bald ſtanden zwei ſchöne Pferde geſattelt und ge⸗ zäumt für Daniel und George auf dem Schloßhof. Man hatte Daniel inzwiſchen darauf aufmerkſam machen müſ⸗ ſen, daß er jetzt nicht mehr die ruſſiſche Uniform tragen könne, und er hatte ſie erſt abgelegt, als man ihm den reichen phantaſtiſchen Anzug brachte, den er vor einigen Jahren bei einem Reiterkampfſpiel, einer ſogenannten Fantaſia, in Tiflis getragen. Für George war ein An⸗ zug ausgewählt worden, den der Vater früher getragen und der wie für den jungen Mann gearbeitet ſchien. Stürmiſcher Jubel empfing die Beiden, als ſie ſo ge⸗ ſchmückt auf den Schloßhof traten Eine kleine Reiter⸗ ſchaar ſchloß ſich ihnen an Alia Waſſi trug überhaupt Sorge, ein Reitercorps zu organiſiren. So ritten die Brüder hinüber nach Dari, beide ſchweigſam. Daniel dachte an Sophia, und George ſann darüber nach, welche Folgen der entſcheidendſte Schritt ſeines Lebens, den er heute gethan, ihm bringen würde. Die Nachricht von dem, was geſchehen, war ihnen nach Dari vorausgeeilt. Eine große Menge von Män⸗ nern und Frauen war aus der Stadt herbeigekommen, um die Brüder jubelnd zu begrüßen und ſie hinauf nach Dari zu geleiten. Natürlich war der plötzlich wieder erſchienene George der Gegenſtand der größten Aufmerkſamkeit, und als er freundlich und hoch begeiſternd zu der Menge ſprach, antwortete ihm hingebendes Jauchzen. Daniel war zu ſehr mit den Gedanken des bevorſtehenden Wie⸗ 134 derſehens Sophia s beſchäftigt, um viel darauf zu ach⸗ ten. Er ritt mißgeſtimmt neben George. Erſt als auf dem Schloßhof ſelbſt der Ruf:„Es lebe Daniel, der König von Garika!“ erſcholl, richtete er ſich auf. Sophia ſollte ihn in ſeinem Glanze ſehen! Er nahm ſeine ſtolzeſte Hal⸗ tung an. Indeſſen Sophia zeigte ſich noch nicht. In dem großen Empfangszimmer fanden die Brüder nur Nina. der Daniel mit einem ſpöttiſchen Lächeln die Botſchaft ihres Gatten überreichte. George dagegen verſuchte es, die junge Frau, die nicht wußte, was ſie denken und thun ſollte, zu beruhigen. Er ſtellte ihr vor, daß es Niemand einfalle Michael vertreiben zu wollen, falls er bereit ſei, ſich ruhig den Anordnungen der Zukunft zu fügen, und ſeine ſanften, tröſtenden Worte ſchienen in der That einen lindernden Einfluß auf Nina zu üben, die freilich den Ge⸗„ danken, daß man ſich gegen das Rieſenreich Rußland auflehnen könne, nicht zu faſſen vermochte. „Wo iſt die Comteſſe?“ fragte Daniel endlich.„Iſt ſie vielleicht dem Major gefolgt?“ „Welche Frage!“ antwortete Nina.„Ich habe ge⸗ hört, daß von ihr zwiſchen Dir und Michael auf dem Schloßhofe von Garika die Rede geweſen iſt. Sie mag es auch gehört haben und vielleicht kommt ſie deshalb nicht!“ 135 Das war jedoch ein Irrthum, denn in demſelben Augenblick öffnete ſich die Thür und Sophia trat ein, ruhig, ja faſt unbefangen. Ihr ſcharfes Auge flog von Daniel auf George, und faſt ſchien es, als ſei ſie bei dem Anblick des letztern, der Daniel ſo ähnlich und doch ſo unähnlich ſah, überraſcht, denn ihr Schritt zögerte ein wenig und ihr Auge ruhte länger auf ihm, als es bei dem Anblick einer unbedeutenden Erſcheinung der Fall zu ſein pflegt. „Iſt das eine Maskerade?“ fragte ſie, ſich leicht und kühl verneigend.„Wie ſehen Sie aus?“ „Nennen Sie mich König!“ antwortete Daniel halb hochmüthig, halb ſpöttiſch.„Wir haben heute die Ruſſen fortgejagt. Dies iſt Prinz Giorgi Garika, mein Bruder!“ „Ich habe wunderbare Dinge vernommen“, ſagte Sophia mit einem kalten Lächeln.„Se. Majeſtät, der König von Garika, ſcheint den Kopf verloren zu haben!“ „Comteſſe!“ rief Daniel aufbrauſend.„Ich verſtehe keinen Scherz mehr und laſſe mich durch kein Gaukelſpiel mehr täuſchen. Doch meinetwegen! Beſſer den Kopf ver⸗ loren als die Ehre!“ „Bravo!“ ſagte Sophia lachend.„Wir ſind noch bei dem erſten Art der Tragödie, die wahrſcheinlich in Sibirien oder ſchlimmer enden wird. Doch was geht es mich an! Von Ihnen konnte man Alles erwarten, zur 136 Abwechſelung auch eine ſolche Thorheit. Wahrſcheinlich wußten Sie geſtern, als Sie mit meinem Bruder ſpra- chen, noch nicht, was Sie heute thun würden. Wie?“ Daniel ſtand einen Augenblick vollkommen rath⸗ und ſprachlos bei dieſer unvermutheten Frage, die ſo mitten in den Kern der Sache traf. „Comteſſe“, ſagte er dann,„möglich, daß ich ge⸗ ſtern noch ſchwankte. Aber es gibt Dinge, die einem plötzlich den dichteſten Schleier von den Augen reißen. Sie haben mir auf meine Frage geantwortet, nicht durch Michael, ſondern durch das Rendezvous, das Sie ſich mit Ombrazowitſch gegeben!“ George's Miene verrieth die Pein, welche ihm dieſe Antwort verurſachte, die doch dem einfachſten Auge ver⸗ rathen mußte, was in Daniel vorging. Sophia bemerkte es, denn ſie blickte mehr auf George als auf Daniel, und das ſpöttiſche Lächeln, das fortwährend um ihre Lip⸗ pen ſchwebte, zeigte, wie ſehr ſie ſich dem letztern über⸗ legen fühlte. „Wenn das der Grund zu Ihrem wahnfinnigen Be⸗ nehmen von heute iſt“, ſagte ſie,„ſo bedauere ich Sie, Majeſtät. Dann würde dieſe Tragödie, wie ſo viele, auf einem Mißberſtändniß beruhen. Indeſſen, was geht das mich an! Ich bedauere nur diejenigen, die Sie mit hin⸗ einziehen in die Folgen Ihrer Uebereilung.“ — 137 Und die leichte Wendung, die ihr Blick zu George hin nahm, verrieth, daß ſie dieſen meine. „Laſſen Sie das Jedermanns eigene Sache ſein“, ſagte Daniel, deſſen Geſicht wieder einen finſtern, ver⸗ droſſenen Ausdruck annahm, da er fühlen mochte, daß ſeine Abſicht, Sophia zu demüthigen, durch ihre eiſige Kälte vereitelt wurde.„Was Sie Uebereilung nennen, iſt ein wohlüberlegter Schritt, der nur beſchleunigt wurde durch die herrliche Entdeckung, die man mir mittheilte!“ „Hoffentlich ſind Sie mir dankbar, da ſie Ihnen eine Königskrone einbringt“, ſagte Sophia. „Ja, dankbar, das bin ich auch!“ rief Daniel.„Bei Gott, ich ſehe endlich klar, und—“ „Genug!“ unterbrach ihn Sophia ſtreng.„Wenn ich einen leichten Ton angeſchlagen, ſo that ich es, weil ich wirklich glaubte, wir ſeien im Carneval. Sie be⸗ greifen, daß Nina und ich unter den jetzigen Umſtänden nicht hier bleiben können. Sorgen Sie dafür, daß wir ſo bald als möglich und unter genügender Begleitung nach Tiflis reiſen können.“ „Das wird nicht angehen“, antwortete Daniel zö⸗ gernd.„Wir können jetzt Niemand entbehren.“ „Nun, in der That, eine ſehr ritterliche Antwort!“ rief Sophia bitter lachend.„Dann reiſe ich allein— bei Gott, ich thue es! Die Gegend iſt noch ſicher; ſo ſchnell 138 verbreitet ſich das Fieber nicht! Und auch Nina darf nicht bleiben. Sie iſt die Gemahlin eines ruſſiſchen Offiziers und kann nicht unter dem Schutze derer bleiben, die— nun, ich finde keinen andern als einen lächerlichen Ausdruck, und deshalb will ich lieber ſchweigen, um Se. Majeſtät nicht zu reizen! Vielleicht übernehmen Sie es, Prinz Giorgi, zwei Damen an einen Ort zu ſenden, wo ſie ſicher vor dem Umgang mit Leuten ſind, die ihre Vernunft nicht mehr meiſtern können!“ Trotz des Spottes hatten der Ton ihrer Stimme und ihr Blick etwas Sanftes und Gewinnendes, als ſie dieſe Frage an George richtete. Und ſie verſtand zu bitten, wenn ſie wollte! „In der That, Comteſſe, wenn Sie hier nicht bleiben wollen, obgleich Ihre Perſon gewiß ſicher wäre, ſo werden ſich Männer finden laſſen, die Sie nach Tiflis geleiten“, antwortete George ruhig. ch dane Ihnen, ſagte Sophia.„Und was würden Sie ſagen, meine Herren, wenn ich Sie jetzt von den ruſſiſchen Dienern— es ſind noch einige hier— als Verräther an Rußland verhaften ließe?“ Daniel ſtutzte; George lächelte, auch Sophia, obgleich ihre Stimme ernſt klang. „Fürchten Sie nichts, Majeſtät!“ fuhr Sophia zu Daniel gewendet fort.„Vielleicht wäre es gut, um 139 größeres Unheil zu vermeiden; aber gehen Sie ruhig Ihren Weg. Sie haben ihre Rückkehr nach Garika nicht gut bezeichnet, Prinz Giorgi, indem Sie Ihren Bruder einen ſolchen Schritt thun ließen. Sie hätten ihm beſſer rathen ſollen.“ George zögerte einen Moment mit der Antwort. Dann begann er ſeinen und ſeines Bruders Schritt zu rechtfertigen. Er hatte bereits begriffen, daß Sophia nicht ganz ſo ſei, wie Daniel ſie ihm geſchildert, daß ſie jedenfalls einen ſcharfen Verſtand beſitze, und nach Allem, was er von Daniel gehört und geſehen, mußte er ſie faſt entſchuldigen, daß ſie die Liebeswerbungen dieſes Mannes nicht annahm. Er ſprach ſchonend, da er eine Ruſſin vor ſich ſah; allmälig aber hob ihn ſeine Begeiſterung über dieſe Rückſicht fort. Er ſchilderte den Zuſtand eines Landes, das ſich plötzlich von fremden Eroberern ſeiner Unabhängigkeit beraubt ſieht, eine Beute von gewinn⸗ ſüchtigen Menſchen wird, ohne auch nur irgend einen Vortheil davon zu ziehen; er ſchilderte die Zukunft eines ſo ſchönen Landes unter einer kräftigen, aber milden und gerechten Herrſchaft. Sophia hörte aufmerkſam zu und wurde ernſt, ja ſelbſt Wehmuth zeigte ſich in ihrem Blicke den ſie unverwandt und voll Theilnahme auf George gerichtet hielt. Zuweilen ſchüttelte ſie ſtill den Kopf. Daniel beobachtete beide mit ſteigendem Mißbe⸗ 140 hagen. Stieg die Ahnung in ihm auf, daß Sophia ſeinen Bruder mit andern, günſtigern Blicken betrachtete, als ihn? Er ging unruhig im Zimmer auf und ab und ſchien zuweilen die Rede George's unterbrechen zu wollen. Nina weinte leiſe. Als George ſchwieg, trat eine Pauſe ein. „Prinz“, ſagte Sophia dann, wie es ſchien, mit auf⸗ richtiger Trauer,„wenn alle Männer hier dächten und fühlten wie Sie, ſo würden die Ruſſen hier nicht herr⸗ ſchen. Aber Sie werden bald begreifen, daß Sie mit Ihren Anſichten allein ſtehen, und deshalb werden die Ruſſen hier auch noch ferner herrſchen. Der einzige Rath, den ich Ihnen geben kann, iſt derjenige, zurückzukehren oder ſich zum Beſten dieſes Landes an Rußland anzu⸗ ſchließen. Jeder andere Schritt wird von traurigen, ſehr traurigen Folgen begleitet ſein, ich ſage es Ihnen voraus!“ „Sie ſprechen wie eine Ruſſin“, antwortete George ruhig.„Ich werde handeln, wie der Sohn meines Va— ters handeln muß.“ Die tiefe Stille, die nach dieſen Worten in dem Zimmer herrſchte, wurde durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen. Daniel öffnete. Ein Diener brachte zwei Briefe Der eine hatte ein officielles Ausſehen und war an Daniel gerichtet. Er war von dem General des Truppentheils, zu dem Ombrazowitſch hatte ſtoßen ſollen, und lautete: 141 „An den Lieutenant der Miliz von Garika, Prinzen Daniel Garika. Wenn Sie nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden mit Ihrer Miliz und mit dem zurückgebliebenen Theil der Miliz von Dari in meinem Quartier eingetroffen find, ſo werde ich Sie als Meuterer kriegsrechtlich be— handeln laſſen, das heißt, ich werde eine Compagnie nach Garika ſchicken, werde Sie feſtnehmen und füſiliren und Ihre Güter consfisciren laſſen. Dies zur Benachrichtigung für Sie, da Sie das Kriegsrecht nicht zu kennen ſcheinen. Stellen Sie ſich innerhalb vierundzwanzig Stunden, ſo werde ich annehmen, daß Sie in Uebereilung und Auf⸗ regung gehandelt haben, und ſichere Ihnen meine Für⸗ ſprache bei dem Generalgouverneur zu.“ Während Daniel noch mit ungewiſſem Auge dieſe bedenklichen Zeilen überlas, hatte George den Prief, den Alia Waſſi an ihn gerichtet, durchflogen. Er enthielt die Nachricht, daß eine kleine Abtheilung Koſaken, mit Rei⸗ ſenden von Tiflis kommend, gefangen genommen ſei und daß die Reiſenden von dem Begleiter Giorgi's— Johnny — der inzwiſchen nach Garika gekommen, als die Freunde Giorgi's erkannt worden ſeien. „Maſter Hywell und Mary!“ rief George mit einem Freudenſchrei.„Sie ſind hier! Nun fehlt mir nichts mehr! Ich muß zurück nach Garika!“ IM. Die Tage der Wonne. Wer ſich hineinzudenken vermag in die Lage eines hochbegabten und feinfühlenden jungen Mannes, deſſen ganzes Leben auf einen einzigen Zweck gerichtet geweſen iſt und der, ſo freundlich und herzlich ihm auch ſeine Beſchützer entgegengekommen ſein mochten, doch niemals vergeſſen hat, daß er das Brod der Fremde und des Mit⸗ leids aß, der wird das Entzücken verſtehen, von welchem George's Herz geſchwellt war, als er ſich Maſter Hywell und Mary auf dem Boden der Heimat im Glanze ſei. nes alten Namens und in dem ſchönern Glanze eines muthigen Führers ſeines Volkes zeigen konnte. Faſt die ganze Nacht verging dem erregten jungen Manne, als er nach Garika zurückgekehrt war, im Geſpräch mit Mr. Hywell, Wiedenburg und Mary, die ſich freilich früher als die Männer zurückzog. Indeſſen, ſo erfüllt George's Seele auch von den Ereigniſſen des Tages war, ſo ver— gaß er doch nicht, den innigſten Antheil an den Schick⸗ Saiebiici ic 143 ſalen ſeiner Freunde zu zeigen und ſich genau berichten zu laſſen, wie es dieſen ergangen. Urmiah, woher die Reiſenden kamen, iſt, wie frü⸗ her erwähnt worden, eine bedeutende perſiſche Stadt im Oſten des Gebirgs, das Perſien und die Türkei trennt, bekannt durch eine Anſiedelung nordamerikaniſcher Miſſionäre, die es ſich zum Zweck gemacht haben, die Sekte der Neſtorianer zum Proteſtantismus zu bekehren und überhaupt das Chriſtenthum in jenen Gegenden zu kräftigen, eine ſchwierige und bis jetzt faſt erfolglos ge⸗ bliebene Aufgabe, da der räuberiſche, unbändige Charakter der dortigen Ehriſten und Mohammedaner derartigen Werken des Friedens ſehr ſchroff, ja faſt feindlich gegen übertritt. Jedenfalls aber hatten Mr. Hywell und ſeine Toch⸗ ter dort eine ſichere Zufluchtsſtätte und dasjenige gefunden was Marh in jenen traurigen Tagen das Nothwendigſte war: Aerzte, Arznei und eine ſorgſame Behandlung. Wir wiſſen, daß ſchon bei der Abreiſe George's Mary's Zuſtand außer Gefahr war. Vierzehn Tage der Ruhe hatten ſeitdem hingereicht, ſie ſo weit wiederherzuſtellen, daß die Aerzte es für unbedenklich erklärten, wenn ſie die Weiterreiſe unternehme. Durch das kurdiſche Gebiet wollte Mr. Hy⸗ well nicht mehr ziehen. Es erſchien ſicherer und beque⸗ mer, den Weg durch die ruſſiſchen Provinzen zu nehmen, die auf der perſiſchen Seite von den Türken nicht ange⸗ 144 griffen wurden. Bedenken bot freilich auch dieſer Weg, da man uicht wiſſen konnte, welche Ausdehnung der Krieg auf dem ruſſiſchen Gebiet am Kaukaſus gewinnen werde. Aber er ſchien immer der zweckmäßigſte von allen. Die Nordamerikaner, denen der Name des Eng⸗ länders nicht unbekannt war, ſorgten für eine zahlreiche Begleitung und Empfehlungsbriefe, und mit dankerfülltem, etwas erleichtertem Herzen hatte Mr. Hywell Urmiah Anfang Mai verlaſſen. Wenn Edmund Wiedenburg bei der engliſchen Fa⸗ milie geblieben war, auch nachdem ſein Oheim nach Sinope zurückgekehrt, ſo mochte dies vielleicht einen in⸗ nern Grund haben, die täglich wachſende Zuneigung, die er zu der ſanften Mary fühlte Aber es gab auch einen äußerlichen Grund dafür, den Wunſch Mr. Hywell's. Der ſonſt ſo energiſche Engländer war durch die Unglücks fälle der letzten Zeit ſo entmuthigt, daß er ſich nicht in den Gedanken finden konnte, allein mit ſeiner Tochter in einem fremden Lande und in einer ſo bedenklichen Lage zu bleiben. Wiedenburg hatte ihm ſo viele Ve⸗ weiſe von Anhänglichkeit, Aufopferung, Muth, Unmſicht und Geiſtesgegenwart gegeben, daß Hywell ihn als ſeine Stütze, ſeinen rechten Arm betrachtete und in Trübſinn verfiel, als Wiedenburg einmal von der Nothwendigkeit ſeiner baldigen Abreiſe ſprach. Er hatte freilich nicht 145 den Muth, den jungen Mann offen um ſein Bleiben zu bitten; Wiedenburg aber, der ſelbſt nichts ſehnlicher wünſchte, als bleiben zu können, vermochte leicht den Grund der Trauer ſeines ältern Freundes zu errathen und erfüllte denſelben mit der größten Freude, als er erklärte, er halte es vielleicht doch für beſſer, noch einige Wochen zu bleiben und dann den Rückweg im Verein mit Mr. Hywell und Marh anzutreten. Wie es nach ſolchen Erlebniſſen nicht anders ſein konnte, hatte ſich zwiſchen dieſen drei Menſchen ein Band der innigſten Zuneigung geknüpft, ſodaß es ſchien, als ob ſie nur eine Familie bildeten, und wenn Wiedenburg trotzdem gegen Mary niemals den vertraulichen Ton anſchlug, den ihm dieſes Verhältniß geſtattet hätte, ſo geſchah es nur weil er ſehr wohl fühlte, daß er nicht zu weit gehen dürfe, wenn er ſich nicht verrathen wolle. Mary gegen⸗ über behielt er dieſelbe achtungsvolle Zurückhaltung, die er ihr ſeit den erſten Wochen ihrer Abreiſe von Cal⸗ cutta erwieſen. Aber Mary wußte recht gut, daß dies keine Kälte ſei; Wiedenburg war ein erprobter Freund, der ſein Leben für ſie gewagt. Vielleicht liebte ſie dieſe Zurückhaltung; vielleicht fand dieſelbe einen Widerhall in ihrem eigenen Herzen. Mary fühlte, daß ſie Wieden⸗ burg gegenüber nicht den vertraulichen Ton einer Schweſter anſchlagen könne wie es ihr George gegenüber ſo natür⸗ Miützelburg, Der Held von Garika. II. 10 146 lich ſchien. Aber wenn ſie hätte ſagen ſollen, weshalb ſie das nicht könne, ſo wäre es ihr gewiß ſchwer oder unmöglich geweſen. Wenn ſie vielleicht zufällig bemerkte, daß Wiedenburg in einem unbewachten Augenblick ſie aufmerkſam und mit einer gewiſſen Träumerei betrachtete, ſo verſuchte ſie entweder zu thun, als habe ſie es nicht bemerkt, oder ſie erröthete. Aber ihn zu fragen, wie ſie es bei George gethan haben würde:„Was ſehen Sie mich an? Was denken Sie?“ das wäre ihr unmöglich geweſen. Es war ein Zufall, daß Mr. Hywell mit ſeiner Tochter gerade an dem Tage auf Garika eintraf, an welchem dort ein ſo wichtiges Ereigniß ſtattgefunden. George hatte ſeinem Pflegevater natürlich keine Nachricht ſenden können, da er nicht wußte, wo ſich derſelbe be⸗ fand. Mr. Hhwell war ohne jede Anfechtung nach Tiflis gelangt, auf Grund der Empfehlungsbriefe aus Urmiah überall mit Zuvorkommenheit behandelt. In Tiflis ſelbſt hatte man ihm geſagt, daß es unmöglich ſei, ihm ein ſicheres Geleit durch den Kaukaſus zu geben, denn man ſah einen Angriff Schamhl's voraus. Man rieth ihm deshalb, durch Georgien und Mingrelien, über Kutais nach Poti oder einem andern Punkt der Küſte zu reiſen und ſich von dort aus mit einem Schiffe der engliſchen Flotte in Verbindung zu ſetzen. Im Uebrigen behandelte 147 man den alten Herrn mit großer Artigkeit. Noch hatte ja die ruſſiſche Marine nicht die empfindlichen Verluſte erlitten, die Rußland ſpäter ſo bitter gegen England ſtimmten; noch glaubte man in Tiflis ſo gut wie in Pe⸗ tersburg, daß die Demonſtration für die Türkei ſo ernſt nicht gemeint ſei. Natürlich nahm Mr. Hywell ſeinen Weg über Ga rika, das nur wenige Stunden von der großen Straße nach den weſtlichen Provinzen entfernt lag. Er hoffte dort entweder George ſelbſt zu treffen oder etwas von ihm zu erfahren. Im Falle George jedoch noch nicht in Garika eingetroffen war, wollte ſich auch Mr. Hywell dort nicht aufhalten. Er ſehnte ſich nach Ruhe, nach dem Aufenthalt in Gegenden, die ihm erlaubten, daran zu glauben, daß Mary nun endlich in Sicherheit ſei; denn ſein aufgeregtes Gemüth ſah noch überall Schreckniſſe. Da er in Tiflis gar nichts über Garika vernahm, ſo vermuthete er, George ſei dort noch nicht angekommen. Er wollte jedoch den Verſuch machen und ſich in Garika erkundigen und war, von einem Dutzend Koſaken beglei tet, dorthin aufgebrochen. Der kriegeriſche Empfang, der ihm und ſeinen Begleitern zu Theil geworden, die Flin⸗ tenläufe, die ſich ihnen entgegenſtreckten, hatten ihn nicht wenig überraſcht. Glücklicherweiſe hatten die Koſaken, die nicht weniger erſtaunt waren, ſich ohne Widerſtand erge⸗ 148 ben, da ihre Piſtolen nicht einmal geladen waren, und wenige Augenblicke ſpäter hatte Mr. Hywell ein don⸗ nerndes Hurrah gehört und Johnny war ihm mit glü⸗ hendem Antlitz entgegengeſtürzt gekommen. Das Alles erzählten ſich die Männer in dieſer er⸗ ſten Nacht ihres Wiederſehens. George, vor Freude und Stolz glühend, ſchilderte die Erlebniſſe des Tages in den roſigſten Farben, und da Mr. Hywell und Wieden⸗ burg in Tiflis eine gedrückte Stimmung und unruhige Aufregung gefunden hatten, ſo waren ſie geneigt, zu glauben, daß ein allgemeiner Aufſtand im Lande— und von einem ſolchen ſprach George— unterſtützt von den Türken und Schamyl, zur Vertreibung der Ruſſen füh⸗ ren könne. Doch wollte Mr. Hhwell nichts davon hören, länger als einige Tage zu bleiben. Während dieſer Unterredung ging Alin Waſſi, der vielleicht trotz ſeiner weißen Haare noch erregter war als George, ab und zu, um George Nachrichten zu bringen oder zu hören, was er zu dieſer oder jener Maßregel meine. In allen Dörfern und Weilern war, wie der heißblütige Greis meldete, das Banner von Garika mit Jubel begrüßt und Zuzug in Maſſe verheißen worden; der kluge Feind der Ruſſen hatte nämlich ſchon wochen⸗ lang vorher garikaniſche Banner nach dem Muſter def⸗ ſen, das ſich in Garika befand, anfertigen laſſen, über⸗ 149 zeugt, daß daſſelbe überall einen mächtigen Eindruck her⸗ vorrufen werde. Daniel hatte ſich früh zurückgezogen. Das einfache, ſchlichte Weſen Mr. Hywell's und Wiedenburg's ſchien ihm keine hohe Meinung von den Freunden ſeines Bruders gegeben zu haben; er liebte den Pomp und äußern Schein. Auch die Schönheit Mary's war ihm gar nicht aufgefallen. Er bedurfte glühender Augen und ver⸗ lockenden Lächelns, um angeregt zu werden. Der Morgen war nicht fern, als die Männer ſich trennten. Es war vorher zwiſchen ihnen beſtimmt wor⸗ den, daß ſich Mr. Hywell und Marh unter der Füh⸗ rung eines ergebenen Dieners nach Dari begeben ſollten, denn Garika war kein Aufenthalt für Marh, da es zu einer Feſtung eingerichtet werden ſollte, während Dari dazu beſtimmt war, neutral zu bleiben. Wiedenburg ſollte an dem Zuge nach Kureli Theil nehmen. Mr. Hywell. vorſichtig beſorgt für die Sicherheit ſeines jungen Freun⸗ des, hatte davon abgerathen; es ſchien, als traue er dem Frieden nicht recht und wolle Wiedenburg nicht den Ruſſen gegenüber compromittiren. Aber George beſtand darauf, einen Zengen ſeiner erſten Waffenthat zu haben. und Wiedenburg, der George's Pläne mit dem Eifer einer jugendlichen, der Freiheit ergebenen Seele auffaßte, willigte gern ein. Es war in aller Frühe des andern Tages— Ge⸗ 15⁰ orge hatte nur die Augen geſchloſſen, nicht geſchlafen— als das Signal alle diejenigen, die Alia Waſſi zur Theil⸗ nahme an der Expedition nach Kureli beſtimmt hatte, auf dem Schloßhofe von Garika vereinigte. Es war eine Schaar von vierzig Reitern, gut bewaffnet, in gewiſſem Sinne das Elitecorps der Garikaner. Daniel übernahm das militäriſche Commando der ganzen Truppe; George führte die eine Hälfte, Alia Waſſi die andere an. Ehe der Bug den Schloßhof verließ, hatte George die Freude, Marh an dem Fenſter ihres Zimmers erſcheinen zu ſehen. Er grüßte hinauf und legte die Hand aufs Herz. Wie⸗ denburg beobachtete ihn aufmerkſam, und ſein Geſicht wurde ernſt. Er ſah noch, wie Marh, als ſie ihn be⸗ merkte, ihrem Vater, der neben ihr ſtand, ein lebhaftes Beichen machte, als wolle ſie ausdrücken, er möge Wie⸗ denburg zurückhalten Aber der Zug verließ das Schloß. Wiedenburg blieb lange ernſt. Wieder trat die alte Frage an ihn heran, ob Marh George liebe, und er glaubte ſie mit Nein beantworten zu müſſen. Er fragte ſich auch, ob Mary in dieſem Lande glücklich ſein würde, wenn George's kühnſte Pläne in Erfüllung gingen und er der Bruder eines Königs und der Gatte Mary s würde. Er vermochte ſich keine Antwort darauf zu geben. Aber es war ihm doch in ſeinem tiefſten Innern, als könne das nicht ſein, als müſſe Marh in einem Lande leben, in 151 welchem ſo viel Reiz und ſo holde Anmuth nach ihrem ganzen Werthe gewürdigt würden. Doch legte er ſich aufs neue das Gelübde ab, jetzt um ſo vorſichtiger zu verbergen, was er ſelbſt für ſie fühlte. Wenn George's Pläne gelangen, wenn Maryh das glänzende Loos, das George ihr dann anbieten konnte, annahm, weshalb ſollte er ſich denn nicht freuen, Mary glücklich zu wiſſen? „Sie haben doch nicht Furcht?“ rief George, als er das ernſte Geſicht Wiedenburg's ſah. Dieſer lächelte. „Verzeihen Sie!“ fügte George ſogleich hinzu.„Ich brauche mich nur an die Kurden zu erinnern, um zu wiſſen, was Ihre Hülfe werth iſt! Bleiben Sie hier! Sie ſollen mit mir General der Garikaner ſein!“ „Wenn dies meine Heimat wäre, ſo würde ich han⸗ deln wie Sie“, ſagte Wiedenburg, ernſt in das Antlit George's blickend, das von Muth und Zuverſicht ſtrahlte. „Aber meine Heimat hat auch ein Recht an mich. Hieſer Zug ſoll, ſo Gott will! die Abenteuer beſchließen. Ich muß zurück nach Wien, wo mich ein Leben voll einför— miger und angeſtrengter Arbeit erwartet. Ich betrachte dieſen Zug als den Schluß einer bewegten Jugend. Nun beginnt der ganze rauhe und bittere Mannesernſt!“ „Wir werden ihn hier auch noch nöthig haben!“ ſagte George.„Aber jetzt heißt es mit vollen Segeln in das Meer der Zukunft hineinſteuern, um hier aber⸗ 152 mals das goldene Vließ zu finden, das die Argonauten auf dieſem Boden entdeckten. Was halten Sie von mei⸗ nem Brnder, Wiedenburg? Ich gebe viel auf Ihr Urtheil.“ Wiedenburg zuckte die Achſeln. Daniel, der bald mürriſch, bald ſtolz war, wenig mit George und ihm ſelbſt ſprach und darüber zu ſchimpfen begann, daß die⸗ ſer Garikaner den Säbel zu hoch, jener zu niedrig ge⸗ ſchnallt, war allerdings nicht ein Mann nach ſeinem Sinne. George erzählte ihm darauf ebenſo leiſe, wie er ſeine Frage gethan, und in engliſcher Sprache, die Da⸗ niel nicht verſtand, das Verhältniß ſeines Bruders zu Sophia. Wiedenburg ſchüttelte den Kopf. „Seien Sie auf Ihrer Hut, George!“ ſagte er. „Nach Allem, was ich ſehe, ſind Sie dieſem Bruder nicht willkommen, und ſeit ich weiß, daß nur Eiferſucht und beleidigte Eitelkeit ihn zu dieſein Kampfe auf Leben und Tod gedrängt, fürchte ich, daß er in einem gefähr⸗ lichen Momente die Farbe wechſeln wird. Verſprechen Sie mir, daß Sie die Augen offen halten und dieſes Land verlaſſen wollen, ſobald Ihnen der Ausgang be⸗ denklich erſcheint.“ „Nimmermehr!“ rief George.„Ich ſiege oder ich ſterbe! Ich ſollte dieſe Männer verlaſſen, die ich zum Aufſtande angefeuert? Das können Sie mir nicht im Ernſt rathen!“ 153 „Doch! Es war Ihr Bruder, der das Signal zum Ungehorſam gegen die Ruſſen gegeben“, ſagte Wieden⸗ burg.„Mit den Ruſſen mögen Sie kämpfen. Aber wenn nun Verrath im Innern ſich gegen Sie wendet, wollen Sie dann thöricht genug ſein, an dem Unmög- lichen feſtzuhalten? Das wäre nicht mehr Muth, ſondern die Tollkühnheit der Verzweiflung. Wenn hier nichts mehr zu hoffen iſt, können Sie anderswo noch wirken!“ „Sprechen wir nicht davon!“ rief Georg haſtig. „Verrath im Innern! Unmöglich! Nein, ich bleibe auf jeden Fall! Ich will nicht ſchwarz ſehen, ich will es nicht. Ich bin glücklich und will es bleiben! Mein Herz ſoll nur mit dem Tode aufhören, dieſe Wonne zu genießen.“ Der ſchöne und an mannichfaltigen Reizen reiche Weg nach Kureli wurde in wenigen Stunden zurückge- legt, da die guten Pferde der Reiter wacker ausgriffen. Kureli, eine kleine Stadt, einſt zum Gebiet der Herr⸗ ſcher von Garika gehörig, lag auf einem Hügel. Sie war früher befeſtigt geweſen, aber ſchon ſeit einem Jahrhun⸗ dert lagen die Umfaſſungsmauern in Trümmern. An eine dieſer Mauern, die etwas weniger gelitten, lehnte ſich die neue ruſſiſche Dragonerkaſerne, deren Vorhof durch eine Mauer von der Stadt getrennt war. Die kleine Reiterſchaar hielt vor der Stadt im Walde; man über⸗ legte. Alia Waſſi theilte mit daß er bereits geſtern einen 154 Boten nach Kureli geſandt, mit dem Auftrag, die waffen⸗ fähigen Männer möchten ſich ſo gut als möglich bewaff⸗ nen und auf das erſte Zeichen eines Angriffs herbeieilen. Diejenigen, denen Alia unbedingt vertrauen konnte, hatten außerdem noch die Weiſung erhalten, ſobald ſie die Rei⸗ terſchaar herannahen ſähen, ſich auf den Hof der Kaſerne zu begeben und das Schließen des Thors im Nothfall mit Gewalt zu verhindern. Es waren nur wenige Dra⸗ goner zurückgeblieben. Selbſt wenn ſie Widerſtand leiſte— ten, durfte man hoffen, ſie bald zu bewältigen, und ins⸗ geheim wünſchten Alia und George dieſen Widerſtand, um zu erproben, wie die Garikaner kämpfen würden. Uebrigens hatte dieſen die Entwaffnung der Koſaken am vergangenen Abend bereits Muth gemacht. Die erſte Waffenthat! Man ſah es an dem Erblei⸗ chen und Erröthen George's, wie aufgeregt er war. Auch Daniel ſchien unruhig zu ſein, und ſelbſt Alia's Mienen wurden ernſter. Nachdem man eine Zeit lang die Stadt und die Kaſerne genau beobachtet und nichts Auffälliges bemerkt, ſetzte ſich die Schaar in Bewegung und näherte ſich auf einer Seite, auf welcher ſie von der Kaſerne aus nicht geſehen werden konnte, der Stadt. Die Einwohner von Kureli kamen ihnen, ſobald die Schaar ſichtbar ge⸗ worden, mit Jubelgeſchrei entgegengeſtürzt, und der Ruf: „Es lebe Daniel, der König von Garika! Es lebe Prinz 155 Giorgi! Nieder mit den Ruſſen!“ ertönte auch hier ſo enthuſiaſtiſch wie in Garika und Dari. Viele trugen bereits Waffen. Alia wechſelte einige Worte mit denen, die er genauer zu kennen ſchien. „Nun, wir haben leichtes Spiel!“ rief er dann. „Von dem Dutzend Dragoner, das zurückgeblieben iſt, iſt die Hälfte ausgezogen, um zu fourragiren. Wir wollen ohne weiteres auf den Hof ſprengen!“ Und er galoppirte voraus. Die Schaar folgte. Ein einziger Schrei ſchien ganz Kureli zu erſchüttern. Vor allen Häuſern ſtanden Männer, Frauen, Greiſe, Kinder und riefen ihr Lebehoch. Der Dragoner, der mit gezo⸗ genem Säbel vor dem Thor der Kaſerne auf und ab ging, ſtutzte, trat zurück und wollte das Thor ſchließen. Aber in demſelben Augenblick warfen ſich einige Män⸗ ner, die ſich ſchon lange in ſeiner Nähe gehalten, auf ihn und wanden ihm den Säbel aus der Fauſt. Das Banner von Garika entfaltend, ſprengte Alia Waſſi auf den Hof, auf dem kein Soldat zu ſehen war. In der nächſten Minute war der Hof von der Reiterſchaar und den Bewaffneten von Kureli gefüllt. „Ergebt Euch!“ rief Alia den wenigen Dragonern zu, die an die Fenſter der Kaſerne geeilt waren.„Wi⸗ derſtand iſt nicht möglich. Das ganze Land iſt im Auf⸗ ſtund! Tod Jedem der die Hand gegen uns erhebt!“ 156 Dennoch fielen zwei Schüſſe aus der Kaſerne und einer von den Garikanern, ein junger ſchöner Mann, ſtürzte mit einem Schrei vom Pferde Aber ſein Fall war nur das Zeichen zum wildeſten Wuthausbruch. Die Garikaner ſchoſſen ihre Piſtolen gegen die Fenſter ab, die Bewaffneten von Kureli drangen durch die Thür. Andere, die von hinten in die Fenſter der Kaſerne ein⸗ gedrungen, vereinten ſich mit ihnen. Nach einigen Minu⸗ ten waren die wenigen Dragoner gefangen genommen. Nur einer, der verzweifelten Widerſtand leiſtete und ſich rühmte, den jungen Garikaner erſchoſſen zu haben, wurde niedergemetzelt. Es war ein Sergeant und in Abweſen⸗ heit des Majors und der andern Offiziere der Comman⸗ dant der Kaſerne. Die Gefangenen wurden gebunden; man ſuchte nach Waffen. Die Kaſerne enthielt nicht unbedeutende Vor⸗ räthe an Säbeln, Karabinern, Piſtolen und Munition. Außerdem befand ſich auf dem Hofe ein kleines leichtes Feldgeſchütz, zu welchem die vollſtändige Munition vor⸗ handen war. Alia Waſſi jubelte namentlich über dieſe letztere Beute. Ein Geſchütz! Er wußte, welchen Ein⸗ druck dies auf die Garikaner machen würde. Bald darauf ſah man die Fourrageurs langſam aus dem Thal nach der Stadt heraufkommen. Auch ſie wurden umzingelt und entwaffnet. Wiedenburg bemerkte, daß Alia Waſſi — ———————— 157 hierbei und bei allen ſeinen Anordnungen eine Klugheit und einen Scharfblick zeigte, die einem erfahrenen Mi⸗ litär Ehre gemacht haben würden. So war dieſe erſte Waffenthat glänzend beendet. Ein Geſchütz, zahlreiche Waffen und Munition waren erbeutet, zwölf Gefangene gemacht worden! Auf der Ka⸗ ſerne wehte das Banner von Garika, und Alia Waſſi traf Vorkehrungen, dieſelbe beſetzen und befeſtigen zu laſſen. Denn Kureli bildete im Falle eines erſten Miß— lingens einen vortrefflichen Stützpunkt für den Rückzug nach dem weſtlichen Theil des Landes. Der Hauptvor theil aber war, daß der Ruhm dieſer Waffenthat ſich mit Blitzesſchnelle durch das ganze Land verbreiten würde Die Einwohner von Kureli hatten gezeigt, daß ſie die Ruſſen haßten, die Enkel ihrer frühern Könige liebten und Muth beſaßen. Mehr als hundert ihrer Männer erklärten ſich bereit, Daniel Garika überallhin zu folgen; fünfzig ſchloſſen ſich ſogleich der rückkehren den Schaar an. Den getödteten Garikaner trug man im Triumph nach ſeiner Heimat. Ein Bote, der die Nachricht brachte, daß auf Ga⸗ rika nichts Beſonderes vorgefallen ſei, begegnete den Rückkehrenden und meldete, daß die Fremden ſich nach Dari begeben hätten Darauf hin beſchloſſen George und Wiedenburg, nach Dari zu reiten und Mr. Hhwell und 158 ſeine Tochter dort zu begrüßen. Daniel erbot ſich, ihnen den Weg zu zeigen; vielleicht wollte er auch nur So⸗ phia wiederſehen. Man ritt ſcharf nach Dari und langte wenige Minuten nach der Ankunft Mr. Hywell's, ſei⸗ ner Tochter und Johnny's dort an. Daniel und George baten Nina, ſich Mary's anzunehmen. Auch Sophia zeigte ſich. Sie zuckte ſpöttiſch die Achſeln, als Daniel, nicht ohne Uebertreibung, ihr die Waffenthat von Ku⸗ reli mittheilte. Doch war ſie aufmerkſam gegen Mary und freundlich gegen George. Die nächſten Tage vergingen für George in einer Aufregung und Spannung, wie nur ſo außerordentliche Verhältniſſe ſie erzeugen konnten. Es ſchien in der That, als ob Alles den Aufſtand begünſtige. Täglich kamen Hunderte von Streitern aus allen Theilen des Landes, namentlich aus den weſtlichen Gegenden. Die Türken ſendeten die Botſchaft, daß ſie Waffen ſchicken und ſo⸗ bald als möglich ein Corps detachiren würden, das mit den Garikanern gemeinſchaftlich handeln ſolle. Von den Ruſſen hörte man nichts. Auf allen Punkten bedrängt, mußten ſie für den Augenblick zufrieden ſein, ſich in ihren Stellungen zu behaupten. Schon waren über zwei⸗ tauſend Streiter in Garika verſammelt, und die herbei ziehenden Schaaren verkündeten, daß ſie nur einen Vor⸗ trab für diejenigen bildeten, die nachkommen würden. Die Inſpection dieſer Streiter, die Sorge für Bewaff nung und Unterhalt nahmen Alia's und George's ganze Kraft und Zeit in Anſpruch. Daniel war zu ſolchen Din⸗ gen unbrauchbar. Er verbrachte ſeine Tage damit, von einem Ort zum andern zu reiten und ſich huldigen zu laſſen. Einzelne ſeiner eigenmächtigen Anordnungen konn⸗ ten Alia und George nur mit Mühe rückgängig machen. Es zeigte ſich mehr und mehr, daß er ein Despot ſei. Er brauſte auf und drohte mit dem Degen, wenn nicht augenblicklich Alles nach ſeinem Willen geſchah. Es war alſo dem Bruder und Alia ganz recht, wenn ſich Daniel von Garika fern hielt. Die größte Sorge des neuen Kö⸗ nigs war, ſeine Truppen womöglich zu uniformiren. Aber das ließ ſich nicht thun. Daniel, ſonſt ziemlich mä⸗ ßig, trank jetzt viel. Er ſchien ſich betäuben zu wollen. Es fehlte ihm die Begeiſterung, die den Sieg erwartet und im Falle einer Niederlage den Tod für ein Glück hält. Gegen George blieb er kalt; es verdroß ihn, daß man dieſem ebenſo viel, ja mehr Ehre erwies als ihm. Alia ſchien er zu fürchten. Er fügte ſich den Anordnun⸗ gen deſſelben, aber nur grollend. Seine Miene verrieth, daß er den Augenblick herbeiſehne, in welchem er ſich dieſes läſtigen Dieners entledigen könne. Vom Sonnenaufgang bis zum Spätnachmittag in⸗ ſpieirte George die Truppen und übte ſie im Waffen⸗ 160 dienſt. Mr. Hywell und Wiedenburg leiſteten ihm oft dabei Geſellſchaft. Dann aber, pünktlich um dieſelbe Zeit, ritt George hinüber nach Dari, um Marh und ſeine Schweſter zu beſuchen. So unruhig es in Garika genordt ſo ſtill und friedlich war es in Dari geblieben. Sophia hatte ihren Wunſch, nach Tiflis geleitet zu werden, zuweilen wieder⸗ holt, doch ohne Drängen. Die Anweſenheit Mary's brachte Abwechſelung in das bis dahin einförmige Da— ſein, und Sophia zeigte ſich der jungen Engländerin von ihrer liebenswürdigſten Seite. Es ſchien, als wolle ſie auf die Fremden einen möglichſt guten Eindruck ma⸗ chen, und da ihr Wille von einem Geiſte unterſtützt wurde, der blendete, ohne freilich tief zu ſein, ſo gelang ihr dies, wenigſtens bei Mary, die viel zu unbefangen war, um den Charakter Sophia's von vornherein durch— ſchauen zu können. Auch war Mary ſo froh, endlich einmal wieder in der Umgebung von Weſen zu ſein, die wenigſtens im Allgemeinen den Anſprüchen genügten, die ſie an Frauen ſtellte, daß ſie unwillkürlich Manches über⸗ ſah, was ihrem feinen Gefühl ſonſt mißfallen haben würde Eigenthümlich war es für den Beobachter, die einfache, ſeit den letzten Tagen ſehr traurige Nina, die ſanfte, anmuthige Marh mit ihren ſchönen und re⸗ gelmäßigen Zügen und die lebhafte, aufmerkſame und 161 geſprächige Sophia auf der Terraſſe ſitzen oder pro⸗ meniren zu ſehen. Offenbar fühlte Sophia in Mary die edlere, reinere Natur und bemühte ſich, dieſelbe durch Geiſt und Lebendigkeit wenigſtens für Minu⸗ ten zu überflügeln. War Daniel nicht zugegen, in deſſen Gegenwart Sophia gewöhnlich einen bittern und ver⸗ letzenden Spott über die„neuen Könige und Weltver⸗ beſſerer“ anſtimmte, ſo entwickelte ſich meiſt zwiſchen Sophia und Marh auf der einen und Wiedenburg und George auf der andern Seite eine lebhafte und an— genehme Unterhaltung. Dann ließ Sophia ihren Geiſt ſprühen und wußte auch Marh zum Scherz mit fortzu⸗ reißen. Sie ſchien nicht übel Luſt zu haben, Wiedenburg und George in ihre Feſſeln zu ſchlagen, und verrieth, als ihr dies trotz der Aufmerkſamkeit, die ihr die Herren bezeigten, nicht recht gelingen wollte, ihren Unmuth durch feinen Spott über die Männer, die nur Wealen nach⸗ jagten. Mit ihrem ſcharfen Blick ſchien ſie bemerkt zu haben, was Mary ſelbſt vielleicht nicht wußte, daß dieſe für Edmund Wiedenburg mehr fühlte als für George, und ſie deutete einmal an, daß es lächerlich ſei, den Phantomen von Ruhm und Glanz nachzujagen und ſich inzwiſchen das irdiſche Paradies einer ſchönen Frau durch einen Andern rauben zu laſſen. Aber George war zu einfachen Sinnes, um darauf zu achten, ja, es muß Mützelburg, Der Held von Garita. II. 11 geſagt werden, auch in ihm, dem Manne von ſo edlem Geiſte, ſchlummerte etwas von jenem orientaliſchen Selbſt⸗ bewußtſein und ariſtokratiſchen Stolze, der an keinen Rebenbuhler denkt. Zwar achtete er Wiedenburg ſehr hoch, aber ob er im Ernſt glaubte, daß Marh den ein⸗ fachen Kaufmann ihm, dem Enkel von Königen, der jetzt im Glanze ſeiner Abſtammung und der erſten Erfolge prangte, vorziehen könne, wir bezweifeln es. Wenn er ſchüchtern, befangen, unſicher gegenüber Mary war, ſo erklärte ſich dies einfach aus dem Verhältniſſe, in wel. chem er bisher zu ihr geſtanden, und aus der ungemei⸗ nen, ſchwärmeriſchen Verehrung, die er für ſie fühlte. Mary ſchien ihm zu ſchön, zu hoch für jeden Mann. Die Nähe eines Nebenbuhlers würde ihm vielleicht eher Muth gegeben, ſein Selbſtbewußtſein gereizt haben. Gerade jetzt aber war das Betragen Wiedenburg's ſo ruhig, ſo zurückhaltend, daß George's Eiferſucht vollkom⸗ men in den Schlaf gewiegt wurde. Ob ihn Mary liebe, daran zweifelte er. Daß ſie ihm Wiedenburg vorziehen könne, daran dachte er nicht. Am liebſten war er mit Mary allein, führte ſie durch den Park, ſprach mit ihr von der Vergangenheit, mehr noch von den Plänen für die Zukunft. Mary lauſchte ihm mit Aufmerkſamkeit und ging mit aufrich⸗ tiger Theilnahme, mit ſchweſterlicher Innigkeit auf ſeine 163 Pläne ein. Sie wußte, wie ſehr ſie von ihm geliebt wurde, aber ſie dachte an keine andere Liebe als dieje⸗ nige des Knaben, mit dem ſie in England auf dem väterlichen Landgut durch Feld und Wald geſtreift war. Sie kannte ſein treues, aufrichtiges Gemüth, und ſie wußte, daß ſie lange von ihm getrennt würde, vielleicht für immer, denn wer konnte vorausſehen, welchem Schick⸗ ſal George entgegenging! Das gab ihrem Weſen, wenn ſie mit ihm allein war, eine hingebende Weichheit und Innigkeit, die George mit Entzücken und Zuverſicht er⸗ füllte und ſelbſt Wiedenburg, wenn er ſie zuweilen aus der Ferne beobachtete, täuſchte. Es ſchien dem jungen Deutſchen jetzt, als ob er das Gefühl Mary's für George doch nicht richtig beurtheilt habe, oder als ob das, was früher nur Freundſchaft geweſen, jetzt allmälig in ein innigeres Gefühl übergehe Aber ſo ſchwer dieſe allmälig wachſende Ueberzeugung auf ihm laſtete— denn jetzt erſt recht fühlte er, wie theuer ihm Mary war ſo zeigte ſich der Druck, der ſein Herz beſchwerte, doch nur in ſeinen mehr als gewöhnlich ernſten Zügen und in dem Wunſche, den er jetzt öfter als früher gegen Mr. Hywell ausſprach, daß er nun bald in Wien ſein und über unabläſſiger Arbeit dieſes bunte, ſchillernde Wan⸗ derleben vergeſſen möge. Wiedenburg gehörte zu den ſeltenen Naturen, die von Grund des Herzens beſcheiden 11* 164 ſind und bei Andern zuerſt die Vorzüge, bei ſich ſelbſt die Schwächen ſehen. Wenn George's Pläne glückten, was war er dann im Vergleich mit dem ſchönen, von der Natur ſo reich begabten George? War ihm George nicht ohnehin ſchon überlegen? Wie nun erſt, wenn ihn Reichthum, Glanz und der Lorbeer des Sieges ſchmückten? Sein Herz flüſterte ihm wohl zuweilen zu, daß dies Alles für ein Weſen wie Mary keinen Reiz habe, aber ſein Verſtand ſagte ihm immer wieder, daß George auch an und für ſich liebenswürdig ſei, und daß nur die Eifer⸗ ſucht ihm einflüſtern wolle, ſie werde hier nicht glücklich ſein, ſich nicht in dieſe ihr ſo fremden Verhältniſſe fin⸗ den können. Indeſſen ſollte das, was dieſen Tagen in George's Augen den höchſten Reiz verlieh, die Anweſenheit Mary's, nicht mehr lange währen. Mr. Hywell beſtand zu Ge⸗ orge's Verzweiflung feſt auf ſeinem Vorſatze, an einem beſtimmten Tage nach der Küſte aufzubrechen. Es war allgemein bekannt, daß einige engliſche Schiffe dort fort⸗ während kreuzten. Mit dieſen war eine Verſtändigung leicht möglich, und Mr. Hywell ſehnte ſich zu ſehr da⸗ nach, wieder auf engliſchem Grund und Boden— und darunter verſtand er auch ein engliſches Schiff— zu ſein, um nicht an ſeinem Entſchluſſe feſtzuhalten. Die Möglichkeit eines ruſſiſchen Ueberfalls konnte George, ſo ſehr er auch von ſeinem Siege überzeugt war, nicht in Abrede ſtellen. Und welchen Gefahren waren dann die Damen und namentlich Marh, die Tochter eines Engländers, den man jetzt gewiß für einen Bundesgenoſſen George's hielt, ausgeſetzt! George ſah ein, daß er Mr. Hywell und Mary nicht länger zurückhalten könne. Es war an einem Sonnabend. Am nächſten Mon⸗ tag ſollte Mary mit ihrem Vater und Wiedenburg Dari verlaſſen. Eine ſtarke Schaar Garikaner ſollte ſie bis Kutais, im Nothfall bis zur Küſte geleiten. Jetzt gerade war George's Anweſenheit in Garika durchaus nothwen⸗ dig. Es hieß allgemein, daß die Tſchetſchenzen, nachdem ſie heiß mit den Ruſſen gefochten, ſich den Karaſſu hin⸗ aufzögen. Man konnte alſo die Ankunft einer Schaar von Tſchetſchenzen täglich erwarten, und noch wußte man nicht, wie dieſelben ſich zu den Garikanern ſtellen wür⸗ den. George mußte alſo auf die ſchmerzliche Freude verzichten, Mary am Montag noch eine Strecke weit zu geleiten. Die Minuten, die er in Mary's Nähe zubringen konnte, wurden koſtbar. Und ſollte er ſie nicht benutzen? Sollte er das entſcheidende Wort nicht wagen? Man war am Spätnachmittag auf der Terraſſe von Dari verſammelt geweſen. Daniel's Anweſenheit hatte die Unterhaltung geſtört; Sophiä, durch einige ſeiner Aeußerungen beleidigt, hatte ſich zurückgezogen. George 166 hatte die eingetretene Verſtimmung benutzt, um Marh zu einem Spaziergang im Park aufzufordern. Sie nahm ſeinen Arm und beide ſchritten durch die prachtvolle Waldlandſchaft. George war verlegen, glühend. Marh hing ſo vertraulich, ſo innig an ſeinem Arm— ſollte er nicht ſprechen? Sollte er ſpäter ſchreiben? Wozu, wenn es jetzt nur eines kühnen Wortes bedurfte? Er ſprach von der Schönheit der Gegend. „Marh“ ſagte er,„ich weiß, auch Sie finden dieſes Land ſchön. Für mich iſt es ſchöner als jedes andere. Es iſt mir die Heimat. Wenn es mir gelingt, dieſes Land frei zu machen, wenn der Kampf vorüber iſt, wollen Sie dann nicht einmal mit Ihrem Vater hierher zurückkehren und ſich an meinem Glücke freuen?“ „Es wird ein weiter Weg ſein, George“, antwor⸗ tete Marh lächelnd.„Und Papa, glaube ich, reiſt ſobald nicht wieder. Ich denke, Sie kommen dann fürs erſte einmal nach England!“ „Aber Sie geſtehen doch, daß auch Sie in dieſem Lande glücklich ſein könnten?“ rief George. „Ja“, antwortete Marh,„aber jetzt— ich bin offen, lieber George— jetzt ſehne ich mich nach Eng⸗ land.“ „Gewiß!“ rief George„Ich meine auch nicht, daß Sie allein hier ſein ſollten, ich meine, Ihr Vater, Ihre 167 Freunde, diejenigen, die Sie liebten, müßten hier ſein. Dann würde es Ihnen doch auch hier gefallen, ſelbſt wenn Sie denken müßten, den größern Theil Ihres Lebens hier zuzubringen. Denken Sie, welches Glück, welchen Segen Sie hier verbreiten könnten, welche Ver⸗ ehrung dieſe einfachen Menſchen für Sie empfinden würden! Hier, Marh, hier könnten Sie eine Fee, eine Göttin ſein. Vielleicht wäre es hier doch noch ſchöner als in England!“ „Sie übertreiben, George, wie immer!“ rief Mary lächelnd.„Ich würde hier nichts ſein, als was ich in England bin, ein unbeachtetes Mädchen, ein Mädchen, dem wohl iſt, wenn es nicht bemerkt wird, und das ſich vollkommen mit der Zärtlichkeit ſeines Vaters und mit der treuen Anhänglichkeit einiger Freunde begnügt.“ „Mary, Sie ſind zu gut, zu beſcheiden!“ ſagte Ge⸗ orge.„Aber denken Sie nun— verzeihen Sie mir, daß ich davon ſpreche!— wenn einmal die Zeit käme, in der Sie allein ſtehen, in der Ihr Vater—“ O ſtill, George“, bat Marh,„ich habe in der letzten, ſo böſen Zeit leider ſo oft daran denken müſſen! Jetzt will ich es nicht mehr! Wie ich das ertragen würde, ich weiß es nicht. Gott wird mich lehren aus⸗ zuharren!“ Sie neigte den Kopf und ihr Geſicht wurde ſo ernſt, 168 daß George es nicht wagte, ſogleich weiter zu ſprechen. Er hätte daran anknüpfen können, daß ihr dann ſein Herz und ſeine Hand zur Seite ſtehen würden, aber er wollte einen Gedanken nicht weiter ausſpinnen, der Marh traurig ſtimmen mußte. Schweigend ging er weiter und ſuchte nach einem Gegenſtande, die Unterredung wieder aufzunehmen. Da hörte er, daß man ihn rief. Es war David, der George meldete, es ſei ein Bote aus Garika gekommen, der Alia's Wunſch überbringe, Da⸗ niel und George möchten ſo bald als möglich zurückkehren. „So muß ich heute zurück!“ ſagte George mit trüber Miene.„Adieu, Mary! Morgen ſehen wir uns!“ „Adieu, George!“ antwortete Mary, vertraulich ihre Hand in die ſeinige legend.„Auf morgen denn!“ „Es wird der letzte Tag ſein!“ ſagte George.„Und wer weiß, ob wir uns ſehen. Ich bin nicht mehr mein freier Herr, Mary! Ich muß an meine Pflichten denken!“ Er verſuchte zu lächeln, aber faſt ſchien es, als wollten ihm die Thränen in die Augen treten. „Nun, ſei dem, wie ihm wolle!“ fuhr er, ſich er⸗ mannend fort,„ich hoffe Maryh Hywell wird mich nicht vergeſſen!“ „Aber George!“ rief das junge Mädchen, ihn faſt verwundert anblickend.„Ich Sie vergeſſen, meinen Bruder George!“ Es war das erſte Mal, daß Marh wieder das Wort „Bruder“ gebrauchte, mit dem ſie den Schützling ihres Vaters früher in England oft genannt. Und es geſchah ſo warm und herzlich, daß George ſie voll und freudig anſah. „Nein, Marh wird denjenigen nicht vergeſſen, der für ſie ebenſo gern wie für ſein Vaterland das Leben hingäbe!“ rief George.„Und wenn ich nun ſchreibe, Marh, oder wenn ich Sie wiederſehe—“ „Da iſt ja George!“ unterbrach der hinzutretende Mr. Hywell den Redenden, dem das Geſtändniß ſeiner Liebe auf den Lippen ſchwebte.„Man ſucht Dich überall, George. War David nicht bei Dir?“ „Er ging ſo eben von mir!“ antwortete George, und einen Augenblick ſtand er zögernd und überlegend, ob er nicht in ſeinem Geſtändniß fortfahren ſolle. Doch nein— wie war das möglich? Wußte er denn, ob Mary ihn liebe? Aber er konnte ſich nicht enthalten, ihre Hand, die er noch immer in der ſeinigen hielt, zu küſſen. „Es ſieht ja aus, als ob Ihr ſchon Abſchied nähmet!“ ſagte Mr. Hywell.„Sehen wir uns denn nicht morgen?“ „Ich hoffe es!“ antwortete George„Aber wer kann es wiſſen! Wir ſind im Kriege, lieber Vater! Heute roth, morgen todt!“ 170⁰ „Ich hoffe, George, Du wirſt an Deine Sicherheit denken, wenn Du einſehen ſollteſt, daß nicht Alles ſo glückt, wie Du jetzt denkſt!“ ſagte Mr. Hywell ernſt. „Ich habe mit Wiedenburg darüber geſprochen, und er theilt meine Anſicht, daß es Dich nicht ſchänden würde, wenn Du Dich zurückziehſt, ſobald Du keine Hoffnung mehr haſt Natürlich nur dann!“ fügte er mit Ent⸗ ſchiedenheit hinzu, denn er war ein Mann von ſtrenger Chre und hohem Pflichtgefühl. „Wiedenburg's Freundſchaft und Ihre Liebe, Mr. Hywell, geben mir dieſen Rath, den ich nicht befolgen kann“, antwortete George.„Ich bin es geweſen, der den Funken des Aufſtandes in dieſes Land geſchlendert. Hat Daniel oder Alia auch das erſte Wort geſprochen, ſo war ich es doch, der den Plan entwarf. Nein! Wenn dieſer Kampf mißlingt und unſere Niederlage Tauſende mit Verderben trifft, ſo könnte ich nirgends mehr ruhig leben. Nur der Tod im Kampfe kann dann den Fluch mildern, mit dem vielleicht Tauſende mich beladen wür⸗ den. Entweder ich ſiege, oder ich zeige denen, die mir folgen, daß es mir Ernſt bis zum Aeußerſten iſt, und das kann ich nur zeigen durch den Tod! Doch da ſehe ich David wieder, der mich erwartet!“ Er drückte Mary und Mr. Hywell die Hand und ite fort. Der Engländer ſah ihm ernſt und gedankenvoll nach. ——— 171 „Er hat Recht!“ ſagte er leiſe.„Auch Wiedenburg meint, er könnte nur dann fliehen, wenn ſich Verrath im Innern erhebt. Ich weiß zwar nicht, woher er den fürch⸗ tet, aber Wiedenburg hat einen ſcharfen Blick. Bei Gott, es würde mich ein Stück Leben koſten, wenn ich dieſen Knaben, den ich faſt mein nenne, hier kläglich un⸗ tergehen ſehen müßte!“ Mary nahm den Arm ihres Vaters und kehrte mit ihm nach Dari zurück. Sie ſah, wie ernſt, faſt düſter das Geſicht ihres Vaters war. Und auch vor ihrem Geiſt ſtiegen dunkle Bilder auf. So ſchwieg ſie, in Ge⸗ danken verſunken. Wenige Minuten ſpäter verließen Daniel und George Dari. Als ſie in Garika anlangten, fanden ſie Alles dort in großer Bewegung, und ſchon von fern tönte ihnen die Commandoſtimme Alia Waſſi's entgegen. Dieſer theilte ihnen mit, daß mehrere Corps Tſche- tſchenzen auf dem nördlichen Ufer des Karaſſu bemerkt worden ſeien, und daß eine Feuersbrunſt, die den Him⸗ mel nach Norden zu röthete, wahrſcheinlich von einem Dorfe herrühre, das ſie angezündet. Man müſſe alſo auf der Hut ſein, denn da noch keine Verſtändigung mit den Führern der Tſchetſchenzen erfolgt ſei, ſo dürfte man einen Angriff der Tſchetſchenzen erwarten, die Garika noch für ruſſiſches Gebiet hielten. Deshalb hatte Alia aus 172 Vorſorge die Bewohner der Stadt Garika aufgefordert, ſich mit ihren Habſeligkeiten nach dem Schloſſe zu be⸗ geben. Aber noch von einer andern Seite drohte Gefahr, und zwar eine größere. Mehrere Boten hatten überein⸗ ſtimmend gemeldet, daß ein Detachement Ruſſen ſich auf Nebenwegen Garika nähere. Durfte man den Verſiche⸗ rungen der Boten trauen, ſo beſtand es aus der Schwa⸗ dron des Majors und einer Abtheilung Infanterie von ungefähr dreihundert Mann Es ſchien nicht unwahrſchein⸗ lich, daß man den Major mit der Führung dieſes Corps beauftragt habeh, da er das Terrain von Garika genau kannte. Ferner war ein Brief Michael Brazow's angekom⸗ men, den ein Bauer überbracht. Der Graf ſprach in kalten Worten ſeine Verwunderung über die Vorfälle auf Garika aus, woher wunderliche Nachrichten nach Tiflis gelangt ſeien. Er hoffte, ſo ſchrieb er, daß Daniel ſich bald von der Thorheit eines derartigen Aufſtands verſu⸗ ches überzeugen werde. Inzwiſchen verlangte er, daß Nina und Sophia nach Tiflis oder wenigſtens nach einer Stadt geſendet würden, die nicht im Aufſtande ſei. So⸗ bald Schamyl ſich zurückgezogen haben würde, was in we⸗ nigen Tagen der Fall ſein werde, da er nirgends die ruſ⸗ ſiſchen Reihen zu durchbrechen vermöge, werde der Graf ——— 173 ſelbſt kommen, um ſich zu überzeugen, ob man Nina und Sophia aus dem Tumult des Aufſtandes in Si⸗ cherheit gebracht. „Nun“, ſagte Daniel,„wenn wir ſeine Frau und ſeine liebenswürdige Schweſter nach Tiflis ſenden ſollen, ſo muß er wenig Ausſicht haben, ſie hier wiederzuſehen. Entweder die Ruſſen kommen noch gar nicht, oder ſie hoffen nicht auf Sieg.“ Inzwiſchen wurde die ganze Nacht hindurch an den Befeſtigungen gearbeitet. Die Wachen waren bis weit⸗ hin in die Wälder geſchoben. Auf dem Schloßhofe von Garika und innerhalb der Befeſtigungslinien die aus Erdwerken und Paliſſaden beſtanden, lagerten die Be⸗ wohner der Stadt Garika. Uebrigens fürchtete man einen Ueberfall der Tſchetſchenzen nicht ſo ſehr als einen Angriff der Ruſſen. Das Gerücht von dem Aufſtande in Garika mußte jedenfalls ſchon bis zu ihnen gedrungen ſein, und es ließ ſich nicht annehmen, daß ſie gerade dieſe Stadt plündern würden, da im Oſten und Norden ge⸗ nug Ortſchaften ſich befanden, die ſich nicht dem Auf⸗ ſtande angeſchloſſen. Auch pflegten die Tſchetſchenzen ſehr ſelten größere Flüſſe zu überſchreiten. Man konnte ſich nicht erinnern, daß ſie ſeit zwanzig Jahren auch nur einmal über den Karaſſu hinausgegangen. George ſchlief nur wenige Stunden. Am Sonntag 174 WMorgen war er bald nach Tagesanbruch mit Alin Waffi auf den Schanzen, die allerdings jetzt im Stande wa⸗ ren, ſelbſt einem ſtarken Angriff zu widerſtehen. Einige der klügſten Boten waren in die Wälder ausgeſendet worden. Sie kehrten nach einigen Stunden mit der Nach⸗ richt zurück, daß ein ruſſiſches Corps heranziehe, daß es aus ungefähr dreihundert Mann Infanterie und einer Schwadron Dragoner beſtehe, und daß die letztere von dem Major Ombrazowitſch aus Kureli commandirt werde. Natürlich rief dieſe Nachricht die größte Aufregung hervor. Der Kampf ſtand bevor, ein ernſter Kampf, wenn man bedachte, daß die Garikaner ſchlecht bewaffnet und ungeübt waren. Man überlegte, ob man den Ruſſen ent⸗ gegenziehen und ſie im Walde angreifen ſolle. Alia Waſſi aber war der Anſicht, daß es gut ſein würde, den Muth der Garikaner nicht ſogleich auf eine zu harte Probe zu ſtellen und ſie hinter den Verſchanzungen des Schloſſes an das Pfeifen der Kugeln zu gewöhnen, ehe man ſie zum offenen Kampfe hinausführe. Dieſe An⸗ ſicht ſchien die richtige. Die Poſten wurden bis auf we⸗ nige Schildwachen zurückgezogen, die Befeſtigungen be⸗ ſetzt. Ein Bote eilte nach Dari, um dorthin zu melden, daß man einen Angriff erwarte, daß man aber bei der geringen Zahl der Angreifer mit Sicherheit auf den Sieg zählen dürfe. ———————— 175 Die Tſchetſchenzen wurden über dem Anzuge der Ruſſen faſt vergeſſen. Nur Alia dachte an ſie und ſandte einige Reiter nach dem Norden ab, um die Söhne der Berge aufzuſuchen, ihnen zu melden, was geſchehen, und ſie zur Unterſtützung Garikas gegen die Ruſſen aufzu fordern. Wie früher bereits angedeutet, war das Schloß von Garika auf allen Seiten, die nördliche ausgenommen, die ſteil nach dem Karaſſu abfiel und an deren Fuße die Stadt lag, von Park und Wald umgeben. Deshalb hatte auch Alia die Vertheidigungslinien nicht weit hinausge⸗ ſchoben, da ſie ſonſt zu ausgedehnt geworden wären. Sie begannen erſt unmittelbar am Fuße des Schloßbergs und bei den Terraſſen. Zweitauſend Mann waren hinreichend, ſie zu beſetzen, und Alia hatte dafür geſorgt, an jeden bedeutenden Punkt einige der Männer zu ſtellen, zu de. nen er Vertrauen haben durfte. Es waren meiſt ſolche, die als Milizen ſchon früher unter ruſſiſcher Führung im Feuer geſtanden. Das Geſchütz war innerhalb des Schloßhofs aufge⸗ ſtellt, ſodaß es den Weg, der zum Schloßhofe führte. beſtrich. Alia hatte es mit Baumzweigen maskirt und wollte es ſelbſt bedienen. Der Alte commandirte zugleich die äußerſte Vertheidigungslinie. George und Daniel com⸗ mandirten die innern Linien und das Schloß. Johnny. der nach Garika zurückgekehrt war, nachdem er einige Tage in Dari zugebracht, befand ſich bei George, ſollte aber, wenn der Kampf ernſt wurde, zur Bedienung des Geſchützes gebraucht werden. Als alle dieſe Vorkehrungen getroffen waren, trat eine tiefe Stille ein. Aller Blicke waren auf den Wald gerichtet. Plötzlich ſah man einige ausgeſtellte Wachen herbeigeeilt kommen. Sie riefen ſchon von fern, daß die Feinde nahten. Alia feuerte eine Flinte ab, ein Zeichen für die andern Wachen, daß ſie ſich ebenfalls zurückzie⸗ hen möchten. Die Stille wurde jetzt lautlos, unheimlich, drückend. George war ruhig, aber bleich. Es war ihm, als ob ein ſchweres Gewitter am Himmel ſtände. Und doch hatte der Himmel niemals blauer über Garika ge⸗ glänzt, und die Sonne ſtrahlte fröhlich auf den Blättern und Blumen. i Einige Minuten darauf ſah man Waffen und Uni⸗ formen zwiſchen den Bäumen glänzen. Die Infanterie ſtellte ſich in kleinen Abtheilungen neben dem Wege, der nach dem Schloßthor führte, auf. Die Cavallerie hielt auf einem kleinen freien Platze im Walde. Man ſah die Offiziere zuſammentreten. Sie beriethen ſich und be⸗ trachteten die Vertheidigungsanſtalten, von denen Garika umgeben war. Viele gebrauchten ihre Fernröhre. Der Major war deutlich unter den Offizieren zu erkennen. 177 „Das iſt er!“ ſagte Daniel, zu George tretend und auf Ombrazowitſch deutend.„Wenn er in Schußweite kommt, ſo iſt er verloren. Ich weiß, daß ich ihn tref⸗ fen werde.“ Bald darauf erſchien ein Dragoneroffizier zu Fuß mit einem weißen Fähnlein in der Hand. George, Da⸗ niel und Alia gingen ihm bis an die äußerſte Verthei⸗ digungslinie, die aus einem niedrigen, mit Gebüſch be⸗ legten und mit Baumſtämmen befeſtigten Erdwall be⸗ ſtand, entgegen. Der Dragoner fragte, wer hier der An⸗ führer ſei. Daniel nannte ſich, nahm das Papier und las es laut. Es enthielt in ruſſiſcher Sprache die Ankündigung, daß der Major Ombrazowitſch den Befehl erhalten habe, aufſtändiſche Bewegungen, die im Bezirke Garika entſtan⸗ den ſein ſollten, zu unterdrücken. Es wurde den Rebel⸗ len Strafloſigkeit und Verzeihung zugeſichert, wenn ſie ſogleich die Waffen niederlegen und ſich nach Hauſe begeben wollten. Im entgegengeſetzten Falle werde die Gewalt der Waffen ſchonungslos die verletzte Autorität der Ruſſen wiederherſtellen. „Ich denke, wir ſind verpflichtet, den Garikanern dieſe Aufforderung mitzutheilen“, ſagte George. „Biſt Du toll? rief Daniel lachend.„Es ſind ge⸗ wiß nicht wenige unter ihnen, denen jetzt das Herz pocht. Mützelburg, Der Held von Garika. II. 3 12 178 Sie möchten von der Erlaubniß Gebrauch machen. Nein, im Gegentheil, wir müſſen ſagen, die Ruſſen wollten Alles niedermetzeln, Frau und Kind. Das wird ſie mu⸗ thig machen.“ „Keins von Beidem!“ ſagte Alia.„Daniel iſt hier Herr. Er allein hat zu entſcheiden. Wir antwor⸗ ten den Ruſſen, daß wir ihre unrechtmäßige Herrſchaft nicht anerkennen und ſie mit Gewalt zurückweiſen werden, wenn ſie uns mit Gewalt begegnen. Dies iſt mein Rath!“ Daniel antwortete demgemäß. Der Offizier hörte ruhig die Antwort. „Außerdem ſoll ich noch im Auftrage des Majors Ombrazowitſch privatim die Frage an Sie richten, Prinz Garika“, ſagte er,„ob die Damen ſich noch in Dari be⸗ finden, oder ob ſie auf dem Wege nach Tiflis ſind.“ „Antworten Sie, daß meine Schweſter hoffentlich in Dari bleiben wird und daß ich mich um die Comteſſe Brazow nicht kümmere!“ antwortete Daniel ſpöttiſch. Der Offizier ging mit einer kalten Verneigung zu⸗ rück. Sobald er dem Major ſeine Nachricht mitgetheilt hatte, hörte man Commandorufe. Die Infanterie löſte ſich zu einer Plänklerkette auf. Die Hälfte der Drago⸗ ner ſtieg vom Pferde, um mit dem Karabiner Theil an dem Kampfe zu nehmen. Auch Alia's Commandoworte ertönten. —.—— 179 Es ſchien die Abſicht der Ruſſen zu ſein, auf dem Wege, der nach dem Schloſſe führte, vorzudringen. Dort war der Hügel ſanft geneigt. Aber hier waren demge⸗ mäß auch die Vertheidigungswerke am ſtärkſten. Bald fielen die erſten vereinzelten Schüſſe aus dem Walde. Durch die Baumſtämme gedeckt, rückten die Plänkler langſam vor. Dann wurde das Feuer lebhafter. Alia eilte von Gruppe zu Gruppe. Er befahl, nicht eher zu ſchießen, als bis die Schützen ihres Schuſſes ſicher ſeien. Hier und dort antworteten bereits die Flinten der Ga⸗ rikaner. Der Pulverdampf zog langſam durch den Wald. Es war das Vorſpiel des Kampfes, der bis jetzt noch einem Manöver glich. Denn noch ſah man nirgends einen Soldaten fallen, nirgends noch hörte man den Auf⸗ ſchrei der Verwundeten. Plötzlich änderte ſich die Scene. Der Major war ein guter Taktiker, ein geübter Offizier. Er hatte ſeine Anordnungen gut getroffen. Auf ein kurzes Signal ſchloſſen ſich einige Züge der Plänkler zuſammen und eine Schaar von ungefähr hundert Soldaten eilte im Sturmſchritt gegen die äußerſte Verſchanzungslinie. George, der mit Alia alle möglichen Fälle des Angriffs beſprochen und auch auf dieſen Fall vorbereitet war, rief ſeinen Gari⸗ kanern einige Worte zu und eilte Alia zu Hülfe nach der bedrohten Stelle. Unwillkürlich wollten die ganzen Maſſen 12* 180 der Vertheidiger ſich nach dem bedrohten Punkte wen⸗ den, aber einige Commandoworte Alia's, mit donnern⸗ der Stimme gerufen, erinnerten die Garikaner an ihre Pflicht. Alia erwartete den Sturm, die Vertheidiger, die ſich in ſeiner Nähe befanden, heranziehend. Schon eilte auch George zur äußerſten Vertheidigungslinie nieder. Das Alles hatte nicht fünf Minuten gewährt. Die Ruſſen, unbeirrt durch das Gewehrfeuer, das ſie empfing, warfen ſich auf den Erdwall, der nicht über Mannes⸗ höhe war. Man ſah viele von ihnen fallen, und aus den obern Vertheidigungslinien ertönte Jubelgeſchrei, das jedoch verſtummte, als die erſten Ruſſen oben auf dem Wall erſchienen. Dies war der Moment, den Ge⸗ orge erwartet. Die beſten Schützen hatten für dieſen Fall ihre Anweiſungen erhalten, und wer von den Ruſſen zwiſchen dem Gebüſch auf dem Erdwall erſchien, fiel, von einer Kugel getroffen, zurück. Johnnh ſtand neben George und feuerte unabläſſig ſeine beiden Büchſen ab, die ihm ein Garikaner, den er zu dieſem Zweck unter⸗ richtet, mit großer Kaltblütigkeit lud. Man ſah keinen einzigen Garikaner zurückweichen. Sie feuerten uner⸗ ſchrocken. Hätten ſie beſſere Waffen gehabt und beſſer gezielt, ſo würden die Stürmenden faſt aufgerieben wor⸗ den ſein, denn ſie befanden ſich zwiſchen den beiden Li⸗ 181 nien des Erdwerks, das hier einen Winkel bildete. Aber auch jetzt war ihr Verluſt bedeutend genug. Es ertönte das Signal zum Rückzuge, und ſobald die Garikaner die Ruſſen zurückeilen ſahen, erhob ſich ein Jubelgeſchrei, das ſelbſt die Flintenſchüſſe übertönte, die den Fliehen⸗ den nachgeſandt wurden, und das nicht eher endete, als bis Alia Waſſi die Hand erhob. zum Zeichen, daß man ſchweigen möge. „Vortrefflich, Giorgi, mein Sohn!“ rief Alia George zu.„Nun haben ſie alle Muth. Aber es wird noch beſſer kommen. Steh' nur feſt auf Deinem Poſten da oben, wenn wir uns hier zurückziehen müſſen. Denn da⸗ hin wird es kommen. Das Ding hier unten iſt nicht zu halten. Aber da oben werden ſie ſich den Kopf zer⸗ ſchellen.“ George kehrte nach ſeinem erſten Poſten zurück. Johnnh ſtrich ſich vergnügt ſeinen Backenbart. „Wird noch anders kommen, Mr. George!“ ſagte er.„Aber die Grauröcke da drüben ſind zu ſchwach, und hier die Leute aus Garika haben für junges Volk Muth genug gezeigt. Uebrigens wette ich, daß die Ruſſen ge⸗ nau auf derſelben Stelle wieder angreifen. Es iſt die bequemſte. Nun, dann laſſen wir den kleinen Peter ſpielen.“ Der kleine Peter war das Geſchütz, Johnnh's Liebling. 182 Für zehn Minuten trat nun eine Pauſe ein. Ueberall hörte man den jetzt gemäßigten Jubel der Garikaner. Alia veränderte ſeine Maßregeln nicht, nur wurden die Corps, die, gleich der Abtheilung George's, einem vor⸗ zugsweiſe bedrohten Punkte zu Hülfe eilen ſollten, ver⸗ ſtärkt, ſodaß im Nothfall ſechs⸗ bis ſiebenhundert Mann auf einem einzigen Punkte verſammelt werden konnten. Alia belobte die Garikaner. Inzwiſchen war drüben bei den Ruſſen ein neuer Kriegsrath gehalten worden. Man ſah aus der ſtraffen, finſtern Haltung der Soldaten, daß ihre Niederlage ſie verdroß und daß ſie entſchloſſen waren, ſie zu rächen. Bei dem erſten Angriff hatten ſie vierzig Mann an Tod⸗ ten und Verwundeten verloren. Die letztern fluchten und ſchoſſen, wenn ihnen dies noch möglich war, ihre Flinten gegen die Verſchanzung ab. Die Garikaner antworteten mit Schüſſen. George verbot es. Der zweite Angriff begann genau in derſelben Weiſe wie der erſte. Die ganze Schaar der Ruſſen löſte ſich in Plänklerketten auf. Diesmal betheiligten ſich ſämmtliche Dragoner. George, der von ſeinem erhöhten Standpunkt die Ruſſen beſſer überſchauen konnte als Alia, bemerkte jedoch, daß die Plänklerketten in der Nähe des Schloßwegs gedrängter blieben. Dies ſchien darauf hinzudeuten, daß abermals ein Angriff auf den erſten 183 Punkt ſtattfinden ſollte, wie auch Johnny es ſchon ver⸗ muthet. George ließ Alia durch einen Voten darauf auf⸗ merkſam machen. Das Gefecht wurde jetzt vorſichtiger geführt. Die Ruſſen zielten langſamer und ſuchten die Verſchanzten wirklich zu treffen, während man ſie vorher nur hatte beſchäftigen wollen. Einmal ſchien es, als concentrirten ſich die Plänkler nach der Gegend der Terraſſen hin⸗ Daniel wandte ſich mit ſeinem Corps nach jener Rich⸗ tung. Plötzlich aber warf ſich auf ein gegebenes Signal die ganze Maſſe wieder nach jenem erſten Punkt, der den Angreifenden die wenigſten Terrainſchwierigkeiten bot. Im heftigſten Rennen ſtürzten die Ruſſen auf den Wall los. Diesmal war der Angriff ſo ſchnell und heftig ge⸗ ſchehen, daß ungefähr ſechzig Ruſſen zugleich den Wall erſteigen und überſpringen konnten, während die andern ihnen auf dem Fuße folgten. Nun mußte der Kampf heftig werden. Jetzt galt es, nicht den Kopf zu verlieren. Ein Theil der Garikaner, mit dem Bajonett angegriffen, wandte ſich der obern Vertheidigungslinie zu Alia warf ſich mit ungefähr zweihundert Mann den Eindringenden entgegen, und auch die fliehenden Garikaner ſtanden, als ſie ſahen, daß es Alia gelang, die Ruſſen aufzuhalten. Trotzdem gerieth die Schaar der Vertheidiger in Ver⸗ wirrung. Alles drängte von oben her zur Hülfe herbei. 184 Inzwiſchen hatten die Ruſſen Zeit gefunden, ſich inner⸗ halb der erſten und zweiten Vertheidigungslinie zu for⸗ miren. Alia mußte ſich zurückziehen. Er gab den Befehl, die erſte Vertheidigungslinie zu verlaſſen. George hielt, ſobald er dies bemerkte, ſeine Garikaner zurück und be⸗ fahl ihnen, langſam und ſicher auf die Ruſſen zu ſchie⸗ ßen, damit dieſe durch die Zahl der Fallenden entmuthigt würden. Dann ſtellte er auf der zweiten Vertheidigungs⸗ linie, die ſo angefüllt war von Bewaffneten, daß die Vorderſten kaum laden konnten, die Ordnung wieder her. Johnny poſtirte ſich neben das Geſchütz und feuerte von dort aus. Diesmal war der Verluſt der Garikaner bedeu⸗ tend. Während ſich Alia mit ſeiner Schaar nach der zweiten Linie zurückzog, füllte ſich der Raum zwiſchen beiden Linien mit Todten und Verwundeten. Aber auch die Ruſſen litten bedeutend durch das Feuer der Leute George's, die in die dichten Reihen der Ruſſen nur hin⸗ einzuſchießen brauchten, um zu treffen. Ombrazowitſch hatte es indeſſen unzweifelhaft darauf abgeſehen, die Verſchanzungen zu forciren und auf Menſchenleben nicht zu achten. Die Ruſſen drängten vorwärts wie ein ge waltiger Keil. Alles hing davon ab, ob ſie mit den Ga— rikanern zugleich in die zweite Vertheidigungslinie ein- dringen würden, und allerdings ſchien dies wahrſchein— 185 lich. Dann mußte der Kampf ein verzweifelter werden und es ließ ſich noch nicht ermeſſen. ob die Garikaner, mit Bajonett, Säbel und Piſtole von einer geſchloſſenen und disciplinirten Schaar angegriffen, Stand halten würden. Da rief gohnnh George und dieſer Alia einige Worte zu. Der Greis verſtand und donnerte ſeinen Leu⸗ ten zu, ſich nach rechts zu wenden. Johnny ſtand bei dem kleinen Peter und richtete ihn mit der ruhigſten Miene von der Welt. Durch die Schwenkung Alia's war auf dieſer Seite der Raum zwiſchen der zweiten Vertheidigungslinie und den Ruſſen frei geworden. Ru⸗ hig entfernte Johnny die Sträucher die das Geſchütz maskirten und ſtreckte die Lunte aus. Der Schuß don⸗ nerte. Das Geſchütz war mit kleinen Kugeln, zerhacktem Blei und Nägeln geladen geweſen, da man im voraus eingeſehen, daß eine einzelne Stückkugel wenig Wirkung thun werde. Der Erfolg war entſetzlich. Eine weite Lücke öffnete ſich in den ruſſiſchen Reihen und die ganze Schaar ſchwankte unwillkürlich zurück. Einzelne wandten ſich zur Flucht. Inzwiſchen war Johnny ſchon damit beſchäftigt, das Geſchütz wieder zu laden. Der Schuß hatte die beabſichtigte Wirkung gehabt. Es war Alia gelungen, ſich mit ſeiner Schaar in die zweite Linie zu retten. Die für den Fall des Rückzugs 186 freigelaſſene Lücke wurde mit Blitzes ſchnelligkeit durch bereitgehaltene Baumſtämme und Erdſäcke geſchloſſen. Ein Hagel von Kugeln regnete nun auf die Ruſſen. Vorher hatten ſehr viele von den Garikanern nicht zu ſchießen gewagt, aus Furcht, ihre eigenen Brüder zu treffen. Der Major, kalt, unerſchütterlich und bis jetzt un⸗ verwundet, ließ ſeine Truppen ſich auflöſen und befahl dann den Angriff auf zwei Punkten. Aber dieſe zweite Linie war viel ſtärker als die erſte. Sie beſtand aus einer ſteinernen Mauer, die allerdings an manchen Punkten verfallen, aber durch Erdaufſchüttungen und Baumſtämme zu einem Ganzen verbunden war, das den Vertheidigern ausreichenden Schutz gewährte. Die Ruſſen hätten Lei. tern beſitzen müſſen, um die Mauer erſteigen zu können. Nur an den beiden Punkten, die Dmbrazowitſch angrei- fen ließ, bot ſich eine Möglichkeit, einzudringen, da dort die Ausfüllungen niedriger waren. Der Kampf, der nun entſtand, war heftig. Es ſchien, als wolle Ombrazowitſch die Vorderſten opfern, um die Nachfolgenden über die Leichen ihrer Vormänner em⸗ porklimmen zu laſſen. Die Ruſſen arbeiteten ſich in ſtum. mer Wuth vorwärts. Das Geſchütz ſchwieg bis jetzt. obgleich längſt wieder geladen. Johnny wollte ſeinen kleinen Peter nur dann ſpielen laſſen, wenn genug Leute ——— 187 da wären, um zu tanzen, wie er George zurief. Dieſe Gelegenheit fand ſich, als Ombrazowitſch ein Corps von fünfzig Dragonern dem einen Sturmhaufen zu Hülfe ſchickte. Als die Dragoner in Schußlinie waren, feuerte Johnny das Geſchütz ab und abermals war die Wirkung gräßlich. Die Schaar Dragoner war im vollſten Sinne des Wortes zerſprengt. George ſah Ombrazowitſch mit dem Fuß auf die Erde ſtampfen. Noch währte der Kampf einige Minuten, aber jede Minute koſtete den Stürmen⸗ den ein Dutzend Leute, ohne daß es ihnen gelang, die Verſchanzung zu erklimmen. Da gab der Major ein Zeichen. Ein Tambour, der in ſeiner Nähe ſtand, ließ die Schlägel auf das dröhnende Kalbfell niederfallen, und augenblicklich wandte ſich die ganze Schaar der Ruſſen zur Flucht. In wilden Sätzen ſuchten ſie aus dem Bereich der garikaniſchen Flinten zu kommen. Die Dragoner eilten nach ihren Pferden. Die Infanterie ſam⸗ melte ſich unter dem Commando des Majors. Ueber die Hälfte der Angreifenden lag todt und verwundet vor der erſten und zweiten Vertheidigungslinie. „Auf! Wir müſſen ſie vernichten!“ rief Alia, wäh⸗ rend der Schloßberg von dem Jubelgeſchrei der Gari⸗ kaner erdröhnte, und er gab das Zeichen, den Ruſſen zu folgen, die jetzt ſchnell, aber in geſchloſſenen Reihen den Rückzug antraten. Die zweitauſend Garikaner war⸗ 188 fen ſich wie ein Rudel Wölfe in den Wald. Die Ruſſen vertheidigten ſich, in geſchloſſenen Reihen zurückgehend. Aber ihre Reihen wurden dünner und dünner. Endlich floh der Major mit dem Reſt der Dragoner, die In⸗ fanterie löſte ſich auf, Jeder ſuchte ſich auf eigene Hand zu retten. Die Niederlage war vollkommen. Alia zählte hundert Todte und weit über zweihundert Verwundete. Als George mit ernſtem, aber glühendem Antlitz nach dem Schloſſe zurückkehrte, ſah er Johnnh, der mit zärtlicher Sorgfalt den kleinen Peter von dem Pulver⸗ dampf reinigte, mit welchem ihn die beiden Schüſſe befleckt. „Da kommt Mr. Wiedenburg!“ ſagte Johnny und deutete auf einen Reiter, der im Galopp durch den Wald geſprengt kam.„Er kommt zu ſpät! Schade! Es war ein hübſches Treffen!“ George ging Wiedenburg entgegen. Ein zweiter Reiter folgte— Mr. Hywell. „Wir haben geſiegt!“ rief George ſchon aus der Ferne Wiedenburg zu.„Der Kampf währte eine Stunde. Ueber dreihundert Ruſſen, mehr als zwei Drittel der Angreifer, ſind gefallen. Die Garikaner haben ſich ge⸗ ſchlagen wie Kerntruppen.“ „Ich wünſche Ihnen Glück“, ſagte Wiedenburg, und jetzt erſt bemerkte George, daß der junge Deutſche ſehr 189 bleich war.„Aber Sie müſſen helfen. Auf Dari iſt ein Unglück geſchehen. Während Mr. Hywell und ich einen Hirſch verfolgten, iſt das Schloß überfallen worden, von Tſchetſchenzen, glaube ich. Die Gräfin Brazow mit ihren Kindern, Comteſſe Sophia und Miß Marh ſind von den Räubern entführt worden. Rufen Sie Ihre Freunde! Wir müſſen ihnen nachſetzen!“ George ſtand ſprachlos. Die Freude des Siegs war vergeſſen. Vorüber waren die Wonnetage von Garika. IV. Bei Schanyl. Alia Waſſi und Daniel waren herbeigekommen. Die wenigen Worte, die Edmund Wiedenburg ihnen zurief, genügten, auch ſie in ſtarre Beſtürzung zu verſetzen Das Schweigen dieſer fünf Männer, ihre bleichen Mienen bildeten einen ſeltſamen und unheimlichen Gegenſatz zu dem frendigen Lärm, der auf dem Hügel von Garika ertönte. Im Vergleich zu den unruhig hin und her wo⸗ genden Maſſen der Garikaner bildeten dieſe fünf erſtarr⸗ ten Männer eine Gruppe des Entſetzens; es war, als ob ſie ſtumm und blind ſeien für das, was um ſie herum vorgehe, als ob ſie verſteinert worden. In George's Zügen vor allen zeigte ſich eine voll⸗ kommene Lähmung des Schreckens. Er wagte nicht auf⸗ zublicken; ſein Auge ſtarrte auf den Boden. Konnte ſein Blick jemals wieder demjenigen Mr. Hywell's be⸗ gegnen? War nicht ſein väterlicher Freund mit Marh nur um ſeinetwillen hierher gekommen? Wären nicht beide 191 längſt in Sicherheit geweſen, wenn er ſie nicht durch ſeine dringenden Bitten bewogen, noch einige Tage zu bleiben? Er hätte ſich freilich ſagen können, daß keine menſchliche Vorausſicht derartige Fälle zu berechnen im Stande ſei, aber in ſeinem augenblicklichen Entſetzen fühlte er ſich als den alleinigen Urheber dieſes Unglücks. „Warum hat mich nicht eine Kugel getroffen!“ murmelte er dumpf vor ſich hin. „Und auch Sophia iſt fortgeführt?“ fragte Daniel, als könne er es noch nicht glauben. „Ja, die drei Damen, die Kinder und, wie es ſcheint, die Mehrzahl, der Dienerinnen“, antwortete Wiedenburg. „Wir haben nicht ſo genaue Nachforſchung halten können, es genügte uns, das Schloß verheert zu finden und die Räuber in weiter Ferne zu ſehen, wie ſie ihre Beute nach dem Norden entführten. Glücklicherweiſe waren wir zu Pferde. Wir hatten den Hirfch, der uns leider von Dari fortgelockt zu Pferde verfolgt. Ich wende mich an Alia Waſſi, als denjenigen, der dieſes Land am genaueſten kennt. Fragen Sie ihn, George, was er uns zu thun räth.“ George richtete die Frage mechaniſch und ohne aufzublicken an den alten Mann. „Den Tſchetſchenzen in ihre Berge zu folgen, ſcheint mir unmöglich und unzweckmäßig, da wir bis zu dieſem 192 Augenblick noch gar nicht wiſſen, wohin ſich die Tſche— tſchenzen gewendet haben können“, antwortete Alia Waſſi. „Für das Leben der Gefangenen iſt nicht das Geringſte zu fürchten, wenn ihnen nicht irgend ein Unfall auf den Gebirgswegen zuſtößt. Die Tſchetſchenzen haben ohne Zweifel noch nicht gewußt, daß Garika im Kriege mit den Ruſſen iſt; ſie haben geglaubt, die Frau, die Schwe⸗ ſter und die Kinder Michael Brazow's ſeien eine gute Beute und ſie werden ein hohes Löſegeld fordern. Der⸗ artige Fälle ſind mehrfach vorgekommen. Alles, was wir jetzt thun können, iſt, einen Boten abzuſenden, der es verſuchen ſoll, Schamyl ſelbſt aufzufinden und ihm die Lage der Dinge ſo vorzuſtellen, wie ſie in Wirklich. keit iſt. Die Tochter des engliſchen Herrn wird dann mit ihren Dienerinnen ohne Zweifel ſehr bald und gegen ein ſehr geringes Löſegeld freigegeben werden; anders wird es mit Nina und der Schweſter Michael Brazow's ſein. Sage Deinem engliſchen Freunde, Giorgi, daß er weder für das Leben, noch für die Sicherheit und Ehre ſeiner Tochter etwas zu fürchten hat. Die Tſche⸗ tſchenzen rauben ſolche Frauen nur um des Löſegeldes willen. Sie ſind zu klug und auch zu gleichgültig gegen vornehme Frauen, um mehr von ihnen zu verlangen, als daß ſie ihnen gutwillig folgen und keinen Verſuch zur Flucht machen.“ 193 George zögerte, ehe er es wagte, Mr. Hywell an⸗ zureden, und als er es that, zitterte ſeine Stimme. „Mein Vater“, ſagte er,„das Leben hat für mich keinen Werth, wenn ich nicht Mary in Sicherheit weiß. Selbſt mein Vaterland ſteht mir fern, wenn ich die Frei⸗ heit deſſelben auf Koſten der Ruhe Mary's erringen ſoll. Alle meine Bemühungen werden ſich darauf richten, Ihnen Mary wieder zuzuführen. Ich fühle die Verpflich— tung dazu; ich muß es thun, denn ich weiß, daß ich ſchuld an dieſem Unglück bin.“ „Hier iſt Niemand ſchuld, George“, ſagte Mr. Hywell tonlos.„Das Schickſal will mich prüfen. Sage mir nur, was der alte Mann geantwortet hat, und ob ich zittern muß, oder ob ich hoffen darf.“ Georg berichtete ſchnell die Anſicht Alia's. Es leuch⸗ tete ein, daß ſie die richtige ſei. Seit Menſchengedenken hatte man nicht gehört, daß ein Fall roher Gewaltthä⸗ tigkeit gegen fremde Frauen von ſeiten der Tſchetſchen⸗ zen ſich ereignet. Sie wollten Löſegeld erpreſſen, das lag klar auf der Hand. Aber iſt deshalb das Herz eines Vaters weniger bewegt, wenn er ſeine zarte Tochter in den Händen von Männern weiß, deren Sitten man eben ſo wohl roh als rauh nennen kann? Welche Möglich⸗ keiten des Unglücks bietet eine ſolche gewaltſame Ent⸗ führung und Gefangenſchaft dar! Und was die düſtere Mützelburg, Der Held von Garika. IM. 13 194 Verzweiflung noch erhöhte, bis jetzt war er der Genoſſe Mary's in ihren Leiden geweſen, hatte er ihr zur Seite geſtanden, war er entſchloſſen geweſen, ſie eher zu tödten, als verderben zu laſſen. Jetzt aber war ſie allein, ſich ſelbſt überlaſſen, ohne die hohe moraliſche Unterſtützung, welche die Gegenwart eines Vaters verleiht. Kaum her⸗ geſtellt von einer faſt tödtlichen Krankheit, war ſie im Stande, dieſe neuen geiſtigen und körperlichen Anſtren⸗ gungen zu ertragen? Mr. Hywell fühlte, um wie viel ſchwerer dieſer Schlag ihn traf, als alle frühern, weil Mary von ihm getrennt war. Mußte nicht Mary eben⸗ falls jetzt heftiger als je erſchüttert werden? Und was er fühlte, fühlten auch George und Ed⸗ mund, nur daß bei ihnen der heimlich bohrende Schmerz des Vaterherzens durch die glühende, eiferſüchtige, ſelbſt rachdürſtige Aufwallung der Liebe erſetzt wurde, bei Wiedenburg in ſcheinbar geringerem Maße, da ſeine Natur ernſter und zurückhaltender war, bei George leb⸗ hafter, denn die unruhige Beweglichkeit, die ſeine Züge jetzt angenommen hatten, zeigte bereits den Kampf, der in ſeinem Innern ſtattfand. Indeſſen, ſo viel und ſo eingehend jetzt auch be⸗ rathſchlagt wurde, auf eins kamen alle Ueberlegun⸗ gen hinaus: eine augenblickliche Verfolgung konnte nicht ſtattfinden. Jeder einzelne von den Männern, mit Aus⸗ 195 nahme Alia Waſſi's, würde ſehr gern einen Zug in das Gebirge unternommen haben. Auch an Daniel's Unruhe bemerkte man, daß ihm Sophia's Schickſal nicht gleich— gültig war. Aber alle mußten ſich den Einreden Alia Waſſi's fügen, der das Hülfsmittel, einen Kundſchafter zu Schamhl zu ſenden, für das einzig zweckmäßige und mögliche erklärte. Er ſchlug zu dieſem Zwecke einen Mann vor, den er freilich ſehr ungern entbehrte, da er tüchtig, gewandt und tapfer war, der ſich aber vortreff⸗ lich zu dieſem Zweck eignete, da er einige Jahre in der Gefangenſchaft bei den Tſchetſchenzen gelebt hatte. George erbot ſich, denſelben zu begleiten. Davon aber wollte Alia Waſſi nichts wiſſen, und ſeine Miene wurde düſter, als George nicht ſogleich von ſeinen Bitten abſtand. „So groß das Unglück auch iſt“, ſagte er in der Landesſprache zu George,„ſo iſt es doch eine Kleinigkeit im Verhältniß zu dem Schaden, den Deine Abweſenheit uns bringen würde. Was ſollten die Garikaner von ihrem Führer denken, wenn er einem jungen Mädchen nachliefe, das ſich in keiner andern Gefahr befindet, als einige Monate bei den Tſchetſchenzen zubringen zu müſſen! Die Fremde iſt Deine Schweſter, gut, aber die Garikaner ſind Deine Brüder, und es ſind ihrer Tauſende, während jene nur eine iſt. Sei unbeſorgt; 196 wenn Dein Pflegevater reich iſt, ſo wird ſeine Tochter in wenigen Wochen oder Monaten frei ſein. Aber Garika wird nur frei, wenn wir alle auf Tod und Leben kämpfen. Oder glaubſt Du, die Ruſſen und namentlich der Major würden ihre heutige Niederlage vergeſſen? Der Kampf hat erſt begonnen; Du am wenigſten darfſt fehlen!“ George beugte ſein Haupt vor dieſen ſchwer wie⸗ genden Gründen, aber ſein Herz zuckte deshalb nicht weniger ſchmerzlich. Er beruhigte ſich auch nicht, als Mr. Hhwell ungefähr in demſelben Sinne ſprach und nichts davon wiſſen wollte, daß George ſeine Garikaner auch nur auf eine Stunde verlaſſen ſolle. Sein Herz war nun einmal zerriſſen. Auf der einen Seite beſtürmten es die Pflichten gegen ſein Vaterland, auf der andern verzehrte es die Sehnſucht, Mary zu befreien und Mr. Hhwell wieder glücklich zu ſehen. Es begann für ihn ein fortdauernder qualvoller Kampf, der nur mit der Be⸗ freiung Marh's oder mit ſeinem Tode enden zu können ſchien. Gehen wir ſchnell hinweg über die nächſten Ereigniſſe. Der Kundſchafter, Namens Kalurſi, wurde noch an dem⸗ ſelben Tage ausgeſchickt, vorher genau inſtruirt von Alia Waſſi und verſehen mit einem Briefe an Schamhl, den der ſprachenkundige Alia Waſſi verfaßt hatte. Mr. Hywell 197 und Wiedenburg ſiedelten nach Garika über. Der erſtere hielt es im Intereſſe ſeiner Tochter, die möglicherweiſe von einem ruſſiſchen Corps bei der Verfolgung der Tſchetſchenzen gefangen werden konnte, für ſeine Pflicht, an den Generalgouverneur von Kaukaſien zu ſchreiben und ihm die Sachlage, ſowie ſein Verhältniß zu George Garika genau auseinanderzuſetzen. Auf dieſe Weiſe konnte auch Michael Brazow, deſſen augenblicklichen Auf⸗ enthalt man nicht kannte, durch den Gouverneur von dem Vorgefallenen unterrichtet werden. Die Lage auf Garika änderte ſich nicht. Die Zu⸗ züge wurden ſpärlicher. Von der Annäherung ruſſiſcher Truppen hörte man bis jetzt nichts. Unbeſtimmte Ge⸗ rüchte von Siegen und Niederlagen der Türken oder Ruſſen drangen bis nach Garika. Alia Waſſi erhielt von einem Freunde aus Tiflis die Mittheilung, daß die Ruſſen alle ihre Streitkräfte gegen die Türken verwen⸗ den müßten und überhaupt auf den Aufſtand bis jetzt kein großes Gewicht legten, da derſelbe noch keine große Ausdehnung gewonnen. Von Schamyl ſah und hörte man nichts mehr. Sein Zug ſchien nur einer ſeiner gewöhn⸗ lichen Raubzüge geweſen zu ſein. Hatte er die Abſicht gehabt, Tiflis zu nehmen, ſo war dieſelbe vereitelt wor⸗ den. George war nicht gut auf den Tſchetſchenzenführer zu ſprechen, der die günſtige Gelegenheit, die Ruſſen zu 198 vernichten, unbenutzt vorübergehen ließ und ſich damit begnügte, zu plündern und zu ſchrecken. Alia Waſſi ſagte ihm wiederholt, daß von Schamhl nicht eher etwas zu erwarten ſei, als bis ihm auch von den Türken und Franken die Unabhängigkeit garantirt worden und Ruß⸗ lands Kraft gebrochen ſei. So verſtrichen ungefähr vierzehn Tage in banger, unheimlicher Erwartung. Garika und Kureli waren von Alia Waſſi ſtark befeſtigt, die Schaar der Garikaner, die ſich jetzt auf ungefähr dreitauſend belief, ſo gut als mög- lich bewaffnet worden. Mr. Hywell hatte nach Sinope an Wiedenburg und nach Konſtantinopel Briefe geſandt, in welchen er ſeine Freunde bat, ihm möglichſt viel baa⸗ res Geld bereit zu halten. Dieſe Briefe, nebſt einem andern an den engliſchen Geſandten in Konſtantinopel, wurden von einem geſchickten Boten in das türkiſche La⸗ ger getragen um von dort aus weiter befördert zu werden. Nach Ablauf jener vierzehn Tage kehrte Kalurſi zu⸗ rück. Er erzählte viel von den Fährlichkeiten, die er überſtanden, und brachte ein Schreiben Schamhl's an Alia Waſſi. In dieſem wünſchte der Tſchetſchenzenfüh⸗ rer dem Greiſe Glück zu ſeiner ſiegreichen Erhebung ge⸗ gen die Ruſſen, bedauerte die Gefangennehmung der Engländerin, fügte aber hinzu, daß er für ſie ein Löſe⸗ 199 geld von zwanzigtauſend Rubeln in Silber beanſpruchen müſſe, da ſeine Kaſſe erſchöpft und der Voter der Eng⸗ länderin, wie er gehört, ein reicher Mann ſei. Kalurſi berichtete, daß ein anderer Brief nach Tiflis geſendet worden ſei, in welchem der Graf Brazow aufgefordert wurde, für ſeine Frau, ſeine Schweſter und ſeine Kinder eine Summe von fünfzigtauſend Rubeln in baarem Sil⸗ ber zu zahlen, eine Summe, die, wenn man bedenkt, wie ſelten das baare Silber zur Kriegszeit ſein mußte, faſt unerſchwinglich ſchien. Mr. Hywell war natürlich gern bereit, Alles zu ge⸗ ben, was Schamyl verlangte. Die Schwierigkeit beſtand nur darin, zwanzigtauſend klingende Silberrubel ſchnell herbeizuſchaffen. Kalurſi wurde abermals abgeſendet, mit der Anfrage, ob Schamyl nicht wenigſtens einen Theil der Summe in Anweiſungen auf Konſtantinopel und Erzerum nehmen wolle. Abermals vergingen vierzehn Tage. Die Antwort Schamyl's lautete ablehnend. Für den Tſchetſchenzenführer hatte nur das baare Geld Werth, Anweiſungen waren für ihn ſehr ſchwer zu realiſiren. Dägegen brachte der Bote etwas Anderes, was Mr. Hywell mit hoher Freude erfüllte: ein Päckchen Papier⸗ blätter, beſchrieben von Mary's Hand und von ihr ſelbſt dem Kundſchafter zugeſtellt. Es war in der Abſicht ge⸗ ſchrieben, ihrem Vater, wenn ſich Gelegenheit dazu biete, 200 Nachricht von ihrem Schickſal zu geben, zuweilen in Form eines Tagebuchs, zuweilen in Briefform, theils mit Blei⸗ ſtift, theils mit Tinte. Wir theilen den Inhalt dieſer Blätter mit wenigen Auslaſſungen mit, da ſie ein aus unmittelbarer Anſchauung gewonnenes Bild der häusli- chen Verhältniſſe Schamhl's und zum Theil auch der in⸗ nern Einrichtungen der Tſchetſchenzen bieten. „Es war acht Uhr morgens. Ich hatte ſo eben nach meiner Uhr geſehen und verließ mein Zimmer, um nach der Terraſſe zu gehen, auf der ich gemeinſchaftlich mit der Comteſſe Sophia und der Gräfin Brazow, auch, wie ich hoffte, gemeinſam mit meinem Vater und Mr. Wiedenburg den Kaffee trinken wollte. Es war ein ſchöner Morgen. Sophia und Nina ſaßen unter der Laube am Kaffeetiſch. Die erſtere ſagte mir, daß ſie geſehen, wie mein Vater und Mr. Wiedenburg ihre Pferde beſtiegen, und daß ſie gehört, dieſelben wollten einen Hirſch verfolgen. Ich hatte mich ſo eben nieder⸗ geſetzt, als eine Dienerin über uns ein Fenſter öffnete und mehrmals ein Wort rief, das mir klang wie Mo- diane, Modiane. Sophia und Nina erhoben ſich ſchnell; es wurden haſtig einige Worte zwiſchen ihnen und der Dienerin gewechſelt. Dann rief mir Sophia zu, daß die Dienerin behaupte, die Tſchetſchenzen ſeien über den Karaſſu gegangen und kämen auf Dari zu, daß ſie es 201 aber noch nicht glauben könne. Beide eilten darauf in das Innere des Schloſſes, und da ich meinerſeits nicht wußte, was ich beginnen ſollte, ſo folgte ich ihnen auf dem Fuße. Wir gelangten auf dieſe Weiſe bis zu einem thurm⸗ ähnlichen Theile des Schloſſes, von deſſen Plattform aus wir Dari und das Thal des Karaſſu ganz deutlich über⸗ ſchauen konnten. Schon der erſte Blick verrieth uns, daß die Dienerin mit ihrem Rufe:„Modiane!“(Sie kom⸗ men!) Recht gehabt. Eine Schaar von vielleicht zweihun⸗ dert Reitern kam den Berg herauf; eine andere Schaar war in Dari zurückgeblieben, um es zu plündern. Die Tſchetſchenzen— denn daß es ſolche und nicht ruſſiſche Reiter ſeien, ließ ſich ſogleich erkennen— waren kaum noch fünf Minuten vom Schloſſe entfernt. Kein Wun⸗ der alſo, wenn wir alle im erſten Augenblick wie er⸗ ſtarrt ſtanden. „In den Wald! Retten wir unſere Koſtbarkeiten und flüchten wir in den Wald!“ rief die Comteſſe Sophia. „Meine Kinder, meine Kinder!“ rief Nina Brazow. „Ich bleibe bei ihnen.“ „Nun, wir nehmen ſie mit uns!“ rief Sophia.„Nur ſchnell! In den Wald werden ſie uns nicht folgen!“ Ich zweifle nicht daran, daß der Rath, welchen uns die Comteſſe gab, der einzig vernünftige war. Wenn wir 202 in einen unzugänglichen Theil des Waldes flohen, ſo hätten wir, wenn wir auch einen Theil unſerer Habe den Plünderern preisgaben, gewiß unſere Freiheit gerettet. Aber dieſer Entſchluß hätte unmittelbar, nachdem er ge⸗ faßt, ausgeführt werden müſſen. Noch zögerten wir je⸗ doch. Auch die Comteſſe Sophia ſchien nur ungern zu fliehen. Vielleicht hatte ſie dieſelbe Idee, die auch mir durch den Sinn fuhr, daß wir nämlich die Tſchetſchenzen durch die Erklärung, Garika und Dari ſeien im Kriege mit Rußland, von Plünderung und Gewaltthätigkeiten abhalten könnten. Irnzwiſchen hörten wir bereits das Jammergeſchrei der Dienerinnen. Diener, welche Wider⸗ ſtand hätten leiſten können, befanden ſich faſt gar nicht auf dem Schloſſe, da ſie nach Garika beordert worden. Auch hätte ihr Widerſtand nichts genützt. Mit dem Rufe: „Meine Kinder!“ eilte Nina Brazow zuerſt fort.„Nehmen Sie in Eile, was Sie finden können“, rief mir die Com⸗ teſſe zu,„und treffen Sie mich dann auf der Terraſſe!“ Damit verſchwand auch ſie. Ich ſuchte mein Zimmer zu erreichen, was mir aber nicht leicht wurde, da ich mich aus dieſem Theile des weit⸗ läufig und winklig gebauten Schloſſes gar nicht heraus zufinden wußte. Endlich fand ich meine Thür. Ich nahm, was mir das Wichtigſte ſchien: ein Bild meiner Mutter meine Börſe, mein Notizbuch. Dann aber wurde ich zwei- 1 203 felhaft, was ich nun noch weiter nehmen ſolle. Alles ſchien mir gleich wichtig. Plötzlich fiel mir ein, daß es vielleicht beſſer ſei, das Bild nicht zu nehmen, da man es mir gewiß rauben würde, wenn man mich gefangen nehme, und ich ſchob es unter einen Schrank. Mein Reiſeetui mit allerlei Kleinigkeiten ſtand gerade vor mir. Ich nahm es, da mir in den Sinn kam, daß man ge⸗ rade die Kleinigkeiten des Lebens oft am ſchwerſten ent⸗ behrt. So eilte ich der Terraſſe zu. Dort fand ich bereits Sophia, die verſchiedene Ge⸗ genſtände, unter ihnen einen großen Shawl und ein Ter⸗ zerol trug. Sie rief mit lauter Stimme nach Rina. Wir hörten die Kinder ſchreien. Sophia ſtampfte mit dem Fuße auf die Erde. „Kommen Sie!“ rief ſie.„Wir können auf meine Schwägerin nicht warten. Ich kenne die Gegend gut genug!“ Sie eilte über die oberſte Terraſſe und ich folgte ihr. Aber plötzlich ſahen wir einige Reiter am Fuß der Terraſſe im Park. Die Tſchetſchenzen hatten vermuth⸗ lich unſere Flucht vorausgeſehen und ſie verhindern wol⸗ len. Wir ſtanden erſchreckt ſtill. „Nun hilft's nicht mehr“, ſagte Sophia.„Wir müſſen bleiben und, was uns lieb iſt, verbergen. Denn vielleicht iſt es nur auf eine Plünderung abgeſehen, ob⸗ 204 wohl die Tſchetſchenzen in neuerer Zeit auch die Frauen mit fortführen.“ „Wie? Die Frauen? Uns?“ rief ich tödtlich er⸗ ſchreckt. „Ja. Man gibt ſie dann nur gegen Löſegeld zurück«, antwortete die Comteſſe.„Seien Sie auf Alles gefaßt. Im Uebrigen, ſagt man, thäten die Tſchetſchenzen den Frauen nichts zu Leide!“ Der Gedanke, von meinem Vater getrennt zu wer⸗ den, erfüllte mich mit entſetzlicher Angſt.„Vater, mein Vater!“ rief ich, ſo laut ich konnte. Aber ſchon nahm die Comteſſe meinen Arm und zog mich mit fort. Kommen Sie hinein“, ſagte ſie.„Es iſt beſſer, wir empfangen dieſe Gäſte im Innern und gemein. ſchaftlich.“ Im Erdgeſchoß des Schloſſes iſt auf der Garten— ſeite ein großer Raum, früher wahrſcheinlich eine Waffen⸗ halle, jetzt zum Aufenthalt der Diener beſtimmt, welche die fremden Gäſte begleiten. Aus dieſem Raume hör⸗ ten wir Nina's Stimme und Sophia eilte dorthin. Ich konnte ihr kaum folgen, da der Gedanke an die Möglich⸗ keit, von hier fortgeführt zu werden, mich faſt gelähmt hatte. An dieſer Lähmung fühlte ich, daß ich meine Kräfte nach der Krankheit doch noch nicht in ihrem gan⸗ zen Maße wiedergewonnen, denn niemals hatte ich wäh⸗ 205 rend all der traurigen Abenteuer bei den Kurden eine ſolche körperliche Schwäche gefühlt. Doch währte dieſelbe nicht lange. Ich habe immer gefunden, daß die Furcht vor der Gefahr mich mit größerem Schrecken erfüllt als der Anblick der vorhandenen Gefahr. Die letztere erfor⸗ dert Widerſtand und ſtählt dadurch meine Kraft. Als wir in jenen Raum eintraten, fanden wir die hintere Hälfte deſſelben angefüllt mit unſern Dienerin⸗ nen, den eingeborenen Dienern und einigen Kindern. Un⸗ ſere engliſchen Diener und Mr. Wiedenburg's Diener ſtanden mit ihren Gewehren im Arm an der Thür. So⸗ bald Sophia ſie erblickte, rief ſie ihnen in engliſcher Sprache, die ſie gut ſpricht, zu, ſie möchten um Himmels⸗ willen die Gewehre wegſtellen, Widerſtand ſei ganz ver⸗ gebens und würde uns nur in größere Gefahr bringen. Die Diener gehorchten ſchweigend und widerwillig. Auch Nina bemerkten wir jetzt. Sie hatte in jedem Arm eins ihrer Kinder. Die Dienerinnen hatten ſich vor ſie geſtellt, gleichſam um ſie zu ſchützen, ein neuer Beweis, daß ſie ein gutes Herz hat und die Liebe ihrer Unter⸗ gebenen beſitzt. Sie trat jetzt vor und fragte Sophia, was zu thun ſei. Es ſchien mir, als ſei ſie ruhiger und gefaßter geworden, ſeit ſie ihre Kinder ſo nahe bei ſich ſah. „Schließen wir die Thür!“ ſagte Sophia. Vielleicht haben wir Zeit, einige Worte mit den Tſchetſchenzen zu 206 ſprechen. Sagen Sie ihnen, Nina, daß dieſes Land im Augenblick kein ruſſiſches mehr iſt. Im Kriege gilt jede Liſt.“ Die Thür wurde von innen verriegelt. Die Diener ſchoben einige Bänke und Schemel vor dieſelbe. Dann trat eine tiefe Stille ein. Ich ſtand neben Nina und Sophia, in banger Erwartung dem Ausgang oder viel⸗ mehr dem Beginn dieſes Abenteuers entgegenſehend. Plötzlich wurde es im Schloſſe lebendig. Es widerhallte von Schritten und Rufen. Es mochten nicht viel über hundert Tſchetſchenzen in dem Schloſſe ſein, aber es war, als ob Tauſende ihr Weſen trieben. Einige Männer mit ſpitzen Mützen und Flinten in den Händen erſchie⸗ nen an den Fenſtern. Man wußte alſo, wo wir waren, und bewachte uns. Das Gefühl der Gräfin und das ihrer Schwägerin mochte noch düſterer ſein als das meine. Wenn man mir meine Habe raubte, ſo war dies ein Unglücksfall, der mir bereits einmal bei den Kurden widerfahren, den ich mit Ruhe ertragen und deſſen Nachtheile leicht wie— der gut gemacht werden konnten. Aber für Nina und Sophia Brazow handelte es ſich um die Plünderung und vielleicht Zerſtörung ihrer Heimat, um den Verluſt von hundert Gegenſtänden, die ihnen durch die tägliche Ge⸗ wohnheit lieb geworden. In dieſem Wanderleben, das 207 ich nun ſchon faſt ſeit einem Jahre führte, hatte ich auf das Heimatsgefühl verzichten gelernt, wenn ich mich auch um ſo ſtärker nach meiner wirklichen Heimat ſehnte. Es gab in meinem Herzen etwas, das einer dumpfen Reſignation nahe kam. Dieſer Himmel war mir überhaupt fremd; was lag alſo daran, ob er fünfzig Meilen näher oder ferner über mir glänzte! Nur der Gedanke der Tren⸗ nung von meinem Vater durchſchauerte mich; das war ein Elend, das ich bis dahin noch nicht kennen gelernt hatte. Die Sehnſucht, er möge kommen und mein Schick⸗ ſal theilen, kämpfte in mir mit dem Wunſche, daß er frei bleiben möge von dem Anblick und den Folgen dieſes Auftritts. Aber wenn es vielleicht auch Unrecht war, ſo behielt jene erſtere Sehnſucht doch das Uebergewicht in meinem Herzen. Ich wußte ja auch, daß mein Vater unglücklicher ſein werde, wenn er mein Schickſal nicht theilte, als wenn er gezwungen würde, mich zu begleiten. Im Uebrigen vertraute ich der Verſicherung, die mir Sophia gegeben, und demjenigen, was ich über die Tſche⸗ iſchenzen geleſen. Ich wußte, daß ſie die Freiheit der Perſon nicht achteten, wenn ſie glaubten, aus einem Raube Nußen ziehen zu können; aber ich hatte nie ver⸗ nommen, daß ſie den Herzen der Frauen hatten Gewalt anthun wollen. Dieſe Ungewißheit dauerte wohl eine halbe Stunde, 208 vielleicht länger. Plötzlich näherte ſich der Lärm unſerer Thür. Man wollte ſie öffnen, und als man ſie verrie⸗ gelt fand, ſtieß man ſo heftig dagegen, daß ſie aufſprang. Nun ſahen wir eine verworrene Maſſe von Köpfen, ſpitzen Mützen und Flinten in der Thür erſcheinen. Nina und Sophia waren auf die Thür zugetreten, wichen je⸗ doch beſtürzt zurück, als die Bänke und Schemel mit Ge⸗ walt fortgeſchleudert wurden. Die wenigen Worte, die zwiſchen Nina und den Tſchetſchenzen gewechſelt wurden, verſtand ich natürlich nicht. Ich erfuhr jedoch ſpäter ihren Inhalt. „Was wollt Ihr?“ rief Nina.„Weshalb überfallt Ihr das Haus Eurer Freunde?“ Und indem ſie ihre Kinder an ſich preßte, verſuchte ſie muthig zu ſcheinen und würde auch den Eindruck einer muthigen Frau gemacht haben, wären nicht ihre ſonſt ſo friſchen Wangen blaß geweſen. „Freunde?“ rief ein junger Krieger.„Seit wann ſind denn die Ruſſen unſere Freunde?“ „Die Ruſſen nicht, wohl aber die Garikaner!“ ant⸗ wortete Nina.„Eure Verbündeten ſind doch auch Eure Freunde!“ „Wir haben davon gehört“, rief derſelbe junge Mann, der einer von den Führern zu ſein ſchien„Aber wir wären Narren, daran zu glauben, und auf jeden 209 Fall gehört dieſes Haus einem Ruſſen. Wir haben nicht viel Zeit, Männer. Laßt Euch nicht aufhalten!“ Die Seene, die nun folgte, will ich nicht einmal mir in die Erinnerung zurückrufen, noch weniger mag ich ſie ſchildern. Sie übertraf die ſchlimmſten Befürch⸗ tungen. Wie eine Schaar Wilder ſtürzten ſich dieſe Männer, deren zum Theil edle Geſtalten und Geſichter mich Beſſeres hatten erwarten laſſen, in den Saal und auf uns zu. In wenigen Minuten waren wir geplün⸗ dert. Nie habe ich entſetzlichere Minuten erlebt. Ein Schrei der Verzweiflung aus dem Munde aller Frauen und Kinder erſchütterte den Saal und ging dann über in ein wildes Jammern und Schreien. Meine Halskette, meine Uhr, meine Börſe, mein Käſtchen waren mir im Nu entriſſen. Zum Glück ſchützte mich mein einfacher grauer Anzug vor dem viel traurigern Schickſal Nina's und Sophia's, die nach einigen Minuten ihrer ſeidenen Klei⸗ der beraubt waren und ſich vor Scham und ohnmächti⸗ ger Wuth auf dem Boden niedergekauert hatten, um ſich vor den fremden Männern und vor ſich ſelbſt zu ver⸗ bergen. Es ſchien mir, als hätten wir alle nach dieſem Beginn das Schlimmſte zu fürchten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich in jenen Minuten gedacht habe. Aber bei der Erinnerung an die unſagliche Qual, die mich ergriffen, iſt es mir, als ob ſelbſt jetzt noch mein Mützelburg Der Held von Garika. II. 14 8 210 Herz von einem Krampfe erzriffen werde. Ich weiß nicht, ob mir meine Beſinnung geblieben wäre, wenn dieſe Scene lange gedauert hätte. Ich war wie betäubt. Zum Glück aber trieben die Barbaren ihr ſchmähliches Handwerk mit ſolcher Schnelle und Geſchicklichkeit, daß ſie ſchon nach drei oder vier Minuten nichts mehr zu rau⸗ ben hatten. Wer nur irgend ein koſtbares oder auffäl⸗ liges Kleidungsſtück trug, verlor auch dieſes. Meine Dienerinnen waren jedoch ſo glücklich wie ich. Ihre einfachen engliſchen Anzüge verlockten das Auge der Tſchetſchenzen nicht. Dieſe Plünderung war gleichſam ein Sturmwind, der Alles vor ſich niederwirft und jedes Gefühl des Widerſtandes durch die plötzlich hervorgerufene Betäubung erſtickt. Geſprochen war wenig worden. Jeder von den Tſchetſchenzen hatte genommen, was ihm zunächſt war. Die Menſchen ſchienen gleichſam Puppen, die man plün⸗ derte. Jetzt ertönten einige ſchärfere Rufe. Gleich darauf ergriff mich einer von den Männern bei der Hand und zog mich mit ſich fort. Da ich ſah, daß man auch Nina und Sophia emporriß, ſo folgte ich freiwillig. Allein wäre ich nicht gegangen. Mein Führer ging ſo ſchnell, daß ich ihm kaum folgen konnte. Als wir im Freien waren, bildete man einen Kreis um uns und trieb uns mit Worten und ————— 2 211 Schlägen wie eine Heerde Vieh vorwärts. Nina erhob jammernd ihre Stimme. Aber man rief ihr zu, ſie möge ſchweigen; wenn ihr Mann ſie lieb habe, ſo werde er ſie bald auslöſen. Nina wiederholte mir dies in franzö⸗ ſiſcher Sprache, und es beruhigte mich, da es meinen bereits wankend gewordenen Glauben, daß es nur auf eine Erpreſſung abgeſehen ſei, wiederherſtellte. Die Tſchetſchenzen, mit allerlei nützlicher und un⸗ nützer, werthvoller und werthloſer Beute beladen, er⸗ innerten mich jetzt lebhaft an die Kurden nach unſerer erſten Plünderung. Selbſt in jenem Augenblicke, obwohl von ganz andern Empfindungen erfüllt, ging mir der Gedanke durch den Kopf, wie ſehr verſchieden dieſe Menſchen in der Wirklichkeit von dem Bilde ſeien, wel⸗ ches wir uns gewöhnlich von ihnen entwerfen. Was ich ſpäter erfahren und geſehen, hat meine erſten Eindrücke im Allgemeinen nur beſtätigt. Allerdings beſteht ein Un⸗ terſchied zwiſchen den Kurden und den Kaukaſiern. Wäh⸗ rend jene nichts als ein Räubervolk ſind, ohne eine an⸗ dere Anhänglichkeit an ihre oft wechſelnde Heimat als diejenige, die auch das Thier beſitzt, das ſein Neſt ver⸗ theidigt, handeln die Tſchetſchenzen nach einem beſtimm⸗ ten Plane und vertheidigen ihre Freiheit und Unabhän⸗ gigkeit mit einer Ausdauer, die ihnen die Bewunderung Europas erworben hat. Auch iſt ihr Aeußeres edler und 212* freier; man findet unter ihnen wahre Heldengeſtalten, Männer von ritterlichem Anſtand, die Königen zum Muſter dienen könnten. Ihre Züge tragen faſt den Stem⸗ pel der reinſten Schönheit. Aber lieb habe ich ſie nicht gewinnen können; ſelbſt achten kann ich ſie nicht. Die guten Eigenſchaften, welche die meiſten Naturvölker be⸗ ſitzen, werden bei ihnen aufgewogen durch ihren Hang zur Räuberei, ihren Eigennutz, ihre an Falſchheit gren⸗ zende Schlauheit. Sie ſind ſo, wie ſie vor tauſend Jah⸗ ren geweſen ſein mögen; zuweilen mußte ich ſie mit den alten Deutſchen vergleichen, die ihre Unabhängigkeit gegen die Römer vertheidigten. Aber ſo ſehr ich auch die guten Seiten ihres Charakters, ihre Kraft und Ent⸗ ſchloſſenheit anerkennen muß, ſo fehlen ihnen doch dieje⸗ nigen Eigenſchaften, die nach unſern Begriffen den Hel⸗ den machen, die Großmuth nach dem Siege, die Milde des Herzens, der Adel des Gemüths. Sie haſſen den Fremden; die Gaſtfreundſchaft, die ſie unter einander üben, die Treue, mit der ſie an einander hängen, ſind gleichſam ererbte Eigenſchaften, die ſie ohne wah⸗ res Bewußtſein deſſen, was ſie thun, üben. Denn wä⸗ ren ſie ſich ihrer guten Handlungen bewußt, ſo wür⸗ den ſie auch die ſchlechten vermeiden lernen. Sie thun die letztern wie die erſtern aus Gewohnheit und In⸗ ſtinkt. Der Politiker mag die Wichtigkeit dieſer Kämpfer zu würdigen wiſſen; ſie beſchäftigen Rußland im Süden und ihre Vernichtung würde gewiß zu beklagen ſein, da ſie ein von der Natur reich begabtes Volk in die Arme einer verderbten Cuviliſation, wie die ruſſiſche iſt, führen würde, anſtatt ſie der wahren Cultur, der Ausbildung des Geiſtes und des Herzens zugänglich zu machen. Aber ich kann mich nicht für ſie begeiſtern. Selbſt wenn ich von dem perſönlichen Mißgeſchick abſehe, das mir wi⸗ derfahren, muß ich erklären, daß ſie rückſichtslos, roh und oft hinterliſtig ſind. Ihre geiſtigen Eigenſchaften ſtehen auf einer niedrigen Stufe, und ſie empfinden nicht das geringſte Bedürfniß, ſich über ihren jetzigen Stand⸗ punkt zu erheben. Davon ſind vielleicht nur einige der Führer, wie Schamyl ſelbſt, ausgenommen. Ich glaube kaum, daß die Tſchetſchenzen den Vergleich mit den Hindus und ſelbſt mit den Beduinen aushalten können. Sie ſtehen ungefähr auf gleicher Stufe mit den Indianern und eingeborenen Mexicanern. Vielleicht irre ich mich, vielleicht iſt es mir nicht gelungen, tief genug in das Weſen dieſes Volksſtammes einzudringen, aber die Schilderung meiner Erlebniſſe wird beweiſen, daß ich zu meinen Anſichten von meiner Seite aus berech⸗ tigt bin. Alſo man trieb uns vorwärts wie eine Heerde Vieh. Wie gern hätte ich Nina oder Sophia irgend —— 3 1 31 ½ 40 13 6 —— 214* einen Shawl oder eine Decke gereicht! Aber ſelbſt wenn ich eine ſolche beſeſſen hätte, würde man ſie ihnen doch wieder abgenommen haben. Ich dachte daran, als wir ſo den Berg hinabgetrieben wurden, daß dieſe Menſchen die Bundesgenoſſen George's werden ſollten, und konnte nicht anders, als ihn und die Prüfungen, denen er ent⸗ gegenging, beklagen. War es möglich, daß George mit ſeinem empfänglichen und empfindlichen Herzen, mit ſei⸗ nem feinen Gefühl hier auf die Dauer glücklich ſein konnte? Ich weiß wohl, daß er die Abſicht hat, wenn nicht dieſe, doch ihnen ähnliche Menſchen auf eine hö⸗ here Stufe der Cultur zu erheben, aber im beſten Falle wird er die Früchte nicht mehr ernten. Wie kann das, was Jahrtauſende lang Wurzeln geſchlagen hat, in einem einzigen Menſchenalter ausgerottet werden! Schon nach einer halben Stunde waren wir am Ufer des Karaſſu. Die Weiber und Kinder von Dar erhoben ein Jammergeſchrei, als ſie uns erblickten. Eine von den Frauen kam aus dem Haufen auf uns zugeeilt und rief einige Worte, indem ſie eine ſchmuzige, zerriſ⸗ ſene Decke, faſt ihr einziges Kleidungsſtück, emporhob. Die Tſchetſchenzen warfen es Nina zu und dieſe hüllte ſich in die Decke ein. Sie ſagte mir ſpäter, daß jene Frau früher auf dem Schloſſe gedient habe. Ich fragte ſie, warum ſie die Tſchetſchenzen nicht um eine Decke für 215 Sophia bitte. Nina wollte es thun. Aber eine neue Prüfung ſtand uns bevor. Wir ſollten den Karaſſu über⸗ ſchreiten, und die Tſchetſchenzen dachten nicht daran, uns den Uebergang zu erleichtern. Glücklicherweiſe war der Fluß, obwohl reißend, doch ſehr ſeicht, und die Einwoh⸗ ner von Dari hatten durch denſelben eine Reihe von Steinen gelegt, die eine natürliche Brücke bildeten. So kamen wir hinüber, ohne uns mehr als die Füße zu be- netzen. Ich will die Mühſeligkeiten des Marſches, der nun folgte, nicht genauer beſchreiben, ſondern nur einige der bedeutendern Ereigniſſe erwähnen. Wir gingen nicht, wir liefen. Die Tſchetſchenzen zwangen uns, gleichen Schritt mit ihren Pferden zu halten, und ſie hatten Eile, da ſie das Herannahen eines ruſſiſchen Corps be⸗ fürchten mochten. Erſt nach ungefähr zwei Stunden machten ſie auf einem ſteilen Berge Halt. Von dieſem aus konnte man das ganze Thal des Karaſſu deutlich überſchauen. Ich war ſo ermattet und wohl auch geiſtig ſo erſchöpft, daß ich auf die Felſen niederſank, und der Gedanke, ich könnte krank werden, erfüllte mich mit Schrecken. Es gelang mir jedoch bald, mich zu ſam⸗ meln, und die Ueberzeugung daß ich wieder kräftig genug ſei, Anſtrengungen und Aufregungen zu ertragen, flößte mir ein gewiſſes Selbſtvertrauen ein und trug 21¹6 mehr als alles Andere dazu bei, mich aufrecht zu er⸗ halten. Die Tſchetſchenzen begannen nun eine Muſterung. Offenbar war es nicht ihre Abſicht, ſich mit werthloſen Gefangenen zu beläſtigen. Sie hielten unter einander Rath. Eine Zeit lang hoffte ich, daß man mich wegen meines einfachen Anzugs für eine Dienerin halten und zurückſchicken werde. Aber die Erkundigungen, die ſie bei einem Burſchen aus der Dienerſchaft einzogen, und die Antworten, die der vor Furcht zitternde Burſche gab, mochten ſie darüber aufgeklärt haben, daß ich ein werth⸗ voller Gegenſtand ſei. Ich gehörte nicht zu denen, die ſeitwärts geführt wurden. Die letztern bildeten die bei weitem größere Zahl. Unſere Diener und die ganze männliche und weibliche Dienerſchaft des Schloſſes wur⸗ den freigegeben. Es blieben außer Nina mit ihren bei⸗ den Kindern, Sophia und mir nur meine beiden engli⸗ ſchen Begleiterinnen und eine einzige Dienerin zurück. Sobald dieſe Auswahl getroffen war, ging es weiter. Nina hatte für ihre Kinder Waſſer und für Sophia eine Decke verlangt. Das erſtere konnte man ihr nicht rei⸗ chen, da kein Waſſer in der Nähe war, aber Sophia erhielt einen Shawl. Ich habe leider aus Erfahrung die Beobachtung machen gelernt, wie leicht man ſich im Unglück bei klei⸗ 217 nen Erleichterungen tröſtet. Als ich Nina und Sophia bekleidet und mit ruhigern Mienen ſah, fühlte auch ich mich erleichtert. Vor mir lag allerdings eine traurige Zeit, eine Zeit der Trennung von meinem Vater und vorausſichtlich voller Entbehrungen. Aber ich glaubte mich der Ueberzeugung hingeben zu können, daß wir in der That für unſere Räuber nichts ſeien als geraubte Ge⸗ genſtände und daß die entſetzlichen Tage, die ich in der Nähe Kaſchir⸗Aga's verlebte, nicht wiederkehren würden. Mit derſelben Eile ging es weiter, meiſt bergan. Nina, die ihre Kinder trug, mußte am erſten ermüdet werden. Wir boten ihr an, abwechſelnd die Kinder zu tragen, aber ſie wollte es nicht annehmen. Bald darauf mußten wir eine Schlucht paſſiren. Sie fiel ſo ſteil ab, daß ſelbſt die Tſchetſchenzen genöthigt waren, von ihren Pferden zu ſteigen. Ich hielt mich an dem niedrigen Geſträuch, mit dem die Felſen hin und wieder bekleidet waren, aber der Abhang war doch ſo ſteil, daß mich Schwindel ergriff. Nina ließ eins ihrer Kinder aus den Armen fallen. Es rollte die Felſen hinab. Die Gräfin ſtieß einen Schreckensruf aus und ſank nieder. Glücklicher⸗ weiſe hatte einer von den Tſchetſchenzen das Kind er⸗ griffen. Sie mochten indeſſen eingeſehen haben, daß wir auf dieſem Wege uns in Todesgefahr befanden, und jede von den Frauen wurde von einem oder zwei Männern 218 geführt. Nina erholte ſich erſt allmälig von ihrem Schrecken, aber ſie blieb ſo ſchwach, daß ſie den gegenüberliegen⸗ den, nicht viel weniger ſteilen Abhang nicht hinaufklim⸗ men konnte. Sie mußte auf ein Pferd geſetzt werden. Da wir uns jenſeits der Schlucht auf einer Hoch⸗ ebene befanden und die Tſchetſchenzen ſchneller reiten wollten, ſo mußten auch wir andern Frauen uns beque⸗ men, uns hinter die Männer zu ſetzen. Damit wir nicht fielen, nöthigte man uns, die rechte Hand in den Gürtel des Tſchetſchen, hinter dem wir ſaßen, zu ſtecken. Nicht nur Frauen, ſondern auch Männer werden begreifen, was wir empfanden. Und doch blieb dieſe Art zu reiſen von jetzt ab die einzige. Unſer erſtes Nachtquartier ſchlugen wir unter freiem Himmel auf. Hier erhielten wir zum erſten Male etwas hartes Brod und Waſſer. Als man uns befahl, uns ohne Decken auf die Felſen niederzule⸗ gen, bat ich Nina, ein ernſtes Wort mit den Barbaren zu ſprechen. Die unglückliche Frau begann in der That, demjenigen Tſchetſchen, welcher der Anführer zu ſein ſchien, bittere Vorwürfe zu machen. Sie erklärte, ſie werde ſich bei Schamyl beklagen, der gewiß nicht wolle, daß gefangene Frauen in dieſer empörenden Weiſe be⸗ handelt würden. Dies half. Man gab jeder von uns einige warme Decken. Ich legte mich nieder und ſprach mein Nachtgebet empor zu dem ſternenhellen Himmel, 219 meines Vaters gedenkend, der gewiß mit allen Qualen der Sehnſucht an mich dachte. Es gelang mir zu ſchla⸗ fen. Die Ermüdung war ſo groß, daß ſie meinen er⸗ regten Geiſt überwältigte. Am folgenden und am dritten Tage dieſelbe Art zu reiſen. Die Gebirge wurden wilder. Wir zogen durch mehrere Engpäſſe. Ich mußte zuweilen die Augen ſchlie⸗ ßen, um nicht vom Schwindel ergriffen zu werden. Wäh⸗ rend dieſer Tage ſprachen wir Frauen, obwohl wir ge⸗ wöhnlich nahe bei einander waren, wenig. Wir hingen unſeren eigenen traurigen Gedanken nach. Sophia ſchien von einem düſtern Trotze erfüllt. Zuweilen beſchuldigte ſie ſich der Thorheit, in Dari geblieben zu ſein. Nina erſchien mir als die Ruhigſte. Ihre Kinder befanden ſich wohl, ſie erhielten von Zeit zu Zeit Brod und Waſſer und waren munter und geſund. So litt wenigſtens ihr Mutterherz keine große Qualen mehr. Meine beiden engliſchen Begleiterinnen, bereits in Kurdiſtan an Ent⸗ behrungen und Gefahren gewöhnt, ertrugen ihr Schickſal mit ſtiller Reſignation. Ich ſuchte ſie zu tröſten, ſoviel ich vermochte. Es war am Nachmittag des dritten Tages, als wir von einem hohen Berge aus einen Thurm erblickten, den eine Menge Zelte umgaben. Wir näherten uns alſo dem Lager Schamyl's. Dieſer Gedanke verſetzte uns 220 von neuem in Aufregung. Unſer Schickſal mußte ſich nun entſcheiden. Sobald wir uns dem Berge näherten, umgaben uns Hunderte von Tſchetſchenzen und Lesghiern und ſtarrten uns mit neugierigen, zum Theil wilden Blicken an. Wir ſtiegen von den Pferden erſchöpft zum Um⸗ fallen. Da trat ein junger Mann auf Sophia zu und wollte ihr den Shawl von den Schultern ziehen. Stolz ſtieß ſie ihn zurück. Die Augen des Tſchetſchen funkel⸗ ten, er erhob die Hand. Aber ein alter Mann, ich glaube, es war einer von den Müriden, den Führern, drängte den jungen Mann zurück und ſprach einige harte Worte zu ihm. Dann führte man uns in den Thurm, den wir aus der Ferne bemerkt hatten. Er enthielt in ſeinen Mauern nichts als einige Erhöhungen, die wohl als Feuerherde dienten, da ſie Spuren von Aſche und Koh⸗ len zeigten. Hier ließ man uns allein. Einige Stunden lang kümmerte ſich Niemand um uns. Unſere Flucht war natürlich nicht zu befürchten. Hier ſaßen wir nun, ſchweigend oder doch nur ſel⸗ ten ein Wort ſprechend, und erwarteten den Aus ſpruch Schamhl's. Er ward uns an dieſem Tage noch nicht zu Theil. Zum Abendeſſen brachte man uns etwas ge⸗ trocknetes Fleiſch und ein Getränk, das eine Art Bier oder Meth ſein mochte und einen unangenehmen ſüßli⸗ chen Geſchmack hatte. Wir hätten uns gern Feuer an⸗ 221 zünden laſſen, denn wir fanden es ſehr kühl, aber man erfüllte unſere Bitte nicht, ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Am andern Morgen, bald nach unſerm Erwachen, ungefähr bei Tagesanbruch, hörten wir Muſik. Nina erklärte, die Melodie, die, wie es ſchien, von Hörnern geblaſen wurde, ſei die Melodie eines ruſſiſchen Mar⸗ ſches. Eine Minute lang gaben wir uns dem Gedanken hin, die Tſchetſchenzen hätten das Lager verlaſſen und die Ruſſen näherten ſich. Aber es war ein trauriger Irr⸗ thum. Schamhl hat ſich eine Art militäriſcher Muſik ge⸗ bildet, die ruſſiſche Weiſen ſpielt. Ueberhaupt ſcheint der Tſchetſchenzenführer nicht frei von der Sucht, die Ruſſen, die er ſo heftig bekämpft, in manchen Aeußerlichkeiten nachzuahmen. Kaum hatte die Muſik aufgehört zu ſpie⸗ len, als ein noch junger Mann eintrat, der, wie wir durch Nina, die es von den Begleitern des Mannes er⸗ fuhr, hörten, ein Sohn Schamhl's, Kaſi⸗Machmet, war. Er ſprach nicht zu uns, aber die Naibs, die ihn umga⸗ ben, richteten einige Fragen an Nina. Sie waren ſo ar⸗ tig, ſich nach ihrer Geſundheit zu erkundigen, und ſuch⸗ ten unſere Fortführung mit der Nothwendigkeit des Kriegs, der keine Rückſichten kenne, zu entſchuldigen. Sie behaupteten auch, in Georgien hätten eine Menge Fürſten Schamhl ihre Unterwerfung unter ſeinen Schutz 222 angezeigt. Vielleicht bezog ſich dies auf die Vorfälle in Garika. Nina bat um einige Vergünſtigungen, nament⸗ lich in Bezug auf ihre Kleidung, und um die Erlaubniß, an ihren Gatten ſchreiben zu dürfen. Letzteres wurde erlaubt. Man brachte ihr eine hölzerne Feder und ein kleines Gefäß, das Tinte und außerdem, wie mir ſchien, zerpflückte Leinwand enthielt, ich weiß nicht zu welchem Zwecke. Aber alle Tintenfäſſer waren von derſelben Art, wie ich ſpäter beobachten konnte. Nina ſchrieb einige Zeilen an ihren Mann, die ihn von ihrer und unſerer Lage benachrichtigten. Man verſprach ihr, den Brief durch einen Boten ſogleich nach Tiflis zu ſenden. Im Uebrigen erklärte man, die Anſicht des Häuptlings über unſer Schickſal noch nicht zu kennen. Wir waren jedoch um Vieles ruhiger geworden als bisher, da es uns ſchien, als ob man uns jetzt mit einer gewiſſen Rückſicht behandle. Ungefähr eine Stunde ſpäter kam ein Bote Scha⸗ myl's, um uns einzuladen, zu Schamhl zu kommen. Nach kurzer Berathung unter einander lehnten wir dieſe Auf⸗ forderung mit der Erklärung ab, daß wir in unſerem jetzigen Zuſtande unmöglich vor irgend einer Perſon von Bedeutung erſcheinen könnten. Es ſchien, als habe dieſe feſte und entſchiedene Erklärung einigen Eindruck gemacht. denn nicht lange darauf gab man der Dienerin Nina's die Weiſung, einem Tſchetſchen zu folgen, und ſie kam 223 mit einigen der nothwendigſten Kleidungsſtücke zurück. Nina erhielt einen Shawl, Sophia eine blaue Blouſe und eine Mantille. Wir konnten uns trotz unſerer trau⸗ rigen Lage kaum enthalten, zu lächeln, als wir uns an— blickten. Eine Viertelſtunde ſpäter ertheilte man uns die Weiſung, uns zur Abreiſe nach Dargo⸗Weden, der Re⸗ ſidenz Schamhl's, vorzubereiten. Wir wußten nun, daß uns Schamhl in ſeiner Nähe behalten wollte, und füg⸗ ten uns, ſo gut es uns möglich war, in unſer Schickſal. Unſere Reiſe nach Dargo⸗Weden währte etwa vierzehn Tage und führte durch einen der wildeſten Theile des Gebirges. Sie war noch ſchwieriger als die Reiſe der erſten Tage, die ich andeutend geſchildert. Gewöhnt an die nicht endenden Unannehmlichkeiten der Reiſe, lernten wir zuletzt ſie gar nicht beachten und erwarteten mit einer gewiſſen Spannung unſern Einzug in die Reſidenz Schamyl's, einen Ort, den ſo Wenige bis dahin kennen gelernt hatten. Kurz vor demſelben mußten wir in einem großen Dorfe— einem Aul— Halt machen. Der Mullah(Vorſteher) deſſelben erklärte der Gräfin Nina, daß wir hier warten müßten, bis Schamhl in Dargo⸗Weden angekommen ſei. Dieſer Mullah war der erſte wohlwollende Mann, dem wir be⸗ gegneten. Als er bemerkte, daß der älteſte Knabe Nina's krank ſei, ſchenkte er ihr ein kleines Geldſtück und ſagte 224 ihr, ſie möge ſich dafür ein Huhn kaufen und ihrem Kna⸗ ben Suppe kochen. Als das Huhn gekauft war, fehlte ein Topf. Wir erhielten ihn erſt mit vieler Mühe, und der Beſitzer hatte ihn nur unter der Bedingung herge⸗ geben, daß er ſiebenmal geſcheuert würde, nachdem er gebraucht worden. Durch einen mir bis jetzt noch un⸗ begreiflichen Zufall erhielt auch die Dienerin Nina's ein Stück Seife, wofür ſie ein Halsband gab, das ſie eben⸗ falls wahrſcheinlich durch ein Wunder gerettet. Unſere Freude über den Beſitz dieſes Stückchens Seife mag am beſten ſchildern, was wir zu erdulden hatten. Uebrigens litten wir immer noch Mangel an Eßwaaren. Etwas Brod und Milch waren Leckerbiſſen für uns. In dieſem Aul erhielten wir zum erſten Male einige Pflaumen und Aprikoſen, die uns gutmüthige Frauen über die Mauer des Hauſes warfen. Wir verbrachten den größten Theil des Tages auf einer Terraſſe, von der aus wir den Aul und die prächtige Gebirgslandſchaft überblicken konnten. Das Dorf lag auf einem ſteilen Felſen, zu welchem auf allen Seiten Treppen hinaufführten. Ganz in unſerer Nähe befand ſich ein tiefer Graben, und es erregte unſere nicht geringe Verwunderung, als wir ſahen, wie eine junge Frau und nach ihr eine Wiege mit einem Kinde in dieſen Graben hinabgelaſſen wurde. Der Mullah erklärte uns dies ſpäter. Die junge ſchöne Frau hatte den Mörder ihres Man⸗ 225 nes aus Rache getödtet und mußte nun drei Monate in dieſem Gefängniſſe zubringen. Nach Ablauf dieſer Zeit mußte ſie die Hand des erſten Mannes, der ſie zur Gat⸗ tin forderte, annehmen. Ueberhaupt kann, wie wir er⸗ fuhren, keine Frau hier länger als drei Monate Wittwe bleiben. Später ſahen wir zwei ruſſiſche Gefangene in einen andern Graben hinablaſſen. Nina bat den Mullah, ſie von der Strafe zu befreien, und da er in dieſem Aul Richter war, ſo erfüllte er ihren Wunſch und ließ die Gefangenen, die ſich jene Strafe durch einen vereitelten Fluchtverſuch zugezogen, auf ſeinen Feldern arbeiten. Durch die Güte dieſes Mullah erhielten wir auch ein Stück Leder, aus welchem wir uns— mit welchen Anſtrengungen, da faſt alles Nothwendige uns fehlte, will ich gar nicht beſchreiben— Schuhe verfertigten, eine Wohlthat für uns, da unſere dünnen Stiefelchen uns nur wie Sandalen an den Füßen hingen. Hätten wir Geld gehabt, ſo hätten wir uns Manches kaufen können, denn die Dienerin, die uns Nadel und Zwirn beſorgte, erzählte uns, daß es förmliche Läden in dem Aul gebe. Aber wir alle zuſammen beſaßen nicht eine Kopeke. Wir waren einzig und allein auf das Wohl⸗ wollen der Kaukaſier angewieſen, und dieſes war— den Mullah ausgenommen— nicht groß. Wir blieben drei Tage in dieſem Aul. Dann er⸗ Mützelburg, Der Held von Garika. I. 15 226 hielten wir die Nachricht, daß Schamyl von ſeinem Zuge zurückgekehrt ſei und daß wir aufbrechen müßten. Eine Reiterſchaar nahm uns in ihre Mitte. Das Wetter war ſchön, der Weg führte durch ein Paradies. Felder und ſchattige Baumgruppen, blumenbedeckte Wieſen mit kry ſtallklaren Bächen, Heerden von ſchönem Vieh, die auf den Wieſen weideten, boten ſich in ununterbrochener Rei⸗ henfolge unſern Blicken dar. Alle Höhen waren mit Auls gekrönt, zu denen ſteile Wege emporführten. Nina erzählte uns lachend, daß ihre Dienerin geäußert, dieſe Tſchetſchenzen müßten Teufel ſein, ſonſt würden ſie nicht ſo hoch wohnen, aus Furcht, ſich den Hals zu brechen. Darauf gelangten wir in einen Hohlweg zwiſchen zwei Felſen, der nur wenige Fuß breit war und wo einer hinter dem andern reiten mußte. Wenn dies der einzige Zugang zu Dargo⸗Weden war, ſo konnte wohl niemals ein Feldherr bis dorthin vordringen. Ich hörte jedoch ſpä⸗ ter, daß an andern Stellen der Zugang weniger ſchwie⸗ rig iſt. Dieſen Hohlweg verlaſſend, ſahen wir auf wei⸗ ter Ebene den berühmten Aul von Andi vor uns, den Wohynſitz der echt kaukaſiſchen Raſſe, der tſcherkeſſiſchen Ariſtokratie, die jedoch die alte Einfachheit der Sitten bewahrt zu haben ſcheint. Denn als wir weiter zogen, bemerkten wir einige Frauen, mit weißen Krügen auf dem Kopf, verſchleiert und in ſehr einfachen Anzügen, die man uns als Frauen des Naibs, das heißt des ober⸗ ſten Vorſtehers dieſes Auls, bezeichnete. Wir blieben die Nacht in Andi, wo uns die Frauen des Naibs eine Mahlzeit bereiteten, die uns in Mannichfaltigkeit und Schönheit der Gerichte eine Göttermahlzeit dünkte. Am folgenden Morgen brachen wir nach Weden auf. Der Mullah hatte uns Schleier gegeben, da es nicht Sitte ſei, ſagte er, daß vornehme Damen in dieſer Gegend ohne Schleier reiſten. An dem alten Dargo vorüber, das im Jahre 1845 von dem Fürſten Woronzow zerſtört und jetzt nur ein Trümmerhaufen iſt, zogen wir nach der neuen Reſidenz Schamhl's. Ein Trupp Lanzenreiter mit einem Knaben von ungefähr vierzehn Jahren kreuzte unſern Weg. Wir erfuhren, daß dieſer Knabe ein Sohn Schamhl's ſei, Machmet⸗Kabi, wenn ich recht verſtanden. In Dargo⸗ Weden führte man uns zuerſt in eine große Scheune, dann aber in die Wohnung Schamyl's ſelbſt. Der erſte Theil unſerer Abenteuer, die Reiſe, war vorüber.“ Wir fahren in den Aufzeichnungen Marh's bis zu dem Punkte fort, wo die andern Perſonen unſerer Er⸗ zählung wieder handelnd in das Schickſal der jungen Engländerin eingreifen. „Es war ſchon Abend, als wir in einen großen Hof geführt wurden, in welchem ſich eine Menge Frauen 228 befanden. Ein einziger Mann ſtand dort auf einem Bal⸗ kon. Er war von ſtarker Geſtalt und in Weiß geklei⸗ det. Ich konnte ſeine Züge wegen der Dunkelheit nicht unterſcheiden. Nina ſagte mir, ſie habe gehört, es ſei Schamyl ſelbſt. Darauf führte man uns in einen zweiten Hof, den eine bedeckte Gallerie auf allen Seiten um⸗ ſchloß. Eine Menge Frauen umringten uns und halfen uns von den Pferden ſteigen. Nachdem wir in ein Zim- mer getreten, wollte man uns entkleiden. Aber wir leg- ten nur unſere Schleier ab, und als die Frauen bemerk⸗ ten, wie einfach und mangelhaft unſer Anzug ſelbſt nach ihren Begriffen ſei, ſchienen ſie ſich höchlich zu ver⸗ wundern. Ein junges Mädchen von anziehender Miene, wel⸗ chem die Dienerinnen viele Rückſicht erwieſen, kam in unſer Zimmer und betrachtete uns. Es war eine Toch⸗ ter Schamhl's, dreizehn Jahre alt. Gleich darauf erſchie⸗ nen auch die drei Frauen Schamyl's. Die erſte, Zai⸗ dete, mager, mit nichtsſagendem Geſicht, ſchwarzen Au⸗ gen, dünnen Lippen und langer, gebogener Raſe, aber von zierlicher, beweglicher Geſtalt, war, wie ich hörte, die Tochter eines der einflußreichſten Untergebenen Scha⸗ myl's; ihr Sohn hieß Diemmal⸗Eddin und befand ſich damals in ruſſiſcher Gefangenſchaft. Die zweite Frau hieß Chuanette, eine geborene Armenierin, ungefähr drei⸗ ———.— — 229 ßig Jahre alt, groß, etwas voll, friſch und munter und von ſanften Zügen. Sie flößte uns ein gewiſſes Zu⸗ trauen ein, und Nina fragte ſie nach ihren und ihrer Genoſſinnen Kindern. Sie dankte freundlich und erwi⸗ derte, die Kinder würden uns beſuchen, wenn wir uns erſt eingerichtet hätten. Aminette war die dritte Frau Schamyl's, höchſtens ſiebzehn Jahre alt, ſehr lebhaft und von intereſſanter Miene. Sie war etwas ſorgfälti⸗ ger als ihre Genoſſinnen gekleidet; mir ſchien ſie die geiſtig begabteſte von den Dreien. Mit ihnen zuſammen nahmen wir unſere Abendmahlzeit, die aus Thee, Honig und Weizenbrod beſtand. Zufälligerweiſe wurden uns auch Bonbons gereicht, an denen ſich Nina's Kinder er⸗ götzten. Wahrſcheinlich hatte man ſie irgendwo erbeutet. Im Uebrigen hörte ich, daß die Orientalinnen derartige Leckereien ſehr liebten. Die Frauen verließen uns bald. Wir muſterten die beiden Zimmer, die man uns zur Verfügung geſtellt, und bemerkten ein ſchmales Fenſter ohne Scheiben, einen großen Kamin, weiße Fußteppiche und Bänke mit ſchmuzi⸗ gen Kiſſen, die ſich rings um den Fuß der Wände zo⸗ gen. Im Begriff, uns zur Ruhe zu begeben, erhielten wir nochmals einen Beſuch. Es war Zaidete, die mit dem Intendanten Schamyl's, Kadjio, zu uns kam, um uns eine Büchſe mit Thee, ein Brod Zucker und einen Brief zu überreichen, der an Nina adreſſirt war. Nina erbrach denſelben mit großer Ungeduld, aber ihre Hoff— nung, daß es ein Brief des Grafen Brazow ſei, be⸗ ſtätigte ſich nicht. Der Brief war von einem Freunde Brazow's, Commandanten eines Poſtens an der Mili— tairſtraße, der von unſerm Unfall Nachricht erhalten und uns jene Geſchenke ſendete, die uns in der That ſehr erwünſcht kamen. Mir wurde die erſte Nacht in der Reſidenz Scha⸗ myl's ſehr lang, da ich wenig ſchlafen konnte. Ich er⸗ hob mich mit Tagesanbruch und muſterte unſere Zimmer und die äußern Räume. Der Hof war von mehreren Gebäuden umgeben, ſämmtlich von Holz; wie bereits erwähnt, umſchloß ihn eine bedeckte Gallerie. Später er— fuhr ich, daß in dem gegenüberliegenden zweiſtöckigen Hauſe Schamyl wohne. Ueber ſeiner Wohnung befand ſich ein offener Voden, auf dem man Fleiſch trocknete. Das Haus Schamhl's enthielt einige Fenſter mit Glas⸗ ſcheiben. Von unſern Fenſtern aus bemerkte ich auch einen Pavillon, den die Naibs bewohnten. Von einem Fenſter dieſes Pavillons ſoll Schamhl ſein Volk anreden, menn er es für nöthig hält, zu demſelben zu ſprechen. Das Ganze machte mir einen ſehr be⸗ ſcheidenen, durchaus nicht imponirenden Eindruck. Doch waren die Räumlichkeiten groß. Mehrere Hundert ————— 9 ———————— ——————— —————————————— —— ————— Menſchen mochten leicht Wohnung in dieſem Serail finden. Gegen neun Uhr morgens brachte man uns But⸗ ter, Zwiebeln, HOel, gekochtes Hammelfleiſch und Brod zum Frühſtück. Der Tag ging uns hin mit Betrachtun⸗ gen über unſere Lage und Geſprächen mit den Sulta⸗ ninnen, die uns abwechſelnd mit ihren Kindern beſuch⸗ ten. Gegen Abend endlich kündigte uns Kadjio den Be⸗ ſuch Schamhl's an. Er kam nicht in unſer S ſondern ſetzte ſich unter der Gallerie auf eine niedrige Bank, die man ihm hinſtellte. Sein Anzug war weiß; ein dunkler Bart um⸗ ſchloß ſein ruhiges, etwas blaſſes Geſicht. Er machte mir den Eindruck eines aufmerkſam beobachtenden Man⸗ nes, der große geiſtige Fähigkeiten beſitzt, nicht den Ein⸗ druck eines Kriegers. Alles an ihm war mehr fein und zart als groß und heldenmüthig. Zu ſeiner Seite be⸗ fanden ſich Kadjio und ein Dolmetſcher, der Indris ge⸗ nannt wurde. Doch wurde der letztere nur ſelten ge⸗ braucht; Nina ſprach in ihrer Landesſprache mit dem Imam, und mit wenigen Ausnahmen verſtanden ſie ſich. Nachdem uns Schamyl eine Zeit lang mit voll⸗ kommener Ruhe beobachtet hatte, fragte er nach unſerer Geſundheit. Nina antwortete ihm, wir befänden uns Gott ſei Dank wohl, doch hätte unſere gute Conſtitu⸗ 232 tion den meiſten Antheil an dieſem guten Zuſtande, denn man habe uns nicht eine überflüſſige Aufmerkſamkeit zu⸗ gewandt. „Ich bin ſelbſt erſtaunt, daß Ihr ſo glücklich ein⸗ getroffen ſeid“, antwortete Schamyl,„und ich ſehe darin ein deutliches Zeichen der himmliſchen Vorſehung, die Euch ohne Zweifel dazu beſtimmt hat, mir dazu zu die⸗ nen, meinen Sohn Djemmal⸗Eddin wiederzuerhalten, der mir, wie ich hoffe, gegen Euch ausgewechſelt werden wird. Ihr wißt ohne Zweifel, daß mein älteſter Sohn, Djemmal⸗Eddin, bei der Belagerung von Achulko von den Ruſſen gefangen und gezwungen worden iſt, im ruſſiſchen Heere zu dienen. Es iſt der ſehnlichſte Wunſch meines Lebens, ihn wieder bei mir zu ſehen, und ich hoffe, daß die Gefangennehmung ſo vornehmer ruſſiſcher Damen, wie Ihr es ſeid, mir die Gelegenheit dazu ge⸗ ben wird, Unterhandlungen mit den Ruſſen wegen ſei⸗ ner Auslieferung anzuknüpfen.“ Als Nina uns mit ſichtlich beſtürzter Miene dieſe Worte des Imam Schamyl mittheilte erſchraken auch wir. Wie leicht konnte unſere Gefangenſchaft bis ins Unendliche hingezogen werden, wenn die Ruſſen nicht ſogleich auf die Vorſchläge Schamyl's eingehen wollten! Ja ſelbſt im beſten Falle mußten mehrere Monate über dieſen Unterhandlungen hingehen. Der Imam mochte die Beſtürzung in unſern Mienen leſen; er fuhr fort: „Es wird alſo von dem Czaren abhängen, ob Eure Gefangenſchaft lange währt oder nicht. Wie ich gehört, ſoll der Czar nicht abgeneigt ſein, meinen Sohn hierher zu ſenden. Er hofft, daß die Erzählungen deſſelben Ein⸗ fluß auf uns üben werden. Darin irrt er ſich. Indeſſen die Abſichten des Czaren ſind mir gleichgültig, wenn ich nur meinen Sohn wieder habe. Inzwiſchen werdet Ihr mit aller Sorgfalt, wie Mitglieder meiner Familie be⸗ handelt werden. Nur die eine Bedingung muß ich ſtellen, daß Ihr keine geheimen Briefe empfangt. Ich mache Euch zur ſtrengſten Pflicht, Alles, was Ihr thut, offen zu thun; ſonſt kenne ich keine Rückſichten und werde we⸗ der Euer Leben noch das Eurer Kinder ſchonen. Erinnert Euch, was vor einiger Zeit mit einigen ruſſiſchen Offi⸗ zieren geſchehen iſt. Sie brachen ihr Wort und ließen ſich einen Brief in einem Brod zuſtellen. Ich erfuhr es und ließ ſie ſämmtlich enthaupten. Es befindet ſich noch eine vornehme Dame, eine ruſſiſche Gräfin, die meine Krieger in Stauropol gefangen nahmen, hier in dieſem Hauſe. Ich hätte ſie längſt in Freiheit geſetzt, aber ſie hat meinem Willen mehrere Male zuwider gehandelt, und deshalb zeigte ich ihr, daß ich Herr bin.“ Auch dieſe Worte, uns von Nina verdolmetſcht, waren nicht geeignet, unſere Gemüther zu erheitern. 234 Mochte man die Sache anſehen, wie man wollte, ſo befanden wir uns immer in der Gefangenſchaft von Barbaren, die aus unſerm Beſitz den möglichſt großen Vortheil ziehen wollten, unbekümmert darum, was wir und die Unſerigen dabei litten. Dieſes Gefühl machte ſich in Nina's Antwort Luft. „Eure Drohungen ſind unnütz“, ſagte ſie.„Wir werden Euch nicht belügen. Wenn wir Briefe erhalten, ſo werden wir Euch den Inhalt mittheilen. Aber Ihr ſolltet nicht vergeſſen, daß wir mit keinem andern Rechte uns hier befinden, als mit dem der rohen Gewalt. Wir ſehen nicht ein, weshalb gerade wir, die wir nie Krieg gegen Euch geführt, für die Gefangenſchaft Eures Sohnes büßen ſollen.“ „Man muß die günſtigen Umſtände benutzen“, ant⸗ wortete der Imam.„Ich hoffe, der Czar wird ſehr gern für ſo vornehme Frauen ein Löſegeld und mei⸗ nen Sohn geben. Wir ſind im Kriege, da hört die Milde auf.“ Er erkundigte ſich darauf nach meiner Perſon. Nina gab ihm, wie vorher verabredet worden, die Antwort, ich ſei die Tochter eines reiſenden Kaufmanns, der ſich zufällig auf Dari befunden. Aber den wenigen Worten des Imam nach zu ſchließen, war er von den Verhält⸗ niſſen ziemlich gut unterrichtet. Jedenfalls mochte er —— * erfahren haben, daß mein Vater ein reicher Mann ſei, denn er ſprach von einem hohen Löſegeld. Nina machte ihm bemerklich, daß ich eine Engländerin, alſo das Kind einer Nation ſei, welche die Kämpfe der Kaukaſier ſtets begünſtigt habe und auch jetzt wieder gegen die Ruſſen kämpfe. Aber er erwiderte darauf ſehr ruhig, der Kau⸗ kaſus ſei reich an Kriegern, doch arm an Geld, und Geld bedürfe man zum Kriege. Wenn die Engländer die Kau⸗ kaſier unterſtützen wollten, ſo werde es ihnen eine Klei⸗ nigkeit ſein, zwanzigtauſend Rubel für mich zu zahlen. Er erwähnte übrigens bei dieſer Gelegenheit, daß bereits ein Bote bei ihm eingetroffen ſei, um wegen unſerer Freilaſſung zu unterhandeln und daß er dieſem ſeine Bedingungen mitgetheilt. Wegen ſeines Sohnes werde er noch außerdem mit dem Fürſten Woronzow in Ver⸗ bindung treten. Darauf fragte er uns nach den Zuſtänden in Ga⸗ rika. Nina antwortete ihm, daß ſie wenig davon wiſſe und daß er uns vielleicht beſſere Auskunft darüber geben könne. Was er antwortete, klang nicht eben günſtig für die Hoffnungen George's. Er ſagte, die Georgier und alſo auch die Garikaner ſeien keine tapfern Krieger; ſie würden nichts gegen die Ruſſen ausrichten können, wenn er ſie nicht unterſtütze, und noch ſcheine ihm die Zeit zum großen Kampfe nicht gekommen obgleich derſelbe 236 vielleicht bevorſtehend ſei. Darauf erhob er ſich, machte uns eine Art Verbeugung und ging. Wir verbrachten den ganzen Abend in traurigen 7 Betrachtungen. Nina und Sophia verhehlten ſich keinen Augenblick, wie ſchwierig es ſein werde, ein hohes Löſe⸗ geld für ſie aufzubringen, um ſo mehr, da die Männer des Gebirges keine andere Zahlung kannten als in baa⸗ rem Silber. Dadurch allein— ſelbſt wenn wir die An⸗ gelegenheit der Auswechſelung von Schamyl's Sohn ganz außer Rechnung ließen— konnte unſere Gefangen⸗ ſchaft auf viele Monate ausgedehnt werden. Welche Zeit ſtand uns alſo an dieſem für uns ſo trübſeligen Orte bevor! Ich kann ſagen, daß ich an dieſem Abend etwas in mir fühlte, was ich bis dahin noch nicht gekannt, eine ſtille, dumpfe Verzweiflung. Ich ſuchte in ruhigen Betrachtungen Troſt, und es gelang mir endlich, wenn auch ſehr ſchwer, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß auch dieſe Monate vorübergehen und dieſe Erinne⸗ rungen in der Freude über die Vereinigung mit mei⸗ nem Vater verlöſchen würden. Zugleich faßte ich den Entſchluß, mir die Zeit dadurch abzukürzen, daß ich meine Erlebniſſe insgeheim niederſchriebe. Ich that dies ſchon in den nächſten Tagen und hatte mir dazu Glück zu wünſchen. Denn am geſtrigen Tage flüſterte mir Nina zu, daß ein Mann unter dem Fenſter ſtehe, der —— ihr in georgiſcher Sprache zugeflüſtert, daß er ein Unter⸗ händler ſei und unſere Briefe an ſich nehmen wolle. Ich übergab ihm darauf Alles, was ich bis dahin geſchrieben, und fügte Grüße und Tröſtungen für meinen Vater hinzu. Auch Nina und Sophia ſchrieben einige Worte. Noch habe ich keine Nachricht, ob dieſe We meinem Vater zugegangen ſind. Auch was uns Schamhl von der jungen Ruſſin er⸗ zählt hatte, die in Stauropol gefangen worden ſein und ſich in Dargo⸗Weden befinden ſollte, beſchäftigte uns ſehr lebhaft. Sophia und Nina hatten nichts von einer ſolchen Entführung gehört. Wir beſchloſſen, die Frauen Schamyl's zu fragen und den Verſuch zu machen, wenn es irgend möglich ſei, unſere Leidensgefährtin kennen zu lernen. Unſer Wunſch ging eher in Erfüllung, als wir gehofft hatten. Eines Abends nämlich— es war am fünften Tage nach unſerer Ankunft in Schamyl's Reſidenz— als wir eben im Begriff waren, uns niederzulegen, kam eine dunkle Geſtalt wie ein Schatten in unſer Zimnmer ge⸗ huſcht. Wir glaubten zuerſt, es ſei eine Dienerin, denn ſie alle hatten dieſen leiſen, ſchleichenden Gang. Aber als ſie den Schleier, der ſie verhüllte, zurückſchlug, er⸗ kannten wir ein feines, blaſſes Geſicht von hoher Schön⸗ heit, das wir bis dahin noch nicht erblickt hatten. Sie ſprach einige Worte in ruſſiſcher Sprache, und als Nina und Sophia ihr in derſelben Sprache antworteten, ſank ſie in die Kniee, küßte Nina's und Sophia's Hände, brach in Thränen aus und war längere Zeit unfähig, ein Wort zu ſprechen. Ich will in Kurzem wiedergeben, was mir Nina und Sophia ſpäter über das Schickſal unſerer Leidensge⸗ fährtin mittheilten. Die Gräfin Helene G. ſtammte aus einer in. Ruß⸗ land angeſehenen und geehrten Familie von urſprünglich deutſcher Herkunft. Ihre Aeltern waren nicht reich gewe⸗ ſen, und in einem Proceſſe, den einige ruſſiſche Familien des geringen Erbtheils wegen erhoben, verlor ſie den letzten Reſt ihres Vermögens, da ihr Vormund ſich ihrer nicht, wie er geſollt hätte, annahm. Als Waiſe wohnte ſie bei einem Freunde ihres Vaters und begleitete die Familie deſſelben nach Stauropol, als er dort ein hohes Militärcommando übernahm Obgleich, wie Jeder be⸗ merken mußte, von großer Schönheit und— wie mir Sophia ſagte und wie ich auch ſelbſt einſah— von einer in Rußland nicht gewöhnlichen Bildung, fand ſie doch keinen Mann, mit dem ſie ſich für das Leben hätte verbinden wollen. Einige Anträge ſchlug ſie aus, da ſie ihr Herz nicht befriedigten. Doch ließ ſie durchblicken, daß ſie einen jungen Mann geliebt, der jedoch nicht die Mittel beſaß, einen eigenen Herd zu gründen. Vor zwei Jahren nun war ein Tſchetſchenzenführer, Aimar Eddin, von den Ruſſen in einem Gefecht gefangen und nach Stauropol geführt worden. Da man wufßte, daß er aus einer der erſten Familien der Gebirgshäupt⸗ linge ſtammte, ſo behandelte man ihn mit Achtung und Aufmerkſamkeit, denn es war die Politik der ruſſiſchen Regierung, ſo viel als möglich auf die Gefangenen ein⸗ zuwirken und ſie für ſich einzunehmen. Aimar⸗Eddin lebte alſo im Hauſe des Oberſten O.— des Beſchützers der Gräfin Helene— nicht wie ein Gefangener, ſondern mehr wie ein Gaſtfreund. Der Oberſt war angewieſen, mit ſeiner Familie dem Gefangenen alle mögliche Auf⸗ merkſamkeit zu erweiſen. Dieſer ſpeiſte am Tiſche und verbrachte die Abende in der Familie. Im All⸗ gemeinen pflegen die gefangenen Tſchetſchenzen ſich we⸗ nig um dieſe Gunſt zu kümmern und ſuchen die Ein⸗ ſamkeit, um ihren Gedanken an die Berge nachhän⸗ gen zu können. Aimar⸗Eddin jedoch ſchien ſich in der Familie ſehr wohl zu fühlen, und bald bemerkte Helene, daß ſie ſelbſt der Grund der Vorliebe ſei, die der Sohn der Berge für das ruſſiſche Familien⸗ leben gefaßt hatte. Er ſprach ganz gut ruſſiſch, da er ſich ſchon früher einmal in ruſſiſcher Gefangenſchaft befunden hatte und überhaupt große natürliche Anla⸗ gen zu beſitzen ſchien, und benutzte jede Gelegen⸗ 240 heit, mit Helenen allein zu ſein und derſelben kleine Auf⸗ merkſamkeiten zu erweiſen. Zu Anfang lächelte ſie dar⸗ über; ſpäter, als der Gefangene kühner wurde, zog ſie ſich ſcheu zurück. Der Oberſt jedoch, dem ſie ſich durch deſſen Frau mittheilte, nahm die Sache leicht, ſprach davon, daß Aimar⸗Eddin bald gegen einen gefangenen ruſſiſchen Offizier ausgewechſelt werden würde, und bat ſie, die Harmonie, die bis jetzt zwiſchen der Familie und dem Gefangenen geherrſcht hatte, nicht durch allzu große Vorſicht und Zurückhaltung zu trüben. Sie er⸗ füllte alſo den Wunſch ihres natürlichen Beſchützers, war freundlich gegen Aimar⸗Eddin und legte auf dieſe Weiſe den Grund zu ihrem ſpätern Unglück. Denn Aimar⸗Eddin, wenig bekannt mit den Formen der civi⸗ liſirten Geſellſchaft, glaubte wahrſcheinlich in der Freund⸗ lichkeit Helenens die Erwiderung ſeiner Neigung leſen zu dürfen. Er ſprach davon, ob ſie ihn in ſeine Berge begleiten wolle, und treu der Weiſung, die ſie von dem Oberſten erhalten, antwortete ſie ſcherzend und auswei⸗ chend, aber nicht gerade ablehnend. Kurze Zeit darauf wurde Aimar⸗Eddin wirklich aus⸗ gewechſelt, und Helene, der dieſes Spiel um ſo unan⸗ genehmer geweſen ſein mochte, da ſie, wie erwähnt, einen Andern liebte, athmete auf. Vier Wochen ſpäter er⸗ ſchien eine kleine Geſandtſchaft von den Bergen vor den 241 Thoren von Stauropol und berlangte den Oberſten zu ſprechen. Sie theilte demſelben mit, daß Aimar⸗Ed⸗ din in aller Form um die Hand Helenens anhalte, daß er verſprochen, ſie treu zu lieben, niemals eine an⸗ dere Frau neben ihr zu wählen, ihr alle Annehmlichkei⸗ ten zu berſchaffen, genug, ſie ganz wie ein Franke zu behandeln. Sie habe nicht einmal nöthig, zum Islam überzutreten, wenn ſie nur darein willige, daß ihre Kin⸗ der als Mohammedaner erzogen würden. Natürlich lach⸗ ten der Oberſt und Helene, der erſterer dieſen Antrag mit⸗ theilte, über die Anerbietungen Aimar⸗Eddin's. Man gab der Geſandtſchaft die Antwort, daß Helene ſchon einen Andern gewählt habe— was richtiger war, als der Oberſt vermuthete— und eine Woche lang ſprach man in Stauropol nur von dieſer komiſchen Werbung. Aber der Ernſt folgte bald darauf. Die Bauern und die Wachen in der Umgebung bon Stauropol berichteten einige Wochen ſpäter, daß man ein kleines Häuflein Tſchetſchenzen bald hier, bald dort bemerkt habe. Man hielt dies jedoch für Irrthum, da man nichts von Räubereien hörte, die doch gewöhnlich von derartigen Tſchetſchenzenſchaaren verübt werden, und traf keine Vorkehrungen. Nur Helene hatte, wie ſie ſagte, eine Vorahnung und war entſchloſſen, Stauropol zu verlaſſen und auf eine Zeit lang nach Odeſſa zu rei⸗ Mützerburg, Der Held von Garika. II. 16 242 ſen, wohin eine ihrer Freundinnen ſich verheirathet. Sie machte deshalb einige Abſchiedsbeſuche in der Umgegend. Stauropol liegt, wenn auch nicht allzufern vom Kau⸗ kaſus, doch inmitten einer ſo vollkommen friedlichen Bevöl⸗ kerung, daß man dort, wie mitten in Rußland, ohne jede Beſorgniß und beſondere Vorkehrung reiſt. So war auch Helene, als ſie ihren letzten Beſuch machte, nur von einer Tochter des Oberſten und einem Diener begleitet. Als ſie am Abend zurückfuhr, wurde der Wagen indeſſen plötzlich angehalten, Helene fühlte ſich ergriffen, auf ein Pferd geſetzt und fortgeführt. Sie wußte ſogleich, was mit ihr geſchehen und wer ſie entführte; Schmerz und Schrecken raubten ihr Sprache und Beſinnung. Als ſie im Morgengrauen des nächſten Tages die Augen auf⸗ ſchlug, erkannte ſie in der That Aimar⸗Eddin neben ſich. Doch ſprach er nicht mit ihr. Man ritt faſt ohne Un⸗ terbrechung bis nach Dargo⸗Weden, wo Aimar⸗Eddin ſeinen Wohnſitz hatte, da er zur unmittelbaren Umge⸗ bung Schamyl's gehörte. Hier wurde ſie in den Ha⸗ rem Schamhl's geführt, als Gefangene. Es iſt leicht zu begreifen, was nun folgte. Aimar⸗ Eddin, die Frauen des Harems und Schamyl ſelbſt be⸗ mühten ſich, ſie zu überreden, die Gattin des jungen Tſchetſchenzenführers zu werden, den ſie ihr als ein Muſterbild von Schönheit, Ritterlichkeit und außerdem 243 als ſehr reich ſchilderten. Sie ſchienen die Weigerung, bei der Helene beharrte, nicht begreifen zu können und bemitleideten ſie faſt wegen ihrer Beſchränktheit. Aber ſoviel auch Helene in ihrer zweijährigen Gefangenſchaft leiden mochte, ſie blieb feſt.„Sterben, wenn es ſein muß, aber nicht die Gattin eines ſolchen Mannes wer⸗ den!“ Das blieb ihre Antwort. Helene hatte ſchon am Tage unſerer Ankunft von uns gehört und die glühendſte Sehnſucht empfunden, end⸗ lich einmal wieder mit Frauen, die ihr gleich ſtanden, ſpre⸗ chen zu können. Unter dem Vorwande, daß ſie krank ſei — und leider war ſie in der That durch Kummer und Entbehrungen ſehr leidend geworden— bat ſie um ein wärmeres Zimmer, und man gewährte ihr ein ſolches in dem Flügel, in welchem wir wohnten. Auf die Gefahr hin, entdeckt und in einen ſtrengern Gewahrſam geführt zu werden, hatte ſie die erſte günſtige Gelegenheit be⸗ nutzt, uns aufzuſuchen. Und nun war ſie bei uns, zugleich ergriffen von der höchſten Freude über die Gegenwart von mitfühlenden Weſen und von um ſo größerem Schmerze über unſer gemeinſames Schickſal. Was ich hier auf dem Raume weniger Blätter zu⸗ ſammendränge, nahm in der Form der Erzählung und des wechſelſeitigen Geſprächs mehrere Stunden bis über Mitternacht hinaus, in Anſpruch. Auch Helene. 16 244 deren Ungehorſam alſo nur in der Weigerung beſtand, einer Laune Aimar⸗Eddin's und dem ungerechten Zwang Schamhl's zu widerſtehen, hatte davon gehört, daß wir gegen den Sohn Schamhl's ausgewechſelt werden ſollten und daß man ſich auf eine lange Anweſenheit unſererſeits vorbereitet habe. Man überlegte, ob es nicht eine andere Rettung gebe. Aber vergebens. An Flucht war nicht zu denken, an eine Befreiung durch die Ruſſen ebenſo wenig. Selbſt die Vermittlung Geor⸗ ge's, auf die ich bisher ſo viel Gewicht gelegt, erſchien mir als werthlos, ſeit ich wußte, wie wenig Bedeutung Schamhl dem Aufſtande der Garikaner beilegte. Helene verließ uns ſpät in der Nacht, weinend, wie ſie gekommen. Wir alle wünſchten, wir möchten uns wiederſehen, und gelobten ihr, nichts von ihrem Beſuche zu verrathen. Die Tage und Wochen vergingen mir in aufreiben⸗ der Einſamkeit. Ich beſaß nicht das Talent, wie Nina Brazow und auch Sophia, mich für die kleinen häusli⸗ chen Intriguen, die in dem Harem Schamhl's ſpielten, zu intereſſiren, ſondern füllte meine Tage damit aus, daß ich ſchrieb und mich von einigen Dienerinnen in Handarbei⸗ ten unterrichten ließ, wie ſie auf jenen Bergen verfertigt werden. Nina plauderte viel mit den Sultaninnen, den Frauen Schamhl's. Sophia ſchien von einer verzehren⸗ — 245 den Ungeduld nach Freiheit ergriffen zu ſein, und ich be⸗ greife allerdings, daß ihr Charakter am wenigſten für eine ſolche Gefangenſchaft geeignet war. Schamhl ſchenkte uns, ſo oft er ſich in Dargo⸗ Weden befand, ſeine bis ins Einzelne gehende Aufmerkſam- keit. Abgeſehen davon, daß er ſich oft nach unſerm Be⸗ finden und unſern Wünſchen erkundigen ließ, obwohl die⸗ ſelben, auch wenn wir ſie ausſprachen, nicht immer er⸗ füllt wurden, ſuchte er uns auch durch kleine Handlungen der Menſchenfreundlichkeit zu beweiſen, daß wir ſein Wohl⸗ wollen beſäßen. Er ließ Nina's Kinder zuweilen zu ſich kommen und beſchenkte ſie mit Bonbons und Confitüren. Auch ſchickte er, als er bemerkte, daß der ältere Knabe blaß und kränklich ausſah, eine Frau, welche in jenen Gegenden die Heilkunſt ausübte. In der That wurde der Kleine nach wenigen Tagen munter und kräftig. Wie ich hörte, hatte ein Theil der Kur darin beſtanden, daß man das Kind eine Nacht lang in die Haut eines friſch ge⸗ ſchlachteten Hammels eingeſchlagen. Doch in der Haupt⸗ ſache blieb Alles unverändert. Schamhl beſtand auf der Auswechſelung ſeines Sohnes und auf fünfzigtauſend Rubeln für Nina und Sophia, ja, wir hörten, er habe anfangs noch mehr verlangt und das Volk ver⸗ lange auch jetzt noch eine größere Summe. Man hatte dort gar keinen Begriff davon, wie ſchwer es 246 ſchon iſt, fünfzigtauſend Rubel in Silber zuſammenzu⸗ bringen. Wir erhielten endlich Briefe. Mit welchem Entzücken ich das Blatt, auf dem ich die Handſchrift meines Va⸗ ters erkannte, an meine Lippen drückte, kann ich nicht ſchildern! Die Nachrichten, die wir erhielten, waren frei⸗ lich im Ganzen nicht ſehr tröſtlich. Graf Brazow ſchrieb ſeiner Frau und Schweſter, daß man mit möglichſter Eile in der Auswechſelung verfahren wolle, daß aber ge⸗ wiß der Winter darüber herankommen werde. Aehnliches ſchrieb mir mein Vater, der zugleich an Schamyl die Bitte gerichtet hatte, nach Dargo⸗Weden kommen zu dür⸗ fen, um in meiner Nähe zu ſein. Dieſe letztere Bitte wurde natürlich abgeſchlagen. Mit den Briefen zugleich waren Kleider und eine Menge Toilettengegenſtände für uns angekommen. Wir ſchenkten viele von den letz⸗ tern an die Frauen Schamyl's. Doch war Chuanete die einzige, die uns wirkliche Zuneigung bewies. Ami⸗ nete, die jüngſte, kümmerte ſich faſt gar nicht um uns. Zaldete zeigte ſich nur dann freundlich, wenn ſie glaubte von uns Vortheil ziehen zu können. Sie war übrigens kränklich. Chuanete dagegen blieb ſanft, freundlich und wohlwollend gegen uns. Ich hörte, ſie ſei die Lieblings⸗ frau Schamyl's, und ich fand das ſehr begreiflich, denn während Zaldete von morgens bis abends mit einem gro⸗ ——— 247 ßen Schlüſſelbunde und in einem unbegreiflichen Ngligé durch das Haus rannte und lärmte, war Chuanete ſtets, und ſah man ſie auch am früheſten Morgen, die Sau. berkeit und Sanftmuth ſelbſt. Und überdies war ſie viel ſchöner als Zaidete. Dieſe letztere ſchien uns wirk⸗ lich quälen zu wollen, wie ſie alle Andern quälte. Als Chuanete krank war, verbot man uns, in der Galle⸗ rie ſpazieren zu gehen, was man uns bis dahin erlaubt hatte. Zaldete war ſchuld daran; ſie hatte geäußert. wir trügen unheilbringende Gegenſtände an uns, die der Kranken ſchaden würden, wenn wir in ihre Nähe kämen. Das wurde noch ſchlimmer, als Schamhl, nachdem die Ankunft ſeines Sohnes Kaſi⸗Machmet feſt⸗ lich begangen und ein großer Kriegsrath, dem auch Da⸗ nielBey, der bekannte Unterfeldherr Schamyl's, bei⸗ wohnte, gehalten war, Dargo⸗Weden verließ, um eine Expedition gegen die Ruſſen in eigener Perſon anzufüh⸗ ren. Wir waren im Anfang des September, und ſchon fiel zuweilen Schnee. Wir begannen von der Kälte zu leiden, denn unſere Zimmer waren nicht feſt zu ſchließen, das Fenſter hatte keine Scheiben, der Kamin füllte, ſo⸗ bald man Feuer anzündete, unſer Zimmer mit Dampf⸗ wolken, die uns faſt erſtickten. Dazu kam, daß man uns ſchlechtere Nahrungsmittel ſandte, uns überhaupt vernachläſſigte. Das Serail glich während Schamyl's 248 Abweſenheit einer Schulſtube ohne Lehrer. Alles ging darunter und darüber. Der jüngſte Sohn Schamyl's, ebenfalls Machmet geheißen, amüſirte ſich während der Abweſenheit ſeines Vaters wie nur irgend ein ungezo⸗ gener Burſche auf einem engliſchen Landgut. Er lief wie toll auf den Dächern umher, zerbrach Schlöſſer und Riegel und hielt es für eine ganz beſondere Beluſtigung, brennende Scheite Holz auf den Hof zu werfen. Wäh⸗ rend er ſich an dem Kniſtern und Funkenſprühen ergößzte, fürchteten wir ernſtlich, das leichte Holzgebäude könne Feuer fangen. Dieſe Freude währte jedoch nicht lange. Nach vierzehn Tagen kehrte Schamhl zurück, und der kleine Eulenſpiegel wanderte zuerſt in das Gefängniß des Serails und dann nach einem benachbarten Orte, wo ſeine Erziehung unter ſtrengerer Obhut fortgeſetzt wer⸗ den ſollte. Uebrigens änderte die Rückkehr Schamyl's unſere Leiden nicht ſogleich. Schamyl, deſſen Expedition wahrſcheinlich nicht glücklich ausgefallen war, zog ſich in ſeine Wohnung zurück und blieb, wenigſtens für uns, un⸗ ſichtbar. Als ſich jedoch bald darauf unter den Sulta⸗ ninnen ein Streit über ein Stück Atlas entſpann, das wir für Aminete beſtimmt hatten und das Zaidete die⸗ ſer nicht zu gönnen ſchien und den Töchtern Schamyl's zuwenden wollte, miſchte ſich auch Schamhl wieder in die Angelegenheiten des Harems. Er nahm das Stück 4 S ———— 4 —— 249 Atlas fürs erſte an ſich, hatte aber bei der Gelegenheit einen Blick auf unſere Wohnung geworfen und den kläg⸗ lichen Zuſtand derſelben erkannt. Er befahl, uns Glas⸗ fenſter zu geben, ſah ſelbſt nach, ob ſein Befehl befolgt ſei, und unterſuchte bei dieſer Gelegenheit auch den Kü⸗ chentopf, der für uns am Feuer ſtand. Er entdeckte in demſelben nichts als einige Hülſenfrüchte, die in bräun⸗ lichem Waſſer ſchwammen. Er wurde zornig gegen Zat⸗ dete, die uns zu dieſer magern Koſt verdammt hatte, und ſandte Zucker, Thee, Reis und Butter. Auch wenn wir nicht wußten, daß Schamyl abweſend ſei, konnten wir es ſogleich daran bemerken, daß Zaidete uns auf eine ſchmalere Koſt ſetzte. So nahte der Winter heran, der entſetzlich, vielleicht unerträglich geworden wäre, wenn nicht Graf Brazow ſeiner Frau und ſeiner Schweſter und mein Vater mir wärmere Kleidungsſtücke und Bücher geſchickt hätte. In⸗ zwiſchen gingen die Unterhandlungen fort. Ja, eines Tages, als wir uns nach der Urſache des freudigen Lärms erkundigten, der das ganze Serail erfüllte, er⸗ fuhren wir, daß Schamhl die Nachricht empfangen habe, ſein Sohn befinde ſich ſchon auf dem Wege nach Stau⸗ ropol, da der Czar in die Auslieferung deſſelben einge⸗ willigt habe. Von dieſem Tage an durften wir uns freier bewegen und blieben von nun an theils durch die 250 Briefe, die wir erhielten, theils durch die Mittheilungen, die uns die wieder geneſene Chuanete machte, ſtets von dem Gange der Unterhandlungen unterrichtet. Denn in dem Serail Schamyl's ging es nicht anders zu als in jedem abend⸗ oder morgenländiſchen Palaſte, und wenn die Frauen Schamyl's auch vielleicht keinen directen Einfluß“ auf die Entſchlüſſe des Imam hatten, ſo wußten ſie doch ſtets, was geſchah, und kannten die Gründe ſeiner Entſchlüſſe. Chuanete theilte uns mit, daß Schamhl mit Sehnſucht der Auslieferung ſeines Sohnes entgegenſehe und deshalb gern bereit ſei, unſer Löſegeld geringer an— zuſetzen, daß aber das Volk, deſſen Wünſche er beachten müſſe, auf einer ſehr großen Summe beſtehe, ja, daß man von einer Million ſpreche. Schamyl verfiel, um ſeine Pläne zu fördern, auf ein Mittel, würdig eines ſo klugen Mannes. Er ließ die Weiſung an einen be⸗ rühmten Eremiten ergehen, in Dargo⸗Weden zu predi⸗ gen, und wahrſcheinlich auf den Rath Schamhl's wählte der fromme Mann die Mäßigkeit und die Verachtung irdiſcher Güter zum Thema ſeiner Predigten. Dies wirkte auf das Volk. Zugleich ſchrieben die ruſſiſchen Beamten oder Offiziere, die mit der Auswechſelung beauftragt wa⸗ ren, daß ſie die ganze Unterhandlung abbrechen würden, wenn man eine höhere Summe als fünfzigtauſend Ru⸗ bel beanſpruche. Dies fruchtete. Die Unterhandlungen nah⸗ —————— — — 251 men einen ſchnellen Fortgang, denn das Volk übertrug nun die ganze Angelegenheit dem Gutdünken des Imam. Doch hatten wir noch einige ſchlimme Tage zu beſtehen. Schamyl war wieder abweſend; wir wußten, daß man kämpfte, denn natürlich unterbrach unſere perſönliche An⸗ gelegenheit den Gang der kriegeriſchen Ereigniſſe nicht. Das Gefecht näherte ſich Dargo⸗Weden ſo ſehr, daß wir deutlich den Donner der Kanonen hören konnten. Auch belehrten uns einige Worte Chuanete's, daß Scha⸗ myl bereits Vorkehrungen für den Fall eines ungünſti⸗ gen Ausgangs des Kampfes getroffen habe. Seine Frauen, Kinder und die Dienerſchaft ſollten dann nach einem⸗ noch mehr entlegenen und geſicherten Ort gebracht wer— den. Zaldete zeigte auch bei dieſer Gelegenheit wieder ihren Haß gegen uns.„Täuſcht Euch nicht!“ ſagte ſie. „Wenn die Ruſſen kämen, Euch zu befreien, ſo würden ſie nur Eure Leichen finden!“ Und wir fürchteten, ſie möge Recht haben. Indeß ging dieſe Gefahr, ſowie die eines Erdbebens, das uns heftig erſchreckte, vorüber. Der Kampf entfernte ſich. Doch wurden einige Verwun⸗ dete nach Dargo⸗Weden gebracht. Unter ihnen befand ſich Aimar⸗Eddin. Er ſtarb einen Tag ſpäter, nachdem er, wie Chuanete uns mittheilte, den Muriden, die ihn in ſeinen letzten Stunden umgaben, geſagt, ſie möchten Schamhl bitten, daß er nun Helenen die Freiheit ſchenke. 252 und Sophia als auch ich uns in unſern Briefen drin⸗ gend für die Unglückliche verwandt hatten. Doch war die Vorſicht von uns gebraucht worden, Brazow und meinen Vater zu bitten, ſie möchten thun, als ob ſie nicht durch uns, ſondern durch Andere die Nachricht von dem traurigen Schickſal der Gräfin erhalten hätten. Wir hatten übrigens Helene nur noch einmal wiedergeſehen, da ſie in ein anderes Gebäude geführt worden war.“ Das letzte Blatt aus dem Tagebuche Mary's, da⸗ tirt vom März 1855, enthält folgende Worte: „Schamhl iſt ſo eben bei uns geweſen. Er meldet uns, daß in dieſem Augenblick die Auslöſungsſummen für uns bereits gezahlt und daß wir in wenigen Tagen mit den Unſerigen vereint ſein würden. Er war ſehr froh. Aber wir, wir weinten vor Freude! Ich werde meinen Vater wiederſehen! Alles Leid iſt vergeſſen!“ Ende des zweiten Bandes. Ich erwähne bei dieſer Gelegenheit, daß ſowohl Nina 2 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 —— k N . 5 ——