deutſcher, engliſcher und franzsſiſcher Literatur 6uard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Geſebedingungen 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2 esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet . wird. 2 5 6 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 eträgt: für nbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5.„—„ . Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung . der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Angleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. D —— S 8 5 1 3 Der Held von Garika. Roman aus den Ländern des Kaukaſus von Adolf Rützelburg. Erſter Band.„ Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1866. 8 8 E 5 — 8 5 8 8 8 — S 3 3 — 3 5 Sinope. Hoch ging die See. Von Nordoſt her ſauſend, ſchien der Sturm das kleine Küſtenboot zerdrücken zu wollen, das ſich ihm, in ſeinen Planken ſtöhnend, entgegenſtemmte und lavirend weiter und weiter in die dunkelgrünen, von weißem Schaum überſpritzten Wellen eindrang. W. narr⸗ ten die ſchwanken Maſten, wie flatterten und klapperten die Taue! Wie hohl und dumpf ſeufzte der Wind in dem naſſen Segeltuche, dem er dienſtbar werden mußte durch die Geſchicklichkeit des türkiſchen Steuermanns, der ernſt und ſchweigend am Ruder ſaß! Tief auf die rechte Seite geneigt, oft mit dem Segel die Spitzen der Wel⸗ len ſtreifend, dann ſich wieder hebend, arbeitete das Boot ſich durch die ſchaumüberzogene, raſtlos rauſchende Flu— tenwelt. Grau und ſchwer lag der Himmel über dem Getoſe der Wogen, kalter Regen ſprühte nieder, Nebel verdeckte die Fernſicht. „Sehr ſchönes Wetter! Echtes Wetter, Sir!“ Mätzelburg, Der Held von Garika. 1. 1 2 ſagte ein Mann mit einem rothen, breiten Geſicht, gelb⸗ lichweißem Backenbart und im engliſchen Matroſenanzuge zu einem jungen Manne mit dem er auf einem Bret vor der Thür der niedrigen Kajüte ſaß. „Ja, Johnny, ſchönes Wetter!“ antwortete der junge Mann in engliſcher Sprache, und ſein gedanken⸗ volles Geſicht zeigte, daß er kaum wußte, was der An⸗ dere geſprochen. Dann aber richtete er ſich ein wenig auf, blickte um ſich und rief einen Bootsmann, der auf das Segel achtete, auf Türkiſch an: „Wir müſſen doch bald dort ſein? Lugt Ihr auch tüchtig aus? Könnt Ihr das Ufer erkennen?“ „Noch eine halbe Stunde, wenn's gut geht, Herr!“ antwortete der Türke.„Es iſt ſchlechtes Wetter!“ Der junge Mann hüllte ſich feſter in die dichte Decke von dunklem Wollenſtoff, die ihn vor dem Regen und vor der Kälte ſchützte— denn es war der letzte Novembertag— ließ ſeinen Blick über das ſchäumende Meer gleiten und verſank wieder in ſein unruhiges Nach⸗ denken. Er ſah bleich aus, und die dunkle Decke, die er bis hoch hinauf gezogen, ſowie die fesartige Kopfbe⸗ deckung, die jedoch dunkelbraun, nicht roth war, hoben dieſe Bläſſe noch mehr hervor. Daß er kein Engländer ſei, ließ ſich auf den erſten Blick erkennen, obwohl er mit dem Matroſen engliſch geſprochen. Die Bläſſe ſeines 3 Geſichts war keine nordiſche; ſie war angehaucht von einem leichten gelblichen Schimmer, den nur der Süden kennt. Auch zeigten die Brauen, das lange, vom Regen feuchte Haar und der Schnurrbart, der ſich lang ſchmal und glänzend bis zur Wange hinaufzog, das reine und tiefe Schwarz des Orients. Dieſes Schwarz dämpfte auch den gelblichen Anhauch des Geſichts und ließ es faſt mäd⸗ chenhaft zart erſcheinen, ja, unter dieſen dunklen Brauen leuchteten ſelbſt die Augen, obſchon vom reinſten Braun, in einem hellern Glanze. Hrientaliſch war auch die ſchmale Stirn mit den ſcharf abfallenden Schläfen, die gebogene, ſchmale Naſe, der feingeſchnittene Mund; aber es ließ ſich doch nicht leicht erkennen, welchem Volke des OHrients der junge, vielleicht fünfundzwanzigjährige Mann angehörte. Der Schnitt des Geſichts, die etwas läng⸗ liche Form der klaren Augen, der Bau des Kopfes trugen den edelſten Charakter. Man hätte einen vornehmen Perſer oder einen Circaſſier in ihm vermuthen können. Auch der Ausdruck ſeiner Züge zeigte nicht das Läſſige, Phlegmatiſche, was den eigentlichen Türken ver⸗ räth; er war lebhafter, intelligenter, wechſelvoller. Ein Türke würde die Ungeduld, die Erwartung und die Sehnſucht, auch wenn er ſie gefühlt, unter der Maske der Gleichgültigkeit verborgen haben; die Züge des jungen Mannes aber ſpiegelten deutlich wieder, was in ihm 4 vorging. Eine verzehrende Unruhe ſchien ihn zu quälen; man ſah es deutlich, daß er ſich Gewalt anthat, um ruhig zu bleiben, daß nur die Nothwendigkeit ihn auf ſeinem FPlatze feſthielt. Und in der That hätte jede vor⸗ ſchnelle und unüberlegte Bewegung dem kleinen Boote Gefahr bringen können, das muthig gegen den ſcharfen Nordoſtwind des Schwarzen Meeres kämpfte. Wie vollkommen ruhig, ein Bild der glücklichſten Zufriedenheit, ſaß dagegen Johnny neben ihm! Wie heiter blickte das Auge des wohl fünfzigjährigen Matro⸗ ſen in das weiße Schaumgetümmel! Wie angenagelt ſaß er da mit ſeiner vierſchrötigen Geſtalt, die breiten Hände auf die noch breitern Kniee geſtützt, das leibhaftige Bild einer echten, luſtigen engliſchen Theerjacke! Faſt war es, als ob ſein Gewicht allein das Boot auf die Seite neige, und als ob er es wiſſe und ſein Möglichſtes thue, es niederzuhalten. Die hellen blauen Augen leuchteten von Zufriedenheit und Wohlbehagen. Ein Sturmvogel flog mit ſchrillem Schrei dicht über das Boot hin. „Aha, auch da, alter Freund?“ ſagte Johnny. mit der Zunge ſchnalzend.„'s iſt doch gerade wie im Kanal, Mr. George! Da ſind wohl auch Möven?“ Und als er dabei den jungen Mann anblickte, ſchien ihm die Bläſſe deſſelben aufzufallen. Er ſuchte ruhig und ohne ſich umzuwenden hinter ſich mit der Hand 5 und zog eine große, mit Stroh umflochtene Flaſche hervor. „Hier Mr. George!“ ſagte er.„Einen tüchtigen Schluck! Sie ſehen blaß aus! Scharfer Wind!“ „Es iſt nicht Wind und Wetter, Johnny,“ antwor⸗ tete der junge Mann, und man hörte jetzt an ſeinem Accent, daß er kein geborener Engländer ſei, obgleich er das Engliſche vollkommen fließend ſprach,„es iſt die Unruhe, die Ungeduld! Ich danke, Johnny.“ Er lehnte die Flaſche mit einer leichten Bewegung ab Johnny hielt ſie ihm noch eine Sekunde lang hin, als erwarte er, der junge Mann werde ſich eines Beſſern beſinnen. Dann nahm er ſelbſt reſolut einen tüchtigen Zug und ſagte feſt und beſtimmt:„Hält Leib und Seele zuſammen!“ „Ob ſie da ſein mögen, ob ſie angekommen ſind, Johnny?“ ſagte George leiſe und unſicher. „Wer, Mr. George?“ fragte Johnnh, der auf⸗ merkſam eine heranrauſchende Welle beobachtete. „Nun, Mr. Hywell und Miß Mary“, antwortete George. Die Antwort Johnny's wurde auf eine Minute un⸗ terbrochen; er rieb ſich Schaum und Waſſer aus dem Geſicht, denn die Welle war über das Boot fortgerollt und hätte die Beiden faſt fortgeſpült. 6 „Ganz gut gemacht!“ brummte Johnny mit einem Blick auf den türkiſchen Steuermann, der durch eine ge— ſchickte Bewegung den Stoß der Welle gebrochen.„Ver⸗ ſtehen's beſſer, als ich dachte! Mr. Hywell, meinen Sie, und Miß Marh? Gewiß ſind die anekommen Was ſoll denen paſſiren?“ „Johnny, ich bin in Todesangſt!“ ſagte der junge Mann mit einem tiefen Athemzuge.„Es hat ſich Alles ſeit der Abreiſe ſo verändert. Perſien hat Truppen auf— geboten, um den Ruſſen zu helfen; die Kurden haben ſich bewaffnet— es iſt räuberiſches Geſindel— man kann nicht wiſſen, was geſchehen iſt! Bis vor kurzem dachte ich noch wie Du: was könnte Miß Ma— Mr. Hywell widerfahren? Aber ſeit einigen Wochen iſt mir bange geworden! Die unglückliche Idee, dem Land⸗ wege von Oſtindien zurückzukehren!“ „Hat nichts zu ſagen, junger Herr! Mr. Hy— well kommt überall durch!“ ſagte Johnnh gleichmüthig „Hier in Sinope— ſo heißt ja wohl das Ding— ſollten wir Nachricht erhalten?“ „Oder Mr. Hhwell und Miß Marh ſelbſt fin— den“, antwortete George.„Ach, wie langweilig iſt dieſe Fahrt, wie albern dieſer Nordoſt! Und wenn man we⸗ nigſtens um ſich ſehen könnte!“ Die Worte, welche ſich die drei türkiſchen Boots⸗ leute mit lauter Stimme zuriefen, ließen das Geſpräch George's und Johnnh's ſtocken. Das Boot ſchien in Gefahr geweſen zu ſein. George verſtand genug Tür⸗ kiſch, um zu hören, daß ſie ſich gegenſeitig Vorwürfe machten; jetzt aber ſchien die Gefahr vorüber. Es han⸗ delte ſich darum, die Spitze der Halbinſel zu umkreiſen, auf deren ſchmaler, mit dem Feſtlande zuſammenhän⸗ gender Seite, nach Süden zu gewandt, die Stadt Sinope liegt. Schon legte ſich der Wind voller in die Segel, denn das Boot wandte ſich mehr ſüdlich. Da aber der Nebel noch immer ſchwer auf dem Waſſer ruhte, ſo mochten es die türkiſchen Schiffer für gerathen halten, nicht die ganze Kraft des Windes zu benutzen. Vor⸗ ſichtig fuhren ſie durch die hier hochbrandende See. Ein eigenthümlicher Ton, den die Türken ausſtie⸗ ßen, und die Richtung ihrer Blicke, die ſich nach derſel⸗ ben Seite wandten, machten George und Johnny auf⸗ merkſam. Im Oſten zog ein rieſiger Schatten vorüber. „Was iſt das?“ fragte George den Türken. „Ein großes Fahrzeug, Herr, ein Kriegsſchiff.“ „Das ſehe ich. Aber von welcher Nation? Eure Schiffe liegen ja auf der Rhede von Sinope.“ Die Türken blickten ſich unter einander an. Der Bootsmann gurgelte einige Worte hervor, und die Stel lung der Segel wurde verändert. Das Boot nahm langſam eine öſtliche Richtung. Johnny lugte nach allen Seiten, rief dann den Türken am Steuer mit einem lauten Ahoi! an und deutete auf einen zweiten, rieſigen Schatten, der ebenfalls im Oſten vorüberzog. „Sagen Sie den Levantinern, daß das ein Ruſſe war, Mr. George!“ wandte er ſich zu dem jungen Manne.„Ein ruſſiſcher Dreidecker— kenn' die Bauart!“ Der junge Mann, der noch bleicher mel⸗ dete es den Türken. „Wiſſen's ſchon, Herr!“ lautete die Antwort.„Und was nun, Herr? Die Giaurs greifen unſere Schiffe auf der Rhede an oder ſpioniren wenigſtens herum. Sollen wir hindurch, Herr?“ „Hindurch, ja“, rief George energiſch.„Ich muß hinein nach Sinope!“ Wieder gurgelten ſich die Türken unverſtändliche Worte zu. „Müſſen warten, bis das Fahrwaſſer rein iſt“, wandte ſich dann der Steuermann zu George.„Dies iſt eine kleine Barke, der Wind weht ſcharf, der Nebel iſt ſtark. Allah iſt groß, aber man muß ihn nicht ver⸗ ſuchen!“ George wollte ungeduldig antworten, als ein dumpfes, volles Dröhnen durch Nebel und Sturm herüberdrang. Johnny hob aufmerkſam den Kopf; George hielt ſich — —.————— 9 nur mit Mühe auf ſeinem Platz, die Geſichter der Tür⸗ ken waren ſehr ernſt geworden. „Damn!“ ſagte Johnny.„Das war eine volle Lage— war nicht fern— kam von Südweſt, gegen den Wind! Brummen gut— iſt groß Kaliber!“ Der junge Mann hatte die Zähne zuſammenge⸗ preßt und ſchien eine Minute lang die Beute der qual⸗ vollſten Aufregung zu ſein. Dann ſich mit Gewalt überwindend, ſagte er: „Und wie nun, Johnnh, wenn die Ruſſen die tür⸗ kiſche Flotte angreifen, die auf der Rhede von Si⸗ nope liegt— wenn ſie die Stadt bombardiren— was dann?“ „Ei— mitten hindurch!“ ſagte Johnnh luſtig.„So eine Schwalbe fliegt den Geiern mitten durch die Flü⸗ gel, wenn ſie mit einander kämpfen. Nur muthig, Sir!“ „Und wenn Mr. Hywell und Miß Mary—“ Er vollendete den Satz nicht. Johnny hob den Kopf und zog die Brauen hoch. „Mr. Hywell— damn! Das iſt wahr! Aber dem ſchadet's nicht! Der Maſter kommt überall durch!“ Der Seufzer des jungen Mannes klang wie ein Stöhnen. „Ich fürchte mich nicht, Johnny“, ſagte er.„Aber 1 10 wenn man mich gefangen nimmt— Du weißt oder weißt nicht, daß ich aus Rußland geflohen—“ Johnny riß die Augen noch weiter auf. „Damn, Sir! Das wußte ich nicht. Hatte wohl was gehört, daß Mr. Hhwell Sie irgendwoher mitge⸗ bracht, wußte aber nicht, daß Sie ein Ruſſe ſeien, hielt Sie für einen Levantiner!“ „Nein, Johnny, ich bin keins von Beidem“, ant⸗ wortete George.„Ich bin ein Kind der Berge im Oſten dieſes Meeres; wir könnten ſie vielleicht ſehen, wenn der Himmel ſich klärte. Mein Vaterland iſt das, Johnny! Ach, ich kann Dir nicht mehr ſagen. Nur nicht ſterben, nicht jetzt, und nicht gefangen werden! So nahe dem Vaterland, ſo nahe der Freiheit!“ „Damn, Sir! In Alt⸗England waren Sie doch frei genug!“ „Ja, Johnnh, aber Alt-England iſt nicht mein Va⸗ terland!“ rief George mit zuckenden Lippen, und ſeine Augen leuchteten auf in Qual und Begeiſterung.„Ich bin bereit zu ſterben, ja, aber auf dem Boden meiner Väter, mit dem Schwerte in der Hand!“ „Hm, Sir, ſo ſind Sie auf einer Expedition?“ fragte Johnnh ſchlau. „Still, Johnnh! Ich glaubte, Du wüßteſt es!“ ſagte George.„Da— höre!“ 11 Daſſelbe Dröhnen drang herüber, diesmal lau⸗ ter nicht lange, und ein drittes Dröhnen folgte, und nun rollte der Donner ununterbrochen fort, wie aus tau⸗ ſend Feuerſchlünden. Die Türken hatten die Segel ein⸗ gezogen und lauſchten beklommen. Johnnh nickte zufrie⸗ den mit dem Kopfe. „Gute Breitſeiten!“ ſagte er vor ſich hin.„Wünſchte, unſere Dreidecker, die da faul im Bosporus liegen, möch⸗ ten endlich auch einmal die Mäuler aufthun! Schaut!“ Ein Segel hob ſich über die Wellen empor, ein Boot flog ganz in der Nähe vorbei. Die Türken riefen es an; Antwort erſchallte herüber. George, deſſen Ge⸗ ſicht bleich geworden wie der Tod, fragte, ob man etwas verſtanden und erfahren. Die Türken antworte⸗ ten, daß eine große ruſſiſche Flotte die türkiſche Flotten⸗ abtheilung auf der Rhede von Sinope angegriffen, und gurgelten ein Allah! über das andere, fluchend und be⸗ tend. Inzwiſchen lichtete ſich der Nebel ein wenig. Vielleicht zerriß ihn der Donner der Kanonen, der grau⸗ ſenerregend herüberdröhnte. Die Küſte wurde ſichtbar. „Können wir nicht hier landen?“ rief George.„Ich will hinein nach Sinope. Oder ſetzt mich und meinen Begleiter allein ans Land und kreuzt, bis Ihr eine Gelegenheit findet, irgendwo anzulegen. O Johnny“, fuhr er auf Engliſch fort,„wenn die Ruſſen die Stadt 12 beſetzten, was würde dann aus Maſter Hywell und ſei⸗ ner Tochter!“ „Nun, Goddam“, rief Johnny verwundert,„was können die Ruſſen unſerm Maſter anhaben? Wofür iſt der Conſul in der Stadt? Oder iſt keiner da?“ „Ich weiß nicht“, erwiderte George.„Ich ſoll Erkundigung bei einem deutſchen Herrn einziehen. Aber was nutzt ein Conſul gegen Kanonenkugeln?“ Johnnyh machte ein Geſicht, als ob man noch gar nicht wiſſen könne, wie weit ſich in dieſer Hinſicht die Macht Englands erſtreckte, und der Steuermann antwor⸗ tete jetzt dem jungen Manne, daß gar keine andere Möglichkeit ſei, als im großen Bogen die beiden Flotten zu umkreiſen und den Verſuch zu machen, ſüdweſtlich von Sinope, an einer Stelle, die ihnen bekannt war, zu lan- den. George nahm das Anerbieten an und das Boot flog in ſüdlicher Richtung davon, gejagt von dem gün⸗ ſtigſten Winde. Inzwiſchen dröhnte ununterbrochener Ge⸗ ſchützdonner. Plötzlich zerriß ein Krachen, ſtärker als alles vorhergegangene, die Luft. Die Türken fuhren zuſammen und beteten. Johnny deutete ernſt nach oben. Er wollte ausdrücken, es ſei ein Schiff in die Luft gen gangen. Und bald darauf fielen in der That hier und dort einige Fetzen Holz und Segeltuch neben dem Boot ins Meer. George ſtand auf und blickte nach Weſten. 1 13 Das hohe Ufer verſperrte die Ausſicht; auch war die Luft noch immer trübe. Aber es zeigte ſich deutlich eine Wolke in einiger Entfernung, deren Farbe von derjeni⸗ gen des Nebels und der Wolken verſchieden war— der Pulverdampf über der Kampfſtätte. Sie ſahen auch die beiden Schiffe, deren Umriſſe ſie vorher bemerkt und die mit dem herrlichſten Winde zum blutigen Handwerk in die Bucht von Sinope hineinſegelten. Pfeilſchnell ſchoß das Boot vorwärts. Bald lag die Bai auf ihrer Nordſeite— noch heller wurde die Luft— ſie ſahen eine Reihe von Schiffen, über ihnen eine ſchnell vom Winde zerriſſene, aber ſich ſtets erneuernde Dampfwolke. „Wie viel Schiffe haben die Türken auf der Rhede, Sir?“ fragte Johnny. George antwortete, daß die Flottille, wie er in Konſtantinopel gehört, aus zehn Kriegsſchiffen zweiten, dritten und vierten Ranges beſtanden, die Truppen und Munition für die Armee in Kleinaſien und die kauka— ſiſchen Bergvölker an Bord gehabt, daß er aber nicht wiſſe, ob dieſe ganze Flottille im Hafen von Sinope vor Anker gegangen ſei. „Nun, wenn es auch die ganze iſt“, ſagte Johnny, „ſo wird ſie doch nichts gegen die Ruſſen ausrichten können. Ich zähle acht bis neun große ruſſiſche Schiffe, darunter fünf oder ſechs erſten Ranges. Die Ruſſen ſind den Türken faſt ums Doppelte überlegen Ja, wenn es Engländer und keine Türken wären!“ Es war jetzt mehr als eine halbe Stunde ſeit dem Beginn des Kampfes vergangen, der noch immer mit derſelben Heftigkeit fortwährte. Der nördliche Wind trug das Krachen der Geſchütze ſo deutlich herüber, daß die Luft erzitterte. Das Boot näherte ſich der Küſte. Johnny lugte aus. Die Brandung mußte jeden Landungsverſuch an den ſteilen Ufern verhindern. Die Türken ſchienen je⸗ doch ihrer Sache gewiß zu ſein; ſie mußten das Ufer kennen. Und in der That erreichten ſie nach einer vier⸗ telſtündigen, zuletzt wieder ſehr vorſichtigen Fahrt den Eingang einer kleinen Bucht. Johnny nickte beiſtimmend, als der türkiſche Steuermann das kleine Fahrzeug glück⸗ lich durch die Brandung in die kleine Bucht lenkte, die durch einen hohen Felſengrat, der ſich wie eine Mauer in das Meer hineinzog, gegen den Nordwind geſchützt war. Am Ufer der Bucht erhoben ſich ärmliche Fiſcher⸗ hütten; einige Boote ankerten in dem ruhigen Waſſer. Die Bewohner der Hütten ſtunden auf dem Felſen und ſchauten erſtarrt vor Schrecken nach Sinope hinüber. „Gott ſei Dank!“ rief George aufathmend, als er an das Ufer ſprang.„Nun, Leute“, wandte er ſich an die Türken,„iſt das Boot hier ſicher und kann es hier liegen bleiben, bis ich Euch Nachricht ſende? Ich werde 15 Eurer noch bedürfen, auch habt Ihr Euch mir auf eine Woche verdungen. Ich glaube nicht, daß die Ruſſen Si⸗ nope beſetzen werden, und ich denke, das Boot wird hier ſicher ſein; die Ruſſen werden dieſe Bucht nicht entdecken.“ Die Türken wollten ſich gegen alle Wechſelfälle ſichern; ſie verlangten eine Entſchädigung für den Fall, daß ihr Boot von den Ruſſen genommen würde. Ge⸗ orge verſprach Alles. Dagegen gelobten die Turken, ſich noch ſechs Tage zu ſeiner Verfügung zu halten und über das Gepäck des jungen Mannes, das ſich in der Kajüte befand, zu wachen. Es wurde ausgemacht, daß die Türken das Boot nach dem Hafen von Sinope füh⸗ ren ſollten, ſobald ſich mit Sicherheit herausgeſtellt, daß die Ruſſen die Rhede verlaſſen. Dann eilte George, von Johnnh gefolgt, die Berge hinauf. Er hatte die ſchützende Decke im Boot zurückge⸗ laſſen, und ſeine ſchlanke, hohe und regelmäßige Geſtalt zeigte ſich jetzt unverhüllt. Trotz der Eile offenbarten ſeine Bewegungen natürlichen Anſtand und Anmuth. Er trug europäiſche Tracht, jene dem türkiſchen Fes ähnliche dunkle Mütze ausgenommen. Es wurde Johnnh nicht leicht, dem beweglichen jungen Manne die Berge hinauf zu folgen; ſeine ſtarke, unterſetzte Geſtalt war für das Klettern nicht eben geeignet. Aber unermüdlich und aus⸗ 16 dauernd überwand er die Schwierigkeiten, des Schweißes nicht achtend, der ihm auf das geröthete Geſicht trat. Auf der Höhe angelangt, vrientirten ſie ſich über den Weg und eilten dann auf dem Kamm der Felſen weiter. Das gräßlich ſchöne Schauſpiel der Seeſchlacht lag jetzt faſt zu ihren Füßen. Nicht nur der Donner der Kanonen umdröhnte ſie majeſtätiſch, ſie hörten auch zu⸗ weilen das Sauſen der Kugeln; ſie ſahen deutlich die ruſſiſchen Schiffe in Kampfordnung aufgeſtellt und auch die türkiſchen Fahrzeuge, deren Zahl bereits zuſammenge⸗ ſchmolzen war. Die Strandbatterien von Sinope ſchie⸗ nen unthätig zu ſein; ſie hätten nicht feuern können, ohne die türkiſchen Schiffe zu treffen, denen es bei dem unerwarteten Angriff unmöglich geweſen, ihre Stellung zu ändern. Johnny hätte gern mit Muße den Kampf beobachtet, aber die Ungeduld George's trieb auch ihn weiter. Ein furchtbares Krachen hielt ſie beide auf, athem⸗ los ſtanden ſie ſtill. Eine ungeheure Lohe erhob ſich im Hafen von Sinope, eine rieſige Dampfwolke wirbelte langſam empor, bis ſie vom Winde ergriffen und zer⸗ ſtreut wurde. Es zeigte ſich, daß wieder eine neue Lücke in den türkiſchen Schiffen entſtanden. Andere Schiffe brannten; eins verſank, wenige Minuten, nachdem jenes Schiff in die Luft geflogen. Es war ein Anblick voll Grauen, nur gemildert durch die weite Entfernung, die 17 den beiden Männern die Einzelnheiten entzog, von de⸗ nen ein ſolcher Kampf begleitet ſein mußte. Selbſt Johnny's Geſicht wurde finſter und er ſagte mürriſch: „Das iſt ja eine Heidenwirthſchaft! Da ſind wir gerade gut zurecht gekommen! Pamn! Warum ſchickten wir nicht fünf von den Dreideckern, die jetzt im Bosporus von ihrem Nichtsthun ausruhen, in den Hafen? Da wä⸗ ren die Ruſſen wohl hübſch draußen geblieben! Na, Sir, es kommt noch! Ich denke, nun wird's losgehen!“ Der Kampf währte ununterbrochen mit derſelben Wuth fort, während die Beiden, ſo ſchnell es der un⸗ ebene Boden erlaubte, über die Höhen eilten. Ein tür⸗ kiſches Schiff ſank nach dem andern. Auch in der Stadt wirbelten ſchon Rauchſäulen auf. Die Strandbatterien von Sinope ließen ihre Kanonen ſpielen, denn die Schiffe, die ſie gehindert, lagen entweder auf dem Meeresgrunde, oder waren in Millionen Trümmern zum Himmel em— porgeflogen, oder man hatte ſie auf den Strand treiben laſſen. Die Ruſſen überſchütteten die Batterien mit Vom⸗ ben. George und Johnnh waren jetzt der Stadt ſo nahe, daß ſie deutlich die Barken bemerken konnten, auf wel⸗ chen die türkiſche Beſatzung ſich von den Schiffen zu retten ſuchte. Auch einen kleinen Dampfer bemerkten ſie, der durch die ruſſiſche Flotte hindurchfuhr und glücklich die hohe See erreichte. Es war, wie ſie ſpäter erfuhren, Mitzelburg, Der Held von Garika. J. 2 18 der türkiſche Dampfer Taif, der einzige, der die Kunde von dem Unglück bei Sinope nach Konſtantinopel brachte. Die Wanderung bis zu den Vorſtädten hatte un⸗ gefähr eine Stunde gedauert; wenig mehr als zwei Stun⸗ den waren ſeit dem Beginn des Kampfes verſtrichen. Jetzt wurde das Feuer plötzlich ſchwächer und ſchwieg dann faſt ganz. George und Johnny waren eine Zeit lang in einer Ebene weiter geeilt, von der ſie den Hafen nicht ſehen konnten. Als ſie bei den erſten Häuſern der Vorſtadt anlangten und auf das Meer blickten, ſahen ſie nur noch zwei kleine türkiſche Kriegsſchiffe, die ent⸗ maſtet am Strande lagen, und ein anderes am Schlepp⸗ tau eines ruſſiſchen Schiffes. Die Flotte war vernichtet. Die ſchnelle Wanderung hatte die Wangen des jun⸗ gen Mannes geröthet; jetzt wurden ſie wieder blaſſer. Seine Miene zeigte eine tiefe, faſt verzweiflungsvolle Trauer. „O Johnny“, ſeufzte er,„ein harter Schlag auch für meine Hoffnungen! Wenn das ſo fortgeht, wenn viele ſolche Unglücksfälle folgen, dann iſt es geſchehen um die Türken und die Verbündeten!“ „Ei, laſſen Sie nur die Theerjacken kommen, Sir!“ ſagte Johnny zuverſichtlich.„Die und die franzöſiſchen Rothhoſen, die werden's ſchon machen, keine Sorge drum!“ 19 Die Stadt brannte und bot ein Bild voll Schrecken. George und Johnny ſchritten langſam vorwärts, denn die Straßen waren angefüllt mit fliehenden türkiſchen Soldaten und Einwohnern, die in den Bergen Schutz vor der erwarteten Landung ruſſiſcher Truppen ſuchten. Je mehr die Beiden ſich demjenigen Theile der Stadt näherten, der am meiſten von den Kanonenkugeln ge⸗ litten, deſto gräßlicher wurde der Anblick. Todte und Verwundete lagen auf der Straße. Niemand kümmerte ſich in dem allgemeinen Schrecken um ſie. Aus zerſtör⸗ ten Häuſern brachen die Flammen hervor; über einem großen Theile der Stadt ſchwebte eine einzige Glut⸗ und Rauchmaſſe. Das Wimmern der Verwundeten, das Geſchrei der Weiber und Kinder zerriß das Herz. Johnny's Geſicht war ſehr finſter geworden; George, an den An⸗ blick des Todes nicht gewöhnt, mußte oft entſetzt den Blick abwenden und ſtill ſtehen, um ſich ſammeln und dann raſcher weiter eilen zu können. Endlich gelangten ſie in einen Theil der Stadt, der wegen ſeiner höhern Lage weniger gelitten zu haben ſchien Aber auch hier ſahen ſie Trümmer und gräßlich verſtümmelte Leichen von den in die Luft geſprengten Schiffen. Ermüdet ſank George auf eine ſteinerne Bank vor einem anſcheinend verlaſſenen Hauſe. „Es würde vergebens ſein, jetzt zu fragen!“ ſagte 2* er.„Niemand kann uns in dieſer Verwirrung Aus⸗ kunft geben. Ich hoffe zu Gott, Johnny, daß Mr. und Miß Hywell noch nicht angekommen oder daß ſie der Gefahr entgangen ſein mögen!“ „Ich hoffe mit Ihnen, Sir“, ſagte Johnnh ernſt. „Wie heißt der Herr, bei dem Sie ſich erkundigen ſollen?“ „Mr. Wiedenburg“, antwortete George.„Er iſt 9 früher mit Mr. Hywell in England bekannt geworden und wohnt ſeit einiger Zeit in Konſtantinopel und Si⸗ nope, um Handelsverbindungen anzuknüpfen. Bei ihm ſollte ich Nachrichten über Mr. Hywell erhalten.“ „Wir wollen gehen, wir werden ihn ſchon finden“, ſagte Johnnh.„Ich möchte ſelbſt gern wiſſen, ob er—“ Er beendete den Satz nicht. Die Beiden ſaßen noch eine Zeit lang ſchweigend und erhoben ſich dann. Sie verſuchten, mehrere Türken, die an ihnen vorübereilten, anzureden, aber man gab ihnen keine Antwort. End⸗ lich gelangten ſie auf einen Platz, wo ſie eine Menge Volk trafen, das in großer und wilder Aufregung zu ſein ſchien. Hier fragte George einen Mann in eu⸗ ropäiſcher Tracht nach der Wohnung irgend eines Conſuls. Der Mann war ein Italiener, verſtand aber ein wenig Franzöſiſch und antwortete, daß er nur die Woh⸗ — — 21 nung des öſterreichiſchen Conſuls Herrn Pirjantz kenne, die er den Beiden bezeichnete. Er fügte hinzu, ſie möch⸗ ten eilen, wenn ſie ihn ſprechen wollten. Denn wie im⸗ mer wende ſich jetzt die Wuth des türkiſchen Pöbels, da ſie keinen andern Gegenſtand finde, gegen die Fremden und namentlich gegen die Deutſchen, die man als ge⸗ heime Verbündete Rußlands betrachte, während man auf die Engländer und Franzoſen einige Rückſicht nehme, weil ſie wenigſtens den Willen zu haben ſchienen, den Türken zu helfen. George und Johnny ſuchten die ihnen bezeichnete Wohnung auf, die ſie ſchon von fern an der öſterreichi- ſchen Flagge erkannten. In der That zeigten ſich in der Nähe derſelbe drohende und heftig redende Pöbelgrup⸗ pen. George ging hinein in das Haus; man ſagte ihm jedoch, daß der Conſul wegen augenblicklicher und drin⸗ gender Geſchäfte nicht zu ſprechen ſei. George fragte den Diener, ob er die Wohnung eines Herrn Wieden⸗ burg kenne. Der Diener bejahte und antwortete, die Wohnung dieſes Herrn befinde ſich im weſtlichen Theil der Stadt, in der Nähe der Vorſtädte, und bezeichnete fie genauer. George fragte, ob er zufällig davon gehört, daß Fremde, Engländer, bei Herrn Wiedenburg S kommen ſeien. Der Diener verneinte. „Ich war erſt geſtern bei dem Herrn im Auftrage 22 des Herrn Conſuls“ fügte er hinzu,„ich habe aber kei⸗ nen Fremden dort bemerkt. Wenn Sie Herrn Wieden⸗ burg ſehen, ſo ſagen Sie ihm nur, er möge entweder in ſeiner Wohnung bleiben oder außerhalb der Stadt einen ſichern Ort aufſuchen. Die Türken ſind nicht gut auf uns zu ſprechen— ich meine den Pöbel, der jetzt die wehrloſen Fremden zerreißen möchte, nachdem er keinen Muth gehabt, ſich gegen die Ruſſen zu vertheidigen. Herr Wiedenburg möchte ſich nicht auf der Straße zeigen!“ Die Wanderung mußte von neuem begonnen wer⸗ den. George fühlte ſich von der Aufregung und von den Greueln, die er geſehen, ſo matt, daß er ſich auf John⸗ ny's Arm ſtützte. Auch hatte er die Nacht ſchlaflos in dem kleinen Boote zugebracht, das am Morgen des vergangenen Tages Konſtantinopel verlaſſen. Er fühlte ſich faſt krank. Johnny bedauerte, ſeine Rumflaſche im Boot zurückgelaſſen zu haben, wo die faulen Türken ſie wahrſcheinlich leichter machen würden. Nach langer Wanderung, nach vielem, meiſt vergeb⸗ lichem Hin⸗ und Herfragen erreichten ſie das Haus, in welchem Wiedenburg wohnte. Aber was leicht zu erwar⸗ ten geweſen, traf ein. Der Deutſche hatte ſich nach der Stadt begeben, um ſich bei den Conſuln zu erkundigen, welches Schickſal der Stadt bevorſtehe. Auf die Frage — — 23 nach Mr. Hhwell antworteten die Diener, daß allerdings ſchon ſeit Wochen einige Zimmer für die Ankunft von Fremden bereit gehalten würden, daß dieſe Fremden aber noch nicht angekommen ſeien. George wollte ſich entfernen, aber die Diener baten ihn und Johnny, zu bleiben. Sie mochten glauben, daß die Anweſenheit eines jungen Mannes mit orientaliſchem Geſicht und eines Mannes im engliſchen Matroſenanzuge zu ihrer Sicherheit dienen könne, und ſprachen mit Beſorgniß von einer bevorſtehenden Plünderung. George nahm das Anerbieten gern an. Die Diener brachten Thee und Wein, und der ermattete junge Mann ſetzte ſich nieder, um ſeinen Gedanken nach⸗ zuhängen. War doch wenigſtens eine Laſt von ihm ge nommen! Mr. Hywell und ſeine Tochter hatten ſich nicht in Sinope befunden! Und doch hätte er anderer⸗ ſeits gewünſcht, ſie zu ſehen. Er konnte und wollte Sinope nicht verlaſſen, um einen Plan auszuführen, der über ſeine Zukunft, vielleicht ſein ganzes Leben entſchei⸗ den mußte, ohne Mr. Hywell noch einmal wiedergeſehen zu haben. Je länger dieſer fern blieb, deſto länger mußte der Aufenthalt George's in Sinope währen— ein un⸗ thätiger Aufenthalt. Und nichts erſchien dem jungen Manne, deſſen Seele ſich in glühender Ungetul ver⸗ zehrte, qualvoller als die Unthätigkeit. Johnnh ſpazierte indeſſen auf dem platten Duche 24 auf und ab und beobachtete die Bewegungen der ruſſi- ſchen Schiffe, die vor Anker gingen und die erhaltenen, nicht bedeutenden Beſchädigungen ausbeſſerten. Er ſah, wie eine Menge Ertrunkener aus dem Hafen aufgefiſcht wurden und ein ruſſiſches Parlamentärboot nach der Stadt ruderte, aus welcher immer noch Hunderte nach den weſtlichen Bergen flohen. Gewiß machte ſich Johnny ſeine Gedanken über das, was er geſehen. Eine ſtattliche Flottille und Tauſende von Menſchenleben in dem kurzen Zeitraume zweier Stunden vernichtet! Einige Maſtſpitzen, die aus den leichtbewegten Wellen des Ha⸗ fens hervorragten, die einzigen zerbrechlichen Denkmäler dieſer grauenvollen Zerſtörung! Aber ſein rothes Geſicht blieb ruhig, ſelbſt wenn er zuweilen ein Goddam! mur⸗ melte, und er rauchte gleichmüthig ſeine kurze Pfeife, die er glücklicherweiſe nicht in dem Boot vergeſſen wie die Rumflaſche. Es dämmerte bereits, als Johnnh hinabging Er fand George auf ſeinem Stuhle ſchlummernd. Mit einer gewiſſen Theilnahme betrachtete der robuſte Engländer das feine, blaſſe Geſicht des jungen Mannes, das ſelbſt im Schlafe noch die Spuren innerer Unruhe trug. Er ſchüttelte den Kopf. „Der muß etwas vorhaben!“ brummte er vor ſich hin.„Miß Mary iſt's nicht allein, die in ihm ſpukt. Nun 25 werden's bald erfahren. Möchte wiſſen, was er eigent- lich iſt. Hielt ihn immer für einen Ruſſen. Was liegt denn eigentlich da drüben für ein Land, im Oſten des Waſſers?“ Und er grübelte vor ſich hin. Das Eintreten eines Dieners weckte George; der Diener meldete, daß Herr Wiedenburg in der Nähe mit einigen Türken ſprechend geſehen worden ſei, daß er alſo wohl bald kommen werde. George erhob ſich und ſchritt durch das Zimmer. „Das war ein böſer Tag, Johnny!“ ſagte er. „Der erſte Kampf, den ich in der Nähe geſehen habe, zeigte mir eine Niederlage der Türken. Der Tod iſt gräßlicher, als ich glaubte!“ „Nun, Sir“, meinte Johnny,„das iſt er, aber doch nicht ſo ſchlimm, wie man glaubt. Ich kann zwar nicht viel mitreden von Schlachten, hab' nur einmal drü⸗ ben in China auf einem Kauffahrer ein hitziges Gefecht mit Piraten beſtanden; doch wenn man mitten drunter iſt, ſo merkt man's weniger. Aber das Morden und die Todten zu ſehen, ohne ſelbſt Theil zu nehmen, ohne daß einem das Blut in den Adern kocht, ja, das iſt häß⸗ lich. Der Anblick heut in der Stadt hat mir nicht ge⸗ fallen!“ „Ich fürchte, das iſt ein böſes Vorzeichen, Johnnh!“ ſagte George und fuhr ſich mit der Hand über die Stirn. „Für wen, Sir?“ „Nun, für den Kampf überhaupt z für mich!“ antwortete George. „Wollen Sie denn in den Kampf, Sir?“ fragte Johnny. Und als der junge Mann nicht ſogleich antwortete, fuhr er fort:„Oder meinen Sie die Engländer und Franzoſen? Sie glauben doch nicht, daß die ſich von den Ruſſen ſo zurichten laſſen würden wie die Türken? Die werden's den Ruſſen ſchon eintränken, warten Sie nur! So ungeſchickt wird ſich eine engliſche Flotte nicht aufſtellen. Die Batterien konnten ja nicht feuern! Und die Tapferſten ſcheinen mir dieſe Herren Türken heute auch nicht geweſen zu ſein. Etwas ſaurer hätten ſie's den Ruſſen ſchon machen können, trotz der Ueberrumpe⸗ lung! Scheinen ſich ſehr ſicher hier gefühlt zu ha⸗ ben, die Herren Rothkappen, ſonſt hätten ſie ſich nicht ſo faul vor die Stadt gelegt und vergeſſen, Wache zu halten.“ Ein Herr trat ein, und Johnny unterbrach ſeine ſtrategiſchen Betrachtungen. Es war ein bereits bejahrter Mann, der ſich ſogleich an George mit der Frage in engliſcher Sprache wandte, ob er es geweſen, der ihn zu ſprechen gewünſcht. „Mein Name iſt George, ich bin der Fflegeſohn von Mr. Hywell“, antwortete der junge Mann. 37 „Willkommen dann!“ antwortete Wiedenburg, ihm die Hand reichend.„Sie wollen Nachrichten über Mr. Hywell hören. Er iſt noch nicht angekommen, auch ver⸗ muthe ich, daß er vielleicht nicht ſeinen Weg über Sinope nimmt. Aber ich will Ihnen die Briefe Mr. Hywell's zeigen. Kommen Sie mit mir!“ George folgte dem Deutſchen nach deſſen Wohn⸗ zimmer und fragte im Gehen nach dem Schickſal, das der Stadt bevorſtehe. „Nun, das Schlimmſte ſcheint vorüber“, antwortete Wiedenburg.„Freilich, viel ſchlimmer für die Türken konnte es nicht werden! Indeſſen wäre eine Plünde⸗ rung der Stadt doch immer ein trauriges Nachſpiel zu dieſem gräßlichen Ereigniß geweſen. Die Flotte iſt ver⸗ nichtet, vier⸗ bis fünftauſend Türken ſind getödtet, einige hundert gefangen. Ueber das Schickſal der beiden Ad⸗ mirale, Huſſein⸗ und Osman⸗Paſcha's, wiſſen wir noch nichts Genaues. Admiral Nachimow hat dem öſterreichi⸗ ſchen Conſul angezeigt, daß er das Privateigenthum reſpectiren wolle und daß die Feuersbrunſt in der Stadt nicht von ihm beabſichtigt worden ſei. Um ſo mehr haben wir eine Plünderung von ſeiten der Türken zu fürchten; der Pöbel benutzt ja gern derartige Gelegen⸗ heiten, um ſich für die überſtandene Angſt durch Greuel⸗ thaten an Unſchuldigen zu entſchädigen. Schon bedroht man Mr. Pirjantz, und beſchuldigt ihn des Einverſtänd⸗ niſſes mit den Ruſſen, weil Nachimow den Parlamentär an ihn geſchickt. Zu wem ſoll er denn ſenden, wenn die andern Conſuln nicht zu finden ſind? Nun, ich hoffe, die Gefahr wird vorübergehen. Im Nothfall müſſen wir die Ruſſen um Schutz erſuchen. Nehmen Sie Platz, Sir! Hier ſind die Briefe.“ Ein Diener brachte Licht, und George durchflog die Briefſchaften, die Wiedenburg ihm reichte. Mr. Hhwell, den er ſeinen Pflegevater genannt, war ein reicher engliſcher Kaufmann, das Haupt eines großen Handlungshauſes und als ein ſehr erfahrener Mann oftmals von dem Handelsminiſterium zu Rathe gezogen und zu Miſſionen verwendet. Theils im Auf⸗ trage der Regierung, theils in eigenen Angelegenheiten hatte er vor mehr als zwei Jahren eine Reiſe nach Oſt⸗ indien unternommen. Der Aufenthalt dort war durch mancherlei Umſtände verlängert worden; jetzt wollte Mr. Hywell über Perſien zurückkehren. Er hatte den mühſa⸗ men und unbequemen Weg zu Lande gewählt, weil ihm auch eine Miſſion für Perſien anvertraut worden. Ueber Sinope wollte er dann nach Konſtantinopel gehen und von dort nach England zurückkehren. Von den inzwiſchen ausgebrochenen Feindſeligkeiten zwiſchen Rußland und der Türkei hatte er erſt kurz vor ſeiner Abreiſe aus Oſt- Sr— 29 indien Kunde erhalten und der Nachricht, wie ſo viele Politiker, kein großes Gewicht beigelegt. Wiedenburg hatte ſchon ſeit Jahren von Konſtantinopel aus mit ihm in Handelsverbindungen geſtanden, und auf Handelsge⸗ genſtände bezogen ſich auch die meiſten der Briefe, ob⸗ wohl in ihnen manche andere Mittheilung mit einfloß, da die beiden Männer einander befreundet waren. Aus den Briefen ſah George auch, daß ein Mr. Edmund Wiedenburg, ein junger Deutſcher, der einige Jahre in Oſtindien gelebt, ein entfernter Verwandter des Kauf⸗ manns in Sinope, ſich der Geſellſchaft Mr. Hywell's für die Rückreiſe angeſchloſſen Mary Hywell begleitete ihren Vater, weil er es gewünſcht. Es war dem ſchon bejahr⸗ ten Manne, dem die Gattin längſt geſtorben und der keine Kinder außer Mary beſaß unmöglich geweſen, ſich auf lange Zeit von der damals ſiebzehnjährigen Tochter zu trennen. Der letzte Brief war aus Teheran geſchrieben und trug das Datum des Monats Auguſt. „In dieſem Briefe ſpricht Mr. Hywell von ſeiner bevorſtehenden Abreiſe“, ſagte George. die Briefe zurück⸗ gebend.„Eine Reiſe von Teheran bis hierher dauert doch unmöglich drei Monate und länger.“ „Mr. Hywell wird ſeiner Tochter wegen langſam gereiſt ſein“, erwiderte Wiedenburg.„Auch mag ſein Aufenthalt in Teheran länger gewährt haben, als er 30 damals vorausſah. Nichtsdeſtoweniger, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, muß ich bekennen, daß das Ausblei⸗ ben Mr. Hywell's und fernerer Briefe von ihm mich unruhig macht. Die Länder, welche Ihr Pflegevater zu durchreiſen hat, ſind ſichern Nachrichten zufolge in einem Zuſtande wilder Aufregung. Sie wiſſen, daß Perfien ſich mit Rußland verbunden und daß die Türkei die Kurden gegen Perſien aufgeboten. Dieſe werden auf eigene Hand operiren, das heißt plündern und rauben, wo etwas zu finden iſt. In Ordnung ſind ſie nicht zu halten; wir hören täglich darüber die bitterſten Klagen von ſei— ten der türkiſchen Befehlshaber, namentlich der Europäer, die in türkiſchen Dienſten ſtehen. Ich würde mich des⸗ halb ſehr freuen, wenn ich erführe, daß Mr. Hywell den Weg durch das ruſſiſche Gebiet genommen. Dort iſt allerdings der Krieg zwiſchen Ruſſen und Türken im vollen Gange und auch die Bergvölker miſchen ſich darein, aber für Reiſende iſt der Weg dennoch der ſicherere. Ja, ohne Sie in Beſorgniß ſetzen zu wollen, muß ich Ihnen doch ſagen, daß der Brief eines Kaufmanns aus Erzerum mir meldet, es ſeien ihm von einigen Kurden ſehr ſchöne oſtindiſche Shawls zum Kaufe angeboten worden, die höchſt wahrſcheinlich von dieſen Räubern bei einem Angriff auf eine Karawane oder einzelne Rei⸗ ſende geſtohlen worden. Wie geſagt, es iſt durchaus e 31 nicht nothwendig, daß gerade Mr. Hywell dieſes Unglück erlitten, aber die Möglichkeit iſt vorhanden. In keinem Falle aber fürchte ich für das Leben Ihres Pflegevaters und ſeiner Begleiter; dieſe Schurken ſind jetzt ſo klug geworden, ihre Gefangenen nicht eher zu tödten, als bis ſie die Gewißheit erlangt haben, daß ſie kein Löſegeld zu erwarten haben. Sie werden jedenfalls erſt den Verſuch machen, ein ſolches zu erpreſſen.“ „Aber wenn Mr. Hywell Widerſtand geleiſtet hätte, wenn ein Kampf entſtanden wäre!“ rief George mit ge⸗ preßter Stimme.„Und Miß Mary—“ „Mein lieber Sir“, unterbrach ihn Wiedenburg, „wir wollen uns nicht ängſtigen. Mr. Hywell iſt jetzt vielleicht ſicher und wohlbehalten auf dem Wege hierher. Welches iſt Ihre Abſicht? Wollen Sie hier Ihren Pflegevater erwarten, oder wollen Sie ihm nach Erze⸗ rum entgegenreiſen? Ich halte das Letztere für vergeblich, denn ich habe die feſte Ueberzeugung, daß Mr. Hhwell den Weg über Achalzik oder Tiflis eingeſchlagen haben wird, um nicht das gefährliche Land der Kurden zu paſſiren. Mr. Hhwell iſt ein vorſichtiger Mann, der ſich gewiß von den Schwierigkeiten eines Weges unterrichtet, ehe er ihn einſchlägt!“ „Ich hoffte ſo ſehr, Mr. Hywell hier zu finden!“ antwortete George mit einem Seufzer.„Ich wollte ihn um die Billigung eines Plans bitten, den ich entworfen. Was ſoll ich nun thun? Ich ginge gern überallhin, wo ich hoffen könnte, ihn zu finden! Und wüßte ich, daß eine Gefahr ihm drohte— Doch alles Ueberlegen iſt vergeblich! Wie ſteht es auf dem Kriegsſchauplatze in Armenien? Sind die Türken vorgegangen?“ „Ja, aber ich glaube nicht, daß ſie weit kommen werden“, antwortete der Deutſche.„Die Führer ſind uneinig unter ſich ſelbſt, keiner will dem andern ge⸗ horchen. Und da die Ruſſen für den Augenblick die Bergvölker nicht zu fürchten haben, ſo werden ſie die Gelegenheit benutzen, einen empfindlichen Streich gegen die Türken zu führen.“ „Was halten Sie von dem Beiſtande, den Schamhl den Türken leiſten kann?“ fragte George. „Mein lieber Sir“, antwortete Wiedenburg,„es iſt nicht leicht, die Zukunft vorauszuſagen. Aber wenn ich eine kurze Meinung äußern ſoll, ſo iſt es folgende. Die Franzoſen und Engländer werden den Türken bei⸗ ſtehen, ja, davon bin ich überzeugt. Siegen die Türken, ſo darf man nicht glauben laſſen, ſie hätten es allein mit dem mächtigen Rußland aufnehmen können, und man wird eine Armee nach der Donau oder an ldie ruſſiſche Küſte ſenden, um den Türken den Ruhm ihres alleinigen Siegs zu ſchmälern; werden ſie geſchlagen, nun, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß man ihnen zu Hülfe eilt, denn Rußland ſoll nicht triumphiren, es ſoll gedemüthigt werden und anerkennen, daß es nicht wohl⸗ gethan iſt, gegen Frankreichs und Englands Willen zu handeln. Ein Kampf auf Leben und Tod wird es nicht werden; die Franzoſen und Engländer werden, ſobald Rußland eine Schlappe erlitten, den Frieden vermitteln. Denn an einer wahren Kräftigung und Stärkung der Türkei liegt den Weſtmächten ſehr wenig; ſie verlören ja dann eine vortreffliche Gelegenheit, ſich in die orien⸗ taliſchen Angelegenheiten einzumiſchen. Frankreich wird die Ruſſen heimſenden, bis es vielleicht einſt mit ihnen gemeinſchaftlich über die Türkei herfällt. Und die Berg- völter? Sie werden allerdings die Gelegenheit benutzen, den Ruſſen einige Niederlagen beizubringen. Aber ſchließlich fürchten ſie die türkiſche Oberherrſchaft eben⸗ ſo ſehr wie die ruſſiſche; ſie werden auf eigene Hand operiren und ſchon deshalb wenig erreichen. Ich kann mich irren, aber ich glaube, dieſer Krieg wird im Sande verlaufen. Selbſt Rußland iſt vielleicht jetzt ſchon unzu⸗ frieden damit, ihn begonnen zu haben.“ „Glauben Sie nicht, daß Georgien, Mingrelien, überhaupt die kaukaſiſchen Länder die Gelegenheit be⸗ nutzen werden, um die ruſſiſche Herrſchaft abzuſchütteln fragte George. Mützelburg Der Held von Garika. I. 8 „Nein, Sir! Der Krieg wird nicht lange genug dauern, um dieſe gezähmten und erſchlafften Völker auf⸗ zuregen und an den Gedanken der Selbſtſtändigkeit zu gewöhnen. Rußlands Macht hat dort tiefe Wurzeln ge⸗ ſchlagen. Ja, wenn die Ruſſen überall zurückgedrängt und genöthigt würden, den Süden des Kaukaſus aufzu⸗ geben, dann wäre es möglich, daß ſie nie zurückkehrten. Aber dahin kommt es nicht, diesmal nichtl“ George blickte düſter vor ſich nieder. Wiedenburg bot ihm ein Zimmer für die Nacht und überhaupt für ſo lange an, als George ihm ſeinen Beſuch ſchenken wolle. „Ich werde nur bis morgen früh bleiben“, ant⸗ wortete George.„Da ich Mr. Hywell nicht angetroffen, ſo will ich hinüber nach Tſchefketil und von dort aus den Verſuch machen, etwas über Mr. Hywell zu er⸗ fahren.“ „Werden Sie als Neutraler reiſen?“ fragte Wieden⸗ burg.„Beſitzen Sie die nöthigen Papiere?“ George zögerte mit der Antwort. „Ich werde mich wahrſcheinlich den Türken an⸗ ſchließen“; antwortete er dann.„Zwar kenne ich die Anſicht meines Pflegevaters nicht genau und weiß nicht. ob er meinen Plan billigt; aber er hat früher ſtets ſo viel Sympathie für meine Pläne gezeigt—“ Er brach ab. Wiedenburg fragte nicht weiter. Er ſagte nur nach einer Pauſe: „Sie ſind orientaliſcher Abſtammung?“ „Ja“, antwortete George.„Deshalb bleibt mir in dieſem Kampfe keine Wahl.“ Das Geſpräch ging auf die Ereigniſſe des Tages über und George verließ dann ſeinen gaſtlichen Wirth, um Johnnh mitzutheilen, was er über Mr. Hywell er— fahren. „Wir fahren morgen nach Tſchefketil“, fügte er hinzu.„Das iſt ein kleines Fort an der rufſiſch⸗türkiſchen Grenze, das die Türken den Ruſſen abgenommen. Dort will ich Erkundigungen über mancherlei Dinge einziehen. Johnny, biſt Du entſchloſſen, für alle Fälle bei mir zu bleiben?“ „Damn, Sir, gewiß!“ antwortete Johnny.„Mr. Hywell hat mir geſagt, ich ſollte über Sie wachen wie über meinen Augapfel, und ehe er mir nichts Anderes befiehlt, thue ich meine Schuldigkeit!“ „So brechen wir morgen auf!“ ſagte George, ihm erregt die Hand drückend.„Komme, was kommen mag, ich kann nicht anders! Mr. Wiedenburg wird mir Nachricht ſenden, falls Mr. Howell hier ankommt. Der Boden brennt mir unter den Füßen. Ich kann nicht länger müßig ſein!“ — Und nach einer Pauſe fügte er hinzu: „Was meinſt Du, Johnny, Miß Mary muß jetzt eine ſtattliche Dame ſein? Mr. Hywell wird daran denken, ſie zu verheirathen. Sollte ſie vielleicht in Oſtindien einen Nabob gefunden haben?“ Er verſuchte dabei zu lächeln. Johnny ſchüttelte leicht den Kopf. „Miß Mary läßt ſich nicht ſo ohne weiteres ver⸗ heirathen“, ſagte er.„Die hut ihren Willen für ſich. Und Mr. Hywell iſt ja ſelbſt ein kleiner Nabob. Nach Geld braucht Miß Mary nicht zu heirathen.“ Am folgenden Morgen verließen George und Johnny Sinope Mr. Wiedenburg, der vielleicht die Pläne Ge⸗ orge's errieth, hatte vergebens verſucht, den jungen Mann zurückzuhalten, und ihm dann, als George uner⸗ ſchütterlich auf ſeinem Vorſatz beharrte, nicht nur ver⸗ ſprochen, ihm, ſobald er etwas über Mr. Hywell erfahren, Nachricht nach Tſchefketil nachzuſenden, ſondern auch für alle Fälle, wie er ſagte, die Namen einiger Deutſchen und Engländer in Tiflis und in Eriwan genannt, an welche ſich George wenden ſollte, wenn er Beiſtand bedürfe. ungefähr vierundzwanzig Stunden, nachdem es in die kleine ſchützende Bai eingelaufen, verließ das türkiſche Boot den ſichern Zufluchtsort. Als es, mit dem nördli⸗ 37 chen Winde kämpfend, die Höhe des Meeres zu erreichen ſuchte, ſank George auf die Kniee und flüſterte in ſtiller Erregung ein Gebet. Auf der Rhede von Sinope lagen noch die ruſſi⸗ ſchen Kriegsſchiffe und ließen ihre Banner luſtig und triumphirend herüberwehen. II. Ein kolchiſches Paradies. Im Süden des Kaukaſus, in einer dem ruſſiſchen Scepter unterworfenen Provinz, liegt Schloß und Stadt Garika“), einſt die Hauptſtadt eines Königreichs gleichen Namens. Die unbedeutenden Häuſer der Stadt ziehen ſich am Fuße eines Felſens längs eines kleinen Fluſſes hin, der den im Orient häufig wiederkehrenden Namen Karaſſu(Schwarzwaſſer) führt und der nur im Winter reißend, im Sommer aber gewöhnlich ſo ſeicht iſt, daß man ihn durchwaten kann. Hoch auf dem Felſen, der ſteil nach dem Fluſſe abfällt, liegt Schloß oder Burg Garika, mit einer entzückenden Rundſicht auf die ſchnee⸗ bedeckten Gipfel des Kaukaſus im Norden, das herrliche *) Unſerer Erzählung liegen, außer den allgemeinen hiſtoriſchen, noch einige andere wirkliche Ereigniſſe zu Grunde. Wir erwähnen dies mit dem Bemerken, daß nicht nur die Namen der betreffenden Perſonen, ſondern auch die Ereigniſſe ſelbſt nach eigener und freier Erfindung geändert und dem Plane zu dieſer Erzählung angepaßt wor⸗ den find. D. V. 39 Flußthal mit ſeinen Weinbergen jenſeits des Fluſſes und die ſchönen Wälder im Süden und Weſten. Es mag einſt ſehr feſt geweſen ſein; die Außenmauern ſind aber längſt geſchleift, und einige im modernſten ruſſi⸗ ſchen Geſchmack errichtete Pavillons und Nebenhäuſer zeigen deutlich, daß hier eine neue Civiliſation unter den Fittigen des ruſſiſchen Adlers eingezogen. Es war in den erſten Tagen des December, und die Wälder prangten noch in ihrem glühendſten herbſt⸗ lichen Schmuck, als ein junger Reiter Schloß Garika verließ und den ſanften Abhang hinabritt, der ſich ſüd⸗ lich vom Schloſſe nach den Wäldern hinzieht und mit den herrlichſten Baumgruppen bedeckt iſt. Er ritt ein prächtiges Pferd von echter Raſſe und trug die Uniform eines ruſſiſchen Milizoffiziers, jedoch nicht nur mit dem Abzeichen eines höhern Ranges, ſondern auch mit eini⸗ gen ſeibſterfundenen maleriſchen Verzierungen, wie der Orientale ſie liebt und die ruſſiſchen Generale ſie gern geſtatten, da Glanz und Schmuck des Offiziers dazu bei⸗ tragen, ſein Anſehen bei den eingeborenen Truppen zu erhöhen. Es war ein ſchöner junger Mann, noch nicht drei⸗ ßig Jahre alt, mit vollem, ſchwarzem Schnurrbart und von mehr ſchlanker als kräftiger Geſtalt. Das etwas blaſſe, aber noch jugendlich friſche Geſicht zeigte einen 40 träumeriſchen Ausdruck; auch war die Haltung des Rei⸗ ters nachläſſiger, als man ſie bei europäiſchen Offizieren findet. Der Hrientale läßt ſich gehen, bis der Augen⸗ blick ſeine ganze Kraftanſtrengung verlangt. Der Schnitt des Geſichts zeigte den Kaukaſier oder Circaſſier. Der junge Offizier ritt langſam unter den ſchönen Buchen hin, in Gedanken verloren, als plötzlich ein Mann in der ärmlichen Tracht der eingeborenen Bauern hinter einem Baumſtamme hervortrat. Da er waffenlos war und ſeine ſpitze Mütze demüthig in der Hand trug, ſo hatte der Offizier nicht nöthig, nach ſeinem Säbel oder nach den Piſtolen zu greifen, deren goldverzierte Schäfte aus den Halftern hervorglänzten. Er wollte auch ruhig, ohne auf den Bauer zu achten, weiter reiten, als er daß dieſer ihm ein Papier hinhielt. „Was willſt Du? Eine Bettelei?“ fragte der dfi. zier in der Sprache der Eingeborenen. „Nein, hoher Herr! Ein Brief, der von weit, weit her kommt.“ Der Offizier nahm den Brief, der die Spuren langer Wanderung trug, nicht ohne den Ausdruck eines gewiſſen Mißbehagens, in den ſich Verwunderung miſchte. Die einfache Aufſchrift in franzöſiſcher Sprache lautete:„An Daniel Garika in Garika.“ Der HOffizier blickte nach dem Siegel, aber es war zerknittert und unkenntlich geworden. 41 Endlich öffnete er den Brief und las nur die wenigen Zeilen: „Ich lebe und denke an das Vaterland und ver⸗ gangene Zeiten. Was denkſt Du? Sei bereit, mir zu antworten, wenn ich Dich wiederſehe. George Garika.“ Der Offizier ſtieß einen kurzen Ruf des Erſtaunens aus und ſeine Wangen färbte ein helleres Roth. Dann wandte er ſich mit dem Rufe:„Woher haſt Du das?“ an den Bauer. Aber dieſer war verſchwunden. Ueberraſcht, faſt beſtürzt, hielt Daniel Garika auf ſeinem Pferde und las theils den Brief wieder und wieder, theils blickte er um ſich, ob der Bauer nicht noch einmal erſcheine. Aber er blieb allein unter den einſamen Bäumen, deren rothes Laub im Winde rauſchte und zu- weilen ein glutfarbenes Blatt auf den herbſtlichen Raſen niederſandte. „George lebt— er lebt!“ flüſterte er vor ſich hin. „Und was bedeuten dieſe ſeltſamen Worte? Vaterland— vergangene Zeiten— ich ſoll bereit ſein, ihm zu ant⸗ worten! Seit zwölf Jahren glaubte ich ihn todt! Wo war er denn? Wo iſt er? Hier in der Nähe?“ Und er blickte abermals um ſich, als ob er eine fremdartige Erſcheinung erwartete. Aber Alles blieb ſtill. Nur in weiter Ferne ließ ſich der Hufſchlag eines Pferdes 42 vernehmen. Daniel unterſuchte noch einmal das Siegel, fand es aber auch diesmal unkenntlich und zerriß nun den Brief in eine Menge kleiner Stücke und warf ſie in den Wind, der ſie verwehte. Ein Reiter wurde unter den Bäumen ſichtbar, ein junger Eingeborener. Sobald Daniel ihn erkannte, nahm ſein Geſicht einen erwar⸗ tungsvollen Ausdruck an, und er ritt dem Reiter ent⸗ gegen, der demüthig grüßte und ihm einen Brief über⸗ reichte, einen zarten Brief auf roſafarbenem Papier und mit friſch geſchriebener Aufſchrift:„Dem Prinzen Daniel Garika.“ Daniel erbrach ihn haſtig und las die Worte in franzöſiſcher Sprache: „Mein lieber Prinz! Nina und Michael beſuchen eine Familie in der Stadt. Ich bin zurückgeblieben. Darf ich Sie erwarten? Sophia.“ Daniel, freudig erregt, warf dem Reiter ein Geld⸗ ſtück zu, das dieſer auffing, und rief.„Ich komme!“ In demſelben Augenblick erſchien jedoch ein anderer Reiter auf ſchaumbedecktem Pferde und überreichte Da⸗ niel einen zweiten Brief, deſſen Form und Aufſchrift dieſelbe Schreiberin bekundete. Daniel öffnete ihn dies⸗ mal zögernd und las die Zeilen: „Mein lieber Prinz! So eben kommt Paul. Ich melde es Ihnen in aller Eile, um Ihnen nicht unwahr zu ſcheinen. Wird dies ein Hinderniß für Sie ſein? Ich hoffe nicht. Sophia.“ Der zweite Bote erhielt keinen Lohn. Düſter blickte Daniel Garika vor ſich hin und gab dann den beiden Boten ein Zeichen, ſich zu entfernen. „Verwünſcht!“ rief er vor ſich hin.„Immer dieſer Paul! Soll das Spiel ewig dauern? Erſt die Einladung, dann dieſe Nachricht hinterher! Der Teufel traue ihr! Gehe ich? Gehe ich nicht? Es iſt mir eine Qual, mit dem hochmüthigen Ruſſen zuſammen zu ſein, mit ihm die Blicke und Worte Sophia's zu theilen! Vor⸗ wärts— ja, ich will! Habe ich den Ruſſen zu ſcheuen? Entweder Sophia oder— George, wenn Du kommſt, werde ich Dir eine Antwort geben! Sie liegt in Sophia's Hand. Du haſt mich an die Vergangenheit erinnert, an die Zeit, in der unſere Ahnen Könige waren! Gut, wir wollen ſehen, ob ein Koſakenhäuptling den Enkel eines Königs aus dem Felde ſchlägt!“ Und mit glühendem Antlitz ſprengte er nach Weſten, den verſchwundenen Voten nach. Wie der Wind flogen Roß und Reiter durch den herbſtlichen Wald. Der Reiter dachte nicht daran, die Schönheiten zu genießen, die ſich nach allen Seiten hin darboten; ſein Herz war voll Unruhe, und außerdem waren ihm ja dieſe Schönheiten etwas Altes. Die wun⸗ dervollen, glühendrothen Kronen der Buchen, Eichen und Linden, der Platanen, Eſchen und Ulmen, zwiſchen denen die faſt noch ſommerlich grünen Ranken der Schlingpflanzen ſich in ſüdlicher Fülle hinzogen— er kannte ſie ja von Jugend auf. Die Lichtungen mit ihrem bereits gelblichen, aber immer noch erfriſchenden Raſen und ihren einzelnen maleriſchen Baumgruppen entlockten ihm kein Staunen der Bewunderung mehr. Dieſes Pa⸗ radies war ſein Vaterland; er kannte den Namen jedes kleinen Dorfes, das aus den Bäumen an einem Bach hervorlauſchte, oder ſich an einem dicht mit Geſträuch be⸗ wachſenen Felſen hinaufzog, und die herrlichen Formen der Baumwipfel und Berge riefen auch nicht ein einzi— ges Mal das Bewußtſein ihrer Schönheit in ihm wach. Seine Gedanken weilten bei denen, die er hinter ihnen finden ſollte. So ritt er ſcharf faſt eine halbe Stunde lang, bis der Wald ſich plötzlich lichtete und eine Landſchaft vor ihm lag, die jedes fremde Auge mit Entzücken erfüllt haben würde. Ein Thal, von mehreren Bächen durchzo⸗ gen, die dem Karaſſu zueilten und deren Lauf von faſt noch grünen Bäumen begleitet wurde, dehnte ſich breit und gemächlich vor ihm aus. Zur Linken war es be⸗ 45 grenzt von einem ſanft im Halbkreis zurückweichenden Walde, vor ihm, jenſeits des Thals, zog ſich ein mäßi⸗ ger Hügel hinauf, bedeckt mit Wald⸗ und Obſtbäumen, die ein Schloß umrahmten, deſſen Gemäuer durch das Laub hervorblickte. Nördlich von dem Schloſſe, zur rech⸗ ten Hand des Reiters, zeigten ſich am Fuße des Hügels nach dem Karaſſu hin die Häuſer eines kleinen Orts. Lieblicheres und zugleich Edleres als die Formen des ſanft ſchwellenden Hügels und der Umriſſe der Baum⸗ gruppen vermochte man ſich nicht zu denken. Hier und dort weideten Heerden, von Knaben und Männern in der einfachen, aber maleriſchen Landestracht gehütet, eine Heerde Füllen trabte über den weichen Wieſengrund, ſich ergötzend in luſtigen Sprüngen— es war in der That ein Bild des Paradieſes! Daniel Garika ritt etwas langſamer durch das Thal dem Schloſſe zu. Er fürchtete, man könne ihn von dort aus bemerken, und mochte ſich nicht zu eilig zeigen. Die Landleute, an denen er vorüberkam, zogen demüthig ihre flachen Mützen; ſie betrachteten ihn immer noch als den Herrn des Landes, über das der Großvater Daniel's als König geherrſcht hatte, bis Rußland die Länder, welche den Süden des Kaukaſus umſpannen, unter ſein Scepter zwang. Auch Schloß und Stadt Dari, die vor dem Reiter lagen, hatten einſt den Garikas gehört. Jetzt waren ſie als Mitgift für Daniel's Schweſter Nina an den Grafen Michael Brazow gefallen, einen Ruſſen. Es war ein kleines, aber ſchönes Königreich geweſen, über welches die Garikas einſt geboten. Jetzt war dem Königsenkel nichts geblieben als der Ertrag des Gebie⸗ tes, das zu Garika gehörte, und ſein Rang als Miliz⸗ offizier. Freilich war der Landſtrich, den er ſein nannte, immer noch ſo groß als manches deutſche Fürſtenthum. Aber die Herrſchaft lag in den Händen des Czaren und ſeines mächtigen Stellvertreters, des Generalgouverneurs von Cis und Transkaukaſien, damals Fürſt Woron⸗ zow. Daniel Garika galt nicht mehr, vielleicht ſogar weniger als jeder ruſſiſche Unterthan. Kamen dem Fürſten düſtere Gedanken, als er r durch das Thal ritt? Faſt ſchien es ſo, denn ſeine Stirn war gefaltet, ſeine Miene finſter. Nach dem Tode ſeines Vaters und ſeiner Mutter in Petersburg erzogen, hatte er freilich die Macht Rußlands bewundern und fürchten gelernt; jeder Gedanke daran, daß er einſt wieder als eigener Herr in dieſem Lande gebieten könne, war längſt in ihm erſtickt; über die Bemühungen Schamhl's und ſeiner Genoſſen, dem rieſigen Gegner Rußland Wider⸗ ſtand entgegen zu ſetzen, zuckte er mitleidig und faſt ver⸗ ächtlich die Achſeln. Aber das Königsblut wallte den⸗ noch zuweilen in ihm auf. Er liebte Sophia, die 47 Schweſter Brazow's, die ſich ſeit einiger Zeit in Dari zum Beſuch befand, aber er liebte ſie nicht allein. Ein Reiteroffizier, Paul Ombrazowitſch, ein Freund und früherer Waffengefährte Michael Brazow's, der das Commando über eine in der Nähe ſtehende Cavallerie⸗ abtheilung führte, machte ihr eifrig den Hof. Paul Ombrazowitſch war, wie es hieß, der Sohn eines Ko⸗ ſakenführers. Sollte ein Mann, der dem niedern Adel angehörte, dan Sieg davontragen über den Enkel eines Königsgeſchlechts, das ſeinen Urſprung ein Jahrtauſend hinauf verfolgen konnte und einſt unter den Herrſcher⸗ geſchlechtern von Kolchis berühmt geweſen war?*) Am Fuße des Hügels angelangt, ſpornte Daniel Garika ſein Roß wieder an und ſprengte den gut ge⸗ bahnten Weg hinauf bis in den Schloßhof. Das Schloß war demjenigen von Garika ſehr ähnlich, aus verſchiede⸗ nen Gebäuden von ungleicher Bauart und verſchiedenem Alter zuſammengeſetzt, umgeben von einer nicht allzu fe⸗ ſten Mauer. Auf dem Hof ſprangen Diener herzu, das Pferd des Fürſten in Empfang zu nehmen. Er fragte nach der Gräfin Sophia. Sie ſei mit dem Major Om⸗ brazowitſch in den Park gegangen, lautete die Antwort, *) Wir verſtehen hier unter Kolchis nicht nur den ſchmalen Küſtenſaum am öſtlichen Ufer des Schwarzen Meeres, ſondern auch die Gebiete landeinwärts bis nach Georgien hin. D. V. erſt vor kurzem, und hätte die Weiſung hinterlaſſen, Früchte, Gebäck und Liqueure nach dem Springbrunnen zu bringen. Daniel ging haſtig nach dem Park, das Herz klopfte ihm vor Eiferſucht. Dann aber ſiegte ſein Stolz; er mäßigte ſeine Schritte und ging langſam nach dem Theile des Parks, in welchem ſich der Springbrunnen befand. Der Park von Dari war wie derjenige von Ga⸗ rika nur ein gelichteter Wald, aber eben deshalb um ſo ſchöner; die Kunſt hätte hier nur verderben können. Blutrothe Buchenblätter bedeckten den Boden und dämpf⸗ ten die Tritte Daniel's. Ranken von wildem Wein, Epheu und Winden verbanden wie Guirlanden und durch⸗ brochene Teppiche die ſtarken Eichen und Buchen, die ſchlankſtämmigen Lorbeer und die Myrten⸗ und Roſen⸗ gebüſche. Durch dieſen zauberiſchen Garten ſchritt Daniel da— hin, bis er das Rauſchen des Springbrunnens und ein helles Lachen hörte. Es kam ihm der Gedanke, zu hö⸗ ren, was Sophia mit dem Major ſpreche. Die Eifer ſucht iſt ſtets mißtrauiſch, ja ſie entſteht nur aus dem Mißtrauen. Langſam und leiſe näherte ſich Daniel dem Springbrunnen, und durch die bunten Blätter hindurch ſah er Sophia auf einer Bank in der Nähe eines höl⸗ zernen Pavillons ſitzen. Der Major ſtand vor ihr. 49 Sophia Brarow war keine regelmäßige Schönheit, aber ihr friſches Geſicht mit den zart gerötheten Wan⸗ gen, den dunklen, runden Augen war eins von denen, die im Sprechen Reiz und Leben gewinnen und durch die Beweglichkeit der Züge und durch den Ausdruck von Geiſt keine Betrachtung über die etwa mangelnde Schön⸗ heit aufkommen laſſen. Die Form der Stirn und der Naſe verriethen ein wenig den ruſſiſchen Thpus. Aber wenn ſie lachte und diee weißen Zähne durch die rothen Lippen blitzten und die Augen ſo klar glänzten erſchien ſie verlockend ſchön. Ihr ganzes Weſen trug den Stem pel der Kraft, der Geſundheit und des Uebermuths. Sie mochte keine zwanzig Jahre alt ſein, gewiß nicht darüber, und Alles an ihr, der Teint, die Augen, die Lippen, das prächtige dunkle Haar, die gerundeten For— men der kaum mittelgroßen Geſtalt, zeigte jene erſte glän— zende Friſche der Jugend, die für ſich allein ſchon oft Schönheit iſt. Ihr Anzug war einfacher, als man ihn gewöhnlich bei den Ruſſen des Orients, die ihn phan⸗ tuſtiſch ausſchmücken lernen, findet; eine Art polniſcher Schooßjacke, knapp anſchließend, ein Seidenkleid, ein leichtes Hütchen und etwas Schmuck bildeten ihre ganze Toilette. Nur das faſt röthliche Braun der Jacke und das helle Gelb des Kleides deuteten mit ihren lebhaften Farben auf den Orient. Mittzelburg, Der Held von Garita. 1. 4 Der Major war in ſeiner Dragoneruniform. Seine Geſtalt war derjenigen Sophia's ähnlich, nicht groß, kräftig, aber von guten Verhältniſſen. Sein Geſicht zeigte den vollendeten Typus eines blonden Ruſſen, die Augen nicht groß, aber glänzend, die Naſe ein wenig emporgerichtet, die Stirn nicht hoch, aber voll Leben. Hätte man ſein Geſicht im Einzelnen prüfen wollen, ſo würde er die Probe der Schönheit ſchlecht beſtanden haben. Und doch war der Eindruck, den er machte, durchaus kein ungefälliger. Auch in ſeinem Weſen lag Kraft und Gewandtheit, in ſeinen markirten Zügen Klugheit und Energie, ſeine ganze Erſcheinung hatte etwas Abgerundetes, in ſich Geſchloſſenes, das den entwickelten Mann kennzeichnet. Er hielt die Mütze in der Hand und ſprach lebhaft mit Sophia. Die Sonne fiel auf ſein rothblondes, ſtarkes und gekräuſeltes Haar, auf den ſtattlichen, wohlgeformten Schnurrbart und ließ ſie wie Gold glänzen. So machte er den Eindruck eines kräftigen Soldaten, zugleich aber auch eines Mannes von geiſtiger Vegabung und weltmänniſcher Durchbildung. Ein wenig zu lebhaft waren ſeine Bewegungen, etwas zu ſcharf, faſt lauernd war ſein Blick. Der eiferſüch⸗ tige Daniel mochte nicht ſo ganz Unrecht haben, wenn er behauptete, dem Major klebe etwas vom Parvenu oder wenigſtens vom Abenteurer an. Es fehlte ihm die 51 Ruhe des geborenen Ariſtokraten. Aber ſeine lebhafte Natur entſchuldigte ſeine Beweglichkeit. Stirn und Augen verriethen, daß unruhige Gedanken ſich hinter ihnen jagten. Beide ſprachen ruſſiſch, welche Sprache Daniel von Petersburg her, wo er nur ruſſiſch undfranzöſiſch geſprochen, gut genug verſtand. Der Major erzählte, wie er auf ſeinem Ritt nach Dari dem Bruder Sophia's und deſſen Ge⸗ mahlin begegnet und ihnen ſchnell ausgewichen ſei, um von ihnen nicht zu erfahren, daß Sophia ſich allein auf dem Schloſſe befinde, und dann mit ihnen umkehren zu müſſen. Er erzählte zut, denn er beſaß die Gabe, auch die unbedeutendſten Dinge in ein angenehmes Ge⸗ wand zu kleiden. Die Damen fanden ihn ſehr unter⸗ haltend; Daniel dagegen behauptete, wenn er ſich frei ausſprechen konnte, der Major habe etwas vom Harle⸗ kin. Jedenfalls kannte Paul Ombrazowitſch die Frauen, und wußte, wie man mit ihnen ſprechen müſſe. „So geſtehen Sie ſelbſt ein, Major, daß Sie Un⸗ recht gethan haben, hierher zn kommen!“ rief Sophia. „Sie hätten umkehren müſſen, das fühlen Sie. Sagen Sie ſelbſt, was daraus folgt!“ „Daß ich um ſo mehr Ihre Theilnahme verdiene, weil ich Ihretwegen einen Verſtoß gegen die Conbenienz begangen“, antwortete der Major lächelnd.„Ich fühle 4* ————————— — 52 mich ſtrafbar, aber Sie dürfen mich nicht verur⸗ theilen!“ „Dennoch, weil Sie etwas gewagt, wozu Sie kein Recht hatten!“ rief Sophia.„Oder würden Sie behaupten können, daß ich Sie zu ſolchen Beſuchen er⸗ muntert?“ „Und wenn ich es behauptete, Comteſſe?“ fragte der Major etwas keck. „So würde ich Sie ohne Erbarmen Lügen ſtrafen“, antwortete Sophia etwas ernſter. „Ich bitte um Verzeihung!“ ſagte Paul ergeben. „Reichen Sie mir Ihre Hand, Comteſſe, als Zeichen der Vergebung und der Erlaubniß, bei Ihnen bleiben zu 2 dürfen!“ „Ich würde ſie Ihnen nicht geben, die Erlaub niß nämlich, wenn wir allein wären!“ antwortete Sophia. „Da ich aber den Fürſten Daniel bemerke, ſo fällt der Hauptgrund für meine Weigerung weg, und es ſei Ihnen geſtattet, mir Geſellſchaft zu leiſte.“ „Fürſt Daniel?“ fragte Paul, ſeinen Mißmuth au⸗ genblicklich hinter der ſchnellen Bewegung verbergend, mit der er ſich umblickte.„Wo iſt er denn?“ Daniel war glühend erröthet, als die Worte der Gräfin ihm verriethen, daß ihre ſcharfen Augen ihn wahr⸗ ſcheinlich ſchon ſeit ſeinem Erſcheinen bemerkt hatten. Doch faßte er ſich ſchnell, zögerte noch einen Moment bei der Weinranke, hinter der er ſtand, als ob er etwas betrachte, und trat dann vor. „Ich glaubte wahrlich, die Rebe dort treibe neue Blüten“, ſagte er, gleichſam ſein Zögern entſchuldigend, und begrüßte ſich dann mit Sophia Brazow. Es konnte nicht auffällig ſcheinen, daß ſie ihm die Hand reichte; er war ja ihr Verwandter und galt in aller, ſelbſt in des Majors Augen für den begünſtigten Bewerber. Daniel und der Major begrüßten ſich höflich, etwas kalt, aber doch mit einer gewiſſen Vertraulichkeit, die allmä⸗ lig zwiſchen Perſonen, welche ſich oft ſehen, eintritt. Zwei Diener, die auf großen Schüſſeln Früchte und Gebäck brachten, erleichterten das Anknüpfen der Unter⸗ haltung, die jetzt franzöſiſch geführt wurde. Die Herren nahmen einige von den kleinen Kuchen und tranken Ma⸗ raschino und Curagao; von letzterem verſchmähte ſelbſt Sophia ein Gläschen nicht. Man ſprach über das Wetter, das noch immer ſehr ſchön war und den Aufenthalt im Freien geſtattete, über das Befinden Michael's und Nina's und über den Krieg. Der Major hatte neue Nach⸗ richten und die Beſtätigung früherer Mittheilungen er⸗ halten. Er berichtete, daß Fort Tſcheftetil(von den Ruſſen St.⸗Nikolai genannt) ſich noch in den Händen der Türken befinde, daß aber die Generale Orbeliani und 54 Bebutow die Türken bei Bajandur geſchlagen hätten, und daß die Nachricht eines neuen, erſt in den letzten Tagen erfochtenen Siegs bei Supliß angelangt ſei. Die Tür⸗ ken, erzählte der Major, zögen ſich überall zurück, doch hätten ſie ſich beſſer geſchlagen als früher. „Ich muß geſtehen, daß mich zuweilen doch ein Lüſt⸗ chen anwandelt, den Tanz mitzumachen“, fügte er hinzu. „Ich habe zwar beſſere Gegner mir gegenüber geſehen, die Kabhlen, die Ungarn, die Tſchetſchenzen, aber das Pfeifen der Kugeln bleibt doch immer eine angenehme WMuſik, und wenn ich dächte, die Türken hielten Stand. ſo ließe ich mich zum Fürſten Andronikow nach Akalzich verſetzen.“ „Da ſieht man, wie conſequent die Männer in ihren Behauptungen ſind!“ ſagte Sophia achſelzuckend „Noch vor kurzem hörte ich Sie ſagen, Sie möchten Ihre Garniſon in Kureli mit keiner andern vertauſchen.“ „Ich könnte bei dem Wortlaut meiner Behauptung beharren“, antwortete der Major lächelnd.„Eine andere Garniſon wünſche ich mir nicht. Aber die kämpfende Armee iſt keine Garniſon. Uebrigens kann man nicht wiſſen, ob wir nicht bald mit Schamyl zu thun haben werden. Dann würden auch Sie Ihren Säbel ſchleifen laſſen müſſen, Prinz!“ „Der iſt noch geſchliffen von der Zeit her, wo ich 55 als Fähnrich gegen die Tſchetſchenzen kämpfte“, antwor⸗ tete Daniel Garika mürriſch.„Und wenn ich mich nicht darum bewerbe, unter Orbeliani oder Andronikow in die active Armee aufgenommen zu werden, ſo liegt der Grund nur darin, daß ich nicht das Intereſſe, wie Sie, bei dieſem Kriege habe.“ Es zeigte ſich Erſtaunen auf dem Geſichte des Majors und der Gräfin. Es war das erſte Mal, daß der Fürſt eine Aeußerung gemacht, die oppoſitionell klang. „Ich will nicht weiter in Sie dringen“, ſagte Om- brazowitſch,„aber Ihre Andeutung iſt zu kurz, um mir verſtändlich zu ſein.“ „Nun, ich meine, daß ich, obgleich ein ruſſiſcher Un— terthan, doch die Vergangenheit noch nicht vergeſſen kann“, ſagte Daniel mit derſelben düſtern Miene.„Es fällt mir nicht ein, mich Rußland feindlich zu zeigen, ich er— kenne die Macht und Oberhoheit des Czaren bereitwillig an und füge mich ergeben in mein Schickſal; davon habe ich Beweiſe genug gegeben. Aber ſo begeiſtert wie ein Altruſſe kann ich mich nicht gegen diejenigen ſchlagen, die mir ein Königreich bieten!“ Sophia ſah mit dem höchſten Befremden auf den Fürſten. Das war eine Aeußerung, die, wenn ſie in der gehörigen Form und vielleicht mit kleinen Abänderungen nach Petersburg berichtet wurde, dem Fürſten einen Paß 56 nach Sibirien eintragen konnte Schlummerte in dieſem Manne, der in Garika ein unthätiges und erſchlaffendes Leben führte, wirklich noch etwas von dem Muthe ſeines Vaters und ſeiner Großmutter? Sophia kannte als Fa— milienmitglied die Geſchichte der Garikas gut genug. Der Großvater Daniel's war ein entnervter, willens⸗ ſchwacher Mann geweſen, dem Rußland ohne viele Mühe das Scepter aus den Händen genommen; anders aber die Großmutter, die einen ruſſiſchen Offizier, der ihr den Gehorſam verweigerte und ſie mit Gewalt nach Tiflis führen wollte, mit dem gezückten Dolch aus ihrem Zimmer vertrieben hatte, und erſt ſpäter mit Liſt und Gewalt nach Petersburg gebracht worden war, wo ſie bald ſtarb; anders auch der Vater Daniel's, der überwieſen worden, daß er einen Aufſtand der Bergvölker nicht nur heimlich unterſtützt, ſondern auch im Begriff geweſen, ſich dem⸗ ſelben anzuſchließen. Man hatte ihn nach Sibirien ge⸗ ſchickt; er war auf der Reiſe dorthin oder kurz nach der Ankunft geſtorben. Auch die Mutter war bald darauf verſchieden. Die drei Kinder, Daniel, Giorgi und Nina, hatte man in Petersburg erzogen. Dort war Giorgi verſchwunden; es hieß, er ſei beim Baden in der Newa ertrunken. Seit jener Zeit hatte, wie wir wiſſen, Daniel Garika dem rnſſiſchen Gouvernement eine unbe⸗ dingte Ergebenheit gezeigt, und die Heirath Nina's mit 57 Michael Brazow, einem Altruſſen von erpro bter Treue, ſchien das Band zwiſchen den Kindern der frühern Könige von Garika und Rußland ſo feſt geknüpft zn haben, daß Niemand mehr an eine Löſung deſſelben dachte. „Altruſſe oder Neuruſſe“, ſagte der Major ernſt, aber doch in ganz ruhigem Tone,„Sie ſind immer Ruſſe und müſſen für die Ehre des großen Vaterlandes ein⸗ ſtehen.“ „Das weiß ich“, antwortete Daniel kurz ablehnend. „Und dennoch wäre es zu viel verlangt, bei mir dieſelben Sympathien für Rußland vorauszuſetzen, wie bei einem Petersburger oder Moskauer, oder auch nur bei den Ko⸗ ſaken, die ja ſchon ſeit längerer Zeit die Unterthanen Rußlands ſind.“ „Haben Ihnen denn die Türken Anerbietungen ge⸗ macht, Prinz?“ rief Sophia ungläubig. „Nicht mir“, antwortete Daniel kurz ausweichend. „Ich habe nur von Verſprechungen gehört, die ſie ihren Bundesgenoſſen gemacht.“ „Hm— türkiſche Verſprechungen!“ ſagte der Major lächelnd.„Wollen Sie ſich mit den Kurden auf eine Linie ſtellen? Das ſind auch Bundesgenoſſen der Türken.“ „Sie ſind nicht ſchlimmer als die Baſchkiren und—“ Daniel unterbrach ſich Er hatte ſagen wollen: die Koſaken. 58 „Die Mongolen zum Beiſpiel!“ fuhr er dann langſam fort.„Doch brechen wir davon ab. Sie ken⸗ nen meine Geſinnungen. Ich bin dem Kaiſer ergeben, wie es nur einer ſein kann, und wenn er mich ruft, ſtehe ich ihm zu Dienſten. Aber drängen werde ich mich zu dieſem Kriege nicht.“ Man ſah es den Augen und den Zügen Sophia's an, daß ſie verwundert überlegte. Woher plötzlich dieſe Mißſtimmung bei einem Manne, der bisher ſeine Miliz⸗ uniform mit demſelben Stolze und mit mehr Eitel⸗ keit vielleicht getragen hatte, wie jeder ruſſiſche Offizier? Errieth ihr kluges Köpfchen, daß Daniel Garika ſich nur intereſſant machen, daß er andeuten wolle, die Umſtände könnten ihn zu etwas Anderem erheben, als er jetzt war. ja daß er ſich vielleicht zu dem gefährlichen Wageſtück entſchloſſen habe, der ruſſiſchen Regierung gegenüber den Mißvergnügten zu ſpielen, um dadurch einige Con⸗ ceſſionen zu erlangen, Conceſſionen, die ſich möglicher⸗ weiſe ſelbſt auf Sophia Brazow erſtrecken konnten? Denn Czar Nikolaus zog auch die Heirath liebenswür⸗ diger Frauen in den Bereich ſeiner Politik, und wenn es räthlich erſchien, Daniel Garika durch eine Heirath mit der Comteſſe feſter an das ruſſiſche Intereſſe zu binden, ſo ließ ſich vorausſehen, daß der entſprechende Wink von Petersburg nicht ausbleiben würde. 59 „Machen wir einen kleinen Spaziergang! Die Luft iſt kühl“, ſagte ſie mit einiger Ungeduld. Sie erhob ſich, und die beiden Herren gingen neben ihr dem Walde zu. Das Geſpräch wandte ſich auf an⸗ dere Dinge. Man ſprach von Tiflis, wohin ſich die Gräfin während der nächſten Monate begeben wollte, und beide Herren gaben ziemlich deutlich ihre Abſicht zu erkennen, ihr dorthin zu folgen. So gelangte man in den Wald, der von dem Park nur durch ein ſehr einfaches Gitter getrennt war. Hier, an einem reizenden Platze, gebot Sophia Halt und ſetzte ſich auf einen breiten Stein, der eigens zu dieſem Zwecke hierher gerollt zu ſein ſchien. Die beiden Herren blieben ſtehend neben ihr. Es war eine natürliche Rotunde, wie ſie die Natur kaum ſchöner hervorbringen konnte. Sechs Säulen von den verſchiedenartigſten Schlingpflanzen, unter ſich durch ſchwankende Blättergewebe verbunden, bildeten faſt einen Kreis und ſchloſſen ſich oben in einer Höhe von mehr als fünfzig Fuß zu einer farbenglühenden Kuppel zu⸗ ſammen, durch welche das Blau des Himmels nur wie Theile einer großartigen Moſaik hindurchſchimmerte. Die fortwährende leichte Bewegung dieſer Blätter, welche bei jedem Windhauch erzitterten, erhöhte den Farbenſchim mer dieſer aus Gold, Purpur und Smaragd geflochtenen 60 Säulen und Wölbungen. Nur wenn das Auge ſcharf die Ueberfülle der Schlingpflanzen durchdrang, oder auch die ſuchende Hand das Auge unterſtützte, entdeckte man, daß die ſechs Säulen von alten, längſt vermoderten Stämmen gebildet waren, die durch die tauſendfachen Verſchlingungen der Epheu, Winden., Brombeer., Ho⸗ pfen und Rebenranken geſtützt und zugleich mit einem glänzenden, aber trügeriſchen Schimmer jugendlichen Le⸗ bens geſchmückt waren. Die Vegetation iſt in dieſem feuchten Erdreich ſo gewaltig, daß viele Stämme abſter⸗ ben, ehe ſie die ganze Fülle und Kraft ihres Da⸗ ſeins erreicht haben, weil die Schmarotzergewächſe ihnen Licht und Luft entziehen; dennoch bleiben ſie oft noch jahrelang aufrecht, geſtützt durch die Ranken der Schling⸗ pflanzen, bis ein Sturm ſie niederſtürzt und ſie dann den Boden zu noch größerer Fruchtbarkeit düngen. Dieſe Wälder ſind oft ſelbſt in der Nähe bewohnter Orte noch wirkliche Urwälder. Nur ihre Ränder ſind gelichtet; in das Innere dringt ſelten der Fuß und noch ſeltener die Axt des Menſchen. Was den Reiz dieſes natürlichen Kuppelbaus er⸗ höhte, war die Oeffnung nach der einen Seite hin, die durch eine natürliche Lichtung einen Blick in die weite, weite Ferne, bis zu den bläulichen Bergen des ſüdlichen Kaukaſus, bot— eine dufterfüllte Landſchaft, eingefaßt 61 in den Barockrahmen der goldenen Blätter. Sophia liebte dieſen Ort, und wahrlich nicht mit Unrecht; er war die Perle dieſes Paradieſes. Die Unterhaltung drehte ſich noch um Tiflis, dieſe ſchnell emporblühende Hauptſtadt der ſüdlich vom Kau⸗ kaſus gelegenen Provinzen, um einige Maßregeln des Generalgouverneurs und um einige Familien, die von Petersburg aus nach Tiflis übergeſiedelt, weil ihre Häupter zur kaukaſiſchen Armee beordert worden. Om— brazowitſch, unruhig und beweglich, wie er war, und vielleicht auch gelangweilt durch die Gegenwart Daniel Garika's, haſchte hier und dort nach einem Käfer, beſah ihn, warf ihn wieder fort, ging auch zuweilen einige Schritte in das Dickicht hinein, um einen ſeltenen Käfer zu fangen, nahm aber ſtets an der Unterhaltung Theil. Plötzlich ſtieß Sophia einen leichten Schrei aus und ſprang auf. „Eine Schlange!“ rief ſie.„Jagen Sie das Thier fort, meine Herren!“ In der That ſchlängelte ſich eine Natter langſam und in zierlichen Windungen über den mit gelben Blät— tern bedeckten Raſen. Sie kam furchtlos faſt bis in die Mitte des freien Platzes, in die Gegend, in welcher der Major ſtand, der ſie ruhig beobachtend erwartete. Daniel hatte ſich ſchnell nach einem Gegenſtande umge⸗ ſehen, mit dem er die Schlange verjagen könne, da er aber keinen fand, ſchien er im Begriff, den Degen ziehen zu wollen. „Es hat gar keine Gefahr, Comteſſe!“ rief Ombra⸗ zowitſch.„Dies iſt eine ganz unſchädliche Natter!“ er nannte den lateiniſchen Namen—„und wäre es ſelbſt eine giftige, ich weiß mit dieſen Thieren umzu⸗ gehen!“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Major!“ rief die Gräfin, die ſich nach dem Eingange der natürlichen Laube zurück⸗ gezogen hatte, dort aber, von Natur muthig, ſtill ſtand, um die geſchickten, ſelbſt graziöſen Fe der Schlange zu beobachten. „Erlauben Sie, ich will ſehen, ob ich meine alten Künſte noch kann!“ rief Ombrazowitſch lächelnd und trat auf die Natter zu, die ſich zuſammengeringelt hatte und ihn mit einer gewiſſen Scheu zu erwarten ſchien. Darauf ſchlug er den Aermel ſeiner Uniform ein wenig zurück, ſodaß die rechte Hand freier wurde, und ließ ein leiſes, eigenthümliches, faſt ſingendes Ziſchen hören, während er die Hand ſtarr nach der Schlange ausſtreckte. Dieſe ſchien aufzuhorchen, richtete dann ſchnell den Kopf empor, ſah ſich um und wiegte ſich einige Sekunden lang auf ihrem ſchlanken Oberleibe. Dann 63 ſchnellte ſie auf Ombrazowitſch zu. Sophia ſtieß einen Ruf des Schreckens aus. Der Major blieb ruhig ſtehen und begann nur die Hand zu bewegen, ſehr langſam und in beſtimmten arabeskenartigen Linien. Die Schlange hielt den Kopf beinahe eine Minute lang uubeweglich in er⸗ hobener Stellung, dann begann ſie faſt widerwillig die Bewegungen nachzuahmen, die allmälig ſchneller wur⸗ den. Ombrazowitſch zog nun mit der Hand verſchiedene Linien durch die Luft; die Schlange, wie gebannt und beherrſcht durch ſeinen Blick und ſeine Hand, folgte allen Bewegungen der letztern ſenkte den Kopf, beſchrieb Kreiſe, ſich um ſich ſelbſt drehend, folgte auch dem Major, der jetzt ſeinen Standpunkt veränderte, aber unabläſſig daſſelbe ſingende Ziſchen hören ließ. Es war ein eigen⸗ thümliches Schauſpiel, deſſen Reiz durch die anmuthigen Bewegungen des ſchlanken Thieres erhöht wurde. Die Gräfin trat unwillkürlich einige Schritte näher. Der Major aber ſah ſie nicht an; er hielt ſeine Blicke un⸗ verwandt auf die Natter gerichtet, die zuletzt jede Bewe⸗ gung der Hand des Majors mit derſelben Schnelligkeit nachahmte, mit der er ſie that. Endlich führte er ſie an den Rand des Dickichts, ließ ſeine Bewegungen lang- ſamer werden und ſtreckte zuletzt lange die Hand unbe⸗ weglich über ſie aus, bis die Schlange ſich niederlegte und in Ruhe oder Ermattung zu verſinken ſchien. 64 „Köſtlich, Herr Major!“ rief Sophia ganz entzückt und klatſchte in die Hände.„Wo haben Sie das ge⸗ lernt?“ „O, das iſt nichts Beſonderes“ erwiderte Ombrazo⸗ witſch, leicht Athem ſchöpfend.„Ich habe es einigen ſo⸗ genannten Schlangenbändigern abgelauſcht und glaubte es wagen zu können, da dieſe Natter jedenfalls eine un⸗ ſchädliche iſt. Man ſagt, daß dieſe Thiere, wenigſtens eine Zeit lang, ihrem Bändiger überall folgen. Wir wol. len nachher ſehen, ob das wahr iſt!“ „O wie intereſſant!“ rief Sophia, und es lag etwas ſo Bewunderndes in dem Blick, den die Com⸗ teſſe dabei auf den Major warf, daß Daniel Garika vor Eiferſucht erbleichte. Er fühlte, daß er bei dieſem Inter⸗ mezzo nicht nur eine ſehr unbedeutende, ſondern ſelbſt klägliche Rolle geſpielt hatte. Denn er hatte lange Zeit mit der Hand am Griff ſeines Degens geſtanden, wäh⸗ rend der furchtloſe Major die Schlange tanzen ließ. Sophia wollte Näheres über die Kunſt wiſſen, die man anwende, um dieſe Thiere zu bändigen. Ombrazo⸗ witſch erzählte, was er wußte, und erzählte, wie immer, leicht und intereſſant. Er kam dabei auf Algier zu ſpre— chen, wo er eine Zeit lang mit den Spahis als Frei— williger gegen die Beduinen gekämpft und zugleich den franzöſiſchen Krieg gegen die Bergvölker des Atlas gründ⸗ 65 lich kennen gelernt hatte. Daniel Garika ſank nicht nur, wie es ſo oft der Fall war, zu der Rolle eines bloßen Zuhörers herab, ſondern mußte auch ſehen, mit welchem Intereſſe Sophia der Erzählung des Majors lauſchte. Er war zehnmal im Begriff, ſich zu entfernen, aber ſeine Eiferſucht hielt ihn zurück. Dabei verließen ſie die Laube, ohne daß Ombrazo⸗ witſch und Sophia im Eifer des Erzählens und Hörens ſich der Schlange erinnert hätten. Die Geſellſchaft war ſchon an das Gitter gelangt, das den Park begrenzte, als der Major ſich plötzlich umwandte. „Ach“, rief er,„nun haben wir doch vergeſſen, dar— auf zu achten, ob die Schlange mir folgen würde!“ Sie ſtanden ſtill. Man hörte ein leiſes Rauſchen in den Blättern und ſah dann die Natter in einer Ent⸗ fernung von nur wenigen Schritten den Kopf erheben, faſt als wollte ſie andeuten, daß ſie da ſei. „Nun, wahrlich, das iſt erſtaunlich!“ rief Sophia überraſcht.„Das iſt ſeltſam; ich hätte es nimmer ge⸗ glaubt, wenn ich es nicht geſehen. Dieſe Schlange wäre im Stande, uns bis in das Schloß zu folgen!“ „Das wäre doch nicht angenehm“ ſagte der Major lächelnd.„Ich werde ſie verſcheuchen!“ „O nein nein!“ rief Sophia bittend.„Wir wollen ſehen, bis wie weit ſie uns folgt. Es iſt immer noch Mitzelburg, Der Held von Garika. 1. 5 66 Zeit, ſie zu vertreiben. Sie iſt ja nicht giftig, wie Sie ſagen!“ „Man könnte ſo ein Thier faſt liebgewinnen!“ ſagte der Major gleichmüthig.„Ich will ſpäter ſehen, ob ſie ſich greifen läßt. Sie ſehen wohl, es iſt viel leichter, Schlangen zu bändigen als Herzen, und doch haben beide ſo viel Aehnliches!“ „Pfui, Major!“ rief Sophia.„Wie wollen Sie das beweiſen?“ „O, ich könnte hundert Aehnlichkeiten finden!“ ant⸗ wortete Ombrazowitſch.„Aber ich will mich mit der einen begnügen: beide ſind aalglatt und entſchlüpfen in dem Moment, in dem man ſie gefangen glaubt!“ „Und doch ſehen Sie, wie die Schlange demjeni⸗ gen gehorcht und folgt, der ſie zu bändigen weiß!“ ſagte Sophia mit einem Tone, der abermals das Blut aus den Wangen Daniel's trieb. „Es kommt nur darauf an, wie lange es währt“, ſagte der Major lachend, und die Geſellſchaft ſetzte ihren Weg fort. Man achtete anſcheinend nicht mehr auf die Schlange Plötzlich aber trat Daniel zurück, und in dem Moment, in welchem der Major und Sophia ſich umwandten, ſahen ſie bereits Daniel den Kopf der Schlange zertreten, die vergebens zu fliehen verſucht hatte. Das Thier rollte ſich wild im Laube, verſuchte 67 noch einmal den Kopf zu erheben, dann ſchleuderte es Daniel mit dem Fuß weit in den Park hinein. Ombrazowitſch und Sophia ſtanden faſt erſtarrt. Ein entſetzlicher Jähzorn blitzte in den Augen des Ma⸗ jors und ließ die Adern auf ſeiner markirten Stirn an- ſchwellen. Sophia war bleich vor Entrüſtung. „Aber Prinz— Prinz, weshalb thaten Sie das?“ rief die Gräfin endlich mit zitternder Stimme. „Comteſſe“, antwortete Daniel ruhig, bleich und düſter,„die Schlange war dicht an Ihren Ferſen und erhob den Kopf. Ihr Leben, Ihre Geſundheit galt mir mehr als ein Scherz, eine Gaukelei. Die Verſiche⸗ rung des Majors, daß das Thier unſchädlich ſei, konnte mich nicht abhalten, es zu zertreten. Es war die Mög- lichkeit vorhanden, daß er ſich täuſche, und dieſe Mög⸗ lichkeit genügte mir, zu thun, wie ich thun mußte.“ „Ich danke Ihnen, Prinz!“ ſagte Sophia ſo kalt, daß es faſt wie Hohn klang. Und dann, mit einer Stimme, deren Bewegung ſich faſt dem Weinen näherte, fügte ſie hinzu:„Ein ſo ſchönes, ſo anmuthiges Thier! Vor wenigen Minuten noch entzückte es mich, und nun—“ Sie brach kurz ab und wandte ſich züm Gehen. Ombrazowitſch hatte ſeinen Jähzorn niedergekämpft, aber in ſeinen hellgrauen Augen blitzte es noch drohend und unheimlich. 68 „Schade!“ ſagte er.„Sie waren zu vorſichtig, Fürſt! Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß es eine ganz unſchädliche Natter war. Sonſt würde ich ſelbſt an die Gefahr, die möglicherweiſe der Comteſſe drohen konnte, gedacht haben. Nun, im Grunde iſt nichts daran gelegen. Sie haben geglaubt, der Comteſſe einen Dienſt zu erweiſen.“ „Ja, das glaubte ich“, antwortete Daniel kurz. „Und in ähnlichen Fällen würde ich ähnlich handeln.“ Die Geſellſchaft ging dem Schloſſe zu. Es wollte ſich kein fließendes Geſpräch wieder anknüpfen laſſen. Sophia war ſichtlich verſtimmt; Daniel erhielt auch nicht einen einzigen Blick. Der Major war faſt der Einzige, der ſprach, meiſt über ſehr gleichgültige Dinge. Es war ſpät am Nachmitage, als man das Schloß betrat. Sophia hatte gewünſcht, daß die Herren irgend eine Erfriſchung nehmen möchten, ehe ſie das Schloß verließen. Die Herren begaben ſich in das Speiſezimmer, in welchem ihnen ein leichtes Mahl aufgetragen wurde. Sophia erſchien bald wieder bei ihnen. Sie war heiterer ge⸗ worden, doch ſprach ſie faſt nur mit dem Major. Plötzlich lachte Daniel laut auf. Der Major, der ſich ſo eben ein wenig erhoben hatte, um ein Glas zu nehmen, das Sophia ihm reichte, und auch die Gräfin ſahen ihn verwundert an. 69 „Verzeihen Sie!“ ſagte Daniel, ſein Lachen, das eigenthümlich ſpöttiſch klang, auch jetzt kaum unter⸗ drückend.„Mir kam eben eine ſehr lächerliche Idee! Ich bitte nochmals um Verzeihung.“ Sophia und der Major ſahen ſich an, als wollten ſie ſich fragen:„Iſt dieſer Mann toll geworden?“ Eine Uhr, welche die fünfte Stunde ſchlug, erinnerte den Ma⸗ jor daran, daß er ſchnell aufbrechen müſſe. „Begleiten Sie mich, Fürſt?“ fragte Ombrazowitſch. „Wir können eine Stunde zuſammen reiten!“ „Ich bedaure“, antwortete Daniel.„Ich muß Nina ſprechen, mit der ich über einige Sachen von Wich⸗ tigkeit zu reden habe.“ „Mir aber werden Sie es verzeihen, wenn ich in⸗ zwiſchen auf mein Zimmer gehe“, ſagte Sophia.„Ich habe Kopfweh; ich fürchte, die Luft war mir zu rauh.“ „Gewiß, Comteſſe“, ſagte Daniel.„Ich werde Sie doch nicht zwingen, ſich mit mir zu langweilen? Ich werde mir den Inſpector rufen laſſen und mit ihm Billard ſpielen!“ „Vortrefflich!“ ſagte Sophia heiter.„Die Män⸗ ner ſind nie verlegen, wie ſie ſich amüſiren ſollen!“ Der Abſchied Sophia's von dem Major war ein ſehr vertraulicher, faſt herzlicher. Es ſchien, als habe dieſer Tag die Beiden einander ſehr genähert. Daniel bemerkte es, aber es blieb trotzdem ein Lächeln auf ſei⸗ nen Zügen, gleichſam eine Erinnerung jenes Lachens, das er ſo plötzlich aufgeſchlagen. Sophia ſchien befrem⸗ det darüber. Bisher hatte ſie den Fürſten nur düſter und mürriſch geſehen, ſobald ſie gegen den Major freund⸗ lich war. Sie verdoppelte alſo dem letztern gegenüber ihre Freundlichkeit. Aber auch das reizte den Fürſten nicht. Er ſchien wie umgewandelt, heiter, wie ſie ihn ſelten geſehen. Sie würde dieſe Aenderung verſtanden haben, wenn Daniel die Hoffnung hätte hegen dürfen⸗ mit Sophia allein zu bleiben, aber nach den Worten, die darüber gewechſelt worden, war es unmöglich, daß er hoffen konnte, die Gräfin werde ihm Geſellſchaft leiſten. Der Major hielt ſchon den Thürgriff in der Hand, als ſich Daniel Garika ihm noch einmal näherte. „Alſo jene Schlange war wirklich ungefährlich?“ fragte er. „Ich glaube es verſichern zu können“, antwortete der Major etwas befremdet. „Und läßt ſich vielleicht ſogar zähmen, nicht nur bändigen?“ fragte Daniel. „Wohl möglich“ antwortete der Major, die Thür öffnend. „Wie heißt ſie doch gleich?“ fragte Daniel ſchein⸗ bar wißbegierig. — 71 „Ich glaube, es war Coluber sauromates“, ant⸗ wortete Paul Ombrazowitſch.„Doch kann ich mich irren!“ „Ich danke verbindlichſt!“ antwortete Daniel höf- lich.„Es thut mir wirklich leid, das arme Thier zer⸗ treten zu haben!“ Der Major ſah ihn ſeltſam verwundert an und berließ dann das Zimmer. Als er außer Hörweite ſein mußte, ſchlug Daniel daſſelbe tolle Lachen auf. Sophia, die ſich bereits an der entgegengeſetzten Thür des Zim⸗ mers befand, um es zu verlaſſen, blickte zornig zurück. „Fürſt, Ihr Betragen iſt heute faſt beleidigend!“ rief ſie zu ihm herüber. „Comteſſe“, rief Daniel, ſich zum Ernſt zwingend. „Comteſſe, ein einziges Wort. Ich will Sie nicht auf⸗ halten. Ich will Ihnen nur ſagen, daß es mir leid thut, die Natter getödtet zu haben. Ich werde es in einem ähnlichen Fall nicht wieder thun; ich weiß nun, daß dieſe Art unſchädlich iſt!“ „Nun gut, Sie konnten das auch vorher glauben; der Major verſteht ſich auf ſolche Dinge!“ antwortete die Gräfin, und ſie zögerte ein wenig, als ſei ſie doch neugierig, den Grund von dem Lachen Daniel's zu er⸗ fahren. „Ja, aber ich wußte nicht, daß er ſich ſo gut dar⸗ auf verſtände!“ ſagte dieſer.„War es nicht wunderbar, wie die Schlange ſeinem Willen folgte? Ich fürchte, er verſteht Herzen ſo gut abzurichten wie Schlangen!“ „Abzurichten? Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Sophia. „Mein Gott, ganz einfach!“ antwortete Daniel. „Der Herr Major, der mit allerlei Leuten— weiß der Himmel, beinahe hätte ich geſagt, Geſindel— verkehrt zu haben ſcheint, hatte die Schlange gezähmt. Er trug ſie in einer Blechbüchſe bei ſich. Ich ſah die Büchſe in ſeiner Taſche, als er ſich erhob, um das Glas zu neh⸗ men, das Sie ihm reichten. Auf mein Wort— es thut mir jetzt unendlich leid um das gelehrige und ſchöne Thier. Es iſt ein Verluſt für ihn! Zu wie ſchönen Beluſtigungen hätte ihm ſein Zögling noch dienen kön⸗ nen! Daß ich auch nicht früher auf die Idee kam! Ich ſah in ſeiner Wohnung einige ſolcher Büchſen, und er ſelbſt ſagte mir, ſie dienten zur Aufbewahrung lebendiger Schlan⸗ gen. Deshalb machte er ſich auch im Dickicht zu ſchaffen.“ Und wieder brach er in ein tolles, diesmal auch höhniſches Gelächter aus. Sophia ſtand erblaßt an der Thür. Die Wahr⸗ ſcheinlichkeit der Behauptung Daniel's lag auf der Hand. Das gerade erbitterte ſie. Getäuſcht worden zu ſein und Daniel Zeuge einer ſolchen Täuſchung— das ſchmerztel „Fürſt!“ rief ſie kalt und verächtlich,„Sie nehmen zu Kunſtgriffen Ihre Zuflucht, die faſt ebenſo niedrig ſind, als diejenigen des Majors wären, wenn er ſie ge⸗ braucht hätte! Warum haben Sie dabon nicht geſpro⸗ chen, als der Major zugegen war? Es iſt wahrlich leicht, einen Abweſenden zu verleumden!“ „Comteſſe!“ rief Daniel ernſter,„ich ſchwöre Ihnen, er trug eine ſolche Kapſel in ſeiner Taſche. Hätte ich vorher eine Ahnung von dieſem Betruge gehabt— ja, von dieſem Betruge, ein ſolcher iſt es!— ſo hätte ich das Thier nicht getödtet, das dicht an Ihrer Ferſe war, ſondern den Moment abgewartet, in dem er es wieder einfing, und dann hätte ich ihn erbarmungslos bloßge⸗ ſtellt. Aber mit der leeren Kapſel konnte er leugnen — er iſt nie verlegen um Ausreden! Und wozu ſoll ich ihn reizen? Es iſt genug, wenn Sie es wiſſen und ihm künftig ſchärfer auf die Finger ſehen können!“ „Fürſt, ich danke Ihnen für dieſe artige Erklä⸗ rung!“ antwortete Sophia ſpöttiſch.„Sie beweiſt, daß Sie mehr Phantaſie beſitzen, als Sie mir bisher ge⸗ zeigt haben. Adieu, Fürſt!“ „Comteſſe!“ rief Daniel, und mit einem einzigen tigerhaften Sprunge war er an ihrer Seite und ergriff ihre Hand— ſein dunkles Auge funkelte und ſeine Lip⸗ pen bebten—„Comteſſe, Sie müſſen mir Rechenſchaft geben, Sie müſſen! Weshalb glauben Sie dieſem Abenteurer, dieſem Betrüger mehr als mir? Weshalb beleidigen Sie mich, indem Sie ihm vertrauen? Heute will ich Ihre Antwort jetzt, in dieſer Minute! Iſt eine wahnſinnige Liebe, iſt eine hingebende Aufopferung, ein alter und berühmter Name, ein Leben ohne Makel nicht im Stande, es mit den Künſten eines Gauklers aufzunehmen? Ich bin dieſes Spiels müde, Comteſſe! Er oder ich! Es wird mir ſchwer, dieſe Worte auszu⸗ ſprechen. Ich verachte dieſen Menſchen; ich ſollte auch Sie haſſen, weil Sie mich in die Lage verſetzen, ſein Rival zu ſein. Doch ich habe Alles bisher für ein Spiel Ihrer Koketterie gehalten, ich glaubte an Ihr Herz, wenn es auch mit mir ſpielte Aber ich bin es müde, in Ge⸗ genwart dieſes Menſchen gedemüthigt zu werden. Wenn Sie mich nicht lieben, ſo ſagen Sie es, und ich weiß, wo ich Erſatz zu ſuchen habe. Aber wenn Sie mich lie⸗ ben, ſo will ich dieſen Mann, gerade ihn, aus Ihrer Nähe entfernt wiſſen, denn er handelt nicht ehrlich. Er gebraucht Mittel, mit denen kein Mann gleichen Schritt halten kann, dem die Liebe das Herz und den Kopf durchglüht. Ich verſtehe es nicht, mit kalter Berechnung eine Kokette zu erobern!“„ Die Gräfin war anfangs erbleicht; dann hatte ſie ihn ſtarr angeblickt, der Schrecken verlor ſich aus ihren 75 Zügen; es zeigte ſich etwas wie Theilnahme in ihnen. So hatte Daniel nie zu ihr geſprochen, ſo— um einen Lieblingsausdruck der Frauen zu gebrauchen— intereß ſant war er ihr nie erſchienen. Es blitzte Feuer und Kraft in ihm auf. Der träge Enkel eines Königsgeſchlechts ſchien ſich noch einige Tropfen Heldenblut bewahrt zu haben. „Fürſt“, ſagte ſie ruhig,„laſſen Sie vor allem meine Hand frei; Sie zerbrechen ſie!“ „Gut!“ ſagte Daniel.„Aber ich muß um jeden Preis eine Antwort haben!“ „Ich verzeihe Ihnen Ihre maßloſe Kühnheit nicht“, fuhr Sophia fort,„aber ich werde ſie verſchweigen. Wir ſind Verwandte und ich möchte nicht, daß Michael ſich mit Ihnen entzweite. Sie verlangen eine Antwort. Welche? Ob ich Sie liebe? Ich weiß es nicht. Ob ich den Major liebe? Ich glaube es nicht. Sie haben kein Recht, mich mehr zu fragen. Ich habe nie ein Wort zu Ihnen geſprochen, daß Sie berechtigen könnte, mir die Freiheit meines Willens zu rauben. Ich werde den Ma⸗ jor ſehen, ſo oft es mir gut dünkt. Ich bin ein Gaſt in dieſem Hauſe und würde es berlaſſen, wenn man meinen Willen einengen wollte; aber das wird man nicht thun. Ich habe keine andere Antwort für Sie, Prinz! Sie müſſen ſich damit begnügen und mögen thun und laſſen, was Sie wollen.“ 76 „So lieben Sie mich nicht, Sophia?“ fragte Daniel, der ſie bei jedem Satze hatte unterbrechen wollen und deſſen Lippen vor Bewegung bebten. „Ich weiß es nicht“, antwortete Sophia. „So werden Sie auch nicht meine Gattin werden?“ fragte der Fürſt. „Ich werde Ihre Hand annehmen, ſobald ich weiß, daß ich Sie liebe!“ antwortete Sophia. Daniel ſtand eine Minute ſtumm und bleich; die Gräfin erwiderte kühn ſeinen faſt drohenden Blick. „Das iſt eine ausweichende, alſo verneinende Ant⸗ wort!“ ſagte er dann mit ſchwerer Stimme. „Ausweichend und verneinend, wie Sie wollen!“ antwortete Sophia.„Ich kann ſie nicht anders geben. Ich werde mich nicht binden, bevor ich nicht meines eige⸗ nen Gefühls ſicher bin. Im Uebrigen verlange ich, daß Sie in meiner Gegenwart achtungsboll von dem Major ſprechen. Er hat ſich mir ſtets als ein Mann von Ehre gezeigt, und ehe Sie Beſchuldigungen gegen ihn ausſpre⸗ chen, müſſen Sie die Beweiſe dafür beſitzen. Adieu, Fürſt! Wenn dieſe Scene nicht die letzte derartige ge⸗ weſen iſt, ſo verlaſſe ich Dari und verbiete Ihnen e wo es auch ſei, den Zutritt zu mir!“ „Comteſſe!“ rief Daniel faſt ſchmerzlich,„Sie trei⸗ ben mich zum Aeußerſten!“ — „Ich folge nur Ihrem Beiſpiel!“ antwortete Sophia. „Ein Mann ſollte ſo viel Achtung vor einer Frau ha⸗ ben, daß er eine Erklärung erſt dann verlangt, wenn er der Gegenliebe ſicher iſt, oder daß er ſich wenigſtens in ehrerbietigen Ausdrücken erklärt. Sie thuen Beides nicht. Deshalb, Fürſt, werden Sie es verzeihlich finden, wenn ich von jetzt an eine vorſichtigere Haltung Ihnen gegen⸗ über annehme. Es gibt, wie es ſcheint, Männer, denen man kein Vertrauen beweiſen darf, ohne daß ſie nicht anmaßend würden!“ „Sophia!“ rief Daniel.„Sie entſtellen, Sie über⸗ treiben! Wie oft haben Sie mich glauben laſſen, daß Sie mich lieben! Wie oft haben Sie meine Erklärung herausgefordert! Sie wiſſen, alle, die uns'kennen, betrach. ten uns bereits als Verlobte—“ „Das iſt nur ein Zeichen, wie oft die Welt ſich täuſcht, und wie oft Männer ſich durch ihre Eitelkeit verblenden laſſen, mehr zu ſehen, als ſie ſehen ſollten!“ unterbrach ihn Sophia kurz.„Noch einmal, Fürſt, jede ähnliche Scene muß zu einem vollſtändigen Vruch zwiſchen uns führen. Seien ſie vernünftig, ſeien Sie be⸗ ſonnen; daraus werde ich erſehen, daß Sie mich wirk⸗ lich achten, und dann wird die Zeit vielleicht auch nicht fern ſein, in der ich wirklich weiß, ob ich Sie liebe!“ Sie ſagte das Letztere mit einem ſo plötzlichen 78 Uebergang vom kalten Ernſt zur ſcherzenden Koketterie, ihre Augen warfen plötzlich einen ſo glänzenden, aufmun⸗ ternden und zugleich zärtlichen Blick auf Daniel, daß dieſer abermals ihre Hand ergreifen wollte. Aber bereits hatte ſie die Thür geöffnet und verſchwand in derſelben. Noch lange ſtand Daniel auf derſelben Stelle. Das alſo war der Erfolg dieſes Tages geweſen! Endlich raffte er ſich auf, verlangte ſogleich nach ſeinem Pferde und ritt zurück nach Garika, langſam, denn die Dunkelheit gebot Vorſicht. Oft knirſchte er mit den Zähnen vor Zorn und nannte ſich einen Schwäch⸗ ling; dann wieder lächelte er und das Herz klopfte ihm ſtärker, denn er ſah ihren verheißenden, glühenden Blick. Spät langte er in Garika an, ſo klug, ſo ent⸗ ſchloſſen, ſo einig mit ſich ſelbſt wie immer! —,——— I. Die Vegegnung. Es war ungefähr eine Woche ſpäter, um die Mitte des Decembermonats, als Maſter George oder Giorgi, wie man ihn in ſeiner Heimat Garika genannt haben würde, in das ärmliche Zimmer eines niedrigen Hau⸗ ſes trat, das am Fuße des Forts von Tſchefketil oder St. Nikolai lag. Es war bereits Dämmerung, und Johnnh, der in einer Ecke auf einer Kiſte ſaß und ſeine Pfeife mit echt türkiſchem Tabak rauchte, der ihm aber kaum ſo gut mundete, wie ſein altengliſcher Shag, ſtand auf und ließ ein mächtiges Wer da? vernehmen. Im nächſten Augenblick aber erkannte er ſeinen jungen Herrn und hieß ihn freudig willkommen. George reichte ihm herzlich die Hand. Johnny zündete eine kleine Lampe an, unſern Küchenlampen ähnlich. „Nun ſetzen Sie ſich, Maſter George!“ ſagte er, auf die Kiſte deutend und eine andere für ſich ſelbſt aus 80 einem Winkel ziehend.„Freut mich von Herzen, daß Sie wieder da ſind! Kann ich mit etwas aufwarten? Rum, Thee, geräuchertes Fleiſch, das iſt Alles, was ich habe! Es gibt hier nicht viel, Maſter George! Und was es gibt, kann man weder eſſen noch trinken!“ George hatte ſich im Zimmer umgeſehen. Der ſünge Mann trug die Spuren einer längern Reiſe, aber ſein Ausſehen war gut. Die Bewegung, die Abwechſelung des Lebens ſchien ihm heilſam geweſen zu ſein. Bereits zeigte ſich jener bräunliche Anflug auf ſeinen Wangen, der einem männlichen Geſicht ſo gut ſteht. Johnnh bemerkte das auch und winkte George freundlich zu. „Sehen ganz gut aus, Sir!“ ſagte Johnny.„Be⸗ kommen Farbe! Nun, etwas Rum?“ George bat um Thee und Fleiſch, da er vom Mor⸗ gen an nichts gegeſſen, und Johnny fing an, den Thee⸗ auf der Maſchine, die man für dieſen Zweck mitgenom⸗ men, zu bereiten. „Du haſt Dich ja hier ganz traulich eingerichtet!“ ſagte George.„Vor acht Tagen ſah es noch greulich in dieſer Bude aus. Du biſt unbezahlbar, Johnny— überall weißt Du zu helfen!“ „Hab's von Mr. Hywell gelernt— der ver⸗ ſteht's im Großen!“ antwortete Johnnh und lachte gut⸗ müthig, als er ſeine Blicke durch das Zimmer ſchweifen 81 ließ, das trübſelig und öde genug ausſah, aber vor acht Tagen freilich nichts als die nackten und zerriſſenen Wände gezeigt hatte.„Sehr comfortable hier!“ fügte er ſcherzend hinzu.„Ein Salon für Miß Mary!“ „Lieber Johnny, wir wollen Gott danken, wenn Miß Mary ein ſolches Zimmer hat!“ ſagte George. „Ich bringe ſchlechte Nachrichten!“ Johnny huſtete und machte ſich mit dem Theege ſchirr zu ſchaffen. „Nur zu, Sir!“ ſagte er dann.„Wird hoffentlich nicht ſo ſchlimm ſein!“ George erzählte. Als er nach ſtürmiſcher, aber ſonſt ungefährdeter Fahrt das von den Türken eroberte Tſchef⸗ ketil an der ruſſiſch⸗türkiſchen Grenze erreicht und dort erfahren, daß für den Augenblick in den Kaukaſusländern Alles ruhig, auch für die Dauer des Winters keine Be⸗ wegung Schamyl's zu erwarten ſei, hatte er ſich ſchnell entſchloſſen vor allen Dingen Nachrichten über Mr. Hy⸗ well einzuziehen. Er hatte ein Pferd gekauft, einen Füh⸗ rer genommen und war nach Kars aufgebrochen. Johnny war in Tſchefketil zurückgeblieben. Von Kars hatte ſich George nach Erzerum gewandt und war von dort nach dem Fort Tſchefketil zurückgekehrt. Er hatte die Reiſe in faſt unglaublich kurzer Zeit gemacht und ſein Pferd da⸗ bei zu Grunde gerichtet. Trotzdem hatte er nichts Be⸗ Mitzelburg, Der Held von Garika. 1. 6 82 ſtimmtes erfahren. Wohl aber hatte er an beiden Orten vernommen, daß die Kurden an der perſiſchen Grenze ſehr unruhig ſeien und daß mehrere Karawanen von ihnen geplündert worden. Ein Gerücht wollte ſogar von vornehmen Engländern wiſſen, die bei einem ſolchen Ueberfall gefangen oder getödtet worden, und in Etze- rum zeigte man George mehrere Gegenſtände, die von Kurden verkauft worden und unzweifelhaft in England gearbeitet waren, auch von längerem Gebrauch zeigten. Das war aber auch Alles. Es blieb alſo, wie George dem aufmerkſamen Johnny auseinanderſetzte, nichts übrig, als den Verſuch zu machen, den Weg nach Tauris ſo weit, als dies unter den jetzigen Umſtänden nur irgend möglich ſei, zu verfolgen, womöglich Tauris, die Haupt⸗ ſtadt des nördlichen Perſien, in der die Wege nach Ruß⸗ land und der Türkei ſich trennen, zu erreichen und bei den dort wohnenden Engländern genauere Erkundigungen einzuziehen. George hatte ſich genau davon unterrichtet, wie dieſe Reiſe unternommen werden müſſe. Man hatte ihm gerathen, ſehr einfach zu reiſen, jeden Prunk zu meiden, um die räuberiſchen Kurden nicht anzulocken, einen zuverläſſigen Führer zu nehmen und ſobald als möglich aufzubrechen, da die Gegend während des Win⸗ ters verhältnißmäßig ruhig und ſicher ſein werde. „Ich für mein Theil bin entſchloſſen“, ſagte George. „ 83 „Willſt Du mich begleiten, Johnny, oder willſt Du mich hier erwarten?“ „Was iſt Ihnen lieber, Sir?“ fragte der Eng⸗ länder. „Natürlich Deine Begleitung“ ſagte George. „Nun, dann gehe ich mit Ihnen!“ rief Johnny energiſch.„Es iſt hier verdammt langweilig. Indeſſen, wenn Sie es verlangten und für beſſer hielten, ſo wollte ich hier ſchon noch ein Jahr lang ſitzen und mir die phlegmatiſchen türkiſchen Schildwachen oben auf dem Fort und das unruhige Meer anſehen, aber lieber iſt es mir, mit Ihnen Mr. Hywell aufzuſuchen. Haben wir denn keinen Conſul bei den Kurden?“ George ſchüttelte lächelnd den Kopf und ſetzte ihm auseinander, daß die Kurden ein unciviliſirtes Volk an der türkiſch perſiſchen Grenze ſeien, das faſt unabhängig auf ſeinen Bergen lebe und neben etwas Viehzucht viel Räuberei treibe. Wenn Mr. Hywell wirklich von ihnen gefangen, und nicht— was freilich nicht unmöglich, aber doch immer nicht wahrſcheinlich ſei— bei der Verthei- digung getödtet wäre, ſo werde man ihn, wie ſchon Mr. Wiedenburg in Sinope angedeutet habe, in einem kurdiſchen Dorfe feſthalten und Boten ausſenden, um womöglich ein Löſegeld für ſeine Freilaſſung zu erhal⸗ ten. Die türkiſchen Behörden um Schutz anzurufen, ſei 84 ſchon im Frieden eine ſchwierige Sache; jetzt, wo die Türken der kurdiſchen Reiterei gegen die Ruſſen bedürf⸗ ten, verſpreche eine ſolche Einmiſchung gar keinen Er⸗ folg. Auch ſei es möglich, daß der Ueberfall von per⸗ ſiſchen oder ganz unabhängigen Kurden verübt worden; denn von vielen Stämmen dieſer nomadiſirenden Völ⸗ kerſchaft wiſſe man kaum, unter welche Oberhoheit man ſie rechnen ſolle. Trotz ſeiner Ermüdung traf George noch an dem⸗ ſelben Abend die nöthigen Maßregeln, um im Laufe des nächſten Tages aufbrechen zu können. Ein gutes Pferd für George, ein frommes Thier für Johnny, der noch ſehr ſelten auf dem Rücken eines Pferdes geſeſſen, wur⸗ den gekauft. An Decken, Waffen und was ſonſt zur Reiſe nöthig, war kein Mangel. Ein Führer ſollte erſt von Erzerum aus genommen werden, da George jetzt den Weg bis dorthin kannte. Das zurückbleibende Ge⸗ päck wurde der Obhut eines Armeniers anvertraut, auf deſſen Zuverläſſigkeit George bauen zu können ſchien. Dann legte ſich George auf das Lager, das ihm Johnny mit väterlicher Sorgfalt bereitet hatte Johnny weckte den todmüden jungen Mann nicht. Es war faſt Mittag am andern Tage, als George erwachte. Eine Stunde darauf ſaßen die beiden Männer im Sattel und ritten die Straße nach Erzerum. George wählte * 85 dieſe, obgleich ſie von Tſchefketil aus die längere war, weil er immer noch hoffte, er werde in Erzerum etwas über Mr. Hywell hören oder ihm ſelbſt begegnen. Wieder war faſt eine Woche vergangen, Weihnach⸗ ten war nahe, der Winter hatte ſich empfindlich fühlbar gemacht, und Johnny ſaß bereits ganz ſtattlich auf ſeinem überaus gutmüthigen Pferde, als George und ſein Ge⸗ fährte, begleitet von einem armeniſchen Führer, die Ka⸗ rawanenſtraße verfolgend, die über Bajazid nach Tauris führt, an einem kalten, trüben Morgen langſam den Abgang eines Berges hinaufritten. Auf der Spitze deſ⸗ ſelben zeigte ihnen der Führer die Richtung in welcher der heilige Berg Ararat mit ſeinen beiden Spitzen liege, den man bei gutem Wetter vollkommen klar ſehen könne. Heute aber lag in iener nordöſtlichen Richtung nur eine graue Schneewolke. „Trübe Ausſicht!“ ſagte George zu Johnny und dachte mehr an Mr. Hywell und Marh als an den Ararat. „Segel in Sicht!“ rief Johnny, der dieſen Aus⸗ druck auch zu Lande liebte, und deutete die Straße entlang. Ein Reiter war auf dieſer Straße ein Ereigniß. Denn obwohl in der Nähe die Türken mit den Ruſſen 86 kämpften, ſo war die Straße doch einſam. Es zogen wenig Truppen nach Bajazid, wo die türkiſche Armee meiſt aus Kurden beſtand; der Karawanenverkehr war ſo gut wie vernichtet. So vergingen oft Stunden und halbe Tage, ehe man eines Reiſenden anſichtig wurde. Es war ein ermüdender Weg, durch öde Gebirge, in denen ſelten ein freundliches Thal das Auge erquickte, über kalte, einförmige Hochebenen. Jetzt verlieh der Winter der ganzen Landſchaft einen noch trübern Cha⸗ rakter. Kein Wunder alſo, wenn George und Johnnh und ſelbſt der Armenier etwas ſchneller ritten, um die Reiſenden in Augenſchein zu nehmen, vielleicht einige Worte mit ihnen zu wechſeln. Es waren zwei Reiter, ein Reiſender und ein Füh⸗ rer, und George glaubte ſchon von fern in dem einen von ihnen einen Europäer zu erkennen. Seine Tracht war freilich ſeltſam genug, aber an eigenthümliche Zu⸗ ſammenſtellungen der Anzüge wird man im Hrient leicht gewöhnt. Saß doch lauch George, in eine große Decke gehüllt, auf ſeinem Pferde, und Johnny trug eine Art Pelzrock zu ſeinem Seemannshut. Der Anzug jenes Rei⸗ ters war aber nicht nur abenteuerlich, ſondern auch zer⸗ riſſen und beſchmuzt; er ſchien aus einer Menge der verſchiedenſten Kleidungsſtücke zuſammengewürfelt zu ſein. Als George näher kam, ſah er, daß der Reiter die Füße V 87 mit Tüchern umwickelt hatte, um die zeriſſenen Beinklei⸗ der zu verbergen und ſich gegen die Kälte zu ſchützen. Trotzdem ſaß er ſtolz und zuverſichtlich im Sattel und ſchien ſeinerſeits George und Johnny aufmerkſam zu muſtern. Er trug einen dunklen Vollbart, doch ſchienen Backen und Kinnbart von jüngerem Urſprunge zu ſein als der ſtarke Schnurrbart. Als die Reiter dicht bei einander waren, wechſelten die Führer einige Worte, und der Armenier ſagte zu George, der Reiſende ſei ein Franke. Das iſt im Orient die allgemeine Benennung für die Fremden. Darauf grüßte George in europäiſcher Manier und ſprach den Fremden in franzöſiſcher Sprache an; er fragte ihn, woher er komme, wie weit es bis zum nächſten größern Orte ſei. Der Fremde, deſſen braunes Auge fortwäh⸗ rend aufmerkſam auf George und Johnnh ruhte, ant— wortete in geläufigem Franzöſiſch, das jedoch nicht ſeine Mutterſprache zu ſein ſchien; dann fragte er, welche Befehlshaber in Erzerum commandirten. George nannte dieſelben; die Hauptführer der türkiſchen Truppen be⸗ fänden ſich jedoch nicht in der Stadt, ſondern an der ruſſiſch⸗türkiſchen Grenze. Darauf fragte der Fremde, wie es mit Sinope ſtehe, ob es durch das Bom⸗ bardement viel Schaden gelitten. George berichtete, was er damals geſehen. Er erwähnte dabei, daß 88 er in dem Hauſe eines deutſchen Herrn Zuflucht ge⸗ funden. „Eines deutſchen Herrn?“ rief der Fremde lebhaft. „Sollte es der Zufall gewollt haben— Sinope iſt ja eine kleine Stadt— daß Sie einen Herrn Wiedenburg geſehen oder geſprochen?“ „Wiedenburg!“ rief jetzt George ſeinerſeits mit ſtürmiſcher Lebendigkeit.„Um des Himmels willen, Sie ſind doch nicht der Verwandte, den er erwartete mit Mr. Hywell und Mary?“ „Der bin ich! Und er lebt?“ „Er lebt! Aber Mr. Hywell und ſeine Tochter, wo ſind ſie? Ich bin ſein Pflegeſohn!“ „Ja— Mr. Hywell— das iſt eine traurige Ge⸗ ſchichte! Der alte Eiſenkopf wollte nicht hören, und wählte den Weg nach Bajazid, ſtatt nach Eriwan!“ „Und nun?“ rief George bleich vor Erwartung. „Nun iſt er mit ſeiner Tochter gefangen bei den Kurden, und ich ſelbſt habe mich aufgemacht, um zu ſehen, ob Hülfe für beide zu finden iſt“, antwortete Wiedenburg.„So ſind Sie alſo Mr. George, den Mr. Hywell in Konſtantinopel oder Sinope zu finden hoffte. Nun, Sir“, fügte er hinzu, in die engliſche Sprache übergehend,„es freut mich von Herzen, Sie zu finden! Sie glauben nicht, wie wohl es mir thut, zu 89 wiſſen, daß Mr. Hywell's Schickſal nun nicht mehr allein auf meinem Beiſtand beruht. Denn wie leicht kann ſo ein Kurde—“ „Gott verdamme das Volk!“ rief Johnny, der jetzt mit weitgeöffneten Augen geſpannt lauſchte. „Ja, das mag er!“ ſagte Wiedenburg beifällig nickend.„Wie leicht kann ſo ein Schurke einem aus ſeinem feigen Hinterhalt hervor das Lebenslicht ausblaſen! Willkommen denn!“ Und er reichte George, deſſen Wangen vor Aufre⸗ gung glühten, die Hand, die dieſer freudig ergriff. Er reichte ſie auch Johnny, der ſie vertraulich derb ſchüt⸗ telte und für den Augenblick nichts zu ſagen wußte als: „Doch wohl, Mr. Hywell? Ich hoffe es! Und Miß Marh doch auch geſund?“ „Wollen's hoffen!“ ſagte Wiedenburg.„Und nun, Mr. George, zurück ins nächſte Dorf, das kaum drei⸗ tauſend Schritte hinter mir liegt! Wir müſſen einen Kriegsrath halten. Gott ſei Dank, daß ich endlich mit einem Menſchen und nun gar mit einem Freunde über dieſes Unglück ſprechen kann!“ Er rief dem Führer einige Worte zu und ritt dann neben George die Straße zurück. Aber ſo groß war die Erregung der Beiden, daß ſie auch nicht ein einziges Wort mit einander ſprachen, bis ſie das Dorf und in 90 dieſem das Haus erreicht hatten, das für den Aufent⸗ halt von Reiſenden und Karawanen eingerichtet war. Karawanſerai iſt der Name für die Räumlichkeiten, die der Reiſende faſt in allen orientaliſchen Städten und namentlich in den Orten, die an einer beſuchten Straße liegen, antrifft und die ihm meiſt zur freien Benutzung geöffnet ſind. In den größern Städten beſtehen ſie oft aus prächtigen Gebäuden, mit einer Menge von Räum- lichkeiten für die Reiſenden, ihre Diener und Pferde; an kleinern Orten ſind ſie natürlich einfacher. Immer jedoch enthalten ſie verſchiedene Räume, in denen die Reiſenden und ihre Thiere ein bequemes Unterkommen finden und oft auch einen kleinen Bazar, in welchem man die noth⸗ wendigſten Lebensbedürfniſſe kaufen kann. Mit den Wirths⸗ häuſern Europas laſſen ſie ſich freilich nicht vergleichen; ſie bieten eben nur ein Obdach. Aber der Reiſende führt auch im Orient Alles, was zur Reiſe gehört, bei ſich: Decken, Teppiche, Kiſſen, Geräthſchaften, oft auch Lebens⸗ mittel. Die Räumlichkeit zum Wohnen befindet ſich un⸗ mittelbar neben dem Behältniß für die Pferde oder Eſel; man kann ſie fortwährend im Auge behalten. In einem ſolchen Raume nun ſaßen George und Edmund Wiedenburg bei einander und ſchauten Johnnh zu, der ſich bereits in die orientaliſche Art zu reiſen ge⸗ funden hatte und jetzt ein Feuer anzündete, um Thee zu 3 kochen. Die große ſtrohumflochtene Rumflaſche fehlte auch nicht, und Johnnh hatte noch einige ähnliche im Vorrath. Als er deshalb ſah, wie Wiedenburg einen faſt begehr⸗ lichen Blick auf die Flaſche warf, reichte er ſie ihm nebſt einem Glaſe dar. „Wohl bekomm's, Sir!“ ſagte er.„Sie ſehen etwas übernächtig aus— da wird's gut thun! Bei dem Kur⸗ denvolk— damn!— mögen Sie wohl keinen vernünf⸗ tigen Tropfen gekoſtet haben. Iſt Jamaika, Sir!“ „Mit Ihrer Erlaubniß!“ ſagte Wiedenburg lächelnd zu George, indem er ſich das Glas zur Hälfte füllte. „Ich glaube wohl, daß ich übernächtig ausſehe, denn be⸗ ſonders gut iſt es mir in der letzten Zeit nicht gegangen. Eine kleine Herzſtärkung dürfte mir nicht ſchaden! Ich habe in den letzten Wochen außer Reis und hin und wieder einem Stiück ſchlechten Hammelfleiſches nichts ge⸗ noſſen, und mit den Getränken ſieht's hier zu Lande kläglich aus. Vor Verzweiflung trinkt man freilich auch gegohrene Milch! Ueberdies fehlte es mir an Geld. Ich mußte ſparſam ſein mit den wenigen Goldſtücken, die ich vor dem Falkenblick dieſer räuberiſchen Kurden ge⸗ rettet!“ „Ihre ganze Erſcheinung ſpricht dafür, daß Sie Leiden erduldet“, ſagte George.„Und wie ich fürchte, iſt es meinem Pflegevater und Miß Mary nicht beſſer 92 ergangen. Doch ich werde ja hören und will mich nicht im voraus mit Gedanken quälen. Stärken Sie ſich, Sir, Sie haben es nöthig! Und dann berichten Sie mir, wie es Ihnen und den beiden Perſonen ergangen, die mir die theuerſten von allen ſind, die ich kenne!“ Johnny beeilte ſich mit dem Thee, und bald dar⸗ auf durchzog auch der Duft des Fleiſches, das der ar⸗ meniſche Führer eingekauft und das er auf einem klei⸗ nen Roſt am Feuer briet, das Zimmer. Der alte Burſche zeigte ſich als ein vortrefflicher Küchenmeiſter, und Wie⸗ denburg war der dankbarſte Gaſt, den man ſich den⸗ ken kann. „Das nenne ich einen glücklichen 5 nach vielen trüben!“ rief er heiter.„Einen Freund gefunden— Nachricht von meinem Onkel— ich nenne ihn ſo, ob⸗ gleich er eigentlich ein entfernterer Verwandter iſt— eine Taſſe guten Thee— eine Hammeleotelette— einen Schluck Rum— verzeihen Sie dieſe Zuſammen⸗ ſtellung, Sir!— das ſind unerwartete Genüſſe, und es iſt mir, als könnte ich jetzt wieder hoffen, daß A gut werden wird!“ „Und hier— zum Nachtiſch!“ ſagte Synh ſchmun⸗ zelnd und zeigte ein Päckchen Cigarren. „Das iſt ein Mann, der an Alles denkt! Sie ſind zu beneiden um einen ſolchen Haushofmeiſter, Mr. Ge⸗ 93 orge!“ rief der Deutſche.„Wahrlich, man lernt die kleinen Annehmlſchkeiten des Lebens ſchätzen, wenn man wochen⸗ lang durch die Berge dieſes berwünſchten Landes geirrt iſt, und ſie erhöhen die Annehmlichkeiten der Seele!“ Er ſagte das heiter und froh, überhaupt deutete ſein heller Blick, ſeine freie Stirn und der geſammte Ausdruck ſeiner Züge auf einen heitern Charakter, dem jedoch der Ernſt zur rechten Zeit wohl nicht fehlte. George lächelte auch, aber ſeine Miene behielt etwas Trübes. Und das ließ ſich leicht erklären wenn man bedachte, daß die Nachricht über Mr. Hywell und ſeine Tochter immer nur eine verhältnißmäßig gute zu nennen war. Edmund Wiedenburg hatte mit dem beſten Appetit gegeſſen und getrunken und rauchte jetzt mit großem Behagen ſeine Cigarre; Johnnh war leiſe mit dem Ge⸗ ſchirr beſchäftigt, und George ſchien zu harren. „Nun alſo— zur Erzählung!“ rief der Deutſche dann, und ſeine Züge wurden ernſt.„Verzeihen Sie, daß ich ſo lange geſchwiegen, und halten Sie es nicht für Theilnahmloſigkeit, Mr. George. Aber nach ſo vie⸗ len geiſtigen und körperlichen Strapazen verlangt die menſchliche Natur ein wenig Ruhe. Auch habe ich ver⸗ ſucht, meine Erinnerung zu ordnen, um Ihnen einen kur— zen und doch klaren Bericht zu geben. Die Einzelnhei⸗ ten werden Sie ſpäter erfahren, denn wir werden doch 94 wohl beiſammen bleiben und gemeinſchaftlich handeln müſ⸗ ſen. Ich werde ganz ruhig und einfach ſchildern, ohne zu klagen und auf das Geſchick zu ſchmähen, denn das nutzt nichts. Sie ſollen klare Einſicht in die Lage der Dinge erhalten, damit Sie mit mir vereint einen Beſchluß faſſen können. Man gewöhnt ſich zuletzt auch an das Mißgeſchick, und gerade erſt dann, wenn man es ruhig überblickt, darf man hoffen, es zu ändern.“ George bejahte ſtumm. „Bis zu welcher Zeit reichen Ihre letzten Nachrich⸗ ten von Mr. Hywell?“ fragte Edmund Wiedenburg. „Bis zur Zeit, in welcher mein Pflegevater im Be⸗ griff ſtund, Teheran zu verlaſſen“, antwortete George. „Ja, von dort aus ſandte er, glaube ich, ſeinen letz⸗ ten Brief an meinen Oheim“, ſagte der Deutſche.„Nun, dann wiſſen Sie, daß ich ſchon von Calcutta aus, wo ich Mr. Hywell kennen gelernt, mit Ihrem Pflegevater gereiſt bin. Ich muß nach Deutſchland zurücktehren, um dort das Handlungshaus meines Vaters weiter zu führen. Nun wäre der Weg über Suez wohl der kür⸗ zere und ſicherere geweſen, aber mein Wunſch. Perſien und Armenien kennen zu lernen, und zugleich der Ge⸗ danke, in der Geſellſchaft eines ſo ehrenwerthen und erfah⸗ renen Mannes, wie Mr. Hywell iſt, zu reiſen, beſtimm⸗ ten mich, Theil an dem Zuge durch Perſien zu nehmen. —, 95 Und ich hatte es wahrlich nicht zu bereuen. Mr. Hy⸗ well iſt einer der achtbarſten Männer, die mir je im Leben begegnet ſind, Miß Mary die freundlichſte, lie⸗ benswürdigſte Dame, und unſere Reiſe bot, außer eini— gen Unannehmlichkeiten, die ein weiter Weg durch Ge⸗ genden, die oft nur wenig bebaut ſind, mit ſich führt, nur Angenehmes und Belehrendes. In Teheran mußte Mr. Hywell länger verweilen, als er wollte. Die eng⸗ liſche Regierung hatte erfahren, daß Perſien ſich auf Seite Rußlands neige, und wünſchte dem entgegenzu⸗ wirken. Mr. Hywell erhielt die darauf bezüglichen diplo— matiſchen Aufträge, konnte aber nichts ausrichten. Uebri⸗ gens glaubte er nicht an einen baldigen Ausbruch des Kriegs; er war überzeugt, daß Rußland und die Pforte noch unterhandelten und daß es den Bemühungen Frank⸗ reichs und Englands gelingen werde, dieſen Unterhand⸗ lungen eine friedliche Wendung zu geben. Als wir des⸗ halb Anfang September Teheran verließen und nach Tauris aufbrachen, war es ſein feſter Entſchluß, den kürzeſten Weg zur Rückkehr zu wählen und über Bajazid nach Erzerum oder Batum und von dort nach Sinope zu reiſen. Eine Abtheilung perſiſcher Krieger begleitete uns bis Tauris. Hier lauteten die Nachrichten freilich ganz anders als in Teheran. Der Krieg zwiſchen Rußland und der 96 Pforte hatte bereits begonnen. Die Engländer und Amerikaner in Tauris und noch dringender die Perſier und Armenier ſtellten nun Ihrem Pflegebater vor, daß er gut thun würde, über Eriwan nach Tiflis zu reiſen, da das ganze Kurdenvolk, wie ein geſtörter Wespen⸗ ſchwarm, in Unruhe und Aufregung ſei. Aber er be⸗ ſtand auf dem kürzeſten Wege, einmal, weil er, wie er ſagte, ſchon zu viel Zeit verloren, und zweitens, weil ihm, als einem echten Engländer, keine Schwierigkeit unüberwindlich ſchien. Wir verſahen uns mit zahlreicher Dienerſchaft, zogen Erkundigungen über das Verhalten ein, das wir etwaiger Gefahr gegenüber einzuſchlagen hätten, und brachen Ende September von Tauris auf, alle zu Pferde, Miß Mary ebenfalls, aber in einer Art von Palankin, den ihr Vater ſchon in Caleutta für ſie hatte anfertigen laſſen und deſſen ſie ſich auf der ganzen Reiſe bediente; die beiden engliſchen Dienerinnen, die ſie begleiteten, ritten auf frommen Pferden. Nach drei Tagereiſen theilten uns die Führer mit, daß ſie erfahren, die türkiſchen Kurden zögen in großen Haufen nach der ruſſiſch türkiſchen Grenze, und da man wiſſe, daß ſie gern Alles mitnehmen, was ihnen irgend⸗ wie zu nehmen möglich ſei, ſo ſei es vielleicht beſſer, wenn wir umkehrten. Mr. Hywell wollte nichts davon wiſſen; er meinte, die perſiſchen Kurden ſeien nicht beſ⸗ 97 ſer als die türkiſchen, und doch hätte ſich keiner an uns gewagt. Wir ſetzten alſo unſere Reiſe fort. Täglich entfernten ſich jedoch einer oder zwei von unſern Die⸗ nern, um nicht zurückzukehren; ſie fürchteten wahrſcheinlich ein Zuſammentreffen mit den Kurden. Wir waren nicht mehr fern von Bajazid, viel⸗ leicht eine oder zwei Tagereiſen, und ich kann wahrlich nicht ſagen, ob wir uns noch auf perſiſchem oder ſchon auf türkiſchem Gebiet befanden, als wir in einem kleinen Orte anhielten, um Menſchen und Thieren die Mittagsraſt zu gönnen. Es war ein rings von hohen Bergen umgebenes, unbedeutendes Neſt, aber das Kara⸗ wanſerai fehlte nicht, und in dieſem quartierten wir uns für einige Stunden ein. Abermals trat der Dolmetſcher an uns heran und ſagte uns, er habe gehört, es befinde ſich ein Kurdenhaufe— von den ſogenannten unabhän⸗ gigen— in der Nähe und habe auf einer Felſenhöhe vor dem Orte ſein Lager aufgeſchlagen. gleichſam um uns abzuwarten. Mr. Hywell aber antwortete auch dies⸗ mal, daß wir nie vorwärts kommen würden, wenn wir uns durch derartige Vedenken aufhalten ließen. Wir brachen auf. Miß Hywell ſtieg, wie immer, in ihren Palankin, und wir nahmen ſie und das Gepäck in die Mitte. Bei der Muſterung hatten wieder drei perſiſche Diener gefehlt. Mr. Hywell war deshalb entſchloſſen, 7 Miützelburg, Der Held von Gacika. I. 98 ſich in Bajazid eine türkiſche Schutzwache auszubitten, möge es koſten, was es wolle. Ja, wären wir nur erſt dort geweſen! Eine Viertelſtunde hinter dem Orte ſahen wir die Kurdenſchaar auf einer Anhöhe raſten. Wir erriethen ſogleich, daß es türkiſche oder unabhängige Kurden ſeien, denn ſtatt der ſpitzen perſiſchen Lammfellmützen trugen ſie niedrige Filzmützen, die meiſt mit Tüchern umwickelt waren. Die Schaar bot einen Anblick der einen Maler begeiſtert haben würde, mir indeſſen nicht ſonderlich ge⸗ fiel. Es waren abenteuerliche Kerle, manche ganz roth gekleidet, in den verſchiedenſten Trachten, alle zu Pferde und bewaffnet, theils mit Flinten, krummen Säbeln und Piſtolen, theils nur mit langen, ſchweren, lanzenartigen Stangen. Sie hielten ſo ruhig und beobachtend auf ihrer Höhe, daß es uns leicht war, zu errathen, wir ſeien der Gegenſtand ihrer beſondern Aufmerkſamkeit. Unwillkür⸗ lich ritt Mr. Hywell, deſſen Auge ſcharf nach der Höhe hinüberblitzte, in die Nähe ſeiner Tochter, und ich folgte ſeinem Beiſpiel. Die perſiſchen Diener machten ſehr lange Geſichter, nur unſere europäiſchen Diener, vier an der Zahl, zeigten ſich unbeſorgt. Natürlich unterbrachen wir unſern Ritt nicht. Die Straße führte, wie wir bald bemerkten, zu jener Felſen⸗ höhe hinauf und dicht an ihr vorüber. Der Dolmetſcher, 99 ein Armenier, berieth ſich mit Mr. Hywell und gab ihm den Rath, falls einige Kurden ſich näherten, ihrem An⸗ führer einige Geſchenke anbieten zu laſſen. Würden wir angegriffen, ſo ſollten wir keinen Widerſtand leiſten, da er einer ſolchen Ueberzahl gegenüber doch vergeblich ſein würde; er glaube Hakkarikurden in der Schaar zu erkennen und das ſeien von allen Kurden die blutdürſtigſten. Mr. Hywell's Geſicht war ſehr ernſt geworden; die Aufſtellung der Kurden ließ kaum einen Zweifel, daß es auf einen Ueberfall abgeſehen war.„Es iſt mir nicht um mich zu thun“, flüſterte er mir mit einem düſtern Blick zu„aber Mary! Mary!“ Ich verſtand ihn voll⸗ kommen, und da ich Miß Hywell in hohem Grade ach ten und verehren gelernt hatte, ſo wurde auch mir un heimlich bei dem Gedanken an all die Möglichkeiten denen eine junge und ſchöne Europäerin unter dieſem faſt wilden Volke ausgeſetzt ſein konnte. Dann ritt er zu Miß Marh, ſprach angelegentlich einige Worte mit ihr und zog die Vorhänge ihres Pa⸗ lankins dicht zu. Wenn ich ſage Palankin, ſo haben Sie mich wohl verſtanden. In Oſtindien trägt man die Palankins; dieſer ließ ſich jedoch auf einem Pferde be⸗ feſtigen, war aber im Uebrigen, ganz ähnlich einem indi- ſchen, mit Vorhängen, Kiſſen und Armlehnen verſehen, konnte auch, wenn es nöthig war, getragen werden. 100 Darauf ſchickte Mr. Hywell die europäiſchen Die— ner zu den Saumthieren, welche das Gepäck trugen, und befahl ihnen, Jeden, der ſich denſelben nähern würde, niederzuſchießen, vorausgeſetzt, daß er ihnen nicht vorher den Befehl gebe, die Vertheidigung zu unterlaſſen. Wir waren jetzt in einer Linie mit den Kurden, und was ich vorausgeſehen, geſchah. Auf ein gegebenes Zeichen ſetzte ſich die Horde in Bewegung und kam im Trab auf uns zu. Es fielen auch einige Schüſſe, aber wohl nur, um uns einzuſchüchtern. In wenigen Minuten waren wir auf allen Seiten umgeben. Wir mochten im Ganzen etwas über dreißig Perſonen ſein; die Zahl der Kurden betrug wohl mindeſtens das Acht oder Zehnfache. Mr. Hywell und ich hatten die Piſtolen in die Hand genommen. Der armeniſche Dolmetſcher aber rief uns heftig zu, wir möchten um Himmelswillen nicht ſchießen; vielleicht kämen wir mit einer Plünderung davon; wür⸗ den wir gefangen, ſo möchten wir ein Löſegeld bieten. Und damit wandte er ſein Pferd und ſchien fliehen zu wollen, was ich ihm kaum verargen konnte. Mr. Hy⸗ well aber ſtreckte ihm die Piſtole entgegen und ſagte: „Bleibt, guter Freund! Gerade jetzt haben wir Euch nöthig!“ Der Armenier blieb, denn Mr. Hywell's Au⸗ gen, ſo freundlich hell ſie ſonſt auch ſind, können doch zu Zeiten ſehr drohend ausſehen. — 101 Die vielen Pferdehufe hatten den Staub auf den Felſen und auf der Landſtraße ſo ſchnell und heftig auf⸗ gewirbelt, daß er uns wie eine dichte Wolke unzog. Wir konnten kaum zehn Schritt weit ſehen. Mr. Hywell rief den europäiſchen Dienern zu, die Gepäckpferde nä— her zu führen; wir beide nahmen neben Miß Mary Platz, deren Dienerinnen ſich dicht zu ihr gedrängt hatten. Da tauchte plötzlich dicht vor uns eine Kurdenſchaar aus der Staubwolke auf, voran zwei Reiter, deren Geſichter ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde. Von ihrer Tracht will ich ſchweigen— Sie haben ja jetzt wohl ſchon Kurden geſehen— es iſt eine wahre Räubertracht; die Söhne ber Abruzzen ſind idylliſche Schäfer gegen dieſe in die grellſten Farben gekleideten Dämonen. Ich will nur erwähnen, daß in ihren Gürteln wahre Batterien von Piſtolen und krummen Dolchen ſteckten, und daß ihre langen Flinten ihnen faſt wie Spieße über den Kopf wegragten. Es war ein alter und ein junger, Vater und Sohn, beide ſich ſo ähnlich, wie ein al⸗ ter Wolf dem jungen; der alte mit grauſchwarzem Vart, der junge mit wirklich prächtigem, raben— ſchwarzem Bartwuchs, beide mit durchdringenden Luchs⸗ augen und Naſen, die wie Habichtſchnäbel gekrümmt waren; der Alte mager wie ein Gerippe, nur Seh⸗ nen und Knochen, der junge aber in ſeiner Art 102 ein Prachtexemplar, die Galgenphyſiognomie abgerech⸗ net ein ganz kapitaler Burſche. Um mir die allge⸗ meine Benennung zu erſparen, will ich Ihnen ſogleich ſagen, wie ſie hießen, denn dieſe unfreiwillige Bekannt⸗ ſchaft war leider eine dauernde. Der Alte hieß Tamir⸗ Aga, ſein Sohn Kaſchir⸗Aga; der Alte war Häuptling eines unabhängigen Kurdenſtamms, ob der Hakkari⸗ oder Rewandis⸗Kurden, das weiß ich nicht genau, thut auch nichts zur Sache, denn von dieſen beiden Stämmen iſt der eine immer grauſamer, wilder, fanatiſcher und beutegieriger als der andere. Uebrigens verriethen uns ſchon die zahlloſen Shawls, die ſie zu dicken Wülſten um ihre Filzmützen gewickelt hatten, daß es ſogenannte vornehme Kurdenhäuptlinge ſeien. Sie ritten prächtige Pferde. Wie ſie uns muſterten, ihre Flinten im Arm haltend, nun, Mr. George, ſo muß der wilde Luchs ſeine Beute muſtern! Wir hielten die Piſtolen in Schuß⸗ höhe auf dem Hals unſerer Pferde. Dann rief Tamir⸗ Aga einige Worte, die wie das Gurgeln eines Betrun⸗ kenen klangen— ich ſah, wie die Sehnen ſeines nackten Halſes dabei tanzten— und unſer armeniſcher Dolmetſcher ſtieg vom Pferde, neigte ſich demüthig vor dem Kurden und hielt ihm einen ziemlich langen Sermon. Was der Mann geſchwatzt haben mag, weiß ich nicht, er ſah 103 windelweich aus. Tamir⸗Aga gurgelte wieder, und zwar heftiger als vorher. Darauf wandte ſich der Armenier zu uns und ſagte in ſeinem greulichen Franzöſiſch⸗Ita⸗ lieniſch, der Kurde ſei bereit, uns das Leben zu ſchen⸗ ken, aber nichts weiter. Wir ſollten ſeinem Sohne fol⸗ gen, der werde uns an einen ſehr angenehmen und ſichern Ort führen. Dort ſolle über unſer Löſegeld ver⸗ handelt werden. Er beſchwor uns nochmals, keinen Wi⸗ derſtand zu wagen; wir ſeien ja unſer nur ſieben Männer. Und leider war es ſo! Denn als wir uns bei dieſen Worten umblickten, ſahen wir auch nicht mehr einen einzigen von unſern tapfern Perſern. Sie hatten den Reſt der Löhnung, die ihnen noch zuſtand, im Stich gelaſſen und den verhüllenden Staub benutzt, um nach dem nächſten Orte zurückzufliehen. Jetzt wäre Widerſtand allerdings Wahnſinn geweſen. Mr. Hywell knirſchte mit den Zähnen vor Zorn und rief dann nach dem Palankin:„Mary, es iſt Zeit!“ Darauf verhan⸗ delte er mit dem Dolmetſcher. Er bot den Kurden einen Theil ſeines Geldes und ſeiner Waaren gleichſam als einen Durchgangszoll, wollte aber auf jeden Fall weiter reiſen und drohte mit den Repreſſalien des eng⸗ liſchen Geſandten in Konſtantinopel, berief ſich darauf, daß die Engländer eine befreundete Macht der Türkei 104 wären; der Armenier hörte geduldig zu, und unbeweglich lauſchten die Kurden, um die ſich jetzt faſt ihre ganze Schaar im Kreiſe verſammelt hatte. Dann begann der Dolmetſcher ſeine Unterhandlung mit Tamir⸗Aga, der dieſer jedoch bald durch eine drohende Bewegung nach ſeinem Gürtel und mit einem Zornesblitz auf Mr. Hywell und mich ein Ende machte. Der Armenier wandte ſich wieder zu uns: Tamir⸗Aga ſei unerbittlich; wir müßten ſeinem Sohne folgen und Gott danken, daß man uns nicht die Köpfe abſchneide Das Weitere werde ſich finden; er, der Armenier, ſei ebenfalls verurtheilt worden, Kaſchir⸗Aga zu begleiten, um ferner zum Dol— metſcher zu dienen. Was war darauf zu erwidern? Ich ſah, wie es in Mr. Hywell kochte, aber auch er bezwang ſich. Er rief den europäiſchen Dienern zu das Räubervolk gewäh ren zu laſſen, und ſagte dann dem Dolmetſcher, daß er nur auf freier Weiterreiſe beſtehe. Der Armenier wagte kaum, dieſen Einwand vorzubringen. Tamir Aga ſtreckte drohend die Fauſt gegen uns aus und ließ uns befehlen, ſogleich von unſern Pferden zu ſteigen und die Waffen abzuliefern. Auch mir kochte jetzt das Blut. Aber dreihundert bewaffneten Männern gegenüber ließ ſich nichts thun, als gehorchen. Wie zögerten zwar, aber es richteten ſich ſo viele Flintenläufe auf uns, daß wir ab⸗ 105 ſtiegen. Ich weiß nur noch, daß ich in jenem Augen⸗ blick ſehnlich wünſchte, Rußland oder irgend ein Volk möge dieſes Räubervolk zu Paaren treiben. Die Türken ſind zu ſchwach dazu. Omer⸗Paſcha hat es einmal ver⸗ ſucht und ſie auch hart in die Enge getrieben, ſogar ei⸗ nen ihrer Häuptlinge gefangen genommen. Aber was nützt das? Jetzt ſind ſie wieder obenauf und werden vielleicht die Neſtorianer, die einzigen Chriſten, die unter ihnen zu wohnen wagen, bald ganz vernichten. Die Türkei müßte hier ein Beobachtungscorps unterhalten können. Doch zu unſern Erlebniſſen zurück. Ich finde wohl noch ſpäter Zeit, Ihnen etwas von den Kurden und wie es in dem Innern ihrer Bergländer beſtellt iſt, zu erzählen. Alſo wir ſtiegen ab. Nun wollten ſich die Kur⸗ den von allen Seiten wie Geier auf das Gepäck werfen, aber Tamir⸗Aga ſcheuchte die Rotte zurück und vertrieb ſogar einen ſeiner Reiter, der den Sattel von meinem Pferde nehmen wollte, mit einem Piſtolenſchuß, der je⸗ doch nicht traf. Sie können ſich vorſtellen, in welcher Beſorgniß wir während dieſes Getümmels wegen Miß Mary waren. Endlich aber gelang es Tamir⸗Aga, die Ruhe wiederherzuſtellen, und es begann eine regelrechte Vertheilung der Beute; natürlich behielten die beiden Agds den Löwenantheil. Unſere europäiſchen Diener wurden 106 bis aufs Hemd ausgeplündert, die Gepäckballen von den Pferden geriſſen und aufgeſchnitten. Es war eine reiche Beute. Mr. Hywell hatte in Oſtindien große Einkäufe an Shawls und andern Erzeugniſſen des Landes ge⸗ macht, und die Kurden, die ſich ſehr wohl auf den Werth dieſer Artikel verſtanden, jauchzten laut auf. Am meiſten gefielen ihnen jedoch die Waffen, Meſſer und Geräthe, die ſie fanden; das Meiſte davon eigneten ſich Tamir⸗Aga und ſein Sohn zu. Endlich näherte ſich der letztere dem Pferde Miß Mary's. Mr. Hhwell trat vor ſeine Tochter und ſagte dem Dolmetſcher, er möge dem Kurden er⸗ klären, daß die Franken keine Beleidigung ihrer Frauen duldeten, und daß er noch Waffen beſitze, um ſie zu ver⸗ theidigen. Der Armenier ſagte dem Kurden davon, was er für gut finden mochte, und dieſer that, was ihm ge⸗ fiel. Er ließ durch den Dolmetſcher antworten, daß die freien Kurden die Weiber achteten, und begnügte ſich damit, den Vorhang zu öffnen, der den Palankin ver⸗ ſchloß. Ich beobachtete ſein Geſicht, während er es that, und blickte auch zu Miß Mary empor. Ihr Geſicht war bleich und ruhig und hatte etwas Eigenes, das ich vor⸗ her nicht an demſelben bemerkt und mir nicht zu erklä⸗ ren wußte; der Kurde betrachtete ſie nicht lange, ließ den Vorhang fallen und wandte ſich ab. Der Dol⸗ metſcher mußte ihm noch im Auftrage Mr. Hywell's — 107 ſagen, daß Miß Marh krank ſei; Kaſchir⸗Aga antwortete abermals, die Weiber würden geachtet werden. Es verging eine gute Stunde; dann war die Theilung beendet. Ein Theil des Gepäcks wurde wieder auf die Saumthiere geladen, es war der Antheil des Häuptlings und ſeines Sohnes. Dann trennten ſich ungefähr vierzig Kurden von der großen Schaar; unſer Armenier, der ihren Worten lauſchte, theilte uns mit, daß der junge Kurde beauftragt ſei, uns nach ſeiner Heimat zu führen, wo wir fürs erſte bleiben ſollten. Mr. Hywell begann die Unterhandlungen von neuem. Er verlangte daß ich oder die Diener oder der Dol⸗ metſcher nach Bajazid geſandt würden, um wegen eines Löſegelds zu unterhandeln, denn auf dieſes war es abgeſehen. Aber man antwortete, dazu ſei immer noch Zeit, wenn wir erſt Koſh und Dſchulamerk erreicht hätten. Wie der Ort oder die Gegend eigentlich hieß, habe ich nie genau erfahren; aber jene beiden Namen habe ich öfters gehört. Es blieb gar nichts weiter übrig, als ſich willenlos dem unvermeidlichen Schickſal zu beugen und auszuharren. Der Armenier, dem wir unſererſeits reichen Lohn verſprachen, wenn er ſich unſerer annehmen und uns, wenn es ihm möglich ſei, aus den Händen dieſer Räuber befreien wolle, rieth uns an, ſchweigend Alles zu er⸗ 108 tragen. Er werde uns für fränkiſche Heckhims, das heißt für Aerzte ausgeben, die zu einem Fürſten im fernen Oſten berufen geweſen ſeien, ihn zu heilen, und nun mit reichen Geſchenken zurückkehrten. Denn der Stand eines Arztes ſei der einzige, den dieſe Menſchen noch ein wenig ſelbſt bei einem Franken, achteten, weil ſie abergläubig ſeien und glaubten, daß dem Heck⸗ him geheime Mittel zu Gebote ſtänden, ihnen zu ſchaden. Da wir nun in der That manche Tränkchen, Pulver und Pillen in unſerer Reiſeapotheke bei uns führten, ſo konn⸗ ten wir allerdings unter dieſen Leuten leicht ein paar Aerzte vorſtellen, und wir beſchloſſen, dem Rathe des Armeniers zu folgen. Erſt gegen Abend trennten ſich Vater und Sohn. Unſer Loos war es, wie ich bereits erwähnte, mit dem letztern in ſeine Heimat zu ziehen. Kaſchir⸗Aga ließ uns jetzt noch unſere Waffen; ein Verſuch zur Flucht, umgeben von vierzig Kurden, wäre ja doch eine Thor⸗ heit geweſen! Langſam ſchlugen wir den Weg nach Sü⸗ den ein, quer über die Berge. Ich berieth mich mit Mr. Hywell, aber wir fanden keinen Troſt. Daß Tamir⸗Aga nicht eingewilligt, uns einen Boten nach Bajazid ſenden zu laſſen, erklärte ſich ſehr leicht; er fürchtete eine Verfolgung durch türkiſche Truppen und wollte uns ehe der Ueberfall bekannt wurde, nach ſeinem Gebirge in Sicherheit bringen, 109 wo uns zwar Mond und Sonne beſcheinen, die türkiſche Macht uns aber gar nicht oder nur ſpät erreichen konnte. So zogen wir denn trübſelig dahin, Miß Mary zuweilen Muth einſprechend. Unſere europäiſchen Diener, die in der That bis aufs Hemd ausgeplündert waren, hatten ſich in die Leinwand gehüllt, mit welcher unſere Bal— len umwickelt geweſen. Aber es waren treue Burſchen; ich habe ſie weder damals noch ſpäter murren hören⸗ Einer ſtand in meinen Dienſten, die drei andern gehör⸗ ten zu Mr. Hywell. Schon damals ſah übrigens der letztere ein, daß gar nichts weiter übrig bleibe, als an einen türkiſchen Befehlshaber in Bajazid oder Erzerum und an meinen Verwandten in Sinope zu ſchreiben und dieſelben um Vermittelung zu bitten. Dies iſt auch, wie ich ſogleich erwähnen will, geſchehen. Aber entwe⸗ der haben die abgeſandten kurdiſchen Voten ihr Ziel nicht erreicht, oder ſie haben es nicht erreichen wollen, aus Furcht, augenblicklich in Bajazid oder Erzerum ge⸗ hängt zu werden. Ich will mich nun mit dem Bericht unſerer Reiſe ſo kurz als möglich faſſen und Ihnen nur mittheilen, was für Sie zum Verſtändniß des Folgenden nothwen. dig iſt. Wir übernachteten auf freiem Felde Kaſchir Aga hatte die Freundlichkeit, Miß Mary und ihren Diene⸗ rinnen ſein Zelt abzutreten. Wir Andern ſchliefen, in 110 unſere Decken gehüllt, unter freiem Himmel. Als ich am andern Morgen durch das Gebet geweckt wurde, das Kaſchir⸗Aga ſprach und ſeine Kurden knieend anhörten— denn bei aller Räuberei ſind dieſe Kurden gute und gläubige Mohammedaner, ſowie die Räuber in Spanien und Italien fromme Chriſten ſind— bemerkte ich, daß wir uns auf einem Verge befanden. Ein Dorf war weit und breit nicht zu ſehen, und wäre dies auch der Fall geweſen, ſo hätten wir es doch vermieden; denn die Kurden trauen ſich unter einander nicht und der eine beſtiehlt den andern, wo er nur kann. Kaſchir⸗Aga wollte uns womöglich unbemerkt nach ſeiner Heimat führen; da waren wir ſicher. Bald darauf ging es zum Auf⸗ bruch, nachdem wir zum erſten Mal ſaure Milch mit gekochter Gerſte genoſſen, ein Gericht, das ſpäter meine Lieblingsſpeiſe werden mußte, da es nichts An⸗ deres gab, ausgenommen höchſt ſelten ein Stück Lamm⸗ oder Hammelbraten. Ich war übrigens ſehr verdrießlich, denn man hatte in der Nacht mein ganzes Gepäck vom Pferde geſtohlen und mir nur den Sattel gelaſſen; bis dahin hatte ich gehofft, Herr meines nothdürftigſten Reiſegepäcks zu bleiben, nun aber begriff ich, daß ich bald in denſelben Zuſtand mit unſern Dienern verſetzt ſein würde. Vorſichtig verbarg ich die Mehrzahl der Goldſtücke, die ich beſaß, im Stiefel. Meine Werth⸗ 111 papiere und Creditbriefe nützten mir hier natürlich gar nichts. Ich ſtand höchſt mißvergnügt an mein Pferd ge⸗ lehnt, als ich Mr. Hywell aus dem Zelt treten ſah, ſeine Tochter führend. Miß Mary war verſchleiert. Sie ging ſehr langſam und ſchien ſich auf ihren Vater zu ſtützen. Ich fürchtete, Aufregung, Schrecken und Ermü⸗ dung hätten ihr eine Krankheit verurſacht, und trat ihr unwillkürlich näher. Mr. Hywell kam einer Frage von mir zuvor, indem er den Schleier von dem Geſichte ſeiner Tochter zurückſchlug. Entſetzt blieb ich ſtarr ſtehen. Die angenehmen und lieblichen Züge der Miß Hywell waren entſtellt, ihre Haut mit rothen und blauen, faſt ſchwar⸗ zen Flecken bedeckt. Ich vermochte kein Wort zu ſpre⸗ chen. Mr. Hywell ließ den Schleier fallen und half ſeiner Tochter in den Palankin ſteigen. Dann wandte er ſich zu mir. „Behalten Sie nur Ihr ernſtes und beſtürztes Ge— ſicht, Wiedenburg!“ ſagte er zu mir.„Die Sache iſt nicht ſo ſchlimm, wie ſie ſcheint. Ich habe Mary ge- beten, ſich Geſicht, Hals und Hände mit einer ſcharfen Miptur zu beſtreichen, die man zu Arzneizwecken anwen det. Das hat jene Entzündung hervorgerufen, eine Art Ausſchlag, der aber ſehr ungefährlich iſt und bald verſchwinden wird, wenn Mary das Mittel nicht weiter anwendet. Sie errathen, weshalb ich es gethan habe. Die Hrientalen haben einen großen Abſcheu gerade vor der⸗ artigen Krankheiten; ich denke alſo, Mary wird vor allen Zumuthungen dieſes Herrn Kaſchir⸗Aga ſicher ſein.“ Ich war ſehr beruhigt und lobte ihn wegen ſeiner Vorſicht. Inzwiſchen kam der Armenier zu uns und fragte Mr. Hywell im Auftrage des jungen Kurden⸗ häuptlings, wie es komme, daß er ſeine Tochter nicht heile, da er doch ein Heckhim ſei. Der alte Herr ant⸗ wortete ihm, er könne dieſe Krankheit nur heilen, wenn ſie einen gewiſſen Höhepunkt erreicht habe. Bald darauf ging es weiter, dem Hochgebirge zu. Es war kein leichter und angenehmer Marſch, denn wir vermieden die wenigen gebahnten Wege, die es dort geben mag. Acht Tage lang waren wir unterwegs, und da ich mich allmälig in meine Lage fand, ſo gewann ich geiſtige Ruhe genug, um Beobachtungen anzuſtellen. Es war ein echtes Gebirgsland, dem es nicht an herrli⸗ chen und leidlich angebauten Thälern fehlte und das mit einiger Cultur zu einem ſehr fruchtbaren Lande umge⸗ wandelt werden könnte Nur ein Zehntel von dem Fleiße und der Gartenbaukunſt der Perſer wäre den Bewohnern dieſes Landes zu wünſchen, dann könnte es mit den reichſten Ländern Aſiens wetteifern. Die Dörfer, die ich ſah, erſchienen mir ſehr unbedeutend; in die Nähe größe⸗ 113 rer Städte, obwohl ſie dort exiſtiren ſollen, kamen wir nicht, weil Kaſchir⸗Aga ſie vermied. Zur Rechten ſah ich zuweilen den Spiegel des Wanſees, dem wir uns einige Male bis auf wenige tauſend Schritt näherten. Ich unterhielt mich, ſo oft es anging, mit dem Armenier, um möglichſt viel von ihm über das Land zu erfahren; aber er wußte ſelbſt nicht viel mehr, als was ich aus Reiſeberichten kannte. Thatſache iſt es, daß nur ſehr wenige Europäer bis jetzt in dieſes Land vorgedrungen ſind. Er er⸗ zählte mir Manches von den Neſtorianern, die von Ka⸗ tholiken und Proteſtanten für höchſt ungläubig gehalten werden, und die ſich nicht ſehr weſentlich von ihren mo⸗ hammedaniſchen Landsleuten unterſcheiden. Daß amerika- niſche Miſſionäre, die ſich in Urmiah in Perſien nieder⸗ gelaſſen, darauf hinwirkten, die Neſtorianer zu proteſtan⸗ tiſiren, wußte ich bereits. Urmiah war aber doch zu fern, um eine ſchnelle Hülfe oder Vermittelung der Amerikaner hoffen zu laſſen, auch wenn es uns gelang, ſie zu benach⸗ richtigen. Dennoch richtete ich meine Gedanken im ge⸗ heimen auf dieſe Miſſionäre und auf die Bergneſtorianer, die denn doch am Ende immer Chriſten, wenn auch von ganz beſonderer Art ſind. Sie werden jetzt freilich, nach⸗ dem vor ungefähr zwanzig Jahren die größere Mehrzahl von den Kurden ermordet worden, als Sklaven behan⸗ delt; aber gerade deshalb durfte ich hoffen, daß ſie mir Mützelburg, Der Held von Garika. I. 8 beiſtehen würden, den Kurden einen Streich zu ſpielen. Freilich hemmte mich überall meine Unkenntniß der Sprache, und dem armeniſchen Dolmetſcher durfte ich nicht unbedingt trauen, da er eine Heidenangſt vor den Dolchen und Piſtolen der Kurden hatte. Zuletzt kamen wir in ein wahres Alpenland mit ſchneebedeckten Bergen⸗ die Heimat unſeres Kaſchir⸗Aga. Hier vermied er die Dörfer nicht mehr, ſondern zeigte im Triumph ſeine Beute. Gewöhnlich ritt er vorauf, zuweilen würdigte er uns auch der Ehre ſeiner Geſell⸗ ſchaft und legte uns durch den Dolmetſcher Fragen über perſiſche und türkiſche Verhältniſſe vor. Im Ganzen kümmerte er ſich jedoch wenig um uns. Der Armenier aber, der ſich öfter auf eigene Hand mit ihm unterhielt, ſagte uns, Kaſchir⸗Aga ſei ein ganz geſcheidter Burſche, deſſen Abſichten darauf hinausgingen, ſich von den Tür⸗ ten ganz unabhängig zu machen, das heißt, nicht ein⸗ mal den Tribut zu zahlen, den die Türkei zuweilen zu erheben pflegte. Daß ich mit Mr. Hywell und Miß Mary ungeſtört ſprechen konnte— unſer Armenier ver⸗ ſtand kein Engliſch, ſondern nur ein halb italieniſches Franzöſiſch— war noch das Beſte, ſollte aber leider bald aufhören. Wir hatten nun die Heimat Kaſchir⸗Aga's erreicht, ein kleines Dorf, deſſen Häuſer am Abhang eines 115 Berges hingen wie Schwalbenneſter und ebenſo ko⸗ thig ausſehend, aus der Erde hervorragend und wie Maulwurfshöhlen unter derſelben fortlaufend. Nur die Häuptlingsfamilie bewohnte ein ſteinernes und ziemlich geräumiges Gebäude. In dieſem letztern wurden Mr. Hywell und ſeine Tochter einquartiert. Mir wies man die Wohnung eines Kurden zum Aufenthalt an, ein Schmuzloch ſondergleichen. Indeſſen auch dagegen här⸗ tet ſich der Menſch durch Gewohnheit ab. Sie ſehen, ich fühle mich ganz wohl in meiner jetzigen Hülle, ob⸗ wohl ich mit meinen Lumpen und meinem gewachſenen Bart ausſehen muß wie das Urbild eines neapolitani ſchen Lazzarone. Das Schlimmſte aber war, daß man mir allmälig Alles ſtahl, was man mir noch gelaſſen. Wohin mein Pferd gekommen, wußte ich nicht; von meinen Kleidungsſtücken verſchwand eins nach dem an⸗ dern. Einmal ertappte ich einen jungen Kurden dabei, mir meine Beinkleider zu ſtehlen, als ich eben des Mor⸗ gens erwachte; wahrſcheinlich wollte er ſie wie einen Shawl als Siegestrophäe um ſeine Filzmütze binden. Ich gab dem Jungen eine Ohrfeige; die Natter fuhr mit dem Meſſer auf mich zu. Da ergriff ich ſeine Hand und renkte ihm das Handgelenk aus. Nun heulte er durch das ganze Dorf. Ich begab mich ſogleich nach der Wohnung des Häuptlings, denn es war uns ge 8* 116 ſtattet, frei im Dorf herumzugehen, und beklagte mich durch den Armenier bei Kaſchir⸗Aga. Aber ich kam übel an. Der Junge war ein Vetter Kaſchir⸗Aga's, und wenig fehlte, ſo hätte man mir Naſe und Ohren abgeſchnitten. Fürs erſte verurtheilte man mich, die Hütte nicht zu verlaſſen, und das war ſtreng genug, denn nun konnte ich weder Mr. Hywell noch Miß Marh mehr ſprechen. Letztere war immer noch entſtellt, aber, wie mir Mr. Hywell klagte, ging die Tinctur zu Ende, und dann gab es kein Mittel mehr, Mary häßlich zu machen, wollte man nicht zugleich ihre Geſundheit unter⸗ graben. In meiner Haft faßte ich nun den felſenfeſten Entſchluß, ſo bald als möglich zu fliehen. Ich zeigte mich ſehr gefügig, ließ Kaſchir Aga um Gnade bitten und er⸗ hielt denn auch nach ungeführ einer Woche die Erlaub⸗ niß, die Hütte wieder verlaſſen zu dürfen. Inzwiſchen waren jene kurdiſchen Boten, von denen ich geſprochen, nach Bajazid und Erzerum mit Briefen Mr. Hywell's abgeſandt worden. Dieſer beſtärkte mich in meinem Ent⸗ ſchluß, das Dorf zu verlaſſen und in Bajazid ſchnelle Hülfe zu ſuchen. Denn mich nach Urmiah zu den nord⸗ amerikaniſchen Miſſionären zu wenden, hatte ich aufge⸗ geben, da ich einſehen gelernt, wie gering der Einfluß dieſer Männer hier im Gebirge ſei. Vielleicht konnten 117 ſie indeſſen ſpäter als Unterhändler gute Dienſte leiſten. Zuerſt hatte ich daran gedacht, mit den vier europäiſchen Dienern gemeinſam zu fliehen. Aber der Gedanke, daß dann Mr. Hywell ganz allein allen Möglichkeiten aus⸗ geſetzt ſei, änderte meine Anſicht. Auch waren dieſe Diener jetzt nicht mehr im Dorfe, ſondern im Hauſe des Häuptlings einquartiert. Mir allein gönnte man noch einige Freiheit, ich vermuthe, weil man mich für den Bräutigam der Miß Marh hielt und glaubte, ich würde nicht ohne ſie fortgehen. Miß Hywell, die der Kurde mit Recht für die werthvollſte Perſon hielt, durfte das Haus niemals verlaſſen. So beſchloß ich denn, nachdem ich noch einmal mit Mr. Hywell Alles verabredet und wir Miß Mary Troſt und Muth eingeſprochen, mein Heil zu verſuchen. Geld konnte mir Ihr Pflegevater leider nicht geben, da man auch ihm allmälig Alles geſtohlen. Ich beſaß nur noch einige türkiſche Goldmünzen, die ich mir in Tauris eingewechſelt, und ein Meſſer, das ich bis dahin ſorg⸗ ſam verborgen gehalten. In einer ſehr dunklen Nacht entwich ich aus der Hütte— heute ſind es gerade vier⸗ zehn Tage, und gelangte unbemerkt aus dem Dorfe. Ich wanderte immer nach Norden, mich nach den Sternen richtend. Nun, ich will Sie mit dem Bericht meiner Wanderung nicht ermüden. Wahrſcheinlich bin ich ver⸗ 118 folgt worden, aber man hat mich nicht entdeckt. Bei Tage hielt ich mich verborgen, fand auch zuweilen Gaſt⸗ freundſchaft bei armen Neſtorianern. Mein vollſtändig zerriſſener und beſchmuzter Anzug, deſſen Licken ich, wie Sie ſehen, durch Tücher, die ich mir kaufte, zu er⸗ gänzen ſuchte, ſchützte mich wahrſcheinlich vor räuberiſchen Angriffen. So erreichte ich den Wanſee und die Stadt Wan, fand hier jedoch zu meinem Leidweſen keinen Menſchen, dem ich mich in engliſcher oder franzöſiſcher Sprache hätte verſtändlich machen können, und kaufte für ein Billiges dieſes Thier, das ich reite, das damals krank und hinfällig war, ſich jetzt aber erholt hat. Nun lag es mir vor allen Dingen daran, eine Stadt zu er⸗ reichen, in der ſich ein vernünftiger Commandeur befand. Ich mußte abermals meinen Weg durch das Gebirge nehmen; als ich aber die große Karawanenſtraße er⸗ reichte, erfuhr ich, daß ich faſt ebenſo weit von Baja⸗ zid als von Erzerum entfernt ſei, und beſchloß deshalb, nach letzterer Stadt zu reiten, wo ſich einige Kaufleute befinden, die meinen Namen kennen. Ich nahm mir, um ſicher zu ſein, einen Führer, und unſer beiderſeitiges Glück wollte es, daß wir uns trafen. Das iſt meine einfache Geſchichte. Nun laſſen Sie uns zuſammen über⸗ legen, was zu thun iſt!“ George hatte der ganzen Erzählung mit derſelben 119 trüben und wehmüthigen Miene gelauſcht. Jetzt, als Ed⸗ mund Wiedenburg ſchwieg, fuhr er wie aus einem Traume auf, faſt als habe er den Schluß gar nicht gehört. „Seltſam! Traurig!“ ſagte er.„Hat Mr. Hywell zuweilen mit Ihnen von mir geſprochen? Hat Miß Mary ſich meiner erinnert?“ „Nun ſicherlich!“ antwortete der Deutſche.„Mr. Hywell und ſeine Tochter ſprachen ſtets mit der größten Theilnahme von Ihnen. Ich glaubte anfangs, als ich ſo oft den Namen George hörte Sie ſeien wirklich ein Sohn oder Neffe Mr. Hywell's, bis er mir ſpäter ſagte, Sie hätten ihm geſchrieben, Sie wollten nach dem Orient gehen und ſich, wenn es möglich ſei, an dem Kampf ge⸗ gen die Ruſſen betheiligen, und er könne dies nur billi⸗ gen, da Sie ja ein Sohn Kaukaſiens ſeien. Miß Marh ſprach ſtets von Ihnen wie von einem Bruder. Beide freuten ſich innig darauf, Sie in Sinope oder Konſtan— tinopel zu finden!“ George verſank wieder auf einige Minuten in ſeine Träumerei. Dann aber ſchien er ſich aufzuraffen. „Dank Ihnen, Dank, Mr. Wiedenburg“, rief er leb⸗ haft,„daß Sie ſich meines Pflegevaters und Miß Mary's ſo warm angenommen. Die theuren, unglücklichen Men⸗ ſchen, was müſſen ſie erdulden! Was können wir 120 thun, Sir, ſie zu befreien? Ich bin zu Allem bereit! Ich ſcheue kein Opfer, nichts, ich gebe jeden an⸗ dern Plan auf, bis Mr. Hywell und ſeine Tochter be⸗ freit ſind.“ „Ja, Sir, die Antwort iſt leider nicht leicht“, ant⸗ wortete Wiedenburg,„und wir müſſen ſehr reiflich jeden Schritt überlegen, denn das Leben Mr. Hywell's und ſeiner Tochter ſchwebt in Gefahr, ſobald die Kurden die Abſicht wittern, die Gefangenen zu befreien, ohne Löſe⸗ geld zu zahlen. Das letztere war, wie ich von Mr. Hy⸗ well hörte, für uns alle auf dreißigtauſend türkiſche Du⸗ katen angeſetzt. Wie ſollen wir dieſe oder auch eine weit geringere Summe auftreiben? Und anders als in ge⸗ münztem Gelde nimmt der Kurde keine Zahlungen. Auch dürfte ſich der muthige Mr. Hywell kaum dazu verſte⸗ hen, den Räubern eine ſolche Summe zu gewähren, falls ſich irgend ein anderer Weg zur Befreiung zeigt. Nur der Gedanke an Miß Mary könnte ihn zur Zahlung eines Löſegelds geneigt machen. Ich denke, wir ſen⸗ den einen Voten nach Sinope zu meinem Verwand⸗ ten, theilen ihm das Vorgefallene mit und bitten ihn, für alle Fälle möglichſt viel gemünztes Gold zu ſam⸗ meln und in Bereitſchaft zu halten, zugleich aber nach Konſtantinopel einen Vericht an den engliſchen und öſterreichiſchen Geſandten zu ſenden und ſie zu bitten, 121 die Pforte zum ſchleunigſten Handeln aufzufordern. Es iſt möglich, da ja doch jetzt des Kriegs wegen eine Menge Menſchen auf den Beinen ſind und eine gewiſſe Rührigkeit ſelbſt in dieſen Gegenden herrſcht, daß man ſich ſchnell entſchließt, etwas für Mr. Hhwell und ſeine Tochter zu thun. Wir aber müſſen uns nach Bajazid oder irgend einem Ort begeben, an welchem ſich ein ver⸗ nünftiger Commandeur befindet, womöglich zu Guyon oder, wie er jetzt heißt, Churſchid⸗Paſcha. Dieſer muß es übernehmen, Mr. Hywell, ſeine Tochter, die Diener und Dienerinnen den Händen Kaſchir⸗Aga's zu entreißen, ſei es in Güte oder mit Gewalt. Ich denke, die unmit⸗ telbare Einwirkung eines hochſtehenden Commandeurs und das Verſprechen einer Geldſumme werden ihren Einfluß auf Tamir⸗Aga, den Alten, nicht verfehlen. Im Nothfall müßte man ihn als Geißel feſthalten, bis Ka⸗ ſchir⸗Aga die Gefangenen herausgegeben hat. Aber das Alles bedarf der ruhigſten und nüchternſten Ueberlegung, und vor allem haben wir Geld nöthig. Das Drin⸗ gendſte erſcheint mir alſo, einen von unſern Führern nach Sinope zu ſenden, um meinen Oheim zu bitten, uns eine Anweiſung auf irgend einen Kaufmann in Ba⸗ jazid, Erzerum oder Kars zu ſenden. Denn in dieſem Lande kann man nichts ausrichten, ohne nicht immer die Hand in der Taſche zu haben.“ 122 Das wurde denn auch ſogleich gethan. Wiedenburg ſchrieb einen Brief an ſeinen Oheim, dem George einige Zeilen hinzufügte, und damit man ſicher ſei, daß der Bote den Brief wirklich in Sinope abliefere, gab man ihm nur eine kleine Summe, mit dem Bedeuten, daß Mr. Wiedenburg ihm das Dreifache in Sinope auszah⸗ len werde George's Führer ritt ſogleich mit dem Briefe die Straße zurück.. Wiedenburg aber bat George, ſich der Ruhe hinge⸗ ben zu dürfen. Denn jetzt, zu einem Reſultat und einer gewiſſen Beruhigung gelangt, fühlte er ſich nach ſo vie⸗ len Wochen körperlicher Anſtrengung und geiſtiger Auf⸗ regung plötzlich von unwiderſtehlicher Ermattung über⸗ wältigt. IV. Die Rettung. Wenn auch nicht warm, doch hell und freundlich ſchien die Januarſonne durch das kleine Fenſter in das geräumige Gemach, das die Wohnung Mary Hypell's bildete. Als es Mary zuerſt betrat, hatte es nur aus den rohen Steinwänden beſtanden, mit einer ſchmalen Leiſte am Fuße der Wände, um Kiſſen zum Dibvan dar⸗ auf zu legen. Jetzt war es durch Marh's und ihrer Dienerinnen Bemühungen umgewandelt in einen Raum, der dem europäiſchen Sinne für Annehmlichkeit und Bequemlichkeit wenigſtens in etwas entſprochen haben würde. Teppiche bedeckten einen Theil des ſteinernen Vodens, Kiſſen waren hier und dort zu Sitzen aufge⸗ häuft; ein Vorhang ſonderte den Raum, der Marh als Schlaf⸗ und Ankleidezimmer diente, von dem Gemach; ein Vorhang, der jetzt zurückgeſchoben war, ſchützte das Fenſter, das die dicke Mauer wie eine Schießſcharte durchbrach und, ohne Glasſcheiben, nur mit einem höl- 124 zernen Laden von innen zu verſchließen war. In einem langen glänzenden Streifen fiel das Sonnenlicht durch dieſes Fenſter in das Zimmer, und wenn man hinaus⸗ blickte, ſah man nichts als in der Ferne himmelhohe ſchneebedeckte Berge. Mary Hywell ſaß auf einer niedrigen Erhöhung, die vor dieſem Fenſter angebracht und mit Teppichen be⸗ legt war. Es war eine mehr als mittelgroße, ſchlanke, zarte Geſtalt, von den feinſten, regelmäßigſten Verhältniſ⸗ ſen. Das bleiche Antlitz ruhte auf der zarten Hand, die ſie auf das Knie geſtützt hatte; in der Linken hielt ſie ein Buch, in dem ſie geleſen. Gedankenvoll und trau⸗ rig ſchien ſie über ihr Schickſal zu ſinnen, und das blonde Haar ſiel in langen natürlichen Locken über die Hand und den Arm, der den Kopf ſtützte. Sie war eine echt nordiſche Schönheit; die Farbe der Haut dem Schnee vergleichbar, das Auge ſo hellblau wie der nordiſche Himmel, das Haar ſeidenweich und faſt von der Farbe des Flachſes, den die Spinnerin an ihrem Rocken be⸗ feſtigt. Ungemein ſanft und lieblich, trotz der Traurig⸗ keit, war der Ausdruck ihrer Züge; die Umriſſe des Ge⸗ ſichts, der feingeformten Naſe, der ſchön geſchnittenen Augen und des kleinen Mundes waren ſo zart und doch ſo beſtimmt, als habe die Meiſterhand eines Künſtlers ſie nur andeutend und doch mit genialer Sicherheit ent⸗ 125 worfen. So bleich war das Geſicht, ſo hellglänzend das Haar, ſo zart das feine Roth der Lippen, daß man faſt hätte glauben mögen, ſie ſei aus einem luftigern Stoff geformt als die andern Menſchenkinder. In ſeiner jetzigen Ruhe und Unbeweglichkeit glich der Kopf faſt dem Marmorkopf einer Antike, welchem der Künſtler verſuchsweiſe einen Anhauch von Farbe verliehen. Von jener Entſtellung des Geſichts, die der Vater abſichtlich hervorgerufen, war längſt jede Spur verſchwun⸗ den. Sie war wieder die ſchöne Miß Hywell, die ſchon in England, mehr noch in Calcutta viele Blicke auf ſich gezogen und denjenigen, dem es vergönnt geweſen, ſich ihr zu nähern, durch ihre ſtille Anmuth und den Zauber ihres echt jungfräulichen Weſens entzückt hatte. Im Kreiſe der Ihrigen konnte Marh Hywell auch heiter und ſchelmiſch ſein wie ein Kind, das ſie ihren innerſten Ge⸗ danken nach auch ſtets geblieben. Aber das war nun dahin. Der Ernſt eines trüben Schickſals hatte die Blüte dieſes Daſeins plötzlich angeweht wie ein Nachtfroſt im Mai, und wer konnte wiſſen, ob der Sommer und ob er zeitig genug kam, dieſe Blüte wieder aufzurichten! Und doch war das Schickſal Mary's ein ſo gutes geweſen, als es unter den eingetretenen Verhältniſſen möglich war. Kaſchir⸗Aga hatte ihr zu Anfang wenig Auf⸗ merkſamkeit bewieſen, aber doch alle Wünſche, die der 126 Vater ihm durch den Armenier mittheilen ließ, um die eigenthümliche Lage ſeiner Tochter zu erleichtern, bereit⸗ willig erfüllt. Sie konnte ihren Vater täglich ſehen, ſie hatte ihre Dienerinnen in der Nähe, und was ihr ſehr lieb ſchien, Kaſchir⸗Aga hielt ſich fern von ihr, wahrſchein⸗ lich weil er ihre Krankheit fürchtete. Mary empfand, wie ſie ihrem Vater zuweilen faſt zitternd geſtand, eine un⸗ heimliche Furcht vor dem Kurden; vielleicht ſah ſie, ohne ſich deſſen in ihrer Reinheit bewußt zu werden, Leiden⸗ ſchaften in dem ſchwarzen Auge des Häuptlings blitzen, die ſie mit einer geheimen Angſt erfüllten und die Ge⸗ fahren einer unbeſtimmten Zukunft fürchten ließen. Ihre Ahnung ſchien ſich erfüllen zu wollen, als die abſchreckende Farbe ihres Geſichts verſchwand. Verge bens hatte Mr. Hywell jede Liſt verſucht, um den Kur⸗ den von Mary fern zu halten. Seine Neugierde führte ihn zu ihr, und nun kam er täglich, ja oft mehrmals des Tages, theils allein, theils mit dem Armenier. Der Inſtinkt der Natur lehrte ihn eine gewiſſe Galanterie; er wurde beſorgt für Mary und ließ ihr Geſchenke und ausgewählte Speiſen überreichen. Aber trotzdem blieben die Gewohnheiten ſeines Volkes faſt ſchreckenerregend für ein weibliches Weſen, dem ſich ſtets nur die zarteſte Schicklichkeit genaht hatte. Welche Qual mußte ſie em⸗ pfinden, wenn der junge Kurdenhäuptling wohl eine 127 Stunde lang in ihrem Zimmer auf einem Kiſſen ſaß und ſie unbeweglich anſtarrte, oder wenn er dann dem Arme⸗ nier Lobpreiſungen der Schönheit ſeiner Gefangenen ſagte die dieſer vielleicht nur andeutend zu wiederholen wagte. Seit dieſer Zeit nahm ihr Geſicht den bekümmer⸗ ten Ausdruck die bleiche Farbe an die ein wirkliches Leiden verriethen. Ihr Vater errieth, was in ihr vorging, wenn ſie auch nie mit ihm darüber geſprochen. Er ließ dem Kurden durch den Armenier Vorſtellungen machen, ließ ihm ſagen, die Sitte des Abendlandes dulde ſolche Freiheiten der Männer nicht, er ſei ſelbſt in ſeinem Vaterlande ein Mann, dem man ſowie ſeiner Tochter Achtung erweiſen müſſe, er ſei ein Gefangener, kein Sklave; der Kurde lachte theils, theils erzürnte er ſich darüber, und Mr. Hywell mußte ſchweigen, wollte er nicht vielleicht den Kurden noch mehr reizen und das her⸗ beiführen, was er am meiſten fürchtete, die Trennung von ſeiner Tochter. Kaſchir⸗Aga hatte ihm ſagen laſſen, ſo ein Ungläubiger, ein Giaur, müſſe es für die größte Ehre halten, wenn ein Rechtgläubiger ſeine Blicke auf die Tochter eines Sklaven richte, und er erwarte nur die Entſcheidung ſeines Vaters, ohne deſſen Einwilligung er nach der alten patriarchaliſchen Sitte des Orients nichts Wichtiges zu unternehmen wagte, obwohl er bereits ein Mann von mehr als dreißig Jahren war um 128 Marh zu ſeiner Gattin zu erheben oder wenigſtens in ſeinen Harem zu führen. Zum Unglück ſchien der Ar⸗ menier dieſe Verbindung zu wünſchen, vielleicht, weil er Geſchenke des Kurden erwartete, vielleicht, weil man ihm dann geſtattete, nach ſeiner Heimat zurückzu⸗ kehren. Der gedämpfte Schall von Tritten auf dem Tep⸗ pich ließ Mary aufblicken. Ihr Vater ſtand vor ihr, beugte ſich zu ihr nieder und küßte ihre Stirn. Marh ſchlang die Arme um ſeinen Hals und drückte ſeinen Kopf zärtlich, innig und mit einem leichten Zittern an ſich. Mehr als Worte verrieth dieſe ſtumme Zärtlichkeit das Leid ihres Herzens. Er ſetzte ſich in ihrer Nähe auf den Diwan und blickte ſie lange an. Marh hatte die Hände auf ihrem Schooße gefaltet. „Die Sonne ſcheint freundlich“ ſagte er dann.„Faſt iſt es, als wolle es Frühling werden. Nur auf den Bergen glänzt noch der Schnee. Ich wollte, ich könnte Dich hinausführen, Marhy— Du biſt ſo blaß geworden!“ „Ja, Vater, aber dann weit fort— weit!“ ant⸗ wortete die Tochter.„Der Kummer, in dieſes düſtere Haus zurückzukehren, würde größer ſein als die Freude, es zu verlaſſen!“ Wieder trat eine Pauſe ein. Mr. Hywell fuhr ſich mit der Hand durch ſein ergrauendes, aber noch vol⸗ 129 les Haar. Auch ſein friſches Antlitz war bleicher ge worden, ſein helles, klares Auge trüber, und der ſonſt ſo energiſche Ausdruck ſeiner Züge hatte jener Mattigkeit weichen müſſen, die eine lange Unthätigkeit, ein düſteres Schickſal, gegen das man nicht ankämpfen kann, auch den kräftigſten Zügen verleiht. „Und daß ich an Allem ſchuld bin— mein Eigenſinn!“ rief er dann, und ſeine Stimme klang zit⸗ ternd und ſtöhnend. Das hatte er in der letzten Zeit faſt täglich ge⸗ ſagt. Gerade unter dieſem Gedanken ſchien der ſonſt ſo ſtarke Mann am meiſten zu leiden. „Lieber Vater, gegen die Schlechtigkeit und Roh⸗ heit der Menſchen ſchützt keine Vorſicht!“ ſagte Marh ſanft und tröſtend.„Ich hoffe noch immer, einer wird kommen, George oder Wiedenburg!“ „Ja, hoffe nur!“ rief Mr. Hywell faſt bitter.„Ich hoffe nichts mehr. Aber ich bin entſchloſſen zu Allem. Lieber die Flucht wagen— es iſt ja doch eine Mög⸗ lichkeit auf Erfolg— als das Entſetzliche dulden!“ Marh richtete bei ſeinen Worten mit unbeſtimm- ter Angſt den Blick auf ihn. „Iſt etwas Neues geſchehen, Vater?“ fragte ſie kaum hörbar. „Ja— und endlich muß ich es ſagen!“ rief Mr. Mützelburg Der Held von Garika. 1. 9 130 Hywell und preßte die Hand vor die Augen, als wolle er die Scham und Entrüſtung verbergen, die ihn ergrif— fen.„Dieſer Wilde verlangt Dich zu ſeiner Gattin. Er hat die Einwilligung ſeines Vaters erhalten; heute hat mir der Armenier die Vorſchläge mitgetheilt. Ehren⸗ voll nennt ſie der Schurke! Nun, er mag Recht haben, auf ſeine Weiſe; wir ſind ja unter Räubern und Mördern, die ſich für die erſten und edelſten Geſchöpfe der Welt halten. Ich ſoll bleiben können oder auch meine Freiheit erhalten, wie ich will. Die Diener können gehen, die Dienerinnen bleiben; Du wirſt ſein Weib— das iſt ſein Entſchluß! Von meiner Ein⸗ willigung iſt keine Rede; ich muß natürlich thun, wie der hohe Herr befiehlt. D Mary, ich bin ſchwach geworden über all dieſem Kummer und Herzeleid— ich könnte weinen wie ein Kind und dann auch wie⸗ der raſen, ja toben wie ein Thier, Dich in meine Arme nehmen und mich mit der Fauſt durchſchlagen durch dieſes Geſindel, bis ein Schuß mich nieder⸗ ſtreckt. D Marh, verwünſcht ſei die Stunde, wo meine Zärtlichkeit für Dich mir den Gedanken eingab, daß Du mich begleiten ſollteſt“ Es war, als ob ſeine Stimme breche. Nachdem er ſich einen Augenblick aufgerafft, gleichſam als wolle er ſich einem unſichtbaren Feinde entgegenwerfen, brach er zuſam⸗ 131 men. Den Kopf tief niedergebeugt, ihn vergrabend in beide Hände, ſaß er da. Marh hatte ſich erhoben und war zu ihm getreten. Eine tiefe Bläſſe überzog ihr Antlitz. „Ich erwartete— ich wußte es längſt, Vater!“ ſagte ſie.„Es bleibt uns keine Wahl, wir müſſen fliehen— ſterben. Es iſt mir oft, nein, immer durch den Sinn gegangen, aber ich kann mich dazu nicht entſchließen, ich kann nicht die Gattin eines Mannes werden, der mir ſchon bei ſeinem Nahen ein Entſetzen ein⸗ flößt, das ich nicht zu ſchildern vermag, deſſen Blick mein Blut erſtarren macht. Ich würde ſterben, wenn ſeine Hand die meine berührte. Ich kann es nicht, Vater; ſelbſt der Gedanke, daß er Dir die Freiheit gewähren würde, gibt mir keinen Troſt. So laß uns das Aeu⸗ ßerſte wagen; dann ſterbe ich wenigſtens unentehrt!“ „An mich denke nicht, Kind! Ich würde Deine Schande nicht überleben!“ rief der Vater, ſich etwas geſammelter erhebend.„Ja, es bleibt uns keine Wahl! Du mußt Dich rüſten mit dem Muth der Verzweiflung, der jeder Gefahr trotzt, der den Tod nicht für das Schlimmſte achtet. Ich will Alles überlegen— reiflich — ruhig— jetzt kann ich es nicht! Ich werde um einige Tage Aufſchub bitten; inzwiſchen fliehen wir. O welch Verhängniß! Und weshalb ſtraft mich Gott ſo ſehr! 132 Weshalb verblendete er mich durch dieſen unſeligen Ei⸗ genſinn!“ „O Vater, ich bitte Dich, zürne nicht! Ich kann Dich nicht klagen hören“, bat Mary.„Sieh, ich bin ſo ruhig und entſchloſſen. Es iſt mir leichter ums Herz, da ich nun weiß, daß wir dem Ende entgegengehen. Aber horch! Hörſt Du nichts? Was iſt das für ein Lärm?“ Der Vater ſprang auf. Glaubte er, daß die Hülfe nun kommen müſſe, da ſein Elend ſo groß ſei? Ein Strahl freudigen Erſchreckens flog über ſeine Züge. Er lauſchte. Man hörte den verworrenen Ruf vieler Stimmen. Mr. Hywell ſprang zum Fenſter hinauf, und ſich weit vorbeugend, verſuchte er trotz der Breite der Mauer die Urſache des Lärms zu erfahren. Man konnte vom Fenſter aus einen Theil des Dorfes überſehen. Die Stimmen kamen näher. Aber man rief in kurdiſcher Sprache; Marh und ihr Vater verſtanden nichts. „Halt— da, jetzt ſehe ich!“ rief Mr. Hywell plötz⸗ lich.„Ein Menſchenſchwarm kommt den Hügel herauf — in ihrer Mitte drei Reiter— o Mary, es iſt nichts für uns— es ſind Kurden— oder Türken!“ „Ich bitte Dich, Vater, ſieh hinaus!“ rief Mary. „Mir pocht das Herz ſo ſtark— es müſſen Freunde ſein!“ „Ach, Mary, ich glaube nicht. Es ſind Türken— 133 drei Reiter— der mittlere ſcheint der Herr zu ſein, prächtig gekleidet, mit Turban und Waffen im Gürtel. Sein Geſicht iſt weißer als das der Begleiter, die ſeine Diener zu ſein ſcheinen. Er zieht ein Papier hervor und zeigt es der Menge, die ihn umgibt und begleitet. Es eilt Jemand auf ihn zu— es iſt der Armenier. Der Reiter grüßt ihn läſſig. Jetzt reiten ſie den Berg hinauf, dieſem Hauſe zu— mein Gott!— irre ich mich?— jetzt blickt er gerade hierher, als ob er wiſſe, daß Je⸗ mand hier nach ihm ausſchaue— Marh, es iſt Wie⸗ denburg!“ „Gott ſei gedankt!“ rief das zitternde Mädchen, und in die Kniee ſinkend, hob ſie die Hände wie betend empor.„Ich wußte es! Er konnte uns nicht verlaſſen!“ „Er iſt es, er iſt es!“ jubelte der Vater.„Immer zeigt er das Papier— die Kurden umgeben ihn neu— gierig, einige voll Scheu, andere mehr drohend. Was bringt er, was will er? Ich ſehe Niemand außer ihm und ſeinen beiden Dienern. Wäre er tollkühn genug, hoffen, daß ein Blatt Papier uns retten könne, jetzt, da die Leidenſchaft dieſes Menſchen, des Häuptlings, entflammt iſt?“ „O Vater, laß— es iſt ein Freund— ein treuer Freund mehr!“ rief Mary.„Laß uns hoffen! Er bringt vielleicht einen Befehl des Sultans, uns freizugeben.“ 134 „Er blickt ſtarr hierher— er erkennt mich!“ rief Mr. Hywell.„Er grüßt mich! Willkommen, Wieden⸗ burg!“ rief er laut hinaus.„Da— jetzt ſie verſchwun⸗ den— ich ſehe nichts mehr!“ Er fuhr mit der Hand über die geblendeten Augen und ſtieg von der Erhöhung nieder, zitternd, glühend vor Aufregung. „Was ſagteſt Du?“ rief er.„Einen Vefehl des Sul⸗ tans, uns fteizugeben? O hoffe das nicht! Der Sultan hat keine Macht über dieſe Wilden. Er kommt, um uns zu helfen, aber allein? Mit tauſend Reitern ſollte er kommen, dieſen Kaſchir Aga und ſeine Räuber aufs Haupt zu ſchlagen! Was vermag er jetzt auszurichten? Kaſchir⸗Aga gibt Dich nicht frei— jetzt nicht! Nun, ich muß hinaus, Kind— ich muß wiſſen, was es iſt. Bleibe Du hier— ängſtige Dich nicht. Vielleicht bringt er uns wenigſtens frohe Botſchaft— vielleicht will er uns nur nahe ſein. Er iſt ein braves Herz— hat uns nicht vergeſſen. Auch Gott vergißt uns nicht!“ Er beugte ſich zu ihr nieder, ſchloß ſie ſchnell, heiß, leidenſchaftlich in ſeine Arme. Dann eilte er hinaus. Mary, noch knieend, ſchloß die Hände zuſammen. Ihr Kopf ſenkte ſich auf die ſchwerathmende Bruſt. Sie betete. Als Mr. Hywell athemlos auf dem freien Platze vor dem Hauſe des Häuptlings anlangte, ſah er eine Scene voller Unruhe und Bewegung vor ſich. Hunderte von Kurden umdrängten Wiedenburg und ſeinen Be⸗ gleiter, und ſo eben durchſchritt Kaſchir⸗Aga, von einigen ältern und angeſehenern Kurden begleitet, die wogende Menge. Das Geſicht des jungen Häuptlings war ernſt und finſter, ja ſogar, wie es ſchien, bleicher als ge⸗ wöhnlich. Wiedenburg hielt ſein Pferd an, ſobald er Kaſchir⸗ Aga bemerkte. Die hohe Geſtalt des jungen Deutſchen bot in der reichen türkiſchen Kleidung einen ſtattlichen, imponirenden Anblick. Den Bart trug er ganz voll, in türkiſcher Weiſe; nur die weißere Hautfarbe und der regelmäßigere germaniſche Schnitt des Geſichts verkün⸗ deten, daß er kein Türke ſei. Er grüßte Mr. Hywell, der ſich bemühte, die Menge zu durchbrechen, mit einem freundlichen und achtungsvollen Neigen des Kopfes und wandte ſich dann ſtolz zu Kaſchir⸗Aga, demſelben den Ferman hinreichend. Der junge Kurdenhäuptling empfing denſelben mit einer deutlich erkennbaren Miſchung von Verdruß und Ehrerbietung. Er neigte ſich, küßte das große Siegel der Papierrolle, nachdem er es flüchtig gemuſtert, und las dann den Inhalt. Mr. Hywell war dicht zu dem Arme— nier getreten, der ſich bemühte, ebenfalls den Ferman zu leſen. Kaſchir⸗Aga's Miene wurde noch finſterer; der Inhalt des Schriftſtücks ſchien ihm nicht zu behagen. Dann aber wandte er ſich zu dem Armenier und ſagte dieſem einige Worte. Der Armenier überſetzte ſie dem Deutſchen. „Kaſchir⸗Aga“, ſo lautete die Antwort des Kurden⸗ häuptlings,„Kaſchir⸗Aga, der Sohn Tamir⸗Aga's, des Häuptlings der freien Kurden vom Stamme der Hakkari, achtet den Ferman des Padiſchah von Stambul nicht als einen Befehl, ſondern als den Wunſch eines mächti⸗ gen Freundes und heißt den Fremden in ſeinem Hauſe willkommen. Er wird den Rath ſeines Vaters und der Aelteſten ſeines Stammes einholen, um zu erfahren, ob ein Fremdling, der vor kurzem noch ſein Gefangener war, Anſpruch hat auf das Recht der heiligen Gaſtfreund. ſchaft. Bis dahin wird der Fremde im Hauſe der Häupt⸗ linge wohnen, und was er wünſcht, wird zu ſeiner Ver⸗ fügung ſtehen!“ „Der Padiſchah in Stambul iſt Dein Herr und nicht Dein Freund!“ rief Wiedenburg ſtolz und zuver⸗ ſichtlich.„Er hat Dir zu gebieten, und ich komme als ſein Bote. Die Schaaren, die er bei Bajazid verſammelt hat, ſind mächtig genug, um die Männer dieſer Berge für immer in Feſſeln zu ſchlagen, und der Paſcha von Wan hat Befehl, darüber zu wachen, daß die Ge⸗ bote des Padiſchah ausgeführt werden. Aber ich hoffe, 137 daß wir uns einigen werden in Frieden und Freund⸗ ſchaft!“ Als der Armenier dem Kurdenhäuptling dieſe kühnen Worte verdolmetſchte, erhob ſich ein dumpfes Murren unter der Kurdenſchaar; Kaſchir⸗Aga's Stirn zog ſich drohend zuſammen, aber er winkte mit der Hand Ruhe. „Kaſchir⸗Aga wird den Rath ſeines Vaters und der Aelteſten einholen!“ ließ er durch den Armenier ant⸗ worten, nichts weiter. Dann ſchien er einigen Kurden Befehle zu geben, neigte ſich nach orientaliſcher Sitte höflich gegen Wiedenburg und kehrte in das Haus zurück, mit finſterer Miene, die Augen faſt geſchloſſen, wie Je⸗ mand, der eine heftige innere Bewegung unterdrückt und auf Rache ſinnt. „Verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig förmlich thue“, wandte ſich dann Wiedenburg zu Mr. Hywell, der ihm die Hand reichte.„Ich komme in der That als Geſandter des Sultans und muß dieſer Menſchen we⸗ gen eine andere Miene annehmen, als ich möchte. Aber ich komme Ihretwegen, wie Sie wohl vermuthen, und ich denke, wir ſprechen uns heute noch. Bringen Sie Ihrer Tochter meine herzlichſten Grüße!“ „Sie kommen als ein Retter in der Noth!“ ant⸗ wortete der Engländer, ſich zurückziehend.„Aber ſeien Sie vorſichtig; die Gefahr iſt größer, als Sie glauben!“ 138 Die Kurden, mit denen Kaſchir⸗Aga zuletzt geſpro⸗ chen, näherten ſich dem jungen Deutſchen und boten ihm ihre Dienſte an. Begleitet von der ſtaunenden und un⸗ ruhig bewegten Menge, ritt Wiedenburg bis an das nie⸗ drige Thor des ſteinernen Gebäudes, ließ ſich dort aus dem Sattel heben, ſprach mit ſeinen türkiſchen Dienern, von denen der eine etwas Engliſch zu verſtehen ſchien, und trat dann in das Innere des Hauſes. Man führte ihn ſogleich nach denjenigen Räumen, die zur Aufnahme von Gäſten beſtimmt waren. Einer beſondern Vorberei⸗ tung bedurfte es nicht. Auch dieſe Räume enthielten nichts als einige Kiſſen zum Sitzen und einige der noth⸗ wendigſten Geräthe. Der Deutſche ließ ſich von ſeinen Die⸗ nern ſein Gepäck bringen und unterſuchte namentlich das Schloß eines kleinen und ſchweren Koffers ſehr genau Daſſelbe ſchien feſt genug gearbeitet, um der Neugierde und wohl auch der Gewalt zu widerſtehen. Dann nahm er die einfachen Gerichte in Empfang, die man ihm brachte, rauchte die dargebotene Pfeife und ſtreckte ſich auf die Kiſſen des Diwans. Zuweilen überflog ein Lä— cheln ſein Geſicht, vielleicht, weil er an die eigenthüm liche Rolle dachte, die er hier ſpielen mußte. Dann aber wurde ſeine Miene wieder ſehr ernſt, denn unmög⸗ lich konnte er ſich die Schwierigkeiten und ſelbſt Gefah⸗ ren verbergen, denen er entgegenging. In dieſer Stim⸗ 139 mung empfing er den Armenier, der halb demüthig, halb vertraulich ſich nahte, um dem Fremden zu melden, daß Kaſchir⸗Aga ihn beſuchen würde. „Der junge Anführer der Kurden wird mir will⸗ kommen ſein“, antwortete Wiedenburg, den Armenier ſehr ernſt und faſt drohend anblickend.„Ich hoffe, Ihr habt Alles gethan, um die Lage meines Freundes und ſeiner Tochter zu erleichtern; wenn nicht, ſo dürfte die Stunde der Vergeltung gekommen ſein!“ Der Armenier ſchwur hoch und theuer, daß ihm das Geſchick des Franken und ſeiner Tochter am Herzen liege wie ſein eigenes, und wagte dann die Frage, wie der Fremde ſo ſchnell die Gunſt des Padiſchah von Stambul erlangt. „Nun, was denkt Ihr, was wir ſind?“ antwortete ihm Wiedenburg ſtolz und verächtlich.„Wir ſind die Botſchafter eines Podiſchah, der tauſendmal mächtiger iſt als der Padiſchah bon Stambul, und Kaſchir⸗Aga mag ſich vor jeder Uebereilung hüten, jetzt, da der Padiſchah von Stambul weiß, daß die Geſandten ſeines mächtigen Freundes von dieſem Volke überfallen und beraubt wor⸗ den ſind. Mehr Bewaffnete, als Ihr Haare in Eurem Barte zählt, ſind bereit, die Schmach zu rächen, die uns angethan worden und der wir uns fügen mußten, weil wir zu ſchwach zum Widerſtand waren. Treibt nicht 3. e —* — ——— 140 etwa falſches Spiel, Mann, ſondern helft aufrichtig unſere Sache fördern; es möchte Euch ſonſt übel erge⸗ hen! Zeigt Ihr Euch aber als ein redlicher Freund, ſo werden Euch Belohnungen von allen Seiten zu Theil werden!“ Der Armenier ſchien beſtürzt und gelobte nochmals, Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtehe. Gleich darauf trat Kaſchir⸗Aga ein, begleitet von zwei Aelteſten der Kurden. Er war jetzt ruhig, ſtolz und zuverſichtlich. Wiedenburg ging ihm einige Schritte entgegen, verneigte ſich und deutete auf die Kiſſen, auf denen der Aga ſich niederlaſſen möge. „Sagt dem Sohne Tamir · Aga's“, wandte er ſich dann zu dem Armenier,„daß er mir verzeihen möge, wenn ich auch hier allen Gebräuchen meines Landes folge. Wir geſtatten dies jedem Fremden, der uns in unſerm Lande beſucht. Und gebt dem Aga genau wieder, was ich Euch ſagen werde! Er darf keinen Zweifel darüber hegen, daß ich nicht als ein Bittender und Hülfsbedürfti⸗ ger zu ihm komme, ſondern als der Sohn eines mächti⸗ gen Volkes und als der Geſandte des Padiſchah.“ Der Armenier, dem die ernſte und feſte Sprache Wiedenburg's Gehorſam und zugleich Vertrauen in die Macht deſſelben einzuflößen ſchien, wiederholte dies⸗ mal genau den Sinn der Worte. Wiedenburg, der in 141 den letzten Wochen eifrig bemüht geweſen war, die tür⸗ kiſche Sprache kennen zu lernen, vermochte jetzt ſelbſt den Worten des Armeniers zu folgen und die Art und Weiſe der Verdolmetſchung im Allgemeinen zu prüfen. Kaſchir⸗Aga blieb auch jetzt ganz ruhig; Wieden⸗ burg glaubte zu bemerken, daß in dieſer Ruhe etwas liege, was auf einen ſchon gefaßten Entſchluß deute, von dem der Kurdenhäuptling ſich durch kein Hinderniß ab⸗ lenken laſſen wolle. „Sage dem Fremden, er möge ſprechen“ lautete die Antwort.„Ich werde hören.“ Wiedenburg ſetzte darauf auseinander, welche Stel— lung er und Mr. Hhwell in ihrem Vaterlande einnähmen, ſchilderte den letztern als einen Abgeſandten ſeines mäch⸗ tigen Herrſchers und hob die Schnelligkeit hervor, mit welcher man ihm ſelbſt den Ferman von Stambul ge⸗ ſandt habe, als er nach ſeiner Flucht das Vorgefallene dorthin berichtet. Er verſicherte mit großer Beſtimmt—⸗ heit, daß der Sultan ſich dieſer Sache ſehr eifrig an⸗ nehmen und ſelbſt mit Gewalt dem Geſandten des ihm befreundeten Herrſchers zu Hülfe kommen werde, hoffe aber, daß Kaſchir⸗Aga ſich mit einem Löſegeſchenk be⸗ gnügen und die fränkiſchen Gefangenen ſofort freigeben werde. Auf die Frage des Kurden nannte er eine nicht unbedeutende Summe, die dem Häuptling oder deſſen Bevollmächtigten ausgezahlt werden ſollte, ſobald die Franken in Sicherheit ſeien, alſo in Bajazid oder Er⸗ zerum. Kaſchir⸗Aga ließ durch den Armenier antworten, daß er die Eigenſchaft ſeines jetzigen Gaſtfreundes als Geſandten des Padiſchah von Stambul nicht eher aner⸗ kennen dürfe, als bis ſein Vater und die Aelteſten den Ferman geprüft. Bis dahin könne er den Fremden nur als einen einfachen Reiſenden betrachten, dem er Schutz und Obdach gewähre. Doch könne er ihm auch ſchon jetzt ſo viel ſagen, daß er ſelbſt nichts gegen die Ab⸗ reiſe ſämmtlicher Männer einzuwenden habe, vorausge⸗ ſetzt, wie er vorſichtig hinzufügte, daß die genannte Summe gezahlt werde, daß er dagegen die Tochter des alten Franken nur in dem Falle ziehen laſſen werde, wenn ſein Vater ihm nicht die Einwilligung gebe, ſie zu heirathen. Und es lag etwas in ſeiner Miene, was an⸗ deutete, daß er ſelbſt in einem ſolchen Falle entſchloſſen ſei zu trotzen. Für Wiedenburg war dieſe Mittheilung eine neue und überraſchende. Doch verbarg er die böſen Befürch⸗ tungen, welche dieſe Erklärung in ihm erweckte. So viel hatte ihn ſein Aufenthalt im OHrient bereits gelehrt. daß nur unerſchütterliche Ruhe im Stande ſei, dieſen Männern Achtung einzuflößen. 143 „So ſcheint Kaſchir⸗Aga zu glauben, daß dieſe An⸗ gelegenheit allein von ihm und ſeinem Vater abhänge?“ ließ er antworten.„Dann irrt er. Ich kenne das Herz der Tochter meines Freundes nicht und weiß nicht, ob es die Empfindungen Kaſchir⸗Aga's theilt. Sollte das aber nicht der Fall ſein, ſo wird keine Macht die junge Frankin bewegen, das Weib des jungen Aga zu werden. In unſerm Vaterlande haben die Frauen vollkommene Freiheit, eine Bewerbung anzunehmen oder nicht. Selbſt wenn unſer Padiſchah um die Hand der jungen Frankin anhielte, würde es ihr freiſtehen, ſein Anerbieten zurück⸗ zuweiſen; kein Zwang darf darin geübt werden. Und wollte ſelbſt die Frankin einwilligen, ſo würde ihr Vater das Recht haben, ſie an einer ſolchen Verbindung zu hin⸗ dern. Kaſchir⸗Aga vergißt, daß wir keine Kurden ſind, daß wir nicht in dieſem Lande geboren, daß wir uns hier nicht mit unſerm freien Willen befinden und alſo in keiner Weiſe genöthigt ſind, den Gebräuchen dieſes Landes zu folgen. Wenn die junge Frankin die Gattin Kaſchir⸗Aga's werden will und ihr Vater einwilligt, ſo mag dieſe Verbindung vollzogen werden; ich bin bei dieſer Angelegenheit nicht betheiligt. Erhält er aber eine zurückweiſende Antwort, ſo muß ſich Kaſchir⸗Aga damit begnügen und die Seele der jungen Frankin nicht länger beängſtigen. Um den Willen Kaſchir⸗Aga's und ſeines 144 Vaters wird ſich weder die Frankin noch ihr Vater kümmern.“ „So meinſt Du, es ſei nicht eine große Ehre für ein fremdes Weib, wenn der einſtige Häuptling der freien Kurden ſie zu ſeiner Gattin begehrt?“ ließ Kaſchir⸗ Aga fragen, und ſeine Miene verrieth Zorn und Un⸗ gewißheit. „Kaſchir⸗Aga vergißt immer, wer wir find“, ant⸗ wortete Wiedenburg.„Die junge Frankin iſt in ihrem Vaterlande ſo reich, mächtig und angeſehen, wie es nur eine Tochter des Padiſchah von Stambul ſein kann, und mehr noch. Die Frauen nehmen in unſern Ländern eine andere Stellung ein als hier, wo der Wille des Mannes und des Vaters in jeder Hinſicht über ſie ge⸗ bietet. Die junge Frankin wird nicht danach fragen, ob man ihr eine Ehre anthun will, ſondern ob ſie dem Häuptling der Kurden geneigt iſt, und danach wird ſie handeln.“ „Und warum ſollte ſie mir nicht ebenſo geneigt ſein wie jedem andern Mann?“ ließ der Aga fragen. „Darauf kann ich nicht antworten“, erwiderte Wiedenburg;„ich beſtreite auch nicht die Möglichkeit. Ich kann nicht in das Herz der jungen Frankin blicken, das ich nicht kenne. Aber Kaſchir⸗Aga ſollte wiſſen, daß die Herzen der Frauen unergründlich ſind und daß ſie ihre 145. Neigung oft demjenigen zuwenden, der uns unwürdig erſcheint, der aber ihnen am beſten gefällt. Die Welt iſt groß. Kaſchir⸗Aga kann nicht verlangen, daß Alles nach ſeinem Kopfe gehe.“ Das ſonnen- und luftgebräunte Geſicht des jungen Aga war bleich geworden, während der Armenier ihm dieſe Worte überſetzte. Seine ſchwarzen Augen glühten drohend und unheimlich zu Wiedenburg hinüber. „Sage dem Fremden, er ſolle ſich hüten, den Schutz dieſes Hauſes zu verletzen!“ rief er. „Ich ſage nur, was ich ſagen kann, da ich nicht der Sklave und nicht der Diener Kaſchir⸗Aga's bin“, antwortete Wiedenburg.„Uebrigens will ich den Häupt⸗ ling nicht mit Reden aufhalten. Er mag mir eine be⸗ ſtimmte Erklärung geben, ob er die Bedingungen, die ich geſtellt, annehmen will, und er mag dabei be⸗ denken, daß in dem Augenblick, in welchem wir ſprechen, Tamir-Aga ſich in der Gewalt der Truppen des Padi⸗ ſchah befindet.“ Als der Sohn Tamir⸗Aga's dieſe Worte aus dem Munde des Armeniers vernahm, ſprang er mit einem Ausruf des Zorns und der Wuth auf; ſeine Hand fuhr nach dem Dolch im Gürtel und er ſchien bereit, ſich auf den Deutſchen zu ſtürzen. Auch die beiden Kurden, die bis jetzt unbeweglich in einiger Entfernung geſtanden, Miützelburg, Der Held von Garika. 1. 10 146 griffen nach ihren Waffen. Wiedenburg erhob ſich, aber mit Ruhe Er wußte, daß der Kurde ſich ſelbſt vom Jähzorn nicht hinreißen laſſen würde, einen Gaſtfreund zu verletzen. „Weshalb brauſt Kaſchir⸗Aga auf?“ fuhr er fort. „Was ich ſage, iſt Wahrheit. Meint der junge Häupt⸗ ling der Kurden, daß wir ſchwach und feig wie Weiber ſeien, um Alles ruhig hinzunehmen, was man uns anthut? Wir ſind gefangen worden, als wir durch dieſes Land reiſten, weil wir darauf vertrauten, daß man friedlichen Reiſenden keinen Schaden zufügen würde Trotzdem hat man uns nicht nur beraubt, ſondern uns auch gezwungen, hierher zu wandern. Kaſchir⸗Aga wird begreifen, daß ein Mann ſich nicht geduldig in eine ſolche Lage fügt. Ich bin geflohen und habe dem Padiſchah gemeldet, was geſchehen. Der erſte Befehl, den er gab, war der⸗ jenige, Tamir Aga ſo lange gefangen zu halten, bis die Franken in Freiheit geſetzt ſeien⸗ Auf eine Entſchä⸗ digung für die Sachen, die man uns geraubt, machen wir ſelbſt keinen Anſpruch; wir wiſſen, daß dies ver⸗ gebliche Mühe ſein würde. Aber wir wollen frei ſein, frei in unſer Vaterland zurückkehren; danach werden wir ſtreben mit allen Mitteln. Hat man Gewalt gegen uns gebraucht, weshalb ſollen wir nicht wieder Gewalt an⸗ wenden? Hat man uns gefangen, weshalb ſollen wir 147 uns nicht der Perſon Tamir⸗Aga's verſichern, der mit ſeinem Kopfe dafür bürgen muß, daß die Befehle des Padiſchah erfüllt werden? Es wäre thöricht von einem Manne, ſich über etwas zu erzürnen, das er ganz ver⸗ nünftig finden muß, wenn es ihm auch nicht lieb iſt. Glaubt Kaſchir⸗Aga, wir ſeien Feiglinge und Dumm⸗ köpfe, um mit uns ſchalten und walten zu laſſen, wie es Andern gefällt? Wir dulden, ſolange wir müſſen, und handeln, wenn wir können. Und Kaſchir⸗Aga mag nicht vergeſſen, daß die Schaaren des Padiſchah in Be⸗ wegung und in der Nähe ſind! Es koſtet den Sultan nur einen Wink, und Tauſende von Streitern wenden ſich gegen dieſe Berge!“ Kaſchir⸗Aga, der mit finſterem Grollen der ſchnellen Verdolmetſchung des Armeniers gelauſcht, ſtieß einen verächtlichen Ruf aus. „Hat der junge Aga ſchon vergeſſen, wie Beder⸗ Khan, der Häuptling der Bhudan Kurden, von Omer⸗ Paſcha gezüchtigt wurde, und wie ſelbſt die Häuptlinge der HakkariKurden den großen Feldherrn des Padiſchah um Gnade anflehten?“ rief Wiedenburg ſtolz.„Kaſchir⸗ Aga mag mächtig ſein in ſeinem Lande, aber es gibt Mächtigere, als er iſt, und er wird nicht ſo thöricht ſein, um einiger Fremdlinge willen die Freiheit ſeines Landes zu verſcherzen. Denn wenn Omer⸗Paſcha zum 10* 148 zweiten Male in dieſe Verge dringt, ſo wird er ſie nicht verlaſſen, ohne die Herrſchaft des Padiſchah von Stam⸗ bul für immer befeſtigt zu haben.“ Es lag trotz der aufreizenden Drohung doch ſo viel Wahrheit in den Worten Wiedenburg's, daß der junge Kurde ſichtlich davon betroffen wurde. Er wandte ſich zum Gehen. „Wird Kaſchir⸗Aga mir geſtatten, meinen Freund, den Heckhim der Franken, zu ſehen?“ fragte Wieden⸗ burg.„Ich habe ihm Nachrichten zu bringen und will mit ihm über die Summe ſprechen die er willens iſt, Euch für dasjenige zu bieten, was er als ein Recht in Anſpruch nehmen könnte, ſeine Freilaſſung. Denn ſeine geit iſt koſtbar wie die meinige. Wir können nicht län ger hier bleiben.“ Kaſchir⸗Aga rief dem Armenier haſtig einige Worte zu, die dieſer dem Deutſchen dahin verdolmetſchte, daß der Aga nichts dagegen habe, wenn der Fremde mit den fränkiſchen Männern ſpreche, daß er ihm aber eine Unterredung mit der jungen Frankin nicht geſtatte. Wieder zeigte ſich deutlich jener Ausdruck auf ſeinem Geſichte, den Wiedenburg ſchon vorher bemerkt hatte, der Ausdruck eines entſchloſſenen Trotzes, der Ausdruck der ſtummen Worte: Thut was Ihr wollt— ich weiß, was ich zu thun habe, und ich werde es thun. 149 Kaſchir⸗Aga ging mit den Aelteſten; der Armenier folgte, nachdem er dem Deutſchen noch eine Geberde ge⸗ macht, die wohl ausdrücken ſollte, daß er Alles thun werde, was der Fremde wünſche. Wiedenburg blieb er⸗ regt und gedankenvoll zurück. So war das Unheil ein⸗ getroffen, das Mr. Hywell gefürchtet! Mary's Schönheit hatte den Kurden entflammt. Es handelte ſich nicht mehr allein darum, die Habſucht von Räubern zu be⸗ friedigen, ſondern auch der Leidenſchaft ihre Beute zu entreißen. Aber gerade bei dieſem Gedanken ſchwoll das Herz Wiedenburg's von Muth und Entſchloſſenheit, gerade bei dieſem Gedanken fühlte er alle ſeine Muskeln in Thatenluſt ſich ſpannen. Er verehrte Marh, ja, im tief⸗ ſten Grunde ſeines Herzens liebte er ſie Er hatte dieſe Liebe ſich ſelbſt verbergen wollen, er hatte verſucht, ſie zu erſticken unter all den Vernunftgründen, die ſich gegen jede Hoffnung auf Erfüllung dieſes geheimſten Wunſches ſeiner Seele erhoben, er hatte mit männlichem Ernſte ſeine aufteimende Neigung davor behüten wollen, zur Leidenſchaft zu werden. Wie oft hatte er ſich geſagt, daß der Reichthum Mr. Hywell's und ſeine eigene beſcheidene und kaum ge⸗ ſicherte Stellung in der Welt eine faſt unüberwindliche Schranke zwiſchen ihm und Miß Mary aufrichteten, daß ihre Vekanntſchaft eine viel zu kurze und zufällige ſei, um 150 ihm ein Anrecht auf Freundſchaft und nun gar auf Liebe zu geben, daß Mary's Betragen gegen ihn, wenn auch freundlich und ſelbſt vertraulich, ihn doch nicht be⸗ rechtige, ſeine Hoffnungen bis zur Gegenliebe zu erheben, daß Mary wegen ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und ihrer äußern Lebensſtellung wohl beanſpruchen könne, einen ganz Andern und Beſſern zu wählen als ihn, ja in der letzten Zeit hatte er ſogar Blicke in das Herz George's gethan und in dieſem eine ſtille, aber glühende und tiefe Leidenſchaft für Mary entdeckt, die vielleicht von dieſer erwidert wurde— genug, er hatte das Gelübde gethan, das, was er empfand in ſeinem tiefſten Herzen zu verſchließen und durch nichts zu verrathen, wie mäch⸗ tig der Eindruck geweſen, den die junge Engländerin auf ihn gemacht. Aber ſie blieb ihm doch immer das ver⸗ ehrteſte und herrlichſte Weſen, für das jedes Opfer ihm gering erſchien. Und dieſes Weſen, das für ihn mit dem ſüßeſten und keuſcheſten Liebreiz der Anmuth und Tugend umwebt war, der Leidenſchaft eines halben Wil⸗ den ausgeſetzt zu wiſſen, zu denken, daß eine barbariſche Hand dieſes Meiſterwerk der Natur, dieſes bevorzugte Geſchöpf Gottes roh vernichten könne, das goß ein loderndes Feuer in ſeine Seele und waffnete ihn mit to⸗ desmuthiger Entſchloſſenheit. Was er bis jetzt für Mr. Hywell und ſeine Tochter gethan, hatte er gethan aus — 151 wirklichem Mitgefühl; die Liebe hatte keinen Theil daran gehabt, wenigſtens verbarg er das vor ſich ſelbſt und ſagte ſich, daß er ſo auch gehandelt haben würde, wenn er in Miß Hywell nur eine Freundin geſehen. Aber jetzt galt es, dem Aeußerſten zu trotzen, vielleicht den Tod zu erdulden um ihretwillen, ſie zu retten oder ihren Untergang nicht mehr mit lebenden Augen zu ſe⸗ hen, und er war entſchloſſen, es zu thun, ſtumm, un⸗ ter dem Schein der Freundſchaft, ohne einen Anſpruch auf andern Lohn als den der Freundſchaft. Er wollte handeln, wie es ihm die Liebe gebot, wenn auch keine Hoffnung auf den ſüßeſten Gewinn das Opfer lohnte, das er zu bringen bereits ſich entſchloſſen. Noch beſchäftigten ihn dieſe Gedanken auf das leb⸗ hafteſte, als Mr. Hywell eintrat. Die beiden Männer begrüßten ſich herzlich, innig, aber ernſt. In wenigen, Worten ſchilderte Mr. Hywell ſeine und ſeiner Tochter Lage in den letzten Monaten. Es mochte ſeinem väter⸗ lichen Herzen ſchwer werden, Alles zu ſagen, aber er durfte dem Manne, der um ſeinetwillen zurückgekehrt, nichts verbergen. Wiedenburg erſparte ihm einen Theil des Geſtändniſſes, indem er ihm mittheilte, daß Kaſchir⸗ Aga ſelbſt von ſeinen Abſichten geſprochen. Mr. Hywell fügte hinzu, daß jede Stunde koſtbar ſei, da vielleicht die Einwilligung Tamir⸗Aga's ſehr bald eintreffen könne 152 und dann nichts mehr die Leidenſchaft des Kurden zu⸗ rückhalten werde. „Die Lage iſt ernſt, gefährlich, aber nicht verzwei⸗ felt, ſolange wir ſechs muthige Männer ſind und Waf⸗ fen und Gold in jenem Koffer haben!“ erwiderte Wie⸗ denburg, auf den ſchweren, wohlverwahrten Koffer deu⸗ tend.„Laſſen Sie mich Ihnen nun vor allem flüchtig erzählen, wie es mir gelungen, hierher zurückzukehren. Vorher aber bringe ich Ihnen die herzlichſten von Mr. George, Ihrem Pflegeſohn!“ In wenigen Worten ſchilderte Wiedenburg dem freudig überraſchten Engländer das Zuſammentreffen mit George. „Wir begaben uns ſogleich nach Bajazid“, fuhr er dann fort,„und es gelang uns, einen polniſchen Com⸗ mandeur in türkiſchen Dienſten für unſere Sache zu ge⸗ winnen. Er gab den Befehl, Tamir⸗Aga, von dem man wußte, daß er an der ruſſiſch⸗türkiſchen Grenze plündernd ſtreife, nach Bajazid zu locken und gefangen zu nehmen. Den Erfolg dieſes Unternehmens konnten wir jedoch nicht mehr abwarten, da uns ein Bote benachrichtigte, daß mein Oheim aus Sinope uns entgegenkomme und uns in Kars oder Erzerum treffen wolle. In erſterer Stadt fanden wir ihn. Er hatte bereits gethan, was ihm mög⸗ lich war, und führte ſo viel von gemünztem Golde, als S 153 er hatte auftreiben können, bei ſich. Mit ihm und eini⸗ gen europäiſchen HOffizieren beriethen wir nun den Plan zu Ihrer Befreiung. Es wurde beſchloſſen, den Ferman abzuwarten, um den mein Oheim gebeten und den uns der engliſche und öſterreichiſche Geſandte in Konſtanti⸗ nopel ohne Zweifel auswirken würden. Dann ſollte ich, von zwei Dienern begleitet, hierher eilen, um Sie im voraus zu benachrichtigen, daß nichts, was zu Ihrer Befreiung dienen könne, unterlaſſen werde. Dieſer eine Theil unſerer Aufgabe iſt erfüllt. Ich kleidete mich, ſo⸗ bald der erwünſchte Ferman eingetroffen war, in die Tracht eines vornehmen Türken, um ſicherer reiſen zu können, und begab mich auf den Weg. George dagegen übernahm es, obgleich er vor Ungeduld brannte, Sie wie⸗ derzuſehen, mit meinem Oheim in Kars zu bleiben, bis Nachrichten über die Gefangennehmung Tamir⸗Aga's an⸗ gelangt und die Truppen, die der Commandeur zu un⸗ ſerer Verfügung ſtellte, marſchfertig ſeien. Ich hoffe, George iſt jetzt mit meinem Oheim, begleitet von unge⸗ fähr tauſend türkiſchen Reitern, auf dem Wege hierher. Ein Offizier, der unter Omer⸗Paſcha gegen die Kurden gekämpft und das Land kennt, wird den Zug befehli⸗ gen. Ich glaube deshalb, daß wir am beſten thun, uns ganz ruhig zu verhalten und Muth und Sicherheit zu zeigen. Kaſchir Aga wird bald genug erfahren, daß ſein 154 Vater gefangen genommen worden, und das wird ſeinen Stolz beugen. Zeigen ſich dann George und mein Oheim mit den Truppen in der Nähe, ſo wird er begreifen, daß die Hinderniſſe, die ſeinen Gelüſten entgegenſtehen, mäch⸗ tiger ſind, als er geahnt hat, und wird Vernunft anneh⸗ men. Thut er das nicht, nun, ſo entſcheiden die Waffen. Das Land iſt entblößt von Streitern. Jeder, der ein Pferd und eine Waffe finden konnte, ſchweift an der perſiſchen oder ruſſiſchen Grenze, um zu plündern. Schon hundert entſchloſſene Männer wären im Stande, dem ganzen Stamm Kaſchir⸗Aga's die Stirn zu bieten. Quä len Sie ſich deshalb nicht mit Befürchtungen und trö⸗ ſten Sie vor allem Miß Mary, deren Seelenzuſtand ein ſehr düſterer ſein muß.“ „Wie wird ſie Ihnen danken!“ rief Mr. Hywell. „Sie hatte bis zuletzt gehofft, daß Sie uns nicht ver⸗ laſſen würden, und ihre Hoffnung hat ſie nicht betrogen. O Wiedenburg, wenn Sie wüßten, wie ſehr ich meinen Eigenſinn bereue—“ „Mein werther Sir, davon wollen wir jetzt nicht ſprechen!“ unterbrach ihn Wiedenburg.„Sie werden Zeit genug haben, ſich Vorwürfe zu machen, wenn wir erſt wieder in einem Lande ſind, in welchem Recht, Ge⸗ ſetz und Sicherheit herrſchen, und dann haben Sie nicht mehr nöthig, ſich mit Erinnerungen zu quälen. Fürs ——— 8——— 155 erſte bin ich befriedigt. Ich glaube mich bei dem Monſieur Aga in Reſpect geſetzt zu haben und denke, er wird jetzt nichts unternehmen, bevor er nicht reiflich die Folgen überdacht hat. Wenn es Ihnen möglich iſt, ſo ſenden Sie mir doch meinen Diener und auch Ihre Leute; ich will mit ihnen verabreden, was nöthigen⸗ falls zu thun iſt. Und hier haben Sie etwas, was in unſerer Lage durchaus nicht überflüſſig iſt!“ Er griff in ſeinen Kaftan und überreichte Mr. Hywell ein kleines Doppelterzerol und ein Päckchen dazu gehöriger Patronen. Mr. Hywell nahm es mit einem freudigen Ruf. „Wenn ich denken könnte, daß Miß Marh mit einer ſolchen Waffe umgehen könnte, ſo würde ich Ihnen rathen, es Miß Marh ſelbſt zu geben; für alle Fälle!“ ſagte Wiedenburg mit ſtockender Stimme. „O ich bleibe bei ihr, bis Alles entſchieden iſt, ich weiche nicht von ihr!“ rief Mr. Hywell entſchloſſen. „Seit ich Sie geſprochen, ſeit ich weiß, daß auch Ge⸗ orge naht, fühle ich mich wieder kräftig und voll Ent⸗ ſchloſſenheit. Jetzt will ich gehen, um Mary Alles zu melden. Mein junger Freund, Sie ahnen nicht, wie dankbar ich Ihnen bin!“ „Wir wollen uns gemeinſam freuen, wenn wir alle in Sicherheit ſind!“ ſagte Wiedenburg.„Ich habe — 156 nicht mehr gethan als Mr. George, der wochenlang in der Irre herumgeritten iſt, um etwas über Sie zu erfahren, und bei der erſten Mittheilung, die ich ihm gab, ſein Pferd in die Berge ſpornen wollte, um Sie zu befreien!“ „Der arme gute Burſche!“ ſagte Mr. Hywell herzlich, aber zugleich bedauernd.„Hat er Ihnen etwas über ſeine Vergangenheit und ſeine Hoffnungen mitgetheilt?“ „Nein, ich wollte ihn nicht fragen, da ich bemerkte, daß etwas Düſteres auf ihm laſte. Doch kann ich aus einzelnen Andeutungen faſt errathen, was ihn bewegt.“ „Und wie ſteht es mit dem Kriege?“ fragte Mr. Hywell. „Davon ein andermal!“ ſagte Wiedenburg.„Ich denke, wir ſehen uns heute noch!“ Und er deutete nach der Thür, wo der Armenier ſichtbar wurde. Mr. Hywell drückte ſeinem jungen Freunde die Hand und ging. Der Armenier trat näher, mit weit größerer Ehr⸗ erbietung, als er ſie jemals früher dem Franken be⸗ wieſen. „Nun, habt Ihr mit Kaſchir⸗Aga geſprochen?“ fragte ihn dieſer.„Wie iſt er geſinnt?“ „Ich habe ihn nicht mehr geſehen“, antwortete der Dolmetſcher,„aber nach dem Ausdrucke ſeines Geſichts —— ——————————— 157 zu ſchließen, als er Euch verließ, war er im Innerſten erbittert und zugleich niedergeſchlagen.“ „Ihr habt vorhin Eure Sache gut gemacht!“ ſagte Wiedenburg.„Es war nothwendig, daß dieſer Kurde die ganze Wahrheit höre. Da iſt etwas zur Belohnung und Ermunterung für die Zukunft!“ Und er reichte ihm einige Dukaten, die der Ar— menier mit glänzenden Augen empfing. „Herr“, ſagte er eifrig,„ſeid überzeugt, daß ich bereit bin, Euch in Allem zu dienen. Aber ich weiß nicht, was ich beginnen ſoll. Kaſchir⸗Aga würde mir den Kopf herunterſchlagen, ſobald er ahnte, daß ich gegen ihn arbeite. Er liebt die junge Frankin, er liebt ſie ſo heftig, daß er, glaube ich, ſein Leben wagen würde, um ſich in ihren Beſitz zu ſ ſetzen. Es muß irgend etwas im Werke ſein. Er hat einige von den jüngern Kurden zu ſich rufen laſſen, Männer, die mit ihm aufgewachſen und ihm treu ergeben ſind. Einen von dieſen ſah ich vorhin von Kaſchir. Aga kommen, und er rief einem andern, der ihn erwartete, einige Worte zu, die faſt als ob irgend ein Plan ausgeführt ſolle.»Nun wollen wir bald die Pferde ſatteln“, rief er luſtig.„Es gilt einen Ritt nach Mittag zu, und da werde ich ſchon zuſehen, daß ich einen kleinen Seitenritt mache zur Leila. Der Aga wird nichts dagegen haben; der braucht 158 uns und läßt uns thun, was wir wollen, wenn er nur erſt in Sicherheit iſt!« Der andere Kurde lachte vergnügt dazu. Genug, Herr, ich glaube, es iſt etwas im Werke, aber noch weiß ich nicht, was es iſt, obgleich ich über⸗ zeugt bin, daß es bald, wahrſcheinlich ſchon in dieſer Nacht geſchehen wird.“ „Nun, was könnte das ſein?“ fragte Wiedenburg halblaut.„Will er Miß Marh entführen?“ „Die Frankin? Faſt vermuthe ich es!“ antwortete der Armenier.„Herr, Ihr glaubt nicht, wie die blauäu⸗ gige Frankin ſein Herz in Feſſeln geſchlagen! Er iſt un⸗ ruhig, zerſtreut und übellaunig; ſeine eigenen Freunde ſpotten und lächeln über ihn. Ich glaube, er nimmt ſie zum Weibe trotz ſeinem Voter!“ Edmund Wiedenburg ſtand einige Minuten über⸗ legend. „Bald wird es Nacht ſein“, ſagte er dann.„Seid Ihr bereit, mich nicht nur zu unterſtützen, ſondern auch mit uns zu fliehen? Fürchtet nichts. Es naht ein Freund von mir mit einem türkiſchen Paſcha und tauſend gut bewaffneten Reitern. Wir werden ſie vielleicht morgen ſchon antreffen, wenn wir den Weg nach Norden ein⸗ ſchlagen!“ „Ich muß wohl mit Euch gehen“, antwortete der Armenier mit ſauerſüßer Miene.„Kaſchir⸗Aga würde a 159 mir den Kopf nicht lange auf den Schultern laſſen, wenn Ihr mit der ſchönen Frankin verſchwunden wäret.“ „Nun gut, ſo dient mir treu und aufrichtig!“ ſagte Wiedenburg.„Euer Lohn wird tauſendmal reichlicher ſein, als er Euch von dieſem Aga zu Theil werden könnte. Geht jetzt zum Aga und ſagt ihm, die fränki⸗ ſchen Diener hätten verlangt, mir ihre Ehrerbietung zu bezeigen, und geht dann zu ihnen und ſagt, ſie möchten ſogleich zu mir kommen. Wir wollen für alle Fälle ge⸗ rüſtet ſein. Schlaft dieſe Nacht nicht, wenn es Euch mög⸗ lich iſt und haltet Euch in der Nähe, denn wir werden nicht warten, um Euch zu ſuchen, wenn wir reiſefertig Armenier ging mit tiefen Verbeugungen. Eine Viertelſtunde ſpäter erſchienen die vier Diener, um den jungen Deutſchen von ganzem Herzen willkommen zu heißen und ihm ihr Leid zu klagen. Sie waren noch viel trauriger gekleidet als damals Wiedenburg, wie George ihm begegnete. Der junge Deutſche hatte aber weder Zeit noch Luſt, über ihr Ausſehen zu lächeln. Er gab ihnen Piſtolen, Munition und Geld und bat ſie, die Waffen zu verbergen und in der Nacht nicht zu ſchlafen, ſondern ſich für alle Fälle bereit zu halten. Das Zim⸗ mer in welchem ſie wohnten, lag in der Nähe des ſei⸗ nen; ſie gelobten ihm mit Hand und Mund, das 160 Aeußerſte zu wagen, denn ſie wären dieſes Lebens über⸗ drüſſig bis auf den Tod. Auch ſeine türkiſchen Diener ließ Wiedenburg rufen. Der eine, ein ſtarker und kluger Mann, der Engliſch verſtund und ein Kaufmann aus Kars war und theils aus Luſt am Abenteuerlichen, theils durch die Verſpre⸗ chungen Wiedenburg's bewogen, ihn in der Stellung eines Dieners begleitet hatte, verſprach ebenfalls auf⸗ merkſam zu ſein und den Deutſchen von allem Verdäch⸗ tigen zu unterrichten. Dann genoß Wiedenburg von der einfachen Abendmahlzeit, welche die kurdiſchen Diener ihm gebracht hatten, und ſetzte ſich bei dem Schein einer klei⸗ nen Thonlampe auf die Kiſſen, um zu überlegen und zu lauſchen. Es war einige Stunden ſpäter, als Marh Hywell ſich auf die Bitten ihres Vaters entſchloß, ihr Lager aufzuſuchen und ein wenig zu ſchlummern. Der Vater, der noch einmal bei Wiedenburg geweſen und durch dieſen von Allem unterrichtet war und der ſich leiſe und heim⸗ lich wieder in das Zimmer Marh's geſchlichen, hatte ſeiner Tochter nichts von den Gefahren geſagt, die ihr vielleicht in den nächſten Stunden bevorſtanden, und ihr nur das freudige Zuſammentreffen Wiedenburg's mit George und die nahende Hülfe berichtet. Aber ſchon ſeine 161 Gegenwart hatte ihr verrathen müſſen, daß etwas Außer⸗ gewöhnliches im Werke ſei, und ſie war nur ſchwer zu bewegen, ſich angekleidet auf die Kiſſen und Teppiche zu legen und zu thun, als ob ſie ſchlummere. Die beiden Dienerinnen, ängſtliche, ſchüchterne Frauen, die jetzt in⸗ folge der langen Furcht und mancher Entbehrungen faſt Schatten glichen, waren dem Beiſpiel ihrer Herrin ge⸗ folgt und ſaßen halb liegend in einem Raume, der durch einen Vorhang von dem Lager Mary's getrennt war. Mr. Hywell hatte ſich neben Mary's Lager auf dem Fußboden niedergeſetzt, ſich mit dem Arm auf die Kiſſen ſtützend, auf denen Marh ruhte. Eine Thonlampe von der einfachen Form, wie man ſie im Alterthum kannte und noch heute im Orient findet, erhellte den Raum, der durch einen Vorhang von dem größern Wohnraum des Zimmers geſchieden war, mit ihrem flackernden, un⸗ gleichen Lichte. So ſaß der bejahrte Mann und lauſchte den Athemzügen ſeiner Tochter, die ruhiger und ruhiger wurden, obwohl Mary nicht ſchlief, wie der Vater glaubte. Welche Gedanken erfüllten den ſchwer geprüften Mann! Welcher Wechſel des Schickſals, welche ſeltſame, unheimliche Lage! Er, der in ſeinem Vaterlande in ru⸗ higſter Sicherheit hätte ſchlafen können, ſich einwiegend mit dem Gedanken, daß ſein liebliches Kind zur gleichen Miützelburg, Der Held von Garika. I. 11 162 Zeit ſüß von unſchuldigen Scherzen träume, er, der mit banger Sehnſucht dem Zeitraum entgegengeſehen hatte, in welchem ein würdiger und verdienter Mann neben der kindlichen Liebe eine andere und noch innigere in Mary's Seele erwecken werde, er ſaß hier mit ſchwe⸗ rem Herzen, weit von der Heimat, mit der Waffe in der Hand, um den Schlaf der Tochter zugleich mit ihrer Unſchuld vor der Leidenſchaft eines Menſchen zu ſchügen, dem Blut ein Spott und das edelſte Weib nur eine verlockend geformte, aber geiſtloſe Maſſe war, für einige geit genügend, ihm die trägen Zwiſchenräume zwiſchen ſeinen Raub- und Jagdzügen zu verkürzen. Alles, alles das fühlte er mit der ganzen ſcharfen Bitterkeit des er⸗ fahrenen Mannes, mit dem heißen Schmerz des zärtli⸗ chen Vaters. Und in ſeiner Bruſt reifte jene kalte Ent⸗ ſchloſſenhert, die bereit iſt, eher das Leben des eigenen Kindes zu enden, als es untergehen zu laſſen in Jammer, Verzweiflung und Schande. Hatten Hunderte und Tau⸗ ſende vor ihm das Liebſte geopfert, was ſie auf dieſer Welt beſaßen, um es nicht berühren zu laſſen von un⸗ reiner Hand, weshalb ſollte er feiger oder grauſamer ſein als ſie alle? Und mußte dem Manne, der aufer⸗ zogen war in reinſter Verehrung der Frauen, der zu ſeiner früh verlorenen Gattin aufgeblickt, wie zu einem Weſen höherer Art, der ſein Kind in ſeinem Herzen ge⸗ 163 hegt als das Juwel ſeines Lebens, mußte ihm dieſe Hand, die ſich nach Mary ausſtreckte, nicht als eine un⸗ reine erſcheinen, wenn er bedachte, in welchen Anſichten und in welchen Formen der Geſittung dieſer junge Kurde erzogen worden? Er ſaß und lauſchte, aber das Weben ſeiner Ge⸗ danken wiegte dennoch die Schärfe ſeines Ohres in Schlummer. Er hörte den leiſen, katzenartigen Schritt nicht, der über den Teppich des Zimmers ſchlich, er hörte nicht, wie eine Hand vorſichtig den Vorhang auseinander ſchlug. Aber Mary hatte es gehört und begann ſchnel— ler zu athmen; ſie ahnte die Nähe deſſen, von dem ihr Gefahr drohte. Die beſchleunigten Athemzüge trafen das Ohr des Vaters; unwillkürlich blickte er auf. Nur wenige Schritte von ihm, den Vorhang noch mit der einen Hand haltend, ſtand Kaſchir⸗Aga. Der junge Kurde mochte den Engländer, der tief neben dem Lager Marh's ſaß, bis jetzt nicht geſehen haben. Jetzt, als dieſer den Kopf erhob, mußte er ihn erblicken, und für einen Augenblick ſchrak er zurück. Der bewundernde, begehrliche Ausdruck ſeines Blickes wich dem der Ueberraſchung, dem des Trotzes. Noch hatte er die Waffe in der Hand Mr. Hhwell's nicht bemerken können. Er trat näher, feſt, entſchloſſen. Er war un⸗ gefähr in derſelben Tracht, in welcher der Engländer 164 ihn zuerſt geſehen. Das deutete auf ein Vorhaben, auf eine bevorſtehende Unternehmung. Der Armenier und Wiedenburg hatten ſich nicht getäuſcht, er kam, um Marh mit ſich zu nehmen. Mr. Hywell erhob ſich. Auch er ſihte in dieſem entſcheidenden Augenblick die ganze Kälte der verzwei⸗ felten Entſchloſſenheit. Er war mit ſich einig, den Kur⸗ den zu tödten, wenn dieſer ſich nicht entferne. Mochte dann kommen, was da wollte, der Tod war für ihn und Marh nicht das Schlimmſte! Es war ein unheimlicher Anblick, wie die beiden Männer ſich gegenüberſtanden, während Mary regungs⸗ los auf ihrem Lager ruhte, nicht wagend, die Augen zu öffnen, und nur durch das Rauſchen der Kleider belehrt, daß ihr Vater ſich erhoben. Das Bewußtſein, daß kei⸗ ner von beiden des Andern Sprache verſtehe, erhöhte das Unheimliche dieſer Scene. Geberden, Bewegungen, Mienenſpiel mußten hier entſcheiden, wo es ſich um Tod und Leben handelte. Kaſchir⸗Aga deutete mit der Hand an, Mr. Hywell möge ſich entfernen; der Engländer ſchüttelte ruhig den Kopf. Der Kurde trat vor; Mr. Hywell trat ihm ſchnell und entſchloſſen einige Schritte entgegen, ſodaß er zwi⸗ ſchen ihm und Marh ſtand, nur auf Armeslänge von ihm entfernt. Die Augen des Kurden funkelten, die Adern ſeiner Stirn ſchwollen an, ſeine Bruſt athmete höher, die Naſenlöcher ſchienen ſich zu erweitern und er ziſchte einige Worte— wohl einen Fluch— durch die zuſammengepreßten Zähne. Dann griff er nach dem Gür⸗ tel, der von Dolchen und Piſtolen ſtarrte. Aber Mr. Hywell erhob drohend das Terzerol. Auch dem Kurden mußte dieſe kalte Bewegung verſtändlich ſein. Mr. Hy⸗ well drohte ſeinem Gegner mit dem Tode, wenn er noch eine Bewegung mache. Da theilte ſich der Vorhang, der hinter Kaſchir⸗Aga zuſammengefallen war, leiſe, geräuſchlos, und es zeigte ſich eine Geſtalt in türkiſcher Tracht— Wiedenburg. Er legte den Finger auf die Lippen, zum Zeichen des Schwei⸗ gens. Mehr ſah Mr. Hywell für den Augenblick nicht, oder erinnerte ſich wenigſtens nicht, mehr geſehen zu ha⸗ ben. Er ſah die Fauſt des Kurden blitzſchnell nach ſeinem Kopfe fahren und fuhr zurück; dennoch traf ihn ein Schlag und er taumelte. Im nächſten Moment aber ſich aufraffend, ſah er den Kurden in den Armen Wieden⸗ burg's, die ihn von hinten umſpannt hatten. „Ein Tuch, ein Tuch! Und die Stricke!“ rief der junge Deutſche, den Kurden, der ſich wand wie eine Schlange, in ſeinen Armen feſthaltend.„Bitten Sie Marh, nicht hierher zu ſehen. Es ſoll ihm nichts geſchehen— nur unſchädlich—“ 166 Der Athem verging ihm. Dem Kurden war es ge⸗ lungen, den einen Arm zu befreien. In demſelben Au⸗ genblicke aber ergriffen ihn die Diener Mr. Hywell's. Er ſtieß einen wilden Schrei aus, bückte ſich und ſprang dann auf wie ein Tiger, der die Feſſeln fühlt— ver⸗ gebens. Die Stricke, die Wiedenburg in Bereitſchaft ge⸗ halten, ſchlangen ſich ihm um Hände und Füße, ein fe⸗ ſtes Tuch ward ihm um den Mund gebunden. Dann trugen ihn die Diener fort. Marh Hywell hatte ſich währenddeſſen erhoben. Sie war leichenblaß und ſchien doch gefaßt. Zitternd blickten die Dienerinnen durch den Vorhang. Eine tiefe Stille war eingetreten; nur ein dumpfes Schnauben drang aus einem entfernten Raum herüber— das Wuthſchnauben des Gefeſſelten und Geknebelten. „Miß Hywell“, ſagte Wiedenburg, zu Marh hin⸗ antretend,„verzeihen Sie, daß ich Sie zum Zeugen einer ſolchen Scene gemacht. Aber es blieb uns keine andere Wahl; ich war entſchloſſen, dieſen Mann zu tödten, wenn es ſein mußte; die Schuld war ſein! Jetzt gilt es ſchnelles Handeln; wir müſſen fliehen und George zu erreichen ſuchen. Wo iſt der Armenier?“ Der Dolmetſcher zeigte ſich hinter dem Lochang. Wiedenburg nahm die Lampe von der Wand. „Miß Hywell“ ſagte er,„ordnen Sie Alles, was 167 Sie mit ſich zu nehmen denken, und ſprechen Sie Ihren Dienerinnen Muth ein. Ich hoffe, es wird Alles gut werden! Ihr aber ſeht nach dem Kurden und feſſelt ihn ſo, daß er ſich nicht bewegen kann; zieht auch das Tuch feſt, damit es nicht locker wird!“ Die letztern Worte waren an die engliſchen Diener gerichtet, dann wandte ſich Wiedenburg zu dem Armenier. „Geht hinaus auf den Hof, wo, wie Ihr mir ge⸗ ſagt, die jungen Kurden auf Kaſchir⸗Aga warten“, ſagte er.„Von Eurer Geſchicklichkeit hängt das Gelingen unſeres Plans ab, und wir werden Euch reich belohnen wenn Ihr Muth und Gewandtheit zeigt. Geht hinaus mit ruhiger Miene und ſagt den Kurden: Kaſchir⸗Ag⸗ ſei erbittert in ſein Zimmer gegangen, denn er habe den Vater der jungen Frankin bei ihr gefunden, als er ſie zwingen wollte, mit ihm zu gehen. Er habe gefürchtet, daß Lärm entſtehen werde und die andern Franken dazu kämen; Gewalt wolle er nicht anwenden. Er be⸗ ſcheide ſie zu morgen Mittag zu ſich, um einen andern Plan mit ihnen zu verabreden. Wenn Ihr kaltblütig ſeid und ruhig ſprecht, wird man Euch ohne weiteres glauben.“ „Verlaßt Euch auf mich, Herr!“ ſagte der Arme⸗ nier.„Ich weiß, daß es ſich jetzt um meinen Kopf handelt.“ 168 Er ging. Außer ihm waren jetzt alle diejenigen, über die Mr. Hywell und Wiedenburg gebieten konnten, in dem Zimmer verſammelt, ſechs Diener, zrüßige und jetzt auch bewaffnete Männer. „Als Sie mich heute Abend verließen, Mr. Hywell“, ſagte Wiedenburg,„kam der Armenier, dem wir jetzt vollkommen vertrauen dürfen, nochmals zu mir und meldete mir, daß Kaſchir⸗Aga die Aelteſten der Kurden und die meiſten ſeiner Diener ausgeſchickt habe, um Vorräthe aus einem benachbarten Orte zu holen, und daß er dies wahrſcheinlich gethan, weil er fürchtete, man könne ihn an einer That hindern wollen, die bis jetzt noch nicht die Billigung Tamir⸗Aga's erlangt. Die jun⸗ gen Kurden, die ihn begleiten ſollten, wohnen im Dorf, nicht im Hauſe. Ich begriff ſogleich, wie günſtig die Umſtände ſich dadurch für uns geſtalteten, und entwarf den Plan, in deſſen Ausführung Sie mich begriffen ſe⸗ hen. Unſere engliſchen Diener verſah ich mit Stricken, die ſich unter meinem Gepäck vorfanden, und empfahl ihnen noch einmal, des leiſeſten Winks gewärtig zu ſein. Vor einer Viertelſtunde kam der Armenier, der fortwährend auf der Wacht geſtanden, und meldete mir, daß Kaſchir⸗Aga nach dieſem Zimmer gegangen. Ich ſandte ihn ſogleich zu meinen türkiſchen und engliſchen Dienern, damit ſie mir folgen ſollten, und ſchlich nach 169 dieſem Zimmer, das ich zur rechten Zeit erreichte. Jetzt hängt Alles davon ab, ob wir unſere oder irgendwelche Pferde finden und das Haus und das Dorf unbemerkt verlaſſen können. Ich hoffe es, ja, ich hoffe ſelbſt, daß man uns, im Falle man uns entdeckt, ziehen laſſen wird, ſobald Kaſchir⸗Aga die Wuth der Kurden nicht aufſtachelt. Der Ferman und meine entſchloſſene Hal⸗ tung haben, wie mir der Armenier geſagt, einen ſtarken Eindruck auf die Kurden gemacht, und überdies ſind nur wenige bewaffnete Männer in Dorfe. Billigen Sie meinen Plan, Mr. Hywell?“ „Ich unterwerfe mich mit Freuden Ihren Anord⸗ nungen!“ rief der Engländer.„Ich will nicht zum zweiten Mal durch meinen Eigenſinn verderben, was Sie gut machen wollen, und diesmal wüßte ich wahrlich nichts Beſſeres vorzuſchlagen. Gebieten Sie über mich wie über einen Diener. Ich bin zu Allem bereit, ſelbſt zum Kampfe, ja, ich fühle etwas in mir, was mich wuͤnſchen läßt, dieſe lange Zeit der Schmach mit einem harten Strauße zu beenden!“ „Es wäre für Miß Mary kein Glück, wenn Sie eine Kugel träfe!“ ſagte Wiedenburg. „Freilich, freilich! Deshalb, wenn es möglich iſt, mag Alles im Guten abgehen“, ſagte der Engländer, „obwohl, das kann ich ſchwören! obwohl es mir in 17⁰ allen Gliedern zuckt, dieſem Hund von Kaſchir⸗Aga eine Kugel durch den Kopf zu jagen! O Mary, was muß Marh jetzt fühlen, da ſie hoffen darf, gerettet zu werden!“ Der Armenier kam zurück und meldete, daß Alles nach Wunſch gegangen ſei. Die Kurden hatten ſich mit den Worten entfernt: Kaſchir Aga hätte am beſten ge⸗ than, dem alten Franken die Kehle abzuſchneiden. Der Armenier hatte das Thor hinter ihnen geſchloſſen. Er verſicherte noch einmal dem Engländer, daß alle Um⸗ ſtände die günſtigſten ſeien. Außer den Frauen Tamir⸗ Aga's, einigen Dienern und Dienerinnen befände ſich Niemand im Hauſe, die Nacht ſei dunkel, er kenne die Umgebung des Dorfes genau— genug, er drängte zur Eile. Der Boden brannte ihm unter den Füßen. „So werde ich mit dem Armenier und mit dem einen Türken gehen, um zu verſuchen, unſere Pferde zu finden“, ſagte Wiedenburg.„Wie viel Diener befinden ſich in dem Marſtall bei den Pferden „Nur zwei Wächter“, antwortete der Armenier mit einem ſchlauen Lächeln.„Und dieſe werden jetzt wohl ſchon im Dorfe ſein, wo ſie ihre Liebchen haben. Sie waren aufmerkſam geworden, als ſie die Kurden auf den Hof kommen hörten, und ahnten, daß etwas im Werke ſei. Kaſchir⸗Aga hatte ihnen nichts geſagt, damit ſie ihn 171 nicht verrathen möchten. Einer von den Kurden hielt im Dorfe Pferde für ihn und die Frankin in Bereitſchaft. Ich rief ihnen zu, als ich ſie an der Heffnung über der Thür flüſtern hörte, warum ſie nicht ſchlafen gingen, das ganze Haus ſei im tiefſten Frieden, und nun ſind ſie gewiß ſchon bei ihren Liebchen!“ „Gut!“ rief Wiedenburg und reichte ihm Geld. „Wenn Ihr Euch ſo anſtellig und vorſichtig zeigt, ſo werden wir bald gute Freunde ſein. Jetzt alſo nach dem Marſtall! Inzwiſchen wird Miß Marh ihr Gepäck ge⸗ ordnet haben; Sie, Mr. Hywell, bleiben mit den An⸗ dern zurück und achten auf Kaſchir⸗Aga. Die Hauptſache iſt, daß er das Tuch nicht lockern und rufen kann. Ich will jetzt die kleine Laterne holen, die ich in glücklicher Vorſicht mit mir genommen. Sobald als möglich bin ich zurück. Ich hoffe Alles bereit zur Abreiſe zu finden.“ Er holte die Laterne und ging mit dem Armenier und mit dem einen Türken nach dem Marſtall, der ver⸗ hältnißmäßig groß und ſauber war, da die Kurden, wie alle Orientalen, ihren Pferden große Sorgfalt widmen. Die Wächter, nach denen der Armenier ſorgfältig rief, ehe er eintrat, antworteten nicht; ſie waren ausgeflogen. Nun zündete Wiedenburg die Laterne an, und es begann eine ſchnelle Muſterung. Noch befanden ſich ſämmtliche Pferde der Europäer in dem Marſtall, und in einem 172 daneben befindlichen Raume hing auch das Sattel und gaumzeug. Sogar der Palankin der Miß Mary fand ſich vor, und haſtig machten ſich die drei Männer an die Arbeit, die Pferde zu zäumen und zu ſatteln. Keine leichte Arbeit bei dem ſchwachen Licht der kleinen Laterne und bei der bedeutenden Zahl der Pferde! Aber endlich war auch dies gethan. „Was nun?“ fragte Wiedenburg.„Wo hinaus? In welcher Richtung?“ „Nicht zum vordern Thor hinaus“, antwortete der Armenier;„da ſchlafen einige Diener, die leicht erwachen könnten, wenn die Pferde wiehern. Ich kenne Alles genau. Wir müſſen dieſes Thor zu öffnen ſuchen, das unmittelbar vom Marſtall auf den freien Platz hinter dem Dorfe führt. Laßt mich nur machen, Herr! Und ſollen wir nicht die Pferde, die zurückbleiben, tödten? Es wäre gut für uns, im Falle man uns verfolgen wollte!“ Wiedenburg überlegte. Aber der Vorſchlag ſchien ihm zu grauſam, und überdies war kein Mangel an Pferden im Dorfe; für eine Verfolgung hätten ſich immer genug gefunden. Er wies den Gedanken zurück. „Zu unſern Freunden!“ ſagte er.„Sie werden uns ſehnſüchtig erwarten!“ Und das war in der That ſo. Mr. Hhwell glühte bereits vor Aufregung und Ungeduld. Miß Marh war —————— 173 mit ihren Dienerinnen reiſefertig. Nichts hielt die Eu⸗ ropäer zurück. „Jetzt geht zu Kaſchir⸗Aga“, wandte ſich Wieden⸗ burg zu dem Armenier,„und ſagt ihm, er möge bei ſich ſelbſt überlegen und ſich fragen, ob wir nicht im Rechte ſeien. Es würde thöricht von ihm ſein, ſich rächen zu wollen, ſelbſt wenn ſich ihm eine Gelegenheit dazu böte. Er mißte ſich ſelbſt ſagen, daß er ebenſo und vielleicht viel grauſamer gehandelt haben würde. Die Freilaſſung ſeines Vaters würde ich anordnen, ſo— bald wir ſicheres Gebiet erreicht hätten!“ „Verzeiht, Herr“, antwortete der Armenier,„hier iſt jedes Wort überflüſſig; über eine ſolche Entſchuldi⸗ gung würde der Aga nur ſpotten. Wer der Stärkere iſt, hat bei ihm Recht, und wenn er kann, wird er uns alle mit der größten Kaltblütigkeit ermorden, ob Ihr Euch nun entſchuldigt habt oder nicht. Laßt ihn glau⸗ ben, daß Ihr ihn vollkommen verachtet und gar nicht mehr an ihn denkt. Das wird ihn weit tiefer kränken und ihm zugleich einen höhern Begriff von Eurer Klug⸗ heit und kalten Ruhe geben!“ „So laßt noch einmal nach den Stricken und dem Tuche ſehen, und dann fort!“ ſagte Wiedenburg. Es geſchah; dann verließ die kleine Schaar das Zim⸗ mer, in welchem Mary Hywell vier Monate lang ſo viel er⸗ 174 duldet. Der Armenier ging voran, die Diener, die das Ge⸗ päck der Frauen und Wiedenburgs trugen, folgten mit den Frauen; Wiedenburg und Mr. Hywell ſchloſſen den Zug. „Ihr habt doch Euren Ferman?“ rief der Arme⸗ nier mit gedämpfter Stimme. „Nein, Kaſchir⸗Aga hat ihn bei ſich behalten!“ ant⸗ wortete Wiedenburg. „Das darf nicht ſein!“ rief der Armenier.„Er wird in ſeinem Zimmer liegen. Zum Glück hat er ſeine Diener entfernt. Ich will ihn holen!“ Der Armenier verſchwand und kehrte erſt nach einer längern Pauſe mit dem Ferman zurück, aber auch beladen mit Waffen und Munition, ſowie mit einzelnen Koſtbar⸗ keiten, die den Reiſenden von den Kurden abgenommen worden. Wiedenburg, Mr. Hywell und die Diener em⸗ pfingen namentlich die Waffen mit der lebhafteſten Freude. Marh begrüßte ein kleines Portrait ihrer Mutter, das man ihr entwendet, während ſie in dem Hauſe wohnte, mit einem Ruf des Entzückens. „Ein geſcheidter Burſche!“ ſagte Mr. Hywell.„Wir wollen nicht danach fragen, was er für ſich genommen, ſeine Taſchen mögen voll ſein. Und ich ſelbſt hätte Luſt, eine kleine Viſitation in Kaſchir⸗Aga's Hauſe anzuſtellen nach alle dem, was man uns geſtohlen. Aber jetzt drängt die Noth! Nur vorwärts!“ 175 Es geſchah, wie der Armenier es angeordnet. Die tiefſte Stille herrſchte in dem ganzen Hauſe, Niemand hörte die Fliehenden, wenn es nicht Kaſchir⸗Aga war, der ſich in den Höllenqualen vereitelter Hoffnungen und gedemüthigten Stolzes winden mochte. Man erreichte den Marſtall, und es gelang, das ſchwere Thor, das nach außen führte, ohne allzu großes Geräuſch zu öffnen. Die Pferde wieherten, als ſie ihre alten Herren erkann⸗ ten, aber das konnte nicht auffallen, da ſie dies oft in der Nacht thaten. Nun drang die friſche Nachtluft herein. Alle ath⸗ meten auf. Die Nacht war dunkel, ſo dunkel, daß Nie⸗ mand einen Weg zu finden vermocht hätte; aber man vertraute auf den Armenier. Die Pferde wurden am Zügel geführt; ſie zu beſteigen wäre unmöglich geweſen. Der Armenier ging mit ſeinem Pferde voran. Er ſagte, er wiſſe einen Weg, der um das Dorf herumführe. Selbſt die Pferde ſchienen vorſichtig zu ſein und verga— ßen das Wiehern. So ging es in peinlicher Langſam— keit vorwärts; nur der Armenier unterbrach zuweilen die Stille durch leiſe Andeutungen über den zu nehmen⸗ den Weg, die Mr. Hywell und Wiedenburg den Andern mittheilten. „Das Dorf liegt hinter uns“, ſagte der Armenier nach einer Viertelſtunde,„aber wir können die Pferde 176 noch nicht beſteigen, denn der Weg führt ſteil abwärts. Wir werden erſt ſchärfer reiten können, wenn der Mor⸗ gen graut, alſo in einigen Stunden. Doch können die Frauen ihre Pferde beſteigen, wenn dieſe geführt werden.“ Mary und die Dienerinnen weigerten ſich, dies zu thun, und in der That bot das Dahinſchreiten auf dem Fußboden mehr Sicherheit. So ging es denn langſam weiter. Zuweilen ſtrauchelte ein Mann oder ein Pferd. Allmälig aber gewöhnten ſich die Augen an die Dun⸗ kelheit; auch verzogen ſich die Wolken, und der Sternen⸗ ſchimmer erhellte die Nacht ein wenig. Man war auf eine Ebene gelangt, und nachdem man ſich aus der Stel⸗ lung der Sternbilder überzeugt, daß man die nördliche Richtung beibehalten, ſchritt man ſchnell und ſicher vor⸗ wärts. Wiedenburg überlegte mit dem Armenier, wie ſie es anzufangen hätten, um am nächſten Tage Lebens⸗ mittel zu erhalten, die ihnen gänzlich fehlten, und der Armenier meinte, dafür werde ſich Rath finden, wenn die Reiſenden nur eine ſichere und bewußte Haltung an⸗ nähmen und Wiedenburg ſeinen Ferman vorzeige. Nur mit dem Gold ſolle er ſparſam ſein, um die Habſucht der Kurden nicht zu reizen. Für die bitterlich kalte Nacht wußte Wiedenburg Rath. Johnny hatte ihm eine Flaſche ſeines Lebenselixirs, Jamaikarum, mitgegeben. Eine Kleinigkeit davon genügte, die Männer zu beleben, und 177 ſelbſt Mary und die Dienerinnen mußten ein wenig davon trinken, mit Waſſer vermiſcht, das man aus einer Quelle ſchöpfte. Mr. Hhwell drang darauf, denn er fürchtete, die Leiden, Entbehrungen und Aufregungen möchten den Frauen und vor allem ſeiner Tochter ge⸗ ſchadet haben. Endlich brach der Morgen an, der heißerſehnte Morgen. Nun ſtieg man zu Pferde, und ſchneller ging es vorwärts. Heiterer wurden die Mienen, heller die Blicke, lebendiger das Geſpräch. Die Sonne erhob ſich klar und rein über den ſchneebedeckten Bergen an der perſiſchen Grenze. Der Gedanke, daß die Rettung zum Theil gelungen ſei, erfüllte alle mit neuer Lebenskraft. Freilich hatten ſie keinen weiten Vorſprung vor den Verfolgern. Aber es ließ ſich hoffen, daß ſie entweder auf George treffen oder Kurdenſtämme erreichen würden, die auf Grund des großherrlichen Fermans den Flie⸗ henden Schutz gewährten. Freiheit ſchien den Meiſten gleichbedeutend mit Rettung, und Mary lauſchte bereits wieder mit ihrem lieblichen Lächeln der Schilderung, die ihr Wiedenburg von ſeinem Zuſammentreffen mit George und von den Kochkünſten Johnny's entwarf. 1 Mützelburg, Der Held von Garika. 1. W Die Schwäbin. Es war ſpät am Nachmittag deſſelben Tages. Der Zug war vor einer Stunde aus einem kleinen Dorfe aufgebrochen, in welchem man kurze Raſt gemacht, um Fleiſch zu erhandeln und Gerſtenbrod zu kaufen. Der Armenier hatte den Kurden dieſes Dorfes eine andere Richtung, in welcher man weiterreiten werde, angegeben, als diejenige, die man wirklich einzuſchlagen beabſichtigte, denn es lag ihm daran, die Verfolgung, die ſich voraus⸗ ſehen ließ, möglichſt aufzuhalten. Jetzt hatte man aber⸗ mals eine Hochebene erreicht, von der ſich ein herrliches Rundgemälde über die ſchneebedeckten Berge und duf⸗ tigen Thäler den Blicken der Reiſenden darbot, die freilich wenig geneigt waren, Naturſchönheiten zu be⸗ achten, ſolange ſie ſich nicht wirklicher Sicherheit er⸗ freuten. „Was iſt das für ein Gebäude?“ fragte Wiedenburg den Armenier, auf ein Gebäude deutend, das in weiter 179 Entfernung zur Rechten lag und deſſen eigenthümlicher burgähnlicher Bau ihm auffiel. „Ich habe davon ſprechen hören, daß eine Tagereiſe von dem Dorfe Kaſchir⸗Aga's, nach Norden zu, ſich ein Dorf mit Neſtorianern befinde, deren Aga in einer Feſtung wohne“, antwortete der Armenier.„Wahr⸗ ſcheinlich wird es das Haus jenes Agas ſein, der ſich damals bei dem Angriff auf die Nazarener ſo tapfer vertheidigte, daß man ihm nichts anhaben konnte.“ Wiedenburg wollte mehr fragen, als er plötzlich ſtutzte und einen freudigen Ruf ausſtieß. Dann nahm er das kleine Fernrohr, das er von einem Offizier in Kars gekauft, und führte es ans Auge. „Sie ſind es! Es iſt George und mein Oheim!“ rief er jubelnd.„Sie ſind nur von wenigen Reitern be— gleitet, vielleicht von einem Dutzend, aber nun ſind wir geborgen; es ſind türkiſche Soldaten, und man wird nicht wagen, ſie anzugreifen!“ Und während Mr. Hywell, vor freudiger Aufregung zitternd, das Fernrohr nahm, zog Wiedenburg ein helles Taſchentuch hervor und ließ es in der Luft wehen. Es mußte von der kleinen Schaar, die ſich in weiter Ent⸗ fernung, tief unter der Hochebene in einer Schlucht zeigte, bemerkt worden ſein, denn dort flatterte ſogleich eben⸗ falls ein helles Tuch, und ein Gewehr wurde abgeſchoſ⸗ 12 180 ſen. Man hörte den Knall nicht, aber man ſah den Pul⸗ verdampf. „Ich kann nichts erkennen!“ ſagte Mr. Hywell tief aufathmend.„Die Freude läßt meine Hand zittern und trübt mir das Auge. Marh, mein Kind, ich hoffe, endlich—“ „Herr!“ rief in dieſem Augenblick der Armenier, „Herr, da iſt Kaſchir⸗Aga! Um Gottes willen, was iſt zu thun?“ Mechaniſch wandte Wiedenburg, indem ſein Blut vom Herzen zurückwich, den Blick nach der Richtung, in welcher der Armenier die Hand ausſtreckte. Eine Reiter⸗ ſchaar ſprengte ſo eben im vollſten Galopp den Abhang hinauf, der auf die Hochebene führte. Wiedenburg ver⸗ mochte zwar keinen einzigen von der Schaar, die min⸗ deſtens fünfzig Reiter zählte, zu erkennen, aber wer an⸗ ders konnte ſo raſend den Berg hinanſprengen als Ka⸗ ſchir Aga mit ſeinen Kurden? Für einen Augenblick ver⸗ lor Wiedenburg die Faſſung; ſeine Gedanken verwirr⸗ ten ſich. Dann aber, obwohl bleich und mit mattem Auge, rief er: „Wir müſſen nach jenem Gebäude! Unſere Freunde können wir nicht erreichen; wir müßten dort links hinab und die Kurden würden uns den Weg abſchnei. den. Tom, reite da hinab, was das Pferd nur leiſten 181 kann, zu jenen Reitern und ſage ihnen, wir ſeien in Gefahr, ſie möchten ſo ſchnell als möglich jenes Gebäude zu erreichen ſuchen. Fort!“ Tom, der engliſche Diener Wiedenburg's, flog davon. „Vorwärts!“ rief Wiedenburg, mit der Hand nach dem Gebäude deutend.„Wir erreichen es vor den Kur⸗ den und vielleicht finden wir Schutz bei den Neſtoria⸗ nern. Mr. Hhwell, nehmen Sie Ihrer Tochter Pferd am Zügel!“ Aber Mr. Hywell that das nicht. Er hielt es für ſicherer, Marh zu ſich auf den Sattel zu nehmen, damit das ſchwächere und langſamere Damenpferd den andern folgen könne. So ſtürmten alle nach dem Gebäude zur Rechten, das, wie ſich jetzt zeigte, am öſtlichen Abhang der Hochebene lag, oberhalb eines Dorfes. Wiedenburg wandte den Blick ſeitwärts zu den Kurden. Er erkannte jetzt deutlich KaſchirAga, der den Andern um vielleicht fünfzig Schritte voraus war. „Seien Sie unbeſorgt, Mr. Hywell!“ ſagte er. „Wenn wir das Gebäude nicht erreichen, ſo ſchieße ich ihn nieder! Mann, erhebt Eure Stimme und ruft um Hülfe!“ Die letztern Worte galten den Armenier, der ſo⸗ gleich verzweifelt zu rufen begann. Währenddeſſen winkte Wiedenburg dem einen türkiſchen Diener, der die gela⸗ 182 dene Büchſe ſeines Herrn trug, und ließ ſich dieſelbe zu⸗ reichen Dann ritt er hinter den Zug und zeigte Kaſchir⸗ Aga drohend die Büchſe Der Kurde antwortete damit, daß er im vollſten Galopp die ſeinige von der Schulter nahm. So flogen die Fliehenden dahin, während die Kurden ſich von der Seite näherten. Jetzt zeigten ſich Menſchen an den Fenſtern oder Schießſcharten der Burg und auf den Thürmen. Aber noch ſah man das verſchloſſene Thor ſich nicht öffnen. Der Armenier ſchrie, ſo laut er nur vermochte. „Um das Gebäude herum rief Wiedenburg Mr. Hywell zu, der an der Spitze des Zuges ritt.„Dann erreichen wir links wenigſtens das Dorf und irgend ein Haus. Denn hier öffnet man uns nicht!“ Mr. Hywell folgte der Weiſung, ſein Pferd nach links lenkend. Kaſchir- Aga war vielleicht noch fünfhundert Schritte entfernt. Und er ritt ein Pferd, das wie ein Pfeil daherſchoß! In wenigen Minuten mußte er die Fliehenden erreicht haben. Jetzt war Wiedenburg ganz in der Nähe der Burg. Eine alte Frau ſtand an einer Fenſteröffnung. Der junge Mann ſah in bitterer Verzweiflung zu ihr hinauf und ſtreckte verwünſchend die Hand aus „Weib“, rief er,„Du könnteſt uns retten, wenn Du uns einließeſt, retten vor dieſem Kaſchir⸗Aga und 183 ſeinen Räubern. Aber bei Euch gibt es kein Mitleid, keine Barmherzigkeit! Ihr ſeid ein gottverlaſſenes Geſchlecht!“ „Iſt es Kaſchir⸗Aga, der Euch folgt?“ rief die Frau.„So will ich Euch helfen!“ Und ſie rief gellend einige Worte in das Innere des Gebäudes, und dieſe fremden Worte erſt erinnerten den jungen Mann daran, daß er in ſeiner wilden Auf⸗ regung deutſch gerufen und daß ihm die Frau deutſch geantwortet hatte. Gleich darauf hörte er einen jubelnden Freudenſchrei von den Fliehenden, die vor ihm waren und die er nicht mehr ſehen konnte, da ſie bereits um den Eckthurm gebogen, und zugleich öffnete ſich vor ihm das Thor, das auf die Hochebene hinausführte. Er zögerte, noch wußte er nicht beſtimmt, ob ſich ſeinen Freunden ein Thor geöffnet. „Nur herein, Mann!“ rief dieſelbe Frauenſtimme in deutſcher Sprache.„Die Eurigen ſind in Sicherheit. Der Kurde zielt auf Euch!“ Wiedenburg hörte einen Schuß, eine Kugel ziſchte an ihm vorüber Aber beruhigt, mit ſchnell erleichtertem Herzen, wie der Schiffbrüchige ſich auf ſeiner Planke von einer ſanften Welle an das Ufer treiben läßt, ſprengte er leicht und ſtolz in das Thor, das ſogleich hinter ihm geſchloſſen wurde. 184 Als Wiedenburg den Hof erreichte, den das burg⸗ ähnliche Gebäude auf allen Seiten umſchloß, ſah er zu⸗ erſt nur eine Menge von kurdiſchen Männer⸗ und Frauengeſtalten, dann aber auch ſeine Begleiter, Mr. Hywell, Miß Mary und ihre Frauen, die Diener und den Armenier. Gerettet alſo für jetzt! Mit dieſem Ge⸗ danken ſah er ſich nach dem Herrn des Hauſes oder nach der Frau um, deren deutſche Worte er vernommen. Und die Menge theilte ſich. Es erſchien eine hagere lange Geſtalt in kurdiſcher Tracht, jenem Tamir⸗Aga, dem Vater Kaſchir⸗Aga's, ſehr ähnlich, aber mit einem kleinen ſilbernen Kreuze, das an einer Schnur um den nackten Hals hing. So beſtätigte ſich alſo die Vermuthung des Armeniers. Die Flüchtlinge befanden ſich in dem Hauſe eines Neſtorianers. Wiedenburg winkte dem Armenier, der noch bleich war vor Angſt und Schrecken, ſtieg vom Pferde und näherte ſich dem Herrn des Hauſes mit einem höflichen, aber nicht unterwürfigen Neigen. Dann bat er den Ar⸗ menier, dem Herrn des Hauſes in geeigneten, ruhigen Ausdrücken zu erzählen, was ſich begeben, und nicht zu vergeſſen, hinzuzufügen, daß die Reiſenden mächtige Fran⸗ ken ſeien. Der Armenier that es; der Neſtorianer hörte ſchweigend und aufmerkſam zu. Inzwiſchen näherte ſich eine alte Frau, die ſich in nichts von einer Kurdin un⸗ 185 terſchied; Anzug, Schleier, ſelbſt das gebräunte Antlitz und die etwas ſpitze Naſe ſchienen auf orientaliſche Abſtammung hinzudeuten. Eine gewiſſe Ehrfurcht, welche ihr die zurücktretenden Kurden erwieſen, ließ errathen, daß ſie die Herrin des Hauſes ſei. Die neſtorianiſchen Frauen dürfen ſich öffentlich zeigen, denn die Sitten der Chriſten geſtatten auch dort den Frauen mehr Freiheit der Bewegung als die Sitten der Mohammedaner. „Die fränkiſchen Chriſten ſind mir willkommen und werden ſicher in dieſem Hauſe wohnen“, antwortete der Kurde.„Kaſchir⸗Aga's Flüche und Verwünſchungen brechen dieſe Mauern nicht. Für Eure Frauen und Diener wird Sorge getragen werden. Jetzt laßt uns auf den Thurm ſteigen und ſehen, was draußen geſchieht.“ „Sind vielleicht Eure Frauen auch Deutſche?“ fragte jetzt die alte Frau, die Wiedenburg für eine Kurdin ge⸗ halten, in deutſcher Sprache. „Nein“, antwortete er,„es ſind Engländerinnen, aber Miß Hhwell ſpricht ein wenig deutſch.“ „Ich werde mich ihrer annehmen“, antwortete die Alte.„Und ſeid vorſichtig in Worten und Werken gegen Tanlik⸗Aga, denn es fließt das Blut dieſes Landes in ihm und die Fremden ſind hier nicht gern geſehen.“ Gern hätte Wiedenburg noch mehr mit der Deutſchen geſprochen, zu der einer der ſeltſamſten Zufälle ihn ge⸗ 186 führt, aber er fühlte, daß er dem mahnenden Blicke des Häuptlings Folge leiſten müſſe, rief Mr. Hywell zu, er möge ſich und ſeine Tochter ohne Arg der Herrin des Hauſes anvertrauen, und gab dann dem Kurden zu verſtehen, daß er bereit ſei, ihm zu folgen. Dieſer ſchritt voran, eine ſtattliche, echt kriegeriſche Geſtalt. Auf einer ſteinernen Treppe erreichten ſie das obere Stockwerk des roh, aber feſt gebauten Hauſes und ſtiegen dann im Innern des Thurms auf einer dunklen Treppe empor bis zu der Plattform. Die Sonne ſtand tief und ein herrlicher goldener Hauch ſchwebte über der Hochebene; tiefes Blau lagerte bereits in den Schluchten, in welche Wiedenburg ſeinen Blick hinabſenkte. Kaſchir⸗Aga hielt mit ſeiner Reiter⸗ ſchaar ungefähr fünfhundert Schritte von der Burg ent⸗ fernt. Die Hakkari⸗Kurden ſchienen in eifriger Berathung zu ſein. Zuweilen ſchien KaſchirAga drohend die Hand nach der Burg auszuſtrecken. Wiedenburg bat den Ar⸗ menier, dem Häuptling nochmals zu ſagen, daß ein Trupp von Freunden in der Nähe ſei, und ihn zu fragen, ob er dieſe aufnehmen wolle. „Tanlik⸗Aga liebt die Türken nicht“, antwortete der Häuptling düſter.„Aber wenn es Freunde ſeines Gaſt⸗ freundes und ihrer nur wenige ſind, ſo wird er ſie auf— nehmen.“ 187 „Und wenn Kaſchir⸗Aga ſie mit ſeiner Ueberzahl angreift?“ ließ Wiedenburg fragen. Tanlik⸗Aga wechſelte ſchnell einige Worte mit ſeinen Begleitern und dann mit dem Armenier. Wie dieſer ſpäter dem jungen Deutſchen ſagte, ließ der Häuptling den Türken einige Boten entgegenſenden, um ſie durch das Dorf in die Burg zu führen, befahl auch einer Schaar ſeiner Untergebenen, ſich zu bewaffnen. Inzwiſchen war ein junger Kurde auf die Plattform gekommen, vielleicht von fünfundzwanzig Jahren, ſchlank und ſtolz, aber von reinern und feinern Zügen als Kaſchir⸗Aga. „Grüß Euch Gott!“ ſagte er in fremdem Accent, aber in deutſcher Sprache zu Wiedenburg. Ueberraſcht gab ihm dieſer den Gruß zurück und reichte ihm die Hand. Er errieth, daß er einen Sohn der Deutſchen vor ſich ſehe, und vermuthete, daß dieſe die Gattin Tanlik⸗Aga's ſei. Bald darauf ertönte eine Glocke zum Abendgebet und erinnerte Wiedenburg, daß er unter Chriſten ſei. Einige Wächter blieben auf der Plattform des Thurms zurück; die Andern ſtiegen hinab auf den Hof zum ge⸗ meinſamen Gebet, das Tanlik⸗Aga ſprach. So rauh und den mohammedaniſchen ähnlich auch die Gebräuche waren, ſo nahmen die Männer doch ernſten und innigen Antheil 188 an dem Gebet. Mr. Hywell und Mary befanden ſich unter den Betenden, die letztere bleich und mit feuchten Augen. Sie betete noch lange und innig, als die Suc ſich bereits zu trennen begann. Jetzt— die Dämmerung war bereits eingetreten— öffnete ſich das Thor und es ſprengte ein Zug Reiter auf den Hof, voran George, der ältere Wiedenburg aus Sinope und Johnny. Ein Freudenruf hallte von beiden Seiten wieder. Die Reiter ſprangen von ihren Pferden. George warf ſich ſeinem Pflegevater in die Arme und küßte dann Marh inbrünſtig und wiederholt die Hand. Die junge Engländerin empfing ihn wie einen Bruder, und Wiedenburg bemerkte wohl, mit welcher Glut die Blicke George's auf Marh ruhten. Nun, er fühlte keine Eiferſucht. Er hatte ſich ja längſt über ſeine Gefühle für Mary und ſeine Stellung zu ihr Rechenſchaft gegeben! Wenn hier Mary einen Mann fand, den ſie liebte und der vielleicht ein älteres Anrecht auf ſie hatte, ſo ſollte nie und nimmer auch nur das Zucken einer Wimper verrathen, daß er mehr für ſie fühlte als aufrichtige Freundſchaft. Und wie herzlich begrüßten ſich Johnnh und Marh! Wie drückte ſie mit Freudenthränen im Auge die große rauhe Hand Johnnh's und hielt ſie lange in der ihrigen! Dieſe Begrüßungen hätten lange gedauert und die Fragen 189 würden nicht geendet haben, hätte ſich nicht Edmund Wiedenburg erinnert, daß es nicht wohlgethan ſei, die Gewohnheiten der Orientalen zu vernachläſſigen, die jetzt ihre einfache Abendmahlzeit einnehmen wollten. Alle bega⸗ ben ſich in die große Speiſehalle, wo ein außergewöhnliches Mahl, Lammbraten und perſiſcher Wein, ihrer harrte. Aber Johnny wollte ſich damit nicht begnügen. Er ver⸗ ſchwand und kehrte mit einigen rieſigen Flaſchen eines ſchönen griechiſchen Weins, die der ältere Wiedenburg gekauft, zurück. Edmund jedoch, der die leichte Reizbar⸗ keit der Orientalen in Allem, was Gaftfreundſchaft be— trifft, kannte, fürchtete, daß Tanlik⸗Aga ſich verletzt fühlen werde, wenn man einen andern Wein als den ſeinigen trinke, und ſagte Johnny, er müſſe die Flaſchen dem Häuptling als Geſchenk anbieten. Tanlik⸗Aga nahm ſie ruhig und würdevoll an, und da die Neſtorianer als Chriſten den Wein nicht meiden, im Gegentheil in dem Rufe ſtarker Zecher ſtehen, ſo ließ der Häuptling die Flaſchen öffnen und ſprach dem Wein wacker zu ſeine Gäſte oft zum Trinken ermunternd. Dann ließ er durch den Armenier die Fremden benachrichtigen, welche Zimmer ihnen angewieſen ſeien, und entfernte ſich, vielleicht um in der Einſamkeit ſein S Geſpräch mit der Flaſche fortzuſetzen. Nun waren die Zungen frei. Was wurde gefragt 190 und erzählt! Wenn man an Kaſchir Aga zurückdachte, geſchah es, wie man des Meeres gedenkt, das gierig an die Ufer ſchlägt, die der Gerettete erreicht hat. George und der ältere Wiedenburg berichteten, daß ſie auf eigene Hand, nur begleitet von wenigen Türken, denen ſie reich⸗ liche Belohnung verſprochen, ſich auf den Weg gemacht hätten, da ſie nicht im Stande geweſen, ihre Ungeduld ſo lange zu zügeln, bis man ihnen ein ſtarkes Truppen⸗ corps zur Verfügung geſtellt, was übrigens wahr— ſcheinlich nie geſchehen wäre. Von der letzten Gefahr, in welcher ſich die Flüchtlinge unmittelbar vor der Burg befunden, wußten ſie nur durch Tom. Sie ſelbſt hatten Kaſchir⸗Aga auf dem Wege, den der ihnen entgegenge⸗ ſandte Bote Tanlik⸗Aga's ſie geführt, nicht geſehen. An alle dieſe Fragen und Antworten ſchloß ſich die Be⸗ rathung, was nun zu thun ſſei. Daß irgend eine größere Truppenmacht ihnen von den Türken zu Hülfe geſendet werden würde, bezweifelte der alte Wiedenburg. Sich mit der kleinen Schaar; die den Europäern zur Verfü⸗ gung ſtand, weiter zu wagen, wenn auch nur bis Wan, ſchien bei der Uebermacht Kaſchir⸗Aga's der die Verfol⸗ gung gewiß noch nicht aufgab, bedenklich. So blieb kaum ein anderer Ausweg, als ſich an Tanlik⸗Aga zu wenden und ihn zu bitten, die Reiſenden mit einer genügend ſtarken Bedeckung als Sicherheitswache bis in die civili- — 191 ſirten Gegenden zu begleiten. Man hoffte, ihn durch Bitten und Geſchenke, vielleicht auch durch die Fürſprache ſeiner deutſchen Gattin zu gewinnen. Dieſe Deutſche hätte Wiedenburg gern geſprochen. Man war allgemein erſtaunt, als man vernahm, welchem Zufall die Fliehenden ihre Aufnahme in die Vurg und die Theilnahme Tanlik⸗Aga's zu danken hätten. Sie ſelbſt war nicht bei der Abendmahlzeit zugegen geweſen. Aber als die Reiſenden ſich trennten, um die Räumlichkeiten aufzuſuchen, die ihnen angewieſen worden, erſchien der junge Kurde und ſagte mit einem Lächeln der Genug⸗ thuung über ſeine Kenntniß einer fremden Sprache zu Edmund Wiedenburg: „Mutter will Dich ſprechen, Fremder! Ich Dich führen!“ Wiedenburg folgte ſogleich. Der junge Mann führte ihn durch eine Reihe ſehr einfacher Zimmer bis in ein entlegenes Gemach, das Frauengemach, den Harem des Orients. Der junge Deutſche erhaſchte noch flüchtig die Geſichter einiger jungen Mädchen, die hinter einem Vor⸗ hang verſchwanden, vielleicht Töchter der Gattin Tan⸗ lik⸗Aga's. Dann bemerkte er die Deutſche, die ihm ent⸗ gegentrat. „Ich wollte Euch gern noch ſprechen“, ſagte die Frau,„denn ich kann nicht wiſſen, ob Ihr morgen noch 192 bei uns ſeid. Ich habe meinem Mann geſagt, daß ich Euch rufen laſſen würde, um zu erfahren, was Ihr er⸗ lebt, und vielleicht auch zu hören, wie es in meinem Vaterlande geht. Er will zwar nicht, daß ich mich ver⸗ gangener Zeiten erinnern ſoll, aber jetzt wohne ich ſo lange bei ihm, daß er mir nicht mehr mißtraut.“ „So ſeid Ihr die Gattin Tanlik⸗Aga's?“ fragte Edmund. „Ja, und ſeit vielen Jahren“, antwortete die Frau. „Doch ſetzt Euch. Wir ſchreiben jetzt das Jahr 18542“ „Ja wohl“, antwortete Wiedenburg.„Januar des Jahres 1854. Ich bin Euch zu vielem Danke verpflichtet, werthe Frau. Ohne Euch wären wir dem Feinde kaum entgangen, und ich glaubte zu träumen. als ich eine deutſche Stimme hörte. Verzeiht, daß ich Euch die ſtrengen Worte hinaufrief; ich war in Verzweiflung, und glücklicher⸗ weiſe rief ich ſie deutſch.“ „Das war gut gethan“, erwiderte die Frau.„Man wird hier hart, und wer konnte wiſſen, ob die Verfol⸗ gung und Eure Flucht nicht eine Kriegsliſt waren, um in unſere Burg einzudringen? Bei Eurem deutſchen Worte ſchwanden meine Zweifel. Nun, es iſt eine ſelt⸗ ſame Geſchichte, daß ich hier bin. Wollt Ihr ſie hören?“ Sie ſprach ſehr langſan und mußte ſich oft auf ein Wort, das ihr fehlte, beſinnen. Ihre Sprache hatte 193 einen eigenthümlichen Aecent angenommen; doch glaubte Wiedenburg zu hören, daß ſie in Süddeutſchland ge— boren ſei. Er antwortete, daß es ihm von großem In⸗ tereſſe ſein werde, zu vernehmen, was ſie hierher geführt. „Ihr werdet Euch deſſen nicht erinnern, denn Ihr ſeid zu jung, aber Ihr werdet vielleicht davon gehört haben, daß der Kaiſer Nikolaus von Rußland deutſche Familien einlud, ſich in den Ländern am Kaukaſus an⸗ ubauen“, begann die Frau.„Auch aus Würtemberg zogen Viele dahin, unter ihnen meine Aeltern, die einer von den frommen Religionsſekten angehörten, denen man dort im Lande von oben herab nicht wohlwollte. Das geſchah in den erſten zwanziger Jahren dieſes Jahr⸗ hunderts, iſt alſo jetzt ungefähr dreißig Jahre her. Ich war damals ein ganz junges Mädchen; mein Bräutigam folgte mir und meinen Aeltern nach dem Lande, das ſie Georgien nannten. Die Familien aus Schwaben kannten ſich und bauten eigene Dörfer. Soviel ich davon hörte, ſollten die Leute im Lande von uns ler⸗ nen, wie man den Acker bauen muß. Es ging auch ganz gut. Mein Bräutigam errichtete ſich eine eigene Wohnung, und ich heirathete ihn bald darauf. Unſer Dorf hieß Katharinenfeld. Ich war jedoch nur einige WMonate verheirathet, als mein Mann ſich bei der Ar⸗ beit erhitzte, aus einer kalten Quelle trank und an den Mützelburg, Der Held von Garika. I. 13 Folgen ſtarb. Ich bin jetzt eine alte Frau und Vielerlei iſt mir durch den Kopf gegangen, aber ich weiß noch wie heute, was ich fühlte, als ich ihn todt ſah, denn ich hatte ihn ſehr lieb gehabt und er hatte meinetwegen ſeine Aeltern und einen reichen Bauerhof, den er erben ſollte, verlaſſen. Lange war ich untröſtlich; endlich er⸗ langte ich mit Gottes Hülfe einige Ruhe und zog zu meinen Aeltern, feſt entſchloſſen, keinen Mann wieder zu nehmen. Da weckte uns eines Morgens um Tagesan⸗ bruch furchtbares Geſchrei. Eine Schaar Kurden hatte Katharinenfeld überfallen— es war im Jahre 1826— und ſie ſchleppten mit fort, was ſie fanden, Menſchen und Vieh. Ich war halb angekleidet auf den Hof ge⸗ rannt, um, wie mir mein Vater geſagt, das Vieh aus dem Stall zu laſſen und in den nahen Wald zu trei⸗ ben. Da ſah mich einer von den Reitern; es war ein Anführer, und er rief mehrmals einige Worte, die ſich meinem Gedächtniſſe einprägten und deren Sinn ich ſpäter erfuhr, er rief:„Dich will ich haben und nichts Anderes!“ Damit ergriff er mich bei meinem Kleid und wollte mich zu ſich aufs Pferd ziehen. Ich war ein ſtarkes Weib, wenn mich auch der Kummer um den Verſtorbenen matt und lebensüberdrüſſig gemacht hatte, und ich wehrte mich wacker. Aber er überwältigte mich, band mir die Hände mit einem Shawl zuſammen und hob mich auf das Pferd. Die Plünderung währte nur kurze Zeit. Bald nach Sonnenaufgang verſammelten ſich die Räuber und trieben das Vieh vor ſich her, gen Mittag. Ich ſah, daß noch einige Mädchen und Frauen geraubt waren, habe aber ſpäter nie wieder etwas von ihnen gehört und geſehen, denn der Trupp theilte ſich, und ich war nun bei denen, die mich mit ſich führten, die einzige Deutſche. Euch ſchildern, Herr, was damals in mir vor- ging, will ich nicht. Ich hielt mein Schickſal für ſchlim⸗ mer, als es wahrſcheinlich, wie ich jetzt die Verhältniſſe kenne, geworden wäre; denn wenn die Männer dieſer Gebirge ihre Frauen auch nicht ſo werth halten, wie man es in meiner Heimat thut, ſo begehen ſie doch auch ſelten die Roheiten und Schandthaten gegen fremde Frauen, deren ſich die Männer unſeres Landes im Kriege ſchuldig machen. Ich lernte das allmälig begreifen, als mich der Anführer der Kurden mit einer gewiſſen Sorgfalt behandelte mir farbige türkiſche Stoffe gab, mich darein zu kleiden, und mir durch Ge⸗ berden verkündete, daß er mich achten und ehren wolle. Mein Loos ſchien mir freilich deshalb nicht erträg— licher, und ich wünſchte mir hundertmal den Tod. Wir ritten lange, denn es iſt ein weiter Weg von dieſen Bergen hier bis nach Georgien, und von dieſen Bergen waren die Räuber gekommen. Wie ich ſpäter erfuhr, hatte man ihnen übertriebene Schilderungen von dem Reichthum gemacht, der in den Dörfern der fränkiſchen, Bauern herrſche, und dies hatte die Beuteluſt der Kur⸗ den angereizt. Sie ſchliefen des Nachts unter freiem Himmel; nur für mich errichtete man aus Decken, die über in den Boden geſteckte Stangen gebreitet wurden, eine Art Zelt. Keiner nahte ſich mir unehrerbietig, im Gegentheil, man ſchien bemüht, Alles zu thun, was mir, wie ſie glaubten, gefallen könne. Wie ich vermuthe, war es die Abſicht des jungen HakkariKurden, mich zu ſeiner Gattin zu machen. Aber es kam anders, als er geglaubt. Die Männer dieſer Berge und namentlich die Chriſten und Mohammedaner liegen mit einander in fort⸗ währendem Streit. Ich kann nicht ſagen, ob es allein Raubluſt iſt, die ſie gegen einander treibt; es liegt auch etwas in ihrem Naturell, was ihnen eine Fehde, einen Beutezug von Zeit zu Zeit unentbehrlich macht. Die Kurden, welche Katharinenfeld überfielen, waren arg ver⸗ feindet mit den Neſtorianern, die in dieſer Gegend woh⸗ nen, und als die letztern hörten, daß jene mit reicher Beute von einem Zuge zurückkehrten, rotteten ſie ſich zu⸗ ſammen und griffen die Hakkari⸗Kurden an. Es wurde einen halben Tag blutig gekämpft, zuletzt aber blieben 197 die Chriſten Sieger. Der Kurde, der mich geraubt, fiel im Kampfe, und ich wurde die Gefangene der Chriſten. Daß dies Chriſten ſeien, erfuhr ich bald. Tanlik-Aga, damals ein junger Mann, ungefähr von dem Alter mei⸗ nes älteſten Sohnes, der Euch zu mir geführt, war bereits Häuptling ſeines Stammes. Er kam auf mich zu, und als er das ſilberne Kreuzchen erblickte, das ich Tag und Nacht um den Hals trug, zeigte er mir ein ähnliches Kreuz, wiederholte mehrmals das Wort Na⸗ zarener und ſchlug das Zeichen des Kreuzes. Ich er⸗ rieth, daß er ein Chriſt ſei, und das beruhigte mich ein wenig. Darauf wurde ich nach der Burg geführt und ebenſo ehrerbietig wie früher behandelt. Tanlik⸗Aga war damals der Einzige ſeiner Fa⸗ milie und noch nicht verheirathet. Ich erfuhr dies und vieles Andere, was ich Euch erzählte, erſt ſpäter, als ich die Sprache dieſer Männer allmälig verſtehen lernte. Er ließ viele Dolmetſcher kommen, um ſich mir ver⸗ ſtändlich zu machen, aber keiner verſtund meine Sprache. Ich errieth jedoch dadurch, daß er mir oft die Frauen anderer Männer zeigte und auf mich und ſich deutete, daß er mich zur Frau begehre, und ich ergab mich all- mälig in mein Schickſal. Was blieb mir auch übrig? Zu den Meinigen konnte ich nimmer zurückkehren, und einen Mann wie den, den ich verloren, fand ich doch 198 nie wieder. Tanlik⸗Aga war ein Chriſt und, wenn ich ihn mit den meiſten Andern verglich, ein Mann von ſanfterem Charakter; ſo nannte ich denn eines Tages das Wort Prieſter, das ich ſchon oft gehört und deſſen Bedeutung ich verſtanden hatte. Er ſchien hocherfreut, bereitete Alles zu einer glänzenden Hochzeit vor, und einige Wochen ſpäter zogen wir in großem Zuge nach einem Orte, in welchem ein Biſchof wohnte, der uns zuſammengab. Das iſt die Geſchichte, Herr, wie ich hierher ge⸗ kommen. Wollt Ihr mich fragen, ob ich hier glücklich lebe, ſo kann ich Euch kaum antworten. Ich weiß nicht, wie es mir ergangen ſein würde, wenn ich in Kathari⸗ nenfeld geblieben wäre; ich glaube, ich hätte auch dort ein einſames und trauriges Daſein geführt. Etwas heimiſch und zufrieden fühlte ich mich erſt in dieſem Hauſe, als mir Gott den erſten Sohn ſchenkte, den ich an meinem Herzen großziehen und den ich Manches von meiner Sprache und meinen Sitten lehren konnte. All- mälig fand ich mich auch in das Leben, wie es hier die Frauen führen. Es iſt nicht ganz ſo trübe, wie man es vielleicht anderswo glaubt. Eine arme Bäuerin wie ich iſt ja an Einſamkeit und Wirthſchaftlichkeit gewöhnt. Später ſchenkte mir der Himmel noch zwei Söhne und zwei Töchter, und als ich erſt der Sprache — 199 mächtig war, verſtändigte ich mich auch mit meinem Gatten und gewann Einfluß auf ihn, wie ich hoffe, einen guten. Im Ganzen iſt mein Leben hier ruhig dahinge⸗ floſſen, mit Ausnahme jener ſchrecklichen Zeit, in welcher die mohammedaniſchen Kurden ſich zuſammenthaten, die Neſtorianer zu vernichten. Zwiſchen dem Geſchlechte Tanlik⸗Aga's und dem Geſchlechte Kaſchir⸗Aga's hatte ſtets Feindſchaft gewaltet; jener Kurde, der mich raubte und im Kampf fiel, war ein Verwandter Tamir⸗Aga's geweſen. So überfielen denn die Hakkari in jener Zeit — es ſind jetzt ungefähr zwanzig Jahre her— auch unſere Burg, als Tanlik⸗Aga abweſend war. Es gelang ihnen, die Mauer zu erſteigen, und bereits führte man mich und meine drei Knaben in die Gefan⸗ genſchaft, als Tanlik⸗Aga die Hakkari erreichte. Als ſie ſahen, daß ſie weichen mußten, wollten ſie mich und meine Kinder tödten. Aber ich rettete mein eigenes und das Leben meines Aelteſten; die beiden andern Knaben, von denen der eine noch ein Säugling war, ſah ich mir aus den Armen reißen und unter dem Dolch der Hakkari ſterben. Ach, es iſt ein wildes Geſchlecht!“ Sie ſtützte den Kopf in die Hände und verſank eine Zeit lang in trübes Nachdenken, das Wiedenburg nicht zu unterbrechen wagte. „Seit jener Zeit iſt Kampf und Mord dieſen Dann richtete ſie manche Fragen über Deutſchland an 200 Mauern nicht mehr genaht, wenn er auch zuweilen in der Nähe raſte“, fuhr ſie dann fort.„Die Burg mei— nes Gatten wurde nicht mehr angegriffen, Aber wo er dem Mörder meiner Kinder, jenem Tamir⸗Aga, ſchaden kann, da thut er es, und ich fürchte, mein älteſter Sohn, der bereits verheirathet iſt, und Kaſchir⸗Aga werden den blutigen Kampf fortſetzen. Glaubt Ihr, Herr, daß Euer Weg Euch durch Georgien führen wird?“ „Das glaube ich nicht, Frau“, antwortete Sm „Wir werden nach den Widerwärtigkeiten, die wir er— lebt, ſo bald als möglich eine Gegend zu erreichen ſu— chen, in der wir ſicher ſind, und Kars und Erzerum lie gen uns näher als Georgien. Ja, Ihr würdet uns einen großen Dienſt leiſten, wenn Ihr Euren Gatten bewegen wolltet, uns mit einer Reiterſchaar das Geleit zu geben, denn wir haben immer noch den Haß Kaſchir⸗ Aga's zu fürchten. Tanlik⸗Aga dagegen kann ohne Sorge ſein, wenn er eine zahlreiche Reiterſchaar ſammelt, denn Kaſchir⸗Aga gebietet nur über wenige Männer, da ſein Voter mit der Hauptmacht ausgezogen iſt, um plündernd an dem Kriege zwiſchen den Ruſſen und Türken Theil zu nehmen.“ Die Schwäbin wollte mehr von dieſem Kriege er⸗ fahren. Wiedenburg theilte ihr mit, was er ſelbſt wußte. 3. — 201 ihn; aber da er ihre Heimat, das Schwabenland, nicht genau kannte, ſo ſchienen ſeine Antworten ihr nur eine geringe Theilnahme einzuflößen. Sie hatte hier eine neue Heimat gefunden, beſaß einen Gatten, einen Sohn und Töchter, eine neue, wenn auch fremde und beſchränkte Welt war ihrem Geiſte aufgegangen, und ſie hatte ſich ganz in dieſelbe hineingelebt. Lag ja doch Alles, was ihr noch jetzt zuweilen aus der Jugend entgegenſtrahlen mochte, mit dem geliebten erſten Manne im Grabe! Sie berichtete dann dem jungen Deutſchen Manches über die Verhältniſſe der Kurden, ſowie; über die Stel⸗ lung der Frauen zu den Männern Edmund Wiedenburg glaubte daraus ſchließen zu dürfen, daß dieſe Stellung keine ſo demüthige und ſtlavenartige ſei, wie man ſie zuweilen ſchildert. Selbſt die Abgeſ chloſſenheit der Frauen fand ja bei den chriſtlichen Kurden nicht in dem Maße ſtatt wie bei den mohammedaniſchen. Aus den Beſchrei⸗ bungen der Schwäbin ging im Allgemeinen hervor, daß die neſtorianiſchen Frauen ungefähr daſſelbe Leben führ. ten wie die Bäuerinnen ihres Vaterlandes, daß aber ihr Bildungsgrad geringer ſei dem der Männer angemeſſen. „Ich werde Tanlik⸗Aga zu bewegen ſuchen, daß er Euren Wunſch erfüllt“, ſagte ſie dann.„Von ſeiner Güte hättet Ihr wenig zu erwarten, denn Chriſten und Mohammedaner haſſen hier die Fremden, in denen ſie na— 202 türliche Feinde zu ſehen glauben. Aber ſein Haß gegen Kaſchir⸗Aga iſt größer als jeder andere und wird ihn bewegen, Alles zu thun, was jenem unangenehm ſein kann. Verlaßt Euch darauf, er wird Euch ſicher ge⸗ leiten.“ Edmund Wiedenburg erhob ſich, nachdem er dieſe tröſtliche Verſicherung empfangen. „Und ſolltet Ihr doch einmal von Katharinenfeld hören oder es gar ſehen“ ſagte ſie dann,„ſo wißt, daß Elias Meyer der Name meines Vaters und daß mein Name Dorothea Wünſchle nach dem Namen meines ge⸗ ſtorbenen Mannes iſt. Meine Aeltern werden nicht mehr leben. Ich habe die Abſicht, meinen älteſten Sohn, wenn die Zeiten ruhig ſind, nach Katharinenfeld zu ſchicken, um zu hören, wie es dort ſteht. Er ſpricht etwas deutſch. Die Leute, die ſich meiner dort noch erinnern, werden nicht wenig ſtaunen, wenn ſie hören, daß er ein Enkel vom alten Elias Meyer iſt. Und nun gehabt Euch wohl, Landsmann! Was dieſes Haus zu bieten vermag, ſoll Euch zu Theil werden.“ Wiedenburg dankte ihr herzlich und kehrte nach dem großen Eßzimmer zurück, in welchem ſeine Freunde, wie ſie verſprochen ihn erwarteten. Selbſt Marh war noch dort. Sie ſaß in einer Ecke mit George, der es verſucht hatte, die alten lieben Erinnerungen der Vergangenheit — — 203 in Mary's Herzen wach zu rufen. Und wohl mochte es ihm gelungen ſein, denn Marh lächelte lieblich und George's Augen leuchteten, als Edmund eintrat. Der junge Deutſche bemerkte es wohl, aber nicht die kleinſte Fiber ſeines Geſichts zuckte. Nur durch das Herz zog ein leiſer, tiefer Schmerz. Er berichtete kurz, was er mit der Schwäbin ge⸗ ſprochen. Zu andern Zeiten und unter andern Umſtän⸗ den würde ihn und ſeine Freunde das Schickſal dieſer Frau lebhaft intereſſirt haben, jetzt aber, nach den Er⸗ eigniſſen der letzten Wochen, fanden ſie kaum mehr etwas Außerordentliches in dieſen Erlebniſſen, und bald rich⸗ tete ſich das Geſpräch auf das, was nun zu thun ſei. Marh durfte jedoch an dieſer Unterhaltung keinen An⸗ theil nehmen. Der Vater beſtand darauf, daß ſie zur Ruhe gehe. Es war nach den letzten Aeußerungen der Schwä⸗ bin kaum daran zu zweifeln, daß Tanlik⸗Aga die Rei⸗ ſenden bis nach Wan oder Erzerum geleiten werde, es handelte ſich nur darum, daß dies mit einer möglichſt zahlreichen Reiterſchaar geſchehe, damit Kaſchir⸗Aga ſelbſt von einem Verſuche zum Angriff abgehalten werde. Denn jeder Kampf erſchien gefährlich. Wie leicht konnte irgend eine tückiſche Kugel ein theures Herz treffen! Es wurde feſtgeſetzt, daß man, wenn Alles glücklich ende, 204 über Erzerum nach Sinope reiſen und dort einige Tage zuſammen in Ruhe und Behagen verleben wolle. „Auch George und Johnny werden uns dahin be⸗ gleiten, hoffe ich“, ſagte Mr. Hywell,„ja vielleicht gibt George ſeinen Plan auf, oder er wartet wenigſtens ſo lange, bis derſelbe eine Ausſicht auf Erfolg für ſich hat!“ „Das Letztere könnte ich, das Erſtere nicht!“ ant— wortete George, deſſen Augen noch von dem Glanz zu leuchten ſchienen, den das Anſchauen Marh's in ihnen entzündet.„Ich bleibe bei Ihnen ſo lange, als Sie es wünſchen. Denn die Tage eines ſolchen Zuſammenle— bens werden mich kräftigen und neu beleben und mir ein beſtändiger Sporn ſein, die Liebe zu verdienen, die Sie mir ſchenken. Dann aber eile ich nach meiner Heimat. Es unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr, daß England und Frankreich ſich an dem Kriege gegen Ruß— land betheiligen werden. Dann iſt die Niederlage der Ruſſen mit Beſtimmtheit vorauszuſehen. Und wäre es möglich, daß meine Stammesgenoſſen, die zahlreichen Abkömmlinge einſtiger unabhängiger Fürſten, dieſe Nie— derlage vorübergehen laſſen könnten, ohne den Verſuch zu machen, die Abhänge des Kaukaſus von der ruſſiſchen Herrſchaft zu befreien und dieſes ſtolze Gebirge abermals als eine Grenzmauer gegen das Pori der iüſe en Ländergier aufzurichten?“ —— —————— 205 „So ſind Sie ein Kaukaſier?“ fragte Edmund Wiedenburg. „Mein Großvater trug die Königskrone von Ga⸗ rika!“ antwortete George mit einem ſtolzen Aufblitzen des Auges.„Aber er trug ſie nicht mit Ehren, nicht wie mein Vater ſie getragen haben würde. Er ließ ſich trotz des Widerſtandes meiner Großmutter dazu bewe⸗ gen, ſein Scepter vor dem übermächtig ſcheinenden Ruß⸗ land zu beugen und es endlich ganz dem Czaren zu überliefern. Mein Vater wurde verrathen, ehe er den Plan ausführen konnte, ſich im Verein mit andern Für⸗ ſten gegen Rußland zu erheben. Mich ſchickte man mit meinen Geſchwiſtern nach Petersburg. Wir ſollten Ruſ⸗ ſen werden. Und leider muß ich fürchten, daß mein älteſter Bruder Daniel Herz und Geiſt dem neuen Re⸗ 5 giment gebeugt hat. Doch ich will nicht an ihm ver⸗ zweifeln. Wenn nur ein Tropfen von dem Blute unſerer Großmutter und unſerer Aeltern in ihm lebt, ſo wird er ihn nicht verleugnen, wenn die Stunde der Erhebung ſchlägt! Ich haßte die Unterdrücker, ſolange ich denken konnte. Obwohl man ſich alle Mühe gab, ſchon das Kind mit dem Gedanken an die unwiderſtehliche Macht . und Größe Rußlands vertraut zu machen, obgleich man nich in eine ruffiſche Uniform ſteckte und mir täglich ſagte, Rußland ſei von der Vorſehung dazu auserſehen, — 206 das mächtigſte Reich dieſer Erde zu werden und nament⸗ lich im Oſten zu herrſchen, obgleich man den Stolz eines Ruſſen in mir entzünden und mir den Gedanken ein⸗ ſchmeicheln wollte, es ſei etwas Großes, der Diener eines ſolchen Staates, der Sohn des gefürchteten Czaren zu ſein, blieb ich doch ſtets dem erſten Eindruck meiner Kindheit und den Worten meiner Mutter treu, die mir geſagt:„George, denke daran, daß Dein Blut ſo edel iſt wie deſſen, der über Dich herrſchen will!“ und ich beugte mich nicht; ich ſchwieg, aber ich ſann ſchon als Knabe auf die Mittel, mich dem Zwang zu entziehen, der meinen Geiſt brechen und ruſſiſch machen ſollte. Immer grübelte ich, wie ich fliehen könne. Da, eines Tages beim Baden, ſah ich ein Boot mit Männern vor⸗ überrudern, die Fremde zu ſein ſchienen, und in engli⸗ ſcher Sprache, die ich bereits zum Theil verſtand, ſagte der eine:„Wir werden guten Wind haben, Sir; in zwei Tagen können wir in Darzig ſein!“ Blitzſchnell fuhr mir etwas durch den Sinn. Ich tauchte unter, ſchwamm unter dem Waſſer, ſoweit ich vermochte, und folgte dem Boote, bis es durch eine Biegung dem Ge⸗ ſichtskreis der Schwimmſchule entzogen war. Dann ließ ich meinen Hülferuf ertönen; man hörte mich ſogleich und nahm mich auf. Da warf ich mich nackt, wie ich war, Mr, Hywell zu Füßen, denn er befand ſich 207 in dem Boot, und beſchwor ihn, mich mit ſich zu nehmen, denn Rußland ſei nicht mein Vaterland und ich wolle es für immer verlaſſen. Meine Bitten, meine Thränen, meine haſtige, verworrene Erzählung rührten das Herz des Mannes, in welchem die Liebe der Freiheit tief wurzelte. Er verſprach, mich ſo lange bei ſich zu be⸗ halten, bis er erfahren, daß ich die Wahrheit geſagt; man reichte mir eine Decke, und eine halbe Stunde ſpäter war ich auf Mr. Hywell's Schiff, und eine Stunde ſpäter ſah ich von dieſem Petersburg, von dem ich nichts mit mir genommen als mein Leben, nur noch ein fernes, bleiches Bild. Und ein ſolches trübes, bleiches Bild iſt es mir geblieben. In leuchtenden, hellen Farben ſteht nur das Vaterland vor mir, das mich mahnt an die Thaten meiner Ahnen und mir zürnt, daß ich mich fern halte, der ich durch meine Geburt dazu berufen bin, meinem Volke das Banner vorzutragen. Die Zeit iſt da, und ich will handeln!“ Mit ernſter Theilnahme ſchaute Edmund Wieden— burg in das glühende Antlitz des jungen Mannes, das von hoher Begeiſterung ſtrahlte. Ihm war nichts fremd und fern, was ein Männerherz bewegen konnte. Seine Bildung war nicht die einſeitige, beſchränkte des bloßen Kaufmanns, ſie war eine umfaſſende und geläuterte. Der wahre Kaufmann hat zu allen Zeiten auf der Höhe 208 der Bildung ſeiner Zeit geſtanden, und überdies ſchlug das Herz Edmund Wiedenburg's für alles Große und Schöne, alſo auch für die Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes. Die politiſchen Ereigniſſe, an denen er als Jüngling in ſeiner Heimat Wien Theil genommen, waren es geweſen, die ihn veranlaßt, in die weite Ferne zu gehen. Die Begeiſterung George's hallte deshalb in ſeinem Herzen wieder. Aber Wiedenburg konnte ſich eines traurigen. Gedankens nicht erwehren. Er ſah die Verhältniſſe ruhi⸗ ger, nüchterner, weil ſie eine Angelegenheit betrafen, die ihm ferner lag, die mehr ſeinen Verſtand als ſein Herz berührte. Würde es gelingen, Rußland zu demü⸗ thigen? Und wenn es geſchah, würden dieſe zerſtreuten Völterſchaften des Kaukaſus, die von Rußland mit ſo vieler Schlauheit zerſtückelt und unterjocht worden, die Kraft haben, eine günſtige Gelegenheit zu benutzen, um die traurigen Folgen der alten Uneinigkeit durch eine einmüthige Erhebung zu vernichten? Er wollte es hoffen, aber glauben konnte er nicht, wie George. „Ich wünſche Ihnen alles Glück!“ ſagte er haſtig, als Mr. Hywell und der ältere Wiedenburg bedenklich ſchwiegen.„Aber haben Sie Verbindungen angeknüpft? Auf weſſen Hülfe dürfen Sie zählen?“ „Ich habe meinem Bruder einen leiſen Mahnruf zugehen laſſen“, antwortete George.„Ich denke, das „ —— 209 wird genügen, ihn aus ſeinen Träumen zu erwecken und die alte Zeit in ſeinem Geiſte aufleben zu laſſen. Ein Garika kann nicht feig und ſeinem Vaterlande abtrünnig ſein. Und das Polk hängt an uns, der alten Königs familie, unter deren Scepter es mild und ſorglich re⸗ giert worden. Ein Brand hineingeworfen in dieſe ge⸗ heime Gährung, ein Bündniß mit den Tſcherkeſſen und Tſchetſchenzen, die Nachricht von einer ruſſiſchen Nie⸗ derlage, und ganz Kaukaſien ſteht in Flammen, und ſchwer ſoll es den Ruſſen werden, die zum zweiten Male zu überliſten, die durch den erſten Betrug und die erſte Niederlage belehrt worden!“ „Sie müßten ſich jedenfalls mit den türkiſchen Heerführern und mit Schamyl in Verbindung ſetzen“, ſagte Wiedenburg.„Jede Bewegung, auch die gerech⸗ teſte und ſcheinbar ſicherſte, will geleitet ſein. Handeln Sie energiſch, aber handeln Sie auch vorſichtig. Denn Sie zahlen mit Ihrem Leben!“ „Das weiß ich, und deshalb wage ich das Aeußerſte!“ rief George.„Aber ich werde auch vorſichtig ſein. Der Feind iſt mächtig und, ſchlimmer als das, er iſt liſtig und ränkevoll. Zuerſt muß ich wiſſen, ob ich meinem Bruder trauen kann. Dann iſt der Sieg geſichert. Er iſt der Aeltere; ſein Einfluß iſt vielleicht mächtiger als der meine. Doch ſelbſt ihm werde ich entgegentreten, wenn Mützelburg, Der Held von Garika I. 14 210 es nicht anders möglich iſt. Der größte Troſt aber und die größte Ermuthigung würde es mir ſein, wenn Mr. Hywell, mein theurer Pflegevater, er, dem ich mehr als das Leben, dein ich eiue freie menſchliche Erziehung, die Ausbildung zu einem nützlichen Gliede der Menſch⸗ heit verdanke, wenn er meinen Plan billigte, und wenn ich wüßte, daß er in meiner Abweſenheit mit Liebe und mit guten Wünſchen an mich zurückdenkt.“ „George, mein Kind, denn ich bin längſt ge⸗ wöhnt, Dich ſo zu nennen, meiner treuen Liebe und meines herzinnigen Antheils biſt Du ſicher!“ ſagte Mr. Hywell bewegt.„Aber ich verhehle mir nicht, daß Du einen Kampf heraufbeſchwören willſt, der Dein Leben koſten kann und der, wenn er mißlingt, den Reſt Deines Daſeins vergiften wird. Doch mahne ich nicht ab. In ſo hohen und heiligen Angelegenheiten muß das Herz dem Antriebe des Innern folgen. Verſprich mir nur, nicht tollkühn zu ſein, nichts zu wagen, wo Dir nicht wenigſtens ein Schimmer des Erfolgs leuchtet. Dann bin ich zufrieden. Daß Dir meine Unterſtützung nicht fehlen wird, weißt Du. Mein Herz hat ſich gewöhnt, Dich als meinen Sohn zu betrachten, und es wird ſeine Geſinnung nie ändern!“ Er reichte George die Hand, die dieſer erregt an ſein Herz drückte. 211 „Noch bleibt Dir Zeit genug, zu beobachten und zu prüfen“ fuhr der Engländer dann fort.„Von Sinope aus können wir Erkundigungen einziehen. Vor dem Früh- jahr wird der Kampf von keiner Seite aufgenommen werden. Bis dahin muß die Situation ſich geklärt haben. Dürfen die Türken auf den Beiſtand Englands und Frankreichs, und, was für Deine Zwecke vielleicht noch wichtiger iſt, auf den Beiſtand Schamhl's rechnen, ſo ſcheint mir das Gelingen Deines Plans möglich, wenn auch nicht geſichert. Jetzt, meine theuren Freunde, laßt uns ruhen, damit wir uns morgen mit friſchen Kräften erheben. Noch ſind die Tage der Gefahr nicht vorüber; unſere Gedanken müſſen ſich mit dem Nächſtliegenden beſchäftigen. Sicher und vollkommen ruhig werden wir erſt in Sinope ſein!“ Die Männer trennten ſich in ernſter Stimmung. George ging mit Mr. Hywell, Edmund mit ſeinem Ver⸗ wandten Sie mochten wohl in ihren Zimmern noch lange wachen und überlegen. Aber am nächſten Morgen waren ſie bereits wieder verſammelt bei dem Gebet, ſich grüßend mit freudigen Mienen. Nur Mary war ſehr bleich, und es ruhte ein eigenthümlicher Ansdruck ihrem Geſicht, der nicht nur ihren Vater, ſondern auch George und Edmund zwang, ſie oft und beſorgt anzu⸗ blicken. Sie zitterte zuweilen, wie von einem Schauer 14* ergriffen, und wechſelte die Farbe Sollten die Ereigniſſe der letzten Monate ihrer Geſundheit verderblich geweſen ſein? Ließ die Anſpannung, in der ſich ihr Geiſt bis dahin befunden, nach und begann die Schwäche der zar⸗ ten Natur ihr Recht geltend zu machen? Die Unterhandlungen mit Tanlik-Aga führten in kurzer Zeit zu einem günſtigen Reſultat. Der Häuptling entſchloß ſich, die Reiſenden mit einer Schaar von un⸗ gefähr zweihundert Kurden bis Erzerum und, wenn es nöthig ſcheine, noch weiter zu geleiten. Die Entſchädi⸗ gung, die er dafür beanſpruchte, war nicht unbedeutend, aber ſie wurde ihm mit Freuden zugeſichert. Doch ſollte er ſie erſt in Erzerum erhalten. Edmund und Mr. Hywell kannten jetzt die Kurden gut genug, um ihre Beuteluſt nicht durch den Anblick zahlreicher Goldſtücke zu reizen. Schon am nächſten Morgen ſollte der Zug nach Erzerum aufbrechen. Den Tag über blieb Mary in ihrem Zimmer, nur zuweilen von ihrem Vater beſucht, der mit trüber Miene ſeinen Freunden mittheilte, daß ihm der Zuſtand Mary's ernſte Bedenken einflöße. Leider konnte Niemand einen Rath geben. Der einzige Ausweg blieb immer, ſobald als möglich eine Stadt zu erreichen, in welcher Ruhe und im Nothfall ärztliche Hülfe für Marh zu finden war. Von Kaſchir⸗Aga ſah man nichts. Doch meldeten — 213 die ausgeſchickten Spione am Abend, daß er ſich in einem hochgelegenen Dorfe jenſeits der Schlucht verbor⸗ gen halte und daß ſich ſeine Schaar um ungefähr zwan⸗ zig Reiter verſtärkt habe. So verließen denn die Reiſenden om folgenden Morgen die Burg, inmitten eines ſtattlichen Zugs von zweihundert gut bewaffneten Kurden, die von Tanlik⸗Aga und ſeinem Sohne geführt wurden. Der Abſchied, den Wiedenburg von der Schwäbin nahm, war ernſt. Die Frau ſchien zu fühlen, daß dieſe erſte Erinnerung an ihr Vaterland wohl auch die letzte ſein werde. Wiedenburg hatte ihr ſeinen Namen und ſeinen Wohnort auf ein Blatt Pergament geſchrieben. „Ich ſende Euch vielleicht einmal meinen Sohn“, ſagte ſie.„Weshalb ſoll er nicht die Welt ſehen? Es kann ihm und denen Nutzen bringen, die er einſt beherr⸗ ſchen wird. Ihr werdet ihn gütig aufnehmen?“ Edmund drückte ihr mit dem wärmſten Verſprechen die Hand und ſchwang ſich auf ſein Roß. Der Zug be⸗ wegte ſich den Abhang hinunter durch das Dorf. Als Wiedenburg noch einmal zurückblickte, ſah er die Schwä⸗ bin einſam an einem Fenſter. Sie ſtreckte zum letzten Gruße den Arm aus und trat dann zurück. Der Zug bewegte ſich in der Art, daß einzelne Kur— den gleichſam als Wachen auf beiden Seiten ritten und 214 die Reiſenden nebſt dem Kurdenhäuptling und ſeinem Sohne ſich in der Mitte befanden. Mary ſchien ſich an dieſem Morgen wohler zu befinden. Sie lächelte heiter und plauderte mit ihren Freunden, die ihr zur Seite ritten. Mr. Hywell ſchien beruhigt. Von Kaſchir⸗Aga ſah man nichts. Edmund Wiedenburg aber hatte die innere Ueberzeugung, daß er nicht ausbleiben, daß er Marh nicht ohne einen letzten Kampf aufgeben würde, und er beſchloß, nicht von Mary's Seite zu weichen. Der Zug bewegte ſich den Vormittag durch ein meilenweites Thal und gelangte um die Mittagszeit auf die gegenüberliegende Hochebene. Nach kurzer Raſt ſetzte man in ſchnellerer Bewegung den Marſch auf der Hochebene fort. Von Kaſchir⸗Aga war noch immer nichts zu ſehen. Am Spätnachmittage erreichte man einen tief⸗ liegenden Bergrücken mit einem Walde uralter Eichen, die ihr Laub auch während des Winters behalten. Hier ließ Wiedenburg den Häuptling darauf aufmerkſam ma— chen, daß ein Ueberfall ſehr leicht möglich ſei und daß man gut thun werde, in möglichſt geſchloſſenen Reihen zu reiten. Tanlik⸗Aga gab ihm Recht, und die Schaar zog ſich zuſammen. Zuweilen führte der Weg durch Fel⸗ ſenſchluchten, bis zu deren Rand die Eichen vortraten; die Wurzeln ragten oft über die Felſen fort bis in den Hohlweg hinein. Die Gegend war wie geſchaffen zu einem — 215 Hinterhalt. Wiedenburg ritt ruhig neben Mary, aber ſein Auge war überall. Auch Mr. Hywell ſchien beſorgt und vorſichtig; nur George plauderte arglos mit Mary von dem Landhauſe Mr. Hywell's in Brighton und von den ſchönen Tagen, die ſie dort verlebt. Da fiel ein Schuß. Das Pferd, das den Palankin Mary's trug, ſchwankte und ſtürzte. Ein Ruf der Ueber⸗ raſchung flog durch die Schaar. Noch einige Schüſſe fielen von dem Rande der Schlucht. „Achten Sie auf Miß Marh!“ rief Edmund Mr. Hywell zu.„Sie iſt nicht verletzt!“ Und mit bleichem, ruhigem Antlitz nahm er die Büchſe von der Schulter. Sein Blick glitt langſam übet den Rand der Schlucht. Er war der einzige Unbewegliche inmitten der Schaar, die ſich wild in dem Hohlweg drängte. Einzelne Kurden ſchoſſen aufs Gerathewohl zwiſchen die Eichen. Edmund Wiedenburg begriff, daß dieſer Ort ganz dazu geeignet ſei, um eine zehnfache Uebermacht in Schrecken und Verwirrung zu ſetzen. Er würde niemals einen ſolchen Weg gewählt haben, wenn er der Führer geweſen⸗wäre und die Gegend gekannt hätte. George war ſehr bleich, nicht aus Furcht, denn auch ſein Auge ſuchte den bis jetzt unſichtbaren Feind, ſondern weil die Erwartung des bevorſtehenden Kampfes und nament lich des erſten ſtets das Blut aus den Wangen treibt. 216 Die Schüſſe wiederholten ſich Sie waren vorzugs— weiſe auf die Mitte des Zugs gerichtet, dorthin, wo ſich die Häuptlinge der Kurden und die Reiſenden be⸗ fanden. Ein Glück, daß die Kurden ſo ſchlecht ſchoſſen oder ſo ſchlechte Flinten hatten; bis jetzt war keiner von den Führern und den Reiſenden getroffen worden. Mr. Hywell war beſchäftigt, Mary aufzurichten. „Ich bitte Euch, erhebt jetzt Eure Büchſen und ſchießt blind hinein in den Wald!“ rief jetzt plötzlich Edmund.„Ich habe mein Ziel gefunden. Schnell, damit man nicht ſieht, daß ich allein ziele!“ George und der ältere Wiedenburg, denen dieſe Worte galten, erhoben mechaniſch ihre Büchſen. Einige Kurden folgten dem Beiſpiel. Man zielte, ſchoß und ſchrie. Größer wurde der Lärm, die Verwirrung. In⸗ zwiſchen zielte Edmund Wiedenburg ruhig und ſehr lange. Dann ſetzte er die Büchſe ab. Plötlich aber erhob er ſie und ſchoß. „Genug!“ rief er laut.„Nur vorwärts! Der Kampf iſt aus!“ Und es war, alr ſollten dieſe räthſelhaften Worte ſich bewahrheiten. Es fiel kein Schuß mehr vom Rande der Schlucht. Wohl aber hörte man dort viele Stim⸗ men ſchreien und rufen. Edmund Wiedenburg drängte vorwärts. Die engliſchen Diener, die von den Pferden S 217 geſprungen waren, trugen Mary in ihrem Palankin So gelangte der Knäuel an das Ende der Schlucht, und die Schaar breitete ſich auf einer freien Fläche aus. Die Kurden ſchrieen und ſchwangen ihre Büchſen und Lan⸗ zen. Viele von ihnen und unter dieſen der Sohn Tan⸗ lik Aga's ſprengten voll Kampfbegier in den Wald, den Feind zu ſuchen. Edmund Wiedenburg hielt ſehr ernſt und noch immer bleich auf ſeinem Pferde. „Nun, wie gefällt Ihnen dieſes Vorſpiel zu Ihrem künftigen Berufe?“ fragte er dann George. „Nicht übel“, antwortete dieſer,„aber es iſt doch eine alberne Geſchichte, in einem Hohlweg eingeklemmt zu ſein und die Feinde nicht einmal zu ſehen. Ich fühle, daß das einen verwirrt machen kann!“ „Sie müſſen nur ruhig Blut behalten!“ ſagte Ed⸗ mund und zwang ſich zu einem Lächeln.„Wenn man nur kaltblütig, langſam und ſicher den Rand muſtert, ſo ſieht man ſchon ſeinen Feind; denn irgendwo muß er doch ſitzen. Sie waren noch zu unruhig und blickten überall hin.“ George war dabei, ſeine Büchſe zu laden. Mr. Hy⸗ well kam von Marh. Sie iſt nicht verwundet“, ſagte er.„Aber ich fürchte, ich fürchte, die Aufregung— ſie iſt leichen⸗ blaß, und dann, ſollte dieſer Kampf vorüber ſein? Wes 218 halb bleiben wir hier? Warum eilen wir nicht vor⸗ wärts?“ „Ich glaube, man wird uns nicht mehr verfolgen!“ ſagte Wiedenburg.„Und hier auf der Ebene ſind wir ſtark genug, es mit den Hakkari aufzunehmen.“ In dieſem Augenblick kam der Sohn Tanlik⸗Aga's mit den Kurden, die ihn in den Wald begleitet, unter wildem Jubelgeſchrei zurückgeſprengt. Man hörte deut⸗ lich, wie ſie den Namen Kaſchir⸗Aga riefen; der Arme⸗ nier, deſſen Geſicht noch immer die Spuren des letzten Schreckens trug, ſchien plötzlich neu aufzuleben. „Kaſchir⸗Aga iſt todt oder wenigſtens ſchwer ver⸗ wundet!“ rief er.„Die andern Kurden ziehen ſich zu⸗ rück, ihn auf einem Pferde mit ſich führend. Nun ſind wir gerettet! Gelobt ſei Gott!“ „Wie? Wer hat das gethan?“ rief Mr. Hywell und warf einen fragenden Blick auf Edmund.„Sie, Wiedenburg, waren der Einzige, ſoviel ich bemerkte, der nach einem beſtimmten Ziele ſchoß.“ „Still, ſtill!“ ſagte Wiedenburg leiſe und ein Frö⸗ ſteln ſchien ihn zu durchfliegen.„Ja, ich bin gezwungen geweſen, einen Menſchen zu tödten, und gebe Gott, daß es der erſte und letzte geweſen ſei. Ich erkannte dieſen Mann hinter einem Eichenſtamm. Er ſchien bald auf mich, bald auf Sie, bald auf Miß Mary zielen zu wol⸗ — 219 „ len. Gewiß hatte er den erſten Schuß gethan, der Miß Mary's Pferd niederſtreckte. Da begriff ich, daß es ſich hier um Leben gegen Leben handle. Der nächſte Augen⸗ blick konnte einem von uns den Tod bringen; ich han⸗ delte in gerechter Nothwehr. Ich bat meine Freunde, zu ſchießen, damit ſeine Aufmerkſamkeit von mir abgelenkt werde. Aber er ſah dennoch, wie ich zielte, und verän⸗ derte ſeine Stellung. Mein Auge fand ihn jedoch ſogleich wieder und ich zögerte nicht länger. Gott verzeihe mir! Von dieſem Feinde ſind wir befreit, und die Hakkari, die jetzt nicht mehr durch ſeine Leidenſchaft aufgeſtachelt werden, haben wir nicht zu fürchten. Aber ſprechen Sie nicht laut davon, Mr. Hywell. Es iſt fürwahr ein eige. nes Gefühl, zu wiſſen— doch genug davon! Er wollte es, der wilde, zügelloſe, verblendete Menſch!“ „Dank, Wiedenburg!“ ſagte Mr. Hywell leiſe.„Sie haben Mary zum zweiten Male gerettet. Ich fürchtete Alles für ſie. Nun aber weiter, weiter! Mein Kind kann dieſe Scenen voll Blut nicht länger ertragen. Wir konn⸗ ten ſie den Menſchen entreißen, aber wir können ſie Gott nicht vorenthalten, wenn er ſie mir nehmen will!“ Es währte eine Zeit lang, ehe der Zug ſich wieder ordnete. Tanlik- Aga hatte inzwiſchen erfahren, daß Wiedenburg den Hakkari⸗Häuptling getödtet oder wenig⸗ ſtens kampfunfähig gemacht, und ließ ihm durch den Ar⸗ 220 menier ſeinen Dank ausſprechen. Dann ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Die Diener trugen Mary's Pa⸗ lankin. Mr. Hywell wich nicht von der Seite ſeiner Toch⸗ ter. Sein Geſicht wurde ernſter und ernſter. Oft ſchlug er die Vorhänge des Palankins zurück und ſchaute lange in das Innere deſſelben. Endlich rief er Edmund und George. „Rathen Sie mir, um Gotteswillen, was ſoll ich thun?“ ſagte er leiſe.„Sehen Sie dieſes Antlitz!“ Und er ſchlug mit zitternder Hand den Vorhang zurück. Edmund Wiedenburg und George erblickten Mary, die im Fieberkrampf ſich an die Pfoſten des Palankins klammerte. Der Vater ließ den Vorhang fallen. „Hier iſt Hülfe nöthig, ſchnelle Hülfe!“ ſagte Mr. Hywell tonlos.„Das Schlimmſte iſt eingetreten. Das iſt keine Schwäche, keine Aufregung mehr, das iſt Krank— heit, ſchwere Krankheit, Fieber, vielleicht ein tödtli⸗ ches, vielleicht Nervenfieber!“ Wiedenburg ließ den Zug halten. Der Armenier mußte zwiſchen ihm und Tanlik⸗Aga verhandeln. Baja⸗ zid, die einzige Stadt, in welcher Hülfe möglich war lag noch Tagereiſen entfernt. Und wer konnte wiſſen, ob dort nicht ſchon wieder der Kampf entbrannt war, — — 221 ob man nicht mitten in das Getümmel der Schlacht gerieth! „Die Franken müſſen nach Urmiah“, ließ Tanlik⸗ Aga antworten.„Dort ſind fränkiſche Chriſten aus fernen Landen, geſchickte Heckhims. Urmiah iſt nicht weiter entfernt als Bajazid. Wenn die fränkiſche Jung⸗ frau irgendwo Hülfe finden kann, ſo findet ſie ſie dort. Zögert nicht, wir wollen Euch geleiten!“ Es folgte eine kurze Verhandlung mit Mr. Hywell und dem ältern Wiedenburg. Der letztere ſtimmte Tanlik⸗Aga bei. Er meinte, im ganzen Hrient ſei kein Arzt zu finden, dem man in ſolchem Falle vertrauen könne. Dagegen habe er gehört, daß ſich unter den nordamerikaniſchen Miſſionären in Urmiah ſehr geſchickte Aerzte befänden. In Mr. Hywell leuchtete noch einmal die alte Ungeduld auf, denn der Weg nach Urmiah war eine Rückkehr; er entfernte die Reiſenden von ihrem giele. Aber ein ernſter Blick aus Edmund's aufrichti⸗ gem Auge ſchien den Engländer daran zu erinnern, daß ſeine Ungeduld und ſein Eigenſinn ſchon einmal der Tochter Gefahr gebracht, und er willigte ein. Es wurde beſchloſſen, ſogleich nach Urmiah aufzubrechen und dort die Heilung Marh's zu erwarten. Von den Zeit- und Kriegsumſtänden hing es dann ab, ob man den Weg durch das ruſſiſche oder türkiſche Gebiet einſchlagen und über Sinope oder Odeſſa nach Europa zurückkehren werde. George ſollte ſich dort entſcheiden, in welcher Weiſe er glaube, in Zukunft am beſten ſeinen Plan ausführen zu können. So verließ denn der Zug die nördliche Richtung und wandte ſich nach Oſten. Noch einmal, faſt am er⸗ ſehnten Ende ſo vieler Mühſeligkeiten, ſchien das Schick⸗ ſal der Reiſenden und vor allen Mary's in trauriges Dunkel gehüllt. Ende des erſten Bandes. . ſ ñ 9