— 2—— W Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Feſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ine⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: S auf Monat: WM W „„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Vuch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — . 1 7 — 3 Robert Clive, der Eroberer von Bengalen. Hiſtoriſcher Roman von Advolf Mützelburg. Fünfter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. — S X Erſtes Kapitel. Clara. Der Statthalter von Patna war eine mächtige und reiche Perſönlichkeit, das errieth Will ſchon aus der Pracht und Größe des Serails. Aber wenn es mög⸗ lich geweſen war, mit dreitauſend Mann die ſiebzig⸗ tauſend Mann Suradſcha⸗Daulah's zu ſchlagen, ſo war es auch möglich, mit zehn Dragonern den Statthalter von Patna in Reſpekt zu halten. Die eine Hälfte ſeines kühnen Plans war erreicht: Miß Badyſon ſollte ihm übergeben werden. Aber er wußte, daß Miß Clara eine ſolche einſeitige Freiheit nicht annehmen dürfe. Kannte er auch die Schickſale der beiden Frauen nicht, ſo war es ihm doch klar, daß ſie zu viel Leiden ge⸗ theilt hätten, um nicht auch die Freude gemeinſam ge⸗ nießen zu wollen. Mützelburg, Robert Clive. V. 1 2 In einem kleinen Saal, deſſen Wände rings mit Divans verſehen waren und deſſen Boden dicke Tep⸗ piche bedeckten, bedeutete der Beamte Will zu warten. Der Saal hatte drei Thüren, von denen jede durch einen ſchweren Vorhang geſchloſſen war. Will wußte nicht, durch welche Thür Miß Badyſon eintreten werde, und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Das Herz ſchlug ihm mächtig, und ohne daß er es wußte oder fühlte, wechſelte er in kurzen Zwiſchenräumen die Farbe. Er war ſo erregt, ſo ganz von dem Gedanken dieſes ſeltſamen Wiederſehens eingenommen, daß er gar nicht auf die Zeit achtete. Ja, er wünſchte, Miß Badyſon möge noch nicht ſogleich erſcheinen, damit er ſich ſam⸗ meln könne. Er hatte den Saal der Länge nach durchmeſſen und wandte ſich kurz um. Da blieb er wie angefeſſelt ſtehen. Ihm gegenüber, vor einer Thür, ſtand eine weibliche Geſtalt, hoch, ſchlank und zart, mit ſchlichtem dunklen Haar und großen, klaren und tiefen Augen, deren Blick ſanft, aber feſt auf ihn gerichtet war, wäh⸗ rend ein Lächeln ihre feinen Lippen umſpielte. War ſie es? War ſie es nicht? Er hatte ſie ja nur als Kind geſehen. Es war daſſelbe Antlitz und doch ein anderes. Ernſt, voll Hoheit und Anmuth zugleich, ſtand die ſchöne Erſcheinung vor ihm. 3 „Bin ich ſo ſehr verändert, daß mein einziger und beſter Freund mich nicht wiedererkennt?“ fragte eine ſanfte Stimme in engliſcher Sprache, und beide Hände ausſtreckend trat ſie auf Will zu. „Clara! Miß—“ Die Worte erſtarben ihm auf den Lippen, glühendes Roth ſchoß auf ſeine Wangen. Dann trat er vor. Aber noch war es, als wage er nicht, dieſe ſchöne Erſcheinung, dieſes Bild aus einer andern Welt zu berühren. Tauſend Empfindungen, wie ſchön ſie ſei, wie viel ſchöner, edler, vollendeter, als er ſich je in ſeinen Phantaſien geträumt, ſchoſſen ihm durch den Kopf. Dann, als ſie ihm noch näher trat, ergriff er ihre Hände, und unwillkürlich ſein Knie vor ihr beugend, rief er: „Wie unendlich glücklich bin ich, Sie wiederzuſehen! Gott hat alle meine Wünſche erhört!“ Sie antwortete nicht ſogleich; er fühlte nur, wie ihre Finger in den ſeinigen vibrirten, er fühlte den Schlag des Blutes in dieſen zarten Händen. Dann hob ihn ein leicher Druck, ſo ſanft und unmerklich und doch ſo zwingend wie eine überirdiſche Gewalt, empor. Sie ſtanden ſich Aug' in Auge gegenüber, die Hände noch immer in einander geſchloſſen. „Auch mein Gebet iſt erhört!“ ſagte Clara leiſe. „Wir beide ahnten es, Adora und ich, daß Sie uns 4 folgen würden. Aber Sie ſchweben in der größten Gefahr, Mr. Starlow!“ „Ich kenne keine Gefahr mehr!“ rief Will mit leuch⸗ tenden Augen.„Ich weiche nicht mehr von Ihrer Seite, ſolange Leben in mir iſt. Ja, es droht mir Gefahr, die Franzoſen können jeden Augenblick ein⸗ treffen. Aber ich trotze Allem! Ihre Freilaſſung hat man mir bewilligt, Miß Badyſon. Aber Sie werden nicht gehen ohne Adora?“ „Nein, auf keinen Fall!“ antwortete ſie leiſe, aber mit der feſteſten Entſchloſſenheit.„Adora iſt in größerer Gefahr als ich. Der Entſcheid des Tyrannen lautete, daß ſie eher ſterben, als den Engländern oder irgend welchen andern Befreiern überlaſſen werden ſolle.“ „Dann, Miß Badyſon, müſſen wir, ehe wir irgend etwas Anderes ſprechen, überlegen, was zu thun iſt!“ rief Will.„Denn jede Minute iſt koſtbar.“ „Ich hatte das von Ihnen erwartet, Mr. Starlow“, antwortete Clara.„Duna⸗Sahib iſt im Begriff, Adora weiter zu führen, wahrſcheinlich ſchon während wir ſprechen.“ „Das wird er nicht, ſolange ich einen Degen in der Hand und einen Schuß im Piſtol habe!“ rief Will. „Miß CElara, verlaſſen Sie mich nicht, bleiben Sie an meiner Seite, was auch geſchehen möge! Weshalb ue 5 legen dieſe Schurken ſo großes Gewicht auf den Beſitz Adora's? Hat ſie Gnade vor Suradſcha⸗Daulah's Augen gefunden?“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß ſie eine Tochter Schud⸗ ſchah's iſt, des Nachfolgers Joffir⸗Khan's, deſſen Erben durch Aliverdy⸗Khan, den Großvater Suradſcha⸗Dau⸗ lah's, von der Nachfolge verdrängt ſind?“ fragte Clara. „Ihr Beſitz hat gerade jetzt, wo die Herrſchaft des bis⸗ herigen Nabobs ſich ihrem Ende zuneigt, den größten Werth für alle diejenigen, die nach dem Thron von Bengalen ſtreben. Sie iſt die einzige rechtmäßige Erbin Juffir⸗Khan's, und eine Heirath mit ihr würde jedem Prätendenten große Vortheile über irgend einen Neben⸗ buhler verſchaffen. Deshalb will man ſie feſthalten und lieber tödten, als einem Andern überlaſſen.“ „Ah! Nun verſtehe ich Mir Jaffir's Andeutungen!“ rief Will.„Oberſt Clive hätte mir das ausführlicher mittheilen ſollen. Aber ich begreife, er wollte mich nicht erſchrecken. Nun, um ſo mehr Anſpruch hat Adora auf meinen Beiſtand. Aber wie konnte ſie ſich hierher wagen?“ „Eine Verrätherei führte uns hierher“, antwortete Clara Badyſon.„Doch jetzt handelt es ſich vor allem darum, ſie den Händen Duna⸗Sahib's zu entreißen, der ſie freilich im Auftrage Suradſcha⸗Daulah's bewacht, 6 aber ſehr wohl weiß, daß er ſie auch an jeden Andern für einen hohen Preis verkaufen kann. Wie ſtark iſt Ihre bewaffnete Macht?“ „Nur zehn theuerſte Miß Clara!“ ſagt⸗ Will.„Aber— „O mein Gott“ rief Miß Badyſon„und mit dieſen Wenigen haben Sie ſich hierher gewagt! Sie ſind ver⸗ loren, William! „Denken Sie nicht an mich!“ rief Will, ihre Hand ergreifend.„Ich konnte nicht anders! Ich wußte Sie in Gefahr— es ſtanden mir nicht mehr Truppen zu Gebote! Gott wird uns helfen!“ „Wir wollen es hoffen!“ ſagte Clara leiſe.„Wie viel haben Sie für mich und Adora gewagt! Aber wir dürfen nicht daran denken. Haben Sie Hoffnung, daß Sie Unterſtützung durch engliſche Truppen erhalten werden?“ „Ja, aber erſt in einigen Tagen. Meine Abſicht iſt, Sie und Adora in die Mitte meiner Dragoner zu führen, Sie, wenn es nicht anders geht, auf den Rücken unſerer Pferde zu ſetzen und mit Ihnen Havonzu⸗ ſprengen. Es kann gelingen, wenn uns nicht die Fran⸗ zoſen in den Weg kommen!“ Clara ſtand mit gebeugtem Kopf. Sie ſchien zu überlegen. Ihr edles Antlitz war tief traurig, aber 7 es behielt ſeine Ruhe. Mehrmals ſchüttelte ſie den Kopf, dann ſagte ſie: „Adora iſt drüben im Harem. Wachen ſtehen vor ihrer Thür. Wie ich ſchon ſagte, ich fürchte vor allem, daß es Duna⸗Sahib's Abſicht iſt, ſie mit ſich zu nehmen. Wenn es gelänge, bis in den Harem vorzudringen und ſie zu befreien— aber nein, es wäre zu gefährlich für Sie! Die Wächter ſind zahlreich und kräftige Männer—“ In dieſem Augenblicke fiel vom Hofe aus ein Schuß, dem ein zweiter folgte. Will war mit einem einzigen Sprunge am Fenſter, von welchem aus er auf den Hof hinabſchauen konnte. Er ſah ſeine Dragoner mit den Piſtolen in der Hand gegenüber einer Schaar be⸗ waffneter Bengaleſen zu Pferde, unter denen er auch eine verſchleierte Frau erkannte. „Kommen Sie, Clara!“ rief er.„Vielleicht iſt der Augenblick uns günſtig. Weichen Sie nicht von meiner Seite, was auch kommen möge!“ Er nahm ihre Hand und zog ſie mit ſich fort. Sie eilten mehrere Treppen hinunter, bis Will eine Thür bemerkte, die nach dem Hof führte. Es ließ ſich leicht errathen, was vorgefallen war. Duna⸗Sahib, von Ramna⸗Rain unterrichtet, hatte die Abweſenheit Will's vom Hofe benutzen wollen, um 8 Adora aus dem Serail zu entfernen. Die Dragoner hatten dieſe Abſicht errathen und vereitelt. Sie hielten vor der innern Mündung des Thores und verſperrten daſſelbe. Ein Bengaleſe lag todt auf den Steinquadern des Hofes. Die Schaar Duna⸗Sahib's, obwohl aus wenigſtens hundert Reitern beſtehend, hatte ſich in einen wirren Knäuel zuſammengedrängt und ſchien unſchlüſſig, ob ſie einen Angriff auf die Dragoner wagen ſolle. Ein Reiter, der nach ſeinen Abzeichen der Führer, alſo Duna⸗Sahib zu ſein ſchien, ſprach heftig zu ihnen. Will benutzte die augenblicklich eingetretene Ruhe, um Clara den Arm zu bieten und ſie ruhig und langſam über den Hof bis zu den Dragonern zu führen, die ihn mit einem zufriedenen Kopfnicken empfingen. „Miß Clara Badyſon“, ſagte Will lächelnd,„hier ſtelle ich Ihnen meine wackern Dragoner vor, von denen jeder entſchloſſen iſt, für Sie zehntauſend Ben⸗ galeſen aus dem Sattel zu hauen! Kinder, Miß Elara iſt, wie Ihr ſeht, eine Engländerin von echtem Schrot und Korn. Sie hat jahrelang in der Gefangenſchaft dieſer ſchuftigen Bengaleſen geſchmachtet und ſehnt ſich nach Freiheit. Ich denke, es ſoll ſchwer halten, ſie uns zu rauben. Aber da iſt noch eine andere Dame, die Freundin unſeres Oberſten Clive, dieſelbe, die ihm — —, leſen zu. 8 vor der Schlacht von Plaſſey Nachrichten brachte, die ihn bewogen, Suradſcha⸗Daulah anzugreifen und uns dadurch zu einem Siege zu verhelfen, der ſtets unſere größte Ehre ſein wird. Die Bengaleſen wollen ſie ge⸗ fangen halten, weil ſie die rechtmäßige Erbin des Throns von Bengalen iſt. Ich denke, es verlohnt ſich ſchon der Mühe, dieſen goldenen Vogel für uns zu gewinnen. Seid Ihr bereit, eine Attake auf die Buſchklepper zu machen und ihnen die Dame zu ent⸗ reißen?“ Die Dragoner antworteten ihm mit einem Jubel⸗ ruf und ſchwangen ihre Säbel mit der Rechten, während ſie die Piſtolen nicht aus der Linken ließen Dabei fielen einige bewundernde und ſchmeichelhafte Bemer⸗ kungen nach Soldatenmanier über Miß Badyſon.„Eine feine Lady! Ein hübſches Mädchen! Eine echte Eng⸗ länderin! Etwas ſchlank, aber feſt wie eine Tanne!“ „Miß Badyſon“ ſagte Will,„bleiben Sie auf jeden Fall hier ſtehen. Ich werde erſt mit Duna⸗Sahib ein Wörtchen ſprechen und dann wollen wir ſehen, was weiter geſchieht!“ Er ſchwang ſich auf ſein Pferd, gab den Dragonern ein Zeichen, ruhig halten zu bleiben, und ritt, ſein Pferd tanzen laſſend, leicht auf die Schaar der Bengä⸗ 10 „Ruft Ramna⸗Rain!“ rief er.„Ich will ihm ſagen, daß er ein Verräther iſt. Wer von Euch iſt Duna⸗ Sahib? Ich will mit ihm reden!“ Obgleich Duna⸗Sahib gar nicht willens zu ſein ſchien, zu antworten, ſo blieb ihm doch nichts übrig, als ſich zu erkennen zu geben, denn die Bengaleſen wichen auf allen Seiten von ihm zurück, ließen ihn ganz frei und kennzeichneten ihn dadurch als ihren Führer. „Alſo Du biſt es!“ rief Will.„So behandelt Ihr einen Abgeſandten des Oberſten Clive? Ich bitte Ramna⸗Rain, Dir zu ſagen, daß ich Dich ſprechen möchte, und er ſagt mir, Du ruhteſt, ich könne Dich erſt in einigen Stunden ſprechen, und inzwiſchen willſt Du fliehen wie ein Dieb? Du mußt ein ſehr böſes Gewiſſen haben! Antworte mir! Mit welchem Recht hältſt Du eine Frau, die nicht Deine Sklavin iſt, ge⸗ fangen?“ Duna⸗Sahib, deſſen Ausſehen kein imponirendes war und der mehr den Eindruck eines Hofmanns als eines Kriegers machte, ſchien verwirrt durch dieſe Anrede. „Mein Herr und Gebieter, der Subah von Benga⸗ len—“ ſagte er dann zögernd. „Wen meinſt Du?“ unterbrach ihn Will heftig. 15 „Nun, Suradſcha⸗Daulah“, antwortete Duna⸗ Sahib. „Es gibt keinen Suradſcha⸗Daulah mehr, wenigſtens keinen Nabob dieſes Namens!“ rief Will.„Mir Joffir iſt Herr von Bengalen, durch den Willen meines Ober⸗ ſten Clive, und im Namen dieſer Beiden frage ich Dich, mit welchem Rechte Du eine Prinzeſſin, der Du lieber die Füße küſſen ſollteſt, gefangen mit Dir durch das Land führſt?“ „Es iſt der Befehl meines Herrn“, antwortete der Hindu unſicher. „Und welches Recht hatte Suradſcha⸗Daulah, den die Strafe Gottes bereits erreicht hat, zu einem ſolchen Befehl?“ rief Will zornig.„Adora, gehen Sie frei⸗ willig mit dieſem Manne?“ „O nein, nein!“ rief die Verſchleierte aus der Mitte der Bengaleſen heraus.„Ich bin gefeſſelt an den Händen, mit Gewalt auf das Pferd geſetzt!“ „So treffe Euch alle die Strafe, Ihr Räuber!“ rief Will, ſeinen Degen ziehend.„Mir nach, Dragoner! Keine Schonung!“ Er ſprengte auf Duna⸗Sahib zu und warf den Ueberraſchten und Erſchreckten durch einen Schlag mit der flachen Klinge vom Pferde. Auch die Bengaleſen wichen vor ſeiner ſchwirrenden Waffe ſcheu zurück. Einer derſelben führte Adora's Pferd am Zügel. Auf dieſen richtete Will ſein Roß. Der Bengaleſe wartete den Angriff des Dragoneroffiziers nicht ab, ſondern ließ ſeine Beute fahren. Jetzt fielen auch die andern Dragoner von allen Seiten über die Bengaleſen her. Dieſe ſtoben auseinander, ohne auch nur ken Verſuch zum Widerſtande zu machen. „Nun, Jungen, aufgemerkt!“ rief Will mit kräftiger Stimme.„Macht einen Ritt über den Hof und ſäubert ihn. Inzwiſchen hebe ich Miß Badyſon auf Adora's Pferd. Dann mit einer ſchnellen Schwenkung mir nach aus dem Thore!“ Der größte Theil der Bengaleſen war bereits durch ein knach dem Innern führendes Thor verſchwunden. Die wenigen Zurückgebliebenen flohen wie Tauben vor dem Habicht. Will hatte inzwiſchen Adora's Hände erfaßt und mit einem Schnitte ſeines Meſſers die Bande getrennt, welche dieſelben feſſelten. Dann ergriff er die Zügel ihres Pferdes, lenkte es zu Miß Badyſon, die ihnen bereits entgegeneilte, und hob die Engländerin hinauf zu Adora. Das Pferd der letztern war ſtark und breit gebaut; es trug die doppelte Laſt mit Leich⸗ tigkeit und gehorchte bereits der Leitung Adora's. Dann, als Will bemerkte, daß ſeine Dragoner ſich dem Thore zuwandten, rief er Adora zu, ihm zu folgen, und 13 ſprengte durch das Thor, einige Diener Ramna⸗Rain's, die nur aus Neugierde dort ſtanden, mit dem erhobenen Piſtol verſcheuchend. Die Dragoner donnerten hinter ihm her und wenige Minuten darauf lag die Reſidenz Ramna⸗Rain's hinter ihnen. Aus den Oeffnungen über dem Thor fielen einige Schüſſe, von denen jedoch keiner traf. „Hurrah!“ rief Will den Dragonern zu.„Nun vor⸗ wärts, was die Pferde laufen können! In einer halben Stunde ſind wir in Sicherheit!“ Die Dragoner jubelten und ſchnitten den erſchreckten Einwohnern von Patna, die vor der Reiterwindsbraut in ihre Thüren eilten, gräßliche Geſichter. Plötzlich aber klang es vor ihnen ſo bekannt und eigenthümlich: Ra⸗ taplan— Rataplan! Will hielt ſein Pferd ſo plötzlich an, daß es hoch aufbäumte, und auch die Dragoner zügelten mühſam ihre raſenden Roſſe. Ja, es war der Schall von Trommeln und Pfeifen und der Marſch war ein franzöſiſcher. Es führte nur dieſe eine Straße zum Thor und ſie war ſchmal. Den Franzoſen auszuweichen oder ſie über den Haufen zu reiten, war unmöglich. Will preßte die Zähne zuſammen und ſein Blick irrte über die Häuſer. Näher kam der ſcharfe, helle Klang.— „Hier hinein!“ rief Will.„Es gibt keine andere 14 Möglichkeit! Vielleicht ziehen ſie vorüber, ohne uns zu bemerken!“ Und er ſprengte in ein offen ſtehen⸗ des Thor, das zu einem geräumigen Hauſe führte. Sobald die Reiter gefolgt waren, ſprang er ſelbſt vom Pferde und ſchloß das Thor. Die Flügel deſſelben waren ſehr feſt und mit Eiſen beſchlagen. Auf dem ziemlich geräumigen Hofe war kein Hindu zu ſehen. Das Haus ſchien ein großes Waarenmagazin zu ſein; darauf deuteten die zahlreichen verſchloſſenen Thüren. Faſt in allen größern Städten Hindoſtans finden zu gewiſſen Zeiten Meſſen und Märkte ſtatt. Wahrſcheinlich wurde das Haus bei derartigen Gelegen⸗ heiten benutzt. Möglich auch, daß die Bewohner bei dem Erſcheinen der Reiter in das Innere geflüchtet waren. Will gab ſeinen Soldaten ein Zeichen, ſich möglichſt ruhig zu verhalten und die ſchnaufenden Pferde zu beſänftigen. Düſterer Mißmuth und Ingrimm lagerten auf allen Mienen. Noch eine Viertelſtunde und das freie Feld wäre erreicht geweſen, auf dem die ſchnellen Dragoner der größten franzöſiſchen Armee geſpottet hätten! Will behielt jedoch ſeine Ruhe. Für ihn war es immerhin von Wichtigkeit, Miß Badyſon und Adora in ſeiner Nähe zu haben. Mit den Franzoſen ließ ſich in einer andern Art unterhandeln als mit den Ben⸗ 15 galeſen, und wenn auch die Dragoner zu Kriegsgefan⸗ genen gemacht wurden, ſo war damit noch nicht geſagt, daß ſeine Schützlinge wieder an Ramna⸗Rain und Duna⸗Sahib ausgeliefert werden würden. Die beiden Frauen ſaßen, ſich umſchlungen hal⸗ tend, mit erwartungsvollen und beſorgten Mienen auf dem Pferde. Will trat zu ihnen heran, ergriff Adora's Hand und küßte ſie. „Ich hoffe noch immer das Beſte!“ ſagte er.„Viel⸗ leicht ziehen die Franzoſen vorüber. Auf jeden Fall wird man Sie nicht mehr dieſen bengaleſiſchen Un⸗ menſchen überliefern. Wiſſen Sie ſchon, daß Suradſcha⸗ Daulah gefangen iſt?“ Der Lärm der franzöſiſchen Trommeln war in⸗ zwiſchen ſo nahe gekommen, daß Adora's Antwort von ihnen übertönt wurde; Will bemerkte nur ihr Kopf⸗ ſchütteln. Plötzlich verſtummte der Trommelſchall. Will ſprach leiſe mit den Dragonern und trat dann in das Haus. Wie alle größern Gebäude des Hrients war das Haus nach der Straße zu nur mit einigen kleinen Heffnungen verſehen; die Fenſter und Thüren gingen auf den Hof. Von dieſen Thüren ſtand nur eine offen, diejenige, in welche Will getreten war. Er ge⸗ langte in einen Vorraum, in welchem ein alter Hindu 16 vor einem Schreibpulte mit großen Büchern ſaß. Dieſer Anblick beſtätigte Will's Vermuthung, daß er ſich in einem Waarenlager befinde. Er grüßte den Alten, rief ihm zu, daß er ihm nichts zu Leide thun wolle, und fragte ihn, aus welchem Raume man auf die Straße blicken könne. Der Hindu erhob ſich, kam mit einem Schlüſſelbund zu Will und öffnete eine Thür, die zu einem großen Raume führte, in welchem auf dem Fußboden und an den Wänden große Rollen von Teppichen und andern Stoffen lagen und ſtanden. Will trat ſogleich an die kleine Heffnung und blickte auf die Straße hinaus. Dort hielt ein Bataillon franzöſiſcher Truppen, das Gewehr im Arm. Einige Offiziere zu Pferde hatten ſich um einen bengaliſchen Reiter verſammelt, der leb⸗ haft geſtikulirend zu ihnen ſprach und mehrmals auf das Haus und den geſchloſſenen Thorweg deſſelben zeigte. Wahrſcheinlich hatte man von einem Thurme des Serails aus die nahenden Franzoſen bemerkt und ihnen einen Reiter entgegengeſendet, der ſie von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzen ſollte. Die Hoffnung, daß die Franzoſen ahnungslos vorbeiziehen und den Dragonern den Weg zur Rückkehr freilaſſen würden, war alſo vereitelt. Will überlegte ſogleich, ob das Haus ſich verthei⸗ 17 digen laſſe. Es war feſt genug dazu. Aber wie ſtand es mit den Lebensmitteln für die kleine Beſatzung und der Fourrage für die Pferde? Will hatte zwar be⸗ merkt, daß einige ſeiner Dragoner vorſorglich einen Theil der Proviſionen, die ſie im Serail erhalten, in ihre Futterſäcke gethan hatten und mit ſich führten, aber wie lange konnten dieſe geringen Vorräthe aus⸗ reichen? Er überlegte auch, daß die Franzoſen, nach⸗ dem Suradſcha⸗Daulah geſchlagen worden und ſie ſelbſt ſich hatten zurückziehen müſſen, eine ganz beſondere Ge⸗ nugthuung darin finden würden, eine Truppe engliſcher Dragoner gefangen zu nehmen und zur Schau durch das Land zu führen. Die franzöſiſchen Offiziere ſchienen den Mitthei⸗ lungen des Bengaleſen zuerſt gar keinen Glauben zu ſchenken und betrachteten kopfſchüttelnd das Haus, in welches ſich die Dragoner gerettet hatten und das na⸗ türlich ſo harmlos ausſah, wie alle andern. Endlich aber gab der eine, der wohl Law ſelbſt ſein mochte, den Befehl, daß eine Abtheilung der Franzoſen das Haus bewachen ſolle, und das Bataillon, gefolgt von einem mächtigen Bagagetrain, marſchirte weiter. Will beobachtete die zurückgebliebenen Soldaten, deren Zahl ungefähr ſechzig betragen mochte. Wäre er mit ſeinen Dragonern allein net ſo hätte er Mützelburg, Robert Elive. V. 2 ——— jetzt einen Ausfall gemacht. Aber er durfte das Leben der beiden Frauen nicht aufs Spiel ſetzen⸗ Ueberdies hatten die Franzoſen eine Stellung genommen, welche die Straße nach dem Thore in einer Weiſe verſperrte, die es auch einer größern Anzahl von Dragonern ſchwer gemacht hätte, ſich den Weg zu erzwingen. Will ergab ſich alſo in dieſes widrige Geſchick, das ihm ein böſer Geiſt gerade in der letzten Viertelſtunde in den Weg geworfen. Er ging wieder nach dem Hofe und theilte den Dragonern mit, daß das Haus bewacht und ein Aus⸗ fall unmöglich ſei. Dann ließ er kleine Oeffnungen in das Thor ſchneiden, die als Schießſcharten dienen konnten, und die Steine, mit denen der Hof gepfla⸗ ſtert war, vor das Thor wälzen, ſodaß es von außen ſehr ſchwer geöffnet werden konnte. Darauf bat er Adora und Miß Badyſon, ſich in das Innere des Hauſes zu begeben, und begleitete ſie, um den alten Hindu zu fragen, ob ſich noch andere Bewohner in dem Hauſe befänden und ob Lebensmittel vorhanden ſeien; die letztern wolle er gern mit dem doppelten Preiſe bezahlen. Der Hindu verneinte Beides. Dann unternahm Will eine genaue Beſichtigung der Räume. Er ließ die Thüren der verſchloſſenen Waarenlager er⸗ brechen, gelangte aber nur zu dem Reſultat, daß das 19 Gebäude überall von feſten Häuſern eingeſchloſſen ſei, daß es alſo keinen zweiten Ausgang gebe, ein ſolcher auch nicht ohne große Mühe zu ſchaffen geweſen wäre. Hätte man die Mauern durchbrechen wollen, ſo würden doch die Franzoſen es bemerkt und auch den neuen Ausgang beſetzt haben. Dagegen fand man in einem der Waarengewölbe eine Anzahl Säcke mit Reis und im Hofe ſelbſt eine verdeckte Ciſterne. Vor dem Ver⸗ hungern und Verdurſten waren die Engländer alſo geſchützt. Nachdem Will noch andere Vorſichtsmaßregeln ge⸗ troffen, die ihm nöthig erſchienen, ging er zu den beiden Frauen, die der alte Hindu in ein Wohnzim⸗ mer geführt hatte. Hier bewillkommnete er nochmals WMiß Badyſon und Adora und verſuchte eine möglichſt heitere Miene anzunehmen. „Es iſt die erſte Wohnung, die ich Ihnen anbieten kann, meine Damen!“ ſagte er.„Sie könnte etwas bequemer ſein und einen freiern Ausgang haben, aber ſie iſt immerhin dem Serail Ramna⸗Rain's vorzu⸗ ziehen. Wie wird Oberſt Elive lachen, wenn er er⸗ fährt, wozu ich ſeine Dragoner verwendet habe! Aber er wird mit mir zufrieden ſein! Und da wir nun wahr⸗ ſcheinlich eine Stunde Zeit vor uns haben, ſo möchte ich Sie bitten, Miß Adora, oder Sie, Miß Badyſon, einen meiner lebhafteſten Wünſche zu erfüllen und mir mitzutheilen, wie es Ihnen gelungen, aus Gheria zu entkommen, und durch welches widrige Schickſal Sie hierher nach Bengalen, anſtatt in eine engliſche Colonie geführt worden.“ Es war eigenthümlich, daß Will es nur verſtohlen wagte, Miß Badyſon anzublicken, und daß auch dieſe ihren Blick ſenkte, ſobald ſich Will's Auge auf ſie richtete. Ueber beider Wangen flog zuweilen ein leichtes Erröthen. Adora betrachtete ſie oft und ſchien ſie mit einander zu vergleichen. Ihr Geſicht war ungemein ernſt und ruhig; es war unmöglich, ſich den Ausdruck der Entſagung, der auf demſelben ruhte, in ſchärferer Ausprägung zu denken. Dieſen Ausdruck trug es jedoch nur, wenn ſie nicht ſprach und ſich ihren Gedanken überließ. Sobald ſie dagegen mit ihrer Freundin oder mit Will ſprach oder ſie auch nur anſah, zeigte es die innigſte Theilnahme und einen lebendigen Wechſel von Empfindungen. „Ich bin ſehr gern bereit, Ihren Wunſch zu er⸗ füllen“ antwortete Miß Badyſon.„Aber vielleicht würde Adora viel beſſer erzählen als ich.“ „Daran zweifle ich“, ſagte Adora lächelnd.„Auch ſpreche ich das Engliſche, obwohl Du meine Lehr⸗ meiſterin geweſen biſt, für Mr. Starlow nicht gut 21 genug. Außerdem fühle ich mich ein wenig erſchöpft. Als Duna⸗Sahib mich heute zwang, ein Pferd zu be⸗ ſteigen und ihm zu folgen, hielt ich mich für verloren, und das hat mich mit einem Schrecken erfüllt, den ich jetzt noch empfinde.“ „Wohlan denn, mein lieber Freund“ ſagte Clara, „ſo laſſen Sie mich Ihnen vor allen Dingen mit⸗ theilen, daß meine Mutter Ihrer ſtets mit der zärt⸗ lichſten Theilnahme, ja, ich kann wohl ſagen, Liebe gedacht hat. Ich würde keinen treuern Freund finden als Sie, wiederholte ſie mir oft; ſie würde ruhig ſterben, wenn ſie wüßte, daß Sie in der Nähe ſeien. Dieſelbe Neigung empfand ſie für Adora. Und in der That ſind Sie beide, auf die meine Mutter ein ſo großes Vertrauen ſetzte, diejenigen geweſen, die mir in den beiden verzweifeltſten Lagen meines Lebens die heißerſehnte Rettung gebracht haben. Meine Lage in Gheria kennen Sie. Jahrelang, bis zum Anfang des Jahres 1755, blieb ſie unverändert. Adora hätte das Felſenneſt längſt verlaſſen können; es war auch für ſie ſo gut wie ein Gefängniß. Aber ſie that es nicht um meinetwillen. Sie ſagte, daß ich, ſolange ich nicht erwachſen ſei, in Gheria beſſer und ſicherer als an⸗ derswo wohne, und wahrſcheinlich hat ſie Recht gehabt Im Uebrigen wollte mir Angria allen Ernſtes die Ehre 7 zu Theil werden laſſen, mich zu ſeiner erſten und rechtmäßigen Gattin zu erheben. Er hatte keine Ah⸗ nung davon, daß ich einem ſolchen Anerbieten nicht aus voller Seele zuſtimme, undzwir ließen ihn in dem Glauben, daß ich nichts gegen ihn einzuwenden habe. Durch Adora's Vermittelung erhielten wir aus Bom⸗ bay engliſche und franzöſiſche Bücher, Material zum Zeichnen und zum Sticken, ſogar ein Klavier— genug, wir lebten ganz ähnlich wie engliſche Fräulein in einer abgeſchloſſenen Penſion. Da ſchickte eines Tages Angria ſeinen Konſamah oder Hausmeiſter zu mir, der mir mittheilte, daß die Hochzeitsceremonie am folgenden Tage ſtattfinden ſolle. Adora und ich waren aufs höchſte erſchrocken, denn unglücklicherweiſe befand ſich der alte Diener, der Adora's Mutter gekannt hatte und dem wir unbedingt vertrauen durften, auf einer Sendung abweſend in Bombay. Eine Vorſtellung, die Adora in meinem Namen machte, daß mir meine Re⸗ ligion nicht erlaube, eine ſo wichtige Ceremonie ſo ſchnell zu vollziehen, und daß ſich mich durch Einſam⸗ keit und Faſten darauf bereiten müſſe, bewirkte nur einen Aufſchub von drei Tagen. Aber in dieſen drei Tagen konnte unſer Diener noch nicht zurück ſein. Ich war in Verzweiflung und feſt entſchloſſen, lieber zu ſterben, als eine für mich ſo entwürdigende Verbindung 23 einzugehen. Adora marterte inzwiſchen ihren Kopf mit Plänen zur Flucht. Endlich fand ſie ein Mittel, das ausführbar ſchien. Der Bruder Angria's hatte Adora öfters zu verſtehen gegeben, daß er ſie liebe und ſich glücklich ſchätzen werde, ihr Gatte zu ſein. Adora hatte ihn, um den jähzornigen Mann nicht aufzubringen, ſtets mit der Antwort hingehalten, daß ſie an einen jungen Prinzen im Dekan verſprochen ſei, daß dieſer aber an einer tödtlichen Krankheit leide und ſicher ſterben müſſe. Als ſie nun den Bruder Angria's wieder ſprach, theilte ſie ihm ruhig mit, jener Prinz ſei gegen alles Erwarten geſund geworden und ſie werde wahrſcheinlich in wenigen Wochen Gheria verlaſſen müſſen, um ihn zu heirathen. Der Bruder Angria's gerieth darüber in eine wahre Raſerei, um die ſich Adora zuerſt nicht zu kümmern, von der ſie aber ſpäter gerührt zu werden ſchien. Sie ſagte ihm, ſie theile ſeine Empfindungen und wolle ihn heirathen. Aber in Gheria könne ſie nicht bleiben, das einförmige Leben widere ſie an. Er dürfe nicht eher Anſpruch auf ihre Hand machen, als bis er ſich eine neue an⸗ 3 genehme und ſelbſtſtändige Exiſtenz in einer freundlichern Gegend verſchafft habe. Adora, welche dieſe Intrigue wohl kaum für ſich ſelbſt gewagt haben würde, wußte ſehr wohl, daß es Angria wntglich ſein würde, die Erlaubniß ſeines Bruders zu dieſer Aenderung zu erhalten, denn der Pirat bedurfte ſeines in den Wiſ⸗ ſenſchaften, der Diplomatie und andern ihm fremden Gegenſtänden erfahrenen Bruders täglich, ja ſtündlich Ben Angria wollte deshalb auch nichts von einem ſol⸗ chen Vorſchlag Adora's hören, worauf dieſe ihm erwi⸗ derte, ſie werde unverzüglich abreiſen und jenen Prinzen heirathen. Genug, ſie bewog Ben Angria, heimlich mit ihr zu fliehen⸗ Dabei ſtellte ſie auch die Be⸗ dingung, daß ich ſie begleiten müſſe, und ſie wußte Ben Angria dieſen Wunſch nicht nur als eine Sache der Freundſchaft, ſondern auch des Vortheils darzuſtellen, indem ſie behauptete, ich ſei ſehr reich und habe ihr für den Fall, daß ſie mich aus Gheria be⸗ freien könne, eine ungeheure Summe verſprochen. Ben Angria, der ſich unter den obwaltenden Umſtänden ſo viel Geld als möglich zu ſichern ſuchte, ging auf dieſe zweite Bedingung ſehr leicht ein, deutete auch an, daß er vor der Flucht die Kaſſe ſeines Bruders um einige Lak Rupien oder deren Werth in Edelſteinen ärmer machen werde. Die Schwierigkeit beſtund nun für uns darin, Ben Angria zu täuſchen. Adora verabredete mit ihm Folgendes. Ben Angria ſollte ſeinen Bruder veranlaſſen, ſich am Nachmittage nach der Stadt Ghe⸗ wia, am Ende der Landzunge, zu begeben und dor ——— 25 einige Geſchäfte zu erledigen. Währenddeſſen ſollte Ben Angria alle Vorbereitungen für die Flucht treffen. Für den Gebrauch Angria's oder ſeines Bruders lag ſtets ein kleines Boot unter einem Schuppen auf dem Felſen bereit, das an Seilen ins Meer herabgelaſſen werden konnte. Die andern, größern Schiffe lagen, wie Sie ſich noch erinnern, an der Landzunge. So⸗ bald nun Angria von Gheria zurückgekehrt war und ſich in ſeine Ruhezimmer zurückgezogen hatte, ſollte Adora, der es erlaubt war, ganz frei in der Feſtung herumzugehen, ihr Zimmer verläſſen und ich ſollte ſie in der Tracht ihrer Lieblingsſtlavin begleiten. Am Fuße einer ſchmalen ſteinernen Treppe, die von einer Plattform zum Meere hinabführte, ſollte Ben Angria uns mit dem Boote erwarten. Die Luft war faſt ſtill, es wehte nur ein leichter Seewind; das Unternehmen ließ ſich alſo ohne Gefahr ausführen. Ben Angria ſollte Niemand zu ſeiner Begleitung mitnehmen; das gut gebaute Boot ließ ſich bei dem günſtigen Wetter leicht von einem Manne allein regieren. Wir erwarteten den Anbruch der Nacht mit wach⸗ ſender Ungeduld. Angria war nach Gheria geritten und bereits zurückgekehrt. Es dämmerte. Ben Angria kam zu Adora, um ihr zu ſagen, daß Alles gut gehe und daß wir, ſobald es ganz dunkel geworden, nach 26 der Treppe gehen möchten. Auch dieſe eine Stunde verging, und Adora und ich verließen, als wenn wir wie gewöhnlich noch im Park promeniren wollten, un⸗ ſere Zimmer, begaben uns aber nach einem andern, Adora bekannten Theil der Feſtung und erreichten glück⸗ lich und unbemerkt die Treppe. Adora hatte mir ihren Plan, Ben Angria zu täuſchen, bereits mitgetheilt. Sobald ſie den Bruder Angria's unten in ſeinem Boote erblickte, rief ſie ihm mit kläglicher Stimme zu:„Alles iſt verloren! Angria läßt Dich ſuchen. Seine Boten waren ſelbſt in meinem Zimmer. Es iſt eine wichtige Nachricht angekommen und er will Deine Entſcheidung darüber wiſſen. Wenn er Dich nicht findet, ſo wird er die ganze Feſtung durchſuchen laſſen, unſere Flucht binnen einer halben Stunde erfahren und uns nach⸗ ſetzen laſſen.“ Alles hing davon ab, wie Ben Angria dieſe Nach⸗ richt aufnahm. Beſtand er darauf, ſofort Gheria zu verlaſſen, ſo waren wir verloren. Ben Angria mur⸗ melte einige Verwünſchungen und fragte dann, ob Adora ſicher wiſſe, daß es ſich um eine angekommene Botſchaft und nicht etwa um die Entdeckung des von ihm begangenen Diebſtahls handle. Adora beruhigte ihn darüber und ſagte, ſoviel ſie vernommen, ſei eine Botſchaft von einem Unterbefehlshaber Angria's an⸗ ——————. ——— 27 gelangt, der eine Meuterei melde. Dieſe ganze Mit⸗ theilung klang ſo natürlich, Angria war ſo gewöhnt, ſeinen Bruder bei jeder Kleinigkeit um Rath zu fragen, daß Ben Angria in die Falle ging. Er rief uns zu, wir ſollten kurze Zeit warten, bis er wiederkäme; er wolle zu ſeinem Bruder gehen und ihn beruhigen. Dann befeſtigte er das Boot mit einem Seile an einem eiſernen Ring am Fuß der Treppe und ging haſtig an uns vorüber nach dem Innern der Feſtung. Jetzt er⸗ griff Adora meinen Arm und zog mich nit ſich die Treppe hinab. Ich zitterte gewaltig. Aber Adora rief: „Komm, laß uns Gott vertrauen! Er iſt gnädiger als die Menſchen!« Damit band ſie das Boot los, ſtieg hinein, hob mich über Bord und ſtieß das Boot mit einem Haken von der Treppe los. Die Wellen er⸗ faßten das kleine Fahrzeug; ich half Adora das Segel entfalten, denn wir verſtanden uns, da wir faſt täg⸗ lich geſehen, wie die Angrianer ihre Boote handhabten, auf dieſe einfachen Handgriffe, Adora ſetzte ſich an das Steuer und wir ließen das Boot nach der Küſte zu treiben. Adora's Plan bot uns einen großen Vortheil. Wenn Ben Angria erfahren, daß ſein Bruder ihn nicht habe ſuchen laſſen, und uns bei der Rückkehr nicht mehr fand, ſo konnte er nicht ſogleich Lärm ſchlagen, denn er hätte ſich ſelbſt bloßgeſtellt. Er konnte ſich höchſtens allein auf unſere Verfolgung begeben, und fand er uns nicht noch in der Nacht und führte uns im Laufe derſelben unbemerkt nach Gheria zurück, ſo war ſein Plan vereitelt; denn er hätte, wenn er uns ſpäter fand und zurückführte, keine genügende Erklä⸗ rung für ſeine Handlungsweiſe gehabt. Wir durften alſo mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Ben Angria es überhaupt aufgeben werde, uns allein zu verfolgen, und daß er ſich damit begnügen müſſe, an der Verfol⸗ gung, die am andern Morgen nach der Entdeckung unſerer Flucht angeordnet werden würde, Theil zu neh⸗ men. Möglich war es freilich, daß er eine Veranlaſ⸗ ſung herbeizuführen wußte, unſere Abweſenheit gleich⸗ ſam zufällig noch in der Nacht entdecken zu laſſen. Aber dann hatten wir doch immer einige Stunden voraus. Wäre es nach meinem Wunſche gegangen, ſo hätte Adora, da die See ſo ruhig war, das Steuer nach Bombay richten müſſen. Aber Adora ſagte, es ſei der See nicht zu trauen, der Wind könne umſpringen. Auch würden uns die größern Grabs oder Gallivats gewiß noch vor Bombay erreichen. Sie hatte einen andern Plan entworfen, der ſich denn auch, wie ich glaube, als der beſſere erwies. Sie ließ das Boot ganz in 29 der Nähe von Gheria auf den Strand treiben und eilte dann mit mir die Küſte entlang, die zum größten Theil felſig iſt. Die Nacht war dort für unſere an das ge⸗ ringe Licht ſchon gewöhnten Augen nicht ſo dunkel, daß wir nicht unſern Weg ganz gut hätten finden können. Adora's Plan war, in der Nähe von Gheria in einer Felſenhöhle am Meere zu bleiben. Auf dem Lande hätten wir unſern Verfolgern doch nicht entrinnen können, da wir keine Pferde beſaßen und ſie in der Nacht auch nicht kaufen konnten, ohne Aufſehen zu erregen. Wir verbrachten alſo den größern Theil der Nacht damit, eine für uns geeignete Zufluchtsſtätte zu finden, die wir endlich in einer kleinen Höhle entdeckten, welche nur wenige Fuß über dem höchſten Waſſerſtand des Meeres lag und deren Eingang ſo ſchmal war, daß er vom Meere aus nur wie eine Felsſpalte erſchien. Adora vertraute darauf, daß man uns in der Ferne und nicht in der Nähe ſuchen würde. Wir hatten übrigens beide ſchon ſeit Tagen von unſern Mahl⸗ zeiten ſo viel Geflügel, Brod und Früchte geſpart, daß wir vielleicht eine Woche in unſerm neuen Aufenthalts⸗ ort ausharren konnten. Es läßt ſich ſchwer beſchreiben, mit welchen Em⸗ pfindungen wir an dieſem Orte, faſt beſpült von der Brandung der See, den Morgen erwarteten. Es war, 30 als ob wir uns auf einer wüſten Inſel, Tauſende von Meilen fern von aller Welt, befänden, eine ſo tiefe und er⸗ habene Stille herrſchte an dieſem Orte. In der Nacht waren keine Kanonenſchüſſe, das Zeichen, daß ein Gefangener entflohen, auf Gheria gelöſt worden. Alſo hatte Ben Angria ſich entweder allein auf die Ver⸗ folgung begeben oder nichts zur Entdeckung unſerer Flucht gethan. Am Morgen aber ertönten die von uns erwarteten Signale. Wir konnten den Rauch aus den Mündungen der Geſchütze hervorquellen ſehen, ſo nahe waren wir noch immer an Gherig. Wir verbargen den Eingang zu unſerer Höhle, ſo gut es ging, mit Seetang und Moos. Ruhig waren wir nicht, denn wie leicht konnte es geſchehen, daß einer der ausgeſchickten Verfolger unſern Zufluchtsort entdeckte, und daß Angria und ſein Bruder aus ver⸗ ſchiedenen und doch ähnlichen Abſichten Alles daran ſetzen würden, uns, wieder zu fangen, davon konnten wir überzeugt ſein. Aber wir verſuchten wenigſtens, ruhig zu erſcheinen. Die großartige Einſamkeit, in der wir uns befanden, und zunſere eigenthümliche Lage riefen in uns ein ganz ſeltſames Gefühl von Ernſt und Er⸗ gebung hervor. Wir ſprachen unſere feſte Zuverſicht dahin aus, daß die Verfolger uns nicht finden würden. Sollte es aber geſchehen, ſo war Adora entſchloſſen, — 31 Angria mitzutheilen, daß ich eher ſterben als ſeine Gattin werden wolle, und daß er kein Recht habe, mich zu zwingen; ſie war überzeugt, daß Angria es in dieſem Falle nicht zum Aeußerſten kommen laſſen werde, und ihr ſelbſt durfte man ja keinen Zwang anthun. Um es kurz zu melden, den Menſchen gelang es nicht, uns zu entdecken. Aber eine furchtbare Angſt ſollte uns an dieſem Aufenthaltsorte dennoch nicht er⸗ ſpart werden. Am Abend des zweiten Tags verdun⸗ kelte ſich der Himmel und ein gewaltiger Sturm brach los, der die Wellen gegen die Küſte trieb. Ich habe ſchon geſagt, daß unſere Höhle ſich nur wenige Fuß hoch über dem höchſten Waſſerſtande des Meeres be⸗ fand. Die Wellen, die jetzt gegen die Küſte drängten, ſchlugen aber höher und erhoben ſich bis zu unſerer Höhle. War es ſchon bei ruhiger See kaum möglich, vor dem betäubenden Donner der Brandung ein Wort zu verſtehen, ſo glaubten wir jetzt unter dem furcht⸗ baren Krachen der ſturmgepeitſchten, an die Felſen an⸗ prallenden Wellen wahnſinnig werden zu müſſen. Ich darf nicht daran zurückdenken. Jene Nacht und der ihr folgende Tag erſcheinen mir wie der gräßlichſte Fiebertraum. Wir hielten uns an den Vorſprüngen im Innern unſerer Höhle feſt, um nicht von den 32 eindringenden und zurückrauſchenden Wellen mit fort⸗ geriſſen zu werden; zuweilen erfüllte das Waſſer die ganze Höhlung und wir mußten den Athem anhalten, als ob wir untergetaucht ſeien. Jeden Augenblick konnten wir ertrinken. Aber das Furchtbarſte in meiner Erin⸗ nerung bleibt doch jener Donner der Wellen. Es war, als ob in jeder Minute ein Haus über uns zuſammen⸗ ſtürze oder als ob eine Mine unter uns auffliege. Zu⸗ letzt war es mir, als ob ich jeden Schlag der Wellen wie einen wirklichen Schlag gegen meine Schläfe fühle. Adora mußte mich in ihren Armen aufrecht erhalten, ſonſt wäre ich umgeſunken. Hier legte ich den Keim zu der Krankheit, von der ich ſogleich ſprechen werde. Unſere Lebensmittelvorräthe hatten wir in einer Vertiefung an der Decke der Höhle geborgen. Dies geſtattete uns noch einige Tage nach dem Unwetter in der Höhle zu bleiben. Auch war ich zu ermattet, um ſie verlaſſen zu können. Am ſiebenten Tage aber gelang es Adora, mich zu überreden, daß wir um jeden Preis weiter gehen müßten, da unſere Vorräthe zu Ende ſeien, und auf Adora's Arm geſtützt verließ ich mit dieſer meiner treueſten Freundin jenen Ort, der uns freilich Sicherheit des Lebens, aber dennoch Schrecken des Todes brachte. Wir wanderten nur bei Nacht, höchſt ſelten bei Tage. Adora und ich hatten die Gewänder 33 indiſcher Wittwen angelegt. Niemand wagt es, den Schleier derſelben zu heben. Jeder flieht vor ihnen oder wirft ihnen aus der Ferne ein Almoſen zu. So ſchleppte ich mich ſechs Tage lang fort nach dem In⸗ nern des Landes zu. Dann aber brach ich zuſammen; die vierundzwanzig Stunden während der Sturmzeit in der Höhle hatten mein Nervenſyſtem zerrüttet. Ich verfiel in eine Krankheit, die Adora für tödtlich hielt und von der ich nur durch die Pflege dieſer meiner mir von Gott zugeſellten Freundin geneſen bin. Wir befanden uns damals in der Gegend von Hyde⸗ rabad, auf dem Wege nach der letztern Stadt, in welcher Adora Freunde zu finden oder Verbindungen mit Iſſuf und Ihnen oder irgend Jemand in Madras anknüpfen zu können hoffte. Das ganze Land, durch das wir zogen, war ſchön und fruchtbar, ſchien ſich aber im Zuſtande des Aufruhrs oder wenigſtens der Unruhe zu befinden. Ich gewahrte wenig davon, denn ich litt unter einem Zuſtand unbeſchreiblicher Abſpannung. Doch hielt ich mich mit Gewalt aufrecht, aber faſt in dem Augenblicke, in welchem ich niederſank, brach auch das hitzige Fieber bei mir aus. Glücklicherweiſe befanden wir uns gerade vor der Hütte einer alten Frau, die ganz einſam lebte, wie die meiſten indi⸗ ſchen Wittwen. Vielleicht durch unſere Wittwenkleidung Mützelburg, Robert Clive. V. 3 34 bewogen oder durch ein rein menſchliches Gefühl ge⸗ trieben, half ſie Adora mich in ihre Hütte tragen und bald hatte Adora's Sanftmuth und ihre Fähigkeit, ſich in alle Verhältniſſe zu finden, das Herz der alten Frau gewonnen. Sie war freilich zu ſchwach und zu arm, um mir weſentliche Dienſte leiſten zu können. Adora that Alles für mich. O welche qualvolle Zeit muß das für ſie geweſen ſein! Ich fiel aus einem Fieber in das andere, und als endlich nach vielen, vielen Wochen die Todesgefahr geſchwunden ſchien, war ich ſchwach wie ein halbjähriges Kind und konnte mich nicht bewegen. Am Arme Adora's und auf Krücken geſtützt, lernte ich allmälig wieder gehen und erholte mich, aber nicht von Tag zu Tag, ſondern nur von Monat zu Monat. Mein Gedächtniß für die vergan⸗ genen Zeiten war anfangs ganz verſchwunden und fand ſich erſt nach und nach wieder ein. Aber ſeltſam iſt es, daß ich von jener Zeit an nie mehr etwas von Krankheiten zu erdulden gehabt habe, während ich früher im Allgemeinen ein ſchwächliches Kind war. Es iſt, als habe jene Zeit, die mehr als ſechs Monate umfaßte, mein ganzes körperliches Weſen umgeſtaltet und verbeſſert. Auch meine geiſtigen Fähigkeiten und Kräfte kehrten allmälig zurück. Sie werden nun begreifen, mein lieber Freund, —————— 35 weshalb es unmöglich war, irgend eine Nachricht von uns nach Madras gelangen zu laſſen. Es fehlte Adora jede Verbindung mit der Außenwelt und alle ihre Gedanken richteten ſich nur auf die Erhaltung meines Lebens. Ueberdies waren wir ſo arm, daß wir keinen Boten dingen konnten, der den weiten Weg bis Madras oder Bombay gemacht hätte. Wir beſaßen allerdings noch etwas Geld, aber das mußten wir behalten, um unſere geringen Reiſekoſten zu beſtreiten. Sobald ich wieder eine Fußwanderung antreten konnte, nah⸗ men wir von der alten Frau, die uns Obdach gewährt, Abſchied und ſchlugen die Richtung nach Hyderabad ein. Was Adora unterwegs erfuhr, war freilich nicht geeignet, uns viel Muth zu machen. Wir hörten, daß Salabut⸗Jing, der Nizam des Dekan, noch immer dem franzöſiſchen Einfluſſe ergeben und das Land zum Theil von Franzoſen beſetzt ſei. Doch hoffte Adora, daß auch die franzöſiſchen Offiziere ihr Schutz und Hülfe angedeihen laſſen würden, denn Dupleix, der Einzige, deſſen Hinterliſt ſie fürchtete, hatte, wie wir erfahren, inzwiſchen Indien verlaſſen, und Buſſy, der in den Staaten des Dekan commandirte, galt für einen ſehr edelmüthigen Offizier. Der letzte Reſt unſerer kleinen Kaſſe war erſchöpft, als wir in Hyderabad, einer glän⸗ zenden und großen Stadt, anlangten. 3* 36 Hier begegnete Adora ein großes Glück, das frei⸗ lich ſpäter zu unſerm Unglück ausſchlug. Am zweiten Morgen, als wir nach einem Platze in Hyderabad gingen, auf welchem die franzöſiſche Garniſon ſich zu verſammeln pflegte und wo Adora einen franzöſiſchen Offizier zu finden hoffte, der ſie vielleicht früher in Pondichery geſehen, bemerkte ſie einen Offizier, der ſie ſehr genau kannte, einen Verwandten Dupleix“ der ihr in Pondichery ſeine Liebe und ſeine Hand angetragen. Adora wußte, daß ſie dieſem Mann unbedingt ver⸗ trauen könne, und ſandte ihm deshalb auf einem Streifen Papier einige Zeilen mit der Angabe unſerer Wohnung, die wir in einem für reiſende Wittwen be⸗ ſtimmten Hauſe genommen. Der Offizier erſchien, noch ehe wir ihn erwarten konnten. Er war ein gutmüthi⸗ ger und angenehmer Mann und hieß Maurepas. Seine Zuneigung zu Adora mußte in der That groß geweſen und noch nicht verſchwunden ſein, denn er zeigte ſie in ſeinem ganzen Weſen, das voller Theilnahme und Hingebung war. Bei der Schilderung unſerer Leiden ſeit der Flucht von Gheria traten ihm die Thränen ins Auge. Durch ihn erfuhren wir denn auch, daß Gheria inzwiſchen von den Engländern erobert worden ſei, und zwar durch Mr. Clive, den Offizier, von dem Sie ſo oft zu mir und meiner Mutter als von Ihrem —— 37 einzigen Freunde geſprochen. Er ſagte uns auch, daß der Ausbruch eines neuen Kriegs zwiſchen England und Frankreich nahe bevorſtehend ſei und daß er uns fürs Erſte nur nach Pondichery ſenden könne. Aus ſeinem ganzen Weſen ſchien hervorzugehen, daß er auch jetzt noch meiner Freundin aufs innigſte zugethan ſei und eine Verbindung mit ihr für ein großes Glück halte. Aber ich habe wohl kaum nöthig hinzuzufügen, daß Adora dieſe Andeutungen zu überhören ſchien. Sie deutete nur an, daß mein Schickſal vollkommen ſicher geſtellt ſein müſſe, ehe ſie daran denken könne, ihren künftigen Wohnort zu beſtimmen. Herr von Maurepas war zartfühlend genug, alle darauf bezüg⸗ lichen Bemerkungen endlich fallen zu laſſen. Er fragte, welches unſere Wünſche ſeien, und ſtellte ſich uns un⸗ bedingt zur Verfügung. Selbſt konnte er uns nicht nach Pondichery geleiten, da ihn ſein Commando an Hyderabad feſſelte, aber er wollte uns einem zuverläſ⸗ ſigen Mann anvertrauen, der öfters im Auftrage des Oberſten Buſſy den Weg vom nördlichen Dekan nach der Küſte von Koromandel machte und ſich gerade in Hyderabad befand. Nachdem ihm Adora noch Einiges über unſere Vergangenheit erzählt, auch die Neugierde des franzöſiſchen Offiziers in Bezug auf ihre Herkunft befriedigt hatte, verließ uns Herr von Maurepas. Er 38 kam jedoch ſehr oft wieder und ſchien ſich nur ungern in den Gedanken zu finden, daß wir Hyderabad ſo bald verlaſſen ſollten. Aber Adora drängte, auch reiſte Laroche, ſo hieß der Franzoſe, dem uns Maurepas anvertrauen wollte, in dieſen Tagen ab, und ſo ſchieden wir denn, über unſer Schickſal vollkommen beruhigt, von dem gütigen Offizier, der uns noch eine Strecke weit nach Süden begleitete, mit den wärmſten Ver⸗ ſicherungen unſeres Dankes. Ich habe ſchon erwähnt, daß dieſe glückliche Be⸗ gegnung dennoch zu unſerm Unglück ausſchlug. Der Franzoſe, der uns geleitete, mußte durch einige unvor⸗ ſichtige Aeußerungen Maurepas' die Herkunft Ado⸗ ra's erfahren haben und gründete darauf einen Plan, der ihm vollkommen gelang, da wir keinen Argwohn in ihn ſetzten, auch ganz ſeiner Macht anheimgegeben waren. Zwar fiel es Adora nach vierzehntägiger ſchneller Reiſe auf, daß wir uns in Gegenden be⸗ fanden, die nicht auf unſerm regelmäßigen Wege lagen; denn Adora kennt das Land Hindoſtan ziemlich genau und die Namen einzelner Orte, die ihr auf ihre Fragen von den Einwohnern genannt wurden, fielen ihr auf. Aber Laroche ſagte, daß er wegen des Auf⸗ ruhrs einiger Stämme einen Umweg machen müſſe, und erklärte in Bezug auf die Ortsnamen, daß viele 39 Städte in Indien einen gleichen oder ſehr ähnlich klingenden Namen führten. Wir beruhigten uns damit, bis Adora zuletzt mit Beſtimmtheit erklärte, der Fran⸗ zoſe führe uns nicht nach dem Süden, nach der Küſte von Koromandel, ſondern nach dem Norden. Sie ſagte dies auch Laroche und dieſer geſtand lachend ein, daß ſie Recht habe; er ſei indeſſen beauftragt, uns nach dem Hofe von Delhi zu geleiten, der über das Schickſal Adora's entſcheiden ſolle. Auf die Frage, ob Herr von Maurepas darum wiſſe, antwortete er bejahend. Wir wußten nun, daß ſowohl wir als Herr von Maurepas betrogen ſeien. Dem Franzoſen, der ein rauher, wilder, aber intelligenter Menſch zu ſein ſchien, zu entfliehen, war uns unmöglich. Er reiſte in Begleitung von zwölf Dienern, die ihm aufs Wort gehorchten und uns ſehr ſtreng bewachten. Adora, ob⸗ wohl ſie meinetwegen ſehr unglücklich war, glaubte in⸗ deſſen doch, daß Laroche wenigſtens in Bezug auf Delhi die Wahrheit geſagt habe. Aber auch dies ſtellte ſich bald genug als eine Lüge heraus. Er führte uns nach Allahabad in einen Harem, der uns freilich in Bezug auf Bequemlichkeit nichts zu wünſchen übrig ließ, aber durch ſeine Feſtigkeit und ſtrenge Bewachung für uns ein ſchlimmeres Gefängniß wurde, als Gheria es geweſen. 40 Der Plan Laroche's, wie wir ihn ſpäter erfuhren, war ganz einfach der, von Allahabad aus Erkun⸗ digungen einzuziehen, ob die Angaben Adora's in Bezug auf ihre Herkunft richtig ſeien. Als Betrüger zweifelte er natürlich an deren Richtigkeit. Beſtätigten ſie ſich, ſo wollte er Adora um einen möglichſt hohen Preis an Suradſcha⸗Daulah verkaufen. Zuerſt kümmerte ſich der Nabob nicht viel um die Mittheilungen Laroche's. Er war damals übermüthig durch ſeinen vermeintlichen Sieg über die Engländer, durch die Einnahme von Calcutta. Als er aber von dem Nahen einer engli⸗ ſchen Armee hörte, wurde er zugänglicher, und der Wunſch, die Tochter Schudſchah's auf irgend eine Weiſe unſchädlich zu machen, ſtieg mit jeder Meile, welche die Armee des Oberſten Clive zurücklegte. Er einigte ſich endlich über eine bedeutende Summe mit Laroche, die dieſer ſogleich nach Chandernagor ſchickte, um ſie vor dem Nabob zu ſichern, dem Niemand traute. Wir wurden auf einem Privatboote Suradſcha⸗Daulah's den Ganges hinab nach Murſchidabad geſchafft. Dort ſahen wir Sie am Ufer des Fluſſes, und der Gedanke daran, daß Sie in der Nähe ſeien, belebte uns mit neuem Muth. In Murſchidabad angekommen, ließ uns Suradſcha⸗ Daulah ſogleich zu ſich führen. Das Ausſehen und . 3 3 ¹ 41 die Sprache dieſes widerwärtigen Menſchen erregten uns Ekel. Er ſchlug Adora vor, daß ſie ſeine erſte Gemahlin werden ſolle. Auch mir ſchien er einen be⸗ ſcheidenen Platz in ſeinem Harem gönnen zu wollen. Adora, obgleich entſchloſſen, auf keinen Fall die Abſicht des Nabobs zu erfüllen, hielt es dennoch für angemeſſen, nicht durchaus ablehnend zu antworten. Sie erleich⸗ terte dadurch ihre eigene und meine Lage. Wir hatten erfahren, daß der Kampf mit den Engländern bevor⸗ ſtehe, und zweifelten nicht an dem Sieg der engliſchen Waffen. In Murſchidabad, wo noch viele Freunde der Familie Adora's lebten, fand ſie bald Vertraute, die ihr gern Gefälligkeiten erzeigten. Leider wurden wir hier getrennt, da der Nabob, in wachſender Angſt und Beſorgniß, es für angemeſſen hielt, Adora einen vor⸗ nehmern Aufenthaltsort anzuweiſen. Ich blieb im Harem. Glücklicherweiſe konnte Adora ihre größere Freiheit dazu benutzen, ſich zu Oberſt Clive zu be⸗ geben und ihm wichtige Nachrichten zu überbringen. Daß ſie trotzdem zu mir zurückkehrte— nun, es war nicht auffällig von einer Freundin, die ſo viel für mich gethan hat! Das Weitere werden Sie leicht er⸗ rathen. Nach ſeiner Niederlage ſchickte uns Suradſcha⸗ Daulah nach Patna. Namentlich Adora ſollte ſtreng bewacht und im Falle der Möglichkeit, daß ſie den 42 Engländern in die Hände fallen könnte, getödtet werden. Ihr wunderbarer Muth, mein theuerſter Freund, hat uns vor dem Aeußerſten bewahrt, und jetzt zweifle ich nicht mehr daran, daß uns Gottes Hülfe, die uns bis⸗ her in allen Mühſeligkeiten nicht verlaſſen, noch weiter und bis zur Freiheit helfen wird!“ Mit welchem Intereſſe folgte Will dieſer Erzäh⸗ lung! Mehr als einmal hatte er ſie unterbrechen wollen, aber er glaubte den ſanften Fluß der Rede Clara's nicht ſtören zu dürfen. Jetzt ergriff er Adora's Hand und küßte ſie heiß und innig. Weshalb? Er ſprach es nicht aus. Er rief immer wieder:„Ich danke Ihnen! Ich kann es Ihnen nicht genug lohnen!“ Adora ſuchte ihn zu beruhigen, indem ſie ſich nach dem Siege von Plaſſey und dem Oberſten Clive er⸗ kundigte. Aber Will gab ihr nur unvollſtändige Ant⸗ worten. „Jetzt nur hinaus aus dieſer Stadt, hinaus auf freies Feld!“ rief er.„Dann iſt Alles gut. Nein, der Himmel kann es nicht wollen, daß wir jetzt wieder getrennt werden ſollten!“ Adora verließ das Zimmer, um, wie ſie ſagte, mit dem alten Hindu zu ſprechen und ſich bei ihm nach einigen Dingen zu erkundigen. Sobald ſie gegangen, verlor Will ſeinen Ungeſtüm und ſeine Sicherheit. 43 Er blickte vor ſich hin und erröthete. Hätte er Clara beobachten können, ſo würde er bemerkt haben, daß ſie ganz in derſelben Weiſe ihre frühere Haltung verloren. „Adora iſt ſo ernſt“, ſagte er dann.„Sie ſieht ſo traurig aus. Und ſie iſt ſo ſchön, ſie könnte gewiß ein glückliches Weib werden. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber ich vermuthe, ſie hat meinen Oberſten Clive nie vergeſſen.“ „Ich vermuthe daſſelbe“ antwortete Elara ernſt und traurig.„Bei dem Namen Clive lebt ſie auf, ihre Augen leuchten, und ſie, die ſo viel für mich ge⸗ than, würde jeden Augenblick für ihn in den Tod gehen. Ja, ich zweifle nicht daran, daß ich ihre Freundſchaft in erſter Linie nur dem Umſtande ver⸗ danke, daß ich Sie kannte und daß Sie ein Freund Clive's waren!“ „Trauriges Geſchick!“ ſagte Will in Gedanken vor ſich hin.„Es iſt Anmaßung, ſelbſt Vermeſſenheit, darüber zu ſprechen, aber ich glaube, auch der Oberſt iſt nicht glücklich. Und vielleicht wäre er glücklicher, wenn ihn ſein Vorurtheil nicht von dieſem ſo edlen und ſchönen Mädchen fern gehalten hätte! Es iſt das Einzige, was ich an ihm zu tadeln habe.“ 8 „Zu bedauern!“ erwiderte Clara.„Ein Mann im 44 Beſitze Adora's müßte glücklich ſein. Es iſt unmöglich, daß irgend ein weibliches Weſen auf Erden die edelſten Vorzüge des Weibes: Treue, Innigkeit des Gefühls, Aufrichtigkeit des Herzens und Hingebung bis zum Tode, in höherem Grade beſitzen könnte als Adora. Und dabei zeigt ſie eine Schärfe des Verſtandes, eine Schnelligkeit der Auffaſſung, ein ruhiges und beſon⸗ nenes Handeln in wden ſchwierigſten und gefährlichſten Lagen des Lebens, um die jeder Mann ſie beneiden könnte. Gewiß, ich zweifle micht daran, daß Adora den Oberſten liebt und daß ſie mit dieſer nun hoff⸗ nungsloſen Liebe ins Grab gehen wird. Denn es iſt ihre Anſicht, daß ein Weib nur einmal lieben dürfe. Es wäre beſſer, wenn ſich die Beiden nie wiederſähen. Denn Oberſt Elive müßte als Mann begreifen, wie viel er als Knabe weggeworfen! Seine jetzige Gattin mag die Schönheit und Liebenswürdigkeit ſelbſt ſein, ſie kann Adora nicht erreichen. Sie könnte im beſten Falle mir ähnlich ſehen, und wie tief ſtehe ich unter Adora!“ „D Miß Clara“, rief Will lebhaft,„das gebe ich nicht zu. Sie ſind anders vielleicht, aber Sie dürfen nicht ſagen, daß Sie unter Adora ſtehen!“ „Lieber Freund, es iſt ſo!“ antwortete Clara feſt und ernſt.„Ich bin nicht beſcheiden genug, um an⸗ —— 45 zunehmen, daß ich nie Jemand finden würde, der mich für etwas hielte. Aber auch dann werde ich nie vergeſſen, daß Adora ein beſſeres Weſen iſt als ich!“ „Vielleicht gleich gut, aber nicht beſſer!“ rief Will, vom Divan aufſpringend.„Sie hätten daſſelbe für Adora gethan, ganz gewiß. Nein, Sie ſollen nicht ſagen, daß Sie hinter Jemand zurückſtehen.“ „Aber, liebſter Freund, dann müſſen Sie wenig Frauen kennen gelernt haben“, ſagte Clara lächelnd. „Das habe ich auch!“ rief Will aufrichtig.„Ich habe mich nie viel um Mädchen und Frauen geküm⸗ mert, nein, gar nicht. Aber ich weiß dennoch, was ich weiß!“ Das Lächeln Elara's wurde ein ſo eigenthümliches und ihre Wangen, die für gewöhnlich blaß waren, be⸗ deckten ſich mit einem ſo tiefen Roth, daß es ſelbſt Will nicht entgehen konnte. Er erröthete ebenſo tief, wollte einige Worte ſagen, vermochte es aber nicht. Dann, von einem ſchnellen Entſchluß ergriffen, erhob er kühn den Kopf und ergriff Clara's Hand. „Miß Clara“ ſagte er,„beantworten Sie mir eine Frage: Würden Sie ſich in Angelegenheiten Ihres Her⸗ zens jemals von Eindrücken der Jugend oder von Dank⸗ barkeit beſtimmen laſſen?“ 46 „Warum nicht?“ antwortete Miß Badyſon.„Das thut doch Jeder und muß Jeder thun!“ „Nein, ich meine, würden Sie deshalb einen Mann lieben, weil Sie ihn als Kind gekannt haben und weil er ihnen einige geringe Dienſte erwieſen hat oder erweiſen wollte?“ „Gewiß nicht! Ich halte es darin mit Adora. Es gibt nur eine Liebe und wir fühlen ſie bald heraus. Um ſo beſſer, wenn ſie ſich mit unſern füßen oder herben Jugenderinnerungen und mit den Gefühlen der Dankbarkeit vereinigt.“ „Ich verſtehe Sie noch nicht recht!“ rief Will be⸗ klommen.„Ich meine, Liebe ſoll nicht durch Dank⸗ barkeit hervorgerufen werden, ſoll ihren erſten Keim nicht in einer Verpflichtung finden. Sie muß meiner Anſicht nach ganz freiwillig ſein, aus einem ganz freien Herzen kommen.“ „Gewiß; ich verſtehe Sie ſchon“ antwortete Clara, ſich bemühend, ſo ruhig als möglich zu bleiben und zu ſprechen, als ob es ſich um einen Gegenſtand handle, der ſie beide nichts anginge.„Wir kennen ein ähn⸗ liches Gefühl oder einen ähnlichen Zweifel, denjenigen nämlich, ob die Liebe, die uns ein Mann zeigt, nicht oft aus dem Mitleid entſprungen ſei, das er uns aus gutem Herzen ſpendete, als er uns in hülfsbedürf⸗ 47 tiger Lage fand. Man ſagt, bei den Männern habe eine zärtliche Zuneigung ſehr oft ihren Urſprung in der edelmüthigen Theilnahme, die ſie für ein unter⸗ drücktes oder verfolgtes Weſen unſeres Geſchlechts em⸗ pfinden. Und peinlich muß es dann für uns ſein, zu glauben, derſelbe Mann, der uns jetzt eine Hingebung und Aufopferung zeigt, die aus der reinſten Quelle des Herzens zu kommen ſcheint, wäre an uns vor⸗ übergegangen, ohne uns jemals zu beachten, wenn unſere Hülfsbedürftigkeit nicht zufällig ſeinen Blick auf uns gelenkt hätte.“ Es lag in Clara's Erwiderung ein Hinweis auf ihre eigenen Beziehungen zu Will, welcher dieſem nicht verborgen bleiben konnte. Er war betroffen. „Aber das ſind ganz unnatürliche Bedenken, Miß Clara!“ rief er.„Einmal müſſen ſich doch alle Men⸗ ſchen kennen lernen, in irgend einer Lage müſſen ſie ſich treffen.“ „Nun, das meine ich auch, Mr. Starlow!“ ant⸗ wortete Clara mit einem ſchelmiſchen, aber herzlichen Lächeln und einem Blick, der Will's Herz hoch auf⸗ klopfen ließ.„Dann müſſen Sie aber gleichfalls Ihre allzu feinen Bedenken fallen laſſen und ſich nicht mit Scrupeln quälen.“ „Es iſt wahr, Sie haben Recht!“ rief Will.„Und 48 doch— wäre es Ihnen vielleicht lieber geweſen, wenn ein Anderer gekommen, um Sie aus Ihrer jetzigen Lage zu befreien?“ „Nein, gewiß nicht!“ antwortete ſie entſchieden. „Einem Fremden gegenüber hätte ich vielleicht das Gefühl der Dankbarkeit, von dem Sie vorher ſpra⸗ chen, empfinden müſſen. Aber Sie ſind mir kein Fremder und Ihnen bin ich herzlich dankbar, ohne daß es mich drückt!“ „Und hätten Sie wirklich auch nur halb ſo oft an mich gedacht wie ich an Sie?“ fragte er ſtockend und mit bewegter Stimme. „Vielleicht ganz ebenſo oft!“ erwiderte ſie.„Hatte ich nicht mehr Zeit als Sie, den ſein Soldatenleben hierhin und dorthin führte?“ „O nein, nein!“ rief er ſtürmiſch.„Man kann inmitten des Kriegs, im Lager, in der Schlacht immer daſſelbe Bild ſehen. Aber Sie, Sie würden mich in Madras, in England bald genug vergeſſen? Wie wenig habe ich für Sie thun können, wie wenig bin ich—“ „Aber William!“ rief ſie ernſt.„Welche Worte! Ich ſollte den beſten Freund meiner Mutter, den Einzigen, der mir eine ſo reine Theilnahme bewies, jemals vergeſſen?“ 49 „Clara, es war nicht Theilnahme— ich muß es geſtehen!“ rief William.„Es war ein anderes Gefühl. Ich muß es ſagen, und ſollte ich das für immer verlieren, was ich für immer zu gewinnen hoffte. Ich habe nur an Sie gedacht; meine ein⸗ zige Hoffnung war, Sie könnten daſſelbe für mich empfinden, was ich für Sie fühle, etwas, das mehr iſt als Freundſchaft und doch wieder eigennütziger als Freundſchaft, die Sehnſucht, vereint zu bleiben, wenn uns das Geſchick jemals wieder zuſammenführte — es war Liebe, Clara!“ „ch habe Sie als Kind ſchon lieb gehabt, William, und jetzt— jetzt weiß ich und fühle ich, daß ich Sie von ganzem Herzen liebe!“ rief Clara, ſich in den Arm lehnend, der ſie ſanft umſchloß.„Auch mein höchſter Wunſch iſt erfüllt. Auch mir hat dieſer Augenblick vorgeſchwebt als Inbegriff aller Seligkeit. Wie zufrieden wird meine Mutter ſein!“ „Ich kannte nie Vater und Mutter!“ ſagte William leiſe. „Um ſo mehr wirſt Du mich allein lieben!“ erwiderte Clara, ihren Arm um ſeinen Nacken legend. „O wie ſehr müſſen wir Gott danken, Will, daß er. uns dieſe Stunde gegönnt hat, daß die harte Hand des Schickſals uns nicht für immer auseinander Mühelburg, Robert Clive. V. 4 50 geriſſen! Und mit wie viel größerer Ruhe können wir Alles, was das Geſchick uns noch bringen mag, ertragen, da wir nun wiſſen, daß wir die Gefühle theilen, die wir ſo lange Jedes allein in unſern Herzen gehegt haben! Mein theurer Will, nun habe ich Alles vergeſſen, was ich erduldet!“ „Und iſt Niemand auf der Welt, der uns aus⸗ einander reißen könnte?“ fragte Will. „Ich wüßte Niemand, und es dürfte auch Niemand gelingen!“ antwortete Clara.„Adora war die Ein⸗ zige, die ahnte, was in meinem Herzen vorging. Und immer ſagte ſie mir, Du würdeſt mich nicht ver⸗ geſſen haben und ich würde glücklich ſein!“ Will Starlow beugte ſich nieder und küßte ſeine Braut. Sie hielten ſich lange umſchlungen. „Ich führe eine ſchöne Beute heim von meinem Dragonerritt!“ ſagte Will dann.„Wäre dieſe Stunde nicht gekommen, Clara, wer weiß, ob ich es jemals gewagt hätte, einen Wunſch auszuſprechen, den ich für allzukühn hielt. Aber mein Herz war zu bewegt, zu voll— ich mußte reden!“ „Weil Du die wahre Liebe haſt, die, frei von allen Zweifeln und Bedenken, aus dem Inner⸗ ſten hervorbrechen muß!“ ſagte Clara.„ Und weil Du wußteſt, daß es ein Herz gab, das darauf 51 harrte, unter dem Sonnenſchein Deiner Liebe aufzu⸗ blühen!“ In dieſem Augenblicke trat Adora ein. Als ſie die Beiden Arm in Arm ſah, flog ein Lächeln über ihr Geſicht und die Thränen traten ihr in die großen dunkeln Augen. „Ich bin ſeine Braut! Du haſt es vorausgewußt, Du Zaubrerin!“ rief Clara, ihr entgegenfliegend und ſie umarmend.„Und Du wirſt uns nie verlaſſen, meine Freundin, meine Schweſter, meine zweite Mutter?“ „Seid zuerſt zufrieden mit Eurem eigenen Glück!“ ſagte Adora ſanft, indem ſie Clara's Umarmung erwiderte.„Dankt Gott für das größte Geſchenk, das die Welt Euch gewähren kann, und haltet feſt an einander. Für Euch gibt es nun keinen Schmerz mehr, keinen Schmerz, den nicht das Bewußtſein der größten Wonne bald niederkämpfen müßte.“ Will trat auf ſie zu jund küßte ſie herzlich, wie einel Schweſter. Aber dieſe herrlichen Augenblicke waren nun vorüber. Will hörte dumpfe Schläge vom Hofe her. Wahrſcheinlich wurde an das Thor geklopft. Auch erſchien ein Dragoner in der Thür. „Herr Lieutenant, die Franzoſen machen ſich be⸗ merkbar!“ ſagte er heiter. 4* 52 „Ich komme ſchon!“ rief Will.„Ihr bleibt hier! Es wird nicht zum Aeußerſten kommen! Suradſcha⸗Dau⸗ lah's Herrſchaft iſt zu Ende und damit auch ſein Ein⸗ fluß!“ Er raubte der erröthenden Clara noch einen Kuß und eilte hinaus. Die Dragoner hatten ihre Pferde in einem Winkel des Hofs, wo ſie im Falle eines Angriffs vor Kugeln geſichert waren, angebunden und ſtanden in Reih und Glied, mit den Waffen im Arm. Einzelne führten außer dem Säbel nur Piſtolen, andere auch Karabiner. „Was gibt's?“ fragte Will, deſſen Geſicht noch vor Freude ſtrahlte. „Die Franzoſen klopfen und verlangen Einlaß. Sie fragen nach unſerm Commandeur!“ „Gut, ich will mit ihnen reden!“ ſagte Will. „Aber da ſie wahrſcheinlich nicht eher Vernunft annehmen werden, als bis ein Dutzend von ihnen ins Gras gebiſſen, ſo haltet Euch nur in Bereitſchaft!“ Damit trat er an das Thor und blickte durch eine Schießſcharte. Die franzöſiſche Mannſchaft dort draußen hatte ſich nicht verſtärkt. Nur die Offiziere, die Will bei dem Einzuge bemerkt, waren hinzugekommen. Einer —————— 53 von ihnen, mit einem weißen Tuche in der Hand, ſtand in der Nähe des Thors, an das er mit ſeinem Degenknauf klopfte. „Was iſt gefällig, mein Herr?“ fragte Will in franzöſiſcher Sprache. „Sind Sie da drinnen Engländer?“ erwiderte der Franzoſe. „Zu dienen, mein Herr!“ „Sind Sie Soldaten von der Armee des Oberſten Clive?“ „Zu dienen, mein Herr!“ „Wie in aller Welt ſind Sie hierher nach Patna gekommen?“ fragte der Franzoſe. „Auf unſern Pferden, mein Herr!“ „Sie ſind, wie wir hören, nur zehn Mann ſtark und werden ſich hoffentlich ohne Widerſtand ergeben?“ fragte der Franzoſe. „Wir ſind unſerer hundert“ antwortete Will, „und werden dieſes Haus vertheidigen, als wenn es das Quartier unſeres Oberſten Clive wäre.“ „Sie haben außerdem gewaltſam zwei Frauen geraubt, die der Nabob von Bengalen hierher geſandt hatte“ ſagte der Franzoſe. „Ich habe meine Braut und ihre Freundin den Räubern abgenommen, die ſie entführt“, erwiderte 54 Will.„Einen Nabob Namens Suradſcha⸗Daulah kenne ich nicht mehr. Und nun melden Sie, um unſer Geſpräch nicht nutzlos kzu werlängern, Ihrem Commandeur Folgendes: Ich befinde mich hier auf keiner militäriſchen, ſondern auf einer rein privaten Erpedition, die bei zallen civiliſirten Nationen unter dem Schutze des Völkerrechts ſtehen würde. Ich bin hierher gekommen ohne jede militäriſche Abſicht, nur zu dem Zweck, meine Braut und deren Begleiterin, die durch einen Schuft Ihrer eigenen Nation, Namens Laroche, verrätheriſcher Weiſe an Suradſcha⸗Daulah verkauft worden, aus einer Gefahr zu befreien, die ihr Leben und ihre Ehre bedrohte. Dies iſt mir gelungen und ich war im Begriff, zu meinem Corps zurückukehren, ohne mich irgendwie in Kampf mit Ihren Truppen einzulaſſen. Nur um Blutver⸗ gießen zu vermeiden, begab ich mich in dieſes Haus Melden Sie das Ihrem Commandirenden und ſagen Sie ihm, ich ließe ihn erſuchen, der Menſchlichkeit die Ehre zu geben und mir zu geſtatten, mit meinen beiden Damen Patna ungehindert zu verlaſſen. Ich ver⸗ ſpreche ihm dafür, vor der Rückkehr zu meinem Corps den Franzoſen kein Gefecht zu liefern. Werde ich an⸗ gegriffen, ſo ſeien Sie überzeugt, daß ich mich mit meinen Dragonern aufs äußerſte vertheidigen werde. 55 Im ſchlimmſten Falle rechne ich auf den Schutz des Commandeurs für die beiden Damen.“ Der Offizier ging, ſprach längere Zeit mit einem Offizier, der die Abzeichen eines höhern Grades trug, und kam dann mit der Antwort zurück: die Engländer ſollten ſich als Kriegsgefangene ergeben, ſonſt werde man Kanonen auffahren und das Thor einſchießen laſſen. „Und wir Engländer werden dann keinen franzö⸗ ſiſchen Parlamentär mehr vorlaſſen“ antwortete Will. „Gehen Sie noch einmal zu Ihrem Commandirenden, ſagen Sie ihm, daß ich keinen kriegeriſchen Act weder gegen die Bengaleſen noch gegen die Franzoſen be⸗ gangen habe, und ſagen Sie ihm, daß er ſich eines Bruchs des Völkerrechts ſchuldig macht, wenn er mich und meine Begleiter, die in dieſem Falle nur zufällig engliſche Dragoner ſind und ebenſo gut angeworbene Bengaleſen hätten ſein können, nach Kriegsrecht be⸗ handelt. Die Franzoſen dürfen auf Repreſſalien ge⸗ faßt ſein.“ Der Offizier ging. „Ich weiß, daß es nichts helfen wird“ ſagte Will leiſe zu einem Dragoner, der an das Thor getreten war,„aber ich will die Verhandlungen nur in die Länge ziehen. Es iſt mir, als witterte ich die Eng⸗ länder in der Luft. Haben ſie übrigens Kanonen?“ 56 „Ich habe nichts rollen hören“, antwortete der Dragoner. „Sie holen vielleicht die alten Scharteken aus Ramna⸗Rain's Palaſt“, ſagte Will.„Vor den Dingern ſollten ſie ſich in Acht nehmen, die platzen ihnen unter den Händen!“ Der Offizier kam mit derſelben Antwort zurück. Die Engländer ſollten ſich als Kriegsgefangene ergeben, die Damen könnten des franzöſiſchen Schutzes ſicher ſein. „Nun, das iſt mir die Hauptſache!“ ſagte Will be⸗ friedigt.„Alſo wir ergeben uns nicht, Herr Lieute⸗ nant. Wir erwarten Ihre kriegeriſchen Maßregeln und werden ſie erwidern!“ Er ließ die Dragoner an die Schießſcharten treten und beobachtete genau die Bewegungen der Franzoſen. Von Kanonen ſah er noch nichts. Er ſetzte aller⸗ dings voraus, daß ſich Geſchütze bei Law's Corps be⸗ fänden, aber noch waren ſie nicht in Patna einge⸗ troffen und man erwartete vielleicht erſt die Ankunſt derſelben. Für Will war dies wichtig, denn jede halbe Stunde Aufſchub konnte ihm Rettung bringen. Es verging eine Viertelſtunde, ohne daß die Fran⸗ zoſen etwas unternahmen. Wenigſtens bemerkte Will keine Veränderung. Die höhern Offiziere hatten ſich 57 entfernt; Will vermuthete, daß ſie ſich in den gegen⸗ überliegenden Häuſern befänden. Die Musketiere, die ungefähr ſechzig Schritt vom Thore entfernt ſtanden, wurden durch eine kleine Abtheilung Franzoſen ver⸗ ſtärkt, die Aerte trugen. Plötzlich bemerkte Will, daß in der Thür eines gegenüberliegenden Hauſes ein Fach eingeſchlagen und hinter der OHeffnung die Mündung einer Kanone ſichtbar wurde. „Aha, nicht ſo dumm!“ rief Will.„Wir würden ihnen ihre Kanoniere bald weggeputzt haben, wenn ſie ſich hier auf freier Straße aufgeſtellt hätten. Dragoner, zur Seite!“ Er ſelbſt bückte ſich, und zur rechten Zeit. Denn es krachte ein Schuß und eine Kanonenkugel ſchlug durch die Thür, fuhr hinten in die Wand eines Ge⸗ wölbes und zerſtörte einen Theil der Wand. In die Thür aber hatte ſie nur ein rundes Loch geſchlagen. „Hurrah, eine Schießſcharte mehr!“ riefen die Dragoner luſtig. „Schon gut!“ rief Will.„Kommt nur und ſeht! Sie haben ſich da drüben weher gethan als uns! Das alte Ding iſt zerplatzt, hat die Thür und wahrſchein⸗ lich einige Kanoniere zerſchmettert.“ So war es. Das zerſprungene Geſchütz hatte. große Lücken in die Thür geriſſen, und nach den Be⸗ 58 wegungen einzelner Franzoſen zu ſchließen, beſchäftigten ſich dieſelben mit todten oder verwundeten Kameraden. „Nein, feuert nicht!“ ſagte Will, als einige Dragoner anlegten.„Es iſt immer noch Zeit! Spart Bugeln und Py' Fürs Erſte haben wir Ruhe!“ und wieder hatte er Recht. Das verunglückte Experiment mit dem Geſchütz ſchien die Franzoſen von dem Gedanken, andere Kanonen Ramna⸗Rain's anzu⸗ wenden, abgelenkt zu haben. Ein Angriff mit blanker Waffe hätte ihnen zahlreiche Verluſte zuziehen müſſen, ſie unternahmen alſo auch dieſen nicht. Offenbar warteten ſie auf die Ankunft ihres eigenen Geſchützes. Es kam. Will hörte das Stampfen der Pferde, das ſchwere Rollen der Kanonen. Er fühlte, daß der Augenblick der Entſcheidung nahe. Die Franzoſen mußten Eile haben. Die Geſchütze kamen in Carriere näher. Das erſte jagte vorbei. „Lieutenant Starlow“, rief ein Dragoner,„wir dürfen ſie nicht vorbeilaſſen. Wir ſchießen aus unſern Löchern heraus die Pferde und Mannſchaften nieder!“ „Wozu jagen ſie überhaupt vorbei?“ fragte Will, mehr ſich ſelbſt als die Dragoner.„Sie würden da unten halten, die Geſchütze drüben in ein Haus brin⸗ gen— Kinder, da kommt ſchon wieder ſo ein Kaſten 59 — die Engländer ſind hinter ihnen, ich wette darauf die Engländer!“ Die Dragoner brachen in ein raſendes Jubel ſchrei aus. Dann ſchoſſen ſie aus den Sch ſchar auf das nächſte Geſchütz. And Kan folgte nicht; wie man ſpäter erfuhr, hatten die Geſchützführer auf eine Ordre Law's, der recht gut wußte, daß in der ſchmalen Straße kein Geſchütz glücklich an dem Hauſe vorüberkommen könne noch vor dem Thor in weſtlicher Richtung abſchwenken müſſen. Gleich darauf eilten auch die Infanteriſten haſtig vorüber, weiter hinein in die Stadt. Der Jubel der Dragoner war unbeſchreiblich. Will bedurfte ſeiner ganzen Autorität als Offizier, um ſie abzuhalten, ſich auf die Pferde zu werfen und den Franzoſen nachzujagen. Die wenigen Dragoner wären in den Straßen unfehlbar verloren geweſen. Er er⸗ laubte ihnen jedoch, mit vorzugehen, wenn die Eng⸗ länder, deren Ankunft er vorausſetzte, angreifen wür⸗ den. Aber Stunde auf Stunde verging, es wurde Abend, kein Engländer erſchien. Von einem Feinde war nichts mehr zu ſehen. Will argwöhnte noch immer, es ſei eine Kriegsliſt der Franzoſen, um ſeine Dragoner hinauszulocken. Endlich aber entſchloß er ſich, den alten Hindu abzuſchicken, damit er Er⸗ 60 kundigungen einziehe. Der Alte, den Adora während rer Unterredung mit ihm vollſtändig für ſich ge⸗ nnen hatte, kam mit anbrechender Nacht zurück, um melden, daß ſämmtliche Franzoſen nach kurzem ufenthalt im Serail Ramna⸗Rain's nach Norden weiter gezogen ſeien und daß eine Truppenabtheilung der Engländer bei Futwah, wenige Meilen von Patna ſtehe. Nun konnte auch Will ſich der reinſten Freude hingeben. Sein gewagtes Unternehmen war voll⸗ kommen gelungen, war über alle Erwartung hinaus noch im gefährlichſten Momente vom Glück gekrönt worden. Er dankte ſeinen braven Dragonern, wie vielleicht nie ein Offizier ſeinen Untergebenen gedankt. Auch ein vornehmer Beamter Ramna⸗Rain's erſchien noch am Abend, um das Bedauern des Statthalters auszuſprechen, daß Duna⸗Sahib ohne Vorwiſſen deſſel⸗ ben das Serail habe verlaſſen wollen, und die Eng⸗ länder, deren Freund Ramna⸗Rain ſtets geweſen ſei, nach dem Serail einzuladen. Will, der den Bengaleſen nicht traute und einen hinterliſtigen Anſchlag auf die Perſon Adora's immer noch für möglich hielt, zog es vor, noch an demſelben Abend nach Futwah aufzu⸗ brechen, wo er nach einem halbſtündigen Ritt vom Major Coote und deſſen Truppen, die zur Verfolgung 61 oder Beobachtung der Franzoſen beſtimmt waren, zu⸗ erſt mit dem größten Staunen und dann mit donnern⸗ dem Jubel begrüßt wurde. Welch wundervoller Ritt war das zurück durchs Bengalenland! Dieſes Mal zögerte Will; es war ihm, als könne er niemals wieder ſo ſchöne Stunden an der Seite der Geliebten genießen wie in dieſen Tagen, inmitten der herrlichſten Natur, trunken von Glück! Will hatte Adora mitgetheilt, daß auch Mir Jaffir gewiſſe Pläne in Bezug auf ihre Zukunft hege, und Adora hatte infolge deſſen beſchloſſen, ſich un⸗ mittelbar unter den Schutz der Engländer und nach Calcutta zu begeben. Sie ließ ſogar durchblicken, daß es möglich ſei, ſie werde Clara nach England begleiten. Eine Zuſammenkunft mit Clive ſchien ſie vermeiden zu wollen. Will, der erfahren hatte, daß ſich Elive noch in Murſchidabad befände, geleitete deshalb Adora nach Cutwah, und reiſte allein mit ſeiner Braut nach Murſchidabad, um Clara ſeinem Freunde vorzuſtellen. Die Wittwe eines geſtorbenen engliſchen Offiziers er⸗ zeigte ihm gern den Gefallen, Clara als Ehrendame zu begleiten. Clive empfing ſeinen Freund und deſſen Braut mit wahrer Hetzlichkeit. Doch ſchien es Will, als 62 leide ſein Freund jetzt, nachdem die großen Schwierig⸗ keiten der Thronfolge in Bengalen beſeitigt und alle Wünſche der Engländer über Erwarten befriedigt waren, wieder an ſeiner alten Melancholie. Ein Lächeln ſah Will nur noch ſelten auf Clive's Lippen. Und doch war der Sieger von Plaſſey ein Mann von wenig über dreißig Jahren, alſo in einem Alter, in welchem jedem Andern die Genüſſe des Lebens, die ihm durch ſeine Stellung und ſeinen Reichthum in ſo hohem Grade zur Verfügung ſtanden, mit allem ver⸗ führeriſchen Reiz gelächelt haben würden. Clive lebte für ſeine Perſon ſo einfach wie der ärmſte Lieutenant; nur in ſeinem äußern Erſcheinen entwickelte er einen gewiſſen Pomp, der etwas von vorientaliſcher Färbung an ſich trug. Aber dieſes Auftreten konnte mehr auf Gründen der Politik, auf der Abſicht, den OHrientalien zu imponiren, als auf einer perſönlichen Neigung Clive's beruhen. Der Oberſt fragte nur ſelten nach Adora, ſchien es aber gern zu hören, wenn Will ſoder Clara von ihr erzählte. Er nannte ſie einmal ein außerordent⸗ liches Weib, ein ander Mal das Urbild eines echt weiblichen, ganz natürlichen Charakters. Warum ſie nicht mit Will und Clara gekommen ſei, fragte er nicht. Er mochte den Grund ſelbſt errathen. Im 1 63 Uebrigen hatte er bereits Unterhandlungen mit Mir Jaffir eingeleitet, um Adora eine ihrer Abkunft ge⸗ bührende und ihre Exiſtenz ſichernde Stellung auszu⸗ wirken. Will blieb nur wenige Tage in Murſchidabad. Dann reiſte er mit gern ertheiltem Urlaub nach Cutwah zurück und führte Clara und Adora nach Calcutta. Dort ſollte Clara fürs Erſte wohnen. Es war Clive's Abſicht, bald nach England zurückzukehren. Will und Clara ſollten ihn dann begleiten und ſich in England für immer die Hand reichen. Das Schickſal der jungen und ſchönen Miß Badyſon erregte in Calcutta die größte Theilnahme und man erwies ihr und ihrem Bräutigam, dem kühnen Offizier, der ſie im vollſten Sinne des Wortes aus der Mitte der Feinde gerettet, mehr Aufmerkſam⸗ keit, als ihnen lieb war. Adora zeigte ſich gar nicht öffentlich. Sie blieb ſtets in der Wohnung, die Will für ſie und Clara eingerichtet. Schon wenige Tage nach der Ankunft Will's und ſeiner Begleiterinnen in Calcutta erſchien ein Mit⸗ glied des Raths bei Miß Badyſon, um ihr ein Docu⸗ ment mitzutheilen, welches von einem engliſchen Ge⸗ richt an die Behörden von Bombay, Madras und. Calcutta geſandt worden. In dieſem Document wurden 64 die betreffenden Behörden aufgefordert, den Tod der Miſtreß Badyſon, ſoweit dies möglich ſei, feſtſtellen zu laſſen, ferner alle Mittel zur Befreiung der Miß Ba⸗ dyſon anzuwenden und endlich der letztern, falls ſie ſich bei irgend einer Behörde melde, mitzutheilen, daß ſie ſich ſogleich nach Europa zurückzubegeben habe, um ſich unter den Schutz ihrer Vormünder zu ſtellen, zu deren Vorſtand, laut Teſtament des verſtorbenen Mr. Badyſon, Mr. Barny ernannt worden war. Ein Schrei⸗ ben Mr. Barny's, dafür zu ſorgen, daß Miß Badyſon ſofort nach Europa geſchickt werde, nebſt Sn für die Zahlung der Koſten lag bei. Clara kannte natürlich das Verhältniß Mr. Barny's zu ihrer Mutter nicht. Sie wußte nur, daß die Mutter ſich öfters über ihn beklagt, und das hatte genügt, auch ihr Herz mit Bitterkeit gegen Barny zu erfüllen. Sie war deshalb beſtürzt über dieſe amtliche Mittheilung, nicht minder Will. Für Clara, die ſich fern von allen Beziehungen zu England glaubte, war es ein herber Schlag, plötzlich von Will und Adora, von Indien, ihrer zweiten Heimat, getrennt zu werden, um ſich unter den Schutz eines fremden Mannes zu begeben, gegen den ſie von vornherein eingenommen war. Ihr ſelbſt⸗ ſtändiger Charakter ſträubte ſich gegen eine Vormund⸗ ſchaft, die nichts für ſie gethan, ſolange ſie unglück⸗ 65 lich und gefangen war, und die nun, nachdem ſie glücklich und frei geworden, mit kalter Hand in ihre Verhältniſſe eingriff. Das Document war vom Jahre 1754. Weshalb hatten die Behörden der indiſchen Compagnie ſeit jener Zeit ſich nicht um ſie geküm⸗ mert? Clara war deshalb entſchloſſen, ſich um dieſe Aufforderung nicht weiter zu kümmern, und Will be⸗ ſtärkte ſie in dieſer Anſicht. Clive, dem Will ſogleich den Vorfall meldete, ſchrieb zurück: Miß Badyſon ſolle thun, als ob ſie gar nichts gehört habe. Es wäre ein Elend, daß die engliſchen Behörden ſich ſtets in Verhältniſſe des Auslandes miſchten, die ſie gar nicht kennten. Indeſſen damit war dieſe Angelegenheit nicht ab⸗ gethan. Mr. Barny's Einfluß in London mußte ſehr groß ſein, denn es gab in Calcutta Beamte, die ſeinen Wünſchen, noch ehe ſie dieſelben kannten, zu⸗ vorzukommen ſuchten. Der Rath wiederholte ſeine Auf⸗ forderung an Miß Badyſon, ſich ſofort unter den Schutz ihrer Vormünder nach England zu begeben. Man ſprach ſehr viel über die Angelegenheit, und Clara mußte befürchten, ihren Ruf gefährdet zu ſehen, wenn ſie in der Nähe William Starlow's blieb. Selbſt Adora, bisher der Anſicht, Clara habe ſich um jene Aufforderung nicht zu kümmern, wurde ſchwankend Mützelburg, Robert Clive. V. 5 66 namentlich da ſie bemerkte, daß Clara nicht unempfäng⸗ lich für die Anſicht eines Mitglieds des Rathes, ſie müſſe ihrem verſtorbenen Vater, der ja die Vormünder ernannt, gehorchen, geblieben war und Zweifel über die Handlungsweiſe empfand, die ſie einzuſchlagen habe. Will wußte mit Beſtimmtheit, daß Barny Alles thun werde, um ſeine Verbindung mit Clara zu ver⸗ hindern. Aber er wollte andererſeits Clara keinen Zwang anthun, da er ohnehin überzeugt war, daß Clara durch keine Macht der Welt zu bewegen ſein werde, das ihm gegebene Wort zu brechen. Er cor⸗ reſpondirte lebhaft mit Clive über den Gegenſtand und Clive ſchrieb ihm endlich Folgendes: „Laß Miß Badyſon reiſen, es wird das Beſte ſein! Barny gibt doch nicht ſeine Einwilligung zu Eurer Heirath und ohne dieſe Einwilligung kann Dich Miß Badyſon nicht heirathen, wenn ſie ſich nicht große Unannehmlichkeiten zuziehen will. Deine Braut muß, ſobald ſie in England angelangt iſt, Schritte thun, um für ſelbſtſtändig oder mündig erklärt zu werden. Dies wird ſchon deshalb gut ſein, damit Barny nicht allzulange die Verwaltung des Vermögens Deiner Braut behält, was mir bedenklich ſcheint. Du ſelbſt bleibſt in Indien und wirſt in wenigen Jahren ein reicher Mann ſein. Wir können ſolche Leute, wie Du biſt, 67 hier gar nicht entbehren; Du mußt alſo dem all⸗ gemeinen Wohl das Opfer bringen, Deine Heirath noch einige Jahre aufzuſchieben. Kehrſt Du dann reich und angeſehen nach England zurück, ſo kann kein Teufel Dir Clara Badyſon vorenthalten. Ich wünſchte um Deinetwillen, dieſe Schwierigkeiten hätten ſich nicht erhoben, aber da ſie einmal da ſind, ſo muß man ſie hinnehmen wie Mückenſtiche und ſich nicht allzuſehr dagegen wehren. Es iſt richtig: in den Augen der großen Maſſe, die ja leider mit ihrem Urtheil gewöhn⸗ lich den Ausſchlag gibt, würde der Ruf Miß Clara's leiden, wenn ſie aus Liebe zu Dir dem Geheiß des Vormundſchaftsgerichts ungehorſam bliebe, ja, mit einiger Böswilligkeit, die ich dem alten Schleicher Barny ſchon zutraue, könnte darin ein Grund gefunden werden, ihr einen Theil ihres Vermögens vorzuent⸗ halten.— Du ſchreibſt mir, daß Adora Deine Braut nicht nach England begleiten werde. Die Trennung wird ſehr ſchmerzlich ſein, aber ich halte ſie für noth⸗ wendig. Adora kann ſich nicht in engliſche Verhält⸗ niſſe finden und ſie iſt uns hier mit ihrer Vorliebe für die Engländer durch ihren Einfluß von der größten Wichtigkeit. Uebrigens gehe ich ſelbſt im nächſten Jahre nach England zurück, und ſei überzeugt, daß ich das Geſchick Miß Badyſon's nicht aus dem Auge verlieren 5* 68 werde. Schlimmſten Falls petitionire ich beim Könige ſelber für ihre Mündigkeitserklärung.“ So blieb denn in der That nichts übrig als die herbe Scheidung. Der Hauptgrund, den Adora dafür anführte, daß ſie Clara nicht begleiten wolle, war, daß ſie ihrer Freundin in England gar nichts nützen könne, während ſie im Stande ſei, den Engländern in Bengalen ſehr wichtige Dienſte zu leiſten. Aus dieſem Entſchluſſe leuchtete noch immer dieſelbe Liebe zu Clive hervor, mit deſſen Perſon die Befeſtigung der engliſchen Herrſchaft in Indien ja ſo innig ver⸗ knüpft war. Sie hatte inzwiſchen eine kleine Be⸗ ſitzung in der Nähe von Murſchidabad und ein Jahr⸗ gehalt von dem neuen Nabob angewieſen erhalten. Auf jener Beſitzung beſchloß ſie zu leben und dort die Rückkehr Clara's zu erwarten, denn Will hatte ange⸗ deutet, daß er ſich ſpäter dauernd in Indien nieder⸗ laſſen wolle. Im Herbſt 1757 verließ Clara auf einem ſchönen Fahrzeuge der Compagnie Calcutta. Sie ging einer Zukunft entgegen, die gefährlicher für ſie werden konnte als die Vergangenheit in Gheria und Patna. en Tag nach ihrer Abreiſe begab ſich Adora anf ihre kleine Beſitzung. Zweites Kapitel. Lord Clive. Ein prächtiger Wagen, geſchmückt mit einem adligen Wappen, gezogen von vier der ſchönſten Pferde, hielt vor einem der ſtattlichſten Häuſer auf der Weſtſeite von London. Zwei Diener in glänzenden Livreen ſprangen, der eine vom Kutſcherſitz, der andere von dem Tritt hinter dem Wagen herab, und während der eine den Kutſchenſchlag öffnete, hämmerte der andere mit dem Klopfer an die große, reich verzierte Thür des Hauſes. Aus dem Wagen ſtieg ein Mann, der ſelbſt für die damalige, an die Zuſammenſtellung der verſchiedenſten Farben und die bunteſten Coſtüme gewöhnte Zeit über⸗ aus reich, ſelbſt auffällig gekleidet war. Diamanten blitzten an der Hutagraffe, an dem ſchneeweißen Vor⸗ 70 hemd vom feinſten Battiſt, an den Ringen der Finger und an den Schnallen der Schuhe. Sein Geſicht war blaß, eingefallen und zeigte einen trüben, gleichgül⸗ tigen Ausdruck. Etwas vorſichtig ſtieg er aus dem Wagen, ſich theils auf den Arm des Dieners, theils auf einen Stock von ſeltener Schönheit ſtützend. Lang⸗ ſam ging er in das Haus, deſſen Vorhalle bereits den Reichthum des Beſitzers zeigte, und ſtieg die Treppe hinauf, die mit den ſchwerſten indiſchen Teppichen be⸗ legt war und deren Abſätze von reich vergoldeten Fi⸗ guren, Thieren und Wappenemblemen eingenommen wurden. Unter dem Wappen kehrte ſtets die Diviſe wieder: Audacter et sincere(Gühn und aufrichtig!. Es war das Wappen der Clives— Lord Robert Clive, Baron von Plaſſey, ging ſtill und mit in ſich gekehrtem Blick die Treppe hinauf. Sein Schritt blieb unhörbar, denn überall bedeckten Teppiche die Gänge und Fußböden des Hauſes, das an Reichthum mit den Paläſten des angeſehenſten engli⸗ ſchen Adels wetteiferte, ihnen an edler Einfachheit je⸗ doch nachſtand. Man ſah es, daß eine Hand, der die größten Summen gleichgültig waren, und ein Ge⸗ ſchmack, der ſich jede Laune erlaubte, dieſes Haus mit verſchwenderiſcher Fülle ausgeſtattet hatten. Für den Beſitzer waren das natürlich alltägliche Dinge, 3 4 . —— und er ging an ihnen vorüber, ohne den Blick zu erheben. So gelangte er in ſein Privatzimmer, das den Reichthum ſeines Beſitzers weniger zur Schau trug. Hier ließ er ſich in einen Seſſel fallen, winkte einem Diener, das Zimmer zu verlaſſen, und blieb faſt eine Stunde regungslos, die Augen auf denſelben Punkt des Teppichs gerichtet, ſitzen. Der Arbeitstiſch, neben dem der Seſſel ſtand, zeigte eine Menge von Briefen und Papieren, Zeitungen und Broſchüren. Eine kleine Bibliothek, meiſt alte, abgegriffene Bücher, nahm einen andern Raum der Wand ein, deren Reſt von Karten, welche Gegenden Indiens darſtellten, bedeckt war. Ueber dem Arbeitstiſch hing das Portrait eines freundlich blickenden Offiziers und ein kleines Bild, wie es ſchien, ein Studienkopf, von der Hand eines großen Künſt⸗ lers entworfen, ein junges Mädchen darſtellend, deſſen dunkles Haar und ſchöne tiefblickende Augen die orien⸗ taliſche Abſtammung verkündeten, wahrſcheinlich der Kopf eines Hindumädchens. Endlich blickte der Lord auf. Ein ſchöner blond⸗ lockiger Knabe war in das Zimmer getreten, ging auf den Lord zu und küßte ihn. Clive athmete auf, ſtrich dem Knaben über das weiche Haar und fragte ihn, wie ihm das neue Reitpferd gefalle. 72 „Gut, Papa. Aber die Andern ſagen, Thomas Grenville's Brauner ſei ſchöner.“ „Möglich! Es gab eine Zeit, in der ich älter war als Du und glücklich geweſen wäre, wenn ich den ſchäbigſten Eſel mein genannt hätte!“ ſagte der Lord. „In der That, Papa?“ fragte der Knabe unbefan⸗ gen.„Warſt Du einmal arm? Die Leute ſagen, Du hätteſt hundert Nabobs mit einem Säbel todtgeſchlagen und ihnen alle ihre Edelſteine und ganze Berge von Gold abgenommen.“ „Ich will Dir etwas ſagen, mein Junge, und merk' es Dir!“ erwiderte Clive.„Was die Leute reden, iſt gewöhn⸗ lich Unſinn, und ein Narr iſt, wer ihnen glaubt. Wenn ſie Dir aber ſagen, Dein Vater ſei ein armer Schreiber ge⸗ weſen und Deine Mutter nicht viel mehr als eine Schrei⸗ berstochter, ſo iſt das richtig, und wenn es einer ruhig ſagt, ohne böſe Nebenabſicht, ſo kannſt Du es auch ruhig anhören. Will er Dich aber damit beleidigen, ſo ſchlage ihn zu Boden, denn in Dir fließt ſo gutes Blut wie in den Adern irgendwelcher Menſchen in England. Im Ganzen aber wirſt Du am beſten thun, auf ſolche Reden gar nicht zu hören!“ Der ungefähr neunjährige Knabe ſchien den Sinn dieſer Worte recht gut zu begreifen und ſah den Vater mit ſeinen großen blauen Augen keck und zuverſichlich an. 73 „Wenn ich größer bin und einen Degen trage, ſo ſchlage ich ihn nicht nieder, ſondern ſteche ihn nieder, nicht wahr?“ fragte er. „Ja, aber nur im ehrlichen Zweikampf und wenn er ſein Unrecht nicht eingeſteht“, antwortete Clive. „Für jetzt iſt die Hauptſache, daß Du etwas Ordent⸗ liches lernſt.“ „Mama läßt Dich fragen, ob Du heute mit ihr in die Oper fahren willſt“ begann der Knabe wieder. „Nein, nein!“ rief Lord Clive haſtig.„Ich mag nicht. Sage der Mama, ich hätte zu viel zu thun, zu arbeiten. Es ſind Parlamentsberichte da. Doch ich ſpreche noch beim Diner mit ihr darüber. Wie hat es Dir geſtern in Greenwich gefallen?“ „O ſehr gut, Papa. Aber ich habe keine Zeit mehr. Ich will vor dem Diner noch eine Stunde reiten. Vielleicht treffe ich Thomas Grenville und wir probiren unſere Pferde!“ Er küßte ſeinen Vater flüchtig und eilte hinaus. Clive ſtützte den Kopf in die Hand. „Was hat man hier in dieſem Ameiſenhaufen von ſeinen Kindern!“ ſagte er vor ſich hin.„Sie rennen bereits ihrem Vergnügen nach und ſind froh, wenn man ſie nicht beobachtet und ſtört. Ich hätte mehr von ihnen, wenn ich ſtill auf dem Lande lebte. Aber 74 Jane findet Geſchmack an dieſem Leben, und die Ein⸗ ſamkeit iſt Gift für mich; ich muß ſchon in dieſer Rieſenmühle aushalten, in der Alles zermahlen wird. Wie lange wird es dauern und die Kinder wiſſen, daß ihr Vater ein Parvenu iſt, zwar ein Parvenu des Schwertes, aber doch nur im Dienſte der Compagnie, ein Söldner der Kaufleute, wie ſie ſagen!“ Er hatte währenddeſſen eine Zeitung in die Hand genommen und ſie mit ſeinen Blicken durchflogen. Seine Augen hafteten auf einer Stelle. „Natürlich! Da ſteht es ja!“ rief er bitter lachend. „Immer die alten Angriffe!“„Auch der neugebackene Lord Clive, bei dem ſich die Elle wie durch einen Zauber zum Schwert umwandelt und umgekehrt, hat geglaubt, dem Hofe ſeinen Dank dafür abſtatten zu müſſen, daß die Königin ſeine jüngſte Tochter aus der Taufe gehoben, und ſtimmte für die Reſolution des Premierminiſters. Derartige Parvenus ſind ſchlimmer als die alten Tories, die denn doch zuweilen noch einen Grad von Selbſtſtändigkeit behaupten. Sie kön⸗ nen dem Kitzel ihrer Eitelkeit nicht widerſtehen, und ihre Verdienſte überſchätzend, möchten ſie nicht nur mit den größten Männern Alt⸗Englands wetteifern, ſondern ſie noch in den Schatten ſtellen. Unbeſtreitbar hat ſich Lord Clive um den engliſchen Namen in Indien verdient 1 ———,. 75 gemacht, wir ſind die Letzten, dies zu beſtreiten. Aber er hat dem Ruhm ſeines eigenen Namens für immer dadurch geſchadet, daß er ſich den Löwenantheil von der Beute ausbedungen. Er hat den Krämer nicht vergeſſen laſſen. Wir könnten eine ganze Reihe von Helden des Alterthums und der neuen Zeit nennen, die, nachdem ſie ihrem Vaterlande unſterbliche Lor⸗ beeren errungen, in ehrenvoller Armuth ſtarben. Der Baron von Plaſſey gehört nicht zu ihnen.“ Clive warf das Blatt verächtlich auf den Boden. „Ich möchte wohl wiſſen, wie dieſe Schurken an meiner Stelle in Indien gewirthſchaftet hätten!“ rief er laut.„Doch das iſt die alte Leier. Daß mich dieſe Parteimänner und Schmarotzer angreifen und verleumden, wundert mich nicht. Aber die Männer, die ſelbſt etwas werth ſind, ſollten wiſſen, auf welch morſchen Stützen ein alter Adel beruht, und daß nur der Mann wahrhaft adlig iſt, der ſich ſelbſt ſeine Erhebung verdankt. Freilich, Pitt hat geſagt, daß ſelbſt Friedrich von Preußen meine militäriſchen Ta⸗ lente bewundern müſſe. Aber was hilft mir das? Wir ſpotten über die indiſchen Kaſten, und unſer Adel, unſere große Kaufmannſchaft ſchließen ſich ängſtlicher ab als jede indiſche Kaſte. In deren Augen bin ich ein Neuling, ein Menſch, den man fern halten oder 76 nur mit der Zange anfaſſen muß. Meinen Kindern, und wenn ſie die größten Dummköpfe von der Welt ſind, wird das zu gute kommen, was ich gethan. Auf ihrem Wappen liegt dann Staub und Moder und damit iſt es geheiligt. Ich kann von Glück ſagen, wenn mein alter Name nicht unter einem neuen Titel, den einer meiner Nachkommen annimmt, untergeht.“*) Nun, immerhin! Dieſe ganze Welt iſt ein Greifen nach Glück und Ehren. Ein Narr, der nicht ſo viel davon nimmt, als er kann! Deshalb mögen mich die hungrigen Lumpe ſchmähen, daß ich von den Schätzen Mir Juffir's einen Theil für mich genommen! Sollte ich etwa neben den Anfeindungen, die mir Dummköpfe und Ränkeſchmiede bereiten, auch noch die Laſt der Armuth ertragen, ſollte ich hungern, um die geldgie⸗ rigen Kaufleute reich zu machen? Sie ärgern ſich doch, dieſe Herren vom alten Adel und von der Millionen⸗ ſtraße, wenn ich wegwerfe, wo ſie überlegen, wenn ich einen Diamanten ſchenke, wo ſie mühſam eine Zehn⸗ pfundnote hervorſuchen! Thorheit! Meinen rechtmäßig *) Das iſt geſchehen. Der Sohn Clive's heirathete eine Erbin des letzten Earl von Powis und nahm 1804 ſelbſt den Namen Earl von Powis an, als eine Standeserhöhung, behielt jedoch noch den Namen Clive, den der Enkel des Siegers von Plaſſey ganz ablegte. 77 erworbenen Reichthum ſollen ſie mir laſſen; ich habe ja weiter nichts!“ Er ſtützte wieder den Kopf in die Hand und blickte mit bitter verächtlicher Miene vor ſich hin. „Ich hätte in Indien bleiben ſollen, wo ich Alles war!“ fuhr er dann fort.„Oder ich hätte zu Friedrich von Preußen gehen und an ſeiner Seite die großen Schlachten des Jahrhunderts ſchlagen ſollen. Der hätte ſchon anerkannt, was ich werth bin. Aber Jane mußte ja im Drawing⸗Room der Königin ihre ſeidenen Kleider und ihre echten Shawls zeigen, wie die Königin ſelbſt keine trägt, und ich hoffte auch hier mich empor⸗ arbeiten zu können über den trägen Haufen. Nein, es geht nicht. Die Wellen des Oceans kann man theilen, aber im ſchmuzigen Schlamm ſinkt auch der Stärkſte unter. Ich hätte bleiben ſollen, wo reinere Luft um die Palmen weht, wo täglich die Gefahr an die Thür klopft und wo man Männer bedarf anſtatt Hof⸗ ſchranzen!“ Er hatte mechaniſch wieder ein Zeitungsblatt in die Hand genommen und lächelte wehmüthig, als ſein Blick auf eine Stelle mit ſeinem Namen fiel. „In den Hofkreiſen berichtet man ſich eine amü⸗ ſante Scene, die neulich beim Lever des Königs vor⸗ fiel“, ſtand dort gedruckt.„Mr. Richard Clive, der 78 Vater des neuen Lord Clive, hat augenſcheinlich unter den großen Erfolgen ſeines Sohnes geiſtig gelitten. Er hält ſich für den Vater des erſten und mächtigſten Mannes von Europa. Vor einigen Tagen befand ſich dieſer alte Shropſhirer Landmann, der jetzt die nobelſten Geſellſchaften aufſucht, beim Lever des Königs, und dieſer fragte ihn, wo Lord Clive ſei. Der alte Herr erwiderte:„O, er wird bald nach der Stadt kommen und dann werden Eure Majeſtät eine andere Abſtim⸗ mung erhalten!“ Der Vater des Helden meinte näm⸗ lich die der Regierung ungünſtige Abſtimmung in Betreff der Wilkes ſchen Angelegenheit und hofft wahr⸗ ſcheinlich, Lord Robert Clive werde die oppoſitionellen Mitglieder des Parlaments auf ſeite Degen ſpießen wie eine Rotte Hindus.“ Clive warf das Blatt fort. „Es iſt wahr“ ſagte er ſanft und traurig zu ſich ſelbſt,„mein guter Alter iſt faſt wunderlich ge⸗ worden; ſeit er keine Schulden mehr hat und jede ſeiner Rechnungen von mir bezahlt wird. Aber wie erbärmlich iſt es, dieſen Stolz auf ſein Kind anzu⸗ greifen, der doch auch den beſten und edelſten Vätern eigen iſt! So wird man mir auch meine Kinder ent⸗ fremden. Eines ſchönen Tages wird man ihnen ſagen, ich ſei ein ganz gemeiner Räuber und Buſchklepper 79 geweſen und die oſtindiſche Compagnie könne von Glück ſagen, daß ſie nicht ganz und gar durch mich ruinirt worden. Was haben nur dieſe Menſchen gegen mich? Andere ſind doch auch reich, ſind Anhänger Pitt's; freilich, ich leſe alle Tage Läſterungen gegen die älteſten Familien des Landes. Ich müßte es ru⸗ higer hinnehmen, aber ich bin krank, meine Leber, meine Galle iſt nicht geſund! Ich fühle jeden Mücken⸗ ſtich! Ach, ich wünſchte mich zurück unter die Mus⸗ quitos Indiens, anſtatt hier zu leben unter dieſem menſchlichen Ungeziefer!“ Ein Diener trat leiſe und vorſichtig ein und über⸗ reichte dem Lord auf einem ſilbernen Teller zwei Briefe, ein großes amtlich ausſehendes S und einen kleinern Brief. Bah, von der Compagnie!“ rief Clive, das größere Schreiben wegwerfend.„Aber dies ſcheint Will's Handſchrift zu ſein. Der arme Junge! Auch er leidet unter den Streichen dieſes Barny, dieſes Teufels, der ewig zu leben ſcheint! Was ſchreibt der gute Burſche?“ Ss war in der That ein Schreiben Will Starlow's, von Calcutta datirt und ungefähr folgenden Inhalts: WMWylord und theuerſter Freund! Von ganzem Herzen wünſchte ich, Ihnen aus froher 80 Seele und mit ſo ruhigem Herzen ſchreiben zu können, wie Sie es von mir verlangen. Aber es iſt mir nicht möglich. Ich befinde mich in einem Zuſtande der Un⸗. ruhe und Erregung, den ich nicht allzulange mehr ertragen werde. Ich begreife immer deutlicher, daß es nicht militäriſche Rückſichten ſind, die meine Vorgeſetzten veranlaſſen, mir den Abſchied oder auch nur einen Urlaub zu verweigern, ſondern daß dieſe Weigerungen einen Urſprung haben, den ich bis zu Mr. Barny zu⸗ rückführen muß. Man befördert mich nicht, man gibt mir Commandos im Innern des Landes, und wenn ich zurückkehre, ſo finde ich ſchon eine neue Ordre vor, die mich auf einen andern möglichſt entlegenen Punkt ſchickt. Ich kenne jetzt jeden Winkel des Karnatiks und der angrenzenden Länder, jedes Neſt in Bengalen; jetzt bin ich nur auf einige Tage in Calcutta und werde wieder nach der Gegend von Audh aufbrechen müſſen. Wenn dies noch ein Jahr fortdauert, ſo deſertire ich— ich bin feſt entſchloſſen dazu. Von Clara habe ich nicht die geringſte Nachricht. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß ſie gern an mich ſchreiben möchte oder daß ſie mir auch wirklich. ſchreibt. Aber ich erhalte keinen Brief von ihr. Das 3 iſt nicht länger zum Ertragen. Ich will Barny mit dem Degen in der Fauſt zwingen, ſie mir herauszugeben. ——— 81 Und ich wäre ſchon unterwegs nach Europa, wenn ich nicht hoffte, daß Sie ſelbſt ſehr bald hierher kommen würden. Nur Ihre Gegenwart kann mir das Leben hier noch auf einige Zeit erträglich machen und Sie können mich meiner dienſtlichen Verpflichtungen ent⸗ heben, ohne daß ein Makel auf mich fällt. Hören Sie, Mylord, weshalb ich überzeugt bin, daß Sie in Jahresfriſt hier ſein werden! Es herrſcht hier unter den Beamten der Com⸗ pagnie und leider ſelbſt unter den Offizieren eine Wirthſchaft, von der Sie keinen Begriff haben. Was politiſch geſchehen iſt, kennen Sie ja ſo gut wie ich. Aber wie es in den Reihen derer ausſieht, die hier etwas zu ſagen haben, davon können Sie nur hier ſelbſt ſich eine Vorſtellung machen. Ich übertreibe nicht, wenn ich ſage, Jeder raubt und plündert auf eigene Hand, Jeder betrachtet dieſes reiche und unglück⸗ liche Bengalenland als ein herrenloſes Gut, von dem er ſoviel als möglich an ſich reißen muß. Jeder eng⸗ liſche Kaufmann, Factor, Beamte will hier ein Kröſus werden und erpreßt unter dem Schutze der Compagnie Schätze von jedem Eingeborenen, den ſein Unglück mit ihm in Berührung bringt. Wir ſind hier allmächtig geworden durch Ihr Verdienſt, Mylord, aber wie gebrauchen wir dieſe Allmacht! Handel, haben Mützelburg, Robert Clive. V. 82 unſere Beamten an ſich geriſſen; die Bengaleſen müſſen doppelte Steuern zahlen, zuerſt an den Landesherrn und dann an uns; aber auch der Landesherr wird noch außerdem von unſern kaufmänniſchen Gewalt⸗ habern beſteuert. Was ſollen die armen Leute dagegen thun? Gegen ihre einheimiſchen Tyrannen rebel⸗ lirten ſie zuweilen, wenn das Joch unerträglich wurde, aber gegen uns können ſie nicht aufkommen; unſere Kanonen und beſſern Waffen, unſere militäriſche Dis⸗ ciplin ſchmettern ſie nieder. Kein Wunder, wenn der Haß gegen uns ſich zuweilen in einem wüthenden Vernichtungs⸗ und Racheact Luft macht, wie er neu⸗ lich in Patna ſtattgefunden. Dann üben wir wieder Repreſſalien und ſo geht es fort und wird fortgehen, bis das Land eine Wüſte und entvölkert iſt. Schon jetzt fliehen die Bewohner aus ihren Häuſern, wenn der Palankin eines engliſchen Reiſenden ſich naht, und der Europäer reiſt durch ſchweigende Dörfer und Städte; der Garten Eden iſt eine Hölle geworden. Adora war vor einigen Wochen in Calcutta, um einigen Rathsbeamten im Namen der Menſchlichkeit Vorſtellungen zu machen. Man wies ſie kurz ab. Sie ſprach auch mit mir, und wir beide ſind der Anſicht, daß es nur einen Mann gibt, welcher die geſchändete Ehre Englands in Indien wiederherſtellen könnte, 83 und das ſind Sie, Mylord! Kommen Sie alſo, theuerſter Freund! Bedenken Sie, daß es Ihr Werk iſt, welches hier durch die ſchmachvolle Handlungsweiſe der Engländer zu Grunde geht. Sie können ſich hier den Dank von Millionen Menſchen verdienen und Ihrem militäriſchen Ruhm die Bürgerkrone hinzu⸗ fügen. Ich las neulich in einem aus England her⸗ übergekommenen Blatte unter andern Schmähungen gegen Sie, daß Sie, nachdem Sie Ihren eigenen Raub in Sicherheit gebracht, den zuckenden Leichnam Bengalens den Geiern und Schakalen der Compagnie zur Beute überließen. Schlagen Sie derartigen Ver⸗ leumdungen durch die That ins Geſicht! Wie iſt es überhaupt möglich, daß man in England ſo über einen Mann ſchreiben kann, den wir vergöttern! Vielleicht iſt es nur dadurch zu erklären, daß man Sie für das jetzige Syſtem verantwortlich macht. Fliehen Sie das undankbare Vaterland und kommen Sie hierher, wo die Guten Sie mit Jubel empfangen, die Schlechten vor Ihnen zittern werden!“ „Ja, es iſt wahr, was er ſchreibt!“ rief Clive aufſpringend.„Seit Jahr und Tag dringen die bitterſten Klagen über die Wirthſchaft der Kaufleute zu uns herüber, und ich darf nicht darüber erſtaunen, wenn man mich verantwortlich macht für ein Syſtem, 6* 84 das ich in der That geſchaffen habe, deſſen Mißbrauch ich aber nicht vorausſehen konnte. Was bin ich hier? Ein Geduldeter! Dort drüben bin ich Herr und Meiſter, kann Millionen glückich machen! Die Actionäre ſind bereits beſorgt geworden, man hat unter der Hand angefragt, ob ich nicht wieder nach Indien gehen wolle. Nur das Directorium iſt mir feindlich. Sullivan iſt vorgeſchoben; Barny der nicht vergeſſen kann, daß er mir einſt in Madras im Comptoir vertraulich auf die Schultern klopfen durfte, ſteckt hinter dem Allem! Aber ich will den Krieg auf⸗ nehmen— ich will! Ich muß wieder etwas zu thun haben, und ginge mein Leben dabei verloren! Es lohnt nicht der Mühe, ſich hier zu verzehren wie eine vergeſſene Lampe in einem Keller! Doch was wollen eigentlich dieſe Herren von der Compagnie? Gutes wird es nicht ſein!“ Er erbrach das große Schreiben und las. Bald furchte ſich ſeine eckige, trotzige Stirn, er ballte die Fauſt und ſtieß eine ſchwere Verwünſchung aus. Der Inhalt des Schreibens betraf eine ſehr be⸗ deutende Schenkung, welche Mir Jauffir an Clive, dem er nicht nur den Thron, ſondern auch zahlreichen Feinden gegenüber die Erhaltung auf demſelben ver⸗ dankte, gemacht hatte. Der Subah von Bengalen 85 erhielt nämlich ſchon ſeit der erſten Anſiedelung der Compagnie in Calcutta einen jährlichen Erbzins von ungefähr dreißigtauſend Pfund Sterling. Dieſen Erbzins. trat er auf Lebenszeit an Clive ab. Mir Joffir war zu dieſer Schenkung vollkommen berechtigt und die Compagnie fand auch nichts an derſelben zu tadeln; ſie zahlte die dreißigtauſend Pfund in den erſten Jahren ohne Weigern an Clive. Mit der Zeit aber geſtaltete ſich das Verhältniß zwiſchen dem Sieger von Plaſſey und der Compagnie unfreundlicher. Clive, der die indiſchen Verhältniſſe genau kannte, hatte den Direc⸗ toren der Compagnie, von denen viele nie über Eng⸗ land hinausgekommen waren, oft ſehr herbe Lehren gegeben, auch viele Maßregeln, die ihm zu klein⸗ lich und krämeriſch erſchienen, durch ſeinen Einfluß rückgängig gemacht. Mr. Barny namentlich, deſſen ganzes Vermögen in oſtindiſchen Actien angelegt war und der deshalb eine bedeutende Rolle im vſtindiſchen Hauſe in Leadenhall⸗Street ſpielte, wenn er auch nicht im Directorium ſaß, wirkte gegen Clive und war der einflußreichſte der Gegner deſſelben, da auch er mit den Verhältniſſen Indiens aus langer Anſchauung bekannt war. Auf Barny's Betrieb war Mr. Sullivan, der jetzige Präſident der Geſellſchaft, gewählt worden, ein offener Feind Clive's. Dieſe Wahl bildete den Be⸗ — 86 ginn unabläſſiger Reibereien zwiſchen der Partei Sulli⸗ van's und Clive's. Jener Erbzins wurde zuerſt an⸗ gefochten; da indeſſen ſämmtliche Juriſten erklärten, daß die Schenkung vollkommen in Ordnung ſei, ſo ließ Clive ſeine Gegner ruhig ſchimpfen, in der Ueber⸗ zeugung, daß man ihm ſein Recht nicht nehmen könne und daß überdies die drohenden Nachrichten aus Bengalen bald eine andere Stimmung unter den Actionären hervorrufen würden. Denn da in Benga⸗ len jedes Mitglied der Compagnie nur für ſich ſelbſt zu ſorgen anfing, ſo begann die Geſellſchaft ſelbſt ſehr wenig zu verdienen und die Dividende wurde immer kleiner. Das erfüllte natürlich die in England leben⸗ den Actionäre mit Schrecken, und viele Blicke richteten ſich bereits auf Clive als denjenigen Mann, der allein Hülfe ſchaffen und die Kaſſen der felt wieder füllen könne. Nun war nichtsdeſtoweniger in einer nicht zahl⸗ reich beſuchten Sitzung der Beſchluß gefaßt worden, den Erbzins nicht länger an Lord Clive auszuzahlen. Man ſchien alſo von der ſeltſamen Anſicht auszugehen, daß Mir Jaffir den Zins nicht Clive, ſondern der Compagnie geſchenkt habe. „Das Maß iſt voll!“ rief Clive, nachdem ſein erſter Zorn vorüber war.„Wir werden bald eine 87 zweite Sitzung haben und wollen dann ſehen, wie dieſe ehrenwerthe Geſellſchaft ſich ohne mich behilft!“ Er klingelte und ließ ſeinen Secretär zu ſich be⸗ ſcheiden. Dieſem trug er auf, einige Briefe an ihm befreundete Perſonen zu ſchreiben, die auf eine Ver⸗ ſammlung der Actieninhaber antragen ſollten. Zu gleich entwarf er die Grundzüge eines Artikels, der in einem ihm günſtigen Blatte erſcheinen und die Zu⸗ ſtände in Bengalen ſo ſchildern ſollte, wie ſie waren: Feinde an den Grenzen, Unzufriedenheit in der Armee, die nur noch als Werkzeug für die habgierigen Zwecke Einzelner benutzt würde, Verminderung der Einkünfte der Geſellſchaft und Bereicherung einiger Wenigen, die ſich in bevorzugten Stellungen befanden. Dieſer Artikel ſollte am folgenden Tage erſcheinen. Dann begab ſich der Lord nach dem andern Flügel des Gebäudes, zu ſeiner Gattin. Lady Clive war noch immer eine ſchöne Frau. Ihr Haar war ebenſo glänzend und voll, ihr Auge ſo hell, ihr Mund ſo friſch wie damals, als der Kapitän Clive im Park der Villa Mr. Birdenhall's zu Madras ihr ſeine Hand angetragen. Ihre Figur zeigte jetzt einige Anlage zur Fülle, aber in den Augen vieler Männer hätte dies ihre Schönheit nur vermehrt. Auch ein gewiſſes Selbſtbewußtſein zeigte 88 ſie jetzt, wie es ihrer neuen Stellung angemeſſen war. Im Ganzen war ſie jedoch die freundliche und ein⸗ fache Frau geblieben, die Clive von Indien mit nach ſeiner Heimat gefühtt. Man ſah es ihr an, daß ſie ſich wohl fühlte im Leben, daß ſie mit ihrem Geſchick zufrieden war und daß die kleinen Unannehmlichkeiten, die Keinem erſpart bleiben, ſie nicht ſonderlich be⸗ rührten. „Nun, Robert“ ſagte ſie, als er eintrat,„Du ſiehſt erregt aus. Haſt du Dich über irgend etwas geärgert? Es wird Dir ſchaden. Wir gehen in einer Viertel⸗ ſtunde zu Tiſche.“ „Haben wir Geſellſchaft?“ fragte Clive, ſich neben ſie ſetzend. „Nun, Du weißt ja, wir verabredeten es geſtern“, antwortete ſie.„Nur wenige Perſonen: Lord Knock⸗ ſteaple mit ſeiner Frau und ſeinen Töchtern, der Earl of Whitebux—“ „Du weißt, daß ich ihn nicht leiden kann!“ ſagte Clive mißmuthig. „Aber, lieber Robert“, erwiderte Mylady,„wenn wir nur diejenigen Leute einladen wollten, die Du leiden kannſt, ſo würde unſer Tiſch ſtets leer ſein. Der Earl of Whitebux iſt ein ſehr liebenswürdiger Mann—“ 89 „Der jede Gelegenheit benutzt, ſich anderswo über uns luſtig zu machen!“ ergänzte Clive. „Das glaube ich kaum!“ rief Mylady.„Das iſt Verleumdung. Man weiß, wie reizbar Du biſt, und will Dich ärgern. Dann iſt noch der Doctor Topky da—“ „Topky, der von den Kanzeln gegen mich gepredigt haben ſoll?“ rief Clive.„Nun, das iſt arg! Dieſer Schleicher, der ſelbſt Actien bei der Compagnie hat und ſtets über zu geringe Dividende klagt und dann öffentlich darüber jammert, daß wir Suradſcha⸗ Daulah's Geſindel mit blauen Bohnen regalirt haben, anſtatt mit Pfefferkuchen und Tractätchen—“ „Aber, Robert, Du wirſt doch derartige Verleum⸗ dungen nicht glauben!“ unterbrach ihn Mylady. „Doctor Topky iſt der ſanfteſte, frömmſte, beſcheidenſte Mann der Welt. Mit welchem Entzücken ſpricht er davon, wie Du das Schwert Gideon's geführt habeſt—“ „Ja, und am andern Tag in ſeiner Kapelle nennt er uns die Rotte Korah!“ rief Clive.„Nun, meinet⸗ wegen! Bis jetzt haſt Du mir Keinen genannt, mit dem ich ein Wort ſprechen möchte. Es iſt mir heute auch ganz recht, ich bin nicht in der Stimmung.“ „Was haſt Du denn? Du willſt auch nicht mit mir in die Oper fahren?“ fragte Lady Clive. 90 „Dieſe langweilige Oper, wo wir uns indiſche Krieger, Mahratten, Braminen, Bajaderen und andern Unſinn vorführen laſſen ſollen, wir, die wir Indien kennen!“ rief Clive.„Nein, Jane, ich bin dieſes Lon⸗ doner Lebens herzlich überdrüſſig, und da meine An⸗ weſenheit wahrſcheinlich bald genug in Indien nöthig ſein wird, ſo bereite ich mich allmälig auf meine Reiſe vor.“ „Wir ſollen nach Indien?“ rief Lady Clive, wie es ſchien, höchſt erſchreckt, obgleich ihre ruhigen Züge ſich ebenſo wenig wie die blühende Farbe ihres Ge⸗ ſichts veränderten. „Aber, mein Kind, Du brauchſt mich doch nicht zu begleiten!“ antwortete Clive.„Es iſt ja ſelbſtverſtänd⸗ lich, daß Du London nicht verläßt, wenn Du es nicht wünſcheſt!“ „Aber was willſt Du denn in Indien? Wir ſind ja reich genug, Robert!“ „Um reicher zu werden, gehe ich wirklich nicht übers Meer“, antwortete Clive.„Meine Ehre ſteht auf dem Spiele. Ich habe die jetzige Herrſchaft Eng⸗ lands in Bengalen geſchaffen, und da ſie beſudelt wird, geſchändet durch eine Rotte von Schurken und Dieben, ſo will ich zurück und dort Ordnung ſchaffen. Ich werde nicht lange bleiben!“ 91 „Ich ſehe ſchon, Du willſt wieder in ein Wespen⸗ neſt ſtören, und das wird Dir ſchlecht bekommen!“ ſagte Lady Clive.„Du möchteſt alle Menſchen ſo gut und ehrlich machen, wie Du ſelbſt biſt, und das geht doch wahrlich nicht! Warum lebſt Du nicht in Ruhe und Frieden—“ „Aber, Jane, Du begreifſt meine Stellung nicht!“ rief Clive. Doch unterbrach er ſich, da er wußte, daß dies ein Gegenſtand war, für den er bei ſeiner Frau kein Verſtändniß fand.„Ueberdies hat mir die Com⸗ pagnie den Erbzins abgeſprochen, den Mir Jaffir mir überwieſen“ fügte er hinzu.„Ich muß der Compagnie meine Unentbehrlichkeit zeigen, wenn ich ihn zurücker⸗ halten will.“ „Den Zins?“ rief Lady Clive erregt.„Das iſt ja ein Theil unſeres Vermögens! Den können wir aller⸗ dings nicht entbehren.“ „Nun wohl, ich muß nach Indien, Du ſiehſt es ein“ ſagte Clive, deſſen Geſicht nicht heiterer geworden war.„Und noch eins! Will Starlow ſchreibt mir ganz verzweifelt. Auch er hat keine Nachrichten von Miß Badyſon. Es iſt ſchmachvoll, daß ein Verfahren wie dasjenige Barny's in England nicht öffentlich gebrandmarkt wird! Wir ſind zu lau darin geweſen, Jane, ich mache mir die bitterſten Vorwürfe darüber!“ 92 „Ich weiß nicht, inwiefern Du Dir Vorwürfe zu machen haſt“, erwiderte Lady Clive verwundert. „Aber auf keinen Fall konnten wir uns Lady Harring⸗ ton ungünſtig ſtimmen, das ſiehſt Du doch ein!“ „Ich ſehe es nicht ſo unbedingt ein!“ rief Clive finſter.„Was geht uns Lady Harrington an?“ „Was ſie uns angeht? Nun, Gott behüte mich!“ rief Lady Clive.„Würde die Königin wohl zu uns gekommen ſein, wenn Lady Harrington ihr nicht den Vorſchlag gemacht hätte?“ „Du vergißt, daß die Königin nimmer zu mir oder zu Dir gekommen wäre, wenn ich nicht Robert Clive wäre und den Sieg von Plaſſey errungen hätte!“ rief Clive ſtolz und mit leuchtenden Augen.„Wenn ich Kapitän Clive wäre, wie vor zehn Jahren, ſo hätte die Königin unſere Anna nicht aus der Taufe gehoben, trotz allen Zuredens der Lady Harrington!“ „Nun ja, Robert; aber Du weißt doch, daß das Verdienſt allein hier nicht gilt, daß man auch Für⸗ ſprache haben muß, gute Bekanntſchaften, um in die beſten Cirkel eingeführt zu werden und ſich in ihnen zu erhalten“, erwiderte Lady Jane mit der ganzen Sicherheit einer Frau, die überzeugt iſt, den wahrſten Ausſpruch von der Welt zu thun. „Ich kümmere mich den Henker um die guten Be⸗ 93 kanntſchaften, die mich ihrerſeits alle zum Henker wünſchen!“ rief Clive heftig.„Was geht mich dieſe ganze Sippſchaft an! Hätte mir nicht das Glück Reich⸗ thum in den Schooß geworfen, ſo würde die ganze Schaar von Herzogen, Earls, Marquis und Lords ſich nicht um uns kümmern, und hätte ich zehnmal Eng⸗ lands Macht in Indien begründet. Und auch jetzt dulden ſie uns nur; es fällt ihnen nicht ein, uns mit ihnen auf eine Stufe zu ſtellen. Doch darüber iſt mit Dir nicht zu reden!“ „Nun, Du gehſt ja nach Indien“, ſagte Lady Clive mit jener weiblichen Sanfmuth, die aufregender wirken kann als der helle Zorn.„Hoffentlich kannſt Du dann mit Adora über alle dieſe Dinge ſprechen und die Hinduprinzeſſin wird Dich beſſer verſtehen!“ Clive lachte laut auf, aber es war kein freund⸗ liches Lachen. Er hatte nie erfahren, wer ſeiner Frau ganz Unwahres über ſein Verhältniß zu Adora mitge⸗ theilt habe; er hatte nur aus einzelnen, ſeiner Gattin in der Aufregung entſchlüpften Worten geſchloſſen, daß man ihr geſagt, es müſſe ein ſehr vertrautes Verhältniß zwiſchen ihm und Adora beſtanden haben. Da er ſich in dieſer Hinſicht ganz rein wußte, ſo hatte er über die kleine Schwäche ſeiner Frau ſtets ge⸗ lacht. 94 „Es iſt gut, daß Du mich an Adora erinnerſt“, ſagte er.„Auch Adora, der ich ſoviel verdanke, hat Rechenſchaft von mir zu fordern wegen ihrer Freundin. Der Einfluß Lady Harrington's ſoll für mich kein Grund mehr ſein, Miß Badyſon in ſolcher Sklaverei ſchmachten zu laſſen. Ich werde die ge⸗ eigneten Schritte thun, um dieſe Angelegenheit ſchnell zu erledigen. Doch ich höre, daß Gäſte kommen. Ich muß Lord Knockſteaple und Earl Whitebur empfangen!“ Er erhob ſich und verließ ſeine Gemahlin, die über den Ernſt und die Heftigkeit des ihr gegen⸗ über ſonſt ſo ruhigen und willfährigen Mannes ſo ſehr und ſo lange erſtaunt war, als ihre Ge⸗ danken an die ankommenden Gäſte und die Sorge für die Toilette ihr erlaubten. In welchen Beziehungen ſtand die einfache Miß Badyſon zu Lady Harrington, einer der gefeiertſten und vielleicht auch freieſten Damen der engliſchen Ariſtokratie? Ein kurzer Rückblick mag es er⸗ klären. Als Miß Badyſon in England landete, wurde ſie von Mr. Barny aufs freundlichſte empfangen. Aus ihrem Benehmen gegen ihn erkannte er, daß ſowohl Clive wie Starlow ihr verſchwiegen, in welchem Ver⸗ 95 hältniſſe er zu ihrer Mutter geſtanden, und das war ihm ganz recht. Er geberdete ſich als liebreicher Vor⸗ mund und war bemüht, Clara in ein falſches Ver⸗ trauen zu wiegen. Durch ihre Ankunft, ſagte er würden alle Schwierigkeiten, die das Vormundſchafts⸗ gericht erhoben habe, bald beſeitigt werden. Er führte ſie in die Kreiſe ſeiner Bekannten, in denen das junge und ſchöne, von dem Nimbus ihrer Erlebniſſe in Indien umſchwebte Mädchen ein gewiſſes Aufſehen erregte. Er billigte auch vollkommen das Gefühl der Dankbarkeit— mehr hatte ihm Clara nicht mitgetheilt — das ſie für Mr. Starlow empfand, kümmerte ſich durchaus nicht um ihre Correſpondenz, kurz, Miß Badyſon mußte ſich eingeſtehen, daß Mr. Barny ihre Befürchtungen nicht erfülle. Doch blieb ihr ein ge⸗ wiſſes Mißtrauen gegen ihn. Anfangs hatte Clara bei einer Kaufmannsfamilie gewohnt. Mr. Barny meinte jedoch, ſie müſſe eine Stellung einnehmen, die ihren Talenten und Vorzügen angemeſſen ſei, und ſie erhielt die Stelle einer Ge⸗ ſellſchafterin und Vorleſerin bei der Lady Yarmouth, der frühern Gräfin Walmoden, die nach dem Tode der Königin aus Hannover herübergekommen war, um an der Seite Georg's II. ihres königlichen Liebhabers, zu leben. Auf derartigen hohen Verhältniſſen ruhte 96 damals noch weniger Makel als jetzt, und die Stellung der Lady Yarmouth in der öffentlichen Welt war eine vollkommen geachtete und ſelbſt gefeierte. Vermuthlich waren es Geldgeſchäfte, die den alten Barny mit Lady Yarmouth bekannt gemacht hatten. Genug, Clara er⸗ hielt eine Stellung, um welche manche Lords⸗ oder Baronetstochter ſie beneidet haben würde. Uebri⸗ gens war Lady Yarmouth eine bejahrte Frau, die wenig andere Perſonen als den alten König ſah und in ihrer Umgebung ſehr auf Etikette und gute Sitten hielt. Selbſt der feinſte Argwohn konnte alſo in der Handlungsweiſe Barny's nichts Bedenkliches finden, und auch Clara wagte nicht, Bedenken zu erheben, über die Jeder gelächelt haben würde. Dennoch begriff ſie allmälig, daß dem Benehmen Barny's ein ganz beſtimmter Plan zu Grunde liege. Sie errieth den Zweck, die Abſicht ihres Vormundes, wenn ihr auch die Beweggründe nicht klar waren. Barny wollte ſie allmälig in eine neue Welt ver⸗ ſetzen, ihr andere Gedanken einflößen, ihren Ehrgeiz erwecken und ſie auf dieſe Weiſe von den Erinnerungen ihrer frühern Zeit und von Will Starlow trennen. Er wollte das noch immer ziemlich reiche und ſchöne Mädchen an irgend einen vornehmen, wenn auch alten und ruinirten Mann verheirathen und aus dieſer Ver⸗ 97 bindung für ſich ſelbſt Nutzen ziehen. Lebte Miß Badyſon auch ſehr einſam in dem Flügel des könig⸗ lichen Palaſtes, welcher der Favoritin Georg's II. ein⸗ geräumt war, ſo wurde ſie dennoch von einzelnen Per⸗ ſonen des Hofs geſehen und wegen ihrer Schönheit bemerkt. Man erkundigte ſich nach ihr; ſelbſt dem Kronprinzen ſollte ſie aufgefallen ſein. Barny ver⸗ fehlte nicht, wenn er ſie beſuchte, ihr dies lächelnd mitzutheilen. Nach ſeiner Anſicht konnte ein junges Mädchen auf die Dauer der Verführung des Glanzes, der Eitelkeit und des Ehrgeizes nicht widerſtehen. Clara blieb jedoch, wie ſie bei ihrer Ankunft geweſen, einfach, anſpruchslos. Barny machte deshalb einmal ſcherzhaft die Bemerkung, es ſcheine faſt, als habe Miß Badyſon ihr Herz ſchon vergeben, da ſie ſo kalt gegen die Männerwelt Englands ſei. Er hoffe, ihre Wahl ſei nicht auf einen Soldaten gefallen, da ihr Vater in einem Anhange zum Teſtament den beſon⸗ dern Wunſch ausgeſprochen habe, daß ſeine Tochter niemals einen Soldaten heirathen möge, weil dieſer Stand ihm zuwider und mit zu vielen Abenteuerlich⸗ keiten und Gefahren verknüpft ſei. Auf Clara's Frage, ob ſie dieſes Teſtament nicht einmal einſehen könne, antwortete Barny, daß er ihr dieſen vorent⸗ Mützelburg, Robert Clive. V.— 7— 98 halten müſſe, da er geheime Beſtimmungen enthalte, die nicht zur Kenntniß der Tochter gelangen ſollten. Nun wußte Clara, daß ſie von Barny getäuſcht werde. Aber es war ihr unmöglich, etwas für ihre Selbſtſtändigkeit zu unternehmen, denn Clive, der Ein⸗ zige, an den ſie ſich hätte wenden können, war damals noch nicht zurückgekehrt. Sie beſchloß, Lady Yarmouth ihr Herz zu öffnen, und ſprach ihr von der Mitthei⸗ lung Mr. Barny's. Aber die alte Dame ließ ſie gar nicht ausſprechen.„Ihr Vater hat ganz Recht gehabt; Sie müſſen einen Lord heirathen!“ rief ſie.„Sie werden doch nicht mit einem armen Offizier am Hunger⸗ tuch nagen wollen?“ Clara wußte alſo, daß ſie vovn dieſer Seite keine Unterſtützung zu hoffen habe. Lady Yarmouth begann auch ganz ernſtlich, für eine glänzende Heirath Clara's zu wirken, als ihr königlicher Freund und Liebhaber plötzlich am Herz⸗ ſchlag ſtarb. Sie mußte den Palaſt verlaſſen und kehrte nach Hannover zurück. Gern hätte ſie Clara mit ſich genommen. Aber eine ſolche Entfernung lag nicht in Barny's Plänen. Die Favoritin des verſtor⸗ benen Königs konnte ihm nichts mehr nützen und eine ſolche Entfernung hätte Clara unabhängig von ihm gemacht. Sie wohnte auf kurze Zeit wieder bei jener Kaufmannsfamilie, und von dieſer Zeit da⸗ 99 tirten die letzten Briefe, die Will Starlow von ihr empfangen. Um dieſe Zeit kehrte auch Clive zurück der ſogleich Miß Badyſon einen Beſuch machte und ſich erbot, ihr eine Wohnung in ſeinem eigenen Hauſe einzuräumen. Da der Oberſt aber durch Vorſtellungen bei Hofe und Geſellſchaften im höchſten Grade in Anſpruch genom⸗ men war, Miſtreß Clive außerdem den Vorſchlag ihres Mannes ziemlich kühl aufnahm und Miß Badyſon ſich um dieſe Zeit freier als vorher fühlte, ſo blieb das Anerbieten Clive's ohne Folge. Bald darauf eröffnete Barny ſeinem Mündel, daß er ihr eine glänzende Stellung im Hauſe der Lady Harrington geſichert habe. Clara wußte durch die Mittheilungen der Lady Yarmouth genügend, daß Lady Harrington eine ſogenannte Löwin des Tages und von Anbetern umſchwärmt war, deren Mehrzahl nicht unerhört blieb. Aber andererſeits wußte ſie auch, daß ein ſolches Leben durchaus nicht mit der Strenge beurtheilt wurde, die es verdient hätte. Lady Har⸗ rington war eine bei Hofe und in der Ariſtokratie all⸗ gemein gern geſehene Dame, und jeder Engländer wie jeder Fremde von Auszeichnung bewarb ſich um den Zutritt zu ihren Sonntagsgeſellſchaften. Dann aber fühlte ſich auch Clara zu ſtark, um vor irgend einer 72 100 Gefahr zurückzubeben. Ihr Herz und ihre ganze Seele gehörten Will Starlow, und ſie lächelte bei dem Ge⸗ danken, daß irgend Jemand auf der Welt hoffen könnte, ſie dem Geliebten untreu zu machen. So bezog ſie denn, und zwar in der Eigenſchaft als Geſellſchafterin der Töchter der Lady, den Palaſt des Lords, der in der Nähe des königlichen St.⸗James⸗ palaſtes gelegen war. Barny mußte jedoch in ſehr guten Beziehungen zu Lady Harrington ſtehen und ſehr genaue Verabredungen mit dieſer Dame getroffen haben, denn Clara bemerkte ſehr bald, daß man ihr zwar im Innern des Palaſtes und im Kreiſe der Fa⸗ milie ſehr viel Freiheit gewährte, ſie aber der Außen⸗ welt gegenüber als eine Gefangene behandelte. Sie durfte niemals allein ausgehen, niemals Jemand, außer Mr. Barny, allein empfangen, genug, ſi befand ſich unter einer beſtändigen Aufſicht. Von Will Starlow und Wora erhielt ſie keine Briefe mehr, und da ſie wußte, daß dieſe Beiden ihr mit jedem abgehenden Schiffe ſchrieben, ſo mußten die Briefe unterſchlagen werden. Sie ſtellte Mr. Barny darüber zur Rede und geſtand ihm bei dieſer Gelegenheit offen ihre Liebe zu Will Starlow, verlangte auch freiere Bewegung und eine andere Stellung. Aber Mr. Barny führte ſie vor eine Verſammlung der Vormünder, die ihr einſtimmig 101 erklärten, ſie hätte ſich den Anordnungen ihres Vaters zu fügen, wenn ſie nicht einen großen Theil ihres Vermögens verlieren und noch über die geſetzliche Zeit hinaus unter vormundſchaftlicher Obhut gehalten werden wolle. Man las ihr dabei einen Theil dieſer Anord⸗ nungen vor, in denen es hieß, daß Clara nie einen Militär heirathen und überhaupt, bis ſie eine paſſende Verbindung geſchloſſen, in gewiſſen Beziehungen, Wahl des Aufenthalts, Empfang und Verwaltung des Ver⸗ mögens, von den Beſtimmungen der Vormünder ab⸗ hängig ſein ſolle. Clara konnte kaum glauben, daß ihr Vater in der That dieſe ſtrengen Anordnungen getroffen habe; doch war es immerhin möglich. Jeden⸗ falls hatte das Teſtament Barny mit ſehr großen Voll⸗ machten bekleidet, freilich aus Gründen, die für Clara lange Zeit ein undurchdringliches Geheimniß blieben. Zu ihrem Unglück ſchien ſelbſt Clive, der inzwiſchen ſeinen neuen Rang erhalten, ihr keine Unterſtützung angedeihen laſſen zu können. Lady Clive und Lady Harrington waren ſehr gute Freundinnen geworden. Nicht als ob die einfache Lady Clive irgend welche Anlage dazu gehabt hätte, ebenfalls eine Löwin des Tages zu werden, aber die Gattin des enorm reichen Lord Clive war für Lady Harrington etwas Neues, und Lady Clive bewunderte ihre altadlige Freundin 102 ſo aufrichtig, daß es unrecht von Lady Harrington ge⸗ weſen wäre, der Gattin des berühmten Feldherrn nicht ihre großmüthige Protection zuzuwenden. Durch Lady Harrington war Lady Clive einige Male zu den Pri⸗ vatgeſellſchaften der Königin zugezogen worden und die Königin hatte das jüngſte Kind der Lady aus der Taufe gehoben. Dafür zollte denn auch die Gattin Clive's der gefeierten Lady den tieſſten Dank und eine faſt übertriebene Verehrung. Die böſe Fama ſagte ſogar, es ſeien einige der ſchönen Edelſteine aus dem Schmuckkäſtchen der Lady Elive, deſſen Werth man auf zweihunderttauſend Pfund Sterling ſchätzte, in den Beſitz der Lady Harrington übergegangen, die zwar ebenfalls ſehr reich, aber auch eine Verſchwenderin erſten Ranges war und deren Mann, ſich dieſelben Freiheiten nehmend wie ſeine Frau, durchaus keine Luſt bezeigte, für alle Launen und die damit verbun⸗ denen Ausgaben ſeiner Frau aufzukommen. Genug, als es Clara gelungen war, Lord Clive Mittheilungen über ihre Lage zu machen, und der Lord es für angemeſſen hielt, ſeine Frau in dieſe Angele⸗ genheit einzuweihen und ſie zu bitten, für Miß Clara gegen Mr. Barny ein Wort bei Lady Harrington ein⸗ zulegen, fiel dieſe Bitte auf einen ſehr ungünſtigen Boden. Lady Clive ſchien ein Vorurtheil gegen Alles 103 zu haben, was mit Adora zuſammenhing; ſie mochte deshalb auch Will nicht leiden. Da nun außerdem Lady Harrington ihr verſicherte, Mr. Barny ſei der beſte Vormund von der Welt und Clive ganz mit Unrecht gegen ihn eingenommen, ferner, daß es eine Thorheit für ein ſo ſchönes und reiches Mädchen ſei, einen armen Offizier im Dienſte der Compagnie zu heirathen, ſo nahm Lady Clive augenblicklich Partei für Mr. Barny gegen Clara und ſuchte ihrem Gatten die Sache in demſelben Lichte darzuſtellen. Clive ge⸗ rieth darüber in großen Zorn und gelobte, Miſtreß Badyſon aus ihrer Gefangenſchaft zu befreien; als er ſich aber bei einem Rechtsanwalt nach den Schritten erkundigte, die er für Clara thun könne, gab ihm dieſer ſehr bedenkliche Antworten, die darauf hinaus⸗ liefen, daß er ſeinem Schützling durch jeden ungeſetz⸗ mäßigen Schritt mehr Schaden als Nutzen bringen werde. Rechnet man dazu, daß ein Kampf für ein ſchönes junges Mädchen das Verhältniß zu der eigenen Frau nicht zu befeſtigen pflegt und daß Lady Har⸗ rington in der That eine Tonangeberin war, von deren Gunſt oder Ungunſt der Erfolg oder Mißerfolg des neuen Lords in den Kreiſen der alten Ariſtokratie ab⸗ hing, ſowie daß der Lord durch ſeine Wahl für das Unterhaus und durch ſeine Thätigkeit in demſelben, 104 ferner durch die Kämpfe mit den Directoren der Com⸗ pagnie vielfach beſchäftigt wurde, ſo wird man be⸗ greifen, daß Clive für Clara Badyſon keine Aende⸗ rung hervorzurufen vermochte. Er würde freilich kühn für ſie aufgetreten ſein, wenn die Braut Will's von irgend einer ernſten Gefahr bedroht geweſen wäre. Das war aber augenſcheinlich nicht der Fall, und da Miß Badyſon ohnehin bald das Alter der Mündigkeit erreichte und alſo, wie Clive glaubte, dann Herrin ihrer ſelbſt wurde, ſo begnügte er ſich, ſie zu bitten, noch eine Zeit lang bei Lady Harrington zu bleiben, verſicherte ſie aber für den Fall einer ernſtlichen Un⸗ annehmlichkeit ſeines offenen und unbeſchränkten Bei⸗ ſtandes. Von dieſer Zeit an duldete Miß Clara ſchweigend. Ihre einzige Hoffnung war die Rückkehr Will's. Sie glaubte kein Wort von dem, was ihr Lady Harrigton über ihn erzählte, daß er nämlich ein Trinker und Courmacher der Damen geworden ſei und wahrſchein⸗ lich bald ſeinen Abſchied erhalten werde. Mit Feſtig⸗ keit wies ſie die entehrenden Anträge zurück, die Lord Harrington ihr machte, mit ebenſo großer Ruhe lehnte ſie die aufrichtigen Huldigungen der jungen Herren ab, die ſie in den Privatgeſellſchaften der Lady traf. Weder Rang noch Reichthum reizte ihren Ehrgeiz. Keiner 105 von dieſen Stutzern, obwohl nicht alle unbedeutend waren, glich ihrem ehrlichen, offenen, aufopfernden, von Herzen guten Will Starlow. Von Jugend auf an Entbehrungen und Leiden gewöhnt, trug ſie ihre jetzige Lage mit einer Ergebung, die von Lady Har⸗ rington insgeheim bewundert, gleichzeitig aber auch für angeborene Kälte gehalten wurde. Einige Vor⸗ ſchläge zu Heirathen, die ihr Mr. Barny machte, wies ſie kurzweg ab und erklärte, lieber ihr ganzes Ver⸗ mögen verlieren, als irgend Jemand, der ihr nicht gefalle, heirathen zu wollen. Dies war die Lage Clara Badyſon's an dem Tage, an welchem Clive den Brief Will's erhalten. Die Klagen ſeines Freundes brannten ihm auf der Seele, und der Vorwurf, daß er in dieſer Angelegenheit läſſig und nicht als wahrer Freund gehandelt habe, beſchäftigte ihn während des Diners ſo lebhaft, daß er einſilbiger war als je und das Erſtaunen und Mißvergnügen ſeiner Gäſte erregte. Das war ihm ſehr gleichgültig. Clive fühlte, daß er ſich in der Lon⸗ doner Luft verändert habe und weichlicher geworden ſei. Aber wenn ſeine Energie geweckt wurde, ſo war er immer noch der alte kühne Soldat, der kein Hin⸗ derniß kannte. Er gelobte ſich ſelbſt, auch in die An⸗ gelegenheiten der Miß Badyſon Klarheit zu bringen. 106 Will war ein Mann, der nicht nur als ſein Freund, ſondern auch als tapferer und fähiger Offizier die größte Berückſichtigung verdiente. Bei der Einnahme Pondicherys durch die Engländer im Januar 1761 hatte er ſich aufs höchſte ausgezeichnet. Es war eine Schmach, daß er nicht längſt befördert worden. Clive wollte ſich nicht mehr, wie er es in der letzten Zeit allzuoft gethan, in die Verhältniſſe fügen; er wollte wieder ſelbſt ſchaffen, ſelbſt wirken und eigene beſtimmte Pläne durchſetzen. In dieſer Stimmung kehrte er auf ſein Zimmer zurück und befahl ſeinen Wagen. In der Zwiſchenzeit las er eins der ſo eben gekommenen Abendblätter und fand in denſelben eine Nachricht, die nicht geeignet war, ihn beſſer zu ſtimmen. Der Artikel lautete: „Diejenigen unſerer Leſer, welche dem wechſelvollen und für uns ſo erfolgreichen Kampfe in Indien mit Intereſſe gefolgt ſind, werden ſich eines mohammeda⸗ niſchen Anführers Namens Mohammed Iſſuf erinnern, der zum erſten Male in der Schlacht bei Koverpakam auftauchte, wo er den Angriff des jetzigen Lords, da⸗ maligen Kapitäns Clive auf die franzöſiſchen Geſchütze unterſtützte und den Sieg entſcheiden half. Dieſer Mohammed Iſſuf, zuerſt ein Diener Schudſchah⸗Khan's von Bengalen, ſpäter des Nabobs Anaverdy⸗Khan 107 von Arkot und der Söhne derſelben, ſoll ſchon früher ein Freund des Lord Clive geweſen ſein und wurde von demſelben ſehr hochgeſchätzt. Er begleitete den damaligen Oberſten Elive auf dem denkwürdigen Feld⸗ zuge in Bengalen und erhielt auf Verwenden dieſes genialen Heerführers den Oberbefehl über die ge⸗ ſammten Sepoys der Compagnie. Seine Tapferkeit und Entſchloſſenheit, ſowie ſeine genaue Kenntniß des Landes, vor allem aber ſeine Treue gegen die Com⸗ pagnie machten ihn zu einem unſchätzbaren Bundes⸗ genoſſen der Engländer. Nach dem Frieden mit den Franzoſen, im Februar 1763, erbot er ſich, da ſeiner kriegeriſchen Thätigkeit fürs Erſte ein Ziel geſetzt war, die Provinzen Madura und Tinivelly in Pacht zu neh⸗ men. Er zahlte indeſſen keinen Zins, ſei es nun, daß jene Provinzen zu ſehr verwüſtet waren, um ein Einkommen zu liefern, ſei es, daß er wegen ſeiner frühern Dienſte der Zahlung überhoben zu ſein glaubte oder ſich überhaupt ſelbſtſtändig machen wollte. Die Compagnie und der Nabob von Arkot, Mohammed⸗ Ali, glaubten das Letztere annehmen zu müſſen und ſandten Truppen gegen ihn aus, gegen welche er ſich jedoch mit der größten Tapferkeit vertheidigte, ſodaß unſere Truppen nach großen Opfern von Geld und Menſchen unverrichteter Dinge wieder abziehen mußten. 108 Aber ſein Schickſal war ihm nichtsdeſtoweniger vor⸗ gezeichnet. Ein Franzoſe, den er in ſeine Dienſte genom⸗ men, verrieth ihn, lieferte ihn an den Nabob von Arkot aus und dieſer ließ den alten Mann, dem er früher viel verdankte, hinrichten.“ „O ſchmachvoll, ſchmachvoll!“ rief Clive in der heftigſten Erregung.„So mußteſt du ſterben, Iſſuf, einer unſerer treueſten Freunde und wackerſten Ver⸗ bündeten! Derſelbe Elende, der nur durch deine Hülfe ſeine Herrſchaft wiedererlangte, verzeiht es dir nicht, daß du ihm ein Lak Rupien ſchuldeſt, und unſere Compagnie unterſtützt ihn und wird zum Mitſchuldigen des ſchmachvollen Verbrechens! Ja, du kannteſt In⸗ dien gut, du wußteſt, was indiſche Treue zu bedeuten hat, und du thateſt Recht, auch uns zu verachten! Dir lohnen ſie mit Kugeln und mir lohnen ſie mit ſchimpflichen Verleumdungen! Armer Iſſuf, ich hoffte dich wiederzuſehen, um dir ſagen zu können, in wie vielen Dingen du weit mehr Recht gehabt, als ich jemals glaubte. Es iſt vorbei! Auch dich haben ſie geopfert! Und ſie wußten doch, daß du einer meiner beſten Freunde warſt! Auch der alſo dahin— einer nach dem andern!“ Erſt der Diener, der ihm meldete, daß der Wagen ſchon ſeit längerer Zeit vor der Thür halte, riß den Lord aus ſeiner ſchmerzlichen Erregung. 109 „Halten wir die um ſo feſter, die uns bleiben!“ rief er ſich ſelbſt zu.„Noch bin ich nicht ſo alt und ſchwach, daß ſie mich wie einen todten Hund behan⸗ deln könnten! Ich will es ihnen zeigen!“ Er befahl, zu dem Hauſe der Lady Harrington zu fahren. Dort angelangt, hörte er, daß die Lady ſo eben in die italieniſche Oper gefahren ſei. „Schadet nichts! Ich wünſche Miß Badyſon zu ſprechen!“ rief Clive.„Iſt ſie zu Hauſe?“ „Zu Hauſe wohl, Mylord, aber Miß Badyſon iſt für gewöhnlich nicht zu ſprechen!“ „Nun, ich komme in außergewöhnlichen Angelegen⸗ heiten!“ rief der Lord, der bereits aus dem Wagen geſtiegen war, dem Diener der Lady zu.„Führen Sie mich ſogleich zu ihr!“ Ich bitte um Mylord, aber Mylady hat befohlen— „Ich weiß,. weiß!“ rief Clive heftig.„Aber ich muß Miß Badyſon ſprechen! Iſt ſie denn etwa eine Gefangene hier? Und wenn ſie es iſt, ſo ſoll ſie es nicht für mich ſein!“ Lord Harrington kam gerade die Treppe herunter und lachte über den Eifer Clive's, als er den Gegen⸗ ſtand deſſelben erfuhr. Da es ihm ſehr gleichgültig war, namentlich nachdem ſie ihn ſehr ſpröde abgewieſen, was 110 Miß Badyſon that, ſo befahl er dem Diener, Lord Clive ohne Zögern nach dem Zimmer der Geſellſchaf⸗ terin zu führen, und ſagte im Weggehen lachend, er wiſſe nun, weshalb die junge Dame ſo ſpröde ſei, ſie hänge noch an ihren indiſchen Liebhabern. Der Die⸗ ner, der nur ungern dem Befehl des Lords zu gehorchen ſchien, führte Clive die Treppen hinauf. „Es koſtet mich meine Stelle, Mylord!“ ſagte er finſter. „So komme zu mir! Hier haſt Du ein Angeld!“ rief Clive und reichte ihm eine ſchwere Banknote. Miß Badyſon war aufs höchſte überraſcht und er⸗ freut, als Lord Clive in ihr Zimmer trat. Sie ſah ſehr blaß und ernſt aus, ſonſt war ſie unverändert, vielleicht ſchöner als je, da ihre Züge und ihre Geſtalt ſich jetzt ganz vollkommen ausgebildet und das Gepräge der edelſten Regelmäßigkeit angenommen hatten. Clive bat ſie mit aufrichtiger Wärme um Entſchuldigung, daß er ſo wenig für ſie gethan, erzählte ihr von Will und Adora und fragte ſie dann, wann ſie mündig und Herrin ihrer ſelbſt werde. Clara antwortete, ſie werde in wenigen Wochen vierundzwanzig Jahre, aber das Teſtament laſſe auch für dieſen Fall die Vormundſchaft fortbeſtehen, wenn ſie nicht inzwiſchen im Sinne des Teſtaments verheirathet ſei. 111 „Das iſt kaum glaublich!“ rief Clive.„Das iſt eine neue Schurkerei Barny's! Doch beruhigen Sie ſich, Miß Badyſon. Gedulden Sie ſich nur noch einige Zeit. Ich gehe nach Indien, nicht auf lange, und kehre mit Will zurück. Es iſt Ihnen am Ende gleich, wo Sie ſich inzwiſchen befinden, und Sie wiegen durch Ihre ſcheinbare Nachgiebigkeit Ihre Gegner, zu denen ohne Zweifel auch dieſer Barny gehört, der Sie beſchützen ſollte, in eine für Sie nützliche Sicherheit! Thun Sie, als ob Sie ſich in Ihre Lage gefunden hätten. Iſt es irgend möglich, ſo ſchicke ich Will ſchon vor mir zu⸗ rück. Auf jeden Fall nehmen Sie hier dieſe Anweiſung auf meinen Banquier. Sie könnten in den Fall ge⸗ rathen, während meiner Abweſenheit größerer Mittel zu bedürfen. Am beſten aber, wenn Sie ſich ſchein⸗ bar fügen. Ich ſchreibe heute noch an Will und werde ihn beruhigen. Seien Sie überzeugt, ich mache mein Unrecht wieder gut!“ Dieſes Erſcheinen Clive's war ein Sonnenblick für Clara, und entſchloſſen, nun mit um ſo größerer Ruhe und Beharrlichkeit ihre Lage zu ertragen, ſah ſie den Lord ſcheiden. Clive begab ſich zu einigen Freunden und verab⸗ redete mit ihnen das Verfahren, das ſie in der nächſten Verſammlung der Actionäre einſchlagen wollten. Dieſe 112 Sitzung fand bald darauf ſtatt. Inzwiſchen hatten die Zeitungen, durch jenen von Clive ausgegangenen Ar⸗ tikel angeregt, die Verhältniſſe Bengalens in den ſchwär⸗ zeſten, aber leider kaum übertriebenen Farben geſchildert, und als Clive in den Sitzungsſaal eintrat, errieth er ſchon aus den Begrüßungen der Menge und aus dem Zuruf, der ihm entgegenſchallte, daß ſein altes Anſehen wiederhergeſtellt ſei und daß die bittere Noth auch ſeine Gegner zahm gemacht habe. Die Debatten waren ſehr ſtürmiſch. Faſt jede Rede lief darauf hinaus, daß Clive der einzige Mann ſei, der die Verwirrung in Bengalen beſeitigen und das erſchütterte Zutrauen in die dortigen Verhältniſſe wiederherſtellen könne. Der Beſchluß, Clive den Erb⸗ zins zu entziehen, wurde als eine Winnaine aufs bitterſte getadelt. Als Clive ſich zum Sprechen erhob, begrüßte man ihn mit rauſchendem Beifall. Was den Erbzins betreffe, ſagte er, ſo werde er ſich ſchon mit den Directoren verſtändigen; er werde in dieſer Hinſicht billige Anträge machen. Aber die Regierung von Bengalen übernehme er nicht, ſolange Mr. Sullivan Präſident der Geſell⸗ ſchaft ſei; denn Mr. Sullivan hege andere Anſichten, ſei ihm auch perſönlich abgeneigt und zwiſchen zwei ſo widerſtrebenden Elementen laſſe ſich keine Einigkeit 113 herſtellen. Als Sullivan etwas entgegnen wollte, wurde er nicht gehört. Er verlangte eine Abſtimmung, aber nicht einmal die neun Stimmen, die zur Unterſtützung eines ſolchen Antrags nöthig waren, fanden ſich unter den Hunderten von Actionären. Clive wurde zum Statthalter und Oberbefehlshaber der engliſchen Be⸗ ſitzungen in Bengalen ernannt. Er weigerte ſich he⸗ doch, ſein Amt eher anzutreten, als bis Sullivan durch einen andern Präſidenten erſetzt ſei. Die nächſte Wahl ergab ein Reſultat, wie Clive es wünſchte; der Prä⸗ ſident und faſt ſämmtliche Directoren wurden aus der Zahl derjenigen gewählt, die er bezeichnet. Mr. Sullivan gelangte nur mit einer Stimme Mehrheit in das Direc⸗ torium. Clive hatte alle ſeine Abſichten ſiegreich durch⸗ geſetzt und reiſte nun ſofort nach Bengalen, das dritte und das letzte Mal. Im Mai 1765 langte er in Calcutta an, wo ihn Will Starlow empfing. Der Dragoneroffizier, der jetzt wieder eine Infanterieabtheilung, ſogar Sepoys, commandirte, war ernſter, verſchloſſener geworden. Er grollte mit ſeinem Geſchick. Es bedurfte freilich nur kurzer Zeit, um ihn wieder zu dem alten offenen und hingebenden Freunde zu machen. Clive geſtand ſein Unrecht in Bezug auf Clara und bat um Ver⸗ zeihung, führte auch einige Entſchuldigungsgründe für Miützelburg, Robert Clive. V. 8 114 ſich an, denen Will beipflichten mußte. Clive war herzlicher als je und entwickelte die gewinnendſte Liebenswürdigkeit, die ihm immer, wenn er ſich einem Freunde gegenüber ganz unbefangen gehen ließ, zu Gebote ſtand. Er ſchien ſich überhaupt hier in Indien wieder wohler zu fühlen. Zwar geſtand er Will, daß er körperlich mehr leidend ſei als je, aber ſein Gemüth ſchien erfriſcht durch die geiſtige Strömung, die ihn trug, wenn auch ſein Körper unter der glühenden Atmoſphäre Indiens, unter dem Hauch der Sümpfe des Ganges litt. Clive fand den Offizier unterrichteter über ſämmt⸗ liche Angelegenheiten Bengalens, auch über die Handels⸗ intereſſen und die Beamtenintriguen, als er erwartet hatte. Will war auf jeden Fall ein trefflicher Be⸗ obachter geweſen und ſeine Mittheilungen kamen dem Lord ſehr zu ſtatten. Clive verhielt ſich die erſten Tage ganz ruhig. Er ernannte nur Will Starlow zum Major und ver⸗ langte die Prüfung der Rechnungen über die Beute⸗ gelder deſſelben, denn es unterlag keinem Zweifel, daß der gutmüthige und uneigennützige Offizier in dieſer Hinſicht aufs ſchmachvollſte von den betreffenden Beamten betrogen worden. Dann berief er den Rath. Schon das erſte Auftreten Clive's in demſelben zeigte, was die engliſchen Despoten in Begalen von ihm zu 115 erwarten hatten. Clive ſprach mit einer Erregung, wie man ſie nie an ihm wahrgenommen. Er ſchilderte zuerſt die Gemeinheit, mit welcher man nach Mir Jaffir's Tode einem unmündigen Sohne deſſelben den Thron von Bengalen für hundertvierzigtauſend Pfund Sterling, welche neun Beamte der Compagnie er⸗ halten, verkauft habe.„Wie tief iſt der engliſche Namen geſunken!“ rief er.„Ich habe mich der Thränen nicht erwehren können, als ich mir ſagen mußte, daß der Ruf des engliſchen Volkes ver⸗ loren und vernichtet iſt, dahin auf alle Zeiten, wie ich fürchte! Aber ich erkläre bei jenem höchſten Weſen, das alle Herzen prüft und dem wir einſt Rechenſchaft geben müſſen, wenn es ein Jenſeits gibt, daß ich mit einer Willenskraft, die keiner Verſuchung zugänglich iſt, hierher gekommen bin und den feſten Entſchluß hege, die großen und drohenden Uebel, welche dieſes Land dem Abgrund entgegenführen, zu beſeitigen oder bei dem Verſuche ſelbſt zu Grunde zu gehen!“ Er verſicherte, daß er zu dieſem Zwecke von der ganzen bürgerlichen und militäriſchen Autorität, die ihm übertragen worden, Gebrauch machen wolle. Einer der kühnſten und ſchlechteſten Beamten, Johnſtone, wagte zu widerſprechen. Aber Clive fragte ihn kurz, ob er ſich unterfange, die Befugniß und Autorität der 8* 116 neuen Regierung in Frage zu ſtellen? Johnſtone er⸗ bebte vor dem Blicke Elive's und ſchwieg. Rund um den Tiſch wurden alle Geſichter lang und bleich; Nie⸗ mand wagte mehr zu widerſprechen. Clive löſte ſein Wort. Zwar war ſein Unter⸗ nehmen unendlich ſchwierig, da viele der Mißbräuche in den Einrichtungen der Compagnie ſelbſt begründet waren. Zwar wurden ihm insgeheim die größten Schwierigkeiten bereitet, man verſuchte ſogar, ihn darauf aufmerkſam zu machen, wie er, unter dem An⸗ ſchein, die Mißbräuche abzuſtellen und die Macht der Beamten zu beſchränken, ſein Vermögen verdreifachen könne, wenn er in der Wirklichkeit Alles beim Alten laſſe. Selbſt mit offener Meuterei drohte man ihm. Aber er blieb feſt. Er ließ einige Beamte aus Madras kommen, die ihm treu ergeben waren, und ent⸗ fernte die gefährlichſten Widerſacher aus ihren Stellen. Er wußte, daß er ſich zahlloſe Feinde für ſein ganzes Leben ſchaffte, aber das erſchütterte ihn nicht. Sein Hauptzweck war darauf gerichtet, den Eigenhandel der Beamten zu beſchränken und ihnen größere beſtimmte Gehalte zuzuweiſen, neben denen ſie keine andern Einkünfte haben durften. Auch das Verhältniß zum tabob und Großmogul in Delhi wurde geregelt, die Compagnie mit der Erhebung und Verwaltung der * Einkünfte von Bengalen, Behar und Hriſſa beauftragt und der Nabob nur dem Namen nach in ſeinen Wür⸗ den belaſſen. Er ſelbſt wies alle Geſchenke zurück, die ihm die benachbarten Fürſten, welche für ihre Exiſtenz zitterten, machen wollten. Der Radſcha von Benares, der Nabob von Audh boten ihm Juwelen von unendlichem Werth; er lehnte ſie ab. Eine Erbſchaft, die ihm Mir Juffir vermacht, ſechzigtauſend Pfund Sterling betragend, nahm er jedoch an, aber nur um ſie der Compagnie zur Unterſtützung ausgedienter Beamten und Offiziere zu überweiſen. Die Stiftung führt heute noch ſeinen Namen. Wie Will bereits in ſeinem Briefe erwähnt hatte, waren auch die Offiziere nicht frei von der Habgier geblieben, die ſich aller Seelen bemächtigt hatte. Auf ihren Degen beruhte die Herrſchaft der Compagnie, ſie ſahen die Kaufleute zu Millionären werden. Warum ſollten ſie nicht auch an ſich, an ihre Frauen und Kinder denken? War doch auch Clive einer der reichſten Männer Europas geworden! Der Unterſchied lag nur darin, daß Clive ſeinen Reichthum als Beuteantheil, Belohnung oder erlaubtes Geſchenk erhalten, während die Offiziere, wenigſtens viele derſelben, ſich auf eigene Hand Geld zu machen ſuchten, Contributionen 118 ausſchrieben und plünderten. Auch die Gewalt der einzelnen Offiziere wurde durch die neuen Ein⸗ richtungen Clive's beſchränkt und eine viel ſchärfere Disciplin eingeführt. Darüber murrten die jüngern, die in der letzten Zeit aus Europa hierher geſtrömt waren, um in wenigen Jahren ebenſo reich zu wer⸗ den wie Clive, und ganz vergeſſen hatten, daß ſie weder eine Vertheidigung von Arkot geleitet, noch einen Sieg von Plaſſey errungen. Wenn ſie an Clive dachten, ſo ſahen ſie ihn nur als den armen Schreiber von Madras vor ſich, der jetzt ein unge⸗ heuer reicher Lord geworden und von dem der neidiſche Witz behauptete, daß er manchen Bettler mit den Worten abſpeiſe:„Mein Freund, ich habe leider keine kleinen Diamanten bei mir!“ Die Zwiſchenzeit, die Entbehrungen Clive's, ſeine unabläſſigen Studien, ſeine natürlichen Anlagen, ſeine Energie und Todes⸗ verachtung überſahen ſie oder hatten ſie wenigſtens vergeſſen. Deshalb erſchien es ihnen ungerecht und willkürlich, daß gerade Clive ihnen den Weg zum Reichthum beſchränken wolle, und da ſie glaubten, daß Elive mit der Armee, die zum Schutze des Landes ſo unbedingt nothwendig war, Frieden halten müſſe und im Fall einer allgemeinen Auflehnung jede Bedingung eingehen werde, ſo bildete ſich eine Verſchwörung unter 119 den Offizieren, an welcher zweihundert meiſt junge Männer Theil nahmen und deren Zweck fürs Erſte auf ein allgemeines Entlaſſungsgeſuch und die dadurch entſtehende Auflöſung der Armee gerichtet war. Clive ſollte eingeſchüchtert werden. Aber wie wenig kannten die Verſchwörer ihren Mann! Clive hatte Kunde von dem erhalten, was bevorſtehe. Sogleich ließ er einige Offiziere aus St.⸗Georg in Madras kommen und bekleidete einzelne muthvolle und einſichtige Handelsagenten für den Fall, daß er ihrer bedürfe, mit Offiziers⸗ patenten. Auf die Sepoys konnte er ohnehin rechnen. Seltſam genug waren ihm die einheimiſchen Truppen, obwohl er ihre Sprache nur unvollkommen verſtand, zu jeder Zeit aufs treueſte ergeben geweſen. Nach allen Garniſonen gingen Befehle, jeden Offizier, der ſeine Entlaſſung einreiche, ſofort gefangen nach Calcutta zu führen. Dadurch wurde die Empörung im Keim erſtickt. Die Rädelsführer mußten ſich dem Kriegsgericht in Calcutta ſtellen und wurden caſſirt. Viele der jüngern Offiziere baten nun mit Thränen in den Augen um Verzeihung und nohmen ihr Ent⸗ laſſungsgeſuch zurück. Ihnen verzieh Clive, aber die Anſtifter mußten die engliſche Armee ſchimpflich ver⸗ laſſen. Man behauptete auch, die Offiziere hätten be⸗ * 120 ſchloſſen gehabt, Clive zu ermorden. Aber er ſelbſt duldete nicht, daß eine derartige Anklage gegen ein⸗ zelne eingeleitet werde.„Die Offiziere ſind Englän⸗ der, keine Mörder!“ ſagte er. Sein Name allein reichte hin, um die Feinde, die zur Zeit ſeiner Ankunft in die Grenzen einfallen wollten, zum Stehen zu bringen und ſie, wie erwähnt, zu bewegen, ihm reiche Geſchenke anzubieten. Viel⸗ leicht war nie ein engliſcher Name in Indien geachteter und gefürchteter als derjenige Robert Clive's. Schon zur Zeit ſeines zweiten Aufenthalts in Indien hatte Mir Jaffir einen ſeiner Hofbeamten ſcharf getadelt und darüber zur Rede geſtellt, daß er ſeine Diener, die einige Sepoys der Geſellſchaft beleidigt, nicht hart genug beſtraft habe.„Muß ich Dir noch ſagen“, hatte Mir Jaffir gerufen,„wer dieſer Oberſt Clive iſt und auf welchen Platz Gott ihn geſtellt hat?“ Der Getadelte erwiderte beſtürzt, wenn auch wohl halb im Scherz:„Wie, ich ſollte den Oberſt Clive beleidigen, ich, der ich keinen Morgen aufſtehe, ohne mich dreimal tief vor ſeinem Eſel zu verneigen?“ Wo Clive im Innern des Landes erſchien, ſtrömten die Bengaleſen herbei, um ſich vor ihm niederzuwerfen. Mit Blitzesſchnelle war die Nachricht durch das Land geflogen, daß er ge⸗ kommen, die Tyrannen in Calcutta, Murſchidabad und 12¹ Patna zu demüthigen und den armen Leuten Gutes zu erweiſen. Welcher Abſtand war dies gegen Eng⸗ land, wo man ihn um ſeinen Reichthum beneidete und ſeine Verdienſte nur mit Widerſtreben anerkannte! Clive hatte bis jetzt Adora nicht wiedergeſehen, wohl aber viele Briefe mit ihr gewechſelt und manchen guten Rath in Bezug auf die indiſchen Verhältniſſe von ihr empfangen. Er wollte ſie auch nicht perſön⸗ lich wiederſehen. Aber eines Tages, nicht allzulange vor ſeiner Abreiſe, als er ſich in Murſchidabad be⸗ fand, ließ er ſich ſein Pferd ſatteln und ritt, von Niemand begleitet, zur Stadt hinaus. Er ſchlug den Weg nach Süden ein und ungefähr nach einer Stunde hielt er vor einem Gitterthor, das einen Park um⸗ ſchloß. Durch die Tamarinden und Banianen ſah er ein einfaches, aber geräumiges Gebäude. In dem Parke ſpielten Kinder, aber er ſah keinen Erwachſenen. So ſtieg er denn vom Pferde, öffnete das Gitterthor, führte ſein Pferd hinein, band es an die Stäbe des Gitters und ging auf das Haus zu. Wie alle indiſchen Landhäuſer war es auf der Schattenfeite von einer Veranda umgeben, vor der eine Fülle von üppigen Schlingpflanzen mit prächtigen Blumen eine natürliche und lebendige Wand bildete. Papageien wiegten ſich auf den Ranken, indiſche 122 Hühner kratzten im Sande. Alles war friedlich und ſtill. Den Unterſchied der Vegetation und den Bau des Hauſes abgerechnet, konnte Clive glauben, ſich vor einer engliſchen Villa zu befinden. Es war ein ſchöner, etwas heißer Nachmittag; Clive vermuthete, daß die Bewohner des Hauſes ſich der Nachmittagsruhe überlaſſen hätten. Er trat leiſe in die Veranda. Da ſaß auf einem einfachen Divan eine weibliche Geſtalt, den Kopf in die Hand geſtützt, ſchlafend. Der Ausdruck ihres Geſichts war ſanft, etwas traurig, eine tiefe Falte zog ſich quer über die ſchöngeformte Stirn, das volle Haar war ſchneeweiß. Auf dem Tiſchchen neben ihr lagen Bücher und eng⸗ liſche Zeitungen. Clive ſetzte ſich leiſe in einen aus Rohr geflochtenen Seſſel und betrachtete ſie. Es war Adora. Faſt zwanzig Jahre waren jetzt vergangen, ſeit er ſie zum erſten Mal in Madras geſehen. Wie ganz anders hätte dieſer Zeitraum für beide ſich geſtalten können, wenn— Clive dachte den Gedanken nicht aus. Adora er⸗ wachte und öffnete langſam die Augen. Sie hielt ihren Blick lange auf ihn gerichtet. Offenbar hielt ſie ſeine Erſcheinung für ein Traumbild, denn ſie lächelte ſanft, mit unbeſchreiblicher Innigkeit, athmete etwas tiefer und ſchloß wieder die Augen, immer noch die⸗ ſelben ſo unergründlich tiefen und doch ſo klaren, treuen Augen. Dann plötzlich ſchien ſie ſich ſeiner körperlichen Nähe bewußt zu werden, es war, als ſei ſein Athem, obgleich er ihn anhielt, bis zu ihr ge⸗ drungen. Sie fuhr auf. „Clive— Sie ſind es wirklich!“ rief ſie. Ein Zittern überflog ſie. Aber ſie faßte ſich ſogleich, daſſelbe Lächeln zeigte ſich wieder auf ihren Lippen und ſie ſprach ruhig mit ihm. Es war eigenthümlich, wie ſie ſich beide gegen⸗ über ſaßen, er ein vierzigjähriger Mann, ſie jünger als er, ſie mit dem ſchneeweißen Haar und dem Matronenantlitz, er mit den Furchen eines alten Mannes, das Haar ſpärlich, die Wangen eingefallen, die Lippen blaſſer, als man ſie ſonſt in dieſen Jahren ſieht, nur das Auge leuchtend und faſt unabläſſig auf Adora gerichtet, während ein Ausdruck warmer und inniger Erregung ſeine Miene und ſein ganzes Weſen belebte.* Clive mußte von Allem erzählen, was ſeine Familie betraf, wie viel Kinder er habe, wem ſie glichen, wem ſie im Charakter ähnlich ſeien. Er nännte ſeine Frau eins der beſten Weiber auf der Welt, fügte aber lächend hinzu, ſie ſei kein rechtes Soldatenweib. Dann 124 mußte er von Clara und Will erzählen. Er klagte ſich ſelbſt an, daß er zu wenig für ſie gethan. „Laſſen Sie nur!“ ſagte Adora ruhig.„Die kommen doch zuſammen. Es ſteht in den Sternen ge⸗ ſchrieben, und ſie werden glücklich ſein!“ Dann erzählte ſie von ſich ſelbſt. Es war ein ein⸗ faches, ſtilles Leben, das ſie führte, ganz dem Wohl⸗ thun, der Sorge für diejenigen gewidmet, die ihr nahe ſtanden. Dann ſchilderte ſie die Zuſtände im Allgemeinen und dankte Elive, daß er gekommen, den tauſend Uebeln abzuhelfen. Alles, was ſie über die bengali⸗ ſchen Verhältniſſe ſprach, konnte von dem erfahrenſten Manne des Landes nicht klarer und richtiger darge⸗ geſtellt werden. „Glücklich wird dieſes Land nie wieder werden!“ ſagte ſie ernſt.„Es iſt aus ſeiner frühern Ruhe aufgeſchreckt worden und hat eine ſtärkere, faſt über⸗ natürliche Macht kennen gelernt, der es nun ſtlaviſch zu eigen ſein muß. Wären Ihre Landsleute edle Men⸗ ſchen, ſo könnte Indien ſich glücklich preiſen über die neue Herrſchaft. Aber ſie ſind nicht beſſer, nur ſtärker als wir, und deshalb wird die Herrſchaft Englands eine Laſt bleiben für Indien, deren Druck ſich vielleicht erſt in ganz ferner Zeit verliert. Aber Gott will es ſo, er weiß das Beſte!“ 125 Elive deutete an, daß er in ſeiner Heimat nicht ſo glücklich ſei, wie er zu ſein gehofft. Sie ſagte, ſie wiſſe es aus den Zeitungen und durch Will, ſie habe es auch nie anders erwartet. „Wer über das gewöhnliche Maß hinausragt, verletzt die Andern durch ſeine Größe“ ſagte ſie.„Ihre Landsleute verzeihen es denen, die von alters her mächtig und angeſehen waren, wenn ſie auch jetzt auf ſie herab⸗ ſehen. Wen ſie aber als Knaben arm und unbedeutend gekannt, dem verzeihen ſie nie, daß er etwas Beſſeres geworden. Es widerſtrebt ihrer Eitelkeit, zu ihm hin⸗ aufzublicken. Das müſſen ſelbſt große und edle Geiſter ſein, die in dem Menſchen nur das, was er geleiſtet und geſchaffen, und nicht ſeine Perſon ſehen. Es wird noch übler werden, Clive! Man wird Ihnen nie vergeben, was Sie jetzt für mein unglückliches Land gethan. Bereiten Sie ſich darauf vor, gehäſſigen und aufreibenden Kämpfen entgegenzugehen!“ „Es iſt mir Alles ziemlich gleich“, antwortete Clive.„Wenn man mit Steinen nach mir wirft, ſo ziehe ich mich in ein feſtes Haus zurück und ſpotte der ohnmächtigen Geſchoſſe!“ „Aber man wird Ihre Ehre angreifen, Ihre Ver⸗ gangenheit!“ ſagte Adora.„Sie ſind reizbar, Sie haben faſt übertriebene Grundſätze von Ehre, und wer 126 weiß, ob es Ihren Feinden nicht gelingt, in Ihrer eigenen Bruſt Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Nothwendigkeit deſſen wachzurufen, was Sie ge⸗ than!“ Clive blickte ſie fragend und ſchmerzlich an. Hatte ſie einen wunden Punkt in ſeinem Herzen berührt? „Laſſen Sie ſich das nicht anfechten, Clive!“ ſagte ſie.„Ich verſtehe Ihren Blick. Sie konnten in vielen Fällen nicht anders handeln, ich weiß es wohl. Sie wären ſelbſt unterlegen, wenn Sie Ihre Gegner nicht mit ihren eigenen Mitteln geſchlagen, und das durfte nicht ſein, Sie mußten ſiegen! Aber Sie wer⸗ den Ihr Herz mit einem Panzer wappnen müſſen, wenn es allen Pfeilen unzugänglich ſein ſoll!“ „Ich wünſchte nur, mein Körper wäre feſter!“ ſagte Clive düſter. „Der Keim lag immer in Ihnen, ich ſah es ſchon in Madras und trauerte darüber“, ſagte Adora. „Ihre Lebensflamme brennt zu ſchnell, und das ſchmerzt. Es geht mir ähnlich. Aber uns Frauen ſind die Leiden leichter zu ertragen, weil wir ſie ruhiger hinnehmen. Was liegt daran, wenn ein Weſen wie ich ſtirbt? Wenn ich irgend etwas auf der Welt mit Ruhe erwarte, ſo iſt es meine Auf⸗ löſung!“ 127 Clive lenkte das Geſpräch ab, auf ſeinen ruhigern Ausgangspunkt zurück. Adora ließ ihm leichte Er⸗ friſchungen bringen, die Dienerinnen und Diener kamen herbei, ihm die Hände zu küſſen.„Sie beten in jedem Gebete für Sie!“ ſagte Adora lächelnd. „Das thut Jeder hier im Hauſe. Iſſuf hatte ſchon Recht; Sie hätten Nabob von Bengalen werden ſollen und könnten es noch werden! Der alte treue Iſſuf iſt an ſeinem Eigenfinn geſtorben. Er war ſo erbittert darüber, daß Mohammed⸗Ali und Ihre Lands⸗ leute ihn wegen einer kleinen Summe unhöflich mahnten, daß er lieber unterzugehen, als ſie zu zahlen beſchloß. Er war lebensüberdrüſſig. Der Tod iſt ihm nicht unwillkommen geweſen.“ So ſprachen ſie fort, meiſt ruhig und heiter, bis die Sonne tief geſunken war. Sie hatten beide nicht auf die Zeit gemerkt. Nun erhob ſich Clive, um zu gehen. Für einen Moment ſchien Adora, die ſich gleichfalls erhoben hatte, zu ſchwanken, aber es war blitzſchnell vorüber. „Leben Sie wohl, mein theuerſter Freund!“ ſagte ſie, ſeine beiden Hände ergreifend und ihm mit einem Blick in die Augen ſchauend, der ihm mit Blitzesſchnelle jenen erſten Blick in der Nacht ihrer Errettung in die Erinnerung zurückrief.„Gott ſegne 128 und behüte Sie! Auf dieſer Erde werden wir uns nicht wiederſehen!“ „Nicht mehr, Adora?“ fragte er reiſ und ſeine Bewegung unterdrückend. „Nein, mein theurer Freund und Herr! Auf dieſer Erde treffen ſich unſere Wege nicht wieder!“ Sie geleitete ihn ſchweigend bis an das Gitterthor. Einige Diener wollten herbeieilen, aber ſie winkte ihnen ſchweigend, zurückzubleiben. Clive beſtieg ſein Pferd. Noch einmal reichte er ihr die Hand. Die Tren⸗ nung ſchien ihm ſchwer auf der Seele zu laſten. „Adora“, ſagte er mit gepreßter Stimme.„Sie verzeihen mir die Thorheit und den Dünkel meiner Jugend? Ich habe ihn oft bitter bereut.“ „Mein theuerſter Herr, ich habe nur das eine Ge⸗ fühl des Dankes und der Verehrung für Sie und nur das Gebet, daß Gott Sie ſo glücklich machen möge, als Sie auf dieſer Erde ſein können, und daß er uns beiden, wenn unſere Wallfahrt beendet, ein ſanftes Ende ſchenke!“ Clive neigte leicht, wie zum Zeichen der Zuſtimmung, den Kopf. Noch ein Blick, und er ritt langſam fort. Sie ſtand in der Thür und ſah ihm nach, unver⸗ wandt, mit ſtarrem, geiſterhaftem Blick, der kaum mehr 129 einer Lebenden anzugehören ſchien. Einmal wandte er ſich zurück und erhob die Hand, langſam und ſchwer. War es ein Abſchiedsgruß, oder deutete er nach oben? Sie erhob ihre Hand ebenfalls. Dann ver⸗ ſchwand er hinter einer Baumgruppe. Jetzt preßte ſie die Hände vor die Bruſt und es ging durch ihren ganzen Körper erſchütternd wie ein Krampf. Dann ſtreckte ſie die Hände zum Himmel und ſank auf die Kniee. War es ein Gebet, war es eine Anklage, war es die ſtumme Geberde heiliger Entſagung? Wer kann es wiſſen! Dann erhob ſie ſich und ging langſam in das Haus zurück, das ſie von dieſem Tage an nicht mehr verließ. Mützelburg, Robert Clive. V. Drittes Kapitel. Der Nabob. Es war an einem ſchönen Sommermorgen, unge⸗ fähr ein Jahr nach jenem Wiederſehen Clive's und Adora's, als Clara Badyſon am Fenſter ihres Zim⸗ mers ſaß. Sie hatte die Fenſter weit geöffnet, ſodaß die friſche Luft aus dem Garten, vermiſcht mit dem Duft blühender Blumen, voll in das Zimmer ſtrömte. Sie las in einem Buche, aber ihre Gedanken ſchienen oft von demſelben abzuſchweifen. Dann blickte ſie lange hinaus auf das Grün der Bäume oder in das Blau des Himmels, bis ſie zuletzt aufſtand und durch das kleine Gemach ſchritt, als wolle ſie eine innere Unruhe bemeiſtern. Sie war nicht mehr die jugendliche Erſcheinung, die Will Starlow im Serail Ramna⸗Rain's in Patna vor ſich geſehen, aber ſie war noch immer ſchön. Es war 131 nicht mehr das Bild der jungfräulichen Blüte, ſondern die volle gereifte Entfaltung des Weibes, die jetzt aus ihrer Erſcheinung ſprach. Wohl nur Wenige würden geſagt haben, daß ſie ſeit jenen Tagen nicht ſchöner geworden ſei. Ihre Geſtalt war imponirend, ohne des⸗ halb irgend eine Fülle zu zeigen, welche über das edelſte Ebenmaß hinausgegangen wäre. Sie verdun⸗ kelte jede weibliche Erſcheinung, die ſich in ihrer Nähe befand. Lady Harrington hatte längſt aufgehört, die Geſellſchafterin ihrer Töchter in ihren Privatcirkeln zu zeigen. „Was habe ich nur heute!“ ſagte ſie kopfſchüttelnd zu ſich ſelbſt.„Ich bin ſo eigen, ſo unruhig und doch ſo froh. Ich könnte ſingen, lachen, über nichts. Gibt es Ahnungen? Steht mir etwas Freudiges bevor? Wenn es wahr iſt, was ich neulich in einer Zeitung las, daß Lord Clive im Januar Indien verlaſſen wollte, und wenn Will ihn begleitet hat, ſo können ſie nicht mehr fern von Englands Küſten ſein, und dieſer Südwind, der ſo warm in mein Zimmer weht, bringt mir viel⸗ leicht Will's Grüße und trägt ihn ſelbſt glücklich an Englands Ufer. Es iſt mir, als wäre ich heute ein Kind von zehn Jahren!“ Es klopfte. Faſt erſchrocken ſtand ſie ſtill. Ein Diener trat ein und meldete, daß ihm Mr. Barny 9* 132 folge, der Miß Badyſon zu ſprechen wünſche. Der frohe Ausdruck war bereits von Clara's Zügen ge⸗ wichen. Ruhig und mit ernſter Miene erwartete ſie den Eintretenden. Barny war jetzt ein Mann von über ſiebzig Jahren, aber er gehörte zu jenen ſeltenen männlichen Erſcheinun⸗ gen, auf welche das Alter nur einen geringen Einfluß übt. Es ſtrömte eine gewaltige Lebenskraft durch dieſen Mann, deſſen Haar allerdings weiß war, deſſen Augen aber noch lebhaft glänzten und auf deſſen Wangen ſelbſt noch ein Roth ſich zeigte, um das ihn mancher Dreißigjährige hätte beneiden können. Auch zeigte ſein Geſicht immer noch denſelben Ausdruck. Es war offen, ſelbſt freundlich und verrieth durch nichts die unab⸗ läſſig hinter der hohen und faſt faltenfreien Stirn ar⸗ beitenden Intriguen. Mr. Barny war immer noch der Vormund Clara's. Als ſie ihr vierundzwanzigſtes Lebensjahr vollendet, hatte man ſie vor das Gericht berufen und ihr in feierlicher Sitzung das Teſtament ihres Vaters vor⸗ geleſen, das in den gewöhnlichen Formen abgefaßt war. Dann erfolgte eine Rechnungsablegung, aus wel⸗ cher Clara erſah, daß ſie ein Vermögen von ungefähr zweihunderttauſend Thalern beſitze. Freilich war ein nicht unbedeutender Theil deſſelben durch die unglückliche 133 Anlage einzelner Kapitalien, wie es hieß, verloren ge⸗ gangen. Nach dieſer Mittheilung folgte jedoch die Verleſung des Anhangs zum Teſtament, in welchen man Clara keinen Einblick geſtattete und in welchem ſich die verhängnißvollen Beſtimmungen befanden. Es hieß darin, wie erwähnt, daß ſie keinen Soldaten hei⸗ rathen und daß ſie unter der Vormundſchaft Mr. Bar⸗ ny's bleiben ſolle, bis ſie gut und ihren Verhältniſſen entſprechend verheirathet ſei. Zeige ſie ſich in irgend einem weſentlichen Punkte ungehorſam, ſo ſolle ſie zweitauſend Pfund Sterling erhalten und des übrigen Vermögens verluſtig gehen, das alsdann an entfernte Verwandte falle. Da Clara von aller Verbindung mit der Welt ab⸗ geſchloſſen war, ſo konnte ſie ſich nicht erkundigen, ob die Formen dieſes Anhangs rechtsgültig ſeien, es lag ihr auch nichts an einer Klage; ſie wollte es ſpäter Will überlaſſen, dieſen Streit durchzufechten. Sie blieb alſo ruhig bei Lady Harrington. Mr. Barny begrüßte Clara aufs höflichſte, erkun⸗ digte ſich nach ihrem Befinden, kam aber dann ſehr bald auf die Urſache ſeines Beſuchs. Ein reicher Herr „in den beſten Jahren“ hatte Miß Badyſon mehrmals geſehen, wenn ſie mit den jüngſten Töchtern der Lady Harrington in Hyde⸗Park ſpazieren fuhr, und ſich an 134 Barny gewendet und ihr ſeine Hand angetragen. Dieſer unterſtützte den Antrag aufs lebhafteſte, ſchilderte ihr die vortreffliche Vermögenslage, den guten Charakter des Bewerbers und fügte dann hinzu: „Es iſt hohe Zeit, Miß Clara, daß Sie ſich ent⸗ ſcheiden. Ihr Glück iſt einer der aufrichtigſten Wünſche meines Lebens und ich habe Ihnen bisjetzt in keiner Weiſe Hinderniſſe in den Weg gelegt. Aber Alles hat ſeine Zeit. Das Teſtament gibt mir das Recht, in Uebereinſtimmung mit den andern Teſtamentsexecu⸗ toren einen Zeitpunkt feſtzuſetzen, in welchem der Ar⸗ tikel des Anhangs, der Sie des Vermögens für ver⸗ luſtig erklärt, in Kraft tritt. Sie können uns nicht ewig hinhalten und ich bin entſchloſſen, wenn Sie auch dieſe Bewerbung ablehnen, von meinem Rechte Ge⸗ brauch zu machen und mich mit den andern Herren zu beſprechen. Ihr Widerſtand und Ihr Eigenſinn legen mir dieſe ſchwere Pflicht auf. Ich handle darin nur im Auftrage Ihres Vaters.“ „Aber bin ich denn ſchon ſo alt“ fragte Clara mit erzwungenem Lächeln,„daß ich nicht mehr hoffen dürfte, eine gute und ſtandesgemäße Partie zu machen? Wenn ich noch die Blicke jenes reichen Herrn auf mich ge⸗ zogen, weshalb ſollte ſich nicht ein anderer Freier fin⸗ den, der mir perſönlich zuſagt? Seien Sie überzeugt, 135 ich werde eine gute und ſtandesgemäße Partie machen, aber dieſen Antrag lehne ich mit beſtem Danke ab!“ Mr. Barny ſchien ſich bei dieſer Antwort nicht be⸗ ruhigen zu wollen. Er machte Vorſtellungen aller Art. „Sie denken immer noch an dieſen Starlow!“ rief er dann. „Es iſt nicht iih antwortete Clara mit großer Ruhe. „Und doch iſt Ihre Verbindung mit dieſem Manne ganz unmöglich“ ſagte Barny.„Er hat ſich an der Meuterei gegen Clive betheiligt und wird caſſirt werden!“ „Mr. Starlow hätte etwas gegen den Lord nommen?“ rief Elara laut lachend.„Erzählen Sie Andern ſolche Ammenmärchen! Sie werden nicht den Muth haben, ihm das ins Geſicht zu wiederholen.“ „Und Sie werden nicht den Muth haben, dem letzten Wunſche Ihres Vaters zuwider zu handeln!“ ſagte Barny. „Ich weiß nicht, wie mein Vater dazu gekommen iſt, mir eine ſolche Bedingung aufzuerlegen“ ant⸗ wortete Clara.„Aber wenn er Mr. Starlo gekannt hätte, würde er ſein Verbot zurückgenommen haben, davon bin ich feſt überzeugt. Ich habe auf jeden Fall den Segen meiner Mutter!“ 136 „Nun, wenn Ihre Abſicht ſo feſt ſteht, ſo wird mich nichts hindern, in dieſen Tagen ſchon die Teſtaments⸗ beſtimmungen zu erfüllen!“ rief Barny.„Sie werden Ihre zweitauſend Pfund Sterling erhalten. Sehen Sie zu, wie Sie damit durch die Welt kommen!“ „Ich habe in Indien weniger beſeſſen und bin doch nicht von Gott verlaſſen worden“, antwortete Clara. „Handeln Sie in dieſer Hinſicht ganz, wie Ihr Gewiſſen es Ihnen erlaubt.“ Barny behielt ſeine Faſſung. Aber in ſeinem In⸗ nern wüthete es. Es war nicht allein Haß gegen Starlow, der ihn gegen eine Verbindung dieſes Man⸗ nes mit Clara Badyſon einnahm. Allerdings erbitterte es ihn, daß dieſer Knabe der Vertraute der Miſtreß Badyſon und ihres Geheimniſſes geworden; er vergaß nicht, welche Demüthigung Clive und Starlow ihm an jenem Morgen nach dem„Verlobungsabend“ in Madras zugedacht. Aber das allein hätte nicht genügt, ihn mit ſolcher Hartnäckigkeit gegen dieſe Verbindung zu erfüllen. Es gab einen andern, natürlichern Grund. Barny liebte ſeine Tochter. Er erkannte ihre Schön⸗ heit, ihre Anmuth, und es ſchmerzte ihn, daß er ſie nicht vor der Welt ſein nennen konnte. Er wollte wenigſtens die Genugthuung haben, ſie insgeheim als ſeine Tochter umarmen zu dürfen. Aber das war 137 unmöglich, wenn ſie Will heirathete. Clara mußte dann in ihrer Denkungsweiſe, die derjenigen Barny's nicht entſprach, noch mehr beſtärkt, die Kluft zwiſchen beiden mußte noch gewaltiger werden. Auch war es ent⸗ ſcheidend für das Verhältniß Clara's zu ihrem wirk⸗ lichen Vater, von wem ſie zuerſt die Nachricht dieſer Verwandtſchaft erfuhr. Will mußte ihr dieſelbe in einer Weiſe darſtellen, die ſie für ewig demjenigen entfremdete, dem ſie ihr Leben verdankte. Ganz anders ſtellte ſich das Verhältniß, wenn die Pläne Barny's in Erfüllung gingen. Clara hatte die Welt kennen ler⸗ nen, ſich eine andere, leichtere Art zu denken aneignen ſollen; deshalb hatte er ſie zu Lady Yarmouth und zu Lady Harrington in die Schule gegeben. Verheirathete ſie ſich dann mit einem Manne, der die moraliſchen Anſichten Barny's theilte, wurde ſie allmälig für eine leichtere Auffaſſung der geſellſchaftlichen und Familien⸗ verhältniſſe gewonnen, ſo konnte Barny ihr ſpäter mit⸗ theilen, was zwiſchen ihm und ihrer Mutter vorgefal⸗ len; konnte hoffen, ſich zu rechtfertigen und nicht nur ihre Verzeihung, ſondern auch ihre kindliche Liebe zu erlangen. Die Verbindung mit dem Major Starlow aber trennte ſie für immer von ihm. Und nun wußte Barny, daß dieſer für ſeine Pläne ſo gefährliche Mann ſich mit Lord Clive auf der Rückreiſe nach Europa befand. ———— — —— 138 Es war alſo keine Zeit mehr zu verlieren. Und doch gab es kein Mittel, Clara's Widerſtand zu brechen. Schönheit, Reichthum, Rang hatten ſich vergebens be⸗ müht, ihre Gunſt zu erwerben, ſie blieb gerade dem⸗ jenigen treu, den ſie nach Barny's Wunſch niemals hätte wiederſehen ſollen. Alles kam alſo darauf an, Clara und Will von einander fernzuhalten. Barny beſchloß, ſeine letzte Karte auszuſpielen. Er verließ Clara, ohne ſeine Unzufrie⸗ denheit und Mißſtimmung zu verbergen, und begab ſich zu Lady Harrington. Er wußte im voraus, daß dieſe Dame ſeinem Plane zuſtimmen werde, und dieſer Plan war folgender. Lady Harrington beſaß einen Verwandten, einen jungen, talentvollen Mann, der bald der Liebling der Londoner Damenwelt geworden war, für unwiderſteh⸗ lich galt und ſein nur geringes Vermögen in einem einzigen Jahre verſchwendet hatte. Der Grundcharakter dieſes jungen Mannes war vielleicht kein ſchlechter, und es ließ ſich hoffen, ihn in Zukunft zu einem leid⸗ lich vernünftigen und brauchbaren Menſchen umzuwan⸗ deln. Für jetzt hatten die Verhältniſſe ihn gezwun⸗ gen, auf einer entfernten kleinen Beſitzung der Lady Harrington zu leben und ſich dort vor ſeinen Gläubi⸗ gern verborgen zu halten. Dorthin wollte Barny Clara 139 ſenden. Es war vorauszuſehen, daß der junge Stutzer in der Einſamkeit ſeiner Verbannung ſich ſogleich in Miß Badyſon verlieben werde, und da der alte Barny nach ſeinen eigenen weltlichen Erfahrungen überzeugt war, daß auch ſeine Tochter Fleiſch und Blut habe, ſo hoffte er, die günſtige Gelegenheit und die Unwider⸗ ſtehlichkeit ihres Geſellſchafters in der Einſamkeit wür⸗ den auf Clara Eindruck machen. Ging eine ernſte Zu⸗ neigung aus dieſem Verhältniß hervor, ſo war nach Barny's Anſicht die Partie auf beiden Seiten keine ſchlechte. Aber fürs Erſte wurde Clara dadurch den Nachforſchungen Starlow's entzogen, denn die Reiſe ſollte durchaus ein Geheimniß bleiben, und außerdem ließ ſich dem Major, wenn er zurückgekehrt war, durch dienſtwillige Freunde leicht ins Ohr flüſtern, daß Clara dort insgeheim mit einem Liebhaber lebe. Wurde die Intrigue gut geleitet, ſo konnte ſie eine Trennung zwiſchen Will und Clara oder wenigſtens eine Erkäl⸗ tung zwiſchen beiden zur Folge haben, und ſchon da⸗ mit war viel gewonnen. Lady Harrington ſtimmte dem Plane, der ihrem Verwandten eine leidlich reiche Frau verſchaffen konnte, ſowie der Eile, mit welcher er betrieben werden ſollte, ſofort zu. Clara ſollte noch an demſelben Tage ab⸗ reiſen, begleitet von einem ganz zuverläſſigen und gut⸗ 140 inſtruirten Diener. Die jüngſte Tochter der Lady ſollte ſie begleiten, und ihre ſchnelle Abreiſe wurde dadurch begründet, daß ſie Vorbereitungen für einen Beſuch der Familie auf jenem Landſitz zu treffen habe. Clara war nicht wenig überraſcht, als Lady Har⸗ rington ihr mittheilte, daß ſie noch an demſelben Tage abreiſen müſſe. Sie ahnte ſogleich, um was es ſich handle. Man erwartete und fürchtete Will's Ankunft und wollte ſie aus London entfernen. Sollte ſie gehen, ohne ein Lebenszeichen zu geben, ohne eine Benachrich⸗ tigung zu hinterlaſſen? Schweigend nahm ſie die Mittheilung der Lady hin; ſie war entſchloſſen, ſich diesmal nicht zu fügen. Inzwiſchen bereitete ſich die günſtige Wendung ihres Geſchicks vor. Um dieſelbe Stunde, als Clara Badyſon ihr Herz von einer unerklärlichen Freudigkeit ergriffen fühlte, landete das Boot, das Clive und Will Starlow von dem ſtattlichen Oſtindienfahrer, auf dem ſie nach Eu⸗ ropa zurückgekehrt, die Themſe hinaufgetragen hatte, in der Nähe der Londonbrücke. Der Lord begab ſich ſogleich mit ſeiner Dienerſchaft nach ſeiner Wohnung und Will, der es abgeſchlagen hatte, bei ihm zu woh⸗ nen, da er die Abneigung der Lady Clive gegen ihn errieth, ging in ein gutes Gaſthaus in der Nähe des 141 Strandes. Dort kleidete er ſich um, fragte, ob im Hauſe ein Zimmer frei ſei, das vielleicht von einer Dame bewohnt werden könne, erhielt eine bejahende Antwort und ging dann nach dem St.⸗Jamespalaſte, um die in der Nähe liegende Wohnung der Lady Har⸗ rington zu erfragen. Wie er ſo ſtattlich dahinſchritt in ſeiner beſten Uni⸗ form, hoch und ſchlank und doch kräftig gebaut, das Geſicht gebräunt, aber das Auge ſo kar und hell wie ein nordiſcher Wintertag, zog er manches Auge auf ſich und mancher Matroſe oder Arbeiter, der früher in Indien geweſen ſein mochte, grüßte ihn und erhielt freundlichen Dank. Will war durch Clive genau von den Verhältniſſen unterrichtet und beſchloß demgemäß zu handeln. In der Taſche trug er gute Anweiſungen auf das oſtindiſche Haus in der Höhe von fünfund⸗ zwanzigtauſend Pfund Sterling. Es war der Reſt ſeiner Beutegelder, von denen er einen faſt ebenſo großen Theil an ſeine Freunde und Untergebenen, namentlich an die Dragoner, die ihn nach Patna begleitet, ver⸗ theilt hatte, ähnlich ſeinem Freunde Clive, der allein an den bedürftigen Major Lawrence, ſeinen Lehrer und frühern Vorgeſetzten, eine jährliche Penſion von fünfhundert Pfund Sterling zahlte. Für ſeine Exiſtenz in England war alſo geſorgt. 142 Starlow klopfte mit dem ſchweren Hammer feſt und zuverſichtlich an die große Thür des Palaſtes Har⸗ rington und fragte den öffnenden Diener, ob die Lady zu ſprechen ſei. Die Abgeſchloſſenheit der engliſchen Vornehmen war damals womöglich noch größer als jetzt und der Major würde wahrſcheinlich abgewieſen worden ſein, wenn er nicht eine ſo imponirende Uni⸗ form getragen hätte und eine ſo auffällig einnehmende und ſtattliche Erſcheinung geweſen wäre. Als er des⸗ halb ſeinen Namen nannte und hinzufügte:„Wahr⸗ ſcheinlich kennt Mylady meinen Namen!“ glaubte der allzuſcharf blickende Diener, es handle ſich um eine Bekanntſchaft ſeiner Herrin, und ging hinauf, um der⸗ ſelben den Beſuch zu melden. Er blieb jedoch länger, als nöthig war, und kam mit einem ziemlich miß⸗ muthigen Geſicht zurück. Vermuthlich hatte er einen Verweis, aber auch zugleich Maßregeln für ſein fer⸗ neres Verhalten empfangen. „Mylady iſt nicht zu ſprechen“ ſagte er kurz. „Dann haben Sie die Gefälligkeit, mich bei Miß Badyſon zu melden“, ſagte Will. „Miß Badyſon iſt vor einer Stunde abgereiſt“ ant⸗ wortete der Diener. Das war eine unerwartete Nachricht für Will. Darauf, daß Clara vielleicht nicht mehr bei der Lady 143 wohne, war er vorbereitet geweſen. Aber abgereiſt, das traf ſein Herz, deſſen Sehnſucht nach der ſo lang entbehrten Geliebten er nur mit Mühe zügelte, ſchwer und empfindlich. Er fragte: wohin? weshalb? Der Diener antwortete, er wiſſe es nicht ſogleich; wenn der Herr wiederkommen wolle, werde er es ihm viel⸗ leicht ſagen können. Will verließ traurig die Vorhalle; er ahnte eine neue Intrigue Barny's. Aber was ſollte er nun thun? Er mußte ruhig warten, bis er Clara's Aufenthalt erfahren, den man doch auf die Dauer nicht verheim⸗ lichen konnte, wenn man es auch verſuchte. Da half ihm ſein altes Soldatenglück. Ein Diener in Lvree kam ihm unmittelbar vor dem Palais ent⸗ gegen, ſtand ſtill, als er den Offizier erblickte, ſchlug die Hände zuſammen und rief:„Iſt es möglich? Lieute⸗ nant Starlow? Oder jetzt Major, wie ich ſehe?“ „Ei, Bridgeman!“ rief der Major.„Nun, alter Knabe, wie geht es Dir?“ Es war einer von den Dragonern Will's, zwar keiner von denen, die ihn nach Patna begleitet, aber doch einer der fähigſten Leute, die Will je unter ſei⸗ nem Commando gehabt. Er war in der Schlacht bei Plaſſey verwundet worden, hatte infolge deſſen ſeinen Abſchied nehmen müſſen und war nach England zu⸗ S 144 rückgekehrt. Die Erinnerung an jene ſchöne Zeit be⸗ wegte ihn ſo mächtig, daß ihm die Thränen in die Augen traten und daß es einige Minuten dauerte, ehe Will erfuhr, daß Bridgeman jetzt Diener bei dem Lord Harrington ſei. „Nun, dann kennſt Du auch Miß Badyſon, meine Braut“ ſagte Will. „Miß Badyſon? Gewiß!“ rief der Diener über⸗ raſcht.„Aber Ihre Braut—“ „Nun freilich, es iſt die Dame, wegen deren ich damals den tollen Ritt nach Patna machte. Doch Du warſt leider nicht dabei!“ antwortete Will.„Wie geht es ihr denn? Ich wollte ſie ſo eben aufſuchen, erfuhr aber, ſie ſei abgereiſt.“ „Schon abgereiſt? Das iſt nicht möglich!“ rief Bridgemann, der die Augen weit öffnete.„Der Wagen iſt ja erſt um fünf Uhr beſtellt. Ums Himmelswillen, Major, da geht mir ein Licht auf! Alſo Sie ſind der Bräutigam der ſchönen Dame? Das hätte ich wiſſen ſollen! Die ſchöne arme Dame!“ Will zog den Diener beiſeite und erfuhr nun, was man ſich im Palais erzählte: daß die Geſellſchaf⸗ terin der jungen Ladies eigentlich ein reiches Mädchen ſei, das in Indien einen Geliebten habe, den ſie aber nicht heirathen ſolle, und daß die Briefe, die ſie an 145 ihn ſchreibe, ſowie diejenigen, welche für ſie abgegeben würden, alle zu einem gewiſſen Barny, ihrem Vor⸗ mund, wanderten. Genug, Will fand beſtätigt, was er längſt geahnt hatte. Das Wichtigſte war für den Augenblick, daß Clara noch nicht abgereiſt war. Die Lady hatte alſo den Major täuſchen, ihn hinhalten wollen, bis Clara wirk⸗ lich London verlaſſen. „Höre, Bridgeman, willſt Du meine Partei er⸗ greifen oder die Deiner Herrin?“ fragte Will.„Im letztern Fall dürfen wir kein Wort mehr mit einander ſpréchen!“ „Die Ihre, Major, und wenn ich ſofort aus dem Dienſt gejagt würde!“ rief Bridgeman. „Ich würde Dich ohnehin bitten, mein Diener zu werden, denn ich gebrauche einen tüchtigen Mann“, antwortete der Major.„Alſo gut! Dann geh ins Haus und thue, als ob Du mir nicht begegnet, geh aber zu Miß Badyſon und ſage ihr ſie ſolle ſich reiſe⸗ fertig halten, es ſei ein fremder Herr da, der ſie ab⸗ holen wolle, ein Herr aus weiter Ferne. Das Uebrige werde ich mit der Lady ſelbſt ntien Wo iſt Miß Badyſon's Zimmer?“ Der Diener beſchrieb es ihm und ging dann in das Palais. Will nahm ſein Taſchenbuch hervor und Mützelburg, Robert Clive. V. 10 146 1 ſchrieb auf ein Blatt Papier:„Mylady! Ihr Diener muß falſch unterrichtet geweſen ſein. Ich erfahre ſo eben, daß ſich meine Braut, Miß Badyſon, noch in Ihrem Hauſe befindet. Da es Ihnen Ihre Zeit nicht er⸗ laubt, meine Aufwartung, wie ich es gewünſcht, vorher anzunehmen, ſo verſtatten Sie mir wohl, daß ich meine Braut ſogleich beſuche!“ Damit trat er wieder vor das Palais und klingelte ſcharf. Der Diener, der ihm öffnete, wollte ihm die Thür vor der Naſe zuwerfen, aber Will hatte etwas Aehnliches erwartet und war ſchnell eingetreten, den Diener mit einem Blicke meſſend, der dieſen einige Schritte zurücktreten ließ. „Bringen Sie dies ſogleich der Lady!“ ſagte er. „Es wird keine Antwort darauf ſein. Ich werde jedoch hier noch einige Minuten warten, ehe ich zu Miß Badyſon gehe.“ Der Diener eilte fort. Andere neugierige Lakaien traten in die Vorhalle und flüſterten mit einander. Will ging, ohne auf ſie u achten, in der Vorhalle auf und ab. Nach wenigen Minuten kam der Diener zurück. Mylady habe ſich geirrt, ſagte er; Miß Badyſon ſei noch nicht abgereiſt. Sie wünſche den Herrn Major zu ſprechen. 147 Offenbar war dieſem nicht viel an der Einladung gelegen. Er folgte jedoch dem Diener in das Zimmer der Lady und fand dieſelbe auf einem Divan liegend. Sie ſchien offenbar überraſcht von der Erſcheinung des Majors und die kalte, hochmüthige Miene, mit der ſie ihn empfangen, verwandelte ſich ſchon nach wenigen Minuten in eine aufmerkſame und theilnehmende. Will ſagte artig, daß er komme, um ihr für den Schutz, den ſie Miß Badyſon angedeihen laſſen, zu danken, daß aber die triftigſten Gründe ihn zwängen, ſeine Braut zu bitten, ihn ſogleich zu begleiten. „Ich bin Soldat“ fügte er lächelnd hinzu,„und bei uns Soldaten geht Alles eilig. Mylady wird gewiß eine andere Geſellſchaftsdame für die jungen Ladies finden!“ „Aber wie haben Sie erfahren, Miß Badyſon noch nicht abgereiſt?“ fragte die Dame.„Ich ſelbſt glaubte es. Ich war unwohl und hatte geſchlafen.“ „Ein Zufall, nichts weiter!“ antwortete Will, der die Lady vollkommen durchſchaute.„ Tauſendmal Verzeihung, Mylady, daß ich Sie geſtört! Jetzt aber—“ „Halt, Major!“ rief Lady Harrington lächelnd. „Ich weiß nicht— Mr. Barny, der Vormund dez Miß, hat mich gebeten, Niemand, wer es auc 6 1 148 Miß Badyſon ſprechen zu laſſen. Weiß Mr. Barny, daß Sie hier ſind?“ „Er wäre der Letzte, der es erführe!“ antwortete Will heiter, aber mit einer bedeutſamen Feſtigkeit. „Auch iſt meine Braut mündig und hat ſich um einen Vormund nicht mehr zu kümmern, namentlich wenn ihr Bräutigam in der Nähe iſt“ „Sie ſcheinen mir ein hitziger Patron!“ ſagte die Lady.„Aber man kann Ihnen in der That ſchwer widerſtehen. Ich glaube, Sie wären im Stande, halb London zuſammenzurufen und ſich mit dem Degen in der Hand den Weg zu Ihrer Braut zu bahnen!“ „In der That, Mylady, Sie haben meine Gedanken genau errathen!“ antwortete Will.„Aber ich wußte auch, daß ich einer ſo liebenswürdigen Dame gegen⸗ über derartige Mittel nicht anzuwenden brauchen würde. Nochmals meinen ergebenen Dank!“ „Und ich ſehe Sie doch hoffentlich zuweilen in meinen Geſellſchaften?“ rief die Dame, die wie die Mehrzahl ihrer Art ihre Anſichten ebenſo ſchnell zu Gunſten des ſtattlichen Offiziers geändert hatte, wie ſie früher leicht gegen den ihr unbekannten Fremden eingenommen geweſen. „Sie haben nur zu befehlen, Mylady!“ mit war er aus der Thür und flog dem kleinen 149 Zimmer zu, das nach dem Garten hinauslag. Brid⸗ geman ſtand vor der Thür deſſelben mit einem Koffer, öffnete leiſe die Thür, als Will ſich nahte, und ſchloß ſie hinter dem Major. Er hörte nur einen Schrei des Entzückens; dann wurde Alles ſtill. Ueber ſo viele Jahre der Trennung, der Unruhe und der Sehnſucht war ein Schleier gebreitet und die treuen Herzen hatten ſich für immer vereinigt. Barny war nicht der Mann, ſeine Beute ſo leicht aufzugeben. Er nahm die Hülfe des Gerichts in An⸗ pruch, um Clara von Will zu trennen und in ſeine Macht zurückzuführen. Aber er fand an Will einen entſchloſſenen Widerſacher, den der Einfluß des Lord Clive unterſtützte. Clara blieb in der Wohnung, die ihr Will für kurze Zeit eingerichtet. Auch mit der ſtrengen Ausführung der Teſtamentsbeſtimmungen drang Barny nicht gegen den geſchickten Anwalt, den Will angenommen, durch. Will ließ die Frage, ob der ver⸗ hängnißvolle Anhang zum Teſtament echt ſei, ganz* unerörtert. Er erklärte, dem Soldatenſtand entſagen und ein Landgut kaufen zu wollen. Dadurch, ſowie durch den Umſtand, daß ein Major mit fünfund⸗ zwanzigtauſend Pfund Sterling doch gewiß für eine gute und anſtändige Partie gelten konnte, waren die Bedingungen des Teſtaments erfüllt. Clara wurde aus 150 der Vormundſchaft entlaſſen und zur Herrin ihres Vermögens eingeſetzt. Als dies geſchah, war ſie bereits Miſtreß Starlow und wohnte mit ihrem Gatten in der Grafſchaft Surrey, in der Nähe einer Beſitzung, die Clive angekauft hatte und auf der er ein großes Schloß erbauen wollte. Adora war von dem glücklichen Ausgange des Schickſals der beiden Liebenden ſogleich unterrichtet worden. Den Ge⸗ danken, wieder nach Indien zu gehen, hatte Will auf⸗ gegeben. Er paßte nicht dorthin; er war zu gerade, ehrlich und menſchenfreundlich für eine Geſellſchaft, die wie die indiſche doch nur auf ihre eigene Bereicherung und auf die Ausbeutung der armen Hindus bedacht war. Auch der Grund, in Adora's Nähe zu weilen, war weggefallen; Will wußte, daß Adora ganz einſam und abgeſchloſſen lebte, daß ſie ihr Haus nicht mehr verließ. Es kamen die herzlichſten, liebevollſten Briefe von ihr. Aber die Welt war dennoch für ſie er⸗ ſtorben und ſie wollte einſam ihre letzte Stunde er⸗ warten. Will ſchrieb an Barny einen Brief, in welchem er dem Kaufmann anzeigte, daß er ſeinerſeits niemals ſeiner Gattin das Geheimniß ihrer Geburt mittheilen würde und daß er es ihm überlaſſe, dies zu thun. Aber auch Barny hielt es für beſſer, zu ſchweigen. 2 151 Der Verluſt derjenigen, auf deren Liebe er ein wenn auch nur beſchränktes Anrecht hatte, war die härteſte Strafe für ihn. Er entſchädigte ſich ein wenig dadurch, daß er eine Dame heirathete, die in London ein gewiſſes Aufſehen machte, die Wittwe Lord Wilmingfort's. Sie war nach Mir Joffir's Tode von Indien nach Europa zurückgekehrt und in London mit ihren verblühten Reizen bald der tieſſten Armuth verfallen. Barny hörte von ihr und ſie nahm die Hand des Greiſes an, dem Wilmingfort, wie ſie früher geglaubt, ſeinen Ruin zuſchrieb. Im Reichthum und Müßiggang friſchte ſie ihre alternden Reize wieder auf und wurde neben Mr. Barny eine erträgliche Erſcheinung, umſchwärmt von alten Stutzern aller Art, aber von ihrem Gatten ſo ſtreng überwacht, daß ſie, weniger aus Neigung als aus Nothwendigkeit, die Rolle der tugendhafteſten Frau annahm und ſpäter, gleich Mr. Barny, eine fleißige Kirchengängerin und Beſchützerin aller mög⸗ lichen frommen Sekten wurde. Während Will Starlow auf ſeiner freundlichen Beſitzung in Surrey mit der ganzen Friſche und Heiter⸗ teit ſchaltete und waltete, die ein neuer und ange⸗ nehmer Lebensberuf, ein frohes Herz, der Beſitz eines geliebten Weibes und eine ſorgenfreie Stellung ver⸗ leihen, ward es ſeinem berühmten Freunde Clive nicht ſo wohl. Für dieſen begann die Zeit der unver⸗ dienten und bitterſten Kränkungen. Er hatte ſich durch ſeine ſtrengen, für die Ehre Englands und das Wohl der Hindus gleich ſegens⸗ reichen Maßregeln eine Menge von perſönlichen Fein⸗ den geſchaffen, die ihm zum Theil nach England vor⸗ ausgeeilt waren, um ihn zu verleumden und womöglich bei dem Directorium durch ihre Klagen Gegenmaß⸗ regeln hervorzurufen. Da während der Abweſenheit Clive's ſeine Gegner auch im Directorium wieder das Uebergewicht erlangt hatten, ſo erreichten die Ver⸗ leumder ihren Zweck leicht genug. Clive wurde als ein Menſch dargeſtellt, der Andern Moral predige, während er ſich ſelbſt die größten Freiheiten erlaubt und ſich auf unrechtmäßige Weiſe bereichert habe. Zeitungen wurden gegründet, zu dem beſtimmten Zweck, Clive anzugreifen und anzuklagen. Der Hauptzweck dieſes hinterliſtigen Kriegs war nicht allein perſönliche Rache, ſondern auch die Abſicht, Clive's Syſtem in Bengalen umzuſtoßen und die alte Willkür wiederher⸗ zuſtellen.— Clive ſetzte dieſen Angriffen keinen entſchiedenen 153 Widerſtand entgegen. Es war, als ob ſeit ſeiner letzten Rückkehr aus Bengalen ſein Geiſt wie ſein Körper gebrochen ſei. Er verließ tagelang nicht ſein Zimmer und ſaß dort in tiefer Melancholie brütend. Raffte er ſich aus dieſer Schwermuth auf, ſo erſchien er freilich im Parlament als glänzender Redner, tiefer Denker und genialer Staatsmann. Aber dieſe Unterbrechungen glichen Blitzen in dunkler Nacht; nach ſolchen Anſtrengungen verfiel der Sieger von Plaſſey in um ſo tiefere Abſpanung. Die Nacht, die auf ſeinem Gemüthe laſtete, wurde dichter, ſchwerer und zuletzt zu einer faſt ununterbrochenen Finſterniß. Dennoch würde das Urtheil der Klügern und Beſſern genügt haben, Clive's Anſehen und die Achtung vor ſeinen Verdienſten aufrecht zu erhalten, wenn nicht die ganze Strömung der öffentlichen Meinung damals eine Richtung genommen hätte, die Allem, was Indien betraf, ungünſtig war. Es hatte ſich die Klaſſe der ſogenannten Nabobs gebildet, die bald ſo verhaßt geworden war wie vielleicht nie⸗ mals irgend eine andere Klaſſe der engliſchen Geſell⸗ ſchaft. „Dieſe Leute“ ſagt Macaulay in ſeiner kurzen und wohl unübertrefflichen Schilderung jener Zeit, 154 „gehörten durchſchnittlich weder zu alten noch zu wohl⸗ habenden Familien, waren meiſt jung nach dem Orient gegangen und hatten dort ein beträchtliches Ver⸗ mögen erworben, mit dem ſie dann in die Heimat zurückkehrten. Da ſie ſelten Gelegenheit gehabt hatten, in gute Geſellſchaft zu kommen, ſo benahmen ſie ſich wie Emporkömmlinge gewöhnlich linkiſch und oft auch an⸗ maßend. Während ihres Aufenthalts in Aſien hatten ſie gewiſſe Neigungen und Gewohnheiten angenommen, welche für Perſonen, die Europa nie verlaſſen, viel Fremdartiges, um nicht zu ſagen Abſtoßendes darboten. Im Orient hatten ſie ſich eines hohen Anſehens erfreut und wollten daher in der Heimat nicht in die Dunkel⸗ heit zurückſinken. Da ſie wohl Geld, aber weder hohe Geburt noch vornehme Verbindungen beſaßen, ſo fühlten ſie ſich ſtets verſucht, den einzigen Vorzug, deſſen ſie ſich rühmen konnten, mit Zudringlichkeit zur Schau zu tragen. Ueberall, wo ſie ſich niederließen, lebten ſie mit dem höhern und niedern Adel in Streit, ähnlich wie in Frankreich die emporgekommenen Generalpächter mit den alten Marquis und Baronen. Bald wurden ſie zur unbeliebteſten aller Klaſſen. Mehrere unter ihnen hatten im Orient eine ausge⸗ zeichnete Befähigung perrath und dem Staate große Dienſte geleiſtet, aber in der Heinnt fand ſich für ihre 155 Talente keine günſtige Gelegenheit, Aufmerkſamkeit zu erwecken, und von ihren frühern Leiſtungen wußte Niemand etwas. Daß ſie aus dem Dunkel hervorge⸗ gangen waren, großen Reichthum erworben hatten, mit ihrem Gelde prahlten und Verſchwender waren; daß ſie weit in der Runde den Preis jeder Waare, von friſchen Eiern bis zu Parlamentswahlen aufwärts, vertheuerten; daß ihre Livreen die Staatskleider von herzoglichen Dienern in Schatten ſtellten, ihre Kutſchen vornehmer ausſahen wie der Wagen des Lordmayors; daß das üble Beiſpiel ihrer verſchwenderiſch und ſorg⸗ los geleiteten Haushaltungen die halbe Dienerſchaft der Umgegend anſteckte; daß viele Nabobs mit all ihrem Gelde ſich in den Ton der guten Geſellſchaft nicht zu finden wußten und trotz aller Treſſen und Borten ihrer zahlreichen Lakeien, trotz ihres Silberge⸗ geſchirrs und Meißner Porzellans, ihrer Wildbraten und ihres Burgunders gemeine Menſchen blieben— dies waren lauter Umſtände, die ſowohl in dem Stande, aus dem ſie herausgetreten waren, als in den Klaſſen, in welche ſie ſich einzudrängen ſuchten, jene heftige Abneigung hervorriefen, welche durch das Zuſammenwirken von Neid und Verachtung zu ent⸗ ſtehen pflegt. Wurde dann noch geflüſtert, däß das Vermögen, deſſen Beſitzer den Lordlieutenant beim 156 Wettrennen ausſtach und bei der Grafſchaftswahl das Haupt einer Familie von älteſtem Adel beſiegte, durch Treubruch, Plünderung ganzer Provinzen, Ver⸗ jagung rechtmäßiger Fürſten erworben worden ſei, ſo empörten ſich auch die edlen und guten Eigen⸗ ſchaften der menſchlichen Natur gegen den Elenden, der mit anmaßender und geſchmackloſer Verſchwendung beſchmuzte, was er mit Sünde und Schande verdient hatte. Der unglückliche Nabob ſchien aus allen Schwä⸗ chen, gegen welche die Komödie ihre ſchärfſten Pfeile richtet, und zugleich aus allen Verbrechen, die in der Tragödie das düſterſte Dunkel hervorrufen, zuſammen⸗ geſetzt zu ſein. Der Sturm von Verwünſchung und Gelächter, der gegen die Beamten der Geſellſchaft los⸗ brach, läßt ſich höchſtens der Kundgebung des all⸗ gemeinen Unwillens vergleichen, welcher die Puritaner in der Reſtaurationszeit ausgeſetzt waren. Der Men⸗ ſchenfreund entſetzte ſich über die Mittel, durch welche der Nabob ſein Geld erlangt hatte. Der Geizige nahm daran Aergerniß, wie dieſes Vermögen ver⸗ geudet wurde. Der Dilettant witzelte über ſeinen Mangel an Geſchmack. Der Stutzer duldete ihn nicht in ſeiner Geſellſchaft, weil er ein gemeiner Burſche ſei. Schriftſteller von der verſchiedenſten Gefühlsweiſe und Schreibart, Methodiſten und Wüſtlinge, Philoſophen 157 und Poſſenreißer ſtanden plötzlich auf derſelben Seite als Gegner der Nabobs.“ Dieſe Zeitſtrömung mußte ſich auch gegen Clive richten, obwohl er von den Fehlern und namentlich den Laſtern der Nabobs ſtets freigeblieben war. Er war der reichſte aller dieſer Nabobs, und ſchon dies genügte, die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn hin⸗ zulenken und ihn dem heftigſten Neide auszuſetzen. Zwar ernannte ihn der König, der ihm ſtets wohl⸗ wollte, zum Ritter des Bathordens und zum Lordlieu⸗ tenant von Shropſhire, der Grafſchaft, in welcher Elive geboren worden und das Stammgut ſeiner Fa⸗ milie lag. Aber die blinde Maſſe, einmal aufgehetzt, vergaß das Verdienſt des Eroberers von Begalen, lauſchte begierig den Erzählungen aller Greuelthaten, die in Indien vorgefallen ſein ſollten, und hielt das ſtolze, verächtliche Schweigen, in welches Lord Clive ſich hüllte, für ein Zugeſtändniß aller derjenigen Ver⸗ brechen, deren man ihn beſchuldigte. In der That hätte Clive mehr thun können, um die öffentliche Meinung günſtig für ſich zu ſtimmen. Aber es war, wie erwähnt, ein böſer Geiſt über ihn gekommen. Der ganze ſtolze Eigenſinn ſeiner Jugend war wieder in ihm erwacht und ließ ihn verächtlic auf die Thoren herabblicken, die nicht zwiſchen 158 und jenen vom Glück begünſtigten Abenteurern zu un⸗ terſcheiden wußten. Seinen Reichthum aber trug er um ſo deutlicher zur Schau. „Mögen ſie ſich darüber ärgern, ſowohl Lords wie Pöbel!“ ſagte er einmal zu Will.„Sie zeigen damit nur, wie erbärmlich ſie ſind und daß ſie etwas hoch⸗ ſchätzen, was ich ſelbſt verachte. Mein Geld iſt in ihren Augen meine Sünde, nicht mein Charakter oder meine Vergangenheit!“ Zu Will Starlow kam er ſehr oft. Er baute auf ſeiner Beſitung Claremont, ganz in der Nähe Will's, ein prachtvolles Schloß, und ſchon damals waren die Verleumdungen gegen ihn ſo tief, ſelbſt bis unter die Bauern gedrungen, daß die Landleute der Umgegend ſich zuraunten: der reiche gottloſe Lord baue das Schloß nur deshalb mit ſo dicken Mauern, weil er fürchte, der Teufel werde ihn ſchon bei lebendigem Leibe holen. In der That war der ſonſt ſo menſchenfreundliche Clive finſter und abſtoßend geworden. Er, deſſen Hand ſonſt jedem Armen geöffnet war, ging oder ritt jetzt achtlos an dem hungrigen Bettler vorüber, hörte ſeine Bitte, ſah ſeine flehende Geberde nicht.„Das iſt auch einer von denen, die mich verwünſchen, die mich für en Schurken halten“ dachte er bei ſich ſelbſt.„Ins icht rühmen ſie mich und aus der Ferne werfen ſie 159 Steine nach mir!“ Aber ſo ſehr er auch die Men⸗ ſchen im Allgemeinen verachtete und ſein Herz gegen ſie verhärtet hatte, in beſondern Fällen übte er noch immer Großmuth und Mildthätigkeit, und die Sum⸗ men, welche er vertheilte, ohne auch nur ſeinen Namen zu nennen, waren enorm. Bei Will ſaß er gewöhnlich unter einem mit Blu⸗ men und Schlingpflanzen geſchmückten Vordach und blickte hinaus auf die Wieſen, Aecker und Bäume, auf das Feld der Thätigkeit ſeines Freundes. Jedermann im Hauſe kannte ſein Weſen und Niemand ſtörte ihn. Will begrüßte und entließ ihn oft nur mit einem Hand⸗ ſchlag, ohne daß ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde. Miſtreß Starlow aber, mit einem prächtigen Knaben auf dem Arme, ſaß gewöhnlich neben ihm und plau⸗ derte mit ihm, wobei er ſelbſt freilich wenig ſprach. Es ſchien ihm am liebſten zu ſein, wenn ſie von der Zeit erzählte, in welcher ſie mit Adora ſo viele Trüb⸗ ſal und Fährlichkeiten überſtanden. Dann konnte er ſtundenlang lauſchen, ohne ſich zu regen. Er ſelbſt aber ſprach den Namen Adora nie aus. Wann er in der Stadt wohnte, hatten die Diener Befehl, jeden Hülfeſuchenden, der ſich für einen frü⸗ hern indiſchen Soldaten ausgab, zu ihm in ſein Pri vatzimmer zu führen. Dann ſprach er lange mit ihnen über Arkot, Koverpakam, Plaſſey und die Augen leuch⸗ teten ihm, als ob der Schimmer der alten Ruhmes⸗ ſonne ſich in ihnen ſpiegele. Jeden von dieſen entließ er reich beſchenkt. Aber gewöhnlich fand man ihn nachher trauriger, verſchloſſener, düſterer als vorher. Unglücklicherweiſe war in Bengalen eine Hungers⸗ noth ausgebrochen, die Tauſende der Einwohner hin⸗ gerafft hatte. Selbſt dieſes Unglück verſuchten ſeine Feinde der Schuld Clive's zuzurechnen. Der Pöbel erhitzte ſich gegen ihn in einem Grade, der es Clive faſt unmöglich machte, die Straßen von London un⸗ beleidigt zu durchſchreiten oder zu durchfahren. Ueber⸗ dies waren neue Unregelmäßigkeiten in der Verwal⸗ tung Bengalens eingeriſſen. Das Parlament ſah ſich genöthigt, die allgemeine Volksſtimmung zu berückſich⸗ tigen und die Angelegenheiten der oſtindiſchen Com⸗ pagnie vor ſeinen Richterſtuhl zu ziehen. Darauf hatten die Gegner Clive's nur gewartet. Sie brachen mit ihren Anklagen los. Er ſollte aus dem Parlament geſtoßen werden, ſollte ſeine indiſche Aller Haß gegen die Nabobs vereinigte ſich auf den einen Namen Clive. Und diejenigen, die ihn hätten Seienigen ſollen, die Beamten der Compagnie, waren Rente verlieren, die geraubten Summen zurückzahlen. —— 161 ſeine erbittertſten Feinde. Er hatte ja nicht mit ihnen unter einer Decke ſpielen, hatte die Compagnie nicht betrügen wollen, hatte ihre Erpreſſungen aufgedeckt und beſtraft. Alle dieſe wurden nun Ankläger und Zeugen in einer Perſon. Die Unterſuchung gewann eine ſolche Ausdehnung, daß ſich zwei Parlamentsſitzungen mit ihr beſchäftigten. Da aber alle einſichtigen Männer für Clive waren, ſo gelang es bald, den größern Theil der Anklagen als unbegründet zurückzuweiſen. Indeſſen gerade die glän⸗ zendſte Zeit Clive's, die Eroberung Bengalens, bot einige Punkte dar, die anfechtbar erſchienen. Man beſchuldigte ihn, die Eroberungen, die er mit eng⸗ liſchen Waffen erworben, zu ſeinem eigenen Nutzen ausgebeutet und ſeine Macht als Oberbefehlshaber be⸗ nutzt zu haben, um von Mir Joffir bedeutende Sum⸗ men zu erlangen; dadurch habe er ein übles Beiſpiel gegeben. Dieſe Angriffe ſowie die Gefahr, die ihm drohte, wenn er länger ſchwieg, weckten den Lord aus ſeiner Abſpannung. Er beſchloß, ſich zu vertheidigen, und zwar zu vertheidigen, wie er es in Indien gethan, dadurch, daß er ſelber angriff. Er erſchien im Unter⸗ hauſe und hielt eine Rede, von welcher Lord Chatam Miützelburg, Robert Clive. V. 11 (der ältere Pitt) behauptete, daß er nie eine beſſere gehört habe. Clive wies alle Beſchuldigungen mit Kraft und Geſchicklichkeit zurück. Nie habe er etwas für ſeinen eigenen Nutzen gethan, ſagte er; Geſchenke habe er nicht immer ablehnen können und wollen, nie⸗ mals aber ſei es ihm eingefallen, ſeine Macht als Oberbefehlshaber dazu anzuwenden, um ſie zu er⸗ preſſen. Wenn er gewollt, ſo hätte er ſich ſelbſt zum Nabob von Bengalen machen können; das ganze Heer würde ihm zugejubelt haben.„Ich habe in jenen Tagen nicht nur ehrenhaft und vollkommen treu gegen mein Vaterland und die Compagnie, ſondern auch un⸗ eigennützig gehandelt. Ich behaupte feſt, daß Jeder in meiner Lage mehr, viel mehr für ſich genommen haben würde als ich. Der Fürſt eines großen Landes hing von meiner Gnade ab; eine reiche Stadt, Mur⸗ ſchidabad, erwartete die Plünderung, die reichſten Ban⸗ quiers erboten ſich zu unermeßlichen Geſchenken, wenn ſie geſchont würden, in der Schatzkammer Suradſcha⸗ Daulah's ſah ich Berge von Gold und Kiſten voll Edelſteine— bei Gott, Herr Präſident, noch in die⸗ ſem Augenblick wundere ich mich über meine Selbſt⸗ beherrſchung.“ Auch ſein Benehmen gegen Suradſcha⸗Daulah, ſein geheimer Vertrag mit Mir Jaffir und die Behandlung ————— 163 Omichund's bildeten Hauptanklagepunkte gegen ihn und vielleicht die bedenklichſten. Aber Clive wies ſie mit unerſchütterlicher Energie zurück und geſtand ſeinen Richtern kaum das Recht zu, jene aſiatiſchen Verhält⸗ niſſe mit europäiſchem Maßſtabe zu meſſen. Jeder Ein⸗ ſichtige würde an ſeiner Stelle ebenſo gehandelt haben, ſagte er; er ſchäme ſich nicht, durch ſeine Klugheit die Pläne ſeiner Feinde vereitelt und die Macht Englands begründet zu haben; unter ähnlichen Umſtänden werde er wieder ebenſo handeln. Dann ging er kühn ſelbſt zum Angriff über, deckte die Ränke, die Intriguen, die Erpreſſungen und Greuelthaten der Beamten der Compagnie auf und ſchloß damit, daß es Niemand ein⸗ gefallen wäre, ihn anzuklagen, wenn er ſich nur den Beamten gefügt und mit ihnen gemeinſame Sache gegen den Vortheil der Compagnie und die Ehre der engliſchen Nation gemacht hätte. Aber ſo ſtolz er auch ſeinen Feinden ins Geſicht blickte, im Innern verletzten ihn dieſe langwierigen und kleinlichen Verhandlungen doch tief. Er mußte Verhöre und Kreuzfragen beſtehen und beklagte ſich, daß er, der Baron von Plaſſey, behandelt werde wie ein gemeiner Schafdieb. In den Tagesblättern wurden dieſe Verhöre beſprochen, die Antworten Clive's kriti⸗ 1* 164 ſirt und für unrichtig erklärt. Ganz London gerieth in Aufregung, wie das Urtheil über den Lord aus⸗ fallen würde. Die ungeheure Mehrzahl des Volks war, wie immer, gegen ihn. Die kleine Partei, die ihn vertheidigte, mußte verſtummen gegen das Gebrüll der Maſſen. Der Tag, an welchem das Unterhaus ſein Urtheil abgeben ſollte, war gekommen. Clive fuhr aus ſeiner Stadtwohnung nach dem Hauſe der Gemeinen. In der Nähe des Palaſtes wogte eine wild erregte Menſchen⸗ menge auf und ab, um, wie dies oft geſchah, die⸗ jenigen Parlamentsmitglieder, die in ihrer Gunſt ſtan⸗ den, mit Hurrah! und Hoch! die verhaßten dagegen mit Schimpf und Spott, oft ſogar mit Steinen zu begrüßen. Clive fuhr, obgleich es ziemlich kalt war, in einem offenen Wagen. Er hatte ſeine Uniform und ſeine Orden angelegt, und etwas von dem Ausdruck, mit welchem er auf den Wällen von Arkot geſtanden, zeigte ſich auf ſeinem Geſicht. Ein furchtbares Geſchrei empfing ihn und der Kut⸗ ſcher blickte ſich fragend um, ob er weiter fahren ſolle. „Vorwärts!“ rief Clive. Dann ſtimmte die Maſſe ein Lied an, das mit dem Refrain ſchloß: 165 Der Teufel, der holt ihn endlich, den Clive, Längſt iſt der Schuft für den Galgen reif.*) Es war in der That, als ob ein allgemein ver⸗ haßter und verabſcheuter Verbrecher zum Galgen ge⸗ führt werde. Der Abhub des engliſchen Pöbels war verſammelt. Aber unter dieſem bemerkte man auch beſſer Gekleidete, die den Lärm immer von neuem an⸗ fachten. In der Nähe des Palaſtes hielten einige Wachen mit vieler Mühe die Straße frei. In Clive's Geſicht zuckte kein Muskel. Er hatte andere Gefahren geſehen. Plötzlich blitzte ſein Auge auf und ſein Blick haftete auf einem ſchon bejahrten Mann in ganz verwildertem Anzuge, der ſo eben eine Handvoll Schmuz nach ihm geworfen. In einem Augenblick hatte Clive die Wagenthür aufgeriſſen, war herausgeſprungen und hatte den Mann bei den Schultern gefaßt. So unerwartet und ſeltſam war das Beginnen des Lords, daß die Menge ver⸗ ſtummte. „Alſo von ſolchen Leuten laßt Ihr Euch führen!“ rief Clive mit lauter Stimme und mit höhniſchem Aus⸗ *) Für die des Engliſchen unkundigen Leſer mag hier erwähnt werden, daß der Name Clive wie Cleif ausgeſprochen wird. nen 166 druck.„Wißt Ihr, wer das iſt? Ein Franzoſe, ein Verräther, ein Schurke! Vor der Schlacht von Plaſſey wollte er mich meuchlings ermorden— ich ſchenkte ihm das Leben und ließ ihn aus unſern Reihen peitſchen. Laroche iſt ſein Name! Nun, jetzt bin ich zufrieden. Es ſind nicht die Engländer, die mich haſſen, es ſind Fremde, die ſie aufſtacheln, Fremde, die ihre beſten Männer, einen Labourdonnais, Dupleix ſund Lally ge⸗ mordet haben! Und was kann ich von Euch erwarten, die Ihr mich nicht kennt, wenn dieſer, dem ich das Leben geſchenkt, ſich unter Euch begibt, um mich zu beſchimpfen? Schämt Euch, Engländer! Ihr habt Euch verblenden laſſen. Ihr werdet Euch anders be⸗ ſinnen, wenn die Fremden keinen Einfluß mehr auf Euch haben, und unter Fremden verſtehe ich auch die⸗ jenigen, die Englands Ehre nicht hoch halten. Schämt Euch!“ Er ſtieß Laroche von ſich, daß er in den Schmuz taumelte, und ſtieg in ſeinen Wagen. So gewaltig war der Eindruck ſeiner Worte geweſen, daß die Menge verſtummte, daß Clive unter tiefem Schweigen in das Thor des Parlamentsgebäudes fuhr und einige von den ärgſten Schreiern ſtill nach Hauſe gingen. Das Parlament gab ſein Urtheil dahin ab, daß Lord Clive allerdings die ihm anvertraute Macht zur 167 Unehre und zum Schaden ſeines Vaterlandes miß⸗ braucht, aber zu gleicher Zeit ſeinem Vaterlande weſen⸗ liche und ehrenvolle Dienſte geleiſtet habe. Clive ver⸗ nahm ruhig das Urtheil. Die Glückwünſche ſeiner Freunde entlockten ihm kein Lächeln. Er fuhr nach Hauſe und ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Viertes Kapitel. Schluß. Am 22. November 1774 fuhr ein leichter Wagen, von Süden, von der Grafſchaft Surrey herkommend über die Londonbrücke. In dem Wagen ſaßen ein kräftiger Mann im Anzug der Landedelleute und eine ſehr gut ausſehende, ſtattliche Frau, Mr. und Miſtreß Starlow. Ein entſetzlicher, übelriechender Nebel lagerte über London und namentlich über den Ufern der Themſe. Selbſt das Athmen wurde ſchwer und in einzelnen ſchmalen Straßen mit hohen Häuſern waren Laternen angezündet, obwohl es faſt Mittag war. „Wir hätten wahrlich heute zu Hauſe bleiben ſollen, lieber Will“ ſagte Miſtreß Starlow.„Ich liebe Lon⸗ don nicht und bei ſolchem Wetter iſt es mir uner⸗ träglich!“ „Ich konnte nicht, Clara!“ antwortete Will.„Ich 169 habe eine Unruhe in mir, die ich nicht bemeiſtern kann. Ich muß Clive ſehen. Als er vorgeſtern bei uns draußen war— nun, Du haſt ihn ſelbſt geſehen. Er muß ſehr krank ſein! Er hält ſich nur aufrecht durch dieſes unſelige Opium.“ Miſtreß Starlow antwortete nicht, aber auch ihre Miene war ſehr traurig. In der Nähe von Berkeley⸗ Square ſtieg Will aus und ließ ſeine Frau allein weiter fahren. Er ſelbſt eilte nach der Wohnung des Lord Clive. Die Thür ſtand weit auf. Diener rannten hinaus und hinein. Will erbleichte, denn er ſah auf allen Geſichtern Schrecken und Beſtürzung. Er trat in die Vorhalle. Niemand achtete auf ihn. Er ging die Treppe hinauf, bis zu dem Zimmer ſeines Freundes. Auch hier ſtand die Thür offen. Will ſah Jemand, der wie der Lord gekleidet war, im Lehnſtuhl ſitzen; einer ſeiner Lieblingsdiener kniete neben ihm, ein Arzt war über ihn gebeugt, ein altes Piſtol, daſſelbe, das der Lord ſchon als Knabe beſeſſen, lag auf dem Teppich— eine Minute darauf wußte Will, daß Lord Clive ſich erſchoſſen habe. Auf dem Schreibtiſch lag ein verſiegelter Brief mit der Adreſſe: Major Starlow. Will nahm ihn an ſich, warf einen letzten Blick auf das ruhige, nur wenig 170 vom Todeskampf entſtellte Geſicht ſeines Freundes und verließ das Haus. Er hörte noch den Schrei der Lady Clive, die ſo eben aus dem Bade gekommen war und die Nachricht empfangen hatte. Die letzten Zeilen Robert Clive's lauteten: „Mein lieber, ich kann wohl ſagen, mein einziger Freund! Du mußt dieſe Zeilen verbrennen, ſofort nachdem Du ſie geleſen. Sie ſind nur für Dich! Ich habe heute Morgen einen Brief erhalten, er iſt eingeſchloſſen. Ich will nicht, daß Jemand davon er⸗ fahre. Du wirſt ihn gleichfalls verbrennen! Ich bin müde, ſehr müde. Ich kann nicht mehr. Die Schmerzen ſind zu groß. Ich habe keinen ruhigen Augenblick mehr. Wozu ſoll ich leben? Jede Minute mehr iſt eine Verlängerung meiner Qual. Gott kennt meine Leiden und er wird mir verzeihen! Es war ein Irrthum, daß ich in Madras, wo ich mich tödten wollte, glaubte, ich ſei zu etwas Großem beſtimmt. Heute wird das alte Piſtol nicht verſagen, 3 ich weiß es! Hätte es damals ſeine Schuldigkeit ge⸗ than, es wäre beſſer für mich geweſen! 6 1 Ich kenne mein Schickſal jetzt genau. Alles, was den Verſtand, den Ehrgeiz befriedigen kann, iſt mir zu 171 Theil geworden. Mein Herz iſt leer ausgegängen, und nur das Herz macht den Menſchen glücklich. Ich bin ein Thor geweſen— ich hätte in Indien bleiben ſollen! Ich habe mein höchſtes Glück einem Vorurtheil und die höchſte Würde und Macht, die ich erlangen konnte, der Rückſicht auf mein Vaterland geopfert, und wie hat dieſes Vaterland mir gedankt! Wenn ich Herr von Bengalen, Herr über zweimal⸗ hunderttauſend Streiter geweſen wäre, ſo hätte das Parlament anders mit mir geſprochen als an jenem fluchwürdigen Tage, an welchem man mich freiſprach und doch am tiefſten verurtheilte! Wäre ich aus altem Geſchlechte geweſen, ein alter Marquis oder Baron, deſſen Großmutter ſich zur Maitreſſe eines Königs er⸗ niedrigt, es wäre mir nicht ſo geſchehen! Und um dieſes Vaterlandes willen habe ich Indien verlaſſen! Nun, man wird mich einſt anders beurtheilen. Man wird mir zugeſtehen, daß ich bei meinem erſten Aufent⸗ halt in Indien Englands Waffenehre wiederhergeſtellt, bei meinem zweiten in Bengalen Englands Macht in Indien begründet und bei meinem letzten Aufenthalt Englands Ehre als Nation gewahrt habe. Damit kann ich mich ruhig ins Grab legen! Ich würde den Pöbel und die Schurken der Compagnie verachten, wenn ich ein geſunder Mann wäre. Aber ich bin ſehr 172 krank, ſehr erſchöpft. Ich fürchte, dieſe Qualen könnten noch lange währen— Gott, der Alles weiß, wird mir verzeihen! Lebe wohl, mein theurer Will! Möge Dir Dein Glück erhalten bleiben! Clive.“ In dieſen Brief eingeſchloſſen war ein Schreiben in franzöſiſcher Sprache. Es lautete: „Mylord! Nachdem ich dem Waffendienſt entſagt habe, bin ich wiederholt in Bengalen geweſen und habe verſucht, dort eine Dame wiederzuſehen, die auch Sie kennen und die, wie ich erſt ſehr ſpät erfahren, durch einen Verräther in die Hände Suradſcha⸗Dau⸗ lah's, ihres Feindes, geliefert worden. Ich ſpreche von Adora. Meine Zuneigung zu ihr war ſtets dieſelbe geblieben und ich wünſchte aufrichtig, ſie wiederzuſehen, Aber dieſes Glück ward mir nicht zu Theil. Sie iſt am ſechzehnten Januar dieſes Jahres in ihrer Wohnung bei Murſchidabad, die ſie ſeit vielen Jahren nicht mehr verlaſſen, geſtorben, von Allen, die ſie kannten, wie eine Heilige verehrt. Ich erlaube mir, Ihnen dieſe Mittheilung zu machen, die gewiß auch für Sie von mehr als gewöhnlichem Intereſſe iſt. Sie war eine außerordentliche Frau. Ihr kleines Vermögen hat ſie —— —— 173 der Stiftung in Calcutta hinterlaſſen, die Ihren Namen trägt. Ich benutze dieſe Gelegenheit, Mylord, um Ihnen zu verſichern, daß ich Ihrem thatenreichen Leben ſtets mit der größten Theilnahme gefolgt bin und unſere kurze Bekanntſchaft in Madras ſtets als eine der denk⸗ würdigſten Perioden meines Lebens betrachte. Chandernagor, 18. März 1774. Antoine de Maurepas, Oberſt.“ Will las dieſe Briefe vor dem Kaminfeuer eines ſtillen Stübchens in dem Gaſthauſe, in welches er ge⸗ gangen war. Er las ſie vielmals und prägte ſich jedes Wort ein. Dann warf er ſie beide ins Kaminfeuer und ſah, wie ſie zu Aſche wurden— gleich einem Menſchen⸗ daſein. Die Kunde von Clive's Tod durchflog London mit Blitzesſchnelle. Seine Feinde jubelten, der Pöbel ſah in dieſem Tode die gerechte Strafe. Barny, als ſei mit dem Tode Clive's auch für ihn der Gegenſtand von der Erde verſchwunden, der ihn an das Leben feſſelte, wenn auch nur, um ihn zu haſſen und zu bekämpfen, ſtarb wenige Wochen darauf. Allmälig lernte England gerechter über einen Mann denken, deſſen Name auf einigen der glänzendſten 174 Tafeln der Geſchichte Englands ſteht. Clive iſt ein Lieblingsvorname für die engliſchen Knaben gewor⸗ den, die in Indien geboren werden, und dieſer Ge⸗ brauch beweiſt beſſer als Denkmäler aus Marmor und Erz, daß das Vaterland vergeſſen, was es einſt an ihm zu tadeln hatte, und daß ſein Name ein Vorbild geworden iſt für Muth, Tapferkeit und Aus⸗ dauer. Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. — n 17 18 ₰.*. S — 5————