3 ſ— Leihbibliothet † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur: ni 1 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und cleſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent egennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Lrchme n mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. 3 „ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe vo wird. „ 2„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurück der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Ferriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mi r Ladenpreis erſetzt w 8 lorene oder ſ end ung 4 it. efeſtgeſetzt und wird beſonders darauf gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S 22 —— —— Robert Clive, der Eroberer von Bengalen. Hiſtoriſcher Roman von„ Adolf Mützelburg. Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. — Erſtes Kapitel. Clive in England. Wie es Clive in England erging, zeigt am beſten ein Brief deſſelben an ſeinen jungen Freund, geſchrieben nach nicht ganz drei Jahren, im Jahre 1755. „Lieber Will! Was lange währt, wird gut, und Du ſollſt nun von mir eine Mittheilung empfangen, deren Zuſammenhang und Ausführlichkeit Dir hoffentlich an⸗ genehmer ſein wird als kleinere, abgebrochene Berichte. Für den Schluß behalte ich mir noch eine Nachricht vor, die Dir gewiß ein ganz ſpecielles Vergnügen bereiten wird. Aber ſchlage nicht etwa die Seiten um und gucke vorher nach dem Ende, ſondern lies ruhig von Anfang an.— Eine Meerfahrt nach Europa kennſt Du beſſer als ich ich habe alſo nicht nöthig, ſie Dir in der gan⸗ Mäützelburg, Robert Clive IV. 1 2 zen Ausführlichkeit zu berichten, mit der ein zurückge⸗ kehrter Midſhipman die Ohren ſeiner ſtaunenden Mutter entzückt. Dennoch war es immer für mich eine eigen⸗ thümliche Reiſe— meine Hochzeitsreiſe! Ich glaube, es wäre gut, wenn man jedes junge Ehepaar unmit⸗ telbar nach der Hochzeit auf eine längere Seereiſe ſchickte. Da lernen die Menſchen ſich an einander ſchließen, da öffnen und vereinigen ſich ihre Herzen unter dem Eindruck der großartigſten Naturſchönheiten, da umſchlingen ihre Seelen ſich im Anblick der drohenden Gefahren und gewöhnen ſich daran, dem unerbittlichen Verhängniß, das über allen ſchwebt, ohne Zittern ins Auge zu blicken. Nirgendwo iſt der Menſch willen⸗ loſer dem Walten höherer Mächte preisgegeben als auf der hohen See. Unſere Natur bäumt ſich dagegen auf, wie gegen alle Schranken, die der menſchlichen Erxiſtenz geſetzt ſind. Aber wir ermatten allmälig in dieſem Kampfe und lernen unſere Abhängigkeit, unſere Ohnmacht erkennen. Der Streit mit Menſchen erſcheint uns ein Spielwerk, nachdem wir den Kampf der Ele⸗ mente glücklich überſtanden haben. Ich habe meine Frau auf dieſer Reiſe wirklich liebgewonnen. Das muß Dir ſonderbar klingen, ich würde auch nicht ſo zu Jedem ſprechen. Aber Du weißt ja, wie wenig ich ſie vorher kannte und daß — 3 ich bei ihrer Wahl mehr einer plötzlichen Eingebung als einer langſam wirkenden Einſicht folgte. Ich griff, ſo zu ſagen, blind in den Glückstopf hinein und zog eine gute Nummer. So viel weiß ich, daß ſie mich lieber hat, als ich verdiene; denn ich bin ein launiſcher, verzwickter Burſche, der ſeinen Gefährten das Leben nicht allzu leicht macht. Dazu kommt, daß ich wirklich körperlich nicht ganz geſund bin. Ich kann dieſe Krank⸗ heit ſelbſt einem Arzte ſchwer auseinanderſetzen und die Aerzte wiſſen auch nicht, ob ſie von der Leber, oder dem Magen, oder der Milz, oder ſonſt irgend einem kranken Stück meiner Eingeweide herrührt. Ich glaube, es iſt eine Krankheit oder vielmehr eine Verſtimmung der feinen Gefühlsfäden, die man Nerven nennt und von denen auch die berühmteſten Aerzte blutwenig zu wiſſen ſcheinen. Sind dieſe Fäden einmal zu ſcharf angezogen worden und nicht zerriſſen, ſo behalten ſie — davon bin ich feſt überzeugt— ſpäter etwas Schlaf⸗ fes, Zitterndes, wie eine Saite, die zu ſcharf angezogen, die überſpannt worden, ſpäter auch niemals wieder in der richtigen, natürlichen Weiſe tönt, ſondern etwas Schlaffes behalten wird. Das erſcheint Dir wahr⸗ ſcheinlich ſehr unverſtändlich. Aber gewiſſe körperliche Zuſtände verſteht auch gewiß nur derjenige, der ſie ſelber erfahren hat. Genug, unmittelbar nach den 1* 4 heiterſten Stunden, ja inmitten der angenehmſten Thä⸗ tigkeit oder Erholung ergreift mich oft ein unerklär⸗ licher Zuſtand des Nichtbehagens, Unmuths und kör⸗ perlichen Uebelbefindens. Es iſt, als ob ich die Welt, die mir ſo eben noch roſig gelacht, plötzlich durch ein dunkles Glas ſähe und als ob ein feines Gift meine beſten Lebenskräfte zerſtörte. Dann erſcheint mir Alles ſchwarz, jede Fähigkeit, zu wollen, zu genießen, zu ſchaffen, iſt in mir erſtorben. Wie ein böſer Alp liegt es auf mir; eine unbeſtimmte, unerklärliche Unruhe foltert mich, jagt meine Gedanken wie im Fieber und läßt es mir unglaublich ſcheinen, daß ich auch nur die nächſten Stunden erleben werde. Iſt dieſer Zuſtand vorüber, ſo verfalle ich in eine tiefe Abſpannung und Schwermuth, die freilich ebenfalls meine geiſtigen Kräfte lähmt, aber doch noch erträglicher iſt als jene Qual und Seelenangſt, die ihr voraufgegangen. Man ſagt wohl, der Menſch gewöhne ſich an Alles; aber an dieſe Kriſen gewöhnt man ſich nicht; ſie ſind immer gleich ſchrecklich. Ich bin ſchon vollkommen zufrieden, wenn ſie nur in längern Zwiſchenräumen wiederkehren. Was iſt denn auch am Ende daran gelegen, wenn dieſe Maſchine ganz aus den Fugen geht? Du ſiehſt alſo, mein lieber Junge, daß zu Zeiten der Verkehr mit mir ſeine unangenehmen Seiten hat —— 5 und daß ich meiner guten Jane ſehr dankbar ſein muß, wenn ſie das mit einer Seelenheiterkeit erträgt, wie ſie wohl nur den Frauen eigenthümlich iſt. Es iſt ein wahres Glück für uns, daß die Frauen geiſtig an⸗ ders conſtruirt ſind wie wir, daß auch die beſten unter ihnen etwas von der Natur junger Kätzchen haben, die zu ſchmeicheln verſtehen und uns über böſe Stunden hinwegſpielen. Meine Jane, ſo ernſt ſonſt eigentlich ihre Natur iſt, verſteht ſich auch ganz gut auf die kleinen Kunſtſtücke, die dem Manne eine böſe Laune gleichſam ſpielend hinwegſchmeicheln. Wir erkennen die Kunſt und gutmüthige Verſtellung recht gut, laſſen ſie uns aber gefallen und ſind froh genug, wenn der düſtere Geiſt uns verlaſſen hat, ohne viel danach zu fragen, wer und was ihn vertrieben. Frauen ſind überhaupt für mich Räthſel, über die ich oft nachdenke, ohne mir jedoch viel den Kopf zu zerbrechen. Der Gedankengang des jüngſten und einfachſten Mädchens iſt in gewiſſer Beziehung für mich zu hoch oder zu niedrig— ich meine das Letztere jedoch ohne eine üble Nebenbedeutung. Auch verſtehe ich ja viele Männer nicht. Ich muß alſo wohl aparter, confuſer, genug, anders conſtruirt ſein wie die meiſten andern Leute. Du kannſt Dir vorſtellen, mit welchen Empfin⸗ dungen ich England wiederſah! London kannte ich faſt 6 gar nicht. Ich hatte es damals vor zehn Jahren— ich meine vom Termin meiner Rückkehr an gerechnet — faſt gar nicht geſehen, und Jane hatte England als Kind verlaſſen. Unſer Fahrzeug war bis in die Ge⸗ gend der Docks hinaufgeſegelt und mußte dort eine kurze Quarantäne halten, weil ein bedenklicher Krank⸗ heitsfall an Bord vorgekommen. Kaum hatte man unſere Ankunft ſignaliſirt, als einige Perſonen vom Directorium der Compagnie erſchienen, um mir ihre Anfwartung zu machen und zu ſagen, daß die ganze Compagnie mir zur Verfügung ſtände. Von Qugran⸗ täne war nun nicht mehr die Rede. Man führte mich und Jane, die nun erſt ſtolz auf ihren Gemahl wurde, im Triumph nach dem Indiſchen Hauſe in Leadenhall⸗ Street, und ich konnte mich den ganzen Tag über vor Complimenten und Beräucherungen nicht retten. Das wurde mir bald ſehr langweilig, Jane aber ſchwamm in einem Meere des Entzückens. Ich glaube, ſie hätte acht Tage lang, ohne zu ſchlafen und zu eſſen, die un⸗ endliche Reihe der Gratulanten empfangen und jedem mit einem freundlichen Lächeln danken können. Mich zog es vor allem nach der Heimat. Ich hatte meinen Aeltern nur im Allgemeinen gemeldet, daß ich zurückkehren werde, von London aus aber nicht mehr an ſie geſchrieben. Am dritten Tage reiſte ich —8— 7 mit meiner Frau ab, in meinem eigenen Wagen, den ich mir nebſt Pferden ſchnell gekauft, und eines Sonn⸗ tags vormittags ſah ich das Haus meines Vaters vor mir liegen. Als wir vor dem Hauſe hielten, kannte mich Niemand von der Dienerſchaft, auch meine Ge⸗ ſchwiſter nicht. Meine Mutter jedoch rief ſogleich mei⸗ nen Namen und wurde ohnmächtig vor Freude und Ueberraſchung. Mein Vater fand, ich ſehe lange nicht prächtig genug aus und mache nicht genug Weſens von mir. Nun, deſto mehr thut er ſelbſt! Ich fürchte, der gute Alte wird noch närriſch vor lauter Stolz. Großer Gott, iſt denn England ſo arm an Leuten ge⸗ worden, die im Felde etwas ausrichten können? Welche viel größern Heldenthaten haben Sir Walter Raleigh, John Smith und Andere verrichtet, deren Thaten in Hakluyt's Reiſebeſchreibungen meine jugendliche Seele entflammten! Daß die ganze Umgegend rebelliſch wurde, kannſt Du Dir denken! Ich mußte natürlich meinem Vater zu Liebe einige Dutzend Beſuche machen und erfreute mich der beſten Aufnahme auch bei den älteſten Adels⸗ familien. Nach meines Vaters Anſicht kann mir übri⸗ gens die Lordſchaft eines Tages gar nicht entgehen, und wenn der jetzige Enthuſiasmus anhält, ſo mag er Recht haben. Zu den Wilmingforts bin i Ich erfuhr, daß Miß Birdenhall ſich unmittelbar nach der Rücktehr mit Lord Wilmingfort verheirathet habe. Was ſich weiter ereignet, ſollſt Du im Verlauf dieſes Briefes hören. Ich blieb eine Zeit lang in Shropſhire, hauptſãch⸗ lich meiner Geſundheit wegen. Ich begriff jedoch all⸗ mälig, daß mein Uebel weniger ein körperliches als ein geiſtiges ſei und daß ich demſelben hauptſächlich durch Thätigkeit entgegenarbeiten müſſe. Eine voll⸗ ſtändige Heilung deſſelben kann ich wohl nie erwarten, weshalb alſo ſoll ich meine Zeit mit Nichtsthun hin⸗ bringen? Wenn der Menſch eine Kerze iſt, die ſich verzehrt, während ſie leuchtet, ſo kommt nicht viel darauf an, ob ſie etwas ſchneller oder langſamer ver⸗ brennt, wenn ſie nur während ihres Daſeins möglichſt viel Licht ausſtrahlt und der Welt möglichſt viel nützt. Nachdem ich mit Leichtigkeit die Angelegenheiten mei⸗ nes Vaters geordnet, die ſich nicht im beſten Zuſtande befanden, beſchloß ich nach London zu gehen. Ich er⸗ wähne dabei, weil es Dir wohlthun wird, Deine Anſicht durch eine ſolche Autorität unterſtützt zu ſehen, daß auch mein Vater durchaus nicht mit meiner Heirath zufrieden ſchien, da er ſchon mehrere Lords⸗ töchter für mich ausgeſucht. Erſt Jane's Liebenswür⸗ ch nicht gegangen. 3 1 — — digkeit und kindliche Ehrfurcht verſöhnten ihn mit mei⸗ nem„unüberlegten Schritt“ Dagegen hatte ich die Genugthuung, meine gute Mutter ganz im Einverſtänd⸗ niß mit mir zu wiſſen. Sie liebte Jane wie ihre Tochter. In London richteten wir uns auf ziemlich glän⸗ zendem Fuße ein. Die Compagnie bezahlte mir be⸗ deutende Summen, und das Geld in den Kaſten zu legen iſt nicht meine Liebhaberei. Ich fürchte mich durchaus nicht davor, wieder arm zu ſein, ſeit ich weiß, daß ich die Fähigkeiten habe, mir auch in der Armuth einen geachteten Namen zu machen. Manche Leute mögen das leichtſinnig nennen, aber ich halte das Geld nicht für Zweck, ſondern Mittel. Und warum ſollte ich Jane und mir nicht ein angenehmes Leben bereiten? Jane liebt zwar den Aufwand nicht, findet ſich aber leicht in jede Lage, auch in den Glanz. Wir machten alſo in London ein Haus, und wenn es mir eine Ge⸗ nugthuung geweſen wäre, manchen Lord, dem ſeine Ausgaben ſtreng vorgeſchrieben ſind, durch meinen Auf⸗ wand zu verdunkeln, ſo hätte ich mir dieſe Genug⸗ thuung täglich verſchaffen können. Indeſſen dieſes Leben wurde mir bald langweilig. Adelsſtolze Lords, reiche Kaufleute zu ſehen, von Stamm⸗ bäumen und Geſchäften zu hören, ſich bei überreichen 10 Diners den Magen zu beſchweren, wird bald eine höchſt troſtloſe Beſchäftigung. Dieſes London bietet nur einem gewöhnlichen Ehrgeiz oder dem Streben nach äußern Ehren und Geld Genuß und Befriedigung. Mir ward die Stadt zu eng. Ich erinnerte mich mei⸗ ner indiſchen Unermeßlichkeit und zuweilen ergriff mich eine tiefe Sehnſucht nach Euren Kokos⸗ und Mango⸗ wäldern, nach den Landſtraßen mit dem freien Blick in die Unendlichkeit, nach der Thätigkeit unſeres Kriegs⸗ und Lagerlebens. Was bin ich denn hier? Man macht mir Complimente ins Geſicht und bekrittelt mich hinter meinem Rücken! Ich ſtehe auf, frühſtücke, gehe oder fahre aus, bringe jeden Tag mit denſelben Dingen hin, ſehe dieſelben oder ähnliche Leute, höre dieſelben Ge⸗ ſchichten, die ſich um den Hof, das Parlament, Politik, Schauſpieler, Sänger, Pferderennen drehen, und lang⸗ weile mich dabei vom Morgen bis Abend. Wie ganz anders, als wir die Arkoten auf uns einſtürmen ſahen, oder als wir in den Wald von Koverpakam rückten, oder als ich die engliſche Fahne auf dem Thurm von Jingleput aufhißte! Das war Leben! Da verging jeder Tag zu ſchnell und ich konnte nie den folgenden Morgen erwarten! Dagegen iſt mir das große London ein Gefängniß! Es geſchah eigentlich faſt aus Langweile, daß ich — £ 11 mich in einen Wahlkampf einließ. Es iſt doch wenig⸗ ſtens etwas von einem Kampf, wenn er auch nur mit Worten, Geld, Geſchrei, patriotiſchen Liedern und Stein⸗ würfen ausgefochten wird. Freilich bin ich etwas zu reizbar für einen ſolchen Kampf; er wird nicht ehrlich geführt. Verleumdungen und derartige Kunſtgriffe ſpielen eine große Rolle dabei. Man möchte am lieb⸗ ſten mit dem Säbel antworten; aber das wäre nicht parlamentariſch. Nun genug, ich war mit Henry For, dem Secretär des Kriegs, bekannt geworden und For ſchlug mir vor, mich um eine der beiden Stellen in St.⸗Michael, einem ganz alten kleinen Wahlflecken in Cornwallis, zu bewerben. Dort waren bereits zwei Creaturen Lord Neweaſtle's, des erſten Miniſters, auf⸗ geſtellt. Dieſen wollte Henry Fox, der nicht ſonderlich mit dem Lord Neweaſtle ſteht, entgegenarbeiten, und Lord Sandwich, deſſen Einfluß in St.⸗Michael bis jetzt maßgebend geweſen, unterſtützte ihn dabei. Ich reiſte nach St.⸗Michael und präſentirte mich den Wählern. Es war ein hitziger Wahlkampf, halb ärgerlich, halb lächerlich für mich. Ich errang den Sieg, und wenn es nach Recht und Gerechtigkeit gegangen wäre, ſo ſäße ich heute auf den Bänken der Oppoſition. Aber die Creaturen Neweaſtle's brachten beim Parlament eine Petition ein, in der ſie die Ungültigkeit meiner 12 Wahl beweiſen wollten, und die Angelegenheit mußte im Hauſe verhandelt werden. Nun wird ein ſolcher Fall aber nicht nach Recht oder Unrecht entſchieden, ſondern als Parteifrage behandelt und die Mehrheit irgend einer Partei gibt den Ausſchlag zu Gunſten ihres Anhängers. Hätte ich erklärt, für Lord New⸗ caſtle ſtimmen und mit ihm durch durch Dick und Dünn gehen zu wollen, ſo hätte man die Wahl für gültig erklärt. Das fiel mir aber nicht ein. Auch war die Gültigkeit meiner Wahl ſo ſicher, daß der Ausſchuß des Parlaments ſich für dieſelbe entſchied. Im Hauſe jedoch unterlag mein Recht, das heißt die Politik meines Freundes For, mit wenigen Stimmen, und der Zutritt zum Hauſe der Gemeinen war mir damit verſchloſſen. Ich muß geſtehen, daß mich die Geſchichte damals wurmte, jetzt aber habe ich ſie verſchmerzt, ja, ich bin ſogar zufrieden, nicht in die Politik gezogen worden zu ſein. Mich verdrießt nur die enorme Summe, die ich für die Wahl ausgegeben habe. Ich könnte zeit⸗ lebens von den Zinſen eine ganz gemächliche Exiſtenz führen. Und nun zur Hauptſache. Die Langweile, die ich hier empfinde, der Zuſtand meiner Kaſſe, die na⸗ 7 mentlich durch die Wahl bedeutend angegriffen iſt, die Erinnerung an die ſchönſten Tage meines Lebens haben 13 mich bewogen, meinen Blick wieder nach Indien zu richten. Ich wandte mich an einige Directoren der Compagnie und fragte ſie, ob ſie glaubten, daß es in Indien bald wieder etwas für mich zu thun geben würde. Sie nahmen meine Anerbietungen mit Freuden an und ich bin nun— freue Dich, Will!— zum Oberſtlieutenant in der Armee und Gouverneur des Forts St.⸗David ernannt, augenblicklich des wichtigſten Poſtens in Indien. Die Zeit meiner Abreiſe iſt be⸗ reits feſtgeſetzt. In wenigen Monaten verlaſſe ich England und komme zu Euch nach Indien. Jane iſt damit einverſtanden, meine gute Mutter, die Einzige, die mich wohl gern in England zurückbehalten hätte, iſt leider vor kurzer Zeit geſtorben— nichts feſſelt mich hier, Alles ruft mich nach Indien! Es ſcheint zwar, als ſei dort für den Augenblick nichts zu thun. Wir haben einen vortheilhaften Frieden mit den Fran⸗ zoſen geſchloſſen und Dupleir hat Pondichery verlaſſen müſſen. Aber man munkelt bereits von einem bevor⸗ ſtehenden neuen Kriege mit Frankreich, und ſomit dür⸗ fen wir hoffen, in kurzer Friſt wieder die Fahnen Englands an den Küſten Indiens wehen zu laſſen und womöglich Pondichery ſelbſt zu nehmen. Der arme Dupleix, er thut mir leid! Er war der einzige Mann, der Frankreich in Indien zu Ehren und Anſehen ge 14 bracht. Er hat ſein Vermögen für den Ruhm Frank⸗ reichs geopfert. Nun iſt er, wie ich höre, der Gegen⸗ ſtand der heftigſten und ungerechteſten Anklagen; man will ihm ſeine Auslagen, die ſich auf mehrere Millio⸗ nen belaufen, nicht zurückerſtatten und er iſt ein rui⸗ nirter Mann. Wegen dieſer Gemeinheit allein ſchon verdienen die Franzoſen aus Indien vertrieben zu werden, und ich hoffe, daß uns dies nicht ſchwer werden ſoll, ſeit Dupleix uns nicht mehr gegen⸗ über ſteht. Sein Schickſal liefert den neuen Beweis, daß die große Maſſe das Genie nie zu achten und zu würdigen weiß, ſobald es vom Unglück verfolgt wird. Der Pöbel belohnt nur den Erfolg und das Glück. Ob es in England beſſer wäre, will ich für jetzt unentſchieden laſſen. Man hat Major Law⸗ rence mit ſehr mißtrauiſchen Augen betrachtet, ſolange unſere Angelegenheiten in Indien ſchlecht ſtanden; erſt jetzt iſt er wieder in Gunſt bei der Compagnie und beim Volke. Als ich zurückgekehrt war, erhielt ich die Nachricht, man wolle mir einen reichverzierten, koſt⸗ baren Ehrendegen ſeitens der Compagnie überreichen. Ich ließ ſogleich den Directoren ſagen, daß ich den Degen nimmermehr annehmen werde, wenn nicht auch Major Lawrence daſſelbe Geſchenk erhalte. Dieſe Geld⸗ ſäcke ſollen nicht glauben, daß ich mich auf Koſten eines 15 ſo hochverdienten Offiziers, wie Major Lawrence es iſt, erheben will. Meine Mahnung hat denn auch gefruchtet und dem Major iſt ein eben ſolcher Degen zu Theil geworden. Mr. Barny habe ich nur ſehr ſelten bei einigen Generalverſammlungen der Actionäre der Compagnie wiedergeſehen. Wir haben uns natürlich ſehr kalt be⸗ grüßt, und ich bin überzeugt, daß der alte Halunke gegen mich intriguirt, wo er nur kann. Das ſoll mich jedoch nicht ſehr bekümmern. Ich bin wohl Manns genug, einem ſolchen Schleicher die Spitze zu bieten. Ich habe einmal an ihn geſchrieben und ihn ge⸗ beten, mir als Menſch und Mann von Ehre zu ſagen, was er über das Schickſal Miß Badyſon's wiſſe. Dar⸗ auf hat er mir kühl und geſchäftsmäßig geantwortet, er ſei von ſeinem Correſpondenten in Bombay ohne jede poſitive Nachricht über Miß Badyſon. Es ſcheine, als ob Angria die Freilaſſung noch immer unter allerlei Vorwänden hinhalte. Den Grund dazu gebe vermuth⸗ lich die unbefugte der Regierung von Madras. Lieber Will, ich kann Dir die Verſicherung geben, daß mir das Schickſal des armen jungen Mädchens ſehr zu Herzen geht. Ich begreife auch ſehr wohl, wie 16 unglücklich Du über das Loos Deiner Freundin biſt. Aber ſei überzeugt, daß ſie bei Adora in guter Obhut ſteht, und wenn Du eine Zeit lang keine Nachricht von Adora erhalten, ſo hat das nichts Schlimmes zu be⸗ deuten; ſie kann durch mancherlei Vorfälle am Schrei⸗ ben verhindert worden ſein. Sei überzeugt, daß ſie ihren Willen durchſetzt. Hat ſie einmal gelobt, für Miß Badyſon wie eine Schweſter zu ſorgen, ſo hält ſie auch Wort. Im Uebrigen erwarte mich Ende die⸗ ſes Jahres oder Anfang des nächſten in Bombay. Ich denke ein Wörtchen mit Angria zu ſprechen, deſſen See⸗ räubereien in der letzten Zeit unerträglich geworden ſind, und Deine Gegenwart dabei ſoll mir angenehm ſein. Wenn Du hörſt, daß Lord Wilmingfort mit ſeiner jungen Frau in Calcutta angekommen iſt, ſo wundere Dich nicht über das allerdings ungewöhnliche Ereigniß. Der Hergang iſt kurz folgender. Schon der Vater des Lords hatte ſeine Güter tief verſchuldet, der erſte Sohn war ein noch größerer Verſchwender, und man glaubt allgemein, daß er nicht an einer Herzkrankheit geſtor⸗ ben ſei, ſondern ſeinem Leben durch Gift ein Ende ge⸗ macht habe, da er auf Ehrenwort Verpflichtungen ein⸗ gegangen, die er nicht halten konnte. Lord Francis wußte von dieſer Lage der Dinge nichts, als er zurück⸗ 1 kehrte. Auch der Baronet hatte keine Ahnung davon, ſonſt hätte der Lord ſicherlich nicht die Hand Ellen's erhalten. Erſt als die Verbindung geſchloſſen war, zeigte ſich, daß die Güter der Wilmingforts ſich in einer Verfaſſung befanden, die ihren Herrn zu einem der verſchuldetſten Lords in England machte. Francis iſt am wenigſten der Mann, ſich in eine ſolche Lage zu finden. Er verlor vollkommen den Kopf und traf Anordnungen, welche die Verwirrung noch vermehrten. Alle Verſuche einiger Familienmitglieder, ihn zu retten, ſcheiterten an ſeiner Kopfloſigkeit und man erklärte es für das Beſte, wenn er wieder nach Indien ginge und inzwiſchen die Verwaltung der Güter einem Vetter überließe. Ich habe ihm, ohne ihn perſönlich wieder⸗ geſehen zu haben, eine einträgliche Stellung in Cal⸗ eutta verſchafft, ſodaß er wenigſtens vor Armuth ge⸗ ſichert iſt. Sprich jedoch über das Letztere nicht. Der Baronet ſoll vor Aerger ganz alt und krank geworden ſein; Ellen aber liebt ihren Mann und ſoll ſich mit einer Faſſung, die man bei ihr nicht erwartete, in die traurige Nothwendigkeit fügen. Vielleicht iſt Barny der Einzige, der Schadenfreude über das Loos des Lords und ſeiner Frau empfindet. Man ſagt, er ſei einer der unbarmherzigſten Gläubiger des Lords ge⸗ weſen; aber ich weiß nicht, ob es wahr iſt. Mützelburg, Robert Clive. 1v. 2 18 Und nun gehab' Dich wohl, mein lieber, treuer und guter Will! Bald heißt es: Die Anker gelichtet! und ich hoffe auf freiem Meere wieder aufzuathmen. Den Regierungsdepeſchen habe ich eine Ordre hinzuge⸗ fügt, die Dich als Lieutenant erſten Ranges beſtätigt, und den Befehl gegeben, Dich und einige andere Offiziere mit den disponiblen Truppen nach Bombay zu ſenden. Wir ſchlagen nach meiner Ankunft munter drauf los, wenn auch fürs Erſte nur gegen Angria. Ich habe ſo lange die Kugeln nicht fliegen hören, daß ich ein wahres Heimweh nach einem tüchtigen Scharmützel empfinde. In der Schlacht werde ich wieder geſund ſein! Lebe wohl, grüße Miſtreß Maskelyne und den Lieutenant! Jane grüßt Dich herzlich! Dein Robert Clive.“ „ Zweites Kapitel. Gheria und die ſchwarze Höhle. Es war gegen Ende des Jahres 1755, als eine ſtattliche Flotte von vierzehn engliſchen Schiffen unter dem Commando des Admirals Watſon den Hafen von Bombay verließ, um einen Hauptſchlag gegen die Feſtung Gheria, die bisher für unbezwingbar gehaltene Burg des Seeräubers Angria, zu führen. Sie hatte achthundert Europäer und tauſend Sepoys an Bord, unter dem Commando des Oberſtlieutenants Clive, der erſt vor kurzem in Bombay angelangt war. Das Gebiet, auf welchem die Feſtungen Angria's lagen, hatte früher den Mahratten gehört. Schon der erſte Angria, Konadji, hatte ſich jedoch ſo gutwie un⸗ abhängig gemacht, und als der letzte ſeiner Nachfolger, die ſämmtlich den Namen Angria führten, den Tribut ganz verweigerte und den mahrattiſchen Bevollmäch⸗ 2* 20 tigten, die mit der Einziehung deſſelben betraut waren, die Ohren abſchneiden ließ, nahmen die Mahratten das Anerbieten der Engländer, gemeinſchaftlich gegen Angria vorzugehen, an und operirten zu Lande, während die Engländer von der See angriffen. Schon zu An⸗ fang des Jahres waren die beiden Forts Severndrog und Bankut— jetzt Victoria genannt— vom Commodore James erobert worden, wobei die Mahratten ſich ziem⸗ lich lau gezeigt. Jetzt blieb noch Gheria zu nehmen, das letzte und ſtärkſte Bollwerk der Piraten. Eine Armee der Mahratten unter Ramadji⸗Punt ſollte den Platz von der Landſeite einſchließen. Lieutenant William Starlow, der kurz vor Clive's Rückkehr in Bombay angekommen war und ſeinen be⸗ rühmten Freund mit unausſprechlicher Freude empfan⸗ gen hatte, war mehrmals vom Admiral Watſon und von Clive über die Feſtungswerke von Gheria befragt worden, als der einzige Engländer, der ſie etwas ge⸗ nauer kannte. Will ſchilderte die Werke als ſtark, aber nicht als uneinnehmbar. Anch hatten die Angrianer bei der letzten Expedition des Commodore James un⸗ verkennbare Zeichen von Schwäche und Entmuthigung gegeben. Die Expedition wurde alſo feſt beſchloſſen und unmittelbar nach dem Aufhören der ſtürmiſchen Jahres⸗ zeit unternommen. 3 hee 21 Zum erſten Male ſeit vielen, vielen Jahren ſtanden Clive und Will wieder an Bord deſſelben Schiffes. Wie weit lag die Zeit hinter ihnen, in welcher Will, der treue Schiffsjunge, den Schreiber bei jenem Beſuche in Rio de Janeiro begleitet hatte! Will war jetzt ein ſtattlicher, ja ſchöner junger Mann, in der Blüte des erſten Mannesalters, trotz ſeines friſchen jugendlichen Geſichts mit den freundlichen blauen Augen eine echt ſoldatiſche Erſcheinung, allgemein beliebt, wegen ſeines Dienſteifers bei den Vorgeſetzten, wegen ſeiner Gut⸗ müthigkeit und ſtets hülfebereiten Hand bei den Kame⸗ raden und Untergebenen. Er erſchien viel ſtattlicher als der kleinere und etwas blaſſe Oberſtlieutenant Clive, der älter ausſah, als er wirklich war, und über deſſen ganzem Weſen ein Hauch von Krankhaftem lag. Im bürgerlichen Anzuge würde Clive von Niemand für einen Soldaten und am allerwenigſten für den uner⸗ müdlichen und ausdauernden Vertheidiger von Arkot oder den kühnen Helden von Koverpakam gehalten worden ſein. Clive hatte ſeinen Arm auf Will's Schulter gelegt und blickte gedankenvoll hinaus auf die ſanftbewegte See, über welche die Flotte mit dem günſtigſten dahinglitt. „Alſo der Major Lawrence iſt auch wieder kränk⸗ 22 lich“ ſagte er, ſich aus ſeinen Gedanken reißend.„Er leidet am Aſthma, ſeinem alten Uebel. Ja, dieſe alten ſchlimmen Bekannten verlaſſen uns nicht! Mir iſt auf der Reiſe hierher wieder wohler geworden. Ich denke, ich nehme es abermals einige Jahre mit dem indiſchen Klima auf. Scott iſt ihm auch erlegen. Nun, ich hätte auch ohne ſeinen Tod ſelbſtſtändig die Landungs⸗ truppen bei dieſer Expedition befehligt. Scott war nämlich von den weiſen Leuten in London für dieſe und noch eine andere Expedition im Innern zum Com⸗ mandeur beſtimmt, wahrſcheinlich auf meines Freundes Barny Vorſchlag, der mir damit eine Kränkung berei⸗ ten wollte. Bah, ein guter Offizier kann in jeder Stellung ſeine Schuldigkeit thun und ſich auszeichnen! Den kleinlichen Ehrgeiz, überall der Erſte zu ſein, kenne ich nicht, nur den Ehrgeiz, mich hervorzuthun. Deshalb iſt mir auch dieſe Expedition nach Gheria willkommen als ein hoffentlich guter Anfang. Iſt ſie gelungen, ſo ſprechen wir ein Wörtchen mit Salabut⸗Jing, dem Subah des Dekan. Er hat den Franzoſen große Land⸗ ſtriche eingeräumt— wir dürfen nicht dulden, daß ſie ihre gebrochene Macht von neuem aufrichten. Nun, davon ſpäter! Was meinſt Du, Will, wenn wir als Sieger in Gheria einziehen und Adora und Miß Elara uns entgegeneilen und ſich Miß Clara Dir in die Arme wirft, wie die Prinzeſſin dem tapfern Ritter, der ſie aus der Höhle des Drachen befreit hat?“ „Dann müßte ſich ja auch Adora Ihnen in die Arme werfen!“ rief Will, ſeine Verlegenheit unter einem Lächeln verbergend. „O, ich bin längſt kein Ritter der Damen mehr“, antwortete Clive.„Ich bin ein ſanfter, zahmer Ehe⸗ mann, für den es keine Prinzeſſinnen mehr gibt. Ich habe mir meine ruhige Häuslichkeit erobert. Dabei hat es für immer ſein Bewenden.“ Und er blickte wieder gedankenvoll hinaus auf die See. Ob er glücklich war? Will hatte nicht umhin gekonnt, ſich oft die Frage vorzulegen. Zwar war ihm die Ehe Clive's, ſoweit er ſie während der wenigen Tage in Bombay beobachtet, als ein Muſter ruhiger, ſtiller Häuslichkeit erſchienen. Aber er war nicht davon befriedigt worden. Der Gedanke, als müſſe es doch ein anderes Weſen ſein, das Clive ganz glück⸗ lich machen könne, hatte ihn nie verlaſſen. Er zürnte ſich ſelbſt darüber. Miſtreß Clive war ſo ſchön, ſo weiblich, immer voll Anmuth und Freundlichkeit! Will fand, daß er zu anmaßend ſei, daß ihm gar kein Recht zuſtehe, die Verhältniſſe ſeines Freundes mit anderm Maßſtabe zu meſſen als dieſer ſelbſt. Wenn Clive glücklich und befriedigt war, weshalb ſollte ſich Will 24 nicht aufrichtig darüber freuen, anſtatt insgeheim darüber zu kritteln und ſich Clive's Gattin nach einem andern unbeſtimmten und unfaßbaren Bilde auszu⸗ malen? War Clive überhaupt der Mann, der durch häusliche Freuden glücklich gemacht und befriedigt wer⸗ den konnte? Will beſchloß, ſich ſeine Gedanken, Ver⸗ muthungen, Befürchtungen ein⸗ für allemal aus dem Sinn zu ſchlagen. Er erſchrak bei der Vorſtellung, Clive könne ahnen, was in ſeiner Seele vorgehe. „Wiſſen Sie, Oberſtlieutenant“, ſagte er,„ich glaube nicht, daß wir die beiden Damen noch in Gheria finden werden. Es wäre eine zu große Freude für mich, und ich habe bereits die Erfahrung gemacht, daß das Ge⸗ ſchick oder das Verhängniß, wie Sie es gewöhnlich nennen, dem Menſchen äußerſt ſelten eine ununterbro⸗ chene Reihe von Annehmlichkeiten ſendet. Irgend eine Hoffnung pflegt gewöhnlich vereitelt zu werden. Mein ganzes Leben war in den letzten Jahren eine einzige Reihe von Glücksfällen, und in der neueſten Zeit bin ich noch durch Ihre Ankunft und durch die Beſtätigung meines Avancements erfreut worden. Eine Entbehrung wird mir alſo wohl beſchieden ſein, wenn auch eine ſehr ſchmerzliche. Miß Clara werde ich nicht finden.“ „Beſſer, ſie nicht zu finden, als ſie im Harem als Sklavin Angria's wiederzuſehen!“ ſagte Clive.„Uebri⸗ 25 gens helfen derartige philoſophiſche Betrachtungen wenig. Wir werden ja morgen ſchon wiſſen, woran wir ſind. Ich bin der feſten Ueberzeugung, daß Adora es Dir mitgetheilt hätte, wenn eine Aenderung in dem Geſchick Miß Clara's vorgegangen wäre. Freilich kann in dieſen Landen und in dieſen Zeiten ein Brief ſehr leicht verloren gegangen ſein.“ „Und wenn wir ſie nun wirklich fänden, würden Sie dann bei Ihrem gütigen Vorſatze beharren, Miß Clara dem Schutze der Miſtreß Maskelyne oder Miſtreß Clive anzuvertrauen?“. „Gewiß!“ antwortete Clive.„Was Adora anbe⸗ trifft, ſo glaube ich, wird ſie kaum nach Madras zurück⸗ kehren wollen. Wenigſtens denke ich mir das!“ fügte er zögernd hinzu. Das Hinzutreten einiger Offiziere unterbrach hier das Geſpräch, das ſich nun auf Gegenſtände der Ex⸗ pedition lenkte. Um die Mittagszeit des folgenden Tages war man auf der Höhe von Gheria und alle Fernröhre auf den Schiffen richteten ſich nach der gefürchteten Feſtung. Ein größeres Boot ſegelte nach der Küſte, um ſich wo⸗ möglich mit Ramadji⸗Punt in Verbindung zu ſetzen und zu erfahren, ob er bereit ſei, die Stadt von der Landſeite anzugreifen, wie es feſtgeſetzt war. 26 Das Admiralſchiff, auf dem ſich auch Elive und Will Starlow befanden, näherte ſich dem Fort Gheria bis auf Kanonenſchußweite. Deck und Racen waren mit Neugierigen beſetzt, deren Blicke jeden Stein unter⸗ ſuchten. Die Angaben Will's fanden ſich beſtätigt. Die ausgedehnten Feſtungswerke, die ſich auf den haushohen Felſen erhoben, an deren Fuß das Meer brandete, ſchienen einem gewaltigen Angriff Trotz bieten zu können. Mit dem Lande war das Fort durch eine ſchmale ſandige Landzunge verbunden, die zu der Stadt Gheria führte. Dort lagen die Grabs, die größern Fahrzeuge der Angrianer, und eine Anzahl im Bau begriffener Schiffe. Von der Armee Ramadji⸗Punt's war mit den beſten Fernröhren nichts zu entdecken. Indeſſen mochte ſie ſich hinter den Bergen an der Küſte befinden. Admiral Watſon und Clive beſchloſſen, nicht ſogleich zum Angriff zu ſchreiten, ſondern zu warten, bis ſie Nachricht von Ramadji⸗Punt erhalten hätten. Sobald dieſen Nachrichten zufolge ein Angriff geboten ſchien, ſollte Clive ſeine Truppen landen, und das Fort von der Landzunge aus angreifen, gleichviel ob die Mah⸗ ratten ihn unterſtützten oder nicht. Ihr Beiſtand ſchien dem Oberſtlieutenant ohnehin überflüſſig, vielleicht, da man ihnen gar nicht trauen konnte, gefährlich. j 1 — Im Fort herrſchte ſcheinbar die tiefſte Stille. Man ſah keinen Menſchen auf den Wällen, nur die bunte Flagge des Piraten flatterte kühn und luſtig auf einem der Thürme. Will erkannte deutlich an einzelnen Baumwipfeln die Lage des kleinen Parks und war im Innern zufrieden, daß die Gebäude, die ihn umgaben und in denen vermuthlich Miß Clara und Adora wohn⸗ ten, vor den Kugeln ziemlich geſchützt ſchienen. Mit welchen Gedanken mußte Clara, wenn ſie ſich wirklich dort befand, dem Angriff entgegenſehen, der ihr die Freiheit, aber auch durch eine üi Kugel den Tod bringen konnte! Nach zwei Stunden kehrte das Segelboot von der Küſte zurück und brachte die Nachricht, daß Angria bei dem Erſcheinen der Flotte die Vertheidigung ſeinem Bruder übergeben habe und zu Ramadji⸗Punt geeilt ſei, um mit dieſem zu verhandeln. Ramadji⸗Punt habe zwar Angria in Feſſeln ſchlagen laſſen und be⸗ handle ihn fanſcheinend als Gefangenen, aber es ſei nichtsdeſtoweniger höchſt wahrſcheinlich, daß dieſe Be⸗ handlung nur eine Liſt ſei, um Gheria den Mahratten in die Hände zu ſpielen und die Engländer von der Beute auszuſchließen. Vermuthlich habe Angria Ver⸗ ſprechungen für die Zukunft von den Mahratten er⸗ 28 halten, wenn er nur mit ihnen unterhandeln und nur ihnen Gheria übergeben wolle. Clive hielt es für höchſt wahrſcheinlich, daß Ra⸗ madji⸗Punt nichts ſehnlicher wünſche, als die Engländer um den Ruhm des Erfolgs und um ihren Antheil an der Beute zu betrügen. Er beſtimmte alſo den Admiral Watſon zum unverzüglichen Angriff. Die Schiffe näherten ſich in Schlachtordnung und das Fort wurde aufgefordert, ſich zu ergeben. Als nach zehn Minuten keine Antwort erfolgt war, begannen die Schiffe aus anderthalbhundert Kanonen und vielen Mörſern ein gewaltiges Feuer. Eine Bombe fiel auf einen der Grabs, der Feuer fing. Er war durch eine Kette mit den andern Fahrzeugen verbunden, und da die Angri⸗ aner in der Verwirrung und unter dem Kugelregen die Fahrzeuge nicht ſchnell von einander löſen konnten, ſo gerieth die ganze feindliche Flotte in Brand. Die Angrianer erwiderten das Feuer ohne vielen Erfolg und ſtellten es nach einer Stunde ganz ein, ob aus Ermattung, oder weil ihre Werke gelitten, oder weil ſie capituliren wollten, ließ ſich nicht erkennen. Eine wiederholte Aufforderung zur Uebergabe blieb abermals ohne Antwort. Von einem der Schiffe, die in der Nähe der Land⸗ zunge poſtirt waren, wurde jetzt ein Mann bemerkt, 29 der auf das Schiff zuſchwamm. Er wurde an Bord genommen und ſagte aus, daß er ein Araber ſei und vor einem Jahre von den Angrianern gefangen wor⸗ den, als er einen portugieſiſchen Herrn als Dolmetſcher nach Goa begleiten wollte. Die Angrianer hätten die europäiſche Beſatzung gegen ein Löſegeld frei gelaſſen, ihn aber wegen ſeiner Sprachkenntniſſe behalten. Man brachte ihn zum Admiral Watſon. Dort ſagte er aus, es herrſche große Entmuthigung im Fort, doch ſei der Befehl gegeben worden, es bis zum folgenden Morgen zu halten, da es alsdann den Mahratten übergeben werden ſolle. Man rechne darauf, daß die Engländer ihren Angriff nicht fortſetzen würden, da der Abend nahe. „Nun, dann haben wir keine Minute Zeit zu ver⸗ lieren, Admiral!“ rief Clive.„Ueberſchütten Sie das Fort mit einem Hagel von Bomben, während wir landen. Wenn es auch zu ſpät iſt, um heute noch das Fort zu nehmen, ſo will ich wenigſtens die Landzunge beſetzen, damit nicht die Mahratten etwa während der Nacht in das Fort rücken.“ Die Ausſchiffung der Landtruppen begann ſogleich. Niemand dachte daran, ſie zu verhindern. Die Be⸗ ſatzung des Forts hatte genug zu thun, das Feuer der Schiffe einigermaßen zu erwidern und die entſtehenden 30 Brände zu löſchen. Nach einer halben Stunde ſtand Clive's kleine Armee auf der Landzunge, jeden Augen⸗ blick bereit, ſowohl das Fort anzugreifen, als gegen die Mahratten Front zu machen. Die Nacht verging ruhig. Clive wenigſtens ſchlief in einem Boote, das man auf das Land gezogen, tief und feſt. Unruhiger war Will, der von freien Stücken das Commando der Wachen übernommen hatte, da er wußte, daß ihm der Gedanke an Miß Clara, an die Möglichkeit des Wiederſehens oder auch eines ſchweren Verluſtes keinen Schlaf gönnen werde. Verſchiedene Angrianer, die ſich durchſchleichen wollten, wurden ge⸗ fangen. Da aber keiner von ihnen engliſch ſprach, ſo konnte Will ſeinen Drang, etwas über die heiden Frauen zu erfahren, nicht befriedigen. Die Nacht wurde ihm entſetzlich lang. Mit Tagesanbruch forderte Admiral Watſon das Fort abermals auf, ſich zu ergeben. Sei die zuſtim⸗ mende Antwort nicht in einer Stunde erfolgt, ſo werde er angreifen und keinen Pardon geben. Darauf ließ der Befehlshaber von Gheria um einen Waffenſtillſtand bitten, damit er die Befehle Angria's einholen könne. Watſon ging nicht auf dieſe Bitte ein, und nach einer Viertelſtunde begann das Feuer von neuem und mit verdoppelter Kraft. Nun zogen die Angrianer die 3¹ weiße Fahne auf. Clive wollte in das Fort einrücken, aber die Angrianer hielten die Thore geſchloſſen. Es unterlag keinem Zweifel, daß ſie die Uebergabe ſo lange als nur irgend möglich hinhalten wollten. Aber nun waren die Engländer wild geworden. Ein Feuer, wie es in den Gewäſſern Indiens noch nicht gehört worden, erdröhnte vor den Mauern Gherias und ein Hagel von Kugeln erſchütterte Mauern und Felſen. Die Wirkung mußte eine furchtbare ſein, denn die An⸗ grianer riefen nun von den Thoren herunter jämmer⸗ lich um Gnade. Clive, der auf dieſen Moment nur war⸗ tete, ließ ſeine Truppen in die geöffneten Thore ein⸗ rücken. Gheria war genommen. Nun ergoſſen ſich die Engländer über die ganze Feſtung, die ihnen, wenn ſie gut vertheidigt worden wäre, einen langwierigen Widerſtand hätte leiſten können. „Lieutenant Starlow mit zwölf Mann abcomman⸗ dirt, um zu ſehen, ob ſich Frauen in der Feſte befinden, und denſelben Schutz zu leiſten!“ befahl Clive, und Starlow eilte fort. Er fand bald genug den Zugang zum Park. Das Erſte, was ihm dort in die Augen fiel, war ein ſchwar⸗ zes Kreuz auf einem kleinen Hügel von länglicher Form. Auf ihm ſtanden mit weißer Farbe die Worte: Emma Badyſon, geborene Stephens; geſtorben am 12. December 1751. Es war das Grab ſeiner Freundin. Lange währte es, ehe Will eine Dienerin ſprechen konnte. Alle Frauen hatten ſich in die innerſten Räume geflüchtet. Der junge Lieutenant war überzeugt, daß Clara oder Adora, wenn ſie ihn von den Fenſtern be⸗ merkt, ihm längſt entgegengekommen wären. Er hoffte alſo nicht mehr, ſie zu finden. Endlich traf er eine Die⸗ nerin, die er früher in der Umgebung der Miſtreß Badyſon geſehen. Sie verſtand einige Worte Engliſch und auf ſeine Fragen erwiderte ſie ihm, Adora und die junge Engländerin befänden ſich nicht mehr in Gheria. Wohin ſie gegangen, was aus ihnen gewor⸗ den, wußte ſie entweder nicht oder konnte es nicht in engliſcher Sprache ausdrücken. Will Starlow mußte alſo ſeine Ungeduld bezähmen, bis der Araber, der bei den Verhandlungen mit An⸗ gria's Bruder als Dolmetſcher diente, ſeinen Dienſt verrichtet hatte. Clive, der ſelbſt in den Harem ge⸗ kommen war und dort von Will erfahren hatte, was dieſer von der Dienerin gehört, enthob den Lieutenant des Poſtens, den er ihm nur in der Hoffnung ange⸗ wieſen, er werde die beiden Damen finden. Was der Lieutenant bald darauf von dem Araber 33 erfuhr, war nicht geeignet, ihn mit größerer Beruhigung über das Schickſal der beiden Damen zu erfüllen. Der Araber wußte ganz genau, daß zur Zeit ſeiner An⸗ kunft eine junge Fremde, die er ſelbſt einmal geſehen und die der Beſchreibung nach Miß Clara ſein mußte, dem Sultan Angria angetraut werden ſollte. In der Nacht aber vor der Eheceremonie ſei ſie mit einer andern Frau— der Schilderung nach mußte es Adora geweſen ſein— aus Gheria auf unerklärliche Weiſe geflohen. Angria hatte ihnen nachſetzen laſſen und war wie ein Tiger über die Flucht der beiden Frauen ergrimmt geweſen. Aber die Verfolger hatten ſie nir⸗ gends gefunden. Zwiſchen jener Zeit und der Ein⸗ nahme von Gheria lag ungefähr ein Zeitraum von neun Monaten. Adora hätte alſo ſchreiben können, mußte aber durch irgend ein Ereigniß daran gehindert ſein, wenn der Brief nicht verloren gegangen war. Alſo der Entehrung war Clara entflohen. Ob es ihr aber mit Adora gelungen, ein anderes ſicheres Aſyl zu erreichen, das war eine trübe und kaum zu bejahende Frage. Clive, dem Will dieſe Auskunft mit⸗ theilte, ſuchte ſeinen jüngern Freund damit zu be⸗ ruhigen, daß Adora mit den Verhältniſſen des Landes bekannt ſei und infolge ihrer hohen Abkunft überall einer großen Verehrung genieße, unter deren Schutze Mützelburg, Robert Clive. 1v. 8 34 es ihr gewiß möglich geworden ſei, irgend eine ſichere Zufluchtsſtätte zu erreichen. Vielleicht fanden ſich auch in Madras Nachrichten von ihr vor. Will konnte die⸗ ſen Troſtſprüchen nichts entgegenſetzen und mußte ſich in das Schickſal fügen. Aber er war um eine Hoff⸗ nung ärmer, die mit ſeinem innerſten Leben verwachſen geweſen, und wurde ſeit dieſem Tage ernſter, als man ihn je zuvor geſehen. Die Beute, welche die Engländer in Gheria ge⸗ funden, war eine ſehr beträchtliche. Wichtiger jedoch war die Zerſtörung aller Feſtungswerke und Fahrzeuge der Piraten. Ramadji⸗Punt, erbittert darüber, daß ihm Gheria entgangen, kümmerte ſich nicht viel um die Verſprechungen, die er Angria gemacht, und in wenigen Wochen befand ſich das ganze bisher unabhängige Ge⸗ biet der Angrianer wieder unter der Herrſchaft der Mahratten. Das von Clive vorgeſchlagene Unterneh⸗ men war vom glänzendſten Erfolge gekrönt geweſen, und mit einem neuen Lorbeer geſchmückt begab ſich Clive, von ſeiner Gattin begleitet, nach St.⸗David auf ſeinen Gouverneurspoſten. Dort erwarteten ihn Feſte und Ehrenbezeigungen aber auch, was ihm viel angenehmer war, gegründete Ausſichten auf neue und große Unternehmungen. Zwi⸗ ſchen Frankreich und England ruhte der Kampf aller⸗ eicebeee 35 dings, aber Engländer ſowohl als Franzoſen waren unabläſſig im Felde geweſen, die erſtern, um Mo⸗ hammed⸗Ali und ſeinen Bruder Maphuſi⸗Khan gegen die rebelliſchen Polygars zu unterſtützen, die letztern, um den Subah des Dekan, Salabut⸗Jing, gegen eine Menge ehrgeiziger Nebenbuhler und Rebellen im Nor⸗ den des Dekan aufrecht zu erhälten und ihren Einfluß, den ſie im Süden, im Karnatik und an der Küſte von Koromandel verloren, im Norden auf neuen Grund⸗ lagen aufzubauen und zu befeſtigen. Den Engländern hatte bei ihren Unternehmungen Mohammed Iſſuf durch ſeine Kenntniß des Landes, der Geſinnungen und Schlupf⸗ winkel der Polygars große Dienſte geleiſtet; die fran⸗ zöſiſchen Beſtrebungen im Norden waren ebenfalls ſehr guten Händen anvertraut geweſen, denen des erfahre⸗ nen und tapfern Oberſten Buſſy, des einzigen Fran⸗ zoſen, der neben Lawrence und Clive genannt werden konnte. Oberſt Buſſy hatte mit ebenſo viel Feſtigkeit als Geſchicklichkeit ſeinen Einfluß auf den Vicekönig des Dekan zu bewahren gewußt; Salabut⸗Jing folgte unbedingt ſeinen Eingebungen, ſodaß der Einfluß der Franzoſen in jenen reichen Gegenden noch immer ein mächtiger und, falls Salabut⸗Jing ſich ganz feſtſetzte und alle ſeine einheimiſchen Gegner niederwarf, für die Engländer bedenklicher war. Es kam deshalb den Eng⸗ 3* 36 ländern ſehr gelegen, daß ein ehrgeiziger Miniſter Sa⸗ labut⸗Jing's, durch den Einfluß Buſſy's in ſeinen Plä⸗ nen geſtört, ein Zerwürfniß zwiſchen ſeinem Herrn und dem franzöſiſchen Heerführer hervorrief, infolge deſſen Buſſy die Staaten Salabut⸗Jing's verließ, um nach Pondichery zurückzukehren. Zugleich war von jenem Miniſter ein Schreiben an die Engländer gerichtet worden, in welchem ſie gebeten wurden, Salabut⸗Jing ein Hülfscorps zu ſenden. Um dieſe Zeit traf Clive auf einer amtlichen Ge⸗ ſchäftsreiſe von St.⸗David in Madras ein. Sein leb⸗ hafter Geiſt erfaßte ſogleich alle Möglichkeiten, welche ſich aus dieſer Lage der Dinge für die Engländer er⸗ gaben. Gelang es, durch die Unterſtützung eines eng⸗ liſchen Hülfscorps Salabut⸗Jing in ſeiner Herrſchaft zu befeſtigen, ſo war der franzöſiſche Einfluß auch im Herzen des Dekan gebrochen und die Engländer trium⸗ phirten nicht nur im Süden, ſondern im ganzen großen Dekan. Niemand ſchien geeigneter, dieſes Hülfscorps zu commandiren, als Clive, denn ſein Name wurde ſeit der Vertheidigung von Arkot mit der höchſten Ach⸗ tung im ganzen Dekan, ſelbſt von ſeinen Feinden, ge⸗ nannt. Es war deshalb bereits feſtgeſetzt, daß drei⸗ hundert Engländer und fünfzehnhundert Sepoys ſich marſchfertig halten ſollten, um unter dem Befehle 37 Clive's nach dem Norden abzurücken, und Clive ent⸗ warf bereits die Liſte der Offiziere, die ihn begleiten ſollten, unter denen Will Starlow, Maskelyne und Iſſuf nicht. fehlten. Da trafen Briefe aus Calcutta ein, welche die größte Aufregung in Madras hervorriefen und den Plänen der Regierung! ſowie Clive's eine ganz andere Richtung gaben. Von allen Präſidentſchaften der vſtindiſchen Com⸗ pagnie war diejenige von Bengalen bis jetzt am we⸗ nigſten von kriegeriſchen Ereigniſſen beunruhigt worden. Die Engländer beſaßen dort am Hughly, einem der vielen Arme des rieſigen Gangesſtroms, eine Be⸗ ſitung von nur mäßiger Größe, für die ſie dem Bice⸗ könig von Bengalen, Oriſſa und Behar, einem Va⸗ ſallen des großen Mogul, Lehnzins zahlten und in welcher ſie, gleich andern großen Grundeigenthümern, eigene Gerichtsbarkeit übten. Die Vortheile, welche die hier angeſeſſenen Engländer dem einheimiſchen Handel brachten, ſowie der wenig kriegeriſche Charakter der eingeborenen Bevölkerung hatten bisher Reibungen verhindert, und nur von Mahrattenſchwärmen, die bis an die Ufer des Hughly vordrangen, waren die Engländer ebenſo wie die Eingeborenen beunruhigt worden. Für die Compagnie war dieſe Niederlaſſung eine der reichſten und einträglichſten. Unermeßlich wa⸗ 38 ren die Summen, welche man in London für Reis, Gewürz, Zuckerrohr, Oelfrüchte, Getreide, Teppiche und Shawls löſte, die mit verhältnißmäßig geringem Auf⸗ wande von der friedlichen, Ackerbau oder Weberei trei⸗ benden Bevölkerung Bengalens eingekauft wurden. Un⸗ erſchöpflich ſchien der Reichthum dieſes Tieflandes am untern Ganges, das ſelbſt im fruchtbaren Indien als das reiche Königthum, der Garten Eden bezeichnet wird. Von allen Beamtenſtellen der Compagnie waren diejenigen in Calcutta, einer Stadt, die ſich allmälig am Ufer des Hughly unter den Mauern des Forts William angebaut hatte, die einträglichſten geweſen; deshalb hatte auch Clive dem verarmten Lord Wil⸗ mingfort dort eine Stellung ausgewirkt. Während die Engländer in Madras fortdauernd von den Franzoſen und deren einheimiſchen Verbündeten beunruhigt und gebrandſchatzt wurden, hatten die Beamten und Kauf⸗ leute am Hughly ſich ungeſtörten Friedens und un⸗ unterbrochener gewinnreicher Thätigkeit erfreut, und das böſe Klima des ſumpfigen Landes ausgenommen, galt Calcutta für das Paradies und zugleich für das Eldorado der Engländer in Indien. Schon vor einigen Monaten waren Briefe aus Calcutta in Madras angelangt, welche Befürchtungen ausſprachen, daß die Ruhe, deren ſich die Präſident⸗ ————ceeheeehi 39 ſchaft Bengalen bisher erfreut, ernſtlich geſtört werden könne. Aliverdy⸗Khan, der Vicekönig von Bengalen, Oriſſa und Behar, war geſtorben und hatte als Nach⸗ folger ſeinen Enkel Suradſcha⸗Daulah“) hinterlaſſen, einen jungen, kaum mehr als zwanzigjährigen Mann, an deſſen Namen ſich aber bereits die größten Greuel⸗ thaten knüpften. Er war allgemein gefürchtet wegen ſeiner Hinterliſt und Grauſamkeit. Alles, was man ſich je von aſiatiſchen Despoten erzählt, ſchien in ihm vereinigt zu ſein. Seine Vernunft und Willenskraft waren durch frühzeitige Ausſchweifungen gebrochen und hatten einer böſen, tückiſchen Laune, einer wilden Ge⸗ reiztheit Platz gemacht, die ſich durch den Genuß ſtarker Getränke oft bis zur Raſerei ſteigerte. Er kannte nur ſein eigenes Ich, ſeine eigene Willkür, duldete nur Schmeichler um ſich und wußte von keiner andern Moral als den Begierden ſeines Eigennutzes, die zu befriedigen ihm jedes Mittel recht war. Schon als Knabe hatte er Thiere gemartert, nur weil er Ver⸗ gnügen daran fand; noch bei Lebzeiten Aliverdy⸗Khan's hatte er eine Anzahl Männer, die ihn beleidigt oder *Eigentlich Chiragee⸗al⸗Dowla,„die Leuchte der Reichthü⸗ mer“, oder auch„Sonne des Staats“. Sein Großvater, Aliverdy⸗ Khan, iſt nicht mit dem früher erwähnten Anaverdy⸗ Khan, Nabob von Arkot, zu verwechſeln. 40 die ihm im Wege ſtanden, meuchleriſch ermorden laſſen. Jetzt, als faſt unbeſchränkter König des mächtigen Rei⸗ ches Bengalen, konnte er allen ſeinen böſen Lüſten und Neigungen fröhnen und den Widerſtand brechen, wo er ihn fand. Daß ſein Großvater Aliverdy⸗Khan die Herrſchaft von Bengalen ſelbſt nur durch Gewalt er⸗ langt und ſich nur durch eine verhältnißmäßig gute und weiſe Regierung in dieſer Herrſchaft erhalten hatte, daß alſo ein ſchlechtes Regiment ihm gefährlich werden und Erinnerungen an die Unrechtmäßigkeit ſeiner Herr⸗ ſchaft erwecken könne, kam dem jungen Wüſtling, der nur für die Befriedigung ſeiner ſtündlichen Gelüſte lebte, nicht in den Sinn. Nun gab es in Indien und in der Nachbarſchaft der Engländer genug Fürſten, die, wenn auch nicht ganz ſo ſchlecht, doch dem Suradſcha⸗Daulah ähnlich waren, ohne daß ſich die Engländer viel darum küm⸗ merten. Aber von Suradſcha⸗Daulah wußte man, daß er die Engländer haſſe. Einen Grund dafür konnte er wahrſcheinlich ſelbſt nicht angeben; dieſer Haß war eine Grille von ihm, eine Laune; vielleicht waren ihm die Engländer, mit denen er zuweilen zuſammengetrof⸗ fen, nicht unterwürfig genug begegnet. Ueberdies hatte er ſich übertriebene Vorſtellungen von den Reichthümern der Engländer in Calcutta gemacht und zuweilen 41 Aeußerungen fallen laſſen, daß es an der Zeit ſei jenen Fremdlingen das Handwerk zu legen und ſie womöglich ganz zu vertreiben. Der Bewohner von Calcutta bemächtigte ſich deshalb eine dumpfe Unruhe. Da ſie jedoch ſorglos und träge waren, auch noch keine beſtimmten Gründe zur Beſorgniß vorlagen, ſo dachten ſie weder daran, Fort Williams und Calcutta zur Ge⸗ nüge zu befeſtigen, noch bei Zeiten Hülfstruppen an ſich zu ziehen. Ihre Beſorgniſſe waren vielmehr gegen die Franzoſen gerichtet, mit denen man in einen neuen Krieg verwickelt zu werden befürchtete, und nur aus dieſem Grunde errichtete man einige neue ſchwache Schanzen bei Fort William. Die Franzoſen, welche am Hughly ebenfalls eine Niederlaſſung und ein Fort, Chandernagor, beſaßen, ſchienen die nächſten und ge⸗ fährlichſten Feinde. Aliverdy⸗Khan war am 9. April 1756 geſtorben. Wenige Wochen darauf gelangte die Nachricht nach Calcutta, daß Suradſcha⸗Daulah ein großes Heer zu⸗ ſammenziehe und nach dem Süden vorrücke. Noch glaubte man jedoch nicht im Ernſt an eine wirkliche Gefahr. Erſt als Boten eintrafen, welche im Namen Suradſcha⸗Daulah's verlangten, daß die neuen Befeſti⸗ gungen von Calcutta niedergeriſſen würden und daß man einen gewiſſen Kiſſendas an den Subah von Ben⸗ 42 galen ausliefere, begriffen die Engländer, daß man ihren Frieden ſtören wolle. Dieſer Kiſſendas war ein reicher Eingeborener, der noch bei Lebzeiten Aliverdy⸗ Khan's aus Dakka, im Innern Bengalens, geflohen war, weil man ihn unter mancherlei Vorwänden ſeiner Schätze berauben wollte. Er hatte in Calcutta freund⸗ liche Aufnahme bei den Engländern, namentlich aber bei ſeinem Landsmann Omichund gefunden, einem ſehr reichen indiſchen Kaufmann, der ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren in Calcutta lebte und den Handel der Europäer mit den Eingeborenen vermittelte. Da nun mit dieſer Aufforderung zugleich die Nachricht eintraf, daß der Subah aus ſeiner Haupt⸗ ſtadt Murſchidabad mit einem großen Heere aufge⸗ brochen ſei und ſich gegen Koſſimbaſar, eine Factorei der Engländer, gewendet habe, ſo verloren die Behör⸗ den in Calcutta vollkommen den Kopf. Man wagte nicht einmal die Befeſtigungen zu vollenden, da ja die Anlegung der Schanzen eine der Hauptbeſchwerden Suradſcha⸗Daulah's bildete. Wer nichts mit ſich zu nehmen hatte, floh ſogleich; der größte Theil der Frauen und Kinder wurde den Hughly hinabgeſendet. Die meiſten Männer mußten jedoch bleiben, um wenigſtens einen Theil ihres Eigenthums zu retten. Es fehlte an jedem Oberbefehl. Der Gouverneur und der Com⸗ S 43 mandant flohen. Mr. Holwell, einer der Beamten der Compagnie, übernahm in der allgemeinen Verwirrung die geſammte Oberleitung der bürgerlichen und mili⸗ täriſchen Angelegenheiten. An die Holländer in Schin⸗ ſura und die Franzoſen in Chandernagor hatte man um Hülfe geſchrieben. Die Holländer antworteten ver⸗ neinend; die Franzoſen erwiderten höhniſch, wenn die Engländer ſich zu ihnen flüchten wollten, ſo würden ſie verſuchen, ſie zu ſchützen. Dieſe Nachrichten gelangten verhältnißmäßig ſpät nach Madras, da die ſüdlichen Monſuns herrſchten und Schiffe ſich faſt gar nicht die Küſte entlang wagten. Ein großes Conſeil aller Beamten der Compagnie und aller in Madras befindlichen Oberoffiziere wurde zuſammen⸗ berufen. Clive befand ſich, wie erwähnt, ebenfalls in Madras. Major Lawrence war zwar dort, aber wegen eines aſthmatiſchen Uebels kriegsuntüchtig. Hätte kein anderer Umſtand die Gemüther der Beamten beunruhigt als die bevorſtehende Wegnahme Calcuttas, ſo würde gar kein Meinungsunterſchied dar⸗ über gewaltet haben, daß man ſofort alle disponiblen Kräfte nach Bengalen ſchicken müſſe. Aber einer⸗ ſeits lag jene Bitte Salabut⸗Jing's vor, welche ein engliſches Hülfscorps verlangte, und andererſeits mel⸗ deten Briefe aus Europa mit Beſtimmtheit, daß der 44 Krieg zwiſchen England und Frankreich bevorſtehe. Unterſtützte man Salabut⸗Jing nicht, ſo ließ ſich vor⸗ ausſehen, daß Buſſy bald ſeinen alten Einfluß auf den Vicekönig des Dekan wiedergewinnen werde. Ent⸗ blößte man ferner die Küſte Koromandel von Truppen, ſo waren Madras und St.⸗David im Falle eines eng⸗ liſch⸗franzöſiſchen Kriegs wehrlos. Viele machten alſo geltend, es handle ſich darum, entweder Madras oder Calcutta verloren zu geben, und da Calcutta doch nun einmal ſo gut wie verloren war, ſo ſei es beſſer, Ma⸗ dras zu bewahren und Salabut⸗Jing zu unterſtützen. In Bengalen könne man ja ſpäter den Verſuch machen, das Verlorene wiederzugewinnen. Da den Offizieren wenig Einfluß auf die Beſchlüſſe der Directoren zuſtand, ſo betheiligten ſich Clive und der königliche Oberſt Adlercron nur wenig an den De⸗ batten; es war ihre Sache, die ſpäter gefaßten Be⸗ ſchlüſſe auszuführen. Clive hatte jedoch mit einem der Mitglieder des Raths vorher eine ausführliche Unter⸗ redung gehabt, und dieſes Mitglied entwickelte nun ſeine oder vielmehr Clive's Anſichten. Er ſagte: der Krieg in Bengalen müſſe ſchnell entſchieden werden. Sei Calcutta, wie ſich vermuthen laſſe, bereits genom⸗ men, ſo ſolle man es ſchnell wiedererobern und gegen die Hauptſtadt Suradſcha⸗Daulah's ſelbſt vorrücken. weeeee 45 Geſchehe dies mit einer anſehnlichen Macht, ſo unter⸗ liege es gar keinem Zweifel, daß der Subah von Ben⸗ galen in kurzer Friſt um Frieden bitten werde. Näch⸗ ſten April könne die Expedition ſchon wieder zurück ſein, und vor dieſer Zeit habe man gar nichts von den Franzoſen zu fürchten, welche durch die Verſtärkungen, welche ſie an Buſſy geſchickt hätten, ebenſo geſchwächt wären, wie es die Engländer ſein würden, wenn das Hülfscorps nach Bengalen abgegangen ſei. Um Sa⸗ labut⸗Jing möge man ſich für jetzt nicht kümmern; Buſſy werde es wohl verſtehen, ſeinen Einfluß auf ihn wiederzugewinnen, ſobald ſein Heer durch die Hülfs⸗ truppen aus Pondichery verſtärkt ſei. Rette man die Niederlaſſungen in Bengalen nicht, ſo gehe die Com⸗ pagnie zu Grunde, da ſie den Mangel der Einkünfte aus jenem Lande keine drei Jahre ertragen könne. Dieſe und andere Gründe übten zuletzt ihren Einfluß und die allgemeine Stimmung neigte ſich bereits der Erpedition nach Bengalen zu, als ein Diener meldete, daß ſo eben ein kleines Schiff auf der Rhede erſchienen ſei, welches aus Bengalen komme und einen Abgeord⸗ neten am Bord habe. Die Sitzung des Conſeils wurde nun aufgehoben, um die Nachrichten zu hören, die jener Abgeordnete bringe, ehe man einen endgültigen Be⸗ ſchluß faſſe. 46 Es war Manningham, einer der Beamten der Com⸗ pagnie in Bengalen. Schon ſein Anblick, als er mit ſchwankenden Schritten in das Conſeilzimmer trat, bleich, mit tiefliegenden Augen, die Glieder in den Kleidern ſchlotternd, Geſicht und Hände mit Beulen be⸗ deckt, rief Schrecken und trübe Ahnungen in den Ver⸗ ſammelten wach. Manningham bedurfte einiger Zeit, um ſich ſo weit zu ſammeln, daß er ſeine Thränen unterdrücken und ſprechen konnte. „Alles iſt verloren, meine Freunde!“ ſagte er dann. „Calcutta iſt in den Händen des Tyrannen von Ben⸗ galen, und Grauſamkeiten, wie ſie die Weltgeſchichte kaum jemals verzeichnet hat, ſind verübt worden. Mir iſt die traurige Aufgabe zugefallen, der erſte Ueber⸗ bringer dieſer Schreckensnachrichten zu ſein. Doch um im Zuſammenhang berichten zu können, muß ich wiſſen, bis wie weit Ihre Kunde von den Ereigniſſen in Ben⸗ galen reicht.“ „Ungefähr bis zu der Zeit, in welcher Mr. Holwell die Regierung übernahm“ antwortete Mr. Pigot, der Vorſitzende des Conſeils und ſeit dem Rücktritte Mr. Saunders' Gouverneur von Madras. „Nun wohl“ fuhr Manningham fort,„dann wiſſen Sie, in welche Beſtürzung der plötzliche Marſch Su⸗ radſcha⸗Daulah's nach dem Süden uns Bewohner von U 47 Calcutta verſetzte. Koſſimbaſar wurde von der Armee des Nabobs') überwältigt und an der Beſatzung ſo viel Grauſamkeit und Schändlichkeit verübt, daß ſich Fähn⸗ rich Elliot, der ſie befehligte, eine Kugel durch den Kopf ſchoß. Vergebens ſandten wir Briefe an Watts, den gefangen genommenen Oberfactor von Koſſimbaſar, um dem Nabob mittheilen zu laſſen, daß wir bereit ſeien, die Feſtungswerke von Calcutta zu demoliren; wir erhielten keine Antwort. Wir waren alſo auf unſere eigene Kraft angewieſen, und wie gering war dieſe! Die reguläre Beſatzung von Fort William be⸗ ſtand aus zweihundertundſechzig Mann, die Milizen zählten zweihundertundfünfzig Mann. Aber unter die⸗ ſen allen waren nur hundertvierundſiebzig Europäer und von dieſen hatten höchſtens zehn jemals eine Kugel im Gefecht pfeifen hören. Zwar errichteten wir ein Corps von fünfzehnhundert Indern, aber wir hatten wenig Zutrauen zu ihnen. Inzwiſchen wurden unſere Magazine mit Proviant gefüllt und wir begannen nun was wir längſt hätten thun ſollen, eifrig an den Be⸗ feſtigungswerken zu arbeiten. Doch die Zeit war zu kurz. Der Nabob rückte *) Nabob iſt im Allgemeinen die Bezeichnung für einen in⸗ diſchen Fürſten oder Großen. 48 mit ſolcher Eile gegen uns vor, daß viele von ſeiner Mannſchaft durch die glühende Hitze getödtet wurden. Am fünfzehnten Juni ſetzte er über den Hughly, am ſechzehnten früh erfuhren wir ſeine Ankunft auf dem Gebiete der Compagnie. Wir brachten nun die wenigen zurückgebliebenen Frauenzimmer in das Fort und leider auch gegen zweitauſend eingeborene Chriſten. Suradſcha⸗ Daulah, in der Meinung, daß der Mahrattengraben und die Befeſtigungen ſich rings um die Stadt zögen, griff auf der nördlichen Seite an, wo ihm der Lieu⸗ tenant Piſchard in einer Redoute wackern Widerſtand leiſtete. Inzwiſchen aber war ein Spion Omichund's— wir hatten den Kaufmann, dem wir nicht trauten, ge⸗ fangen in das Fort führen laſſen— hinaus zu dem Nabob gelangt und hatte ihm gemeldet, daß die ſüd⸗ liche und öſtliche Seite ganz ohne Befeſtigungen ſeien. Suradſcha⸗Daulah drang alſo dort vor, nahm die in⸗ diſche Stadt und ſteckte ſie in Brand. Nun waren wir auf das Fort angewieſen, in deſſen Nähe jedoch ſo viele und hohe Häuſer lagen, daß es ſehr leicht von vielen Punkten aus beherrſcht werden konnte. Wir wußten alſo, daß wir verloren ſeien, um ſo mehr, da alle Schiffe, die uns Beiſtand hätten leiſten oder uns zur Flucht behülflich ſein können, längſt abgeſegelt waren. Die ſchwarzen Chriſten im Fort drohten mit 49 Aufruhr, da ſie im Fall eines Sturms für ihr Leben fürchteten. Wir verſuchten die Frauen auf einigen kleinen Booten zu retten, die uns noch zur Verfügung ſtanden, aber viele ertranken in der Haſt, mit der ſie ſich einſchifften. Der Angriff der Truppen des Nabobs dauerte ununterbrochen fort; eins der hohen Häuſer nach dem andern ward genommen. Wir kämpften nur noch für unſer Leben und unſere Ehre; Rettung war unmöglich. Die wenigen übrig gebliebenen Soldaten betranken ſich, da ſie das Magazin erbrochen hatten, in welchem ſich der Arak befand. Wir ließen Omi⸗ chund einen Brief an den Nabob ſchreiben, in welchem wir um Capitulation baten, erhielten jedoch keine Ant⸗ wort. Erſt ſpäter zeigte ſich ein Mann mit einer Frie⸗ densfahne, aber während wir noch capitulirten, drangen die Bengalen in das Fort und hieben Jeden nieder, der nicht ſogleich die Waffen ſtreckte. So wurden wir ſämmtlich gefangen genommen, ohne auch nur im min⸗ deſten zu wiſſen, welches Schickſal uns erwarte. Jetzt erſchien der Nabob ſelbſt im Fort. Er ließ ſich Omichund und Kiſſendas vorführen, und da er auch den letztern mit einer gewiſſen Freundlichkeit empfing, ſo ſchöpften wir daraus Hoffnungen für uns ſelbſt und hielten ihn nicht für ſo grauſam, als man uns ihn geſchildert. Der Nabob begab ſich nach dem großen 4 Mützelburg, Robert Clive. 1V. 50 Saal der Factorei, wo ſein Hofſtaat in Parade an ihm vorüberdefiliren mußte, während ſeine Schmeichler ihn wegen des Siegs bis in den Himmel erhoben. Als er aber ſpäter die Nachricht erhielt, daß im Schatz der Compagnie ſich nur 50,000 Rupien gefunden hät⸗ ten, änderte ſich ſeine Stimmung. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſer Tyrann Calcutta nur angegriffen, weil er unermeßliche Schätze bei uns vermuthete. Er ließ alſo Holwell rufen und drohte ihm mit dem Schlimmſten, wenn er ihm nicht den Ort zeige, an welchem unſere Reichthümer verborgen ſeien. Inzwi⸗ ſchen waren wir Gefangenen, mit Holwell einhundert⸗ ſechsundvierzig Perſonen, darunter eine Dame, auf eine Gallerie des Forts geführt worden, das an mehreren Stellen brannte. Dieſe Gallerie befand ſich vor einer Reihe von Kammern, welche für gewöhnlich der Be⸗ ſatzung zum Aufenthalt dienten. Man ließ uns, von einer beträchtlichen Anzahl Bengalen bewacht, unter der Gallerie und ſuchte einen Ort, um uns einzuſperren. Wir ahnten ſo wenig, was uns bevorſtand, daß viele von uns über das Ausſehen und die Geberden der Hindus lachten, am meiſten jene Dame, Lady Wilming⸗ fort, die ihren Gemahl, den Lord, nicht hatte verlaſſen wollen, obwohl wir ſie gebeten, in einem der Boote eine Zuflucht zu ſuchen. Gegen acht Uhr abends ehieee 51 kamen diejenigen, die nach einem paſſenden Gefängniß für uns geſucht hatten, zurück und meldeten, daß ſie ein ſolches nicht gefunden hätten. Darauf befahl der Commandeur der Wache, uns in eine der Kammern zu ſperren, die gewöhnlich als Gefängniß für Miſſe⸗ thäter diente und das ſchwarze Loch oder die ſchwarze Höhle genannt wurde. Wir riefen ſogleich, das ſei unmöglich, die Höhle ſei zu klein, um nur den vierten Theil von uns zu faſſen. Aber die Hindus drohten jeden niederzuhauen, der nicht Gehorſam leiſte, ſtießen uns in das Loch und preßten die letzten, als Niemand mehr hinein konnte, mit aller Gewalt hinein, ſodaß die letzten auf die vordern hinaufgeſchoben wurden. Dann ſchloß man die Thür und verwahrte ſie mit eiſernen Riegeln. Denken Sie ſich, meine Herren, unſere Lage! Der ganze Raum hatte nicht zwanzig Fuß im Geviert, war niedrig und empfing Luft und Licht nur durch zwei kleine vergitterte Fenſteröffnungen. Da dieſe Oeffnun⸗ gen aber auf die verdeckte Gallerie hinausgingen und überdies eine entſetziche ſchwüle Hitze auch im Freien herrſchte, ſo war unſer Zuſtand ſchon nach den erſten Minuten unerträglich und wir fühlten, daß wir der qualvollſten aller Todesarten, einem langſamen Erſticken geweiht ſeien. Alles warf ſich auf die Thür, um ſie zu 4¹ 52 erbrechen, aber ſie widerſtand. Bei dieſer Gelegenheit wurden bereits einige zertreten, und wir beneideten ſie, da ſie allen Qualen entgingen. Die andern tobten in wilder Verzweiflung, bis Holwell, der einen Platz neben mir am Fenſter hatte, ſie ermahnte, ruhig zu bleiben und ſich nicht zu erhitzen, denn nur auf dieſe Weiſe könnten ſie hoffen, die Nacht zu überleben. Für einige Zeit half das und Holwell benutzte die ent⸗ ſtehende Ruhe, um einen der Hauptleute der Wache zu bitten, gegen eine Belohnung von tauſend Rupien den Gefangenen mehr Raum zu verſchaffen. Er ging kam bald zurück und ſagte, es ſei unmöglich. Holwell ver⸗ ſprach ihm eine noch größere Summe; er ging aber⸗ mals, kehrte aber mit der furchtbaren Nachricht zurück, daß der Nabob ſchlafe, daß Niemand wagen dürfe, ihn zu wecken, und daß alſo der Befehl nicht geändert werden könne. Noch heute, wenn ich an den Augenblick zurückdenke, in welchem wir dieſe Nachricht und mit ihr die Gewiß⸗ heit eines furchtbaren Todes erhielten, verdunkelt ſich mein Auge, meine Glieder zittern, mein Herz klopft ſtärker und kalter Schweiß tritt mir auf die Stirn. Sie ſehen es, daß ich jene Nacht überlebt habe, denn ich ſtehe ja vor Ihnen. Aber feierlich verſichere ich Ihnen, daß ich mich tödten würde, wenn ich wüßte, 53 daß ich noch einmal eine ſolche Nacht durchleben müßte! Viele von uns würden ſich auch getödtet haben, wenn ſie nicht ſämmtlicher Waffen und ſcharfen Inſtrumente beraubt geweſen wären. Und doch hatte ich, wie ich ſchon erwähnte, eine bevorzugte Stelle, nahe am Fenſter. Die erſte Wirkung, welche die verdickte und verpeſtete Luft auf uns übte, war ein gewaltiger und fortdauern⸗ der Schweiß, der einen brennenden Durſt erzeugte, dann ein ſchneidender Schmerz in der Bruſt, hervor⸗ gerufen durch den Luftmangel. Die meiſten zogen ihre Kleider aus und fächelten ſich mit den Hüten Luft zu. Aber was half das! Dann verfielen wir darauf, uns zu gleicher Zeit niederzuſetzen oder zu bücken und uns ebenſo ſchnell zugleich wieder zu erheben, um dadurch die Luft in Bewegung zu ſetzen Aber auch das half nicht, und bei jedem Niederſitzen blieben einige auf dem Fußboden und wurden zertreten. Die Mehrzahl von uns war ohnehin durch die Schrecken der letzten Tage und die vielen Nachtwachen erſchöpft. Neue Verſuche, die Thür zu erbrechen, mißlangen abermals. Alles rief nun nach Waſſer. Der alte Anführer der Wache ließ einige Schläuche mit Waſſer an das Fenſter reichen. Nun drängten ſich alle nach den Fenſtern, keiner ſchonte in wilder Gier den andern, viele wurden erdrückt, zu Tode getreten. Die Hindus hielten Lichter an die 54 Fenſter und ergötzten ſich an den Anſtrengungen die wir machten, um das Waſſer zu erreichen, und lach⸗ ten über die Krämpfe der Erſtickenden.“ Ein Schauer flog durch die Verſammlung der Männer, von denen wohl jeder auf dem Meere oder im Kampfe dem Tode getrotzt hatte. Alle Lippen wa⸗ ren zuſammengepreßt. Niemand vermochte ein Wort zu ſprechen. Manningham, der eine Minute geſchwie⸗ gen, nahm ſeine Erzählung wieder auf: „Vielleicht dreißig oder vierzig mochten ſchon um dieſe Zeit todt ſein, und gewiß war es noch nicht zehn Uhr. Entſetzlicher aber als alle Arten des Todes⸗ kampfes war die Raſerei der noch Lebenden. Nie könnte ich den Jammer die Verwünſchungen, die Aus⸗ brüche der Wuth, die herzzerreißenden Klagen derer ſchildern, deren Verſtand zerrüttet worden war! So unerhört es ſcheinen mag, ſo glaube ich dennoch be⸗ haupten zu können, daß in der ſtinkenden, faulen Luft die Körper der Todten durch die ſchnelle Blutzerſetzung ſogleich in Verweſung übergingen und die Luft noch mehr verpeſteten. Endlich trat eine gewiſſe Ruhe ein, die vollſtändige Abſpannung und Erſchöpfung. Wir konnten einzelnen derer, die hinten ſtanden, Waſſer in unſern Hüten hinreichen. Es nützte ihnen freilich nicht mehr. Die größere Mehrzahl lag am Voden oder auf 55 den Leichen ihrer Genoſſen und röchelte ihre letzten Athemzüge aus. Die noch lebten, verwünſchten Gott und die Welt oder läſterten die Wachen, in der Hoff⸗ nung, daß ſie Feuer geben und auf uns ſchießen wür⸗ den. Wir, die wir am Fenſter ſtanden, waren nicht beſſer daran als unſere Gefährten. Wir verdanken unſere Erhaltung nur unſerer kräftigern Conſtitution oder dem ruhigern Temperament. Seltſamerweiſe ſind auch einige von den Hintenſtehenden am Leben geblieben. Mitleid, Zuneigung, Freundſchaft empfand wohl keiner von uns mehr für den andern. Jeder kämpfte um Luft, Raum und Leben. Nur Lady Wil⸗ migfort hielt treu bei ihrem Gatten aus. Sie hatte die Arme um ihn geſchlungen und rührte ſich nicht. Vielleicht aber verdankt ſie gergde dieſem Umſtande ihre Erhaltung. Auch ich verſank, wie die meiſten, öfters in Ohn⸗ macht, und verwünſchte jedesmal mein Leben, wenn ich wieder zum Bewußtſein erwachte. Meinen Platz am Fenſter vertheidigte ich nicht; ich verſuchte nur ihn ruhig zu behaupten und mich nicht fortdrängen zu laſſen. Holwell verhielt ſich ähnlich. Oft ſaßen ſtun⸗ denlang Leidensgenoſſen auf unſern Schultern, bis ſie ermatteten, herabfielen und ihr Leben aushauchten. Holwell verließ das Fenſter, um, wie er mir ſagte, 56 ruhiger ſterben zu können. Er verſuchte aber ſpäter wieder vorzudringen. Es gelang ihm auch und er rief wie wahnſinnig nach Waſſer. Da dieſes aber ſeinen Durſt nicht löſchte, ſo ſaugte er den Schweiß aus dem Aermel ſeines Hemdes. Auch dieſen entriß ihm ein junger Mann, der ganz nackend neben ihm ſtand, bis der letztere niederfiel und unter den Füßen der noch Lebenden verſchwand. Das war ungefähr um die Mitternachtszeit. Die bei weitem größere Mehrzahl hatte ihr Leben bereits ausgehaucht; alle andern ſtanden an die Fenſter ge⸗ drängt und ſchrieen nach Luft oder läſterten die Wache, damit ſie auf uns feuere. Holwell ſtand wieder ganz in meiner Nähe. Ein plumper Unteroffizier, ein Hol⸗ länder, kletterte ihm auf die eine, ein eingeborener Soldat, ein Sepoy, auf die andere Schulter. In dieſer Stellung ſah ich ihn ein Meſſer ziehen; er war der einzige, der ein ſolches Inſtrument behalten, denn er hatte mit dem Nabob geſprochen, während wir durch⸗ ſucht und unſerer Waffen beraubt wurden. Vermuth⸗ lich wollte er ſich das Leben nehmen; ich ſah den ent⸗ ſetzlichen, verzweifelten Ausdruck ſeiner Geſichtszüge. Noch einmal ſiegte jedoch der Trieb der Selbſterhaltung in ihm, ja, mehr als das, die Menſchenfreundlichkeit gewann bei ihm die Oberhand und er räumte, als der ee 57 Unteroffizier und der Sepoy von ſeinen Schultern herabgefallen waren, ſeinen Platz dem Lord Wilming⸗ fort und deſſen junger Frau. Beide nahmen das An⸗ erbieten mit unendlichem Danke an. Der Holländer aber verdrängte ſie mit Gewalt; Lord Wilmingfort zog ſich mit ſeiner Gattin zurück, legte ſich nieder und ſtarb in ihren Armen. Um zwei Uhr morgens waren noch fünfzig Lebende übrig. Aber die vergiftete Luft der Höhle reichte auch für dieſe Anzahl nicht zum Athmen hin; der Kampf um den Platz am Fenſter dauerte fort, bis es dämmerte. Vergebens beſchworen nun Cook, der Secretär der Prä⸗ ſidentſchaft, und ich den alten Anführer der Wache, uns zu erlöſen. Es fruchtete nichts. Wir glaubten, daß Holwell mehr ausrichten würde, wir ſuchten und fanden ihn. Er lebte noch und erlangte allmälig ſein Bewußtſein wieder. Als wir ihn aber zum Fenſter trugen, wollte ihm Niemand ſeinen Platz einräumen; endlich jedoch trat Kapitän Molls von dem ſeinigen zurück. Jetzt kam indeſſen bereits ein Abgeſandter des Nabobs mit der Anfrage, ob der engliſche Gouverneur noch lebe, und die Thür des Kerkers wurde geöffnet. Wir gebrauchten jedoch über eine halbe Stunde, um die todten Körper von der Thür, die ſich nach innen öffnete, ſo weit zu entfernen, daß wir die Höhle ver⸗ laſſen konnten. Hineingegangen waren wir hundert⸗ ſechsundvierzig; dreiundzwanzig wankten, Geſpenſtern ähnlich, hinaus.“ Wieder hielt Manningham inne; ein Knirſchen ging durch die Verſammlung, aber Niemand ſprach ein Wort. Dann hob Manningham wieder an: „Nein, nicht alle wankten hinaus, einzelne, wie Holwell, mußten getragen werden. Wir alle, ohne Ausnahme, waren mit Flecken bedeckt, die ſich ſpäter in Beulen oder in Geſchwüre verwandelten. Auch mögen noch einige geſtorben ſein. Holwell wurde zu dem Nabob getragen, der ihn abermals nach unſern Schätzen fragte und ihn in ein Gefängniß werfen ließ, zuſammen mit den Maſters Court und Walcot, die ge⸗ wiſſermaßen Geißeln für die Entdeckung der Schätze ſein ſollten. Wir andern konnten gehen, wohin wir wollten. Um unſern Peinigern nur aus dem Geſichte zu kommen, ſchleppten wir uns nach einigen Booten am Ufer und ließen uns den Fluß hinabtreiben, der Gefahr des Verhungerns ausgeſetzt, da wir der indi⸗ ſchen Soldaten wegen nirgends zu landen wagten. So gelangten wir endlich nach Fulta, wo die vor uns aus der Stadt Geflohenen ſich noch aufhielten. Ein kleines, gut gebautes Schiff unternahm es, trotz des Monſuns nach Madras zu ſegeln. Ich vertraute mich C 9 demſelben an und habe unter Gottes Beiſtand mein Ziel erreicht.“ Erſchöpft ſank er auf ſeinen Stuhl zurück. Unter den Verſammelten herrſchte noch eine Minute lang tiefes Schweigen. Dann aber brach der Sturm los. Faſt jeder ſprach. Verwünſchungen gegen die Grau⸗ ſamkeit des Nabobs, Schwüre der Rache, Erkundigun⸗ gen nach dem Namen der Todten, Schmachworte gegen die Behörden von Calcutta, die ſich ſelbſt in Sicherheit gebracht und dann keinen Verſuch mehr gewagt, die Zurückgebliebenen zu retten, erfüllten in wildem Ge⸗ miſch den Saal. Erſt nach langer Zeit ſtellte die Stimme Mr. Pigot's, des Gouverneurs, wieder einige Ruhe her. „Groß und unerhört iſt die Schmach und das Un⸗ recht, die uns angethan worden!“ rief Clive.„Aber groß und unerhört ſoll auch die Rache ſein. Wir werden die Waffen nicht eher niederlegen, als bis Suradſcha⸗Daulah getödtet oder vom Throne geſtürzt iſt. Und wenn ich als einfacher Freiwilliger mitkämpfen ſollte, dieſer Schurke muß in ſeiner eigenen Haupt⸗ ſtadt, in Murſchidabad ſelbſt gezüchtigt werden! Der Name Englands würde in Indien für ewige Zeiten mit Schmach bedeckt ſein, wenn dieſer Schandthat nicht unmittelbar die Rache folgte!“ 60 Davon, daß die Expedition ganz unterbleiben könne, war nun keine Rede mehr. Sie wurde einſtimmig be⸗ ſchloſſen und damit war der Zweck des heutigen Con⸗ ſeils erfüllt. Die Zahl der Truppen, die man gegen Suradſcha⸗Daulah ſenden wollte, ſowie die Perſon des Anführers ſollten von dem Rathe allein beſtimmt werden. Die Aufregung, von welcher Madras ergriffen wurde, als die Nachrichten Manningham's ſich ver⸗ breiteten, war unbeſchreiblich. Wer von der kleinen An⸗ zahl von Engländern, die in Indien lebten, hatte nicht einen Verwandten, einen Freund unter den Opfern der ſchwarzen Höhle zu beklagen! Der Durſt nach Rache war allgemein. Wer nur die Waffen trug, ſandte ſeine Eingabe an den Gouverneur, um an der Expedition Theil nehmen zu dürfen. Faſt ausſchließlich wurde Oberſt Elive— er war ſeit ſeiner Ankunft auf der Küſte von Koromandel und nach der Waffenthat von Gheria zum Oberſten ernannt worden— als derjenige bezeichnet, der die Expedition führen müſſe. Der Oberſt Adlercron hätte allerdings als älterer Offizier den Vor⸗ rang gehabt, aber er verſtand nichts vom indiſchen Krieg, während ſich an Clive's Namen die glorreichſten Waffenthaten der Engländer in Indien knüpften. So wurde denn auch Clive in der That zum Führer der 61 Erpedition beſtimmt, mit unbedingten Vollmachten aus⸗ gerüſtet und an die Spitze eines Corps von neunhun⸗ dert Europäern und fünfzehnhundert Sepoys geſtellt, das durch eine Anzahl großer Kriegsſchiffe nach dem Hughly geleitet werden ſollte. Clive hatte vorausgeſehen, daß er zum Commandeur des Corps beſtimmt werden würde, und den Lieutenant Starlow zu ſich berufen, auch einen Eilboten an Mo⸗ hammed Iſſuf geſendet, weil es ihm von Wichtigkeit erſchien, mit dieſem Manne zu ſprechen, ehe er die Erpedition unternahm, oder ihn überhaupt zu veran⸗ laſſen, ihn zu begleiten. Seit der Zeit von Kover⸗ pakam, ſeit Jahren alſo, hatte er Iſſuf nicht wieder⸗ geſehen; denn dieſer operirte fortwährend im Innern des Landes, um die Polygars, welche den Söhnen Anaverdy⸗Khan's den Tribut verweigerten, zu verſöhnen, zu ſtrafen oder zu unterwerfen. Iſſuf folgte dem Rufe des Oberſten. Clive empfing den Muſelmann mit großer Herzlichkeit. Aber Iſſuf, deſſen Haar und Bart bereits ergraut waren, ſchien ernſter und verſchloſſener als je. Clive errieth, daß es ihm Iſſunf nicht verzeihen könne, die Vorſchläge in Bezug auf Adora abgelehnt zu haben; aber er nahm natürlich keine Rückſicht auf dieſe perſönliche Angelegen⸗ heit, die mit dem allgemeinen Gang der Begebenheiten nicht zuſammenhing. „Ich habe Dich rufen laſſen“, ſagte er,„um Dir zwei Fragen vorzulegen. Du haſt Dich bisher als unſer treuer Verbündeter bezeigt, wirſt mir alſo die Antwort nicht vorenthalten. Ich weiß, daß Du die Verhältniſſe in Bengalen genau kennſt; Du mußt ſelbſt früher dort geweſen ſein. Ich möchte alſo zuerſt von Dir erfahren, welche Mittel Du für die beſten hältſt, um Suradſcha⸗Daulah zu ſtürzen.“ „Ich habe Dir früher bereits ein Mittel angegeben“, antwortete Iſſuf.„Du haſt es verachtet. Ich tadle Dich nicht deshalb. Aber Du haſt eine Gelegenheit verſäumt, die nicht wiederkehren wird. Kämſt Du jetzt als der Gemahl Adora's nach Bengalen, ſo würde es Dir ein Leichtes ſein, Dich zum Subah des reichen Landes zu machen. Indeſſen, das iſt vorüber, und da ich Suradſcha⸗Daulah haſſe wie die ganze Brut, der er entſtammt, ſo will ich Dir meinen Rath nicht vorent⸗ halten und Dir auch bei dieſer Gelegenheit mittheilen, wer Adora iſt. Ich bin ein Diener Jaffir⸗Khan's, der im Jahre 1725 Eurer Zeitrechnung als rechtmäßiger Subah von Bengalen, Behar und Oriſſa ſtarb. Ich war nicht nur ſein Diener, ſondern ſtand auch zu ihm in einem ver⸗ 3 63 wandtſchaftlichen Verhältniſſe, das mich zu einem treuen Freunde und Diener ſeines Schwiegerſohns Schudſchah⸗ Khan machte, obgleich derſelbe ein ſchwacher, nur den Eitel⸗ keiten des Lebens ergebener Mann war. Oder viel⸗ mehr ich trat auf Jaffir's Bitten in ſeine Dienſte, des⸗ halb, weil Schudſchah ſo ſchwach war und weil ſich befürchten ließ, daß das Erbe von Bengalen, Behar und Oriſſa ſeinen und ſeiner Nachfolger Händen ent⸗ riſſen werden würde. Jaffir ſelbſt hatte deshalb auch zu ſeinem unmittelbaren Nachfolger nicht ſeinen Schwie⸗ gerſohn Schudſchah, ſondern deſſen Sohn Serafra⸗Khan beſtimmt, da er ihn für kräftiger und zum Regieren geeigneter hielt. Wie es nun gelang, dem S Erben Jaf⸗ fir's die Subahſchaft der reichen Provinzen am untern Ganges zu entreißen, will ich Dir mit wenigen Wor⸗ ten andeuten. Schudſchah hatte durch ſeine Frau einen Verwandten, einen Tataren, der Mirza Mohammed hieß, ein armer Abenteurer war und noch zu Lebzeiten Jaffir's nach Hriſſa kam, wo Schudſchah als Stell⸗ vertreter Jaffir's reſidirte. Ihm folgten, da er gut aufgenommen wurde, ſeine beiden Söhne Hadſchi⸗Achmed und Mirza Mohammed Aly, die bald einen ſehr großen Einfluß auf Schudſchah erlangten. Hadſchi war ein kluger und ränkeſüchtiger, aber feiger Menſch, Mirza 64 ein guter Soldat und ebenfalls liſtig. Sie thaten, als wären ſie die treueſten Diener Schudſchah's, und er⸗ langten bald hohe Ehrenſtellen und Reichthümer. Ich aber hatte ihre Abſichten längſt durchſchaut und wußte, daß ſie mit dem Hofe von Delhi in geheimen Unter⸗ handlungen ſtanden und nach der Herrſchaft über eine der drei Provinzen oder ſämmtliche trachteten. Deshalb war es ihnen auch ſehr unangenehm, daß Jaffir nicht den ſchwachen Schudſchah, ſondern den kräftigern Sera⸗ fra⸗Khan zu ſeinem Nachfolger ernannt hatte, und ſie reiſten nach Delhi, um die Subahſchaft für Schudſchah auszuwirken, was ihnen auch gelang, trotz allen Wider⸗ ſpruchs Serafra⸗Khan's. Der Subah hing ihnen na⸗ türlich nun mit ganzer Seele an, übergab dem jüngern Bruder Mirza die Stadthalterſchaft von Behar und überhäufte beide mit Reichthümern. Ich ſelbſt gerieth in Ungnade und erhielt mich nur durch die Gunſt Serafra⸗Khaw's, den ich vollkommen von den Abſichten der Brüder unterrichtet und überzeugt hatte, der aber leider bald in die Schlaffheit und das eitle Leben ſeines Vaters verfiel. Es war Hadſchi's und ſeines Bruders Mirza Zweck, während der Regierung Schud⸗ ſchah's ſo viel Reichthümer zu ſammeln und ſich ſoviel Freunde zu machen, daß ſie nach ſeinem Tode offen als Bewerber um die drei Provinzen auftreten könnten⸗ 65 Als Statthalter von Behar führte Mirza den Namen Aliverdy⸗Khan, unter welchem Du ihn kennen wirſt. Er hatte dem Großmogul viele Dienſte geleiſtet und ihm beträchtliche Summen geſchenkt. Als deshalb Schud⸗ ſchah 1739 ſtarb und Serafra⸗Khan ihm rechtmäßig als Subah folgen ſollte, wirkte Aliverdy⸗Khan für ſich die Subahſchaft aus, griff Serafra⸗Khan an und tödtete ihn. Die Provinzen erkannten ihn als Subah an, da er, was ich nicht leugnen will, gute Eigenſchaften be⸗ ſaß und tapfer war. Ich hatte ſchon lange vor dieſer Entſcheidung Bengalen verlaſſen, da ich meines Lebens dort nicht ſicher war und vorausſah, daß Serafra⸗Khan ſich nicht gegen Aliverdy würde behaupten können. Ich ging, wie Du weißt, nach Arkot zu Anaverdy⸗ Khan und wurde ihm ein treuer Diener, ſtand jedoch noch immer mit meinem Vaterlande in Verbindung, namentlich mit der Gemahlin Schudſchah's, der Mutter Serafra's. Dieſe ließ mich unterrichten, daß ſie ein Töchterchen geboren, für deren Leben ſie fürchte, da Aliverdy⸗Khan alle Nachkommen Schudſchah's zu ver⸗ nichten wünſche und auch gegen Serafra Mörder ge⸗ dungen habe. Ich ſchrieb ihr, ſie möge mir das Kind ſchicken, ich wolle es gut bewahren und auferziehen laſſen, bis beſſere Zeiten für die Familie Joffir's ge⸗ kommen ſeien. Sie that es, und dieſes Kind iſt Adora, Mützelburg, Robert Clive. IV. 5 66 die Tochter Schudſchah's und die Enkelin Jaffir's, jetzt, da Serafra ebenfalls todt iſt, die einzige Erbin des Namens Jouffir. Da ich wußte, daß man ihr ſelbſt bis nach Arkot nachſtellen würde, ſo brachte ich ſie zu einem Polygar, der in einem faſt unwegſamen Gebirge lebte, aber einen Bruder beſaß, der ein Gottesgelehrter von großer Bildung war und Adora unterrichtete. Dieſer Poly⸗ gar war ein Hindu von vornehmer Abſtammung, und um jede Spur Adora's zu verwiſchen, ließ ich ihn und ſeinen Bruder in dem Glauben, daß auch Adora ein Hindukind ſei, zu welcher Täuſchung die Streifen vor⸗ nehmer Abkunft, welche ihr der Bote, der ſie mir brachte, um ſie den Blicken der Späher unkenntlich zu machen, auf die Stirn gezeichnet, beitrugen. Daher kommt es, daß ſich Adora, obgleich ſie von mohammedaniſchen rechtgläubigen Aeltern geboren iſt ſelbſt für die Tochter eines Hindufürſten gehalten hat. Ich hoffte ſpäter dieſen Irrthum leicht berichtigen zu können. Inzwiſchen aber ſtarben ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder, und ſie ſelbſt wurde von den Franzoſen gefangen, als ich gerade abweſend war und der Polygar, dem ich ſie anvertraut, ſich einem Feldzuge gegen die Franzoſen angeſchloſſen hatte. Ich begab mich ſpäter ſelbſt zu Dupleir nach Pondichery, um ihn zu bitten, mir Adora auszuliefern. Aber der liſtige Franke wollte nur von mir erfahren, wer Adora ſei, deren hohe Abkunft er ahnte; daran, ſie mir zu übergeben, dachte er nicht. Als ich nicht geſtehen wollte, wer ſie ſei, drohte er mir mit Gefängniß und ich entwich nur mit Mühe aus Pondichery. Seitdem haßte ich dieſen Franzoſen und ſeine Landsleute, die ein Kind unſeres Glaubens zu einem Handelsartikel machen wollten. Für Adora war es freilich faſt gleichgültig, wo ſie lebte. Denn eine Aus⸗ ſicht, in ihr Vaterland zurückzukehren und dort den ihr gebührenden Rang einzunehmen, bot ſich ihr nicht, da Aliverdy⸗Khan ſeine Herrſchaft in Bengalen mehr und mehr befeſtigte. Ich habe übrigens Adora von ihrer Geburt und Herkunft in Kenntniß geſetzt, als ich ſie nach Gheria führte, deſſen Herren, die Angrias, Ver⸗ wandte Jaffir's waren, wo ich ſie alſo vor jeder Ver⸗ folgung ſicher wußte. Suradſcha⸗Daulah, der jetzige Subah von Benga⸗ len, Behar und Oriſſa, iſt der Enkel jenes Aliverdy⸗ Khan, der den Enkel Jaffir's um ſeine Herrſchaft be⸗ trogen hat. Wenn Du es wünſcheſt, daß ich Dich be⸗ gleite, ſo will ich es thun. Denn ich glaube, die Stunde der Rache hat für die Familie Mirza Mohammed's geſchlagen. Nur eins ſage ich Dir noch: wende gegen Suradſcha⸗Daulah und ſeinen Anhang nicht Deine europäiſchen Grundſätze von Ehre und Vertrauen an. 5* 68 Er iſt der echte Enkel ſeines tatariſchen Großvaters, grauſam, hinterliſtig, verſchmitzt; er wird Dir heute tauſend heilige Eide ſchwören und ſie morgen lachend brechen. In ihm ſteckt Hindublut, ich bin überzeugt davon. Betrüge, täuſche ihn, behandle und bekämpfe ihn mit ſeinen eigenen Mitteln, nur dann wirſt Du ihn vernichten. Wirf Deine erbärmliche Großmuth bei⸗ ſeite, wenn Du mit einem ſolchen Schakal kämpfſt. Zertritt ihm den Kopf, wenn er unter Dir liegt, denn ſolange er noch Leben hat, wird er Dich, wenn auch beſiegt, in die Hand beißen.“ „Ich werde ihn vernichten, deſſen ſei gewiß!“ rief Clive.„Ich danke Dir für Deine Aufklärungen. Mei⸗ ner zweiten Bitte, mich zu begleiten, biſt Du be⸗ reits zuvorgekommen. Deine Gegenwart in Bengalen wird mir aufs höchſte erwünſcht ſein. Und nun ſage mir noch, ob Du nicht weißt, wohin ſich Adora von Gheria aus gewendet. Wir haben hier in Madras keine Nachricht von ihr erhalten.“ „Auch ich weiß nichts von ihr“, antwortete Iſſuf, „und ich vermuthe deshalb, daß ſie ſich noch an Orten befindet, von denen aus ſie keine Nachricht ſenden kann, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, ent⸗ deckt zu werden. Ihre Flucht aus Gheria hat mir Dein Freund, der junge Lieutenant mitgetheilt, der 69 Adora ebenſo ſehr verehrt, wie Du ſie vernach⸗ läſfigſt.“ „Der aber doch ihre Freundin, die Engländerin, vorzieht“, antwortete Clive, ſeinen Mißmuth unter einem Lächeln zu verbergen ſuchend.„Lieber Freund, laß dieſe alten Gedanken! Bengalen wird von dem Enkel Aliverdy⸗Khan's befreit werden, und ein recht⸗ gläubiger Muſelmann mag als Gatte Adora's auf den Thron ſteigen. Ich habe gewiß nichts dagegen, ja, ich werde es in jeder Weiſe begünſtigen.“ „Allah mag dazu helfen!“ ſagte Iſſuf feierlich, aber mit einem Anflug von Traurigkeit.„Ich bin jeden Augenblick bereit, Dir zu folgen. Aber Du mußt mir verſprechen, jedesmal, wenn Du einen wichtigen Ent⸗ ſchluß in den Verhandlungen mit Suradſcha⸗Daulah faſſen willſt, mich um Rath zu fragen. Denn ich kenne die Art dieſes Hundes!“ „Ich verſpreche es Dir“, antwortete Elive und die Unterredung war beendigt. „Möchteſt Du mich nach Bengalen begleiten, Jane?“ fragte Clive ſeine Frau, als er zu ihr zurück⸗ kehrte. „Offen geſagt, Robert“, antwortete ſie,„ich würde es vorziehen, bei der Mutter zu bleiben. Zuerſt iſt da dieſe ſtürmiſche Seefahrt und dann der Krieg, das Lagerleben— ich würde mich ängſtigen, wenn ich Dich im Feuer wüßte!“ „Du biſt kein echtes Soldatenweib!“ ſagte Clive, aber ohne Groll. „Ich glaube es ſelbſt“, antwortete Jane.„Wenn wir zu leben haben und Du zufrieden biſt, frage ich nicht viel danach, auf welchem Wege Du Dein Brod erwirbſt.“ „Aber wenn ich nun nichts erwerbe?“ fragte Clive lächelnd. „Thörichter Mann, wie iſt daran zu denken!“ er⸗ widerte ſie.„Alle Welt ſagt, Du würdeſt als Nabob aus Bengalen zurückkommen, als ein ſteinreicher Mann.“ „Möglich! Aber ich könnte auch gar nicht zurück⸗ kehren!“ ſagte Clive. „Das ſteht in Gottes Hand!“ verſetzte Jane Clive ernſt.„Und er wird es nicht wollen!“ „Du haſt Recht!“ ſagte der Oberſt.„Es iſt mir auch lieber, wenn Du hier bleibſt. Ich kann mich freier bewegen und habe nicht nöthig, mich Deinetwegen zu ängſtigen. Haſt Du ſchon gehört, was aus Lady Wilmingfort geworden?“ „Nein, mein Schatz Die arme Frau! So jung und Wittwe!“ &cccMiceeeceee „Sie war Wittwe. Jetzt iſt ſie im Harem Surad⸗ ſcha⸗Daulah's oder Mir Jaffir's, ſeines Feldherrn!“ ſagte Clive.„Die Nachrichten darüber gehen auseinander.“ „Schrecklich!“ rief Miſtreß Clive.„Wie kann ſie das ertragen!“ „Sie ſcheint ein leicht bewegliches Gemüth zu haben“, ſagte Clive.„Nachdem ſie, wie man allgemein erzählt, mit bewundernswürdiger Liebe und Treue bei ihrem Gatten ausgeharrt, ſoll ſie nach deſſen Tode die Auf⸗ nahme unter die Schönheiten eines orientaliſchen Ha⸗ rems durchaus nicht ſo unangenehm und widerwärtig gefunden haben. Indiſche Wittwen verbrennen ſich ſonſt mit ihren todten Gatten.“. „Aber ſie konnte ſich doch nicht verbrennen! Was Du nur ſprichſt, Robert! Die arme Frau— was ſollte ſie thun, ganz allein, ohne Schutz!“ „Es iſt beſſer, daß Du hier bleibſt!“ rief Clive lachend.„Wenn man mich tödtete und gefangen nähme, wanderteſt Du am Ende auch in einen Harem!“ Die Frau Oberſt wollte ſchmollen und zürnen und den Gatten wegen ſeiner Leichtfertigkeit tadeln. Aber er ging, noch immer lachend, aus der Thür. Zwei Tage darauf verließ die Erpedition mit gutem Winde die Rhede von Madras. Drittes Kapitel. Es war am 21. Juni 1757, am Spätnachmittage, und die Luft begann ſich ein wenig abzukühlen, als ein noch junger, aber bereits mit den Abzeichen höhern Ranges verſehener Offizier langſam einen kleinen Hü⸗ gel hinanſtieg, den einige Tamarindenbäume beſchatte⸗ ten. Sein Geſicht war ſehr blaß und zeigte nicht nur den Ausdruck eines tiefen Ernſtes oder angeſtrengten Nachdenkens, ſondern auch der körperlichen Schwäche oder Kränklichkeit. Sein Auge war matt; die Falten der Uniform verriethen deutlich die Hagerkeit ſeiner Glieder. Dennoch machte er nicht den Eindruck eines ſchwachen Mannes; nur das errieth man, deaß er ſich mühen müſſe, ſeine Abſpannung nicht noch deutlicher zu zeigen. N 73 Auf der Spitze des niedrigen Hügels ſtand er ſtill, trocknete ſich den Schweiß, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand, und ließ den Blick faſt theilnahm⸗ los über die Landſchaft ſchweifen. Der Punkt, auf dem er ſtand, war die einzige Erhebung, ſoweit das Auge reichte. Zu ſeinen Füßen, inmitten ausgedehnter Reisfelder, zwiſchen denen ſich nur ſpärlich Tamarinden, Bonianenbäume und Bambusrohr erhoben, lag zur Linken ein kleiner Ort mit einem einfachen Fort, auf dem die engliſche Flagge wehte. Rings um den Ort herum zeigte ſich ein lebendiges militäriſches Bild. Engbſche Soldaten und Sepoys, auch Engländer in Matroſenkleidung ſtanden, ſaßen, lagen vor niedrigen Baracen und Zelten. Eine große Anzahl Bagage⸗ wagen war auf einen Haufen zuſammengefahren. In der Nhe ſtand ein kleiner Park Artillerie, vor dem einige Soldaten als Wache auf und ab gingen. In großen, nur mit Blättern bedeckten und ſonſt offenen Schupper zeigten ſich zahlreiche Pferde und Büffel⸗ Außerden ſchwirrte eine Zahl von Eingeborenen durch das Lager, theils zu allerlei Dienſten benutzt, theils — B N den Englindern und Sepoys Früchte oder Waaren anbietend ind lebhaft mit ihnen verhandelnd. Das kläne Fort lag am Ufer eines breiten Fluſſes, der von Nodden herabfloß und ſich bei dem Fort mit 74 einem andern vereinigte, um ſich dann nach Oſten zu wenden. Soweit das Auge nach Norden blicken konnte, gewahrte es jenſeits des Fluſſes nichts als kleine Baumgruppen und Ackerland. Es war die vollſtän⸗ digſte Ebene, die man ſich denken konnte. Allmälig belebte ſich das Auge des Offiziers; er nahm ſein Fernrohr und blickte lange hinaus auf die Ebene nach Norden. Seine Kraft ſchien jedoch für eine ſo ſcharfe Beſichtigung nicht lange auszureichen. Er ließ das Fernrohr ſinken, fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſeufzte tief auf. Ein Zittern ſchien ihn zu überfallen, er holte unruhig Athem. Dann nahm er ein kleines ſilbernes Büchschen aus der Taſche und öffnete es. Es zeigte eine Anzahl rothbrauner Kügelchen, nicht viel größer als Nadelknöpfe. Unent⸗ ſchloſſen ſchien er das Büchschen wieder ſchließen zu wollen; offenbar überlegte er, ob er die kleine Kugel, die er bereits in die Hand genommen, zun Munde führen ſolle. Dann ſah er ſich rings um. Ein bitteres, verächtliches, faſt ingrimmiges Lächeln zuckte um ſeine Lippen, die Hand erhob ſich und mit einen ſchnellen Entſchluſſe warf er das Kügelchen in den Mind. Dann ließ er die Hände ſinken, ſchloß die Augen und lehnte ſich an einen Baumſtamm, während er tief zu athmen verſuchte. 75 Allmälig wurden ſeine Athemzüge regelmäßiger, ſtärker, ſchneller und natürlicher. Ein leichtes Roth färbte die eingefallenen Wangen. Er öffnete die Augen, die einen hellern Glanz zeigten. Aber der Zug um ſeinen Mund war immer noch bitter und herb. „So mancher von Euch da unten beneidet mich!“ ſagte er halblaut vor ſich hin.„Ihr wißt nicht, daß ich mit jedem von Euch tauſchen würde! Nun, währe es, ſolange es währt!“ Und abermals nahm er das Fernrohr und blickte jetzt lange und anhaltend hinaus auf die nördliche Ebene. Dann zog er ein Papier aus der Taſche, fal⸗ tete es auseinander und ſtudirte aufmerkſam die Ter⸗ rainſkizzen, welche auf demſelben entworfen waren, nahm auch zuweilen wieder das Fernrohr und ſchien das, was er ſah, mit den Entwürfen auf der Karte zu vergleichen. Sein Ausſehen war jetzt ganz das⸗ jenige eines geſunden, von ſeinem Gegenſtande voll⸗ ſtändig in Anſpruch genommenen Mannes. Tiefes Nachdenken, helles Aufblitzen, wie bei einer neuen, plötz⸗ lich gefaßten Idee, Zuverſicht, mißtrauiſches Furchen der Stirn und Runzeln der Brauen verliehen ſeinem Geſicht einen ſtets wechſelnden Ausdruck wie bei Jedem, der eine große und zweifelhafte Sache nach allen Sei⸗ ten überlegt und ſeine Geſichtszüge nicht beherrſcht, da 76 er ſich unbeobachtet glaubt. Zuweilen glänzten ſeine Augen ſogar wie in einem leichten Rauſche. Doch blieb zuletzt der Ausdruck des Zweifels und der Ueberlegung in ſeinem Geſichte vorherrſchend. 6„Wer dieſen Schuften trauen könnte!“ murmelte er vr ſich hin.„Sie möchten uns alle am liebſten ver⸗ Fifien Wir ſollen ihre Werkzeuge ſein— nun, ſeien ſie die unſerigen!“ Der Schall leichter Fußtritte ließ ihn aufblicken er jah einen jungen Li in der Uniform der gerade zur i geit Der junge Dragoneroffizier, Will Starlow, ergriff freudig die Hand, die ihm der Oberſt Clive entgegen⸗ ſtreckte. „Es freut mich unendlich, Sie ſo wohl zu finden, Oberſt!“ rief er.„Sie ſehen in der That vortrefflich aus, ſo geſund wie nie. Es freut mich mehr, als ich ſagen kann!“ Der Oberſt zuckte leicht die Achſeln und ſein Lächeln ſchien etwas erkünſtelt, als er antwortete: „Es geht ſo leidlich, nicht immer gleich gut, lieber Will. Nun, was Dich anbetrifft, ſo gleichſt Du einer Roſe, ſo friſch und blühend biſt Du. Für Dich ſcheint 77 es hier gar kein Klima zu geben. Dich kräftigt dieſe Fieberluft, als wäre ſie der friſche Hauch der Berge Alt⸗Englands.“ „Gott ſei Dank, ich finde nicht, daß mir das Klima viel Schlimmes anthäte!“ antwortete Will.„Und ich bin doppelt zufrieden, wenn ich Sie wohl ſehe!“ „Höre, Will“ ſagte Clive ernſt und gutmüthig,„ich⸗ finde, der Ton, in dem wir beide mit einander ſprechen, ziemt ſich nicht mehr. Der Unterſchied der Jahre, der übrigens ein ſo unbedeutender iſt, verdient bei uns gar keine Berückſichtigung mehr. Du biſt ein ausgezeichne⸗ ter Offizier im Diönſte der ſehr ehrenwerthen oſtindi⸗ ſchen Compagnie, und ich kann es vor meinem Gewiſſen nicht mehr verantworten, Dich mit dem herablaſſenden Du anzureden. Entweder Du nennſt mich gleichfalls Du, oder ich rede Dich, wie es ſich geziemt, mit der üblichen Begrüßungsformel an. Ich hoffe, Du wirſt das einſehen, Will! Aſ6 „Verzeihung, Herr Oberſt!“ unterbrach ihn der Lieu⸗ tenant lebhaft.„Laſſen Sie, ich bitte Sie, das alte Verhältniß zwiſchen uns fortdauern, denn ich fühle, daß es eine Auszeichnung, eine Ehre für mich iſt, eine Vertraulichkeit, die mich ſtets an die Vergangenheit, an unſer erſtes Zuſammentreffen erinnert und die mei⸗ nem Herzen wohl thut.“ ———.———— 78 „Nun wohl, ſo nenne mich ebenfalls Du!“ ſagte Clive. „Das geht nicht, Herr Oberſt, das iſt unvereinbar mit der militäriſchen Achtung, die ich meinem Führer und Vorgeſetzten ſchuldig bin!“ antwortete Will ernſt. „Auch ſind Sie für mich nicht der Oberſt Clive allein, ſondern der Freund, der Beſchützer, das Vorbild, das mir ſtets vorgeſchwebt hat, das Beiſpiel, durch welches ich ſo viel geworden bin, als ich meinen geringen An⸗ lagen nach werden konnte. Der Unterſchied zwiſchen uns liegt, wenn ich mir das erlauben darf zu ſagen, nicht in dem Unterſchied der Jahre und der Stellung, ſondern in den Beziehungen der Vergangenheit, in den Empfindungen meines Herzens. Sie werden ſtets etwas für mich ſein, was für mich ein anderer Menſch nie⸗ mals ſein oder jemals werden kann. Sie verſtehen mich, Oberſt, ohne daß ich mich deutlicher ausdrücke. Ich werde nur ſo lange glauben, Ihnen noch wie früher nahe zu ſtehen, als Sie mich der alten vertrau⸗ lichen Anrede würdigen. Ich wiederhole es, ſie iſt eine Auszeichnung, eine Ehre für mich. Halten Sie es durch die militäriſche Ordnung für geboten, ſo reden Sie mich vor der Front oder bei dem Appell wie die andern Offiziere an. Aber laſſen Sie mich, wenn wir allein ſind, in dem Glauben, daß ich für Sie nicht nur ——— 79 ein Offizier, ſondern der alte einfache Burſche, der Will Starlow bin!“ „Du wirſt Dein Leben lang ein Schwärmer bleiben!“ ſagte Clive, ihm die Hand drückend.„Wenn Du ſo thöricht biſt, es für ein Vorrecht zu halten, mich zu verwöhnen und zu vergöttern, ſo will ich es Dir nicht rauben. Ich will annehmen, Du ſeieſt eine eitle Mut⸗ ter und ich ſei Dein Kind, das ſie nun einmal nicht für etwas Gewöhnliches halten kann. Du verlangſt die Fortdauer unſeres alten Verhältniſſes als einen Beweis meiner Zuneigung, und ſo möge ſie Dir von Herzen gewährt ſein! Du ſiehſt übrigens äußerſt ſtattlich aus in Deiner Dragoneruniform! Es war eine ganz geſcheidte Idee von dem alten Sonderling, dem Iſſuf, ein paar Dutzend kräftige und geſchickte Burſchen in dieſe Uniform ſtecken zu laſſen und dadurch den Eingeborenen zu zeigen, daß auch ihre Reiterei es nicht mit der unſerigen aufnehmen kann. Nun, wie iſt's Dir ergangen? Ich habe oft genug gedacht, ich würde Dich nicht wiederſehen.“ „Und das wäre wohl möglich geweſen, Oberſt!“ ant⸗ wortete Will.„Dieſe einheimiſchen Halunken rotteten ſich oft genug zuſammen und wollten uns den Weg verlegen. Aber gewöhnlich genügten einige Schüſſe, ſie auseinander zu ſprengen, und nur hin und wieder ————— 80 kam es zu etwas ernſtern Scharmützeln, gewöhnlich dann, wenn Franzoſen ſich bei den Eingeborenen be⸗ fanden und ſie führten.“ Dann gab er einen kurzen Bericht ſeiner Expedi⸗ tion, zu deren Erklärung Folgendes dienen mag. Die von Madras im October 1756 abgeſegelte Flotte war Ende December in Fulta angelangt, wo ſich die Flüchtlinge aus Calcutta noch aufhielten. Die militäriſchen Operationen, unterſtützt von dem Comman⸗ deur der Flotte, Admiral Watſon, begannen ſogleich. Ein von den Ttuppen Suradſcha⸗Daulah's beſetztes Fort wurde genommen und am 2. Januar 1757 Cal⸗ cutta wiedererobert. Wie vorauszuſehen war, wollten nun die Beamten der Compagnie Clive abhängig von ſich machen, ſeine Vollmachten beſchränken. Aber der Oberſt ließ ſich nicht irren und behauptete ſeine Unab⸗ hängigkeit auch dem Admiral Watſon gegenüber, der, wie alle von der Krone unmittelbar ernannten Offiziere, die Untergebenen der Compagnie nicht als gleichberech⸗ tigt anerkennen wollte. Bald darauf wurde die Stadt und das Fort Hughly genommen und die kleine Armee kehrte nach Calcutta zurück. Suradſcha⸗Daulah, in dem thörichten Glauben, daß mit der erſten Einnahme von Calcutta und der Ver⸗ treibung der Engländer Alles beendet ſei, war nach ————le — 81 Murſchidabad zurückgekehrt und hatte ſein ſchwel⸗ geriſches Leben von neuem begonnen. Die Ankunft Clive's und die Erfolge deſſelben ſchreckten ihn auf und er rückte mit einer Armee von vierzigtauſend Mann gegen Calcutta vor. Clive wußte, daß er gegen dieſe Armee keinen erfolgreichen Schlag ausführen könne, um ſo mehr, da der Krieg zwiſchen Frankreich und England wirklich ausgebrochen war und jeden Tag die zahlreiche franzöſiſche Beſatzung von Chandernagor zu dem Subah von Bengalen ſtoßen konnte. Er be⸗ gnügte ſich deshalb, einen nächtlichen Angriff auf das Lager Suradſcha⸗Daulah's zu machen, der denn auch den Subah in der That ſo erſchreckte, daß er ſich auf Unterhandlungen einließ und ſich verpflichtete, den Engländern alles Geraubte wiederzugeben, die Be⸗ feſtigung von Calcutta zu geſtatten und ihnen zu er⸗ lauben, Geld zu prägen. Keiner von beiden Parteien war es mit dieſem Vertrage Ernſt. Der Subah wollte Zeit gewinnen und franzöſiſche Verſtärkungen an ſich ziehen; Clive wollte ebenfalls die Verhältniſſe genauer kennen lernen, die franzöſiſche Niederlaſſung vernichten und dann den Subah ſoviel als möglich demüthigen und Rache für die ſchwarze Höhle nehmen. Suradſchah⸗Daulah, der ſehr gut einſah, daß die Franzoſen ſeine natürlichen Verbündeten gegen die Mützelburg Robert Clive. IW. 6 82 Engländer ſeien, und der einen lebhaften Briefwechſel mit dem Oberſten Buſſy unterhielt, deſſen Truppen nicht allzufern im nördlichen Dekan, in den ſogenann⸗ ten Eircars ſtanden, weigerte ſich entſchieden, die Er⸗ laubniß zu einem Angriffe der Engländer auf Chan⸗ dernagor zu geben. Allein die Feſtigkeit Clive's und des Admirals Watſon, ihre Drohungen und die Geſchenke an ſeine Vertrauten bewogen ihn endlich zu einer zweideutigen Zuſtimmung, infolge deren Chandernagor ſofort von den Landtruppen und einigen Kriegsſchiffen angegriffen wurde. Die Feſtung mußte capituliren und mit ihr war die franzöſiſche Macht in Bengalen ſo gut wie gebrochen. Eine Anzahl Franzoſen floh jedoch trotz der Capitulation nordwärts zu dem Subah und bot ihm ihre Dienſte an. Außerdem befand ſich ein Corps Franzoſen unter Law im Dienſte des Subah. Es war für die Engländer, die ſich wenig m die einge⸗ borenen Truppen, aber ſehr viel um die Franzoſen kümmerten, von der größten Wichtigkeit, genau zu er⸗ fahren, wie ſtark die franzöſiſchen Corps ſeien und wo ſie ſtänden. Deshalb wurde der Lieutenant Starlow mit einer neugebildeten Abtheilung von Dragonern in Begleitung eines Mannes, der die bengaliſchen Ver⸗ hältniſſe und die Landesſprache genau kannte, abgeſchickt, um ſo weit als möglich nach Weſten vorzudringen und 83 Erkundigungen jeder Art, vornehmlich aber über die Stellung Law's und Buſſy's einzuziehen, von denen das Gerücht behauptete, daß ſie ſchon bis an die Grenze von Bengalen vorgedrungen und daß ihre Truppen zahlreicher ſeien als die engliſchen. Nach Will's Mittheilungen ſtanden die Dinge nicht ſo ſchlimm. Law befand ſich allerdings mit einem nicht unbedeutendem Corps Franzoſen in der Nähe von Patna am Ganges und konnte in wenigen Tagen ſtromabwärts zu dem Subah gelangen. Aber von Buſſy's Corps hatte man nichts gehört und geſehen. Im ſchlimmſten Falle konnte er erſt in einigen Mona⸗ ten zu dem Subah ſtoßen. „Du ſcheinſt noch etwas auf dem Herzen zu haben“, ſagte Clive, als Will ſeinen Bericht in aller Kürze vorgetragen.„De ſchwebt das Wort, wie man zu ſagen pflegt, auf der Zunge, ich ſehe es.“ „Ja, Oberſt, es iſt ſo!“ antwortete Will in mühſam verhaltener freudiger Aufregung.„Aber es iſt nur eine perſönliche Angelegenheit. Ich kann ein ander Mal davon ſprechen.“ „Deine perſönlichen Angelegenheiten intereſſiren mich in den meiſten Fallen ebenſo ſehr wie die mili⸗ täriſchen Ereigniſſe“, ſagte Clive.„Sprich nur ſo⸗ gleich!“ 6* 84 „Ich glaube, daß Miß Badyſon und Adora in der Nähe ſind“, antwortete Will. „In der Nähe?“ rief Clive erſtaunt.„Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Nun, in Bengalen, vielleicht in Murſchidabad!“ erwiderte Will. „Das verhüte der Himmel!“ rief Clive erſchreckt, faßte ſich aber ſogleich und fügte hinzu:„Ich meine, daß ich hoffe, ſie ſind nicht in der Nähe der Armeen. Da könnten ſie traurigen Begegnungen ausgeſetzt ſein.“ Er hatte Will noch nicht mittheilen können, was ihm Iſſuf über die Herkunft Adora's und ihre Be⸗ ziehungen zu Suradſcha⸗Daulah's Familie erzählt. Auf der Fahrt nach Bengalen hatte ſich Will auf einem andern Schiffe befunden, nach der Ankunft in Benga⸗ len waren ſich die militäriſchen Operationen in faſt ununterbrochener Reihe gefolgt und die beiden Freunde hatten ſich nur in dienſtlichen Angelegenheiten geſehen. Will konnte alſo nicht ahnen, daß es für Adora und möglicherweiſe auch für ihre Freundin kaum einen ge⸗ fährlichern Aufenthalt gab als denjenigen innerhalb der Grenzen Bengalens. Der junge Offizier hatte den Oberſten, deſſen ſchnelle Erregung ihm nicht entgangen war, aufmerkſam und voller Beſorgniß beobachtet. 85 „Seltſam, daß auch Iſſuf den ich unten in Cutwah traf, als ich Sie aufſuchen wollte, und dem ich flüchtig von meiner Vermuthung erzählte, mehr erſchreckt als erfreut ſchien!“ ſagte er mit gepreßter Stimme.„Iſt ein Geheimniß dabei im Spiele, Oberſt?“ „Wir wollen ſpäter darüber ſprechen“, antwortete Clive.„Auf jeden Fall wäre für Miß Badyſon wohl nichts zu fürchten In Uebrigen glaube ich daß Du Dich getäuſcht, lieber Junge! Aber erzähle mir den Vorfall, damit ich ſelbſt urtheilen kann.“ „Sie beunruhigen mich in der That, Oberſt!“ rief der Offizier. „Ich wiederhole Dir, für Miß Badyſon iſt es wahr⸗ ſcheinlich ganz gleichgültig, ob ſie ſich in Hyderabad, in Delhi oder in Murſchidabad befindet“ ſagte Clive ernſt. „Für Adora iſt das möglicherweiſe anders. Doch das ſteht Dir ja jedenfalls in zweiter Linie. Alſo erzähle mir, was Du zu erzählen haſt. Dann wollen wir weiter ſehen.“ „Es war vor acht Tagen“, berichtete Will, ſich zur Ruhe zwingend.„Nachdem ich mich überzeugt— wie ich Ihnen vorher ſchon geſagt— daß man im nörd⸗ lichen Hriſſa und im weſtlichen Bengalen nichts von dem Herannahen des Buſſy'ſchen Corps wiſſe, brach ich von Gaya auf und wandte mich nach Norden, dem 86 Ganges zu, um zu erfahren, wo Law ſich befinde. Die Ergebniſſe dieſer Erkundigungen kennen Sie. Die mir feſtgeſette Zeit war abgelaufen, ich mußte zu Ihnen zurückkehren. In der Nähe von Monghir hatten wir am Ganges unſer kleines Lager aufgeſchlagen und ich ſaß am Spätnachmittage, ungefähr um dieſelbe Zeit wie jetzt, am Ufer des mächtigen Stroms und be⸗ trachtete die gewaltige dahinrollende Flut, die leicht den Fluß hinabgleitenden Boote und die ſich mühſam ſtromaufwärts arbeitenden Fahrzeuge. Da näherte ſich ein Boot, das ich an ſeinem Verdeck, den Flaggen und Wimpeln, ſowie nach ſeiner ganzen Ausrüſtung und Ausſtattung als ein Boot des Nabobs zu erkennen glaubte. Es hielt ſich in der Nähe des ſüdlichen Ufers, ſodaß ich im Vorüberfahren die Perſonen in demſelben ziemlich genau unterſcheiden konnte. Außer den Ru⸗ derern gewahrte ich ſechs Bewaffnete in dem Boot und zwei Männer in gewöhnlicher bengaliſcher Tracht. Unter dem Verdeck aber ſaßen drei Frauen, von denen die eine nicht verſchleiert war. Gerade als das Boot an mir vorüberſchoß, wandte dieſe letztere mir das Geſicht zu und— ich will es nicht leugnen— das Herz klopfte mir heftig, denn ich glaubte in ihr Miß Bady⸗ ſon zu erkennen. So wenigſtens nach meiner Anſicht, nach dem Bilde, das ich von ihr bewahrt, muß jetzt Seeeehee ihr Ausſehen ſein. Unwillkürlich ſprang ich auf. Die Dame im Boot ſchien mich zu bemerken, ſprach mit einer von den beiden andern Damen, dieſe ſchlug den Schleier zurück, und ich glaubte Adora zu erkennen. Das Boot ſchoß jedoch ſo raſend ſchnell vorbei, daß mir die Hinterwand des Verdecks bereits den Anblick der beiden Damen entzog. Auffällig aber bleibt es, daß die eine ſich herausbog und ein Taſchentuch wehen ließ. Eine fremde Indierin würde das kaum gethan haben. Dem Boot zu folgen war mir unmöglich, ſelbſt wenn ich mich auf mein Pferd geworfen hätte. Und außerdem mußte ich zu Ihnen zurückkehren. Das iſt Alles!“ „Und wahrlich wenig genug!“ rief Clive.„Du ſiehſt überall Miß Badyſon, lieber Will, das nimmt mich gar nicht wunder! Warum ſoll eine junge indiſche Prinzeſſin oder eine Haremsdame Suradſcha⸗Daulah's nicht einem engliſchen Dragoneroffizier mit dem Taſchen⸗ tuch winken, namentlich wenn ſie in einem ſchnellen Boote vorüberfährt und er feſtgenagelt am Ufer ſteht? Der Fall kommt gewiß oft genug vor. Sei überzeugt, Will, Deine Phantaſie hat Dir einen kleinen Streich geſpielt und Deine Augen haben Dir das Bild vor⸗ gezaubert, das in Deinem Herzen lebt!“ „Und dennoch möchte ich darauf ſchwören, daß ſie 88 es war!“ ſagte Will leiſe vor ſich hin.„Laſſen Sie mich nun auch nicht länger im Dunkel über Adora's Gefahr, Oberſt!“ Clive theilte Will im Allgemeinen mit, daß Adora einer Familie angehöre, die mit der jetzt herrſchenden Familie des Subah nicht gut ſtehe, verſchwieg jedoch, um Will nicht mit vielleicht unnöthiger Unruhe zu er⸗ füllen— denn der Oberſt glaubte feſt, daß Will ſich getäuſcht— die beſondern Gründe, aus denen Adora's Anweſenheit in der Nähe des grauſamen und tückiſchen Suradſcha⸗Daulah als ſehr gefährlich für die erſtere erſchien. Hatte Will ſich nicht geirrt, waren Adora und Miß Clara wirklich in jenem Boote an ihm vor⸗ übergefahren, ſo konnte ihr Aufenthalt in Bengalen kaum ein freiwilliger ſein. Aber wozu ſich mit Beſorg⸗ niſſen quälen, da die Thatſache dieſer Anweſenheit ſo äußerſt unſicher war! „Ich ſagte Dir, mein Junge, Du kämſt zu rechter Zeit!“ fuhr Clive fort, um den ernſt gewordenen Offi⸗ zier auf andere Gedanken zu lenken. Wir ſtehen nämlich im Begriff, Suradſcha⸗Daulah anzugreifen und noch heute Abend ſoll ein allgemeiner Kriegsrath ge⸗ halten werden.“ „Was iſt denn wieder vorgefallen?“ fragte Will. „Ich habe auf meinem Ritt durchs Land natürlich keine n ————— 89 Nachrichten erhalten. Hat Suradſcha⸗Daulah den Ver⸗ trag gebrochen?“ „Er hat nie einen Augenblick Luſt gehabt, ihn zu halten, und ich befand mich ungefähr in derſelben Lage“, erwiderte Clive und ſah nach ſeiner Uhr.„Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit; es iſt angenehm kühl hier oben. Soll ich Dir eine kleine Vorleſung über indiſche Politik halten und Dich in das Geheimniß einweihen, wie wir einen der größten Schurken vernichten und einen faſt ebenſo großen Schuft mit ſeinen eigenen Waffen betrügen wollen?“ „Gewiß, Oberſt, ich werde Ihnen ſehr dankbar ſein“, antwortete Will.„Aber die beſte Politik, dieſen Bengaleſen zu begegnen, ſcheint mir Offenheit und das Schwert.“ „Da biſt Du im ſchönſten Irrthum, mein lieber Junge!“ rief Clive.„Das Schwert, nun ja, das wird für den Nothfall immer entſcheiden, aber Offen⸗ heit gegen dieſe hinterliſtige, heimtückiſche Bande— das wäre unſer Verderb! Nein, dieſes Mal fangen wir Suradſcha⸗Daulah in ſeiner eigenen Schlinge. Doch höre! Natürlich darfſt Du zu keinem Fremden davon ſprechen. Wie geſagt, als der Subah ſeinen Vertrag mit uns ſchloß, uns vollen Schadenerſatz und alle mög⸗ lichen Privilegien für die Compagnie verſtrach, fiel es 90 ihm nicht ein, Wort zu halten. Er hoffte auf franzö⸗ ſiſchen Beiſtand und empfand es ſehr bitter, daß wir mit Chandernagor ſo kurzen Proceß machten. Ich habe die klarſten Beweiſe in Händen, daß er, ſobald unſere Armee Bengalen wieder verlaſſen hat, abermals über Calcutta herfallen will. Er beeilte ſich alſo auch nicht im mindeſten mit der Auslieferung der für den Scha⸗ denerſatz ſtipulirten Summen, und mir war das ganz recht, da auf dieſe Weiſe ſtets ein Grund zu Zwiſtig⸗ keiten, eine ſtets offene Wunde blieb; denn mein Plan war, iſt und bleibt, Suradſcha⸗Daulah gründlich zu vernichten. So ſind denn nun fortwährend Verhand⸗ lungen gepflogen worden, die ich abſichtlich in die Länge zog, da ich die Stimmung am Hofe Suradſcha⸗Daulah's durch unſern Agenten Watts, der ſich zur Betreibung unſerer Angelegenheiten am Hofe des Subah befindet, gründlich kenne. Seine eigenen Leute haſſen den Su⸗ bah. Niemand iſt vor ihm ſicher, kein Feldherr, kein Miniſter, kein Banquier. Er greift in jede Kaſſe, plün⸗ dert, ſtürzt, erhebt Jeden, wie es ihm gefällt. Er iſt der abgefeimteſte, gleichgültigſte Burſche, den die Erde je geſehen hat. England wird nie Frieden mit ihm haben, ſolange er Subah iſt. Deshalb muß er geſtürzt und ein anderer Subah an ſeine Stelle geſetzt werden. Iſſuf kannte die Verhältniſſe ganz gut. Hätte ich eine 91 vornehme Indierin geheirathet, ſo könnte ich mich ſelbſt zum Subah von Bengalen, Behar und Oriſſa machen!“ „Davon bin ich überzeugt, Oberſt!“ ſagte Will. „Sie könnten Großmogul werden!“ „Es handelte ſich alſo für uns darum“, fuhr Clive fort,„den Subah in eine thörichte Sicherheit zu wiegen und unterdeſſen ſeinen Sturz einzuleiten. Von Watts hatten wir mit Beſtimmtheit erfahren, daß Roy⸗ Dullub, der Duan oder Finanzminiſter des Subah, und Jugget⸗Seat, einer der größten Banquiers, unſere Pläne mit Freuden unterſtützen würden. Es handelte ſich nur darum, einen befähigten Bewerber für die Krone Suradſcha⸗Daulah's zu finden, und dieſer hat ſich uns in Mir Jaffir, dem Oberfeldherrn des Subah, dargeboten. Ich kann kaum ſagen, daß die Intrigue von uns ausgegangen iſt. Die Großen Suradſcha⸗ Daulah's kamen uns auf halbem Wege entgegen. Zu⸗ erſt bot ſich ein Unterbefehlshaber unſerm Geſchäfts⸗ träger Watts als Prätendent an, und als er ſah, daß Watts nicht abgeneigt war, ſich auf einen derartigen Plan einzulaſſen, zog ſich dieſer nur vorgeſchobene Strohmann zurück, und Mir Jaffir trat ſelbſt als Prätendent auf, was uns natürlich viel angenehmer war, da er mächtiger und einflußreicher als irgend ein —— — —— 92 — anderer Mann in Bengalen und ein großer Theil der Truppen ihm treu ergeben iſt. Wir haben alſo im Lauf der Zeit ein Bündniß mit Mir Jaffir abgeſchloſ⸗ ſen, das im Allgemeinen dieſelben Bedingungen enthält wie der Vertrag mit Suradſcha⸗Daulah, uns außerdem aber noch eine Menge Vergünſtigungen ſichert und auch der Armee und der Flotte bedeutende Summen anweiſt. Ich ſehe nicht ein, Will, weshalb wir, die wir doch die Angelegenheiten entſcheiden, leer ausgehen ſollen. Auch ich will reich ſein, wenn ich ſehe, daß jeder Krämer ſich hier zum Millionär machen kann. Wir wagen unſer Leben. Wer fällt, nun, der braucht keinen Reichthum. Aber der Ueberlebende mag die Vortheile genießen. Ich habe in England bereits begriffen, daß mich die Ariſtokratie doch nicht für ebenbürtig anſehen wird, ob⸗ gleich ich keinen in ihren Reihen wüßte, der mehr für die Ehre Englands gethan als ich. So will ich we⸗ nigſtens äußerlich mit ihnen in gleicher Reihe ſtehen oder ſie noch übertreffen. Ich habe wenig vom Leben; dieſes Wenige will ich mir ſo angenehm machen als möglich!“ Will ſchien dieſe Worte, die bitter, ſarkaſtiſch und verächtlich geſprochen wurden, nicht recht zu verſtehen. Er hörte auch derartige Aeußerungen zum erſten Male aus dem Munde Clive's. Er ſah 93 alſo ernſt und aufmerkſam auf den Oberſten, ſagte aber nichts. „Die Angelegenheit mit Mir Jaffir iſt in Ordnung“ fuhr Clive fort.„Es wundert mich, daß er mit ſeinen Truppen noch nicht zu mir geſtoßen iſt. Möglich, daß ihn Furcht befallen hat. Dieſe Indier ſind erbärmliche Kerle. Auf keinen kann man ſich verlaſſen. An den Subah habe ich heute einen Brief geſchrieben, worin ich ihm ſage, daß er wortbrüchig ſei und daß ich, da die Regenzeit herannahe, mir erlauben würde, ihm in aller Eile noch vorher einen Beſuch zu machen, um mir Antwort auf verſchiedene Dinge von ihm zu holen. Dieſer Brief, ſowie die heimliche Abreiſe Watts', un⸗ ſeres Beauftragten, aus Murſchidabad werden ihm zeigen, was wir wollen, und er muß entweder fliehen oder ſich ſchlagen. Sein Heer ſteht bei Plaſſey, da drüben im Norden, auf der Ebene, einen Tagemarſch von hier.“ Es war, als ob William Starlow von dieſen Mit⸗ theilungen nicht befriedigt ſei. „Und wer iſt denn der zweite Schurke, der ſeinen Lohn erhalten ſoll?“ fragte er. „Ah ſo! Den hätte ich beinahe vergeſſen!“ rief. Clive.„Das iſt Omichund, der reiche Hindukaufmann, der in Calcutta lebte.“ 94 „Soviel ich weiß, verdanken wir ihm manches Gute“ ſagte Will verwundert. „Thorheit!“ rief Clive.„Er iſt ein geiziger, ſchmuzi⸗ ger, hinterliſtiger Burſche, der überall nur ſeinen Vor⸗ theil wahrnimmt. Er hat uns durch ſeine Unterhand⸗ lungen mit Suradſcha⸗Daulah einige Dienſte geleiſtet, das iſt wahr; aber er hat ſich wahrlich dabei nicht vergeſſen und die Belohnungen von beiden Seiten ein⸗ geſteckt. Sein Vortheil ſtand ihm ſtets in erſter Linie. Er iſt ein ſchlauer Patron. Obgleich wir die Ange⸗ legenheit mit Mir Jaffir ſehr geheim gehalten, ſo hat er ſie doch erfahren, denn er iſt ein Schleicher, der an allen Thüren horcht. Er ſuchte das Geheimniß ſogleich für ſich auszubeuten und verlangte nicht weniger als ungefähr ſechs⸗ bis ſiebenhunderttauſend Pfund Sterling für ſein Schweigen! Das war mehr, als die Armee und die Flotte erhalten ſollten. Mir kochte das Blut, als ich das ſchamloſe Verlangen des alten Gauners erfuhr. Da wir aber in der That befürchten mußten, daß er uns verrathe, wenn wir ſeinen tollen Anſprü⸗ chen nicht willfahrten— und es ſtand Watts' und mehrerer Engländer Leben dabei auf dem Spiel!— ſo erſann ich ein Mittel, ihn zu täuſchen. Wir entwarfen zwei Verträge mit Mir Jaffir, einen auf weißem und einen auf rothem Papier, beide gleichlautend bis auf 95 einen Omichund betreffenden Paragraphen. In dem echten weißen Vertrage iſt von Omichund nicht die Rede; in dem unechten rothen iſt ihm die verlangte Summe ausgeſetzt und nur dieſen hat Omichund zu ſehen bekommen. Er iſt natürlich ganz glücklich und geht jetzt mit uns durch Dick und Dünn. Watſon war ſo thöricht, den unechten Vertrag nicht unterſchreiben zu wollen; wir haben deshalb ſeine Unterſchrift nach⸗ geahmt, denn Omichund wäre mißtrauiſch geworden, wenn die Unterſchrift des Admirals gefehlt hätte.“ „Aber das iſt nicht recht, Oberſt!“ rief Will, der bei der Erzählung Clive's roth und blaß geworden war.„Mag der Kaufmann ein Gauner ſein, ein Ver⸗ ſprechen muß man halten!“ „Auch ein erzwungenes?“ rief Clive lachend.„Nein, lieber Junge, mit dieſer Großmuttermoral kommen wir in Indien nicht durch. Hier haben wir mit abgefeim⸗ ten Schurken zu thun, von denen jeder ſich keinen Augenblick beſinnen wird, einen Vertrag zu brechen, ſobald ihm derſelbe ungünſtig ſcheint. Omichund hat uns bereits mehrfach getäuſcht und die Unterhandlun⸗ gen, die er in unſerm Auftrage mit Suradſcha⸗Daulah führte, nur benutzt, um für ſich Vortheile zu erwerben. Ich mache mir nicht das Mindeſte daraus, dieſen Be⸗ trüger zu betrügen; ich nehme alle Verantwortung auf 96 mich. Ich habe früher gedacht wie Du, Will, aber wir kommen mit dieſer Moral in Indien nicht durch. Wir ſetzen Gut und Blut ein, um uns nachher durch einen wortbrüchigen Subah betrogen zu ſehen. Wir müſſen mit gleichen Waffen gegen dieſe Indier kämpfen, die, ob ſie nun Mohammedaner oder Hindus ſind, von unſern Begriffen von Ehre und Moral nichts wiſſen. Schon die ganze Götterlehre der Hindus iſt eine Rei⸗ henfolge von Betrügereien; der eine Gott ſucht den andern zu übervortheilen und zu überliſten. Sollten es die gewöhnlichen Sterblichen nicht noch ſchlimmer machen? Die Hindus würden uns nur auslachen, wenn wir uns ſtreng an unſere Verträge hielten, wäh⸗ rend ſie aus dem Bruch derſelben Vortheil ziehen. Hier heißt es nicht nur mit dem Degen kämpfen, ſondern auch den Diplomaten ſpielen und Liſt gegen Liſt anwenden!“ „Sie dachten früher anders, Oberſt!“ ſagte Will mit gepreßter Stimme.„Es iſt, als ob ich Iſſuf aus Ihnen ſprechen hörte.“ „Und warum nicht?“ erwiderte Clive.„Iſſuf kennt dieſes Volk, er gehört zu ihm und hat mir ſelbſt ge⸗ rathen, zu handeln, wie ich gethan. Ich will den Engländern Ruhe und Sicherheit in Bengalen ver⸗ ſchaffen, deshalb muß Suradſcha⸗Daulah vernichtet wer⸗ eeeteaebAelii 97 den; ich will die Compagnie nicht um eine enorme Summe geprellt wiſſen, deshalb muß Omichund, der Verräther, ſelbſt verrathen werden. Ein Anderer würde noch viel kürzern Proceß machen; er würde den Ver⸗ räther gefangen nehmen und nach England ſchicken oder ſonſt unſchädlich machen. Sei Du froh, lieber Will, daß Du Dich mit ſolchen Dingen nicht zu plagen haſt! Eine höhere Stelle bringt größere Verantwor⸗ tung mit ſich und zwingt zu Mitteln, die mir ebenfalls verhaßt waren, als ich nur das Schwert, nicht auch die Feder zu führen brauchte. Hier kann ich durch eine geſchickte Operation meinen Landsleuten Hunderte von Menſchenleben und Millionen Rupien ſparen. Alſo thue ich es!“ „Und doch fürchte ich, Oberſt, daß Sie nicht mit ſich ſelbſt zufrieden ſind“, ſagte Will ernſt und traurig. „Eine ſolche Handlungsweiſe liegt nicht in Ihrer Natur.“ „Ich bin in vielen Dingen nicht mit mir ſelbſt zu⸗ frieden“, antwortete Clive bitter.„Aber was hilft das? Man muß das Leben nehmen, wie es iſt! Du würdeſt Dich vielleicht weniger beſinnen, wenn Du hörteſt, daß ſich Miß Badyſon unrechtmäßiger Weiſe in— der Gewalt Suradſcha⸗Daulah's, eines tyranniſchen Wüſtlings befände, und wenn es Dich nur einen Feder⸗ Mütelburg, Robert Clive 1V. 5 98 ſtrich koſtete, ſie zu befreien. Wir ſind ſcharfe Kritiker Anderer, ſobald die Sache uns nicht ſelbſt betrifft. Mit meiner Verantwortlichkeit und in meiner Lage, an der Spitze von einigen tauſend Menſchen, die man durch eine dumme Geradheit verderben, durch eine ge⸗ ſchickte Benutzung der Umſtände retten kann, würdeſt Du wahrſcheinlich ebenſo denken und handeln wie ich. Man wird mich ſpäter vielleicht tadeln, das gebe ich zu. In London ſitzen die Herren in der Wolle und fern vom Schuß; da läßt ſich gut moraliſiren. Aber wenn ich noch vier Wochen wartete, bis Suradſcha⸗ Daulah die Franzoſen ins Land gezogen hätte und uns dann mit Schimpf und Schande verjagte, ſo würde man mich in England zerreißen.“ „Das Urtheil der Welt war Ihnen früher gleich⸗ gültig, Oberſt!“ ſagte Will traurig und vorwurfsvoll, aber immer noch mit tiefer Ergebenheit in Blick und Ton. „Das iſt es auch noch, mehr als je!“ rief Clive. „Ich würde augenblicklich meine Stellung niederlegen, wenn man mich zwänge, etwas zu thun, das meinen Anſichten widerſtrebt. Aber die Art, wie ich dieſen indiſchen Heuchlern und Betrügern gegenübertrete und ihnen ihre Verrätherei mit Zinſen heimzahle, wider⸗ ſtrebt meinen Anſichten nicht. Die Staatsraiſon iſt B eine andere als die bürgerliche und die Staatsmoral ebenfalls; gilt das ſchon im civiliſirten Europa, um wie viel mehr erſt dieſen Indiern gegenüber, die in Bezug auf Moral ganz verwildert ſind.“ „Aber im Grunde genommen haben wir eigentlich gar nichts hier zu thun!“ rief Will.„Die Hindus haben Recht, wenn ſie uns zum Lande hinauswerfen wollen; ſie müßten es nur auf eine anſtändige Weiſe, nicht, wie Suradſcha⸗Daulah, mit raffinirter Grau⸗ ſamkeit thun. Warum laſſen wir die Leute hier nicht in Ruhe?“ „Lieber Will, das gehört der Vergangenheit an und unſere Vorfahren mögen es verantworten!“ rief Clive lachend.„Wir ſind nun einmal hier und wollen uns behaupten, ſo gut und ſolange wir können. Aber ich glaube, nun iſt es Zeit, nach Cutwah hinabzugehen. Die Offiziere werden bereits verſammelt ſein. Du wohnſt natürlich dem Kriegsrath bei?“ „Wie Sie befehlen, Herr Oberſt!“ ſagte Will zer⸗ ſtreut und nachdenklich. „Alter Freund, Du biſt mir doch nicht böſe?“ rief Clive, ihn lächelnd aufmerkſam anſchauend.„Nein, laß uns gute Freunde bleiben, trotz Omichund und Suradſcha⸗Daulah! Das ganze Pack verdient nicht, daß ſich ein paar ehrliche Engländer ihretwegen auch 7* 100 nur eine Minute lang ſtreiten. Laß nur, ich weiß, was ich thue, und werde es verantworten. Ich denke über manche Dinge jetzt anders als früher und will mir ſpäter keine Vorwürfe darüber machen, eine gün⸗ ſtige Gelegenheit verſäumt zu haben, wie ſo oft ſchon! Laß uns gehen. Ich will Deinen Arm nehmen!“ Sie gingen bei Sonnenuntergang den Hügel hinab. Der Oberſt hatte den Arm des Dragoneroffiziers nicht nur aus Vertraulichkeit genommen; er ſchien in der That einer leichten Stütze zu bedürfen. Will bemerkte, daß ſein Gang ſchwer, daß die frühere Lebendigkeit aus ſeinem Geſichte verſchwunden und die Farbe deſ⸗ ſelben fahler geworden war. „Ich hoffe, Oberſt, ich habe Sie nicht erzürnt?“ ſagte Will.„Sie ſehen aus wie Jemand, der ſich über etwas ſtark geärgert hat!“ „O Gott behüte!“ rief Clive.„Darüber ſollte ich mich erzürnen? Mit Dir wahrlich nicht, mein Junge! Vor Dir habe ich kein Geheimniß und würde es Dir ganz offen geſtehen, wenn ich auf mich ſelbſt böſe wäre oder über einen Betrug erröthen müßte. Nein, das find leider meine alten körperlichen Zuſtände. Ich bin nicht Herr meiner ſelbſt, Herr meiner Nerven. So nennen es wenigſtens die Aerzte Ich habe mich übri⸗ gens in mein Schickſal gefunden und gebrauche hin 101 und wieder ein leichtes Mittel, um mich über die ſchwierigen Kriſen hinwegzubringen. Ich nehme zu⸗ weilen etwas Opium.“ „Um Himmelswillen, wer hat Ihnen das gerathen?“ rief Will, erſchreckt ſtillſtehend. „Nur nicht ſo laut, das braucht Niemand zu hören!“ ſagte Clive lachend.„Es iſt nicht ſo gefährlich, wie es ausſieht. Du brauchſt nicht zu denken, daß ich Opium in mich hineinſchlucke wie ein echter Orientale. Ich gebrauche es nur hin und wieder als Arznei⸗ mittel!“ „Aber wer ſich daran gewöhnt, ſoll es nie mehr entbehren können!“ rief Will, noch immer aufgeregt. „Man nimmt immer ſtärkere Doſen und eine voll⸗ ſtändige Zerrüttung des Körpers iſt zuletzt die Folge. O laſſen Sie das, Oberſt, wenn es Ihnen irgend mög⸗ lich iſt!“ „Ja, wenn es möglich iſt!“ wiederholte Clive, den Kopf ſenkend und mit ſchwerer, dumpfer Stimme. „Wenn Du derartige Anfälle hätteſt, würdeſt Du an⸗ ders ſprechen. Ihr habt ſo gut reden, Ihr mit Eurer eiſernen Geſundheit und Eurem elaſtiſchen Geiſt, der ſich niemals niederdrücken läßt! Ich kann nicht vege⸗ tiren wie eine Pflanze. Ich will leben, ſchaffen, thätig ſein, und wenn mein elender Körper mich daran hin⸗ dert, ſo muß ich ihn zwingen! Doch genug davon Ich habe Dir das im Vertrauen geſagt und werde vorſichtig ſein. Dort, in dem Gebäude, verſammeln wir uns. Ich will vorher noch ſehen, ob Briefe oder ſonſtige Nachrichten eingetroffen ſind. In fünf Minu⸗ ten treffen wir uns!“ Sie trennten ſich. Will ging traurig und in tiefem Nachdenken nach dem Gebäude, in welchem der Kriegs⸗ rath gehalten werden ſollte, und traf dort bereits die Mehrzahl der Offiziere verſammelt. Seine Ankunft rief allgemeine Freude hervor und man beſtürmte den beliebten Kameraden mit Fragen über ſeine Ex⸗ pedition. Als man gehört, daß er bereits mit Clive geſprochen, fragte ihn einer der Offiziere, wie er den Oberſten gefunden. Will antwortete natürlich, daß er nichts Fremdes oder Auffälliges an ihm bemerkt habe, ließ jedoch eine Frage, ob denn an dem Oberſten etwas verändert ſei, mit einfließen. „O nichts Beſonderes!“ erwiderte jener Offizier. „Aber anders iſt der Oberſt, den ich ja vom Fort St.⸗ David kenne, als früher. Sonſt war er kurz, feſt, be⸗ ſtimmt in Allem. Sein Weſen war ſtets daſſelbe, immer ernſt, gemeſſen, etwas zugeknöpft. Jetzt iſt er zuweilen ſehr heiter und leutſelig, dann wieder wort⸗ karg, verſchloſſen, traurig. Seine Entſchlüſſe wechſeln; 103 er widerruft oft ſeine Anordnungen und Befehle, führt aber dann den letzten Entſchluß mit eiſerner Energie durch. Für uns und die Soldaten iſt er immer gleich beſorgt, wir klagen nicht über ihn. Aber es ſcheint etwas in ihm ſelbſt nicht richtig zu ſein. Er iſt nicht zufrieden, nicht glücklich, wie es ſcheint.“ „Ich glaube eher, daß er kränklich iſt“, antwortete Will, traurig von dieſem Geſpräch berührt. „Ja, das mag er auch wohl ſein“ ſagte der Offizier. „Man ſieht es ihm an. Er ſcheint auch zuweilen Dpium zu nehmen, wenigſtens macht er den Eindruck. Nun, Thorheit, darüber zu reden! Er iſt der beſte Commandeur, der ſich denken läßt. Wir und, was noch mehr ſagen will, auch die Sepoys gehen für ihn durchs Feuer. Schade um ihn, wenn er etwas Krankes an ſeinem Leibe oder an ſeiner Seele hätte. Er iſt brav durch und durch!“ Der Eintritt Clive's unterbrach dieſes Geſpräch, das für den Lieutenant Starlow allerdings peinlich war, aber ihn doch überzeugte, daß in der That eine Umwandlung mit Clive vorgegangen ſei. Clive leitete den Kriegsrath damit ein, daß er den Offizieren eine Auseinanderſetzung der augenblicklichen Lage gab, die jedoch nur kurz zu ſein brauchte, da die Sachlage allgemein bekannt war. Von der Hülfe, die 104 ihm Mir Zaffir verſprochen, durfte er natürlich nichts verrathen. Es handelte ſich, ſeinen Worten nach, um einen Angriff auf die geſammte Armee Suradſcha⸗ Daulah's. Denn der Subah hatte erklärt, daß er ein weiteres Vordringen der Engländer nach dem Norden nicht dul⸗ den werde. Die Frage, welche Clive dem Kriegsrath vorlegte, lautete einfach:„Gehen wir über den Fluß und ſchlagen wir uns mit dem ſtarken Heere Suradſcha⸗ Daulah's? Oder bleiben wir in Cutwah, wo große Vorräthe von Reis es uns möglich machen, die ganze Regenzeit abzuwarten, und benutzen wir dieſe Zwiſchen⸗ zeit, um uns mit den Mahratten über einen gemein⸗ ſamen Angriff gegen den Subah zu verſtändigen?“ Von den Mahratten hatte nämlich Clive Bündnißan⸗ träge erhalten, die er zuerſt nicht für echt hielt und deshalb, um ihn ganz ſicher zu machen, dem Subah mittheilte; es hatte ſich aber inzwiſchen herausgeſtellt, daß die Mahratten in der That ein Bündniß mit den Engländern wünſchten. Wider alle Gewohnheit— denn bei einem Kriegs⸗ rath pflegt der jüngſte Offizier zuerſt ſein Urtheil ab⸗ zugeben— ſprach Clive vor allen andern ſeine Anſicht aus. In Anbetracht der Stärke des Feindes, der Schwäche der Engländer, denen es namentlich an Ca⸗ 105 vallerie mangele, und der drohenden Regenzeit ſchlug er vor, in Cutwah zu bleiben. Die Offiziere waren ſichtlich erſtaunt über dieſen zahmen Vorſchlag des ſonſt ſo heißblütigen Commandeurs. Einige, wie der tapfere Major Coote, waren ſehr mißvergnügt, denn die An⸗ ſicht des Commandirenden konnte natürlich nicht ohne Einfluß auf die andern Offiziere bleiben. In der That erklärten ſich auch die Majors Kilpatrick und Grant für den Oberſten. Major Coote indeſſen ſprach ſich entſchieden und ſelbſt mit Heftigkeit für das Ueber⸗ ſchreiten des Fluſſes und den Angriff aus.„Jetzt rechnen die Soldaten auf einen glücklichen Erfolg“, ſagte er,„ſie ſind deshalb voll Muth. Unſere Un⸗ entſchloſſenheit wird dieſe Stimmung vernichten. Sind Law und ſeine Franzoſen erſt bei dem Subah, ſo wird uns der Sieg viel ſchwieriger werden, denn Law wird die Truppen beſſer manövriren laſſen als der uner⸗ fahrene Subah. Auch wird man unſere Verbindung mit Caleutta abſchneiden; überhaupt können ſich in der Zwiſchenzeit Dinge ereignen, die viel übler ſind als eine verlorene Schlacht. Entweder wir gehen über den Fluß oder wir kehren unverzüglich nach Calcutta zurück.“ Allein nur ſechs Offiziere ſtimmten ihm bei; die 106 andern dreizehn erklärten ſich für Clive's Vorſchlag, und der Kriegsrath ging auseinander. Hätte Clive nur nach ſeinen eigenen Wünſchen handeln dürfen, ſo würde er ebenfalls für den Angriff ge⸗ ſtimmt haben. Aber er war in der That bedenklich gewor⸗ den. Die Nachrichten über Mir Jaffir lauteten wider⸗ ſprechend, auf jeden Fall unbeſtimmt. Clive, bei ſeinem Mißtrauen gegen alle Indier, fürchtete Verrath von ſeiten des Feldherrn, und in dieſem Fall mußte die Schlacht verloren werden. Der Kriegsrath hatte ihm nur dazu dienen ſollen, die Ungeduld der Offiziere und Truppen zu zügeln und ſie noch einige Tage in Cut⸗ wah feſtzuhalten, bis ſichere Nachrichten über die Ab⸗ ſichten Mir Jaffir's eingetroffen wären. Clive war im Begriff, ſich zur Ruhe zu begeben, als einer ſeiner Diener ihm meldete, daß ein Hindu ein Papier für den Oberſten abgegeben habe und Ant⸗ wort erwarte. Kaum hatte Clive einen Blick auf die Aufſchrift geworfen, als ihm das Blut ins Geſicht ſchoß, vor Ueberraſchung; denn er kannte dieſe Hand⸗ ſchrift. „Ich muß Sie nothwendig ſprechen“, ſtand in dem Brief.„Ich habe nur eine Viertelſtunde Zeit. Folgen Sie dem Hindu, aber laſſen Sie ſich von einigen Bewaffneten begleiten, damit un⸗ 107 ſere Zuſammenkunft und Ihre Sicherheit nicht ge⸗ fährdet werde. Adora.“ Clive warf haſtig ſeinen Mantel um, ſteckte ein Piſtol in den Degengurt, befahl, daß drei Mann von der Wache vor ſeinem Quartier ihm folgen ſollten, und ging zu dem Hindu. Es war ein ſehr alter Mann mit ſchneeweißem Haar und Bart. Elive, der die Sprache der Bengaleſen nicht genau genug kannte, machte ihm durch Zeichen verſtändlich, daß er ihm fol⸗ gen wolle, und der Hindu begriff ihn ſogleich und ſchritt voran. Im Gehen gab Clive der Wache den Befehl, zweihundert Schritt von ihm entfernt zu blei⸗ ben und genau auf Jeden zu achten, der ſich ihm nähern wolle, wenn er mit einer Dame ſpreche, dieſe Dame und ihre Begleiter aber ganz ungeſtört paſſiren zu laſſen. Es war eine Nacht von ſeltener Schönheit. Der Vollmond ſtund am Himmel und beleuchtete das Wäld⸗ chen, in welches der alte Hindu ſchritt, mit einer Klar⸗ heit, die dem Lichte eines nebligen Wintertags in Alt⸗ England mehr als gleich kam. Vom nahen Fluſſe her, deſſen Rauſchen man deutlich vernahm, drang ein kühler Lufthauch herüber; Roſen und Jasmin füllten die leicht bewegte Luft mit ihren ſüßeſten Düften und die Bül⸗ bül, die orientaliſche Nachtigall, flötete durch den Duft 108 ihr ſchmelzendes Lied. Clive fühlte ſich wie in einem Zauber. Obgleich ſeine Gedanken nur erfüllt waren von der Eigenthümlichkeit dieſes Wiederſehens, ſo fühlte er doch zugleich die ganze Schönheit dieſer Nacht. Es war ihm, als wandle er durch einen Traum. Der alte Hindu ſchritt ſchnell durch das Wäldchen dem Fluſſe zu. Dann ſtand er ſtill, deutete auf eine weibliche Geſtalt, die im Schatten eines Baums ſtand, verneigte ſich tief und ging auf die Seite. Clive gab ſeinen Musketieren ein Zeichen, zurückzubleiben, und trat dann auf die Geſtalt zu. Sie kam ihm entgegen, und als ſie ihren Schleier zurückſchlug, erkannte er das Geſicht Adora's, verändert freilich, mit ſtrengern, her⸗ bern Zügen, aber immer von ganz wunderbarer Schön⸗ heit. Die tiefdunkeln Augen ruhten mit demſelben Blicke auf ihm wie damals, in der erſten Nacht ihres Zuſammentreffens, im Hauſe Birdenhall's. Clive ſtreckte ihr beide Hände entgegen, und als ſie ihm ihre Rechte reichte, führte er ſie an ſeine Lippen und küßte ſie lange und innig. Ihre Hand zitterte unter dieſer Berührung, dem erſten Zeichen von Ver⸗ trauen, Achtung oder Zuneigung, das ihr von dieſem Manne zu Theil wurde. Sie ſprach zuerſt. „Wie ich Ihnen ſchrieb, Oberſt Clive“, ſagte ſie, „iſt mir die Zeit kurz gemeſſen. Ich komme aus 109 dem Lager Suradſcha⸗Daulah's und muß wieder zurück zu ihm.“ Die Töne ſchlugen an ſein Ohr wie Geiſterſtimmen aus einer fernen Zeit. Er glaubte noch immer zu träumen. Was lag Alles zwiſchen heute und jener Nacht, in der er dieſe Stimme zuletzt vernommen! Wie viel erfüllter Ehrgeiz und wie viel unausbleibliche Enttäuſchung! Gewaltſam mußte er ſich aufraffen, um den Sinn ihrer Worte nicht zu verlieren. „Zurück zu dem Subah? Um keinen Preis!“ rief er.„Sie kennen die Gefahr—“ „Ich kenne die Gefahr“ antwortete Adora.„Aber ich muß zurück um meiner Freundin willen. Sie wäre verloren ohne mich. Wir werden uns vielleicht in kurzem wiederſehen, Oberſt Clive. Jetzt habe ich nur Worte für das Nöthigſte. Hören Sie mich und treffen Sie danach Ihre Entſchlüſſe. Wie meine Freundin, Ihre Landsmännin, und ich hierher gelangt, werden Sie ſpäter erfahren. Verrath führte uns in die Hände Suradſcha⸗Daulah's, ſtatt nach Calcutta. Der Nabob weiß, wer ich bin. Aber er hat die Abſicht, mich zu ſeiner Frau zu machen, da er ahnt, daß ſeine Herr⸗ ſchaft auf ſchwachen Füßen ſteht; deshalb hat er mich. nicht getödtet und hält mich nur gefangen. Clara Ba⸗ dyſon konnte mir nicht folgen, ſonſt hätte ich ſie mit ———— .„ 110 mir gebracht und ſie hier gelaſſen. Sie iſt in Mur⸗ ſchidabad geblieben. Sagen Sie es Ihrem Freunde Will Starlow, den wir am Ufer des Ganges geſehen. Um über ſie zu wachen, bis der hoffentlich nahe Augen⸗ blick der Befreiung gekommen, kehre ich heute freiwillig zu dem Subah zurück. Sie wiſſen, daß Ellen Birden⸗ hall bei ihm iſt?“ „Man ſagte es“, antwortete Clive und ſchien an Anderes zu denken. „Ich komme alſo, durch einen Diener meines Va⸗ ters, dem ich mich vertraute, begünſtigt, um Ihnen das mitzutheilen, was ich erlauſcht und erfahren. Su⸗ radſcha⸗Daulah wartet nur auf die Ankunft der Fran⸗ zoſen, die von Patna und von den Eircars her an⸗ rücken, um den Vertrag zu brechen und Sie anzugreifen. Jetzt zittert er noch vor Ihrem Angriff, dem er ſich nicht gewachſen glaubt. Er mißtraut auch Mir Joffir und iſt ſelbſt zu dieſem gegangen, um ihn zu beſchwören, nichts gegen ihn zu unternehmen. Mir Jaoffir hat es ihm verſprochen und beſchworen, wird aber trotzdem ſeine Truppen nicht gegen Sie kämpfen laſſen. Er iſt ängſtlich, wünſcht aber den Sturz Suradſcha⸗Dau⸗ lah's. Ich weiß nicht, ob er für Sie handeln wird, gegen Sie aber wird er gewiß nichts unternehmen. Ich rathe Ihnen alſo, Suradſcha⸗Daulah ſobald als 111 möglich anzugreifen; Sie ſind des Siegs ſicher. Ich habe ferner erfahren, daß ein Franzoſe dieſe Nacht das Lager des Nabobs bei Plaſſey verlaſſen hat, um Sie meuchleriſch zu ermorden. Er ſoll Sie perſönlich haſſen. Ich habe ihn früher in Pondichery bei Dupleix geſehen; er nannte ſich damals Laroche.“ „Ich weiß“ ſagte Clive leiſe. „Er wird ſich für einen Engländer ausgeben, der aus einer Salpeterfactorei im Norden Bengalens ge⸗ flohen“, fuhr Adora fort.„Er hat ſich ganz entſtellt und ſieht aus wie ein alter Mann. Dulden Sie nicht, daß er Ihnen naht. Er hat geſchworen, Sie mit Gift oder mit dem Dolch zu tödten, und will dann zu dem Nabob zurückkehren, um die große Belohnung in Empfang zu nehmen, die ihn erwartet. Dies iſt meine Meldung. Schlagen Sie den Subah, ſonſt ver⸗ nichtet er Sie; mißtrauen Sie jedem Fremden. Nun muß ich zurück!“ „Schon jetzt, Adora?“ rief Elive, ihre Hand ergrei⸗ fend.„Wie viel Dank ſchulde ich Ihnen, wie viel Vor⸗ würfe habe ich mir Ihretwegen zu mochen!“ Sie ſind berühmt und glücklich, Oberſt!“ ſagte Adora ſanft.„Dieſer Gedanke iſt mir eine Wohlthat geweſen in den Zeiten der ſchwerſten Bedrängniß. Erinnert ſich Ihr Freund Will Starlow noch ſeiner 112 Freundin Clara? Es iſt ein ſehr gutes und edles Mädchen!“ „Er denkt nur an ſie“, antwortete Clive, ihre Hand noch immer in der ſeinen haltend. „Um ſo beſſer für beide!“ rief Adora, und zum erſten Mal klang etwas wie Freude durch den Ton ihrer Stimme.„Nun leben Sie wohl, mein Freund und Herr!“ „Adora, vielleicht ſehen wir uns nicht wieder!“ rief Clive ſchmerzlich.„Wie Vieles habe ich Ihnen abzu⸗ bitten! Sie wollen zurück zu Suradſcha⸗Daulah— Ihr Leben iſt in Gefahr—“ „Ich glaube nicht“ antwortete Adora.„Und wenn auch— ich darf Clara Badyſon nicht verlaſſen. Su⸗ radſcha⸗Daulah hat ſie geſehen und ſchön gefunden. Sagen Sie Ihrem Freunde, daß er ſie im Palaſte des Nabobs in Murſchidabad zu ſuchen hat!“ „Aber Ellen Birdenhall kann ſich ihrer annehmen!“ rief Clive, ſie noch immer an der Hand zurückhaltend. „Meine Hülfe iſt vielleicht ſicherer“, antwortete Adora leiſe.„Leben Sie wohl!“ Er beugte ſich unwillkürlich vor. Einen Moment fuhr ſie, wie erſchreckt, zurück. Dann begegneten ſich ihre Lippen und ruhten zitternd lange aufeinander. Clive ſtand noch lange auf derſelben Stelle, als 113 Adora's helle Geſtalt ſich bereits entfernte. Er fuhr auf und ſeufzte tief. Dann folgte er ihr langſam. Er ſah, wie ſie in ein Boot ſtieg, das der alte Hindu über den Fluß leitete, und blickte ihr nach, bis ſie am andern Ufer verſchwunden war. Niemals war ihm die Welt öder, leerer, nüchterner, gleichgültiger erſchienen als in dieſem Augenblick. Als er nach Cutwah zurückkehrte, ließ er den Au⸗ diteur rufen und empfahl ihm, beſondere Aufmerkſam⸗ keit auf einen Mann zu haben, der ſich für einen Flücht⸗ ling aus einer Salpeterfactorei ausgeben würde. Lag ihm auch nichts am Leben, ſo wollte er es doch nicht durch einen Laroche verlieren. Dann gab er den Befehl, daß die Armee am fol⸗ genden Morgen mit Sonnenaufgang über den Fluß gehen ſolle. Mützelburg, Robert Clive. IV. ——=———— Viertes Kapitel. Der Sieg von Plaſſey. dDer Befehl, die Armee für den Anbruch des Tages marſchfertig zu halten, erregte großes Aufſehen, aber auch große Freude unter den Offizieren und Soldaten. Man war allgemein der Anſicht, Oberſt Clive habe im Kriegsrath abſichtlich nicht ſeine wahre Meinung aus⸗ geſprochen und nur deshalb den Beſchluß zu bleiben herbeigeführt, um die Spione, die Suradſcha⸗Daulah vielleicht im Lager unter den Sepoys beſaß, gründlich zu täuſchen. Es gab im Lager einige Indier, deren Hülfe man wegen der Verproviantirung nicht entbehren konnte. Unter dieſen befand ſich möglicherweiſe ein Verräther. Hatte ein ſolcher wirklich den Beſchluß des Kriegsraths erfahren und die Nachricht an Suradſcha⸗ Daulah geſendet, ſo mußte ſich der Nabob jetzt einer um ſo größern Sicherheit hingeben. 115 Um drei Uhr morgens war Clive bereits wach und traf die allgemeinen Anordnungen für den Flußüber⸗ gang. Alle Boote aus Cutwah und Patlee wurden herbeigeſchafft und die größern zuſammengebunden, um die Geſchütze zu tragen, deren Clive nicht mehr als zehn ins Gefecht führen konnte, acht Sechspfünder und zwei Haubitzen. Bei ſeinen frühern Feldzügen im Karnatik hatte Clive ſeine Truppen ſtets ohne einen großen Bagage⸗ train marſchiren laſſen und dadurch eine Schnelligkeit in ſeinen Bewegungen erzielt, wie man ſie in Indien bis dahin nicht gekannt. Aber damals hatte er kleinere Truppenabtheilungen commandirt und ſtets nur einen einzelnen beſtimmten Zweck im Auge gehabt. In Ben⸗ galen war es anders; er mußte langſamer marſchiren, ſich weit von den Proviantſtationen entfernen, hier und dort ein Lager auf freiem Felde aufſchlagen, genug, er hatte mit allen Unbequemlichkeiten eines langwierigen Feldzugs zu kämpfen und konnte deshalb einen größern Bagagetrain nicht entbehren. Natürlich ſtand dieſer Train in keinem Vergleich zu dem der indiſchen Heere, die, wenn ſie fünfzigtauſend Mann ſtark waren, hunderttau⸗ ſend Diener und Weiber noch außerdem mit in den Krieg führten, den Franzoſen ähnlich, deren rieſige und ſelt⸗ ſame Bagage in dem gleichzeitigen ſiebenjährigen Kriege 8* 116 das Erſtaunen und den Spott der preußiſchen Huſaren erregte. Aber er war doch immer groß genug, um den Uebergang über einen nicht unbedeutenden Fluß, wie der Hughly, mühſam und gefährlich zu machen. Die Geſchütze poſtirten ſich am Ufer von Cutwah, um den Feind, wenn er ſich etwa am andern Ufer zeigen ſollte, fernzuhalten. Dann gingen Major Coote und Lieutenant Starlow mit hundert Musketieren und fünfzig Dragonern über den Fluß, um das jenſeitige Ufer zu beſetzen und den Uebergang zu decken. Ihnen folgte die kleine Armee, die im Ganzen aus neunhundert Europäern und etwas über zweitauſend Sepoys beſtand. Die letz⸗ tern wurden jedoch ſämmtlich von europäiſchen Offizieren commandirt. Iſſuf war der einzige Eingeborene unter den Offizieren, führte aber kein unmittelbares Com⸗ mando, ſondern war gleichſam ein Adjutant Clive's und leiſtete als Landeskundiger und Dolmetſcher die größten Dienſte. Die Truppen ſtellten ſich ſogleich in Schlachtord⸗ nung am nördlichen Ufer des Hughly auf. Ihnen folgten die Geſchütze und der Train. Bei dem Mangel an Fahrzeugen währte der Uebergang bis gegen Abend. Die Vorpoſten am nördlichen Ufer waren angewieſen, jeden Hindu, den ſie ſehen würden, gefangen zu neh⸗ men, dämit Suradſcha⸗Daulah keine Nachricht erhalte. 117 Starlow's Dragoner patroullirten den Fluß auf und ab, um jeden Hindu, der über den Fluß ſetzen wollte, zurückzuweiſen. Es ließ ſich indeſſen vermuthen, daß wenige Eingeborene ſich die Mühe geben würden, Su⸗ radſcha⸗Daulah zu benachrichtigen. Er war den meiſten verhaßt, den andern gleichgültig. Von Elive's Armee durfte ſich Niemand, der ihr angehörte, entfernen. Obgleich, wie erwähnt, der Abend nahte, als die letzten Gepäckwagen den Fluß paſſirt hatten, ließ Clive dennoch das Heer vorwärts rücken. Ein Theil der Bagage wurde auf Booten den Hughly hinaufgerudert, und das Heer marſchirte auf der Landſtraße in der Nähe des Fluſſes, um die Fahrzeuge nicht aus dem Geſicht zu verlieren. Der aufſteigende Mond erleich⸗ terte den Nachtmarſch. Man ſollte glauben, das Kriegerleben ſei dem Aber⸗ glauben nicht günſtig. Aber gerade bei den Soldaten, deren Leben oder Tod oft nur von einem ganz unbe⸗ rechenbaren Zufall abhängt, iſt der Glaube an Ahnun⸗ gen und böſe oder glückliche Zeichen nichts Seltenes. So hatten denn auch die Musketiere, welche Clive in der Nacht begleitet, erzählt, der plötzliche Entſchluß des Feldherrn, gegen den Feind aufzubrechen, ſei durch eine übernatürliche Erſcheinung hervorgerufen worden. Clive habe eine Unterredung mit einem Geiſte gehabt, der —— ——— ———— 118 wahrſcheinlich der Geiſt ſeiner Mutter geweſen ſei und ihm Gutes verkündet haben müſſe. Aus den Reihen der Soldaten hatte ſich das Geſchwätz ſelbſt bis zu den Offizieren verbreitet, und wenn dieſe auch nicht an Ueber⸗ natürliches glaubten, ſo deutete doch der tiefe Ernſt, das ſchwermüthige Weſen, das der Oberſt den ganzen Tag über beobachtete, auf irgend etwas Außergewöhn⸗ liches. Clive hatte bis dahin weder mit Iſſuf noch mit Will Starlow über ſein nächtliches Abenteuer geſpro⸗ chen. Er fühlte ein inneres Widerſtreben dagegen. Weder Iſſuf noch Will ſollten erfahren, was die von ihm ver⸗ achtete Adora für ihn gewagt; wenigſtens wollte er ſo lange ſchweigen, als es ihm die Umſtände geſtatteten. Es war mehrere Stunden nach Mitternacht. Clive ritt mit Iſſuf und einigen Offizieren bei der Want⸗ garde, als man in der Ferne einen dumpfen Lärm wie von Paukenſchlägen hörte, in den ſich hin und wieder der hellere Ton von Pfeifen und Cymbeln miſchte. Clive ließ ſogleich Halt machen und begab ſich mit ſeiner Be⸗ gleitung weiter vorwärts. Es blieb ihm bald kein Zweifel, daß er ſich in der Nähe von Plaſſey und dicht vor dem Lager Suradſcha⸗Daulah's befinde. Die indiſchen Nachtwachen pflegen ſich gewöhnlich mit dieſer Muſik die Zeit zu verkürzen, vielleicht aus demſelben Grunde wie die Kinder, die in der Dunkelheit ſingen oder 119 pfeifen, um ſich die Furcht zu vertreiben. Vielleicht ſoll das Geräuſch auch wilde Thiere fern halten. Jeden⸗ falls dient es nicht dazu, den Feind zu täuſchen, und das wollen die Indier auch nicht, da ſie ſich niemals unter einander des Nachts angreifen. Gern hätte Clive einen nächtlichen Ueberfall gemacht, aber ſeine Truppen waren zu ermüdet. Er ordnete alſo die Aufſtellung ſeines Heeres, die in aller Stille geſchehen mußte, und erlaubte dann den Truppen, mit den Waffen in der Hand auszuruhen und zu ſchlafen. Clive ſelbſt ſchlief ſo wenig wie ſeine Offiziere. Selbſt der ſonſt ſo ver⸗ ſchloſſene und ſcheinbar ruhige Iſſuf verbarg ſeine in⸗ nere Erregung und Ungeduld nicht. Es handelte ſich ja um die Entſcheidung über das Schickſal ſeines Tod⸗ feindes! Von Mir Juffir war übrigens im Laufe des Tages ein Schreiben in Cutwah eingetroffen, das ein Eilbote dem Feldherrn nachgebracht. Es enthielt nur die Nach⸗ richt, daß der Nabob ſich bei Muncara verſchanzen wolle, ließ aber über Mir Jaffir's Abſichten noch immer im Dunkeln. Offenbar hatte der Nabob ſich nicht bei Mun⸗ cara verſchanzt, ſondern war bis über Plaſſey vorge⸗ rückt. Wollte Mir Juffir Clive abſichtlich täuſchen, oder. war Suradſcha⸗Daulah erſt nach Abſendung des Briefes Jaffir's von Muncara aufgebrochen? Jedenfalls war 120 dem Feldherrn Suradſcha⸗Daulah's nicht zu trauen. In⸗ deſſen Clive hoffte auch ohne die Hülfe Mir Jaffir's mit dem Nabob fertig zu werden. Als die Sonne aufging— es war der 23. Juni 1757— beſtieg Clive einen künſtlich aufgeworfenen Erdhügel am Rande des Waldes, in welchem die Eng⸗ länder lagerten. Er brach unwillkürlich in einen Aus⸗ ruf des Erſtaunens aus, als er die gewaltige Armee des Nabobs vor ſich erblickte, die ſich gerade in Schlacht⸗ ordnung aufſtellte. Sein geübter Blick zählte ungefähr fünfzigtauſend Mann Fußvolk, eine Reiterei von nicht viel weniger als zwanzigtauſend Mann, und in verſchiedenen Artillerieabtheilungen mindeſtens fünfzig Geſchütze. Der größte Theil des Fußvolks war mit Musketen bewaffnet; die Uebrigen trugen Piken, Schwerter, Bogen und Pfeile. Die Reiter ſchienen ihm gut beritten und ſicherer und kräftiger in ihren Bewegungen als diejenigen, die er früher im Karnatik geſehen; ſie waren aus den nörd⸗ lichen Gegenden Bengalens. Dieſe gewaltigen Maſſen hatten ſich zu großen dichten Colonnen formirt und rückten langſam gegen den Wald vor. Zwiſchen ihnen befanden ſich die Artillerieabtheilungen. Jeder der Vier⸗ undzwanzig⸗ oder Zweiunddreißigpfünder ruhte auf einem großen, ſechs Fuß hohen Gerüſt, das außerdem nicht mur die Munition, ſondern auch die Kanoniere trug. Zahlreiche 121 weiße Ochſen, aus der Gegend von Purnea, zogen dieſe abenteuerlichen Kriegsmaſchinen, und hinter jeder einzelnen ging ein großer Elephant, der dazu abge⸗ richtet war, an unwegſamen Stellen die Maſchine mit ſeinem Kopfe vorwärts zu ſchieben. Ein kleiner Trupp mit vier leichten Kanonen ſchien aus Europäern, alſo Franzoſen, zu beſtehen. Nie hatte Clive eine ſo zahlreiche und ſo gut geord⸗ nete indiſche Armee geſehen. Es war, als ob mehrere gewaltige Rieſenſchlangen ſich nahten, um ein Kind zu er⸗ ſticken, denn in Bezug auf Zahl und räumliche Ausdehnung ließ ſich die Schaar der Engländer den ſiebzigtauſend Mann des Nabobs gegenüber kaum mit einem Kinde vergleichen. Clive fühlte, daß ein großes Schickſal auf dem Spiele ſtand. Mußte er zurückweichen, ſo war es für lange Zeit, wenn nicht für immer, um den Einfluß Englands in Indien geſchehen, während ihn ſelbſt kaum ein Makel treffen konnte, wenn er ſich vor einem ſo gewaltigen Heere zurückzog. Gelang es ihm aber, dieſe Armee zu werfen, ſo war nicht nur Englands Macht geſichert, ſondern ihn perſönlich mußte der Ruhm eines kaum glaublichen Siegs krönen. Still und aufmerkſam beobachtete er eine Viertelſtunde lang die heranziehen⸗ den Colonnen. Jedermann vermuthete, daß er ſie in der geſicherten Stellung im Walde erwarten werde. 122 Aber er gab Befehl, daß die Truppen vorrücken und außerhalb des Waldes, geſchützt durch einen Damm, Stellung nehmen ſollten. Mit fliegenden Fahnen zogen die engliſchen Abtheilungen hinaus auf das freie Feld. In der Mitte nahmen die Engländer mit ſechs Ge⸗ ſchützen Stellung; auf dem linken und rechten Flügel ſtanden die Sepoys; die beiden andern Geſchütze und die Haubitzen wurden dem linken Flügel zugetheilt. So ſtand ein Regiment gegen eine Armee im Felde, durch nichts gedeckt als den erwähnten niedrigen Damm, der nach dem Fluſſe führte. Suradſcha⸗Daulah's Truppen thaten den erſten Ka⸗ nonenſchuß, der einen engliſchen Grenadier tödtete, einen andern verwundete. Darauf begann die ganze Artil⸗ lerie des Nabobs zu ſpielen. Aber es zeigte ſich bald, daß ihre Kanonen wegen der hohen Lage viel zu hoch ſchoſſen. Clive's Kanoniere, von ungefähr hundert Ma⸗ troſen unterſtützt, waren angewieſen, ganz langſam und ruhig zu feuern. Sie richteten ihre Geſchütze auf die dichten Colonnen der Feinde, in denen ihre Kugeln gewaltig aufräumten. Aber was half es, wenn auch Hunderte von den Bengaleſen ſtürzten! Die Reihen ſchloſſen ſich über ihren Leichen und die Colonnen drangen langſam, aber ſicher vorwärts. Auch ge⸗ nügten die wenigen Schüſſe der Bengaleſen, welche 123 trafen, den Engländern empfindliche Verluſte zuzufügen; ſie verloren in einer halben Stunde zehn Mann; außer⸗ dem fielen zwanzig Sepoys. Clive ſah ein, daß er einer beſſern Deckung für ſeine kleine Armee bedürfe. Vielleicht gelang es auch inzwiſchen Mir Joffir, eine Stellung zu nehmen, die es ihm erlaubte, ſich gegen Suradſcha⸗Daulah zu wenden. Clive zog alſo ſeine Truppen in den Wald zurück. Die Truppen des Nabobs drangen nun lebhafter vor und feuerten namentlich unabläſſig aus ihren Ge⸗ ſchützen, von denen ſie ſich große Wirkung verſprachen. Aber ſie trafen nur die Bäume, während die engli⸗ ſchen Kanoniere in ihrer gedeckten Stellung ſo ſicher zielten, daß faſt jeder Schuß traf. Da ſich nun auch die Munition auf den Kanonengerüſten befand, ſo ex⸗ plodirten mehrere dieſer ungeheuerlichen Maſchinen und richteten große Verwirrung unter den Bengaleſen an. Auch begann es heftig zu regnen. Das Feuer der engliſchen Artillerie litt nicht darunter, da ihre Mu⸗ nition geſchützt war. Die bengaleſiſchen Kanonen aber feuerten ſeltener, weil ihre Cartouchen feucht wurden. Wider alles Erwarten wagte ſich auch die feindliche Infanterie nicht an den Wald heran. Clive konnte ſich alſo überzeugen, daß die Bengaleſen, wenn ſie auch in beſſerer Ordnung auftraten, doch perſönlich nicht tapferer 124 waren als ihre Stammesgenoſſen in Arkot. Trotzdem erlaubte ihm die mehr als zwanzigfache Ueberzahl der Feinde auch jetzt noch keinen offenen Angriff. Er gab deshalb den Befehl, die Kanonade des Feindes den Tag über auszuhalten und zu erwidern. Erſt in der Nacht wollte er Suradſcha⸗Daulah angreifen. Es war inzwiſchen Mittag geworden und Clive hatte ſich ein wenig vom Saume des Waldes nach dem Innern zurückgezogen und in der Nähe eines Geſchützes an einen Baumſtamm gelehnt, als ein Mann in ärm⸗ licher, jedoch nicht zerlumpter europäiſcher Tracht ſich nachläſſig und wie von oberflächlicher Neugierde ge⸗ trieben dem Geſchütz näherte und in einiger Entfer⸗ nung von demſelben ſtehen blieb. Clive hatte ihn nicht geſehen und auch die Kanoniere achteten nicht auf ihn, da ſie ausſchließlich mit ihrem Geſchütz beſchäftigt waren. Sein Haar und Bart waren bereits grau; er ſah aus, als ob er eine lange Wanderung gemacht habe, hielt ſich auch etwas gebückt, wie ein ſchwacher, kränklicher Mann, und hatte die rechte Hand gewöhnlich auf der Bruſt unter ſeinem weiten Rock verborgen. Nur zu⸗ weilen ſchweifte ſein dunkles Auge, deſſen lebhafter Blick ſeinem hinfälligen Aeußern nicht entſprach, blitz⸗ ſchnell zu Clive hinüber, der ihm den Rücken zuwandte. Die Kanoniere hatten ſo eben geladen und viſirt, und 125 einer von der Mannſchaft erhob die Lunte, alle, auch Clive, blickten erwartungsvoll auf das Geſchütz, als der Fremde plötzlich ein Piſtol aus der Bruſttaſche zog und es auf Clive richtete. Es war offenbar ſeine Abſicht, in demſelben Augenblick, in welchem der das Geſchütz commandirende Offizier„Feuer!“ rief, abzu⸗ drücken, damit der Schuß in dem Dröhnen des Geſchütz⸗ donners überhört werde. In demſelben Augenblick ſchlug jedoch eine feindliche Kugel in einen Baum, deſſen Aeſte krachend zu Boden ſtürzten. Einer von dieſen Aeſten traf den Kopf des Fremden. Er taumelte und das Piſtol ent⸗ lud ſich. In demſelben Augenblicke ertönte das Commando⸗ wort„Feuer!“ und der Schuß krachte durch den Wald. So unglaublich kurz auch der Zwiſchenraum zwiſchen dem ſcharfen Piſtolenſchuß und dem mächtigen Krachen des Kanonendonners geweſen war, ſo hatte ihn Clive's Ohr doch bemerkt. Haſtig wandte er ſich zur Seite und ſah den Fremden, in welchem er ſofort den Mann erkannte, vor welchem Adora ihn gewarnt. Mit dem Ruf:„Kanoniere, zu mir!“ ſtürzte er auf Laroche zu, der bemüht war, die feinen Baumäſte, die ſich ihm wie ein Netz um Hals und Schultern gelegt, abzuſtreifen. Noch ehe die verwunderten Kanoniere ihm zu Hülfe eilen. konnten, hatte er Laroche mit dem Gefäß ſeines Degens auf die Stirn geſchlagen und den Franzoſen betäubt. 126 „Bindet den Mann oder nehmt ihm auch nur ſeine Waffen ab!“ ſagte Clive kurz zu den Kanonieren.„Er iſt ein Meuchelmörder! Hängt ihn an den nächſten Baum!“ Dann erklärte er dem beſtürzten Artillerieoffizier kurz, um was es ſich handle. Als Laroche aus ſeiner Betäubung zu ſich kam, waren ihm die Hände bereits auf den Rücken gebunden. Dabei war ihm auch der falſche graue Bart entfallen, unter welchem ein kurzer ſchwarzer zum Vorſchein kam. La⸗ roche wußte offenbar noch nicht, welche Rolle er ſpielen ſolle. Seine lebhaften Augen flogen über die ihn Um⸗ gebenden. Dann rief er, einen der Kanoniere von ſich ſchüttelnd, in gutem Engliſch: „Goddam, Leute, was wollt Ihr von mir? Seid Ihr toll geworden?“ „Hört gar nicht auf ihn!“ ſagte Clive kurz.„Hängt ihn an den nächſten Baum!“ „Was ſoll das heißen?“ rief Laroche, den Ausdruck des Schreckens und des Unwillens vortrefflich nach⸗ ahmend.„Ich bin ein Engländer, ich kann mich aus⸗ weiſen—“ „Und Du kommſt aus einer Salpeterfactorei im Norden und haſt Dich nur mit Mühe durch die Ben⸗ galeſen durchgewunden, um mir Nachrichten über die 127 Franzoſen zu bringen, nicht wahr?“ fragte Clive höh⸗ niſch und verächtlich.„Lautet nicht ſo Dein Sprüch⸗ lein?“ Laroche erbleichte. Es blieb ihm kaum ein Zweifel, daß ihn Clive erkannt habe und bereits von ſeinem Vorhaben wiſſe. Das Herabfallen des falſchen Bartes hatte er noch gar nicht bemerkt. Dennoch wollte er nicht jede Hoffnung aufgeben. „In der That, Sir, ich komme aus einer Salpeter⸗ factorei“, ſagte er.„Liegt darin etwas Wunderbares? Und ich kann Ihnen in der That Mittheilungen über die Franzoſen machen—“ „Genug!“ unterbrach ihn Clive gebieteriſch.„Lieu⸗ tenant Store, erinnern Sie mich morgen daran, daß wir in das Journal eintragen, es ſei ein franzöſiſcher Spion und Meuchelmörder Namens Laroche im Be⸗ griff, auf mich zu ſchießen, gefangen und ſofort gehängt worden. Kanoniere, thut, wie ich Euch geſagt, und bedient dann Euer Geſchütz wieder!“ Damit wandte ſich Clive ab. Laroche wußte, daß es nun mit dem Trotze vorbei ſei. Einer der Kano⸗ niere hatte eine Schlinge in einen ſtarken Strick ge⸗ macht und ein anderer kletterte an einem Baum empor, um einen Aſt zu prüfen, ob er feſt genug ſei; ein dritter ſchleppte einen leeren Munitionskaſten herbei, 128 den der Delinquent beſteigen und von dem er den letzten Sprung in die Luft machen ſollte. „Gnade! Gnade!“ rief Laroche, auf die Kniee ſtür⸗ zend.„Gnade, Oberſt Clive! Ich bin verblendet ge⸗ weſen— der Teufel hat mich verführt, der Teufel in Geſtalt Suradſcha⸗Daulah's; man hat mir Nillionen geboten, und Sie wiſſen, daß ich elender erbärmlicher Menſch ſtets einen Haß gegen Sie in mir trug. Haben Sie Erbarmen! Ich ſehe, daß Gott meine Rache nicht will, und ich ſchwöre Ihnen, zeitlebens Ihr treueſter, ergebenſter Diener zu ſein. Ich kenne die Schatzkam⸗ mer Suradſcha⸗Daulah's, auch ihre verborgenen Ge⸗ mächer. Ich will Ihnen den Weg zeigen— ich will Suradſcha⸗Daulah ſelbſt ermorden, denn er iſt ein Teufel! Nur Gnade, Erbarmen! Gott wird Sie ewig dafür ſegnen und Ihnen den Sieg verleihen!“ „Hängt ihn!“ lautete die kurze Antwort, die Clive mit abgewandtem Geſichte gab. Die Kanoniere riſſen ihn empor. Aber Laroche geberdete ſich wie wahnſinnig. Er ſchrie um Gnade, läſterte ſeinen Verführer, den Nabob, ſchwur, Clive ewig zu dienen, ihn zum reichſten Mann der Welt zu machen, und ſtieß die Kanoniere mit den Füßen von ſich, ſodaß dieſe zornig wurden und ihn mit dem Wiſcher der Kanone über den Kopf ſchlugen. 129 Clive wandte ſich um. Er ſchien ſchnell einen an⸗ dern Entſchluß gefaßt zu haben. „Laßt ihn!“ ſagte er.„Durchſucht ihn und nehmt ihm Alles, was er bei ſich führt. Dann laßt ihn lau⸗ fen. Ein ſo elender Kerl wird weder mir noch irgend einem braven Engländer jemals ſchaden können. Fort, Laroche! Wirſt Du noch einmal in der Nähe einer engliſchen Beſitzung oder des Lagers gefunden, ſo laſſe ich Dich zu Tode peitſchen— das ſchwöre ich! Jagt ihn mit Hieben von Euch! Speit ihm ins Geſicht!“ Und er wandte ſich wieder ab und ging, ohne noch einen einzigen Blick zurückzuwerfen, zu dem nächſten Geſchütz. Laroche war inzwiſchen durchſucht und ſeiner Hab⸗ ſeligkeiten, unter denen ſich eine Anzahl Goldrupien und kleinere Edelſteine befanden, ſowie eines zweiten Piſtols und eines Dolches beraubt und mit Schlägen und Beſchimpfungen überhäuft worden. Er duldete Alles ruhig und murmelte fortwährend, daß er dem Oberſten Clive, dem edelſten aller Menſchen, ſein ganzes Leben lang danken werde. Dann wurde er mit einigen Fußtritten davongejagt. Hätte Clive geſehen, wie dieſer Mann, als er glück⸗ lich die Linien der Engländer hinter ſich hatte und über den Hughly geſchwommen war, ſich auf dem jen⸗ Mützelburg, Robert Clive. IV. 8 130 ſeitigen Ufer niederwarf, die Fäuſte ballte und dro⸗ hend gegen die Engländer ſtreckte, mit den Zähnen knirſchte und vor Wuth weinte und heulte, er würde es vielleicht bereut haben, einem ſo gefährlichen und bis auf den Grund des Herzens verderbten Menſchen die Freiheit wiedergegeben zu haben. Aber Elive war längſt von ganz andern Gedanken in Anſpruch genommen. Die Feinde machten zum all⸗ gemeinen Erſtaunen der engliſchen Offiziere eine rück⸗ gängige Bewegung. Clive wollte ſeinen Augen nicht trauen, als er ſah, daß die ſeltſamen Kanonenmaſchinen der Bengaleſen mühſam den Rückzug nach den Ver⸗ ſchanzungen antraten, die ſich hinter der feindlichen Armee befanden und erſt vor kurzer Zeit von dem Nabob angelegt waren. Erſt ſpäter erfuhr man, was dieſe rückgängige Bewegung hervorgerufen. Mir Murdin, der beſte und treueſte Feldherr Suradſcha⸗Daulah's, war durch eine Kanonenkugel getödtet worden. Dieſe Nach⸗ richt erfüllte den Nabob, der ſich, ohne an der Schlacht Theil zu nehmen, in ſeinem Zelte befand, mit Ent⸗ ſetzen. Er ſchickte zu Mir Joffir, ließ ihn zu ſich rufen und warf ſeinen Turban vor ihm zur Erde, mit den Worten:„Jaffir, dieſen Turban mußt Du nun verthei⸗ digen!“ Jaffir verſprach, Wunder der Tapferkeit zu verrichten, ſandte aber ſogleich einen Boten mit einem —— 131 Briefe zu Clive, in welchem er dem engliſchen Feld⸗ herrn mittheilte, was geſchehen, und ihn aufforderte, ſofort oder in der Nacht das Lager des Nabobs an⸗ zugreifen. Dieſen Brief erhielt jedoch Clive erſt viel ſpäter, da ſich der Bote während des Feuerns nicht in den Wald traute. Roy⸗Dullub benutzte die Angſt des Nabobs, um ihm anzurathen, nach ſeiner Hauptſtadt Murſchidabad zurückzugehen. Nichts erſchien dem feigen Suradſcha⸗Daulah paſſender, und ſo gab er den Be⸗ fehl, daß die ganze Armee in die Verſchanzungen zu⸗ rückkehren ſolle. Clive aber, durch dieſen unerwartet günſtigen Zwi⸗ ſchenfall aufgeſtachelt, hatte durchaus nicht Luſt, dieſen Rückzug in aller Ruhe vor ſich gehen zu laſſen. Die engliſchen Geſchütze mußten vorrücken und ein möglichſt ſchnelles Feuer auf die feindlichen Kanonen eröffnen. Clive ſelbſt griff die franzöſiſche Truppenabtheilung an, die ſich am Hughly feſtgeſetzt hatte und ihren gün⸗ ſtigen Poſten nicht verlaſſen zu wollen ſchien. Sinfray, der Anführer dieſer Franzoſen, ſah ſich infolge deſſen ebenfalls genöthigt, nach den Verſchanzungen der Ben⸗ galeſen zurückzugehen. Die ganze engliſche Armee rückte nun vor und nahm das Feld ein, das die Feinde bis dahin behauptet hatten. Es war zwei Uhr nach⸗ mittags. 132 Jetzt gewahrte man eine ſtarke Abtheilung Benga⸗ leſen, die beträchtlich hinter den andern Truppen des Nabobs zurückblieb und ſich dann dem Walde näherte, aus welchem die Engländer vorrückten. Da man ihre Abſicht nicht kannte, ſo wurde ſie mit Schüſſen em⸗ pfangen. Inzwiſchen hatte die engliſche Artillerie eine furchtbare Unordnung unter die Feinde gebracht. Clive wollte dieſelbe benutzen und gab den Befehl, die Ver⸗ ſchanzungen anzugreifen. Die Franzoſen vertheidigten jedoch eine Redoute ſo tapfer, daß Clive's Truppen für einige Zeit zum Stehen gezwungen wurden. Nun aber erfuhr Clive, daß jene Truppenabtheilung, die ſich dem Walde genähert, dem Mir Juffir gehöre und zu ihm übergehen wolle. Jetzt mußte das Aeußerſte ge⸗ wagt werden. Sämmtliche engliſche Truppenabtheilun⸗ gen, die Dragoner Will Starlow's mit inbegriffen er⸗ hielten den Befehl zu einem nochmaligen ſtürmiſchen Angriff auf die feindlichen Verſchanzungen, den ſie mit einem jubelnden Hurrah erwiderten. Inzwiſchen war in der Armee Suradſcha⸗Daulah's die größte Verwirrung entſtanden. Der Nabob hatte nämlich ſchon bei dem erſten Angriff der Engländer ſein Heil in der Flucht geſucht. Von zweitauſend Reitern begleitet, war er auf einem Reitkameel nordwärts nach Murſchidabad geflohen. Die indiſchen Truppen aber 133 ſchlagen ſich niemals mehr, wenn ihr Führer getödtet oder geflohen iſt. Sie gehen von dem Grundſatz aus, daß die Streitigkeiten ihrer Fürſten perſönliche Ange⸗ legenheiten ſind und daß ſie nicht mehr nöthig haben, für einen todten oder abweſenden Führer zu kämpfen. Jeder ſuchte ſich alſo zu retten, und die anſtürmenden Engländer fanden kaum noch andere Hinderniſſe als herrenloſe Pferde, verlaſſene Kanonen, Bagage und Geräthſchaften aller Art, die in großen Haufen bunt durch das Lager verſtreut waren. Um fünf Uhr nach⸗ mittags war das Lager genommen, die gewaltige Ar⸗ mee Suradſcha⸗Daulah's vernichtet oder zerſtreut, der Sieg von Plaſſey gewonnen und die Herrſchaft der Engländer in Bengalen geſichert. Clive hielt auf ſeinem Pferde inmitten des Lagers. Er war ermüdet, denn er hatte ſeit länger als ſechs⸗ unddreißig Stunden keine Minute geſchlafen, aber die freudige Aufregung hielt ihn aufrecht. Die jubelnden Glückwünſche der Offiziere, das nicht endenwollende Triumphgeſchrei der Soldaten war Muſik für ſein Ohr und Erhebung für ſeinen Geiſt „Sagen Sie den Soldaten, meine Herren“ wandte er ſich zu den Offizieren,„daß ich ihnen meinen auf⸗ richtigſten Dank für die Ausdauer und die Tapferkeit, die ſie an dem heutigen Tage bewieſen, ſchuldig bin! 134 Der Tag von Plaſſey wird hoffentlich einen rühm⸗ lichen Platz in der Geſchichte Englands einnehmen. Wir haben mit verhältnißmäßig ſehr geringen Opfern einen Sieg errungen, deſſen Tragweite unermeßlich iſt. Sagen Sie auch den Truppen, daß ihnen der Lohn für ihre Tapferkeit nicht entgehen wird. Doch wünſchte ich, daß ſie ſich nicht allzulange der Plünderung des Lagers hingäben. Wir müſſen den Feind durch eine ſchnelle Verfolgung hindern, ſich zu ſammeln. Die Truppen werden reiche Geſchenke an Geld erhalten, das verſpreche ich in Namen der Compagnie und ich werde mein Wort halten. Sorgen Sie alſo dafür, daß unſere braven Engländer und Sepoys nach kurzer Raſt bereit find, weiter nach Daudpore zu marſchiren. Noch einmal, bringen Sie jedem Einzelnen meinen Dank!“ Die Offiziere eilten fort und ihre Mittheilungen wurden von den Truppen mit Genugthuung aufgenom⸗ men. Der Verluſt der kleinen Armee Clive's war aller⸗ dings ein faſt unglaublich geringer; man zählte kaum achtzig Todte oder Verwundete. Und mit dieſem ge⸗ ringen Opfer war dig gewaltige Macht des Todfeindes der Engländer vernichtet worden! Iſſuf hielt auf einem kleinen kräftigen Pferde neben Clive. Er ſprach wenig, aber in ſeinen Mienen zeigte ſich faſt wilder Triumph. Sein Durſt nach Rache war geſtillt. 135 „Nur noch einen Wunſch hätte ich, Clive⸗Sahib!“ ſagte er.„Laß mich nach Murſchidabad. Ich möchte Suradſcha⸗Daulah, dieſem feigen Tyrannen, ſelbſt den Dolch in die Bruſt ſtoßen!“ „Nein, ich kann Dich nicht entbehren, Iſſuf!“ ant⸗ wortete der Oberſt.„Gerade jetzt nicht, wo mir die Verhandlungen mit Mir Jaffir bevorſtehen. Ich habe Dich nöthig wenn ich nicht betrogen werden will, denn ich traue auch Mir Jaffir und ſeinen Freunden nicht!“ „Wollte Allah, das Reich käme in andere Hände als diejenigen dieſes abtrünnigen und furchtſamen Die⸗ ners Suradſcha⸗Daulah's!“ rief Iſſuf finſter.„Doch ich ſehe es ein, es war nicht anders möglich, und der Wille Allah's geſchehe!“ „Aber ich will dem Subah einen andern Jäger auf die Ferſen ſchicken“ ſagte Clive,„einen Jäger, den zwar nicht die Rache, aber ein Sporn treibt, der ſchärfer iſt als jeder andere Stachel. Ich laſſe den Lieutenant Starlow bitten, zu mir zu kommen.“ Eine Ordonnanz flog fort, Will zu rufen, der zu ſeinen Dragonern geritten war Sum ihnen den Dank des Oberſten zu verkünden. Will kam zurück, eine prächtige ſchlanke, lebendige Geſtalt auf dem muthigen Pferde, die Augen leuchtend vor Siegesluſt. 136 „Will“, rief ihm Clive entgegen,„biſt Du bereit, ſogleich aufzubrechen?“ „Jeden Augenblick, Oberſt!“ antwortete ihm der Lieutenant.„Meinen Dragonern geht es ohnehin zu langſam, wenn ſie mit der Infanterie zuſammen ope⸗ riren müſſen.“ „Nun, ich will Euch einen Auftrag geben, bei dem Eure Pferde die Lunge nöthig haben werden!“ ſagte Elive. Will, Du ſollſt mit Deinen Dragonern dem Nabob folgen, ihn womöglich zu fangen ſuchen, jeden⸗ falls ihn ſo weit hetzen, als möglich iſt. Du ſollſt der Erſte in Murſchidabad ſein, und damit es Dir nicht an Eifer fehle, ſo melde ich Dir, daß Miß Badyſon ſich im Palaſte Suradſcha⸗Daulah's in Murſchidabad be⸗ findet, daß ſie ſich nach einem Befreier ſehnt und daß ihr Will Starlow wahrſcheinlich der willkommenſte von allen ſein wird!“ „Oberſt, woher wiſſen Sie das?“ rief Will, von glühendem Roth übergoſſen. „Adora hat es mir ſelbſt geſagt. Ich ſprach ſie in der Nacht nach dem Kriegsrath. Du haſt Dich nicht geirrt in Betreff der Damen, die in dem Boot vorüber⸗ fuhren. Alſo im Palaſte Suradſcha⸗ Daulah's, Will! Vielleicht iſt Eile nothwendig, ich vermuthe es!“ Will war nicht im Stande, auch nur ein Wort zu 137 ſprechen. Er nahm die Hand, die ihm der Oberſt zum Abſchied entgegenſtreckte, und drückte ſie innig. Dann ſprengte er zu ſeinen Dragonern, während Clive dem erſtaunten Iſſuf auseinanderſetzte, bei welcher Gelegenheit er Adora geſehen und wieviel ſie dazu beigetragen, ihn zu den Angriff auf die Armee des Nabobs zu beſtimmen. Indeſſen es war keine Zeit für perſönliche Angele⸗ genheiten. Der Augenblick wollte benutzt werden und verlangte ſein Recht. Major Coote wurde mit einem Detachement abgeſendet, um den fliehenden Feind zu beobachten. Es ließ ſich jedoch vorausſetzen, daß ſchon das Erſcheinen Starlow's und ſeiner Dragoner Schrecken und Furcht bei allen dem Nabob Ergebenen erwecken und jeden Verſuch zum Sammeln der Armee verhin⸗ dern würde. Clive brach noch an demſelben Abend auf und ge⸗ langte mit ſeinen Truppen bis in die Nähe von Daud⸗ pore, einer Stadt am Hughly, zwiſchen Plaſſey und Murſchidabad. Dort gaben ſich die Offiziere und die Truppen der langerſehnten Ruhe hin. Wie ſich von ſelbſt verſtand, waren bereits vom Schlachtfelde aus Boten mit der Siegesnachricht nach Calcutta geeilt. Am folgenden Morgen in aller Frühe ſandte Oberſt Clive den engliſchen Agenten Scrafton und den Hindu 138 Omar⸗Beg, der um die Unterhandlungen wußte, zu Mir Jaffir, deſſen Truppen der engliſchen Armee ge⸗ folgt waren, und ließ den Feldherrn zu ſich einladen. Mir Jaffir, dem das Gewiſſen ſchlug und der ſich nicht frei von Schuld fühlte, ſchien zuerſt willens, die Ein⸗ ladung abzulehnen und ſich aus dem Staube zu machen. Omar⸗Beg's Verſicherungen, daß man es gut mit ihm meine, ſchienen ihn jedoch zu beruhigen und er folgte end⸗ lich den beiden Boten, begleitet von ſeinem gewöhnlichen zahlreichen Gefolge und ſeinem Sohne Meirun, einem jähzornigen, übermüthigen, in ſeinem ganzen Weſen dem Suradſcha⸗Daulah nicht unähnlichen Jüngling. Mir Joffir zeigte auf dem ganzen Wege noch immer ſichtbare Spuren von Beſorgniß. Bei dem engliſchen Lager ſtieg er von ſeinem Elephanten, um dem engli⸗ ſchen Commandeur zu zeigen, daß er ſich für weniger halte als jenen. Er ging bis zu den Wachen zu Fuß. Als die Wachen unter das Gewehr traten, um ihm, wie Clive angeordnet, die militäriſchen Ehren zu er⸗ weiſen, erſchrak er heftig, zitterte und mußte von ſeinen Begleitern gehalten werden, denn er glaubte, es gehe ihm ans Leben. Jetzt aber erſchien Clive, von Iſſuf begleitet. Das Geſicht des jungen Feldherrn ſtrahlte von Stolz und Freude. Erſt heute, nachdem ſein Ge⸗ müth ſich beruhigt und geſammelt, empfand er die ganze 139 Genugthuung, die ein großer Sieg einem kriegeriſchen Herzen zu verleihen vermag. Auch befriedigte es ſeine Eigenliebe, als Gönner des zukünftigen Subah von Bengalen auftreten zu können. Er eilte auf Mir Jaffir zu, umarmte ihn und begrüßte ihn als Subah von Bengalen, Behar und Oriſſa. Jetzt erſt athmete Mir Joffir auf und nahm ein würdevolleres Weſen an. Er entſchuldigte ſich mit ſeiner gefährlichen Lage, die es ihm nicht erlaubt, eher zu Clive zu ſtoßen, als bis die Engländer einen Erfolg errungen; er habe ſeinen Soldaten nicht trauen können. Clive machte ihm keine Vorwürfe, verlangte aber jetzt das entſchiedenſte Han⸗ deln von ſeiten Mir Jaffir's. Er rieth ihm, mit ſeinen Truppen ſogleich nach Murſchidabad aufzubrechen, den Nabob gefangen zu nehmen, wenn ſich derſelbe noch dort befinde, auf jeden Fall aber zu verhindern, daß derſelbe ſeine Schätze mit ſich nehme oder daß die Schatzkammer von einer aufrühreriſchen Bevölkerung geplündert werde. Mir Jaffir, hoch erfreut, ſo leichten Kaufs davonzukommen, verſprach Alles zu thun, was Clive verlangte, und ſetzte ſich mit ſeinen Truppen ſofort in Marſch nach Murſchidabad. Clive folgte ihm langſamer, da er ſeine Truppen nicht ermüden und außerdem abwarten wollte, was Suradſcha⸗Daulah nach ſeiner Niederlage thun werde. 140 Bei Maudipore, kurz vor Murſchidabad, machte er Halt. Hier erfuhr er Folgendes. Der Nabob war in der Nacht vom 23. zum 24. Funi in ſeiner Reſidenz eingetroffen und hatte ſogleich mit einigen ſeiner vornehmſten Befehlshaber berath⸗ ſchlagt, was zu thun ſei. Er befand ſich in der größten Seelenangſt. Quälte ihn auch nicht die Erinnerung an die vergangenen Verbrechen— denn ein Gewiſſen hatte ſich bei dieſem entnervten Knaben niemals aus⸗ bilden können!— ſo folterte ihn doch die Angſt um ſeinen Thron und mehr noch um ſein Leben. Er ſah in jedem Unbekannten, der ihm nahte, einen Mörder, und die ſcheue Entfernung, in der ſich ſelbſt die Diener ſeines Palaſtes von ihm hielten, diente dazu, ſein Miß⸗ trauen zu vermehren. Einige ſeiner Vertrauten riethen ihm, ſich den Engländern zu übergeben und deren Gnade anzuflehen; vielleicht erhalte er dann, wenn auch mit vielen Opfern, ſeinen Thron. Dieſen Vorſchlag ver⸗ warf er jedoch als verrätheriſch und neigte ſich einem andern zu, welchem zufolge dem Heere große Beloh⸗ nungen verſprochen werden ſollten, damit es treu bleibe und den Engländern Stand halte. Dann konnte er ſich nach der Gegend von Patna zurückziehen, deſſen Statthalter ihm treu ergeben war, konnte ſich dort mit den anrückenden Franzoſen verbünden und unter gün⸗ 141 ſtigern Verhältniſſen eine neue Schlacht wagen. Dieſer Vorſchlag war ohne Zweifel der würdigſte. Aber er erforderte einen Mann, keinen verweichlichten, unent⸗ ſchloſſenen Knaben. Suradſcha⸗Daulah änderte deshalb ſeinen Entſchluß ſchon am folgenden Morgen. Er be⸗ ſchloß zu fliehen. Seinen Harem und ſeine Koſtbar⸗ keiten ſandte er auf fünfzig Elephanten nach dem Norden. Er ſelbſt wollte in der folgenden Nacht fliehen. Als er jedoch hörte, daß Mir Jaffir auf Murſchidabad an⸗ rücke, verlor er vollkommen den Kopf. Er kleidete ſich in die Tracht eines gemeinen Hindu, nahm ein Käſtchen mit ſeinen koſtbarſten Juwelen und entwich durch ein Fenſter ſeines Palaſtes in Begleitung zweier Perſonen, einer Frau und eines Haremwächters. Wer die Frau geweſen, wußte man noch nicht genau. Man vermu⸗ thete, es ſei Ellen Birdenhall, ſeine Favoritin. Von Will Starlow hatte Clive noch keine Nachricht erhalten. Das beunruhigte ihn; doch hoffte er, daß ſeinem jungen Freunde das Glück auch ferner zur Seite ſtehen werde. Clive ſandte ſogleich Watts mit einem Begleiter, von hundert Sepoys geleitet, nach Murſchidabad, um ſeine Ankunft anzuzeigen. Die Engländer erwieſen Mir Jouffir alle Ehren, die dem Subah zuſtehen, und er⸗ weckten dadurch in der Bevölkerung der Reſidenz Su⸗ * 3 36 3 142 radſcha⸗Daulah's zuerſt den Gedanken, daß es mit der Herrſchaft des bisherigen Subah in der That vorüber ſei. Watts und ſeine Begleiter begaben ſich auch zu den Seats, den reichen Banquiers, die ſich an der Ver⸗ ſchwörung gegen Suradſcha⸗Daulah betheiligt hatten. Von dieſen erfuhren ſie, daß alle Schätze des geflo⸗ henen Nabobs nicht hinreichen würden, um die Ver⸗ bindlichkeiten zu erfüllen, welche Mir Joffir gegen die oſtindiſche Compagnie und gegen des Heer und die Flotte der Engländer eingegangen war. Dieſe Summe betrug beinahe drei Millionen Pfund Sterling Gwanzig Millionen Thaler). Watts ſchlug den Banguiers vor, das Fehlende zu ergänzen und ſich ſpäter aus den Einkünften des Königreichs zu entſchädigen. Aber die Seats behaupteten, nicht ſo viel zu beſitzen, und der Finanzminiſter Roy⸗Dullub beſtätigte ihre Angaben, benahm ſich dabei auch ſo verdächtig, daß Watts auf ihn aufmerkſam wurde und bei ſeiner Rückkehr Clive Vorſicht empfahl. Der Oberſt, vollkommen mit den Begriffen von indiſcher Treue bekannt, blieb deshalb bei ſeinen Truppen und ging noch nicht nach Murſchi⸗ dabad. Eine Mittheilung aus Murſchidabad, daß Roy⸗ Dullub, Meirun, der Sohn Mir Jafſir's, und ein an⸗ derer einflußreicher Befehlshaber ſich verabredet hätten, Clive bei ſeinem Einzuge in die Reſidenz zu ermorden, 143 beſtärkte ihn in ſeinen Vorſichtsmaßregeln. Am 29. Juni aber hielt er mit einer Truppenzahl, die ihm genügend ſchien— zweihundert Europäern und dreihundert Sepoys — ſeinen Einzug in Murſchidabad. Die andern Truppen waren größtentheils in der Verfolgung des flüchtigen Suradſcha⸗Daulah begriffen. Meirun, der Sohn Joffir's, der ſich wohl eines Beſſern beſonnen haben mochte, empfing ihn und ge⸗ leitete ihn nach einem Palaſte, in deſſen Zimmern und Gärten Clive' ſämmtliche Truppen ein bequemes Quar⸗ tier fanden. Dann begab ſich Clive nach dem Reſidenz⸗ palaſt, in welchem Mir Jaffir, von den Großen des Landes umgeben, ihn erwartete. Im Empfangsſaale dieſes Palaſtes war der Thron errichtet. Mir Jaffir kam Clive bis an das Eingangsthor entgegen und zeigte die tiefſte Ergebenheit. Er ſchien auch, als er mit Clive in den Audienzſaal getreten war, den Thron vermeiden zu wollen. Clive aber, ſtets von Iſſuf be⸗ gleitet, der ihm als Dolmetſcher diente, ergriff Mir Joffir's Hand, führte den Feldherrn auf den Thron, bat ihn, denſelben einzunehmen, und war der Erſte, der ihm, nach orientaliſcher Sitte, durch die Dar⸗ reichung einer Schüſſel mit goldenen Rupien als Su⸗ bah von Bengalen, Behar und Oriſſa huldigte. Dann ließ er den Großen durch Iſſuf Glück dazu wünſchen, 144 daß Gott ihnen ſtatt eines feigen, verrätheriſchen und tyranniſchen Subah einen guten Regenten gegeben habe. Hierauf huldigten alle nach der Reihe dem neuen Subah und überreichten ihm ihre Schüſſeln mit Gold. Bei dieſer Feierlichkeit, die deutlich zeigte, daß der neue Beherrſcher der drei Königreiche ſeine Würde aus der Hand des engliſchen Feldherrn empfing, war auch Omichund zugegen, hielt ſich aber, da er von Clive gar nicht beachtet wurde, ſcheu und verlegen im Hin⸗ tergrunde, einem Hunde ähnlich, der ſich vor Strafe nicht ſicher fühlt. Der ſchlaue Kaufmann von Cal⸗ cutta, der die Zerwürfniſſe zwiſchen den Engländern und dem Nabob benutzt hatte, um von beiden Par⸗ teien Vortheil zu ziehen, mochte ſich im Innern ge⸗ ſtehen, daß er doch nichts als ein Verräther und jetzt ganz der Gnade der ſiegreichen Engländer anheim⸗ gegeben ſei. Seine unruhigen Blicke ſuchten ſtets den engliſchen Feldherrn, aber Clive that, als ob er nie einen Omichund auf der Welt geſehen habe. Am andern Morgen in aller Frühe kam Mir Jaffir zu Clive, um ihm ſein Bedauern darüber auszuſprechen, daß man im Schatze Suradſcha⸗Daulah's nicht ſo viel Geld gefunden habe, um alle den Engländern verſpro⸗ chenen Summen aufzubringen. Er verſprach jedoch ſein Möglichſtes zu thun, um das Fehlende im Lauf der 145 Zeit herbeizuſchaffen. Clive ſchlug die Seats zu Schieds⸗ richtern vor, womit Mir Jaffir einverſtanden war, und ſie begaben ſich in Begleitung von Watts, Scrafton, Roy⸗Dullub und Meirun nach der Wohnung der Ban⸗ quiers. Vor dem Hauſe derſelben trafen ſie Omichund, der um die Thür herumlungerte wie ein beutegieriger Schakal. Der Hindukaufmann, obwohl er ſein Ver⸗ mögen nach Millionen zählte, war faſt ärmlich ge⸗ kleidet und galt überhaupt für einen ſchmuzigen Geiz⸗ hals. Als ſie in das Haus eintraten, folgte ihnen Omi⸗ chund, blieb aber, da ihm Niemand ſagte, daß er in das Geſchäftszimmer der Seats mit eintreten ſolle, traurig vor der Thür ſtehen und ſetzte ſich dann, den Kopf geſenkt und mit zitternden Händen, auf die Schwelle. Clive kam mit den Seats dahin überein, daß nur die Hälfte der ſtipulirten Summe ſofort bezahlt werden ſolle, die andere Hälfte in drei jährlichen Terminen. „Es iſt Zeit, daß wir nun auch Omichund ent⸗ täuſchen!“ ſagte Clive.„Laſſen Sie ihn hereinrufen, Mr. Scrafton!“ Der Kaufmann erſchien. Für einen Augenblick hatte ſein Geſicht einen freudigen Ausdruck angenommen, denn er glaubte, die Stunde, in der er ſeinen Antheil Mützelburg, Robert Clive. IV. 10 ſ. 1 — 146 erhalten ſollte, ſei nun erſchienen. Als er aber die finſtere Miene Clive's ſah, entfärbte er ſich und begann wieder zu zittern. „Omichund“, redete ihn Scrafton an,„Du weißt, daß wir einen Vertrag mit Mir Joffir, Deinem jetzigen König und Herrn, geſchloſſen haben. Soll ich ihn vor⸗ leſen?“ „Ja, ja!“ rief der Kaufmann, wieder hoffend. Als er aber ſah, daß Scrafton den auf weißem Papier geſchriebenen Vertrag vom Tiſche nahm, wurde er un⸗ ruhig. „Das iſt nicht der rechte Vertrag!“ rief er.„Jener war auf rothem Papier.“ „Du irrſt Dich!“ erwiderte Scrafton.„Der rothe Vertrag war unecht und dieſer hier iſt der echte. Nach dieſem Vertrag wirſt Du wegen Deiner Verrätherei nichts erhalten.“ Wie vom Blitz getroffen, zuckte der Kaufmann zu⸗ ſammen und taumelte beſinnungslos zur Erde nieder. Clive, deſſen Miene ſehr düſtergund traurig geworden war, bat die Anweſenden, für ihn Sorge zu tragen. „Ich konnte nicht anders handeln!“ ſagte er kurz. „Man muß ſelbſt dieſen Indiern eine Lehre geben, daß Verrätherei nie belohnt wird!“ „Es wird nicht viel nützen!“ fügte Scrafton leiſe 147 hinzu.„Um ſo ſchwieriger werden wir Jemand finden der in ähnlicher Lage bereit wäre, uns zu helfen!“ „Omichund mag zu mir kommen, wenn er wieder⸗ hergeſtellt iſt“ ſagte Clive.„Ich will ſehen, was ich dann für ihn thun kann.“ Und er folgte Roy⸗Dullub und Mir Joffir nach der Schatzkammer des Subah, wo Gold, Silber und Juwelen in Haufen vor ihm lagen. Sein eigener An⸗ theil war groß. Er erhielt als Führer der Truppen, zweiter Vorſitzender des Raths und außerdem zum Geſchenk von Mir Jaffir ungefähr anderthalb Millionen Thaler. Omichund erhob ſich mit errüttetem Geiſt aus ſeiner Ohnmacht. Sein Verſtand war verwirrt. Der einſt ſo geizige und vorſichtige Mann kleidete ſich jetzt in bunten Flittertand und hing ſich Juwelen an. Clive ſagte ihm, er werde ihm eine einträgliche Stellefin Calcutta ſichern, und rieth ihm, inzwiſchen eine Pilger⸗ fahrt nach Mulda, einer ſehr beſuchten Pagode, zu machen. Aber Omich und kehrte ungeheilt von dort zurück und ſtarb kurze Zeit darauf zerrütteten Geiſtes. Der reiche Mann hatte den Verluſt einiger hundert⸗ tauſend Rupien nicht ertragen können. Am zweiten Juli kam die Nachricht nach Murſchi⸗ dabad, daß Suradſcha⸗Daulah gefangen worden ſei, 10* 148 und am folgenden Tage traf der entthronte Subah von Bengalen ſelbſt in ſeiner frühern Reſidenz ein. Die Ruderer, die ihn bei ſeiner Flucht begleitet und ſein Boot den Ganges aufwärts, nach Patna zu, gerudert, hatten ermattet bei Rajahmahal Halt gemacht und der Subah war mit ſeinen Begleitern ans Land geſtiegen, um ſich in einem öden Garten zu verbergen. Hier entdeckte ihn zufällig ein Hindu, dem er vor kur⸗ zer Zeit wegen eines geringen Verſehens die Ohren hatte abſchneiden laſſen. Der Hindu erkannte ihn, verließ den Garten und theilte ſeine Entdeckung einer Schaar Engländer und Sepoys mit, die den Fluß ent⸗ lang zogen, um Suradſcha-Daulah zu ſuchen. Der Subah wurde überfallen, gefeſſelt und mit ſeiner Be⸗ gleiterin wieder in ſein Boot gebracht, aber nun unter den ſchmachvollſten Beſchimpfungen und härteſten kör⸗ perlichen Mißhandlungen nach Murſchidabad zurück⸗ geführt. Er langte um Mitternacht dort an und wurde ſogleich zu Mir Juffir gebracht. Dieſem warf er ſich zu Füßen und flehte ihn um Gnade an, ihn an die Wohlthaten erinnernd, die er von Aliverdy⸗Khan er⸗ halten. Mir Jaffir, nicht grauſam von Gemüth, ver⸗ ſprach, ihm ſein Leben zu erhalten, obwohl Meirun dagegen und für augenblicklichen Tod war. Suradſcha⸗ Daulah wurde in eine elende Kammer geführt; Mir 149 Juffir beſchloß, die Anführer der Truppen, die bei Murſchidabad ſtanden, über das Schickſal des frühern Subah zu hören, vor allem aber Clive's Meinung zu ergründen. Dieſe Mittheilungen erhielt der Oberſt beim Er⸗ wachen. Zugleich meldete ihm Scrafton, daß die Be⸗ gleiterin des Subah keine andere geweſen ſei als die Wittwe Wilmingfort's und daß dieſelbe fürs Erſte in den Harem Mir Jaffir's geführt worden ſei. Clive blieb bei der letzten Nachricht ziemlich kalt; ſeine frü⸗ hern Empfindungen für Ellen Birdenhall ſchienen er⸗ ſtorben. Er hatte dieſe Gattung von Engländerinnen genugſam kennen gelernt, um ſie zu verachten. Im Begriff, ſich zu Mir Jaffir zu begeben, erhielt er jedoch die Meldung, daß die Engländerin, von Bewaffneten begleitet, ſich vor dem Thore des Palaſtes befinde und den Oberſten zu ſprechen wünſche. Clive ließ ſie ein⸗ treten.. Er hatte Ellen ſeit jenem Abend, an welchem er ihr ſeinen letzten Antrag machte, nicht wiedergeſehen. Zwiſchen heute und jener Zeit lagen mehr als fünf Jahre. Ellen war keine jugendliche Schönheit mehr, aber immer noch ſchön genug, um einen Mann zu feſſeln. Freilich war ihr Anzug verwildert und die 150 halb europäiſche, halb vrientaliſche Tracht gab ihr ein phantaſtiſches, unangenehmes Ausſehen. „Guten Tag, Oberſt Clive“, ſagte ſie ſich leicht verneigend und dann mit ihrem alten Lächeln auf ihn zutretend.„Ich hatte nicht erwartet, Sie in Murſchi⸗ dabad wiederzuſehen!“ „Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie ſich meines Namens noch erinnern“, ſagte Elive kalt und winkte einem Diener, der Dame einen Seſſel zu reichen. Obgleich Ellen, wie es ſchien, nur das Zimmer und die Umgebung Clive's zu muſtern ſchien, bemerkte der Oberſt doch, daß ſie auch ihn genau ſtudirte. Er war nicht mehr blind in Beziehung auf Alles, was ſie that; er ſah ſie jetzt, wie ſie war, und er entſetzte ſich über dieſes ſeltſame Weib, das ſich in jede Lage fand und in jede Lage ihre alte Koketterie, ihren Leichtſinn und ihre Herzloſigkeit mitbrachte. Auch jetzt ſchien ſie er⸗ rathen zu wollen, welchen Eindruck ſie auf das Herz ihres frühern Anbeters mache, um ihr Benehmen da⸗ nach einzurichten. Einige Kälte von ſeiner Seite durfte ſie erwarten. Aber ſollte er ihrer Anmuth auf die Dauer widerſtehen können? Clive ſetzte ſich nicht. Sein ganzes Benehmen ſchien darauf hinzudeuten, daß er die Unterredung ſo kurz zu machen wünſche, als dies nur möglich ſei. 157 „Sie haben in der letzten Zeit ſehr Trauriges er⸗ lebt, Milady“, ſagte er.„Alle Welt ſprach mit großer Theilnahme von der Treue und Hingebung, mit der Sie in der gräßlichſten Lage bei Wilmingfort ausgeharrt haben.“ „Ach, der gute Francis!“ ſagte Lady Ellen und ihr Auge ſchien feucht zu werden, wenigſtens führte ſie ihr kleines Taſchentuch an die Augen.„Er liebte mich wirklich! Der arme gute Francis! Warum konnte er nicht ruhig in England bleiben! Ich glaube, Mr. Barny, dieſer alte Geck, war ſchuld an ſeinem Ruin, während ich wohl weiß, Oberſt Clive, daß Francis Ihrer Fürſprache ſeine Anſtellung in Calcutta zu ver⸗ danken hatte. Ja, was ſollte ich thun, als dieſe gräß⸗ lichen Bengaleſen das Fort erſtürmten? Ich hätte mich zu Tode geängſtigt, wenn ich auch nur einen Moment allein geblieben wäre! Ich muß ſtets einen Beſchützer bei mir haben, ich bin ein Kind, ich weiß es wohl. Deshalb ging ich mit dem armen Francis in dieſe furchtbare ſchwarze Höhle. Ich konnte mir denken, daß der gute Junge es nicht überleben würde, er litt ſtets an der Bruſt. Und er hatte mich wirk⸗ lich lieb!“ Sie drückte das Taſchentuch an die Augen, aber ihr Mund lächelte und zeigte die weißen Zähne. 152 „Sie ſind jetzt von Suradſcha⸗Daulah erlöſt“, ſagte Clive.„Sie müſſen viel in dieſer Gefangenſchaft er⸗ duldet haben.“ „Erduldet? Durchaus nicht!“ rief ſie.„Es war eine ſehr angenehme Zeit. Der Nabob ſoll gegen die Engländer eingenommen ſein. Mir hat er das nie gezeigt. Er war ſehr liebenswürdig, und mas ſollte ich thun, als mein armer Francis todt war? Ich ſtand ganz allein, ohne jeden Schutz. Alle meine Lands⸗ leute waren todt oder geflohen. Ich hätte es nicht vierundzwanzig Stunden überlebt, allein in der erober⸗ ten und zerſtörten Stadt unter den gräßlichen Benga⸗ leſen zu bleiben.“ „Sollten Sie Ihre Kraft nicht unterſchätzen, Mi⸗ lady?“ fragte Clive, den Spott unter ſcheinbar harm⸗ loſer Theilnahme verbergend.„Sie hatten die Schreck⸗ niſſe der ſchwarzen Höhle überſtanden—“ „Ja, aber das hatte mich angegriffen, meine Nerven waren ſehr alterirt“, antwortete Lady Ellen lebhaft. „Und in der Höhle hatte ich meinen Francis bei mir! Als der Nabob mich beſuchte und mich fragen ließ, ob ich ſeinen Schutz annehmen wolle, willigte ich mit tau⸗ ſend Freuden ein. Und ich habe mich nicht über ihn zu beklagen gehabt, gewiß nicht. Etwas furchtſam ſcheint er zu ſein; aber ich geſtehe es, ich liebe die 153 harten, ſtrengen Männer nicht. Der arme Suradſcha⸗ Daulah! Hat er wirklich ſeine Krone und ſein Land verloren?“ „Gewiß, Milady!“ „Und wird er reich bleiben? Wird man ihn ge⸗ fangen halten?“ fragte ſie mit großem Intereſſe. „Ich kann es kaum ſagen“ erwiderte Elive.„Aber wahrſcheinlich wird eine ärmliche und ſchimpfliche Ge⸗ fangenſchaft ſein dauerndes Loos ſein.“ „O, dann habe ich alſo auf ſeinen Schutz nicht mehr zu rechnen?“ rief Lady Ellen. „Gewiß nicht. Und was liegt Ihnen daran, da Sie ſich jetzt unter Engländern befinden, die Ihnen jede Aufmerkſamkeit, die Sie nur wünſchen können, erweiſen werden?“ „Wirklich? Wollen Sie das?“ rief Lady Ellen mit dem alten reizenden Lächeln.„Wie freundlich von Ihnen! Sie ſind ein berühmter Mann und reich, ſehr reich geworden. Sie haben ſich auch äußerlich ſehr wenig verändert. Man ſollte gar nicht glauben, welch ein berühmter Mann hinter Ihrem einfachen Weſen verborgen iſt. Ich habe oft, ſehr oft an Sie gedacht, Mr. Clive, und an vergangene Tage!“ „Sehr freundlich von Ihnen, Milady“, ſagte Clive mit einer kalten Verbeugung.„Ich glaube alſo Ihren 154 Wünſchen zu entſprechen, wenn ich einige Beamte der Compagnie, die heute nach Calcutta abreiſen bitte, ſich Ihrer anzunehmen und Sie ſicher nach der Stadt zu geleiten. Wollen Sie dann direct nach England zurück⸗ kehren, ſo wird es Ihnen an keiner Unterſtützung feh⸗ len, die Sie wünſchen. Wollen Sie fürs Erſte nach Madras gehen, ſo wird ſich Miſtreß Clive, meine Frau, ein Vergnügen daraus machen, Sie aufzunehmen.“ „Ach, in der That, Sir, ich hatte ganz vergeſſen, daß Sie verheirathet find!“ rief Lady Ellen ſichtlich enttäuſcht.„Wie geht es Miſtreß Clive? Fſt ſie immer noch ſo hübſch? Wie leben Sie mit ihr? Ich denke mir, Sie müſſen ein etwas ſeltſamer Ehemann ſein, Sie ſind ſo abgemeſſen, ſo eigenthümlich! Aber Miſtreß Clive iſt gewiß ſehr glücklich— Sie ſind ja ein ſo berühmter und reicher Mann geworden!“ Das leichte Spiel der Augen und das Lächeln der friſchen Lippen begleiteten dieſe ganz oberflächlich hinge⸗ worfenen Fragen. Clive, auf deſſen Zügen ſich eine traurige Abſpannung zeigte— vielleicht hervorgerufen durch den Gedanken, wie viele Leiden ihm dieſer weib⸗ liche Schmetterling verurſacht habe— verrieth eine gewiſſe Ungeduld. „Wir leben wie die meiſten Ehepaare“, antwortete er.„Und Miſtreß Clive iſt, ſoviel ich weiß, ziemlich 155 glücklich. Doch ja, ich wollte eine Frage an Sie rich⸗ ten. Haben Sie zufällig— da Sie doch gewiß Su⸗ radſcha⸗Daulah's Vertraute waren— etwas davon ge⸗ hört, daß Adora— Sie erinnern ſich ihrer?— ſich in der Nähe und wo ſie ſich befindet?“ „Ja wohl, ich weiß“, antwortete Lady Ellen, die Lippen verächtlich aufwerfend und, wie es ſchien, unan⸗ genehm berührt.„Sie ſoll eine Prinzeſſin ſein. Su⸗ radſcha⸗Daulah wollte ſie heirathen, natürlich nur der Form wegen! Sie ſoll es abgelehnt haben— ſie iſt eine Närrin! Ich weiß nicht genau, was aus ihr ge⸗ worden iſt. Es war eine junge Engländerin bei ihr — ich habe ſie aus der Ferne geſehen— leidlich hübſch, eine paſſable Erſcheinung— natürlich kümmerte ich mich nicht viel um ſie, wahrſcheinlich eine Abenteurerin! Es ſchien darauf abgeſehen, Suradſcha⸗Daulah zu fangen—“ „Wie, und ſo eben ſagten Sie noch, Adora wollte nicht die Gattin dieſes Scheuſals, des Nabobs, wer⸗ den?“ unterbrach ſie Clive mit dem Eifer aufſteigenden Unwillens. „Ich kann mich auch irren“, antwortete Lady Ellen unbefangen.„Aber was will eine abenteuernde Eng⸗ länderin hier anders, als die Favorite eines Nabobs werden? Und Suradſcha⸗Daulah iſt durchaus kein 156 Scheuſal, mein lieber Oberſt, gegen die Damen gewiß nicht!“ „Darüber habe ich kein Urtheil, Mylady!“ ſagte Clive.„Es ſpricht jedenfalls für ihn, daß Sie ihn ſo lebhaft vertheidigen. Alſo Sie wiſſen nicht, wo ſich Ihre Landsmännin und Adora befinden, ſie der Nabob geſchickt?“ „Mein Gott, Sie intereſſiren ſich doch nicht etwa für dieſe Adora?“ rief Ellen lachend.„Freilich, ich habe es immer gedacht— ſie paßte ganz für Sie— ſie hatte etwas wie eine Sklavin— natürlich, wie konnte es auch anders ſein bei einem Hindumädchen!— und manche Männer lieben das! Ich werde es Miſtreß Clive verrathen, wenn ich nach Madras komme!“ „Ich erlaube Ihnen, Alles getreu zu berichten“, ſagte Clive mit einem Lächeln, das ihm nur mühſam gelang.„Doch komme ich auf meine Frage zurück. Es iſt meine Pflicht, mich nach Miß Badyſon zu er⸗ kundigen, da ſie eine Engländerin iſt, und mich Adora's anzunehmen, wenn dies in meiner Macht ſteht, da ſie mir und meinen Truppen große Dienſte erwieſen.“ „Ich bedauere unendlich, Oberſt Clive, daß ich Ihnen nicht ausführliche Mittheilungen über den Auf⸗ enthalt dieſer beiden Damen geben kann“ antwortete Lady Ellen etwas mißmuthig.„Wenn ich nicht irre, ſo — 157 ſind beide nach Patna geſchickt worden, oder wie die Stadt ſonſt heißen mag. Adora ſollte getödtet werden, ſobald ſie einen Fluchtverſuch mache. Die Engländerin iſt wahrſcheinlich für den Harem eines Statthalters beſtimmt.“ „Ich will wünſchen, daß den beiden Damen nichts Schlimmes widerfährt!“ ſagte Clive.„Und um nun auf den vermuthlichen Beweggrund Ihres Beſuchs zurückzukommen, ſo wiederhole ich meine Frage, My⸗ lady, ob es Ihnen genehm wäre, in Begleitung einiger engliſchen Gentlemen die Rückreiſe nach Calcutta an⸗ zutreten?“ „Ich danke Ihnen, Oberſt“, antwortete Lady Wil⸗ mingfort, ſich ziemlich ungeſtüm erhebend.„Ich will es mir überlegen. Ich bin noch ſehr ermüdet und Mir Jaffir hat mir in ſeinem Harem ſo angenehme Zimmer anweiſen laſſen, daß ich dort noch einige Tage in aller Ruhe verbringen möchte. Was glauben Sie, Oberſt, wird Mir Jaffir Subah von Bengalen bleiben und iſt er nicht ein ſehr reicher Mann?“ „Ich glaube Beides bejahen zu können“, antwortete Clive.„Wie Sie es wünſchen, Mylady. Meine amt⸗ lichen Pflichten zwingen mich, dieſe Unterhaltung für heute abzubrechen. Ich werde ſofort Befehl geben, Sie nach dem Palaſte Mir Jaffir's zurückzugeleiten.“ 158 Wenn irgend etwas an Lady Ellen leidenſchaftlich, kräftig und ſtark geweſen wäre, ſo hätte der Blick, mit dem ſie Elive ihre Verbeugung machte, für einen böſen gelten können. Da aber nichts an ihr ernſt war, ſo konnte man dieſen Blick höchſtens unfreundlich oder erzürnt nennen. Es iſt ſtets ein bitteres Gefühl, zu ſehen, daß die Reize, zu deren Füßen der arme An⸗ beter einſt jammerte, den reich gewordenen und berühm⸗ ten Mann kalt laſſen. Die Wittwe Wilmingfort's und Favorite Suradſcha⸗Daulah's ſah ihre Abſicht vereitelt, den Helden von Arkot und Plaſſey an ihren ſonſt ſo unwiderſtehlichen Zauber zu feſſeln, oder wenigſtens mit ihm zu ſpielen wie die Katze mit der Maus. In⸗ deſſen die Welt war groß und nicht jeder Mann in ihr ein Narr oder Pedant wie Mr. Clive, denn für eins von Beidem hatte ſie ihn ſtets gehalten. Als Clive ſich eben zu Mir Jaffir begeben wollte, kam dieſer bereits zu ihm, theilte ihm mit, was zwiſchen ihm und Suradſcha⸗Daulah geſchehen, und fügte hinzu, daß die bei weitem größere Mehrzahl der Befehlshaber ſich für eine ſtrenge, aber nicht harte Gefangenſchaft des entthronten Subah ausgeſprochen. Clive theilte dieſe Anſicht, ſchlug aber als Ort der Gefangenſchaft eine engliſche, weit entfernte Inſel, vielleicht St.⸗He⸗ lena, vor. Denn, ſagte er, ſolange der frühere Herr⸗ . 159 ſcher von Bengalen in der Nähe lebe, werde er für alle diejenigen, die mit Mir Jaffir's Herrſchaft unzu⸗ frieden ſeien ein Gegenſtand geheimer Hoffnungen und der Mittelpunkt einer etwa gebildeten Verſchwörung ſein. Mir Joffir bezeigte ſeine vollkommene Zu⸗ ſtimmung zu dieſem Vorſchlage. Es lag ihm nichts daran, daß Suradſcha⸗Daulah getödtet wurde, wenn ihm nur von demſelben keine Gefahr mehr drohte. Aber ſchon während dieſer Unterredung wurde das Schickſal des frühern Nabobs auf eine andere Weiſe entſchieden. Meirun, der Sohn Mir Jauffir's, theilte die milden Anſichten ſeines Vaters nicht, haßte auch Suradſcha⸗Daulah, der ſich, obwohl nur wenig älter, ihm gegenüber ſtets ſehr hochmüthig und herriſch ge⸗ zeigt hatte. Meitun, ebenſo grundſatzlos wie der Na⸗ bob, beſchloß dem Streite um Suradſcha⸗Daulah's Schickſal ſchnell ein Ende zu machen und benutzte die Abweſenheit ſeines Vaters, um einige Mörder in das Gefängniß des Nabobs zu ſenden. Dieſer ſtarb elend, wie er gelebt. Als er die Abſicht der Eintretenden errieth, begann er zu ſchreien, zu bitten und zu jam⸗ mern und flehte, man ſolle ihm wenigſtens ſo viel Zeit laſſen, daß er ſein Gebet verrichten und ſich waſchen könne. Darauf goß ihm einer der Mörder den Krug mit Waſſer, der in der Kammer ſtand, über den Kopf 160 — und ein anderer gab ihm einen Dolchſtich. Dann hieben ſie ihn mit ihren Säbeln in Stücke. Das Aufſehen, das dieſe That erregte, war groß; aber da ſie einmal geſchehen, ſo wurde ſie mit orien⸗ taliſchem Gleichmuth, der ruhig hinnimmt, was nicht mehr zu ändern iſt, nicht viel getadelt. Die Truppen, welche nun nicht mehr zwiſchen ihrem frühern Herrn und dem jetzigen zu wählen hatten, gaben ihre vorſich⸗ tige Haltung auf und huldigten Mir Jaffir. Am andern Tage wurde Suradſcha⸗Daulah's Leich⸗ nam auf einem Elephanten durch Murſchidabad geführt und im Grabmal Aliverdy⸗Khan's, ſeines Großvaters, beigeſetzt. Die Opfer der ſchwarzen Höhle waren ge⸗ rächt. Fünftes Kapitel. Nach Patna. Als am Nachmittag des dreiundzwanzigſten Juni William Starlow den Oberſten verließ, war ſein Herz ſo voll und bewegt wie vielleicht noch nie. Er hatte einen Sieg erkämpfen helfen, über deſſen Bedeutung ſich keiner der Offiziere unklar war; freilich hatte Will viel we⸗ niger gethan, als er gewünſcht, aber es war doch im⸗ mer ein wackerer Sieg! Ferner hatte er den Auftrag erhalten, Suradſcha⸗Daulah zu verfolgen, und nichts konnte einem muthigen Soldatenherzen angenehmer ſein als ein ſolcher Auftrag, der kühn und keck ausgeführt werden mußte und mit den verſchiedenſten Gefahren verbunden war. Endlich aber war ihm in nicht allzu⸗ weiter Ferne ein Ziel gezeigt worden, nach dem ſeine ganze Seele ſich ſehnte. Clara Badyſon in Murſchida⸗ Mitzelburg, Robert Clive. IV. 11 162 pad, vielleicht in Noth und Gefahr— keines ſchärfern Sporns, wie Clive ganz richtig vermuthete, hätte es bedurft, um ihn durch ganz Afien zu jagen! Das Gefühl, das Will Starlow für ſeine junge Reiſegefährtin und ſpätere Leidensgenoſſin in Gheria empfunden, war ſtets daſſelbe geblieben. Zwar ſtand ſie nur als ein Kind vor ihm, das die erſte Grenze des Jungfrauenalters noch nicht erreicht hat; aber dieſes Bild begriff dennoch Alles in ſich, was Will Starlow für ein Weſen des andern Geſchlechts zu fühlen ver⸗ mochte. Klar war dieſe Empfindung durchaus nicht, und als Will ſpäter den Bart um Lippe und Kinn ſproſſen fühlte und er den Erzählungen der Liebes⸗ abenteuer ſeiner Kameraden lauſchte, verſuchte er zu⸗ weilen ſich ſelbſt zu zürnen, daß er immerfort an ein Weſen denke, welches jetzt allerdings zur Jungfrau herangereift ſein mußte, damals ihm aber doch nur als Kind entgegengetreten war und ihn nicht anders als mit ſchweſterlichen Blicken betrachten konnte und durfte. Dieſe Gedanken hatten jedoch den Eindruck, den er von Elara Badyſon empfangen, niemals ver⸗ wiſcht. Im Gegentheil, das eigenthümliche Gefühl, das er für ſie hegte und das ſo zart und unbeſtimmt, ſo rein und ganz unſelbſtſüchtig war, hatte ſich mit den Jahren nur verſtärkt. Er folgte ihr im Geiſte von 163 Jahr zu Jahr, und wenn er ein weibliches Weſen be⸗ trachtete, ſo geſchah es nur, um das Bild, das ſeine Phantaſie von Clara Badyſon ſchuf, mit demſelben zu vergleichen. Wie ſchön mußte ſie jetzt ſein, wie klug, wie gut und vor allen Dingen wie unglücklich! Der Gedanke, ob ſie ſich ſeiner auch nur mit einem kleinen Theile ſeiner eigenen Empfindungen erinnere, quälte ihn unabläſſig, und ſeine trübſten Stunden waren die⸗ jenigen, in welchen er ſich vorſtellte, wie Elara Bady⸗ ſon, durch Noth oder andere Verhältniſſe gezwungen, eine Verbindung eingehen könne, die ihn für immer von ihr trenne. Niemand wußte um ſeine Empfin⸗ dungen, die er ſelbſt ja nicht einmal Liebe nennen konnte. Aber ſo romantiſch dieſe Empfindung für einen jungen Offizier war, ſo hatte ſie gerade wegen ihrer Romantik das Gute, daß ſie ihn von dem leichten Leben ſeiner Kameraden fern hielt. Er hatte ſich das Ge⸗ lübde, das er im Herzen trug, nie klar ausgeſprochen, aber er hielt es trotzdem ſo feſt, als habe er es vor aller Welt feierlich abgelegt. Darüber wurde er kein Kopfhänger. Will Starlow war eine der glücklichſten Naturen, einer jener Men⸗ ſchen, bei denen ſich Alles, ohne daß ſie es ſelbſt wiſſen, im ſchönſten Ebenmaß bewegt. Geiſt und Körper waren in ihm kerngeſund. Solche Menſchen ſind nicht immer 164 die bedeutendſten oder intereſſanteſten, wahrſcheinlich aber die glücklichſten. Er beſaß eine leichte Faſſungs⸗ kraft für Alles, was ſeinen Beruf betraf, und eine ſchnelle Auffaſſung der Verhältniſſe des wirklichen Lebens. Auch an Sinn und Verſtändniß für das Ernſte und Schöne fehlte es ihm durchaus nicht, er liebte Muſik leidenſchaftlich und zeichnete ſehr gut. Aber es fehlte ihm jener grübelnde Geiſt, der in das Unerforſchliche eindringen will und der in ſeinem Uebermaß auch den ſtärkſten Mann vernichtet. Er begnügte ſich, das Leben zu nehmen, wie es iſt. Es fehlte ihm der gefährliche Drang, es umzugeſtalten. Darin war er, wie in ſo vielen Dingen, ganz das Gegentheil von Clive, obwohl er ſeinen Freund gerade wegen deſſen geiſtiger Ueber⸗ legenheit, wegen des faſt dämoniſchen Schaffens⸗ und Geſtaltungsdranges ſo hoch verehrte. Für einen Mann von dem Temperament Will Starlow's war das krie⸗ geriſche Leben wie geſchaffen, denn es bot ihm immer etwas Beſtimmtes, eine ſich immer erneuernde Thätig⸗ keit, während Clive nur durch Zufall Soldat geworden war und ſich in jeder andern, ſeinen geiſtigen Fähig⸗ keiten angemeſſenen Thätigkeit ebenſo ſicher ausgezeichnet haben würde. Auch Will Starlow lebte nicht in den Tag hinein, im Gegentheil, er war in manchen Dingen faſt pedantiſch ſorgſam; aber jeder Tag hatte für ihn — 165 etwas Neues und Angenehmes, das Leben war für ihn eine freudige Nothwendigkeit, wie das Blühen für die Blume. Er faßte ſchnell ſeine Entſchlüſſe und führte ſie ebenſo ſchnell aus. Ein abgethaner Gegenſtand beſchäftigte ihn nicht mehr, und tauſendfältige Bedenk⸗ lichkeiten wegen aller Möglichkeiten der Zukunft quälten ihn nicht. Er ſchlief jede Nacht den Schlaf des Ge⸗ ſunden und Gerechten; die geiſtigen Leiden, die freilich die Schöpfer großer Thaten, aber auch die Zerſtörer derer ſind, die ſie erdulden, quälten ihn nicht. Sein Geiſt arbeitete ſo ruhig, feſt und regelmäßig, wie ſein Puls ſchlug. Dabei beſcheiden, gutmüthig, bieder, pünkt⸗ lich, ehrlich und gewiſſenhaft, war er der Liebling aller, die ihn kannten. Seine geiſtigen Anlagen hätte er vielleicht mehr ausbilden können, aber es fehlte ihm die Triebfeder des Ehrgeizes, die in den meiſten Fällen einen krankhaften Urſprung hat. Wo die Verhältniſſe ihn auf natürliche Weiſe zur Anſpannung ſeiner gei⸗ ſtigen Kräfte drängten, da entwickelte er überraſchende Fähigkeiten. Er ſprach das Hindoſtaniſche in allen Dia⸗ lekten der Gegenden, die er kennen gelernt hatte, wäh⸗ rend Clive niemals lernte, ſich in der Sprache des Landes auszudrücken, das durch ihn eine ganz neue Geſtalt erhielt. Will lernte dieſe Sprachen, weil ihm das für den Augenblick, für beſtimmte Zwecke nützlich 166 ſchien. Clive hielt es für überflüſſig, weil die Men⸗ ſchen überall dieſelben ſind und weil er immer über die augenblicklichen Verhältniſſe hinausſah und ſeinen Kopf mit andern, ihm wichtigern Dingen beſchäf⸗ tigte. Clive hatte ſeine innere Freude an der Natür⸗ lichkeit Will's, über deſſen Lippen nie ein Gedanke kam, der nicht der geſunden Auffaſſung des Augen⸗ blicks entſprach; Will verehrte in ſeinem Freunde den Geiſt, der bereits einen Gegenſtand überwältigt hat, den der Andere noch nicht einmal ahnt“ Will ergriff alſo mit voller Seele den Auftrag, den Clive ihm gegeben. Er ſchilderte ſeinen Soldaten die Ehre der Aufgabe, die ihnen zu Theil geworden, und. ſprengte mit ihnen vorwärts auf der Straße nach Mur⸗ ſchidabad. Rechts und links ſtoben die flüchtigen Schaa⸗ ren Suradſcha⸗Daulah's vor ihnen auseinander, und wenn Will eine Ahnung davon gehabt hätte, daß der Mann, der in einiger Entfernung vor ihm auf einem Kameele floh, der Nabob ſei, ſo hätte Suradſcha⸗Daulah ſchon an jenem Tage die Entſcheidung ſeines Geſchicks gefunden. Aber Gefangene wollte Starlow nicht machen, und eine grauſame Freude daran, die Bengalen nie⸗ derzuſchießen, empfasd er ebenſo wenig. Seine Dra⸗ goner ſollten nur fechten, wenn ſie angegriffen würden. Indeſſen ſah Will bald ein, daß er dieſen Ritt in der bisherigen Weiſe nicht fortſetzen könne. Die Nacht brach an, die Pferde waren ermüdet und nach Koſſim⸗ baſar und Murſchidabad zu ſtopften ſich die Schaaren der Bengaleſen in ſolcher Weiſe, daß ein weiteres Vor⸗ rücken, namentlich zur Nachtzeit, gefährlich werden konnte. Wenn es nur einige tauſend kampfluſtige Männer unter den Bengaleſen gab, ſo hatten ſie jetzt eine herrliche Gelegenheit, ſich für die Niederlage bei Plaſſey durch Vernichtung der Dragonerſchaar zu rächen. Will gab alſo den Gedanken, womöglich mit Suradſcha⸗ Daulah zugleich in Murſchidabad einzudringen, auf. Er bog von der Landſtraße ab und erreichte ein großes Dorf, in dem er Quartier nahm. Will, welcher auf ſeiner letzten Expedition die Landesſprache ziemlich genau kennen gelernt hatte, beruhigte ſehr bald die beſtürzten Einwohner, meldete ihnen die Niederlage des Subah, verkündete ihnen eine beſſere Zeit und erhielt von den gutmüthigen Bewohnern für ſich und ſeine Dragoner Alles, was er nur verlangte. Will ſchlief in dieſer Nacht wenig. Der Gedanke an Miß Badyſon und, Adora beſchäftigte ihn unab⸗ läſſig. Woher wußte Clive von ihnen? Hatte er Adora wirklich geſprochen? Er war wufrieden mit ſich ſelbſt, daß er den Oberſten nicht genauer befragt hatte. Frei⸗ lich geſtand er ſich, daß in einem ſolchen Augenblicke keine günſtige Gelegenheit für perſönliche Geſpräche geweſen ſei. Alſo im Palaſt des Nabobs ſollte er Miß Badyſon ſuchen! So nahe war er ihr, und welche Hinderniſſe lagen vielleicht dennoch zwiſchen ihm und ihr! Jetzt, da er hoffen durfte, ſie vielleicht ſchon am folgenden Tage zu ſehen, ſtiegen beängſtigende Zweifel in ihm auf. Wenn ſie ihn nun vergeſſen hatte? Oder wenn ſie ihn anders fand, als er wünſchte, von ihr gefunden zu werden? Was war er denn? Ein ein⸗ facher Lieutenant. Was konnte er ihr bieten? Aber auch dieſe Zweifel kämpfte ſein geſunder Sinn nieder. „Du wirſt Miß Badyſon befreien, wenn es Dir möglich iſt!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Du wirſt Dein Leben für ſie einſetzen, wenn es nothwendig iſt. Und dann ſoll kein Wort, kein Blick verrathen, daß Du ſtets an ſie gedacht, daß ſie Dir das Theuerſte auf Erden iſt. Du wirſt ſie gleich hochachten, ob ſie Dir nun freundlich oder gleichgültig entgegentritt. Sie ſoll nicht glauben, daß ſie Dir Dankbarkeit ſchuldig iſt!“ Der Mann, bei dem Lieutenant Starlow ſein Quar⸗ tier genommen, war früher Diener bei Aliverdy⸗Khan geweſen und mit den Hertlichkeiten von Murſchi⸗ dabad genau bekannt. Will brachte den Mann zu dem Verſprechen, am folgenden Morgen in die Stadt und womöglich in den Palaſt zu gehen und ſich nach Allem, was dort vorgefallen, zu erkundigen, namentlich aber nach der Engländerin und Adora, die er ihm, ſo gut es ging, beſchrieb. Will ſelbſt wollte noch nicht hinein nach Murſchidabad; er ſah ein, daß ſeine kleine Schaar einer ſolchen Aufgabe nicht gewachſen ſei. Ueber dem Ungeſtüm ſeines Herzens durfte er die Vorſicht als Offizier nicht vergeſſen. Aber länger wurde ihm kein Tag als derjenige, an welchem er in dem benga⸗ leſiſchen Dorfe die Rückkehr des Hindu erwartete. Dieſer kam erſt gegen Abend, erſchöpft und auf⸗ geregt von Allem, was er gehört und geſehen. Es war der Tag, an welchem Mir Jaffir in Murſchida⸗ bad einzog und Suradſcha⸗Daulah floh. Der Hindu ſprach faſt nur von dieſen wichtigen Ereigniſſen und von dem Siege der Engländer, den das Gerücht natür⸗ lich bis ins Fabelhafte übertrieben hatte. Endlich kam er jedoch auf die Angelegenheit zu ſprechen, die Will Starlow perſönlich intereſſirte. Alſo der Nabob war geflohen, das hatte der Hindu im Palaſt ſelbſt erfah⸗ ren, und zwar geflohen mit einer giin Will erſtarrte das Blut im Herzen bei dieſer Nachricht, bis er auf weitere Fragen erfuhr, es ſei die Engländerin aus Calcutta gemeint, alſo Lady Wilmingfort. Auch von den fünfzig Elephanten, welche die Schätze und Weiber des Nabobs nach dem Norden, vermuthlich alſo 170 nach Patna bringen ſollten, erzählte der Hindu und ſprach ſeine Anſicht dahin aus, daß ſich die beiden Frauen, welche der Offizier meine, wahrſcheinlich bei dieſem Zuge befänden. 6 Will ließ ſatteln und trabte mit ſeiner Dragoner⸗ ſchaar nach Murſchidabad, wo er in der Nacht an⸗ langte. Er begab ſich ſogleich zu Mir Joffir und fragte dieſen, ob er etwas von den beiden Frauen wiſſe. Der Feldherr antwortete ihm, er habe davon gehört, daß eine Tochter Schudſchah's in die Gewalt Suradſcha⸗ Daulah's gefallen ſei und daß ihr der Nabob angebo⸗ ten, ſie zu ſeiner erſten Gemahlin zu erheben; aber dieſe Nachrichten ſeien nur unbeſtimmt geweſen und er habe weder Adora noch ihre engliſche Begleiterin ge⸗ ſehen. Im Harem von Murſchidabad befänden ſie ſich auf keinen Fall, denn dieſen habe er genau durchſuchen laſſen. Vermuthlich hätten ſie ſich dem Zuge der fünfzig Elephanten anſchließen müſſen. Er, Mir Joffir, habe bereits eine anſehnliche Reiterſchaar hinter dieſen Zug hergeſchickt, um ihn aufzuhalten und nach Murſchidabad zurückzuführen. Er ſchien übrigens großes Gewicht auf Adora's Perſon zu legen und fragte Will nochmals, ob er wirklich glaube, daß ſie eine Tochter Schudſchah's ſei, was Will natürlich nur bejahen konnte. In dieſem Falle, äußerte Mir Juffir, ſei Adora eine paſſende 171 Gattin für ſeinen Sohn Meirun. Will ließ ihn bei dieſem guten Glauben, zweifelte aber ſehr daran, daß Adora den Sohn Mir Joffir's, deſſen unangenehme Eigenſchaften bekannt waren, als Bewerber und Gatten annehmen werde. Will gönnte ſeinen Dragonern nur eine kurze Raſt und brach am folgenden Morgen noch vor Sonnen⸗ aufgang auf. Die Straße nach Patna war nicht zu verfehlen und noch vor Mittag erreichten ſie die Reiter⸗ ſchaar, die Mir J Jaffir abgeſendet hatte und die es ſich, nach echt orientaliſ ſcher Sitte, nicht allzuſauer werden ließ, deren Anführer überdies auch Furcht zu hegen ſchien, daß die Franzoſen in der Nähe ſeien. Vill ließ dieſe Reiter hinter ſich und ſetzte den Ritt mit ſeinen Dragonern allein fort. Gegen Abend ſahen ſie, kurz vor einer größern Stadt, den Elephantenzug, gedeckt durch ungefähr zweitauſend Reiter. Die Dragoner ſtießen ein jubelndes Hurrah aus bei dieſem Anblick und es bedurfte keiner Ermunterung ihres Anführers, ſie zum ſofortigen Angriff anzuſpornen. Lachend und mit wildem Geſchrei, die blitzenden Säbel hoch in der Rechten, ſtürzten ſich die Dragoner auf den Nachtrab, und nach fünf Minuten ſah man ringsum nichts mehr als eine einzige Staubwolke, die von den flüchtigen Reitern Suradſcha⸗Daulah's aufgewirbelt wurde. Auch 172 nicht ein einziger leiſtete Widerſtand, und es war nur ein Glück, daß die Kornaks, die Führer der Elephan⸗ ten, nicht ebenfalls von ihren Sitzen herabgeſprungen waren, ſonſt hätte Lieutenant Starlow nicht gewußt, was er mit den rieſigen Thieren und ihrer Ladung beginnen ſolle. Der Dragoneroffizier begnügte ſich damit, den Zug zum Stehen zu bringen und ſeine Leute dadurch, daß er ihnen ſagte, ihr gerechter Antheil an der Beute ſolle ihnen nicht entgehen, am Plündern zu hindern, ſie auch von allzu großen Vertraulichkeiten gegen die Frauen des flüchtigen Subah fernzuhalten. Er ſelbſt ritt durch die Reihen der Elephanten, auf deren Rücken in ver⸗ hangenen Palankinen die Frauen des Subah ſaßen. Nicht verwegen genug, um die Vorhänge ſelbſt zurück⸗ zuſchlagen, fragte er nur bei jedem Palankin:„Iſt Miß Badyſon, iſt Miß Adora hier?“ Nirgends eine Antwort vom erſten bis zum letzten Palankin. Aber⸗ mals um eine Hoffnung ärmer! Von den Kornaks hatte Will nichts erfahren kön⸗ nen; ſie hatten die Frauen nur verſchleiert geſehen und nichts davon gehört, daß ſich eine Frankin unter ihnen befinde. Die Unterſuchung zog ſich hin, bis Mir Jaffir's Reiter eintrafen, denen Will die Beute über⸗ gab. Der Führer dieſer Reiter befragte noch einmal auf Will's Wunſch die Kornaks, aber gleichfalls ver⸗ geblich. Als Will jedoch traurig zum letzten Mal durch die Reihen ritt, ſich mit dem Gedanken quälend, was er nun zu beginnen habe, ertönte aus einem Palankin eine Stimme, die ihn in ſchlechtem Engliſch fragte, ob er Jemand ſuche. Will hielt freudig überraſcht ſein Pferd an. Der Vorhang des Palankins wurde zurückgeſchlagen und Will erkannte eine nicht mehr junge Frau, die euro⸗ päiſcher Herkunft zu ſein ſchien. Sie ſagte ihm, daß ſie eine Holländerin und ziemlich jung von ihren Ver⸗ wandten an Aliverdy⸗Khan verhandelt worden ſei. 3 Man habe ſie nach Aliverdy⸗Khan's Tode trotz ihrer Bitten nicht entlaſſen, weil ſie von ihrer Jugend her ein wenig Engliſch verſtehe und alſo zuweilen Dol⸗ metſcherdienſte habe leiſten können. „Außer uns befanden ſich noch zwei Frauen bei 13 dem Zuge“ fügte ſie hinzu.„Man ſagte, daß die eine 1 engliſcher Abſtammung, die andere eine bengaliſche Prinzeſſin ſei. Sie hatten ihre Plätze nicht, wie wir, in einem Palankin erhalten, ſondern ritten auf Pfer⸗ den neben dem Führer des Zugs. Geſehen habe ich ₰ nur ihre Geſtalten, da ihre Geſichter verſchleiert wa⸗ ren. Vermuthlich wollte man ſie ſtrenger bewachen als uns, denn ſie ritten ſtets in der Mitte einer zahl⸗ 174 reichen Reiterſchaar. Der Führer des Zugs hat ſie mit ſich genommen, als er geflohen, daran iſt gar kein Zweifel.“ Will dankte ihr von ganzem Herzen für dieſe Mit⸗ theilung, die wenigſtens die Anzeige einer weitern Spur enthielt. Er verſprach ihr, bei Mir Jaffir dafür zu orgen, daß ſie ihre Freilaſſung erhalte. Dann begab er ſich mit ſeinen Dragonern in die nahe Stadt. Seine Aufgabe lautete nach Clive's Worten, dem Nabob ſo weit zu folgen als möglich und ihn zu fangen zu ſuchen. Damit ſollte Will die Aufgabe ver⸗ binden, Miß Badyſon zu befreien. Bisher hatte Will geglaubt, daß ſich dieſe beiden Aufgaben vereinigen ließen. Das ſchien jetzt nicht mehr der Fall zu ſein. Der Nabob mußte einen andern Weg zur Flucht ein⸗ geſchlagen haben; daß er ſich nicht bei dem Elephanten⸗ zuge befunden, wußte man ſicher. Welcher Aufgabe ſollte ſich Will nun widmen? Sollte er den Nabob ſuchen, der ohnehin ſchon von Tauſenden verfolgt wurde, oder ſollte er die Richtung einſchlagen, die Miß Ba⸗ dyſon und Adora genommen? Will beſchloß nach vielem Ueberlegen, ſeine kleine Truppe zu theilen. Vierzig Dragoner ſollten unter der Führung des Wachtmei⸗ ſters die Spur Suradſcha⸗Daulah's aufzufinden und zu verfolgen ſuchen. Die zehn fähigſten und tapferſten ——— 175 ragoner aber wollte Will für ſich behalten und mit ihnen dem Entführer der beiden Frauen nachſetzen. Er wußte wohl, daß Clive es ihm verzeihen würde, wenn er die ganze Mannſchaft zu dieſem Dienſt ver⸗ wende, aber er wagte nicht, es zu thun. Noch an demſelben Abend ſuchte Will Erkundigungen einzuziehen, wohin ſich der flüchtige Führer der Reiter gewendet haben könne. Aber das vermochte Niemand anzugeben. Bei dem Zuſtande der Verwirrung, in welchem ſich das Reich und die Armee befanden, ließ ſich faſt annehmen, daß die einzelnen Führer ihre Hei⸗ mat aufſuchen würden. Will ging deshalb noch ein⸗ mal zu der Holländerin und erfuhr von ihr, der Führer der Reiterſchaar heiße Duna⸗Sahib, ſei aus dem Kö⸗ nigreiche Behar gebürtig und ein Verwandter Ramna⸗ Rain's, des Statthalters von Patna. Dieſer Ramna⸗ Rain galt, wie früher erwähnt, für einen der treueſten Anhänger des geſtürzten Subah. Zu ihm hatte des⸗ halb auch Suradſcha⸗Daulah ſeine Schätze ſenden wollen und zu ihm richtete ſich wahrſcheinlich auch die Flucht des Nabobs ſelbſt. Alles ſprach dafür, daß auch Duna⸗ Sahib den Weg nach Patna eingeſchlagen habe. Mit ſeinen zehn Dragonern hätte ſich Will Starlow bis nach Delhi gewagt. Aber es gab dennoch ein großes Hinderniß für ihn: die Nähe der Franzoſen. — 176 Will konnte nach den übereinſtimmenden Nachrichten, die er von allen Seiten erhalten, nicht daran zwei⸗ feln, daß Law mit einer nicht unbeträchtlichen Trup⸗ penmacht ganz in der Nähe ſtehe. Gelang es Duna⸗ Sahib, die Franzoſen zu erreichen, ſo war es unmög⸗ lich, ihm ſeine Beute abzujagen. Indeſſen Will ver⸗ traute auf ſein gutes Glück. Er gab dem Führer der Reiter Mir Juffir's ein Schreiben an den Oberſten Clive mit, worin er demſelben anzeigte, daß er die Dragoner getrennt, und ihn bat, wenn dies irgend möglich ſei, ein Detachement nach Patna zu ſchicken, um die Franzoſen aus jener Gegend zu vertreiben. Es iſt ein mißlich Ding, in die weite Welt hin⸗ einzureiten und einem Flüchtling zu folgen, von dem man nicht die geringſte Spur hat. Jede durch eine falſch eingeſchlagene Richtung verlorene Stunde konnte ver⸗ derblich werden. Will war jedoch überzeugt, daß Duna⸗ Sahib, wenn er ſich vielleicht auch im erſten Schrecken der Flucht füdwärts gewandt habe, jetzt gewiß wieder auf dem Wege nach Patna ſei. Leider konnte ihm aber Will auf der großen Landſtraße nicht folgen. Denn auf dieſer mußte er nothwendig die Franzoſen treffen, die be⸗ reits in Boglipore oder ſelbſt in Tacriagully ſtehen ſollten. Will mußte alſo links von der Landſtraße bleiben und im Uebrigen ſeinem guten Stern vertrauen. 177 Will kannte dieſe Gegend bereits von ſeiner letzten Expedition her. Sie iſt eine der ſchönſten Indiens, denn hier verliert das Gangesthal ſeinen ſumpfigen, durchaus ebenen Charakter. Hohe Gebirgszüge treten mit ihren Felſen von Norden und Süden bis an das Ufer des Fluſſes vor. Die Bengaleſen, die hier wohn⸗ ten, waren kräftiger, gewandter, thätiger und kühner als ihre Stammesgenoſſen im Süden, auch unabhängiger geſinnt und deshalb nicht beſonders günſtig auf Su⸗ radſcha⸗Daulah zu ſprechen. Will war der Erſte, der die Nachricht von der Niederlage des Nabobs und ſeiner Flucht nach dieſer Gegend brachte, und ſie wurde überall mit Genugthuung, ſelbſt mit Freude aufgenom⸗ men. Seine Anweſenheit ſprach für die Wahrheit ſeiner Angaben. Er behauptete auch, daß eine große Armee von Engländern ihm unmittelbar folge. Wahrſcheinlich hinterbrachte man dieſe Nachricht den Franzoſen, die übrigens von der Niederlage Suradſcha⸗Daulah's wiſſen mußten, und es war möglich, daß Law ſich zurückzog, wenn er von dem Herannahen der Engländer hörte. Da übrigens Will wußte, daß die Drientalen ſich niemals allzuſehr beeilen, wenn es nicht gerade ihr Leben gilt, ſo hoffte er, daß auch Duna⸗Sahib ſich nicht übermäßig anſtrengen werde, nach Patna zu gos⸗ langen. Das Mißlichſte war, wenn er ſich den Fran⸗ Mützelburg, Robert Clive IV. 12 178 zoſen anſchloß und mit dieſen den Rückzug antrat. Durch die Eingeborenen erfuhr Will, daß Law in der That bei Tacriagully ſtehe. Er mußte ihn alſo zu umgehen ſuchen. Gelang es ihm, Duna⸗Sahib auf offener Landſtraße zu treffen, ſo zweifelte er nicht daran, daß die Bengaleſen im erſten Schrecken die Frauen im Stich laſſen würden, und wenn ſich Will dann ſüdlich— nach Gaya, einer Gegend, die er kannte und in der keine Truppen ſtanden— wandte, ſo konnte ſein Plan ohne viel Schwierigkeit gelingen. Aber ob alle dieſe Bedingungen eintrafen, das war die Frage! So vergingen mehrere Tage mit einem beſchleu⸗ nigten Ritt durch die herrliche Landſchaft, die einem großen Park glich. Getreidefelder aller Art wechſelten mit Zuckerrohr, Indigo, Baumwolle, Bananen- und Mangowäldern, Tamarinden und Bambus. Prachtvolle alte Bäume faßten die Wege ein und zahlloſe Dörfer blickten mit ihren Backſteinhäuſern oder Bambushütten aus dem Schatten der Bäume hervor, unter denen ſie angelegt waren. Will konnte ſich der Betrachtung nicht enthalten, welche Quelle unendlichen Reichthums dieſe Gegend für ein Volk werden müſſe, das ſich der Seg⸗ 11 nungen des Friedens und einer gerechten Regierung 1 erfreue. Aber ſeit einem Jahrtauſend war dieſes Volk, das vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend arbeitete, —,————— —————,——— durch einheimiſche und fremde Tyrannen in Sklaverei und Armuth erhalten worden. Nicht den zwanzigſten Theil ſeiner Einkünfte behielt der Bauer für ſich. Man ließ ihm eben nur ſo viel, um ihn vor dem Ver⸗ hungern zu ſchützen. Und doch war es ein kräftiger, ja kriegeriſcher Menſchenſchlag. Die muskulöſen Män⸗ nergeſtalten mit ihren ſchwarzen Bärten ſchritten ſtatt⸗ lich, ſelbſt imponirend einher, das breite Schwert an der Seite und den eiſernen Schild auf dem Rücken. Man hätte in wenigen Stunden aus ihnen eine Armee bilden können. Dann aber wäre es vor allen Dingen nöthig geweſen, ihnen erſt wieder das Bewußtſein ihrer Würde und Kraft einzuflößen. Jetzt entarteten ſie unter der Tyrannei unzähliger kleiner Statthalter und Unterſtatthalter, von denen jeder ſeinen Zehnten nahm. Und was die weltliche Gewalt ihnen ließ, entwand ihnen die geiſtliche. Zu Tauſenden zogen die Prieſter und Bettelmönche durch dieſes Land, dem armen Bauer im Namen Gottes die letzte Schüſſel Reis nehmend. Was hätte aus dieſem Lande werden können, wenn ein Mann wie Clive es beherrſchte! Will mußte immer wieder daran denken. Ja, für dieſen unruhigen Geiſt wäre es eine würdige Aufgabe geweſen, das herrliche, aber verkommene Land in ein glückliches und ſtarkes Reich umzuſchaffen! Daß es eine Wohlthat für 12* 180 dieſe Gegend ſein werde, wenn der Einfluß der engli⸗ ſchen Kaufleute ſie beherrſche, daran zweifelte Will. Er hatte dieſe Leute jetzt genugſam kennen gelernt. Sie waren alle mehr oder weniger Barnys, und der indiſche Bauer würde für ſie ewig nur die Arbeits⸗ maſchine bleiben. Indeſſen was gingen den jungen Drägonervoffi⸗ zier dieſe trüben Gedanken an! Ueberkam ihn eine derartige Stimmung, ſo gab er ſeinem Pferde die Sporen, und dahin ſauſte die kleine Reiterſchaar zum Entſetzen und Schrecken der Hindufrauen und Kinder wie die wilde Jagd. Will hielt es für beſſer, ſich hier für einen Franzoſen auszugeben. Er erfuhr dann leichter die Stellungen ſeiner Feinde, und die Uniformen waren den meiſten Hindus ja überhaupt unbekannt. Er er⸗ kundigte ſich auch eifrig nach Duna⸗Sahib, und eine Spur, die freilich zweifelhaft war, leitete ihn bis nach Monghir, am Ufer des Ganges. Hier ſtand er bereits im Rücken der Franzoſen. Will wußte jetzt, daß er mit ſeinen Reitern, die wie der Teufel ritten, Alles wagen könne. Wenn er nicht gerade in einen Hinter⸗ halt fiel, ſo mußte ihn die Geſchicklichkeit der Reiter und die Schnelligkeit der Pferde aus jeder Gefahr ziehen. In Monghir erhielt er eine beſtimmte Spur. Am 1 181 Tage vorher waren Reiter durch die Stadt gekommen, die zwei verſchleierte Frauen zu Pferde in ihrer Mitte führten und ihren Weg nach Patna fortgeſetzt hatten. Der alte Hindu, den Will fragte, gab als beſtimmt an, daß er Duna⸗Sahib erkannt habe. In Monghir war übrigens ſo eben das Gerücht verbreitet, daß Su⸗ radſcha⸗Daulah gefangen worden ſei, und dieſes Gerücht beſtätigte ſich ſpäter. Jedenfalls beſchloß Will, es ſich zu Nutze zu machen und ſeine Gegner damit zu ſchrecken. Er hielt ſich natürlich nicht in Monghir auf; ſeine ganze Sehnſucht war jetzt darauf gerichtet, Duna⸗Sahib womöglich noch vor Patna zu erreichen. Er blieb auf der Landſtraße und die Pferde wurden getrieben wie bei einem Wettrennen. Mehr als einmal trafen ſie auf kleine franzöſiſche Truppenabtheilungen, die Ba⸗ gage geleiteten, und ritten dieſelben mit geſchwunge⸗ nem Degen und wildem Hurrah über den Haufen. Nur in der Nacht machten ſie auf freiem Felde eine kurze Raſt. Am andern Morgen ſahen ſie eine große Stadt am Gangesſtrom vor ſich liegen. Es mußte Patna ſein, aber Duna⸗Sahib hatte ſie vor ſeinen Ver⸗ folgern erreicht. Das war ein ſchwerer Schlag für Will's Hoff⸗ nungen! Da lag ſie vor ihm, die große Stadt, die 182 ſich faſt eine Meile weit den Ganges entlang zieht, mit ihren Thoren und Forts, die zwar nur unbedeu⸗ tend waren, aber doch für die Dragoner unüberwind⸗ liche Hinderniſſe boten. Was nun thun? Patna war gewiß gut beſetzt. Ramna⸗Rain, der Statthalter, hielt es mit Suradſcha⸗Daulah, und wenn Law die Gefangennahme des Nabobs erfuhr, ſo zog er ſich gewiß mit ſeinen Franzoſen nach Patna zurück und Will gerieth zwiſchen zwei Feuer. Dabei der Gedanke, daß Miß Badyſon und Adora vielleicht nur auf Kano⸗ nenſchußweite von ihm entfernt ſeien— in der That, es wogte in Will's Herzen, als er auf einem niedrigen Hügel hielt und die flache Stadt überblickte, auf und ab wie Ebbe und Flut. Sollte er umkehren, den Plan aufgeben? Nimmermehr! „Dragoner“ ſagte er zu ſeinen Reitern,„ich habe Euch im Allgemeinen mitgetheilt, weshalb wir dieſen Ritt unternommen. Ich hoffte dieſe Bengaleſen vor Patna zu erreichen— die Hoffnung iſt vereitelt. Die⸗ jenigen, die ich ſuche, befinden ſich hinter den Mauern jener Stadt. Wollen wir einen kühnen Streich wagen? Wollen wir hineinreiten in die Stadt und uns für die Avantgarde der engliſchen Truppen ausgeben? Viel⸗ leicht gelingt es mir dann, die Damen zu ſehen und ihren Wächtern zu entreißen. Es iſt ein kühner 183 Gedanke, aber engliſche Dragoner haben wohl ſchon Gefährlicheres gewagt. Meinen ganzen Beuteantheil ſeit der Schlacht von Plaſſey— er wird nicht unbedeu⸗ tend ſein— überlaſſe ich Euch! Wollen wir es verſuchen? Ehe die Franzoſen kommen, habe ich erfahren, ob die⸗ jenigen, die ich meine, in Patna ſind und was ich für ſie zu thun habe. Wir können am Abend längſt wieder über alle Berge ſein. Wollt Ihr mir den Freund⸗ ſchaftsdienſt erweiſen? Sonſt reite ich allein in die * Stadt!“ „Nein, wir gehen mit, Lieutenant Starlow!“ riefen die Dragoner lachend und jubelnd.„Nur hinein! Wir jagen die ganze Stadt vor uns her! Es ſoll ein toller Spaß werden!“ Will dankte ihnen und reichte jedem einzelnen die Hand. Dann nahm er ſein Fernrohr und betrachtete die Stadt. Das nächſte Thor ſtand offen— wie konnte man in Patna auch einen Feind erwarten! Dort lag die Reſidenz Ramna⸗Rains! „Folgt mir!“ rief Will, den Degen ziehend.„Aber keiner gebraucht die Waffe, ich das Zeichen gebe. Vorwärts!“ Und er ſprengte davon, ſein faſt raſendes Pferd erſt ein wenig zügelnd, als er bemerkte, daß die an⸗ dern Dragoner ihm nicht folgen konnten. In zehn 184 Minuten war das Thor erreicht. Die Dragoner ſprengten hindurch, daß die Wölbung zitterte. Auf den Straßen 1 floh Alles vor ihnen mit Geſchrei auseinander. Es war, als ob eine Schaar von böſen Geiſtern ſich am hellen lichten Tage auf die Stadt geſtürzt habe. Will hatte vorher mit ſeinem Fernrohr die Straßen der Stadt ſo genau als möglich ſtudirt, und im All⸗ gemeinen mit der Bauart indiſcher Städte bekannt, fand er leicht den Weg nach der Reſidenz Ramna⸗Rain's. Sie war mit einer hohen Mauer umgeben, aber das Thor, neben dem einige ſchwerfällige Kanonen ſtanden,. zeigte ſich offen. Mitten durch die Wachen hindurch ſprengte die Schaar durch das Thor in den äußern 3 Hof. Hier erſt machten die Reiter Halt. „Ich habe Ramna⸗Rain zu ſprechen!“ rief Will einem vornehm gekleideten Hindu zu, der auf der Stufe einer Treppe ſtand und, von einer Schaar Diener umgeben, den tollen Ritt in den Schloßhof hinein mit ſtaunender Verwunderung betrachtet hatte. „Ich bin es ſelbſt“ antwortete der Hindu. „Gut, um ſo beſſer!“ rief Will.„Sei mir gegrüßt, Statthalter von Patna! Ich bringe Dir den Gruß meines Feldherrn, deſſen Namen Du kennen wirſt, des 5 Oberſten Clive. Sein Heer befindet ſich einige Stun⸗ den hinter uns und wir ſind ſeine Boten!“ —= 7 Ramna⸗Rain, ein ſtattlicher, ſchöner Mann von kräf⸗ tigem Aeußern, blickte überraſcht auf den kühnen Dra⸗ goner und ſagte dann mit einem Lächeln: „Du erzählſt mir Märchen, Fremdling. Aus welchem Wunderlande kommſt Du?“ „Keine Märchen!“ rief Will heftig.„Weißt Du noch nicht, daß Suradſcha⸗Daulah geſchlagen und ge⸗ fangen iſt? Wenn Du es nicht weißt, ſo wirſt Du die Nachricht bald durch die Ankunft unſerer Truppen beſtätigt ſehen.“ „Ich weiß, daß mein Herr und Gebieter bei Plaſſey von den Engländern geſchlagen worden“, antwortete Ramna⸗Rain ehrerbietig und traurig.„Aber eine ver⸗ lorene Schlacht iſt noch kein verlorener Krieg. Von einer Gefangennahme meines Herrn weiß ich bis jetzt nichts. Allah möge ſolches Unglück von uns ab⸗ wenden!“ In dem Weſen Ramna⸗Rain's lag eine Würde und ein Stolz, wie Will ſie bisher noch bei keinem Hindu gefunden. Er begriff wohl, daß er den Ton ſeiner Sprache mäßigen müſſe. „Suradſcha⸗Daulah iſt gefangen, deſſen kannſt Du ſicher ſein!“ ſagte er.„Mir Jaffir iſt der neue Subah von Bengalen, Behar und Hriſſa. Du wirſt ſehr bald ſeine Weiſungen erhalten, und da Mir Joaffir unſer 186 Freund iſt, ſo wirſt auch Du ein Freund der Eng⸗ länder ſein.“ Ramna⸗Rain antwortete nicht ſogleich, ſondern be⸗ trachtete Will aufmerkſam. 6 ſagte er dann.„Bis jetzt erlaube mir, Deine Nach⸗ richten zu bezweifeln. Da ich indeſſen mit allen Franken in Frieden leben will, ſo ſteht es Dir frei, wenn Du es wünſcheſt, Deine Wohnung in meinem Serail auf⸗ zuſchlagen.“* „Ich danke Dir“, antwortete Will.„Mich führt noch ein anderer Zweck zu Dir. Duna⸗Sahib iſt vor kurzem, wahrſcheinlich in der Nacht, mit einer Reiter⸗ ſchaar hier eingetroffen. Er ſollte die Weiber und Schätze Suradſcha⸗Daulah's hierher geleiten, hat aber das ihm anvertraute Gut den Verfolgern überlaſſen müſſen. Er hat ſich hierher gewandt und zwei Frauen mit ſich geführt, auf die weder er noch ſein früherer Herr, der Nabob, ein Anrecht beſitzt. Die eine iſt eine Engländerin, die andere von vornehmer indiſcher Abkunft und nicht freiwillig hierher gekommen. Im Namen meines Feldherrn, der großen Antheil an den Geſchicken beider nimmt, fordere ich Dich auf, dieſe Frauen dem Duna⸗Sahib nicht länger zu überlaſſen. Ich glaube Dir ſagen zu können, daß Du, wenn Du „Ich werde mich dem Willen des Himmels fügen!“ — jemals gut mit dem Oberſten Clive ſtehen willſt, in dieſem Falle ſeinen Wunſch erfüllen mußt. Auch Mir Jaffir wird Dir dankbar ſein!“ Er ſprach die beiden letzten Sätze bedeutungsvoll und mit großem Ernſt. Dies entging auch dem auf⸗ merkſam lauſchenden Statthalter nicht, der offenbar eifrig überlegte, ehe er ſeine Antwort abgab, die jedoch nur dahin lautete, daß Duna⸗Sahib allerdings bei ihm angekommen ſei, daß er, der Statthalter, ſich aber nicht um die Frauen gekümmert habe, die jener mit ſich führe, auch überhaupt nicht wiſſe, ob ſich Frauen in ſeinem Gefolge befänden. „Du weichſt mir aus“ ſagte Will ernſt.„Und dennoch gebe ich Dir die Verſicherung, daß Patna mit einem Hagel von Kugeln überſchüttet und dem Erdboden gleich gemacht werden wird, wenn Du die Frauen länger in der Gewalt eines Mannes läßt, der kein Recht auf ſie hat!“ „Euer Feldherr wird nicht ſo grauſam ſein, mich etwas entgelten zu laſſen, wovon ich nichts weiß und wofür ich auch keine Rechenſchaft übernehmen kann“, antwortete Ramna⸗Rain kühl und gemeſſen.„Ich werde jedoch mit Duna⸗Sahib über dieſen Gegenſtand ſprechen.“ Hier wurde die Unterredung, die der Dragoner⸗ 188 offizier vom Sattel aus mit dem Statthalter der Pro⸗ vinz Patna führte, durch einen Reiter unterbrochen, der auf ſchaumbedecktem Pferde und ſelbſt aufs äußerſte erhitzt in den Hof ſprengte. Als er ſein Pferd an⸗ hielt, ſtürzte es nieder und verendete. Der Reiter hielt einen Brief in der Hand, den ein Diener dem Statt⸗ halter überreichte. Dieſer winkte ſeinen Begleitern, zur Seite zu treten, öffnete den Brief und las ihn. Will mit ſeinen ſcharfen Augen bemerkte, daß das Schreiben nur wenige Zeilen enthielt. Dennoch las Ramna⸗Rain ſehr lange oder überlegte vielmehr den Inhalt des Schreibens, das ihm, wie Will zu gewahren glaubte, keine angenehme Nachricht meldete. „Deine Angaben, Fremdling, ſind leider wahrer, als ich glaubte“ ſagte der Statthalter dann mit ſeiner frühern Ruhe.„Suradſcha⸗Daulah iſt in der That gefangen worden. Doch meldet mir dieſer Brief nichts von dem Herannahen eines engliſchen Heeres. Das Land zwiſchen hier und Murſchidabad iſt frei von eng⸗ liſchen Truppen.“ „Meine Anweſenheit hier müßte Dir zeigen, daß dem nicht ſo iſt!“ antwortete Will kühn.„Es kann in der Annäherung der Engländer eine Verzögerung eingetreten ſein, das iſt möglich; aber kommen werden ſie ſo ſicher wie der morgende Tag. Vielleicht haben ——— —— ſie auch eine andere Straße als die gewöhnliche ein⸗ geſchlagen, um die Franzoſen im Rücken zu faſſen.“ Er fügte das Letztere gleichgültig und wie zu ſich ſelbſt hinzu, bemerkte aber wohl, daß gerade die letz⸗ tern Worte Eindruck auf den Statthalter machten. „Sei dem, wie ihm wolle“ ſagte Ramna⸗Rain,„ich wiederhole Dir mein Anerbieten, in dieſem Serail Deine Wohnung zu nehmen. Ich bin kein Feind der Engländer, und wenn Allah beſchloſſen hat, Suradſcha⸗ Daulah zu verderben, ſo wird meine ſchwache Hand ihn nicht ſtützen können. Gönne Dir und Deinen Beglei⸗ tern Ruhe; mein Serail ſteht Dir zur Verfügung.“ „Du vergißt meine Botſchaft in Betreff der beiden Frauen“ ſagte Will, der die günſtige Wendung benutzen wollte.„Wenn Du in der That kein Feind der Eng⸗ länder biſt, ſo zeige es und benutze die Gelegenheit, Dir für immer das Wohlwollen unſeres Feldherrn zu erwerben. Du zweifelſt wohl nicht, daß ich in ſeinem Auftrage komme. Sonſt überzeuge Dich hier!“ Er zog ein Papier aus der Taſche, das er von Clive erhalten hatte, als er ſeine erſte Erpedition zur Erforſchung der franzöſiſchen Streitkräfte unternommen. Es war in hindoſtaniſcher Sprache verfaßt, von einem Miniſter Suradſcha⸗Daulah's mit unterſchrieben und wies alle Statthalter und Unterbeamten an, dem Vor⸗ 190 zeiger jede Auskunft zu geben und ihm in Allem was er verlange, förderlich zu ſein. Ramna⸗Rain las auch dieſes Papier ſehr aufmerkſam, wollte aber offenbar nur Zeit gewinnen, um die Handlungsweiſe, die er einzuſchlagen habe, zu überlegen. „Ich habe Dir kein Mißtrauen gezeigt“ ſagte er, Will das Papier zurückgebend.„Auch biete ich Dir Gaſtfreundſchaft an; mehr kann ich nicht thun. Ich werde ſogleich Duna⸗Sahib rufen laſſen und mit ihm wegen der beiden Frauen ſprechen. Iſt wirklich eine Frankin unter ihnen, ſo ſei überzeugt, daß ich Duna⸗ Sahib veranlaſſen werde, ſie nicht mit Gewalt weiter zu führen.“„ „Es handelt ſich um die beiden Frauen!“ rief Will.„Auch wird die eine die andere nicht verlaſſen, denn ſie ſind ſeit vielen Jahren Freundinnen. Handle nicht hinterliſtig, Ramna⸗Rain! In Deinem eigenen Intereſſe bitte ich Dich darum. Duna⸗Sahib kann mir die Frauen, die mich kennen, anvertrauen. Sein frü⸗ 3 herer Herr iſt geſtürzt. Es gilt, die Gunſt des neuen zu erlangen, und Mir Jaffir wünſcht ſo ſehnlich wie Oberſt Clive die Rückkehr der beiden Frauen.“ „Wer iſt die andere?“ fragte Ramna⸗Rain.„Sie iſt keine Frankin?“ „Nein, ſie iſt ein Kind Deines Landes“, antwortete 191 Will, dem der forſchende Blick des Statthalters nicht entging.„Doch kenne ich ihre Herkunft nicht genau. Aber während wir hier verhandeln, verſtreicht die Zeit und Duna⸗Sahib kann Patna verlaſſen.“ „Das wird er nicht thun, ohne mich zu benachrich⸗ tigen“ antwortete Ramna⸗Rain. „Nun gut, ſo erweiſe mir den Gefallen und ſprich mit ihm!“ ſagte Will drängend.„Von Duna⸗Sahib's Antwort wird mein ferneres Verhalten abhängen.“ „Und Du willſt Dir vorher keine Raſt gönnen?“ fragte Ramna⸗Rain. „Nein!“ antwortete Will. Und mit keckem Ueber⸗ muth fügte er hinzu:„Ich bleibe im Sattel, um Duna⸗ Sahib in Stücke zu hauen, wenn er die Frauen mit Gewalt weiter führen will.“ In der That hatte Will die Abſicht, im Sattel zu bleiben und der Abreiſe Duna⸗Sahib's Gewalt ent⸗ gegenzuſetzen. Innerlich war er ſehr zufrieden. Er hatte bis dahin noch immer gezweifelt, ob die Frauen, die Duna⸗Sahib mit ſich führte, wirklich Miß Badyſon und Adora ſeien. Die Aeußerungen Ramna⸗Rain's beruhigten ihn darüber vollkommen. Er wußte nun, daß er ſich in der Nähe der Geliebten befand, und es ergriff ihn wie ein Rauſch. Er fühlte ſein Herz von Stahl, ſeinen Arm von Eiſen werden. Er befahl ſeinen Dragonern, daß die Truppe ſtets beiſammen bleiben, keiner ſich von der Schaar trennen ſolle, und ritt dann langſam auf dem Hofe auf und ab, hin und wieder die Fenſter muſternd. Da er jedoch mit der Einrichtung derartiger Gebäude bekannt war, ſo wußte er, daß die Frauengemächer gewöhnlich nach einem Garten hinaus liegen, daß es ihm alſo unmög⸗ lich ſein werde, Miß Adora oder Badyſon an irgend einem Fenſter zu ſehen. Seine größte Sorge war die⸗ jenige, daß Duna⸗Sahib auf irgend einem Nebenwege die Frauen aus dem Serail führen könne. Aber da⸗ gegen konnte er nichts thun, er hätte denn den Hof verlaſſen und das Serail von ſeinen Dragonern um⸗ kreiſen laſſen müſſen, wobei er aber Gefahr lief, aus⸗ geſchloſſen zu werden. Wenn nur die Franzoſen nicht kamen, ehe es ihm gelungen, die beiden Frauen zu befreien! Im ſchlimmſten Fall wollte er die Frauen dann unter den Schutz Law's ſtellen. Ramna⸗Rain blieb ſehr lange Zeit. Der kluge Hindu wollte vor allen Dingen Zeit gewinnen. Endlich aber erſchien er, ruhig, kalt, ſelbſtbewußt. „Ich habe mit Duna⸗Sahib geſprochen“ ſagte er „Er iſt vollkommen bereit, Deinen oder Deines Oberſten Wünſchen in Bezug auf die Frankin zu willfahren. Du kannſt ſie unter Deinen Schutz nehmen. Was aber S 193 die Andere anbetrifft, ſo behauptet Duna⸗Sahib, daß ihm von ſeinem Herrn ſtreng anbefohlen ſei, ſie nicht zu entlaſſen, ſondern ſie eher zu tödten, als zu dulden, daß ſie in andere Hände übergehe. Mit dieſer Ant⸗ wort mußt Du Dich begnügen.“ „Wohlan!“ rief Will.„Ich füge mich für den Augenblick. Aber Duna⸗Sahib muß mir verſprechen, dieſes Serail nicht zu verlaſſen, bis anderweitige Be⸗ fehle von Suradſcha⸗Daulah eingetroffen ſind. Kann ich die Engländerin ſprechen?“ „Gewiß. Ich werde Dich zu ihr geleiten laſſen. Im Uebrigen habe ich kein Recht, Duna⸗Sahib Vor⸗ ſchriften zu machen. Er iſt nicht von mir, ſondern nur von den Befehlen Suradſcha⸗Daulah's abhängig. Er iſt hier nur mein Gaſtfreund, nicht mein Unter⸗ gebener.“ „Iſt es mir nicht möglich, mit Duna⸗Sahib zu ſprechen?“ fragte Will lebhaft. „Ich werde ihm Deine Wünſche mittheilen“, ant⸗ wortete Ramna⸗Rain.„Für jetzt pflegt er der Ruhe. Er iſt ſehr ermüdet. Vielleicht kannſt Du ihn nach einigen Stunden ſprechen, wenn Deine Unterredung mit der Frankin vorüber iſt.“ „Ich hoffe, Ihr beide werdet meinen Wünſchen entgegenkommen!“ rief Will, erbittert durch den hoch⸗ Mützelburg, Robert Clive. IV. 13 194 müthigen und nachläſſigen Ton Ramna⸗Rain's.„Die Tage Eurer Herrſchaft ſind vorüber und Ihr werdet Euch nur durch die Fürſprache der Engländer auf Euren Plätzen erhalten können.“ Ramna⸗Rain verneigte ſich mit einer faſt ſpöttiſchen Geberde und wies dann einen ſeiner Hausbeamten an, den fremden Anführer nach einem Saale zu führen, in welchem die Frankin erſcheinen werde. Dann entfernte er ſich. Will ſprach mit ſeinen Dragonern und gab ihnen, da er überzeugt war, daß kein anderer Hauptausgang aus dem Serail führe als derjenige, durch den ſie ge⸗ kommen, den Befehl, Niemand herauszulaſſen, der etwa Duna⸗Sahib ſein könne, am wenigſten in Begleitung einer Frau. Dann forderte er Speiſen und Getränke für die Dragoner, Futter für die Pferde und folgte dem Beamten in das Innere des Serails. Ende des vierten Bandes. — ———— — ſſi n n 1 8 9 10 11 12 18