Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6duard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Veſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den ſ 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenna eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Pnahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und rägt: wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f 1 W.— 1 Pf. 2 W— f ——— enten haben für Hin⸗ und Zurückſendung genen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ür beſchmutzte, gerriſſent, verlorene ung i mit Kupfern ꝛc.) muß der mutzte, ver⸗ erkes, ſo iſt eſetzt und wird. ht, daß das Weternerle nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Robert Clive, der Eroberer von Bengalen. Hiſtoriſcher Roman von Adolf Mützelburg. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. 5 Erſtes Kapitel. Kapitän Elive. Unheimliche, faſt fühlbar ſchwere Luft— Hochſommer in Indien— drohende Gewitter ringsumher am Himmel, kein Windhauch, das Gras verſengt, die Felſenſtraße mit feinem Staub bedeckt, die Bäume wie erſtorben, kein Menſch rings zu ſehen, Alles wie erdrückt von der glühenden Luft, die Nähe gleichſam flimmernd in der glühenden Atmoſphäre, die Ferne verſchwimmend in Dunſt— ſo war der Tag, der letzte des Auguſt⸗ monats 1751, an welchem eine kleine Kriegerſchaar die Gebirgsſtraße nach Arkot dahinſchlich, zweihundert Mann in europäiſcher Tracht, ſiebenhundert in der Klei⸗ dung der Sepoys. Sie hatten ſich eben einen Berg hinanzuarbeiten. Der junge Offizier, der voranritt auf einem vollſtändig Mützelburg, Robert Elive. III. 1 erſchöpften Pferde, wandte ſich, als er die Spitze des Bergs erreicht, zu einem Reiter neben ihm. „Lieutenant Revel, laſſen Sie die Truppen ſich hier auf der Straße formiren!“ Und er nahm ein Fernglas vor das Auge und richtete es nach der Gegend, in welcher das Gebirge höher wurde. Nicht eher wandte er ſich zurück, als bis die Truppen ſich hinter und neben ihm, ſo gut es ihre Erſchöpfung zuließ, formirt hatten. Dann ritt er die Fronte entlang. Eine gut ausſehende Schaar, wenn man die Er⸗ mattung und Abſpannung in Anrechnung brachte, Männer von guter Haltung und vertrauenerweckender Miene. Kein Bagagewagen zu ſehen; eine Seltenheit oder vielmehr etwas Unerhörtes für Indien, wo tauſend Mann Truppen gewöhnlich zweitauſend Kulis mit der Bagage hinter ſich führten. Jeder trug das Ränzel in ſeiner Art; bunt genug ſah es aus: hier ein regel⸗ rechter Soldatentorniſter, dort eine Jagdtaſche, noch anderswo ein Korb oder ein baumwollenes geſtreiftes Säckchen. Der junge Kapitän ritt ernſt die Reihen entlang und muſterte genau. Aber er tadelte nichts; die Un⸗ ordnung hätte größer ſein können bei dieſer erſticken⸗ den, den Athem raubenden Luft. Glück genug, daß noch kein einziger Marodeur zurückgeblieben! Dazwiſchen grollte der Donner in den fernen Gebirgsſchluchten und fahle Blitze zerriſſen in Oſt und Weſt die ſchwarze Wolkenwand. Zuweilen erdröhnte der Boden wie bei einer Kanonade. Das Geſicht des jungen Kapitäns war ſehr blaß. Sein ſchmächtiger Körper mochte der Anſtrengung eines ſolchen Marſches weniger gewachſen ſein als der irgend eines Andern in der Schaar. Aber er hielt ſich ſtraff zu Pferde und ſein Blick war feſt und ſcharf. Plötzlich ſtreckte er die Hand aus und deutete in das Gebirge hinein. „Seht Ihr dort die grauen Mauern, Kinder?“ rief er.„Das iſt die Feſte von Arkot! In zwei Stunden werden wir dort ſein!“ Alle Geſichter blitzten auf und:„Ein Hurrah für Kapitän Clive! Hurrah!“ lautete die donnernde Antwort. Es war wie Blitz und Donner am Himmel. „Wollt Ihr Eure Schuldigkeit thun und die ver⸗ letzte Ehre des engliſchen Namens retten?“ „Ja, Kapitän, ja!“ „Wollt Ihr mir gehorchen, auf den Wink, da Ihr wißt, daß ich es gut mit Euch meine und nichts be⸗ fehlen werde, was nicht nothwendig iſt?“ 1 „Ja, Kapitän, wir gehorchen!“ „Wollt Ihr lieber ſterben, als den Franzoſen oder gar den Peons den Rücken kehren?“ „Ja, Kapitän, wir wollen es!“ lautete die die ſtimmige entſchloſſene Antwort. „Dann vorwärts! Lieutenant Glaß, voran mit zwanzig Plänklern! Es lebe England und die Com⸗ pagnie!“ „Es lebe England und die Compagnie! Es lebe Kapitän Clive!“ Die Müdigkeit war vergeſſen. Wie auf dem Exer⸗ cirplatz ging es vorwärts. Der Sturm erhob ſich und rollte ganze Wolken von weißem Staub auf, dazwiſchen immer mächtigerer Donner und ununterbrochenes Blitzen; es war, als ob die Berge in Flammen ſtänden und zwei gewaltige Heere ſich Rieſengeſchoſſe zu⸗ ſchleuderten. 3 Kein Tropfen Regen fiel, die Staubwolken verdun⸗ kelten den Weg bis auf hundert Schritte. Es war, als ob die Nacht anbreche. Mitten durch das Toben der Elemente zog die Schaar luſtig hindurch. Die Eng⸗ länder ſangen ein Lied aus der Heimat. Da ſiel vorn ein Schuß.„Halt! Halt!“ Die ganze Truppe ſtand. Kapitän Clive ritt vor. Ein Fähnrich kam von den Plänklern zurück. Er ſchien ein lautes Lachen nur mühſam zu unter⸗ drücken. „Kapitän Clive, blinder Lärm!“ meldete er.„Mus⸗ ketier Primskey ſah etwas aufſpringen, hielt es für Pferd und Reiter und ſchoß. Aber es war nur ein Eſel. Er iſt jetzt todt.“ Ein ſchallendes Gelächter flog den ganzen Zug ent⸗ lang. Auch Kapitän Clive's Lippen kräuſelten ſich. „Hier iſt eine Rupie für den guten Schützen!“ ſagte er.„Ein Hurrah für Musketier Primskey!“ „Ein Hurrah für Musketier Primskey!“ jauchzte es den ganzen Zug entlang und vorwärts ging es, noch luſtiger als vorher. Sturm und Donner brauſten durch⸗ einander. Der Sturm hatte wenigſtens Bewegung in die erſtarrte Luft gebracht. Zuweilen ſtrich ſogar eine kalte Luftſchicht über die Berge hin, ſodaß die Sol⸗ daten fröſtelten. Die meiſten hatten ihre Hüte an dünnen Schnüren auf dem Rücken hängen und den Kopf mit einem Tuch umwunden. Die vielfarbigen Tücher flatterten im Sturm. Es war ein abenteuer⸗ liches Bild. Kapitän Clive war jetzt vorn bei den Plänklern. Ueber eine gute Stunde mochte ſeit dem erſten Halt vergangen ſein. Der Zug ſchwenkte um einen hohen Bergvorſprung, an dem der Sturm ſich brach. Es war ſtill hier und der Staub wurde nur von den Fußtritten der Soldaten aufgewirbelt. Aber der Him⸗ mel war ſchwarz und die Blitze zuckten von Sekunde zu Sekunde. Unter dem dunklen Himmel und dem Flammen der Blitze lag eine weite, weite Stadt und darüber eine Feſte, Stadt und Feſtung Arkot, keine Viertelſtunde Wegs mehr entfernt. Unheimlich ruhig lagen ſie da; nichts regte ſich. Die Inder fürchten das Unwetter; keine lebende Seele bleibt draußen, wenn ſie zu fliehen vermag. Die acht Offiziere hatten ſich um Clive verſammelt. Ein„Halt!“ und der ganze Zug ſtand. „Wir greifen an in Sturm und Donner!“ ſagte Clive ruhig.„Zittert den Hindus das Herz ſchon beim Toben der Natur, ſo werden ſie nicht tapferer werden, wenn ſie unſere Musketen blinken ſehen.— Was iſt das?“ Er nahm ſein Fernrohr vor. Die Mehrzahl der Offiziere folgte ſeinem Beiſpiel. „Reiter und Fußvolk, die das Fort verlaſſen?“ murmelte Clive vor ſich hin.„Sollten ſie uns angrei⸗ fen wollen? Unmöglich! Sie ziehen nach Norden, eilig, in Verwirrung, die letzten ſchleppen Gepäck. Sie fliehen!— Soldaten“, wandte er ſich mit erhobener Stimme zurück,„der Feind verläßt die Feſtung. Arkot iſt unſer! Vorwärts!“ Wieder donnerte der Hurrahruf die Berge entlang. Auf der Nordſeite zerriß die Wolkenwand am Him⸗ mel, es wurde heller, das Gewitter ſchien ſich zu ent⸗ fernen. Hin und wieder fielen Regentropfen. Wie im Sturmſchritt ging es vorwärts. Die Trommler raſſel⸗ ten auf dem Kalbfell, die Horniſten blieſen zum An⸗ griff. Schon hatte der Vortrab die erſten Häuſer der Stadt erreicht. Clive's Commando ließ die Schaar halten. Die einzelnen Züge ordneten ſich zum Parademarſch, jede Compagnie entfaltete ihr Fähnlein, und mit Trom⸗ meln, Hörnern und Pfeifen ging es hinauf nach der Feſte, an der Stadt vorüber. Die ganze Einwohner⸗ ſchaft von Arkot war auf die Dächer geſtiegen und blickte voller Verwunderung auf die fröhlichen Männer, die unter Sturm, Blitz und Donner gekommen waren. Kein Verſuch wurde gemacht, die Feſtung zu verthei⸗ digen, und von den hunderttauſend Einwohnern von Arkot regte keiner den Arm für Chunda⸗Sahib. Denn wenn auch der todte Nabob Anaverdy⸗Khan ſeine Würde nur durch Gewaltmittel erlangt hatte, ſo war das jetzt vergeſſen, da der Greis ein leidliches Regiment geführt. Chunda⸗Sahib war bis jetzt weder beliebt noch verhaßt. 1 1 Eine Viertelſtunde ſpäter flatterte das engliſche Banner auf dem Thurm der Feſte. Die Sonne durch⸗ brach den Wolkenſchleier, die Gewitter grollten in wei⸗ ter Ferne. „So wären wir Herren von Arkot!“ ſagte Clive, der mit einigen Offizieren auf dem Thurme ſtand und über die gewaltige Stadt hinblickte, die zu ſeinen Füßen lag. „Hoffentlich werden wir es immer bleiben. Die Be⸗ feſtigungen ſind ſchlecht, wir müſſen eifrig an die Aus⸗ beſſerung gehen. Denn der Feind wird zurückkehren und wir können uns auf eine ſcharfe Belagerung ge⸗ faßt machen. Nun, zum Glück haben wir hier acht Kanonen und eine leidliche Menge Munition gefunden. Inzwiſchen wird man uns von Madras aus nicht im Stiche laſſen. Die Nachricht von der Einnahme Arkots wird Wunder wirken. Ich kenne die Herren von der Compagnie; ſie werden es nicht an Eifer fehlen laſſen, wenn ſie nur erſt die Möglichkeit eines Erfolgs ſehen, denn Dupleir“ Meſſer ſitzt ihnen an der Kehle. Ich habe um zwei ſchwere Kanonen gebeten, und wenn es glückt, ſie durch die Peons hindurchzubringen, ſo können ſie in acht Tagen hier ſein.“ „Es wohnen ungefähr drei⸗ bis viertauſend Menſchen im Fort“ ſagte ein Offizier.„Wollen wir ſie wohnen laſſen? Sie könnten im ungünſtigen Augenblick durch ——— — —— eine Meuterei gefährlich werden. Und es iſt die Frage ob ſich unſere Soldaten mit ihnen vertragen.“ „Es iſt ein weitläufiges Bauwerk“ ſagte Elive überlegend und das Fort muſternd, das mehr groß als feſt war.„Laſſen wir die Leute wohnen. Wir kommen ja als Verbündete ihres rechtmäßigen Herrn und e muß uns vor allem daran liegen, Vertrauen zu er⸗ wecken. Für die Disciplin meiner Truppen ſtehe ich ein!“ Er betonte das Wort, denn er wollte die Offiziere nicht vergeſſen laſſen, daß er der Commandeur ſei. Es waren ihm ſchon auf dem Marſche Rathſchläge ertheilt worden, die von Unkenntniß und Schwäche zeugten; er hatte gar nicht darauf geantwortet, denn er wußte, daß er verloren war, wenn bei einer ſo gewagten Ex⸗ pedition jeder Offizier eine andere Meinung geltend machte. Ueberdies waren ſechs von den Offizieren noch nie im Felde geweſen und dieſe pflegen bekannt⸗ lich die klügſten und anmaßendſten zu ſein. Clive ließ zum Appell blaſen und verſammelte das ganze Corps auf dem innern Hofe um ſich. Bisher hatte er noch nicht ausführlich zu ihm geſprochen; jetzt aber fußte er auf einem bereits errungenen Erfolge. Arkot war erreicht und, wie er es vorausgeſagt, ohne Flintenſchuß genommen. Das mußte ſeinen Worten Nachdruck geben. 3 10 Er ſchilderte den Zuſtand der engliſchen Compagnie, den Uebermuth der Franzoſen, die Schmachh die auf dem engliſchen Namen laſtete; er ſagte ihnen, daß von ihrem Muthe, von ihrem Eifer und ihrer Disciplin die Sicherheit der Compagnie und die Erhaltung des altengliſchen Ruhms abhänge. Er fügte hinzu, daß er unbedingt auf ſie vertraue, daß ſie großen Gefahren entgegengingen, daß er aber mit einigen hundert tapfern Männern, die entſchloſſen ſeien, zu ſiegen oder zu ſterben, nichts zu fürchten habe. Er wandte ſich auch an die Sepoys und erklärte ihnen, daß es nur von ihnen abhänge, endlich zu zeigen, daß die Inder ſo gut wie die Europäer zu fechten wüßten. „Ihr werdet mich überall in der erſten Reihe fin⸗ den“ ſo ſchloß er.„Ich werde jede Gefahr, jede Ent⸗ behrung mit Euch theilen wie ein Bruder. Aber ich bin auch Euer Commandeur und Ihr habt mir unbe⸗ dingt zu gehorchen. Einer muß befehlen, und das bin ich. Jeden Ungehorſam werde ich mit dem Tode be⸗ ſtrafen, denn von dem kleinſten Verſehen kann unſer aller Schickſal abhängen. Doch das wird nicht nöthig ſein; Ihr werdet einſehen, daß Eure Subordi⸗ nation eine blinde ſein muß, denn ich kann nicht jedem Einzelnen ſagen, weshalb ich dies oder jenes thue. Vor allen Dingen vergeßt nicht, daß die Bewohner dieſer Länder unſere Freunde ſind, daß wir nur gegen die Truppen derjenigen Radſchas kämpfen, die ſich durch Gewalt zu Herren dieſer Länder machen wollen. Ihr dürft alſo die friedlichen Bewohner der Städte und Dörfer, die Kaufleute, Handwerker und Bauern nicht als Feinde betrachten, Ihr dürft nicht plündern und ſtehlen. Nur mit den Kriegern habt Ihr es zu thun. Ihr habt alſo jetzt auch noch nicht an Beute zu denken. Euer ganzes Streben muß darauf gerichtet ſein, zu zeigen, daß Ihr kämpfen könnt. Ich werde ſchon für Euch ſorgen; Ihr ſollt nicht leer ausgehen. Aber auf eigene Hand dürft Ihr nichts nehmen. Als erſten Beweis, daß Ihr mich verſtanden, verlange ich von Euch ein freundliches und friedfertiges Benehmen gegen die Bewohner dieſer Feſtung und der Stadt Arkot. Sie werden Euch lieb gewinnen und Euch Alles, was Ihr verlangt, von ſelbſt geben, wenn Ihr ſie als Freunde behandelt. Tapfer in der Schlacht, friedlich und gehorſam im Lager, das muß Eure Loſung ſein. Und wenn wir das franzöſiſche Banner gebrochen und die rechtmäßigen Herren dieſes Landes eingeſetzt haben, dann wendet Euch an mich, und wenn ich lebe, will ich dafür einſtehen, daß Ihr reichen Lohn erhaltet!“ Ein kräftiges und ernſtes Hurrah! antwortete dieſer „——— 8 ——————— —————— 12 Rede. Die meiſten Sepoys verſtanden Engliſch. Leider konnte Clive zu den Eingeborenen nicht in ihrer eige⸗ nen Sprache ſprechen. Er hatte es verſäumt, ſich die⸗ ſelbe bis zur Geläufigkeit anzueignen, und fand nun keine Zeit mehr dazu. 2 Es war Clive inzwiſchen gemeldet worden, daß ſich in der Feſtung ein bedeutendes Waarenlager befinde, das den Kaufleuten in Arkot gehöre. Er ſchickte ſo⸗ gleich einen Boten hinab nach der Stadt und ließ den Kaufleuten ſagen, daß ſie ihre Waaren abholen könn⸗ ten, denn er führe nur Krieg mit Chunda⸗Sahib, aber nicht mit den Bürgern von Arkot. Am andern Morgen kamen die Kaufleute in großer Proceſſion, um ihm feierlichſt zu danken. Die Maß⸗. regel hatte den beabſichtigten Erfolg. Sie ließ die Engländer wirklich als Freunde erſcheinen, und als am Nachmittag eine Anzahl von Soldaten durch die Stadt zog, wurden die einzelnen gut bewirthet und augen⸗ blicklich davon benachrichtigt, als ſich ein Trupp feind⸗ licher Reiter im Norden zeigte. Clive konnte mit Sicherheit darauf rechnen, daß die Bewohner von Ar⸗ das war für ihn von größerem Werthe, als wenn er ſeinen Soldaten die Waarenballen überlaſſen und da⸗ kot ſich mindeſtens neutral verhalten würden, und durch ihre Beuteſucht aufgeſtachelt hätte.. Das Erſte, woran Clive ging, war die Ausbeſſe⸗ rung der Feſtungswälle. Er ſah indeſſen bald ein, daß alle Verbeſſerungen an dem alten Neſte nicht viel helfen würden, denn die Hauptübelſtände blieben. Das waren die ſchmalen Wälle, die für Kanonen keinen Raum boten, der ſeichte Graben, der an manchen Stel⸗ len ſogar ganz waſſerleer war, die baufälligen Thürme, von denen keiner mehr als eine Kanone faſſen konnte. Clive ließ jedoch verbeſſern, was nur irgendwie zu verbeſſern möglich war und ſeine Studien im Fort St.⸗David und vor Pondichery kamen ihm dabei zu ſtatten. Wenn er ſich aber auch auf eine Belagerung gefaßt machte, ſo wollte er doch vorher den Verſuch wagen, die Feinde durch kühne Ausfälle zu beunruhigen und fern zu halten. Schon am vierten Tage nach ſeiner Ankunft verließ er mit dem größten Theil der Truppen das Fort und wandte ſich den Feinden zu, die ſich im Gebirge gelagert hatten. Sie nahmen jedoch kein Treffen an, ſondern ſuchten das Weite. Clive war es vor allem darum zu thun, ſeine Soldaten an das Feuer in der offenen Schlacht zu gewöhnen und namentlich die Sepoys im Gefecht zu üben. Er machte deshalb ſchon am zweitfolgenden Tage einen abermaligen Verſuch, die Feinde zum Tref⸗ ——— ——— 14 fen zu zwingen. Aber ſie zogen ſich auch dieſes Mal zurück. Doch hatte Clive erfahren, daß ſie ſich ver⸗ ſtärkten. Er ließ alſo Tag und Nacht an den Feſtungs⸗ werken arbeiten und erwartete mit Sehnſucht die beiden ſchweren Geſchütze aus Madras. Am vierzehnten September erfuhr er, daß ſich dreitau⸗ ſend Mann nur ungefähr drei engliſche Meilen vom Fort gelagert hätten. Da er wußte, daß die eingebornen Truppen nie des Nachts kämpften, ſo rückte er um Mitternacht mit dem größten Theil ſeiner Mannſchaft aus und überfiel das feindliche Lager. Ohne einen einzigen Mann zu verlieren, ſprengte er die Feinde, die vor Schrecken kaum zu den Waffen greifen konnten, auseinander und machte beträchtliche Beute, die er die⸗ ſes Mal, ſeinen Worten getreu, den Truppen überließ. Für ſich nahm er nichts als einen koſtbaren Säbel und einige Piſtolen. Tags darauf erfuhr er, daß die beiden ſchweren Geſchütze auf dem Wege ſeien. Er ſchickte ihnen ſämmt⸗ liche Truppen entgegen und behielt nur dreißig Europäer und fünfzig Sepoys im Fort zurück. Doch blieb er ſelbſt in Arkot, da er befürchtete, die Feinde würden die Ab⸗ weſenheit der Truppen zu einem Angriff benutzen. Er hatte ſich nicht geirrt. Gegen Abend brachen von allen Seiten beträchtliche Haufen von Arkoten und Pitanen 15 unter furchtbarem Geſchrei und gräßlicher Kriegsmuſik gegen das Fort los. Auch Reiterei war unter ihnen. Clive warf einige Haubitzgranaten unter die Pferde, die ſehr bald ſcheu wurden und Verwirrung unter dem Fußvolk verbreiteten, ſodaß die Angreifer ſich zurück⸗ zogen. Wie Clive ſpäter erfuhr, hatten die Feinde gehofft, daß die Einwohner von Arkot und die im Fort gebliebenen Eingebornen ſich gegen die Eng⸗ länder erheben würden. Aber Clive war bei dieſen längſt beliebt; ſie rührten keine Hand. Am folgenden Tage langten die Geſchütze glücklich an. Die Bedeckung hatte einen harten Strauß mit den Feinden gehabt, war aber überall ſiegreich geblie⸗ ben. Dadurch wuchs die Zuverſicht der Truppen, denen an den meiſten Orten auch Franzoſen gegenüber ge⸗ ſtanden hatten, und Clive glaubte einen Hauptangriff mit ihnen wagen zu können. Das Belagerungscorps hatte ſich beträchtlich ver⸗ mehrt. Chunda⸗Sahib ſandte, wie Clive es erwartet und gewünſcht, einen bedeutenden Theil der Truppen, mit denen er Tritſchinapoli belagerte, unter Anführung ſeines Sohnes Radſcha⸗Sahib nach Arkot. Auch die Franzoſen ſchickten hundertfünfzig Europäer und tauſend Sepoys. So beſtand die feindliche Armee, die ſich in der Stadt Arkot feſtgeſ etzt hatte, faſ aus zehntauſend Mann. 16 Clive glaubte wenigſtens den Verſuch machen zu müſſen, die Feinde aus Arkot zu vertreiben, ehe ſie ſich noch mehr verſtärkten. Er wußte, daß es ein gefährliches Unter⸗ nehmen ſei. Aber er ſprach ſeinen Truppen Muth ein erinnerte ſie an die bereits errungenen Vortheile und brach am vierundzwanzigſten September aus dem Fort gegen die Stadt los. Die Engländer warfen im erſten Angriff Alles vor ſich nieder, ſelbſt die Franzoſen mußten ihre Kanonen im Stich laſſen. Würde Clive auf freiem Felde ge⸗ kämpft haben, ſo hätte er unzweifelhaft den Sieg er⸗ rungen. Aber die befeſtigten Stellungen in den Häu⸗ ſern und die Uebermacht der Feinde hinderten ihn am Vorſchreiten; er fürchtete zu viele Menſchen zu verlieren und gab den Befehl zum Rückzuge. Hatte er auch ſeinen Hauptzweck nicht erreichen können, ſo hatte er doch gezeigt, daß ſeine Truppen ſich wacker zu ſchlagen verſtänden. Er hatte ſich in Reſpekt geſetzt. Clive ſah ſich nun in aller Form belagert. Jedem Andern wäre der Muth geſunken, denn von den Euro⸗ päern und Sepoys waren viele getödtet, verwundet oder krank. Aber Elive war entſchloſſen, ſich bis auf den letz⸗ ten Mann zu halten. Er hatte die innere Ueberzeugung, daß dieſe Vertheidigung entſcheidend ſein werde für das Geſchick der Engländer in Indien. Selbſt wenn 17 Arkot endlich fiel, konnte den Vertheidigern der Ruhm der Tapferkeit nicht vorenthalten werden. Clive bat alſo fürs Erſte alle Nichtmilitärs, das Fort zu ver⸗ laſſen. Er beſaß nur auf höchſtens ſechzig Tage Lebens⸗ mittel für ſeine Truppen. Einige indiſche Arbeiter be⸗ hielt er jedoch zurück, unter ihnen einen, der ihn auf eine unterirdiſche Waſſerleitung aufmerkſam machte, welche die Gräben ſpeiſte und die nur Wenigen bekannt war. Wurde ſie von den Feinden abgeſchnitten, ſo hätte es der Beſatzung an Waſſer gefehlt. Clive ließ alſo Vorkehrungen treffen, diefe Möglichkeit zu ver⸗ hindern. Ueberhaupt hingen alle Hindus mit großer Liebe an Clive. Zwar war er nicht freundlicher gegen ſie als gegen die europäiſchen Soldaten, er war überhaupt meiſt ſtill und in ſich gekehrt, ſogar kränklich, aber er zeigte ihnen auch nicht die Verachtung, die ihnen von den meiſten Europäern bewieſen wurde. Deshalb er⸗ klärten die Sepoys, als die Noth an Lebensmitteln ſtieg, daß ſie bereit ſeien, ſich mit dem Waſſer zu be⸗ gnügen, in welchem der Reis gekocht worden, und den Reis ſelbſt den Europäern zu überlaſſen, die an kräf⸗ tigere Nahrung gewöhnt ſeien. Es war dies vielleicht das erſte Mal, daß die Sepoys den Europäern einen wirklichen Freundſchaftsdienſt erweiſen wollten, denn Mützelburg, Robert Clive. III. 2 18 im Allgemeinen haſſen und verachten die Eingeborenen alle Europäer. Die Urſache zu dieſer Opferwilligkeit lag auch nur in der Liebe zu Clive. Die feindlichen Geſchütze, von franzöſiſchen Inge⸗ nieuren aufgeſtellt und bedient, legten bald Breſche in die ſchwachen Mauern. Aber Clive ließ dahinter Erd⸗ wälle mit Paliſſaden errichten, die ſich beſſer bewähr⸗ ten. Unangenehm war das kleine Gewehrfeuer aus den ſteinernen Häuſern, die ſich in der Nähe des Forts befanden. Ein kühner Verſuch, dieſelben zu zerſtören, mißlang. Ein Offizier ließ ſich nämlich mit einigen Soldaten an Seilen von der Mauer herab, um jene Häuſer mit Pulver zu ſprengen. Aber die Pul⸗ verfäßchen waren ſchlecht gelegt, die Exploſion wirkte nicht, und als der Offizier ſich wieder hinaufziehen laſſen wollte, riß das Seil und er wurde durch den Fall ſchwer verletzt. Mit ihm war der vierte Offizier kampfunfähig. Dennoch verlor Elive keinen Augenblick ſeine frohe Zuverſicht. Er hoffte auf Succurs aus Madras. Doch blieb dieſer aus. Zwar war der Succurs abgeſchickt worden, hatte ſich jedoch nicht durchſchlagen können. Die Munition ward täglich knapper. Aber Clive blieb heiter; er ergötzte ſich und die Soldaten ſogar mit mi⸗ litäriſchen Spielereien. Im Fort befand ſich eine rieſige 19 Kanone, die der berühmte Aurengzeb dem Nabob von Arkot geſchenkt haben ſollte. Auch einige Kugeln für dieſelbe waren vorhanden; jede wog zweiundſiebzig Pfund. Clive ließ die Kanone auf einen Erdhaufen legen und rich⸗ tete ſie, nachdem ſie mit dreißig Pfund Pulver und der Kugel geladen, auf das Haus des Nabobs, in wel⸗ chem Radſcha⸗Sahib Quartier genommen. Die Kugel traf und ſchlug durch das ganze Haus. Daſſelbe wie⸗ derholte Clive mehrmals, ſobald er die feindlichen Of⸗ fiziere im Palaſt des Nabobs verſammelt ſah. Am vierten Tage aber ſprang die Kanone. Eine einzige Ausſicht zeigte ſich. Clive hörte, daß dreißig engliſche Meilen von Arkot ein Mahrattenheer, ſechstauſend Mann ſtark, gelagert ſei, welches der König von Myſore gedungen, Mohammed⸗Ali, dem vertrie⸗ benen Nabobsſohn, beizuſtehen. Morari⸗Row, der Führer, hatte jedoch nach dem feigherzigen Benehmen der Engländer bei Walkondah einen ſolchen Abſcheu gegen dieſe Nation gefaßt, daß er ihnen nicht beiſtehen wollte und lieber unthätig blieb. An dieſen Morari⸗ Row ſandte Clive einen Boten mit der Bitte um Hülfe. Der Führer der Mahratten antwortete ſehr artig, daß er gern dazu bereit ſei, da er nun eingeſehen habe, daß die Engländer auch kämpfen könnten. Er ver ſprach bald zu erſcheinen. 2* 20 Von dieſen Unterhandlungen hatte indeſſen auch Rad⸗ ſcha⸗Sahib Wind bekommen, und da er ſeinem Vater Arkot unter jeder Bedingung miedergewinnen wollte, ſo ließ er Clive eine ehrenvolle Capitulation und eine große Summe Geldes anbieten. Clive antwortete ihm: er hege eine beſſere Meinung von ſeiner Klugheit, als daß er ihm zutraue, er werde mit ſeinen elenden Truppen den Sturm wagen. Erbittert und durch das Erſcheinen einer Mahrattenabtheilung, die ſich jedoch nach einem Plünderungsverſuch zurückzog, in Schrecken geſetzt, be⸗ ſchloß Radſcha⸗Sahib wirklich den Sturm. Es war der dritte November 1751. Clive glaubte noch nicht, daß die Feinde den Sturm wagen würden. Er wußte, daß er verloren ſei, wenn ſie ihn allen Ernſtes angriffen, denn er hatte nur ungefähr achtzig Europäer und einhundertzwanzig Sepoys zu ſeiner Verfügung, die andern waren verwundet oder krank. Er hoffte auf das Erſcheinen Morari⸗Row's und auf die Er⸗ müdung Radſcha⸗Sahib's. Um jedoch nichts Weſent⸗ liches zu verſäumen, beſichtigte er mit Lieutenant Revel noch einmal die Feſtungswerke und befahl hier und dort einige Ausbeſſerungen anzubringen. Ueber dem Belagerungsheer lag heute eine unheimliche Ruhe, die auf nichts Gutes deutete. Einige Soldaten machten Clive auf dieſe Ruhe aufmerkſam. 21 „So iſt es gewöhnlich am Tage vor dem Sturm“, ſagte einer, der ſchon lange gedient und manchen Kampf in Europa mitgemacht hatte. „Wohl möglich!“ antwortete Clive.„Aber morgen iſt ein großes Feſt bei den Mohammedanern; vielleicht bereiten ſie ſich nur darauf vor.“ Iſſuf hatte ihm einmal von dieſem Feſte geſprochen. Es iſt der Erinnerungstag an den Mord der Gebrüder Haſſein und Jaſſein. An dieſem Tage waren einſt die Häupter der Fatimiden auf ſchmachvolle Weiſe von ihren Feinden ermordet worden, und die gläubigen Mohammedaner werden durch die Erinnerung an dieſe Frevelthat und die Schilderung der Einzelnheiten der⸗ ſelben in einen wahren Fanatismus, in eine Wuth und Verzückung geſetzt, die ſchon manchen durch das Uebermaß der Aufregung getödtet hat. Indeſſen etwas, das mit dieſem Feſt in Verbindung ſteht, wußte Clive nicht. Er ſollte es bald erfahren. Er ſtand eben auf dem äußerſten Wall, als er einen Menſchen bemerkte, der im raſendſten Lauf auf das Fort zukam, ein weißes Tuch ſchwingend. Schüſſe fielen hinter ihm her und einzelne Reiter verfolgten ihn. Clive jedoch, der ſogleich bemerkte, daß es ein Ueberläufer ſei, befahl den in der Nähe ſtehenden Sol⸗ daten, auf die Reiter zu feuern, und da dieſe ohnehin 22 durch das unebene Erdreich gehindert waren, ſo gelang es dem Flüchtling, den Graben zu erreichen. Dort ſtand er ſtill, denn er würde ſich getödtet haben, wenn er ſich, erhitzt wie er war, ins Waſſer geſtürzt hätte. Clive ließ ihm alſo eins von den Seilen zuwerfen, die ſtets zur Hand lagen, und die Art, wie er es benutzte, um ſich geſchickt über den Graben bis an den Fuß des Walles zu ſchwingen, und wie er dann an dem Seile emporkletterte, ſchien den Matroſen zu ver⸗ rathen. Als er oben auf dem Walle angelangt war, ſtand er zuerſt athemlos und ſtarrte Clive an, verſuchte auch zu ſprechen, aber es gelang ihm nicht. Er ſchien noch ſehr jung zu ſein und war ohne Zweifel ein Europäer, obwohl er morgenländiſche Kleidung trug. Clive war es ſogar, als ob er ihn kennen müſſe, aber er ver⸗ mochte ſeine Erinnerung, ſo ſehr er ſie auch anſtrengte, nicht zu wecken. „Wie freue ich mich, Kapitän Clive, daß ich Sie wiederſehe!“ rief der Fremde endlich, auf Clive zutre⸗ tend und ihm ſeine Hand reichend. Jetzt, bei dem Klange der Stimme, erkannte ihn auch Clive. „Will!“ rief er.„William Starlow, biſt Du es wirklich?“ 23 Und freudig ſtreckte er ihm beide Hände entgegen. Die Freude leuchtete aus Clive's Augen, als er Will's Hände ſchüttelte. Er hatte keinen Freund, we⸗ nigſtens nicht in der wahren und edlen Bedeutung des Wortes. An Will aber hatte er ſtets mit einem faſt zärtlichen Gefühl zurückgedacht und es wahrhaft be⸗ dauert, daß er in den letzten Jahren keine Silbe von ihm und über ihn vernommen. Die treue Hingebung des Knaben ſtand leuchtend in ſeiner Erinnerung vor ihm. Will war der einzige Menſch, für den er Sym⸗ pathie fühlte; ihm hätte er ſich anvertrauen, ihm die Geheimniſſe ſeines Herzens klagen können. Freilich hatte ſich in dieſe Sympathie etwas von der knaben⸗ haften Genugthuung eingemiſcht, die wir in der Jugend empfinden, wenn noch Jüngere ſich uns unbedingt hin⸗ geben. Aber auch an den fernen Will hatte Clive oft mit inniger Liebe zurückgedacht; es war ihm nicht ent⸗ gangen, daß in dem Knaben eine große, edle und offene Seele wohne. Deshalb war er jetzt nicht nur über⸗ raſcht, nicht nur in ſeinem Selbſtbewußtſein geſchmei⸗ chelt, denn Will mußte doch wiſſen, daß ſein Freund inzwiſchen ein Mann geworden, deſſen Name bereits mit hoher Achtung genannt wurde, ſondern im innerſten Herzen angenehm berührt. Der Anblick dieſes offenen, ehrlichen und bewundernden Geſichts 24 ſchlug eine Saite in ihm an, die ſonſt nie er⸗ tönte. „Wie in aller Welt kommſt Du hierher, mein braver Junge?“ rief Clive. „O Kapitän, das iſt eine ziemlich lange, ausführ⸗ liche Erzählung!“ antwortete Will.„Ich preiſe mich glücklich, daß ich wirklich bei Ihnen bin. Ich hatte die Hoffnung längſt aufgegeben. Um ſo beſſer für mich und vielleicht auch für Sie, daß ich hier bin!“ „Und in dieſem Anzug, Mr. Starlow? Wie kom⸗ en Sie „O nein, nein!“ unterbrach Will bittend den Ka⸗ pitän.„Für Sie bin ich immer nur Will der Schiffs⸗ junge. Sie dürfen mich nicht anders nennen, nicht anders behandeln!“ Es lag etwas ſo Bewegendes und Ergreifendes in Will's Worten und Mienen, als er Clive bittend und doch zugleich mit ſolcher Bewunderung und Hingebung anblickte, daß Elive unwillkürlich ſeine Hand ergriff und ſagte:„Nun gut, wie Du willſt! Wir werden uns ſpäter darüber einigen. Für jetzt ſage mir, wie Du in dieſen Anzug kommſt!“ „Nur das Allerletzte will ich jetzt ſagen“ antwor⸗ tete Will.„Ich bin ſeit ſechs Wochen wieder auf der Küſte von Koromandel. Ich erfuhr, daß Sie nach ehn.e Arkot marſchirt ſeien— o, alle Welt ſpricht von Ihnen— ich mußte Sie wiederſehen und, wenn Sie es erlaubten, an Ihrer Seite kämpfen. Ich erhielt in Madras die Erlaubniß, mich dem letzten Corps, das man Ihnen als Verſtärkung ſandte, anzuſchließen. Wir ſchlugen uns tüchtig mit den Arkoten, aber ſie waren uns zu ſtark. Die kleine Schaar mußte zurück und ich wurde gefangen, denn mir war die Munition für meine Flinte ausgegangen und der alte Säbel, den ich mir in Ma⸗ dras gekauft, zerbrach ſchmachvoller Weiſe auf dem erſten Schädel, den er traf.“ Will erzählte ſo eifrig, ſo lebendig, daß Clive und die Umſtehenden lächeln mußten. Ja, das war ein Fund für Clive! Solcher Naturen, ſo hingebend, ſo feurig, bedurfte er für dieſen Kampf, nicht bloßer Ma⸗ ſchinen, herzloſer Automaten, die ihr Gewehr luden und den Säbel ſchwangen. Den Enthuſiasmus, den Clive ſelbſt, nicht ohne Anſtrengung, in ſeiner ſchweigſamen Bruſt verſchloß, hier ſah er ihn auch äußerlich lebendig in einem begeiſterten Jüngling! „Ja, es zerbrach, das elende Ding“ fuhr Will fort, „und ich mußte mich zähneknirſchend gefangen nehmen laſſen. Seitdem haben ſie mich da drüben feſtgehalten. Sehen Sie das hohe Haus, Kapitän? Da ſaß ich, ich konnte nach hier herüberſehen, und es war mir oft, als erkenne ich Sie! Ich ſah die Wirkung jedes Schuſſes, und ich konnte nicht dabei ſein! Tag und Nacht zer⸗ brach ich mir den Kopf mit Plänen zur Flucht, aber. die Halunken hielten mich gut bewacht. Sie legen jetzt viel Werth auf die Engländer. Von ihrem Kau⸗ derwelſch verſtand ich natürlich nichts, aber ich hörte die Franzoſen zuweilen davon parliren und ich ſage Ihnen nur, Kapitän, Sie ſtehen in ungeheurer Achtung dadrüben, Türken und Chriſten haben einen wahren Heidenreſpekt vor Ihnen und die Heiden halten Sie und Ihre Leute für den Teufel ſelbſt.“ Natürlich lachten die Umſtehenden und Clive ſchaute wohlgefällig auf den friſchen, hocherregten Jungen. „Ja, vergebens ſann ich Tag und Nacht, wie ich entſchlüpfen könne“ fuhr Will fort.„Aber die Eiſen⸗ gitter an den Fenſtern da drüben ſind verdammt feſt und unter den Fenſtern ſchritten unabläſſig zwei bär⸗ tige Galgenſtricke mit den Musketen im Arm auf und ab. Geſtern Abend aber hörte ich etwas, das mich rein wahnſinnig machte. Unter den Fenſtern des Ge⸗ fängniſſes verſammelten ſich gewöhnlich einige Fran⸗ zoſen, um zu rauchen und zu plaudern. Ich hörte ihnen ſtets ſehr aufmerkſam zu, denn auf dieſe Weiſe erfuhr ich, was im Lager vorging.„Nun, übermorgen iſt das Ding da drüben ein Schutthaufen!“ ſagte der 27 eine und wies auf das Fort.„So, weißt Du das ſo genau?“ fragte der andere.„Ja, es iſt eine ausgemachte Sache“, erwiderte der erſte.„Radſcha⸗Sahib hat das Zögern ſatt; der engliſche Kapitän ſoll ihm eine infam ſpöttiſche Antwort gegeben haben und außerdem fürchtet er die Mahratten, die uns ſcharf auf der Spur ſind. Uebermorgen iſt ein großes Feſt für die Türken. Wer an dieſem Tage im Kampfe gegen die Ungläubigen, damit meinen ſie uns Chriſten, fällt, kommt ſofort ins Paradies zu den Huris. Die Türken ſchlagen ſich alſo an dieſem Tage wie beſeſſen, ja ſie ſuchen ſogar den Tod. Darauf rechnet Radſcha⸗Sahib und will am vierten angreifen. Außerdem wird an dieſem Tage viel Bang gegeſſen; das iſt eine von den verteu⸗ felten Pflanzen, die ſie hier kauen und eſſen und die den Menſchen halb verrückt machen, wie der Haſchiſch in Arabien, und mit dieſer Pflanze im Leibe ſchlagen ſich die Türken wie leibhaftige Teufel. Uebermorgen alſo fällt das Neſt. Schade um den engliſchen Kapi⸗ tän! Er macht ſeinem Lande alle Ehre“—„Und werden wir uns bei dem Sturm betheiligen?“ fragte der an⸗ dere.„Ich glaube nicht“, erwiderte der erſte.„Radſcha⸗ Sahib iſt des Sieges ſo ſicher, daß er darum gebeten hat, ſeine Arkoten und Pitanen und wie dieſe Anen alle heißen, allein gegen das Fort zu ſchicken. Wir 28 haben natürlich nichts dagegen, denn wir ſind nicht zahlreich und es wird da übermorgen eine harte Nuß zu knacken geben.“„Sie können ſich vorſtellen, wie der Gedanke an die Gefahr, in der Sie ſchwebten, Kapitän Clive, mich ergriff. Ich habe in einer arabiſchen Hafenſtadt einmal Türken geſehen, die von einer ſol⸗ chen Pflanze gegeſſen— ich glaube, es war der Haſchiſch — und jeder von ihnen hätte es in ſeiner Raſerei mit vier ſtarken Männern aufgenommen. Ich beſchloß zu fliehen und Sie zu benachrichtigen, und wenn es mein Leben koſte. Den ganzen Tag, die ganze Nacht grübelte ich und arbeitete an den Gitterſtäben meines Fenſters. Keine Möglichkeit zu fliehen. Endlich kam mir eine Idee. Um die Stunde, in welcher der Ge⸗ fangenwärter mir des Morgens mein Eſſen zu bringen pflegte, ließ ich mich auf den Boden meines Zimmers fallen, verdrehte die Augen und ſchrie wie beſeſſen. Die Türken haben großes Mitleid mit Leuten, die von Krämpfen befallen ſind, das wußte ich. Der Wärter rief alſo einen Arzt. Ich ſchrie und ſchlug um mich, als wäre ich wirklich toll. Dann fiel ich plötzlich wie todt nieder. So trug man mich nach einem benach⸗ barten Hauſe, in welchem ſich eine Badeſtube befand. Dort badeten ſie mich und rieben und kneteten mich am gänzen Körper, daß ich glaubte, ſie verrenkten mir 29 Arm und Bein. Es war mir indeſſen nachher ganz wohl zu Muthe. Das ließ ich natürlich nicht merken, ſondern ſtellte mich, als könnte ich nicht den Finger rühren. Man legte mich alſo auf ein Bett und ließ mich allein. Ich vigilirte ſogleich um mich her und ſah an der Wand einen Mantel und einen Turban, die einem Türken gehörten, der ſich noch im Bade befand. Im Nu hatte ich mich damit bekleidet und ſprang auf jede Gefahr hin aus dem Fenſter. Man bemerkte mich bald genug und erkannte mich an meiner europäiſchen Fußbekleidung. Aber das Weitere wiſſen Sie ja, Kapitän. Es gelang!“ „Das war brav von Dir, Will!“ ſagte Clive, ihm nochmals die Hand ſchüttelnd.„Alſo morgen haben wir unſere Feinde zu erwarten? Ja, es iſt ganz gut, das zu wiſſen, hilft uns aber wenig. Unſere Maß⸗ regeln können nicht anders ſein, als ſie ſind. Wir haben achtzig Europäer und einhundertzwanzig Sepoys, lieber Will! Wollen ſehen, was ſich damit machen läßt!“ „Um Gotteswillen, nicht mehr?“ rief Will entſetzt. „Nicht mehr, lieber Junge, und Du haſt nicht gut gethan, hierher zu kommen“ ſagte Clive.„Du warſt da drüben beſſer aufgehoben, als Du es morgen hier wirſt.“ 30 „O Kapitän, ich werde meine Schuldigkeit thun!“ ſagte Will erröthend und traurig. Verzeihe mir! Du biſt ein braver Burſche!“ rief Clive.„Doch, wie geſagt, wir müſſen abwarten, was geſchieht. Vielleicht iſt es ganz gut, wenn unſere Feinde in blinder Wuth kämpfen. Sie ermatten eher und ſind viel weniger gefährlich als kalt entſchloſſene Leute. Ich habe ſchon von dieſem Bang gehört. Er muß dem Haſchiſch ſehr ähnlich in der Wirkung ſein. Das franzöſiſche Wort für Mörder, assassin, ſtammt von dieſen Haſchiseſſern, den Haſchaſchin, her. Aſſaſſinen nannten die Türken die Fanatiker, die der Alte vom Berge mit Haſchiſch begeiſterte und in den Kampf trieb, und ſie nennen noch jetzt einen wilden Mörder ſo.“ Will ſchien über die Ruhe erſtaunt, mit der Clive dieſe Erklärung abgab, aber er wagte nichts weiter zu ſagen. Clive dankte ihm nochmals für ſeinen guten Willen, ließ jedoch durchblicken, daß ihm die per⸗ ſönliche Anweſenheit Will's lieber ſei als die erhaltene Nachricht. „Man wird mit berauſchten Leuten viel beſſer fertig, als man glaubt“, ſagte er, noch einmal auf das erſte Geſpräch zurückkommend.„Zum Kampfe gehört kaltes Blut und Beſonnenheit, und wer ſie hat, wird faſt immer den Sieg erringen. Gelang es mir doch, Laroche kampfunfähig zu machen, eben weil er ſein kaltes Blut verloren. Du weißt noch, Laroche— von Rio de Ja⸗ neiro her, Will?“ „O, ich weiß, Kapitän!“ rief Will.„Und ich kenne auch Ihren Zweikampf im Fort St.⸗David. In den Schenkſtuben erzählen ſich die Matroſen und Soldaten davon. Ihr Name iſt in aller Munde, Kapitän. Und ich freue mich, daß ich das voraus gewußt habe.“ „Ich habe bis jetzt wenig genug dazu gethan!“ ſagte Clive, aber es leuchtete doch in ſeinen Augen auf „Was mir mein Freund Will erzählt hat, bleibt unter uns!“ wandte ſich Clive dann ernſt an ſeine Umgebung. „Wir dürfen die Leute nicht unruhig machen! Es iſt morgen Zeit genug zur Vorbereitung. Wir wollen nur die Wachen in der Nacht verdoppeln laſſen. Komm, Will! Du wohnſt bei mir! An Waffen ſoll es Dir nicht fehlen; wir haben leider Kranke genug, die ſie nicht tragen können.“ Es war inzwiſchen Abend geworden. Alles im Fort ging ſeinen gewohnten Gang. Will kleidete ſich in die Uniform eines engliſchen Soldaten, ſprach aber wenig mit Clive, da er ſah, daß dieſer ſehr ernſt und gedan⸗ kenvoll war. Auch fühlte Will ſich ſelbſt ſehr er⸗ müdet. Cr hatte ja die letzte Nacht kein Auge zu⸗ gethan. „Du ſollſt mir morgen Abend erzählen, was Du Alles inzwiſchen erlebt haſt“ ſagte Clive einmal zu ihm.„Entweder leben wir morgen um dieſe Stunde, und dann iſt es immer noch Zeit genug zum Hören, oder wir ſind todt und dann, nun, dann iſt Alles gleich. Ich will dieſe Nacht noch recht ruhig ſchlafen. Morgen brauchen wir unſere Kräfte.— Lieutenant Revel, laſſen Sie mich wecken, ſobald irgend etwas Verdäch⸗ tiges vorfällt! Doppelte Wachen auf allen Wachtpoſten, weiter nichts!“ Er ſtreckte ſich auf ſein Lager und ſchlief bald tief und feſt. Will betrachtete ihn noch lange mit tiefer innerer Erregung. Es war ein eigenthümliches Geſicht, unſchön, blaß, ſelbſt im Schlafe ernſt, faſt düſter. Zu⸗ weilen flog ein Zucken um den Mund, als ſpräche Clive noch im Traume ein Commandowort. Dann wieder ward es ſo ſeltſam kalt und feierlich ernſt, als ob ſich der Tod darüber gelagert habe. Will mußte ſich unwillkürlich fragen, ob dieſer Mann, den er ſo lieb hatte, er wußte ſelbſt nicht warum, jemals glück⸗ lich ſein könne. Es war ihm, als müſſe dieſem Manne die innere Ruhe fehlen und als ſei die äußere Schroff⸗ heit und Kälte nur eine mühſam errungene Hülle für das innere verzehrende Feuer. Seine Gedanken bil⸗ deten ſich, ohne daß er ſich deſſen bewußt wurde, zu ———— einem Gebet für den Schlafenden. Aber er ſelbſt war ſehr ermüdet und die Augen fielen ihm zu. Es war noch dunkel, als eine Stimme ihn weckte. „Steh auf, Will! In einer halben Stunde haben wir die Teufel auf dem Halſe!“ Will ſprang auf. Er hatte natürlich angekleidet geſchlafen. Clive reichte ihm einige Musketen. „Ich werde Dir einen Poſten anweiſen, wo ein guter, ruhiger und ſicherer Schütze noth thut“ ſagte der Kapitän.„Ich vermuthe, daß Du ein ſolcher biſt. Es iſt die gefährlichſte Stelle, ich ſage es Dir vorher. Ich denke, Dein Beiſpiel ſoll gut auf die Andern wirken.“ „Ich will das Meine thun, ſolange ich athme!“ ſagte Will.„Und Kapitän, einen Gefallen müſſen Sie mir erweiſen! Verſprechen Sie es mir, Niemand kann wiſſen, was kommt.“ „Gut, gut! Ich verſpreche es!“ ſagte Clive. „Ich habe es inzwiſchen zu etwas Vermögen ge⸗ bracht“ antwortete Will.„In meiner Taſche iſt ein Teſtament, eine Verſchreibung zu Gunſten irgend einer Perſon Verſprechen Sie mir, daß Sie dieſe Verſchrei⸗ hung auf jeden Fall reſpectiren wollen.“ 5.„Wenn ich Dich überlebe, gewiß! Aber wir ſind noch nicht ſo weit!“ antwortete Elive, der unſchwer Miützelburg, Robert Clive. III. 3 34 errieth, auf wen ſich das Document beziehe.„Nun komm!“ Es war, wie geſagt, noch dunkel. Auf dem innern Hofe ſtand die kleine Schaar der Vertheidiger beim Scheine einiger Fackeln. „Kameraden“ ſagte Clive,„Ihr habt mit mir einen Feldzug beſtanden, der zwar nur unbedeutend iſt, wenn man die äußerlichen Erfolge berechnen will, die wir erreicht, der aber dennoch von Wichtigkeit bleiben wird. Denn es iſt uns gelungen, den Schimpf zu verwiſchen, der auf dem engliſchen Namen ruhte. Ich danke Euch von Herzen dafür! Heute aber werden wir das Schwerſte beſtehen. In einer halben Stunde wird eine Armee von zehntauſend Mann auf das Fort losrücken, ent⸗ brannt von Haß und Raſerei, angeſpornt durch be⸗ rauſchende Mittel. Mein Rath hat ſich bisher bewährt. Folgt ihm auch heute. Bleibt ruhig, kalt, beſonnen, ſchießt ſo ſicher, als ob Ihr eine Heerde toller Affen auf Euch losſtürzen ſähet. Weicht nicht von Euren Plätzen, ſteht feſt wie eine Mauer, und Ihr werdet es erleben, in einer Stunde wird das Fort von Leichen umringt ſein, die Feinde werden ſich die Stirn an dieſen Mauern zerbrochen haben und werden mit Schimpf und Schande abziehen. Laßt ſie kommen mit ihren Elephanten, Feuerbränden— ihr Rauſch wird —— 35 bald verfliegen! Bleibt feſt und beſonnen, und in wenigen Stunden werden wir uns hier die Hand drücken und wegen eines neuen und glorreichen Siegs beglückwünſchen. Es lebe Englehd und die Compagnie!“ Die Schaar wiederholte den Ruf in dem Tone, in dem Clive geſprochen, ernſt, etwas gedämpft, aber feſt entſchloſſen. Dann zogen ſie auf die Poſten, die ihnen Clive ſchon vorher angewieſen. Der Kapitän beſichtigte noch alle einzelnen Stellungen. Dann nahm er ſelbſt ſeinen Standpunkt in der Nähe der großen Breſche, auf die ſich, wie er vorausſah, der Hauptſturm der An⸗ greifenden richten würde. Bei dieſer Breſche hatte auch Will ſeinen Poſten erhalten, nachdem ihn Clive mit einigen herzlichen, empfehlenden Worten ſeinen neuen Kameraden vor⸗ geſtellt. Während der kurzen Dämmerung bemerkte man ſcheinbar im feindlichen Lager nichts Außergewöhnliches. Aber unmittelbar vor Sonnenaufgang entwickelten ſich plötzlich aus allen Theilen der Umgebung dichte Schaa⸗ ren von Feinden, die ſchnell heranzogen und, als ſie in Schußweite waren, mit wüthendem Geſchrei auf das Fort zuſtürzten. Es war, als ob ein Ameiſenhaufen lebendig geworden ſei. Das Fort war wie umringt 36 von den buntfarbigen Geſtalten, die in den abenteuer⸗ lichſten Trachten, mit Turbans, Mützen, Mänteln, Kaftans, oder halb nackt, mit Leitern, Flinten, Speeren, Dolchen, Säbeln, Bogen und Pfeil von allen Richtun⸗ gen der Windroſe auf den einen Punkt, das halbzer⸗ ſchoſſene Fort, einbrachen. Dazwiſchen bewegten ſich die gewaltigen Geſtalten für dieſen Zweck abgerichteter Elephanten, die große eiſerne Platten an der Stirn trugen, um Thore damit einzuſtoßen. Ein unpar⸗ teiiſcher Beobachter, der auf einem benachbarten Berge geſtanden hätte, würde keinen Augenblick in Zweifel geweſen ſein, daß der ſchwache Steinhaufen, den die Engländer vertheidigen ſollten, in wenigen Augenblicken von dieſem Menſchengewühl überſchwemmt ſein würde. Und jeder einzelne von der Beſatzung geſtand ſpäter, daß ihm das Herz in der erſten Minute angſtvoll geklopft habe und daß er ſeine Nachbarn erbleichen geſehen. Aber über der kleinen Schaar der Vertheidiger herrſchte die Einheit des Commandos und ein feſter Wille. So wie die Anſtürmenden in Schußweite waren, empfing ſie ein vollkommen geregeltes Feuer. An den gefährlich⸗ ſten Stellen hatte Clive die Anordnung getroffen, daß die beſten Schützen in der vorderſten Reihe ſtanden und von den hinter ihnen Befindlichen die geladenen 4 37 Gewehre ſtets zugereicht erhielten, ſodaß ſie ununter⸗ brochen feuern und einen Wall von todten und ver⸗ wundeten Feinden vor der Breſche aufhäufen konnten. Die Kanoniere erhielten Befehl, ihre Bomben auf die Schaaren zu werfen, die als Reſerve nachrückten, und dieſe in Unordnung zu bringen und einzuſchüchtern. Die ſicherſten Schützen ſchoſſen auf die Elephanten. Einzelne Kanonen wurden auf das Floß gerichtet, das die Feinde in der Eile errichtet hatten, um den Graben damit zu überbrücken. Eine letzte Abtheilung endlich deckte die Mauern, um diejenigen zurückzuwerfen, denen es vielleicht gelang, den Graben zu paſſiren und die Mauer zu erſteigen. Vor dem Krachen der Kanonen und Musketen, dem wüthenden Geſchrei der Angreifer war kein Com⸗ mandowort zu verſtehen und Niemand wußte, was zehn Schritte von ihm entfernt vorging. Wenn die Truppen Radſcha⸗Sahib's gehofft, das Fort im erſten wilden Anſturm zu nehmen, ſo hatten ſie ſich geirrt. Die Elephanten wurden wild, nachdem ſie von einigen Kugeln getroffen worden, und zertraten Alles, was ſich in ihrer Umgebung befand. Vor den Breſchen häuften ſich die Leichen der Angreifer und über den Graben gelangte keiner. Dennoch ſchien es unmöglich, daß eine ſo ge⸗ ringe Schaar von Vertheidigern auf die Dauer dem 38 Angriff ſo vieler Tauſende widerſtehen könne. Es ließ ſich berechnen, daß ihre Kraft, ſelbſt ihre Munition nicht ausreichend ſei, denn in jede Reihe gefallener Feinde traten zwei Reihen friſcher Truppen ein. Das Geſchrei der Verwundeten, das Geheul der Stürmenden, die durch ihre vergeblichen Anſtrengungen nur noch wüthender wurden, erſchütterten die Luft und betäubten ſelbſt die Vertheidiger. Die Kanoniere, welche auf das Floß ſchoſſen, zielten ſchlecht, da ſie einem Hagel von Kugeln ausgeſetzt waren. Clive ging ſelbſt zu ihnen und richtete die Kanonen. Es gelang ihm, das Floß zu zerſchmettern und damit eine der größten Gefahren abzuwenden. Eine Menge von Feinden ſtürzte in den Graben und ertrank. Will machte der Empfehlung Clive's Ehre. Er nahm ſeine Leute ſicher aufs Korn und ſtreckte jeden nieder. Ein ſo gewaltiger Kampf mit allen ſeinen Greueln und Schrecken war ihm freilich etwas Neues und zuweilen wurde es ihm dunkel vor den Augen. Aber nichtsdeſtoweniger war ſein Blick immer klar und ſeine Hand feſt, wenn der Hintermann ihm die ge⸗ ladene Flinte darreichte. Am meiſten entſetzten ihn die Zuckungen der Sterbenden, von denen der ganze Raum, den er überſehen konnte, bedeckt war. Aber er preßte die Zähne zuſammen und rief ſich zu:„Es muß ſein!“ 39 Clive ſtand ruhig auf ſeinem Poſten, den er nur einmal, wie erwähnt, verließ, um die Kanonen zu richten, die das feindliche Floß zerſchmetterten. „Es iſt bei weitem nicht ſo ſchlimm wie eine Tiger⸗ jagd!“ ſagte er zu Lieutenant Glaß, der ihm eine Mel⸗ dung machte.„Wenn wir uns noch eine Viertelſtunde halten, ſo ſind wir gerettet. Der Rauſch hält nicht länger vor und die Abſpannung nachher iſt um ſo größer.“ Und ſo war es. Als die Angreifenden bemerkten, daß jede neue Menſchenwelle, die an das Fort ſchlug, ſich brach und verſchwand, einen neuen Wall von Todten zurücklaſſend, ſchien ſie eine plötzliche Ermattung zu ergreifen. Viele warfen ſich auf den Boden und heulten vor Wuth, andere ſtürzten ſich ganz vereinzelt in den Tod. Die Mehrzahl aber ſchlich mit geſenkten Köpfen vollkommen ermattet zurück, und eine Stunde nach dem Beginn des Angriffs war Alles wieder ſtill; nur die Sterbenden röchelten ihren letzten Athem aus und die Verwundeten jammerten leiſe oder laut. Clive befahl ſeinen Truppen, zu eſſen und zu trin⸗ ken, ſich zu erholen. Der Angriff konnte ja in der nächſten Stunde erneuert werden. Dann ging er von Poſten zu Poſten. Unglaublich ſchien es, daß nicht mehr als vier von den Vertheidigern getödtet und nur 40 zwei verwundet worden. Aber es war ſo. Vierhundert todte und ſchwerverwundete Feinde lagen um das Fort herum. Die Vertheidiger hatten zwölftauſend Flinten⸗ patronen verſchoſſen, jeder einzelne alſo ſechzig— in einer Stunde. Bald darauf kehrten einzelne Haufen von Feinden zurück, aber nur um ihre Todten zu begraben. Den⸗ noch wurde auf ſie geſchoſſen, da man nicht wiſſen konnte, welchen Nebengedanken ſie hegten. Ein ge⸗ fallener Anführer lag unten an der Mauer und ein Sepoy ſchwamm im ſtärkſten Musketenfeuer über den Graben, um ſeinen Leichnam zu holen. Die Vertheidiger von Arkot hatten es alſo wahrlich nicht mit Feiglingen zu thun. Als die Feinde ſahen, daß man ihnen nicht ge⸗ ſtattete, ihre Todten zu begraben, zogen ſie ſich zurück und es begann das gewöhnliche Feuer aus den ſchwe⸗ ren Geſchützen, das Clive auch ſeinerſeits beant⸗ worten ließ. Die Truppen blieben in ihren Stel⸗ lungen, ſelbſt bis zur Nacht, denn es war die all⸗ gemeine Anſicht, daß man jeden Augenblick einen neuen und noch gewaltigern Angriff zu erwarten habe. In ihre Mäntel gehüllt ſchliefen einzelne der Abtheilungen auf dem Kampfplatz, während die an⸗ dern wachten. Aber am nächſten Tage kam die —————————— 41 . 1 wunderbare Nachricht, daß Radſchah⸗Sahib mit ſeinen ſämmtlichen Truppen Arkot verlaſſen habe. Vier Kanonen und vier Mörſer wurden mit einer Menge Munition ins Fort gebracht. Clive ließ Victoria ſchießen und die braven Vertheidiger von Arkot konn⸗ ten ſich zum erſehnten Schlaf niederlegen. Sie wuß⸗ ten, daß ſie eine That vollbracht, die nicht ſo bald aus den Büchern der Kriegsgeſchichte verſchwinden würde. Am fünften November traf der Kapitän Kilpatrik mit einer zahlreichen Verſtärkung aus dem Fort St.⸗David ein. Die Belagerung war beendet. Radſcha⸗Sahib hatte ſich nach Vellore zurückgezogen und ſich dort, voller Beſorgniß vor einem Angriff der Engländer, verſchanzt. „Wir wollen morgen einen kleinen Streifzug unter⸗ nehmen“, ſagte Kapitän Clive zu Will.„Wenn Du Luſt haſt, kannſt Du mich begleiten und mir dabei Deine Abenteuer und Fährlichkeiten erzählen. Aber jetzt bin ich müde. Ich habe ſeit vierzig Stunden kein Auge zugethan. Auf morgen alſo, mein Junge!“ An dieſem Tage war kein Engländer im Fort, der nicht mit Freuden für Kapitän Clive durchs Feuer ge⸗ gangen wäre. Zweites Kapitel. Will's Erzählung. Zu dieſer Zeit trug das Weſen Robert Clive's, wenn auch für einen ſo jungen Mann immerhin allzu ernſt und abgemeſſen, im Ganzen einen freudigen und zufriedenen Charakter. Das Glück hatte ihm gelächelt, ſeine kühnſten Erwartungen gekrönt. Aus dem armen und kaum bemerkten Schreiber war ein Mann ge⸗ worden, deſſen Name von der ganzen Ausdehnung der Küſten Indiens laut hinüberklang nach dem Mutter⸗ lande und den Hügeln von Shropfhire. Es war ihm vergönnt geweſen, ſich einem Berufe zu widmen, für den ſeine Seele geglüht ſeit den Knabenjahren, und ſich in dieſem Berufe Lorbeeren zu erringen, wie ſelten ein Mann in ſeinen Verhältniſſen. Denn wieviel Hinderniſſe hatte er überwinden, wieviel verlorene Zeit 1 3 1 3 43 in wenigen Jahren durch nimmer ermüdenden Eifer, durch das ſtrengſte Studium nachholen müſſen! Faſt Alles hatte er aus ſich ſelbſt geſchöpft, und von dem Augenblicke an, in welchem er ſelbſtſtändig ein Com⸗ mando geführt, war der Sieg an ſeine Fahnen ge⸗ heftet geweſen. Die Compagnie konnte ihn ihren Retter nennen; denn mit der ruhmreichen Vertheidigung von Arkot, mit dem Wiederaufleuchten des erblichenen eng⸗ liſchen Ruhms begann für die Engländer eine Zeit neuer Hoffnung und Selbſtvertrauens, in welcher die Zukunft des Siegs lag. Clive's Name, wie Will es mit bewunderndem Stolze hervorgehoben, war in aller Munde. Die Soldaten ſahen in ihm ihren künftigen Oberfeldherrn. Auch die Armuth wich von ihmh be⸗ trächtliche Beutegelder und Belohnungen, wie es in jenen Kriegen Sitte war, fielen ihm zu und er konnte daran denken eine ſtattliche Anweiſung auf eins der erſten oſtindiſchen Häuſer an die Aeltern zu ſchicken. Aus dem verlorenen Sohn war ein hochgeachteter Mann geworden. Gab es dennoch eine Leere in ſeinem Herzen und tauchten die Erinnerungen früherer Jahre zuweilen in ihm auf? Wenn es der Fall war, ſo vergaß er ſie doch über der ununterbrochenen Thätigkeit, die ſich ihm darbot, und über der Freudigkeit, mit welcher er ſeinen 44 Beruf übte. Er war noch ſo jung; der Ruhm füllte ſeine Seele aus und das Knallen der Musketen, der Schall der Signale übertönten die Stimmen der Sehn⸗ ſucht nach etwas, das ihm fehlte. Er glaubte, daß er Alles beſitze, was ein Menſch nur wünſchen könne, und wenn er zuweilen finſter und ſchweigſam war, ſo lag das in ſeiner Natur, nicht in ſeinem Mangel an Glück. Die gewonnenen Vortheile weiter zu verfolgen, den franzöſiſchen Einfluß bis in ſeine letzten Spuren zu vernichten, England überall als Sieger hinzuſtellen, das war ſein einziges Streben. Unmittelbar nach der Aufhebung der Belagerung unternahm er mehrere Züge gegen die Franzoſen und die mit ihnen verbündeten Truppen Radſcha⸗Sahib's. Da, wo es zu plündern gab, unterſtützten ihn die Mahratten. Will war ſtets bei Clive. Er wollte durchaus nur der Burſche, der Diener des Kapitäns ſein, aber Clive ernannte ihn bald zum Fähnrich, und Niemand murrte darüber, denn Will hatte ſich durch ſeine Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, durch ſeine nieverſiegende gute Laune und durch ſeine ſol⸗ datiſchen Fähigkeiten ſchnell die Liebe aller erworben. Bisher war Clive noch nicht dazu gekommen, mit Will einige Stunden allein zu plaudern. Die An⸗ ſtrengungen des Tages, die forcirten Märſche hatten 45 beide ſo ermüdet, daß ihnen der Abend niemals als eine Zeit zur geſelligen Unterhaltung, ſondern nur als die erwünſchte Zeit zur körperlichen Ruhe erſchienen war. Eines Tages jedoch, als das kleine Heer früher als gewöhnlich Halt gemacht und Clive, was er ſtets that, ſorgfältig das ganze Lager beſichtigt und die Wachen ſelbſt ausgeſtellt hatte, forderte er Will auf, zu ihm in ſein Zelt zu kommen und mit ihm zu plau⸗ dern. Hocherfreut folgte der Jüngling der Aufforde⸗ rung und eilte in das Zelt des Kapitäns. Er fand Clive beim Leſen einiger Briefe, die er aus Madras erhalten. Es waren zum Theil amtliche Schreiben, und der Kapitän theilte ſeinem jungen Freunde Einiges, was von allgemeinem Intereſſe war, aus denſelben mit. Zuletzt las er einen Privatbrief und ſeine Stirn wurde düſter dabei, ſeine Wange blaſſer. „Mit dieſem Barny!“ rief er und warf den Brief von ſich. „Barny?“ wiederholte Will, der ſchweigend auf Clive geblickt hatte, während dieſer las.„Kennen Sie den Mann, Kapitän? Iſt er nicht bei der Compagnie?“ „Ja wohl, ein alter Wüſtling, der ſeine Rolle vor⸗ trefflich ſpielt“ antwortete Clive verächtlich.„Er kennt nur die Vergnügungen der Sinnlichkeit, gibt ſich aber 46 daneben den Anſchein eines gutmüthigen Burſchen, weiß auch ſehr klug zu ſchwatzen und gilt deshalb für einen ganz prächtigen Menſchen, dem man etwas Leichtigkeit ſchon nachſehen könne. Dieſer alte Sünder, der nahe an ſechzig Jahr alt iſt oder darüber, will jetzt ein ſchönes junges Mädchen heirathen eine Baronetstochter— weißt Du, Will, dieſelbe, um deren willen ich in Rio den Handel mit Laroche hatte. Und man wird ſie ihm geben!“ Er lachte bitter vor ſich hin und ging in dem kleinen Zelte auf und ab, als wolle er eine heftige innere Bewegung bekämpfen. „Von dieſem Barny weiß ich ein ſehr ſchlechtes Stückchen“, ſagte Will,„und gerade darüber habe ich ſchon längſt mit Ihnen ſprechen wollen, Kapitän. Es lag mir auf der Seele!“ „So ſprich, mein Junge!“ rief Clive.„Wo biſt Du mit ihm zuſammengetroffen?“ „Nicht mit ihm ſelbſt“ antwortete Will.„Es hängt mit meiner Gefangenſchaft bei Angria zuſammen.“ „Bei Angria?“ rief Clive verwundert.„Da warſt Du? Aber freilich, wir haben noch keine Zeit gefunden, ein vernünftiges Wort über Dich und die Vergangen⸗ heit zu ſprechen. Erzähle mir Alles ausführlich, ſo genau wenigſtens, wie es Dir gut ſcheint. Plaudere * 47 mir die böſen Gedanken weg, wie einſt David dem Saul!“ Er warf ſich auf eine ſtarke Binſenmatte, die ihm gewöhnlich zum Lager diente. Will errieth, daß etwas Ungewöhnliches in ihm vorgehe, und machte Einwendungen. Er ſagte, er wolle gehen, ein ander Mal wiederkommen und dann erzählen. „Nein, nein!“ rief Clive dringend.„Gerade jetzt! Du thuſt mir einen Gefallen damit!“ „Nun, ſo ſei es!“ ſagte Will.„Sie können mich ja in jedem Augenblick unterbrechen, in dem Ihnen meine Erzählung zu lang wird. Sie verſprechen mir das?“ „Gewiß! Ich werde ja hören.“ „Als ich Sie damals in Madras verließ, Kapitän“, begann Will,„war ich ſehr betrübt Ihretwegen. Ich hatte wohl bemerkt, ſo jung ich noch war, daß Ihnen Ihre Lage durchaus nicht zuſagte und daß Sie ſich ſehr unglücklich fühlten. Auch mir ſchien es, als verdienten Sie eine beſſere Stellung, und ich habe mich darin nicht geirrt, wie ich jetzt zu meiner Freude erfahren. Ich fürchtete nur, Sie möchten im Mißmuth irgend etwas thun, was ſich ſpäter nicht wieder gut machen ließe. Doch genug, das iſt vorbei. Ich kehrte damals nach England zurück und hatte die große Freude, zu erfahren, daß ein entfernter Verwandter meines Vaters, 48 von dem ich faſt gar nichts wußte, ſich nach mir er⸗ kundigt und mich zu ſehen verlangt habe. Ich reiſte zu ihm und fand in ihm einen wunderlichen alten Herrn, der wie ein Einſiedler auf ſeiner übrigens ſchönen Beſitzung in Northumberland lebte. Er war Seemann und ſo gut wie verſchollen geweſen, bis er nach dem Tode meiner Aeltern aus Jamaika zurück⸗ kehrte und ſich jene Beſizung kaufte. Anfangs be⸗ handelte er mich ganz wie einen Bedienten, am Ende aber muß ich ihm doch wohl ein wenig gefallen haben, denn er wurde mittheilſamer gegen mich und machte mir kleine Geſchenke. Ich meinerſeits war jedoch durchaus nicht willens, mein Leben auf einem Land⸗ gute in Northumberland hinzubringen, und ſagte ihm dies zuletzt ganz offen. Er billigte meinen Entſchluß und gab mir ſeinen Segen, wie er es nannte, das heißt, er ſagte:„Hol' Dich der Teufel! Mach' daß Du fortkommſt, und werde ein ordentlicher Menſch. Hier haſt Du tauſend Pfund; mehr kann ich Dir nicht geben, es iſt auch reichlich genug, um einen jungen Menſchen durch die Welt zu bringen. Mehr Geld würde ihn nur zum Faulenzer machen!“ Damit ent⸗ ließ er mich und ich ging nach London, um einen Curſus auf der Navigationsſchule durchzumachen und mich zum höhern Flottendienſt vorzubereiten. Damals 49 „ſchrieb ich auch an Sie, Mr. Clive, und erlaubte mir Ihnen meine Dienſte anzubieten. Aber der Brief iſt Ihnen wohl nicht zugegangen?“ „Nein, Will, aber ich danke Dir herzlich“, ſagte der Kapitän. „Ich vermuthete es“, erwiderte Will.„Das Schiff, mit dem der Brief ging, iſt verſchollen. Es ſoll von Seeräubern im arabiſchen Meere genommen und ver⸗ brannt worden ſein. Genug, ich wurde ſo eine Art Midſhipman auf einem königlichen Schiffe und machte einige Fahrten nach verſchiedenen europäiſchen Ländern. Aber der Himmel weiß, woher es kam, es ließ mir keine Ruhe, es zog mich hierher nach Indien, zu Ihnen, Kapitän. Mein Verwandter war inzwiſchen geſtorben und hatte mir noch ungefähr tauſend Pfund hinterlaſſen, die ich jedoch noch nicht erhielt, da ſie das Vormundſchaftsgericht verwaltete. Indeſſen war ich doch nun immer ein Männchen mit ganz leidlichen Ausſichten und konnte mir meinen Beruf frei wählen. Ich ſuchte eine Stellung auf einem guten Oſtindienfahrer. Auf dieſem wollte ich fürs Erſte die Reiſe hierher machen und mich dann hier erkundigen, was aus Ihnen ge⸗ worden. In den Zeitungen hatte ich geleſen, daß ein Mr. Clive ſich bei dem Angriffe auf Pondichery und auf Devicottah ausgezeichnet; ich wußte, daß das kein Mützelburg, Robert Ctve. HI. 4 50 Anderer ſein könne als Sie, und brannte vor Begierde, mich an Ihrer Seite mit den Franzoſen und Indern herumzuſchlagen. Auf dem Schiffe erhielt ich die Stelle eines zweiten Lieutenants, mit der Erlaubniß, in Indien austreten zu können, und im Herbſt vergangenen Jahres verließen wir England. Wir hatten eine ſehr glückliche Fahrt und auch auf dem Schiffe erging es mir leidlich. Zuerſt hatten die andern Offiziere, der Supercargo, der Steuermann und was ſonſt noch einen Poſten beſaß, ſich nicht recht in den Gedanken finden können, daß ein ſo junger Burſche wie ich ihresgleichen ſein ſolle. Ich fühlte auch ſelbſt, daß ich dazu noch ſehr jung ſei, und gab mir deshalb alle Mühe, Niemand zu beleidigen. Da ich nun auch bei einigen Gelegenheiten zeigen konnte, daß ich das Herz auf dem rechten Flecke habe und für keine Gefahr zu jung ſei, ſo wurde mein Verhält⸗ niß zu den ältern Offizieren allmälig ein beſſeres und zuletzt ein ſehr gutes. Sie wünſchten alle, ich möchte auch in Indien auf dem Schiffe bleiben. Darüber gab ich jedoch kein beſtimmtes Verſprechen ab. Auf unſerm Schiffe befanden ſich auch zwei Da⸗ men oder vielmehr eine Dame mit ihrer Tochter. Sie hieß Miſtreß Badyſon und war, wie ich hörte, die Wittwe eines alten, ſehr reichen Herrn, die aus Grün⸗ 51 den, über die Niemand unterrichtet war, nach Madras reiſte. Schon am erſten Tage hatte mir die Dame ſehr gefallen. Sie ſchien ſehr traurig, aber auch ſehr gutmüthig zu ſein. Noch immer ſchön— ſie mochte un⸗ gefähr in der Mitte der dreißiger Jahre ſein— war ſie in Allem, was ſie that und ſprach, ſo ſanft, ſtill und vornehm, daß ſelbſt die roheſten Matroſen— und Sie kennen dieſe Leute, Kapitän!— ſie nur mit der größten Achtung behandelten. Ebenſo reizend und ſo gutmüthig war ihr Töchterchen, das ungefähr zwölf oder dreizehn Jahre alt ſein mochte, aber ſo klug und vernünftig zu reden wußte wie eine Dame. Sie hieß Miß Clara. Bald fromm und ſanft wie ein Täubchen, bald neckiſch und luſtig wie ein Eichhörnchen, wurde ſie ſchnell der Liebling des ganzen Schiffes und die Matroſen hüteten ihre rauhen Reden, wenn ſie in der Nähe ſtand. Ich war ſehr bald mit ihr bekannt geworden, denn ich er⸗ klärte ihr Alles, was ihr auf dem Schiffe fremd war, und erzählte ihr ſtundenlang von meinen kleinen Reiſen und Abenteuern. Sie hörte dann ſo aufmerkſam zu wie ein Kind von ſechs Jahren. Sprach ſie aber über irgend etwas, ſo klang das ſo überlegt und klug, als ſpreche eine erwachſene Dame, ſodaß ich ſie oft ganz verwundert und ſelbſt verlegen anſchaute. Der Kapitän des Schiffs nannte ſie einmal ein wunderbares Weſen 4* 52 eine ſeltſame Miſchung von Kind und Jungfrau, von reinſter kindlicher Natürlichkeit und frühreifer Ueber⸗ legung, und das war ſie auch. Durch ſie wurde ich bald auch mit der Mutter vertraut und verbrachte von jener Zeit ab faſt alle meine Freiſtunden in der Ge⸗ ſellſchaft der beiden Damen. Bei dieſem Umgange er⸗ hielt ich mehr und mehr die Gewißheit, daß ſich Miſtreß Badyſon in ihrem Innerſten ſehr unglücklich fühle. Sie ſeufzte oft, ſah oft lange, ihre Umgebung ganz vergeſſend, vor ſich hin und zeigte dann in ihrem Ge⸗ ſicht einen ſo tiefen Ausdruck des Leidens, daß ich oft verſucht war, aus Mitgefühl nach der Urſache ihres 3 Kummers zu fragen, was ich jedoch aus Schicklichkeit ſtets unterließ. Mutter und Tochter liebten ſich aufs zärtlichſte, doch litt die natürliche Heiterkeit Miß Cla⸗ 3 ra's, wie dies ja auch nicht anders ſein konnte, nicht unter dem Kummer der Mutter. Ich ſprach einmal mit dem älteſten Lieutenant darüber und ſagte, Miſtreß Badyſon gräme ſich gewiß über den Tod ihres Mannes; aber er ſchüttelte den Kopf und ſagte, das glaube er nicht; Mr. Badyſon ſei ein Mann von über ſiebzig Jahren geweſen und ſeine Frau habe ſeinen Tod ſeit vielen Jahren erwarten können. Ihr Kummer blieb alſo ein Räthſel für uns alle, ebenſo der Zweck ihrer Reiſe nach Madras. —— 53 Ich hatte mich ſo ſehr an den Umgang der beiden Damen gewöhnt, daß ich nur mit ſchwerem Herzen an unſere Ankunft in Madras und die damit verbun⸗ dene Trennung denken konnte. Einmal fragte mich Miſtreß Badyſon, ob ich angeſehene Perſonen in Ma⸗ dras kenne. Ich mußte es leider verneinen; doch ſagte ich kühn, daß ich glaube, Sie, Mr. Clive, ſeien ein angeſehener Offizier und mein Freund. Als ich ihr jedoch mittheilte, Sie ſeien ebenfalls noch ſehr jung, ſchüttelte ſie leicht und traurig den Kopf, als wolle ſie ſagen, das ſei es nicht, was ſie ſuche. Ich vermuthete alſo, daß ſie in Madras einen Freund zu finden wün⸗ ſche, und dachte immerfort an Sie. Auch dachte ich daran, wie ſehr Ihnen Miß Clara gefallen würde und daß dies vielleicht eine Frau für Sie ſei, vorausgeſetzt, daß Sie nicht ſchon das Herz eines ſchönern und reichern Mädchens erobert, wie es höchſt wahrſcheinlich war.“ „O Du Schelm!“ unterbrach ihn Clive mit einem lauten, etwas gezwungenen Lachen.„Du hätteſt zuerſt an Dich ſelbſt denken ſollen. Du biſt ohne Zweifel verliebt in Miß Clara.“ „O Kapitän, für mich iſt ſie viel zu gut!“ erwi⸗ derte Will aufrichtig.„Ich ſage das auch nur, weil ich aus allen meinen Gedanken gegen Sie kein Hehl 54 mache. Ueberhaupt ſollte es ja ganz anders kommen. Wir hatten, wie geſagt, eine ſehr günſtige Fahrt bis Bombay, wo wir anlegen mußten. Von dort aus gingen wir wieder auf die hohe See, um die Küſte zu vermeiden, die durch Angria's Seeränberſchiffe unſicher gemacht wird. Schon glaubten wir jede Gefahr glück⸗ lich überſtanden zu haben und nahmen unſern Curs auf Ceylon, als uns ein heftiger Sturm überfiel, der eine ſolche Verwüſtung in unſerer Takellage anrich⸗ tete, daß wir uns von den Wellen treiben laſſen muß⸗ ten. Am folgenden Morgen, als der Sturm ſich ein wenig gelegt, ſahen wir eine Küſte vor uns und ge⸗ rade diejenige, die wir hatten vermeiden wollen, die Küſte von Goa und Bedjapur mit ihren hohen Gebir⸗ gen, den Hauptſitz der Seeräuberei. Und zu gleicher Zeit ſahen wir eine Anzahl von Grabs und Gallivats— ſo nennen dieſe Halunken ihre größern und kleinern Fahrzeuge— auf uns zuſteuern. Die Grabs ſind Segel⸗ ſchiffe von etwa dreihundert Tonnen, die Gallivats kleinere Fahrzeuge mit ungefähr vierzig Ruderern. Gerade die letztern hatten wir zu fürchten, denn der Wind hinderte die Grabs, ſich uns ſchnell zu nähern, die Gallivats aber konnten uns in einer Stunde erreichen. Wir hielten ſogleich einen Kriegsrath und beſchloſſen, uns wenigſtens ſo lange, als es irgend 55 möglich ſei, zu vertheidigen. Inzwiſchen ſollte die größere Mehrzahl der Matroſen mit aller Macht an der Ausbeſſerung der Maſten, der Segel und des Steuers arbeiten. Denn wenn das Schiff wieder ſec⸗ tüchtig war, ſo durften wir hoffen, durch geſchicktes Manövriren den Seeräubern zu entkommen. Ich legte natürlich ſelbſt mit Hand an, überzeugte mich aber bald, daß die Havarie zu bedeutend war, um in einer Stunde ausgebeſſert werden zu können, und übernahm deshalb in Gemeinſchaft mit dem Kapitän die Anord⸗ nung der Vertheidigungsanſtalten, denn es ſtand feſt bei uns, daß wir uns nicht ohne Kampf ergeben wollten. Wir hatten zwölf Kanonen an Bord, glaub⸗ ten auf unſere Leute vertrauen zu können und unter⸗ ſchätzten die Zahl und Tapferkeit der Seeräuber. Wie Jeder in meiner Lage gethan haben würde, freute ich mich auf einen tüchtigen Strauß und hoffte auf einen glücklichen Ausgang. Doch bekümmerte mich das Schickſal der beiden Damen, das ſich gar nicht berechnen ließ, wenn unſer Fahrzeug genommen wurde. Ich wollte ihnen zuerſt rathen, Männerkleidung anzu⸗ legen, ſagte mir aber, daß ſie dann wahrſcheinlich nie⸗ dergemetzelt werden würden, wenn das Schiff genom⸗ men ſei, und unterließ es. Doch ſprach ich ihnen Muth ein, und da die Gallivats der Seeräuber keinen ſehr 56 gefährlichen Eindruck machten, ſo ſchienen ſie voll Hoff⸗ nung und Zuverſicht, begaben ſich aber auf meine dringende Bitte nach ihrer Kajüte. Als die Matroſen gewahr wurden, daß wir nicht entfliehen könnten und einen Kampf annehmen müßten, ſchienen ſie bedenklich zu werden, denn die Leute An⸗ gria's ſind wegen ihrer Tapferkeit und Grauſamkeit gefürchtet. Die Ermahnungen und Vorſtellungen der Offiziere jedoch, ſowie die Andeutung, daß wir, auch wenn wir uns ergäben, kaum etwas Beſſeres als den Tod zu erwarten hätten, vermochten ſie endlich zu den Waffen zu greifen. Wir ſtellten die erfahrenſten und entſchloſſenſten Leute an die Kanonen, deren Richtung die Offiziere ſelbſt übernahmen. Denn wir ſagten uns, daß wir bei der noch immer bewegten See auf unſerm größern Schiffe mit dem Zielen ſehr im Nachtheil gegen die kleinern und niedrigern Fahrzeuge der Angrianer ſeien, die ebenfalls, wie wir jetzt ganz deutlich bemerk⸗ ten, Kanonen führten. Unſere erſten Schüſſe, die wir auf die Gallivats richteten, überzeugten uns auch bald, daß wir uns nicht geirrt, denn ſie trafen nicht und die Gallivats rückten ungehindert gegen uns vor und begannen nun ihrerſeits mit viel größerer Sicherheit zu feuern. Wir hatten bald einige Todte und Ver⸗ wundete, doch gelang es uns, eine Gallivat zu treffen, 57 die nun zurückblieb. Das belebte den ſinkenden Muth unſerer Matroſen, die natürliche Erbitterung des Kampfes geſellte ſich dazu, und ſo erwarteten wir denn in leidlicher Haltung den Feind, der es aufs Entern abgeſehen hatte. Ein Mann, der ſo viel Pulverdampf gerochen wie Sie, Kapitän Clive, würde wahrſcheinlich wenig Ge⸗ fallen an der Aufzählung der Einzelnheiten unſeres Kampfes finden. Ich will mich daher nur auf das⸗ jenige beſchränken, was mich perſönlich anging. Der Kampf war ein ſehr erbitterter, denn unſere Matroſen ſagten ſich ſelbſt, daß ſie jetzt wenig Gnade mehr von den Seeräubern zu erwarten hätten, und wir hielten die Gallivats ziemlich lange vom Entern ab. Endlich aber kamen die Grabs dazu und wir hatten nun we⸗ nigſtens fünfzehnhundert Angrianer gegen uns. Die große Mehrzahl unſerer Leute war verwundet, auch ich hatte eine ſtark blutende Wunde erhalten. Der Kapitän wollte alſo den Verſuch machen, ob ein Par⸗ lamentiren noch möglich ſei, und ſteckte die weiße Flagge auf. Die Feinde achteten ſie und geſtanden uns, nach⸗ dem der Kapitän erklärt, er werde das Schiff in die Luft ſprengen, wenn man uns keine billigen Bedingun⸗ gen ſtelle, eine annehmbare Capitulation zu. Wir ſoll⸗ ten zu Gefangenen gemacht, anſtändig behandelt und 58 gegen ein nur mäßiges Löſegeld ſpäter nach Bombay ausgeliefert werden. Ich erinnerte den Kapitän an die Frauen und er erwirkte für ſie ebenfalls das Ver⸗ ſprechen einer anſtändigen Gefangenſchaft im Harem des Sultans bis zur Auswechſelung. Da es ſich für uns vor allem darum handelte, das Leben zu retten, das ohne dieſe Capitulation gewiß verloren war, ſo fanden wir die Bedingungen ſehr mild. Es ſchien auch anfangs, als ſollten ſie gehalten werden. Eine Abtheilung von zweihundert Angrianern beſtieg das Schiff und begann, Alles, was nicht niet⸗ und nagelfeſt war, auf die Grabs und Gallivats zu ſchaffen. Wir ließen uns inzwiſchen unſere Wunden verbinden, und da mich der Blutverluſt vollkommen erſchöpft hatte, ſo verfiel ich in Ohnmacht und ſpäter in einen ſolchen Zuſtand von Schwäche, daß ich kaum wahrnahm, was um mich her vorging. Ich erinnerte mich ſpäter nur, Miſtreß Badyſon neben mir geſehen zu haben, die mich mit ſtärkenden Eſſenzen zu beleben ſuchte. Endlich hob man mich auf und trug mich ziemlich unſanft nach dem Bord des Schiffes, von wo man mich in eine Gallivat hinabließ. Ich ſank aber⸗ mals in Ohnmacht und ſo vollſtändige Schwäche, daß ich für meine Umgebung wie erſtorben war. Es ſchwebte mir dunkel vor, als habe ich in dem Augenblicke, in 59 welchem wir an die Küſte ſtießen, die Gewänder Miß Badyſon's und ihrer Mutter geſehen; zum vollſtändigen Bewußtſein gelangte ich jedoch erſt in einem erbärm⸗ lichen und ekelhaften Gefängniß, in dem ich mich ganz allein befand. Nur der Wärter und ein Arzt kamen zu mir, aber keiner von ihnen antwortete auf meine Fragen, da ſie wahrſcheinlich kein Engliſch verſtanden. Ich ſelbſt hatte das wenige Indiſch, das ich hier früher an der Küſte gelernt, in den letzten Jahren vollkommen vergeſſen. Im Uebrigen wurde meine Wunde, ein Schuß in den linken Schenkel, gut gepflegt und ſchon nach acht Tagen war ich außer Gefahr. Nun erſchien auch ein Dolmetſcher oder auch ein Gelehrter, Munſchi genannt, der ein verſtümmeltes Engliſch und Franzöſiſch ſprach und deſſen Abſicht es war, ſo viel von meinen Ver⸗ hältniſſen zu erfahren, als ich zu verrathen für gut fände. Da ich mir denken konnte, es handle ſich um das Löſegeld, ſo legte ich mir natürlich einen ſehr ge⸗ ringen Werth bei. Der Munſchi ſchien das nicht glau⸗ ben zu wollen und ſagte mir, ich ſei gewiß ein Sohn oder Bruder der reichen fränkiſchen Dame, die ebenfalls gefangen worden. Da mir Alles daran lag, in die Nähe der Damen zu gelangen, deren Schickſal mich in den letzten Tagen aufs lebhafteſte beſchäftigt hatte und 60 nach denen ich mich ſo eben bei dem Munſchi erkun⸗ digen wollte, ſo ging ich auf den Gedanken des Dol⸗ metſchers ein und ſagte, ich ſei ein Verwandter der beiden Damen, aber wir ſeien nicht reich. Ich fragte dann auch, wo die andern gefangenen Engländer ſich befänden, und erfuhr, daß ſie getrennt in verſchiedenen Seefeſtungen lebten, welche die Angrianer an jenen Küſten beſitzen. Am Tage darauf lumen einige Männer zu mir, unter ihnen ein ſtattlicher, ſehr herriſch ausſehender Mann mit einem ſchönen rabenſchwarzen Bart. Ich vermuthete aus der unterwürfigen Ehrfurcht, welche ihm die Andern bezeigten, daß er ein vornehmer An⸗ führer, vielleicht Angria ſelbſt ſei, und ich erfuhr ſpäter, daß ich die Wahrheit errathen. Er ließ mich durch den Munſchi nochmals nach meinen Verhältniſſen be⸗ fragen und ſagte mir dann, daß ich für ein Löſegeld von zehntauſend Rupien die Freiheit erhalten könne und daß ich deshalb nach Bombay ſchreiben ſolle. Das war ungefähr die Hälfte meines kleinen Vermögens. Ich proteſtirte alſo aus Leibeskräften und berief mich auf die Capitulation, in welcher nur von einem geringen Löſegeld die Rede geweſen. Man antwortete mir, ich ſei als Verwandter der Damen nach der Ausſage aller andern Gefangenen ein ſehr reicher Mann und mein 5 3 3 4 Krücken auszugehen und ich ließ nun um die Erlaub⸗ 61 Löſegeld alſo ein ſehr geringes. Da ich nun inzwiſchen überlegte, daß all mein Proteſtiren nur wenig helfen werde und daß ich verſuchen müſſe, mir meine Lage ſoviel als möglich zu erleichtern, ſo fügte ich mich ſcheinbar und verſprach einen Brief nach Bombay zu ſchreiben, erbat mir aber die Erlaubniß, meine Ver⸗ wandten zuweilen zu ſehen, indem ich hinzufügte, ich würde Alles verſuchen, die letztern zu veranlaſſen, ihr Löſegeld ebenfalls möglichſt bald herbeizuſchaffen. Dies ſchien zu wirken. Angria gab mir die Erlaubniß, die Damen zu ſehen, ſobald ich ausgehen könne. Dann ſchrieb ich einen Brief nach Bombay an den dortigen Gouverneur, worin ich ihn bat, ſich behufs der Auszah⸗ lung von zehntauſend Rupien nach England an eine be⸗ ſtimmte Perſon zu wenden. Ich durfte dem Brieſt nichts hinzufügen, da ich wohl wußte, daß derartige Sendungen einer ſtrengen Controle unterliegen. Es gibt bei den Angrianern Leute genug, die Engliſch und Franzöſiſch verſtehen, da ſie entweder als Matroſen in England oder Frankreich geweſen oder geborene Euro⸗ päer ſind, die den Glauben und die Sitten der Angri⸗ aner angenommen haben.. Nach wenigen Tagen erlaubte mir der Arzt auf niß bitten, meine Verwandten zu beſuchen. Sie ward 62 gewährt und zwei bewaffnete Diener geleiteten mich. Ich ſchritt durch einen verdeckten Gang, der das Ge⸗ fängniß mit der Wohnung Angria's verband, nach einem hochgelegenen Hofe, von welchem aus ich zum erſten Male den Ort, an dem ich gefangen war, über⸗ ſehen konnte. Ich erblickte eine ſtarke Feſtung, die auf der Spitze einer Landzunge lag, und erſah daraus, daß ich in Gheria ſelbſt, der Reſidenz Angria's, ſei. Ich mußte dann ein weitläufiges Gebäude durchſchreiten und gelangte endlich in einen kleinen Garten, den ein⸗ zigen, der ſich innerhalb der Feſtung zu befinden ſchien. In dieſem erhob ſich ein kleiner zierlicher Pavillon, aus welchem kurz nach meiner Ankunft Mißreß Badyſon mit ihrer Tochter heraustrat. Unſer Wiederſehen war ein ſehr bewegtes. Wir konnten uns der Thränen nicht erwehren und Jeder⸗ mann, der unſere Zuſammenkunft beobachtete, mußte aus der Herzlichkeit unſerer Begegnung ſchließen, daß wir in der That Blutsverwandte ſeien. Miß Clara war wenig verändert, aber in den Zügen der Miſtreß Badyſon glaubte ich eine noch tiefere Traurigkeit wahr⸗ zunehmen, als ich ſie je auf dem Schiffe an ihr be⸗ merkt. Sie faßte ſich jedoch bald und ſagte, daß ſie in ihrem Kummer hocherfreut ſei, mich zu ſehen, ja daß ſie ſich verhältnißmäßig glücklich ſchätze, ſich an „ 63 demſelben Ort mit mir zu befinden, da ſie ſich nun nicht mehr ganz verlaſſen vorkomme. Sie theilte mir darauf mit, daß ſie ſelbſt angegeben, ich ſei ein Ver⸗ wandter von ihr, ſobald ſie gehört, daß ich ebenfalls in Gheria feſtgehalten werde. Ich dankte ihr für ihr Vertrauen und billigte die kleine Liſt, die es uns ge⸗ ſtattete, uns zu ſehen. Dann erzählte ſie mir, daß man fünfzigtauſend Rupien Löſegeld für ſie und ihre Tochter fordere und daß es ihr ganz unmöglich ſcheine, dieſe Summe herbeizuſchaffen; denn wenn ſie dieſelbe auch beſitze und opfern wolle, ſo würde doch ihre eigene Anweſenheit in England, wo ſie kaum einen guten Freund beſitze, nöthig ſein, um das Geld flüſſig zu machen. In Madras ſei allerdings eine Perſon, die ihr helfen könne, ob aber gerade dieſe Perſon ihr hel⸗ fen wolle, das ſei ſehr zweifelhaft. Wir ſprachen viel über die Frage, wie das Löſe⸗ geld herbeizuſchaffen ſei, und kamen zu dem Reſultate, daß ſich dies kaum anders ermöglichen laſſe, als wenn ich ſelbſt in Freiheit geſetzt werde und die Herbeiſchaf⸗ fung des Löſegeldes mit aller Kraft betreiben könne. Ich verſprach Miſtreß Badyſon, mit Angria darüber zu reden, und ſie wollte das Gleiche verſuchen. Im Uebrigen ſagte ſie mir, daß ſie gut und anſtändig be⸗ handelt und in keiner Weiſe beläſtigt werde. Der 64 Pavillon diente ihr zur Wohnung und ſie konnte ſich mit ihrer Tochter in dem Garten frei bewegen. An Flucht war freilich nicht zu denken, da der Garten, wie es ſchien, im feſteſten Theil des Serails lag. Was mich ſelbſt anbetraf, ſo begann ich den Ge⸗ danken an Flucht bereits ſehr reiflich zu überlegen und ließ meine Blicke deshalb überallhin ſchweifen, wohin ſie nur gelangen konnten. Aber auch mir erſchien es bei der ungemeinen Feſtigkeit und Ausdehnung der Werke im höchſten Grade zweifelhaft, daß ein Flucht⸗ verſuch gelingen könne. Ich beſchloß deshalb fürs Erſte mit Angria zu ſprechen, was mir auch gewährt wurde. Ich ſtellte dem Piraten vor, daß es mir und meinen Verwandten ganz unmöglich ſein würde, die geforderte Summe zu beſchaffen, wenn nicht einer von uns perſönlich die Angelegenheit betreiben könne. Ich erbot mich alſo, nach England zu reiſen und von dort das Geld für die Dame zu ſenden, meinen Antheil mit einbegriffen, alſo ſechzigtauſend Rupien. Angria erwiderte, daß er ſich die Sache überlegen wolle und daß ihm der Vorſchlag nicht ganz unannehmbar erſcheine. Meine Bitte, öfters meine Verwandten ſehen zu dürfen, um mit ihnen zuſammen zu überlegen, wie die Forderungen Angria's am beſten und ſchnellſten befriedigt werden könnten, gewährte er bereitwillig, und es wurde feſtge⸗ 1 . 65 ſetzt, daß ich jeden Nachmittag meine Verwandten auf zwei Stunden beſuchen dürfe. Dieſe Erlaubniß war ein großer Troſt für mich. Ich beſuchte Miſtreß Badyſon täglich, und wäre unſere Lage nicht eine ſo traurige geweſen, ſo würde ich in dieſen täglichen Zuſammenkünften eine Quelle großen Genuſſes gefunden haben. Miſtreß Badyſon ſelbſt ver⸗ ſuchte, ſich ſcheinbar in ihre Lage zu finden und ein heiteres Geſicht zu zeigen. So kam es, daß wir Stun⸗ den verlebten, wie wir ſie nicht angenehmer in vollſter Freiheit und Sicherheit in einem engliſchen Park hätten hinbringen können. Dennoch glaubte ich zu bemerken, daß Miſtreß Badyſon täglich hinfälliger wurde. Der geheime Gram, an welchem ſie ohne Zweifel litt, zer⸗ nagte ihr Herz. Doch hielt ſie ſich aufrecht mit einer Standhaftigkeit, wie ſie vielleicht nur Frauen eigen⸗ thümlich iſt. Angria hatte mir noch immer keine Ant⸗ wort zu Theil werden laſſen. Ich hatte bemerkt, daß er uns zuweilen, wenn er in Gheria anweſend war, von einem Fenſter aus beobachtete. Eine Sklavin, die ein wenig fränkiſch ſprach, ſagte uns, er habe Ge⸗ fallen an den engliſchen Liedern gefunden, die ich zu⸗ weilen mit Miß Clara ſang, und höre uns gern zu. Darüber vergingen faſt ſechs Wochen. Eines Tages fand ich Miſtreß Badyſon blaſſer ausſehend als Mützelburg, Robert Elive. III. 5 66 je. Miß Clara war nicht bei ihr und ich fürchtete ſchon, das junge Mädchen, das ich ſo innig lieb hatte, wie ich nur meine Schweſter hätte lieben können, wenn mir der Himmel eine ſo große Gunſt gewährt hätte, ſei erkrankt. Miſtreß Badyſon ſagte mir jedoch, ſie habe Clara gebeten, heute im Pavillon zu bleiben, da ſie mit mir allein zu ſprechen habe. Sie führte mich darauf nach einer verſteckten Laube und ſprach dort ungefähr Fol⸗ gendes zu mir, was ich Ihnen nicht vorenthalten will, Kapitän Clive, da ich Ihres Schweigens, ſoweit es nöthig iſt, unbedingt glaube verſichert ſein zu können.“ „Gewiß, Will!“ antwortete Clive.„Dein Vertrauen ſoll nicht getäuſcht werden!“ „Miſtreß Badyſon erzählte mir alſo Folgendes“, fuhr der junge Mann fort.„Ich fühle, daß ich ſehr krank bin. Es iſt eine ſchleichende Krankheit, von der ſich nicht vorausſehen läßt, ob ſie ſchnell zum Tode und wann führen wird. Ich kann vielleicht noch ein Jahr leben, vielleicht auch morgen ſchon meine Augen ſchließen. Mir ſelbſt erſcheint der Tod durchaus nicht als ein Schrecken, aber um meiner Tochter willen hätte ich noch länger zu leben gewünſcht. Indeſſen es kann nicht ſein und ich muß mich in mein Schickſal ergeben und mit gefaßter Seele für die Zukunft meines ein⸗ 67 zigen Kindes ſorgen. Meine Lage iſt doppelt traurig durch die Gefangenſchaft, in der wir uns befinden, und ich würde wahrſcheinlich verzweifeln, wenn nicht Sie wenigſtens mir zur Seite ſtänden. Es iſt eine eigen⸗ thümliche und für mich peinigende Lage, Sie, einen ſo jungen Mann, zu meinem Vertrauten machen zu müſſen. Aber Sie haben mir ſo viel Beweiſe wahrer Theil⸗ nahme gegeben und mir eine ſo wahrhafte Zuneigung gezeigt, daß ich kaum weiß, ob ich irgend einem ältern Manne mich lieber anvertrauen würde als gerade Ihnen. Auch ſcheint es mir, als ob Sie meiner Toch⸗ ter innig zugethan wären, und da es ſich in dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, hauptſächlich um dieſe han⸗ delt, ſo bin ich, um Ihr Vertrauen zu wecken, genöthigt, Ihnen ebenfalls volles Vertrauen zu ſchenken. Was ich Ihnen zu ſagen habe, wird Sie vielleicht gegen mich einnehmen, und mit Recht. Aber ich hoffe darauf, daß Sie mich milder beurtheilen werden, wenn Sie älter geworden ſind, und mache Sie ſchon jetzt darauf aufmerkſam, daß meine Tochter unſchuldig iſt, wenn auch ich gefehlt habe. Ich wurde mit kaum ſiebzehn Jahren an einen reichen Mann verheirathet, der ſechzig Jahre alt war. Ich ſchloß dieſe Verbindung, um meinen Vater, einen Kaufmann, vor einem Bankrott zu retten, den er 5 68 wahrſcheinlich nicht überlebt hätte. Von Liebe zu meinem Gatten konnte alſo nicht die Rede ſein. Dennoch würde ich, da ich nie leichtſinnig war, gewiß meine Treue und Pflicht niemals verletzt haben, wenn nicht mein böſes Geſchick mir einen Mann in den Weg geführt hätte, der es wie wenige verſtand, die feſteſten Grund⸗ ſätze zu untergraben. Es war ein Mr. Barny, der einzige Freund meines Mannes, ebenfalls ſchon in reifern Jahren und meinem Manne tauſendfach zu Dank verpflichtet. Mr. Badyſon überließ mich deshalb dem Umgange Mr. Barny's mit dem feſteſten Ver⸗ trauen. Er konnte nicht vermuthen, daß der Mann, der ihm ſoviel Dank ſchuldete, unedle Abſichten gegen die Ehre und die Ruhe ſeines Wohlthäters hege. Auch wiegte mich Barny in vollkommene Sicherheit, erlaubte ſich nie eine Andeutung über ſeine wahren Zwecke gegen mich, ſondern ließ nur zuweilen eine tiefe und zärtliche Zuneigung für mich durchblicken. Da er ein Mann von einem ſehr gebildeten und lebhaften Ver⸗ ſtande war, ſo hatte ich ihn ſehr gern und es gelang ihm allmälig, meine Einbildungskraft zu entflammen und Wünſche in mir zu erwecken, die ich bis dahin nie gehegt. Er deutete auch zuweilen an, daß er ſich nur deshalb nicht verheirathe, weil er hoffe, es ſei ihm viel⸗ leicht noch vorbehalten, dasjenige Weib, das er am 4 ——eieeſ 69 meiſten liebe und verehre, ſein eigen zu nennen, und ließ mich errathen, daß ich dieſes Weib ſei. Genug, ich will Ihnen nicht ausführlich berichten, was mich jetzt noch mit der tiefſten Scham und Reue erfüllt: es gelang Barny, mich meinen Pflichten untreu zu machen, und wir gelobten uns gegenſeitig, uns nach dem Tode Mr. Badyſon's für immer mit einander zu ver⸗ binden. Noch vor der Geburt Clara's erfuhr jedoch mein Gemahl, wahrſcheinlich durch eine Dienerin, die von Mr. Barny beleidigt worden, das Verhältniß zwiſchen mir und dem letztern. Er benutzte die Gelegenheit, als Mr. Barny ſich eines Nachmittags bei mir befand, um mit uns beiden darüber zu ſprechen. Mir ließ er eine vollſtändige Verzeihung angedeihen; er ſagte, daß er es natürlich finde, wenn eine ſo junge Frau den Künſten eines ſo begabten und erfahrenen Mannes wie Bartty unterlegen ſei. Gegen Barny ſelbſt war er ſtrenger, behandelte aber unſer Verbrechen trotzdem mit einer ſolchen Milde und Güte, daß ich erſt von dieſem Augenblicke an die ganze Größe meiner Schuld fühlte und mein Leben dafür hingegeben hätte, ſie ungeſchehen zu machen. Ich liebte meinen Gatten von jenem Au⸗ genblick an mehr, als ich Barny je geliebt. Der letz⸗ tere mußte auf den Befehl Badyſon's ein förmliches 70 Eheverſprechen aufſetzen, in welchem er gelobte, mich nach dem Tode Badyſon's zu heirathen. Er benahm ſich dabei mit ſolcher Unterwürfigkeit und Reue, daß mein edler Gemahl ihn ſogar zu tröſten und zu ent⸗ ſchuldigen verſuchte. Wenige Wochen ſpäter verließ Barny England und ging nach Indien. Bald darauf wurde Clara geboren und Mr. Ba⸗ dyſon behandelte und liebte ſie wie ſein eigenes Kind. Er duldete nicht, daß ich mich von ihm trennte. Er ſagte mir, daß er ſehr wohl erkannt habe, meine Reue ſei aufrichtig, und daß er ja überhaupt nie andere Anſprüche an mich gemacht habe, als von einem jungen, heitern Weſen umgeben zu ſein. Heiter war ich nun freilich nicht mehr, aber ich verſuchte es zu ſcheinen. Mein ganzes Daſein war nur der Verehrung meines Gatten gewidmet, und da ihm dies nicht ent⸗ ging, ſo führten wir ein ruhiges, in ſeiner Art ſelbſt glückliches Daſein. Barny ſchrieb nicht an mich, wohl aber an meinen Mann; es erging ihm ſehr gut, er war einer der erſten Beamten der oſtindiſchen Com⸗ pagnie. Ein großer Verluſt, den Mr. Badyſon vor zwei Jahren durch den Bankrott eines angeſehenen Handels⸗ hauſes erlitt, erſchütterte den alten Mann ſo ſehr, daß er bald darauf ſtarb. Ich war ſeine Erbin; er hatte, — 71 trotz meines Vergehens, nichts in ſeinem Teſtament geändert. Indeſſen ſtellte es ſich heraus, daß jener Bankrott das Vermögen meines Mannes bedeutend vermindert hatte, auch verſtand ich wenig von Geſchäf⸗ ten und hatte keine guten Anwälte, genug, es blieben mir nur ungefähr zwanzigtauſend Pfund. Für mich war dies mehr als genügend. Aber es trat nun eine andere Frage an mich heran. Sollte ich die Ehe mit Mr. Barny eingehen? Das edle Benehmen Mr. Ba⸗ dyſon's hatte das Bild Barny's in meinem Herzen vollſtändig verwiſcht und ich wäre lieber unverheirathet geblieben und hätte mich ganz der Erziehung und Aus⸗ bildung meiner Tochter gewidmet. Aber eine innere Stimme ſagte mir, daß die einzige Sühne für jenes Vergehen doch nur in der Verbindung mit Mr. Barny liege, wie es ja auch Mr. Badyſon gewollt. Ich über⸗ legte den Fall, daß meine Tochter einſt ſpäter erfahren könne, ſie ſei nicht Mr. Badyſon's Tochter, und welchen Eindruck dies auf ſie machen, welchen Einfluß es auf ihre Stellung zu mir üben müſſe. Wurde ich die recht⸗ mäßige Gattin Barny's, ſo war in gewiſſem Sinne auch Clara's Geburt eine rechtmäßige; wenigſtens konnte Clara dann ſpäter mit weniger Beſchämung an mich und ihren wahren Vater zurückdenken. Ich ſchrieb alſo ſogleich an Barny und fragte, ob ich nach 72 Madras kommen oder in England bleiben und ihn erwarten ſolle. Seine Antwort war ſo gezwungen, daß ich, da mein Auge in Bezug auf ihn wieder klar und ſcharf geworden, ſogleich errieth, er wolle ſein Ehe⸗ verſprechen nicht halten. Er ſchrieb von ſeiner ſchwie⸗ rigen Stellung in Madras, von ſeinen gefährdeten Vermögensverhältniſſen, die ihm Madras unter keiner Bedingung zu verlaſſen geſtatteten, gab mir zu be⸗ denken, daß ich zu jung für ihn, er zu alt für mich ſei, daß Clara am beſten nie etwas von unſerm Verhält⸗ niß erfahre, und ſchloß damit, daß er für den Augen⸗ blick von Madras nicht abkommen könne, daß er aber, ſobald es ihm nur irgend möglich ſei, mich in England aufſuchen werde. Ich fühlte, daß er mich betrog, in einem Punkte wußte ich es ſogar, denn allen Nachrichten zufolge, die ich einzog, waren ſeine Vermögensverhältniſſe glänzend. Ich entſchloß mich alſo, wahrlich nicht meinet⸗ ſondern nur Clara's wegen, die weite und gefährliche Reiſe zu machen. Ich hoffte, mein Anblick würde ihn bewegen, ſein Wort zu halten. Sie kennen alſo nun den Zweck meiner Reiſe. Aber ich muß Ihnen noch mehr mit⸗ theilen. Schon am zweiten Tage nach unſerer Ankunft in dieſem Orte ſchrieb ich an Mr. Barny in Madras, ſchilderte ihm meine Lage und bat ihn, die nöthige — Summe für mich aufzubringen oder wenigſtens wegen meiner Auslieferung mit Angria in Verbindung zu treten; die Rückerſtattung der ausgelegten Summe ſei ihm ja ſicher. Heute nun erhielt ich ſeine Antwort. Sie lautete ungefähr ſo, wie mein düſteres Gemüth ſie mir vorausgeſagt. Er bedauere mein Unglück, ſchrieb er, müſſe mich aber daran erinnern, daß er mich ge⸗ beten, in England zu bleiben; er habe recht gut gewußt, wie gefährlich eine ſolche Reiſe für mich ſei. Fünfzig⸗ tauſend Rupien ſei ein viel zu hoher Preis; er werde mit Angria unterhandeln und inzwiſchen ſo viel Geld als möglich aufzutreiben ſuchen. In Bezug auf das Eheverſprechen bitte er mich flehentlich, ihn deſſelben zu entbinden. Wir ſeien zu lange getrennt geweſen und hegten zu traurige gemeinſame Erinnerungen, um noch mit einander glücklich ſein zu können. In der feſten Ueberzeugung, daß ich nie von jenem Verſprechen Ge⸗ brauch machen werde, ſei er in Madras neue Verpflich⸗ tungen eingegangen und werde eine ganze Familie unglücklich machen, wenn er ſein Wort nicht halte. Durch unſere Verbindung würde nur die Verleumdung wach gerufen werden. Bis jetzt ahne Niemand etwas von unſerm damaligen Verhältniß. Wenn wir uns aber heiratheten, würde der Verdacht rege werden. Er hoffe, ich habe ihm ſo viel Liebe bewahrt, um ihn 74 nicht in das größte Elend iu ſtürzen und wortbrüchig zu machen.““ „Der Schuft!“ murmelte Clive vor ſich hin. Will ſetzte ſeinen Bericht fort. „„Genug“ ſo ſchloß Miſtreß Badyſon,„ich weiß jetzt, daß ich von Mr. Barny nichts mehr zu erwarten habe, ja, ich muß ſogar befürchten, daß er ſelbſt die Angelegenheit der Auswechſelung läſſig betreibt, um mich von ſich fern zu halten. Um aber mein Unglück voll zu machen, habe ich von einer Dienerin erfahren, daß mein armes unſchuldiges Kind, daß Clara Gnade vor den Augen des Räubers gefunden hat, der uns hier gefangen hält, und daß er wünſcht, wir möchten in ſeiner Gewalt bleiben, damit Clara nach einigen Jahren eins ſeiner Weiber werde. Der Gedanke, daß Clara nach meinem Tode ſchutzlos einem Barbaren überlaſſen bleiben ſoll, bringt mich der Verzweiflung nahe. Mit der innigſten Freude würde ich ihre Frei⸗ heit durch meinen augenblicklichen Tod erkaufen. So iſt meine Lage. Ich fühle den Tod in mir, ich ſehe Clara's Elend voraus, und ich habe keinen Freund auf der Welt, der mir helfen kann. Deshalb habe ich Ihnen mein ganzes Herz aufgeſchloſſen. Zu Ihrem guten Willen habe ich das feſteſte Vertrauen, und wenn Sie können, ſo werden Sie helfen, das weiß ich. Es ————— lebt nun wenigſtens ein Menſch, der Mr. Barny auf⸗ fordern kann, für Clara dasjenige zu thun, was er für mich nicht thun will. Nach meinem Tode werden Sie ihn hoffentlich dazu bewegen können, ſich ſeiner Tochter anzunehmen und ſie aus der gräßlichſten aller Gefah⸗ ren, aus der ſchmachvollſten aller Erniedrigungen zu befreien. Dies iſt der Grund, aus welchem ich Ihnen mein Herz eröffnet. Clara darf hier nicht untergehen. Wir müſſen gemeinſam überlegen, welchen Weg wir einzuſchlagen haben, um wenigſtens Clara zu retten. Ich für meinen Theil ſehe keinen Ausweg, aber viel⸗ leicht liegt dies nur daran daß mein Verſtand vom Kummer unflort iſt. Sie ſind jünger, Ihr Geiſt iſt friſcher; auch Sie haben Clara lieb und ich bin über⸗ zeugt, daß Sie allein oder mit mir vereint Alles thun werden, um mein unſchuldiges Kind vor einer Zukunft zu retten, die ich mir nicht denken kann, ohne an der Vorſehung zu verzweifeln.““ Will machte nach dieſem Bericht eine unwillkürliche Pauſe. Dann fuhr er fort: „Sie können ſich wohl vorſtellen, Kapitän Clive, daß ich von dieſer unerwarteten Mittheilung aufs höchſte überraſcht und beſtürzt war. Ich fühlte voll⸗ kommen, daß nur die größte Seelenangſt, die Ver⸗ zweiflung ſelbſt eine Frau wie Miſtreß Badyſon he⸗ 76 wogen haben konnte, mich derartige Blicke in ihre Ver⸗ gangenheit thun zu laſſen, und ich gelobte mir ſelbſt, ihr Vertrauen nicht zu täuſchen und meine ganze Kraft daran zu ſetzen, ihr zu helfen. Der Gedanke, daß ein Räuber wie Angria, ein Heide oder wenigſtens ein Muſelmann, ſeine Blicke zu einem ſo reinen und un⸗ ſchuldigen Weſen erhebe, wie Clara es war, erfüllte mich mit einem Zorn, mit einem Haß gegen den Pi⸗ raten, wie ich ihn bis dahin nie gegen einen Menſchen gefühlt. Ich hätte ihm den Dolch ins Herz ſtoßen können. Schweigend ſaß ich da. Es war mir unmög⸗ lich, Miſtreß Badyſon ſogleich zu antworten. Tauſend Gedanken gingen durch meinen Kopf. Endlich fand ich Worte, der Dame zu ſagen, daß ich ihr Vertrauen zu ehren wiſſe und daß ſie auf mich ſo ſicher zählen könne, als ob ich ihr Sohn ſei. Als wir indeſſen anfingen zu überlegen, ſtellte es ſich, wie es auch kaum anders zu erwarten war, heraus, daß wir ſo wenig wie früher ein Mittel wußten, unſerer eigenen und Clara's Lage eine günſtigere Wendung zu geben. Wir mußten uns trennen, ohne daß wir einen andern Troſt fanden als denjenigen, uns zu verſichern, daß wir bis zu unſerm Wiederſehen alle Möglichkeiten, alle Hülfsmittel über⸗ legen wollten. Ich habe meinen Kopf nie ſo abgequält wie in den vierundzwanzig Stunden bis zu der nächſten Zu⸗ ſammenkunft. Vereint konnten wir nicht fliehen, das ſchien mir unmöglich. Und machte ich allein einen Fluchtverſuch, ſo beraubte ich mich, wenn er mißlang, der Vergünſtigung, die Damen zu ſehen, konnte ihnen alſo gar nicht mehr nützen. Ich ließ bei Angria an⸗ fragen, ob er ſich meinen Vorſchlag überlegt habe und mir geſtatte, Gheria zu verlaſſen, um in Bombay, Ma⸗ dras oder in England ſelbſt das Löſegeld aufzutreiben. Er ließ mir antworten, daß er den Erfolg unſerer Briefe abworten wolle. Fiele die Antwort ungünſtig aus, ſo ſei es ſpäter noch immer Zeit, wenn ich die Reiſe unternähme. Es blieb mir alſo nichts übrig als Flucht, und ich beſchloß alle meine Gedanken auf dieſes Auskunftsmittel zu richten. Ich bin jedoch überzeugt, daß ich noch heute in Gheria gefangen ſäße, wenn nicht die Vorſehung oder der Zufall, wie man es nun nennen will, ſich meiner angenommen hätte. Und Sie werden ſehr erſtaunt ſein, Kapitän Clive, wenn Sie erfahren, daß ich die glückliche Wendung meines Geſchicks der Nennung Ihres Namens zu danken hatte!“ „Meines Namens?“ rief Clive.„In der That, Deine Erzählung iſt faſt wunderbar.“ „Ja, Sie werden es hören“, fuhr Will fort.„Als 78 ich am nächſten Tage zu Miſtreß Badyſon kam— Clara war an dieſem Tage wieder bei ihr— theilte ich den Damen zuerſt mit, daß Angria mir die Reiſe verwei⸗ gert hätte. Als wir davon ſprachen, befanden wir uns gerade dicht unter den Fenſtern eines der Ge⸗ bäude, welche den kleinen Park rings umgaben. Ich hatte ſchon öfters an dieſen Fenſtern eine verſchleierte weibliche Geſtalt geſehen, die ich für eine der Frauen Angria's hielt. Sie ſaß auch heute wieder an dem offenen Fenſter. Während ich mit Miſtreß Badyſon ſprach, kam mir, wie eine Erleuchtung, plötzlich ein Gedanke.„Ich werde an Mr. Clive, meinen Freund ſchreiben!“ rief ich.„Das iſt der einzige Mann, der im Stande iſt, auf Barny einen Druck zu üben und uns zu retten“ Ich war noch ganz voll von dieſem plöt⸗ lichen Gedanken und Miſtreß Badyſon ſah mich erſtaunt und fragend an, als eine Stimme von dem Fenſter herab in ſehr wohlklingendem Franzöſiſch fragte:„Ken⸗ nen Sie Mr. Clive? Meinen Sie Mr. Clive in Ma⸗ dras?“ Ich blickte erſtaunt in die Höhe, und da die Dame, von der ich vorhin geſprochen, ihren Schleier zurückgeſchlagen hatte, ſo ſah ich in ein wunderſchönes, liebliches Geſicht, deſſen ganz eigenthümlich ſchöne ſchwarzblaue Augen fragend und theilnehmend auf mich gerichtet waren.“ „Doch nicht Adora?“ unterbrach Clive den Er⸗ zähler. .„Ja, Adora, ſo war ihr Name, wie ich ſpäter er⸗ fuhr“ antwortete Will,„und bei dieſem Namen will ich ſie nun auch nennen. Ich war natürlich aufs höchſte überraſcht und erwiderte ihr, ich meine Mr. Clive in Madras. Darauf ſagte ſie, ſie werde zu uns herab⸗ kommen, verſchwand vom Fenſter und war nach we⸗ nigen Minuten neben uns. Ich habe nie eine ſchönere Hindujungfrau geſehen, Kapitän, ich war wie ge⸗ blendet.“ „Trotz Deiner Vorliebe für Miß Clara Badyſon?“ fragte Clive leichthin. „O Kapitän, Clara iſt ein Kind und nicht eben ſchön, nur daß ſie mir gefällt“ antwortete Will.„Es war auch nicht allein die Schönheit Adora's, die mich feſſelte, ſondern der Ausdruck ihres Geſichts, ſo ernſt und traurig und dabei doch ſo klug und theilnehmend, man hätte ihr ewig in die wunderbaren Augen ſchauen können! Doch Sie kennen ſie ja, und ſo iſt es über⸗ flüſſig, ſie zu beſchreiben, was mir auch unmöglich wäre. Sie fragte, woher ich Sie kenne, und erzählte dann, wie ſie von Ihnen gerettet worden und daß ſie jetzt in Gheria wohne, wohin ſie ein Freund geführt, der ſie vielleicht bald wieder abholen werde. Dann 80 fragte ſie mich, ob ich nicht auch den Namen Barny genännt, und ich antwortete bejahend. Mit der Urſache unſerer Gefangenſchaft ſchien ſie bekannt zu ſein; ſie ſagte auch, daß ſie bedauere, bei Angria wohnen zu müſſen, aber es habe ſich ihr kein anderer Zufluchtsort dargeboten und ſie hoffe Gheria bald verlaſſen zu können. Ich faßte ſchnell ein mir ſelbſt unerklärliches Zutrauen zu ihr und theilte ihr in der Eile mit, daß wir noch viel ſehnſüchtiger als ſie Gheria zu verlaſſen wünſchten. Und als ſie dann erwiderte, ſie habe uns oft mit großer Theilnahme beobachtet und gewünſcht, mit uns zu ſprechen, hielt ich es für das Beſte, Miſtreß Badyſon mit ihr allein zu laſſen, und entfernte mich, in der feſten Hoffnung, daß Adora uns helfen wolle und helfen könne. Schon der nächſte Tag überzeugte mich, daß ich mich nicht geirrt. Miſtreß Badyſon kam mir mit ganz verändertem Weſen, mit leuchtenden Augen entgegen. Sie war voll des Lobes der ſchönen Hindujungfrau und theilte mir mit, daß ſie ſich derſelben entdeckt habe und nun mit Sicherheit hoffen dürfe, daß Clara's Zu⸗ kunft geſichert ſei, denn Adora habe ihr verſprochen, Clara vor jeder eigennützigen Abſicht Angria's zu ſchützen. Auf Mr. Barny ſcheine auch Adora nicht gut zu ſprechen, doch habe ſie es gebilligt, daß ich nach Madras reiſen und ihn auffordern ſolle, mit Angria in Unterhandlung zu treten. Wolle das Barny nicht thun ſo werde Adora andere Mittel finden, Clara aus der Macht Angria's zu befreien. Adora hoffe, daß mich Angria reiſen laſſen werde, wenn ſie ihm die Sache vom Standpunkt ſeines eigenen Vortheils dar⸗ ſtelle. Wenn nicht, ſo werde ſie mir zur Flucht ver⸗ helfen und auch Miſtreß Badyſon und Elara aus dem Gefängniß zu befreien wiſſen. Damit war ein großes Hinderniß für unſere Pläne beſeitigt und ich kehrte ebenſo glücklich und ruhig, wie einige Tage vorher unglücklich und verzweifelt, in mein Gefängniß zurück. Schon am folgenden Tage ließ mich Angria vor ſich rufen und ſagte mir, daß er mir die Reiſe nach Madras geſtatte, daß er aber die Damen nicht eher freigeben werde, als bis die ſechzigtauſend Silberrupien, in welchen mein Löſegeld mit inbegriffen war, vor ihm auf dem Tiſche lägen. Seine höhniſche Miene ſchien anzudeuten, daß er an den Erfolg meiner Sendung nicht glaube oder ſich, wenn dieſelbe günſtig ausfalle, nicht ſonderlich darum kümmern werde. Meiner Abreiſe ſtand alſo nichts im Wege. Ich ſagte Miſtreß Badyſon und ihrer Tochter Lebewohl. Adora war zu⸗ gegen. Sie trug mir die herzlichſten Grüße für Sie auf, Kapitän, und ſagte, daß ſie innig wünſche, es Mützelburg, Robert Clive. III. 6 82 möge Ihnen ſtets ſehr gut ergehen, Sie möchten glück⸗ lich werden. Auch fügte ſie hinzu, Sie würden durch einen andern gemeinſamen Bekannten nähere Nachricht über ſie erhalten oder vielleicht ſchon inzwiſchen erhal⸗ ten haben.“ „Sie meint wohl Iſſuf“, ſagte Clive gedankenvoll vor ſich hin. „Ich glaube, ſie nannte dieſen Namen“, erwiderte Will.„Ich verließ Gheria und eilte nach Bombay, um mich von dort nach dem Fort St.⸗David zu be⸗ geben. Mein Wunſch, Miſtreß Badyſon zu helfen, war ebenſo lebhaft wie derjenige, Sie wiederzuſehen. Ich wollte auch in Bezug auf Mr. Barny Ihren Rath hören, und Sie können ſich denken, mit welcher Freude es mich erfüllte, überall Ihrem Namen und dem Rufe Ihrer Thaten zu begegnen. Das Weitere wiſſen Sie. Ich ſchloß mich der Expedition an, die Ihnen Suc⸗ curs bringen ſollte, und wurde von den Feinden ge⸗ fangen.“ Clive lag noch eine Zeit lang ſchweigend auf ſeiner Binſenmatte und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Er raffte ſich jedoch plötzlich auf, erhob ſich und ſchritt durch das kleine Zelt. Will glaubte zu bemerken, daß es heftig in ihm arbeite. „Dieſer Barny iſt ein Schuft!“ ſagte Clive dann 83 mit einer Geberde des Widerwillens und der Verach⸗ tung.„Er will ein junges Mädchen heirathen, eine Baronetstochter, bei der ihn nichts reizen kann als ihre Schönheit. Und um ſie zu heirathen, muß er reich ſein, er erhielte ſie ſonſt nicht. Es iſt ein erbärm⸗ licher Schacher! Aber was iſt zu thun? Für den Augenblick kann ich nicht fort. Radſcha⸗Sahib hat endlich, wie ich erfahren, den Entſchluß gefaßt, ſich mir entgegenzuſtellen, und ich darf dieſe günſtige Ge⸗ legenheit, ihn zu vernichten, nicht verſäumen. Geh Du allein nach Madras, Will, und erinnere den Schurken an ſeine Verpflichtungen gegen Miſtreß Badyſon, ehe es zu ſpät wird. Er ſchreibt mir in ſeinem Briefe, er wolle unmittelbar nach ſeiner Verheirathung mit Miß Birdenhall nach England reiſen.“ „Ich fürchte, ich werde allein ſehr wenig bei dieſem Manne ausrichten“, ſagte Will kleinlaut. „Da unterſchätzeſt Du Deine Kraft!“ rief Clive. „Du biſt ein ganz ſtattlicher Kämpe, gleich gerüſtet zum Angriff wie zur Vertheidigung. Nun, ich glaube, es muß ſich in den nächſten Tagen entſcheiden. Rad⸗ ſcha⸗Sahib zieht ganz in der Nähe herum. Sobald ich ihm eine Lection gegeben, die er nicht ſo leicht ver⸗ geſſen wird, reiſe ich mit Dir nach Madras. Sollte aber das Zuſammentreffen in den nächſten Tagen nicht 6* 84 ſtattfinden, nun, ſo eilſt Du allein nach der Stadt. Ich werde Dir dann einen Brief an Barny mitgeben, wie er ihn wahrſcheinlich noch nie erhalten hat.“ „So bleibe ich noch einige Tage bei Ihnen, Kapi⸗ tän“, ſagte Will.„Ich möchte für mein Leben gern einem Treffen auf freiem Felde beiwohnen, einem Haupttreffen, und womöglich an Ihrer Seite kämpfen.“ „Gut denn! Es bleibt dabei!“ ſagte Clive.„Und nun geh ſchlafen, mein Junge! Morgen müſſen wir früh auf dem Marſche ſein. Vielleicht iſt es der Ent⸗ ſcheidungstag!“ Er reichte Will die Hand. Dieſer zögerte noch. „Alſo das ſchöne Mädchen, von dem Sie damals in Rio ſo entzückt waren, will Barny heirathen?“ fragte er dann leiſe.„Iſt ſie immer noch ſo ſchön? Iſt ſie ſchöner als Adora?“ „Sie ſind beide ſchön, in ihrer Art“, antwortete Elive.„Gute Nacht, mein Junge!“ Und er geleitete oder drängte ihn vielmehr zum Zelt hinaus. ————— Drittes Kapitel. Der Verlobungsabend. Der Marſch der kleinen Armee bot in Bezug auf das Wetter in dieſer Jahreszeit keine großen Beſchwer⸗ den, denn es war dieſelbe herrliche und friſche Winter⸗ zeit, in welcher Clive damals ſeine Wanderung mit Iſſuf von Madras nach St.⸗David unternommen. Wie oft mochte Clive an jene Wanderung zurückdenken, die der Beginn einer neuen, vom Erfolge gekrönten Wirk⸗ ſamkeit für ihn geweſen! Damals ein zeriſſenes Herz, ein Flüchtling, der zufrieden genug war, an einem Moslem eine Stütze zu finden, ohne jede Ausſicht, ohne alle Mittel— jetzt der Führer der geachtetſten Trup⸗ penſchaar Oſtindiens, mit ſechsundzwanzig Jahren ein Feldherr, hochgeachtet von den Directoren der Com⸗ pagnie, verhältnißmäßig reich, wenigſtens weit über 86 ſeine Bedürfniſſe hinaus mit Geldmitteln verſehen, der Abgott ſeiner Soldaten, der Schrecken der Franzoſen — ein glücklicher Menſch in den Augen aller Welt. Nun, was lag ihm daran, ob die Leute ihn für glück⸗ lich hielten? Was kümmerten ihn die fremden Men⸗ ſchen? Wenn er nicht glücklich wat, ſollte er etwa ſchwach genug ſein, es ihnen zu zeigen? Die kleine Armee marſchirte ganz langſam und vorſichtig. Clive hatte in aller Frühe, noch vor dem Abbruch des Lagers, erfahren, daß Radſcha⸗Sahib in der Nähe ſei. Zuerſt hatte er ihn erwarten wollen. Da er ſich aber ſagen mußte, daß ihn Radſcha⸗Sahib wahrſcheinlich nicht angreifen, ſondern irgend eine gün⸗ ſtige Poſition auf dem Wege benutzen werde, um ſich ihm entgegenzuſtellen, ſo brach er das Lager ab und ſetzte ſeinen Marſch fort, jeden Augenblick zum Fechten bereit. Eine kleine Schaar von Mahratten, die ſich Clive angeſchloſſen, zog als Avantgarde voraus und zerſtreute ſich nach rechts und links, um irgend einen Hinterhalt zu entdecken, der möglicherweiſe von Rad⸗ ſcha⸗Sahib gelegt worden. Clive ritt ziemlich an der Spitze des Zugs. Er ſprach heute faſt gar nicht mit den Offizieren an ſeiner Seite; ſein aufmerkſamer Blick war überall; nicht fünf Minuten vergingen, ohne daß er ſein Fernrohr ans Schheeh ehe 87 Auge ſetzte und eifrig in die Ferne ſpähte. Aber bis jetzt ließ ſich auch nicht das mindeſte Anzeichen einer Gefahr oder auch nur der Nähe des Feindes entdecken. Die Dörfer, durch welche die Engländer marſchirten, befanden ſich ſcheinbar in tiefſter Ruhe und Sicherheit. Allerdings wollte man Truppen Radſcha⸗Sahib's bald hier, bald dort geſehen haben, aber die Angaben wider⸗ ſprachen ſich, die Truppen ſollten auch wenig zahlreich geweſen ſein. Will marſchirte bei dem Zuge, dem er zugetheilt worden, dem beſten der kleinen Armee, kurz vor den ſechs Feldgeſchützen, die Clive wie ſeinen Augapfel hü⸗ tete, da er den Eindruck kannte, den gut gezielte Ka⸗ nonenſchüſſe auf die Eingeborenen machten. Er hielt deshalb ſtets ſeine beſten Truppen in der Nähe der Geſchütze und vertraute letztere niemals der Bedeckung der Sepoys an, obwohl auch dieſe in den Kämpfen der jüngſten Zeit Beweiſe von Tapferkeit, Ausdauer und Standhaftigkeit gegeben, wie nie zuvor im Dienſte der Engländer oder Franzoſen. Clive traute ihnen trotzdem noch nicht unbedingt; zur Bedeckung der Ge⸗ ſchütze commandirte er nur engliſche Kerntruppen unter dem Befehl eines zuverläſſigen Offiziers. Heute commandirte Lieutenant Maskelyne die Com⸗ pagnie, welche die Geſchütze deckte und bei der ſich auch 88 Will befand. Lieutenant Maskelyne war ein älterer Bruder der jungen Miß, die Clive im Fort St.⸗ David vor den Beleidigungen Laroche's geſchützt und die ſchon längſt mit ihren Aeltern nach Madras zurück⸗ gekehrt war, wo ſie Clive nicht wiedergeſehen. Der Lieutenant hatte bisher in Bombay in Garniſon ge⸗ ſtanden, war aber ſeit einigen Monaten in das Kar⸗ natik berufen worden und hatte einige kleine Expedi⸗ tionen mit großem Geſchick geführt, ſodaß Clive auf ihn aufmerkſam geworden und ihn mit Erlaubniß der Compagnie zu ſich beordert. Er war ein geſcheidter, tapferer Offizier und ein heiterer, gutmüthiger junger Mann, der eine große Ergebenheit für Clive's Perſon an den Tag legte und, obwohl er älter war als ſein Kapitän, die Verdienſte deſſelben aufrichtig bewunderte, auch jede Anordnung des Commandeurs ohne den ge⸗ ringſten Widerſpruch und ohne Zögern ausführte, was bei den andern Offizieren, die Clive noch als Fähnrich und Proviantcommiſſar gekannt hatten, nicht immer geſchah. Er hatte Clive erzählt, daß ſeine Familie mit der größten Verehrung an ihn zurückdenke, und mit brüderlicher Begeiſterung ein herrliches Bild von der Schönheit und Anmuth ſeiner Schweſter entworfen, die inzwiſchen zu einer in den Augen des Bruders faſt unvergleichlichen Jungfrau erblüht war. 89 Zu dieſem Lieutenant Maskelyne war Clive ge⸗ ritten, um ihn auf eine ziemlich ſteile Anhöhe aufmerk⸗ ſam zu machen, über welche die Straße hinwegführte, und ihm die Ordre zu geben, dieſelbe mit den Geſchützen zu umgehen, als plötzlich ein einzelner Mahratte im vollſten Galopp herangeſprengt kam und ſchon von fern „Feinde! Feinde!“ rief. Clive ritt ihm entgegen und muſterte mit dem Fernrohr die Gegend vor ſich, er⸗ blickte auch in der That in einiger Entfernung eine Reiterſchaar. Zur Linken der Straße befand ſich ein Mangowald, in den man, da die Bäume ziemlich dicht ſtanden, nicht tief hineinſehen konnte. Clive hatte ihn weiter nicht beachtet, da er annehmen mußte, daß die vorausgerittenen Mahratten ihn durchmuſtert hätten. Er überlegte, ob er Halt machen und die Armee in Schlachtordnung ſtellen oder noch einige tauſend Schritt vorrücken ſolle, wo Hügel und Gebüſch ihm eine gün⸗ ſtige Poſition boten. Zufällig richtete er dabei ſein Fernrohr auf den Wald, ließ es aber ſogleich überraſcht ſinken, denn er hatte einige franzöſiſche Uniformen er⸗ kannt. Im Augenblick darauf dröhnte Kanonendonner aus dem Mangowalde und eine Anzahl Kugeln ſchlu⸗ gen in die Reihen der Sepoys und Engländer. Die Feinde hatten ihre Geſchütze, die durch Laubwerk ver⸗ deckt waren, ſicher wie auf dem Schießplatz richten 90 können; die Kugeln trafen alſo überall, wo ſie treffen ſollten, und wohl dreißig Todte und Verwundete ſtürz⸗ ten bei dieſer erſten Salve nieder, der faſt unmittelbar eine zweite folgte. Der Angriff war ſo überraſchend und ſo verderblich in ſeiner Wirkung, daß zwei Compagnien Sepoys, die am meiſten gelitten, ſich nach rechts wandten und quer⸗ feldein liefen. Vergebens ſuchten die Offiziere ſie zu⸗ rückzuhalten; ihr Beiſpiel riß einen großen Theil der andern Sepoys mit fort. Nur die Engländer bei den Geſchützen und bei der Arrièregarde, im Ganzen nicht vierhundert Mann, hielten Stand, waren aber ungedeckt dem feindlichen Geſchützfeuer ausgeſetzt. Die Lage Clive's ſchien bedenklich. Sollte er gegen den Wald Front machen und auf die Geſchütze losgehen? Es war ja leicht möglich, daß die Hauptkraft der feind⸗ lichen Armee hinter den Geſchützen ſtand und nicht einer von den Engländern lebend den Wald wieder verließ. Clive murmelte eine Verwünſchung über die ſorgloſen Mahratten. Dann gab er ſeine Befehle. Die Haupt⸗ ſache war, die Sepoys zum Stehen zu bringen und ſich mit ihnen zu vereinigen. Clive ließ alſo die Ge⸗ ſchütze und ihre Bedeckung bis über Kanonenſchußweite zurückgehen und ſich hinter einer niedrigen Hecke auf⸗ ſtellen. Dann ſprengte er den fliehenden Compagnien echeeteeeteget chheee e 91 nach. Sein bleies Geſicht, ſein Zorn und Verachtung flammenves Auge erſchreckten diejenigen, an denen er vorbeiritt. Zuerſt ſchien es faſt, als fliehe er ſelbſt. allen voraus. Aber als er die vorderſten Flüchtlinge überholt, parirte er plötzlich ſein Pferd, zog den Degen, richtete ſich hoch im Sattel auf und rief, zu den Flie⸗ henden gewendet: „Ueber dieſe Stelle kommt keiner lebend! Wagt es und kommt heran!“ Die Sepoys ſtanden. Sie ſenkten den Blick vor dem Flammenſprühen ſeiner Augen. Clive ſagte kein Wort weiter. Sein Blick ſchien ſich hineinzubohren in die Herzen der Feiglinge, ihnen in die Seele zu bren⸗ nen. Voller Scheu und Scham ordneten ſie ſich und folgten gehorſam dem Commando der Offiziere, bis ſie wieder in Reih und Glied ſtanden. Clive, der bis jetzt regungslos auf ſeinem Pferde gehalten und die Schaar überſchaut hatte, ſprengte mitten unter ſie. „Ihr habt eine große Schande gut zu machen!“ rief er mit weithin ſchallender Stimme.„Ihr ſollt mir heute zeigen, ob ich noch mit Achtung von Euch ſpre⸗ chen kann!“ Dann ſtellte er ſich an die Spitze der Sepoy⸗Com⸗ pagnien und ließ dieſelben nach links marſchiren, bis 92 ſie ungefähr in gleicher Linie mit v Engländern und den Geſchützen ſtanden. Etwa zweitauſend Schritte vor ihnen lag der Mangowald, in dem es jetzt wieder ganz ruhig geworden, da die feindliche Artillerie ihr Feuer eingeſtellt hatte. Clive mußte überlegen. Entweder er zog weiter auf ſeiner Straße, als ob nichts geſchehen, und erwar⸗ tete einen zweiten Angriff auf freiem Felde, oder er griff den Wald an, oder er zog ſich zurück. Das Letzte hatte keinen Sinn und keinen Nutzen; es hätte nur die Truppen entmuthigt. Das Erſte war gewagt, da er die Zahl der Feinde nicht kannte. Vor ihm lagen Höhenzüge, hinter denen feindliche Reiterei und Fuß⸗ volk verborgen ſein konnte. Er durfte die Geſchütze der Franzoſen nicht im Rücken behalten. Ebenſo ge⸗ wagt war es, den Mangowald zu ſtürmen. Das Opfer war jedenfalls ein großes, der Erfolg ungewiß. Und kehrten ſeine Truppen geſchlagen aus dem Walde zurück, ſo wurden ſie ſicher von den feindlichen Reitern, die näher und näher heranzogen, angegriffen und auf⸗ gerieben. Er ritt zu Lieutenant Maskelyne und ſprach mit dieſem einige Worte. Dann ſprengte er zu den Füh⸗ rern der Sepoys und ſprach leiſe, aber eindringlich mit denſelben. Einige Minuten darauf ſetzten ſich die Se⸗ ——— S 93 poys in Bewegung und zogen ruhig neben der Land⸗ ſtraße weiter, als wollten ſie, unbekümmert um die Feinde zu ihrer Linken, ihren Marſch fortſetzen. Die Engländer und die Geſchütze blieben noch in ihrer Stellung, aber nur, wie es ſchien, um den Sepoys zu folgen, ſobald das Feld frei ſei. Clive hatte ſeinen Plan entworfen. Sobald die Sepoys einen einzeln ſtehenden Baum, den er ihren Führern bezeichnet, er⸗ reicht hatten, ſollten ſie ſich links wenden und auf den Wald losgehen. Zu gleicher Zeit wollte dann Clive mit den Engländern in gerader Linie vorgehen und die Geſchütze in ihrer rechten Flanke angreifen. Er ver⸗ muthete, daß die Feinde, durch das Vorgehen der Se⸗ poys getäuſcht, dieſen folgen und die Geſchütze ohne Deckung laſſen würden. Aber ſelbſt wenn das nicht geſchah, ſo geriethen ſie zwiſchen zwei Feuer, ſie muß⸗ ten ihre Kraft theilen und im Walde wurde ihre Rei⸗ terei unbrauchbar, während die kleine Schaar Clive's durch richtige Verwendung an Bedeutung wuchs. Clive beobachtete durch ſein Fernrohr, was im Walde vorging, während ſeine Sepoys weiter marſchir⸗ ten. Hätte ſich jetzt der Feind mit Uebermacht aus dem Walde heraus auf ihn und ſeine Geſchütze geſtürzt, ſo wäre er verloren geweſen. Aber Clive rechnete mit Sicherheit darauf, daß die Feinde durch das Vorgehen 94 der Sepoys beunruhigt und verwirrt werden würden, und er täuſchte ſich nicht. Die feindlichen Reiter zogen ſich zurück. Im Walde bemerkte er Truppenbewegungen, welche andeuteten, daß die Feinde den Sepoys folgten. Jetzt war der Moment da. Im Sturmſchritt rückte er mit den Engländern auf den Wald zu, die ſechs Ge⸗ ſchütze, von eigens dazu dreſſirten Pferden gezogen, in der Mitte. Schnelligkeit und Ueberraſchung mußten hier Alles thun, der Feind durfte keine Zeit behal⸗ ten, zu überlegen, wohin er ſeine Truppen zur Ver⸗ theidigung ſammeln ſolle. Tauſend Schritt vom Walde ließ Clive die Kanonen aufs Gerathewohl in den Wald hinein feuern. Dann ſchwenkte er plötzlich nach links, und noch ehe die Franzoſen Zeit fanden, ihre Geſchütze nach dieſer Seite zu richten, hatten die engliſchen Com⸗ pagnien wieder Front gegen den Wald gemacht und drangen nun in lange Tirailleurketten aufgelöſt in denſelben ein. Nach zehn Minuten hatten ſie die Ge⸗ ſchütze erreicht, die nur von ungefähr zweihundert Fran⸗ zoſen und dreihundert Sepoys vertheidigt wurden⸗ Das Hauptcorps der feindlichen Armee war den Se⸗ poys gefolgt, um dieſelben zu beobachten. Ehe es ſich zurück, gegen den unerwarteten Angriff auf die Ge⸗ ſchütze wenden konnte, waren dieſelben umzingelt und es entbrannte ein heißer Kampf mit der blanken Waffe, ———————— 95 Mann gegen Mann. Die Franzoſen ſchienen willens, die Geſchütze mit ihren Leibern zu decken. Sie wußten auch, daß ihnen, wenn ſie ſich nur eine Viertelſtunde hielten, Tauſende zu Hülfe kamen. Da Clive über hundert Mann als Bedeckung der Geſchütze außerhalb des Waldes zurückgelaſſen hatte, ſo beſtand ſeine Schaar nur aus ungefähr zweihundert⸗ undfünfzig Mann. Er kämpfte alſo gegen eine dop⸗ pelte Uebermacht und das Handgemenge hätte ſich in die Länge ziehen können. Auch mußten die Geſchütze genommen ſein, ehe die Truppen Radſcha⸗Sahib's zurückkehrten. Clive feuerte ſeine Schaar mit einigen begeiſternden Worten an und ſtürzte ſich ſelbſt in das dichteſte Kampfgetümmel, den Degen in der Rechten, das Piſtol in der Linken. Plötzlich gewahrte er zahl⸗ reiche Reiter vor ſich und zwiſchen den Kämpfenden. Sie trugen eine eigenthümliche, ihm bis dahin unbe⸗ kannte Tracht und ſtießen einen Kriegsruf aus, wie er ihn noch nicht vernommen. In ſeiner erſten Beſtür⸗ zung glaubte er, es ſeien Feinde, und hielt den Angriff für verloren. Dann aber erkannte er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen an dem Turban des Reiters, der ihm am nächſten war, die engliſchen Farben und bemerkte auch, daß die Reiter mit ihren breiten Schwertern wild auf die Franzoſen einhieben. Durch den unerwarteten An⸗ 96 griff dieſer Reiter, die ſich zwiſchen den dichtſtehenden Mangobäumen mit einer Sicherheit bewegten wie auf freiem Felde, geriethen die Franzoſen und ihre Ver⸗ bündeten in jähe Verwirrung und wandten ſich zur Flucht. In wenigen Minuten waren die Franzoſen bei ihren Geſchützen theils niedergehauen, theils ent⸗ waffnet und gefangen, und Clive konnte ſich mit hun⸗ dertundfünfzig Engländern den heranziehenden friſchen Truppen Radſcha⸗Sahib's entgegenwerfen, unterſtützt von jenen ihm immer noch räthſelhaften Reitern, die er auf ungefähr dreihundert Mann ſchätzte. Lieutenant Maskelyne führte inzwiſchen die genommenen Kanonen und die Gefangenen zu den Geſchützen und deren Be⸗ deckung, um dann ſofort wieder Clive zu folgen und ſich demſelben anzuſchließen. Man hörte jetzt auch das Feuer auf der Linie der engliſchen Sepoys. Clive, der recht gut wußte, wie wichtig es ſei, die Verwirrung der Feinde zu benutzen, warf Alles vor ſich nieder und trieb die Feinde in die Schußlinie der Sepoys, ſeine Gegner immerfort flankirend und in einem weiten Bogen umgehend. Als er den gegenüber⸗ liegenden Saum des Waldes erreichte, ſah er die Feinde bereits in voller Flucht. Die Sepoys hatten mit einem Ungeſtüm angegriffen, der ihre frühere Schmach vollkommen vergeſſen ließ. Zu einem Knäuel ———,——— —— ———— ,—————— 97 geballt flohen die Schaaren Radſcha⸗Sahib's in wilder Verwirrung den nördlichen Höhen zu. Mitten in ſie hinein ſtürzten ſich jene Reiter, Alles vor ſich nieder⸗ mähend. Hätte Clive ſeine Kanonen bei der Hand ge⸗ habt, ſo hätte er einzelne Abtheilungen der Feinde vollkommen zerſchmettern können. Aber auch ſo war der Verluſt des Feindes ein bedeutender und ſeine Niederlage eine vollkommene. Fünfzig Franzoſen wa⸗ ren getödtet, ſechzig gefangen, dreihundert feindliche Sepoys lagen todt im Walde und auf dem Felde, faſt die geſammte Artillerie des Feindes, neun Kanonen und drei Haubitzen, war genommen. Clive ſelbſt hatte nur vierzig Europäer und dreißig Sepoys an Todten, freilich an Verwundeten eine bedeutendere Zahl verloren, da der kurze Kampf im Walde ein ſehr heftiger geweſen. Wie faſt immer wurde die ganze Bagage des Feindes erbeutet und den Mahratten, Engländern und Sepoys zur Plünderung überlaſſen. Sobald Clive Athem geſchöpft und ſein Pferd wie⸗ der beſtiegen, ſah er ſich nach jenen Reitern um, die durch ihren Angriff im Walde gerade zur rechten Zeit den Sieg für die Engländer entſchieden hatten. Aber ſie waren noch immer in der Verfolgung des fliehen⸗ den Feindes begriffen, von deſſen Ferſen ſie ſich nicht trennen zu können ſchienen. Clive mußte alſo ſeine Mützelburg, Robert Clive. II. 7 98 Neugierde zügeln und ſprach inzwiſchen ſeinen Offizie⸗ ren den Dank für ihre Tapferkeit und glücklichen Ma⸗ növer aus. Lieutenant Maskelyne war leicht ver⸗ wundet, ebenſo Will, der ſich nach Maskelyne's Ver⸗ ſicherung wie ein junger Löwe geſchlagen hatte. Clive erkundigte ſich ſogleich bei Will ſelbſt nach deſſen Ver⸗ wundung. Der junge Fähnrich zeigte lachend ſeinen Arm und ſcherzte darüber⸗ „Wenn Du Dich wohl genug fühlteſt, Will, ſo hätte ich Dir eine Auszeichnung zugedacht“ ſagte Clive. „Du ſollteſt nach Madras reiten und die Siegesbotſchaft überbringen.“ „Herzlichen Dank, Kapitän!“ rief Will.„Ich bin ganz munter und kann augenblicklich ein Pferd be⸗ ſteigen. Das Reiten habe ich hier zu Lande ſchon gelernt.“ Clive ſchrieb mit Bleiſtift auf ein Blatt Papier: „Bei Koverpakam, 6. Januar 1752. Radſcha⸗Sahib hat angegriffen, iſt vollkommen geſchlagen, flieht verfolgt nach dem Norden. Neun Kanonen, drei Hau⸗ bitzen genommen, ſechzig Franzoſen gefangen. Ich komme in den nächſten Tagen nach Madras— bin für den Augenblick hier überflüſſig, da Alles gethan. Ueberbringer, Fähnrich William Starlow, der ſich aus⸗ 80 gezeichnet, kann nähere Mittheilungen machen. Kapi⸗ tän Clive.“ „So, lieber Junge“, fügte er hinzu,„nimm dies und zeige, daß Du reiten kannſt! Vielleicht präſentire ich Dich der Compagnie zum Lieutenant. Warte, bis ich komme, ehe Du mit Barny ſprichſt. Ich bin wenige Tage nach Dir in Madras.“ „Ein Hurrah für Kapitän Clive!“ rief Will, ſeinen Hut ſchwenkend, und die Truppen, die in der Nähe ſtanden, fielen jubelnd ein. Will eilte fort, ſich ein Pferd zu verſchaffen. Jetzt kamen auch die Reiter, die Clive's Intereſſe in ſo hohem Grade erregt hatten, zurück. Clive hielt es für ſeine Pflicht, ihnen eine Strecke entgegenzureiten. Es waren ſtattliche, kräftige Leute auf prächtigen Pfer⸗ den, unzweifelhaft Mahratten, aber von einem Stamme, den Clive noch nicht kannte, ſehr gut bewaffnet mit breiten Schwertern, Flinten, Piſtolen und Dolchen. An der linken Seite trugen ſie kleine metallene Schilde für das Einzelngefecht. Ihnen voran ritt ein Mann in ſtolzer Haltung mit ſchwarzem Bart. Sobald Clive ihn genauer ins Auge faßte, ſtutzte er und rief:„Iſſuf!“ „Gegrüßt ſeiſt Du, Clive⸗Sahib!“ antwortete ihm der Muſelmann.„Ich habe Wort gehalten, meinſt Du nicht? Ich kam gerade zur rechten Zeit. Aber. 100 auch Du haſt Dein Wort gehalten, das muß ich ſagen! Du haſt mehr gethan, als ich erwarten konnte!“ Die beiden Männer begrüßten ſich ſo herzlich, als es der Ernſt des Moslem und die Würde, die Clive, namentlich den Eingeborenen gegenüber, ſtets zu be⸗ wahren wußte, erlaubten. „Es ſind mahrattiſche Reiter, aus den Gebirgen im Norden, die tapferſten ihres Stammes“, antwortete Iſſuf auf eine Frage Clive's.„Ich habe ſie angeworben, und wenn Du ihnen einen Antheil an der Plünderung gönnſt, ſo werden ſie Dir überall folgen. Es fehlte wenig, ſo hätten ſie Radſcha⸗Sahib ſelbſt gefangen. Aber ſeine Leute ſtellten ſich und ſie hatten noch einige Geſchütze. Da machten wir Kehrt. Jetzt wollen wir uns einige Ruhe gönnen, denn wir ſind ſeit Tages⸗ anbruch unterwegs und ſcharf geritten. Dann ſpreche ich mit Dir von vergangenen und kommenden Dingen.“ Clive gönnte ſeinen Truppen an dieſem Tage die wohlverdiente Ruhe und beſchäftigte ſich ſelbſt damit, eine ausführliche Relation deſſen, was er in den letzten vier Wochen gethan— es war eine Reihe von Siegen und wichtigen Erfolgen— für die Direction der oſt⸗ indiſchen Compagnie auszuarbeiten. Gegen Abend beſuchte ihn Iſſuf. Clive erfuhr jedoch weniger von ihm über ſeine und Adora's Ver⸗ — e 101 gangenheit, als er erwartet hatte. Iſſuf war ſchweig⸗ ſamer Natur und ſchien mehr mit der politiſchen Lage ſeines Vaterlandes beſchäftigt. Doch erfuhr Clive, daß Iſſuf damals vom Fort St.⸗David aus nach Madras gereiſt ſei, um Adora abzuholen, die ihm für ſeine Ankunft großen Dank gewußt, da Barny, nachdem er eine Zeit lang die Rolle des großmüthigen und un⸗ eigennützigen Beſchützers mit vielem Erfolg geſpielt, ſpäter mit Plänen hervorgetreten war, denen ſich Adora nie gefügt hätte, ja ſogar gedroht hatte, ſie an Dupleix auszuliefern. Iſſuf hatte Adora zuerſt nach einer Fe⸗ ſtung im Innern des Landes zu einem ſeiner Freunde geführt, ſie ſpäter aber, als jener Freund geſtorben, nach Gheria geleitet. „Angria iſt ein Freund von mir“, fügte er hinzu, „der mir viele Dankbarkeit ſchuldet. Adora iſt alſo bei ihm ſehr gut aufgehoben; ſie könnte nirgendwo ſicherer ſein. Haſt Du nie daran gedacht, Clive⸗Sahib, dieſe Adora zu heirathen?“ Der Kapitän war von dieſer ganz plötzlich und ruhig an ihn geſtellten Frage überraſcht und faſt ver⸗ wirrt, ſodaß er nur mit der Frage zu antworten wußte:„Wie kommſt Du darauf?“ „Nun, weil Adora ein Weib iſt, wie es das Morgen⸗ und Abendland nicht ſchöner bietet“, erwiderte Iſſuf, 102 „und weil ſie Dir mit einer Treue und Ergebenheit anhängt, wie Du ſie im Abend⸗ und Morgenlande nicht wieder finden wirſt. Ich könnte nicht begreifen, was Dich abhielte, der Mann einer ſo ſchönen und klugen Frau zu werden. Iſt ſie auch aus Hindublut ent⸗ ſproſſen, ſo iſt es doch fürſtliches Blut, das in ſeinem Urſprung ſo rein war wie das des Propheten und erſt hier in Indien ſich zum Schlechten verändert hat. Wer Adora eigentlich iſt, werde ich Dir ſpäter ſagen, da es jetzt noch kein Intereſſe für Dich haben kann. Es genüge Dir zu wiſſen, daß ſie die recht⸗ mäßige Tochter eines der erſten Fürſten von Indien iſt, und daß Du, wenn Du als ihr Gatte kämſt, den Thron ihres Vaters zu erobern, der jetzt von Unwür⸗ digen beſetzt iſt, ſelbſt auf dieſen Thron ſteigen könnteſt. Ja, was würde Dich hindern, da Du noch ſo jung biſt und Beweiſe Deiner Tapferkeit und kriegeriſchen Begabung abgelegt haſt, da Dich, wie ich höre, die Inder anbeten, unterſtützt von einem ſo ſchönen und klugen Weibe Dich ſelbſtſtändig zu machen und ſpäter ſogar auf den Thron von Delhi zu ſteigen und das alte Reich der großen Moguln in ſeinem frühern Glanze wieder aufzurichten? Wäre ich ein Jüngling wie Du, ſo ſollte kein Thron mir zu hoch, kein Plan mir zu ſchwierig ſein. Kämſt Du als Adora's Gatte 103 nach dem Lande, das ihr Vater rechtmäßig beherrſcht, ſo würde Dir Alles zufallen und Du könnteſt das ganze Mogulreich aus den Angeln heben und eine ge⸗ waltige Herrſchaft begründen, an welcher die Fran⸗ zoſen und ſelbſt Deine Landsleute vergebens rütteln würden.“ „Dein Plan ſetzt alſo nicht nur eine Heirath mit Adora voraus“, erwiderte Clive,„ſondern auch eine Trennung von meinen Landsleuten, meinem Vaterlande, ja, wie ich vermuthe, eine Aenderung meiner Religion, einen Uebertritt zum Islam?“ „Ich bin offen zu Dir“, ſagte Iſſuf,„und deshalb antworte ich mit ja. Es ſtehen Dir große Schickſale auf die Stirn geſchrieben, wenn Du nur Deinem Sterne folgen willſt. Glaube mir, ich habe Euch Engländer genau beobachtet, und ich bin überzeugt, Du wählteſt das beſſere Theil, wenn Du einer der Unſern würdeſt. In Deinem eigenen Volke kannſt Du freilich ebenfalls eine hohe und geachtete Stellung erreichen, aber Du wirſt niemals einer der Erſten ſein. Es gibt bei Eu⸗ rem Volke ebenſo gut Klaſſen und Kaſten wie bei den Indern, und wenn Du Dich auch durch Tapferkeit und Klugheit aus der Kaſte, in welcher Du geboren, empor⸗ gehoben haſt, ſo werden die Andern doch mit Neid auf Dich blicken und Dich nicht für ebenbürtig anerkennen. 104 Was Deine Religion betrifft, ſo kann ich nicht finden, daß ſie reiner und höher ſei als der Glaube des Pro⸗ pheten und daß Du dem alleinigen Gott mißfällig werden würdeſt, wenn Du ihn Allah nennſt, anſtatt Gott. Es iſt kein wahrhaft gutes Gebot in Eurem Sittengeſetz, das ſich nicht auch in dem unſern wieder⸗ fände, und was den Glauben betrifft, ſo ſcheint mir der unſere reiner, weniger vermiſcht mit Beiwerk und Bilderdienſt als der Eure. Hat doch mancher Chriſt ſchon den Islam angenommen und iſt in Frieden ge⸗ ſtorben.“ „Wenn ich Dir auch zugäbe, daß Du in dieſen beiden Dingen Recht hätteſt, was ich aber nicht thue“, antwortete Clive,„ſo müßte ich doch eine Heirath mit Adora ablehnen. Ihr denkt anders über die Ehe als wir. Bei uns iſt die Ehe die Vereinigung zweier Per⸗ ſonen, die ſich ausſchließlich lieben; eine glückliche Ehe kann nur gedacht werden, wenn der Gegenſtand, den wir heirathen, außerhalb des Bereichs alles Nutzens und aller Berechnung liegt, wenn wir ihn um ſeiner ſelbſt willen, gleichviel ob arm, ob reich, ob ſchön oder unſchön, lieben.“ „Ich weiß nicht, ob Du wirklich ſo denkſt“, ſagte Iſſuf,„ich habe nur geſehen, daß Deine Landsleute dieſem Satze ſehr oft, ja gewöhnlich zuwider handeln. 105 Sie ziehen ihren Vortheil zu Rathe, oder wenn das nicht der Fall iſt, verwechſeln ſie oft Sinnlichkeit mit Liebe und heirathen ein Weib, deſſen ſie nach wenigen Monaten überdrüſſig ſind. Mir ſcheint es, als ob Adora um ihrer ſelbſt willen geliebt werden könnte, indeſſen läßt ſich dem Herzen, wie ich einſehe, nicht gebieten. Wäre ich an Deiner Stelle, ſo würde ich die Vernunft zu Rathe ziehen und mir ſagen, daß ein Mädchen wie Adora, ſchön, klug und mir innig ergeben, die Trägerin von bedeutenden Anrechten, wohl meine Gattin werden könne, ohne daß ich meiner Ehre etwas vergäbe. Du würdeſt gewiß mit ihr zufrieden ſein. Es gibt keine treuern Frauen als die Hindus. Wollteſt Du unter Deinen Landsleuten ein Mädchen wählen, das Adora an Abſtammung, Schönheit und Bildung gleich käme, ſo würdeſt Du große Mühe haben, Deinen Zweck zu erreichen, und Deine Lebensſtellung würde dadurch nicht im mindeſten verbeſſert, ja Dein Stolz durch die Vernachläſſigung Deiner Verwandten vielfach verletzt werden. Ich verlange keine ſchnelle Entſcheidung von Dir, auch kann ich Dir ja nur einen Vorſchlag machen. Aber überlege reiflich, was ich Dir geſagt. Adora würde Dich glücklich und, wenn Du ihre Anrechte vertheidigen und benutzen willſt, zu einem Herr⸗ ſcher machen, mächtiger als der König Deines Vaterlandes!“ 106 „Ich danke Dir, Iſſuf!“ antwortete Clive, nicht ohne Nachdenken in ſeinen ernſten Zügen.„Ich werde auch Deinen Rath in reiflichſte Ueberlegung ziehen. Aber ich muß Dich ſchon jetzt darauf aufmerkſam machen, daß ich mit meinem Volk, meiner Religion, meiner Erziehung und den Anſichten meines Vater⸗ landes zu ſehr verwachſen bin, um mich in einer Weiſe, wie Du es verlangſt, von ihnen losreißen zu können. Was Dein Plan Verführeriſches für meinen Ehrgeiz hat, wird durch das Opfer, das ich meiner innern Ueberzeugung bringen müßte, aufgehoben. Was na⸗ mentlich die Grundlage Deines ganzen Plans betrifft, die Verbindung mit Adora, ſo kann ich ſie niemals eingehen. Zwar zweifle ich nicht daran, daß Adora einen Gatten, der ſie liebt, ſehr glücklich machen würde, aber dieſe Bedingung trifft bei mir nicht ein. Ich hege für das Hindumädchen nicht das Gefühl, das Adora von ihrem Gatten verlangen muß, und ich glaube, Du kennſt ſie ſelbſt nicht genug, wenn Du wähnſt, ſie würde meine Gattin werden, ohne nicht zugleich meiner wahrſten Liebe und Zuneigung ver⸗ ſichert zu ſein.“ „Ich vermuthe, daß ſie in dieſer Hinſicht natür⸗ licher oder, wenn Du mir den Ausdruck verzeihſt, auch vernünftiger denkt als Du“, antwortete Iſſuf.„Sie 107 weiß, daß die Ehe, wenn ſie nicht gerade mit Wider⸗ willen geſchloſſen wird, die Gemüther vereinigt, gleiche Geſinnungen ſchafft und zuletzt einen Zuſtand der Freundſchaft hervorruft, der bei weitem der Leiden⸗ ſchaftlichkeit der Sinne und der ſtürmiſchen Liebe, wie ſie wohl bei ganz jungen Perſonen berechtigt iſt, vor⸗ gezogen werden muß. In der Ehe ſcheint es mir auch die Hauptſache, daß die Frau den Mann liebt, denn der Mann wird ſtets durch andere Beſchäftigungen von dem häuslichen Leben, welches das Glück der Ehe bildet, abgezogen ſein, und es genügt, wenn er ſeiner Frau Achtung und Vertrauen ſchenkt. Wenn er nur weiß, daß ſeine Ehre und das Glück ſeiner Häuslich⸗ keit ſicher in der Obhut einer treuen Frau ruhen, ſo kann er ſeinen männlichen Plänen mit Sicherheit und ſtets friſcher Kraft nachgehen. Ein Gatte, der ſtets der Liebhaber ſeiner Frau iſt, der wenigſtens ſtets von der Liebe zu ihr, von der Eiferſucht, von der Sehn⸗ ſucht, in ihrer Nähe zu ſein, beherrſcht wird, kann niemals etwas Großes und Bedeutendes leiſten. Er wird ſich nur für eine untergeordnete Stellung eignen. Und daß Adora allen Anſprüchen genügt, die ein ver⸗ nünftiger Mann an eine Gattin ſtellen kann, das weiß ich. Sie liebt Dich von ganzer Seele, ſie würde für Dich in den Tod gehen. Das ſcheint mir wahrlich 108 genug, um ſo mehr, da ſie von einer Schönheit und einer Anmuth des Geiſtes iſt, wie ich ſie niemals an einer Frau Eures und meines Volkes geſehen habe.“ „Ei, warum heiratheſt Du ſie nicht ſelbſt?“ rief Clive, weniger um zu ſcherzen, als um einer ernſten Ant⸗ wort auf die gewichtigen Bemerkungen Iſſuf's zu entgehen. „Ich würde mich keinen Augenblick beſinnen, ſie in meinen Harem zu führen“, antwortete Iſſuf voll Würde,„wenn ich nicht zu alt für ſie wäre, wenn ich ihr eine Stellung bieten könnte, die ihrer Herkunft genügt, wenn ſie mich liebte und wenn ich nicht ge⸗ lobt hätte, für ihr Beſtes zu ſorgen in jeder Hinſicht. Ihr Beſtes aber kann nur die Vereinigung mit einem Manne ſein, den ſie liebt und der einer großen Zukunft entgegengeht. Das bin nicht ich, ſondern das biſt Du!“ „Ich danke Dir aufrichtig“, antwortete Clive,„und ich verſpreche Dir, dieſe Angelegenheit aufs ernſteſte zu überlegen. Für jetzt aber bin ich Soldat und Du mußt mir mittheilen, was Du von Mohammed⸗Ali weißt und wie die Verhältniſſe im Innern des Landes be⸗ ſchaffen ſind. Meinſt Du nicht auch, daß die Franzo⸗ ſen in kurzer Zeit jeden Einfluß auf der Küſte von Koromandel und namentlich im Karnatik verloren haben werden?“ Iſſuf ſchien nur ungern das frühere Thema fallen zu laſſen, ging aber ſogleich auf die Fragen Clive's 109 ein. Allerdings war auch ſeiner Anſicht nach das Anſehen der Franzoſen überall im Sinken, und die Mahratten, derjenige Volksſtamm des Dekan, der faſt in allen Kriegen die Entſcheidung herbeiführte, war entſchloſſen, ſich mit Entſchiedenheit auf die Seite der Engländer zu ſtellen. Dabei flocht er jedoch gern Fragen ein, was die Engländer thun und welche Stel⸗ lung ſie zu den einheimiſchen Fürſten nehmen würden, wenn die Franzoſen aus Indien vertrieben wären. Clive antwortete, daß er darüber ſchon oft nachgedacht habe und ſtets zu dem Reſultate gekommen ſei, die Engländer müßten die einheimiſchen Fürſten beſtehen laſſen und ſich damit begnügen, in dieſen Gegenden Handel zu treiben. Das Gebiet Hindoſtans ſei zu groß und zu bevölkert, als daß es von England aus in Ruhe und Sicherheit beherrſcht werden könne. Der ganze Zweck der Compagnie müſſe darauf gerichtet ſein, ſich in Indien eine geachtete Stellung zu ver⸗ ſchaffen und das Privilegium eines für alle Theile einträglichen Handels zu erhalten. Auf dieſe Weiſe würden die Inder und Engländer ſtets in guter Freundſchaft mit einander leben. Freilich fügte er hinzu, ſeien ſeine eigenen Anſichten nicht maßgebend für die Entſchlüſſe der Compagnie. 110 Iſſuf ſchien mit dieſen Anſichten vollkommen ein⸗ verſtanden, denn ſie hinderten das Erſtarken und Emporblühen ſeines eigenen Vaterlandes nicht und boten für die Zukunft einen weiten Spielraum. Er ließ deutlich durchblicken, daß es ſein Wunſch ſei, irgend ein einheimiſcher Fürſt möge mit Hülfe der Engländer eine feſte Herrſchaft in Indien errichten und der allgemeinen Verwirrung und dem Verfall Einhalt thun. Daß ihm ſelbſt ein Engländer, alſo Clive, zu der Durchführung dieſer Aufgabe geeignet ſcheine, hatte er ſchon vorher angedeutet. Die beiden Männer gingen dann auf die Einzeln⸗ heiten der augenblicklichen Lage, namentlich auf die Bedrängniß Mohammed⸗Ali's ein, der in Tritſchinapoli noch immer hart von Chunda⸗Sahib und den Franzo⸗ ſen belagert war, dem Clive jedoch jetzt Erleichterung zu verſchaffen hoffte, da Radſcha⸗Sahib, Chunda's Sohn, im Karnatik geſchlagen und in dieſem Gebiete die Macht des Feindes gebrochen war. Die Ankunft des Majors Lawrence aus England wurde erwartet. Mit dieſem vereint wollte Clive den Franzoſen den Garaus machen, womöglich Pondichery nehmen und zerſtören und einen Nizam für das Dekan, ſowie einen Nabob für Arkot und das Karnatik einſetzen, der den Eng⸗ ländern treu ergeben wäre. 111 Am folgenden Morgen brach Clive nach dem Sü⸗ den auf und wandte ſich zuerſt nach dem Orte, wo die Franzoſen den erſten Sieg über Nazir⸗Jing errungen hatten. Dupleix hatte dort eine Stadt erbauen laſſen, die Dupleir' Fatihabad— zu Deutſch: Dupleix Sieges⸗ ſtadt— genannt war und wo er eine Säule errichtet, die in vierfacher Inſchrift, in franzöſiſcher, malabariſcher, perſiſcher und hindoſtaniſcher Sprache den Ruhm und die Thaten des klugen Franzoſen aller Welt verkündete. Clive wußte recht gut, wie groß der Einfluß dieſer Schaudenkmale auf den Geiſt der Hrientalen war. Er ließ alſo die Stadt und die Säule niederreißen, über⸗ zeugt, daß die Nachricht von dieſer Zerſtörung ſich bald verbreiten und dem Rufe Dupleix' ebenſo viel ſchaden werde wie eine verlorene Schlacht. Dann übergab er Lieutenant Maskelyne den Oberbefehl über die Engländer, ernannte Iſſuf zum Commandeur der Sepoys und der Mahratten und eilte ſelbſt nach Ma⸗ dras, da er inzwiſchen einen Brief von dem Gouver⸗ neur erhalten, der ihn dringend aufforderte, nach Ma⸗ dras zu kommen, um neue Operationspläne zum Ent⸗ ſatz von Tritſchinapoli mit den Directoren zu verab⸗ reden. Es war ein prächtiger Nachmittag, als Clive, nur von wenigen Dienern begleitet, auf das Fort St⸗ 112 Georg zuritt. Schon bei den erſten Landhäuſern, welche die Nordſeite von Madras umgeben, war er erkannt worden und das Gerücht von ſeiner Ankunft flog ihm voraus. Wie reich an Erinnerungen war dieſe Stadt und ihre Umgebung für ihn! Dort zur Rechten lag die Pagode, in deren Nähe er zuerſt mit Lieutenant Fitzroy gegen die Franzoſen gekämpft; dort glänzte das Landhaus Birdenhall's; hier zur Linken hatte er Iſſuf ſeinen Mantel zugeworfen; dort drüben hatte Adora gewohnt, und dieſelbe Straße war er an jenem Abend mit Iſſuf hinaufgewandert, um ſich in St.⸗David eine beſſere Zukunft zu ſuchen! Kein Wunder, daß er gedankenvoll und ernſt dahinritt, bis der Ruf:„Hurrah für Capitän Clive!“ immer häufiger erſcholl und ihn nöthigte, die hundertfachen Begrüßungen zu erwidern. Die Wache am Thor war unter das Gewehr getreten und präſentirte, während die Trom⸗ meln raſſelten; auch Will erſchien bald an der Spitze zahlreicher Rekruten, die ihr unabläſſiges Hurrah in die ſchmalen Straßen der weißen Stadt hineindonnerten. So geleitet erreichte Clive die Amtswohnung des Gou⸗ verneurs, in welcher er ſein Quartier aufſchlagen ſollte. Es war der Einzug eines Triumphators. Der Gouverneur, Mr. Saunders, empfing Clive mit Herzlichkeit und Ehrerbietung. Die beiden Männer 113 begaben ſich ſogleich in ein Privatzimmer, in welchem ſie eine mehrſtündige Unterredung mit einander hatten. Im Verlauf derſelben theilte Mr. Saunders Clive mit, daß in den Büchern der Compagnie noch hundertzwan⸗ zigtauſend Rupien*) für ihn gut geſchrieben ſeien, eine enorme Summe für den armen Schreiber, der vor wenigen Jahren noch nicht gewußt, womit er ſeinen Anzug bezahlen ſollte, und der dennoch durch dieſe Nachricht nicht ſonderlich bewegt zu werden ſchien. Mr. Saunders erwähnte auch, daß Major Lawrence täglich erwartet werde, und ſchien auf Umwegen von Clive erfahren zu wollen, ob ſich der Kapitän dem Oberbefehl des ältern und berechtigtern Offiziers unterordnen wolle. Clive ließ ihn nicht im Zweifel darüber. „Major Lawrence iſt ein ausgezeichneter Offizier“, ſagte er,„dem ich Alles verdanke, was ich weiß. So gern ich ſelbſtſtändig operire, ſo wird es mir dennoch das größte Vergnügen machen, unter dem Commando eines ſo erfahrenen Offiziers zu kämpfen.“ Mr. Saunders war durch dieſe Erklärung ſichtlich überraſcht und erfreut. Es wurde feſtgeſetzt, daß un⸗ mittelbar nach der Ankunft des Majors alle verfüg⸗ *) Eine Rupie beträgt ungefähr zwanzig Silbergroſchen. Mützelburg, Nobert Clive. III. 8 114 baren Streitkräfte der Engländer nach Tritſchinapoli geſendet werden ſollten, um Mohammed⸗Ali von ſeinen Bedrängern zu befreien. Die officielle Unterredung war für heute beendet. „Erinnern Sie ſich noch des Baronets Birdenhall?“ fragte Mr. Saunders, als er Clive nach den für ihn beſtimmten Zimmern begleitete. „Gewiß!“ antwortete der Kapitän.„Iſt er wieder in Madras?“ „Ja; er iſt von Calcutta hierher zurückgekehrt“, erwiderte der Gouverneur.„Sie werden auf Ihrem Zimmer eine Einladung für heute Abend von ihm finden. Wenn Sie dieſelbe annehmen wollen, ſo wer⸗ den Sie ganz Madras ſehen, ich meine Alles, was Rang und Anſehen hat!“ „Ich hoffe, die Einladung annehmen zu können“, ſagte Clive, und als der Gonverneur gegangen, befahl er ſeinem Diener, Niemand vorzulaſſen, ausgenommen den Fähnrich Starlow, den man, ſobald er ſich melde, zu ihm führen ſolle. Das Billet Birdenhall's lag auf einem Tiſche. Clive öffnete es und las: „Mr. Birdenhall, Baronet, gibt ſich die Ehre, den Kapitän Clive, den Helden von Arkot und Kover⸗ pakam, auf heute Abend acht Uhr zu ſich einzuladen. 115 Auch Miß Ellen Birdenhall wünſcht nichts ſehnlicher, als den tapfern Degen, dem ſie ſo viele perſönliche Verpflichtungen ſchuldet, wiederzuſehen.“ Clive hielt das Billet lange in der Hand. Was bedeutete die Erwähnung Ellen's? Tauſend Gedanken, Hoffnungen vielleicht, ließen ſich an dieſe einfachen Worte knüpfen. Erſt die Meldung, daß Fähnrich Star⸗ low ſich nach dem Kapitän erkundige, unterbrach das Nachdenken Clive's. Will war glücklich, ſeinen bewunderten Freund wiederzuſehen. Er erzählte von dem Jubel, mit welchem die Nachricht von dem Siege bei Koverpakam in Ma⸗ dras aufgenommen worden, von der Achtung und der Begeiſterung, die man überall dem Kapitän zolle. „Ich habe bis jetzt keine Stunde frei gehabt“, erzählte er.„Ueberall wollte man aus meinem Munde die Erzählung der Ereigniſſe in Arkot und der letzten Wochen hören. Zum Frühſtück, zum Mittag, zum Abend hatte ich zehnfache Einladungen. Natürlich konnte ich ſie nur der Reihe nach annehmen. Trotz⸗ dem iſt es ein Wunder, daß ich nicht ſchon an einer Indigeſtion geſtorben bin.“ „Haſt Du Barny geſehen oder etwas von ihm ge⸗ hört?“ fragte Clive. „O ja, er ſteht auch auf meiner Liſte als 8 Gaſtgeber, * 116 ebenſo der Baronet Birdenhall“, antwortete Will. „Aber ſie kamen noch nicht an die Reihe. Ich ſpeiſte bei Mr. Saunders, dann bei den Offizieren, die mich zuerſt eingeladen und die, wie mir ſcheint, auch die Nächſten zu der Sache find. Was gehen uns die reichen Geldſäcke an!“ „Bravo, Will, ich hätte es gerade ſo gemacht!“ ſagte Clive.„Aber Barny?“ „Ja, Barny ſchwebt in allen Seligkeiten des Him⸗ mels, und ich glaube, es iſt hohe Zeit, daß wir ihn wieder auf die Erde ziehen“, antwortete Will.„Das Schiff, das ihn, den Baronet und deſſen Tochter nach England führen ſoll, wird ſchon in den nächſten Tagen von Calcutta erwartet. Die Trauung ſoll, ſagt man, in Bombay vollzogen werden, wo ein Verwandter Barny's Prediger iſt. Ich wünſche Niemand etwas Böſes, aber dieſem Barny gönnte ich wohl eine Be⸗ kanntſchaft mit den Angrianern, nur damit er dort Miſtreß Badyſon träfe!“ „Hat denn die Verlobung ſtattgefunden?“ fragte Clive. „Ich glaube, ſie ſoll heute Abend proclamirt werden“, antwortete Will.„Was ſollen wir thun, Kapitän? Daß Barny Miſtreß Badyſon nicht heirathet, davon bin ich überzeugt. Es würde ſich nur darum handeln, 117 das Geld, die ſechzigtauſend Rupien, von ihm zu erlangen. Aber ſollen wir warten bis nach der Ver⸗ lobung, oder ſollen wir ſogleich zu ihm gehen? Es hätte viel für ſich, wenn wir ihm jetzt energiſch zu Leibe gingen. Er würde Alles verſprechen und wahr⸗ ſcheinlich auch thun, um uns nur los zu werden.“ „Wir würden dann vielleicht die Verlobung hin⸗ dern“ ſagte Clive überlegend. „Das glaube ich kaum“ erwiderte Will,„die Sache iſt abgemacht. Oder“, fügte er zögernd hinzu,„glau⸗ ben Sie, daß der Baronet Mr. Barny abwieſe, wenn wir ihm erzählten, wie ſchlecht ſich der Director gegen Miſtreß Badyſon benommen?“ „Nein, mein guter Junge, das würde wenig helfen!“ rief Clive bitter lachend.„Du kennſt Mr. Birdenhall nicht; derartige Kleinigkeiten machen keinen Eindruck auf ihn. Auch dürfen wir das Geheimniß Deiner Freundin nicht Jedem verrathen. Ueberdies iſt es zu ſpät. Es iſt jetzt ſieben Uhr. Mr. Barny würde uns nicht mehr vorlaſſen. Ich glaube, Alles, was wir thun können, wird darauf hinauslaufen, daß wir morgen früh zu Mr. Barny gehen und ihm ſagen, daß er ein Schurke iſt.“ „Aber das Geld, um Miſtreß Badyſon zu befreien?“ fragte Will. 118 „Wird er vielleicht geben, vielleicht auch nicht“ ant⸗ wortete Clive.„Im Uebrigen ſtelle ich Dir ſechzig⸗ tauſend Rupien zur Verfügung. Nur keine Reden! Sie ſind mir ſicher bei Dir und Miſtreß Badyſon— es iſt nur ein Darlehn. Doch muß die Sache über⸗ legt werden. Nach Deiner Erzählung glaube ich, daß der Seeräuber die Damen nicht herausgeben wird, wenn wir ihm auch hunderttauſend Rupien bringen. Ich weiß einen andern Weg zu ihm, durch meinen Freund Iſſuf und durch Adora. Sei unbeſorgt, Will! Der ſchönen Miß Clara ſoll kein Haar gekrümmt werden!“ Ein leichtes Roth fuhr über Will's Wangen und der ſchmucke Jüngling, in der kleidſamen Uniform, mit den friſchen Wangen und den leuchtenden blauen Augen ſah wie ein Mädchen aus, als er ſich verlegen nach dem Fenſter wandte. Clive unterdrückte einen Seufßzer. „Sie vergeſſen, Kapitän, daß Miß Clara noch ein halbes Kind iſt“ ſagte Will leiſe,„und daß die ganze Rohheit eines Angria dazu gehört, mit dieſem Kinde Abſichten zu verbinden—“ „Aber warum ſollteſt Du nicht ein Kind lieb haben?“ unterbrach ihn Clive.„Dabei iſt nichts Arges. Du biſt ja ſelbſt noch ein Kind, lieber Jungel Ich wünſchte, ich hätte ein ſolches Weſen, vein, un⸗ ſchuldsvoll, kindlich und natürlich, an das ich hoffnungs⸗ voll denken könnte, das mir als ſüßer Lohn für die Zukunft vorſchwebte. Die Hoffnungen find ja über⸗ haupt das Beſte, was wir haben! Doch zurück zu unſern Angelegenheiten! Alſo jetzt zu Mr. Barny zu gehen, würde nutzlos ſein. Barny iſt nicht der Mann, der ein Juwel wie Ellen Birdenhall aus den Fingern läßt.“ „Sie nennen ſie ein Juwel, Kapitän“, ſagte Will. „Hier ſpricht man im Allgemeinen nicht gut von ihr. Man findet ſie zwar ſehr ſchön, aber Jedermann tadelt ſie, daß ſie einen alten Mann, wie Barny, heirathet, nur weil er reich iſt. Man ergeht ſich in Vermuthungen, die ich nicht wiederholen mag. Die kläglichſte Figur von allen ſpielt freilich Kapitän Oldborough, der bis⸗ her für den erklärten Liebhaber der Baroneſſe galt. Er iſt ſchwach genug, noch immer um ſie herum zu girren und ſeine unmännliche Traurigkeit Jedermann zu zeigen. Er iſt deshalb auch bei allen Offizieren in Verruf. Man wirft ihm vor, daß er einem Unterrock nachgelaufen ſei, anſtatt an des Majors Lawrence und Ihrer Seite zu kämpfen und Ihre Mühen und Lor⸗ beern zu theilen. Er hat ſich nach Caleutta verſetzen laſſen, als der Baronet mit ſeiner Tochter dorthin 120 ging, und iſt jetzt mit ihnen zurückgekehrt, ohne auch nur den Wunſch zu äußern, ins Feld geſchickt zu werden. Man behandelt ihn ſehr obenhin; man glaubt ſogar, er hoffe nach der Heirath der Baroneſſe ihr Freund zu werden— Sie verſtehen ſchon, Kapitän.“ Will ſagte dies verlegen, zögernd und voller Scham; Clive ſah, daß er nur wiederholte, was er gehört, und daß er ſich von ſolchen Verhältniſſen noch kaum ein Bild zu machen wiſſe. „Ja, ja, es wird ſo ſein!“ ſagte Clive verächtlich. „Und er iſt der Sohn eines Lords! Nun, wir werden ſehen! Biſt Du etwa heute Abend auch zu dem Baro⸗ net eingeladen?“ „Nein, heute nicht!“ antwortete Will lächelnd.„Die Sonne iſt aufgegangen und der Morgenſtern erliſcht. Ich bin Ihnen noch übrigens tauſend Dank ſchuldig, Kapitän, daß ich Ihr Vorläufer, Ihr Morgenſtern ſein durfte. Ich hätte nicht geglaubt, daß es ſo viel Ange⸗ nehmes mit ſich bringt, der Bote einer frohen Nach⸗ richt zu ſein. In den erſten Stunden nach meiner Ankunft fürchtete ich in der That, man werde mich mindeſtens zum Lieutenant machen und zum Ritter des Bathordens vorſchlagen.“ „Das kann noch kommen“ ſagte Clive und lächelte, obwohl ſeine Gedanken trübe zu ſein ſchienen.„Aber 12¹ jetzt muß ich ein wenig Toilette machen. Auf Wieder⸗ ſehn morgen früh, mein Junge! Wo hat man Dich denn einquartiert?“ „Drüben in der Kaſerne, im Staatszimmer!“ ant⸗ wortete Will.„Adieu, Kapitän! Viel Vergnügen heute Abend, ſo viel wenigſtens, als Ihnen dieſe Geſellſchaft bieten kann!“ „Ja, dieſe Geſellſchaft“ antwortete Clive bitter. „Ich danke! Adieu, Will!“ Der Fähnrich ging, nachdem er, wie immer beim Scheiden, noch einen Blick auf den Kapitän geworfen, in welchem Liebe, Stolz Bewunderung und Herzlichkeit ſich einten. Eine gute halbe Stunde darauf war Clive auf dem Wege zu dem Landhauſe Birdenhall's. Ganz gegen ſeine frühere Gewohnheit entfaltete Clive dabei einen gewiſſen Pomp. Er hatte den prächtigen Palankin angenommen, den ihm Mr. Saunders angeboten. Seine bewaffneten Diener und die Ehrenwache begleiteten ihn⸗ Diener mit Fackeln gingen vorauf. Es war ein ſtatt⸗ licher Aufzug, ſehr verſchieden von dem letzten Beſuch, den der arme, ſchlecht gekleidete Schreiber in dem Hauſe des Baronets gemacht hatte. YNoch war es nicht acht Uhr. Clive ſchien eine be⸗ ſtimmte Abſicht dabei zu haben, daß er die in der 122 Einladung angegebene Stunde nicht abwartete. Das Haus und der Vorgarten waren bereits prächtig er⸗ leuchtet. Aber noch ſah Clive nirgendwo den Palankin eines Gaſtes. Er ſandte einen Diener hinein, um ſich anmelden zu laſſen. Eine Minute darauf kam der Baronet durch den Vorgarten geeilt. „Mr. Clive, Kapitän Clive!“ rief er ſchon von fern. „Welche Freude! Welche Ehre!“ Es ſchien Clive, als wolle ihm der Baronet ſogar die Gnade einer Umarmung angedeihen laſſen; er that jedoch, als bemerke er es nicht, und begnügte ſich mit dem wiederholten Händeſchütteln Birdenhall's, vor deſſen Beredtſamkeit er in den erſten Minuten gar nicht zu Worte kam. Der Baronet führte ihn in⸗ zwiſchen nach dem Hauſe. „Wer das jemals hätte ahnen können, mein theuerſter junger Freund, daß Sie der Held des Tages, eine Stütze Englands werden würden!“ riefer ſtürmiſch.„Ellen wird entzückt ſein, Sie zu ſehen! Es ſteht Ihnen heute eine kleine Ueberraſchung bevor— nun, Sie werden es ſchon erfahren haben, wenn nicht, ſo wird es Sie amüſiren. Entſchuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Toilette iſt noch nicht beendet. Treten Sie in dieſen Saal!“ „Ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich zu früh gekommen“, ſagte Clive.„Da ich indeſſen voraus⸗ S 123 ſah, daß ich während des Abends wenig von Ihnen und der Baroneſſe genießen würde, ſo nahm ich mir die Freiheit, einige Minuten früher zu kommen, um Ihnen und Miß Ellen vorher meine Aufwartung zu machen.“ „Wie äußerſt freundlich, wie zartfühlend!“ rief Birdenhall.„Ellen wird ſich aufs höchſte geſchmeichelt fühlen durch Ihre Aufmerkſamkeit. Nun, ich habe die Genugthuung, zu wiſſen, daß mein Haus ſtets ein gaſtfreies für Sie geweſen iſt, daß Sie mich ſchon vor Jahren mit Ihrer Freundſchaft beehrten. Ich werde Sie Ellen melden. Treten Sie hier ein!“ Clive trat in den feſtlich erleuchteten Saal. Der erſte und einzige Menſch, den er in demſelben bemerkte, war Kapitän Oldborough, der mit tiefgebeugtem Kopfe auf einem Seſſel ſaß. Bei dem Eintreten Clive's erhob er ſich und glühendes Roth übergoß ſein Geſicht. Der Held von Arkot fand es herabwürdigend für einen Edelmann und Offizier, in dieſem Augenblick ſeine Erniedrigung Jedermann zur Schau zu ſtellen und als verſchmähter oder unglücklicher Liebhaber bei dem Ver⸗ lobungsfeſte ſeiner Dame zu figuriren. Er las jedoch in Oldborough's Zügen Trauer und Gram, das ſtimmte ihn etwas milder. Er erinnerte ſich ſelbſt ſeiner tiefen Niedergeſchlagenheit an dem Abende, an welchem er Ellen zuletzt geſehen. So verſuchte er denn, wenn es 124 ihm auch nicht möglich war, freundlich zu ſein, wenig⸗ ſtens unbefangen und unwiſſend zu erſcheinen. Er begrüßte Kapitän Oldborough höflich und gemeſſen. Es war leicht zu ſehen, daß der Kapitän ſich tief beſchämt fühlte. Er ſtotterte einige Worte über das Vergnügen, Mr. Clive, der ſich ſo rühmlich ausgezeichnet, wiederzuſehen, daß er bedauere, verhindert geweſen zu ſein, an dem Feldzuge Theil zu nehmen, genug, er ſpielte eine erbärmliche Rolle und ſchien zu wiſſen, daß er ſie ſpielte. Clive war froh, als ein Diener ihm meldete, daß Miß Birdenhall ihn zu ſprechen wünſche. Ja, froh, Oldborough zu verlaſſen, aber doch bleich, als er dem Diener folgte. Das Herz klopfte ihm, o, weit ſtärker als jemals in Arkot und bei Koverpakam oder vorher in den Laufgräben von Pondichery und unter den Mauern von Devikottah! Eine Thür öffnete ſich. Er ſtand vor Ellen. Ja, das war ſie, noch immer dieſelbe, mit lächeln⸗ dem roſigen Munde, glänzenden Augen, das friſche Antlitz umwallt von den Locken, die ſich golden nieder⸗ ringelten auf die Schultern, den Blick fragend und ſchelmiſch auf ihn gerichtet. Es gab nur eine wie ſie! „Miß Birdenhall, ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie ſtöre! Ich wußte, daß ich im Laufe des Abends wenig Gelegenheit haben würde, Sie zu ſehen—“ 125 „O warum denn? Führen Sie mich doch zu Tiſche, wenn es Ihnen angenehm iſt!“ antwortete ſie mit ihrem reizendſten Lächeln.„Wie gut Sie in Ihrer Uniform ausſehen, Mr.— Mr. Cl—, o, ich weiß ſchon, Mr. Clive— es wird mir nur ſo ſchwer, Ihren Namen auszuſprechen!“ Clive hatte es nicht vergeſſen, wie ſie auch früher ſeinen Namen vergeſſen oder zu vergeſſen geheuchelt, und es griff ihm kalt ans Herz. „Auf die Ehre, Sie zu Tiſche zu führen, dürfte heute wohl ein Anderer Anſpruch machen!“ antwortete er ernſt. „O, Mr. Barny, meinen Sie?“ rief ſie lachend. „Nun, er kann ſich bei Zeiten daran gewöhnen, den Galanten zu ſpielen. Wie würde man mich beneiden, wenn ich heute neben dem gefeierten Sieger von Ar— Ar— nun, von dem Orte da, ſäße! Ich kann dieſe vertrackten Namen wirklich nicht ausſprechen, mein lie⸗ ber Kapitän El— ive!“ „Miß Birdenhall“, ſagte Clive, noch immer ernſt, ja beinahe finſter,„ich bitte tauſenmal um Ver⸗ zeihung, wenn ich Sie in dieſem Augenblick um die Beantwortung einer Frage bitte. Erinnern Sie ſich unſeres letzten Zuſammentreffens, hier, in dieſem Zimmer?“ * 126 „O, wirklich, denken Sie noch daran?“ rief ſie, mit einem blauen Seidenband ſpielend, das ihr vom Nacken über die Bruſt fiel— es war die einzige beſtimmte Farbe, die ſie trug, ſonſt war ſie ganz in Weiß ge⸗ kleidet, unſchuldig wie ein Engel.„Sie waren damals recht böſe gegen mich, in der That. Aber ich glaubte, Sie hätten es längſt vergeſſen.“ „Ich habe es nicht vergeſſen, Miß Ellen! Sie ſind ſeitdem einige Jahre älter geworden. Vielleicht denken Sie heute anders über mich. Ich fragte Sie damals, ob ich einſt wieder vor Sie hintreten dürfe, wenn ich zu Ehre, Rang und Reichthum gelangt wäre. Sie antworteten ausweichend. Heute bin ich ein angeſehener Mann, der Weg zum Reichthum iſt mir geöffnet, man nennt meinen Namen hier und im Vaterlande mit Achtung. Es iſt noch Zeit, Ellen! Noch können Sie ſich erklären, ob Sie mein Schickſal theilen wollen.“ Seine Stimme zitterte ein wenig, ſonſt aber war ſeine Haltung feſt und ruhig. „Mein Gott, Mr. Clive, was ſind Sie für ein wunderlicher Mann!“ rief Ellen, durchaus nicht beſtürzt oder überraſcht.„Wie plötzlich Sie immer kommen, und dann verlangen Sie immer ſo ſchnell eine Ant⸗ wort! Ich habe Sie ja ſeit Jahren nicht geſehen! Man muß ſich in der That vor Ihnen fürchten. Was 127 würde Papa ſagen, wenn er das hörte— er ſchwärmt für Sie! Ich glaube, er wäre im Stande, heute noch Mr. Barny den Abſchied zu geben. Er hat immer auf den armen Francis— auf Kapitän Oldborough, meine ich, geſcholten, daß er ſich nicht ſo auszeichne wie Sie, daß er nicht auch durch den Degen ein reicher Mann werde; ich verſtehe nichts davon, aber Francis ſagte, es ſei nicht ſeine Art, und er war viel zu galant, mich in dieſem langweiligen Lande allein zu laſſen. Mein Gott, Mr. Elive, Sie ſind wirklich grauſam, mich jetzt noch zu fragen. Wie kann ich denn? Die Verlobung darf doch nicht aufgeſchoben werden— es iſt ja Alles bereit, Alles erwartet ſie. Sie ſind wirklich ein böſer Menſch.“ „Ich will Sie nicht länger quälen, Miß Birden⸗ hall“ ſagte Clive, ſich zur Kälte zwingend.„Ich glaubte meine Frage noch einmal an Sie richten zu müſſen, aber ich konnte die Antwort vorausſehen. Darf ich darauf rechnen, daß Sie den Inhalt dieſer Unterredung vor Jedermann geheim halten werden? Ich bitte Sie darum! Ich würde gezwungen ſein, Jeden Lügen zu ſtrafen, der mir ſagte, daß ich mir an dieſem Abend eine Weigerung von Ihnen geholt. Es darf nicht ſein! Meine Ehre duldet es nicht!“ „Aber, Mr. Clive— Sie ſehen doch ein— Mr. 128 Barny— es iſt nicht rückgängig zu machen!“ ſtotterte Ellen, dieſes Mal ein wenig, aber auch nur ein wenig befangen. Dann aber ſetzte ſie plötzlich laut lachend hinzu: „Ach, ich verſtehe, Sie wollen ſich einen Scherz mit mir machen, mich auf die Probe ſtellen. Sie halten uns Frauen für unbeſtändig. Nein, das bin ich nicht. Wenn ich einmal ja geſagt, ſo halte ich mein Wort, wenn es mir auch ſchwer geworden iſt—“ Sie ſchien willens, noch weiter zu ſchwatzen. Clive unterbrach ſie durch die Verbeugung, mit der er von ihr Abſchied nahm, und durch die Worte:„Auf Wieder⸗ ſehen im Salon, Baroneſſe!“ Langſam ging er nach dem Saal zurück. Er blieb ſogar eine Minute in dem Corridor ſtehen. Hatte er etwas Anderes erwartet? Möglich, doch jetzt war es ihm, als hätte es nicht anders kommen können. Daſ⸗ ſelbe leichtſinnige, kokette Geſchöpf wie immer! Viel⸗ leicht war es gut, daß ſie ſich ihm in dieſem entſchei⸗ denden Moment in ihrer ganzen Oberflächlichkeit gezeigt. Zwar weh that es ihm, das fühlte er, aber er war ge⸗ heilt; er hoffte es wenigſtens. Er wäre nie glücklich geweſen, denn ſie liebte ihn nicht, ſie empfand nicht die mindeſte Regung für ihn. Ja, er mußte ihr ſogar zuwider ſein, ſonſt würde ſie, eitel und kokett, wie ſie 129 war, ſeine Bewerbung nicht mit ſolcher Leichtigkeit be⸗ handelt haben. Clive wußte, daß er eine Partie ſei, die man nicht ſo ohne weiteres von der Hand wies. Hätte Ellen Birdenhall nur die geringſte Sympathie für ihn empfunden, ſo würde ſie ſich anders gezeigt, ſeinen Vorſchlag in Ueberlegung gezogen, die Chancen berechnet haben. Sie hatte es nicht gethan— er war ihr zuwider, ſelbſt mit Rang, Anſehen und Reichthum. Clive dachte an den Kapitän Oldborough, den er im Saale wiederſehen ſollte. War nicht ihr Schickſal ein gleiches? War es nicht auch für Clive erniedrigend, der Verlobung einer Dame beizuwohnen, die ihn ab⸗ gewieſen? Nein, die Sache lag doch anders. Old⸗ borough war in Jedermanns Augen der begünſtigte Liebhaber Ellen's, er hätte ein Weib verachten müſſen, das ihm Liebe zeigte und doch den reichern alten Mann heirathete. Von Clive's Neigung wußte Niemand etwas; er hatte auch keine Schwäche verrathen, wenigſtens nicht vor der Welt. Er konnte alſo der Komödie, die heute Abend aufgeführt werden ſollte, beiwohnen, ohne ſeiner Ehre und Würde etwas zu vergeben. Ja, er mußte bleiben, um Jedem, der etwas argwöhnte, ſelbſt Ellen ein kaltes, gleichgültiges Geſicht zu zeigen. Bereits waren Gäſte gekommen, und Clive ſah ſich im Augenblick von ihnen umringt, als er in den Saal Mütelburg, Robert Clive. II. 9 130 trat. Er war noch zu jung, um gleichgültig gegen die Ehrenbezeigungen zu ſein, mit denen man ihn über⸗ häufte; aber heute ließen ſie ihn kalt, ſie ſchmerzten ihn ſogar, denn ſie berührten die alte, wieder aufgebrochene Wunde. Der Ruhm, den er erkämpft, die Lorbeeren, die ihm der Sieg verliehen, ſie waren nichts in den Augen derjenigen, an die er ſo oft gedacht, wenn die Kugeln ihn umflogen. Tod oder Ellen! hatte es oft in ihm gerufen, wenn er ſich, allen ſeinen Leuten vor⸗ an, dem Feinde entgegenwarf. Die Hoffnung ſeines Herzens war ſtärker geweſen, als ſein Verſtand gewußt. Nun, jetzt war ſie gründlich todt getreten, und es blieb ihm nichts als das bittere Lachen über ſeine Thor⸗ heit, als die Erkenntniß, daß er ſeine beſten Empfin⸗ dungen an einen Puppenkopf verſchwendet! „Mein theuerſter junger Freund! Mein verehrungs⸗ würdigſter Kapitän!“ Dieſe Worte, von einer be⸗ kannten Stimme geſprochen, weckten Clive, als er ſich einen Moment ſeinen Gedanken überließ. Mr. Barny ſtand vor ihm, als Bräutigam gekleidet, gepudert und friſirt, mit friſchem, rundem Geſicht, vor Vergnügen ſtrahlenden Augen; wahrhaftig, dieſer Barny war noch jünger als der blaſſe junge Kapitän, der vor ihm ſtand, er liebte das Leben und das Leben liebte ihn— Clive fühlte es ſelbſt; er fand es kaum noch 131 ſo ſeltſam, daß Ellen ihm den den alten Barny vor⸗ ziehe! Barny hatte ſich der Hand Clive's bemächtigt und drückte und ſchüttelte ſie, als habe er den theuer⸗ ſten Freund ſeiner Seele wiedergefunden. „Wie ſtolz bin ich darauf, daß mein Blick mich nicht getäuſcht hat!“ rief er, laut genug, daß Jeder im Saal es hören konnte.„Habe ich es Ihnen nicht geſagt? Sie und ein Schreiber— Thorheit! Ein geborener Soldat waren Sie! Wenn ich glauben könnte, daß meine Worte mit dazu beigetragen, Sie auf Ihre jetzige Laufbahn zu lenken, ſo würde ich behaupten, meinem Vaterlande einen großen Dienſt erwieſen zu haben. Sie ſind der Engel, der Retter der Compagnie, Ka⸗ pitän! Unter uns geſagt“— das fügte er leiſer hinzu —„Sie benutzen es zu wenig, Sir! Sie können der Compagnie Geſetze vorſchreiben, Sie müßten ſich ganz andere Summen ausbedingen. Die Compagnie hat durch Sie Unermeßliches gerettet und erworben— warum benutzen Sie Ihre Stellung nicht? Man muß das Eiſen ſchmieden, ſolange es heiß iſt.“ „Die Compagnie iſt großmüthiger gegen mich, als ich erwarten konnte“ erwiderte Clive. „Ah bah— Lappalien! Wenn man ſein Leben in die Schanze ſchlägt, wie Sie es täglich gethan, ſo 0½ 9 132 muß man auch einen hohen Preis dafür verlangen⸗ Wir ſprechen noch darüber.“ „Ich wollte Sie ohnehin fragen, Mr. Barny, wann ich Ihnen morgen früh meine Aufwartung machen kann“ ſagte Clive.„Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.“ „Kommen Sie, wann Sie wollen— ſtiets willkom⸗ men!“ rief Barny.„Von neun Uhr ab treffen Sie mich ſicher. Wird mir eine große Freude ſein. Ge⸗ ſchäftliche Angelegenheiten?“ „Ja wohl, Mr. Barny! Doch ich habe ganz ver⸗ geſſen— meine Gratulation!“ „Danke, danke!“ erwiderte Barny lachend.„Sehen Sie— wer hat Recht gehabt? Sagte ich Ihnen nicht voraus, daß mich Miß Ellen heirathen würde, wenn ich nur wollte? Und es iſt ſo gekommen. Der Ba⸗ ronet hat nicht das Glück gemacht, das er erwartete, Kapitän Oldborough iſt auch kein Kröſus geworden, und Miß Ellen denkt viel zu vernünftig, um noch län⸗ ger zu warten und alt und grau zu werden. Sie iſt nun auch vierundzwanzig Jahre alt, gerade das rechte Alter, um einen Mann, wie ich bin, zu heirathen. Ich werde in England Staat mit ihr machen— nun, ich kann es ja, ich bin in leidlichen Verhältniſſen!“ „Warte nur“, dachte Clive, dem lächelnden Alten 133 ins Geſicht ſchauend und eine Anwandlung von Zorn unterdrückend,„warte nur, morgen früh ſollſt Du Dich dieſer Worte erinnern!“ Laut ſagte er nur: „Und wenn ich als Ihr Rival aufgetreten wäre, Mr. Barny?“ Der Director ſah Clive mit zuſammengekniffenen Augen an, nickte mehrmals mit dem Kopfe und ſagte leiſe, die Hand auf Clive's Arm legend:„Das war es, was ich fürchtete! Ich geſtehe es ganz offen, Kapitän! Sie waren der Einzige, der mir gefährlich werden konnte. Ein junger Soldat, der Held des Tages, auf dem Wege zum Reichthum— welches junge Mädchen kann dem widerſtehen! Deshalb brachte ich meine An⸗ gelegenheiten in Richtigkeit, noch ehe Sie zurückkamen. Ein guter Kaufmann zieht Conjuncturen in Rechnung. Nun, Ihnen wird jetzt an Ellen Birdenhall nichts mehr gelegen ſein— die ganze Welt ſteht Ihnen offen. Wenn Sie nach England zurückkommen, können Sie die Tochter eines Lords, eines Herzogs heirathen.“ „Alſo Sie empfehlen mir nicht mehr Adora?“ fragte Clive mit einem ſchwachen Lächeln. „Ach Adora! Erinnern Sie ſich ihrer noch?“ ſagte Barny.„Ein ſchönes Mädchen— auf Wort! Sie hätten Ihr Glück verſuchen ſollen. Aber Sie ſind ein ſeltſamer Menſch— alle Helden, alle Genies ſind ſo, 134 verachten das, was die Erde ihnen bietet. Wir andern Sterblichen ſind zufrieden mit den Broſamen, die der Zufall uns hinwirft.“ Eine leichte Bewegung im Saal unterbrach das Geſpräch der Beiden. Barny lauſchte. „Ah— ein Schiff auf der Rhede!“ ſagte er.„Man hat die Schüſſe gehört. Vielleicht das Fahrzeug aus Calcutta, mit dem ich reiſen will. Vielleicht ein Schiff aus England, das uns den Major Lawrence bringt. Ich bin neugierig, wie ſich der Major zu Ihnen ſtellen wird.“ „Wahrſcheinlich ſehr einfach!“ antwortete Clive.„Er iſt mein Vorgeſetzter, ich bin ſein Untergebener— eine ſolche Stellung iſt ſehr klar und beſtimmt. Doch da wir einmal von Adora ſprachen— wiſſen Sie nicht, was aus ihr geworden iſt?“ „In der That, nein. Sie verſchwand ſo geheimniß⸗ voll, wie ſie gekommen. Ein ſeltſames, abenteuerliches Geſchöpf— etwas undankbar, denn ich hatte mich ihrer ganz uneigennützig angenommen und ſie dankte mir nicht einmal. Aber ſo ſind die Frauen. Sie hätten die Vorliebe, die ſie für Sie zeigte, Kapitän, benutzen ſollen. Aber Sie ſind zu— nun, wie ſoll ich ſagen— zu ideal, zu romantiſch, zu ſchwärmeriſch. Auch für Sie wird die Zeit kommen, in der Sie die Geſchenke 135 der Erde nicht über Ihren hohen Träumen vergeſſen werden. Wenn es dann nur nicht zu ſpät iſt!“ Das Geſpräch wurde hier durch eine ganze Schaar von Herren und Damen geſtört, die ſich ſchon längſt um die Beiden gruppirt und Clive angeſtaunt hatten. Sie wollten jetzt dem Kapitän vorgeſtellt ſein. Clive kam nicht mehr zur Ruhe. Erſt hier, in dieſem Saale, begriff er, was es heißt, ein populärer Mann, der Held des Tages zu ſein. Namentlich die Damen drängten ſich an ihn und ſtarrten ihn an wie ein Wunderthier. Eine Zeit lang beluſtigte ihn das, bald aber ward es ihm peinlich. Jeder betrachtete ihn gewiſſermaßen als ſein Eigenthum, das ihm Rede und Antwort geben müſſe. Jeder verlangte womöglich eine ſpecielle Relation über Arkot und Koverpakam. Ein⸗ zelne wunderten ſich ſogar, daß Radſcha⸗Sahib, Chunda⸗ Sahib und Andere nicht ſchon längſt gefangen und nach Madras transportirt ſeien. Wenn man nach der Aufhebung der Belagerung von Arkot dies und das gethan hätte, ſo würde ſchon längſt keine Spur von eingeborenen Feinden und Franzoſen mehr in Indien vorhanden ſein. Clive riß ſich von dieſen Läſtigen los und ging zu einigen ſeiner Offiziere, die ihrer Wunden wegen nach Madras zurückgekehrt waren, zu Revel und Glaß. Mit ihnen zog er ſich in eine Fen⸗ 136 ſterniſche zurück und beſprach die Operationen, die ſo⸗ gleich nach der Ankunft des Majors Lawrence im Süden und Südweſten, bei Tritſchinapoli, beginnen ſollten. Mr. Saunders kam heran und fragte Elive, wen er zu Tiſche führen werde. Als Clive geſtand, daß er noch keine Dame gewählt und überhaupt in den Da⸗ menkreiſen etwas fremd ſei, deutete der Gouverneur an, daß ſeine Gemahlin es ſich zur Ehre ſchätzen werde, die Nachbarin des Kapitäns zu ſein, und Clive ging ſogleich zu ihr, um ſie mit der gemeſſenen Höflichkeit, die ihn Damen gegenüber nie verließ, zu bitten, ſeinen Arm anzunehmen. Das Zeichen, zu Tiſche zu gehen, wurde gegeben. Die Geſellſchaft bewegte ſich dem Speiſeſaal zu. Im Geſpräch mit der verſtändigen und liebens⸗ würdigen Frau des Gouverneurs fand Clive Gelegen⸗ heit, ſich vollkommen von den Strapazen der frühern Vorſtellungen und Geſpräche zu erholen. Er ließ auch zuweilen ſeine Blicke über die Tafel ſchweifen und er⸗ kannte manche Perſonen, Herren und Damen, die er früher in Madras oder im Fort St.⸗David geſehen. Ka⸗ pitän Oldborough ſaß am Ende der Tafel, neben ihm eine junge blondgelockte Dame, die Clive nicht genau ſehen konnte, deren Weſen ihm aber bekannt erſchien. Ellen Birdenhall, an der Seite des glücklichen Directors, ſaß ihm gegenüber. Sie ſah ihn oft an, lachte und ſcherzte, zog ihn auch ins Geſpräch. Clive empfand eine Art Grauen bei dem Gedanken, wie leer dieſes Herz ſein müſſe. Alle Welt erwartete die Proclamation der Ver⸗ lobung. Als ſich deshalb Mr. Birdenhall erhob, um zu ſprechen, ertönte ein allgemeines Ah! Doch wurde die Erwartung dieſes Mal noch nicht befriedigt. Mr. Birdenhall erhob ſich nur, um einen Toaſt auszubringen auf das engliſche Heer, das durch einen ſeiner tapfer⸗ ſten und heldenmüthigſten Vertreter, durch den Kapitän Clive, den Helden von Arkot, in dieſer Geſellſchaft vertreten ſei. Der Toaſt wurde mit Begeiſterung aufgenommen. Clive erhob ſich unmittelbar darauf und ſagte nur: „Ich danke im Namen der Armee! Sie verdient die Lobſprüche, die ihr gezollt werden. Mir gebührt wenig Verdienſt. Ich hätte ohne ſolche Truppen nichts aus⸗ richten können!“ Da die Engländer Liebhaber von längern Toaſten und pomphaften Reden ſind, ſo war die Geſellſchaft von der kurzen Antwort Clive's nicht ſonderlich erbaut, die Of⸗ fiziere natürlich ausgenommen, die ſich ſämmtlich erhoben, ihm ihre Gläſer entgegenhielten und ein donnerndes 138 „Hurrah für Kapitän Clive!“ ausbrachten. Bereits ſtand jedoch auch Mr. Birdenhall wieder in redneriſcher Poſitur und begann unter dem tiefſten Schweigen der Verſammlung: „Meine hochverehrten Herrſchaften! Nachdem ich einem Gefühle Ausdruck gegeben, das uns alle beſeelte, nachdem ich unſerer glorreichen Armee und ihres hel⸗ denmüthigen Vertreters gedacht und derſelbe mir in echt ſoldatiſcher Weiſe mit lakoniſcher Kürze geantwor⸗ tet, ſehe ich mich in die angenehme Nothwendigkeit verſetzt, Ihnen mitzutheilen, daß dieſe ehrenwerthe und ausgezeichnete Verſammlung von mir zu einem ganz beſtimmten Zweck um ihr Erſcheinen gebeten worden iſt. Ich benutze dieſe Gelegenheit, um allen denen, die ſo zahlreich erſchienen ſind, meinen ergebenſten Dank auszuſprechen. Wer von Ihnen, meine Hochverehrten, ein väterliches Herz in ſeiner Bruſt trägt, der weiß, welche Sorge und Unruhe uns das Wohl unſerer theuern Kinder bereitet, mit welcher ängſtlichen Sorg⸗ falt wir jeden ihrer Schritte von der Wiege an beob⸗ achten. Bereiten uns ſchon die Knaben manche un⸗ ruhige Stunde, ſo bekümmert uns das Schickſal unſerer Töchter nicht weniger, um ſo mehr, wenn es eine einzige Tochter iſt, wie meine theure Ellen. Wir wiſſen ja alle, daß es die Beſtimmung des Weibes iſt, die 139 Aeltern zu verlaſſen und an der Seite eines geliebten und geachteten Mannes die Leiden und Freuden des Lebens am eigenen Herde zu erfahren. Aber wir ſehen dennoch mit Bangen dem Augenblick entgegen, in wel⸗ chem unſer unerfahrenes Kind das älterliche Haus ver⸗ laſſen will. Wir kennen ja aus Erfahrung die Stürme, die Enttäuſchungen, die Gefahren des Lebens! Welche Beruhigung iſt es alſo für uns, wenn wir uns ſagen können, daß wir das Glück unſerer Tochter einem er⸗ fahrenen Manne anvertrauen, einem Manne, den wir jahrelang als einen ausgezeichneten Bürger und Menſchen kennen, der uns, nach dem allgemeinen Ur⸗ theil, die Garantie gibt, daß Alles, was wir ihm an⸗ vertrauen könnten— alſo auch das Glück unſerer Tochter— in ſeinen Händen gut, ja vortrefflich auf⸗ gehoben ſein wird! Einen ſolchen Mann, in den ich felſenfeſtes Vertrauen ſetze, bin ich ſo glücklich geweſen, um meine Tochter werben zu ſehen, und meine Tochter hat mir die hohe Freude bereitet, mir zu erklären, daß ſie dieſen Mann liebe und ihm ihre Hand zu reichen entſchloſſen ſei. Ich kann wohl ſagen, daß die Auf⸗ 3 gabe meines Lebens damit erfüllt iſt und daß ich meine Jahre nun in Ruhe und Zufriedenheit beſchließen kann. Meine Tochter an der Seite eines geliebten, achtbaren Mannes von ſicherer Exiſtenz glücklich zu ſehen, das 140 war der heißeſte Wunſch meines Herzens. Er iſt jetzt erfüllt. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich in eine Verbindung gewilligt, die beide Theile ſo ſehnlich ge⸗ wünſcht haben und die nach menſchlichem Ermeſſen alle Garantien des Glücks in ſich trägt. Mr.—“ Der Name Barny erſtarb auf den Lippen des Baronets. Ein Diener hatte ihm einige Worte zuge⸗ flüſtert. „Verzeihen Sie, meine Herrſchaften!“ rief er.„Ich erhalte die Nachricht, daß unſer allverehrter Freund, der Major Lawrence, ſo eben von Europa gekommen iſt und mich mit ſeinem Beſuche beehrt. Etwas Ange⸗ nehmeres kann mir nicht widerfahren, als an dieſem Abende den gefeierten Krieger unter meinem Dache zu ſehen! Eilen wir, ihn zu begrüßen und ihn zum Zeu⸗ gen des heutigen feſtlichen Ereigniſſes zu machen!“ Die Geſellſchaft, welche die Rede Birdenhall's mit ſichtlicher Ungeduld angehört— die Männer machten zum Theil ſehr ſpöttiſche Mienen, nur einige alte Frauen weinten, wie immer, Mr. Barny ſah ſehr unbefangen vor ſich hin und Ellen lächelte harmlos und unſchuldig— die Geſellſchaft nahm dieſe Ankün⸗ digung mit freudiger Bewegung auf und begrüßte den eintretenden Major mit lautem Jubel. Alles erhob ſich. 141 Der Major, ein ſchlichter ältlicher Mann, ſchritt zuerſt auf Mr. Birdenhall zu, begrüßte ihn und ent⸗ ſchuldigte ſein Kommen mit dem Wunſche, alle ſeine Freunde an einem Ort verſammelt zu ſehen, begrüßte Mr. Saunders und ſchien dann irgend Jemand mit ſeinen Blicken zu ſuchen, bis er Clive, der neben ſeiner Tiſchnachbarin ſtand, erkannte. Sogleich ſchritt er haſtig auf ihn zu und ſchloß den jungen Offizier in die Arme, ihm dabei einige Worte zuflüſternd, die hohes Lob und reiche Anerkennung enthalten muß⸗ ten, denn ſie goſſen glühendes Roth über Clive's Wangen. Die andern Offiziere hatten ſich herzugedrängt; unter ihnen befand ſich auch Kapitän Oldborough, der ſeinem Vorgeſetzten wie die andern die Honneurs machen wollte. Major Lawrence gab jedem Einzelnen die Hand. Als er zu Oldborough kam, ſagte er etwas verwundert:„Wie, Mylord, Sie ſind noch hier? Wollen Sie uns die Ehre erweiſen, noch weiter unter unſern Fahnen zu kämpfen?“ Oldborough erbleichte und legte die Hand vor die Stirn. Mr. Barny, der mit Ellen am Arm in der Nähe ſtand, aber die Anrede des Majors nicht ver⸗ ſtanden haben konnte, trat einige Schritte näher. Die Umſtehenden flüſterten verwundert. 142 „Was iſt denn vorgefallen, Major Lawrence?“ fragte Lieutnant Revel.„Wir wiſſen hier nichts, was Ihre Worte erklären könnte.“ „Wie? Kapitän Oldborough ſollte noch nicht er⸗ fahren haben, daß ſein Bruder, der Lord, an einer Herzkrankheit plötzlich geſtorben iſt?“ fragte der Major verwundert und ungläubig. „Kein Wort!“ rief man von allen Seiten. Oldborough ſtand noch immer leichenblaß. Aber zuerſt flüſternd, dann lauter ging es durch den ganzen Saal:„Oldborough's Bruder iſt geſtorben. Er iſt nun Lord Wilmingfort! Was werden der Baronet und ſeine Tochter dazu ſagen?“ Was Ellen dazu ſagte oder wenigſtens that, ſah man bereits. Sie hatte Barny's Arm verlaſſen. Sichtbar erregt— Clive beobachtete ſie genau und hatte ſie nie ſo bewegt geſehen— trat ſie auf Oldborough zu und rief:„Mylord, Sie bedürfen der Ruhe, der Er⸗ holung. Francis, hören Sie nicht? Kommen Sie in Papas Zimmer!“ Oldboroug) war einer Ohnmacht nahe. Zwei widerſtrebende Empfindungen mußten auf ihn einſtür⸗ men, der Schmerz um den Verluſt des Bruders und die Freude über die plötzliche Veränderung, welche ſein Geſchick jetzt genommen hatte, und aller Wahr⸗ 143 ſcheinlichkeit nach war die letztere Empfindung die ſtärkere. Das grauſame Geſetz des engliſchen Adels, das dem Erſtgeborenen alle Vortheile des Zufalls der Erſtgeburt zugewendet und die zweiten und dritten Söhne einem mehr oder weniger glänzenden Elend überweiſt, will es einmal ſo. Selten wird ein Bruder den Tod deſſen beweinen, der zwiſchen ihm und allen Annehmlichkeiten des Glücks, allem verführeriſchen Glanz einer einflußreichen Stellung ſtand. Auch Mr. Birdenhall kam herbeiſtürzt. „Mylord, welche Nachricht! Kommen Sie, Sie bedürfen der Einſamkeit!“ rief er, denn er hatte ſchnell in den Augen der Tochter geleſen.„Meine Herrſchaf⸗ ten, verzeihen Sie! Nur wenige Minuten! Lord Wil⸗ mingfort iſt ein ſo alter Freund unſeres Hauſes!“ Er nahm den Arm des Kapitäns unter den ſeinigen und zog den Schwankenden mit ſich fort. Miß Ellen folgte, ohne ſich nur nach Mr. Barny umzuſehen, der nicht zu wiſſen ſchien, welche Miene er zu dem Allem machen ſolle. Seine Züge waren hart und ſtreng ge⸗ worden, hatten ihre gewöhnliche freundliche Lebendig⸗ keit verloren. Clive ſah jetzt, daß er ein alter, ſehr alter Mann ſei. Ohne Zweifel wußte Mr. Barny ſo gut und beſſer wie jeder Andere, daß ſeine Epiſode mit Miß Ellen Birdenhall ausgeſpielt habe. Auch 144 Clive wußte es. Hatte er der Baroneſſe geringere Ausſichten zu bieten gehabt als der jetzige Lord Wil⸗ mingfort? Wohl kaum, denn die Wilmingforts ſtanden nicht im Ruf großen Reichthums. Aber Ellen liebte den Lord— auf ihre kindiſche Weiſe!— und ſie jubelte dem Schickſal zu, das ihr noch im letzten Augenblick die Möglichkeit einer Verbindung mit ihm eröffnete. Es hatten ſich viele Gruppen im Saale gebildet. Man flüſterte angelegentlich. Darin, daß Niemand Mr. Barny zu nahen wagte, lag die allgemeine An⸗ ſicht ausgeſprochen. Niemand ſchien Mitleid oder Theil⸗ nahme mit dem Bräutigam zu zeigen, den die kurze Anrede des Majors Lawrence an Oldborough aus allen ſeinen Himmeln herabgeſtürzt hatte. Der Major ließ ſich von Clive erklären, was denn eigentlich vor⸗ gehe. Als er erfahren, daß es ſich um eine Verlobung gehandelt habe, die nun wahrſcheinlich nicht zu Stande komme, ſagte er achſelzuckend: „Bah, um eines ſolchen Mädchens willen ſich grä⸗ men! Ich würde ſie nicht nehmen, und wenn ſie tauſendmal ſchöner wäre!— Ah, da iſt ja meine aller⸗ liebſte Freundin, Miß Maskelyne, die ich ſchon ſo lange geſucht habe! Guten Abend, mein liebes Fräulein! Tauſend Grüße von Ihren Verwandten in England! Ei, wie hübſch Sie geworden ſind und wie geſund Sie 145 ausſehen! Aber kennen Sie ſich denn nicht vom Fort St.⸗David her?“ fragte er, die Augen von Clive auf die junge Dame und von dieſer auf Clive wendend.„O gewiß! Und hier ſehe ich zwei meiner Lieblinge nebeneinander! Wie geht es denn der Mutter?“ Von Purpur übergoſſen ſtand das junge Mädchen vor dem Major, der ihr herzlich die Hand drückte und küßte. Das war die Dame geweſen, die Clive bei Tiſche aus der Ferne geſehen und die er nicht genau zu erkennen vermochte. Wirklich ein ſchönes Mädchen, Ellen etwas ähnlich, aber nur in der Form, nicht im Ausdruck des Geſichts, denn dieſer war ſanft, ſchüchtern, kindlich und treuherzig. Auch voller, ruhiger waren ihre Formen; Ellen war eigentlich für eine vollendete Schönheit etwas zu ſchlank, zu gebrechlich, zu unruhig und queckſilberartig. Clive verneigte ſich artig gegen Miß Maskelyne und brachte ihr Grüße von dem Bruder. Auch die Mutter war inzwiſchen zu der Gruppe getreten. Major Lawrence ſchien ein alter Bekannter der Familie zu ſein. Miſtreß Maskelyne ſagte Clive, daß ſie es gar nicht gewagt, ſich vorher ihm zu nahen, er ſei ſo um⸗ drängt geweſen und ſei ſo berühmt geworden; man ſah leicht, daß die beiden Damen eine gewiſſe Schüchternheit vor dem eigenthümlichen Weſen Clive's Mützelburg, Robert Clive. III. 10 146 empfanden, daß ſie ihn aber achteten und ihm nicht läſtig fallen wollten. „Ja, berühmt! Nicht wahr?“ rief Major Lawrence. „Ich bin ſtolz auf ihn, er iſt ja mein Schüler! Jetzt wird er mein Meiſter ſein. Aber das ſchadet nichts, im Kriege iſt das nicht anders, und die Jugend behält ihr Recht!“ Das Wiedererſcheinen Mr. Birdenhall's unterbrach dieſe Geſpräche und ebenſo die Unterhaltung der andern Gruppen. Alle Blicke waren auf den Baronet und Mr. Barny gerichtet. Bitte vielmals um Entſchuldigung, meine Herr⸗ ſchaften!“ ſagte Birdenhall zu der Geſellſchaft.„Mr. Barny, verzeihen Sie mir; eine ſo unerwartete Störung rechtfertigt mich zum Theil. Mylord iſt ein ſo alter Freund unſeres Hauſes und meiner Tochter! Er iſt ganz außer ſich, ſein Zuſtand ſcheint bedenklich— Ellen will ihn nicht verlaſſen— Sie kennen ja Ihre leicht erregbare Natur. Würden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn wir die Feierlichkeit auf einen andern Tag verlegten? Ich glaube, Ellen iſt heute nicht im Stande—“ „Aber bedarf es dazu der Worte, Baronet?“ unter⸗ brach ihn Barny mit großer Faſſung.„Sagen Sie Miß Ellen, ich ließe ſie bitten, ſich nicht in ihrem 147 mildthätigen Werke ſtören zu laſſen. Sie hat eine Samariterſeele, ich weiß es; ſie kann Niemand leiden ſehen. Bitte, laſſen Sie ihr ſagen, daß ich für heute Abend gern auf ihre Geſellſchaft verzichte!“ „Ich danke Ihnen, Mr. Barny! Sie ſind die Liebenswürdigkeit ſelbſt. Und nun, meine Herrſchaften, zu Tiſche, wenn ich bitten darf! Wir ſind ja erſt beim vierten Gange! Major Lawrence, Sie werden die Güte haben, mein Nachbar zu ſein; Sie ſitzen zwiſchen mir und Mr. Barny—“ Der Director flüſterte dem Baronet einige Worte ins Ohr. Birdenhall ſchien überraſcht und verlegen und antwortete leiſe und ſtotternd. Dann verſchwand Mr. Barny inmitten der Geſellſchaft, die ſich wieder an den Tiſchen rangirte. Major Lawrence aber erſchien mit Miß Maskelyne, der frühern Nachbarin Oldborough's, am Arm und nahm mit ihr auf den Sitzen Platz, die Barny und Miß Ellen vorher inne gehabt, Clive gegenüber. Nach wenigen Minuten war Alles wieder ſo ge⸗ ſprächig und heiter, als ſei nichts vorgefallen. Der Baronet flüſterte ſeinen Nachbarn zu, Mr. Barny ſei zu Miß Ellen und dem Lord gegangen. Die Mittheilnng verbreitete ſich auch ſchnell durch den Saal, aber Jeder wußte, was er davon zu halten habe und daß der 10 5 148 Director nach Hauſe zurückgekehrt ſei. Vielleicht war in dem ganzen Saale kein Einziger, der ihn be⸗ dauerte. Clive blieb anfangs ſehr ſchweigſam. Die ſeltſame Unterbrechung beſchäftigte ihn noch immer. Er konnte einen ſo ſchnellen Wechſel in dem Gemüth eines Weibes nicht faſſen. Dennoch entſchuldigte er Ellen mit ihrer Liebe zu dem Kapitän Oldborough. Aber war denn dieſe Liebe ſo ſtark geweſen? Und wie konnte der Kapitän noch ein Mädchen lieben, das ihn verſchmäht hatte, als er nur Francis Oldborough war, und ſich ihm jetzt in die Arme warf, nun er Lord Wilmingfort geworden! Was war das für eine Geſellſchaft, in der mit den heiligſten Gefühlen und Bündniſſen auf eine ſolche Weiſe Scherz getrieben wurde? Der Baronet, der eine große Rede zum Preiſe Mr. Barny's hielt und ihn nun ſo ruhig verabſchiedete, als wäre gar nichts vorgefallen— wahrlich, Clive mußte ſich Zwang anthun, um nicht aufzuſtehen und dieſe Tafel zu ver⸗ laſſen! Indeſſen es blieben ja alle Andern! Sollte er ſcrupulöſer ſein als die ganze Geſellſchaft? Aber es überkam ihn doch wie Ekel, und er ſehnte ſich hinaus nach dem freien Felde, nach den Quartieren unter dem blauen Himmel und dem Kanonendonner. Begierig ergriff er deshalb die Gelegenheit, als — 149 Major Lawrence ihn nach einigen Einzelnheiten der letzten Ereigniſſe fragte, um ein Geſpräch über die kriegeriſchen Vorfälle der vergangenen Wochen mit demſelben anzuknüpfen. Miſtreß Saunders und Miß Maskelyne erklärten einſtimmig, daß ſie nichts Ange⸗ nehmeres hören könnten, und ſo ließen denn die beiden Offiziere ihrer militäriſchen Unterhaltung freien Lauf. Clive erzählte von dem Gefecht bei Koverpakam, von dem der Major noch gar nichts wußte. Er gerieth in Feuer dabei, ſeine Augen leuchteten, ſeine bleichen Wangen rötheten ſich. Er bemerkte nicht einmal, mit welcher Theilnahme Miß Maskelyne ſeiner Erzählung lauſchte und wie ihre Blicke an ſeine Lippen gebannt waren. Der Major unterbrach Clive mit kurzen Lob⸗ ſprüchen. Auch auf Arkot kam das Geſpräch. Clive erzählte intereſſante Einzelnheiten aus dieſer denk⸗ würdigen Vertheidigung. „Ich werde ſtolz darauf ſein, an Ihrer Seite den letzten Zug gegen die Franzoſen zu unternehmen!“ rief der Major.„Ich ſehe wohl, der Stern Alt⸗Englands iſt wieder im Aufſteigen. Ich will mir die Lorbeeren, die mich in den letzten Jahren flohen, an Ihrer Seite wiederholen.— Wie ſind Sie mit Lieutenant Maske⸗ lyne zufrieden, Kapitän?“ Clive erzählte Vieles zum Lobe des jungen Offiziers 150 und bemerkte, wie ein freudiges Roth die Wangen der jungen Dame ihm gegenüber färbte. In der That, ſie war ſchön! Und weshalb ſenkte ſie zuweilen, noch tiefer erröthend, den Blick, wenn er ſie ſo voll an⸗ ſchaute? Clive wurde unruhig. Es ſchien ihm ſehr gelegen, daß die Tafel jetzt aufgehoben wurde. Miſtreß Saunders ließ ſich zu ihrem Gemahl führen. Major Lawrence vertraute ſeine ſchöne Tiſch⸗ nachbarin der Obhut Clive's an, da er nothwendig mit einigen Herren der Compagnie zu ſprechen hatte. Faſt die ganze Geſellſchaft begab ſich nach dem Garten. Man fühlte das Bedürfniß, nach dem prächtigen Diner die kühle Nachtluft zu athmen. Clive reichte Miß Maskelyne den Arm und führte ſie ebenfalls nach dem Garten hinaus. Sie waren beide befangen und ihr Geſpräch wollte nicht in Fluß kommen, bis Clive von ihrem Aufent⸗ halt in St.⸗David zu ſprechen begann. Miß Mas⸗ kelyne fragte beſorgt, ob Clive niemals dem gefähr⸗ lichen Franzoſen wieder begegnet ſei und ob er ſich nicht vor dieſem wilden Menſchen fürchte. Der Kapi⸗ tän erwiderte lächelnd, er ſei nun ſchon in zu vielen Gefahren geweſen, um ſich eines einzelnen Feindes wegen zu ängſtigen. Freilich müſſe er zugeben, daß ein ſolcher einzelner hinterliſtiger Feind oft gefährlicher ſei als 15 eine ganze Armee von offenen Gegnern, vor denen man ſich hüten könne. Miß Maskelyne ſagte leiſe, ſie bitte Gott, daß Clive nie wieder jenem Menſchen be⸗ gegnen möge. „D, Sie legen zu viel Gewicht darauf!“ ſagte Clive ſcherzend.„Es gibt für einen Kriegsmann viel ge⸗ fährlichere Dinge. Unſereiner geht zum Beiſpiel viel heiterer in die Schlacht als zum Altar.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte Miß Maskelyne unbefangen. „Ich meine zur Trauung!“ erwiderte Clive mit etwas gezwungenem Scherze.„Auf dem Schlachtfelde hat man nur den Tod zu fürchten, aber bei der un⸗ glücklichen Wahl einer Gattin die Hölle auf Erden. Wie leicht kann man ſich irren! Wie oft täuſcht das ſchönſte, reinſte und unſchuldigſte Auge! Wie ſelten findet man wahre Liebe!“ „Sie müſſen das beſſer wiſſen als ich“ ſagte Miß Maskelyne leiſe.„Ich habe zu wenig Erfahrung in dieſen Verhältniſſen!“ „Nun, ich bin auch nicht beſonders erfahren darin“, erwiderte Clive lachend.„Aber geſtehen Sie ſelbſt, iſt die Seele eines Mädchens nicht ein unerforſchliches Räthſel? Weiß ſie jemals genau, was ſie will? Folgt ſie nicht immer dem Augenblick? Iſt ſie nicht im 152 Stande, in dieſer Minute dieſen zu lieben und in der nächſten jenem die Hand zu reichen?“ „Ich kann nicht darüber urtheilen“, ſagte Miß Maskelyne ernſt.„Bei mir würde es nicht ſo ſein. Ich finde, daß ich nicht ſo ſchnellen Wechſels fähig wäre.“ „Nun wohl, ich ſpreche ja auch, wie ſich dies von ſelbſt verſteht, nicht von den Anweſenden!“ fuhr Clive ſcherzend, aber bitter fort.„Nehmen Sie jedoch Miß Birdenhall. Was ſagen Sie zu dieſer Komödie, die heute geſpielt werden ſollte? Erinnern Sie ſich der prächtigen Rede unſeres Wirthes, des Entzückens, mit dem er von Mr. Barny als ſeinem zukünftigen Schwie⸗ gerſohne ſprach— und nun—“ „Und nun?“ wiederholte Miß Maskelyne fragend. „Wie? Sie hätten nicht begriffen, daß Kapitän Oldborough jetzt Miß Ellen heirathen wird?“ rief Clive.„Früher, als armer Kapitän, war er weder für Miß Birdenhall ein geeigneter Mann, noch für den Baronet ein paſſender Schwiegerſohn. Der reiche Mr. Barny ſchien beiden angenehmer. Nun iſt der Kapitän ein Lord— die Nachricht iſt noch gerade zur rechten Zeit gekommen, und er heirathet natürlich Miß Ellen, die ihn immer aus voller Seele geliebt hat!“ „Unmöglich!“ rief Miß Maskelyne und ſtand ſtill. 15⁵3 „Man ſprach auch bei Tiſche davon, aber ich hielt es für einen Scherz oder Verleumdung!“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, es iſt ſo!“ ſagte Clive. „Und es macht Ihnen alle Ehre, daß Sie das Spiel nicht durchſchaut haben! Alle Mitſpieler bei dieſer Komödie ſind erbärmlich. Und dabei iſt Miß Ellen eine gefeierte und bewunderte Dame!“ Miß Maskelyne antwortete nichts. Sie ſchüttelte nur leiſe und ungläubig den Kopf. „Sie ſehen alſo, Miß Maskelyne, wie leicht ſich ein Mann in der Wahl ſeiner Gefährtin täuſchen kann!“ fuhr Clive fort.„Ich geſtehe, daß auch ich eine Vor⸗ liebe für Miß Birdenhall empfunden habe. Nun den⸗ ken Sie ſich, ich wäre heute an der Stelle Mr. Barny's geweſen die Nachricht von der Lordſchaft Oldborough's wäre angekommen und ich hätte nach Hauſe gehen müſſen wie Mr. Barny—“ „Aber Ihnen hätte das doch nicht widerfahren können, Kapitän!“ rief Miß Maskelyne, als Clive ſtockte. „Für Sie würde Ellen ein anderes Gefühl gehegt haben!“ „Wer kann das wiſſen!“ rief der Kapitän.„Der Zweifel eben iſt es, der uns peinigt. Wir wiſſen nie, ob wir um unſerer ſelbſt oder um Aeußerlichkeiten, Zufälligkeiten willen geliebt oder als gute Heirathspriſe betrachtet werden.“ — — — 154 „Bei Ihnen könnte das nicht geſchehen“ ſagte das junge Mädchen ruhig.„Dazu haben Sie gewiß eine zu gute Meinung von ſich ſelbſt und von Ihrem Werthe!“ „Ich habe eine ganz geringe Meinung von mir, namentlich Frauen gegenüber“ antwortete Clive.„Und doch möchte ich gern mein Schickſal in dieſer Hinſicht abſchließen, ich möchte einen Hausſtand, ein treues, liebes Weib beſitzen. Es iſt traurig, wenn man ſo jung, wie ich noch bin, bereits Zweifel hegt an dem Werthe des ganzen Geſchlechts!“ „O, das werden Sie nicht thun, Kapitän!“ rief Miß Maskelyne dringend.„Nein, das iſt nicht Ihr Ernſt. Weil ſich ein Mädchen Ihnen ſchwach und leichtſinnig gezeigt, werden Sie nicht alle verwerfen. Sie werden eine junge Dame finden, ſchön und reich, wenn Sie darauf etwas geben, von der Höhe der Bil⸗ dung, die Sie beanſpruchen dürfen, die ſich Ihnen ohne jeden Nebengedanken anſchließt, nicht weil Sie jetzt der berühmte Kapitän Clive ſind— das wäre nicht gut, denn Sie könnten ja Unglück im Felde haben und Ihre Berühmtheit verlieren!— ſondern weil ſie in Ihnen einen Mann erkennt, dem ſie für immer ange⸗ hören möchte, der ihr, ſo wie er iſt, der beſte und einzige ſcheint, deſſen Beſitz alle ihre Gedanken und 155 Wünſche ausfüllt. Es wäre ja traurig und auch ich müßte unſer Geſchlecht verachten, wenn nicht unter zehn Mädchen neun ſo dächten wie ich, vielleicht vor⸗ ſichtig in der Wahl, aber entſchloſſen, das einmal hin⸗ gegebene Herz in Leid und Freud' treu dem Manne zu bewahren.“ Miß Maskelyne ſprach etwas lebhaft, denn ſie führte die Vertheidigung ihres Geſchlechts, aber ſonſt ganz harmlos, als ſpräche ſie zu einem alten Bekannten oder ältern Manne. Sie waren dabei bis an den Rand des Parkes gekommen, den eine Reihe von farbigen Papierlaternen, nach chineſiſcher Sitte, einfaßte, die nur wenig Licht verbreiteten. Beide wandten ſich zu gleicher Zeit wieder dem Hauſe zu. Clive ſtand ſtill. „Miß Jane“ ſagte er mit etwas gepreßter Stimme, „beantworten Sie mir offen eine Frage!“ „Gewiß! Sehr gern!“ ſagte Miß Maskelyne und ſah ihn etwas verwundert an, denn er hatte ſie bei ihrem Vornamen genannt, eine Vertraulichkeit, durch die ſich das einfache Mädchen jedoch eher geſchmeichelt als verletzt fühlte. „Haben Sie Ihr Herz bereits einem Manne ge⸗ ſchenkt?“ fuhr Clive fort. MWiß Maskelyne ſah ihn überraſcht an. Der Grund zu ſeiner Frage konnte ein ſo verſchiedener ſein, it 3 5 3 — — 156 daß ſie offenbar nicht wußte, in welcher Abſicht dieſelbe an ſie gerichtet ſei. Dennoch war es immer eine eigen⸗ thümliche Frage unter dieſen Umſtänden. Sie verſuchte zu lächeln und antwortete: „Kapitän Clive, Sie verlangen faſt zu viel von mir. Ein junges Mädchen darf die Geheimniſſe ihres Herzens auch nicht im Scherz verrathen.“ „Alſo Ihr Herz hat bereits ein ſolches Geheimniß?“ fragte Clive ſchnell und ernſt. „Das ſage ich nicht“ erwiderte Miß Jane.„Doch Sie ſcheinen es ernſter zu nehmen— aus irgend einem Grunde, den ich nicht errathe— als ich glaubte. Ich kann Ihnen alſo nur antworten, daß ich weder verlobt noch überhaupt gebunden bin.“ „Auch nicht mit dem Herzen? Mit einem Bilde Ihres Herzens?“ fragte Clive. Da er ſie anſah, ſo bemerkte er, daß eine glühende Röthe in ihr Geſicht ſchoß. Ganz ſo wie jetzt hatte er ſie in St.⸗David jedesmal geſehen, wenn er ihr begegnete, von derſelben Röthe war ſie übergoſſen worden, als er ſie heute Abend wiederſah, er erin⸗ nerte ſich der Neckereien der Kameraden im Fort, die ſämmtlich behaupteten, daß Miß Maskelyne ſterblich in ihren kühnen Beſchützer verliebt ſei— er nahm ihre Hand. 157 „Sie fragen zu viel, Sir!“ ſagte Miß Jane, das Geſicht abwendend.„Laſſen Sie uns nach dem Hauſe gehen. Ich glaube, es iſt hohe Zeit zur Rückkehr.“ „Noch einen Augenblick!“ ſagte Clive. Seine Stimme ſtockte, dann fuhr er fort:„Wenn Ihr Herz frei iſt, Miß Jane— könnten Sie es mir geben? Wollen Sie meine Frau werden?“ Das junge Mädchen erſchrak heftig und zitterte— er fühlte es, denn ihr Arm lag in dem ſeinen und ihre Hand in der ſeinigen. Dann ſammelte ſie ſich ſchnell. „Kapitän Clive“ ſagte ſie,„laſſen Sie uns gehen! Sie ſcherzen, ich weiß es wohl, aber ich glaube, ich darf auf einen ſolchen Scherz nicht eingehen, ſo hoch ich Sie auch ſchätze und ſoviel Vertrauen ich Ihnen auch ſchenke. Gehen wir ſchnell zurück!“ „Bei Gott, ich ſcherze nicht, Miß Jane!“ rief Clive. „Ich möchte nach England zurückkehren mit einer freund⸗ lichen, liebenswürdigen Frau. Wollen Sie das ſein? Können Sie, dürfen Sie es ſein? Iſt Ihr Herz wirk⸗ lich frei?“ Miß Maskelyne behielt nur mit Mühe ihre Faſſung. Eine eigenthümliche Brautwerbung, in der That! Sie hatten in ihrem Leben kaum hundert Worte mit ein⸗ ander gewechſelt. Woher wußte er denn, daß ſie ihn 158 liebte, ſein Bild immer im Herzen getragen? Und wenn er es auch wußte oder ahnte, durfte er deshalb ſo ungeſtüm ſein? War das eine Brautwerbung, wie ein junges Mädchenherz ſie ſich träumt? „Kapitän Clive“, ſagte ſie, ihre ganze Kraft auf⸗ bietend,„ich weiß nicht, wie ich dieſe plötzliche Frage verſtehen ſoll. Geſtatten Sie mir, zu meiner Mutter zurückzukehren. Selbſt wenn Sie im Ernſt ſprechen, was ich kaum glauben ſo iſt Ihre Frage doch ſo überraſchend für mich— „Aber gewiß, Miß Jane, ich ſpreche im t Ernſt!“ unterbrach ſie Clive mit Wärme und Innigkeit. „Ich glaube, daß ich mit Ihnen glücklich werden könnte, und wenn Sie im Stande wären, denſelben Gedanken zu faſſen, ſo würden Sie in mir den treueſten und beſten Gatten finden.“ „Kommen Sie, Mr. Clive! Ich muß zu meiner Mutter!“ rief Jane Maskelyne, als wolle ſie ſich ſelbſt entfliehen.„Hat mein Bruder etwa Ihnen ver⸗ rathen—“ „Was ſoll er mir verrathen haben?“ fragte Clive lebhaft. „Doch nein, er konnte es nicht wiſſen, ich habe es vor Jedermann verborgen!“ rief ſie, ſo haſtig forteilend, daß er kaum ihren Arm behalten und ihr 159 folgen konnte.„Ich habe nie daran gedacht, es nie geahnt, es nie für möglich gehalten! Sie ſchienen mich zu fliehen, ich ſchien Ihnen unangenehm zu ſein Sie brach plötzlich in Thränen aus. Aber Clive hatte genug gehört. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuſcht, ſein Bild war in einem Herzen lebendig ge⸗ blieben, an das er ſo ſelten gedacht. Konnte er Beſſeres wünſchen? Noch vor einer Stunde hatte er an Jane Maskelyne gedacht als an ein Weſen, das er wohl gut leiden möge und das in jeder Hinſicht für ihn paſſe. Jetzt wußte er auch, daß ſie ihn liebe, ſeit langem liebe. Konnte er mehr wünſchen? Kam ihm das Glück nicht entgegen? „Miß Jane“ rief er,„ich will in dieſem Augenblick nicht weiter in Sie dringen. Nur glauben Sie mir, daß ich weiß, was ich ſpreche und thue. Sie ſollen es nicht bereuen, meine Bewerbung angenommen zu haben. Morgen früh ſuche ich Sie auf und bitte Sie um Ihre Entſcheidung. Meine Verhältniſſe ſind der ganzen Welt bekannt; ich glaube, ſie genügen, um eine Frau anſtändig zu ernähren.“ Sie befanden ſich jetzt inmitten einer größern Ge⸗ ſellſchaft. Clive mußte ſchweigen. Jane tocknete ſchnell ihre Thränen und verſuchte ſo gefaßt als möglich aus⸗ 160 zuſehen. Aber noch immer rang ſich ein abgebrochenes Schluchzen aus ihrer bewegten Bruſt. „Bitte, Mr. Clive, gehen Sie hinein, ſuchen Sie meine Mutter!“ ſtammelte ſie.„Ich bin nicht im Stande, mich im Saale zu zeigen. Ich erwarte Sie hier!“ Clive ging ſogleich und bat Miſtreß Maskelyne, nachdem er ſie gefunden, ſie zu ihrer Tochter führen zu dürfen, die ſie im Garten erwarte. Die gute Frau ſchien etwas erſtaunt über dieſe Aufforderung, ließ ſich aber von Clive, der weiter nichts ſprach, zu ihrer Tochter geleiten. Dort nahm Clive mit einer tiefen Verbeugung von beiden Abſchied. Es war ihm eigen zu Muthe. Aber er hatte es gewollt und es war gut ſo! Als er den Major Law⸗ rence traf, zog er ihn beiſeite und ſagte:„Major, im Vertrauen! Ich habe ſo eben bei Miß Maskelyne um ihre Hand angehalten und werde mir morgen die Entſcheidung, hoffentlich das Jawort holen.“ Der Major ſah Clive zuerſt erſtaunt an und ſchloß ihn dann freudig in die Arme. „Das iſt ein geſcheidter Streich!“ rief er.„Eine beſſere Wahl konnten Sie nicht treffen. Ich liebe das Mädchen wie meine Tochter. Sie iſt gut, unver⸗ dorben, häuslich und wenn auch kein Schöngeiſt, doch — 161 ſicherlich nicht ohne eine reſpectable Erziehung. Ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen! Es ſtehen Ihnen zwar jetzt alle Herzen offen, aber Ihre Wahl iſt den⸗ noch eine gute. Und es iſt recht, wenn ein junger Kriegsmann weiß, woran er ſich zu halten hat. Es ſchützt ihn vor Zerfahrenheit, vor Zerſplitterung des Herzens und des Geiſtes, vor Verſchwendung ſeiner jugendlichen Kraft, die er ſo nothwendig braucht. Ich glaube übrigens ſchon in St.⸗David gehört zu haben, daß ſie Ihnen ſehr zugethan ſei. Nochmals meinen aufrichtigen Glückwunſch! Sie hätten mir keine ange⸗ nehmere Nachricht mittheilen können. Ich hoffe nun auch in Ihrer Familie zu Hauſe zu ſein. Das Jawort iſt Ihnen ſicher.“ Clive verabſchiedete ſich von Mr. Birdenhall, der ihn bat, ſein Haus als das ſeinige zu betrachten. Et⸗ was ironiſch fragte der Kapitän, wie ſich Miß Ellen befinde. Mit einer Verbeugung antwortete der Ba⸗ ronet:„O vortrefflich! Mylord hat ſich bereits wieder erholt. Es iſt die ſeltſamſte Geſchichte, die ich jemals erlebt habe. Nur fürchte ich, daß Mr. Barny die Of⸗ fenherzigkeit meiner Tochter, ihre Theilnahme für Lord Wilmingfort übel genommen haben wird.“ „Sollten Sie ſich darum grämen?“ fragte Clive. „Es würde mir doch immer leid thun“, antwortete Mützelburg, Robert Clive. MI. 11 162 der Baronet mit einem unnachahmlichen Lächeln.„Aber Ellen iſt nun einmal ſo, und ſie muß genommen wer⸗ den, wie ſie iſt.“ Clive empfahl ſich mit der Abſicht, das Haus Bir⸗ denhall's, wenn es ihm irgend möglich ſei, nicht wieder zu betreten. Eine halbe Stunde darauf lag er in einem präch⸗ tigen Bett der Gouverneurswohnung und ſchlief vor Ermüdung augenblicklich ein. Viertes Kapitel. Mr. Barny. Als Clive am andern Morgen erwachte, war es ſieben Uhr, für einen Soldaten bereits eine ſpäte Zeit. Eilig kleidete er ſich an, während ſeine Gedanken zu dem geſtrigen Abend zurückflogen, einem der inhalts⸗ reichſten ſeines Lebens. Alſo als Bräutigam ſtand er heute auf, denn daran, daß Miß Maskelyne ſeine Bewerbung annehmen werde, zweifelte er nicht. Wie er dazu gekommen, ſo plötzlich dem jungen Mädchen ſeine Hand anzubieten, das wußte er auch jetzt kaum. Aber er war nicht un⸗ zufrieden damit. Er hatte immerhin, wie man es nennt, in den Glückstopf gegriffen. Gut erzogen, un⸗ ſchuldig, gebildet, aus achtbarer Familie und ſchön— was konnte er mehr verlangen? Dachte er daran, daß 164 Miß Birdenhall große Augen machen werde, wenn ſie von dieſer ſchnellen Verlobung höre? Hatte er ein eigenthümliches Gefühl von Befriedigung bei dem Ge⸗ danken, daß Miß Maskelyne ein armes Mädchen und er ein gefeierter Held ſei, daß er ſie alſo gleichſam wie ein Fürſt auf ſeinen Thron emporhebe? Vielleicht dachte er daran, aber es waren nur flüchtige Ideen Er war zufrieden damit, in dieſer Hinſicht ſein Leben abgeſchloſſen zu haben. Major Lawrence hatte Recht: er war nun hinaus über alle Verlockungen und Ver⸗ irrungen. Wie erſtaunt würde Iſſuf ſein, wenn er von der bevorſtehenden Verheirathung des Mannes Kunde erhielte, den er zum Großmogul machen wollte, und erfahren mußte er es ja bald durch den Bruder Jane's. Aber ein eigenthümlich wehes Gefühl konnte er doch nicht unterdrücken, wenn er an Adora dachte. Es war eine ganz leiſe, unbeſtimmte Empfindung, ähn⸗ lich dem Hauch in einer traurig geſtimmten Aeols⸗ harfe. Clive hielt es für eine Erinnerung an die trübe Vergangenheit. Er ging zum Gouverneur und beſprach ſich mit dieſem bis nach acht Uhr. Dann meldete man ihm, daß der Fähnrich Starlow gekommen ſei. Es handelte ſich um den Gang zu Barny. Clive fand ein gewiſſes Wohlbehagen daran, dieſem Manne etwas Unange⸗ 165 nehmes zu ſagen. Er hatte ſeine Gönnermiene, ſeinen vertraulich herablaſſenden Ton, ſeine muntere Heuchelei niemals leiden können. Es war einer der wenigen Menſchen, die ihm, wie durch ein Vorgefühl, von An⸗ fang an zuwider geweſen waren. Als er in ſein Zimmer kam, fand er Will dort vor mit ſehr trüber Miene. „Nun, was haſt Du denn?“ fragte der Kapitän. „Du ſollteſt guten Muthes ſein. Weißt Du noch nicht, daß aus der Verlobung Barny's nichts geworden, alſo Hoffnung für Miſtreß Badyſon iſt, noch Barny's Frau zu werden?“ „Wenn Barny in den Himmel kommt, ſo iſt es dort möglich“, antwortete Will mit Thränen in den Augen,„hier auf Erden nicht! Leſen Sie, Kapitän!“ Er reichte Clive einen Brief, auf deſſen Adreſſe in ſchöner Handſchrift und in franzöſiſcher Sprache die Worte ſtanden:„An Mr. W. Starlow in Madras, abzugeben durch die Güte Mr. Robert Clive's.“ Der Brief ſelbſt lautete, ebenfalls in franzöſiſcher Sprache: „Mein lieber Freund! Ich habe Ihnen etwas ſehr Trauriges zu melden. Miſtreß Badyſon iſt am zwölften December geſtorben, ſanft, ſtill und gotter⸗ geben. Ihr einziger Gedanke war ihre Tochter. 166 Ich habe ihr gelobt, daß ich für dieſelbe ſorgen will, als wäre ſie meine eigene Schweſter. Ich werde mein Wort halten. Miß Clara iſt ſo vollkommen betäubt und niedergeſchmettert, daß ich für ihr Leben fürchten würde, wenn ich nicht wüßte, daß die Zeit auch die tiefſten Wunden heilt und daß eine ſo jugendliche Natur ſelten unter einem Schmerz der Seele zu er⸗ liegen pflegt. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen die obige traurige Nachricht mitzutheilen, da ſie von Einfluß auf Ihre Handlungen, auf Ihre Bemühun⸗ gen in Bezug auf die Freilaſſung Miß Clara's ſein könnte. Ich gebe mich allerdings in dieſer Hinſicht keinen trügeriſchen Hoffnungen hin. Ich habe mit Angria geſprochen und mich überzeugt, daß er mit Sicherheit darauf rechnet, Clara zu ſeinem Weibe zu machen, ſobald ſie ihr ſechzehntes Jahr erreicht hat. Ich fürchte alſo, daß er, da er ſehr reich iſt, keine Summe, und wäre ſie auch noch ſo groß, für ihre Freilaſſung annehmen wird. Möglich wäre es jedoch, daß er nachgäbe und Miß Clara nach Bombay ſen⸗ dete, wenn die engliſche Regierung ſich der Ange⸗ legenheit annähme. Die Thaten des Kapitäns Clive haben den Namen der Engländer ſelbſt bis hierher geachtet gemacht und eine ernſte Aufforderung, ver⸗ bunden mit einem Gebot von vielleicht zwanzigtau⸗ 167 ſend Rupien, könnte die Angelegenheit möglicher⸗ weiſe auf gütlichem Wege erledigen. Auf jeden Fall gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, wie ich es der Mutter Clara's gegeben, daß ich irgend eine Entehrung des jungen Mädchens nicht dulden werde. Ich bin entſchloſſen, heimlich mit ihr Gheria zu ver⸗ laſſen, wenn Angria auf ſeinem Vorſatz beharren und ſie nicht freigeben ſollte. Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich mein Wort halten werde, und ſeien Sie in dieſer Beziehung ohne Sorge. Ich ſende dieſen Brief durch einen Diener, der mir treu ergeben iſt, nach Bombay und hoffe, daß er von dort durch Mr. Clive's Vermittelung an Sie gelangen wird. Weitere Nachrichten ſollen Sie auf demſelben Wege von mir erhalten. Sagen Sie Mr. Elive, daß ich ſeine Güte gegen mich nie vergeſſen werde und daß ich jeden Tag für ſein Wohlergehen, 5 die Geſundheit ſeines Körpers und die Ruhe ſeiner Seele bete! Ihre Freundin Gheria, 15. December 1751. Adora.“ Clive ſtand in tiefes Sinnen verloren, nachdem er den einfachen Brief geleſen. Will weinte ſtill vor ſich 6 hin. Erſt als Clive ihn wieder anredete, unterdrückte 5 er ſeine Thränen und verſuchte männlich und feſt zu 66 erſcheinen. 168 „Das iſt eine trübe Nachricht“ ſagte Clive.„Deine arme Freundin, Miſtreß Badyſon, hat richtiger geahnt, als ich vermuthete. Mr. Barny iſt damit einer Sorge überhoben. Ich denke aber, wir gehen dennoch zu ihm. Wir wollen nicht von dem Tode der Miſtreß Badyſon ſprechen. Ich möchte die Seele dieſes Menſchen gern genauer kennen lernen. Erſt wenn er ſich beſtimmt erklärt hat, wollen wir ihm die Thatſache mittheilen. Auf jeden Fall muß er für Clara wirken. Daß auch ich mein Wort bei der Regierung einlegen werde, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, ebenſo, daß ich das Löſegeld zahle. Mr. Barny iſt möglicherweiſe in einer Stimmung, die ihn für eine milde Handlung fähig macht, möglicher⸗ weiſe auch nicht!“ Und er erzählte Will, was geſtern Abend bei Birden⸗ hall geſchehen. „Es war ein wichtiger Abend für mich“, fügte er hinzu.„Ich habe mich verlobt oder vielmehr einer jungen Dame meine Hand angetragen, der Schweſter des Lieutenants Maskelyne. Ich will mir heute das Jawort holen.“ Will ſchien ſeltſam berührt von dieſer Nachricht. Er ſah Clive groß an und ſchüttelte den Kopf. „So ſchnell?“ ſagte er.„Sie ſprachen doch nie von Miß Maskelyne! Ich glaubte immer Sie würden 169 eine junge Dame von ganz beſonderer Schönheit hei⸗ rathen.“ „Nun, Miß Maskelyne iſt ſehr ſchön, wie Du bald ſehen wirſt“ antwortete Clive. „Das glaube ich wohl. Aber ich dachte, Sie wür⸗ den ſo etwas ganz Beſonderes wählen, etwas Sel⸗ tenes, wie es ſich für Sie ziemt“ ſagte Will zögernd. „Thörichter Knabe, das verſtehſt Du nicht!“ rief Clive lachend.„Es iſt am beſten ſo! Für die Ehe muß man ſich nichts Apartes nehmen, ſondern etwas Gediegenes, Einfaches, Solides.“ „Ich hatte ſelbſt an Adora gedacht“ ſagte Will, der noch immer unbefriedigt ſchien. „Hol' Euch der Kukuk mit Eurer Adora!“ rief Clive faſt ärgerlich.„Was ſoll mir die indiſche Prin⸗ zeſſin! Ich kann einmal das farbige Blut nicht leiden!“ „Alſo eine Prinzeſſin iſt ſie?“ fragte Will voll Intereſſe.„Das habe ich mir gleich gedacht. Es muß etwas ganz Beſonderes mit ihr ſein. Und ſchön iſt ſie wie ein Engel!“ „Der Geſchmack iſt verſchieden“, antwortete Clive, wieder ruhiger geworden und lächelnd.„Bei uns pflegt man die Engel blond, mit blauen Augen zu malen. Ein Glück übrigens, daß ich Dich nicht vorher zu Rathe gezogen, Du hätteſt mir am Ende den Antrag verleidet!“ 170 „O Kapitän“, rief Will, ſchmerzlich berührt,„ich verdiene Ihren Spott nicht! Sie werden ſehen, mit welcher Hochachtung ich die Gemahlin des Kapitän Clive behandle!“ „Nun, laß nur gut ſein!“ ſagte Clive begütigend. „Ich weiß ja, daß Du am liebſten um eine Prinzeſſin aus königlichem Geblüt für mich anhalten möchteſt. Ich bin vernünftiger als Ihr alle und hoffe meine Wahl nicht zu bereuen. Komm, laß uns zu Barny gehen. Du mußt als Sprecher, als Bote der Miſtreß Badyſon auftreten.“ Sie gingen nach dem Directorialgebäude, trafen aber dort Mr. Barny nicht an und begaben ſich alſo nach ſeiner Privatwohnung. Dort hieß es, Mr. Barny befinde ſich nicht recht wohl und habe befohlen, Nie⸗ mand einzulaſſen. Clive ließ jedoch ſeinen Namen melden und wurde dann von dem Diener in die innern Zimmer geführt. Der Kapitän war begierig, zu ſehen, wie ſich Mr. Barny nach der ſchweren Niederlage, die er am ver⸗ gangenen Abend empfangen, verhalten werde. Er traf jedoch ganz den alten Mr. Barny, nur daß der Direc⸗ tor Kopfweh und allgemeines Uebelbefinden heuchelte, um ſeine ſchlechte Stimmung damit zu erklären. Ueber den vergangenen Abend ſchwieg er ganz, und Clive 171 war alſo genöthigt, das unangenehme Ereigniß uner⸗ wähnt zu laſſen. „Ich komme, Mr. Barny“, ſagte er nach einem kurzen allgemeinen Geſpräch,„um Ihnen Herrn Fähn⸗ rich William Starlow, einen meiner intimſten Freunde, vorzuſtellen. Sie ſehen, daß er noch ſehr jung iſt, und verzeihen ihm deshalb vielleicht, daß er nicht allein gekommen iſt, ſondern mich zu ſeinem Begleiter und auch zu ſeinem Vertrauten gewählt hat. Ich muß dies vorausſchicken, damit Sie wiſſen, daß ich die An⸗ gelegenheit, um die es ſich handelt, ganz genau kenne, wenigſtens ſo gut wie Mr. Starlow. Daß wir beide zu keinem Dritten davon geſprochen haben, verſteht ſich natürlich von ſelbſt. Auch würde mich Mr. Starlow nicht in das Geheimniß gezogen haben, wenn er nicht geglaubt hätte, eines Verbündeten zu bedürfen. Nun trage Deine Sache dem Herrn Director ruhig und klar vor, Will!“ Mr. Barny machte ein etwas erſtauntes Geſicht zu dieſer ceremoniöſen Eröffnung, bat aber die Herren Platz zu nehmen und ſicherte Will ſeine Aufmerkſam⸗ keit zu. Der junge Fähnrich begann mit bebender Stimme ſeine Erzählung. Die Erinnerung an ſeine jetzt todte Freundin machte ihn weich; bald jedoch erlangte er 172 ſeine Kraft wieder im Bewußtſein, daß er Clara helfen müſſe. Er berichtete, wie er die Bekanntſchaft Miſtreß Badyſon's gemacht, ſchilderte die traurige Lage der⸗ ſelben, die Gefahren, denen Clara entgegenginge, und legte das Schickſal der beiden Frauen dem Director aufs wärmſte ans Herz. Barny zeigte nicht die geringſte Unruhe während dieſer Erzählung, wohl aber die geſpannteſte Aufmerk⸗ ſamkeit. Er nahm ſie entgegen wie einen wichtigen kaufmänniſchen Bericht. Nur die tiefer werdenden Fal⸗ ten auf ſeiner Stirn verriethen, daß hinter dieſer Stirn ein Unwetter ſich zuſammenziehe. „Wenn ich nicht vor einiger Zeit einen Brief von Miſtreß Badyſon erhalten hätte, der ungefähr von den⸗ ſelben Geſichtspunkten ausgeht wie Ihre Erzählung, ſo würde ich Ihren ganzen Vortrag für ein wunderbares Gemiſch von Wahrheit und Erfindung gehalten haben“, antwortete Mr. Barny, als Will ſchwieg.„Das Wun⸗ derbarſte bei dem Allem iſt, daß Miſtreß Badyſon einen ſo jungen Mann— ich bitte um Verzeihung, Mr. Starlow, aber Sie können Ihre Jugend nicht in Ab⸗ rede ſtellen— in derartige Familiengeheimniſſe einge⸗ weiht hat. Ich ſehe mich hier plötzlich in einer An⸗ gelegenheit, welche die zarteſten und verwickeltſten Ver⸗ hältniſſe meines Lebens berührt, zwei jungen Herren gegenüber, bei denen ich ein vollkommenes Verſtändniß für derartige Beziehungen noch kaum vorausſetzen darf. Seien Sie überzeugt, daß ich für Miſtreß Badyſon eine Theilnahme empfinde, die von der Ihrigen kaum er⸗ reicht werden dürfte, und daß ich den Umfang meiner Verpflichtungen gegen dieſe Dame genau kenne. So bindend, wie Miſtreß Badyſon ſie Ihnen vermuthlich dargeſtellt hat, ſind ſie nicht. Weiter kann ich mich überhaupt nicht in dieſe Erörterung einlaſſen. Sechzig⸗ tauſend Rupien ſchüttelt man nicht aus dem Aermel; man braucht Zeit dazu, ſie zuſammenzubringen. Das habe ich auch Miſtreß Badyſon geſchrieben. Ich reiſe in dieſen Tagen nach England. Von dort aus kann ich die verlangte Summe leichter beſchaffen. Ich be⸗ daure das Schickſal der Dame, kann aber nicht um⸗ hin anzudeuten, daß ſie ſich daſſelbe ganz allein be⸗ reitet hat. Wenn Sie mit der Dame in Correſpon⸗ denz ſtehen, wie ich vermuthe, ſo bitte ich, ihr dies mitzutheilen.“ „Es handelt ſich hauptſächlich um das Schickſal Miß Clara's“, wandte Will ein, auf den die entſchiedene, ſichere und kalte Weiſe Mr. Barny's einen ſehr nieder⸗ ſchlagenden Eindruck übte, während Clive's Züge ernſt und düſter wurden.„Sie iſt ſo ſchön, ſo liebenswür⸗ dig, daß Sie, wenn Sie dieſelbe kennten, gewiß nicht 174 den Gedanken ertragen würden, ſie als Opfer eines barbariſchen Seeräubers zu ſehen.“ Ob ſich im Herzen Barny's etwas bei dieſen Worten regte? Die Falten auf ſeiner Stirn waren noch tiefer geworden, die Brauen verdeckten faſt die Augen.. „Man muß Manches ertragen, wenn es nicht zu ändern iſt“ antwortete er.„In der Eile, in der aller⸗ nächſten Zukunft bin ich nicht im Stande, etwas zu thun. Auch gibt es in England Verhältniſſe für junge Mädchen, gegen welche das Leben in dem Harem eines Orientalen beneidenswerth zu nennen iſt. Ich will Ihnen zwanzigtauſend Rupien zur Verfügung ſtellen; mehr kann ich nicht thun, und ſelbſt daran muß ich die Bedingung knüpfen, daß Miſtreß Badyſon die Auf⸗ faſſung unſerer frühern Beziehungen, wie ſie dieſelbe zu hegen ſcheint, für immer aufgibt.“ „Daß ſie alſo dem Eheverſprechen, das Sie ihr gegeben, entſagt?“ warf Clive kalt und geſchäfts⸗ mäßig ein. „Ganz richtig, Herr Kapitän“ antwortete Barny, Clive's ſeltſame Miene ſcharf fixirend.„Dieſes ſoge⸗ nannte Eheverſprechen iſt mir unter Verhältniſſen ab⸗ genommen worden, die es als gewiß erſcheinen ließen, daß es nie eingelöſt werden ſolle. Es war ein Act 175 der Höflichkeit, der Courtviſie meinerſeits, eine reine Formalität, die unter den eigenthümlichen Umſtänden, unter denen ſie vollzogen wurde, niemals zu einer wirk⸗ lichen Erfüllung berechtigte. Doch das kann ich Ihnen nicht ausführlicher auseinanderſetzen. Es geht ſchon über meine Kräfte, wenn ich zwanzigtauſend Rupien dafür ausgebe, daß Miſtreß Badyſon meine Bitte, in England zu bleiben, nicht erfüllt hat.“ „Das iſt in der That ſehr großmüthig von Ihnen“, ſagte Clive.„Dieſe zwanzigtauſend Rupien werden vielleicht auch genügen, da es ſich nur noch um Miß Clara Badyſon handelt. Mein Freund Starlow hat nämlich heute eine Nachricht erhalten, die er nicht wagte, Ihnen mitzutheilen, da er glaubte, daß ſie Ihrem Her⸗ zen zu nahe gehen würde. Ich denke über dieſen Punkt ruhiger, obgleich ich freilich noch zu jung bin, um manche Verhältniſſe in ihrer ganzen Zartheit zu begreifen. Miſtreß Badyſon iſt nämlich am zwölften December des vergangenen Jahres in Gheria ge⸗ ſtorben.“ Der Kapitän hatte ſein Auge feſt auf Barny ge⸗ richtet. Dieſer erbleichte ein wenig und ſenkte den Blick. Von einer traurigen Ueberraſchung, von einem Erſchrecken war indeſſen nichts in ſeinen Zügen zu leſen. Er überlegte offenbar nur, wie er ſich bei dieſer 176 neuen Wendung zu verhalten habe. Seine Miene war eher drohend als mild. „Geſtorben!“ ſagte er dann, wie zu ſich ſelbſt. „Hätte ſie meinen Rath befolgt und wäre ſie in Eng⸗ land geblieben, ſo lebte ſie gewiß noch. Es bleibt bei den zwanzigtauſend Rupien. Sie mögen ſie für Miß Clara verwenden, Mr. Starlow. Angria wird kein Narr ſein, er wird lieber das Geld nehmen, als ein ſolches Kind behalten wollen. Es iſt übrigens möglich, daß ich dieſe Angelegenheit von Bombay aus ſelbſt regulire, da ich ohnehin dieſen Ort auf meiner Rück⸗ reiſe berühre. Ja, ja, das wird das Beſte ſein. Ich nehme das Schickſal des jungen Mädchens auf mich allein. Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre Mit⸗ theilung. Die Sache iſt abgemacht. Ich ſchreibe von Bombay aus nach Gheria.“ Er ſtand bei dieſen Worten auf. Es ſollte das Zeichen der Verabſchiedung für Clive und Will ſein. „Verzeihen Sie, Mr. Barny“ ſagte Clive,„die An⸗ gelegenheit iſt damit doch wohl nicht beendet. Angria iſt vielleicht weniger gelddurſtig, als Sie glauben, und es liegt ihm mehr an einem ſchönen, liebenswürdigen Mädchen engliſcher Abſtammung als an den zwanzig⸗ tauſend Rupien, die er ſich leicht verſchaffen kann, wenn er den kleinſten Küſtenfahrer kapert. Die Nachrichten ———— 177 wenigſtens, die wir, und zwar aus ſehr guter Quelle, erhalten haben, deuten darauf hin, daß Angria ent⸗ ſchloſſen iſt, Miß Clara nicht von ſich zu laſſen, und daß die Autorität der engliſchen Regierung nöthig ſein würde, um ihn zur Freigebung des unglücklichen Mäd⸗ chens zu bewegen. Ein einfaches Schreiben von Ihnen wird gar nichts nützen. Sie bleiben noch einige Tage hier, wir wollen alſo gemeinſam Mr. Saunders ver⸗ anlaſſen, den Piraten von Gheria in einem Schriftſtück, das möglichen Falls mit Krieg droht, zur Freigebung der Miß Badyſon aufzufordern. Dieſes Schriftſtück, verbunden mit dem Angebot der zwanzigtauſend Rupien, wird dann hoffentlich ſeinen Zweck nicht verfehlen.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Kapitän“ ſagte Barny ſcharf und mit verhaltenem Zorn,„ich für meinen Theil werde nicht mit Mr. Saunders ſprechen. Auch reiſe ich heute Abend ſchon ab. Es liegt eine Barke auf der Rhede, die nach Bombay geht— ich will ſie benutzen. Ich habe alſo keine Zeit, mich damit zu be⸗ ſchäftigen. Auch genügt es mir vollkommen, dieſe An⸗ gelegenheit im Munde zweier jungen Herren zu wiſſen, die für die gehörige Verbreitung ſchon Sorge tragen werden. Ich ſpreche zu keinem Andern darüber, darauf verlaſſen Sie ſich! Entweder Sie ordnen dieſe Angelegenheit oder ich ordne ſie— eins von Miützelburg, Robert Clive. III 12 5 Beidem iſt nur möglich, und wenn ich ſie ordne, ſo ordne ich ſie auf eigene Hand.“ „Sie berühren den Punkt, den ich vorher noch er⸗ wähnen wollte“ ſagte Clive.„Nach dem Intereſſe, das Sie bisher für die Befreiung der beiden Damen an den Tag gelegt, erſcheint mir der Eifer, den Sie für Miß Badyſon verwenden könnten, mehr als zweifelhaft, obgleich Sie von allen Menſchen in der Welt dieſer jungen Dame am nächſten ſtehen. Ich wollte alſo den Vorſchlag machen, daß Sie uns die Ordnung dieſer Angelegenheit ganz allein überlaſſen, ſelbſt den Geld⸗ punkt, daß Sie aber dafür auf jeden Einfluß verzichten, den Sie etwa auf Miß Badyſon beſitzen oder zu be⸗ ſitzen behaupten könnten.“ „Herr Kapitän“, ſagte Barny,„Sie führen eine ſeltſame Sprache. Zuerſt miſchen Sie ſich in eine An⸗ gelegenheit, die Sie abſolut gar nichts angeht und von der Sie nur durch die Indiscretion Ihres ſehr jungen Freundes Kenntniß erhalten haben. Dann erlauben Sie ſich, Vermuthungen über meine Handlungsweiſe und deren Urſachen auszuſprechen, die ich ganz unpaſ⸗ ſend finde. Nachdem ich Ihnen dies erklärt, ſehe ich mich genöthigt, hinzuzufügen, daß meine Zeit wegen meiner heute Abend erfolgenden Abreiſe ſehr in An⸗ ſpruch genommen iſt, daß ich alſo dieſe Unterredung —— 179 abbrechen muß und daß ich die fernern Schritte zur Befreiung der Miß Badyſon ſelbſt leiten werde, da ich in der That ihr am nächſten ſtehe. Miſtreß Badyſon hat mich ſchriftlich und durch dieſen Herrn Starlow aufgefordert, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Ich werde es thun und verbitte mir jede fremde Ein⸗ miſchung.“ „Sie werden mich nicht verhindern, das zu thun, was ich für Menſchenrecht und Menſchenpflicht halte!“ rief Clive.„Ich zweifle ſowol an Ihrem guten Willen als an Ihrer Befähigung, Miß Badyſon zu befreien. Sie werden die Sache auf die leichte Achſel nehmen, mit Geld arrangiren wollen und ſich tröſten, wenn das nicht gelingt. Ich erkläre Ihnen alſo hiermit auf das beſtimmteſte, daß ich auch meinerſeits für Miß Badyſon wirken werde und zwar ganz in der Weiſe, wie es mir gut ſcheint. Sollte ich Mr. Saunders von dem Her⸗ gange unterrichten müſſen, ſo werde ich keinen Augen⸗ blick zögern, dies zu thun.“ „Auf die Gefahr hin, daß ich Ihre Mittheilungen für unrichtig erkläre!“ ergänzte Mr. Barny, auf deſſen Stirn die Adern geſchwollen waren und deſſen Blicke Clive durchbohrten. „Ich werde abwarten, ob Sie dies thun“ ſagte der Kapitän ruhig.„Ich glaube zu wiſſen, wen ich 125 180 vor mir habe, und hege meine eigene Auffaſſung von Ihren Abſichten und Anſichten. Vielleicht wäre es Ihnen ganz recht, wenn Miß Badyſon ebenſo ſicher und ſchweigſam in den Mauern von Gheria bliebe wie ihre Mutter!“ „Handeln Sie auf Ihre Verantwortung'“ rief Mr. Barny mit vor Zorn ſtockender Stimme,„und ſeien Sie überzeugt, daß Sie in mir keinen verächtlichen Gegner finden werden, ſowohl hier wie in Eng⸗ land!“ „Ich verſtehe Ihre Drohung, Herr Director der oſtindiſchen Compagnie!“ ſagte Clive, den Titel be⸗ tonend.„Aber ich kann nur erwidern, daß mir der Kampf um ſo angenehmer ſcheint, je weniger verächt⸗ lich mein Gegner iſt. Ich empfehle mich Ihnen! Glück⸗ liche Reiſe!“ Er verbeugte ſich ſehr tief und ceremoniell und verließ mit Will das Zimmer. „Das iſt ein hartnäckiger Böſewicht!“ ſagte Will, als ſie auf der Straße waren.„Ich ſehe wohl, daß ich allein mit dieſem Manne nichts ausgerichtet hätte!“ „Auch mich koſtete es viel Uueberwindung, kalt zu bleiben“ ſagte Clive.„Aber ich zwang mich dazu, um ihm keinen Vortheil zu geben. Ja, er iſt ein hartge⸗ 181 ſottener Schurke, und es thut mir eigentlich leid, ihm das nicht ins Geſicht geſagt zu haben.“ „Wird er Ihnen nicht in England, bei der Com⸗ pagnie, viel ſchaden können?“ fragte Will. „Darauf muß ich es ankommen laſſen!“ erwiderte Elive gleichmüthig.„Noch heute ſpreche ich mit Mr. Saunders, und wir ſenden morgen ein officielles Schrei⸗ ben an Angria. Iſſuf wird uns den Weg angeben, es am ſicherſten nach Gheria gelangen zu laſſen. Nur darum handelt es ſich: wohin geht Miß Badyſon, wo bleibt ſie, wenn Angria ſie wirklich frei gibt?“ „Könnte ſie nicht hierher nach Madras kommen und bei Miſtreß Maskelyne—“ „Das iſt wahr!“ unterbrach ihn Clive.„Sie muß hierher kommen. Vielleicht gehſt Du ſelbſt nach Bom⸗ bay oder Gheria und holſt ſie ab. Ich werde Dir Urlaub verſchaffen.“ „Aber die zwanzigtauſend Rupien!“ ſagte Will klein⸗ laut. „Nun, lieber Junge, die ſtrecke ich vor, das verſteht ſich von ſelbſt!“ rief Clive.„Und wenn Miß Clara majorenn und Deine glückliche Gattin iſt, ſo zahlſt Du mir das Geld zurück.“ Will ſtammelte erröthend einige Worte des Dankes, ohne jedoch auf die letzten Worte Clive's Bezug zu 182 nehmen, und trennte ſich von ſeinem Freunde, da dieſer jetzt zu Miſtreß Maskelyne und ihrer Tochter gehen wollte. Das ſchöne Geſchlecht von Madras war ſeit langer Zeit nicht in ſolcher Aufregung geweſen wie am heu⸗ tigen Tage. Bis zur Mittagszeit hatte das unter⸗ brochene Verlobungsfeſt bei Mr. Birdenhall alle Zun⸗ gen in Bewegung geſetzt. Man wußte bereits, daß der Baronet, ſeine Tochter und der Lord auf dem nächſten Schiffe, das nach Europa ging, zuſammen nach Eng⸗ land zurückkehren würden, um dort, ſobald die Trauer⸗ zeit des Lords abgelaufen ſei, die Verbindung zu feiern. Auch daß Mr. Barny nach England reiſen würde, war ſtadtkundig geworden. Zu dieſen Nachrichten geſellte ſich nun die Kunde, daß Kapitän Clive, nach dem am vergangenen Abend ſo viele Mütter und Töchter aus⸗ geſchaut, am Vormittag um Miß Jane Maskelyne an⸗ gehalten und das Jawort empfangen habe. Zwar rümpfte man allgemein die Naſen und Näschen über dieſe unerwartete Werbung; man hätte dem Kapitän Clive einen beſſern Geſchmack, einen höher ſtrebenden Sinn zugetraut. Aber es war doch ein gutes Zeichen für den Charakter der Braut, daß man im Ganzen ohne Spott und Böswilligkeit über ihr Glück ſprach und die kleinen hämiſchen Bemerkungen gewöhnlich mit dem e 183 Eingeſtändniß ſchloß:„Nun, ſie iſt eigentlich ein gutes Mädchen. Ich gönne ihr den Kapitän viel lieber als der Ellen Birdenhall ihren Lord, der freilich ein Lord Waſſerſuppe iſt.“ Nachmittag zeigte ſich Mr. Clive mit ſeiner lieb⸗ lichen, bei jeder Begrüßung tief erröthenden Braut auf der Promenade am Strande. Briefe an den Vater, der ſich in Geſchäften der Compagnie in Calcutta be⸗ fand, ſowie an den Bruder Lieutenant waren bereits abgeſendet. Mr. Barny reiſte in der That am Abend ab. Er hatte nur von ſeinen Collegen und einigen der höchſten Beamten Abſchied genommen. Alle ſtimmten darin überein, ſein Benehmen ſei ſehr kalt, finſter, faſt ab⸗ ſtoßend geweſen. Der Stolz, den er immer ſehr gut zu verbergen gewußt, war durch die Wunde, die er durch Miß Birdenhall erhalten, an den Tag getreten. Clive konnte ſich ſeiner jungen Braut ſehr wenig widmen. Mr. Saunders und Major Lawrence drängten zur Erpedition nach Tritſchinapoli, und Clive bedurfte ſolchen Drängens nicht, um jeden Augenblick bereit zu ſein. Die beiden Offiziere ſollten ſchon in den nächſten Tagen nach dem Fort St.⸗David abreiſen und dort alle verfügbaren Truppen ſammeln. Vorher theilte Clive dem Gouverneur und dem 184 Major Lawrence in einer vertraulichen Unterredung die Angelegenheit der Miß Badyſon mit. Mr. Saun⸗ ders wollte zuerſt nichts davon hören, ſich in ſolche Privatverhältniſſe zu miſchen; er ſchien Mr. Barny's Groll zu fürchten. Aber die beiden kernfeſten Offiziere, die das Herz auf dem rechten Flecke hatten, bewogen den Gouverneur dennoch, einen großen Brief in allen Formen zu ſchreiben, in welchem Angria dringend auf⸗ gefordert wurde, Miß Clara gegen die Bezahlung von zwanzigtauſend Rupien nach Bombay zu ſenden, und das Regierungsſiegel an dieſen Brief zu hängen. Ein Beamter der Compagnie, Mr. Snyders, der in Regie⸗ rungsgeſchäften nach Bombay ging, ſollte beauftragt werden, ſich der Sache mit größtem Eifer anzunehmen. Ob William Starlow und Iſſuf ſich an der Angelegen⸗ heit zu betheiligen hätten, ſollte von dem Erfolge der Unternehmung Mr. Snyders' abhängen. Clive reiſte zuſammen mit Major Lawrence nach dem Fort St⸗David. Dupleix hatte in der letzten Zeit nichts unverſucht gelaſſen, die verlorenen Vortheile wiederzuerringen; er hatte aus Frantreich Verſtär⸗ kungen herbeigezogen, in Delhi und unter den Ver⸗ bündeten der Engländer intriguirt, ſein Privatvermögen erſchöpft, um den verhaßten Engländern neue Gegner zu ſchaffen, aber vergebens. Es fehlte ihm an guten 185 Offizieren. Buſſy, der einzige tüchtige franzöſiſche Com⸗ mandeur, war mit dem jungen Nizam nach dem nörd⸗ lichen Dekan gegangen und war im Dienſte deſſelben ausſchließlich beſchäftigt. Es blieben Dupleix nur eine Zahl jüngere. Offiziere, zum größten Theil tapfere Männer und tüchtige Soldaten, wie Maurepas, aber ohne alles Feldherrntalent. Jedenfalls waren ſie Beg⸗ nern wie Clive und Lawrence nicht gewachſen. Dies zeigte ſich auch ſehr bald vor Tritſchinapoli. Die Franzoſen und ihre Verbündeten wurden gezwungen, die Belagerung dieſer Stadt aufzugeben. Eine Stadt, eine Pagode oder Feſtung verloren ſie nach der andern. Die Engländer, durch ihre letzten Triumphe ermuthigt, duldeten keinen Widerſtand mehr; ſelbſt die einzelnen kleinern Abtheilungen, die meiſt unter Offizieren kämpf⸗ ten, welche Clive begleitet hatten, hielten es für Ehren⸗ pflicht, ſich nicht mehr ſchlagen zu laſſen. Es war ein anderer Geiſt über die Engländer gekommen. Zwar führte Major Lawrence dem Namen nach das Ober⸗ commando, aber er wußte Clive's Verdienſte genug zu würdigen, um ſich faſt immer nach den Plänen deſſelben zu richten. Die Soldaten vergötterten Clive. Man wollte nur unter ihm fechten. Die Nachricht, daß er nach England zurückkehren werde erregte deshalb all⸗ gemeine Beſtürzung. 186 Ja, Clive wollte zurück. Er fühlte ſich krank. Die geiſtigen Aufregungen ſeiner Schreiberzeit, die Strapazen der letzten Kriegsjahre hatten ſeine Geſundheit, die ohnehin nicht ſtark war, untergraben. Er mußte ſich Ruhe gönnen, er mußte eine Zeit lang den Anſtren⸗ gungen des Kriegerlebens fern bleiben. Selbſt Major Lawrence, ſo ſchmerzlich ihm die Trennung von Clive war, drang inſtändig in Clive, ſich einige Jahre in der Heimat zu erholen. Jane Maskelyne vereinte natür⸗ lich ihre Bitten mit denen ihres väterlichen Freundes. Aler ehe Clive ging, wollte er, wie er ſagte, reinen Tiſch machen. Die beiden ſtarken Forts von Kovelong und Jingleput zwiſchen Madras und Pondichery be⸗ fanden ſich noch in den Händen der Franzoſen und hinderten die militäriſchen Bewegungen der Engländer. Clive beſchloß ſie ſo zu ſagen im Handumdrehen zu nehmen. Ihm fehlte nur das Beſte dazu Soldaten. Alles, was ihm Major Lawrence zur Verfügung ſtellen konnte, war eine Handvoll Rekruten, Geſindel, das man in London und den engliſchen Häfen gepreßt hatte, Gauner, Diebe, träge Handwerker, eine Rotte, die ſich zwar vor Tod und Teufel nicht fürchtete, aber von militäriſcher Disciplin keine Ahnung hatte und vor Kugeln und Bajonetten einen gewaltigen Reſpekt em⸗ pfand. Denn wenn auch jeder auf ſeine eigene 187 Hand tapfer war, o fehlte ihm doch der moraliſche Muth des Soldaten, der ruhig mitten im Kugelregen auf ſeinem Poſten aushartt. So ermattet und überreizt Clive auch war, ſo ging er dennoch mit dem Muthe eines Hercules an die Arbeit, aus dieſem Geſindel kampffähige Truppen zu machen, und ſobald ſie nur ein wenig eingeübt waren, rückte er mit ihnen auf Kovelong, um es zu belagern. Als jedoch der erſte Schuß aus der Feſtung fiel und einer von den Tapfern todt niederſtürzte, machte der ganze Haufe Kehrt und lief davon. Nur mit Mühe brachte Clive die Ausreißer zum Stehen und gewöhnte ſie dadurch an die Gefahr, daß er ſich ſelbſt rückſichts⸗ los dem Kugelregen ausſetzte. Freilich ging dies nur langſam, und noch nach acht Tagen erlebte es Clive, daß die Schildwachen ſich in einen Brunnen verkrochen, als eine Kanonenkugel über ſie dahinfuhr. Sobald ſich die Rotte jedoch an das Feuer gewöhnt, wurde ſie brauchbar, und Kovelong fiel, gerade als eine ſtarke franzöſiſche Abtheilung von Jingleput heranzog, um den Ort zu entſetzen. Clive zog dieſen Entſatztruppen entgegen und legte ihnen einen Hinterhalt. Der Feind marſchirte arglos wie im tiefſten Frieden die Straße dahin, als Clive's Truppen, hinter Hecken und Mauern günſtig verſteckt, ihm eine Salve ſendeten. Dieſe ein⸗ 188 zige Salve tödtete hundert Mann nnd brachte vollſtän⸗ dige Auflöſung unter die Franzoſen und ihre Sepoys. Dreihundert von ihnen wurden noch zu Gefangenen ge⸗ macht, und Clive folgte dem Reſte, der nach Jingleput zurückfloh, auf dem Fuße. Faſt zugleich mit den Fran⸗ zoſen langte er unter den Mauern dieſer ſtarken Feſtung an. Der franzöſiſche Befehlshaber ſchien ſich wacker vertheidigen zu wollen, ließ es aber, als Clive Breſche geſchoſſen, doch nicht auf einen Sturm ankommen, ſon⸗ dern capitulirte, und mit neuen Lorbeeren geſchmückt eilte Clive nach Madras. Lieutenant Maskelyne und Will Starlow waren ebenfalls von ihren verſchiedenen Stationen herbeigeeilt, um der Hochzeit Clive's beizuwohnen. Iſſuf war nicht erſchienen. Vielleicht grollte er Clive, der ihm auf ſeine Vorſchläge in Bezug auf Adora durch die Heirath mit Miß Maskelyne geantwortet. Major Lawrence kam noch in der letzten Stunde, um Clive zu den letzten Erfolgen zu gratuliren und den Brautführer zu machen. Wenige Tage nach der Hochzeit beſtieg Clive mit ſeiner jungen Frau ein Schiff, das nach Europa ſegelte. Kurz vorher war von Mr. Snyders aus Bombay die Nachricht eingetroffen, daß Angria Schwierigkeiten mache, Miß Clara Badyſon freizugeben, da er von 189 Mr. Barny die Nachricht erhalten, daß nur er, Mr. Barny, berechtigt und verßflichtet ſei, ſich des jungen Mädchens anzunehmen. Angria benutze dieſen Zwi⸗ ſchenfall als einen willkommenen Vorwand, zu erklären, daß er gern Miß Clara freigeben wolle, aber nicht wiſſe, an wen er die Gefangene ausliefern dürfe. Mr. Barny ſei inzwiſchen nach Europa zurückgekehrt. Elive bat Mr. Saunders, an Angria zu ſchreiben, daß es Sache der Engländer ſei, ſich über den künf⸗ tigen Beſchützer des jungen Mädchens zu einigen, und daß er Miß Clara fürs Erſte nur ruhig nach Bombay ſenden ſolle. „Dieſe Piraterie iſt eine Schmach für uns!“ fügte er hinzu.„Wir ſind das mächtigſte Volk zur See und laſſen uns von einem ſolchen Zaunkönig plündern und brandſchatzen. Sollte ich je wieder hierher kommen, Mr. Saunders— und ich hoffe es!— ſo will ich dieſem Angria in Gheria ſelbſt einen Beſuch abſtatten, bei dem ich mich mit Vollkugeln anmelde!“ Eine Stunde darauf war er auf dem Wege nach England, von Keinem mit traurigern Gedanken und mit heißern Segenswünſchen geleitet als von Will Starlow. Ende des dritten Bandes. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Johann Georg l. von Sachſen. Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. 3 Bände. 8. Geheſtet. Preis 2 Thlr. Die Reiſen von Bambus& Comp. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Gräfin und Marguiſe. Roman von Guſtav vom Ser. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. 24 Ngr. . 3 Der Tannenhof. Roman von Adeline Volckhanſen. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Frm von Gampenstein. Roman von Ernſt Willkomm. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Johannes Repler. Hiſtoriſcher Roman von Julie Burow. Jwei Abtheilungen. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ein Fünder wider Willen. Roman von Etienne Enault. Aus dem Franzöſiſchen. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. Der Sohn des Enthanpteten. Roman —— von Jules Boulabert. Aus dem Franzöſiſchen. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. — — —— —— — — 5 S w .—— X ſnſſi 9 10 11 12 13 14 15 16 17 6 3 S2 6 ——— — * .