Die Geschichte von Portugal. Durch Dr. Eernst üncy, Großh. Bad. Profeſſor an der Univerſitat zu Freiburg im Breisgau. Drittes Bändchen. Dresden v. G. Hilſcherſche Vuchhandlung. 1 8 2 7. Dritter Abſchnitt. Von den Zeiten der franzöſiſchen Invaſion bis zu den neueſten Tagen. Erſtes Kapitel. Die Schickſale des Hauſes Braganza waͤhrend der franzoͤſiſchen Revolu— tion und der Herrſchaft Napoleon Bo⸗ naparte's. England hatte ſich außer Stande gefuͤhlt, waͤhrend des Kampfes mit Frankreich im Jahre 1793 einem alten Verbuͤndeten beizuſtehen, der in ſeinem und aller Koͤnige Intereſſe Theil daran genommen hatte. Der Graf von Waldeck, welcher dießmal die Rolle Schaumburg⸗Lippe's uͤbernahm, hatte weder den Geiſt, noch die Tapferkeit, weder die Volksthuͤmlichkeit, noch die tiefe Menſchenkenntniß jenes unſterblichen Mannes. In vielen ſeiner Be⸗ muͤhungen ſcheiterte Waldeck deßhalb ſowohl an der Nationaleiferſucht im Allgemeinen, als auch, und be⸗ ſonders, an dem Einfluſſe des Herzoges von La föes und einiger andern eingebornen Großen, welche P. III. 1 keinesweges zu ſeinen Freunden gehoͤrten. Portugal ronnte mithin von Gluͤck noch reden, als ihm, ge⸗ gen wenige leichte Opfer, ein leidlicher Friede gebo⸗ ten ward. Es ſollte aller Theilnahme an den Un⸗ ternehmungen der Koalition wider die Republik der Neufranken entſagen und einen Botſchafter an das Direktorium abſenden. Eben ſo ſollten auch große Geldſummen im Geheim herbeigeſchafft werden, eine Bedingung, ohne die man zu jenen Tagen nur ſchwer von den Franzoſen loskam. Leider hintertrieb die mit der Unterhandlung unzufriedene engliſche Partei zu Lisboa die Beſtaͤti⸗ gung des Vertrages; und als nach einiger Zeit die⸗ ſelbe auch beſchwichtigt worden war, zeigte auf ein⸗ mal das franzoͤſiſche Direktorium ſich ſproͤde. Die neuen Unterhandlungen zerſchlugen ſich; das Miß⸗ geſchick, welches bald darauf die Franzoſen eine Zeit lang an verſchiedenen Punkten traf, erhoͤhte das Selbſtvertrauen der Portugieſen auf ihre Kraͤfte wieder. Sie vereinigten ihre Flagge mit der brit⸗ tiſchen, und kreuzten gemeinſam mit den Englaͤn⸗ dern vor Maltha und Alexandrien. Mit Rußland wurde ebenfalls ein Schutz und Trutzbuͤndniß ge⸗ ſchloſſen. Allein trotz dieſer ungewöhnlichen Energie in politiſchen Angelegenheiten, fuͤhlte das Volk ſich gerade nicht in der behaglichſten Lage und in der freundlichſten Stimmung. Der Krieg hatte, die ungewoͤhnlichen Opfer abgerechnet, dem Handels⸗ ſtande allein ſchon durch die franzoſiſchen Freibeuter zur See fuͤr viele Millionen Werthes geſchadet. Der Verkehr mit Braſilien war ſo gut als aufge nien Entriſſene den Portugieſen wieder zuruck. 3 hoben. Mehrere Anleihen vergroͤßerten in ſtarkem Verhaͤltniſſe die Staatsſchuld; das Papiergeld, zu welchem man ſich endlich auch hier bequemen mußte, untergrub den oͤffentlichen Kredit; die Furcht vor revolutionaͤren Grundſaͤtzen und fraͤnkiſchen Send⸗ lingen gab einer geheimen Polizei das Daſeyn und ertoͤdtete das wechſelſeitige Zutrauen. Mit der Po⸗ lizeiplage ging Hand in Hand die Willkuͤr der Miniſter, und die Inquiſition, deren Wirkſamkeit längere Zeit geruht hatte, erhielt aufs Neue vollauf Arbeit. Außer dem Vertrage mit Tripolis, wo⸗ durch Portugal mit Getreide verſorgt wurde, und außer der Erklaͤrung Liſſabons zum Freihafen auf die Dauer von zwei Jahren, geſchah nichts fur die Nation Erſprießliches oder fuͤr die Geſchichte be⸗ ſonders Merkwuͤrdiges in jenen Jahren. Als der erſte Konſul der franzoͤſiſchen Republik bereits im Jahre 1804 nach Gutduͤnken mit den 1801 Entſchließungen des ſpaniſchen Kabinetes ſpielte, wurde dieſem letzteren auch der Krieg wider Portu⸗18. Febr. gal aufgetragen; doch waͤhrte er nicht lange, ſon⸗ dern noch in demſelben Jahre kam der Friede von 6. Juni Badajoz zu Stande. Olivenza mit ſeinen Umge⸗ bungen mußte an Spanien abgetreten, die Gua⸗ diana zwiſchen beiden Laͤndern die Grenze, und den engliſchen Schiffen die Haͤfen von Portugal ver⸗ ſchloſſen werden. Der Friede zu Madrid enthielt fuͤr Frankreich noch vortheilhaftere Bedingungen 29. Sept. auf Koſten des armen, ſchwaͤcheren Landes. Erſt der allgemeine Friede zu Amiens milderte einige der 1802 haͤrteſten Punkte und gab mehreres in den Kolo⸗ i 1* Der Drang der Umſtände von Außen ward jedoch immer maͤchtiger und die Stellung des por⸗ tugieſiſchen Kabinetes zu den kriegeriſchen Haupt, mächten immer prekaͤrer. Der neue Kaiſer Frank⸗ reichs, welcher die alten, niemals ganz aufgegebe⸗ nen, und auch durchaus unzerreißbaren Verbindun⸗ gen mit England, bei dem angenommenen Konti⸗ nentalſyſteme, dauernd zu vernichten ſuchen mußte, beſchloß im Jahre 1807 ſchon den Untergang des Hauſes Braganza. Mit Spanien war bereits das Roͤthige in dem beruͤchtigten Vertrage von Fontaine⸗ bleau verabredet worden; die Theilung des Löwen ſollte aber fuͤr das treuloſe bourboniſche Koͤnigsge⸗ ſchlecht ſelber die vernichtenden Folgen haben, wel⸗ che man fur Portngal herbeizufuͤhren dazumal ſo eifrig beſtrebt war. Als die Nachricht von des Kan ſers Entſchluſſe und der ſchimpflichen Theilnahme Spaniens an der Invaſion nach Liſſabon gelangte ſiegte die engliſche Partei im Staatsrathe D. Joao's wieder, und der alte Vorſchlag Pombals, wel⸗ chen dieſer große Staatsmann bei Anlaß des, im Jahre 1762 von Spanien unternommenen, Krieges * einſt gemacht hatte, naͤmlich: unter dem Schutze einer engliſchen Flotte mit allen Schätzen nach Bra⸗ ſilien ſich zu begeben, und von hier aus, durch Eroberung der ſpaniſchen Kolonien, fuͤr die Ver⸗ luſte in Europa ſich zu entſchaͤdigen— gewann taͤg⸗ lich mehr Eingang in den Gemüthern des Monar⸗ chen und ſeiner Miniſter. Man bereitete ſich heim⸗ lich fur den verzweifelten Schritt vor, und waͤhrend der Geſchäͤftsträger Sr. allergetreueſten Majeſtaͤt zu Paris, Graf Lima, uͤber Portugals Unpar⸗ 5 teiſamkeit, uͤber die Verſchließung der Häfen des Reiches zum Nachtheile der Britten, und uͤber mo⸗ natliche Huͤlfsvoͤlker von zwei Millionen Franken zum Scheine fortunterhandelte, brachten bereits die Englaͤnder in den groͤßeren Städten, ſo viel thun⸗ lich, ihr Eigenthum in Sicherheit und die Krone ſuchte beſtmoͤglichſt alles nicht leicht Transportable in Geld zu verwandeln. Die Bezahlung der Wech⸗ ſel wurde durch ein Regierungsedikt fur drei Mo⸗ nate gehemmt, und dadurch die Abſicht des Hofes deutlich kund gegeben, in kurzer Friſt ſich zu fluͤchten. Zu Paris hatte man den geheimen Plan fruͤhe genug geahnt, doch war er, weil die Englaͤnder zur See den Meiſter ſpielten, nicht leicht in der Ausfuͤhrung zu verhindern. Der Prinz⸗Regent zeigte üͤberdieß immer noch die ſreundſchaftlichſte Geſinnung gegen Frankreich, auch nachdem der Ge⸗ ſandte des Kaiſers Lisboa ſchon verlaſſen hatte. Man ſuchte, da bereits ein franzöſiſches Heer, un⸗ ter Anfuͤhrung des Marſchalls Junot, im Anzuge gegen Portugals Grenzen war, bloß noch einige Zeit zu gewinnen; darum verkuͤndete man am 20. Oktober von Seiten des portugieſiſchen Kabinetes den förmlichen Beitritt zum Kontinentalſyſteme und die Ausſchließung der engliſchen Schiffe aus al⸗ len portugieſiſchen Haͤfen. Marſchall Junot aber ſetzte, weil ſeine Auftraͤge beſtimmt lauteten und die Abſichten des Kabinetes von Liſſabon durchaus am Tage lagen, ſeinen Zug ununterbrochen fort. Die dringenden Vorſtellungen des engliſchen Miniſters, Lord Strangfort, und des Admirals Sir Sidney Smith, welcher die Station im Tajo befehligte, machten endlich jeder fernern Be⸗ denklichkeit und Zoͤgerung ein Ende. Alle verfuͤg⸗ baren Landtruppen erhielten den Auftrag, in Eil⸗ maͤrſchen ſich nach der Kuͤſte zu verfuͤgen. Bei Peniche, welcher Ort als der tauglichſte hierzu er⸗ funden worden, wurde eine Abtheilung von 7000 Mann Linientruppen aufgeſtellt, um die Einſchif⸗ fung der koͤniglichen Familie zu decken. Waͤhrend dieſer Zeit betrieb man die Ausruͤſtung der Flotte mit raſtloſer Thaͤtigkeit. Bereits war Junot bei Abrantes angelangt und ſomit kein Augenblick mehr zu verlieren. Da erſchien denn endlich am 26. MNovember die Abſchieds⸗Proklamation, durch welche der Prinz den treuen Portugieſen eroͤffnete: wie alle Mittel, die Unparteiſamkeit des Reiches und den Frieden mit Frankreich zu erhalten, erfolg⸗ los angewendet worden,— die Truppen des fran⸗ zoſiſchen Kaiſers, ſeines Verbuͤndeten, zu deſſen Gunſten man doch ſelbſt dem aͤlteſten und treueſten, der Krone Großbritannien die Haͤfen Portugals verſchloſſen, im Anzuge gegen die Hauptſtadt be⸗ griffen ſeyen. Dieſe Wendung der Dinge habe ihn, den Prinz⸗Regenten, veranlaßt, mit ſeiner koͤnig⸗ lichen Mutter und der ganzen Familie nach den Amerikaniſchen Staaten ſich zu begeben, und in der Stadt Rio⸗Janeiro bis zum allgemeinen Frieden die Hofſtatt daſelbſt aufzuſchlagen. um jedoch die Einheit der Regierung und die Ruhe und Ordnung in ſeinen europaͤiſchen Staaten, ſo viel moͤglich, zu erhalten, werde jetzt eine Regentſchaft niedergeſetzt, beſtehend aus dem Marquis von Ab⸗ — 2 rantes, D. Francisco de Currha de Me⸗ neſes, D. Pedro de Mello⸗Breyner, D. Francisco de Moronha, den Grafen Mon⸗ teiro und Sampayo, oder an ſeiner Stelle D. Antonio Saltier de Mendonce. Unter dem gleichen Datum wurde dieſer Regentſchaft auch eine beſondere, ziemlich unumſchraͤnkte Vollmacht, in Bezug auf ihre kuͤnftige Wirkſamkeit, im Reiche ertheilt. Tages darauf ſchiffte der Prinz mit den Infan⸗ ten und ſeiner Gemahlin, Donna Carlotta Joacquina, Tochter Koͤnig Karls IV. von Spa⸗ nien, und Schweſter des Prinzen von Aſturien, Don Fernando, ſich auf dem Schiffe ein, das ſei⸗ nen eigenen Namen trug; auf ein anderes ward die wahnſinnige Mutter, Maria Francisca, ſo wie der Infant D. Pedro, ein Neffe des ſpani⸗ ſchen Monarchen, von deſſen Bruder, D. Gabriel Antonio, und der Prinzeſſin von Beira, Maria Beatrix, als Gemahl beſtimmt fuͤr die aͤlteſte Toch⸗ ter des Regenten, gebracht. Auf die uͤbrigen Li⸗ nienſchiffe und Fregatten begaben ſich die Großen des Hofes und die Staatsſekretaͤre mit allen wich⸗ tigen Papieren und Effekten. Nach dieſem gab man auch Privatperſonen die Erlaubniß, ſo viel Eigenthum mit zu verladen, als die Schiffe nur faſ⸗ ſen konnten. Am 29. November lichtete die Flotte, zwei Tage lang durch unguͤnſtige Winde zuruͤckge⸗ halten, die Anker, und fuhr mitten durch die eng⸗ liſche Flotte, welche mit 21 Kanonenſchuͤſſen ſie be⸗ sruͤßte. Sie beſtand nunmehr aus ſechs Linien⸗ ſchiffen, naͤmlich dem„Kronprinz“ dem„Graf 26. Nov. 27. Nov. . 8 Heinrich“, dem„Prinz von Braſilien“, der„Koͤnigin von Portugal“, dem„Dom Juan de Caſtro“, und dem„Martino de Friltas“, von 90— 64 Kanonen; uͤberdieß aus vier Fregatten von 44— 36 und vier Briggs von 18 Kanonen, ungerechnet die Transportſchiffe. Im Ganzen zaͤhlte ſie ſechs und dreißig Segel, und nahm einen Werth von beinahe 250 Millionen Kru⸗ ſaden, bloß an Schaͤtzen, mit ſich. Im Hafen von Liſſabon blieben zuruͤck der Vasko da Ga⸗ ma, die Maria Primura, der San Se⸗ baſtian und die Prinzeſſin von Beira, nebſt einer Anzahl größerer und kleinerer Fahrzeuge. Der Himmel und die Natur ſelbſt ſchienen gegen die Reiſe des Hofes Einſprache erheben zu wollen; denn es wuͤthete am Tage der Abfahrt mit wild⸗ empoͤrten Wogen ſchreckbar die See; auch drohte ein Erdbeben mit jenen fruchtbaren Schreckniſſen, die Liſſabon mehr als einmal ſchon erlebt, und die ausgeruͤſteten Schiffe ſelbſt waren von ſo ſchlechter Beſchaffenheit, daß nur durch die angeſtrengteſte Sorgfalt der Englaͤnder die Flotte in Bewegung geſetzt werden konnte. Noch an dem Tage der Flucht des Hofes hielt Marſchall Junot, an der Spitze des Vortrabes, ſeinen Einzug in Lisboa, und beſetzte die feſten Schloͤſſer, welche die Stadt und den Tajo beherr⸗ ſchen. Nach wenigen Tagen folgten die uͤbrigen Truppen, und ihre Frechheit reizte bald den an⸗ fangs ſtarr hinbruͤtenden Fanatismus des Poͤbels, welcher jedoch, allſeits von Bajonnetten und Kano⸗ nen umringt, in Zaum gehalten wurde. Eine der 9 erſten Maßregeln des franzoͤſiſchen Obergenerals war die Einziehung alles engliſchen Eigenthumes, naͤmlich desjenigen, was nicht vorher gerettet wor⸗ den; darauf folgte das Verbot des Tragens der Waffen, ohne Ermaͤchtigung, und zwar unter An⸗ drohung der Todesſtrafe. Das bittere Gefuͤhl im Herzen der unteren Volksklaſſen, durch alle dieſe Dinge, welche bloß die Vorboten von noch tyranniſcheren Gewaltſtrei⸗ chen ſchienen, immer mehr genaͤhrt und immer tie⸗ fer aufgeregt, machte ſich gewaltſam Luft am 13. Dezember, einem Sonntage, unmittelbar nach be⸗ endigtem Gottesdienſte. Es erhob ſich in wildem Aufruhre und in zahlreichen Maſſen gegen die Hauptwache der Franzoſen. Die Sturmglocken er⸗ toͤnten in furchtbarem Widerſtreite mit den Laͤrm⸗ trommeln der Beſatzung, welche die ſogenannten Empoͤrer zu zuͤchtigen, oder auch ihr eigenes Leben zu retten, ſich beeilten. Die Taktik entſchied uͤber die Mehrzahl; Leichen bedeckten die Straßen von Lisboa; die Britten der Seeſtation wagten es nicht, an dem Tumulte Theil zu nehmen, welchen ſie, durch Aufreizung des Volkes, mit veranlaßt hat⸗ ten; die Maßregeln Junots wurden in Folge dieſer Volksbewegung taͤglich nun ſtrenger und alle An⸗ ſtrengungen der ergrimmten Patrioten, durch die kluge Wachſamkeit deſſelben, durchkreuzt. Am Tajo bereits ſtand die Hauptmacht des Feindes gelagert; Eſtremadura, Bejra und Ober⸗ Alemtejo, nebſt den Feſtungen Elvas, Guarda und Portalegre waren in ihrer Gewalt. Andrerſeits bemachtigten ſich die zu gleicher Zeit verrätheriſchen 10 und verrathenen Spanier, 4000 Mann ſtark, aller feſten Plaͤtze in der Landſchaft Entre Duero e Minho, wäͤhrend eine andere von 20,000 Mann aus Kadir, zum Schutze der Kuͤſten Algarbiens und Unter⸗Alemtejo's, im Intereſſe des Kaiſers Napoleon und des Koͤniges Dom Carlos W., ſich in Bewegung ſetzen ſollten. Die Ueberziehung des Landes Portugal war beinahe vollendet und ſomit empfing die berufene Phraſe:„die Dynaſtie Bra⸗ ganza hat aufgehoͤrt zu regieren, und Portugal iſt unter den allmachtigen Schutz des Kaiſers der Fran⸗ zoſen geſtellt!“— ihre ganze furchtbare Bedeutung. Der Großinquiſitor und der Kardinal⸗ Patriarch erließen hierzu, durch Gewalt beſtimmt, wortreiche Aufruſe, im Style der franzoͤſiſchen Buͤlletins, an die Nation, darin dieſelbe zu willigem Gehorſam unter die Befehle des Obergenerals, im Namen der Religion, vermahnt und an das ungewoͤhnliche Gluͤck, in Folge des vor ſich gegangenen Hertſcher⸗ wechſels, erinnert wurde. Allein man ſah nur die franzoſiſchen Bajonnette, unter welchen dieſe Spra⸗ che geredet wurde, und wuͤrdigte leicht ihren In⸗ halt. Die Gewalt machte den Widerſtand des Poͤbels verſtummen; die Eitelkeit, welche man ge⸗ hoͤrig zu kirren verſtand, entwaffnete jenen der Großen oder wenigſtens einen Theil derſelben, und der Moniteur verkuͤndete mit vieler Naivetaͤt die innige Uebereinſtimmung der portugieſiſchen Nation mit dem, was fuͤr ſie, durch die Sorgfalt des Kaiſers, ſo eben geſchehen ſey. Der Obergeneral Junot, nachdem er von der Reſignation des Volkes ſich uͤberzeugt hatte, fuͤhrte nun die Reihe ſeiner kriegsknechtiſchen Gewalt⸗ ſtreiche weiter fort, und erſchien, am erſten Februar 1808, nach einer feierlichen Parade, an der Spitze ſeines Generalſtabes im Palaſte der Regentſchaft, erklärte ſie fuͤr aufgeloͤſt und ſetzte eine proviſoriſche Regierung ein, beſtehend aus drei Miniſterien, und ganz beſetzt mit Anhaͤngern der franzoſiſchen Partei, oder mit ſolchen Mitgliedern der bisherigen Regent⸗ ſchaft, welche man doch wenigſtens durch Auszeich⸗ nungen zu gewinnen hoffte; auch wurde jedem De⸗ partement ein Franzoſe(gleichſam zur Aufſicht) bei⸗ gegeben. Die neue Regierung erließ bald eine Menge von Verordnungen, in welchen von Eroͤff⸗ nung neuer Kanaͤle, von Anlegung regelmaͤßigerer Landſtraßen, von Erhebung der Landesinduſtrie und Vernichtung alter Vorurtheile und Mißbraͤuche, zu⸗ mal in der Religion, die Rede war. Allein Alles das, was vielleicht jede andere Nation beſtimmt haben wuͤrde, den neuen Zuſtand der Dinge, dem fruͤheren gegenuͤber, wenigſtens in einiger Ruͤckſicht, fuͤr preiswerth und beſſer anzuſehen, vermehrte in Portugal den Haß der Eingeborenen wider die ein⸗ gedrungenen Fremden nur deſto mehr. Kultur, Aufklaͤrung, Induſtrie und Freiheit waren der Maſſe des Volkes verhaßte Namen, weil ſie die Anſtrengung phyſiſcher und geiſtiger Kraͤfte predig⸗ ten. Und nun erſchien noch zu allem Ueberfluſſe das Dekret von Mailand, welches dem Lande Por⸗ 23. Dechr. tugal eine Kriegsſteuer von 400 Millionen Franken auferlegte, und dieſelbe von allem, Privatperſonen zugehoörigen, Eigenthume zu erheben befahl. Kloͤſter, Kongregationen und Domkapitel wurden mit zur 12 Theilnahme gezogen und daburch die Feinde des neuen Syſtemes betraͤchtlich vermehrt. Die Privi⸗ legirten und der dritte Stand vereinigten ſich jetzt auf das Innigſte in ihren Gefuͤhlen und Planen der Rache, und auf Großbritanniens maͤchtigen Bei⸗ ſtand zuverſichtlich hoffend, ſo wie auch desjenigen der gleich mißhandelten Spanier gewiß, erharrten ſie ruhig zur Ausfuͤhrung die guͤnſtige Stunde. Inzwiſchen war die große Kataſtrophe in Spa⸗ nien vor ſich gegangen, welche die bourboniſche Dy⸗ naſtie in den Staub wapf, als ewigdenkwuͤrdiges Beiſpiel von Verdorbenheit der Kabinete, von ſchauerlicher Zwietracht im Innern der Koͤnigsfami⸗ lien, von der Luͤgenhaftigkeit der europaͤiſchen Po⸗ litik und der tiefen Ohnmacht der Voͤlker in jenen Tagen. Konig Joſeph Napoleon hatte den Thron Philipps V. beſtiegen, und waͤhrend er be⸗ reits auf unterhoͤhltem Boden und mit ſchwankender Krone, bloß noch geſchuͤtzt durch die Heermaſſen ſeines Bruders, wandelte, die politiſche Wiederge⸗ burt jenes Landes zu betreiben begonnen. Der Marſchall Junot, fuͤr ſeine Verdienſte um die Auspluͤndkrung Portugals zum Herzoge von Ab⸗ rantes erhoͤht, und eines vollſtaͤndigen Sieges gewiß, handelte auf aͤhnliche Weiſe in Portugal fort, und der Polizei⸗Praͤfekt von Lisbva unter⸗ ſtuͤtzte ihn eifrig in ſeinen Reformen, welche er zum Heile der neuen Unterthanen fuͤr nothwendig hielt. Eine Geſandtſchaft von dreizehn Perſonen eilte nach Bayonne, dem Schauplatze jener weltbekann⸗ ten Intriken, um im Namen der portugieſiſchen Nation die Huldigungen tiefſten Dankes zu den Fuͤ⸗ 13 ßen ihres Begluͤckers niederzulegen. Die angeſe⸗ henſten Perſonen befanden ſich in ihrer Zahl. Man ah unter ihnen den Großinquiſitor des Koͤnigreiches, den Biſchof von Coimbra, einen Cadaval, Sippen der regierenden Dynaſtie, einen Penalva, zwei Abrantes, einen Valenca, einen Sabugal, Lima, Freyra, Barbacena, Brankamp und Silva⸗Leito. Unterm 27. deſſelben Monates erließen dieſe Maͤnner einen Bericht an ihre Vollmachtgeber, wor⸗ in ſie mit Begeiſterung von dem gewaltigen Genie, dem umfaſſenden Blicke, der unvergleichlichen Re⸗ gententugend und dem bewunderungswuͤrdigen See⸗ lenadel des großen Napoleons redeten, und worin ſie ſeine gediegenen Anſichten uͤber Portugals Zu⸗ ſtand und Beduͤrfniſſe, ſo wie ſeine wohlwollenden, vaͤterlichen Geſinnungen fuͤr dieſes Land entwickel⸗ ten. Junot begleitete dieſen Bericht, in dem der Geiſt einer knechtiſchen Unterwuͤrfigkeit athmete, mit einem Aufrufe, darin die baldige Beſtimmung des Schickſales der Nation, ſo wie die innere Or⸗ ganiſation derſelben, troͤſtlich verheißen war. Die Großen des Reiches, die Koͤrperſchaften und die Kollegien ſäumten auch nicht, durch Dankadreſſen die großmuͤthige Erklaͤrung des Kaiſers zu erwiedern, und Junot war das Organ, durch welches ſie an den Ort ihrer Beſtimmung gingen. Man wettei⸗ ferte in ſchamloſer Luͤgenhaftigkeit oder abſichtlicher Verſtellung, ſowohl die Gnade des neuen Herr⸗ ſchers zu verdienen, als deſſen Zorn gegen das Land zu entwaffnen, welches nichts ſo ſehr fuͤrchtete, als die durch manche Wahrzeichen angedrohte Ver⸗ nichtung ſeines Daſeyns in der Reihe unabhaͤngiger — Staaten. Die Junta der drei Staͤnde, welche in neuerer Zeit die Stelle der verdraͤngten Kortes, je⸗ doch in ſehr beſcheidenem Maße, einnahm, wurde bei dieſem Anlaſſe auch wieder einmal einberufen, und ſogar, als beſonderer Beweis der Zuneigung Napoleons fuͤr Portugal, die auferlegte, ungeheure Kriegsſteuer auf die Haͤlfte heruntergeſetzt. Bald jedoch zeigte es ſich klar, weſſen das be⸗ trogene, verrathene Land zu dem neuen Beherr⸗ ſcher, der fortwaͤhrend davon ſprach, ihm bald ei⸗ nen eigenen Koͤnig wieder zu geben, fuͤr jetzt wie fur die Zukunft, ſich zu verſehen habe, und wie ſehr derſelbe auf die Treue und Anhaͤnglichkeit der Portugieſen gegenwaͤrtig zahle. Eine zahlreiche Abtheilung des Heeres von Junot brach nach Eſtre⸗ madura auf, um den dort entſtandenen Aufruhr zu daͤmpfen. Statt nun die hierdurch veranlaßte Lucke in der Beſetzungsarmee durch portugieſiſche Truppen zu ergaͤnzen und die Kuͤſten des Landes gegen eng⸗ liſche Angriffe damit zu ſichern, entfuͤhrte man die⸗ jenigen zwoͤlf Regimenter, welche den Kern der portugieſiſchen Heermacht bildeten, auf die liſtigſte und niedertraͤchtigſte Weiſe nach Spanien, von da nach Frankreich und zuletzt ſogar nach Teutſchland, ganz im Geiſte jener Maßregel, welche an Caͤſar, Tiberius und Karl dem Großen, bei aͤhnlichen Ver⸗ anlaſſungen, als politiſcher Voͤlkermord von allen Geſchlechtaltern verabſcheut worden iſt. Ueberdieß zeigten ſich die Kriegsgerichte, denen in der Regel meiſt nur Franzoſen beiſaßen, immer thaͤtiger in Unterſuchung und Beſtrafung von Umtrieben gegen die beſtehende Ordnung der Dinge; auch wurde ſelbſt die geringſte kaufmaͤnniſche, von aller Politik entfernte, Verbindung mit engliſchen Schiffen oder Unterthanen mit beiſpielloſer Strenge geahndet. Alle dieſe Maßregeln dienten aber bloß dazu, den Entſchluß offenen Widerſtandes zur Reife zu brin⸗ gen, und nach kurzer Zeit entfaltete ſich hier, wie im Nachbarlande, die Fahne der Empoͤrung. 3 weites Kapitel. Der Kampf der Portugieſen und Eng⸗ laͤnder wider Napoleon Bonaparte, bis zum Frieden von Paris, und zur Wiedereinſetzung des alten Koͤnigs⸗ hauſes. Sobald von den Anſtrengungen der ſpaniſchen Patrioten und den Hoffnungen der Portugieſen dem brittiſchen Kabinete die Kunde geworden, ſah dieſes letztere ſich veranlaßt, an den Begebenheiten auf der pyrenaͤiſchen Halbinſel unmittelbaren Antheil zu nehmen. Von hier aus glaubte man der franzoſi⸗ ſchen Uebermacht die empfindlichſten Stoße beibrin⸗ gen, und auf fremdem Boden fuͤr Englands Groͤße am wirkſamſten ſtreiten zu koͤnnen. Es geſchah die denkwuͤrdige Erklaͤrung vom 5. Heumond 1808, in welcher dieſer Entſchluß, zuerſt in Bezug auf Spanien, bekannt gemacht wurde. Geheime Un⸗ terhaͤndler wirkten ſofort auch fuͤr Portugal unab⸗ laͤſſig fort, und in den engliſchen Haͤfen ſah man ungewoͤhnliche Ruͤſtungen, welche fuͤr eine Heer⸗ fahrt nach beiden Laͤndern beſtimmt ſchienen. Die 1808 16 zu Kork in zwei Abtheilungen eingeſchifften Truppen betrugen, alle Waffengattungen und die freiwilli⸗ gen Milizen eingerechnet, uͤber 50,000 Mann. Be⸗ fehlshaber der vier Diviſionen, welche die erſte Befreiungsarmee bildeten, waren die Generaͤle John Hope, Lord Paget, M'Kenzin Fra⸗ zer und Arthur Wellesley; unter ihnen ſtan⸗ den die kampfbewaͤhrten Akland, Ferguſon, Spencer, Nightingale, Hill, Fane, Cranfurd und Murray. Die Reſerve wurde vom Generallieutenant Sir John Moore ange⸗ fuͤhrt, und unter ihm dienten Anſtruther und Stuart. Im Generalſtabe bemerkte man außer den ſo eben Genannten: Sir Harry Burrard, Murray, E. Paget, Lord Bentink, Hill und Bowes, R. Stewart und Clinton; Cathcart und Delancey. Ueber die zweite Armee hatte Sir David Baird den Befehlſtab erhalten, und ſie zaͤhlte 8000 Mann Reiterei und 15,000 Mann Fußvolk. Die Legion der Freiwil⸗ ligen wurde von Sir Samuel Auchmuty be⸗ fehligt. Bald zeigte ſich's, daß der Zweck dieſer Trup⸗ penſendung dahin ging, die Portugieſen, Englands älteſte Verbuͤndete, in dem großen Kampfe zu un⸗ terſtuͤtzen, welcher bereits zu Anfange des Som⸗ mers 1808 gegen die Herrſchaft der Franzoſen von ihnen begonnen worden war, und jenes fuͤr den Handel ſo wichtige Land aus einer franzoſiſchen Pro⸗ vinz in eine engliſche zu verwandeln. Das Bel⸗ ſpiel der Spanier hatte maͤchtig auf die Unterdruͤck⸗ ten gewirkt, und es fehlte weder an engliſchen 17 Senblingen noch an ſpaniſchen Unterhaͤndlern und Aufrufen, um die allgemeine Gährung ihrem Aus⸗ bruche näher zu fuͤhren. Beſonders gluͤhend waren die Zurufe der Junta von Sevilla an die Bruͤder in Portugal geweſen, und die Gemeinſchaft der In⸗ tereſſen und der Gefahren beider Lander auf das Buͤndigſte darin auseinander geſetzt. In der Provinz Entre Duero e Minho geſcha⸗ hen die erſten Volksbewegungen. Die Spanier, wel⸗ che zu Oporto mit den Franzoſen zugleich die Beſaz⸗ zung gebildet hatten, entwaffneten dieſe und halfen die alte Ordnung der Dinge wieder herſtellen. In eben derſelben Stadt, als dem nunmehrigen Mittelpunkte der Revolution, wurde ſofort eine Junta errichtet, welche alle Anſtrengungen der Portugieſen fur die Unabhaͤngigkeit leitete. An ihrer Spitze ſtand der Biſchof ſelbſt, D. Antonio de Ca ſtro. Unterm 4. Julius machte die Junta in einem Aufrufe be⸗ kannt, daß von nun an Friede und Freundſchaft zwiſchen Spanien und Portugal beſtunde und beide Nationen in ihrem Kampfe gegen die fremde Uſur⸗ pation kraͤftig ſich beiſtehen wuͤrden. Die Englaͤnder, welche längs der Kuͤſte kreuz⸗ ten, verſahen die Haufen von Inſurgenten, welche täglich zahlreicher ſich bildeten, mit Geld und Kriegsvorraͤthen. Prieſter und Moͤnche verließen ihre Kirchen und Kloſter; Lehrer und Studirende die Horſale; Buͤrger ihren Heerd und ihr Gewerbe. Allenthalben ertoͤnte Waffenruf. Bald ergriff die Flamme der Empoͤrung auch die benachbarten Pro⸗ vinzen Beja, Eſtremadura und Alemtejo. Am wildeſten aber entloderte ſie in dem von Fran⸗ P. III. 2 18 zoſen entbloͤßten und bloß von Spaniern bewachten Algarbien. Trotz des Umſtandes, daß aus En⸗ tre Duero e Minho die ſpaniſchen, nunmehr verbun⸗ denen, Truppen zur Vertheidigung des eigenen Heer⸗ des abgezogen waren, blieben doch auch auf jener Seite Streiter genug, um der Franzoſen ſich zu erwehren, welche die Urheber und Werkzeuge des vermeſſenen Aufſtandes wider die Allgewalt ihres Kaiſers blutig zu raͤchen ſich anſchickten. Der Herzog von Abrantes ſuchte zwar mit heuchleriſcher Freundlichkeit die durch Englands In⸗ triken Verfuͤhrten wieder zu ihrer Pflicht zu brin⸗ gen. Waͤhrend er demnach von einer Seite die vie⸗ len Wohlthaten ſchilderte, welche das Land Portu⸗ gal bereits unter der Herrſchaft des großen Napo⸗ leon genoſſen und an den Koͤnig erinnerte, welchen deſſen Großmuth ihnen beſtimmt; ließ er von einer andern die fuͤrchterlichen Uebel alle an ihrer Seele voruͤbergehen, welche bei fortdauernder Widerſetz⸗ lichkeit ſie unausweichlich treffen wuͤrden. Allein die Proklamationen franzoſiſcher Kriegsmaͤnner wa⸗ ren nach ihrem wahren Werthe auf der pyrenaͤiſchen Halbinſel ſchon zu ſehr bekannt, als daß ſie auch nur einigen Eindruck auf eine Nation bewirkt häͤt⸗ ten, deren lange eingeſchlummerter Stolz ſelbſt durch den Ton in jenem Aufrufe nur deſto ſtaͤrker aufgereizt worden war. Der Aufruhr wuchs daher mit jedem Tage und wagte ſich ſelbſt in die Naͤhe von Lisboa und von dem Hauptlager der fraͤnkiſchen Kriegsknechte.„ Junot, um beſtmoͤglich ſich deſſelben zu erweh⸗ ren, ergriff nun energiſche Maßregeln, wie ſeine ren weit uͤberlegen waren. 19 kritiſche Lage ihm gebot. Alle ſpaniſchen Truppen⸗ abtheilungen in der Umgegend von Lisbon wurden eingeſchifft, damit durch ſie ſonach in den Provinzen die Rebellen bekaͤmpft werden koͤnnten. Zu Villa Vicioſa kam es am 20. Junius zu blutigen Scenen zwiſchen Portugieſen und Franzoſen, wobei erſtere jedoch, aus Fort und Stadt vertrieben, zuletzt den Kuͤrzern zogen. Noch blutiger ging es in Beja zu, woſelbſt eine Abtheilung von 6000 Inſurgenten ei⸗ ner franzoſiſchen den Durchgang ſtreitig gemacht hatte. Auch hier ſtand das Gluck den Feinden bei, jedoch nicht ohne daß Letztere ſchwere Einbuße an Getödteten erlitten. Ein Theil der Stadt ging, zur Rache hierfuͤr, in Flammen auf. Den übri⸗ gen Haͤuſern und deren Bewohnern erflehte eine Geſandtſchaft der gefluͤchteten Buͤrger Gnade und Amneſtie.. Inzwiſchen fuhren die Inſurgenten der Pro⸗ vinzen Beira, Entre Duero e Minho, und nun⸗ mehr auch Traz⸗os⸗Montes in ihren Anſtrengun⸗ gen fort, und ein Heer von 7000 Mann, darunter viele Linienſoldaten, angeführt von fanatiſirenden Moͤnchen, ſetzte ſich gegen die Hauptſtadt ſelbſt in Bewegung. Junot, etwas unruhig, verſuchte, eh' er Widerſtand bot, den Weg der Unterhandlung, aber fruchtlos. Schon wurde von den Portugieſen das wichtige Peniche bedroht. Da zogen Mar⸗ garon und Themiers mit ſechs Bataillonen bis Leiria ihnen entgegen, ſchnitten ſie vom ufer ab und zerſtreuten ſie nach hartnaͤckigem Gefechte, weil ſie an Kriegserfahrenheit den regelloſen Schaa⸗ 2* 20 Der Herzog von Abrantes erkannte, daß ohne den Beſitz von Oporto, dem Mittelpunkte der Na⸗ tionalbewegung, dieſe, trotz der bisher erhaltenen Vortheile, nicht unterdruͤckt werden moͤchte. Dar⸗ um beſchloß er vor allem die Einnahme jener wich⸗ tigen Stadt. General Loiſon wurde damit be⸗ anftragt, und bereits hatte er die ihn verfolgenden Inſurgenten an mehrern Stellen zerſtreut und die Straße nach Oporto eingeſchlagen; als Eilboten des Generalſtatthalters nach der Hauptſtadt ihn zuruͤck⸗ riefen, welche durch eine allgemeine Volksgahrung und die nahe Ankunft der brittiſchen Huͤlfsflotte in die groͤßte Gefahr nun verſetzt worden war. Aus dieſer Urſache wurde die Vereinigung aller einzelnen franzoſiſchen Heerabtheilungen nochwendig. Nicht ohne viele Gefechte, als bei Caſtro, Serpentino, Guarda und Alpedrinha, erreichte Loiſon Santa⸗ rem, woſelbſt die Vereinigung mit der Haupt⸗ macht bewerkſtelligt wurde. Eine uͤberlegene Feindes-Macht bedrohte nun die Franzoſen von allen Seiten, und ſie wurden auf ſehr kleines Terrain, zwiſchen dem rechten Ufer des Tajo und der, von engliſchen Schiffen beherrſchten, Seekuͤſte beſchraͤnkt. Santarem, Peniche und Liſſabon, mit ſeinen feſten Schloͤſſern und ſei⸗ nem großen Hafen bildeten die aͤußerſten Verthei⸗ digungspunkte darin. Die Hauptſtadt ſelbſt aber bot den Franzoſen, wegen der allgemein feindlichen Stimmung der Einwohner, keinen Halt, und die Umgegend, welche von den Aufgeſtandenen abſicht⸗ lich verwuͤſtet worden war, wenige oder gar keine Lebensmittel. Alle Zufuhren von der Seeſeite wa⸗ 24 ren durch die Engländer, alle Berbindungen mit dem Binnenlande durch Inſurgentenſchwaͤrme ab⸗ geſchnitten. Aber wir wenden unſere Aufmerkſam⸗ keit nunmehr der engliſchen Huͤlfsflotte und den er⸗ ſten Anſtrengungen der von ihr ausgeſchifften Trup⸗ pen zu. Noch zu Anfange des Auguſt hatte der großte Theil der unter Sir Dalrymple's Oberbe⸗ fehl geſtellten Heerabtheilung oberhalb Peniche und in der Bucht von Mondego gelandet. Ar⸗ thur Wellesley, ihr unmittelbarer Anfuͤhrer, lagerte zu Leiria und zog ungefähr 6000 Portugie⸗ ſen unter Gomez Freire d'Undrade an ſich. Sodann brach er in der Richtung von Alcobaga auf, zerſtreute bei Brilos eine Abtheilung Feinde, die ungefaͤhr 4000 Mann zaͤhlte, und ſchlug zu Caldas ſein Hauptlager auf. In verſchiedenen klei⸗ nen Gefechten, welche nun erfolgten, blieb der Vortheil meiſt auf Seite der Britten, welche üͤbri⸗ gens mehr als ein Dritttheil ſtäͤrker, als ihre Feinde waren. Von ernſterer Art war das Treffen bei Ro⸗ leja und Hebidos, wo Wellesley uber General Labord ſiegte, jedoch nicht, ohne den ruͤhmlichſten Widerſtand von Seite der Franzoſen erfahren zu haben. Nunmehr zog aber Junot mit ſeiner gan⸗ zen Hauptmacht ihm entgegen, in der Abſicht, wi⸗ der Wellesley, bevor die Nachhut der engliſchen Ar⸗ mee gelandet ſeyn wuͤrde, einen entſcheidenden Schlag auszufuͤhren. Allein es ging fur die Fran⸗ zoſen am 20. die Schlacht bei Vimeira verloren und nur die an Zahl der engliſchen uͤberlegene Rei⸗ 21. Aug 30. Aug. 22 terei wendete eine voͤllige Niederlage ab. Der Sie⸗ ger machte zu Maceira Halt und wartete hier die Landung der Reſerve, unter John Moore, ab, wel⸗ che auch in der That des folgenden Tages vor ſich ging. Nach dieſem ſtellte Dalrymple ſich ſelbſt wie⸗ der an die Spitze des Heeres, welches den wichtigen Sieg ohne ſein bedentendes Zuthun erfochten; der General⸗Gouverneur aber fand ſich ſo außerordent⸗ lich geſchwaͤcht, daß er durch das Organ des Gene⸗ rals Kellermann einen Waffenſtillſtand unterhan⸗ deln ließ, welcher auch am 22. Auguſt noch von Letztgenanntem und Wellesley unterzeichnet wurde. Dieſem Waffenſtillſtande folgte, da allenthalben die Angelegenheiten der Franzoſen die ſchlimmſte Wendung genommen, und jeder fernere Widerſtand die Ehre und Intereſſen des Kaiſers nur um ſo mehr zu gefährden drohte, ein Vertrag uͤber die gaͤnzliche Raͤumung Portugals durch die franzoſiſchen Trup⸗ pen, Murray fuͤr die Englaͤnder, Kellermann fuͤr die Franzoſen unterzeichneten ihn zu Liſſabon, am 30. des mehrgenannten Monates. Gemaͤß dieſes Vertrages erhielten die Truppen des Kaiſers Napo⸗ leon freien und ehrenvollen Abzug, nachdem ſie alle Feſtungen, Schloͤſſer und Staͤdte Portugals den Truppen Sr. großbritanniſchen Majeſtaͤt uͤbergeben. Sie wurden keinesweges als Kriegsgefangene be⸗ trachtet, ſondern genoſſen die Beguͤnſtigung, nach ihrer Ankunft in Frankreich wiederum dienen zu duͤrfen. Die engliſche Flotte ſelbſt mußte ihren Transport beſorgen, und auch die Mitnahme der ſammtlichen Artillerie ward den Heimkehrenden ————— 23 verwilligt. Die franzoͤſiſche Armee konzentrirte ſich zu Lisbva und zwei Stunden im Umkreiſe; die eng⸗ liſche dagegen ruͤckte bis auf drei Stunden von der Hauptſtadt vor und nahm eine ſolche Stellung ein, daß zwiſchen beiden Heeren eine Entfernung von ungefaͤhr einer Stunde blieb. Alle Brandſchatzun⸗ gen und Anforderungen der Franzoſen, welche ge⸗ gen das Land verfuͤgt und erhoben worden, eben ſo auch die verhaͤngten Sequeſter uͤber portugieſiſches oder engliſches Eigenthum wurden fuͤr null erklaͤrt. Eine Amneſtie ſchutzte wechſelſeitig die Privaten, hinſichtlich ihrer ſeit der Invaſion an den Tag ge⸗ legten Meinungen; die Auswanderung von Unter⸗ thanen Frankreichs und der mit ihm verbuͤndeten Maͤchte blieb frei. Die am Bord der Schiffe im Hafen von Lisboa gefangen gehaltenen Spanier wurden dem Obergenerale des brittiſchen Heeres aus⸗ geliefert; dagegen ſollten auch, durch die Verwen⸗ dung Englands, die Spanier dahin vermocht werden, alle die Franzoſen herauszugeben, welche keines⸗ weges in Folge kriegeriſcher Ereigniſſe, ſondern je⸗ ner vom neun und zwanzigſten und den folgenden Tagen gefangen genommen wurden. Geiſeln buͤrg⸗ ten wechſolſeitig füͤt Vollziehung des Vertrages. An dieſen ſchloß ſich ſpäter auch noch ein beſonderer mit der im Tajo liegenden Seeſtation von 10 ruſſiſchen Schiffen, welche ſich, zur Aufbewahrung bis zum allgemeinen Frieden, an die Britten ergaben. Der geheime Grund, welcher den Oberbefehls⸗ haber Dalrymple vermochte, den Abſchluß deſ⸗ ſelben zu beſchlennigen, und manche fur die Fran⸗ öoſen mehr als guͤnſtige Bedingungen zuzugeſtehen, 24 war, daß zwei Armeen portugieſiſcher Inſurgenten in Alemtejo und Entre Duero e Minho ſelbſtſtäͤn⸗ dig zu operiren begannen und in Aufrufen davon redeten, daß keiner andern Regierung noch Gewalt, als der vom Prinzen von Braſilien bei ſeiner Ab⸗ reiſe eingeſetzten Regentſchaft, Gehorſam geleiſtet werden ſollte. Dieſe Stimmung der Nationalei⸗ ferſucht ward noch mehr dadurch kund, daß die Haͤupter der Revolution die brittiſchen Feldherren formlich aufforderten, das Anſehen der Regentſchaft zu ehren, die portugieſiſche Flagge ſtatt der engli⸗ ſchen aufzuſtecken und alle in Beſitz genommenen Veſten, Staͤdte, Magazine und Scife an Ein⸗ geborene abzutreten. Dieſe Meinung wurde in den een der Engländer nicht getheilt, ſondern man ſtellte Portugal als ein erobertes Land ſich vor, welches bis zum Abſchluſſe des Friedens mit Frankreich von einer aus Englaͤndern gebildeten Regentſchaft ver⸗ waltet werden muͤßte. Es war die geheime Abſicht des Kabinetes von St. James, die gegenwartige Lage der Dinge beſtens zu benuͤtzen und, ſo lange als moͤglich, ſich im ungeſtoͤrten Beſitze von Por⸗ tugal, den Prinz⸗Regenten aber von demſelben fern zu halten. Darum die Eile und die Milde bei Abſchluß des Raͤumungs⸗Vertrages von Cintra oder Liſſabon, welcher bei dem groͤßten Theile der Englaͤnder, als ſchimpflich fuͤr die Nationalehre und bloß den Intereſſen des Feindes dienlich, die bitter⸗ ſten Ruͤgen und beinahe eine kriegsgerichtliche Un⸗ terſuchung erlitt. Aller Glanz der Trophaͤen von Vimeira ſchien durch die nachgiebige Schwaͤche ver⸗ ——— dunkelt, mit welcher brittiſche Feldherren zum er⸗ ſten Male das Oberhaupt der franzoͤſiſchen Regierung Kaiſer und Koͤnig genannt. oA ndo Als Sir Hew Dalrymple die Stimmung des portugieſiſchen Volkes, zumal aber ſeiner Haͤup⸗ ter, hinſichtlich des nunmehrigen Verhaͤltniſſes zu den Englaͤndern, wohl burchſchaut hatte, ſuchte er ſich, wenn auch nicht ihrer Herzen, doch zum min⸗ deſten ihres Gehorſams zu verſichern. Er beſchloß daher, die ſtrengſte Polizei im Innern des eroberten Landes, ganz wie fruͤher Marſchall Junot, zu hand⸗ haben, Reaktionen zu bekämpfen und die Ausbruͤche der Nationaleiferſucht aus Kraͤften zuruckzuhalten. Waͤhrend er demnach in oͤffentlichen Aufrufen der Tapferkeit der Portugieſen im ſo eben beendigten Kampfe alle Gerechtigkeit wiederfahren und einen Theil der glucklichen Reſultate auf ihre Rechnung kommen ließ; gab er ihnen gleichwohl ſehr deutlich zu verſtehen, daß ſie, ohne die Erſcheinung der Huͤlfs⸗ armee des aͤlteſten Bundesgenoſſen von Portugal, ret⸗ tungslos in die Gewalt der Feinde zuruͤckgefallen ſeyn wuͤrden. Inzwiſchen ſetzte er die ehemalige Re⸗ gentſchaft wieder ein, mit Ausnahme jener Glieder, welche von den Franzoſen ſchon fruͤher hinwegge⸗ fuͤhrt, oder freiwillige Verrather an der Sache ih⸗ res Vaterlandes und ihres Koͤniges geworden wa⸗ ren. Dafuͤr trat das Haupt der Revolution von Oporto, der Biſchof D. Antonio Caſtro, in ihre Reihe. Bald nachdem alle vom Augenblicke erfor⸗ derten Maßregeln getroffen waren, gingen Dal⸗ rymple und Wellesley nach England zuruͤck, um über ihr Benehmen Rechenſchaft abzulegen. Der 26 großte Theil der Huͤlfsarmee jedoch erhielt nun als Aufgabe die Unterſtuͤtzung der Spanier, und Sir John Moore wurde an ihre Spitze geſtellt. Da ein Theil der Provinzen Portugals durch den Abzug ſo vieler Truppen entbloͤßt wurde, ge⸗ lang es zu Anfange des folgenden Jahres dem Mar⸗ ſchalle Soult ſehr leicht, nach Ueberwaͤltigung der ſpaniſchen Inſurgentenheere unter Cueſta und Urbino, im Norden des Landes einzudringen. Zwanzigtauſend Portugieſen hatten ihm vergebens bei Braga den Weg verſperrt; ihre Reihen wurden durchbrochen, ihre geſammte Artillerie erbeutet, und die Geworfenen vorwaͤrts gen Oporto gedraͤngt. Hier erfocht der Herzog von Dalmatien einen blu⸗ tigen Sieg uͤber die portugieſiſche Hauptmacht, wel⸗ cher dieſe uͤber 10,000 Todte und Gefangene und uͤber zweihundert Stuͤcke Geſchuͤtzes koſtete. Doch war zugleich dieſe Trophaͤe der Srenzſtein des— ten iöſiſhen Einbruches. Allzuſehr entbloͤßt von Kriegs⸗ und Lebens⸗ mitteln, von Galizien und der Hauptarmee Napo⸗ leons abgeſchnitten, und nun von bedeutender Kriegs⸗ macht der Englaͤnder bedroht, welche plotzlich wie⸗ der gelandet und gegen ihn ſich bereits in Bewegung geſetzt hatten, ſah er keine Moͤglichkeit voraus, in die Lange ſich hier zu behaupten. Schon am 10. Mai wurde ſein Vortrab geworfen und uͤber den Duero zuruͤckgedraͤngt; bei Amarante zog Loiſon, welchen Soult mit 3000 Mann dahin entſendet hatte, gegen die Anglo⸗Portugieſen den Kuͤrzern. Allenthalben erwachte neu der Kriegsmuth der Ein⸗ geborenen und wider ſie und der Britten vereinigte 27 Kraͤfte kam der Marſchall keinesweges auf. Darum trat er unverzuͤglich den Ruͤckmarſch nach Galizien an, und zwar durch die gefahrvollen Gebirgspaͤſſe von Salamonde, welche die geſammte Beute von Oporto ihm koſteten. Napoleon jedoch, als zu Ende des Jahres 1809 und zu Anfange 1810 das Gluͤck mit ſeinen Fahnen und die Hauptſtadt nebſt zwei Dritttheilen von Spa⸗ nien in ſeiner Gewalt war, beſchloß die dritte Heer⸗ fahrt nach Portugal, und„des Sieges Schoos⸗ kind,“ Marſchall Maſſena, Fuͤrſt von Eßling, erhielt dießmal den Oberbefehl uͤber das dafuͤr be⸗ ſtimmte Heer. Verſchiedene Anfuͤhrer von Ruf und Truppen aller Waffengattungen gingen dem Obergenerale voraus. An den portugieſiſchen Gren⸗ zen ward jedoch bis zur Ankunft der Hauptarmee der Kampf nur vertheidigungsweiſe gefuͤhrt. Rey⸗ nier ſtand in Süͤd⸗Eſtremadura und beobachtete Badajoz, welches die Englaͤnder beſetzt hatten; nordwaͤrts oberhalb Salamanka und in der Gegend von Rodrigo dehnte Ney ſich aus. An ihn lehnte ſich, von Zamora bis zu den Gebirgen Aſturiens, Junot, und der Herzog von Abrantes bot General Bonnet, im Innern dieſer Provinz, die Hand. Den alſo gelagerten Franzoſen ſtanden gegen⸗ uͤber die Portugieſen, etwa 25,000 Mann, und die Britten, ungefaͤhr 23,000 ſtark, am zahlreichſten zwiſchen Cindad⸗Rodrigo und Almeida. Arthur Wellesley, nunmehr Lord Viscount Wellington, fuͤhrte uͤber Beide den Oberbefehl. Er zog, auf die Kunde von dem Anzuge Maſſena's und den Verſtaͤrkungen der franzoſiſchen Heermacht, alle bei 1810 28 Elvas und Badajoz ſtehenden Truppen an ſich, und gedachte, durch eine raſch ausgefuͤhrte Bewegung von Cindad⸗Rodrigo gen Salamanka, die Feinde, welche noch nicht die Uebermacht bildeten, zu uͤber⸗ rumpeln. Allein Junot und alle feindlichen Ab⸗ theilungen, die zwiſchen Valladolid, Burgos und Bilbao geſtanden, eilten ſchnell herbei, und verei⸗ nigten ſich mit den Franzoſen in jener Gegend, ſo daß, als der Fuͤrſt von Eßling erſchien, dieſer mit Uebermacht den Anglo⸗Portugieſen gegenuͤber ſtand. Am 9. Heumonde fiel Ciudad⸗Rodrigo, nach ſechszehntaͤgiger Beſchießung, trotz Wellington's und der Vertheidiger kraftvollen Anſtalten. Auch Al⸗ meida wurde von den Franzoſen erobert, nachdem Maſſena zwei Heerabtheilungen uͤber die Grenze geſchickt und den Feldherrn der Britten und Portu⸗ gieſen beinahe auf beiden Flugeln umgangen hatte. Derſelbe, welcher bloß bei Guarda eine Hand voll Leute zuruͤckgelaſſen, zog in das Innere von Por⸗ tugal ſich zuruͤck, und verwuͤſtete Alles hinter ſich auf das Schrecklichſte, um den Feind der nothwen⸗ digen Lebensmittel zu berauben, welche nunmehr, da in Spanien das gleiche Syſtem befolgt und Alles zur Einode gemacht wurde, mit den groͤßten Schwie⸗ rigkeiten aus Frankreich ſelbſt herbeigeſchafft werden mußten. Trotz dieſes Umſtandes jedoch, trotz der unguͤn⸗ ſtigen Lage des Landes fuͤr den bevorſtehenden Kampf, trotz der zahlreichen Guerillasbanden und der bedeutenden engliſchen Truppenmacht, drang Maſſena gleichwohl ins Innere von Portugal zu Aufange des Herbſtmonates ein, bis zum Mondego, — 20 zerſtreute hier in Einzeltreffen ſeine Feinde und machte ſich zum Meiſter von Coimbra. Der Zug gegen die Hauptſtadt wurde ununterbrochen fort⸗ geſetzt. Von denſelben Punkten aus, von welchen Wellesley zwei Jahre zuvor gegen Junot ausgezo⸗ gen, ruͤckte dieſer, an der Spitze des Vortrabes, nun gegen ſeinen Beſieger an, und Wellington mußte in den naͤmlichen Stellungen ſich zu behaup⸗ ten ſuchen, aus welchen er ehemals Junot zu ver⸗ draͤngen ſich angeſtrengt hatte. Reynier und Drouet, mit ſtarken Truppenabtheilungen und uͤber glaͤnzende Vortheile ſiegestrunken, eilten eben⸗ falls von zwei Seiten aus Spanien dem Fuͤrſten von Eßling nach und vereinigten ihre Operationen mit den ſeinigen; erſterer ſtellte auf dem linken Fluͤgel, gegen Leiria, ſich auf; letzterer im Ruͤcken der franzoͤſiſchen Hauptmacht, um denſelben in ver⸗ ſchiedenen feſten Stellungen zu decken. Die Eng⸗ länder wurden durch dieſe gewaltigen Heermaſſen bis Alenquer vorwaͤrts gedraͤngt. Hier warfen ſie ſich in die unbezwinglichen, durch Natur und Kunſt gleich ſehr befeſtigten, Linien. Die Heermacht Wellington's, welcher die Tak⸗ tik des Fabius Cunctator in dem bevorſtehenden Kampfe fuͤr die angemeſſenſte hielt, und daher zur Zeit noch alle großen Entſcheidungen auf freiem Felde fuͤrchtete, dehnte ſich vor Lisboa in einer Laͤnge von zehn Stunden aus. Der rechte Fluͤgel war an die Muͤndungen des Tajo, der linke an den Ausfluß des Sicandro ins Meer gelehnt.„Vor dieſer Stellung lagerte ſich eine Kette verſchanzter Anhöhen aus. Hundert und ſieben kunſtvoll auf⸗ 30 gefuͤhrte Werke, in dreifachen Reihen hinter ein⸗ ander, waren mit ungefaͤhr 30,000 Mann und vier⸗ hundert und vier und vierzig Stuͤcken groben Ge⸗ ſchuͤtzes beſetzt. Die geringe Zahl von Gebirgs⸗ oͤffnungen, durch welche man ſich den ſteilen Hoͤ⸗ hen naͤhern konnte, waren von ſo vielen Feuer⸗ ſchluͤnden beſtrichen, daß ihr Angriff unmoͤglich ſchien“. Obgleich eine engliſche Flotte im Tajo fuͤr Herbeiſchaffung von Lebensmitteln und Kriegsbe⸗ duͤrfniſſen beſtaͤndig ſorgte, ſo fuͤhlte dennoch das durch Wellington mehr als die Franzoſen verwuͤ⸗ ſtete Portugal alle Qualen der Hungersnoth, und blickte bald auf ſeine Vertheidiger, welche mit auf⸗ fallender Parteilichkeit das Leben der Eingeborenen, zur Schonung des eigenen, den groͤßten Gefahren bloß ſtellten und in die inneren Angelegenheiten des Landes mit ſchonungsloſer Zudringlichkeit ſich miſch⸗ ten, mit ſtaͤrkerem Grimme, als fruͤher auf die Franzoſen. Nicht wurde fortan fuͤr Unabhaͤngig⸗ keit des National⸗Gebietes von den Fremden, was allein ſo koſtbarer Opfer werth ſeyn mochte, ſondern bloß dafuͤr gefochten, welcher von beiden Nebenbuhlern um die Herrſchaft wohl die Beute gewinnen werde. So bildete denn jenes ungluͤck⸗ liche Land das Lamm der Fabel zwiſchen zwei Woͤl⸗ fen und wurde von dem Feinde, wie von dem Beſchuͤtzer, gleich ſehr zetriſſen. ) Zſchokke Fampf Napoleons wider den Auf⸗ ſtand der ſpaniſchen und i Voͤlker. S. 209). 31 Maſſena, die furchtbare Konſequenz des Ober⸗ feldherrn der Anglo⸗Portugieſen und die Unuber⸗ windlichkeit ſeiner Stellung erkennend, war lange Zeit thatlos vor derſelben, zwiſchen Otta, Villa nuova und Villa franca gelagert; im Ruͤcken ge⸗ deckt durch Santarem, wo dis Vorraͤthe der Ar⸗ mee bewahrt wurden. Endlich zwang ihn die Noth, ſeinen Feind um jeden Preis aus den Fel⸗ ſenlagern herabzulocken. Allein Wellington folgte bei allen, wider die Franzoſen unternommenen, Be⸗ wegungen mit der groͤßten Vorſicht, und wie bei ſeiner Annaͤherung Maſſena ſtets in ſeine Linien vor Santarem zuruͤck ſich zog, ſo wich er, bei dem Andrange der Franzoſen, jederzeit in die ſei⸗ nigen vor Lisboa. Der Gewinn an Zeit ſchien ihm koſtbarer, als der glaͤnzendſte, theuer erkaufte Sieg; auch hoffte er gluͤckliche Ereigniſſe von Spa⸗ nien aus, durch welche Maſſena, ohne daß den Anglo⸗Britten hierbei Gefahr und Verluſt droh⸗ ten, zum Ruͤckzuge beſtimmt werden koͤnnte. Schon waren bereits fuͤnf Monate in dieſer Lage der Dinge verſtrichen, ohne daß von irgend einer Seite dem franzoſiſchen Feldherrn, der an der Spitze von 70,000 Mann noch immer nichts ausgerichtet hatte, Verſtaͤrkung aus Spanien und Frankreich, oder Hoffnung, den Gegner hier zu er⸗ muͤden, geworden war. Er fand in den letzten Tagen des Hornung 1814 alle Vorraͤthe aufge⸗ zehrt, und die Linien Wellington's, beruͤhmt unter dem Namen der Porres Vedras, noch immer ſo unerſteiglich, daß bei der bittern Wahl zwiſchen verzweiflungsvollem Anſturme und anſtaͤndigem 1811 32 Ruͤckzuge letzterer bei weitem zeitgemaßer ihm daͤuchte. Unter vielen kleinen Gefechten mit den raſtlos verfolgenden Anglo⸗Portugieſen wurde der⸗ ſelbe demnach in achtzehn Tagen ausgefuͤhrt, und die Franzoſen ruͤckten bei Almeida, Rodrigo und Salamanca wieder in's ſpaniſche Gebiet. Bei meh⸗ reren Gelegenheiten, wo Wellington ſeine Kraft verſuchen und den Feind zu Treffen zwingen wollte, als bei Foz de Aroma und bei Alfayates, wurde klar, daß derſelbe in der Vertheidigung und durch Zoͤgerung ein gluͤcklicherer Feldherr, als in offener Feldſchlacht und bei Belagerungen und Stuͤrmen zu werden verſpreche. Auch Brenier brachte glucklich ſeine tapfere Beſatzung aus dem geſpreng⸗ ten Almeida und der Gewalt der Britten, unmit⸗ 5— 10 Maitelbar nach dem blutigen Treffen bei Fuentes d'Onnoro. Fuͤr den Verluſt von Almeida wurden die Franzoſen durch die Eroberung der Grenzfeſtung Hlivenza und, nach dem Treffen an der Gebora, durch jene von Badajoz, entſchaͤdigt. Es war der Herzog von Dalmatien, Marſchall Soult, welcher dieſe beiden wichtigen Plaͤtze, mittelſt ei⸗ ner kuͤhnen Bewegung auf der ſpaniſchen Grenze, gewann. Englaͤnder und Portugieſen fochten nun auch in Spanien, unter Wellington, die Sache der Junta und der Inſurgenten mit. Zwiſchen den Truͤmmern von Almeida und Ciudad⸗Rodrigo waͤhrte noch laͤngere Zeit ein moͤrderiſcher Kampf, der jedoch, wie zu erwarten war, zum Vortheile der Anglo⸗Portugieſen ſich entſchied⸗ Nach dieſer Ueberſicht der vorzuͤglichſten Kriegsereigniſſe kehren wir zu jener der diplomati⸗ ſchen Verhandlungen zwiſchen England, Portugal und Braſilien und zu den Folgen der Reſtauration, nach dem Sturze Napoleon Buonaparte's und ſei⸗ ner Familie. Noch zu Anfange des Jahres 1810 hatte das Kabinet von St. James die Dynaſtie Braganza fuͤr die einzig rechtmaͤßige auf dem Throne von Portugal anerkannt, und ein Vertrag, der nach funfzehn Jahren aber wieder durchgeſehen und gepruͤft werden ſollte, die gegenſeitigen Freund⸗ ſchafts⸗ und Handelsverhaͤltniſſe geregelt. Die Eng⸗ laͤnder erhielten die Beguͤnſtigung, in und außer⸗ halb Europa von ihren Guͤtern im Allgemeinen bloß eine Abgabe von 45 Prozent des Werthes be⸗ zahlen zu duͤrfen. Goa und St. Katharina wur⸗ den zu Freihaͤfen erklaͤrt, und unter einer Menge von Vortheilen, welche man England ausſchließend zugeſtand, befanden ſich beſonders die Privilegien beim Holzfalle und Schiffbaue in Braſilien, und die Zulaſſung einer großern Zahl von Kriegsſchiffen in portugieſiſchen Haͤfen, als in fruͤherer Zeit und von jeder andern Nation. Wellington und Be⸗ resford, die am meiſten zur Wiedereroberung des Landes mitgewirkt, erhielten bedeutende Aus⸗ zeichnungen, Reichthuͤmer und Stellen, und letz⸗ terer zumal, der als Generaliſſimus, auch nach geendigtem Kriege, blieb, riß allen Einfluß an ſich. Palmela, in diplomatiſchen Geſchaͤften bei wei⸗ tem der gewandteſte Portugieſe, vertrat ſeinen Sou⸗ verain beim Kongreſſe der europäiſchen Maͤchte zu Wien, und half die Akte des allgemeinen Friedens P. UI. 3 34 und die Verfuͤgungen uͤber die Schickſale des Erd⸗ theils unterzeichnen, ohne jedoch, wie natuͤrlich, 1813 großen Einfluß zu uͤben. Portugal zaͤhlte zu Groß⸗ britannien mit, obgleich es im Jahre 1815 die außerordentlichen Beguͤnſtigungen von 1840, unter Beibehaltung der fruͤheren Vertraͤge, zuruͤcknahm und ſelbſt mit Rußland Handelsverhaͤltniſſe wieder 29. März herſtellte. Es hatte ſchon zwei Jahre fruͤher dem Negerhandel, nördlich vom Aequator, entſagt, und unter engliſcher Vermittelung Frieden mit Algier ge⸗ 14. Juti ſchloſſen. Von Rio⸗Janeiro aus erklaͤrte der Prinz⸗ 53 Regent Portugal, Braſilien und Algarbien als ein 1815 vereinigtes Koͤnigreich, und da ſeine Mutter kurz darauf ſtarb, ſich ſelbſt zum Koͤnige, als Dom Joào VI. Drittes Kapitel. Die Revolution vom Jahre 1820. Die Kortes und die Konſtitution von Lis⸗ boa*. Seit den Zeiten D. Pedro's II., welcher den Thron gewaltſam an ſich geriſſen, und durch die beſtochene Stimme der Kortes des Koͤnigreiches ſein Unrecht geheiligt hatte, war in Portugal keine Nation im eigentlichen Sinne mehr zu finden, ſon⸗ *) Man vergleiche daruͤber das groͤßere Werk des Verfaſſers; Grundzuͤge einer Geſchichte des portugieſiſchen Repräſent. Sy⸗ ſtems. Leipzig, bei Hinrichs 1827. 35 dern die abſolute Herrſchaft, vom Jeſuitismus un⸗ terſtuͤtzt, waltete, nach Beſeitigung der rechtmaäßi⸗ gen Volksvertreter, ohne Furcht und Widerſtand, ͤber baſſelbe. Selbſt Pombal, der geiſtige Wohl⸗ thaͤter des Landes, verfuhr deſpotiſch auch da, wo er Aufklärung und Gleichheit vor dem Geſetze be⸗ ſchirmte und foͤrderte, und das bureaukratiſche Prin⸗ zip ſiegte uͤber alle uͤbrigen, die ſeit Jahrhunderten ſo moͤrderiſch ſich bekaͤmpft hatten. Der Geiſt der neuern Zeit war von dieſer Seite maͤchtig eingedrungen; allein Bajonnette, Schaffotte und Verordnungen dienten wohl dazu, den Wider⸗ ſtand des Moͤnchthums und der Ariſtokratie zu ver⸗ nichten, nicht aber auch zugleich den nur in freiwil⸗ liger Bluͤthe aufteimenden Samen der Humanität, der Freiheit und Geſetzlichkeit zu pflegen. Dieſer zweite, ſchwerere Theil regeneratoriſcher Bemuͤhun⸗ gen war einem ſpaͤtern, beſonnenern Geſchlechtsal⸗ ter vorbehalten, welches, von Leidenſchaften des abgewichenen Jahrhundertes weniger heimgeſucht, und in der Ruhe, die auf den Kampf zu folgen pflegt, ungeſtoͤrter das große Werk vollbringen ſollte. Leider erfuͤllten diejenigen, welche durch thre Lage am nachſten hierzu berechtigt waren, ihre Auf⸗ gabe nicht; und nachdem vom Throne herab verge⸗ bens das großmuͤthige Geſchenk eines wuͤrdigern Zuſtandes der Dinge, als Entſchaͤdigung fuͤr ent⸗ riſſene aͤltere Rechte, und als Dankpreis fuͤr den ſo eben uͤberſtandenen moͤrderiſchen Kampf, erwar⸗ tet worden war, wagte es ein Theil der gebildetern Klaſſe des Volkes, ganz auf Pombalſche Weiſe, 3* 36 mit dem Bajonnette die alte National-Unabhaͤn⸗ gigkeit und die neuen ſtaatsrechtlichen Theorien zu verkuͤnden. Es trat eine Verfaſſung in's Leben, welche der entfernte Monarch, im Drange der Um⸗ ſtände, beſchwor, und auch allerdings in Europa ſelbſt zu erhalten Willens war, haͤtten nicht die Ueber⸗ treibungen des Demokratismus, die Einwirkungen der Politik von Außen und die Umtriebe einer theo⸗ kratiſchen Partei im Imern des Landes zu ihrem Untergange ſich vereinigt. Ein kurzes Gemaͤlde dieſer anziehenden Erſcheinung wird mit manchem ſeltſamen Kontraſte an die Zeiten der alten Reichs⸗ ſtaͤnde und Koͤnige erinnern, und jedem Leſer die wichtige Lehre von ſelbſt darbieten, daß Verfaſſun⸗ gen, in welchen am Geiſte eines Volkes gefrevelt und eine Idee ohne gehoͤrige Berechnung der Zeit⸗ verhaͤltniſſe und ohne hinreichende Wuͤrdigung der Faͤhigkeit und Empfänglichkeit der Menſchen ober⸗ flaͤchlich in's Leben gefuͤhrt wird, niemals die Feuer⸗ probe beſtehen. Durch die fortdauernde Abweſenheit des Hofes von dem Mutterlande, auch nach Wiederherſtellung des allgemeinen Friedens, war dieſes letztere, von mehr als einer Seite betrachtet, in aͤußerſt kritiſche Verhaͤltniſſe gerathen. Aus dem herrſchenden Staate war Portugal eine Kolonie in zweifacher Beziehung geworden, zuerſt von Braſilien und ſo⸗ dann von England. Die Reichthuͤmer und Stel⸗ len, welche nicht von den Hoͤflingen zu Rio⸗Ja⸗ neiro verſchlungen und von Braſilianern eingenom⸗ men wurden, fielen in die Haͤnde der zahlreich in Portugal angeſtellten Britten, deren Intereſſe es 37 war, in D. Joao VI. jeden Gedanken der Ruͤck⸗ kehr nach Europa zu unterdruͤcken. Die Verhaͤlt⸗ niſſe mit dem benachbarten Spanien, welches im Befreiungskampfe gemeinſame Sache gemacht hat⸗ te, waren allmaͤlig ſehr unfreundlich, geſpannt und wirr geworden. Handel und Gewerbe, Wiſſen⸗ ſchaften und Kuͤnſte lagen darnieder. Die Regentſchaft, ein bloßes Werkzeug in den Haͤnden des Lord Beresford, welcher als Gene⸗ raliſſimus und Kriegsminiſter beſtallt worden, uͤbte auf eine beſſere Verwaltung des Landes geringen oder gar keinen Einfluß, und zierte bloß den Ge⸗ neralſtab der engliſchen Offiziere auf der Wachtpa⸗ rade und bei Gewaltſtreichen gegen die Nation. Dieſe Lage der Dinge, und die Parteilichkeit, mit der man alle Eingebornen nach und nach aus den wichtigſten oder ergiebigſten Stellen verdraͤngte, mußte in den Herzen aller edlern Portugieſen Em⸗ pfindlichkeit, Rachegefuͤhl und Sehnſucht nach Be⸗ freiung von dem neuen auslaͤndiſchen Joche erregen. Man hielt dafuͤr, daß die Stroͤme Blutes wohl fuͤr das einheimiſche Koͤnigshaus, keinesweges aber fuͤr die Epauletten der Kriegsmaͤnner Sr. großbri⸗ tanniſchen Majeſtaͤt vergoſſen worden ſeyen, und die portugieſiſche Nation wohl ein Recht auf mann⸗ hafte Behandlung, wenn auch nicht auf eine frei⸗ ſinnige Verfaſſung ſich erworben habe. Am tiefſten lebte dieſe Ueberzeugung in Go⸗ mez Freyre d'Andrade, aus altem Adelsge⸗ ſchlechte, das unmittelbar von Pombal ſtammte, und ausgezeichnet durch ſeine Dienſte als General der luſitaniſchen Huͤlfsarmee im Freiheitskampfe 1817 1817 1820 38 ſeiner Nation. Da zu der Ueberzeugung von den Beſchimpfungen, die ſein Vaterland erleide, perſoͤn⸗ lich erfahrne Mißhandlung kam und zur Rache ſpornte; ſo ſtellte er ſich an die Spitze eines gehei⸗ men Bundes, welcher viele Mitglieder aus ange⸗ ſehenen Familien und von beruͤhmten Namen unter ſich zaͤhlte, und welcher zum Zwecke hatte, den ge⸗ genwärtigen Zuſtand der Dinge umzuwaͤlzen und eine Verfaſſung dem von brittiſchem Einfluſſe be⸗ freiten Vaterlande zu geben. Allein der Plan wurde kurz vor der Ausfuͤhrung entdeckt und Freyre, mit mehrern ſeiner Freunde, ſtarb, grauenvoll, auf dem Blutgeruͤſte. Der Marſchall von Beresford verdoppelte ſeine wachſame Strenge. Aber aus der Aſche der hingerichteten Verſchwoͤrer ging ein noch kuͤhneres, und vom Gluͤcke dießmal beguͤnſtigtes Unternehmen hervor. Drei Jahre nach dieſer Kataſtrophe vereinigten ſich zu Oporto, unter den daſelbſt kaſernirenden Re⸗ gimentern, mehrere Offiziere von Bildung, Stand und Ehrgeiz zu einem Plane, ähnlich demjenigen des Freyre. Die Vorgaͤnge in Spanien, das vor noch nicht langer Zeit, durch das Organ einer An⸗ zahl muthiger Krieger, die im Jahre 1814 umge⸗ ſtuͤrzte Konſtitution von Kadix wieder erhalten hatte, reizte auch hier, wie in Italien, zur Nachfolge. Die Haͤupter der Verſchwoͤrung waren der Obriſt Sepulveda, und der Graf Antonio Sil⸗ veira. Zwei Advokaten von hervorſtechendem Talente, Ferreira⸗Borgez und Fernandez⸗ Thomaz, ſo wie der Obriſt Cabreira gehor⸗ ten zu den uͤbrigen einflußreichen Mitgliedern des 3— Bundes. Nach vorhergegangener naͤchtlicher Be⸗ ſprechung wurden am 24. Auguſt 1820 die Truppen 24. Aug. zu Oporto unter die Wafſen verſammelt und mit dem Plane bekannt gemacht. Sie willigten jubelnd ein, und man rief nunmehr eine— vorerſt noch zu entwerfende— Nationalverfaſſung, ſo wie die portugieſiſchen Kortes aus. Eine Junta wurde ge⸗ bildet, welche den Aufſtand zu leiten und der Re⸗ gierung einſtweilen, bis zum Zuſammentritte des Nationalkongreſſes, ſich zu unterziehen hatte. Den Englaͤndern, ſo ſehr ſie das Nationalgefuͤhl auf mancherlei Weiſe verwundet hatten, geſchah nicht das geringſte Leid, und manche, von der Junta im gegenwaͤrtigen Augenblicke entlaſſene, Offiziere jener Nation erhielten ſpaͤterhin wieder Anſtellungen un⸗ ter dem Heere. Ueberhaupt wurde bei dieſer Re⸗ volution gar kein Tropfen Blutes vergoſſen, ein Umſtand, welcher ſie nur deſto gefaͤhrlicher gemacht, und, gleich ber ſpaniſchen, den Angriffen der Geg⸗ ner um ſo mehr bloßgeſtellt hat. Ein Aufruf an die Nation machte dieſe mit den Planen der Inſurrektion bekannt und begeiſterte zur Theilnahme. Waͤhrend dieſer Zeit ergriff die aufgeſchreckte Regentſchaft zu Lisboa die allerun⸗ zweckmaͤßigſten Maßregeln zu Dämpfung des revo⸗ lutionaͤren Feuers. Ihr Haupt und ihre Seele, Beresford, befand ſich zu allem Ungluͤcke ſo eben in wichtigen Angelegenheiten zu Rio⸗Janeiro, und die Urheber der Verſchwoͤrung hatten mit vieler Klugheit, nachdem durch mehr als zweijaͤhrige Ruhe ſeit Freyre's Wageſtuͤcke derſelbe in Sicher⸗ heit gewiegt worden war, dieſen guͤnſtigen Augen⸗ 4⁰ blick fuͤr Ausfuͤhrung ihres Vorhabens benutzt. Die Sprache der Regentſchaft war, der Junta und dem Kriegsvolke gegenuͤber, wuͤrdelos, zweideutig, ſchwankend und unſicher. Sie verlor das Zutrauen aller Parteien und endlich das Zutrauen in ſich ſelbſt. Nachdem ihre Verheißung, die alten Kor⸗ tes einzuberufen und des Koͤniges Meinung uͤber das Geſchehene vorerſt einzuholen, durchaus keinen Eindruck bewirkt; heuchelte ſie erhaltene Vollmach⸗ ten aus Braſilien vor, und machte Erklaͤrungen des Monarchen bekannt, welche mit denjenigen von dem vorherigen Tage in offenem Widerſpruche ſtan⸗ den. Die Gemuͤther der Einwohner und der Trup⸗ pen zu Lisboa zeigten ſich taͤglich ſchwieriger; und außer dem Grafen Amarante in Traz⸗os⸗Mon⸗ tes blieb kein Befehlshaber treu. Die wider Oporto ausgeſandte Heermacht ſchlug ſich zu den Inſurgen⸗ ten, und die Streitkraͤfte derſelben mehrten ſich bei jedem Schritte vorwaͤrts. Die Regentſchaft ſelbſt erkannte, daß ſie dem Strome der oͤffentlichen Mei⸗ nung in die Laͤnge nicht zu widerſtehen vermoͤge. Unter ſolchen Umſtaͤnden wurde die von den Patrioten der Hauptſtadt verabredete Bewegung ohne bedeutenden Widerſtand vollbracht. Es ſtellte ſich am 15. Herbſtmonde der Graf Rezende an die Spitze des 16. Regimentes und verkuͤndete die Konſtitution. Der Juiz da Povo billigte das Un⸗ ternehmen, und das Volk umfaßte mit bewußtlo⸗ ſem Enthuſiasmus eine Sache, von der ihm noch immer deutliche Begriffe fehlten. Die proviſoriſche Junta, welche auch in der Hauptſtadt ſich bildete, redete alle Portugieſen in begeiſterter Sprache an, 41 machte das Geſchehene den Bruͤdern zu Oporto, dem Koͤnige(durch ein Mitglied der alten Regent⸗ ſchaft) und den fremden Geſandten bekannt. Dar⸗ auf vereinigte ſie ſich, nach kurzem Mißverſtaͤnd⸗ niſſe mit der ſchon beſtehenden„oberſten Junta,“ welche mit der Staatsverwaltung und Leitung der Geſchaͤfte im Allgemeinen auch ferner ſich befaßte, waͤhrend der juͤngern die Benennung einer„provi⸗ ſoriſchen und für die Kortes vorbereitenden Junta“ zu Theil wurde. Am 4. Oktober hielt erſtere mit dem Nationalheere ihren feierlichen Einzug in die Hauptſtadt, welche vor Begeiſterung außer ſich war. Und nun wurde aus folgenden Perſonen die neue gemeinſchaftliche Regierung gebildet. Dom Freyre, Biſchof von Oporto, uͤbernahm den Vor⸗ ſitz in der Junta; Ant. Silveira die Wuͤrde eines zweiten Praͤſidenten. Das Miniſterium der Auswaͤrtigen erhielt Fernandez⸗ Thomaz; das⸗ jenige des Innern und der Finanzen Ferreira⸗ Moura; das Kriegsminiſterium und das Depar⸗ tement der Marine D. Joſe Germano de Bran⸗ camp. In den oberſten Verwaltungsrath kamen ferner zu ſitzen: der Graf Pennafiel, Francisco de San⸗Luiz und Diaz⸗Acedo. Ferreira Borgez, Silva⸗Carvalho, Sepulveda und Ribeiro d'Abrantes Caſtello⸗Branco erhielten Stellen als Unterſtaatsſekretaͤre. Vergebens war mittlerweile Lord Beresford mit verſchiedenen Auftraͤgen des Koͤniges aus Bra⸗ ſilien zuruͤckgekommen; er fand alle Bande des Ge⸗ horſames gegen ihn und die alte Verwaltung geloſt, neue Verhaͤltniſſe, Geſinnungen, Menſchen und 11. Nov. 42 Maſchinen. Man verweigerte ſogar dem Genera⸗ liſſimus die Landung, und trotz ſeiner Drohungen mit des Monarchen Zorne und Großbritanniens Ra⸗ che, mußte er zur Heimkehr ſich entſchließen. In⸗ zwiſchen trat, wider den Willen ihres Statthalters, auch die wichtige Inſel Madeira der Sache der Verfaſſung bei. Die Azoren hielten zur Zeit bloß noch ihr Biſchof und die öffentlichen Gewalten ab, dieſem Beiſpiele zu folgen. Unter den Haͤuptern der Revolution ſelbſt aber offenbarte ſich, bald nach dem Siege derſelben, Spannung und Zwieſpalt. Die demokratiſchen und ariſtokratiſchen Elemente beruͤhrten ſich mit neben⸗ buhleriſcher Feindlichkeit. Der Adel, wiewohl thaͤtiger Befoͤrderer der großen Bewegung, gedachte, ihr eine, ſeinem Intereſſe zuſagendere, Richtung zu geben, und arbeitete an einer Gegenrevolution in dieſem, nicht aber im royaliſtiſchen Sinne. An⸗ tonio Silveira ſelbſt ſtand an der Spitze des neuen Unternehmens, und der General Texeira, Oberbefehlshaber von Lisboa, unterſtuͤtzte ihn mit ſeiner bewaffneten Macht. Man wollte die oberſte Junta von verdaͤchtigen, d. h. der Ariſtokratie feind⸗ ſeligen, Mitgliedern reinigen, und der zu entwerfen⸗ den Verfaſſung einen Zuſchnitt geben, wie man glaubte, ihn brauchen zu koͤnnen. So brach denn der verhaͤngnißvolle 11. November an; aber nach anfaͤnglichem Gelingen ſcheiterte der Plan an Se⸗ pulveda's Feſtigkeit, an dem Unwillen eines Thei⸗ les der Truppen, an der vorherrſchenden Stimmung der Hauptſtadt, welche durch die Summen der Handelsleute und durch die Impulſe der Maurer⸗ 43 loge geleitet wurde. Die ſogenannte„Militaͤrkon⸗ ferenz“ endigte damit, daß Silveira und Lacerda⸗ Texeira von den Geſchaͤften ſich zuruͤckzogen, und ihren Gegnern das Feld uͤberließen. Doch geſcha⸗ hen keine Gegenwirkungen, und die ganze Kata⸗ ſtrophe lief ohne Blutvergießen ab. Nachdem der innere Sturm wieder beſchwich⸗ tigt worden, beſchwor man, ſo viel wie moͤglich, die Ungewitter am aͤußern politiſchen Horizonte. Das Kabinet von St. James wurde in freundli⸗ cher Stimmung, oder wenigſtens in Unparteiſamkeit, erhalten. Alle Schuld des Geſchehenen kam auf Marſchall Beresford. Europa erhielt in einem Manifeſte der oberſten Junta genuͤgende Aufſchluſſe uͤber alle Beweggruͤnde und Vorfaͤlle der vollbrach⸗ ten Revolution. Von Rio⸗Janeiro ſelbſt kamen beruhigende Berichte uͤber die Geſinnung des Mon⸗ archen zu, welcher gleich Anfangs, ſtatt das Ge⸗ ſchehene zu verwerſen oder zu bekaͤmpfen, halb es billigte und mit der Inſurrektion in Vergleich ſich einließ. Am 26. Jaͤnner des folgenden Jahres fand die feierliche Eroͤffnung der konſtituirenden Kortes Statt. Sie ſchwuren den Eid der Treue gegen die Nation, den Koͤnig und den roͤmiſch-katholiſchen Glauben. Der Erzbiſchof von Bahia wurde Praͤſident fuͤr die Dauer dieſer Sitzung. Eine neue Vollziehungs⸗ behoͤrde bildete man aus dem Benediktiner St. Luiz, dem Grafen Sampayo, D. Joſé de Siva Carvalho, dem Marquis von Caſtello⸗ Melhor und D. Santo Mayor. Einige Tage darauf ward auch das Miniſterium friſch geregelt, 1820 29. Oct. 16. Decbr. 1821 21. u. 26. Jan. 9. März 44 und es erhielt Barradas das Departement des Innern, Durante⸗Cohelho der Finanzen, De⸗ reira⸗Rebello des Kriegsweſens, Maxim. de Souza der Marine, Brancamp der Juͤngere aber das der Auswaͤrtigen. Ueberdieß ordnete man die Wahl der Abgeordneten fuͤr die uͤberſeeiſchen wie fuͤr die europaiſchen Provinzen. Alsbald, nachdem der Kongreß inſtallirt wor⸗ den, kamen eine Menge Vorſchlaͤge und Entwuͤrfe zur Berathung, welche auf die Herſtellung der Na⸗ tionalwuͤrde, die Aufklärung der Geiſter, den oͤffent⸗ lichen Unterricht, die Vernichtung alter Vorurtheile, die Gleichſtellung der Rechte, die Verbeſſerung der Gerichtspflege, die Verminderung der Volkslaſten, die oͤffentliche Sicherheit und Vermehrung des Na⸗ tionalwohlſtandes mehr oder weniger Bezug hatten. Die Preßfreiheit, die Abſchaffung der Inquiſition, die Beſchraͤnkung der Polizeigewalt, die Abſchaf⸗ fung des Feudalweſens, die Vernichtung der geiſt⸗ lichen Privilegien, und die Errichtung eines Staats⸗ rathes, ſtanden demnach oben an unter den Ge⸗ genſtaͤnden, mit welchen die Kortes ſich befaßten. Am 9. Maͤrz wurden einſtweilen die Grund⸗ lagen der kuͤnftigen Verfaſſung bekannt gemacht; ſie beſtanden in ſieben und dreißig Artikeln. Hier⸗ auf fe ſſelte beſonders die Wiederherſtellung der Fi⸗ nanzen und des ſo tief geſunkenen Staatskredites die Verſammlung. Die Abſchaffung der Frohnd⸗Ge⸗ rechtſame und der Kopfſteuer, jedoch mit Entſchaͤdi⸗ gung der Eigenthuͤmer, wurde ſohin ausgeſprochen; und nun beſprach man ſich laͤngere Zeit uͤber die baldige Ankunft des Koͤniges, uͤber die Art ſeines Empfanges und uͤber den Beitritt mehrerer braſi⸗ liſchen Provinzen zur konſtitutionellen Sache. Am 27. Mirz traf die amtliche Nachricht von der Annahme des Verfaſſungs⸗ Syſtemes durch den Koͤnig ein, und es wurden deßhalb gleich zwei Tage barauf die Grundlagen deſſelben in der Kirche von St. Domenigo beſchworen. Wichtige Eroͤrterun⸗ gen und ſtrenge Maßregeln veranlaßte das feind⸗ ſelige Benehmen des Kardinal⸗ Patriarchen und der politiſchen Agenten bei den auslaͤndiſchen Hoͤfen. Die Kortes verfuhren hierin mit ungewoͤhnlicher Bitterkeit. Einen unangenehmen Eindruck und manch ſeltſames Gerede bewirkte die am 10. Mat im Palaſte der neuen Handelsjunta entſtandene Feuersbrunſt. Doch verſchlang alle uͤbrigen Inter⸗ eſſen die Ankunft D. Joäo's und ſeiner Familie vor Lisboa, in den erſten Tagen des Heumonates. Der Hof war beim Ausbruche der Revolution, und als er bloß noch die Vorfaͤlle von Oporto kannte, in ſeinen Anſichten daruͤber und die zu ergreifenden Maßregeln ſehr getheilt geweſen, und eben ſo das Miniſterium. Waͤhrend die Koͤnigin und die Camarilla, geſtuͤtzt auf die Stimme Villanova's, im Staatsrathe auf kraͤftige Unterdruͤckung des Aufſtandes drangen, war der Koͤnig ſelbſt zur Nach⸗ giebigkeit und zum Vergleiche bereit, und fand in dem Grafen dos Arcos, einem Diplomaten aus Pombals Schule, hierin einen warmen Vertheidi⸗ ger. Auch der Kronprinz D. Pedro fuͤhrte fuͤr zeitgemaͤße Inſtitutionen das Wort. Der Koͤnig entſchloß ſich, durch Einberufung der alten Kortes, mit zweckmaͤßigen Verbeſſerun⸗ 27. Ock. 1. Jan.— 6. März 46 gen, welche die neue Zeit erheiſchen wuͤrde, und durch Ertheilung einer Amneſtie fuͤr die Urheber der Revolution, den Sturm zu beſchwoͤren. Allein nicht nur hatte der deßhalb erlaſſene Aufruf, wel⸗ cher auch fuͤr den reißenden Gang der Begebenhei⸗ ten viel zu ſpät kam, auf Portugal keine Wirkung, ſondern ermuthigte nun auch die unruhigen Koͤpfe der gebildetern Braſilier zu einer aͤhnlichen Bewe⸗ gung, wie die, welche im Mutterlande vollbracht worden. In Para, Bahia und Pernam⸗ buko wurde hintereinander die Verfaſſung ausge⸗ rufen, jedoch mitbbrbehalte aller Rechte des Hau⸗ ſes Braganza. In allen drei Provinzen errichteten ſich Junta's, welche Gewaltboten nach Lisboa ſen⸗ deten und ihren Beitritt zum konſtitutionellen Sy⸗ ſteme den verſammelten Kortes berichteten; dieſelben fanden ſich durch dieſe Vorfaͤlle, wie zu erwarten war, in ihrer Beharrlichkeit nicht wenig geſtaͤrkt. Als nun, um das Werk des Aufſtandes zu vollenden, zuletzt auch Rio⸗Janeiro die Sache der Revolution ergriff, eilte der geſchreckte Monarch, die Verfaſſung feierlich durch das Organ ſeines Sohnes, Dom Pedro, zu beſchwoͤren. Spaͤter erhielt er die Ueberzeugung, daß ſeine Anweſenheit in Europa ganz beſonders nothwendig ſey, und er traf deßhalb alle Anſtalten zur Ruͤcktehr. Der Kronprinz wurde zum Reichsverweſer von Braſilien mit großen Vollmachten ernannt, und kurz darauf, nachdem ein Verſuch der uͤberſpannten Liberales zu Rio⸗Janeiro, die Verfaſſung der ſpaniſchen Kor⸗ tes, mit Waffengewalt vereitelt worden, ſchiffte D. Joào mit ſeiner Familie ſich nach Europa ein. 47 In den erſten Tagen des Julius erſchien das Juli. Linienſchiff, welches die koſtbaren Unterpfaͤnder der Dauer des neuen Zuſtandes trug, im Angeſichte von Liſſabon. Die Kortes, darauf vorbereitet, und mancher geheimen Sorge nunmehr frei, empfingen den langentbehrten Herrſcher mit allen nur erdenk⸗ lichen, jedoch haͤufig auch mit ſehr abgemeſſenen, Ceremonien, und man begluͤckwuͤnſchte und dankte ſich wechſelſeitig durch Adreſſen und Reden. Man⸗ che bittere Erfahrung hatte der Hof, noch ehe er das Ufer betreten, bereits gemacht: verſchiedenen Perſonen aus dem Gefolge des Monarchen, welche im Verdachte illiberaler Geſinnungen ſtanden, war die Landung verweigert worden. Auch fuͤr die Bil⸗ dung eines Staatsrathes in ihrem Sinne hatten die Kortes zuvor ſchon weislich geſorgt. Der Konig ſchwieg, und ergab ſich, voll Erwartung beſſerer Dinge, in manche Beſchraͤnkung. Mit mehr Un⸗ willen ſeine Gemahlin, ſehr hochfahrenden Gemͤ⸗ thes und ganz von den Eingebungen eines werthlo⸗ ſen Hofgeſindes beſtimmt. Mißtrauen von der ei⸗ nen und Erbitterung von der andern Seite truͤbten daher gar bald die Ruhe des Reiches. In allen Zweigen des Staatshaushaltes wurde die groͤßte Sparſamkeit eingefuͤhrt, und die Civil⸗ liſte des Monarchen und der königlichen Familie feſtgeſetzt. Die Einziehung einer großen Zahl von Pfruͤnden und Penſionen erregte eine Menge Un⸗ zufriedener, beſonders aber war dieß der Fall bei den Inhabern der Militaͤrorden. Die Verminde⸗ rung der Kloͤſter von 420 auf 60 vermehrte die Zahl der Feinde in noch bedentenderem Verhaͤltniſſe. Eben⸗ 48 ſo die Vernichtung der Privilegien des Adels, wel⸗ cher doch die Revolution mehr gefoͤrdert, als gehin⸗ dert hatte. Der furchtbarſte Gegner des neuen portugieſi⸗ ſchen Repraͤſentativſyſtems jedoch war die auslaͤndi⸗ ſche Diplomatik. Hatte ſchon die Art und Weiſe, wie die Revolution entſtanden, bei verſchiedenen groͤßern Maͤchten Anſtoß gefunden; ſo mußte noch mehr der Mißbrauch der Preßfreiheit und der Tri⸗ bune ſie reizen, welcher freilich auch nicht ſelten durch bittere Angriffe von Außen veranlaßt worden iſt. Die Zeitblaͤtter verfehlten, wie in Spanien, gar haͤufig ihres Maaßes und naͤhrten zur Ungebuͤhr das Feuer der Zwietracht. Mochte nun der geſetz⸗ gebende Kongreß in ſeiner Geſammtheit immerhin ſo wuͤrdevoll und gemaͤßigt, als nur moͤglich, auf⸗ treten, ſo wurden dennoch die Fehler der Einzelnen deſſelben mehr beachtet, als die Vorzuͤge und die guten Geſinnungen der Mehrzahl; und die Intrike von Innen eilte, mit manchen Vorurtheilen des Auslandes gegen die portugieſiſche Verfaſſung ſich zu verbinden. Der Kongreß fuhr inzwiſchen mit raſtloſer Thaͤtigkeit in ſeinen Arbeiten fort; zumal aber er⸗ regte der betruͤbte Zuſtand der Finanzen ſeine Haupt⸗ ſorge. Zweihundert vierzig Millionen betrug die Staatsſchuld, und das Budget vom Jahre 1821 zeigte, bei einer Einnahme von 24,302,500 Kruſa⸗ den, einen Abgang von vier Millionen. Daher wurde die Unterhandlung eines Anlehens von 10 Millionen Kruſaden nothwendig, wozu beſonders die Theilnahme des portugieſiſchen Handelsſtandes 49 in Bewegung geſetzt wurde. Die Errichtung einer Nationalbank verſprach, wenn auch nur nach und nach, doch immerhin gewiß fuͤr den Verkehr und den Nationalkredit ſehr ſegenreiche Folgen. Nach den Finanzen zog die Geſetzgebung das meiſte Augenmerk der Kortes auf ſich. Die privi⸗ legirten und die Spezial⸗Gerichte wurden abge⸗ ſchafft, die Stellen der Richter für lebenslaͤnglich erklaͤrt, und mit dem Inſtitute der Geſchworenen, welches man auch in Portugal zu verpflanzen ge⸗ dachte, hing die Verfaſſung eines neuen buͤrgerli⸗ chen Geſetzbuches und einer regelmaͤßigeren Ge⸗ richtsordnung zuſammen. Am 23. September war der Verfaſſungsent⸗ wurf nunmehr zur Reife gediehen und von den Kortes unterſchrieben. D. Joào VI. nahm ihn un⸗ ter großen Feierlichkeiten an, und leiſtete am 1. Ok⸗ tober den Eid auf die Konſtitution, und zwar außer der vorgeſchriebenen Formel, mit den Worten: „Und das thue ich mit dem groͤßten Vergnuͤgen und mit dem groͤßten Vergnuͤgen!“ Seine Familie, mit alleiniger Ausnahme der Konigin Car! otta, folgte dieſem Beiſpiele, und das merkwuͤrdige Ak⸗ tenſtuͤck wurde nicht nur in ganz Portugal beſchwo⸗ ren, ſondern auch an alle Hoͤfe des Auslandes uͤber⸗ macht, mit der Erklaͤrung von dem freien Willen und der innigen Freude, womit Se. allergetreueſte Majeſtaͤt dem Verfaſſungsſyſteme gehuldigt. Die Konſtitution der Kortes von Lisboa 65 welche die nicht unbetraͤchtliche Zahl von 229 Para⸗ *) Siehe die europ. Conſtitutionen, B. IW. P. III. 4 1. Oct. 50 graphen einnimmt, war groͤßtentheils jener der ſpa⸗ niſchen Kortes nachgebildet worden; jedoch mit viel demokratiſcherem Zuſchnitte, und im Ganzen nicht einmal ſo genial und durchdacht, wie dieſe Letztere; nur in den Fehlern kam ſie ihr gleich, und der große Irrthum, den auch ſie durch allzu unverhaͤltnißmaͤ⸗ ßige Beſchraͤnkung der Koͤnigsmacht, und durch all⸗ zu ſchonungsloſe Vernichtung des hiſtoriſchen Rech⸗ tes, beging, koſtete ihr, wie dieſer, das Leben. Waͤhrend der Zeit, als im Mutterlande ſo ver⸗ haͤngnißvoll die Verhaͤltniſſe ſich geſtaltet, trat auch die Kolonie Braſilien in die Reihe ſelbſtſtaͤndiger Voͤlker, durch Fortentwickelung ihrer, bereits oben von uns erwaͤhnten, Revolution ein. Die Kortes zu Lisboa hatten bald die Gemeinſchaft ihrer politi⸗ ſchen Muͤndigung und die Grundſaͤtze, nach denen beide gehandelt, vergeſſen, und nachdem das kuͤhne Ziel in Europa von ihnen erreicht worden, wollten ſie ſelbſt an die Stelle der alten Herrſcher ſich ſetzen, und die Bruͤder in der andern Hemiſphaͤre in kon⸗ ſtitutioneller Form ſo behandeln, wie fruͤher in des⸗ potiſcher geſchehen war. Statt demnach, wie noch kurz zuvor die Verheiſſungen gelautet und alle beſ⸗ ſern Braſilier zuverſichtlich gehofft hatten, dem Lande eine ehrenvollere Stellung, als bisher, und eine eigene National⸗Repraͤſentation, jedoch ſtets in Verbindung mit der des Mutterlandes, zu be⸗ willigen, erregten ſie durch eine Reihe unkluger Beſchluͤſſe die Abneigung und den Grimm der uͤber⸗ ſeeiſchen Patrioten, und alle, auch gutgemeinte Vorſchlaͤge und Maßregeln wurden demnach von dieſen Letztern zuruͤckgewieſen. Der Kronprinz und 51 Reichsverweſer, D. Pedro, welcher doch den kon⸗ ſtitutionellen Ideen nicht unzugaͤnglich ſich gezeigt hatte, blieb von den Beleidigungen der ſieghaften Partei ebenfalls nicht verſchont. Es war ſeit der Abreiſe D. Joao's in BVraſi⸗ lien manches Ereigniß von hoher Wichtigkeit vor⸗ gefallen und die Revolution in fortwahrendem Wachsthume begriffen. Das den Spaniern ent—⸗ riſſene Montevidev(Vanda Oriental) huldigte ihr ebenfalls, nach Para's, Bahia's, Pernam⸗ but's und Rio/Janeiro's Beiſpiele. Doch offenbarte ſich bald ein gefaͤhrliches Streben nach republikani⸗ ſcher Freiheit, welches ſofort von D. Pedro bekaͤmpft werden mußte. Die heftigſten Geſinnungen aͤußerte in dieſer Hinſicht Pernambuk, welches foͤrmlich alle Verbindungen mit der Regierung und Europa aufhob. Der Oberbefehlshaber Lecor,(ſpaͤter Graf von Lacun a) erhielt Montevideo durch Gewalt der Waffen dem konſtitutionellen Portugal. Die Hauptſtadt erklaͤrte ſich gleichfalls gegen daſſelbe und zwang den Prinzen, welchen der Nationalkon⸗ greß von Liſſabon in gebieteriſchem Tone nach Eu⸗ ropa zuruͤckgerufen hatte, zu bleiben, alle Portu⸗ gieſen aber zur Einſchiffung nach der Heimath. Auch Pernambuk, wiewohl fuͤr eigene Rech⸗ nung, vertrieb die Truppen des Mutterlandes. Nur Bahia wurde dieſem letzteren, nach einer Reihe von blutigen Scenen, wobei die Portugieſen Mei⸗ ſter blieben, fur eine Zeit noch gerettet. Nunmehr fand der diplomatiſche Kampf zwi⸗ ſchen D. Pedro und den Kortes zu Lisboa Statt. 4* 52 Ihn entruͤſtete bis zur Wuth das verachtungsvolle Benehmen derſelben, mit welchem ſie ihre Befehle fortwaͤhrend zuſandten und im Weigerungsfalle ſelbſt die Strenge der Geſetze dem kuͤnftigen Be⸗ herrſcher androhten. Die Eingeborenen, aber durch Geſandtſchaften, Zuſchriften und Drohungen, be⸗ ſtimmten den Infanten zu entſcheidender Erklaͤ⸗ rung. Man begehrte foͤrmliche Trennung vom Mutterlande, die Souveraͤnitaͤt im Hauſe D. Pe⸗ dro's und eine Nationalvertretung. Dom Pedro wich der Nothwendigkeit, und die Hoffnung, die Kolonie auch auf dieſe Weiſe dem Hauſe Braganza erhalten zu koͤnnen(wohin vor Allem die von ſei⸗ nem Vater ihm hinterlaſſene Vollmacht gelautet hatte), beſiegte vielleicht in ihm alle uͤbrigen Bedenk⸗ lichkeiten. Er nahm den Titel eines„Kaiſers und beſtaͤndigen Verfechters von Braſilien“ an, und verſammelte den Nationalkongreß zu Feſtſetzung der kuͤnftigen Verhaͤltniſſe im Innern des neuen Re⸗ ches. Gegen die Portugieſen aber wurde, wo ſie noch Fuß gefaßt, der Kampf fortgefuͤhrt; jedoch gegen Bahia und Montevideo laͤngere Zeit ohne Er⸗ folg. Ein bedeutendes Anlehen, welches mit eng⸗ liſcher Huͤlfe zu Stande kam, gab den Unterneh⸗ mungen des Kaiſers Kraft und Anſehen. In hef⸗ tigen und phraſenreichen Manifeſten wurde das treuloſe Benehmen der portugieſiſchen Kortes, welche D. Pedro, in der Bitterkeit des Heizens, mit jeder Art Vorwuͤrfe uͤberſchuͤttete, entwickelt, und der gewagte Schritt vor der oͤffentlichen Meinung in beiden Hemiſphaͤren gerechtfertigt. 53 Viertes Kapiterk. Fernere Entwickelung der Revolution von Portugal und Braſilien. Sturz der Kortes von Lisboa und Ruͤckwir⸗ kungen des Abſolutismus bis zur An⸗ erkennung der Selbſtſtaͤndigkeit Bra⸗ ſtliens und dem Tode Dom Joao's VI. Inzwiſchen daß die Revolution jenſeit des Meeres einen neuen glaͤnzenden Triumph gefeiert, wurde ihr Werk in Portugal von ſichtbaren und unſichtbaren Gegnern immer mehr untergraben. Man gewann unter den Kortes und ihren Anhaͤn⸗ gern ſelbſt eine Partei, welche durch das Vorgeben, Ermaͤßigungen in der Konſtitution erwirken zu wollen, in die Unternehmungen der Abſolutiſten mit hineingezogen wurde. Der Sturz aller freien Inſtitutionen war jedoch das einige Ziel, welches aus den Gemaͤchern von Queluz mit unerſchuͤtterli⸗ cher Beharrlichkeit verfolgt wurde. Man wollte die moraliſche Kraft der konſtitutionellen Partei vorerſt laͤhmen und theilen, um ſodann mit leichtem Siege die neue Ordnung der Dinge zu ſtuͤrzen. Bald nach Eroͤffnung der ordentlichen Kortes zeigte ſich dieſe Geſinnung der alſo geheiſſenen Ab⸗ ſolutiſtenvartei ziemlich unverhuͤllt, und die Koͤnigin Donna Carlotta verweigerte, wie bereits angedeu⸗ tet wurde, den Eid auf die Verfaſſung, mit erbit⸗ terndem Trotze und hochmuͤthiger Verachtung aller beſtehenden Verhaͤltniſſe. Dieſes Benehmen rief gewaltſame Maßregeln von Seite der Konſtitutio⸗ nellen hervor, und der Koͤnig ſah ſich genöthigt, 1. Dec. 1822 54 in Gemaͤßheit eines Artikels der Verfaſſung, die eigene Gemahlin aus dem Reiche zu verbannen. Bloß die vorgeſchuͤtzte Krankheit und ein aͤrztliches Zeugniß verhinderten die buchſtaͤbliche Vollſtreckung dieſes Beſchluſſes. Man beobachtete ſie daher ſehr genau in einer Art von kloͤſterlicher Haft. Trotz dieſes Sturmes, welcher die ſtolze Frau von der Seite ihres koͤniglichen Gemahles verſchlug, fuhr dieſelbe in ihrem Widerſtande gegen das Verfaſ⸗ ſungsweſen und in geheimen Anſchlaͤgen gegen die Kortes eifrig fort. Mehrere Verſchwörungen, de⸗ ren Triebfeder ſie geweſen, wurden hinter einander entdeckt, jedoch niemals ſtreng beſtraft. Dieſer Mangel an Energie ſtuͤrzte die Liberalen in der Folge ſelbſt in's Verderben, da man trotz des zeit⸗ lichen Mißlingens ihrer Plane, von Seiten der Camarilliſten die Bloͤßen des Regimentes kennen gelernt, und Zeit genug fuͤr kuͤhnere Wageſtuͤcke gewonnen hatte. Die Kortes, von der europaͤiſchen Diplomatik geaͤchtet, unterließen es gleichwohl, durch die Vor⸗ gaͤnge in Neapel und Piemont noch immer nicht genugſam uͤber ihre Stellung und Gefahren belehrt, durch ein ſtandhaftes Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß mit Spanien, ſich zu befeſtigen, und die deßhalb angeknuͤpften Unterhandlungen hatten in der Haupt⸗ ſache gar keinen Erfolg gewonnen. Unbekuͤmmert, als ob gar keine Gefahr im Anzuge waͤre, fuhren ſie fort, mit Geſetzgebung, Gerichtspflege und Ver⸗ waltung des Inneren ſich zu beſchaͤftigen. Inzwi⸗ ſchen waren aber die Feinde deſto thaͤtiger. Die weitverzweigte Junta des Abſolutismns verſchwen⸗ 55 dete, wie in Spanien, Millionen Goldes zu Auf⸗ reizung der Gemuͤther und zu Erregung eines Buͤr⸗ gerkrieges, welcher bei den apathiſchen Portugieſen ſonſt wohl nimmer mehr ausgebrochen ſeyn wuͤrde. Und als der Herzog von Angouleme im Jahre 1823, wiewohl unwilligen Herzens, den verhaͤngnißvollen Feldzug wider Spanien unternahm, war in Por⸗ tugal die Gegenrevolution ſchon gaͤnzlich vorbereitet und organiſirt. Der Graf Amarante, Sohn desjenigen Edlen, welcher im ſogenannten Befreiungskriege bei der Bruͤcke dieſes Namens einige Vortheile uͤber die Franzoſen erfochten hatte, ſtellte ſich, der Ver⸗ abredung gemaͤß, an die Spitze der Mißvergnügten und brachte in den Provinzen Entre Duero e Minho und Traz⸗os⸗Montes eine Anzahl Einwohner un⸗ ter die Waffen; zu Valladolid aber bildete ſich eine Regentſchaft des Koͤnigreiches Portugal, waͤhrend der Gefangenſchaft D. Joao's, aͤhnlich der Junta von Urgel und Bayonne. An ihrer Spitze ſtand der ausgewieſene Kardinal⸗Patriarch. Die Koͤni⸗ gin ſpendete die noͤthigen Summen und Waffenvor⸗ raͤthe. Die Regeneratoren, wie ſich die Condéer Portugals ſelbſtgefaͤllig nannten, geriethen zwar in einige Verlegenheit, als England erklaͤrte, daß es jeder fremden Macht den Einmarſch in Portugal verwehren werde, und als Frankreich ſelbſt die Ver⸗ ſicherung gab, daß es nicht die mindeſte feindſelige Abſicht wider Se. getreueſte Majeſtaͤt und deſſen Inſtitutionen hege. Allein ſie troͤſteten ſich leicht in dem Gedanken, daß mit der Konſtitution von Ka⸗ dir auch jene der portugieſiſchen Kortes von ſelber — 823 56 fallen werde, und machten, ihres Triumphes ſicher, eine ſehr unſchuldige Miene bei dem ganzen Spiele, in welchem ſie ſo thaͤtig ihre Haͤnde hatten. Der Anfang der kriegeriſchen Anſtrengungen des royaliſtiſchen Anhanges erregte nicht die guͤnſtig⸗ ſten Erwartungen. Graf Amarante, ein beſ⸗ ſerer Intrikant als Feldherr, und ganz von einer ehrſuͤchtigen Gemahlin geleitet, welche nach unge⸗ woͤhnlichen Dingen ſtrebte, wurde durch den Ge⸗ neral der Konſtitutionellen, D. Luiz do Rego, welcher uͤbrigens, wie die Folge gelehrt hat, dennoch im Ganzen ehrlicher, als talentvoll war, nach der ſpaniſchen Grenze zuruͤckgetrieben, und von den enttaͤuſchten Transmontanern zuletzt im Stiche ge⸗ laſſen. Er fluͤchtete mit dem Ueberreſte ſeiner Trup⸗ pen in das galiziſche Gebiet, und wurde gemein⸗ ſchaftlich von Quiroga und Rego darin verfolgt, um ſo leichter, da der Herzog von Angouleme die be⸗ gehrte Unterſtuͤtzung verweigerte, um die Unpar⸗ teiſamkeit gegen Portugal fort zu erhalten. Die Kortes wußten den gewonnenen Sieg und ihre guͤnſtige Lage keinesweges gehoͤrig zu benutzen, und waͤhrend ſie den Mißvergnuͤgten Zeit ließen, ſich wieder zu ſammeln und zu verſtaͤrken, entfrem⸗ deten ſie ſich durch unverdiente Behandlung den einzigen General von Talenten, welcher ihre Trup⸗ pen angefuͤhrt, in der Perſon Rego's, deſſen langſamer Operations⸗Plan wider Amarante frei⸗ lich bei vielen Leuten Verdacht erregt hatte. In Mitte des Kongreſſes ſelbſt haderten die beiden Hauptparteien unter den Liberalen, die der Exal⸗ tados und die der Gemaͤßigten, um die Herrſchaft. 57 Dieſer Streit wurde von den Abſolutiſten mit vieler Gewandtheit benutzt, um eine Trennung und da⸗ durch voͤlligen Untergang ihrer Gegner zu bewirken. Der Infant Dom Miguel, ſtellte ſich, von 27. Mai ſeiner koͤniglichen Mutter zum ſichtbaren Haupte der Gegenrevolution auserſehen, an die Spitze der gewonnenen Offiziere der Linientruppen, und zog am 2. Mai nach Villa⸗Franca, wo noch mehrere Regimenter und eine Anzahl Edler, darunter wie⸗ derum mehrere Silveira's, waren, ſich mit ihm ver⸗ einigten. Von hier aus machte der Prinz die Na⸗ tion mit ſeinem Vorhaben bekannt, dieſelbe, ſo wie den Koͤnig aus den Haͤnden der Kortes zu retten, und dem anarchiſchen Syſteme derſelben ein Ende zu machen. Da uͤberdieß davon die Rede war, an die Stelle einer unvolksthuͤmlichen Verfaſſung eine beſſere, ſomit alſo immerhin eine Verfaſſung, zu ſez⸗ zen, und anderer Seits man ſich den Schein gab, als ſollte bloß der tyranniſche Einfluß der Partei Moura und der Exaltados vernichtet werden; ſo fanden ſich nicht nur unter der beſchraͤnkten Maſſe Leute genug, welche in die Anſicht von der Nothwendigkeit der Gegenrevolution leicht eingingen, ſondern ſelbſt Parteihaͤupter, wie Sepulveda, durch ihre An⸗ haͤnglichkeit an konſtitutionelles Weſen ausgezeich⸗ net, wurden zu Unterſtuͤtzung des Unternehmens verfuͤhrt. Der diplomatiſche Einfluß brittiſcher Agenten war auch in der Sache mehr als ſichtbar; die allzu demokratiſche Konſtitution konnte dem Syſteme des brittiſchen Kabinetes durchaus nicht zuſagen. Sepulveda, gerade damals Oberbefehls⸗ haber von Lisboa, glaubte fuͤr das Syſtem der zwei 58 Kammern und andere Ermaͤßigungen in der Kon⸗ ſtitution ſich zu erheben, und erklaͤrte ſich daher fuͤr den Infanten. Derſelbe hatte bis zum 29. Mai bedeutend ſich verſtaͤrkt, obgleich der erſte Entſchluß, am Fron⸗ leichnamstage ſeinen Vater aus Bempoſta zu ent⸗ fuͤhren, vereitelt worden war. Dom Joao zeigte ſich anfaͤnglich uͤberraſcht und erbittert uͤber die kuͤhne Bewegung des Infanten, welche die monar⸗ chiſchen Intereſſen, die Heiligkeit geſchworener Eide und die Perſonen des koͤniglichen Hauſes ſelbſt zu gefaͤhrden ſchien. Er verwarf die Anerbieten ſeines Sohnes, nannte in oͤffentlichem Aufrufe ihn einen Empörer und erklaͤrte den Kortes ſeine Bereitwillig⸗ keit, gegebenem Fuͤrſten⸗Worte treu, fuͤr die Ver⸗ faſſung zu ſtehen, bei der er freilich weſentliche Verbeſſerungen wuͤnſchte. Allein der National⸗ kongreß, von Verraͤthern umgeben, von dem beſten Theile der wider ihren Willen verfuͤhrten Truppen, ja zuletzt ſogar von dem 18. Regimente verlaſſen, loͤſte ſich, indem er der Nothwendigkeit weichen mußte, auf, mit feierlicher Verwahrung gegen die Gewaltthat, welche hierzu ihn gezwungen. Der Koͤnig ging in's Lager des Infanten zu Villa⸗Franca und auch Donna Carlotta, mit den uͤbrigen Glie⸗ dern der Familie, verließ ihre Warte zu Gueluz und verfuͤgte ſich dahin. Nachdem D. Joào VI. der druͤckenden Aufſicht der Kortes ledig geworden, kam er unter die noch ſtrengere ſeiner Gemahlin und der abſolutiſti⸗ ſchen Faktion. Statt das gegebene Verſprechen zu erfuͤllen und eine Konſtitution, im Intereſſe des 3⁰ Volkes, den Portugieſen aus freier Machtvollkom⸗ menheit zu ſchenken, wurde die unumſchraͤnkte Ge⸗ walt in ihrem ganzen Umfange wieder hergeſtellt. Das neue Miniſterium beſtand aus gemaͤßigten, geiſt⸗ vollen und erfahrenen Maͤnnern, wie Palmela, Pamplona, Oliveira und dos Arcos; aber die Koͤnigin und der Infant riſſen von jetzt an die Zuͤgel der Regierung an ſich, und ließen dieſem Miniſterium wenig mehr, als den Namen. Am 5. Juni ging der feierliche Einzug des ab⸗ ſoluten Monarchen und ſeiner Familie in die Haupt⸗ ſtadt vor ſich, und von allen Seiten ſtroͤmten die Buͤrgerlichen und Kriegsbeamten herbei, ihre Un⸗ terwerfung zu bezeigen. Der Poͤbel, von Mon⸗ chen erhitzt und durch Summen beſtochen, erſchopfte ſich in ſtlaviſchem Jubelrufe uͤber die Erniedrigung der Nationalwuͤrde. Das eigentliche Volk ſchwieg und erwartete mit duͤſterem Ernſte die Folgen der Gegenrevolution. Der Koͤnig ſelbſt offenbarte bei der ganzen Geſchichte die meiſte Haltung und Wuͤrde; er erklaͤrte freiwillig, nicht abſolut regieren zu wollen, und erwiederte den zudringlichen Ruf der Menge nach unumſchraͤnkter Beherrſchung mit bitterem Spotte uͤber die feile Natur der Menſchen, welche mit ſolcher Haſt nach der Knechtſchaft ſich ſehnten. Als das Werk der Reſtauration auf dieſe Weiſe vollbracht worden war, kam es an die Belohnung der Urheber und Werkzeuge, und an die Beſtra⸗ fung der Gegner. D. Miguel wurde zum Ober⸗ general der portugieſiſchen Armee, mit Sitz und Stimme im Kriegsrathe, ernannt. Man entwaff⸗ 60 nete die Nationalgarden und Milizen zu Lisboa, wie in den Provinzen. Die Stiftungen und Kloͤſter erhielten ihr Beſitzthum zuruͤck. Eben ſo der Kar⸗ dinal⸗Patriarch, Amarante, und Andere ihre Eh⸗ ren und Wuͤrden, welche ſofort durch neue vermehrt wurden. Eine proviſoriſche Cenſur ſchuͤtzte gegen die Verirrungen der Preſſe; eine Junta, die der Koͤnig ſelbſt gebildet, ſollte mit Abfaſſung des Ent⸗ wurfes von monarchiſch⸗repraͤſentativen Grundge⸗ ſetzen ſich beſchaͤftigen; aber durch die Bemuͤhungen der Koͤnigin wurde dieſe Sache nur zum neuen Hoh⸗ ne fuͤr das betrogene Volk, mit welchem Liberale und Abſolutiſten ſo grauſam geſpielt. Heftige Edikte verkuͤndeten den geheimen Geſellſchaften, zumal aber den Freimaurern, ihren Untergang. In der Zahl dieſer Letzteren war damals Jeder begriffen, welcher als Anhaͤnger konſtitutioneller Ideen galt. Die meiſten Mitglieder der aufgeloͤſten Kortes, welche nicht nach England ausgewandert waren, wurden verhaftet, oder ſonſt verfolgt. Das Heer⸗ weſen, unter der Leitung des unerfahrenen Prin⸗ zen Dom Miguel, der bloß mit antikonſtitutio⸗ nellen Edlen ſich umgab, zerfiel in kurzer Zeit auf das Klaͤglichſte, und weder Mannszucht noch Be⸗ geiſterung war unter den Soldaten mehr erſichtlich. In Folge der vorgefallenen wichtigen Staats⸗ veraͤnderungen erhielten auch die diplomatiſchen Verhaͤltniſſe Portugals zum Auslande einen neuen Charakter. Zwei Maͤchte buhlten vor allen uͤbri⸗ gen um entſcheidenden Einfluß in dem, von der De⸗ mokratie jetzt gereinigten, Lande: England und Frankreich. Erſteres war durch das Organ Sir 61 Edward Thornton(zum Theile auch durch den mittlerweile zuruckgekehrten Lord Beresford), letzteres aber durch Herrn Hyde Neuville, ei⸗ nen Koryphaͤen der Kontreoppoſition, ganz beſon⸗ ders thaͤtig. Auch Rußland ſchien verſchiedene ge⸗ leiſtete Dienſte geltend machen zu wollen, und er⸗ zeigte dem Hofe zu Belem ungewoͤhnliche Aufmerk⸗ ſamkeit. Das Kabinet ſchwankte laͤngere Zeit, un⸗ entſchloſſen über das kuͤnftige Syſtem. In der politiſchen Armuth und Erniedrigung, darin es ge⸗ genwartig ſich befand, that ihm der großen europaͤi⸗ ſchen Maͤchte gemeinſchaftliche Freundſchaft vor allem noth. Der Hauptgegenſtand ſeiner Sorge aber war Braſilien, die abgefallene, und noch immer trotzig widerſtreitende Kolonie. Die Revolution dieſes Landes hatte, mit Aus⸗ nahme weniger Punkte, wo die portugieſiſche Hert⸗ ſchaft noch erhalten worden, ſich vollendet. Dom Pedro ſpielte, ob er gleich den erſten zu republi⸗ kaniſch geſinnten Kongreß aufgeloͤſt hatte, die Rolle eines konſtitutionellen Kaiſers ununterbrochen fort, und lieferte ſehr anſehnliche Beitraͤge zu dem gro⸗ ßen Vorrathe von liberalen Manifeſten und Auf⸗ rufen, durch welche Europa ſeit mehr als dreißig Jahren von Regierungen, Diktatoren, Praͤſiden⸗ ten, Feldherren und Klubbiſten ſo furchterlich ge⸗ taͤuſcht worden iſt. Die Anerbieten des Mutter⸗ landes zur Ausſoͤhnung und Wiedervereinigung wur⸗ den gaͤnzlich von der Hand gewieſen; ja der Sohn erlaubte den Boten des Vaters nicht einmal, an das Land zu ſteigen und die uͤberbrachten eigenhaͤndigen Schreiben deſſelben zu ubergeben. Die letzte Hoff⸗ Dec. 1823 2. März 1824 62 nung des Mutterlandes ſchwand mit der Uebergabe von Bahia und Montevideo. Der angedrohte Heer⸗ zug zur Wiedereroberung der uͤberſeeiſchen Provin⸗ zen erregte unter den damaligen Umſtaͤnden nur mitleidiges Laͤcheln; kaum konnten die Koſten der Verwaltung im Inneren beſtritten werden. Aus der allerdringendſten Verlegenheit rettete kaum fuͤr eine Zeit lang die mit England abgeſchloſſene Anleihe von 4,500,000 Pfund Sterling, zu 87 vom Hun⸗ dert. Auch dieſes Geld ging unter den Haͤnden gleich ungeſchickter als gewaltthaͤtiger und ver⸗ ſchwenderiſcher Machthaber, ohne Nutzen fuͤr die Regierung, verloren. Im Lande ſelbſt, wo die fruͤher geſchaffene Nationalbank wiederum ſtockte, beſaß dieſelbe nicht den geringſten Kredit, und die Kapitaliſten huͤteten ſich, ihre Gluͤcksguͤter zu Un⸗ terſtuͤtzung einer Gewalt auf das Spiel zu ſetzen, welche janitſchariſch auftrat und waltete, und deren kurze Dauer ſomit vorauszuſehen war. Der Kampf der Parteien zerruͤttete ununter⸗ brochen das ungluͤckſelige Land; aber es waren dießmal mehr die beiden royaliſtiſchen Nuͤancen, welche die Herrſchaft im Kabinete ſich ſtreitig mach⸗ ten; die Konſtitutionellen, obgleich immer noch ſehr zahlreich, ſchwiegen und wurden von den ſieghaften Abſolutiſten auf allerlei Weiſe fort und fort ver⸗ folgt. Der König ſelbſt mußte ihrer unklugen Ty⸗ rannei zum Werkzeuge dienen. Wider die angeborene Milde ſeines Herzens ſah er ſich zu manchen ſtren⸗ gen Maßregeln veranlaßt, welche die Faktion ihm vorſchrieb. Ein Dekret, durch das die ſaͤmmtlichen, waͤhrend der Kortesperiode erlaſſenen, Verfuͤgungen 63 —— und gegruͤndeten Anſtalten als null und aufgehoben erklaͤrt wurden, hatte ſeit laͤngerer Zeit im Kabi⸗ nete gelegen, da der Inhalt dem Monarchen wi⸗ derſagte, und ſeine Ueberzeugung mit dem Unver⸗ ſtande muthig kaͤmpfte; endlich zwang man ihn zur Bekanntmachung deſſelben. Dreimal hatte der Miniſter Subſerra den Entwurf zu einer Amneſtie vorgelegt, und Dom Joäo ihn gebilligt; aber die Koͤnigin, ihre Anhaͤnger und ſpaniſcher Einfluß ver⸗ hinderten die Beſtaͤtigung. Die Verſuche zu Ein⸗ fuͤhrung eines Schreckenſyſtemes wurden mit er⸗ hoͤhtem Muthe fortgeſetzt, als aus Spanien, dem Lande des Elendes, des Widerwillens und der Ver⸗ achtung, nun auch ein eigener Botſchafter, in der Perſon des Herzoges von Villa⸗Hermoſa, er⸗ ſchien, und das Band zwiſchen den drei Hauptab⸗ theilungen der apoſtoliſchen Junta, in Frankreich, Spanien und Portugal, inniger knuͤpfte. Bald wurden die Spuren dieſer fuͤrchterlichen Verbruͤderung ſichtbar. Einer der wackerſten Gro⸗ ßen zu Liſſabon, der Marquis von Lou! s, mit dem beſonderen Vertrauen und der perſoͤnlichen Freund⸗ ſchaft des Monarchen beehrt, wurde im Inneren des Palaſtes meuchelmoͤrderiſch getödtet. Man leitete zwar, wiewohl nicht ohne Schuͤchternheit, eine peinliche Unterſuchung wider die muthmaßlichen Thäter ein; aber bald zeigte ein anderer Staats⸗ ſtreich, der von Gueluz und Ramalhao aus einge⸗ leitet und vollfuͤhrt worden war, wie weit die Frech⸗ heit einer koͤnigs⸗ und freiheits/moͤrderiſchen Par⸗ 3 in ihren Unternehmungen es bereits gebracht atte. 13. März 182 4 64 Der Jufant Dom Miguel wurde durch die Intriken der, uͤber das Mäßigungsſyſtem ihres Gat⸗ ten und ſeiner Miniſter tieferbitterten, Koͤnigin ver⸗ leitet, ſeinen Namen abermals zu einer Sache her⸗ zugeben, die ſeinem Herzen gewiß fremd war. Er verſammelte am 30. April 1824, in der Eigenſchaft als Generaliſſimus, die zu Liſſabon ſtehenden Re⸗ gimenter, und redete ſie, wie auch das Volk, in Aufrufen voll bitterer Anſchuldigungen gegen die dermaligen Miniſter, und voll Verwuͤnſchungen wider die Freimaurer an, welchen er beſtaͤndige Verſchwoͤrungen zum Untergange des Hauſes Bra⸗ ganza beimaß. Die Gegenrevolution ſollte demnach vollendet und das Werk der Wiederherſtellung von Thron und Altar, durch Vernichtung aller Frei⸗ maurer, gekrönt werden. Dieſes Vorhaben theilte der Prinz in einem offenen Schreiben ſeinem Vater mit und erſuchte ihn, keck genug, noch um Geneh⸗ migung des gethanen Schrittes wider ſeine und der hoͤchſten Staatsbehoͤrden geſetzliche Gewalt. Zu gleicher Zeit wurden, auf Befehl des Infanten, der Marquis von Palmela und mehrere andere Mi⸗ niſter verhaftet; die uͤbrigen, wie Subſerra, ent⸗ gingen dieſem Looſe nur durch ſchnelle Flucht auf ein engliſches Schiff. Der Zutritt zu dem Kabinete war Jedermann, ſelbſt dem diplomatiſchen Koͤrper, verwehrt, und duͤſteres Schrecken umlagerte den koͤniglichen Palaſt. Die Geſandten der fremden Maͤchte, welche durch dieſe beiſpielloſe, jedoch in Portugal keines⸗ weges ſo fremde, That in gerechtes Erſtaunen geſetzt worden waren, und nicht nur die Wuͤrde ihrer re⸗ 65 ſpektiven Regierungen, ſondern ſelbſt jene des Kö⸗ nigthumes im Allgemeinen vor den Augen des ge⸗ ſammten Europa's verletzt hielten, ermannten ſich endlich, zumal nach dem kraͤftigen Beiſpiele, wel⸗ ches der franzoͤſiſche Großbotſchafter, Hyde de Neuville, gegeben. Es erzwang naͤmlich der⸗ ſelbe ſich den Zutritt zur Perſon des Monarchen, und erfuhr hier von demſelben unmittelbar, welche Gewalt ihm zugefuͤgt worden. Dom Miguel, der gleich darauf ſich ebenfalls in das Innere des Palaſtes begab, erklaͤrte das Geſchehene fuͤr eine Handlung der Nothwehr, veranlaßt durch die Ent⸗ deckung eines ſchaͤndlichen Komplotes gegen die Perſon ſeines Vaters und Herrn. Dom Joao, voll bittern Unwillens uͤber die kecke Anmaßung des unerfahrenen Juͤnglings, be⸗ fahl, daß die Truppen entlaſſen und die Gefange⸗ nen in Freiheit geſetzt werden ſollten. Der Prinz fuͤgte ſich keinem von Beiden, obgleich der Koͤnig ſtrenge Unterſuchung des angeblichen Hochverrathes, und dem eigenmaͤchtigen Bekaͤmpfer deſſelben Ver⸗ zeihung verhieß; vielmehr fuhr er in ſeinen Unter⸗ nehmungen fort, und noͤthigte, da es um nichts Geringeres ſich handelte, als um foͤrmliche Entſetzung ſeines Vaters und um Ausrufung einer Regentſchaft in ſeiner Perſon, zu entſcheidenden Maßregeln. Der auf die brittiſche Seeſtation im Tajo ge⸗ fluͤchtete Subſerra hatte uͤber den Stand der Dinge inzwiſchen genaue Nachricht gegeben, und den Be⸗ fehlshaber deſſelben zu ſchleuniger Unterſtützung des bedraͤngten Monarchen vermocht. Der diplomati⸗ ſche Koͤrper vereinigte ſich auf unſichtbaren Wegen P. III. 5 66 mit ſeinen Bemuͤhungen, und vor Allen war Hyde de Neuville fortwaͤhrend thaͤtig. Man beſtimmte den Koͤnig, auf die Fregatte Windſor⸗Caſtle ſich zu begeben, und die Flucht gelang gluͤcklich, unter dem Vorwande einer Luſtpartie auf dem Tajo. Die Geſandten folgten, und alſogleich wurde nun der Infant an Bord jenes Schiffes beſchieden und zu demuͤthiger Reue und gaͤnzlicher Unterwerfung un⸗ ter die geheiligte Gewalt des Vaters und des Mon⸗ archen genöthigt. Er nannte die Verfuͤhrer und (nach engliſchen Blaͤttern) auch Louls's Mörder, gab ohne Widerſtand die Stelle eines Generaliſſi⸗ mus ab, und trat ungeſaͤumt die große Reiſe durch einen Theil Europa's an, welche in der oͤſterreichi⸗ ſchen Kaiſerſtadt ihr Ende gefunden hat. Die ver⸗ hafteten Miniſter erhielten ihre Freiheit und ihre Stellen wieder; die Koͤnigin wurde nach Eſtrella, in ein Kloſter, der Patriarch aber nach Buſaco ver⸗ bannt. Ueber den 30. April redete der Koͤnig in ſtarken Worten öffentlich zu Volk und Heer, welche beide, in der Mehrzahl, ungemeſſene Freude hin⸗ ſichtlich der gluͤcklichen Wendung der Dinge offen⸗ barten. Am 14. Tage erſt kehrte D. Joào in ſei⸗ nen Palaſt zuruͤck. Die Verbruͤderung mit geheimen Geſellſchaften wurde nun zwar ebenfalls den buͤrgerlichen und Kriegs⸗Beamten ſtreng unterſagt, damit nicht die Faktionaͤre Anlaß davon nehmen moͤchten, um un⸗ ter dem Vorwande, Verſchworer zu bekaͤmpfen, die koͤnigliche Gewalt ſelbſt zu gefaͤhrden; doch er⸗ laubte man ſich durchaus keine Verfolgungen gegen die Konſtitutionellen mehr. Vielmehr wurde un⸗ 67 term 5. Juni allen Anhaͤngern der Revolution von 1820 vollkommene Amneſtie ertheilt, mit alleini⸗ ger Ausnahme der neun vorzuͤglichſten Urheber, welche uͤbrigens bloß das Schickſal der Verbannung traf. Gegen die Verſchwoͤrer vom 30. April wurde ſogar die Unterſuchung fortgeſetzt, und ein außer⸗ ordentlicher Ausſchuß damit beauftragt. An demſelbigen Tage, welcher den Liberalen von 1820 Verzeihung gewaͤhrte, offenbarte Dom Joao VI. ſeine aufrichtige Neigung, wenn auch nicht das modern, ſociale, doch das althiſtoriſche Recht ehren zu wollen, noch einleuchtender dadurch, daß er die Kortes nach Eſtamentos wieder in Kraft erklaͤrte, und eine Junta zuſammenberief, welche den Auftrag hatte, die noͤthigen Vorarbeiten zur Verſammlung des Reichstages nach dem alten Grundgeſetze von Lamego einzuleiten, auch zugleich die vom Geiſte des Jahrhunderts geforderten Er⸗ maͤßigungen jenes Letztern zu beſtimmen. Dieſe Maßregel war hauptſaͤchlich Palmela's Werk gewe⸗ ſen, indem der einſichtsvolle Staatsmann, weit entfernt, den Theorien der neueſten Zeit ausſchließ⸗ lich zu huldigen, dieſelben mit dem hiſtoriſchen Rechte, wo möglich, zu verſchmelzen und den wild zerſtoͤrenden Parteigeiſt zu beſchwichtigen ſtrebte, welcher ſein ungluͤckliches Vaterland fuͤr und fuͤr hinderte, in der Reihe der europaͤiſchen Staaten wieberum mit Ehren Sitz und Stimme zu er⸗ halten. Allein dieſer Verſuch ſtieß bald auf eine Menge Hinderniſſe, welche freilich nicht unerwartet gekom⸗ men waren. Die Koͤnigin, von ihrem Kloſter aus, 5 25. Oct. 68 die apoſtoliſche Junta auf tauſend geheimen Wegen, und Spanien durch das Organ ſeines Geſandten, arbeiteten aus Leibeskraͤften gegen jeden Vergleich mit dem verhaßten Zeitgeiſte, und es fehlte auch nicht an abermaligen Verſchwoͤrungen wider die Perſon des Monarchen und die Haͤupter des Mini⸗ ſteriums. Neue Verhaftungen in den Haͤuſern der exaltirten Royaliſten wurden vorgenommen. Die Partei der Konſtitutionellen kam offenbar wieder zu Einfluß und vereinigte ſich klug mit jener der ge⸗ maͤßigten Royaliſten, welche zum mindeſten jede Art Verfolgung gegen die Anhaͤnger des Repraͤſen⸗ tativſyſtemes wehrte. Aber auch in dem Miniſte⸗ rium ſelbſt zeigte ſich große Verſchiedenheit der Mei⸗ nungen, ſowohl in Bezug auf die Weiſe der Ver⸗ waltung des Landes, als auf die auswaͤrtige Politik, ganz beſonders aber hinſichtlich der noch immer nicht erledigten braſiliſchen Angelegenheit. Die beiden Kabinete von Verſailles und St. James hatten ihren eiferſuͤchtigen Wettkampf un⸗ unterbrochen fortgeſetzt. Gegen die Mitte des Jah⸗ res 1824 offenbarte ſich ziemlich klar der Sieg der Politik Herrn Cannings uͤber die Mehrzahl der portugieſiſchen Miniſter. Palmela war fuͤr die An⸗ ſichten Englands geſtimmt; Subſerra arbeitete im Intereſſe des Herrn von Villele, welcher mit gro⸗ ßer Bangigkeit auf die ehrgeizigen Plane ſeines Nebenbuhlers, in Betreff der neuen amerikaniſchen Staaten, hinſah. Schon wurde in London uͤber die foͤrmliche Anerkennung der Selbſtſtaͤndigkeit Braſiliens, ſeit dem Heumonde gedachten Jahres, unterhandelt, und allerlei freundlichere Maßregeln, 69 welche zu Gunſten des Handelsverkehres zwiſchen Portugal und der ehemaligen Kolonie nach und nach genommen worden waren, deuteten auf die endli⸗ chen Reſultate hin. Es galt ſomit die Partei Pal⸗ mela's zu ſprengen, und weder Geldſummen, noch diplomatiſche Kuͤnſte wurden geſpart, dieſe Abſicht zu erreichen. In der That bewirkte man damit ein neues Steigen der brittiſchen Schale in der Wage der Politik Sr. allergetreueſten Majeſtaͤt, und Herrn Canning wurde nur ſo viel zugegeben, daß Braſilien als konſtitutionelles Kaiſerthum zwar an⸗ erkannt, aber das Oberhoheitsverband Portugals uͤber daſſelbe fortbehauptet werden ſollte. Der gewandte Unterhaͤndler Sir William Accourt wurde nach Lisboa, noch zu Ende des Oktobers, entſendet, um die Intriken Hyde de Neuville's durch jedes Mittel zu paralyſiren. Er begehrte foͤrmlich die Entlaſſung Subſerra's und die Erneuerung des alten Handelsvertrages zwi⸗ ſchen England und Portugal. Die Schritte Ac⸗ courts hatten ſo ziemlich erwuͤnſchten Erfolg. Der neue Mauth⸗Tarif beguͤnſtigte auffallend die eng⸗ liſchen Waaren vor den franzoͤſiſchen. Auch die Einberufung der Kortes nach Staͤnden, welche Frankreich ſo gut als Spanien bisher zu hintertrei⸗ ben geſucht hatte, kam jetzt aufs Neue zur Sprache. Dieſer letztere Punkt erbitterte beide Maͤchte ſo ſehr, daß ſowohl Villa⸗Hermoſa als Hyde de Neuville unter anſtaͤndigem Vorwande ihre Paͤſſe nahmen und nach Hauſe kehrten. Das immer wiederkehrende Spiel der politi⸗ ſchen Agenten des Auslandes hatte uͤbrigens um 15. Jan. 1825 70 dieſe Zeit bereits die Geduld des alten Monarchen ermuͤdet. Er fing an, uͤber das Schmaͤhliche ſeiner Lage nachzudenken, und Entſchluͤſſe zu Wiederher⸗ ſtellung ſeiner Wuͤrde und Vernichtung des franzö⸗ ſiſch⸗ ſpaniſchen ſowohl als engliſchen Einfluſſes be⸗ maͤchtigten ſich ſeiner Seele. Auch die beſten Ab⸗ ſichten und Entwuͤrfe wurden ſtets durch den Zwie⸗ ſpalt der Meinungen ſeines Miniſteriums vereitelt, und das Zweckmäßigſte ſchien, ſaͤmmtliche Glieder deſſelben zu entlaſſen und ein neues, aus unabhaͤn⸗ gigen Perſonen beſtehendes, im Intereſſe des Lan⸗ des ausſchließlich ſich bewegendes, zu bilden. Dieß geſchah am 15. Jaͤnner 1825, und Barbacena, Correa de la Cerda, Antonio Mello, Perreira de Souza⸗Barradaa, und Sal⸗ danha HOliveira el Daun traten an die Spitze der Geſchäfte. Palmela ging als Bot⸗ ſchafter nach London, Subſerra nach Madrid. Der Erzbiſchof von Evora wurde durch die Wuͤrde eines Großrichters entſchaͤdigt. Es fehlt keinesweges an ſehr gegruͤndeten Vermuthungen, daß Canning ſelbſt dieſer Miniſterial⸗Veranderung nicht fremd geblie⸗ ben, ſondern ſogar ſie gewuͤnſcht und unterſtutzt habe, um hinter dem Schilde eines unparteiſamen Miniſteriums deſto ſicherer und unbefangener das vorgeſteckte Ziel zu erreichen. Kaum war auch daſſelbe in Wirkſamkeit getre⸗ ten, als die alte Frage wegen Braſilien alsbald wieder vorgenommen, und ein Gegenſtand ſehr leb⸗ hafter Debatten wurde. Die Bevollmaͤchtigten des Kaiſers Dom Pedro hielten noch immer zu London ſich auf, und hatten, da auch Heſterreich, ſeiner Fa⸗ 74 milienverbindung willen, lebhaft bei der Unter⸗ handlung intereſſirt war, die endliche Erklaͤrung ge⸗ geben, nur auf der Baſis vollkommener und un⸗ widerruflicher Trennung Braſiliens von Portu⸗ gal unterhandeln zu wollen. Die Ausgleichung kam endlich zu Stande, als Sir Charles Stuart, ein diplomatiſches Fac totum im Geiſte Accourts, nach Braſilien ging, und daſelbſt den troz⸗ zigen Kaiſer zu milderem Weſen gegen ſeinen Vater und ehemaligen Herrn ſtimmte. In der Hauptſa⸗ che ſelbſt gab D. Pedro nicht das Geringſte nach, und die ewige Trennung Braſiliens von Portugal wurde durch den Vertrag vom 29. Auguſt 1825 29. Aug. feierlich ausgeſprochen. Die europaͤiſchen Maͤchte insgeſammt, mit alleiniger Ausnahme Spaniens, anerkannten die Legitimitaͤt eines Reiches, welches durch die Revolution zur Selbſtſtaͤndigkeit ſich er⸗ hoben hatte. Die kuͤnftigen Verhaͤltniſſe, hinſicht⸗ lich der Nachfolge auf dem Throne von Portugal, blieben unentwickelt, und gaben nachmals Veran⸗ laſſung zu neuen Kataſtrophen und Buͤrgerkriegen. 1825 2 Fünftes Kapiter. Die Ereigniſſe in Portugal von der An⸗ erkennung Braſiliens bis zu den neue⸗ ſten Tagen. Tod des Koͤniges Dom Joào IV. D. Pedro's W. Verzichtlei⸗ ſtung auf Portugal und Carta de Lei. Der Aufſtand des Marquis de Cha⸗ ves. Feindſeligkeiten Spaniens. Lan⸗ dung der engliſchen Huͤlfsarmee. Bald darauf wurde der Koͤnig Dom Joào zu ſeinen Vatern verſammelt, nachdem er noch kurz zuvor, mit Uebergehung ſeiner Gemahlin, die aͤl⸗ teſte Tochter, Donna Iſabella, zur Regentin, mit Beiziehung eines Staatsrathes, ernannt hatte, und nun entſtand die ſchwer zu loſende Frage, wer uͤber Portugal zu gebieten habe, und in welcher Verbindung es fortan mit Braſilien ſtehe. Dom Pedro, weit entfernt, nach einer Krone zu geizen, deren Inhaber ein beſtaͤndiger Spielball erbitterter Parteien ſeyn mußte, und welche, unter den Be⸗ herrſchern Europa's, nur geringen Glanz ihm darbot, zog es vor, ein maͤchtiger Kaiſer in Amerika zu blei⸗ ben, und Braſilien dadurch ſeiner Dynaſtie zu er⸗ halten, indem es, bei einer Ruͤckkehr nach dem Mutterlande, aller Wahrſcheinlichkeit nach fuͤr im⸗ mer verloren und von der republikaniſchen Partei berwaͤltigt worden ſeyn wuͤrde; auch dauchte ihm ruhmvoller, auf die Schickſale des vierten, in ju⸗ gendlicher Kraft anſtrebenden, Welttheils bedeuten⸗ den Einfluß zu uͤben, denn als Koͤnig der Lu⸗ ſitanen unter Englands, Frankreichs und Heſter⸗ 73 reichs Oberherrſchaft abwechſelnd in hoͤchſt leidender Rolle zu ſtehen. Er ſchlug demnach einen Mittel⸗ weg ein, und waͤhrend er Braſilien, ſeiner ange⸗ trauten Braut, fortwaͤhrende Treue ſchwur, trat er Portugal einem Gliede ſeiner Familie, naͤmlich der eigenen Tochter, Donna Maria da Gloria, ab. Er erklaͤrte ſie zur Koͤnigin der Portugieſen, beſtimmte ihr in der merkwuͤrdigen, deßhalb erlaſſe⸗ nen Akte ſeinen juͤngern Bruder, Dom Miguel, als Gemahl, und beſtätigte ſeine Schweſter, Donna Iſabella, in der von dem verſtorbenen Vater ihr verliehenen Wuͤrde als Regentin, bis zur erreich⸗ ten Großjaͤhrigkeit Donna Maria's II. Um die⸗ ſelbe Zeit gab er Portugal auch eine Konſtitution, in welcher die Intereſſen des Koͤnigthumes mit je⸗ nen der verſchiedenen Staͤnde des Volkes nach ſehr freiſinnigen und gerechten Grundſaͤtzen verſchmolzen ſchienen; eine bedentende Anzahl Pairs wurden von ihm gleich zum Voraus ernannt, und die ſchleunige Einberufung der beiden Kammern zu den Kortes anbefohlen. Bei dieſer wichtigen Angelegenheit, welche aufs Neue den Feuerbrand in den Weſten von Europa warf, war die thaͤtige Hand George Cannings mehr als ſichtbar, und es wollte derſelbe durch dieſe Art Vermittlung an Frankreich eine glaͤnzende Rache fuͤr den Feldzug von 1823 nach Spanien nehmen. Die ganze Welt gerieth in Erſtaunen uͤber das Geſchenk, welches von einer Seite gekommen war, von der man es am wenigſten erwartet hatte. Der⸗ ſelbe Fuͤrſt, welcher die erſte Verſammlung der Kortes ſeines Reiches mit Bajonneten auseinan⸗ der getrieben, gab von freien Stuͤcken einer Nation, welche bereits verlernt hatte, darnach zu begehren, ein ganz liberales Grundgeſetz und drang mit Unge⸗ ſtuͤm auf deſſen Vollziehung. Die konſtitutionelle Partei, kaum erſt vor den verfolgenden Dolchen des Abſolutismus geſichert, erhielt einen vollſtaͤn⸗ digen Sieg ohne den geringſten vorangegangenen Kampf, und wurde neuerdings zu Ehren und Ein⸗ fluß erhoben. Die Apoſtoliſchen, mit Einſchluſſe der Koͤnigin Carlotta, waren wie betaͤubt durch die⸗ ſen unerwarteten Wechſel der Dinge, da ſie bereits von der glorreichen Herrſchaft des Koͤniges Dom Miguel getraͤumt, von welchem der Untergang aller freien Ideen, die gaͤnzliche Verwirklichung ih⸗ rer fanatiſchen Plane, uͤberdieß aber Reichthum und Einfluß fuͤr die bisher ſo getreue Partei mit großer Zuverſicht erwartet wurde. Bald jedoch er⸗ holten ſie ſich von ihrer Beſtuͤrzung, und waͤhrend, mit Ausnahme des katholiſchen Koͤniges, alle gro⸗ ßen Maͤchte die Verfuͤgungen ehrten, welche vom Throne herabgekommen waren, und ſelbſt Oeſter⸗ reich die Verlobung zwiſchen Dom Miguel und Donna Maria II. veranſtaltete, ſo wie die Hul⸗ digung des Erſteren, in Bezug auf die eingefuͤhrte Verfaſſung in Portugal genehmigte; bewirkten durch unaufhoͤrliche Intriken und die Geldſummen von Montrouge und Madrid eine Anzahl unzufrie⸗ dener Edlen, die zu den Haͤuptern der Camarilla⸗ Partei gehoͤrten, zahlreiche Deſertionen unter dem Kriegsvolke nach Spanien, allwo man mit offenen Armen ſie empfing und unterſtuͤtzte. Der Marquis von Chaves, fruͤher Silveiro Pinto, Graf von Amarante, ſein Oheim, Antonio Silveira, einſt Miturheber der Revolution von 1820, der Marquis von Montalegre, der Vicomte de Canellas und der Brigadier Mageſſi ſtanden an der Spitze dieſer Bewegung. Die Marquiſin von Chaves, welche beſtaͤndig jene Eleonora, Ge⸗ mahlin Joao's IV. von Braganza, kopirte, war jedoch die Seele der Verſchwoͤrung. Sie traͤumte ſelbſt von koͤniglichen Ehren, waͤhrend ihr Mann zum mindeſten in der Rolle eines Premierminiſters von Dom Miguel I. ſich gefiel. Der erſte Zug glich dem Aufbruche Don Qui⸗ rote's nach Toboſo; doch erhielt er einen ernſteren Charakter, als die ſpaniſchen Abſolutiſten, uͤber das verderbliche Beiſpiel der legitimen Revolution in Portugal tieferbittert, den Rebellen allen moͤglichen Vorſchub leiſteten, und die Regierung Koͤnig Fer⸗ nando's VII. ſich thaͤtlich als Verbuͤndete des Kom⸗ plotes wider die portugieſiſche Verfaſſung bekannte. Schon im Heumonde 1826, ſobald nur die Anſtalten getroffen worden, das Grundgeſetz Dom Pedro's zu beſchwoͤren, hatte das Intrikenweſen von Seite Spaniens und die Deſertion aus Portu⸗ gal begonnen. Die zuerſt Gefluͤchteten munterten oͤffentlich und im Geheimen ihre ſinnverwandten Landsleute auf, ihr Beiſpiel nachzuahmen, und die Generalkapitäne der Grenzprovinzen erleichterten ihr Vorhaben. Ausgezeichnete Portugieſen, und ſelbſt ſolche, die in Amt und Wuͤrden ſich befanden, erniedrigten ſich zu Sendlingen des ſpaniſchen Re⸗ gimentes, und hetzten das Volk gegen die neue Ver⸗ faſſung auf, welche ſie in Flugſchriften und Auf⸗ 76 rufen, im Beichtſtuhle und von der Kanzel herab, als Feindin des Thrones und Altars, als Werk der gottloſen Liberalen und der ketzeriſchen Engländer, und Dom Pedro mit Gewalt entriſſen, zu ſchildern ſich Muͤhe gaben. Alsbald gab demnach der dama⸗ lige Miniſter der Auswaͤrtigen Francisco d'Al⸗ meida, dem portugieſiſchen Geſchaͤftstraͤger am Madrider Hofe Befehl, von Fernando VII. die ge⸗ naue Erfuͤllung der zwiſchen Portugal und Spanien beſtehenden Vertraͤge zu verlangen. Allein der Ge⸗ ſchaͤftstraͤger, Severino Gomez, welcher ſelbſt zu den Uebelgeſinnten gehoͤrte, verweigerte geradezu den Gehorſam gegen die Verfaſſung, und dieſes Betragen hatte auf die Verhaͤltniſſe mit Spanien nicht geringen Einfluß. Die Regentin beſchloß, den Grafen von Villa⸗Real, als außerordent⸗ lichen Geſandten und bevollmaͤchtigten Miniſter nach Madrid abzuordnen, um die Geſchaͤfte erledigen zu laſſen, welche der Vorgaͤnger in ſträflichem Trotze verſäumt hatte. Allein zum groͤßten Erſtaunen der Prinzeſſin⸗ Regentin und ihrer Miniſter weigerte ſich der Ma⸗ drider Hof geradezu, den Grafen Villa⸗Real in ſeiner Eigenſchaft anzunehmen. Die Ueberzeugung von dem thaͤtigen Einfluſſe der apoſtoliſchen Faktion auf dieſe Entſchließung des Koͤniges wurde nun klar; jedoch, um allen Vorwurf zu raſchen Verfah⸗ rens zu meiden, brach man nicht ſogleich die diplo⸗ matiſchen Unterhandlungen ab, ſondern fertigte einſtweilen dem bevollmaͤchtigten Miniſter bloß den Befehl zu, ſein Hauptangenmerk auf die Erfuͤllung der beſtehenden Vertraͤge, oder wenigſtens auf die —— 77 Auslieferung der von den portugieſiſchen Ueberlaͤu⸗ fern nach Spanien geſchleppten Effekten, ſo wie auf Entfernung der Empoͤrer ſelbſt von der Grenze, zu richten. Trotz der dringenden Vorſtellung des brittiſchen Geſandten, Sir Frederik Lamb jedoch, und der Bemuͤhungen des gerade daſelbſt anweſenden Sir William Accourt, ja ſelbſt der Geſand⸗ ten mehrerer großen Maͤchte, entſprach der Madri⸗ der Hof durchaus nicht dieſen billigen Forderungen der Regentſchaft, und es verfloß geraume Zeit, ohne daß Villa⸗Real in ſeinem diplomatiſchen Cha⸗ rakter anerkannt und Portugal irgend ein Zuge⸗ ſtaͤndniß gemacht wurde. Endlich, als die Folgen laͤngerer Saͤumniß und Weigerung dennoch fuͤhlbar ſich darſtellten, erklaͤrte man von ſpaniſcher Seite, daß die noͤthigen Weiſungen zur Auslieferung der fraglichen Effekten abgegangen ſeyen, daß die Ue⸗ berlaͤufer demnaͤchſt in entfernte Kantonnements verlegt und die Haͤupter derſelben ausgewieſen wer⸗ den ſollten. Dieſe Erklaͤrung jedoch war eine baare Luͤge von Seite des Miniſters der Auswaͤrtigen, denn die Befehle zu allen dieſen Dingen waren den Ge— neralkapitaͤnen der Grenzprovinzen gar nicht gege⸗ ben, oder durch geheime Vollmachten geradezu pa⸗ ralyſirt worden. Die Empoͤrer, von ſpaniſchen Be⸗ hoͤrden oͤffentlich unterſtuͤtzt, und vom franzoͤſiſchen Botſchafter zu Madrid, Marquis de Mouſtiers, einem Mitgliede der Congregation, mit ungewoͤhn⸗ licher Thaͤtigkeit, und gegen die Befehle des Hetrn von Villole, beguͤnſtigt, hatten mittlerweile 78 ihre Ruͤſtungen an der Grenze beendigt und einen Theil des Volkes bearbeitet. Und zu derſelben Zeit, als Spanien die Auslieferung jener Effekten und die Entwaffnung der Ueberlaͤufer angeordnet hatte, erhielten ſie nach wenigen Stunden wiederum neue aus ſpaniſchen Zeughaͤuſern, ſo wie auch alle nur nothwendigen Kriegsbedürfniſſe. Die Hauptpunkte, wo ein Einbruch zu vollfüͤhren war, wurden von den Generalkapitaͤnen, zumal Longa und Queſada, jenen berufenen Guerillasfuͤhrern, gefliſſentlich ohne Aufſicht gelaſſen und der Marquis von Chaves, der Vicomte von Canellas und der Brigadier Mageſſi ruͤckten an der Spitze von mehrern tau⸗ ſend Mann in drei Abtheilungen uͤber die Grenze. Braganza wurde uͤberraſcht und verwuͤſtet, die Burg geſtuͤrmt und die Mannſchaft grauſam nieder⸗ geſaͤbelt. Heftige Aufrufe, von Seite einer gebil⸗ deten Regentſchaft und im Namen des Königes D. Miguel erlaſſen, verkuͤndeten die Wiederherſtellung der abſoluten Regierung und den Untergang allen Portugieſen, welche ſich der Reſtauration widerſez⸗ zen wuͤrden. Unter verſchiedenen kleinen Gefech⸗ ten, in welchen die Konſtitutionellen, weil nirgend in großen Haufen geſammelt, den Kuͤrzern zogen, machten die Inſurgenten reiſſende Fortſchritte, nah⸗ men mehrere kleine Staͤdte, und bedrohten von zwei Seiten her Oporto, im Norden aber ſogar die Hauptſtadt. Der Schrecken war allgemein, und noch allgemeiner die Entruͤſtung uͤber das zweideu⸗ tige oder unthätige Benehmen eines Miniſteriums, welches alle Maßregeln der Vertheidigung ver⸗ ſäumt, und nach lange vorausgegangenen Anzeichen 79 eines Ueberfalles die Nationalehre und die Ver⸗ faſſung ohne Hut gelaſſen hatte. In verſchiedenen Städten zeigte ſich deutlich der große Anhang der Rebellen, die Abneigung gegen die Englaͤnder und die Gleichguͤltigkeit gegen eine Konſtitution, welche als das Werk der Fremden betrachtet worden war. Der einzige Miniſter, welchem die oͤffentliche Mei⸗ nung Kraft und Aufrichtigkeit zutraute, naͤmlich der Kriegsminiſter Saldanha Oliveira, wurde von einer toͤdtlichen Krankheit uͤberfallen und der Ver⸗ dacht einer Vergiftung ſprach ziemlich laut ſich aus. Die Kortes, welche noch im Sommer 1826 eroͤffnet worden waren, offenbarten, in gelehrte und langwierige Verhandlungen uͤber Gegenſtaͤnde der Geſetzgebung und Adminiſtration ſich verlierend, eine Geruhigkeit, welche mit der dringenden Ge⸗ fahr einen ſehr merkwuͤrdigen Kontraſt bildete. We⸗ der die Miniſter, noch die Feldherren entwickelten Talente und Kraft, mit alleiniger Ausnahme des Grafen Villa⸗Flor, welcher den Saal der ge⸗ ſetzgebenden Verſammlung verließ, um fuͤr die Kon⸗ ſtitution zu ſtreiten, ſtatt zu ſprechen. Eben ſo auch muß man die Namen Stubbhs und Angeja mit Ehren nennen. Als die Nachrichten von dem Fortgange des Aufſtandes immer bedenklicher und die Meinungen vieler Portugieſen bei den kraftloſen Gegenanſtren⸗ gungen des Kongreſſes und des Miniſteriums ſchwankender wurden; als man nicht nur die Ein⸗ nahme von Coimbra und Oporto, ſondern ſelbſt eine Verſchworung der zahlreichen Anhaͤnger der Inſur⸗ rektion in Mitte der Hauptſtadt ſelbſt befurchtete, 11. 1. 12. Decbr. 8⁰ wurden von der Prinzeſſin-Regentin, mit Zuſtim⸗ mung beider Kammern der Kortes, Eilboten nach England abgefertigt, um die ſchleunigſte Huͤlfe Koͤ⸗ nig Georgs IV. gegen fremden Angriff, gemaͤß den beſtehenden Vertraͤgen, anzurufen. Mit großer Be⸗ reitwilligkeit verſtand man ſich im Kabinete von St. James dazu, und ſchon den 41. December er⸗ ſchien im Hauſe der Gemeinen eine koͤnigliche Bot⸗ ſchaft, welche berichtete, daß ein dringendes Geſuch der Prinzeſſin⸗Regentin von Portugal an Se. Ma⸗ jeſtaͤt ergangen ſey, wodurch im Namen der alten Bundes⸗ und Freundſchafts⸗Verhaͤltniſſe, welche zwiſchen der Krone Großbritannien und jener von Portugal beſtehen, der Beiſtand Sr. Majeſtaͤt ge⸗ gen einen feindlichen Angriff von Seite Spaniens gefordert worden. Koͤnig Georg erklärte, daß er ſeit einiger Zeit, in Gemeinſchaft mit ſeinem Bun⸗ desgenoſſen, dem Koͤnige von Frankreich, aufs Aeu⸗ ßerſte bemuͤht geweſen, einen ſolchen Angriff zu verhindern, und der Madrider Hof wiederholte Verſicherungen gegeben habe, von Seite des ſpa⸗ niſchen Gebietes keinen Angriff auf Portugal vorzu⸗ nehmen oder vornehmen zu laſſen. Allein mit tie⸗ fem Bedauern habe er erfahren, daß, ungeachtet dieſer Verſicherungen, feindliche Einfaͤlle auf das portugieſiſche Gebiet in Spanien vorbereitet, und un⸗ ter den Augen der ſpaniſchen Behoͤrden, durch portu⸗ gieſiſche, nach Spanien deſertirte Regimenter ausge⸗ fuͤhrt worden, obgleich die ſpaniſche Regierung feier⸗ lich und wiederholt verheißen hatte, dieſe Regimen⸗ ter zu entwaffnen und zu zerſtreuen. Uebrigens werde noch jetzt keine Bemuͤhung geſpart, um die 8¹ ſpaniſche Regierung von den gefährlichen Folgen dieſer offenen Konnivenz zu uͤberzeugen. Se. Ma⸗ jeſtaͤt— ſo ſchloß die Botſchaft— machen den Kammern dieſe Mittheilung in dem vollen und gaͤnzlichen Vertrauen, daß ſie von Herzen mitwir⸗ ken und Sie unterſtuͤtzen werden, um Treue und Glauben der Vertraͤge aufrecht zu halten, und die Sicherheit und Unabhaͤngigkeit des Konigreiches Portugal, des älteſten Bundesgenoſſen Großbri⸗ tanniens, gegen fremde Feindſeligkeiten zu ſchutzen.⸗ Des folgenden Tages wurde die Votſchaft des Koniges durch Lord Bathurſt im Oberhauſe noch naͤher entwickelt, die Theilnahme Englands an der von D. Pedro gegebenen Verfaſſung vollig abgelaͤugnet, und Sir Charles Stuart als Bevoll⸗ maͤchtigter des Koͤniges von Portugal und des Kai⸗ ſers von Braſilien, nicht aber als Bevollmaͤchtig⸗ ter Sr. Großbritanniſchen Majeſtat hingeſtellt, von der er durchaus keine Verhaltungsbefehle empfan⸗ gen. Der Graf ſchilderte ferner nun den Gang der Ereigniſſe in Portugal, ſeit der Beſtallung Donna Iſabella's zur Regentin und der Ankunft jener, von der Konſtitution der Kortes von 1820 ſehr verſchiedenen, Verfaſſungsurkunde D. Pedro's. Darauf folgte ein ſtarkes Gemaͤlde von dem voͤl⸗ kerrechtswidrigen Benehmen der ſpaniſchen Regie⸗ rung, im Gegenſatze zum großmuͤthigen und gemaͤ⸗ ßigten derjenigen von Portugal, bis zu dem Aus⸗ bruche des unſeligen Buͤrgerkrieges, entzuͤndet und genaͤhrt von einer maͤchtigen Faktion in Spanien, welche alle Befehle des Koͤniges verachtet, wenn P. III. 6 ſolche nicht ihren eigenen Vortheilen und Leiden⸗ ſchaften zuſagen. Noch merkwuͤrdiger aber war die Sprache, in welcher der Staatsſekretaͤr der auswaͤrtigen An⸗ gelegenheiten, Herr George Canning, an eben dieſem Tage das Unterhaus einlud, der Botſchaft des Koͤniges zu willfahren und die traktatenmaͤßige Unterſtuͤtzung nach Portugal zu verwilligen. Seit den Tagen des unſterblichen Pitt hatte kein Mi⸗ niſter mit ſolcher Kraft, Klarheit, Ueberzeugung und Freimuͤthigkeit wieder geredet: von den wah⸗ ren Nationalintereſſen Englands, und von den Pflichten, welche die National⸗Ehre und die Na⸗ tional⸗Treue, hinſichtlich der auswaͤrtigen Verhaͤlt⸗ niſſe, zumal aber zur Krone Portugal, auferleg⸗ ten,— wie Herr Canning. Er ging die ganze Geſchichte der Vertraͤge mit dieſer letztern durch, und zeigte, wie die Freundſchaft mit Portugal alle großen Kaͤmpfe uͤberlebt, wie ſie aͤlter ſey, als die Eypoche, deren jetzt erwaͤhnt werde, wie ſie indeß ihre groͤßte Staͤrke dann erhalten, als die Dyna⸗ ſtie Braganza den portugieſiſchen Thron beſtiegen und durch die Huͤlfe von Großbritannien an die Spitze einer unabhaͤngigen Monarchie geſtellt wor⸗ den. Bei allen Schwierigkeiten, die ſich auch fer⸗ ner gezeigt, wurde die Verbindung zwiſchen beiden Reichen fortgeſetzt, erneuert und aufrecht erhalten; man beharrte auf ihr in Zeiten, wo die Treue an⸗ derer Allianzen vielfach erſchuͤttert worden; ſie wurde verfochten auf jenen Feldern des Blutes und Ruhmes, welche unter die glaͤnzendſten Par⸗ tien der Geſchichte Englands gezaͤhlt werden. Eng⸗ 83 land war immerdar in dieſer Alltanz gewiſſenhaft treu, ſelbſt, als ſie manchmal laͤſtig geweſen. Trotz mancher Nachtheile, die mit ihr verbunden, gab man ſie auch in den neueſten Traktaten des ge⸗ genwaͤrtigen Europa, beſonders in der Wiener⸗ Kongreß⸗Akte, nicht auf; Herr Canning bewies ſofort, daß der Casus foederis wirklich eingetre⸗ ten, und Spanien, wiewohl der Einbruch von vortugieſiſchen Inſurgenten vollbracht worden, noch der angreifende Theil ſey. Uebrigens hielt der Miniſter die Mittheilung der auf die fraglichen Er⸗ eigniſſe ſich beziehenden Aktenſtuͤcke dießmal noch aus der Urſache fuͤr unangemeſſen, weil, ſobald ſie offenkundig wuͤrden, Spanien kein Locus poenitentiae mehr uͤbrig. Mit uͤberwiegender Mehrheit wurde, in Folge dieſes letzten Miniſterialvortrages, dem die allge⸗ meine und glaͤnzendſte Huldigung zu Theil ward, dem Inhalte der koͤniglichen Botſchaft entſprochen, und das Gleiche geſchah auch im Oberhauſe. Mit bewundrungswuͤrdiger Schnelligkeit ſah man die zur Heerfahrt beſtimmten Truppen, unter dem Oberbefehle Sir Willtam Clinton's, einge⸗ ſchifft. Die Englaͤnder fanden freilich beim gebil⸗ deten Theile der Nation mehr, als bei dem Poͤ⸗ bel, freundſchaftlichen Empfang, und bewirkten, nachdem ſie, durch Beſetzung des Forts von Lisboa und der wichtigſten Plaͤtze des Koͤnigreiches, die⸗ ſes letztere gegen jeden Hauptanſchlag von Seite der Inſurgenten geſichert, ſchon durch ihre bloße Gegenwart und ohne thaͤtige Einmiſchung in den Streit der Parteien, daß die Konſtitutionellen nun⸗ 6* 64 mehr, im Ruͤcken geſichert, die Feinde kraͤftiger bekaͤmpfen und zerſtreuen konnten. Bald ſahen dieſe, in Folge mehrerer Niederlagen, beſonders da, wo Villa ⸗Flor gegenuͤber ſtand, ſich genoͤ⸗ thigt, die errungenen Vortheile wieder aufzugeben und nach dem ſpaniſchen Gebiete zuruͤckzukehren. Hier fanden ſie, trotz der oͤffentlichen Erklaͤrungen des Regimentes, neue Unterſtuͤtzung, bis die Furcht vor einem foͤrmlichen Bruche mit England zu ei⸗ niger Vorſicht noͤthigte. Allein alle zeither Statt gefundenen Unterhandlungen waren bloße Spiegel⸗ fechtereien, um Englands aufgehobenen Arm ei⸗ nerſeits zuruͤckzuhalten, andrerſeits aber Zeit zu ge⸗ winnen, um fuͤr gedenkbare Faͤlle ſich zu ruͤſten. Der ſpaniſche Nationalſtolz war durch die gebiete⸗ riſche und mitleidvolle Sprache Cannings wiederum rege geworden. Die apoſtoliſche Junta, welcher zu Durchſetzung ihres alten Planes mit Don Car⸗ los ein Krieg vor allem erwuͤnſchlich waͤre, ſchuͤrt unaufhoͤrlich die Flamme, unbewußt, wie viel dieſelbe wohl verzehren wuͤrde—, wenn die eingefangenen Leidenſchaften losbraͤchen, vom koͤniglichen Anſehen nicht mehr gebaͤndigt—, auch von dem Werke ihrer Hoffahrt, jedoch trotzig auf die unermeſſenen Huͤlfs⸗ quellen, die ſie dem Staate entzogen, und geſtuͤtzt auf die Kongregation in Frankreich und deren zahl⸗ reichen Anhang. Derſelbe Staat, deſſen Premier⸗ miniſter die Uebereinſtimmung ſeiner politiſchen Grundſaͤtze mit jenen des brittiſchen Kabinetes oͤf⸗ fentlich eingeſtanden hat, beſtraft den Geſandten keinesweges, deſſen Intriken den Buͤrgerkampf in Portugal mit veranlaßt haben, ſondern er zeichnet 85 denſelben vielmehr mit Gnaden und Wuͤrden aus. Das vorſichtige England aber, ſeine eigene Macht und jene der offentlichen Meinung, die Breſchen der Feinde und die unausbleiblichen Folgen einer verkehrten Regierung wohl erkennend, wartet mit ſicherer Siegeshoffnung den Gang der Exeigniſſe ab, welche, trotz der Gegenwirkungen des Abſo⸗ lutismus, unter jeder Geſtalt nur zu ſeinem Vor⸗ theile ſich fuͤgen koͤnnen. Inzwiſchen befeſtigt, wie viele innere Widerſpruͤche, zweideutige Cha⸗ raktere und gefaͤhrliche Intriken auch die Ruhe der Bewohner fort und fort zu ſtoͤren drohen, die neue Ordnung der Dinge immer mehr ſich in Portugal, und es iſt vielleicht die Zeit nicht ſo fern, in wel⸗ cher die wildgährenden Elemente ſich beſchwichti⸗ gen, und die Anhaͤnger des Alten und Neuen auf einem anſtaͤndigen Mittelwege ſich verſoͤhnen werden. —— Geographiſch⸗ſtatiſtiſcher Abtiß des neueſter Zeit iſt das Staatsgebiet dieſes einſt ſo maͤchtigen Reiches nunmehr auf folgende Beſitzun⸗ gen beſchraͤnkt: 4) in Europa auf das alte Stammland Portugal(welches die Provinzen En⸗ tre Duero(Douro) e Minho, Traz⸗os⸗Montes, Eſtremadura, Beira und Alemtejo begreift), und in Algarbien; 2 in Aſien auf Goa, Diu und einem Theile der Inſel Timor; 3) in Afrika auf die Niederlaſſungen vom Kap Negro bis zur Inſel Fernando del Pao, nordweſtlich die zehn Inſeln des gruͤnen Vorgebirges und die Azoren. gränzt gegen Norden und Süden an Beira, gegen Mittag an Alemtejo und gegen Abend an das Meer. ) Vergl. Buͤſching, Ebeling, Haſſel.. Anhang. —————— I Königreiches Portugal*). In Folge der großen politiſchen Veraͤnderungen 1. Eſtremadura oder Extremadura 87 Seine groͤßte Laͤnge betraͤgt von Norden gen Suͤ⸗ den 39(nach Andern 33), ſeine groͤßte Breite von Oſten gen Weſten 18(nach Andern 160 portugieſi⸗ ſche Meilen. Der Name dieſer Provinz ſchreibt ſich von der Gewohnheit der erſten Koͤnige her, alle, jenſeits des Duero im Kampfe wider die Mauren gemachten, Eroberungen mit dem Namen Extrema Durii zu benennen. Die vom ſchiffbaren Tajo durchſtroͤmte Gegend zwiſchen Lisboa und Abrantes gehort zu den lieblichſten und uͤppigſten der Welt, und erſetzt durch den Reichthum des Bodens den Mangel an Thaͤtigkeit bei den Bewohnern. Eſtre⸗ madura zählt acht Correigaen oder Gerichtsbar⸗ keiten*), mit folgenden Staͤdten und Flecken: 1) Correigas de Lisboa; die Haupt/ und Reſidenzſtadt ſelbſt(von uns Teutſchen Liſſabon, lateiniſch O 1ysipo, arabiſch Al-Oſchbunah ge⸗ nannt), amphitheatraliſch gelegen, von Morgen bis Abend am Tajo,(der ins Meer ſich hier ergießt; um⸗ ſchloſſen von den ſieben Bergen: San Vicente de Fora, S. Andre, Caſtello, Santa Anna, S. Roque, Chagas und Santa Catharina, ungefähr zwei Mei⸗ len lang, aber nicht ſehr breit. Mitten in der Stadt ragt die Citadelle, welche dieſelbe beherrſcht, hervor; drei Meilen von der Stadt San JIn⸗ lias(San Giüo) auf einem Meerfelſen, und San Lorengo(Cabega⸗Seca, auch Bogio genannt), auf einer Sandbank; eine Meile von Lisboa nordlich dem Tajo der Thurm Belem:; *) Hinſichtlich der Verwaltung iſt Portugal in Comarcas, Correiegen und Contos eingetheilt. 88 ——— dieſem gegenuͤber der Thurm San Sebaſtias (Torre Velha). Der Hafen iſt ſehr groß, tief und ſicher und hat zwei bequeme Eingaͤnge; die Pol⸗ hoͤhe betraͤgt 38 Grad 45 Minuten 25 Sekunden;z die Laͤnge 8 Grad 2 Minuten 45 Sekunden vom Pariſer Mittagszirkel an. 2 Correigas de Torres Vedras mit den 18 Flecken: Bellas, Junqueira, Queluz, Caſ⸗ caes, Collares, Chileiros, Mafra, Ericeira, Ca⸗ daval, Villa Verde dos Francos, Lourinhäa, Al⸗ verca, Alhandra, Villa Franca de ira, Povos, Caſtanheira, Arruda, Torres Vedras. 3) Huvidoria de Alenquer, mit 8 Flek⸗ ken: Alenquer, Aldea⸗Gallega da Merciana, Cin⸗ tra, Obidos, Caldas und Selir de Porto, Cha⸗ muſca, Ulme. 0 Corretgas de Leiria; Leiria, Stadt von ungefaͤhr 4000 Einwohnern und nachſtehende 24 Flecken: Pombal, Redinha, Soure, Ega, Batalha, Alcobaza, Cos, Pederneira, Sella, Alfeizeras, S. Martinho, Selir do Matto, Al⸗ vorninhas, Santa Catharina, Turquel Evora, Algibarrotta, Aljubarrotta„ Alpedriz, Peniche, Atougia. 5 Correigasde Thomar: Thomar, Pavo de Pele,(Pelle, Pias), Punhete, Magao, Amen⸗ doa, Villa de Rey, Sobreira, Pampilhoſa, Al⸗ vares, Pedrogas grande, Figueiros dos Vinhos, Dornes und Aguas Bellas, Terreira, Villa nuova de Puſſos, Magaas de Caminho, Arega und Al⸗ biul, Ponte de Sor, Alvaro, Aſinceira, Atalaya, 39 Tancos, Abrantes(mit 3— 4000 Einwohnern), Sardoal. 6) Huvidoria de Hurem: Qurem, Ague⸗ da, Avellar, Chao de Couce, Magäas de D. Ma⸗ ria, Porto de Moz, Pouſa⸗Flores. 7 Correigao de Santarem: Santa⸗ rem(arab. Schantara), Golegäa, Aveiras, De⸗ bairo, Almeirim, Salvaterra de Magos, Torres Novas, Ayeiras de Cima, Azambujebra, Alcane⸗ de, Alcventre, Mugem, Lameroſa, Erra, Azam⸗ buja, Montargil. 8) Comarca de Setuval mit drei Ge⸗ richtsbarkeiten: a) Correigas de Almadaz Almada, Lavradio, Mouta; b) Ouvidoria de Setuval: Setuval mit ungefaͤhr 8— 40,000 Einwohnern; Palmela, Coina, Barreiro, Alhos Vedros, Aldea⸗Gallega, Alcochete, Canha, Al⸗ cacere do Sal, Grandola; e) Ouvidorta de Azeitas: Azeitas, Camora Correa, Sezimbra, Torrad Santiago de Cacem. I. Beira, die groͤßte Provinz Portugals, graͤnzt noͤrdlich an Entre Duero e Minho und Traz⸗ os⸗Montes, oſtlich an Spanien, ſuͤdlich an Eſtre⸗ madura und Alemtejo, weſtlich aber an das Meer. Ihre Groͤße von Abend bis Morgen, und beinahe auch die von Mitternacht gen Mittag betraͤgt 33— 36 portugieſiſche Meilen. Man unterſcheidet die Provinz in Ober- und Unter⸗Beira, jenes liegt noͤrdlich und am Meere, dieſes dem ſpaniſchen und portugieſiſchen Eſtremadura zu. Weizen, Roggen und Hirſe, zum Theil auch gutes Hel und vortreff⸗ 90 licher Wein, gehoͤren zu den phyſiſchen Erzeugniſſen Beira's. Viele Naturmerkwuͤrdigkeiten der ſelten⸗ ſten Art zeichnen daſſelbe uͤberdieß aus. Man zählt in der Provinz 4 biſchoͤfliche Städte, 234 Flecken, 55 Concelhos und einige Coutos. Dieſelben ſtehen unter 8 Gerichtsbarkeiten, darunter 6 Correicaen und 2 Ouvidoria's; naͤmlich: 1) Correigad de Coimbra: Coimbra die Stadt, mit 12,000 Einwohnern, am Mondego, mit einer Hochſchule und einem Bisthumsſitze; ſo⸗ dann die Flecken und Coutos: Esgueira, Argavil, Goes, Pombeiro, Botad, Ancäa, Pereira, Cer⸗ nache, Miranda do Corvo, Pombalinho, Anciað, Mira, Buarcos, Villa nova de Ancos, Villa nova de Mangarros, Vacariga, Pena⸗Cova, Cantan⸗ hede, Celeviza, Carvalho, Fajad, Coja, Santa⸗ Combadað, S. Sebaſtiað de Fradeira, Bobadella, Tentugal, Rabagal, Alvayazere, S. Varad, Fer⸗ mozelhe, Reguengo de Belide, Gniayos, Alhadas, Hutil, Tavarede, Cadima, Zamouyal, Magofo⸗ res, Caſal⸗Comba, Reguengo de Liceira, Coutos de Arazede do Biſpo, Santa Cruz, Figueira, Villa⸗ Verde. 2 Ouvidoria be Montemoro Velho: Montemor o Velho, Aveiro, Penella, Abiul, Brunhido, Caſal de Alvaro, Lourical, Louzäa, Pereira, Recardaens, Segadaens, Torres novas, Angeja. 3) Ouvidoria da Feira: Feira, Ovar, Pereira de Suſas, Cambra, Caſtanheira. 4) Correigas de Viſeu: Viſeu die Stadt, und folgende Flecken: Alva, Banho, Bobadella, 91 Candoſa, Enflas, Lagares, Nogueira, Ferreira de Aves, Mortagoa, Oliveira do Conde, Oliveira de Frades, O. do Hoſpital, Penalva de Alva, Per⸗ ſelada, Reriz, Sabugoſa, Sandomil, S. Pedro do Sul, Tabva, Trapa, Coja, Santa Comba do Daö. Hierauf die Concelhos: Guardaß, Beſtei⸗ ros, Rio de Moinhos, S. Joäo de monte, Mou⸗ ras, Treipedo, Ovoa, Pinheiro de Azere, Joào de Areas, Sylvares, Currellos, Senhorim, Fol⸗ hadal, Canos de Senhorim, Azurara, Tavares, Moens, Gafanha, Satad, Gulfar, Penalva do Caſtello, Alafoens, Sever, Anfias, Sinde, Azere, Vide de Toz de Piodaö, Villa nova de Sobacco, Sylvaß, Povolide, Ranhados. 5) Correigas de Lamego: Lamego die Stadt; die Flecken Jarouca, Lumiares, Britiande, Oeanhas, Lazarim, Lalim, Mondim, Paſſo, S. Casmado, Gojoim, Secca, Caſtellejo, Granja do Tedo, Arcos, Nagoſa, Longa, Barcos, Ta⸗ boaſſo, Chavaens, Moimenta da Beira, Leomil, Fraͤgoas, Villa⸗Cova, Peudilhe, Varzea da Ser⸗ ra, Valdigem, Sande, Parada do Biſpo, Fontilho, Caſtrodaire, Armamar, Aronca, und folgende Con⸗ celhos: Alvarenga, Aregos, Barqueiros, Cabril, Caria, Chriſtovas da Nogueira, Ferreiros, Mar⸗ tinho de Mouros, Moſſas, Paiva, Parada de Eſther, Pera, Peva, Peſo da Regoa, Pinheiros, Rezende, Ribellas, Sanfins, Texeira, Tendaens, Sinfaens, Couto da Ermida, Honra de Sobrado. 6) Correigad de Pinhel: Pinhel, Al⸗ meida(wichtige Veſte), Trancoſo, Tavora, Fi⸗ gueiro da Granja, Matanga, Algodres, Fornos, 99 Pena Verde, Aguiar, Sernanſelhe, Guilheiro, Fonte Arcada, Villa de Ponte, Sindim, Paredes, Vargeas, Trevoens, Soutello, Paradella, Val Longo, Povoa, Penella, Sotto, Sedavim, Horta, Nomad, Toſcva, Murxagata, Langroiva, S. Joào da Pesqueira, Penedono, Martalva, Ranhados, Moreira, Caſtello⸗Mendo, Meda, Caſteicao, Ve⸗ loſo, Lamegal, Alfayates, Villa⸗Mayor, Caſtello Bom, Eſcalhaö, Caſtello Rodrigo, Almendra, Caſtello Melhor, Cinco Vilhas, Arreigada, Azeité, Caſtanheira, Ervedoſa, Valenga do Duero, Val de Coelha, Carapito. N Correigas da Guarda: die Stadt Guarda,(Feſtung) Jarmello, Manteigas, Co⸗ vilhäa, Celorico, Gouvea, Cea, Valhelhas, Co⸗ deceiro, Fomo Telheiro, Baragal, Acores, Lin⸗ hares, Mesquitella, Mello, Folgozinha, Cabra, Oliveirinha, Santa Marinha, Caſtro⸗Verde, S. Romað, Torrozello, Villa⸗Cova a Cvelheira, Val⸗ lazim, Loriga, Alvoco da Serra, Louroſa, Lagos, Midones, Seiro, Forno; Couto do Moſteiro. 8) Correigas de Caſtello⸗Branco: Caſtello⸗Branco, kleine Stadt, Alpedrinha, Bel⸗ monte, Sabugal, Pennamacor, Monſanto, Idanha a Velha, Idanha a Nova, Sarzedas, S. Vin⸗ cente da Beira, Caſtello novo, Atalaya, Sortelha, Touro, Proenga a Velha, Bempoſta, Pena Gar⸗ cia, Salvaterra do Extremo, Segura, Zibreira, Rosmaninhal, Villa Velha de Rodas. II. Entre Duero e Minho. Dieſe, im Norden des Koͤnigreiches und zwar zu aͤußerſt zwi⸗ 93 ſchen dem Duero und dem Minho gelegene Pro⸗ vinz, hat davon ihren Namen erhalten. Ihre Groͤße von Norden gen Suͤden betraͤgt 18, von Oſten nach Weſten aber 12 portugieſiſche Meilen. An Getreide, Wein, Hel, Schafwolle und Flachs, Vieh, Wild und Fiſchen iſt ſie ſo ziemlich geſegnet. Die zwei Fluͤſſe, welche ſie beſpuͤlen, und mehrere treffliche Häfen beguͤnſtigen den Handel ungemein. Die ungeheure Zahl von Stiftern und Kloͤſtern je⸗ doch verſchlingt einen großen Theil ihres Reich⸗ thums und ſteht der Induſtrie hemmend entgegen. Entre Duero e Minho iſt in 6 Gerichtsbarkei⸗ ten abgetheilt, ſowohl Correicgen als Ouvidorien, naͤmlich: 10 Correiga de Guimaraens mit nach⸗ ſtehenden Flecken: Guimaraens, Stadt von unge⸗ faͤhr 5— 6000 Einwohnern; Amarante, mit dem beruͤhmten Bruͤckenpaſſe, Canavezes und Povva; ſodann 20 Concelhos: Felgueiros, Unhas, Canta Cruz de Riba Tamega, Gouvea de Riba Tamega, Gezaco, Carolico de Baſto, Cabeceiras de Baſto, Roſſas, Villaboa de Roda, Veira, Monte Longo, Ribeira de Soas, Povoa de Lanhoſo, S. Joäo de Rey, Mondim de Baſto, Atey, Villa⸗Pouta de Aguiar, Serva. Außer dieſen noch 14 Coutos: Abbadim, Fonte Arcada, Mancellos, Moreira de Rey, Parada de Bouro, Pedraido, Pombeiro, Pouſadella, Refoyos de Baſto, Taboado, Tibaens, Travanca, Tuas, Vimeiro; ferner 4 Honras, wor⸗ unter Villacals und Ovelha, und der Julgado Lagioſo. 94 2 Correigas de Vianna: Vianna, Stadt von ungefaͤhr 7000 Einwohnern; Ponte de Lima, Ponte da Barca, Souto de Ribeira de Ho⸗ mem, Prado, Pica de Regalados, Villa/ nova de Cerveira, Mongad, Arcos de Valdevez; die 12 Concelhos: Lindoſo, Pica de Regalados, Villa Garcia, Entre Homem e Cavado, Bouro, Suayo, Santa Martha de Bouro, Coura, Albergaria de Penella, Sotto de Rebordaens, St. Eſtevas da Faxa, Geraz de Lima; endlich die 43 Coutos: Abeim da Nobrega, Azevedo, Baldreu, Bouro, Cervaens(Villar de Areas), Freiriz, Luzio, Man⸗ hente, Nogueira, Queijada, Sabariz, Sanfins, Svouto. 3) Correigas do Porto: Porto, oder O'Porto, am Duero, die zweite Stadt des Koͤ⸗ nigreiches, von ungefaͤhr 30,000 Einwohnern, durch den Handel beſonders mit Weinen, und den freien Geiſt derſelben bluͤhend und ausgezeichnet. In der Naͤhe der alte Hafen Cale, woher die Stadt ihren Namen erhielt. Die uͤbrigen merkwuͤrdigern Orte ſind: Villa nova do Porto, Melres, Povoa de Varzim. Ueberdieß die 12 Concelhos: Gaya, Gondomar, Aguiar de Souſa, Maya, Refoyos de Riba de Ave, Louſada, Peüafiel de Souſa, Porto⸗Carreiro, Peñagniad, Bayas, Soalhaens, Bem⸗Viver, Avintes; ſodann die 7 Coutos: An⸗ ſede, Entre ambos os rios, Ferreira, Meinedo, Pago de Souſa, Pendorada, Villa⸗Boa de Qui⸗ des. Endlich der Julgado⸗Bougas und die fuͤnf Behetrias und Honras: Baltar, Barboſa, Frazað, Gallegos und Louredo. 95 40 Ouvidoria de Barcellos: Barcellos, Eſpoſende, Caſtro Laboreiro, Famelicas, Rates, Villa de Conde, Melgaco. Die 3 Concelhos: La⸗ rim, Portella das Cabras, Villa⸗Chäa; die 3 Coutos: Cornelhãa, Fragoſo, Gondufe, Palmeira, Villar de Frades; endlich ein Julgado: Vermoim und ein Honra: Fralaens. 50 Duvidoria de Valenga: Valenca Caminha, Valladares, und die 2 Coutos Feaens und Paderne. 60) Duvidoria de Braga: Braga die Stadt, am Cavado und Deſte, mit etwa 12,000 Einwohnern; 13 Coutos: Arentim, Cabagos, Cam⸗ bezes, Capareiros, Dornellas, Ervededo, Feitoſa, Goivaens, Moure, Pedralva, Proveſende, Pulha, Ribatua. W. Traz⸗os⸗Montes graͤnzt nördlich an Gallizien, öſtlich und ſuͤdlich an Leon und Beira, weſtlich aber an Entre Duero e Minho und zum Theile ebenfalls an Beira. Der Name, den ſie traͤgt, iſt ihr von ihrer Lage, jenſeits des Gebirges Maras, geworden. Sie zieht ſich ungefähr 30 Meilen von Norden nach Suͤden, und 20 Meilen von Oſten nach Weſten. Die Provinz iſt von lau⸗ ter Bergen durchſchnitten, und, mit Ausnahme we⸗ niger Thaͤler, rauh, duͤrr und im Verhaͤltniſſe zu den uͤbrigen nicht ſehr bewohnt. Außer dem Duero fließen die Tamega, der Corgo, die Tuela und der Sabor, welche jedoch ſaͤmmtlich mit dem Haupt⸗ ſtrome ſich vereinigen, durch ſie. Der Charakter ihrer Bewohner iſt ſtarre Anhaͤnglichkeit an das 96 Alte und Abneigung gegen alle Grundſaͤtze und In⸗ ſtitute der neuern Zeiten. Der Fanatismus des ſpaniſchen Bauers gluͤht auch in den Koͤpfen der Transmontaner ſichtbar und die Konſtitution zaͤhlt unter ihnen ſehr wenige Freunde. Traz⸗os⸗Montes ſteht unter 2 Correigaen und 2 Huvidorien; naͤmlich: 10 Dem Correigas da Torre de Mon⸗ corvo: Torre de Moncorvo; Freixo de Eſpadana Cinta, Montforte de Rio⸗Livre, Anciaens, Lin⸗ hares, Villarinho de Caſtanheira, Corticos, Val⸗ dasnes, Sezulſe, Nuzellos, Pinho Velho, La⸗ mas de Orelhas, Freixiel, Abreiro, Mirandella, Alfandega da Fé, Caſtro Vicente, Merca de Pa⸗ noya, Torre de Dona⸗Chama, Agua⸗Revés, Villa⸗Flor, Chacim, Villas Boas, Fréchas, Moz, Sampayp. 2 Correigas de Miranda: Miranda de Duero, Stadt und Grenzfeſtung; ſodann die 13 Flecken: Algozo, Frieira, San Seriz, Rebordayos, Vinhaes, Villar Secco da Lomba, Val de Paco, Failde, Carocedo, Vimioſo, Mogadouro, Penar⸗ royas, Bempoſta. 3) Duvidoria de Braganza: Braganza, Stadt von ungefaͤhr 3000 Einwohnern; die Flek⸗ ken: Val de Nogueira, Val de Prados, Villa Franca, Rebordads, Outeiro, Chaves, Monte Alegre, Ruyvaes. 40 Duvidoria de Villa⸗Real: Villa⸗ Real, Canellas, Abreiro, Freiriel, Ranhados, Almeida, Sobroſa. 97 v. Alemtejo. Dieſe, eine der größern Landſchaften Portugals, graͤnzt gegen Norden an Eſtremadura und Beira, gegen Morgen an Spa⸗ nien, gegen Mittag an Algarbien, und gegen Abend an das Meer. Ihre Groͤße von Norden nach Suͤ⸗ den wird von Einigen auf 34, von Andern aber auf 40 portugieſiſche Meilen geſchaͤtzt, und eben ſo die⸗ jenige von Oſten nach Weſten. Ihr Name ſtammt ebenfalls von ihrer Lage her, naͤmlich als Alem Dorio Tejo(jenſeits des Tejod. Der Tejo und die Guadiana ſind die beiden Stroͤme ſo⸗ mit, welche ſie durchfließen. Die Beſchaffenheit des Bodens iſt ſehr ungleich, und waͤhrend er in vielen Gegenden durch große Fruchtbarkeit ſich aus⸗ zeichnet, findet man ihn wiederum in andern ſehr von Bergen durchſchnitten, mit Sand angefuͤllt, trocken und duͤrr. Weizen, Gerſte, Wein, Limo⸗ nen, Citronen und Orangen ſind ſeine Haupterzeug⸗ niſſe. Auch an HDel, Wild und Fiſchen gebricht es nicht. Alemtejo weiſt uͤberdieß reichhaltige Stein⸗ und Marmorbruͤche auf, deren Ausbeute ſehr ge ſchaͤtzt und bedeutend verfuͤhrt wird. Alemtejo iſt, in Faͤllen des Krieges, die koſtbarſte Provinz der Krone und ihre Vertheidigung erfordert ungewoͤhn⸗ liche Anſtrengungen. Es zaͤhlt folgende 8 Gerichts⸗ barkeiten: 4) Correivad de Evora: die Stadt Evo⸗ ra, mit ungefaͤhr 12,000 Einwohnern, faſt ganz von Bergen umſchloſſen; Eſtremos, wichtige Fe⸗ ſtung. Vimieiro, Canal, Pavia, Agutas, Alco⸗ vavas, Lavre, Montemör o novo, Montoito, Re⸗ dondo, Vianna. P. UI. 98 2 Ouvidoria de Beja: Beja, Stadt von etwa 7000 Seelen; Voura, von beinahe 5000 Einwohnern; Serpa, von ungefaͤhr 4000; Alcou⸗ tim, Agua de Peixes, Villa⸗Alva, Villa⸗Ruiva, Albergaria dos Fuſos, Vidigueira, Frades, Berin⸗ gel, Faro, Ferreira, Odemira, Oriola. 3) Huvidoria do Campo de Hurique. Ourique, beruͤhmt durch die Maurenſchlacht; Pa⸗ droens, Mertola, Almodavar, Villa nova de mil fontes, S. Jozö de Sines, Collos, Gravad, Ca⸗ ſtro verde, Entradas, Pamoyas, Aljuſtrel, Al⸗ vallade, Meſſejana. 4) Ouvidoria de Villa⸗Vivoſa: Villa⸗ Vicoſa, Stadt von ungefaͤhr 4000 Seelen, in fruͤ⸗ hern Zeiten die Reſidenz der Herzoge von Bra⸗ ganza; Evora monte, Arrayolos, Borba, Monga⸗ ras, Villa Boim, Villa Fernando, Portel, Sou⸗ zel, Monforte, Chanzellaria, Alter do Chað, Mar⸗ gem, Layomel. 5) Correigas de Elvas: Stadt und Fe⸗ ſtung Elvas, mit beinahe 13,000 Einwohnern; La Lippe, Feſtung, von Schaumburg⸗Lippe gebaut; Hlivenca, Grenzfeſtung, zwar dermal noch von Spanien beſetzt, aber de jure immerfort portugie⸗ ſiſchen Gebietes; Campo Mayor, Feſtung; Ou⸗ guella, Barbacena, Mourad, Terena. 6) Correigaß de Portalegre: Portale⸗ gre die Stadt, Arronches, Alegrete, Aſſumar, Niza, Povva, Meadas, Caſtello de Vide, Mon⸗ talvað, Aviz. 99 Duvidoria do Crato: Crato, S. Joað de Gafete, Toloſa, Amieira, Envendos, Carvoeiro, Certaã, Cardigos, Oleiros, Belver, Pedrogad pe⸗ queno, Proenga a nova. 8) Duvidoria de Aviz: Aviz; Cabega de Vide, Veiros, Seda, Cano, Mora, Cabecas, Alandroal, Fronteira, Galveas, Figueira, Bena⸗ villa, Noudar, Alter⸗Pedrozo, Jurumenha, Be⸗ navente, Curuche. VI. Das Koͤnigreich Algarbien. Algarbien oder Algarve graͤnzt gegen Norden an Alemtejo, von dem die Gebirge Caldeirad und Monchique es trennen, gen Oſten an Andaluſien und gen Suͤden und Weſten an das Meer. Der Name iſt ihm durch die Araber, von ſeiner Frucht⸗ barkeit und Lage, geworden. Die Groͤße Algar⸗ biens von Morgen nach Abend betraͤgt 27— 28, von Norden nach Suͤden aber nicht uͤber 5— 6 portugieſiſche Meilen. Drei Vorgebirge, Cabo de S. Vincente, Cabo do Carvveiro, und Cabo de S. Maria, zeichnen die Provinz, deren Gebiet in fruͤhern Zeiten bedeutend großer, als jetzt, war, aus. Fruchtbar iſt ſie an Hel, Wein und Weizen, ebenſo an Baumfrüchten aller Art, beſonders aber auch an Feigen, Roſinen und Mandeln. Sie wird, hin⸗ ſichtlich der politiſchen und buͤrgerlichen Verwaltung, in nachſtehende 3 Comarken eingetheilt: 1) Correigas de Lagos: Lagos, Stadt an der Suͤdkuͤſte, mit einem ſchiffbaren Meerbuſen und ziemlich geroͤumigen Hafen; in der Naͤhe viele „ 100 kleine Forts, welche die Kuͤſte zwiſchen ihr und Sagres ſchuͤtzen; ſodann die, zum Theil befeſtigten, Flecken: Villa nova de Portimas, Sagres, Villa do Biſpo, Algeſſur, Seire, Paderne, Albufeira, beruͤhmt durch ein Treffen und Marſchall Suchet. 2 Correigas de Tavira: Tavira, Stadt an einem Meerbuſen, nebſt einem Hafen, der durch Schanzen geſchuͤtzt iſt; Loulé, Cacella, Caſtro⸗ marim. 3) Ouvidoria oder Comarca de Faro: Faro, Stadt mit Feſtungswerken in einer Ebene und an einem Meerbuſen, mit Handel und Bi⸗ ſchofsſitz; Sylves, etwas kleinere Stadt an einem kleinen Fluſſe; Alvor, Flecken. Unter den Inſeln im atlantiſchen Meere zie⸗ hen zuerſt Porto Santo und Madeira, ſo⸗ dann aber die Azoren unſere Aufmerkſamkeit auf ſich. I. Porto Santo, ungefaͤhr 140 Meilen von der Hauptſtadt des Koͤnigreiches entfernt, mag fuͤnf Meilen in der Laͤnge und ſechs in der Breite betragen. Joað Gonzalves Zarco war ihr Entdek⸗ ker. Die Zahl der Einwohner ſchaͤtzt man auf etwa 1200; der Hauptort, mit dem gleichen Namen wie die Inſel ſelbſt, liegt an einem Meerbuſen, und bie⸗ tet gegen alle Winde, mit Ausnahme des Suͤd⸗ und des Suͤd⸗Oſtwindes, Sicherheit. Farrobo und Fereira ſind die merkwuͤrdigern uͤbrigen Orte. II. Madeira, 152 portugieſiſche Meilen von Lisboa entfernt, und eben ſo weit von den Azoren, 101 iſt ungefaͤhr 18 Meilen lang und 4½ Meile breit. Sie wird in zwei Kapitanate abgetheilt, naͤmlich Machico und Funchal. 10 Kapitanat Machico: Machico(Ma⸗ rico, Maſchiko), an dem Meerbuſen gleichen Na⸗ mens; ſodann ſieben Doͤrfer, von 2— 3000 Seelen. 2 Kapitanat Funchal: Funchal, die Hauptſtadt der ganzen Inſel, amphitheatraliſch an einem guten Meerbuſen gebaut, Sitz des Gouver⸗ neurs, eines Biſchofs und eines Corregedore, oder Juiz de Fora, an der Meerſeite durch mehrere Forts, zu Lande aber durch das Kaſtell S. Jozd de Pico ge⸗ ſchuͤtzt; Ponta do Sol und Calheta, Flecken; ſo⸗ dann die Orte Camera de Lobos, Ribeira brava. Außer dieſen noch viele kleine Doͤrfer, welche zu⸗ ſammen ungefaͤhr 39 Kirchſpiele bilden. Madeira iſt durch ſeine trefflichen Weine und den hellen Sinn ſeiner Bewohner beruͤhmt. III. Die Agores oder Terceiras(auch die flaͤmiſchen Inſeln, Ilhas Flamengas von den Niederlaͤndern genannt, welche ihre Mitentdecker waren) haben ihren eigentlichen Namen von der Menge Habichte und Falken erhalten, die man auf ihnen fand. Es ſind ihrer neun, welche, nach der Chronologie ihrer Entdeckung, in folgende Reihe kommen: 10 Santa Maria, 4 Meilen lang und 3 Meilen breit. Der Hauptort heißt Porto. Außer⸗ dem mehrere Kirchſpiele und Doͤrfer. 20 San Miguel, 18 Meilen lang und 2 102 Meilen breit, mit 2 Haͤfen, reich an Weizen und Wein. Sie zaͤhlt 1 Stadt, 5 Flecken und 22 Doͤr⸗ fer, naͤmlich: Ponta delgada, Villa⸗Franca, Ribeira Grande, Nordeſte, Agua de Pao, Ala⸗ gva u. ſ. w. 3) Terceira, 13 Meilen lang und 6 Mei⸗ len breit; wird in 2 Kapitanate abgetheilt: a) An⸗ gra, mit der Stadt gleichen Namens, dem Flecken S. Sebaſtias und vielen andern kleinen Hertern; b) Praya, mit dem Flecken gleichen Namens. 40 San Jorge, 11 Meilen lang und 1 ½ Meile breit, mit einem Hafen und den 3 Flecken: Villa de Vélas, Villa do Topo, Villa da Calheta. 5) Gracioſa, 3 Meilen lang und 2 Meilen breit, mit den Flecken: Santa Cruz und Praya. 6) Fayal, 9 Meilen lang und die groͤßte Breite von 3 Meilen, mit den Flecken Horta und Portopin. Pico, 16 Meilen lang und 5 Meilen breit; Hauptort Villa das Lagens, mit einem Ha⸗ fen; San Roque, Flecken und mehrere Doͤrfer. 8) Flores, 10 Meilen lang und 3 Meilen breit, mit 3 Rheden und den Flecken Santa Cruz, Lagens. 9) Corvo, 3 Meilen im Umfange mit zwei kleinen Hafen und dem Orte Noſſa Senhora do Roſario. An dieſen geographiſchen Abriß von Portugal reihen wir noch folgende kurze Bemerkungen uͤber 103 die Beſchaffenheit des Landes und den Charakter ſeiner Bewohner. Portugal beſitzt keine Landſeen, wohl aber zahlreiche Mineralquellen. Das Klima iſt nicht ſo ſengend heiß, wie in Spanien, ſondern in den Kuͤ⸗ ſtengegenden bringen die Seewinde, im Innern des Landes aber die Nordwinde wohlthaͤtige Kuͤhlung. Der Aufenthalt in dem Lande iſt daher auch fuͤr die Fremden ſehr angenehm. Reich iſt daſſelbe an Naturſchätzen, und der Boden uͤber die Maßen er⸗ giebig. Aber gerade dadurch werden die Bewohner zur Traͤgheit verfuͤhrt und Handel beſchaͤftigt im Allgemeinen ſie mehr als Ackerbau und Kunſtfleiß. Selbſt der in fruͤhern Zeiten mit Eifer und Gewinn betriebene Bergbau liegt jetzt ganz darnieder. Beſ⸗ ſer als die Mineralquellen werden die Erzeugniſſe des Pflanzenreiches benutzt. Seit Pombals Ab⸗ tritt iſt zwar von oben herab Manches auch fuͤr Er⸗ hebung des Ackerbaues geſchehen; aber im Ganzen herrſcht doch keine rechte Thaͤtigkeit und kein Se⸗ gen. Der Weinbau allein erfreut ſich ſorgfaͤltiger Pflege; aber hier tritt wiederum der fuͤr die Einge⸗ bornen verhaͤngnißvolle Umſtand ein, daß die mei⸗ ſten und beſten Weinberge Eigenthum der Englaͤn⸗ der ſind, welche ſich in großer Zahl, beſonders aber zu Porto, niedergelaſſen und durch ihre groͤßere In⸗ duſtrie, ſo wie durch ihr Geld, allmalig alle uͤbrigen verdraͤngt haben. Der Viehzucht waͤre zwar die Beſchaffenheit des Bodens an und fur ſich ſehr guͤn⸗ ſtig, wenn nicht die allzuſtarke Duͤrre haͤufig der Gäte und Menge des Futters ſchadete. So ſchoͤn 104 die Raſſe der portugieſiſchen Pferde auch iſt, ſo un⸗ betraͤchtlich iſt ihre Zahl. Haͤufiger dagegen trifft man den Gebrauch der Maulthiere. Die Schaf⸗ zucht iſt bedeutender, beſonders in Beira, und die Wolle aͤhnelt der ſpaniſchen. Die Bienenzucht wird ſehr vernachlaͤſſigt; die Seidenernte lag bis in die neueſten Zeiten brach: doch geſchah unter der Re⸗ gierung Joao's VI. Manches zur Wiederaufhuͤlfe derſelben. An Wildpret iſt Portugal arm; minder an Fiſchen, der Naͤhe des Meeres und ſeiner Stroͤ⸗ me willen. Die Bewohner des Landes ſind ein Amal⸗ gama von Kelten, Karthagern, Roͤmern, Teut⸗ ſchen, Arabern und Juden. Die Bevoͤlkerung hat gegen fruͤhere Perioden in ſtarkem Verhaͤltniſſe ab⸗ genommen. Heut zu Tage kann man ſie auf etwa 3 Millionen Menſchen anſchlagen. Der Unterſchied der Staͤnde iſt ſeit den Zeiten der fraͤnkiſchen, und noch mehr ſeit jenen der einheimiſchen Revolution nicht mehr ſo fuͤhlbar. Bedeutend hatte hierin ſchon Pombal vorgearbeitet. Der portugieſiſche Adel zeichnet ſich durch manche Vorzuͤge in Charak⸗ ter und Sitten aus. Er iſt der Aufklaͤrung nicht unempfaͤnglich und hat in mehrern Kriſen bewieſen, daß ihm auch eine Art Freiheit und volksthuͤmliches Leben nicht ganz zuwider ſey. Deſto hartnaͤckiger haͤngt der Klerus an den Ideen und Rechten jener dahingegangenen und nie wiederkehrenden Zeit, wel⸗ che er auf Koſten der Nation in ihrer Geſammtheit und durch Blutſtroͤme wieder herbeizufuͤhren ſtrebt. Vor der franzoſiſchen Invaſion ſoll die Zahl ſeiner 105 Glieder uͤber 200,000 betragen haben. Ueber Han⸗ del, Kriegs⸗ und Seeweſen, uͤber die Staatsver⸗ waltung und Geſetzgebung kann erſt dann ein ſiche⸗ res Bild geliefert werden, wenn die Truͤmmer, welche aus dem großen Schiffbruche der portugieſi⸗ ſchen Monarchie gerettet wurden, allmaͤlig wieder⸗ um zu einem Ganzen ſich gefuͤgt, die neuen Nor⸗ men ſich befeſtigt, und die Verhaͤltniſſe nach Innen und Außen einen beſtimmten Charakter angenom⸗ men haben werden. Wir geben deßhalb hier, zu Vervollſtaͤndigung dieſer ſtatiſtiſchen Skizze, noch kurzgedraͤngt die Grundzuͤge und weſentlichſten Be⸗ ſtimmungen der Carta de Lei, welche dem Lande Portugal vor Kurzem erſt, aus ſeiner ehemaligen Kolonie, zugekommen, und ſchließen ſodann unſern Anhang mit einem Ruͤckblicke auf das geiſtige Stre⸗ ben der Portugieſen von den älteſten bis zu den neueſten Zeiten. Die Verfaſſungs⸗Urkunde enthaͤlt in 8 Titeln diejenigen Anordnungen, welche in ſtaatsrechtlicher, adminiſtrativer und geſetzgeberiſcher Beziehung den neueſten Stand der Dinge in Portugal begruͤnden ſollen. Und zwar Tit. I. hinſichtlich des Staatsgebietes, der Regierungsform und der herrſchenden Dynaſtie. Die roͤmiſch⸗katholiſche Religion iſt auch hier als Staatsreligion erklaͤrt; alle uͤbrigen werden, jedoch ohne aͤußerliche Zeichen und Tempel, geduldet. Tit. I. erklaͤrt die Natur und die Rechte por⸗ tugieſiſcher Buͤrger und der zu ſolchen naturaliſirten 106 Fremden, ſo wie die Erwerbs⸗ und Verluſtart die⸗ ſer Rechte. Tit. III. Die Trennung und die Harmonie der politiſchen Gewalten ſind das erhaltende Prinzip der buͤrgerlichen Rechte, welche die Carta de Lei darbietet. Dieſe Gewalten ſind: die geſetzgebende, die leitende, die vollziehende und die richterliche. Der Koͤnig und die Kortes bilden die Repraͤſenta⸗ tion des portugieſiſchen Volkes. Tit. W. verbreitet ſich uͤber die Zweige der geſetzgebenden Gewalt, und ihre Befugniſſe, uͤber die zwei Kammern der Abgeordneten und der Pairs, welche die allgemeinen Kortes bilden, uͤber die Ei⸗ genſchaften der Mitglieder dieſer Kammern und die mit denſelben weſentlich verknuͤpften Verhaͤltniſſe. Die Kammer der Abgeordneten, gewaͤhlt aus zeitlichen Mitgliedern, beſitzt das Privilegium der Initiative uͤber die Auflagen und die Rekrutirung, das Recht der Pruͤfung jeder vorhergegangenen Staatsverwaltung und der Abſtellung aller in die⸗ ſelbe eingeſchlichenen Mißbraͤuche; ferner die Eroͤr⸗ terung der von der vollziehenden Gewalt geſtellten Antraͤge. Dieſelbe Kammer entſcheidet auch uͤber Grund oder Ungrund der Anklage gegen Staatsmi⸗ niſter und Staatsräͤthe. Die Kammer der Pairs dagegen beſteht aus lebenslaͤnglichen und erblichen Gliedern, welche vom Koͤnige in unbeſtimmter Zahl ernannt werden. Der Kronprinz und die Infanten ſind Pairs von Rechtswegen; und treten gleich nach erreichtem 25. 107 Jahre ein. Die Pairskammer beſitzt die ausſchließ⸗ lichen Befugniſſe: zu erkennen uͤber die perſoͤnlichen Vergehen, welche von Gliedern der koniglichen Fa⸗ milie, von Miniſtern, Staatsraͤthen und Pairs, ſo wie auch von Abgeordneten waͤhrend der Dauer einer Sitzung der Legislatur begangen worden ſind. Sie erkennt ferner uͤber die Verantwortlichkeit der Miniſter, Staatsſekretaͤre und Staatsraͤthe; ſie ruft beim Tode des Koͤniges die Kortes zuſammen, ernennt im Nothfalle eine Regentſchaft, und be⸗ ginnt und ſchließt ihre Sitzung zu gleicher Zeit, wie die Deputirten⸗Kammer. Der Vorſchlag, die Oppoſition und die Geneh⸗ migung der Geſetzentwuͤrfe ſteht jeder der beiden Kammern zu. Kein Antrag der Regierung wird, ohne daß ihn zuvor ein Ausſchuß der Deputirten⸗ kammer gepruͤft, als Geſetzentwurf zur Berathung gebracht. Die Miniſter, welche nicht zugleich Pairs oder Abgeordnete ſind, koͤnnen bei der Ab⸗ ſtimmung nicht, wohl aber bei der Eroͤrterung zu⸗ gegen ſeyn. Einige weitere Paragraphe beſtimmen die Art der Uebermachung eines eroͤrterten Geſetz⸗ Entwurfes an die Pairskammer, das Verhaͤltniß derſelben zur Kammer der Abgeordneten und die Art und Weiſe der koͤniglichen Sanktion oder Ver⸗ werfung, welche binnen der Friſt eines Monates geſchehen muß. Was die Wahlen der Abgeordneten zu den allgemeinen Kortes betrifft, ſo gehen dieſelben in⸗ direkt vor ſich. Die Maſſe der aktiven Buͤrger ver⸗ einigt ſich nach den Pfarreien und ernennt die 108 Waͤhler der Provinzen, dieſe jedoch ſodann die Stellvertreter der Nation. Die weitern Paragra⸗ phe des Kapitel V. enthalten die Beſtimmungen der Wahlart und die Eigenſchaften der Waͤhler und Gewaͤhlten. Tit. V. handelt in 8 Kapiteln von dem Koͤ⸗ nige und der leitenden Gewalt, und der Art und Weiſe der Ausuͤbung derſelben; ferner von der voll⸗ ziehenden Gewalt. Ihr Haupt iſt ebenfalls der Koͤnig; ſeine Organe ſind die Staatsminiſterien; ſeine Befugniſſe: die Kortes einzuberufen, die Bi⸗ ſchoͤfe, Benefiziaten, Civil- und politiſchen Behoͤr⸗ den, die Befehlshaber der Land⸗ und Seemacht, die Geſandten, die diplomatiſchen Agenten und Handelskonſuln zu ernennen; außer dieſem, die Un⸗ terhandlungen mit fremden Nationen zu leiten, Schutz⸗ und Trutzbuͤndniſſe, Subſidien und Han⸗ delsvertraͤge abzuſchließen, Krieg zu erklaͤren, und Frieden zu ſchließen, Naturaliſationsbriefe zu er⸗ theilen, Titel, Ehren, militariſche Orden und Aus⸗ zeichnungen zu ertheilen, die Dekrete, Vollmachten und Vorſchriften, welche auf genaue Vollſtreckung der Geſetze Bezug haben, auszufertigen, die von den Kortes angewieſenen Gelder den verſchiedenen Zweigen der Staatsverwaltung zuzuweiſen, den Verordnungen der Konzilien, den Hirtenbriefen und geiſtlichen Konkordaten, nach vorheriger Zuſtim⸗ mung der Kortes, die Genehmigung zu ertheilen oder zu verſagen; endlich fuͤr Aufrechthaltung der innern Ruhe des Staates und der Konſtitution alle moͤgliche Sorge zu tragen. Der Koͤnig kann, ohne 109 Zuſtimmung der allgemeinen Kortes, das Reich Portugal nicht verlaſſen; thut er es dennoch, ſo wird angenommen, er habe der Krone entſagt. Ueber die königliche Familie und ihre Dotation, uͤber die Erbfolge zur Krone, uͤber die Regentſchaft während der Minderjährigkeit des Koͤniges, oder wegen einer andern Urſache, die ihn zu hindern re⸗ giert, uͤber das Miniſterium, den Staatsrath und die Kriegsmacht geben einige beſondere Kapitel die erforderliche Vorſchrift. Tit. VI. beſchaͤftigt ſich mit der ri chterli⸗ chen Gewalt, den Richtern, Gerichtshoͤfen und Geſchwornen. Ein Richter kann nur durch Ur⸗ theil ſein Amt verlieren. Außer den Obergerichten der Provinzen beſteht in der Hauptſtadt des Koͤnig⸗ reiches ein hoͤchſtes Juſtizgericht, gebildet aus ge⸗ lehrten Richtern oder Raͤthen, die nach dem Dienſt⸗ alter aus Mitgliedern der andern Gerichte genom⸗ men werden ſollen. Tit. VII. beſtimmt die Verwaltung der Pro⸗ vinzen, die Magiſtrate der Städte und Marktflek⸗ ken, ihre Rechte und Pflichten; ferner die oͤffent⸗ lichen Einkuͤnfte und direkten Steuern. Tit. VIII. endlich ſchließt mit allgemeinen Verfuͤgungen und Gewährleiſtungen der buͤrgerli⸗ chen und politiſchen Rechte der portugieſiſchen Bur⸗ ger, großten Theils nach dem Model der engliſchen, franzoͤſiſchen und baierſchen Charte. Die Fälle ei⸗ ner Abaͤnderung in einzelnen Artikeln der Verfaſ⸗ ſung, die perſoͤnliche Sicherheit, die religioͤſe Dul⸗ dung, die Art der richterlichen Unterſuchung, die P. MI. 8 140 Gleichſtellung in den buͤrgerlichen Rechten und der Beſteuerung, die Abſchaffung der Privilegien, die Garantie der Staatsſchuld, die Gewerbosfreiheit, das Poſtgeheimniß, das Petitionsrecht, der oͤffent⸗ liche Unterricht, und die Garantie des Erbadels und ſeiner Vorrechte, bilden darin die weſentlichſten Punkte. II. Uueberblick der Literaturgeſchichte Portugals, vom 13ten Jahrhunderte bis zu den neueſien Zeiten*). Mit der Selbſtſtaͤndigkeit des portugieſiſchen Volkes, welche durch D. Alfonſo Henriquez gegruͤn⸗ det worden, erhielt daſſelbe einen eigenthuͤmlichen Charakter auch in Hinſicht auf geiſtiges Leben und Treiben, den die mauriſche und ſpaniſche Provinz nicht beſeſſen hatte. Die Zwiſte mit der Kirche und dem Klerus allein traten hinderlich zwiſchen die löblichen Anſtrengungen der Fuͤrſten und den Bil⸗ dungsgang der Nation. D. Dionyſio el La⸗ hrador, ſelbſt Dichter und Schriftſteller, wirkte mit ungemeinem Eifer fuͤr die Vervollkommnung der Landesſprache. Billig wurde ihm hierfuͤr der Beiname„eines Vaters der portugieſiſchen Mu⸗ ſen.“ Das Kollegium zu Lisboa und die Hoch⸗ ſchule von Coimbra⸗gehoͤren zu ſeinen unſterblichen Stiftungen. Franzoſiſche Gelehrte, die Bildner ſeiner Jugend, dienten ihm bei ſeinen wiſſenſchaft⸗ lichen Unternehmungen als Muſter. *) Vergl. hieruber Eichhorn, Bouterwes und Wachler. 8* 1290 u⸗ 1308 112 Die unmittelbaren Nachfolger Dionyſio's ver⸗ nachlaͤſſigten ſo ziemlich das, was er mit preiswer⸗ ther Muͤhe zu Stande gebracht. Erſt unter Duarte I. und Alfon ſo V. wurden die Wiſſen⸗ ſchaften und ſchoͤnen Kuͤnſte wiederum mehr beruͤck⸗ ſichtigt. Erſterer, Verfaſſer einer Schrift uber „die Treue in der Freundſchaft“, und„uͤber die Verwaltung der Gerechtigkeit“, pflegte die Univer⸗ ſitat des Landes mit beſonderer Sorgfalt; das Glei⸗ che that, in Bezug auf Vermehrung ihrer Buͤcher⸗ 153— ſchaͤtze, auch jener zweitgenannte Monarch. 1481 Mit dem Hange zu Entdeckungsreiſen in fer⸗ nen Welten nahm die portugieſiſche Literatur laͤn⸗ gere Zeit eine ganz eigenthuͤmliche Richtung und kehrte ſich vorzugsweiſe jenen Wiſſenſchaften und Kuͤnſten zu, welche mehr oder minder mit Vervoll⸗ kommnung der Schifffahrt in Verbindung ſtanden. Mathematik, Geſtirnkunde und Geographie beſchaͤf⸗ tigten demnach viele ausgezeichnete Geiſter. Hierzu wurden die Schriften der Araber und Juden, wie jene der Chriſten, haͤufig benutzt. Unter den Maͤn⸗ nern, welche vorzugsweiſe in dieſer Beziehung wirk⸗ ten, muß Dom Henriquez, der die verhaͤngniß⸗ vollen Fahrten nach Oſtindien veranlaßt hatte, zu⸗ erſt genannt werden. In der von ihm geſtifteten Schule der Seewiſſenſchaften erhielten die großen Maͤnner Bartol. Diaz, Vasco di Gama, kayhelan, und der Erfinder der Theorie der loxodromiſchen Linie, Pedro Nuñez, ihre Anre⸗ gung und Ausbildung. 45— Unter Dom Manvel I. erfreuten ſich die 15a Muſen Portugals ihrer eigentlichen goldenen Zeit. 113 Italien, Kaſtilien und die Provence wirkten, was den Geſang betraf, immer mehr auch auf ſie ein. Saa de Miranda und Jorge de Montemayor traten als Reformatoren auf. Schäfergedichte und Sonnette, den Petrarchiſchen und Guarini'ſchen zumal nachgebildet, machten den Anfang. Das Studium der alten Klaſſiker, welches auch hier be⸗ geiſterte Anhaͤnger gewann, laͤuterte den Geſchmack der Portugieſen. Henriquez Cayado(Ermi⸗ gius) zeichnete als Dichter in lateiniſcher Sprache ſich aus. Im ſechszehnten Jahrhunderte bildete Bernhardim Ribeira die noch rohen Formen der Nationalpveſie aus; Saa de Miranda, der bereits genannte, kann als Vater derſelben betrach⸗ tet werden. Fereira, Gil Vicente und Ro⸗ driguez Lobo wetteiferten in verſchiedenen Gat⸗ tungen ruͤhmlich mit ihm. Aber den Ruhm Aller uͤberſtrahlt der liebliche, gluͤhende und patrivtiſche Camvens, der Verfaſſer der Luſtade. Wenn auch ganz Portugal einſt untergeht: der Geſang dieſes Schwanes, mit Muͤhe nur den Wellen des Weltmeeres entrettet, wird nimmermehr ver⸗ klingen. Unter den Geſchichtſchreibern haben Barros und Alfonſo d'Albuquerque, der Verherr⸗ licher der Thaten ſeines Vaters, ſo wie Jerome Oſorio einen unvergaͤnglichen Namen ſich erwor⸗ ben. Dennoch kommen die Portugieſen in dieſem Fache, weder, was die Gediegenheit des Inhaltes, noch den Glanz der Darſtellung betrifft, den Spa⸗ niern und Britten gleich; und es waren die Helden ihres Landes groͤßer, als die Beſchreiber derſelben. 1560 11⁴ In der Schifffahrtskunde und Geographie lei⸗ ſteten zu Anfange des 15ten und um die Mitte des 6ten Jahrhundertes Gomez de San⸗Eſtevan und Lavanha der Kosmograph Bedeutendes. Fuͤr Geſebgebung und Gerichtspflege, fuͤr die unter D. Alfonſo II. und Dionyſio bereits Vieles geſchehen, war D. Manvel eifrigſt bemuͤht. Unter ihm ka⸗ men die großen Sammlungen vorhandener Geſetze zu Stande. Alvaro Velasquez wurde durch ſeine Deziſionen im Vaterlande beruͤhmt, dem Aus⸗ 595 lande nutzlich. Die Theologie umhuͤllte ſcholaſtiſche Finſterniß, ſelbſt nachdem allenthalben die Leuchte beſſerer Er⸗ kenntniß angezuͤndet worden: die Jeſuiten und ſchon fruͤher die Inquiſition verdraͤngten alle freie Unter⸗ ſuchung im Gebiete der Philoſophie und des Glau⸗ bens; und die Cenſuren wie die Beichtſtuͤhle huͤteten ſorgfaͤltig jede Anwandlung von Großſinnigkeit bei einzelnen Koͤnigen, zu Gunſten irgend einer Are von Geiſtesfreiheit und Verbeſſerung der National⸗ Intelligenz. Seit der Mitte des 16. Jahrhunder⸗ tes herrſchte Apathie und Stumpfheit, ja völliger Stillſtand in den meiſten Zweigen der portugieſi⸗ ſchen Literatur; kaum daß noch von Jeſuiten hoͤchſt mittelmaͤßige Fabrikate in verkuͤnſteltem Latein er⸗ ſchienen; die Volksſprache und die Volkspoeſie wa⸗ ren rein vernichtet. Die Maͤnner demnach, welche waͤhrend der Periode des ſpaniſchen Regimentes als Geſchichtsſchreiber, Redner oder Dichter ſich be⸗ merkbar gemacht, hatten entweder nach fremden, meiſt falſchen Muſtern ſich gebildet, oder den por⸗ ———— — 14¹⁵ tugieſiſchen Nationalſchwulſt, mit dem Hochmuthe, der dem Sklaven eigen, bis zum Unertraͤglichen und Lächerlichen geſteigert. Wir fuͤhren hier an: Faria y Souſa mit 600 Sonnetten, Antonio 1649 Vieyra mit einer Unzahl von geiſtlichen und welt⸗ lichen Reden; Francisco Macedo, im Beſitze von 22 Sprachen, mit 60 lateiniſchen Abhandlun⸗ gen, 33 Lob⸗ und 32 Trauerreden, 48 groͤßeren Gedichten, 123 Elegien, 150 Epitaphien, 242 Briefen, 2000 Epigrammen und mehrern Theater⸗ ſtuͤcken. Mit der Unabhängigkeit von Spanien kehrte in die Nation ein neuer beſſerer Geiſt, ob auch gleich bei dem immerwaͤhrenden Kampfe gegen Au⸗ ßen verſchiedene Geſchlechtsalter noch ohne bedeu⸗ tende Erſcheinungen im Gebiete der Literatur vor⸗ uͤbergingen. Ein Feind war noch zu beſiegen, welcher der Muͤndigung jenes Geiſtes hartnäckig ſich gegenuͤberſtellte; der gleich liſtige als geſchmack⸗ loſe Jeſuitismus. Aber mit Joào V. nahmen die Dinge ihren Wendepunkt. Die franzoͤſiſche Spra⸗ che gewann Einfluß und Herrſchaft uͤber die Portu⸗ gieſen, und wenn auch laͤngere Zeit nur im Miß⸗ brauche thaͤtig, laͤuterte ſie dennoch die Begriffe, veredelte den Umgang, weckte hoͤhere Beduͤrfniſſe, fuͤhrte die portugieſiſche Unwiſſenheit zu den Schäz⸗ zen des Aus⸗endes und wirkte fuͤr Gedankenfreiheit. Die Akademien, meiſt von Koͤnig Joäo V. ſelbſt geſtiftet, und bis nach Braſilien ſogar verzweigt, brachen nicht minder Bahn zu Forſchungen im Ge⸗ biete mehr als einer Wiſſenſchaft, zumal aber der hiſtoriſchen Geſchichte. Ericeyra, mit ſeiner Ge⸗ ſchichte des wieberhergeſtellten Portugals; Maſ⸗ carenhas(Montarroyo), der erſte politiſche Schriftſteller der Portugieſen und Gruͤnder der er⸗ ſten politiſchen Zeitung bei denſelben, mit der Ge⸗ ſchichte des Ryßwiker⸗Friedens; Sebaſtias de Rocha⸗Pitta, Verfaſſer einer Geſchichte des por⸗ tugieſiſchen Amerika,— ſind zu Anfange des 18. Jahrhundertes hochachtbare Namen in jenem Lande. Hinſichtlich des Geſchmackes werden ſtrengere Kunſt⸗ richter freilich nicht Weniges zu tadeln haben; aber es waren dieſe Maͤnner doch immerhin die Vor⸗ kaͤmpfer und darum ihre Verdienſte unendlich groß. Mit dem Jahre 1750, dem Beginne der Re⸗ gierung D. Joſos I., und noch mehr mit dem Auf⸗ treten des Marquis von Pombal, beginnt die eigentliche beſſere Zeit fuͤr Portugal. Eine Ueber⸗ ſicht der vorzuͤglichſten Anſtalten jenes Miniſters fuͤr die Nationalkultur iſt in der politiſchen Ge⸗ ſchichte bereits gegeben worden; indem wir daher an ſeine Anſtrengungen fuͤr den oͤffentlichen Unterricht wieder erinnern, an die Gelehrten, die er aus dem Auslande und an die Hochſchulen berief, an die Schriften, die er ſelbſt unmittelbar veranlaßte, be⸗ ſchraͤnken wir uns, die Hauptreſultate bieſer und der folgenden Periode, bis zu den neueſten Tagen, in kurzem Abriſſe den Augen des Leſers voruͤber zu fuͤhren. Das Studium der alten Literatur iſt in Portugal auch damals, wie fruͤher, ſehr vernäch⸗ laͤſſigt und ſelbſt in neuerer Zeit noch immer nicht 117 gehoͤrig betrieben worden. Alle Anſtrengungen der National⸗Akademie geſchahen in verkehrter Rich⸗ tung, und es fehlt ſelbſt an kritiſchen Ausgaben oder Ueberſetzungen der griechiſchen und romiſchen Klaſſiker. Die den Portugieſen angeborene Eitel⸗ keit beſchaͤftigte ſich groͤßtentheils nur mit Samm⸗ lung der in Portugal ſelbſt geborenen lateiniſchen Dichter. Durch den Haß wider die Scholaſtik der Jeſuiten, welcher die Zeiten Pombals beſonders auszeichnete, wurde ungluͤcklicherweiſe ein Wider⸗ wille gegen die Philoſophie im Allgemeinen ein Umſtand, der ſich in der Geſchichte dieſes Landes nur zu fuͤhlbar in neuern Zeiten geraͤcht hat. Die Theologie, durch ſcholaſtiſche Pedanterien, und ſchale Andachtsbücher verunſtaltet, erfreut ſich kaum jetzt einer ertraͤglichern Behandlung. Wir fuͤhren als verdienſtlichen Verſuch zum mindeſten Pereira de Figueredo's Bibeluͤberſetzung an. In beſſerer Geſtalt zeigt ſich uns die Rechtsgelehrſam⸗ keit, deren Koryphaͤen einſt Coſta, Velasco Lopez, Alvaro Velasquez, Fernandez Paeſe, Gonera u. A. waren, wies in neuerer Zeit die Freirius, die Figueredo, die Car⸗ neiro und Caſtello Branco auf. Unter den uͤbrigen Wiſſenſchaften gediehen be⸗ ſonders die ſchoͤnen Redekuͤnſte zu Ende des 18. und zu Anfange des 19. Jahrhundertes wiederum zu einiger Bluͤthe. Manvel da Coſta, Gar⸗ gao und Paulino glaͤnzten als Canzonen⸗, Son⸗ netten⸗, Oden? und Liederdichter. Nur im Epi⸗ ſchen erſchien nach Camoens kein zweiter Stern. V. II. 9 118 Die Dramaturgie liegt bis zum heutigen Tage vollig brach, und was darin geleiſtet worden, wi⸗ dert durch ſeltſame Miſchung von Ernſt und Scherz, von Heiligem und Profanem, von Schwulſt und Gemeinheit, an. Die Revolution von 1820 er⸗ zeugte dagegen viele treffliche Staatsredner, welche in Schriften, wie auf der Tribune und in den Clubbs durch mannichfache Talente hervorglaͤnzten; wir nennen bloß die Moura, die Carneiro und Fereira Borges und die Fernandez Thomas u. A. mehr. Auch die Geſchichte hat, trotz des Umſtan⸗ des, daß die politiſchen Verhaͤltniſſe ſo manchen Wechſel erfahren und große Begebenheiten, welche auf das Schickſal zweier Welttheile maͤchtigen Ein⸗ fluß ͤben, vorgefallen ſind, wenige gediegene Be⸗ arbeiter gefunden, und durchaus ſeit den Barros und Britos keine Klaſſiker mehr aufzuweiſen. Doch regt ſich ſeit Pombals Zeit, und noch mehr ſeit der Revolution, ein ruͤhmlicher Forſchungsgeiſt, wel⸗ chen nur zu haͤufig der Mangel an Geſchmack in der Darſtellung und die Parteiwuth bei Benutzung der Quellen paralyſirt. Im Felde der Geographie blieb Lima fortwaͤhrend die Haupterſcheinung. Doch wirkte auch tuͤchtig fuͤr daſſelbe die von Joao V. im Jahre 1799 gegruͤndete geographiſche Geſellſchaft; Land⸗ und Seekarten wurden gefer⸗ tigt, und zu dem Ende große Reiſen und Meſſun⸗ gen durch das ganze Koͤnigreich angeſtellt. Als Mathematiker und Aſtronomen erwarben Stockler Ourch ſeine Theorie der Flu⸗ 1¹9 xionen) und Eſtevan Cabral(durch ſeine prakti⸗ ſche Geometrie) ſich bleibenden Ruhm. Die Aka⸗ demie von Lisboa, Jahrbuͤcher der Schifffahrt, und die verſchiedenen Sternwarten in dieſer Hauptſtadt, ferner diejenigen zu Coimbra, ſo wie die treffliche Inſtrumentenſammlung daſelbſt, foͤrderten raſch die Vervollkommnung der beiden Wiſſenſchaften. Am meiſten jedoch bluͤhten und bluͤhen noch in Portu⸗ gal die Naturwiſſenſchaften, da mehrere Regierungen hierfuͤr, zumal durch eine Menge von Inſtituten, Kabineten, botaniſchen Gaͤrten und Ho⸗ ſpitälern, ſo wie durch Berufungen ausgezeichneter Maͤnner des Auslandes ihre ganz beſondere Sorg⸗ falt verwendet haben. Die Vadelli, della Bella, Bodero, Camara, Sobral werden lange noch der Stolz von Portugal bleiben. Trotz mannichfacher Fortſchritte jedoch, die in neuerer Zeit in dieſem Lande geſchehen, ſteht es gleichwohl hinter vielen europaͤiſchen Nationen an wiſſenſchaftlicher Bildung im Allgemeinen zuruͤck. Es fehlt dem Volke an jener geiſtigen Beweglichkeit, ohne die nichts Gruͤndliches und Geniales erzeugt werden mag. Zuerſt der harte Adelsdruck, ſodann die ſpaniſche Herrſchaft, ſpaͤter die Kraftloſigkeit des Hauſes Braganza und die Vormundſchaft der Je⸗ ſuiten, endlich aber der abſoluten Miniſter ſcho⸗ nungsloſe Willkuͤr, ſo wie der noch haͤufig ſiegreiche Einfluß des Moͤnchsgeiſtes haben den Charakter der Nation verdorben, ihren alten Geiſtesſchwung her⸗ untergeſtimmt, die Angewoͤhnung der Knechtſchaft erzeugt und alle Sehnſucht nach maͤnnlicher Kraft⸗ . 9* 1²0 äußerung und volksthuͤmlichem Leben vernichtet. Vielleicht daß unter der Herrſchaft der verfaſſungs⸗ maͤßigen Monarchie dieſes große Ungluck ganz oder zum Theil wenigſtens gehoben und die nach Außen und Innen verjuͤngte Nation in der Reihe der uͤbri⸗ gen den alten Rang wieder einnehmen wird. Ende des dritten und letzten Baͤndchens. + ——4— l ſ Mſſſſiſſſiſt 12 13 14 15 1 8 9 10 11 6 17 18 19