Die Geschichte von Portugal. Durch Dr. cernst Münch, Großh. Bad. Profeſſor an der Univerſität zu Freiburg im Breisgau. Zweites Bändchen. Dresden P. G. Hilſcherſche Vuchhandlung. 132 Drittes Kapitel. Die Zeiten von Dom Alfon ſo VI., D. Pe⸗ dro II. und Joào V. Reich iſt die Geſchichte des Nachfolgers von D. Joao, ſeines zweiten Sohnes, D. Alfon ſo, an Schmach und Erniedrigung. Schon in fruͤher Ju⸗ gend— will man den etwas einſeitigen und ver⸗ daͤchtigen Berichten aus jener Zeit unbedingt trauen, — hatte der Koͤnig das Ungluͤck, die rechte Seite ſich zu verbrennen. Die Ungeſchicklichkeit der Aerzte, welche durch allzuhaͤufigen Aderlaß das Uebel heilen wollten, zog ihm eine ſtarke Lahmung an jenem Theile des Koͤrpers zu und griff ſeine Gehirnnerven heftig an, alſo zwar, daß ſeine phyſiſche und gei⸗ ſtige Beſchaffenheit ſchon fruhe nicht geringe Be⸗ ſorgniſſe erregte. Das Verſtandesvermoͤgen war au⸗ ßerordentlich geſchwaͤcht; und nun vereinigte ſich mit dieſem ſchlimmen Zufalle noch der Leichtſinn der El⸗ tern und Erzieher, um das beſſere Weſen des un⸗ glucklichen Fuͤrſten noch vollends zu Grunde zu rich⸗ ten. Denſelben Seelenzuſtand, an welchem er als Infant gelitten, brachte er auch mit auf den Thron. Sein Anblick erregte daher meiſt Mitleid oder Wi⸗ derwillen. Nur zuweilen hatte er lichthelle Zwis P. I. 1 — ſchenraͤume, in denen ein edles Gemuͤth und ein zertruͤmmerter Verſtand ſich kund gaben. Bald aber ſiegte wieder die Ohnmacht und zerſtorte den fruͤheren Eindruck. Die Tugenden, welche er in dieſen Augenblicken offenbarte, halfen ſodann ge⸗ woͤhnlich die Achtung gegen ihn mehr vernichten, als die meiſten ſeiner Fehler. Es wußte der Monarch niemals, was Verſtellung ſey; was der Wahrheit gemaͤß war, ſagte er Jedermann keck heraus. Auch wurde er weder durch Zeit, noch Ort, noch Perſon von freimuͤthigen Aeußerungen zuruͤckgehatten; in ſeiner Entruͤſtung redete er Jeglichem das Gute und Boͤſe, was er nur je von ihm ſagen gehoͤrt, gera⸗ dezu in's Angeſicht. Freigebig von Natur, verlor er dennoch alle Fruͤchte eines angebornen Hanges zur Großmuth, und ſie nahm den Charakter der Verſchwendung an, da ſeine Gnade unwuͤrdigen Perſonen ſich erſchloß, und verdienſtvollere von ſich ſtieß. Es fehlte Alfonſen nicht an Erhabenheit des Geiſtes: aber die durch keine Grundſaͤtze geregelte Richtung deſſelben riß ihn zu dem Wahne fort, daß er ein kraͤftiger Menſch, ja ein Held ſey, und ver⸗ leitete ihn nicht ſelten zu geringerer Schaͤtzung von Menſchenleben, als einem Koͤnige von Talent und Gerechtigkeitsliebe gebuͤhrt. Auch der Wolluſt war er zu ſehr unterthan. Die Intriken eines foͤrmli⸗ chen Harems, welchen er unterhielt, beſchaͤftigten ihn mehr, als die großen politiſchen Verhaͤltniſſe, an welche Portugals Selbſtſtaͤndigkeit und Natio⸗ nalruhm ſich knuͤpften. Dennoch hielt ſeine phyſi⸗ ſche Tuͤchtigkeit mit der luͤſternen Begierde, die ihn raſtlos verzehrte, keinesweges gleichen Schritt. Der 3 Ruf ſprach ihm alles Vermogen ab, Kinder zu zeu⸗ gen, und gab das Mädchen, welches als ſeine Tochter erzogen wurde, als das erborgte Kind eines Fremden aus. Dieß iſt das Gemaͤlde, welches der Abgeſandte Englands am Hofe zu Lisbva, Herr Robert South⸗ well, von D. Alfonſo entworfen hat. Die Gegner der Jeſuiten dagegen halten den Englaͤnder, wie viele Andere, durch die von dem Orden verfälſchte allge⸗ meine Meinung uͤber D. Alfonſo getaäuſcht, und dieſen Letztern fuͤr ein Opfer prieſterlicher Rache, da er den Jeſuiten und ihren Einrichtungen jederzeit ſehr veraͤchtlich begegnet. Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Ein Menſch von dunkler Herkunft und Be⸗ ſchaͤftigung, der Genueſer Antonio Conti, Mei⸗ ſter im Ballſpiele und andern kindiſchen Kuͤnſten, ge⸗ wann das ganze Herz des unbeſchäftigten Koͤniges, welcher freilich noch gleichſam Knabe und zu Regie⸗ rungsgeſchaͤften abſichtlich niemals erzogen worden war. Allmälig ſtieg Conti von Wuͤrde zu Wuͤrde, und von Auszeichnung zu Auszeichnung, daß ſelbſt die Geſchaͤftsträger des Auslandes, um ihre Abſich⸗ ten deſto leichter zu erreichen, mit ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit ihn beehrten. Die Koͤnigin Leonor, ſeine Mutter, ſtand im Verdachte, die Thorheiten und Ausſchweifungen, welche der minderjaͤhrige Fuͤrſt, vereint mit ſeinem Günſtlinge und andern Freaturen ſeiner Neigung, beging, nicht nur auf keinerlei Weiſe verhuͤtet, ſondern ſogar beguͤnſtigt zu haben, in der geheimen Abſicht, die Liebe der Portugieſen zu dem geſetzmaͤßigen Herrſcher dadurch zu ſchwaͤchen, und ſich ſelbſt einen ausſcliehenden 4 Einfluß in die Staatsangelegenheiten zu bahnen. Es iſt zu vermuthen, daß mehr die Sorge fuͤr den Glanz des Hauſes, welcher durch Alfonſo's Untuͤch⸗ tigkeit bedroht wurde, als unmuͤtterlicher Sinn Donna Leonor's, die meiſte Schuld an dieſem Sy⸗ ſteme trug. Vom Jahre 1662 an ging ſie darauf aus, den zuͤgelkoſen mehr in die Zucht zu nehmen, und den längſt gehegten Plan zu vollfuͤhren. Die erſte oͤffentliche Beſchimpfung wurde demſelben durch den mit ihr einverſtandenen Herzog von Cadaval, gleichfalls Werkzeug der Jeſuiten, zugefuͤgt. Im Namen der Mutter, der Geſchwiſter und der Na⸗ tion wurde er in feierlicher Hofverſammlung ver⸗ mahnt, eine ſeines Hauſes und Volkes wuͤrdigere Lebensart zu waͤhlen. Noch weiter ging man einige Zeit darauf. Der Koͤnig Alfons wurde ploͤtzlich, als alle Großen des Reiches bei Hofe verſammelt waren, zu ſeiner Mutter beſchieden, und mit Ein⸗ verſtaͤndniß derſelben und des Herzogs von Cadaval, der Palaſt geſperrt. Conti, ſeinen Bruder und den dritten Guͤnſtling, Matos, ſchleppte man auf ein ſegelfertiges Schiff und fuͤhrte ſie nach Braſilien 1 ab. Darauf mußte der Koͤnig vor allem Hofvolke und Adel ein foͤrmliches Klagelied uͤber den betruͤb⸗ ten Zuſtand und ein ausfuͤhrliches Verzeichniß von allen Drangſalen vernehmen, in welche das Reich durch ſein Betragen gerathen ſey. Dieſem folgte 2 eine ernſtliche Bußpredigt, unterſtuͤtzt durch Bitten und Drohungen. Alfonſo war aller Verhaͤltniſſe und Intriken ſo ganz unkundig, daß er, naiv genug, den ihn beglei⸗ 5 tenden Obriſt-Jägermeiſter fragte, ob dieß wohl der Reichstag ſey, von welchem man ſchon ſo oft und ſo Vieles ihm vorgeſagt? In ſeinen Zimmern wurde ihm, nach beendigter Ceremonie des Hand⸗ Kuſſes, uͤber das Vorgefallene klarer Wein einge⸗ ſchenkt und die Entfernung der Conti's, als nothwen⸗ dig fur ſeine und des Reiches Sicherheit, mitge⸗ theilt. Er vernahm nun auch hier noch gute Lehren in Menge. In ſeinem Innern bruͤtete aber Rache. Er war auf einmal wieder zur Erkenntniß ſeiner Stellung und ſeiner Schmach gekommen. Gleich des folgenden Tages, nachdem jene de⸗ muͤthigende Scene vorgefallen, ritt der Koͤnig aus, und befahl, daß der Graf von Caſtel⸗Melhor, der einzige Grande, zu welchem er Vertrauen gefaßt, und der in ſeinem Intereſſe auch aufrichtig wirkte, noch für eine Woche den Dienſt verſehe. Am Tage darauf heſuchte Alfonſo ſeine Mutter, und erkun⸗ digte ſich, wie von ungefaͤhr, nach den Conti's. Aus der ungewohnlichen Faſſung, die der Konig beobach“ tete, ahnten Viele nicht das Beſte fuͤr die Macht⸗ haber; die Koͤnigin ſelbſt, als ſie den Grafen Ca⸗ ſtel⸗Melhor an der Seite deſſelben und in ziemlich lebhafter Unterhaltung ſah, faßte den neuen Guͤnſt⸗ ling am Arme und fluͤſterte die bedeutungsvollen Worte ihm zu:„Graf, wohl kenn' ich des Koͤniges großes Vertrauen zu Euch; ſollte er aber das Ge⸗ ringſte wider meinen Willen thun, ſo buͤßet Ihr mir's mit Euerm Kopfe!“— Caſtel⸗Melhor ver⸗ neigte ſich ſtumm, klagte aber die ſtolze Drohung ſeinem Herrn, Dom Alfonſo, welchem er zu⸗ gleich uͤber die ſchimpfliche Rolle, die man dem 6 rechtmaͤßigen Monarchen zugedacht, die Augen oͤff⸗ nete. Der Koͤnig faßte den Entſchluß, endlich ein⸗ mal ſelbſt zu regieren. Er reiſte, begleitet von dem Grafen, nach Al⸗ kantara; dorthin wurden einige Staatsraͤthe, und ein Theil des Adels beſchieden; ſodann in alle Pro⸗ vinzen die Nachricht verbreitet, daß D. Alfonſo nun⸗ mehr allein das Steuer fuͤhre. Trotz der Gegen⸗ anſtrengungen Donna Leonor's, nahmen die Sa⸗ chen fuͤr den Konig die guͤnſtigſte Wendung, und ſie uͤbergab demſelben, am 23. Juni 1662, in Ge⸗ genwart des Infanten, des Hofes und der Großen, die Siegel des Reiches, mit den Worten:„Nimm die Siegel, nebſt der Regierung Deiner Laͤnder, welche mir kraft eines Letztwillens Deines koͤnig⸗ lichen Vaters, meines Gemahls und Herrn, an⸗ vertraut waren. Ich uͤbergebe ſie Dir mit aller damit verknuͤpften Vollgewalt. Ich bitte Gott, daß Alles Dir ſo wohl gelingen moͤge, als ich dermal wuͤnſche!“ Bald räumte die Koͤnigin den Palaſt und zog nach Pabegras ſich zuruͤck, wo ſie ſchon des folgenden Jahres ſtarb. Mit großer Klugheit fuhrte jetzt der Graf Caſtel⸗ Melhor, im Namen des Koͤniges, die Regierung; die Verirrungen ſeines Herrn wurden anſtaͤndig be⸗ maͤntelt; das Gute, was zu Tage kam, auf ſeine Rechnung geſchrieben. Man entfernte die einfluß⸗ reichſten Anhaͤnger Leonor's; aber auch die Conti kehrten nicht wieder zuruͤck noch in den Beſitz der alten Gunſt, da der Graf die Sehnſucht des Koͤ⸗ niges nach ihnen durch die ſchlaue Erdichtung einer Verſchwoͤrung, daran ſie Theil genommen, zu tilgen wußte. Dom Pedro, der Mutter Liebling, und Alfonſo gehaßt, ward unter Aufſicht gehalten, je⸗ doch ganz ſeinem Range gemaͤß behandelt. Der ſpaniſche Krieg nahm eine fuͤr die Waffen der Portugieſen glorreiche Wendung. In zwei Schlachten blieben ſie ſiegreich⸗ Die Schmeichelei 665 1665 beeilte ſich, dem Monarchen, welcher mehr als un⸗ ſchuldig an den errungenen Trophaͤen war, den Bei⸗ namen des„Siegreichen“ zu ertheilen. Aber bald verfinſterten ſchwere Gewitterwolken den heitern Himmel, und entluden ſich zuletzt mit zerſtorender Gewalt. Trotz des allgemeinen Geruchtes von der Zeu⸗ gungs⸗Unfaͤhigkeit des Monarchen, beſchloß Caſtel⸗ Melhor aus politiſchen Ruͤckſichten, denſelben zu vermaͤhlen. Doch konnte in der That keine un⸗ gluͤcklichere Wahl in der Perſon der Gattin getrof⸗ fen werden, ſo man Alfonſo zugedacht, als diejenige der ſavoy'ſchen Prinzeſſin Marie Fransoiſe Eliſe von Nemours, bekannter oder beruͤchtigt unter dem Namen der Mademoiſelle d'Au⸗ male. Philibert II., Herzog von Savoyen, hatte zwei Bruͤder, Karl III.(Stammvater der jetzt noch regierenden Dynaſtie) und Philipp hinterlaſſen⸗ welch Letzterer in franzöſiſche Dienſte trat, und von Koͤnig Franz I. das Herzogthum Nemours zu Le⸗ hen erhielt. Sein Enkel, Heinrich, brachte durch die Verbindung mit Anna von Lothringen d'Au⸗ male an ſein Haus. Karl von Nemours⸗Aumale, der einzige Sohn Heinrichs, ſiel 1632 in einem Zweikampfe, und ſomit blieben blos zwei Toͤchter, als Erbinnen der wichtigen Beſitzungen, zuruͤck. 8 Der Graf Caſtel⸗Melhor bewarb ſich um Beide, fuͤr D. Alfonſo, und D. Pedro, zugleich. Die aͤl⸗ tere, Marie Jeannette, zog jedoch Karl Emanuel von Savoyen dem Koͤnige von Portugal vor, und ſo wurde denn die juͤngere Schweſter, Marie Frangoiſe Iſabeau, an denſelben vermaͤhlt; D. Pedro ſollte durch eine Nichte des großen Tuͤ⸗ renne, Mademviſelle von Bouillon, entſchaͤdigt werden. Aber die Ruͤckſichtsloſigkeit der Leidenſchaft vereitelte alle Berechnungen der Staatskunſt. Der Infant faßte heiße Liebe fur die Schweſter ſeines Herrn und Bruders; ſie erwiederte ſolche, und be⸗ ſtieg ſchon das Ehebett mit ehebrecheriſchen Geluſten und Planen. Die Frivolitaͤt des gewiſſenloſen Bi⸗ ſchofs von Laon(nachmaligen Kardinals von Etrees) trug nicht wenig dazu bei, die junge Fuͤrſtin in ihren ſuͤndhaften Geſinnungen zu beſtaͤrken. So wurde ſie denn— nach einer Aeußerung der Ma⸗ demoiſelle von Montpenſier— gleich Anfangs in die Lage verſetzt, zwei Maͤnner auf einmal zu ha⸗ ben und mit zwei Bruͤdern zu gleicher Zeit verheira⸗ thet zu ſeyn. Sie erhielt bald von dem letzten Manne eine Tochter, der, wie alle Welt behaup⸗ tete, ſehr luͤderlich lebte. Es iſt jedoch— faͤhrt die Dame ſehr unbefangen fort, zu hoffen, daß es bei dieſem bleiben werde; denn, obgleich eine aus⸗ ſchweifende Lebensweiſe hinlaͤnglich berechtigte, eine Ehe aufzuheben, ſo könnte ſie doch ihren Mann nicht verlaſſen und einen dritten Bruder heirathen, weil in Portugal keiner mehr zu finden, als der Koͤnig, und der, welcher ihr Mann iſt. 9 Beide herrſchſuchtige Naturen, die Koͤnigin und der Graf, begegneten ſich ſehr bald feindlich auf ihrem Wege. Erſtere ergriff den naͤchſten beſten Vorwand, ſich uͤber die Spaͤrlichkeit ihrer Ein⸗ künfte, uͤber geringſchaͤtzige Behandlung und uͤber kränkenden Ausſchluß von allen Regierungsgeſchaͤf⸗ ten gegen den erſten Miniſter zu beklagen. Der Staatsſekretär, D. Antonio Souſa de Ma⸗ cedo, als Geſchichtſchreiber unter den Portugieſen hochachtbar, und von ihr zum Vertrauten dieſer Beſchwerde gewaͤhlt, widerlegte ſie mit Gruͤndlich⸗ keit und Nachdruck. Die Koͤnigin wurde bitter und heftig. Souſa, die Wuͤrde des Staates in dieſem Augenblicke hoͤher achtend, als jede andere Ruͤckſicht, redete in gleichem Tone und es kam zu wechſelſeiti⸗ gen Beleidigungen. Die Koͤnigin bruͤtete Rache, klagte uͤber erlittene Kraͤnkung, wuͤthete ſchonungs⸗ los wider Caſtel⸗Melhor, und vermochte endlich durch Bitten und Raͤnke ſo viel uͤber den gutmuͤthi⸗ gen Gemahl, daß Souſa von den Geſchaͤften und dem Hofe fuͤr eine Weile entfernt wurde. Seiner kraͤftigſten Stuͤtze beraubt, ſtand der Graf jetzt allein da, allen Pfeilen einer auf Empoͤ⸗ rung ſinnenden Partei preisgegeben. Der Infant D. Pedro und die Koͤnigin vereinigten ſich in ihren Anſtrengungen, um auch den verhaßten Miniſter, wie den Staatsſekretaͤr, von der Spibe der Ge⸗ ſchaͤfte zu verdraͤngen. Erſterer ſtellte ſich als in ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit gefäͤhrdet durch den Grafen dar, erhob bittere Klagen uͤber erlittene Kraͤnkungen und machte Anſtalten zur Abreiſe aus Lisbva. Das hetrogene Volk, von den Jeſuiten bear⸗ 10 beitet, murrte. Caſtel⸗Melhor aber erkannte ſein Geſchick, beſchloß zu weichen, und blos noch Si⸗ cherheit fuͤr ſein Leben zu erwirken. Endlich gab Alfonſo, jedoch nicht ohne Thraͤnen, ihm den be⸗ gehrten Abſchied und ſah den einzigen Freund in die Selbſtverbannung gehen. Sein Schickſal theilte bald auch der mittlerweile wieder zuruͤckberufene Staatsſekretaͤr. Der Infant ſelbſt, welcher dem Koͤnige fur dieſe Gefalligkeiten danken zu wollen ſich ſtellte, wurde von ihm nicht vorgelaſſen. Unklug verſäumte der Verlaſſene, den ihm von Souſa und Anderen noch zum Abſchiede gegebe⸗ nen Rath zu befolgen; naͤmlich, daß er, an der Spitze der Beſatzung von Lisboa, welche aus vier Regimentern beſtand, nach Alkantara ruͤcke und dort im Frieden oder mit Gewalt den Bruder zu Aenderung ſeines Benehmens zwinge. Die meiſten Großen verließen die Partei desjenigen, welcher ſich ſelbſt verlaſſen und wendeten ſich dem neuen Geſtirne zu. Waͤhrend Dom Alfonſo unſchluͤſſig hin⸗ und herſchwankte, ob er zu Caſtel⸗Melhor oder zu dem Heere ſich verfuͤgen, oder die Kortes des Reiches zu Aufrechthaltung ſeiner fuͤrſtlichen Wuͤrde verſammeln ſollte, handelten deſto thaͤtiger D. Pe⸗ dro und die Koͤnigin. Am 21. November begab ſich die ſchamloſe Frau in ein Nonnenkloſter, unweit Liſſabon, und kuͤndigte ihrem Gemahle foͤrmlich die Ehe auf, aus dem Grunde, weil ſie von ihm noch immer nicht erkannt worden und der Koͤnig unfaͤhig ſey, die Ehe mit ihr zu vollziehen. Zornentbrannt eilte Alfonſo nach dem Kloſter, deſſen Pforten jedoch 11 ihm nicht geoffnet wurden. Er drohte, ſie zu ſpren⸗ gen; aber in demſelben Augenblicke erſchien der In⸗ fant, erſuchte den Koͤnig, keine Gewalt zu brauchen, ſondern mit ihm in den Palaſt zu kehren, allwo die Sache fuͤglicher, als in dieſem Kloſter, verhandelt werden koͤnnte. Die Koͤnigin legte inzwiſchen mit verſtellter Entſagung ihren Titel ab, ſchrieb ſich blos Marie Francoiſe Iſabelle von Savoyen und brachte bei dem Domkapitel ihre Eheſcheidungs⸗ Klage in aller geſetzlicher Form an. Des Tages darauf kam auf ihren Wunſch der 22. Nov. Staatsrath in das Kloſter, Vor dieſem erneuerte ſie ihre Klage und uͤbertrug ihm vertrauensvoll die Entſcheidung. Die beſtochene Verſammlung eilte ſofort auch zum Monarchen und forderte von ihm ſowohl die Erledigung der Beſchwerden der Koͤnigin, als die Ernennung D. Pedro's zum Mitregenten. Alfonſo verweigerte Beides; und nun zeigte ſich die Empoͤrung in ihrer wahren Geſtalt. Der Herzog von Cadaval eilte zum Infanten, und derſelbe, von einer zahlloſen Volksmenge begleitet, und ſeines Spieles bereits ſicher, erſchien jetzt ſchon mit der Miene des Herrſchers im Palaſte. Umſonſt ver⸗ ſuchte der Koͤnig zu fliehen; alle Ausgaͤnge waren beſetzt. Der Bedraͤngte ſendete in ſolcher Bedraͤng⸗ niß nach ſeinem geheimen Rathe wieder, und erklaͤrte ſich willig, in die Wuͤnſche der Mißvergnuͤgten ein⸗ zugehen. Noch au demſelben Abende ward demnach D. Pedro zum Reichsverweſer und Oberfeldherrn ausgerufen, und als Wiederherſteller der Gerechtig⸗ keit in den Straßen des verraͤtheriſchen Liſſabon begruͤßt. In der Nacht unterſchrieb D. Alfonſo die 12 Abdankungsurkunde, und empfing dafuͤr das Her⸗ zogthum Braganza und das Verſprechen eines Jahr⸗ gehaltes von 100,000 Thalern. Nur die Erklaͤrung der Nichtigkeit ſeiner Ehe verweigerte er ſtandhaft, dem Vernehmen nach, aus religioͤſen Gruͤnden. Aber der Infant kehrte ſich nicht hieran, ſondern nahm von dem Bette wie von dem Throne ſeines Bruders zu gleicher Zeit Beſitz. In allen Staͤd⸗ ten und Flecken wurde ihm als Herrn gehuldigt, und die Kortes, welche bereits vor der aͤrgerlichen Scene vom 21. bis 23. November einberufen wor⸗ den waren, beſtaͤtigten, treulos genug, und ihrer Stellung voͤllig uneingedenk, den Uſurpator in ſei⸗ ner Wuͤrdd. Um die Geiſtlichkeit zur Billigung des ehebre⸗ cheriſchen Schrittes zu gewinnen, und das erwa⸗ chende Gewiſſen der Koͤnigin ſelbſt zu beſchwichti⸗ gen, beredeten heuchleriſche Lobdiener des neuen Regenten D. Alfonſo, dem die Beſchraͤnkung der Freiheit unertraͤglich fiel, durch Verheißung voͤlligen Genuſſes derſelben, zu einer ſchimpflichen Erklaͤ⸗ rung, welche er jedoch bald darauf, zumal das ge⸗ gebene Verſprechen nicht erfuͤllt wurde, wieder zu⸗ ruͤcknahm. Eben ſo ſammelte man von luͤderlichen Dirnen, mit welchen der Koͤnig ſich vergangen ha⸗ ben ſollte, erdichtete Geſtaͤndniſſe. Und nun trug das geiſtliche Gericht fuͤrder kein Bedenken mehr, die Eheſcheidung feierlich auszuſprechen, und ſomit auch die gänzliche Freiheit beider Theile, mit ihrer Perſon nach Belieben ſchalten zu koͤnnen. Durch franzoͤſiſche Vermittelung, zumal von Seiten des Kardinals von Vendome und Ludwigs KIV. ſelbſt, 13 erhielt man unſchwer von dem Papſte die erforder⸗ liche Diſpenſation; und der Biſchof von Targa ſprach am 2. April 1668 den Segen der Kirche uͤber einen Bund, welchen der Himmel, die Natur und alle rechtdenkende Menſchen der Geſellſchaft verfluchten. Alfonſo wurde nach dieſen Vorfaͤllen auf die Inſel Tercera gebracht, damit ſeine Gegenwart die Vergnuͤgen des neuen Paares nicht durch Gewiſſens⸗ biſſe beeintraͤchtige, noch den Mißvergnuͤgten An⸗ laß zu einer Gegenrevolutivn verſchaffe. So wurde denn ſelbſt die einzige Bedingung, an welche der Koͤnig ſeine Abdankung geknuͤpft hatte, von dem eingedrungenen Regenten nicht erfuͤllt. Mittlerweile war der Krieg mit Spanien von Zeit zu Zeit fortgeſetzt worden, ohne daß jedoch be⸗ ſonders hervorſtechende Thaten denſelben denkwuͤr⸗ dig gemacht haͤtten. Noch unter der Koͤnigin Leo⸗ nor Regimente wurde von den Portugieſen Bada⸗ joz belagert, dagegen von den Spaniern Elvas. Beide Feſtungen hielten ſich; Olivenza aber war in die Haͤnde der Feinde gefallen. Im Ganzen blieb die Ehre des Kampfes mehr bei Portugal, als bei Spanien, aber man ſah auch bei jenem keine Spur mehr von dem alten ritterlichen Geiſte, der unter den Alfonſo's, Manvelen und Joäo's einſt ſo Gro⸗ ßes vollbracht. Der Kardinal Mazarini, wel⸗ chem Portugal taͤglich ein unbequemerer Verbuͤnde⸗ ter war, und welcher deſſelbigen willen in den an⸗ geknuͤpften Friedens⸗Unterhandlungen zwiſchen Spanien und Frankreich ſich außerordentlich beengt fuhlte, gab es im pyrenäiſchen Frieden ſo viel als auf. Dafur ſchloß Portugal an England inni⸗ 14 ger, als bisher, ſich an, beſonders durch den Ver⸗ trag von 1660, vermoͤge welchem Schiffe, Trup⸗ ven, Waffen und Geld, je nach Bedürfniß, geliefert wurden und Koͤnig Karl II. die Prinzeſſin Katha⸗ rina zur Ehe nahm. Die Siege des Grafen von Schomberg, welcher in die Dienſte Portugals ſich begeben hatte, dienten nicht wenig dazu, den Thron wider Spa⸗ niens Angriffe zu befeſtigen. Kaum waren die Angelegenheiten hinſichtlich der Vermaͤhlung zwiſchen Ludwig XIV. und der In⸗ fantin Donna Maria Thereſia von Spanien been⸗ digt, als D. Felipe W. zu nachdruͤcklicherer Be⸗ kaͤmpfung des abtruͤnnigen Vaſallen, wie man noch immer den Monarchen von Portugal betrachten mußte, ſich entſchloß. D. Luis de Haro, der Hauptdiplomat bei Abſchluß des pyrenaͤiſchen Frie⸗ dens, ſuchte beſonders die vor Elvas empfangene Schmach zu raͤchen, und uͤbertrug daher, indem er die meiſten Maßregeln der damaligen Regierung beſtimmte, den Oberbefehl uͤber ſaͤmmtliche ſpaniſch⸗ italieniſche Truppen an D. Juan von Heſter⸗ reich. Derſelbe nahm hinter einander Hriguela, 1601 Arronches und Alconcel ein. Im folgenden Jahre fielen auch Villabuis, Borba, Gerumegna, Aveiro, 1 Monteforte, Crato und Oguela in ſpaniſche Haͤnde, 1 und die Lage des Reiches nahm einen ziemlich kriti⸗ ſchen Charakter an. ¹ Waͤhrend dieſer Verluſte ſtand die Heeresmacht der Portugieſen bei Villavicioſa unthaͤtig und muth⸗ los. Erſt der Fall von Evora und von Alkazar do Sol(unweit Setubal), ſo wie ein Aufſtand des 1⁵ Volkes zu Liſſabon, welches uͤber die Feigheit der Heerfuͤhrer und die Untuͤchtigkeit der Miniſter murrte, nothigte die Erſteren zu kraftvolleren An⸗ ſtrengungen. So eben hatte Don Juan, nach ge⸗ hoͤriger Beſetzung Evora's, zum Ruͤckzuge ſich ange⸗ ſchickt, als er bei Almexial auf den Oberfeldherrn der Portugieſen, Graf Manvel von Villaflor (ein Name, auch in den neueſten Zeiten hochacht⸗ bar und gefeiert), ſtieß, und entſcheidend von die⸗ ſem auf das Haupt geſchlagen wurde. Er verlor daruͤber ſeine Stelle, und der Marquis von Cara⸗ cena wurde ſein Nachfolger. Aber derſelbe war nicht glucklicher, ſondern erlitt durch Marialva und Schomberg ebenfalls entſcheidende Niederlagen. Das meiſte Verdienſt dieſer für das politiſche Da⸗ ſeyn Portugals ſo wichtigen Kriegs⸗Ereigniſſe muß nicht nur auf das Genie Schombergs und die Tap⸗ ferkeit Villaflors, ſondern auch auf die trefflichen Anordnungen des Grafen von Caſtel⸗Melhor kommen, welche dieſer, hinſichtlich der Wahl der Anfuͤhrer und der Leitung des Ganzen, an den Tag legte. Der Graf, obgleich in vielen Dingen mit dem tapfern und intrikanten Schomberg uneins, wußte dennoch ſeine Verdienſte um das Land zu wuͤrdigen. Bei dem Thronwechſel, welcher in Folge des Attentates von Dom Pedro Statt gefun⸗ den, verlor der Marſchall zwar die bisherige Haupt⸗ ſtuͤtze an dem durch Leonor entfernten Caſtel⸗Mel⸗ hor; aber da der gewandte Franzoſe aus natuͤrlichen Gruͤnden leicht in eine Sache einging, welche in ſeinem Vaterlande Billigung und Beiſtand, ja viel⸗ leicht Miturheber und Werkzeuge gefunden, ſo war 16 auch die neue Regierung bald von den Verdienſten des Marſchalls uͤberzeugt. Nachdem Dom Pedro auf alſo gewaltthaͤtige und alles Voͤlker⸗ und Fuͤrſtenrecht hoͤhnende Weiſe das Steuer der Regierung an ſich geriſſen, trachtete er, durch den Ruhm eines Friedensſtifters die ſchwarze That des Hochverrathes zu verſchleiern. Die Unterhandlungen wurden, nach Philipps IV. Tode(waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit vovn Dom Karlos II.), angeknuͤpft. Frankreich fand die Sa⸗ che verſchiedenen Planen widerſtreitend, und wen⸗ dete darum alle Kuͤnſte des Betruges, beſonders durch das Organ ſeines Geſandten, des Abbée von St. Romain, an, ihre Vereinigung zu verhin⸗ dern. Die Koͤnigin von Portugal ſelbſt fuͤhlte in ſich mehr das Blut der Heimath, als das der Fuͤr⸗ ſtin des Landes, deſſen Krone ſie trug, fuͤr das ſie heilige Verpflichtungen uͤbernommen, und das ſie, um ihrer Herrſchſucht und Leidenſchaft willen, in ſo große Verwirrung geſtuͤrzt hatte. Die engliſchen Geſandten zu Lisboa und Madrid unterſtuͤtzten da⸗ gegen das Friedenswerk aus allen Kraͤften und der Juiz do Povo, von ihnen gewonnen, zwang den von St. Romain durch Androhung von Gewalt⸗ that des Volkes zum Stillſtande in ſeinen politiſchen Operationen. Am 13. Februar 1668 ward der heiß⸗ erſehnte Friede endlich geſchloſſen. Die katholiſche Majeſtaͤt anerkannte jene von Portugal; alles er⸗ 1 oberte Staatsgebiet wurde wechſelſeitig zuruͤckgege⸗ ben, nur daß Spanien Ceuta behielt, in deſſen Beſitze es auch bis den heutigen Tag geblie⸗ ben iſt. 17 Waͤhrend Portugal von dieſer Seite her und für ſein europaͤiſches Staatsgebiet geſichert wurde, entriſſen ihm die Hollaͤnder in Oſtindien noch ziem⸗ lich alles daſelbſt Beſeſſene(als Manara, Jaffa⸗ napatam, Negapatam, Coulan, Cranganor, Car nanor und Cochim); ſo daß blos noch Goa ſeiner Herrſchaft unterthan blieb. Der Vertrag von Haag machte dem Kampfe in dieſen Weltgegenden, wel⸗ cher Portugal vielleicht bald auch die letzte Beſitzung gekoſtet haben wuͤrde, ein Ende; zum Nachtheile fur die Menſchheit. Denn, waͤre Goa an die pro⸗ teſtantiſchen Hollaͤnder gefallen, ſo wuͤrde die ſcheus⸗ liche Inquiſition, welche daſelbſt furchtbarer, als al⸗ lenthalben ſonſt in Portugal, Spanien und Italien wuͤthete, fruher vernichtet worden ſeyn. Wir uͤbergehen die erſte Kardinalsernennung, welche Portugal in der Perſon des Biſchofes von Laon(als Kuppelpelz fur ſeine Verdienſte um D. Pedro's Heirath mit Marie Francviſe) ausuͤbte; eben ſo auch die neuen Intriken Frankreichs, durch welche dieſe Macht Portugal zu abermaligem Bruche mit Spanien verleiten wollte, um gegen die Nie⸗ derlande eine bequeme Diverſion zu erhalten; wir bemerken nur, daß ſelbſt der entthronte Koͤnig D. Alfonſo zur Theilnahme an einem Unternehmen wider D. Pedro verlockt wurde. Merkwurdig ge⸗ nug, war es dießmal der Geſandte von Spanien, welcher die erſten Spuren davon entdeckte und dem faktiſchen Beherrſcher der Portugieſen mittheilte. Der rechtmaͤßige Koͤnig, welcher bei dieſem Anlaſſe 1669 die Wiedereinſetzung in ſeine Wuͤrde gehofft, wurde, P. II. 2 18 nach alſo vereiteltem Plane, in Snate Aufſicht, 1675 als bisher, genommen. Dom Pedro ſuchte einige Jahre pe ſeinen Glanz und Reichthum durch eine innige Verbindung mit dem Hauſe Savoyen zu erhoͤhen, und leitete deßhalb, ganz beſonders darin von ſeiner Gemahlin unterſtuͤtzt, eine Heirath zwiſchen dem Herzoge Vit⸗ torio Amadeo(nachmals Koͤnige von Sardinien) und ſeiner mit Marie Francviſe erzeugten Tochter, ein. Zu Erreichung dieſes Zweckes und zu Beſeitigung der obwaltenden Hinderniſſe wurden in der alten Reichsverfaſſung nicht unbedeutende Aenderungen vorgeſchlagen und von den bereitwilligen Kortes ge⸗ nehmigt. Aber es fand die Sache in Savoyen ſelbſt ſo viele Widerſpruͤche, und an den Staͤnden dieſes Her⸗ zogthums, welche aus mehr als einem politiſchen Grunde dem Plane abhold waren, ſo hartnaͤckige Widerſacher, daß ſie gaͤnzlich ſcheiterte. Der Koͤ⸗ nig Alfonſo und deſſen ehebrecheriſche Gattin ſtar⸗ 1683 ben darauf in einem und demſelben Jahre, nachdem keines von beiden auf dem politiſchen Welttheater eine beſonders ruhmvolle Rolle geſpielt. Nun erſt ſaß D. Pedro II. als allgemein anerkannter Koͤnig auf dem luſitaniſchen Throne, den er bis dahin durch eben ſo viele Vergehen entweiht, als jener erſte Pedro einſt durch Tugenden geziert hatte. 19 Viertes Kapitel. Dom Pedro I. als rechtmaͤßiger Konig⸗ Dom Joao V. und ſeine Wirkſamkeit. Dom Joſé I. Die Anfaͤnge des Mar⸗ quis von Pombal. Eine zweite Verbindung mit Marie So⸗ phie von der Pfalz, deren zwei Schweſtern Kaiſer Leopold I. und Koͤnig Karl I. von Spa⸗ nien geehelicht, ſchien den Intereſſen der Krone ſehr gemaͤß. Der Geſchichtſchreiber Joào's II., Graf Tellez de Silva⸗Villa⸗Major, war als Braut⸗ werber nach Heidelberg abgegangen. Deſto ungluck⸗ licher war der an den Kaiſerhof nach Wien abgegan⸗ gene Geſandte, Prinz Charles Procope de Li⸗ gnes. Die Leidenſchaft des Spieles, in welchem dieſer unmaͤßige Summen verlor, verleitete ihn, nachdem er lange Zeit in jener Reſidenz einen un⸗ gewöhnlichen Aufwand ſich erlaubt hatte, zum Meu⸗ chelmorde wider einen oſterreichiſchen Großen, den Grafen Ferdinand von Hallwyl, Schweizer von Geburt, jedoch Kammerherrn des Kaiſers und in deſſen beſonderem Vertrauen. Die Urſache des Streites war, daß der Letztere weniger zart in Be⸗ wahrung des Geheimniſſes einer Spielſchuld ſich erzeigt hatte, als der gewoͤhnlichen Sitte diploma⸗ tiſcher Incroyables ſonſt angemeſſen iſt. Die An⸗ gelegenheit nahm die Geſtalt einer Cause célèbre an und zwang den Wiener Hof, einen Mann zu⸗ ruͤckzuweiſen, den die Acht der oͤffentlichen Mei⸗ nung getroffen, den die Polizei kraͤftiger, als das Geſandtenrecht, vor der Rache des uͤber den Meu⸗ * 1687 2 chelmord erbitterten Volkes ſchutzte, und der in der That auf eine in den Annalen der Diplomatik un⸗ erhoͤrte Weiſe die Wuͤrde ſeines Monarchen beein⸗ traͤchtigt hatte. Nach kurzer Ungnade wurde der Fuͤrſt gleichwohl wieder zu Ehren gezogen, da es an Fuͤrſprechern und Vertheidigern ſeiner Frevelthat nicht fehlte, und er ſtarb, beruͤhmt als einer der gruͤndlichſten Rumismatiker, in wiſſenſchaftlicher 1709 Zuruͤckgezogenheit zu Venedig. Trotz der ernſtlichſten Abſicht D. Pedro's, mit allen europaͤiſchen Maͤchten in Frieden zu leben, ge⸗ rieth er dennoch in Weſtindien mit Spanien ſowohl als mit Frankreich, wegen neuer Niederlaſſungen 698 derſelben, in Fehde, die der Friede zu Utrecht zuletzt ausglich. In dem beruͤchtigten Handel der ſpani⸗ ſchen Erbfolge erklaͤrte ſich der Koͤnig, nach einigem Schwanken, fuͤr den Theilungsvertrag: nachmals ſchloß er mit Philipp von Anjou ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß. Dieſer Umſtand gereichte ihm bei neuen Wirren, die uͤber der Kolonialangelegenheit mit Frankreich entſtanden, zu nicht geringem Vor⸗ theile. Allein die Geſinnungen und die Grundſaͤtze der Koͤnige und Furſten jener Zeit waren die unzu⸗ verlaͤſſigſten und niedertraͤchtigſten von der Welt. Nur in wenigen wurde der hohe ſittliche Adel noch erfunden, welcher von der Majeſtät un ertrennlich ſeyn muß, damit ſie ſtets die Aufgabe erfuͤlle, welche als ihr charakteriſtiſcher Beruf angeſehen wird; naͤm⸗ lich das Bild der ewigen Vorſehung und Gerechtig⸗ keit auf Erden darzuſtellen. Luͤge, Heuchelei, Will⸗ kuͤr, Feigheit, Verfolgung und Fanatismus wa⸗ ren die herrſchenden Wuͤrgengel des oͤffentlichen Ver⸗ 2 trauens, welche die Kabinete damals faſt uͤberall ausgeſendet, und mit den phyſiſchen und moraliſchen Kraͤften der Voͤlker wurde niemals ein ſchnoͤderes Spiel getrieben. Die edelſten Zeitgenoſſen unter Fuͤrſten, Staatsmännern, Feldherren, Prieſtern und Gelehrten leiſten Buͤrgſchaft fuͤr dieſe Behauv⸗ tung. So geſchah denn, daß auch Dom Pedro bald wieder ſein politiſches Syſtem ermaͤßigte, und nachdem er, ſo lange ſein Vortheil damit in Ver⸗ bindung geſtanden, die Sache der franzoſiſchen Partei unterſtuͤtzt hatte, nun auf einmal zur großen Koalition ſich ſchlug, welche mehr Sicherheit und Vortheil, als die bisherigen Verbuͤndeten, Louis XIV. und Philippe von Anjon, ihm darboten. Der plotz⸗ liche Tod ſeiner Tochter, Donna Thereſa, welche fuͤr Karl III. beſtimmt war, veraͤnderte die ſehr guͤnſtige Konſtellation, und im Utrechter Frieden erntete Portugal keinesweges die erwarteten Fruͤchte. Der Koͤnig ſelbſt ſtarb nicht lange nach jenem unangenehmen Vorfalle, an einem Schlag⸗ fluſſe, im ſechzigſten Jahre ſeines Alters, und zwar ehe noch der ſpaniſche Erbfolgekrieg die bekannten, hochwichtigen Ergebniſſe herbeigefuͤhrt. Mit edleren Geſinnungen und Lebenszwecken, gleich als häͤtte er getrachtet, die Verbrechen und Irrthuͤmer des Vaters zu ſuͤhnen, ergriff Dom Joao V. das Ruder der Regierung. Obgleich mit Heſterreich verſchwaͤgert, ſchloß er dennoch gern den Frieden, welcher auch ihm zu Utrecht geboten wurde. Darauf erfolgte mit Spanien die Ausſoͤh⸗ nung. Für ihn hatte das traurige Geſchaͤft kriege⸗ riſchen Ruhmes keinen Reiz und die Kuͤnſte und 1706 1717 22 Denkmale des Friedens galten ihm mehr, als die glaͤnzendſten Trophaen, errungen durch der Unter⸗ thanen koſtbares Blut, durch der Laͤnder wechſel⸗ ſeitigen Ruin und den noch traurigeren Untergang altgeheiligter Grundſaͤtze des Rechtes und der Bil⸗ ligkeit. Darum zaͤhmte er von nun an, ſo viel an ihm lag, das ſtets bereitwillige Schwert ſeiner Krie⸗ ger, welches damals von mehr als einem hochge⸗ feierten Kriegsmeiſter in Europa gluͤcklicher gefuͤhrt wurde, denn das heldenarme Portugal zu liefern vermochte. Die Wiſſenſchaft und die Religion er⸗ fuͤllten ihn ausſchließlich mit großartigen Planen zu ihrer Erhebung und Verherrlichung. Vor allem richtete er ſeine Sorgfalt auf vollſtaͤndige Samm⸗ lung der Quellen von Portugals fruherer Geſchichte, auf kritiſche Forſchung und zierlichere Darſtellung, als bisher geſchehen. Zwei Akademien, die eine ausſchließlich dieſem Zwecke, die andere aber wiſſen⸗ ſchaftlichen Beſtrebungen im Allgemeinen geweiht, gehoͤren zu ſeinen vorzuͤglichſten Schoͤpfungen. Die Landeskirche verdankte ihm die Wuͤrde eines Pa⸗ triarchen, welche der Erzbiſchof von Lisbva von nun an bekleidete. Aufgeklaͤrtere Patrioten erſahen freilich barin eine uͤberfluſſige Ausgabe mehr fuͤr das Land, und der romiſche Hof machte ſich fuͤr die dem Koͤnige dießfalls erzeugte Gefaͤlligkeit ſo ziem⸗ lich auf andere Weiſe bezahlt. Dom Thomas d'Al⸗ meida, Biſchof von Porto, war der erſte Praͤlat, den der Koͤnig und der Papſt zum Patriarchen er⸗ nannten. Fuͤnf Jahre nach dieſem gluͤcklichen Ereigniſſe, worauf der Hof von Lisboa nicht wenig ſich zu Gute 23 that, veranſtaltete man, zu Befeſtigung des freund⸗ ſchaftlichen Verhaͤltniſſes zwiſchen beiden Maͤchten, eine Wechſelheirath einerſeits zwiſchen dem Prinzen von Braſilien, Dom Joſe Manoel und der Infantin Maria Vittoria von Spanien; ſodann aber andrerſeits zwiſchen dem Prinzen von Aſturien und der Prinzeſſin Maria Barbara von Portugal. Beide Verbindungen wurden mit aller erdenklichen Pracht gefeiert. 1725 Eine Kardinalsernennung, woruͤber der Koͤnig und der Pavſt(Klemens Kl., ſo wie ſeine beiden Nachfolger Innozenz KIII. und Benedikt XIII.) verſchieden dachten, verwickelte D. Joào in unan⸗ genehme Eroͤrterungen, die jedoch unter Kle⸗ mens XII. ihr gluͤckliches Ende nahmen; von ern⸗ ſterer Natur und wichtigeren Folgen ward eine Fehde des portugieſiſchen Geſandten Belmonte zu Ma⸗ drid, das Aſylrecht betreffend, welche durch eben ſo eigenmaͤchtige Einmiſchung jenes Diplomaten in die Landesrechte und Landesgerichtsbarkeit als durch willkuͤrliche Genugthuung, die der ſpaniſche Pre⸗ mierminiſter, und der Konig D. Joäo, gegenſeitig auf Koſten des Geſandten⸗Rechtes nahmen, ver⸗ anlaßt wurde. Der Zwiſt verwandelte ſich, durch die Bitterkeit der Verhandlung, in foͤrmliche Feind⸗ ſeligkeit; Portugal machte die alten Buͤnde mit Großbritannien geltend und begehrte deſſen Bei⸗ ſtand. In der That erſchien eine engliſche Flotte im Tajo, beſtehend in 25 Kriegsfahrzeugen, zum Schutze von Liſſabon. Doch wurde durch Groß⸗ britannien ſelbſt und durch Frankreich, welchen ein Krieg von dieſer Seite nicht in ihren politiſchen Planen lag, die Sache auf diplomatiſchem Wege ausgeglichen, und zu Paris unterzeichneten die Ab⸗ d. 16. Wärz geordneten von Spanien und Portugal einen neuen 1757 Freundſchaftsvertrag. Was weiland der ritterliche Konig Sebaſtian, als treuer Kaͤmpfer fuͤr Chriſtenheit und Kirche, nicht mehr erlebt, ward jetzt dem gleich frommen D. Jodo vom Papſte verliehen, namlich der Titel eines„allergetreueſten Koͤniges.“ Er blieb erblich in der herrſchenden Dynaſtie, und man muß geſtehen, daß die Monarchen von Portugal dieſen Beinamen mehr gerechtfertigt, als— Ludwig den Heiligen etwa ausgenommen— ſaͤmmtliche Koͤ⸗ nige der Franzoſen jenen der„allerchriſtlichſten Majeſtaͤt.“ Einen ſprechenden Namen haͤtte er wohl fuͤr ſeine Verſuche zu Linderung ſchwerer Lei⸗ den der durch Fanatismus verſolgten Menſchheit und zu Beſchuͤtzung der Unſchuld gegen prieſterliche Grauſamkeit verdient; denn unter allen Fuͤrſten des Suͤdens, welche das ſchaͤndliche Inſtitut der Inquiſition nicht nur dulden, ſondern ſogar unter⸗ ſtützen mußten, verfiel er zuerſt auf den Gedanken von der ungeſetzlichen und unchriſtlichen Natur deſ⸗ ſelben; und da er zu Unterdruͤckung des Ganzen weder Muth noch Kraͤfte genug beſaß, ſo trachtete er zum mindeſten, Reformen im Sinne der Menſch⸗ lichkeit darin einzufuͤhren und ſeine uͤbermaͤßige Ge⸗ walt zu beſchraͤnken. Im Jahre 1750 ſtarb er, be⸗ weint von allen Unterthanen. Sein Charakter liegt in den Thaten ſeiner Regierung ausgeſprochen, deren wir erwaͤhnt. 25 Mit ſeinem Sohne, D. Joſeé I., beginnt eine neue Periode, nicht nur in der Geſchichte Portu⸗ gals, ſondern in der der europäiſchen Kultur und Po⸗ litit. Der Name des Monarchen prangt freilich von nun an bloß zum Scheine und als die vergoldete Thurmſpitze eines Gebaͤudes, welches ein Miniſter von allgewaltigem Einfluſſe, von dem hellſten Gei⸗ ſte, den durchgreifendſten Ideen und der unerſchuͤt⸗ terlichſten Willenskraft, umlagert von einer Legion unverſoͤhnlicher Gegner, außzufuͤhren ſich erkuͤhnte. Es war D. Sebaſtian Joſeè de Carvalho el Mello, Graf von Heyras, Marquis von Pom⸗ bal, welcher, ſeiner Nation an geiſtiger Bildung weit voraus, dieſelbe zur Huldigung der Ideen der neuen Zeit zu zwingen, und Wohlthaten, die ihr Laſten ſchienen, aufzudringen den Muth hatte. Vor ſeiner Wirkſamkeit verſchwindet das koͤnigliche Schattenbild, nur gebrauchbar fuͤr Ausſchmuͤckung von Feſtzuͤgen und Unterzeichnung von Bluturthei⸗ len, in den Hintergrund, und die Geſchichte Pom⸗ bals iſt die von Portugal in einer Reihe von tha⸗ tenſchweren Jahren. Darum erfordert ſie auch verhaͤltnißmaͤßig einen großeren Raum, als die un⸗ fruchtbare Reihenfolge vieler Koͤnige, welche außer einigen Vermaͤhlungsfeſten und Hausintriken, eini⸗ gen Kriegs⸗ und Friedensſchluͤſſen und einer Anzahl Thorheiten, die der chronique scandaleuse mehr, als der Hiſtorie heimfallen, nichts fur ihr Land und die Menſchheit Troͤſtliches vollbracht haben. Das Charakterbild des Mannes aber, welchen wir zu ſchildern uns vornehmen, ſchwankt, von Liebe und ¹ Haß gleich ſehr verwirrt; aber in den Annalen der 26 Menſchheit ſteht der Name desjenigen glanzvoll eingeſchrieben, welcher ſelbſt den Fluch einer be⸗ ſchraͤnkten Gegenwart nicht ſcheute, um fuͤr die Nachwelt zu ſaͤen; und den Titel eines Tyrannen gern ertrug, um milderen Sitten und Geſinnungen durch blutbezeichnete Reformen den Weg zu bahnen*). Sebaſtian Joſeph von Carvalho, Sohn eines armen Edelmannes, Manvel Carvalho, und der Donna Thereſia de Mendoza, wurde zu Soure, in der Gegend von Coimbra, 1699, ge⸗ boren. Er erhielt eine ſorgfaͤltige Erziehung und gedachte, auf der Univerſitaͤt Coimbra zum Rechts⸗ gelehrten ſich auszubilden; allein ſein reger Geiſt fand die Nahrung nicht, welche das innere Feuer erſehnte, und er trat aus dem Dienſte der Themis in denjenigen der Pallas, jedoch ohne, wie er ge⸗ hofft hatte, mit Unterſtutzung eines vielvermoͤgen⸗ den Oheims, befoͤrdert zu werden. Nach verſchie⸗ denen fehlgeſchlagenen Hoffnungen— was auf Rechnung eines geheimen Wiberwillens des Koͤni⸗ ges D. Joäo V. gegen Carvalho kam— gelang es ihm endlich, durch den Kardinal Motta, dem er empfohlen worden, die Stelle eines außerordentli⸗ *) Aus den zahlloſen Schriften, die für und wider ombal, beſonders hinſichtlich ſeines Syſtemes gegen die Jeſuiten, erſchienen ſind, nennen wir vvorzugsweiſe die Sammlung von Klauſing, Murrs Geſch. der Jeſuiten in Portugal; die Denkwürdigkeiten des M. v. Pombal und Wolf's Geſch. der Jeſuiten. N chen Botſchafters zu London zu erhalten. Ohne daß er Gelegenheit fand, auf dieſem Poſten ſich auszuzeichnen, mußte er nach ſeinem Vaterlande zuruckkehren, erlebte in Liſſabon mannichfache Aben⸗ tener und wurde, durch triftige Empfehlungen eini⸗ ger Gönner, nach Wien geſendet, um ein Vermitt⸗ lungsgeſchaͤft zwiſchen der Kaiſerin Maria Thereſia und dem Papſte Benedikt XIV. im Namen der Koͤnigin von Portugal, zu betreiben. Leider ge⸗ lang ihm, trotz aller Anſtrengungen und Talente, der Zweck ſeiner Sendung nicht, und er zog ſich dadurch nicht wenig das Mißtrauen ſeines Monar⸗ chen zu, welcher ſchon fruͤher keine vortheilhafte Meinung von ihm gehegt hatte. Eine Haupturſache der zu Wien erlittenen Niederlage war der Umſtand, daß er keinen oͤffentlichen Charakter bekleidete, und zu ungenuͤgende Vollmachten erhielt. Fuͤr die Ein⸗ buße an diplomatiſchem Kredit entſchaͤdigte ihn nun eine Heirath mit der reichen und ſchoͤnen Graͤfin Daun; mit dieſer kehrte er nach Portugal zuruͤck. Lange Zeit verzehrte ihn jedoch der unbefriedigte Ehrgeiz ſeiner Seele, dem allenthalben, durch Um⸗ ſtaͤnde, die er nicht zu beſiegen vermochte, jede Bahn verſchloſſen war. Endlich gelang es ihm durch Guͤnſtlinge des Hofes, wiederum die Aufmerk⸗ ſamkeit deſſelben zu erregen. Die Jeſuiten zumal mußten ihm hierbei als Werkzeug dienen; er ge⸗ brauchte, indem er ſich durch geheuchelte Anhaͤng⸗ lichkeit an die Ordensſache in ihr Vertrauen ſchlich, bloß die naͤmlichen Kuͤnſte, durch welche die Schuͤ⸗ ler Loyolas ſelbſt zu ſo hohem Einfluſſe in der neuern europaiſchen Staatsgeſellſchaft geſtiegen waren. Die 28 Meiſter wurden demnach einmal von einem Schuͤ⸗ ler uͤbertroffen, welcher die Rolle des älteren Bru⸗ tus ſo lange fortſpielte, bis er im Beſitze des Ge⸗ wuͤnſchten und der gluͤckliche Augenblick zu Ver⸗ nichtung der Tyrannei vorhanden war. Der Tod Joao's VI. war fuͤr den bereits Sjaͤhrigen das glucklichſte Ereigniß; denn nun wurde er von D. Joſe alsbald zum Staatsſekre⸗ taͤr ernannt, beſonders durch die Verwendung der koͤniglichen Mutter, welche innige Freundſchaft fuͤr Carvalho's Gattin hegte. An dem neuen Monar⸗ chen fand jener ganz den Fuͤrſten, wie er ihn be⸗ durfte. Begabt mit vielem Talente und trefflichen Gemuͤthesgaben, war dennoch Dom Joſè I. ſeiner Wuͤrde als Regent keinesweges gewachſen, da ſein Vater, aus erklaͤrlichem Argwohne gegen den Nach⸗ folger— er hatte noch D. Pedro's Beiſpiel friſch vor Augen— alle Theilnahme an Staatsgeſchaͤf⸗ ten abſichtlich ihm entzogen, und ſomit auch um die Faͤhigkeit ihn gebracht hatte, mit eigenen Augen zu ſehen, mit eigenen Ohren zu hoͤren und mit eige⸗ nen Haͤnden das Steuer zu fuͤhren. Seiner Un⸗ tuchtigkeit ſich bewußt, gab D. Joſe ſein oft geſun⸗ des Urtheil, verzweifelnd an deſſelben Werthe und Richtigkeit, meiſt an die Ueberzeugung Anderer ge⸗ fangen und wurde wider ſeinen Willen gauz abhaͤn⸗ gig von den Ideen ſeiner nächſten Vertrauten und Staatsbeamten. Carvalho hatte ſeinen Charakter durchſchaut und keine Schwäche des Herrn blieb dem ſtaats⸗ klugen Manne entgangen. Darauf baute er nun ſein kuͤnftiges Syſtem und die Erfahrung rechtfer⸗ tigte ihn völlig hierin. Er beſtatigte den Koͤnig in ſeinem Mißtrauen auf die eigenen geiſtigen Kraͤfte und auf die Geſinnungen eines Theiles ſeiner Un⸗ terthanen, vor welchem beſtändige Sorge ihn an⸗ wandelte. Wie unter D. Alfonſo, ſo war auch jetzt ein feuriger Bruder, der Infant D. Pedro, vor⸗ handen, auf welchen die Partei der Großen Vieles zu bauen ſchien. Die Demuͤthigung dieſer, die —— Verminderung der Prieſtermacht, die Aufklaͤrung des Volkes, die Reform des Heeres, die Wieder⸗ herſtellung des Handels und der Schifffahrt gehoͤr⸗ ten zu den Hauptzwecken ſeines politiſchen Lebens, die der neue Miniſter ſich vorſteckte, und er rang darnach, allen Widerſtand mit zernichtendem Arme beſeitigend, uͤber zwanzig Jahre lang, mit einer fuͤr jene Zeit und Nation erſtaunlichen Beharr⸗ lichkeit. Seezuͤge wider die Korſaren verſchafften der portugieſiſchen Flagge wieder Achtung, waͤhrend ſelbſt bedeutendere Maͤchte, ſchmaͤhlich genug, die Angriffe der Barbaresken durch Geſchenke und Tri⸗ bute ſich vom Halſe kauften. Flotten, mit ſtarker Mannſchaft, ſicherten die Schifffahrt; in Afrika neue Forts die Kolonien. Das Abgabenſyſtem wurde friſch geregelt, der Ackerbau auf mannich⸗ fache Weiſe ermuntert; genievolle Fremdlinge brach⸗ ten in die Truppen die neue europaͤiſche Kriegskunſt 1 und die alte portugieſiſche Tapferkeit zuruͤck. Die 1 Ausfuhr des baaren Geldes wurde beſchraͤnkt; durch Handelsgeſellſchaften der Verkehr neu belebt; end⸗ 1 lich auf die Abtretung der wichtigen Kolonie vom heil. Sakramente gedrungen. Dieſer letztere Punkt 30 eroͤffnete den Vernichtungskampf wider die Jeſui⸗ ten, welche auf einmal thaͤtiger, als je, in die Politik verwickelt wurden oder ſich ſelbſt verwickelten, und, ein Opfer ihrer eigenen Kuͤnſte, ſo wie der aufgereg⸗ ten Leidenſchaften in den Kabineten wie in der öf⸗ fentlichen Meinung der Voͤlker, zuerſt in Portugal untergingen, worauf auch in andern Ländern, die der Hauptſchauplatz ihres Wirkens bisher geweſen, ihr Ruin erfolgte. Damit jedoch ſowohl der frag⸗ liche Gegenſtand als die Groͤße des Verdienſtes aus der Unterdruͤckung des Jeſuiten⸗Ordens klar an's Licht gezogen werde, ſo folgt hier als Epiſode eine gedraͤngte Geſchichte der Jeſuiten in Portugal. Man wird hieraus erſehen, welch ungeheuern Einfluß die⸗ ſelben auf die innern und aͤußern Angelegenheiten geuͤbt, welche Umwälzungen ſie herbeigefuhrt oder befoͤrdert, wie ſie des öffentlichen Unterrichtes ſich bemeiſtert, die Moral verweichlicht und die Quellen des öffentlichen Vertrauens ſeit den paar Jahrhun⸗ derten ihres Daſeyns vergiftet haben. Auf daß die Sache nicht aus ihrem Zuſammenhange geriſſen wuͤrde, iſt dieſer maͤchtigen Einwirkung des Jeſui⸗ tismus in das portugieſiſche Staats⸗ und Volksle⸗ ben unter den verſchiedenen Regierungen ſeit Koͤnig Joao III. weniger Erwaͤhnung geſchehen; das Fol⸗ gende dient demnach zugleich als Ergaͤnzung des fruͤher Geſchilderten. 31 Fünftes Kapitel⸗ umriß der Geſchichte der Jeſuiten in Portugal; von ihrer Einfuͤhrung bis zu den Tagen des Marquis von Pom⸗ bal. Schon in den erſten Jahren der jeſuitiſchen Wirkſamkeit zu Liſſabon erhoben Volk und Adel heftige Klagen, zumal uͤber die gewaltthaͤtige Be⸗ kehrungsweiſe, welche ſich Rodriguez, der erſte von Ignazius nach Portugal geſandte Provinzial des Ordens, erlaubte. Deſſen ungeachtet ſtutzte die Jeſuiten des Koͤniges perſoͤnliche Gunſt. Die Kirche von St. Antonio wurde ihnen in der Haupt⸗ ſtadt und ein prachtvolles Kollegium fuͤr die von Favier nachzuſendende Geſellſchaft in Coim⸗ bra eingeraͤumt. Bereits zaͤhlte Letzteres im Jahre 1544 ſechzig Mitglieder, darunter ſelbſt Edle; Liſt und Gewalt wechſelten bei der Werbung: das Volk murrte fortwahrend daruͤber, daß ſein Vermögen an Moͤnche verſchwendet wuͤrde; aber der Monarch war geblendet und die Stimme der Wahrheit drang nicht durch: die Gegner unter dem Adel kamen entweder in Gefaͤngniſſe, oder wur⸗ den aus dem Reiche vertrieben. Waͤhrend dieſer Zeit ſetzte Eavier in Oſtindien ſeine Bekehrungs⸗ reiſen fort. Nachdem dieſer unternehmende Moͤnch anfaͤnglich in der That mit preiswerther Anſtren⸗ gung fur Wiederherſtellung der Sittlichkeit zu Goa gewirkt, wo vrientaliſche Ueppigkeit und europaiſche Korruptheit gemeinſam das geſellſchaftliche Leben auf das Fuͤrchterlichſte verpeſtet hatten; zog der 32 „Indianer⸗Apoſtel,“ wie ſeine Bewunderer ge⸗ woͤhnlich ihn nennen, nach der Perlenkuͤſte, nach Travancor, Cochim, Ceylon, Nagapatan, Melia⸗ pur und Malakka, nach Amboina, Ternate und der Mohren⸗Inſel. Allenthalben verkuͤndigte er den erſtaunten Heiden die Lehre vom gekreuzigten Gotte, und die Oberherrſchaft des roͤmiſchen Pap⸗ ſtes uͤber alle Gewalten der Erde; die Tempel und Bilder der alten Goͤtter wurden zertruͤmmert, die alten Gebraͤuche abgeſchafft, und die Leute gutwil⸗ lig oder gewaltſam getauft. Das Benehmen des Bekehrers, und das unchriſtliche Raͤuberſyſtem der Portugieſen von Malakka aus, beſtimmte endlich den Koͤnig von Sumatra, die Waffen wider ſie zu ergreifen. Im Hafen von Malakka verbrannte er ihre Schiffe und forderte ſie zum Treffen heraus. Auf den Rath Faviers, der jedoch ſich weigerte, ſie anders als im Geiſte anzufuͤhren, nahm der Ue⸗ berreſt der Flotte und die Beſatzung der Stadt das Treffen anz aber der Himmel erhoͤrte das Gebet des Apoſtels nicht, ſondern die Flottille verſank im Hafen, und nur ſchnelle Huͤlfe aus Portugal erhielt dem Koͤnige den Beſitz des wichtigen Malakka. In Lisboa erhielt der Orden dadurch, daß Ru⸗ driguez zum Erzieher des Thronfolgers D. Joào, Miguel Torrez zum Beichtvater der Koͤnigin Ka⸗ tharina und Luiz Gonſalva da Camera zu jenem des Monarchen ernannt wurden, alle Hauptzugaͤnge der Herrſchaft. Der Hof und die von demſelben nicht unabhaͤngigen Großen zeigten eine ſtlaviſche Ehrfurcht fuͤr Rodriguez und ſeine Genoſſen. Juͤng⸗ linge aus den angeſehenſten Familien, welche fuͤr 33 die Zwecke des Ordens brauchbar ſchienen, wurden in denſelben verlockt oder entfuͤhrt. Dieß geſchah mit einem Herzoge von Braganza; wider deſſen, der Verwandten und des Koͤnigs Willen wurde er im Noviziate gewaltſam zuruͤckbehalten, da, auf den äußerſten Fall, Rodriguez drohte, mit allen Bruͤdern Portugal zu verlaſſen. Was blieb nach dieſer men⸗ ſchenraͤuberiſchen That den Mindermaͤchtigen gegen die Gewalt des Ordens fuͤr eine Hoffnung der Si⸗ cherheit? Der ungewoͤhnliche Einfluß, den die Jeſuiten auf den Hof uͤbten, machte ſie binnen kurzer Zeit ſtolz, traͤg und uͤppig. Die Sitten verfielen bis zum allgemeinen Aergerniß, und das Kollegium zu Koimbra nahm einen auch in wiſſenſchaftlicher Be⸗ ziehung ſehr ſchlechten Fortgang. Die Entfernung Rodriguez's wurde daher von Ignaz von Loyola, dem noch lebenden Stifter des Ordens, beſchloſſen, aber nur mit Muͤhe ausgefuͤhrt. Dieſe Sache brachte Entzweiung und Gefahr, da der Hof von Rodriguez gänzlich geblendet war. Ignaz beſchwich⸗ tigte des Koͤniges Zorn, beſchloß jedoch von nun an, ſein Werk mehr durch die Freundſchaft der Großen zu ſtutzen und einen Theil der Glieder, ſo viel moͤg⸗ lich, in der Naͤhe der Throne zu halten. Daher wa⸗ ren die Beichtvaterſtellen von jetzt an das Haupt⸗ ziel ihrer ehrgeizigen Bemuͤhungen, und durch dieſe wurden ſie die Herren der fuͤrſtlichen Gewiſſen und der meiſten Staatsgeheimniſſe. Eine öffentliche Buße, welcher der Rektor und die uͤbrigen Mitglieder des Kollegiums zu Koimbra freiwillig ſich unterzogen, ſoͤhnte daſſelbige mit der P. Il. 3 34 ——-— tiefgereizten oͤffentlichen Meinung wieder aus, und der getaͤuſchte Poͤbel hielt von Neuem die fuͤr Hei⸗ lige, in welchen der geſcheidere Theil nur gewandte Komoͤdianten erblickte. Franz von Kavier inzwiſchen verfolgte in drei Welttheilen ſein Bekehrungsgeſchaͤft mit unge⸗ mindertem, ja vielmehr erhoͤhtem Eifer. Von Ma⸗ lakka war er nach Cochim, von Cochim nach Ceylon gezogen. Nachdem ſeine Angelegenheiten beſtens ihm hier gerathen, und auch in Braſilien mittler⸗ weile der Same des Glaubens trotz der Gegenbe⸗ muͤhungen der Braminen und einer von denſelben erlittenen Niederlage, reichlich aufgekeimt war; fuͤhrte Tavier'n ſein Geſchick nach Japon. Freund⸗ lich vom Kaiſer dieſes bedeutenden Reiches aufge⸗ nommen, faßte der Apoſtel den Plan, daſſelbe dem Papſte und dem Koͤnige von Portugal zu unterwer⸗ fen. Bald jedoch erregte die Eiferſucht der Bonzen ſchwere Verfolgungen wider die zudringlichen und gefaͤhrlichen Empoͤrer. Dieſer Umſtand und die Begierde, auch dort zu wirken, beſtimmten Kavier auch zu einer Reiſe nach China. Von mehrern Haͤuptlingen des ungeheuren Staates ehrenvoll be⸗ handelt, ſah er gleichwohl den Eintritt in das eigent⸗ liche Gebiet des Kaiſerthumes ſich gewehrt, da die Bonzen alsbald in Maſſe ſich regten und alte Ge⸗ ſetze jedem Fremden, der nicht Geſandter war, den Zugang wehrten. Der Neid oder das richtige Ge⸗ fuͤhl des Statthalters von Malakka verhinderte aber, daß avier, wie er begehrt, den Charakter eines Geſandten vom Vicekoͤnige zu Goa erhielt, um ſeinen Zweck auf dieſem, einzig geſetzmaͤßigen 35 Wege zu verfolgen. Und als endlich auch, nach ueberwindung großer Schwierigkeiten, die heißer⸗ ſehnte Reiſe nach Canton in der That angetreten werden ſollte, wurde der Bekehrer durch ein Fieber dahingerafft. Mit Recht hielt der Orden ſein An⸗ denken in ungewoͤhnlichen Ehren, und ſprach der Papſt ihn heilig; die Menſchheit wuͤrde auch ihre Sanktion zu ſeiner Kanoniſirung nicht verweigern, waͤre mehr fur ſie und den Glauben in ſeiner Rein⸗ heit, als fuͤr den Fanatismus und die ſehr irdiſchen Zwecke einer Kaſte von Kavier all das Erſtaunliche vollbracht worden, was Biographen und Panegy⸗ riker an ihm lobpreiſen. Die Vergleichung mit Paulus dem Volker⸗Apoſtel iſt in vieler Hinſicht nicht ganz uͤbel gewaͤhlt, und gern giebt man zu, daß eine ähnliche Geiſteskraft in Kavier gelebt und gewaltet; aber ſein Gemuͤth war von den Leiden⸗ ſchaften der Zeit allzuſehr erfuͤllt, als daß es bloß den Drang des Goͤttlichen und der Verbreitung deſ⸗ ſelben in ſich verſchloſſen haͤtte. Waͤhrend jener er⸗ ſtere Heidenbekehrer durch die Macht der Rede und der Liebe uͤberzeugte und beſiegte und, dem Stifter des neuen Bundes treu, Gehorſam gegen beſtehende Ordnung und Geſetze lehrte; warf Kavier mit wil⸗ dem Eifer die Tempel und Goͤtterbilder Indiens um, erregte Aufruhr gegen die Regierungen und hielt die Gewalt der Waffen fur ein nicht minder rechtmaͤßi⸗ ges Vehikel der Bekehrung, als der Predigt; und waͤhrend Paulus alles Wiſſen nur fuͤr Stuͤckwerk, und das, was er vollbracht, als Wirkung der Gnade Chriſti, deſſen Knecht er ſich pries, erkannt hatte; bewunderte der Orden in avier die Summe und 36 den Schlußſtein aller Weisheit, und auf den Kan⸗ zeln der Jeſuiten ſcheute man ſich nicht, oͤffentlich zu behaupten, daß Chriſtus bei ſeiner Ankunft in dem Himmel aufgeſtanden und Favier zur Rech⸗ ten des Vaters geſetzt worden ſey. Ueberhaupt ge⸗ horte es zum Tone der Jeſuiten, den heiligen Franz von Favier als Chriſto ebenbuͤrtig, oder wohl gar uͤber ihm, den einfaͤltigen Glaͤubigen hinzuſtellen. Waͤhrend in Teutſchland, Frankreich, Ita⸗ lien, Holland und in andern Staaten der Orden fuͤr Ausreutung der Ketzereien bemuͤht war, ſuchte er in Portugal ſeine politiſche Richtung immer wei⸗ ter zu verfolgen. Bereits haben wir der ungluͤckli⸗ chen Periode der Minderjaͤhrigkeit Konig Sebaſtians gedacht, und wie waͤhrend derſelben durch drei Je⸗ ſuiten, Leon Henriguez, Miguel Torez und Luiz Gon ſalvo da Camera, alle Staats⸗ angelegenheiten beſorgt worden. Die Königin Mut⸗ ter, Donna Katharina, ſtand unbedingt unter dem Einfluſſe dieſer drei Maͤnner; deſſen ungeach⸗ tet war ſie, als es um die Wahl eines Erziehers fuͤr den koͤniglichen Juͤngling ſich handelte, denſel⸗ ben noch immer im Wege, und wurde hauptſaͤchlich durch die Intriken der Hofjeſuiten endlich genöthigt, in der Verſammlung der Kortes das vormundſchaft⸗ liche Regiment an den Kardinal Dom Henriquez abzutreten. Letzterer, anfaͤnglich Gegner des Or⸗ dens, gerieth doch allmaͤlig, durch die Induſtrie ſeines Beichtvaters, Leon Henriquez, gaͤnzlich in die Gewalt deſſelben. Sein Name prangte bei den Staatsgeſchaͤften zwar voran, aber im Hintergrunde 37 bewegten die Loyoliten die ganze Staatsmaſchine nach Gutduͤnken. Als der Koͤnig das vierzehnte Jahr erreicht hatte, entfernten ſie von ihm, der nun volljahrig erklaͤrt wurde, den Oheim Dom Henriquez ebenſo, wie fruͤher die Mutter Donna Katharina, damit ſeine und des Reiches Beherrſchung fuͤrder unbe⸗ ſchraͤnkt bei ihnen bliebe. Umſonſt warnte Alexis de Meneſes am Kroͤnungstage feierlich vor„jenen Leuten, welche ihre eigene Erhoͤhung und ihren ei⸗ genen Vortheil zum alleinigen Gegenſtande ihrer Thätigkeit machten, welche allen Leidenſchaften der Furſten zu ſchmeicheln und denſelben einzufluͤſtern wuͤßten, daß die Zeit, waͤhrend welcher ſie unter der Aufſicht und Leitung von redlichen Maͤnnern ge⸗ ſtanden, diejenige eines unerträͤglichen Zwanges und einer ſchaͤndlichen Unterwuͤrfigkeit geweſen ſey;“ der Redner bereitete dadurch nur ſich ſelbſt Gefahr und Ungnade. Die bittern Klagen, welche die Koͤ⸗ nigin in Sendſchreiben an Franz Borgias, den Ge⸗ neral des Ordens, ausſchuͤttete, bewirkten nicht nur keine Abhuͤlfe gegen die Anmaßungen ſeiner Glieder in Liſſabon, ſondern erfuͤllten Jenen viel⸗ mehr mit Freude uͤber die zunehmende politiſche Be⸗ deutſamkeit der Geſellſchaft. Der Koͤnig blieb ſonach eine bloße Puppe in ihrer Hand, und nachdem das monarchiſche Anſe⸗ hen vernichtet und das Gewicht des Adels ebenfalls gebrochen worden war, betrog man auch das Volk um ſeine alten Rechte. Mit Macht kaͤmpften die Jeſuiten gegen die von den Kortes vorgeſchlagene Verbindung mit der Fuͤrſtin Marguerite von Valois, 38 Schweſter Karls IX. von Frankreich, damit auch nicht einmal der Einfluß einer Gemahlin auf den Monarchen den ihrigen durchkreuze; ſie ſtellten die unter Joào III. vor ſich gegangene Gebiets⸗Abtre⸗ tung in Braſilien und Oſtindien als eine das Ge⸗ wiſſen beſchwerende Regierungsmaßregel hin und reizten den Monarchen zu entfernten kriegeriſchen Unternehmungen, zumal wider die Mauren in Afrika, ſcheinbar, um die katholiſche Religion aus⸗ zubreiten und das Heidenthum von der Erde zu ver⸗ tilgen, in der That aber, um waͤhrend der Abwe⸗ ſenheit des Koͤniges von ſeinem Reiche, noch beque⸗ mer als bisher, ſchalten und walten zu koͤnnen. Der Ausgang jenes Feldzuges iſt in der Geſchichte Sebaſtians bereits geſchildert worden. Um nun die Folgen des ungluckſeligen Ereigniſſes, welches ganz allein ihnen zugeſchrieben werden mußte, von ſich abzuwenden, unterſtuͤtzten ſie mit liſtiger Be⸗ reitwilligkeit die Abſichten des Kardinals, um auch dieſen zum Freunde und Werkzeuge zu erhalten und vor jeder Ahndung der Kortes ſich zu ſchirmen. Die⸗ jenigen Staatsraͤthe, welche von ihren fruͤhern Planen und den wahren Motiven des mauriſchen Feldzuges das Naͤhere wußten, wurden aus dem Wege geraͤumt, oder verbannt. Die Erſcheinung der falſchen Sebaſtiane ſelbſt betrachtete man eben⸗ falls als eine Finte der Jeſuiten, wodurch ſie den Schmerz und die Sehnſucht des Volkes einigerma⸗ ßen zu lindern bemuͤht waren. Ein neuer guͤnſtiger Spielraum eroͤffnete ſich ihrer ehr: und habſuͤchtigen Thaͤtigkeit mit dem Tode Koͤnig Heinrichs, und bei der Menge von Bewer⸗ 39 bern um den erledigten Thron. Der Sieg der Par⸗ tei Philipps des Zweiten, und die Vereinigung Portugals mit Spanien, war ebenfalls ihr Werk, und ſie unterſtutzten kraͤftig die blutigen Maßregeln, durch welche die aufgedrungene Regierung heimlich und offen ſich im Lande zu befeſtigen ſuchte. Ver⸗ ſchiedene bedeutende Haͤupter der bevorrechteten Staͤnde wurden ermordet, eingekerkert oder ver⸗ wieſen, und der dritte Stand durch Schriften, Kan⸗ zelreden und Beichtſtuͤhle allmäͤlig beſiegt und zum Gehorſam gegen das ſpaniſche Regiment gebracht. Wir uͤbergehen die Schickſale der jeſuttiſchen Miſſion in China, ihre Verhältniſſe zu den Hol⸗ laͤndern, ihre aͤrgerlichen Fehden mit den Domini⸗ kanern und Kapuzinern; ihr Benehmen in China gegen den Papſt; ihre Verdienſte um Erweiterung der Geſchichts⸗, Laͤnder- und Voͤlkerkunde, und ſomit auch ihre reellen Verdienſte um die Kultur; ihre laxe Moral und ihr Temporiſationsſyſtem, ihre vernuͤnftige Politik und ihren zerſtoͤreriſchen Fana⸗ tismus; eben ſo iſt eine lange Entwickelung des Fort⸗ ganges der Miſſion von Oſtindien, ihrer Streitig⸗ keiten mit andern Orden, wegen Zulaſſung heidni⸗ ſcher Gebraͤuche auf der Kuͤſte von Malabar, und ihres Benehmens gegen die ͤbrigen Chriſten und den heiligen Vater ſelbſt außer dem Zwecke dieſer hiſtoriſchen Ueberſicht. Nur uͤber die großen Reich⸗ thumer der Jeſuiten und ihren Kaufhandel in Oſt⸗ indien, ſo wie uber ihre vielbeſprochene Kolonie in Paraguay ſind wir veranlaßt, etwas ausfuͤhrlicher zu werden, da dieſe Dinge in innigſter Beruͤhrung mit der neuern Geſchichte von Portugal ſtehen, 40 und auf das Schickſal des Ordens, wie auf den Gang der Regierung Koͤnig Joſephs I. oder des Marquis von Pombal entſcheidenden Einfluß ge⸗ habt haben. Das gemeine Volk war durch den Nimbus ſei⸗ ner Heiligkeit gewonnen; der Hof mußte durch an⸗ dere Hebel fuͤr die Intereſſen der Geſellſchaft guͤn⸗ ſtig erhalten werden. Um Spaͤher, Maitreſſen, Guͤnſtlinge, Meuchler und Giftmiſcher, die Haupt⸗ werkzeuge ihrer Herrſchaft uͤber die Fuͤrſten, hin⸗ laͤnglich beſolden zu koͤnnen, waren nicht geringe Reichthuͤmer vonnoͤthen. Alle ihre Konſtitutionen und geheimen Vorſchriften zielten daher auf Ver⸗ mehrung der Einkuͤnfte des Ordens ab, und was von ihrer Armuth hier und da von gutmuͤthigen oder verſchlagenen Schriftſtellern gemeldet worden, klingt beinahe wie Satyre. Wir uͤbergehen hier die zahl⸗ loſen Kuͤnſte, durch welche ſie ihren Zweck in den europaͤiſchen Staaten auf Koſten der buͤrgerlichen Geſellſchaft, und zumal der Witwen und Waiſen, nur allzuſehr erreicht, um auf die Hauptniederlagen ihres Reichthums in zwei andern Welttheilen zu kommen. Die Jeſuiten trieben, nach den Hollaͤn⸗ dern, den ausgebreitetſten Handel in Indien, und uͤbertrafen darin Britten, Daͤnen und Franzoſen weit. Waͤhrend eine kleine Zahl Mitglieder das urſpruͤngliche Bekehrungsgeſchaͤft in unſchuldiger Geſtalt, wie bisher, forttrieb, ſpielten die meiſten uͤbrigen Mitglieder unter mannichfachen Formen die Kaufleute; es ward uͤber das Ganze ihrer Han⸗ delsgeſellſchaft jedoch geheimnißvolles Schweigen beobachtet, alle Waaren wurden unter anderm Na⸗ 41 men verſendet; in den reichſten Handelsſtaͤdten Eu⸗ ropens beſaßen ſie Banken; in mehrern derſelben öffentliche Brod⸗, Spezerei⸗ und Weinbuden. Noch ergiebiger waren die Geld⸗ und Wechſelgeſchaͤfte, wobei man vielleicht allzu uͤbertriebenen Wucher ihnen ebenfalls beimißt. Alle oſtindiſchen Kompa⸗ gnien wurden durch dieſen Schleichhandel der Jeſui⸗ ten beeintraͤchtigt, und mit dem Gefuͤhle der Entrů⸗ ſtung uͤber die neuen Kaͤufer und Verkaͤufer im Tempel des Herrn verband ſich die Klage des Ei⸗ 1 gennutzes, um den Orden im gehaͤſſigſten, großen 1 Theils jedoch nicht unverdienten, Lichte hinzuſtellen. Gleichen Fortgang gewannen ihre Bemuͤhun⸗ gen in Weſtindien, indem, wie bereits fruͤher erwaͤhnt wurde, gleich nach Gruͤndung des Ordens, in Braſilien, Peru und Maragnan Miſ⸗ ſionen von ihnen geſtiftet wurden. Von ben Do⸗ minikanern nach Paraguay gerufen, um ge⸗ meinſam mit dieſen die Bekehrung der Eingebornen zu betreiben, faßten ſie den kuͤhnen Entſchluß, je⸗ nes Landes, als eines ausſchließlichen Eigenthums 1¹ ihrer Geſellſchaft, ſich zu bemaͤchtigen, und beſtimm⸗ ten, da die damaligen ſpaniſchen Statthalter ihren Abſichten im Wege ſtanden, Koͤnig Philipp III. unſchwer dazu, alles, zu Vollfuͤhrung ihrer Idee, Erforderliche zu verwilligen. Der Entwurf einer chriſtlichen Republik, welche die ſchoͤnen Tage der 1 erſten Chriſtenheit, in einem Lande von Barbaren und Heiden, wiederum verwirklichen ſollte, ward dem Hofe von Madrid vorgelegt, und derſelbe be⸗ fahl, daß ſeine Statthalter ſich zuruckziehen und die Jeſuiten ausſchließlich ihre Wohnungen in Pa⸗ 42 raguay aufſchlagen ſollten. Unter ihrer Aufſicht und Leitung gedieh auch in der That, durch bewun⸗ derungswuͤrdige Pflege, die Kultur unter den wil⸗ den Indianern, welche den katholiſchen Koͤnig zwar dem Namen nach als Oberherrn erkannten und Tri⸗ but ihm bezahlten, uͤbrigens zu blindem Gehorſam gegen die Vaͤter der Geſellſchaft Jeſu gern ſich verſtanden, indem dieſelben an die Stelle des vorigen harten Druckes ſpaniſcher Satrapen ein vaͤterlich⸗mildes Regiment organiſirten; und ſtatt, wie jene, mit Kanonen den Widerſtand zu vernich⸗ ten, hoͤchſtens mit der Ruthe den Ungehörſam be⸗ ſtraften. Die ganze Staatsverfaſſung, Adminiſtration und Geſetzgebung trug den theokratiſchen Charakter in ſeiner Reinheit. Der Orden war das Orakel der Weisheit; durch ihn verkuͤndigte die Gottheit den Indianern unmittelbar ihren Willen. Daher hielten ſie ihn fuͤr die hoͤchſte Macht auf Erden und verehrten ihn mit abgoͤttiſcher Dankbarkeit. Und in der That, wie ſehr auch die Freunde der Menſch⸗ heit die anderweitigen Thaten, Geſinnungen und Plane der Jeſuiten verdammen muͤſſen; ſo giebt es doch wenige unter ihnen, welche nicht durch den Anblick dieſer wunderbaren Schoͤpfungen, aus dem Chaos einer langen duͤſtern Barbarey und ſtarrer Wildheit unter der Hand des Ordens hervorge⸗ gangen, dahingeriſſen werden. Auch verbirgt es ſich der redlichſte Freund der Freiheit und Aufklaͤ⸗ rung keinesweges in ſeinem Herzen, daß, falls zwi⸗ ſchen einer theokratiſchen Einrichtung dieſer Art, und einer bloß durch Bajonette und Comtoirs ver⸗ 43 walteten Staatsgeſellſchaft einer außer dem Staate noch befindlichen und in denſelben erſt eintretenden Maſſe von Menſchen die Wahl gelaſſen und Licht⸗ und Schattenſeite von Beiden deutlich ihr gezeigt werden wuͤrde, erſtere Regierungs: und Verwal⸗ tungsform wohl leicht den Vorzug erhielte. Wie muß man um ſo mehr das Loos der Menſchheit be⸗ klagen, welche auch ihre ſchoͤnſten Ideale durch das Prinzip des Boͤſen, das ſtets im Hintergrunde lauert, wiederum beſudeln und verſtuͤmmeln ſieht. Die Jeſuiten gaben, es iſt außer Zweifel, den In⸗ dianern von Paraguay zuerſt das menſchliche Da⸗ ſeyn in ſeiner beſſern Bedeutung; aber den Zweck des Daſeyns und der Menſchheit verbargen ſie ihnen mit eiferſuͤchtiger Sorgfalt. Sie ſollten gluͤcklich ſeyn, jene Menſchen, bis zu einem gewiſſen Grade, aber nur als Geſchoͤpfe ihrer Mache, nicht weil ihre Beſtimmung ſelbſt hierzu ſie gerufen, ſondern weil die Großmuth ihrer wirklichen Vormuͤnder und Be⸗ herrſcher aus dem Nichts ſie erhob; ſelbſt einige Intelligenz wurde ihnen geſtattet, aber bloß, damit durch den Beſitz eines kleinen Lichtſtrahles die Ver⸗ ehrung noch maͤchtiger der Sonne ſich zukehrte, von welcher derſelbe fuͤr ſie ausgegangen. Dieſe Sonne war der Orden der Geſellſchaft Jeſu; das heilige, hoͤhere Himmelslicht verhuͤllte man neidiſch und li⸗ ſtig, damit, in ewiger Unmuͤndigkeit gehalten, der Verſtand niemals die Feſſeln der Unterwuͤrfigkeit zerbreche. Wir uͤberlaſſen es andern Federn, die Ge⸗ ſchichte dieſes merkwuͤrdigen Prieſterſtaates und ſeine Stellung zu Spanien, ſo wie auch die Ver⸗ 44 haͤltniſſe zu den benachbarten Statthalterſchaften zu ſchildern; um auf ihre unmittelbare Wirkſam⸗ keit im Königreiche Portugal zuruͤckzukehren. Ihr unter Felipe II. ſehr bedeutendes Anſehen vergroͤ⸗ ßerte ſich taͤglich mehr unter deſſen geiſtesſchwachen Nachfolgern. Die beruͤchtigte Bulle in Coena Domini, welche alle Regenten des Erdbodens als unmuͤndige Vaſallen des Papſtes erklaͤrte, fand in Portugal, wie in andern Staaten, heftigen Wider⸗ ſtand; doch wendeten die Jeſuiten Alles an, Ein⸗ gang ihr hier zu verſchaffen; ſie raubten durch man⸗ cherlei Kuͤnſte der Krone ein altes Recht, vermoͤge deſſen kein Portugieſe in Rechtshaͤndeln nach Rom vorgefordert werden konnte; darauf folgte die Aner⸗ kennung der Perſonal⸗Immunitaͤt des Prieſterſtan⸗ des, als ein anderer Zweig der Nachtmahlbulle; und eben ſo ein vierter, die Einfuͤhrung des roͤmi⸗ ſchen Buͤcherverbotes. Die heil. Inquiſition unter⸗ ſtutzte hierin die Loyoliten kraͤftig, und auf alle freie Entwickelung des Verſtandes der Voͤlker ward auch von hier aus Embargo gelegt. Zu gleicher Zeit aber wendeten die Letztern das Stratagem an, die Werke eines der Ihrigen Poza's) ebenfalls verbieten zu laſſen, und darauf laute Klage uͤber das Geſchehene zu erheben, auch keck genug zu erklaͤren: das Buͤ⸗ cherverbot widerſtreite der Wuͤrde der Monarchen und unabhaͤngiger Staaten. Nachdem ſie koſtbare Vorrechte der Krone li⸗ ſtig untergraben oder gewaltthaͤtig geſchmälert, kam die Reihe an die Geſetzgebung des Reiches. Die⸗ ſelbe ward tyranniſch und gottlos genannt. Den Koͤnig ſelbſt erklaͤrten ſie heimlich, beſonders im 43 Beichtſtuhle, fuͤr einen Uſurpator, welcher ohne Recht ſich auf den Thron geſchwungen; zur Be⸗ kraͤftigung zogen ſie ſelbſt verfertigte paͤpſtliche Bul⸗ len hervor. Sie beſtritten die Befugniß der koͤnig⸗ lichen Kammer, von den Geiſtlichen Steuern zu erheben, und Nuno da Cunha entwarf, aus Auf⸗ trag des paͤpſtlichen Nunzius, ein Edikt, in wel⸗ chem er das alte Reichsgeſetz, daß keine liegenden Guͤter an Kirchen und Kloͤſter vermacht werden koͤnnten, dem Haſſe gegen Gott und dem Wider⸗ ſoruche gegen den frommen Willen der Glaͤubigen zuſchrieb. Alle Beſitzer von Kirchenguͤtern und alle Verletzer der Prieſterimmunität wurden demnach in den großen Bann erklaͤrt. Endlich erwachte der Koͤnig D. Felipe IV., als ſolche Anmaßungen Roms und ſeiner Janitſcharen keine Schranken mehr kannten; und nachdem auf guͤtlichem Wege der Unterhandlung nichts erſtrebt worden war, mußte das Krongericht auf dem Rechtswege gegen den Nunzius einſchreiten. Eine zweideutige Gegenerklaͤrung, ebenfalls von Da Cunha verfaßt, beſchwichtigte den Sturm; doch be⸗ gnuͤgte ſich der Nunzius, bloß zu ſagen, daß er bei Verkuͤndigung des beruͤchtigten Ediktes durchaus nicht den Willen gehabt, irgend ein monarchiſches Recht, welches auf Konkordate gegruͤndet ſey, an⸗ zutaſten. Damit wollte man nur Zeit zu neuem Angriffe gewinnen; die Umtriebe wider Philipp wurden nichts deſto weniger fortgeſetzt, und der Koͤ⸗ nig von Portugal und Spanien ſah ſich genothigt, ſtrenge Verordnungen an die hoͤhere Geiſtlichkeit fuͤr Beſtrafung der Anreizer zum Aufruhre zu erlaſe 46 ſen. Die Jeſuiten und die Roͤmlinge ſetzten dem energiſchen Benehmen des Hofes offene Gewalt entgegen, und verfluchten in einer Bulle, gleichfalls aus der Fabrik Nuno da Cunha's, und vom Papſte beſtaͤtigt, die koͤniglichen Miniſter und die Reichs⸗ geſetze mit unerhoͤrter Frechheit. Bald darauf brach die Revolution in Portugal aus, und der Orden der Geſellſchaft Jeſu kam zwi⸗ ſchen Scylla und Charybdis in mehr als einer Hin⸗ ſicht, ſowohl wegen ſeiner Grundſaͤtze als wegen der obwaltenden Verhaͤltniſſe, zu ſchiffen. Doch fand ſeine Staatsklugheit auch hier bald einen Aus⸗ weg, und zog aus einer Kriſis, welche ſeiner Sa⸗ che Gefahr und Untergang drohte, reichen Ge⸗ winn; die Jeſuiten hielten es mit beiden Parteien, und nachdem ſie das Haus Braganza zu Madrid lange genug mit Schmaͤhungen uͤbergoſſen hatten, ſuchten ſie das Vertrauen des neuen Monarchen ganz 31 ſich zu erwerben, daß ſelbſt die Erziehung des In⸗ 1 fanten Theodoſio ihnen uͤbertragen wurde. Statt der Regententugenden wurden in ihm bloß aſtrolo⸗ 3 giſche und kabaliſtiſche Kenntniſſe ausgebildet und vor allem die Liebe zu ihrer Geſellſchaft, welche auch in ſo hohem Maße ſtieg, daß der Prinz, bei einem feſtlichen Turnierſpiele einſt aufgefordert, die Dame ſeines Herzens zu nennen, mit komiſcher Begeiſte⸗ rung ausrief:„Meine Dame iſt der Jeſuiter⸗Or⸗ den, dem ich mich hiermit fuͤr die Zeit meines Le⸗ bens angelobe.“ Leider ſtarb er zu fruͤhe fuͤr die Wünſche ſeiner Mentoren, doch wurde ihnen durch das ſchwache Regiment der Koͤnigin Louiſe, welche nach dem Tode ihres Gemahls, Jvao's IV., wie 47 oben gemeldet worden iſt, als Vormuͤnderin des zweiten Sohnes und Nachfolgers D. Alfonſo, eine Zeit lang herrſchte, voller Erſatz gegeben. Die Koͤ⸗ nigin, ſo wie die Hofdamen, uͤberließen ſich einer my⸗ ſtiſchen Andacht, die an's Verruͤckte und Lächerliche graͤnzte; und waͤhrend der Jeſuite Fernandez, Theo⸗ doſio's ehemaliger Erzieher, den Staatsrath leitete, fuͤhrte ein anderer, Joào Nunez, eine Art von geiſtlichem Kislar⸗Aga, die Oberaufſicht uͤber die Gewiſſen der Fuͤrſtin und ihrer Frauen. Die Koͤ⸗ nigsburg wurde in ein foͤrmliches Noviziat verwan⸗ delt, und eine froͤmmelnde Sinnlichkeit, welche jene ergriffen, mit vieler Bereitwilligkeit von dem Beichtvater unterhalten. Es ſtiftete derſelbe, wie weiland Bruder Cornelis zu Bruͤgge, einen Bußor⸗ den unter dem weiblichen Theile des Hofvolkes, dem zufolge nach verrichteter Beichte die ſchoͤnen Suͤn⸗ derinnen auf dieſelbe Weiſe, wie die Damen von Bruͤgge, und ſpaͤter durch P. Gambar diejenigen von Montepulciano, gezuͤchtigt wurden. Das Glei⸗ che hatten die Jeſuiten auch ſchon im a6ten Jahr⸗ hunderte zu Loͤwen, in ihren geheimen marianiſchen Sodalitaͤten, gethan, und hier wie dort widerſetzten ſich die Betheiligten(ſie, die— nach dem Zeug⸗ niſſe von Jeſuiten ſelbſt— mit einer Raſerei, die eher Schranken als Aufmunterung verdiente, nach dieſer Strafe ſich ſehnten)— den Anordnungen der Behoͤrden, welche dieſe neuen geiſtlichen Luper⸗ kalien bekaͤmpften, wirklich auf ſonderbare Art. In ältern und neuern Zeiten haben wir uͤberdieß noch viele Beiſpiele von dem Hange der Jeſuiten zu der⸗ lei Dingen, bei dem weiblichen, wie bei dem maͤnn⸗ 48 lichen Geſchlechte, geleſen; und der blaue Mann hat von je her in ihren Gymnaſien und marianiſchen Kongregationen, nicht nur in Paraguay(wo ſie Maͤnner und Weiber auf das Unverſchaͤmteſte ent⸗ bloßten und wie unmuͤndige Kinder ſtaͤupten), ſon⸗ dern auch in Europa, zu den Lieblingsvergnuͤgungen des Ordens gehoͤrt. Außer jener wolluͤſtigen Bußuͤbung, durch *) Von je her haben wir die Schilderung von Schluͤpfrigkeiten aͤußerſt gehaßt, auch wo ein entſchiedener praktiſcher Nutzen und das Geſetz der Wahrheit ſie zur Pflicht machen konnten. Doch iſt gerade die Eroͤrterung dieſer Seite in yſychologiſcher Hinſicht aͤußerſt wichtig zur Cha⸗ rakteriſtik einer Klaſſe von Menſchen, der man auch jetzt wiederum die Jugend fuͤr die Erzie⸗ hung, und die Frauen fuͤr den Beichtſtuhl an⸗ vertraut. Die Beiſpiele Girards, des Enteh⸗ rers der Cadiere und des Pater Marel in Baiern, koͤnnen auch in neueſten Tagen wiederholt wer⸗ den; und wenn man zuverlaͤſſige Berichte von den neuen Sodalitaͤten in Frankreich und Ita⸗ lien vergleicht, wo das Geiſſeln ſeine alte Rolle wieder behaupten ſoll; ſo iſt es die Pflicht jedes Ehrenmannes, vor Verfuͤhrern laut zu warnen, welche die Koͤrper unſerer Frauen, Toͤchter und Juͤnglinge zu Befriedigung geiler Sinnlichkeit unter dem Scheine der Andacht und vaterlicher Zucht, mißbrauchen moͤchten. Man vergleiche hieruͤber Boileau(hist. des Flagellans); Wolf, Buchner und Lanjuinais. Domingo (Tablettes Romaines). 49 welche Nunez die verderbte Phantaſte von Frauen aus den vornehmern Staͤnden kitzelte oder ihre Ein⸗ falt mißbrauchen half, erlaubte er ſich auch noch formliche Entfuͤhrung von adeligen Toͤchtern, in Floſter, die dem Einfluſſe der Jeſuiten unterworfen waren, wider Willen der Eltern. Der alte Ein⸗ fluß auch in die Staatsangelegenheiten kehrte im⸗ mer mehr wieder, und ſtieg in ſolchem Grade, daß ein portugieſiſcher Geſchichtſchreiber unter Joſè I., Scabra da Silva, die Regierung der Koͤnigin Louiſe mit Recht eine„reinjeſuitiſche“ nannte. Dieſem Umſtande ſchrieb man in ſpaͤtern Zeiten die unguͤnſtigen Berichte von der Gemuͤthsart und Re⸗ gentenfaͤhigkeit Alfonſo's zu, indem der Orden noch an dem Minderjaͤhrigen Abneigung wahrnahm und an dem wirklichen Könige zu raͤchen ſuchte. Seine angebliche Lahmung an der rechten Seite und die dadurch bewirkte Untuͤchtigkeit, Kinder zu zeu⸗ gen, ſollen bloße Finten geweſen ſeyn, fuͤr deren Unterſtuͤtzung man Aerzte beſtach, in der Abſicht, dem rechtmaͤßigen Fuͤrſten die Krone zu entwinden. Auf gleiche Weiſe wurde— wenn wir dieſen Be⸗ hauptungen glauben duͤrfen— raſtlos fortgefahren⸗ nachdem Alfonſo ſelbſt das Steuer ergriffen; es galt vor Allem, den Koͤnig recht tief in der oͤffentlichen Meinung des In⸗ und Auslandes herunterzuſez⸗ zen, und darum wurde kein Mittel geſpart, was zu dieſem Zwecke fuͤhrte. Der Adel wie die Geiſt⸗ lichkeit gingen, aus verſchiedenartigen Beweggruͤn⸗ den, in den Plan der Jeſuiten ein, Alfonſo zu ſtuͤr⸗ zen; erſterer aus Rache uͤber angebliche Zuruͤckſez⸗ zung, letztere aus unbaͤndigem Uebermuthe des P. II. 4 50 Reichthums und aus Begierde nach groͤßerer Frei⸗ heit, als ſie bereits beſaß. Die ganze Revolution Dom Pedro's war daher das Werk der Jeſuiten; der Infant ihr Werkzeug; der Koͤnig ihr Opfer. Die Kortes ſelbſt, welche das Geſchehene billigten, wurden als dienſtbare Puppe angeſehen, und die Grundſaͤtze, nach welchen ſie ein ſo gewaltſames Verfahren ſanktionirt, ſtellten ſich bald als Aus⸗ fluͤſſe jener gefaͤhrlichen Staatsmoral dar, welche das Daſeyn des Ordens mit der Sicherheit der Throne zuletzt unvertraͤglich gemacht, und jenem den Todesſtoß verſetzt hat. Nachdem die Jeſuiten die Ehre der Monarchie auf die grellſte Weiſe verletzt und die Rechte derſel⸗ ben bereits untergraben hatten, ſuchten ſie ſolche durch einen erheuchelten Demokratismus, in wel⸗ cher Maske ſie nun mit einem Male auftraten, vollig zu Boden zu ſtuͤrzen. Sie behaupteten den, in neuerer Zeit freilich nicht mehr ſo unwahr erfun⸗ denen, Grundſatz, daß die hoͤchſte Gewalt der Koͤ⸗ nige urſpruͤnglich vom Volke ausgegangen ſey, und darum raͤumten ſie den Reichsſtaͤnden Portugals die Macht ein, ihre Monarchen abzuſetzen, ſobald dieſe ihre Gewalt mißbrauchten. Dieſe Befugniß der Kortes iſt in dem bereits erwaͤhnten Manifeſte, wel⸗ ches bei Dom Joao's IV. Thronbeſteigung an alle Hoͤfe erlaſſen worden, wirklich mit nackten Worten ausgeſprochen; allein den Jeſuiten geſchaͤhe doch wohl zu großes Unrecht, wenn der Urſprung dieſer Grundſaͤtze auf ihre alleinige Rechnung geſchrieben wuͤrde. Sie ſprachen ſich mehrere Jahrhunderte vor dem Orden in den alten Reichsgeſetzen und in „ — 54 der Meinung des portugieſiſchen Volkes, oder wer damals dafur gelten konnte, aus; aber die Jeſuiten waren es, welche im 17ten Jahrhunderte ſehr gern als Anwälte nationeller Freiheiten auftraten, bloß um durch ſie das Konigthum und hierauf die Frei⸗ heit des Volkes ebenfalls zu vernichten; denn die Kortes wurden nicht minder geaͤfft, als die Monar⸗ chen Portugals; auf den Truͤmmern der Rechte Beider ſollte eine Prieſter⸗Ariſtokratie gebildet wer⸗ den, an deren Spitze ihre Geſellſchaft ſtand. Die Regierung Dom Pedro's eroͤffnete ih⸗ nen denn alſo die ſchoͤnſten Ausſichten. Der Pater Manvel Fernandez war nicht nur Beichtvater und geheimer Rath des Koͤniges, ſondern ſtand ſo⸗ gar an der Spitze des Kriegsminiſteriums. Der ganze Hof hing— nach Berichten eines Jeſuiten ſelbſt und nach jenen des Scabra— von drei Maäͤnnern des gewaltigen Ordens ab; von Fer⸗ nandez, Deville und Nuno da Cunha. Sie bildeten eine Art Schreckensregierung, todtlich Allen, welche Feinde der Geſellſchaft waren, und allgewaltig in allen Verhaͤltniſſen. Doch gebrach es auch ihr an wirklichen Verdienſten um den Staat und die Menſchheit nicht. So nahmen ſie ſich mit großer Waͤrme— des Zweckes Reinheit unterſu⸗ chen wir hier nicht— der vielbedraͤngten Juden an; bei dieſem Anlaſſe wurde das Ingquiſitions⸗Gericht, welches bisher als unabhaͤngiges Krontribunal ge⸗ golten, von dem Papſte abhaͤngig gemacht, und ſie ſuchten ſich daſſelbige ganz in ihre Haͤnde zu ſpielen, jedoch mit fruchtloſem Erfolge. Deſto gluͤcklicher waren ſie bei ihrer Bewerbung um die Intendant⸗ 6 32 ſchaft der auswaͤrtigen Miſſionen, wo mit den In⸗ tereſſen der Religion jene des Handels, zu Gunſten des Ordens, trefflich verſchmolzen wurden. Der Kulm jeſuitiſcher Macht in Portugal war unter D. Pedro's Regierung erreicht. Von jetzt an erlitt ſie hintereinander unvorhergeſehene, empfind⸗ liche Stoͤße. An Dom Joao V., deſſen Charak⸗ ter in der politiſchen Geſchichte wir bereits gezeich⸗ net, wurde nicht derſelbe guͤtige Herr erfunden. Er, welcher ſelbſt Edle und Praͤlaten nicht ſelten mit Stockpruͤgeln bediente, verabſchiedete die Lehrer ſeiner Jugend aus der Geſellſchaft Jeſu, und waͤhlte ſich andere Moͤnche zu Beichtvatern. Das Stu⸗ dium der Geſchichte, welches durch ihn und ſeine Akademien wieder geweckt wurde, und der hellere Geiſt, welcher durch alle Doktrinen wehen durfte, enthuͤllten die tiefen Gebrechen der ZJeſuiter⸗Erzie⸗ hung und die abſichtliche Duͤrftigkeit ihres wiſſen⸗ ſchaftlichen Cyklus, welchen ſie der nicht eingeweih⸗ ten Maſſe großmuͤthig vergoͤnnt. Auch von den Univerſitaͤten her, wo ſie vergeblich nach den Lehr⸗ kanzeln des römiſchen und kanoniſchen Rechtes ge⸗ buhlt, begegnete ihnen allmaͤlig ein feindſeliger Geiſt, und es ſammelten ſich immer mehr und mehr ge⸗ fahrbringende Elemente. Das alte Mittel, Leute, die nicht ihrer Geſinnung waren, als Janſeniſten und Ketzer zu verſchreien, gedieh nicht uͤberall mehr. Der Widerſpruch, in den ſie von Tage zu Tage haͤufiger mit den hoͤchſten Behoͤrden, den Geſetzen des Reiches und der oͤffentlichen Meinung geriethen, machte die Gegner von nun an aufmerkſamer auf † 33 die Unternehmungen des Jeſuiter⸗ Ordens in und außerhalb Europa. Namentlich war dieß mit ihren Miſſionen und Niederlaſſungen in Braſilien, Ma⸗ ragnon und Paraguay der Fall, wo die Unordnun⸗ gen in gleichem Maße, wie die Reichthuͤmer, ſich haͤuften, und die Eingebornen bereits mehr als eine Gelegenheit hatten, den erſten unverdorbenen Zu⸗ ſtand der Staatsgeſellſchaft und des Chriſtianismus mit der Ausartung der Civiliſation und den Graͤueln eines der chriſtlichen Kirche geradezu entgegengeſetz⸗ ten Pfaffthums zu vergleichen. Die Beſchwerden uͤber ihr Gewaltverfahren, ihren Geiz, ihre Unab⸗ haͤngigkeits⸗ und Herrſchafts⸗Umtriebe in jenen Gegenden mehrten und drangten ſich, und ſelbſt die Päpſte(Benedikt XIV. zumal) erließen ſcharfe Breven wider die ſogenannten Miſſions⸗Jeſuiten. Allein die Letztern ſetzten ſtarren Ungehorſam ent⸗ gegen und handelten nach alter Willkuͤr. Aber gerade aus dem Lande, von welchem aus ſie das monarchiſche Prinzip am heftigſten verſehrt, ging der Todesengel fur den Orden hervor, und die Fol⸗ gen ihrer Habſucht vernichteten die ſtolzen Werke ihres noch ſtaͤrkeren Ehrgeizes. Der Portugieſe Gomez Pereira hatte in der Provinz Paraguay betraͤchtliche Silberminen ver⸗ muthet, und dieſes Ergebniß ſeiner Forſchung dem koniglichen Statthalter zu Rio⸗Janeiro mitgetheilt. Man trachtete daher von nun an, einen Theil jenes Landes, welcher Spanien unterwuͤrfig war, an Portugal zu bringen, und entwarf einen Tauſch⸗ vertrag, vermoge deſſen der katholiſche Koͤnig ſieben Reduktionen von Paraguay gegen die portugieſiſche —— 54 Kolonie von Santo Sacramento Sr. allergetreue⸗ ſten Majeſtaͤt abtreten ſollte. Die Koͤnigin von Spanien, Maria Barbara, Joao's V. Toch⸗ ter, unterſtutzte dieſe Sache mit Waͤrme, und noch im Jahre 1750, kurz vor dem Tode jenes Monar⸗ chen, wurde der Vertrag unterzeichnet. Die fragli⸗ chen ſieben Reduktionen waren: St. Angelo, St. Givanne, St. Michele, St. Lorenzo, St. Luigi, St. Niccolo und St. Francisco de Borgia. Kaum erhielten die Jeſuiten darin von dieſem Beſchluſſe der kontrahirenden Kabinete Nachricht, als ſie eine Provinzialverſammlung hielten, und in einer ſehr geſchickt abgefaßten Schrift von 14 Arti⸗ keln dem Madrider Hofe die Unmoͤglichkeit der Voll⸗ ziehung des Vertrages zu beweiſen ſuchten. Man zeigte darin der Eingebornen Abſcheu gegen die Por⸗ tugieſen, die Ergiebigkeit der Einkuͤnfte jenes Land⸗ ſtriches, die Groͤße des aus ſeiner Abtretung Spa⸗ nien erwachſenden Verluſtes, und noch mehr die, im Falle eines Krieges, durch England und Portu⸗ gal von jener Seite her drohende Gefahr. Der Beichtvater des ſpaniſchen Koͤniges Ravago, ZJe⸗ ſuite, und der Premierminiſter Enzenas unterſtutz⸗ ten die Gruͤnde in jener Schrift lebhaft, und man wußte auch den Koͤnig Karl III. von Neapel, muth⸗ maßlichen Erben der ſpaniſchen Krone, zu einer Proteſtation gegen den geſchloſſenen Vertrag zu be⸗ wegen. Um dieſelbe Zeit aber, als dieſe Intriken in Spanien geſponnen wurden, wurde von den Je⸗ ſuiten in Portugal eben ſolche Sprache geredet. Man ſtellte auch dem Hofe von Lisboa die unberechen⸗ baren Nachtheile vor, welche aus der fraglichen Ab⸗ —— 55 tretung ihm erwachſen wuͤrden, und zwar ſcheinbar, mit ſiegreichem Erfolge. Der junge Koͤnig Dom Joſe ſuchte, im Jahre 1751, durch ſeinen nach Madrid geſchickten Miniſter, Lobo di Gama, die Vollziehung des Vertrages, auf der man fruͤher portugieſiſcher Seits ſo hartnaͤckig beſtanden hatte, nunmehr eben ſo eifrig zu hintertreiben; aber die Koͤnigin, fuͤr die Intereſſen ihres alten Vaterlan⸗ des beſſer bedacht, als ihr Bruder, ſetzte durch, daß die alte Abrede aufrecht erhalten und von Sei⸗ ten Spaniens der Marquis von Valdilirios, von Seiten Portugals aber der General Gomez Freire d'Andrade mit der Vereinigung des merkwuͤrdigen Handels beauftragt wurden. Die widerſtreitende Jeſuitenpartei kam durch die Bemuͤhungen der Ko⸗ nigin in Schatten. Als die königlichen Befehle, vermoͤge deren ſie ihr bisheriges Vaterland mit dem neuen, zugewie⸗ ſenen, vertauſchen ſollten, von den dahin geſendeten Bevollmaͤchtigten den Bewohnern der ſieben Miſ⸗ ſionen von Uragay bekannt gemacht wurden, ver⸗ weigerte ſie geradezu den Gehorſam, angereizt durch ihre Beherrſcher, die Jeſſtten. Daſſelbige thaten auch die Anwohner von St. Sacramento, wel⸗ che geradezu die Herrſchaft des katholiſchen Koͤniges verſchmaͤhten und ſeine Wappen ſchaͤndeten. Das unerwartete Ereigniß wurde an beide Hoͤfe berichtet, und nun erhielten die Statthalter der naͤchſtgelege⸗ nen uͤberſeeiſchen Provinzen Auftrag, mit bewaff⸗ neter Hand Gehorſam zu erzwingen. Der erſte Verſuch war von keinem guͤnſtigen Erfolge beglei⸗ tet; aber Carvalho erwirkte die Abſendung ſeines 56 Bruders D. Francisco Tavier de Mendoza, Ge⸗ neralkapitaͤns von Groß⸗Para und Maragnon, mit verſtaͤrkter Truppenzahl nach den Gegenden des Auf⸗ ruhres, und die Vernichtung der Miſſionen war von nun an beſchloſſen. Die Mutter des Koniges, Carvalho's ehemalige Beſchuͤtzerin und von ihm jederzeit hoch geehrt, hatte den Fall derſelben bisher noch verzögert, mit⸗ telſt des großen Einfluſſes, den ſie auf die Ent⸗ ſchließungen des Koͤniges, wie auf jene des Mini⸗ Ang. 1754 ſters, behauptete. Mit ihrem Tode verloren die Miſſions⸗Jeſuiten ihre einzige Stutze. Ein Breve Benedikts XIV.(vom 10. Dez. 17410, zu Gunſten der Freiheit der Indianer erlaſſen, eroͤffnete den Feldzug gegen ſie; demſelben folgte eine koͤnigliche Verordnung, vom 6. Juni 1755, wodurch die In⸗ dianer in weltlichen Angelegenheiten dem Regi⸗ mente ihrer bisherigen Beherrſcher entzogen und ausſchließlich demjenigen der Statthalter zugetheilt wurden. Dieß war der Stand der Dinge um die Zeit des großen Erdbebens in Liſſabon, welches mit den Leidenſchaften der Menſchen wetteiferte, Schrecken, Unruhe und Empoͤrung zu verbreiten und alle Ver⸗ haͤltniſſe der Geſellſchaft, wie die Wohnungen der⸗ ſelben, zu erſchuͤttern und zu vernichten. Der Kampf mit dem Orden hatte bereits nun begonnen; wir werden ihn in Verbindung mit andern Ereig⸗ niſſen bis zu ſeinem Ausgange weiter ſchildern. „ — 57 Sechstes Kapitel. Fernerer Gang der Regierung Pom⸗ bals. Hinderniſſe, welche ſeinen Re⸗ formen ſich entgegenſtellen. Kampf mit der Ariſtokratie wie mit dem Je⸗ ſuitismus und deſſen Ausgang. Carvalho, welcher bereits ſo manches Gute vollbracht oder eingeleitet, blieb nicht auf halbem Wege ſtehen. Waͤhrend er demnach die Vernich⸗ tung der fuͤrchterlichen Hyder, an welche bisher noch kein Gluͤcklicher ſich gewagt, mit einem Mu⸗ the ohne Gleichen als vornehmſtes Ziel ſeines Le⸗ bens ſich ſetzte, arbeitete er dem Fanatismus und der Unwiſſenheit auf anderer Seite mit aller Kraft entgegen; nicht ſtets in der Form ſeiner Maßregeln tadelfrei, aber durch die Sache und den Grundſatz jederzeit gerechtfertigt. Noch im Jahre 1751 hatte er das Gerichtsverfahren der Inquiſition verbeſſert und die Auto da Fé's abgeſchafft. Das Inſtitut ſelbſt ſchon zu vernichten, war außerhalb der Grenze der Moͤglichkeit bei einer Nation, wie damals die portugieſiſche, und in einer Zeit, welche an einige Duldung kaum erſt ſich gewoͤhnt hatte. Die ſchaͤndliche Gewohnheit der alljaͤhrlichen Entfuͤhrung einer großen Zahl von Maͤdchen nach Braſilien, un⸗ ter dem Vorwande, in Kloſtern ſie erziehen zu laß ſen, horte durch eine Miniſterialverordnung auf. Viele, widerrechtlich oder doch verſchwenderiſch und dem Königthume zu großem Nachtheile an Privat⸗ perſonen geſchenkte, Lehen in Afrika und Amerika wurden von der Krone wieder eingezogen; ein Um⸗ 68 unter den hoͤheren Staͤnden erregte. Die von Car⸗ valho bewilligte und mit großen Vorrechten ausge⸗ ſtattete Handelscompagnie nach Oſtindien und China, an deren Spitze das Haus Oldenburg ſtand, und bei der Carvalho ſelbſt auch Aktien nahm, er⸗ regte das Erſtaunen von Europa. Durch dieſe und aͤhnliche, z. B. die von Maragnon, hob ſich der Handel, aber die Kraͤmerei litt und murrte deſto mehr, und der Uebelwille nannte den Plan unſinnig und un⸗ rechtlich. Auch bei dem Heerweſen gingen wichtige Veraͤnderungen vor und wir werden bald weiter un⸗ ten auf den Mann zu ſprechen kommen, welcher, Pombal zur Seite, in dieſer Hinſicht das Wunder⸗ bare erwirkt und Portugal den alten Kriegsruhm zuruͤckgegeben hat. Auf das ſurchtbare Ungluͤck des Jahres 1755, naͤmlich das Erdbeben, welches den groͤßten Theil der Hauptſtadt zerſtoͤrte, und welches von Dichtern und Geſchichtſchreibern gleich meiſterhaft geſchildert worden iſt, folgten mannichfache Nachwehen, denen zu begegnen außer dem Kreiſe menſchlichen Vermo⸗ gens ſtand, die jedoch gleichwohl der Haß erbitterter Feinde ſaͤmmtlich auf Rechnung des Miniſters ſchob, ſo viel derſelbe auch fuͤr Milderung des allgemeinen Elendes und fuͤr Herſtellung des oͤffentlichen Wohl⸗ ſtandes ſich bemuͤhte. Auf die fremden Schiffe wurde eine neue Auflage, zu nicht geringem Miß⸗ vergnuͤgen der Englaͤnder, gelegt; der Koͤnig, der Hof und die Großen kleideten ſich von nun an bloß in einheimiſche Erzeugniſſe und uͤber eine Million Cruſaden wurde durch dieſes erſte muthige Beiſpiel ſtand, welcher freilich eine Menge Unzufriedener — — 59 von Einfachheit und Vaterlandsliebe jährlich er⸗ ſpart. Dom Joſe belohnte jetzt die großen Anſtren⸗ gungen ſeines Staatsſekretaͤrs mit der Stelle eines Prinzipalminiſters; die eines Staatsſekretars der 5 auswärtigen Angelegenheiten wurde D. Luiz d'A⸗ eunha, welcher in die Anſichten des Erſtern genau einging, uͤbertragen. Carvalho el Mello zeigte in der neuen Wuͤrde, wo moglich, nochgroͤßere Ener⸗ gie, als bisher. Die tiefverſunkene Landespolizei wurde durch Maßregeln von freilich ſehr ſtrenger Natur wieder in Ehren gebracht; die Menge von Galgen um Lisboa ſaͤuberte bald die Straßen von der Anzahl Diebe, die bis zum Unglaublichen die offentliche Sicherheit, zumal nach dem Erdbeben, gefäͤhrdet hatten. Dem uͤberhand nehmenden Muͤt ßiggange wurde eben ſo kraftvoll geſteuert. Sieg⸗ reich widerlegte und ſtrafte der Miniſter alle Ankla⸗ gen ſeiner reichen und maͤchtigen Feinde, welche ohne Unterlaß an ſeinem Sturze arbeiteten. Die Partei des Infanten Dom Pedro, die hohe Ariſto⸗ kratie, welche durch den Emporkoͤmmling beſchimpft ſich fuͤhlte, die Aufruͤhrer zu Oporto, welche die Weinmonopole und die Handelskompagnien zu fre⸗ velhaftem Widerſtande vereinigt hatten, endlich die Jeſuiten erlitten hinter einander Demuͤthigungen und Niederlagen mannichfacher Art. Die Angele⸗ genheit der Letztern betreffend, fuͤhren wir die Summe der Ereigniſſe, mehreren Zuſammenhanges willen, bis zu der ungluͤckſeligen That des Anſchla⸗ ges auf die Perſon des Monarchen fort; eine That, welche den Orden vollig ſtuͤrzte, eine Reihe der an⸗ geſehenſten Individuen auf das Blutgeruͤſt fuͤhrte „ Mai 1756 60 und die Kerker allenthalben mit Gefangenen fuͤllte. Schon durch die Umtriebe wiber die Handels⸗ geſellſchaft von Maragnon, als deren Urheber die Jeſuiten Baleſter und Fonſeca galten, war der Zorn Carvalho's wider den feindſeligen Orden zu einem hohen Grade geſteigert worden. Er mehrte ſich, als die Malagrida und Andere nach dem großen Erd⸗ beben mit Kruzifixen in der Hand das Volk wider die beſtehende Ordnung der Dinge zu entflammen und unter demſelben die Idee zu verbreiten ſuchten, daß dieſes Schreckniß die Folge der Suͤnden des gegenwaͤrtigen Regimentes geweſen und ſomit Car⸗ valho als der Haupturheber der oͤffentlichen Leiden zu betrachten ſey. Es entdeckte dieſer auch eine Menge Anſchlaͤge auf ſein Leben, die theils durch beſtochene Werkzeuge aus anderen Orden, oder durch angeſehene Perſonen aus der Mitte des Adels ent⸗ worfen, theils aber von der Geſellſchaft Jeſu unmit⸗ telbar unternommen worden waren. Allein er durch⸗ kreuzte die Letztern in ihren Minen jedesmal bei voller Arbeit. Vergebens unterſtutzten die Großen des Reiches, mit Einſchluß der koͤniglichen Prinzen, und der eigene Beichtvater D. Joſe's, Moreira, fruͤherhin der Beſchuͤtzer Carvalho's, den wankenden Orden; die Entziehung der weltlichen Gerichtsbar⸗ keit und die Freierklaͤrung der Indianer in den Miſ⸗ ſionslanden erſchuͤtterten die Grundfeſten deſſelben. Der Miniſter ſtand unausreißbar in der Huld ſeines Monarchen gewurzelt, und die Gegner fielen ſtets nur ſelbſt in die Grube, die ſie ihm mit vieler Kunſt gegraben hatten. Der Kredit der Jeſuiten am — 64 — Hofe, zumal nach dem Sturze Moreira's, ſank gaͤnzlich, trotz der Anſtrengungen des Infanten, der Prinzeſſinnen, und des Herzogs von Braganza. Die ZJeſuiten hatten durch eine Fluth von Schriften, groͤßeren und kleineren Inhaltes, Carval⸗ ho in der offentlichen Meinung, zumal der großen Volksmaſſe, zu verderben geſucht; er begegnete ih⸗ nen auf dem gleichen Wege, und gab in gedruck⸗ ten und aus Archiven bearbeiteten Denkſchriften von den Grundſaͤtzen, Zwecken, Verbrechen und Thorheiten der Jeſuiten umſtaͤndliche Nachricht. Zumal waren ihre Attentate in Paraguay und Ma⸗ ragnon mit grellen Farben darin geſchildert und uͤber 20,000 Abdruͤcke davon unter das Publikum und an alle Hoͤfe Europa's vertheilt worden. Dieſe Sache erregte im In und Auslande ungemeines Aufſehen und erhob die moraliſche Macht der Heffentlichkeit, welche bis dahin in Portugal vor Inquiſition und Jeſuitismus nimmermehr hatte aufkommen moͤgen, außerordentlich. Die Jeſuiten zogen es aber vor, ob aus Unvermoͤgen und Gefuͤhl der Schuld, oder aus Ruͤckſichten der Politik, iſt unbekannt, nicht gleich jetzt, ſondern erſt im Jahre 1780, d. h. nach Pombals Sturze, zu antworten. Ganz Europa theilte ſich damals fuͤr oder wider die Unſchuld des Ordens, hinſichtlich der verworfenen Punkte des Hochverrathes und verderbter Moral; doch war be⸗ reits der Stich der miniſteriellen Partiſane ein todt⸗ licher fuͤr ihr Daſeyn geweſen. Der paͤpſtliche Hof ſelbſt wurde zu Huͤlfe ge⸗ gen die Anmaßungen der Jeſuiten angerufen, und Benedikt KIV. ſah ſich veranlaßt, dem Kardinale 62 Saldanha in Liſſabon Vollmacht fuͤr die Reform des verhaßten Ordens zu ertheilen. Handelſchaft, Beichtſtuhl und Kanzel wurden ihnen hintereinan⸗ der unterſagt und damit drei Hauptkanaͤle ihrer Wirkſamkeit unter dem Volke entriſſen. Etwas guͤnſtigere Ausſichten eroͤffnete ihnen der Tod jenes Papſtes und die Vorliebe ſeines Nachfolgers, Kle⸗ mens XIII., fuͤr die Jeſuiten. Trotz der Anfechtun⸗ gen, die ſie nun auch in Spanien und Frankreich immer mehr und mehr erlitten, erhoben ſie ſtolz von Neuem ihr Haupt, und Lorenzo Ricci, der beruͤhmte General des Ordens, glaubte in einer ſehr heftigen Denkſchrift, welche an den Papſt gerichtet war, alle Gegner ſiegreich aus dem Felde geſchla⸗ gen zu haben. Allein dieſer Schritt fuͤhrte gerade zum Entgegengeſetzten. Der Kardinal Paſſionei, gerade nicht der waͤrmſte Freund des Ordens, er⸗ hielt in der Kongregation der Kardinaͤle den Bericht uͤber die Sache, und er fiel ſehr zu Ungunſten des Generales aus; das Geſuch deſſelben, die in Portu⸗ gal obſchwebenden Streitigkeiten der Geſellſchaft Jeſu mit dem Hofe von Seiten des heiligen Stuh⸗ les aus oberſter Machtvollkommenheit zu entſchei⸗ den, wurde foͤrmlich zuruͤckgewieſen. Die zweideutigen Ausdruͤcke und die vielen Schlangenwindungen, welche das an den Papſt überſandte Memorial enthielt, gewaͤhrte den Fein⸗ den des Ordens uͤberdieß reichen Stoff zu mancher⸗ lei ernſten Betrachtungen. Der Koͤnig von Portu⸗ gal und ſeine Miniſter wurden in einer anonymen Schrift, welche die Jeſuiten vergebens aufzukaufen oder zu unterdruͤcken ſich Muͤhe gaben, auf den 63 wichtigen Inhalt erſt recht aufmerkſam gemacht. Die Schutzſchrift des Generales war darin genau zer⸗ gliedert, die Zweideutigkeit der Ausdrucke dargethan, und durch eine zuſammenhaͤngende Reihe von Be⸗ gebenheiten aus älterer und neuerer Zeit der faktiſche Beweis von der Verdorbenheit des Jeſuiter⸗Ordens und dem Widerſpruche deſſelben mit der Wohlfahrt des menſchlichen Geſchlechtes, in der Theorie wie in der Erfahrung, geliefert. Die Betheiligten er⸗ klaͤrten, nach ihrer gewohnten, ſehr bequemen Weiſe, den Verfaſſer fuͤr einen Ketzer und Janſe⸗ niſten, die Schrift ſelbſt aber fuͤr ein Gewebe von Luͤgen, Maͤhrchen und Entſtellungen; dagegen aber wurde der Orden, wie naturlich, als zu jeder Zeit und in jeder Hinſicht völlig rein geſchildert. Ja es ſtellten die Loyoliſten ſogar ihre Handelſchaft in Ab⸗ rede, welche um dieſelbe Zeit, als dieſe Gegener⸗ klaͤrung im Drucke erſchien, und in derſelben Stadt, wohin ihre Klagen erſchallten, in Rom, oͤffentlich getrieben wurde. Ein ſchreckliches Ereigniß, welches in der Nacht auf den 4. Herbſtmond 17538 ſich zu Liſſabon begab, trug jedoch mehr, als alle Schriften, dazu bei, in der Ueberzeugung des Monarchen von Portugal und ei⸗ nes großen Theiles von heller ſehenden Maͤnnern in Europa, wenn auch nicht die rechtlich erwieſene un⸗ mittelbare Theilnahme der Jeſuiten an koͤnigsmoͤr⸗ deriſchen Planen, doch immerhin die Gefaͤhrlichkeit der von ihnen gelehrten Grundſätze und der innigen Verbindung unzufriedenel Großen mit einem ſo maͤchtigen Inſtitute, darzuthun. Der Koͤnig Dom Joſs fuhr, ungefahr um 2 Uhr in der Fruͤhe, aus 64 dem Palaſte der Familie Tavora nach Belem zuruͤck von einem froͤhlichen Feſte, das die Familie veranſtaltet hatte. Ploͤtzlich ſchoſſen drei mit Mus⸗ keten bewaffnete Maͤnner zu Pferde nach dem koͤ⸗ niglichen Wagen; da jedoch der Fuͤrſt gleich nach dem erſten Schuſſe, der dem Kutſcher gegolten, ſich auf den Boden der Kaleſche buͤckte, ſo entging er der augenſcheinlichen Lebensgefahr, indem die bei⸗ den folgenden Schuͤſſe mit gehacktem Eiſen uͤber ihn wegfuhren und bloß den obern Theil des Armes ihm zerſchmetterten, mit welchem er in der Angſt des Herzens unvorſichtig den Seitengriff feſtgehalten hatte. Das Dunkel der Nacht ſchuͤtzte die Flucht der Meuchelmoͤrder; der Koͤnig wurde unterweges, auf dem Schloſſe des Marquis von Angeja, verbun⸗ den, und von da nach Belem gebracht, wo er drei Monate einſam zubrachte, und wohin keiner Seele (mit Ausnahme ſeiner Familie, und auch dieſer nur hei verhuͤllten Fenſtern) der Zutritt geſtattet wurde. Die Beweggruͤnde zu dieſer That werden von den verſchiedenen Parteien verſchieden angegeben: waͤhrend Einige darin eine von den Tavora's an dem Koͤnige genommene Rache fuͤr das unerlaubte Verhaͤltniß mit der jungen und ſchoͤnen Graͤfin des Hauſes erblickten, oder auch glaubten, es habe der Graͤfin ſelbſt gegolten, auf daß der Gegenſtand und die Veranlaſſung der, dem ſtolzen Hauſe zugefuͤgten, Schmach aus dem Wege geraͤumt wurde; behaup⸗ teten Andere, die Schuͤſſe ſeyen dem koͤniglichen Kammerdiener Texeira, oder dem verhaßten Mini⸗ ſter zugedacht geweſen. Tiefer Blickende erſahen aber in dem Ereigniſſe ein hochverraͤtheriſches Wagniß 65 und eine tiefangelegte Staatsintrike, deren Haupt⸗ urheber, unter den vorwaltenden Verhaͤltniſſen, un⸗ ſchwer zu erahnen ſeyen. Auch fehlte es auf der andern Seite an Leuten nicht, welche das Attentat als Machwerk Pombals erklaͤrten, welches er ſelbſt veranſtaltet, um dadurch ſeinem Plane, der voͤlli⸗ gen Unterdruͤckung des Jeſuitismus und der hohen Ariſtokratie, naͤher zu kommen. Der Miniſter ſäumte nicht, die ſorgfaͤltigſte und ſtrengſte Unterſuchung uͤber das Geſchehene an⸗ zuſtellen; verſiegelte Befehle, welche erſt in einer gewiſſen Entfernung von Lisbva geoͤffnet werden durften, verfuͤgten die Zuruckfuͤhrung aller nach Braſilien eingeſchifften Perſonen; mehrere Regi⸗ menter ruͤckten in die Hauptſtadt ein; und nun er⸗ folgten am 13. Chriſtmonde in aller Fruͤhe zahlreiche Verhaftungen, zumal in den Wohnungen der hoͤ⸗ heren Klaſſe. Der Herzog von Aveiro, Oberhof⸗ meiſter des Koͤniges, ſein Sohn, der Marquis von Govora; der alte Marquis von Tavora, Ge⸗ neral der Reiterei und ehemaliger Vicekoͤnig von Indien; ſeine beiden Soͤhne Luiz Bernardo und Joſo Maria; Manvel und Joſé Ma⸗ ria de Tavora, ſeine Bruͤder; der Graf Atou⸗ gia und der Marquis von Alorno, ſeine Schwie⸗ gerſoͤhne und ſaͤmmtliche Hausgenoſſen derſelben, machten den Anfang; darauf folgten, in den Pro⸗ vinzen, D. Joao de Tavora, Obriſt zu Cha⸗ ves in Traz os⸗Montes; Nuno de Tavora, in Alemtejo; der Erzbiſchof von Evora und der Biſchof von Porto. Die Marquiſin Leonor von Tavora wurde mit ihren Toͤchtern in das eine. P. II. 5 66 Kloſter, die Herzogin von Aveiro in das andere, die junge Marquiſin von Tavora dagegen nach das Santos abgefuͤhrt. Die uͤbrigen Frauen, Toͤchter und Schweſtern der Verhafteten erhielten Wache vor ihren Haͤuſern. Das Gleiche geſchah vor ſaͤmmt⸗ lichen Jeſuitenhaͤuſern, wo Jedermann der Ein⸗ und Austritt gewehrt wurde. Am 20. Chriſtmonde begann der peinliche Pro⸗ zeß; am 9. Jänner waren die Verhoͤre geſchloſſen und am 13. deſſelben Monates machte man das Ur⸗ theil, welches, auf Befehl der Regierung ſofort aus⸗ fuͤhrlich motivirt und alle Einzelnheiten der Ver⸗ ſchwoͤrung und des Prozeſſes enthaltend, im Drucke erſchien, und welches von nicht geringem Umfange war, oͤffentlich bekannt. Aus dem Zuſammenhange von Selbſtgeſtaͤndniſſen, Ausſagen und Verhaͤlt⸗ niſſen der Thatſachen zu einander erhellte: der Haß des Herzoges von Aveiro gegen den Koͤnig und ſeine Regierung, wegen Vereitelung mehrerer ehr⸗ ſuͤchtiger Plane zu Bereicherung ſeines Hauſes; die Verfuͤhrung einer Anzahl mißvergnuͤgter Perſonen zu einem Anſchlage wider den Koͤnig und das Mini⸗ ſterium; die innige Verbindung dieſes Herzoges mit den Jeſuiten, alsbald nach der Wendung der Dinge in den Miſſionsprovinzen, und die zahlreichen ge⸗ heimen Zuſammenkuͤnfte mit den Letzteren in ſeinem Palaſte. Bei dieſen Zuſammenkuͤnften wurde die gewaltſame Ertoͤdtung des Monarchen beſchloſſen, und von den Jeſuiten auch die Marquiſe Leonor de Tavora mit dem alten Herzoge ausgeſoͤhnt, nach⸗ dem zuvor wechſelſeitige Eiferſucht die beiden Fami⸗ lien von einander getrennt hatte. Der Pater Ga⸗ * 67 briel Malagrida zumal, welcher Donna Leo⸗ nor die Uebungen des heiligen Ignazius, d. h. die Disciplin auf die bei den Jeſuiten uͤbliche Weiſe, gegeben, habe dieſelbe zu immer groͤßerem Haſſe ge⸗ gen den Konig entflammt und an der Leitung des geſchmiedeten Planes von nun an auf das Thätigſte Theil genommen, auch ihren Mann, ihre Kinder und uͤbrige Verwandte in die Verſchwoͤrung mit hin⸗ eingezogen. Die Summe, welche der alte Mar⸗ quis an die beſtellten Moörder fuͤr ſein Pro rata zahlte, betrug 12 Goldſtuͤcke. Nach Vereitelung des Vorhabens fand er ſich mit den uͤbrigen Ver⸗ ſchworenen im Hauſe Aveiro's ein, und hier mach⸗ ten ſie ſich wechſelſeitig Vorwuͤrfe uͤber den geringen Nachdruck, mit welchem der verabredete Schlag ausgefuͤhrt worden. Der aͤltere Sohn des Mar⸗ quis von Tavora, Luiz Bernardo, durch den Vater und Malagrida verlockt, hatte, zum Behufe des Ueberfalles, Waffen und Pferde geliehen, und die⸗ ſelben zwei Tage vorher, mit Teppichen bedeckt, nach dem Marſtalle des Herzoges von Aveiro geſchickt. Vater und Sohn befanden ſich waͤhrend der Nacht der That in einem und demſelben Hinterhalte. Ebenſo hatte man auch den Schwiegerſohn des al⸗ ten Marquis, den Grafen Atougio, zur Theilnah⸗ me beſtimmt, und die Jeſuiten Malagrida, Matos und Alexander waren ſeine Hauptverfuͤhrer gewe⸗ ſen. Er gab den Meuchlern 8 Goldſtucke aus ſeinem Beutel, und wohnte mit ſeiner Gemahlin der be⸗ reits erwähnten Verſammlung im Palaſte Aveiro bei. Der juͤngſte Sohn Tavora's, Joſe Maria, erlaubte ſich, nachdem er von dem geſcheiterten 5* 68 Plane Nachricht erhalten, die Aeußerung:„Bei Gott, mir häͤtte er nicht entwiſchen ſollen, waͤre ich an Eurer Stelle geweſen!“ Der vertraute Freund Luiz Bernardo's, Beaz Joſé Romeiro, geſtand, daß der junge Marquis ihm die Ergebniſſe einer Verſammlung anvertraut habe, die am Nachmit⸗ tage vor der Nacht des Ueberfalles gehalten worden. Nachdem er mit einem Eide ewiges Stillſchweigen angelobt, hielt er drei geſattelte Pferde an dem Orte des Ueberfalles bereit, und wohnte demſelben, ſo wie der Zuſammenkunft am folgenden Morgen, bei. Die Werkzeuge der verfluchten That waren der ehemalige Kammerdiener Aveiro's, Alvarez Fereira und deſſen Schwager Poliearpo d'Azevedo. Sie wurden um 40 Dukaten gedungen, ſollen jedoch des folgenden Tages wegen des Mißlingens heftig ausgeſcholten worden ſeyn. Auch der gegenwaͤrtige Kammerdiener des Herzoges, Manvel Alvarez, und ſein Leibpage, Jono Miguel, wurden mehr oder minder als Helfershelfer bezeichnet. Alle Umſtaͤnde des Angriffes in der ſchauervollen Nacht waren in fuͤnf eigenen Paragraphen des Urtheiles ausfuͤhrlich angegeben. Darauf folgten die rechtlichen Vermu⸗ thungen gegen die Verſchworenen und die Jeſuiten, als Anſtifter zum Morde, und endlich die peinlichen Erkenntniſſe. Sie zeichneten ſich durch blutige Strenge aus. Die meiſten der Verſchworenen wur⸗ den geraͤdert(Alle jedoch, bis auf den Herzog), nach zuerſt empfangenem Gnadenſtoße; Donna Leonor ward durch das Schwert und zwar zuerſt unter Al⸗ len gerichtet; die Werkzeuge des Mordes, Alvarez und Fereira(Azevedo im Bildniſſe) ſtellte man —— 1 =— 69 ————— an hohe Pfaͤhle und verbrannte ſie lebendig. Die ge⸗ ringeren Verbrecher wurden theils durch Gefaͤngniß, theils durch Verweiſung geſtraft. Koͤnig und Volk ſchauderten einigermaßen gleich ſehr vor dem fuͤrch⸗ terlichen Schauſpiele zuruck, bei welchem die Bluͤthe des portugieſiſchen Adels aufgeopfert wurde; doch ſollte durch ein ſolches Beiſpiel unter alle uͤbrigen Mißvergnuͤgten Schreck verbreitet und jeder Ge⸗ danke fernerer Bewegungen wider die Regierung und die beſtehende Ordnung erſtickt werden. Roch iſt man uͤber alle einzelnen Umſtaͤnde dieſer ſchauer⸗ vollen Geſchichte nicht ganz im Klaren; es iſt fuͤr den Geſchichtſchreiber ein druckendes Gefuͤhl, ſelbſt den Henker bei Laͤngſtverſtorbenen machen zu muͤſ⸗ ſen; aber es iſt mehr, als ein moraliſcher und ſelbſt rechtlicher Beweis fuͤr die Schuld der Geopferten vorhanden, und die blutigen Ereigniſſe und finſteren Kabalen, welche noch in neueſten Tagen die Jahr⸗ buͤcher beider Nationen der pyrenaͤiſchen Halbinſel entehren, zeigen nur zu deutlich, was der Ehrgeiz der hoͤheren Staͤnde und der Einfluß der Prieſter vermoͤgen. Es ließ ſich zum Voraus erwarten, daß die Je⸗ ſuiten Portugals mit in die Kataſtrophe verwickelt wuͤrden. Schon mehrere Tage vor Vollziehung der Bluturtheile wurden folgende Mitglieder des Ordens verhaftet und in Gefaͤngniſſe gebracht: Moreira, da Coſta, Oliveira, Perdigao, Malagrida, Soa⸗ rez, Henriquez, Matos, Alexander, Stefan Lopez und Joſe Oliveira. Ausſagen von einzelnen Ver⸗ ſchworenen, freilich unter der Qual der Folter, zeug⸗ ten wider ſie. Da nun auch uͤberdieß in Spanien, 70 wäͤhrend der neuen Regierung Fernando's VI. der Orden daſelbſt neuen Einfluß erhielt und die Schrif⸗ ten des portugieſiſchen Miniſteriums gegen die Je⸗ ſuiten offentlich verbrennen ließ; ſo zoͤgerte Carvalho nicht laͤnger und verordnete die Einziehung aller Guͤ⸗ ter des Ordens im ganzen Umfange von Portugal, und ſie wurden nunmehr zu Staatsguͤtern verwan⸗ delt. Außerdem wurde, um den kuͤhnen Schritt zu rechtfertigen, Alles angewendet, um die oͤffent⸗ liche Meinung, wo moͤglich, noch mehr uͤber die Gefahren zu belehren, welche von der Geſellſchaft Jeſu den Voͤlkern und den Fuͤrſten drohten. Die hohe Geiſtlichkeit des Reiches, begierig, der langen und verhaßten Vormundſchaft endlich einmal ledig zu werden, unterſtuͤtzten kraͤftig die Maßregeln des Miniſteriums. Deſto eifriger war die niedere Kle⸗ riſei fuͤr den bedraͤngten Jeſuitismus bemuͤht, und durch ſie vorzuͤglich wurde auf die Ueberzeugung des gemeinen Volkes gewirkt, welchem, bei ſeiner be⸗ ſchraͤnkten Denkart, noch immer richtige Begriffe von der großen Wohlthat fehlten, die der durchgrei⸗ fende Miniſter durch Bekaͤmpfung ſeiner geiſtigen Tyrannen ihm erzeigte. Der Papſt wurde von dem neuen Syſteme der portugieſiſchen Regierung alsbald in Kenntniß ge⸗ ſetzt und ſogar von Carvalho, im Namen des Koͤ⸗ niges, aufgefordert, mittelſt eines Breve's, dem⸗ ſelben die Befugniß zu Beſtrafung der, des Hochver⸗ rathes angeklagten, Jeſuiten zu ertheilen. Allein Klemens XIII. nahm parteiiſch ſie in Schutz und dadurch ward zwiſchen dem heiligen Stuhle und dem Hofe von Lisboa ein förmlicher Bruch veranlaßt. — 7¹ — Der Miniſter beſchloß, keinen Zoll breit zu weichen; er bewirkte demnach die Verbannung des paͤpſtlichen Nunzius aus der Hauptſtadt; nahm im ganzen Reiche den Jeſuiten die Schulen ab und fuͤhrte eine zeitgemäßere Erziehungsmethode ein. In dem Edikte, welches dieſe wichtigen Verfuͤgungen ent⸗ hielt, wurden Jene geradezu beſchuldigt, durch ihre finſtere und pedantiſche Lehrart die Fortſchritte der Wiſſenſchaft in Portugal gehemmt und namentlich das Studium der gelehrten Sprachen gaͤnzlich ver⸗ nichtet zu haben. Man maß ihnen ferner die Ab⸗ ſicht bei, daß ſie die Portugieſen gefliſſentlich in der Unwiſſenheit zu erhalten geſucht und alle uͤbrigen Mitbewerber um die Lehrſthle gewaltſam verdraͤngt haͤtten. Bald aber erfolgte der letzte und voͤllig ver⸗ nichtende Schlag, nämlich das ewig denkwuͤrdige Edikt vom 3. Herbſtmonde 1159, in welchem die Jeſuiten, als unfaͤhig jeder Reform, die man auf jede Weiſe gutlich unter ihnen zu bewirken geſucht habe, und als offenbare Empoͤrer, Hochverraͤther, Feinde und Ruheſtoͤrer, aus allen portugieſiſchen Staaten verbannt wurden. Das Edikt wurde mit außerordentlicher Raſchheit vollzogen. Saͤmmtliche Glieder des Ordens, bis auf die wegen angeblicher Theilnahme an der Verſchwoͤrungsgeſchichte Einge⸗ kerkerten, wurden in ſieben Fahrzeuge eingeſchifft und an der Kuͤſte von Italien abgeſetzt, woſelbſt man ſie den gaſtlichen Anordnungen des heiligen Vaters uͤberließ. Zum Abſchiede ſangen ſie im Hafen von Lisboa den Pſalm: In exitu Israel de Aegypto, domus Jacob de populo parn paro, letztere Worte mit beſonderem Nachdrucke⸗ 22 Auf das große Ereigniß, welches, als eine hoͤchſt uͤberraſchende Freudenpoſt, die ganze aufgeklaͤrte Welt mit Blitzes Schnelle durchfuhr, wurden eigene Denkmuͤnzen von Seite der portugieſiſchen Geiſtlich⸗ keit geſchlagen, darauf der Sieg des Lichtes uͤber den Irrthum ſinnbildlich gefeiert war. Der ſcheinheilige und myſtiſche Malagrida, wel⸗ cher, als Oberdirektor der Uebungen des heiligen Ignazius und als Geißler der Damen zu Liſſabon, einen großen Ruf ſich erworben hatte, endigte nach zwei Jahren, wegen Hochverrathes, ebenfalls auf dem Schaffotte; die uͤbrigen Mitgefangenen erlitten ein gelinderes Lvos. Mehrere derſelben ſtarben im Ge⸗ faͤngniſſe; Andere wurden nach und nach entlaſſen, oder ihren Bruͤdern in Italien nachgeſchickt. Wir ſind nicht geneigt, in eine lange Unterſuchung uͤber die dem Orden der Jeſuiten in Portugal zur Laſt ge⸗ legten Dinge uns einzulaſſen, noch eine Kritik der verſchiedenen fuͤr und wider ſie erſchienenen Schrif⸗ ten nun zu verſuchen; vielmehr verweiſen wir in dieſer Hinſicht auf die daruͤber ſich verbreitenden groͤßeren Werke von Wolf und Murr, aus denen die Anhaͤnger, wie die Gegner, ſich ihre Beweisgruͤnde und Waffen hervorholen moͤgen. Hier ſey nur ſo viel geſagt, daß, wenn auch die meiſten der wider die Jeſuiten gefuͤhrten Beſchwerden und erhobenen Beſchuldigungen unſtatthaft in einzelnen Punkten erfunden werden ſollten, der Geiſt ihrer Geſellſchaft und Moral und Politik im Allgemeinen ſchon hin⸗ reichte, um, wie geſchehen iſt, Verbannungsurtheil zu begruͤnden. Wie Fuͤchſe hatten ſie— nach der Aeußerung eines ihrer eigenen Generale—(des 73 Francisco Borgia) ſich eingeſchlichen, wie Hunde ſich vermehrt und wie Woͤlfe wurden ſie verjagt. Ehren wir willig das Gute, welches von ihnen fuͤr den Staat, die Kirche und die Wiſſenſchaft aus⸗ ging; aber ihre Uhr war abgelaufen; ihre Be⸗ ſtimmung erfullt; ein muͤndiges Geſchlecht bedurfte keiner gewaltſamen Vormuͤnder mehr*. Siebentes Kapitel. Pombals Regierung nach Verbannung der Jeſuiten. Die Irrungen mit Rom. Krieg mit Spanien. Graf Wilhelm zur Lippe⸗Schaumburg. Das Jahr, welches auf die Verbannung und 1760 Aufhebung der Jeſuiten in Portugal folgte, war durch die Vermählung des Infanten D. Pedro mit der Prinzeſſin von Braſilien merkwuͤrdig; gleichwohl ließ Pombal unter den 61 Staatsver⸗ brechern, welche ſeit laͤngerer Zeit in geheimer Haft ſich befanden, ſelbſt vertraute Guͤnſtlinge des neuen furſtlichen Paares durch das Tribunal der Incon⸗ fidenza verhoͤren, mehrere hohe Beamte, als: der Staatsſekretaͤr Coſta Corte Real, der Graf San Lorenzo und der Marquis von Angeja, die vor⸗ nehmſten Praͤlaten des Koͤnigreiches, ja ſelbſt der Nunzius und zwei Bruͤder des Koͤniges, von wel⸗ chen der eine die Wuͤrde des Großinquiſitors be⸗ 3) Vergleiche das Verzeichniß der Schriften füͤr und wider die Jeſuiten bei Wolf. B. W. kleidete, wurden mit in den neuen Verſchwoͤrungs⸗ prozeß gezogen; doch blieb es dießmal bei Verwei⸗ ſungen oder Abſetzungen. Der Graf von Heyras hatte durch den ver⸗ nichtenden Schlag, den er gegen die Jeſuiten aus⸗ gefuͤhrt, durch den feſten Sinn, mit welchem er den Anmaßungen des paͤpſtlichen Stuhles begeg⸗ net war, und ſelbſt durch die kuͤhne Maßregel, die er wider den Nunzius ſich erlaubt, die allgemeine Achtung Europa's vor ſich und dem portugieſiſchen Hofe noch vergroͤßert. Großbritannien trug keine Scheu, das ſeinem Verbuͤndeten, durch Verbren⸗ nung mehrerer Schiffe, an der Kuͤſte von Lagos widerfahrene Unrecht durch ſeinen Geſandten, bei einer feierlichen Audienz, foͤrmlich abbitten zu laſ⸗ ſen. Die Umtriebe der Prieſterpartei und die Ver⸗ ſuche, das gegenwaͤrtige Miniſterium durch ver⸗ laͤumderiſche Flugſchriften in der oͤffentlichen Mei⸗ nung zu untergraben, ſuchte Carvalho durch ein zeitliches Verbot auslaͤndiſcher Buͤcher zu verei⸗ teln; doch geſchah hierdurch weniger dem geiſtigen, als dem kaufmaͤnniſchen Verkehre Eintrag, indem Portugal bereits mit den vorzuͤglichſten Werken des Auslandes, zumal aber mit den fuͤr Hierar⸗ chie und Abſolutismus ſo gefaͤhrlichen Schriften der franzoͤſiſchen Philoſophen und Dichter, ange⸗ fuͤllt, und Carvalho ſelbſt in mehreren derſelben ein Gegenſtand der Bewunderung war. Waͤhrend er uͤbrigens auf verſchiedene Weiſe das europaͤiſche Publikum uͤber den ſteigenden Flor Portugals und die wahre Lage dieſes Landes auf⸗ zuklaͤren bemuͤht war, vergaß er nicht, fortwaͤh⸗ 75 rend fur die Wahrheit ſeiner Behauptung redlichſt hinzuwirken. Das durch Erdbeben verſchuͤttete Lisboa erſtand geregelter, prachtvoller und groͤßer, als zuvor, aus ſeinen Ruinen, ſo daß es von nun an in die erſte Reihe der Koͤnigsſtaͤdte von Eu⸗ ropa ſich ſtellen durfte. Dabei bekaͤmpfte er den Widerſpruch einzelner Betheiligten mit mannhaf⸗ tem Sinne und fuͤhrte den Krieg wider die Vor⸗ urtheile des fanatiſchen Poͤbels unerſchutterlich fort. Er machte den Orden der Jeſuiten, welcher gegen die Grundſaͤtze der portugieſiſchen Regierung auch von anderen Staaten aus, wie natuͤrlich zu erwar⸗ ten war, mit allen Gefuͤhlen blutiger Rache zu Felde zog, ſelbſt in dieſen fremden Staaten zit⸗ tern, da ſein Syſtem auf alle hellere Miniſterien wohlthaͤtig zuruckwirkte. Rom und Spanien zeig⸗ ten ſich allein ſproͤde; zumal ward mit dem erſteren formlich gebrochen, da Klemens KIII. durchaus von den Jeſuiten und ihren Anhaͤngern beherrſcht war. Die auch mit Spanien zunehmende Span⸗ nung verwandelte ſich, wie wir bald weiter unten mittheilen werden, in einen foͤrmlichen Krieg, wel⸗ cher Portugals Selbſtſtaͤndigkeit nicht wenig be⸗ drohte, und ohne Englands Huͤlfe Carvalho's Be⸗ harrlichkeit und den Geiſt des Grafen zur Lippe vielleicht vernichtet haben wuͤrde. Unter den ſerneren wohlthaͤtigen Anſtalten, durch die der Miniſter ſeinen Namen verewigte, gehoͤrt auch das aus dem Noviziate der Jeſutten er⸗ richtete Kollegium der Adeligen, deſſen Beſtim⸗ mung war, durch grundlichere und zeitgemaͤßere Erziehung der hoͤheren Klaſſe die alte Bedeutung 76 und die geſellſchaftliche Brauchbarkeit wieder zu vevſchaffen. Hieran moͤgen ſich die vielen andern Schulanſtalten reihen, durch welche der Unwiſſen⸗ heit, der Verwilderung und dem Elende der unteren Volksklaſſen geſteuert werden ſollte. Den portu⸗ gieſiſchen Handelsſtand erfuͤllte mit allgemeinem Jubel die hergeſtellte Freiheit der Schifffahrt, mit allen Waaren und nach allen Stellen, wo nicht fruͤhere Monopole beſchraͤnkten. Dieſer Schritt gab Carvalho mehr Populari⸗ taͤt, als alle bisherigen Verbeſſerungen, die der Stumpfſinn eines eigennuͤtzigen und am Erdkloße nur und an duͤſteren Goͤtzen haͤngenden Volkes durch⸗ aus nicht anerkannt hatte. Die Feinde der Auf⸗ klaͤrung aber raſteten auch jetzt noch nicht. Die beruͤchtigte Bulle„Apostolicum pascendi mu- nus“ wurde eingeſchwaͤrzt, und mit ihr neuer Sa⸗ me der Zwietracht von der jeſuitiſch⸗ariſtokratiſchen Partei allenthalben ausgeſtreut. Solches veran⸗ laßte Carvalho zu neuen Maßregeln, welche von Unbefangenen ſtreng genannt werden konnten, der immer rege Haß der Gegner aber als grauſam verſchrie. Der Koͤnig erklaͤrte, auf Pombals Vor⸗ ſchlag, die Bulle für erſchlichen und nichtig; eine neue Denkſchrift des Miniſteriums wider die Je⸗ ſuiten erſchien im Drucke. Der Praͤlat an der Patriarchalkirche, Sampayo, wurde dem Patriarchen, wegen ſchlimmer Geſinnund, der Hof verboten; man ſchaffte ferner die paͤpſtliche Diſpens in Eheſachen ab, und unterdruͤckte das kuͤhnſte Machwerk prieſterlicher Unverſchaͤmtheit, die Bulle in Coena Domini. Fuͤr den Herzog von Par⸗ ma, wider den der Papſt zu jenen Tagen das nicht minder merkwuͤrdige Breve erlaſſen, welches ganz Europa mit unwillen erfuͤllte, arbeitete er kraͤftig, und im Einverſtaͤndniſſe mit den bourbo⸗ niſchen Hoͤfen. In den Kloͤſtern nahm er bedeu⸗ tende Reformen vor und ſuchte ihre unmaͤßige Zahl zu mindern. Der Biſchof von Coimbra, welcher gegen die Ausſchweifungen der Freidenker, mit bit⸗ tern Anſpielungen auf Carvalho, eiferte, wurde in Schatten geſtellt und ſein Hirtenbrief, als die Ma⸗ jeſtät des Thrones verſehrend, auf Befehl des Mi⸗ niſters, durch das Cenſurtribunal verbrannt. Die Domherren des heiligen Auguſtins, und die Sekte der Jakobiten traf ebenfalls ſein Zorn. Eine neue Stelle wurde fuͤr die veraͤußerten Kronguͤter ge⸗ ſchaffen. Das Inquiſitionstribunal, welches eine vernuͤnftigere Tendenz ſofort verfolgte, erhielt den Titel„Majeſtaͤt.“ Die Verwaltung der Einkuͤnfte des Patriarchates ward mit den Domaͤnen verei⸗ nigt; der Entwurf zu einem neuen Geſetzbuche be⸗ gonnen; endlich eine eigene Hof⸗Buchdruckerei des Koͤniges errichtet. Die Verſoͤhnung mit dem paͤpſi⸗ lichen Stuhle kam bald hierauf zu Stande, als Klemens XIV., zum Heile der Welt, denſelben beſtiegen hatte. Eben ſo auch beinahe zur naͤmli⸗ chen Zeit. mit dem Sultan von Marokko, nach der merkwuͤrdigen Eroberung von Mazagan auf der nordafrikaniſchen Kuͤſte. Es ſchienen nun alle Irrungen mit auswär⸗ tigen Maͤchten ausgeglichen, als auch der Papſt zur Feier eines glucklich vereitelten zweiten An⸗ ſchlages auf das Leben des Koͤniges Joſeph zu Rom 78 ein„Herr Gott, dich loben wir!“ veranſtaltet, und einen neuen Nunzius, in der Perſon des Kar⸗ dinales Conti, nach Liſſabon geſchickt hatte, welcher in der That mit ungewoͤhnlichen Ehrenbezeigungen daſelbſt empfangen wurde. Das gute Vernehmen waͤhrte von jetzt an ohne Unterbrechung fort, ſelbſt nachdem der Miniſter ſehr bedeutende Einſchraͤn⸗ kungen der Nunziaturgewalt ſich erlaubt, und ein neues Tribunal, die Menſa Cenſoria genannt, er⸗ richtet hatte, deſſen Beſtimmung war, alle Bullen, Breven und Verordnungen der romiſchen Kirche ge⸗ nau vor ihrer Bekanntmachung zu pruͤfen, und die⸗ ſelben, vor erhaltenem königlichen Placet, nicht zu geſtatten. Dom Jpoſo, welcher die lange Verzoͤgerung des enblichen Austrages der Irrungen mit Rom der Einmiſchung der Jeſuiten zuſchrieb, fuͤhlte nunmehr eine außerordentliche Freude, da ſein Gewiſſen, wie ſeine Politik, gleich beruhigt worden war. In die⸗ ſer Freude ſeines Herzens ernannte er den Grafen Deyras zum Marquis von Pombal fuͤr ſich 17. Spt. und ſeine Erben. Dadurch trat er, der bereits 1770 durch ſeine Bruͤder und Kinder in ſehr bedeutende Familienverhaͤltniſſe gekommen war, in den Rang des hoͤchſten Adels von Portugal. Im Beſitze der Macht, des Ruhmes, und des Reichthumes, und in vielen ſeiner politiſchen Plane glorreicher Sieger, zeigte der Miniſter von dieſer Zeit an ſich milder in ſeinem Weſen und in ſeinen Regierungsmaßregeln. Während er ſelbſt fuͤr ei⸗ nen Angriff auf ſein Leben keine Rache nahm, und der Verkuͤndigung einer paͤpſtlichen Kreuzbulle wider ———— 79 die Unglaͤubigen andaͤchtig beiwohnte, wurde durch ein Eoikt die unſinnige Unterſcheidung zwiſchen al⸗ ten und neuen Chriſten aufgehoben; eben ſo ſteuerte er mehreren Unfugen, die im Punkte der Ehen laͤn⸗ gere Zeit hindurch getrieben wurden. Die Natio⸗ nalinduſtrie zog von Neuem ſeine beſondere Sorg⸗ falt an; die Hochſchule Coimbra verdankte ihm we⸗ ſentliche Verbeſſerungen, und wenn die Wiſſenſchaf⸗ ten nicht zu derſelben Bluͤthe kamen, als von ſo ei⸗ frigen Anſtrengungen, wie die ſeinen, erwartet wer⸗ den mochte; ſo muß man billig bedenken, daß das Geiſtige nicht die Frucht eines einzigen Geſchlechts⸗ alters, noch des gewaltigen Willens einer einzelnen uͤberwiegenden Natur iſt, ſondern daß vom folgen⸗ den Geſchlechte erſt geerntet werden kann, was das fruͤhere geſaͤet hat. Wir haben die Reihe der Reformen Pombals im Innern von Portugal, ſeine Kaͤmpfe wider die Jeſuiten, die Anſtalten der Hierarchie und den Ob⸗ ſturantismus, ſo wie den Zuſammenhang der diplo⸗ matiſchen Verhaͤltniſſe zum Auslande bis dahin un⸗ unterbrochen dem Leſer voruͤbergefuͤhrt, damit der Faden der Erzaͤhlung weniger zerriſſen werden moͤchte. Jetzt aber, bevor wir dem Ende der Regierung D. Joſo's und dem Falle des maͤchti⸗ gen Miniſters zueilen, iſt es an uns, die hoͤchſt in⸗ tereſſante Epiſode des Kampfes einzuſchalten, wel⸗ chen Portugal im Jahre 1762 mit Spanien beſtan⸗ den hat. Gegen unſeren Grundſatz, kriegeriſche Begebenheiten, die an ſich und in der Hauptſache ſtets das ermuͤdende Gepraͤge des Einerlei tragen, nur kurz und abgeriſſen zu erzaͤhlen, inſofern nicht 80 große Ideen ſie veranlaßt und weiter getrieben, oder gewaltige moraliſche Kraͤfte mit den phyſiſchen ſich verbindet und die Herrſchaft des Talentes und des Genie's uber die gewoͤhnlichen Berechnungen beur⸗ kundet haben,— werden wir, ob auch gleich dieſe Darſtellung nur eine unvollkommene Skizze bleibt, jenen Krieg etwas umſtandlicher erzaͤhlen; und der⸗ ſelbe geniale Schriftſteller, welcher ſeinen großen Landsmann, der dabei die Hauptrolle ſpielte, ſo meiſterhaft geſchildert hat, ſey unſer vorzuglichſter Die vielen Unfälle und die große Schmach, welche Frankreichs Heere, waͤhrend ihrer Theil⸗ nahme am ſiebenjaͤhrigen Kriege, in Teutſchland erlitten hatten, ſollten durch einen Angriff auf Por⸗ tugal wiederum geſuͤhnt werden. Die wehrloſe Lage, worin dieſes Reich ſich befand, und der gaͤnz⸗ lich zerruͤttete Zuſtand ſeines Heerweſens ließen in der That das Schlimmſte befuͤrchten. Als voͤlker⸗ rechtlichen Vorwand zu einem Bruche hatte das franzoͤſiſche Kabinet, welches in dergleichen Fällen niemals verlegen war, die allzuenge Verbindung mit England aufgegriffen;„es muͤſſe Portugal— hieß es(wie ein Jahrhundert ſpaͤter auch Napo⸗ leon mit heuchleriſcher Freundlichkeit zu den Luſita⸗ nen redete)— aus dem Joche der brittiſchen Herr⸗ ſchaft erloͤſt, und aus der großen Verblendung ge⸗ riſſen werden, in welcher ihm ſolch unwuͤrdige Ab⸗ „) Varnhagen von Enſe, Biograph. Denk⸗ male:(Wilhelm Graf zur Lippe). I. Bd. Ber⸗ lin 1824. 81 hängigkeit als vortheilhaftes Buͤndniß erſcheine S Nach verſchiedenen bittern Erklaͤrungen von Seiten Frankreichs und Drohungen von Seiten Spaniens, kam es zu voͤlligem Bruche mit den beiden Mächten. Eine ſpaniſche Armee, von franzoſiſchem Kriegsvolke unterſtuͤtzt, ruͤckte wider Portugal an. Dieſes blickte angſtvoll auf England, ſeinen bisherigen treuen Bun⸗ desgenoſſen; und er erſtand ihm auch dießmal nicht. In moͤglichſter Eile wurden Huͤlfstruppen ein⸗ geſchifft und der regierende Graf Wilhelm zur Lippe⸗Schaumburg, anerkannt als einer der trefflichſten Kriegsmeiſter dieſer Zeit, und in jeder Hinſicht einer der edelſten teutſchen Maͤnner, ging, von dem brittiſchen Miniſterium unter glaͤnzenden Bedingungen angeworben, als Oberfeldherr der ver⸗ buͤndeten engliſch⸗luſitaniſchen Heere nach Portugal; gleichſam im Triumphe landete er zu Oporto und hielt in Lisboa ſeinen Einzug. Die Lage des vom Koͤnige D. Joſé in ſeiner Wuͤrde beſtaͤtigten Feldmarſchalls war jedoch kei⸗ nesweges die glaͤnzendſte; abgerechnet den Neid der Unteranfuͤhrer und die Abneigung der Subalternen gegen den aufgedrungenen Fremdling, fuͤhlte ſich ſelbſt Pombal nicht ganz heimlich in ſeiner Naͤhe. Zwei gleiche ſtarre Geiſter, wie die Beiden, begegne⸗ ten ſich nicht ſelten auf einem und demſelben Wege. Unwillig huldigte jeder, der Ebenbuͤrtigkeit ſich be⸗ wußt, dem Verdienſte des Andern und nicht ſelten litt die gemeinſame Sache unter dieſem Kampfe *) Varnhagen von Enſe. P. II. 6 1762 82 wechſelſeitigen Ehrgeizes und wechſelſeitiger Eifer⸗ ſücht. Ungeachtet der Miniſter für Verbeſſerung des Heerweſens bereits ſchon fruͤher bedacht war, ſo hatte er dennoch, in der Maſſe von anderen wichti⸗ gen Angelegenheiten, welche mehr auf das innere Staatsleben, als auf die Kraft nach Außen ſich bezogen, diejenige Sorgfalt nicht widmen koͤnnen, welche der ſchrecklich verwahrloſte Zuſtand deſſelben allerdings erforderte. Der Graf hatte demnach zu gleicher Zeit beinahe Alles neu zu ſchaffen, und gleichwohl ſchon jetzt mit dem Feinde ſich zu meſſen, welcher verheerend in das Herz von Portugal vor⸗ zudringen ſich anſchickte. Bis das Heer gebildet und von dem Geiſte der neuen Ordnung durchdrungen ſeyn wuͤrde, ſuchte er beſtmoͤglichſt die Anſtrengungen des Feindes zu durchkreuzen, vertheidigend ſich zu halten, die kuͤnſt⸗ lichen Bollwerke des Landes wieder herzuſtellen und die naturlichen geſchickt zu behaupten. Ueber 42,000 Mann ſtark waren die Spanier, unter Anführung des greiſen Marquis von Saria, in Traz⸗os⸗ Montes eingedrungen und hatten einiger kleinen Platze ſich bemeiſtert. Doch wurde bereits auf dem Marſche nach Oporto, welches eine Zeit lang be⸗ droht ſchien, eine Abtheilung von 4000 Mann durch das hewaffnete Landvolk geſchlagen. Inzwiſchen war dennoch Almeida bedroht. Zu Anfange des Auguſtes erſchien der Graf an der Spibe der verei⸗ nigten Truppenmacht, welche kaum 15,000 Mann betrug. Nicht uͤber die Haͤlfte waren auf einem Haufen, im Lager von Abrantes, verſammelt. Lippe „ 83 beſchloß, dieſe Stellung, welche er fuͤr die wichtigſte unter allen uͤbrigen des Landes hielt, um jeden Preis zu behaupten.„Durch felſiges Gebirge, reiſſende Waldbaͤche, tiefe Schluchten und die Flu⸗ then des Tajo geſichert, konnte er hier der Ueber⸗ macht des Feindes die Stirn bieten, waͤhrend Liſſa⸗ bon im Rücken lag, und nach beiden Seiten die Wege offen ſtanden, ſowohl noͤrdlich gegen den Mondego, als ſuͤdlich gegen den Guadiana Verthei⸗ digung oder Angriff zu führen. Die noͤrdlicheren Ge⸗ genden jenſeits des Mondego und des Doiro lagen außerhalb dieſes Bereiches, hatten aber eine ſelbſt⸗ ſtaͤndige Vertheidigung in ihren rauhen Gebirgen, in dem kriegeriſchen Geiſte ihrer Bewohner und in den Truppen, die unter dem Marquis von Marialva dorthin beordert waren).“ Die Feſtung Almeida wurde von dem Grafen ebenfalls nicht vergeſſen und eine zuverlaͤſſige Anzahl Offiziere, die ſeines beſon⸗ deren Vertrauens ſich erfreuten, erhielten die Ehre der Bewachung und Vertheidigung; das Schloß und die Gegend von Celoricv, ſo wie jene von Guar⸗ da wurde gegen die Streifzuͤge des Feindes gedeckt. Und nun ſete Schaumburg⸗Lippe mit ſeiner Haupt⸗ macht uͤber den Tajo, um auf dem linken Ufer deſ⸗ ſelben ſuͤdwaͤrts einen Einfall in's ſpaniſche Gebiet zu unternehmen, die reichen Vorraͤthe des Feindes wegzunehmen, und die Abtheilung von 3000 Mann, welche von Badajoz heranzuruͤcken kam, zu zer⸗ ſtreuen. Die Feigheit der Portugieſen von Almeida, die Sorgloſigkeit verſchiedener Behörden, welche Varnhagen von Enſe⸗ 6* die erwarteten Heerbeduͤrfniſſe bereit gehalten hat⸗ ten, vereitelte den trefflichen Plan des Grafen. Die Spanier, obgleich Valenga durch Bourgoyne wirklich uͤberrumpelt wurde, erhielten, aus ihrer Sorgloſigkeit geweckt, nunmehr Zeit, unter die Mauern von Badajoz ſich zuruͤckzuziehen, und Al⸗ meida ging auf ſchimpfliche Weiſe an eine andere Abtheilung uͤber, da die Beſatzung in offener Em⸗ poͤrung und die Veſte unvertheidigt gefunden wurde. Der tiefentruͤſtete Feldherr ſuchte dieſen Nach⸗ theil und ſeine noch ſchlimmeren Folgen beſtmoͤglichſt wieder gut zu machen. Vier engliſche Regimenter mußten gegen den Mondego nach Ponte da Mur⸗ cella eilen, damit die Verbindung mit General Townſhend nicht abgeſchnitten und die, nunmehr dem Feinde offene, Straße nach Coimbra gedeckt wuͤrde. Dem Grafen von Santiago wurden die Gebirgspaͤſſe zwiſchen Zezere und dem Tajo anver⸗ traut; dem Brigadier Bourgoyne die Hut der Grenze zwiſchen Portalegre und Villa⸗Velha, am linken Tajo⸗Ufer. Den Ueberreſt ſeines Heeres fuͤhrte Schaumburg⸗Lippe wieder uͤber den Strom, an das rechte Ufer, und ſtellte ihn in ſtufenweiſen Ab⸗ theilungen von Abrantes bis Ponte da Murcella auf. Die ſpaniſche Armee, nunmehr unter dem Oberbefehle des Grafen von Aranda, zog bereits von Almeida uͤber Sabugal und Penamacor, laͤngs der Grenze, gegen den Tajo.„Eine Abtheilung ging ſogar in das ſpaniſche Gebiet zuruͤck, ſetzte dort uͤber den Fluß und zog ſuͤdlich gegen Alkantara. Dieſe Bewegung nahm der Graf fur ein entſchie⸗ denes Zeichen, daß der Feind mit ganzer Stärke 85 uͤber den Tajo gehen und in die Provinz Alemtejo einbrechen wolle; dieß war am meiſten zu fuͤrchten und am ſchwerſten zu hindern. Die Hauptmacht der Spanier, nachdem ſich ihr die beiden Grenzfe⸗ ſtungen Salvaterra und Segura, trotz der beſtimm⸗ teſten Befehle, ſogleich ergeben, zog ſich bei Ca⸗ ſtello⸗Branco gegen den Tajo zuſammen, und ſchien den Uebergang bei Villa-Velha erzwingen zu wollen. Der Graf zur Lippe hatte ſeine Trup⸗ pen gleichzeitig mit dem Herannahen des Feindes wieder bei Abrantes zuſammengezogen, den General Townſhend, der inzwiſchen bis Pinhel gegen Al⸗ meida vorgeruͤckt war, wieder an ſich gerufen, und nur einige Regimenter unter dem Brigadier Lord Lenox und dem Oberſten Hamilton zur Beobachtung der Beſatzung von Almeida und einiger in Leon ver⸗ ſammelten Truppen in jener Gegend zuruͤckgelaſſen. Er beorderte den Brigadier Bourgoyne, auf dem ſuͤdlichen Ufer des Tajo, gegenuͤber von Villa⸗Velha, eine Stellung zu nehmen, die, von der Natur un⸗ gemein ſtark und vortheilhaft, gedeckt von vorn durch den Tajo und in der rechten Seite durch einen kleinen Fluß, vollkommen geeignet war, von gerin⸗ ger Mannſchaft gegen große Uebermacht behauptet zu werden; ſie war nicht leicht anzugreifen und ver⸗ wehrte dem Feinde den vortheilhafteſten Ueber⸗ gangsort, indem ſie durch ihr Geſchuͤtz die ganze Strombreite und die enge Straße beſtrich, die am jenſeitigen Ufer zwiſchen dem Fuße des Berges von Villa⸗Velha und dem Tajo hinlaͤuft. Die Spa⸗ nier ruͤckten mit Macht an und verſuchten, den Ue⸗ bergang durch ſtarkes Geſchutzfeuer zu erzwingen, wurden aber von den Portugieſen ſo tüchtig zuſam⸗ mengeſchoſſen, daß ſie unter anſehnlichem Verluſte für dießmal ihren Vorſatz aufgaben; doch nahmen ſie die Hoͤhen und das Schloß von Villa⸗Velha weg, wo abermals der portugieſiſche Befehlshaber ſeine Schuldigkeit außer Acht ſetzte.“ Um den Feind von der Provinz Alemtejo, fuͤr die am meiſten Gefahr drohte, wegzulocken, machte der Graf eine geſchickte Seitenbewegung. Waͤh⸗ rend Aranda deßhalb geraden Weges wider Lisboa vorzuruͤcken begann, ſtießen einige wider Sobreira, Formoſa und Zezere entſendeten Abtheilungen der ſpaniſchen Hauptarmee auf die nunmehr verſtaͤrkten Truppen Santiago's, welcher fechtend und in gu⸗ ter Ordnung nach den ſteilen Gebirgsengen ſich zu⸗ ruͤckzog. Die Feinde verfolgten ihn dahin mit all⸗ zu unklugem Eifer; da befahl der Graf ploͤtzlich vier engliſchen Regimentern, umzukehren und die Spa⸗ nier in den Ruͤcken zu nehmen, welche denn auch eine empfindliche Niederlage erlitten. Der Muth der Portugieſen ſtaͤrkte ſich dadurch in dem gleichen Verhaͤltniſſe, als das Selbſtvertrauen der Spanier ſchwand. Ein aͤhnlicher Streich wurde durch einen Haufen Englaͤnder von der Abtheilung Bourgoyne's, bei einer Furth des Tajo, wider den Kern des ſpa⸗ niſchen Heeres, unter Eugenio Alvarado ausgefuͤhrt. Einen dritten wagte der Graf, welcher durch per⸗ ſoͤnlichen Muth wie durch Feldherrntalente gleich ſehr ſich auszeichnete, und dadurch die Seinigen begeiſterte und die Zaghaften beſchaͤmte. Mit einem *) Varnhagen v. Enſe S. 49— 5a⸗ — 37 Haufen von nicht mehr als 600 Mann ſchlug er, zum Abenteuer wider Willen gezwungen, bei einem Teiche uͤber 2000 Spanier. Wie tief jedoch auch der Hof zu Madrid ſolch theilweiſer Schlappen ſich ſchaͤmte, ſo war gleich⸗ wohl in der Hauptſache noch nichts verloren: denn trot der unuberwindlichen Stellung des Grafen zwiſchen Abrantes und Punhete, blieb doch auf ei⸗ ner anderen Seite dem Feinde das offene Land preis; es mußte ſonach dieſer letztere durch irgend einen entſcheidenden Schlag zuruͤckgedraͤngt werden. Dem⸗ zufolge bewerkſtelligte Lippe die Vereinigung Gene⸗ ral Townſhends mit Lord Lenox, und die Beiden hatten den Auftrag, das ſpaniſche Heer im Ruͤcken anzugreifen und daſſelbe von Almeida und Ciudad⸗ Rodrigo abzuſchneiden. Die kuͤhne Bewegung wurde in der That ausgefuͤhrt; die Spanier litten bald an Allem Mangel und die Bedraͤngniß nahm in ihrem Lager zu. Die Verheerungen, welche ſie im Grim⸗ me des Herzens darauf gegen das flache Land und die wehrloſen Einwohner ſich erlaubten, entflamm⸗ ten die in den Schluchten lauernden bewaffneten Landleute nur zu deſto heiſſerem Widerſtande. Aran⸗ da, welcher eben ſo ſehr verzweifelte, wider Lippe in ſeiner feſten Stellung etwas zu vermoͤgen, als ſich ſchämte, mit ſo ſtarker Macht, als die von ihm beſehligte noch war, den Ruckzug anzutreten, brach endlich, die bisher inne gehabten Stellungen verlaſſend, um die Mitte Oktobers, in der Richtung von Caſtello⸗Branco auf. Der Graf ließ im Ruͤcken ihn durch eine Abtheilung verfolgen; zwei andere, welche von beiden Seiten raſch voranzogen, ſollten durch wieberholte Angriffe den Ruͤckzug be⸗ ſchleunigen. Penamacor, Monſanto und Villa⸗ Velha wurden von den Verbuͤndeten wieder beſetzt; endlich gaben die Spanier auch Caſtello⸗Branco, Salvaterra und Segura auf, und ohne die durch Regenguͤſſe und Ueberſchwemmungen ebenfalls ſehr kritiſch gewordene Lage ihrer Feinde zu benutzen, ſtanden ſie laͤngere Zeit unthätig bei Valenca. Lippe gönnte inzwiſchen den Seinigen einige Ruhe, jedoch nicht, ohne die groͤßte Sorgfalt, hinſichtlich der Be⸗ wachung der Engpäſſe, Heerſtraßen und Verbin⸗ dungslinien, anzuwenden. Ein beabſichtigter Ue⸗ berfall auf Campomajor mißlang durch ſeine Wach⸗ ſamkeit: eben ſo wurden Angriffe auf Marväo und Oguela vereitelt. Nach dieſem ſtellte er ſich, in ehrfurchtgebietender Haltung, bei Portalegre, dem ſpaniſchen Hauptlager gerade gegenuͤber, auf, und bot, ſo ſchlimm auch viele Wahrzeichen fuͤr die Por⸗ tugieſen noch ſeyn mochten, eine entſcheidende Schlacht. Aber die Spanier traten ohne Schwert⸗ ſtreich den Ruͤckzug ſelber an, nachdem ſie ihr Lager bei Valenca abgebrochen, und kehrten unmittelbar nach der Heimath zuruͤck. Bald folgte Waffenſtill⸗ ſtand, und der am 5. November zwiſchen England und Frankreich geſchloſſene Friede machte auch dem Kampfe mit Spanien und Portugal ein Ende. Am 10. Hornung 1763 ward von den Gewaltboten der kriegfuͤhrenden Maͤchte ein allgemeiner Friedensver⸗ trag unterzeichnet. Mit allgemeinem Jubel, vor welchem nunmehr auch die Eiferſucht verſtummte, empfingen Hof und Volk den Helden und Erretter. Mit Pombal kam groͤßere Annaͤherung der Gemu⸗ 39 ther und der Plane, als bisher, zu Stande, und die Einſichten beider ausgezeichneter Maͤnner er⸗ gaͤnzten ſich wechſelſeitig in Betreff der inneren Angelegenheiten, zumal des Finanz⸗ und Kriegswe⸗ ſens. Die Leitung des Letzteren wurde ganz dem Grafen zur Lippe anvertraut, und es erhielt durch ihn die bedeutendſten Verbeſſerungen, zumal da die praktiſche Anwendbarkeit derſelben in dem vorange⸗ gangenen Kriege hinlaͤnglich ſich erprobt hatte. Achtes Kapiter. D. Joſo's I. Tod. Donna Maria(Fran⸗ cisca) I. Regentin und Koͤnigin. Fall des Marquis von Pombal. Ruͤck⸗ ſchritte in Portugal. Der Prinz von Braſilien, Dom Joäo, wird Regent. Leider zerfielen aber die Werke des Geiſtes bei⸗ der Maͤnner noch bei ihren Lebenstagen. Waͤhrend der Zuruͤſtungen zu einem neuen Kriege zwiſchen Portugal und Spanien, uͤber einige Beſitzungen in Sudamerika, nahm die Geſundheit des Monarchen zuſehends ab; der treueſte Freund Pombals, der Kardinal⸗Patriarch Saldanha, ſtarb, und die lang verſtummte Ariſtokratie ruͤſtete ſich zum aͤußer⸗ ſten Widerſtande, unterſtuͤtzt durch die Hofpartei der Koͤnigin, welche den Miniſter ſtets von Herzen gehaßt, aber auf die Ueberzeugung ihres Gemahles bisher nicht das Geringſte vermocht hatte. Alle Anſtrengungen des gefuͤrchteten Mannes, den jun⸗ gen Prinzen von Beira auf den Thron zu bringen, 1776 — 29. Nob. u. 4. Decbr. 1777 um, mit der königlichen Puppe in der Hand, wie zeither, allein zu regieren, ſcheiterten an der Wach⸗ ſamkeit Donna Maria Francisca's und ſie wurde, zu ſeinem groͤßten Schrecken, zur Regentin des Reiches ernannt. Im Beſitze dieſer Wuͤrde, beeilte ſich die Koͤnigin, durch zahlreiche Anſtellun⸗ gen einen kraͤftigen Anhang ſich unter der Armee und den Behoͤrden zu verſchaffen. Schon in den erſten Tagen des Februars 1778 wurde Dom Joſoͤ wiederholt vom Schlage getroffen. Man verhehlte dieſen Zuſtand Jedermann und Maria erwirkte un⸗ ſchwer von dem, ſeiner nicht mehr recht bewußten, Koͤnige die Vermaͤhlung des Prinzen von Beira mit ihrer gemeinſchaftlichen Tochter, Donna Maria Benedikta. Am 23. verſchied D. Joſo; der Monarch ſelbſt war ſchon laͤngſt geſtorben. Kaum hatte der Marquis von Pombal die niederſchlagende Kunde erhalten, als er ſeinen Fall gewiß ſah. Die Staatsgefaͤngniſſe offneten ſich und gaben ihre Bewohner heraus; die Verbannten ſtroͤmten in das Vaterland zuruͤck; die Verwandten der Hingerichteten draͤngten ſich in Maſſe zur Groß⸗ muth der neuen Regentin, und erregten durch alte Erinnerungen an ihre Familien und durch den fri⸗ ſchen Anblick ihres Elendes eben ſo ſehr das allge⸗ meine Mitleid fur ſich, als ſie den Haß wider ih⸗ ren Verfolger mehrten. Ueber achthundert Perſo⸗ nen ſollen in dieſen Tagen wiederum der Freiheit und den Ihrigen geſchenkt worden ſeyn. Der Poͤ⸗ bel verwandelte ſeine ſklaviſche Furcht und nieder⸗ trächtige Schmeichelei nunmehr in Fluͤche uͤber den Miniſter, welchen er nicht mehr zu beruͤckſichtigen 4 — 94 brauchte. Auch die Jeſuiten, welche nun ebenfalls wieder und ſogar unter ihrem Namen und Ordens⸗ formen in Liſſabon ſich zeigten, regten den Fanatis⸗ mus noch ſtaͤrker gegen den Urheber ihres Stur⸗ zes an. Gleich am erſten Tage nach dem Tode ſeines Herrn hatte Pombal um Entlaſſung von ſeinen Staatsämtern gebeten; aber man ließ ihn gefliſſent⸗ lich noch einige Zeit in Ausübung derſelben, damit er, angethan mit der fruͤher ſo furchtbaren Wuͤrde, die fuͤr ihn bereiteten Scenen der Demuͤthigung deſto fuͤhlbarer erleide. Alle Tribunale, deren Be⸗ fugniſſe der Marquis geſchmälert, erhielten ſolche in ihrem ganzen Umkreiſe wieder; andere, welche ſeine Schopfungen geweſen, wurden wieder aufge⸗ hoben. Man zwang ihn, ſeine eigenen Freunde und Vertrauten, wegen angedichteter Vergehen, zu beſtrafen, damit er die Marter vollſtaͤndig und lang⸗ ſam beſtehe. Man entfernte hinter einander ſeine Schweſter und die uͤbrigen Glieder ſeiner Familie ſchimpflich von allen Hofdienſten und Staatsam⸗ tern; die Miſſionaͤre erhielten freien Spielraum fuͤr ihre fromme Wirkſamkeit, die verdraͤngten Jeſui⸗ terheiligen ihre alte Stelle im Kalender wieder. Alle Verwieſenen wurden zuruckberufen, die befrei⸗ ten Staatsgefangenen durch Aemter entſchaͤdigt, und die erbauten Gefaͤngniſſe zerſtoͤrt. Dem Marquis ſelbſt nahm man ſeine Wuͤrden allmaͤlig, eine nach der andern, ab; man arbeitete, was ihn am mei⸗ ſten verwundete, auch an einer Ausſöhnung mit Spanien und ſchob alle Schuld der langjaͤhrigen Wirren auf das willkuͤrliche Walten des bisherigen 92 4. wärz Miniſters. Aus Gnade endlich erhielt er ſeinen Abſchied und die Erlaubniß, auf ſeine Herrſchaft* Pombal ſich zuruͤckziehen zu duͤrfen. Nur mit? Muͤhe entzog ihn die bewaffnete Macht der Wuth des Pobels, auf der Reiſe dahin. Solchen Lohn erhielt er fur zwanzigjaͤhrige Anſtrengungen fuͤr die Erhebung einer ſo tief verſunkenen Nation, fuͤr den beſiegten Feind von Außen, fur die zerſtoͤrte Hyder der Zwietracht im Innern, fuͤr die beſchutzte Kul⸗ tur, fur die gepflegte Geiſtesfreiheit, Wiſſenſchaft und Kunſt, fuͤr die verbeſſerte Geſetzgebung, den bereicherten Handel, fuͤr den vergroͤßerten Verkehr, fur die hergeſtellte Sicherheit, fur die wiedererbaute Hauptſtadt, fuͤr die angelegten Straßen, die gegra⸗ benen Kanale, den gefuͤllten Kronſchatz, das aus dem Schlamme der Feigheit und Zuchtloſigkeit ge⸗ 15. Mai 1777 rettete Heer und die wiedererbaute Flotte!——— Mit der gaͤnzlichen politiſchen Vernichtung des beruͤhmten Mannes begnuͤgten ſich jedoch ſeine Fein⸗ de nicht, ſondern man wollte ihn auch moraliſch in den Augen der Mit⸗ und Nachwelt, und ſodann auch korperlich, zu Grunde richten. Bald nach der Kronung der Konigin, welche ſeine Beſtrafung bis⸗ her bloß noch aufgeſchoben hatte, wurden die Prozeſſe der unter ſeiner Regierung Hingerichteten oder Ver⸗ hafteten von Neuem unterſucht und beinahe Sämmt⸗ lichefůr ſchuldlos erklaͤrt. Damit war zugleich ſeine eigene Schuld ſo gut als ausgeſprochen. Er wurde, da Jedermann Erlaubniß hatte, ja foͤrmlich aufge⸗ fordert war, an den Marquis Forderungen zu er⸗ heben, gezwungen, große Summen angeblich Be⸗ ſchaͤdigten auszuzahlen. Mit jedem Tage regnete 93 es Schriften, voll giftiger Beſchulbigungen wider Fihn; diejenigen aber, welche fuͤr ihn ſprachen, wur⸗ den verboten. Endlich folgte eine foͤrmliche Unterſu⸗ chung ſeiner ganzen Staatsverwaltung und der Pro⸗ zeß wurde ihm gemacht. Er fiel, aus Gram uͤber die Unzahl von Kraͤnkungen, in eine ſchwere Krankheit, von der er nur muͤhſam, durch die Kunſt der ge⸗ ſchickteſten Aerzte, wieder geheilt wurde; und als⸗ bald nahmen auch die Verhoͤre wieder ihren Fort⸗ gang. So wie die bekannte Verſchwoͤrungsgeſchichte in ganz anderem Lichte nun hingeſtellt und die Hin⸗ gerichteten als Opfer der Bosheit des Miniſters er⸗ klaͤrt wurden; ſo wagten es auch die Jeſuiten, ſich wieder dem Throne zu naͤhern und um Ueberpruͤ⸗ fung des wider ſie gefuͤhrten Prozeſſes zu bitten. Am 23. Mai 1781 rathſchlagte die Unterſuchungs⸗ kommiſſion uͤber Pombals Schickſal, und die Koͤni⸗ gin erklaͤrte in einem Dekrete(vom 46. Auguſt d. J.), daß der Marquis zwar ſchuldig erfunden worden ſey und eine eremplariſche Strafe verdient habe; jedoch wolle ſie dieſelbe, in Anbetracht ſeines hohen Alters und ſeiner ſchwaͤchlichen Geſundheit, nicht nach der Strenge vollziehen, ſondern vielmehr Gnade fuͤr Recht ergehen laſſen. Er wurde daher bloß auf 20 Meilen von der Hauptſtadt verbannt, uͤbrigens der Krone und allen beleidigten oder beſchaͤdigten Unter⸗ thanen derſelben die ganze Summe von rechtlichen Huͤlfsmitteln gegen ihn und ſeine Familie vorbehal⸗ ten. Auf ſeinen Guͤtern ſtarb der Verbannte, 85 Jahre alt, am 7. Mai 1782. Die fernere Regierung von Donna Maria Francisca war, durch mamnichfache Irrthuͤmer P. II. — 7 und Mißgriffe, eben nicht die glanzvollſte, und die politiſche Bedeutung Portugals ging mit dem Ab⸗ tritte des Marquis von Pombal wieder unter. Wir zaͤhlen daher nur in Kuͤrze die Hauptbegebniſſe bis zur Selbſtherrſchung Dom Jou's VI. auf, um bei wichtigeren Erſcheinungen der neueſten Zeit deſto laͤnger zu verweilen. Der noch unter D. Joſe I. mit Spanien be⸗ gonnene Krieg in Amerika wurde durch einen Frie⸗ den beendigt, vermoge welches Portugal die verlo⸗ rene Inſel St. Katharina wieder erhielt, dagegen die lang beſtrittene Kolonie San Sagramento dem katholiſchen Koͤnige, und eben ſo auch die Inſel Ga⸗ briel, zuruͤckgab. Darauf kam mit derſelben Macht ein Neutralitäts⸗, Gakantie und Handelsvertrag zu Stande; durch denſelben erhielt Spanien abermals portugieſiſche Beſitzungen, naͤmlich die Inſeln Anno Bono und Fernando del Po, in der Nähe von Guinea. Die Königin, ſtatt das theuer Errungene zu behaupten, und im Geiſte von Joo V. und Joſo den Nationalruhm zu heben, wendete vielmehr Alles auf, die Schoͤpfungen dieſer beiden Vorfahren zu zerſtoͤren. Abermals ſah man die Ketzergerichte in Thätigkeit und Scheiterhaufen zu Ehre der Religion angezuͤndet. Die Jeſuiten erhielten, obgleich der Orden foͤrmlich nicht wieder hergeſtellt wurde, kei⸗ nen geringen Einfiuß in die Staatsverwaltung, und das baare Geld ſtroͤmte von Neuem fuͤr unnuͤtze Dinge nach Rom. Volksthuͤmlicher und verſtaͤndiger war ihre Po⸗ itik bei Gelegenheit des Seekrieges zwiſchen Eng⸗ 95 land, Frankreich, Spanien und den empoͤrten Ko⸗ lonien in Nord⸗Amerika. Maria Francisca beob⸗ achtete ſtrenge Unparteiſamkeit, trat der ſogenann⸗ ten bewaffneten Neutralitaͤt foͤrmlich bei und er⸗ reichte ihre Abſicht unmittelbaren Handels aus den portugieſiſchen Haͤfen nach dem Norden. Bald aber ſtellte ſich das alte Familienungluͤck im Inneren von Queluz und Belem wieder ein. Ihr Gemahl, Dom Pedro II., welchen ſie großmuͤ⸗ thig zum Mitregenten angenommen, wie Maria Thereſia Franz Stephan von Lothringen, ſtarb, nach der Krone des Himmels begieriger, als nach der moͤhebeladenen, irdiſchen. Durch moͤnchiſche Tu⸗ genden, in welchen die kluge Frau weiſe ihn be⸗ ſtaͤrkt, hatte er ſich der erſteren auch wohl wuͤrdiger erzeigt, als durch fuͤrſtliche Eigenſchaften jener letz⸗ teren. Zwei Jahre darauf folgte ihm auch der Prinz von Braſilien, und Dom Joao Maria Joſo Luis, ein Herr von trefflichen Gemuͤthsgaben und den edelſten Geſinnungen, unterzog ſich am 10. Hornung 1792 der Regentſchaft, als ſeine Mutter ploͤtzlich in Wahnſinn ſiel und zu fernerer Ausuͤbung der koͤniglichen Wuͤrde ganz untauglich erfunden wurde. Auch dieſer Staatsakt geſchah ohne die geſetzmaͤßige Einſchreitung und Beſtaͤtigung der Kortes, deren Einberufung uͤbrigens nicht wenig gefahrbringend in einer Zeitlage ſchien, wo der Republikanismus von Frankreich aus alle Throne Europens zittern machte, und die Inſtitute einer Volksvertretung auch in Portugal ſehr leicht zu Or⸗ ganen einer gegen das Koͤnigthum gerichteten Re⸗ volution verwandeln konnte. 1782 — 786 1788 Doch die Summe der Ereigniſſe unter der Re⸗ gierung D. Joao's; die Ruͤckwirkungen der fraͤnki⸗ ſchen Umwalzung auf Portugal, die Schmach des Landes unter der Kaiſerherrſchäft Napoleon Bona⸗ parte's; die Flucht des Koͤnighauſes nach Braſilien: die Revolution von 1820 und ihre Folgen erzaͤhlt der dritte und letzte Abſchnitt. Ende des zweiten Baͤndchens. l ſ Mſſſſiſſſiſt 12 13 14 15 1 8 9 10 11 6 17 18 19