ihbiblivthet 4 deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih und Keſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahmr und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für eneich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 N.— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Nur theilnehmende, auf⸗ richtige Freunde waten zu dem Hochzeit feſte geladen, daher kamen auch die Stäc wuͤnſche fuͤr das Wohl des Bräutigums und der Braut aus liebendem, gutem Herzen. Die Ruͤhrung war allgemein. Die Wahrheit und Tiefe des Gefuͤhls that ſich durch Thränen und durch manches Wort kund, das uͤber bebende Lippen ſchwebte. Es klang auch die herr⸗ ihm die ſichere Buͤrgſchaft ſtellte, Eliſa⸗ 5 iche Rebe voll Geiſt und Salbung in den Gemuͤthern noch nach, die der Predi⸗ ger Gebhard, ein trefflicher Geiſtlicher, hielt, als er vor dem Altar die Hände der Lie⸗ benden in einander legte. Von zarter Jugend an war die junge Gräfin ſeine Schuͤlerin geweſen, welcher er eine ihre Tugend belohnende Zukunft von dem gü⸗ tigen Menſchenvater erflehte. Die Geſin⸗ nung und den Charakter des Grafen Frie⸗ drich von Ilgenſtein kannte er genau, der beth haͤtte in ihm einen Mann gefunden, der Willen und Kraft beſaß, ſeine Gemah⸗ lin gluͤcklich zu machen. Auf die hochzeitlichen Feſtlichkeiten, wo man nur in einen Freudenhimmel hinein ſchaut und den Blick von den Sor⸗ gen der Wirklichkeit abwendet, folgte eine wehmuthsreiche, gedankenvolle und ſehr 7 ernſte Stille.— Sechtig Meilen von Nordberg entfernt, dem Vaterſitze Eliſa⸗ peths, lag die Hainburg, das Stammgut der Grafen von Jigenſtein, und dahm mußte die junge Frau ihrem Gatten nach⸗ folgen. unausſprechlich liebte ſie ihre Eltern und mit ſeltener Zärtlichkeit wurde ſie von ihnen wieder geliebt. Friedrichs Verwandte kannte ſie noch nicht, und hatte nur, ſeit mit ihm verlobt war, einen Briefwechſel mit ihnen unterhalten, der ihr die beruhigende Hoffnung gab⸗ daß 1 ſie wie eie Tochter aufgenommen und behandelt werden wuͤrde. Der Graf Walther von Raimund, ein weiſer, mit mancherlei Fuͤgungen des Himmels vertrauter, mit„ſeinem Schickſale ſtets zufriedener Nann,* der ſchmerzhafte Erfahrungen gemacht hatte, ohne daß ſeine Stele erſchuttert wurde, fuͤhlte diesmal * — 8 eine aͤngſtliche Beklemmung, von der er noch nie etwas empfand, wenn er an die baldige Trennung von ſeiner Eliſabeth dachte, deren Nähe ſo weſentlich zum Gluͤcke feines Lebens gehörte. Maͤchtig und ruͤhrend war die Liebe, die der Graf fuͤr ſeine Kinder, aber be⸗ ſonders fuͤr Eliſabeth, ſeine älteſte Tochter, fuͤhlte. Ihre guͤtige Pflege, die ſie ihm in ſeinen ſchweren Krankheiten erwies, blieb ihm unvergeßlich. Er hielt ſich alle Troſt⸗ gruͤnde der Religion und Vernunft vor, um ſeine innern Wallungen zu beſaͤnfti⸗ gen, er wollte ſich aufrecht erhalten; aber die Vorſtellung ſie geht von dir; du ver⸗ lierſt ſie; wer weiß, ob du ſie wieder ſiehſt, ließ es in ihm zu keiner gemäßigten Ruhe kommen. Die Scheidende lebte bisher unter ſeiner väterlichen Aufſicht. Ihr auf⸗ geweckter Sinn bereitete ihm die heiterſten ———— ————— 9 Augenblicke, er hatte ſich an ihren Um⸗ gang gewoöhnt, und nun verſchwand ſie ihm ſo plötzlich, er mußte ſie entbehren⸗ Ach! ſie zog nach einer weiten Gegend hin, zu Menſchen, die ſie nicht kannte, ſie wurde in eine Lage verſetzt, mit deren Pflichten ſie noch nicht vertraut war! Wer ſollte ihr rathen, ihre Jugend leiten, ih⸗ ret Unerfahrenheit zum Wegweiſer dienen? Hoffnung, aber auch Zweifel; Freude, aber auch Leid, bewegte ſich abwechſelnd in ſeiner Secle. Seiner zartfuͤhlenden Gattin, der liebevollen Mutter, deren hoͤch⸗ ſtes Gut ihre Kinder waten, mußte er ſeine Gedanken und Empfindungen ver⸗ vorgen halten, denn ſie wollte ſich in ihrer Niedergeſchlagenheit an dem Gatten halten, ſich in ihrer Traurigkeit an ihm aufrichten und eben von ihm erwartete ſie troͤſtenden Zuſpruch. 10 Inniger, zärtlicher nach Geiſt und Herz, als der Vater, war die Mutter mit ihren drei Toͤchtern verbunden; ſie behaup⸗ tete einen weit hohern Grad der Liebe und des Vertrauens in ihren Herzen. In dem Kreiſe ihrer Kinder war ſie im⸗ mer am gluͤcklichſten, entſagte vielen ge⸗ ſellſchaftlichen Vergnuͤgungen, die ihr die Freuden nicht gewähren konnten, welche ſie in ihrem Hauſe fand. Der ſtete Um⸗ gang mit ihren Tochtern war ihr Beduͤrf⸗ niß und Wonne. Der aufgeweckte Geiſt, die heitere Laune, die feine Sittlichkeit Eliſabeths machte ſie zum Lieblinge der Mutter, die ihr dieſen Vorrang zwar zu verbergen ſuchte, aber das Mädchen merkte es, ohne ſich je deſſen zu ruͤhmen und ſie ſchmiegte ſich mit kindlicher Guͤte in alle Falten des muͤtterlichen Herzens. Kurze Zeit vor dem Abſchiede war TI Graf Walther auf ſein Zimmer gegangen, um ſich zu ermannen, damit er die nahe Trauerſcene, die Trennung von ſeiner Tochter, ſeiner wuͤrdig und troͤſtend fuͤr ſeine Gattin ertruge. Mit verweinten Augen und ſchmerzvoller Miene kam ſeine Gattin zu ihm, ſank in ſeine Arme und ſprach die Worte:„Mein Walther, ach! ſtaͤrke mich durch Deinen Zuſpruch, ich allein fuͤhle mich zu ſchwach, den Abſchied von meiner Eliſabeth zu ertragen! Habe Mitleid und Geduld mit mir. Keine Stunde konnte ich ohne ſie leben, und von heute an entfernt ſie ſich von mir! Wird ſie auch noch ſo gluͤcklich, ich finde es doch, ein zu großes Opfer fordert der Himmel von mir. Ach! ſie wird, ſo in⸗ nig ſie Friedrichen liebt, dennoch ſehn⸗ ſuchtsvoll nach ihren Eltern ſeufzen! In ihr verliere ich ein Kind, eine Freundin, und die Welt hat kein Gut, das mir fuͤr 12 dieſen Verluſt Erſatz gewährte! Meine Ruhe iſt ganz erſchuttert.“ „Was graͤmſt und kümmerſt Du Dich doch uͤber Unabaͤnderliches,“ erwie⸗ derte der Graf,„das Du laͤngſt berechnet haſt, weshalb Du Dich ruhig ſprachſt! Iſt das der Dank gegen die Guͤte der Vorſehung, die unſer Kind mit einem ſo herrlichen Juͤnglinge verband? Was iſt denn eine Entfernung von ſechzig Meilen! Wohin das Herz uns zieht, dahin eilen wir leicht. In dieſem Jahre kannſt Du ſie wieder ſehen. Es iſt ja einmal nicht anders, erwachſene Töchter können nicht immer im Elternhauſe bleiben. Sollen ſie hier wie Blumen verbluhen, um die ſich Niemand mehr bekuͤmmert? Mächtig iſt die Stimme der Natur, die uns von Vater und Mutter ruft und uns hin⸗ führt zu dem Gegenſtande unſerer Liebe. 13 Nicht in der Nahe, in der Ferne fand ihn unſere Eliſabeth. Mäßige Deinen Schmerz und laß ihn Dich nicht beherr⸗ ſchen. Er wollte weiter reden, als Eliſabeth mit ihrem Gatten in die Thuͤr trat. Mit freunblicher und wehmuͤthiger Miene ſagte ſie:„Eine große Bitte habe ich auf mei⸗ nem Herzen, die die elterliche Gute der ſcheidenden Tochter nicht verweigern kann.“ —„Uund welche waͤre das, meine liebe Eliſabeth?“ fragte die Mutter.—„Ach!“ ſagte ſie,„in der erſten Zeit, wo ich euch und meine Schweſtern nicht mehr habe, wuͤrde es mein einziger Troſt ſeyn, wenn Hedwig ſo lange bei mir bleiben könnte, bis ihr ſie ſelbſt abholt. Friedrich bittet mit mir, er wünſcht es ſo ſehr, daß ſie uns begleitet. Liebe Mutter, Du behaͤltſt ja Deine Agnes noch, der Vater iſt ja 14 auch bei Dir, und Ernſt, Deinen Sohn, kannſt Du ja oͤfter ſehen. Viel verlange ich, aber ich weiß es, viel kannſt Du mir auch aufopfern.“— Die Mutter erwie⸗ derte:„Wenn Du mich ſelber haben bliteſt und ich mitreiſen könnte, ich gäbe mich Dir hin. Hoch rechne ich's Hedwig an, daß ſie Dich begleiten will.“— Der Graf ſagte:„Wie ſonderbar Du doch viſt! Du warſt ſo untroſtlich, Dich von einer Tochter zu trennen und die andere willſt Du auch von Dir laſſen? Wirſt Du Deine Sorgen um die Entfernten nicht vergrößern und die Pein der Einſam⸗ keit vermehren?“—„Walther,“ ſagte ſie, „ſchlage unſerer Eliſabeth die Bitte nicht ab; die Erfuͤllung derſelben erleichtert ihr die Trennung von uns. Gern leide ich, wenn ſie nur gluͤcklich iſt.“ Hedwig wurde gefragt, ob ſie eine —,— 15 Weile bei ihrer Schweſter bleiben wolle und ſie erwiederte, ohne langes Ueberlegen: „Recht gern.“— Dieſer Entſchluß des Maͤdchens war fuͤr ſie von ſo wichtigen Folgen, die mn jetzt nicht ahnete. Sie raffte in der Eile ihre beſten, unentbehr⸗ lichſten Sachen zuſammen. Was ſie ver⸗ gaß und nicht mitnehmen konnte, ſollte ihr nachgeſchickt werden. In einer halben Stunde war ſie reiſefertig. Agnes, die zweite Tochter, blieb bei der Mutterz und wie gut war das! Der Reiſewagen ſtand ſchon vor der Thuͤr angeſpannt und der ſchwere Ab⸗ ſchied war da. Weinend fiel Eliſabeth der Mutter in die Arme und konnte nur die Worte ſprecher:„Unvergeßliche Mut⸗ ter! fuͤr Deine Liebe und Zaͤrtlichkeit ewi⸗ gen, kindlichen Dank! Nur Freude ſollſt Du an mir erleben! Gott erhalte Dich ₰ 16 mir! Im Fruͤchlinge ſehen wir uns wie⸗ der!“ Auch den Vater umarmte ſie mit ſtummem Schmerze, welcher ſagte:„Ich ehre Deine tiefe Ruͤhrung. Es gehe Dir recht wohl. Bleibe fromm. Ein unſchul⸗ diges Leben erntet den Segen der Zukunft. Lebe wohl, meine theuerſte Tochter!“ Wie ein Sohn, ſo herzlich ſchied der Graf Friedrich von den Eltern ſeiner Gattin und ſagte:„Seyd unbekuͤmmert um eure Eliſabeth; was von mir abhaͤngt, ihr al⸗ les Gute zu erweiſen, was ſie im Eltern⸗ hauſe genoß, das will ich ihr mit Freu⸗ den gewähren. Und Du, liebe Agnes, bleibſt bei Deiner Schweſter, wenn Hed⸗ wig nach Noröberg wieder zuruͤckkehrt, dazu richte Dich ein. Wenn Du zu einem Beſuch nach der Hainburg koömmſt.. Der Wagen rollte fort, und thraͤnenwoll blickten die Eltern ihm nach. W 17 In tiefer Trauer ſaß der Graf Wal⸗ ther mit ſeiner Tochter auf dem Sopha, die troſtloſe Mutter ging ſchweigend und langſam im Zimmer auf und nieder. „Ach!“ ſagte ſie endlich,„ich will mich aufrichten und die guͤtige Fuͤhrung des Himmels ehren. Was kann ich mit mei⸗ nem Gram auch ausrichten! Eliſabeth war ja ein ganzes Jahr hindurch an Leib und Seele ſo krank, vollig geneſen ging ſie von uns. Es konnte ja leicht geſchehen, daß ſie auf den Gottesacker getragen wurde, und das vermochte ich doch auch nicht ab⸗ zuwehren.“ Mit der Verlobung und Verheirathung Eliſabeths kam es ſehr ſchnell und uͤber⸗ raſchend. Der Graf Friedrich hatte einen Onkel, der in der Naͤhe von Nordberg wohnte, den er beſuchte. In großer Ge⸗ ſelſchaft ſah er die liebenswuͤrdige, kluge, 2 — 18 gebildete und reizende Eliſabeth. In ihr glaubte er das Weſen gefunden zu haben, von dem er ſeine Lebenswonne erwartete. Dem Onkel entdeckte er das Geheimniß ſeiner Liebe.„Wenn Eliſabeth Dich eben ſo liebt, wie Du ſie liebſt,“ ſagte er,„ſo mache Ernſt aus der Sache. Ihre El⸗ tern ſind gut und ſie iſt ein treffliches Kind.“ Als ihm die junge Gräfin bald darauf, von der innigſten Zuneigung ge⸗ gen ihn beſeelt, das Jawort gegeben hatte, ſchrieb er nach Hainburg um den elterli⸗ chen Conſens; der Onkel fuͤgte zu dem Briefe ein Beiſchreiben. Bald erhielt er die zuſtimmende Antwort, machte dem Grafen Raimund ſeinen Antrag, der mit ſeiner Gattin, nach manchen ängſtlichen Bedenklichkeiten, gegen die Verheirathung nichts mehr hatte. Das groͤßte Hinder⸗ niß war die große Entfernung, in der Eiſabeth von ihren Eltern leben mußte. . . † Friebrich ſagte dagegen:„Stirbt mein alter Onkel, ſo erbe ich ſein Gut und komme in die Nähe von Nordberg zuruͤck.“ Von dem Augenblicke an, wo ſich die jungen Eheleute verlobten, bis zu ihrer Hochzeit, waren gerade zwei Monate ver⸗ floſſen. Noch einige Mal blickte Eliſabeth aus dem Wagen nach Nordberg zuruͤck und weinte heiße Thränen, bis es endlich hinter einem Eichengehoͤlz verſchwand. „Wenn ich nur die gute Mutter wieder ſehe,“ ſeufzte ſie,„die iſt gar zu ſchwäch⸗ lich! Die Sehnſucht nach mir kann ſie leicht krank machen.“ Friedrich und Hed⸗ wig tröſteten ſie und ſchon am zweiten Reiſetage wurde ſie ruhiger und hatte hei⸗ tere Augenblicke. Am Abend des ſieben⸗ ten Tages, als die Sonne ſich hinter gol⸗ denem Abendgewölk verlor, rief Friedrich 20 aus:„Siehe, meine Liebe, dort auf der Anhöhe, hinter der ſich ein waldiges Ge⸗ birge erhebt, liegt die Hainburg mit dem hohen Schloßthurm! Dort werden Dich meine Eltern wie eine Tochter, und Ca⸗ tharina, meine Schweſter, wird Dich wie eine Schweſter aufnehmen. Stoͤre die Freude, die unſere Ankunft bereitet, nicht durch ein gramvolles Weſen.“ Die Neugierde brannte in Elifabeths Seele, die Menſchen kennen zu lernen, mit denen ſie in eine ſo nahe Verbindung trat. Sie beſaß die ſchoͤne Kunſt, durch ihr offenes, liebreiches Weſen die Herzen bald zu feſſeln, und ſie nahm ſich's vor, Friedrichs Eltern und Schweſter zu ge⸗ winnen. Es war ſchon entſchieden, daß ſie mit ihrem Gatten nur etliche Monat auf der Hainburg blieb, und mit ihm dann nach Soſtenherg, dem Hauptgute, 2T zog. Der Vater wollte auf dem Luſt⸗ ſchloſſe bleiben, der Sohn ſollte die Auf⸗ ſicht uͤber die Oekonomie fuͤhren und eine mäßige Pachtſumme, bis zum Tode ſeiner Eltern, zahlen, wo er dann Eigenthums⸗ herr der eintraͤglichen Guͤter wurde. Der alte Graf von Ilgenſtein ließ ſeit zwei Tagen, wo er ſeinen Sohn mit der jungen Frau erwartete, eine halbe Meile vom Schloſſe entfernt, einen Wach⸗ ter zu Pferde auf einer Anhoöhe wohl auf⸗ merken, der ihm ſogleich Nachricht geben ſollte, wenn ſie kämen. Er wurde ſie ge⸗ wahr, ſprengte zuruͤck und meldete: nach einer Stunde ſind der Herr Graf mit Ihrer Gemahlin hier.— Vier Rappen, die angeſchirrt ſtanden, wurden in groͤßter Eile vor einen offenen Wagen geſpannt. Der Graf ſetzte ſich mit den Seinen auf und befahl dem Kutſcher:„Raſch, raſch, 22 daß wir die Holzecke erreichen, wo wir zur Seite des Weges halten und ausſteigen wollen!“ Als ſie daſelbſt angekommen waren, verließen ſie ihre Sitze, gingen in das Gehoͤlz hinein und verbargen ſich im niedern Geſträuch. Nur wenige Minuten durften ſie warten, da kam der Wagen des Grafen Raimund mit den ſchoͤnen Iſabellen, die er ſeinem Schwiegerſohne zum Hochzeitgeſchenke machte, angefahren. Der Graf von Ilgenſtein trat raſch her⸗ vor in die Straße und ſagte mit lauter Stimme:„Halt!“ Seine Gattin und Catharina eilten nach der Kutſche hin, veſonders die liebe Unbekannte zu ſehen und zu begruͤßen.„Herr Jeſus!“ rief Friedrich im höchſten Entzucken aus,„mei⸗ ne Eltern und Schweſter, die uns entge⸗ gen kommen!“ Mit moͤglichſter Schnelligkeit verließ 23 Eliſabeth den Wagen zuerſt, die Gräfin ſtreckte ihr geoffnete Arme entgegen und ſprach:„O! meine theure Tochter, Du, Wonne meines Sohnes, ſey mir willkom⸗ men! Was Elternliebe Theures hat, um den Schmerz der Trennung von den Dei⸗ nen zu mildern, das ſoll Dir gewaͤhrt ſeyn!“ Eliſabeth rollten die Thränen von den Wangen und ſie ſagte:„Ach! die troͤſtende Hoffnung, in Ihnen eine Mutter wieder zu finden und in Cathari⸗ nen eine Schweſter, wird mir nicht uner⸗ fuͤllt bieiben! Jeder Ihrer Winke ſoll mir Befehl ſeyn, und was Ihre Liebe verfuͤgt, will ich hochachten!“ Sie um⸗ armte Catharinen und ihren Schwieger⸗ vater, welcher in der Aufwallung der Freude ſagte:„Daß Du gut warſt, mei⸗ ne Eliſabeth, das weiß ich von meinem Bruder; daß mein Sohn aber eine ſo ſchoͤne Frau finden wuͤrde, das haͤtte ich 24 mir nicht gedacht! Friedrich, Du haſt ein gutes Loos gezogen!“—„Dies iſt meine Schweſter Hedwig,“ ſagte Eliſabeth,„die mit mir ging, um mir den Schmerz der Trennung von meinen Lieben leichter über⸗ winden zu helfen.“ Auch ſie wurde freund⸗ lich bewillkommt.„Hat euer Vater lauter ſchoͤne Töchter?“ fragte der alte Graf. „Hedwig, Hedwig, denkt an mich, koͤmmt nach Nordberg nicht wieder zuruck!“ Wirklich gab Hedwig ihrer Schweſter an Schönheit nichts nach, obwohl ihre jungfräulichen Reize andzrer Art waren. In ihren braunen Augen lag liebreiche Milde, die Farbe der Geſundheit ſchmuͤckte ihre Wange und ein liebliches Laͤcheln ruhte in ihren Mienen. Sie war eine ſchlanke Geſtalt und faſt einen Kopf groͤßer, als ihre ältere Schweſter. Frohe, ungetruͤbte Heiterkeit lag in ihrem ganzen 60 Wrſen. Der Sitce bitterer Erfahrun⸗ gen ſie noch nicht verwundet. Froͤh⸗ lich, wie ihr Geſang und das Spiel ihrer Guitarre, ſo war ihr Leben. Ihre gluͤck⸗ liche Laune, die ſie nie verließ, und ihr Singen, ihr Scherz und naiver Witz, er⸗ heiterte ihr Vaterhaus und machte es in demſelben munter. Langſam, unter herzlichen Geſprächen, ging man, da der Abend ſo ſchoͤn war, nach der Hainburg zuruͤck. Hedwig, eine Freundin der Natur, ſprach ihre Verwun⸗ derung uͤber die Herrlichkeit der Gegend laut aus und ſagte:„Solch ein Paradies ſah ich nie! Eliſabeth, wie glucklich biſt Du, hier zu leben!“— Man hatte das Schloß erreicht, in dem Pracht und Ue⸗ berfluß herrſchte. Die Grafin ſagte ſich's im Innern: Eliſabeth iſt ein herrliches Geſchopf, und dieſe glaubte in ihr die zärt⸗ 26 tichſte Mutter gefunden zu haben. Ge⸗ genſeitiges Vertrauen, auf Liebe gegruͤndet, verband die Herzen bald. Catharina fand insbeſondere in Hedwig eine mit ihr gleich⸗ geſtimmte Freundin und die Beiden ſchloſ⸗ ſen ſich mit zarter Innigkeit an einan⸗ der, Der Graf war mit ſeiner Gattin ein⸗ verſtanden, daß Eliſabeth erfahrner, ein⸗ ſichtiger, ernſter war, als Hedwig, daß man aber Beiden ein gefallendes, gutmü⸗ thiges, freundliches Weſen, eine in der Schule der beſten häuslichen Erziehung er⸗ worbene feine Lebensweiſe nicht abſprechen könne.„Friedrich,“ ſagten ſie, als ſie mit ihrem Sohne allein waren,„erſt jetzt freuen wir uns Deiner Wahl recht auftichtig. Gewiß, der Schein trugt uns nicht, Du haſt ein treffliches Weib gefunden. Es wird von Dir lediglich abhangen, ob Du 27 mit ihr gluͤcklich ſeyn willſt. Sehr viel hat ſie Dir aufgeopfert und Dein Herz wird ihr dafuͤr danken. Ehre ihre Haͤus⸗ lichkeit, ihre Liebe, ihren Ernſt, ihre Reli⸗ gioſität. O! wie ganz anders iſt ſie, ſo kindlich und einfach, als viele Adelstoͤchter, die nach Vergnuͤgen und Putz lechzen... Guͤtig hat Dich der Himmel gefuͤhrt.“ Etwa zehn Tage waren verfloſſen, als ſich der Kutſcher, der ſie von Nordberg hieher fuhr, zur Ruͤckkehr meldete. Der Graf Walther hatte es ihm ausdruͤcklich befohlen, daß er ſo lange in Hainburg bleiben ſollte, um ihm von dem Leben und dem Aufenthalte ſeiner Tochter umſtändli⸗ chen und ausfuͤhrlichen Beſcheid geben zu können. Der Graf Friedrich liebte dieſen alten Kutſcher, Peter Meyer genannt, gar ſehr, da er im Hauſe ſeines Schwieger⸗ vaters, dem er an dreißig Jahr diente, 28 wie ein Freund gehalten wurde. Er hatte die drei Comteſſen in ihrer Kindheit auf 4 den Armen getragen, die ihn ehrten, mit ihm ſcherzten, mit denen er gar dreiſt ſprach. Es war, als ob Nordberg ihm mit gehörte; Alles nannte er unſer. Nie konnte ihm der Graf ein boͤſes Wort ſa⸗ gen. Er widerrieth es der Gräfin am meiſten, die Comteſſe Eliſabeth darum dem jungen Grafen von Ilgenſtein zu geben, weil er zu entfernt wohne. Zu Hedwig⸗ ſagte er unterwegs:„Sie hätten auch wohl in Nordberg bleiben können! Wer ſoll nun die Mutter aufheitern? Wer wird nun ſpielen und ſingen?“ Koͤſtlich wurde Peter bewirthet. Der 3 Graf Friedrich fuhr ſelbſt mit ihm nach Soſtenberg hin, dem er von Eliſabeths Jugend erzählen mußte, und zeigte ihm vie große Wirthſchaft.„Nordberg iſt ſchon,“ 39 ſagte er,„aber Soſtenberg iſt doch beſſer. Nun, die Comteſſe hat's auch verdient, daß e einen ſo guten Mann hat und eine ſo reiche Frau geworden iſt; es wird ſich mancher Arme hier daruͤber freuen, wenn Kranke und Schwache bei uns ihe nachweinen.“ Mit vielen Briefen verſehen reiſete er am fruͤhen Morgen ab.„Peterchen,“ ſagte Eliſabeth tief geruͤhrt,„wenn der Vater ſtirbt, ſo ziehſt Du zu mir. Hier ſollſt Du gepflegt werden.“ Er druͤckte ihr und Hedwig, ſeinem Liebling, die Hand herzhaft und weinte helle Thränen. Der Graf gab ihm ein Pferd zum Reiten und einen koſtbaren Englaͤnder am Zuͤgel zum Geſchenk fuͤr ſtinen Herrn mis. Außer einer anſehnlichen Geldſumme, die er nur auf vieles Zureden annahm, er⸗ hielt er überfluͤſfige Zehrungskoſten. So 30 raſch als es geſchehen konnte, ohne dem Englander Schaden zu thun, ſetzte er ſeine Reiſe fort und kam beinahe nach Verlauf eines Monats, ſchon ſeit etlichen Tagen erwattet, in Nordberg an⸗ Er mußte die Pferde⸗ ohne daß man fragte, wem ſie gehörten, einem Reitknecht geben, der ſie nach dem Stalle brachte und wurde in die Stube gezogen. Er erzaͤhlte, was er geſehen und gehört hatte, haarklein und richtete durch Alles groͤßere Freude an.„Ein Koſſatengut,“ ſagte er,„iſt unſer Nordberg gegen Soſtenberg. Der junge Herr zieht mit ſeiner Frau dahin und wird es bewirthſchaften. Was ſind das alle fuͤr gute Leute! Wie ein Herr habe ich gelebt. Den Beutel hat mir der alte und junge Herr voll Gold geſtopft. Nach der Gegend muſſen wir hinziehen, dort iſt es beſſer. Winterkorn, hoͤher als ich; Holz in Menge; Pferde und Ochſen, 31 in denen drei von den unſern Raum ha⸗ ben; das gelobte Land. Hedwig kann ſich in der ſchoͤnen Gegend nicht ſatt ſehen, ſie ſingt und ſpringt, juſt, wie ſie's hier machte. Und die junge Gräfin Catharina iſt ſo recht von ihrem Schlage. Unter den Beiden iſt eine Herrlichkeit, die nicht groͤßer ſeyn kann„ Peter uͤberreichte die mitgebrachten Briefe und verließ dann das Zimmer. Er hatte der Dienerſchaft genug zu erzaͤhlen, die ſich neugierig um ihn draͤngten, ſich verwunderten und freuete. Die Briefe enthielten die erwuͤnſchteſten Nachrichten. Hedwig, der es zur Pflicht gemacht war, die lautere Wahrheit zu ſchreiben, ſagte in ihrem Briefe:„Wenn Eliſabeth nicht gluͤcklich iſt, ſo kann ſie's in dieſer Welt nicht werden. Aber ſie fuͤhlt es auch, daß ihr kein Wunſch mehr uͤbrig iſt, wenn ihr das Freude macht, ſo läßt man's ihr 33. ihr derſelben nicht ſo entfernt wohntet. Auf den Haͤnden wird ſie getragen. Zärt⸗ lichere Eltern giebt's nicht. Friedrich kann keine Stunde ohne ſie leben. Wenn er nach Soſtenberg muß, nimmt er ſie immer in dem kleinen Wagen mit ſich. Sie iſt bisweilen noch traurig, heitert ſich aber bald wieder auf. Es iſt, als ob hier Alles ſich zu ihrer Freude vereinigt hätte. Wen ich guͤtiger gegen ſie nennen ſoll, den Graf oder die Gräfin, ich weiß es 4 nicht, ſie beeifern ſich Beide um ihre Liebe. Aber wie iſt auch Eliſabeth! Tugenden entdecke ich an ihr, die ich fruͤher nicht Lannte. Selbſt die Dienerſchaft ſagt: es giebt in der Welt keine, beſſere Frau, als unſere junge Gräfin. Sie ſieht uns ſo gutig an, ſpricht ſo freundlich mit uns, als ob ſie unſeres Standes waͤre. Man⸗ cher Arme hat ihr ſchon gedankt und weil 33 an Mitteln nicht ſehlen, die Neigung ih⸗ res natürlichen Mirriss reichlich befriedi⸗ gen zu können. Mit Schmerz denke ſch an meine fanfte, weiche Agnes, daß die ſo ungluͤcklich iſt! Ach, das hat ſie nicht verdient! Moͤge ſich ihr der trübe Him⸗ mel ihres Schickſals aufhellen! Wäre ſie nur, ſtatt meiner, mit nach der Hain⸗ burg gegangen, vielleicht haͤtte ſie einige Ruhe fuͤr ihr kummervolles Gemuͤth ge⸗ funden. Schreibt bald ꝛc.“ Als der Graf vor die Schloßthür trat, ging der alte Peter voruͤber und ſagte:„Na, Herr Graf, wollen Sie denn Ihren ſchoͤnen Englaͤnder nicht ſehen? Er iſt geputzt und hat ſich ein wenig ausge⸗ ruht. Ein Cavalier bot eine achtzig Louis⸗ d'or fuͤr das Pferd.“—„Was denn für ein Englaͤnder?“ fragte der Graf,„ich habe keinen geſehen.“—„Die Freude 3 34 hat Sie blind gemacht,“ ſaate Peter⸗ „Der junge Graf hat Ihnen ein koſtba⸗ res Pferd geſchenkt und ich habe es mit⸗ gebracht. Sechs dergleichen hatte er, ich mußte das beſte ausſuchen.“— Als der Graf das Thier ſah, freuete er ſich ſehr daruͤber, fand es von reiner Raße und empfahl es Petern beſonders. Als der Graf ins Zimmer zuruͤcktrat, fand er ſeine Gattin mit Agnes weinend und fragte:„Sind das Freuden⸗ oder Schmerzensthraͤnen?“—„Beides zugleich,“ erwiederte die Gattin.„Eben ſagte un⸗ ſere arme, ungluͤckliche Agnes: Gott weiß es, wie ſo von ganzer Seele ich der lieben Cüſabeth ihr Glück gönne und ſeine u⸗ unterbrochene Dauer wuͤnſche; aber ich frage dabei zugleich den Himmel: was habe ich verſchuldet, daß ich ſo hart ge⸗ pruͤft werde! Bewahrte ich nicht ein rei⸗ 35 es, ſchuldloſes Sez: haftet auf meiner Ehre auch nur der kleinſte Flecken; kann mir Tadelnswerthes nachgeſagt werden? Wie mied ich ſelbſt den Schein, der meine Tugend aufs leiſeſte in ein ungewiſſes Licht ſtellen konnte So nahe war ich meinem Ziele, ſo gewiß glaubte ich's zu erreichen, und wie feindlich hat mich ein Unfall, den die Welt nicht ahnete, von ihm hinweggeſchleudert! Ach! es thut un⸗ glaublich wehe, das Herz von einem Jüng⸗ linge losreißen zu muͤſſen, den man ſo treu und wahr liebte“— Der Graf wandte ſich mit den Worten an ſeine Tochter:„Meine leidende Agnes, beruhige Dich doch, und reiße die Wunden Deines Schmerzes nicht immer von neuem auf. Iſt es denn kein Troſt fuͤr Dich, daß Du Dein Ungluͤck nicht verſchuldet haſt? Ach, oft mache ich mir im Stillen bittere Vor⸗ wuͤrfe, daß ich zu nachgebend war! Aber, 8 36 wer hätte uch an einen ſolchen Unfall glauben koönnen! Die That des Barons hat meinen Glauben an die Redlichkeit der Menſchen aufs äußerſte erſchüttert. Wem kann man nun noch trauen! Hoffe, meine gute Tochter, daß Dir endlich eine Zeit erſcheint, wo ſich die Nacht Deines gerechten Grams aufheitern wird. Ach, wie leiden wir mit Dir!“ Mit Agneſens wehmuthsvoller Trauer hatte es eine gar ſonderbare Bewandniß. Drei Meilen von Nordberg entfent lag das ſchöne Gut Kronhauſen, deſſen Eigen⸗ thuͤmer ein Baron von Wettſtein war. Der Mann ſtand in dem Rufe eines ed⸗ ten, dütchaus rechtſchaffenen und bieder⸗ herzisen Menſchen. Er wurde weit und preit geächtet. Arme und Hülfloſe fanden an ihm den gätigſten, unkigennutzigſten Pbyithäter. Still und ohne vieles Ge⸗ 37 räuſch gebrauchte er ſeine Zeit weiſe und weihte ſie der nuͤtzlichſten Thätigkeit. Je⸗ des Verſprechen, was er gab, hielt er puͤnktlich. Koſtbare Bauten hatte er voll⸗ endet und war mit der Errichtung neuer Gebaͤude beſchäftigt. Einigemal war er nach Italien gereiſet und in ſeinem Schloſſe fand man ſeltene Schaͤtze der alten und neuen Kunſt. Er fuͤhrte einen faſt uͤppi⸗ gen Tiſch und lud oft Gäſte zu ſich. Für ſeine Kinder war er der freigebigſte Vater. Alle Welt hielt ihn fuͤr einen ſehr reichen Mann. Seit mehr als zwanzig Jahren lebte dieſer Baron von Wettſtein mit dem Graf Walther in dem vertrauteſten Um⸗ gange und in einem wahren Freundſchafts⸗ verhältniſſe. An dem Geburtstage ſeiner Gattin lud ihn der Graf mit ſeiner Fa⸗ wilie nach Nordberg. Adolph, der aͤlteſte Sohn des Barons, der bei einem Onkel, welcher keine Kinder hatte, ſchon ſeit zwan⸗ 38 zig Jahren lebte, war eben in Kronhauſen mit demſelben angekommen und begleitete ſeine Eltern. Recht freundlich wurden die lieben Gaͤſte empfangen. Adolphs Herz wurde augenblicklich mit Liebe gegen die ſanfte Agnes erfuͤllt; auch ſie empfand Neigung gegen den Juͤng⸗ ling, der ſie ſo auszeichnend vor Allen be⸗ handelte. Sie geſtanden es einander nach wenigen Wochen, daß ſie ſich liebten und es entſpann ſich unter ihnen ein geheimer Briefwechſel. Adolph kam öoͤfter nach Nordberg und verheimlichte das Verhaͤlt⸗ niß dem Grafen und der Graͤfin nicht, was zwiſchen ihm und Agnes beſtand. Er verſicherte, daß ſein Vater gegen dieſe Verbindung nichts haben werde, der es ge⸗ wiß ſchon ahnete, wie theuer ihm Agnes ſey. Oefter wurden die Tochter allein nach Kronhauſen abgeholt und blieben 39 mehrere Tage daſelbſt. Sonderbar war's aber dem Grafen, daß der Baron der Liebe ſeines Sohnes gegen Agnes nie mit einer Sylbe erwaͤhnte. Er ſelbſt wollte der Erſte nicht ſeyn, der davon zu reden anfing. Uebrigens machte Wettſtein einſt ſeinem Sohne folgende Eroͤffnung:„Ich weiß es, daß Du Angnes liebſt, aber vor Verlauf eines Jahres erlauben es meine Verhältniſſe nicht, daß die Hochzeit gefeiert werden kann. Bis dahin beruhige Dich.“ Dieſen Beſcheid des Vaters theilte Adolph den Nordbergern mit. Wie im elterlichen Hauſe, ſo guͤtig und vertraulich ging man mit Agnes in Kronhauſen um. Adolphs Eltern nann⸗ ten ſie ſogar Du. Der Umgang der El⸗ tern beider Geliebten wurde herzlicher, als zuvor, aber uͤber die Verheirathung der Kinder ließ man nie ein Wort fallen. 40 Oft war Adolph acht Tage in Nordberz und galt da fuͤr einen Sohn des Hauſes. Bisweilen brachte ihn der Vater, ließ ihn dort und holte ihn wieder ab. Das Schweigen in einer ſo wichtigen Familien⸗ angelegenheit blieb dem Graf hoͤchſt raͤth⸗ ſelhaft. Er nahm ſich's endlich vor, dar⸗ uͤber mit dem Baron zu ſprechen; aber ſeine Gattin und Agnes wünſchten es nicht. An einem Sonntage kam ein Eil⸗ bote von Kronhauſen mit einem Briefe von Adolph an den Graf an, welcher die wenigen Zeilen enthielt:„Unſer Unglück und unſer Schmerz hat keine Grenzen! Vor zwei Tagen reiſete der Vater nach der Hauptſtadt und ſagte: dringende Ge⸗ ſchäfte erforderten daſelbſt ſeine Gegen⸗ wart. Er wies mich freundlich zuruͤck, als ich mich ihm zum Begleiter anbot. — 41 Er verſprach geſtern wieder zu kommen und blieb aus. Heute kömmt der Kut⸗ ſcher zuruͤck und erklart, er wiſſe nicht, wo der Herr geblieben ſey. Bei ſeinen Freunden und Bekannten habe er nach ihm gefragt, er ſey bei keinem geweſem. Eben reite ich ab, um genauere Unterſu⸗ chungen anzuſtellen und Erkundigungen einzuziehen. Sollte er durch einen Unfall oder mit Gewalt des Nachts auf der Straße ſein Leben verloren haben? Wird er nicht wieder erſcheinen? Dieſe Zweifel peinigen uns ſchrecklich. Er iſt reich, ge⸗ achtet, geliebt, welchen Grund konnte er haben, ſich von Kronhauſen auf immer zu entfernen? Kommen Sie, troͤſten Sie meine Mutter, die ſich wie eine Wahnſin⸗ nige die Hände windet. Wäre er nicht mehr, bei ihrer zaͤrtlichen Liebe zu ihm wuͤrde ſie einen ſolchen Verluſt nicht lange uͤberleben ꝛc.“ 42 liche Familie aufs heftigſte. Der Graf den! Was ſollte einen ſo beguͤterten, ge⸗ achteten und von ſeiner Familie geſchaͤtz⸗ ten, wirklich religioͤſen Mann bewegen, aus der Naͤhe zu verſchwinden? Sinnig und ſtill kam er mir ſeit einiger Zeit vor, aber er ſcherzte und lachte doch noch! Ich will ſeine ungluͤckliche Gattin zu be⸗ geblichen Angſt gequaͤlt wird.“ Raſch ritt er nach Kronhauſen. Die um das Leben des Vaters und Gatten hochſt traurige und beſorgte Familie fand er im verzweif⸗ lungsvollen Schmerze. Troͤſten konnte er nicht und klagte mit. Der Abend erſchien und ſehnſuchtsvoll erwartete man auf ei⸗ Dieſe Nachrichk erſchütterte die gräf⸗ ſagte:„Der Baron wird ſich wieder fi⸗ ruhigen ſuchen, die vielleicht von einer ver⸗ nen Beſcheid von Adolph. Er kam in dunkler Nacht angeſprengt und ſagte: „Ueber das Verſchwinden meines Vaters 43 ſchwebt ein unerforſchliches Geheimniß. Er ſpeiſete zu Mittage im goldenen Ringe, ging frohgelaunt weg, kam nicht wieder und Niemand kann von ſeinem Ausbleiben weiter etwas ſagen.“ Es verfloſſen mehrere Tage, man hörte nichts von dem Vermißten. Aber das Raͤthſel ſeiner heimlichen, unerklaͤr⸗ baren Entfernung ſchloß ſich durch einen Brief zuerſt auf, den man in ſeinem Pulte fand. Dieſer Brief von einem Banquier enthielt die Mahnung, einen ausgeſtellten Wechſel von zwanzig tauſend Thalern nebſt Zinſen zu bezahlen, welcher ſchon vor vierzehn Tagen haͤtte berichtigt ſeyn muͤſſen. Man ſuchte in den Papieren weiter nach und fand endlich ein Verzeich⸗ niß von Wechſelſchulden, die den Werth des Gutes Kronhauſen bei weitem über⸗ ſtiegen. Staunen ergriff Alle. Der Mann, 44 den man für ſo otbentlich, ſo redlich hielt, den man als den edelſten Vater ehrte, der ſo wohlthätig war, verließ ſeine Fami⸗ lie in bitterer Armuth? Mit dem An⸗ kauf von Gemaͤlden hatte er viel verſchwen⸗ det, aber auch ſeine Haushaltung, die koſt⸗ pare Unterhaltung ſeiner Kinder, uͤberſtieg ſein Vermögen. Unbegreiflich war's Allen, daß er ſeine Ausgaben nicht beſchränkte, da er doch ſeinen Ruin vor Augen ſah. Adolph war außer ſich; ihn hatte der Vater ſchrecklich getäuſcht. Nach vier Wochen, waͤhrend er Agnes öfter ſah und weinte, erhielt ſie von ihm folgendes Schteiben:„Agnes, in Reichthum und Ueberfluß geboren und erzogen, kann ich in einer Gegend, wo ich gekannt bin, mei⸗ ne Armuth, ſo unverſchuldet ſie auch iſt, nicht länger ertragen. Ich ſehe jetzt Mie⸗ nen und hoͤre Worte, die mir das Herz 45 zerſchneiden. Den Entſchluß Deines Va⸗ ters, ob er Dich mir noch zur Gattin giebt, mag ich nicht auf die Probe ſtellen; die Ungewißheit, in der ich in dieſer Hin⸗ ſicht lebe, hat einigen Troſt füͤr mich. Da ich Dich aͤußerlich nicht gluͤcktich ma⸗ chen kann, ein Duͤrftiger bin, und, wenn Du ein Engel waͤrſt, von Deinem Ver⸗ mögen nicht zehren will; ſo betrachte un⸗ ſere Verbindung als eine aufgehobene. Auch von meinem Onkel darf ich nichts erwarten, er zuͤrnt auf uns. Vierzigtau⸗ ſend Thaler, fuͤr die er ſich, auf meines Vaters Erſuchen, verburgt hat, muß er bezahlen. Wos ich empfinde, daß ich mich von Dir trennen muß, weiß Gott allein! Das Höchſte opfere ich Deinem Gluͤcke auf. Vergiß mich, Deine Ruhe fordert das. Edle, herrliche Seeie, Du bleibſt mir bis zum letzten Lebensaugenblicke ge⸗ genwärtig und Dir ſchwore ich's, daß nie ein anderes Mädchen die Meine werden kann.— Wenn Du dieſen Brief erhältſt, kann mich kein nachgeſchickter Bote mehr erreichen. Einem andern Welttheil eile ich zu, hoffe dort meinen Unterhalt zu verdienen und wuͤnſche nichts inniger, als vald zu ſterben. Gewaltſam, wie ich fuͤrchte, daß es mein Vater gethan, bringe ich mich nicht um.— Deinen Eltern danke für die überſchwengliche Güte und die unbezahlbaren Freuden, womit ſie ei⸗ nen Theil meiner Jugendzeit in einen Himmel verwandelten, in meinem Nämen. Adieu, meine theuerſte Agnes; das Herz plutet mir, indem ich von Dir ſcheide. Werde die Gattin eines Jünglings, der Deinen Werth ſo zu ſchaͤtzen weiß, wie ich. Nochmals bitte ich Dich, vergiß mich, daß Du glucklich wirſt ꝛc.“ Die arme, ungluͤckliche Agnes war 47 uber Adolphs Verluſt untrsſtlich. Der Graf hätte ihm ſeine Tochter nicht verſagt. Sein Ungluͤck hatte ihre Liebe und Ach⸗ tung nicht geſchwächt; Mitleid und Theil⸗ nahme verband ſie feſter mit ihm. Alle Nachforſchungen nach ihm waren ver⸗ gebens. Es kam kein Brief von ihm an. Edel und herrlich aber fand man Adolphs Betragen doch. Der Graf nahm die verarmte Baroneſſe Wettſtein zu ſich und ſie wurde wie eine Schweſter gehal⸗ ten. Innig verband ſich Agnes mit ihr. — Allgemein wurde das herrliche Mäd⸗ chen in der Gegend bedauert und von ih⸗ ren Eltern erfuhr ſie eine uͤberaus zartli⸗ che, guͤtige Schonung in ihrem Schmerze. Die Zeit linderte zwar die Pein ihres Grams, aber bisweilen konnte ſie die Schwermuth doch nicht überwältigen, die ihr auf der Seele lag. Oft klagte und weinte ſie im Stillen. 48 Eliſabeths Vetlobung und Hochzeit, ihr gluͤckliches Leben im Eheſtande heiterte die Nacht des Kummers in dem gräflichen Schloſſe wieder auf. Der erſte Brief, den Graf Walther von ſeinem Schwiegerſohn erhielt, war eine Lobrede auf Eliſabeth. — Nach Verlauf von etlichen Wochen ſagte der alte Graf von Ilgenſtein:„Lie⸗ ber Sohn, nun ziehe mit Deiner jungen Frau nach Soſtenberg⸗ Das Gut uber⸗ gebe ich Dir zur eigenen Bewirthſchaftung. Du zahiſt mir die Hälfte der Pacht, die es in wohlfeilen Zeiten trug. Es iſt Dein nach meinem Tode, alſo richte Dir alles nach Deinem Gefallen ein. Morgen feiern wir dort Dein Anzugsfeſt. Unſere Freunde und Nachbaren find dazu geladen. Es ſol eure Nachhochzeit ſeyn⸗ Hedwig be⸗ hielt ich gern hier, aber die trennt ſich won ihrer Schweſter nicht und Catharina will von Hedwig nicht laſſen. Die Mäd⸗ — 49 chen können ja abwechſelnd in Hainburg und Soſtenberg leben.“ In aller Fruͤhe fuhr man nach So⸗ ſtenberg ab. Die Graͤfin nahm Eliſabeth am Arm und ſagte:„Ich will Dich in Deinem Wohnhatſe umherfuͤhren und Dir Deine Stube zeigen. Das Schloß iſt beſſer gebauet, als unſere alte Hainburg.“ Die Andern folgten nach. Man hatte die Zimmer ausmalen, nach dem neueſten Geſchmacke möbliren laſſen, und es fehlte kein Hausgeräth, was zur Schönheit, zur Bequemlichkeit, zum Nutzen diente. Bo⸗ den, Speiſekammer und Keller waren mit allen Vorrathen angefüllt. Elifabeth, als ſie das alles ſah, womit ſie die elterliche Guͤte beſchenkte, war bis zu Thränen ge⸗ ruͤhrt und dankte.„Ach!“ ſagte der alte Graf,„dies alles, was wir Dir geben, wiegt unſer Gluͤck nicht auf, daß der Him⸗ 50 mel unſerm Friedrich eine ſolche Gattin gab. Genießt und gebraucht das in Liebe und Friede, wofuͤr ihr dankt, dann habt ihr uns uͤberfluſſig bezahlt.“ In dem Zimmer der jungen Gräfin hingen die Ge⸗ maͤlde der Eltern ihres Gatten. Friedrich ſagte zu Eliſabeth:„Deine Eltern muͤſ⸗ ſen ſich auch ſo malen laſſen und dieſe Bilder ſind dann der Schmuck meiner Stube. Gewiß iſt uns die Erinnerung an die Wohlthäter unſers Lebens immer wilkommen, die uns durch Betrachtung der Gemälde ihrer theuern Perſonen ver⸗ gegenwärtigt wird.“ Von allen Gaͤſten, die geladen waren, hoffte der Graf Friedrich auf keinen ſehn⸗ ſuchtsvoller, als auf ſeinen Freund Bern⸗ hard von Danzenau. Er war der Erſte, dem er ſeine Verlobung mit der Gräfir von Raimund meldete. Ihn bat er auch 51 zur Hochzeit, aber eine Krankheit hinderte ihn, dem Feſte beizuwohnen. Bernhard war als Rath bei der Landesregierung an⸗ geſtellt und ſtand ſchon, ſo jung er noch war, auf einem ehrenvollen Poſten. Ge⸗ ſtern Abend kam er bei ſeinen Eltern an und ließ dem Graf Friedrich melden, wie ſehr er ſich freue, morgen ihn zu umar⸗ men und der jungen Frau ſeine achtungs⸗ vollen Geſinnungen zu bezeigen. Er ſchrieb: „Auf vier Wochen habe ich mich von mei⸗ nen Geſchaͤften beurlaubt, um in Deiner lie⸗ benden Naͤhe wieder frohen Herzens zu werden. Der Wuſt von Arbeiten, die mich druͤcken, ſind keine Nahrung fuͤr das Gemuth, das ſich nach den beſſern Genuͤſſen einer Freundſchaft ſehnt, wie ſie unter un beſteht. Um keinen Preis ließe ich mir den morgenden Tag abkaufen, an dem ich Dich, nach einer zu langen Entfernung, wieder und ſo glucklich ſehen werde.“ 6 4 8 6 52 Da dieſer Bernhard von Danzenau in dieſer Geſchichte eine Hauptrolle ſpielt, ſo konnen wir einer nähern Schilderung von ihm uns nicht uͤberheben. Er war der zweite, noch lebende Sohn des Frei⸗ herrn Ernſt von Danzenau, deſſen Gut Thalheim nur eine Meile von Soſtenberg lag. In dem väterlichen Hauſe lebten noch drei Töchter; Minna, Julie und Emilie. Dieſe Familie ubertraf an wah⸗ rer, liebenswuͤrdiger, feiner und herzlicher Bildung alle andern, die in weiter Umge⸗ gend lebten. Der Freiherr war ein bele⸗ ſener, weltkluger, vielgereiſeter und erfah⸗ rungsteicher Mann. Die menſchenfreund⸗ liche Milde ſeiner Seele ſprach aus ſeinen großen Augen. Eine ganz beſondere Guͤte leuchtete aus ſeinem Weſen. Verehrt und geliebt wurde er in ſeinem Hauſe und von ſeinen Freunden. Von ihm ſchted keiner, ohne Achtung und Liebe fuͤr den 53 wuͤrdigen Mann zu empfinden. Frei und oſſen, liebreich und zuvorkommend war ſeine edle Gattin und bei all ihrer Gei⸗ ſtesbildung, eine muſterhafte Hausfrau. Minna, die älteſte Tochter, verband mit einem ſchoͤnen Körper und vorzuͤglichen Talenten ein ſanftes, engelreines, herrli⸗ ches Gemuͤth. Ihr Verſtand war glänzend, ihre muſikaliſche Geſchicklichkeit vorzuͤglich und Kraft und Weichheit lag in dem Ton ihrer Stimme. Hoͤchſt intereſſant war das Spiel ihrer Miene, wenn ſie ſang, und den Abdruck ihrer Gefuͤhle las man aus ihren ſprechenden, bezaubernden Augen. Sie beſaß eine Kindlichkeit, eine Naivität und Grazie, wodurch ſie hoͤchſt liebenswuͤr⸗ dig wurde. Ihre Beſcheidenheit und na⸗ tuͤrliche Gutmuͤthigkeit verbreitete uͤber ſie einen ſeltenen Reiz. Julie und Emilie waren noch in den Jahren der Entwicke⸗ lung, aber ihre jungfraͤuliche Schoͤnheit 54 fing ſchon an, ſich zu entfalten, und ſie gefielen uͤberall, da Einfachheit und Natur ihr erſter Schmuck war. Dieſer Bernhard war die Freude, der Stolz ſeiner Eltern und die Wonne ſei⸗ ner Geſchwiſter. Stark und kraftvoll war ſein Korper und von ſeinem Geſichte leuch⸗ tete die Farbe einer faſt ſtrotzenden Ge⸗ ſundheit. Er hatte ſich von Jugend an, wie gegen die Peſt, wider das unheilige, aufreibende Gift der Suͤnden zu ſchuͤtzen gewußt, welches das Roth von den Wan⸗ gen, das Feuer aus den Augen wiſcht, und jene Abgeſpanntheit erzeugt, der in elender Erſchlaffung das Leben beſchwerlich wird und junge Greiſe ſchafft. Muth und Selbſtvertrauen war die Seele ſeiner Handlungen. Was er unternahm, das mußte ihm gelingen. In ſeinen Studien, die er mit eiſernem Fleiße und wahrer 55 Begeiſterung trieb, machte er Rieſenſchritte. Ueber das Gemeine, was an der Erde muͤhſam fortſchleicht und üch mit dem Gewoͤhnlichen genuͤgen läßt, wollte er ſich erheben, daher war er Naͤchte hindurch in angeſtrengter Thätigkeit, um das geſteckte Ziel zu erreichen. Sein lichtvoller Ver⸗ ſtand, ſein treues Gedächtniß, ſeine ſcharf⸗ ſinmge Urtheilskraft, fuͤhrte ihn auf der Bahn ſeiner Wiſſenſchaft ſchnell vorwärts. — Er war einer der Erſten, die ſich als Freiwillige mit den Waffen in der Hand und dem Muthe im Herzen, dem Vater⸗ lande ſtellten, um Blut und Leben gegen den Feind aller Thronen und Voͤlker zu wagen. In ſeinem ein und zwanzigſten Jahre kaͤmpfte er bei Lutzen und Bautzen, wie ein erzuͤrnter Loͤwe. Rechts und Links ſah er ſeine Bruͤder fallen und rang furcht⸗ los vorwärts. In der letzten Schlacht wurde er verwundet. Friſch und kräftig 56 ſtand er aber wieder nach dem Waffenſtill⸗ ſtande in den Reihen der Streiter, und theilte ihren Siegesruhm. Bei Belle⸗ Allrance fehlte er nicht, brang mit bis Paris vor und kehrte, nach dem ruhmvoll vollendeten Feldzuge, an das Herz der Seinen zuruͤck. Jetzt wuͤnſchte es ſein Vater, da er in ſeinem drei und zwanzigſten Jahre ſtand, daß Bernhard die Mitaufſicht bei der Bewirthſchaftung von Thalheim führen moͤchte, weil ſich die Eltern von dem gelieb⸗ ten Sohne, der ihnen noch theurer gewor⸗ den war, nicht trennen wollten.„Nein, Vater,“ ſagte er,„das geht nicht, meine Stelle als Wirthſchafter laͤßt ſich fuͤr Geld erſetzen. Hätte ich denn umſonſt das Meine gelernt? Es ſcheint mir wenig verdienſtlich, mich hier ernaͤhren zu taſſen. Wenn's nach meinem Sinne geht, lerne 57 ich hier wieder, was ich vergeſſen hape und mehr dazu und melde mich dann zu einer Anſtellung. Wer wird die Bahn, die er betreten hat, welche zu Ehre und Brodt fuͤhrt, verlaſſen!“ Sein Wille war feſt und eiſern, ablenken ließ er ſich nicht. Er ſtudirte ein Jahr hindurch mit dem angeſtrengteſten Fleiße, beſonders in den klaſſiſchen Schriften, die ihm ſein älterer, heißgeliebter Bruder, welcher Ge⸗ heimerrath war, empfahl. Nach Verlauf dieſer Zeit zog er zu demſelben, der ihn praktiſch beſchaͤftigte. Er meldete ſich darauf zum Examen und beſtand es bei⸗ fallswurdig. Verſchiedene Probearbeiten ge⸗ langen ihm und die puͤnktliche Ordnung, die Umſicht, die Kenntniß und der Scharf⸗ blick, den er bei ſeinen Aufträgen verrieth, erhob ihn in ſeinem ſechs und zwanzigſten Jahre zu einem Rathöpoſten. 58 Frei und heiter war ſein Gemuͤth. Er hatte viel männlichen Ernſt. Nur Lonnte er die Flamme jugendlicher Heftig⸗ eit bei innern Aufwallungen nicht immer erſticken. Er fuͤhlte einen edlen Stolz und ertrug unerwiedert keine Beleidigung. Selbſt ſeine Freunde mußten vorſichtig mit ihm umgehen. Wen er liebgewonnen hatte, fuͤr den konnte er ſich aufopfern. Seine Dienſifertigkeit war ohne Grenzen. Ungern war er in großen Geſellſchaften. Kein Mädchen konnte ſich's ruͤhmen, daß er ihm eine Schmeichelei ſagte. Er be⸗ warb ſich auch nicht um die Gunſt einer Einzigen.„Bernhard,“ ſagte ſein Vater einſt zu ihm,„Dein Herz iſt von Eis,“ und er erwiederte:„Das mag's; es wird wohl aufthauen, wenn ihm die rechte Sonne aufgeht. Das geputzte Steife, das zierige Abgemeſſene, das gefallſuͤchtige Aeußere, was ich an unſern Mädchen ſehe, 59 ſtößt mich zuruͤck. Die ich lieben ſoll, muß ohne Kunſt und Schminke, natuͤrlich und heiter, rein und klar wie ein Stern und vom Lande ſeyn. Die Luft der Stadt verweht von manchem Geſichte die Farbe der kräftigen Geſundheit und aus man⸗ chem Herzen die Unſchuld und Einfalt, und wo dieſe Eigenſchaften fehlen, da halte ich mich nicht auf und gehe mit ſtil— lem Bedauern weiter. Hab' ich doch mit dem Heirathen noch Zeit und duͤnke mich noch ein Juͤngling zu ſeyn.“ Um in der Nähe des jungen Grafen von Ilgenſtein ſich aufzuheitern und zu⸗ gleich auch ſeine Gattin kennen zu lernen, von der er ihm ein Gemaͤlde ſchöner, ed⸗ ler Weiblichkeit entworfen hatte, wie's nur ein begeiſterter Jungling zu zeichnen pflegt, war Bernhard bei ſeinen Eltern angekom⸗ men, mit denen er zu dem Schmauſe nach 60 Soſtenberg reiſete. Seine Eltern und Schweſtern kannten die junge Graͤfin auch noch nicht, da ſie erſt ſeit etlichen Tagen aus der Schweiz zuruͤckgekommen waren, wo Minna einen Herrn von Fellber in der ſonderbarſten Seelenſtimmung, mit ſchwerem und von der Liebe ergriffenen Herzen, verlteß. Es hieß in Thalheim, daß ſich eine juͤngere Gräfin Raimund bei ihrer Schweſter aufhalte, wahrſcheinlich, um ſie leichter an die Trennung von ge⸗ liebten Eltern zu gewöhnen. Als der Graf Friedrich den Wagen des Freiherrn von Danzenau kommen ſah, rief er ſeiner Gattin mit lebhafter Freude zu:„Komm, Ehſabeth, Du mußt mit mir meinen theuerſten Freund zuerſt em⸗ pfangen! Wenn Du mich liebſt, gieb ihm einen herzlichen Kuß.“—„Iſt das die junge Frau, von der wir ſo viel Gutes —— 61 hoͤrten?“ fragte der alte Freiherr im Aus⸗ ſteigen aus dem Wagen, und als Friebl die Frage bejahte, ſagte er:„Es wird Sie nicht gereuen, daß Liebe und Vertrauen Sie zu uns fuͤhrte, holde Graͤfin. Was der Verſtand und das Herz wuͤnſcht, ha⸗ ben Sie gefunden. Ihrer freundlichen Nähe empfehle ich Keine Töchter.“ Die beiden Freunde lagen einander in den Armen. Jetzt ſagte der Graf: „Sieh, Bernhard, das iſt die Frau, die mich uber alle Hoffnungen er hebt, die ich mir vom Glücke des ehelichen Lebens machte! Du findeſt eine Freundin in ihr. Danzenau wollte ihr die Hand kuͤſſen; aber ſie kuͤßte ſeine Lippen und ſprach:„Nehmen Sie mich in Ihren Freundſchaftsbund mit auf, der das Gluͤck meies Gatten iſt; ich will beſtrebt ſeyn, ein wuͤrdiges Glied deſſelben zu werden.“ 62 Sie kußte auch ſeine drei Schweſtern und intereſſirte ſich vom erſten Augenblicke an veſonders fuͤr Minna, fuͤr die ſie im vor⸗ aus eingenommen war, da Catharina ſie als die treueſte, edelſte, gutmuͤthigſte Seele, mit ausgezeichnetem Talent, ihr fruͤher ge⸗ ſchildert hatte. Sie fand die Schilderung nicht geſchmeichelt und bald mehr, als ſie ſuchte. Friedrich nahm Hedwig bei der Hand, präſentirte ſie der freiherrlichen Familie und ſetzte hinzu:„Was die ſchweſterliche Liebe vermag, beweiſet die gute Hedwig. Eltern und eine Schweſter verließ ſie, um meiner Gattin die Bitterkeit der Enfer⸗ nung vom Vaterhauſe zu verſuͤßen. —„Ein großes Opfer,“ ſagte Bernhard, „was Sie bringen, Gomteſſe, das einen ſchonen Lohn mit ſich fuhrt.“—„Einen ſehr ſchönen,“ erwiederte ſie mit freundli⸗ 63 cher, ſeelenvoller Miene, ließ Friedrichs Hand los, ging zu dem Madchenkreiſe, wo Catharina war, und ſuchte ſich ihm anzuſchließen. Ihre Schweſter ſprach mit Minna, die von der Liebenswuͤrdigkeit der jungen Graͤfin wie bezaubert war. Als ſich Eliſabeth entfernen mußte, um zu der Frau von Danzenau zu gehen, die gegen die Gräfin von Ilgenſtem die Schönheit der Schwiegertochter ruͤhmte, knuͤpfte ſich ein Geſpräch zwiſchen Minna und Hed⸗ wig an. Die offenen, reinen, unverſtellten Seelen wurden bald vertraulich und Min⸗ na urtheilte in ihrem Innern von Hebwig ſehr guͤnſtig. Recht glücklich pries Bernhard ſeinen Freund, als er ſich nach Tiſche mit der Gräfin Eliſabeth viel unterhalten hatte, daß ein guͤtiges Geſchick ihn mit einer Gattin verband, die ſo viel Verſtand, eine 54 antiehenbe weibliche Guͤte und ein unge⸗ mein gefälliges Betragen zeigte. Ja fugte er hinzu,„lieber Friedrich, wenn ich ein ſolches Madchen fände, dem wuͤrde ich die Vorzuge und Freiheiten, die mit dem lebdigen Stande verbunden ſind, gern aufopfern. Wenn man ſich manchen häus⸗ lichen Sorgen unterzieht, ohne die das Leben in der Ehe nicht gefuͤhrt wird, da muß man auf der andern Seite auch auf Erſatz rechnen koͤnnen.“ Hedwig erſchien dem Herrn von Dan⸗ zenau nicht wie ein Maͤdchen von gewöhn⸗ lichem Schlage, das nach den Regeln der Mode ſigurirt. Sie war unbefangen, naiv, kindlich und voll heiterer Laune. Sie erzaͤhlte, wo es paſſend war, einige 3 Geſchichten aus ihrer frühern Jugend, die 3 ihn ergoͤtzten. Aus ihnen ging ihm das Reſultat hervor, das es ihr bei einer leich⸗ 65 ten, frohen, ſcherzhaften Gemuͤthsſtimmung doch nicht an Ernſt und Charakterfeſtigkeit fehlte. Ruͤhrend war ihm insbeſondere die Schilderung, die ſie von den Eigenhei⸗ ten ihres guͤtigen Vaters und der weiſen Zärtlichkeit der Mutter entwarf, die ſeine Gutmuͤthigkeit zu lenken verſtand. Ohne daß ſie's wollte, war ſte die Lobrednerin ihrer Eltern. Zuletzt ſagte ſie:„Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, recht viel ſollte es ſeyn, wenn ich meine Lieben nur eine Stunde ſprechen könnte.“—„Sie muͤſſen Ihre Schweſter ſehr lieben,“ ſagte Bernhard,„daß Sie auf die Freuden im elterlichen Hauſe Verzicht leiſteten.“— „Ja wohl,“ erwiederte Hedwig,„liebe ich meine Eliſabeth uͤber Alles, wie waͤre ich ſonſt mit ihr gegangen! Aber ſie ſieht es auch ein, welch ein Opfer ich ihr brachte und iſt die dankbarſte Seele. Die Ent⸗ fernung von Rordberg wird mir auch durch 5 66 den Umgang mit den guten Menſchen ſehr erleichtert und es iſt mir ſo, als ob ich in meiner Catharina eine vierte Schweſter ge⸗ funden hätte. Nicht ſo, mein Trinchen? Wie gluͤchlich ſind wir mit einander!“ Die Frau von Danzenau war in ſich unentſchieden, ob ſie die ältere oder juͤngere Schweſter ſchoͤner finden ſollte. Sie ſprach, nicht ohne eine geheime Abſicht, mit Hed⸗ wig ſehr viel. Eliſabeth war einſchmei⸗ chelnder, zuvorkommender, einnehmender; aber Hedwig ſprach bedaͤchtiger, uͤberlegter, ernſter. Sie ſchien ein Kind der Unſchuld und Natur, im edelſten Sinne des Worts, zu ſeyn. Was ſie von ihrer Mutter er⸗ zaͤhlte, empfahl ſie der Frau von Danze⸗ nau ganz vorzuͤglich.„Koͤnnten Sie wohl auf immer hier bleiben?“ fragte ſie dieſe. —„Nein,“ erwiederte Hedwig,„das könnte ich nicht. Es wuͤrde mir dann wie einer 67 Pflanze gehn, der der rechte Boden, die rechte Waärme fehlt, ſie verwelkt. Am glucklichſten fuͤhle ich mich doch bei mei⸗ nen Eltern.“—„Aber, kann dies Gluͤck ewig beſtehen?“—„So lange wenigſtens, wie ich's feſtzuhalten vermag.“—„Nun, liebe Hedwig, wir rechnen beſtimmt dar⸗ auf, daß Sie uns bald und recht oft be⸗ ſuchen. Thalheim liegt nicht weit von hier“„Der Weg zu guten Menſchen,“ erwiederte Hedwig,„ſchien mir nie zu weit und ich wuͤnſche es gar ſehr, daß meine erſte Bekanntſchaft mit Ihrer älteſten Tochter ſich in Freundſchaft verwandele.“ So viel der Graf Friedrich wußte, mußte er Bernharden von ſeinen Schwie⸗ gereltern, von Eliſabeth und ihren Schwe⸗ ſtern erzaͤhlen.„Iſt Agnes auch ſo ſchön, wie dieſe Beiden?“—„Eben ſo ſchön,“ erwiederte der junge Graf,„nur auf eine 5* 8 andere Weiſe. Mir gefiel Eliſäbeth am meiſten.“—„Und mir,“ ſagte Bernhard, „wenn Du zugiebſt, daß es eine verſchie⸗ dene Schönheit und einen verſchiedenen Geſchmack giebt, gefaͤllt Hedwig am mei⸗ ſten. Aber das bleibt unter uns. Wir ſehen uns in den vier Wochen oͤfter und reden uͤber das Kapitel weiter.“ Es war ſchon ſpät in der Nacht, als die Geſelſchaft aus einander ging, auch der Graf fuhr mit ſeiner Gattin nach Hainburg zuruͤck. Das junge Ehepaar, Catharina und Hedwig, blieben in Soſten⸗ berg. Beim Abſchiede ſagte die Mutter zu Eliſabeth:„In den erſten Tagen rechne ich nicht auf Deinen Beſuch; Zeit und Muͤhe wirſt Du nöthig haben, um die erſten Einrichtungen einer neuen Wirthſchaft zu treffen und mit ihr bekannt zu werden. Haͤtte ich Nöthiges vergeſſen, —— 69 ſo kannſt Du Dir's von Hainburg holen laſſen. Der Geburtstag des Vaters iſt in acht Tagen, ich wuͤnſche es, daß er bei Dir gefeiert wird. Wir wollen uns des⸗ halb umſtaͤndlicher verabreden. Uebermor⸗ gen beſuche ich Dich.“ Fruͤh am andern Morgen war Hed⸗ wig mit Catharinen nach der Felſenhoͤhe gegangen, auf der die Ruinen einer alten Ritterburg mit einem Wartthurme ſtanden.- Von hier hatte man eine ſchoͤne Ausſicht in ein lachendes Thal. Seitwärts erhob ſich eine Bergkette, aus der ein rieſenmaͤ⸗ ßiger, zugaͤnglicher Felſen hoch in die Wol⸗ ken empor ragte. Hedwig war ganz Ent⸗ zuͤcken uͤber die ſchoͤne Natur und meinte, die Lage von Soſtenberg ſey doch noch ſchoͤner, als die von Nordberg. Es wurde Catharinen ſehr ſchwer, „ 3 70 als Hedwig ſie weckte, ſich, vor Sonnen⸗ aufgang, aus den Armen des Schlummers zu winden. Hedwig hatte ſehr unruhig geſchlafen, ſie wußte den Grund davon, aber geſtehen wollte ſie ſich ihn eigentlich nicht. Als die Mädchen in heiterer, feier⸗ licher Gemuthsſtimmung von der Warte herabkamen, war im Schloſſe Alles wach. Eliſabeth hatte ſich ſchon ſeit einer Stun⸗ de in ihrer Wirthſchaft umhergetummelt. Sie wußte es, daß ſie ihrem Gatten da⸗ mit Freude machte.„Ihr unruhigen Maädchen,“ ſagte der Graf zu den Beiden, „woher kommt ihr? Kleider und Schuhe ſind ja vom Thau naß.“—„Hedwig ließ mir keine Ruhe,“ antwortete Catharina, „ſchon vor drei Uhr mußte ich ſie nach der Warte begleiten. Das iſt nicht aus⸗ zuhalten.“—„Hedchen,“ fragte der Graf, „biſt Du ſo unruhig? Woher kömmt das? Erzähle doch. Sie etröthete 71 und ſagte:„Iſt die Zeit, in der Herr⸗ lichkeit einer ſo ſchöͤnen Natur verlebt, nicht beſſer angewandt, als die Stunden des Schlafs? Friedrich, in welch einer Gegend wohnſt Du! O, wo iſt meine Schweſter?“—„In voller Arbeit ſeit einer Stunde. Wer hat nun die Mor⸗ genſtunde beſſer angewandt, ihr oder ſie?“ In demſelben Augenblick kam die wirthſchaftlich gekleidete Eliſabeth mit hei⸗ terem Geſicht und ſagte:„Nun bin ich bis zum Kaffeetrinken, kommt.“—„Denke Dir,“ ſprach der Graf,„die ſind ſchon auf der alten Burg geweſen.“—„Laß ſie nur,“ erwiederte Eliſabeth,„fruͤher war ich auch nicht anders, da ich mir allein nur lebte, jetzt rufen mich andere Pflich⸗ ten.“—„Ich muß Dir's geſtehen, meine theure Frau,“ ſagte der Graf,„als ich Dich zuerſt ſah, ſingen und ſpielen hoͤrte⸗ 72 Deine Zeichnungen und Stickereien be⸗ wunderte, da glaubte ich's nicht, daß Du eine ſolche Wirthin wärſt.“—„O! mein Friebrich,“ erwiederte ſie,„was zum Haus⸗ weſen, zur Landwirthſchaft gehört, das lehrte uns die Mutter. Manches, um es zu lernen, mußten wir thun und ſie ſagte: das entehrt nicht und bringt viel ein.“— „Nun, dafuͤr will ich ihr auch danken,“ ſprach der Graf. Sie waren noch bei dem Kaffee, als Bernhard von Danzenau ankam. Im Hinausgehen, ihn zu bewillkommnen, rief Friedrich ins Zimmer mit lächelnder Miene zuruͤck:„Kinder, denkt an mich, das hat was zu bedeuten!“ Die Freunde waren im Zimmer und Bernhard ſagte:„Im Bette glaubte ich die Herrſchaften noch zu finden?“—„Langeſchläfer,“ ſprach Friedrich zu ihm,„wie weichſt Du auf 73 ein Mal von Deiner alten Gewohnheit ab! Sonſt lagſt Du ja im Bette, bis Dir die Sonne ins Geſicht ſchien. Hed⸗ chen ſtand ſchon auf, ehe die Sonne auf⸗ ging und machte mit Catharinen eine Pro⸗ menade nach der Warte. Schweſter, muß⸗ teſt Du ihr nicht auch Thalheim zeigen?“ —„Allerdings,“ erwiederte Catharina. —„So habt ihr Beide eine unruhige Nacht gehabt,“ ſagte der Graf ſcherzend, „ünd könnt euch Etfabeth beurlaubte ſich hald wieder. „Entſchuldigen Sie,“ ſo ſprach ſie zu Bernhard, eine neue Wirthſchaft giebt viel zu thun, ich muß ſie ordentlich ein⸗ richten, da mir an dem Beifall meiner Schwiegermutter Alles liegt.“ Friedrich konnte ſie nicht halten und ſah es gern, daß ſie ging.„Das nenne ich mir eine Hausfrau,“ redete er ſeinen Freund an, 74 „die ihren Mann nicht verderben läßt! Sie iſt ſo eifrig beſtrebt, als ob wir hier Pächter waͤren. Schone Dich, ſagte ich zu ihr und ſie antwortete: Arbeit iſt ge⸗ ſund, nutzlich, verſuͤßt Speiſe und Ruhe. Wie ichs anfange, ſo werde ichs forttrei⸗ ven. Was Dir nicht gefaͤllt, ſoll unter⸗ bleiben. Rathe, wenn ichs anders mache, als es hier Sitte iſt. Ich glücklicher Mann!“ Bernhard kam mit einer Einladung von ſeinen Eltern für den folgenden Tag. „Erſt muͤſſen wir die Hausfrau fragen,“ ſagte Friedrich,„wie's mit ihrer Zeit ſteht.“ Er kam mit dem Beſcheid von ihr zuruͤck: Da ſie morgen einen Beſuch von der Mutter erwarte, duͤrfe ſie Soſtenberg durchaus nicht verlaſſen. Die Schweſtern wuͤrden gern allein nach Thalheim fahren und beſonders gönne ſie Hedwig eine Zer⸗ 75 ſtreuung. Angenehm verfloß der Tag und erſt am ſpaten Abend ritt Bernhard nach Thalheim zuruͤck. Er hatte mit Friedri⸗ chen viel von Hedwig geſprochen, aber kein Wort davon, daß er eine zaͤrtliche Nei⸗ gung fuͤr ſie fuͤhle. Seinen Eltern nannte er ſie ein gar herrliches Mädchen, ohne alle kuͤnſtliche Verbildung und ſchoͤner, als Eliſabeth.„Nur ſchade,“ ſagte die Mutter,„daß ſie ſich von ihren Eltern nicht trennen will.“—„Das iſt eine kindliche Aeußerung, die ihre Liebe bezeich⸗ net,“ erwiederte Bernhard,„folgte doch die ältere Schweſter Friedrichen auch nach. Es kömmt nur darauf an, wie einem Her⸗ zen der Verluſt erſetzt wird, den es leidet, um es uͤber alle Bedenklichkeiten zu er⸗ heben.“ Er ruͤhmte die Wirthſchaftlichkeit der jungen Gräfin, entſchuldigte ihr Außen⸗ 76 blelben und meldete den Befuch des Gra⸗ fen mit den beiden Maͤdchen an. Min⸗ na's Freude war beſonders groß, morgen Hedwig naͤher kennen zu lernen, die ihr wie ein Ideal natuͤrlicher, unſchuldsvoller Guͤte und Anſpruchsloſigkeit, ſelbſt in ih⸗ rer Kleidung, erſchien. Das Gut Thalheim hatte den Na⸗ men mit der That. Es lag in einer gro⸗ ßen, weiten Ebene. Vor dem Schloſſe ſtand eine alte Linde, die ihren Wipfel hoch in die Luft ſtreckte und ihre ſchatten⸗ reichen Zweige weit umher verbreitete. Auf einem großen Platze erhob ſich das Gebaͤude einer ſchönen Kirche, auf der der Blick mit Wohlgefallen ruhete. Links rauſchte zur Seite ein mit Baͤumen und Geſtraͤuch geſchmuͤckter Fluß mit ſeinem Wellenſpiel dahin. Jenſeit deſſelben ſah man einen blumenreichen Wieſenteppich, 8 — — dem gruͤn umuferten Teiche. 77 deſſen Einfaſſung Waldbäͤume und ein Gehoͤlz war. Große Weidereviere waren eingezäunt, in denen das junge Vieh an Fohlen und Rindern weidete. Hinter dem Schloſſe kam man in den wohlunterhalte⸗ nen Kuͤchen⸗ und Obſtgarten mit gruͤnen Hecken, hohen Baumen, die der Freiherr von Danzenau felbſt gepflanzt hatte, Lau⸗ ben und Ruhebanken verſehen. An dieſen ſchloß ſich ein englicher Garten an; hatte man die Grenze deſſelben erreicht und ging auf einen hohen, mit Weinſtöcken beſetzten Berg hinauf, da genoß man eine herrliche Ausſicht nach der nahegelegenen Stadt, uͤber einen unabſehbaren Wieſengrund hin⸗ weg. Rechts und Links ſah man Doͤrfer, Waldungen und in weiterer Ferne das blaue Gebirge. Der ſchoͤne Garten ſchenkte, außer dem Vergnügen, dem Beſitzer Kuͤ⸗ chengewaͤchſe, Obſt und auch Fiſche aus Lieb wurde 78 der Ort Allen, aber beſonders durch die gebildeten, guten, gaſtfreundlichen Men⸗ ſchen, die ihn bewohnten, welche die Her⸗ zen erheiterten und erfreueten, daß ſie ſich williger dem Eindruck der Schoͤnheit hin⸗ gaben und ihre frohe Gemuͤthsſtimmung durch die Außenwelt leichter anſprechen ließen. Als es faſt Mittag war und beide Gräfinnen noch nicht erſchienen, wurde Bernhard unruhig.„Ich weiß nicht,“ ſagte er,„wo ſie bleiben, ich will einmal nach dem Berge gehen, ob ich ſie nicht kommen ſehe.“ Der Vater laͤchelte ſeiner Gattin zu und ſprach:„Geh' nur. Es wird den Mädchen unterwegs doch kein ungluͤck begegnet ſeyn? Sie paſſiren ei⸗ nen ſteilen Berg... Statt die Anhoͤ⸗ he zu beſteigen⸗ ließ ſich Bernhard ein Pferd ſatteln und ſprengte im Galopp —— 79 vom Schloßhofe.“—„Was gilts,“ ſagte der Freiherr ſeiner Gattin leiſe ins Ohr, „Hedwig hat einen Funken der Liebe in das Herz unſeres Sohnes geworfen, der zu gluͤhen anfaͤngt, oder ſchon lodert... Sie ſchwieg und nickte mit dem Kopfe. Minna laͤchelte. Sie wußte ſchon mehr. Faſt eine Stunde war verſtrichen und weder Bernhard kam zuruck, noch er⸗ ſchienen die beiden Comteſſen. Dies Au⸗ tenbleiben ſchien dem Freiherrn zuletzt be⸗ denklich, Minna aber meinte, der Bruder ſey gewiß bis Soſtenberg geritten und werde die Damen mitbringen. Erſt um zwei Uhr kamen die Gäſte an und die alte Graͤfin ſaß mit in dem Wagen, Bernhard und Friedrich meldeten ſie an. Die fruͤ⸗ here Abfahrt wurde durch die Ankunft der Grafin bei ihrer Schwiegertochter verſpätet. Da Eliſabeth ſie nicht verlaſſen wollte, 80 entſchloß ſich die Mutter balb, ſich der Geſellſchaft anzuſchließen. Wirklich wat Bernhard nicht weit mehr von Soſten⸗ berg entfernt, als der Wagen ihm begeg⸗ nete.„Die Angſt hat mich fortgetrieben,“ ſagte er.„Da Sie nicht kamen, fuͤrchtete ich, daß Sie Schaden gelitten hätten.“ Die Graͤfin entſchuldigte das zu lange Zögern der beiden Mädchen, und bat fuͤr ſie um Verzeihung, indem ſie ſich anklagte. Bernhard entgegnete:„Wenn ſich eine Beſorgniß ſo endet, ſo muß man ſie ſich öfter wuͤnſchen. Meine Eltern werden ſich ſehr freuen, daß ſich die Zahl der lie⸗ ven Gäſte mehr als verdoppelt hat.“ 4 Scherz und frohe Laune herrſchte. Bernhard war ernſt, aber frohlich geſtimmt. Gedanken und Gefuhle eigener Art, die ſich in ſeinem Innern bewegten, faͤrbten ſein Geſicht roth, er glühete. Wenig konnte er mit Hedtig reden, deſto mehr ſprach er mit Eliſabeth, und oft, ſehr oft blickte er verſtohlen nach Hedwig hin. Das gutmuͤthige, heitere, offene Weſen der jungen Gräͤſin brachte es in ihrem Geſpräche bald zu einer angenehmen Un⸗ gezwungenheit. Er fuͤhlte inmges Ver⸗ trauen und Wohlwollen gegen ſie. Sie überzeugte ſich, daß er es ganz verdiene, der Freund ihres Mannes zu ſeyn. Sie fand, daß unter den Beiden die größte Charakterähnlichkeit herrſchte und daß ſich ſolche gleichgeſtimmte Seelen, wenn ſie einander fanden, ſich achten und lieben mußlten. Auf dem Heimwege fällte Eliſabeth das Urtheil uͤber Bernhard:„Er iſt ſo klug, als er gut iſt, voller Kraft und Le⸗ ben und hat ein Herz voll Freundſchaft und Guͤte. Wie weiß er ſich in den Grenzen einer beſcheidenen Artigkeit zu halten! Ich wuͤnſchte es, um meines 6 82 Mannes willen, daß er in Thalheim wohn⸗ te, und ein Mädchen heirathete, die ich als Freundin lieben könnte. Das wäre ein herrlicher Umgang! In der gebildeten Familie fuͤhlt man ſich ſehr wohl. Am liebenswurdigſten und intereſſanteſten er⸗ ſcheint mir die Minna, ſie iſt ſchon mehr ausgebildet, als ihre juͤngern Schweſtern. Das waͤre eine Frau fuͤr unſern Bruder Ernſt! Nicht wahr, Hedwig?“ Die ver⸗ neigte bloß ihren Kopf, war in Gedanken vertieft und wußte es nur halb, was ihre Schweſter geſprochen hatte. „Du hegſt da Wuͤnſche,“ ſagte die alte Graͤfin,„die leicht erfullt werden koͤn⸗ nen. Dein Bruder wird Dich doch beſu⸗ chen, er lernt Minna kennen und es iſt leicht möglich, daß ſie ihm gefaͤllt, und er ſie liebt. Wahr iſt's, ein herrliches Maͤd⸗ chen, wie man ſie nur ſelten mit dieſem Talent, mit dieſem zarten Gemuͤthe, mit dieſer weichen Empfindſamkeit findet, iſt ſie. Alles iſt an ihr anmuthige, einneh⸗ mende Sprache. Ihren Bruder Bern⸗ hard haſt Du ſehr richtig beurtheilt. Er hat das Herz auf der Zunge. Seine Seele iſt rein und er darf nichts verbergen. Dein Mann liebt ihn ſo unausſprechlich, wie er von ihm wieder geliebt wird. Wer weiß, oh eure gluͤckliche Ehe in ihm den Entſchluß nicht zur Reife bringt, ſich auch zu verheirathen. Er wird bei einer ſo wichtigen Verbindung mit großer Vorſicht zu Werke gehen, wenn ihn ſein Gefuͤhl nicht blendet. Man hat der Beiſpiele, daß ſolche Zögerer oft in eine unbegreif⸗ liche Eile gerathen. Wohl wuͤnſche ich's, daß er eine Frau bekäme, die ſich fuͤr Dich paßte und wer weiß, ob Dir es nicht auf eine Weiſe gluͤckt, die Dir die Uebſte iſt.“ 5* 84 Während in Soſtenberg Alles Freude und Vergnuͤgen war, lag auf Nordberg eine finſtere Trauerwolke, die den größten Schmerz anzurichten drohete. Eliſabeth wunderte ſich, daß mehr als ein Monat verſtrichen war, in dem ſie kein Schreiben von ihren Eltern erhielt. Sie aͤngſtigte ſich, klagte und weinte.„Gewiß iſt die arme Mutter ſehr krank, wenn ſie nur nicht kodt iſt! Ach, wenn ich die verlöre, was könnte mich dann im Leben noch er⸗ freuen!“ ſagte ſie.„Der arme Vater, veſſen höchſtes Erdengluͤck ſie iſt, würde ſolch einen Verluſt gewiß nicht lange uͤber⸗ leben.“ Nicht ſo unruhig und beſorgt war Hedwig, andere Gedanken und Empfin⸗ dungen von großer Gewalt beſchaͤftigten ihr Inneres, mit denen ſie nicht laut zu ſeyn wagte. Sie troſtete ihre Schweſter 85 damit, es könnten Briefe verloren gegan⸗ gen ſeyn und ſie habe keinen Grund, wes⸗ halb ſie juſt das Aergſte fuͤrchte. * „ Die Gräfin Raimund hatte eine zarte Conſtitution und war ſchwaͤchlicher Geſundheit. Beſonders fuͤhlte ſie bei al⸗ len Gelegenheiten, wo ihr Gemuͤth durch Freude, Verdruß und Beſorgniß erſchuͤt⸗ tert wurde, heftige Bruſtbeklemmung. Mit einer Liebe, ſo zart und innig, wie man ſie in der wirklichen Welt nur ſelten findet, hing ſie an ihrem Gatten und ih⸗ ren Kindern. Ohne eine gewiſſe innere Angſt war ſie ſelten, und ihre Neigung zur Schwermuth ſchrieb ſie der Haͤrte ei⸗ ner Stiefmutter zu, die ihr heiteres Ju⸗ gendleben in eine lange Trauer verwan⸗ delte. Ihr Vater, ein biederer, nach ſei⸗ ner Weiſe ſehr religioſer Mann, war viel zu rauh, als daß er dies ſanfte, leiſe fuͤh⸗ 86 lende Gemuͤth ſeiner zweiten Tochter rich⸗ tig hätte behandeln können. Um ihrer Rechtſchaffenheit, um ihrer Guͤte willen und daß ſie ſich fuͤr ihre Fa⸗ milie mit Freuden hätte aufopfern können und ſich ihr wirklich aufopferte, wurde ſie von derſelben gleichſam auch auf den Haͤn⸗ den getragen. Getrennt von zweien ihrer Töchter, dachte ſie Tag und Nacht an ſie. Wenn einmal ein Brief von Nordberg zu lange ausblieb, da war ſie in Todes⸗ angſt und marterte ſich mit tauſend Ein⸗ buldungen, welch ein Uebel ihren entfern⸗ ten Kindern begegnet ſeyn köͤnne.„Ach! ich weiß es recht gut,“ ſagte ſie zu ihrem Gatten und zu Agnes,„wie ſehr ich euch geblich ſie ſind, aber ich habe die Macht nicht, mich davon frei zu erhalten. Tragt mich mit Liebe und Geduld.“ Ach! und vurch meine Beſorgniſſe betruͤbe, wie ver⸗ 87 mit welcher Liebe und Geduld wurde ſie getragen, die ſie zu den dankbarſten Thraͤ⸗ nen ruͤhrte. Eine leichte Unpäßlichkeit wandelte ſie an. Die Krankheit ſtieg täglich. Nach vierzehn Tagen trat fuͤr die Theure, Un⸗ erſetzliche, Lebensgefahr ein. Sie litt an Kopfweh, Engbruͤſtigkeit und an einem ſo ſchrecklichen Huſten, der ſie zu keinem Schlafe kommen ließ und ſie immer mehr erſchoͤpfte. Der Graf lag in einem⸗ Nebenzimmer, ſchlafen konnte er nicht ſein Herz litt gewaltig. Mit jedem Augenblicke zitterte er, die zu verlieren, welche das hoͤchſte Gut ſeines Lebens war. Seine Wehmuth konnte er nicht mehr ge⸗ heim halten. Zu dieſer traurigen Zeit zeigte ſich die kindliche Liebe der guten Agnes gegen 88 die Mutter im glaͤnzendſten Lichte. Sie wich bei Tag und Nacht nicht vom Kran⸗ kenlager der Mutter. Sie bekaͤmpfte den Schmerz, der ſie beſtuͤrmte, ſprach dem Vater Troſt ein, ob auch ihr Herz blu⸗ tete und ſie geheime Thränen weinte. 2 Aber welche Feſte der Freude und der Dankbarkeit wurden gefeiert, als ſich die Mutter wieder erholte! Eliſabeth und Hedwig war jetzt ihr liebſtes Geſpraͤch. Sie war ſehr gluͤcklich, daß ſie nicht ſtarb und verſprach's, ruhiger in ihrem Gemu⸗ the zu werden. Sie wußte es ſelbſt nicht, wie ſie die Liebe und Theilnahme der Ih⸗ ren, die ſie erfahren hatte, erwiedern ſollte. „Ach!“ ſagte ſie,„daß ich euch ſo viel mit kann ich eure unausſprechliche Guͤte vergelten!“— Während ihrer ganzen Krank⸗ heit ſchtieb man keinen Brief nach So⸗ gelten koͤnnte, bildete ich mir nie ein! Wo⸗ 89 ſtenberg. Man dachte theils nicht daran, theils hatte man auch die Kraft zum Schreiben nicht. Die Wahrheit, in wel⸗ cher Gefahr die gute Mutter ſchwebe, woll⸗ te man nicht melden, um die Kinder nicht zu aͤngſtigen. Als ſich die Graͤfin ſtark genug fuͤhlte, ſchrieb ſie ſogleich einige Zeilen an ihre Töchter, in denen es auch hieß:„Die gütige Macht des Himmels hat mir das Leben wieder geſchenkt, das ich leicht verlieren konnte. Dem Grabe war ich ſehr nahe. Ich preiſe Gott, der mich erhielt, nun kann ich mich noch uͤber euch freuen. Ach, wie trauerte der gute Vater um mich! Was die liebe Agnes, meine treueſte Pflegerin bei Tag und Nacht, an mir gethan hat, das kann ich nicht mit Worten ausſprechen! Sie iſt blaß und kraͤnkelt. O! koͤnnte ich ihr den ge⸗ heimen Kummer, der ſie foltert, von der Seele nehmen! Das gute Kind leidet 90 ein unverdientes, hartes Schickſal und kann ſich nicht zufrieden geben. Der Himmel wird ſie entſchaͤdigen, das iſt mein Troſt, meine Hoffnung. Schreibt ja bald, ein Brief von euch iſt mir, bei meiner Wie⸗ dergeneſung, der ſtärkendſte Balſam.“ Der Graf und Agnes legten eine umſtaͤndliche Schilderung der Krankheit der Mutter bei.„Sie iſt uns doppelt theuer geworden,“ ſchrieb der Graf,„als ſie uns vorher ſchon war. Alle Woche muͤßt ihr ſchreiben ꝛc.“ Die Briefe kamen in Soſtenberg an und die Freude der Töchter, als ſie die Aufſchrift des Couverts ſahen, war ohne Grenzen. Sie weinten heiße Thränen, als ſie die Erzählung von der Krankheit der Mutter vernahmen und dankten der lieben Agnes im Herzen und laut, die W ſich der Patientin ſo treu und zärtlich an⸗ nahm.„Diesmal,“ ſagte Eliſabeth,„trog mich meine aͤngſtliche Ahnung nicht; was ich vom Tode der guten Mutter glaubte, konnte leicht wahr werden. Gott, wie gluͤcklich ſind wir, daß ſie der Himmel uns noch erhielt!“ Die Toͤchter nahmen 4½ ſich's vor, die Bitte des Vaters zu erful⸗ len und alle Woche einen Brief abgehen zu laſſen. Hoͤchſt uͤberraſchend war in dieſer Zeit die Nachricht, welche von Thalheim in Soſtenberg eintraf, daß ein Herr von Fellberg, wider alles Erwarten, aus der Schweiz angekommen ſey, der ſich um Minna's Hand und Herz bewerbe. Die Soſtenberger und Hainburger waren an einem beſtimmten Tage dahin geladen. In einer Anwanblung von Verdruß rief Hedwig aus!„Da ſcheitert uns ein ſcho⸗ 92 ner Plan! Mit der Hoffnung ſchmeichel⸗ ten wir uns, Minna ſollte die Gattin un⸗ ſers Bruders Ernſt werden, und die iſt vereitelt! Sie hat mir doch nie etwas von einem Bräutigam geſagt!... Der Leſer weiß es, daß Minna in mer, faſt ſchwärmeriſcher Liebe ergluͤhte. „ Beim Abſchiede ſagte er ihr einige Worte teiſe, die ihr bis in die Seele drangen und unvergeßlich blieben. Einen Brief erhielt üe von ihm nicht, und ſchon ent⸗ ſagte ſie, mit verborgenem Schmerze, dem Glucke, ihn je wieder zu ſehen. Im Stil⸗ len war ſie oft traurig, aber das theure Geheimniß, was ihre Seele umſchloß, ver⸗ trauete ſie Niemanden an. Dieſer Hert von Fellberg, ein Juͤng⸗ der Schweiz dieſen Herrn von Fellberg kennen lernte, gegen den ihr Herz in war⸗ 93 ling von fuͤnf und zwanzig Jahren, hielt ſich eine Weile in Paris auf und lernte da eine reizende, hoͤchſt liebenswürdige Franzöſin von vornehmer Familie kennen. Es wurde ihm nicht ſchwer, den Eingang zu ihrem Herzen zu finden. Sie gab ihm das Verſprechen einer treuen und unzer⸗ trennlichen Liebe. Er erkundigte ſich ins geheim nach ihrem Rufe und alle, die ſie kannten, gaben ihr ein ruͤhmliches Zeugniß. Mit dem Verſprechen, ſich der Zuſtimmung ſeiner Eltern zu verſichern, nach einem Monnt wieder zu kommen und dann um den Conſens ihrer Eltern zu bitten, reiſete er von Paris ab. Sein Vater machte ihm ernſte Ge⸗ genvorſtellungen, als er ihm ſeinen Hi⸗ rathsplan mittheilte und ſagte ohne Um⸗ zuͤge:„Die Pariſer Maͤdchen, nicht ohne 3 ruͤhmliche Ausnahmen, ſind im Allgemei⸗ 94 nen ſehr anlockend, aber auf ihre Unſchuld und Treue gebe ich nicht viel. Dein Wageſtuͤck iſt zu kuhn, als daß ich Dich davor nicht warnen muͤßte. Sie ſind ver⸗ woͤhnte Pflanzen, die in unſerm Schweizer Boden nicht taugen. Nur ihre Schoͤn⸗ heit hat Dich gereizt, was weißt Du von ihrer Tugend? Und dieſe iſt es doch al⸗ lein, durch die das eheliche Gluͤck beſteht. Warte noch drei Monat, ehe Du nach Paris zuruck reiſeſt, Dein Blut hat ſich dann vielleicht abgekuͤhlt und Deine Ver⸗ nunft entſcheidet anders.“ Der Juͤngling blieb unerſchuͤtterlich bei ſeinem Entſchluſſe und wähnte, nur mit dieſem Mäͤdchen gluͤcklich ſeyn zu können. Die Eltern waren nachgebend und widerſtritten ſeinem Willen und ſei⸗ ner Neigung nicht. Nach Verlauf von zehn Tagen echielt er Briefe von ſeinet 95 Geliebten und ihren Eltern. Sie beklagte ſich aufs ruͤhrendſte, daß ſie den Schmerz der Trennung von ihm nicht länger ertra⸗ gen konne. Die zärtlichſte Liebe, die un⸗ ſchuldsvollſte Treue geiobte ſie ihm und verſprach ſich von der Verbindung mit ihm den Himmel auf Erden.„Die El⸗ tern,“ ſchrieb ſie,„konnten meine Stille, meinen Truͤbſinn nicht deuten. Gewohnt, ihnen jedes Geheimniß meiner Seele zu entdecken; geſtand ich ihnen meine Liebe. Mein Vater bittet inſtändig, daß Ihre Eltern Sie nach Paris begleiten. Ge⸗ meinſchaftlich will er ſich mit denſelben uͤber unſer kuͤnftiges Gluͤck berathen. Man will uns ein Landgut uͤbergeben, das nicht weit von Paris liegt, und ein Eigenthum meiner Eltern iſt ꝛc.“ Eine Menge von zättlichen Liebesbetheurungen folgten nach. Der Vater der Geliebten hatte an den jungen Fellberg und ſeine 96 Eltern recht herzliche Briefe geſchrieben, die Vertrauen zur guten Sache einfloͤßten. Der Termin der Ankunft in Paris wurde beſtimmt. Man freuete ſich von allen Seiten auf die neue Bekanntſchaft. Der alte Fellberg, ein erfahrner, hell⸗ ſehender Mann, fand die Familie gebildet, wohlmeinend und herzlich. Sie bewohnte ein großes Haus und allenthalben glaͤnzte ihm Ueberfluß entgegen. Die Braut ſei⸗ nes Sohnes war nicht allein ein ſchones Mädchen, er glaubte auch einen hohen Grad von Natur und Gutmuͤthigkeit an ihr zu entbecken. Recht kindlich ſchloß ſie ſich an ihn und ſeine Gattin an. Das Verlobungsfeſt wurde gefeiert und mehrere Freunde waren dabei zugegen. Mancher ſagte zu ſich im Stillen: der dumme Schweizer wird recht angefuͤhrt. Fellbergs konnten keinen Schritt in Patis thung ohne daß ſie von ihren neuen Freunden begleitet wurden. Endlich kam's zu dem ernſten Ge⸗ ſpräͤch unter den Vätern, wie man die Haushaltung der Kinder gruͤnden wolle. Der franzoſiſche Comte ſagte:„Da mei⸗ ne Tochter die einzige Erbin iſt, ſo gehoͤrt ihr nach meinem Tode mein beträchtliches Vermögen. Fuͤr jetzt uͤbergebe ich dem jungen Ehepaar mein Landgut, das ſo viel einträgt, als ſie zu einem ſtandesmä⸗ ßigen Leben beduͤrfen.“ Der alte Herr von Fellberg erktaͤrte dagegen, daß die Mitgift ſeines Sohnes zwar nur in ſechzig tau⸗ ſend Gulden beſtehe, daß er ihm aber eine anſehnliche Erbſchaft, die wenigſtens eben ſo viel betrage, überlaſſen wolle. Der Comte ſagte mit fröhlicher Miene: „Das iſt uͤberfluͤſſig genug.“— Man machte eine Luſtreiſe nach dem Landgute 7 98 hin, wo der junge Fellberg mit ſeiner Gattin kuͤnftig wohnen ſollte. Das Schloß lag in einer romantiſchen Ebene. Die Wirthſchaftseinrichtung war muſter⸗ haft. Der Verwalter verſicherte, daß es an reinem Ertrage ſechzehn tauſend Livres einbringe. Fellberg wandelte mit ſeiner Braut in dem Garten und ſie ſagte mehr als ein Mal:„Hier werden wir gluͤcklich ſeyn!“ Er aber war im Geiſte entzuckt, daß er eine ſo ſchöne, gute, kluge und reiche Braut gefunden hatte. Der alte Fellberg machte es beim Abſchiede zur aus⸗ druͤcklichen Bedingung, daß die Hochzeit in der Schweiz gefeiert werden ſolle, und ohne die geringſte Einwendung zu machen, nahm man ſeinen Vorſchlag an. Mit großer Ruͤhrung ſchieden die Liebenden von einander und der Bräutigam verſprach, vor der Hochzeit noch einmal nach Paris zu kommen. * 8 dem reichen Schweizer Louiſe, ſo hieß ſie, hatte e 99 Recht heiter und vergnuͤgt reiſeten Fellbergs nach der Schweiz zuruͤck.„Du biſt ein Kind des Gluͤcks,“ ſagte der Va⸗ ter zu ſeinem Sohne,„ein ſchönes Loos iſt Dir gefallen. Den Comte und ſeine Gattin halte ich fuͤr herrliche Menſchen und auch Deine Braut ſcheint mir ein unverdorbenes, gutmuͤthiges Kind zu ſeyn. Gewiß hat ſie ihr Herz von dem pariſer Gift rein erhalten. Nur die Trennung von Dir thut mir weh, ich werde mich aber nun leichter daran gewoͤhnen, da ich weiß, daß es Dir wohl gehet Welch ein beneibetes Leben kannſt Du fuͤhren! Noch ſo jung und ſchon Herr eines ſo einttäg⸗ lichen Gutes!“ Der Comte hatte Gri weshalb er die Verheirathung ſeiner chter mit leicht zugab. s ihrer Mutter 5 100 ſogleich geſtanden, daß der junge Schwei⸗ zer ſie liebe, und daß ſie Neigung fuͤr ihn fühte. Der Comte, als er das von ſei⸗ ner Gattin hörte, erkundigte ſich in dem Gaſthofe, wo der Schweizer logirte, wie er dort lebe, woher er eigentlich ſey und erfuhr: der junge Herr muß reich ſeyn, er macht viel Aufwand, hat einen Be⸗ dienten, Kutſche und Pferde bei ſich. In aller Eile wurde ein Bote nach Bern ab⸗ geſchickt. Dort hatte der Comte einen alten Freund, dem er den Auftrag gab, ihm aufs genaueſte und treueſte zu berich⸗ ten, ob der Herr von Fellberg ein reicher Mann und ſein Sohn ein guter Menſch ſey, und erhielt folgenden Beſcheid:„An dem jungen Manne iſt nichts zu tadeln, aber der Pater wird die Verheirathung ſeines So gewiß nur mit einem Mäb⸗ chei zugebe auch Vermoͤgen hat.“ bei andern ruhmlichen — TOT Der Comte war ohne Reichthum.. Er hatte ſein Gut verſchwendet, lebte von einer Penſion und den Geldunterſtuͤtzungen ſeiner reichen Verwandten. Er bewohnte ſeit einem halben Jahre das Haus eines Vetters, welcher nach Rom gereiſet war und ſich daſelbſt ein Jahr aufhalten wollte. Dieſer glaubte dem Comte eine Wohlthat zu erweiſen, daß er in der Zeit fuͤr ſeinen Unterhalt ſorgte, welcher dagegen Ordnung und Aufſicht in ſeiner Wohnung unter⸗ hielt. Eben dieſem abweſenden Vetter gehoͤrte auch das Landgut, das der Comte bereits ſeinem Schwiegerſohn geſchenkt hatte. Der Verwalter daſelbſt ließ ſich leicht bereden, die Luͤge nicht zu zerſtoͤren, mit der der Comte einen einfältigen Schwei⸗ zer betruͤgen wollte. Auf der Hochzeit wollte er es dem Herrn, von Fellberg frei⸗ ſtellen, ſeinen Sohn bet ſich zu behalten, was, wie der Comte glaubte, der Vater 102 gern thun werde. Wäre ſeine Tochter erſt verheirathet, dann werde ſich ihr Gatte nicht von ihr ſcheiden laſſen, da ſie Grun⸗ de genug hatte, ſich vertheidigen zu können, wie ſie an dem Betruge keinen Antheil habe. Sie ſelbſt mußte es wuͤnſchen, ei⸗ nen Juͤngling in ihrem Netze zu fangen, da ſie ihren Ruf durch viele Liebesaben⸗ theuer getruͤbt und kein Freier ſich fand, der Luſt hatte, eine arme Comteſſe zu heirathen. Es wurde in der Schweiz bald be⸗ kannt, daß ſich Fellberg mit einer ſchoͤnen, reichen Comteſſe in Paris verbinde. Die Eltern deſſelben konnten auch nicht genug ſagen, wie glucklich ihr Sohn werde. Ein vornehmet Berner, der mit Sicherheit dar⸗ auf rechnete, der junge Fellberg werde ſich mit ſeiner Tochter vermaͤhlen und welcher ſehr mißgeſtimmt wurde, als ihm dieſe ro3 Hoffnung fehl ſchlug, war ſehr neugierig, zu erfahren, ob die Comteſſe ſo reich, ſo ſchön und tugendhaft ſey, als ſie geſchil⸗. dert wurde. Er ſchrieb deshalb an einen Freund in Paris, um die genaueſten Er⸗ kundigungen von dem Reichthum und dem Werthe des Comte und ſeiner Familie ein⸗ zuziehen. Nach Verlauf von vierzehn Ta⸗ gen erhielt er einen Brief, in dem das geſchrieben ſtund, was wir dem Leſer von dem Comte bereits mitgetheilt haben. Du kannſt es unmoͤglich zugeben, dachte der Berner, daß dein alter Freund Fellberg ſo getäuſcht und ſein Sohn ſo ſchändlich betrogen wird! Du mußt ih⸗ nen das bubenhafte Geheimniß entdecken. Es muͤndlich zu thun, wagte er doch nicht, weil er leicht den Verdacht gegen ſich er⸗ regen konnte, als ob er aus einem un⸗ lautern Grunde mit einer ſolchen unwill⸗ . 104 komu.u Sudecung hervortrat. Er ſchrieb. alſo einen anonymen Brief des Inhalts, an den alten Fellberg: „Aber, wie kann ſich ein erfahrner, kluger Schweizer von einem Franzoſen ſo uͤberliſten und anfuͤhren laſſen! Meinte ich's nicht ſo gut mit Ihnen, ſo wuͤrde ich ſchweigen und Sie mit Ihrem Sohne in eine hoͤchſt unangenehme Verlegenheit ſtuͤrzen ſehen, deren Folgen ſich nicht be⸗ rechnen laſſen. Aber auch dem Feinde iſt man's ſchuldig, ihn vor einem ſchaͤndlichen Betruge zu warnen. Nun hoͤren Sie: der Comte war in fruͤhern Jahren ein Ver⸗ ſchwender, jetzt iſt er ein armer Mann, der vom Gnadengehalt lebt. Das Haus, in welchem er wohnt, das Landgut, was er Ihrem Sohne als Mitgabe verſpro⸗ chen hat, gehort einem ſeiner Verwandten der ſich jett in Rom aufhält. Es kann 105 nicht anders ſeyn, die Braut Ihres Soh⸗ nes muß um den Betrug wiſſen und das iſt das argſte bei der Sache. ueberdies hat ſie durch ihr Betragen uͤber ihre Per⸗ ſon ein ſehr zweideutiges Licht verbreitet. Forſchen Sie ſorgſam nach und Sie werden die Wahrheit dieſer Nachrichten, die gewiß von einem Freunde kommen, beſtätigt finden. Ziehen Sie das kleinere Uebel dem groͤßern vor ꝛc.“ Welche Wirkung dieſer anonyme Brief hatte, das kann man ſich leicht den⸗ ken. Dem Verfaſſer deſſelben dankte der er auf dem Comte, der Schuld war, daß leichtglaͤubigen Thoren, in der Gegend zu beſpoͤtteln.„Schaͤndliche Verleumdung,“ ſagte der Sohn,„ausgedachte Luͤge!...“ alte Fellberg im Herzen. Bitter zuͤrnte man nun ein Recht hatte, ihn, wie einen —„Es moͤchte noch hingehen,“ ſprach der 106 Vater,„daß ſich der Comte reich gelogen hat, auch wenn er und ſeine Tochter arm wäre, koͤnnteſt Du doch gluͤcklich mit ihr ſeyn; aber, daß ſie um den Betrug weiß, daß ſie ſogar in uͤblem Rufe ſteht, das iſt's, was Dich von ihr ſchrecken muß.“—„Vater,“ ſagte er,„laſſen Sie uns, ohne die Um⸗ ſtände genauer erforſcht zu haben, nicht voreilig verdammen. Die Welt läſtert und verurtheilt leicht, der Neid ſpricht Boͤſes.“ —„Wir Thoren,“ fuhr der Vater aus, „was wir hinterher thun wollen, mußte früher geſchehen. Daß ich alter Nart, der ich ſo oft in meinem Leben belogen und betrogen worden bin, mich von einem Franzoſen blenden ließ!“—„Vater, ver⸗ dammen Sie nicht auf den Grund eines anonymen Briefs, den ich fuͤr eine Schmaͤh⸗ ſchrift halte. Louiſe iſt gut, mein Leben wette ich, mit ihr nur hoffe ich gluͤcklich zu werden.“ 107 An demſelben Tage, wo dieſer Brief ankam, reiſete der junge Fellberg nach Paris ab. Seine Seele war voll Unruhe. Er konnte ſich's nicht denken, daß ein Menſch einen Betrug ſpielen könne, von dem er im voraus mit Gewißheit wiſſe, daß er leicht entdeckt werden könne. Aber, ſagte er zu ſich, die Tochter kann doch gut ſeyn, wenn's die Eltern auch nicht ſind! War's nicht ihre große Liebe zu dir, daß ſie die Raͤnke ihres Vaters nicht verrieth? Mag ſie arm ſeyn, fehlen ihr die beſſern Eigenſchaften der Seele nicht, ſo ſoll ſie dennoch deine Gattin werden! Wer kann den Urtheilen der Welt trauen, noch dazu, wenn ſie uͤber ein ſchoͤnes Mädchen gefällt werden. Ein freundlicher Blick von ihr, gilt den neidiſchen Seelen ſchon fuͤr eine Liebeserklärung. An Stoff fehlt's den Boshaften uͤberdem nie, wenn ſie laͤſtern wollen. 108 Fellberg kam in Paris an, er bezog daſſelbe Quartier wieder, in dem er das erſte Mal logirte. Schon vom Wirthe erfuhr er, daß der Comte arm wie Hiob ſey.„Sie muͤſſen in einem ſonderbaren Verhältniß mit dieſem Comte ſtehen,“ ſagte der Mann.„Als Sie letzthin hier waren, erkundigte er ſich nach Ihnen, wo Sie in der Schweiz wohnten, ob Sie mit oder ohne Aufwand bei mir lebten. Als ich ihm ſagte: der Herr iſt reich, laͤchelte er und ging davon.“ Am folgenden Tage reiſete Fellberg nach dem Landgute ab und auch hier wurde es ihm leicht, zu erfahren, wer der wahre Beſitzer deſſelben ſey. Daß der Comte gelogen hatte, war entſchieden, jetzt kam es nun darauf an, zu erforſchen, wie es mit dem Rufe und Charakter Louiſens ſiand. Die Schwietigkeit, hier hinter die 109 Wahrheit zu kommen, wurde durch einen Bufall leicht gehoben. Am Abend begab ſich Fellberg nach der Wohnung des Comte hin. Auf dem Pausflur erfuhr er, daß der Comte mit ſeiner Gattin in Geſellſchaft ſey und daß er die Comteſſe allein finden werde. Sein Herz empfand die Anwandlungen der zärt⸗ lichſten Liebe. Leiſe ſchlich der Bediente mit ihm zu einer Treppe hinauf und zeigte ihm die Thuͤr des Zimmers, in dem die Comteſſe war. Der Menſch ging wieder ſchnell zuruͤck, nachdem er Fellbergen ge⸗ fragt hatte, in welchem Gaſthofe er wohne, da er ihn morgen Vormittag in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen wuͤn⸗ ſche. Fellberg hoͤrte in dem Zimmer eine männliche Stimme reden. Eiferſucht und LI0 Wuth welite in ihm auf. Was gilt's, dachte er, Louiſe iſt nicht allein, und ein Geliebter iſt bei ihr! Unmöglich! Sollte eine Braut ſolch einer Untreue faͤhig ſeyn? Raſch öffnete er die Thur und trat ins Zimmer. Was erblickten ſeine Augen! Ein Weſen in weiblicher Kleidung ſaß neben Louiſen auf dem Sopha und hatte den Arm um ſie geſchlungen. Fellberg plieb an der Thuͤr ſtehen, um ſie zu huͤ⸗ ten und rief aus:„Louiſe, kennſt Du mich?“ Der Schreck machte ſie ſtarr. Sie ſprang auf, ihn zu umarmen. Die vermeinte Freundin ſuchte von der Gele⸗ genheit zu profitiren und wollte entſchluͤ⸗ pfen.„Halt!“ ſagte der Schweizer im derben, gebieteriſchen Ton,„Du mußt bleiben. Erſt muß ich wiſſen, wer Du biſt.“ Mit zitternder Stimme bat die Comteſſe:„Laß ſie doch gehen, ſie iſt öhlung von den Liebesränken Louiſens III meine Kammerjungfer, die ich rufen ließ, da ich mich zu einſam fuͤhlte.“—„Eine ſchöne Kammerjungfer mit einem Barte!“ erwiederte Fellberg. Nach kurzet Kapitulation entdeckte ſich's, daß ein junger Mann die weibliche Kleidung angezogen hatte, um die ſchoͤne Comteſſe in ihrer Einſamkeit, ohne daß der Beſuch Verdacht erweckte, zu troͤſten. Fellberg hielt ſeiner Braut eine Straf⸗ predigt, gab ihrem Betragen die rechten Namen und kuͤndigte ihr ſeine Verbindung mit ihr auf. Ein ſchnelleres Heilmittel, einen Liebekranken wieder geſund zu ma⸗ chen, als dieſes, gab es nicht. Am andern Morgen kam der Be diente, ein geborner Schweizer, zu ihm und beſtärkte ihn durch eine kernhafte Er⸗ LI2 noch mehr in ſeinem Abſcheu gegen ſie. „Ich konnte es doch nicht leiden,“ ſagte der Menſch,„daß ein Landsmann von mir durch eine ſchlechte Pariferin ſo be⸗ trogen werden ſollte.“ Fellberg dankte dem Himmel, der ihm die Augen zur rech⸗ ten Zeit öffnete und ihn vor dem Sturze in einen verderblichen Abgrund bewahrte. Seine Erfahrungen theilte er bei der Ruͤck⸗ kehr ſeinen Eltern mit. Der Comte ließ weiter nichts von ſich hören, als Fellberg einen Brief an ihn geſchrieben hatte, der ein volltändiges Gemälde ſeiner Schande enthielt. Ein Jahr, nach dieſem Roman aus der wirklichen Welt, war verfloſſen, als der Freiherr von Danzenau mit ſeiner Familie in der Schweiz ankam und ſich mehrere„Tage bei ſeinem alten Jugend⸗ freunde, dem Herrn von Fellberg⸗ auſhiet. * 113 Der junge Fellberg geſtand ſeinen Eltern ſeine Liebe zur Minna.„Die iſt Deiner werth,“ ſagte der Vater zu ihm,„trage ihr Dein Herz entgegen, ein deutſches, gu⸗ tes Mädchen, das Kind herrlicher Eltern.“ Der Freiherr ſagte zu dem alten Fellberg, als dieſer ihn fragte, ob die Hand der Minna noch frei ſey:„Verlobt iſt ſie noch nicht und ich weiß von keinem Ver⸗ hältniß, in dem ſie mit einem Jünglinge ſteht. Aber warum fragſt Du mich das?“ —„Mein Sohn liebt ſie,“ erwiederte Fell⸗ berg. Zu einer foͤrmlichen Erklärung kam es unter den Beiden nicht, aber der junge Fellberg ſagte Minna beim Abſchiede leiſe ins Ohr:„Nach zwei Monden bin ich in Thalheim und ein Wort von Ih⸗ nen entſcheidet dann uͤber das Gluͤck mei⸗ nes Lebens.“ Eine Krankheit hinderte ihn, 8 114 ſein Verſprechen zu halten und Minna trauerte daruͤber im Stillen. Kurz nach ſeiner Ankunft in Thal⸗ heim trat er mit ſeinem Liebesgeſtaͤndniß hervor und ohne modiſche Umſtaͤndlichkeit geſtand ihm Minna, mit Bewilligung der Eltern, ihre Gegenliebe. Die liebſten Freunde in der Umgegend, auch Bernhard, waten zu dem Verlobungsfeſte geladen. Es war ein koͤſtlich froher Tag. Minna glaubte in Fellbergen den gefunden zu ha⸗ ben, den ihre Seele liebte. Sie war Ent⸗ zucken und Freude. Ihr Wunſch, in der Schweiz zu wohnen, ging nun auch in Erfuͤllung. Bernhard aber freuete ſich an dem Tage nur über das Gluck, daß er, nach einer ſo langen Entfernung, die ſchoͤne Habwig wieder ſah. Sie ſchien ihm ihre 115 offene, freie Heiterkeit verloren zu haben, die er an ihr bei der erſten Bekanntſchaft entdeckte. Einige Mal, als ihr Blick dem ſeinen entgegnete, ſchlug ſie die Augen nieder und erroͤthete. Er glaubte den 3 Grund der Veränderung ihres Weſens zu errathen und war entſchloſſen, mit ſei⸗ nem Freunde Friedrich in dieſer Hinſicht „Wichtiges zu ſprechen. Am Abend, wo er mit ſeinen Eltern allein war, ſagte er:„Es haͤtte geſtern teicht zu einer zweiten Verlobung kommen können, wenn die nöthigen Vorbereitungen von mir dazu getroffen wären.“—„Wie ſo,“ fragte der Vater,„liebſt Du ein Mädchen, von dem Du noch nicht gewiß biſt, ob ſie Dich wieder liebt?“— „As ich die Gräfin Hedwig das er⸗ ſte Mal erblickte,“ fing Bernhard an,„da 8* 116 erkläͤrte ſich mein Herz fuͤr ſie. Sie iſt doch ein herrliches Geſchöpf, bei dem ich keine der Eigenſchaften vermiſſe, die ich meiner künftigen Gattin wuͤnſche. Stimmt meine Wahl auch zu ihrem elterlichen Willen?“—„Lieber Sohn,“ ſagte der Vater,„folge Deiner Neigung⸗ ich furchte vicht, daß ſie Dich täuſcht. Gegen zehn andere Maͤdchen, die Du wählen moͤchteſt, hätte ich vielleicht manche Ausſteliung, die gehört und beachtet zu werden verdiente, aber gegen dieſe Hedwig habe ich keine. Sie iſt ſo fröhlich und unbefangen, ſo ohne alle Kuͤnſtelei, dabei doch ſo ernſt und feſt, kurz, ein ſehr liebes Kind. Die ſchöne Seele blickt aus ihrem freundlichen Auge hervor. Sprich doch mit dem Graf Friedrich und ſeiner Gattin zuvor, ehe Du Dich ihr ſelbſt mit einem Antrage naheſt. Es wäre doch ſonderbar, wenn ein ſo ſchoͤnes, gebildetes Mädchen von 117 allen Anwandlungen der Liebe ſich bis zu ihrem achtzehnten Jahre frei erhalten haͤtte. Eine abſchlaͤgliche Antwort, wenn ſie auch ein fruͤheres Verſprechen nothwendig macht und üe von unſerer Perſon nicht herge⸗ nommen iſt, beleidigt uns doch immer. Reiſe morgen nach Soſtenberg, komm froͤh⸗ lich zuruͤck, ziehe nach Thalheim, dann bleibſt Du mir und Deinem theuerſten Freunde Friedrich in der Naͤhe.“ Ehe er abreiſete, kam ſchon ein Bote von der Hainburg, der die Thalheimer einlud. Bernhard eilte ſogleich nach So⸗ ſtenberg. Zu ſeiner Freude fand er den 3 Graf Friedrich allein im Zimmer und er⸗ F. fuhr von ihm, daß Catharina und Hed⸗ . wig nach der Hainburg in aller Fruͤhe abgeholt waͤren, um der Mutter bei ihren Vorbereitungen zu dem heutigen Schmauſe zu helfen. 118 Ohne eine lange Vorrede entbeckte er ſeinem Freunde das Geheimniß ſeines Her⸗ zens und ſagte:„Das Eine wünſche ich nur von Dir zu wiſſen, ob Hedwig nicht wider mich eingenommen und ob ihre Hand noch frei iſt.“— Offen und un⸗ verſtellt erwiederte Friedrich:„Im Ge⸗ gentheil, ich glaube, daß ſie für Dich ein⸗ genommen iſt und ſchließe daraus mit Sicherheit, daß ſie ſich noch in kein Lie⸗ besverſtändniß eingelaſſen hat. Meine Eliſabeth hat es mir heute fruͤh erſt ge⸗ ſagt:„Hedwig iſt ganz ſonderbar ge⸗ 4 ſtimmt, faſt bin ich der Meinung, daß ſie Deinen Freund Bernhard liebt. Es wäre fuͤr mich ein großes Gluͤck, wenn eine meiner Schweſtern in der Nähe bliebe.“ und, Bernhard, welch ein Gluͤck fuͤr uns, wenn wir zwei Schweſtern zu Frauen haͤt⸗ ten! Ach! Du ſollteſt ſie näher kennen, dieſe treffliche, frohgelaunte, unſchuldige, 9 religioͤſe Seele, die nie ein unreiner Ge⸗ danke befleckte! Wie wuͤrdeſt Du ſie lieben!“ Recht mit freundlichem Geſicht trat die Graͤfin ins Zimmer, gab Bernharden die Hand, und hieß ihn willkommen. Theilnehmend erkundigte ſie ſich nach dem jungen Brautpaar und ſagte viel Ruͤhm⸗ liches von Fellberg.„Mir iſt er noch fremd,“ erwiederte er,„erſt muß ich ihn naäher kennen lernen. Meine Schweſter + aber iſt ſo uͤbergluͤcklich, daß ſie die Gren⸗ ze ihrer Wonne gar nicht finden kann. Alles, was ihr ſonſt theuer und lieb war, ſcheint aus ihren Sinnen und aus ihrem Herzen geruͤckt zu ſeyn. Sie wird doch endlich wieder nuͤchtern werden? Was kann aus einem Menſchen werden, wenn die Liebe ihr Scepter uͤber ihn fuͤhrt!..„ —„Ja wohl, ja wohl,“ erwiederte die — 120 Gräfin.„Aber davon können Sie nicht reden, Sie ſind ein Juͤngling, der ihrer Herrſchaft Trotz bietet.“—„Bis jetzt,“ antwortete Bernhard,„war ich frei und füͤhlte ihre Macht nicht; aber ich empfinde es, meine Kräfte reichen nicht mehr weit. Meinen Friedrich ſehe ich ſo glucklich, ſollte ich nicht ſtreben, es auch zu werden? Aber ſolcher Gräfinnen Raimunds giebt's in der Welt nur wenige.“—„Sie wiſſen ja,“ ſagte die Gräfin lächelnd,„daß ich noch zwei Schweſtern habe... Bern⸗ hard wußte in der Verlegenheit nicht, was er antworten ſollte. „Beſte Eliſabeth,“ ſagte ihr Gatte zu ihr,„gelobſt Du mir Verſchwiegenheit, ſo will ich Dir ein Geheimniß anvertrauen, das Dir die Erfuͤllung eines Wunſches verſuͤßt, den Du heute früh noch gegen —— mich äußerteſt. Du weißt es doch gewiß.. —— 121 daß Hedwig mit keinem Juͤnglinge in ir⸗ gend einem Verhaͤltniſſe ſteht?“—„Seit einiger Zeit,“ erwiederte ſie,„kann ich das nicht mehr behaupten.“—„Du weißt es doch gewiß, daß Deine Schweſter Bern⸗ harden nicht abgeneigt iſt.“— Statt ei⸗ ner Antwort, nickte ſie mit dem Kopfe und wurde roth.„Denke Dir,“ fuhr er fort,„eben hat mir Bernhard das Ge⸗ ſtaͤndniß abgelegt, daß er Hedwig liebt und in eine eheliche Verbindung mit ihr treten will. Er iſt darüber aͤngſtlich, daß Hedwig ſeinen Antrag zuruͤckweiſen, Darf er das fuͤrchten?“ Die Gräͤfin laͤchelte und ſagte dann: „Ob meine Eltern es uͤber ſich gewinnen koͤnnen, denen die Kinder der theuerſte Schatz des Lebens ſind, auch eine zweite Tochter ſo weit von ſich entfernt zu ſehen; ob ſich Hedwig wird vom Vaterhauſe 122 trennen koͤnnen, das weiß ich nicht.“— „Aber, Frau Gräfin,“ fiel ihr Bernhard ins Wort,„ich traue Ihnen ein eben ſo Lindliches Gemuͤth zu und Sie entfernten ſich doch!“—„Ich bin mir ſelbſt ein Raͤchſel, deſſen Erklärung ich nur darin finden kann: der Himmel erleichtert uns die Trennung von den Eltern durch einen noch hoͤhern Grad der Liebe, den er uns zu dem Gatten eingeflößt hat.“—„Kann dieſelbe Liebe nicht auch Hedwig ſtärken? Iſt ſie mir abgeneigt?“—„Wie könnte ſie das ſeyn!“—„Nun, ſo will ich heute die Gelegenheit ſuchen, ihr ein Gefuͤhl zu verſtändigen, das mich beherrſcht, ſeit ich ſie zum erſten Mal ſah.“—„Lieber Danzenau, Ihre Erklaͤrung wird meine Schweſter gewiß nicht unwillig aufnehmen. Was ſie mir verrieth, das will ich Ihnen ſpäter bekennen, ich darf der Zeit nicht voreilen„ 123 Die vielen jungen Leute, die auf der Hainburg zuſammenkamen, machten es dort ſehr frohlich und munter. Nur Bern⸗ hard und Hedwig konnten mit ihrem Her⸗ zen in den Ton der Freude nicht voͤllig einſtimmen. Das Brautpaar theilte ſich der Geſellſchaft wenig mit, es war fuͤr ſich beſchaftigt. Die Gräͤfin Eliſabeth war mit Hed⸗ wig allein in den Garten gegangen. Bern⸗ hard vermißte ſie zuerſt, eilte ihr nach, um Theil an der Unterhaltung der beiden Schweſtern zu nehmen. Als die junge Gräfin ihn gewahr wurde, rief ſie ihm zu: „Kommen Sie nur naͤher, lieber Danze⸗ nau, daß Sie's von Hedweg ſelbſt horen, daß ſie Ihnen nicht zuͤrnt“—„Daß die Gräfin mir nicht zuͤrnt, das glaube ich gern,“ antwortete er,„da ich ſie nie beleidigte; aber, aber eine andere Forderung . 124 hat mein Herz an Hedwig. Warum ſoll ich kuͤnſtliche umzuge machen, die dem ed⸗ len, reinen Gefuͤhl fremd ſind, warum nicht ohne Schleier und Schminke reden, wie's die Natur mir eingiebt, der Geiſt und das Gemuͤth es gebietet! Hedwig, wie mein Leben liebe ich Sie. Täuſchen Sie mich nicht mit artigen Worten, wenn Sie nicht daſſelbe fuͤr mich empfinden. Glauben Sie aber, daß ich der Juͤngling vin, mit dem Sie glücklich ſeyn wollen und der Sie gluͤcklich machen kann, ſo ge⸗ ſtehen Sie's.“ Schweigend, mit hohem Erroͤthen blickte ſie ihn an. Eliſabeth nahm das Wort und ſagte:„Hedwig weiß Alles, ſie liebt Sie.“—„Geben Sie mir,“ bat Bernhard in hochſter Ruͤhrung Hedwig, „ſtatt des Wortes die Hand.“ Sie gab ihm die Hand. Er druͤckte ſie an ſeine 125 Lippen und ſprach, mit zum Himmel ge⸗ wandtem Blick:„Ich preiſe Dich, Vater, daß Du ſie in meine Arme fuͤhrteſt!...“ Er ging allein in die Geſellſchaft zuruͤck, weil Hedwig erklaͤrte: noch ſey es ihr nicht moglich.. Seinen Freunden ge⸗ ſtand er's laut, er habe ſich mit der Graͤ⸗ fin Hedwig verlobt. Man holte ſie eilig aus dem Garten und von allen Seiten wurde den Liebenden Gluͤck gewuͤnſcht. „Aber,“ ſaßte der alte Danzenau, „was werden Hedwigs Eltern dazu ſagen, daß ſie auch dieſe Tochter aus ihrer Naͤhe verlieren ſolien!“—„Sie werden Ja ſa⸗ gen, ſich beruhigen, im Fruͤhjahr hieher kommen und in Soſtenberg das Verlo⸗ bungsfeſt feiern,“ ſagte der Graf Friedrich. „Wenn es das Gluͤck ihrer Kinder gilt, da opfern ſie jede Freude auf. Am En⸗ de ziehen ſie wohl gar hieher. Das Herz 126 ſehnt ſich dahin, wo unſere theuerſten Freunde wohnen, da iſt das Land, wo un⸗ ſere Wonnen bluͤhen.“ Nach getroffener Verabredung ſollte Hedwig zuerſt an ihre Eltern ſchreiben, ſpaͤter wollte Bernhard mit ſeinem Vater daſſelbe thun. Von ihrer Schweſter Eliſabeth ſchrieb Hedwig, daß ihr Leben immer heiterer werde, da ſie von der Sehnſucht nach ih⸗ ren Eltern ſich freier fuͤhle, von denen ſie mit Ruhe rede, deren Guͤte jetzt in lichte⸗ rer Klarheit, als je, ſie umſchwebe.„Erſt entfernt aus dem elterlichen Hauſe muß ein Kind ſeyn, um zur Erkenntniß aller der Wohlthaten zu kommen, die es in dem⸗ ſelben genoß,“ ſprach Eliſabeth.„Ohne manche Sorge geht es in dem gluͤcklichſten ehelichen Leben nicht ab, die mir ſonſt fremd war. Friedrich,“ ſo ſchrieb Hedwig weiter,„iſt ein edler Menſch, der das bleibt und mehr iſt, als er uns ſchien. Seine Freude, ſein Heil iſt Eliſabeth. Aber, wie ſie ſich auch in ihn fuͤgt, auf jeden ſeiner Winke merkt, alle ſeine Wuͤnſche er⸗ fuͤllt, ſich ſeiner Leitung ganz hingiebt, das muß ich oft bewundern. Von den kleinen Launen, die Eliſabeth fruͤher nicht beherr⸗ ſchen konnte, kömmt keine mehr zum Vor⸗ ſchein. Sie iſt ſo ſanft, wie ein Lamm geworden. Was doch die Liebe vermag 1 — Aber, Eltern, freuet euch mit mir, ich, ich bin das glücklichſte Weſen auf dieſer Erde! Gefunden habe ich den Juͤng⸗ ling, den meine Seele uͤber alles liebt. Ja, gluͤcklicher als ich bin, kann ich nie werden. Bernhard von Danzenau, Frie⸗ drichs Jugendfreund, von dem euch Eli⸗ ſabeth ſchon Ruͤhmliches geſchrieben hat, iſt mein Bräutigam, ich habe mich mit 128 ihm verlobt. Könnt ihr mir deshalb zur⸗ nen? Das fuͤrchte ich nicht. Im Fruͤhling, wenn ihr hieher kommt, feiern wir die Verlobung. Eltern, gebt mir euer Ja⸗ wort, euren Segen. Eilt, an mich zu ſchreiben. Sehr bald erhaltet ihr auch Briefe von meinem Bernhard und ſeinem Vater. Zu welch einer herrlichen Familie gehoͤrt er! Lernt ſie kennen, ihr muͤßt ſie achten und lieben. Bernhard iſt ab⸗ gereiſet, er ſteht als Rath bei der Regie⸗ rung in*** und erſt nach einem Mo⸗ nat ſoll ich ihn wieder ſehen! Meldet den Termin eurer Ankunft, damit er ſich mit ſeinem Urlaube darnach einrichten kann ꝛe.“ Friebrich ſchrieb in ſeinem Briefe die Worte:„Mit der Liebe unſerer trefflichen Hedwig iſt es gerade ſo raſch gegangen, als mit der Verlobung meiner Eliſabeth⸗ 4. K 1* 129 Herzliche, fuͤr einander geſchaffene Seelen zögern nicht langſam und bedächtig, raſch fliegen ſie einander entgegen. Was hat das Ueberlegen, Abwiegen, Berechnen bei manchen Ehen auch geholfen? Das, was ſich nicht vertragen kann und contract⸗ mäßig zuſammen gefuͤgt iſt, ſtrebt endlich doch wieder von einander. Wenn ich mei⸗ nen Freund Danzenau nicht von Jugend an als einen edlen und wackern Juͤng⸗ ling kannte, ſo wuͤrde ich die Sache der Liebenden noch hingezogert haben. Gluck⸗ licher kann ſich Hedwig nie verheirathen. Aber Sie ſollten ſie ſehen, wie ſie ſich veraͤndert hat! Jeder ihrer Blutstropfen iſt von Liebe angefuͤllt. Sie trägt gar kein Bedenken, in großer Geſellſchaft mit ihrer Zaͤrtlichkeit gegen ihren Bräutigam oͤffentlich hervorzutreten. Wozu die er⸗ zwungene Ziererei, ſagt ſie, Bernhard iſt mein, das mag die ganze Welt wiſſen. 9 130 1 3 Dieſe Offenheit entzuͤckt ihn. Seit der Bräutigam von ihr getrennt iſt, läßt ſich's recht ſchlecht mit ihr teben. Von ihm„ ſpricht ſie immer und nur von ihm ſoll man mit ihr reden. Welch ein ſonder⸗ bares Ding iſt doch eine Braut! Ein Weſen mit einer fixen Idee, deſſen Ver⸗ nunft, glaube ich, uͤberſpringt, wenn es nicht zum Ziele kͤmmt.— Im Fruͤhling erwarten wir Sie hier. Die liebe, leidende Agnes muß ja mitkommen. Was waͤre unſer Wiederſehen, wenn ſie fehlte! Die Geneſung ihrer Seele wird gewiß am ſicherſten bewirkt, wenn ſie ſich aus einer. Gegend entfernt, wo ſie durch ſo viele Gegenſtände an ihren ſchmerzhaften ve luſt erinnert wird ꝛc.“ Dieſe Briefe richteten in Nordberg Freude und Trauer an. Sehr froh war man, daß Hedwig einen ſo herrlichen Mann ſ * N 131 gefunden hatte, aber niedergeſchlagen, daß auch ſie ſo weit von den Herzen der El⸗ tern hinweggeruͤckt wurde. Einen ſonder⸗ baren Eindruck machte der Brief von Hedwig auf Agnes. Sie brach in einen Strom von Thraͤnen aus und ſagte dann:„Lieber Gott, du pruͤfſt mich ſehr hart! Gluͤcklich ſind meine Schweſtern und ich muß trauern. Habe ich nicht ſchuldlos gelebt, wie ſie? Daß ich ſo ge⸗ ſtraft werde! Ach! ich goͤnne der lieben Hedwig ihr Gluͤck; aber es macht auch alle Gefuͤhle des Schmerzes in, mir wie⸗ der rege.“—„Murre und klage nicht, liebe Tochter, auf der Bahn des Schmer⸗ zes fuͤhrt der Himmel die Seinen zur Freude. Auch Dir wird der Tag erſchei⸗ nen, denke dann an meine Worte, wo Du die Stunden ſegnen wirſt, da Dein Herz geblutet hat,“ ſo ſprach ihr Vater. 9* 132 Von der Reiſe nach Hainburg wurde viel geredet. Es war Februarmond und im April ſollte ſie ſchon angetreten wer⸗ den. Agnes wollte zuruͤckbleiben, um mit der Baroneſſe von Wettſtein, die ſie wie eine Mutter liebte, die noͤthige Aufſicht zu fuͤhren. Sie ſagte auch:„Mit mei⸗ nem Herzen tauge ich unter fröhlichen Menſchen nicht und ihr Mitleid wuͤrde ſie nur in der Freude ſtören. Meine Schweſtern wuͤnſchte ich zu umarmen, aber ich habe es gelernt, auf manches Ver⸗ gnuͤgen Verzicht zu leiſten und will auch vieſes entbehren. Reiſet nur ohne mich. Ernſt wird euch gern begleiten. Wo aber ſoll die Hochzeit ſeyn?“—„Unbedenklich hier,“ erwiederte die Mutter.„Wir brin⸗ gen Hedwig mit, die mag ſich ihre Einrichtung ſelbſt beſorgen. Sehen muß ich ſie auch noch eine Weile, ſpäterhin wird es ſelten genug geſche⸗ 133 hen. Von dieſer Bedingung gehe ich nicht ab.“ Einige Tage ſpaͤter kamen in Nord⸗ berg auch Briefe von Bernhard und ſei⸗ nem Vater an. Der Graf von Raimund erinnerte ſich nicht, je einen Brief geleſen zu haben, der in aller Hinſicht muſterhafter abgefaßt war, als der des jungen Freiherrn von Danzenau. Es herrſchte darin eine ſo edle, natuͤrliche, feine Sprache des Her⸗ zens, die alle Gemuͤther ruͤhrte. Wie kindlich flehte er die Eltern um die Hand ihrer Tochter, wie gelobte er, im ganzen Sinne des Worts, ihr Sohn zu ſeyn! WVor Allem aber bat er dringend, ja die leidende Agnes nicht in Nordberg zuruͤck zu laſſen. Nach allem, was Hedwig ihm von ihr geſagt habe, wäre es ſein innig⸗ ſtes Verlangen, ſie kennen zu lernen. Moͤge es ihm gelingen, zu ihrer Beruhi⸗ * 134 gung etwas beizutragen. Sein Gluck aber, mit Hedwig verbunden zu werden, ſchilderte er mit uberirdiſchen Farben. „Er iſt ein verliebter Schwaͤrmer,“ ſagte der Graf,„indeß eben ſo kann mir ein Juͤngling gefallen. Lodern muß die Flamme der erſten Liebe, denn, ach! in der Ehe finden ſich Loͤſchungsmittel in Men⸗ ge. Wenn gleich anfangs alles ſo vernuͤnftig hergeht, wie auf einer Rechnungekammer, da entbehrt das Herz die ſchoͤnſten Won⸗ nen des Lebens.“ Aus dem Briefe des alten Freiherrn von Danzenau erſah der Graf wohl, wie zufrieden er mit der Heirath ſeines Soh⸗ nes war. Bernhards Brief machte den Ent⸗ ſchluß der Agnes, nicht nach Hainburg „ 135 mitzureiſen, auf einmal wankend.„Die⸗ ſer Danzenau, der, ohne mich zu kennen, ſo viel Antheil an meinem Schickſale nimmt, hat mich augenblicklich beſtimmt, euch zu begleiten.“ Am folgenden Tage wurde ein Bote an Ernſt geſchickt. Der Vater meldete ihm das frohe Familien⸗ ereigniß. Der Juͤngling diente als Offizier unter der Garde.„Bitte nur um einen monatlichen Urlaub,“ ſchrieb ihm der Graf, „Du mußt mit uns nach Hainburg rei⸗ ſen.“ Nach vierzehn Tagen kamen Briefe von Nordberg in Menge an, die die Zu⸗ ſtimmung der Eltern zur Verheirathung Hedwigs mit Bernhard enthielten. Sie waren das Signal zur allgemeinen Freude. „Wenn alles ſo geht, wie ich's wuͤnſche,“ ſchrieb der Graf,„ſo denke ich den vier⸗ zehnten April in Soſtenberg einzutreffen. Kommt mir ja nicht entgegen, auf einer ſo weiten Reiſe findet ſich oft ein unan⸗ genehmer Aufenthalt Gewiß wäre Alles in hoͤchſter Freude geblieben, wenn nicht ein ſchmerzlicher Un⸗ fall die Gemuͤther beugte. Aber es iſt ja einmal hienieden nicht anders, heiter ſoll der Tag unſeres Lebens nicht ſeyn, er muß durch Wolken getruͤbt werden. Der Menſch ſchließt ſeine Rechnung ab und rechnet nur auf Gewinn, an Verluſte zu denken, dazu iſt er am wenigſten geneigt. Der Herr von Fellberg hielt ſich laͤn⸗ ger als einen Monat in Thalheim auf. Er konnte ſich nicht von ſeiner Minna trennen. Ven einem Tage zum andern wurde die Abreiſe verſchoben. Alle, die ihn in der Gegend kennen lernten, gewan⸗ nen ihn lieb. Sein Charakter war durch⸗ 137 . aus reblich und erinnerte an die ehemalige, jett verſchwundene Biederkeit der alten Helvetier. Der Abſchied von dem lieben Thalheim ging ihm ſchmerzhaft durch die Seele. Durch einen Brief ſeines Vaters wurde er aufgefordert, die Ruͤckteiſe zu be⸗ ſchleunigen, da ſeine Mutter krank darnie⸗ der laͤge und ihn im Leben noch einmal zu ſehen wuͤnſche. Er eilte, ſo viel er immer konnte und troͤſtete ſich mit der Hoffnung, ſeine gute Mutter vielleicht auf dem Wege der Geneſung zu finden. Aber, ach! zwei Tage fruher, als er an⸗ kam, hatte der Tod ſchon ihr frommes Le⸗ ben geendet, er fand ſie auf dem Sterbe⸗ lager. Alle Wunden des bitterſten Schmer⸗ zes wurden geöffnet, als der Vater ſeinen Sohn umarmte, dem er den Verluſt der Unerſetzlichen klagte.„Ach! daß ſie den Troſt nicht hatte,“ ſeufzte er,„Dich im Leben noch einmal zu ſehen! Wie ver⸗ 138 langte ſie nach Dir! Konnteſt Du nicht ſchneller eilen?“ An demſelben Tage, wo ſie beerdigt wurde, fiel der junge Fellberg in eine hef⸗ tige Krankheit. Er konnte der Leiche der geliebten und verehrten Mutter nicht fol⸗ gen. Die Anſtrengung auf der Reiſe, der Schreck und Gram uͤber den Tod theilig auf ſeine Geſundheit. Noch waren nicht zwoölf Tage verfloſſen, da ſchon war der bluͤhende Juͤngling ſeiner Mutter in das hoͤhere Leben nachgefolgt. Minna wartete nach Verlauf von zwei Wochen ſehnſuchtsvoll auf einen Brief verfloſſen und noch hatte ſie von ihm kein Schreiben erhalten. Sie plagte ſich mit aͤngſtlichen Vorſtellungen. Endlich der geliebten Mutter, wirkte hoͤchſt nach⸗ von ihrem Geliebten. Ein Monat war 139 entſchloß ſie ſich, einen Brief an Fellber⸗ gen zu ſchreiben, der ihm ihre aͤngſtlichen Beſorgniſſe offenbarte, neue Betheurun⸗ gen ihrer Liebe und die inſtändige Bitte enthielt, daß er ſogleich an ſie ſchreiben möchte. Statt einer Antwort von ihm, kam ein Brief von ſeinem Vater an, der an den Freiherrn von Danzenau gerichtet war, in dem er ihm den Tod ſeines Sohnes meldete.„Gott, was ſoll aus unſerer Minna werden!“ rief der Freiherr aus, als er ſeiner Gattin, die bei ihm war, den Brief vorgeleſen hatte!„Sie erträgt dieſen Schlag des Schickſals bei ihrem weichen Gemuͤthe nicht! Wie ſollen wir es ihr bekannt machen, daß ſie einen ſo ſchmerzhaften Verluſt erlitten hat! Wer kann hier die weiſen und guͤtigen Wege der Vorſehung finden, die ſie die Men⸗ 140 ſchen gehen läßt! O, das arme, unglück⸗ liche Mädchen! Sie iſt zur Schwermuth geneigt, in Gram wird ſie verſinken!“ Die Freiherrin trauerte eben ſo ſchmerzlich, rang ſich die Hände und fuͤrchtete den Augenblick, wo ſie die Minna ſehen wurde. Raſch flog die Thuͤr auf und Minna erſchien im Zimmer. Sie hatte den Poſt⸗ boten weggehen ſehen und glaubte es mit voller Gewißheit, daß ein Brief aus der Schweiz angekommen wäre. Mit den Worten:„Hat Fellberg geſchrieben?“ flog ſie zu ihrem Vater hin, der einen Brief in der Hand hatte. Starr und verſteinert aber blieb ſie ſtehen, als ſie eine geheime Angſt auf ſeinem Geſichte und die Thra⸗ nen in den Augen ihrer Mutter gewahr wurde.„Was iſt's, um Gotteswillen“. rief ſie aus, was iſt's? Ich ahne ein Un⸗ — gluͤck, das ſchrecklichſte, was mir je begeg⸗ nen kann! Iſt Fellberg mir untreu ge⸗ worden? Wollen ſeine Eltern ſeine Ver⸗ bindung mit mir nicht zugeben? Iſt ſeine Mutter todt?... Lebt er noch?“—„Er lebt nicht mehr, der Vater meldet mir ſei⸗ nen Tod! Kind, faſſe Dich, wer kann Todte lebendig machen! Der Wille des Himmels iſt uns oft verborgen, aber die Zukunft klaͤrt ſeine weisheitsvolle Huld auf.“ „Fellberg todt! todt?“ lallte Minna und ſank in eine lange Ohnmacht. Ein Strom von Thränen rollte über ihre Wangen, als ſie wieder zur Beſinnung kam.„Verloren iſt mein ganzes Lebens⸗ gluͤck,“ ſagte ſie,„nun kann ich nicht wie⸗ der froh werden!. Der Vater mußte ihr den Brief vor⸗ 142 leſen. Sie weinte.„Aber, warum hat mir der Himmel die Wonnen der Liebe gezeigt und ſie mir entriſſen?“ ſagte ſie. „O, du Allmächtiger! die Wunde, die du mir geſchlagen haſt, wird keine Zeit heilen!“ Die Eltern ſuchten ſie mit allen Gruͤnden der Religion und Vernunft zu tröſten. Bald wurde Fellbergs Tod und Minna's Verluſt in der Umgegend bekannt und theilnehmende Freunde vereinigten ſich zu ihrer Beruhigung. Hedwig trug beſon⸗ ders zu ihrem Troſte viel bei, indem ſie ihr die Leidensgeſchichte ihrer Schweſter Agnes mittheilte und ſagte:„Siehſt Du, meine thrure Minna, Du biſt keinesweges die Einzige, welche der Himmel auf harte Proben ſtellt. Ertrage Dein Leid gedul⸗ dig, die Zeit wird Dir erſcheinen, wo Du begreifſt, auch dies Ungluͤck war Wohlthat fuͤr Dich“ Sie war in Soſtenberg, als dort ein großes Freudenfeſt gefeiert wurde, 143 das ihren Kummer auf einige Zeit zer⸗ ſtreuete. Der lange erſehnte Morgen des vier⸗ zehnten Aprils war endlich angebrochen, an dem man die theuren Nordberger er⸗ wartete. Gegen Mittag ließ der Graf Friedrich den Wagen anſpannen, ſeine Gattin und Hedwig fuhren mit ihm, um die Eltern angenehm zu uͤberraſchen. Ca⸗ tharina blieb bei der Minna zuruͤck. An demſelben Tage wurde auch Bernhard in Thalheim erwartet. Welche Freude, welcher Jubel herrſchte in dem Wagen! Eliſabeth war ganz außer ſich. Ihr Gatte bat ſie, daß ſie ihr Entzuͤcken můͤßigen ſolle, da es leicht der Fall ſeyn könne, daß die Eltern heute noch nicht kaͤmen. „Ach ſprach ſie,„eine geheime Ahnung ſagt mir's, daß ſie kommen. Ich kenne den Vater, wie gewiſſenhaft er im Wort⸗ 144 halten iſt. Wenn nur keiner von den Lieben fehlt!“ Sie trieb den Kutſcher an, immer raſcher zu fahren. Unerruͤckt waren ihre Augen auf den Weg hin ge⸗ richtet, auf dem ſich die Eltern ihnen na⸗ hen mußten. Erfriſchungen aller Art hatte ſie bei ſich in dem Wagen. Heute war es, wo ſie ſich leichter und wohler als ſeit zwei Monden fuhlte. Der Graf von Raimund war vor einer anſehnlichen Dorfſchenke angekommen, die etwa zwei Meilen von der Hainburg und von Spoſtenberg entfernt lag. Hier ſollten die Pferde gefuttert, geputzt werden. Seine Gattin und Agnes reiniaten ſich vom Staube und legten andere Kleider an, Ernſt ließ ſeine Uniform ausbuͤrſten. Sie genoſſen, was ſie Eß- und Trinkba⸗ res bei ſich hatten. Ihr einziges Ge⸗ ſpraͤch war die Freude des Wiederſehens. * 145 3 Schon ſchwebte Allen im Geiſte die herr⸗ lichſte Scene vor. Der Graf wurde von allen Seiten beſturmt, das Anſpannen zu beſtellen, er ſuchte die unruhigen Gemü⸗ ther ſtille zu machen und ſagte:„Erſt muͤſſen unſere Pferde ſatt ſeyn.“ Nach zwei oder drei Stunden,“ rief die Graͤfin aus, als ſie wieder in dem Wagen ſaß,„alſo etwa um fuͤnf Uhr, ſeh' ich meine lieben, lieben Kinder! Du haſt's doch nicht recht gemacht, daß Du ihnen das Entgegenkommen verboteſt! Sie un⸗ ter Gottes Himmel⸗ ein paar Stunden fruͤher zu umarmen, das waͤre doch herr⸗ üch geweſen!“ So ſprach ſie, als Agnes in lautem Entzuͤcken ausrief:„Dort kommen ſie! Das ſind ſie!“—„Unmoglich!“ ſagte der Graf.„Täuſche die Mutter nicht 10 146 mit einer leeren Freude.“ Der mit vier Pferden beſpannte Wagen fuhr ſehr raſch, eine Staubwolke zog ihm nach Weiße Taſchentuͤcher weheten in die Luft, Agnes ſah's und ſprach:„Fuͤrwahr, ſie ſind's!“ Sie ließ ihr Tuch auch in der Luft flat⸗ tern. Der Kutſcher mußte im geſtreckten Galopp fahren, ſo fuhr Friedrich auch. Auf ein Mal hielt der Wagen des Gra⸗ fen Ilgenſtein ſtill und er ſtieg mit Eli⸗ ſabeth und Hedwig aus. Alle drei liefen den Ankommenden jubelnd und mit aus⸗ gebreiteten Armen entgegen. Die Graͤfin Raimund verließ mit ihren Kindern den Wagen auch. Welch eine Freude! Der Graf blieb ſitzen, weidete ſich an der Scene und gerieth in eine ſolche Ruͤhrung, daß ihm die Thranen uͤber die Wangen rollten. Nur wenige Worte konnte er reden, als die Kinder zu ihm kamen, ihn zu umar⸗ men.„O! wie ſelig iſt ein Vater,“ ſprach 147 er,„der ſolche Kinder hat, die er nach ei⸗ ner langen Trennung wieder umarmt! Es geht euch wohl! Nur Du, meine Eliſa⸗ beth, haſt Deine rothen Wangen verloren und ſiehſt blaß aus! Wirſt wohl wieder beſſer werden.“ Nach herzlichem Geſpraͤch ſetzte ſich die Mutter mit ihren Toͤchtern in den Wagen des Grafen von Ilgenſtein und Friedrich mit Ernſt nahmen in dem Wa⸗ gen des Grafen Raimund Platz. Friedrich mußte recht viel von Bernharden erzählen und ſagte:„Er iſt em trefflicher Menſch, kraftvoll und wahr in allen ſeinen Hand⸗ lungen, voll treuen Freundſchaftsgefuͤhl. Er erweckt Zutrauen und Achtung zugleich. Nichts weiß ich an ihm zu tadeln. Schmei⸗ chelnd kann er nicht ſeyn, aber mam ſin⸗ det ihn bald liebenswuͤrdig. Reich kann ich ihn nicht nennen, aber im Kopfe trägt 10* 148 er ſein Kapital, das ſich mit der Zeit im⸗ mer beſſer verzinſen wird. Daß Hedwig durch ihn hoͤchſt gluͤcklich wird, das glaube ich mit Gewißheit prophezeihen zu koͤnnen. Nie habe ich einen Juͤngling gekannt, der feuriger, ſchwärmeriſcher liebte, als ihn. Ohne Eiferſucht iſt er nicht, aber ſie wird ſich verlieren, wenn ihn Hedwig von ihrer treuen Liebe uͤberzeugt. Ein ſolcher Juͤng⸗ ling, wie er iſt, konnte nur aus der Schule ſolcher gebildeten Eltern hervorgehen. Er iſt auch ihre größte Freude. Morgen oder uͤbermorgen koͤmmt er in Thalheim an und dann wird er uns ſogleich be⸗ ſuchen.“ Der erſte Wagen war ſchon in So⸗ ſtenberg vor dem Schloſſe angekommen und Hedwig hatte kaum das erſte Kapitel ihrer Liebe zu Danzenau der Mutter er⸗ zählt. Eliſabeth ſchwieg guͤtig und ließ 149 8 die wortreiche Schweſter, der Mutter und Agnes, der einige Mal Thränen uͤber die Wangen rollten, thre Gluͤcksgeſchichte un⸗ geſtoͤrt erzaͤhlen. Der Graf Raimund gab ſeinem Schwiegerſohne ſeine Freude uͤber die ſchoͤne, fruchtbare Gegend, den wohlge⸗ baueten Acker, und die weitlaͤuftigen Schloß⸗ und Hofgebäude zu erkennen. „In ein Paradies haſt Du ja meine Tochter gefuͤhrt!“ ſagte er.„An Mitteln zum Gluͤck fehlt's euch nicht, wie ich ſehe, bleibt nur fromm und liebt euch immer ſo herzlich.“ Catharina und Minna ſtanden vor der Schloßthuͤr, um die lieben Gaͤſte zu empfangen. Eliſabeth ſagte zu ihren El⸗ tern:„Dieſe iſt Catharina, meine Schwie⸗ gerin und jene unſere liebe Minna, Dan⸗ zenau's Schweſter.“ Innig umarmte die Mutter die beiden Mädchen, die ſie ins 150 Schloß fuͤhrten. Die innere Einrichtung war ſo prachtvoll, daß der Graf ſeine Ver⸗ wunderung nicht bergen konnte. Recht froh und gluͤcklich waren Alle bei einander, nur Eliſabeth, die in der Hoffnung war, nach mehreren Monden Mutter zu werden, befand ſich nicht ganz wohl. Die Freude hatte ihr Gemuͤth zu heftig erſchüttert. Es wurden ſogleich Boten nach der Hain⸗ burg und nach Thalheim abgeſchickt, wel⸗ che die Ankunft der gräflichen Familie meldeten und die Freunde zu einem Mit⸗ tagsmahl fuͤr den folgenden Tag einluden. Friedrich fragte auch in dem Schreiben an den Freiherrn von Danzenau, ob Bern⸗ hard noch nicht angekommen waͤre. Juſt vor einer Stunde traf er in Thalheim ein und ſchickte ſich ſchon an, nach Soſten⸗ berg zu reiten, ſo ermuͤdet er ſich nach der Reiſe auch fuͤhlte.— Eine geheime Sympathie der Herzen zog insbeſondets 151 Agnes und Minna an einander. Eine kurze Zeit waren ſie zuſammen, als ſie al⸗ lein auf ein Zimmer gingen, ſich ihre Lei⸗ densgeſchichten mittheilten, weinend einan⸗ der in die Arme ſanken und ſich treue Liebe bis in den Tod betheuerten. Ihre Gemuͤther waren gleichgeſtimmt. Huͤpfend und lächelnd trat Catharina mit Hedwig ins Zimmer, dieſe ſagte:„Heute vergeſſet allen Gram und ſeyd mit uns froͤhlich. Bernhard iſt ſchon vor zwei Stunden an⸗ gekommen und wuͤnſcht nichts ſehnlicher, als unſere liebe Agnes kennen zu lernen.“ Minna und Agnes folgten den heitern P in nach. Beim erſten Anblick ah Bernhard en ſehr guͤnſtigen Eindruck auf Agnes. Er nahete ſich ihr, wie ein Bruder, ver⸗ traulich und liebevoll. Sie wuͤnſchte ihm Gluͤck.„Mir fehlt's nicht,“ ſagte er,„und 152 ich könnte einen Theil abgeben, um eine leidende Seele zu troͤſten.“ Er fiel ſeiner Schweſter um den Hals und ſprach: „Ach! meine liebe Schweſter, wie ſehr habe ich Dich bedauert, was haſt Du ver⸗ loren! Wie nahe wohnt der hoͤchſten Freude der hoͤchſte Schmerz! Hoͤre auf, den Unerſetzlichen zu beweinen und ſprich Dich wieder ruhig! Ich bitte Dich.“ Ihre Thraͤnen und Agnes Thraͤnen floſſen, hell und klar ſtand Adolphs Bild vor ih⸗ rer Seele. Vernhard konnte ſich nur mit Muͤhe und Gewalt von Hedwig losreißen, um mit ihren Eltern und mit Ernſt zu ſpre⸗ chen, immer zog ihn ein geheimer Drang nach der holden Braut hin, die er oft an⸗ blickte. Zu ihrer großen Freude nahmen es die Eltern bald wahr, das ihre Eliſa⸗ beth eine ſehr gluͤckliche und beneidens⸗ 153 werthe Frau war. Wie liebreich, wie gů⸗ tig war ihr Gatte gegen ſie! Sie geſtand es mit inniger Ruͤhrung, daß ſie mit kei⸗ nem Manne haͤtte gluͤchlicher werden koͤn⸗ nen, als mit dieſem.„Ach! wie eitel und öde kommen mir doch jetzt alle die Ver⸗ gnuͤgungen vor,“ ſagte ſie,„nach denen ich ſonſt trachtete! Froher und zufriede⸗ ner kann ich nirgends ſeyn, als bei mei⸗ nem Friedrich. Immer geht's mit uns ſo ruhig nicht ab, bisweilen wird auch ein bischen gebrummt, aber die Wolke zieht ſchnell voruͤber und deſto heller ſcheint dann die Sonne der Liebe und des Frie⸗ dens. An die puͤnktliche Ordnung, mit der es Friedrich wirklich uͤbertreibt, kann ich mich immer noch nicht gewöhnen.“— „Scherze nur,“ ſagte er,„Du biſt doch meine beſte Eliſabeth. Gewiß, ehe ein Jahr verfloſſen iſt, biſt Du eine muſter⸗ hafte Hausfrau,“ 154 Es that dem Herzen Friebrichs ſehr wohl, daß er von Raimunds wie ein lieb⸗ teicher Sohn behändelt wurde und er gab ihnen das zu erkennen. Sein Gemuth war das dankbarſte, freundlichſte. Jetzt fing der Graf Raimund eine ernſte Rede mit Bernhard an und ſagte:„Lieber Sohn, ſo ſchnell haätten wir Ihre Verlo⸗ bung mit Hedwig nicht zugegeben, wenn wir dem Urtheile Ihres Freundes nicht vertraueten. Wir hoffen es, daß Sie un⸗ ſere Hedwig ſo gluͤcklich machen werden, als es unſete Eliſabeth geworden iſt. Daß wir uns auch von der zweiten Tochter trennen müſſen, das ſchmerzt uns unglaub⸗ lich. O! moͤchten Sie's ganz ermeſſen, welch ein Opfer wir Ihnen bringen! Aber Ihr edles Herz verbuͤrgt es uns, Sie werden uns durch Freuben entſchä⸗ digen die wir an dem Gluͤcke unſeres Kin⸗ des erleben“— Bernhard erwiederte die 155 Worte des Grafen mit der Sprache eines redlichen, liebenden Herzen, das ſich Gu⸗ tes und Großes zutraut, mit einer Ruͤh⸗ rung, die Alle bewegte. Der Graf und die Gräfin umarmten ihn und nannten ihn einen theuren Sohn.. WMit Ern⸗ ſten nannte er ſich Du und von den El⸗ tern erbat er ſich's, daß ſie 3 auch ſo nennen mufßten. Agnes hatte nichts angelegentlicheres mit ihrem Bruder Ernſt zu ſprechen, als daß ſie Minna's Fürtrefflichkeit rühmte. „Die iſt ein Engel,“ ſagte ſie, ein Ge⸗ ſchoͤpf aus einer andern Welt, ich liebe ſte, als ob ſie meine Schweſter wöte. Alle meine Gedanken und Gefühle ſtim⸗ men mit den ihren uͤberein. O! könnte ich ſie bereden, daß ſie uns nach Nord⸗ berg begleitete! Du ſcheinſt ſie wenig zü veachten und warſt nur mit Hebwig und 156 Danzenau beſchäftigt.“—„Liebe Agnes, ſuch' es moglich zu machen, daß ſie mit uns nach Nordberg geht, da werde ich ſchon Gelegenheit finden, ſie näher kennen zu lernen, um ihre Vorzuͤglichkeit zu ſchä⸗ tzen. Minna war der Graͤfin ſelbſt ſehr auffallend, die ſie nach einer laͤngern Unterredung ſehr lieb gewann. Am Abend erzählte Eliſabeth, als ſie mit den Eltern noch im Schlafzimmer allein war, wie hart der Himmel die wahrhaft liebenswuͤr⸗ dige Minna gepruͤft hätte. Feſte folgten auf Feſte, ſo lange Raimunds in der Gegend waren und ei⸗ gentlich kam man zu keiner ruhigen Be⸗ ſinnung. Die mannichfaltigen Zerſtreuun⸗ gen, beſonders Agnes Nähe, wirkte ſehr wohlthätig auf Minna's Gemüth. Es war unter ihnen ſchon zu dem Entſchluſſe gekommen, daß ſie Agnes nach Nordberg 157 begleiten wollte. Aber ein unvorhergeſe⸗ hener Umſtand gab ihrem Plan eine andere Wendung. — Der Graf Raimund erklarte:„Ich kann davon nicht abgehen, die Hochzeit muß in Nordberg ſeyn. Wie konnte ich die weite Reiſe noch ein Mal machen! Meine Freunde muͤſſen auch ſehen, wie und wo ich wohne.“ Die Gräfin ſagte: „Ich muß mit meiner Hedwig, ehe ich mich von ihr trenne, noch eine Weile le⸗ ben. Ueberdies iſt's auch gut, wenn ſie ihre Ausſtattung mit beſorgen hilft und wählt, was ihr gefallt.“—„Wenn wir uns denn von Hedwig trennen muͤſſen,“ bat der Graf Friedrich,„ſo laſſen Sie uns die gute Agnes hier. Sie werden mit dieſer Guͤte Vielen, beſonders der Minna, einen großen Gefallen erweiſen. Reiſen wir zur Hochzeit, ſo bringen wir ſie mit.“ Der Vorſchlag wurde von allen Seiten gebilligt und angenommen. Ca⸗ tharina, Minna und Agnes waren deshalb ſehr gluͤcklich. „Lieber Vater,“ ſagte Bernhard,„da Sie meinem aͤllern Bruder ein Hochzeit⸗ feſt feierten, ſo dächte ich, ſtellten Sie mir zu Ehren ein Vorfeſt an.“—„Gut, mein Sohn,“ ſagte der alte Freiherr,„das ſoll geſchehen. Uebermorgen iſt der letzte Tag, wo der Graf Raimund hier iſt, da wollen wir Deine Vorhochzeit begehen und⸗ ich lade ſaͤmmtliche Anweſende dazu ein.“ Man weigerte ſich aus guten Gruͤnden, die Einladung anzunehmen, aber zuletzt fuͤgte man ſich doch. Agnes reiſete mit Minna und Catharina an dem Abend nach Thalheim. Wenn ihr die Gegend um Soſtenberg romantiſch, wild und rauh erſchien, ſo gefiel Agnes das liebliche, 139 milde, freundliche Thalheim, beſonders we⸗ gen des ſchönen Gartens, viel mehr. Aun folgenden Tage kam auch Ernſt und blie:h die beiden Tage dort, um ſich mit der Minna, die man als ein Ideal der Werlb⸗ lichkeit pries, naͤher zu befreunden. Cir wußte, was ſie gelitten hatte und ehrte die Schwermuth ihres Weſens, die bit⸗ weilen durch ein ſeelenvolles Laͤcheln er⸗ heitert wurde. Julie und Emilie, ihre juͤngern Schweſtern, erſchienen ihm auch als liebenswuͤrdige Kinder. 6 Wirklich war es ein punktvoler Schmaus, den der Freiherr von Danzenaat hatte anrichten laſſen. Koͤſtliche Weine floſſen. Die Gemüther wurden froͤhlich und man vergaß die bange Stunde der nahen Trennung. Raimund ſagte:„Es iſt doch traurig, daß ich ſo weit von hier weggeſchlendert bin. Es lebt ſich unter 160 ſe inen Kindern und Verwandten doch am gruͤcklichſten. Ich werde meinem Ernſt Nordberg uͤberlaſſen, der in den jetzigen Frriedenszeiten ſo keine Luſt hat, laͤnger S oldat zu bleiben und zu euch ziehen. Ich baue mir auf dem Grunde von So⸗ ſtenberg ein Wohnhaus und wohne hier.“ — Alle waren vor Freude uͤber den Plan außer ſich und glaubten, daß es damit ein Ernſt ſey. Die Gräfin lächelte und meinte, daß ſie es gar ſehr wuͤnſche, er möchte in Erfuͤllung gehen. Die drei Väter tranken Bruͤderſchaft mit einander und die Muͤtter nannten ſich auch von jest an Du. Der Abſchied am folgenben Morgen wurde ſehr ſchwer. Eliſabeth weinte am vitterſten, die an der lieben Mutter mit unglaublicher Zaͤrtlichkeit hing. Bernhard begleitete ſene Braut auf eine weite 161 Strecke, die nicht ohne Thraͤnen von ihm ſchied.„In ſieben Wochen ſehen wir uns wieder,“ ſagte er,„und dann kann uns der Tod nur ſcheiden.“ Dies war der Termin, welcher zur Hochzeit darum be⸗ ſtimmt wurde, weil Eliſabeth, ihrer um⸗ ſtaͤnde wegen, ſpäter eine weite Reiſe nicht wagen konnte. Alle hatten feierlich ver⸗ ſprochen, zu kommen, wenn ſie nicht von unuͤberſteiglichen Hinderniſſen zuruͤckgehal⸗ ten wuͤrden. Der Graf Ernſt ſagte beim Abſchiede Bernhard von Danzenau in's Ohr:„Gieb der Minna einen Kuß von mir und ſage ihr, daß ſie unter keinem Vorwande von der Hochzeit zuruͤckbleiben duͤrfe.“ Unterwegs hatte man genug Stoff zur Unterhaltung. Nur wegen Eliſabeth war die Mutter ängſtlich. Der Graf be⸗ ruhigte ſie. Ernſt hoͤrte gern von Minna 14 162 reden, und forderte Hedwig auf, daß ſie ihm von ihr erzaͤhlte. Er geſtand es ſelbſt, daß er ein ſolches Mädchen nie geſehen habe. Mit dem neuen Schwiegerſohne war man voͤllig zufrieden. Der Graf ſagte: „Er gefaͤllt mir beſonders um der Kraft willen, die alle Augenblicke hervorbrechen will, die in ſeiner Seele und in ſeinem Koͤrper liegt. Das ſind mir doch zwei Schwiegerſoͤhne, Friedrich und Bernhard, auf die ich ſtolz bin. Friedrich iſt freund⸗ licher, aber Bernhard hat einen feſten, maͤnnlichen Ernſt, der mir auch gefaͤllt.“ Die Baroneſſe von Wettſtein war ſehr betruͤbt, als ihre liebe Agnes nicht mit zuruͤckkam.„Ach!“ ſagte ſie,„wer weiß, ob ſie je wieder koͤmmt! Mein Adolph, Du lebſt oder biſt todt, kehrſt Du je wieder zuruͤck, Du wirſt ſie an der Seite eines Andern finden!“ Sie meldete, daß 163 der Onkel ihres Sohnes krank ſey, ſie habe ihn beſucht und er haͤtte erklaͤrt: bis Adolph wiederkehrt, ſolle ſie die Ein⸗ nahmen von ſeinem Gute ziehen, das er ihm als ein Eigenthum in dem Teſtamente vermacht habe. Die Wiederkehr dieſes Juͤnglings ſey ſein letztes Gebet, den er vor ſeinem Tode noch zu umarmen wuͤnſche. Peter Meyer, der alte Kutſcher, war vor Freude ganz außer ſich, als Hedwig, ſein Liebling, aus dem Wagen ſtieg. Er drüͤckte ihr mit gar freundlicher Miene die Hand und ſprach:„Nun wird's wohl wieder froͤhlich im Schloſſe, es wird ge⸗ ſungen und geſpielt werden, daß es eine Luſt iſt. Bisher war's ſehr ſtille. Herr Graf, die Hainburger Stute hat gefohlt und ein Fuͤllen, wie gemalt. Gottlob, daß Sie alle geſund wieder hier ſind. Aber den Rappen ſieht man die Reiſe I1* 164 recht an. Ei, ei,— er ſchuͤttelte mit dem Kopfe,— was ſind die mager geworden! Werden wohl Futterkorn zulegen muͤſſen.“ Aber mit Hedwig war eine große Veränderung vorgegangen, ihre Maͤdchen⸗ froͤhlichkeit hatte ſie verlaſſen, ſie war ernſt geworden. Mit inniger Sehnſucht nach dem Geliebten fuͤllte nur der Gedanke an ihn ihre Secle. Ihre tägliche Lectuͤre wa⸗ ren die Briefe, die ſie von ihm früher empfangen hatte. Schrecklich war ihr die Weite, in der ſie von ihm lebte, und die kurze Zeit ihrer Wiedervereinigung mit ihm, dehnte ſich ihr zu einer Ewigkeit aus. Es war ihr ſchrecklich, daß ſie ihn nicht ſehen und ſprechen konnte. Sie wänſchte, in den Schlaf der Vetgeſſenheit zu ſinken, bis er in Nordberg ankam. Oft konnte ſie ihre Thranen nicht ver⸗ bergen. 165 Als Meyer nach mehreren Tagen es merkte, daß es im Schloſſe ſtille blieb und Hedwig ihre Stimme nicht hoͤren ließ, ſagte er zu ihr, als ſie ihm begegnete: „Comteſſe, was iſt das mit Ihnen? Sie ſcheinen ja alle Luſt zum Leben verloren zu haben! Ich denke, eine Braut muß doppelt frohlich ſeyn! Machen Sie uns doch frohe Tage, es wird mit Ihnen ſo nicht lange mehr dauern! Wollte ich doch, daß Sie in Ihrem Leben Soſtenberg nicht geſehen haͤtten! Mit Agnes wird's uns am Ende eben ſo gehen, und dann ſind wir hier allein.“— Sie lächelte und verſprach, zu ſingen und zu ſpielen. Wirklich, ſo gern die Mutter ihrer Tochter eine gewiſſe wehmuͤthige Stimmung verzieh, dem Vater wurde ſie faſt läſtig. Doher ſagte er auch zu Hedwig:„Du mußt es mit Deiner Liebe auch nicht zu 166 weit treiben! Du truͤbſt uns die letzten Tage durch Deine Trauer, wo wir noch bei einander ſind! Hat denn nur Bern⸗ hard in Deiner Seele Werth? Vergiſſeſt Du's ſo ganz, was Du Deinen Eltern ſchuldig biſt? Es thut mir weh, daß Deine Liebe zu den Eltern ſo ganz in der Liebe eines Juͤnglings, den Du doch erſt ſeit Wochen kennſt, aufzugehen ſcheint. Schier moͤchte man traurig ſeyn, wenn man denkt, daß in dem Leben eine Zeit kömmt, wo die Eltern in dem Herzen der Kinder eine zweite Stufe behaupten, in⸗ deß ein Fremder die erſte einnimmt. Hed⸗ wig, es kann mir nicht gefallen, daß Du ſi „Ach, Vater, Vater!“ ſagte ſie mit thraͤnenvollen Augen,„kann eine Liebe ne⸗ ben der andern nicht beſtehen? Waͤre es beſſer, wenn ich an Bernhard gar nicht 167 daͤchte? Soll ich mich verſtellen? Kann ich mein Herz in Eis verwandeln, das keiner Empfindung fähig iſt? Mit ihm will ich leben und unendlich ſoll ich ihn nicht lieben? Das fühle ich wohl, eine andere Liebe iſt die zu den Eltern, eine ruhige, vertrauende, ſtille; eine andere, die ich gegen den entfernten Bernhard fuͤhle. Ol ich ſelbſt empfinde es, daß ich keinen Tadel verdiene, daß ich juſt ſo bin und wuͤrde auf mich zuͤrnen muͤſſen, wenn ich anders wäre. Die Mutter, wenn ſie in ihre Jugend zuruͤckdenkt, wird mich am beſten vertheidigen.“ Das that auch die Mutter auf eine Weiſe, die den Vater mit ſeiner Tochter voͤllig ausſoͤhnte. Ehe noch eine Antwort von Soſten⸗ berg erwartet werden konnte, kam, zu Hed⸗ wigs hoͤchſter Freude, ein Brief von Bern⸗ hard an, welcher fuͤnf Bogen lang war⸗ 168 Er beſtand aus einem foͤrmlichen Tage⸗ buche, enthielt die zärtlichſten Liebesbe⸗ theuerungen und ſchilderte ſeine Sehnſucht nach ihr. Das Gemälde, was er von dem Gluͤcke ſeiner Zukunft, wie er ſie ſich traͤumte, entworfen hatte, war mit den ſchoͤnſten Farben gezeichnet. Flehentlich bat er um eine baldige und recht aus⸗ fuͤhrliche Antwort. Hie und blickte die Beſorgniß hervor, ob er aug von ihr uͤber Alles geliebt werde, wie F ſie liebe; und ob ſie ihn auch ewig mit ungetheiltem Herzen lieben werde. Jetzt war ſie die glůͤcklichſte Sterb⸗ liche, huͤpfte und ſang, als ob ein neues Leben in ſie gekehrt ſey. Sie hatte ſchon mehrere Bogen geſchrieben, in denen ſie ihm ihr Verlangen deutlich genug verrieth, wie ſie faſt nicht mehr ohne ihn leben könne und daß ihr die Zeit, ehe ſie ihn Vater ſey gar nicht mit ihr zufrieden, daß ſie trauere, und zum Frohſinn konne die Andern, wenn ihm das moͤglich ſey. zuruͤck.„Die Mutter,“ ſchrieb ſie,„iſt Eliſabeth thun gewiß Alles zu meiner higend und ſtillend auf mein Herz, als 169 wieder ſehe, eine Ewigkeit duͤnke. Der ſie ſich nicht erheben. Sie bat ſogar, daß er einige Tage fruͤher kommen ſolle, als Es wurden hin und her Briefe ge⸗ wechſelt und der Hochzeittag beſtimmt. Agnes, ſo gluͤcklich ſie ſich in Soſtenberg fuͤhlte, ſehnte ſich doch nach ihren Eltern —— doch die theilnehmendſte Freundin einer leidenden Tochter, und ihr Troſt gewaͤhrt die groͤßte Beruhigung. Friedrich und ufheiterung, aber es wirkt nicht ſo beru⸗ wenn die Mutter ſpricht.— Minna bleibt ſich gleich und iſt ein wirklich herrliches Mädchen. Ueberhaupt wetteifert die Fa⸗ milie in Thalheim, mir Freude zu machen. Bernhard, der zu derſelben gehört und ſo geliebt und geachtet wird, muß ein guter Menſch ſeyn. Neulich war er zwei Tage bei ſeinen Eltern, um ſich mit ihnen uͤber die Reiſe zu bereden und begleitete mich„ nach Soſtenberg zuruͤck, wo er unterwegs nur Liebes und Gutes von euch ſprach. Kein Maͤdchen kann mehr geliebt werden, als Hedwig von ihm. Mochte ich nur mit frohem Sinne an dem Familienfeſte Antheil nehmen koͤnnen; aber ich kann es nicht.— Die Nachricht von der Krank⸗ heit des Onkels Adolphs, und daß er ihn in einem Teſtamente zum Univerſalerben ſeines Vermoͤgens gemacht hat, konnte mich nur peinigend erſchuͤttern. Giebt es denn gar kein Mittel, den Ort ſeines Auf⸗ enthalts auszukundſchaſten? Ach! wenn er nur noch lebt! Gewiß, ich wuͤrde ihn bewegen, zuruͤck zu kommen.“ 171 Von Ilgenſteins ſchrieb ſie:„Es iſt ſehr ungewiß, ob ſie zur Hochzeit kom⸗ men, da ſich Eliſabeth manche Tage ſehr uͤbel befindet. Friedrich meint: die An⸗ ſtrengungen der Reiſe könnten ihr ſchaden und ſie werde die brennende Sonnenhitze nicht aushalten. Er wird ſelbſt ſchreiben, ſobald er das Gutachten des Arztes ein⸗ geholt hat, der fuͤr den kommenden Tag hieher beſtellt iſt.“ „Ach!“ ſagte der Graf,,„wenn ich Friedrichen und meine Euſabeth nicht hier ſehe, ſo wird meine Hochzeitfreude ſehr geſtort werden. Daß uns doch die ſchoͤn⸗ ſten Freuden des Lebens immer durch un⸗ angenehme Vorfaͤlle und Hinderniſſe ver⸗ eitelt werden! Sie muͤſſen kommen, ich ſchreibe an ſie. Was kann einer jungen Frau eine Reiſe in einem bequemen Wa⸗ gen ſchaden, wenn ſie die gehörige Vorſicht 172 gebraucht!“—„Aber, lieber Mann,“ er⸗ wiederte ſeine Gattin,„kannſt Du dafuͤr ſtehen, daß unſerer Tochter kein ungluͤck⸗ licher Unfall begegnet? Moͤchteſt Du die Verantwortung auf Dich nehmen? Glaube es mir, daß mich's eben ſo betruͤbt, als Dich, die lieben Kinder nicht umarmen zu können, aber ich werde und muß unſere Tochter vor der Reiſe gar ſehr warnen und werde ſie recht inſtaͤndig bitten, daß ſie nicht kömmt.“ Wenige Tage waren verfloſſen, als ein Schreiben von Soſtenberg ankam, in dem Friedrich meldete:„Ich muͤßte mei⸗ ne Eliſabeth nicht lieben, wenn ich ſie der Gefahr, die ihr auf der Reiſe begegnen kann, ausſetzen koͤnnte. Es thut ihr un⸗ ausſprechlich weh, daß ſie der Hochzeit ihrer lieben Schweſter nicht beiwohnen kann, aber die Unmöglichkeit, ſich auf ei⸗ 173 nen ſo weiten Weg zu wagen, leuchtet ihr ein. Der Arzt erklarte, wenn ſie ſei⸗ nem Rathe nicht folgte und ruhig zu Hauſe bliebe, ſo konne er fuͤr nichts ſte⸗ hen. Iſt erſt dieſe Zeit der Furcht vor⸗ uͤber, die mir manche truͤbe Stunde macht, dann kommen wir nach Nordberg. Wenn die jungen Leute mit ihrer Verbindung nicht ſo geeilt haͤtten, dann war es mog⸗ lich, daß wir Theil an dem Feſte nahmen. Wir wollen ihnen, die wir ſo ſehr lieben, alles Gute wuͤnſchen.“ Nur eine Woche noch, und der Tag war da, wo die theuren Gaͤſte in Nord⸗ berg ankommen mußten. Welche Anſtal⸗ ten wurden zu ihrem Empfange gemacht! Da man ſich von allen Seiten über⸗ zeugte, daß Eliſabeth von der Hochzeit zuruͤck bleiben mußte; ſo drang man nicht 174 mit Zureden in ſie, um ſie zu der Reiſe zu bewegen, und ihr das Herz noch mehr zu erſchweren. Aber Allen ging es nahe, daß in der Geſellſchaft ihre ſonſt gewohn⸗ liche, heitere Laune fehlte. Als Bernhard den Abend vor ſeiner Abreiſe, der zwei Tage fruͤher als ſeine Eltern und der Graf Raimund mit ſeiner Gattin fahren wollte, in Soſtenberg war, um Agnes ab⸗ zuholen, da er mit ihr und Minna vor⸗ aus zu eilen gedachte, ſagte die Graͤfin Eliſabeth zu ihrem Gatten:„Es iſt in Bernhards Wagen noch ein leerer Platz, Friedrich, ich dächte, Du rreiſeteſt mit. Es ſchmerzt mich, daß Du meinetwegen ein ſo großes Vergnuͤgen entbehren ſollſt. Ich halte die vierzehn Tage ohne Dich wohl aus, und Widriges wird mir nicht begegnen.“—„Eliſabeth,“ erwiederte er ernſt,„Du ſcherzeſt entweder, oder willſt mich auf die Probe ſtellen! Um meines ſund biſt, reiſe ich mit Dir hin.“ 175 Vergnügens willen follte ich Dich allein laſſen? Meinſt Du, daß ich ohne Dich gluͤcklich ſeyn könnte? Die ſtete Sorge um Dich wuͤrde in der Entfernung von Dir mir doch jeden Augenblick verbittern. Nein, ich bleibe hier. Wenn Du erſt gr⸗ Agnes weinte, im Vorgefüht einer traurigen Zukunft, als ſie von ihrer Schweſter Abſchied nahm, Thränen der innigſten Liebe und wuͤnſchte ihr eine bal⸗ dige Geneſung.„Wer weiß,“ ſagte ſie, „ob ich mit Friedrichs Eltern nicht wieder komme! Dich krank zu verlaſſen, ſchmerzt mich unglaublich. Ich komme wieder, Dir manche Beſorgung abzunehmen. In Nordberg blüht mein Glück nicht. So ungern ich von meinen Eltern entfernt bin, was konnte ich Dir nicht aufopfern, meine gute, gute Eliſabeth!“— Die — 176 Graͤfin druͤckte ihre guͤtige Schweſter ans Herz und ſagtet„Es wird mir ein gro⸗ ßer Troſt ſeyn, wenn Du wieder kömmſt. Habe Dank für Deine Liebe.“ Sie weinte. „Lieber Bruder,“ ſagte Agnes mit bebender Stimme zu Friedrichen,„wie ſoll ich Dir fuͤr Deine Guͤte danken!“— Ha⸗ ſtig fiel er ihr ins Wort und ſprach: „Liebe Agnes, davon ſchweige, ich erkenne mich fuͤr Deinen Schuldner. Nur die Bitte Deiner Schweſter erfuͤlle und komm wieder zu uns. Du weißt ja, wie unent⸗ behrlich Du ihr biſt. Gruͤße von mir Alle herzlich, beſonders ſage Ernſten, daß er einmal eine Urlaubszeit von einem Mo⸗ nat bei mir bleiben ſoll. Dann, das hoffe ich, wird's wohl heiterer in Soſtenberg ausſehen.“ Er blickte nach ſeiner Gattin yin. Als Bernhard von ihm Abſchied nahm, ſagte er:„Du geheſt der Freude 8 177 entgegen! Vergiß uns nicht, wenn Dir's wohl geht. Wir werden an Deinem Hoch⸗ zeittage Deiner und aller unſerer Lieben gedenken und dem Brautpaar Segen wuͤnſchen. Aber nach Thalheim mußt Du ziehen, welch ein Leben, wenn Du mit Hedwig in meiner Nähe wohnſt, fuͤr und meine Eliſabeth!“ Bernhard reiſete zwei Tage fruͤher ab. In zwei Wagen folgte ihm der Graf Ilgenſtein mit ſeiner Gattin und Tochter, und der Freiherr von Danzenau mit ſeiner Familie nach. In dem einen Wagen ſaßen Julie, Emilie und Catharina, in dem andern die Eltern dieſer Tochter. Bernhard ſprach unterwegs faſt einzig von ſeiner Hedwig. Den Augenblick, ſie wieder zu ſehen, dachte er ſich als den glücklichſten ſeines Lebens. Es war nicht 12 178 moglich, daß er ſo fruͤh am Tage, als er ſich's vorgenommen hatte, auf Nordberg eintreffen konnte. Laͤngſt ſchon war die Sonne untergegangen, da die Reiſenden in dunkeler Abenddämmerung das Schloß noch ſchimmern ſahen. Ein Gewitter hatte ſie vorher uͤberraſcht, ihre Kleider waren durchnaͤßt und die ermuͤdeten Pferde gingen langſamer. Der Kutſcher erklaͤrte: er wuͤrde gegen die Thiere grauſam ſeyn, wenn er ſie zum Laufen antriebe. Hebwig hatte ſich, vor Unruhe und Sehnſucht, ungewöhnlich fruͤh niedergelegt. Das Wachen war ihr unerträglich, ſie wuͤnſchte die Zeit, bis zu Bernhards An⸗ kunft, verſchlafen zu können. Jedes an⸗ dere Gefuͤhl der Liebe ſchien in der Nei⸗ gung zu dem Jünglinge verſchlungen zu ſeyn. Sie lebte und webte nur in ihm und hatte den Sinn fuͤr Alles andere ver⸗ 179 loren. Ihr Vater nahm dies nicht ohne ein geheimes ſchmerzhaftes Gefuͤhl wahr aber er tadelte ſie deshalb nicht, um ihre große Vorfreude nicht zu ſchmalern. Doch dachte er bisweilen ängſtlich:„Ein Gluck, was auf einem zu hohen Punkte ſteht, kann ſich unmoͤglich fuͤr immer auf dem⸗ ſelben behaupten. Hedwig wird mit der Zeit wohl wieder zur Beſinnung kommen und den Werth ihrer Eltern wuͤrdigen lernen.“ Das Schloß war voll Unruhe und ſeine Gattin ließ allerlei Anordnungen treffen, um die lieben Gäſte recht ange⸗ nehm zu bewirthen. Er entfernte ſich oͤf⸗ ter vom Hauſe, als je, um von dem Ge⸗ toſe ſich in ſeiner Lebensweiſe nicht ſtören zu laſſen. An dieſem Abend ſaß er in der Laube, die nicht weit vom Schloſſe entfernt war, und ließ ſeinen Gedanken 180 freien Spielraum. Die Luft nach dem heißen Tage war ſehr erquickend. Ein ſanfter Regen ſpruͤhte noch hernieder. Alles hatte in der Natur, nach einer lan⸗ gen Duͤrre, ein friſches Anſehen gewonnen. Die Pflanzen richteten, wie von neuer Kraft gehoben, ihre reingewaſchenen Blät⸗ ter empor. Auf ein Mal flog der Thorweg mit lautem Knarren auf. Ein freudiger Schreck fuhr ploͤtzlich durch alle Glieder des Grafen. Wer mag das ſeyn, ſagte es in ihm, der ſo ſpaͤt kommt? Sind es nicht die Freunde, die von der Hain⸗ burg und von Thalheim erwartet werden? Er ſprang auf, eilte den Gartenweg nach dem Schloſſe hin und hatte kaum die Thuͤr erreicht, als ein Wagen herbei rollte. Bernhard ſprang zuerſt aus demſelben und fiel dem Graf in die Arme, der ihn mit I8T vollem Vatergefuͤhl an ſein Herz druͤckte und ihn in großer Ruͤhrung willkommen hieß. Auch Agnes und Minna ſtiegen aus und umarmten den Graf.„Kommen die andern auch noch?“ fragte er, und Bernhard antwortete:„Wir ſind voraus⸗ geeilt, meinen Vater und Ilgenſteins kön⸗ nen Sie erſt nach zwei Tagen erwarten.“ Sie waren eben auf dem Hausflur ange⸗ kommen, als Bernhard mit aͤngſtlicher Stimme fragte:„Wo iſt meine Hedwig? Doch nicht krank? Schmerzlich vermiſſe ich ſie.“ Die Graͤfin kam aus dem Zim⸗ mer geeilt, die lieben Reiſenden zu umar⸗ men und ſagte dann:„Hedwig liegt ſchon im Bette, ſie iſt geſund, die Zeit bis uͤbermorgen ſchien ihr eine Ewigkeit und ſie konnte die Langeweile nicht mehr aushalten. Ich will ſie ſogleich wecken.“ Bald kam die Gräfin mit dem Beſcheid zuruͤck, daß ſie ſchon aufgeſtanden ſey und 182 gewiß bald erſcheinen werde. Bernhard ging unruhig umher und konnte ſeine Sehnſucht, die Geliebte wieder zu ſehen, gar nicht bekaämpfen. Hedwig hatte ſich niedergelegt, um ſich unzerſtreut mit dem Gedanken an Bernhard zu beſchäftigen. Einſchlafen konnte ſie nicht. Sie hoͤrte es, daß das Thor geoͤffnet wurde, daß ein Wagen vor⸗ fuhr und endlich, daß Bernhard ſprach. Noch eine Minute lag ſie wie gelaͤhmt im Bette, eilte dann nach dem naͤchſten Zimmer, um ihren Anzug, ſo fluͤchtig als es geſchehen konnte, zu beſorgen. Jetzt kam ſie mit ausgebreiteten Armen und unter dem wiederholten Rufen:„Mein Bernhard!“ die Treppe hinab geflogen. Er ſtuͤrzte ihr entgegen. Schweigend la⸗ gen ſie einander in den Armen, ihre Thrä⸗ nen floſſen. Von dieſem Augenblicke 183 an waren ſie Beide fuͤr die ubrige Ge⸗ ſellſchaft todt und nur mit ſich beſchäf⸗ tißt Am folgenden Morgen wurde ein Bote nach der Stadt beordert, in der der Graf Ernſt in Garniſon lag, welchen ſein Vater einlud, ſogleich nach Nordberg zu kommen, weil der Bräutigam mit Agnes und Minna angekommen ſey, die ihn zu ſehen wuͤnſchten. Der Juͤngling folgte mit Freuden dem vaͤterlichen Befehl und traf am folgenden Tage ein. Mit Agnes war, wenn man den äu⸗ ßern Schein trauen durfte, eine fuͤr ſie wohlthätige und fuͤr ihre Freunde hoͤchſt erwuͤnſchte Gemuͤthsveränderung vorgegan⸗ gen. Sie hatte ſich mit ihrem Schickſal ausgeſoͤhnt und zeigte eine heitere Stim⸗ mung des Gemuͤths. Die Eltern freueten 6 16½ ſich insbeſondere daruͤber und gaben ihr das zu erkennen. Sie ſelber aber ſagte: „Endlich habe ich meinen Schmerz uͤber⸗ wunden. Soll ich meine ganze Jugend um eines Ungluͤcks willen truͤben, das ich nicht verſchuldete? Adolphen werde ich nie vergeſſen, aber mit der unruhigen Sorge, die mich unaufhoͤrlich quaͤlte, denke ich nicht mehr an ihn. Er trieb's zu weit, daß er mich verließ. Bis in den Tod bleibe ich ihm mit unwandelbarer Treue ergeben. Bin ich doch nun allein im Hauſe meiner Eltern und ſo viel in meinen Kräften ſteht, will ich zur Auf⸗ heiterung ihrer Tage beitragen.“—„Du ſollſt es bei uns recht gut haben,“ ſagte der Vater,„Du, meine einzige Tochter, die bei uns bleibt, und jeden Deiner be⸗ ſcheidenen Wuͤnſche will ich mit Vergnü⸗ gen befriedigen. Hedwig ſcheint uns ſo ganz abgeſtorben zu ſeyn, ſie haͤngt an 185 ihrem Bernhard mit einer Liebe, die in ihrem Gemuͤthe keiner andern zärtlichen Neigung mehr Raum laͤßt. Indeß hoffe ich's, dieſer erſte Taumel wird voruͤberge⸗ hen und der liebevolle, kindliche Sinn, den ſie gegen uns immer ſo herrlich be⸗ wahrte, wird wieder kehren. Ganz anders, wie ſie, iſt unſere gute Eliſabeth, die liebt ihren Gatten ſo innig, wie er geliebt werden kann, aber ihr Wohlwollen gegen uns hat ſie keinen Augenblick vergeſſen.“ Die Baroneſſe von Wettſtein freuete ſich zwar uͤber die gluͤckliche Gemuͤthsver⸗ aͤnderung, die mit Agnes vorgegangen war, aber es ſchmerzte ſie auch zugleich, daß das Andenken an Adolph das Herz des Maͤdchens nicht mehr ſo lebendig be⸗ herrſchte. Sie ſahe ſchon die Zeit voraus, wo ſich Agnes voͤllig von ihm losſagte und einem Andern die Hand gab, der ſie 65 liebend von ihr forderte. Die Moͤglich⸗ keit, Adolph koͤnne wieder kommen, war ihr gewiß und troſtete ſie. Durch den Tod des Onkels, der zu fuͤrchten ſtand, wur⸗ de er Herr eines Vermoͤgens, das hinreichte, um ſeine Gattin ernähren zu koͤnnen. Sie dachte ſich ihn im Beſitze aller Er⸗ denguͤter hoͤchſt ungluͤcklich, wenn er ſeine Agnes verloren hatte. Daß ſie ihren Gatten, deſſen Verluſt ſie oft im Stillen beweinte, je wieder umarmen werde, glaubte ſie nicht mehr, vielmehr dachte ſie, daß er ſich in einem Anfall der Verzweiflung das Leben genommen hätte, beſonders, um der Qual zu entgehen, mit der ihn die Vor⸗ ſtellung marterte, in welch eine aͤrmliche Lage er ſeine Familie geſtuͤrzt hätte. Als ſie mit Agnes allein war, ſagte ſie zu ihr:„Meine theure Tochter, Gott weiß es, daß kein Menſch freudigern An⸗ theil an der Geneſung Deiner Seele von einem ſchweren und gefaͤhrlichen Kummer nimmt, als ich. Was waͤre endlich aus Dir geworden, wenn Du Dich nicht be⸗ kämpft haͤtteſt! Ol ich weiß es, daß Du meinen Sohn nie vergeſſen kannſt, auch traue ich Dir nicht jenen Leichtſinn zu, der vom Schmerze zur Freude ſo unbe⸗ dachtſam uͤberſpringt. Lange werde ich mich in Nordberg nicht mehr aufhalten, da der alte Baron von Wettſtein, welcher ſehr kraͤnkelt, mich gebeten hat, zu ihm zu ziehen. Mitleid und Dankbarkeit ver⸗ pflichtet mich zur Erfuͤllung dieſer Bitte. Du weißt es gewiß ſchon, daß er, im Fall ſeines Todes, Deinen Adolph zum Uni⸗ verſalerben ſeines nicht unbedeutenden Vermogens beſtimmt hat. Ach! wenn mein ungluͤcklicher Sohn nur hier ware! Wenn er's nur wuͤßte, welch ein Stern des Gluͤcks ihm aufgegangen iſt! Welche 188 Schmerzen er wohl in der Entfernung von Dir empfindet! Wie ihn die Sehn⸗ ſucht nach Dir peinigt! Agnes, Du biſt noch unveraltert, erhalte ihm wenigſtens noch zwei Jahre ein treues Herz, wer weiß, was ſich in dieſer Zeit ereignet! Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er in die Arme ſeiner troſtloſen Mut⸗ ter und ſeiner unendlich geliebten Agnes wiederkehrt. Und wäre dann ſein Ungluck nicht zehnfach größer, wenn er Dich mit einem Andern verbunden faͤnde?“— „Mutter,“ erwiederte Agnes mit Thränen in den Augen,„vor Gott gebe ich Dir die heiligſte Betheuerung, wenn Adolph auch nie wieder kömmt, nie werde ich mit einem andern Juͤnglinge eine Verbindung eingehen. Wie könnte ich das! Wie mich das Schickſal auch auf die Probe ſtellt, ich werde es beweiſen, daß treue Liebe unerſchuͤtterlich Wort haͤlt. Nur verarge, mißdeute meine heitere Außenſeite nicht, meinen Umgebungen binich ſie ſchul⸗ dig, ich ſelbſt fuͤhle es, daß ich mich er⸗ mannen muß, wenn ich in meiner Schwer⸗ muth nicht untergehen ſoll. Und was haͤtte Adolph davon, wenn er mich bei ſeiner Ruͤckkehr, die ich täglich von Gott erflehe, im Grabe fände?“— Im Schloſſe herrſchte ein froher Tumult. Ernſt war angekommen und ſchloß ſich mit zärtlicher Innigkeit an die reizende Minna an. Er fand ſie immer liebenswuͤrdiger, je öfter er ſie ſah und mit ihr ſprach. Fuͤrwahr, ſie hatte auch ein bezauberndes Weſen, um den Juͤng⸗ ling mit allen Banden der Liebe zu feſſeln, ohne daß es ihre Abücht war. Gebildet und im hoͤchſten Grade gutmuͤthig erſchien ihr Ernſt und ihr feiner Sinn entdeckte es gar leicht, was er fuͤr ſie empfand. 190 Die Ausſicht, einſt Graͤfin von Raimund auf dem ſchoͤnen Gute Notdberg zu wer⸗ den, erſchien ihr im freundlichen Lichte. Sehr verwundert war er, daß Peter Meyer ſchon um ein Geheimniß wußte und es ahnete, von dem er glaubte, nur ihm al⸗ lein ſey es bekannt. Ernſt begegnete dem treuen Alten auf dem Schloßhofe und er⸗ kundigte ſich nach ſeinem Befinden. Die⸗ ſer erwiederte:„Was ſollte mir fehlen, habe ich doch, was meine Seele wuͤnſcht. Sie darf man gar nicht fragen, wie es Ihnen geht, man ſieht es mit Augen, wie gluͤcklich ſie ſind.“—„Woher weißt Du's, daß ich gluͤcklich bin?“ fragte Ernſt. — Meyer antwortete:„Führen Sie doch die ſchöne Baroneſſe immer am Arm, als ob ſie Ihre Braut wäre und bekuͤmmern ſich um die ganze Welt nicht. Noch ha⸗ ben Sie kein Wort mit mir geſprochen. Das iſt eine rechte Schmucke und ſo 191 freundlich, wie die Freude. Herr Graf, wenn Sie aufrichtig ſind, ſo muͤſſen Sie's geſtehen, ſo recht richtig iſt's mit Ihnen nicht mehr. Hier trifft das Sprichwort gewiß ein: keine Hochzeit wird gemacht, es wird an eine andere gedacht. Die Zeit wird's lehren, daß der alte Peter recht hatte.“ Ernſt lächelte und ſagte im Weggehen:„Du kannſt leicht Recht haben. Daß Du mir aber ja nicht plau⸗ derſt.“ Mit ſchmunzelndem Geſicht ſagte der Alte:„Sie wiſſen es ja, daß ich wie ein Grab ſo verſchwiegen bin.“ Ilgenſteins und Danzenau's kamen zwei Tage vor der Hochzeit in Nordberg an. Von der Graͤfin Ilgenſtein erfuhr man, daß ſich der Zuſtand Eliſabeths ſehr gebeſſert hätte und daß ſie ſich geſund und wohl fuͤhle. Dieſe Nachricht ver⸗ mehrte die Freude der gräflichen Familie 192 gar ſehr. Die Gräfin Ilgenſtein ſetzte noch hinzu:„Am Abend vor unſerer Ab⸗ reiſe war Eliſabeth mit ihrem Gatten noch bei uns. Sie war ſehr betrübt, daß ſie zuruͤckbleiben mußte. Der Arzt hatte er⸗ klärt, daß ſie, bei genugſamer Vorſicht und in einem bequemen Wagen, die Reiſe ohne alle Gefahr für ihre Umſtände ma⸗ chen koͤnne. Nur Friedrich zeigte ſich ſo aͤngſtlich und beſorgt fuͤr ſeine Gattin.“ —„Ich wette,“ rief der Graf Raimund aus,„wenn die Sachen ſo ſtehen, daß ſie kommen!..—„Ich wuͤnſche es nicht,“ ſagte ſeine Gattin,„weil ich fuͤrchte, die Freude kann ſich in große Traurigkeit ver⸗ wandeln.“ An demſelben Abend, wo Eliſabeth mit ihrem Gatten von der Hainburg nach Soſtenberg zuruͤckfuhr, ſagte ſie:„Ich weiß warlich nicht, was mich von der 193 Freude, der Hochzeit beizuwohnen, noch zuruͤckhält. Fuͤhle ich mich doch geſund und ſtark und der Arzt hat mir das Rei⸗ ſen nicht verboten. Iſt es mir nicht zu verzeihen, wenn ich Alles aufbiete, meine geliebte Eltern zu ſehen? Einer ſehr ern⸗ ſten Zeit gehe ich entgegen, in der Leben und Tod mit einander ringen, es wuͤrde mir doch ein großer Troſt ſeyn, meine Theuerſten noch ein Mal umarmt zu ha⸗ ben. Friedrich, wenn Dir's auch ſchwer wird, erfuͤlle meinen Wunſch, mit mir Nordberg zu reiſen, mein ganzes Herz zieht mich dahi.“ Sie widerlegte ſeine Gegengruͤnde alle, die ſich nur auf ihren koͤrperlichen Zuſtand bezogen, und er ließ ſich von der Liebe zu ihr leicht uͤberwinden. Es zog ihn auch Alles nach ihren Eltern hin, die er als die edelſten Menſchen kennen ge⸗ 13 194 lernt hatte, und welche er uͤber Alles ſchätzte. Es wurden am folgenden Tage die erforderlichen Vorbereitungen zur Ab⸗ reiſe getroffen und der Arzt noch ein Mal geholt und befragt, welcher dafuͤr entſchied, wenn die Graͤfin auf ihrer Hut ſey, ſo werde ihr die Bewegung in einem beque⸗ men Wagen ſehr gut bekommen. Ihr Truͤbſinn hatte ſich in die entzuͤckendſte Freude verwandelt. Das groͤßte Gluͤck, ihre theuerſten Eltern, beſonders ihre un⸗ endlich geliebte Mutter, zu ſehen, ſollt ſie genießen! Sehr langſam wurde an⸗ fangs, dann den folgenden Tag ſchon ra⸗ ſcher gefahren. Friedrich bewachte ſeine Gattin, wie ein Auge im Kopfe. Am letzten Reiſetage aber mußte man ſich ſehr fruͤh aufmachen, wenn man vor der Trau⸗ ung Nordberg noch erreichen wollte. Eli⸗ ſabeth war überglücklich, ſie fuͤhlte ſich geſund und ſtark. * 195 Sehr oft hatte man in Nordberg bei Tiſche, wenn die Glaͤſer erklangen und auch außerdem, der theuren Soſtenberger gedacht. Der Graf von Ilgenſtein ſagte oͤfter:„Ich glaube, es giebt in der Welt kein gluͤcklicheres Paar, als meinen Frie⸗ drich mit ſeiner Gattin. Sie ſind ſo recht fuͤr einander geſchaffen, ein Herz⸗ eine Neigung, ein Wille.“—„Was gaͤbe ich darum,“ wiederholte der Graf Raimund, „wenn die lieben, herrlichen Kinder hier waͤren! Was aber nicht möglich iſt, das ſoll mir an dieſem feſtlichen Tage auch keine Sorge machen und meine Freude nicht ſtoren. Wer in der Welt nur ein vollkommnes Gluͤck genießen will, kann gar keins genießen.“ Die Thurmglocke hatte zehn Uhr ge⸗ ſchlagen, als die Damen ſich aus dem Saal entfernen wollten, ihren Feſtanzug 196 zu beſorgen, da man die geladenen Gäſte und beſonders den alten Vetter des Gra⸗ fen von Ilgenſtein, ſchon um zwoͤlf Uhr erwartete. Die Maͤnner ſaßen noch ru⸗ hig um den mit koſtbarem Fruͤhſtuͤck be⸗ ſetzten Tiſch und tranken Ungar⸗ und Rheinwein, ein Jeder nach Belieben. Ue⸗ berraſchend war's Allen, als ein Wagen vor dem Schloſſe vorfuhr, der plötzlich ſtile hielt. Der alte Graf Raimund wollte aufſtehen, als der alte Meyer in den Saal rief:„Unſere vier Iſabellen ſind da!“ Alle riefen:„Das iſt Frie⸗ drich und Eliſabeth!“ Man draͤngte ſich aus dem Saale. Friedrich war im Be⸗ griff, ſeiner Gattin das Ausſteigen aus dem Wagen zu erleichtern, damit es ihr nicht gefährlich werde. Fruͤher mußte ſie's ihm auch verſprechen, daß ſie ſich nicht zu ſehr freuen wollte.—„Ach, meine Eliſa⸗ beth, mein Kind, mein Leben!“ rief ihre 497 Mutter aus,„wo koͤmmſt Du her, welche Freude machſt Du uns! Du ſiehſt ſo wohl aus!“ Sie lag an dem Herzen ih⸗ rer Mutter und war in Entzuͤcken. Der Vater umarmte ſie auch, dann den Graf Friedrich. Es war dies eine herrliche Fa⸗ milienſcenen.„Nun,“ ſagte der alte Graf,„wenn Du, meine Herzenstochter, geſund biſt, ſo bleibt mir nun an dieſem köſtlichen Tage nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig.“—„War der Plan, uns ſo zu uberra⸗ ſchen, ſchon fruͤher geſchmiedet?“ fragte die alte Gräfin von Ilgenſtein. Und Friedrich erwiederte:„Nein, auf dem Wege von der Hainburg nach Soſtenberg wurde er geſchmiedet. Lange habe ich mich gegen die Reiſe geſtraͤubt, aber wer kann der Ueberredung eines ſo lieben Weibes widerſtehen!“ Fuͤr Bernharden war's die groͤßte Freude, daß ſein theuerſter Freund ankam. Eliſabeth ging mit ihrer Mutter 198 auf ein Zimmer allein, die ihr allerlei Er⸗ quickungsmittel reichen ließ, um ſich zu erholen. Friedrich ließ ſich's beim Fruͤh⸗ ſtuͤck gefallen und leerte mehrere Glaͤſer, indem er Geſundheiten trank.„Das voll⸗ ſte Glas,“ ſagte er mit großer Ruͤhrung, „ſey dem guͤtigen Geiſte geweiht, der meine theuerſte Eliſabeth ſo geſund ins Vater⸗ haus brachte, ſo fuͤhre er ſie auch wieder nach meinem Soſtenberg zuruͤck!“ Auf dem Gange nach ſeiner Gattin, nach derem Befinden er ſich erkundigen wollte, begegnete ihm der alte Peter Moyer, der ihn freundlich willkommen hieß. Der Graf ſchuͤttelte ihm die Hand und ſagte: „Freueſt Du Dich, daß wir gekommen ſind?“—„Recht ſehr,“ erwiederte der Alte mit wohtmeinender Seele. Der Graf wollte ihm ein Goldſtuͤck in die Hand drücken, er nahm es durchaus nicht an 199 und ſagte:„Daß Sie mit Ihrer Frau hier ſind, iſt mir eine groͤßere Freude, als wenn mir Einer einen Beutel voll Louis⸗ d'or ſchenkte. Die engliſche Stute iſt herrlich im Stande und hat ein Fohlen, das ſchoͤner iſt, als die Mutter„. Friedrich wurde von ſeiner Gattin, abgerufen, die ihrer Mutter von ihrem chelichen Gluͤcke erzählte, von der Ordungs⸗ liebe und Puͤnktlichkeit ihres Gatten, in die ſie ſich noch nicht voͤllig fuͤgen koͤnne, welche er ganz wohl fand, da ſein Onkel, der alte Baron von Hebeſtreit angekom⸗ men war, der ihn zu ſehen wuͤnſchte. Wie ein Vater den Sohn, ſo umarmte er Friedrichen und ſagte:„Du biſt zwar mein Erbe, aber nur unter der Bedingung kannſt Du's werden, daß Du her ziehſt und Dein Gut ſelbſt bewirthſchafteſt. Was ich gebeſſert und gebauet habe, ſollen 200 gewinnfuchtige Päͤchter nicht zu ihrem Vortheil ruiniren. Einen Sohn will ich an Dir haben, wie Du an mir mehrere Jahre hindurch einen Vater hatteſt. Dei⸗ ne Eltern haben eine Tochter, ich aber habe gar kein Kind. Du ziehſt hieher, der Graf Raimund wird ſich daruͤber freuen. Morgen reden wir uͤber das Kapitel.“ Die Hochzeitgaͤſte waren verſammelt. Minna, Agnes und Catharina ließen ſich Tags vorher Blumen aller Art pflucken und verſchiedenes Laub von den Zweigen abſtreifen. Beſonders wand Minna einen Kranz, den ſie mit ihrer Schweſter Julie dem Brautpaar am Abend uͤberreichen und dabei eine bedeutſame Rede halten wollte. Der Weg nach der Kapelle war mit Blumen, mit Roſen von allen Far⸗ ben, Garten⸗, geld⸗ und Waldblumen 207 beſtreut. Das Innere der Kapelle glich einem Tempel der Flora; Feſtons, Guir⸗ landen und Kraͤnze gaben ihm ein freund⸗ liches Anſehen. Die Stimmung des uͤbergluͤchlichen Brautpaars wurde ernſt und feierlich, als die Stunde erſchien, in der es fuͤrs Leben mit einander verbunden werden ſollte. In den Herzen der Eltern war die Ruͤh⸗ rung groß. Ueber allen Ausdruck herrlich war die Trauungsrede des Prediger Geb⸗ hard, ſo ohne alle Kunſt, ſo natuͤrlich und einfach und doch ſo ſchön und erha⸗ ben. Er ſagte in einer Anrede, die an den Bräutigam gerichtet war:„Mit Ih⸗ rrer zarten, dankbaren Kindesliebe waren Sie die Freude Ihrer Eltern, ſo wie Sie jetzt durch Ihr Talent und Geiſtesgeſchick die Ehre derſelben ſind. Aber den Eltern „ Ihrer Verlobten ſind Sie nur durch ————— ————————— 202 Frömmigkeit und Tugenb, durch treue Liebe zu ihrem Kinde werth. Vertrauungs⸗ voll uͤbergeben ſie Ihnen das Theuerſte, was ſie auf Erden haben, ihre Tochter. Ihr ſeyn Sie mit Rath und That gewär⸗ tig, entfremden Sie ſich ihr nie, befreun⸗ den Sie ſich inniger mit der Guten. Im Elternhauſe iſt Hedwigs Seele an die guͤtigſte Behandlung gewohnt. Wenn es ihr bei Ihnen wohl gehen ſoll, keine Gat⸗ tenpflicht duͤrfen Sie verletzen. Nur nach Liebe fragt ihr Herz, dem ſie zum heilig⸗ ſten Beduͤrfniß geworden iſt.“ Zur Braut ſagte er:„Von Ihnen, reine, zuͤchtige Jungfrau, kann ich's vor dem Allwiſſenden betheuren, Ihr Jugend⸗ leben war ein frommes, darum wird es Ihnen auch mit dieſem Manne wohl gehen. Das Glaubensgeluͤbde, was Sie mir vor dieſem Altar ablegten, Site haben S—— 203 es treulich gehalten.“— gu beiden Ver⸗ lobten ſprach er:„Nicht in ſchimmern⸗ dem Glanze, in eitler Weltehre, in ſinn⸗ licher Luſt, wohl aber in ernſter Pflicht⸗ erfuͤllung, in Tugend, Liebe und Treue, in der weitern Ausbildung Ihrer edelſten Kräfte, ſuchen Sie Ihr Heil. Ringen Sie nach der unverwelklichen Krone der Froͤmmigkeit, halten Sie feſt die Hand der Religion, dann werden Sie voll Freude, Troſt und Hoffnung bleiben. Sie iſt das heilige Land, aus dem die reinſte, begluͤ⸗ ckendſte, ewig dauernde Liebe ihre rechte Nahrung zieht; der Quell der ſchoͤnſten Freuden; ſie lehrt gegenſeitige Achtung, milde Schonung, theilnehmendes Mitge⸗ fuͤhl und alle die Tugenden, ohne die das Gluͤck des ehelichen Lebens ſcheitert in R i.“ ut big war in ihrem Innern ſo ge⸗ 204 ruͤhrt, daß ſich ihre rothen Wangen blaß färbten und ſie einer Ohnmacht nahe war. Nach der Trauung wuͤnſchte man von allen Seiten den Neuvermaͤhlten Glück. Das Mahl wurde durch Muſik, die ge⸗ daͤmpft aus einem Nebenzimmer ertönte, noch mehr gewuͤrzt. Die gute Agnes, die in der Kapelle weinte, mußte ſich einige⸗ mal aus der Geſellſchaft entſernen und ließ ihren Thraͤnen freien Lauf. Froh und bunt ſchwaͤrmte die Geſell⸗ ſchaft nach Tiſche durch einander; aber Ernſt, der bei Minna ſaß, hielt ſich auch nach dem Mahl in ihrer Naͤhe, üe hatte ſein Herz gefeſſelt. Er vermißte ſie, als man ſchon eine Weile getanzt hatte, und der Kronleuchter im Saale ein helles Licht verbreitete. Vergebens ſuchte er ſie und Catharina, und konnte ſie nicht fin⸗ den. Als die Tanzenden eine Paufe 205 machten, trat der Baron von Danzenau auf und ſprach mit gehobener Stimme: „Es wird ein Zigeunerpaar aus fernem Lande unter uns erſcheinen, das den Brautleuten Kraͤnze überreichen will. um guͤtige Stille muß ich bitten.“ Darauf öffnete ſich die Thuͤr. Minna, als gigeu⸗ nerin und Catharina als Zigeuner geklei⸗ det, traten ein, ſtellten ſich vor das Braut⸗ paar hin und, als die neugierige Geſell⸗ ſchaft einen Kreis um ſie geſchloſſen hatte, begann Minna, die einen von verſchiede⸗ nem Laubwerk gewundenen Kranz in der Hand hatte, alſo: k In wildem Forſt gab mir ein Traum bie Kunde, Daß dieſes Haus ein ſchoͤnes Feſt gezeugt, Ein Feſt des Lebens, wo zum Liebesbunbe Aufricht'ge Treue ſich die Haͤnde reicht. Schnell flog die frohe Mähr' von Mund zu 2 Munde, 206 Schnell wurden unſ're Herzen euch geneigt, Der Wunſch, zu ſchauen, ſprach aus Aug' und Mienen, Drum ſind wir ungeladen hier erſchienen. Seyd All' begruͤßt, Du, junges Paar vor Allen. (Zur Vraut ſich wendend.) Du kennſt mich kaum, doch, moͤcht' ich dir gefallen, Gewinnen will Dich dieſer Druck der Hand. Was fremd iſt zwiſchen uns wird niederfallen, Iſt nur vorher gemeiner Wahn verbannt. Was gilt's, Du ſollſt, eh' wir uns wieder trennen, Mich Deine Freundin, ſollſt mich Schweſter nennen. Der Zigeuner(zur Braut.) Du kennſt uns wohl und weißt, woher wir ſtammen! Wir ſind das einzig freie Volk der Welt; uns hält nicht Mauer, nicht Geſetz zuſammen, Ein Jeder ſteht, wie er ſich ſelber ſtellt. Wir wollen eure Ordnung nicht verdammen; Doch, wir vermeiden, was uns nicht gefaͤllt, und hauſen heimathlos in Wald und Gruͤnden, Bis ſchoͤn're Ketten einſt die Völker binden. 207 Wir ſtammen ab von einer heit'gen Erde, Die jeder Mund mit ſcheuer Ehrfurcht nennt, Dort leuchtete zuerſt der kleinen Heerde Der Weisheit Flamme, die unſterblich brennt, Und manches Auge, daß ihm Klarheit werde, Kehrt ſich im Glauben noch zum Orient. Wir retteten die hohe Goͤttergabe, Faſt im Verlöſchen, auf der Väter Grabe. Zigeunerin. Soll ich nun auch den Sinn des Kleides deuten? Den ſchwarzen Grund mit feuerhellem Rand? Es zeigt die Trauer an und alte Zeiten, Wo rein in Sonnenpracht das Leben ſtand. Doch Hoffnung wandelt unſerm Gram zur Seite. 3 So ſind ſich Racht und Dammerung verwandt. und ob auch manche noch im Dunklen zagen, Vertraute Votſchaft, ſchon beginneſt du zu tagen. Zigeuner. Denn unſern Augen bleibt es nicht ver⸗ borgen, Was in der Zukunft grauem Nebel ruht; Wir ahnen vor der Dämm'rung ſchon den Morgen, 205 Im Winterſturme ſchon die Fruͤhlingsglut. So koͤnnten wir prophetiſch leicht enthuͤllen, Was uͤber euch des Schickſals Schluß verhängt: Doch weiſer lebt, wer mit beſtänd'gem Willen, Das Ruder ſeines Lebens ſelber lenkt, Wer froh das Heute, wie es kommt, begruͤßet, Dem kuͤnft'gen Tage, wie dem Freunde, traut, und wenn das ungluͤck Wetterpfeile ſchießet, Auf der Veränd'rung maͤcht'gen Scepter baut. Bigeunerin. Drum ſchweigen wir von eurer Lebens⸗ ferne und weilen gern allein bei dieſem Feſt', Wo das Orakel aller guͤnſt'gen Sterne, Rur Seligkeit und Liebe walten läßt. Doch mog' ein ernſtes Wort euch nicht emporen, Was durch der Freude muntern Jubel tönt, Wir yoffen, ſie auf immer zu beſchwoͤren, Daß ſie das Haupt euch unverwelklich krönt. Wir wagen's, euch ein Weihgeſchenk zu bieten, Was uns nicht Kunſt, was uns Natur ge⸗ währt, Zwei Kränze ſind's von grünem Laub und Bluͤthen, * 209 Wie ſie der Wald, wie ſie die Wieſe naͤhrt. Doch ſpricht, was ſich in ihnen zart verſchlungen, Bedeutungsreich wohl Geiſt und Herzen an, Und wenn ſolch Wort ins Leben eingedrungen, Schmuͤckt es mit Tugenden der Menſchen Wahn. Zigeuner,(dem Bräutigam ben Kranz reichend). So nimm, was Dir, dem Manne, ward geweihet, Der Gabe rechten Sinn enthuͤllſt Du leicht, Weil ſich der Mann mit Recht dem Baum * vergleicht, Siehſt Du Geſproß von Bäumen hier gereicht. Du ſchauſt zuerſt den Sproßling deutſcher Eichen, Der Königin der Baͤume weit umher, Sie trotzt mit Haupt und Wurzel Sturm unb Meer, Und will weit lieber ganz vergehn, als weichen. Ihr folgt im Rang des Walbes ſtolz die Tanne, Wenn Schneeſtaub ſie umſauſt, wenn Lenze gluhn, Traͤgt fie voll Gleichmuth nur das eine Grün! In Lüſt und Schmerz ein Vorbild jedem Manne! 14 210 Du kennſt des Schleedorns weiße Bluͤthen⸗ krone;z Ihn lockt des Maͤrzes Schmeichelluͤftchen nicht, Lang ſträubt er ſich, eh' er die Knospe bricht, Doch wird der Vorſicht Sicherheit zum Lohne. Die Linde prangt mit hohem, kraͤft'gem Stamme, Doch iſt ſie immer, wie ihr Name, lind; Leicht zundet ſie, doch ſie vergluͤht geſchwind, Wie in der edlen Bruſt des Zornes Flamme. So nimm den Kranz! Er ſchutzt bei Lebens⸗ — ſtͤrmen, Er kuͤhlt und richtet auf, wenn Schwuͤle druͤckt. Und wird die ſchon're Krone, die Dich ſchmuͤckt, Das Mirthendiadem der Liebe ſchirmen. Zigeunerin,(der Vraut den Kranz dar⸗ reichend). Dieſer zweite ward fuͤr Dich gewaͤhlt. Blum' und Kraut umrankt ſich bunt und mild, Denn das Zarte iſt des Weibes Bild, Mit dem Schoͤnen ſchweſterlich vermählt. Dieſes Bluͤmchen deut' ich Dir vor allen, Ueberall und immer glaͤnzt ſein Stern, Frühling, Herbſt und Sommer ſehn es gern⸗ Heit'rer Sinn pflegt jedem zu gefallen. 21T Tief im Walde läßt dies Kraut ſich ſchauen, Wenn der irre Wand rer Labung ſucht, Beut es troſtend ſeine ſuͤße Frucht. Stilles Wohlthun iſt das Gluͤck der Frauen. Weiches Moos gedeiht auf wuͤſten Haiden, Gruͤnt an harter, heißer Felſenwand, So vermag des Weibes ſanfte Hand Rauhes ſelbſt mit Anmuth zu bekleiden. Doch, was zaͤhl ich Tugenden Dir vor, Die Du alle ſchöner ausgeübet, In dem Buſen, der die Menſchen liebet, Sprießen kraͤftig ſie von ſelbſt empor. Nur gewäͤhre dieſes Bluͤmchens Bitte, Das vertraulich Dir zum Herzen ſpricht, Und vergiß in Deiner Lieben Mitte Eines fremden Paares Reigung nicht. Und wenn in der Liebe Heiligthume, Muttergluͤck mit Kraͤnzen Dich umflicht, Dann vergiß, ſo fleht die blaue Blume, O! vergiß Dein frohes Dorfchen nicht. Suche alles Schoͤne zu bewahren, und es töne jeder gute Tag, Wie ein Harfenlaut in ſpäten Jahren Dir in rein geſtimmtem Buſen nach. Flechtet dann die Kränze feſt zuſammen, 1 ½* 272 Tauſcht die Waſen, wie die Ringe heut', Opfert in der Liebe heil'gen Flammen, Alles, was die Seelen ſonſt entzweit. Willig wird mit ſeinen reinſten Sternen Dann der Himmel zu euch niederziehn, Und in allen Naͤhen, allen Fernen, Euch des Friedens ſchoͤne Roſen blühn und der Sand des Lebens leicht verrinnen, Wie der Tanz, den wir beginnen. Auf ein gegebenes Zeichen fing eine Tanzmuſik an und die verkleideten Zigeu⸗ ner tanzten einigemal im Saale umher. Dann tanzte der Zigeuner mit der Braut und die Zigeunerin mit dem Braͤutigam. Geruͤhrt und ergötzt fuͤhlten ſich Alle. Meiſterhaft wurde das Gedicht declamirt. Die beiden Mädchen wurden mit Dankbe⸗ zeigungen uberhäuft. Jetzt erſchien Min⸗ na dem Graf Ernſt wie ein Weſen aus einer höhern Sphäre. Er nahete ſich ihr mit Achtung und Liebe, druͤckte voll In⸗ nigkeit ihre Hand. Sie erwiederte den „ 213 ſeelenvollen Druck und blickte ihn mit ver⸗ ſchaͤmtem Erröthen an. Seine zaärtliche Neigung konnte er ihr nicht mehr ver⸗ heimlichen und ſie verſtand die Sprache ſeines Innern. Am folgenden Tage hatte der Onkel von Hebeſtreit eine ernſte Unterredung mit dem Graf Friedrich und bat ihn dringend, mit ſeiner Gattin hieher zu ziehen. Der alte Graf Raimund unterſtuͤtzte die Bitte gar kräftig. Friedrich bat um Bedenk⸗ zeit. Als Eliſabeth bei der Unterhandlung ſchwieg, ſagte die Mutter zu ihr:„Sprichſt Du denn kein gutes Wörtchen fuͤr den Plan des lieben Onkels?“ Sie erwiederte: „Was mein Gatte beſchließt, das laſſe ich mir auch gefallen. Seine Eltern ſind auch meine Eltern, von denen ich mich nur ſehr ſchwer trennen wuͤrde.“ Zu einer voͤlligen Entſcheidung kam es vor der Ab⸗ —— 21 ½ reiſe nicht. Wie einzelne Stunden, ſo floſſen die glücklichen Tage dahin und der Augenblick ſchmerzlicher Trennung war ge⸗ kommen. Die Gräfin Raimund weinte laut, als ſie von ihrer Eliſabeth ſchied. Den ganzen Morgen bis zur Abreiſe ſaß die gute Tochter mit ihrem Gatten der unendlich geliebten Mutter zur Seite, ohne ſich um die uͤbrige Geſellſchaft zu bekuͤmmern. Herzliches und Freundliches wurde geredet. Bernhard und Hedwig hatten die Außenwelt vergeſſen, ſie waren ſich ſelbſt genug. Faſt that es der ſonſt ſo nachſichtsvollen Mutter weh, daß Hed⸗ wig ſie ſo wenig beachtete und ſie klagte es ihrem Gatten, welcher, ſie troͤſtend, ſagte: „Es iſt die erſte Liebe, der man gar Vie⸗ les verzeihen muß. Sie wird mit der Zeit aus dem Taumel erwachen und mit neuer Zärtlichkeit an Dein Herz zuruͤck⸗ kehren“ Vielleicht am traurigſten von ————— 215 Allen und, der ſeinen geheimen Schmerz am meiſten bekämpfen mußte, war der Graf Ernſt. Daß Minna ſo weit von ihm ging, ſah er als das groͤßte ungluͤck an, was ihm begegnen konnte. Bernharden und Hedwig hatte er ſeine Liebe zu dem Maädchen entdeckt und gebeten, ſie zu er⸗ forſchen, ob ſie ihm geneigt waͤre. Eliſabeth, um ihre Mutter nicht zu betruͤben, hatte ſich's feſt vorgenommen, daß ſie beim Abſchiede nicht weinen wollte, aber, als ſie die Mutrer weinen ſah, da konnte ſie ſich nicht mehr halten und der Schmerz, den ſie gewaltſam unterdruckte, brach in einen Strom von Thränen aus. Wie öde und leer war nun Alles im Schloſſe, aber auch wie traurig und be⸗ truͤht. An demſelben Tage war auch die Baroneſſe von Wettſtein abgereiſet, um 216 den kranken Onkel zu pflegen. Raimund ſchlug ſeiner Gattin eine Luſtreiſe vor, um ſie zu zerſtreuen, aber ſie nahm ſein Anerbieten nicht an. ueber Alles lieb war's ihr, daß ſie ihre Eliſabeth geſehen hatte, die es ihr unverſtellt geſtand, wie ſo uͤbergluͤcklich ſie an Friedrichs Seite lebe. Ihn ſchätzte die alte Gräfin wie einen eigenen Sohn und wuͤnſchte es im Stillen, daß auch Hedwig in Bernhard einen ſo edlen, theuren Gatten gefunden haben moͤchte. Nur aͤngſtigte ſich die Gräfin Rai⸗ mund, ob Eliſabeth auch eine gluͤckliche Niederkunft halten werde. Sehnlich wuͤnſchte ſie es, bei der leidenden Lochter dann zu ſeyn, um ihr Beiſtand zu Jiſten und ihr Troſt einzuſprechen. Die ra Perbſtwitterung ſchien ihr, iihrem ſchwaͤchlichen Körper, eine 6 weite ———————— —————— 37 Reiſe nicht zu geſtatten. Ernſt bot ſich ihr zum Begleiter an. Er hatte von Minna einen Brief auf ſein Schreiben an ſie empfangen, das ihm die Hoffnung gab, ſie werde ihn bei näherer Bekannt⸗ ſchaft ihre Liebe nicht verſagen. Es ſchwankte mit der Reiſe nach Soſtenberg und bis jetzt hatte man daruͤber noch nichts beſtimmt.„Nun,“ ſagte der Graf zu ſeiner Gattin,„wenn Du von Deiner Eliſabeth nicht bleiben kannſt, ſo mache Dich gefaßt, vor dem Fruͤhjahr nicht wie⸗ der hieher zu kommen.“ Sie war unge⸗ wiß, was ſie thun ſollte, da ſie ohne ih⸗ ren Gatten mehrere Monden nicht leben konnte. Ein Brief, den ſie von Eliſabeth er⸗ hielt, die ſie flehentlich um ihren můtterlichen Beiſtand bat, üͤberwand alle Bedenklich. keiten, ſie entſchloß ſich zu der Reiſe, rech⸗ nete auf guͤnſtige Perbſtwitterung unb verſprach, wenigſtens im October wieder 218 zu kommen. Ernſt, der einen zweimonat⸗ lichen Urlaub erhielt, fuhr mit der Mut⸗ ter ab. Unterdeß hatte auch Bernhard und Hedwig nach Nordberg geſchrieben. Sein eheliches Gluͤck ſchilderte er als das hoͤchſte und ſeiner Gattin hielt er eine wahre Lobrede. Einige Wochen ſpaͤter kam ein Schreiben von Hedwig an, das ſie ohne Wiſſen ihres Gatten hatte abgehen laſſen, auf das ſie die Antwort verbat. Sie meldete:„Bernhard iſt unbeſchreiblich gut und bereit, ſich in jedem Augenblick fuͤr mich aufzuopfern. Aber bisweilen uͤbereilt ihn eine fliegende Hitze, die er nicht beherrſchen kann. Ein unſanftes Wort, eine finſtere Miene ſchmerzt mich, wie die haͤrteſte Kränkung. Oefter ſchon habe ich Thräͤnen geweint. Sieht er die, dann iſt er von Schmerz außer ſich und 219 * gelobt es heilig, nie eine Sylbe wieber zu reden, die mich betruͤben kann.— So ſicher und feſt er meiner Liebe vertraut, oͤfter fragt er mich, ob ich ihn auch noch uͤber Alles liebe. In Geſellſchaften be⸗ obachtet er alle meine Bewegungen. Un⸗ gern ſcheint er's zu ſehen, wenn ich mich mit einem andern Manne länger als we⸗ nige Minuten unterhalte. Er fordert es von mir, daß ich ihm den Inhalt des Ge⸗ ſprächs mittheile. Rufen ihn ſeine Ge⸗ ſchaͤfte von mir, ſo fragt er nach der Ruͤck⸗ kehr, ob mich Jemand beſucht hat. Ohne ihn wage ich's nicht, zu einem Menſchen hinzugehen. Neulich hatte er ſogar den ſonderbaren Wunſch, daß ich weniger huͤbſch ſeyn moͤchte. Es ſey ihm hoͤchſt fatal, wenn er Andere von der Schönheit ſeiner jungen Frau ſprechen hore. Er iſt eifer⸗ ſuͤchtig und qualt ſich ohne Noth.— Sehr behutſam muß ich in der Wahl ————————.. 220 meiner Worte ſeyn. Er iſt zu Mißdeu⸗ tungen ſehr geneigt.— Ruhiger und ſtil⸗ ler, aber auch herzlicher liebe ich den fuͤr⸗ trefflichen Mann. So frei und unbefan⸗ gen, wie im Glternhauſe, bin ich nicht mehr. Manches Unangenehme, was mich druͤckt, wird verſchwinden, wenn Bernhard die Bitte ſeines Vaters erfuͤllt, zu deren Erfuͤllung er jetzt geneigt ſcheint, und das Landleben mit dem Aufenthalte in der großen Stadt vertauſcht. Er meint, der vielſeitige, unvermeidliche Umgang ſey fuͤr die Freuden des ehelichen Giuͤcks ſtorend. Gern folge ich ihm nach, wohin er geht, wo er iſt, da bin ich gluͤcklich. Gern moͤchte ich meiner Eliſabeth naͤher ſeyn ꝛc.“ Agnes war, nach der Abreiſe der Mutter, bei ihrem Vater allein. Einige Wochen ſpäter meldete die Baroneſſe von Wettſtein den Tod des Onkels und be⸗ 22T ſtimmte ihr zugleich den Tag, wo ſie ih⸗ ren Beſuch unfehlbar erwarte, da ſie ihr eine Nachricht von hoͤchſter Wichtigkeit mitzutheilen haͤtte. Schon fruͤher, als die Baroneſſe ſie gebeten hatte, eilte Ag⸗ nes zu ihr hin. Die Hoffnung, daß ir⸗ gend eine guͤnſtige Nachricht von Adolph eingekaufen ſey, ließ ihr keine Ruhe.„Lie⸗ be Tochter,“ ſagte der Vater zu ihr,„täu⸗ ſche Dich nicht mit einem ſußen Wahn, es moͤchte Dich bitter ſchmerzen, wenn Du Dich getäuſcht ſiehſt. Hätte die Mutter Nachricht von ihrem Sohne, ſie wůrde ganz anders an Dich geſchrieben und Dir ihr Gluck zu erkennen gegeben haben.“ Agnes blieb feſt bei ihrem Glauben, daß ſie von der Baroneſſe Freudiges et⸗ fahren werde. Sie reiſete ſehr fruͤh ab und gab ihrem Vater das Verſprechen, 222 daß ſie am Abend wieder zuruͤckkommen wollte. Er fuͤhlte ſich in der Einſamkeit ſehr unbehaglich und es that ihm jetzt leid, daß er ſeine geliebte Gattin auf eine ſo lange Zeit von ſich ließ. Es war ſehr ungewiß, ob er ihr nicht nacheilte, um an dem Tage, wenn der Kindtaufsſchmaus in Soſtenberg gefeiert wurde, daſelbſt ein⸗ zutreffen und ſeine Gattin zuruͤck zu be⸗ gleiten. Briefe, die ihm die gluͤckliche Niederkunft ſeiner Tochter meldeten, er⸗ wartete er mit jedem Tage, Mit offenen Armen wurde Agnes von der Baroneſſe empfangen, die, ob ſie gleich in einem Trauerhauſe war, ihr ein freudiges Geſicht machte und ſagte:„O! meine Agnes, ich waͤre nun ganz gluͤcklich, wenn mir die nicht fehlten; mit denen ich mein Gluͤck zu theilen wuͤnſchte, indeß das 4 truͤbe Dunkel, was uͤber meinem Schickſale ————— ————— 223 bisher ſchwebte, fängt an, mit matten Strahlen ſich aufzuhellen. Vor Monden war ich eine arme Frau, und mußte es der Guͤte Deiner Eltern danken, daß ich nicht in groößere Noth gerieth, auf einmal bin ich eine reiche Frau geworden. Alles, was Du hier ſieheſt, iſt mein Eigenthum, bis Adolph kömmt. und er wird wieder kommen, wann, das wage ich nicht zu be⸗ ſtimmen. Mäßige Deine Freude und bleibe Deiner machtig, wenn ich Dir ſage, ich habe von ihm ſelbſt einen Brief er⸗ halten, den er in London ſchrieb. Er iſt nach Philadelphia abgegangen, um ſein Gluͤck dort zu verſuchen. Wie er die Seereiſe uͤberſtanden hat, und ob er gluͤck⸗ lich und geſund in Amerika angekommen iſt, das wiſſen allein die Goͤtter. Unter allen Veraͤnderungen ſeines Lebens wird die Liebe zu Dir in ſeiner Bruſt nie er⸗„ kdlten. Nach einigen Jahren wil er wie⸗ der kommen, mich zu ttöſten und er bittet 4 mich, Dich zu beruhigen, ſo viel ich's vermag.“ Oft unterbrach Agnes die Rede der Baröneſſe, welche ſie bat, ihre Gefuͤhle der Liebe und Sehnſucht zu beherrſchen, da es immer noch nicht gewiß ſey, ob ſie Adolphen je wieder ſehen werde.„Er iſt ein ſterblicher Menſch,“ ſagte ſie,„und auf einer ſo weiten Reiſe ſind viele Ge⸗ fahren zu uͤberſtehen.“ Auf Agnes Bitte gab ihr die Baro⸗ neſſe den Brief ihres Sohnes ſelbſt zu le⸗ ſen. Als ſie ſeine Hand erkannte, wurden ihre Augen ſo von Thränen gefullt, daß. ſie das Geſchriebene nicht leſen konnte. Nach einer Weile las ſie:„Verzeih, mei⸗ ne theure Mutter, daß ich Dich verließ. So verarmt konnte ich in Agnes Nähe 325 nicht aushalten. Ein edler Freund unter⸗ ſtuͤtzte mich mit dem noͤthigen Gelde, daß ich die Reiſe nach Philadelphia machen konnte. Dort, bei unſerm Vetter von Huſchka, glaube ich memen ungluͤcklichen Vater zu finden. Lebt er noch, gewiß iſt er dahin gegangen. Dieſer theure und reiche Verwandte wird ſich eines Unglück⸗ lichen annehmen, der es ohne ſeine Schuld geworden iſt. Wenn mein Herz ruhiger ſchlaͤgt, dann kehre ich wieder in Deine Arme zuruͤck. Mich troſtet die Hoffnung, daß der edle Graf Raimund ſich Deiner annehmen wird. Agnes wird Dich wie eine Tochter lieben. Ach! der Gedanke an bieſes herrliche Weſen, den ich nicht los werden kann, foltert mich ſchrecklich. Moͤchte ſie mich vergeſſen können und gluͤcklich ſeyn! Die Moglichkeit, ſie je durch meine Liebe zu begluͤcken, iſt mir ver⸗ ſchwunden. Mein Schickſal iſt das här⸗ 15 1226 teſte; doch ich wilt mit der Vorſehung nicht hadern. Wenn Du glaubſt, daß es ihre Ruhe nicht ſtoͤrt, ſage ihr von mir den herzlichſten Gruß, der ich ewig erge⸗ ben bleibe. Deinen Brief an mich ſchicke an den Kaufmann John Shierting nach London, der ihn nach Philadelphia beſor⸗ gen wird. Troͤſte Dich im Schmerze, wir ſehen uns vielleicht in Freuden wieder. Ich muß ſchließen, eben werde ich abge⸗ rufen, um das Schiff zu beſteigen, das mich nach einem andern Welttheil hinfuh⸗ ren ſoll ꝛc.“ v Agnes war von Schmerz und Freude außer üch.„Er lebt!“ rief ſie voll Ent⸗ zuͤcken aus.„Grauſam iſt die Gottheit nicht, ſie pruͤft die Menſchen und belohnt die vertrauungsvolle Dulderin! Ich hoffe, ja, ich glaube es, meinen Adolph werde ich wieder umarmen! Täglich will ich fuͤr 227 ihn beten. Schreiben Sie's ihm auf der Stelle, daß er ſeine Ruͤckreiſe antritt. In Gram und Kummer ging er von uns, in Wonnen wird er wiederkehren! Ach! wie klein erſcheint mir das Gluͤck meiner Schweſtern gegen das meine! Die Baroneſſe mußte ſich auf ber Stelle niederſetzen und an ihren Sohn ſchreiben. Sie meldete ihm, daß er das Gut ſeines verſtorbenen Onkels geerbt hatte und daß er im Stande ſey, ſeine Agnes, wie ſie's fordern könne, zu unter⸗ halten. Sie bat ihn, zuruͤck zu eilen, um ihre Sehnſucht zu beruhigen. Auch Ag⸗ nes betheuerte ihm ſchriftlich ihre treue Liebe und beſchwor ihn, ſich nicht laͤnger von ihr entfernt zu halten, als es ſeine weite Reiſe nöthig mache. Da wir hier eine bequeme Stele 15* 228 finden, wollen wir das Merkwuͤrdigſte von Adolph einſchieben, ſo weit es hieher ge⸗ hoͤrt.— Mit guͤnſtigem Winde ſegelte er aus einem engliſchen Hafen nach Amerika ab. Seine Seele war in einer ſchwer⸗ muthsvollen Stimmung. Nur mit ſeinem innern Gram beſchaͤftigt, achtete er wenig auf die Außenwelt, ſo viel Intereſſe ſie unter andern Umſtänden fuͤr den wißbe⸗ gierigen Juͤngling gehabt haben wuͤrde, der nie die See ſah. Das harte Geſchick hatte ihn an den empfindlichſten Seiten verwundet. Er duͤnkte ſich reich und war ſo ploͤtzlich arm geworden; dieſe hochſt un⸗ guͤnſtige Verwandlung wuͤrde er mit Faſ⸗ ſung ertragen haben, da er einen Schatz mannichfaltiger Kenntniſſe beſaß, die ihm genugſame Mittel darboten, um durch ei⸗ 1 gene Kraft ſeinen Unterhalt zu verdienen, wenn mit ſeiner Verarmung nicht zugleich der Verluſt ſeiner geliebten Agnes ver⸗ 229 bunden geweſen ware. Daß ein vermogen⸗ der Graf ihm ſeine Tochter geben werde, das glaubte er nicht, das wagte er nicht zu fordern. Mit der kindlichſten Zärtlich⸗ keit hing er auch an ſeinem in aller Hin⸗ ſicht verehrungswürdigen Vater, dem er die leidenſchaftliche Thorheit laͤngſt verzie⸗ hen hatte, daß er ſein Vermögen nicht ordnungsmäßig verwaltete und ſich durch koſtſpielige Liebhabereien und zu vielen Aufwand zu Ausgaben verleiten ließ, die ſeine Einnahmen uͤberſtiegen. Er war in bangem Zweifel, ob er ſich dem Vater todt oder lebend denken ſollte. Daß er ſchrecklich mit ſich gekaͤmpft hatte, bies dachte er ſich als gewiß. In welch einer Lage mußte er ſich ſeine Mutter denken, eine Frau, die ohne ihren Gatten und Sohn micht leben konnte und nun einſam da ſtand; die ſonſt im Ueberfluß lebte, und, wenn ſich wohlthätige Menſchen ihrer 230 es recht war, daß er ſie verließ und ihr im Unglücke die einzige Stuͤtze entzog, das war es, was ihn betruͤbte, weshalb er ſich Vorwuͤrfe machte. Einige Tage war er auf der See, als ihn Ohnmacht und Mattigkeit anwan⸗ delte. Er fiel in die gewoͤhnliche Krank⸗ heit, glaubte zu ſterben, erholte ſich aber nach mehrern Tagen wieder. Seine Ge⸗ ſundheit war erſchuͤttert und er kam zur vollen Kraft nicht wieder. Als er, nach Verlauf von vierzehn Wochen, ans Land ſtieg, ſuchte er eine Herberge, nahm einen Arzt an und wollte erſt fuͤr ſeine völlige Wiederherſtellung ſorgen, ehe er zu ſeinem Vetter von Huſchka hinging. Er fuhlte ſich auch ſo abgemattet, daß er das Zim⸗ mer nicht verlaſſen konnte. Seine Kaſſe wurde ſchwächer und die Sorge, ob er er⸗ nicht annahmen, jetzt darben mußte! Ob 231 forderliche Ausgaben werde beſtreiten kön⸗ nen, plagte ihn ſehr. Daß ſein Vetter noch lebte, daß er ein reicher Mann ſey, einen erwachſenen Sohn und zwei ſchoͤne, mannbare Toͤchter hatte, das Mabe er von ſeinem Wirthe. Sein erſter Gang war an einem Sonntage nach einer Kirche gerichtet. Hier wollte er dem Erhalter ſeines Lebens dan⸗ ken, der ihn hieher gebracht und ihm ſeine Geſundheit wieder geſchenkt hatte. Eine große Menſchenmenge war in dem Tempel voll feierlicher Andacht und Stille verſam⸗ melt. Der Prediger predigte ganz fur⸗ trefflich und Adolph fuͤhlte ſich im In⸗ nern getroͤſtet und geſtärkt. Heute noch wollte er zu ſeinem An⸗ verwandten hingehen, um von ihm zu er⸗ fahren, ob er auf eine anſtändige Weiſe 232 ſeinen Unterhalt verdienen und insbeſon⸗ dere, ob er erfreuliche Auskunft von dem Lehen und Aufenthalte ſeines Vaters ein⸗ ziehen koͤnne. Seine Seele war in einer ngſtlichen Stimmung. Das Geſtändniß ſeiner Armuth, das er ablegen mußte, war ihm ſchrecklich. Wie groß ware ſeine Freude geweſen, wenn er ſich als ein rei⸗ ſender, reicher Juͤngling dem Blutsfreunde ſeines Vaters anmelden konnte, von dem er oft ſo ruͤhmlich und ehrenvoll hatte ſprechen hoͤren. Er wird dir ſein Mit⸗ leid und ſeine Theilnahme nicht verſagen, ſagte Adolph zu ſeiner Beruhigung zu ſich ſelbſt, er, der einſt in einer ähnlichen Lage war, und ſein Gluͤck durch eine liebens⸗ wuͤrdige Amerikanerin gruͤndete. Wie viel Gutes hat er ſchon ſeinen Anverwandten m Dentſchland erwieſen, dich wird er auch nicht von ſich ſtoßen. Ach! und wenn du deinen Vater bei ihm faͤndeſt! 233 Abolph ließ ſich durch einen Bedien⸗ ten des Gaſthofs, in dem er wohnte, bis vor die Thuͤr des Herrn von Huſchka bringen. Es war ein großer, praͤchtiger Pallaſt, den der Mann bewohnte, auf deſſen Wohlthun er rechnen mußte. Als er in den geräumigen Hausflur trat, ſtand ein Bediente vor ihm, der ihn fragte, was zu ſeinem Befehl ſtehe. Mit kurzen Wor⸗ ten ſagte er:„Melden Sie mich Ihrem Herrn als einen Reiſenden aus Deutſch⸗ land an, der ihn nothwendig ſprechen muß.“ —„Die Herrſchaft iſt auf einer Spazier⸗ fahrt,“ erwiederte der Menſch,„von der ſie am Abend erſt zuruͤckkoͤmmt. Nur die aͤlteſte Tochter iſt hier, ſoll ich Sie bei dieſer anmelden?“—„Auch bei dieſer,“ bat Adolph. Nach einer kleinen Weile erſchien ein junges, ſchoͤnes Mädchen, nöthigte Adolphen 234 ins Zimmer und ſagte:„Es wird mei⸗ nem Vater große Freude machen, einen Landsmann zu ſehen. Vielleicht bringen Sie ihm Briefe von ſeinen Anverwandten aus Deutſchland, fuͤr die ſich ſein Herz noch gar ſehr interreſſirt. Die Zeit moge Ihnen bei mir nicht lange dauern. Ge⸗ hen durfte ich Sie nicht laſſen, weil ich ſonſt meinen Vater erzuͤrnt haͤtte. Ver⸗ ſäͤumen Sie nichts, ſo laſſen Sie ſich's hier ſo lange gefallen, bis meine Eltern kommen, die, da die Luft kuͤhl weht, heute wohl nicht lange im Freien ausdauern werden.“ Das Maͤdchen faßte Adolphen ſcharf ins Auge, er bemerkte es, ihr Geſicht wurde ganz roth, ſie entfernte ſich mit ei⸗ ner Entſchuldigung, als ob ſie ihre Verle⸗ genheit verbergen wollte und ließ ihren Gaſt allein, der noch kein Wort mit ihr ————— 235 gewechſelt hatte. Es erſchien ein Bediente, der verſchiedene Weinſorten, ein Glas und Gebackenes brachte und mit den Worten das Zimmer verließ:„Iſt's dem Herrn gefällig, eine kleine Stärkung anzuneh⸗ men?“ Adolph konnte weder eſſen noch trinken, ſeine Seele war in der hoͤchſten Spannung und eine ſchwere Laſt lag auf ſeinem Herzen. Machte er einen Schluß von der guͤtigen Behandlung der Tochter auf den Charakter ihres Vaters, ſo durfte er ſich im voraus einer freundlichen Auf⸗ nahme von ſeiner Seite verſichert halten. Das Maädchen erſchien wieder und drang in ihn, daß er ein Glas Wein an⸗ nehmen mußte. Sie fragte ihn nach den Verwandten ihres Vaters und ſchien ſich gar nicht zu wundern, daß er ihr den ge⸗ naueſten Beſcheid von ihnen geben konnte Einige Stunden hatte er mit ihr 8 236 ſprochen, als ſie ihn bat, ja zu bleiben, wenn ſie ſelbſt zu ihren Eltern hinfuͤhre, um die Ruͤckkehr derſelben zu beſchleunigen. „Mein Vater wuͤrde es mir nicht verzeihen,“ ſprach ſie,„wenn ich ihn nicht riefe.“ Sie entfernte ſich, ſtreg in einen Wagen, der raſch davon eilte. Adolph ſtaunte über die gefaͤllige Guͤte des Maͤdchens, die ihm unerklaͤrbar war. Nach ſeinem Vater hatte er ſie aus guten Gruͤnden nicht gefragt, ſie ſagte auch nichts, daß er angekommen ſey. Mit keiner Sylbe erkundigte ſie ſich, wer er ſey und weshalb er ihren Vater zu ſprechen wuͤnſche. Sie aber erkannte ihn auf den erſten Blick und zweifelte nicht, daß er der Sohn des Baron von Wett⸗ ſtein waͤre, mit dem er die größte Aehn⸗ lichkeit hatte. Wirklich war der Baron in Philadelphia angekommen, hatte rein und wahr dem Herrn von Huſchka ſeine Geſchichte erzähit, der ihm einen lebens⸗ — — 237 wierigen Aufenthalt in ſeinem Hauſe an⸗ bot. Erſt ſeit einigen Monaten war er hier und wurde von Allen geliebt. Einen Brief hatte er bereits an ſeine Gattin geſchrieben, der aber in Kronhauſen noch nicht angekommen war und wahrſcheinlich unterwegs verloren ging. Der wahrhaft ungluͤckliche Mann, welcher reuvoll an die Vergangenheit dachte und ſich die bitter⸗ ſten Vorwuͤrfe machte, daß er ſeine Aus⸗ gaben nicht fruͤher beſchräͤnkte und ſeine ihm ſo theure Familie in dem Elende ver⸗ ließ, hatte bisweilen Anwandlungen von einer duͤſtern Schwermuth. Der guͤtige von Huſchka ſprach ihm Troſt ein und ſuchte ihn auf eine ſeinem Gemuthszu⸗ ſtande angemeſſene Weiſe zu terſtreuen. Eben ſo thaten ſeine Gattin und Kinder, was ſie zu ſeinet Aufheiterung vermochten. Marig, ſo hieß die älteſte Tochter. 238 uͤberlegte auf dem Wege zu ihren Eltern wohl, was ſie ſagen wollte, um das Ge⸗ heimniß, das ihre Seele beſchaͤftigte, zu verbergen. Es war ja doch möglich, daß dieſer Juͤngling, ſeiner Aehnlichkeit mit dem Baron ungeachtet, der Sohn deſſel⸗ ven nicht war. Liebgewonnen hatte ſie ihn um ſeiner beſcheidenen, artigen Bil⸗ dung, um ſeines Anſtandes willen, und, was ſie ſich nicht geſtand, auch darum, weil er ein ſchöner Juͤngling war. Auf halbem Wege kamen ihr die Eltern ſchon von Delaware entgegen. Sie rief dem Vater zu und bat ihn, Platz bei ihr in 5 dem Wagen zu nehmen. Als man ſie fragte, weshalb ſie ihnen nachgekommen ſey, ſagte ſie:„Die Langeweile trieb mich fort. Mit wenigen Worten entdeckte ſie dem Vater das Geheimniß, welcher dem Futſcher, der den zweiten Wagen fuhr, vefehlend zurief;„Du fährſt langſam 239 und koͤmmſt uns nach.“ Er ließ die Pferde antreiben und erreichte Philadelphia bald. Sehr begierig war er, den Juͤngling zu ſehen, von dem ihm ſeine Tochter ſo viel Empfehlendes erzahlte. Raſch ging er in das gimmer, in dem Adolph war. Der Juͤngling verbeugte ſich vor ihm, Huſchka umarmte ihn.„Sie ſind ein Deutſcher und als ſolcher mir ſehr willkommen,“ ſprach Huſchka.„Was ſuchen Sie bei mir? Kann ich Ihnen gefällig ſeyn? Reden Sie ohne Umzuͤge.“ — Mit bebender Stimme begann Adolph alſo:„Ich bin der Sohn des ungluck⸗ lichen Baron von Wettſtein und ſuche meinen Vater, von dem ich nicht weiß, ob er noch unter den Lebenden iſt. Er iette menſchlich in der Berechnung ſeines Vermögens, wurde ein armer Mann da er Sie immer ſo ſchr gerühmt hat, N — 240 wähnte ich, daß er ſich zu Ihnen gefluͤch⸗ tet haͤtte.“—„Mein Sohn,“ ſagte Huſch⸗ ka,„faſſe Vertrauen zu mir, Du biſt mein Vetter, was ich zu Deinem Gluͤcke beizu⸗ tragen vermag, ſoll nicht unterbleiben. Ach! ich weiß es aus eigener Erfahrung, wie wohl es ðẽm̃ Kummervolen ihut, wenn er einen Tröſter und Helfer findet. Deine Dienſte ſ dem weſtlſigen Handelsge⸗ ſchaͤfte, was ich treibe, werden mir ſehr nutzlich ſeyn, ich will ſie belohnen und finde an Dir einen Juͤngling, auf deſſen Ehrlichkeit ich mich verlaſſen kann. Wer weiß, ob die Vorſehung nicht Alles ſo ein⸗ leitete, um Dich zu mir zu fuͤhren und Dei Beſtes hier zu gruͤnden. Aber Dein Vater, der reiche Mann, iſt verarmt, das nennſt Du einen Irrthum in der Berech⸗ nung ſeines Vermögens? Du weißt nicht, ob er todt iſt oder lebt? Adolph, dies iſt doch Dein Name, folge mir auf ein ent⸗ 241 legenes Zimmer nach, da ſollſt Du mir das Räthſel loͤſen, was mir in Hinſicht Deines Vaters ſo unbegreiflich vorkommt.“ Im Weggehen ſagte er zu ſeiner Tochter: „Marie, Du ſprichſt kein Wort davon, daß unſer Vetter angekommen iſt.“ Adolph erzaͤhlte Alles eben ſo, wie es Huſchka ſchon von dem Baron gehört hatte. Ein Bediente kam und meldete: daß zum Abendeſſen angerichtet ſey. Huſchka faßte Adolphen bei der Hand und ſagte:„Komm, Du theurer Sohn, der ſeinem Vater ſo guͤtig ſeine Schuld ver⸗ zeiht, ihn dankbar ehrt und keine Gefahr ſcheuet, um ihn zu ſuchen. Du wirſt ihn finden. Nahe Dich mit vollem Herzen meiner Familie, wie einen Sohn und Bruder wird ſie Dich aufnehmen. So viel wir's Alle vermoͤgen, wollen wir's Dir erſetzen, was Du verlorſt und Dei⸗ 16 5 242 nen Kummer mildern. Die Freude wohnt oft ſo nahe bei dem Schmerze.“ Als ſich die Thuͤr des Speiſezimmers aufthat, und Huſchka mit Adolph an der Hand hereintrat, waren Aller Blicke auf den Fremden gerichtet. Nur des erſten Anſchauens des Barons von Wettſtein bedurfte es, und ſogleich erkannte er ſei⸗ nen Adolph. Aufs heftigſte war er er⸗ ſchuͤttert. Seine Knie zitterten, ſeine Zunge klebte am Gaum.„Sohn, Sohn!“ rief er aus,„wie finde ich Dich hier! Willſt Du mich anklagen, oder haſt Du mir verziehen und ſucht mich Deine Liebe? Ich fuͤhle mich hochſt ungluͤcklich und hochſt glucklich zugleich!“ Adolph hoͤrte die Stimme ſeines Va⸗ ters, er ſah ihn mit ſeinen Augen, ſein Herz uͤberſtroͤmte vor Wonne, jede Spur 243 von Schmerz und Gram war in ſeiner Seele verwiſcht. Mit den Worten:„Va⸗ ter, ach! mein theurer Vater, Du lebſt, an mein kindliches Herz kann ich Dich noch druͤcken!“ eilte er zu ihm hin, um⸗ armte ihn und konnte, uͤberwaͤltigt von einer maͤchtigen Empfindung, keine Sylbe weiter reden. Huſchka ſagte zu ſeiner Fa⸗ milie, die in ſtaunende Theilnahme gleich⸗ ſam aufgelöſet war:„O! welch ein herr⸗ licher Sohn, der nicht eher ruht, bis er ſeinen ungluͤcklichen Vater gefunden hat, um ihn zu tröſten und ſich zu beruhigen! Er ſey unſer Kind, Bruder und Freund!“ Ach, mein Adolph!“ rief der Baron aus,„ungluͤcklich habe ich Dich und Deine Mutter gemacht, kannſt Du mich noch achten und lieben? Vor Schaam möchte ich vergehen!“—„Vater,“ entgegnete der Juͤngling,„der beſte Menſch ſtrauchelt, 5 244 ein Verbrechen haſt Du nicht begangen, Gott wird Dir verzeihen, quäle Dich nicht mit bitterer Reue. Vorher liebte und ach⸗ tete ich Dich nur, jetzt habe ich auch Mit⸗ leid mit Dir. O! mein Vater, ich duͤnke mich unendlich reich, daß ich Dich, den theuerſten Schatz meines Lebens, wieber fand! O! laß uns heute noch an die gute Mutter ſchreiben und ſie tröſten! Sie haͤlt Dich fuͤr todt, und ihr Auge wird von Thränen nicht trocken!, Ach! wie viele Arme, denen Du der edelſte Wohlthäter warſt, weinen Dir nach! Wie preiſe ich Gott, daß ich Dich wieder habe!“ Wie Vieles hatte ſich der Vater und Sohn nicht zu ſagen, was die Herzen der Umſtehenden ruͤhrte und ſie in Ach⸗ tung und Liebe zu ihnen hinzog. Marie beſonders konnte ſich an Adolph nicht ſait ſehenz Alles, was er ſprach, drang bis ——— — 245 ins Mark ihrer Seele und flößte ihr die zaͤrtlichſte Neigung fuͤr ihn ein. Ein jun⸗ ger Englaͤnder warb um ihre Hand, die Eltern wuͤnſchten ihre Verbindung mit ihm; aber ſie hatte ihm ihr Jawort noch nicht gegeben, da ihr ſein Betragen, ein eckiges, ungefälliges, bruͤſtiges, bei alle ſei⸗ ner Charakterguͤte, die ſie ihm zutrauete, nicht gefiel. Wenn er nur einen Zug von dieſem Adolph hätte, dachte ſie in ihrem Innern, dann wuͤrdeſt du dich leichter zur Verheirathung mit ihm entſchließen koͤn⸗ nen. Adolphs Betragen gegen ſeinen Va⸗ ter war hinreichend, um ihm die Herzen der ganzen Familie zu gewinnen. Jakob, Huſchka's Sohn, der mit ihm von glei⸗ chem Alter war, nannte ihn bald Du und lebte mit ihm in bruͤderlichem Umgange. Der Herr von Huſchka verſuchte Adolphs 246 Krafte und als er fand, daß er im Rech⸗ nen und im Schreiben franzoſiſcher und italieniſcher Briefe ſo geuͤbt war, uͤber⸗ trug er ihm, nach vorhergegangener An⸗ weiſung, einen ſehr wichtigen Poſten in ſeinem Comtoir, dem er ruͤhmlich und pünktlich vorſtand. Wäre die Gattin und Mutter in Philadelphia geweſen, nach der ſich der Vater und Sohn ſehnten und 4 wäre dieſer von dem Liebesverſtändniß mit Agnes frei geweſen, die Familie hätte ſich ſehr gluͤcklich gefuͤhlt. 2 Marie verrieth durch Worte, Geſchenke und Briefe ihre Liebe Adolphen nur zu bald. Er war aufrichtig gegen ſie und ſchrieb folgendes an ſie:„Meine theure Marie! kein Weſen in der Welt liebe ich mehr, als Dich. Vielleicht gaͤben Deine Eltern Deine Verbindung mit mir zu; aber ich habe mein Wort einer Graͤfin 247 Raimund gegeben, und will es, halten, bis ſie ſich freiwillig von mir losſagt. Deine Unſchuld und Guͤte ehre ich uͤber Alles. Ehre meine Treue gegen eine Ge⸗ liebte, die ich fruͤher kannte, als Dich. WMein Verſprechen iſt mir heilig, brechen, kann ich es nicht. Entziehe mir Dein Wohlwollen nicht.“ An einem Morgen, wo Mariens El⸗ tern allein waren, ließen ſie Adolphen zu ſich rufen. Huſchka ſagte zu ihm:„Adolph, Du weißt es, daß Marie Dich liebt. Iſt ihr Dein Herz nicht abgeneigt, ſo gebe ich ſie Dir zur Gattin. Deinen Wohlſtand will ich begruͤnden.“— Er erwiederte: „Für mich giebt's kein Gluͤck, was mir gewonnen werden kann, wenn ich ein Ver⸗ brechen begehe. Eine fruͤhere Verbindung legt mir Bande an, die ich nicht zerrei⸗ ßen darf. Werde ich aber meines Ver⸗ 248 ſprechens entbunden; ſo wird kein Maͤd⸗ chen in der Welt, als Marie, meine Gat⸗ tin.“ Man bat ihn, nach Deutſchlnd an ſeine Mutter zu ſchreiben, um Erkundi⸗ gungen wegen Agnes einzuziehen. Ehe dieſer Brief abging, erhielt er das Schrei⸗ ben von ſeiner Mutter und Agnes, deſſen wir vorhin erwaͤhnten. Auf der Stelle wurde der Entſchluß der Abreiſe gefaßt und der Baron von Wettſtein zögerte keinen Augenblick, ſeinen Sohn zu be⸗ gleiten, der durch die Erbſchaft des On⸗ kels ſo reich geworden war, daß er ſeine Eltern wohl ernaͤhren konnte, Am troſtloſeſten war Marie, als Abolph von ihr ſchied. Allen wurde die Trennung ſchwer.„Vergeßt uns im Glucke nicht,“ ſagte Huſchka,„wir haben es im Ungluͤcke mit euch gut gemeint.“ Vater und Sohn hatten keine Worte, um ihren Wohlthätern wuͤrdig genug zu dan⸗ ken, denen ſie ein unvergeßliches Anden⸗ ken gelobten. Während der Reiſe des Barons und ſeines Sohnes erhielt die Baroneſſe von Wettſtein das Schreiben von ihrem Gat⸗ ten und von Adolph. Wer kann die Freude dieſer zaͤrtlichen Gattin ſchildern, als ſie's gewiß wußte, daß ihr Gatte noch lebte! Sie eilte ſogleich nach Nordberg, um ihren Freunden dieſe frohe Nachricht mitzutheilen.„Gewiß,“ ſagte ſie,„ſind unſere Lieben ſchon auf dem Ruͤckwege be⸗ griffen, wenn ſie unſere Briefe erhielten! Ein guter Gott ſchuͤtze ſie vor aller Ge⸗ fahr und fuͤhre ſie geſund in unſere Ar⸗ me!“—„Ach!“ rief Agnes voll Ent⸗ zuͤcken aus,„ich Uebergluͤckliche! Meinen 250 Adolph werde ich wieder ſehen, auf ewig mit ihm verbunden, nur der Tod ſoll mich von ibm trennen! Wunderbarer Gott, wie haſt Du meine Seufzer in S ſange verwandelt!“ Das gräfliche Schloß war voll Jubel und Wonne. Ende des erſten Theils. — Bei dem Verleger dieſes ſind auch noch folgende Romane herausgekommen, welche um beigeſetzte Preiſe in allen Buchhanblungen Deutſchlands zu ha⸗ ben ſind: Abentheuer im Walde, das, oder Thereſe. Roman vom Verfaſſer der Liebesprobe. Zwei Baͤndchen mit einem Kupfer. Z. 4 1 Rthlr. 20 Gr. Bandit in Rom, der, oder die ſchreckliche Verwechſelung. Vom Verfaſſer des „Albert von Reinſtein.“ Drei Theile. 3 Thlr. 4 Gr. Hildebrandt, C., Brömſer von Ru⸗ desheim, oder die Todtenmahnung. Rit⸗ terroman aus dem raten Jahrhundert. Drei Theile. Mit einem Kupfer. 3 Thlr. 8 Gr. Derſelbe, der Theaterſchneider. Komi⸗ ſcher Roman in drei Theilen. Mit einem Kupfer. 3 Thlr. 12 Gr. Mettingh, Philippine v., Aurelie, die ungluͤckliche Füͤrſtentochter, oder Wahrheit und Trugſchluͤſſe. Roman in zwei Theilen. ₰ 1 Thlr. 18 Gr. Puſtkuchen, Dr. F., die Yerlenſchnur. Bwei Theile. Mit einem Kupfer. 1Thlr. 20 Gr. Saloon, M., Ebuards lette Jahre. Roman in zwei Theilen. Mit einer Muſikbeilage. 1 Thlr. 18 Gr. Benno von Rabeneck, oder das warnende Gerippe im Brautgemach. Eine Rit⸗ tergeſchichte a. d. 13ten Jahrh. Vom Verf. Albert v. Reinſtein. 2 Theile. 8 —— 1 Thlr. 16 Gr, 2 Brautraub, der. Roman vom Verf. der Paulowna. 2 Thle. 8. 1 Thlr 18 Gr. Graf Albert von Reinſtein, oder das heim⸗ liche Gericht der Teufelsmauer. Rit⸗ tergeſchichte a. d. Zeiten der Vehme. 3 Thle. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Thlr 4 Gr. Hildebrandt, C., der Huſar. Roman in 3 Theilen. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Thlr. 8 Gr. Derſelbe, die Burg Helfenſtein, oder das feurige Rachſchwerdt. Zwei Theile. 8. 1 Thlr. 18 Gr. Kunze, St.,(Verfaſſer Heinrichs des Loͤwen) der Landpfarrer von Schönberg. 2 Thle. Mit 1 Kupfer. 8 2 Thlr. Liebesprobe, die. Roman vom Verf. Al⸗ berts von Reinſtein. 2 Thle. 8. 2 Thlr. Mettingh, Philippine von, der Fluch * „ der Weiſſagung. Roman in 2 Theilen. 8. 1 Thlr. 12 Gr. Mitternachtsglocke, die, oder Walther von Windheim. Roman von Jean Pierre, Verfaſſer des Romans: Thomas Im⸗ gart. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Nicolai, C., Erzählungen und Schwänke. 2 Thle. Ir Theil: Der Kornpreis.— Die Stecknadel.— Bagage einer Schauſpielergeſellſchaft.— Bruchſtuͤck aus dem Tagebuche eines Gaſtwirths. 2r Theil: Idalia.— Die Reiſe ins Bad. 2te wohlfeilere Ausg. 8. 2 Thlr. 12 Gr. Räuber, die, in den Klüften des katro⸗ felſens. Z.„ 1 Thlr. 4 Gr. Sarazenenſchwerdt, das, Ritterroman aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. Vom Verf. Alberts von Reinſten. 2 Thle. 8. 1 Thlr. 14 Gr. Schulze, Ernſt, Kuͤnſtlerfahrt. Roman in 2 Bandchen. 8. 1 Thlr. 10 Gr. Derſelbe, Rino, oder der Liebe Täu⸗ ſchung. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Vasco und Iſabella, oder der Groß⸗In⸗ quiſitor. Schaudergeſchichte aus Spa⸗ niens furchtbaren Inquiſitionsgerichten. Vom Verf. des Dedo von Adlerſtein. 2 Theile. Z. 2 Thlr 6 Gr. Mettingh, Philippine v., des Schick⸗ ſals Tuͤcke, oder Auguſte. 8. 16 Gr. Dieſelbe, Emma von Römhold. Ro⸗ man. 8. 1 Thlr. Nicolai, C., Der Auſternſchmaus.— Die Liebſchaft im Keller.— Die Tanz⸗ Nicolai, C., die Brautnacht ohne Braut. * 16 Gr. Derſelbe, die Familie Sternfels. Ro⸗ man in 3 Theilen. 2te Ausgabe. 2 Thlr. 12 Gr. Zeriplbe⸗ das Grab am Veſuv. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Derſelbe, die Banditenhoͤle von Cara⸗ ſtro. Roman. 8. 1 Thlr. Derſelbe, Gemaͤlde des weiblichen Lebens, in Erzählungen. Zweite durchgeſehene und wohlfeilere Auflage. 8. 1 Thlr. Derfelbe, Glorina, eine Legende.— Der juͤngſte Tag, ein Schwank.— Täuſchung in der Liebe, Erzählung.— keine Legende. 8. 20 Gr. e, Foli. oder das Mohrenmäd⸗ 18 Gr. ———— nſſſſiſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 5