Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Cdnard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von hinterkegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 5 4 Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat:[W.— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— If. 3„ 5 auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte ver: korene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ver Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſpnders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 zeiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Neue Romane aus dem Verlag von Eruſt Zulius Hünther in cLeipzig. (In jeder guten Leihbiblibthek zu haben.) Hraf Alrich Bandiſſin, Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman. 3 Bde. Preis Thlr. 2. Anguſt Becker, Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß. 4 Bde. Preis Thlr. 4. M. E. Braddon, Die Lovels auf Arden. Autoriſirte Aus⸗ gabe. 4 Bde Preis Thlr. 3. 5. Edward Bulwer, Kenlm Ehillingly. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bde. Preis Thlr. 5. Robert Byr, Nomaden. 5 Bde. Preis Thlr. 4. Robert Zyr, Wrak. Zwei Erzählungen. 4 Vde Preis Thlr. 3. 15 Inhalt: Trümmer. Zwei Tage aus einem Menſchenleben. 2 Bde. Der Tuwan von Panawang. 2 Bde. Chriſtinen's Mißgriff. Von d. Verf. v.„John Halifax.“ 2 Bde. Preis Thlr. 1. Wilkie Collins, Mann und Weib. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. Preis Thlr. 4 20. Vilkie Collins Fräulein oder Frau? Autoriſirte Ausgabe 1 Bd. Preis 25 Ngr. Rilkie Collins, Armadale. 6 Bde. Autoriſirte Ausgabe Preis Thlr. 4. Wilhie Collins, Eintiefes Geh eimniß. Autoriſirte Ausgabe 3 Bde. Preis Thlr. 2. Wilkie Collins, Die Blinde.(Poor Miss Finch.) Autori⸗ ſirte Ausgabe. 4 Bände. Preis Thlr. 4. Vilkie Collins, Die Frau in Weiß. Autoriſirte Ausgabe. Dritte Aufl. 4 Bde. Preis Thlr. 3. C. Creſſienz, Die Kunſtreiterin. 3 Bde. Thlr. 2. 15. 2rs. Edwardes, Stephan Lawrence. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 4 Bde Preis Thlr. 4. R. B. Edwards, Debenham's Gelübde. Aus dem Engli⸗ ſchen von Anna Wün. 4 Bde. Preis Thlr. 3 45. Ant von Marie Sophie Schwarh. Aus dem Schwediſchen von Gmil J. Jonns. * Autoriſirte Ausgabe. Erſter Band. Ernſt Jülius Günther Erſtes Kapitel. „Sei mir herzlich willkommen in der Heimat, mein lieber Elias!“ rief Gerichtsdirector Magnus Wik⸗ ſtrand ſeinem Bruderſohn entgegen, als dieſer eines Morgens früh bei ſeinem von ihm verehrten Onkel und Pflegevater eintrat.„Aber Donnerwetter, Junge, haſt Du Dich verändert und aufgerappelt.— Du biſt ja völlig zum Manne gereift! Du kamſt wol ſchon geſtern Abend in E— köping an, da Du heute ſchon früh hier angelangt biſt?“ Der alte Gerichtsdirector ſchüttelte die dargereichte Hand ſeines Neffen und ſchaute den hübſchen, hochge⸗ wachſenen jungen Mann mit einem zufriedenen Lächeln an. „Ich kam heute Morgen in E— köping an und fuhr direct vom Dampfſchiffe aus hierher, damit ich Schwartz Anna's Geheimniß. I. 1 2 zur Frühſtückszeit eintreffe“, antwortete Elias und warf ſich dem Onkel an die Bruſt. „Das war recht mein Junge, freut mich“, ver⸗ ſicherte Wikſtrand,„aber, zum Donnerwetter! drücke mir das Herz nicht aus dem Leibe, Du Schlingel“, fügte er hinzu, indem er ſich von der Umarmung frei machte. „Um aufrichtig zu ſein, muß ich Dir ſagen, daß ich Dich heute gar nicht erwartete, und daß ich deshalb auch keinen Wagen zur Stadt geſchickt habe, um Dich abzu⸗ holen.“ „Du haſt mich nicht erwartet, Onkel?— Iſt es denn meine Gewohnheit, die Zeit zu verſäumen?“ rief Elias.„Du hatteſt mir ja Urlaub bis zum zwanzigſten September gegeben, damit ich am zweiundzwanzigſten bereit ſein könne, an der Gerichtsſitzung Theil zu nehmen.“ „Freilich, freilich, aber wenn man auf der Reiſe iſt und ſich gut amüſirt, ganz außerordentlich gut amüſirt, kann es ja geſchehen, daß man nicht gerade am beſtimm⸗ ten Tage zurückkehrt, namentlich wenn man ſich auf den alten Onkel verläßt, und weiß, daß er hier und da einmal durch die Finger ſieht.“ „Man hat kein Recht, ſich darauf zu verlaſſen, wenn es gilt, ſein Wort zu halten“, erklärte Elias, und der Gerichtsdirector fand dies durchaus richtig. 6 —— 3 „Du glaubſt wol, daß Lisbeth zu Hauſe ſei, kann ich mir denken?“ ſagte Wikſtrand und lächelte dabei, während er vor dem Spiegel ſein Halstuch in eine zier⸗ liche Schleife band. „Wie ſollte ich das?— Tante S hat mich benachrichtigt, daß Lisbeth abgereiſt iſt, und daß ſie den ganzen Winter über auf Hüttefors verbleiben wird.“. „Hm, hm! Wie Du das aber ſo ganz verdammt ruhig ſagſt. Vielleicht kommſt Du von L— ſtadt und haſt dort Lisbeth getroffen?“ „Wie Du ſprichſt, Onkel! Ich bin ja direct von Chriſtiana nach G— und von dort nach E— köping gereiſt“, ſagte Elias und fügte darauf ſcherzhaft hinzu: „Es ſcheint in der That, als wenn der Herr Gerichts⸗ director ein Verhör mit mir anſtellen möchte: wenn dem ſo ſein ſollte, ſo muß ich bemerken, daß es der Mühe nicht lohnen wird. Ich bin hungrig wie ein Wolf, und wenn Du nicht bald machſt, das wir frühſtücken, Onkel, ſo weiß ich nicht, wie es um mein junges Leben zu ſtehen kommen wird, und es dürfte ſehr die Frage ſein, ob ich am zweiundzwanzigſten das Protokoll in der Gerichtsſitzung werde führen können.“ In größter Eile beendigte der Onkel nun ſeine Toilette. Man hätte in der That glauben können, er 1* 4 fürchtete, das Leben ſeines Bruderſohnes ſei wirklich in Gefahr. „Johanna wird wol einen chihpt Imbiß z getragen haben“, ſagte Wikſtrand, indem er und Elias ſich zuſammen in den Speiſeſaal begaben, woſelbſt ein einladender Frühſtückstiſch gedeckt war. Eine Dame in den vierziger Jahren und ein Paar junge Herren waren bereits daſelbſt anweſend. „Möchte wiſſen, ob meine liebe Schweſter etwas Beſonderes für den Vagabunden hier aufgetiſcht hat?“ ſagte der Gerichtsdirector, nachdem er freundlich win⸗ kend den Morgengruß der jungen Männer beantwortet hatte. Die Schweſter ſchaute den Bruder verwundert an. Ohne ſeine Frage zu beantworten, lächelte ſie zuerſt den Bruderſohn und darauf die beiden jungen Herren an, worauf ſie Alle einlud, am Frühſtückstiſch Platz zu nehmen. Und das Frühſtück war ausgezeichnet. Der Gerichts⸗ director hätte ſämmtliche Staatsräthe und Finanzmänner dazu einladen können. Die Herren Rechtsbefliſſenen und iunihen Richter tießen ſich die Leckerbiſſen wohl ſchmecken, und als der Gerichtsdirector Wein auftragen ließ, leerten ſie mit Freuden das Glas des Willkommens, welchen er auf Elias ausbrachte, der jetzt nach mehrmonatlicher Abweſen⸗ heit in die Heimat zurückgekehrt ſei. Die Stimmung am Frühſtückstiſche wurde ſehr bald eine lebhafte oder wie der Gerichtsdirector ſich ausdrückte:„eine ganz ver⸗ dammt gemüthliche.“ Daß Elias wieder da ſei, erfreute ſie Alle. Doch bevor wir fortfahren, möchte der Leſer wohl wünſchen, daß wir ihm einige Aufklärungen über die Bewohner von Ekholm, dem Landgute des Gerichts⸗ director Wikſtrand geben, und wir kommen dieſer Pflicht mit Freuden nach. Die beiden jungen Männer, die ſich im Speiſeſaal beim Eintreten Elias dort befanden, waren Juriſten, und hatten die Abſicht, denſelben Weg zu gehen, den Wikſtrand gegangen war. Der ältere derſelben, Thure Lemmark, ein armer Jüngling, war ſchon längere Zeit der Gehilfe des Ge⸗ richtsdirectors geweſen. Während der Schul⸗ und Studentenjahre hatte er die Ferien auf Ekholm verbracht, und Thure verdankte es Elias, daß er ſein juriſtiſches Examen hatte machen können, was wol unmöglich ge⸗ weſen wäre, wenn Elias nicht gewußt hätte, ſeinen Onkel für den mittelloſen, aber fleißigen Kameraden zu intereſſiren. Der Gerichtsdirector wurde der Beſchützer Thure's und ſtand ihm während der ganzen Studienzeit „ 6 mit Geld bei. Als dieſelbe zu Ende war, trat Thure als Grhilfe bei ſeinem Wohlthäter ein. Er war der beſte und liebſte Freund des Elias, und wurde in ſolcher Weiſe ein Mitglied der Wikſtrand'ſchen Familie. Der andere junge Herr war ein Neuling. Reicher Leute Kind zahlte der Vater eine hohe Penſion für ſeinen Sohn bei„Freund Wikſtrand“, damit Herr Con⸗ ſtuntin Roth ſeine Laufbahn praktiſch unter Anleitung des allgemein berühmten Juriſten beginne. * Ekholm war nämlich, ſeitdem Wikſtrand Gerichts⸗ director des Bezirks und Beſitzer des Gutes geworden, eine Erziehungsanſtalt für junge Juriſten und man be⸗ hauptete, daß von dort die tüchtigſten ausgegangen ſeien. Fräulein Johanna Wikſtrand, die jüngſte Schweſter des Gerichtsdirectors, war, als ſie in ihrer Eigenſchaft als Hausräthin und Miniſterin des Innern zu dem Bruder kam, einige zwanzig Jahre alt. Von ſtattlicher Figur und Haltung, mit braunen, lebhaften Augen, kleiner hübſchen Naſe, rothen Wangen und reichem ſchwarzen Haar wurde ſie allgemein für ſchön angeſehen. Lebhaft in ihren Bewegungen, mehr als ſorgfältig in ihren Anzug und ein wenig kokett war ſie damals fir das Wännetgeſchlecht keineswegs ungefährlich, Vihnn der erſten zehn Jahre, in welchen ſie mit ———————————.—————— 7 Eifer und Tüchtigkeit dem Hausſtand des Bruders vor⸗ ſtand, war es öfter ein wenig zu heiß zwiſchen ihr und den jungen Juriſten geweſen; allein dergleichen Gluth⸗ zuſtände ſchloſſen in der Regel mit einer wohlange⸗ brachten Abkühlung durch den ſtets hellſ ehenden Bruder. Wenn es Bruder Magnus ſchien, daß der Wärmegrad ein zu hoher wurde, ließ er eines ſchönen Tages den⸗ jenigen der Jünglinge beſonders zu ſich rufen, dem die Hauswärme zu Theil wurde, und legte ihm folgende Frage vor: „Wie alt ſind Sie, Herr Candidati⸗ Die Antwort lautete in der Regel drei⸗, vier⸗ oder fünfundzwanzig Jahre. „Meine Schweſter iſt ſomit erheblich älter als Sie Der arme Sünder erröthete, und Wikſtrand fuhr fort: „Sie hat weder Jugend noch Vermögen zu bieten. Wollen Sie ſie deſſenungeachtet heirathen?“ Dumpfes Schweigen. „Ah, ſo. Ich merke ſchon, Sie haben keine Luſt dazu, und das iſt ganz klug von Ihnen, denn wenn Johanna ganz des Teufels würde und einen Mann heirathete, der jünger wäre als ſe ſetbſ. dann bekäme ———— 8———————— ————* 8 ſie keinen einzigen Groſchen von mir. Haben Sie be⸗ griffen, junger Herr, was jetzt zu thun iſt?“ Der Unglückliche begriff jedoch nichts und hatte auch keine Antwort zur Hand, weshalb Wikſtrand in ent⸗ ſchedenen Ton hinzufügte: „Der Reiſewagen wird morgen früh um ſieben Uhr angeſpannt ſein; ich hoffe, junger Herr, daß Sie alsdann abzureiſen bereit ſein werden.“ Und der junge Herr mußte ſchon bereit ſein, denn gegen das geſprochene Urtheil gab es keine Ap⸗ pellation. In ſolcher Weiſe hatte der Gerichtsdirector im Laufe von etwa zehn Jahren vier oder fünf junge Juriſten fortgeſchickt, und zwar zum großen Kummer für Schweſter Johanna. Noch ſolcher Abfertigung eines Anbeters kleidete Johanna ſich gewöhnlich in dunkle Farben und zeigte ſich während einer ganzen Woche mit rothen Rändern um die feurigen, braunen Augen. Eine achttägige Trauer war indeß das Höchſte, was ſie dem Verſchwun⸗ denen ſchenkte, darauf kamen die lebhafteren Farben wieder zum Vorſchein; ſie begann denjenigen anzulächeln, der als Nachfolger des Anbeters gekommen war, vder auch denenigen, welcher außer dem Anbeter ſchon auf Sthrln ſich bejund, und in ſolcher Weiſe fuhr ſie fyrt, ——————————— 9 bis allmälig die Jahre ſich mehrten und der Liſt ie Erorberungen einen Dämpfer aufſetzten. Man darf jedoch nicht glauben, die Koketterie Jo⸗ hanna's habe ihren Grund darin gehabt, daß ſie durch⸗ aus geheirathet ſein wollte. Mit nichten. Sie hatte, ſeitdem ſie bei ihrem Brnder lebte, zwei Bewerber um ihre Hand gehabt, allein ſie hatte beiden einen Korb gegeben, und zwar zum großen Aerger des Gerichtsdirec⸗ tors, welcher nichts dagegen gehabt hätte, die Schweſter gut verheirathet zu ſehen. Der ein dieſer Bewerber war der Hilfsprediger der Gemeinde, ein Mann, welcher für ſeinen Beruf ſehr begabt war, ſowol was die Predigt als was das Ein⸗ heimſen betraf. Einige Jahre, nachdem Johanna ihn verſchmäht hatte, wurde er Hauptpaſtor der Gemeinde, allein ohne daß dieſer Umſtand irgend eine Veränderung in ihrem Entſchluſſe zu Wege gebracht hätte. Der andere Bewerber war der Amtshauptmann Enkeman, reich und angeſehen, jedoch nicht mehr jung. Johanna fühlte indeß keine Neigung, weder für den Amtshauptmann, noch für den Prßſt ſonen nur fir junge Juriſten. Um dieſe Zeit unſerer Erzählung ſcut Johtin vierundvierzig Jahre ält, gut dönſerbirt, ohne eint einzig⸗ Runzel im Geſicht und ohne irgens ein graues Haar in ihren ſchwarzen Locken. Sie war ein wenig corpulent, das iſt wahr, aber nicht mehr, als daß es ihr gut ſtand. Daß ſie ſich bereits im Schwabenalter befand war etwas, woran ſie ſich ſelber nur erinnerte, wenn die Volkszählungs⸗ liſten ausgefüllt werden ſollten, und Bruder Magnus fragte: „Liebes Schweſterchen, Du biſt ja im Jahre— geboren?“ Worauf Johanna mit einem leiſen„Ja“ antwortete und purpurroth wurde. An einem ſolchen Tage war ſie ſtets bei ſchlechter Laune Sonſt gedachte ſie immer der Worte des ſchwe⸗ diſchen Dichters„daß die Freude und Fröhlichkeit uns lung macht“ und war deshalb faſt immer fröhlich. Daß ſie ſich fortwährend bemühte. Eroberungen zu machen, war zwar eine Schwäche, die jedoch im vier⸗ undvierzigſten Jahre einigermaßen unſchädlich wurde. Sie beſchränkte ſich in der Regel auf das„Wollen“, ohne das entſprechende„Können.“ Nachdem Johanna das ſechsunddreißigſte Jahr er⸗ reicht hatte, war kein einziger junger Mann mehr kopf⸗ über von Ekholm abgereiſt, ſondern der Gerichtsdirector ließ ſie in aller Gemüthlichkeit die gütliche Fürſorge, das Lächeln und die Blicke Johanna's genießen. Die Tem⸗ peratur im Umkreiſe des wohlwollenden Fräuleins wurde. niemals in dem Grade heiß, daß Bruder Magnus 1¹ genbthigt geweſen wäre, ſich darüber zu beun⸗ ruhigen. Außer ihrer Schwäche für junge Juriſten, ſchöne Kleider und lebhafte Farben, hatte Johanna noch einige andere Schwächen: vor Allem hegte ſie eine phantaſtiſche Liebe für den Bruderſohn Elias, den ſie ſeit ſeinem vierten Jahre, als die Eltern ſtarben, um ſich gehabt hatte. Für das Wohlergehen des Elias hätte Johanna die andern jungen Juriſten, ihre ſchönſten Kleider und ihre Luſt zu Eroberungen opfern können. Elias war ſchon als Knabe ihr Idol. Die andere Schwäche war von entgegengeſetzter Natur und beſtand in einer unbeſiegbaren Abneigung gegen die Töchter eines armen Vetters, deren ſich Bru⸗ der Magnus gleichfalls angenommen hatte. Lisbeth und Anna Heldener waren nur ſieben und fünf Jahr alt, als Magnus an einem finſtern Winter⸗ abende ſie und ihre Mutter mit nach Ekholm brachte. Ohne mit Schweſter Johanna darüber Rath zu pflegen, be⸗ deutete er ſie mit kurzen Worten, daß Baſe Eliſa und ihre Kinder die drei Giebelzimmer bewohnen und von nun auf Ekholm zu Hauſe ſein würden. Frau Eliſe Heldener war einige Jahre jünger als Johanna, und trotz Kummer und Widerwärtigkeiten war ſie nicht weniger ſchön als dieſe. Das war ein unverzeihlicher Fehler in den Augen der ſonſt gutmüthigen Johanna und hatte von Anfang an eine Abneigung zu Wege gebracht. Johanna ver⸗ mochte nicht itgend ein mitleidiges Gefühl für die un⸗ glückliche Lage zu empfinden, in welcher Eliſa ſich be⸗ fand. Nur wenige Jahre ſollten jedoch die Nebenbuh⸗ lerinnen in demſelben Hauſe verleben; der Tod nahm die arme Mutter von ihren Kindern hinweg, und von nun an vererbte ſich die Abneigung Johanna's auf die beiden Töchter. 4 Wikſtrand war ein ſcharfer Beobachter, und ihm war die Geſinnung Johanna's gegen die elternloſen Kinder nicht entgangen; er wußte, daß dieſelbe keines⸗ wegs wohlwollend war, und war darauf bedacht, die beiden Mädchen ſo zu ſtellen, daß ſie von der Abnei⸗ gung Johanna's nicht abhingen. Es wurde eine Gou⸗ vernante für ſie angenommen und Johanna ſollte in keiner Weiſe ſich mit ihrer Erziehung befaſſen, eine Maß⸗ regel, welche durchaus nicht ihre Abneigung zu mildern im Stande war, namentlich weil der Bruder ſtets die beiden Mädchen, ſelbſt wenn ſie Unrecht haben mochten, gegen Johanna in Schutz nahm. Die Mädchen entwickelten ſich zu ſchönen Jung⸗ krauen, und nunmehr konnte Johanna ſie noch weniger 48 leiden. Ihr Unwille ſteigerte ſich mit jedem Jahr und wurde ſtets auffallender. Zwiſchen ihr und den jungen Mädchen herrſchte ein immerwährender kleiner Krieg. Mußte ſie doch den Kummer erleben, zu ſehen, wie eins dieſer„dummen Dinger“ die ungetheilte Aufmerkſamkeit eines der jungen Juriſten auf ſich lenkte, und in einer Art und Weiſe gefeiert wurde, die eine Heilige hätte zur Eiferſucht reizen können. Wenn Johanna nicht die Schweſter ihres Bruders geweſen wäre, hätten die jungen Herren Juriſten ihr vielleicht nicht einmal die gewöhnliche Höflichkeit er⸗ zeigt, ſondern ſie wäre muthmaßlich ganz und gar wegen einer unbedeutenden„Gans“ hintenangeſetzt worden. Oft während dieſer ſchmerzlichen Jahre, während welcher ſelbſt Elias ſowol Lisbeth als Anna Heldener mehr Sym⸗ pathie entgegentrug, als er Johanna zeigte, wurde ſie von Reue darüber ergriffen, daß ſie nicht den Amtshaupt⸗ mann oder den Prediger geheirathet hatte. Sie wäre dann ohne dieſe Leiden geweſen, die ſie nun auszuſtehen hatte, Leiden, die um ſo tiefer und härter zu ertragen waren, weil ſie nicht darüber ſprechen durfte, ſondern ſchweigend ihren Gram äidulden mußte. Sie wagte nicht einmal offen zu zeigen, wie verhaßt ihr die beiden Mädchen waren, ſie mußte ja ihre Abtieigung verheim⸗ lichen und froundlich thun mit den beiden gelbſchnäbligen Dingern. 14 Sie war in der That zu beklagen, die arme Jo⸗ hanng. Das Schickſal fühlte endlich Mitleid mit ihr. Bei Elias begann nämlich das Herz ein wenig zu warm für Lisbeth zu klopfen. Anfänglich machte dieſe Entdeckung Johanna großen Kummer, allein dieſelbe führte doch zu einer Linderung ihrer Qual, indem ſie dadurch auf einige Monate von ihren Plagegeiſtern be⸗ freit wurde, Nachdem Elias träumeriſch und verliebt, glücklich und unglücklich geweſen war, je nachdem Lisbeth gnä⸗ dig oder ungnädig war, ſchloß er ſich eines Tages in ſein Zimmer ein und erſchien darauf eine ganze Woche nicht mehr auf Ekholm. Er war auf die Jagd gereiſt. Von der Jagd kehrte er eines Abends ſpät zurück; am darauf folgenden Morgen war er ſehr erkältet und erkrankte darauf Tag für Tag immer gefährlicher. Johanna vergaß während dieſer trüben Zeit, ſich ſorgfältig zu kleiden, die lebhaften Bänder und beſetzten Roben und das gekräuſelte Haar verſchwanden. Voll Unruhe und Angſt pflegte ſie den Jungen. Die Gefahr wurde jedoch überſtanden, und Elias begann zu geneſen. Der Winter verſtrich indeß, bevor er ſeine Geſundheit gänzlich wiedergefunden hatte, und ⸗ 45 als der Frühling kam, und die Schneeglöckchen aus dem Boden emporſproſſen, den die Sonnenſtrahlen von der Schneedecke befreit hatten, rieth der Arzt, 3 Elias das Klima wechſeln ſolle. „Er muß eine kleine Reiſe machen, die wird die Kur vollenden“, meinte der Arzt. Und eines ſchönen Morgens verabſchiedete ſich Elias von den Bewohnern Ekholms. Johanna weinte Ströme von Thränen; der Ge⸗ richtsdirector ſchüttelte zu wiederholten Malen die Hand ſeines Bruderſohnes; Anna lächelte freundlich und bat ihn, alles, was er an Merkwürdigkeiten ſehen und er⸗ fahren würde, hübſch im Gedächtniß zu behalten, da⸗ mit er es ihr erzählen könne; Lisbeth wünſchte Elias, daß er geſund und fröhlich wiederkehren möge. „Ich kehre erſt dann wieder, wenn ich kurirt ſein werde“, flüſterte er, ſprang in den Wagen, und hin⸗ weg rollte dieſer mit dem Liebling Aller. Und wie leer wurde es jetzt auf Ekholm! Zwei Tage ſpäter hatte Johanna jedoch wieder ihr krauſes Haar, ihre bunten Bänder, ſchöne Kleider und das liebenswürdigſte Lächeln für die männlichen Haus⸗ genoſſen. Thure, welcher nächſt Elias der Liebling Johanna's war„* nun der Gegenſtand, an den ſie alle ihre 16 Liebenswürdigkeit verſchwendete. Er war älter als 6 Elias, und Johanna hatte ſich einmal in den Kopf geſetzt, hatte die beſtimmte Ahnung bekommen, daß die Dankbarkeit, die er für ſie hegte, nunmehr den Charak⸗ ter einer Anbetung angenommen hätte. Ein wie ſüßer Gedanke war es, zu denken, daß er ſie in der ganzen Welt am liebſten habe, und ſie war ihm dafür nicht undankbar. Er bekam unzählige Be⸗ weiſe ihres Wohlwollens, und zwar trotzdem, daß Bru⸗ der Magnus um jene Zeit außer ihm zwei andere junge Juriſten als Gehilfen im Hauſe hatte, allein dieſe wur⸗ den von Johanna wenig beachtet. Sie intereſſirten ſich beide lebhaft für Lisbeth und hatten den Liebenswürdig⸗ keiten Johanna's keine Aufmerkſamkeit geſchenkt. Thure dagegen ſprach und ſcherzte niemals mit den beiden Mädchen; er hatte im Gegentheil immer Streit mit ihnen. Er leiſtete ihnen nur dann Geſellſchaft, wenn er nicht anders konnte, und war bei ſolchen Ge⸗ legenheiten nichts weniger als zart in ſeinen Aeußerungen, namentlich nicht gegen Anna. Tante Johanna zeigte er ſtets die Rückſicht, welche ein artiger Kavalier der Dame ſchuldet, die er hochſchätzt. Ja es ſchien in den 1 Augen Johanna's unzweifelhaft, daß er ſich unter Allen am meiſten für ſie intereſſire, daß er in ihr das Ideal weib⸗ licher Vollkommenheit erblicke. Wie herzlich lachte er 17 nicht über ihre witzigen Bemerkungen, wie geſpannt lauſchte er, wenn ſie über den Hochmuth und die Eitel— keit Lisbeth's oder über Anna's Leichtfinn und Trägheit ſich ergoß. Johanna glaubte in Thure's Augen zu leſen, daß ſeine Sympathie für die beiden Mädchen keine größere ſei, als ihre eigene. Kurz nach Elias Abreiſe wurden die beiden Mäd⸗ chen eingeladen, eine Verwandte zu beſuchen, die zehn Meilen von Ekholm entfernt wohnte. Dort ſollten ſie den Sommer über, und zwar bis zu Weihnachten, ver— bleiben. Johanna bekam ſomit als Erſatz für ihre aus⸗ geſtandenen Leiden endlich einige Monate Linderung und Befreiung. Wie gern hätte ſie geſehen, daß die Mädchen jahrelang weggeblieben wären, allein Bruder Magnus war anderen Sinnes, und er hatte angeordnet, daß ſie zu Weihnachten wieder zurück ſein ſollten. An dem Tage, an welchem die Mädchen abreiſten, war Johanna dermaßen erfreut, daß ſie zu Mittag Alles, was die Küche Ausgezeichnetes hatte, und was ſie auf⸗ zutreiben vermochte und vorzuſetzen wagte, ohne daß Bruder Magnus irgendwie Bemerkungen machte, auf⸗ tiſchen ließ. Sie war ſo fröhlich geſtimmt, daß man nicht umhin konnte, zu bemerken, daß„die Alte“ ſeit Langem nicht ſo liebenswürdig geweſen ſei. Schwartz, Anna's Geheimniß. I. —* 18 Einige Zeit darauf kam der junge Roth nach Ek⸗ holm. Johanna verlebte eine goldene Zeit. Sie allein genoß die Geſellſchaft der jungen Män⸗ ner, wenn dieſe es amuſant fanden, mit Tante Johanna zu plaudern. Sie träumte ſich zurück in die fröhliche Zeit, in welcher ſie noch Eroberungen gemacht, und vergaß, daß dieſe für immer dahin war. So war die Lage auf Ekholm, als Elias nach der Abweſenheit von einigen Monaten geſund, fröhlich und voller Lebensluſt zurückkehrte. Jede Spur von Krank⸗ heit, von Schwermuth und unglücklicher Liebe war ver⸗ wiſcht. Wenn man den hübſchen jungen Mann ſah, war man verſucht zu glauben, er habe niemals erprobt, was Widerwärtigkeiten zu bedeuten hätten. Zweites Kapitel. Am Abend des Tages, an welchem Elias zurück⸗ gekehrt war, und nachdem man einander gegenſeitig gute Nacht gewünſcht hatte, nahm Johanna ihn mit in ihr Zimmer, um in aller Gemüthlichkeit über dieſes und jenes noch mit ihm zu plaudern. Elias hätte allerdings lieber Thure begleitet und bei einer brennenden Cigarre mit ihm ſich unterhalten, allein er beſaß ein dankbares Gemüth und ſah es für ſeine Pflicht an, Johanna den erſten Abend nach ſeiner Rückkehr zu ſchenken. Unterdeß ſaßen Conſtantin und Thure in des erſte⸗ ren Zimmer ganz nnd gar in Tabakswolken gehüllt. „Du könnteſt übrigens zur Abwechſelung, mein lieber Thure, ein wenig geſprächiger ſein“, ſagte Con⸗ ſtantin. „Wenn ichs nur ſein könnte“, antwortete Thure, „aber wie Du weißt, ich bin von Natur nicht ſehr geſprächig.“ „Das ſcheint mir je nach der Situation verſchieden In Geſellſchaft der Tante Johanna biſt Du ſehr mittheilſam, ſonſt ſchweigſt Du freilich beharrlich und gehſt Deinen Geſchäften nach wie ein Packeſel. Aber ſei die ſüße Tante, und ſetze Ich werde Dir ſchon ein oll.“ zu ſein. pilde Dir einmal ein, ich Deine Zunge in Bewegung. Thema aufgeben, das Deine Sprachmuskeln reizen ſ „Und welches, wenn ich fragen darf?“ „Wie wäre es mit den beiden kleinen Heldener.“ „Das iſt gerade kein beſonders einladendes Thema.“ „Nun, das geht doch über den Spaß! Es ſollte von jungen Mädchen zu reden? nicht angenehm ſein, s angenehm wäre.“ Dann wüßte ich in der That nicht, wa „Die Anſichten find verſchieden, Aber was willſt Du denn eigentlich, das ich von den beiden Mädchen ſagen ſoll?“ „Alles, was Dir bekannt iſt. Ich will wiſſen, wie ſie ausſhen, ob ſie liebenswürdig ſind und was für inen Sharstier ſie haben. Rach den Photographien u uriheilen, iſt die Eine, was das Aeußere betrifft, päſſabel net, und nach der Beſ hreibun det atten Tante zu urtheilen, iüſſen ſis Beide ein paar ganz verbiſſene GEgoiſtinnen fein, voll Verſtellung, Lughi Tiß Ich 2¹ habe indeß eine Ahnung, daß die Schilderung der lie⸗ ben Tante nicht ganz zuverläſſig iſt.“ „Die iſt allerdings nicht ganz zuverläſſig. Tante Johanna hat einige Vorurtheile gegen den Vater der Mädchen gehegt.“ „Ja, ihr Vater, das iſt richtig. Er hatte Malheur, verlor ſeinen Dienſt und nahm ſich das Leben. Das habe ich ſchon anderweitig ſagen hören. War Heldener nicht Auditeur bei irgend einem Garde⸗Regiment?“ „Ja wohl! Tante Johanna, wie die Frauenzimmer im Allgemeinen, hat ihre Sympathien und Antipathien. und gegen Heldener hegte ſie einen beſondern Unwillen. Der Letztere iſt auf die Kinder übergangen. Allein da⸗ von wollten wir eigentlich nicht reden, ſondern von Lisbeth und Anna. Sie ſind meiner Meinung nach ganz gewöhnliche Mädchen. Ich wenigſtens habe nie⸗ mals Geſchmack an ihnen gefunden. Lisbeth iſt ſchön wie ein Frühlingsmorgen und weiß auch, daß ſie ſchön iſt; ſie glaubt unbedingt an ihre Macht über die Män⸗ ner und iſt in Folge deſſen übermüthig, launenhaft, und liebt es, ihre Macht zu prüfen. Hinter dieſen Fehlern verbirgt ſich jedoch ein gutes Herz und manche andere gute Eigenſchaften. Dieſe müßten aber durch irgend eine innere Revolution angeregt und zur Thätigkeit erweckt Ihr Uebermuth müßte gezügelt, ihre Launenhaftigkeit unterdrückt werden, und ihre Gefallſucht müßte Widerſtand erleiden, und zwar gerade da, wo ihr Herz einen Sieg wünſcht. Wenn dies nicht ge⸗ ſchieht, ſo fürchte ich, daß ihre beſſere Natur erſtickt und ſie nur eine hübſche und eitle Egviſtin werden wird, weiter nichts. Anna iſt häßlich und lebhaft. Ein re jünger als die Schweſter, erſcheint ſie durch ſche Art und ihre gedankenloſe Späße, als wenn zehn Jahre ſie von einander trennten. Man glaubt nicht, daß ſie ſiebzehn Jahre alt iſt. Unver⸗ en wie ein Knabe, paar Jah ihre kindi ſtändig, übermüthig und ausgelaſſ gleicht ſie eher einem Schulmädchen als einer erwachſenen Jungfrau. Ihr Haar, von Natur zottig, ſieht immer aus, als wenn es ungekämmt wäre, ihre Kleidung iſt ſo einfach, daß ſie faſt ſimpel wird und ſo wenig ſorgfältig, pringt und fliegt daß ſie unordentlich erſcheint. Sie ſ herum wie ein Eichhörnchen. Den ganzen Tag hört man ihr Lachen und ihren Geſang im Hauſe oder von den Bergen wiederhallen. Gegen Jedermann iſt ſie naſeweis und aufdringlich. Ob ſie irgend welchen Charakter hat, weiß ich nicht; daß ſie im höchſten Grade as weiß ich mit Beſtimmtheit. In unangenehm iſt, d Mänter bis über die Lisbeth verlieben ſich alle jungen Bhteu. Annd dägegen wird wie ein ſchlecht erzogenes Kind behandelt, und jeder hült es für ubthig, ſie zu⸗ rückweiſen. Anna ſelbſt kümmert ſich jedoch ganz und gar nicht um uns jünge Männer; ſie thut nicht das Geringſte, um ſich unſeren Bemerkungen zu entziehen. Ihre Vögel, ihr Hund und ihre Blumen machen ihre einzige Freude aus: die Liebe zum Onkel Wikſtrand iſt das einzige warme, tiefe Gefühl, welches ihr Herz be⸗ ſitzt. Merkwürdig genug iſt ſie ſein Liebling und kann ſich gegen ihn erlauben, was ihr gefällt. Lisbeth be⸗ wundert der Onkel, aber Anna liebt er. Und jetzt, mein verehrter Roth, haſt Du die Beſchreibung der beiden Mädchen, und ich hoffe, daß Du mich außerordentlich ge⸗ müthlich gefunden haſt, während ich von ihnen ge⸗ ſprochen habe.“ „Nun, wenigſtens biſt Du nicht ſo langweilig ge⸗ weſen, wie ſonſt“, erklärte Conſtantin.„Deine Schil⸗ derung von Fräulein Anna war nichts weniger als einladend. Ich ſehe die junge Dame lebhaft, mit un⸗ geordnetem Haar, zerriſſenen Kleidern und ſchwarzran⸗ digen Nägeln; ich würde ſie gewiß niemals beläſtigen. — Was Lisbeth betrifft, iſt es indeß unbeſtimmt, was „Nun, in Lisbeth wirſt Du bis über die Ohren verliebt werden. Man kann nicht unter demſelben Dache mit ihr leben, ohne ſein Herz zu verlieren.“ Wirtlich? Das heißt, daß Du Deins ſchon ver⸗ loren haſt?“ „Nein, das meinige iſt gegen alle Gefahren ge⸗ wappnet,“ 6 antwortete Thure,„und ich werde mich von dem ihrer Augen nicht fangen laſſen. Sie würde mit mir verfahren, wie mit Elhas, ſie würde mich bitten, eine Kaltwaſſerkur durch zu machen.“ Conſtantin lachte laut auf. „Das iſt nicht übel; ich halte es ſchon fir ganz entſchieden, daß auch ich mich verliebe“, ſagte er.„Nun Elias befolgte wol den Rath?“ „Nicht ganz. Er ging zuerſt auf acht Tage auf die Jagd, ſich, wurde krank und trat darauf eine Reiſe an.“ „Was that Lisbeth, als er erkrankte „Si weinte, aber ſie war ſehr erfreut, als er 2 abreiſte.“ „Sie reiſte ja ſelbſt kurz darauf von hier fort.“ „Ja, aber mur ungern, undich habe eine Ahnung, daß. Allein was iſt denn das? Wer mag denn hier um dieſe Zeit angefahren kommen? Es iſt jer faſt Mitternacht!“ 4 bi Thure verſeß das Zimmer, um zu evfahren, wer der mächtliche Gaſt ſein möchte Unten auf dem Fluͤr fand er das Hausmädchen⸗ halb angekleidet, ein Licht 25 in der Hand, und damit beſchäftigt, die Suusthür zuſchließen. ind1 „Wer mag denn hier ſo ſpät ankömmelt?“ fragte Thure, während er der halbſchlafenden Diterin thilf lich war, die Riegel zurückzuſchieben. „Das wird wol der Herr Inſpector ſein; er war heute Abend nicht zu antwortete Louiſe und gähnte. Die Thür ging auf und in derſelben ſich wirklich der Inſpector, aber nicht allein, ſondern in Begleitung von zwei Damen, die ſofort riefen: „Guten Abend, Thure. Wie ſchön iſt's, daß Du noch auf biſt.“ „Lisbeth und Anna!“ rief er, und ſchaute verwun⸗ dert drein. „Ja, wir ſind es, und wir kehren drei Monate früher zurück, als wir erwartet werden“, rief Anna, indem ſie ſo herzlich und laut lachte, daß der Inſpector und Thure mit einſtimmen mußten. Ich bin nicht da⸗ ran ſchuld, ſondern Lisbeth, die es dort nicht länger aushielt, an den Inſpector ſchrieb und ihn bathuns in Eköping abzuholem Ach, wie ſchön; wiehtrlich, daß wir wieder zu Hauſen ſind.“ Und Annalatſchte mit den Händen, erfaßte Thure dund tanzte mit ihm auf dem Flur trotz ſeines Widerwillens mehrere Male herum. „Und wie wird Tante JFohanna ſich freuen“, ſagte Lisbeth ganz ernſt, und dieſer Ausſpruch machte ſich dermaßen komiſch, daß Alle, ſelbſt Louiſe, in Lachen ausbrachen. „Aber um Himmels Willen, Louiſe, was machſt Du für einen Lärm, Du weckſt ja das ganze Haus auf!“ erſcholl jetzt eine mißvergnügte Stimme von der Treppe herab. Die beiden Mädchen wechſelten ausdrucksvolle Blicke miteinander, Louiſe kicherte und Thure beant⸗ wortete die Frage: „Beſte Tante, es ſind Lisbeth und Anna, die nach Hauſe kommen, um dem Onkel eine freudige Ueber⸗ raſchung zu bereiten.“ „Sind Lisbeth und Anna nach Hauſe gekomm en?“ em Ausdruck, der auf das Un⸗ rief Johanna mit ein b, welches dieſe zweideutigſte das Gefühl zu erkennen ga Neuigkeit hervvrrief. Anna vermochte es nicht, eine Antwort zu unter⸗ drücken, und ſagtes „Guten Abend, beſte Tante, Du wirſt wol nicht böſe ſein, daß wir nach Hauſe zurückgekehrt ſind. Dortwar langweilig und häßlich und wir fürchteten, Ihr würdet 27 es hier ebenſo langweilig haben, und kürzten deshalb unſeren Urlaub ab.“ 1u Keine Antwort, keine Regung, alles blieb oben ſtill. Louiſe führte die jungen Damen auf ihr Zimmer, welches neben dem der Tante Johanna im zweiten Stocke lag. Sie ſchritten an Johanna's Thür vorüber; Lis⸗ beth hatte die Abſicht hineinzugehen und die Tante zu begrüßen, aber ſie fand die Thür verriegelt. Laut lachend trat Thure zu Elias ein, welcher, nachdem er das téte à téte mit der Baſe geendigt hatte, zu Bette gegangen war und ſchon den Schlaf des Gerechten ſchlief, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß Lisbeth, die Friedenſtörerin, zurückgekehrt ſei. Bei dem Lärm, welchen Thure machte, wachte Elias auf und brummte etwas, was wie ein Fluch klang, worauf er fragte, was Thure wollte, und wes⸗ halb er ſo viel Lärm machte. Als er aber keine Ant⸗ wort bekam, Thure ſich vielmehr aufs Sopha warf und zu lachen fortfuhr, richtete Elias ſich auf und rief ärgerlich: „Biſt Du von Sinnen, daß Du mitten in der Nacht zu den Leuten hereinſtürzeſt und ſie mit Deinem Luchen weckſt? Haſt Du vielleicht eine Million in der Lotterie gewonnen, oder was in aller Welt iſt paſſirt?“ —— 28 „Oh, das iſt noch ärger, als ein Gewinn in der Lotterie“, erklärte Thure, noch immer lachend.„Denke Dir, die Mädchen ſind über Hals und Kopf wieder nach Hauſe zurückgekehrt, und das gerade jetzt. Tante Johanna iſt außer ſich vor Zorn. Ich bedaure von Herzen den Inſpector, er wird für Zeit und Ewigkeit in Ungnade gefallen ſein. Jetzt wird es was ſetzen auf Ekholm, und wohl dem, der fern vom Schuſſe iſt oder Fiſchblut in den Adern hat. Nun, Elias, was meinſt Du da⸗ zu, Lisbeth wieder zu ſehen?“ „Das wird ganz angenehm ſein, aber noch ange⸗ nehmer wäre es, wenn ich jetzt in Ruhe ſchlafen könnte.“ Elias drehte ſich nach der Wand um, indem er hinzufügte „Alſo meine liebe gute Tante iſt erzürnt. Die arme Alte, ich muß am Ende ſehen, wie ich ſie wieder in gute Laune bringe, vor dem Frühſtück, denn ſonſt. „Ja, ſonſt bekommen wir Häring und Kartoffeln“ fiel Thure ein.„Die Tante weiß, daß Lisbeth die Diät nicht liebt, und deshalb wird ſie uns das Gericht vorſetzen.“ Drittes Kapitel. „Gibt es wol auf der ganzen weiten Welt einen Menſchen, den das Geſchick dermaßen verfolgt wie mich?“ rief Johanna am folgenden Morgen, während ſie ihr ſchönes ſchwarzes Haar vor dem Spiegel ordnete.„Ich genoß ein wenig Ruhe nach dem Ungemach langer Jahre, ich freute mich, daß dieſe Ruhe noch eine Weile dauern ſollte, und nun kehren meine Plagegeiſter drei Monate früher zurück, als ſie erwartet werden, und nur, um mir das Leben zu verbittern, Zetzt wird Elias eben ſo vernarrt ſein, wie er es vyr ſeiner Reiſe war; der junge Roth wird ſich natürlicher Weiſe guch die Flügel verbrennen, und ich werde das Vergnügen haben, es mitanzuſehen, wie ſie dieſen Backfiſch ver⸗ göttern, während man mich in jeder Weiſe vernachläſſigt.“ Johanna ſeufzte und that einen Blick in den Spiegel. Sie war eine Dame, die ſich ſehr gut conſervirt hatte, a ein gerade die Gewißheit, daß man dieſen Aus⸗ druck von ihr gebrauchen würde, war für ſie ſchmerz⸗ lich. Sie ſah in Gedanken wieder das ſchöne jugend⸗ friſche Antlitz Lisbeth's, und überzeugte ſich von der Unmöglichkeit, bei der Anweſenheit Lisbeth's irgend⸗ welche Eroberungen zu machen. Die jungen Männer würden den Eigenſchaften Johanna's nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wenn ſie täglich einen Vergleich mit der Schönheit Lisbeth's aushalten müßte, denn Schön⸗ heit beſäße in den Augen der Männer mehr Werth als Geiſt und Verſtand. Die in jeder anderen Beziehung kluge Johanna war jetzt ſo unklug, daß ſie ſich äußerſt unglücklich fühlte, und verſucht war, ihrem Schmerz in Thränen Luft zu machen. Zum Glück für ihre ſchönen Augen trat in dieſem Moment die Köchin ein, und der Thränenfluß wurde zurückgedrängt, ehe er noch voll⸗ ſtändig zum Ausbruch kam. „Was für ein warmes Gericht ſoll heute zum Frühſtück bereitet werden?“ fragte Martha, und fügte ohne die Antwort abzuwarten hinzu:„Wir haben noch Fleiſch von dem großen Kalb; ich denke es iſt am beſten, daß wir Cottelets und Spiegeleier machen.“ Martha wußte, daß Lisbeth gern Cottelets aß, und da ſie Lisbeth ſehr zugethan war, ſo wollte ſie dem 31 jungen Mädchen gern ihr Lieblingsgericht vorſetzen; war Lisbeth doch zu Martha's großem Vergnügen zurück⸗ gekehrt, denn ſie hatte immer ihre Freude daran, das ſchöne Geſicht anzuſehen. Johanna drehte ſich plötzlich vom Spiegel ab und rief: „Wo denkſt Du hin, Martha? Das ſchöne Cotteleten⸗ fleiſch zum Frühſtück? Nein, wir werden heute Häring und Kartoffeln wählen. Du weißt ja recht wohl, daß ich eine abgeſagte Feindin aller Verſchwendung bin.“ „Aber beſtes Fräulein, das geht nicht“, erklärte Martha,„wir müſſen doch wol ein gutes Frühſtück für die jungen Damen am erſten Morgen nach ihrer Rückkehr bereiten.“ „Durchaus nicht, ich denke nicht daran, das Haus zu ruiniren, weil ſie zurückgekehrt ſind. Aus dem Cotteletfleiſch wird für den Mittag Farce gemacht. Jetzt weiß Du, wie ich es haben will, Martha, und zum Kaffee nehmen wir Zwieback,— und keinen Kuchen. Ich habe es ſatt, immer zu backen.“ Martha wurde ganz roth vor Zorn, und da ſie nicht zu Denjenigen gehörte, die ihre Gefühle verheim⸗ lichten, ſo ſagte ſie: „Das iſt ja entſetzlich, wie ſie plötzlich ſparſam geworden ſind; ſonſt haben wir nichts von Sparſam⸗ keit gewußt während der ganzen Zeit, wo die Fräu⸗ leins fort waren. Noch geſtern mußte ich ja drei der beſten jungen Hühner zum Frühſtück abſchlachten, obgleich dieſe bis zum Geburtstage des Herrn Gerichtsdirectors hätten lau⸗ fen müſſen und gebacken mußte auch werden, und es konnte gar nicht feines Brot und Kuchen genug geben, und.. 6. „Du ſchweigſt, Martha, und thuſt, was ich Dir befohlen habe“, rief Johanna. Es iſt jedoch ungewiß, ob Martha wirklich ge⸗ ſchwiegen hätte, wenn nicht Elias eingetreten wäre, um zu ſehen, ob wol Johanna ihre Toilette noch nicht be⸗ endigt hätte. Elias nickte Martha freundlich zu, klopfte ihr auf die Schulter und ſagte in fröhlichem Tone; „Ja ja, Martha, geh Du nur in Deine Küche und mache, daß Du uns ein recht prächtiges Frühſtück auf⸗ tiſchſt. Komm mir nur nicht mit Häring und Kar⸗ toffeln, die ſchicke ich wahrhaftig wieder hinaus, und Du mußt uns dann etwas anderes bereiten; und Kuchen und Zuckerzwieback und andere gute Dinge müſſen wir auch zum Kaffee haben.“ „Aber Fräulein hat... „Aber heute, beſte Martha, nur heute gehorchſt Du mir und nicht Deinem Fräulein. Marſch, Marſch, Alte, und vergiß nicht, daß wir Alle, ich und Thur . 33 * und Herr Roth, feſt entſchloſſen ſind, durchaus keinen Häring mit Kartoffeln zu eſſen.“ Martha beeilte ſich, mit triumphirendem Lächeln das Zimmer zu verlaſſen; Johanna, die niemals weinte. brach in Thränen aus, während ſie ihren Bruderſohn über ſein Betragen mit großer Heftigkeit zur Rede ſtellte. Elias kannte indeß Johanna zu gut, und wußte ſie ſo klug zu nehmen, daß es nicht lange währte, bis es ihm gelungen war, ihren Sinn zu mildern. Als ſie ſich ſo weit beruhigt hatte, daß ſie ohne Heftigkeit ſeinen Worten zuhören konnte, ſetzte Elias ihr ausein⸗ ander, wie unwürdig es ihrem Charakter wäre, bei al⸗ len möglichen Gelegenheiten den beiden jungen Mäd⸗ chen ihren Unwillen zu zeigen. Hätten dieſe doch nichts verbrochen und ſei der Unwille gegen ſie ſomit völlig ungerecht. Daß Elias die Wahrheit ſprach, mußte Johanna anerkennen, allein dies Geſtändniß wirkte ſehr peinlich auf ihr erregtes Gefühl, Es ſchien ihr, als ſeien die jungen Mädchen nur dazu da, um ſie an all das zu erinnern, was ſie gerade vergeſſen wollte. „Weißt Du, Tante, ich will Dir einen Vorſchlag machen, um den alten Reibungen vorzubeugen, denn Schwartz, Anna's Geheimniß T 3 wenn dieſe wieder anfangen, ſo hören auch die Be⸗ merkungen und Witze der Anweſenden nicht auf.“ „Und wie lautet der Vorſchlag?“ fragte Johanna in ſendergſglegenen Tone. „Er lautet dahin, daß ich bei dem erſten Verſuch, den 6 liebe Tante, machſt, die Mädchen anzugreifen, Dir an dem Tage nichts vorleſen werde Und ich werde die Drohung wahr machen. Ich werde an jedem ſolchen Abend Dir nichts aus Shakeſpeare oder einem andern Deiner Lieblingsdichter vorleſen, wie ich es ſonſt immer gethan habe, wenn wir uns Abends von den Anderen trennten. Nun, Tantchen, was ſagſt Du dazu?“ „Daß ich Dich ſehr gern vorleſen höre“, antwortete Johanna. „Und Du verſprichſt, freundlich und liebevoll ge⸗ gen Lisbeth und Anna zu ſein? Glaube mir, Du ſchadeſt Dir ſelbſt am meiſten, wenn Du es nicht biſt, denn Roth wird, wie es alle Andern vor ihm gethan haben, hinter Deinem Rücken ſehr ſcharfe Bemerkungen machen ſund wird Dir oallein die Schuld an Euren kleinen Scharmtzein beimeſſen, und das möchte ich nicht gern: Außerdem mußt, Du Dir auch einmal klar machen, liebe Tante, daß es unrecht iſt, Unwillen ge⸗ gen die Kinder zu hegen, und zwar um Dinge willen 35 die die Eltern verſchuldet häben. Ich meinerſeils ver⸗ ſpreche Dir, Dich zu erheitern und zu zerſtreuen, wenn wir beiſammen ſind, und alles zu thun, was in mei⸗ nen Kräften ſteht, damit Eintracht und Gemihlichtet im Hauſe herrſche. Nun Tantchen, Pu als Deinen Mentor annehmen?“ Johanna lächelte, ſtreichelte dem lisben Jungen die Wangen, und ſagte, er könne mit ihr anfangen, was er wolle. Sie fand den Vorſchlag annehmbar und meinte, es gebe keinen ſo liebenswürdigen Bruder⸗ ſohn auf der ganzen Welt, wie Elias. Jvhanna hatte ein Gefühl, als wenn ſie von nun an die Güte ſelbſt werden würde. Während des Frühſtücks wurde indeß Johanna's löblicher Vorſatz auf eine ſo ſchwere Probe geſtellt, daß ſie dieſe nicht zu beſtehen vermochte. Sämmtliche An⸗ weſende, darunter auch Bruder Magnus, intereſſirten ſich ausſchließlich nur für die beiden Mädchen; ſelbſt Thure, der ihnen früher keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, that dies nun und vergaß ganz, wie ſonſt. luuter Artigkeit gegen Tante Johanna zu ſein. Conſtantin hatte nur Augen für Lisbeth. Paß er ſie ſchön und Sinehmend. fei war aßet den Zweifel. Gelichtsbirecto ſelbſt wiederholte wol zwan⸗ 3* 36 zig Mal, daß es nun wieder gemüthlich werden würde, nachdem die davon geflogenen Vößelein wieder zurück⸗ gekehrt wären, und der Inſpector, ſonſt ſo ſtumm wie ein Fiſch und Tante Johanna unterthänig wie ein Sklave, interefſirte ſ ſich dermaßen für die Plaudereien, Lisbethhe, daß er, als Jöhanna ihn bat, ihr die Zitecat j reichen, ihr ſtatt deſſen den Kuchenteller gab. Etias ſcherzte ohne Unterlaß mit Anna und über⸗ hörte galz Johanna's Fräge, ob er noch eine Taſſe Kaffee haben wolle. Unter ſolchen Umſtänden mag es Niemand der armen Johanna verargen, wenn ſie die Geduld vertor und die fröhlichen Mädchen, die ſie in Schatten ſtellten, anzugreifen begann. Johanna beſaß ein großes Talent, über anderer Leute Schwächen zu ſpotten, und zwar eben ſo witzig wie boshaft, ſie verſtand es in ſolchen Fällen den beſten Menſchen lächerlich zu machen und die ernſteſten Zuhörer zum Lachen zu bringen. Sie verſuchte es auch jetzt, die Anweſenden zur Heiterkeit über Lisbeth zu reizen, allein es gelang ihr diesmal nicht. Ihre Ausfälle waren eben ſo witzig woi ſchatf, aber ſie hatten den Fehler, von einer unver⸗ heiratheten vierundvierzigjährigen Dame gegen ein ſchö⸗ nes neunzehnjähriges Mädchen gerichtet zu ſein. Die jungen Herren fanden, daß die alte Jungfer neidiſch 37 und boshaft ſei. Das Reſultat war, daß Bruder Magnus endlich ſagte: „Aber, liebe Schweſter, Du haſt eine ganz verteufelt boshafte Zunge. Ich glaube bei meiner Ehre, daß Du ebenſo boshaft wirſt wie alle andern alten——— Dieſer Satz wurde nicht vollendet; Anna goß den ganzen Inhalt ihrer Kaffeetaſſe über Onkel Magnus aus, welcher ſeinerſeits ſich heftig erhob, um ſein hell⸗ graues Beintleid zu retten, das deſſen ungeachtet doch nicht gerettet wurde; er mußte in ſein Zimmer gehen und ein anderes anziehen. Der Inhalt der Kaffeetaſſe hatte ſich außerdem über einen Theil des Tiſchtuches und über Anna's eigenes Kleid ergoſſen. Johanna erhielt eine erwünſchte Veranlaſſung zu ſchellen, und während des Wirrwarrs, der hierdurch entſtand, erhoben ſich die Andern vom Frühſtückstiſch. Lisbeth führte die jungen Herren mit ſich in den Garten hinaus. Anna begab ſich auf ihr Zimmer, um das Kleid zu wechſeln. Johanna ſetzte ſich an eins der Fenſter in der Wohnſtube, um von dort aus zu ſehen, wie Thure, Conſtantin und der Inſpector ſich überboten, das ſchönſte Obſt für Lisbeth von Bäumen und Sträuchen herab zu holen, während Elias freundlich mit ihr plau⸗ derte. Die arme Johanna! Sie grämte ſich, während ſie 38 dies ſah, und noch mehr grämte ſie ſich über die Worte des Bruders. Sie grämte ſich dermaßen, daß ſie ver⸗ 3 ſucht war, allen Tand und glle Thorheit der Welt abzuſchwören, die rothen Bänder in's Feuer zu werfen, das gelockte Haar mit Waſſer aufzukämmen, ſich für immer in Schwarz oder Grau zun kleiden und Diako⸗ niſſin zun werden Es ſtand jedoch geſchrieben, daß ſie ſich beſinnen olte, bevor ſie dieſen Entſchluß ausführte, namentlich, weil ihre Aufmerkſamkeit vom Garten ab⸗ gezogen und auf etwas gelenkt wurde, was draußen im Speifezimmer geſprochen wurde⸗ Sie hörte dort ihren Bruder eintreten und ſagen: „Das war zu toll, Anna, wie Du meine Sachen mit Kaffee verdorben haſt! ich glaube, es iſt am beſten, Du ſitzeſt künftig nicht neben mir, wenn wir früh⸗ ſtücken. yn das Beinleid iſt verdorben? Das freut mich tiehe Onkel“, antwortete Anna⸗ „Dasafreut Dich?“ „Ganz gewiß, denn Du nußt wiſſen, v ich den Kaffee mit Fleiß ausgoß.“ „Was, mit Fleiß?“ „Höre mich an, beſter Onkeh, und es Dir auseinunderſetzen, und Dir zugleich einige Aufklä⸗ rungen geben, welche Dir zur Rachachtung dienen kön⸗ —— —— 39 nen. Ich ſage Dir, Onkel, wenn Du Dit erlaubſt, Tante Johanna böſe Worte über ihr Alter und ihren unverheiratheten Stand zu ſagen, dann begieße ich Dich jedesmal, ſei es mit einer Taſſe Kaffee oder mit einem Napf Sauce vder mit einer ähnlichen Flüſſigkeit.“ „Biſt Du denn ganz des Teufels?“ n „Unterbrich mich nicht, ſondern bedenke, was für einen Jämmer Du heraufbeſchworen haben würdeſt, wenn Du, geliebter, Onkel, nicht unterbrochen worden wäreft, ſon⸗ dern fortgefahren hätteſt, der Tante alle die einfältigen Dingé zu ſagen, die Du auf der Zunge hatteſt. Ja, dann wäre Tante erſt recht ärgerlich geworden auf Lis⸗ beth und auf mich, wenn auch nicht mit Recht; darauf wäre uns Häring und Kartoffeln zum Frühſtück, Erb⸗ ſen und Pökelfleiſch zu Mittag und Waſſerſuppe zum Abend aufgetiſcht worden und zwar einen Tag wie alle Tage Du, Onkel, hätteſt Deine Mahenſäute wieder bekommen und wäreſt dadurch wieder kränklich und grillig geworden, bei Elias wäre das Brüſtleiden wie⸗ dergekehrt Herrn Roth wäre der Hals geſchwollen und Thure's Augen triefend geworden. Lisbeth und ich wären zu Salzſäulen erſtarrt, Tante Johanna wäre ſtets übler Laune geweſen, und ganz Eckholm wäte in Langweile und Ungemüthlichkeit verſunken. Und nun frage ich, findeſt Du nicht ſelbſt, Onkel, daß meine Koffeetaſſe uns Alle gerettet hat? Nimm Dich deshalb in Acht, denn ſonſt muß ich Dir jeden Tag ein Bein⸗ leid ruiniren““ toſsje ni oiAhen nt Du, n daß es mir ſcheigh als bwenn ein wenig zu weit getrieben wäre“, ſagte Wikſtrand in einem Tone, dem man es anhörte, wie viel Mühe es ihm koſtete, nicht zu lachen⸗ Ja, das ſcheint mir auch, es iſt wirklich zu weit getrieben, wenn Du⸗ Onkel, Deiner jüngeren Schweſter darüber, daß ſie alt und noch nicht perheirathet iſt, Vorwürfe machſt. Gerade als wenn Du ein junger oder ein verheiratheter Mann wäreſt! Mebrigens muß ich Dir ſagen, daß es gerade keine Tugend iſt, jung zu ſein. Iſt man doch nur eine gedankenloſe Thörin, wie ich es bin. Wenn ich ein Mann wäre, ich würde ganz beſtimmt die Tante vor Fräulein Anna Heldener mit ihrem zottigen Haar vorziehen,“ Kurz darauf wurde eine Thür auf⸗ und wieder zugeſchlagen, und Johanna hörte, wie Anna mit ihrer friſchen Stimme ein Lied draußen im Corridor trillerte. „Anna iſt doch ein gutes Mädchen“, dachte Jo⸗ hanna, und begab ſich in die Küche, um ihre Befehle für den Mittag zu ertheilen. Bald nachher hörte man den Gerichtsdirector die jungen Herren rufen, die da⸗ durch gezwungen wurden, die Geſellſchaft Lisbeth's —— 4¹ aufzugeben und ihre Atbeiten im Bureuu zu beßin⸗ Von dieſem Tage an war Johanna vollet Wohlwollen gegen Anna, ſie ſah ihr genz und gar durch die Fin⸗ ger bei der oft unverantwortlichen Unorduung und noch unverantwortlicheren Abneigung gegen jevwodé Arbeit, die Anna charäkteriſirte. Sie ließ das junge Mädchen umherlaufen, wie ſie oben wollte, und machte ſich keine Sorge darüber, daß Anna manchmal Tage lung im Hauſe von gar keinem Nutzen war. Dagegen ärgerte ſie ſich darüber, daß Lisbeth ſtets beſchäftigt und ſtets äußerſt geſchmackvoll und elegant gekleidet war. Sah Lisbeth doch wenn ſie da ſaß und arbeitete, aus, wie ein Ideal weiblicher Schönheit und Häuslichkeit, und das gerade konnte Johanna nicht verwinden. Viertes Kapitel. Nach dem Tage, an welchem Elias der Tante Johanna ihr Unrecht gegen die beiden Mädchen vorge⸗ halten hatte, und nachdem Anna den Gerichtsdirector mit Kaffee, Sauce oder Waſſer bedroht hatte für den Fall, daß er wieder unartig gegen ſeine Schweſter ſein würde, verſtrichen mehre Wochen, während welcher ſowol die Tante wie die Mädchen die Ge ſellſchaft der Herren faſt ganz entbehren mußten. Mehrere ordinoire und ertraordingire Gerichtsſitzungen nahmen die Zeit Wik⸗ ſtrands und ſeiner drei Gehilfen dermaßen in Anſpruch, daß jie nur während der Mahlzeiten ſichtbar wurden. Auch die Damen waren während des ganzen Octobermonats mit häuslichen Geſchäften überhäuft. Johanna wat ihrer kindiſchen Eitelkeit ungeachtet eine ſehr tüchtige Haushälterin und in der ganzen Gegend 43 als ein Muſter einer ſolchen bekannt. Lisbeth und Anna waren von Kindheit auf daran gewöhnt geweſen, beim Einſchlachten, Backen und dergleichen be⸗ hilflich zu ſein, und es fiel ihnen nicht ein, zurückzu⸗ ſtehen, wo ſie nützlich ſein konnten, ſondern ſie arbeiteten ſogar ganz eifrig, wenn Tante Johanna ihnen Be⸗ ſchäftigung aufgab. Merkwürdig genug legte Anna zu ſolchen Zeiten ihre Unordnung ganz bei Seite und zeigte ſowol Schnelligkeit als Umſicht bei der Arbeit. Johanna vermochte ſelbſt mit dem beſten Willen nicht, irgend etwas an ihrem Betragen auszüſetzen. Während der häuslichen Arbeiten dieſes Herbſtes war Johanna ungewöhnlich freundlich auch gegen Lis⸗ beth, welche ſonſt nicht ohne ſcharfe Bemerkungen da⸗ von zu kommen pflegte, ſelbſt wenn das, was ſie that, ganz untadelhaft war In den en Jahren hatten um dieſe Zeit die heißeſten Bataillen ſtattgefunden; in dieſem Jahre verlief Alles freundlich und zur Zufticbeheit Lisbeth bekam keine ſcharfen Bemetkungen, aber auch kein Lob, während Anna dagegen mit letzerem reichlich bedacht wurde. Das junge fröhliche Mädchen lachte gtgn telte ihren zottigen Kopf und flüſterte der Schweſter zuj „Was eine ausgegoſſene Taſſe Kaffee doch für Wunder wirken kann!“ Das große Herbſt⸗Backen war beendet. Lisbeth ſtand in der Backſtube und legte die fertigen Brödchen und Zwiehacke in große, hohe blecherne Behälter nieder, als die Thüre zur Backſtube aufging und Elias den Kopf hineinſteckte. „Darf man ſeinen Beſuch abſtatten?“ fragte er. Lisbeth erröthete, gab aber durch ein bejahendes Kopfneigen ihre Einwilligung. Der junge Juriſt trat dreiſt näher und machte die Thür hinter ſich zu. Es war das erſte Mal nach ſeiner Rückkehr, daß Lisbeth und er allein waren. „Das iſt ganz verteufelt— damit ich im Stil unſeres lieben Onkels bleibe— was das weiße Mütz⸗ chen und die große weiße Schürze Dir gut ſtehen, liebe Lisbeth; wahrhaftig, ich habe Dich noch nie ſo ſchön geſehen, nicht einmal in Deiner prächtigen Balltvilette. Du wirſt eine ganz entzückende Hausfrau werden.“ Elias ſtand neben Lisbeth an dem großen, mit Gebäck bedeckten Tiſche. „Kommſt Du hierher, um mir das zu ſagen?“ fragte Lisbeth und ſchaute ein wenig verlegen drein. „Das gerade nicht; als ich Dich aber in Deiner . 45 häuslichen Tracht erblickte, mußte ich meiner letzten Flumnn, des ſchönſten Mädchens in ganz Noregen, gedenken“, ſagte Elias, indem er eine ganze Hand voll der ſchönſten Kaffeebrödchen nahm, und dieſelbe zu eſſen begunn. „Ah ſo, Du hatteſt eine Flamme in Rorwegen“ bemerkte Lisbeth in einem Tone, der ſo Klang, 46 wenn ihr dies durchaus nicht behagte. „Ja, freilich, und das obendrein eine recht große Flamme. Glaube mir, liebe Lisbeth, es ſchmerzt mich recht gründlich, ſie verlieren zu müſſen; aber das Alles werde ich Dir erzählen, wenn wir wieder zur Ruhe kommen. Alsdann werde ich Dir mein Liebesabenteuer berichten.“ Und Elias nahm wieder ein Hand voll Kaffeebrödchen. „Lieber Elias, das geht nicht, daß Du unſere beſten Brödchen aufißt“ rief Lisbeth ungeduldig.„Du haſt jetzt in einem Augenblick mehr verzehrt, als ein Dutzend Frauenzimmer bei einem Kaffeeklatſch vertilgen können“ „Wäs Lisbeth, biſt Du geizig geworden? Gönnſt Du mir nicht, daß ich Deiner Hände Werk tß ſte Und Elias nahm eine dritte Hand voll. „Du meinſt alſo, das hieße nur it Pir ſcheint, es könnte eher verſchlingen genannt werden.“ Lisbeth beeilte ſich die beſten Btöbchen in ein Behäller zu legen, indem ſie hinzufügte:„Wenn es Beine Ab⸗ ſicht iſt, Dich an unſerm Backwerk ſatt zu eſſen, ſo nimm doch lieber von den andern Brödchen dort. Die halten beſſer vor, wenn man hungrig iſt Elias brach in lautes Lachen aus. Du gönnſt mir gar nichts. Als ich in Dich ver⸗ liebt war, gönnteſt Du mir nicht Dein Herz und Deine Hund, als ich dann abreiſte, aus Kummer über Deine Grauſamkeit, und nun glücklich genug bin, mich in ein. norwegiſches Mädcheu zu verkieben, ärgert Dich das. Daichjetzt nach mehrwöchentlicher langweiliger Arbeit mit Schreiben, Protokolliren 2c. mich an einigen Kaffeebrödchen laben will, biſt Du ſo herzlos, daß Du mir ſelbſt das nicht gönnſt. Geſteh es nur, Lisbeth, Du biſt nicht gut gegen mich.“ „Das iſt möglich, aber über meine Grauſamkeit haſt Du Dich wenigſtens nicht ſehr gegrämt.“ „Wünſcheſt Du, daß ſie dieſelbe Wirkung haben ſoll, wie Dein Korb?“ „Daß Du Dich erkälteſt?“ fiel Lisbeth ein,„das wird wol jetzt nicht ſo leicht ſein, nachdem Du Dich in Norwegen ſö gründlich erwärmt haſt.“ hn„Ja) das hoffe ich auch“, antwortete Elias lachend „und jetzt werde ich Dir anvertrauen, daß diejenige, die mein Herz beſitzt, Anna ähnlich iſt.“ „Sehr ſchmeichelhaft für meine Schweſter“, ſagte 47 Lisbeth in einem Ton, als ob die Sache ſie ganz und gar nicht intereſſirte.„Du haſt jedenfalls die glückliche Eigenſchaft, zu lieben und zu vergeſſen, und dann wie⸗ der zu lieben.“ „Ja, Gott ſei Lob und Dank, ſonſt wäre das auch ſehr traurig geweſen. Denke Dir, wenn ich mein ganzes Leben lang hätte umhergehen und für Dich ſeufzen müſſen, für Dich, das unbeweglichſte aller unbeweglichen Frauenzimmer! Aber ſiehſt Du, Lisbeth es liegt ſpeine ge⸗ wiſſe Hoheit in meiner Natur; ich verliebte mich deshalb in Mathea, weil ſie Deiner Schweſter ähnelte.„Eine in Allen und Alle in Einer“, hat eine däniſche Schrift⸗ ſtellerin geſchrieben, und der Ausſpruch paßt einigermaßen auf mich. Mathea iſt Anna, aber Anna iſt nicht Mathea, denn alsdann würde ich auch Anna lieben, und das wäre zu viel Liebe. Jetzt nehme ich die letzte Hand voll von Deinem ausgezeichneten Gebäck.“ Während er dieſe Hand voll verſpeiſte, entſtand eine Pauſe. 0 „Wie iſt denn die Tante gegen Euch geweſen, während ich von meinen heiligen Pflichten als richter⸗ licher Gehilfe in Anſpruch genommen wurde?“ fragte Elias. ti onn „So gut, daß ich mich nicht errinnern kann, ſie jemals früher ſo geſehen zu haben.“ „Schön, das freut⸗mich, und deshalb ſoll ſie auch ſchon heute Abend ihre Belohnung dafür haben. Wenn wir uns in der Wohnſtube verſammeln, werde ich ihr eine ertraordinäre Freude bereiten.“ „Und worin wird denn dieſe beſtehen?“ „In der Schilderung meiner norwegiſchen Liebes⸗ geſchichte. Das wird ſehr gemüthlich werden. Meinſt Du nicht, Lisbeth?“ „Ich bin von Liebesgeſchichten nicht beſonders er⸗ baut, allein ich werde jedenfalls aus Höflichkeit die Deinige mit anhören.“ „Sehr verbunden“, fiel Elias lachend ein;„Du, liebe Lisbeth, hältſt es nur mit der Liebe, wenn ſie als 3 Lockſpeiſe gebraucht wird, um uns arme Thoren zu fangen; aber denke Dir, wenn der kleine Schalk Amor ſich an Dir rächte und Du Dich unglücklich verliebteſt in einen Mann, der bereits ſein Herz verſchenkt hätte.⸗ 3 Lisbeth lächelte übermüthig, indem ſie Elias an⸗ ſchaute, welcher ſeinerſeits meinte, ſie dürfe ſich nicht Dabei ſchlang er ſeinen Arm um ganz ſicher dünken. ſie und tanzte mit ihr in der Backſtube herum. „Denk einmal, wenn Tante Johanna dies ſähe“, rief Anna, die jetzt plötzlich eintrat.„Oh, dann wäre es zu Ende mit der guten Laune! Mache, daß Du ſo⸗ 49 fort hinwegkommſt, das ſage ich Dir, denn die Tante wird böſe auf Lisbeth, wenn ſie Dich hier findet.“ „Wirklich?“ ſagte Elias, indem er Lisbeth los ließ und Anna haſchte, die er nun dermaßen im Tanze ſchwang, daß eine ganze Menge Brödchen vom Tiſche auf den Fußboden herabrollten. Erſt als dies geſchah, ließ Elias Anna ſtehen, ſtürzte aus der Backſtube hin⸗ aus, begegnete aber draußen Johanna, die einen ganzen Korb voll Brödchen in die Backſtube hineintragen wollte. „Ei da iſt ja die Tante! Wie habe ich Dich ge⸗ ſucht überall, und zu guter letzt haben mich die Mäd⸗ chen noch ausgeſcholten, weil ich es wagte in die Back⸗ ſtube hinein zu gucken. Das iſt eine wahre Freude, Dich endlich zu treffen und Dein prächtiges Geſichtchen anzuſchauen, namentlich jetzt, wo ich die Hoffnung habe, mich wieder daran lange Zeit erfriſchen zu können. Ich denke es recht gemüthlich hier zu Hauſe bei Dir zu haben, wenn ich wieder unſere beſonderen Vorleſungen des Abends fortſetzen kann.“ Er umſchlang die Tante und ſchwang ſie mehrmal herum, ſo daß eine Menge der Brödchen, die ſie im Korbe hatte, herausfielen, als dieß glücklich geſchehen war, ließ er ſie wieder los, und begann, das auf dem Fußboden liegende Backwerk aufzuleſen. Johanna lachte und unterdeſſen hatten die Mädchen Schwartz Annals Geheimniß. 4 angerichtet daß er dort die Spuren der Unordung vertilgt, die Elias und die ſonſt verrathen haben würden, ſein Unweſen getrieben hatte. Abenbs als die Mädchen ſich in ihrem Zimmer be⸗ fanden, ſagte Lisbeth: „Weißt Du, Anna, Elias hat ſich in eine Nor⸗ wegerin verliebt.“ „Daran hat er Recht gethan“, antwortete Anna. „Seine Liebe zu mir war ſomit nicht viel werth.“ „Danke Du Gott dafür, da Du ihn doch nicht haben wollteſt.“ „Aber es ärgert mich.“ „Ganz wie Tante Johanna, wenn die Herren Dir Artigkeit ſagen. jetzt ſchlafe wohl und träume von dem noch nicht ein⸗ gefangenen Thure. der bis jetzt Deinen Künſten widerſteht.“ Du wirſt ganz wie ſie, Lisbeth. Aber Es ſcheint dies ein Fels zu ſein, Fünftes Kapitel. Am folgenden Abend waren ſämmtliche Mitglieder der Familie in der großen, ſchönen Wohnſtube verſam⸗ melt. Das Feuer kniſterte luſtig im Ofen, und um den runden Tiſch hatten ſich Johanna, die beiden Mäd⸗ chen und die drei jungen Juriſten niedergelaſſen. Gerichts⸗ Director ſaß in einem Lehnſtuhl am Ofen damit beſchäftigt, die Zeitungen zu leſen, die auf einem kleinen Tiſche vor ihm lagen. Lisbeth den Auftrag bekommen, ihr ein Muſter abzu⸗ zeichnen, und Thure war ihr beim Sortiren einiger Perlen behilflich, die zu einer Stickerei verwendet wer- den ſollten. Conſtantin hatte von Johanna warf einen herausfordernden Blick auf die jungen Männer und das ſchöne Mädchen, wäh⸗ rend ſie darüber ſcherzte, daß die erſteren ſo voll des 4* 52 Eifers wären, ihre müßigen Stunden nützlich auszu⸗ füllen. Die Scharmützel zwiſchen ihr und Lisbeth waren ſchon nahe daran, wieder auszubrechen, als Elias plötz⸗ lich dazwiſchen ſprach, indem er ſagte: „Nun, Tantchen, was meinſt Du, werden wir heute Abend eine Vorleſung haben oder nicht?“ Johanna blickte den Bruderſohn mit ihren hübſchen Augen an, lächelte und ſagte: „Das iſt recht freundlich von Dir, daß Du mich daran erinnerſt; ich möchte durchaus nicht das Vergnü⸗ gen einbüßen.“ „Wenn vorgeleſen werden ſoll, will ich auch da⸗ bei ſein“, rief Anna und hörte für einige Augenblicke auf, ſich in dem Stuhl hin und her zu ſchaukeln. „Das geht nicht, liebe Anna, die Vorleſungen ſind nur für die Tante. Für Kinder und Backfiſche wer⸗ den keine ſchönwiſſenſchaftlichen Vorträge gehalten.“ „Aber Märchen und Sagen erzählt man ſolchen kleinen lieblichen Weſen“, fiel Anna ein und begann wieder, ſich in dem Stuhl zu ſchaukeln.„Du mußt ja mit dergleichen Dingen vollgepfropft ſein, da Du Dich in Norwegen aufgehalten haſt, wo das Volk aus⸗ ſchließlich von ſeinen Sagen lebt.“ „Ein Märchen für Kinder weiß ich nicht“, ant⸗ 53 wortete Elias,„und wenn ich auch eins wüßte, würde ich es doch nicht erzählen.“ „Und warum nicht?“ fragte Anna, indem ſie ſich in dem Schaukelſtuhl recht bequem zurechtſetzte. Elias ſchaute ſie an und lächelte. „Wünſcheſt Du vielleicht, daß ich Dir ſage, wes⸗ halb Du es nicht willſt?“ fragte Anna und Fi ihr zottiges Haar zurück. „Nun ja, laß hören.“ „Du meinſt jetzt, wie Du immer gemeint, daß ich ein faules Mädchen bin, und Du willſt wieder an⸗ fangen, den Erzieher zu ſpielen. Um mich zu beſtrafen, willſt Du nichts erzählen; aber das nützt Dir gar nichts, ich werde durchaus nicht fleißiger, weil Du mich nicht unterhältſt, und ich glaube überhaupt gar nicht, nütz⸗ licher zu ſein, wenn ich auch mit Perlen ſtickte, als jetzt, wo ich gar nichts thue. Und ſomit meine ich, daß Du ſehr unartig gegen mich biſt. Und ich meine auch, daß Lisbeth nicht mehr Nutzen ſtiftet als ich, und daß Deine Märchen gar nichts mit meiner Beſſerung zu ſchaffen haben.“ Elias erklärte, Anna hätte Recht, weil ſie unver⸗ beſſerlich jei. Thure blickte Anna mit einer Miene an, als wenn er die Abſicht hätte, ihr etwas recht Nieder⸗ ſchmetterndes zu ſagen; doch begnügte er ſich damit, 54 die Augen ſprechen zu laſſen. Anna ſah ihn aber gar nicht an und entging damit ſeinen vernichtenden Blicken. „Ich muß mich wohl mit Dir ausſöhnen, Anna“, ſagte Elias, und rückte ſeinen Stuhl ganz nahe an den des jungen Mädchens. „Ja freilich, mußt Du das, und es ſollte mich wundern, wenn Du nicht Alles thun würdeſt, was ich will.“ „Gewiß will ich das, aber erſt mußt Du mir ſa⸗ gen, ob Du mir wirklich böſe biſt.“ „Wenn Du etwas Hübſches erzählſt, will ich Dir verzeihen.“ Und Anna ſtreckte mit gravitätiſchem Ernſte die Hand gleichſam zum Kuſſe nach Elias hin. Elias drückte einen lauten Kuß auf die ausge⸗ ſtreckte Hand, was Tante Johanna zu ſagen veran⸗ laßte: „Was ſind das für unpaſſende Scherze, die ſich Anna erlaubt?“ Die beiden Kavaliere Lisbeth's fuhren in demſel⸗ ben Moment kopfüber unter den Tiſch, um irgend et⸗ was aufzuheben, was ihre Dame hatte fallen laſſen, und Anna lachte darüber laut auf, ſo daß ihr die Thränen in die Augen traten.. . 55 Darauf ſprang ſie von dem Schaukelſtuhl empor und auf Johanna zu, indem ſie ſagte: 5 „Beſte Tante, er küßte mich nur auf die Hand; es iſt königlich, einen Handkuß zu geſtatten. Du zür⸗ neſt wol nicht meiner Majeſtät?“ „Liebe Anna, ich geſtehe, daß—“ „Daß Du das Voltigiren der jungen Heeren un⸗ ter dem Tiſche höchſt komiſch fandeſt“, unterbrach Anna ſie fröhlich.„Ich fand es auch komiſch.— Lisbeth ſieht aus, als wären alle ihre Perlen durch ein Erd⸗ beben verſchüttet worden. Denke nur, Tantchen, wenn ein Kuß auf die Hand ſo viel Ungemach verurſachen kann, was wird dann erſt durch einen Kuß auf den Mund geſchehen können.“ Elias und Anna lachten und brachten Johanna dahin, an ihrer Fröhlichkeit Theil zu nehmen, was ſie herzlich gern that, weil ſie bemerkte, daß über dieſelbe Lisbeth und Roth ſich ärgerten und Thures Wangen eine erhöhte Farbe annahmen. Thure wagte es an dieſem Abend zum erſten Male, ſich mit irgend Jeman⸗ den anders, als mit Johanna zu beſchäftigen. Anna beugte ſich über die Perlen der Schweſter und fragte: „Wieviel Perlen haſt Du durch den Handkuß ver⸗ loren?“ ———— Lisbeth las die Perlen zuſammen und antwortete im ſpitzigen Tone; „Wenn man, wie Du, unbeſchäftigt und faul iſt, gibt man immer Aergerniß.“ „Namentlich wenn man daran ſein größtes Ver⸗ gnügen findet“, fiel Thure ein. „Unbeſchäftigt zu ſein, meinſt Du wol?“ fragte Anna und hicte ihn mit einer herausfordernden, naſe⸗ weiſen Miene an. „Nein, daran Aergerniß zu geben.“ „Lieber Thure, rede nicht ſo. Lisbeth könnte auf den Gedanken kommen, daß Du ſo ſehr an ihren Per⸗ len Theil nimmſt, daß Du deshalb auf mich erboſt biſt. Iſt Ihr Muſter fertig“, fügte ſie hinzu, indem ſie ſich. über Roth's Zeichnung neigte.„Noch lange nicht, wie ich ſehe. Schade darum, das Muſter wird wunderbar ſchön, das ſieht man ſchon an dem, was gezeichnet iſt.“ Conſtantin ſchaute Anna mit einem aufgebrachten Blick an, und Lisbeth rief ungeduldig: „Heute Abend biſt Du aber auch zu muthwillig!“ „Dem ſtimme ich aus ganzem Herzen bei“, bemerkte Thure. „Und Sie auch, das ſehe ich ſchon“, fiel Anna ein, ſich an Conſtantin wendend, welcher die Frage mit 57 einem ſtummen aber bejahenden Kopfneigen beantwor⸗ tete. „Nun, dann ſuche ich Schutz bei Elias, und er muß ein Märchen erzählen, um Euch zu erheitern.“ Anna warf ſich in den Schaukelſtuhl, und Johanna ſagte zu Elias: „Du könnteſt uns übrigens etwas von Deiner Reiſe erzählen. Anna wird alsdann der Lisbeth nicht mehr Aergerniß geben, indem ſie ſich ungehöriger Weiſe in ihr Revier eindrängt.“ „Mein Revier, Tante? Was ſoll das heißen?“ Und Lisbeth warf einen herausfordernden Blick auf Jo⸗ hanna. Der Handſchuh zu einer Fehde zwiſchen Lisbeth und Johanna war geworfen, und wäre er aufgenommen worden, ſo wäre wol eines jener ſcharfen Wortgefechte ent⸗ flammt, wie dieſelben vor der Reiſe der beiden Mädchen zur Tagesordnung gehörten. Elias trat indeß dazwi⸗ ſchen und erklärte, daß er bereit ſei, den Herrſchaften mit ſeiner norwegiſchen Liebesgeſchichte aufzuwarten. Lisbeth neigte ſich über ihre Perlen, Johanna nahm ihre Häkelarbeit wieder zur Hand und Anna legte ſich in den Schaukelſtuhl zurück, indem ſie rief: „Es wird alſo das Märchen Deines Herzens ſein, mit welchem Du uns erbauen willſt. Mir wird 58 das ein eben ſo lehrreiches als neues Thema ſein, und ich verſpreche Dir meine ungetheilte Aufmertſam⸗ keit, wenn nämlich die Geſchichte Deines Herzens in⸗ tereſſant iſt. Aber Du haſt meine ewige Ungnade, wenn ſie langweilig iſt.“ „Sie iſt recht intereſſant, liebe Anna, die Heldin iſt Dir ähnlich.“ Anna lachte, und Johanna ermahnte Elias, ſeine loſen Plaudereien einzuſtellen und ſeine Erzählung zu beginnen. „Wohlan denn, ich gehorche und bitte Sie, meine Herrſchaften, ſich mit mir an Bord des Dampfſchiffes gon Chriſtiania nach Drammen zu verſetzen. Es war ein ſchöner, wenn auch etwas windiger Junimorgen, an welchem ich an Bord eines kleinen Dampfbootes ging, das beſtimmt war, mich und meine Reiſegefährten nach Drammen zn führen. Mit Bedauern verließ ich Chriſtiania, wo ich ſehr angenehme Tage verlebt und viele Gaſtfreundſchaft genoſſen hatte. Ich hatte daſelbſt die Bekanntſchaft fröhlicher, junger Norweger und ſchö⸗ ner, blühender norwegiſcher Mädchen gemacht. Am Bord war es voll von Paſſagieren. Es wurde in al⸗ ten Ecken norwegiſch geſprochen, doch einige, wenige Leute ſprachen auch engliſch. Ich war gerade beſchäf⸗ ligt, den Chriſtiania⸗ Meerbuſen mit ſeiner Einſaſſung — 59 von tannenbekleideten Felſen und mit ſeinen unzähligen kleinen Inſeln zu bewundern, als der Laut heimatlicher Töne mein Ohr traf. Es befand ſich auch ein Schwede am Bord, und was noch mehr ſagen will, dieſer Schwede ſprach. Ich wandte mich ſofort um und erblickte einen Offizier der ſchwediſchen Flotte, den ich von Anſehen kannte. Ich bezweifle jedoch, daß er eine Ahnung davon hatte, wer ich ſei. Wenigſtens ſchenkte er mir nicht die geringſte Aufmerkſamkeit; er war ganz und gar von zwei jungen Mädchen in Anſpruch genommen. Wenn ich auch ſagen wollte, er ſei Lieutenant T. geweſen, ſo —— kennt ihn doch keine der Damen hier, allein Thure, Onkel und Roth werden natürlicher Weiſe ganz beſtimmt wiſſen, daß er dem Schmetterling an dem Muſter Lis⸗ beth's ähnelt. Das heißt, er hat die Natur eines Schmet⸗ terlings und wird zu den Fröhlichen im Lande gezählt. Er genießt die Freude, wo er ſie findet, ohne viel darüber nachzudenken, inwiefern ſeine Freuden Andern Thränen koſten mögen. Der Lieutenant plauderte in einem fort, und da er mich wenig intereſſirte, ſo lenkte ich meine Aufmerkſam⸗ keit auf die beiden jungen Damen. Die eine war eine ſtattliche Blondine, eine regelmößige Schönheit, kalt und gemeſſen. Die andere hatte ein ganz ſo zottiges Haar, 60 wie Anna, aber ſie war hübſcher und hatte regelmäßigere Züge, einen Mund, der immer lächelte, ganz wie Anna, und ein Paar immer ſpielende Augen, ganz wie Anna. Sie war charmant.“ „Ganz wie Anna“, unterbrach dieſe ihn und neigte ihren Kopf mit ſelbſtzufriedener Miene auf die Schulter. „Sie war etwas manierlicher und weniger über⸗ müthig“, verſicherte Elias.„Ich hatte ſie nur wenige Minuten betrachtet, als ich mich auch ſchon lebhaft für ſie intereſſirte und eben ſo lebhaft wünſchte, ihr vorge⸗ ſtellt zu werden.“ „Ganz, wie es der Fall geweſen ſein würde, wenn ich es geweſen wäre“, fiel Anna ein. „Freilich, allein es wurde faſt unmöglich, dieſen Wunſch erfüllt zu ſehen, weil der Lieutenant nicht von ihrer Seite wich. Er war ganz von dem Geſpräch mit dem Krausköpfchen in Anſpruch genommen, und ſie nicht weniger von ihm. Sie hatten keine andere Geſellſchaft als die ihrige nöthig.“ „Ganz wie es mit Thure und mir der Fall iſt. Wenn wir beide allein zuſammen ſind, haben wir an einander genug“, rief Anna. „Unterbrich nicht immer Elias“, ermahnte Johanna, der es wol ſcheinen mochte, daß Anna über Gebühr übermüthig ſei, und die deshalb eine Zurechtweiſung für nöthig fand, namentlich, weil es Johanna ſtets mißſiel, wenn das dumme Kind ſich an Thure wandte. „Gut, ich werde ſchweigen wie ein Stein“, ver⸗ ſicherte Anna. Elias fuhr fort: „Je mehr ich bemerkte, wie das Mädchen ſich für die Seeratte intereſſirte, je mehr ärgerte ich mich und je anziehender fand ich daſſelbe. Ich ging wiederholt an den Beiden vorüber, aber es gelang mir nicht, einen einzigen Blick zu erhaſchen, während ihre gemeſſene Freundin mir mehrere ſchenkte. Ich hörte, wie der Seeoffizier dem kleinen Krauskopf eine Artigkeit nach der andern ſagte und ſah, wie ſie lächelte, und wie die lebhaften Augen die Artigkeiten beantworteten.“ „Antworteten die Augen?“ fiel die unverbeſſerliche Anna ein,„Wie geht denn das zu?“ fügte ſie mit der unſchuldigſten Miene von der Welt hinzu. „Du kleine Thörin“, rief der Gerichtsdirector, „ſieh Dir doch einmal die jungen Herren an, wenn ſie für Lisbeth ſchwärmen, dann wirſt Du ſchon begreifen, wie ſich mit den Augen antworten läßt. Uebrigens haſt Du ja Elias geſehen, als er am allerſchwerſten angegriffen war. Du wirſt begreifen, daß die Augen ſprechen können.“ 61 Denk an ſeine Augen damals, und 62 „Nein, Onkek, das begreife ich nicht. Elias ſah ſchläfrig aus, wenn er Lisbeth anblickte.“ Der Gerichtsdirector und Elias lachten, allein Jv⸗ hanna meinte, es ſei unerträglich, wenn Anna ihren Dummheiten die Zügel ſchießen laſſe, und Lisbeth fand es recht abſcheulich von der Schweſter, die Naive zu ſpielen. Anna hielt ſich beide Hände vor den Mund, und Elias fuhr fort: „Endlich gelangten wir nach Drammen, und dort nahm der Lieutenant von den jungen Mädchen Abſchied. Er hielt die Hände des Krausköpfchens in den ſeinen und blickte ihr in die Augen, während er mit ernſter Miene und in dem wärmſten Tone erklärte, er hoffe in einigen Wochen die für ſein Herz überaus große Freude zu erleben, ſie unter fröhlicheren und glücklicheren Ver⸗ hältniſſen wiederzuſehen. „Die Erinnerung an dieſe kurze, meinem Herzen ſo angenehme Reiſe wird bei mir unauslöſchlich ſein“, ſagte der Spitzbube. Das Krausköpfchen lachte und erröthete. Ich glaube ſogar, es ſchimmerte eine Thräne in ihren Au⸗ gen. Noch einmal verbeugte er ſich und, wie ich ver⸗ muthe, drückte er nochmals ihre Hand. Darauf ergriff er ſeine Reiſetaſche und ging an's Land. 63 Das bethörte Mädchen näherte ſich dem Schiffs⸗ bord in der Hoffnung, daß der Lieutenant ihr noch einen letzten Gruß ſenden werde. Zu ihrer ſtolzen Be⸗ gleiterin ſagte ſie: „Die Schweden ſind ſehr liebenswürdig, ſie haben eine weit angenehmere Art und Weiſe als die Nor⸗ weger.“ Was die Andere antwortete, hörte ich nicht, meine Aufmerkſamkeit lenkte ſich dem Lieutenant zu, welcher ſeine Reiſetaſche in der Hand, neben ſich einen Matro⸗ ſen, der ſeinen Koffer trug, von dem Schiffe forteilte, ohne einen Blick zurückzuwerfen oder auch nur den Hut abzunehmen. Das Mädchen, für welches er ſich einige Augenblicke vorher ſo lebhaft intereſſirte, ſchien nun ganz und gar vergeſſen zu ſein. Sie, das arme Kind, ſtand daf und blickte dem davoneilenden Ritter nach, und zwar mit einem Ausdruck vereitelter Hoffnung, welcher zeigte, daß dieſe Vernachläſſigung ſie ſchmerzte. Ihre Begleiterin lächelte heimlich, und eine, ſo ſchien mir, höhniſche Freude umſpielte ihre Lippen, was aber meinen Aerger heraufbeſchwor, und zwar umſomehr, als das bezaubernde Krausköpfchen das Taſchentuch an die Augen führte. Das Dampfboot ſtieß wieder ab. Es ſchien je⸗ doch, als wenn der Abgang dem Capitän und Steuer⸗ b mann ein ſchwer zu löſendes Problem ſei, denn es dauerte lange, bevor wir wieder in Gang kamen. Un⸗ terdeſſen hatten wir den erbaulichen Anblick, zu ſehen, wie der Lieutenant in eine Droſchke ſtieg, ſich mit ſei⸗ nen Reiſeſachen beſchäftigte und davon fuhr, ohne ein einziges Mal einen Blick nach dem Dampfſchiff zu ſenden. Gerade als die Dampfmaſchine ernſtlich zu arbei⸗ ten begann, erhob ſich ein Windſtoß und fegte in ei⸗ nem Nu den Sommerhut von dem Krauskopf herab. Der Hut wäre ganz gewiß über Bord gegangen, wenn er nicht an mir vorübergeflogen wäre und ich ihn nicht aufgefangen hätte. Mit dem Flüchtling in der Hand ſtellte ich mich dem ſchönen Kinde vor. „Das heißt mit anderen Worten, Du ergriffſt Dein Glück im Fluge“, fiel Anna ein. „Ganz richtig, und ich gebe Dir die Verſicherung, daß ich große Freude empfand, als die ſchöne norwe⸗ giſche Jungfrau mir mit holdſeligem Lächeln dankte. Ich war natürlicher Weiſe eifrig bemüht, das Glück feſtzuhalten, in deſſen Beſitz ich ſo unerwartet gelangt war, und machte mich ſo liebenswürdig, wie ich nur konnte. Ermuntert von ihrem freundlichen Urtheil über die Schweden, ſagte ich ihr alle möglichen, ſchönen Dinge von ihren Landsleuten, und ſolchergeſtalt kam ein ganz unterhaltendes Geſpräch von unſern reſpectiven Vaterländern in Gang.“ „Wie kannſt Du wiſſen, daß es unterhaltend ge⸗ weſen? Wer ſagte Dir das?“ fragte Anna. „Mein eigenes Urtheil.“ „Ein egvoiſtiſches Urtheil, dem ich meinerſeits miß⸗ traue. Du biſt gewiß langweilig geweſen, und ich ſehe es Lisbeth an, daß ſie auch meiner Anſicht iſt.“ Johanna verlor jetzt die Geduld und meinte, Anna ſei wie eine naſeweiſe Fliege, die einem immerzu um die Ohren ſummt, die Gemüthlichkeit ſtört und verhin⸗ dert, daß man irgend einen vernünftigen Gedanken zu Ende denken könne— ein Gleichniß, welches die jun⸗ gen Herren ſehr witzig fanden und worüber ſie herzlich lachten, was ſie nicht thaten, wenn die ſathriſchen Aus⸗ fälle Johanna's ſich gegen Lisbeth richteten. Anna war an dieſem Abend immerfort ſehr übermüthig geweſen, ſo daß ſie eine Revanche darin fanden, auf ihre Koſten zu lachen. Anng lachte nicht, aber ſie blickte diejenigen, welche den Worten Johanna's ſo fröhlichen Beifall ſchenkten, an, als wenn ſie ſagen wollte: „Das ſollt Ihr mir büßen.“ Lisbeth lächelte auch nicht, und nachdem Elias recht herzlich gelacht hatte, fuhr er fort: Schwartz, Anna's Geheimniß. I. 5 „Kurz und gut, mein Geſpräch ſchien ſie zu amüſi⸗ ren, und als wir bei der nächſten Station in Drammen ſelbſt anlegten, fand ich es höchſt betrübend, daß ich die ſo trefflich eingeleitete Bekanntſchaft abbrechen und da⸗ von abſtehen mußte, den üblen Eindruck zu verwiſchen, den der Lieutenant hervorgerufen hatte. Ich ſtand gerade und überlegte⸗ wie ich wol er⸗ forſchen könnte, wohin meine neue Bekanntſchaft ſich begäbe, damit ich meine eigene Reiſe darnach richten könnte. Allerdings hatte ich bei meinem Abgange von Chriſtiania beſtimmt, daß ich nach Hardanger gehen wollte, allein ich konnte eben ſo gut in Drammen blei⸗ pen oder anders wohin reiſen, je nachdem meine lie⸗ benswürdige Bekanntſchaft ihr Reiſ ſeziel wählte. Wäh⸗ rend ich mich auf die Frage beſann, die ich ſtellen konnte, hatten die jungen Mädchen ſich in den Salon hinabbegeben, um ihre Sachen zu ſuchen, und als ſie wieder zum Vorſchein kamen, ſagte die ſtolze Blondine: „Beabſichtigen Sie in Drammen zu bleiben?“ „Meine Abſicht war es nicht; vermag ich jedoch in Drammen Ihnen, meine Damen, irgendwie von Nutzen zu ſein, ſo verweile ich ein paar Tage hier; ich reiſe nur zu meinem Vergnügen.“ „Wir ſind Ihnen ſehr verbunden für dieſe Artig⸗ 67 keit, allein wir beabſichtigen auf der Eiſenbahn von Drammen nach unſerer Heimath Hadeland zu gehen.“ Ich war entzückt. Wir ſollten demnach die Reiſe auf der Eiſenbahn zuſammen machen. Ich ſtellte mich ſofort zu ihrer Verfügung und erbot mich, für ihre Reiſeſachen Sorge zu tragen, welche kleine Dienſtleiſtungen ſie annahmen, nachdem ſie ſich mir als Fräulein Welder vorgeſtellt hatten. „Alſo Schweſtern“, dachte ich. Es war drei Uhr Nachmittags, als wir das Dampf⸗ ſchiff verließen, und erſt um halb ſechs Uhr ging der Eiſenbahnzug ab. Ich hoffte ſomit, daß wir dieſe dritt⸗ halb Stunden dazu benutzen würden, gemeinſchaftlich die Stadt zu durchwandern. Dieſe Hoffnung ſollte ſich jedoch nicht verwirklichen, ſondern ich mußte die Stadt auf eigene Hand beſehen. Die Aeltere, das heißt die Stolze, vertraute mir ihre Reiſeſachen an, worauf ſie und das Krausköpfchen ſich verabſchiedeten. Sie hätten in Drammen eine Tante zu beſuchen, und erſt auf dem Bahnhof würden wir uns wiederſehen. Ich flanirte indeß in Drammen umher, fand vie Stadt ſchön, verſehen mit wohlangelegten Promenaden, und erfreute mich an ihrer hochromantiſchen Lage Hohe grünbekleidete Felſen bildeten den Hintergrund des Ge⸗ 68 mäldes, der Meerbuſen mit ſeinen unzähligen Inſeln den Vordergrund. Mit dem Schlage ein Viertel auf ſechs war ich im Warteſaal. Ich kaufte die Billets, gah die Reiſeſachen ab und hatte Alles geordnet als die Uhr wenige Mi⸗ nuten vor halb ſechs zeigte und meine Reiſegeſellſchaft noch immer nicht zu ſehen war. Ich begann unruhig zu werden und ſtellte mir ſchon vor, wie die jungen Damen ausbleiben, mich mit meinen drei Billets und ihrem Gepäckſchein abfahren laſſen würden, ohne daß ich wußte, wo ich ſie wiederfinden ſollte. Die Thür des Warteſaals wurde geöffnet, es wurde geläutet, und noch waren keine jungen Damen zu ſehen. Ich ſtand in der Thüre, die zu dem Perron hinausführte. Die Conducteure begannen die Billets zu coupiren, da end⸗ lich zu meiner unausſprechlichen Freude, kamen die bei⸗ den Damen faſt außer Athem angelaufen. Sie hatten ſich verſpätet. 3 In einem Nu ſaßen wir zuſammen in einem Coupé, und im nächſten Augenblick ging der Zug ab. Es war eine angenehme Fahrt. Schöne romantiſche Gegenden durchfuhren wir, überall ſahen wir hohe, bewaldete Felſen, glitzernde Waſſerfülle, die bald höher, bald niedriger herab⸗ ſtürzten, und hier und da im Hintergrunde ragte eine 69 ſchneebedeckte Kuppe hoch über die niedrigeren mit Tan⸗ nen bewachſenen Felsmaſſen. Ich war entzückt über die großartigen Naturſchön⸗ heiten des Landes, und ich ſprach meine Gefühle aus. Die Damen lächelten dazu zufrieden. Sie waren ſtolz auf ihr ſchönes Vaterland, und die Aelteſte erklärte vollends, daß Norwegen das ſchönſte Land der Welt ſei. „Und die Schweden das liebenswürdigſte und an⸗ genehmſte Volk“, fiel der Krauskopf ein, und ſchaute zum Wagenfenſter hinaus. „Namentlich ſind die Offiziere der ſchwediſchen Flotte intereſſante Kavaliere“, fiel ich unbedachtſam ein. Die Aelteſte lächelte ſatiriſch, und der Krauskopf ſchlug die Augen nieder. Abends um neun Uhr gelangten wir an die Sta⸗ tion Randsfjord, die letzte auf der Bahn von Dammen aus. In der Nähe hielt ein ſchönes Fuhrwerk und ein älterer Herr, groß und ſtark gebaut, mit einem friſchen blühenden Geſicht und blendend weißen Zähnen ſtand auf dem Perron, um meine Damen zu empfangen. „Mein Vater, Advokat Welder“, ſagte die Aelteſte der jungen Damen,„Herr. Kandidat jur. Wikſtrand“, fügte ſie hinzu, indem ſie auf mich zeigte. Mit der in Norwegen in ſo hohem Grade herr⸗ ſchenden einfachen Herzlichkeit reichte der Advokat mir die Hand, hieß mich in Norwegen willkommen und ſtellte einige Frähen in Bezug auf meine Reiſe, welche zur Folge hatten, daß er mich einlud, bei ihm zu wohnen, während ich mich in Hadeland aufhielt. WDieſe Einladung würde ich natürlich mit großer Dankbarkeit angenommen haben, wenn ich nicht dem guten Freunde unſers Onkels, welcher in der Nähe der Glashüte von Hadeland wohnt, telegraphirt hätte, daß ich zu ihm mit friſchen Grüßen aus dem alten Schwe⸗ den käme. Ich hatte jedoch kaum meinen Dank für die freundliche Einladung ausgeſprochen, als ich das liebe, liebe Geſicht Deines alten Freundes, Onkel, erblickte, indem derſelbe aus dem Stationshauſe auf uns zu⸗ ſchritt. Er ſei gekommen, ſagte er, um ſich zu über⸗ zeugen, ob ich mit dem Zuge eingetroffen ſei, und um mich mit ſich nach Hauſe zu führen. Der Advokat und er waren alte Freunde und Nachbarn. Als ſie einige Worte gewechſelt und wir die Reiſeſachen in Ordnung gebracht hatten, mußte ich mich von meinen Damen verabſchieden, nachdem ich ſie zü ihrem Wagen begleitet hatte. Sowol ſie als ihr Vater riefen mir noch im Abfahren zu, daß ich nicht vergeſſen ſollte, ſie in Welland, ihrem Beſitzthume, zu beſuchen. Dein alter Freund und ich blieben noch einige Augenblicke ſtehen und ſchauten den Abfahrenden nach. Bevor wir weiterfuhren, nahmen wir gleichfalls die Umgebungen in Augenſchein. Dein alter Freund H—m, welcher ſeit ſechszehn Jahren in jener Gegend wohnt, wollte durchaus, daß ich die Ausſicht in Augenſchein nehmen ſollte, obgleich die Beleuchtung keine wi hafte war. Die Stelle, wo wir uns befanden, lag bedeutend höher als der Meerbuſen, nach welchem hinan ein ſehr jähes Ufer ſich. erſtreckte. An der entgegengeſetzten Seite durchſchnitt derſelbe das tiefe Thal und dicht an deſſen Ufer lag das große Glaswerk mit ſeinen Wohn⸗ häuſern, Magazinen, Hütten u. ſ. w. Es war ein Ort, wo menſchliche Betriebſamkeit, die Induſtrie und deren Hoff⸗ nungen ſich niedergelaſſen und ihre Werkſtellen errichtet hatten, und zwar ohne im Geringſten zu berückſichtigen, in wie fern dieſe Gebäude unter ſich oder mit der ſie umgebenden Natur harmonirten. Der Nutzen, nicht die Schönheit gilt als Geſetz, wo die Arbeit ſich etablirt hat. Das Glaswerk ſelbſt war nur ein reines Durch⸗ einander von Gebäuden, allein den Rahmen, in gelchen dieſelben eingefaßt waren, hatte der große Meiſter in wildvomantiſchen Formen gebildet. Hinter der Fabrik erhob ſich nämlich eine bewaldete 72 Berglette, an deren Fuße ein freundliches Birkenwäld⸗ chen ſich ausbreitete. Zur Linken auf einer ſolchen Anhöhe lagen drei neue Gebäude im Schweizer⸗Styl, Arbeiterwohnungen, die der Glasfabrik gehörten. Noch weiter nach links, mehr in der Nähe des Meerbuſens, umgeben von üppigem Laubholz, lag ein Beſitzthum, welches von der Stelle aus geſehen, wo wir uns be⸗ fanden, ſich im höchſten Grade anmuthig präſentirte, und hinter dieſem erhob ſich wiederum eine ganze Reihe von ſtattlichen Felſen, die, wohin man auch blickte, den Meerbuſen mit ihren Rieſenarmen um⸗ ſchloſſen. Das ſchöne Etahliſſement am Ufer des Meerbuſens hieß Thorbjörnes und wurde von dem Vater des Be⸗ ſiters der Glashütten bewohnt. Es war ein ſchönes norwegiſches Beſitzthum, ebenſo engenehm in ſeinem Innern wie herrlich in Bezug auf ſeine Lage. Ich werde niemals daſſelbe vergeſſen, ich genoß dort die echte norwegiſche Gaſtfreundſchaft und machte die Be⸗ kanntſchaft eines liebenswürdigen alten Ehepaares und deſſen reichbegabter Tochter; doch hierüber ausführlicher in der Reiſebeſchreibung, die ich herauszugeben beab⸗ ſichtige.“ „Du lieber Gott, Elias, willſt nun auch Du unter das Federvolk gehen?“ unterbrach ihn Anna⸗„Das 73 wird ein ſchönes Werk werden, das ſage ich Dir im Voraus. Ich rathe aufs Beſtimmteſte davon ab, daß Du Dich in Dinge einläßt, denen Du nicht gewächſen biſt, es ſei denn, daß Du die Abſicht häſt, zu zei⸗ gen, wie Reiſebeſchreibungen nicht geſchrieben werden dürfen.“ „Du haſt keine große Meinung von meinem Schrift⸗ ſtellertalent, wie ich höre“, antwortete Elias lachend; „allein ich werde Dich ſchon überzeugen, daß Du im Unrecht biſt.“ „Das wird übrigens nicht ſchwer ſein“, ſagte Jo⸗ hanna,„denn Anna hat uns heute Abend bewieſen, daß ſie gar kein Urtheil beſitzt. Ich rathe Dir deshalb, Elias, laſſe Dich nicht ferner von der ſummenden Fliege ſtören, ſondern fahre in Dliner Erzählung fort, ohne auf Anna Rückſicht zu nehmen.“ „Ja, wenn er das nur könnte“, murmelte Annä, und fügte mit einer gnädigen Handbewegung laut hinzu,„fahre fort, lieber Elias, und ſollkeſt Du den Faden verloren haben, ſo will ich Dir nur ſagen, daß wir bei Thorbjörneſund in dem Momente ſtehen ge⸗ blieben waren, wo Du uns mit einer Reiſeſkizze be⸗ drohteſt. Aber laß uns nicht länger dort am Statibns⸗ hauſe verweilen und eine Ausſicht betrachten, die wir nicht ſehen und die Du auch nicht beſchreiben kännſt. 74 Setze Du Dich lieber in Herrn§— n's Wagen und fahre mit ihm nach Hauſe. Wie ſah's dort aus?“ „Dort war es außerordentlich angenehm. Seine Gattin iſt eine von den Frauen, in deren Blick man ſofott die Güte und Reinheit des Herzens lieſt. Sie hieß mich willkommen mit jener Freundlichkeit, die uns vom erſten Augenblicke an ſagt, däß wir als Freunde behandelt werden. Ihr Beſitzthum liegt gleichfalls am Meerbuſen, allein es entbehrt aller der verſchönernden Elemente, welche Bäume, Gebüſch, grüne Felder und Wieſen ver⸗ leihen. Eine kleine Anlage am Wohnhauſe verſprach jedoch in Zukunft Schatten und Ruhepunkte für das irrende Auge. Zwar vermißte man ſomit an dem Orte ſelbſt die Naturſchönheit; allein dafür wurde man durch die herrlichſte Ausſicht über den Meerbuſen entſchädigt. Träumenden Blickes ſaß man hier am Fenſter und ſchaute über das glitzernde Gewäſſer in die ſchönen Thäler hinein, wo hier und da die Bauerngehöfte her⸗ vorſchimmerten, eins höher als das andere liegend, je nach dem Terrain des Thales, und geſchützt von hohen Bergen, die ſich hinter ihnen erhoben. Aber ich vergeſſe ja ganz, daß Anna meine Na⸗ turbeſchreibungen ſehr ſchlecht findet; ich werde ſie des⸗ 75 halb aufſparen, bis ich meine Reiſebeſchreibung her⸗ ausgebe.“ in „Sehr verbunden“, fiel Anna ein; allein ſie kam nicht dazu, noch etwas hinzuzufügen, weil ihr ein Blick von Johanna begegnete, der ihr ſagte, daß es nicht räthlich ſei, die Tante noch ferner zu reizen. „Der erſte Abend in Hadeland war ſo angenehm, daß ich mich mit dem Vorgefühl zur Ruhe hegab, ich würde dort herrliche Tage verleben. Ich hatte ſchon verſchiedene Aufklärungen in Betreff meiner Reiſegefähr⸗ tinnen erhalten, die mir ſehr zuſagten. Unter Anderem hatte ich erfahren, daß das ſchlanke ſtolze Mädchen die Tochter des Advokaten ſei und Elvira hieß; das Kraus⸗ köpfchen war eines Bruders Tochter und würde einige Wochen bei dem Onkel bleiben, worauf ſie wieder nach Chriſtiania zurückkehren ſolle. Mein Entſchluß war ge⸗ faßt. Ich wollte nunmehr nicht nach Hardanger reiſen; ich wollte bleiben, wo ich war, luden doch meine liebens⸗ würdigen Wirthsleute mich herzlich ein, bei ihnen längere Zeit zu verweilen. Wenn das Krausköpfchen, Fräulein Mathea Welder, nach Chriſtiania zurückreiſte, wollte ich mich erbieten, ihr Begleiter zu ſein. ⁰ Ich blieb alſo bei H—m. Tags darauf machten wir einen Beſuch bei dem Abvokaten, bei dem Beſitzer der Glashütte und auf Thorbjörneſund. Von vort 76 fuhren wir ſpäter nach dem Pfarrhauſe, wo ich die Bekanntſchaft der liebenswürdigſten Predigerfamilie machte, die ich jemals geſehen habe. Ich habe noch nie einen ſo würdigen, ſo gebildeten Prediger kennen gelernt, wie der in Gravenager war. Sein Auftreten war achtung⸗ gebietend. Das reiche ſilberweiße Haar umſchloß das ideale Haupt eines alten, ſchönen Mannes. Hoch, ſchlank und gerade wie eine Tanne, bewegte er ſich mit Schnel— ligkeit eines jungen Mannes und bewies dadurch, daß er ſeine volle Kraft noch beſaß. Seine Frau war eine der liebenswürdigſten Matronen, die man ſehen konnte. Freundlich und mild wie ein Frühlingsmorgen, zeigte ihr Aeußeres unverkennbare Spuren früherer Schönheit. Doch dies alles gehört zu meinen Reiſeerinnerungen und nicht zu meiner Liebesgeſchichte. Vier Wochen verweilte ich in dem trefflichen Hauſe. des H—m's, im Schoße ſeiner einnehmenden Familie Selbſt wenn mein Intereſſe für das Krausköpfchen nicht rege geweſen wäre, würde ich doch mit Freuden bei unſerm Landsmann verweilt und mich mit Be⸗ dauern von ihm getrennt haben. Er iſt ein ungewöhn⸗ lich gebildeter und aufgeklärter Mann, den die Natur mit einem ſehr klugen und ſcharfen Urtheil und mit vem wunderbaren Vermögen begabt hat, über alle wich⸗ tigen Fragen mit Verſtändniß zu ſprechen. In ihm „ * . hatte ich die angenehmſte Geſellſchaft und in Frau H— m das Bild einer freundlichen, ergebenen Gattin, deren ganzes Leben eine einzige große Aufopferung iſt. Drei fröhliche, liebliche, körperlich und geiſtig reichbe⸗ gabte Kinder vollendeten die ſchöne Gruppe häuslichen Glückes und heimathlichen Behagens, welches die H—mſche Familie darbot. Ich befand mich alſo in jeder Beziehung außer⸗ ordentlich wohl in Norwegens Bergen und Wäldern und ich athmete in vollen Zügen Geſundheit und Lebensluſt an den Ufern des ſchönen Meerbuſens ein. Täglich kam ich mit meinen beiden Reiſegefährtinnen zuſammen, und es gelang mir, ſie beide ſo zu intereſ⸗ ſiren, daß ſelbſt Fräulein Elvira zugänglicher wurde. Nach Verlauf von vier Wochen hatte ich alle meine früheren Intereſſen vergeſſen und war bis über die Ohren in Mathea verliebt. Allerdings warnte mich H—m, indem er ſagte:„Hüte Dich, daß Du Dich nicht in Mathea Welder verliebſt, man munkelt davon, daß ihr Herz bereits verſchenkt ſein ſoll.“ Ich lachte zu dieſer Warnung. Das ſchöne Kraus⸗ köpfchen war viel zu lebhaft und theilnehmend in meiner Geſellſchaft, als das ich hätte annehmen können, ſie habe ein tieferes Intereſſe für irgend einen andern Mann, als für ihren ergebenſten Diener. 2— — faſt ärgerlich und faßte den Entſchluß, bei erſter paſſen⸗ Als Hem ſeine Warnung wiederholte, wurde ich der Gelegenheit Mathea zu ſagen, daß ſie mein ganzes Herz erfülle, daß ich ſie anbete und ſie heirathen wolle.“ „Nun, das ging ja ſehr ſchnell“, fiel Lisbeth im ſpitzigen Tone ein. „Nach einem vierwöchigen täglichen Zuſ ſammenleben konnte Elias ſie wohl ſo genau kennen, daß er um ſie anhalten durfte“, erklärte Johanna, und fügte mit einem ſatiriſchen Lächeln hinzu:„Du hoffeſt vielleicht, die Krankheit habe auf Elias die Wirkung gehabt, daß er außer Stande ſein ſollte, ſich in ein anderes Mädchen zu verlieben. Das wäre gewiß ſehr romantiſch geweſen, aber in Wirklichkeit lagen die Verhältniſſe doch ganz anders.“ „Liebe Schweſter, davon weißt Du ganz verteu⸗ felt. Der Gerichtsdirector brach jedoch plötzlich ab, denn neben ihm ſtand Anna, ein Glas Waſſer in der Hand. Sie erhob es drohend, und anſtatt den begonnenen Satz zu vollenden, ſagte Wikſtrand nun zu Anna: „Gib nur das Glas Waſſer her, Du kleine Here. Du biſt ganz verteufelt fir. Aber warte!“ Anna reichte ihm das Glas Waſſer, lachte laut auf 79 und kehrte wieder zurück in ihren Schaukelſtuhl. Elias wurde erſucht, in ſeiner Erzählung fortzufahren. „Einige Tage verſtrichen, während welcher ich das Haus des Herrn Welder nicht beſuchte. H—m und ich begaben uns auf die Jagd und kehrten erſt nach fünf Tagen zurück. Den nächſten Morgen begab ich mich hinüber. Ich trat in das große, comfortabel eingerichtete Wohnzimmer ein, wo ich Frau Welder und Fräulein Elvira fand. Mathea war nicht zu erblicken. Wir plauderten eine ganze Stunde von der Jagd, von den Gegenden, die ich durchſtreift, und von der ſchönen Ausſicht, die man von ihren Fenſtern aus hatte. Mathea erſchien noch immer nicht. Elvira ſah mich mit einem ſchelmiſchen Ausdruck an, wenn ich bei dem geringſten Laut von Schritten unruhig wurde und mich umdrehte, um zu ſpähen, ob meine Angebetete erſchiene. Endlich nachdem ich noch eine lange Weile meine Neu⸗ gier unterdrückt hattte, fragte ich Frau Welder, wie Fräulein Mathea ſich befände. „Ich vermuthe, ſie befindet ſich beſſer, als während der letzten zwei Jahre. Sie reiſte geſtern nach Chri⸗ ſtiania.“ „Iſt ſie abgereiſt?“ rief ich mit dem ganzen Pathos der Ueberraſchung und Verzweiflung eines unglücklichen 80 Liebhabers.„Weshalb dieſe plötzliche Abreiſe?“ fügte ich hinzu. „Weil ſie in acht oder höchſtens vierzehn Tagen ihre Hochzeit feiert“, antwortete Elvira und reichte mir eine Flaſche Eau de Cologne, indem ſie mit einer ge⸗ wiſſen Ironie hinzufügte:„Riechen Sie ein wenig, und Sie werden nicht in Ohnmacht fallen. Wir haben den Auftrag, Sie und die Familie H—m zur Hochzeit ein⸗ zuladen. Sie machen wol meiner Couſine das Ver⸗ gnügen, dieſem ihr ſo theuren Feſte beizuwohnen.“ Ihrer Hochzeit beizuwohnen— ſie, die ich an⸗ betete, als das Weib eines Andern zu ſehen, das war mir unmöglich. Ich hatte keine Antwort für die Ein⸗ ladung, ergriff meinen Hut und verabſchiedete mich.“ „Du warſt natürlicherweiſe tödtlich verwundet in Deinem Herzen“, fiel Lisbeth ein,„Du wirſt niemals Deinem Dir geraubten Frieden wiederfinden. Deinen Glauben an das Glück, Dein fröhliches, friſches Ge⸗ müth hatteſt Du gänzlich verloren, nicht wahr?“ „Gänzlich?“ antwortete Elias, und blickte das hüb⸗ ſche Mädchen mit ſchelmiſcher Miene an.„Ich war ver⸗ zweifelt.“ „Du begabſt Dich wol wieder auf die Jagd?“ fügte Anna lachend hinzu,„und erkälteteſt Dich“, ſagte Thure. 81 „Nein, ich begab mich nicht auf die Jagd und ich erkältete mich auch nicht, ſondern ich ging geraden Wegs nach Hauſe zu H— m; gebeugten Hauptes, den Blick zu Boden geſenkt, trat ich dort ein.“ „Nun wie gehts“, rief H— m mir entgegen;„haſt Du ſchon die Neuigkeit von Fräulein Mathea ge hört?“ Ich ſah empor, unſere Augen begegneten ſich, und ich konnte mich nicht erwehren, ich mußte— laut auf⸗ lachen.“ „Lachteſt Du?“ rief Johanna und ſtarrte den Bruder⸗ ſohn an. „Lachteſt Du?“ wiederholte Lisbeth und warf einen zornigen Blick auf Elias. „Aber weshalb lachteſt Du?“ fragte Anna, die eine ganz andere Wendung erwartet hatte. „Weil ich es äußerſt komiſch fand, daß meine erſte Liebesſchichte mir einen Korb gebracht, und der Ge⸗ genſtand meiner zweiten Liebe einen Anderen heirathete. Ich konnte mich nicht enthalten, über mich ſelbſt und über Alles, was Liebe heißt, zu lachen. Lächerlich war es geweſen, daß ich Tage, Wochen und Monate umher⸗ gegangen, und mir eingebildet hatte, ich könne ohne das Krausköpfchen nicht leben, das mir armen Sünder den Kopf verdreht hatte, und hinterher fand ich, daß Schwartz Anna's Geheimniß. I. 6 82 mir das Leben eben ſo lieb war, trotzdem ich mein an⸗ gebliches Lebensziel nicht erreicht hatte. Die Liebesge⸗ ſchichte geſtaltete ſich zu einer fröhlichen Komödie, in welcher ich die komiſche Rolle geſpielt hatte, weil ich mir eingebildet, daß wir für einander eine grenzenloſe Zu⸗ neigung beſäßen.“ „Nun, das nenne ich ein ſchönes Zeugniß für die Beſtändigkeit der Männer“, bemerkte Johanna. „Und ein wahrhaftiges Zeugniß obendrein“, meinte Anna.„Ja, ſo ſind ſie, und deshalb mag ich auch nichts von ihnen wiſſen“, fügte ſie in ſehr altklugem Tone hinzu. „Das iſt geſcheid von Dir“, fiel der Gerichtsdirector ein,„um ſo eine kleine häßliche Hexe, wie Du biſt, wird ſich auch wol kein Mann bekümmern.“ „Oh, liebſter Onkel, wenn ich wollte, ſollteſt Du ſelbſt mir noch eine Liebeserklärung machen“, antwortete Anna mit herausfordernder Miene. „Das wird Dir nicht gelingen, mein Püppchen. Ich bin nicht wie die Andern, und ſehr feurig bin ich überhaupt niemals geweſen, ſondern—— „—— ein alter Richter, der ſich ſelber noch nicht das Urtheil geſprochen hat“, ergänzte Johanna, und fügte darauf hinzu, indem ſie ſich an Elias wandte: 83 „Nun, was thateſt Du, nachdem Du gelacht hatteſt?“ 8 „Ich fragte H—m, weshalb Mathea's Verlobung und bevorſtehende Heirath geheim gehalten worden und er⸗ fuhr nun, daß beſondere Familienverhältniſſe daran ſchuld geweſen waren. Mathea war zwei Jahre heim⸗ lich verlobt geweſen, und erſt vor kurzem hatte ſie die Hinderniſſe beſiegt, die der Vereinigung mit ihrem Bräu⸗ tigam im Wege geſtanden hatten. Der Bräutigam hatte gewünſcht, daß von der Hochzeit nicht eher geſprochen würde, bevor der Tag derſelben beſtimmt werden konnte. Die Wochen, welche zwiſchen der Einwilligung ihres Vaters und der Hochzeit lagen, hatte Mathea bei ihrem Onkel zubringen wollen, und zwar, weil es der Wille ihres Vaters geweſen war. Die Familienverhältniſſe, welche die Einwilligung verſchoben hatten, kannte H— m nicht, und ich war auch nicht ſo neugierig, ſie zu erfragen. Nach Verlauf einiger Tage langten die ſchriftlichen Einladungen zur Hochzeit an, und ich fand es in der That recht pikant, bei der Hochzeit meiner S als Gaſt zugegen zu ſein. H— m, ſeine Frau, ich und die Familie Welder machten gemeinſchaftlich die Reiſe nach Chriſtiania. Wir fuhren jedoch nicht auf der Eiſenbahn und über 6* 84⁴ Drammen, ſondern mit eigener Equipage und legten den Weg durch das naturſchöne Ringerike zurück. Dieſe Tour wird ſpäter den Glanzpunkt in meinen Reiſeſtizzen bilden; für jetzt beſchränke ich mich darauf zu ſagen, daß ſie die prächtigſten und herrlichſten Natur⸗ ſchönheiten aufzuweiſen hat, die man nur mit Bewun⸗ derung genießen kann. Doch ich merke, Tante Johanna wünſcht, daß ich zu Ende komme, und ich füge deshalb nur noch hinzu, daß das Krausköpfchen ſich mit einem ſtattlichen und braven Seekapitän vermählte, mit dem Thpus eines liebenswürdigen Norwegers. Die Trauung fand, wie alle Trauungen in Norwegen, in der Kirche ſtatt, und unter den Gäſten befand ſich Lieutenant Er, derſelbe, der ſich am Bord des Dampfſchiffes ſo ſehr für Mathea intereſſirt hatte. Das Geſpräch zwiſchen dem Lieutenant und Mathea damals hatte ſich hauptſächlich um ihren Bräutigam gedreht, mit welchem der Lieutenant befreundet war. Der Bräutigam hatte die beiden Damen an Bord gebracht, ihnen den Lieutenant vorgeſtellt, und dieſem im Vertrauen geſagt, daß, wenn alles gut ginge, Mathea in Kürze ſeine Frau ſein würde.“ „Es waren ſomit keine perſönlichen Gefühle, welche die beiden aneinander feſſelten?“ rief Tante Johanna. „Nein, beſte Tante, ich war derjenige, der etwas — — ——— 85 ſah, was nicht exiſtirte, und endlich war ich es, welcher von mir ſelbſt glaubte, Gefühle zu hegen, die ich nie⸗ mals gehegt habe, aber es war ja nicht das erſte Mal, daß mir dergleichen paſſirte.“ „Und es wird wol auch nicht das letzte Mal ſein“, fiel Lisbeth ein. „Es wäre ſchlimm, wenn ich ſchon aufgehört hätte zu lieben“, erklärte Elias fröhlich. „Und noch ſchlimmer wäre es, wenn ich Deiner Liebesgeſchichte wegen noch länger hungern müßte“, rief der Gerichtsdirektor.„Mein liebes Schweſterchen hat ſich ganz verteufelt für dieſe elende Liebesgeſchichte in⸗ tereſſirt; die Uhr iſt ja ein Viertel nach neun.“ „Das Abendeſſen wird ſogleich aufgetragen werden“, verſicherte Johanna;„aber erſt muß Elias eingeſtehen, daß es für ihn bitter war, bei der Hochzeit zugegen zu ſein.“ „Ganz und gar nicht, liebe Tante, ich habe mich niemals ſo gut amüſirt und bin niemals ſo fröhlich geweſen, als an dem Hochzeitstage Matheas.“ „Gott bewahre mich, Elias, Du biſt ja ſo leicht⸗ ſinnig und wetterwendiſch, als wenn Du——“ „—— Ha, ha, als wenn Du der Sohn meiner lieben Schweſter wäreſt“, fiel der Gerichtsdirektor ein. Johanna lächelte und eilte aus dem Zimmer. — 86 Anna ſprang vom Schaukelſtuhle empor und auf Thure zu, welcher noch immer damit beſchäftigt war, für Lisbeth Perlen zu ſortiren. In einem Nu wurden die mühſam ſortirten Perlen untereinander geworfen und zu⸗ gleich wurde dem Conſtantin ein Stoß verſetzt, in Folge deſſen er einen dicken Strich quer über die Muſterzeichnung machte. Es entſchlüpfte ihm ein Laut, der faſt einem Fluche ähnelte. Thure erhob ſich heftig und blickte Anna mit finſterer Miene an. Sie lachte, ſchob ihren Arm in den ſeinigen und ſagte in einſchmeichelndem Tone: „Laß Du die Perlen ſein, die haben es viel lieber, wenn ſie holterdipolter untereinander liegen. Sie ſind gute Republikaner und machen ſich gar nichts daraus, wenn die eine der andern vorangeſtellt wird; die wiſſen es ſchon, die armen Dinger, daß ſie früher oder ſpäter auf die Nadel geſpießt und mit dem Zwirnfaden angekettet werden, um unnatürliche Blumen und noch unnatür⸗ lichere Figuren zu bilden. Viel beſſer, wenn Du mit mir gehſt und meine neuen Noten beſiehſt, als hier wie ein Thor zu ſitzen und in den Perlen zu ſtochern.“ Thure hätte ganz gewiß proteſtirt, wenn nicht der Gerichtsdirektor ſeine Augen auf ihn gerichtet hätte. Er fürchtete, dem Alten zu mißfallen, wenn er Anna nicht gehorchte. — 87 Thure und Anna verließen ſomit das Zimmer. Conſtantin, welcher ſeine ganze Abendarbeit zerſtört ſah, warf die Feder fort und trat an eins der Fenſter, wo er mit einigen zwiſchen den Zähnen gemurmelten Ver⸗ wünſchungen ſeinem Aerger Luft machte. Lisbeth und Elias blieben einige Augenblicke allein zurück; der Gerichtsdirektor war in ſein Zimmer ge⸗ gangen. „Geſteh nur, Elias, daß Du recht ſehr leichtſinnig biſt“, ſagte Lisbeth, indem ſie ſich über ihre Stickerei neigte. „Das geſtehe ich, nämlich, wenn Du es für Leicht⸗ ſinn anſiehſt, daß ich von meiner erſten Herzenskrankheit ohne eine Kaltwaſſerkur eurirt wurde“, antwortete Elias in ſcherzhaftem Tone. „Hier iſt nur die Rede von Deinem leichticigen Betragen in Norwegen.“ „In wie fern war das leichtſinnig?“ „Geſetzt, Fräulein Mathea wäre nicht verlobt ge⸗ weſen, ſondern hätte Deine ſcheinbare Neigung erwidert, ſo hätteſt Du um ſie angehalten, ſie hätte ja geſagt und—“ „Und wir hätten uns geheirathet“, fiel Elias ein. „Ganz richtig. Es wäre dann hier ſehr gemüthlich geworden, weil ich in dieſem Falle ja meine ——————————— 88 norwegiſche Frau mitgebracht hätte. Wir hätten als⸗ dann hier auf Ekholm ein kleines Skandinavien ge⸗ bildet; denn Du und Anna ſind ja ſchwediſchen Ur⸗ ſprungs.“ „Aber wie lange glaubſt Du, daß dies gemüthlich geblieben wäre?“ „Nun, ſo lange es nicht in den Gegenſatz umge⸗ ſchlagen wäre.“ „Das heißt, bis Du Deiner Frau überdrüſſig ge⸗ worden wärſt und entdeckt hätteſt, daß Deine Neigung für ſie nur ein Spiel geweſen, werth darüber zu lachen.“ „Ich hoffe, ich wäre nie zu einer ſolchen Ent⸗ deckung gelangt, weil meine Frau mir doch keinen Korb hätte geben oder ſich mit Jemand anders verheirathen können.“ „Aber Du bekommſt ſehr leicht alles überdrüſſig.“ „Das iſt wahr, das würde jedoch auch der Fall ſein, wenn ich auch Gott weiß welches Mädchen heira⸗ thete, ausgenommen Tante Johanna, die ich nicht heirathen kann. Meine Frau muß ſich darein ergeben, daß ich auch künftig andere ſchöne Frauen mit Intereſſe betrachte.“ „Nun, Du beſtätigſt alſo ſelbſt das Urtheil, das ich über Dich gefällt habe. Gott ſei Dank, daß mein Herz 89 Dich niemals erhört hat; Du biſt geſchaffen, diejenige unglücklich zu machen, die Dich lieben würde und des⸗ halb——“ „—— Deshalb wollteſt Du Dich ſelbſt vor einem ſolchen Unglück bewahren“, unterbrach Elias ſie lachend;„Du haſt auch mich gerettet, liebe Lisbeth, denn Du gehörſt gerade zu den Frauen, die heftige Gefühle wecken, aber keine dauernde Liebe einflößen können. Dich hätte ich ganz gewiß überdrüſſig im erſten Jahre unſerer Ehe bekommen“, fügte Elias flüſternd hinzu. „Deine Launen, Dein Hochmuth und Deine Gefallſucht hätten meine Liebe aus meinem Herzen fortgeſcheucht.“ „Kommt doch zu Tiſche“, ertönte hier Johanna's Stimme aus dem Speiſezimmer. Elias ſprang empor und ſtürzte zu der Frau hinaus, von welcher er eben gerühmt hatte, daß er ihrer nicht überdrüſſig werden könnte. Lisbeth legte langſam ihre Arbeit bei Seite. Ihre Wangen glühten und in ihren Augenwimpern hing eine Thräne, die durch ein heftiges Blinzeln auf ihre Hand herabfiel. Conſtantin näherte ſich ihr und fragte, ob er ſie zu Tiſche führen dürfe. Der Gerichtsdirektor rief ſie jedoch vom Speiſezimmer aus, und dieſer Ruf bewirkte, daß ſie davon eilte, ohne den ihr angebotenen Arm anzunehmen. * — Während Elias und Lisbeth allein in der Wohn⸗ ſtube ſprachen, mußte es ſehr heiß zwiſchen Thure und Anna hergegangen ſein, denn ſie hatten beide rothe Ge⸗ ſichter wie ein paar Kampfhähne. Anna ſah aus, als hätte ſie die hohe Farbe vom übermäßigen Lachen bekommen, Thure, als ob der Aerger ihn geröthet hätte. Während der Abendmahlzeit waren alle außer Lis⸗ beth und Thure in der fröhlichſten Stimmung. Die Scherze und Witze, die Johanna zum Beſten gab, er⸗ freuten, weil ſie nicht boshaft waren. Sie reizte Con⸗ ſtantin und Anna zu unaufhörlichem Lachen, auch Eties und der Gerichtsdirektor waren in der beſten Launs und ſelbſt der unglücklich liebende Inſpektor ſchenkte den humoriſtiſchen Ausfällen Johanna's ſeinen Beifall. Lis⸗ beth ſchwieg und ſah ärgerlich aus; auch Thure ſchwieg und aß mit ſolcher Haſt, als ob er mit dem Eſſen all' den Aerger verſchlucken wollte, den er empfand. Nach der Mahlzeit trennte man ſich und Jeder be⸗ gab ſich in ſein eigenes Zimmer, nur Elias begleitete. Johanna in das ihrige und las ihr noch eine ganze Stunde lang laut vor. Sechstes Kapitel. „Fräulein Anna iſt ein wahrer kleiner Kobold“, rief Conſtantin, indem er zu Thure eintrat.„Iſt ſie nicht den ganzen Abend hindurch naſeweis und übermüthig geweſen? Wenn das ſo fortgeht, werde ich meinerſeits on jeder Theilnahme an dem Familienkreiſe abſehen.“ „Und auch davon abſtehen, für Fräulein Lisbeth die Muſter zu zeichnen?“ fragte Thure. „Ja, das thue ich. Wenn Du ein ſolcher Feig⸗ ling biſt, daß Du Dich von einem kindiſchen Ding aus⸗ lachen und beleidigen läßt, ich bin es nicht. Ich nehme indeſſen an, daß Du es viel zu intereſſant findeſt, Per⸗ len für Fräulein Lisbeth zu ſortiren, als daß Du da⸗ von abſehen könnteſt.“ „Dummes Zeug, Du weißt ſehr gut, Conſtantin, daß ich mich für Lisbeth gar nicht intereſſire.“ „Das ſoll ich wiſſen? Ich weiß den Teufel. Du biſt ja den ganzen Abend ſo roth wie ein Puterhahn ge⸗ weſen, ich dachte der Schlag würde Dich rühren, und ich habe es wohl geſehen, wie verwirrt Du drein ſchauteſt, wenn Du den Blicken Lisbeth's begegneteſt. Ich finde es übrigens ſehr unrecht von Dir, daß Du, als Du mir die Mädchen beſchriebſt, nicht ehrlich Deine Schwärmerei für Lisbeth geſtandeſt, ſondern Gleichgil⸗ tigkeit heuchelteſt. Den ganzen Abend haſt Du Deine Augen dermaßen ſpielen und mich dazwiſchen ſitzen laſſen, daß die heißen Blicke an meiner Naſe vorüber⸗ fuhren und ſie faſt verbrannt haben.“ „Biſt Du von Sinnen?“ ſagte Thure, indem er die Cigarre wegwarf. „Ja von Sinnen könnte ich ſchon werden, hätte ich nicht bei Zeiten die Gefahr geſehen und entdeckt, daß Du und Lisbeth ſehr zärtlich miteinander ſeid, obgleich Ihr nicht wagt, es offen zu zeigen.“ „Wenn Du keine beſſeren Beobachtungen als Richter machſt, dann bedaure ich Dich. Aber was nutzt es, um des Kaiſers Bart zu ſtreiten. Uebrigens kann ich Dich hinſichtlich Anna's damit tröſten, daß ſie heute Abend weit weniger übermüthig war, als ſie ſonſt iſt—.“ Doch wir verlaſſen die jungen Juriſten, um die — 93 Thür zum Zimmer der beiden Mädchen leiſe aufzu⸗ ſchließen und uns daſelbſt ein wenig zu vrientiren. „Nun, was fehlt Dir, Lisbeth, Du weinſt ja“, fragte Anna,„iſt Dir etwas Unangenehmes paſſirt?“ „Nichts iſt mir paſſirt, laß mich in Ruhe“, an⸗ wortete Lisbeth und fuhr zu weinen fort. „In Ruhe laſſen? Was ſoll das heißen? Ich kann Dich nicht weinen ſehen, wenn ich nicht weiß, warum Du weinſt. Sprich doch, Schweſterchen, erzähle mir Deinen Kummer.“ Und Anna legte ihren Arm um Lisbeth's Hals und zog ſie an ſich. „Hat Conſtantin Roth nicht angebiſſen?“ fragte Anna ſcherzend. „Er iſt mir gleichgiltiger, als ein abgetragener Handſchuh“, erklärte Lisbeth, und fügte in gereiztem Tone hinzu:„Wie kannſt Du denken, daß ich mich über ſo etwas grämen würde?“ „Wie ich das denken kann darf Dich nicht wundern, da dergleichen ja früher der Fall geweſen iſt. Oder hat vielleicht das Ideal Thure etwas geſagt oder ge⸗ than, was nicht ideal wäre? Hat er Tante Johanna zärtliche Blicke zugeworfen und es unterlaſſen, gleich⸗ mäßig zwiſchen Dir und der Tante zu theilen?“ „Anna, wenn Du Thure zu nahe trittſt, werde ich noch betrübter.“ 94 „Eine wahre Sündfluth von Betrübniß alſo!“ rief Anna in komiſchem Schrecken.„Phare trägt gewiß keine Schuld an Deinem Kummer, das glaube ich wohl. Der Engel iſt unſchuldig wie der weiße Schnee: Gott ſegne ihn.“ „Höre auf, in dieſer Weiſe zu reden!“ rief Lis⸗ beth heftig und machte ſich von der Umarmung Anna's los.„Thure iſt immer gut, aber der verhätſchelte Elias iſt ſtets unerträglich, und jetzt hat er mich tödtlich be⸗ leidigt.“ „Der arme Elias! Zürnſt Du ihm, weil er ein kluger Junge iſt, der über das lacht, was lächerlich iſt, und es nicht verſteht, das Lächerliche in Trauer zu verkehren? Du kannſt doch nicht ſo herzlos ſein, zu verlangen, daß Elias ſein Leben lang an einer unglück⸗ lichen Liebe zu Dir zehren ſoll, Du müßteſt denn wirk⸗ lich alles Gefühls bar ſein.“ „Jetzt beſchuldigſt Du mich auch der Herzloſigkeit und Gefühlloſigkeit!“ rief Liesbeth und trocknete ihre Thränen;„Du, meine eigene Schweſter, ſchließeſt ein Bündniß mit Elias, der die Unverſchämtheit hatte, mir in's Geſicht zu ſagen, daß ich launenhaft, übermüthig und eitel ſei. Ja, er hehauptet, daß Jeder, der mich liebt, auch damit ſchließen würde, meiner überdrüſſig — zu werden, und daß es ihm ſelbſt ſo ergangen wäre, hätte er mich geheirathet.“ „Das Alles hat Elias geſagt?“ fragte Anna und ſchlug die Hände zuſammen.„Das habe ich gar nicht geglaubt, daß er ein ſo gutes Urtheil hätte! Das macht ihm in der That Ehre! Ja, die Wahrheit iſt bitter, aber weien, das iſt ſehr komiſch. Komm hierher, Fidelio, und ſage mir, ob Du Lisbeth nicht kindiſch findeſt.“ Fidelio, Anna's Hündchen, gehorchte ſofort und ſprang ihr auf den Schooß, wo er ſich ſetzte und ſeine Herrin anſtarrte. „Komiſch, komiſch“, wiederholte Lisbeth zornig. „Du und Elias, ihr ſeit komiſch durch Euren Leicht⸗ ſinn. Und wenn ich ſtürbe, Ihr würdet das am Ende auch komiſch finden.“ „Meinſt du das auch, Fidelio?“ fragte Anna das Hündchen, welches als Antwort ſeine langen ſchönen Ohren hängen ließ.„Du glaubſt es nicht“, fuhr Anna fort,„und das beweiſt, daß Du mehr Verſtand haſt als Lisbeth.“ „Und Du wiederum beweiſt aufs Neue, wie un⸗ verſchämt Du biſt!“ rief Lisbeth und goß nun über Anna eine Menge Vorwürfe wegen ihres unpaſſenden Betragens aus. Lisbeth habe ſich ihretwegen geſchämt, ſie 96 finde es abſcheulich, daß Anna ſo boshaft und unweib⸗ slich ſei, wie ſie ſich benommen habe, und daß es von einem ſchlechten Charakter zeuge, wenn die Schweſter durch herzloſen Spott die Bitterkeit ihres Schmerzes ſteigere. Anna ſchwieg und ſtreichelte Fideliv, während ſie zugleich mit dem Fuße zu den Worten Lisbeth's den Takt trat, und zwar ohne ſie mit einem einzigen Worte zu unterbrechen, was Lisbeth nur um ſo mehr reizte, ſo daß ſie zuletzt emporſprang, in ihr gemeinſames Schlafzimmer lief und die Thüre hinter ſich verriegelte. Anna nahm Fidelio's Kopf zwiſchen ihre Hände küßte ihn und ſagte: „So, jetzt iſt das Unwetter vorüber, mein lieber Fidelio, jetzt werden wir Beide über die Mühſeligkeiten dieſes Lebens philoſophiren. Ah ſo, Du gähnſt, Du biſt ſchläfrig, Du willſt Dich in kein Raiſonnement mit mir einlaſſen? Nun wir wollen es auf ein anderes Mal verſchieben.“ Anna trug ihren Liebling auf ſein Schlafkiſſen, und nachdem ſie ihn wohl gebettet hatte, erhob ſie ſich, um zu Lisbeth hineinzugehen; die Schweſter ſtand je⸗ doch hinter ihr.. „Liebe Anna“, flüſterte Lisbeth und ſchaute ſehr reuig drein,„ich war vor einer Weile ſehr heftig.“ 97 Die einzige Antwort Anna's beſtand darin, daß ſie Lisbeth umarmte und küßte, und damit war die Verſöhnung vollzogen. Einige Tage darauf, an einem kalten, klaren No⸗ vembermorgen, öffnete Elias die Thüre zum Bibliothek⸗ zimmer, um zu ſehen, ob Anna in der Bibliothek wäre. Sie ſaß auch wirklich dort an dem großen, runden Tiſche und hatte vor ſich einen Bogen Papier, in der Hand einen Bleiſtift und Fidelio neben dem Papier placirt. „Haſt Du Luſt, einen Spaziergang mit in's Dorf zu machen?“ fragte Elias. „Luſt ſchon, wenn ich nur auch die Zeit hätte“, antwortete Anna mit wichtiger Miene. „Was haſt Du denn vor, das ſolche Eile hätte?“ fragte Elias, indem er näher trat. „Ich bin dabei, eine Tabelle der Bewohner Ek⸗ holms auszuarbeiten und dann näher darüber nachzuſinnen was zu thun iſt, um die Erziehung der Individuen zu verbeſſern. Fidelio iſt mir dabei behilflich, und wir ſind ſchon zu ganz außerordentlichen Reſultaten gelangt.“ Sie legte die Feder weg, ſtrich mit der Hand über Fidelio's Kopf und fragte: „Nicht wahr, wir haben viel Scharfſinn entwickelt?“ Die Antwort Fidelio's beſtand in einem Schweif⸗ wedeln. Schwartz, Anna's Geheimniß I. 98 „Du ſiehſt“, fuhr Anna fort,„daß Fidelio die Wahrheit meiner Worte beſtätigt.“ „Freilich thut er das, aber das verhindert doch wol! nicht, daß Du meinen Vorſchlag annimmſt?“ ſagte Elias.„Du kannſt während der Promenade mir Eure Reſultate mittheilen. Erſt wollen wir zum alten Köhler Matz gehen, ſeine Schlitten herausholen, und dann um die Wette den Berg hinabfahren; ich muß mich erfriſchen nach der vielen Schreiberei von geſtern, und dieſe Nacht iſt viel Schnee gefallen.“ „Aber was wird Tante Johanna dazu ſagen“, be⸗ merkte Anna, die ſich erhoben hatte, nun aber ſich wieder auf dem Stuhl niederließ.„Bedenke nur, geſtern ſind wir Beide zuſammen ausgefahren, vorgeſtern mach⸗ ten wir eine Spaziertour zuſammen, und heute aufs Neue bei einander. Tante wird ihre ungnädige Laune bekommen, und das wäre ſehr ſchade. Sie iſt in der letzten Zeit ſo ungewöhnlich gut geweſen, daß ich lieber von dem Vergnügen einer Schlittenfahrt abſehe, als daß ich ſie ärgern möchte.“ „Du ſtehſt davon ab“, rief Elias lachend,„und ſeit wann fürchteſt Du Dich vor ſauren Mienen 7 „Seitdem ich begriffen habe, daß ſie von dem Unwillen des Herzens ausgingen“, antwortete Anna 99 ernſt, fügte aber gleich darauf im fröhlichen Tone hin⸗ zu, indem ſie Fidelio auf den A kahm: „Mag's für diesmal ſein, ich will das Glück her⸗ ausfordern. In wenigen Augenblicken bin ich bereit, Dich zu begleiten.“ Anna verließ eilig die Bibliothek und ging auf ihr Zimmer. Elias beugte ſich über das Papier, welches auf dem Tiſche lag, und las folgendes mit Bleiſtift Ge⸗ ſchriebene: „Onkel, in freundſchaftlicher Fehde mit der Tante wegen Lisbeth und Anna. Er glaubt, die Wehrloſen zu beſchützen, indem er ſeiner Schweſter bittere Worte ſagt. Sehr liebevoll im Princip, aber verkehrt in der Praxis. Taugt nichts, muß abgeändert werden. Tante Johanna, feindlich gefinnt gegen Lisbeth und Anna. Eine alte Rechnung, welche die armen Mädchen bezahlen müſſen— nicht ganz gerecht, muß abgeändert werden. Onkel und Tante ſehr eingenommen für Elias und zwar mit Recht, er verdient ihre Liebe.“ „Sieh, ſieh“, rief Elias lachend„„Anna findet mich der Liebe werth.“ „Ja, der Liebe der Tante Johanna!“ rief Anna, 100 die jetzt in ihrem Promenadenanzug hinter ihm ſtand. Sie riß ihm das Papier aus der Hand. „Anna, laß mich die Fortſetzung leſen“, bat Elias, und wollte das Papier zurückerobern. Dabei geſchah es, daß er Anna mit dem Arme unmſchlang. „Ein anderes Mal, jetzt nicht“, rief Anna, und wollte ſich frei machen, allein Elias ſchloß die Arme feſter um ſie, um zu verhindern, daß ſie das Papier in die Taſche ſteckte. Es wäre ihm wuhrſcheinlich gelungen, ſich deſ⸗ ſelben zu bemächtigen, wenn nicht plötzlich Jemand ge⸗ rufen hätte:„Was in aller Welt, Elias, nimmſt Du Dir heraus? Ich ſtehe ſtumm vor Erſtaunen!“ „Thue das nicht, Tantchen“, antwortete Elias, indem er Anna losließ.„Komm lieber hierher und ſei mir behilflich, Anna das Papier wegzunehmen; es enthält einige Aufzeichnungen, über die ich durchaus im Klaren ſein muß.“ „Ich ſoll Dir helfen, mit Gewalt Anna etwas zu nehmen, was ſie Dir nicht geben will? Das dürfte beinahe zu viel verlangt ſein“, erklärte Johanna in ziemlich ſcharfem Tone.„Laß Anna los, ſonſt werde ich böſe. Es wundert mich in der That, daß Anna Dir ſolche Freiheiten erlaubt.“ „Wundert Dich das“, rief Elias und ſtand mit —— 101 einem Satze neben Johanna, umarmte ſie und drückte ihr einen ſchallenden Kuß auß die friſchen vollen Lippen. Anna lachte, Johanna lachte, Elias lachte, aber es gab eine vierte Perſon, die nicht lachte, ſondern im Eintreten in nichts weniger als beifälligem Ton außerte: „Elias iſt nicht weniger dreiſt gegen die Tante. Ich ſollte meinen, man müßte wenigſtens ſiebenzig Jahre ſein, um ſolchen unpaſſenden Scherz zu dulden.“ „Und an Elias Stelle würde ich niemals die Ach⸗ tung ſo hintanſetzen können“, fiel eine fünfte Perſon ein. Lisbeth und Thure ſtanden nämlich in der Thür, die vom Corridor aus in die Bibliothek führte. Johanna erröthete über und über; Lisbeth warf der Tante und Elias ironiſche Blicke zu. „Komm, Anna, am beſten iſt es, uns aus dem Staube zu machen“, flüſterte Elias, als Johanna Lis⸗ beth eine ſcharfe Antwort ertheilte, daß ſie das Blut in die Wangen des ſchönen Mädchen jagte. Es ſchien ſich eine kleine Zankſzene zwiſchen der Tante und ihr vorzubereiten. „Ja wir wollen fort“, wiederholte Anna und eilte der Thüre zu, im Vorbeigehen flüſterte ſie zu Thure: „Zeige nun, daß Du ein Mann biſt, und ſchlichte den 102 Streit hier. Laufe nicht wie ein Haſe davon, um Dich mit Niemand zu überwerfen.“ Thure ſchleuderte Anna einen zornigen Blick zu; im nächſten Augenblick ſtand ſie und Elias im Korridor. „Weshalb biſt Du immer ſo boshaft gegen Thure 4 fragte Elias, als ſie ſich Arm in Arm auf dem Wege im Dorfe befanden.„Was Du vorhin ſagteſt, war wirklich ſehr ſcharf.“ „Um ſo beſſer. Die ſchärfſten Pfeile haben immer die beſte Wirkung. Aber kümmere Du Dich gar nicht darum, dies zu erfahren; denke lieber darüber nach, weshalb Du immer und immer der Friedensſtörer ſein mußt. Du wirſt es erleben, daß wir in eine lange Fehde verwickelt werden, was ganz und gar nicht an⸗ genehm iſt.“ „Nun, beruhige Dich, Anna, ich werde wieder Frieden ſtiften, wenn Du mir jetzt nicht ſolche barba⸗ riſche Mienen machſt.“ „Die Geſchichte wird mir manchen Teller Suppe, manche Taſſe Kaffee und manches Glas Waſſer koſten“, ſeufzte Anna, aber mit dem Seufzer war auch ihre Unruhe über das Geſchehene vorüber. Scherzend und lachend gelangten ſie zu der Köhlerhütte. Die Schlitten wurden hervorgeſucht, und das ſiebenzehnjährige Mäd⸗ chen und der fünfundzwanzigjährige Juriſt begannen 103 nun, um die Wette zu fahren, eine Beſchäftigung, die ihnen eben ſo viel Freude machte, wie in den Kinder⸗ jahren. Im Allgemeinen hielt man Anna für häßlich, und neben Lisbeth geſehen war ſie es auch; betrachtete man jedoch ihr Geſichtchen näher, ſo entdeckte man bald, daß es durchaus nicht häßlich war, ſondern ſeine eigenthümlichen Schönheiten hatte. Ein lebhafter, geiſtvoller und fröhlicher Ausdruck verlieh demſelben eine gewiſſe Anmuth; wenn Anna aber, wie es ſo oft geſchah, ſich mit ihrer Umgebung verfehdete oder unbeſchäftigt in ihrem Schaukelſtuhle lag, hatte ihr Geſicht einen nicht angenehmen Ausdruck, ſie ſah alsdann naſeweis und übermüthig aus. Während ſie jetzt mit offenbarer Freude und Fröh⸗ lichkeit ihren Schlitten lenkte, bot ſie ein anmuthiges Bild dar. Der friſche Wind hatte ihre Wangen ge⸗ färbt; die Augen ſtrahlten, die Lippen lachten, und das zottige Haar, welches unter dem Hut ſich hervordrängte, ſah aus, wie ein Wald, der ſich um die Stirn ge⸗ lagert hatte. Anna und Elias waren zu wiederholen Malen den langen, ſchneebedekten Berg hinabgefahren ſtets mit verſchiedenem Reſultat. Sie ſtiegen jetzt wiederum den Berg hinan, indem ſie den Knaben des alten 104 Köhlers die Schlitten hinaufbringen ließen, als Elias plötzlich äußerte: „Nein, wie Du blühend ausſiehſt!“ „Wirklich?“ rief Anna, indem ſie ſtehen blieb. „Wenn Alles zu Allem kommt, meinſt Du gar, ich wäre nicht ſo erſchrecklich häßlich.“ „Habe ich das jemals gemeint?“ „Du wie alle Andern, vermuthe ich. Onkel nennt mich ein häßliches Kätzchen, eine Hexe und Gott weiß was alles, und fügte obendrein hinzu, daß ſich kein Mann in mich verlieben könne. Tante Johanna hat mich immer die häßliche Kröte genannt, und Thure iſt ſo lange ich mich entſinnen kann, ſchlechter Laune ge⸗ worden, ſobald er mich anſah. Er ſtimmt immer den Aeußerungen der Tante über mein Geſicht und meine ganze äußere Erſcheinung bei. Alſo muß ich doch wol häßlich ſein.“ „Geſetzt aber einmal, daß Du es nicht biſt.“ „Das wird ſchwer ſein, mir zu beweiſen, weil ich zu ſehr daran gewöhnt bin, daß ich es bin. „Stelle Dir aiſo den Gegenſatz vor.“ „Wohlan denn, ich will es thun, und frage Dich, Elias Wikſtrand: Kannſt Du Dich in mich verlieben?“ „Mit Hilfe der Gewohnheit und einigen Retvuchi⸗ rungen dürfte es gehen“, antwortete Elias lachend. 105 „Alſo, wir werden unſer Beſtes thun, uns in ein⸗ ander zu verlieben, das heißt— es wird niemals ge⸗ lingen.“ „Wer weiß.“ „Amor weiß es; aber komm jetzt, wir wollen wieder Schlitten fahren. Wenn die Stunde um iſt, müſſen wir den Rückweg antreten, weil wir noch ins Dorf hinunter wollen.“ Die Stunde verlief, und die Beiden ſchritten Arm in Arm dem Dorfe zu. „Weshalb durfte ich die Fortſetzung Deiner Auf⸗ zeichnungen nicht leſen?“ „Weil Du Dir erlaubteſt, ohne meinen Willen den Anfang zu leſen.“ „Wirſt Du es geſtatten, wenn ich Dich darum bitte?“ „Das nicht, aber heute nach Tiſch, wenn alle die Andern leſen, das heißt, wenn ſie ſchlafen, werde ich ſie Dir vorleſen.“ „Iſt das gewiß?“ Anna blickte Elias mit einer überlegenen Miene an, als wenn ſie die Frage ungehörig gefunden hätte.„ „Willſt Du mir eine Frage ehrlich beantworten“, ſagte Anna darauf. 106 „Ehrlich währt am längſten“, deklamirte Elias, und fügte hinzu:„wenn ich antworte, dann werde ich auch ehrlich antworten.“ „Ja wenn— ich will aber, daß Du antworten ſollſt.“ „Nun, Dein Wille iſt mir doch nicht Geſetz.“ „Aber es kann Dein Glück werden.“ „In dem Falle antworte ich ohne Bedenken, auf Alles, was Du zu wiſſen wünſcheſt.“ „Es iſt ja unter uns abgemacht, daß wir uns in einander verlieben ſollen, ſelbſt wenn es keinen andern Zweck hätte, als den, daß Tante Johanna eine Tochter des Heldener als Frau ihres Bruderſohnes er⸗ hält.“ „Ganz richtig, darüber ſind wir einig.“— Elias und Anna lachten. „Ferner, wenn Du Dich alſo in mich verlieben ſollſt, ſo habe ich die Verpflichtung, Deine beſte Freun⸗ din zu ſein.“ „Das gebe ich zu.“ „Seinem beſten Freunde vertraut man alle ſeine Geheimniſſe an.“ „Ja, ſo ungefähr.“ „Du wirſt mir alſo ehrlich und aufrichtig geſtehen 107 daß Du noch immer aus Deinem ganzen vollen Herzen Lisbeth liebſt.“ Das Blut ſtieg Elias in die Wangen, er blieb plötzlich ſtehen und blickte Anna an; es war ihm zu Muthe, als hätte er eine heimliche Sünde entdeckt, deren er ſich ſchämte. „Leugne die Wahrheit nicht, ſondern antworte ehr⸗ lich. Das Geheimniß iſt bei mir beſſer und ſicherer aufgehoben als bei Dir, und wenn Du aufrichtig biſt, könnte es ſein, daß ich Dir einen Rath geben kann, der nicht zu verachten iſt. Alſo ja oder nein, auf die Frage, ob Du Lisbeth liebſt?“ „Ja“, „Iſt es nicht merkwürdig, wie ich doch ſcharfſinnig bin“, rief Anna.„Hätteſt Du mit„nein“ geantwortet, dann hätte ich gewußt, das Du die Unwahrheit ge⸗ ſprochen. Ich ſah es ganz wohl dort unten in der Backſtube, als Du, um gute Miene zu machen, ſo viele Zwiebacke verſpeiſteſt, daß Du auf der Reiſe wol Deine Schwermuth, Deine Verzweiflung und Hoffnungs⸗ loſigkeit losgeworden warſt, aber durchaus nicht Deine Liebe, und ich faßte auch ſofort den Entſchluß, Deine gute Fee zu werden.“ „Du!“ und Elias blickte ſie verwundert an. „Gerade ich.“ —————— 108 „Aber davon wollen wir heute Nachmittag reden.“ „Jetzt haſt Du mir zu ſagen, ob Du die Hoff⸗ nung hegſt, daß Lisbeth Dich eines Tages wird lieben können.“ „Freilich hoffe ich das, ſonſt wäre ich nie wieder nach Ekholm zurückgekehrt.“ „Weißt Du, weshalb ſie Dir einen Korb gab?“ „Aus Laune, vermuthe ich, und es ſind eben ihre Launen, die ich beſiegen will. Um das zu er⸗ reichen, muß ich eine Zeit lang den Gleichgiltigen ſpielen und“—— ————„und den, der ſich nun für mich intereſſirt; ſehr verbunden dafür, das Du, ohne mich zu fragen, mich zu einem Lockvogel machſt, durch den Du die Liebe Lisbeths gewinnen willſt. Das war nicht hübſch von Dir, ich glaube auch ganz gewiß, daß ich aufhören werde, Deine gute Fee zu ſein.“ Anna ſah ſehr erbittert aus. Elias wendete alle möglichen Mittel an, ſie zu ver⸗ ſöhnen; allein es gelang ihm nicht; Anna war der⸗ maßen aufgebracht, daß ſie, bevor ſie noch Ekholm er⸗ reichten, von ihm fortlief. Sie kam in ſolcher Haſt in den Korridor geſtürzt, daß ſie direct in Thure's Arme lief. 109 „Welche abſcheuliche Begegnung“, rief Anna, und fügte boshaft hinzu:„es iſt lebensgefährlich, ſo heftig gegen ein Tongefäß anzurennen; es hätte zerbrechen können. Wie ſteht's um Dich, Du biſt doch nicht be⸗ ſchädigt?“ „Ich werde ſo leicht nicht beſchädigt, wie Du Dir einzubilden pflegſt; aber ich rathe Dir, Anna, daß Du mit Deinen ewigen Ausfällen gegen mich aufhörſt. Meine Geduld könnte zu Ende gehen, und als⸗ dann“——— „Was würde alsdann geſchehen?“ fragte Anna mit impertinenter Miene. „Ich würde abreiſen und würde Onkel den Grund meiner Abreiſe ſagen“, antwortete Thure heftig. „Mein lieber Thure, ich würde eine Sünde be⸗ gehen, wenn ich aufhörte, mich mit Dir zu necken; Dich zu einer energiſchen Handlung zu treiben, die mir für Zeit und Ewigkeit Achtung vor Deinem Charakter einflößen würde, dürfte doch nur eine gute That ge⸗ nannt werden.“ Was Thure auch antworten wollte, Anna hörte es nicht mehr; ſie war mit zwei Sätzen die Treppe hinan und verſchwunden. Elias trat ins Haus ein. „Donner und Doria, wie ſiehſt Du finſter aus“, 140 ſagte er zu Thure;„hat Dich die Anna wieder ge⸗ ärgert?“ „Thut ſie das nicht immerfort“, antwortete S riß die Hausthür auf und ſtürzte hinaus. Siebentes Kapitel. Als Anna haſtig oben im Zimmer der Mädchen zur Thüre hineintrat, ſaß Lisbeth eifrig bei der Arbeit und war mit einer Stickerei beſchäftigt. „Wo biſt Du geweſen?“ fragte Lisbeth, und ſtickte mit einer Eile, die nicht gerade zu Gunſten ihres Ner⸗ venſyſtems ſprach. „Ich bin zuſammen mit Elias Schlitten gefahren.“ Und Anna warf den Hut auf einen Stuhl, den Mantel auf einen andern und ſich ſelbſt auf einen dritten, worauf ſie ſagte: .„Gott, wie habe ich mich amüſirt. Erſt das Schlit⸗ tenfahren, welches im höchſten Grade erfriſchend war. Dann die Promenade und zuletzt die Begegung mit Thure, den ich beinahe umgerannt hätte und ſehr ge⸗ ärgert habe. Du wirſt ſehen, Lisbeth, es wird mir 112 zuletzt gelingen, daß er ſich bei Onkel beklagt. Ich werde zu ihm gerufen, der Onkel hat eine feierliche Miene aufgeſetzt und fragt, wie kannſt Du Dich ſo be⸗ tragen, Anna, wie Du thuſt? Ich ſchlinge die Arme um Onkels Hals, küſſe ihn und mache der Vorleſung, die mir zugedacht war, ein Ende; allein ich habe Thure gezwungen, ſeine Sklavennatur abzulegen.“ Und mit dieſen Worten warf Anna die Ueberſchuhe von ſich, daß der eine nach rechts, der andere nach links flog, weit ins Zimmer hinein. Lisbeth blickte von ihrer Arbeit auf und ſagte in feierlichem Tone:„Du haſt Deinen Vormittag ſehr wohl angebracht. Erſt läufſt Du draußen herum wie ein übermüthiger Junge und fährſt Schlitten mit Elias, der ebenſo jämmerlich kindiſch iſt, wie Du; nachher be⸗ leidigſt Du Jemand, der Dich niemals beleidigt hat, und endlich kommſt Du herauf und machſt eine ſolche Unordnung hier im Zimmer. Ferner ſprichſt Du eine Menge Dummheiten, aus welchen klar her⸗ vorgeht, daß Du vor Niemand und vor Nichts Achtung haſt. Ich würde mich ſehr grämen, wenn ich mich ſo betrüge, wie Du.“ „Und ich, Schweſterchen, und ich würde die gräß⸗ lichſten Gewiſſensbiſſe bekommen, wenn ich das thäte, was Du thuſt, das heißt, wenn ich meine ſchönen 143 Augen dazu benutzte, um Jung und Alt, Arm und Reich, Lebende und Todte in mich verliebt zu machen, und wenn ich nur zu dem Zwecke, meine Opfer quälen zu können, heute den Einen, morgen den Andern be⸗ günſtigte, und zuletzt außer mir würde, ſofern meine verſchmähten Liebhaber mich nicht in alle Ewigkeit an⸗ beteten. Weißt Du, daß das ſehr ſündhaft iſt?“ Während ſie dies ſprach, hatte ſie die verſchiedenen Kleidungsſtücke zuſammengerafft und in die Garderobe getragen. „Anna“, rief Lisbeth mit glühenden Wangen,„ich begreife nicht, was Du haſt, daß Du ſeit einigen Tagen ſo garſtig gegen mich biſt, gerade, als wenn es mir nicht ſchon traurig genug erginge und Du mich noch mehr quälen müßteſt. Nie biſt Du früher ſo garſtig geweſen. Lieber Gott, wie bin ich unglücklich! Niemand hat mich lieb!“ Und Lisbeth bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. „Hat Niemand Dich lieb?“ rief Anna und ſchlug die Hände über den Kopf zuſammen,„und doch war Elias nahe daran, vor Kummer zu ſterben, als Du ihn verſchmähteſt.“ „Aber er ſtarb doch nicht.“ „Und darüber grämſt Du Dich?“ Schwartz. Anna's Geheimniß. I. 8 144⁴ in Pisbeth ließ die Hände vom Geſicht gleiten und begann wieder zu ſticken. „Ferner haſt Du unſern lieben Onkel“ fuhr Anna fort; her liebt Dich, als wenn Du ſeins eigene Tochter wäreſt.“ „Ich bin es nicht, ſondern Du biſt es die er am liebſten hat.“ „Ja, ſiehſt Du, das iſt, weil mich kein Anderer lieb hat, wogegen Du ſo viele haſt, die Dich lieben. Erſtens Herr Thure, welcher Dir ſeine ſtumme Hul⸗ digung darbringt, und Dich ſo ſehr liebt, wie er über⸗ haupt zu lieben wagt, wenn Tante Johanna in ſeiner Nähe iſt; zweitens den Inſpektor, der ſich auf den Kopf ſtellt, wenn Du ihn nur anlächelſt, der Onkels Pferde zu Schanden treibt, wenn Du ſchnell fahren willſt, und mitten im Winter Blumen herbeiſchafft, um Deinen Lebenspfad zu beſtreuen; um artig gegen Dich zu ſein, kehrt der arme Kerl Ekholm um und um; ja er würde ſich ſelber, wenn er es nur könnte, um und um kehren. Denke nur an ihn und Du wirſt mir ge⸗ ſtehen müſſen, daß Du geliebt biſt.“ Lisbeth brach in lautes Lachen aus, als ſie plötz⸗ lich einen Blick auf die Schweſter warf, die gerade den dicken Inſpektor ebpirte, wie er Liesbeth mit entzückten 4¹5 Blicken zu betrachten pflegte. Anna ließ ſich indeß nicht ſtören, ſondern fuhr fort: Rng „Darauf kommt Herr Conſtantin. Er iſt der⸗ maßen berauſcht und entzückt, daß er auf Deinen Muſtern Sonne und Mond, Engel und Teufel, Herzen und Blumen zeichnet, und ſo erboſt auf mich, daß er mich mit ſeinen Blicken erdolchen würde, wenn er nur könnte. Zu guter letzt haſt Du endlich mich.“ Und Anna knieete vor der Schweſter nieder und ſprach in herzgewinnendem Tone: „Und ich, ich liebe Dich trotz Deiner vielen, großen Fehler, Du biſt meine einzige liebe Schweſter, die ich nur etwas weniger herzlos, weniger hochmüthig und gefallſüchtig ſehen möchte. Doch Rom wurde nicht in einem Tage erbaut, und wenn Du Thures Frau biſt, wirſt Du wohl Demuth lernen müſſen, das prophe⸗ zeihe ich Dir.— Aber erzähle mir doch, wie der Streit mit Tante verlief.“ „Oh, der verlief ziemlich gelinde. Thure trat als Vermittler auf, und es gelang ihm ſo vorttefflich, daß Tante Johanna ihren Zorn gegen mich vergaß, und zwar, weil ſie plötzlich es für beſſer hielt, die größte Liebenswürdigkeit gegen Thure zu entfalten. Er appel⸗ lirte nämlich an ihr gutes Herz. Ich ärgerte mich dar⸗ 8* 116 über und lief davon. Ich habe noch nie bemerkt, daß Tante Johanna ein gutes Herz hat.“ „Auch nicht, als Du vor Jahren ſo ſchwer erkrankt warſt?“ Lisbeth ſtieß Anna von ſich und nahm eine Arbeit zur Hand, ohne auf die Frage zu antworten. „Daß Du Elias erlaubſt, Dich zu umarmen, finde ich ganz unpaſſend und wundere mich gar nicht, daß Tante Johanna darüber böſe wurde, aber ich finde es ebenſo unpaſſend, daß Elias ſie küßt.“ „Ja, liebes Schweſterchen, ſeitdem Elias aufgehört hat, Dich anzubeten, findeſt Du Alles was er thut un⸗ paſſend. Du möchteſt nun einmal, daß er ſein Leben in ſtummer Verzweiflung über Deine Härte verbrächte. Aber ich will Dir etwas ſagen: Thure liebt es durch⸗ aus nicht, daß Du Dich von andern anbeten läßt.“ „Ich frage nicht darnach, was Thure gefällt“, unterbrach Lisbeth ſie ungeduldig. Anna begann nun zu ſingen und zu tanzen und ſtimmte dadurch die Schweſter zum Lachen. „Du biſt häßlich, übermüthig, faul und unordent⸗ lich“, rief Lisbeth, ärgerlich darüber, daß ſie ſich hatte zum Lachen verleiten laſſen.„Du ſollteſt lieber daran denken, daß Weihnachten vor der Thür ſteht, und daß wir nur bei dieſer Gelegenheit dem Onkel unſere Dank⸗ ———— 7 barkeit durch die Arbeiten zeigen können, die wir ihm ſchenken. Uebrigens, Anna, ſollte ich meinen, daß Du jetzt bald zu alt biſt, um Dich den ganzen Tag um⸗ herzutreiben, und Dich wie ein Kind zu kleiden; wie fliegen Dir die Haare um die Ohren!“ „Ja, darin magſt Du Recht haben, aber meine Natur iſt nun einmal ſo, daß ich ein unartiges Kind bin, ich gehorche nur der Stimme der Natur“, deklamirte Anna. In dieſem Augenblicke ſchickte Tante Johanna ein Mädchen herauf und ließ Anna zu ſich in die Küche rufen. Dort fand ſie die Tante in voller Mittags⸗ tvilette, ſtattlich und prächtig in ihrem ganzen Aeußern. Sie ſtand vor einem kleinen Gewürzſchrank; auf dem großen Tiſche befanden ſich mehrere Reihen kleiner Por⸗ zellangefäße mit Inſchriften, die ihren Inhalt anzeigten. „Nach Deiner Schlittenfahrt wirſt Du wol das Bedürfniß fühlen, recht thätig und nützlich zu ſein, und deshalb habe ich hier eine Beſchäftigung für Dich. Du wirſt alles Nöthige hier vorfinden, um die kleinen Gefäße zu füllen, und ich hoffe, daß Du, ohne Unord⸗ nung zu machen, die Waaren auspacken und ſie, wie ſich's gehört, vertheilen wirſt. Daß Du aber alles nach Wunſch ausführſt. Ich werde ſchon ſpäter nach⸗ ſehen, ob Du meinen Auftrag ordentlich erledigt haſt.“ 118 Johani verließ die Speiſekammer in ſtolzer Haltunz Anna warf e kinen Blick über die anvertraute Arbeit. Seit zwei Jahren war es Onkel Magnus beſtimmter Wille, daß die Mädchen an den häuslichen Arbeiten theilnehmen ſollten. Johanna war zwar nicht ſehr er⸗ baut von dieſer Anordnung; aber da ſie es nicht wagte, ſich gegen den Willen des Bruders aufzulehnen, ſo hatte ſie dieſelbe in einzelnen Fällen zu der Arbeit hinzugezogen, und die jetzige Arbeit war ſeit längerer Zeit Anna an⸗ vertraut worden. Sie begab ſich auch ſofort an dieſelbe. Nach dem Mittagstiſche, nach welchem in Folge allgemeiner Gewohnheit jeder ſich auf ſein Zimmer zurückzog, eilte Anna ſogleich wieder in die Speiſekammer, um in ihrer Arbeit fortzufahren. Sie hatte ſich jedoch nicht lange dort aufgehalten, als Elias zu ihr eintrat, um ihr behilflich zu ſein, oder richtiger, um den ihm verſprochenen Antheil von den Aufzeichnungen Anna's die Mitglieder des Hauſes zu erhalten. Pfeffer und Ingwer, gebackene Pflaumen und Roſinen, Feigen und Korinthen, Mandeln und Lorbeer⸗ blätter, Nelken und Kapern, Alles vergaßen Anna und Elias, während ſie die Köpfe zuſammenſteckten und Anna's Aufſatz ſtudirten: 3 1¹9 „Elias beträgt ſich, wie es einem jungen Mann geziemt“, las er und ſchielte dabei bei jedem Worte zu Anna hinüber.„Man muß ihm beiſtehen. Während er dahin arbeitet, die Tante milder gegen die Helde⸗ ner ſchen Mädchen zu ſtimmen, muß ich die Aufgabe f mich nehmen, an ſein zukünftiges Glück zu denken. Was ſeine Erziehung betrifft, ſo brauche ich mich mit derſelben nicht zu befaſſen.“ Elias lachte, indem er Anna anblickte, ſie nickte ihm zu und deutete auf die folgenden Zeilen. „Thure würde ein ganz gemüthlicher Menſch ſein, wenn er nicht ein armer Knabe geweſen wäre. Jetzt hat die Abhängigkeit ihn feige gemacht. Er iſt der Liebling und der Augendiener der Tante. Aus Furcht, ſich mit ihr oder mit dem Onkel zu überwerfen, ver⸗ leugnet er ſeine eigene Ueberzeugung, und befindet ſich im Streit mit ſich ſelbſt. Seine Erziehung iſt ſehr unvollſtändig, er muß bis zum Aeußerſten getrieben werden.“ „Und Du biſt diejenige, die es heei hat, ihn ſo weit zu bringen?“ rief Elias. Und beide lach⸗ ten nun recht herzlich, worauf Anna erklärte, daß dieß allerdings ihre Abſicht ſei. Es wurde weiter geleſen: „Lisbeth iſt ein hübſches Kind, welches al S 120 vergöttern. Sie liebt die Eroberungen und glaubt an die Gewalt ihrer Schönheit. Sie iſt eben ſo gut, wie ſchön, eben ſo blöde wie gut, eben ſo eroberungsluſtig wie ver⸗ ſchämt. Es iſt viel zu thun, bis ſie ſo wird, wie ſie ſein ſoll. Schließlich haben wir Anna. Sie iſt ein kleines häßliches Ding, eben ſo boshaft wie übermüthig; außer⸗ dem eben ſo faul wie häßlich und im Uebrigen ärgert ſie Alle, iſt aber der Liebling des Ontels. Sie hat viele Fehler, aber dieſe kümmern ſie wenig; ſie iſt daran gewöhnt, daß man ſie neckt und ſchilt, daß ſie auch alle Andern neckt. Ihre Erziehung iſt verfehlt, aber dem iſt nicht zu helfen, mag ſie bleiben, wie ſie iſt. „Ah ſo, Dir iſt nicht zu helfen, Anna?“ „Nein, durchaus nicht!“ „Und doch willſt Du Andere erziehen?“ „Ich thue es, wie der Onkel immer von den Herren Recenſenten behauptet. Ich verzeichne die Fehler der Andern, denke aber nicht an meine eigenen. Tadeln iſt leicht; etwas Vollkommenes zu ſchaffen iſt ſchwer. Die Fehler Anderer zu ſehen und zu bezeichnen, iſt ein Vergnügen, ſich ſelbſt zu beſſern, iſt eine Plage.“ Und Anna ſchüttelte ihren zottigen Kopf, indem ſie in übermüthiger Fröhlichkeit hinzufügte:„Ich bin häßlich, aber dem iſt nicht abzuhelfen, ich bin faul, das könnte ich ändern, wenn ich wollte; ich bin un⸗ — 121 ordentlich und naſeweis, und habe noch mehrere kleine Eigenthümlichkeiten, denen abzuhelfen wäre, aber ich will nicht. Und weshalb ſollte ich es auch thun? So wie ich bin, hat mich der Onkel lieb. Wenn er, der einzige Menſch, der mich lieb hat, mit ſeiner kleinen Anna zufrieden iſt, ſo weiß ich nicht, weshalb ich mich ändern ſollte, namentlich da ich eben ſo eigenſinnig bin wie mein Haar zottig iſt.“ „Aber ich ſage Dir, Anna, wozu raiſonniren, das taugt nichts“, fiel Elias ein.„Wir müſſen irgend eine Uebereinkunft treffen, zum Vortheil Deiner guten Eigenſchaften und zum Nachtheil Deiner Fehler.“ „Und wie ſollte die Uebereinkunft lauten?“ „So zum Beiſpiel: Du haſt es übernommen, Alt und Jung hier auf Ekholm zu erziehen und findeſt in Deinen Betrachtungen, daß ich der Einzige bin, deſſen Erziehung vollendet iſt. Somit wirſt Du wol erlauben, daß ich Deine Fehler berichtige.“ Anna ſchüttelte den Kopf und ſchaute ſinnend drein. „Ich weiß nicht recht, ob ich darauf eingehen kann“, ſagte ſie.„Du magſt genug mit Tante Johanna zu thun haben, wenn es Dir gelingen ſoll, ihr etwas Menſchenliebe in Bezug auf uns beide Mädchen bei⸗ zubringen.“ „Du haſt ja auch die Tante auf Deiner Liſte“, 122 fiel Elias ein,„und mit ihr werde ich nicht viel zu ſchaffen haben. Nun, Anna, darf ich es alſo als meine Aufgabe unſehen, aus Dir ein liebenswürdiges und ein einnehmendes Mädchen zu machen?“ „Aus mir?“ Und Anna lachte, daß ihr die Thränen in die Augen traten.„Befaſſe Dich nicht mit Unmög⸗ lichkeiten.“ „Gerade die Unmöglichkeit hat den größten Reiz. Ja oder nein?“ „Nun, mag es ſein, aber es wird Dir ergehen wie dem Baumeiſter von Babel, Du wirſt Dein Werk niemals vollenden.“ „Laß mich dafür ſorgen“, bat Elias.„Mein Werk wird ein leichtes ſein, denn der Grund iſt ſchon gelegt; und um das Bündniß, welches wir eingegangen ſind, zu beſiegeln, küſſe ich Dir die Hand.“ Elias ließ die That dem Worten folgen. Es ertönte aber hinter ihm ein lautes Lachen. Lisbeth war heimlich eingetreten. „„Wie ſchön“, rief ſie.„Du biſt ganz beſtimmt krank, lieber Elias, daß Du die Tante und Anna bald mit Umarmungen, hald mit Küſſen beglückſt. Du glaubſt gar nicht, wie komiſch Du ausſahſt, als Du„das Bündniß beſiegelteſt.“ Iſt das ein Ehebündniß, ſo wünſche —————————— „————— 123 ich viel Glück. Was wird das für ein Hausweſen ſein, Deins und Anna's!“ Lisbeth lachte wieder, aber ihr Lachen klang nicht natürlich, und Anna unterbrach ſie, indem ſie rief: „Die Gewürze, die Gewürze, die eingelegt werden ſollten, und die kleinen Gefäße, die in dem Schtänkchen ſtehen ſollten. Kommt, gehen wir alle an die Arbeit, aber nicht von den Roſinen und Mandeln eſſen, das ſage ich Dir, Elias!“ „Ja, komm Lisbeth, und helfen wir Anna“, ſe Elias, indem er eine Düte mit Pfeffer zur Hand nahm und den Inhalt in ein Gefäß mit Korinthen ſchüttete. Der Irrthum bewirkte, daß er abgeſetzt wurde. Lisbeth erhielt den Auftrag, das geſchehene Unglück wieder gut zu machen. Elias ſteckte die Aufzeichnungen Anna's in ſeine Bruſttaſche, nahm auf einem Stuhle Platz und ſah alſo mit an, wie die Mädchen ſich beeilten, die Arbeit zu Ende znu bringen. Lisbeth ſcherzte in ſehr gereizter Weiſe und machte ziemlich ſcharfe Ausfälle, doch ohne Elias oder Anna in Wahrheit zu verwunden. Sie parirten die Ausfälle des ſchönen Mädchens, und Elias lächelte zu⸗ frieden, als Lisbeth ihn allein zur Zielſcheibe ihtet Sarkasmen machte. Die Uhr ſchlug fünf. 24 Jungfrau Martha ſteckte den Kopf zur Thüre her⸗ ein und meldete, daß der Kaffeetiſch beim Fräulein ge⸗ deckt ſei. Des Nachmittags trank man den Kaffee in dem einen Zimmer Johanna's, und zwar, weil der Gerichts⸗ direktor niemals dieſen edlen Trank genoß und ſeine liebe Schweſter während der Jahre ihrer Eroberungen es am angenehmſten gefunden hatte, den Nektar in ihren mit Blumen und Poeſie gefüllten Räumen zu ſerviren. Die drei jungen Leute traten zuſammen bei Jo⸗ hanna ein und fanden ſie im Sopha ſitzen, Thure an ihrer Seite. Er hielt die Hand der ſchönen Tante in der ſeinigen. Die vollen Backen Johanna's hatten ſich lebhaft gefärbt, ihre Augen ſtrahlten und ihre Lippen lächelten, als ſie, ſo ſchnell ſie konnte, ihre Hand zurück⸗ zog. Der junge Juriſt ſah aus, als habe er ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht, welches ihn vielleicht dem ſtrafenden Arm des Geſetzes überliefern könnte. „Martha ſagte uns, das wir ſofort zum Kaffee kommen ſollten“, bemerkte Lisbeth im ſcharfen Tone und warf einen ausdrucksvollen Blick auf die Tante und Thure,„aber wir ſtören ja hier bei einem zärtlichen tete-téte, welches———“„Au“, ſchrie Lisbeth, — 125 eine Nadel drang unbarmherzig in ihren Arm. Sie wandte ſich ſchnell um. Anna ſtand hinter ihr und ſchaute ſie mit der unſchuldigſten Miene, von der Welt an, während ſie ihr die Nadel vor die Augen hielt. „Wo iſt Conſtantin“, fragte Elias. „Dort iſt er ja“, antwortete Johanna und deutete auf die Thüre, durch welche Herr Roth eintrat. Louiſe brachte das Kaffeſervice in das Zimmer und Anna flüſterte Elias zu: „Nicht ein einziges Wort darfſt Du Thure oder Tante von ihrem léte-àntéte ſagen. Wenn Du es thuſt, biſt Du von Deinem Amt als mein Erzieher ab⸗ geſetzt.“ „Es iſt wirklich nicht zum Aushalten, daß Anna und Elias immer etwas mit einander zu tuſcheln haben,“ ſagte Lisbeth und warf ſich ziemlich ungenirt aufs Sopha, wo Thure geſeſſen hatte. Ihr ganzes Aus⸗ ſehen deutete an, daß ſie ſich in ſehr gereizter Stimmung befand. Anna ſprang plötzlich empor und ſetzte ſich auf den Stuhl, welchen Conſtantin für ſich neben Lisbeth hinſtellte. Sie dankte dem jungen Herrn für ſeine Artig⸗ keit, ihr den Stuhl zu bringen, und lächelte dabei ſo ſpöttiſch, das der leicht gereizte Conſtantin feuerroth im Geſicht wurde. Mit dem größten Vergnügen hätte er 126 den ganzen Inhalt der Kaffeekanne über das über⸗ müthige Mädchen ausgegvoſſen. Tante Johanna war in der vortrefflichſten Laune. Sie unterließ es nicht, Anng zuzulächeln, deren Ma⸗ növer ſie ganz ausgezeichnet fand, und konnte ſich auch nicht enthalten, ein wenig ſpöttiſch mit Conſtantin zu verfahren, indem ſie ihm bemerkte, daß ihm ein höchſt beneidenswerther Platz zwiſchen Thure und Elias zu Theil geworden ſei. „Man muß wirklich ſagen, daß Herr Roth das Unglück hat, übel anzukommen, was ſehr zu bedauern iſt“, ſagte Johanna, indem ſie lachte und dabei den ganzen Reichthum von eignen, friſchen weißen Zähnen zeigte. „Dann theilt Herr Roth mein Geſchick“, fiel Lis⸗ beth ein,„ich habe immer das Unglück, übel anzukommen, und ich kann bezeugen, daß— daß— daß“— Lis⸗ beth fühlte die Spitze einer Nadel an ihrem Knie und brach plötzlich ab. „Ja, beſte Lisbeth, Du biſt aber in der Regel ſelbſt daran Schuld, und in dem Falle muß man eben nehmen, was darauf folgt“, fiel Johanna ein.„Herr Roth aber iſt ohne eigene Schuld in die unangenehme Lage gerathen, und das iſt noch ſchlimmer.“ Die Röthe, welche Lisbeth's Wangen bedeckte, die Blitze ihrer Augen und das Zucken ihrer Lippen zeig⸗ ten zur Genüge, daß ein beſonderer Grund vbrhanden war, durch welchen ſie abgehalten wurde, das auszu⸗ ſprechen, was auf ihren Lippen ſchwebte Es war Anna mit ihrer Nadel, die ihre Zunge zügelte. Lisbeth fühlte immerfort die Spitze derſelben an ihrem Knie und ſah voraus, daß dieſelbe ohne Barm⸗ herzigkeit tiefer eindringen würde, wenn ſie etwas ge⸗ ſagt hätte, was Anna nicht billigen könnte. Der Nachmittagskaffee wurde ohne weitere Streitig⸗ keiten zwiſchen Lisbeth und Johanna eingenommen, dank der guten Laune der Letzteren und der Nadel⸗ ſpitze Anna's. Nach dem Kaffee erhob ſich Lisbeth und verließ das Zimmer, um eine Handarbeit zu holen; man wollte den Abend bei Johanna verbringen, weil der Gerichts⸗ direktor und der Inſpektor nach dem Pfarrhauſe gefah⸗ ren waren. Anna folgte der Schweſter und wurde bei ihrem Eintreten in ihr gemeinſames Zimmer mit hef⸗ tigen Vorwürfen empfangen. Sie warf ſich auf einen Stühl und ließ Lisbeth reden, ohne daß ſie es verſuchte, ſich zu vertheidigen. Leichte Falten legten ſich über Anna's Stirn, und als Lisbeth endlich ſchwieg, erhob ſie ihren Kopf und ſagte mit tiefem Ernſt: 128 „Lisbeth merke Dir jetzt, was ich ſage, Du mußt Dein Betragen gegen Tante Johanna ändern.“ „Soll ich das thun, weil Du es mir befiehlſt?“ rief Lisbeth.„Ich meinestheils ſollte meinen, daß Du ſelbſt früher nicht beſonders liebenswürdig gegen die Tante geweſen biſt, wenn Du auch, ſeitdem wir von der Reiſe zurückgekehrt ſind, Dich bemüht haſt, Dich bei ihr einzuſchmeicheln. Nun, das geſchieht wol, damit Du Dich unbeläſtigt mit Elias herumtreiben kannſt.“ „Fahre nicht fort, Lisbeth, Du ſiehſt, daß ich ernſt bin, und Du weißt, daß ich alsdann den Scherz nicht liebe.“— Anna ſprach dieſe Worte in einem entſchie⸗ denen Tone. „Es iſt freilich wahr, daß ich gegen die Tante eben ſo naſeweis und unverſchämt geweſen bin, wie Du, aber ich ſchäme mich deſſen, und das beweiſt über⸗ haupt eben nur, daß unſere Erzieherin und auch ſelbſt unſer Wohlthäter in ihrer Parteilichkeit einen unver⸗ zeihlichen Fehler überſehen haben. Es würde indeß ein ſchlechtes Zeugniß für unſeren Verſtand und für unſer Herz ſein, wenn wir jetzt, wo wir erwachſen ſind, fortfahren wollten, uns ebenſo ſchlecht zu betragen, und ich behaupte deshalb, daß es ein Ende nehmen muß.“ „Sei Du ſo gut, und beſchränke Dich auf Dein 129 eigenes Ich und beſtimme nicht über mein Betragen“, fiel Lisbeth ein und begann, ihr Haar vor dem Spie⸗ gel zu ordnen. „Lisbeth, haſt Du den Brief unſerer Mutter an Tante Anna vergeſſen? Erinnere Dich, daß wir nach Hhttefors eingeladen wurden, um Kenntniß von dem Briefe zu nehmen.“ Lisbeth wandte ſich plötzlich vom Spiegel ab. Der Ausdruck ihres Geſichts war jetzt eben ſo ſanft wie traurig. Anna fuhr fort: „Haſt Du das Verſprechen vergeſſen, welches wir einander nach dem Leſen gaben? Unſere Mutter ſchrieb: „Wenn meine Mädchen das Alter erreicht haben, in welchem ſie ihre Handlungen ſelbſt zu beurtheilen vermögen, ſo wünſche ich, daß Du ſie einige Wochen zu Dir einladeſt, damit Du erforſchen kannſt, wie das Verhältniß zwiſchen ihnen und Johanna iſt. Sollteſt Du finden, daß kein gutes Verhältniß obwaltet, ſo ſage den Mädchen von ihrer ſterbenden Mutter, daß es ihre Pflicht und mein letzter Wunſch im Leben iſt, daß ſie durch Freundlichkeit, Gehorſam, Geduld und Ver⸗ träglichkeit den Unwillen zu beſiegen verſuchen, den Jv⸗ hanna gegen ſie hegt. Ihre Eltern haben ein ſchweres Unrecht an Johanna begangen, gebe Gott, daß die Kinder es ſühnen möchten.“ Schwartz. Anna's Geheimniß.. 9 130 Anna ſchwieg. Lisbeth und ſie blickten einander an. „Meine Mutter, meine geliebte Mutter, ich will. gehorſam ſein“, flüſterte Lisbeth, ſchlang die Arme um den Hals der Schweſter und fügte hinzu? „Du, Anna, biſt viel, viel beſſer als ich.“ „Das will ich nicht behaupten“, fiel Anna fröhlich ein;„aber behaupten will ich, daß es Dir unmöglich ſein muß, anders als liebreich gegen die Tante zu wer⸗ den, ſelbſt wenn es geſchehen ſollte, daß Du noch ein⸗ mal Thure mit ihrer Hand in der ſeinigen überraſchteſt.“ „Ja, Du haſt Recht, und vergeſſe ich mich—— „So wird meine Nadel Dich daran erinnern.“ Anna küßte die Schweſter, bat ſie, zur Tante zu— rückzukehren und verſprach ihr, ſofort nachzukommen. Sie wollte nur einen Augenblick in die Speiſekammer gehen, um ſich zu überzeugen, ob die Gewürze auch in der That richtig ſortirt wären,„es ſei ja“, meinte ſie,„gar zu haſtig dabei zugegangen.“ Lisbeth nahm ihre Arbeit zur Hand, warf dem Bilde der Mutter einen liebevollen Blick zu und begab ſich in der verſöhnlichſten Stimmung zur Tante. Die Letztere und Elias befanden ſich allein, aber bald traten auch Conſtantin und Thure ein. Dieſer las einige hübſche, fröhliche Gedichte von einem ſchwe⸗ 134 diſchen Claſſiker vor, und Conſtantin beſchäftigte ſich mit dem Muſter, welches er noch nicht vollendet hatte. Elias lehnte gemüthlich in einem Stuhl und betrachtete Lisbeth, deren Züge nach dem Geſpräch mit Anna einen ſchönen und ſanften Ausbruck angenommen hatten, der ihr unbeſchreiblich wohlſtand. 1 Eine ganze Stunde verſtrich, ohne daß Anna wie⸗ der zum Vorſchein kam. Endlich rief Elias: „Aber wo in aller Welt bleibt Anna?“ Die Thür ging in demſelben Augenblick auf, und Anna trat ein, mit einen ganzen Arm voll Zephirwolle, ein großes Tapiſſeriemuſter, ein Stück Kanevas und einen Stickrahmen in der Hand. Sie war in der That über und über mit Arbeitsmaterial beladen. „Aber was heißt denn das, was willſt denn Du mit dem großen Rahmen anfangen?“ rief Elias. Die Blicke Aller richteten ſich auf Anna, welche da⸗ ſtand mit gekämmtem und friſirtem Haar und in ziem⸗ lich gewähltem Anzug, ſich ſelbſt ſo unähnlich, daß ein Lächeln auf Aller Lippen ſchwebte. Mit einer überaus würdevollen Miene legte ſie Wolle, Muſter und Kanevas auf den Tiſch, welcher dermaßen von dieſen Gegenſtänden bedeckt wurde, daß Conſtantin's Muſter, Lisbeth's Perlen und Johanna's Nähzeug vollſtändig darunter verſchwanden. 9* 32 — „Ich will arbeiten“, ſagte Anna in feierlichem Tone und ſetzte den Stickrahmen auf Thure's Knie. Alle brachen in Lachen aus. „Du willſt ſticken?“ fragte Elias. „Nun ja, wie Du ſiehſt.“ „Wie Du Dich ausgeputzt haſt!“ fügte er hinzu. „Bin ich nicht nett?“ „Ja, unheimlich nett Dein Chignon iſt ja größer als Dein Kopf, Dein Kleid iſt ſo häßlich und liegt ſo eng an, daß Einem übel wird, Dich anzuſehen, und Deine Schürze iſt ganz mit Perlen beſäet! Du ſiehſt wirklich köſtlich aus. Wo haſt Du all den Staat her?“ „Von Tante Anna; als wir bei ihr auf Beſuch waren. Mich ausputzen ſagſt Du? Ich bin ja geklei⸗ det wie Lisbeth und andere wohlgekleidete Mädchen“, antwortete Anna beleidigt.„Und mein Kleid muß doch wol ordentlich ſitzen, da eine Schneiderin es ge⸗ macht hat, und mein Haar muß wol auch glatt und gekämmt ausſehen, ſo daß ich nicht mehr den Eindruck der Unordnung mache, worüber Thure immer ſpricht. Du kannſt überzeugt ſein, daß ich ernſtlich fleißig ſein will, da ich Arbeit mitgebracht habe. Weder Thure noch Lisbeth brauchen ſich mehr über meine Faulheit zu ärgern. Wenn ichſ o fortfahre, dann wird es hoffent⸗ lich damit endigen, daß Thure ſich in mich verliebt.“ 133 Den ganzen Adend hörte die Geſellſchaft nicht auf ihre Scherze zu treiben über die Eile, mit welcher Anna ſtickte: ſie warf die verſchiedenen mitgebrachten Muſter und die Wolle hier und dort hin, ſo daß das ganze Zimmer in Unordnung gerieth. Als man ſich endlich trennte, ſagte Elias zu Anna: „Wirſt Du Dein Haar ſtets ſo frifiren?“ „Ich will Dir Deine Arbeit mit meiner Erziehung erleichtern.“ „Gedenkſt Du auch das große Chignon, das eng⸗ anliegende Kleid und die perlbeſtreute Schürze zu be⸗ halten?“ „Ganz gewiß.“ „Und Du wirſt auch jeden Abend dieſe langweilige Stickerei vornehmen?“ „Die iſt ein Zeugniß meiner Arbeitſamkeit.“ „Anna, ich bitte Dich, laß das Alles, ſonſt ver⸗ zweifle ich, und mag mich mit Deiner Erziehung nicht befaſſen.“ „Alſö Du willſt, daß ich unordentlich und faul ſein ſoll?“ „Ich wünſche vor allen Dingen, daß Du Dir ſelbſt ähnlich bleibeſt.“ Thure ſchritt an ihnen vorüber und wünſchte Anna in ſehr wortkarger Weiſe gute Nacht. Er ging in ſein Zimmer und zog den Schlüſſel ab, damit ihn Niemand beſuche. Ungeachtet der Bitten von Seiten Elias fuhr Anna fort, eine ganze Woche modern friſirt und in der an⸗ gegebenen Weiſe gekleidet zu ſein. Sie ſtickte und be⸗ hauptete mit ihrem Weſen eine gewiſſe Würde. Man hörte ſie nicht mehr lachen, plaudern, ſcherzen und ſingen; ſie ging ſittſam umher, neckte ſich mit Niemandem, ſprach wenig und arbeitete viel. Der Gerichtsdirektor meinte, das Mädchen ſei ganz verteufelt langweilig geworden; Elias bat ſie jeden Abend, ſie möchte doch wieder die alte, fröhliche Anna werden; Tante Johanna erklärte, daß man ſich mehr über ſie ärgern müſſe, wenn ſie ſtickte, als wenn ſie faullenzte, und Conſtantin dachte im Stillen ganz wie die Tante, um ſo mehr, als Anna's Wolle⸗Muſter und Stickerei ſtets in Kolliſion mit ſeinen Zeichnungen ge⸗ riethen. Thure wurde immer ſchlechterer Laune, und wenn der Gerichtsdirektor nicht anweſend war, konnte er es nicht unterlaſſen, Anna zu ärgern, in der Hoffnung, ſie ſo zu reizen, daß ſie aus der Rolle fiele, allein es gelang ihm nicht. Das Einzige, was ſie erreichte, war, daß ſie von Lisbeth zurecht gewieſen wurde, und da die Zurecht⸗ 135 weiſungen unbeantwortet blieben, ſo wurden ſie von Lisbeth als von Rechts wegen angeſehen. Selbſt auf den Inſpektor wirkte die ſteife und pa⸗ thetiſche Art und Weiſe, der Fleiß und das Schweigen Anna's derartig, daß er noch unglücklicher ausſah, als ſonſt. Am nächſten Abend, an welchem man wieder in der Wohnſtube verſammelt war und Anna mit ihrer Stickerei, Muſter und Wolle eintrat, rief der Gerichts⸗ direktor ungeduldig und ſehr heftig, indem er ſich er⸗ hob, die Zeitungen vom Tiſche nahm und ſich anſchickte das Zimmer zu verlaſſen: „Wenn ich Anna jeden Abend ſehen ſoll, wie ſie mit Rahmen und Wolle angeſegelt kommt und nachher wie eine Maſchine daſitzt und ganz verteufelt näht, ſo bedanke ich mich für die Geſellſchaft hier.“ Er näherte ſich der Thüre, Anna legte den Rah⸗ men fort, ließ Wolle und Muſter auf dem Tiſche liegen und folgte dem Onkel aus dem Zimmer. „Vermag Jemand mir zu ſagen, was das mit Anna bedeuten ſoll?“ rief Johanna und warf einen fragenden Blick umher. „Nun, ſie will zeigen, daß auch ſie eine Stickma⸗ ſchine abgeben kann, wenn es ſein muß“, antwortete Elias,„und daß ſie ſich eben ſo ſchön kleiden kann, k. „— wie alle anderen jungen Damen. Du ſelbſt, Tante haſt ja oft dieſe Verwandlung gewünſcht.“ „Ich habe es gewünſcht, daß ſie arbeitſam und geſchickt, nicht aber eine Karrikatur werden ſollte, was ſie jetzt iſt“, erklärte Johanna.„Sie ſieht ja ſo komiſch aus, daß ſie langweilig geworden iſt, und dadurch ſind wir Andern es auch geworden.“ „Das gebe ich zu“, ſagte Elias,„aber ich habe jetzt große Luſt, Anna zu zeigen, daß wir uns trotz ihrer herabſtimmenden Vermummung amüſiren können.“ „Ich möchte aber wiſſen, wie das geſchehen ſollte“, fragte Johanna ironiſch.„Die Herren ſind überhaupt dieſe Woche nicht ſehr erfinderiſch geweſen, ſondern ha⸗ ben die Langeweile überhand nehmen laſſen.“ „Ja, und das ſo gründlich, daß ich meinestheils manchmal geglaubt habe, wir wären ſammt und ſon⸗ ders lauter Gerichtsprotokolle“, fiel Lisbeth in ſehr pi⸗ kirtem Tone ein. „Man könnte verſucht ſein, anzunehmen, Ihr inter⸗ eſſirtet Euch Alle dermaßen für Anna, daß ſie Euch vollſtändig beherrſcht“, meinte Johanna,„was für mich und Lisbeth allerdings nicht ſchmeichelhaft iſt.“ Der hingeworfene Fehdehandſchuh wurde von den Herren aufgehoben. Es entſpann ſich eine Debatte, die etwa eine Stunde recht lebhaft fortgeführt wurde, denn 137 die beiden Damen verſtanden ſchon ihre Waffen zu handhaben; allein es geht mit einem Wortſtreit wie mit einem Feuerwerk, ſie amüſiren für den Augenblick, füh⸗ ren aber zu keinem Reſultat. Nachdem der Streit ſich gelegt hatte, rief Elias: „Aber wo ſind denn eigentlich Onkel und Anna geblieben? Wahrhaftig, ich glaube, ſie haben ſich ganz gemüthlich in Onkels eigenem Zimmer niedergelaſſen. Dort werden ſie nun ſitzen und girren wie ein paar Turteltauben. Ich will doch einmal nachſehen.“ „Es iſt übrigens merkwürdig', lieber Elias, wie Du Dich beunruhigſt, wenn Anna nicht gleich zugegen iſt“, ſagte Lisbeth mit ziemlich ſcharfer Betonung.„Man wird wirklich verſucht, zu glauben——“ „Das hat darin ſeinen Grund, liebe Lisbeth, daß ſie meiner Flamme in Norwegen ſo ähnlich ſieht.“ Mit dieſen Worten verließ Elias das Zimmer. Conſtantin meinte, er habe ſchon lange den Ver⸗ dacht gehegt, daß die Beiden ein Paar werden würden, eine Anſicht, die Thure komiſch, Johanna unſinnig und Lisbeth höchſt ſonderbar fand. „Anna iſt ein liebes gutes Mädchen“, ſagte Lis⸗ beth,„aber ich glaube nicht, daß Jemand ſich in ſie verlieben kann. Dazu iſt mein liebes Schweſterchen zu häßlich.“ 138 „Häßlich? Das finde ich nicht“, ſagte ein Tante Johanna hatte etwas im Haushalt zu thun und verließ das Zimmer. Thure ſetzte ſich an das Fortepianv, und Conſtantin bemühte ſich, Lisbeth damit zu unterhalten, daß er ihr bewies, wie richtig ſeine Anſichten von Elias und Anna wären. Lisbeth wurde abwechſelnd roth und wieder blaß; ſie gab kurze und eckige Antworten und meinte, die Herren wären immer geneigt, ſchnelle und falſche Schlüſſe zu ziehen. Als Tante Johanna zurückkehrte, verließ Lisbeth das Zimmer, um Perlen zu holen; ſie blieb lange aus und unterdeß mußten die jungen Herren ſich mit der Geſellſchaft Johanna's begnügen. Erſt bei der Abendmahlzeit erſchienen der Gerichts⸗ direktor, Elias und Anna wieder, die letztere eben ſo ſteif und würdevoll, wie ſie die ganze Woche geweſen war. Achtes Kapitel. Im Zimmer der beiden Mädchen wurde dieſen Abend eine kleine Scene aufgeführt, und zwar, weil Lisbeth Anna beſchuldigte, kein Vertrauen zu ihr zu haben. Sie habe mit keinem Worte zu verſtehen gegeben, daß ſie(Anna) Elias lieb habe, was Lisbeth ſehr, ſehr weh thäte. Wenn ſie daran dächte, wie ſie Anna ſo gar nichts ſei, daß ſie ihr Herz verſchenkte, ohne ein Wort davon zu ſagen, ſo könnte ſie weinen. Sie hätte die Schweſter warnen können, denn es ſei thöricht, Elias zu lieben; er würde niemals an Jemand ſich ernſt⸗ lich hingeben können, am wenigſten an ein Mädchenz, das nicht ſchön wäre. Anna löſte ihr Haar, ſchüttelte ihren Kopf und ———— * lächelte ihr Bild im Spiegel an, während Lisbeth über ihren Mangel an Schönheit ſprach. „Du biſt in der letzten Zeit fürchterlich nervös ge⸗ worden, Lisbeth“, ſagte Anna, als die Schweſter eine Pauſe in ihren Vorwürfen machte;„ſo warſt Du früher nicht. Jetzt weinſt Du und ärgerſt Dich über Alles. Ich will Dich indeß damit beruhigen, daß Elias und ich noch nicht von Liebe geſprochen haben; was aber in Zukunft geſchehen wird, das kann ich nicht wiſſen. So viel iſt aber ſicher, wenn Elias um mich anhält, ſo willige ich ein.“ „Das wird er aber nicht thun“, rief Lisbeth, in dem ſie Anna am Arm faßte;„er macht Dir nur die Cour in der Hoffnung, daß er mich damit ärgert.“ „In dem Falle iſt es ihm ſehr gut gelungen“, fiel Anna ein,„allein Deinen Argwohn theile ich nicht, ſondern Du wirſt es erleben, daß Elias mir ſeine Hand anbietet.“ „Hoffſt Du im Ernſt darauf?“ „Im vollen Ernſt, ja, Du kannſt die Hochzeit mit Deinem Thure am demſelben Tage wie ich die meine mit Elias feiern.“ „Thure, Thure! Ich mache mir gar nichts mehr aus Thure“, murmelte Lisbeth halb weinend. „Das heißt mit andern Worten: der arme Sünder 141 hat Dir eine Liebeserklärung gemacht und dann alles Intereſſe in Deinen Augen verloren. Unbedachtſamer, junger Mann, warum thateſt Du das?“ deklamirte Anna. „Aergere mich nicht, Anna“, rief Lisbeth heftig, „Thure hat mir keine Liebeserklärung gemacht und wird mir auch keine machen.“ „Das wäre ſehr klug von ihm, wenn er nicht aus Feigheit, aus Furcht, der Tante zu mißfallen, ſo han⸗ delte. Aber weine darum nicht, Lisbeth, denn wenn ich Dich recht kenne, ſo läßt Du ihn nicht los, bis er Dir ſein Herz vor die Füße gelegt und Du darauf ge⸗ treten haſt. Es könnte dann geſchehen, daß Du mit ihm verführeſt, wie mit Elias, nämlich das zertretene Herz mit dem Fuße von Dir ſchleuderſt. Nun, dann muß auch Thure nach Norwegen reiſen und ſich dort zu tröſten ſuchen. Aber gute Nacht, ich bin gar zu ſchläfrig, um hier noch länger zu ſtehen und zu plau⸗ dern.“ Anna küßte die Schweſter und konnte ſich des Gedankens nicht erwehren:„Sie liebt Elias— ich habe mich nicht getäuſcht.“ —— Neuntes Kapitel. Am folgenden Tage fand eine große Geſellſchaft bei dem Amtshauptmann Enkeman ſtatt, dem Freier Jo⸗ hanna's. Beim Frühſtück war Anna an dieſem Tage nicht erſchienen, und da weder der Gerichtsdirektor, nach Johanna oder Elias irgendwie fragten, wo ſie bliebe, ſo trauten die Anderen ſich auch nicht zu fragen, obgleich ſowohl Conſtantin als Thure gern gewußt hätten, wo das neckiſche Weſen ſteckte. Lisbeth war gegen Alle höchſt ungnädig. Sie verſpottete Elias, wenn er es nur wagte, ſie anzureden; ſie ironiſirte auch Thure und blickte Conſtantin und den Inſpektor gar nicht an. Johanna dagegen war ebenſo liebenswürdig, wie Lisbeth abſtoßend war. Der alte Junggeſelle Enkeman wollte an dieſem Abend einen Ball geben, Tante Johanna fand ein gewiſſes Vergnügen daran, Conſtantin auseinanderzu⸗ 143 ſetzen, welch prächtiges Haus der Amtshauptmann führe. „Es iſt nur ſchade, daß keine Frau im Hauſe iſt“, ſchloß Johanna ihre Lobpreiſungen, wobei ſie mit ihrer Uhr ſpielte „Den Schaden hätteſt Du repariren können, Schweſterchen, wenn Du es gewollt hätteſt“, fiel der Ge⸗ richtsdirektor ein,„aber der Amtshauptmann war Dir nicht jung genug. Ich muß Ihnen nämlich ſagen, Herr Roth, daß meine Schweſter, als ſie jung war, ſich gar nicht übel ausnahm, und Enkeman wollte ſie zur Frau vom Hauſe auf Brotsbacken machen.“ Johanna erhob ſich plötzlich vom Frühſtückstiſch und verließ das Zimmer, ſie konnte es nicht mit an⸗ hören, daß ſie gut ausgeſehen habe. Das ſei ja ſoviel, als wenn ſie das nicht mehr thäte. Die Wagen fuhren vor, die jungen Herren ſtan⸗ den bereit, um den Damen beim Einſteigen behilflich zu ſein; Einer von ihnen ſollte als Schutz dieſelben begleiten, und Johanna ſollte die Auswahl treffen. Nach einer Weile erſchien Johanna, eingehüllt in einen prächtigen Pelz, mit einer ſchön verbrämten Ka⸗ puze, welche das roſige und freundliche Antlitz umſchloß. Nach ihr kam Lisbeth zum Vorſchein, auf dem Kopfe einen pelzverbrämten Hut, der ihr ausgezeichnet ſchön —— 144 ſtand; zuletzt erſchien Anna. Sie hatte die Kapuze ihres Mantels ganz über den Kopf gezogen, ſo daß das Geſicht beinahe darin verſteckt war. Sie ſprang vor der Schweſter und ohne alle Hilfe in den Wagen. „Spute Dich, Kind, Du ſiehſt ja, daß wir warten“, rief ſie Lisbeth zu, und zwar im alten fröhlichen über⸗ müthigen Tone. „Gott ſei Dank, Anna, daß Du einmal wieder wie ſonſt ſprichſt“, ſagte Elias, indem er Lisbeth in den Wagen hob. Das Glück mit den Damen zuſammen zu fahren, wurde Conſtantin zu Theil. Wenn er ſich anfänglich bis über die Ohren entzückt fühlte, als er Lisbeth ge⸗ genüber Platz nahm, ſo war dieſes Gefühl ein vor⸗ übergehendes. Sie waren nur wenige Minuten gefah⸗ ren, ſo war der junge Mann ſchon ganz erregt über Anna's Spöttereien;— Johanna und Lisbeth lachten, 6 und dies ſteigerte ſeinen Verdruß, ſo daß er von Her⸗ zen wünſchte, er ſäße in dem anderen Wagen bei dem Gerichksdirektor. Er fand es im höchſten Grade un⸗ paſſend, daß Anna ihn, den Sohn eines reichen Man⸗ nes, zur Zielſcheibe ihrer übermüthigen Scherze machte. Nachdem man eine Stunde gefahren war, hielt der Wagen vor dem ſtattlichen Wohnhaus des Gutes Brotsbacken an. Der Amtshauptmann ſelbſt hob Jo⸗ ——— 1 5 hanna aus dem Wagen und führte ſie in das Zimmer, welches für die Toilette der Damen eingerichtet war. Als Johanna ihre Toilette geordnet hatte, konnte Anna nicht umhin, aus aufrichtigem Herzen zu ſagen: „Wie Du prächtig ausſiehſt, Tante. Brotsbacken würde bedeutend gewinnen, wenn hier eine ſolche Haus⸗ frau waltete. Wie ſchön würde es ſein, bei Deiner Hochzeit zu tanzen, Tante.“ Johanna lächelte, warf einen Blick in den Spiegel und verbot Anna, derartige unpaſſende Redensarten zu führen; wiſſe ſie doch zur Genüge, daß ſie nicht die Frau auf Brotsbacken werden wolle. „Das iſt aber auch ein ganz abſcheulicher Name für ein großes Gut“, ſagte Johanna, indem ſie die Mäd⸗ chen muſterte, um zu ſehen, ob alles in Ordnung ſei. 6. Anna's blaues Mouſſelinkleid mit Blouſe, Schärpe und Roſette war äußerſt einfach und anſpruchslos. Ein kleiner Spitzenkragen umfaßte den Hals, und eine kleine ſtählerne Broche bildete den einzigen Schmuck, den ſie trug. Ihr Haar war wie früher ohne alle Friſur. „Du biſt gar zu einfach angezogen, Kind“, ſagte Johanna.„Du ſiehſt aus, als wenn es heute ein ge⸗ wöhnlicher Wochentag Se ich hätte darauf achten ſol⸗ len, ehe wir abfuhren—“ S chwartz Anna's Geheimniß. I. 10 146 „So hätteſt Du mich gelaſſen, gerade wie ich bin, Tante“, unterbrach Anna ſie lächelnd.„Eine elegante Toilette paßt nicht für ein häßliches Mädchen, davon haben wir uns während der letzten Woche überzeugt.“ Johanna ließ nun ihre Blicke auf Lisbeth ruhen, die in ihrem hellrothen Seidenkleide mit Garnirungen, Roſetten und Spitzen reich beſetzt, einen ſchneidenden Kontraſt zu dem Anzug ihrer Schweſter bildete. Lisbeth's Haar war ſchön friſirt und mit einer prächtigen hellro⸗ then Blume geſchmückt; über die Bruſt fiel eine ſchwere goldene Kette, die an der Schärpe endigte, in welcher eine hübſche Uhr ſteckte. Eine prächtige Broche, ſtrah⸗ lende Ohrgehänge und Armbänder vollendeten den pracht⸗ vollen Anzug. Johanna's Stirn umwölkte ſich, indem ſie die ſchlanke Figur und das ſchöne Antlitz Lisbeth's betrachtete. „Und jetzt wollen wir eintreten“, ſagte Johanna kurz, indem ſie die Thür öffnete, die in den Saal führte Ihr prächtiges braunes Seidenkleid hatte eine ſo lange Schleppe, daß die Mädchen ſich in einer ge⸗ wiſſen Entfernung halten mußten, und ſie ſah wie eine Königin aus, als ſie gefolgt von Lisbeth und Anna eintrat. Der Amtshauptmann empfing ſeine alte Flamme und— ſeine Blicke blieben vor Bewunderung auf ihr — 147 haften. Es ſchien, als wenn er ſie immer noch ſo ſchön fand wie vor fünfzehn Jahren, wo er ihr zum erſten Male ſein Herz anbot. „Fräulein Wikſtrand iſt eine ſtattliche Dame“, flüſterte man, als Johanna eintrat. „Wie ſchön Lisbeth Heldener iſt, und wie unbe⸗ deutend Anna ausſieht“, hieß es darauf. Im Bewußtſein ihrer Ueberlegenheit nahm Lisbeth Platz im Kreiſe der ſchönſten Mädchen. Anna zog ſich zurück in eine Fenſtervertiefung, in welcher einige Kin⸗ der von zwölf und dreizehn Jahren ſich verſteckt hatten, um den Argusaugen der Mütter und Tanten zu ent⸗ gehen? Niemand anders als dieſe Kinder ſchienen zu wiſ⸗ ſen, daß Anna ſich in dem Saale befand. Alle die jungen Herren drängten ſich um die jungen Mädchen und wett⸗ eiferten, dem ſchönſten von allen, Lisbeth, ihre Huldi⸗ gungen darzubringen. Auch Elias und Conſtantin be⸗ fanden ſich in jenem Kreiſe, aber wo mochte Thure ſtecken? Anna ſpähte nach ihm aus. Er ſtand an einem Thürpfoſten gelehnt, und ſeine Blicke verweilten un⸗ verwandt auf Lisbeth. „Der Feigling, er wagt nicht zu ihr heranzugehen, 10* ———— 148 blos weil die Tante ihn betrachten könnte“, ſprach Anna bei ſich ſelbſt. Der Mittagstiſch war ſervirt; die Herren engagir⸗ ten ihre Damen und begaben ſich paarweiſe in den Speiſeſaal, unter Vortritt des Wirthes, welcher, der Stimme ſeines Herzens gehorchend, Johanna ſeinen Arm angeboten hatte. Er überließ es den anderen äl⸗ teren Herren, die Freiherrin, die Obriſtin und die Frau Majorin zu Tiſche zu führen. Elias ſtand neben Lisbeth. „Nun, Du leihſt mir wol Deinen Arm?“, flüſterte ſie mit einem ſo entzückenden Lächeln, daß Elias dabei von Rechtswegen den Kopf hätte verlieren müſſen. Al⸗ lein er lächelte ſie nur freundlich wieder an und zog ſich zurück, damit Conſtantin ſich nähere und der be⸗ leidigten Schönheit ſeinen Arm anbieten könne. Lisbeth's Wangen flammten, als ſie an Elias vor⸗ überſchritt; dieſer ſah ſich jedoch ruhig nach einer an⸗ deren Dame um. Seine Blicke flogen über die Gruppen von Da⸗ men und Herren, die ihn umgaben und blieben haften an dem blauen Mouſſelinkleid, welches hinter dem Fen⸗ ſtervorhange hervorſchimmerte. „Willſt Du meinen Arm nehmen, Anna?“ fragte er. — Sie erhob ſich und that, wie er wünſchte. „Ich muß Dir Willkommen zu Dir ſelbſt wünſchen, Anna, die Du uns eine ganze Woche mit Deiner Ar⸗ beitſamkeit und Eleganz geplagt haſt. Ich freute mich ſehr, als ich Dich hier eintreten ſah und Dein kleines zottiges Köpfchen wie ſonſt erblickte. Habe ich doch die ganze Nacht davon geträumt, daß Du in großer Toi⸗ lette auftreten würdeſt! Aufrichtig geſprochen, hätteſt Du übrigens ein wenig geputzter ſein können, als Du biſt.“ „Du denkſt älſo ſelbſt in der Nacht an mich? Wann denkſt Du an Lisbeth?“ „Wenn ich an Dich nicht denke“, erklärte Elias. „Aber ſage mir nun, Anna“, fügte er hinzu,„weshalb haſt Du uns die ganze Woche mit Deinem Fleiß und Deiner Eleganz geplagt?“ „Um Dir zu zeigen, wie ich mich als vollkommene Dame ausnehmen würde. Ich hoffe, Du ſtehſt jetzt davon ab, mich zu einer ſolchen Vollkommenheit machen zu wollen.“ „Ganz und gar nicht“, antwortete Elias;„es ver⸗ hält ſich mit Dir wie mit einer modellirten Statue; die⸗ F ſelbe kann an verſchiedenen Mängeln leiden, die aber „ doch nicht von der Art zu ſein brauchen, daß das ganze Modell umgebildet werden müßte; es iſt nur nöthig, ein wenig zu retouchiren.“ „ * 150 „Sehr verbunden! Aber da kommt Thure mit dem häßlichen Fräulein E. Warum der ſich nur nicht ein ſchönes Fräulein gewählt hat?“ „Ja, da mußt Du ihn ſelbſt fragen.“ Von der Feſttafel iſt nichts zu erzählen. Dieſelbe war fröhlich, denn die Gäſte waren gleichfalls geſprächig und heiter. Gegen ſieben Uhr begann der Ball. Lisbeth wurde mit Engagements überſchüttet. Die jungen Herren bemühten ſich um die Wette, mit ihr zu tanzen, alle wollten einen Blick, ein Lächeln von ihr haben, aber Niemand fand ſich, der Anna zum Tanze aufforderte. Daran war Anna jedoch gewöhnt. Sie ſaß ganz ſtill in einem Kabinet, umkreiſt von all den Kindern, die anweſend waren, mit welchen ſie ſpielte. Der Tanz begann. Die Kinder wollten auch tan⸗ zen, und Anna ließ nun die halberwachſenen Mädchen einander auffordern, ſie wollte ſie anführen. Mehrere Tänze waren vorüber, und Anna hatte in jedem derſelben mit einem der Kinder getanzt, fröh⸗ lich, wie keins der ſchöneren Mädchen, drehte ſie ſich im Kreiſe mit den zehn⸗ und zwöl jährigen Mädchen herum. Elias tanzte mit Lisbeth, mit Fräulein G. und Fräulein H., mit den jungen Frauen A. und B., ja er 454 tanzte ſogar eine Frangaiſe mit Tante Johanna, aber Anna hatte er vergeſſen. Wiederum führte er Lisbeth in einem brauſenden Galopp und hätte dabei Anna beinahe umgetanzt, die den Kavalier einer neunjährigen Dame machte. Der Galopp war zu Ende, Anna und ihre kleine Dame hatten ſich in einer Fenſtervertiefung placirt, als zu Anna's größtem Erſtaunen Thure ſich ihr nä⸗ herte. „Willſt Du mir den nächſten Walzer ſchenken?“ „Sehr gern“, antwortete Anna,„wenn Du mir ſagen willſt, weshalb Du mich aufforderſt.“ „Weil ich Luſt habe, mit Dir zu tanzen.“ „Du wirſt erlauben, daß ich daran zweifle. Es geſchieht ganz gewiß aus Furcht, daß Onkel Dir es übel nehmen könnte, wenn Du mir die Artigkeit nicht erzeigteſt. Ich ſah Dich ja ſo eben mit ihm ſprechen.“ Thure erröthete; er preßte die Lippen zuſammen und nach einer heftigen Anſtrengung antwortete er: „Willſt Du mit mir tanzen oder nicht, Anna?“ Sie beſann ſich einen Augenblick und ſagte da⸗ rauf: „Nein! Ich will nicht.“ Thure erhob ſich und verließ Anna. „Liebſte Anna, kannſt Du mir verzeihen, daß ich w 152 Dich vergeſſen habe“, fragte Elias, welcher jetzt Lisbeth am Arme ſich ihr näherte. „Kaum“, antwortete Anna. „Weshalb tanzt Du nur mit den Kindern hier?“ fragte Lisbeth und warf einen triumphirenden Blick auf Anna, als wenn ſie hätte ſagen mögen:„Du biſt häß⸗ lich, ich bin ſchön, Elias wird Dir niemals ſein Herz ſchenken.“ „Nun, weil Niemand mich aufgefordert hat“, ant⸗ wortete Anna und lachte.„Ich habe mich deſſen un⸗ geachtet recht aus Herzensgrund amüſirt. Die jungen Herren betrachten mich noch immer als ein Kind, und ich bin ihnen ſehr verbunden.“ „Das iſt wenigſtens keine Schmeichelei für uns Herren“, ſagte Elias;„jetzt aber bitte ich Dich um die nächſte Polka. Nicht wahr, Du gewährſt ſie mir?“ „Ganz gewiß nicht. Ich habe ſchon eine meiner kleinen Damen engagirt und werde meiner Verpflichtung nachkommen. Haſt Du mich den ganzen Abend vergeſ⸗ en, ſo kannſt Du es auch dabei bewenden laſſen.“ Anna lief ſchnell davon und begab ſich in das Kabinet zu den Kindern. „Mit wem wirſt Du jetzt tanzen?“ hörte ſie einen jungen Herrn Conſtantin fragen, indem ſie eintrat. „Mit dem häßlichen Ding von Ekholm; der Alte * —— 153 hat es mir zu verſtehen gegeben. Das Mädchen iſt unerträglich, ſimpel gekleidet, naſeweis u. ſ. w.; es iſt ein wahres Opfer, ſie zu engagiren, aber ſie iſt der Liebling des Alten, und deshalb muß ich ja.“ „Nun ſehr angenehm wird dies allerdings nicht ſein“, fiel der andere junge Herr ein,„es iſt unbe⸗ greiflich, daß zwei Schweſtern einander ſo unähnlich ſein können. Die Aelteſte iſt ein Engel an Schönheit und Liebenswürdigkeit, die Jüngſte ganz das Gegen⸗ theil.“ „Ja, das weiß Gott“, ſagte Conſtantin. „Ihr habt es aber doch ganz angenehm bei dem alten Wikſtrand, wir dagegen ſind gezwungen, artig ge⸗ gen die kokette Frau und die häßliche Tochter zu ſein. Ihr könnt Gott danken, daß Ihr dies nicht müßt.“ Die jungen Herren begaben ſich in den Saal hin⸗ aus, und einige Minuten ſpäter ſuchte Conſtantin Anna auf. „Darf ich Sie um dieſe Francaiſe bitten, Fräulein Anna?“ fragte er. „Ich bin engagirt.“ „Den nächſten Walzer?“ „Gleichfalls verſagt.“ „Haben Sie denn gar keinen Tanz übrig, mein Fräulein?“ ————* ——————————— „Keinen einzigen.“ Herr Enkemann trat nun auf das junge Mädchen zu und ſagte fröhlich: „Nun, meine liebe Anna, biſt Du zu dieſer Fran⸗ Laiſe engagirt?“ „Nein, das bin ich nicht.“ Conſtantin entfernte ſich. „Willſt Du ihn mit mir altem Knaben tanzen? Du wirſt Tante Johanna und Thure vis-a-vis haben.“ „Ja, das will ich ſehr gern.“ „Nun, dann komm, mein Kind!“ Und Herr Enkemann führte ſeine Dame Conſtan⸗ ttin vor der Naſe weg, welcher ſich tief beleidigt fühlte. Während der Tour, in welcher die Damen wech⸗ ſelten, flüſterte Anna zu Thure: „Laß doch endlich davon ab, Tante Johanna die Cvur zu machen. Es iſt im höchſten Grade Unrecht von Dir, Du machſt es ja dem lieben Herrn Enkemann ganz unmöglich, ſich ihr, wie er es beabſichtigt, zu nähern.“ Thure hatte keine Zeit zu antworten. Die Frangaiſe war zu Ende, und Conſtantin ſuchte wieder Anna auf. „Wie ſoll ich mir Ihr Betragen gegen mich er⸗ klären, Fräulein?“ fragte er. 155 „Wie es Ihnen beliebt, Herr Roth“, antwortete Anna.„Ich befreite ſie von der großen Unannehm⸗ lichkeit, mit dem häßlichen Dinge von Ekholm zu tan⸗ zen, und dafür müſſen Sie mir eigentlich dankbar ſein. Onkel wird das nicht übelnehmen, Sie haben ja Ihre Pflicht erfüllt.“ Anna verließ ihn, aber Conſtantin vermochte den ganzen Abend und auch am folgenden Tage nicht, Anna aus ſeinen Gedanken zu verbannen. Es war am Morgenzdes Weihnachtsheiligabends, eine Woche nach dem Balle auf Brotsbacken. Es war ſieben Uhr. Die Hausthür ging auf, und Anna in einem enganliegenden Pelz und Winterhut trat auf den Hofraum hinaus. Sie ſchloß die Thüre hin⸗ ter ſich und ſchlug den Weg ein, welcher jenſeit des großen Zaunes lag. Ueber dieſen Zaun führte ein Pfad, der ſchon niedergetreten war, ein Beweis, daß die Leute ſich hier einen Winterweg gebahnt hatten. Anna wanderte weiter eiligen Schrittes, als wenn ſie fürchtete, von Jemand geſehen zu werden, bevor ſie den Wald erreichte. „Wo in aller Welt mag ſie ſo frühzeitig hingehen?“ murmelte Thure, der am Fenſter ſeines Zimmers ſtand und in dem hellen Mondſchein Anna jenſeit des Zaunes gehen ſah.„Es iſt nicht das erſte Mal, daß ſie ſolche Wanderungen unternimmt. Ich möchte doch wiſſen, wo ſie hingeht.“ Und Thure kleidete ſich eiligſt an, während er in Gedanken ſeinen Monvolog fortſetzte. „Schon ſeit dem Balle auf Brotsbacken habe ich nach einer Gelegenheit geſucht, ſie zu ſprechen, aber die im⸗ merwährenden Vorbereitungen auf Weihnachten haben es unmöglich gemacht. Jetzt aber will ich mein Glück verſuchen und zugleich erforſchen, was dieſe Morgen⸗ promenaden zu bedeuten haben.“ Thure war ſchnell angekleidet, und Anna war nicht halbwegs über das Feld gelangt, als er denſelben Weg einſchlug, den ſie vor ihm herging. Der Vorſprung, den Anna gewonnen hatte, war freilich kein kleiner, aber Thure hatte lange Beine, und es konnte ihm nicht ſchwer fallen, ſie einzuholen. Er ſchritt auch zu, daß es eine Art hatte, und als Anna an den Eingang des Waldes gelangt war, lagen höch⸗ ſtens acht bis zehn Fuß Weges zwiſchen ihnen. „Ums Himmels Willen, was ſoll denn das heißen?“ rief Johanna, die jetzt gerade in den Hof trat, um ſich ins Waſchhaus zu begeben. „Martha, wer ſind denn die Perſonen die dort übers Feld traben?“ „Das ſcheint Fräulein Anna und Herr Thure zu 457 ſein“, antwortete Martha,„aber genau kann man's nicht ſehen, obgleich der Mond ſo hell ſcheint.“ „Thure und Anna!“ rief Johanna, indem ſie ſchnurſtracks zurück ins Haus und in das Zimmer der beiden Mädchen eilte, um zu ſehen, ob Anna in ihrem Bette läge oder ob ſie wirklich ausgegangen ſei. Anna lag nicht in ihrem Bette. Sie war, wie wir wiſſen, ausgegangen, und hatte außerdem nicht die geringſte Ahnung davon, weder daß ſie verfolgt wurde, noch dgß Tante Johanna mit größ⸗ tem Mißvergnügen die Entdeckung machte, ſie nicht in ihrem Zimmer zu finden. Anna ſetzte ihren Weg fort durch den hohen Tan⸗ nenwald, welcher in der Mondſcheinbeleuchtung etwas Geſpenſtiſches an ſich hatte. Sie eilte leichten Schrit⸗ tes dahin, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Als ſie den Wald durchwandert hatte, zeigte ſich ihr zur Rech⸗ ten ein großes, ſchönes Bauerngehöft, Grangarden genannt. Daſſelbe war das Ziel ihrer Wanderung. Sie öffnete die Hausthüre und ſtand bald in dem gro⸗ ßen, gemeinſchaftlichen Zimmer des Gehöftes. Es befanden ſich dort mehrere Frauen mit verſchiede⸗ nen Arbeiten beſchäftigt, und ein tüchtiges Feuer flammte auf dem Heerd. 158 „Ich wünſche fröhliche Weihnachten, Mutter Veronica“, grüßte Anna.„Iſt Pehr Gran zu Hauſe?“ Eine alte, rieſige Bauernfrau winkte ihr einen freundlichen Gruß zu und antwortete; „Ja, freilich iſt er zu Hauſe; grüß Gott, Fräu⸗ lein Anna. Pehr iſt in der Kammer“, und Veronica deutete auf die Thür, die in die erwähnte Räumlichkeit führte. Anna ſchritt ohne viele Worte in die Kammer und ſchloß die Thüre hinter ſich. Wir jedoch glauben nicht ſo taktlos ſein zu dürfen, gegen ihren Willen uns dort einzudrängen, ſondern bleiben draußen und ſehen zu, was aus Thure gewor⸗ den iſt. Thure ſah Anna bei Pehr Gran eintreten; er folgte ihr aber nicht nach, ſondern blieb draußen ſtehen und verſteckte ſich hinter einem Nebengebäude. Der Tag begann ſchon zu grauen, als Anna von Pehr begleitet ſich auf den Rückweg begab. „Alles ſoll richtig und genau beſorgt werden, das verſpreche ich“, hörte Thure Pehr ſagen, indem die Beiden an ihm vorübergingen.„Sie wiſſen, Fräulein Anna, daß ich Wort halte und daß ich ſchweigen kann. Habe ich doch volle drei Jahre geſchwiegen, während welcher wir unſer Geheimniß gehabt haben.“ Pehr 159 lachte und fügte dann hinzu;„Jetzt werde ich aber mit Ihnen durch den Wald gehen, Fräulein, denn ich muß Ihnen ſagen, es iſt nicht recht geheuer mit den Wölfen. Ich habe heute Morgen ihre Spur geſehen.“ Pehr und Anna gingen zuſammen weiter. „Unſer Geheimniß“, wiederholte Thure und ver⸗ ließ ſein Verſteck.„Was ſoll das heißen? Mutter Veronica wird's am Ende wiſſen. Die Alte weiß in der Regel, was um ſie herum geſchieht.“ Wenige Augenblicke, nachdem Pehr und Anna das Haus verlaſſen hatten, ging die Thüre wieder auf, und Thure trat ein. Veronica hob zu gleicher Zeit einen großen Kaffeekeſſel vom Feuer ab. Thure begrüßte die alte Frau, wünſchte ihr fröh⸗ liche Weihnachten und fragte dann, ob Pehr zu Hauſe ſei. „Er iſt eben vor einer Weile ausgegangen“, ant⸗ wortete Veronica,„aber wenn ſie ſich ein bischen am Feuer erwärmen und ein wenig warten wollen, ſo wird er bald wieder hier ſein.“ Thure fand dieſes Anerbieten annehmbar und nahm auch mit Dankbarkeit die Schale Kaffee entgegen, welche Veronica ihm anbot. Er hatte ſich immer ſehr gut mit der alten Veronica geſtanden, und es ward ihm deshalb leicht, ein Geſpräch 160 mit ihr anzuknüpfen. Er war ſehr geſchickt im Aus⸗ fragen, und er bekam auch jetzt heraus, daß Anna öf⸗ ters Beſuche auf Grangarden machte. „Sie hat etwas mit Pehr, will ich Ihnen ſagen“, berichtete Veronica,„aber ſie will eben nicht, daß was die beiden miteinander haben, die Leute auf Ekholm erfahren ſollen, und ſo iſt es auch am beſten, daß ich ſchweige.“ Veronica blinzelte Thure zu, deutete dadurch an, daß ſie es ihm wohl anvertrauen möchte, wenn die Mädchen, die im Zimmer waren, keine Ohren gehabt hätten, Eine Weile darauf verließen die Mädchen das Zimmer, und nun bat Thure Veronica, ihm Aufſchluß zu geben. „Ja, ſehen Sie, Herr Thure, Fräulein Anna legt Gelder in die Sparkaſſe, aber ſie wünſcht nicht, daß Jemand das zu Hauſe erfahren ſoll. Ich habe gerade heute Morgen erſt das Geheimniß herausbekommen, aber ich werde ſchon ſchweigen.“ Pehr trat nun ein, und Thure mußte von weite⸗ ren Fragen abſtehen. Den ganzen Weg nach Hauſe grübelte er über das nach, was Veronica geſagt hatte. Die Gedanken auf den räthſelhaften Charakter des 161 jungen Mädchens gerichtet, betrat er den Korridor auf Ekholm und war gerade im Begriff, die Treppe hin⸗ aufzuſteigen, als Johanna aus der Thüre zum Saale heraustrat. Ihr Antlitz hatte eine lebhaftere Färbung, als an einem kalten Wintermorgen natürlich erſchien, und ihre Augen leuchteten mit einem durchaus nicht ſanften Glanze, indem ſie äußerte: „Sei ſo gut und tritt hier in den Saal, ich habe mit Dir zu reden.“ Thure gehorchte der Einladung mit einer Miene, die deutlich beſagte, daß er eine wenig angenehme Szene befürchtete. „Sei ſo gut, Thure, und erkläre mir die Veran⸗ laſſung zu Deiner und Anna's frühen Morgenprome⸗ nade“, ſagte Johanna mit imponirender Feierlichkeit. „Du wirſt einſehen, daß ich ſo etwas Unpaſſendes nicht erlauben kann, wie das in der That iſt, wenn ein junger Mann und ein junges Mädchen am frühen Morgen, noch lange ehe es Tag geworden, ſich zuſam⸗ men auf der Landſtraße umhertreiben.“ „Wir ſind nicht zuſammen gegangen“, wandte Thure ein, der ſich von dieſem Verhör ſehr beläſtigt fühlte, und im Stillen ſeine Unbedachtſamkeit verwünſchte, hinter Anna am frühen Morgen einhergelaufen zu ſein. Schwartz, Anna's Geheimniß. T. 11 „Was ſind das für Ansflüchte“, rief Johanna, „wenn Du es verſuchen willſt, meiner Frage auszu⸗ weichen, ſo werde ich genöthigt ſein, es meinem Bruder zu erzählen. Ich glaubte nicht“, fügte ſie hin⸗ zu, mit faſt zitternder Stimme,„daß Deine Ergebenheit für mich ſo gering wäre, daß Du mir ſogar Dein Vertrauen entziehen willſt. Zwinge mich nicht, Dich als einen Fremdling zu behandeln, Dich, für den ich ſo viel Wohlwollen gehegt habe.“ Johanna führte das Taſchentuch an die Augen und fank in einen Stuhl nieder; ſie wußte aus Eyfahrung, was ein kleiner Thränenſtrom auszurichten vermag, wenn derſelbe im rechten Augenblick angebracht wird. Und es bleibt auch ungewiß, was derſelbe hier ausge⸗ richtet haben würde, wenn nicht die Saalthüre mit vie⸗ ler Heftigkeit geöffnet worden und Anna ſchnell einge⸗ treten wäre. Sie hielt in der Hand einen prachtvollen Blumenſtrauß. Plötzlich blieb ſie aber an der Thüre ſtehen, indem ſie bald Johanna, bald Thure anblickte. Die Erſtere erhob ſich, Thure hatte eine Miene ange⸗ nommen, als wenn er durch's Fenſter zu fliegen beab⸗ ſichtigte, dieweil Anna ihm die Thüre vertrat. „Was iſt hier los?“ fragte Anna.„Ich glaube gar, Thure wird ausgezankt. Der arme Junge, was hat er denn gethan?“ 163 „Und das fragſt Du“, rief Johanna, gereizt dar⸗ über, daß ſie in dem Augenblick geſtört worden war, in welchem ſie gehofft hatte, eine reumüthige Erklärung Thure's anzuhören. „Und weshalb wunderſt Du Dich darüber, Tante, daß ich frage?“ ſagte Anna. „Weil ich gerade jetzt Thure das Unſchickliche da⸗ rin vorhielt, daß Du und er am frühen Morgen zu⸗ ſammen ſpatzirtet. Heute bin ich ſelbſt Augenzeuge ge⸗ weſen, daß ihr über den Zaun hinweg nach dem Wald getrabt ſeid.“ Anna brach in lautes Lachen aus. Thure errö⸗ thete über und über, Johanna verſpürte nicht wenig Luſt, in handgreiflicher Weiſe das neckiſche junge Ding zu züchtigen, welches Alles in's Lächerliche zog. „Liebſte, beſte Tante, darüber darfſt Du nicht böſe ſein“, ſagte Anna endlich, nachdem ihre Heiterkeit ſich ein wenig gelegt hatte.„Es war heute das erſte Mal daß wir zur Frühpredigt waren, und weshalb, das wirſt Du wol errathen können, wenn ich Dich daran erinnere, daß es Weihnachten iſt. Dieſer Blumenſtrauß, den ich beauftragt bin, neben Deiner Kaffeetaſſe auf den Frühſtückstiſch zu legen, wird Dich überzeugen, daß wir an Dich gedacht haben. Nun, Tantchen, ſei nicht länger Thure gram, er ſieht gar zu unglücklich 11* 164 aus, der arme Junge. Du wirſt dann auch einſehen, daß, wenn Du ihm nicht verzeihſt, er keinen einzigen Biſſen während des ganzen heiligen Feſtes zu ſich neh⸗ men wird, und das wäre doch wahrhaftig ſchade um all das gute Eſſen. Vergiß auch nicht, daß man am Heiligabend thun und laſſen kann, was man will.“ Anna überreichte Johanna den Blumenſtrauß, und der Zorn der Tante war verraucht bei dem Anblick ſo ſchöner Blumen mitten im Winter. „Von wem kommt dieſer ſchöne Strauß?“ fragte ſie, und ſteckte die Naſe tief in die Blumen. „Man hat mir verboten, es zu ſagen“, antwor⸗ tete Anna,„frage Thure, er hat ihn bei Pehr Gran geholt.“ Johanna warf Thure einen Blick zu, der deutlich ſagte, daß ſie ihn in Verdacht hatte. Der arme Thure ſah dabei ſehr bemitleidenswerth aus. „Ei, welch ſchöne Blumen“, riefen mehre Stim⸗ men, und Elias, Lisbeth und Conſtantin traten plötz⸗ lich ein. Conſtantin wurde ſo weiß im Geſicht, wie ein unbeſchriebenes Protokollblatt, als er den pracht⸗ vollen Blumenſtrauß in Johanna's Händen bemerkte. „Von wem haſt Du dieſe Kinder des Sommers erhalten?“ fragte Lisbeth mit einem leiſen Anflug von Neid.„Ach, wer ſo glücklich geweſen wäre“, fügte ſie hinzu. „Anna ſagte, es ſei ihr aufgetragen worden, den 165 Strauß neben meine Kaffeetaſſe zu legen; ſie wollte aber den Geber nicht namhaft machen. Sie behauptete, die Blumen bei Pehr auf Grangarden geholt zu haben.“ Die Blicke Conſtantin's und Anna's begegneten ſich, und es lag ſehr viel in dieſen Blicken. Das Frühſtück war zu Ende, und man trennte ſich, damit Jeder ſich mit ſeinen Vorbereitungen und Geſchenken für den Weihnachtsabend in aller Muße be⸗ ſchäftigen könnte. Anna blieb im Speiſezimmer zurück, und auch Conſtantin verweilte dort. Sie ſahen ſich kaum allein, als Anna ſagte: „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Herr Roth und ich will Ihnen deshalb zuvorkommen. Wenn der Blumenſtrauß neben Lisbeth's Kaffeetaſſe auf den Früh⸗ ſtückstiſch gelegt worden wäre, ſo wäre auch deſſen In⸗ halt entdeckt worden. Onkel wäre bös geworden, Tante gleichfalls, und Sie wären gezwungen worden, über Hals und Kopf Ekholm zu verlaſſen. Onkel haßt alle geheimen Liebesintriguen; er will nur von ernſtlich ge⸗ meinten Anträgen wiſſen, und ich vermuthe allerdings, daß Sie noch nicht die Abſicht haben, meiner Schweſter Ihr Herz und Ihre Hand anzubieten.“ „Geſetzt aber, daß ich es thun wolle, daß—— ——„der Blumenſtrauß und dieſer kleine Diamant⸗ 166 ring die Einleitung zu einer Erklärung bildeten“, un⸗ terbrach ihn Anna.„Ja, dann haben Sie guten Grund mir ganz beſonders dankbar zu ſein, weil ich Sie vor der Unanehmlichkeit bewahrt habe, einen Korb zu be⸗ kommen.“ „Fräulein Anna, Sie gehen ſehr weit in Ihren angemaßten Rechten. Wie können Sie ſich in das Thun und Laſſen Anderer miſchen“, rief Conſtantin heftig. „Fräulein Anna geht ganz und gar nicht zu weit, ſie verhindert nur Unannehmlichkeiten.“ Und Anna trat auf den jungen Mann zu, reichte ihm die Hand und fügte mit einem freundlichen Lächeln hinzu:„Seien Sie mir nicht böſe, ſondern nehmen Sie dreiſt an, daß ich Sie ſelbſt vor großen Unannehmlichkeiten und uns Alle vor einem langweiligen Weihnachten gerettet habe. Ihre Blumen machen nur einen guten und keinen ſchlech⸗ ten Eindruck in den Händen, in denen ſie ſich jetzt be⸗ finden, und den Ring empfangen Sie hiermit zurück. Erinnern Sie ſich aber, daß Sie niemals Juwelen unter Blumen einſchmuggeln dürfen, und laſſen Sie uns Frieden ſchließen und gute Freunde bleiben.“ Conſtantin's Blicke richteten ſich wieder auf Anna. Sie war in der That einnehmend, wie ſie daſtand und ihm das Geſchenk reichte, welches, das ſah er jetzt wohl ein, nicht wenig Aergerniß herauf beſchworen haben würde, 167 wenn es in deren Hände gelangt wäre, die er damit hatte beglücken wollen. Conſtantin ergriff Anna's Hand und nahm den Ring wieder, indem er in faſt artigem Tone ſagte: „Ich danke Ihnen, Fräulein Anna, für das, was Sie mir geſagt haben und werde es nie vergeſſen. Sie ſind ein ſonderbares Mädchen, ebenſo klug wie kindlich, vorausſchauend und unbedachtſam. Ich möchte gern Ihr Freund ſein, aber ich fürchte ſehr, daß unſere Freundſchaft doch nicht von langer Dauer ſein würde.“ „Nun, die Weihnachtsfeiertage über wird ſie doch wenigſtens anhalten; nachher können wir wieder unſere kleinen Fehden beginnen, wenn es Ihnen Spaß macht“, antwortete ſie.„Jetzt leben Sie wohl, ich muß meine Weihnachtsgeſchenke in Ordnung bringen.“ Zehntes Kapitel. „Darf ich herein?“ ſagte Elias, indem er zu Anna eintrat, bevor ſie Zeit fand, ſeine Frage zu be⸗ antworten. „Wie Du fragſt,, ſagte Anna,„ſo viel ich ſehen kann, biſt Du ja ſchon hier, und ein Verbot würde eben zu nichts führen.“ „Ich habe Dir nur wenige Worte zu ſagen.“ „Um ſo beſſer. Heraus mit der Sprache, und geh nachher Deiner Wege!“ „Wir haben heute Weihnachtsabend,“ begann Elias. „Du lieber Gott, um mir das zu ſagen, kommſt Du hierher und ſtörſt mich.“ Und Anna blickte ihn an und ſchüttelte den Kopf.„Es wird Dir nicht beſon⸗ ders leicht, merke ich, ein Geſpräch einzuleiten.“ — 169 „Geduld, Anna, Du ſollſt die Fortſetzung bekom⸗ men,“ fiel Elias ein.„Ich will eigentlich ſagen, daß an dieſem Tage alle Kinder gehorſam und liebens⸗ würdig zu ſein pflegen, damit ſie Abends belohnt wer⸗ den. Möchteſt auch Du heute recht gehorſam gegen Deinen Mentor ſein?“ „Was bekomme ich heute Abend dafür?“ „Verſchiedene hübſche Kleinigkeiten, die ich aus Norwegen mitgebracht habe.“ „Damit bin ich nicht zufrieden, denn ſiehſt Du, ſelbſt wenn ich nicht liebenswürdig bin, bekomme ich dieſelben doch.“ „Forderſt Du denn eine beſondere Belohnung?“ „Gibſt Du mir eine ſolche?“ „Ja, auf Ehre.“ „Nun, dann verlange ich fünfzig Thaler von den zweihundert, die Du vom Onkel erhalten wirſt.“ Elias blickte ſie höchſt erſtaunt an. „Aber Du bekommſt ja ſelbſt hundert Thaler vom Onkel?“ „Nun ja, aber das verhindert doch wol nicht, daß ich außerdem noch fünzig gebrauchen kann?“ Elias nahm eine ſehr mißvergnügte Miene an. „Biſt Du geizig?“ fragte Anna. „Gewiß nicht, aber Du biſt es, Anna. Ich werde Deinen Wunſch erfüllen, obwol es mich ärgert, daß Du immer und bei allen Gelegenheiten Geld forderſt. Sage mir, Anna, was machſt Du eigentlich mit all dem Geld, welches Du vom Onkel erhältſt und auch mit dem, welches Dir zu Deiner Garderobe ausgeſetzt iſt?“ „Das iſt mein Geheimniß, und ich bin Nieman⸗ dem darüber Rechenſchaft ſchuldig.“ „Gewiß nicht; aber es bleibt doch deshalb immer ſonderbar, daß Du, ein junges, fröhliches und geiſt⸗ reiches Mädchen, kein anderes Streben kennſt, als Geld zuſammen zu ſcharren. Du und Lisbeth, Ihr habt denſelben Satz für Eure Garderobe; ſie geht elegant gekleidet und Du ſehr einfach. Außerdem trinkſt Du des Morgens keinen Kaffee, ſondern läßt Dir ſtatt deſ⸗ ſen von Tante eine Entſchädigung geben. Du haſt Dir auch ein Stückchen Garten anweiſen laſſen, und verkaufſt Tante Johanna, was auf Deinem Boden wächſt. Du thuſt Niemand einen Gefallen, weder mir noch Lisbeth, ohne Dir Deine Gefälligkeit bezahlen zu laſſen, und ſehr oft nimmſt Du vom Onkel Geld ſtatt der Geſchenke, die er an Namens⸗ und Geburtstagen für Dich beſtimmt hat. Kurz, Du verſagſt Dir Alles, wenn Du Dir damit einen pekuniären Gewinn ver⸗ ſchaffen kannſt. Du mußt mir einräumen, daß dies — Alles Verwunderung erregen muß, namentlich, weil Du nicht immer ſo geweſen biſt. Dein Trieb zum Erwer⸗ ben zeigte ſich erſt, als Du vierzehn Jahre alt warſt, hat aber ſeitdem in merkwürdiger Weiſe zugenommen. Sage mir, Anna, was machſt Du mit dem vielen Gelde?“ „Ich ſpare es,“ antwortete Anna, ohne Elias an⸗ zublicken. „Und zu welchem Zweck?“ „Das will ich eben ſo wenig ſagen, wie ich es kann. Mag es Dir genügen, daß meine größte Freude in dem Anſammeln dieſes kleinen Kapitals beſteht. Ich ſehe gern ab von allem Schmuck, von ſchönen Kleidern, und von Allem, was Lisbeth erfreut, wenn ich nur das Vergnügen habe, alles das, was dieſer Staat koſtet, zurückzulegen und ſchließlich eine größere Summe aus allen dieſen kleinen Summen ſich bilden zu ſehen.“ Es entſtund eine Pauſe. Elias ſchien wenig be⸗ friedigt zu ſein; nach einer Weile ſtrich er mit der Hand über die Stirn, als wenn er einen unangenehmen Gedanken verſcheuchen wollte, worauf er ſagte: „Alſo, ich gebe Dir fünfzig Thaler, aber unter der Bedingung, daß Du meine Rathſchläge befolgſt und meine Vorſchriften erfüllſt.“ Mag es ſein, weil es unſer erſtes großes Geſchäft iſt, und jetzt theile mir Deine weiſen Rathſchläge und ſtrengen Vorſchriften mit.“ „Ich fange damit an, daß Du einige kleine Aende⸗ rungen in Betreff Deines Anzuges machſt, ſo daß Du wohl gekleidet, wenn auch immer einfach gehſt, und nicht wie auf Brotsbacken ausſiehſt, als hätteſt Du Deine Arbeit verlaſſen und Dich auf den Ball begeben, ohne Deinen Wochenanzug gegen einen für den Ball paſſenden umzutauſchen.“ Anna lachte und verſprach Gehorſam, wenn es nichts koſtete. Elias gab hierauf einige kleine Winke und ver⸗ ſchiedene Rathſchläge über das, was ſie gut kleiden würde. Sie dürfe nicht ohne Unterlaß dieſelben grauen Kleider tragen, auch nicht die häßlichen baumwollenen Schürzen, die Krauſen um den Hals, die ihr das An⸗ ſehen eines Waiſenkindes gäben. Sie dürfe auch nicht ihr widerſpenſtiges Haar ſo ohne alle Sorgfalt und Pflege laſſen, daß es ihr immer um die Ohren fliege, und dergleichen mehr. „Sieh einmal, Anna, wenn Du zum Beiſpiel Dein Haar ſo wie hier aufſteckteſt,“ ſagte Elias und hielt ihr ein Photogramm hin. „Elias, das iſt ja, das iſt ja———“ Anna konnte vor lauter Erſtaunen nicht vollenden. —— 473 „Das biſt Du ja ſelbſt,“ fiel Elias lachend ein. „Aber ich bin doch mein Leben lang niemals ſo friſirt geweſen,“ erklärte Anna.„Wie iſt denn das zu⸗ gegangen, daß ich ſo auf der Karte geworden bin?“ „Ja, das iſt mein Werk. Ich habe Dein Geſicht auf das Portrait eines jungen Mädchens geſetzt, das ſo gekleidet war, nach dem habe ich davon Copien ab⸗ nehmen laſſen, und dadurch biſt Du eine ganz hübſche Erſcheinung geworden. Nun, was meinſt Du ſelbſt dazu?“ Anna erröthete und ſtieß die Karte von ſich. „Mir gefällt die Karte nicht,“ ſagte ſie,„ und ich wünſche nicht die Karte zu beſitzen“ Elias legte das Photogramm in ſeine Brieftaſche zurück und begann von Anna's Benehmen zu ſprechen, das nun ebenfalls gründlich kritiſirt wurde. Daß ſie fröhlich und übermüthig, etwas träge ſei und voll von Uebermuth ſtecke, fand Elias lebenswür⸗ dig, daß ſie aber unfreundlich und voll ſcharfer Aus⸗ fälle gegen Thure wäre, fand er fehlerhaft, und das müſſe ſie ſich abgewöhnen. Anna meinte lachend, daß dies von Allem am ſchwerſten ſein würde; ſie wollte ſich indeß ſo viel wie möglich bemühen. Elias meinte, ſie dürfe nicht vergeſſen, daß ſie Thure auf ihrer Erziehungsliſte habe, und ſie den Plan aus⸗ führen müſſe, den ſie einmal entworfen. Sie verſprach indeß, Thure nicht anzugreifen, wenn es Jemand hörte. Der Abend verſammelte natürlicherweiſe die Fa⸗ milie und brachte für Tante Johanna zwei Ueber⸗ raſchungen. Die eine beſtand darin, daß der Amtshauptmann, den der Gerichtsdirektor auf Anna's Rath eingeladen hatte, ſich wirklich einſtellte, um den Weihnachtsabend auf Etholm mitzufeiern, die andere, daß Anna einfach aber geſchmackvoll gekleidet und ſo wohl friſirt auftrat, daß Johanna ſeufzend dachte: „Mein Gott, was das Ding gut ausſieht!“ Das kleine häßliche Ding war an dieſem Abend nicht häßlich, und noch mehr, es war in ſeiner Weiſe höchſt liebenswürdig. Anna war fröhlich und ausgelaſſen, aber ohne irgend welchen Anflug von Spott. Sie war ſelbſt gegen Thure höchſt freundlich. Es war ihr etwas ganz Neues, keine einzige Be⸗ merkung gegen ſich gerichtet zu ſehen, namentlich weil man ſonſt immer durch die Nippes⸗Sachen, welche der Weihnachtstiſch brachte, Veranlaſſung nahm, ihre Fehler ſcharf zu rügen. Dieſes Mal war man gleichſam durch ———————— 175 Uebereinkunft von dieſer Sitte abgegangen, und Anna konnte es nicht anders als angenehm finden, daß ſie nicht die Zielſcheibe der Witze und Sarkasmen der Andern war. Durch nichts wurde über ihr Haar, ihre Kleidung und ihr Benehmen geſpöttelt. Dergleichen kleine Spöttereien hatten ſie zwar nie geſchmerzt, allein daß ſie einmal ausblieben, berührte ſie doch an⸗ genehm. Der heilige Abend verſtrich in fröhlichſter Weiſe; Alle waren vergnügt und zufrieden, Thure vielleicht am wenigſten. Nachdem alle Weihnachtsgeſchenke vertheilt waren, bekam wie ſeit Jahren jedes Mitglied des Hauſes mit Ausnahme der jungen Juriſten, die ihren Aufenthalt und ihre Lehrjahre bezahlten, einen verſiegelten Brief vom Gerichtsdirektor, in welchem er ihnen Weihnachts⸗ geld ſchenkte. Auch an dieſem Abende theilte er dieſe ſehr willkommenen Billets aus an Alle, nur nicht an Anna. „Dein Weihnachtsgeld, liebes Kind, wirſt Du in Deinem Zimmer finden, wenn Du nachher zu Bette gehſt,“ ſagte er und ſah dabei ganz ſchelmiſch aus. Das fröhliche Geſicht Anna's bekam aber durch dieſe Worte einen Ausdruck der Mißſtimmung. Als ſpäter die beiden Mädchen in ihr Zimmer ein⸗ 176 traten, ſtutzte Anna, denn auf ihrem Bette lag ein Etwas, welches einem Menſchen ähnlich ſah. Als ſie ſich von ihrem Schrecken erholt hatte, trat ſie näher, um zu ſehen, was es war. Es war ein hellblaues, ſeidenes Kleid, einfach aber ſehr ſchön. An dem Leibchen deſſelben war mit einer goldenen Broche ein Zettel befeſtigt, auf welchen der Gerichsdirektor Folgendes geſchrieben hatte: „Dieſes anſtatt des Weihnachtsgeldes. Dein Onkel möchte ſich nicht wieder wegen des Anzuges ſeines lieben Mädchens ſchämen, wenn er ſie in Geſellſchaft führt.“ Anna ließ das Papier fallen und ſank auf einen Stuhl nieder. „Biſt Du nicht entzückt?“ rief Lisbeth, und hielt ihr das ſchöne Kleid hin, damit ſie es recht beſehen möchte. Aber Anna bedeckte ihre Augen mit beiden Händen und brach in Thränen aus, was Lisbeth ſehr erſchreckte, weil ſie Anna ſeit dem Tode ihrer Mutter nicht hatte weinen ſehen. „Weshalb weinſt Du?“ rief Lisbeth ängſtlich. „Iſt denn das Kleid da von irgend welchem Nutzen?“ rief Anna.„Kann ich irgend welches Kapital oder irgend wie Zinſen aus dem Kleide ziehen, kann ich—.“ Sie hielt plötzlich inne und fügte darauf hinzu: 177 „Ich werde mich ſehr unglücklich fühlen, wenn ich das Kleid trage. Ich, ein armes Mädchen, das nur durch die Güte unſeres Onkels exiſtirt, ſoll mich mit einem ſolchen Anzug ausputzen? Wie viel beſſer wäre es, das Geld, was das Kleid gekoſtet hat, ſparen zu können.“ Lisbeth hätte vor Erſtaunen faſt das Kleid aus den Händen verloren. Sie ſtarrte die Schweſter an und wiederholte, als wenn ſie ihren eigenen Ohren nicht traute: „Kapital und Zinſen,— ſparen?“ „Nun, wie gefällt Anna die Ueberraſchung“, fragte Johanna, indem ſie den Kopf zur Thüre hereinſteckte. „Sie weint“, antwortete Lisbeth. Johanna ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſam⸗ men und ſah im höchſten Grade erſtaunt aus. Schwartz, Anna's Geheimniß. I. 12 * ————— Elftes Kapitel. Am Weihnachtstage, nachdem die jungen Leute aus der Frühpredigt zurückgekehrt waren, wurde Lisbeth zu hrem Onkel hereingerufen. „Nun, hat Anna ſich über das Geſchenk gefreut?“ fragte er. „Nicht ſo ganz, ſie weinte die halbe Nacht,“ wortete Lisbeth. „Was ſagte ſie?“ Lisbeth wiederholte ſo ziemlich Wort für Wort, was Anna geſagt hatte. Der Gerichtsdirektor rieb ſich die Hände, ſtreichelte Lisbeth die Wange und bat ſie, Anna ſogleich zu ihm zu ſchicken. Anna trat nicht ſpringend und tanzend, wie ſonſt, ſondern langſam und geſenkten Blickes, mit zottigem Haar, ſehr dürftig gekleidet, mit einem breiten alt⸗ modiſchen Kragen um den Hals, zu ihrem Onkel ein. „Kreuzelement, wie Du betrübt und ſchlecht aus⸗ . 0 ſichſt,“ ſagte der Gerichtsdirektor,„hat der Paſtor viel⸗ leicht eine donnernde Rede gegen den Luxus gehalten, daß die Frühpredigt Dich ſo verſtimmt hat? Nun, be⸗ dankſt Du Dich nicht einmal für das Kleid?“ Anna ſchlang die Arme um den Hals ihres Onkels, drückte das Geſicht an ſeine Schulter und flüſterte ganz betrübt:„Du lieber Onkel, ich danke Dir,“ aber darauf verfiel ſie in Schluchzen. „Aber Mädchen, weinſt Du denn, weil ich Dir ein hübſches Kleid ſchenkte? Gefällt es Dir nicht?“ „Ich bin ſehr betrbt, daß Du mir ein Kleid und kein Geld geſchenkt haſt,“ ſtammelte Anna. „Elias bat mich darum, dieſe Veränderung zu machen. Du haſt kein Geld nöthig Ich muß Dir ſagen, daß ich es ganz ärgerlich finde, daß Du Dich immer ſo kleideſt, als wärſt Du mein Dienſtmädchen und nicht meine Pflegetochter. Ich will nicht, daß Du ausſiehſt wie ein Bauernmädchen, und ich habe es Dir oft geſagt, ohne daß Du Dich an meinen Wunſch ge⸗ kehrt haſt. Ich habe Dir auch immer Sachen und Kleider ganz wie Lisbeth geben wollen, aber Du haſt dann ſtets ſo lange gebeten und gefleht, um ſtatt deſſen Geld zu erhalten, und ich bin Dir zu Willen geweſen, habe Dir aber auch immer dabei geſagt, daß Du Dir kaufen ſollteſt, was Du brauchſt, aber Du haſt 12* 180 gar nichts gekauft. Jetzt bin ich endlich der Bemerkungen überdrüſſig, welche Dein Betragen hervorgerufen hat, und deshalb iſt es nun mein beſtimmter Wille, daß Du das gebrauchſt, was ich Dir ſchenke. Ich bin nicht geſonnen, größere Summen von Dir vergeuden zu laſſen, ohne daß man weiß, was aus dem Gelde wird.“ Anna ſank auf eine Fußbank ihm zu Füßen nieder und ſtützte ihren Kopf an ſeine Knie, während ihr die Thränen über die Wangen liefen. Sie flüſterte ganz leiſe: „Daß Elias mir das gethan hat!“ „Anna“, ſagte der Gerichtsdirektor ernſt,„trockne die Thränen, ich kann es nicht leiden, wenn Jemand über nichts und wider nichts weint. Spare Du Dei⸗ nen Kummer für eine beſſere Gelegenheit.“ Das junge Mädchen trocknete ihre Thränen, aber ſie quollen immer auf's Neue hervor. „Höre mich jetzt aufmerkſam an, Anna“, fuhr der Gerichtsdirektor fort,„ich will, daß Du während der Feiertage das blaue Kleid anziehſt und nicht in Deinen baumwollenen Röcken hier herumläufſt, und daß Du Dich überhaupt nach der Jahreszeit kleideſt, und ich wünſche jetzt, daß Du mir gehorcheſt. Du mußt es lernen, Achtung vor meinen Befehlen zu haben.“ „Ja, das werde ich“, ſtammelte Anna, ganz be⸗ — 181 ſtürzt über den Ton, in welchem der Gerichsdirektor zu ihr ſprach. „Und jetzt, mein liebes Kind, möchte ich Dich wie⸗ der fröhlich ſehen. Hier haſt Du die Uhr, welche ich Dir ſchon bei Deiner Einſegnung gab, die Du mir aber mit dem Wunſche wieder zurückgabſt, das Geld dafür zu bekommen, was ſie werth ſei. Trage ſie zu meinem Andenken und zur Erinnerung an Deine Ein⸗ ſegnung. Ich ſchenke ſie Dir zum zweiten Male.“ Anna nahm die Uhr mit einer ſo betrübten Miene entgegen, daß dem Gerichtsdirektor ganz übel zu Muthe wurde. Als ſie dankte und ſeine Hand küßte, zog er ſie an ſich heran, und es koſtete ihm viele Mühe, ihr Folgendes zu ſagen: „Du biſt ein garſtiges Kind, das ſeinen alten Onkel betrübt, wenn er ihm eine Freude machen will. Geh, Anna!“ Und er ſtieß ſie heftig von ſich, begab ſich in ſein anderes Zimmer und riegelte die Thüre zu. Als Anna in den Korridor trat, hörte ſie, wie Johanna zu Martha ſagte, daß ſie ſich mit dem Früh⸗ ſtück beeilen möge, damit diejenigen, die wieder zur Kirche wollten, vorher zu eſſen bekämen. Nachdem ſie die Treppe hinangeſtiegen wat, öffnete ſie das ziemlich große Uhrgehäuſe, um zu ſehen, was 182 ihre Uhr zeigte, hatte dies aber kaum gethan, als ſie vor Freude laut aufſchrie, das Gehäuſe wieder ſchloß, die Treppe hinabeilte und zu dem Gerichtsdirektor hineinſtürzte. „Hnkel, Onkel, lieber, geliehter theurer Onkel, wie ſoll. ich Dir meine Dankbarkeit zeigen, wie ſoll ich es anſthllen, Dir wieder eine Freude zu bereiten,“ rief ſie, indem ſie auf den Onkel zuſtürzte. „Wie?“ wiederholte der Gerichtsdirektor und ſchloß ſie in ſeine Arme,„dadurch, daß Du immer mein kleines, fröhliches Kind bleibſt.“ Anna lachte und weinte zu gleicher Zeit. Sie küßte und herzte den Gerichtsdirektor und zog endlich einen Hundertthalerſchein aus dem Uhrgehäuſe heraus und tanzte mit demſelben im Zimmer umher, indem ſie ſang: „Der iſt mein, der iſt mein, der gehört mir allein.“ „Und auch die Uhr“, fiel der Gerichtsdirektor ein. „Nun ja, wenn Du es ſo gern willſt, Onkel“, ſagte Anna, fügte aber im bittenden Tone hinzu: „Wenn Du wirklich wünſcheſt, daß ich Dein fröhliches Mädghen bleiben ſoll, ſo ſchenke mir keine theuren Kleider und Schmuckſachen mehr. Ich bitte Dich, ich beſchwör Dich. Ich werde Dir zeigen, daß ich doch von jetzt an ſehr wohl und nett gekleidet ſein werde Du — haſt mir eine ſehr derbe Lektion gegeben.“ „Nun, ich werde Dir keine Kleider mehr geben“, antwortete der Onkel. Beim Frühſtück war Anna fröhlicher venn Sie war ſorgfältig gekleidet und ſah in der That ſehr nett aus. Gegen Elias zeigte ſie ſich jedoch un⸗ gnädig, wenn es auch nach einer Weilé den Anſchein hatte, als habe ſie Alles vergeſſen, was ſie bettübte An dieſem Tage war große Mittagsgeſellſchaft im Pfarrhauſe, und am zweiten Feiertage Mittagsgeſell⸗ ſchaft und Ball auf Ekholm. An beiden Tagen trat Anna in ihrem blauen Kleide auf. Sie ſah ſo verän⸗ dert aus, daß alle Nachbarn ſich darüber wunderten, wie allerliebſt„das kleine häßliche Ding“ geworden war. Ganz und gar gegen alle Konvenienz, zum Aerger und Erſtaunen Lisbeth's und aller andern ſchönen Mäd⸗ chen eröffnete Elias den Ball mit Anna. Das war ihr, ſo weit ſie ſich zurück zu erinnern vermochte, noch niemals früher geſchehen, daß ſie den Walzer mit einem jungen Herrn getanzt, ſonderg ſie hatte in der Regel damit begonnen und auch ſchließen müſſen, als Kavalier der Damen aufzuftrten, vie jünger als ſie ſelbſt waren. Sie konnt indeß nicht umhin, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß es weit angenehmer ſei, mit Elias als mit den Kindern zu tanzen; aber ſie gelobte ſich deſſen ungeachtet, in ihrem Glück nicht zu vergeſſen, daß es nun einmal ihre Pflicht ſei, ſich der von den Herren überſehenen kleinen Damen anzu⸗ nehmen, die ſonſt nur im Nothfall zum Tanze aufge⸗ fordert wurden. Als der Walzer zu Ende war und Elias ſie an ihren Platz zurückführte, flüſterte Anna mit etwas ſpöt⸗ tiſchem Lächeln: „Was doch ein blaues, ſeidenes Kleid für Wunder bewirken kann. Dem Kleide habe ich es zu verdanken, daß Du, der beſte Tänzer im ganzen Orte, den Ball mit mir eröffnet haſt. Ich werde es nicht ver⸗ geſſen.“ „Du biſt ungerecht, Anna, ich tanze doch immer mit Dir,“ antwortete Elias. „Niemals den erſten Walzer, und überhaupt, daß Du immer mit mir tanzeſt, iſt eine Behauptung, die einigen Einſchränkungen unterliegen dürfte. Letzthin auf Brotsbacken zum Beiſpiel hatteſt Du mich ganz und gar vergeſſen. Mein ſchlechter Anzug war ganz gewiß der Grund Deiner Vergeßlichkeit.“ „Nun, das glaubſt Du ſelbſt nicht. Es möchte doch wol etwas anderes geweſen ſein, was damals meine Vergeßlichkeit verurſachte“ 185 Hier wurden ſie von Conſtantin unterbrbchen, welcher herantrat, um Anna zum Tanze aufzufbtdern. „Vielleicht ſind Sie ſchon engagirt, mein Fräulein“, fragte er in etwas ſpitzigem Ton. „Nein“, antwortete Anna,„aber ich habe engagirt“, und fügte hinzu:„Ich habe Sie doch ein für allemal der Pflicht entbunden, mit mir zu tanzen, Hetr Roth, und ſehe nicht éin, warum Sie ſich nun ſelbſt uälen wollen. Seit dem Weihnachtsabend haben wir uns ja herzlich befreundet, weshalb denn Komödie ſpielen? Tanzen Sie mit Lisbeth und mit den andern Mäd⸗ chen, und thun Sie, als wenn ich gar nicht zugegen wäre.“ „Das kann ich nicht, weil ich es nicht will, und bitte ich Sie deshalb, Fräulein, ſchenken Sie mir die Polka, die jetzt aufgeſpielt wird.“ „Und meine kleinen Mädchen, die ohne mich gar nicht zum Tanzen gelangen werden? Ich kann ſie nicht ihrem Schickſal überlaſſen.“ „Ich verſpreche Ihnen, mit einigen der kleinen Mädchen zu tanzen, wenn Sie mir die Polka ſchenken“, ſagte Roth. iclet „Mit wie vielen?“ fragte Anna. „Mit einem halben Dutzend, wenn es ſein muß⸗“ Anna lachte und folgte Conſtantin. Tante Fo⸗ 85 hanna ſah Anna wieder tanzen, und dieſes Mal mit Conſtantin. Dieſer Anblick mundete ihr ganz und gar nicht. Sei es doch mehr wie genug, daß Lisbeth durch ihre Schönheit die Aufmerkſamkeit der Männer auf ſich lenkte, es würde gar nicht zum Aushalten ſein, wenn nun auch Anna das Intereſſe der Herren zu erwecken begänne. Wenn Anna fortführe, ihr Aeußeres ſo zu pflegen, wie ſie es während der letzten drei Tage gethan, ſähe es gefährlich genug aus. Dies ſah Johanna ein, wie ihr überhaupt im erſten Augenblick Alles in düſtern Farben erſchien. Sie konnte es niemals mit anſehen, wie die jungen Leute in Galopp und Polka dahin ſtürmten, ohne ihrerſeits wehmüthig geſtimmt zu werden. Bruder Magnus hatte ihr nämlich verboten, an dieſen Tänzen Theil zu nehmen, und wenn ſie dies auch ſehr ungerecht fand, ſo wagte ſie anderſeits doch nicht, das Verbot zu überſchreiten. Als ſie nun zu ihrem größten Aergerniß Anna und Conſtantin, darauf Thure und Lisbeth zuſammen erblickte, wollte es ihr faſt das Herz abſtoßen, und ſie wußte ſich nur dadurch zu helfen, daß ſie aus dem Tanzſaale eilte, um ſich als Wirthin im Salon liebenswürdig zu machen. Sie warf einen prüfenden Blick in einen der großen Spiegel, und es kam ihr dabei ſelbſt vor, als hätte ſie ſich gut conſervirt. Daß es auch Andere gäbe, die — — derſelben Anſicht waren, wußte ſie ſeit dem heiligen Abend. Dieſer Andere konnte Niemand anders ſein, als Thure, denn er hatte ihr, wie ſie vermuthete, einen kleinen Handſpiegel von Silber e mit der Inſchrift: „Dieſer Spiegel wird Dir ſagen,⸗ Was ſchon läugſt mir klar: Kannſt's getroſt mit Allen wagen, Die nur zählen zwanzig Jahr.“ Allerdings hatte Thure geleugnet, aber dabei ver⸗ legen ausgeſehen, und da Niemand anders der Geber ſein wollte, ſo nahm ſie es für ausgemacht an, daß „der liebe Junge“ der Schuldige ſei. Der Blick in den Spiegel und die Erinnerung an die Verſe verſetzten Johanna in gute Laune. Die Polka war zu Ende, und Anna führte Con⸗ ſtantin einer dreizehnjährigen Dame zu, die ſehr er⸗ freut war, als er ſie zum Tanze aufforderte. Anna befreite ihn jedoch von dem Vergnügen, noch mit andern Kindern zu tanzen. Darauf beeilte ſie ſich, Lisbeth aufzuſuchen, die ſie in dem Kreis der andern Mädchen vermißte. „Ich habe ſo meine Ahnung!“ meinte ſie,„daß Lisbeth ſich in das kleine Kabinet zurückgezogen hat, und wahrſcheinlich iſt der einfältige Thure ihr gefolgt, 188 denn ich ſehe eben die Tante im Geſpräch mit ihrem alten Anbeter, dem Paſtvr.“ Mit leichten, lautloſen Schritten trat Anna in das Kabinet, woſelbſt ſie ihre Schweſter und Thure vorfand, den Letztern damit beſchäftigt, Lisbeth's Arm⸗ band zu ſchließen, welches aufgeſprungen war. Die Beiden bemerkten Anna nicht, die auf der Schwelle, faſt verſteckt hinter den Thürvorhängen, ſtehen blieb. „Du willſt ſomit die Wahrheit nicht geſtehen,“ ſagte Lisbeth in einem Tone, der zur Hälfte ärgerlich, zur Hälfte ſcherzend war,„und doch habe ich nur unter der Bedingung mit Dir die Polka getanzt, die ich Lieutenant Brun verſprochen hatte.“ „Ich habe Dir nur die Wahrheit geſagt,“ erklärte Thure,„und ich betheure bei Gott, daß jedes Wort mit dem Hergang übereinſtimmt. Er bat mich, den dummen Vers zu ſchreiben, weil er nicht wollte, daß Tante den Geber errathen ſollte.“ „Aber er leugnete es, als ich ihn fragte.“ „Glaubſt Du ihm mehr, als mir, Lisbeth?“ „Ja, das thue ich.— Aber, mein Grott, wie Du hin und her tappſt, ich werde das Armband ſelbſt ſchließen.“ Sie wollte ihren Arm an ſich ziehen, aber Thure umſchloß ihn mit ſeiner Hand und ſagte:„Ich werde ——————— —————— 189 das Armband ſchon ſchließen,“ und im nächſten Augen⸗ blick war es geſchloſſen. Er ließ darauf ihren Arm los, wobei ſie ihn anblickte. Lisbeth machte eine Be⸗ wegung, als wollte ſie gehen, allein Thure ergriff ihre Hand und ſagte:„Wie ſchade, Lisbeth, daß wir kein Vertrauen zu einander haben.“ „Schade, und für wen?“ fragt ſie. „Für uns Beide. Hätteſt Du Verträuen zu mir, ſo könnte ich Dich als meine Freundin behandeln und Dir einen Rath geben. Ja, hätteſt Du Vertrauen zu mir, könnte ich Dir mein Herz entdecken.“ „Und was würde ich dann wol erfahren?“ Hinter Anna rauſchte in dieſem Augenblicke ein ſeidenes Kleid vorüber, und ſie ſtürzte nun auf die Beiden im Kabinet zu. Thure ließ die Hand Lisbeth's fahren, und Anna rief: „Komm, Lisbeth, komm, Du mußt die Wirthin der jungen Damen machen, ich habe genug mit den Klei⸗ nen zu thun.“ Bei dieſen Worten trat Tante Fohanna mit ſtolzer Haltung in das Kabinet. Ihre Wangen flammten, und ihre Augen blitzten, als ſie heftig ſagte: „Ihr betragt Euch wie Mädchen ohne alle Erzieh⸗ ung, indem Ihr ganz und gar Eure Pflichten gegen die Gäſte hintenanſetzt. Mir ſcheint, daß Thure und Ihr 190 Euch täglich ſeht und Euch wol ausſprechen könnt, ohne daß Ihr jetzt gerade nöthig habt, Euch zu ver⸗ ſtecken, um Eure Geheimniſſe abzuhandeln. Man wird mit Recht ſagen, daß die Jugend auf Ekholm ſich ſehr unhöflich benimmt.“ „Das wird man nicht ſagen,“ fiel Lisbeth heftig. ein,„und ich glaube nicht, daß es man mit Recht übel⸗ deuten kann, wenn wir einen Augenblick hier verweil⸗ ten. Man müßte denn ſeine beſonderen Gründe haben, um ſich darüber zu ärgern.“ Und Lisbeth ſchwebte aus dem Kabinet hinaus. Anna hob drohend den Finger gegen Thure, indem ſie rief: „Mache, daß Du ſchnell zum Tanze engagirſt, ſonſt verlierſt Du Deinen Ruf als artiger Kavalier; ich fliehe zu meinen Kindern.“ Anna zog ſich durch dieſelbe Thür zurück, durch welche ſie eingetreten war, blieb aber wieder noch einen Augenblick hinter dem Vorhang ſtehen. „Es wundert mich im höchſten Grade, mein lieber Thure, daß Du nach beendigtem Tanze Lisbeth hierher geführt haſt,“ ſagte Johanna mit zitternder Stimme „Ich that es, weil Lisbeth's Armband aufgeſprun⸗ gen war, und ſie es wieder geſchloſſen haben wollte,“ antwortete Thure in entſchuldigendem Tone. 194 „Konnte Niemand außer Dir das Armband wieder ſchließen?“ fragte Johanna, und ihre Stimme klang noch nervöſer. „Nein, es hatte ſich eine Feder in dem Schloſſe verbogen,“ erwiderte Thure eben ſo ſanftmüthig, wie vorher, und fügte hinzu:„Wenn ich in irgend einer Weiſe Dir mißfallen habe, Tante, ſo bitte ich um Ver⸗ zeihung. Mein höchſter Wunſch iſt, Dir in Allem zu Gefallen zu ſein.“ Conſtantin trat in das kleine Kabinet, in welchem Anna ſtand, ein. „Wenn Sie Thure ſuchen, er iſt drinnen,“ ſagte Anna, und zwar ſo laut, daß ſie im Kabinet gehört werden mußte. „Ja, ich möchte ihn zu meinem vis-à vis auffor⸗ dern,“ antwortete Conſtantin, und trat ein. Anna eilte zu den Kindern, und bald hatte ſie nicht allein dieſe zum Tanzen gebracht, ſondern auch ſelbſt eine Aufforderung von dem Hilfsprediger des Ortes abgeſchlagen, damit ſie bei den kleinen Damen bleiben und dieſe zur Heiterkeit anfeuern konnte. Bei dem dritten Walzer kam Thure zu ihr und fragte, ob ſie mit ihm tanzen wollte. „Warum nicht, das kann zu einer Veränderung ganz angenehm ſein. Hier muß ich den Kavalier meiner kleinen Damen ſpielen. Uebrigens wirſt Du wol bald das Tanzen ganz und gar einſtellen müſſen, denke ich mir.“ „Und weshalb denn?“ „Nun, Tante Johanna wird gewiß nicht erlauben, daß Du als ihr Ehemann die jungen Damen im Tanze ſchwingſt. Wenn man eine vier und vierzigjährige Frau heirathet und ſelbſt höchſtens dreißig iſt, ſo wird man wol die Rolle eines Greiſes ſpielen müſſen.“ Thure hatte Anna's Hand ergriffen, um ſie in den Tanzſaal zu führen, ließ ſie aber jetzt plötzlich fallen. Er richtete ſich in ſeiner ganzen Größe empor und ſchaute das kleine Mädchen mit gereizten Blicken an. „Wann wirſt Du endlich einmal mit dieſen un⸗ paſſenden Scherzen aufhören?“ fragte er mit gedämpf⸗ ter Stimme. „Wenn Du aufhörſt, Dich wie ein elender Feigling zu betragen,“ antwortete Anna im beſtimmten Tone. „Ich betrachte Dein Betragen als unwürdig. Um bei der Tante wohl angeſchrieben zu ſein, ſchmeichelſt Du ihren Schwächen und gibſt Dir den Schein, ihr Be⸗ wunderer und Anbeter zu ſein, während Dein Herz doch an einer andern hängt. So lange Du dieſe ver⸗ ächtliche Rolle ſpielſt, werde ich Allen und Jedem ge⸗ genüber und bei jeder Gelegenheit darüber ſpotten. 193 Die Tante iſt zu gut, um Dein Spielzeug zu ſein.“ „Halt ein, Anna, das rathe ich Dir,“ rief Thure, „es könnte ein übles Ende nehmen, und ich will Dir jetzt ſagen, was ich—— ſchon längſt gewünſcht habe, Dir zu ſagen: wenn Du nicht mit Deinem beleidigenden Spott aufhörſt, werde ich mich an den Onkel wenden und ihm mittheilen, daß ich nicht länger auf Ekholm bleiben könne.“ „Du ſollteſt wagen, mich, Onkels Liebling, bei ihm anzuklagen? Oh, das fürchte ich nicht. Es liegt Dir viel zu ſehr daran, auch bei ihm wohl angeſchrieben zu ſein, als daß Du dergleichen Dir erlauben würdeſt, und ehe Du ſo weit kommſt, daß Du Ekholm verläßt und die Ausſichten aufgibſt, die Du Dir hier für Deine Zukunft erworben haſt, läßt Du Dich wahrhaftig lieber A von mir in's Geſicht ſchlagen, und——— Und jetzt genug,“ rief Thure, zum Aeußerſten ge bracht.„Der Onkel ſoll unſer Schiedsrichter ſein“ Thure ergriff ihre Hand und fügte mit feſter Stimme hinzu:„Und jetzt kein Wort weiter. Der Walzer wird ſchon aufgeſpielt, verſäumen wir den⸗ ſelben nicht.“ Anna legte ihren Arm um den ſeinigen, und ſie betraten den Tanzſaal, indem er hinzufügte:„Merke Dir das, ich werde Deine Einmiſchung in meine Verhält⸗ Schwartz, Anna's Geheimniß. I. 13 194 niſſe nicht dulden. Dieſe angemaßte Vormundſchaft muß aufhören.“ „Ganz gewiß muß ſie aufhören, aber erſt mußt Du mir durch Deine Handlungen Achtung und nicht das Gegentheil einflößen.“ Die einzige Antwort Thure's beſtand darin, daß er mit Anna austanzte. Es ſah aus, als wenn Thure die Abſicht gehabt* hätte, ſeine Dame zu Tode zu tanzen. Elias rief ihm 3 auch einmal zu: „Aber tanze doch nicht ſo wild! Denke an Anna.“ — —— — ————————————————— Zwölftes Kapitel. Der Ball war zu Ende, die Gäſte fort, Alles wa ſtill auf Ekholm. Thure nur ſchritt unruhig in ſeinem Zimmer auf und ab. Nach dem Geſpräch mit Anna hatte er wie ein Unſinniger getanzt, bei der Abendmahlzeit viel getrun⸗ ken und zum erſten Male in ſeinem Leben die Mäßig⸗ keit, Vorſichtigkeit und Ruhe vergeſſen, die er ſonſt beobachtete. Jetzt war die Aufwallung vorüber, das Blut ſiedete ihm nicht mehr in den Adern, die Ver⸗ nunft war wieder erwacht, Schmerz und beleidigter Stolz zerfleiſchten ſein Inneres. Unaufhörlich ſann er über die Worte nach, die Anna ihm dieſen Abend ge⸗ ſagt hatte, und ſein Zorn ſteigerte ſich dadurch mehr und mehr. Er fragte ſich, wesalb er zwei Jahre lang 196 ihren Spott gelaſſen hingenommen hatte, und er mußte zu ſeiner Demüthigung erkennen, daß er ihn nur er⸗ tragen hatte, weil ſie der Liebling des Onkels ſei. Sie habe ſomit Recht, wenn ſie behauptete, daß er ein Feig⸗ ling ſei, und er vermochte ſich auf Nichts zur Entſchul⸗ digung für ſeinen Langmuth zu beſinnen. Gegen Tante Jvhanna habe er nicht anders handeln können, als er eben gehandelt. Er habe zwei Geheimniſſe zu wahren und aus Furcht, daß das eine oder andere derſelben offenkundig werden könne, habe er als ein nievriger Schmeichler, als ein feiger Augendiener erſcheinen müſſen. — Doch jetzt ſei dies nicht mehr zum Aushalten, er müſſe den entſcheidenden Schritt thun, er müſſe Ekholm verlaſſen, ſelbſt wenn dieſer Schritt alle ſeine Hoffnungen für die Zukunft vernichten würde.— Sobald der Gerichts⸗ direktor wieder zu ſprechen ſei, wolle er ihn aufſuchen. Beim Frühſtück am darauf folgenden Morgen wa⸗ ren faſt Alle mehr oder weniger ſchlechter Laune. Lisbeth hatte am Abend Conſtantin mehrere Male als Tänzer ausgeſchlagen, was dieſen noch ärgerte; 3 Tante Johanna war deshalb verſtimmt, weit Thure ſie nicht zu einer einzigen Frangaiſe engagirt hatte, ſondern ihr nach dem Geſpräch in dem Kabinet ausgewichen war. Sie warf ſpöttiſche Bemerkungen nach rechts und links, und da Lisbeths Nerven in gereiztem Zuſtande 197 ſich befanden, bezog ſie Johanna's Worte auf ſich und zahlte ihr in derſelben Münze zurück. Elias und Anng beſtrebten ſich, Frieden zu ſtiften, aber ſie bekamen zur Belohnung für ihre Mühe ſcharfe Worte. Thure ſah wie ein Ungewitter aus, und der Gerichtsdirektor war ungewöhnlich zerſtreut. Niemand war geneigt, ein Geſpräch einzuleiten und als das Frühſtück zu Ende war, zog ſich Jeder in ſein Zimmer zurück, um wo möglich, die ſchlechte Laune zu verſchlafen. Anna und Lisbeth begaben ſich zuſammen auf ihr Zimmer, wo Anna nicht unterließ, Lisbeth zurecht zu weiſen, weil ſie ihre guten Vorſätze, die Tante nicht mehr zu befehden, vergeſſen hatte. Die Mädchen hatten eine ziemlich heiße Bataille geliefert und wieder Frieden geſchloſſen, als der Ge⸗ richtsdirektor Anna ſagen ließ, ſie möchte ſogleich zu ihm kommen. „Jetzt wird Thure endlich geplaudert haben“, rief Anna und klatſchte entzückt mit den Händen, wo⸗ rauf ſie ſofort aus dem Zimmer und die Treppe hin⸗ abeilte. Lisbeth ſtützte den Kopf in die Hand und flü⸗ ſterte: „Thure! Ja, ich habe Thure ſehr lieb gehabt, 198 und habe ihn noch lieb, aber Elias, Elias liegt mir am meiſten im Sinn.“ Anna trat unerſchrocken zu ihrem Onkel ein, wel⸗ cher mit ſtrenger Miene in ſeinem Zimmer auf und abging. Als ſie die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte, blieb er ſtehen und blickte das kleine Mädchen an, in⸗ dem er ſagte „Ich fürchte, meine liebe Anna, daß Du eben ſo boshaft als geldgierig biſt, und ſollte dieſe Furcht ſich beſtätigen, würde es mir ſehr leid thun. Weshalb be⸗ trägſt Du Dich gegen Thure ſo ohne alle Manier und beleidigend, daß er meint, er könne nicht länger mit Dir unter demſelben Dach leben.“ „Das werde ich Dir ſogleich auseinander ſetzen“, ſagte Anna, ſchlug ihren Arm um den Hals des Ge— richtsdirektors und fügte im ſchmeichelnden Tone hinzu: „Denke nie, daß ich boshaft bin und noch weniger gräme Dich darüber. Meine Bosheit und mein Geiz werden Dir niemals Kummer bereiten, das verſpreche ich Dir. Blicke mich an und ſage mir, ob ich ausſehe wie ein herzloſer Geizhals?“ Der Gerichtsdirektor war unbedachtſam genug, ihr in die Augen zu blicken, und in demſelben Augenblick war ſeine Strenge verflogen. — — „Nun ja, Kind“, ſagte er und ließ ſchmeichelnd ſeine Hand über ihre Augen ſtreichen,„komm, ſetze Dich zu mir“— er zog ſie auf ſeinen Schobß nie⸗ der, indem er ſich ſelbſt ſetzte— und erkläte mir nun Dein mir unbegreifliches Betragen gegen Thure.“ Anna gab ihre Erklärung ab und legte ihre Be⸗ weggründe dar, und es ſchloß damit, daß Onkel Mag⸗ nus fand, daß ſie ein„ganz verteufeltes braves Mäd⸗ chen“ ſei, daß ſie ganz Recht gehandelt habe, daß ſie aber doch nicht ihre Erziehungsmethode mit Thure fortſetzen dürfe. Sie könne ihn dadurch leicht zu ir⸗ gend einer Extravaganz treiben, was der Gerichtdirek⸗ vor nicht haben wolle, weil er Thure nicht gut entbeh⸗ ren könne und es ihm nur mit Mühe gelungen ſei, den tief beleidigten jungen Mann zum Verbleiben zu bewegen. Anna verſprach indeß nichts, ſagte aber, daß ſie die Abſicht nicht hege, dem Onkel den unvergleich⸗ lichen Thure zu rauben. „Der Streit iſt beigelegt“, rief Anna, als ſie zu der Schweſter eintrat.„Dein Adonis bleibt hier und ich bin gar nicht ausgezankt worden. Es ging gerade ſo, wie ich es vorausgeſehen hatte. Onkel hatte die extraordinäre Miene aufgeſetzt, aber legte ſo⸗ 200 gleich klein bei, und das Ende war, daß Thure bleibt wo er iſt.“ Anna lachte und ſang mit heller Stimme, indem ſie an Lisbeth vorübertanzte: „Oh Du, in deren Buſen Liebe thront“ He. „ — — Dreizehntes Kapitel. Der Schnee war geſchmolzen, die Hügel begannen zu grünen, und die Schneeglöckchen nickten dem Frühling ihr Willkommen zu. Auf Ekholm war der Winter ſehr ſchnell verſtrichen. Es war dort im Ganzen genommen weit friedlicher ge⸗ weſen als die vorhergehenden Jahre, was größtentheils Anna's und Elias Verdienſt war, denn Johanna und Lisbeth waren gerade nicht friedlich geſinnt, ebenſowenig gegen einander als gegen Anna, allein den heftigen Ausbrüchen wurde ſtets zuvorgekommen, wenn ſie ſich deutlich zuvor am Horizont zeigten. Lisbeth war freilich fortwährend die Sonne, welche die Bewunderung der jungen Männer an ſich zog, aber Anna war nicht länger das„kleine, neckiſche, häßliche Ding“, ſondern diejenige, welche Friede und Fröhlichkeit 5 202 um ſich verbreitete. Lisbeth führte nicht mehr eine un⸗ umſchränkte Herrſchaft über die männliche Bevölkerung, ſie hatte nun an der Schweſter eine Rivalin erhalten, die es immer mehr verſtand, Fröhlichkeit herauf zu be⸗ ſchwören, ſelbſt wenn Conſtantin dermaßen in Bewun⸗ derung verging, daß er beinahe düſter und melancholiſch wurde. Daß Anna aufgehört hatte, ein unwiſſendes Kind zu ſein, ärgerte Johanna, daß Thure nicht wie früher immer die Geſellſchaft und den Beifall der Tante ſuchte, machte ihr viel Verdruß, daß Elias ſtets mit Anna zu⸗ ſammen war, reizte ſie, jedoch ohne daß ſie dieſen Ge⸗ fühlen Luft machen konnte. Bei dem kleinſten Verſuch von Seiten Johanna's, die Mädchen anzugreifen, ſtand Elias ihr gegenüber und erinnerte ſie an ihre Ueberein⸗ unkft, und ſie mußte an ſich halten. Anna war fortwährend das übermüthige, fröhliche Kind, das ſie immer geweſen, aber ihre Fröhlichkeit war nicht mit Spott gepaart, ihre Art und Weiſe nicht mehr unangenehm, ihr Anzug nicht mehr unſchicklich. Die Veränderungen waren groß, aber ſie waren ziemlich unmerklich geſchehen. Sie ſcherzte und neckte die Anderen, wie vordem, aber ſie beleidigte Niemand, ſie lachte ſo herzlich, wie ſonſt, aber nicht mehr über die Fehler An⸗ derer, ſondern vielmehr über ihre eigenen. Sie ſang — ihre Lieder, ganz wie ehemals, mit heller Stimme) wenn ſie durch die Zimmer lief und die Treppen hinaufſprang, aber ſie ſchrie nicht, wenn ſie ſang und riß nicht Stühle, Tiſche und Menſchen um, wenn ſie dahin ſprang. Sie bewegte ſich mit Leichtigkeit und Grazie und zeigte in all ihrem Uebermuth eine gewiſſe Beſinnung und ein gewiſſes Maß. Hierzu kam, daß ſie zwar einfach in ihrem Anzug, daß die er aber jetzt geordnet und ge⸗ ſchmackvoll war, ſo daß ihre kleine feine Geſtalt und ihr Geſichtchen ſich nett und hübſch ausnahmen. Es ſchien auch ihrer Umgebung, als der Frühling eintrat, als wenn das Mädchen ſich während des Winters ganz und gar verändert hätte. Alle vermißten ſie, wenn ſie nicht da war, und amüſirten ſich, wenn ſie ihnen Geſellſchaft leiſtete. Thure zeigte ihr eine Aufmerkſamkeit, welche die Tante Johanna ſehr ſchwer mit anſehen konnte, ohne ſich zu ärgern, um ſo mehr, als der alte Anbeter Jo⸗ hanna's, der Amtshauptmann, ſich gleichfalls ſehr viel mit Anna beſchäftigte. Er ſtellte ſich ſeit Weihnachten ſehr oft, ja faſt zu oft auf Ekholm ein, ganz wie um die Zeit, als er Johanna die Cour machte; jetzt ſchien es aber, als gälte ſein Beſuch nicht der Tante, ſondern Anna, und dies war ſchwerer zu ertragen, als alles An⸗ dere. Er war ſehr liebenswürdig gegen Johanna, aber plauderte, lachte und beſchäftigte ſich eigentlich nur 204 mit Anna. Er ſaßte Lisbeth Artigkeiten über ihre Schönheit und betrug ſich gegen ſie ganz wie die jungen Herren, er, der bis vor Weihnachten der treue Bewun⸗ derer Johanna's geweſen war. Johanna ſchien nun zu bemerken, daß ſeine alte Neigung für ſie mit jedem Beſuche auf Ekholm immer ſchwächer wurde, und dies machte ſie ſo mißvergnügt, daß ſie ſich noch nie ſo niedergeſchlagen, wie jetzt, be⸗ funden hatte. Der Amtshauptmann, dem ſie einen Korb gegeben hatte, bekam nun ein Intereſſe für ſie, wie ſie es nie gefühlt hatte, und ſie dachte jetzt eben ſo ſehr an ihn wie an Thure, und war, um es kurz zu ſagen, gleich eiferſüchtig auf Beide. Thure war ſo ſelbſtſtändig geworden, daß es ihr ganz und gar unbegreiflich erſchien, er wagte es nicht allein, ihr, ſondern ſogar„Bruder Magnus“ zu wider⸗ ſprechen, was früher nie der Fall geweſen war. Elias war ſich freilich gleich geblieben und immer noch ihr„lieber Junge“; aber es hatte den Anſchein, als ob er ohne Anna nicht exiſtiren könnte, und das war auch gerade nicht angenehm. Freilich war es ihr ein Troſt, daß dies Lisbeth zu ärgern ſchien, aber dieſe hatte doch noch immer Conſtantin als Anbeter, während Johanna, wenn ſelbſt Thure und der Amtshauptmann ihr untreu würden, gar keinen mehr hatte. Lisbeth ihrerſeits bot Alles auf, um liebenswürdig zu ſein gegen Elias, und ſie hatte zuweilen die Freude, daß er ſie mit bewundernden Blicken betrachtete. Trat aber Anna auf, dann war es gleich mit der Bewunde⸗ rung Lisbeth's zu Ende. Lisbeth mußte jetzt oft den bitteren Kelch koſten, den Johanna gekoſtet, als die Herren ſie wegen Lisbeth vernachläſſigten. Ohne daß Lisbeth ſelbſt es bemerkte, entſtand natürlich bei ihr eine gewiſſe Bitterkeit gegen Anna. Die ſchöne Lisbeth konnte ſich nicht länger verheimlichen, daß es nunmehr Anna war, an welcher Elias ſeine Freude hatte, ſelbſt wenn er ſich auch für kurze Augenblicke von der Schönheit Lisbeth's bethören ließ. Anna, die häßliche Anna, hatte ſomit ihren Platz in Elias Herzen eingenommen; dies war ein bitterer Gedanke, und ſie konnte Anna dies nicht verzeihen. Lis⸗ beth wollte das Ideal ſein, das Elias anbeten ſollte, es koſte, was es wolle. Sie wußte, daß Anna einen Punkt in ihrer Seele beſaß, an welchem ſie verwundbar war, und daß ſie, hier angegriffen, ſtets in ſchlechte Laune gerieth. Da nun Anna's Fröhlichkeit gerade ihre Stärke war, ſo richtete Lisbeth ihre Angriffe gegen dieſen verwundbaren Punkt und machte ſich über eine Schwäche Anna's luſtig, 206 von welcher ihr bekannt war, daß Elias dieſelbe nicht guthieß, nämlich über ihre Gier, Geld zu ſammeln. Auch Thure fand eine große Befriedigung darin bei allen möglichen Fällen Anna's Geiz hervorzuheben, und da er ſomit Lisbeth in ihren Bemühungen, dieſen Fehler zu verſpotten, unterſtützte, ſo hatte dies ſchließ⸗ lich zur Folge, daß Anna den übrigen Theil des Ta⸗ ges ſtill und wortkarg wurde. Wenn dieſe Stimmung bei ihr eingetreten war, dann war es Lisbeth allein, die Fröhlichkeit um ſich verbreitete, obgleich ihr dies niemals in dem Grade wie Anna gelang. So geſchah es, daß dieſer Fehler mehr als dies früher der Fall war, in die Augen fiel. Man fand es ganz merkwürdig, daß ein Mädchen von achtzehn Jahren das Geld ſo ſehr liebte, daß dieſe Liebe die hervorſtehende Eigenſchaft ihres Cha⸗ rakters bildete. Sie, die früher ſo wenig zur Arbeit geneigt war, ſaß oft die Nächte auf und ſchrieb ab für Elias und Conſtantin und zwar gegen Bezahlung, wenn dies auch ein Geheimniß blieb; der Gerichtsdirektor erfuhr nie, daß es für Geld geſchah.— Jeder legte ſich die Frage vor, was macht ſie mit dieſem Geld? aber Niemand außer Thure wußte es. Ihm war es bekannt, daß ſie daſſelbe in die Sparkaſſe legte, und daß Pehr Gran ihr geheimer Geſchäftsführer bei dieſen Transactivnen ſei. 207 Weshalb dies jedoch ein Geheimniß ſein und bleiben ſollte, das vermochte Thure nicht zu ergründen. Oft ſagte Conſtantin zu Thure: „Anna iſt recht gemüthlich geworden. Schade nur, daß ſie ſo viel Appetit auf Geld hat.“ Thure ſeinerſeits meinte manchmal, es ſei ordent⸗ lich abſcheulich zu denken, daß Anna hinter einer fröh⸗ lichen, leichtſinnigen Maske einen ſo berechnenden und eigennützigen Charakter verberge. „Sie würde Körper und Seele verkaufen, wenn Jemand ihr eine runde Summe dafür böte“, ſagte er einmul, als die Rede auf Anna kam. „Sie thut Alles um Geld; wenn der alte ſechsund⸗ fünfzigjährige Amtshauptmann um ſie anhielte, ſie nähme ihn, um reich zu werden, und zwar nur, um Kapital zu Kapital und Zins auf Zins zn legen.“ „Sollte es aber wirklich möglich ſein, daß Anna das Geld um des Geldes willen liebt“, dachte Elias, bei dieſer Aeußerung, und als er einige Stunden ſpäter hörte, wie Lisbeth darüber Anna zur Rede ſtellte, daß ſie zu geizig ſei, um ſich Knöpfe für einige Schilling zu einem neuen Kleid zu kaufen, anſtatt deſſen aber lieber einige von Lisbeth caſſirte Knöpfen benutzt, ver⸗ fiel er in ein tiefes, ernſtes Sinnen über dieſen häßlichen Charakterfehler. 208 „Sie iſt ein wahrhaftiges Finanzgenie“, dachte der Gerichtsdirektor, als er erfuhr, daß ſie ſich ſelbſt ihr neues Kleid machte, damit ſie nichts von dem Geld aus⸗ zugeben brauchte, welches er ihr für den Sommerbedarf geſchenkt hatte.„Ich möchte ſie einmal auf die Probe ſtellen, um zu erfahren, ob ſie eben ſo charakterfeſt iſt wie ausdauernd im Sparen.“ „Ich geſtehe“, ſagte Johanna eines Tages zu Lis⸗ beth,„daß ich mich zu beunruhigen anfange über den zunehmenden Eigennutz Anna's; er hat ſich in letzter Zeit ſehr entwickelt.“ Allein derſelbe war nicht größer, als er während der letzten vier Jahre überhaupt geweſen war; aber Lisbeth's vieles Reden hatte zur Folge gehabt, daß die Aufmerkſamkeit Aller ſich auf ihn richtete, und dies wiederum machte, daß man zuletzt Anna's Namen nicht konnte nennen hören, ohne zugleich auf ihre Geldgier zu kommen. Es ging jetzt mit der Schwäche Anna's wie mit denen vieler Anderer; je mehr man von der⸗ ſelben ſprach, deſto größer wurde ſie in den Augen Der⸗ jenigen, die ihre Betrachtungen über ſie machten. —— —— Vierzehntes Kapitel. Eines Morgens früh ſah man Anna ſchnellen Schrittes auf dem Waldpfade zwiſchen Ekholm und Brotsbacken wandern. Es ſchien, als wenn ſie es ſehr eilig hätte. Ihr Antlitz ſtrahlte wie die leuchtende Morgenſonne und ihr Blick war offen wie das Him⸗ melszelt über ihr. Aus jedem ihrer Züge ſprach eine große, innere Befriedigung, Sie hatte ein fröhliches Lied angeſtimmt, und be⸗ gleitet von Fidelio ſetzte ſie den Weg leichten Schrittes fort. Anfänglich, durch das Dorf folgte Fidelio ſeiner Herrin auf Schritt und Tritt, unternahm aber ſpäter einen kleinen Ausflug in den Wald, woſelbſt einige Rinder bedächtig promenirten, um die Grashalme auf⸗ Schwartz, Anna's Geheimniß. 1. 14 10 zuſuchen, ne Frühlingsſonne hervorgelockt hatt 50 Wie e Geſchöpfe war Fidelio naſe⸗ weis1 und uringih Die behörnten Thiere ſchienen ihm ſi Weſen zu ſein, gegen welche er ſich wol ewas erlaſben könne, ohne daß dieſelben es gerade als Beleidigung anſehen dürften. Fidelio begann ſie bellend zu umkreiſen, und die dummen Kühe, die anfänglich den kleinen Hund ver⸗ wundert anſtarrten, wurden zuletzt gereizt und ſprangen endlich zornig auf Fidelio zu. Dies war unverſchämt von den Rindern, aber dieſe Unverſchämtheit hatte zur Folge, daß der herrſchaftliche Hund ſich erſt ärgerte und ſich nachher dermaßen erſchreckte, daß er ſich in wilder Flucht zu ſeiner Herrin zurückzog und Schutz ſuchte. Die Rinder bemerkten, daß der Feind eingeſchüchtert worden war, und übten die ganz richtige Taktik, ihn laut brüllend zu verfolgen. In wenigen Augenblicken war Anna von den ge⸗ reizten Thieren umzingelt, die Miene machten, ihren einen Liebling ſpießen zu wollen, und zwar unbe⸗ kümmert darum, ob ſie auch die Herrin ſpießten. Zum Glück für Anng erſpähte ſie einen alten, chehrtn Zaunpfahl, der auf dem Felde lag, be⸗ mächtigte ſich raſch deſſelben und ſchlug nun um ſich 211 nach allen Seiten, nachdem ſie zuerſt Fidelio auf den Arm genommen hatte. Hierbei retirirte ſie rücklings nach dem nächſten Zaune am Wege. Aber nur mit vieler Mühe gelang ihr dieſes Mänöber, berfolgt, wie ſie wat, von den gereizten Rindern, die ihre Blicke un⸗ unterbroͤchen auf Fideliv gerichtet hielten, weil dieſer ſich geſchützt auf Anna's Arm wiſſend, es für paſſend fand, ſeinen Muth zu zeigen und immerfort zu bellen. Um einer ſchwarzen Kuh zu entrinnen, die den anderen voraus die Verfolgung fortſetzte, mußte Anna ohne Bedenken über den Zaun klettern. Sie warf erſt Fideliv hinüber, aber als ſie ſelbſt nachfolgen wollte, hatte ſie das Unglück, daß ein Pfahl ſich durch ihr Kleid bohrte und ſie hilflos hängen blieb.— Ihre Anſtrengungen, um los zu kommen, blieben lange vergeblich, und ſie erwartete mit Zittern den Augenblick, wo die gereizte Kuh im Zorn die Hörner durch den Zaun und in ihren Körper bohren würde. Allein die Kuh war indeß nicht ſo ſchlecht geſinnt, ſondern da ſie den kleinen Feind los und frei jenſeit des Zaunes umherſpringen ſah, begnügte ſie ſich damit, ihn mit den Augen unter lautem Brüllen zu verfolgen. Anna's Lage war jedenfalls eine unangenehme. Wie ſie auch arbeitete und ſich abmühte, ſie bekam das Kleid nicht los und war wie an dem Pfahl angebun⸗ 14* — 3 8 ———— 55 2¹2 den. Sie machte endlich den Verſuch, das Kleid ent⸗ zwei zu reißem; allein es war ein dicht gewebter Stoff der nicht leicht ſich zerreißen ließ; Endlich gelang es nach vielem Hin und Herzerren, aber ſie fiel dabei kopfüber aufs Feld und hatte das Unglück, daß ein Stein ihr Geſicht ziemlich ſtark verletzte. Allein hier⸗ über machte ſich Anna wenig Sorge Sie ſprang ſo⸗ fort wieder empor, tauchte ihr Taſchentuch in einen in der Rähe des Waldpfades fließenden Bach, wuſch ſich das Geſicht und unterſuchte lächelnder Miene ihr zer⸗ riſſenes Kleid. In dieſem Augenblicke erſcholl eine Stimme aus dem Wald heraus, und im nächſten ſprang Elias über den Zaun. Anna nickte ihm zu, jedoch ohne ihn anzublicken, weil ſie zu ſehr damit beſchäftigt war, durch Hilfe einer Stecknadel das zerriſſene Kleid zuſammen zu heften. Haſt Du einige Stecknadeln an Dir?“ fragte ſie. nUndwenn ich ſie dutzendweiſe hätte, ich gäbe Dir doch keine einzige“, antwortete Elias,„durch Na⸗ deln zerſticht man die Freundſchaft. Hätte ich Lisbeth micht die verdgmmte gryße Nadel zu ihrem Shawl ge⸗ ſchenkt, ſie hätte mir nicht einen Korb gegeben, ſondern wir wären ein verlobtes Paar und ich hätte nicht die 3 243 Mühe gehabt, mich in Dich zu verlieben— Aber wie in aller Welt haſt Du Dein Kleid zerriſſen?“ „Wenn man als Begleiter einen naſetveiſen Hund hat und von dummen Kühen verfolgt wird, ſo kann ſo was ſchon paſſiren“, und Anna drapirte ihr Kleid ſo, daß die Fetzen hinter den Falten verſteckt wurden⸗ „Es freut mich zu hören, daß Du in ſo viel Aberglauben ſteckſt wie ein altes Spittelweib“, führ Anna fort,„und nicht weniger bemerkenswerth ſcheint es mir zu ſein, daß Du Dich zu mir därüber be⸗ klagſt, daß Du mit Lisbeth nicht verlobt biſt. Es iſt Dir alſo nicht gelungen, Dich in mich zu ver⸗ lieben? Dies iſt dermaßen beleidigend, daß ich ſofort die Stecknadeln haben will, die Du in Deinem Rocke ſtecken haſt!“ Anna ſtreckte ſchon die Hand aus, um die Nadeln zu nehmen, allein Elias kam ihr zuvor, indem er ſie herauszog und weit wegwarf. Biſt Du von Sinnen, Anna! Wenſt Du die Nadeln nimmſt, werde ich mich nie in Dich vevlieben, und daß muß ich nun einmal.“ „Lieber Elias, das gelingt Dir nicht. Hat der Winter mit ſeinen gemüthlichen Abenden es nicht zu Stande gebracht, der Frühling und der Sommer wer⸗ den es getbiß nicht, und pa äch Pich äußetdem jetzt allein ſein, möchte ſo bitte ich Dich, geh Du Deiner Wege, und ich gehe die meinigen.“ unSehr gern“, ſiel Eligs ein,„wo Du hingehſt, ghe ich auch Das iſt gerade mein Weg. Wo willſt Dßrhinz 6 gn „Zu einem und ſe chehe ganz verlegen. Un Clis g Augen „Und mit wem?“ fyggte ex, „Liebſter, beſter Elias, Du darfſt nicht fragen, und Du darfſt mich auch nicht begleiten; laſſ mich meinen Gang ohne Deine Geſellſchaft fortſetzen.“ „Um wieder mit bösartigen Rindern zuſammen⸗ zu treffen. Nein, mein Kind, Ich theile Dein Ge⸗ ſchick. Du biſt ſo ſchwach; ich folge in den Tod Dir nach“—deklamirte Eligs. ano Annagxückte ihren verbogenen Hut zurecht und ſchaute verlegen drein. Es entſtand eine Pauſe. Elias betrachtete ſie erſtaunt, wie ſie daſtand mit geſenkten Augen. Sein Blick war ernſt und forſchend. Nach langem Schweigen ſagte Anng In„Ichrhitte Dichd Elias, bitte Dich recht ſmip micht nach, j Pfitöcf ad atpö „Ich kann Dir Deine Bitte nich. ze 36 21¹5 habe mir in den Kopf geſett Dir zu fötzen“ 6 werde Dir folgen. Bitte mich nicht. Anna blickte empör. Ein Päar Sccunbet ſchau⸗ ten ſie einander ſchweigens an, darauf rückt ſe den Hut noch einmal zurecht, ſprang über den Zaun ürtic und ſetzte ihren Weg fort ntärn vnm Elias folgte ihr.“ mnie „Wo findet das Stelldichein ſtatt?“ fragte i. „Auf dem Kirchhügel“, antwottet⸗ fe „Schön. Ich werde icht bis dottyin gehen, ſondern unterhälb des Hügels ſtehen bleiben, aber wiſſen muß ich, mit wem Du vort ſiſuneuifſt 2 „Und weßhalb?“ „Weil ich, der ich mich durchaus in Dich verlieben will, doch jedenfalls wiſſen muß, inwiefern ich einen Nebenbuhler habe“, antwortete Elias ſchetzend Schweigend ſchritten fie weiter. Nuch biner Weile ſteckte Anna die Hand in ihi ti dar it ktſett: 11G „Gott ün Himel!“ Ih min 6 t 3 ti9 noouE ren, all mein Geld!“ Sie war eichenblaß gwhi Dein Geld“ wicberholte Eliah luchend„all⸗ Dein Geld“, fügte er ſiiz 6 wat ſoiit ei großs Kihitalbin onitꝭ anioc nic nnt bb 246 hnnAnne hörte ihn nicht, ſie lief beflügelten Schrittes ach dem Ort, wo ſie über den Zaun geſprungen war, warf ſich dort auf den Boden und ſuchte unter ver⸗ gilbtem Lnub und Gras nach dem verlorenen Schatz Elias folgté ihr zögernden Schrittes. Sein ſonſt ſo fröhliches Antlitz war düſter. Als er den Ort erreichte, wo ſie vergeblich ſuchte, ſprang er über den Zaun, und jenſeit ſtehend rief er nun: „Anna, ſiehſt Du dieſes hier?“ Und er hielt eine ziemlich große und dicke Brief⸗ taſche emppr. Ohne zu antworten, ſetzte Anna mit einem Sprung zu ihm hinüber, riß ihm die Brieftaſche aus der Hand drückte ſie an ihre Lippen, ihre Bruſt und ſank darauf zu Boden. Die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen, und ſie vermochte weder zu ſprechen, noch ſich zu Stias blieb ſtehen und betrachtete ſie. Als er aber enblich bemerkle, bis zu welchem Grade ihre Ge⸗ müthsſtimmung ſie überwältigte, lief er an den Bach un ſchöpfte mit der Hand Waſſer, womit er ihre Whrni benetzte „Hätle ich Deine große Liebe zum Gelde ahnen öunen, ſol hätte ich Dir ſofort geſagt, baß ich die Brieftaſche am Zaune liegen ſah, allein ich habe mir 3207 nicht gedacht, daß die Freude) ſie wieder zu erlangen, ſo groß ſein würde, 66 S in Ohnmacht füllſt.“. noc hif jrpot „Der Verluſt des Geldes wäre mir ein größerer geweſen, als der des Lebens“, ſtammelte Ann 3n12 „Und wie groß iſt die Summe, diel Dulhöher ſchätzeſt als das Leben?“ fragte Elias in neckendem Tone. „Es iſt alles, was ich ſeit meinem dreizehnten Jahre zuſammengeſpart habe, es ſind eintauſend Tha⸗ ler“, und Anna lächelte, als ſie dieſes ſagte; ſie lä⸗ chelte wie ein Kind, wenn es von ſeinem liebſten Beſitz ſpricht. „Und was wirſt Du mit dieſem Gelde an⸗ fangen?“ „Ich werde es Onkel Enkemann geben, er hat mir verſprochen, es ſo anzulegen, daß es gute Zinſen bringt— aber ich verlange jetzt von Dir Elias, daß Du Niemanden von dem was erzählſt, was Du durch einen Zufall erfahren haſt.“ Elias erklärte, daß er nicht die i u habe, das, was er erführe, auszuplauder nd fand es überflüſſig, hier ein Verſprechen zu geben Als Anng ſich einigermaßen gerholt ſetzten ſie den Weg nach dem Kinchhügel fort, und zum Er⸗ = 5 3 ———— 2¹8 ſten Mal ſchritten die Peiden fröhlichen jungen Leute ſchwe igend nebeneinander einher. Anna hatte nach dem ausgeſtandenen Schrecken ihre fröhlichs Laune nöch nicht wiedet erhalten, und Elias tur in ernſte Betrachtungen veſunkn Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane dem Verlage Ernſt Sulius ginther in Seipiiß. Gn jeder guten hpitoih zu zaben) Karl Frenzel, Geheimniſſt. Novellen. 2 Bden Thlr. 2 Karl Frenzel, Lucifer. Ein Roman aus 5 Fpolevniſchen Zeit. 5 Bde. Preis Thlr. 4. 15. Fr. Gerſtäcker, Das Hintergebäude. Eine Erzählung. 1 Vd. Preis 25 Ngr. Zulius Groſſe. Der neue Abälard. 2 Bde. Preis Thlr. 1. 25 Sulius Groſſe, Offene Wunden. 3 Novellen. 3 Bde. Preig Thlr. 2. 15. Hannah. Von d. Verf. v.„John Halifax.“ Autoriſirte Aus⸗ gabe. 2 Bde. Preis Thlr. 2. Sohn Halifar, Gentleman. Autorifirte Ausgabe. Zweite Auf⸗ lage. 4 Bde. Preis Thlr. 3. Cucian JFerbert, Die Blume vou Sumatra. 2 Bände Preis Thlr. 2.—. cucian Jerbert, Friedliche Fahrten in kriegeriſcher Zeit. 1 Bd. Preis Thlr. 1. 15. Herrin und Dienerin. Von der Verf. v.„John Halifax.“ Autoriſirte Ausgabe. 2 Bde. Preis Thlr. 1. 10. Sdmund Jöfer, Zur linken Hand. Novelle. 1 Bb. Preis Thlr. 1 Fr. v. Hohenhauſen, Schöne Geiſter und ſchöne Seelen oder Denkmale der Freundſchaft berühmter Männer und Frauen. 1 Band. Preis Thlr. 1. 10. S. Junghans, Verfloſſene Stunden. Novelle. 1 Bd. Preis 25 Ngr. Georg Köberle, Alles um ein Nichts. 3 Bde. Preis Thlr. 2. Leben um Leben. Von d. Verf. v.„John Autor. Ausgabe. 3 Bde. Preis Thlr. 2. 15. 8 Leben, Ein edles. Von d. Verf. v.„John Sc Autorif. Ausgabe. 2 Bde, Preis Thlr. 1. 10. couiſe Mühlbach, ei Novellen. 2 Bde. Preis Thlr. 3. n hi Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Keipzig. ptio Müller, der Fall von Konſtanz. Roman aus dem 416. Jahrhundert. 3 Bde. Preis Thlr. 4 Otto Nüſler Der Majoratsherr. Ein Roman aus der Gegenwart. 3 Bde. Preis Thlr. 3. 15 Ngr. Otfried Mylins, Ein Meteor der Börſe. 3 Bde. Preis Thlr. 2. 15 Adolph Palm, Im Labyrinth der Seele. 2 Novellen. 1 Bd Preis Thlr. 1 Sames Bayn, Wie der Vater, ſo der Sohn. Autoriſirté Ausgabe. 4 Bde. Preis Thlr. 3. 15. James Bayn, Gewonnen— nicht umworben. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bde. Preis Thlr. 2. 20. Bilhelm Raabe, Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeſchichte. 2 Bde. Preis Thlr. 2. 20. Vilhelm Raabe, Meiſter Autor. 1 Bd. Preis Thlr. 1. 15 Charles Reade, Der Kampf um's Daſein. 4 Bde. Preis Thlr. 4. 15. Sacher- Maſoch, Ehre Gottes! Ein Zeitgemälde. 1 Bd. Preis Thlr. Sacher-Maſoch, Kleine Geſchichten aus der Bühnenwelt. 1 Bd. Preis Thlr. 1. 15. Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. I. Band enthaltend Maria Thereſia u die Freimaurer. Preis 25 Ngr. Sacher-Waſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. Erſter und zwei⸗ ter Band. Preis pro Band Thlr. 1.— Sacher-Maſoch, Kau nitz. Hiſtoriſcher Roman. Neue Ausgabe 2 Bände. Preis Thlr. 1 Sacher-Maſoch, Der Emiſſär. Eine galiziſche Geſchichte. Neue Ausgabe. 1 Band, Preis 10 Ngr. 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