n—— 2 Leihbibliochet Wſcher⸗ engliſcher u Franzjiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 cLeihß und Jeſebedingungen. — 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Senhe und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträ ——— 2 V— auf1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pt 2 Mk.— Pf. 3 5 Auswärtige Konnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit. Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf gufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. für Fhrennch 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: F Schwartz, Rnna's Geheimniß. We Neue Romane aus dem Verlag Ernſt Inlius Günther in Feipzig. (In jeder guten Leihbibliothek zu haben.) Sacher-Maſoch, Ein weiblicher Sultan. 3 Bde. Preis Thlr. 3.—. Sacher-Maſoch, Die Meſſalinen Wiens. 1 Bd. Preis Shr 15 Johannes Scherr, Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte Aufl. 4 Thle in 2 Bden. Preis Thlr. 3. Sohannes Scherr, Novellenbuch. 3 Bände enth.:Schiller. Kulturhiſt. Novelle. 2. Aufl. 2 Bde.— Werther Graubart.— Brunhild.— Roſi Zurflüh.— 1 Band. Preis pro Band Thlr. 1. 15 Ngr. Max v. Schlägel, Pariſer Todtentanz. Roman aus Frank⸗ reichs jüngſter Vergangenheit. 2 Abthlgn. 6 Bde. Preis Thlr. 4. 15.* Mar v. Schlägel, Die Wilden der Geſellſchaft. 1 Bd. Preis Thlr. 1. Ferman Schmid, Die Türken in München. 2 Bde. Preis Thlr. 2. S. C. Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. 3 Bde. Preis Thlr. 2. 15. Cevin Schücking, Krieg und Frieden. Novellen. 3 Bde. Preis Thlr. 2. 15. Stutzer, Des Kampfes werth! 1 Bd. Preis Thlr. 1. 15. Farl Wartenburg, Robespierre. Geſchichtlicher Roman. B eh 15. Weib, ein muthiges. Von d. Verf. von„John Hal ifax, Autoriſirte Ausgabe. 3 Bde. Preis Thlr. 2. 15. Willibald Winckler, Die deutſchen Kleinſtädter in Ame⸗ rika. 1 Bd. Preis Thlr. 1— A. v. Winterfeld, Der Elephant. Humoriſtiſcher Roman. 4 Bde. Preis Thlr. 3. Srau Henry Wood, Drangſale einer Frau. Autoriſirte Ausgabe. 5 Bde. Preis Thlr. 3. 10. 2enna's Geheimniß. Roman von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Gmil J. Jonns. Autoriſirte Ausgabe. Zweiter Band. ————— Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874 Erſtes Kapitel. Nach dem am Schluſſe des erſten Bandes beſpro⸗ chenen Ereigniß verſtrich einige Zeit, während welcher Elias gegen ſeine Gewohnheit wenig mitheilſam war; Lisbeth ausgenommen, wich er Allen aus. Johanna begann zu fürchten, daß ſeine unglückliche Leidenſchaft für Lisbeth wieder erwacht ſei. Aber Johanna hatte gerade nicht viel Zeit, ſich wegen des Bruderſohnes zu beunruhigen, ſie hatte an andere Dinge zu denken. Der Amtshauptmann beſuchte jetzt faſt täglich Ekholm und beſchäftigte ſich ſo unaus⸗ geſetzt mit Anna, daß Johanna ſich zu beunruhigen begann und befürchtete, auch von ihrem alten ver⸗ ſtoßenen Anbeter verlaſſen zu werden. Um das Maaß ihres Aergers voll zu machen, zeigte Thure ſtets, wenn der Amtshauptmann zugegen war, eine ausnehmend ſchlechte Laune, was ihr Veranlaſſung zu dem Verdacht Schwartz, Anna's Geheimniß II. 1 2 wurde, daß der junge Mann von Eiferſucht beherrſcht ſei, wobei es aber für ſie ſehr betrübend war, daß ſie nicht annehmen konnte, ſie ſelbſt ſei der Gegenſtand dieſer Eiferſucht, da der Amtshauptmann ſich ja ausſchließ⸗ lich mit Anna beſchäftigte. Johanna wurde düſter und grübelnd, ſie dachte viel an den Exfreier und kam zu dem Schluſſe, es hätte doch wol ſeine An⸗ nehmlichkeiten haben können, die Frau vom Hauſe auf Brotsbacken zu ſein. Sie bot all ihre Liebens⸗ würdigkeit auf, um das Herz zu gewinnen, welches ſie einſt verſchmäht hatte. An einem ungewöhnlich warmen Nachmittage des Wonnemonats Mai ſaßen die Bewohner von Ekholm, Anna ausgenommen, in der Veranda um den Kaffee⸗ tiſch, als der Amtsauptmann wieder vorfuhr. So⸗ bald er eingetreten war, küßte er mit ritterlicher Ar⸗ tigkeit Johanna die Hand, ſagte Lisbeth einige ſchmei⸗ chelhafte Worte und begrüßte die Herren, worauf er ſich auf einen Stuhl zwiſchen den beiden Damen ſetzte. Johanna ſervirte mit vieler Anmuth den Kaffes und reichte darauf wehmüthig lächelnd gleichfalls eine Taſſe zu Thure hinüber. Gegen Thute hatte Johanna in der letzten Zeit etwas Sanftes, Bekümmertes in Ton und Miene angenommen. —— 2 0 „Wo ſteckt denn Fräulein Anna?“ fragte der Amts⸗ hauptmann nach einer Weile. „Sie iſt bei meinem Bruder,“ antwortete Johanna und wurde vor Aerger purpurroth. Der Amtshaupt⸗ mann dachte an Anna, während ſie ſelbſt ſich liebens⸗ würdig und entgegenkommend zeigte; das war doch gar zu abſcheulich. „Er wird ſie uns doch nicht zu lange vorenthalten,“ fuhr der Amtshauptmann fort,„mein Beſuch gilt namentlich ihr.“ „Nun Sie kommen wol überhaupt ſtets Anna's wegen?“ fiel Thure ein, ebenſo purpurroth wie Johanna. „Nicht immer, aber ſehr oft,“ erklärte der Amts⸗ hauptmann lächelnd;„wenigſtens haben meine Beſuche in der letzteren Zeit Anna gegolten,“ fügte er hinzu. Johanna legte den Kopf zurück und ſchaute mit beleidigter Miene erſt Thure, dann den Amtshaupt⸗ mann an. „Ach ſo, Sie beſuchen Ekholm nur Anna's wegen,“ äußerte Johanna,„das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für uns Andre und wir werden uns alſo bei Anna für die Ehre dieſer Beſuche bedanken müſſen.“ „Wenn Sie finden, daß die Beſuche des Dankes werth ſind, ſo iſt Anna allerdings diejenige, der die 4 Dankſagung zukommt,“ antwortete der Amtshauptmann lachend, fügte aber recht ernſt hinzu:„Anna iſt ein ungewöhnliches Mäben⸗ ein ſehr ungewöhnliches Mädchen.“ „Oh ja, es iſt z. B. etwas ſehr Ungewöhnliches, daß Mädchen in ihren Jahren ſo ſehr ökonomiſch ſind,“ fiel Johanna im ſcharfen Tone ein, und auch Thure äußerte ſich nun über Anna's Geld Leidenſchaft. Seine Worte waren noch ſchärfer als Johanna's und ver⸗ ſchafften ihm einen zärtlichen Blick von dieſer. Der Amtshauptmann ſah den jungen Mann an und ſagte, er ſeinestheils könne nur wünſchen, daß Jedermann ebenſo klug und ſparſam wäre wie Anna. „Ich habe ſchon oft zu meiner Verwunderung be⸗ merkt, daß man hier im Hauſe über ihre Sparſamkeit ſpöttelt. Es wundert mich in der That. Iſt es denn eine löbliche gute Eigenſchaft, verſchwenderiſch zu ſein, und was Sie betrifft, lieber Herr Bennmark, ſo finde ich es ſehr unrecht, daß Sie ſtets bemüht ſind, eine an ſich gute Eigenſchaft herabzuſetzen, weil dieſelbe bei Anna etwas hervorſtehend iſt. Ich müchte Ihnen rathen, für Ihren Wit einen andern Gegenſtand als Anna's Sparſamkeit zu wählen,“ Thure brauſte auf und gab gegen ſeine Gewohn⸗ heit eine ziemlich ſcharfe Antwort.„Er ſei“ meinte er, — „alt genug, um beurtheilen zu können, ob das, was er lächerlich und des Spottes werth fände, es auch in Wirklichkeit ſei oder nicht.“ Der Amtshauptmann wurde nun ſeinerſeits auch heftig und ein Wortwechſel wäre nicht ausgeblieben, wenn nicht Lisbeth vermittelnd da⸗ zwiſchen getreten wäre, aber nicht zu Gunſten ihrer Schweſter, ſondern zu Thure's Gunſten. Sie machte die Bemerkung, daß Thure nicht die Sparſamkeit im All⸗ gemeinen, ſondern die übertriebenen Dimenſionen ta⸗ delte, welche Anna's Sparſamkeit angenommen habe, die der Art ſeien, daß man denſelben entgegentreten müſſe. „Liebes Fräulein Lisbeth“, ſagte der Amtshaupt⸗ mann,„ich kann nur bedauern, daß auch Sie eine ſolche Auffaſſung haben.“ Hier wurde das Geſpräch von dem Gerichtsdirektor unterbrochen, welcher in Begleitung von Anna ſehr heftig in die Veranda trat. Er warf einen ſchnellen Blick über die Anweſenden, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß Conſtantin nicht zugegen war, ſagte er zu dem Amtshauptmann: „Eine wie große Summe hat Anna Dir über⸗ geben?“ 3 „Etwas über Tauſend Thaler. Ich hoffe, daß Anna nichts dagegen haben wird, wenn ich es Dir ſage.“ 6 „Nein, dagegen habe ich nichts einzuwenden“, ſtammelte Anna faſt zitternd. „Nun alſo, mögt Ihr, die hier zugegen ſeid, zwiſchen Anna und mir richten,“ fuhr der Gerichtsdirector fort. „Jene Summe hat ſie von dem Geld zuſammengeſpart, welches ich ihr gegeben habe, ich, der ich mein größtes Vergnügen darin gefunden habe, ihr zu geben, was ſie wünſchte; heute nun ſpreche ich ihr den Wunſch aus, dieſe Summe auf drei Monat ihr abzuborgen, weil eine Veranlaſſung vorliegt, die mich ſo ſtellt, daß ich ihrer augenblicklich benöthigt bin, und welche Antwort glaubt Ihr, daß dieſes Kind, die ich wie mein eigenes geliebt habe, mir gab?“ Alle blickten Anna an, die ihre Augen zu Boden ſenkte. „Sie weigerte ſich, mir, ihrem zweiten Vater dieſe Spargolder zu leihen. Ich habe ſie gebeten, und ſie hat es mir trotzdem abgeſchlagen.“ „Iſt es möglich?“ rief Lisbeth.„Anna hat ſich geweigett. Onkel Alles zu geben, was ſie beſitzt?— Aber Aund. Pu wirſt doch Onkel Dein Geld geben? S ſich doch von ſelbſt!“ „Nein, ich kann es nicht?“ antivbrtete traurig, abet mit feſter Stimme. 1¹2 * „Und weshalb kannſt Du nicht?“ rief Lisbeth und ergriff ihren Arm. Anna ſchwieg. Der Amtshauptmann betrachtete ſie mit einem eigenthümlichen Blick. „Du willſt nicht das iſt der Grund, deshalb kannſt Du nicht, aber dieſem Mangel an Willen muß abge⸗ holfen werden,“ vief Lisbeth. „Das Geld iſt nicht zu haben, es iſt ſo ange⸗ bracht, daß es augenblicklich nicht flüſſig gemacht wer⸗ den kann.“ „Aber Sie, Herr Amtshauptmann, können Onkel dieſe Summe vorſchießen.— Sie können ſich ſpäter dafür an Anna's Geldern ſchadlos halten,“ fiel Lis⸗ beth ein. „Unmöglich!“ rief Anna. Es entſtand eine Pauſe, ein allgemeines Schweigen, während Anng ihrem Wohlthäter gegenüber geſenkten Blickes daſtand. Die Augen Aller waren auf ſie ge⸗ richtet. Der Gerichtsdirektor warf ſich in einen Stuhl, ſtreckte die Hand abwehrend gegen Anng aus und ſagte: F 5 „Geh auf Dein Zimmer, Anna! Wir haben mit⸗ einander für den Augenblick nichts weiter zu ſprechen.“ Anna ergriff ſchnell die Hand des Gerichtsdirektor, führte ſie an ihre Lippen und eilte aus der Veranda. „Bleib hier, Anna!“ rief der Amtshauptmann. nAnna kehrte ſich um und blickte ihn an. Ihr Antlitz war in Thränen gebadet, und ihre Lippen zitter⸗ ten, als ſie hervorſtammelte: „Ich will nicht bleiben, ich habe nichts zu meiner Vertheidigung anzuführen“, und hiermit verſchwand ſie. Der Amtshauptmann erhob ſich nun, und ſich an den Gerichtsdirektor wendend, rief er zornig: „Aber welcher Teufel iſt in Dich gefahren, Freund Wikſtrand, duß Du durchaus das Geld des Mädchens haben willſt? Ich finde Dein Betragen im höchſten Grade ſonderbar, und ich bitte Dich um ein Sns unter vier Augen.“ Der Amtshauptmann und der Gerichtsdirektor be⸗ gaben ſich in des Letzteren Zimmer. Johanna verließ die Veranda. Lisbeth hielt das Toſchentuch vor die Augen und weinte. Thure beugte ſich über ſie und ſprach flüſternd zu ihr. Eligs ſtand an die Barrière der Veranda ge⸗ lehnt und trommelte eine Weile mit den Fingern auf derſelben, darauf begab er ſich in die Allee und ſchritt hier auf und gh. tsloin Pfn Seine Gedanken mußten in ſeinmn Kopfe wechſeln, denn in dem einen Augenblick ſpielte ein ——— 9 Lächeln um ſeine Lippen, in dem andern zogen ſich ſeine Brauen zuſammen. Johanna trat endlich wieder auf die Vettida und rief Elias heran. „Anna iſt nicht auf ihrem Zimmer“, ſagte ſie und ſah ſehr beunruhigt aus.„Louiſe hat ſie über den Hof mit Hut und Shawl gehen ſehen, ſie ſchlug den Weg nach dem Fluß ein; um Gottes willen, Elias, eile ihr nach!“ Elias war augenblicklich der Tante aus dem Ge⸗ ſichtskreiſe entſchwunden. Johanna hüllte ſich in ein Tuch und begab ſich durch den Garten nach dem Fluß. „Hole Anna herbei!“ rief der Gerichtsdirektor Lis⸗ beth zu, als er einige Minuten ſpäter, ein Papier in der Hand, aus ſeinem Zimmer trat. Lisbeth gehorchte, indem ſie die Treppe hinaufſtieg, kehrte aber ſofort mit dem Beſcheid zitück daß Anna nicht auf ihrem Zimmer ſei. „Nun dann wird ſie wol im Gatten ober im Pavillon ſein, ſchaffe ſie ſofort herbei.“ Thure und Lisbeth gingen zuſammen, ur um dem Wunſche des Onkels nachzukommen. ſun „Ich fürchte) Freund Wikſtrand, daß Du den Bogen zu ſtraff ungezögen haſt“ ſagte der Atitshauptmn, 10 als die Beiden unverrichteter Sache zurückkehrten und obenein die Nachricht brachten, daß ſie ſich hinüber nach dem Fluße begeben hätte. Der Gerichtsdirektor ſchaute erſt etwas beunruhigt drein, ſagte aber darauf, daß er, wie er Anna's Charakter kenne, keine übereilte Handlung ihrerſeits befürchtete, ſicherlich werde ſie bald zurückkehren. Unterdeſſen war Thure zum Fluß gegangen; der Gerichtsdirektor blieb in der Veranda ſitzen und der Amtshauptmann fuhr zurück nach Brotsbacken. Lisbeth eilte durch den Garten, den Kopf voll un⸗ ruhiger Gedanken. Unten am Fluſſe wohnten ein paar alte Leute. An dieſe wandte ſich Johanna mit der Frage, ob ſie Anna nicht geſehen hätten. In der That hatten ſie Anna geſehen. Der Mann hatte ſie in ſeinem Boot über den Fluß gerudert, und ſie hatte ihm auch ein kleines, beſchriebenes Blättchen gegeben mit dem Auf⸗ trage, es dem Geyichthdirektor zu bringen. Der Alte hatte nicht ſofort gehen können, weil er die Rückkehr ſeiner Frau abwarten mußte, und nun überlieferte er denſelben Johanna den Brief und bat ſie, dem Gerichts⸗ direktor zu geben. Die Letztere konnte nicht widerſtehen, das Billet zu eröffnen, zumal daſſelbe mit einer Ob⸗ late, die noch nicht trocken, verſchloſſen war, und ſomit — 1¹ nach Leſen des Inhaltes wieder verſchloſſen werden konnte. Das Billet lautete: „Lieber, geliebter Onkel. Du haſt mich von Dir ge⸗ ſtoßen, weil Du glaubſt, daß ich eine Undankbare bin; aber Du biſt im Unrecht. Ich bin nicht undank⸗ bar, und wenn ich mich jetzt entferne, ſo geſchieht es, weil ich die Hoffnung hege, daß Dein Zorn ver⸗ ſchwunden ſein wird, wenn wir uns wiederſehen, und dann wirſt Du aufs Neue an Dein Herz drücken Deine kleine Anna.“ „Hm, hm!“ war das Einzige, was Johanna ſagte, als ſie das Billet wieder verſchloß. Darauf eilte zurück nach Ekholm. Was der Gerichtsdirektor dachte, als er das Billt geleſen, wiſſen wir nicht. Er ſagte nur, daß alles Suchen nach Anna überflüſſig ſei, er wiſſe ſchon, wo⸗ hin ſie ihren Weg genommen habe. Der Abend kam, ohne daß Anna wieder erſchien, auch Elias blieb aus. Die Nacht brach ein und ver⸗ ſtrich, ohne daß ſie Beide zurückkehrten. Zweites Kapitel. Die Vögel flatterten und ſtreckten die Flügel aus und machten ihre Morgentvilette, um die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne mit ihrem Geſange zu be⸗ grüßen. Im Walde zwiſchen Brotsbacken und Ekholm ſaßen auf einem Hügel am Bergesfuße gerade beim Sonnen⸗ aufgang zwei junge Menſchen und ſprachen zuſammen. Blaß und erſchöpft ſtützte das Mädchen den Kopf in die Hand, während es lächelnd dem lauſchte, was der Begleiter ſagte: „Du biſt ſehr gütig, lieber Elias“, ſagte es end⸗ lich, als er ſchwieg,„es macht mir Freude zu wiſſen, daß Du mir Glauben ſchenkſt, wenn ich Dir ſage, daß ich meine triftigen Gründe habe, dem Onkel das Geld zu verweigern. Wenn ich ihn nur zu ibeczeügen vermöchte, 6 13 daß meine Weigerung ihren Grund nicht in Undankbar⸗ keit oder Geiz habe.“ „Aber weshalb willſt Du ihm nicht den Grund Deiner Weigerung ſagen?“ Anna lächelte traurig. „Weil dann mein Herz zerſpringen würde“ flüſterte ſie,„aber beruhige Dich, Elias, ich werde ihn ſchon überzeugen, daß ich ſtets ſein gutes Mädchen geweſen bin und auch verbleibe.“ „Wie aber?“ Und Elias beugte ſich über ſie und ſchaute ihr in die Augen. Die erſchöpften Geſichtszüge belebten ſich, die blaſſen Wangen färbten ſich und die Augen ſtrahlten, indem ſie ihm erklärte, daß das ihr Geheimniß ſei. „Was würdeſt Du ſagen, wenn ich Dein Geheimniß kenne?“ fiel Elias ein. „Du kennſt es aber nicht!“ rief Anna und lehnte ihren müden Kopf auf ſeine Schulter, während ſie traurig ſagte:„Ich vermag nicht weiter zu gehen, ſondern bin gezwungen, hier zu ſitzen, um mich auszu⸗ ruhen! Doch wäre ich ſo gern zur Frühſtückszeit friſch und fröhlich auf Ekholm. „Wir haben eine gute Biertelneile bis chin ſagte Elias,„und ich wage es nicht, Dich hier im Walde allein zu laſſen, während ich nach einem Fuhrwerk nach 14 Hauſe gehe. Wenn Du verſuchen würdeſt, zu ſchlafen, ſo zöge ich meinen Rock aus, damit Du auf demſelben ruhen könnteſt.“ Anna wehrte dies ab, indem ſie erklärte, daß es ihr unmöglich ſei, die Augen zu ſchließen, bis ſie ihren Onkel wieder geſehen habe. „Wie lange warſt Du hinter mir einhergegangen, ehe ich Dich ſah?“ fragte ſie nach einer Weile und ruhte gemächlich in Elias Arm, den er ihr als Lehne anbot. „Von dem Augenblick, wo Du uns verließeſt, vor⸗ geſtern Abend.“ „Unmöglich! Ich hätte Dich doch ſehen müſſen.“ „Ja, wenn Du nicht ſo davon geeilt wäreſt, hätteſt Du mich ſehen müſſen. Ich dachte ſofort, als ich erfuhr, daß Du Dich über den Fluß hatteſt ſetzen laſſen, daß Du Pehr aufſuchen würdeſt, und ich irrte mich nicht. Nachdem ich eine Weile um Pehr's Gehöft her⸗ um ſpionirt hatte, ſah ich, wie Dü mit ihm zu Wagen aus dem Gehöfte kamſt, und von ſeiner Frau erfuhr ich, daß Ihr zur Stadt gefahren ſeiet. Ich verſchaffte mir Fuhrwerk bei Ola Manſſon und eilte Dir dorthin nach, wo ich Dich auch bald ausfindig machte. Ich ſah, wie Du ſpäter Dich nach Brotsbacken begabſt, wo Du mitten in der Nacht anlangteſt. Nach Verlauf 15 einer Stunde gingſt Du von dort waldeinwärts, worauf ich einen kleinen Umweg machte und Dir entgegen kam. An Deinem Gang bemerkte ich, daß Du nach ſo vielen Anſtrengungen erſchöpft warſt, und bot Dir meinen Arm zur Stütze. Mein Schutz war Dir um ſo noth⸗ wendiger, als ich vermuthete, daß Du noch Geld bei Dir trugſt.“ Anna hatte bislang ihre Hand in ihrer Rocktaſche ſtecken gehabt, aber bei den letzten Worten Elias machte ſie eine Bewegung, als wollte ſie dieſelbe aus der Taſche ziehen. „Du haſt zwei Tauſend Thaler in Deiner Taſche“, ſagte Elias,„ich weiß es.“ „Elias!“ rief Anna ihn unterbrechend. „Verſuche nicht, die Wahrheit zu leugnen, das nützt Dir zu nichts. Das Geld, welches Du bei Dir haſt, gehört Dir nicht, Du haſt es geborgt, leugne es, wenn Du es kannſt.“ „Laß mich in Ruhe, Elias! Du ſiehſt ja, daß ich müde bin“, ſagte Anna und ſchloß die Augen. Im nächſten Augenblick war ſie, von Müdigkeit überwältigt, eingeſchlummert. Elias blieb regungslos ſitzen und wagte kaum zu athmen, aus Furcht ſie zu ſtören. Er blickte auf das kleine blaſſe Geſicht herab, mit demſelben Ausdruck, 16 mit welchem eine Mutter auf ihr ſchlafendes Kind ſieht. Die innigſte Zärtlichkeit ſprach aus ſeinen Augen, aber eine Zärtlichkeit eben ſo rein und eben ſo ohne allen Egoismus der Leidenſchaft wie die, welche die Mutter für ihr Kind hegt. Währknd Anna ſchlief, ſann Elias über Weles nach, worüber er früher reflectirt hatte, darunter über verſchiedene Charakterzüge Anna's, denen er bisher kein Gewicht beigelegt hatte. Alle die Eigenheiten Anna's, die das Ziel ſpöttiſcher Bemerkungen geweſen waren, zeigten ſich nun in einem ganz anderen Lichte als früher. Er griff zurück in die Kindheit Anna's und fand, daß alle ihre Handlungen ein ausdauerndes Streben auf das Ziel zeigten, welches ſie ſich für das Leben geſteckt hatte. Die Sparſamkeit und Einfachheit, die ſie ſich zur Regel gemacht hatte, ſchien ihm jetzt eine bewunde⸗ rungswürdige Tugend zu ſein, namentlich weil ſie ſich Alles verſagte, was ſonſt einem jungen Mädchen Freude macht. Während Lisbeth ihres Geſchmackes wegen berühmt Swar, hatte Anna ſich durch ihre einfache Tracht aus⸗ gezeichnet, war von den jüngern Männern überſehen und verſchmäht worden. Daß ihr ſo viel beſprochener Geiz einen andern Grund als elende Leidenſchaft für das Geld haben müßte, das ſah Elias klar ein, aber welchen Grund vermochte er nicht zu erſinnen. So lange Anna ihr Geld in die Sparkaſſe legte, hatte ſie Pehr Gran benutzt; ſie hatte in der Stille ge⸗ handelt und Pehr das Gelübde abgenommen, daß er zu Niemandem davon ſprechen dürfte. Als endlich ihre Gelder einen beſtimmten größeren Betrag evreichten, hatte ſie ſie aus der Sparbank zurückgezogen und nun den Amtshauptmann damit beauftragt, ſie anzulegen. Hier aber verlor Elias den Faden, jede weitere Spur entging ihm. Elias hätte viel darum gegeben, wenn er dieſes Räthſel hätte löſen können. Daß die Löſung zu Anna's Gunſten ausfallen würde, davon war er feſt überzeugt.„Anna iſt nicht eigennützig und geizig“, meinte er,„ſie handelt nicht aus egviſtiſcher Berechnung, ſondern irgend ein tiefer Beweggrund muß ihre Handlungen leiten.“ Eine Regung Elias' machte, daß Anna plötzlich aufſprang, ihren Kopf ſchüttelte, mit der Hand über die Stirn ſtrich und erſchrocken fragte: „Wie viel Uhr mag es wol ſein?“ „Fünf Uhr“, antwortete Elias. „Schon ſo ſpät! Wir können alſo erſt um halb ſechs zu Hauſe anlangen. Ich wollte gern äuf Ekholm ſein, ehe der Onkel erwachte.“ Schwartz Anna's Geheimniß II.. 2 18 „Komm, Elias. Laß uns eilen.“ Sie ſchob ihren Arm unter den ihres Begleiters und fügte in ihrem gewöhnlichen fröhlichen Ton hinzu: „Du behaupteteſt, als ich einſchlummerte, daß ich Geld hier in meiner Taſche trüge, aber Du irrſt Dich, ich habe dort etwas weit beſſeres“, fügte ſie hinzu und faltete die Hände, indem ſie flüſterte: „Mein Gott, ich danke Dir für all Deine Güte gegen mich!“ „Du biſt in der That ein ſonderbares Mädchen, Anna“, rief Elias.„Scherz und Ernſt, äußerer Leicht⸗ ſinn, gepaart mit innerer Feſtigkeit des Charakters. Gedankenlos und ſinnig, übermüthig und klug, über⸗ eilt und vorausſehend. Du birgſt eine ganze Reihe von Widerſprüchen.“ Anna lächelte. „Und dieſe Widerſprüche willſt Du in Harmonie bringen?“ fragte ſie„Aus einem ſolchen Wirrwarr willſt Du etwas Ordentliches herausbringen? Du wirſt zugeben müſſen, das es wenigſtens den Anſchein hat, als ſei es unthunlich.“ „Ich bin ja auch davon abgekommen, Dein Mentor zu ſein.“ „Wirklich! Du meinſt alſö doch, mir ſei nicht zu helfen?“ v † v 19 „Ja, faſt bin ich der Meinung“, und Elias ſchaute ſie mit ernſtem Lächeln an, indem er hinzufügte;„Was Du biſt, das biſt Du durch Dich ſelbſt geworden, und ich meinerſeits möchte nicht, daß Du eine Andere würdeſt, als Du biſt.“ „Ich begreife, Du machſt es wie die Aerzte mit den unheilbaren Kranken; ſie ſtehen von jeder Behandlung ab, und weiſen ſie auf eine Badekur an. Mir ſcheint es jedoch, als ginge es die letzte Zeit recht gut und daß ich einen ſchönen Anfang gemacht, um ein recht ſittſames, geſetztes Mädchen zu werden.“ „Und das Verdienſt ſchreibſt Du mir zu?“ ja, wem ſonſt?“ r ſelbſt, liebſte Anna“, ſagte Eligs.„Dir ehi Wunſch inne, Dich ſelbſt und Andere zu verbeſſern.“ „Ueber dies Geſchwätz habe ich vergeſſen, Dir zu ſagen, daß Du mir das Verſprechen geben mußt, über Alles, was Du bis jetzt erfahren haſt, zu ſcigen⸗ wie das Grab. Gibſt Du mir das?“ „Ich verſpreche Alles, was Du willſt.“ „Schön: Du darfſt Niemandem, ſei es wer es wolle, erzählen, daß ich Geldgeſchäfte in der Stadt gehabt habe, und auch nicht, daß ich auf Brotsbacken geweſen bin, überhaupt gar nichts erzählen, verſtanden?“ 2 ———————— 20 „Das verſpreche ich; aber Onkel, der dürfte wol nicht ſchweigen“, meinte Elias. „Sein Schweigen nehme ich auf mich.“ „Aber weshalb machſt Du ein Geheimniß daraus?“ „Wenn Du das nicht begreifſt, ſo verdienſt Du auch nicht, das ich mich erkläre. Alles Auspoſaunen unſerer Handlungen, ſeien ſie gut oder ſchlecht, iſt mir verhaßt.“ „Schön! Ich werde mir das merken.“ Es war halb ſechs Uhr, als Anna die Gitterthür bei Ekholm öffnete und ſchnellen Schrittes über den Hofraum und in's Haus durch die wenige Augenblicke zuvor geöffnete Thüre ſchlüpfte. Kein Menſch war im Korridor zu ſehen, und Anna ging leichten Trittes weiter, öffnete vorſichtig die Thüre zu dem Zimmer des Onkels und ſchlüpfte hinein. Auf den Zehenſpitzen ſchlich ſie in dem äußeren Zimmer an den Schreibtiſch heran. Hier zog ſie aus der Taſche einen Brief, auf welchem mit der Handſchrift des Amtshauptmanns die Adreſſe des Gerichtsdirektors geſchrieben war, legte denſelben auf den Tiſch und ſchlüpfte 4 ſo leiſe, wie ſie gekommen, wieder hinaus.— 1 Drittes Kapitel. Es wurde zum Frühſtück geläutet, und man ver⸗ ſammelte ſich im Speiſezimmer. Alle außer Anna und dem Gerichtsdirektor waren zur Stelle. Johanna hatte eine feierliche Miene; Lisbeth verweinte Augen, Thure war ſtumm wie ein Fiſch. Elias fröhlich wie eine Lerche, Conſtantin und der Inſpektor, die nichts von dem, was vorgefallen war, wußten, blickten die beiden Damen verwundert an. Das Stubenmädchen trug den Kaffee herein. Jo⸗ hanna fragte, ob der Gerichtsdirektor benachrichtigt ſei, und bekam eine bejahende Antwort. „ Nach Verlauf einiger Minuten ging die Thüre auf und Anna trat ein. Etwas ſpäter erſchien auch der Gerichtsdirektor. Dieſer nickte den Anweſenden zu, ohne wie ſonſt Anna beſonders zu beachten. Nach dem Frühſtück fuhr der Gerichtsdirektor mit Thure und Conſtantin in Geſchäften aus. Elias begab ſich auf ſein Zimmer, um nach einer durchwachten Nacht zu ruhen, und Anna that desgleichen. Johanna hatte in der Haushaltung Geſchäfte zu beſorgen, und Lisbeth begab ſich in den Garten, um nach ihren Blumen zu ſehen. Sie war in ſchlechter Laune, und es ſtand bei ihr feſt, daß Anna herzlos, ſehr herzlos ſei. Sie wunderte ſich darüber, daß ſie eine ſo herzloſe Schweſter lieb haben konnte. Während ſie in ſolche Betrachtungen verſunken ein⸗ herſchritt, rannte ſie plötzlich ziemlich unſanft an Martha an, die in einem Treibbeet ſtand und Salat zuſam⸗ men las. Martha erhob ſich ebenſo plötzlich in Folge des Stoßes, den ſie bekam, und als ſie die„Augenweide“, wie ſie Lisbeth zu nennen pflegte, erblickte, lächelte ſie. „Mein grmes Fräulein“, ban Martha,„wie Sie verſtimmt und traurig ausſehen. Ja, ich dachte 2 mir wol, daß es Sie ſchmerzen würde, und deshalb' habe ich mir vorgenommen, die Kleine gehörig zu verklagen, damit ſie ausgezankt wird, und ſich, ein anderes Mal ſo was nicht erlaubt.“ Die Kleine hieß Anna zuch immer n der Zeit ——— her, als ſie ein Kind war, und Martha hatte noch nicht gelernt, ſie anders zu nennen. „Was meinſt Du, Martha?“ fragte Lisbeth und ſetzte ſich auf die Einfaſſung des Treibbeetes.„Wes⸗ halb mußt Du Anna verklagen?“ „Weshalb? weshalb?“ wiederholte Martha.„Des⸗ halb, weil ich, die ich mein Leben lang ein ſittſ ames und ordentliches Mädchen geweſen bin, mich nicht da⸗ mit verſöhnen kann, daß die Kleine bei Nacht und Nebel ſich mit einem jungen Menſchen umhertreibt. Sie werden ſchon wiſſen, Fräulein, was ich meine, und werden ſo⸗ mit auch verſtehen, daß ich hier nicht ſchweigen kann, Aber dieſes Mal werde ich direkt zum Gerichtsdirektor gehen.“ „Ich begreife kein Wort von dem, was Du ſagſt, Martha“, rief Lisbeth ungeduldig. „Wiſſen Sie vielleicht nicht, daß die Kleine die ganze Nacht ausgeblieben iſt?“ fragte Martha. „Freilich weiß ich das, ſie iſt bei der Katharina geweſen, und das iſt ja nichts Neues“ „Ja freilich war es früher ſo, aber jetzt bleibt ſie ja nicht bei der Kathärina, ſondern treibt ſich mit Elias umher. Heuke Morgen um fünf Uhr kamen ſie und er aus dem Gehölz heraus, aber ſie gingen nicht zu ſammen in's Haus, ſondern erſt kam ſie, und ſpäter er. — 24 Und nun frage ich, was wol der Gerichtsdirektor ſagen wird, wenn ich dies zur Sprache bringe. Er hat nicht erlaubt, daß Fräulein Johanna in ihren jüngern Tagen mit irgend einem der jungen Herren allein in den Gar⸗ ten ging.“ Lisbeth vernahm kaum die letzten Worte dieſer Rede, ſie ſtarrte vor ſich hin und vermochte lange kein Wort zu ſprechen. Endlich ſagte ſie: „Das iſt wol Dein Scherz, Martha; Anna und Elias werden ſich nicht ſo weit haben vergeſſen können!“ „Haben ſie nicht“, ſchrie Martha,„allerdings haben ſie das. Ich ſelbſt habe ſie Arm in Arm aus dem Ge⸗ hölz kommen, bis an die Allee gehen und ſich trennen ſehen, und da war die Uhr einige Minuten über fünf. Der lange Anders, der dieſe Nacht zum Tanze im Dorfe geweſen, ſagte, er habe ſie von Katharinens Bäuschen herauskommen ſehen, ehe noch die Sonne auf⸗ gegangen war.“ ntſetzlich!“ ſtammelte Lisbeth und erhob ſich. „Haſt Du dies, außer mit, noch einem Andern er⸗ zählt?“ Martha ſchwieg eine Weile und ſagte darauf, ſie habe Thure gefragt, um welche Zeit Elias nach Hauſe gekommen ſei, und daß dieſer allerdings dabei aus ihr —— das herausgelockt habe, was ſie beſchloſſen hätte, nur Lisbeth und dem Gerichtsdirektor zu ſagen. „Höre, Martha! verſprich mir, Onkel nichts hiervon zu erzählen“, bat Lisbeth, die nur mühſam ihre i zurückzuhalten vermochte. Martha bemerkte den Kummer Lisbeths und war voll Mitleid. Sie ſchwur im Stillen, daß Lisbeth Elias haben ſolle und müſſe, es koſte was es wolle. Die Kleine dürfe nicht die Herrin von Ekholm werden, und⸗ um dies zu verhindern, müſſe ſie mit dem Gerichts⸗ direktor ſprechen. In Folge dieſes Entſchluſſes antwortete ſie kurz: „Ich verſpreche Allen, nur nicht dem Gerichtsdirek⸗ tor gegenüber zu ſchweigen. Sie dürfen mich nicht darum bitten daß ich meinem guten Herrn nicht ſage, welche Schlange er an ſeinem Buſen groß gezo⸗ Lisbeth begann laut zu weinen, undrihre Thränen 6zten Martha noch mehr gegen Annah ſo daß ſie ſich, um jeder Verſuchung zu eher plötzlich ent⸗ fernte. vld Nach einer Weile trocknete Lisbeth ihre Thränen. Nach dem Kummer tauchte dev Zorn empor. Je länger ſie an das Betvagen Anna's dachte, deſto unver⸗ ———— antwortlicher fand ſie es, und entſchloß ſich, mit Elias zu reden. Als dieſer Entſchluß feſtſtund, begab ſie ſich nach der oberen Gartenteraſſe, woſelbſt ſie ganz unverhofft Elias antraf. „Welche Wolken des Kummers verſchleiern Deinen Lebenshimmel? Deine ſchönen Augen haben ja Thrä⸗ 3 nen vergoſſen, wie ich ſehe!“ deklamirte Elias.„Sage mir, was Dich ſo betrübt?“ Und er ergriff Lisbeth's Arm, legte denſelben in den ſeinen, indem er hinzu⸗ fügte„Komm. Gehen wir in den Garten hinab, da⸗ mit Du mir in aller Ruhe Deinen Kummer anvertrauſt. Wenn Du mich nicht zum Ehemann haben willſt, ſo bleibe ich doch immer Dein Bruder.“ Lisbeth bemühte ſich, ihren Arm los zu machen, und als dies ihr nicht gelang, folgte ſie Elias mit glühenden Wangen und Augen voll Thränen. „Ich habe klug und recht gehandelt, als ich an Deine Liebe nicht glaubte!“ rief ſie heftig;„hätte ich ihr getraut, ſo wäre ich betrogen worden.“ „So! meinſt Du?“ bemerkte Elias lächelnd.„Ich * meinerſeits bin anderer Anſicht.“ „Du wirſt doch wol nicht noch behaupten, daß Du mich mit einem wahren Gefühl liebſt?“ „Ich behaupte aber, daß ich es that und daß ich es — 27 ſtets gethan haben würde, wenn Du nicht mit meinem Gefühl geſpielt hätteſt. Es iſt dies ſo gewiß, wie wir Alle von Gott geſchaffene Weſen ſind“, ſagte Elias ernſt. Lisbeth blieb ſtehen und betrachtete ihn mit einem zornigen Blick. „Und gleichwol machſt Du nächtliche Promenaden mit Anna, Promenaden, die ſie in dem Grade compro⸗ mittiren, daß Du zuletzt gezwungen ſein wirſt, Dich mit meiner Schweſter zu verheirathen!“ fügte Lisbeth gereizt hinzu.„Wie kannſt Du mir eine ſo feierliche Ver⸗ ſicherung geben, trotzdem Du Alles thuſt, um Anna einzureden, daß Du an ihr das lebhafteſte Intereſſe nimmſt.“ „Das iſt auch der Fall“, fiel Elias ein.„Meine Verſicherung galt früherer Zeit, nicht der Gegenwart.“ Lisbeth zog heftig ihren Arm zurück und ſank auf eine Gartenbank nieder, indem ſie das Geſicht mit bei⸗ den Händen bedeckte. „Du liebſt Anna?“ fragte ſie,„und es ſind nicht mehr als vierzehn Monate her, wo Du das Herz voll von Liebe zu mir von hier abreiſteſt. Und ich thörich⸗ tes Mädchen, die ich im innerſten Herzen an dieſe Liebe glaubte, und Dich deshalb auf die Probe ſtellen wollte Du haſt ſomit Deinen Scherz mit mir getrieben!“ 28 Und Lisbeth weinte. Elias nahm Platz neben ihr, zog die eine Hand von dem in Thränen gebadeten Geſicht und bat ſie, daß ſie mit Ruhe anhören möchte, er würde ihr er— klären— „—— Und was wirſt Du mir zu erklären haben?“ rief Lisbeth;„daß Du Anna eben ſo warm, eben ſo lebhaft liebſt, wie Du vor vierzehn Monaten mich liebteſt.“ „Lisbeth!“ unterbrach ſie Elias,„ich habe nicht geſagt, daß ich Anna liebe, ich habe nur ausgeſprochen, daß ſie mich am meiſten intereſſirt, daß ſie meine leb⸗ hafteſten Sympathien hat, und daß es auf der Hand liegt, daß ich ſie eines Tages ſehr lieb gewinnen könnte, ja lieber als alle Andern auf dieſer ſchönen Erde. Dies beweiſt jedoch nicht, daß ich treulos oder unſtät bin, ſondern nur, daß ich in meiner erwachenden Neigung zu Anna einen Erſatz für den Schiffbruch, den meine erſte Liebe erlitt, ſuche. Ein ſolches Heilmittel iſt, glaube mir, viel ſicherer als eine Kaltwaſſerkur.“ „Elias!“ rief Lisbeth— und ſprang vom Sitze empor.„Deine Flüchtigkeit koſtet mich Thränen, ich leide darunter, und Du ſollteſt daß der Korb, 1. den ich Dir gab, nur——— Lisbeth ſchwieg plötzlich und ſank wieder auf die — 29 Bank nieder. Der ruhige Ausdruck in Elias Geſichte war verſchwunden. Er blickte Lisbeth bekümmert an und ſprach halb flüſternd: „Lisbeth, ich danke Dir, daß Du nicht weiter ſprachſt. Es würde für mich ſchwer ſein, Dir zu verzeihen, wenn Dein Herz mich geliebt hätte, während Deine Lippen meine Liebe verhöhnten. Nein, ich will es nicht vyn Dir denken“, fügte er mit Nachdruck hinzu,„es würde mich ſehr ſchmerzen. Du ſagteſt einſt, daß wenn Thure zu Dir geſprochen hätte, ſo wie ich, würdeſt Du ihm eine andere Antwort gegeben haben. Ich glaubte Deinen Worten, und ich thue es noch heute und möchte zu keiner anderen Anſicht gelangen. Nicht zu lieben iſt kein Fehler, aber es wäre ein Verbrechen, wenn Du die Wahrheit verleugnet und mit mir geſpielt hätteſt, als Du ſaheſt, daß es ſich um mein Lebensglück handelte.“ Elias blickte Lisbeth freundlich an. Sie ſaß da geſenkten Hauptes, und die Thränen ſtrömten über ihre Wangen herab. „Weshalb weinſt Du?“ fragte Elias. „Weil ich mich ſehr unglücklich fühle“, antwonrtete Lisbeth. Mit einem Blick ianigſter Freundſ ſchaft Elias ihre Hand, indem er ſagte: 30 „Sprich aufrichtig; worüber grämſt Du Dich? Iſt es etwa über die Promenade, die Anna und ich vieſe Kacht gemacht haben? Dieſe darf Dich durchaus nicht beunruhigen noch kränken. Anna wird Dir ſchon er⸗ zählen, wie es geſchah, daß wir uns trafen.“ „Aber alle Leute ſprechen davon. Anna's Ruf ſteht auf dem Spiele und———“ „Welch ſchöne Gruppe! Zwei Turteltauben, die girren“, rief eine fröhliche Stimme und zwei kleine Hände legten ſich über Lisbeth's Augen.„Du brauchſt mich nicht anzuſehen, wenn es Dich genirt, daß ich Dich und Elias überraſcht habe“, fügte die fröhliche Stimme hinzu.„Nun, Kinderchen, ſeid Ihr nun end⸗ lich im Klaren mit Euren gegenſeitigen Gefühlen!“ „Das hoffe ich, Kleine“, ſagte Elias fröhlich. „Aber Du weißt nicht, daß unſere nächtliche Promenade der Gegenſtand unſerer Unterhaltung geweſen und daß alle Leute von derſelben ſprechen.“ „Was können denn die Leute davon ſagen?“ fragte das fröhliche Mädchen ſorglos. „Anna, ich wünſche Dich zu ſprechen!“ vernahm man jetzt Johanna's Stimme, und das ſtattliche Weib ſtand einige Schritte von den jungen Leuten entfernt. Wie eine beleidigte Königin ſah ſie aus, ſie trug den Kopf hoch und ihre Augen funkelten. 31 „Beſte, liebſte Tante, was gibt's, daß Du eine ſo königliche Haltung annimmſt?“ fragte Elias und trat auf ſie zu. Anna ſtand ſchon an Johanna's Seite. „Bleibe Du bei Lisbeth und kümmere Dich nicht um meine Haltung“, antwortete Johanna und kehrte dem Neffen den Rücken.„Ich habe mit Anna unter vier Augen zu ſprechen.“ Johanna entfernte ſich, und Anna blickte Clias mit einer Miene an, die ihm ſagte, daß er am beſten thäte, ihnen nicht zu folgen. Lisbeth eilte aber Johanna und Anna nach. Elias wanderte durch den Garten nach der Land⸗ ſtraße hinaus und ſchlug den Weg in's Dorf ein. Viertes Kapitel. Als Lisbeth Anna und Johanna eingeholt hatte, ſagte die Letztere: „Du haſt wol nicht gehört, was ich ſagte; ich wünſche mit Anna allein zu ſprechen.“ „Gewiß habe ich das gehört, aber das verhindert doch nicht, daß wir zuſammen bis an's Haus gehen, oder ſollte vielleicht das, was Du Anna zu ſagen haſt darunter leiden, daß ich denſelben Weg gehe, wie Ihr beide?“ fragte Lisbeth in ziemlich höhniſcher Weiſe. Jvhanna war nicht in der Stimmung, die Her⸗ ausforberung anzunehmen, ſie hätte ernſtere Dinge vor, als daß ſie geneigt geweſen wäre, auf dergleichen Ne⸗ benſachen ſich einzulaſſen. Schweigend ſtieg ſie die 33 Treppe hinan, öffnete die Thür zu ihrem Zimmer und ſchloß dieſelbe ſorgfältig hinter ſich und Anna ab. Als Beide ſich im Zimmer befanden, ſetzte Johanna ſich auf's Sopha und fragte: „Wo warſt Du geſtern Abend?“ Sie hatte dabei eine wahre Richtermiene angenommen, und das rothe Band, welches ſie im Haare trug, ſchien röther, das krauſige Haar krauſer als ſonſt zu ſein. „Ich ging nach Grangarden, um Pehr aufzuſuchen“, antwortete Anna ungekünſtelt,„das ſagte ich Dir ja, Snt „Ja. Du ſagteſt es freilich, aber Du ſagteſt eine Unwahrheit. Du biſt auf Brotsbacken geweſen?“ Jv⸗ hanna ſtieß dieſe letzten Worte förmlich ſchreiend aus, und ihr Antlitz wetteiferte mit dem rothen Bande, ſo ſehr färbte es ſich wie Purpur. Anna blickte ſie ohne zu antworten an. „Nun, weshalb antworteſt Du nicht? Was thateſt Du auf Brotsbacken mitten in der Nacht; und weshalb begabſt Du Dich dahin, bliebſt dort bis der Tag an⸗ brach? Weshalb begleitete Dich Enkemann zu Katha⸗ rina hinüber, was haſt Du für Geheimniſſe mit ihm? Ich will, ich muß es wiſſen?“ Und Johanna accpm⸗ pagnirte ihre Worte mit dem einen Fuß, den ſie ziemlich Schwartz, Anna's Geheimniß. I. 3 —— 34 nachdrücklich auf den Fußboden aufſetzte, ein Zeichen großer Erregung. „Das kann ich Dir nicht ſagen, Tante“, erwiderte Anna mit feſter, ruhiger Stimme. „Du willſt nicht!“ Und Johanna ergriff Anna's Arm und ſchüttelte ihn nachdrücklich.„Glaubſt Du, ich begnüge mich mit einer ſolchen Antwort, oder denkſt Du, ich habe Deine Bemühungen, die Frau vom Hauſe auf Brotsbacken zu werden, nicht bemerkt? Du weißt, daß Du häßlich biſt und daß Du nicht darauf rechnen kannſt, daß ein junger hübſcher Mann Dich nimmt, und deshalb wünſcheſt Du Frau auf Brotsbacken zu werden. Es iſt höchſt unſchicklich und ſchändlich, daß ein junges Mädchen ſich ſo beträgt, wie Du es thuſt. Und ich, die ich angefangen hatte, Dich lieb zu haben und glaubte, Du ſeieſt ein kluges, gutes Kind! Was habe ich für meine freundlichen Gefühle? — Undank, wie immer!“ Johanna ſchwieg und kehrte Anna den Rücken zu, fuhr aber nach einem Augenblick fort:„Es iſt meine Pflicht, meinen Bruder von dem zu benachrichtigen, was geſcheben iſt, denn man wird in der ganzen Ge⸗ gend davon ſprechen, daß Du zur Nachtzeit auf Brots⸗ 3 backen geweſen biſt. Mir ſcheint, Du haſt Dich ſo be⸗ tragen, daß Du ein ehrliches Weib nicht anblicken 5 kannſt, und Deine einzige Rettung wird ſein,. daß———“ „—— daß ich Onkel Enkemann heirathe“, fiel 1 Anna lachend ein.„Ja, das glaube ich auch Johanna kehrte ſich ſchnell um. Sie ſah aus, als habe ſie große Luſt, ſich auf das vermeſſene Mädchen zu ſtürzen, welches ihr ganz ruhig in's Auge blickte. „Wenn Onkel Enkemann erfährt, daß die Leute von meinem Beſuch auf Brotsbacken reden, wird er es nicht länger verſchieben, um mich anzuhalten, und dann———“ „Geh mir aus den Augen!“ ſchrie Johanna und deutete auf die Thüre Anna ging, aber ſie warf vorher einen Blick der innigſten Befriedigung auf Johanna und lachte, als ſie die Thüre hinter ſich ſchloß. Die arme Anna! kaum war ſie bei Lisbeth in ih⸗ rem gemeinſchaftlichen Zimmer eingetreten, als auch die Schweſter, noch aufgebrachter als Johanna, einen An⸗ griff deshalb auf ſie richtete, weil ſie mit Elias mitten in der Nacht promenirt hatte. Dem Angriffe Lisbeth's begegnete ſie mit Scherz. Als Lisbeth ihre Ermahnungen 3* Ge 90 begann, brach ſie in ein lautes Lachen aus. Dies reizte Lisbeth dermaßen, daß ſie vor Zorn weinte. Aber die Thränen machten gerade ſo wenig Eindruck auf Anna wie die ſtrafenden Worte, und Lisbeth verſuchte deshalb das letzte Mittel, indem ſie Anna mit kummervoller Miene ihre Falſcheit und Treuloſigkeit vorhielt— Anna nahm jetzt Platz zu Füßen der Schweſter, ergriff ihre Hände und ſprach mit freundlichem Blicke und herzlichem Tone: „Wohl weißt Du, daß es nicht Plan und Verabredung war, welche mich und Elias dieſe Nacht zuſammenführten, und Du weißt ſo gut, wie ich ſelbſt, daß Du auf mich bauen, Dich auf mich verlaſſen kannſt. Du wirſt niemals Urſache haben, Dich meines Betragens wegen zu ſchämen.“ 3„Hatte ich auch vielleicht geſtern keine Urſache, als Du Dich weigerteſt, Onkel zu Willen zu ſein? Mußte rich mich Deiner nicht ſchämen 54 fiel Lisbeth ein.„Und wenn es auch nicht wahr iſt, daß Du die Nachtwa⸗ derung mit Flias eingefädelt haſt, ſo iſt es doch immer⸗ hin wahr, daß ſie ſattgefunden hat, und daß Elias mir gergdezu in das Ge ſicht geſagt hat, daß er ſich 3 haft für Dich intere ſre⸗ un daß er aufgehört habe, 5 mich zu lieben.“ 6„Das Alles er Bir e — — 37 „Ja, das und vieles andere noch!“ ſagte Lisbeth und ſchluchzte.„Er hat auch geſagt, daß er mich ver⸗ achten müßte, wenn er entdeckte, daß ich ihn liebte, weil ich ihm dann ohne triftigen Grund einen Korb gege⸗ ben hätte.“ „Hat er in Bezug auf Dich nicht die Wahrheit geſprochen? Haſt Du doch ſtets geſagt, daß Elias der Letzte ſei, den Du heirathen würdeſt, daß Du ihm nie⸗ mals Dein Herz würdeſt zuwenden können.“ „Ja, das habe ich geſagt, daß geſtehe ich, aber ich habe es nicht ſo gemeint“, antwortete Lisbeth wei⸗ nend.„Elias iſt der Einzige, den ich jemals geliebt habe, der Einzige, den ich lieben und heirathen möchte.“ Anna ſtützte den Kopf in die Hand. „Weshalb gabſt Du ihm dann einen Korb?“ „Ich wollte ſeine Liebe auf die Probe ſtellen, wollte ſehen, ob ſie echt ſei und die Wunde überleben könnte, die ich ſeiner Eigenliebe verſetzte. Ich wollte auch erfahren, wie groß meine Macht über ihn ſei. Ach mein Gott, ich habe es bitter bereut, ich beteue es tiefer, als ich es ſagen kann, und ich werde es mir niemals verzeihen, daß ich das Glück hätte greifen kön⸗ nen, es aber habe entſchlüpfen laſſen. Ich würde das unglücklichſte Mädchen von der Welt ſein, wenn es wahr wäre, daß Du mir Elias Herz entlockt haſt.“ Anna erfaßte den Kopf der Schweſter mit beiden Händen und ſchaute ihr ernſt in die Augen. „Liebſt Du wirklich Elias ſo tief, daß er Dir Alles iſt? Oder iſt es beleidigte Eitelkeit, woran Du jetzt leideſt?“ fragte ſie. „Ich liebe ihn über Alles!“ antwortete Lisbeth mit Innigkeit. „Nun, dann kann Alles wieder gut werden; Elias hat Dich lieb, davon bin ich überzeugt, wenn auch ſein beleidigter Stolz ihn abhält, es Dir zu ſagen. Hinſichtlich meiner kannſt Du ruhig ſein. Er iſt nicht im Geringſten in mich verliebt, und wird es niemals werden, deſſen darfſt Du gewiß ſein. Er will Dir vielleicht eine kleine Lektion geben, und die haſt Du ehrlich verdient. Mein feſter Glaube iſt der, daß Elias Dich liebt, und daß es von Dir ſelbſt abhängt, ob es Dir gelingen werde, das zu ſühnen, was Du verbro⸗ chen haſt. Sei klug und vorſichtig, und Du wirſt nicht erleben, daß Dein Glück davon fliegt.“ Lisbeth warf ſich Anna an die Bruſt. Sie war außer ſich vor Freude. Sie bat Anna zu wiederholen, daß Elias ſie liebe, und ſie verſprach, daß ſie nach der Angſt von langen Monaten nunmehr damit aufhören ——— — 39 wolle, mit Anderen zu kokettiren; ſie werde jetzt nur leben, um das zu ſühnen, was ſie einſt gefehlt hätte. Die Gewißheit, daß ſie noch immer geliebt ſei, werde ſie zu einei beſſern Menſchen machen, als ſie bisher geweſen ſei. 5 „Du haſt ſomit kein Intereſſe für Thure“ Anna. Lisbeth erröthete und ſchaute verlegen drein. „Nein, liebſte Anna, ich muß ehrlich geſtehen daß—— daß—— ich nur ſo gethan habe, daß— daß—— ich ſeine Gleichgültigkeit zu beſiegen und ihn dahin zu bringen wünſchte, daß er ſeine Vorſichtig⸗ keit vergäße, das war Alles.“ „Du haſt alſo mit dem armen Thure geſpielt?“ „Anns, ich werde es niemals wieder thun!“ flü⸗ ſterte Lisbeth und ſchlang die Arme um Anna's Hals. „Du wirſt es ſehen, daß ich mich jetzt nur bemühen werde, Elias zu gefallen.“ „Dann wird auch Alles gut werden, und ich werde auf Eurer Hochzeit tanzen“ ſcherzte Anna. “ fragte Fünftes Kapitel. Während die Mädchen ſo zuſammen ſprachen, ſaß Johanna in ihrem Sopha zurückgelehnt, durchdachte die Vergangenheit und prüfte Gegenwart und Zukunft. Es wollte ihr ſcheinen, als wäre ſie eine Märtyrerin des Egvismus Anderer. Um ihre erſte Liebe ſei ſie betrogen worden, in ihren ſpäteren Bemühungen, zu lieben und geliebt zu werden, ſei ſie gleichfalls nicht glücklich geweſen, und nun zu guter letzt ſei ſie dazu auserſehen, zu erleben, wie ein undankbares Kind ihr was einzige treue Herz ſtehle, welches ſie hier gefunden. Vön Natut gewiſſenhaft, hatte ſie es für ein Un⸗ echt gehalten, eine Ehe ohne Liebe einzugehen, was jedoch nicht verhinderte) daß es ihr Beftiedigung ge⸗ währte, zu wiſſen, daß es Jemand gab) der ſie treu iebte Nunmeht wühnte ſie ſich auch dieſes Troſtes beraubt, und es wollte ihr bedünken, als ſei ſie jetzt, wo ſie ihn verloren hatte, ihrem Erfreier mit tiefer und warmer Ergebenheit zugethan. Die Frau vom Hauſe auf Brotsbacken zu werden, ſchien ihr in dieſem Augen⸗ blick ein Glück zu ſein. So lange ſie der Treue des Amtshauptmanns gewiß war, fiel es ihr niemals ein, die Vereinigung mit ihm als beneidenswerth zu betrachten; als er ihr verloren gegangen war, erhielt Alles ein anderes Colorit. So geht es: was wir beſitzen, hat keinen Werth, was wir verlieren, erhält einen er⸗ höhten Reiz. Nicht die wärmſten Ergebenheitsgefühle von Seiten Thures hätten ſie jetzt tröſten können über das, was ſie verloren hatte. Thure hätte ſie nicht heirathen kön⸗ nen, und Johanna war gerade während der letztverfloſ⸗ ſenen Wochen zu der Ueberzeugung gelangt, daß es nicht gut ſei, wenn der Menſch allein iſt Sie war es nun endlich überdrüſſig, jeden Tag zu hören, wie ihr Bruder darüben ſcherzte, daß ſie wie alle anderen alten Jungfern zu werden beginne, ſie hatte ſich bei⸗ nahe dazu entſchloſſen, des reichen Amtshauptmanns Frau zu werden, und nun gerade brach er die Preue und richtete ſeine Blicke auf ein uneminies eigen⸗ nütziges Kindl Es vergingen Stunden hen jaß 42 immer in der Sophaecke, verſunken in bittere Betrach⸗ tungen. Es fuhr ein Wagen vor, ohne daß ſie darauf ach⸗ tete, und erſt als das Hausmädchen die Thür öffnete und ihr ſagte, daß der Tiſch gedeckt ſei, erinnerte ſie ſich, daß ſie noch einen Beſuch in der Küche zu machen habe. Ohne ihren ſonſtigen muſternden Blick in den Spie⸗ gel zu werfen, eilte ſie aus dem Zimmer die Treppe hinab, und als ſie in das Speiſezimmer trat, waren Bruder Magnus und die übrigen Hausgenvſſen ſchon dort. „Man läßt auf ſich warten“, äußerte der Gerichts⸗ direktor ziemlich ſcharf betont und trat auf den Eßtiſch zu, indem er die anderen Herren gleichfalls dazu ein⸗ lud; Anna dagegen, die in einem der Fenſter ſtand und an der er vorüberſchritt, würdigte er keines Blicks. Johanna lächelte ebenſowenig Thure als Conſtan⸗ tin zu, ſcherzte nicht mit Elias und ließ ſich in kein Geſpräch ein; ſie ſaß ſteif, ſtumm und feierlich auf ihrem Platze. Der Gerichtsdirektor ſchwieg gleichfalls und hatte eine ſtrenge Miene angenommen, was die Veranlaſſung war, das auch alle Anderen ſich ſtill ver⸗ hielten. u Die Mahlzeit war endlich vorüber, und Jeder 43 ging auf ſein Zimmer zurück um, wie es mit dem techni⸗ ſchen Ausdruck hieß, zu„leſen.“ Als Johanna die Treppe wieder hinaufſtieg, folgte ihr Thure; Conſtantin feſſelte Lisbeth in dem Wohn⸗ zimmer mit Vorzeigen einiger ſchönen Photographien, die er aus Stockholm erhalten hatte. Anna ergriff Elias Arm und zog ihn in den Gar⸗ ten, indem ſie ihm zuflüſterte: „Komm, ich habe für Dich gute Neuigkeiten.“ Elias folgte ihr. Anna nahm Platz unter einem Baum auf der un⸗ tern Terraſſe und ſagte innig erfreut: „Elias, ich habe mich nicht getäuſcht, ſie liebt Dich aus vollem Herzen, und jetzt, lieber Elias, iſt die Zeit gekommen, wo Du Lisbeth ſagen kannſt, daß ſie Dir eben ſo viel iſt, als an dem Tage, an welchem Du ihr Dein Herz anboteſt.“ „Die Zeit kommt niemals wieder, liebſte Anna, und überdies wirſt Du mir verzeihen, wenn ich an die Richtigkeit Deiner Ausſage in Betreff Lisbeth's Liebe zu mir zweifle.“ „Du bezweifelſt ſie!“ rief Anna„Aber, mein Gott, ſie hat es mir ja geſagt, hat unter Thränen ge⸗ ſtanden daß ſie Dich und ſonſt Niemand liebt.“ „Wenn das der Fall wäre, ſo müßte ich Lisbeth bedauern, denn ich habe für ſie keine Liebe mehr.“ „Was ſagſt Du?“ und Anna ſprang von der Bank empor und ſchlug die Hände über den Kopf zu⸗ ſammen,„Du haſt mich alſo getäuſcht?“ „Als Du und ich hiervon ſprachen, glaubte ich, daß ich noch immer Lisbeth liebte, jetzt weiß ich jedoch, daß es der Fall nicht iſt.“ „Du weißt—— Du weißt gar nichts, ſage ich Dir!“ erklärte Anna heftig.„Du mußt Lisbeth lieben, und ich will nichts Anderes hören, verſtehſt Du, ich will nicht“ Anna ergriff Elias Arm und ſchloß ihre kleinen Hände feſt um denſelben. Elias nahm die kleinen Hände in die ſeinigen, in⸗ dem er ſagte: „Das willſt Du in der That?— Alsdann muß i „Anna, Anna!“ erſcholl die Stimme des Gerichts⸗ direktors von der obern Terraſſe herab. Die Stimme ſchien zornig zu ſein und Anna eilte plötzlich fort, um dem Rufe zu gehorchen. Auf der Treppe zum Hauſe ſtand Wikſtrand mit einem Blicke, der nichts Gutes verſprach. „Was machſt Du unten im Garten?“ fragte er mit barſcher Stimme, als Anna vor ihm ſtand. 45 „Ich plauderte mit Elias“, antwortete ſie und ſchaute unerſchrocken in das zornige Antlitz. „Mit dem Plaudern muß es jetzt ein Ende haben“, erklärte der Gerichtsdirektor, ging in den Saal und winkte Anna, daß ſie ihm folgen ſolle. Er ſchritt auf ſein eigenes Zimmer zu, und als er und Anna ſich dort befanden, verſchloß er die Thüre, ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und richtete auf das Mädchen einen durch⸗ dringenden Blick, augenſcheinlich in der Abſicht, ein Verhör mit ihr anzuſtellen. „Wo hielteſt Du Dich dieſe Nacht auf?“ fragte er kurz und ſcharf. „Ich war bei Katharina“, antwortete Anna und ſenkte den Blick. „Du lügſt, Du hielteſt Dich nur einige Minuten bei ihr auf. Woher kamſt Du nun zu und wo⸗ hin gingſt Du nachher?“ Anna ſchwieg. „Ich will Antwort haben!“ rief der Gerichtsdirektor und ſeine Hand ſiel hart auf die Tiſchplätte. „Und ich, lieber Onkel⸗ ich will cittvrle⸗ erwiderte Anna. Der Gerichtsdirettor rhob ſich i und i ie duf Anna zu, iüdei er ſaßte „Hüte Bich Meine Gedüld hat auch hr Greligen. 46 Geſtern zeigteſt Du Dich als ein undankbares Kind, außer Stand, irgend etwas Anderes als Deine eigenen Intereſſen zu begreifen. Heute ſtehſt Du vor mir, ein leichtſinniges Mädchen, das durch ihr Betragen Aerger⸗ niß erweckt. Ich weiß Alles, und nur durch ein ehr⸗ liches Geſtändniß der Wahrheit kannſt Du das fühnen, was Du verbrochen haſt. Merke Dir wohl, daß Du, wenn Du nicht aufrichtig biſt auf keine Nachſicht zu rechnen haſt. Meine Liebe haſt Du ſchon verſcherzt, ſiehe zu, daß Du mit meiner Nachſicht nicht eben ſo ſchlecht Haus hältſt. Nun, willſt Du mir ſagen, wo Du die Nacht zugebracht haſt?“ „Nein“, flüſterte Anna, indem ſie Wikſtrand's Hand ergriff und mit flehender Stimme hinzufügte: „Glaube mir, wenn ich Dir bei dem lebendigen Gott und dem Andenken meiner Mutter zuſchwöre, daß Du keine Urſache haſt, mir zu zürnen.“ „Habe ich nicht?“ rief der Gerichtsdirektor und ſtieß ſie von ſich.„Haſt Du Dein geſtriges Betragen ver⸗ geſſen, haſt Du vergeſſen, daß Du dem Mann einen geringen Dienſt zu leiſten verweigerteſt, der Dir an Vaters Stelle geweſen iſt? Haſt Du vergeſſen, daß Du durch Dein nächtliches Abenteuer einen ſchändlichen Schatten auf denſelben Mann geworfen haſt, denn in⸗ dem Du Dich dem Gerede preisgibſt, ſchändeſt Du Deinen 47 Pflegevater. Glaubſt Du, ich werde es erlauben, daß durch Dich das Haus des Gerichtsdirektors zur Zielſcheibe der tadelnden Zungen der ganzen Gegend werde? Du haſt Dich wie ein leichtſinniges Mädchen bei nächt⸗ licher Zeit umhergetrieben, biſt um ſolche Zeit mehrere Stunden in dem Hauſe eines unverheiratheten Mannes geweſen, haſt ein nächtliches Stelldichein mit Elias gehabt und biſt gegen Morgen erſt nach Hauſe zurückgekehrt. Was haſt Du zu Deiner Entſchuldigung beizubringen?“ „Daß ich eine wichtige Angelegenheit mit dem Amts⸗ hauptmann zu verhandeln hatte, und daß Elias, ganz ohne mein Wiſſen, erſt mir folgte, ſpäter mich einholte“, antwortete Anna mit einer Stimme, die ein wenig zitterte. „Wiſch⸗Waſch! Ich bin bei Enkeman geweſen und habe ihn gefragt, was Dich zu ihm führte. Er ant⸗ wortete mir:„Nichts beſonderes!“— Und was Elias betrifft, ſo wiſſen wir ja Alle, daß Du und er in der letzten Zeit Euch überall Stelldichein gegeben haht, Ihr Beide, die mir ſo von Herzen lieb waren, habt jetzt einen ſolchen Skandal heraufbeſchworen, daß es nur ein Mittel gibt, um die Schande zu tilgen, die dadurch meinem Hauſe widerfahren iſt.“ Der Gerichtsdirektor ſchwieg. Sein Blick ruhte auf Anna, die daſtand, die Hände feſt gefaltet und ge⸗ ſenkten Blickes. Als er ſein Schweigen fortſetzte, hob ſie den geſenkten Blick, und richtete die thränengefüllten Augen auf ihn, indem ſie aufgeregt flüſterte: „Und dieſes eine Mittel beſteht wol darin, daß ich aus Deinem Hauſe ſcheide?“ „Wenn ich Dich fortſchicken könnte ohne Makel hätte ich es ſchon gethan, ſo aber würde dies nur den böſen Zungen noch mehr Stoff geben. Nein, Du und Elias müßt einander heirathen und dadurch alles Gerede zum Schweigen bringen. Es iſt mein beſtimmter Wille, daß es ohne allen Verzug geſchehe.“ Anna erblaßte. Sie rang die Hände und preßte ſie an die Bruſt, holte tief Athem und ſagte darauf halb flüſternd, aber mit feſtem Ausdrucke: „Onkel, das kann niemals geſchehen. Lisbeth liebt Elias. Ich werde niemals die Frau des Mannes, der das Herz meiner Schweſter beſitzt.“ „Biſt Du denn ganz des Teufels!“ rief der Ge⸗ richtsdirektor und hob die Hand, als hätte er die Widerſtreitende ſchlagen wollen, wendete ſich aber in demſelben Augenblicke von ihr ab, indem er ſagte: „Wenn Du nicht bis morgen Abend Deine Ein⸗ willigung zu dieſer Vereinigung gibſt, ſo weiſe ich Dich aus meinem Hauſe.— Geh', ich habe Dir nichts weiter 49 zu ſagen! Zurück!“ fügte er hinzu, als Anna weinend ſeine Hand ergreifen wollte,„ſprich nichts, ich ſtehe nicht dafür, was dann geſchehen könnte. Du haſt mein Urtheil gehört, und daſſelbe iſt nicht abzuändern.“ Anna ſchluchtze laut und eilte aus dem Zimmer. Der Gerichtsdirektor ſchaute ihr nach, wie ein liebe⸗ voller Vater einem geliebten Kinde, das er mit Strenge zu behandeln ſich gezwungen geſehen hat, darauf klin⸗ gelte er und ließ Elias rufen. Was zwiſchen dem Onkel und dem Neffen paſſirte, brauchen wir nicht zu erzählen. Martha hörte ſie laut und heftig ſprechen, es gelang ihr jedoch nicht, das, was geſprochen wurde, zu verſtehen, obgleich ſie an⸗ ſtrengend an der äußeren Thür lauſchte. Doß Lisbeth genannt wurde, davon war ſie jedoch überzeugt. Schwartz, Anna's Geheimniß II. 4 Sechstes Kapitel. Anna war auf ihr Zimmer geeilt und hatte ſich dort eingeſchloſſen. Man rief ſie zum Kaffee, aber ſie blieb, wo ſie war; man rief ſie zum Abendbrod, aber ſie kam nicht, und als das Hausmädchen ſpäter hinauf⸗ kam, um die Betten zurecht zu machen, ſaß Anna in dem äußern Zimmer und ſchrieb. Liſe erzählte Martha, daß die„Kleine“ ganz verweint ausſehe, und Martha meinte, das ſei nicht zu verwundern, weil der Alte ſie tüchtig ausgezankt habe. Als Lisbeth ſpäter hinaufkam, ſaß Anna noch und ſchrieb. „Weshalb hat Onkel Dich ausgezankt?“ fragte Lisbeth, die durch Martha ſchon den Grund wußte. „Weil ich vorige Nacht aus dem Hauſe geweſen 5¹ bin“, antwortete Anna, ohne aufzublicken oder im Schrei⸗ ben inne zu halten. „Nun es iſt ja nicht zu leugnen, daß er Grund zum Mißvergnügen hat“, antwortete Lisbeth und warf ſich aufs Sopha.„Er wird wol wieder gut werden“, fügte ſie faſt kalt hinzu. Anna ſchwieg. Sie blickte die Schweſter an, die fröhlich und guter Dinge ihre feinen Finger beſchaute. „So fröhlich würde ich nicht ſein können, wenn Onkel Dir zürnte“, ſagte Anna endlich. „Oh ja, das würdeſt Du ſchon können, denn Du weißt, daß ſein Zorn nicht gefährlich iſt, wenn er ſich gegen Diejenigen richtet, die er lieb hat. Uebrigens, Anna, bin ich in dieſem Augenblick ſo glücklich, ſo ſehr glücklich. Du haſt geſagt, daß Elias mich liebt, und ich ſelbſt glaube es jetzt auch. Und außerdem freut mich noch Eins.“ Und Lisbeth ſprang vom Sitze auf und warf ſich der Schweſter um den Hals, indem ſie mit anmuthigem Lächeln hinzufügte: „Das Glück macht uns zu Egviſten, und ich bin heute Abend ſo egoiſtiſch. Vergib mir das!“ Sie küßte Anna auf die thränenſchweren Augen⸗ lider und ſagte, ſie würde am andern Tage mit dem Onkel ſprechen, damit er wieder gut werde. * 52 „Du wirſt's erlebeu, daß er morgen die Herzlich⸗ keit ſelber iſt. Er hat heute Abend geſagt, daß ich von ihm verlangen könnte, was ich wollte, er würde ſofort mein Verlangen erfüllen; Du glaubſt gar nicht, wie er meine Geſinnung lobte und von meiner Uneigennützigkeit ſprach Ich bin ſtolz auf dieſes Lob, namentlich weil Elias mir mit lächelnden Blicken zunickte“ Anna ſaß ſchweigend da und hörte dem Geplauder der Schweſter zu. Elias ſei fröhlich geweſen, er habe ſomit keine Theilnahme für ſie, und doch müßte er wiſſen, daß nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſolle, wenn ſie nicht zu den Mahlzeiten hinabkäme. Die arme Anna, ſie fühlte ſich gleichſam von Allen verlaſſen. Der Morgen erſchien, und ehe der Abend einbrach, mußte Anna ihre Antwort abgeben. Sie hatte die Nacht damit verbracht, ihre Sachen zu ordnen und hatte wenig oder gar nicht geſchlafen. Der Tag fand ſie bereit, die Heimath zu verlaſſen, die ſie ſo ſehr liebte. Viele Thränen hatte dies ſonſt ſo fröhliche Mädchen dieſe Nacht vergoſſen; als aber die Sonne ihre Strahlen ausſandte, ſchien ſie ſich vollkommen in ihr Schickſal ergeben zu haben. Sie erhob ſich und ſchlich leiſe auf pie Treppe hinaus, um unbemerkt aus dem Hauſe zu gelangen. Sie wollte noch einmal die Stellen beſuchen, die ſie am meiſten liebte, ſie wollte Abſchied von den⸗ — 53 ſelben nehmen, ehe ſie von dem lieben Ekholm fortge- trieben würde. Sie durchwanderte den Garten und blieb bald hier bald dort ſtehen, um dieſem Gebüſch, jener Bank ein trauriges Lebewohl zuzunicken; danach begab ſie ſich auf die Wieſe hinter dem Garten und zu dem Fluß hinab. In der Nähe des Hauſes des alten Fährman⸗ nes ließ ſie ſich nieder, hier hatte ſie ſeit ihrer Kindheit immer gerne geſeſſen. Sie ging in Gedanken jene ſorg⸗ loſen Tage durch und erinnerte ſich, wie ſie ſeitdem zum Bewußtſein ihrer Pflichten und ihrer Handlungen er⸗ wacht ſei. Und ſie legte die Hand aufs Herz und blickte in den klaren Morgenhimmel hinauf und fragte flüſternd, ob ſie wol das ſtrenge Urtheil verdient habe, welches der Onkel über ſie gefällt hatte. Die Sonne blickte ſo freundlich auf ſie herab und ſchien ihr eine verneinende Antwort zu geben. Anna lächelte die Himmels⸗ königin an, faltete die Hände und erhob ſich endlich nach einem kurzen Gebet. „Wohin ſo früh, ſchöne Maid?“ rief plötzlich eine fröhliche Stimme hinter ihr gerade in dem Augenblick, wo ſie ihren Weg fortzuſetzen beabſichtigte. Das Blut ſchoß ihr in die Wangen, als ſie ſich umkehrte und Elias vor ihr ſtand, einen lächelnden Ausdruck in ſeinen ſtrahlenden Blicken. „Elias!“ rief Anna mit faſt zorniger Stimme. „Es iſt unwürdig, daß Du durch Deine Verfolgungen Kummer und Schande auf mich herabziehſt. Wärſt Du mir nicht nachgegangen, als ich nach Brotsbacken ging, ſo wäre ich auch nicht aus Onkels Haus gejagt worden, wie es jetzt der Fall iſt. Um Himmels Willen, was habe ich Dir gethan, daß Du mich ſtets in ein falſches Licht bringſt, ganz als wenn ich Zuſammenkünfte mit Dir verabredet hätte. Jetzt wird man wieder ſagen, daß ich ausgegangen ſei, um Dich zu treffen. Du haſt mir viel, viel Leides gethan, ich bitte Dich, laß mich dieſe letzten Stunden, die ich noch hier bin, in Ruhe.“ Ohne noch einen Blick auf Elias zu werfen, eilte Anna von ihm fort, aber wenn ſie auch leicht und ſchnell wie ein Vogel davon ging, ſo war Elias doch noch ſchneller und hatte ſie bald eingeholt. „Bleib ſtehen, Anna, und höre mich an!“ rief er. „Onkel hat mit mir geſprochen und ich ſuchte Dich auf, um mit Dir zu ſprechen.“ „Und was haſt Du mir zu ſagen?“ fragte Anna. „Auf Onkels Willen kannſt Du ſo wenig wie ich ein⸗ gehen, und was könnteſt Du mir ſonſt mitzutheilen haben?“ „Ich habe Onkel verſprochen, daß Du meine Frau werden ſollſt.“ „Elias rief Anna in vollem Schrecken, und blickte 55 den jungen Mann an, als habe er ihr einen tödtlichen Schmerz verurſacht. Sie eilte auf's Neue davon, als wollte ſie einer großen Gefahr entgehen. Etias blieb ſtehen und machte keine Miene, die Flüchtende zu ver⸗ olgen. Er ließ ſich auf eine Bank nieder und ſchaute nach dem Häuschen des Fährmanns hinüber. Siebentes Kapitel. Es wurde auf Ekholm wieder zum Frühſtück geläutet, und aus dem verſchiedenen Zimmern begab man ſich in den Speiſeſaal. Alle außer Anna ſtellten ſich ein, aber auf den Geſichtern Aller ſtand zu leſen, daß ihre Gedanken in ungewöhnlicher Richtung hinzogen. Lis⸗ beth, die am Abende vorher die Freude ſelbſt geweſen war, hatte eine zerſtreute und betrübte Miene. Jv⸗ hanna ſah majeſtätiſcher aus, als fie ſeit langem aus⸗ geſehen hatte. Thute ähnelte einer Gewitterwolke; Elias machte ein dummes Geſicht; Conſtantin war ein ebendiges Fragezeichen, fragte äber deſſenungeachtet nicht, unb ver Inſpektor blickte Lisbeth traurig au. Wo iſt Anna?“ ftagle der Gerichtsvirektor mit ſehr barſcher Stimme. 1 57 „Ich weiß nicht,“ antwortete Lisbeth;„ſie ging aus, ehe ich aufſtand.“ „So— o!“ Das Früſtück wurde unter faſt allgemeinem Schwei⸗ gen beendigt. Die einzigen Worte, die geſprochen wurden, war die Frage Johanna's, ob es Jemandem noch zu eſſen beliebe. Man erhob ſich vom Tiſch, und mit ungewöhnlicher Haſt eilte Jeder auf ſein Zim⸗ mer. Mur der Gerichtsdirektor und Lisbeth blieben im Speiſezimmer zurück, augenſcheinlich in der Abſicht, ein Geſpräch einzuleiten. „Soll Anna abreiſen?“ war die erſte Frage, die Lisbeth that, als ſie ſich allein befanden. „Weshalb fragſt Du?“ „Sie hat ihre Sachen eingepackt.“ „Hm, hm, das iſt ganz ver„ ſehr dumm,“ ſprach der Gerichtsdirektor für ſich, ſetzte ſich ans Fenſter, nahm eine Priſe, trommelte mit den Fingern guf dem Fenſterbrett und ſagte nach einer Weile „Wem gab die Tante Anna, als ſie ſe den Juwelenſchmuck?“ „Sie gab ihn Anng, das wirſt Du zicht vergeſſen haben, Hnkel, der Du doch unſer Vormund biſt,“ antwortete Lisbeth und ſah den Gerichtsdirektor ſtaunend an. 58 Ja, das iſt wahr, ich hatte vergeſſen, daß ſie Dir 3000 Thaler ſchenkte, die Dir als Mitgift ausgezahlt werden ſollen, wenn Du Dich verheirathen würdeſt, und im entgegengeſetzten Falle ſtehen bleiben, bis Du fünf⸗ zig Jahre alt geworden wärſt!“ „Ja wohl, ſo iſt es.“ Es entſtand wiederum eine Pauſe; darauf wendete der Gerichtsdirektor ſich plötzlich an Lisbeth, indem er ſagte: iht Du. Anna ſich zur Abreiſe vor⸗ bereitet?“ Lisbeth rnii ſei wahrſcheinlich deshalb, weil der Onkel ihre Entfernung wünſche. „Nicht ſo ganz. Sie zieht es vor, abzureiſen, an⸗ ſtatt mir zu gehorchen,“ antwortete der Onkel und blickte Lisbeth forſchend an. „Was forderſt Du denn von Anna, Onkel?“ frag⸗ te Lisbeth beunruhigt. „Ich fordere, daß ſie ſich mit Elias verheirathet.“ „Das darf nicht geſchehen,“ rief Lisbeth heftig. „Und weshalb nicht?“ Der Gerichtsdirektor ſtand jetzt Lisbeth gegenüber und hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt. „Weil— weil—“ Lisbeh hielt plötzlich inne und brach in Thränen aus⸗ „Ah ſo, dort drückt der Schuh“, murmelte der Gerichtsdirektor und wandte ſich ab in der Abſicht, aus dem Zimmer zu gehen; allein Lisbeth eilte ihm nach und hielt ihn zurück. „Onkel“, rief ſie,„Elias darf Anna nicht heirathen das würde mein Tod ſein.“ Der Gerichtsdirektor lächelte, ſtreichelte Lisbeth die Wangen und ſagte: „Man ſtirbt nicht ſo leicht! Anna wird ſich mit Elias verheirathen, das iſt mein beſtimmter Wille.“ „Aber nicht der meinige“, rief Lisbeth.„So lange ich athme, ſoll das nicht geſchehen⸗ Eher kann Anna bis zum Ende der Welt reiſen.“ Lisbeth eilte in ihr eigenes Zimmer, in der Hoff⸗ nung, Anna dort anzutreffen, allein hier fand ſie nur die bereits ſchon eingepackten Sachen, die daran erinner⸗ ten, daß Anna die gemeinſame Heimath zu verlaſſen„ gedachte. Das rührte jedoch Lisbeth durchaus nicht, ihre Gefühle gegen die Schweſter waren bitter gewor⸗ den, und ſie wünſchte, Anna anzutreffen, um ihr zu ſagen, daß ſie ſich nicht überreden laſſen dürfe, Elias zu heirathen. Lisbeth verließ das Zimmer und begab ſich wieder die Treppe hinab, um Anng zu ſuchen, ging in den Garten und kehrte endlich als ſie auch die⸗ ſen vergeblich durchſucht hatte, nach Hauſe zurück ———————— 60 Auf ihrem Wege begegnete ihr Johanna, die gleich⸗ falls nach Anna fragte. Die Beiden hatten einen Augenblick ſtill geſtanden indem ſie Frage und Antwort wechſelten „Um Gottes Willen, was heißt das!“ rief Jv⸗ hannn plötzlich.„Dort kommt ja Pehr, er trägt Anna!“ Johanna eilte den Letztgennanten entgegen. „Es iſt nicht gefährlich, Tante“, ſagte Anna mit Anſtrengung,„ich habe mir nur meinen Fuß verrenkt und mich am Kopfe wund geſtoßen.“ Jetzt erſt ſah Johanna, daß Anna eine weiße Binde um den Kopf trug, und daß an derſelben Blut⸗ flecken waren. Johanna's gutes Herz war erweicht und das Mitleid drängte alle anderen Gedanken und Ge⸗ fühle gegen Anna zurück. Sofort gab ſie Pehr den Befehl, Anna in ihr eigenes Zimmer hinaufzubringen, und folgte ihr dorthin nach. Es wurde ein Expreßbote nach dem Wz geſandt und man benachrichtigte den Gerichtsdirektor ſofort von dem was vorgefallen war. Mit der Schnelligkeit Leines Jünglings eilte der alte Wikſtrand zu ſeinem kleinen Liebling und fand Annd in einem betrübenden Zuſtande Die Wunde am Kopfe blutete noch und verurſachte ihr großen —— 6¹ Schmerz, der Fuß war geſchwollen und ſchmerzte gleichfalls. Als der Gerichtsdirektor ſich über Anna beugte, ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals und flüſterte „Lieber, guter Onkel, ſei mir nicht böſe, ich ver⸗ tiere den Verſtand, wenn Du fortfährſt, ſo ſtrenge gegen Deine kleine Anna zu ſein. Sie iſt nicht ein verlornes Kind, wie Du glaubſt!“ Und nun war der Alte beſiegt und ganz„verteufelt“ auf ſich ſelbſt ärgerlich, weil er ſo harte Worte zu ſei⸗ nem eigenen lieben Mädchen geſprochen hatte. Er wußte ja beſſer, als irgend Jemand anders, daß ſie ein kleiner Juwel der ächteſten Art ſei Dies und vieles Andere noch ſagte der wegen ſeines Lieblings beunruhigte Onkel, allein er war zuletzt doch gezwun⸗ gen, ſich nür mit Anna's äußern Schäden zu beſchüf⸗ tigen, weil ſie, während er ſprach, plötzlich in Ohn⸗ macht ſiel. 9 Der Arzt kam, verband den Kppf richtete den Fuß wieder ein, und Anna wurde in Tante Johannas Stube gebracht, damit ſié dort ungeſtört liegen könne. So weit war Alles gut undrin beſter Ordnung, aher leider wär das micht genügend, um die Schmerzen Anna's zu indern, Sie venfiel in ein Fieber und phantaſirte. Mehre Tage lang war ſie ſehr krank, ob⸗ „ 62 gleich keine eigentliche Gefahr varhanden war. Als das Fieber endlich nachließ, war die ſonſt ſo übermü⸗ thige Anna ſehr matt und kleinlaut. Der Gerichts⸗ direktor verlebte dieſe Zeit, in der höchſten Angſt. Man ſah ihn fortwährend die Treppen hinauf⸗ und hinab⸗ gehen. Inzwiſchen zankte er Martha aus, weil ſie ge⸗ plaudert, zankte mit Johanna, weil ſie Martha und den andern Dienſtboten erlaubt hatte, von der Sache zu ſprechen, zankte mit Elias, weil er die Urſache ge⸗ weſen war zu den harten Worten, die er Anna geſagt, zankte mit Lisbeth, weil ſie nicht immer bei Anna war, und zankte endlich ſelbſt mit dem Amtshauptmann, wenn dieſer zu Beſuch kam, weil er Theil gehabt habe 7 an dieſer Angelegenheit, die ihn, den Onkel, ſo ſehr gegen Anna aufgebracht hatte. Kurz, er zankte mit Allen, nur nicht mit Anna. Bei einer Gerichtsver⸗ handlung, die gerade während dieſer Tage durchaus ſtattfinden mußte, erlaubte ſich der alte Gerichtsdirektor ſo barſch und heftig zu ſein, wie man ihn noch nie⸗ mals geſehen hatte. Außerdem waren noch andere kleine Verdrüßlich⸗ keiten hinzugekommen. Thure, die rechte Hand des Gerichtsdirektors und ſein beſter Gehilfe, bekam an demſelben Tage, an welchem Anna ſich verwundete, einen. Btief von ſeiner Mutter, in Veranlaffung deſſen er — 63 ſofort von Ekholm abreiſen mußte. Hierdurch hatte der Gerichtsdirektor ſelbſt mehr zu thun als ſonſt, ge⸗ rade zu einer Zeit, wo er ungeſtört und unbeſchäftigt hätte ſein mögen, und obendrein machte es ſich leider ſo, daß gerade während der Tage, wo Anna in der heftigſten Krankheit lag, zwei Ertragerichtsſitzungen ge⸗ halten werden mußten.— Auch auf Johanna hatte die Abreiſe Thures einen höchſt unvortheilhaften Ein⸗ druck gemacht. Erſtlich hatte er ihr nicht den Grund ſeiner plötzlichen Abreiſe anvertraut und ihr nur ge⸗ ſagt, daß er einen Brief von ſeiner Mutter erhalten habe, durch welchen er gezwungen wäre, abzureiſen, und zweitens hatte er ihr beim Abſchiede für alle ihre „mütterliche“ Freundſchaft gedankt und gebeten, daß ſie ihm auch, wenn er wiederkehrte, erlauben würde, ihr ferner ſeine„kindliche“ Ergebenheit zu bezeigen⸗ —— Die arme Johanna! Wenn die Unruhe wegen Anna's Krankheit ſie nicht ſo ſehr beſchäftigt hätte, wie es der Fall war, ſo hätte ihr vielleicht die kindliche Ergebenheit Thure's graue Haare verſchafft, ſo tief war ihr dieſe Aeußerung ins Herz gedrungen. Jetzt mur⸗ melte ſie nur im ärgerlichen Tone, nachdem er ſich ent⸗ . fernt hatte: „Iſt er verrückt geworden, daß er von kindlichen Gefühlen ſpricht zu einer Frau, welche beinahe im, ₰ 64 gleichen Alter ſteht? Sollte ich mich in Thure geirrt haben? Ich will es nicht annehmen.“ Und Johnna ſeufzte, dachte an Anna, an Brots⸗ backen an den Amtshauptmann, verjagte aber wiederum alle die bittern Gedanken, um zu der Kranken zu eilen, aund derfelbe Umſchläge um den Kopf zu machen. Die Krankheit Anna's verſchaffte Lisbeth eine Reihe von ſehr unangenehmen Tagen. Elias hielt ſich ſehr oft in dem kleinen Vorgemach der Tante Johanna auf, um zu erfahren, wie es Anna ging, und während der Mahlzeiten ſaß er ſo ſtill am Tiſch und ſah ſo beunruhigt aus, daß Lisbeth mit der Eiferſucht, die in ihr wohnte, in ſeinem Geſicht zu leſen glaubte, wie warm er ſich für Anna interreſſire. Er zeigte Lisbeth gar keine Aufmerkſamkeit oder Theilnahme, ſondern ſchien ganz zu vergeſſen, daß ſie exiſtirte⸗ Eonſtantin betrug ſich nicht viel beſſer, allein er wat dadurch entſchuldigt, daß er mit Geſchäften über⸗ go Siemußte ſich mit dem Inſpektor begnügen, und dieſer verſäumte dermaßen ſeine Pflichten, nur um ſich inuder Nähe Lisbeth's zu ſonnen, daßlker eines ſchönen Tages als der Gerichtsdirektor ihn in einem Geſpräch mit Lisbethe überraſchten harte Worte hören mußte. Somit war dem armen Mädchen mun auch dieſer An⸗ anh 65 betet verloren gegangen, und die Eiferſucht machte ſie gefühllos für Anno's Zuſtand, unterdrückte jede Theil⸗ nahme und vergrößerte nur ihre Langeweile. Die ge⸗ feierte, aber gefallſüchtige Lisbeth hatte dieſelben Qua len zu leiden, welche Johanna durch ſie gelitten hatte, als ſie die Aufmerkſamkeit Aller von der Tante abzog und auf ſich lenkte. Nach Verlauf einer Woche war Anna ſo weit her⸗ geſtellt, daß ſie ſich anziehen und auf dem Sopha in Johanna's Zimmer liegen konnte; aber es war ihr ver⸗ boten, ſich anzuſtrengen oder das Geringſte zu ar⸗ beiten, namentlich ſich nicht auf ihren kranken Fuß zu ſtützen. Johanna, obwol ſie fortfuhr, die Patientin mit Freundlichkeit zu pflegen, hatte doch wieder genug zu thun mit ihren eigenen Angelegenheiten. Thure und der Amtshauptmann ſpukten in ihren Gedanken. Der Letztere war während der Krankheit Anna's zu wieder⸗ holten Malen auf Ekholm geweſen, um zu fragen, wie die Kleine ſich befände, und hatte dabei ein In⸗ tereſſe für Anna gezeigt, welches Johanna nunmehr für ſehr überflüſſig fand. Thure war noch nicht zu⸗ rückgekehrt und ſeine Worte tönten noch disharmoniſch in den Ohren Johanna's, gleichſam als ſeien es die Schwartz, Anna's Geheimniß. II. 5 66 Kirchenglocken, die über ihrer letzten romantiſchen Illu⸗ ſion läuteten. Der Gerichtsdirektor war, ſo viel er konnte, in Anna's Geſellſchaft, und da Johanna den größten Theil des Tages auch dort verbrachte, ſo hielt Lisbeth nur ſich bei der Schweſter auf, wenn die Andern nicht dort waren. Lisbeth war entweder gereizt oder unge⸗ duldig, oder auch niedergeſchlagen und verſtimmt. Sie klagte über ihre Leiden oder ſie ſaß auch ſchweigend da und machte ein ſaures Geſicht, doch nie war die ſchöne Lisbeth ſo wenig zu ihrem Vortheil aufgetreten, wie während dieſer Zeit, Achtes Kapitel Der Sommer mit ſeinen warmen Tagen begann ſich einzuſtellen, die Sonne glühte, und der Wind ſtrich leiſe durch die Baumwipfel und wehte über die Blu men dahin. An einem ſolchen ſtillen und warmen Tage hatte der alte Gerichtsdirektor Anna aus dem Zimmer Jo⸗ hanna's getragen und ſie auf das Sopha in einem kleinen Vorgemach gelegt. Darauf hatte er ſie verlaſ⸗ ſen, und ſie befand ſich nun allein, da auch Tante Johanna beſchäftigt war. Die Fenſter ſtanden auf, und Blumenduft und Vogelgezwitſcher drangen durch dieſelben hinein und umgaukelten das junge Mädchen. Der kleine zottige Kopf ruhte etwas matt auf dem Kopf⸗ kiſſen und das bleiche Antlitz ſah noch bleicher aus als ſonſt. 5* 68 Anna hielt in der Hand ein ſchönes Blumenbou⸗ quet, deſſen Duft ſie lächelnd einſog, während ſie die prachtpollen Blumen betrachtete. Die Thür ging plötzlich auf, ein Kopf wurde ſicht⸗ und eine fröhliche Stimme fragte: „Erlaubt die Prinzeſſin von Ekholm, daß ich hoch⸗ derſetben meine Aufwartung mache?“ 3 Ghne die Antwort zu erwarten, trat die ganze Perſon ein, ſchloß die Thüre hinter ſich, blieb aber an der Thüre ſtehen. Anna blickte ihn an und die bleichen Wangen färbten ſich lebhaft. Er und ſie hatten einander nicht geſehen, ſeit ſie an der Fährſtelle von ihm davon eilte. „Die Prinzeſſin erlaubt Dir, näher zu treten“ ſagte ſie fteundlich, und verſteckte ſo wit als möglich ihr Geſicht in den Blumenſtrauß. 0 5 Mit einem Sprünge ſtand Elias neben ihr, ergriff ihte Hand und ſagten ne „Zuerſt will ich Dib ein Hurrah bringen, meine Anna) daß Du ondlich vas Bett wieder verlaſſen haſt. Ich war in Verzweiflung während Deiner ganzen Krank⸗ heit; aber jetzt ſoll es wieder fröhlich werden auf Ek⸗ holm. Hätteſt Du Dich nicht wieder erholt, dann wä⸗ ren der Onkel und ich ganz gewiß mit in die Erde ge⸗ 69 gangen, ſo haben wir uns über Deine Krankheit ge⸗ grämt.“ „Nun, dann war es ja gut, daß ich wieder ge⸗ ſund geworden bin“, fiel Anna mit freundlichem Lächeln ein. „Ja wohl, liebſte Anna, wenn ich nicht täglich hier heraufkommen und mit Dir plaudern darf, werde ich alle möglichen Dummheiten begehen. Iſt es eine Manier, daß Du Dir eine Wunde in den Kopf ſchlägſt und Dir die Füße verdirbſt, und zwar Alles, um mir zu entfliehen? Ich habe Dich nämlich ſehr in Verdacht, daß Du damals gerade hingefallen biſt, als Du von der Brücke unten am Fluſſe hinwegeilteſt.“ Elias ergriff jetzt die Hand Anna's, die den Blumenſtrauß hielt; und zog dieſe an ſich heran. „Ja, ſo war es in der That. Ich will Dir mur ſagen, Elias, daß ich ſo erſchrocken war, daß ich ganz beſtimmt bis an's Ende der Welt gelaufen und nie⸗ mals wiedergekommen wäre, wenn ich micht gefallen wäre, und mich verwundet hätte.“ ſrou „Aber, liebe Anna, worüber Du di deun ſo erſchreckt?“ „Das frugſt Du?“ „Ja, wie Du hörſt.“ 70 Anna wurde über und über toth.„Haſt Du ver⸗ geſſen, wovon wir ſprachen?“ ſagte ſie. „Ja, ich habe es vergeſſen“, antwortete Eilas, und ſeine Hand ſchloß ſich feſter um die Hand Annc's und ſein Geſicht ſenktè ſich tiefer in ihren Blumenſtrauß. „Gerade, weil ich während Deiner Krankheit an nichts Anderes, als an unſer damaliges Geſpräch dachte, be⸗ greife ich nicht, weshalb Dich Furcht ergriff. Bin ich denn ein ſo abſcheulicher und häßlicher Menſch, daß ein junges Mädchen bei der Vorſtellung, ich könnte ihr Mann werden, davon eilen muß, als ſei ſie von Furien ge⸗ jagt? Ich meinestheils hätte es ſehr angenehm gefun⸗ den, wenn wit in aller Ruhe davon hätten ſprechen können, wie wir die Sache zur Zufriedenheit des On⸗ kels betreiben ſollten. Wäreſt Du ſtehen geblieben und hätteſt mich angehört, dann wäre uns viel Unangeneh⸗ mes erſpart worden. Aber ſo geht es, wenn man zu ängſtlich iſt.“ „Aber Elias, Du ſagteſt nicht, daß Du mit mir ſprechen und überlegen wollteſt, ſondern blos, daß Du — daß Pu „Ich fand den Vorſchlag des Onkels ſehr gut, aber miein Gott, Anna, war denn das ſo fürchterlich?“ Elias blickte ſie lächelnd an⸗ „Wenn Du denſelben gut findeſt, ſo iſt es in der — ——— 7¹ That gefährlich und ſchlecht von Dir“, fiel Anna leb⸗ haft ein;„es war ein ſehr trauriger Tag, an welchem ich mich verwundete. Des Morgens war ich ſo reich an Freude und hatte das Leben ſo herrlich gefunden, daß ich mit Niemand tauſchen mochte; ich war mir be⸗ wußt, daß ich ein beſſerer Menſch geworden, daß ich meine Pflicht gethan und daß ich Recht hatte, mich da⸗ rüber zu freuen. Ich träumte davon, wie es der klei⸗ nen übermüthigen Anna gelingen würde, die verlorene Harmonie und Eintracht noch wieder hervorzubringen, daß ich die Herzen zuſammenführen könnte, die für ein⸗ ander geſchaffen waren. Allein ich ſollte bald erfahren, daß man ſich den Träumen, die uns Glück vorſpiegeln. nicht hingeben darf. Das Glück iſt treulos, und wie treulos es gegen mich geweſen, das habe ich empfunden, als der Zorn des Onkels mein Herz zerriß und mich eben ſo unglücklich machte, wie ich vorher glücklich geweſen war. Sein Urtheil. daß ich Dich heirathen ſollte, war gleich einem Todesurtheil. Ich ſollte das höchſte Glück Lisbeth's von ihr nehmen; ich ſollte Dich an mich ket⸗ ten, an mich, die Du nicht liebſt, lieber Elias. Wenn mir noch einmal dergleichen drohen ſollte, ſo laufe ich, bis ich wieder falle und mich aufs Neue verwunde.“ „Wäre es denn ein ſo gryßes Unglück für Dich, mich zu heirathen?“ fragte Elias. 7261 „Ganz göwiß, ich kann mir kaum ein größeres Unglück denken, Du liebſt Lisbeth, und Lisbeth—“ Halte einen Augenblick inne und laß uns den er⸗ ſten Punkt unterſuchen. Geſetzt, ich wäre in Lisbeth nicht verliebt Elias, fange mur nicht ſo wieder an, ſonſt ſpringe ich wahrhaftig durch's Fenſter hinaus“, unterbrach ihn Annaund erhoöb ſich heftig von ihrem Lager⸗ Elias legte ſeine Hand auf ihren Arm und drückte mit ſanfter Gewalt das kleine unruhige Weſen wieder in die Kiſſen zurück indem er ſagte: „Still, ſtill, Anna, höre mich mit Ruhe an. „Was ich zu ſagen habe, wird eines Tages früher oder ſpäter über meine Lippen gehen, Du und ich müſſen einander verſtehen, und deshalb h Du die Sprache der Wahrheit hören. Wohldenn ich erkläre Lir hiermit, daß ich Lis⸗ beth nicht mehr liebe, ſeitdem ich wieder mach Ekholm zurückgekehrt bine Das Gefühl, welches eich einſt für ſie hegte, iſt ausgeſtorben und kann nicht wieder aufleben. Ohne Liebe cheirathe ich niemals, und nachdem ich Dir dies in allem Ernſt erklärt habe, bitte ich Dich, die Meine zu herden womit ich Dir auch geſagt habe, was mein Herz für Dich fühlt.“ Elias ſchwieg; Anna's Geficht war ganz in den Blumenſtrauß verſteckt. Elias betrachtete ſie, wie) ſie dort ganz ruhig lag, vhne irgend welche körperlichen Regung und ohne ein Wort zu ſagen Envi vernahm er einen Laut wie Schluchzen. ſrnu tnu ni Heftig zog Elias den Blumenſtrauß von“ Annas Antlitz hinweg und ſagte:„Was, Anna, Dus weinſt? Es ſchmerzt Dich ſomit, daß ich Dich liebe?“ „Ja, das ſchmerzt mich ſehr, ſehr; Deine Worte haben mich tief getroffen, ſo daß ich niemals 1 froh ſein werde.“ „Iſt es denn ein ſo großes Unglück, von mir ge⸗ liebt zu werden?“ „Daran denke ich nicht, ich denke nur an Lisbeth, die ſich niemals darüber tröſten wird, Deine Liebe ver⸗ loren zu haben.“ n „Weine nicht über Lisbeth. Sie liebt mich nicht, und thäte ſie es auch, ſo würde dies nichts an unſerer Lage ändern können Ich werde ſie nienials heirdthend Dich liebe ich von ganzem Horzen, und wenn Dinnicht die Meine wirſtidunbitnnt dunodnatfopsun iſi 920 „Aber ich werde miemals die ve terbrach ihn Annaphich werde niomals an Dich Flauben 6 können. Geh' jetzt“) ücie e mit n hinzu. Elias war nicht gerüdezu eehuben ſüne äls 74 aber Johanna in demſelben Augenblick eintrat und fragte, ob es mit Anna ſchlechter ſtände, entfernte er ſich. Nach dieſer Szene verſtrich eine ziemliche Zeit. Anna's Kopfwunde war geheilt, die Binde ver⸗ ſchwand, und auch das Fußübel war halb und halb gehoben. Deſſenungeachtet war ſie nicht mehr das fröhliche Mädchen, ſondern machte eher den Eindruck eines Vo⸗ gels, dem die Flügel beſchädigt worden und der da⸗ durch den Muth verloren hat. Der Gerichtsdirektor trug ſie in den Garten hinaus, wenn es ſchönes Wet⸗ ter war, und that Alles, was ſie erheitern konnte. Sie lächelte dankbar zu allen ſeinen Beweiſen von Zärtlichkeit und beſtrebte ſich auch, fröhlich auszuſehen, wenn er gegenwärtig war. Aber er bemerkte dennoch, daß ſich nicht alles in Ordnung befand. Endlich vermochte Wikſtrand nicht länger ſeine kleine fröhliche Lerche ſo betrübt zu ſehen, ſondern ſuchte ſie eines Tages auf, als Johanna und Lisbeth in den Pfarrhof gegangen waren. Er ſetzte ſich neben Anna, die unter dem Schatten eines großen Baumes im Hofraum ruhte. „Wie geht Dir's, mein Kind“, ſagte er.„Mir ſcheint, Du biſt ganz verteufelt betrübt geworden in der letzten Zeit. Worüber grübelſt Du? Du denkſt doch wol nicht immer an meine ſtrengen Worte an jenem Morgen? Du begreifſt, daß die Geſchichte längſt ver⸗ geſſen iſt und daß ich Dich nicht zu etwas zwingen will, was Dir zuwider iſt.“ Anna legte den Arm um den Hals des Onkels und drückte ſich an ihn, indem ſie ſtammelte: „Liebſter, beſter Onkel, ich würde, wenn Du noch die Abſicht hätteſt, mich dazu zu zwingen, Dir nicht gehorchen können, und deshalb— deshalb hoffe ich und bitte, daß Du nicht mehr davon ſprichſt.“ „Nun ſei nicht mehr ſo traurig, nimm Dich zu⸗ ſammen und ſage mir, was Dir eigentlich am Herzen liegt. Biſt Du verliebt?“ Anna umſchlang den Onkel noch feſter und flüſterte: „In Trauer darüber, daß Elias nicht mehr Lisbeth liebt, jetzt, wo ſie ihre ganze Hoffnung und ihr ganzes Glück auf ihn geſetzt hatte.“ Der Gerichtsdirektor begann zu pfeifen. „Onkel“, rief Anna heftig,„Du darfſt Lisbeth nicht verkennen. Sie iſt kindiſch und eitel geweſen, aber ſie iſt im Grunde gut und hat auch ein warmes Herz. Ich weiß am beſten, wie tief ſie an Elias ge⸗ 76 feſſelt iſt. Wenn ich die Beiden nicht vereinigt ſehe, ſo werde ich niemals wieder fröhlich werden.“ „Das würe ganz verteufelt. Aber beruhige Dich, Mächen, ich muß ſehen, es ſo zu machen, daß Du Dich wieder am Leben freuen kannſt.“ „Aber Elias hat mir erklärt, daß— daß— daß er Lisbeth nicht liebt, daß er ſich niemals mit Jemand Anderen verheirathen will, als mit mir. Deshalb bin ich ſehr betrübt.“ Wikſtrand blickte Anna mit einem verſtohlenen Blick forſchend an. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er: „Ich glauhe nicht, daß Du Dich ſehr über Elias Worte zu ärgern brauchſt, denn wenn er jetzt Dich zur Frau haben möchte, ſo mag das vielleicht daher kom⸗ men, daß er meint, in Folge dieſer Nachtwanderungen erheiſche es ſeine Ehre, Dir eine ſolche Genugthuung zu geben, namentlich weil ich es von ihm gefordert habe. Lisbth hat ſeine Eigenliebe verwundet, und deshalb glaubt er, daß es aus iſt mit ſeiner Neigung für ſie. Ich meinestheils habe eine andere Ueberzeugung, und ich vetſpreche Bir, ich werde die Sache ſchon in Ord⸗ nung bringen das heißt, nur unter der Bedingung, daß Du wieder meine kleine fröhliche Anna wirſt.“. „Hh⸗ das werde ich, das werde ich ganz gewiß“, rief Pina, indem ſie den Kopf Shob und den Onkel mit lächelnder Miene anſah. 77 „Warte, ich habe noch ein Paar Bedingungen, be⸗ vor ich mich in dieſe Sache miſche; Erſtens will ich wiſſen, weshalb Du Dich weigerſt, mir Dein Geld zu leihen, und zweitens will ich wiſſen, was Du beim Amtshauptmann in jener Nacht machteſt, wo man Dich im Walde zuſammen mit Elias geſehen hat. Wenn ich Deinen Wünſchen entgegen kommen ſoll, ſo mußt Du auch den meinen entgegen kommen.“ Anna ſenkte wiederum ihten Kopf und legte die Arme um den Hals des Onkels, indem ſieh flüſterte „Nicht einmal um den Preis von Elias Glück kann ich Dir das ſagen, Onkel“ Sie drückte ihre Lippen an ſeine Wangen und fügte hinzü:„Wenn Du Deine kleine Anna lieb haſt, ſo glaube ihr, wenn ſie heilig verſichert, daß ſie nicht kann, nicht ſägen vatf, was Du zu wiſſen wünſcheſt. Sei überzetigt, vuß mein Schweigen nichts votheitlicht, wis mich Deier Libe unwürdig macht.“ im ſi sun 3 änd tüun werde ſomit gezwungen ſein, Deine Wünſche i guten Glauben zu erfüllen ungewiß, 6oici n hä Güte verdienſt pder ſicht. Das iſt ein wenig viel ver⸗ langt. Ich zwerde übrigens doch die Wahrheit hetaus bringen, oder ich müßte nicht der ſchlaug Witſtrand ſein, 78 wie man mich nennt. Eins mußt Du mir jedoch ver⸗ ſprechen, nämlich Du darfſt mit Elias nicht von Lisbeth reden. Kannſt Du mir das verſprechen?“ „Das kann ich.“ „Gut, dann werde ich den jungen Herrn zu bear⸗ beiten beginnen.“ Anna hatte keine Worte für ihre Dankbarkeit, ihr kleines Geſicht veränderte ſich und erhielt wieder den alten lebhaften Ausdruck, die Augen ſtrahlten auf's Neue vor Freude. Eine Woche nach dieſem Geſpräch ſprang ſie ſchon im Garten umher, auf einen Stock geſtützt, und bald darauf war ſie vollkommen hergeſtellt. Man vernahm nun wieder überall ihren fröhlichen Geſang und ihr lautes heiteres Lachen. Trotz alledem war ſie nicht die⸗ ſelbe wie ehedem. Ihre Freude war nicht mehr ſo übermüthig, ihre Art und Weiſe nicht ſo herausfordernd und weit angenehmer jetzt, wo ihre Fröhlichkeit ihre beſtimmten Grenzen hatte. Es kamen ſogar Augenblicke, wo ihr kleines voſiges Antlitz ſehr ernſt und ſinnend ausſah, allein ohne daß ein Schimmer von Trauer dort zu finden war. Ihr lebhaftes und bewegliches Gemüth hatte nicht mehr dieſelbe nutzloſe Unruhe, ſon⸗ dern zeigte oft den Wunſch nach nützlicher Beſchäftigung, was ihr Alles ſehr wohl ſtand. Sie ſtickte nicht und 79 nähte auch nicht, aber wenn zuweilen die Familie ver⸗ ſammelt war, ſaß ſie unbeſchäftigt plaudernd und ſcher⸗ zend, in der Regel mit Thure, dem ſie nach ſeiner Rück⸗ kehr mit großer Freundlichkeit begegnete. Sie gewann jedoch die Zeit, die ſie ſolchergeſtalt verſäumte, wieder dadurch, daß ſie des Morgens früh aufſtand und nähte und arbeitete, während die Schweſter ſchlief. Den Tag über war ſie behilflich in der Haushaltung, ging in die Milchkammer, in den Garten und überall hin, wo ſie etwas Nützliches beſorgen konnte. Johanna war nicht gerade ſehr geneigt geweſen, Anna in die Milch⸗ kammer eintreten und überhaupt in der Haushal⸗ tung mitwirken zu laſſen, allein ſie mußte ſich fügen, weil Bruder Magnus es ohne Weiteres verlangte. An⸗ fünglich mißhagte dies Johanna derartig, daß ihre Freundlichkeit gegen Anna verſchwand und die frühere feindliche Stimmung wieder eintrat. Anna erinnerte ſich jedoch immer, wie gut und liebevoll Johanna ſie während ihrer Krankheit gepflegt hatte, und zeigte eine unerſchöpfliche Geduld. Der Amtshauptmann kam öfter nach Ekholm, allein er kam nicht mehr wegen Johanna's, das ſah man ſehr wohl denn ungeachtet Johanna ihre ganze Liebenswürdigkeit aufbot, zeigte er ihr doch nicht die frühere Aufmerkſam⸗ keit, ſondern er beſchäftigte ſich größtentheils mit Anna, 80 ſehr oft ausſchließlich mit ihr. Dies ſteigerte gleichfalls ihren Wunſch, den einſt verſchmähten Freier wieder er⸗ obern zn können. Schritt für Schritt ging die Eifer⸗ ſucht, und Fohanna vermochte ihre Gedanken nur zwi⸗ ſchen Thure und dem Amtshauptmann zu theilen. Sie dachte jetzt nicht mehr an Lisbeth und Elias, ärgerte ſich nicht mehr darüber, daß Conſtantin Tag für Tag immer verliebter ausſah und daß der Inſpektor alles verkehrt machte, wenn Lisbeth ſich in demſelben Zim⸗ mer aufhielt, wie er Thure hatte nach ſeiner Rückkehr nach Ekholm Jv⸗ hanna verdoppelte Artigkeit erzeigt und ſo viel von ſeiner Dankbarkeit und Ergebenheit geſprochen, daß Jo⸗ hanna wiederum an ein wärmeres Gefühl ſeinerſeits als das der Freundſchaft zu denken begann. Wäte der unglückliche Wunſch, die Frau von Brots⸗ backen zu werden, nicht wieder in Johanna's Bruſt er⸗ wcht, ſo hätte ſie ſich ganz gewiß ſehr glücklich gefühlt durch die Aufmerkſamkeiten, die ihr von Seiten Thure's erzeigt wurden. Dieſe Freude war jedoch jetzt von un⸗ ketgeordnetem Werthe Lisbeth ihrerſeits ſtrengte ſich aüf's Aeüßerſte an, Elias wieder zu gewinnen und wurde während dieſer Beſttebungen kalt und launen⸗ haft gegen alle Anderi. Auch ſie wurde von Eiferſucht behertſcht, und ſie ſowol wie Ibhanna dachten: ——— — 8¹ Wie wird es mir gelingen, Anns den Rang abzu⸗ laufen? Und Anna, die ſich ſonſt ſehr bemühte, die Zufrie⸗ denheit der Tante zu erlangen, vermochte ſich doch nicht zu enthalten, dann und wann mit derſelben zu ſtreiten, wenn der Amtshauptmann anweſend war. Ja, es kam ſogar ſo weit, daß Johanna dann und wann eine Nacht ſchlaflos verbrachte, und eine Art Haß gegen Anng in ihr rege wurde. Eines Nachmittags, als man unter der großen Linde verſammelt war, um Kaffee zu trinken, wurde Anna vermißt. Das Hausmädchen erhielt den Auftrag ſie zu ſuchen, ſagte aber, daß Fräulein Anna gleich nach Mittag fortgegangen ſei und erklärt hahe, daß ſie die Katharina beſuchen werde. Johanna war gerade im Begriff, Kaffee einzu⸗ ſchenken, als Luiſe dieſen Rapport abgab und begoß deshalb den ganzen Kaffeetiſch. Elias erlaubte ſich hierüber zu ſcherzen und Johanng entgegnete ihm ſcharf: 5 i „Es wäre ſehr gut, mein lieber Elias, wenn es keine anderen Flecken gäbe, als die hier auf dem Kaffee⸗ tiſch, und wenn keine größeren Fehler begangen wür⸗ den, als den Kaffee zu verſchütten“ Fohanna warf ſo⸗ gleich einen herausfordernden Blick auf Lisbeth⸗ und 6 Schwartz. Anna's Geheimniß. I. 82 dieſe, die auch bei guter Laune war, fragte plötzlich, was die Tante wol damit meine. „Ich meine, daß es viel beſſer wäre, wenn Elias ſich mit den langen und myſtiſchen Promenaden der Anna beſchäftigte, als mit dem daneben gegoſſenen Kaffee“ erklärte Johanna und wurde purpurroth. Der Inſpektor, der einzige Herr, der außer Elias zugegen war, verſchlang den Inhalt ſeiner Taſſe mit unglaublicher Schnelligkeit, verbeugte ſich und eilte aus dem Zimmer. Als er ſich entfernt hatte, wandte ſich Elias an die liebe Tante mit einer ernſten Zurechtwei⸗ ſung. Er ſprach ſo ſcharf, daß Johanna ſich nicht erin⸗ nerte, ihn jemals ihr gegenüber ſich ſo äußern gehört zu haben. Zuletzt richtete er ſich empor und ſagte mit vie⸗ ler Ruhe:„Ich hätte niemäls geglaubt, daß der Neid einen wohldenkenden Menſchen dermaßen auf Irrwege bringen könne, wie es mit Dir jetzt der Fall iſt, Tante, odet daß derſelbe ſo weit gehen könnte, daß Lisbeth ſchlecht von ihrer Schweſter ſpricht.“ Elias beabſichtigte, das Zimmer zu verlaſſen, aber Johanna legte ihre Hand auf ſeinen Arm und deutete durch's Fenſter in die Allee hinaus. „Wer kommt dort?“ frug ſie„Du wirſt Dich vielleicht genöthigt finden, zu geſtehen, daß ich nicht ſo — —— 83 ungerecht urtheile, wenn ich Anna beſchuldige, daß ſie berechnend iſt. Denke an meine Worte, wir werden bald eine Verlobung haben. Das ſchlaue Mädchen weiß ſchon, was ſie will, und Frau Amtshauptmann zu werden, iſt nicht ſo übel. Anna iſt ſehr klug, erinnere Dich deſſen.“ Elias blickte in die Allee hinaus, in welcher der Amtshauptmann in ſeinem Gig angefahren kam. In demſelben neben ihm ſaß Anna und plauderte gans fröhlich mit dem Kutſcher. Elias Wangen glühten, indem er dachte: „Sollte es möglich ſein, daß Anna, die kleine fröhliche Anna, die ich ſo lieb habe, daß ſie beabſich⸗ tigen ſollte, ſich mit dem alten Amtshauptmann zu ver⸗ heirathen, weil er reich iſt?“ Elias beeilte ſich, hinunterzugehen, als das Fuhr⸗ werk anhielt. Was er dachte, indem er den Amtshaupt⸗ mann begrüßte, wiſſen wir nicht, als er aber Anna aus dem Wagen hob, ſah er ſo zornig aus, daß ſie nicht unterlaſſen konnte, zu fragen: „Iſt etwas Unangenehmes pa ſſirt? Du haſt ja eine merkwürdige feierliche Miene!“ „Nicht, daß ich wüßte“, war die Antwort⸗ Der Amtshauptmann begrüßte Johanna und Lis⸗ beth, ſagte ihnen einige Komplimente und fragte darauf 6* 84⁴ nach dem Gerichtsdirektor Als man ihm antwortete, derſelbe ſei nicht zu Hauſe, ſetzte er ſich nicht auf den Stuhl, den Jvohanna ihm mit einem verbindlichen Lächeln anbbt, ſondern erklärte, daß er nur nach Ek⸗ holm gekommen ſei, weil er Anna habe hinüber fahren wollen; er habe ſehr wichtige Sachen vor und könnte ſich nicht aufhalten. Johanna wurde purpurroth und beugte majeſtätiſch ihren Kopf, als der Exfreier Abſchied nahm. Der Gig rollte davon, und Johanna war wo möglich noch zorniger als vorher. Anna hatte ſich auf einen der Gartenſtühle geſetzt, ſchenkte ſich eine Taſſe Kaffee ein und ſchaute die An⸗ weſenden verwundert an⸗ „Was in aller Welt habt Ihr denn!“ rief ſie endlich.„Seid Ihr krank, böſe, oder was iſt ſonſt vorgefallen? Du, Lisbeth, haſt eine Miene, als wenn Du Dich mit Elias gezankt hätteſt und als wenn— „Ere beabſichtigte, Dich zu fragen, wann Deine Verlobung mit dem Amtshauptmann ſtattfinden ſoll“, fiel Elias mit angenommener Fröhlichkeit ein. Ann chte; trank ihren kalten Kaffee und er— Härte, aß man nicht getahe ſo ſehr lange zu warten haben würde, um die Vtobtnis des Amtshauptmanns zu erfahren. Darauf eitte ſie in den Hofraum, wo ein ätmer zerlumpter Mann und zwei ganz nackte ₰ 85⁵ Kinder zum Vorſchein gekommen waren. Dieſelben ſtanden noch da, zweifelhaft, ob ſie ſich weiter wagen dürften. Anna wechſelte einige Worte mit dem Mann, zeigte ihm und den Kindern den Weg zur Küche, ſprang wieder in das Hauptgebäude, kam von dort wieder heraus und lief eiligſt in die Küche mit einem Bündel Kleider unter ihrem Arm. Johanna ſah dies Alles, that aber, als wenn ſie nichts bemerkte. Sie war ſonſt armen Leuten gegenüber ſehr mitleidsvoll, aber für den Augenblick hatte keine Theilnahme in ihrem Herzen Raum. Elias hatte eine Cigarre angezündet und begann ſchweigend zu rauchen, während er Lisbeth, die daſaß und ſtickte, betrachtete. Nach einer Weile begab ſich Johanna in ihr Zimmer. Lisbeth ſchlug Elias eine Promenade vor, aber er mochte ihr nicht folgen. Geſchäfte im Comtvir, ſagte er, hielten ihn ab, er müſſe noch bis Abend arbeiten. In ſolcher Weile trennte man ſich. Lisbeth ging allein in den Gatten! ſie ſcch ſehr mißgeſtimmt aus. Elias hatte in der That die gute Abſicht, ſich in das Comtvir zu begeben um dort zu arheiten, aber er wurde davon abgehalten, indem er Anng aus der Küche heraus⸗ kommen ſah. Er trat ihr entgegen. „Iſt es Anng, was man behauptet?“ 86 „Nun, was behauptet man denn?“ Anna ſchaute ihn mit einem fröhlichen Blicke an. .„Daß Du auf Brotsbacken ſpeculirſt; ſage mir ehrlich und offen, als wenn Du vor Deinem Gott ſtändeſt, haſt Pu jemals daran gedacht?“ 6„Niemals!“ entgegnete Anna mit einem offenen Blick;„haſt Du wirklich ſo etwas glauben können?“ Eigentlich nicht, aber die Worte der Tante be⸗ gannen mich doch zu beunruhigen— und ich geſtehe, daß ſie mich ſehr ſchmerzten. Du biſt ſehr ſonderbar . vertraut mit dem Amtshauptmann, daß—— Anna lachte laut auf, ſie hängte ſich an Elias Arm und zog ihn mit ſich in den Garten. Er folgte ihr willig und vergaß ganz, daß er der ſchönen ein⸗ nehmenden Lisbeth ſeine Begleitung verweigert hatte. Was Anna Elias anzuvertrauen hatte, wird über⸗ lüſſig ſein zu ſagen, aber was wir nicht verhehlen vürfen) iſt, vaß Lisbeth, nachdem ſie ſich in eine der Luuben nievergelaſſen hatte, Elias Aem in Arm mit Annd btbeigehen ſah. Der erſte Eindruck bei ihr wat der, daß ſie ſich erheben wollte, um ihnen entgegen zü gehen und Elias zu erklären, vaß ſie niemals die Beleidigung vergeben würde, bie er ihr zugefügt hatte. n nächſtei Augenblick abet brach ſie in Thränen aus 87 und blieb ſitzen. Sie fühlte ſich ſehr unglücklich und eine tiefe Erbitterung hatte ſich ihrer bemächtigt. Lisbeth wollte und mußte ſich rächen, ſie wollte die Treuloſigkeit Anna's beſtrafen; ſie drückte die Hände an ihre Bruſt und preßte die Lippen zuſammen, um die Worte des Zornes zurückzuhalten, die über dieſelben zu geben drohten. Mit Blicken der Eiferſucht verfolgte ſie die Schweſter und Elias. Eine unwider⸗ ſtehliche Luft, durch einen heftigen Schrei ihrem Ge⸗ fühlen Luft zu machen, ergriff ſie, als ſie ſah, wie fröhlich und vertraut die Beiden miteinander ſprachen. Zuletzt wurde es ihr unmöglich, das mitanzuſehen; ſie eilte aus ihrer Laube und ging nun doch direkt auf Anna und Elias zü. „Das iſt ja erſchrecklich, was Du viel zu arbeiten haſt“, rief Lisbeth in einem Tone, der ſcherzhaft ſein ſollte, aber ſehr bitter klang. „Verzeih mir, beſte Lisbeth“, fiel EFlias lachend ein.„Ich hatte wirklich Eile, aber Anna kam aus der Küche heraus, und da mußte ich doch ſehen, ob ich mir von ihr nicht Auskunft verſchaffen könnte, wann die Verlobung mit dem Amtshauptmann gefeiert werden ſpll.“ Lisbeth's Geſicht erheiterte ſich ein wenig, mit ei⸗ nem ironiſchen Lächeln fragte ſies 1 „Nun, und Deine Neugierde wurde pl Gaiz gewiß, und Du wirſt ſehen, Lisbeth, daß wir bald bei dem Verlobungsfeſt tanzen werden; ich bin ſehb erfreut bei dem Gedanken, ſo erfreut, daß ich ſogar gleich zu tanzen anfangen möchte.“ Elias umarmte Lisbeth und ſchwang ſie nieheen Male im Kreiſe herum. Das hübſche Mädchen dachte, Elias würde doch wol unmöglich jetzt ſo erfreut ſein können, wenn er das al⸗ lergeringſte Gefühl für Anna hätte. Laut ſagte ſie„Laß mich los, Elias, und ſprich vernünftig. Wer wird ſich verloben?“ „Der Amtshauptmann, das hörſt Du ja. Auf Brotsbacken wird nächſtens ein großer Ball ſein. Ja, ja, Lisbeth, während Du Körbe austheilſt, verloben ſich Andere, die man gar nicht im Verdacht einer Ver⸗ lobung gehabt hat. Nun, meine ſchöne Dame, werde ich Dich aber verlaſſen ich 86 in der Tha in's Bureau“ o Er ließ Lisbeth los und ging mit ſcndlen Schrit⸗ ten mach der Tteppe der Terraſſe und dem Hofe zu. Die beiden Mädchen nſtanden und blickten einander an. Antn ah fprſchend auf die Schweſter, und Lisbeth be⸗ trächtete Anne mit zweifelnden Blicken— Was ſoll das Alles cheißentt, endlich, i. DuDicht werlbben0 notcol oſoic ſu Ber Amtshauptmann tuubſihtigen eine 6in heim⸗ 89 zuführen und dagegen, liebſte Lisbeth, n Du doch wol nichts einzuwenden haben 6 nod ſod alnd ic „Gewiß nicht, aber daß Du, ein neeht Mädchen, den Amtshauptmann heirathen niſi dase geſtehe ich, kann ich nicht begreifen.“ u önilO thäteſt am klügſten, gar nicht zl denken“, ſagte Anna,„auch ich wünſche nicht, daß wir darüber ſprechen. Die Sache wird ſich entſcheiden, und Onkel wird ſein Ja dazu ſagen, und wenn das ge⸗ ſchehen iſt, werde ich reden und Dir Alles erzählen, was ich weiß. Aber jetzt, liebſte Lisbeth, möchte ich doch eher erfahten, weshalb Du eine ganz beſondere Miene annahmſt, als Du auf mich und Elias zu⸗ kamſt.“ Lisbeth ſchwieg und blickte(zu Boden⸗ W antwortete ſie mit matter Stimmen dn chi „Anna, ich bin eiferſüchtig, und ich bin es ge⸗ weſen ſeit der Nacht, wo Du mit Elias ſpatziren gingſt. Vergieb mir“) fügte ſie hinzu, und legte ihre Hände auf Anna's Schulter„aber inn meinem Innernlkiſtneine ſolche Aufregung geweſen, daß ich gar kein freundlichese Gefühl gegen Dich habe hegen können Achslächeiß⸗ daß es Unrecht von mirggeweſen liſt; caberſich habe es im Verlauf dieſer letzten Woche erfahrenhicwie Fehpich Elias geliebthaben Wenndertſein Herz einer Anderen 90 ſchenkt, ich fühle es, daß ich dann grenzenlos unglück⸗ lich ſein werde, ja ſo unglücklich, daß——“ Lisbeth ſchwieg plötzlich, denn das roſige Geſicht Anna's wurde blaß„Weshalb erbleichſt Du?“fragte ſie. „Weil ich es immer unheimlich finde, wenn Du übertreibſt. Es iſt ja möglich, daß Elias, beleidigt von dem Korb, den Du ihm gegeben haſt, niemals wieder dahin gelangt, Dir ſein Herz und ſeine Hand anzu⸗ bieten.“ „Und das könnte geſchehen!“ ſchrie Lisbeth, indem ſie ſich von Anna zurückzog.„Dann haſt Du mich betrogen, indem Du verſicherteſt, daß er mich noch liebe. Oh, nun ſehe ich wohl, wie es zuſammenhängt, daß Du ſo geſprochen; um mich in Sicherheit ein⸗ zuwiegen, während Du ſelbſt Dich ihm zu nähern ſuchteſt. Oh, ich ſehe jetzt klar, wie falſch und intri⸗ guant Du biſt, und die Tante hat Recht, wenn ſie dies behauptet, wenn ich es auch nicht glauben wollte.“ Während Lisbeth ſo ihrer Heftigkeit die Zügel ſchießen ließ, begann Anna langſam nach der Laube zu gehen. Lisbeth folgte hinterdrein. „Komm mit in die Laube“, ſagte Anna, indem ſie ſich plötzlich gegen Lisbeth wandte„Wozu nützen dieſe ewig ſich wiederholenden Ausbrüche von Heftigkeit? Sie ermüden, ohne Dich näher zum Ziele zu führen. . F — 94 Du magſt annehmen, daß ich mich geirrt habe, als ich glaubte, Elias hege noch dieſelben Gefühle für Dich, wie damals, als er nach Norwegen abteiſte Ich halte es für meine Pflicht, Dir das zu ſagen, und ich über⸗ laſſe es Dir ſelbſt, Dir Gewißheit hierüber zu ver⸗ ſchaffen. Elias hat mir geſagt, daß Du ihn tief be⸗ leidigt haſt, und ſeine Worte laſſen mich annehmen, daß die Liebe zu Dir nicht eine ſolche iſt, wie ich vorausgeſetzt hatte. Möglicherweiſe kann ſie wieder zurückkehren, aber dann mußt Du Deine Gefallſucht, Dein heftiges und launenhaftes Weſen zu beſiegen ſuchen. Und jetzt verlaſſe ich Dich, ich will nicht Deine einfältigen Anklagen mitanhören und will nicht Zeuge ſein, wie der Zorn Dich verunziert.. Anna nickte der Schweſter zu und verließ ſ Sie begab ſich durch den Garten nach dem Fluſſe, wo der kleine Fährkahn lag. Anna ſchritt immer langſa⸗ mer längs des Ufers des dahinbrauſenden Gewüſſers, ſenkte den Kopf und ſann über Manches näch. Ihr krauſes Haar flatterte im Winde, der kleine Sommer⸗ hut ſah aus, als wäre er auf der Flucht begriffen, er erhob ſich bald ein wenig vom Kopfe, bald lag er wieder feſt auf demſelben, alles, ohne daß dies die tiefe Ueberlegung des Mädchens zu ſtören vermochte Was mochte wol Anna denken? ½ 92 Sie dachte daran, daß ſie Elias ſehr lieb hatte, dachte, daß es wol für ſie das höchſte Glück geweſen wäre, wenn ſie ſeine Frau hätte ſein dürfen. Hieran dachte Anna, aber es war ihr hierbei vollkommen klar, daß ſie niemals glücklich ſein würde, wenn ſie ihr Glück mit dem Kummer ihrer Schweſter Lisbeth erkau⸗ fen ſollte. So weit war Anna gelangt, als ſie plötzlich auf Thure ſtieß, der gerade aus der Fähre an's Land ſtieg. Anna nickte ihm grüßend zu und beabſichtigte ihren Weg fortzuſetzen. Seitdem ſie wiederhergeſtellt war, hatte ſie ſich nur wenig mit dem jungen Juriſten ein⸗ gelaſſen. Es war, gls wenn ſie, nachdem ſie aufge⸗ hört hatte, ihn zu reizen, auch keine angenehme Be ſchäftigung darin fände, mit ihm zuſammen zu ſein. Thure dagegen hatte gerade während der letzten Zeit ſehr oft Anngs Geſellſchaft geſucht, und zwar in der löblichen Abſicht, ein Geſpräch unter vier Augen mit ihr führen zu können. Bis jetzt war ihm dies nicht gelungen, nun ſchien ihm endlich ein günſtiger Zufall zu Hilfe u, kommen. „Haſt Du Eile?“— Pr vertrat ihr den d„Daß. gerare 6 t n ic „Ich möchte gern mit Dir Wenn Du ————— 93 nichts dagegen haſt, können wir ja ein wenis z ſpatziren.“ „Aber wenn Tante Johanna das ſihie Anna und lachte. „Nun, was iſt denn dabei“, eitgegete Fi ii dem er erröthete. „Sie würde vielleicht eiferſüchtig werden, und däs wäre ſehr unangenehm“ Anna lachte laut.„Du haſt wol bemerkt, daß ich mich jetzt ſtets hite, etwas zu thun, was ihr mißfallen könnte. Ich habe aufgehört, Dich zu necken, und bin Dir äus dem Wege gegangen, als wenn Du meiner Ruhe gefüährlich wäreſt, alles mit Rückſicht auf die Tante, die ſich ſb gut gegen mich gezeigt hat, während ich krank war. Ich habe Dir vollſtändig Ruhe gelaſſen, Deine Bewundetung auszu⸗ ſprechen und die Rolle des platvniſchen Liebhäbers zu ſpielen, ohne däß ich über das Komiſche hictin Zelacht oder gar das Unmbraliſche in Deinem Betlagen her⸗ vorgehoben habe. Du mußt eigetlith ſehr! ʒifliedti mit mir ſein, aber ich kann mit däs Vetgnügen ſiicht verſagen, Dir mitzutheilen, daß mieitit Vettriglichtei Dir gegenuber nut ver Daiilbarkeit hegen We Bhite und durchaus nicht der Nachſicht gegen Dich zuzuſchreiben iſt. 4 „Biſt Du fertig?“ fragt Thuté⸗ Kekc über und über voth geworden war 09 0„ 94 „Das bin ich,“ „Dann wirſt Du mir wol eine Frage erlauben. Geſchieht es auch aus Dankbarkeit gegen die Tante, daß Du ihre Eiferſucht in Bezug auf den Amtshauptmann wieder erweckſt?“ „Ja, das iſt es.“ „Das iſt eine eigenthümliche Art, ſich dankbar zu zeigen.“ „Wenn Du es wünſcheſt, ſo werde ich mich er⸗ klären.“ „Wenn es Dir beliebt, ja.“ „Wohlan denn, ich werde fortfahren, Alles, was in meinen Kräften ſteht, zu thun, um Tante's Eifer⸗ ſucht zu unterhalten und dieſelbe neu zu beleben; denn dies Gefühl gegen den Amtshauptmann wird ſie davon abhalten, Deine Huldigung zu ſehr zu ſchätzen und ſchließ⸗ lich alle und jede Aufmerkſamkeit von Dir ableiten, ſo daß ſie ſich nicht mehr von Deinem Kvmödienſpiel wird bethören laſſen.“ „Nun, das nenne ich den Höhepunkt des Edel⸗ muths“, ſagte Thure.„Du ermunterſt die thörichten Neigungen des Amthauptmanns und nimmſt ſchließlich ſein Anerbieten an, ſeine Frau und Herrin auf Brots⸗ backen zu werden, und dies Alles nur, um das Inter⸗ eſſe der Tante von mir abzuziehen. Du wirſt mir 8 95 verzeihen, aber ich muß doch an einem ſolchen Motive zweifeln. Du weißt, daß ich mit Liebe an ein ande⸗ res Weib gefeſſelt bin, und wirſt deshalb auch begrei⸗ fen, daß ich mich nicht an der komiſchen Rolle bethei⸗ ligen kann, die Du mir zuzutheilen beliebſt.“ „So, das kannſt Du nicht? Und weshalb haſt Du denn die Rolle mit ſo viel Conſequenz jahrelang geſpielt? Du liebſt eine Andere“, fuhr Anna mit etwas freundlicherer Stimme fort,„ich weiß es und habe es lange gewußt, und deshalb gerade habe ich Dein Be⸗ tragen gegen die Tante unwürdig gefunden. Weshalb haſt Du den Muth nicht gehabt, der Tante Deine Liebe zu der Andern anzuvertrauen? Weshalb haſt Du der Schwäche der Tante geſchmeichelt und ſie in dem Glau⸗ ben gelaſſen, daß Du ihr eifrigſter Bewunderer wärſt, weshalb haſt Du bei jeder Gelegenheit verſucht, ſie da⸗ von zu überzeugen? Wünſcheſt Du, daß ich Dir die Antwort ſage? Du haſt Dich dazu hergegeben aus un⸗ männlicher Feigheit.“ Anna wandte ſich von ihm ab und wollte weiter gehen. „Du irrſt Dich, Anna“, rief Thure heftig,„ich habe nicht aus Feigheit gehandelt, ſondern aus Dank⸗ barkeit. Tante Johanna hat ſeit einigen Jahren meine Mutter unterſtützt, ohne daß irgend ein Anderer als ich darum gewußt hat. Wenn mein Betragen gegen ſie 96 nach meiner letzten Rückkehr nach Ekholm noch auf⸗ merkſamer geworden iſt, ſo kommt das daher, daß die Schuld meiner Dankbarkeit eine noch größere geworden iſt. Meine Mutter ließ mich zu ſich rufen, um mir zu ſagen, daß ſie eine größere Geldſumme erhalten habe, und zwar von einer unbekannten Hand. Als ich den Brief las, welcher die Geldſumme begleitete, fand ich, daß derſelbe mit der Handſchrift geſchrieben war, welche die früheren Briefe mit den kleinen Unterſtützungen zeigten. Und dieſe früheren Unterſtützungen kamen von der Tante Johanna.“ Während Thure ſo ſprach, ſtand Anna ihm gegen⸗ über, ruhig und unbeweglich, wie eine Bildſäule. Ihre Lippen waren feſt zuſammengepreßt und ihre Augen ſchauten Thure mit einem erſchrockenen Ausdruck an. Thure fuhr fort zu reden, ohne die verſtörte Miene Anna's zu beachten. „Während Du Dir einbildeſt, daß ich mit der Tante von Gott weiß was ſpreche, bemühe ich mich nur ſie dahin zu bringen, daß ſie mir eingeſtehe, ſie unter⸗ ſtütze meine Mutter. Sie hat ihren Edelmuth nicht eingeſtehen wollen, allein da die Gaben an meine Mutter, von einer Freundin des Mannbs gekommen ſind, durch welchen mein Vatér ſein ganzes Vermögen verlor“, ſo kann es nur und ſo muß es Tante Johanna ſein.“ 97 Anna ſeufzte tief auf und ſtrich ihr Haar unter dem Schäferhute zurück. Thure blickte ſie nicht an⸗ ſondern fuhr fort;„Bei ſolchen Verhältniſſen mag Gott urtheilen, ob ich unrecht gehandelt habe, wenn ich bei jeder Gelegenheit der Wohlthäterin meiner Mut⸗ ter die Aufmerkſamkeit zeigte und die Ergebenheit er⸗ wieſen habe, die ſie, ſo viel ich habe bemerken können, gern entgegennahm und mit vollem Recht von mir fordern konnte.“ „Aber Thure, Du weißt doch, daß die Tante Dein Betragen mißverſtanden hat, daß ſie angenommen hat, Du intereſſirteſt Dich ſehr für ſie, und deshalb ſage ich nochmals, Du haſt ſchlecht gehandelt, indem Du ihr nicht offen erklärteſt, daß Du eine Andere liebſt.“ „Still, ſtill, um Gottes willen ſei ſtill, ich habe dies zu Niemandem außer Dir geſagt“, rief Thure und ergriff mit Heftigkeit Anno's Arm.„Wenn Du eine Ahnung davon hätteſt, welche Saite in meinem Innern Du jetzt berührſt, würdeſt Du hierauf nicht hingewieſen haben. Der, welche ich liebe, habe ich geſagt; ich kiebe Dich, und ich habe es ihr tauſend Mal wiederholt⸗ und nachdem ſie mir ihr Herz und⸗ das Verſprechen ihrer Hand gegeben, möchte ich es laut in alle Welt hinausrufen, allein ſie hate es mir verboten; ſie hat Schwartz, Anna's Geheimniß II. 98 von mir unverbrüchliches Schweigen gefordert, und des⸗ halb habe ich geſchwiegen. Jetzt aber fürchte ich, daß ſie mich hintergeht.“ Thure ſchwieg und blickte mit düſterer Miene über den Fluß. Anna näherte ſich ihm, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte freundlich:„Weshalb zweifelſt Du? Wenn ſie Dir einmal ihr Herz geſchenkt hat, ſo wirſt Du es auch ſicher behalten. Vergib mir, daß ich Dich ungerecht beurtheilt habe; allein von dem Tage, an welchem ich den Brief fand, aus, welchem hervorging, daß Du verliebt warſt, habe ich immer Dein Betragen verdammt und mir geſagt, daß Du ſehr ſchlecht gegen die gute Tante und feig gegen diejenige handelſt, die Du liebſt.“ Anna's beide Hände ruhten auf Thure's Arm, und ſie blickte zu ihm auf, als wollte ſie nochmals um Verzeihung bitten. „Nun, was ſpielt Ihr für zärtliche Szenen?“ rief plötzlich eine Stimme in ihrer Nähe, und als Anna ſich umkehrte, ſtand Lisbeth da mit gerötheten Wangen und flammenden Augen. „Wir berathſchlagen über ein Geheimniß“, ſagte Anng,„von welchem ich behaupte, daß Thure der Tante daſſelbe anvertrauen muß“, und Anna ließ bei dieſen Worten noch immer ganz ru hig ihre Hand auf Thure's Arm ruhen. Der Blick Thures war auf — —— 99 Lisbeth mit einem eigenthümlichen Ausdruck gerichtet, allein er veränderte ſeine Stellung nicht und ſprach auch nicht. „Was iſt das für ein Geheimniß?“ fragte Lisbeth heftig. „Ein ſolches, welches zwei Herzen angeht“, fiel 2ni ſcherzend ein,„und welches ganz und gar nicht Dich angeht. Du, Lisbeth, haſt ja augenblicklich ganz andere Sachen zu denken, als an das, was Thure und ich mit einander haben, und deshalb darfſt Du auch nicht fragen.“ „Du und Thure?“ rief Lisbeth zornig,„was könnt Ihr zuſammen haben? Eine Liebesgeſchichte?“ „Weder mehr noch weniger“, erklärte Anna laut lachend, ſchaute aber in demſelben Augenblick Thure an, weil es ihr ſchien, als zitterte ſein Arm, indem ſie dies ſagte. „Haſt Du auch Liebesgeſchichten mit Thure“, rief Lisbeth,„nun, Du biſt in der That ſehr vielſeitig; Du ſcheinſt drei Liebesintriguen auf einmal zu ſpielen.“ Und Lisbeth wendete ſich, um wegzugehen. „Das wirſt Du doch nicht ſonderbar finden, habe ich Dich doch zum Vorbild gehabt“, ſcherzte Anna und eilte der Schweſter nach, indem ſie Thure zurief: „Kommſt Du nicht mit?“ 100 Lisbeth blieb ſtehen.„Wenn Ihr nach Hauſe geht“ erklärte ſie im befehlenden Tone, wie eine ge⸗ reizte Königin,„dann bleibe ich ſtehen.“ „Und weshalb?“ fragte Anna, noch immer ſcher— zend,„das wird Dich doch nicht beleidigen, daß Thure und ich ein Geheimniß haben? Du wirſt jedenfalls Deine Pfeile vergeblich auf ihn gerichtet haben. Es kann allerdings eine Bitterkeit darin liegen, daß Du denken mußt, ich bin die Siegerin dort, wo es Dir nicht gelungen iſt; aber mein Gott, es muß Dich doch immerhin erfreuen, daß Deine Schweſter dieſen unbe⸗ ſiegbaren Mann beſiegt hat?“ Und Anna lachte wiederum, ihre angeborne Nei⸗ gung zum Scherze hatte die Oberhand gewonnen, und es ſchien ihr, als könnte ſie ſich wol erlauben, die Schweſter ein wenig zu necken, die, ungeachtet ſie im⸗ mer behauptete, daß ſie ſich aus Thure nichts machte, jezt doch in Zorn gerieth, weil ſie ihn mit Anna zu⸗ ſammenfaid. Thure war unterdeß ſtehen geblieben; er lehnte ſich an einen Baum und richtete noch immer ſeine Blicke auf Lisbeth. „Annä“, rief Lisbeth ſchärf,„was haſt Du für eine Abſicht, indem Du mich bätöhnſt? Ich mache mir weder aus Dir noch aus Thute etibis, ich will nur nicht in Eurer Geſellſchaft ſein“ Und Lisbeth ſetzte 101 allein ihren Weg fort, während Anna Thure an⸗ blickte, um zu fragen, ob er geſonnen ſei, ihr zu folgen. Allein, indem ſie den Ausdruck ſeines Geſichtes näher betrachtete, blieb ſie unbeweglich ſtehen und ſchaute ihn erſchrocken an, Seine Züge drückten Schmerz und Zorn zu gleicher Zeit aus. „Thure!“ rief Anna. Thure fuhr zuſammen, als wenn ihn ein ſcharfes Meſſer getroffen hätte, blickte Anng an und ſagte „Das muß ein Ende haben!“ „Was heißt das?“ fragte Anna. „Das heißt, daß die, an welche jene Zeilen, die Du fandeſt, gerichtet waren, dort geht“, ſagte Thure, indem er auf die Bank niederſank und ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckte. „An Lisbeth waren jene Zeilen und nicht an die Anna im Pfarrhofe?“ rief Anna, indem ſie erſt er⸗ blaßte und darauf über und über roth wurde.„Un⸗ möglich, Thure, ſie muß Dich ja dann ſchon vor zwei Jahren geliebt haben.“ „So behauptete ſie, und ſo behauptete ſie ⸗ noch vor einigen Wochen,“ Thure ſtreckte ſeine bünde aus und zog Anng auf die Bank neben ſich nieder, inde n hinzufügte: 102 „Setze Dich hier zu mir. Schon von dem Tage an, an welchem Du verwundet wurdeſt, habe ich den Wunſch gehegt, Dir zu ſagen, weshalb Lisbeth Elias einen Korb gab. Lisbeth iſt ſchon ſeit zwei Jahren meine Verlobte, obgleich wir es Niemandem geſagt ha⸗ ben. Sie muß ihren Schwüren gegen mich treu blei⸗ ben, denn mehr als ihr Glück und das meine hängt davon ab. Es hängt das Glück Elias davon ab. Frei⸗ lich habe ich während der letzten Zeit ſehr von ihrer Kälte zu leiden gehabt, allein ſie iſt die Meinige, wenn eine Verlobung etwas gilt, die Meinige vor Gott und Menſchen, und doch beunruhigt mich die Zukunft.“ Wiederum bedeckte Thure ſein Geſicht mit der Hand. Anna ſaß gedankenvoll neben ihm. War das wirklich ihre geliebte Schweſter, die ſo treulos handeln konnte? War das ihre Lisbeth, die Elias heirathen wollte, ungeachtet ſie an Thure gefeſſelt war? Anna ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und fragte mit Stimme: „Was befürchteſt Du, Thure?“ „Ich fürchte, 5 Lisbeth ſich jetzt einbildet, Elias zunlieben“ Anna neigte S Kopf noch tiefer, während Thure ujen uhrt S n9r „Wenn ſie dieſe Ciapildung hat, 3 wird ſie im 103 Verlauf eines Jahres Elias eben ſo tteulos werden, wie ſie es mir geworden iſt.“ Und Thure erhob ſich heftig, indem er hinzufügte: „Elias liebt ſie nicht, er liebt eine Andere, und zwar aus ganzem Herzen. Die Laune, die jetzt Lisbeth dahin bringt, daß ſie meint, er liebe ſie, heißt ver⸗ wundete Eitelkeit, und dieſelbe wird verſchwinden, ſo⸗ bald ſie ihn zu ihren Füßen erblickt. Anna“, fügte er hinzu und ergriff ihre Hände,„Du haſt meine Zukunft, Lisbeth's und auch die Elias' in Deinen Händen; mache Du es ihr unmöglich, uns alle in's Unglück und Ver⸗ derben zu ſtürzen!“ Anna ſchwieg.„ „Willſt Du einen Beweis, daß Lisbeth mich liebt, daß ſie mir angehört?“ fragte Thure. „Ja, das will ich.“ In dieſem Augenblick legte aber die Fähre an der Brücke an. Thüre konnte nun Anna nur verſprechen, daß er ihr dieſen Beweis geben würde. Einige junge Mädchen ſprangen an's Land und kamen auf Anna zu.— Es waren die Töchter aus dem Pfarrhofe, die einen Beſuch auf Ekholm machen wollten. Anna und Thure begleiteten die fröhlichen, halberwachſenen Mädchen hinauf in's Haus und bemüh⸗ ten ſich nach Ktäftet, ſelbſt fröhlich auszuſthen. Die 104 Mädchen ſcherzten über die Verlegenheit Anna's und Thure's, als ſie ſie überraſcht hatten, und erzählten lach⸗ end und jubelnd Lisbeth und Elias, daß ſie Thure und Anna unten am Fluſſe in einem zärtlichen tétée à téte betroffen hätten, was weder Lisbeth noch Elias beſonders amüſirte. Neuntes Kapitel. Lisbeth lag noch in tiefem Schlafe, als Anna voll⸗ ſtändig angekleidet ihr Zimmer verließ und ſich ganz leiſe die Treppe hinab und in den Saal ſchlich. Thure ſtand dort an einem der Fenſter und harrte ihrer An⸗ kunft. „Ich habe jetzt eine ganze Viertelſtunde gewartet. Hier haſt Du den Beweis, Anna, daß Lisbeth nicht das Recht hat, irgend Jemandem anders ihre Hand zu geben.“ Anna empfing ſchweigend den Brief, den Thure ihr reichte. Sie kehrte ihm den Rücken zu, während ſie ihn durchlas, und Thure ging unterdeß einige Mal im Zimmer auf und ab. Je länger Anna las, deſto heißer wurden ihre Wangen. Der Brief ſprach eine ihr ganz fremde Sprache voll Gluth und Flammen. 106 Anna hatte nicht die entfernteſte Ahnung gehabt, daß ein Mädchen dergleichen an einen jungen Mann ſchrei— ben könnte. Liebesſchwüpe und Verſicherungen der Treue, Unruhe und Eiferſucht, lachende Zukunftsträu⸗ mereien und wehmüthige Klagen über die Gegenwart bildeten den Inhalt. Lisbeth ſchrieb, daß ihr ganzes Herz an Thure hinge, daß er ihr Stolz, ihr Glück, ihre Lebensfreude ſei. Sie mahnte ihn deſſen ungeachtet zur Vorſicht; Niemand dürfte ihr Bündniß ahnen, bis es ſo weit ſei, daß ſie ſich heirathen könnten, und ſie empfahl ihm, durch Aufmerkſamkeit und Artigkeit jeden Verdacht von Tante Johanna fern zu halten. Es war ſomit Lis⸗ beth, welche von Anfang an Thure dazu vermocht hatte, Johanna ſeine Huldigung darzubringen. Als Anna den Brief zu Ende geleſen hatte, blieb ſie lange am Fenſter ſtehen und kühlte ihre heiße Stirn an den Scheiben. Endlich machte Thure dei Schweigen ein Ende, indem er ſie fragte: „Haſt Du zu Ende geleſen?“ Sie gab ihm den Brief zurück. „Lisbeth muß ihr Gelübde halten“, ſagte Anna, indem ſie ihn anblickte;„ſie muß uns ſoll es, aber erſt mußt Du es Tante Johanna ſagen, daß Du mit Lis⸗ beth verlobt biſt. Darauf werde ich mich bemühen, 107 Dir von Nutzen zu ſein. Geh' jetzt, ich möchte nicht, daß Martha Dich und mich beiſammen fände“ „Ich werde mit der Tante ſprechen“, ſagte Thure und verließ den Saal, während er in Gedanlen folgenden Monolog hielt: „Elias liebt Anna und er muß glücklich werden. Lisbeth wird ſein Glück nicht ihrer beleidigten Eitelkeit wegen vpfern; ſie muß gezwungen werden, ihr Gelübde zu halten, ſelbſt wenn ſie und ich dadurch unglücklich werden ſollten!“ Thure trat in ſein Zimmer ein und fand dort Elias. 3 „Biſt Du ſchon hier?“ rief Thure. „Das iſt wol nicht ſonderbarer, als daß Du hier biſt“, antwortete Elias in wenig freundlichem Tone. „Was haſt Du mit Anna 2 fragte er.„Geſtern trafſt Du mit ihr am Fluß zuſammen, heute unten im Saale. Ich ſagte Dir doch während Anno's Krankheit, wie lieb ſie mir iſt, und trotzdem——“ „Spreche ich mit ihr“, fiel Thure ein und blickte Elias an.„Biſt Du eiferſüchtig?“ Die beiden Männer ſahen ſich einen Augenblick an. Darauf reichte Elias Thure ſeine Hände, indem er mit faſt wauriger Stimme ſagte: „Ich fürchte faſt, daß es ſo iſt. Anna iſt ganz 108 gewiß ein Räthſel, welches ich höher liebe, als ich Lis⸗ beth jemals geliebt habe. Ich weiß, daß die Auflöſung dieſes Räthſels befriedigend werden muß, und doch quält mich ihr kleines Geheimniß und ihre ewige Wachſamkeit. Ich frage mich: Was iſt es wol, daß ſie mit ſo vieler Umſicht zu verheimlichen bemüht iſt? Heute, als ich ſie am Soalfenſter den Brief leſen ſah, den Du ihr überreichteſt, fiel es mir ein, ſie könnte Dich lieben, und dies wäre das Geheimniß, was ſie bewahren will, und die Urſache, weshalb ſie mit ſo vielem Eifer all ihr Geld ſpart, damit ſie ein kleines Kapital zuſammen⸗ bringt. Endlich dachte ich, daß ihre Neigung für Dich ihr ein Bündniß mit mir widerwärtig machte. Die ganze Nacht habe ich darüber nachgedacht, namentlich da ich durch Lisbeth erfuhr, daß Du mit Anna eine Be⸗ gegnung am Fluſſe hatteſt. Je mehr ich darüber ge⸗ grübelt, deſto wahrſcheinlicher ſchienen mir meine Vor⸗ ausſetzungen zu werden. Antworte mir deshalb Habe ich richtig errathen?“ „Du haſt Dich vollſtändig geirrt“ antwortete Thure. „Wenn Anna Jemanden liebt, ich bin es ganz gewiß nicht. Anng iſt, wie gewöhnlich, phne jedes tiefere In⸗ tereſſe, das glaube ich betheuern zu können“ Weshalb hattet Ihr geſtern eine Zuſammenkunft?“ fragte Elias a 109 „Das war ein Spiel des Zufalls. Ich vertraute Anna etwas an, was ich ihr lange zu ſugen gewünſcht hatte, was aber mich allein betrifft.“ „Und dieſen Morgen hattet ihr eine Züſamientünft im Saule 74 „Ich wollte ihr einen Brief zeigen, der auf ihr Geſchick und auf das Deinige Einfluß haben „Von wem war der Brief?“ „Der Brief war an mich und handelte von mir; mehr kann ich Dir nicht ſagen⸗ Geh Du, ſuche Anna auf und glaube mir, wenn wir cbüſpiriren, ſo handelt es ſich nut um Dein Glück.“ „Schade nur“, erwiderte Elias,„daß das, was Anna ſich in den Kopf geſetzt hat, leichter zu meinem Unglück als zu meinem Glück führen dürfte Oh, ich gäbe gern ein Jahr meines Lebens, wenn ich rocht bald meine Hochzeit mit Anna feiern köunté, über es ähnt mir, daß es ſicht ſo bald geſchehen ſbits. 0n6 Elias verließ das Zimmer weniget fiöh als ſonſt. Das kleine Räthſel Anna hatte 3 in Kopf geſetzt.— Die Mtuget wat vvrüber, e er ſehr bemerkeſisterth gewefen. Lisbeth hutte ſich fröhlicher und hamtet gezeigt als ſeit Langem, ſie theilte ihr Lächeln und ihte ſträh⸗ 19* 110 lenden Blicke zwiſchen den drei jungen Herren. Es ſchien, als hätte ſie beſchloſſen, alle drei für ſich einzu⸗ nehmen, um Anna keine Gelegenheit zu laſſen, ſie zu amüſiren und zu intereſſiren. Anna hinwiederum verhielt ſich ſchweigſam, und als Johanna mit Lisbeth hinſicht⸗ lich der Unterhaltung gemeinſame Sache machte, wurde die Stimmung trotz der Zerſtreutheit Anna's eine ſehr lebhafte. Nach der Mahlzeit zog Johanna ſich in ihr Zim⸗ mer zurück. Ihr Hetz ſchlug heftig, denn Thure hatte im flüſternden Tone gebeten, ſie möchte ihm nach der Mahlzeit ein Geſpräch unter vier Augen vergönnen. Thure hatte ſehr aufgeregt ausgeſehen, Johanna zwei⸗ felte nicht eine Sekunde, daß er ihr anverkrauen wollte, was ſie ſelbſt wünſchte. So wäre denn endlich die Stunde gekommen, wo ſie erfahren ſollte, wie warm und tief ſeine Gefühle für ſie ſeien. Johanna vergaß Brotsbacken, vergaß ihre Eiferſucht auf Anna und alle ihre Spekulationen, die Frau Amtshauptmann zu wer⸗ den. Ihre Phantaſie beſchäftigte ſich nur damit, das bevorſtehende Zuſammentreffen mit Thure auszumalen; ſie harrte ungeduldig ſeiner Erklärung und bereitete ſich auf eine abſchlägliche Antwort vor die ſie voller Freund⸗ ſchaft und Wohlwollen ihm geben wollte. Es war eine große Genugthuung für Johanna, die Rede ſich zu überlegen, die ſie halten würde; ſie malte ſich aus, wie — ——. 14¹ ſie ihm beweiſen würde, daß hier Gefühle und ihre Wünſche ſie veranlaßten, ihn zu bitten, er möchte ſeine Liebe zu ihr vergeſſen. Johanna war gerade zu dieſem ſublimen Punkt gekommen, als die Thür— aufging und Thure eintrat. Mit ſtrahlenden Blicken und einem einnehmenden Lächeln nahm Johanna ſelbſt Platz im Sopha und winkte Thure heran, ſich neben ſie zu ſetzen⸗ Wie oft hatte Thure nicht im Verlauf der letzten zwei Jahre ſo geſeſſen und mit Johanna von ſeiner Mutter, von ſeiner Zukunft, von ſeiner Freundſchaft für ſie geſprochen; allein bei ſochen Gelegenheiten hatte Johanna immer ein ungezwungenes Aeußere gezeigt, jetzt dagegen ſah ſie verlegen aus. Sehr oft hatte Johanna erwartet, daß ſeine Ge⸗ fühle ſich verrathen würden, allein niemals früher, meinte ſie, ſo deutlich geſehen zu haben, daß jetzt der Augenblick gekommen ſei. Wenn Johanna nur die Gewißheit gehabt hätte, daß ihr Exfreier wiederkehren und ihr ſeine Hand und ſein Leben anbieten würde ſo hätte ſie weiter keinen Wunſch auf dieſer Erde gehegt; und doch müſſen wir geſtehen, daß der traurige Gedanke bei ihr Platz griff⸗ daß Anng ſich zwiſchen ſie und das Glück geſtellt habe, und zwar während der letzten Wochen. Wie ſehr hatte 12 ſie ſich nicht geſehnt, in Beſitz die langen; es war ein Glück, welche ſo lange kein Anderer danach trachtete, Ziel all ihrer Wünſche wurde ihr aufgeſtiegen war, daß An ſes Glückes zu ge⸗ s ſie gering ſchätzte, welches aber das ſobald der Verdacht in Jedoch kehren wir zurück Er ſtrich mit der Hand durch ſein Haar ſich und betrachtete aufmerkſam Stiefeln, räuſperte ſich endlich: „Schon ſeit Lan Dir etwas anzuvertr Herzen liegt, daß—“ zu Thure. „räuſperte die Spitzen ſeiner noch einmal und äußerte gem habe ich den Wunſch gehegt, auen, Tante, was mir ſehr am aber ich habe ſtets gefürchtet, daß Wiederum räuſperte Thure ſich, die Hand durch ſein Haar ſtreichen. „Was haſt Du von mi Johanna in dem zarte ihr zu Gebote ſtand. Gelegenheit als Deine „Oh ja, daß haſt D ich auch ängſtlich, daß wenn ich Dir mein He wiederum ließ er rzu befürchten“2 äußerte ſten, einſchmeichelndſten Tone, der „Habe ich mich nicht bei jeder wahre Freundin gezeigt?“ u gewiß, liebe Tante, deshalb bin ich undankbar erſcheinen möchte, rz eröffne und—“ Johanna's, führte ſie an Thure ergriff die Hand ——— 113 ſeine Lippen und ſtammelte im höchſten Grade auf⸗ geregt: „Es würde mich ſehr ſchmerzen, wenn Du nicht mit Güte und Nachſicht meine Schwäche beurtheilteſt; ich habe mir während d der letzten zwei Jahre hundert Mal geſagt, daß ich kein Recht hätte, die Gefühle zu hegen, die mein Herz erfüllten; aber die Leidenſchaft iſt ſtärker geweſen, als meine Vernunft und als das Be⸗ wußtſein meiner Armuth, und jetzt— jetzt kann ich nicht länger ſchweigen, daß ich aus meinem ganzen Herzen, und zwar länger als zwei Jahren liebe— ich liebe—“ Thure ſchwieg hier plötzlich, denn die Thüre zum äußern Zimmer ging ſchnell auf,— und der Ge⸗ richtsdirektor trat ein; es war dies ganz ungewöhnlich, da er um dieſe Zeit in der Regel ſeine Mittagsruhe hielt. Beim Anblick des Gerichtsdirektors erhob ſich Thure vom Sopha, ſah aber außerordentlich verlegen aus, und Johanna wurde über und über roth. „Ah ſo, der Herr Referendarius iſt damit beſchäf⸗ tigt, das Protokoll zu begtaubigen“ ſagte der Gerichts direktor in ziemlich ſcharfem Tone,„und Du, liebe Schweſter, biſt ja ganz gelteufelt warm, wie ich ſehe. Wenn ich nichts von vifen vierundvierzig Jahren wüßte⸗ Schwartz, Anna's Geheimniß. II. 8 114 würde ich leicht annehmen müſſen, daß es hier ſehr warm hergegangen iſt. Jetzt beſchützt Dein Alter Dich. Thure wird ſo gut ſein, mit mir zu gehen.“ Und im näch⸗ ſten Augenblick befand Johanna ſich allein. Sie lachte ſtolz guf und blickte auf die Thür, die ſich geſchloſſen hatte, indem ſie ſagte „Die vierundvierzig Jahre ſind kein Hinderniß für ein Weib) das mein Aeußeres beſitzt. Ich kann noch Herzen gewinnen!“ Und ſie erhob ſich haſtig. „Allein handle ich recht, daß ich ihm erlaubt habe, ſich an mich zu feſſeln“, fügte ſie in Gedanken dazu. „Ich vermag ihm ja keine Liebe, ſondern nur Freund⸗ ſchaft und innige Theilnahme zu ſchenken.“ Johanng mußte hier ihre Selbſtbetrachtungen unter⸗ brechen. Martha trug das Kaffeeſervice in eigener Perſon herein, und das war ein Beweis, daß 5. etwas auf dem Herzen hatte. „Ich habe eine Taſſe mehr wie ſonſt gebracht“, ſagte Martha,„der Amtshauptmann iſt unten bei Anna. Sie werden h doch wahrſcheinlich zum Kaffee ein⸗ aden 5. e ſah vor 8 So dlein ie kehrte ſich plötzlich um, indem ſie rief: „Iſt der Amtshauptmann bei Anna?“ 1¹⁵ „Ja, ſie ſind im Kabinet unten, wo ſie ſich beide eingeſchloſſen haben. Ja, ja, die Kleine iſt ein Diä⸗ mant, und der Alte wird ſie Lisbeth vorziehen. Heute Morgen hatte ſie eine Zuſammenkunft mit Thure⸗ und jett Nachmittags hat ſie eine mit dem Amtshauptmann.“ „Geh ſchnell hinab und ſage, daß ich mit dem Kaffee warte“, befahl Johanna, die ganz äußer Faſſung gebracht war. Anna im Kabinet mit dem Amtshaupt⸗ mann eingeſchloſſen? Anna und Thure eine verabredete Zuſammenkunft? Dieſes Mädchen machte Johanna un⸗ aufhörliches Aergerniß. Kurz nachdem Martha ſich entfernt hatte, traten Lisbeth, Elias und Conſtantin in das Vorzimmer bei Johanna ein, abet Anna und der Amtshauptmann ließen auf ſich warten, was wiederum dermaßen Johanna reizte, daß ſie ſich vergeblich bemühte, einen ſcherzenden Ton anzuſtimmen, indem ſie ſagte:„Ich werde wol genöthigt ſein, Anna und den Antshauptmann in ihren Liebesplaudereien zu ſtören.“ An n Elias fiel ihr in's Wort⸗ „Warte nur, Tante, ich höre ſchon die beiden Lie⸗ benden die Treppe heraufſteigen. Seine Tritte ſind ziemlich ſchwer und auch nicht gerade fehr ſchuell, aber die fünfundfunfzig Jahre machen immithit, was ſie 8* 116 „Das hat nichts zu ſagen“, bemerkte Johanna,„er bekommt jetzt ein junges leichtfüßiges Weib“, und ſie betonte dieſe Phraſe ſehr ſcharf, indem ſie ſich wiedr ins Sopha ſetzte. „Ergebenſter Diener, liebes Fräulein Johanna“, grüßte der Amtshauptmann, und wollte wie gewöhnlich die Hand ſeiner Exflamme an die Lippen führen. Allein mit einer majeſtätiſchen Bewegung parirte Johanna dieſe Huldigung. „Ich dachte nicht, Herr Amtshauptmann, daß Sie mir die Ehre erzeigen würden. Haben Sie die Güte.“ Und ſie gab ihm eine Taſſe Kaffee. Man genoß den Kaffee. Anna verhielt ſich ſchwei⸗ gend, Elias war heiter und Lisbeth entſandte ſehr ge⸗ fährliche Blicke an die jungen Herren. Nach dem Kaffee verabſchiedete ſich der Amtshauptmann. Er war eigent⸗ lich gekommen, um mit dem Gerichtsdirektor zu ſprechen, allein da dieſer und Thure im Begriff waren, über Land zu fahren, hatte er geſagt, er könne einen andern Tag wieder kommen. „Lebe wohl, Anna“, ſagte er in ſehr freundlichem Tone und ſchloß die kleine Hand des Mädchens in die ſeine.„Morgen treffen wir uns wieder, aber dann muß alles klar und abgemacht ſein.“ „Das verſpreche ich“, entgegnete Anna und lächelte. „Was iſt das, was zwiſchen Euch klar und abge⸗ macht ſein ſoll?“ riefen Lisbeth und Johanna, als ſie ſich wieder allein mit Anna befanden. Conſtantin und Elias hatten den Amtshauptmann hinausbegleitet. „Das, was morgen entſchieden werden ſoll“, ant⸗ wortete Anna, verneigte ſich gravitätiſch vor der Schweſter und der Tante und eilte aus dem Zimmer. „Sie wird ſomit die Frau Amtsmännin auf Brots⸗ backen“, ſeufzte Johanna unwillkürlich. „Und bekommt einen Greis zum Mann. Ein wenig beneidenswerthes Schickſal“, fügte Lisbeth hinzu. Zehntes Kapitel. „Thure, ich muß heute Abend wieder mit Dir zu⸗ ſammentreffen. Wenn wir einander gute Nacht geſagt haben, ſo begib Dich in den Garten, aber laß Niemand ahnen, daß wir uns treffen wollen. Darum bittet Anna.“ Lisbeth las und las wieder dieſes Billet, welches ſn im gefunden hatte, als ſie von Johanna 8 ea hat das zu ſie.„Anna eine Zuſamnenkunft mit Thure? Sollte zwiſchen ihnen itgend ein heimliches Bündniß ſein? Seine Kälte und ſeine zurückgezogene Art und Weiſe, die ich als Folge meines veränderlichen Betragens ſnagen njolen ſo⸗ mit ihren Gründ darin haben; daß erc unmöglich! Er hat mich ſo treu und ſo unabläſſig geliebt, und — 1¹9 Anna iſt eher häßlich als ſchön.“ Lisbeth las noch einmal das Billet durch. „Sie und immer ſie! Es iſt nicht zum Aushalten. Aber wenn ich mich recht beſinne, wird es am Ende Thure nicht unmöglicher ſein, ſeine Neigung zu wechſeln, als es Elias geweſen iſt“, fügte ſie hinzu und faltete das Papier zuſammen. In dieſen Gedanken vertiefte ſie ſich und gelangte zu der Ueberzeugung, daß Thure das elendeſte und gedankenloſeſte Weſen auf der Welt ſei, wenn er ſeine Liebe zu ihr vergeſſen könnte. Allein wenn es ſo wäre, würde es nur ein Glück für ſie ſein, denen ſie würde ihn alsdann los werden, ohne daß er ſich über ſie zu beklagen hätte. Daß ſie ſelbſt ſchon wünſchte ihr Gelübde zu brechen, meinte Lisbeth, ſei nichts Unmoraliſches, daß Thure es aber thun könne, wäre verächtlich. Sie faßte nun den Entſchluß, wiederum Thure und Anna zu überraſchen. Die Schweſter ſchien ihr ein wahrer Teufel zu ſein. Hatte ſie Lisheth doch zweier Anbeter beraubt.„Ach“, dachte Lisbeth, „warum blieb Anna nicht das wilde unſchuldige Weſen⸗ das ſie früher war, mit ihren Intereſſen nur⸗ für ihr Geld und ihre Vögel) ihre Hunde und Aunmßei⸗ Damals gab ſie kein Aergerniß.“ nhiluodttrse In Das Abendeſſen war eteei nohnnnihee zu wiederholten Mälen vetſucht, ſich Thurebzu nähern⸗ 1 120 um ihm Gelegenheit zu geben, aufs Neue ein Geſpräch zu erbitten, allein Anna befand ſich immer neben ihnen, und zuletzt begann Jene zu befürchten, daß Anna abſichtlich ihr im Wege ſtehe. Nach der Abendmahlzeit trennte man ſich, und zwar viel früher, als ſonſt. Es war auch ein beſon⸗ ders trüber und düſterer Abend. Der Oſtwind fegte ungeduldig an den Fenſterſcheiben hin, und er ſchüttelte die Baumwipfel, jagte die Blüthen ab und fuhr kniſternd durch Wald und Park, die ſchweren Wolken am Himmel vor ſich hertreibend. Die Luft war kalt und feucht; die gewöhnliche Abendpromenade wurde unterlaſſen, man begab ſich in ſeine Zimmer, um Ruhe zu ſuchen oder ſich in Betrachtungen zu verſenken. Ungefähr eine halbe Stunde, nachdem man ſich in ſolcher Weiſe getrennt hatte, ging eine Thüre auf und Thure verließ ſein Zimmer und begab ſich in den Garten: Faſt gleichzeitig ſchlich Lisbeth die Treppe hinab, eingehüllt in einen großen Shawl, und nahm den Weg durch den Saal auf die Terraſſe hinaus. Anna war micht mit der Schweſter zuſammen in ihr gemein⸗ ſames Zimmer gegangen, ſondern hatte vorgegeben, daß ſie mit dem Onkel ſprechen wolle und war dieſem in ſein Zimmer gefolgt. Johanna wiederum hatte ſich —— 1A in die Küche begeben, um von dem Speiſekammer⸗ fenſter aus Thure zu obſerviren und zu ſehen, ob er ſich wol in den Garten begäbe, um dort ſeine Cigarre zu rauchen. Wenn dieſes der Fall wäre, ſo beabſichtigte Johanna, gleichfalls eine Promenade zu machen und ſomit dem armen Jungen die Gelegenheit zu geben, ſeine Beichte zu vollenden. Seit dem Kaffee hatte Jv⸗ hanna ihre Lage überdacht und war zu dem Reſultat gekommen, daß ſie Thures treue und ſtille Liebe mit uneigennütziger Hingebung belohnen müßte. Sie würde es zu ihrer Lebensaufgabe machen, für ſein Glück zu wirken; wenn es ſo übel beſtellt ſein ſollte, daß ſein Glück in keiner andern Weiſe zu begründen ſei, als daß ſie von ihrem Vorſatze, ſich niemals mit einem jüngeren Manne zu verheirathen, abginge, ſo ſei ſie wol genöthigt, dieſen Vorſatz jetzt aufzugeben, da der Amtshauptmann für ſie verloren war. Soweit war Johanna gelangt, als ſie Thure mit einer brennenden Cigarre in den Garten treten fah. Johanna zögerte noch einige Augenblicke, bevor ſie die Speiſekammer ver⸗ ließ. Darauf band ſie ein weißes Tuch um den Kopf⸗ hüllte ſich in einen Shawl und nahm den Weg duvch den Hinterhof, damit ſie in den Garten von der andern Seite hineintreten könne und⸗ wie durch Zufall, Thure begegnen müſſe⸗ Thuve war durch die kleine Allee nach „ 122 der großen Laube gegangen, woſelbſt er Anna zu finden hoffte. Dort war man geſchützt gegen neugierige Blicke, gegen Sturm und Regen, wenn dieſer letztere eintreten ſollte. In der Laube war es faſt ganz finſter, aber deſſen ungeachtet entdeckte Thure doch eine weibliche Geſtalt. „Haſt Du lange gewartet, liebe Anna“, fragte er. Ich habe nicht gewartet“, antwortete eine Stimme die vor Zorn zitterte.„Ich bin ſo eben eingetreten, und zwar um Dich zu fragen, weshalb Du Zuſammen⸗ künfte mit meiner Schweſter haſt, und weshalb Du ſie auch auf Abwege zu locken gedenkſt.“ „Auch ſie“, wiederholte Thure kalt,„wen habe ich vorher verlockt?“ „Mich“, ſchrie Lisbeth mit immer mehr geſteigertem Zorn, und wir ſtehen davon ab den Strom von Anklagen und Vorwürfen zu wiederholen, den Lisbeth über Thure ausſchüttete. Sie war ſtark, wo es galt, Andere anzu⸗ klagen, aber ſie vermochte nicht ihre eigenen Handlungen zu beurtheilen. Mit erſtaunlicher Kaltblütigkeit hörte Thure ſie an, ohne dem gereizten Mädchen in's Wort zu fallen. Erſt als ſie ſchwieg ſagte er ruhig: „Wer war es) der alle Mittel aufwandte, um die Kälte des Andern zu beſiegen? Wer war es, der den ₰ 4 — 128 Andern zu einer Erklärung zwang, und ſpäter jubilirend über ſeinen Sieg die heiligſten Gelübde von ewiger Treue gab? Lisbeth antwortete mir, oder willſt Du, daß ich den Brief Dir vorleſen ſoll, den Du im Rauſche Deines Sieges über den kalten und unbeſiegbaren Thure ſchriebſt? Hüte Dich, die Luſt meine Anſprüche geltend zu machen könnte leicht geweckt werden! Dann würde ich ſagen: dieſes Mädchen das darauf hinarbeitet, Elias Herz wieder zu gewinnen, und jetzt ſich mit ihm ver⸗ mählen möchte, iſt meine verlobte Braut und darf nie⸗ mals einem Andern angehören.“ „Drohſt Du, und dennoch biſt Du hier, um mit Anna zuſammenzutreffen?“ fiel Lisbeth ein. „Ich drohte deshalb, weil Du Deine Treue ver⸗ geſſen haſt, die Treue, die Du mir geſchworen“, er⸗ widerte Thure,„und was noch ſchlimmer iſt, Du bemühſt Dich jetzt, die verſchmähte Liebe Elias wiederzugewinnen. Du haſt mich verrathen und biſt ſo tief in meiner Achtung geſunken, daß es meiner ganzen Schwäche be⸗ darf, um mich davon abzuhalten, Allen zu ſagen, welch treuloſes Weib Du biſt! Jetzt ſchweige ich, der Gedanke an unſere Liebe läßt mich verſtummen⸗ Ich werde aber trotzdem niemals zugeben daß Du Dich zwiſchen Elias und Anna ſtellſt, daß Du aus Laune Elias an Dich feſſeln möchteſt und Anna zur 124 Entſagung verurtheilen willſt. Nein, Lisbeth, Du biſt an mich gebunden, und Du ſollſt niemals das Weib eines Andern werden. Es iſt möglich, daß ich den Muth, Dich zu heirathen, nicht haben werde; aber das ſage ich Dir, das Weib, welches ich geliebt und das mich geliebt hat, ſollniemals das Weib eines Andern werden. Aus Liebe zu Dir habe ich gelogen, habe ich mich verſtellt und eine falſche und ärgerliche Rolle Tante Johanna gegen⸗ über geſpielt. Jetzt iſt Deine Macht gebrochen, jetzt werde ich handeln, wie die Ehre und die Pflicht ge⸗ bieten. Morgen werden Tante und Onkel unſer Ver⸗ hältniß kennen, Anna habe ich es ſchon geſagt. Wenn Du wirklich Elias liebſt, ſo beklage ich Dich, denn Du wirſt niemals ſeine Frau werden. Bin ich Jahre lang Dein ſtummer und geduldiger Sklave geweſen und habe Dir in unſinniger Liebe gehuldigt, ſo bin ich jetzt Dein Herr!“ Thure ſchwieg. Von der Bank aus, wo Lisbeth ſaß vernghm man ein Schluchzen. Thure trat einen Schritt vor, wurde aber durch eine heftige Regung hinter der Laube zurückgehalten. Es war Jemand dort, der gelauſcht hatte. Mit einem Sprung ſtand Thure an jener Stelle der Laube und trennte die Zweige auseinander. Eine dunkle Geſtalt ſtand dort. Die Finſterniß ver⸗ hinderte ihn zu ſehen, wer ſie ſei, er bemerkte jedoch, ——————— 125 daß ſie ein Weib ſein müſſe, und im nächſten Augen⸗ blicke belehrte ihn das weiße Tuch um den Kopf, daß es Johanna ſei. Er ließ die Zweige wieder langſam und möglichſt geräuſchlos zuſammengehen und ſchritt auf Lisbeth zu, indem er ſagte: „Bleibe nicht länger hier ſitzen, begib Dich zur Ruhe und bemühe Dich, Deine Handlungsweiſe morgen mit Deiner Pflicht in Uebereinſtimmung zu bringen. Es handelt ſich um das Glück Elias, und das darfſt Du nicht verſcherzen.“ „Thure“, ſtammelte Lisbeth,„verſprich mir Eins, ſage Tante und Onkel nichts von dem, was geſchehen iſt.“ „Das kann ich nicht verſprechen. Tante weiß es ſchon. Es muß ein Ende haben mit dieſem falſchen Spiel.“ Lisbeth erhob ſich, indem ſie weinend ſagte:„Du behandelſt mich unwürdig, ich werde es Dir niemals verzeihen.“ Sie verſchwand aus der Laube, ohne daß Thure ſie zurückhielt, und Johanna ſchlich ſich ſchweigend davvn. Mit ſchweren Schritten begab ſie ſich in ihr Zimmer, indem ſie dachte:„Welche ſchändliche Falſch⸗ heit! Ein ſolcher elender Schluß meines ſchönſten Traumes! Wahrhaftig ich bin geboren, ein Opfer der Eliſa und ihrer Nachkommenſchaft zu ſein.“ 126 An dieſem Abend weinte Johanna. Sie war ſehr unglücklich, ſehr aufgebracht. Anna hatte ihr den treuen Amtshauptmann genommen, und Lisbeth hatte das Herz Thure's beſeſſen während der ganzen Zeit, wo ſie ſich als den Gegenſtand ſeiner Huldigung be⸗ trachtet hatte. Man muß geſtehen, daß dies ein wenig bitter war. Elftes Kapitel. Am kommenden Morgen waren auf dem Frühſtücks⸗ tiſch Häring und Kartoffeln ſervirt, und zwar trotz aller Proteſte von Seiten Martha's. Johanna ſelbſt erſchien in einem einfachen ſchwarzen Kleide, das Haar hatte ſie glatt gekämmt, und ſie war ohne jeden Schmuck, ohne alle Bänder und Roſetten. Ihre Haltung war ſteif, ihr Antlitz blaß und ihre Augen glänzten wie blanker Stahl. Das waren alles ſchlechte Zeichen. Sie blickte nicht nach der Seite hin, wo Thure ſaß, beant⸗ wortete weder ſeinen Morgengruß noch den Lisbeths, und beobachtete ein ſo anhaltendes Schweigen, daß der Gerichtsdirektor endlich fragte, ob ſie krank ſei, worauf er eine verneinende Antwort erhielt. Lisbeth ſah ſehr niedergeſchlagen aus, Anna war ſinnend. Thure dagegen ſchien ungezwungen und geſprächiger als ſonſt. Er ſah 128 aus, wie Jemand, der ſich lange in einem engen Kleide bewegt, äber plötzlich einen Anzug bekommen hat, der ihm paßt. Der Inſpektor aß eine Kartoffel nach der andern, ſeufzte und blickte Lisbeth an, was Anna Veranlaſſung gab, zu lächeln und Blicke mit Elias zu wechſeln. Kaum hatte man ſich vom Tiſch erhoben, ſo verließ auch Johanna das Speiſezimmer, indem ſie ſtolz an Thure vorüber ging; ſie hatte ſich jedoch kaum an ihre Nähetei oben in ihrem Zimmer geſetzt, als die Thüre aufging und ein kleiner zottiger Kopf hineinblickte. „Tantchen, darf ich herein“, fragte Anna. Mit einer majeſtätiſchen Neigung des Kopfes gab Johanna zu erkennen, daß ſie eintreten dürfe. Anna ſtand im nächſten Augenblick am Fenſter und ſaß in dem därauf folgenden Johanna gegenüber, ſo daß nur der Nähtiſch ſich zwiſchen ihnen befand. 8 Liebe Tante“, ſagte ſie, yich häbe ettas auf dem Herzen, was ich Dir gern anvertrauen möchte, da⸗ mit Du mir guten Rath gibſt. Es iſt mir etwas puſſirtAnnd ſchwieg hier uns blickte Johanna forſchend anpie nbhne etwas zu ſagen, zu nähen fortfuhr. „Villſt Du mich anhöten, Pailite““ fragte Anna, als ſie eine Weile vergoblich wüf Antwort gewautet hatte. hanna neigte wiedetimi doi Kopß ſie vetmochte eine gewiſſe Neugiorde nicht zu ntebbrücken 1 129 „Es iſt nämlich ſo— daß eine gewiſſe Perſon angehalten hat, richtig, förmlich angehalten und eine beſtimmte Antwort verlangt hat.“ Jetzt blickte Johanna empor, ihr Geſicht wurde über und über roth, ihr Auge blitzte, und ſie ſagte ſcharf:„der Amtshaupt⸗ mann?“ „Ganz richtig, Tantchen, nun ſoll ich ihm antworten?“ „Ich denke, Du wirſt ſchon Deinen Entſchluß ge⸗ faßt haben“, fiel Johanna bitter ein.„Er iſt reich age mir aber, was 3 und Du, die Du das Geld ſo ſehr ſchätzeſt, wirſt Dich 1* wol nicht beſinnen.“ 8 „Ja, es iſt zwar ſehr angenehm Geld zu haben, 1 aber—“ „Du zögerſt, Dich zu verkaufen. Nun, daß iſt 6 wenigſtens erfreulich“ dachte, es geſchähe dem Amtshauptmann ſchon ganz Johanna's Stimme war etwas ſanfter, und ſie recht, wenn er einen Korb bekäme, da er in ſo treu⸗ loſer Weiſe gegen ſie gehandelt hatte. Johanna hatte jedoch vergeſſen, daß ſie ſelbſt dem Amtshauptmann 5 zwei Mal einen Korb gegeben hatte. „Ich bin nicht unſchlüſſig, weil ich mich beſinne, ſondern vielmehr weil ich fürchte, er wird, wenn ich ſo ſagen ſoll, nicht viel taugen, weil Du, Tante, ihn Schwartz, Anna's Geheimniß. I. 9„ ——— ——. 130 doch nicht haßt chaben wollen. Er muß doch gewiß irgend einen abſchenlichen Fehler hahen. Fiſt er viel⸗ bicht ein ſchlechter Menſche“ Und Anna ſah ſehr ſchelmiſch drein, als ſie dieſe Frage ſtellte. AonEin Menſch mit einem abſcheulichen Fehler?“ rief Johanna und ſetzte das Rähzeug bei Seite.„Er, der die Ehre und die Rechtſchaffenheit ſelbſt iſt? Biſt Du vyn Sinnen? Soviel kann ich Dir ſagen, es wäre gut, wenn wir Beide ſo gute Menſchen wären, wie er einer iſt.“ Mun aber, weshalb haſt Du ihm denn einen Korb gegeben, Täntchen?“ „Weil ich ihn nicht liebte, ünd weil ich ein Mal den Entſchluß gefaßt hatte, mich nicht ohne Liebe zu verheirathen.“ „Du biſt recht garſtig gegen den armen Amtshauptmänn geweſen, und er hat mir auch geſtanden, daß er nie⸗ mals Jemand werde ſo lieb können, wie er die Tante hatte“ „ünd trotzdem bewirbt er ſich um Dich und nicht um mich? Was ſind das für dumme Reden?“ 3„Er hofft, daß ich ihm ein Ja geben werde, bei Dir dagegen iſt er ganz überzeugt, daß Du ihm nur ein Nein entgegen bringen wirſt. Brotsbacken fängt an 13⁴ rucht eilſchn uih abſcheulich ohne Hausftuu zü weiden, er ſehnt ſich eite Freundin neben ſich zu huben und „Uns vizu wählt er ein ächtzehnjähriges Kind?“ „Nun, wäs ſ ollte er thun, ein Kind iſt Pefüßiger als Dü, Tante, und wird ihm vielleicht vas geben, wus Du ihm verweigerſt.“ nnnndo i „Num, in dem Falle weiß ich gar nicht, warum Du mich mit ſo ganz dummen Geſprächen Zuälſt. Pu haſt Dich ja ſchon beſtimmt, obgleich mon mir geſagt hat, daß mein Bruder Magnus ſehr wünſcht, daß Du und Elias ein Paar würdet. Ich ſollte meinen, daß Gleich und Gleich ſich am beſten geſelle.“ „Mit Elias kann ich mich aber durchaus nicht ver⸗ heirathen, weil Lisbeth mit aller Gewalt ihn haben will.“ „Lisbeth!“ rief Johanna und machte eine ſo heftige Bewegung, daß der Nähtiſch beinahe umgefallen wäre. „Lisbeth ſoll niemals die Frau Elias werden, ſo lange ich athme. Lisbeth hat andere Verpflichtungen, die ſie niemals los werden wird, und ich denke ach, daß Elias ſeiner Neigung folgen muß. Dieſe aher zieht ihn nicht mehr zu Lisbeth.“ „Zu wem zieht ſie ihn denn?“ fragte Anna flüſternd und mit glühenden Wangen. „Das gehört nicht hierher“, unterbrach ſie Jöhanna ungeduldig;„ſondern jetzt gilt es, die Frage wegen 9* Peiner ünd des Alitshlptndnäts zu erledigen. Ant⸗ mir, haſt Du wirklich den Muth, ihn zu heirathen.“ „Wenn Du es mit erlaubft Tante, ja.“ Und Anna zt Fohanna an, vermochte aber ein Lächeln nicht zurüczußalten als ſie ſah, wie die Tante die Farbe wechſeltf In dem Herzen des 4jährigen Mädchens fand ein kurzer Kampf ſtatt, welcher jedoch ſp endigte, wie alle dergleichen i immer in ihrem Herzen zu endigen pflegten, mit dem Siege des Rechtsgefühls. Uebereinſtimmend hiermit lautete auch ihre Antwort: „Wenn Dein Herz frei iſt und Du Dich nicht zu Elias hingezogen fühlſt, was ich glaubte, nun ja, dann kannſt Du Dich mit dem Amtshauptmann verheirathen, denn einen ehrlicheren und heſſeren Mann wirſt Du ſchwerlich bekommen, obwol allerdings der große Unterſchied an Jahren— es allerdings etwas— etwas bedenklich macht aber—“ Johanna hatte nur mit Mühe dieſe Worte aus⸗ geſprochen/ die ihre Gewiſſenhaftigkeit ihr vorbuchſtabirte; Anngerkaubte rihr nicht zweiter! zu ſprechen, ſ ondern indem ſie ſlüſterte;ne o„Liebeh gute, beſte Tanten 3t um— wirbt der nee 6 Zinmiodo0) Johanna ſchob ſie von ſich, indem ſie rief:„Um wen denn?“ 6 „Brauche ich Dir das zu ſagen, Tante? Der Amts⸗ hauptmann hat mir den Auftrag gegeben, zu erforſchen, ob er zum dritten Mal es wagen darf, Pir, Johanna, ſeine Hand, ſein Herz und Brotsbacken anzubietet. Er mochte ſich nicht gern einen dritten Korh holen, des⸗ halb habe ich verſprochen, die Feſtung zu tecohübseiren und ihm zu ſagen, ob ſie bereit ſein witd, zu kapitu⸗ liren. Und jetzt, liebe Tante, denke ich, Pu darfſt einen ſo treuen Freund, eine ſo aufrichtige und unver⸗ änderliche Liebe nicht zurückweiſen. Ja, ich ſehe es Dir an, Tänte, daß ich vem Amntshahptmann ſagen darf, daß Du ihn empfangen wirſt.“ Anna umatmte auf's Neue die Tante und küßte ſie, ohne daß die überraſchte Johanna etwas anderes zu ſagen vermochte, als:„Mädchen, läß mich, laß mich, ich muß allein ſein“ brnll „Ich werde Dich verlaſſen, Tante, äber Du wirſt nicht lange allein ſein“ n nnnndoh Anna eilte aus dem Zitmmer, hne auf Johannas Zutufe, deß ſie bleiben möge, zu hören“ Einigs Mi⸗ nuten darauf ſaß der Aiutshauptnann neben Johanna auf dem Sopha, und was zwiſchen den Beiden geſpro⸗ chen worden, mag ein Geheimniß bleibennundstm —— Zwölftes Kapitel, Wie kin in Freiheit geſetzter Vogel eilte Anna in dem Gatten hin und her, indem ſie freudig ihren zot⸗ tigen Kopf ſchüttelte und dermaßen aus vollem Herzen fröhlich war, daß ſie es nicht unterlaſſen konnte, ihre Gedanken auszuſprechen, ſie mußte denſelben Luft geben. Als ſie ünd Fideliv ſich endlich halb müde gelaufen halte“ watf Aſta ſich auf den S. nahm den kleinen Hund! in ihren Arm und riöf: Wi ich ſich glücklich fühle! Nun Fiteti biſt Dil ebejo ftictent Fa, Dü biſt es, ich ſehe es an Deinen Augen“ und Deinem wodelnden Schweifn“ Sie küßte ven ütid Und dief bukaufvon ihm Fefolgt, niebtii diich den Garten diesmal abernauf ihr Zim⸗ mih wö ſie ſich einſchloß“ iet in der Einſamkeit knieete das fröhlicht“Kind bol dein Bilde ihret Murter nieder, 135 und ſtammelte ein dankbares Gebet zu Gott, weil es ihr gelungen, für das Glück der Tante Johanna thätig zu ſein. „Jetzt iſt einer der Fehler Deines geliebten Gatten geſühnt“, flüſterte Anna, die Augen auf das Bild der Mutter gerichtet,„der andere Fehler iſt nicht zu ſühnen, aber ich werde niemals aufhören, ihn ſo viel als mög⸗ lich gut zu machen. Geliebte Mutter, blicke mit Liebe auf Dein Kind herab.“ 1 Hier klopfte Jemand an die Thür, und die Stimme des Hausmädchens bat Annn, ſie möchte herabkommen. In dem großen Arbeitszimmer des Gerichtsdirektors fand ſie Johanna, den Amtshauptmann und den Onkel vor. Letzterer trat ihr mit drohend gehobenem Finger entgegen und ſagte: 6 „Nun, das ſind hübſche Geſchichten bon einem acht, zehnjährigen Mädchen, den Eheprokurgtor zu ſpielen. Was haſt Du für Deine Mühe bekommen 16 nn ſid„Dus erzählerich nicht“, antwortete Anng mitr hre fröhlichſten Lächeln.„Mein Lohn iſt ſo groß poß O erſtaunen würdeſt, lernteſt Du ihnkennen gulb nontoc Das glaube ich nicht“, ſaßte der Gerichtsdirekt JM indent er Annarim Phr fsßtznDunhſtefnjüln ganz vertenieli ut gemacht cdenn ieht brauthe ichunichtn mehr für meine Pantalons zwt0 fürchten undilſo piel⸗ — gnn ich Dir ſagen⸗ nächſt der Freude, Dich und Elias vernähl zu ſehen, iſt dies uceteliuns S mir S 5 einem Magng. i zu 6 ig. war wol Sn meine„Piich. Dir z einer ſolchen fröhlichen Ueberraſchung zu werhelfen, weil ich den guten Elias durchaus nicht haben wollte!“ . Anna lachte, umſchlang Johanng die ſehr zufrieden ausſah und mit herzlicher Freundlichkeit ſie küßte, in— dem ſie verſicherte, daß ſie nur Eins quäle; der Vor⸗ wurf, daß ſie Anna früher nicht verſtanden habe. Der Gerichtsdirektor ließ Champagner auftragen, ſümmtliche Familienglieder wurden herbeigeholt, und es wurde guf das Wohl des Amtshauptmann's und ſeiner Braut getrunken. Jyhanng fühlte ſich faſt ſtolz, ſie warf auf Thure einen Blick, der zu ſagen ſchien: Spllteſt Du Dir eingehildet hahen, daß ich irgend ein ſethrhtees Intereſſe für⸗ Deine Perſyn gehegt habe, ſo iehſt Po jetzt, daß Du Dich geirrt haſt. „jtc 9„e5 wäre in der That ein Irrthum geweſen, 545 7 ihtrohenng⸗ als ſie an dieſem Abend. ſich zur Ruhe niederlegtꝭ E war ihr ſeit vielen, viclen Jahren nicht ſy hethigt undnwohlizu Muhe geweſen Stand ſie doch jetzt nicht mehr einſamn wußte ſie doch, daß ſie 137 erworben huben Tags darauf führen Fohinna uciſc Aits⸗ hauptmann nach der Städt, um die Nnh zi Beſtten und verſchiedene Ankäufe zu machen. Sechs Wölhen därauf ſollte ja bereits die Hochzeit gefeiert wlden. Thure, der Gerichtsvirektor und Coiſtittin behaben ſich zur Gerichtsſitzung und ſagten, daß e ih Tagen nicht zurückkehren würden. Den erſten Tag darauf befanden ſich um che nur der Inſpektbr und Lisbeth Letztere war ſp ungnäbig, wie ſie noch nie geweſen. Ihr Geſpräch mit Thure da⸗ mals, als ſie ausgegangen war, um ihn und Anna zu übervaſchen, hatte ſie dermaßen niedergeſchlagen, daß es ihr unmöglich war, ſich mit dem Geſchick zu verſöhnen, welches Thure ihr beſtimmt hatte. Sie liebte Thüre nicht, das fühlte ſie und hatte ſie längſt gefuhlt Hätie ſie niit Anna wäte 6 4 einem Vi e u iet iht 2hie eſiht. ſtäß ſie niemals die Frau eines aideiſt Naties Strwedurfe vuß Elias uid Ann kin Paät wtst u int deshalb wur ſie it hohem Gräbt Sürite wohin Wenn iht Reigihg ſut Elias ut i Lall weſen, ſo Wurde ſie Kach' jenet Cilathi Lhus ein leidenſchaftliches Sehnen, eine brennende Begierde, und ſie ſaß am Mittagstiſch in den einen Gedanken ver⸗ tieft, daß Elias, es koſte, was es wolle, ihr Mann wer⸗ den müſſe. 0 Aus dieſem Gedanken wurde ſie nicht von dem In⸗ ſpektor geweckt, der in aller Stille gegeſſen und Lisbeth nur betrachtet hatte, während das Mädchen noch im Zimmer ar. Allein als das letzte Gericht ſervirt worden und das Mädchen das Zimmer vevlaſſen hatte, brach der Inſpektor das Schweigen mit den Worten:„Ich habe heute von meinem Vater einen Brief erhalten“ Lisbeth fuhr empor und betrachtete den armen In⸗ ſpektor mit einem Blick, als wollte ſie fagen:„Was geht mich das an?“ „Mein Vater wünſcht, daß ich meine Stellung ver⸗ laſſen und nach Hauſe zurückkehren ſoll,“ Ah ſo“, ſagte Lisbeth mit ihrem intereſſeloſeſten Tone. „Das Gut meines Paters iſt ſehr groß, ich bin das einzige Kind“, fuhr der Inſpektor fort⸗ ncDasl iſt ja ſehr epfreulich S Sie, mein eSt antwortete Lisbeth gleichgiltig noc atc ohnie HOhne ſich jedoch von ährem“ Lone ſsen zu laſſen, fuhr der Inſpektor immer fort n „Ich habe eigentlich miemals nöthig gehabt, bei 139 andern Leuten zu conditioniren; allein mein Voter wollte es durchaus, indem er es für nühzlich hielt, weilhttin. 6 3 „Weshalb ſagen Sie mir das Alles, Herr Inſpek⸗ tor?“ fragte Lisbeth, indem ſie ihn unterbrach und ſich vom Tiſche erhob. Der arme Inſpektor folgte ihrem Beiſpiel. Lisbeth näherte ſich der Glasthüre, die auf die Tevraſſe hinaus⸗ führte. Einen Augenblick blieb der Inſpektor unſchlüſſig ſtehen und blickte ihr nach. Sein treues einfältiges Geſicht zeigte, wie aufgetegt er wav, allein als Lisbeth in's Freie trat, ſchien es, als habe der junge Mann einen Entſchluß gefaßt; er ſchritt ſchnell über den Fuß⸗ boden dahin und ſtand in wenig Augenblicken neben Lisbeth. Sie blickte ihn ganz erſtaunt an, als wenn ſihnl ſagen wollte Haben Sie ſich noch nicht entfornt?“ Er aber ſagte: 9n09 „Fräulein Lisbeth) ich muß mit Ihnen reden!“ „Von dem Gute Ihres Herrn Vaters, won Ihrevi Abteiſe von Ekholm und dergleichen mehr? Abes das ſind ja Dinge, die den Onkel angehen und nicht michn Wunſchen Sis wielleichty daß ich Oukob auf den Veluſt vorbereiten ſoll, uden erjedenfalls durch Ihre Abreiſen erleiden wirv?“ Lisbeth's Ton witironiſch, lallein der 140 aufgeregte Dekonvm bemerkte es miemals, wenn Jemand Bösheit in ſeine Stimme legte; ernahm ſtets die Worte, wie ſie luteten. p iDasriſt micht nöthig“ ſagte er,„der Herv Gerichtsdirektor weiß ſchon, daß ich zum Herbſt, oder ſobcild er einen andern Inſpektor hat, meine Stelle ver⸗ laſſennEr that mir auch erlaubt, mit Ihnenz mein Fräu⸗ lein zu ſprechen, und deshalb wünſchte ich, Sie über meine ökonomiſchen Verhältniſſe zu unterrichten.“ Und deshalb haben Sie um Erlaubniß gebeten, mit mir zu ſprechen?“ wief Lisbeth, die ſchon zu be⸗ fürchten begann, der Herr Inſpekton habe ſeinen Ver⸗ ſtand verloren. „Nun, das gerade nicht, aber ich kann eben nicht ſagen, was ich auf dem Herzen habe, bevor ich Ihnen gezeigt habe, mein Fräulein, daß ich ein gut ſituirter Mann bim! Da nun der Gerichtsdirektor nichts gegen mich einzuwenden hat, ſondern mir ſogar erklärt hat, daßles von Ihnennallein abhänge, ſo hoffe ich, weil Sie mirn doch immer ſehr viel Wohlwollen gezeigt haben, daßn Sie meine Frage ob Sie meine Frau werden wyllemmit Fab beantworten werden.“ mi s„Ihre Frau?“ nrief Lisheth ſunr vor! „Was herechtigt Sie zu eineraſo Anfrage?“ gfügts ſienſtwlgphinnuonio tiſle noſotop tchide Die Einwilligung des Gerichtsdirektots und Ihr eigenes Betragen gegen niich, mein Fräulein¶ Sie werden ſchon lange wiſſen, daß ich Sieliebe. Sie ſind freundlich gegen mich geweſen, haben auch Beweiſe méiner Hulvigung ſtets angenommen und! ſonit ann ich min nicht anders denken, als daß Sie meine Liebe erwibern Die natürliche Folge hierbon viſt/ daß ſich Ihuen meine Hand anbiete“ nohort us mi Lisbeth blieb einen Augenblick wie vom Blitze ge⸗ troffen ſtehen. Ihre Augen ruhten auf dem ſchlicht ge⸗ kleideten jungen Mann⸗ welchen ſie als eine ſvunter⸗ geordnete Perſon bettuchtet hatte, daß die Rede nie von etwas Anderem ſein konnte, als daß ev ſie in aller Stille bewundere Wie war es möglich, daß dieſer Mann, der Sohn eines reichen Bauern, ohné olle andere Erziehung, als die, welche er in einem landwirthſchuft⸗ lichen Inſtitut genvſſen, ohne geſellſchaftliche Fpvnen und ohne alle äußeten Vorzüge, es als mglich gedacht hütte, daß ſie, Lisbeth⸗ ſich mit ihm“ in Lins Heirath ein⸗ laſſen könnte? Einen Aügenblick war Lisbelh ahe darcn zu weinen, ſo tief boleidigt fühlterſie ſichn Allein im Beiſein dieſer in ihton Augen ſon nichtsſagenden Pet⸗ ſönlichkeit zu weinen⸗ hieße ja ihm zolgen, vaß es ihm gelung K ſeih nſie zun beleidigen und das wle wiedetum gegen ihre Abſicht geweſen Mit einer heftigen Anſitengung ———————— 142 beherrſchteſie ſich in ihrer Erregung, ſah den Inſpektor mit einem ſtolzen Blicke an und ſägte 10 Daß Sie mich liebten, habe ich nicht vorausſetzen können, daß Sie höfften, Gegenliebe bei mir zu finden, noch weniger, und daß Sie erwartet haben, ich ſollte Ihre Frau werden, ſcheint mir mehr als vermeſſen zu ſein. Siey mein Herr, ſind nicht der Mann, mit deſſen Geſchick ich das meine verbinden kann Haben Sie mich verſtanden 7 t ch glaubehlich habe Sie verſtanden, obwol ich nicht recht begreife weshalb Sie mir den Kolh geben“, ſtammelte der Inſpektor— „Deshalb weil ich Sie nicht ausſtehen kann Habe ich jetzt deutlich geſprochen 2“ Der arme Menſch wurde aſchgrau im Geſicht und wandte ſich von Lisbeth ab, indem er ſagte: Sie ſind ein ſchlechtes und boshaftes Mädchen, möge Gptt Sie ſtrafen für das Böſe, was Sie mir ge⸗ than haben.“ unm Der Inſpektbr verließ ſie, und Lisbeth eilte nach der entgegengeſetzten Seite. Die Worte, die der verab⸗ ſchiedete Fveier geſprochen hatte, tönten faſt drohend in ihren Ohren nachl Zumerſten Male in ihrem Leben entſtund der Ge⸗ danke bei ihr, daß ſie möglicherweiſe in Zukunft dazu —— —— 143 verurtheilt ſein könnte, Buße zu thun für hälle die Wunden, die ſie Anderen geſchlagen nojou Lisbeth ver⸗ mochte in dieſem Augenblic die Demüthißung nicht zu leugnen; daß ſie, ohne ſich das Allergeringſte um die jungen Männer zu bekümmern die ihr in den Weg gekommen waren, eine unwiderſtehliche Freude därin e⸗ funden hatte, dieſelben in ſich verliebt zu machen. Wär ihre Beluſtigung doch die geweſen, ſo mithdem atmien Inſpektor zu ſpielen, daß ſie ſeine Bewunderung ein eine thörichte Leidenſchaft verwandelt hatte⸗ ohne vprauszu⸗ ſetzen, daß er in ſeinem Herzen auch die Hoffnung auf ihre Liebe hegte. Unter ſeinem grauen Rock trug er trotzdem ein Herz, dieſes Herz hatte in ſeiner Verzweiflung von Rache geſprochen, und dieſe Rache mußte Lisbeth entſetzen. Lisbeth wandelte unruhig auf und ab in der brei⸗ ten Allee, die durch den Garten führte. Es war ihr jetzt noch klarer denn ſonſt, daß der einzige Mann, den ſie aus vollem Herzen liebte, Elias ſei. Vielleicht würde ernihr eines Tages den Schmerz zufügen, den ſie nun ſo ſchonungslos dem Inſpektor verurſacht hatte. Der Egoismus Lisbeth's gab es indeß nicht zu, ſich lange mit anderen Leuten zu beſchäftigen und bald dachte ſie micht mehr an den Inſpeltow, ſondernnur an ſich ſelbſt Fr 144 War es denn eine abgemachte Sache, daß Elias Anna liebte? Rein! Angenommen, daß es ſo ſei, ſo würde es ja ſein Glück geweſen ſein, ſie zu bekommen, und in dieſem Falle würde Thure ganz gewiß ſchweigen und ſich zurückziehen. So dachte Lisbeth. Allein, fuhr ſie fort, wenn Thure ihre Verbindung bereits dem Onlel mitgetheilt hätte? Dann würde dieſer niemals erlauben, daß Elias die Verlobte eines Andern heirathe. Bei dieſem Gedanken klopfte Lisbeth's Herz ſchnel⸗ ler wie gewöhnlich, und ſie wünſchte ſehnlichſt, Elias zu treffen, mit ihm zu ſprechen und ſich zu überzeugen, ob er Anna oder ſie liebe. Sie verließ den Garten und wollte Martha auf⸗ ſuchen.—„Weißt Du“, fragte ſie Martha,„ob Elias zurückgekehrt iſt?“ „Er iſt ſveben zurückgekehrt und ging auf ſein Zimmer, wenn Sie ihn ſprechen wollen.“ „Das möchte ich wol, aber ich möchte es auch, ohne daß es ihm geſagt würde“, antwortete Lisbeth. „Gehen Sie in die Wohnſtube, Fräulein, ſo ver⸗ ſpreche ich Ihnen, daß Elias bald zu Ihnen kommen ſoll.“ In dem Augenblick, als Lisbeth Martha verließ, ſah ſie den Inſpektor über den Hof nach der Küche gehen. 14⁵ Lisbeth bat Martha noch, zu erforſchen, was er wol wolle, und ſelbſt blieb ſie in Marthas Kammer ſtehen. „Liebe Martha, geben Sie dem Gerichtsdirektor dieſes hier“, hörte ſie den Inſpector ſagen.„Ich ver⸗ reiſe und werde in einigen Wochen erſt wiederkehren; allein ich werde eine zuverläſſige Perſon anſtatt meiner hierher ſchicken.“ Lisbeth ſah ihren Verehrer wiederum über den Hof laufen, und zwar mit einer Reiſetaſche in der Hand. Schwartz. Anna's Geheimniß II. 10 Pretzehntes Kapttel. 150 Beſchäftigt mit einer Stickerei ſaß Lisbeth an dem offenen Fenſter in der Wohnſtube. Sie blickte unruhig durch daſſelbe, während ſie in geſpannter Erwartung lauſchte. Die Sonne war im Untergehen. Auf dem Tiſche am Sopha ſtand ein Teller mit Kuchen und Confituren, die Martha hereingetragen hatte; aber trotzdem und ungeachtet des langen Harrens Lisbeth's erſchien Elias nicht. Martha hatte ihm aller⸗ dings geſagt, daß in der Wohnſtube Kuchen und Ein⸗ gemachtes ſtände⸗ aher er hatte diesmal ſeinen Geſchmack an ſolchen Sachen verloren, Im Speiſezimmer begann man ſchon den Tiſch zum Abendeſſen zu decken Lisbeth ſah nun Elias durch den Garten kommen, und zwar im Ueberrock mit dem Hut auf dem Kopf. Er beabſichtigte ſomit wegzugehen. — — Lisbeth hatte kein Auge für die Leckereien, die Martha aufgetiſcht hatte, ſie vermochte gar nichts zu Abend zu genießen und ſchlief auch in dieſer Nacht ſehr unruhig. Beim Frühſtück am folgenden Morgen und ſelbſt am Mittag war ſie allein. Elias war nicht wiedergekehrt, nachdem er ſich am Abend entfernt hatte. Endlich ſpät am Abend des folgenden Pages, nachdem Lisbeth verſtimmt und in der übelſten Laune ihren Thee genoſſen, trat Elias ein. Der Tiſch war noch gedeckt, und er ließ ſich nibder, indem er erklärke, daß er außerordentlich hungrig ſei. „Ich bin ſehr weit weg geweſen, um für den In⸗ ſpektor einen Erſatz zu ſchaffen, wenigſtens bis Onkel wiederkehrt. Ich verſprach dem Inſpektor, es ſo ein⸗ zurichten, daß der Onkel nicht darunter zu leiden häbe, daß er gerade in einer ſo arbeitsreichen Zeit abreiſte.“ Obgleich Lisbeth gern gewußt hätte, ob der In ſpektor Elias das, was zwiſchen ihnen vorgsfallen, an⸗ vertraut habe, hütete ſie ſich doch eine Frage ai ihn zu richten, und begnügte ſich in der liebensi Suitei Weiſe die Wirthin zu mochen. „Wann meinſt Du, daß Onkel wieder ſutüctehren wird?“ „Uebermorgen“, antwortete Elias. Ae ſchon morgen wird der neue Inſpektor da ſein. Es iſt ein 10* 148 junger Mann, deb im Begriff iſt, ſich zu verheixathen, er iſt ſomit gegen jedes Feuer verſichert und wird im Herbſt die Güter des Majors von D nn übernehmen. Der Onkel wird ihn gewiſſermaßen! mur leihweiſe be⸗ komthen währönd einiger Monate, und ich bitte Dich, Lisbeth, verſuche nicht, den Mann ſeiner czukünftigen Braut abſpenſtig zu machen.“ Seit wann verſuche ich denn Jemand zu ver⸗ führen?“ antwortete Lisbeth mit einem traurigen Lächeln.„Meine Machtn wenn ich eine heſitze oder be⸗ ſeſſen habe, iſt gebrochem“ h „Sage das nicht, mein ſchönes Fräulein“ rief Elias, indem er ſich vom Tiſch erhob,„Du weißt ſchon, daß wir armen Männer in Deiner Hand wie willenlos grſindn Du biſt ein außerordentlich gefährliches Weib, N und man müßte Dich eigentlich hinter Schloß und halten.“ Elias ſteckte ſich eine an und ſich in Frden Garteſrindem erhinzufügte; 5 nio vim„WällſtDu vielleicht an meiner Seite 8 MAbent eninßen 49j oräclog zr960 ni0 nnnt a e Pießtknteth⸗ grade zu 66 njich zuſutũmen auft die Fersſſe. Martha ſah ſie dort uſitzen undhzuſammen ſprechen, worüber ſie ſich ſehr freute, denn ſie dachte:„Jetzt wird es ſich entſcheiden.“ 1 * 149 Allerdings wurde eine Angelegenheit zwiſchen den jungen Leuten entſchieden, nur freilich ganz anders, als Martha meinte. Elias hatte, nachdem ſie eine Weile über peg⸗ giltige Dinge geplaudert hatten, plötzlich gefragt“ „Sage mit, Lisbeth, weshalb willſt Du zu⸗ ſtimmen, daß ich Anna heirathe?“ Elias ließ ſein offenes ehrliches Auge auf giheh ruhen, ſie wurde bald roth bald blaß und antwortete endlich mit bebender Stimme: „Ich habe— nichts dagegen.“ „Nun wenn Du nicht direkt dagegen biſt, ſo biſt Du es doch indirekt geweſen, und ich möchte gern wiſſen weshalb.“ „Ich bitte Dich, Elias, beantworte mir erſt ganz aufrichtig die Frage, weshalb Du eine Vereinigung mit Anna wünſcheſt?“ „Weshalb?“ Weil ich ſie liebe.“ „Elias!“ rief Lisbeth heftig;„es ſind ch nicht zwei Jahre her, daß Du eine Andere liebteſt. Du wirſt nicht im Ernſt die Abſicht hegen, daß Du mir ein bilden könnteſt, Dein Herz gehöre jetzt meiner Schweſter.“ „Es iſt äber doch ſo. Wenn Dunzweifelſt ſo kann ich nichts vafüt. Höre indeß, was ich Dir zu ſagen habe, und Du wirſt finden, daß es nicht ſo unnatür⸗ lich iſt, wie Du zu meinen ſcheinſt. Die Neigung, die mich zu Dir hinzog, war eine heftige, eine exaltirte Leidenſchaft. Ich liebte Dich, wie man das erſte Mal in ſeinem Lehen ein ſchönes Weib liebt. Dein Anblick war meine Freude und Dich zu bewundern meine Glückſeligkeit Deine Gleichgiltigkeit brachte mir Ver⸗ zweiflung, Deine Freundlichteit machte mich ſelig. Furcht und Hoffnung, die damals ſtets in meinem Innern rechſeiten, brachten meine Gefühle zu einer unnatür⸗ lichen Höhe und um meiner Ungewißheit darüber ein Ende zu machen, erklärte ich mich darüber. Deine Antwort hätte mir beinahe den Verſtand geraubt, Aber nachdem ich die Kriſis überſtanden hatte, war ich voll⸗ ſtändig geheilt. Selbſt glaubte ich es kaum, als ich aber bei unſerem Wiederſehen mich ruhig und zufrie⸗ den fand, daß ich Dein Verlobter nicht ſei, konnte ich mich dieſer Wahrheit nicht mehr verſchließen. Es war, mir Sftuehpen von den Augen Feith d 6 be meiner iſien und pieſ in. Inna. An üebe — S— — 45¹ mit einer exaltirten Paſſion, ſondern ſo wie der Menſch das Edle und das Hohe anbetet und ihm huldigt. Jetzt, Lisbeth, hängt es von Dir ab, ob das Glück⸗ Anna zu beſitzen, mir zu Theil werden ſoll.“ „Wie kannſt Du das behaupten? Wie kann das von mir abhängen? Weißt Du, ob Anng Dich auch wirklich liebt?“ „Jo, dus weiß ich, Lisbeth; Anna tiebt mich, ich weiß es, ich fühle es; aber Anna will ihr Glück nicht auf Koſten des Deinigen erkaufen, und ſie glaubt, daß — daß 4 Elias ſchwieg einen Augenblick und blickte halb tächelnd, halb verlegen Lisbeth an, worauf er hinzufügte: „Sie glaubt und meint, daß Dein Nein gerade als ein Ja zu betrachten ſei.“ Lisbeth ſchwieg, ſie ließ den Kopf ſinken und ging ſchweigend neben ihm einher. Als ſie an das Ende der Alee gelaugt war, ſagte Elias„Nun, Lisbeth, weiche Antwort haſt Du mir zu geben? Willſt Du fortjuhren, zwiſchen mir und meinem Glück zu ſtehen? Pillſt Du mir m zweiten Male mein Glück ſtreitig machen? Nein, hertherzig kannſt Du doch wot icht ſein. es nicht einer borübergehenden Neig ng, ern tiefen und ernſten Gefühle. Du wirſt, 5 hoffe i Jet 4 8 1 — — 152 Bedenklichkeiten, die Anna noch hat, verſcheuchen und Dir vadurch meine elbige Dankbarkeit erwerben“n noNein“, naitwortete Lisbeth kurz und ſcharf,„ich will Dich und Anna nicht vereinigt ſehen“, und nunl richtote ſie ihre großen ſtrahlenden Augen auf Elias. Esnav ein gefährlicher Blickz voll Leidenſchaft und Zorn. Elias begegnete demſelben und ein Paar Se⸗ kunden betrachteten ſie einander in dieſer Stellung. Darauf ließ Lisbeth den Kopf ſinken. Sie hatte in den Augei Elias geloſen, daß es ihr niemals gelingen würde, ihn zu bethören und daß Alles zu Ende ſei. Dhne noch ein einziges Wort mit einander zu reden, gingen ſie wieder zurück durch den Garten, und erſt, als ſie ſich auf der oberſten Teraſſe befanden und Elias im Begriff war, in das Haus zu treten, fragte er: Wirſt Du Dein vorhin ee Nein zu⸗ rücknehmen?“n „Niemals“, antwortete Lisbeth ſtolz„Das Gluc Annus iſt mit liobet, als daß ich es ſo leichtfinnigen Händen wie den Deinen anvettrauen ſollte. Geſtern war icheshrheute iſt es Annn, und morgen tbird es Seine Ahdeve ſoiü, die Dun S nieindlsldit Deine werden.“ nodoini „Niemalswiedetholte ein wenig zuviel geſagt ſein?“ wirſe vat. n „ „Ich glaube es nicht“ vUnd Lisbetht betrachtete ihn mit flammenden Blicken. Wohlanndennnſehen wir, wer von unses ambeſten werſtehen wirdi ſeine Wünſche zu erréichen,“ in ant ich Uia Lebe wohl bist nhinn mein ſhinz Fräulein Ich ſchwöre Dir bei meiner Ehredaß ich niemals heirathen werde, wenn Lich Anna nichte bekomme und Du kannſt Dich darauf verlaſſen„ſichn mein. Ge lübde niemals.“ Foil funn Elias begab ſich wiederin den Farnn g trat in das Haus. Geſenkten Hauptes ſchritt ſie zu der Wohnſube und näherte ſich der entgegengeſetzten Thüre. Sie ſah Martha nicht) die dort, die Hand auf dem Friß ſtand, bis dieſe äußerter „Iſt es jetzt endlich entſchieden zwiſchen gu ſo daß wir nun bald eine Hochzeit bekommen omonbi isbeth blicktt zbonigaufaatinn olnntsiE. „Von wem sſprichſt Duk“ zrage ſien⸗ In t einen zornigen Blick auf Marthas o noc vio moone Von Ihnen, Fräuleinund Elias, denke ich!“ uno „Wir werden niemals gin Paär werden, das anußt Du doch einſehen, Martha“ nentgegnete Sisbeth⸗ zea und eilte die Treppe hinnn laufoihnnZimmerte. — Stiof—onfo ordn pin n . an eine Heirath ſich aus den Sinn geſchlgen hätten. Vierzehntes Kapitel. Auf Ekholm war viel Untuhe und fanden ſehr viele Vorkehrungen ſtatt. Sollte doch dort in einigen Wochen eine Hochzeit gefeiert werden. Alle Hände, welche die Nadel zu führen verſtanden, waren dabei beſchäftigt, und Anna nähte ebenſo eiftig, wie ſie zu⸗ weilen fröhlich ſang; allein wenn ihre Blicke dabei auf das unfreundliche und finſtere Geſicht der Schweſter fielen, verſtummte ihr Geſang, und ſie verſank in Nachdenken u6 o Fu ſolcher Weiſe wat eine Woche verfloſſen, ohne daß itgend etwas vorfiel, was Anna und Elias näher zuſtmmengeführt hätte. Allerdings wär Atna freund⸗ lich gegen Elias und er wär düch ſtets un ihrer Stite, es ſah aber dabei aus, äls wenn Beide jeden Gedaitken * 6„ 455 Lisbeth verfolgte ihn mit zornigen Blicken. Sie wußte übrigens, daß ihr ein paar Augen ſtets aufmerk⸗ ſam auf der Spur waren, und deshalb wagte ſie es nicht, wie ſie ſonſt gern gethan hätte, Anna anzugreifen — Wenn ſie es ohne Gefahr thun konnte, ſo ſprach ſie ohne Bedenken über Anna's Geiz, über ihre Schlauheit und ihren berechnenden Charakter. Sie wagte nicht, davon zu ſprechen, wenn Johanna oder der Amtshaupt⸗ mann es hörten, ſondern benutzte die Gelegenheit, wo die Mädchen und die jungen Herren allein waren, und dies war ſehr oft der Fall. Anna beantwortete dieſe Aus⸗ fälle mit Scherz, aber Elias wurde oft ganz warm da⸗ bei, und alsdann exheiterte Lisbeth ſich durch ihre bos⸗ haften Inſinuatipnen, mit denen ſie ihn zu erhitzen fort⸗ fuhr, bis Thure mit einigen wenigen Worten, die ohne alle Bedeutung zu ſein ſchienen, den Streit zwiſchen ihnen unterbrach Sobgald Thure ſich in das Geſpräch einmiſchte, ſchwieg Lisbeth. Conſtantin wenn erolzu⸗ fällig dazu kam, dachte kaum dabei etwas anderespals wie ſchön Lisbeth ſei, ſobald ſie ſich ſo plehhaſt zeigte und wie bewunderungswürdig, ſobald ſie boshaft auf⸗ trat. Ey hetrachtete dieſe Streitigkeiten mehr als einen Scherz und wußte nicht, daß hinter dem ſ Scherze die irgſte Bosheit lauerten anc odn Anß 89 Lisbeth zeigte ſich mit jedem Page gegen 156 Anna mnd ſann immerfort, wie ſie irgend einen Cha⸗ rakterzug entdecken könnte, der Anna in den Augen Elias herabzuſetzen vermöchte. Vergeblich hatte ſie Annas Liebe zum Geld an den Tag gezogen, es brachte keine Wirkung hervor. Sie begann nun nach etwas Anderem zu ſuchen, was von beſſerem Effekt wäre. Sie i wenn Anna mit dem Amtshauptmann ſprach; ſpionirte, wenn Anna den alten Peter be⸗ ſuchte, ⸗ durchforſchte Anna's Kaſten und ſonſtige Be⸗ hältniſſe, las ihre Briefe durch, allein Alles, ohne daß ſie des geringſten Beweiſes für den ſchlechten Charakter der Schweſter habhaft werden konnte. Endlich entdeckte ſie, daß Anna immer den Schlüſ⸗ ſel zu einem kleinen Käſtchen um den Hals trug. In dieſem Käſtchen befanden ſich Juwelen und Nippſachen, die Anna von ihrer Großmutter geerbt, allein unter der Bedingung, daß ſie dieſelbe weder veräußern noch ſelbſt benützen vürfe, bis ſie in den Eheſtand getreten ihr fünfundzwanzigſtes Jahr erreicht habe. 6iſt während der letzteren Zeit hatte ſie jenen Schlüſſel in einer Schüut um den Hals getragen; früher hatte beizelbe in einem Käſchen in der Chiffönniére Anna's 3 gegen Vestarh berbahtte ſie jetzt vieſen Schlüſſel F igſü Lbeih ſeni 2ig ii vatüber nach, pathie zeigte, ſo nahm Lisbeth ſich por, 157 ohne daß ſie einen atehmbätet S S vermochte. bodtns pusrtir Eines Abends als ſie ſich in ihrem Zimimer befünden, bat Lisbeth Annc, ſie möchtenihr doch die Schiuckſachen der Großimuttet zeigeti“ Wnnh war ſonſt imner bereit geweſen, ihr dieſe Söhniüſuihen zu zeigen, wenn in ſchlechtet Laune wath! Jeßt verweigerte es Aüna. Lisbeth erneuerte fdin folseſben Abend ihr Verlangen, aber mit demſelben Erfölg jedes Mal, tenn ſie darum bät, fäh'ſ ſie, daß Auna die Farbe wechſelte und itm abweiſeiden Tönoes verweigette. Es mußte ſomit ein Leigethümliches Bewandniß hin⸗ ſichtlich dieſen Schmuckſuchen obwaltens aber dies) wollte Lisbeth wiſſen Mehrere Abende nach einander ſprachſie nicht von denſelben, allein ſie hatte den Entſchluß gefaßt, ſich auf die Lauer zu legen und wenigſtens auszuſpioniren, weshalb Anna ewöthete, wenn die Rede dahontſcpgr. Da uun Elias immers deutlichena ſeineiwärmſte Shm⸗ d reis n. jed en Pre herauszuhrkommen wgses mit jenm gäſt ſchen und bS 1 10 mit den Fiheen dir 8 z Auf Feht hätte. zun, ſten, Jigl, oeb Fuhn war ein großes Feſt ai Elhoim, und unter 158 Güſten) bie dort kingelroffen Wareil, hefand ſich auch eine Cbüſine ber beiben Mädchen, Frau Caroline Unger mit ihren Tüchtern. Dieſelbe wurde in der Regel Tante Cutolinẽ genunnt. Rbch niemals hatte Johanna ein fröhlicheres und ſtattlicheres Aeußere gezeigt, als an dieſem Tage. Sie hätte vohue Gefahr, Lügen geſtraft zu werden, ihr Alter auf 35 anſtätt duf 45 angeben können, ſo blühend und lebhäft war ihr Geſicht. Die ſtrahlenden Augen, das ſchöne ſchwärze Haar und das friſche Lächeln hatte etwas ſo Jugendliches, daß ſie ohne Widerſpruch ein ſchönes Weib genannt werden konnte. Sie trug ein prächtiges Kleid, garnirt mit Franzen, Knöpfen und Roſetten. In das dunkle Haar hatte ſie ein purpur⸗ rothes Band gewickelt, kurz, ihr ganzer Anzug ſprach davon, wie wohl ſie ſich befand durch den Entſchluß, endlich in den Eheſtand einzutreten. Johanna war glücklich und ſah glücklich aus. Sie brauchte nicht länget eiferſüchtig auf Lisbeth, auf deren Jugend und Schönheit zu ſein, ſie beſaß nunmehr, was vom hohen Werthe war: die erprobte Ergebenheit eines ehrenhaften Mantes Sie ſah äuch an dieſem Abend ohne allen Unwillen Lisbeth im vollen Glanze ihrer ſtrahlenden Schönheit kurftteten. Lisbeth wat blendens ſchön; Alle bewunderten ſie, — 159 die Blicke Alle richteten ſich auf ſie, und ſie genoß den Triumph, daß ſelbſt die Augen Elias ihre Schönheit eingeſtehen mußten. Allein es war doch nur beim Zuſammentreffen, daß er ihr dieſen Blick der Bewunde⸗ rung lieh, nachher war derſelbe für den ganzen Abend verſchwunden. Thure that anfangs, als wenn er ſie gar nicht ſähe, ſpäter aber war er unzertrennlich neben ihr, und zum erſten Male zeigte er der ganzen Welt nicht allein, daß er dem ſchönen Mädchen ſeine Hul⸗ digung darbingen wollte, ſondern, daß ſie auf einem ganz intimen Fuße mit einander ſtänden. Es lag etwas Zärtlich⸗Vertrautes in ſeiner Art und Weiſe, das Con⸗ ſtantin reizte und überraſchte. Unter Freunden und Bekannten rief Thures Betragen einiges Flüſtern hervor, und man meinte, es dürfe nun bald von einer Verlobung zwiſchen Thure und Lisbeth die Rede ſein. Das Betragen Thure's ärgerte Lisbeth; ſie wagte aber nicht, ihren Aerger zu zeigen. Um ſich an ihm zu rächen, kokettirte ſie mit allen Herren und war ſo he⸗ zaubernd, daß ſie auch die Bewunderung Aller ſich er⸗ rang. n Anna tanzte und war außerordentlich fröhliche Sie betrug ſich faſt wie ein übermüthiges Kind Sie und Elias befanden ſich außerordentlich wohl und zum erſten Male ſeit langer Zeit warf Anna die Gedanken 160 an andere Menſchen von ſich und genoß in vollen Zügen den frohen Augenblick. Sie und Elias hatten zuſammen einen rauſchenden Galopp getanzt und ſaßen nun an dem zwar finſtern, aber ſanften Septemberabend auf der Teraſſe beiſam⸗ men. Sie waren allein, aber der Lichtſchein vom Saal flog über die Teraſſe dahin, Elias hielt die Hand des jungen Mädchens in der ſeinen. „Anna, liebſt Du mich?“ flüſterte er mit heimlichem Tone. Anna antwortete nicht, allein ſie ſaß ruhig und ließ ihre Hand in der ſeinen. „Du ſchweigſt?“ Und ſein Arm ſchmiegte ſich um ihre Hüfte, er zog ſie näher an ſich, ohne daß ſie ihm Widerſtand leiſtete. „Willſt Du meinen und des Onkels Wunſch er⸗ füllen, willſt Du mein Weib werden?“ Anna ſah zu ihm empor und flüſterte ein kaum hörbares„Ja.“ Ein Kuß beſiegelten dieſes Gelübde, aber in demſelben Augenblick vernahm ſie einen Seufzer in ihrer Nähe. Anna erhob ſich heftig und blieb ängſtlich ſtehen. „Lisbeth“, rief ſie, indem ſie umherblickte. Lisbeth war aber nicht zu ſehen, dagegen ſtand Thure Elias und Anna plötzlich gegenüber. 161 „Haſt Du geſeufzt?“ fragte Anna. „Ja“, antwortete Thure;„es war ein Seufzer der Erleichterung, denn jetzt iſt Lisbeth die meine“ Es wurde zu einem Walzer aufgeſpielt. „Dieſen Walzer hat Anna mir verſprochen“, ſagte Thure. „Und Du wirſt mir Dein Recht abtreten“, fiel Elias ein, indem er ohne ſeine Einwilligung abzu⸗ warten mit Anna in den Saal trat. Thure blieb auf der Veranda ſtehen und blickte in die finſtere Nacht hinaus. Noch ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, darauf ſprach er leiſe vor ſich hin:„Es mußte geſchehen.“ Der Walzer war zu Ende, der Gerichtsdivektor trat direkt auf Anna und Elias zu. „Sapperment! wie ihr immerfort miteinander tanzt, ich muß ſagen, daß ein ſolches Betragen— „— Für ein Paar Neuverlobte paßt“, fiel Anna lächelnd ein und eilte lachend davon. Der Onkel blickte Elias an, reichte ihm die Halid und rief fröhlich aus: „Victvria, jetzt haſt Du mir Ehre und eine ganz verteufelt große Freude.“ „Ehe wir uns heute Abend trennen, ſollen Alle Schwartz, Anna's Geheimniß. II. 11 ————————— 162 wiſſen, daß mir mein liebſter Wunſch in Erfüllung ge⸗ gangen aſt. Biſt Du dalin mit mir einverſtanden?% Was Elias antwortete, wiſſen wir nichth er beeilte ſich, Anna aüfzuſuchen, und der Gerichtsdirektor ſtand gerade im Begriff, ſich zu den Karten ſpielenden Her⸗ ren zu begeben, als Thure ihm in den Weg trat. Der Gerichtsdirektor blickte ihn erſtaunt an. 2„Ich bin bereit, mich nach Deinem Wunſch zu richten“ ſagte Thuüren „Schön; wenn die Toaſte nach der Abendmahlzeit ausgebracht werden“, antwortete der Gerichtsdirektor und entfernte ſich. „Jetzt iſt es geſchehen“, ſprach Thure für ſich und ging, um Lisbeth aufzuſuchen. Der Abendtiſch war gedeckt und ſtand voll Lecker⸗ biſſen, voll Blumen und Krhſtallgläſern. Die Gäſte drängten ſich heran, man aß, man plau⸗ derte, man ſcherzte, man trank. Inmitten der Gruppe der fröhlichen Jugend ſtand Lisbeth und Anna, als ihre privilegirten Ritter ſah man Elias und Thure, die es den andern Cavalieren nicht vergönnten, ihren beiden Damen etwas zu ſerviren. Conſtantin war außer ſich bor Zorn auf Thure, Lisbeth war es faſt in ebenſo hohem Grade, obwol ſie ihre Gefühle hinter Scherz und Spott zu verbergen ſuchte. 163 Die Abendmahlzeit war zu Ende, Deſſert mnd Tpaſte kamen an die Reihe Der erſte Toaſt, den cden Gerichtsdirektov ausbrachte, golt matürlichetweiſe den Beiden, deren Ehebund heute zum erſten Mal won der Kanzel herab verkündet worden wär! nti n Er richtete an ſeine Schweſter und an ſeinen zunf⸗ tigen Schwager eine humoriſtiſche Anſprache, welche viel Heiterkeit unter den Zuhörern erweckte, die Er⸗ röthen der Mädchen und verlobten Damen veranlaßte und ein Lächeln der Herren hervorrief. Der Tvaſt wurde mit Jubel aufgenommen. Als der Lärm ſich legte, bat der Gerichtsdirektor die Gäſte, ſ nochmals ihre Gläſer zu füllen, um mit ihm ein volles Glas auf und Zukunft ſeines Bruderſohnes zu leeren. Sämmtliche Gäſte ergriffen ihre Gläſer, Elias ſtand neben Anna, neben ihnen ſtanden wiederum Thure Lis⸗ beth und Conſtantin, und einige junge Mädchen befanden ſich etwas ſeitwärts. Alle Augen richteten ſich auf Elias. Die kleine Anna erröthete, als Onkel Magnus mit lauter und vernehmlicher Stimme ſagte:„Meine Herw⸗ 1 ſchaften, ich trinke auf das Wohl des Herrn Elias Wikſtrand und ſeiner Verlobten, Fräulein Anna Hil⸗ dener.“ Ein Geſumme der Ueberraſchung lief durch die e 16 Reihen und die Glücwünſche begannen. Man drängte ſich um die Verlobten, man ſtieß mit ihnen an, man drückte ihnen die Hände. 8 Zei dem Hin⸗ und Herbogen in dieſer Veranlaſ⸗ ſung war ein Glas vom Tiſche gefallen, und man trat auf Scherben, ohne ſie zu beachten. Es war Lisbeth, die ihr Glas verlor, ut die ſich nun bemühte, ſich noch weiter von der Seite des Verlobten zu entfernen, und wo möglich ganz aus dem Gedränge herauszukymmen, Allein eine eiſerne Hand hielt ſie zurück, ſie mußte ſtehen bleiben, und mit zwar leiſer, aber befehlenden Stimme flüſterte er ihr zu: „Bleibe, ich will es!“ Blaß wie eine Marmorſtatue blieb ſie ſtehen. Endlich legte ſich der Jubel, und der Gerichtsdirek⸗ n bat aufs Neue die Gäſte, ihre Gläſer zu füllen. „Ein altes Wort ſagt, daß aller guten Dinge dreie ſind“, bemerkte Wiſtrand,„und dieſes alte Wort wird heute wieder zur Wahrheit auf Ekholm, wo wir die Freude huhſn werden, auf das Wohl des driten ver⸗ open Pugres zu Lrinjen. Es iſt allerdings eine alte Wutd die nur mir und pen beiden e b⸗ 8 ei“ tenri Im bi 3 S um ſo lieber, ein Glas auf die Verlobung des Herrn Thure 3 5 165 und Fräulein Lisbeth Hildener zu leeren. Ich trinke auf ihr Glück und ihre treue Liebe!“ Wenn Lisbeth vom Blitz getroffen wärs es pi ihr nichts Entſetzlicheres zuſtoßen können, als dieſe Er⸗ klärung ihrer eigenen Verlobung gerade in dem Augen⸗ blick, wo ihr ganzes Innere von Eiferſucht flammie. Die Hand, welche das Glas umfing, das Thure ihr reichte, zitterte und ihre Wangen waren leichenblaß. Sie empfing die Glückwünſche und die Scherze, die um ſie herumſummten, mit gleichgiltiger Miene, ſie vernahm das Geſumme und das Geplauder wie im Traum und ſie verſtand nicht mehr recht, was geſchehen war, bis ſie von Thures Arm umſchlungen den erſten Walzer nach der Mahlzeit tanzte und er mit barſcher Stimme ihr zuflüſterte:.“ „Jetzt ſind wir Verlobte auch der Welt gegenüber. Aber beruhige Dich, Jahre ſollen vergehen, bis wir heirathen werden.“ Lisbeth hatte hierauf keine Antwort, ſie war zu gereizt von dieſer Ueberrumpelung, um irgend etwas ſagen zu können. Lisbeth hatte ſich in Alles ergeben nur nicht darein, daß Anna die Frau Elias ſollte, ſie dachte noch jetzt: „Verlobung iſt noch nicht Leirath, viel kann g. ſchehen bis es zur Hochzeit kommt.“ Funfzehntes Kapitel. Dieſer für Lisbeth ſo ünheilvolle Ball war zu Ende. Auf Ekholm wat Alles wieder ruhig und ſtill; Alle waren zu Bette gegangen. Alles ſchlief nach den An⸗ ſtrengungen und Anna war eingeſchlummert mit lächeln⸗ den Lippen. Lisbeth allein hatte keinen Schlaf; ſie ſaß in ihtem Schläfrocke in der Sophaecke und lauſchte den leichmäßigen Athemzügen der Schweſter. Sie brütete öſo Gebanken! Enblich ethob ſie ſich, ſchlich leiſe in bas Zit Anna's, blieb ſtehen und betrachtete die Schlafttiss mit einein bittern faſt rachevollen Ausdruck. Gittecs ben gat ſichts, was ſe in den Augen An⸗ t diiſtet könte“, vächte ſie ch würde wieber dii⸗ ßute ünd liebzvollé Schweſtes werden, wenn ihre ufgehoben werden könnte; aber Jehl jetzt erbe ich iemals votzäihen können) ſie —,— 167 mich mit Vorſpiegelungen hintergangen, daß er mich liebte, während ſie ſelbſt alles that, um ſeine Liebe zu gewinnen.“ Lisbeth's Blicke ſchweiften von Anna auf den kleinen Tiſch, der neben deren Lager ſtand. Anna war einge⸗ ſchlafen, ohne das Licht auszulöſchen. Auf dem Tiſche lagen ein Paar Handſchuhe, die ſie auf dem Ball ge⸗ tragen, und neben denſelben ein Schlüſſelbund und ein ſchwarzes Band, an welchem ein einzelner Schlüſſel hing. Auf dieſen einzelnen Schlüſſel richtete Lisbeth ihre Blicke, und im nächſten Augenblick hatte ſie ſich deſſelben be⸗ mächtigt. Mit lautloſen Schritten ſchlich ſie an Anna's Kommode, auf welcher ein altmodiſches, künſtlich ge⸗ arbeitetes Käſtchen mit Meſſingverzierungen ſtand. Ohne irgendwelche der kleinen Nippſachen in Unordnung zu bringen, die um das Käſtchen umherſtanden, hob Lisbeth daſſelbe empor und trug es in ihr Zimmer Sie ſchloß es vorſichtig auf, nahm einige altmodiſche rothe Eiuis heraus; die ſie eins nach dem andern öffnete, Sie waren alle leer, gllein man ſah aus der innern Form, daß ſe werſchiedene Schmuckſgchen, als Phrgehinge Armbänder; Halsbänder und Broſchen guthalten hatten. „Sümmtliche Schmugkiachen ufortl anieß Kisheth; das Licht aus und hlieb unhtweglich ſiten⸗ juſt gthemlð. Als es wiederum ſtille wurde im Zimmer der Schweſter, un vüs gleichmüßige Athiten ſiederum zeigte, daß Anna eitgeſchlummett wat, ſchlich Lisbeth in Annäs Zinmt Rahm vön vört bas noch brennende Licht, ging wieder in ihr eigenes Zimmer zurück und ſtellte die leeren Etuis nins Käſtchen/ entdeckte abet dabei ein Papier, welches auf dem Boden des Käſtchens lag Sie ent⸗ faltete daſſelbe und las folgende Worte: Erhalten zweitauſend Reichsthaler auf drei Jahre.“ Es war die Handſchrift Annd's Sie legte das Papier wieder an Ort und Stelle, brachte das Käſtchen und den Schlüſſel zurück und begab ſich zu Bett mit einem Ant⸗ litz, welches von Befriedigung ſtrahlte. Wenn Anna ſich irgendwie Geld auf die Juwelen 3 verſchafft, ſo war das eine Handlung, die Onkel Mag⸗ nus ihr niemals verzeihen würde. Sie hatte dann die Schmuckſachen gewiſſermaßen geſtohlen, denn ſie gehörten ihr erſt, wenn ſie ihr fünfundzwanzigſtes Jahr vollendot hatte. Sit hatte ſie in Verwahrung genommen weil der Onkel aufrſieibuute und beinen Augenblick däran zweifelte, daß ſie ſich ſeines Vertrauens würdig zeigen würde. Wenn derſulbe munlerfühte, daß die Schmuckfachen fort ſeien, Wie we dann Elias nonohi nroui ni oif act tioe öLisbeth ſchlief ein, wiihrend ſié⸗ ti rihe 169 vorlegte, und es träumte ihr, daß Fligs hei der Ent⸗ deckung, daß Anng den Schmuck verſchleudert habe⸗ der⸗ ſelben den verlorenen Schmuck zurückgab; gllein gerade in dem Augenblich, als ein Traum dies Lisbeth vor⸗ gaukelte, erwachte ſie⸗ ni di i eei Die Sonne ſtand hoch am Finmeh——— war bereits aufgeſtanden und ausgegangen. mod ſun 89chlo Lisbeth vernahm ihren fvöhlichen Geſ qjnns n Garten herauf. Es beſchlich ſie wein bitteres Gefühl. Dieſe Schweſter war glücklich die ſp falſchicgehandelt hatte, während Lisbeth ſich unglücklich fühlte; ſie ſang und trällerte, während Lisbeth verſucht war zu weinen⸗ Anna verlobt mit dem, den ſie, Lisbeth, liebte, und ſie an den gebunden, den ſie zu lieben aufgehört. Mit welcher leidenſchaftlichen Neigung dachte ſie jetzt nicht an Elias, und wie beneidete Anna hnfhutche Mit dem Ankleiden ging es dijen h zr Lisbeth fehr langſamnes wam ihr ſehr Vnangenehm) daß ſie ſich zum Frühſtück hinabbegeben müſſe, um wiederum Zeuge zu ſein von Anna's Glück, während ſie ſelbſt es unbehaglich fandy daß Thure das Recht haben würde offen eine Liebeizu zeißen, dieſie ſelbſtmnicht: während der Zeit, wo ſie in ihrem eigenen Herzen einen Widet⸗ hall fand, der Welt gegenliber hätte eingeſtehen mögen. Den größten Reiz hatte das ausgeübt, daß Thure ſehr ſchwer zu beſiegen ſei, ſpäter hatte das Geheimniß⸗ volle Lisbeth gefeſſelt. Allein ungeachtet alles deſſen war ihre Liebe erblaßt, als der Wunſch in ihr erwachte, Elias wiederzugewinnen. Jetzt dachte ſie nur mit Ab⸗ ſcheu an die ſtattgefundene Verlobung. Sie wagte die⸗ ſelbe nicht zu brechen, und ſie vermochte es auch nicht; dazu hatte Thure zu viel Gewalt über ſie. Endlich begab ſie ſich zum Frühſtück, jedoch erſt, nachdem man ſie benachrichtigt hatte, daß der Onkel ihrer harre. Im Speiſezimmer fand ſie ſämmtliche Mitglieder der Familie verſammelt. Man lachte und plauderte. Johanna, der Amtshauptmann, Anng und Elias führten das Wort und waren äußerſt froh⸗ Conſtantin ſah et⸗ was niedergeſchlagen aus und warf einen finſteren Blick auf die eintretende Lisbeth. Thure trat ihr ganz unge⸗ zwungen entgegen und begrüßte artig ſeine Verlobte, ohne daß in ſeinem Gruß das geringſte Zeichen von icsi lag. Der Gerichtsdirektor hatte es ſehr S er egh⸗ ſichige auf eine Geſchäftsreiſe auszufahren, und des⸗ ging das Frühſtück ſchnell zu Ende, Als die Hetren ſich zur hereit. machten, Vhurergu Lisbethan stnd nnnt rioln „Wenn meine Gerichtsgeſchäfte zu Gaden e S3 ich nach der Stadt reiſen, woſelbſt ich in Geſchäften einige Tage verweilen werde. Ich hoffe⸗ Du wirſt mich nicht zu ſehr vermiſſen!“ Dieſe Worte wurden mit einem eigenthümlichen Lächeln geſprochen. Die Herren fuhren ab, nur Elias blieb zurück auf Ekholm. Lisbeth fand es im Wohnzimmer zu utſchellch und begeb ſich nach dem Pfarrhof. Tags darauf war es regneriſch und windig Johanna, Tante Caroline und die„Manchen unget hatten den gatzen Tag viel zu beſorgen; am Abend aber waten ſie in der Wöhnung verſammelt, woſelbſt man zum erſten Mal eingeheizt hatte. Der Antshaupmann und Thure wurden vermißt. Die Beiden waren nach der Stadt gefahren, wo ſie etwas auszurichten hatten. ſn Der Gerichtsdirektor ſprach mit Elias von dem be⸗ merkenswertheu Diebſtahl von Kvoſtbarkeiten⸗ awelcher gerade in dieſen Tagen auf einem der größten Güter in der Nachbarſchaft verübt worden war und⸗ weshalb er eben ein Verhör abgehalten hatte. ſun atpitchif Die Haushälterin in dem reichen und wornehmen Hauſe war ſtark in Verdacht, den Diebſtahl btgangen zu haben, allein man hatte noch keine Wsaeti Be⸗ weiſe, un ſie verhaften zu können. nn 172 „6s iſt unverantwortlich“, ſagte der Gerichtsdirek⸗ tor,. in⸗ ſolche Menge pon Koſtbarkeiten zu beſitzen und ſie nicht ordentlich und ſicher zu verwahren Durch ſolche Bernaghliſſ ſigung, wie ſie drüben ſtattgefunden hat, ruft man den Dieb ſtahl hervor; denn die tägliche Wiederkehr der Verſuchung, ſich dasanzueignen, was eine ſelbſtſtändige Lage verſchaffen könnte, wird ſo mächtig, daß, wenn die Rechts⸗ begriffe nich ſtarkgenug ſind, der Menſch zuletzt unterliegt.“ „Daſſelbe habe ich mir gerade auf Anna's Schmuck gedacht“, ſiel Lisbeth ein, indem ſie immer fleißig ſtickte.„Jedweder kann ſich das Käſtchen ja aneignen und um ſo mehr, weil es die Aufmerkſamkeit eines Jeden auf ſich zieht.“ Sie erhob ihre Blicke von der Ar⸗ beit und richtete ſie auf Anna, die ſehr blaß geworden war. „Darin magſt Du Recht haben, obwol ich nicht glaube, daß hier irgend eine Verſuchung vorliegt; er⸗ ſtens, weil die Leute nichts von dem Inhalte des Käſtchens wiſſen, und zweitens, weil das alles Leute ſind, die lange in unſerem Dienſte geſtanden und ſich bewährt haben.“ „Das iſt wahr“, bemerkte Lisbeth, immer noch ihre Blicke auf Anna richtend,„llein es könnte ja ei⸗ nem Wanderer einfallen, die Treppe hin auf zu ſteigen, wähtend wir anderswo, vielleicht im Garten ſind; er erblict das kleine Käſtchen, er wird immer denken, daß es Gegenſtinde von Werth enthält, und nimmt es mit.“ 173 Der Gerichtsdirektor lachte und entgegnele diß Lis⸗ beth wohl eine eigentliche Diebesgeſchichte zufammen⸗ ſtellen möchte, und zwar im Hauſe des Richters; dllein ſie möchte troßdemn darin Recht haben, taß man mit mehr Sorgfalt die Schmuckſachen, die einen Weih von drei— Si Thalern hätten, betwihte nhhie „Ich rathe Dir deshalb, Anna“, fügte er hinzt.„daß Du ſofort auf Dein Zimmer gehſt und bas Fiichen irgend wo einſchließeſt.“ Anna erhob ſich ſchnell, indem ſie etträrte ſie werde unverzüglich ſeinem Wunſche nachkommen. Die Stimme, womit ſie dieſe Worte ſprach, klang jedoch ſo unſicher, daß Elias, welcher einen Augenblick die Augen anders wo gehabt hatte, ſeine Verlobte plötzlich anblickte und ihre Hand ergriff, indem er ſagte: „Wäs iſt Dir, liebe Anna, Dü biſt ja ſo blaß geworden und Deine Stimme itiert. Befneß Du Bich unwohl?“ Anna lächelte, küßte auf di ie en nb eilte aus dem Zimmer. Lisbeth ſtickte mit wähter Veiziſtuig, inß fihe 6 pf wdnnM P mon fört Pon den Schmückſachen zu veden. Si meinte, n ih könné gar ich das ſouetbate ſanen⸗ ihre Steß end 1hjlo U mlitter besteifen, ncientlich eshalb ſie dem eillen der Grchtſtitdern in apllal nicht n 17⁴ größer als dreitauſend Thaler und der andern Schmuck⸗ ſachen, die einen Werth von wenigſtens viertauſend Thälern beſäßen, vermacht hätte. Sie wiſſe doch, daß die Zinſen ihres kleinen Kapitals nicht zu ihrem Unter⸗ halte ausgereicht hätten.„Weshalb hat ſie nur dieſe Juwelen und Schmuckſachen nicht verkauft?“ fragte ſie plötzlich, halsdann hätte ſie ein ſorgloſes Leben führen können“nunc „Dieſelben ſind die letzten Ueberbleibſel der Fami⸗ lienkleinodien von der männlichen Linie Deines Ge⸗ ſchlechts, welche ſich auf Deine Mutter vererbten, welche Linie, wie Du ja wohl weißt, reich und mächtig war. Nachdem die Familie während der Revolutivnszeit zu Grunde gegangen, kamen dieſe Juwelen, die einſt von einem königlichen Herrn der jüngſten Tochter der Fa⸗ milie geſchenkt worden waren und immerfort als Erbe auf die jüngſte Tochter übergingen, auch in den Beſitz Deiner Größmutter: Bei einer Gelegenheit von ſchoj delikater Art ſchlug man allerdings Deiner Großmutter vor, dieſelben in Geld zu verwandeln und durch die Zinſen dieſes Kapitals ihre Einkünfte zu vergrößern; allein ſie verweigerte dieſen Ausweg, indem ſie Jagte, daß dieſe Schmuckſachen ſich auf ihre Schweſtertochter Anna vererben müßten. Annd ſoll ſie auch deshalb bekommen, äber erſt wenn ſie fünfundzwanzig Jahre 175 alt iſt, hat ſie ein Recht, ſie als ihr Eigenthum zu betrachten, und meint alsdann ihr Vormund, daß ſie ſie verkaufen ſoll, ſo mögen ſie werkauft werden. Ich habe ſie indeß unberührt Anna übergeben! Verheira⸗ thet darf Anna ſie aber nur dann verkaufen, wenn ſie Wittwe und mittellos werden ſollte.“ Lisbeth hatte dieſe Auseinanderſetzung ſchweigend angehört, ſie ſchwieg auch noch eine Weile, darauf aber ſagte ſie „Aber weshalb ſoll Anna ſie verwahren und nicht Du, Onkel? Du biſt ja doch unſer Vormund,“ „Aus dem einfachen Grunde, weil ich ſie bei Anna in eben ſo guten Händen weiß, wie bei mir ſelbſt, und außerdem auch deshalb, weil Eure Groß⸗ mutter den Wunſch ausſprach, daß Anna ſie nach ihrer Konfirmation als anvertrautes Gut in Verwahrung nehmen ſoll. Sie gehören ihr nicht eher, als bis ſie fünfundzwanzig Jahre alt wird“, ſagte die Alte,„aber es kann ſeinen Nutzen haben, daß ſie ſie in Ver⸗ wahrung nimmt. Es wird ihr dadurch ſpäter ſie zu veräußern.“ d noſnit Elias hatte mit einein gewiſſen giſunn wiejes Geſpräch angehört, namentlich weil Lisbeth faſt gan nicht wieder davon abzubringen war Endlich ſagte er: „Das iſt ja erſchrecklich, was Du Dich für die —————— S 176 alten Schiuckfachen intereſſirſt. Ich ſollte meinen, ſie ſeien as iitht werth, ein Wort darüber zu verlieren.“ un„Hüſt Du ſie jemals geſehen?“ fragte Lisbeth. Meiti, vus habt ich nicht Wenn ſie Anna ge hörten, würde ich vielleicht ein Intereſſe daran haben, aber jetzt können ſie meine Neugierde gar nicht er⸗ regenn Sie ſind außerordentlich ſchön“ erklärte Johanna, gerade als Anna wieder in's Zimmer trat. Elias ging ihr entgegen und fragte ſcherzend: „Nun, iſt der Schatz jetzt hinter Schloß und Riegel gelegt?“ Er wunderte ſich über die aufgeregte Miene, die Anna hatte, und fügte hinzu, indem er ſie umſchlang: „Aber ſo ſage mir doch, Du kieiner Krauskopf, was fehlt Dir denn? Du ſiehſt ja ſo erſchrocken aus, als ob die Diebe Deine Juwelen ſchon annektirt hätten?“ „Liebſte Anna, hole die Juwelen herunter und zeige jie Elias“ rief Lisbeth. —„a, zeige ſie uns“, fiel Johanna ein,„es iſt wirklich ein Vergnügen ſie zu betrachten.“ „Nein, ich mag ſie nicht herunter holen“, erklärte Anng kurz und lehnte ſich an Elias, allein ſie war ſo blaß, daß es den Anſchein hatte, als würde ſie in Ohnmacht fallen. 177 „Nun, weshalb nicht?“ fragte der Gerichtsdirektor, erſtaunt über den Ton, in welchem Anna ſprach, und als er ſie zu gleicher Zeit betrachtete, wunderte auch er ſich über ihr gufgeregtes Aeußere und ihre Todten⸗ bläſſe. Anna trat auf ihn zu, umſchlang ſeinen Hals und flüſterte:„Nicht wahr, ich brauche ſie nicht her⸗ unterzuholen, Onkel?“ Ihre Stimme klang ängſtlich. Der alte Gerichtsdirektor ſchöpfte augenblicklich Verdacht, daß es irgend eine eigenthümliche Bewandtniß mit den Juwelen haben müſſe, was Anna beunruhigte und was Lisbeth an den Tag ziehen wollte. Vielleicht wa ren ſie ſchon geſtohlen? Er hob Anna's Kopf em⸗ por, ſah ſie an und ſagte mit feſter Stimme:„Geh und hole das Käſichen!“ Anna rührte ſich nicht von der Stelle. Elias blickte ſie unruhig an, denn nunmehr waren auch ihre Lippen blaß geworden. Sie, die blühende, fröhliche und lächelnde Anna, war jetzt ein Bild der Angſt und des Entſetzens. Es ſah aus, als müſſe ſie zu Boden ſtürzen, ſelbſt Elias dachte Haben ſie ihr die Juwelen geſtohlen, daß ſie ſo erſchrocken ausſieht?„Mein armes liebes Kind“, fügte er lauter hinzu,„iſt etwas Unan⸗ genehmes mit Deinen künftigen Juwelen paſſirt?“ Schwartz, Anna's Geheimniß. II. 12 178 Geh! und hole das Juwelenkäſtchen“, wiederholte de Gerichtsdirektor ſtreng. „Anng ging. Es. entſtand ein in der That ten Schweigen⸗ Nen harrte der Wiederkunft Anng's Elias ſchritt un⸗ ruhig im Zimmer auf und ab; Johanng warf mißver⸗ gnügte Blicke auf Lisbeth. Als Anna endlich wieder eintrat, ſah ſie aus wie ein Schatten ihrer ſelbſt, In der Hand hielt ſie das Juwelenkäſtchen, und übexreichte dem Onkel dieſes und den Schlüſſel; darauf warf ſie ſich zu ſeinen Füßen, umſchlang ſeine Knie und brach in heftiges Schluchzen aus. Der Gerichtsdirektor ſteckte den Schlüſſel in das Schloß; der Deckel ſprang auf, und er fand nur die leeren Etuis. „Was heißt das, wo ſind die Juwelen?“ rief er, indem er ſich erhob, Anna's Arm ergriff und ſie unſanft emporhob.„Wo haſt Du die Juwelen ge⸗ laſſen nuIchhabe ſie verpfändet.“ Es entſtand ein peinliches Schweigen von einigen Schſte Die Blicke Aller waxen auf Anna geichtet Elis war ghen ſo hlaß wie ſie geworden. „An wen und zu welchem Zweck haſt Du ſie ver⸗ pfändet?“ fragte der Gerichtsdirektor ſtreng. ——— 179 Anta fiel ihin wiedet zu Fißen⸗ Aüſcckit ſein⸗ Knie und ſtammelte: V Stbit „Frage mich nicht, ich werde es niemials ſigen. Niemals, niemals werde ich es entdecken“, ſchlüchzte ſie. „Aber, Unglückliche, dieſe Juwelen gehören nicht Dir, und Dü haſt ſomit einen Diebſtahl iihengti Du haſt anvertrautes Gut veräußert!“ 5 „Ich weiß es, aber ich habe nicht tilleen deln können. Ich habe ſie nicht verkäüft, ich habe ſie nur beliehen und ich werde ſie einſt wieder ein⸗ löſen.“ „Und womit?“ fragte der jetzt ſtrenge Richter. In dieſen Worten läg ein gar zu tiefer Sinn. Anna verſtand ihn und drückte ihr Antlitz an ſeine Knie. Ach, ohne ihren Onkel würde ſie ja nichts be⸗ ſitzen, und die aufgeworfene Frage ließ ſie deutlich erkennen, däß ſie von ihm nichts zu hoffen hatle In dieſem Augenblick als ſie nahe daran War, vot ihrem Schmerz überwältigt zu werden, als ſie gleichſam fühlte, daß ſie verloren ſei, ergriff ſie Jemand, um⸗ ſchlang ſie, und eine ſanfte, liebevolle Stimme ſügte: „Steh atf, Anna, Du kannſt nichts behulhen haben, worüber Du Dich zu ſinn Lieüſ. ich“ wiß Die Stimtine gehörte Elias, und der Arm, der ſie 12* 180 erhob, wat der ſeine.„Wenn Tante Johanna, Tante Caroline und die jungen Damen ſich aus dem Zim⸗ mer begeben wollen) ſo bin ich überzeugt, daß Du dem Dnkel ſagen wirſt, weshalb Du Dir erlaubt haſt, die zu verpfänden. z uns lieben.“l Die ezeichneten Perſonen verließen das Zimmer, Lisbeth blieb duſneben ſo Pleich wie Anna, Wetzt ſind wir allein ſagte der Gerichtsdirektor und kreuzte die Arine über die Bruſt⸗ Anna ſtand aufgerichtet ihm gegenübers ſie ſtrich mit beiden Händen ihr krauſes Haar zurück und hob den Kopf empor, indem ein Seufzer ſich ihrer Bruſt entwand, worauf ſie mit feſter Stimme ſagte: Lieber Onkel und Du mein lieber Elias, zünnet n mit nicht, abev ich habe mir ſelbſt und Gott ein hei⸗ fmiges Golübde gegeben, daß ich niemals einem Sterb⸗ chen etitdecken werde, weder wozu lich das Geld, was uich tuf dis Juwelen bekommen, noch das, was ich zu⸗ niofäniſiien eſpart) verwendet habe. unu an id ue manis iſtniößlichn waß niht Beide mir eb tid Eutt Achtung bettziehen werdet, daß ihr mich ver⸗ „ ſtoßt; abev ich kanwidſſen ungenchtet nicht anders han⸗ deln. Mag Gott mir verzeihen, wenn ich mich geirrt 181 habe, und ſtatt Recht zu thun, etwas Unrechtes gethan habé. Jetzt will es mir ſcheinen, als wenn ich nicht unvecht gehandelt hätte.“ „Nicht unrecht!“ rief der Getichtsiren n Du däs veràuß ßert haſt, was nicht Dein Eigenthum war?“ „Ach Onkel, ſprich nicht ſo, die en gt mir, wenn ich auch nach dem Geſetze kein Recht hatte, ſie zu verkaufen vor Verlauf von ſechs Jahren. Ich habe ſie verpfändet, und es gereut mich nicht.“ „Du willſt ſomit nicht geſtehen, bei wem Du Geld aufgenommen haſt, und auch nicht, wo Du das Geld gelaſſen haſt?“ „Niemals!“ „Wohlan denn, ſo höre mein Wort: Nicht eher, als bis ich vollſtändig weiß, wie es mit all Deinen Geldgeſchäften zuſammenhängt, nicht eher, als bis die Juwelen wieder zurückgekehrt ſind und alles in Bezug auf dieſelben klar und deutlich worliegt, darfſt Du Dich mit Elias verheirathen, ſelbſtbwenn er guch ſo thöricht wäre, ein ſo ſonderbares⸗ Mädchen, wie Du biſt, zur Frau nehmen zu mollen uſIh nhinn Dein Vormund, und ich kann Eureb Heirath⸗ verhindern. Deine Handlungsweiſen in Bezugtuat die2 Juwelen hat Aehnlichteit mibnrinem Diebſtchlundn wenn ich „ 182 Recht thäte ſo klagte ich Dich bei den Gerichten an. Jetzt haſt Du zu wählen. Geſtehe die Wahrheit ein, oder laß von Elics ab. Ich gebe Dir mein Ehren⸗ wort, daß ich ſchon hintev das wahve Verhältniß miit den Jlelen kommort werde, ſelbſt wenn Du noch ſo hartnäckig ſchweigſt. Die Juwelen müſſen wieder ge⸗ ſchafft werden, oder ich, der ich ſie in Deine Ver⸗ wahrung gegeben habe, bin kompromittirt.“ Anna ſenkte den Kopf und ſchwieg. Eine glü⸗ hende Röthe zeigte ſich auf ihren Wangen, ihre Bruſt hob ſich unruhig, aber ſie ſchwieg. Der Gerichtsdirektor verließ das Zimmer. „Anna, liebe Anna, ſage dem Onkel, wo Du die Juwelen hingethan haſt“, bat Elias und ergriff ihre beiden Hände.„Ich will nichts wiſſen, ich glaube, daß Du ſie zü einem guten Zweck verwendet haſt, wenn ich auch nicht damit einberſtanden bin, daß Dü es thateſt ohlie die Giwilligung des Oükels. Pu häſt ihn in eine unangenehme Lage und auch Dich ſelbſt in eite ſonderbute Stellung gebracht. Geh zu ihm hinein, flüſters wihmb Dein Geheimniß in's Ohr, er wird es Dirtſchon nbewahren!10 Dur biſt das ſihm, Deinem zweiten Vater, ſchuldig. Janmkinnkleiner: Krauskopf, Vu mußt thun was ich Dich bitte, wenn Du nicht „ willſt, daß über uns Beide ein großes Leid dheruſbe ſchworen wird.“ Anna ſchlang die Arme um Elias Hol drückte ihr Geſicht an das ſeine und ſchluchzte laut, als er ſie liebevoll an ſeine Bruſt zog.„Elias, bitte mich nicht, ich kann es micht“, flüſterte ſie. Seine Arme, die ſie umſchlungen hatten, ſänken herab, er ſchob ſie leiſe von ſich⸗ „Du kannſt nicht, Dein Geheimniß iſt Dit alſo meht werth, als Deine Liebe zu mir? Anna, Anna, hüte Dich, Du könnteſt es ſo weit bringen, daß ſelbſt ich an Dir zweifelte. Bedenke, daß die Tante Caroline ganz gewiß ein großes Aufſehen von dieſer Angelegen⸗ heit machen wird, und daß der Onkel in eine ſehr ſonderbare Lage, ja daß Du ſelbſt—“ „Kein Wort mehr, Elias; Onkel wird niemals unter meinen Handlungen der Welt gegenüher zu leiden haben und ich— ich unterwerfe mich Allem.“ „Auch für immer von mir getrennt zu ſeiun 6naf „Auch dem“, flüſterte Anna.„chn mußt5s Und ſie ergriff Glias Händé, 2 an 6 und eilte aus dem Zimmer icnch Elias blickte ihr nach Einen augnilic 184 gleichſam ein Schatten über ſein Antlitz, allein derſelbe verſchwand ſchnell und er ſagte: „Ja, ſo muß es ſein. Morgen werde ich mir Alles klar gemacht haben.“ ——— Sechszehntes Kapitel. Der folgende Tag verſtrich gleichfalls, ohne daß man irgendwie zur Klarheit in der Juwelenſache ge⸗ langte. Anna verblieb auf ihrem Zimmer, damit ſie nicht den Onkel anzutreffen brauchte, und nicht nöthig hätte, ihn gegen ſich aufgebracht zu ſehen. Sie hatte den Muth nicht, dem geliebten Onkel zu begegnen und ihm in's Auge zu ſchauen, wenn er in Zorn und Miß⸗ vergnügen gerathen war. Sie hatte Kopfſchmerzen vor⸗ geſchützt, allein dieſe Vorſtellung befreite ſie doch nicht von dem Beſuch der Tante Karoline, welche zu wieder⸗ holten Malen an dieſem Tage zu ihr hinauf kam, und ſich bemühte, ſie dahin zu bringen, daß ſie wenigſtens ihr ſagte, wo die Juwelen geblieben ſeien. Als Anna dieſem Wunſche nicht nachkam, brach die Tante in die heftigſten Zornesworte gegen ſie aus, und zwar nicht allein gegen Anna, ſondern auch gegen den Gerichtsdirektor, indem ſie erklärte, ſie würde denſelben verklagen, weil er doch eigentlich ſchuld daran ſei, daß die Schmuckſachen verſchleüdert worden wären Als die Tante Caroline Anna verließ, ſtellte ſich Lisbeth ein, um ſie zur Rede zu ſtellen, und als Lis beth ſich entfernt hatte, kam Johanna und bat, ſie möchte doch allen dieſen Unannehmlichkeiten ein Ende machen. Allein Anna blieb unbeweglich. Am dritten Tage Abends nachdem das ganze Haus ſich zur Ruhe begeben hatte, trat Johanna wiederum in Ann's Zimmer ein. „Höre nun, liebe Anna“, ſagte ſie und ſtreichelte das kleine blaſſe Geſicht,„morgen kommen der Amts⸗ hauptmann und Thure von der Stadt zurück und ich denke mir, daß Onkel die Abſicht hat, den Erſteren da⸗ zu zu verwenden, Dein Geheimniß auszuforſchen. Bru⸗ der Magnus hat ihn im Verdacht, daß er darum weiß. Wäre es nun nicht beſſer, Anna, wenn Du allen un⸗ angenehmen Auftritten zuvorkämeſt und Deinem Onkel pffen die Wahrheit ſagteſt? Er iſt durch den Beſuch der Tante dermaßen gereizt worden, daß er mit uns allen böſe iſt, weil er meint, wir haben ein Bündniß gegen ihn geſchloſſen und wiſſen zum Theil auch, wo die Schmuckſachen geblieben ſind. Deshalb könnte Deine Angelegenheit in der That zu großem Ungemach führen. Ich bitte Dich, Anna, beuge dem vor;“ „Wo iſt Elias?“ fragte Anna. Es war das erſte Mal nach jenem Auſtrit, daß ſie nach Elias fragte. Sie hatte es ſchmerzlich em⸗ pfunden, daß er ſich nicht ein einziges Mal während zweier Tage nach ihr erkundigt hatte. „Elias und Onkel ſind an dem Abend, wo die Geſchichte mit den Juwelen aufkam, dermaßen anein⸗ ander gerathen, daß Elias dieſelhe Nacht abreiſte und ſeitdem nicht wiedergekehrt iſt. Willſt Du eine Zer⸗ ſplitterung der ganzen Familie auf Deinem Gewiſſen haben?“ fragte Johanna.„Kannſt Du wünſchen, daß der Onkel Deinetwegen auch von Seiten Elias mit Un⸗ dank belohnt werden ſoll?“ „Nein, das will ich nicht.“ „Wohlan denn, beuge alle dem Böſen vor, welches Du hervorgerufen haſt, ſonſt endet dies ſchlecht. Gute Nacht, mein Kind, Gott wird es Dir nicht verzeihen, wenn Du zu ſchweigen, fortfährſt.“ M Johanna entfernte ſich. Anna ſank vor dein Bilbe der Mutter auf die Knie nn 10 Siebzehntes Käpitel. Aufnden jetzt beſchriebenen Abend folgte ein klarer, friſcher Septembermorgen. Lisbeth hatte die Nacht nicht ruhig ſchlafen können. Sie war früh aufgeſtanden, die ganze Nacht war ſie von Unruhe und Angſt ge⸗ 8 quält worden, und dieſe Aengſtlichkeit nahm zuletzt die Geſtalt von Gewiſſensbiſſen an, denn ſie hatte durch die perſchloſſene Thüre Anng ſchluchzen hören. Einen. Augenblick hatte ſie zu ihr hineintreten wollen, gllein ie fand pie Phür perſchloſſen, und als ſie klopfte, ant⸗ wortete Anna mite trauriger Miene, daß ſie allein bleiben. Polkt daß ſie eigentlich j, nſhe die Schweſterverxathen bhabepſ ſo ſpürte ſ ſie doch etwas, was der Reue ähnelte, in ihren Herzen. A pie erſten 189 Sonnenſtrahlen durch die Fenſter fielen, ſtand ſie fertig angekleidet und lauſchte an der Thür Anna's. Drinnen in dem Zimmer war Alles ſtill, was Lisbeth ſehr be⸗ ängſtigte. Die Unruhe zwang ſie, eine Morgentour zu machen, indem ſie hoffte, durch dieſelbe wieder Gleich⸗ gewicht in ihr Gemüth zu bringen. Gerade indem Lisbeth die Hausthür öffnete, ſprang Elias aus dem Wagen, welcher an der Hausthür hielt. „Nun, das nenne ich ein Glück, wenn man eine ſo ſchöne Begegnung hat, indem man nach Hauſe kommt. Däs iſt eine wahte Frelide, Lisbeth, Dein ſchönes Ant⸗ litz zu ſehen, ſo ſtüh am Motgei“, tief Elias äufge⸗ räumt und umdtmte Lisbeth trötz ihtes Widerſttebens. „Was ſchadet das“, fügte er hinzu,„wenn Du mich umarmſt? Ich hoffe⸗ Thure würde es ſicht einal übel nehmen, wenn et es auch ſähe nfo0 Es war ſehr lange her, väß Elids Lisbethiin dieſem fröhlichen vettrcüten Tone agetedet halte ohre Wangen glühten im ſchönſten Pürput ds ifies Kiüt eini⸗ ger Unſicherheit ſich aus Elias Atiien lobwehd und mit faſt zitternder ſie:„Wis Duftöhlich ülsſiehſtt⸗ M qto ds 2 n „Wulbert Dich bas⸗ hilir „Ganz getiß Bch vachte mit nn w. eiſt weil es hier zu Hälſe zu itiigenehin wWäte⸗ 190 „Sö/ Iht habt es langweilig und unangenehm gehabt? Ich beklage das, abet ich habe es natürlich geſpürt, weil ich abweſend war.“ „Elias, Du kannſt doch nicht ſo leichtſinnig ſein, daß Du vergeſſen hätteſt was an dem Abend geſchah, als Du wegfuhrſt?“ „Ah, Du meinſt die Juwelengeſchichte, nun dieſe wäre allerdings nicht gerade fröhlich, namentlich des⸗ halb micht, weil der Onkel fordert, Anna und ich ſoll⸗ ten unſere Verlobungsringe wieder zurückgeben, trotz⸗ dem er ſich ſo ſehr freute, als wir ſie wechſelten. Ich reiſte ab, um weiteren Unannehmlichkeiten zu entgehen.“ „Aber er wird wahrſcheinlich auf ſeinem Willen beſtehen, jetzt, wo Du wieder hier biſt.“ „Das iſt möglich, die Menſchen ſind einmal ſo wunderlich.“ „Wie wirſt Du alsdann handeln?“ „Ja, das weiß ich nicht. Vielleicht thue ich ihm den Willen, alsdann aber wirſt Du gewiß erfahren, daß er meine Verlobung wieder wünſchen wird.“ Stis lachte. „ biſt fürchterlich teichtſinnig“, ſufgl Lisbeth. „Meinſt Du wirklich?“ und er erfaßte ihre Hand, führte ſie in's Häts zurück öffnete die Saalthür und ſagte: 194 „Komm, Lisbeth, wir wollen einen Augenblick mit einander reden. Ich habe eine⸗ Frage un Dich.“ Lisbeth folgte ihm. Als ſie in den Saal getreten waren, ſetzte Elias ſich auf's Sopha und zog Lisbeth neben ſich nieder. „Willſt Du mir eine Frage ganz, aber ganz Auf⸗ richtig beantworten?“ Er lächelte und blickte ſie an, ohne ihre Antwort abzuwarten:„Sage mir Lisbeth, wo meinſt Du, daß Anna die Juwelen, oder richtiger das Geld, das ſie für dieſelben erhalten, hingethan hat?“ „Ich weiß es nicht, und ich habe auch nicht die allergeringſte Ahnung davon.“ „Aber irgend eine Anſicht wirſt Du doch von der Sache haben, Lisbeth, und vieles kann davon abhängen, daß Du mir jetzt Deine Anſicht ſagſt.“ „Ich habe eigentlich keine Anſicht, allein Martha behauptet, daß Anna durch Petter in dem Grangarden Gelder gegen hohe Zinſen verleiht.“ „Sie treibt alſo Wucher.“ Elias lachte aus vollem Halſe.„Und das ſagt Martha Dir von Deiner eigenen Schweſter?“ „Martha iſt ja meine Amme geweſen“ „Theilſt Du die Anſicht Martha's?“ 192 AnElias„konnte ſich nur mühſam enthalten, aufs Neue in ein lautes Gelächter auszubrechen. Lisbeth fühlte ſich gereizt, faſt beleidigt durch ſeine Fröhlichkeit⸗ Unmöglich wäre es nicht, wenn man ſich erinnert, wie geldgirig ſie geweſen iſt, und wie härtnäckig ſie ſich weigerte, dem Onkel das Geld zu leihen, welches er von ihr haben wollte. Wenn man das zuſammen⸗ hält mit ihrer Hartnäckigkeit jetzt, wo ſie durchaus nicht das Schickſal der Juwelen uns entdecken will, dann allerdings— „Aber zum Teufel, Lisbeth, wenn Anna eine kleine hartnäckige, durchtriebene Wucherin ſein ſollte, dann kann ich mich ja gar nicht mit ihr verheirathen.“ „Dabon mußt Du ja wol überhaupt zurückkommen“, fiel Lisbeth ein, indem ein leichter Seufzer ſich ihrer Bruſt entwand. „Nun, das gehört nicht hierher; jetzt will ich Dir aher nur ſagen, daß es mir gelungen iſt, in der Ju⸗ welenangelegenheit Klarheit zu erlangen.“ „Wo ſind denn die Juwelen?“ „Das wird bis auf Weiteres mein Geheimniß blei⸗ ben; aber was noch mehr iſt, ich weiß auswendig und kann Dir an meinen fünf Fingern genau ſämmtliche —— 193 6 Geldangelegenheiten Anna's erzhle vus wir alles Dir zu verdanken.“ munl m n „Mir“ rief Lisbeth faſt erſchrocken. „Ja, gerade Dir, wäreſt Du nicht ſotpfiffig ge⸗ weſen und hätteſt die Juwelengeſchichte zur Sprache gebracht, dann wäre alles Andere auch im Verborgenen geblieben. Jetzt, Lisbeth, möchte ich aber ungeheuer gern wiſſen, weshalb es Dir am Herzen lag daß alle Welt wiſſen ſollte, Anna habe die Juwelen verpfändet. Daß Du es wußteſt, darüber war ich ſofort im Klaren.“ Lisbeth ſenkte den Blick zu Boden; es war ihr nicht mehr recht wohl zu Muthe. Allerdings beſtritt ſie dieſe Behauptung, allein ſie ſo zu beſtreiten, wie es geſchieht, wenn man die Wahrheit ſpricht, war ihr un⸗ möglich. Sie antwortete ihm daher mit Ungeduld: „Was berechtigt Dich zu einer ſolchen Behauptung?“ „Das habe ich geſagt; ich habe es Dir angeſehen. Aber jetzt zu einer andern Frage: veshait thuſt Du das?“ „Um hierauf zu antworten, müßte ja Veine Be⸗ hauptung die Wahrheit ind nicht der Fall.“ „Bah, meine liebenswütdige Lisbeth wozü wollen wir mit einander Komödie ſpielen? Ich kenne Dich zu gut und werde Dir Deine Hanvlungsweiſe erkläten. Schwartz, Anna's Geheimniß. II. 13 494 Durch irgend einen Zufall magſt Du entdeckt haben, daß die Fuwelen ſich nicht in dem Käſtchen befangen. Nebenbei warſt Du ſeit einiger Zeit nicht gerade ſehr gut geſtimmt gegen Anna, undenun ergriffſt Du plötz⸗ lich, von einem unwiderſtehlichen Rachegefühle getrie⸗ ben, die Gelegenheit; um ſie für dieſes und jenes zu beſtrafeny was Dir nicht behagte. Du wollteſt ſie je⸗ doch nicht dirékt anklagen, ſondern ließeſt es ein einer indirekten Weiſe geſchehen. Daß Du durch Deine Handlungsweiſe Anna um„die Liebe unſeres Onkels und möglicherweiſe auch um meine Achtung bringen würdeſt, davon warſt Du überzeugt, und als Du die Ueberzeugung gewonnen hatteſt, gabſt Du ohne Wei⸗ teres die kleine abſcheuliche Wucherin preis. Du woll⸗ teſt mich vor dem Unglück bewahren, Anna als mein Weib heimzuführen, und Anna wollteſt Du aus dem liebevollen, kindlichen Verhältniſſe, in welchem ſie zum Onkel ſteht, entfernen Es iſt Dir auch beinahe ge⸗ glückt, was Dir ſelbſt viel Freude bereiten muß, Lisbeth.“ Es konnte matürlich Lisbeth nicht länger entgehen, daß Hohn und Spott in der Stimme Elias lagen. Elias, den ſie einſt verſchmäht und den ſie jetzt liebte, wagte es, ſie zu werſpotten. Sie ſprang heftig empor, indem ſie ſagte„Wo willſt Du mit dieſem Spott hinaus?“ wanIch ſpotte nichtn ich ſbreche nur die volle Wahr⸗ heit aus“, antwortete Elias in einem aganz andern Tone, als vbrhert„In wieſem Aügenblick, Lisbeth, begreife ich es in der⸗ That nicht, wie es mivmöglich geweſen iſt, mich von Deinem glatten Aeußern, mich von Deinem ſchönen Geſicht ſo blenden zu“ uſſen, daß ich mit einbilden konnte, ich liebte Dich Pch begreife nicht, wie ich nicht ſah, daß d dieſe äußere lätte ein kaltes, hartes; egoiſtiſches und eitles Herz verbarg. Lisbeth, Du haſt viele und ſchwere Sünden zu ſühnen, und ich beklage aus ganzem Herzen Thure, der im Beſitz Deiner unzuverläſfigen Libe iſt.“ Elias ethob ſich; Lisbeth bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Einen Augenblick blieb ſe ſo ſtehen; darauf warf ſie heftig den Kopf zurück, blickte Glias an und mit faſt flüſternder Stimme: „Weshalb ſagſt Du mirſolche beleidigenden Wots⸗ „Deshalb, damit Du ſie doch einmal von Jemand anvers als von Deinem eigenen Gewiſſen hörſt, und damit Du vielleicht einſiehſt, wie unverantwortlich Du gehandelt haſt!“ j nd ene Die Thüre ging auf, und Martha in Begleitung des Hausmädchens trat ein, um den Frühſtückstiſch zu decken. Lisbeth entfernté ſich, und Elias kehrté ſich um 13* 196 und ſchritt auf die Thür des Onkels zu, an welcher er anklopfte. Allein er blieb plötzlich ſtehen, denn aus dem Arbeitszimmer trat Anna ihm entgegen, blaß und verweint. Sie hielt einen geſiegelten Brief in ihrer Band. Im erſten Augenblick, äls ſie in den Saal kam, hatte ſie Elias nicht bemerkt. Elias war ſtehen ge⸗ geblieben undtrat ihr jetzt entgegen. „Anna, imieine geliebte, blühende Anmä, ſo blaß und ſo betrübt, ſo niedergeſchlagen, ganz, als wenn Du etwas zu bereueh uns abzubitten hätteſt. Was heißt das, Anna?“ Undrer umſchlang ſie und hob ſie faſt vom Boden zu ſich empor, indem er hinzufügte: „Du biſt der beſte und edelſte von allen Juwelen mit Deinen Thränen! Sei ſtolz, ſei froh, mein eigenes geliebtes Mädchen! Im Triumph werde ich Dich durch die ganze Welt tragen und ausrufen: Hier ſind die verlorenen Inwelen!“ Elias küßte ſie, lachte wie ein Kind und ſetzte ſie darauf wieder auf den Fußboden nieder, indem er ſagte:„Nun ja, lächele mich nur an, Du wirſt ſchon nachher erfahren, daß ſich aller Kummer in Fröhlichkeit verwandelt hat. Sage nur, daß Du Dich freuſt, mich wieder zu ſehen.“ Anna ſagte es zwar nicht, allein ſie lächelte ihn an; und dieſes Lächeln ſprach davon, wie lieb ſie ihn habe. 197 Man hörte nun Schritte im Zimmer des Onkels. Elias ſchob Anna ſanft zurück in das anbere Finie indem er flüſterte: „Gehe wieder auf Deine Stube, bis Onkel“ Dih rufen läßt.“ Er drückte einen auf ihre beiden Hände. „Uebergib Onkel dieſes“, ſiiene nlund mit trauriger Miene, indem ſie Elias den Brief veichte, den ſie in der Hand hielt, „Was enthält dieſer Brief?“ „Derſelbe enthält die einzige Erklärung, die ich geben kann.“ Noch einen Kuß, und im nächſten Augenblick hatte Elias ſchon die Hand auf dem Griff der Thüre, welche ihn zum Gerichtsdirektor führte. Er öffnete dieſelbe und trat ein. Achtzehntes Kapitel. Im Saale waren zur Zeit des Frühſtückstiſches ſämmtliche Bewohner Etholms verſammelt, mit Aus⸗ nahme des Hausherrn und Anna's. Auch der Amts⸗ hauptmann und Thure befanden ſich dort der Letztere ſah ziemlich düſter aus, was ſich für einen neuver⸗ lobten jungen Mann nicht zu ſchicken ſchien. Er ſtand an einem der Fenſter und ſprach flüſternd mit Con⸗ ſtaſtin und Elias, während Lisbeth im Sopha ſaß und mit ungeduldiger Miene dann und wann ihre Uhr 399 während Tante Carvline einige Worte übet das Unpaſſende äußerte, welches darin lag, daß der Herr Wipth ſ o lange apf ſich warten ließ. Johanna ſprach mit ihrem Antshnuptmann, fo daß alle die ſpitzigen Vor der Tante Caroline ganz ungehört borüberzogen. Endlich trat der Gerichtsdirektor ein, und zwar mit — eal 199 einer ſo fröhlichen und freundlichen Miene, wie es ſeit der unglücklichen Juwelengeſchichte nicht der Fall ge⸗ weſen Hinter ihm folgte Anna, ſie trug das kleine Juwelenkäſtchen; ihr ganzes Aeußeres ſprach davon, daß ſie innerlich freudig erregt war, obwol jetzt ein Aus⸗ druck von Ruhe über ihr Weſen ausgegoſſen lag. „Ich bitte zu entſchuldigen, beſte Caroline, daß wir auf uns warten laſſen, aber die verdammten Ju⸗ welen haben uns aufgehalten, Ich führe ſie jetzt hier mit mir zu aller Beſichtigung, damit Caroline zufrieden nach Hauſe fahren kann. Setze das Käſtchen hier auf den Tiſch liebes Kind; erſt wollen wir eſſen und nach⸗ her wollen wir die Schmuckſachen beſehen.“ „Sind die Juwelen gefunden?“ rief Tante Caroline und ſtürzte auf das Käſtchen zu.„Biſt Du auch über⸗ zeugt, Magnus, daß ſie nicht gegen falſche Steine ver⸗ tauſcht worden ſind?“ fügte ſie eifrig hinzu. „Ich vermag nicht zu glauben, daß Derjenige, welcher ſie in ſeiner Verwahrung gehabt, ſich bergleichen ſollte erlaubt haben, oder, was meinſt Dr, Bruder Amtshauptmann?“ ſagte der Gerichtstireltor, liten 4 lachte. „Nun, in Verſuchung bin ich allerdings goeſet“ antwortete der Amtshauptmann, indem er lächelich Tante Caroline anblickte, welche perundeit frägte: 200 nSind die Juwelen beim Amtshauptmänn ge⸗ Die Frage wurde bejaht und man begann zu frühſtücken Glins und Anna beſchäftigten ſich aus⸗ ſchließlich miteinander; ſie nahmen wenig Theil an dem gllgemeinen Geſpräch, welches der Gerichtsdirektor und die gndern Herren lebhaft unterhielten. un Die ärgerliche Miene, die Lisbeth anfangs gezeigt hatte, verſchwand allmälig und machte einem niederge⸗ ſchlagenen Ausdruck Platz, welcher ſich wiederum mehr und mehr ſteigerte. Als die Mahlzeit zu Ende war, nahm der Gerichtsdirektor das Juwelenkäſtchen an ſich, öffnete es und ließ Tante Caroline den Inhalt be⸗ ſehen. Er bat ſie, ſie möchte die Juwelen Stück für Stüc herausnehmen und genau prüfen, ob Alles da ſei, was da ſein ſollte. Dies that ſie auch mit der größten Gründlichkeit und gelangte zu dem Reſultat, väß bi alte Einfaſſung der Steine üngeſchmälert vor⸗ handen ſei. Als ſie ſehr befriebigt das Letzte Etüi ins Käſtchen zutücklegte, ſagte der Gerichtsdirektor: Dontietwettet, wie genau Du vie Sachen angeſehen haſt⸗ Abev ich bundere mich eigentlich darüber dent üller Wahrſcheinlichkeit nach werden ſie niemals in den Beſit Deiner Tochter gelangen— Sö, Anna jetzt nimm das Käſtchen wieder in Deine Verwahrung.“ * 20 „Anna ſoll das Käſtchen wiever im ihre Verwah⸗ nehmen?“ rief Tante Caroline. o ſchlecht aufgehoben“ Aniod odruut n G „Kümmere Dich darum nicht, ſi arolinh tünf⸗ tigen Sonutag werden Anna und Elias vn der Kaltzel und wenn ein Jahr vetſttichen iſt, ofſe h, ſie werden eine Erbin zu den Juwelen Jubem“ io Anna ettöthete über und über; der Antshaupt nicun ertöthete gleichfalls, und die Titits ſchob in ziemlich nachdrücklicher Weiſe das Käſtchen von ſich weg, indem ſie etwas zwiſchen den Zähnen murmelte, vas dem Worte„Grobian“ ſehr ähnlich klang. Man erhob ſich vom Tiſch. „Heute Abend“, ſagte der Gerichtsdirektor,„wünſche „daß wir alle in der Wohnſtube uns verſammeln, habe etwas zu erzählen.“ Er nickte Anna zu und ging per Fi in ſein Zimmer führte. ief noonpi „Lieber Magnus“rief Tante gwelin„ muß aber heute ſchon abreiſen, ich vermag nicht längerabpn meinem Haus und meinen Kindern ahweſend zu ſeim“ „Das iſt ja unangenehm⸗ aberich kann Vich etft Häuſe i und werdeiich 202 Es blieb Tante Caroline keine Zeit, etwas darauf zu erwidern, denn der Gerichtsdirektor war ſchon in ſeinem Zimmer und hatte die Thür hinter ſich ge⸗ ſchloſſen. Neunzehntes Kapitel. Als die Dämmerſtunde gekommen war, finden wir alle unſere Freunde auf Ekholm verſammelt. Draußen machte ſich ein ſcharfer Nordwind geltend, ein Signal für all den Regen und Sturm, welcher mit dem ſich nähernden Octobermonat in Ausſicht ſtand. Der Himmel, welcher am Morgen blau und hell geweſen, geſtaltete ſich jetzt finſter und voller Wolken, und wenn die mächtigen Wolken noch nicht ihr Naß über die Erde ergoſſen, ſo kam dies davon, daß der Sturm ſie noch immer hin und her jagte. Man befand ſich deshalb auch außerordentlich wohl in dem gemüthlich geheizten Zimmer, wo Tante Johanna das ſchönſte Obſt des Herbſtes aufgetiſcht hatte. Der Gerichtsdirektor ſchmauchte ſchweigend ſeine Pfeife, und —— 206 Tante Caroline ergoß ſich in Lobeserhebungen über die Elias zog Anna näher an ſich, der Amtshauptmann drückte die Hand Johanna's, und Thure und Lisheth ſtarrten beide ſinnend ins Kaminfeuer. Conſtantin und der Inſpeltor waren am Morgen dieſes Tages zur Stadt gefahren. Endlich ergriff der Gerichtsdirektor das Wort. „Lisbeth,“ ſagte er,“„zünde die Lampen an, und ſetze Dich näher zu mir, ich werde Dir etwas erzählen, was Dich lebhaft intereſſiren wird.“ Lisbeth zündete die beiden Lampen an, die nun ein klares, wenn auch gedämpftes Licht ins Zimmer warfen, worauf ſie ſich neben den Gerichtsdirektor ſetzte, ihre Stickerei in der Hand. „Lege dieſen Krimskrams aus der Hand,“ ſagte Wikſtrand,„ich wünſche, daß Du mit ungetheilter Aufmerkſamkeit mir zuhörſt. Es handelt ſich um Deine Eltern. Deine Mutter, meine Couſine, war in ihren jungen Tagen, gerade wie Du, ſehr lüſtern nach Ex⸗ oberungen, was Caxoline und Johanng werden bezeugen köngen. Namentlich wird Johanna es bezeugen können, weil jie durch dieſe Leidenſchgft Deiner Mutter ſchmerz⸗ ſich betroffen wurde. Deine Mutter war ſchön, ganz Siecu und ſie war noch mehr verzogen allein ſie * — ———— 205 befaß, was, wie ich fürchte, Dü nicht beſitei. ein 46 Herz, ganz wie Deine Schweſter Anna. Meine Scheſter Jöhann und Dein Vatet hegten eine uteſchreiblich Liebé zu einätder und verlobten ſich. Dein Vu er konute indeß an eins Heirath nicht eher denken, a bis er eine Stellüng hatte, worin er Frau ünd Kinder ernähren konnte. Es geht nicht ſo leicht, ſo eit zu kommen. Es fügte ſich um dieſe Zeit, daß Beine Putter während des Sommers täglich mit Deinem Vater zu⸗ ſammenkam, und da ſie ſchin, lebenslüſtig und ein⸗ nehmend war, ergriff ihn bin heftiges Gefühl für die Couſine ſeiner Braut, was zur Folge hatte, daß zu⸗ letzt die Verlobung mit Jöhanna rückgängig gemacht wurde. Nun, nun, liebe Iohanna, das verlohnt der Mühe nicht, hier zu erröthen, über das, was vor 23 Jähren geſchehen iſt. Eliſe hatte Vetinbten, ſie und Dein Vater heiratheten ſich. ſMn „Dein Vater Heldener echielt kutz uuf i Poſten als Kaſſetrendant, Und nach Vetlauf einiger 8 und zwar bei einer recht güclichei Che, t vſich eine Kügel dürch den Kopf. E hil 5 in der Kaſſe. Dutch Sübſtbtt 4og 6 den Fölgen ſeittes Leichtſ inns, ſtützte ubet va zſ d Freund ins Elend. Dieſer Freund wßte fiüchten, un ſich zu retten, und ließ Fruu in Kindél ntſotht 206 zurückn Die Wittwe zog ſichn zurück in eine kleine Stadty wo ſieain Armuth mit ihren Kindern lebte. Sie hatte auf den ausdrücklichen Wunſch ihres Mannes ihren Namen gewechſelt und ihren Familiennamen wieder angenonmen;, unter welchem ſie ihren Sohn erzoge Deine Mutter, die Deinen Vater aus ganzem Herzen liehte, war tief erſchüttert, und was am bitter⸗ ſten an ihrem Leben zehrte war das Bewußtſein, daß ihr Mann ſeinen Freund ins Verderben geſtürzt hatte. Auf ihrem Todeslager nahm ſie ihrem geliebteſten Kinde Anna, damals ein Lzjähriges Mädchen, das Gelübde ab, die Arbeit zu vollführen, welche ſie, die Mutter, be⸗ gonnen, nämlich durch Entſagung von allem, was Ue⸗ berfluß und Lurus heißt, möglichſt viel zu erſparen und in aller Stille die Erſparniſſe der Wittwe des ruinirten Freundes zu überſenden. „Anng verſprach dies und Anna hielt guch ihr Verſprechen. Alles, was ſie bekam, verwandelte ſich bei ihr in Geld und dieſe Summen, die ſie in tauſend⸗ fach verſchiedener Art zuſammenſparte, wurden der armen Wittwe überſendet. Wie viel Hohn und Spott Anna hat leiden müſſen, ihres Eigennutzes und ihrer Geld⸗ gier wegen, wiſſen wir Alle. Allein dieſe Anſchuldigun⸗ gen, dieſer Spptt vermochten doch nicht, ihr Betragen zu ändern Ich wußte von Anfang an, weshalb ſie 207 ſparte, weshalb ſie mit ünermüdlichem Eifer arbeitete ja die Nächte arbeitete und Alles in Geldzu verwandeli „Alles, was ſie an Geld erübrigen konnte, legte ſie in der Sparbank an, und wenn Du, Lisbeth Dir Schmuckſachen und hübſche Kleider wünſchteſt) ſoh bat Anna um Geld. Wenn Anna von ihrer Pathin das gewöhnliche Weihnachtsgeſchenk von 1 50 Reichsthalern erhielt, ſo wurden 50 Thaler an die arme Wittſwe ge⸗ ſandt und 100 Thaler in die Sparbank gelegt. Als es ihr gelungen war, 2000 Reichsthaler zufammenzu⸗ bringen, bekam unſer Freund der Amtshauptmann unter feierlichem Verſprechen, daß er ſchweigen würde, den Auftrag von Anna, dieſelben der armen Frau zu überſenden. Gerade an demſelben Tage, an welchem dieſe Summe an ihren Beſtimmungsort abgegangen war, wollte ich Geld von Anna leihen. Es geſchah dies, weil ich ſie auf die Probe ſtellen wollte. Ich wollte ſehen, ob nicht Zorn und Verachtung ſie dahin bringen könnten, ihr Geheitiniß zu entbecken. Allein ich irrte nicht. Sie hätte ſich tödten laſſen, vieſes kleine Mädchen, dieſes halbe Kind, ehe ſie das Geheim⸗ niß verrathen häkte. Sie hatte ſich einmal vorgenom⸗ men, das Vergehen ihres Vaters nach Kräften zu ſüh⸗ nen. Wäs ich aber nicht berechnet hatte, war der Um⸗ ſtand, daß Anna ſich bemühte und in der That dahin 208 ter kam, weshalb ich jener 2000 Thaler benöthigt war. Ich hatte geſagt, daß ich ſie brauchte, um eine alte Angelegenheit abzuwickeln, und darin hatte ich nur die Wahrheit geſprochen. Aber ich hatte nicht angegeben, welcher Art dieſe Angelegenheit war, und das will ich jetzt ſagen. „Euer Vater war durch irgend eine augenblickliche Noth dahin gerathen, eine falſche Bürgſchaftsverſchreibung für ſich auszuſtellen. Dies Document war in die Hände eines Menſchen gerathen, der es verſtand, mit demſelben zu wuchern. Als Dein Vater ſtarb, es iſt jetzt 9 Jahre her, forderte der Inhaber die Summe von dem Bürgen, welcher aber die Unterſchrift ſeines Namens verleugnete und für falſch erklärte, und nur durch große Opfer gelang es mir, ihn dahin zu brin⸗ gen, dieſe Geſchichte nicht zu veröffentlichen. Ich wollte verhüten, daß Eure arme Mutter, die damals noch lebte, von der Schande mit getroffen werden ſollte, daß ihr Mann ein Fälſcher geweſen ſei. Es gelang mir jedoch nicht, den elenden Beſitzer ſo weit zu bringen, daß er mir das Document auslieferte, obwol ich zu wieder holten Malen ihm Zahlung des Betrages anbot. Der Schurke ſtarb, und das Document fiel in die Hände ſeines Sohnes. Vor ſeinem Tode hatte er jedoch einen 209 Zettel an das Document geheftet, worauf er geſchrieben hatte: Die Unterſchrift dieſer Bürgſchaft iſt falſch. Der Sohn machte eigens eine Reiſe hierher, trat zu mir ein und gab zu erkennen, daß er die That Heldeners zu veröffentlichen gedenke, es ſei denn, daß ich das Papier mit 2000 Thalern einlöſte. Ich verſprach ihm, im Verlauf einer Woche das Document einzulöſen, und beſtimmte ihn in köping mit mir zuſammenzutreffen, wo⸗ ſelbſt das Geſchäft abgemacht werden ſollte. Er be⸗ gab ſich dorthin, wo er mehr Gelder einzucaſſiren hatte. Als er mich verlaſſen hatte, beſann ich mich, daß Petter geſagt, Anna habe ihre Gelder aus der Sparbank zu⸗ rückgezogen, und daß ihr Capital nach den letzten Spar⸗ kaſſenbüchern zu urtheilen, bis auf 2200 Reichsthaler angewachſen ſei. Ich wußte wohl, daß dieſe Gelder an die Wittwe des Freundes ihres verſtorbenen Vaters abgehen würden, aber ich dachte, wenn ſie noch nicht abgeſandt wären, könnte Anna ſie mir auf einige Tage leihen, bis ich die nöthigen 2000 Thaler ſelbſt flüſſig machte. Ich wollte ſie zu gleicher Zeit auf die Probe ſtellen. Du weißt, wie dieſe Probe ausfiel, aber Du weißt nicht, daß ſie ſich zu Petter mit ihrem Juwelen⸗ käſtchen begab und mit ihm nach Röping fuhr, woſelbſt ſie bei dem Kaufmann D., welcher gegen Sicherheit Allen, die Geld brauchen, ſolches vorſtreckt, die nöthigen Scchwartz, Anna's Geheimniß II 14 21¹0 2000 Thaler erhielt. Als ſie aus der Stadt zurückfuhr ſtieg ſie beim Amtshauptmann ab, gab ihm das Geld und bat ihn, er möge die gefährliche Schuldverſchreibung einlöſen. „Enkemann that dies, und ich fand an demſelben Tage an welchem Anna zurückkehrte, jenes Document quittirt auf meinem Tiſche vor. Von woher Anna das Geld bekommen hatte, vermochte ich aus dem Amts⸗ hauptmann nicht herauszubekommen, ich erfuhr es aber trotzdem. Ich löſte die Juwelen wieder ein und gab ſie dem Amtshauptmann in Verwahrung. Meine Strenge gegen Anna bei jener Entdeckung, daß die Juwelen fort ſeien, ſchreibt ſich daher, daß ich ſie zwingen wollte, ſelbſt jenes Ereigniß zu erzählen, allein ſie ſchwieg, trotzdem daß ſie ſich im höchſten Grade unglücklich fühlte. Sie iſt keinen einzigen Augenblick dem Ver⸗ ſprechen untreu geworden, welches ſie ihrer Mutter ge⸗ geben hat, und das beweiſt, daß das Mädchen ein Herz von Gold und einen Charakter von Stahl hat. Allein nicht genug damit, daß ſie das wieder gut machen wollte, was ihr Vater in dieſem Falle verbrochen, hat ſie auch Johanna ſchadlos halten wollen für das, was Heldener gegen meine liebe Schweſter verbrach. Wenn ſie nicht ſo liſtig geweſen wäre, die Eiferſucht Johanna's zu erwecken, ſo wäre meine liebe Schweſter wol noch immer in dem zu kokettiren. Alſo 22 Falle geblieben, mit den jungen Herren meine liebe Schweſter Johanna, Dein und des Amtshauptmannes Glück iſt ein Werk Anna's, und Du kannſt nun Gott danken daß Du nicht mit Heldener verbunden wurdeſt. Und auch Dein Glück, Lisbeth⸗ wollte die arme Anna ſicherſtellen, und zwar auf Koſten ihres eigenen. So lange ſie noch der Anſicht war, das Dein Glück von der Liebe Glias abhinge, vermochte ſie weder mein Zorn noch das Ge⸗ rede der Leute dahin zu bringen, doß ſie der Stimme ihres Herzens folgte, welche laut für Elias ſprach, ſondern ſie entſagte, was um ſo hochherziger war, als Du, Lisbeth, alles andere als freundlich gegen dieſe edelmüthige Schweſter geweſen biſt. „Und nun endlich, weißt Du wol, wer der Sohn iſt, den der Freund Deines Vaters hinterlaſſen hat?“ Lisbeth ſchüttelte verneinend den Kopf. Ihr ganzes Weſen zeigte, wie gedemüthigt ſie ſich fühlte. „Dieſer Sohn iſt— Thure.“ Lisbeth ſprang von ihrem Sitze empor, als wenn man ſie mit eitlem glühenden Eiſen berührt hätte. Sie war leichenblaß geworden. „Thure?“ rief ſie. „Ja wol, und jetzt, meine elt gute Gelegenheit, durch Tochter, haſt Du eine Deine Liebe das ganz verteuf 14* 2¹2 wieder gut zu machen, was Dein Vater verbrochen ha „Und Du, Thure, Du erblickſt hier in Anna Deine geheimnißvolle Freundin, die Deiner Mutter beigeſtanden Auch Thure hatte ſich erhoben; er ſtand Anna gegenüber mit blaſſer Stirne und ſtammelte mit auf⸗ geregter Stimme: „Ich danke Dir!“ Mehr vermochte er nicht zu ſagen, allein er küßte die Hand Anna's und fügte nach langer Pauſe hinzu: „Kannſt Du mir verzeihen, daß ich es geweſen bin, der am ſchärfſten Deine Sparſamkeit verdammt hat? Kannſt Du mir verzeihen?“ „Still“, rief Anna fröhlich und verlegen, zupfte Thure an dem Bart und fügte darauf hinzu:„Woran denkſt Du aber, lieber Onkel, daß Du mich hier ſo an den Pranger ſtellſt? Du biſt ſehr ſchlecht gegen mich. Mir iſt es gerade ſo, als wenn ich in einem Backofen wäre; ich muß hinaus, ich muß Luft ſchöpfen.“ Ehe Elias oder ſonſt Jemand es zu verhindern vermochte, war ſie aus dem Zimmer verſchwunden, wo Alle ihres Lobes voll waren. Johanna erklärte offen, daß ſie ſich ihrer Selbſtſucht ſchämen müſſe, wenn ſie an Anna's Betragen dächte, und Tante Caroline mußte en von ungewöhnlicher Art anerkennen, daß das Mädch ſei. ände und meinte, Der Gerichtsdirektor rieb ſich die H er wiſſe ſchon, wen er z0 ſ Elias war ſtolzer auf ſein ſeine Krone ſein kann. einem Liebling erkläre. e Braut, wie ein König auf Thure hatte teine W llein verhielt ſich ſchweigend; ſeine Bewunderung. Lisbeth a aber die ſtummen Thränen, ſprachen deutlich davon, daß auch großartigen Betragen der Schwe die über ihre Wangen rollten, ihr Herz von dem ſter gerührt ſei. Zwanzigſtes Kapitel. Die Hochzeit Johanna's wurde mit großem Pomp und Glanz auf Ekholm gefeiert. Der alte Gerichts⸗ direktor übertraf die Erwartung Aller, ſo prächtig hatte er das Feſt arrangirt. Er wollte in dieſer Weiſe ſeine Schweſter ehren und wollte ihr ſeine Liebe bezeigen. Es war auch ein wirklich fröhlicher Tag für Johanna, die keinen kleinen Genuß darin fand, ſich ſo geehrt zu ſehen. Eine ſtattliche Braut war ſie trotz ihrer fünfund⸗ vierzig Jahre. Der Amtshauptmann war der aller⸗ glücklichſte Amtshauptmann, der jemals eine Uniforn getragen hatte. Er ſah wie ein Triumphator aus, als er nach der Hochzeit ſeine Johanna nach Brotsbacken heimführte. Lisbeth und Anna verſahen den Dienſt als Braut⸗ jungfern, Elias und Thure als Brautführer. Anna war die fröhlichſte, Lisbeth die ſchönſte. Es lag an dieſem Tage in der That etwas ungewöhnlich Sanftes und Beſcheidenes in dem ganen Weſen Lisbeths, wel⸗ ches dem ſchönen Mädchen weit beſſer 1 Kokette und Anſpruchsvolle, wodurch ſie ſonſt hervor⸗ tand, als das zutreten ſuchte.— Als der Frühling herankam mit Blumen und Vo⸗ Wieſen und blühenden Bäumen, chzeit auf Ekholm ſtatt, allein wie die vorige, ſondern auserwähl⸗ gelgezwitſcher, grünen fand wiederum eine Ho nicht ſo pompös und großartig, einfach und anſpruchslos. Nur ein kleiner, ter Kreis von Freunden war geladen, um dem Trau⸗ chen Elias und Anna beizuwohnen, aber ungsakte zwiſ die Jugend auf Ekholm, und an Tags darauf tanzte dieſem Abend war es fröhlich und luſtig in dem alten Hauſe. Und nachher? Nachher reiſte Thure nach Stockholm, um dort am Hofgericht angeſtellt zu werden. Lisbeth zog zur Mutter Thures, woſelbſt der Gerichtsdirektor für ſie bezahlte. Lisbeth hatte es ſelbſt ſo gewünſcht, damit ſie ſich unter der Leitung ihrer künftigen wie ſie ſagte, 1 Schwiegermutter zu einer braven Frau ausbilden könne. Sie erhielt auch Zeit dazu, nach der Hochzeit Annc's, bis Hnkel Mag⸗ denn es verſtrichen ſechs Jahre nus Lisbeth's Hochzeit feiern konnte. Zwei der drei 8 X* 1 2¹6 kleinen Geſchwiſterkinder Lisbeth's waren anweſend bei ihrer Hochzeit und die Kleinen erklärten, daß Tante Lisbeth beinahe eben ſo ſchön wäre, wie ihre eigene Mama. Ihre kleine Mama Anna war in der That als Frau ſchöner, als man jemals hätte erwarten ſollen. Die ſechsjährige Ehe erſchien beiden Gatten als ein einziger Tag voll Freude und Glück. Tante Johanna führte ſich als eine ſtattliche Frau auf Brotsbacken und fühlte ſich außerordentlich zufrieden mit ihrem Looſe. Wenn ſie mit Anna darüber ſprach, wie wohl ſie ſich dabei befand, von ihrem Amtshauptmann angebetet zu werden, kniff ſie Anna in die Wange und fügte lächelnd hinzu: „Es ſind aber auch Deine Intriguen, Du liebes Mädchen, denen ich mein Glück zu verdanken habe.“. Anna's Kinder waren die Lieblinge Johanna's. Der älteſte Knabe mußte oft längere Zeit bei ihr ver⸗ bringen. Wenn die Kleinen Abends um den Grichts⸗ direktor herumſpielten, lachte er und ſagte: „Ich möchte doch eigentlich wiſſen, was ich mir noch wünſchen könnte. Ich bin ganz verteufelt zufrie⸗ den mit meiner Anna, mit ihrem Mann und mit ihren Kindern.“ 217 Als Thure die Stellung eines Bürgermeiſters in »köping erlangt hatte, heirathete er. Wenn auch ſein und Lisbeth's häusliches Leben nicht das Bild von Fröhlichkeit und inniger Zufriedenheit darbot, wie die Ehe Anna's und Elias, ſo lag dies mehr im Gemüthe Beider. Lisbeth bemühte ſich in der That, eine gute Frau zu ſein, aber es gelang ihr zuweilen nicht. Ihre Eitelkeit und Gefallſucht vermochte ſie nicht bei allen Gelegenheiten zu erſticken, und alsdann entſtanden mit⸗ unter einige Mißhelligkeiten. Thure war ein ſtrenger Ehemann. Wir dürfen jedoch hoffen, daß, wenn die Jahre ihre kühlende Hand auf die leicht zu erweckende Eitelkeit gelegt haben wer⸗ den, daß dann auch Lisbeth's Beſtreben beſſer gelingen und ihre Ehe mit Thure das werden wird, was die Ehe der kleinen Anna war eine in der That glückliche. Ende. „ Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Uene Bomane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Pariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mat von Schlägel. 1. Abth. Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der gebensretter. Humvtiſtiſcher Roman von Graf ülrich Zaudiſſin. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 3 Frauenherzen. Zwei Novellen oj Toniſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg geh. Preis 3 Thlr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leiyjig. Maun und Weib. Roman von Wilkie Collins. . Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. 5 Autorifirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. Fräulein oder Fran? Erzählung von Wilkie Collins. 3 1 Band. 8o. Sg Weh⸗ Preis 25 Ngr. Roman * von M. E. Vraddon. Aus dem Engliſchen von M arie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Cleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. Mene Bomane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. —— Robespierre. „Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8o. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Wilden der Polollſchnfl. Eine Erzählung vo1 Mut von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Rrieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schüging. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. —& ———— —* 5.— 3 —*— 3„ 6.* 3 2* b 7 8 9 10 11 12 13 15 14 16 17 18 19 — 5 3 —— ——