dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cheih- und geſebedingungen. oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jevkn Tag von Morgens 7 Uhr bis Abenvs 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für pcheng 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:* Wr.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 er.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlvrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ausgewählte Werke von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. — Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 3 1863. Geburt und Bildung. Von „ Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen überſetzt ſ von Dr. Otlo gen. Beventlow. Dritter Band. * Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Zweites Capitel. „Nun die Nacht vorüber iſt, Such' die Höh', erforſch' die Tiefe Selbſt der Gnad' des Herrn. Strebe lebhaft nur nach Kenntniß, — Nimm ſie; denn es kann die Gnade Keines Andern Dir ſie geben.“ Talis Qualis. Derjenige, welcher im Jahre 1793 Paris und 6 Rue... beſuchte, würde im Jahre 1830 vergebens nach Jacob Levitains Wohnung gefragt haben. Sie war verſchwunden. Auf dem Platze, auf welchem vormals das fin⸗ ſtere Haus ſeine Mauern emporſtreckte, ſtand jetzt ein prachtvoller Palaſt, welcher nicht allein den Raum des alten Gebäudes einnahm, ſondern er dehnte ſich auch auf beiden Seiten deſſelben hinaus und hatte die Häuſer verdrängt, welche vorher da geſtanden. Die Breite des ſtattlichen Gebäudes war ſo groß, daß es das Quartier ausfüllte. An einem ſchönen Auguſttag 1830 wollen wir einen Blick in das Innere der ſtolzen Mauern . werfen. Der ganze weitläufige Hofplatz war bepflanzt und zu einem ſchönen Garten mit Buſchwerk, Gän⸗ gen und Springbrunnen geordnet. Mitten darin waren zwei tempelförmige Marmor⸗ gebäude aufgeführt. Der rechte hatte etwas von morgenländiſcher Pracht und erinnerte en miniature an den Tempel in Jeruſalem. Er war von ſeltenen und üppigen Gewächſen umgeben. Es ſchien, als wenn der kleine Tempel mit einer Sorgfalt gepflegt würde, welche von einem nie er⸗ löſchenden Intereſſe zeugte. Es war, als wenn jedes Blatt der gepflanzten Gewächſe mit wirklicher Zärtlichkeit behandelt würde. Der Tempel links war von weißem Marmor, einfach und ohne dieſe tauſend Zierrathen, welche be⸗ weiſen, das man das Höhere nie ſchön und zierlich genug bekommen kann. Um das Monument zur Linken waren vier Pap⸗ peln gepflanzt, welche kalt und gleichgültig ihre gera⸗ den Stämme gegen den Himmel ſtreckten. In dem kleinen ſchmalen Gang zwiſchen dieſen beiden Tempeln ſtand ein Mann von ſchlanker und langer Geſtalt, mit ſchönen, faſt claſſiſch regelmäßi⸗ gen Zügen, ſchwarzen Augen und dunkeln Locken, welche hier und dort mit Grau untermiſcht waren. Sein Geſicht drückte Strenge, Ernſt und Kälte aus. Man fühlte ſein Herz frieren, wenn man ſeinen Blicken begegnete, und doch las man in ihrem Aus⸗ druck, daß er, wenn auch das Herz ohne alle zärt⸗ lichere Gefühle war, doch einen hochherzigen und ungewöhnlichen Charakter beſaß. — —— 7 Man empfand einen Eindruck der Ehrerbietung und chte wenn man ihn betrachtete. Das Aeußere des Mannes ſagte jedoch, daß wenn er auch ſtreng gegen Andere war, ſo war a deßhalb, weil er es gegen ſich ſelbſt war. Er lehnte ſich an das fein und elegant gearbei⸗ tete eiſerne Staket, welches den Platz um den mor⸗ genländiſchen Tempel einſchloß. Sein Blick ruhte auf dem Monument mit einem eigenen traurigen und ernſten Ausdruck, gerade als wenn er ihn auf einen lieben und heiligen ſtand gerichtet. Ganz plötzlich wurde die Stille durch raſch Schritte und eine jugendlich friſche Stimme brochen, welche bemerkte: — Ich begreife wa hrlich nicht Deine Handlungs⸗ weiſe, mein beſter Jsmgel. Dein halsſtarriger Ei⸗ genſinn, in das barbariſche Land zurückkehren zu wollen, iſt mir unerklärlich. Beim Klange dieſer Stimme drehte ſich der Mann, der am Eiſenſtaket ſtand, um, und richt ete ſeine Blicke vom Monument nach dem Leſtibule. Aus derſelben traten zwei junge Leute, ded Geſichter zeigten, daß ſie dem israelitiſchen Volks⸗ ſtamm angehörten. Der älteſte von ihnen war zwiſchen fünfund⸗ zwanzig und ſechsundzwanzig Jahre alt, von mittel⸗ mäßiger Größe, einem feinen Körperbau, mit unge⸗ F kleinen Händen und Füßen und von großer Leichtigkeit in ſeinen Bewegu 5 Seine Stirne war hoch und ge völbt, mit einem Sepräge der Tiefſinnigkeit, die ſeinem Alter nicht pen ſpielte auch jeden Augenblick ein gemüthliches gehörte. Sie war von einem ſchönen lockigen Haar umgeben. Unter deren Wölbung leuchtete ein Paar Augen, welche den Ausdruck eines ungewöhnlichen Denkvermögens hatten, ſo daß man ſah, daß er eine Perſon war, bei welcher das intellectuelle Leben die Hauptrolle ſpielte. Man hätte bald über ihn das Urtheil fällen müſſen, daß er ein junger Gelehrter ſei. Die übrigen Geſichtszüge waren ſcharf markirt und jüdiſch charakteriſtiſch, aber fein und regelmäßig. Sein viel jüngerer Kamerad ſchien dem Jüng⸗ lingsalter anzugehören. Einen ganzen Kopf höher, war er dem Ausſehen nach ſeinem Begleiter ſehr unähnlich, obgleich beide die Aehnlichkeiten hatten, welche bei Juden gewöhn lich ſind. Die Augen des Jünglings waren groß und außer⸗ ordentlich lebendig. Sie funkelten von Jugendfeuer und Jugendmuth. Es ſchien, daß es der Wirklichkeit und den Ereigniſſen noch nicht gelungen ſei, die Leb⸗ haftigkeit ſeiner Seele zu mäßigen, oder ihm die Illuſionen zu rauben. Seine Stirne war höher und breiter als die ſeines Kamerads, hatte aber nicht das ſinnreiche Ge⸗ präge, ſondern es ruhte darüber ein Sonnenglanz von Genialität, welcher ganz dem excentriſchen Aus⸗ druck im Blick entſprach. Die Naſe war fein gebaut und vielleicht etwas zu gebogen, der Mund, eher klein, als groß, ſchien nur für Freude geſchaffen. Ueber den friſchen Lip⸗ ₰ 7 9 Lächeln und entblößte dann zwei Reihen weiße und ſtarke Zähne. Das glänzend ſchwarze Haar entbehrte indeſſen des Vortheils gekräuſelt zu ſein. Er trug es ganz von der Stirne zurückgeſtrichen, ſo daß das Geſicht dadurch ein faſt übermüthiges Ausſehen erhielt. Als die beiden in den in einen Garten verwan⸗ delten Hof traten, fielen ihre Augen ſofort auf den Mann, welcher dort ſtand.* Beim Anblick deſſelben entblößten ſie ihre Häup⸗ ter und nahten ſich ihm mit dem Ausdruck tiefer Ehrfurcht. Er beantwortete ihren Gruß mit einem vertrau⸗ lichen Nicken und ſagte, indem er ſich an den Aelte⸗ ren wandte: — Nun, mein Neveu, bleibſt Du noch immer feſt bei Deinem Beſchluß, Frankreich zu verlaſſen?— Die Worte Abrahams an Dich ſcheinen etwas Aehn⸗ liches anzudeuten. Ich hätte jedoch gehofft, daß der Gedanke an die Zukunft, welcher Dir hier geboten wird, wo die Vorurtheile gegen unſer Volk vernich⸗ tet ſind, der Stellung vorzuziehen wäre, die Deiner in einem Lande harret, wo noch Unterdrückung und Ungerechtigkeit gegen das Volk Israels fortdauern. — In Schweden bin ich geboren,— antwortete Ismael,— dort wohnen meine Eltern, dort haben ſie ihr Vermögen vermehrt, und dort haben ſie ihre Kinder erzogen.— Ich liebe dieſes Land, ich ſchenke dieſem Volke meine Achtung, und ich habe es mir zu einer Pflicht gemacht, dort zu verſuchen mit meinen Kenntniſſen zu nützen.— Und Dich niedertreten zu laſſen von ihren Vorurtheilen,— ſagte Abraham lebhaft. Neim ſie werden genöthigt mich zu achten wegen meiner Tüchtigkeit,— ſagte Ismael in einem be⸗ ſtimmten Ton. Du biſt jung und haſt Illuſionen,— hob der ältere Herr wieder an und legte ſeine Hand auf Ismaels Achſeln.— Und wenn Du der kenntniß⸗ reicheſte Mann in jenem Lande wäreſt, deſſen Bevöl⸗ kerung die Juden geringſchätzt, ſo würden Deine Kenntniſſe zu nichts dienen, denn ſie werden ſie nicht anerkennen. — Dieſe Anſicht wage ich in der That zu be⸗ ſtreiten,— ſagte Jsmael; denn wenn wir Alle ſo gedacht und darnach gehandelt hätten, ſo würden die Juden in dieſer Stunde ein elendes Volk ſein, wel⸗ ches nirgends eine Freiſtätte gefunden, weil es nicht zu beweiſen vermochte, daß es moraliſchen Werth hätte.— Nein, Onkel, Frankreich hätte nicht Israels Volke alle Freiheiten und Rechte gewährt, wenn die Juden nicht den Franzoſen gelehrt, daß ſie dieſelben verdienten. Eines Tages wird auch das Land, wo meine Wiege geſtanden, ſich von den hergebrachten Begriffen emancipiren, welche es jetzt von unſerem Volke hegt. Damit das geſchähe, müſſen wir zei⸗ gen, daß wir durch Intelligenz und Moral berech⸗ tigt ſind neben jedes andere Volk geſtellt zu werden. — Neben!— wiederholte der ältere Mann und betrachtete den Bruderſohn mit einem ſtrengen Blick. — Wären die Juden nicht beſſer als die Chriſten, dann wären ſie nicht viel werth unter ihnen. — 11 — Er ging an den jungen Leuten vorbei und fügte hinzu: — Kommt mit mir, ich habe etwas mit Euch zu ſprechen. K Er nahm den Weg nach dem hohen, gewölbten, mit Marmorboden vepſehenen Portal und ſtieg nun eine breite, mit koſtbaren Teppichen belegte Treppe hinauf. Der ganze Aufgang und der Corridor hatten etwas im höchſten Grade Prachtvolles durch ihre Pfeiler und reiche Ornamente von vergoldetem Meſ⸗ ſing, durch ihre Gemälde und Topfgewächſe, welche in den Nichen angebracht waren. Ein jüdiſcher Diener befand ſich im Corridor. Der ältere Herr deutete auf die Thüre gerade vor der Treppe, und der Diener beeilte ſich, dieſelbe zu öffnen. Sie traten in ein ſchönes Vorzimmer und von dort in einen größeren Salon, deſſen Meublement an Jacob Levitains Familienzimmer erinnerte. Man hätte verſucht ſein können anzunehmen, daß die Zeit ſtille geſtanden, und daß man noch 1792 ſchrieb. Dort am Kamin ſtand dieſelbe Ottomane, auf welcher der alte israelitiſche Familienvater nach des Tages Mühen zu ruhen pflegte, und dort ſtanden alle die Fauteuils, in welchen ſeine Söhne Platz nahmen. Jedes Meubel war daſſelbe wie in Jacobs Wohnung. Dort in einer Ecke ſtand die Harfe mit ein Paar zerſprungenen Saiten; in dem einen Sopha lag noch dieſelbe Luth, und dort, zwiſchen den beiden Fenſtern, finden wir den Tiſch mit der koſtbaren eingelegten Arbeit, in welchem Jacob die Papiere aufhob, die ihm Mirabeau anvertraut. In den Fenſtern ſtanden die Käfige mit den ſin⸗ genden Vögeln, von Top ächſen umgeben. Es ſah aus, als hätte alte Haus, welches in einen großartigen Palaſt verwandelt worden war, durch dieſe Veränderung indeſſen dieſes Zimmer unverändert beibehalten. Faſt viermal zehn Jahre waren dahingeſchwunden, ſeit Mirabeau ſeine Tochter der Obhut Jakob Levi⸗ tains anvertraut und in dieſem Zimmer das Ver⸗ ſprechen deſſelben empfing, bei Sophien Eltern⸗Stelle zu vertreten, und doch war nicht ein Stuhl, nicht ein Buch im Bücherſchranke verrückt worden, ſondern Alles hatte dasſelbe Ausſehen, welches es damals hatte. Das für Bequemlichkeit und häusliches Wohlbe⸗ finden eingerichtete Zimmer war mit ſorgfältiger Ge⸗ nauigkeit unterhalten worden, und von einem Jahr zum andern hatte man es in demſelben Zuſtande er⸗ halten. Die Familie behandelte es wie eine Art Tempel, wo nur ernſtere und wichtigere Dinge verhandelt werden konnten. Der Eigenthümer des jetzt ſo ſtattlichen Gebäudes, EFlias Levitain, wollte, daß dieſes Zimmer in dem⸗ ſelben Zuſtande verbleibe, in welchem es zu des Vaters Lebzeiten geweſen. Irgend eine Veränderung dort zu treffen, würde ihm wie ein Heiligenraub vorgekommen ſein. . — 5 Als deßhalb das gegenwärtige Haus gebaut wurde, ließ er nicht das erſte Stockwerk von des Vaters altem Hauſe niederreißen, ſondern dasſelbe blieb ſtehen, obgleich ſich rings um es neue Mauern erhoben. Die Zimmer, welche in dem neuen Gebäude ein⸗ gerichtet worden, ſchloſſen ſich an die alten, gleichwie die Jugend ſich dem Alter anſchließt. Die erſteren glänzten durch moderne prächtige Ausſtattung, hatten aber doch nicht den Werth in den Augen der Familie wie dieſe, welche in ihrem Schooß einſt einen der Edelſten in dieſem Geſchlechte geborgen. Es war auch nur dann, wenn Elias etwas Ernſt⸗ liches mit ſeinen Verwandten zu ſprechen hatte, daß ſie dort eingeführt wurden, ſonſt war die vordere Wohnung der Platz, wo Elias mit ſeiner Familie die täglichen Gebete verrichtete. Als er mit den beiden jungen Männern in dieſes ſeinem Herzen ſo heilige Zimmer eintrat, ruhte über ſeinen Zügen ein etwas milderer Ausdruck, als ſonſt. Die Milde war jedoch ein für Elias fremdes Gefühl. Auch über den Geſichtern der beiden jungen Männer lagerte ſich ein Schatten von Ernſt. Ismaels gedankenvolle Stirne war bleich gewor⸗ den, als wenn das Gefühl der Ehrfurcht, das er em⸗ pfand, ſeine Seele mit einer ſolchen Macht ergriffen, daß es wieder auf den Umlauf des Blutes gewirkt. Auf Abrahams Lippen ſchwebten nicht mehr Ueber⸗ muth und wilde Fröhlichkeit. Elias trat auf die Ottomane zu, ſetzte ſich und ſagte mit klarer und klangvoller Stimme; 14 — Es ſind jetzt achtunddreißig Jahre her, daß ich dort am Feuerheerde ſaß,— er deutete auf die Ecke zwiſchen der Ottomane und dem Kamin.— Ich war damals ein vierzehnjähriger Junge.— Hier wurde ein Familienrath gehalten.— Wir waren drei Brüder. Mein Vater hatte uns zuſammenbe⸗ rufen, um uns zu ſagen, daß wir von einem Lande fortziehen müßten, welches in ſeinen Grundfeſten er⸗ ſchüttert ſei.— Meine Brüder gehorchten ſeinem Wil⸗ len. Sie reiſten nach andern Ländern.— Der äl⸗ teſte begab ſich nach England. Dein Vater, Ismael, beſchloß nach dem Norden zu gehen.— Ich blieb, um mit meinem Vater die Gefahren zu theilen. Ich wurde auf dieſe Weiſe derjenige, welcher ſeinen letz⸗ ten Seufzer vernahm. Elias ſchwieg und ſtützte ſein Haupt eine Weile auf die Hand, als wenn er ſich ſchmerzlichen Er⸗ innerungen hingäbe. Keiner der jungen Leute unterbrach das Schwei⸗ gen. Nach einiger Zeit erhob Elias wieder ſeinen Kopf und fing an: — Viele ſind die Leiden geweſen, welche ſeit jener Zeit verheerend über mein Leben gegangen und mich zu dem entwickelt haben, was ich in dieſem Augenblick bin. Sie haben mein Inneres verwüſtet, und ich habe nur ein Gefühl erhalten, wie es da⸗ mals war, nämlich meine warme Liebe zu Abrahams Gott und ſeinem Volke. Irsaels Kinder ſind mir lieb.— Alles, was ihr Glück und Gedeihen heißt, das will ich mit Aufopferung meines eigenen und meiner Familie Wohl befördern. Deßhalb iſt es mir bitter, Jsmael, zu wiſſen, daß es ſo wenige Plätze — auf der Erde giebt, wo die Juden gleiche Rechte mit den Söhnen des Landes beſitzen. Ich halte es auch für Unrecht von dem gebildeten Juden, daß er nicht ſein Intereſſe auf etwas Höheres richtet, als auf weltlichen Gewinn, ſo daß er, um dieſen zu befriedigen, in einem Lande lebt, wo er als Menſch und Bürger nicht dieſelben Vorzüge genießt wie die Chriſten. Die Unterdrückung macht uns nicht beſſer, ſondern ſchlechter. Nur die Befreiung davon vermag den Juden ein höheres moraliſches Intereſſe einzu⸗ flößen. Indenjen igen Staaten zu leben, wo die be⸗ ſtehenden Geſetze darauf hinzielen, ihr Verderben da⸗ durch herbeizuführen, daß man ſie an jeder edleren Entwicklung hindert, das heißt ſich freiwillig der Er⸗ niedrigung weihen. — Das kann ich nicht zugeben,— ſagte Is⸗ mael,— denn in den meiſten Ländern ſind die Juden nur geduldet, und es iſt nur in ſehr wenigen Staa⸗ ten, daß ſie emancipirt wurden. Wenn nun Alle in die Länder zögen, wo ſie frei ſind, ſo würden dieſe übervölkert werden, und möglicherweiſe würde daraus das Uebel entſtehen, daß man, um nicht von Juden überſchwemmt zu werden, ihnen wieder die Vortheile raubte, welche ſie errungen.— Man müßte deßhalb zu einem andern Ausweg ſeine Zuflucht nehmen, um das Ziel zu erreichen, bu welchem jeder rechtlich denkende und für das Glück ſeiner Glaubensver⸗ wandten arbeitende Jude ſtreben muß. — Und dieſes Ziel, welches iſt es, das D Du da⸗ für hältſt— fragte Elias. — Die Emancipation der Juden Ser die ganze Welt.— Man hat dieſer überall aus 16 dem Grunde entgegengearbeitet, daß wir„nicht reif wären für die bürgerliche Freiheit.“ — Wir müſſen alſo durch Intelligenz und Civiliſa⸗ tion beweiſen, daß wir einen gerechten Anſpruch auf die Vortheile haben, welche man uns verſagt.— Geben wir durch aus der Wirklichkeit geholte Bei⸗ ſpiele den Leweis, daß wir der höchſten geiſtigen Entwickelung ahig und folglich völlig berechtigt ſind, auf gleichen Fuß mit anderen Menſchen geſtellt zu werden, ſo werden die Vorurtheile gegen uns nach und nach verſchwinden uud die Chriſten einſehen, wie ungerecht die Unterdrückung des israelitiſchen Volks war und iſt. — Dergleichen Beweiſe liefern ja ſchon Frank⸗ reich und Holland,— ſiel Abraham ein,— und doch haben ſie nicht vermocht auf andere Länder einzu⸗ wirken. — Weil— ſagte Elias mit einer gewiſſen Bit⸗ terkeit— wir den Fanatismus gegen uns haben. Dieſer wird nicht die Stimme der Vernunft aner⸗ kennen, ſondern man wird dieſelbe zum Schweigen bringen und vorgeben, daß wir, wenn wir frei würden, einen demoraliſirenden Einfluß auf die Na⸗ tionen ausüben müßten. — Aber dieſe Behauptung ſcheitert ganz und gar an dem hiſtoriſchen Factum, daß eine liberale Behandlung der Juden nie etwas anders, als glück⸗ liche Reſultate geliefert, und daß nie ein Volk Grund gehabt, ſie zu bereuen. Das Rechtſchaffene darin hat einen unberechenbaren Nutzen für diejenigen Länder mit ſich gebracht, welche aufgeklärt waren, jene ein⸗ treten zu laſſen. Wenn nun Individuen in den für —— 17 die Juden unfreien Staaten durch Bildung und aus⸗ gezeichnete Eigenſchaften die Nationen zwingen ihre Menſchenwürde anzuerkennen, ſo wird die politiſche Aufmerkſamkeit ſich unwillkürlich auf die emancipir⸗ ten Staaten richten. Sie werden dann finden,„daß die moraliſche Welt zuſammenſtürzen würde, falls es möglich wäre daß eine gerechte Handlung Reue nach ſichziehen könnte.“ Daß die Emancipation der Juden eine ſolche iſt, kann unmöglich beſtritten werden. Darum, Onkel, kehre ich nach Schweden zurück und werde dort als Arzt die Schweden zu überzeugen ſuchen, daß ein Jude auch ein tüchtiger Mann der Wiſſenſchaft ſein kann, obgleich man die Behauptung aufſtellt, daß er nur zum ſchachernden Handelsmann taugt. Ismael ſtand vom Stuhle auf und fügte hinzu: — Und jezt, mein Onkel, erlauben Sie, daß wir das Thema verlaſſen!— Ich liebe das Volk und das Land, wo ich erzogen bin; ich bin ein Levi⸗ tain und die Undankbarkeit iſt ein Gefühl, welches unſerem Geſchlecht fremd iſt.— Ich will deßhalb mit meinen geringen Kräften Schweden dienen, um auf dieſe Weiſe die Dankbarkeitsſchuld abzutragen, in welcher ich an das Land zu ſtehen glaube, wo meine Heimath iſt und wo ich meine Kindheit zu⸗ brachte. Glaubet mir, daß wir unſern Brädern am Beſten dienen, wenn wir darauf hinarbeiten, ſie vor der ganzen civiliſirten Welt als ein Volk hinzuſtellen, welches jetzt bald zweitauſend Jahre auf eine un⸗ würdige Weiſe unterdrückt worden iſt.— Dies kann wiederum nur dadurch geſchehen, daß wir nicht an die Unterdrückung denken, die wir jezt erdulden, Schwarz, Geburt u. Bildung. MI. 23 18 ſondern für die künftigen Zeiten arbeiten. Alſo, nach Schweden muß ich; dort will ich leben, wirken und ſterben. — Wie Du jetzt ſprichſt, ſo ſprach einmal mein Vater,— bemerkte Elias düſter.— Er ſagte: In Frankreich habe ich gelebt, dort will ich auch ſterben; — und die Franzoſen ermordeten ihn. — Aber ſie tödteten nicht ſeine aufgeklärte Denk⸗ weiſe, nicht die moraliſchen Begriffe und großen Ideen, welche ſeine Seele umfaßte, ſondern dieſe haben ſich vererbt auf ſeine Nachkommen und wer⸗ den Früchte tragen. Sicherlich wird ein jeder von uns dazu beitragen, ſich durch ſeine Handlungsweiſe würdig zu machen, ein Abkömmling Jacob Levi⸗ tains zu ſein.] — Und dies geſchieht am Beſten dadurch, daß Ihr den Glauben Eurer Väter heilig haltet,— fiel Elias ein und reichte ſeinem Bruderſohn die Hand. Ismael ergriff dieſelbe mit den Worten: — Daß ich das gethan, wiſſen Sie, Onkel.— Hätte ich denſelben verrathen können, ſo wäre ich jetzt Profeſſor an einer ſchwediſchen Lehranſtalt; aber ich vermochte nicht mir einen Vortheil oder eine Ehre durch den Abfall von dem Heiligſten, was ich beſitze, von meinem religiöſen Glauben und meiner Ueber⸗ zeugung, zu erkaufen. Einige Augenblicke darauf wanderten Ismael und Abraham hinaus aus dem prachtvollen Hotel. Sie nahmen ihren Weg nach dem Boulevard Italien. † 19 Bevor wir weiter gehen, dürften einige Worte über dieſen Elias, den wir als Knabe und Jüngling kennen gelernt, vonnöthen ſein. Wie war der Mann geworden, der ſich aus den Sorgen des Knaben und Jünglings entwickelt hatte? Um die gegenwärtige Zeit hatte Elias die kraft⸗ vollſte Periode des Mannesalters verlaſſen und ſtand, im Alter von fünfzig Jahren an der Grenze, um in das Greiſenſtadium einzutreten. Elias Levitains Name ſtand auf der franzöſiſchen Börſe in hohem Anſehen. Er war einer von Frank⸗ reichs reichſten Banquiers und außerdem wegen ſeiner ſtrengen Pünktlichkeit und äußerſten Rechtſchaffenheit bekannt. Ein tüchtiger Geſchäftsmann, genau und gewiſſenhaft im höchſten Grade, war er nebenbei bigott und fanatiſch, ſobald von religiöſen ingen die Rede war. Man wußte allgemein, daß er großen Wider⸗ willen gegen alle Chriſten hatte; aber dieſer Wider⸗ wille übte keinen Einfluß auf ſeine Handlungsweiſe aus; im Gegentheil war er in ſeinen weit ausge⸗ dehnten und großen Geſchäftsverbindungen wo mög⸗ lich gewiſſenhafter und noch mehr ſcrupulös genau, wenn er mit Chriſten zu thun hatte. Er befürchtete, daß etwas von ſeinem perſönlichen Unwillen ſich in ſeine Handlungen miſchen möchte, und darum gab er immer Acht ſein Thun und Laſſen. Er war ſtreng und un gegen ſich ſelbſt, gewiſſenhaft gegen Andere. Obgleich er nicht aus Liebe geheirathet, war er doch kein harter Ehemann, eher 20 geweſen, aber kein Funke von der erwärmenden Zärt⸗ lichkeit des Herzens zeigte ſich in ſeinem Benehmen. Er bewies gegen ſeine Frau alle Achtung und Ergebenheit; denn ebenſo gewiſſenhaft Elias in allen ſeinen Verhältniſſen war, war er es auch gegen ſeine Gattin, und nicht einen Augenblick während ihres Zuſammenlebens hatte ſie je Grund gehabt, ihm Vernachläſſigung ſeiner Pflichten vorzuwerfen. Das Leben an ſeiner Seite erſchien indeſſen leer. und ſein Mangel an Liebe brachte manche ſtillen Leiden für das warmfühlende Weib mit ſich. Elias war ein im höchſten Grade religiöſer Israelit; er verabſcheute alle vertraulichere Berüh⸗ rung mit den Chriſten und erlaubte nie, daß ein ſolcher die Thürſchwelle ſeiner Wohnung betrat, denn dieſe war ihm eine heilige Stätte, in welche er nie hineinging, bevor er den Staub von der Be⸗ rührung mit denjenigen, die andern Glaubens waren, abgeſchüttelt. In der Nähe der Börſe beſaß er ein Hotel, in in welchem er alle diejenigen empfing, die ihn in Geſchäften beſuchten. Wenn ein Reiſender oder irgend Jemand, der weniger mit Levitain bekannt war, ihn in ſeiner Wohnung ſuchte, wurde der Beſuch ſtets mit den Worten abgewieſen: — Monſieur Levitain iſt jeden Vormittag in ſeinem Geſchäftshotel in Rue. zu treffen. Noch hatte kein Chriſt ſich rühmen können, in das Haus des ſtolzen Juden eingeführt, oder dort als Gaſt aufgenommen worden zu ſein. Er wies jede Annäherung von Denjenigen zurück, welche nicht — — — 21 Juden waren, und dies auf eine ſo kalte und be⸗ ſtimmte Weiſe, daß es Niemanden einfiel den Ver⸗ ſuch zu erneuern. Mit der aller ſerupulöſeſten Genauigkeit wurden in ſeiner Familie die jüdiſchen Ceremoniengeſetze be⸗ obachtet. Er erzog ſeinen Sohn und ſeine Tochter äußerſt religiös; etwas worin ſeine Frau ihm fleißig beiſtand. Madame Judith Levitain war fromm, gottes⸗ fürchtig und ihrem Glauben ſo ergeben, daß ſie es für eine der größten Sünden in der Welt angeſehen haben würde, wenn eines ihrer Kinder, auch nur in Gedanken, die Möglichkeit hätte vorausſetzen laſſen kön⸗ nen, ſein Schickſal mit dem eines Chriſten zu verbinden. Die Folge hätte nun füglich die werden müſſen, daß die Kinder ſich zu dem ausbildeten, was die Eltern waren, nämlich intolerant gegen Alle, welche Gott unter einer andern Form als ſie anbeteten. Dies würde ſo viel natürlicher geweſen ſein, als Abraham und Ruth bei ihren Eltern nie etwas An⸗ deres geſehen, als daß ſie in allen ihren Handlungen ſich nach den religiöſen Lehren richteten, welche ſie predigten; aber oft ſieht man, daß die Menſchen zu ganz entgegengeſetzten Reſultaten gelangen, als die, welche ſie berechnet hatten. Jacob Levitain, mit ſeiner hochſinnigen und tole⸗ ranten Denkweiſe, hinterließ einen intoleranten Sohn. — Es war deßhalb nicht zu verwundern, wenn Elias' Fanatismus einen freiheitsliebenden und libe⸗ ralen Sohn heranzog. Wenige Kinder können ſich rühmen, mit ſo guten Beiſpielen des Guten und Rechten vor Augen aufgewachſen zu ſein, wie die Elias 6 22 Levitains. Ebenfalls gibt es Wenige, welche an ein ſolches Elternhaus zurückdenken können, in welchem Alles gethan war, um der Heimath Reiz, Annehmlich⸗ keit und Familienfreude zu verleihen. Elias Levitain war unermeßlich reich. Er ver⸗ ſagte auch den Seinigen Nichts, was zur wahren und reinen Freude des Lebens beitragen oder das tägliche Leben angenehm machen konnte. Seine Kinder hatten eine zu gleicher Zeit kluge, ſorgfältige und glänzende Erziehung genoſſen. Sie beſaßen beide eine ungewöhnliche Bildung. Der Sohn zeigte ſchon als Kind vielverſprechende poetiſche Anlagen und eine entſchiedene Abneigung gegen das Geſchäftsleben. Er mußte deßhalb ſtudi⸗ ren. Um dieſe Zeit, und nur zwanzig Jahre alt, hatte er ſeine Studien beendigt und ſollte ſich einen Beruf für die Zukunft wählen,— etwas, das für ein Gemüth wie Abrahams, nicht ſo leicht war. Ruth, ein Jahr älter als der Bruder, war ver⸗ lobt. Sie ſollte in einigen Monaten Ismael Levi⸗ tain, den Bruderſohn des Elias, heirathen. Ismael hatte ſich die zwei letzten Jahre in Frank⸗ reich aufgehalten, um, wie er ſagte, ſeine medieini⸗ ſchen Studien zu vervollſtändigen. Jetzt paſſirte, was ſchon tauſendmal paſſirt iſt, daß er ſich in Ruth und ſie ſich in ihn verliebte, ſo daß das junge Mädchen ſich entſchloß, mit ihm in ein fremdes Land zu ziehen. Sie ſollte ihren Wohnſitz unter einem Volke aufſchlagen, welches noch ſeine veralteten Vorurtheile gegen ihre Glaubens⸗ verwandten beibehalten. Elias, mit ſeinem ſtrengen und ſtolzen Charakter, ——— 23 hatte nie die väterliche Mündigkeit ſo aufgefaßt, daß er deßhalb dem Glück der Tochter irgend ein Hin⸗ derniß in den Weg legen würde, weil ihr zukünftiger Mann nicht auf ſeinen Rath hören und in Frank⸗ reich bleiben wollte. Nein, wenn Ruth fühlte, daß ſie mit Ismael glücklich werden würde, ſo ſah Elias ein, daß Alles, was er zu thun hatte, darin beſtand, ihnen ſeinen Segen zu ſchenken. Gewiß hatte Elias dem Bruderſohn davon abge⸗ rathen, Schweden wiederzuſehen; als aber dieſer nicht auf ſeine Worte horchte, mußte Elias ſich da⸗ rein finden, daß die Tochter„Vater und Mutter verließ, um ihrem Manne nachzufolgen.“ Nachdem der Sohn und Ismael Elias verlaſſen hatten, ſaß letzterer lange da und dachte über das, was der Bruderſohn geſagt, nach.— Dann ſtand er auf, und nahm ſeinen Weg durch die Zimmer, welche ehemals ſeinem Vater gehört, und trat in einen großen, äußerſt eleganten Salon. Er ging quer durch denſelben und hinein in einige Zimmer rechts, deren ganze Meublitung und Einrichtung zeigten, daß ſie einem Manne gehörten. Es waren die Privatwohnzimmer des Elias. Das erſte derſelben war ein Vorgemach, von dort kam man in ein großes Arbeitszimmer mit mehreren Bücherſchränken, ein Paar Sophas und einem Schreib⸗ tiſch. An der einen Seite deſſelben befand ſich ein kleineres Cabinet und auf der anderen das Toilette⸗ zimmer u. ſ. w. Elias ging in das Cabinet, wo er aus einem Secretär einige Papiere herausnahm und ſie in die 24 Bruſttaſche ſteckte, worauf er, ohne ſich umzuſehen, ganz raſch das Zimmer verließ. An der Wand über dem Sopha hing ein großes Helgemälde. Es ſtellte ein junges Weib dar, das auf einem Henkerskarren ſtand und mit dem rothen Wollen⸗ hemd der zum Tode Verurtheilten angethan war. Ihre Hände waren auf den Rücken gebunden, ihre Haltung gerade und das gegen den Himmel gerichtete Antlitz hatte den Ausdruck überirdiſcher Schönheit. Der inſpirirte Blick zeugte von einer Seele, welche mit dem Muthe und der Ueberzeugung eines Märtyrers dem Tode entgegenging. Das Gemälde bedeckte faſt die ganze Wand und die Figur war in Lebensgröße. Der in Ebenholz geſchnitzte Rahmen war ein wirkliches Kunſtwerk. An dem unteren Rande ſtand mit ſilbernen Buchſtaben: Charlotte Corday. Es in dieſem Zimmer kein anderes Gemälde. Die Wände waren boſſirt und mit Ornamenten in Silber geziert, die Meubel von Ebenholz und mit ſchwarzem Sammet überzogen. Der Tiſch und der Secretär waren von ſchwarzem oſtindiſchem Holz und mit Gold und Perlmutter eingelegt. Der Geſammteindruck, den das kleine Cabinet machte, war ein trauriger, denn es ſah aus, als wenn es in ernſte Trauertracht gekleidet ſei. Man ſah es, daß derjenige, welcher in dem Fau⸗ teuil gerade vor dem Gemälde ſaß, wahrſcheinlich oft den Ellbogen auf den kleinen runden Tiſch vor 4 h — —— — 4 —————— 25 dem Bilde geſtützt, denn die vergoldeten Zierrathen auf der ſchwarzen Tafel waren abgenutzt worden. Auf dem Tiſche lag ein Buch in ſchwarzen Sam⸗ met gebunden. Wenn man daſſelbe öffnete, ſo fand man darin, was über das Leben, den Charakter und den Tod Charlotte Corday's geſchrieben und gedruckt worden war. Als Elias aus dem Cabinet heraustrat, drehte er den Schlüſſel zweimal um und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Außer Elias ſelbſt kamen nie mehr als zwei Menſchen in dieſes kleine Heiligthum. Dieſe beiden waren ſeine Frau und ſein alter Diener. EFlias kehrte zurück in den Salon, paſſirte durch denſelben und mehrere Zimmer, bis er in ein vier⸗ eckiges Arbeitszimmer eintrat, in welchem ein Frauen⸗ zimmer in mittlerem Alter und mit milden Geſichts⸗ zügen ſaß und las. Beim Schallen der Tritte des Elias blickte ſie vom Buche auf. Mit freundlichem Lächeln reichte ſie ihmie Hand und ſagte: — Ich glaubte, Du hätteſt Dich auf Dein Comp⸗ toir begeben. Die Uhr iſt ſchon viel. — Es kommt wohl nie vor, Judith, daß ich mich vom Hauſe entferne, ohne Dir vorher Adieu zu ſagen. Ein zu gleicher Zeit bitteres und ſchmerzliches Lächeln glitt über der Jüdin Lippen, als ſie ant⸗ wortete: — Nein, Du haſt Recht, ſeit den drei und zwanzig Jahren, die wir verheirathet geweſen, haſt Du nie 26 ein einziges Mal vergeſſen, was die Pflicht von Dir verlangt. — Falls ich das gethan, würde ich ja das Ver⸗ ſprechen gebrochen haben, welches ich Dir gab, als ich Dich fragte, ob Du den Muth hätteſt, meine Gattin zu werden.— Aber es iſt ja überflüſſig, daß wir davon ſprechen.— Ein Zuſammenleben von drei und zwanzig Jahren muß uns beiderſeits ge⸗ lehrt haben, was wir von einander zu hoffen und zu erwarten haben. Elias ſetzte ſich in ein Fauteuil. Judith fuhr haſtig mit dem Taſchentuch über das Geſicht. Elias hob wieder an: — Ich komme, um Dich davon zu benachrichti⸗ gen, daß ich eine Reiſe zu machen gedenke.— Wenn ich heute von der Börſe weggehe, trete ich ſofort die Reiſe an, ohne vorher nach Hauſe zu kommen. — Wie lange ich wegbleibe, kann ich nicht ſagen. — Wo reiſeſt Du hin?— fragte Judith ruhig und nahm eine Stickerei die auf dem Tiſche lag. — Noch der Schweiz. Ich muß erfahren, wie es mit der Geſchichte zuſammenhängt, die wir in der Zeitung laſen. Wenn der Mann, welcher den Namen Jérome Basſals nannte, irgend Angehörige hat, ſo müſſen dieſe mir Aufklärung geben können. — Bevor ich Sophie wiederfinde, wird meine Seele keine Ruhe haben. — Es ſind jetzt ſechs und dreißig Jahre her, ſeit ſie verſchwand, und trotzdem erwache ich nie Mor⸗ gens, oder ſchlafe Abends ein, ohne daß es mir vorkäme, als wenn ich die Stimme meines Vaters hörte, die mir aus ſeinem Grabe zuriefe:„Wie * 27 haſt Du Dein Gelübde gegen mich erfüllt; wo iſt Sophie?“ Elias legte ſeinen Kopf in die Hand und fuhr ort: — Ich bin durch ganz Europa gereist; ich habe jedes Land durchſucht, aber ohne eine Spur von ihr zu finden, die vielleicht, während ſich ihr Hei⸗ rathgut in meinen Händen vervielfacht hat, arm, ohne Brod und ohne Schutz für ſich und die ihrigen geweſen iſt. — Mein Freund, wenn ſie arm geweſen wäre, ſo würde ſie ſich wohl an Dich gewendet haben,— fiel Judith ein. — Sie wußte ja, daß Dein Vater ihr eine große Mitgift gegeben, und gewiß hätte ſie, wenn die Noth ſie gezwungen, ſich eingefunden, um ihr Recht gel⸗ tend zu machen. — Nein, ſie nicht.— Du weißt nicht, wel⸗ chen Charakter dieſes ungewöhnliche Weib beſaß; Du weißt nicht, wie ſtolz dieſer Basſal war, wel⸗ cher ihr Mann wurde. Dieſe Beiden würden mich nie Sti haben, das weiß ich. Haſt Du auch keine Spur von Basſal ſnden können?— fragte Judith. — Ja, ich weiß, daß Basſal mit Auszeichnung in dem franzöſiſchen Heere diente, ſo lange Frank⸗ reich eine Republik war; als es in ein Kaiſerreich verwandelt wurde, nahm er Abſchied. Wohin er ſich begeben, iſt mir trotz den genaueſten Nachfor⸗ ſchungen durch Hilfe der Polizei nicht gelungen her⸗ auszufinden.— Alles, was ich weiß, iſt, daß er am Tage nach der Krönung des Kiſers Pris ver⸗ 28 ließ. In der Wohnung, welche er während ſeines kurzen Aufenthalts hier inne hatte, fand man den größeren Theil ſeiner Kleider. Die Polizeidiener waren alle überzeugt, daß er, in Verzweiflung darüber, daß Frankreich wieder eine Monarchie geworden, ſich in der Seine ertränkt habe. Ich glaubte auch dasſelbe und fing an der Ueberzeu⸗ gung zu werden, daß Sophie wahrſcheinlich auch todt ſei, als jenes unglückliche Ereigniß in der Schweiz plötzlich in den Zeitungen zu leſen war. Flias nahm ein Zeitungsblatt aus der Bruſt⸗ uſche, wickelte es aus einander und las mitten im Bericht: Die letzten Worte des alten Führers wa⸗ ren: Jerome Basſals Frau und Kinder werden im Elend ſterben, wenn Sie ihnen nicht beiſtehen! Bit⸗ ten Sie Ihren Vater, Sophie d'Escare zu helfen.“ Mein Freund,— ſagte Judith und legte ihre Hand auf die Schulter des Gatten,— es ſteht ja ferner, deß man in der ganzen Gegend Niemanden mit dem Namen Jerome Basſal kenne, und daß der alte Mann, welcher ums Leben kam, Moulin geheißen. — Gewiß; aber dieſer Moulin kannte Basſal und ſeine Familie. — Was Moulin kannte, oder nicht kannte, das ruht jetzt mit ihm im Grabe. Eine Reiſe nach die⸗ ſen Gegenden iſt ja ohne allen Zweck. — Nicht ganz. Ich werde die Angehörigen Moulins aufſuchen, vielleicht wiſſen die, wo Basſal und ſeine Frau zu finden ſind. ——. ———— 29 Eine Weile ſaßen Elias und Judith ſchweigend, endlich bemerkte letztere:* — Moulin!— Sicherlich ſind wir auf unſeren Reiſen mit Jemanden in Berührung gekommen, welcher ſo hieß. Der Name kommt mir ſo bekannt vor. Bei dieſen Worten blickte Elias auf und rief aus: — Du haſt Recht. Moulin, ſo hieß das ein⸗ nehmende Kind, welches uns in der Nähe vom Gen⸗ ferſee Nachtherberge verſchaffte. Elias ſtand raſch auf und fügte hinzu: — Meine Reiſe geht alſo nach dem Genſerſee. — Er warf noch einen Blick auf die Zeitung und fügte hinzu: — Hier ſteht auch ganz richtig, daß Moulin Frau und Kinder hinterließ. Elias küßte Judith auf die Stirne, ſagte ihr ein Paar Worte zum Abſchied und verließ haſtig das Zimmer. Im großen Salon ſtand Ruth. Sie war ein kleines, feines Weſen mit goldenen Locken und mit einer ſo roſigen und weißen Haut, daß ſie einer Tochter Albions und nicht einem Kinde von Judä Stamm ähnlich ſah. Gewiß waren die Augen groß und ſchwarz, die Naſe etwas gebogen und das Haar lockig; aber ſie hatte nichts deſtoweniger nichts was die Jüdin verrieth. Sie ſprang hin zu dem Vater, welcher ſie auf die Stirn küßte und ſagte: — Ismael ließ ſich nicht überreden in Frank⸗ reich zu bleiben. — Ich weiß es,— antwortete Ruth.— Ich billige ſeine Gründe und ſchenke ihnen meine Achtung. 30 — Dann iſt alles gut. Gott wird Dich ſeg⸗ nen, wenn Du ſtets das Rechte thuſt, magſt Du nun ſein, wo Du willſt. — Und Da ich,— fiel Ruth ein— Deinen und meiner Mutter Segen mit mir nach der frem⸗ den Küſte nehme, ſo führe ich einen Schatz bei mir, welcher mir Glück bringen wird. Der Vater drückte ihre Hand und verließ das Zimmer. Während dieſer Zeit waren Ismael und Abra⸗ ham den Boulevard hinaus promenirt und unter⸗ hielten ſich lebhaft von der Zukunft und allen den ſchönen Hoffnungen, welche dieſelbe in ſich barg. Der Boulevard wimmelte von Leuten, Fuhr⸗ werke rollten hin und her, die Verkäufer ſchrieen ihre Waaren aus und die Zeitungsträger ſecundirten ihnen in der eintönigen Wiederholung deſſen, was ſie feilboten.. Die Fußgänger kreuzten einander in allen mög⸗ lichen Richtungen. Es war ein Leben und eine Be⸗ wegung, die ſich nicht beſchreiben läßt. Vor den beiden jungen Juden wanderten zwei Perſonen, deren Kleidung weniger als mittelmäßig war. Sie gehörten offenbar zu der Zahl derer, welche keinen Ueberfluß an den weltlichen Gütern dieſer Welt erhalten hatten. 1 Die eine, ein dem etwas altmodiſchen Schnitt ihrer Kleider nach zu urtheilen, älteres Frauenzimmer, ging mit ſo leichtem Schritte, daß ſie kaum den Bo⸗ — 31 den zu berühren ſchien. Die andere, ein Mädchen, das, obgleich es dem Kindesalter angehörte, vollkomm men ſo groß war wie das ältere Frauenzimmer, trug ein kurzes ſchwarzes Kleid und Ueberärmel von dem⸗ ſelben Zeug und einen außerordentlich einfachen Hut mit einem ſo großen Schirme, daß er ihr Geſicht ganz und gar verbarg. Weder Ismael noch Abraham ſchenkten dieſen beiden Weſen irgend welche Aufmerkſamkeit, als in demſelben Augenblick ein gedämpfter Schrei Ismael und Abraham veranlaßten ſich umzuwenden. Auf dem Trottoir lag das junge Mädchen. Das ältere Frauenzimmer rief, indem es ſich über jenes beugte, erſchrocken aus: — Mein Gott, was haſt Du zerbrochen? — Ich weiß es nicht,— flüſterte das Mädchen mit farbloſen Lippen;— aber ich kann nicht auf⸗ ſtehen. Ich vermag mich nicht zu bewegen. Augenblicklich hatte ſich ein Haufen Menſchen um ſie verſammelt. Man rief nach einem Arzt. Ismael ſtand ſchon über das Mädchen gebeugt, welches vor Schmerz in Ohnmacht gefallen war. Ein Fuhrwerk wurde auf Ismaels Befehl ſchleunigſt herbeigeſchafft, und in der nächſten Minute wurden die Ohnmächtige, ihre Begleiterin und Ismael in demſelben weggebracht. Abraham ſtand mitten im Volkshaufen und blickte nach dem Fuhrwerk, bis Alle um ihn herum ſich zerſtreut hatten und die Ellbogenſtöße ihn daran er⸗ innerten, daß er ſich auf dem Boulevard befand. Er wanderte langſam nach Hauſe. Vor ſeiner Seele ſtand der Ausdruck in dem Geſichte der älteren 32 Frau, als ſie, gegen Ismael gewendet, geflüſtert hatte: — Retten Sie meine Tochter! Es lag in dem Blick ein Ausdruck ſtummen und unendlichen Schmerzes, welcher auf Abrahams für alle Eindrücke offenes Gemüth eine lebhafte Wirkung gemacht. Es kam ihm vor, als hätte er nie ein Geſicht geſehen, deſſen Züge ſo viele Milde und Intelligenz ausdrückten, wie das des ärmlich gekleideten Weibes. Alles, was möglicherweiſe ehemals von Jugend⸗ ſchönheit vorhanden geweſen, war längſt verſchwun⸗ den. Jahre und Sorgen hatten Furchen hinterlaſſen, und doch ſah ſie aus, als wenn das reine und ſchuldloſe Herz eines Kindes aus jedem dieſer Züge ſpräche. Ismael kehrte den ganzen Tag nicht zurück. Ruth wurde, als der Abend heranbrach, ohne daß ihr Verlobter erſchien, endlich unruhig. Sie plagte ſich und ihre Mutter mit den beun⸗ ruhigendſten Vorſtellungen. Ismael hatte verſprochen, mit ihnen zu Mittag zu eſſen, und Ismael pflegte immer Wort zu halten. Vergebens ſuchte Abraham ſie damit zu beruhi⸗ gen, daß Ismael bei einer Perſon ſei, die ſich ver⸗ letzt habe. Ruth hörte nicht auf ſeine Worte, ſon⸗ dern fuhr fort zu weinen. Die Uhr war etwas nach elf, als Ismael end⸗ lich in den Salon trat. Ruth ſprang ihm mit einem Ausruf der Freude und tauſend Fragen entgegen. Nachdem er ihr bewegtes Gemüth vollkommen 33 beruhigt, bekam er Freiheit, Madame Levitain zu begrüßen. Alle Fragen, die Ruth und ihre Mutter an ihn richteten, beantwortete er damit, daß er eine Patientin, die übel zugerichtet worden ſei, nicht habe verlaſſen können. — War es dieſelbe Perſon, von welcher Abraham ſprach?— fragte Ruth. — Ich weiß nicht, von wem Abraham geſprochen, — ſagte Ismael lächelnd. — Ach, ich meine diejenige, die auf dem Boule⸗ vard fiel und ſich verletzte. — Gerade dieſelbe. Ismael wandte ſich an Madame Levitain und erzählte ihr verſchiedene Neuigkeiten, die ſie intereſſi⸗ ren konnten, z. B. daß Editta D— ſich mit einem reichen Engländer verheirathen würde. Das Geſpräch wurde dadurch von der Patientin abgelenkt und bald war dieſe ganz vergeſſen. Eine Weile plauderte er mit den Damen und ſagte ihnen dann gute Nacht. Ismael ging hinauf in den zweiten Stock, wo ſeine Wohnzimmer ſich befanden; aber ſtatt den Weg zu dieſen zu nehmen, öffnete er Abrahams Thür und trat, als er ihn zu Hauſe fand, hinein; In einen Schlafrock gehüllt lag der Jüngling auf einem Sopha und las. Beim Anblick Ismaels warf er das Buch von ſich und rief: — Endlich! Man hätte toll werden können, ſo geberdete Ruth ſich darüber, daß Du nicht zu Hauſe kamſt. Es liegt etwas Wibriges darin, inz Brut Schwartz, Geburt u. Bildung. MI. 34 zu haben; aber Du liebſt wohl die Kette, da Du Dir eine ſolche angeſchaftt haſt. — Wie ſteht es müt der armen Mutter des Kindes, welches ſich verletzte? Ich habe den ganzen Tag an nichts Anderes, als an ſie denken können. — Was würdeſt Du denn gethan haben, wenn Du in meiner Stelle geweſen wäreſt?— ſagte Ismael und warf ſich in ein Fauteuil. — Ich bin gewiß nur ein ganz junger Arzt,— fuhr Ismael fort;— aber noch nie bin ich Zeuge einer ſo erſchütternden Scene geweſen, wie das Bild war, welches ich heute vor Augen gehabt. — Hat das Mädchen ſich ſo ſtark verletzt, daß ſie geſtorben iſt?— fragte Abraham. — Nein, ſie lebt, und es war auch nicht die Verletzung des Beins, welche mich ergriff, ſondern es war der Anblick von der Armuth, welcher dieſe Weſen anheimgefallen ſind, und welche nahe daran war, dem Gefühlloſeſten Thränen aus den Augen zu preſſen.— Als wir in ihre Wohnung ankamen, be⸗ fand ſich dieſelbe fünf Treppen hoch auf einem Boden. Sie beſtand aus einem kleinen viereckigen Kämmer⸗ chen, ſo groß, daß man, wenn man mitten auf der Diele ſtand, alle vier Wände erreichen konnte. Die⸗ ſer Schlupfwinkel hatte ein Fenſter, oder richtiger, eine Luke, welche im Dach angebracht war, die Wände waren ohne Tapeten, das Dach ſchwarz und die Thüre nur aus ungehobelten Brettern zuſammen⸗ eſetzt. In der einen Ecke dieſes Zimmers ſaß ein Mäd⸗ chen von ungefähr zehn Jahren und äußerſt dürftig angezogen. 35 Die großen Augen irxten umher, ohne daß ſie ſich auf irgend Jemandeioder irgend etwas richte⸗ ten. Sie war blind. Im Zimmer befand ſich ein Bett mit ſchnee⸗ weißen Bettlaken; aber als wir das Mädchen auf dieſelben legten, entdeckte ich, daß ſie über Stroh gebreitet waren. Ein hölzerner Stuhl ohne Lehne, ein Kaſten und ein Schemel, auf welchem das Kind ſaß, vollendeten die Meublirung. Tiſch und dergleichen gehörten zu denjenigen Lurusartikeln, welche ſich nicht in dieſes elende Käm⸗ merlein verirrt hatten. Ich ſah bald ein, daß ſie nicht in dieſer armſeli⸗ gen Wohnung verbleiben konnte, und ſchrieb deßhalb Umſchläge vor, bis ich das, was nothwendig war, um das Bein in Schienen zu legen, angeſchafft hatte. Als ich die armen Weſen verlaſſen, ſuchte ich zu erfahren, wer der Herr vom Hauſe ſei, worauf ich ein beſſeres Zimmer für meine Patientin verlangte. Nach einigen Schwierigkeiten, welche die Wirthin im Hauſe aus dem Grund machte, weil ſie ganz verarmt ſeien, und die erſt gehoben wurden, als ich ihr zwei Monate Miethe vorausbezahlt hatte, erhielt ich ein großes und geräumiges Bühnenzimmer im vierten Stock. Als ich wiederkam wurde das Mädchen durch mich oder meine Beihülfe dorthin gebracht. Als ich damit fertig war, die Schienen um das Bein zu legen, und durch ein beruhigendes Getränke das Mädchen zum Schlafen gebracht hatte, bemerkte die Mutter mit Anſtrengung: 3* 36 — Ich weiß nicht, Herr Doctor, wie ich Ihnen danken ſoll für das, was gethan; aber ich weiß, daß ich Ihre Dienſte nicht annehmen kann, weil ich nicht im Stande bin, ſie Ihnen zu vergelten, und doch.. Sie ſchwieg. Auf ihren bleichen Wangen brannte eine hohe Röthe. — Madame,— fiel ich ein,— betrachten Sie das Wenige, was ich jetzt thun kann, um Ihrer Tochter zu nützen, als eine Fügung des Schickſals, und nicht als Etwas, wofür Sie im Geringſten mir verbunden zu ſein brauchen. Ich bin reichlich be⸗ lohnt, wenn es mir als Arzt gelingt, Etwas für Ihre Tochter zu thun. Sie neigte den Kopf in ſtiller Ergebung; aber in dem Blick, welchen ſie auf mich richtete, las ich, daß ſie tief den Schmerz empfand, von irgend Je⸗ manden materielle Hülfe zu empfangen. Der Zuſtand der Tochter war indeſſen von einer ſolchen Natur, daß alle Bedenklichkeiten des Stolzes der Mutterliebe weichen mußten. Ich entfernte mich, um in einer Stunde wieder zu kommen. Dieſe Stunde verwandte ich dazu, mir einige Aufklärungen über meine Patientin, ihre Mutter und das blinde Kind zu verſchaffen. Von der Wirthin erfuhr ich, daß Mutter und Kinder vor wenigen Wochen in Paris angekommen ſeien und eine Wohnung im erſten Stock gemiethet hätten. Madame Moulin, ſo hieß die Mutter meiner Patientin, hatte geſagt, daß ſie die Ankunft ihres Mannes in Paris erwarte. Nach Verlauf einiger Zeit hatte Madame Moulin ſich bei der Wirthin eingefunden und zwar mit einem Ausſehen, welches deutlich zeigte, daß irgend ein ſchwerer Schlag ſie getroffen. Sie erklärte dann, daß ihr Mann durch einen Unglücksfall umgekommen ſei, und daß ſie ſich in Folge deſſen eine billigere Wohnung ſuchen müſſe. Die Wirthin überließ ihr dann jenes Kämmerchen gegen eine billige Miethe. Die Wirthin theilte ferner mit, daß ſie glaubte, ſie wären dergeſtalt von Allem entblößt, daß ſie den Tag kaum etwas zu eſſen bekommen hätten. Heute 6 3 F Morgen war es der Wirthin gelungen, ihnen einen Laden anzuweiſen, wo ſie Arbeit erhalten könnten, und zu dieſem Zweck waren ſie ausgegangen, als das Unglück das Mädchen traf. Der Bericht über ihre Armuth, Entſagungen und vollkommen ſchutzloſen Zuſtand ergriff mich ſo, daß ich, als ich zu ihnen zurückkehrte, darüber nachſann, wie ich ihnen helfen könnte, ohne ſie durch meine Hülfe zu verletzen. Ich trat in das Krankenzimmer. Meine Patientin ſchlummerte noch. Madame Moulin ſaß unbeweglich gegen das Bett der Tochter gelehnt. Diefes wunderte mich. Ich trat an ſie heran. Sie veränderte ihre Stellung nicht. Auf der Diele ſaß das blinde Kind, den Kopf auf ſeine Knie geſtützt. Beim Schall meiner Tritte rief die Blinde: — Wer da?— Mutter, Mutter, es iſt irgend ein Fremder da. 38 Madame Moulin verblieb in derſelben Stellung. Dadurch beunruhigt, eilte ich hin zu ihr. Sie war ohnmächtig. — Abraham, die Unglückliche war aus Mangel an Nahrung in Ohnmacht gefallen. Ismael ſchwieg. — Das iſt entſetzlich!— rief Abraham.— Wie gräßlich iſt das Bewußtſein, daß der Eine dem Hunger⸗ tode nahe iſt, während der Andere, gleich mir, im größten Ueberfluſſe lebt! Ich kann mich nie an dieſe ungleiche Theilung gewöhnen, und darum eckelt mich oft all dieſe Ueppigkeit an, die mich umgibt, beſon⸗ ders wenn ich bedenke, daß es ſo Viele gibt, welche Noth leiden. Nun Ismoel, was thateſt Du? — Was ich that?— Brauchſt Du zu fragen? Natürlich das, was Jedermann in meiner Stelle ge⸗ than haben würde, memlich, daß ich Wein und Brod herbeiſchaffte.. Alles dies iſt indeſſen nur eine augenblickliche Hülfe. Etwas mehr muß für dieſe Armen gethan werden. Das ganze Ausſehen Madame Moulins be⸗ weist, wie viel ſie dadurch leidet, daß ſie die Barm⸗ herzigkeit Anderer in Anſpruch nehmen muß. Außer⸗ dem zeugt ihr ganzes perſönliches Auftreten davon, daß ſie eine überlegene Bildung beſitzt und nicht in Armuth geboren und erzogen worden iſt. Man merkt, daß ſie nicht allein in glücklichen Verhältniſſen ge⸗ weſen, ſondern auch den höheren Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft angehört. Ich ſchämte mich faſt, daß ich der⸗ jenige war, welcher gab und ſie diejenige, die von mir Etwas empfing. 6 Ismael reichte Abraham die Hand und fügte hinzu: — Gott weiß!— Vielleicht wird der morgende Tag mich darüber aufklären, wie ich ihnen am Beſten nützlich ſein kann.. Die beiden jungen Männer trennten ſich. Einige milde Strahlen der Morgenſonne hatten ſich in die Wohnung der Madame Moulin verirrt. Sie fielen ſchmeichelnd herab auf das gebeugte Haupt des bleichen Weibes, als ſie da ſtand mit zum Gebet gefalteten Händen und den Blick nach oben gerichtet. Die Kranke ſchlummerte unruhig. Sie warf den Kopf im Schlafe mit der Unruhe, welche ein glühen⸗ des Fieber hervorzubringen pflegt, unaufhörlich hin und her. 2 Während Madame Moulins Lippen ein Gebet hervorſtammelten wurde die Thüre geöffnet und ein Weib trat mit einem hölzernen Teller herein, auf welchem ein Schüſſelchen ſtand⸗ — Der Doctor befahl mir, dieſes hier zur Ma⸗ dame hinaufzutragen,— ſagte die Eintretende. ₰ Es iſt ein wenig Bouillon.— Sie müſſen dies trinken, damit es Ihnen nicht wieder ſo ſchwach werde, wie geſtern. Madame Moulin dankte der Wirthin und nach⸗ dem dieſe geſehen, daß ſie die Bovillon trank, ent⸗ fernte ſie ſich; in der Thüre begegnete ſie aber Js⸗ mael, welcher kam, um nach der Kranken zu ſehen. 40 Als er fand, daß ſie ſchlief, wollte er ſie nicht ſtören, ſondern warten, bis ſie aufwachte. Er unter⸗ hielt ſich deßhalb eine Weile mit Madame Moulin über ihre blinde Tochter und ſagte dann, indem er ihre Hand faßte, mit unbeſchreiblich milder Stimme: — Es gibt zwei Klaſſen von Menſchen, von denen man ſagen kann, daß ſie Anſpruch auf unbe⸗ ſchränktes Vertrauen haben, nemlich der Arzt und und der Pfarrer.— Das Schickſal hat es ſo ge⸗ fügt, daß ich der Arzt Ihrer Tochter geworden. Nun wohlan, Madame, wenn ich nützen ſoll als ſolcher, müſſen Sie mir Vertrauen zeigen. Laſſen Sie allen Stolz verſchwinden und behandeln Sie mich als einen Freund dadurch, daß Sie mir ſagen, wie ich Ihnen nützlich werden kann. — Retten Sie meine Tochter!— antwortete Madame Moulin. — Dies gebietet mir meine Pflicht, wenn es in meiner Macht ſteht; aber damit Sie meine Bemü⸗ hungen unterſtützen können, müſſen Sie erlauben, daß ich Ihnen auch auf andere Weiſe beiſtehe.— Sie ſind hier fremd,— ich bin wieder ſeit drei Jahren in Frankreich geweſen.— Sie ſind ohne Bekannte, ohne Verwandte, ich beſitze beides.— Erlauben Sie jetzt, daß ich dieſe zu ihrem Wohl benütze! — Ich danke Ihnen, Monſieur, und wenn meine Tochter eines Tages beſſer wird, werde ich von Ihrer Güte Gebrauch machen und Sie bitten, mir Schüler im Engliſchen, Italieniſchen und Deutſchen zu ver⸗ ſchaffen. Jetzt bin ich an ihr Krankenlager gefeſſelt, und wenn Sie eine Frau wären, ſo würde ich Sie . 5 41 erſuchen, mir bis auf Weiteres etwas Handarbeit zu verſchaffen. Hier wurden ſie durch ein leiſes Klopfen an die Thüre unterbrochen. Es war die Wirthin. Sie hatte einen Brief an Madame Moulin, der beim Portier abgegeben worden war. Etwas überraſcht betrachtete Madame Moulin die Handſchrift. Dieſelbe war ihr vollkommen un⸗ bekannt. Sie wandte ſich mit einer Entſchuldigung an den Doctor, worauf ſie das Siegel erbrach. Das Cou⸗ vert enthielt ein Tauſendfrankenbillet und einen Brief, welcher folgendermaßen lautete: „Ein Freund des Herrn Moulin, der erfahren hat, daß ſeine Wittwe ſich in Paris aufhält, nimmt ſich die Freiheit die beiliegenden 1000 Franken zu überſenden. Er hofft recht bald die Bekanntſchaft der Frau und Kinder ſeines verſtorbenen Freundes zu machen.“ Jsmael hatte, während Madame Moulin dieſe Zeilen durchblickte, die Kranke betrachtet, welche im Fie⸗ beranfall von Zeit zu Zeit einige unzuſammenhängende Worte ſprach. Madame Moulin wandte ſich an Ismael und ſagte: — Herr Doctor, kennen Sie dieſe Handſchrift? Sie überreichte ihm das Couvert. — Rein, ſoweit ich mich erinnere, kenne ich ſie nicht,— verſicherte er. — Und Sie haben auch keine Kenntniß davon, was dieſer Umſchlag enthielt? — Nein, Madame, es iſt mir vollkommen unbe⸗ 42 kannt,— ſagte Ismael in einem Ton, welcher die Wahrheit ſeiner Worte bewies. — Dann iſt es eine unerklärliche Fügung der Vorſehung,— flüſterte Madame Moulin.— O! wie konnte ich einen Augenblick die Hoffnung ver⸗ lieren! Ich hätte mich erinnern ſollen, daß der Herr nie Diejenigen verläßt, welche ſich auf ihn verlaſſen. Ismael dachte, indem er ganz unvermerkt das Couvert in die Taſche ſteckte: — Wie Schade, daß Abraham dieſen Blick der Dankbarkeit nicht zu ſehen bekam! Madame Moulin reichte Ismael den Brief und zeigte ihm das Bankbillet mit den Worten: — Nun, Herr Doctor, hat Gott mir beigeſtanden, bis mein Kind beſſer wird. Sie können mit Ruhe an uns denken. Womit ſoll ich Ihnen meine Er⸗ kenntlichkeit für das beweiſen, was Sie bereits gethan. In demſelben Augenblick wachte die Krante auf und die Pflichten des Arztes nahmen jetzt Ismael in Anſpruch. Als er im Begriff war zu gehen, be⸗ merkte Madame Moulin: — Darf ich wagen, um den Namen des Arztes zu bitten? — Er heißt Levitain, Madame. Madame Moulin faßte ihn heftig am Arme und ſtarrte den jungen Arzt mit einem Blick voller Be⸗ ſtürzung an. — Levitain!— ſtammelte ſie mit zitternder Stimme. — Mein Name ſcheint Sie zu überraſchen, Ma⸗ dame; ſollten Sie zufälligerweiſe Jemanden aus meiner Familie kennen?. —,— —— 43 — Sie ſind ja kein Franzoſe?— ſagte Madame Moulin. — Nein, ich bin ein ſchwediſcher Jude, oder rich⸗ tiger, in Schweden geboren. — Als Kind kannte ich einen Mann Namens Jacob Levitain,— hob Madame Moulin wieder an, indem ſie ſich gewaltſam anſtrengte, ruhig zu ſcheinen. — Das war mein Großvater. — Sie ſind alſo ein Sohn von... — Iſaak Levitain,— fiel Ismael ein. Madame Moulin holte tief Athem. — Vielleicht kennen Sie meinen Onkel, Elias Levitain?— bemerkte Ismael. — Nein, Monſieur,— antwortete Madame Moulin. Als Ismael Mittags in Levitains Salon ein⸗ trat, traf er dort Abraham. — Nun, wie ſteht es mit Deiner jungen Patien⸗ tin?— fragte der junge Jude. — Ich hoffe das Beſte,— antwortete Ismael. Kennſt Du dieſe Handſchrift hier?— fügte er hinzu und zeigte Abraham den Unſchlag, in welchem die tauſend Franken eingeſchloſſen geweſen waren. — Ich habe Verdacht, daß es meine eigene iſt, antwortete Abraham lachend. — Ich bin derſelben Meinung; Dein gutes Herz verläugnet ſich nie! — Bah! was iſt das der Rede werth?— Ich verſchwende auf Vergnügungen weit größere Sum⸗ men, ohne daran zu denken. Es iſt wohl nicht zu . 44 viel, wenn ich mit meinem Gelde eine gute That verrichte. Ich habe jetzt dem augenblicklichen Be⸗ darf zweier Nothleidenden abgeholfen, ohne daß ihr Stolz durch das Band der Dankbarkeit gegen den Geber ſich verletzt fühlt. So kann ich mit einiger Beruhigung auf die Jagd bei Vicomte Saint Brie hinausreiſen. Ismael fuhr fort, mit der größten Sorgfalt und Intereſſe Gabrielle Moulin zu pflegen. Als Gabrielle ſich beſſer fühlte, traf es ſich oft, daß der junge Arzt mehrere Stunden im Geſpräch mit Madame Moulin und ihr zubrachte. Bei jeder ſolchen Unterredung verwunderte er ſich über die ungewöhnliche Bildung, welche ſowohl die Mutter wie die Tochter beſaß. Der Verſtand und der frühreife Geiſt der letztern überraſchte ihn. Gabrielle war nur vierzehn Jahr, und doch hatte ſie Kenntniſſe, deren wenige Aeltere ſich rühmen konnten. Sie ſprach geläufig deutſch, franzöſiſch, engliſch und italieniſch, war zu Hauſe in der Literatur dieſer Länder und beſaß daneben für ihr Geſchlecht und ihr Alter gute Kenntniſſe in der Geſchichte. Ihr Urtheil verrieth allerdings die Unerfahren⸗ heit, welche ſo natürlich für ihr Alter iſt. Nichts⸗ deſtoweniger zeugte es von angeborenem Scharfſinn. Sie war lebhaft und von einem excentriſchen Ge⸗ müth. Sie ſchien etwas launiſch, verzärtelt und ver⸗ änderlich zu ſein; aber, ob ſie es wirklich war oder ob ihr lebhaftes Weſen ſie ſo erſcheinen ließ, iſt ſchwer zu entſcheiden. * 45 Bisweilen hätte man ſie für ein ſtolzes, herrſch⸗ ſüchtiges Kind halten können, das in einer Selbſt⸗ ſtändigkeit aufgewachſen war, welche ſich weder für ihr Geſchlecht, noch für ihre Jugend ſchickte. Ihr ganzer Charakter war noch ſo unentwickelt, daß man nicht mit einiger Sicherheit beſtimmen konnte, was ſie war oder werden würde. Ueber ihrem ganzen Weſen ruhte gegenwärtig ein Schleier von Kummer, welcher mehr als die phy⸗ ſiſchen Schmerzen auf ihr Gemüth einzuwirken ſchien. Die Perſönlichkeit Gabrielle's frappirte, wenn man mit ihr zuſammen war; aber dies lag lediglich in ihren ungewöhnlichen und reichen Geiſtesfähig⸗ keiten, und durchaus nicht in ihrer Schönheit;— denn erſtens gehörte ſie einem Alter an, in welchem die Mädchen unreifem Obſte gleichen, da weder die Geſichtszüge noch die Formen entwickelt ſind,— und zweitens hatte ſie ein Geſicht, welches ſo unregel⸗ mäßig war, daß es nie auf den Namen ſchön An⸗ ſpruch machen konnte. Die Stirne war zu hoch und der Kopf zu groß, die Naſe etwas zu breit und der Mund durchaus zu groß; aber die dunkeln und beweglichen Augen waren dagegen von einer wunderbaren Schönheit. Sie glänzten und blitzten von Lebendigkeit. Sie übten auf diejenigen, auf welche ſie ſich richteten, einen zugleich feſſelnden und beherrſchenden Einfluß. Das hell⸗kaſtanienbraune Haar war lockig, aber letzteres auf eine, wenn man ſo ſagen darf, unordent⸗ liche Weiſe, ſo daß es während ihrer Krankheit einer üppigen Mähne glich. Wenn ſie lebhaft war, gab es etwas in ihren 46 Zügen, was an Mirabeau erinnerte. Man konnte nicht ſagen, worin die Aehnlichkeit lag; aber der⸗ jenige, welcher je den großen Mann ſelbſt während ſeiner Lebenszeit gekannt, oder ein Portrait von ihm geſehen, wurde davon überraſcht. Oft, wenn Ismael während ihrer Geneſung mit Madame Moulin disputirte oder irgend ein Thema discutirte, und Gabrielle ſich in das Geſpräch miſchte, ruhte ſein Blick auf ihr mit einem Ausdruck, als wenn er die Löſung eines Räthſels ſuchte, welches ihr Charakter und Gemüth noch in ſich verbargen. Wenn Ismgel nach einem ſolchen Forſchen von ihrer Wohnung wegging, dachte er bei ſich: Zu was wird wohl dieſes Mädchen ſich einſt ent⸗ wickeln? Ohne Schönheit, ohne etwas Angenehmes in ihrem Aeußeren, wenn man die Augen ausnimmt, übt ſie nichtsdeſtoweniger einen ſeltſamen Einfluß auf die Seele aus. Sie gleichſam feſſelt das Intereſſe an ihre Perſon, während ſie das Herz beherrſcht. Einmal ein erwachſenes Weib und in vollem Be⸗ wußtſein ihres inneren Reichthums, kann ſie gefähr⸗ licher werden, als die Schönſte ihres Geſchlechts. Wenn Gabrielle Ismael wirklich als eine wunder⸗ liche Zuſammenſetzung widerſtreitender Elemente vor⸗ kam, ſo war dagegen das ganze Weſen der Madame Moulin ein offenes Buch, auf deſſen Blätter man die Schrift des reinen und reichen Weiber⸗ herzens las. Man fühlte ſich wohl in ihrer Nähe, denn die Lebensanſchauungen, welchen ſie huldigte, waren hochherzig, ihr Urtheil treffend, ihr Verſtand aufge⸗ 47 klärt, und ihr Raiſonnement geiſtreich, immer ver⸗ nünftig und nie ſchief oder falſch. Neben dieſen ungewöhnlichen Eigenſchaften be⸗ ſaß ſie einen ſo hohen Grad von Seelengüte und Frommheit, daß ſie Einem viel beſſer vorkam, als andere Menſchen. Ueber ihrem Inneren ruhte auch ein Schatten bitteren Kummers. Welche Quellen hatte ſie nicht auch dazu? Seit kurzer Zeit war ſie Wittwe, ohne Vermögen, ohne Schutz und ohne Freunde, mit einem blinden Kind und einem mit einem gebrochenen Bein. Trotz alledem zeigte ſie eine ſo große Ergeben⸗ heit in ihr Schickfal, daß man ſagen könnte, ſie trage ihre Leiden mit dem Muthe einer Heldin. „Die Zeit heilt alle Wunden,“ heißt es, und die Zeit heilte auch Gabrielles Bein. Das Bett wurde mit einem Sopha umgetauſcht, auf welchem ſie ruhte. Noch durfte ſie ſich nicht auf den Fuß ſtützen. Als ſie ſo weit geneſen war, bereitete Ismael ſie darauf vor, daß ſie wahrſcheinlich für ihr ganzes übriges Leben hinken würde. Das junge Mädchen hörte ihm zu mit einer an Gleichgültigkeit gränzenden Ruhe, und gab ihm, indem ſie ihm die Hand reichte, zur Antwort: — Sie geben zu, Herr Doctor, daß Sie glaubten, ich würde ſehr traurig werden, wenn ich erführe, daß ich in einen Krüppel verwandelt bin.. — Ich bin Gott und Ihnen dafür dankbar, daß ich nicht von einem größeren Unglück betroffen wurde. Die ganze Zeit, da ich zu Beit gelegen, iſt es mir vorgekommen, als ob ich, wenn ich genäſe, an ein Paar Krücken gefeſſelt werden ſollte, und der Ge⸗ danke peinigte mich. Jetzt komme ich mit einem bischen Hinken davon. Sie lächelte Ismael an. Es war das erſtemal, daß er ſie lächeln ſah. Ismael wurde dabei ganz erſtaunt, ſo veränderte ſich ihr Ausſehen. Sie war wirklich ſchön, als ſie ſo mild lächelte. Ein Paar Tage darauf ſagte Ismael zu Ma⸗ dame Moulin: — Sie wünſchten, daß ich Ihnen einige Schüler verſchaffen ſollte.— Ich habe jetzt zwei, wenn Sie ſie nehmen wollen. — Ach, Monſieur, Sie geben mir dadurch ein Mittel, für unſer Auskommen arbeiten zu können. Ich danke Ihnen. — In dieſem Falle, Madame, erlauben Sie vielleicht, daß ich Sie morgen abhole und zu Mar⸗ quis de Maillés führe. Seine Frau hat zwei Niecen, welche von einem geſchickten Frauenzimmer im Engliſchen und Italieniſchen Unterricht nehmen möchten. Ich bin in dem Hauſe des Marquis ſehr bekannt und habe ihm Sie als eine tüchtige Leh⸗ rerin in dieſen Fächern genannt. Einige Zeit darauf hatte Madame Moulin an⸗ gefangen, nicht allein in Marquis de Maillés Haus, ſondern auch in andern Häuſern Unterricht zu geben. Ihre Zeit war jetzt vollſtändig beſetzt, und die Einnahme, welche ſie auf dieſe Weiſe hatte, eine ſolche, daß ſie und ihre Kinder, wenn auch nur bei großer Sparſamkeit, doch davon leben konnten. „ 49 Als Ismael eines Tages zu ſeiner Patientin kam, fand er dieſe allein. Die kleine blinde Edith hatte Erlaubniß erhalten, die Wirthin zu begleiten, um friſche Luft zu ſchöpfen. Als Gabrielle den Doctor erblickte, rief ſie ihm entgegen: — Monſieur Doctor, ich habe es vollkommen ſatt zu liegen. Wann darf ich verſuchen zu gehen? — Heute,— antwortete Ismael. Gabrielle machte eine raſche Bewegung, als wenn ſie ſchleunigſt das Sopha verlaſſen wollte; aber Ismael eilte ſchnell zu ihr hin und ſagte: — Ich bitte, nur keine Extravaganzen! Man ſpringt nicht ſo auf, wenn man das erſte Mal auf den Fuß auftreten will, ſondern wartet, bis der Arzt der Patientin hilft. Er half ihr nun ganz langſam aufſtehen, gab ihr einen Stock und auf dieſen und auf ſeinen Arm durfte Gabrielle einmal im Zimmer herum⸗ gehen. Nachdem Gabrielle darüber geſcherzt hatte, daß ſie ganz tüchtig hinke, und Ismael als Arzt einige Fragen geſtellt, führte er ſie zurück zum Sopha und erklärte, daß ſie ſich jetzt als vollkommen hergeſtellt betrachten könne. — Sie ſind ſehr, ſehr gut gegen uns geweſen, Herr Doctor,— ſagte Gabrielle,— und wir können Ihnen das Wohlwollen und die Freundſchaft, die Sie uns bewieſen, nicht vergelten. — Mamſell Moulin, das Vergnügen, welches ich durch die Bekanntſchaft mit Ihrer Mutter und Schwartz, Geburt u. Bildung. MI. 4 was ich habe thun können,— antwortete Ismael freundlich. — So viel deſto beſſer, wenn es ſo wäre, was ich indeſſen nicht glaube; ſeien Sie verſichert, daß ich mehr als zu gut weiß, daß unſere Verbindlichkeit gegen Sie ungeheuer groß iſt; aber es iſt nicht der Mühe werth, davon zu reden. Die Dankbarkeit wohnt im Herzen, nicht auf den Lippen, und darum will ich nicht davon ſprechen, ſondern ganz chriſtlich an Ihr Wohlwollen appelliren. Ich darf ja wa⸗ gen zu Ihnen, wie zu einem Freunde zu ſprechen? Bei dieſen Worten lächelte Gabrielle. Ein Lächeln auf ihren Lippen war etwas ſehr Seltenes, und gut war das; denn wenn ein ſolches ihr Antlitz erhellte, vergaß man, daß die Naſe zu groß, die Stirne zu hoch, und man ſah nur die Sonnnenſtrahlen aus ihren Augen, und den reizen⸗ den Ausdruck der Güte, welcher ſich in jedem ihrer Züge abſpiegelte. Gut war es auch für Ismael, daß er bereits ſein Herz der ſchönen Ruth geſchenkt, weil man ſonſt nicht wiſſen könnte, wie es damit gegangen wäre. Obgleich ſein Herz gegen Feuer verſichert war, ſo übte dieſes Kind doch einen ſolchen Einfluß auf ihn, daß er mit Wärme antwortete: — Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich da⸗ für halten, und ich hoffe, daß ich es immer ver⸗ dienen werde, Ihr Freund genannt zu werden. — Ich weiß es, und deßhalb werden Sie ge⸗ wiß auch eine Bitte erfüllen, die ich an Sie habe. Ihnen gehabt, hat mich reichlich für das belohnt, 51 — Wenn es in meiner Macht ſteht, können Sie deſſen verſichert ſein. Gabrielle neigte ihren Kopf mit einer verbind⸗ lichen Miene und hob wieder an: — Sie, wie Jeder, der meine Mutter kennen gelernt, bewundert ſie,— iſt es nicht ſo?— Nun, wohlan, meinen Sie, daß ich dieſer Mutter würdig wäre, wenn ich ganz unthätig ſie für mich und meine Schweſter arbeiten ließe? Nein, ich wäre ein undankbares und herzloſes Kind, wenn ich das erlauben würde. Deßhalb iſt meine Bitte an Sie die, daß Sie mir zu einigen Schülern in Muſik und Sprachen verhelfen.— Ich habe eine Erziehung genoſſen, wie ſie höchſt Wenige erhalten, und jetzt iſt der Augenblick da, wo ich für mich und die Meinigen Vortheil daraus ziehen kann. Mein Va⸗ ter würde in ſeinem Grabe es mir nicht verzeihen, wenn ich die ganze Laſt der Sorgen auf den Schul⸗ tern ſeiner angebeteten Gattin ruhen ließe. Ich ſelbſt würde das Leben verabſcheuungswerth finden, wenn ich, wie eine gefräßige Made, das Wenige, was ſie durch ihre Arbeit verdient, verzehren würde. — Verzeihen Sie mir eine Frage,— fiel Is⸗ mael ein,— hat Madame Moulin auch früher für ihren und der Ihrigen Unterhalt gearbeitet? — Nein, nie. Mein Vater wollte nie, ſelbſt nachdem das Mißgeſchick ihn zu verfolgen begann, davon reden hören, daß ſie nöthig haben ſolle, für ihr Brod zu arbeiten.— Jetzt, mit Kummer im Herzen über ſeinen Tod, ſtrebt ſie allein darnach, ihre Kinder zu erziehen und vor der Noth zu Whüten⸗ 52 aus welcher Ihre Güte uns gerettet hat. Das Be⸗ wußtſein, daß ſie ſich meinetwegen anſtrengt, kann ich nicht ertragen. — Aber Sie ſind ziemlich jung, um als Leh⸗ rerin anzufangen. — An Jahren, ja; aber ich bin es nicht an Geiſt, Monſieur. Ich bitte Sie, mir eine Stelle in irgend einer Familie zu verſchaffen. Sie werden mich dadurch ewig zur Dankbarkeit verbinden. Ismael ſtand eine Weile und beſann ſich; dann ſtand er auf mit den Worten: — Morgen werden Sie eine Antwort erhalten. Er drückte Gabrielles Hand und ging. Den nächſten Tag kam er um dieſelbe Zeit wie⸗ der und fand auch Gabrielle allein. — Wollen Sie als Schüler Monſieur Isralie⸗ ris Kinder annehmen, ſo können Sie für Ihren Unterricht engagirt werden,— ſagte Jsmael — Ja, das will ich gewiß,— rief Gabrielle fröhlich. — In dieſem Falle werden Sie jeden Morgen mit einem Wagen abgeholt und jeden Nachmittag um 3 Uhr wieder nach Hauſe gebracht werden. Gabrielles Freude kannte keine Grenzen. Sie dankte Jsmael mit einer ſolchen Wärme, daß er deutlich ſah, er habe einen ihrer liebſten Wünſche erfüllt. Bei der Rückkehr der Madame Moulin theilte Gabrielle der Mutter mit, daß ſie Schüler erhalten, und jetzt helfen würde ihren gemeinſchaftlichen Unter⸗ halt zu verdienen. Madame Muulin fühlte ſich gerührt durch die 53 Umſicht ihrer Tochter. Sie gab ihr ihren Beifall und Segen zu ihrem Unternehmen. Einige Tage vor Ismaels Abreiſe von Paris führte er Gabrielle zu der Familie Isralieri. Das junge Mädchen wurde auf das Hetzlichſte von allen Mitgliedern derſelben empfangen, und Madame Isralieri, eine gebildete und liebenswür⸗ dige Dame, ſagte ee und ſchmeichel⸗ hafte Worte, welche anf einmal Gabrielle ermunter⸗ ten und erfreu Am Tage dadüf die Lectionen. 18 „ „ S„ — S 3 Spät Abend ſelben Tage ſaßen Ismael und Abraham, welcher eben von ſeinem Ausflug nach Vicomte Saint Brie zurückgekehrt war, im Zimmer des letztern und unterhielten ſich. — Haſt Du meinen Vater getroffen, ſeit er von ſeiner Reiſe nach der Schweiz zurückgekehrt iſt?— fragte Abraham. — Ich habe ihn bloß im Vorbeigehen geſehen. — Nachdem er Tante begrüßt und zu ihr geſagt: „ich bin vergebens gereist,“ ſchloß er ſich in ſein Zimmer ein. — Da iſt meine Mutter gewiß ſehr traurig,— ſagte Abraham,— denn wenn Vater ſich zurück⸗ zieht, leidet ſie immer. Es ruht gewiß über dem Leben meines Vaters irgend ein trauriges und widriges Geheimniß, irgend eine entſetzliche Erinne⸗ rung, welche weder die Zeit, noch die Verhältniſſe 54 mildern können. Oft iſt es mir ſonderbar vorge⸗ kommen, daß ein ſo exemplariſcher und gewiſſenhaf⸗ ter Mann wie er von einer ſo unaufhörlichen Düſter⸗ keit beherrſcht werden kann. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich ihn je habe lachen ſehen. Nie aber ſpiegelten ſeine Züge den Ausdruck der Freude wie⸗ der. Was kann es wohl ſein, daß auf eine ſolche Weiſe auf ſein Leben eingewirkt hat? — Der Tod ſeines Vaters,— meinte Ismael. Mit einem Gemüth, wie das ſeinige, iſt das Gräß⸗ liche bei dem Ende des alten Mannes hinreichend, um einen Schatten über ſein inneres Leben zu werfen. — Du kannſt Recht haben, und wahrlich das lohnt ſich wohl, daß man darüber grübelt,— ich vermag es nicht, die Trauer von ihm wegzunehmen, und dann iſt auch alles Forſchen unpaſſend. Abraham ſchüttelte ſeinen ſchönen Kopf und fügte dann ſcherzend hinzu: — Was mir ebenſo unerklärlich iſt, wie meines Vaters Traurigkeit, iſt, daß er einen ſo leichtſinnigen, unbedachtſamen Sohn hat bekommen können, der ſo voll von Fröhlichkeit und Lebensluſt iſt wie ich. — Es paſſirt oft, mein lieber Abraham, daß ein Extrem ein anderes von ganz entgegengeſetzter Natur erzeugt,— antwortete Ismael lächelnd. Einige Augenblicke ſcherzte Abraham über dieſen Ausdruck, über ſich ſelbſt und das ganze Leben, brach aber plötzlich ab, als er merkte, daß der Couſin nicht auf ſeine Worte hörte. — Monſieur, in welche Gedanken vertiefſt Du Dich? Du haſt eine ſo ernſte Stirne, als wenn Du über etwas recht Trauriges nachgrübelteſt, und doch 55 ſollſt Du binnen Kurzem der Glücklichſte unter allen glücklichen Sterblichen werden, wie Ihr Verliebten Euch ausdrückt. Iſt es der Gedanke an das kom⸗ mende Glück, das Dich erſchreckt? — Nein, ich vergaß für den Augenblick mich ſelbſt und mein Glück über ein Paar Fremde, die mich intereſſiren. — Deine Eltern? — Sind ſie mir fremd? — Das will ich nicht behaupten,— ſagte Abra⸗ ham lächelnd.— Velche können denn die Weſen ſein, welche Dich Alles Andere vergeſſen machten? — Eine Mutter und ihre Tochter. Jetzt brauche ich wohl nichts mehr zu ſagen. — Ah ha, meine Mutter und Schweſter. — Du biſt wahrlich ſchwach im Frrathen,— iſt meine Braut und ihre Mutter mir fremd? — Irgend ein Patient denn? — Gewiß, und jetzt begreifſt Du wohl, welcher. — Nein, auf Ehre, ich begreife es nicht. — Haſt Du Madame Moulin vergeſſen, der Du tauſend Franken ſchenkteſt? — Ach jetzt erinnere ich mich des Mädchens, welches das Bein brach! Ich hatte in der That daſſelbe owoh wie deſſen Mutter vergeſſen. Wie kannſt Du auch verlangen, daß ich mich Menſchen erinnern ſoll, die ich kaum geſehen. — Aber gegen welche Du eine gute That geübt. — Ein Grund, ſie zu vetgeſſen. Man muß immer denjenigen vergeſſen, dem man Gutes gethan, ſonſt könnte man ſelbſt auf die raſende Idee kom⸗ men, Dankbarkeit als Bezahlung haben zu wollen. 56 Darum iſt es jetzt paſſirt, daß mein Kopf das, was mein Herz mich zu thun veranlaßte, vergeſſen hat.— Nun, wie befinden ſich Deine Schützlinge? Abraham ſtreckte ſich ſeiner ganzen Länge nach auf den Sopha, ſpielte mit den Quaſten an dem Kiſſen, und ſah ſo wenig intereſſirt aus als möglich. — Sie befinden ſich wohl; aber das Mädchen iſt durch den Beinbruch hinkend geworden. — Hinkend— ſchrie Abraham und drehte haſtig den Kopf um.— Herr Doctor, Sie hätten das nie erlauben ſollen, Sie haben ihr dadurch all meine Theilnahme geraubt. — Wäre es in meiner Macht geweſen, ein ſol⸗ ches Unglück zu verhüten, ſo kannſt Du ſicher ſein, daß ich es auch gethan hätte. — Armes Kind, ich beklage es; aber ich be⸗ zweifle ſehr, daß ich nach dieſem geneigt ſein würde, Ihrer Mutter einige Tauſend Franken zu ſchicken. Eine Mutter, welche eine lahme Tochter hat, erregt nicht mein Mitleid. — Zur Ehre Deines Herzens weiß ich, daß Du jetzt ſcherzeſt. — Wer, ich?— Abraham ſprang vom Sopha auf und fügte in einem Tone komiſchen Ernſtes hinzu:— ich ſcherze durchaus nicht, denn ich ver⸗ abſcheue Menſchen, welche ſo an mich herankommen, mit einem Bein oben und das andere in mente. Er begann über die Diele hinzuhinken. — Wenn ſie gut wie Engel, ſchön wie Göttin⸗ nen und bewunderungswürdig wie Märtyrer wären — kann ich dem nicht helfen. Ich bin und bleibe gefühllos für das Unglück, für die Schönheit und t c „— 57 für die Güte, wenn ſie hinken. Nun, woran dach⸗ teſt Du in Betreff Deines lahmen Patienten? — Es iſt jetzt nicht der Mühe werth davon zu ſprechen, da Du Deine Antipathie gegen gebrechliche Menſchen ausgeſprochen haſt. — Ah, was thut das, wenn ich ſolche Mißge⸗ ſtalten nicht leiden mag;— ſpreche Du Deine Ge⸗ danken aus und ich werde Dich anhören! Drehen ſie ſich um das Mädchen, ſo mußt Du entſchuldigen, wenn ſie mir hinkend vorkommen ſollten. Laß jetzt mal hören, wie ſie klingen!— Abraham warf ſich wieder aufs Sopha und fügte hinzu: — Sind die Mutter und ſie noch immer gleich arm? — RNein, es iſt ihnen gelungen einige Lectionen zu bekommen, und auf dieſe Weiſe erwerben ſie ihren beſcheidenen Unterhalt. Beide ſind ausgezeichnet ge⸗ ſchickt in Sprachen und Muſik. — Nun, das da konnte doch keine traurige Be⸗ trachtungen Heranlaſſen. — Gewiß nicht; aber ich dachte daran, daß, da ich recht bald Frankreich verlaſſe, ſo verlieren ſie den einzigen Freund den ſie haben. Wenn irgend ein Unglück ſie trifft, dann haben ſie Niemanden, an den ſie ſich wenden können, ſondern ſie laufen wieder Gefahr, von Armuth und Elend heimgeſucht zu werden. Einige Augenblicke Stille trat ein; Ismael er⸗ wartete, daß Abraham etwas ſagen ſollte. Nach Verlauf einiger Zeit brach Abraham in ein herz⸗ liches Gelächter aus. — Und Deine Abſicht war, daß ich es über * 58 mich nehmen ſollte, für die lahme Herrſchaft ein Freund in der Noth zu ſein?— ſagte er. — Das gerade nicht, aber daß Du Dich biswei⸗ len erkundigeſt, wie ſich das Leben für ſie geſtaltet. Wenn die Noth es erfordert, ſo reichſt Du ihnen eine hülfreiche Hand, bis Du mich von ihrer Lage unterrichtet haſt. — Gut und ich habe nicht nöthig, in irgend eine perſönliche Berührung mit ihnen zu kommen? — Durchaus nicht.— Dort, wo ſie wohnen, kannſt Du immer erfahren, wie es ihnen geht. — In dieſem Falle, mein Freund, haſt Du meine Hand darauf, daß ich über Deine Schützlinge wachen werde, und wenn auch Mutter und Tochter beide auf ihren Beinen hinkten. — Haſt Du ganz Dein Intereſſe für die Mutter vergeſſen?— hob Ismael wieder an, nachdem ſie freundlich einander die Hände geſchüttelt. — Mein Intereſſe für die Alte,— wiederholte Abraham lächelnd,— habe ich denn ein ſolches ge⸗ habt? — Ganz gewiß; Du hehaupteteſt, ihr mildes Ant⸗ litz nicht vergeſſen zu können. — Sehr möglich, daß ich etwas Aehnliches ge⸗ ſagt und auch gedacht: aber das Sichere an der Sache iſt, daß ich mich jezt nicht darauf beſinnen kann, wie ſie ausſah. Das iſt auch nicht zu ver⸗ undern, denn ſeit ich Paris verließ, habe ich ſo Vieles zu denken gehabt. — Wirklich, und was denn?— Ismael lächelte. — Für's Erſte, verſchiedenes Politiſches, und ant„ 59 — Biſt Du wohl, Deiner Gewohnheit gemäß, verliebt geweſen. — Geweſen und bin's,— rief Abraham,— Du ahnſt nicht, Du, wie ſchön und einnehmend Fräulein Saint Brie iſt. Ich habe nie ein ſo entzückendes Weib geſehen, wie ſie. — Dasſelbe ſagteſt Du vor einigen Monaten von Hagar Isralieri, fiel Ismael ein. — Mag ſein; aber jetzt finde ich, daß Hagar nichts iſt im Vergleich mit Louiſe. — Und diejenige, für welche Du nach ihr in Flammen geräthſt, wird Dir als eine Göttin in Ver⸗ gleich mit Fräulein Saint Brie vorkommen. — Unmöglich, denn wenn ich auf eine ſolche Weiſe in den Graden der Verliebtheit ſteigen würde, auf welchem Punkt müßte ich wohl ſchließlich an⸗ langen? — Auf dem, auf welchem Du jetzt biſt. Du biſt durchaus nicht mehr verliebt in Fräulein Saint Brie, als Du es in Hagar warſt; aber Deine Liebe zur letzteren iſt erkaltet, und Du ſättigſt Dein Gefühl für die erſtere mit derjenigen, welche Du für Hagar empfandeſt. Durch einen ſolchen Vergleich wird das flammende Feuer unwillkürlich mehr ſcheinen, als das ausgebrannte. Eines Tages wird auch dieſes erlöſchen, ein neues angezündet werden, und ſo wird es eine ewige Ebbe und Fluth geben, bis der Tod dem gaukelnden Feuerwerk der Phantaſie ein Ende macht. — Willſt Du damit ſagen, daß es nichts Steti⸗ ges, nichts Beſtändiges in unſern Gefühlen gibt? — Ja, wohl in der Liebe, aber nicht in der 60 Phantaſie; in der letzteren löſt ein Bild das andere ab, und ein Eindruck wird vom anderen verdrängt. Noch weißt Du nicht, lieber Abraham, was ein tie⸗ fes Gefühl ſagen will, ſondern Du biſt bloß ein Spielball Deiner Einbildung geweſen. — Und, ich fürchte, daß er immer ſo bleiben wird,— bemerkte Abraham.— Indeſſen bin ich jetzt wirklich tödtlich verliebt in Fräulein Saint Brie. — Etwas, was der Vicomte, ihr Bruder, nicht mit ungünſtigen Augen betrachtet⸗ Bah Was für eine Freude ſollte er wohl darüber haben? — Der Sohn des Elias Levitain wäre keine ſchlechte Partie für ſeine Schweſter. — Biſt Du toll, Ismael!— rief Abraham.— Du etwas ſo Wahnſinniges vorausſetzen a — Daß der Vicomte Dich zum Schwiegerſohne haben wollte. — Ach nein; aber daß ich daran denken könnte, mich mit einem Chriſtenmäd chen zu verheirathen. Ismael betrachtete Abraham lange; dann ſagte er in gleichgültigem Ton: — Hältſt Du das für etwas ſo Ungereimtes? — Ja, beim Gott meiner Väter;— mir ſcheint es nicht allein ungereimt, ſondern geradezu unmög⸗ lich. Wie ſollte ich denn auf eine ſolche Weiſe mich und meine Achtung vor meiner jüdiſchen Geburt ver⸗ geſſen können? Iſch, der ich von meiner zarteſten Kindheit an gelernt habe, jenen ſowohl wie den Glauben meiner Väter in Ehren zu halten. — Das habe auch ich gelernt,— ſagte Ismael —— ——,————— 61 ernſt;— aber ich begreife nicht recht Deine Intole⸗ ranz, welche bewirkt, daß wir uns nicht damit ver⸗ ſöhnen können, daß Andere Gott unter einer anderen Form verehren, als wir ſelbſt. Hätte mein Herz ſich für ein chriſtliches Mädchen entſchieden, ſo würde ich auch ihr es angeboten haben, meine Gattin zu wer⸗ den, und zwar in der feſten Ueberzeugung, daß ich dadurch nicht im Geringſten die Achtung vor dem⸗ jenigen Glauben, welcher der meinige iſt, verletzt haben würde. — Sollteſt Du, ein Levitain, Dich ſo vergeſſen können?! — Abraham, Du, ein Levitain, haſt während der Revolutionstage an dem Kampfe auf den Bari⸗ caden Theil genommen, und doch haben wir ſeit den Kinderjahren in unſerer Familie predigen gehört: „daß man nicht das Blut ſeiner Mitmenſchen ver⸗ gießen darf.“ Durch Liebe, Aufklärung und Hin⸗ gebung ſollen Levitains Söhne ihren Brüdern dienen. Das haben unſere Väter und Vorväter uns einge⸗ prägt. Durch Hülfe dieſer Lehren hat es auch Männer gegeben, wie Jakob Levitain, und deſſen ungeachtet haſt Du an den Straßenkämpfen Theil genommen. — Das iſt wahr; aber ich habe es gethan, um die große Sache der Menſchlichkeit und der Freiheit zu befördern. — Nun wohl, da Du, wenn es der Freiheit gilt, an den Kämpfen theilnimmſt, welche die Chri⸗ ſten kämpfen, dann machſt Du ja ihre Sache zu der Deinigen und ſie zu Deinen Brüdern. — Ja gewiß, wir ſind ja auch alle Kinder eines 62 Vaters, und wenn es ſich um das Ziel handelt, nach welchem wir Alle ſtreben, dann gibt es keine Andere, als Brüder. — Aber den Individuen desſelben Volkes, für deſſen Rechte Du mit Leben und Blut gekämpft, ver⸗ ſchließeſt Du Deine Thüre, und betrachteſt es als eine Sünde, eine nähere Verbindung mit irgend Jemanden von ihnen einzugehen. Du wirſt zugeben, daß darin ein großer Widerſpruch liegt. — Das gebe ich gerne zu; aber wenn auch mein Verſtand ſich gegen dieſe intoleranten Begriffe auf⸗ lehnt, ſo befiehlt mir doch mein Herz, ihnen treu zu bleiben. Sie ſind mir von meinem Vater beigebracht, und wenn ich gegen dieſelben verſtieße, würde ich ihn verletzen. — Gewiß, und ich wünſche von ganzer Seele, daß Du im Stande ſein wirſt, ſie beizubehalten, falls ſie Dich glücklich machen. Deß ſie Dir von Deinem Vater beigebracht ſind, iſt jedoch kein Be⸗ weis für ihre Unerſchütterlichkeit. Du biſt nicht in Allem den Anſichten gefolgt, welchen er huldigt. Oder glaubſt Du, daß er Deine Theilnahme an den Kämpfen in den Julitagen billigen würde, wenn er davon wüßte? — Das glaube ich nicht, und doch konnte ich nicht anders handeln— rief Abraham. — Ich würde ein ſchlechter Patriot geweſen ſein, ein Jüngling ohne Intereſſe für Frankreich und die Freiheit, wenn ich mit gekreuzten Armen zugeſehen hätte, wie Andere ſich für das Glück des Vaterlan⸗ des opferten, ohne daß ich ihnen beiſtand. — 63 — Welche Ueberzeugung ſchätzteſt Du damals am Meiſten, Deine eigene, oder die Deines Vaters. — Meine eigene, welche ich für die richtigſte und mit dem Geiſte der Zeit am meiſten überein⸗ ſtimmende hielt. — In dieſem Falle kann der Tag kommen, wo die Idee der Bildung die der Intoleranz verdrängt, und Du gezwungen wirſt die letztere der erſtern zu opfern. Ich achte Jeden hoch⸗ welcher den Glauben ſeiner Väter heilig hält; aber ich ſchätze die Unduld⸗ ſamkeit gegen Andere gering. Die Zeit der Intoleranz iſt vorbei. Die Civiliſa⸗ tion und die Bildung erheiſchen, daß Jedermann frei und ohne Einmiſchung Anderer ſeinen Gott ver⸗ ehren kann auf eine Weiſe, die mit ſeiner innern Ueberzeugung übereinſtimmt.— Jemanden wegen ſeines Glaubens zu verdammen, verfolgen oder zu verachten, heißt auf dem Wege der Aufklärung zu⸗ rück und nicht vorwärts gehen. Was hat das vor Gott zu bedeuten, ob wir Chriſten, Juden oder Mohammedaner heißen, wenn wir nur immer an den Höchſten denken und ſo zu handeln ſuchen, daß wir uns ſeiner Güte nicht unwürdig machen. — Das, was Du ſagſt, gleicht einem Tadel ge⸗ gen meinen Vater. — Nicht einem Tadel, aber wohl einer Miß⸗ billigung ſeines Fanatismus. Wir Jungen müſſen uns hüten, in dieſen Fehler zu verfallen.— Jacob Levitain war der warmfühlendſte Jude und liebte ſein Volk und ſeinen Glauben von ganzer Seele; aber nichtsdeſtoweniger war er ein humaner und aufgeklärter Mann.— Alles, was mein Vater mir 64 von ihm erzählt hat, alle Schriften, welche nach ſei⸗ nem Tode bei ihm gefunden wurden, alle ſeine Briefe, Alles beweiſt, daß vor ſeinem innern Blick der ſchöne und hohe Gedanke ſtand: ein Gott, ein Glaube und ein Volk. Mit dieſen Worten ſagte Ismael Abraham gute Nacht und verließ den in Gedanken verſunkenen Jüngling. Das Grübeln war indeſſen nicht Abrahams Sache. Nach einigen Augenblicken verjagte er auch alle ernſte Gedanken und dachte bei ſich: —„Liebe unter allen Menſchen“ ſollte wirklich die Loſung des Lebens ſein. Ismael hat Recht, Bildung und Intoleranz können nicht zuſammen ge⸗ deihen. Das Daſein der einen iſt licht und klar wie die Veſte des Himmels, das der anderen düſter und finſter wie eine Gefängnißnacht; darum lebe die Freiheit der Gedanken, der Ueberzeu⸗ gung und des religiöſen Glaubens; ohne dieſe gibt es kein Glück auf der Erde! Den Tag darauf, als Elias mit ſeiner Familie das gewöhnliche Morgengebet verrichtet, rief er den Sohn zu ſich hinein. — Kennſt Du einen jungen Künſtler Namens de Ville?— fragte Elias. Ueber das Antlitz Abrahams flog eine dunkele Röthe, als er auf die Frage bejahend antwortete. — Wann und wo lernteſt Du ihn kennen?— hob der Vater wieder an. — Während des Kampfes auf den Barricaden der Julitage,— antwortete Abraham mit ruhiger Stimme und wiedergewonnener Faſſung. — Mein Sohn hat alſo an dieſen Kämpfen Theil genommen? Es war wirklich die Wahrheit, daß Du mit den Rebellen gegen Frankreichs Monarch kämpf⸗ teſt und mit dazu geholfen haſt, ihn vom Thron ſeiner Väter zu verjagen? Du haſt das Blut von Men⸗ ſchen vergoſſen, die Dir nie etwas zu Leide gethan? — Vater,— ſfiel Abraham lebhaft ein,— ſo mußt Du nicht ſprechen, ſondern meine Handlungs⸗ weiſe in ihrem richtigen Lichte betrachten. Dein Sohn hat ſein Leben gewagt, um damit Frankreichs Freiheit zu vertheidigen. Dieſe letztere ſollte doch wohl eine größere Bedeutung haben, als das per⸗ ſönliche Intereſſe eines meineidigen Monarchen. Ich habe für die Freiheit und gegen den Deſpotismus gekämpft. — Und die Lehren vergeſſen, die ich geſucht habe Deiner Seele einzupflanzen. — Nein; aber als Du mich lehrteſt, das Gute und Edle zu lieben, lehrteſt Du mich auch das Menſchenrecht und die Intereſſen des Volks am höch⸗ ſten von Allem zu ſchätzen. Meine Pflicht gegen die franzöſiſche Nation iſt es, für deren Wohl zu arbei⸗ ten, und ſie zu vertheidigen, wenn ihr Gewalt und Unglück drohen. Dieſe Pflicht wurde jedem franzö⸗ ſiſchen Juden in dem Augenblick auferlegt, als er gleiche Rechte mit den Söhnen des Landes erhielt. — Hübſche Worte, um einen unruhigen Empö⸗ rungsgeiſt zu bemänteln.— Was die Franzoſen uns gethan haben, war nur die Erfüllung einer längſt Schwartz, Geburt u. Lildung. M⸗ 0 vergeſſenen und mit Füßen getretenen Pflicht. Es war Etwas, was ihr eigenes Intereſſe erforderte; aber das verpflichtet uns nicht, uns ihre Fehler und Verbrechen anzueignen und an denſelben theilzu⸗ nehmen. — Ich begreife Deine Meinung nicht, mein Vater. — Du wirſt ſie bald begreifen. Die franzöſi⸗ ſche Natur iſt unruhig und wild.— Ich habe dieſes Volk im Sturme geſehen; ich bin Augenzeuge all der Grauſamkeit und all der Niederträchtigkeit gewe⸗ ſen, welche es ſich erlaubt, wenn es im Beſitz un⸗ begrenzter Freiheit iſt und ſeinen böſen Leidenſchaften folgen darf.— Die Freiheit iſt nicht für Men⸗ ſchen, welche ſie nicht zu benutzen, ſondern nur zu mißbrauchen verſtehen. Um ſie davon abzuhalten, daß ſie einander verderben und vernichten, müſſen ſie von kräftiger Hand regiert und unter dem Scepter der Alleinherrſchaft gehalten werden. Darum be⸗ klage ich tief, daß mein Sohn ſeine Stellung ſo ſchlecht begriffen hat, daß er ſich dazu herabließ, ge⸗ meinſchaftliche Sache mit einem aufrühreriſchen Pöbel zu machen, und es für ſeine Pflicht anſah, ſeine Hände mit Blut zu beſchmutzen. Ich hatte gehofft, daß keiner von Levitains Familie es auf ſeinem Ge⸗ wiſſen haben würde, ein treuloſer Unterthan und ein mordluſtiger Menſch zu ſein. — Iſt man deshalb treulos, weil man die Un⸗ terdrückung verabſcheut?— bemerkte Abraham.— Nein, Vater, der König, welcher den Eid bricht, den er der Nation geſchworen, hat keine Treue zu for⸗ dern, weder von der Nation, noch von Individuen. Man hat dann das Recht, mit dem Schwerte in der 67 Hand, das zurückzuerobern, was ein verrätheriſcher Fürſt einem ganzen Volke hat rauben wollen. — Betrachteſt Du wirklich den Abſcheu eines rebelliſchen Pöbels vor Ordnung und Sitte als ein Streben nach Freiheit in höherer Bedeutung? Mir kam es vor wie ein Angriff auf das Wahre und Rechte. Uebrigens, wie ſollen denn dieſe Menſchen, welche einen von Blut triefenden Gott anbeten, etwas anderes als Blut lieben können? Etwas anderes hätte ich von einem edlen und hoch⸗ ſinnigen Juden erwartet. — Vater, biſt Du jetzt gerecht gegen die Chriſten? Nach meiner Auffaſſung liegt etwas unendlich Mil⸗ des, Verſöhnliches, Schönes und Poetiſches in ihrer hre. — Verſöhnliches in ihrer Lehre, in deren Na⸗ men man gemordet, geplündert und gebrannt! Was iſt die Liebe und Milde werth, die in den Worten liegt, da die Chriſten ihrem Gott zu Ehren verfolgt, verbannt unb zerſtört haben? Scheint es Dir, daß eine Religion, deren Diener ſich ſo viele Verbrechen und Schändlichkeiten haben zu Schulden kommen laſ⸗ ſen, ſchön und poetiſch genannt werden kann? — Ja, es ſcheint mir nicht allein ſo, ſondern ich weiß, daß ſie es iſt. Wenn wir von Grauſamkeiten ſprechen wollen, welche die Diener der Religion ver⸗ übten, dann, Vater, haben wir auch Vieles unſeren Prieſtern vorzuwerfen. Es waren dieſe, welche Chriſtus kreuzigen ließen. i Abraham ergriff die Hand des Vaters und fügte inzu: — Du liebſt nicht die Chriſten, Du 68 es, mit ihnen in vertraulicher Berührung zu ſein, und Du erlaubſt es keinem, Dein Haus zu betreten. Ich kann dieſe Deine Handlungsweiſe nicht tadeln, ich wage nicht einmal ſie zu mißbilligen, aber mein Herz vermag nicht dieſen Abſcheu zu theilen. Ich kann in meinem Inneren nicht unterſcheiden zwiſchen Jude und Chriſt; mir kommt es vor, als wenn wir Alle Franzoſen und Brüder wären. Wir Juden be⸗ ſitzen jedoch einen Vorzug, den nämlich: daß wir uns in unſeren Gebeten nur direct an Gott und nicht nöthig haben, an irgend ein drittes Glied zwiſchen ihm und uns zu denken. Es iſt ein einziger— und als Vater beten wir ihn an, während die Chriſten ihn in der dreifachen Eigenſchaft als Vater, Sohn und heiligen Geiſt verehren. Aber iſt das ein Grund für uns, ſie nicht zu lieben? Nein, Vater, wir, die wir ſelbſt den Glauben unſerer Väter ſo hoch in Ehren halten, wir müſſen Andere, die daſſelbe thun, hochſchätzen. Abraham ſchwieg, faſt erſchrocken über ſeine der⸗ ben Worte. Eine Pauſe folgte, während welcher Elias' finſtre Augen auf dem Sohne ruhten. End⸗ lich bemerkte er: — Deine Liebe zu den Juden iſt alſo nicht ſtär⸗ ker, als diejenige, welche Du zu den Chriſten hegſt? Dies war eine bittere Entdeckung für Deinen Vater. — Das kann nicht bitter für Dich ſein, Vater, zu wiſſen, daß das Herz Deines Sohnes keinem Haſſe, oder Unwillen gegen ſeine Landsleute Raum gibt. Daß dieſes Gefühl der allgemeinen Liebe nicht auf meine warme Ergebenheit für meine Glaubens⸗ verwandten lähmend einwirkt, das müßteſt Du ein⸗ 69 ſehen.— Ich habe das franzöſiſche Volk lieb, aber Israels noch lieber.— Alles kann ich vergeſſen, aber nie die Ehrfurcht vor meinem Glauben und die Liebe zu meinen Brüdern. — So ſagſt Du jetzt; aber eines Tages wird die vertraulichere Berührung mit den Chriſten Dich zu einem Abtrünnigen machen. Ich habe Dich reicher und beſſer ausgerüſtet als Die, welche ihren Glau⸗ ben abſchwuren und zum Chriſtenthum übergingen, weil die Ueberzeugung, welche ſie durch Umgang mit denen, die nicht Juden waren, gewannen, ihre Denk⸗ weiſe änderte. — Aber ſie trugen nicht den Namen Levitain, — antwortete Abraham. Hier wurden ſie durch Ruth unterbrochen, welche an die Thüre klopfte. Sie hatte etwas Beſonderes dem Vater zu ſagen. Jahre ſollten dahinſchwinden, bevor Vater und Sohn wieder dieſes Thema aufnahmen, und dann geſchah es unter ganz ungleichen Verhältniſſen. Nach dieſem Tage ſchien Elias noch wortkarger zu ſein. Es fiel ihm ſchwer, ſich mit den toleranten Ideen des Sohnes zu verſöhnen und er konnte nicht begrei⸗ fen, wie Abraham, der doch von ihm erzogen war, ſich dieſelben hatte aneignen können. Elias vergaß, daß er ſelbſt ſich zu dem Gegen⸗ theile von dem entwickelt hatte, wozu ihn ſein Vater hatte erziehen wollen. Etwas über zwei Jahre waren verfloſſen, ſeit Ismael Ruth von der heimathlichen Erde weggeführt und ſeine junge Gattin nach Schweden gebracht hatte. Es war Frühling, und das fröhliche, leichtſinnige und flanirende Paris füllte alle Promenaden, um ſich der ſchönen Jahrszeit zu freuen oder um ſich be⸗ wundern zu laſſen und zu bewundern. Das emſige, das fleißige Paris ſtrebte raſtlos wie immer. Für dieſes war es gleichgültig, ob es Herbſt oder Frühling, ob es Sommer oder Win⸗ ter war. Dieſe Sclaven der Arbeit geben ſich nicht Zeit, ihre Beſchäftigungen zu verlaſſen, um ſich von den la⸗ chenden Hoffnungen des Frühlings, oder von den blü⸗ henden Verheißungen des Sommers bethören und entzücken zu laſſen. Das Hotel Levitains war ein ganzes Jahr von ſei⸗ nem Eigenthümer verlaſſen geweſen, welcher dieſe ganze Zeit mit ſeiner Frau auf Reiſen zugebracht hatte. Die Maiſonne hatte mit all ihrem Glanze über Paris geſtrahlt und ſenkte jetzt ihre goldene Scheibe in die Umarmung des Weſtens. Sie ſagte der Reſidenzſtadt der Thorheiten und des Fleißes Lebewohl. Ihre letzten Strahlen beleuchteten die Thurm⸗ ſpitzen der Pariſer Kirchen, als ein junger Mann aus dem Levitain ſchen Palaſt hervortrat. Mit leichten Schritten nahm er den Weg nach der Rue de'Fcole de Médécine, wo er in ein Haus eintrat, deſſen Aeußeres nichts Auffallendes an ſich hatte, ſondern tauſend andern Häuſern in Paris ähnlich ſah. 71 Im erſten Stock angekommen, klingelte er. Ein junges Mädchen öffnete. — Wie lange haben Sie heute Abend auf ſich warten laſſen! Ich hielt es bereits für ausgemacht, daß Sie die Lection verſäumen würden. — Habe ich das je gethan?— fragte Abraham Levitain und ergriff die Hand des jungen Mädchens. — Sie wiſſen zu gut, daß die Lectionsſtunden mir zu lieb ſind, als daß ich eine einzige derſelben verſäumen ſollte. — Weiß ich das?— fragte das junge Mädchen lachend. Sie zog ihre Hand zurück und öffnete die Thüre zu einem großen hellen Zimmer, in welchem eine alte Dame ſaß und arbeitete. Auf der Diele zu ihren Füßen hatte ein zwölf⸗ jähriges Mädchen Platz genommen. — Willkommen!— ſagte die ältere Dame freund⸗ lich und blickte von ihrer Arbeit auf. Sie winkte Abraham vertraulich. Das Kind drehte den Kopf um und rief ganz fröhlich: — Das war geſcheidt, daß Sie kamen, cher Abraham. Gabrielle iſt ganz verdrießlich geweſen, denn ſie glaubte, daß Sie nicht kommen würden. — Glaube ihr nicht!— fiel Gabrielle ein, und begann ihre Bücher auf dem runden Lectionstiſch zu ordnen.— Edith ſcherzt nur, das kann ich verſichern, — fügte ſie hinzu. Wenn das junge Mädchen über den Fußboden ging, hatte ihr Gang das eigenthümlich Schwankende, das jede hinkende Perſon auszeichnet, und doch folgte 72 M Abraham ihr mit einem Blick, welcher alles andere, als Abſcheu vor ihrem Gebrechen ausdrückte. Wahrheitsgemäß müſſen mir zugeben, daß Ga⸗ brielle's Hinken weniger anſtößig war, als bei den meiſten Andern, und wahrſcheinlich deßhalb, weil ſie ſich nicht die geringſte Mühe gab, es zu verbergen, ſon⸗ dern ſich ganz und gar ungenirt hielt und bewegte. Gabrielle Moulin war jetzt über ſechszehn Jahre, Sie hatte alſo die Kindheit verlaſſen und war in's Jugendalter eingetreten. Ihre Geſichtszüge hatten zwar etwas Unent⸗ wickeltes und Unharmoniſches. Wenn man zum erſtenmal den Blick auf Ga⸗ brielle warf, kam ſie Einem häßlich vor. Es ſchien, als wenn die eine Partie im Geſichte gar nicht zu den anderen paßte; aber begegnete man ihren ſtrahlenden Augen und lächelte ſie in demſelben Au⸗ genblick, da war es, als wenn Blick und Lächeln etwas Bezauberndes hätte. Man vergaß den großen Mund, die breite Naſe, die gar zu hohe Stirn und das eigenſinnig verworrene und widerſtrebende lockige Haar, welches ſich offenbar dagegen ſträubte ſich einer regelmäßigen Friſur zu fügen. Daß Gabrielle hinkte, daran zu denken, fiel dann Niemanden ein; man exinnerte ſich bloß ihrer Augen, die wie ein Paar blitzende Diamanten durch ihren Glanz ent⸗ zückten. Gabrielles Haut war nicht von Roſen und Lilien gewoben, ſondern hatte den blaſſen Farbenton, wel⸗ cher ſtark brünetten Perſonen eigen iſt. Uebrigens ſtimmte das nicht mit ihren hellbraunen Haaren überein. ————— 73 „ℳ dem, was ſich zwiſchen Aber kehren wir zurüch der Moulinſchen Abraham und den Familie zutrug.. — Warum ſollte ichith nicht glauben?— antwortete Abraham.— Föls ich Madame Moulin frage, wird Ihre Schweſter ge Recht bekommen. — Darin doß ich 463„ Sie möchten ausbleiben?— Gabtiel eihen ſtolzen Blick auf den jungen Mang. — Sie ſind wirklich unverzeihlich egoiſtiſch. — Wenn Du auch kicht nruhig warſt, mein Mädchen, ſo warſt Du wenigſtens gans übler Laune, — ſiel Madame Moulin ein — Vollen Sie jetzt auch die Worte Ihrer Mutter beſtreiten?— ſagte Abraham lachend. — Madame Moulin lächelte der Tochter zu, welche ihren Krauskopf ſchüttelte und ſagte: — Wollen Sie wiſſen, woher meine üble Laune kam?— Gaobrielle ſah den jungen Mann an. — Aus Verdrießlichkeit darüber, mich nicht zu Geſicht zu bekommen,— ſcherzte Abraham. — Ich darüber verdrießlich? Ach, mein Herr, jetzt laſſen Sie Ihre Eitelkeit ganz und gar mit Ihrem Verſtand davonfliegen, ſonſt müßte letzterer Ihnen geſagt haben, daß meine Unruhe andere Ur⸗ ſachen hatte. — Welche denn, wenn ich fragen darf. — Erſtens, daß Sie Ihre Stunde verſäumten und zweitens daß ich darum kommen möchte, das neue Duett zu ſpielen. Sie ſind im Allgemeinen ein ſehr träger Schüler und ganz ungelehrig. Sie haben über ein Jahr bei mir Italieniſch gehabt und können — doch nichts. Ich hab Außerdem wiſſen Sie, iſt, jeden Zufall zu Ich beabſichtige, wie ſtin zu werden.. ar keine Ehre von Ihnen. es mir daran gelegen ich in Muſik zu üben. iſſen mit der Zeit Piani⸗ — Joa, ich weiß daß Sie Alles zu werden beab⸗ ſichtigen, aus ich,— ſagte Abraham ſeufzend. Ueber Gabrielle ct flog eine dunkle Röthe; ſie maß Abraham Kopf bis zum Fuß mit einem Blick, als wenn ſis Zenau ſehen wollte, wie er bei dem Ausſpruche ſolcher Worte ausſähe. Madame Moul ugen ruhten auf den beiden jungen Leuten. Es ſchien, als wenn ſie mit Inte⸗ reſſe auf die Wirkung Acht gab, welche Abrahams Worte gemacht. — Seien Sie ſo gut und laſſen Sie uns die Lection beginnen!— ſagte Gabrielle kalt, nachdem ſie Abra⸗ ham betrachtet.— Wir haben ſchon zu viel Zeit verplaudert.— Sie ſezte ſich. Abraham ſah, daß ſie böſe war. Er bereute ſo⸗ fort die übereilten Worte und näherte ſich ihr, in⸗ dem er ſagte: — Verzeihen Sie mir; was ich ſagte, war über⸗ eilt, und ſollte nur ein Scherz ſein. Gabrielle wiſſen 5 —.... Daß wir mit der Erklärung des Taſſo anfangen,— unterbrach ihn das junge Mädchen kurz. Jetzt war es Abraham ganz unmöglich zu ge⸗ horchen. Er faßte Grabriellens Hand, der ſie ihn mit Widerſtreben ſich bemächtigen ließ, und bat: . ire⸗ * 75 — Seien Sie nicht böſe! Ich flehe Sie darum. Das würde mich untröſtli machen. Gabrielle zog ihre Hand zurück und wandte ſich weg von ihm.. Abraham ſprang hin zu Madame Moulin und ſagte in einem Tone, welcher verrieth, wie weh es ihm that: — Madame, veränlaſſen Sie Gabrielle, mir meine unbedachtſame Aeußerung zu verzeihen! Ich werde mir ſelbſt nie vergeben, daß ich die dummen Worte ausgeſprochen. — Mon cher, Sie bedürfen nicht meiner Vermitte⸗ lung,— verſicherte Madame Moulin,— Gabrielle kann Ihnen unmöglich wegen eines Scherzes böſe ſein, den ſie ſelbſt durch ihre ewigen Sticheleien hervor⸗ gerufen, die ſie ſich Ihnen gegenüber angewöhnt hat. Nicht wahr, meine Tochter, Du reichſt jetzt Abraham die Hand zur Verſöhnung? Gabrielle blieb unbeweglich. Sie ſaß da mit weggewandtem Kopfe. — Ich kann nicht, Mama,— antwortete ſie. — Und wer verhindert Dich? — Das Gefühl des Harms, das mich gegen Abraham erfüllt. — Und weßhalb grämſt Du Dich eigentlich? — Uueber die Beleidigung, die in ſeinen Wor⸗ ten lag. — Nein, mein Kind, jetzt biſt Du ſelber irre, denn in dem, was Abraham ſagte, lag nichts der⸗ artiges, ſondern nur ein ſcharfer Scherz, der dem Deinigen von ſeiner Ungelehrigkeit entſprach. — Das iſt wahr, daß Abraham nicht die Fort⸗ 76 ſchritte gemacht, welcher in einer ſo langen Zeit hätte machen müſſen. — Das beſtreite ich,— ſagte Madame Moulin — und den Beweis dafür haſt Du darin, daß Abra⸗ ham nicht durch Deine ungerechte Beſchuldigung be⸗ leidigt wurde. Wir grämen uns in der Regel am meiſten, wenn wir uns von einer Wahrheit getrof⸗ fen fühlen. — Mama,— rief Gabrielle und ſprang von iherm Stuhle auf. — Madame, ich verſichere, daß ich gar keine Abſicht hatte mit dem, was ich ſagte. Meine Worte konnten darum keine Wahrheit enthalten,— brach Abraham aus: — Mag ſein, doß Sie nicht übereinſtimmend damit dachten; aber das verhindert nicht, daß ſie eine Wahrheilt enthielten,— ſagte Madame Moulin mit Ernſt. — Mein Gott, Mama behauptet alſo wirklich, daß ich nicht weiblich bin? Gabrielle ſchlang die Arme um ihre Mutter. — Findeſt Du nicht ſelbſt, mein Kind, daß bei Dir ein eigenes Streben obwaltet, das rein weib⸗ liche Gebiet zu verlaſſen? Deine Selbſtſtändigkeit, Dein Geſchmack, Deine Anſichten und Deine ganze Be⸗ ſchäftigung haben, ſeit Du älter geworden, immer mehr und mehr einen männlichen Charakter angenommen! — Warum haſt Du mir das nie früher geſagt? — fragte Gabrielle. — Darum, weil wenn man einen ſolchen Feh⸗ ler verbeſſern will, ſo muß man einen ſolchen Au⸗ genblick abwarten, wo derſelbe gleichſam den Blick ie 77 deſſen trifft, der daran leidet. Ein ſolcher Augen⸗ blick iſt gerade dieſer. Abrähams Worte haben Dich getroffen und Dir gleichſam vor Augen gehalten, was Du früher nicht haſt ſehen wollen. Madame Moulin ſtreichelte die Wange der Toch⸗ ter, über welche ein Thränenfluß ſtürzte. Abraham befand ſich in ebenſo großer Aufre⸗ gung. Ganz außer ſich vor Verzweiflung, Gabrielle weinen zu ſehen, rief er: — Niemals werde ich es mir verzeihen, daß ich die Urſache geweſen, daß Gabrielle Thränen vergoß! Bei dieſen Worten wandte Gabrielle ihr ver⸗ weintes Geſicht mit einem freundlichen Lächeln ge⸗ gen ihn, reichte ihm die Hand und ſagte! — Abraham, ſeien Sie nicht verdrießlich. Sie haben mir einen großen Dienſt geleiſtet, denn durch Sie habe ich meinen größten Fehler kennen gelernt. Sie legte die Arme um den Hals ihrer Mutter und fügte hinzu: — Ich weiß, daß es mir unmöglich iſt, ſo zu werden, wie Du biſt, meine Mutter; aber ich will trotzdem, daß ich Deiner nie unwürdig werde. Das wird aber Deine Tochter, falls ſie ihre Eigenſchaft als Weib verläugnet. Wie oft haſt Du nicht ge⸗ ſagt:„Nur der Unkundige und Unaufgeklärte ſtrebt gegen den Zweck der Vorſehung, der Gebildete ſucht ihn zu erfüllen.“ Und deßhalb Lebwohl alles Männ⸗ liche, alles Emancipirte. Sie drückte einen Kuß auf die Lippen der Mutter, ſtand raſch auf und war im nächſten Augenblick mit Abraham am Lectionstiſch. Edith hatte die ganze Zeit ſchweigend dageſeſſen; 78 als Abraham anfing, den Taſſo zu leſen, lehnte ſie den Kopf an die Kniee der Mutter und ſagte, in⸗ dem ſie nach einer ihrer Hände ſuchte: — Wenn Du ſprichſt, iſt es, als wenn die Worte ſich in mein Herz eingrüben, und ich kann nachher nicht vergeſſen, was Du geſagt haſt. Madame Moulin ſtreichelte ſie und richtete einen Blick voll unbeſchreiblicher Zärtlichkeit und Mitleid auf ſie. Die Lection ging dieſen Abend nicht gut. Abraham war zerſtreut und unaufmerkſam. Schließ⸗ lich wurde Gabrielle ein wenig ungeduldig und er⸗ klärte, es ſei am beſten, an dem Tage nichts mehr zu leſen. Dagegen aber die nächſte Stunde zu ver⸗ doppeln. Der junge Mann war damit ſehr zufrieden, und man verließ das Buch, um zu muſiciren. Aber auch das ging nicht, wie es pflegte. Die Violine Abrahams hatte nicht den klaren Ton, der ſie ſonſt auszeichnete und Gabrielles Accom⸗ pagnement auf dem Piano wurde ſo ſchlecht geſpielt, daß man die Muſikübung auf den folgenden Abend verſchieben mußte. Rachdem er eine Weile mit Madame Moulin geplaudert, mit Edith geſpielt und hie und da einen prüfenden Blick auf Gabrielle geworfen, welche ſchwei⸗ gend da ſaß und arbeitete, nahm er Abſchied. Die kleine Scene, welche ſeine Worte veranlaßt, hatte augenſcheinlich nicht allein ihn, ſondern auch die ſonſt ſo heitere und muthwillige Gabrielle ver⸗ ſtimmt. Als Gabrielle ſich am folgenden Morgen zu Is⸗ ralieris begab, wartete Abraham auf ſie vor dem Thor. Als das junge Mädchen ihn zu ſehen bekam, machte ſie eine mißvergnügte Miene und ſagte: — Wie, mon cher, ich habe Ihnen ja einmal erklärt, daß es mir mißfällt, wenn Sie auf mich war⸗ ten und mich begleiten. Deſſenungeachtet finde ich Sie hier. — Gabrielle, ich habe deshalb gegen Ihr Ver⸗ bot gefehlt, weil ich mich überzeugen wollte, daß Sie mir nicht böſe ſind. Die ganze Nacht hat der Gedanke mich geplagt, daß Sie Grund hätten, mir zu zürnen. — Ach, mein Gott, ich ſagte Ihnen ja, daß Sie mir einen Dienſt erwieſen, als Sie mir ſo uner⸗ ſchrocken die Wahrheit ins Geſicht warfen. Wollen Sie vielleicht, daß ich Ihnen heute dafür danken ſoll? Gabrielle ſah ihn mit einem ſchalkhaften Aus⸗ druck an. — Sie ſind bitter, Gabrielle, und doch mußten Sie ſehen können, daß ich tief betrübt bin. — Sie? Nun, dann müſſen Sie erlauben, daß ich Sie näher betrachte. Gabrielle ſah ihn mit einer ſpöttiſchen Miene an. — Sie halten mich zum Beſten, während ich leide. — Leiden Sie, iſt Ihnen denn irgend ein Un⸗ glück paſſirt? — Iſt das nicht ein Unglück zu nennen, daß ich durch meine unüberlegte Rede vielleicht Ihr Wohl⸗ wollen verloren? — Siehe, da ſind wir nun wieder! Glauben Sie denn, daß meine Freundſchaft ein ſolcher Wet⸗ 8⁰ terhahn iſt, daß ſie auf bloßer Laune beruht? Wahr⸗ lich, ſind Sie denn nicht ſo kindiſch, daß Sie ſelbſt einen Engel verdrießlich machen könnten, um ſo mehr mich, die nach Ihrer Meinung weder Engel noch Weib iſt. Wenn Sie wollen, daß ich recht böſe werde, dann fahren Sie fort, von Ihrer Trauer, Ihrer Reue und Ihrer Unruhe c. zu ſprechen. — Sie ſind nicht im Geringſten über mich ver⸗ drießlich? — Nein! Und nun Lebewohl! Ich erwarte Sie heute Abend,— ſagte Gabrielle und nickte ihm zu. Abraham betrachtete ſie, worauf auch er Adieu agte. Während einiger Wochen war Gabrielle die Milde und Herzlichkeit ſelbſt. Sie ſchraubte nicht Abraham und ſtichelte auch nicht, ſondern behandelte ihn wie die allerartigſte Schweſter ihren Bruder behandelt haben würde. Abrahams und ihr heiterer Scherz wirkte auf Madame Moulin und das blinde Mädchen ſo be⸗ lebend, wie die Strahlen der Frühlingsſonne auf die Erde. Friede, Glück und Eintracht ſchienen wirklich jetzt bei der kleinen Familie einzukehren, deren Mitglie⸗ der mit fröhlichem und dankbarem Herzen für ihren Unterhalt arbeiteten. Aber nach Verlauf einiger Monate veränderte Gabrielle ganz plötzlich ihr Benehmen gegen Abra⸗ ham. Sie wurde veränderlich und launiſch und that Alles, was ſie konnte, um ihn zu plagen. Madame Moulin hatte nie die Tochter ſich ſo gegen Jemanden benehmen geſehen. Dies veranlaßte ſie, Gabrielle das Ungerechte in ihrem Benehmen gegen eine Perſon vorzuſtellen, welche ſich unter allen Verhältniſſen als ein wirklicher Freund bewieſen. Bei jeder ſolchen Vorſtellung weinte Gabrielle; wenn aber Abraham erſchien, war ihr Benehmen daſſelbe. War Abraham fröhlich, ſo wurde Gabrielle mür⸗ riſch. War er traurig, ſo lachte und ſcherzte ſie. Wünſchte er zu muſiciren, ſo hatte ſie keine Luſt. Las er vor, ſo wollte ſie muſiciren. Mit einem Wort, ſie hatte immer Wünſche, welche denen entgegenge⸗ geſetzt waren, die er ausſprach. Madame Moulin ſah, daß Abraham anfangs wirklich durch die Art und Weiſe, auf welche Ga⸗ brielle ihn behandelte, litt. Er that Alles, um ſie dazu zu bewegen, ihr Benehmen zu ändern; als aber mehrere Wochen verfloſſen, ohne daß ſeine Bemühun⸗ gen mit Erfolg belohnt wurden, ſo ſchien er mit einem Male davon abzuſtehen. Auch er wurde ſich ihr gegenüber ungleich. Er, welcher früher in ihren Augen zu leſen ge⸗ ſucht hatte, was ſie wünſchte, beſchäftigte ſich, wenn er nach der Lection blieb, gar nicht mit Gabrielle. Er nahm regelmäßig ſeine Stunden, ſpielte jeden Abend einige Duette mit ihr, aber ohne daß andere, als die unumgänglichſten Worte zwiſchen ihnen ge⸗ wechſelt wurden. Dagegen unterhielt ſich Abraham mit Madame Moulin. Oft ſaß Gabrielle über ihre Arbeit gebeugt und horchte anf ihre Unterredungen, denn ſie zeichneten ſich beide durch ungewöhnliche Geiſtesgaben aus. Als der Herbſt den Sommer in die Flucht ge⸗ jagt hatte, ſah es in der That aus, als ſei Abra⸗ Schwartz, Geburt u. Bildung. M. 6 82 hams Intereſſe und Freundſchaft für Gabrielle auch 4 von dannen geflohen. Welchen Eindruck Abrahams Kälte auf Gabrielle machte, war ſchwer zu ſagen, denn ſie zeigte eine vollkommene Gleichgültigkeit gegen Alles, was ſich auf ihn bezog. Sie konnte nicht mehr ihr launiſches Weſen ent⸗ wickeln, ihm nicht widerſprechen und ihn nicht plagen, denn er hatte ſich außer Schußweite ihrer Anfälle geſtellt. An einem ungewöhnlich ſchönen Herbſttag hatte Marquis de Maillé Madame Moulin und Edith ge⸗ holt, um ſie zu einem ausgezeichneten Augenarzt zu führen, welcher die Augen der letzteren unter⸗ ſuchen ſollte. Gabrielle war wie gewöhnlich bei Isralieris. Als Gabrielle ihre Wohnung verließ, hatte ſie ſich etwas unwohl gefühlt und an Kopfweh gelitten, aber der Mutter kein Wort davon geſagt, weil ſie glaubte, daß es im Laufe des Tages beſſer werden würde. Nachdem ſie eine halbe Stunde mit ihren Schü⸗ lern geleſen, mußte ſie es jedoch aufgeben und nach Hauſe zurückkehren. Die Mutter und Edith waren noch nicht wieder zurückgekehrt, und Gabrielle legte ſich mit den heftig⸗ ſten Kopfſchmerzen aufs Sopha. Nach einiger Zeit läutete es an der Thürglocke. Mit vieler Anſtrengung ſtand Gabrielle auf, um zu öffnen. In demſelben Augenblick, in welchem die Thüre 83 aufging, ſummte es in den Ohren des jungen Mäd⸗ chens und Alles um ſie herum hüllte ſich in Dunkel ein. Sie ergriff haſtig einen der Thürpfoſten, um nicht zu fallen. — Gabrielle, was iſt Ihnen paſſirt, wie ſteht es?— fragte eine beſorgte Stimme, und Jemand umfaßte ſie und hielt ſie aufrecht. Gabrielle vermochte nicht zu antworten. Sie fühlte, daß man ſie hineintrug und aufs Sopha legte, aber ſie hatte nicht Kraft, auch nur einen Finger zu bewegen. — Ins Himmels Namen, meine theure Gabrielle, ſprechen Sie!— bat Abraham und benetzte ihre Schläfe mit Waſſer. Die Ohnmacht dauerte nur einige Secunden, und ſie öffnete wieder die Augen. ſie gebeugt ſtand Abraham bleich wie der od. Nachdem Gabrielle einige Tropfen Waſſer ge⸗ trunken, fühlte ſie ſich beſſer. Abraham beſtürmte ſie voll Unruhe mit tauſend Fragen und wollte durchaus zu einem Arzt eilen. Gabrielle erklärte, daß ſie längere Zeit an Kopf⸗ weh gelitten, und daß es ihr ſchon wieder wohl werden würde ohne Arzt, wenn ſie ſich nur ein Paar Tage zu Hauſe hielte. Abraham wurde indeſſen durch dieſe Verſicherung nicht beruhigt, ſondern ſagte: — Sie ſind krank und ich werde Ihre Mutter aufſuchen. — Sie wird gleich heimkommen,— fiel Ga⸗ brielle ein,— und ich bitte Sie, Abraham, 8 nicht 84 durch Ihre kindiſche Unruhe verdrießlich zu machen. Ich bin ſeit langer Zeit hinlänglich traurig gewe⸗ ſen, um noch eine Vermehrung meines Kummers nöthig zu haben. — Und worüber trauerte Gabrielle? — Das kann ich nicht ſagen. Gabrielle lehnte ihren Kopf gegen das Polſter. Etwas gleich Thränen glänzte in ihren Augen. Abraham ſaß einen Augenblick ſchweigend; dann hob er wieder an: — Sie haben alſo kein Vertrauen mehr zu mir. Iſt es denn wirklich wahr, daß Gabrielle nicht ein Bischen Wohlwollen mehr übrig hat für den ehemali⸗ gen Freund? — Wer hat das geſagt? — Ihr Betragen ſeit den letzten Monaten. Wie viele Leiden hat es mir nicht gekoſtet, zu wiſſen, daß es mit Ihrer Freundſchaft aus ſei. Gabrielle antwortete nicht, ſondern verbarg ihr Antlitz in den Polſtern und weinte. — Gabrielle, warum weinen Sie? O, ſprechen Sie, ich flehe darum! Die Angſt, in welche Ihre Thränen mich verſetzen, iſt entſetzlich. Befinden Sie ſich vielleicht ſchlechter? — Nein, flüſterte Gabrielle. — Warum weinen Sie? Habe ich Sie betrübt? Wenn dem ſo iſt, ſo weiß Gott, daß es nicht meine Abſicht war. Sie ahnen nicht, wie lieb ich Sie über alles Andere auf der Erde habe. — Ueber alles Andere, ſagten Sie? — Gaobrielle erhob ihren Kopf vom Kiſſen und ſah ihn an. Es gab eine Zeit, wo ich es glaubte, 85 und da war Alles ſo hell und fröhlich um mich her; aber jetzt weiß ich, daß dem nicht ſo iſt. Gabrielle fing wieder an zu weinen. — Wiſſen Sie, Gabrielle, daß es nicht ſo iſt? Wen liebe ich wohl höher und inniger als Sie?— Nie⸗ manden. Sollte es auch nur möglich ſein, Jeman⸗ den höher in ſeinem Herzen zu ſtellen, als Sie? Nein! Sie kennen nicht Ihre eigene Macht, wenn Sie ſo ſprechen. — Abraham muß wohl ſeine künftige Braut, Hagar Isralieri, höher lieben als mich?— Dies iſt ja natürlich. Es iſt auch nicht das, was mich verdroſſen hat, ſondern daß Sie kein Vertrauen zu mir gehabt. Einmal, es iſt jetzt über ein Jahr her, ſagte Abraham:„Gabrielle, Sie ſind meine beſte, meine liebſte Freundin, und vor Ihnen kann ich nie ein Geheimniß haben.“ Sie ſprachen nicht die Wahr⸗ heit, als Sie mir eine ſolche Verſicherung gaben, denn Sie haben Ihre Liebe zu Hagar verſchwiegen. Ihre Freundſchaft war alſo nur ein leeres Wort. — Iſt Gabrielle zu Ende?— fragte Abraham. — Ja, und jetzt wiſſen Sie, warum ich mir nicht mehr gleich gegen Sie ſein kann, Sie, welche aufgehört haben, mein Bruder, mein Freund zu ſein. — Sie haben Recht, Gabrielle, meine Freund⸗ ſchaft war ein leeres Wort, weil ich Sie liebe mit warmer und heiliger Liebe. Welche Verſicherungen, Gefühlsaustauſchungen, Thränen und Lächeln auf dieſe Worte folgten, das weiß ein Jeder, welcher ſelbſt geliebt und wieder geliebt wurde. 86 Als Madame Moulin wieder nach Hauſe kam, waren alle Mißverſtändniſſe aufgeklärt. Abraham wußte dann, daß Gabrielle ihn ſehr, ſehr lieb hatte; ferner daß Hagar Isralieri Gabrielle anvertraut, ſie gefalle Abraham. Obgleich das Innere des jungen Mädchens durch dieſen Vertrauensaustauſch von lauter Sonnenſchein erhellt wurde, ſo konnte das doch nicht verhindern, daß ſie an einer heftigen Erkältung krank wurde, ſo daß ſie ein Paar Wochen das Bett hüten mußte. Die Unruhe, welche Abraham während dieſer Zeit ausſtand, klärte ihn vollſtändig darüber auf, wie theuer ihm Gabrielle für ſein Leben und ſein Glück ſei. Die Ernte war weit vorgeſchritten, als Elias Levitain von ſeiner langen Reiſe nach dem Süden zurückkehrte. Ein Paar Tage nach der Heimkehr ſeines Vaters beſuchte Abraham Madame Moulin und fand ſie allein zu Hauſe. — Iſt Gabrielle krank?— fragte Abraham. — Nein; aber ich habe ſie entfernt, um mit Ihnen zu ſprechen,— ſagte Madame Moulin.— Lieben Sie meine Tochter? — Ja, Madame, von meiner ganzen Seele. — Gabrielle hat es mir anvertraut; aber, Abra⸗ ham, haben Sie bedacht, daß ſie eine Chriſtin iſt und Sie ein Jude ſind? 87 — Würden Sie, Modame, die Sie ſo aufge⸗ klärt und vorurtheilsfrei ſind, ſich darum kümmern? — Nicht ich, aber wohl Ihr Vater. — Selbſt der chriſtlichen Lehre warm ergeben, ſo habe ich doch, unter der Revolution erzogen, ge⸗ lernt, daß die Menſchen auch in religiöſer Beziehung ſich durch die Aufklärung emancipirt haben und daß Gottes Bild in jedem freien Gewiſſen im eigenen Lichte der Freiheit ſtrahlt. Die Wahrheit und Gerechtigkeit ſtrömen herab von Gott über die ganze Erde, und kümmern ſich nicht um die Art und Weiſe, auf welche wir den Höchſten verehren. Ich achte Jedermanns Ueberzeugung und ſchätze das Verdienſt, wo es ſich findet. So iſt es nicht mit Ihrem Va⸗ ter. Dieſelbe Revolution, welche mich human in der Beurtheilung religiöſer Ungleichheiten machte, hat ihn intolerant gemacht. Er wird nie ſeine Ein⸗ willigung zu einer Verbindung ſeines Sohnes mit einem chriſtlichen Mädchen geben. Madame Moulin ſchwieg. Es gibt Worte, welche die Wirkung haben, daß ſie uns augenblicklich von den lieblichſten Hoffnungen hinabſtürzen in die bitterſte Wirklichkeit. Abraham hatte die zwei Jahre, wo er Gabrielle gekannt und geliebt, ſich mit der gewöhnlichen Ge⸗ dankenloſigkeit der Jugend ſeinen Gefühlen hingegeben, ohne über die Zukunft zu reflectiren. Madame Moulins milde und ernſte Worte hatten ihn mit einemmale aus ſeinen ſchönen und verfüh⸗ reriſchen Träumen geweckt. Die Wirkung derſelben war auch betäubend. Lange ſaß er unbeweglich. 88 Die ganze Wahrheit deſſen, was ſie geſagt, trat vor ſeine Seele. Er ſah jetzt ein, daß der Vater die Verbindung des Sohnes mit einem chriſtlichen Mädchen als eine Sünde gegen den Gott und den Glauben ſeiner Vä⸗ ter betrachten würde. Schließlich ſagte er, nachdem er lange ſchweigend dageſeſſen: — Madame, Sie haben meinen Vater ganz richtig beurtheilt. Es wird ihm ſchwer fallen, meine Liebe zu Gabrielle zu billigen. In dieſem Falle, Abraham, haben Sie, und vielleicht auch ich, mir Vieles vorzuwerfen,— ich, weil ich unbedachtſam Ihnen erlaubt habe täglich mit Gabrielle umzugehen und mit ihr in Berührung zu kommen; aber ich glaubte nicht, daß mein häß⸗ liches und gebrechliches Mädchen Liebe erwecken könnte. Sie Ihrerſeits haben Unrecht gehabt, die Sprache der Liebe zu derjenigen zu reden, mit der ſich zu verbinden, Sie wußten, daß Ihr Vater es Ihnen nie erlauben würde. Was wird jetzt Gabrielles Schickſal werden? An Sie iſt ihr Herz und ſind alle ihre ſchönſten Hoffnungen geknüpft, und— jetzt er⸗ hebt ſich zwiſchen ihr und Ihnen eine unüberſteig⸗ liche Scheidewand. Sie ſehen wohl ein, daß Sie und Gabrielle ſich trennen müſſen. — Unmöglich, Madame, verlangen Sie mein Leben, mein Herzblut! aber verlangen Sie nicht, daß ich aufhören ſoll, Gabrielle zu ſehen. Sie kön⸗ nen nicht ſo grauſam ſein. — Ich muß.— Die Liebe ohne Zukunft darf 89 nicht fortleben.— Der einzige Weg ſie zu tödten, iſt die Trennung. — und Sie glauben, daß irgend eine Trennung mich Gabrielle vergeſſen machen könnte? Das wird wenigſtens leichter gehen, als wenn Sie ſich täglich ſehen. Ich weiß aus Erfahrung, daß wenn die Hoffnung nicht mehr unſerem Gefühle ſchmeichelt, ſo erbleicht dieſes und verwandelt ſich in eine große Erinnerung. Uebrigens, Abraham, iſt es mein Wille: daß Sie mit Ihren Beſuchen aufhören. — Haben Sie Mitleid mit mir! Ich werde zu meinem Vater gehen und ihm ſagen, wie ich Ga⸗ brielle liebe, daß mein Leben, mein Glück und mein ganzes künftiges Wohl darauf beruhen, ſie meine Gattin nennen zu dürfen. Ich werde mein Glück von ihm erbetteln und er wird mir daſſelbe nicht ver⸗ weigern können Geben Sie mir nur einige Tage! Es iſt mehr als das Leben, um das ich Sie bitte; es iſt meine ganze Zukunft. — Und wenn Ihr Vater nicht auf Ihre Bit⸗ ten hört? — Dann Madame, werde ich fortgehen, ohne ſie wiederzuſehen, wenn Sie es ſo verlangen. Ge⸗ ben Sie mir nur eine Woche, eine einzige Woche! Es lagen in Abrahams Blick ſoviel Schmerz und verzweifelte Angſt, daß Madame Moulin davon gerührt wurde. Sie beugte ſich, ſo daß ihre Lippen ſeine Stirne berührten. Mögen Sie es denn thun, mein Sohn.— Ich werde nicht diejenige ſein, welche auf irgend eine 90 Weiſe Ihrem Glücke entgegenarbeitet. Gebe Gott, daß ich es befördern könnte! Abraham küßte gerührt ihre Hände. Etwas ſpäter wanderte er fort von Rue de Fcole de Médécine nach Rue... Fröhlich und glücklich wie die gedankenloſe Hoff⸗ nung hatte er ſeine Wohnung verlaſſen, düſter und traurig wie die bleiche Wirklichkeit kehrte er dahin zurück. Am Morgen darauf wurde wie gewöhnlich das Gebet im Familienzimmer der Eltern verrichtet. Abraham hatte beſchloſſen, nach der Andachts⸗ übung eine Unterredung mit ſeinem Vater zu ver⸗ langen und ihm Alles zu ſagen. Während Elias mit ſeiner klaren, tiefen und ernſten Stimme die gewöhnlichen Gebete las, be⸗ trachtete ihn der Sohn und Abrahams Herz zitterte, als ſein Blick auf des Vaters Antlitz ruhte, wo eine wirkliche, vom Herzen gehende Andacht ſich wie⸗ derſpiegelte. Als Elias die folgenden Worte las: „Du, welcher in Deinem Himmel ewigen Frie⸗ den herrſchen laſſeſt, mögeſt Du auch uns und ganz Israel Deinen Frieden ſchenken!“ dann neigte Abra⸗ ham tief ſeinen Kopf, als wenn er durch das Be⸗ wußtſein gedemüthigt wäre, daß er, wenn das Ge⸗ bet zu Ende ſei, den Frieden ſtören würde, welcher jetzt in ſeiner Familie herrſchte. Als Alle nach der Gebetsſtunde das Zimmer 91 verlaſſen, ſprach Abraham den Wunſch aus, allein mit dem Vater reden zu dürfen. — Ich habe auch Etwas, was ich Dir ſagen möchte,— ſagte Elias— und da es von ernſter Ratur iſt, ſo wollen wir hier bleiben. Er ſetzte ſich auf die Ottomane, deutete auf eins der Fauteuils und gab Abraham ein Zeichen, Platz zu nehmen. — Du, mein Sohn, kannſt zuerſt reden,— hob Elias wieder an.— Ich will hören, was Du mit⸗ zutheilen haſt, bevor ich Dir meine Pläne in Be⸗ ziehung auf Deine Zukunft mittheile. Vielleicht be⸗ gegnen ſich unſere Wünſche. — Gebe Gott, daß es ſo wäre, aber leider fürchte ich, daß dies nicht geſchehen wird!— ant⸗ wortete Abraham.— Vater, ich bin gekommen, um Deine Einwilligung zur Verbindung mit einem Mäd⸗ zu erbitten, das ich von meiner ganzen Seele liebe. — Gut, dann ſtimmen ja unſere Wünſche über⸗ ein; ich beabſichtige Dir eine Braut vorzuſchlagen. Nun mein Sohn, wer iſt es, die Du liebſt? — Sie iſt eine Chriſtin. Abraham ſprach dieſe Worte mit ruhiger und feſter Stimme aus.. Elias erhob ſich vom Sopha und ſtand augen⸗ blicklich aufrecht. Er betrachtete den Sohn mit einem Blick, als wenn es ihm ſchwer fiele, zu begreifen, daß Abraham dieſe drei Worte ausgeſprochen. Es lag im Ausdruck ſeines Geſichts inehr Schmerz als Zorn. Man ſah es, daß der Sohn den empfind⸗ 92 lichſten und verwundbarſten Punct ſeiner Seele ge⸗ troffen. — Bin ich es wirklich, der dies von ſeinem eigenen Kinde hört!— bemerkte er ſchließlich.— Iſt es Abraham Levitain, welcher die Einwilligung ſeines Paters zu einer Heirath mit einem chriſtlichen Mädchen verlangt? O, Du Gott meiner Väter, laſſe mich in die Erde verſinken vor Scham, daß ich ge⸗ nöthigt war, den Tag zu erleben, an welchem ſo Etwas ſich zutragen konnte. Der ſtarke, der ſtolze, der ſtrenge Elias, welcher mit düſterer Ruhe und Kälte den Sorgen des Le⸗ bens begegnet war, legte ſein Geſicht in die Hände. — Er weinte. Abraham war darauf vorbereitet geweſen, daß der Vater ſeinem Verlangen mit Zorn begegnen würde; aber er hatte nicht einen Ausbruch zermal⸗ menden Schmerzes erwartet. Bei dieſem Anblick ſtürzte er denn auch zu des Vaters Füßen, umfaßte angſtvoll ſeine Hände und rief: — O, mein theurer, mein geliebter Vater, nicht ſo!— Jage mich von Dir, überſchütte mich mit Deinem Zorn; aber vernichte mich nicht durch Dei⸗ nen Schmerz! Elias erhob ſein Antlitz und ſeine Hände und betrachtete den Sohn. Es lag etwas unendlich Trauriges in ſeinem Blick. — Kind, Du haſt mein Herz zerſchmettert!— Was Du mir jetzt geſagt haſt, hat allen den Leiden, welche ich erlebt, die Krone aufgeſetzt. Elias legte die eine Hand auf Abrahams Haupt, 93 während er die andere nach Oben richtete und ge⸗ rührt hinzufügte: — Möge Abrahams Gott zwiſchen uns richten! Der Herr iſt voll Barmherzigkeit gegen Alles, was er geſchaffen hat. Ich will deſſen gedenken und und nicht richten mit Strenge. Der Gott Israels allein weiß, welche harte Prüfung jetzt auf meine Schultern gelegt iſt. Er zog ſeine Hand weg von dem Scheitel ſeines Sohnes und fügte mit vollkommen ruhiger Stimme hinzu: — Jetzt wünſche ich den Namen des Frauen⸗ zimmers zu wiſſen, welches Dich Deine Eltern und Alles was Du gelernt haſt als heilig zu betrach⸗ ten, vergeſſen gemacht hat. — Ich habe nichts von alle dem vergeſſen,— fiel Abraham ein und ſtand auf.— Das Geſetz Gottes verbietet nicht einem Juden, eine Chriſtin zu lieben. Der Talmud erklärt ausdrücklich, daß die neueren Nationen eigentlich nicht als Götzenanbeter, oder Heiden betrachtet werden können und — Stille,— ich ſtehe nicht hier, um Deine Argu⸗ mente zu hören, ſondern um den Namen zu erfahren, den ich kennen lernen wollte,— ſagte Elias ſtreng. — Wenn Dein Zorn ſie treffen wird, dann laſſe ihn lieber mich treffen, o mein Vater,— rief Abraham. — Wann ſahſt Du je, daß mein Zorn einen Unſchuldigen traf? Uebrigens ſind es nicht ſolche unglückliche Ereigniſſe, wie das, welches mich jetzt trifft, die Zorn erwecken. Nein, ſie ſind die Mutter der bitterſten Schmerzen des Lebens. Darum, den Namen derjenigen, die Du liebſt! 94 — Gabrielle Moulin! — Moulin!— hob Elias wieder an und machte eine Bewegung der Ueberraſchung.— Was ſind ihre Eltern? — Ihre Mutter iſt Wittwe und wohnt in Rue de vFcole de Medécine Nr....— Ihr Vater iſt durch ein unglückliches Ereigniß in der Schweiz um⸗ gekommen. — Dieſelbe Wittwe alſo, die ich zwei Jahre vergebens geſucht!— murmelte Elias bei ſich und ging ein Paar Mal im Zimmer herum. Die Blicke Abrahams folgten ihm. Nach Verlauf einiger Augenblicke bemerkte Elias: — Morgen werden wir das Thema wieder auf⸗ nehmen, es iſt mir ein Bedürfniß, allein zu ſein. Er reichte Abraham die Hand und fügte hinzu: — Schon als ich ein Jüngling war, raubte mir das Schickſal Alles, was ich auf dieſer Erde Liebes und Theures beſaß, und da wurde Israels Gott, Israels Glaube und Israels Volk das, was ich am höchſten liebte. Als der Herr mir Kinder ſchenkte, dankte ich dem großen Geber, weil ich hoffte, ſie als würdige Brüder für Iſraels Volk zu erzie⸗ hen, als Brüder, welche es eben ſo warm, eben ſo innig lieben würden, wie ich. Aber ich verrechnete mich. Der Reſt meines freudenarmen Lebens ſollte durch das Bewußtſein verbittert werden, daß mein Sohn ein ſchlechter Israelit iſt. Gehe, ich muß mein Inneres genau prüfen. Morgen ſollſt Du er⸗ fahren, was ich beſchloſſen habe. Abraham verließ ſeinen Vater mit ſchwerem Herzen. 95 Madame Moulin war am folgenden Tage gerade von ihrer Lection bei de Maillé zurückgekehrt, als es an der Thürglocke läutete. Edith war, den Arm um der Mutter Hals ge⸗ ſchlungen, im Begriff darüber zu ſprechen, wie ſie ſich Gott denke, als der Klang der Glocke ſie un⸗ terbrach. Gabrielle war wie gewöhnlich abweſend, und Madame Moulin ging ſelbſt hinaus, um zu öffnen. Vor ihr ſtand ein älterer, hochgewachſener Herr, mit graulichem Haar und ſchönen, ſcharf markirten Geſichtszügen. — Wohnt Madame Moulin hier? fragte er. — Jc Monſieur, antwortete dieſe und be⸗ trachtete den Fremden mit einem Blick, als wenn ſie befürchtete, in ihm Jemanden wiederzuerkennen, den ſie nicht zu treffen wünſchte. — Da iſt es wahrſcheinlich Madame Moulin ſelbſt, welche ich zu ſprechen die Ehre habe,— hob der Fremde wieder an und trat über die Schwelle in die Wohnung der Wittwe. Madame bejahte die Frage mit einem Ton, der etwas unſicher war. Mein Name iſt Elias Levitain,— ſagte der Fremde und ließ ſeine Augen auf dem älteren Frauenzimmer ruhen, das beim Klange dieſes Na⸗ mens nicht ganz eine heftige Gemüthsbewegung be⸗ herrſchen konnte. Sie machte trotzdem gegen ihren Gaſt eine ein⸗ ladende Bewegung mit der Hand, einzutreten und Platz zu nehmen. Zu ſprechen vermochte ſie nicht. 96 Als Flias in das große Zimmer eintrat, richtete er ſeine Augen auf Edith. — Iſt das Ihre Tochter, Madame?— fragte er. — Jo, ſie iſt die jüngſte meiner zwei Töchter,— antwortete Madame Moulin, der es gelungen war, ihrer Bewegung vollkommen Herr zu werden. — Ein hübſches Kind! Elias wandte ſich vom Kinde an Madame Mou⸗ lin und ſagte: — Ich möchte Sie erſuchen, mir die Güte zu erweiſen, Ihre kleine Tochter zu entfernen, weil ich mir eine Unterredung unter vier Augen mit Ihnen erbitten muß. Ohne den Befehl der Mutten abzuwarten, ging Edith mit leichten, jedoch unſicheren Schritten aus dem Zimmer. Madame Moulin und Elias Levitain waren allein. Die Erſtere war bleicher, als gewöhnlich. An dem unruhigen Auf⸗ und Abwogen ihres Buſens merkte man, doß ſie alles, nur nicht ruhig war. Elias wiederum ſah aus, als wenn ſeine Züge in Stein gehauen wären, welche unmöglich ihren Ausdruck verändern könnten. Seine Augen waren gleichſam feſtgenagelt an Ma⸗ dame Moulins von Sorgen und Leiden gefurchtes Geſicht, deſſen milder und ſeelenvoller Ausdruck in Verbindung mit ihren ſchneeweißen Haaren ihm gegen ſeinen Willen imponirten. Mit innerer Angſt harrte Madame Moulin deſſen, was er ſagen würde. Nach einer kurzen Pauſe bemerkte Elias: — Madame, ich komme, um Sie um eine Auf⸗ 97 klärung zu bitten. Ich hoffe, Sie werden mir ver⸗ zeihen, daß ich, ein Fremder, es wage, Ihnen da⸗ durch läſtig zu werden. 6 Madame Moulin lächelte wehmüthig, als wenn ſie hätte ſagen wollen: — Sie ſind mir kein Fremder, und zu gut ahne ich, welche Aufklärung Sie von mir wünſchen. Elias fuhr fort: — Vor etwas über zwei Jahren las man in den meiſten franzöſiſchen Zeitungen einen Bericht über einen Mann, Namens Moulin, welcher, wäh⸗ rend er einen Schweden auf deſſen Reiſe durch die Schweiz begleitete, ein unglückliches Ende nahm.— War dieſer Mann Ihr Gatte, Madame? — Ja, Monſieur,— antwortete Madame Mou⸗ lin bewegt. — Da kann ich mir wirklich zu dem Zufall Glück wünſchen, welcher es ſo gefügt hat, daß ich Sie gefunden. Seit zwei Jahren habe ich für mich und für den ſchwediſchen Edelmann Sie überall außer in Paris geſucht. — Und aus welcher Veranlaſſung?— fragte Madame Moulin. — Aus der Veranlaſſung, daß ich über ein paar Perſonen Auskunft zu erhalten wünſche, die Ihr Mann in dem Augenblick nannte, als er in den Ab⸗ grund ſtürzte. Sie wiſſen wahrſcheinlich, ohne daß ich ſie zu wiederholen brauche, welche dieſe Namen waren. — Nein, Monſieur, ich bin vollkommen in Un⸗ kenntniß darüber. Der Schlag, welchen mir der Tod meines Gatten verſetzte, traf mich zu einer Zeit, wo Schwartz, Geburt u. Bildung. m. 8 98 ich hier ganz ohne Bekannte war. Dieſe meine ver⸗ laſſene Lage hatte einen Vortheil, den nämlich, daß mir der Schmerz erſpart wurde, die Schilderungen des Unglücks anzuhören, welches mir das Liebſte raubte, was ich im Leben beſaß. Es lag etwas in dem Tonfall der Stimme der Madame Moulin, das dem Ohre ſchmeichelte. Auch ſchien Elias mit beſonderer Aufmerkſamkeit demſel⸗ ben zu lauſchen. — In dieſem Falle, Madame, muß ich grau⸗ ſam genug ſein, die letzten Worte Ihres Mannes zu wiederholen. Er rief dem ſchwediſchen Edelmann zu:„Sie ſind Schuld an meinem Tod; durch Sie werden jetzt Jerome Basſals Gattin und Kinder ins Elend gebracht. Bitte Ihren Vater, Sophie d'Escare beizuſtehen. Sie befindet ſich....“ Der Satz wurde nicht beendigt; der Abgrund verſchlang den Schluß und Ihren Mann. Madame Moulin war heftig aufgeregt. Elias fuhr fort: Seit 1794 habe ich unermüdlich und unaufhör⸗ lich nach Jerome Basſal und Sophie d'Escare ge⸗ ſucht, aber ſie nicht gefunden. Nun Madame, bin ich hier, um von Ihnen zu erfahren, wo Jerome Basſals Gattin und Kinder ſich aufhalten, oder we⸗ nigſtens, wann und in welcher Verbindung Ihr Mann mit ihnen ſtand. Perſonen, welche ihm ſo ſehr auf dem Herzen lagen, daß er in ſeinem letzten Augen⸗ blick an ſie dachte, können Ihnen unmöglich fremd ſein. — Und doch, Monſieur, kann ich Ihnen keine Aufklärungen geben,— antwortete Madame Moulin mit feſter Stimme.— Wenn dieſe Namen mir einſt — 99 bekannt waren, ſo ſind ſo viele Decennien verfloſſen, ſeit ich ſie nennen hörte, daß ich Ihnen nichts über ihr ſpäteres Schickſal zu ſagen vermag. — Wann hörten Sie ſie zuletzt nennen?— fragte Elias, und fixirte Madame Moulin. — In demſelben Jahre, in welchem Sie ſie zu ſuchen angefangen. — In welchem Verhältniß ſtand ihr Mann da⸗ mals zu Basſal? — Dies iſt eine Frage, die ich nicht beantwor⸗ ten kann. Nur mein Mann hätte das ſagen können. Ich kann nur beklagen, daß ich außer Stande bin, Ihnen etwas Betreffs ihrer mittheilen zu können. Nach meiner Ueberzeugung gehören dieſe Namen nicht mehr lebenden Perſonen. — Aber, Madame, die Worte Ihres Mannes enthielten eine Bitte um Schutz für Sophie dEs⸗ care, eine ängſtliche Unruhe, wegen Basſals Wittwe und Kinder. Sie lebten alſo damals. — In dieſem Falle hat mein Mann das Ge⸗ heimniß ihres Aufenthaltsortes mit ſich ins Grab genommen. Trotz dieſen Worten fuhr Elias noch fort, einige Fragen zu thun, erſt über Sophie und Jerome und dann über Madame Moulins Geburtsjahr, ſowie über die Perſonen, mit welchen ihr Mann in ir⸗ gend einer Verbindung geweſen zc. Ruhig und genau beantwortete ſie alle Fragen. Nach Verlauf einer Stunde entfernte Elias ſich, ohne mit einem Worte von Abraham geſprochen zu haben und auch nur merken zu laſſen, daß ihm et⸗ was von deſſen Reigung für Gabrielle ſei. 100 Gerade in dem Augenblick, wo er aufſtand, um zu gehen, bemerkte er: — Sie erwähnten vorhin zweier Töchter, war das einnehmende Kind, welches ich ſah, die älteſte von ihnen? — Nein, ſie iſt die jüngſte. — Hält ſich die Aeltere nicht bei ihrer Mutter auf? — Ja, Monſieur; aber ſie gibt Lectionen bei dem Banquier Isralieri,— antwortete Madame Moulin. Elias ſagte ihr ein höfliches Lebewohl und ging. Gabrielles Lection war zu Ende, als Mädame Isralieri in das Unterrichtszimmer trat und ſagte: — Mamſell Moulin, möchten Sie ſoh gut ſein, in das kleine Cabinet auf der anderen Seite des Salons einzutreten; es iſt jemand dort, der Sie zu ſprechen wünſcht. Ueberraſcht durch dieſe Aufforderung, kam Ga⸗ brielle derſelben nach und befand ſich bald innerhalb der Thüre des Cabinets. An den Kamin gelehnt ſtand ein älterer Herr. Beim erſten Blick auf ihn flog unwillkürlich der Gedanke durch Gabrielles Seele, daß es Abrahams Vater ſei, den ſie vor ſich hatte, ſo auffallend war die Aehnlichkeit zwiſchen den Beiden. Der ſonſt ſo ſtrenge Zug in Elias' Geſicht war verſchwunden. Er trat auf das junge Mädchen zu, 101 welches ganz verzagt auf der Schwelle ſtehen ge⸗ blieben war. — Mit einem für ihn ungewöhnlich milden Ton in der Stimme ſagte er: — Obgleich Sie mich heute zum Erſtenmale ſehen, ſagt mir doch Ihr Blick, daß Sie errathen haben, wer ich bin. Habe ich Recht? Erzergiff Gabrielles Hand und ſah ſie freund⸗ lich an⸗ — Ja, Monſieur, das haben Sie. Der In⸗ ſtinct, wenn nicht die Aehnlichkeit, würde mir ge⸗ ſagt haben, daß Sie Abrahams Vater ſind. Gabrielle blickte unerſchrocken in das ſchöne Ge⸗ ſicht des ſtolzen Juden. Als Elias ſie zuerſt erblickte, war er darüber ſehr verwundert, daß ſie eher häßlich als ſchön ſei. Er darauf vorbereitet, ein Mädchen von ganz ungewöhnlicher Schönheit anzutreffen, da Abraham immer einen großen Werth auf weibliche Schönheit gelegt. Er, der ſelbſt wegen ſeines vortheilhaften Aeu⸗ ßern bekannt und ein großer Günſtling der Damen war, hatte ſich alſo in ein häßliches, gebrechliches und armes Mädchen verliebt. — Das Mädchen muß ungewöhnliche Geiſtes⸗ gaben beſitzen, um ernſtlich ein ſo unſtetes, ober⸗ flächliches Gemüth, wie Abrahams zu feſſeln,— dachte Elias! Als Gabrielle ihre wunderbaren ſeelen⸗ und geiſtvollen Augen auf ihn richtete, dann ſah Elias ein, daß die Gewalt, welche dieſe beſaßen, weit 102 größer ſei als diejenige, die die phyſiſche Schönheit ausübt. Elias begriff ganz richtig, daß er hier nicht ein gewöhnliches Mädchen vor ſich habe, ſondern ein Weſen, welches reicher ausgerüſtet ſei, als die Menge, und daß er darnach ſeine Handlungsweiſe richten müſſe. — Ja, ich bin Abrahams Vater,— ſagte Elias und ſetzte ſich aufs Sopha, indem er Gabrielle neben ſich hinzog.— Mein Sohn liebt Sie— fuhr er fort. Und Sie mein Kind, lieben ihn, iſt es nicht ſo? — Ja, Monſieur, ſeit zwei Jahren iſt er mei⸗ nem Herzen lieb und theuer. — Es iſt auch Ihre Liebe zu ihm, auf welche ich rechne, um ſprechen zu können wie ich wünſche. — Sie lieben Abraham; aber haben Sie auch be⸗ dacht, daß er Jude und Sie Chriſtin ſind. Gabrielle ſchwieg. Elias hob wieder an: — Mein Sohn hat meine Einwilligung zu einer Verbindung zwiſchen Ihnen verlangt. Ich habe ſie ihm nicht verweigert und nicht zugeſagt. Ich habe mich zerknirſcht gefühlt bei dem Gedanken, daß er in einem ſolchen Grade die Achtung vor dem Glauben ſeiner Väter vergeſſen, daß er ein chriſtliches Mäd⸗ chen heirathen will. Mit Trauer werde ich in mein Grab hinabſtei⸗ gen, falls dieſe Ehe vollzogen wird. Ich will Sie nicht bitten, von meinem Sohne zu laſſen; nein, es iſt nicht ein Opfer für mich, das ich wünſche, ſondern ein Opfer für eine heilige und ernſte Ueberzeugung, die jeder edle Menſch ehren muß. Ich werde Sie ebenſo wenig bitten, Ihrer Liebe zu entſagen, als — meinem Sohne verbieten Sie zu heirathen; ſondern ich werde Sie ſelbſt über ſein und Ihr Schickſal entſcheiden laſſen. Elias hielt inne. Gabrielle hatte ihren Kopf erhoben, nicht trotzig, aber mit einer Bewegung, als wenn ſie hätte ſagen wollen: — Ich bin bereit, fahret fort. Sie zog ihre Hand leiſe aus der des Flias und führte ſie an die Stirne, um die Bleichheit des Schmer⸗ zes zu verjagen, welche ſeine Worte hervorgerufen. Bei dieſer Bewegung fielen Elias Augen auf einen Ring, welchen Gabrielle an dem linken kleinen Finger trug. Elias ergriff ihre Hand und unter⸗ brach ſie plötzlich: — Wer hat Ihnen dieſen Ring gegeben? — Ein Mann, welcher mit ſeiner Frau und ſeinem kranken Sohn eine Nacht in dem Hauſe mei⸗ ner Eltern zubrachte, als wir in der Gegend von Genf wohnten. — Und wiſſen Sie, wer dieſer Mann war? — Rein, Monſieur, ich habe ſeinen Namen ver⸗ geſſen. — Dieſer Mann war ich,— ſagte Elias— und der kranke Knabe Abraham. Sie ſind alſo dasſelbe Mädchen, welches mir damals ſo freundlich Nacht⸗ quartier verſchaffte.— Wunderbares Spiel des Schick⸗ ſals. Ihnen, einem kleinen Kinde, hatte ich es da⸗ mals zu verdanken, daß mein Sohn Ruhe und Lin⸗ derung für ſeine Schmerzen fand. Zu Ihnen, dem jungen Mädchen, komme ich jetzt, um ihn zu retten vor einer Zukunft unendlicher Leiden.* 104 Elias drückte die kleine Hand und hob nach einer kurzen Pauſe wieder an: — So lange ich zurückdenken kann, habe ich es als ein großes, entſetzliches Unglück angeſehen, daß zwei Menſchen von ungleicher Religion ihr Schickſal ver⸗ einigen.— Ich habe ſo warm, ſo ernſt, ſo aus gan⸗ zer Seele meinen Gott und meinen Glauben geliebt, daß es für mich ſtets ein Leiden war, in nähere Berührung mit denjenigen zu kommen, welche nicht meine Glaubensverwandte waren. Ich habe mich ſtolz darauf gefühlt, ein Jude zu ſein, einem Volke anzugehören, das Gott zu dem ſeinigen auserkoren, und ich habe meine Geburt als Jsraelit heilig ge⸗ halten. In meinen Augen liegt eine ſchwere Sünde darin, wenn irgend Eines aus meiner Familie ſich mit Jemanden verbindet, welcher nicht jüdiſcher Ab⸗ ſtammung iſt. Ein ſolches Vergeſſen alles deſſen, was ich geſchätzt und verehrt, konnte ich nie bei mei⸗ nen Kindern vorausſetzen. Und doch ſagte mir mein Sohn geſtern, daß er Sie heirathen wolle. Wenn das Herz in ſeinen ernſteſten Gefühlen berührt wird, dann gibt es keinem Zorne Raum, weil es gekränkt worden iſt, ſondern es empfindet nur einen unend⸗ lichen und bitteren Schmerz. Es war der Vater meines verirrten Sohnes, dem es oblag, den Verſuch zu machen dem Unglück vorzubeugen, welches alle Rechtgläubigen von Levitains Haus mit Scham und Trauer erfüllen würde. Ich entſchloß mich, Sie auf⸗ zuſuchen. Es ſchien, als wenn Gabrielle ſich fürchtete zu athmen, um nicht den Redenden zu unterbrechen. Seine Worte riefen abwechſelnd die Farbe des Pur⸗ ——— 105 purs und der Lilie auf ihren Wangen hervor. Sie erbebte vor dem, was er ſagte, und doch befürchtete ſie, daß ein einziger Buchſtabe davon ihr entfallen möchte. — Dies von mir, von den Gefühlen des Vaters, wenn der Sohn ſeine Pflichten gegen Gott vergißt, — hob Elias wieder an.— Nun zu Ihnen, mein Kind. Haben Sie überlegt, wie eine Verbindung zwiſchen Ihnen, einer katholiſchen Chriſtin und einem Juden ſtattfinden könne? Haben Sie eine einzige „Minute den Blick auf die Zukunft gerichtet? — Nein, ich habe nur aus meiner ganzen Seele geliebt,— antwortete Gabrielle lebhaft.— Er war, er iſt mir lieb, ſiehe, das iſt Alles, was ich für noth⸗ wendig gehalten zu wiſſen. — Aber das Ziel aller Liebe iſt häusliches Glück. Wie wollen Sie denn, daß dieſe Ehe ſtattfinden ſoll? Bei einer Heirath legt derjenige, welcher reli⸗ giöſe Begriffe hat, ein Gewicht darauf, daß dieſelbe geheiligt und geſegnet wird durch einen Diener der Religion. Wie ſoll das ſich machen laſſen, da immer einer der Contrahenten die Ceremonie nicht anerkennt. Eines Tages werden Sie Mutter werden. Wie ſollen wohl die Kinder erzogen werden in einer ſolchen Familie. Zu einer der beiden Religionen müſſen die Kinder ſich unbedingt bekennen. Sie können ſich nicht zu beiden bekennen. Dann wird eines der Eltern gerade in Beziehung auf das als ein Frem⸗ der daſtehen, was eines unſerer heiligſten Intereſſen ausmacht. Glauben Sie, daß Glück, Frieden und gegenſeitiges Glück in einer ſolchen Familie blühen können? Unmöglich! 106 — Das weiß ich nicht,— ſagte Gabrielle mit feſter Stimme,— und ich bin vielleicht viel zu jung, um das zu verſtehen; aber eins weiß und verſtehe ich, daß meine Eltern mich gelehrt haben, alle Men⸗ ſchen als Kinder deſſelben Vaters zu lieben. Auch weiß ich, daß die Vorſpiegelungen von Unglück und Leiden in der Zukunft mich nicht davon abhalten würden, Abraham meine Hand zu reichen. An ſeiner Seite würde mir Alles hell und lachend erſcheinen; die Leiden ſelbſt würden keine Macht über mich be⸗ kommen; und doch, Monſieur, haben Sie heute ihn und mich für immer getrennt.— Ich werde Ihren Sohn nicht wiederſehen. Gabrielle ſtand vom Sopha auf und fügte mit zitternder Stimme hinzu: — Abraham würde die religiöſen Begriffe ſeines Vaters kränken, falls er eine Verbindung mit einer anderen als einer Jüdin einginge. Monſieur, mehr brauche ich nicht zu wiſſen. Sie ergriff Elias' Hand, führte ſie an ihre Lippen und fügte haſtig hinzu: — Gott ſegne Sie, Monſieur, durch mich ſoll nie Ihr graues Haar mit Kummer und Gram be⸗ deckt werden! Haben Sie Dank dafür, daß Sie es begriffen, daß Abrahams Gabrielle nicht ihr Glück auf Koſten ſeines Vaters erkaufen würde. Sie eilte aus dem Zimmer, bevor Elias es ver⸗ hindern konnte. Einen Augenblick ſtand er unbeweglich; darauf blickte er nach oben und murmelte: — Gott meiner Väter, ich danke Dir, der Du mir den Gedanken eingabſt, wie ich auf die richtige Weiſe 107 mein Kind vor einer ſchweren Sünde bewahren könnte! Ob nicht der ſtolze Jude zum zweitenmal in ſei⸗ nem Leben fühlte, daß ein Chriſt ihn an Güte und Hochherzigkeit übertroffen? Gegen Abend trat Elias zu Abraham herein. Der junge Mann hatte ſeit ſeiner Unterredung mit dem Vater ſein Zimmer nicht verlaſſen. Er wartete auf ſeine Antwort, um darnach ſeine Handlungsweiſe einzurichten. Abraham ſaß und ſchrieb, als ſein Vater eintrat. — Ich habe verſprochen, daß Du heute meine Meinung erfahren ſollteſt,— ſagte Elias in ſeinem gewöhnlichen kalten und ſtrengen Ton;— ich bin auch gekommen, um Dir dieſelbe mitzutheilen.— Siehe hier Alles, was ich Dir zu ſagen habe: Ich werde nie zu einer Verbindung zwiſchen Dir und einer Chriſtin meinen Segen geben; aber ich werde ſie auch nicht verfluchen.— Weiteres habe ich nicht hinzuzufügen.— Ich habe das Recht, dieſe. Ehe zu verbieten; aber ich thue es nicht. Ich will Dir nur ſagen, daß, wenn Du aus dem Hauſe Deines Vaters austrittſt, um diejenige zu heirathen, welche nicht in demſelben Tempel mit Dir knieen und beten kann, dann, mein Sohn, wird Dir die Wohnung Deines Vaters verſchloſſen. Ueber meine Schwelle kommen keine Andere, als die, welche meine Brüder und Kin⸗ der deſſelben Glaubens ſind wie ich. Du hörſt auf 108 das zu ſein, wenn Du Dich mit einem Weibe aus einem andern Volke, als dem Deinigen, verheiratheſt. Jetzt haſt Du Freiheit, nach der Stimme Deines eigenen Gewiſſens zu handeln. Elias ging, ohne daß der Sohn mit einem ein⸗ zigen Worte ihn zurückzuhalten verſuchte. Als die Thüre ſich nach ſeinem Vater geſchloſſen, rief Abraham mit einem Ton der Bitterkeit: — Gegen ein Verbot würde ich gekämpft und geſiegt haben— gegen dieſes,— was bleibt mir zu thun übrig? Er ging haſtig im Zimmer auf und ab. — Gabrielle aufopfern, ihr und mein Leben einem endloſen Schmerz weihen— und welchem Schmerz?— Wegen intoleranter Anſichten! Unmög⸗ lich!— Frankreich verlaſſen, für immer dieſe Heimath verlaſſen, wo ich das Gute lieben gelernt, wo ich einen Vater, den ich verehre, und eine Mutter, die ich anbete, beſaß und noch beſitze!— O, das würde mein Glück verbittern und es einer ewigen Trauer weihen. Nein, ich werde das nie im Stande ſein. Er führ mit den Händen durch die Haare und fügte hinzu: — O, meine Mutter, meine engelgute Mutter, ſoll Dein Sohn fort von Dir fliehen, um ein ver⸗ botenes Glück zu ſtehlen! Nein er muß entſagen.— Abraham ſtand am Fenſter. Der Mond warf durch einen dünnen, düſtern Wolkenſchleier einen matten Schimmer über den in einen Garten ver⸗ wandelten Hof. Die Augen des jungen Mannes richteten ſich 109 auf das Monument, welches auf Jacob Levitains Grab errichtet war. — Entſagen!— hob Abraham wieder an.— Bin ich denn allein, der dazu verurtheilt iſt? Nein ich ſpreche auch das Urtheil über eine Andere, und dieſe Andere iſt— Gabrielle.— Du, mein Groß⸗ vater, welcher dort unter dem prunkenden Tempel ſchläft, würdeſt Du wohl, der Du ſo mild, ſo frei von allen engherzigen und kleinlichen Ideen warſt, es für eine Sünde angeſehen haben, daß ich dieſes ungewöhnliche Mädchen liebe? Nein, du würdeſt es nicht; das ſagt mir eine Stimme in meinem Herzen.— O, daß Du mir aus Deiner Gruft eine Antwort auf meine Frage geben könnteſt! In dieſem Augenblick trat der Mond aus der dünnen Wolke hervor, welche an ſeiner Silberſcheibe vorbeigeſchwebt war, und klar und glänzend fielen ſeine Strahlen auf Abrahams Haupt. Es war, als wenn der bleiche Stern der Nacht ihm einen freundlichen Gruß von dem Todten bringen wollte und ihm erklären, daß keine Sünde in des Jünglings Liebe läge. Kurze Zeit darauf ſaß Abraham wieder am Tiſch. Seine Stirne war jetzt klar und wolkenfrei gleich dem Abendhimmel und ſein Blick lebhaft und glän⸗ zend. Fort waren alle traurigen Gedanken und ſchmerzlichen Reflexionen darüber, wie er handeln ollte. Sein Entſchluß war gefaßt. Für Abrahams leicht bewegliche Seele war der Uebergang vom Wankelmuth zur Entſchloſſenheit, 110 vom Grübeln zu lachenden Hoffnungen augenblicklich. Er hatte einen leichten Sinn, und nahm deßhalb die Ereigniſſe und das Schickſal leicht. Jung erxaltirt und leidenſchaftlich, konnte er ſich nicht entſchließen, dem, was er für das größte irdiſche Glück anſah, zu entſagen. Gabrielle und er ſollten ein Paar werden. Als verheirathete Leute ſollten ſie Frankreich verlaſſen und ſchreiben, ſo eindringlich an den Vater ſchreiben, daß dieſer, dadurch gerührt, ſie zurückrufen würde, um ſeinen Segen zu empfangen. Nicht eine Secunde zweifelte Abraham daran, daß dies ihm gelingen würde. Seinem veränderlichen Gemüth war es unmög⸗ lich, einen ſo conſequenten und unerſchütterlichen Cha⸗ zu begreifen, wie denjenigen, welchen Elias beſaß. Der Vater hatte ja außerdem kein Verbot aus⸗ geſprochen, hatte nicht gezürnt oder mit irgend einem Fluch gedroht, ſondern nur geſagt,— daß er dem Sohne und deſſen chriſtlicher Braut ſeine Thüre ver⸗ ſchlöſſe. Abraham würde es nicht ſchwer halten, die ver⸗ ſchloſſene Thüre wieder zu öffnen, deſſen war er ganz ſicher. Solche Gemüther beſitzen eine außerordentliche Raſchheit darin, Schlüſſe zu ziehen. Als Abraham etwas ſpäter hinunterging, um ein Stündchen mit der Mutter zu plaudern, die er ſeit zwei Tagen nicht geſehen, war er vollkommen über⸗ zeugt, daß der Entſchluß, welchen er gefaßt, der glück lichſte für ſie Alle ſei. 5 111 Abrahams Gefühl leitete ſein Urtheil ganz und gar irre, ſonſt würde dies ihm geſagt haben, daß in der ruhigen und paſſiven Abneigung des Vaters gegen die Verbindung weit mehr Unerſchütterlichkeit lag, als in dem heftigſten Zorn. Alle ſtarken und gewaltigen Gefühle haben einen Uebergang; aber diejenigen, welche ein ruhiges und kaltes Gepräge annehmen, ſind unveränderlich. Weder Sonne noch Regen, weder Wärme noch Kälte wirken auf ſie; ſie bleiben ſich gleich, wie auch Alles Andere ſich ändert. Außerdem mußte die Kenntniß des Charakters EFlias' Abraham darüber aufgeklärt haben, daß der Vater nicht zu denjenigen gehörte, welche ihre Ueber⸗ zeugung ändern. Diejenige, welche er einmal gefaßt, die hielt er treulich feſt. Aber welche Bedeutung haben wohl Verſtand und Erfahrung für einen jungen Mann von zweiundzwan⸗ zig Jahren, der ein exaltirtes Gemüth hat und da⸗ zu verliebt iſt? Für ihn gibt es nur goldene Hoff⸗ nungen auf ein Glück, welches niemals, oder wenig⸗ ſtens höchſt ſelten, hält was es verſpricht. Das Stündchen, das er mit ſeiner Mutter und einer jungen Verwandten, einem hübſchen, jungen jüdiſchen Mädchen, das ſich im Hauſe aufhielt, ſeit Ruth die Heimath verlaſſen, munter zubrachte, war Abraham ſich vollkommen gleich, und ſcherzte und war fröhlich wie er ſonſt pflegte. Es war unmöglich in dem übermüthig lächeln⸗ den Geſicht irgend eine Spur von den Gemüthsbe⸗ wegungen zu entdecken, welche einige Augenblicke vorher in ſeiner Seele einander abgelöst hatten. 112 Ebenſo wenig konnte man etwas bemerken, das darauf deutete, daß er einen entſcheidenden Entſchluß für die Zukunft gefaßt. Um wahr zu ſein, müſſen wir zugeben, daß ernſte Gedanken und Betrachtungen nicht Abrahams ſchwache Seite waren. Das Leben hatte ihm noch nicht das böſe Geſicht der Wirklichkeit gezeigt, ſondern er ſah es durch den verſchönerten Spiegel der Phantaſie. Von den im Salon Verſammelten unbemerkt war Elias einige Augenblicke ſpäter als der Sohn ein⸗ getreten. Mit zuſammengezogenen Augenbrauen und miß⸗ vergnügter Stirne blieb er beim Schalle von Abra⸗ hams heiterem Lachen ſtehen. Er betrachtete den Sohn, während es dachte: — Welch' hoher Grad von Leichtſinn! — Kaum ſind es zwei Stunden her, daß ich ihm meinen Entſchluß mittheilte, und doch kann er jetzt ſcherzen und Poſſen machen, als wenn nichts paſſirt wäre. Kann wohl die Liebe, die in einem ſolchen Herzen wohnt, irgend eine Tiefe oder Dauerhaftig⸗ keit beſitzen? Unmöglich! Er wechſelt Gefühle mit derſelben Leichtigkeit, wie Kleider. Ernſt und Thor⸗ heit löſen bei ihm unaufhörlich einander ab, ſo daß er nicht fähig iſt zu begreifen, was eine tiefe, ſtarke Leidenſchaft oder ein wirklicher Schmerz ſagen will. Alles iſt eine Eingebung des Augenblicks, Alles lebt und ſtirbt mit dieſem. Ob nun der an Erfahrung ſo reiche Elias den Sohn richtiger beurtheilte als dieſer den Vater? Wir glauben es nicht. — 113 Es iſt ein gewöhnlicher Fehler bei ſtrengen Charak⸗ teren, daß ſie lebhaften Gemüthern Tiefe und Be⸗ ſtändigkeit des Gefühls abſprechen. Oft beſitzen die Letztern weit mehr davon als die Erſteren. Das ſcheinbar Veränderliche liegt nämlich nur im Aeußeren, denn der innere Reichthum an Gedanken und Ideen gibt ihren Handlungen etwas ewig Wechſelndes. Ein und dasſelbe Gefühl kann ſie beherrſchen; aber es wechſelt immer die Geſtalt, und dadurch wird man bei der Auffaſſung ihres Charakters irre geleitet. Am folgenden Vormittag klingelte es heftig an Madame Moulins Thürglocke. Als die gute Frau ſelbſt öffnete, ſtand Abraham vor ihr mit einem Blick ſo ſtrahlend und fröhlich, daß derſelbe Alles ausdrückte, was die Menſchenſeele an lächelnden Hoffnungen in ſich trägt. — Ach, ſind Sie es, Abraham!— ſagte Ma⸗ dame Moulin.— Was ſuchen Sie denn noch hier? — Mein Glück, meine Gabrielle! Ach, Madame, Sie wiſſen nicht, wie glücklich ich bei dem Gedanken bin, volle Freiheit zu haben, mich mit derjenigen zu verheirathen, die ich lieb habe. Madame Moulin ſah ihn an und ſchüttelte dann traurig den Kopf. 8 — Haben Sie die Einwilligung zu der Verbin⸗ dung zwiſchen Ihnen und Gabrielle erhalten? fragte ſie. — Er hat mir das Recht gegeben zu handeln i Schwartz, Geburt u. Bildung. M. 8 114 — Wie es Ihnen Ihr Gewiſſen ſagt— ſiel Madame Moulin ein. Damit will er ſagen: Ich bezweifle nicht, daß mein Sohn der Achtung vor dem Willen ſeines Vaters den erſten Platz ein⸗ räumen wird. — Madame, als mein Vater es mir überließ, dazwiſchen zu wählen, mein zukünftiges Glück zu opfern oder mir dasſelbe anzueignen, ſah er wohl ein, daß die Wahl nicht zweifelhaft ſein konnte. Ich liebte nicht, wie ich es thue, wenn ich Alles, was das Herz liebt, einer bigotten und fanatiſchen religibſen Auffaſſungsweiſe opfern könnte. Weder Sie noch irgend Jemand kann das verlangen. Abraham ergriff Madame Moulins Hände und fügte hinzu: Mein Vater hat geſagt:„Ich ſegne nicht, aber ich verbiete auch nicht eine Verbindung zwiſchen Dir und derjenigen, die Du liebſt.“ Madame, er wird ſie eines Tages ſegnen. Ich weiß es, ich fühle es. — Abraham, jedes Wort, welches Sie an mich verſchwenden, iſt weggeworfen. Ueber dieſen Gegen⸗ ſtand habe ich nichts mehr zu ſagen. Meine Tochter hat ſelbſt über Ihr und ihr Schickſal entſchieden. Sie hat dabei ſo gehandelt, wie ich das Recht hatte, es von dem Kinde ihres Vaters zu erwarten. Madame Moulin überreichte Abraham einen Brief und fügte hinzu: — Leſen Sie dieſes, Sie werden daraus erfah⸗ ren, was Gabrielle beſchloſſen hat. Abrahams Stirne wurde todesbleich. — Er ahnte, daß der Brief, den er in der Hand 1 „ 11⁵ hielt, ſeinen ſchönen Traum von Grund aus zerſtö⸗ ren würde. Zögernd brach er das Siegel und las: „Mein Abraham! In dieſem Augenblick, wo ich Dir ein langes, ewiges Lebewohl zu ſagen im Begriffe ſtehe, iſt es mir ein ſchmerzlicher Troſt, mein zu ſagen. Es iſt das erſte Mal, daß ich Dich ſo nenne,— und es wird auch das letzte Mal ſein.— Ich weiß es. Es ſind jetz zwei Jahre her, daß ich Dich ken⸗ nen lernte; zwei Jahre, daß mein Herz Dich geliebt hat. Erſt geſtern und heute habe ich es begriffen, wie lieb Dich dieſes Herz hat. Die Zeit wird ihr Rad vorwärts rollen laſſen; ich werde von einem Mädchen zum Weib, von einem jungen Weibe zur Greiſin werden; aber meine Liebe zu Dir wird doch dieſelbe bleiben. Sie wird die Flamme werden, welche mich durch das Leben in die Ewigkeit hineinleuchten wird. Ein Gefühl ebenſo ſtark wie heftig, ebenſo un⸗ auslöſchlich wie warm. Es iſt heilig und ernſt wie eine Gabe von Gott, mächtig wie das Leben, treu wie der Tod. Die Worte: Ich liebe Dich, bedeuten, daß 6 aufgehört habe, in einem Andern als in Dir zu leben. Mein Glück, mein Friede, meine Zukunft, Alles iſt mit Deinem Bilde verſchmolzen, exiſtirt nur in Dir und wird jetzt— für Dich geopfert. Da ich Dir geſagt habe, wie ich Dich liebe, ſo wirſt Du auch einſehen, daß dieſe Liebe nur zur Entſagung führen kann. Sie iſt nicht für dieſes Leben. Dein Gefühl für mich iſt ei ebenſo 116 ſtark; aber es iſt nicht gleich frei von Egoismus; denn ſonſt würdeſt Du Dir nicht die Möglichkeit gedacht haben, daß für uns irgend ein irdiſches Glück blühen könnte, für uns, Kinder verſchieden⸗ artiger Völker, verſchiedenartiger Ideen und ver⸗ ſchiedenartiger Glaubensbegriffe. Mein Abraham, welcher ſeinen Vater liebt und bewundert, wird dasjenige Glück nicht genießen kön⸗ nen, welches für ſeinen Vater einen bitteren Schmerz enthält. Unmöglich! Wir müſſen uns alſo trennen. Während ich Dich geliebt habe, dachte ich nicht an die Zukunft und habe nie darüber reflectirt, daß wir in ungleicher Religion erzogen ſind. Mein Herz hat ſich nur derjenigen Zärtlichkeit hingegeben, von welcher es erfaßt war, und ich lebte nur in dem Augenblick. Ich bin nun erwacht aus meiner ſeligen Ver⸗ geſſenheit. Ich weiß, daß Dein Vater nicht mit zermalmtem Herzen die Vereinigung von meinem Schickſal mit dem ſeines Sohnes zu ſehen bekom⸗ men wird. Abraham, in einer Welt, in welcher nur der Höchſte über uns richtet, werden wir wieder verei⸗ nigt; aber in dieſem Leben ſind wir für immer ge⸗ ſchieden. Lebwohl, Liebling meines Herzens! Vergeſſe lie⸗ ber mich und werde glücklich an der Seite einer Anderen; das wünſcht diejenige, die im Tode ver⸗ bleibt Deine Gabrielle. 117 — O, Du Gott meiner Väter, erbarme Dich meiner!— rief Abraham, als er mit dem Leſen zu Ende war, und griff krampfhaft mit den Händen nach ſeiner Stirne. Etwas ſpäter am ſelben Tage erhielt Elias fol⸗ gendes Billet: „Monſieur! Meine Tochter hat Ihrer Ueber⸗ zeugung ihre Liebe geopfert.— Sie iſt ſtark und hat ein muthiges Herz, welches ihr die Fähigkeit verleihen wird, das Leiden zu ertragen; aber Ihr Sohn, welchem dieſes unbekannt war, iſt von dem Schlage, der ihn getroffen, auf eine entſetzliche Weiſe ergriffen worden. Wachen Sie über ihn, bis ſein Gemüth ſich beruhigt hat, dazu ermahnt Sie Gabrielles Mutter.“ Nach Empfang dieſes Briefes ſuchte Elias ſeine Gattin auf und bemerkte in kurzem und kaltem Tone: — Judith, Deinem Sohne iſt etwas Widerwär⸗ tiges paſſirt, das ihn ſehr ſchmerzt. Suche durch Deine liebevollen Worte ihn zur Ruhe und Erge⸗ bung in ſein Schickſal zu bringen. — Und was iſt denn das für eine Widerwär⸗ tigkeit?— fragte Judith unruhig. — Dieſelbe, die das Leben Deines Gatten zer⸗ ſtört hat: die Liebe zu einer Chriſtin,— antwor⸗ tete Elias und verließ haſtig das Zimmer. Als Judith allein war, faltete ſie die Hände über die Bruſt und ſtammelte: —„Abrahams Gott, erbarme Dich über mich und mein Kind! Verzeihe ihm, daß er ſo gegen Dich, mein Herr und Erlöſer Israels, geſündigt hat!“ Rach dieſem kurzen mit tiefer Andacht herge⸗ 118 ſtammelten Gebet nahm ſie ihren Weg nach dem Zimmer des Sohnes. Sie fand die Thüre verſchloſſen, und ihre Ver⸗ ſuche, ihn dazu zu bringen, daß er ſie öffne, blieben vergeblich. Die an der Thüre lauſchende und bittende Mut⸗ ter hörte den Schall ſeiner Tritte darinnen. Sie 8 hörte, wie er in raſtloſer Unruhe auf⸗ und ab ging; aber er blieb taub gegen ihr Rufen. So verliefen vier endlos lange Tage ohne ir⸗ gend eine andere Unterbrechung, als daß Abraham, wenn Alle in Levitains Hotel zu Bett gegangen waren, ſich daraus hinausſchlich und gleich einem Friedloſen längs den Quais herumirrte. Bisweilen kam es vor, daß er die halbe Nacht auf Pont Royale oder Pont Caroussel über die Barriere gelehnt ſtand und in die finſtere Tiefe der Seine hinabſtarrte, als wenn er von dem düſtern Ausſehen des Waſſers feſtgebannt ſei. Am fünften Morgen verließ er ganz früh ſein — Zimmer und nahm ſeinen Weg nach der Rue de LEcole de Médécine. Madame Moulin hatte ſich eben angezogen, als Abraham zu ihr hereintrat. 3 Bei ſeinem Anblick trat ſie zurück, erſchrocken über die Veränderung, welche mit ſeinem Aeußern vorgegangen war. Sein Geſicht war bleich und verſtört, ſeine Blicke ſtarr und gläſern, das Haar ungeordnet, und das Ganze zeugte von einem Leiden, welches gleich einem Sturm ſein Inneres überzogen und verwüſtet hatte. — Mein Gott, Abraham, ſind Sie krank?— ———— 119 bemerkte Madame Moulin, deren Augen Spuren eben vergoſſener Thränen trugen. — Ja, an der Seele,— antwortete Abraham mit einem tiefen Seufzer;— aber es iſt nicht mehr der Mühe werth, davon zu reden. Der Schlag, der mich getroffen, hat mein Herz zerſchmettert. Daß ich lebe, begreife ich ſelbſt nicht.— Ich, der noch vor einer Woche nicht wußte, was Kummer und Lei⸗ den ſagen wollen, habe jetzt auf eine entſetzliche Weiſe mit ihnen Bekanntſchaft gemacht. Das Leben iſt mir eine Laſt; aber Gabrielle und meine Eltern ſollen nicht das bittere Bewußtſein haben, daß ich nicht im Stande geweſen ſei, es zu ertragen. Und doch würde dieß der Fall ſein, wenn ich in Frank⸗ reich bliebe. Ich bin deshalb gekommen, um Ihnen Lebewohl zu ſagen, bevor ich abreiſe. Er ergriff die Hand Madame Moulins, bedeckte ſie mit Küſſen und ſtammelte. — Haben Sie Dank für das Glück, welches ich genoſſen; haben Sie Dank für alle Stunden reiner und wirklicher Freude, welche Ihre mütterliche Zu⸗ neigung mir geſchenkt, und denken Sie mit Wohl⸗ wollen an denjengen, welcher ſich ſtolz und glücklich gefühlt haben würde, Sie Mutter nennen zu dürfen. Verzeihen Sie mir, daß ich die Urſache bittern Kum⸗ mers geweſen; denn durch mich iſt Ihnen Gabrielle geraubt worden. — und wohin gedenken Sie zu gehen?— fragte Madame Moulin mild. — Nach Algier.— Ich beabſichtige Kriegsdienſte zu nehmen.— Der Tod, den ich hier in der Hei⸗ 120 math nicht zu ſuchen wage, wird mich vielleicht dort ereilen. — Der wird dann einem Daſein ein Ende machen, welches ſo elend iſt wie jetzt das meinige. — Cgoiſtiſches Kind! Denken Sie nicht an den Kummer, welchen Sie dadurch Ihren Eltern be⸗ reiten? — Madame, derſelbe würde größer werden, wenn ich hier bliebe. Sprechen Sie nicht zu einem Ge⸗ müth, welches ſo lebhaft und heftig iſt, wie das meinige, von ſtillem Ergeben in mein Schickſal! Ich kann es nicht.— Das Unglück iſt mir fremd gewe⸗ ſen; ich vermag nicht, es weder mit Seelenſtärke noch mit Geduld zu ertragen. Ich bin ein Schooß⸗ kind des Glückes geweſen, und hatte nur nöthig zu wünſchen, um das zu erhalten, was ich wünſchte. Nun wohl, ich bin nicht an den Schmerz gewöhnt; ich kann mich nicht mit demſelben vertragen, und bevor ich unterliege, muß ich hinaus auf den Kampf⸗ platz. In dem wilden und aufregenden Streite wird das äußere Elend mich das vergeſſen machen, welches mein Herz birgt. Nennen Sie es moraliſche Feigheit, wenn Sie wollen, ich kann dem nicht helfen. Ich bin kein geborner Stoiker, ſondern leide und freue mich mit all der Uebertreibung, welche in der menſch⸗ lichen Natur liegen kann. In Beziehung auf die Auffaſſung und die Be⸗ urtheilung der Gefühle und Schwächen der Jugend hatte Madame Moulin einen ungewöhnlich klaren Blick. Sie ſah ein, daß hier alle Vorſtellungen und alle Appellationen an die kindliche Liebe ohne Wirkung bleiben würden. — — ,———— 121 Abraham mit ſeinem hitzigen Blut und noch im Beſitz des trotzigen Egoismus der Jugend, betrach⸗ tete ſich ſelbſt als ein Opfer der Intoleranz des Vaters. Er konnte deshalb ſeine Seele keinem an⸗ deren Einfluß zugänglich machen, als demjenigen, welchen ſein Kummer auf ihn übte. Madame Moulin ſagte auch nicht ein einziges abmahnendes Wort. Ein von Leidenſchaften aufgeregter Menſch gleicht einem Trunkenen; es iſt vergeblich, ihn mit Ver⸗ nunftgründen zur Beſinnung bringen zu wollen. Das ganze Ausſehen Abrahams zeugte davon, daß ſein Inneres unter der Herrſchaft eines ſchmerz⸗ lichen Kummers ſtände. Seine Geiſtesfunctionen waren ganz aus ihrer normalen Wirkſamkeit heraus⸗ gerückt, und es war deshalb mit einer wirklich müt⸗ terlichen Theilnahme, daß ſie ihm Lebewohl ſagte. Abraham drückte die Hand von Gabrielles Mutter an ſeine Lippen, und er glich in dem Augenblick, wo er aus dieſem Hauſe hinausſtürzte, in welchem ſein Glück aufgeblüht und dahingeſtorben war, mehr einem Wahnſinnigen, als einem vernünftigen Men⸗ ſchen. In ſeinem Arbeitszimmer ſaß Elias Levitain. Er war eben von der Börſe gekommen und war in ſein Zimmer hineingegangen, um einen Brief zu leſen, den der Portier ihm übergeben hatte. Dieſer Brief war von Madame Moulin und folgenden Inhalts: 122 „Bevor Sie und ich Zeugen der vollſtändigen Vernichtung des Glücks unſerer Kinder werdeu, mögen Sie mir eine Unterredung gewähren. Sie werden heute erwartet von Gabrielles Mutter.“ — Was kann ſie mir ſagen wollen?— dachte Elias und legte den Brief zuſammen. — Sollte ihre Tochter es bereut haben? Nein, das Mädchen ſah nicht ſo aus, als wenn ſie zu denen gehöre, die etwas halb thun. —„Das Glück unſerer Kinder,“ wiederholte Elias und begann im Zimmer auf⸗ und abzugehen. — Kann wohl irgend ein Glück begründet werden, ohne einen gemeinſchaftlichen Glauben?— Wir müſſen in Gott vereinigt ſein, um eins hier auf der Erde zu werden. Er blieb ſtehen und betrachtete ein Gemälde, welches über dem Sopha hing. Es war ein Por⸗ trait von Jacob Levitain. Bin ich etwa zu ſtreng geweſen?— fuhr Le⸗ vitain in Gedanken fort.— Vielleicht hätte ich Abraham aufſuchen ſollen und ihn gezwungen haben, die Thüre aufzuſchließen, welche ſeiner Mutter ver⸗ ſchloſſen blieb! Aber, wozu hätte das genützt? Mein Gemüth iſt nicht ſo mild, wie das Deinige war, mein Vater. Ich kann nicht tröſten und nicht den Schmerz Anderer mildern, wie du es thateſt. Viel⸗ leicht kommt es daher, daß ich nie in der Lage war, mein eigenes Innere mit einem heilenden Balſam zu umgeben, wenn es von tauſend Wunden blutete. Sorgen und Prüfungen haben die Saiten meines Herzens berſten gemacht. Jetzt iſt es geradezu un⸗ ₰ 123 möglich, ihnen einen Ton von zärtlicher und milder Natur zu entlocken. Doch, ich werde mit meinem Sohne ſprechen,— ſprechen, wie es dem einen Mann geziemt mit dem andern zu ſprechen. Die Worte: Der Tiſch iſt ſervirt!— unter⸗ brachen Elias. Beim Mittagstiſch fand Abraham ſich ein. Er war bleich und ſtill. Madame Levitain unterdrückte ihre Thränen und war unfähig zu eſſen. Ihre Augen waren wie feſt⸗ gebannt an das abgezehrte Geſicht des Sohnes. Nach Tiſch gab Elias Befehl, daß man ſeine Kutſche anſpannen ſollte und Abraham verlangte ein Privatgeſpräch mit der Mutter. Zwiſchen Vater und Sohn wurde weder während noch nach der Mahlzeit ein einziges Wort gewechſelt. Als der Kaffee getrunken war, küßte Elias ſeine Frau auf die Stirne, nickte dem Sohne ganz kalt zu und entfernte ſich. Mit dem Kopf gegen die Bruſt der Mutter gelehnt, erzählte Elias, als ſie allein waren, ihr die traurige Geſchichte ſeiner Liebe. Wir laſſen ſie während dieſer ſchmerzlichen Au⸗ genblicke allein. — Monſieur, Sie können möglicherweiſe in dem, was ich jetzt zu Gunſten der Verbindung meiner Tochter mit Ihrem Sohne ſage, einen eigennützigen Zug ſehen,— bemerkte Madame Moulin gegen Elias Levitain, als ſie in dem einfachen Vorgemach der 124 erſteren zuſammenſaßen und ſprachen.— Sie ſind reich und ich bin arm. Sie mögen immer meine Motive verkennen, aber ich habe dafür gehalten, doß ich dies risquiren müßte, da die Pflicht mir gebot, für das Glück der jungen Leute zu wirken. — Und ich gebe Ihnen die Verſicherung, Ma⸗ dame, daß es mir keinen Augenblick eingefallen iſt daran zu denken, daß ich reich,— aber wohl, daß ich ein Jude bin,— antwortete Elias.— Mein Reichthum iſt Etwas, was ich mir nicht zum Ver⸗ dienſt rechne; aber auf meine Geburt als Israelit bin ich ſtolz. — Dieſem letzteren opfern Sie alſo das Leben zweier Menſchen. — Ich opfere ſie nicht; aber ich würde mich lieber tödten laſſen und auch meinen Sohn ſterben ſehen, als meiner Ueberzeugung untreu werden. Ich kann eine Verbindung nicht ſegnen, welche nach meiner Auffaſſung der jüdiſchen Lehre als eine Sünde ge⸗ gen den Gott unſerer Väter angeſehen werden muß. Der Ton Elias' war kalt; ſein Aeußeres uner⸗ ſchütterlich. Ohne hierauf eine Antwort zu geben, ſagte Ma⸗ dame Moulin: — Ich habe als Chriſtin, als Menſch und als Mutter Alles gethan um Sie zu einer etwas toleran⸗ ten Anſicht zu bewegen; ich habe aus der Tiefe meiner betrübten Muttergefühle zu Ihrem Vater⸗ herzen geſprochen; aber Sie ſind gegen Alles gefühl⸗ los geblieben und haben dadurch bewieſen,— daß der Fanatismus, wo derſelbe auch emporkeimen mag, etwas Fürchterliches iſt. Ich habe auch nichts wei⸗ „ 125 ter zu thun, als weit weg zu fliehen mit meinem unglücklichen Kinde. Bevor wir uns trennen, will ich Ihnen jedoch Etwas erzählen, was ſich vor ſieben Jahren in der Schweiz zutrug. Sie können daraus eine Parallele zwiſchen dem Fanatismus und der Toleranz ziehen. „Eines Abends kam zu einem chriſtlichen Weibe eine arme und kranke Jüdin, welche auf ihren ab⸗ gemagerten Armen ein Kind von ungefähr drei Jahren trug. Sie bat um ein Nachtlager für ſich und ihr Kleines, was ſie auch erhielt. In der Nacht wurde die Jüdin noch kränker und nach einigen Tagen lag ſie in ihren letzten Zügen. Das chriſtliche Weib hatte während ihrer Krank⸗ heit ihr und ihrem Kinde alle mögliche Sorgfalt gewidmet, welche ihre Lage erforderte. Als die Jüdin fühlte, daß ſie ſich dem Tode nähere, quälte ſie der Gedanke an ihr Kind, das ſie hinterlaſſen würde. Das chriſtliche Weib verſprach ihr, der kleinen Elternloſen Mutter zu werden; aber die Unruhe der Jüdin wurde dadurch nicht geſtillt, da ſie nicht haben wollte, daß die Tochter zur Chriſtin erzogen werde. Wiſſen Sie, was das chriſtliche Weib dann that? Sie verpflichtete ſich, das Kind in der jüdiſchen Lehre zu erziechen; und ſie hat auch ihr Verſprechen ge⸗ halten. Nun frage ich: hätte ſie ſo handeln können, wenn ſie, gleich Ihnen, einer ſo engherzigen Religionsauf⸗ faſſung gehuldigt, daß ſie nichts von der Berührung mit Anderen, als denjenigen, die denſelben Glauben haben, wiſſen wollte? 126 Merken Sie wohl, dieſes Weib, das ſich verpflichtete, das Kind einer Anderen in einem ihr ſelbſt fremden Glauben zu erziehen, hatte eigene Kinder, welche ſie zu guten Chriſten heranzubilden wünſchte; und doch unterließ ſie es nicht dem jüdiſchen Kinde die⸗ ſelben Umarmungen wie den ihrigen zu Theil wer⸗ den zu laſſen. Wer, Monſieur, glauben Sie nun, beſitzt die wahrhaftigſte und richtigſte Auffaſſung von Gott, das chriſtliche Weib, oder Elias Levitain? Er, wel⸗ cher aus religiöſer Unduldſamkeit eine Chriſtin nicht ſegnen kann als die Gattin ſeines Sohnes, oder ſie, welche im Kleinen die Anſicht zur Geltung zu brin⸗ gen geſucht hat, daß der Allgütige in ſeinen Armen Raum hat für Alle. Der wahre chriſtliche Menſch hat von ſeinem großen Meiſter gelernt, durch Liebe, Verträglichkeit und Barmherzigkeit Gott anzubeten. Wir verehren den Höchſten nicht dadurch, daß wir ringsum uns Leiden ſchaffen und Thränen des Schmerzes auspreſſen, ſondern durch das Gute, das wir für unſere Nächſten wirken können. — Madame, wer hat denn mehr Leiden und Verfolgungen verurſacht, als die Chriſten?— fiel Flias bitter ein. — Ich ſprach hier von denjenigen, welche in dem Sinne wahre Chriſten ſind— in welchem der Herr ſelbſt die chriſtliche Lehre predigte, und nicht von denen, welche ſeine Worte mißbraucht haben. — Mag ſein, aber trotz dem iſt kein halbes Jahrhundert verfloſſen, ſeit man hier in Frankreich die Ehe zwiſchen einer Chriſtin und einem unge⸗ tauften Juden als ein Verbrechen betrachtete. 127 — Uund jetzt machen Sie ſich derſelben Intoleranz ſchuldig, welche Sie damals bei den Chriſten ver⸗ dammt haben würden? Sie, der Sohn eines Volkes, das durch dieſe verkehrten Begriffe ſo viel gelitten, Sie bringen dieſelben in Ihrer Familie zur Anwen⸗ dung, und das, nachdem ganz Frankreich die Noth⸗ wendigkeit ihrer Ausrottung eingeſehen hat. Sie werden zugeben, daß das, was Ihre Brüder in ver⸗ gangenen Zeiten gelitten und in verſchiedenen Län⸗ dern noch leiden, Sie nicht gelehrt hat in religiö⸗ ſer Beziehung liberaler zu werden, da Sie lieber Ihr Kind auf der Bahre, als mit einem chriſtlichen Mäd⸗ chen verheirathet ſehen möchten. Ach, Monſieur, wie iſt es möglich, dergeſtalt die Abſichten des Höchſten mit unſerem Daſein mißzuverſtehen? — Madame, ebenſo unerſchütterlich wie Sie in Ihrem ſogenannten Liberalismus ſind, ebenſo uner⸗ ſchütterlich bin ich in der Ueberzeugung, daß Indivi⸗ duen, welche verſchiedenen Glaubenslehren angehören, getrennt leben und nie mit einander durch ein ver⸗ traulicheres Band verbunden werden dürfen. Wenn ich im Mittelalter gelebt und man mir die Wahl gegeben hätte zwiſchen dem Scheiterhaufen und der eheligen Verbindung zwiſchen einem Juden und einem Nichtjuden meinen Segen zu geben, ſo würde ich den Scheiterhaufen gewählt haben. — In einem ſolchen Fall, Monſieur, iſt das Ur⸗ theil über unſere Kinder geſprochen,— ſagte Ma⸗ dame Moulin mit bleichen Lippen.— Erinnern Sie ſich einſt, wenn Sie an dieſe Unterredung zurückden⸗ ken, daß eine Mutter Sie nicht allein um das Glück ihrer Tochter, ſondern auch um das Ihres Sohnes gefleht hat. Sie haben mich vergebens bitten laſſen. Möge Gott es Ihnen erſparen, daß Sie eines Tages bereuen müßten, ſo unbeweglich geweſen zu ſein! Madame Moulin hatte ſich erhoben und ſtand vor Elias. Sie trug ihr Haupt mit milder Reſig⸗ nation. Elias erhob ſich ebenfalls. Als Antwort auf ihre Worte ſagte er mit kalter und ruhiger Stimme: — Schwach würde die Liebe zum Glauben mei⸗ ner Väter ſein, wenn ich aus Schwäche für meine Kinder denſelben verrathen könnte. Ich habe meiner Pflicht gemäß gehandelt, wie Sie auch glauben in Uebereinſtimmung mit der Ihrigen gehandelt zu haben. Wenn man dem Gebote der Pflicht gehorcht, ſo braucht man nicht zu fürchten von der Reue heim⸗ geſucht zu werden. Er verbeugte ſich vor Madame Moulin. — Die Pflicht ohne Liebe und Mitleid iſt eine Waffe, welche verwundet,— antwortete Madame Moulin und begleitete ihren Gaſt zur Thüre. Als ſie allein war, ſank ſie auf die Kniee und flüſterte: — Gott Vater, gebe mir Muth, den Kummer meiner Tochter zu ertragen! Als Elias nach dem Beſuch bei Madame Moulin in den Salon trat, welcher außerhalb ſeines Zimmers lag, fand er Abraham dort ſitzen. 129 Beim Anblick des Elias ging Abraham ihm entgegen. — Ich möchte mir die Erlaubniß ausbitten, meinem Vater einige Worte ſagen zu dürfen,— ſagte Abraham. Ohne zu antworten gab Elias ein Zeichen, daß der Sohn ihm folgen ſolle. Als ſie ſich in dem Arbeitszimmer des Elias be⸗ fanden, ſetzte dieſer ſich in ein Sopha. Abraham blieb ſtehen. — Du haſt oft den Wunſch ausgeſprochen, mein Vater, daß ich mir einen Beruf wählen möchte,— fing Abraham an.— Das habe ich jetzt gethan. — Das iſt nicht zu früh, mein Sohn,— ant⸗ wortete der Vater kalt.— Du gehſt jetzt in Dein dreiundzwanzigſtes Jahr. Nun— was gedenkſt Du zu werden? — Militär.— Ich gehe nach Algier, um an dem Kriege dort theilzunehmen. Dieſes iſt die einzige Beſchäftigung, welche jetzt mit meinem Gemüth und meiner Stimmung übereinſtimmt,— der einzige Weg, den ich betreten kann. Glias hatte ſeinen Sohn zu Ende ſprechen laſſen, ohne ihn durch irgend einen Ausruf oder eine Bewegung der Ueberraſchung zu unterbrechen, aber bei jedem Worte, das Abraham ſprach, wurde das ſtrenge Ge⸗ ſicht noch ſtrenger und die dunkeln Augen noch düſterer. — Warum haſt Du beſchloſſen, ein Sklave zu werden?— fragte Elias. — Weil ich unglücklich bin. Schwartz Geburt u. Bildung. IM. 9 130 — Sage lieber, daß Du Dich dadurch an Dei⸗ nem Vater rächen willſt. Der Ton des Elias klang ſcharf. — Mein Vater, mein Entſchluß rührt nur da⸗ her, daß ich es nöthig habe, hinauszukommen, an wilden und aufregenden Scenen theilzunehmen, Gerade und Ungerade mit dem Tode zu ſpielen und zu ver⸗ geſſen, wie namenlos unglücklich ich bin. — Du biſt alſo alles geworden, was ich verab⸗ ſcheue. Ein lauer, religöſer Menſch mit einem wil⸗ den, unbezähmbaren Geiſte, und einem Gemüth, wel⸗ ches Genuß darin findet, als uniformirter Henker zu — ſchlachten. Es bleibt nur noch übrig, daß Du ein Mann ohne Treue und Ehre wirſt. — um dies zu werden, wäre es erforderlich, daß ich keinen Tropfen von meines Vaters Blut in mei⸗ nen Adern hätte,— antwortete Abraham kalt. — Es ſieht wirklich aus, als wenn Du es nicht hätteſt. Alle Deine Handlungen verläugnen es. Du haſt als Rebell in den Straßen von Paris gekämpft, — in denſelben Straßen, in welchen ich ſo viel un⸗ ſchuldiges Blut fließen ſah. Du biſt als ein ſchwan⸗ kender und ſchwacher Menſch Deinem Gott und Israel untreu geworden, als Du im Begriff ſtandeſt, ein chriſtliches Mädchen zu heirathen, und jetzt,— jetzt geht der politiſche Freiheitsheld, der moraliſche Frei⸗ heitsprädikant, um an einem Eroberungskrieg theilzunehmen. Es fehlte nur noch, daß der Jude Abraham Levitain den Chriſten beiſtehe, mit Gewalt die mohammedaniſchen Araber zu zwingen, die chriſt⸗ liche Lehre anzunehmen. Du wirſt zugeben, mein 131 Sohn, daß Du auf eine fürchterliche Weiſe die Tu⸗ genden verleugneſt, welche die Mitglieder der Levi⸗ tain'ſchen Familie ausgezeichnet haben. Elias ſprach mit eiſiger Bitterkeit. Abraham blieb ſtill und unbeweglich. — Iſt das Dein feſter Entſchluß, Militär zu werden?— wiederholte der Voter nach einer Weile. — Ja!— Ich kann nicht anders handeln. Ich bin nicht der Erſte, der in der Ehrſucht Erſatz für das ſucht, was er durch die Liebe verloren.— Es liegt ebenſo wenig in unſerer Familie, halb zu lieben, als Treue und Ehre zu verrathen. — Eine von Blut triefende Ehre vermag Dich alſo für das zu tröſten, was Du verloren haſt? Ich glaubte, daß eine edle Seele andere Mittel nöthig hätte, um die Wunden des Schmerzes zu heilen. — Gdel oder nicht edel, ſo iſt es der einzige Ausweg, welcher übrig bleibt. Schon morgen ver⸗ laſſe ich Paris. Verzeihe Deinem Sohne, Vater, wenn er nicht im Stande iſt, anders zu handeln! — Es wird mir ſchwer fallen, es zu thun,— antwortete Elias, ohne daß irgend eine Bewegung in ſeiner Stimme oder in ſeinem Geſicht bemerk⸗ bar war. — O, Vater, ſpreche nicht ſo, ſondern gebe mir Deinen Segen als Begleiter nach dem unbekann⸗ ten Lande!— ſtammelte Abraham und beugte ein Knie vor dem Vater. — Soll ich denjenigen ſegnen, welcher ohne allen andern Beweggrund, als Ungeduld im Ertragen von Schmerzen, hinauszieht, um ſich mit Menſchen zu ſchlagen, die nie etwas gegen ihn n 132 Nein, mein Sohn, das erwarte nicht von mir!— Wenn Du ſo viel Blut fließen geſehen haſt, wie ich, und Zeuge ſo vielen Elends und Jammers geweſen, wie ich geſehen, dann wirſt Du erſt begreifen, daß jeder rechtlich geſinnte Menſch zurückſchaudern muß vor den Gräßlichkeiten, welche das Schwert hervor⸗ ruft.— Deine Rückkehr in das väterliche Haus wird er ſegnen, aber nicht Deinen Weggang aus demſelben. Elias reichte Abraham die eine Hund und fügte hinzu, indem er mit der anderen auf Jacobs Por⸗ trait deutete: — Siehe zu, daß Du nicht mit zu viel Reue und Scham vor ſein Bild treten mußt, wenn Du ſpäter auf derſelben Stelle ſtehſt. Gehe, und er⸗ werbe Dir Orden und Bänder, zeichne Dich als Krie⸗ ger aus, aber erinnere Dich, daß Du dadurch alle die Hoffnungen zerſtört haſt, welche ich auf Dich ge⸗ ſetzt. Diejenige Ehre, welche Du mit dem Schwerte gewinnſt, wird Dein Vater nie anders als mit Gram betrachten. Ich glanbte in Dir einen Enkel erzogen zu haben, würdig meines edlen Vaters, ausgezeich⸗ net als Menſch durch Kenntniſſe, Bildung und er⸗ habene Eigenſchaften der Seele. Ich täuſchte mich. Ich habe ſtatt deſſen einen willigen Sclaven egoiſti⸗ ſcher Begierden erzogen. Und jetzt, mein Sohn, trennen ſich unſere Wege.— Wenn ſie ſich wieder begegnen,— ob das überhaupt je geſchieht— dann hat das Leben Dich vielleicht gelehrt, daß man nicht wie launiſche Kinder mit der Liebe und Nachſicht der Eltern ſpielen darf, oder ihre heiligſten Gefühle mit Füßen treten. Elias hatte Recht; ganz anders ſollte das Leben —— 133 Abraham erſcheinen, wenn er das nächſte Mal auf demſelben Platze ſtehen würde. Jetzt war er jung, im Herzen verwundet, und viel zu ſehr von der Theilnahme für ſich ſelbſt be⸗ herrſcht, um von irgend etwas Anderem bewegt zu werden. Er führte auch ſchweigend die Hand des Voters an ſeine Lippen, preßte ſie feſt an ſeine Bruſt und eilte hinaus. Den Tag darauf lag Madame Levitain und weinte einer troſtloſen Mutter bittere Thränen über den Verluſt des Lieblings ihres Herzens, welcher fortgezogen war, um mit den Gefahren und dem Tode zu ſpielen. Armes Weib, wer mißt die Tiefe Deines Schmer⸗ zes? Wer wird Balſam des Troſtes in Deine Wun⸗ den träufeln? Ja, Er, welcher ſich über Alle er⸗ barmt, die ihn lieben. Aufrecht ſtehend und mit ſtolzer Haltung hatte Elias den Wagen des Sohnes durch das Thor des Hotels rollen hören, ohne daß er dabei eine Bewe⸗ gung gemacht, um ihn zurückzurufen. Ein einziges Wort, ein einziges, und die Freude des Lebens würde dem Sohn und der troſtloſen Mutter zugelächelt haben; aber dieſes Wort hätte ja eine Verleugnung der Ueberzeugung des Elias ent⸗ halten. Gleich einem zweiten Abraham opferte er ſeinen Sohn ſeinem Gott. Was dieſes Opfer den verſchloſſenen und düſtern Mann koſtete, davon ſprach kein Seufzer und kein 134 ſchmerzlicher Ausdruck in ſeinem Geſicht, ſondern alles barg ſeine Bruſt in ſeiner undurchdringlichen Wöl⸗ bung, die feſt und ſchweigend war wie Granit. Ein Diener klopfte leiſe an die Thüre und trat dann herein mit einem Brief auf einem ſilbernen Teller. Elias nahm den Brief und erbrach ihn. Als er die Zeilen durchgeblickt, griff er haſtig mit der Hand an die Stirne und rief im Tone verzweifelten Schmerzes: — Dieſe letzte Prüfung fehlte mir noch! Da⸗ rauf ſank er zurück in das Fauteuil, als wenn er 3 nicht im Stande geweſen wäre, ſich aufrecht zu halten. der Brief enthielt nur folgende Worte; „Flias Levitain, es war Sophie d'Escare, welche geſtern für Ihren Sohn und ihre Toch⸗ ter bat. Diejenige, welche Sie ſeit acht und dreißig Jahren vergebens geſucht haben, verläßt jetzt wieder Frankreich, um nie mehr dahin zurückzukehren. Möge der Höchſte Alle von Levitains Geſchlecht ſegnen!“ Am Bord auf demſelben Schiffe, welches Valen⸗ tin Aurenius nach Algier hinüberbrachte, befand ſich auch Abraham Levitain. Ende des zweiten Kapitels. „ — 6 Drittes Capitel. Doch der Glaube läßt ſich blinblings Nimmer ſuchen;; Gott der Herr 8 Muß geglaubt allein nicht ſein; ₰ Nein, erkannt auch und begriffen. Ihn erblickt der Scheue ſchwerlich, Denn ein freies, off'nes Auge Ziemet dem, der ihn anbetet. £ Palis Qualis. Im Jöhre 1837, an einem finſtern September⸗ wo die Stürme die Bäume ſchüttelten und ogen des Meeres brüllend gegen die Ufer ge⸗ ſchleudert wurden, während der Orkan mit entſezli⸗ icn durch die Wälder raste und der Regen . nvom Himmel ſtürzte, finden wir in einem leinen Gemach auf Erikshof die Gräfin Eldau. Ihr Schwager, Arthur Eldau, lieſt laut vor aus Byrons Corſar. Ein junges Frauenzimmer, welches ſeit einem halben Jahr ſich im Hauſe als Gouvernante für 3 Lilie's ſechsjährige Tochter Elvira aufhielt, nähte an einer hübſchen Stickerei. Lilie lag halb zurück in einem Ruheſtuhl und amüſirte ſich damit, eine große prächtige Puppe an⸗ zuziehen. Mit geſpanntem Intereſſe lauſchte die junge Gou⸗ vernante jedem Worte des unſterblichen Skalden, während die Aufmerkſamkeit Lilie's von der Puppe in Anſpruch genommen wurde, ſo daß ſie keine für alle die ſchönen Gedanken übrig hatte, welche Arthur herſagte. Mitten in der Schilderung von Conrads Trauer über Medora's Tod rief Lilie: — Mein Gott, was doch die engliſche Sprache abſcheulich häßlich iſt! Hierauf hob ſie die fertig geputzte Puppe in die Höhe und fügte hinzu: — Iſt Elvira's Tochter nicht reizend? Sie iſt mit wirklichem Geſchmack angezogen. Finden Sie nicht, cher Arthur, daß dieſe Garnitur voſ Blumen ſich charmant ausnimmt? Auf dem Oscarball beim Landeshauptmann werde ich ganz dieſelbe Toilette haben. Sie wird mir gewiß gut ſtehen. — Davon bin ich vollkommen überzeugt,— änt⸗ wortete Arthur lächelnd und machte das Buch zu. — Das war vernünftig, daß Du mit dem Leſen aufhörteſt. Ich kann die Mutterſprache Lord Byrons nicht leiden. Nicht wahr, ma chdre, unſere franzö⸗ ſiſchen Ohren können von John Bulls Dialect nur geplagt werden? Dieſe letzteren Worte waren an die Lehrerin ge⸗ richtet. — Damit ſtimme ich nicht überein,— antwor⸗ tete dieſe und blickte auf.— Mir klingen alle Spra⸗ chen gut, wenn die Gedanken, welche in ihnen aus⸗ geſprochen werden, ſchön ſind. — Ph pien, Jeder hat ſeinen Geſchmack! 137 Lilie ſezte die Puppe auf einen Stuhl, legte ſich zurück gegen die Rücklehne und ſetzte mit unterdrück⸗ tem Schauern hinzu: — Höre, wie der Sturm heult! Das iſt ein unheimliches Klima, dieſes ſchwediſche; man muß einen Körper von Eiſen haben, um es ertragen zu können. — Eine falſche Behauptung, ſchöne Lilie,— fiel Arthur ein,— Du haſt Dich ja ſieben Jahre hier aufgehalten, und haſt während dieſer Zeit geblüht und biſt geſund geweſen. Dies beweiſt, daß auch Weſen von der ſubtilſten Natur ſich in unſerem rauhen Norden wohl befinden können. — Ah, mon Dieu, das nennſt Du leben, in Pelze eingehüllt und zwiſchen vier Wänden einge⸗ ſperrt, ſeine Tage dahinſchleppen? Das gleicht dem Leben in einem Grab. Man fühlt, wie die Arme des Todes Einen mit eiſiger Kälte umſchließen; man erwartet jeden Augenblick an die Bruſt des Knochen⸗ mannes gedrückt zu werden und ſo den Geiſt auf⸗ geben zu müſſen. An demſelben Tage, an welchem ich mich verheirathete, hörte ich auf zu leben. — Mein Bruder würde gewiß untröſtlich wer⸗ den, falls er Dich hörte,— bemerkte Arthur ſcher⸗ zend;— das heißt, wenn er Deine Worte in der Bedeutung nähme, daß Du aufgehört hätteſt, ein eigenes Leben zu leben, ſeit Du angefangen haſt, durch Deine Liebe zu ihm zu leben. Lilie brach in ein heiteres Gelächter aus — Mein Freund, in unſerer trivialen Welt gibt es nur eine Liebe, nämlich die Liebe zu uns ſelbſt.— 138 Wir lieben unſer eigenes Ich und unſere Kinder als einen Theil davon. Dieſes iſt auch die einzige Nei⸗ gung, die wirklich iſt, alles Andere iſt Chimäre. Wir haben bei Gott genug an ihr, und da man unmög⸗ lich derſelben untreu werden kann, ſo iſt es nicht denk⸗ bar, daß man für noch eine Raum hat. Frage nur meinen Mann! Die junge Lehrerin blickte haſtig auf von ihrer Arbeit; ihre Blicke richteten ſich auf Lilie, als wenn ſie hätte ausforſchen wollen, ob dieſe im Ernſte ſpräche. Als mein Bruder Dir ſein Herz zuwandte, that er, als wenn er der Liebe zu ſich ſelbſt den Abſchied gegeben hätte,— fiel Arthur ein. — Glücklich, wer da glaubt und nichts weiß, cher Arthur! Ich theile Deine Ueberzeugung nicht, — und ich würde mich wirklich niedergedrückt fühlen, wenn ich gezwungen würde, es zu thun. Daß Ern⸗ frid etwas ſo Großes opferte, würde mein Herz plagen. — Wann haſt Du den Brief von Ernfrid er⸗ halten?— fragte Arthur und blätterte in einem Album, das auf dem Tiſch lag. — Soweit ich mich erinnere, iſt es nicht ſo lange her. Er beabſichtigt, den Winter hier auf Erikshof zuzubringen, etwas, was ſeit unſerer Heirath nicht vorgekommen iſt. Hier wird alſo während des Win⸗ ters eine ſchöne eheliche Idylle aufgeführt werden. — Welche damit ſchließen wird, daß Ihr beide wegen der Liebe zu einander der Liebe zu Euch ſelbſt entſaget.„ — Viel Wunderbares geſchieht und ganz un⸗ — 139 möglich iſt es gewiß nicht; aber ſchrecklich verdrieß⸗ lich würde es werden. — Geben Sie Acht, Lilie; Ihre Worte klingen franzöſiſch! — Und wie Alles aus Frankreich,— angenehm, — fiel Lilie lächelnd ein.— Ich kann die eheliche Liebe nicht leiden, ſie iſt ſo monoton. Beſſer glück⸗ lich zu ſein ohne ſie. — Gibt es Glück ohne Liebe? — Ganz gewiß!— Frigga iſt ja ein Beweis dafür. Du wirſt doch nicht leugnen, daß ſie glück⸗ lich iſt? — Relativ.— Ihr Leben iſt noch ein Räthſel, das ſeine Löſung darin finden wird, daß ſie ihr Herz an einen Mann bindet. — Und wo wirſt Du einen Mann finden, den Frigga lieben kann. — Ich will ihn nicht finden; ich wünſchte nur, daß Frigga ihn ſelbſt finden möge,— antwortete Arthur lachend. — Wann trafſt Du mit Frigga zuſammen? — Kurz vor ihrer Abreiſe von Liungbro. — Alſo im verwichenen Frühjahr. Das iſt wahr, Du brachteſt ja den Winter auf Lenby, das Du ge⸗ kauft, zu, und warſt alſo einer ihrer nächſten Nach⸗ barn. Ich erinnerte mich nicht, daß Du ſie ſeit dem Begräbniß des Grafen Harthon geſehen. Lilie's Geſicht wurde ernſt und ſie fügte hinzu: — Ich habe nie an die Möglichkeit geglaubt, daß man eine ſolche Seelenſtärke haben könnte, wie die, welche ſie damals an den Tag legte. Im Laufe eines einzigen Jahres verlor ſie erſt ihre Mutter, 140 welche ſie anbetete und dann ihren Vater, den ſie vergötterte. Erinnerſt Du Dich, wie ſie beim Be⸗ gräbniß ihres Vaters ausſah? — Ja, ſie glich dem in Marmor gehauenen Schmerz, kalt, ſchweigend und bleich wie dieſer. — Du weißt wohl, daß ſie während des erſten Jahres Liungbro nicht verließ, ſondern in vollſtändi⸗ ger Abſonderung und Einſamkeit lebte, um Alles, was ſie Theures beſeſſen, Vater, Mutter und Bru⸗ der, zu beweinen. — Im Jahre darauf begab ſie ſich aber doch auf Reiſen. — Jo, ſie reiste nach Italien und hielt ſich dort faſt ein Jahr auf, worauf ſie nach Liungbro zurück⸗ kehrte und dort mit einem Eifer und einer Thätig⸗ keit ohne Gleichen zu wirken begann. — Unbegreiflich, daß ſie noch nicht von ihrem Sommerausfiug zurückgekommen iſt!— ſagte Arthur. — Vielleicht beabſichtigt ſie den Winter in der Haupt⸗ ſtadt zuzubringen. — Gewiß nicht! Frigga liebt zu ſehr ihr ſtatt⸗ liches Liungbro, um irgendwo ſonſt den Winter zu⸗ zubringen. Ich habe nicht alle die Aenderungen ge⸗ ſehen, welche ſie getroffen, aber ihrer viel erwähnen gehört. — Sie verdienen es unleugbar, daß man ſie in Augenſchein nimmt. Das Rollen eines Wagens, der in den Hof hinauf⸗ fuhr, unterbrach das Geſpräch. — Wer mag in dem ſchrecklichen Wetter hierher⸗ kommen!— rief Lilie. — Gewiß irgend ein unglücklicher Reiſender, 141 welcher Deine Gaſtfreundſchaft anzuſprechen wünſcht, bemerkte Arthur. — Wenn dem ſo wäre, ſo würde er wohl an der Inſpectorswohnung anhalten und nicht — Und ſich nicht in den gräflichen Hof ſelbſt begeben,— fiel Arthur lächelnd ein. Ein Bedienter trat eilig herein. — Der Herr Graf iſt nach Hauſe gekommen,— ſagte er. Lilie erhob ſich mit Heftigkeit. — Der Graf hier, und in dieſem Wetter!— rief ſie. — Der Herr Graf hat mir befohlen, die Frau Gräfin davon in Kenntniß zu ſetzen, daß er, müde von der Reiſe, ſich auf ſein Zimmer begeben hat, um auszuruhen. Der Bediente entfernte ſich und Lilie äußerte gegen Arthur: — Vielleicht willſt Du zu Ernfrid hineingehen und ihn an meiner Stelle bewillkommnen? — Warum gehſt Du nicht ſelbſt, beſte Lilie? Das würde ihn gewiß freuen. — Mon cher, da ich einen Dienſt von Dir ver⸗ lange, ſo thue mir denſelben ohne Fragen.— Lilie lächelte dem Schwager zu. Arthur ging. Als Lilie und die junge Lehrerin allein waren, rief erſtere. — Ach mein Gott, wie es jetzt unerträglich wer⸗ den wird, mon amie! Sie können ſich nicht den geringſten Begriff davon machen, wie kalt, ſteif und ſtolz mein Mann iſt. Wenn er in ein Zimmer ein⸗ 142 tritt, friert es Einen. Wenn er ſeine Wege geht, athmet man leichter. Dieſe Schweden und Luthera⸗ ner gleichen nicht Menſchen, ſondern Sachen. Durch das Zuſammenleben mit ihnen wird man in einen Körper ohne Seele verwandelt; mein Mann iſt ſchreck⸗ lich läſtig. Lilie ſeufzte und ſah betrübt aus. Nur einige Minuten behielt ihr Geſicht dieſen Ausdruck bei. Dann ſagte ſie ganz plötzlich: — Nun, mon amie, wie haben Sie ſich den Grafen Eldau vorgeſtellt? Schön, oder häßlich? — Der Beſchreibung der Frau Gräfin zufolge, rauh wie der Nordwind,— antwortete die Gouvernante. — O nein, er brüllt und ſauſt nicht um die Ohren, wie jener, ſondern gleicht dem Glatteis, wel⸗ ches ſchön iſt, wenn die Sonne ihre funkelnden Strah⸗ len auf daſſelbe wirft, aber kalt, daß man todt⸗ frieren kann, wenn man ſich demſelben nähert. Ach, da haben wir wieder Arthur.— Nun, wie befindet ſich Ernfried? — Nicht ganz wohl, er hat umgeworfen und ſich den Arm verrenkt. Der Doktor war bei ihm. — Doch nichts Gefährliches, vermuthe ich— ſagte Lilie gleichgültig. — O nein, nur ein wenig ſchmerzhaft. Am folgenden Morgen ſaß Lilie in ihrem Cabinet und trank Chocolade, als die Thüre geöffnet wurde und Ernfrid Eldau eintrat. Die beiden Eheleute hatten ſeit einem ganzen Jahre inander nicht geſehen. 143 Der Graf trug den Arm in einer Binde und war ſehr bleich. Kalt, aber höflich begrüßte er ſeine junge hübſche Frau, führte ihre Hand an ſeine Lippen und fragte nach ihrem Befinden, indem er ihr wegen ihrer friſchen Hautfarbe Complimente machte. Lilie beantwortete ſeine Fragen ebenſo höflich, wie ſie gemacht wurden. Sie beklagte, daß ihn das Unglück mit der Arm⸗ verrenkung getroffen u. ſ. w. Als dieſe Pflichtphraſen beiderſeits erſchöpft waren, ſchien der Vorrath an Unterhaltungsſtoff auch zu Ende zu ſein. Eine Pauſe entſtand. Lilie unterbrach ihn mit der Frage, ob ſie ihm nicht eine Taſſe Chocolade ſerviren laſſen dürfe. — Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, beſte Lilie, daß ich jenes Getränke nicht liebe,— antwortete Ernfried.— Ich hoffe auch, daß Du, nachdem ich wieder heimgekehrt bin, die Güte haſt, die alte Ordnung des gemeinſamen Frühſtückens wieder ein⸗ zuführen. — Aber, mein Freund, jenes Vormittagseſſen iſt ganz gegen meine Natur,— fiel Lilie ein. Gleich ihrem Manne hatte ſie ein unwiderſteh⸗ liches Verlangen, an dem Gegentheil von dem, was ihm gefiel, einen Gefallen zu finden. — Ich beklage, daß es ſich ſo verhält; aber Du kannſt ja Deine Chocolade nehmen, wenn wir Andern frühſtücken, weil ich meine Tochter und meine Frau bei den Mahlzeiten zu ſehen wünſche. Es iſt über⸗ ſlüſſig, mehr Worte über dieſen Gegenſtand zu ver⸗ lieren. Ich weiß, daß Du gern meinen Wünſchen 144 entgegenkommſt, und habe deßhalb bereits dem Hof⸗ meiſter Befehl ertheilt, wie ich es haben will. Lilie ſchwieg. Mit einer nervöſen Ungeduld faltete ſie die Spitzen ihrer Manſchetten. Ernfried lehnte ſich zurück in die Ecke des Sophas, blickte nach der Decke und fuhr fort: — Apropos meine Tochter, ſo höre ich, daß die Marquiſin de Maillé auf Dein Verlangen eine franzöſiſche Lehrerin hieher geſandt hat. Was iſt das für eine Art Perſonnage und wie heißt ſie? — Ihr Name iſt Gabrielle Moulin. — Was ſie iſt, das dürfte ſie ſelbſt am beſten beweiſen können; daß ſie ein ungewöhnlich gebildetes Frauenzimmer iſt, kann ich Dich verſichern, — So— 0, und darüber biſt Du ſchon ganz im Klaren, meine gute Lilie. Dieſe ungewöhnliche Bildung wird ſich wohl bei genauer Unterſuchung darauf beſchränken, daß ſie eine Sprechmaſchine iſt, die verſchiedene Sprachen ſpricht. Auf dieſe Art von Menſchen lege ich nicht viel Werth. — Ich fürchte indeſſen, daß Du unwillkürlich die Ueberlegenheit der Mademoiſelle Moulin ſchätzen wirſt. — Möglich; es iſt mir noch nie vorgekommen, daß ich einem hübſchen Frauenzimmmer, und am aller⸗ wenigſten meiner Frau, widerſprochen. — Ernfried lächelte auf eine eigene Weiſe und fuhr fort: — Aber ich geſtehe aufrichtig, daß, wenn es mög⸗ lich wäre, mit Dir mißvergnügt zu werden, meine Freundin, ſo fühlte ich mich dazu verſucht, als Du ſchriebſt, daß eine Lehrerin für unſere Tochter ange⸗ nommen ſei. Es war mein Wunſch geweſen, ſelbſt 145⁵ diejenige zu wählen, welche Fräulein Eldau erziehen ſoll. Gewiß nicht deßhalb, weil ich Dein und Deiner Mutter Urtheilsfähigkeit verkenne, ſondern aus In⸗ tereſſe für die Sache. Doch ſei es ferne von mir, irgend eine Deiner Handlungen zu mißbilligen. Ich will bloß hinzufügen, daß wenn jene Perſon mir nicht gefällt, dann muß ich ſo eigenmächtig handeln, daß ich ſie entlaſſe. — Gabrielle Moulin entlaſſen!— rief Lilie und ſah den Mann an.— Ah, mon cher, Du weißt nicht was Du ſagſt. Siehe ſie erſt und ſpreche mit ihr! Du wirſt dann einſehen, wie unmöglich es iſt, ihr den Abſchied zu geben. — Und warum nicht? Iſt ſie nicht in meinem Dienſt? Oder glaubſt Du, meine beſte Lilie, daß man mit ſolchen Leuten viele Umſtände macht. Eine Gouvernante und eine Kammerjunger theilen in die⸗ ſem Falle dasſelbe Schickſal. Man gibt ihnen den Abſchied, wenn man nicht mit ihnen zufrieden iſt. Du haſt doch dieſe nicht auf Lebenszeit angenom⸗ men? Das wäre verdrießlich, dann würde ich ge⸗ nöthigt ſein, ihr einen bedeutenden Gelderſatz zu geben. Lilie wechſelte fortwährend die Farbe. Es ſchien, als wenn ihr Inneres mit Zorn erfüllt würde. — Mamſell Moulin iſt eine ausgezeichnete Leh⸗ rerin,— hob ſie wieder an,— und es iſt ein Glück für unſere Tochter, daß ſie unter ihre Leitung ge⸗ kommen iſt. Es kann deßhalb nicht davon die Rede ſein, daß ſie mein Haus verläßt, bevor Elviras Erziehung vollendet iſt. Lilie ſprach mit einem Eifer, welcher bewies, daß Shhwartz, Geburt u. Bildung. MM. 0 146 ſie böſe war, obgleich ſie den Ausbruch ihres Zornes zurückhielt. Ernfrid zuckte mit den Achſeln. — Ich bin vollkommen Deiner Meinung, ma chdre, aber ich habe unglücklicherweiſe ein Vorur⸗ theil gegen die„ungewöhnlich gebildete“ und ausge⸗ zeichnete Gouvernante gefaßt, und das lediglich aus dem Grunde, weil ſie Katholikin iſt. Und wenn ſie alle mögliche Tugenden beſäße und keinen einzigen Fehler hätte, ſo iſt ſie doch Katholikin, und kann nicht meine Tochter dazu erziehen, eine Lehre zu verab⸗ ſcheuen, hinter welcher alle möglichen Treuloſigkeiten und Schlechtigkeiten verborgen ſind. — Ernfrid!— rief Lilie mit glühendem Ge⸗ ſichte,— Du vergißt, daß die Mutter Deines Kin⸗ des eine Katholikin iſt. — RNein, meine Freundin, und ich habe es oft beklagt, daß es ſo iſt; aber gerade deshalb verlangt meine väterliche Umſicht, daß ich neben Deinen ka⸗ tholiſchen Einfluß eine Perſon mit wahren, religiös⸗ lutheriſchen Grundſätzen ſtelle. Ich habe bereits eine ſolche engagirt. Lilie ſprang auf und rief heftig: — Du wiliſt aio — Alle Scenen vermeiden. Ja, das will ich, ſagte der Graf und ſtand auf.— Alle Heſtigkeit nützt nichts bei mir und iſt im Allgemeinen ein ſchlech⸗ tes Mittel. Laßt uns deshalb das Geſpräch ab⸗ brechen! Mamſell Moulin iſt nicht die Lehrerin, welche ich für meine Tochter haben will. Mag das genug ſein für Elviras Mutter zu wiſſen. Ich werde übrigens ſelbſt die Sache mit ihr abmachen, und 147 Dich aller Unannehmlichkeiten überheben. Das Frauen⸗ zimmer, das ich angenommen habe, kann jedenfalls nicht vor dem erſten Januar eintreten.— Lebe wohl, meine Freundin. In einer Stunde frühſtücken wir im Speiſeſaal; ich wünſche dann meine Tochter an der Seite ihrer ſchönen und liebenswürdigen Mut⸗ ter wiederzuſehen. Der Graf ergriff eine von Lilie's Händen, um ſie zu küſſen, aber ſie zog dieſelbe haſtig zurück und ſagte mit einer vor Zorn bebenden Stimme: — Graf, ich befreie Sie von der Ceremonie meine Hand zu küſſen, wenigſtens wenn wir allein ſind. Prahlen Sie mit Ihrer Höflichkeit, wenn die Leute uns ſehen, aber verſchonen Sie mich mit der Plage dieſer Heuchelei, wenn die Welt nicht ihre Blicke auf uns richtet! Ich weiß ja ohnedieß, daß Sie hinter dieſen Blumen der Höflicheit die Dorne verbergen, mit welchen Sie mich zu verwunden ſuchen. Seien Sie Tyrann, ohne irgend eine lügneriſche Maske, das iſt viel beſſer! Sie erregen dann weniger Abſcheu, als jetzt. — Wie Sie belieben, Gräfin,— antwortete Ern⸗ frid kalt und verließ das Zimmer. — O heilige Mutter Gottes, erbarme Dich mei⸗ ner!— rief Lilie in Verzweiflung und wapf ſich unter einem Strom von Thränen zurück in das Sopha. — Ein zärtliches Wiederſehen nach einer ſo lan⸗ gen Trennung, dachte Ernfried, als er wieder in ſein Zimmer zurückgekehrt.— Man kann ſchwerlich mehr unverſchämt aufrichtig ſein, als meine Frau, die mir bei unſerer erſten Unterredung daß 148 ſie mich verabſcheut. Nun, es iſt nun einmal ſo, daß wir einander nicht leiden können. Unſer Loos iſt— während der Zeit wir im Namen der Con⸗ venienz gezwungen ſind zuſammen zu leben, ein⸗ ander das Leben ſo viel als möglich zu verbittern. Daß Lilie ſich ohne Liebe verheirathete, das hätte ich ihr verzeihen können, da ich dasſelbe that; aber daß ſie einen Andern liebte, daß ſie in den erſten Wochen unſerer Che, als ich mit Zärtlichkeit mich ihr zu nähern ſuchte, mich zurückſtieß, das ſoll ſie ihr ganzes Leben lang entgelten. Der Graf begab ſich in ſeine Wohnung, welche am andern Ende des Gebäudes lag. Zwiſchen den Privat⸗ wohnungen der beiden Gatten lag eine Reihe von Zimmern, die gemeinſchaftlich benutzt wurden und in welchen man kleinere Geſellſchaften zu empfangen und ſich en famille zu treffen pflegte. Es gab dort ein großes Muſikzimmer, eine pracht⸗ volle Bibliothek, eine koſtbare Gemäldegallerie von neuern und ältern ausgezeichneten Meiſtern und ein kleines Muſeum für Curioſitäten. Zwei Treppen hoch befand ſich die Prachtwohnung, welche ganz und gar im modernen Styl eingerichtet war. Das Paterre enthielt zur Rechten eine Menge Gaſtzimmer, zur Linken die Wohnung des Fräuleins und der Gouvernante. Als die Frühſtückglocke rief, trat Gabrielle ein, welche von der Kammerjungfrau der Gräfin von der neuen Anordnung im Speiſeſaal unterrichtet worden war. 149 Sie fand dort Graf Arthur. Er ging auf ſie zu und ſagte lächelnd: — Sie werden jetzt Bekanntſchaft mit meinem Bruder machen. Ich bitte Sie, verſuchen Sie Philo⸗ ſophin zu ſein, denn Manches in ſeinen Manieren wird Ihnen beleidigend vorkommen. Sie wiſſen, was ich von Ihrem Aufenthalt hier im Hauſe denke; und Sie wiſſen auch, welchen entſetzlichen Einfluß die bigotte Marquiſin auf Lilie ausübt, beſonders ſeit es ihr gelungen iſt jene Jaquette ins Haus zu bringen. — Ja, ich weiß das Alles und werde alles thun, daß man mir nicht beikomme,— antwortete Ga⸗ brielle lachend.— Es iſt nicht leicht mich zu ver⸗ wunden, da ich nicht geſtatten werde, daß der Stich trifft. Was ich Ihnen in London verſprach, als Sie von Ihrer Schwägerin und Ihres Bruders un⸗ glücklicher Ehe und von den Intriguen, welche die Marquiſin ſpinnt, mit mir ſprachen, das werde ich jetzt nicht vergeſſen, wenn der Streit zwiſchen mir und dem Grafen losbricht.— Ich bin zur Schlacht gerüſtet. Gabrielle Moulin richtete einen lächelnden Blick auf Arthur, welcher ihre Hand ergriff. — Sie, und keine Andere ſind dazu geſchaffen, alle Mißtöne zur Harmonie zu bringen. Meine ganze Hoffnung auf eine beſſere Zukunft für meine Schwägerin und meinen Bruder ruht auf Ihnen. — Ich werde das Meinige thun, daß Ihre Hoffnung nicht getäuſcht werde, antwortete Gabrielle. Die Thüre öffnete ſich und Graf Ernfrid trat in den Saal. 15⁰ Die kleine Elvira ſprang ihm mit einem Ausruf jubelnder Freude entgegen. — Ach, Papa, das war geſcheidt, daß Du wie⸗ der zu uns heimkamſt!— ſagte Elvira.— Es kam mir wirklich häßlich von Dir vor, daß Du ſo lange wegbliebſt. Elvira hat jetzt angefangen zu leſen, und ſiehſt Du, das iſt meine Lehrerin. Das Mädchen ſprang vom Vater zu Gabrielle, ergriff die Hand derſelben und fügte hinzu: — ßBonne amie, das iſt mein Papa, dem Elviras amie ſchon gefallen wird. Nicht wahr, Papa? Gabrielle war dem Mädchen gefolgt und ſtand jetzt vor Graf Ernfrid, welcher ſie ſtolz und hoch⸗ müthig betrachtete. Etwas verlegen darüber, auf eine ſolche Weiſe fixirt zu werden, ohne daß der Graf ein Wort ſagte, machte Gabrielle eine tiefe Verbeugung. Dadurch zwang ſie den ſteifen Nacken, mit einer Beugung des Kopfes den Gruß zu beantworten. — Sie ſind ſeit einem halben Jahr die Lehrerin meiner Tochter?— ſagte Ernfrid, welcher nicht länger den Gegenſtand ſeines Unwillens ſtillſchweigend be⸗ trachten konnte. — Ja, Herr Graf,— antwortete Gabrielle. — Ich werde nach dem Frühſtück meine Anſicht über Ihre Stellung ausſprechen. Ernfrid wandte ſich von Gabrielle an Arthur, mit welchem er einen Händedruck austauſchte. In demſelben Augenblick meldete der Bediente, daß die Gräfin ſich nicht wohl befinde und ſich in Folge deſſen nicht beim Frühſtück einfinden werde. 15¹ Ernfrid ſagte nichts. Er zog nur die Augen⸗ brauen zuſammen. Es ſchien, als wenn ſeine vorher ſchon nicht gün⸗ ſtige Stimmung noch ſchlechter würde. Gabrielle dachte: — Mein Gott, wie hat ſie Unrecht gehandelt, daß ſie ſich nicht beim Frühſtück einfand! Ernfried richtete nicht ein einziges Mal das Wort an Gabrielle, ſondern beſchäftigte ſich ausſchließlich mit dem Bruder und der Tochter. Er ſchien nicht zu merken, daß Gabrielle anwe⸗ ſend ſei. Ein paar Mal wandte ſich Arthur mit einigen Worten an ſie; aber ſowie irgend etwas, das einem Geſpräch ähnlich ſah, zwiſchen ihnen begann, unter⸗ brach Ernfrid ſie. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit folgte Gabrielle Ernfrid. Ihrer ſchnellen Auffaſſungsgabe war es fofort klar, daß der Graf ſie den Abſtand zwiſchen ihm und ihr fühlen laſſen würde. Ferner merkte Gabrielle, daß der„gnädige Graf“, wie die Dienerſchaft ihn nannte, alles Andere als gnädig gegen ſie geſtimmt ſei. Als das Frühſtück zu Ende war, bemerkte der Graf gegen Gabrielle: — Vielleicht ſind Mamſell ſo gut und beglei⸗ ten meine Tochter zu ihrer Wärterin und begeben ſich dann in den blauen Salon. Ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen. Ernfrid näherte ſich der Thüre zum blauen Salon, blieb aber bei den folgenden Worten, welche Ga⸗ brielle zu einem Bedienten ſagte, plötzlich ſtehen: 152 — Seien Sie ſo gut und begleiten Sie das Fräulein hinunter! Ernfrid drehte ſich auf dem Abſatz um und betrach⸗ tete Gabrielle, welche ſich in dieſem Augenblick über Elvira beugte und ganz freundlich ſagte: — CElvira wird in ihr Zimmer zu Frau Grön⸗ beck gehen und dort ſpielen, bis ich wiederkomme. Sie küßte das Kind, welches ſeine Arme um ihren Hals ſchlang und ſie bat, nicht zu lange zu warten. Dann warf die Kleine dem Vater einen Handkuß zu und hüpfte aus dem Speiſeſaal hinaus. — Jetzt bin ich für die Unterredung bereit, welche der Herr Graf wünſchte,— ſagte Gabrielle zu Ernfrid. Unbeweglich und mit einer Miene der größten Verwunderung ſah Ernfrid ſie an welcher gar nicht aufgelegt ſchien, ſeinem Stolze zu erlauben, daß man demſelben imponire. Dann nahm er ſeinen Weg nach dem blauen Salon. Gaobrielle folgte ihm. Als Arthur ſie hinter den Thürgardinen ver⸗ ſchwinden ſah, verließ er den Speiſeſaal. Mit einem ſchelmiſchen Lächeln auf den Lippen dachte er: — Jetzt kann man ſagen, daß es einen Streit gibt zwiſchen dem Hochmuth der Geburt und dem Stolze der Bildung. Wir wollen mal ſehen, wel⸗ cher von beiden ſiegt, mein Bruder, der Repräſentant der Vorurtheile und der ariſtokratiſchen Begriffe ver⸗ gangener Zeiten, oder ſie, das Kind des Liberalis⸗ mus, der Freiheitsideen, der Aufklärung und der Bildung! Der Erſtere ſteif, unbeugſam, kalt und 153 rauh, wie die Zeit der Gewaltherrſchaft; die Andere fröhlich, frei, unbändig und lebhaft wie die Freiheit. — Die Gräfin, meine Frau, hat Sie, ohne mein Wiſſen, als Lehrerin meiner Tochter engagirt,— fing Graf Ernfrid an, als ſie in den blauen Salon eingetreten waren und der Graf ſelbſt in einem Sopha Platz genommen hätte. Er deutete auf einen Stuhl für Gabrielle, daß ſie ſich ſetze; ſie blieb aber dieſer Erlaubniß ungeachtet ſtehen. — Sie dürften es deßhalb in der Ordnung fin⸗ den,— fuhr er fort,— wenn ich einige Aufklärun⸗ gen über die Perſon zu erhalten wünſche, der die Erziehung des Fräulein Eldau anvertraut wor⸗ den iſt. — Dies finde ich ſo natürlich, daß das Gegen⸗ theil mich verwundern würde. Auch hoffe ich, daß Graf Arthur Eldau dem Herrn Grafen alle die Mit⸗ theilungen gemacht hat, welche in dieſem Falle nöthig ſind,— antwortete Gabrielle. — Ich weiß, daß er und meine Schwiegermutter, die Marquiſin, Sie empfohlen haben; aber nicht an ſie, ſondern an Sie ſelbſt wünſche ich mich zu wen⸗ den. Wie alt ſind Sie und wie lange ſind Sie Lehrerin geweſen? — Ich bin einundzwanzig Jahre alt und habe ſeit meinem vierzehnten Jahre Unterricht gegeben.— Ohne irgend eine weitere Aufforderung abzu⸗ warten, gab Gabrielle mit klarer und deutlicher Stimme darüber Auskunft, in welchen Häuſern ſie 154 während ihres Aufenthalts in Paris Lectionen ge⸗ geben; ferner, daß ſie mit ihrer Mutter nach Eng⸗ land hinübergeſiedelt und dort Gouvernante der ein⸗ zigen Tochter des Lord O—ſield geworden ſei. Als dieſe ſich ſpäter verheirathete, hätte die Marquiſin de Maills geſchrieben und Gabrielle gebeten, die Stelle als Lehrerin bei ihrer Tochter, der Gräfin Eldau, zu übernehmen. — In der Herbſtzeit begab ich mich nach Schwe⸗ den,— ſchloß Gabrielle,— und hielt mich den Winter über in Stockholm auf, um die ſchwediſche Sprache zu lernen. Anfangs März kam ich hier an, und übernahm die Stelle als Erzieherin der Tochter des Herrn Grafen. In die eine Sophaecke zurückgelehnt, hörte Ern⸗ frid den Bericht an, welchen Gabrielle abſtattete. Er hatte ſie unverwandt und mit einer Beharrlich⸗ keit betrachtet, als wenn er gewünſcht, ſie aus der Faſſung zu bringen; dies gelang ihm indeſſen nicht. Als ſie ſchwieg, ſagte er: — Sie haben ſich alſo vier Johre in Lord O—fields Haus aufgehalten? — Ja, Herr Graf. — Ich wünſche Ihnen Glück, denn dies iſt eine der älteſten Familien Englands. — Lord Q—field iſt einer der edelſten und hoch⸗ ſinnigſten Männer, die ich je kennen gelernt,— ſagte Gabrielle. — Wie angenehm für ihn, daß er dieſes Zeug⸗ niß von Ihnen erhält! Ernfrid lächelte ironiſch. — Es iſt ſo ſelten, daß eine Perſon von Den⸗ 15⁵ jenigen gerühmt wird, welche ſich in ihrer Familie aufhalten und ſie in der Nähe geſehen, daß es im⸗ mer eine Ehre für ſie iſt,— fiel Gabrielle ein. — Möglich; es war indeſſen nicht um ſolche Themata zu discutiren, daß ich Sie zu ſprechen wünſchte, ſondern um Ihnen Verſchiedenes mitzu⸗ theilen. Erſtens iſt es bei adeligen Familien hier in Schweden eine hergebrachte Sitte, daß die Kinder von Allen, welche bei den Eltern Lohnnehmer ſind, bei ihrem Titel Fräulein oder Graf genannt werden, Ich bemerkte während des Frühſtücks, daß Mamſell meine Tochter beim Namen nannte. Das müſſen Sie ändern. — Unmöglich, Herr Graf!— antwortete Ga⸗ brielle mit einem feinen Lächeln. — Wie beliebt?— rief Ernfrid und richtete ſich empor. — So gern ich in allem Andern den Wünſchen des Vaters meines Zöglings entgegenkommen will, ſo muß ich doch in dieſem Fall unterlaſſen es zu thun. — Die Erklärung, Mamſell, kommt mir, milde geſagt, ſonderbar vor. — Brauche ich wirklich das dem Herrn Grafen zu erklären? Mir ſcheint's, daß es ſich von ſelbſt verſtünde. — Nein, Mamſell, ich bin nicht gewohnt zu errathen, wenn ich das Recht habe, eine Erklärung zu erhalten. Ich halte mich außerdem befugt, eine ſolche von Ihnen zu fordern. — Vollkommen! Gabrielle ſchob mit dem Fuß ein Tabouret vor 156 ſich hin und ſetzte ſich darauf, ſtatt auf den Stuhl, welchen Ernfrid ihr angewieſen hatte. Bei dieſer an ſich unbedeutenden Handlung wurde Ernfrid dunkelroth, beſonders weil dus feine bedeu⸗ tungsvolle Lächeln noch um die Lippen Gabrielle's ſpielte, und andeutete, daß ſie ihre Ueberlegenheit fühlte. Es lag indeſſen nichts von Uebermuth oder Trotz in ihren Manieren, ſondern nur etwas Unge⸗ zwungenes. — Meine Auffaſſung des wichtigen und verant⸗ wortungsvollen Berufs, welchen eine Lehrerin über⸗ nommen,— hob Gabrielle wieder an,— macht, daß ich vom erſten Augenblick an, wo ich in einem Hauſe als Erzieherin auftrete, mich mit meinem Zög⸗ ling auf denjenigen Fuß ſtelle, auf welchem wir ſtehen müſſen, das heißt, daß das Kind ſofort die untergeordnete Perſon wird. Hier iſt es gleichgültig, ob die Eltern der Kinder von Geburt ſind, oder nicht. Von den Eltern bin ich beauftragt, dem Kinde Kenntniſſe, gute Sitten und moraliſche Grund⸗ ſätze beizubringen. Ich habe vor mir ein unent⸗ wickeltes Weſen, das ich zum Menſchen bilden ſoll. Ich bin auf dieſe Weiſe diejenige, welche. bis zur Fruchtbarkeit alle die edlen Samenkörner heranziehen ſoll, welche der Höchſte in die Seele des Kindes nie⸗ dergelegt. Folglich iſt meine Stellung eine der heilig⸗ ſten, die irgend Jemandem anvertraut werden kann. Um dieſen Anforderungen, die an mich gemacht wer⸗ den, zu entſprechen, muß ich ſelbſt in Kenntniſſen, Sitten und Moral wirklich gebildet ſein. Im andern Falle bin ich meiner Stelle nicht gewachſen. Bin 157 ich nun eine gebildete Lehrerin, ſo bin ich ein acht⸗ barer Menſch und ſtehe hoch über dem Kinde, wel⸗ ches ich leiten ſoll. Ich beſitze auch volles Recht, es wie eine Pflanze zu behandeln, die ich ziehen ſoll. Wenn ich, um äußere Vortheile zu erhaſchen, oder um den Eltern zu ſchmeicheln, das odelige Kind Fräulein nenne, ſo ſtelle ich die unverſtändige Kleine auf einen ſolchen Fuß mit mir, daß ſie mich für eine untergeordnete Perſon hält. Mein Einfluß auf ſie und meine Macht über ſie wird dadurch zerſplittert. Ich würde ſie nicht beherrſchen können, als dadurch, daß ich mich verwandelte in das Werkzeug der Eintrichterung einiger werthloſen Disciplinen. Meine Zöglinge, Herr Graf, ſind während der Zeit, wo ich ihre Erziehung übernehme, meine Kinder, und noch nie hat ein Vater oder eine Mutter ihrem Kinde den Titel gegeben. Ich bin nicht die Dienerin Ihrer Tochter; ich bin diejenige, der Sie das heilige Vertrauen geſchenkt, Ihre Tochter zu erziehen. Sie iſt deßhalb für mich nicht Fräulein Eldau, ſondern das Kind Elvira. Ernfrid hatte, während Gabrielle ſprach ein paar Mal die Farbe gewechſelt. Als Gabrielle ſchwieg, ſagte er ganz kurz: — Ich und Sie denken nicht gleich, und das kann auch gleichgültig ſein. Wir verlaſſen deßhalb den Gegenſtand und gehen zu dem über, was ich weiter zu ſagen habe. — Wie der Herr Graf belieben,— antwortete Gabrielle. Ernfrid fühlte ſich durch ihr ganzes Benehmen dergeſtalt bis in die Seele gereizt, daß er eine un⸗ widerſtehliche Luſt bekam, ſie zu demüthigen. 158 Was er jetzt auszuſprechen im Begriff ſtand, ſollte unmittelbar kränkend werden. Es lag auch im Tone ſelbſt, welcher ſeinen Sieg andeutete, als er bemerkte: — Als meine Frau mich davon in Kenntniß ſetzte, daß ſie eine Lehrerin angenommen, hatte ich be⸗ reits ſelbſt eine ſolche engagirt, und das eine Perſon, die ich genau kenne und deren Herkunft und religiöſe Anſichten mit den Forderungen übereinſtimmen, welche ich an die Lehrerin meiner Tochter mache. In Folge deſſen finde ich mich veranlaßt, Sie zu erſuchen, beim Schluß des Jahres die Stelle zu verlaſſen, welche Sie jetzt einnehmen, natürlich unter Beibehaltung Ihres Lohnes, als wenn Sie ein ganzes Jahr hier geweſen wären. Außerdem werde ich die Reiſe und die verlorene Zeit erſetzen. Ein leichter Wechſel der Farbe, eine haſtige Be⸗ wegung des Kopfes und ein leuchtender Blitz aus den dunklen Augen zeigten, daß Ernfrid diesmal wirklich auf eine unangenehme Weiſe Gabrielle über⸗ raſcht hatte; aber ſie antwortete trotzddem in ruhi⸗ gem Tone: — Die Gräfin hat mich für keine beſtimmte Zeit engagirt. Von einem Erſatz kann alſo nicht die Rede ſein. Der Graf wünſchen, daß ich in zwei Monaten meine Stelle verlaſſe. Nun wohl, Honorar für mehr als die Zeit, in der ich ſie verſehen habe, nehme ich nicht an. Gabrielle fügte hinzu: — Ich vermuthe, daß jetzt Alles geſagt iſt, was der Herr Graf mir mitzutheilen wünſchte. 159 Sie machte eine höfliche Abſchiedsverbeugung und verließ das Zimmer. Es liegt etwas außerordentlich Niederſchlagendes in dem Bewußtſein, den Wunſch gehabt zu haben, Jemanden zu demüthigen, aber ſtatt deſſen die De⸗ müthigung zurückzuerhalten. Das Bewußtſein eines Fiasko iſt ſo peinlich, daß die frömmſten Männer dadurch erbittert werden. Wenn ein Jeder darüber ungeduldig wird, wie viel mehr dann ein ſtolzes und herrſchſüchtiges Ge⸗ müth. Als Ernfrid allein war, murmelte er auch zwi⸗ ſchen den Zähnen einen ſtillen Fluch. Er ſtand heftig auf, fing an im Zimmer auf⸗ und abzugehen und ſagte in Gedanken: — Eine ähnliche Unverſchämtheit kann man ſchwerlich finden. Erſt wagt ſie, eine Dienerin in meinem Hauſe, eine lange Rede darüber zu halten, wie man eine Lehrerin behandeln muß ꝛc. Und dann antwortet ſie ganz vermeſſen, daß ſie mir den Scha⸗ denerſatz, den ich ihr anbiete, ſchenke. Ach, man muß Franzöſin ſein, um ſich zu unterſtehen, mit einer ſol⸗ chen Vermeſſenheit aufzutreten; aber noch ſind wir nicht geſchieden, Mademoiſelle Moulin. Sie dürften erfahren, daß Graf Eldau nicht geſonnen iſt, Ihre Derbheit zu verzeihen oder zu vergeſſen. Noch ſind Sie in meinem Hauſe, eſſen mein Brod und ich werde Ihnen den Abſtand zwiſchen uns zeigen. Beim Mittagstiſch fand Lilie ſich ein, aber mit verdrießlicher Miene. 160 Die Einzige, welcher ſie ein freundliches Lächeln zeigte, war Gabrielle. Elvira fuhr ſie an, wenn ſie nur den Mund öffnete. Ernfrid mußte immerfort die Worte, welche er ſprach, wiederholen. Lilie hörte nie, was er ſagte, und als Arthur darüber ſcherzte, wurde es von der kleinen Gräfin ganz ungnädig aufgenommen. Lilie wußte ſehr wohl, daß Ernfrid es ſich nie zu Schulden kommen ließ, die Anforderungen der Höflichkeit zu vergeſſen, wenn ſie nicht allein waren, und ſie amüſirte ſich deßhalb damit, während der Mahlzeit ihrer ſchlechten Laune freien Lauf zu laſſen. Der Mann, in den Banden der Convenienz ge⸗ feſſelt, war, weil er es für eine Pflicht hielt, ſich zu unterwerfen, ein Gegenſtand ihrer Sarkasmen. Lilie glich einem Kinde, welches in ungezogenem Uebermuth einen gefangenen Löwen reizt. Ein ein⸗ ziger Schlag von des Gewaltigen Klauen und das unverſtändige Geſchöpf iſt zerquetſcht. Lilie ſprach davon, daß der ſchwediſche Adel grob, unmanierlich und ohne Feinheit und Lebensart ſei. Sie ſagte Alles, was ihre ſchlechte Laune ihr dictirte, und das, obgleich ſie ſah, wie die Adern auf Ernfrids Stirne ſchwollen. Das ganze Benehmen Gabrielles war ſowohl gegen den Grafen, wie gegen die Gräfin im höchſten Grade verbindlich. Man konnte an ihrem Benehmen unmöglich mer⸗ ken, daß eine minder angenehme Erklärung zwiſchen ihr und dem Grafen ſtattgefunden. Eben das ärgerte Ernfrid. Hätte ſie ein trauriges und niedergeſchlagenes 161 Ausſehen gehabt, ſo hätte er vielleicht ihren Anblick ertragen können; aber jetzt— dieſe ungezwungene Haltung, dieſe lächelnde Höflichkeit, welche ihm zuzu⸗ rufen ſchien: — Wenn Du vergeſſen haſt, was die Lebensart und der feine Tact fordern, ſo kann es mir nie ein⸗ fallen es zu thun. Rechnet man nun hiezu die unbeſonnenen Aus⸗ fälle der Lilie, die er dem Einfluß Gabrielles zu⸗ ſchrieb, ſo war' es natürlich, daß Ernfrids Inneres vor Zorn kochen mußte. Als Arthur ſah, daß Lilie den Bogen gar zu hoch ſpannte, wandte er ſich von Gabrielle, mit wel⸗ cher er geſprochen hatte, an Ernfrid und ſagte: — Du haſt nicht erwähnt, durch welchen unglück⸗ lichen Zufall Du Deinen Arm verrenkt haſt. Sind die Pferde durchgegangen? — Nein; mein Kutſcher und der Stationsbauer geriethen in Wortwechſel; daraus entſtand ein Streit wegen der Zügel, was dazu Veranlaſſung gab, daß letzterer die Zügel ſo heftig an ſich riß, daß die Pferde ſcheu wurden. Mein Wagen wurde zer⸗ ſchmettert. Der Kutſcher, der Lümmel, brach das Bein. Der Bauer kam davon mit einer Schmarre. Ich hätte wahrſcheinlich eine halbe Meile zu Fuß gehen müſſen, wenn nicht ein Paar Reiſende vorbei⸗ ſenn wären und mich nach Erikshof gebracht ätten. — Und der Kutſcher?— fragte Lilie.— Mußte er hülflos liegen bleiben? — Ach nein, der eine Reiſende war mitleidig Schwartz, Geburt u. Bildung. III. 11 genug, ihn auch fortzuſchaffen,— obgleich er zur Strafe dafür, daß er nicht beſſer auf die Zügel Acht gegeben und es nicht beſſer verſtanden, einen trotzigen Bauern im Zaume zu halten, es verdient hätte, auf der Londſtraße liegen zu bleiben. — Hat er ärztliche Hülfe erhalten?— fiel. Arthur ein. — Ich vermuthe es. Ernfrid wandte ſich an Elvira und ſagte ihr einige Worte; einen Augenblick darauf ſtand er vom Tiſche auf. Während man im gelben Salon Kaffee trank, ſtand Arthur am Fenſter und plauderte mit Ga⸗ brielle. Ernfrid blätterte in einigen Zeitungen. Lilie ſaß in einer Sophaecke zuſammengekauert, wo ſie mit Elvira wegen Fehler moraliſirte, welche das Kind längere Zeit zurück begangen hatte. Ernfrid ſchleuderte von Zeit zu Zeit einen wenig freundlichen Blick auf die Gattin. — Nun?— ſagte Arthur zu Gabrielle,— wie fanden Sie meinen Bruder?— Ueber alle Beſchrei⸗ bung liebenswürdig, kann ich denken? Arthur lachte. — Er gab Ihnen wohl Proben ausgeſuchter Lebens⸗ art und feinen Takts. — Ich kann es nicht ſagen,— antwortete Ga⸗ brielle, welche es unmöglich unterlaſſen konnte, über Arthurs Miene zu lachen.— Graf Ernfrid hat mich aus meiner Stelle entlaſſen. Ich werde ſie nur bis zum erſten Januar behalten. Eine von ihm ſelbſt engagirte Lehrerin ſoll dann meinen Platz einnehmen. —— 163 — Sie ſcherzen?— Arthur ſah überraſcht aus. — So weit hat er doch nicht gehen können? — Doch, er iſt ſogar ſo weit gegangen, mich zu bitten, einzupacken und abzureiſen. — Wie geht es dann mit unſerem großen Be⸗ kehrungswerk? „— Ich weiß nicht!— Aber es ſcheint, als wenn ich, um das auszuführen, erſt ein anderes unterneh⸗ men müßte. — Welches denn? — Den Grafen bekehren. Er kann mich nicht leiden, und wenn ich ſeinen Unwillen nicht in Wohl⸗ wollen verwandeln kann, ſo.... — Müſſen Sie reiſen. — Gewiß; Sie ſind dann genöthigt, beſter Herr Graf, irgend Jemand Anderem den großen Auftrag anzuvertrauen. — Es gibt keinen Anderen, der das durchſetzen könnte. Es müſſen Sie ſein, Sie, mit Ihrem aufge⸗ klärten Verſtand und derſelben Religion angehörend, die Lilie's iſt. In anderen Fällen wird es der Mar⸗ quifin durch ihre Briefe und Jaquette gelingen, eine vollſtändige Spaltung zwiſchen den Eheleuten, her⸗ vorzurufen. Ich werde untröſtlich, wenn mieine ſo ſchön ausgedachte Idee nicht zur Ausführung kommt. Ich fordere dann meinen Bruder heraus, und ſchlage mich mit ihm aus Verdruß. — Warten Sie damit bis auf Weiteres!— bat Gabrielle.— Sie haben mir Ausſichten gemacht, etwas Gutes wirken zu können, und Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich nicht davon abſtehen werde. Graf Eldau hat mir zwei Monate gegeben welche —— 164 ich hier zubringen darf. Nun wohl, ich werde ſie ſo benutzen, daß, wenn ſie abgelaufen ſind, der Graf mich ſelber bitten wird, hier zu bleiben. — Wenn Sie das vermögen, dann ſind Sie wirklich eine Zauberin,— verſicherte Arthur. — Doch nicht eine Here?— lachte Gabrielle. — Nein, eine Bezauberin. — Die ſowohl hinkend wie häßlich iſt? Ach, Herr Graf, jetzt mißlang Ihnen Ihre Artigkeit. — Durchaus nicht. Wenn Sie meinen Bruder, nachdem er den Wunſch ausgeſprochen, daß Sie ſein Haus verlaſſen mögen, dazu bringen können, daß er Sie bittet, hier zu verbleiben, dann haben Sie eine übernatürliche Macht über das Menſchenherz. Noch nie iſt es Jemandem geglückt, ihn dazu zu über⸗ reden, ſeinen einmal gefaßten Entſchluß zu ändern. — Ich beabſichtige auch nicht ihn zu überreden; das wäre die richtige Manier, die Sache zu verder⸗ ben. Nein, er wird es thun müſſen. — Welches Mittel gedenken Sie anzuwenden? — Graf, laſſen Sie das mein Geheimniß bleiben⸗ — Aber, wenn es Ihnen mißglückt? — Einer Franzöſin mißglückt. nie Etwas. Gabrielle blickte zu Arthur auf, während ein rei⸗ zendes Lächeln ihre unregelmäßigen Züge erleuchtete. Sie hatte von ſich ſelber geſagt, daß ſie häßlich und hinkend ſei; aber Arthur dachte:— Das Mädchen iſt gefährlich. Eins von zweien: entweder wird Ern⸗ frid fortfahren, ſie zu verabſcheuen, oder Der Kaffee wurde herumgereicht. Als dieſer ge⸗ trunken war, verließ Gabrielle den Salon, und nahm ihre Schülerin mit ſich, welche ſehr unglücklich da⸗ 165 rüber zu ſein ſchien, daß die Mutter ſie geſcholten hatte. Als die Thüre ſich hinter Gabrielle geſchloſſen, bemerkte Ernfrid mit lauter Stimme: — Sie iſt entſetzlich häßlich. Wahrlich, mein lieber Arthur, ich begreife nicht, wie Du und die Marquiſin de Maillé eine ſolche Gouvernante habet wählen können. Sie hat etwas Spießbürgerliches in ihrem Benehmen, etwas Unverſchämtes in ihrem ganzen Weſen, was kein gutes Beiſpiel für ein Kind iſt, das man für die höhere Geſellſchaft zu erziehen wünſcht. — Was beweiſen Deine Worte, Ernfrid?— ſagte Arthur,— doch nur, daß Deine Auffaſſungs⸗ weiſe verſchieden iſt von derjenigen, welche die Mar⸗ quiſin und ich hatten. Es wundert mich, daß Du findeſt, daß die Perſon, welche die Herzogin von D—, die Tochter des Lord O— field, erzogen hat, Mangel an Tact und Lebensart habe.— Was ihr Ausſehen anbetrifft, fügte Arthur lachend hinzu,— ſo kann man darüber ſagen, was ein geiſtreicher Verfaſſer von Mirabeau bemerkte:„Es iſt eine Häßlichkeit auf dem Boden der Schönheit.“ Uebrigens wußte ich nicht, daß die Gouvernante Deiner Tochter ſchön ſein ſollte. Die Schönheit eines ſolchen Frauenzimmers kann für die männlichen Mitglieder der Familie ge⸗ fährlich werden. Mit dieſen Worten verließ Arthur das Zimmer. 166 Gabrielle hatte in dem Augenblick, wo ſie die Thüre ſchloß, ſehr wohl die Aeußerung Ernfrids gehört. Als ſie allein auf ihrem Zimmer war, dachte ſie: Ich muß dieſen hochmüthigen Herrn lehren, daß es etwas gibt, was einen weit größeren Werth hat, als Geburt und Schönheit. Er hat mich als Men⸗f ſchen demüthigen wollen, dafür muß er büßen. Fer⸗ ner hat er meine weibliche Eitelkeit mit Füßen ge⸗ treten, das verlangt Rache. Wenn wir Frauenzim⸗ mer auch noch ſo häßlich ſind, ſo können wir es trotz⸗ dem nicht zu hören vertragen, daß Andere das wie⸗ derholen. Klugheit und Verſtand dienen uns zu nichts, wenn von unſerem Ausſehen die Rede iſt. Wir dulden keine Bemerkung darüber. Ach, meine geliebte Mutter, Du haſt dieſe Schwäche Deiner Tochter nicht nehmen können; aber ich werde ſie in meinem nächſten Briefe an Dich ehrlich eingeſtehen. Arthur hätte Ernfrid nie einen größeren Dienſt leiſten können, als daß er ſich entfernte. Dadurch bekam Ernfrid Luft für den Zorn, der in ihm kochte. Man darf indeſſen nicht glauben, daß er einen ehelichen Zank mit ſeiner Gattin anfing, oder daß er in mehr oder weniger gewählten Worten ihr 3 nehmen vorgeworfen hätte; nein, das kam ſt ſelten und nur in ganz außerordentlichen Fällen vor, daß Ernfrid ſich ſo etwas erlaubte.— Er hatte eine andere Manier, ſeine liebe Ehehälfte zu plagen. ſt e.% er e⸗ ſt te 167 Als ſie allein waren, bemerkte er im Tone des Spottes: — Ich habe vergeſſen Dir mitzutheilen, beſte Lilie, daß Du recht bald hoffen kannſt, eine Dir liebe Perſon wiederzuſehen. — Wer ſollte das ſein?— Wenn ich Frigga ausnehme, die mir ganz gut gefällt, wüßte ich Nie⸗ manden in Schweden, der mir lieb wäre. — Du biſt nicht höflich, ma chdre, da Du das zu Deinem Manne ſagſt. — Ich heuchle nie. — Du kannſt alſo nicht errathen, wer es iſt? — Unmöglich. Mein Vater iſt todt und meine Mutter wird in dieſer Jahreszeit nicht reiſen. — Derjenige, von dem ich ſpreche, kann gewiſſer⸗ maßen zu unſeren Nachbarn gerechnet werden. Jetzt, meine liebe Lilie, errräthſt Du es beſtimmt? Unſere Nachbarn ſind mir ſo gleichgültig, daß ich es nicht beſchreiben kann. — Nun, das wäre verdrießlich; ich hoffte wirk⸗ lich, Dir eine große Freude durch die Neuigkeit zu bereiten, daß Aurenius aus Algier zurückgekehrt iſt. Lilie beſaß im Allgemeinen keine Selbſtbeherr⸗ ſchung, und in dieſem Augenblick würde ſie auch zu nichts genutzt haben; denn die Nachricht, welche Ern⸗ frid mittheilte, kam ſo plötzlich, ſo unvorbereitet, daß ſie davon, wie vom Blitze getroffen wurde. Ohne ſelbſt Acht darauf zu geben, ſprang ſie auf und rief: — Iſt Aurenius zurückgekommen? Es gibt keinen Ehemann, welcher, er mag gegen ſeine Frau ſo kalt ſein wie er will, ſich nicht 168 beim Ausbruch der Freude und Ueberraſchung von ihrer Seite ärgert, wenn die Rede von einem Manne iſt, den ſie geliebt. Ernfrid preßte die Zähne zuſammen und wech⸗ ſelte die Farbe, aber er hob mit ſcheinbarer Kalt⸗ blütigkeit wieder an: — Ich ſagte es ja, daß es eine Deinem Her⸗ zen liebe Perſon ſei. Deine unverſtellte Freude be⸗ weiſt auch, daß ich mich nicht irrte. Ich will des⸗ halb hinzufügen, daß er mit Ehre, Orden und Wun⸗ den zurückgekehrt iſt, um einen Traum zu realiſiren, den er lange gehabt, der aber bei ſeiner Abreiſe von Schweden nicht in Erfüllung gehen konnte. Er be⸗ abſichtigt ſich zu verheirathen.— Ich glaube, Du erbleichſt. Sollteſt Du zufälligerweiſe etwas gegen ſeine Heirath habeng — Ich?— ſtammelte Lilie, vollkommen todes⸗ bleich.— Was ſollte ich wohl dagegen haben können. — Nichts, wie ich hoffe,— hob Ernfrid wieder hohnlächelnd an.— Es macht Dir gewiß eine Freude zu erfahren, daß Aurenius auf eine bewunderungs⸗ würdige Weiſe ſeiner erſten Liebe treu geblie⸗ ben. Schon als Cadet gefiel ihm ſeine Couſine, eine gewiſſe Magda Aurenius. Ich weiß nicht, warum nichts aus der Partie wurde; aber ich weiß, daß Mamſell Aurenius ſich mit einem Bergwerksbeſitzer Sturm verheirathete. Zwei oder drei Jahre darauf hatte Sturm die Artigkeit zu ſterben. Es war das⸗ ſelbe Jahr, in welchem uns das Schickſal verband. Magda war jetzt eine reiche Wittwe; und ſo ſchie⸗ nen alle Hinderniſſe aus dem Wege geräumt; aber Aurenius hatte einen Rivalen. Aus Verzweiflung 169 darüber ging er in Kriegsdienſte. Unterdeſſen ſtirbt der Rival und Aurenius verläßt, davon unterrichtet, Algier und begibt ſich in die Hauptſtadt Frankreichs, wo er mit ſeiner Auserkorenen zuſammentrifft. Er erklärt ſich und kehrt in ihrer Geſellſchaft nach Schwe⸗ den zurück, um nach zehn Jahren treuer Liebe den Lohn dafür zu genießen. Wie gefällt Dir der Ro⸗ man, der iſt doch ganz hübſch? 3 Ernfrid betrachtete das aufgeregte Geſicht ſeiner Frau. Lilie kämpfte einen harten Kampf mit ihren Ge⸗ fühlen, ohne über ſie Macht zu bekommen. Endlich brach ſie mit einiger Anſtrengung aus: — Wie weißt Du das Alles? — Ich habe es von einem Verwandten des ge⸗ liebten Gegenſtandes gehört. Du magſt vielleicht einwenden, daß es ein ſchwankendes Gerücht iſt. Ich würde, um Dir zu gefallen, gern dem beiſtimmen; — beſonders da ſeine treue Liebe zur Couſine Magda beweiſen würde, daß ſeine große Leidenſchaft für Dich nur eine vorübergehende Laune geweſen; aber be⸗ dauerlicherweiſe kann ich es nicht. Urtheile ſelbſt! Der Reiſende, welcher mir Beiſtand leiſtete, als ich den Arm verrenkte, war kein anderer als Aurenius, welcher ſich zugleich mit Frau Sturm und einem ee Franzoſen auf dem Wege nach Bro Pfarrhof efand. Lilie führt das Taſchentuch an ihre Lippen, um den Schmerzensſeufzer zu unterdrücken, welcher ſich über dieſelben Bahn machen wollte. — Wie, meine liebe Lilie, Du ſiehſt ganz auf⸗ geregt aus? 170 Ernfrid faßte ihre Hand und fügte hinzu: — Es iſt wohl nicht möglich, daß auch irgend eine Erinnerung an Deine kindliche Neigung zu Aurenius übrig iſt?— Sowohl Dein Vater, wie Deine Mutter gaben mir die Verſicherung, daß Du jene Phantaſie gänzlich wergeſſen hätteſt. Ich glaubte ihren Verſicherungen, weil ich mir nicht vorſtellen konnte, daß der Marquis und die Marquiſin ſolche geben würden, die falſch wären. Ich würde es in der That als eine Beleidigung anſehen, wenn ich jetzt entdeckte, daß man mich betrogen hätte. — Wie viele Worte Du doch verſchwendeſt!— fiel Lilie heftig ein. Ich habe mich den ganzen Tag übel befunden, und Du wirſt wohl zugeben, daß ich krank bin. — Gern ma chdre; aber Dich auf eine ſolche Weiſe übel zu befinden, wie Du es heute gethan, davon würde ich Dir abrathen, falls Dein Unwohl⸗ ſein ſich immer auf dieſelbe Weiſe kundgibt wie bei Tiſch.— Es könnte dann vorkommen, daß ich als Dein Arzt aufzutreten genöthigt würde, und das iſt etwas, was ich aus Achtung vor meinem Rang, meiner guten Lebensart und mir ſelbſt nicht gern thun möchte. — Ich glaube, Du drohſt!— Lilie warf den Kopf zurück. — Nein, ich warne nur.— Du biſt Franzöſin, vergeſſe nicht die Fähigkeit Deiner Landsmänninen, hinter einem reizenden Lächeln ihre ſchlechten Lau⸗ nen und Mißrechnungen zu verbergen.— Apropos Mißrechnungen, ſo mag es ſein, daß Deine üble Laune daher rührt, daß ich der Gouvernante den 171 Abſchied gegeben. Sie hat ſich wohl darüber be⸗ klagt, auf eine ſolche Weiſe von einem Ketzer behan⸗ delt worden zu ſein? — Haſt Du Mamſell Moulin entlaſſen?— rief Lilie mit ſo unverſtellter Verwunderung, daß Ern⸗ frid ſofort einſah, daß ſie erſt jetzt die Neuigkeit erfuhr. — Ja, ſie wird Frikshof am letzten December verlaſſen. Lilie ergriff heftig Ernfrids Arm und murmelte mit gedämpftem Tone: — Sie ſind ein Menſch ohne Herz, ein eiskalter Henker, der ſich damit unterhält das Opfer ſeiner Tyrannei auf alle mögliche Weiſe zu plagen. Freuen Sie ſich jetzt darüber, mich des einzigen Weſens be⸗ raubt zu haben, welches meinem Leben einige An⸗ nehmlichkeit verſchaffte. Ich werde mich deſſen erin⸗ nern, und Ihnen es einſt wiederbezahlen. — Ich bitte, ein wenig mehr Beſonnenheit! Der Zorn ſteht Dir nicht gut. Ernfrid ſtand auf und fügte hinzu: — Die Urſache der Entlaſſung der Gouvernante liegt in ihrer Religidn. Es iſt genügend, daß meine Frau katholiſch iſt; davon habe ich genug Unannehmlichkeiten gehabt. Meine Pflicht als Va⸗ ter verlangt es außerdem, daß ich von meinem Kinde alle Perſonen entferne, in deren Intereſſe es liegt, demſelben andere religiöſe Begriffe beizubringen, als die wahren und rechten. Deine Abſicht war doch wohl noch die, durch die katholiſche Lehrerin und Kammerjungfrau mein Kind heimlich in einem 172 Glauben zu erziehen, den ich verabſcheue. Dieſem bin ich jetzt zuvorgekommen. Ohne ihre Antwort abzuwarten ging Ernfrid ſeiner Wege. Lilie warf ſich mit einem Schrei, wie ihn ein gereiztes Kind ausſtößt, heftig in das Sopha. Unter Schluchzen rief ſie: — O heilige Mutter Gottes, wie unglücklich bin ich mit dieſem Ketzer!— Helfe Deinem armen Kinde ſein Schickſal zu tragen! Meine Mutter, mein Beichtvater, und alle haben Recht, wenn ſie ſagen, daß Unglücksfälle und Leiden mir ſo lange folgen werden, als ich an ſeiner Seite lebe. — Volentin, Valentin, iſt es möglich, daß Du ſo haſt handeln können?— Warum nicht? Er iſt ja auch ein Ketzer und die ſind treulos und grauſam. Lilie, welche gewiß eine ganz gute Katholikin, aber von viel zu ſchwankendem Charakter war, um bigott zu ſein, führte indeſſen alle Fehler ihres Mannes auf den Umſtand zurück, daß er Gott nicht unter derſelben Form verehrte wie ſie. Sie hielt ſich für berechtigt jede Schwäche eines Lutheraners davon herzuleiten, daß er nicht katho⸗ liſch ſei. Sie wandte auch auf ihre Verhältniſſe die all⸗ gemeine Unverträglichkeit gegen Andersgläubige an. Einige Tage waren vergangen, während welcher Ernfrid mit froſtiger Kälte und Stolz Gabrielle be⸗ handelte. 173 Eines Abends, als die Dämmerung im Begriff war in Dunkelheit überzugehen, ſtand Ernfrid am Fen⸗ ſter in ſeinem Arbeitszimmer und blickte hinaus in den Hof. Seine Aufmerkſamkeit wurde auf eine Frauen⸗ geſtalt gelenkt, welche von dem großen Gebäude kommend ihren Weg quer über den Hof der Allee zu nahm. — Schon wieder,— murmelte Ernfrid. — Wohin geht ſie wohl jeden Abend, und das ganz allein? Ich muß das im höchſten Grade un⸗ paſſend finden, beſonders da mein Bruder immer einige Augenblicke vorher denſelben Weg nimmt. Wenn ſie nicht ſo häßlich wäre, wie ſie iſt, ſo würde ich allen Grund haben, eine Intrigue zwiſchen ihr und Arthur zu argwöhnen. Ich fürchte wirklich, daß mein Bruder ſich mehr als ſchicklich für ſie intereſſirt. Ernfrid verließ ſeinen Platz am Fenſter. Etwas ſpäter ſah man den Grafen über den Hof der Allee zu wandern. Er hatte den Ueberzieher zugeknüpft, den Kra⸗ gen aufgeſchlagen und die Mütze in die Stirne gedrückt. Eine kurzé Strecke vor ſich entdeckte er die Con⸗ turen einer dunkeln Weibergeſtalt, welche mit ſo ſchnellen Schritten, wie ſie für eine Hinkende mög⸗ lich waren, die Allee hinaufging. Ernfrid hielt ſich in einigem Abſtand und mur⸗ melte vor ſich hin, daß es ein ſchönes Exemplar von einer Gouvernante ſei, die Abends da draußen im Finſtern herumſpucke. 174 Ohne im Entfernteſten etwas davon zu wiſſen, daß der ſtolze Eigenthümer von Erikshof ſich zum Spioniren herabließe, ſetzte Gabrielle ihren Weg fort. Als ſie am Ende der Allee angekommen war, bog ſie rechts ein, wo eine Reihe von Wohnungen für die Dienerſchaft gelegen war. In die erſte derſelben ging ſie hinein. — Was kann ſie bei Fredrik, meinem einen Kut⸗ ſcher zu thun haben?— dachte der Graf, als ſie durch die Stubenthüre verſchwand. Er wartete ihre Wiederkunft ab, feſt entſchloſſen, ſich es mit einer ſcharfen Bemerkung zu verbitten, daß Gabrielle, ſo lange ſie Lehrerin ſeiner Tochter ſei, im Finſtern herumpromenire. Der vornehme Herr mußte indeſſen lange wurten. Endlich erſchien Gabrielle. Ernfrid ging ihr gerade entgegen. Es war jetzt gänzlich finſter, ſo daß das junge Mädchen ihn nicht bemerkte, bevor er ihr ganz nahe war. — Es verwundert mich, daß Sie, welche vor einigen Tagen von der Wichtigkeit des Berufes einer Lehrerin ſprachen, trotzdem denſelben ſo unrichtig auffaſſen, daß Sie um dieſe Zeit Wgzderungen auf eigene Hand unternehmen. Wo und wann iſt es gebräuchlich, daß ein anſtändiges junges Frauen⸗ zimmer einſam im Finſtern herumwandert?— ſagte Ernfrid. — Wenn es Jemandem, der leidet, nützen kann, iſt es in der ganzen Welt gebräuchlich, daß es ſich ſelbſt und das Unangenehme einer ſolchen Wande⸗ rung vergißt,— antwortete Gabrielle freimüthig. 175 — Ihr Kutſcher, Herr Graf, welcher ſein Bein brach, hat nur eine alte, lahme Mutter die ihn wartet. Ich habe mich im Namen der Gräfin erkundigt, was der Unglückliche nöthig haben möchte. — Es ſcheint mir, daß die Gräfin dieſen Auf⸗ trag ihrer Kammerjungfer und nicht der Gouvernante ihrer Tochter hätte geben können. Ich wußte nicht, daß es mit der Würde der Letzteren übereinſtimme, Gänge zu machen. — Ich thue es auch nicht. Die Gräfin weiß nichts von dem Schritt, den ich gethan. Ich beab⸗ ſichtigte, ihr das mitzutheilen und ſie zu erſuchen, für denjenigen zu ſorgen, welcher im Dienſte ihres Mannes ſein Bein gebrochen. Jetzt iſt das überflüſſig, da der Herr Graf davon unterrichtet iſt, daß der arme Kutſcher Pflege und Hülfe nöthig hat. — Sie haben alſo den Engel der Barmherzig⸗ keit gegen einen meiner Untergebenen geſpielt? — Das gerade nicht; aber wenn dem auch ſo wäre, ſo kommt es vaher, daß ich es für eine Pfflicht halte, daß derjenige, welcher in Graf Eldau's Haus iſt, ſich in den Tugenden übt, welche alle diejenigen auszeichnen ſollten, die den Erben eines ſo alten und berühmten Namens umgeben. Eine ſchöne Rolle zu ſpielen, ſelbſt wenn dieſe nicht ganz mit unſerem Gemüth und Charakter übereinſtimmt, führt gewöhn⸗ lich ein Gutes mit ſich,— daß wir damit unſeres Gleichen nützen. — Sie dürften indeſſen erlauben, daß ich, ohne Einmiſchung fremder Perſonen, mich ſelbſt um meine Leute kümmere und ſelbſt beurtheile, was für die⸗ ſelben gethan werden muß. 176 — Herr Graf, mein Beſuch bei Ihrem Kutſcher war eine rein chriſtliche Handlung. Sie hat nichts zu thun mit dem Umſtande, daß er in Ihrem Dienſte iſt. Als Chriſtin hatte ich das volle Recht, Barm⸗ herzigkeit zu üben. Und jetzt, Herr Graf, erſuche ich Sie, daß Sie nicht meinetwegen Ihre Schritte mäßigen. Als Hinkende gehe ich bedeutend lang⸗ ſamer, als Sie. Uebermaß der Vermeſſenheit! Sie entließ den Grafen. Ernfrid fand das Benehmen Gabrielle's ſo, daß es ihn verblüffte. Er antwortete auch nicht ein Wort, ſondern ſetzte ſeinen Weg an ihrer Seite fort. Als ſie in die untere Hausflur eintraten, kam eine der Kammerjungfrauen der Gräfin und ſagte: — Die Gräfin wünſcht mit Mamſell Moulin zu ſprechen. — Ich werde kommen. — Sage der Gräfin, daß ich hoffe, ſie zu ge⸗ wöhnlicher Zeit im Salon zu treffen,— bemerkte der Graf und ſprang die Treppe hinauf. Gabrielle begab ſich in ihre Wohnung. Nach dieſem Tage erhielt der arme Kutſcher eine Krankenwärterin und ordentliche ärztliche Pflege. Als Gabrielle eintrat, rief Lilie ihr entgegen, daß ſie verzweifelt ſei und ſich für den unglücklich⸗ ſten Menſchen auf der Erde halte, weil ihr Mann nichts Anderes thäte, als ſie zu plagen. Er hatte Nachmittags abſolut erklärt, daß er 177 nichts davon wiſſen wolle, daß die franzöſiſche Kam⸗ merjungfrau, Jaquette, bleibe, ſondern daß ſie ziehen müſſe, weil er, Ernfrid, nicht alle dieſe Ka⸗ tholiken um ſich vertragen könne. Lilie beſchrieb mit lebhaften Farben alle die In⸗ famien, welche ihr Mann ſeit dieſen Tagen, wo er zu Hauſe geweſen, ſich erlaubt. Unter einem Strome von Thränen beſchrieb ſie ihren Schmerz darüber, daß er Gabrielle von ihr trennen wolle, und nun auch das einzige Weſen, wel⸗ ches ihr ergeben ſei, ſie verlaſſe. Gabrielle hatte nie ein Weib von Erziehung auf eine ſo maßloſe Weiſe ihren Gefühlen Luft machen geſehen, wie es Lilie jetzt that. Nachdem Lilie alle ihre Kräfte in Gefühlsaus⸗ drücken erſchöpft, folgte eine Ermattung. Gabrielle ſuchte durch einige vernünftige Worte ſie zu beruhigen und ihr zu zeigen, daß Alles, was ſie für ſo entſetzlich halte, bei näherer Betrachtung eigentlich nicht ſo gefährlich ſei. Gabrielle ſuchte ſie zu überzeugen, daß der Graf kein Tyrann ſei, ſondern daß er nur einen beſtimm⸗ ten Widerwillen gegen die katholiſche Religion habe, daß dieſer irgend einen gültigen Grund haben müſſe. Nach und nach ging Gabrielle von der Verthei⸗ digung des Mannes dazu über, auf Verſchiedenes in Liliens eigenem Benehmen hinzudeuten, was ſie mißbilligte. Ihre eigene Entlaſſung fand Gabrielle ganz na⸗ türlich, da ſie ſich darauf ſtützte, daß ſie Katholikin ſei, und der Graf folglich in Beziehung auf den Schwarz, Geburt u. Bildung. nr. 12 178 religiöſen Unterricht nur Zweifel über ſie hegen könnte. Was Jaquette beträfe, ſo behauptete Gabrielle, daß es ſie durchaus nicht wundere, wenn der Graf eine Perſon los ſein wolle, die in ewigem Streit mit der übrigen Dienerſchaft läge und ein beſon⸗ deres Vergnügen darin fände, Intriguen zu ſpinnen. Gabrielle beſaß jene milde Beredtſamkeit, die vom Herzen ausgeht und deßhalb einen unwiderſtehlichen Eindruck auf das Gefühl ausübt. Sie gab ihren Argumenten ein Gepräge, welches ihnen jeden Vorwurf der Bitterkeit benahm. Sie ſprach von dem Fehlerhaften in Liliens Be⸗ nehmen, ſo daß Lilie ſelbſt davon getroffen ſchien, aber ohne daß die Wahrheit ſie verwundete. Genug! Gabrielle beſaß die ſeltene Gabe, zu glei⸗ cher Zeit höflich und wahr zu ſein. Sie gab der Wahrheit eine ſolche Geſtalt, daß ſie nicht verletzend wurde, und vergaß nie, daß unter allen empfindlichen Dingen das menſchliche Herz das allerempfindlichſte ſei. Die wirklich überlegene Geiſtesbildung, welche Gabrielle beſaß, machte, in Verbindung mit ihrem natürlichen feinen Gefühl, daß ſie vollkommen einſah, daß, wenn man die Fehler eines Andern verbeſſern wolle, dies niemals dadurch geſchehen könne, daß man mit plumper und ungeſchickter Hand in die Saiten des Herzens greife, ſo daß ſie lauter disharmoniſche Töne hervorbringen. Nein, es muß mit leichter Hand geſchehen. Der⸗ jenige, welcher auf ihnen ſpielen will, muß mit einem ſo feinen Ohr begabt ſein, daß er die falſchklingenden 179 Töne umſtimmen und auf dieſe Weiſe einen harmo⸗ niſch klingenden Accord hervorbringen kann. Die Kunſt, die menſchlichen Schwächen ſo zu be⸗ handeln, daß man nicht ſchadet, wo man nützen will, iſt ſo groß, daß nur einige wenige Auserwählte im Beſitz derſelben ſind. Gabrielle war Eine von dieſen. Lange ſprach ſie aus der Tiefe der Ueberzeugung ihres Herzens, und Lilie, obgleich mehrere Jahre älter, glich einem unverſtändigen Kinde, das den klugen Rathſchlägen einer ältern Perſon lauſcht. Als Gabrielle ſchwieg, ſchlug die Uhr halb acht. Es war die Stunde, um welche Ernfrid wünſchte, daß man ſich verſammeln ſolle. — Jetzt wollen wir in den Salon hinunter⸗ gehen,— ſagte ſie freundlich,— der Graf erwartet die Gräfin. — Ich gedenke heute Abend in meinen Zimmern zu bleiben,— antwortete Lilie.— Er hat mich ſo tief verwundet, daß er nicht verlangen kann, daß ich auf ſeine Wünſche Rückſicht nehmen ſoll. — Frau Gräfin, ich flehe Sie darum, ſtehen Sie davon ab, dieſe Rache zu nehmen. Gehen Sie hin⸗ unter und zeigen Sie dem Grafen, daß er eine in jeder Beziehung liebenswürdige Frau hat! Ach, ich würde mich ſtolz darauf fühlen, wenn meine Lands⸗ männin ihren Gemahl ſeine ſchlechte Laune dadurch vergeſſen machen würde, daß ſie ihm zeigte, ſie ſei ein Engel. Es liegt ein großer Triumph in einem ſolchen Sieg. Ich an Ihrer Stelle möchte deſſelben nicht verluſtig werden. — Ah, ma chère, Sie kennen nicht alle die 180 Schmerzen, welche meine Bruſt erfüllen!— rief Lilie und hatte ihre Gedanken bei Valentin. Noch hatte ſie nicht dieſes Geheimniß ihres Her⸗ zens Gabrielle mitgetheilt. — Aber ich weiß, daß die Frau ſich ſelbſt ver⸗ geſſen muß, wenn ſie ihren Mann und ihre Pflicht vor ſich hat. Thun Sie dieſen Abend Ihren Ge⸗ fühlen Gewalt an. Ich beſchwöre Sie! Gabrielle küßte Liliens Hände, ſagte ihr tauſend aufmunternde Worte und brachte ſie durch Schmei⸗ cheleien zur Nachgiebigkeit, gerade wie man es mit einem Kinde macht, das man nicht auf andere Weiſe zum Gehorſam bringen kann. Das Reſultat wurde, daß Lilie, von Gabrielle begleitet, ſich einige Augenblicke darauf im Salon einfand. Es waren dort einige fremde Herrn, welche von L— auf Beſuch gekommen waren. Lilie ſah nach den vergoſſenen Thränen etwas ſchmachtend aus, was ſie unbeſchreiblich einnehmend machte; indeſſen richtete Ernfrid nicht einen Blick auf ſie, als ſie eintraten, ſondern auf Gabrielle. Das junge Mädchen hatte eine ungewöhnlich leb⸗ hafte Farbe. Die großen Augen blitzten noch von der Aufregung in der ſie geweſen, während ſie ſich bemüht hatte, Liliens Gedanken auf ein beſſeres Ziel, als auf den egoiſtiſchen Schmerz zu lenken. Ihr ganzes Ausſehen hatte etwas Edles, Trium⸗ phirendes, das aller Bosheit der Welt Trotz zu bie⸗ ten ſchien. Auch Gabrielle richtete ihren erſten Blick auf Graf Ernfrid. Ihre Blicke begegneten ſich. — 181 Es kam Gabrielle vor, als wenn die ihrigen bei dem Zuſammentreffen mit den eiskalten des Ernfrid zurückgeprallt wären. — Jene gräfliche Figur gleicht dem ewigen Schnee auf den Alpen. Bei ſeinem Anblick bekommt man eine unwiderſtehliche Luſt, zu Tode zu frieren,— dachte Gabrielle. — Ich werde nie jenes Geſicht vertragen können, — waren Ernfrids Gedanken; aber trotzdem konnte er die Augen nicht von ihr wenden. Die fremden Herren beeilten ſich, die Gräfin zu begrüßen und ebenfalls Gabrielle mit einigen ver⸗ bindlichen Worten ihre Aufwartung zu machen. Rittmeiſter H—ſtöld ließ ſich neben det letzteren nieder und ſagte ihr eine Menge Artigkeiten in ſchlech⸗ tem Franzöſiſch. Eine lebhafte Unterhaltung entſpann ſich. Der Rittmeiſter, welcher Anfangs nur aus gewöhnlicher Höflichkeit ſich an Gabrielle adreſſirt hatte, wurde bald intereſſirt dabei, daß er ſeine ſchöne Wirthin vergaß. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Ernfrid Gabrielle cdquett fand und daß des Rittmeiſters Intereſſe eine Folge davon ſei. WMit wirklicher Befriedigung bemerkte Gabrielle, daß Lilie ſich bemühte, liebenswürdig gegen ihren Mann zu ſein, und daß es ihr auch gelang. Der egoiſtiſche Ernfrid konnte mit ſeiner reizen⸗ den Frau vollkommen zufrieden ſein, welche dieſen Abend ſich ſelbſt und ihre Landsmänninnen in ein⸗ nehmendem Weſen übertraf. 182 Etwas ſpäter am Abend bat Lilie Gabrielle, daß; ſie ſpielen möchte. General H—ſtöld, der Vater des Rittmeiſters, war ein großer Liebhaber von Muſik. Er hatte in ſeinen jüngeren Jahren componirt und man konnte ihm kein größeres Vergnügen bereiten, als wenn man gute Muſik aufführte, aber auch keine entſetzlichere Plage, als wenn er ſchlecht ausgeführte anhören mußte. ten ſich, vor ihm zu ſpielen. Sie fürchteten den Ken⸗ ner, und keine Andere, als Virtuoſen traten auf und ließen ſich vor dem alten Muſiker hören. Gabrielle ließ ſich trotzdem nicht bitten, ſondern ging ſofort zum Piano. Graf Ernfrid näherte ſich ihr und ſagte: — Manmſell wiſſen vielleicht nicht, daß der General ein ausgezeichneter Muſiker iſt? — Man hat es mir geſagt, Herr Graf. — Er iſt unglücklich, wenn er aus Höflichkeit ſich darin fügen müßte, ein mittelmäßiges Talent zu hören,— hob Ernfrid wieder an,— und ich würde es meiner eigenen Gemahlin nicht verzeihen, falls ſie auftreten würde und ihn plagen. — Ich werde mich beſtreben, daß der Herr Graf mir nichts zu verzeihen haben wird,— antwortete Gabrielle und warf Ernfrid einen Blick zu. In dieſem Augenblick hätte Gabrielle mit dem ſchönſten Weibe in der Welt wetteifern können, ſo einnehmend war ihr Ausſehen. Vielleicht dachte Ernfrid es auch, ohne ſelbſt darauf Acht zu geben⸗ Diejenigen, welche den General kannten, fürchte⸗ 183 Der General trat heran zum Inſtrument und ſagte artig: — Darf ich wagen mir von Mamſell Moulin eine Gefälligkeit auszubitten? — Herr General, es wird mir eine Ehre ſein, wenn ich einen Wunſch von Ihnen erfüllen kann,— antwortete Gabrielle. — Spielen Sie Etwas von Mozart! — Gern. Was wünſchen der Herr General, daß ich ſpielen ſoll? Der alte Mann nannte die Muſiknummer, die er zu hören wünſchte. Einige Minuten darauf ſaß Gabrielle am Piano. Ernfrid blieb unbeweglich an ihrer Seite ſtehen und fixirte ſcharf das junge Mädchen. Jetzt ertönten die erſten Accorde. Das ſchwierige, aber feine Stück von Mozart wurde auf eine Weiſe ausgeführt, die nichts zu wün⸗ ſchen übrig ließ. Das war kein gewöhnliches Gouvernante⸗Talent, ſondern es lag eine überlegene Virtuoſität in der Art und Weiſe, wie Gabrielle das Inſtrument be⸗ handelte. Der General war entzückt, Ernfrid verwundert. Gabrielle wurde vom General und von den Frem⸗ den beglückwünſcht. Ernfrid, welcher ſich nie in Geſellſchaft eines Ver⸗ ſtoßes gegen die Höflichkeit ſchuldig machte, verbeugte ſich ebenfalls. Lächelnd ſagte Gabrielle zu ihm: — Ich hoffe, daß der Herr Graf mir nichts zu verzeihen hat? 184 — Nicht als muſikaliſcher Künſtlerin,— antwor⸗ tete Ernfrid kalt. Die kleinen Feindſeligkeiten von Seiten des Gra⸗ fen gegen Gabrielle wurden regelmäßig fortgeſetzt. Beim geringſten Schein einer Veranlaſſung war er mit einer Bemerkung bei der Hand; aber jede ſolche erſchien immer bei genauerer Unterſuchung un⸗ befugt. Sie fiel alſo auf ihn zurück, der ſie gemacht. Eines Morgens z. B. ſah er Gabrielle und ſeine Tochter ganz früh eine Promenade machen. Das Fräulein marſchirte friſch darauf durch den tiefen Schmutz. In der Allee angekommen, blieb ſie ſtehen und redete zwei Kinder an, die einigen Käthnerleuten von Erikhofs Gut gehörten. Elvira ſtreichelte eines davon. Alles dies ſah Ernfrid von ſeinem Fenſter. Als Gabrielle und Elvira zu Hauſe kamen, wurde Erſtere ſofort zum Grafen gerufen. Er fragte, ob ſie glaube, es ſtimme mit ſeinem Willen überein, daß Elvira auf einem ſo ſchmutzigen Wege promenire, da ihr Vater ja Pferde im Stalle habe. Damit das Mädchen friſche Luft genieße, dürfe man nur Befehl geben, anzuſpannen. Ferner komme es dem Grafen vor, daß Elvira durchaus nicht mit den Bauernkindern zu ſpre⸗ chen, und keineswegs nöthig habe, mit ihnen Kamerad zu ſein. Gabrielle hörte ihm ſchweigend zu. — —— — „— ——————— 185 Als der Graf ſchwieg— antwortete ſie in einem ruhigen Ton: — Ich hielt es für ausgemacht, daß der Herr Graf wiſſe, daß der Arzt Elvira vorgeſchrieben habe, eine Promenade zu Fuß im Freien zu machen. Um dieſe Vorſchrift zu befolgen, unternehme ich täglich dieſe Promenaden mit ihr. Daß ſie Kinder der Unter⸗ thanen ihres Vaters freundlich grüßt und anredet, iſt ja eine Gewohnheit, die ſie ſich, um ihren Platz im Leben würdig auszufüllen, von Kindheit an an⸗ eignen muß. Darauf war nichts zu antworten. Graf Ernfrid ſagte auch ganz kurz, daß er im Voraus von dergleichen Angelegenheiten unterrichtet zu werden wünſche und ſelbſt beſtimmen wolle, was er für recht und mit der geſellſchaftlichen Stellung der Tochter verträglich halte. Dies als ein Beweis dafür, auf welche kleinliche Art und Weiſe er auf all Gabrielles Thun und Laſ⸗ ſen Acht gab. An einem ſchönen Vormittag trat der Graf in das Unterrichtszimmer. Gabrielle wollte die Lectionen fortſetzen, aber der Graf erklärte, daß er ſelbſt die Tochter zu examiniren wünſche, um zu erfahren, was ſie während dieſer letzten Monate gelernt. — Der Herr Graf wiſſen wahrſcheinlich, wie viel Elvira konnte, als ich ſie unternahm?— ſagte Gabrielle. — Ich vermuthe, daß ſie in einem Alter von ſechs Jahren die Anfangsgründe vom Leſen und 186 Schreiben und noch etwas mehr, ſich angeeignet hatte — antwortete Ernfrid. — Nein, Herr Graf, ſie hatte noch nicht ange⸗ fangen zu leſen. Das Wenige, was ſie kann, habe ich alſo allein die Ehre ihr beigebracht zu haben. Ernfrid biß ſich in die Lippen. Er konnte alſo nicht einmal das, was ſie wußte, auf die Zeit ſchieben, wo Gabrielle nicht im Hauſe war. Er begann die Tochter zu überhören, dieſelbe be⸗ antwortete ſeine Fragen ohne Furcht und ſo correct und geläufig, daß ſie den Vater überraſchte. Bei allen ſeinen vielen und großen Fehlern be⸗ ſaß Ernfrid eine gute Eigenſchaft, nämlich die, bis zu einem gewiſſen Grad gerecht zu ſein. Er konnte deßhalb nach geſchloſſenem Examen nicht unterlaſſen auf ſeine ſtolze und kalte Manier Ga⸗ brielle zu danken. Als Antwort hierauf bemerkte ſie: — Ich werde die Erinnerung an dieſe Anerken⸗ nung des Herrn Grafen, daß ich Dankſagung ver⸗ dient habe, in meinem Herzen bewahren.— Es iſt immer ein großer Triumph, daß derjenige, welcher vorzugsweiſe die Fehler von Jemanden aufſucht, doch zugibt, daß dieſer auch einiges Verdienſt hat. — Sie glauben alſo, daß ich mir Mühe gebe Ihre Fehler ausfindig zu machen? — Richt Mühe geben, ſondern daß der Herr Graf ſie gerne ſehen und dagegen die Augen zu⸗ ſchließen vor den möglichen guten Eigenſchaften, die bei mir gefunden werden möchten. — Und wo werden Sie den Grund zu einer ſol⸗ chen Handlungsweiſe von meiner Seite finden. „187 — In dem Vorurtheil, welches der Herr Graf gegen mich gefaßt haben.— Woher dieſes ſtammt, weiß ich nicht; aber da⸗ gegen weiß ich zu wohl, daß es exiſtirt. — Ich verſichere Sie, Mamſell, daß ich mich im Allgemeinen nicht von Vorurtheilen beherrſchen laſſe. Sie ſind mir im Uebrigen eine vollkommen fremde Perſon. — und doch, Herr Graf, fällt es Ihnen ſchwer, mich zu ertragen. Es ärgert Sie, daß Sie noch nichts wirklich Tadelnswerthes an mir haben finden können. Und ich, ich beklage tief, daß Sie die kurze Zeit, die ich hier bleibe, mich nicht zu ertragen ver⸗ mögen. In dieſem Augenblick kehrte Elvira, die für kurze Zeit in ihre Zimmer geſprungen war, wieder zurück. Ernfrid ging, nachdem er einige freundliche und herzliche Worte zum Kinde geſagt. Gabrielle betrachtete ihn, während er das Kind liebkoste, und dachte: — Dieſer Mann, welcher ſo ſchonungslos gegen Andere iſt, beſitzt doch Liebe zu ſeinem Kinde. Es ſchlägt alſo ein Herz in ſeinem Buſen. . g bemerkte Arthur ſcherzend gegen Ga⸗ rielle: — Mein Bruder hat heute menſchlicher ausge⸗ ſehen als gewöhnlich. Er hat ſich ja während des Mittageſſens zweimal an Sie gewandt. 188 — Ja, er hat ſich wirklich dazu herabgelaſſen, mich anzureden. Nun, das war wohl nicht zu viel nach Verlauf von vier Wochen, beſonders da ich be⸗ ſchloſſen habe, daß er mich in acht Wochen darum bitten ſoll, hier zu bleiben. — Ich fürchte, daß Ihr Beſchluß zu den unaus⸗ führbaren gehört,— meinte Arthur. Abends war Ernfrid noch weniger hochmüthig in ſeinem Benehmen gegen Gabrielle. Er pflegte ſich nie in die Unterhaltung zu miſchen, wenn Gabrielle, Lilie und Arthur irgend ein Thema discutirten, ſondern es paſſirte im Gegentheil häufig, daß er ihre Converſation unterbrach; aber dieſen Abend nahm er daran Theil, Noch nie war es vorgekommen, daß er den Wunſch ausgeſprochen, Gabrielle ſpielen zu hören. Nachdem man Thee getrunken, wandte er ſich an ſie mit den Worten: — Es würde ſehr angenehm ſein, ein wenig Muſik zu hören zu bekommen. Der Ton hatte vielleicht zu viel Gebietendes, um einen Wunſch auszudrücken; aber es wäre gar zu viel verlangt geweſen, daß er ſie noch einmal auf eine andere Weiſe hätte anreden ſollen. Gabrielle ging zum Piano. Mit dem ausgeſuchten Takt, welcher eine gebildete Perſon auszeichnet, ſpielte ſie ein Paar Piecen aus dem Freiſchütz, von denen ſie wußte, daß Ernfrid ſie gut leiden konnte. — Sie haben ein entſchieden muſikaliſches Talent, — ſagte Ernfrid, als ſie zu Ende war,— man 189 hört Sie mit großem Vergnügen.— Sehr gnädig, dachte Gabrielle. Eines Morgens, während ſie und Elvira eine ihrer gewöhnlichen Promenaden unternahmen, trat der Graf in das Unterrichtszimmer. Da er es leer fand, ging er in Gabrielle's Vorzimmer. In dieſem befand ſich ein kleiner Bücherſchrank, welcher nicht dem Eigenthümer von Erikshof, ſondern der Gouvernante gehörte. Den Inhalt davon nahm Ernfrid in Augenſchein. Er beſtand aus den Werken ausgezeichneter Schriftſteller und war eine richtige Auswahl von Erzeugniſſen des Geiſtes. Nachdem Ernfrid den Inhalt des Bücherſchranks unterſucht, näherte er ſich einem Schreibtiſch, wel⸗ cher an einem Fenſter ſtand. Dort lagen einige Bü⸗ die das junge Frauenzimmer wahrſcheinlich jetzt as. Ernfrid öffnete eines derſelben. Es war Cervantes Don Quixote. Der Graf warf einen Blick auf die in guter Ordnung liegenden Papiere und ſtreckte die Hand nach einem Buche aus, welches in rothem Maroquin gebunden war und unter jenen lag. Es war wie mit Fleiß verſteckt. Ernfried zog es hervor und öffnete es. Es ent⸗ hielt Poeſien, die von einer ſchönen und eleganten Frauenhand geſchrieben waren. Fr ſtieß auf folgende Strophe: 190 „Suche, forſche in dem eig'nen Herzen, Und reiße aus, wenn auch mit Schmerzen Das Unkraut all, das dort ſich findet.“ Man hörte Schritte im Saal. Ernfrid ſchlug das Buch zuſammen und ſteckte es in ſeine Bruſt⸗ taſche. Er fand Gabrielle in dem nebenliegenden Zimmer. Bei ſeinem Anblick ſchien ſie etwas verwundert, beſonders da er aus ihrer Privatwohnung heraus⸗ trat.— Ich wünſchte Sie zu ſprechen,— ſagte Ernfrid. Etwas genirt dadurch, daß er beim Spioniren angetroffen worden war, fügte er hinzu:— Da ich Sie nicht im Saale fand, glaubte ich, daß Sie in Ihrem Vorgemach wären. — Hat man denn nicht den Herrn Grafen davon in Kenntniß geſetzt, daß ich mit Elvira promenirte? — antwortete Gabrielle lächelnd. Ernfrid that, als wenn er das nicht hörte; wäre er aber gezwungen geweſen, die Frage zu beant⸗ worten, ſo hätte er ſagen müſſen: — Ich paßte auf, wann Sie ausgingen, um zu unterſuchen, was Sie leſen und womit Sie ſich in Ihren freien Stunden beſchäftigen. Der Graf fing damit an, davon zu ſprechen, daß er eine Perſon aus Stockholm zu verſchreiben beabſichtige, welche Elvira das Tanzen lehren ſollte, und daß er ſich des⸗ halb mit Gabrielle berathſchlagen wollte. In der That ſah Gabrielle nicht ein, warum er darüber ſich bei ihr Raths erholen wollte. Die dar⸗ auf folgende Discuſſion kam Gabrielle's klarem Blick wie ein Scheingrund vor, hinter welchem er die wirk⸗ — 191 liche Urſache ſeiner Anweſenheit in den Zimmern der Gouvernante verbergen wollte. Abends brachte Graf Ernfrid ſelbſt die Rede auf Poeſie und verſchiedene Dichter. Arthurs lebhafte und etwas übereilte Aeußerung über ein paar ausgezeichnete Dichter veranlaßte Gabrielle, dieſe in Schuz zu nehmen. Der Gegenſtand intereſſirte offenbar das junge Weib. Sie äußerte ſich mit einer Wärme, welche deutlich zeigte, daß ſie jetzt auf ein Gebiet gekommen ſei, auf welchem ſie vollkommen zu Hauſe war. Ihre Gedanken waren erhaben und edel, ihre Worte geiſtreich, ihre Vertheidigung klar und ihr Urtheil treffend. Als Gabrielle, ohne es ſelbſt zu merken, ſich der Worte bemächtigt hatte, ſchwiegen die Anderen. Lilie betrachtete mit Verwunderung die Lehrerin ihrer Tochter, welche ſich jetzt auf eine Weiſe äußerte, welche das Faſſungsvermögen und den Gedanken⸗ flug Lilie's überſtieg. Arthur fühlte, daß was ſie ſagte, wahr ſei, und er bewunderte das rein Poetiſche in ihrer Auffaſſung der Dichtkunſt. Zurückgelehnt im Divan ſaß Ernfrid und be⸗ trachtete faſt düſter die inſpirirte Gabrielle. Als ſie ſchwieg, entſtand eine Pauſe. Alle fühlten, daß ſie zu der Schilderung des inneren Lebens des Dichters, welche Gabrielle entworfen, nichts hinzufügen konnten. Trotzdem unterbrach Ernfrid das Schweigen. — Da Mamſell Moulin(es war das erſte Mal, daß er dem Worte Mamſell den Namen hinzu⸗ fügte) die Poeſie aller Länder ſo vollkommen zu 192 kennen ſcheint, ſo könnten Sie mir vielleicht dar⸗ über Auskunft geben, welcher Dichter dieſe Strophen verfaßt hat? Ernfrid zog ein Papier hervor. Ich habe ſie aus einem Buche abgeſchrieben und es würde mir ein Vergnügen machen, den Verfaſſer zu kennen. „Ein Zufall nicht die Welt regiert, Die äuß're und die inn're nicht; Denn Alles nur Vergeltung iſt, Und Alles Strafe, Warnung, Prüfung, Ob größ're oder klein're; denn Gleichwie ein hoher, mächt'ger Ton In der Ereigniſſe Gewimmel, Geht durch das All der weiſe Glaube, Daß in dem Himmel Gottes wohne Die Schickſalslenkung, die ällmächt'ge. Während Ernfrid etwas langſam, aber mit klarer Stimme las, hatte Gabrielle ſich tiefer über ihre Stickerei gebeugt. Die eine Purpurflamme nach der anderen zog über ihre Wangen und die augenfälligſte Verlegen⸗ heit ſpiegelte ſich auf ihrem Geſichte. Von Zeit zu Zeit hatte Ernfrid einen prüfenden Blick auf ſie geworfen, um die Wirkung des Vor⸗ leſens zu erſpähen: — Erkennen Sie dieſe Verſe wieder? — Ja, Herr Graf,— antwortete Gabrielle, der eine Unwahrheit zuwider war. — Da kennen Sie wohl den Namen des Ver⸗ faſſers? — Er gehört zu denjenigen, welche einen ſolchen nicht haben. 193 — Möglich, daß er noch keinen ſolchen erwor⸗ ben! aber es wäre immerhin intereſſant, ihn kennen zu lernen. Wollen Sie ſeinen Namen nicht nennen? Gabrielle blickte haſtig auf. Ihre Blicke begeg⸗ neten Ernfrids, welche in dieſem Augenblick den kalten und ſtrengen Ausdruck verloren hatten. — Jene Verſe, Herr Graf, ſind in der litera⸗ riſchen Welt unbekannt. Sie ſind noch nicht ge⸗ druckt worden und... — Sie wiſſen nicht, wie ich ſie kennen gelernt? — Ernfrid lächelte. Es war das erſte Mal, daß Gabrielle ihn lächeln ſah. — Ich habe ſie in einem Buche gefunden; in welchem, werden Sie gleich erfahren. Ernfrid nahm ein Bleiſtift, ſchrieb einige Worte unter die Verſe und fügte hinzu: — Wahrſcheinlich hat Mamſell verſprochen, den Namen des anonymen Verfaſſers zu verſchweigen. Ich muß mich alſo darein finden, ihn nicht zu er⸗ fahren. Ich kann mir immerhin das Vergnügen nicht verſagen, Ihnen den Titel des Werkes zu geben, in welchem ich dieſe Verſe gefunden. Ernfrid reichte ihr das Papier. Gabrielle warf einen Blick darauf und erröthete. Ernfrid hob im gleichgültigen Tone wieder an: — Werden Sie uns nicht ein wenig Muſik hören laſſen? Froh, von allen den Fragen wegzukommen, welche ſie auf Lilie's und Arthur's Lippen ſchweben ſah, eilte Gabrielle zum Piano. Sie hatte kaum die erſten Accorde e Schwartz, Geburt u. Bildung. MI. 194 als der Bediente meldete, daß Doctor Levitain Mamſell Moulin zu ſprechen wünſche. Gabrielle verließ das Inſtrument, machte einige Entſchuldigungen und eilte auf ihre Zimmer.— Was ſoll das heißen?— rief der Graf.— Ein Jude als Gaſt in meinem Hauſe.— Das wäre ein wenig zu ſtark. Und es wundert mich, daß diejenige, welche bei Lord O— field Lehrer geweſen, dergleichen Bekanntſchaften hat. — Dergleichen Bekanntſchaften!— rief Lilie, die bei ſchlechter Laune war, weil ſie nichts Näheres von jenen Verſen erfahren hatte.— Wer bekümmert ſich denn darum, ob ein Menſch Jude, oder Chriſt iſt? Niemand wenigſtens, der Anſpruch auf Bildung; macht. Der Name Levitain iſt ein in Frankreich ſehr angeſehener und geachteter, das mußt Du wohl wiſſen, der Du Dich ſo viel in Paris aufgehalten haſt. — Welche Bedeutung dieſer Name in Frank⸗ reich hat, weiß ich nicht, und das iſt mir vollkom⸗ men gleichgültig. Ich weiß nur, daß es der Name einer Judenfämikie in Schweden iſt. Der Adel in meinem Vaterlande hat ſich noch nicht ſo weit ver⸗ geſſen, daß er Juden ſein Haus öffnet. — Was beweist das?— fiel Lilie ein.— Doch wohl, daß der ſchwediſche Adel weit hinter andern Ländern in der Aufklärung zurück ſteht. — Wirklich, und doch betrachtet Ihr uns Luthera⸗ ner als Ketzer,— antwortete Ernfried kalt. Lilie biß ſich in die Lippen, und Ernfrid fuhr fort: — Falls Du, beſte Lilie, liberaler biſt, wenn von „ 3 — N n P 195 einem Juden oder Reformirten die Rede iſt, ſo habe ich keine Luſt es zu ſein. Ich beabſichtige mich an die Auffaſſungsweiſe zu halten, welche ich von dem habe, was ſich für einen Edelmann ſchickt, und des⸗ halb muß die Gouvernante dergleichen Bekanntſchaften abbrechen. Ich will nichts davon wiſſen. — Erlaube mir, daß ich erkläre, es ſei empörend, Deiner Rede zuzuhören!— rief Lilie, ſprang auf und verließ das Zimmer. Ismael Levitains Beſuch bei Gabrielle dauerte nur etwas über eine Stunde. Auf einer Reiſe nach Kopenhagen begriffen, hatte er den Umweg von fünf Meilen gemacht, um ſich zu erkundigen, wie Gabrielle ſich befinde und um mündliche Grüße von Madame Moulin mitzubringen, welche in Stockholm anſäßig war. Als Levitain abgereist war, fühlte Gabrielle ſich nicht aufgelegt, wieder hinaufzugehen. Ismael und ſie hatten von Abraham geſprochen, und der Doctor hatte einen Brief von dieſem vorgeleſen, welchen er während der Wiederherſtellung nach einer ſchweren Wunde geſchrieben hatte. Der Inhalt deſſelben hatte Gabrielle aufgeregt. Sie bedurfte der Einſamkeit. Eine Ahnung ſagte ihr außerdem, daß wenn heute Abend irgend eine Bemerkung Ernfrid entfallen ſollte, ſie dann eine ſolche weniger als je würde ertragen können. 3 196 Gabrielle, beſaß wie jeder an Seele, Herz und Verſtand gebildete Menſch eine große Selbſtbeherr⸗ ſchung; aber dieſe ſtand nicht immer unter der Dis⸗ poſition ihres Willens. Es gab Stunden, in welchen ſie mit der größten Anſtrengung von der Welt nicht im Stand war, den Ausbruch der Ungeduld zu mäßigen, wenn man irgend einen empfindlichen Punkt in ihrem Innern berührte. In einer ſolchen Gemüthsſtimmung befand ſie ſich nach Ismaels Beſuch. Alle Entſagungen, Alles, was ſie gelitten und gekämpft, ſtand lebendig vor ihrer Seele und rief in ihr einen nervöſen Schmerz hervor, während die Zukunft keine Hoffnung in ſich barg, die ihr entge⸗ genlächelte. Sie fühlte die ganze Schwere der Laſt, welche auf ſie geworfen war, und bedurfte der un⸗ geſtörten Ruhe, um die aufgeregten Gefühle einzu⸗ ſchläfern. ⸗ Gabrielle kannte nicht den Mann, in deſſen Haus ſie ſich aufhielt, wenn ſie glaubte, er würde eine ſolche Probe der Selbſtſtändigkeit erlauben, wie die, daß ſie vom Souper ausblieb. Durch einen Bedienten wurde Gabrielle benach⸗ richtigt, daß das Souper warte. Sie ſagte, daß ſie ſich nicht wohl befinde und nicht ſoupiren möchte. Der Bediente kam indeſſen ſpäter mit einem Gruß wieder, daß der Graf ſie zu ſprechen wünſche. NRit einem Gefühle des Mißmuths entſprach Ga⸗ brielle der Aufforderung. 2 Sie trat hinein in den gelben Salon, wo Ern⸗ frid den Fußboden mit langſamen und regelmäßigen 197 Schritten maß. Beim Anblick Gabrielles blieb er ſtehen und ſagte in einem hochmüthigen Ton: — Iſt Mamſell verwandt mit jenem Juden, welcher ſie beſuchte. — Nein, Herr Graf; aber er iſt für mich mehr als ein Verwandter; er iſt der Wohlthäter und Be⸗ ſchützer meiner Mutter und meiner Schweſter. — Ich wünſche ihm Glück, aber ich bitte mir nichtsdeſtoweniger aus, daß Sie aus Achtung vor meinem Haus derartige Perſonen nicht empfangen. Das Blut ſchoß Gabrielle in die Wangen. Ihre Augen blitzten und in einem Tone, dem diesmal aller Ausdruck der Verbindlichkeit abging, antwortete ſie: — Solche Perſonen, wie Doctor Levitain, ehren das Haus, über deſſen Thürſchwelle ſie treten. Der Herr Graf haben alſo keine Schande dadurch erfahren können. — Manmſell, Sie vergeſſen, zu wem Sie ſprechen. Ich will nicht, daß der Jude Levitain damit prahlen ſoll, daß er bei Graf Eldau zum Beſuch geweſen ſei, und ich verbitte mir ein für alle Mal, daß Sie Beſuche empfangen, die ich für unpaſſend halte. Ha⸗ ben Sie mich verſtanden? — Es wäre wohl unmöglich, den Grafen nicht zu verſtehen,— antwortete Gabrielle in einem ſtol⸗ zen Tone,— und noch unmöglicher wäre es, die Worte des Grafen zu vergeſſen. Ich kann indeſſen den Grafen verſichern, daß Doctor Levitain viel zu viel wirkliche Menſchenwürde beſitzt, um mit ſo etwas zu prahlen, wie das, daß er hier geweſen. Er beſuchte nicht Sie, Herr Graf, ſondern mich! In den Zimmern, welche ich bewohne, habe ich das Recht zu empfan⸗ 198 gen, wer mir gefällt, ſofern es achtbare Menſchen ſind, und folglich auch denjenigen, den ich am höch⸗ ſten unter allen Weſen ſchätze, was mit Doctor Le⸗ vitain der Fall iſt. Ich bin die Lehrerin Ihrer Tochter, Herr Graf, aber nicht Ihre Selavin, und es gibt alſo Niemanden, der mir befehlen könnte, diejenigen Freunde zu verachten, welche ich hoch⸗ ſchätze. Gabrielle ſagte dies mit einer Heftigkeit, die ſie ſich nicht erlaubt haben würde, wenn ihr Gemüth ruhig geweſen. Ohne etwas Weiteres abzuwarten, entfernte ſie ſich. Am folgenden Morgen beim Frühſtück hatte Ernfrid wieder ſeine hochmüthige Miene angenom⸗ men. Er ſah Gabrielle kaum an, als ſie eintrat. Er beantwortete ihren etwas ſtolzen Gruß mit einer ſolchen Kälte, daß es Jedem in die Augen fiel. Gleich war Lilie bei ſchlechter Laune. Sie wußte, daß Ernfried alle Coquetterie verabſcheute und des⸗ halb fing ſie jetzt an, mit Arthur zu coquettiren. Ernfrids Stirne verfinſterte ſich. Es entfielen ihm einige Worte über den Mangel an Selbſtbeherr⸗ ſchung, welcher die Frauen auszeichnet. Nachdem er im Allgemeinen geſprochen, wandte er ſich plötzlich an Gabrielle und ſagte: — Manſell, welche behauptet, ihr Leben dem Studium der Erziehung gewidmet zu haben, wird wohl finden, daß derjenige, welcher Kinder heran⸗ 199 ziehen ſoll, zu aollererſt ſich ſelbſt und ſeine aufbrau⸗ ſenden Gefühle muß beherrſchen können. — In dieſem Falle, Mamſell, möchten auch Sie viel zu lernen haben, bevor Sie für eine vollendete Erzieherin gehalten werden können. Gabrielle antwortete nicht; aber lang war der Blick, welchen ſie auf Ernfrid ruhen ließ, nachdem eine ſolche Anklage vor ihrem Zögling und der Dienerſchaft ausgeſprochen worden war. Als ſie das Zimmer verließ, brach Lilie in heftige Vorwürfe wegen Ernfrids Benehmen aus, und eine ſehr unangenehme eheliche Scene folgte darauf. Ernfrid ging im Zorn von ſeiner Frau und auf ſein Zimmer, wo er einen Brief vorfand. Er erbrach ihn. Gabrielle Moulin war der Name, welcher dar⸗ unter ſtand. Einen ſtillen Fluch über die Unannehmlichkeiten murmelnd, welche die„verdammten Franzöſinnen“ ihm verurſachten, blickte er die wenigen Zeilen durch, welche folgendermaßen lauteten: Herr Graf! Der Widerwille, den Sie gegen mich hegen, hat jetzt einen ſolchen Charakter angenommen, daß mir nur übrig bleibt, unverzüglich meine Stelle zu ver⸗ laſſen. Sie haben mir heute in Gegenwart Ihrer Toch⸗ ter und Ihrer Dienerſchaft eine Zurechtweiſung ge⸗ geben, welche ich, wenn ſie auch verdient geweſen wäre, nie geglaubt hätte, daß Sie auf eine ſolche Weiſe ſich erlauben würden⸗ Welche Achtung wollen Sie, daß ein Kind vor einer Lehrerin haben ſoll, die Sie ſo behandeln? 200 Ich kann nicht in einem Hauſe verbleiben, wo ich nicht all das Gute, welches ich wünſchte, aus⸗ zurichten vermag. Unter ſolchen Verhältniſſen, wie die gegenwärtigen, iſt das unmöglich. Dieſe können nicht geändert werden; aber ich hatte gehofft, daß Graf Eldau ſeinerſeits Selbſtbe⸗ herrſchung genug gehabt haben würde, um nicht ſo unverholen ſeinen Unwillen an den Tag zu legen. Nun, Herr Graf, erſuche ich Sie, mir zu erlau⸗ ben, ſchon in zwei Tagen Erikshof zu verlaſſen. Ich gebe zu, daß ich geſtern Abend Ihren Aus⸗ fällen nicht mit der Kaltblütigkeit, welche ich geſollt, begegnet bin. Darin habe ich gefehlt.— Die⸗ ſer mein Fehler iſt jetzt dadurch wieder gut gemacht, daß ich mich verabſchiede. Ich habe die Ehre zu zeichnen Gabrielle Moulin. — Meinetwegen darf ſie ſich gern verabſchieden! — ſagte Ernfrid und warf den Brief von ſich; aber trotz dieſem Ausruf und dieſer anſcheinend kal⸗ ten Gleichgültigkeit, ſtreckte er einige Augenblicke darauf die Hand nach dem Briefe aus und nahm ihn wieder. — Es liegt etwas Sataniſches in dem Weibe,— rief er, nachdem er den Brief zum zweitenmal durch⸗ geleſen. — Nein, ſie darf nicht reiſen; das wäre ein Sieg, den ich nicht geſonnen bin, ſie gewinnen zu laſſen. Sonderbar war der Kampf, welcher in Ernfrids ſtolzer Bruſt vor ſich ging. Sein Unwille gegen Gabrielle war wo möglich 201 größer als je, und doch konnte er den Gedanken nicht ertragen, daß ſie ſich jetzt entferne. Alle die Stunden, in welchen Gabrielle durch ihren Geiſt, ihre faſt hinreißende Beredtſamkeit und ihre Muſik Ernfrid gleichſam ſich ſelbſt, ſeinen Eckel am Leben und ſeinen drückenden Hochmuth vergeſſen gemacht hatte, traten jetzt lebhaft vor ſeine Seele. Es kam ihm vor, als wenn er dieſe Streitereien, dieſe Feindſeligkeiten vermiſſen würde, welche auf eine piquante Weiſe ihn belebten und intereſſirten. Genug, jemehr er an dieſe verdammte Franzöſin dachte, deſto feſter wurde ſein Entſchluß, daß ſie jetzt nicht Erikshof verlaſſen ſollte. Nach einiger Ueberlegung beſchloß er zu Lilie zu gehen und auf irgend eine geſchickte diplomatiſche Veiſe die Sache ſo zu betreiben, daß dieſe aus ſ zum Widerſpruch Gabrielle überreden ſollte zu leiben. Ernfrid führte ſofort ſeinen Plan aus und ſtand gerade im Begriff, in das Boudoir ſeiner Frau ein⸗ zutreten, als er durch die Stimme Lilies, die unter den Ausdrücken der größten Heftigkeit ſich über ihn beklagte, zurückgehalten wurde. Lilie weinte und behauptete, ſie ſei die unglück⸗ lichſte unter allen Frauen. — Gegen meinen Willen mit einem Manne ver⸗ heirathet, den ich nie habe leiden können,— be⸗ merkte ſie,— im Herzen an einen andern gefeſſelt, den ich anbete, war ich ſchon dadurch unglücklich ge⸗ 202 nug, ohne noch nöthig zu haben, es durch eine harte und tyranniſche Behandlungsweiſe noch mehr zu werden. Oft betrachte ich mein unglückliches Leben als eine Strafe dafür, daß ich mein Schickſal mit einem Ketzer verbunden. — Gräfin, Sie haben ja einen Mann geliebt, der denſelben Glauben hatte, wie der Graf. Wür⸗ den Sie es für ein Unglück, für eine Strafe ange⸗ ſehen haben, wenn Sie mit dieſem anderen verhei⸗ rathet worden wären?— fiel eine klare und ernſte Stimme ein, die Ernfrid als die Gabrielle's erkannte. — Nein, ich würde an ſeiner Seite gefunden haben, daß ſelbſt das Fegefeuer ein Himmel ſei,— antwortete Lilie. — Wenn Sie das denken, Gräfin, dann verber⸗ gen Sie es in der Tiefe Ihrer Seele, daß Sie nicht einmal das Echo dieſer Gefühle vernehmen, welche ein Verbrechen ſind gegen Ihre Pflichten, Ihren Gott, Ihren Gatten und gegen Sie ſelbſt. Sie allein machen das ganze Unglück Ihrer Ehe aus. — Mag ſein,— fiel Lilie laut weinend ein; — gäbe es aber einen Funken von Menſchlichkeit in der Bruſt meines Mannes, ſo müßte er dieſes Un⸗ glück durch Zärtlichkeit und Güte gemildert haben. Er hätte mich auf ſeinen Händen tragen müſſen, um mich mein trauriges Schickſal vergeſſen zu machen. — Gräfin, was Sie jetzt verlangen, iſt mehr, als Sie Recht haben, von einem Mitmenſchen zu fordern. 203 — Iſt das zu viel, daß ich von meinem Manne Liebe begehre? — Ja, da Sie ihm keine ſchenken. Sie klagen über das Betragen des Grafen; Sie halten ihn für tyranniſch und herzlos. Was haben Sie denn ge⸗ than, um ihn anders zu machen? Nichts!— Sie haben bei ihm die Fehler geſucht, während Sie bei Ihnen ſelbſt darnach geforſcht haben ſollten. Von Ihnen beiden hat der Graf am wenigſten gefehlt. Wenn er Ihnen auch keine Liebe geſchenkt, ſo hat er doch auch keine Andere geliebt. Hätten Sie die unerlaubte Neigung, welche Sie hegen, erſtickt und mit Ernſt den Charakter Ihres Mannes ſtudirt, ſo würden Sie jetzt die Kunſt beſitzen, ihn für ſich einzunehmen. Ihre Ehe würde dann etwas ganz Anderes ſein, als ſie iſt. Jetzt ſuchen Sie die Ver⸗ anlaſſung zu Ihrem Unglück in ſeinem ſtolzen und herrſchſüchtigen Gemüth, in der Verſchiedenheit der religiöſen Begriffe und betrachten Ihre Leiden als eine Strafe dafür, daß Sie ſich mit einem Ketzer verheirathet haben. Gräfin, der ſtolzeſte und herrſch⸗ ſüchtigſte Mann kann durch Liebe von Seiten der Frau in das Gegentheil verwandelt werden. Wenn ich die Gattin des Grafen wäre, würde er damit geendet haben, daß er mich liebte. Ein Unglück auf das religiöſe Gebiet hinüberzuſchieben, iſt eine Sünde. Kacholik oder Lutheraner, ſind wir alle Gottes Kinder, wenn wir darnach ſtreben, ihn durch gute und gerechte Handlungen zu verehren. Den⸗ jenigen, weicher immer Gott im Herzen und die Er⸗ füllung ſeiner Pflichten vor Augen hat, den liebt unſer Aller Vaker. Es ſind alſo Sie ſelbſt, und nur 204 Sie ſelbſt, die Sie anklagen müſſen. Sie ſind nicht glücklich, weil Sie ſich nicht auf eine ernſte Weiſe in Ihre Stellung als Gattin und Mutter hinein⸗ gedacht haben. Beichten und Beten nützt wenig, wenn wir unſere Schuldigkeit vergeſſen und auf un⸗ ſere Pflichten mit Füßen treten. Gott ſieht auf die Thaten, nicht auf die Worte; und jetzt, Gräfin, bitte ich Sie das, was ich geſagt, zu überlegen. Suchen Sie durch Strenge gegen ſich ſelbſt und durch Ver⸗ träglichkeit gegen Ihren Gatten das Leben erträg⸗ lich zu machen! Erinnern Sie ſich, daß Sie eine Tochter haben! Laſſen Sie die Kindheit derſelben nicht durch den Einfluß verdüſtert werden, welcher aus Zwiſt und Mangel an Einigkeit unter den El tern entſtehen muß. Bevor Ernfrid ſich zurückziehen konnte, i die Thürvorhänge bei Seite geſchoben und Gabrielle ſtand auf dem Thürtritt. Sie blieb eine Sekunde unbeweglich ſtehen, dann zog ſie haſtig die Gardinen hinter ſich zuſammen und ſagte in leiſem Tone: — Ich bitte um Erlaubniß, dem Herrn Grafen ein paar Worte ſagen zu dürfen. Gabrielle ging raſch durch das Cabinet und bin aus in den kleinen Salon der Gräfin. Einige Augenblicke war Ernfrid unſchlüſſig, ob er ihr folgen ſolle; aber ſchließlich ſiegte die Neu⸗ gierde, zu erfahren, was ſie wohl zu ſagen haben könnte. Er ging hinaus in den Salon. — Der Herr Graf beabſichtigte zur Gräfin zu gehen,— ſagte Gabrielle. Ich flehe Sie ſe n le 3 n n 205 allein zu laſſen! Sie bedarf es; ihr Gemüth iſt ſo aufgeregt. — Sie hoffen alſo, daß ich eine Bitte von Ihnen erfüllen werdes — Ja! Da ein Feind bittet, ſo gebietet die Ritterlichkeit, die Bitte zu erhören. Ich weiß, daß der Graf in Uebereinſtimmung damit handeln wird. Gabrielle wollte ſich entfernen. — Sie gehen, bevor Sie mein Verſprechen er⸗ halten, daß ich das thun werde, was Sie verlangen. — Herr Graf, ich halte es nicht für nöthig. Sie ſind zu ſehr Edelmann, um nicht Gentleman gegen Ihre Frau zu ſein. — Hier handelte es ſich um eine Bitte von Ihnen. — Für ſie. Und deshalb war ich ſicher, Sie nicht vergebens angefleht zu haben. Mag ſein! Aber bevor Sie gehen, erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu richten: Wenn Sie in meiner Stelle wären, und einen Brief wie dieſen er⸗ halten hätten,— er überreichte Gabrielle das Bil⸗ let, welches ſie ihm Morgens zugeſtellt— welche Antwort würden Sie mir darauf geben? S Fuhrwerk, welches am beſtimmten Tage die ſich verabſchiedende Gouvernante dahin führte, wohin ſie ſich zu begeben wünſcht. — Es iſt intereſſant zu hören, daß Ihre und meine Gedanken ſich nie begegnen, ſondern immer verſchiedene Wege gehen. Ich habe einmal geſagt: am letzten December, dann ſteht es Ihnen frei, Friks⸗ hof zu verlaſſen, vor der Zeit habe ich keinen Wa⸗ gen zu Ihrer Dispoſition. 206 — Ich bin alſo gezwungen, einen Miethwagen zu nehmen,— antwortete Gabrielle und drückte auf den Thürgriff, aber indem die Thüre aufging, er⸗ griff Ernfrid ihre eine Hand mit den Worten: — Iſt es Ihr feſter Entſchluß, in zwei Tagen abzureiſen? — Ja! — Haben Sie ſo wenig Muth, daß Sie die Schlacht nicht noch einige Wochen aushalten können? Ernfrid führte ſie zurück in den Salon und ver⸗ ſchloß die Thüre. — Mein Stolz macht es unmöglich. — In dieſem Falle muß ich ſofort zu meiner Frau hineingehen und ihr meine Mißbilligung darüber ausſprechen, daß ſie unter ſo lockern Be⸗ dingungen eine Lehrerin für ihre Tochter angenom⸗ men hat, daß dieſe ihre Stelle verlaſſen kann, wann es ihr gefällt. — Wenn die Gräfin mich unter andern Bedin⸗ gungen angenommen hätte, ſo würde der Herr bruf mich nicht haben verabſchieden können. — Möglich; aber der Fehler liegt doch bei mei⸗ ner Frau, die es ſo ſchlecht eingerichtet hat, daß El⸗ vira jetzt mehrere Wochen ohne Gouvernante bleibt. Ernfrid wandte ſich gegen die Cabinetsthüre. Gabrielle ſah die Nothwendigkeit ein, daß Lilie für ſich allein ihr Inneres beruhige und ihre Lage überlege. Sie bemerkte deshalb in etwas ärgerlichem Tone: — Ich bin ſchon die Urſache zu vielen Verdrieß⸗ lichkeiten für die Gräfin geweſen; ich will nicht, daß 207 ſie noch mehr haben ſoll. Ich bleibe bis zum letzten f December. 9 Ernfrid wandte ſich haſtig um. Gabrielle war aus dem Zimmer geeilt. Er blickte nach der Thüre und murmelte: — Diesmal, unbeugſames Weib, ward der Sieg nein. Ernfrid warf ſich ins Sopha und verſank in ie BGedanken. r⸗ r Nach dieſem Tage ſchien Ernfrid bedeutend ver⸗ ändert. Gegen Gabrielle war er ſehr zuvorkommend und bisweilen faſt freundlich gegen Lilie, die ſich ⸗ wirklich liebenswürdig benahm. n Sie gab die ſchönſten Beweiſe dafür, daß ſie Gabriellens Worte zu Herzen genommen und pflegte Abends, wenn ſie ſich trennten, mit einem einnehmen⸗ f den Lächeln Gabrielle zu fragen: — Sind Sie mit mir zufrieden, mon amie? — Ich bin entzückt,— antwortete Gabrielle und drücte ihre Hände. t— Das veränderte Benehmen Lilies iſt ihr WVert,— dachte Ernfried, als er nach einem fried⸗ e lichen Tag ſeiner Frau gute Nacht ſagte und ihre e Hand küßte. 6 Der Graf machte Ende October eine kurze Reiſe . nach L—. ß Als er nach ein Paar Tagen wiederkehrte, war er faſt bei heiterer Laune, ſcherzte und— lachte. 208 Das letztere kam ſo ſelten vor, daß ſelbſt die Be⸗ dienung, welche aufwartete, darüber verwundert ſchien. — Wir bekommen Fremde dieſen Morgen,— bemerkte der Graf gegen Lilie,— General H— ſköld hat ſich auf ein Paar Tage angekündigt. Er bringt einen jungen Franzoſen mit, den er Dir und Mam⸗ ſell Moulin vorzuſtellen wünſcht. Außerdem kommen Baron E., Graf W. und mehrere, deren Namen ich ubergehe, weil ich Dir eine Ueberraſchung zu berei⸗ ten gedenke. Ich habe dem Hofmeiſter wegen ihres Empfangs und ihres Beſuchs hier während einer Woche Befehle ertheilt. Am Tage darauf, als man das Haus voll Gä⸗ ſten erwartete, trat Gabrielle etwas vor der Mittags⸗ ſtunde in den Salon. Sie fand Lilie mit ausge⸗ ſuchtem Geſchmack gekleidet bereits dort. — Nun, mon amie, freut es Sie nicht, einen Landsmann zu treffen? Mich freut der bloße Gedanke daran. Unſere Gäſte ſind ſchon angekommen und ſind alle damit beſchäftigt Toilette für den Mittag zu machen; aber ſie ſind mir alle gleichgültig, aus⸗ genommen der Franzoſe. Ach, mein Gott, noch ein⸗ mal einen Menſchen zu ſehen zu bekommen, der nicht einem Steinblocke gleicht, wird meinem Herzen ordent⸗ lich wohl thun. — Gewiß,— antwortete Gabrielle lächelnd,— aber an der Gräfin Stelle würde ich es vorziehen Leben und Seele in dem Steinblock hervorzurufen. Einen feuerfangenden Gegenſtand zum Brennen zu bringen, iſt ja kein Verdienſt; aber Marmor in Wh zu bringen, iſt eine Wunderthat. 5 Lilie lächelte und blickte gedankenvoll vor ſich bin. 209 Gabrielle's Worte ſchlugen bei der kleinen Fran⸗ zöſin an und brachten ſie dahin, daran zu denken, welcher Triumph es ſein würde, wenn ſie Ernfrids eiskalte Höflichkeit in Liebe verwandeln könnte. Das war eine Idee, welche der Eitelkeit zuſagte. Wenn es nur gelingt, dieſe Eigenſchaft ins Intereſſe zu ziehen, ſo iſt ein großer Sieg über eine Frau wie Lilie gewonnen. Gräfin U— und Baron L— waren die erſten, welche ſich im Salon zeigten; aber ſie hatten kaum Platz genommen, als Arthur hereintrat. Er führte an ſeiner Hand ein junges Weib von zarter und ausgezeichnet ſchöner Geſtalt und ſo edler Haltung, daß es Einem vorkam, ſie müſſe eine Krone tragen. Bei ihrem Anblick ſprang Lilie auf, vergaß alle Forderungen der Convenienz und rief: — Ach, ſieh' Frigga! Es war wirklich Frigga Harthon, welche aus einem jungen Mädchen ſich zu einem jungen Weibe entwickelt hatte. Faſt ſechs Jahre waren verfloſſen, ſeit wir ſie zum letztenmale ſahen; aber dieſe Jahre hatten keine merkliche Veränderung in ihrem Aeußeren hervorge⸗ bracht. Der Zug reiner und edler Hoheit, welcher ihr Aeußeres ſchon als ganz junges Mädchen aus⸗ zeichnete, was nur noch mehr ausgeprägt worden. Gabrielle's Augen richteten ſich mit großem In⸗ tereſſe auf Frigga. — Fräulein Harthons Aeußeres zeigt, daß ſie ein ungewöhnliches und erhabenes Weib iſt,— dachte Gabrielle. Frigga hatte kaum mit Lilie, Ernfrid und den Schwartz, Geburt u. Bildung. MI. 4 210 Uebrigen Grüße ausgetauſcht, als der Bediente Ge⸗ neral H— ſtöld anmeldete. Lilie war gerade im Begriffe, Gabrielle Frigga vorzuſtellen, wandte ſich aber ſtatt deſſen haſtig gegen die Eintretenden. Der General wurde von ſeinem Sohn, dem Ritt⸗ meiſter, und einem hochgewachſenen, ſchlanken und ſchönen jungen Mann in franzöſiſcher Uniform be⸗ gleitet. Der alte General verbeugte ſich mit ritterlicher Artigkeit vor der ſchönen Wirthin und präſentirte: — Major Levitain. — Mein Gott, Mamſell Moulin, befinden Sie ſich nicht wohl?— flüſterte Arthur⸗ Gabrielle war beim Eintritt des Major Levitain todtenbleich geworden. — Ich weiß nicht,— ſtammelte Gabrielle, ohne ihren Blick von dem Fremden zu wenden. Beim Namen Levitain fuhr Ernfrid zuſammen, als wenn er von einer Schlange geſtochen worden wäre. Er biß ſich in die Lippen. Der General fügte ſeiner Präſentation hinzu: — Gräfin, Ihr Landsmann, Major Levitain, iſt ein Mann, welcher Orden, Auszeichnungen und Wun⸗ den im Algieriſchen Kriege gewonnen hat. Er iſt einer von Frankreichs Helden. Abraham Levitain, denn er war es, verbeugte ſich artig vor Lilie. Mit franzöſiſcher Artigkeit ſprach er einige ver⸗ bindliche und ſchmeichelhafte Worte zu der ſchwedi⸗ ſchen Gräfin, welche mit bezauberndem Lächeln ſein Compliment erwiederte. 211 Ernfrid ſuchte des Aergers Herr zu werden, den der Name Abrahams ihm verurſachte, und begrüßte ihn nach allen Regeln der Convenienz; aber etwas außerordentlich Kaltes und Steifes lag in dem ganzen Weſen des Grafen. Abraham gab nicht Acht darauf; er war zu ſehr mit anderen Gedanken beſchäftigt. — Herr General,— ſagte Abraham,— nach⸗ dem er alle Forderungen der Artigkeit erfüllt und ſeine Augen im Salon hatte herumſchweifen laſſen, — Sie verſprachen mir, mich der jungen Dame vor⸗ zuſtellen, welche ſich im Hauſe des Grafen aufhält. — Ich habe mein Verſprechen vergeſſen, Monſieur, aber ich ſuche vergebens nach ihr.— Ah, ſieh da ſitzt ſie in der Fenſtervertiefung. Die Gardine und Graf Arthur hatten ſie meinen Blicken verborgen. Der General marſchirte gerade auf Gabrielle zu. Der Major folgte ihm. Als ſie vor dem jungen Mädchen ſtanden, war Abraham ſo blaß, als wenn er im Begriff geweſen wäre, einem furchtbaren Feinde entgegenzutreten. — Erlauben Sie, Mademoiſelle Moulin, daß ich Ihnen Major Levitain vorſtelle,— ſagte der General. Gabrielle ſtand auf; ihr Geſicht war weißer, als der Schnee, der das Feld bedeckte. — Ich wagte nicht zu hoffen, daß Sie ſich mei⸗ ner erinnern würden,— ſetzte Abraham mit etwas unſicherer Stimme hinzu,— darum erſuchte ich den Herrn General, mich Ihnen vorzuſtellen. Abraham ſetzte ſich auf einen Stuhl gerade Ga⸗ brielle gegenüber. ſ 212 Aller Blicke folgten dem ſchönen Fremden und richteten ſich auf ihn und ſie. Obgleich Gabrielle ſich deſſen vollkommen bewußt war, ſo vermochte ſie doch nicht ein Wort über ihre Lippen zu bringen. Das Herz wollte ſein Gefäng⸗ niß zerſprengen. Sie empfand bei dieſem Wiederſehen eine ſo heftige Freude, daß ſie zu ſterben wünſchte, um nicht im nächſten Augenblick nöthig zu haben zu dem Be⸗ wußtſein all' der Entſagung zu erwachen, welche ſie ſich auferlegt. — Ueber ein halbes Decennium liegt zwiſchen unſerer Trennung und unſerem Wiederſehen,— be⸗ merkte Abraham nach einer kurzen Pauſe,— und ich fürchtete, daß Sie mich gänzlich vergeſſen hätten. — Ihre Aufregung, theure Gabrielle, beweiſt mir, daß die Erinnerung an die Vergangenheit nicht aus Ihrer Seele verwiſcht iſt. — Die Erinnerung an das Vergangene, worauf Sie hindeuten, kann nicht verwiſcht werden,— ont⸗ wortete Gabrielle und reichte Abraham die Hand. — Der Tiſch iſt ſervirt!— hieß es. Abraham bot Gabrielle ſeinen Arm: — TDank für dieſe Worte, ſie haben mein Herz mit Dankbarkeit gegen die Vorſehung erfüllt, welche mein Leben erhalten hat. Mit Freuden habe ich Alles durchgemacht, was ich gelitten, da es mir ver⸗ gönnt worden iſt, einen Augenblick, wie dieſen, zu erleben. Während der Mahlzeit gewann Gabrielle wieder vollkommen die Gewalt über ſich ſelbſt und ſprach W v—— — S— 213 geläufig mit ihren beiden Tiſchnachbarn,— Abra⸗ ham und Rittmeiſter H— ſtöld. Die Converſation ging bald auf den Krieg über, an welchem Abraham theilgenommen. Durch die geiſtreiche Weiſe, wie der junge Jude verſchiedene Freigniſſe aus demſelben ſchilderte, wurde dieſe ſo intereſſant, daß Alles ſchwieg, um ihm zuzuhören. Nach Tiſch ſtellte Lilie Gabrielle der Frigga mit folgenden Worten vor: — Mamſell Moulin, die Lehrerin meiner Tochter und meine Freundin! Welches Glück, daß Ernfrid dieſe letzten Worte nicht hörte! Gewiß hätte er ſchwerlich ſeiner Gattin verziehen, daß ſie die Gouvernante ihre Freun⸗ din nannte. Frigga reichte Gabrielle die Hand mit der herz⸗ lichen Verſicherung, daß es ihr beſondere Freude mache, Mamſell Moulins Bekanntſchaftzu machen. Lord Q—field hätte mit ſo vielem Lobe von ihr geſprochen, daß Frigga ſich ſehnte, ſie perſönlich kennen zu lernen. Etwas ſpäter am Abend finden wir Frigga, Gabrielle und Abraham im Geſpräch mit einander. Frigga fragte, ob Abraham von Paris komme. — Rein, ich that bei meiner Abreiſe das Ge⸗ lübde, daß wenn der Tod mein Leben während der Kämpfe in Algier ſchonte, ſo würde ich nicht eher in die Heimath zurückkehren, als bis ich das Weib, das ich liebe, wiedergeſehen, und um deren willen ich die Kugeln gerade und ungerade um mein Leben ſpielen ließ. —Es war alſo die Liebe, welche Sie zum Krie⸗ ger machte? fragte Frigga lächelnd. 214 — Ja, mein Fräulein, und ſie iſt es auch, welche mich bewogen hat, den Kriegsſchauplatz zu verlaſſen. — Wann gedenken Sie nach Paris zurückzu⸗ kehren?— fragte Frigga. — Wenn ich meine Braut mit mir dahin führe, — antwortete Abraham. Lilie rief Frigga. — Sind Sie während dieſer Jahre nicht ein einziges Mal im Vaterhauſe geweſen?— fragte Gabrielle, als Frigga ſich entfernt hatte. — Nein, und ich konnte nicht dorthin zurück⸗ kehren, bevor ich Sie, Gabrielle, wiedergeſehen.— Für mich gab es nur Gefahren und der Tod, da mich das Glück und die Liebe verließen. — Eine etwas egoiſtiſche Auffaſſung des Le⸗ bens!— meinte Gabrielle. — Egoiſtiſch— und warum? Darum, weil ich nicht den Schmerz mich in der Unwirkſamkeit tödten ließ.— Ach, Gabrielle, Sie werden nie faſſen, was Ihre Flucht mich koſtete. Mich, der Sie bis zur Tollheit liebte! — Was Sie jetzt ſagen, Abraham, beweiſt nur, daß Sie an ſich ſelber denken.— Sie haben in⸗ deſſen Eltern am Leben. Gegen dieſe haben Sie zarte Pflichten, und doch haben Sie dieſe vergeſſen. — Iſt es beim erſten Zuſammentreffen nach ſo vieler Jahre Trennung, daß Gabrielle mir Vor⸗ würfe macht?— Die treue Ergebenheit, welche mein Herz bewahrt hat, berechtigt mich doch wohl zu et⸗ was Anderem. — Die Freundſchaft, Abraham, ſpricht immer 215 die Sprache der Wahrheit,— antwortete Gabrielle in einem ſo milden Tone und mit einer ſo zärtlichen Stimme, daß ſie Abraham wegen aller der Qualen, welche er ausgeſtanden, hätte tröſten können. — Sie wiſſen,— fügte ſie hinzu,— daß es für mein Herz keine größere Freude gab, als Sie wiederzuſehen, aber Sie wiſſen, daß die Pflicht die⸗ ſes Wiederſehen zu einer neuen Trennung macht. — Sprechen Sie nicht ſo!— ſfiel Abraham ein.— Es gibt kein göttliches und menſchliches Geſetz, welches befiehlt, daß wir uns wieder trennen müſſen. Der General kam und unterbrach ſie. Er nahm Abraham mit ſich, um mit ihm zu trinken. Mehrere Herrn waren um eine Bowle verſam⸗ melt. Mit Ausnahme einiger kalter Höflichkeitsphraſen, als Ernfrid Abraham begrüßte, hatte er dieſen ſeinen Gaſt nicht angeredet. Jetzt, als die Herren ihre Gläſer leeren wollten, wandte er ſich an den jungen Juden und ſagte in einem vornehm herablaſſenden Ton: — Iſt der Herr Major verwandt mit einer jü⸗ diſchen Familie hier in Schweden, welche den Namen Levitain führt? — Ja, Herr Graf, Doctor Levitain iſt mein Couſin. Einige jener Alltagsſeelen, welche über alles Ausländiſche, beim Klange ſchöner Titel und beim Anblick der neueſten Moden in Verwunderung ge⸗ rathen, ſpitzten die⸗Ohren und machten ungeheuer 216 lange Geſichter, als ſie Abrahams Antwort ver⸗ nahmen. Dieſe kleinen Barone und Lieutenants, welche einen Augenblick vorher alles, was er that, göttlich, den Schnitt ſeiner Uniform unvergleichlich und ſeine Converſation glänzend gefunden hatten, bekamen jezt ganz entgegengeſetzte Gedanken. — Ein Jude geiſtreich und gentlemänniſch! Unmöglich! — Ich vermuthe, daß der Major katholiſch iſt,— bemerkte ein kleiner neueingekleideter Lieutenant mit einer gräflichen Krone als Erbtheil. — Nein, Monſieur, in Frankreich braucht man nicht ein Abtrünniger von ſeinem Gott zu ſein, um das Recht zu haben, ſeinem Vaterlande zu dienen. Ich bin Jude von Geburt und Re⸗ ligion. Abraham ſprach dies in einem ſolchen Ton, daß Alle einſahen, er rechne ſich ſeinen Glauben und ſeine Herkunft zur Ehre. — Bray geſprochen, Herr Major!— rief der General. Es wäre zu wünſchen, daß wir in Schwe⸗ den daſſelbe ſagen könnten, aber wir ſind noch nicht ſo weit in der Aufklärung gekommen, daß wir Re⸗ ligionsfreiheit beſitzen. — Das iſt beklagenswerth,— antwortete Abra⸗ ham;— aber daß trotzdem wahre Aufklärung und Bildung in Ihrem Vaterlande zu finden ſind, da⸗ von haben Sie und mehrere Ihrer Landsleute mich überzeugt. Monſieur, Ihr Wohlſein! Abraham erhob ſein Glas. Alle und auch der Wirth fanden für rathſam, gute 217 Miene zu machen und auf keine Weiſe ihren Ge⸗ danken freien Lauf zu laſſen, welche den allgemein geachteten und gefürchteten General hätten verletzen können. Frigga's Geſang tönte herüber aus dem Muſik⸗ alon. Der Klang davon lockte Alle dahin. Jeder lauſchte mit Entzücken dieſen wunderbaren Tönen; beim Klange derſelben vergaß man alles Kleinliche. Der Tag darauf war ſanft und ſonnig. Die Gäſte auf Erikshof unternahmen Vormittags eine Promenade. Treulich wanderte Abraham an Gabrielle's Seite. Mit der glühendſten Beredſamkeit ſprach er von ſeiner Liebe und flehte ſie an, ſeine Gattin zu werden. Wenn ſie fortfahre, ſich zu weigern, dann bliebe ihm nichts übrig, als nach Algier zurückzukehren. Es beruhe alſo auf ihr, ob er ſeine Eltern wiederſehen ſolle! Mit Wärme, mit hinreißender Innigkeit ſuchte Gabrielle Abraham zu zeigen, daß ihre Hand ihm nicht eher gehören könne und dürfe, als ſein Vater im Stande ſei, ohne Schmerz ihre Vereinigung zu ſegnen.— Laſſe die Liebe zu mir Dich zu Deinen Eitern wieder zurückführen und nicht mehr von den⸗ ſelben trennen! Dann zeigſt Du, daß Deine Liebe ebenſo edel und aufopfernd wie ſtark iſt,— ſagte Gabrielle. Das Geſpräch zwiſchen ihnen konnte nicht fort⸗ geſetzt werden, und Abraham wanderte düſter an Ga⸗ brielle's Seite. Nachmittags nahm man die Gemäldeſammlung und das Muſeum für Kunſtſachen und Curioſitäten 218 in Augenſchein; hierauf zerſtreute ſich die Geſellſchaft in kleinen Gruppen in den verſchiedenen Zimmer 4 In einem achteckigen Cabinet ſaßen Frigga und Arthur und ſprachen vertraulich mit einander. Im großen Salon machten einige Herren Lilie ihre Aufwartung, und in geringer Entfernung von ihnen hatte Gräfin U— und die Freiherrin El— ſich nie⸗ dergelaſſen, um die Wirthin des Hauſes zu ver⸗ leumden. General H—ſtöld und einige ältere Militärs wa⸗ ren in Graf Eldaus ſogenannter Rüſtkammer ver⸗ ſammelt, um die Waffenſammlung zu beſehen. Gabrielle und Abraham hatten ſich vor ein allego⸗ riſches Bild in der Gemäldegallerie hingeſtellt, wel⸗ ches den Menſchen darſtellte, wie er auf der Erde ſtand und an dieſe von dem Leben und den Leiden⸗ ſchaften feſtgehalten wurde, welche ſeine Kniee um⸗ faßten und ihn gleichſam an dieſe Welt feſſelten, während der Tod ihn in demſelben Augenblick in ſeine Arme ſchloß, in welchem der Engel der himmliſchen Liebe ſeine Lippen mit einem Friedenskuß berührte. Man ſah, daß die Arme der Figuren, welche das Leben und die Leidenſchaften repräſentirten, herab⸗ ſanken, und daß der Tod ſiegreich aus dem Kampfe hervorging. Mit einem Ausdruck des Schmerzes richtete ſich das gebrochene Auge auf das Leben; aber der Engel der Liebe deutete auf den Himmel und lächelte. — Der Gedanke, der dieſem Gemälde zu Grunde liegt, iſt ſublim,— bemerkte Gabrielle. — Ja, er enthält eine große Wahrheit. Unſer Daſein iſt nichts weiter, als ein beſtändiger Kampf 2¹9 zwiſchen Leben und Tod. Der letztere wird ja doch immer ſiegreich. 5 Und demungeachtet denken wir am wenigſten an denſelben. Unſere Freuden und Leiden würden einen ganz anderen Charakter annehmen, wenn wir leben lernten, um ſterben zu können. — Gewiß, aber der Schmerz bleibt doch unzer⸗ trennlich von unſerem Daſein, wir mögen unſere Hoffnung ſo hoch ſtellen, wie wir wollen,— ſagte Abraham.— Wir können nicht ſterben lernen, ohne erſt den Werth des Lebens zu kennen, und dieſer iſt in der Liebe enthalten. — Ja, eine wahre, hohe und himmliſche Liebe gibt nur dieſe Erkenntniß, aber nicht eine irdiſche.— Lieben wir mit den edelſten Gefühlen unſeres Her⸗ zens, dann iſt unſer Ziel ein höheres als der Ge⸗ winn eines augenblicklichen Glücks. Gabrielle blickte auf zu Abraham. — Welchem Ziele wir auch nachſtreben, ſo blei⸗ ben wir doch Menſchen und lieben als ſolche,— fuhr Abraham fort.— Ich habe geſucht, jeden irdi⸗ ſchen Wunſch aus meiner Seele zu verjagen; aber ich vermag es nicht. Meine Liebe, Gabrielle, iſt zu gleicher Zeit leidenſchaftlich und heilig,— ſie iſt ein Theil meines Lebens.— Abraham ergriff ihre Hand und fügte mit Wärme hinzu; Nehme dieſe von mir und ich höre auf zu leben.— Ich habe zu viel ge⸗ litten, um nicht das Recht zu haben, ihr zu ſagen: verlange Alles von mir; aber verlange nicht, daß ich aufhören ſoll zu hoffen! Du ſagteſt heute: mache Deine Liebe ebenſo aufopferungsfähig wie ſtark.— Ich werde es; aber ich muß trotzdem die Hoffnung 220 beſitzen. Und nicht wahr, geliebte, theure Gabrielle, dieſes einzigen Troſtes wirſt Du mich nicht berauben? — Nein, mein Abraham! Hoffe auf den All⸗ gütigen und glaube, daß nur der Tod das Herz Gabrielle's vermögen kann, daß es aufhöre, für Dich zu ſchlagen. Aber, wenn mein Friede und meine Ruhe Dir lieb ſind, ſo flehe ich Dich an: Reiſe,— reiſe unverzüglich zurück zu Deinem Vater. Es gibt keine Sorge, keinen Schmerz für Gabrielle, wenn ſie weiß, daß Abraham einer heiligen Pflicht gehorcht, und daß ſie nicht mehr die Urſache iſt, daß er dieſe vergißt. Gabrielle faltete die Hände und fügte hinzu: — Beim Gott Deiner Väter beſchwöre ich Dich, mich zu erhören! Willſt Du, daß Dein Vater mich als diejenige verfluchen ſoll, welche das Herz ſeines Sohnes von ihm entfernt hat? — Ah, mon Pieu, was ſehe ich! Monſieur Levitain und Mamſell Moulin in die Betrachtung des Sieges von dem Tod und von der Liebe über das Leben verſenkt! Abraham wandte ſich haſtig um. Lilie ſtand hinter ihnen. Durch eine andere Thüre traten Ernfrid und General H— ſtöld ein. Die Augenbrauen des alten Generals waren zu⸗ ſammengezogen. Er ſah unzufrieden aus. Sich Levitain nähernd, ſagte er in einem Tone, welchem er einen ſcherzenden Anſtrich zu geben ſuchte: Ich bin gezwungen, dem Herrn Major einen Rück⸗ zug von Erikshof vorzuſchlagen.— Ich ſchmeichle mir damit, daß Sie, welcher ſich freiwillig unter 221 mein Commando geſtellt, nicht auf dem Platze blei⸗ ben, wenn ich Retraite commandire. — Monſieur General, ich gehorche ſtets Ihren Befehlen,— antwortete Abraham artig und ver⸗ beugte ſich. Seine raſchen und lebhaften Augen richteten ſich zuerſt auf den General und dann auf Ernfrids ſtolze Figur. Er argwöhnte, daß etwas zwiſchen dem hoch⸗ müthigen Wirth und dem alten Krieger vorgefal⸗ len ſei. Er irrte ſich auch nicht. Ernfrid, welcher Abra⸗ hams Anweſenheit in ſeinem Hauſe nicht ertragen konnte, hatte gegen den Rittmeiſter H— ſköld einige Worte darüber fallen laſſen, daß es ihm unangenehm ſei, genöthigt zu ſein, einen Juden als Gaſt zu em⸗ pfangen. Der Rittmeiſter gab eine ſarkaſtiſche Antwort, und ein Meinungsſtreit, der zwiſchen beiden Männern entſtand, war etwas lebhaft geweſen. Mitten darin trat der General zu ihnen herein. Sofort ſetzte der Rittmeiſter ihn in Kenntniß von der Urſache des Disputs. Der General gab, ohne ein Wort an Ernfrid zu richten, Befehl anzuſpannen und ſuchte Abraham auf. Vergebens ſuchte Ernfrid durch einige Höflichkeits⸗ phraſen den alten Krieger zu verſöhnen. Dieſer hörte aber nicht darauf. Er betrachtete ſich durch das, was Ernfrid über Abraham geäußert, als be⸗ leidigt und wollte keinen Augenblick unter Graf El⸗ daus Dach verweilen. 222 Als ſie abgereist waren, bekamen alle Zungen freien Lauf. Man wunderte ſich über den General, welcher einen Israeliten unter ſeinen Schutz nahm und erſchöpfte ſich in Vorwürfen gegen den letztern, wegen ſeiner Keckheit, ſich in eine der vornehmſten Familien Schwe⸗ dens eindrängen zu wollen. Gabrielle hörte alles dieſes und ſchwieg; aber das Blut brannte wie Feuer in ihren Adern. Lange brauchte ſie indeſſen nicht die Tortur aus⸗ zuhalten, daß ſie ſchweigend die Verleumdungen ge⸗ gen den, welchen ſie liebte, anhören mußte; denn Frigga unterbrach plötzlich die Haranguen mit den Worten: — Major Levitain iſt unſeren kleinlichen chriſt⸗ lichen Vorurtheilen gegen das Volk, dem er ange⸗ hört, vollkommen fremd und kann ſie nicht einmal begreifen. Uebrigens,— fügte ſie mit feinem Lächeln hinzu,— wenn von Adel und Ahnen die Rede iſt, ſo können wohl die Juden, ſtreng genommen, ſich als die eigentliche Ariſtokratie der Menſchheit be⸗ trachten. Sie ſtammen von einem Volke ab, welches Gott zu dem ſeinigen auserwählte, und dies iſt ein höherer Adel, als derjenige, welcher durch Königs⸗ gunſt entſtanden iſt. Alle ſchwiegen. Man opponirte nie Frigga Harthon. Dazu ge⸗ noß ſie viel zu viel Achtung und Bewunderung. Mit ihrer erhabenen und aufgeklärten Denkweiſe be⸗ herrſchte ſie alle Engherzigkeit in ihrer Umgebung, und wenn ſie auch nicht die Tadelſucht und die Miß⸗ gunſt tödten konnte, ſo hielt ſie doch die Ausbrüche 223 derſelben in ihrer Gegenwart durch einige Worte im Zaume. Nachdem die Fremden ſich noch zwei Tage bei Graf Eldau aufgehalten, reisten ſie ab, und nur Frigga blieb noch einige Tage. Gerade als die Wagen der letzten Gäſte die Frikshofer Allee hinabfuhren, kam ein Bedienter in Livree des Generals H— ſtöld dieſelbe heraufgeritten. Gabrielle befand ſich mit den Uebrigen im Solon, als man ihr einen Brief mit den Worten übergab: — Ein reitender Boote iſt mit dieſem von Ny⸗ gaard angekommen und bittet um Antwort. Gabrielle ging in ihre Zimmer hinab, um den Brief zu leſen. Der Inhalt lautete folgendermaßen: „Theure, immer geliebte Gabrielle! Sechs Jahre ſind verſchwunden, ſeit ich das erſte Mal zu Dir von meiner Liebe ſprach, und ſie iſt heute ebenſo warm, ebenſo mächtig und ebenſo ſtark, wie damals; aber ſie iſt reiner und Deiner mehr würdig. Das Leiden hat auch auf meine Seele ſeine Herrſcherhand gelegt; und Du haſt nicht vergebens geſleht.— Ich werde reiſen— reiſen, ohne Dich noch einmal wiederzuſehen. Ich weiß jetzt, was ich früher nicht begriff, daß der Sturm ſich legen mußte, bevor die Strahlen der Sonne wirken und den vom Gewitter verheerten Gegenden Segen bringen. Ich werde nicht mehr mit wildem Trotz den Him⸗ mel an mich herabzuziehen ſuchen, ſondern ich werde es verdienen, zu ihm empor gehoben zu werden. Ich kann möglicher Weiſe an Trauer über das Glück 224 ſterben, dem zu entſagen Du mir geboten haſt, aber ich werde nicht vergeſſen, meinen Vater anzuflehen. Ich habe Dich wieder gefunden, um auf Deine Bitte wieder zu fliehen.— Gabrielle, begreifſt Du, wie hoch meine Seele Dich liebt, da ich mich ſelbſt ſo verleugnen kann? Mein Weg geht jetzt nach dem Elternhauſe. Der Gott meiner Väter hat mich das Licht Dei⸗ ner Augen erblicken laſſen. Dieſer Gnade wäre ich nicht länger würdig, wenn ich in egviſtiſchem Schmerz vergäße, weſſen Willen Du Dich einſt opferteſt. Ich habe unter dem wilden Schmerz der Leiden⸗ ſchaften vergeſſen, ebenſo hochſinnig wie Du zu ſein. Die Urſache liegt in meiner Liebe. Der Schmerz jagte mich aus dem Vaterhaus. Die Ehrfurcht vor Dir führt mich, ſeinen einzigen Sohn, wieder zurück in das Haus des Vaters. Nun wohl, klarer Stern meiner Liebe, einmal hätte ich Dich den Armen Deiner Mutter entreißen können, um Dich mit Gewalt als die meinige zu entführen,— jeht gehe ich freiwillig von dannen, um Dir zu zeigen, wie heilig und ernſt meine Liebe iſt, und flehe Dich nur um einige Worte zum Troſte auf der langen Reiſe. Wenn ich demnächſt vor Gabrielle ſtehe, hat mein Vater unſere Liebe geſegnet. Ewig Dein Abraham. Als Antwort hierauf ſchrieb Gabrielle: „Gabrielle wird auf der Erde keinen Andern lie⸗ ben, als Abraham.— Dieſe Liebe wird ihr in's 225 Grab folgen, und im Himmel wird dieſelbe ſie mit Abraham vereinigen. Gehe, Liebling meines Herzens, und ſage Deinem Vater, daß unſerer Aller Gott einſt alle diejenigen vereinigen wird, welche die Prüfungen mit Geduld ertragen. Zeige ihm, daß das Herz, welches mich liebt, ſein Glück feiner Pflicht opfern kann!— Zeige, daß Du eines Vaters würdig biſt, der ſeines Glaubens we⸗ gen ſein und ſeines Sohnes Glück opferte, und ich werde ſtolz ſein, Dich zu lieben! Glaube, hoffe und erinnere Dich, daß unſere Herzen in einer treuen und heiligen Reigung vereinigt ſind. Der Tag iſt jetzt gekommen, an welchem Elias Levitain erkennen wird, daß ſein Sohn des Opfers ſeiner Liebe würdig war. Ich bin zufrieden, denn der Abraham, welcher Gabrielle anbetet, beſitzt eine Seele, die ſo ſtark und mächtig iſt, wie die ſeines Stammvaters. Leb' wohl! Getrennt, oder einander nahe bin ich im Leben und im Tod Deine Gabrielle. In demſelben Augenblick, wo Gabrielle den Brief zuſammen legen wollte, wurde die Thüre zum Unter⸗ richtszimmer aufgeriſſen, und Ernfried trat herein. Er trat auf ſie zu und ſagte mit ungewöhnlicher Heftigkeit: — Sie fanden die Bemerkung, welche ich vis à vis dein Beſuch des Doctor Levitain machte, unpaſſend; aber ich dürfte mich ſtatt deſſen berechtigt finden, zu Schwartz, Geburt u. Bildung. M. 15 226 erklären, daß ein Briefwechſel zwiſchen Ihnen und dem jungen Juden aus Algier alles Andere iſt, als paſſend. — Herr Graf,— ſagte Gabrielle und ſtand haſtig auf,— ich bitte, ereifern Sie ſich nicht! Auf den Wangen des jungen Mädchens brannte ein hohes Roth. — Mamſell,— rief Ernfrid ohne alle Beſin⸗ nung,— ich halte es für im höchſten Grade an⸗ ſtößig, daß ein Menſch einen reitenden Boten mit einem Briefe an die Gouvernante meiner Tochter ſchickt, und noch mehr, daß ſie denſelben beantwortet, ohne das Tadelnswerthe einer ſolchen Handlungs⸗ weiſe zu bedenken. Mir ſcheint es vollkommen ge⸗ nug mit dem Scandal zu ſein, daß Major Levitain es unternommen hat, mein Haus zu betreten. Ich bin auch nicht geſonnen, es zu dulden, daß Sie ſich ſo unverhohlen um Ihre Liebesangelegenheiten be⸗ kümmern. Unbeflecktheit in Sitten und Benehmen fordere ich von derjenigen, welche meiner Tochter mit einem Beiſpiel darin vorangehen ſoll. — Graf Eldau, Sie überſchreiten die Gränzen des Schicklichen,— ſagte Gabrielle mit einer vor Aerger zitternden Stimme, indem ſie an Ernfrid vor⸗ beiging, den Glockenzug ergriff und hinzufügte: — Da Sie ſich für berechtigt halten das zu ſagen, was Sie ſich jetzt erlaubt haben, ſo bitte ich Sie, das Unritterliche zu bedenken, welches darin liegt, ſich ſogar dahin zu vergeſſen, daß Sie un⸗ gerechterweiſe eine Frau beleidigen. Gabrielle richtete ihren Kopf in die Höhe, ihre Augen flammten, als ſie dieſelben àuf Ernfrid richtete. Ein Diener erſchien in der Thüre. Gabrielle reichte ihm den Brief und ſagte mit lauter und kla⸗ rer Stimme: — Uebergeben Sie dem Boten des Major Levi⸗ tain dieſen Brief. Der Bediente entfernte ſich. — Was glauben Sie, daß dieſer Lümmel von einem Briefwechſel zwiſchen Ihnen und dem Major denkt?— Gibt es mehr als einen Schluß, den er daraus ziehen kann?— fragte Ernfrid. — Ich glaube, Graf, daß unſer Geſpräch viel zu lange gedauert hat, und daß der Bediente wirk⸗ lich mehr Grund hat, ſich über Ihre Anweſenheit hier zu verwundern, als darüber, daß ein Lands⸗ mann von mir mir einige Zeilen zuſendet, die ich be⸗ antworte. Gabrielle verließ das Zimmer und begab ſich nach dem Salon. — Von wem war der Brief?— fragte Lilie. — Von Major Levitain,— antwortete Gabrielle. — Sie kennen ihn alſo von früher?— hob die Gräfin wieder an. — Ja, ſehr wohl. Ich habe des Doctors und des Majors Bekanntſchaft unter ſolchen Verhältniſſen gemacht, daß ich ihm für das ganze Leben Dank⸗ barkeit ſchuldig bin. — Wenn es nicht ein Geheimniß iſt, ſo theilen Sie mir mit, wie Sie ihn kennen gelernt haben,— ſagte Frigga.— Mamſell Moulin ahnt nicht, wie ich mich füͤr alles intereſſire, was auf den Namen Levitain Bezug hat und für Alle, die den Namen Moulin tragen. Der letztere hat vor ieht Jahren 2 4 28 zurück in meinen Ohren geklungen und ſich gleichſam in meine Seele eingegraben. Ich habe mit dem Banquier Elias Levitain einzig deßhalb Bekanntſchaft gemacht, um über eine Perſon mit jenem Namen Auskunft zu erhalten. — Es wird mir ein Vergnügen machen, das Verhältniß mitzutheilen, in welchem ich zu Levitains Familie ſtehe,— antwortete Gabrielle. Jede Spur von Aerger und Mißvergnügen, die ſich in Gabrielle's Geſicht abſpiegelten, als ſie ein⸗ trat, war jetzt verſchwunden, und ſie erzählte was der Leſer bereits weiß, auf jene piquante geiſtreiche Weiſe, welche immer die Manier ihres Erzählens auszeichnete. Auf eine rührende Weiſe beſchrieb ſie ihre Mut⸗ ter, die Armuth, in welche ſie gerathen, und die Hülfe, welche ihnen durch Doctor Levitains Hand geſchickt worden ſei. Sie erwähnte darauf, wie leer es geweſen, ſeit Doctor Levitain abgereiſt. Sie ſprach von all der Freundſchaft und dem Wohlwollen, welche ſie in der jüdiſchen Familie Isralieri gefunden und wie ſie ſchließlich aus einem Billet, welches Abraham an eine ihrer Schülerinnen, Judith Isralieri, geſchrieben, die Handſchrift wieder erkannt habe, und ſo dem un⸗ bekannten Geber der 1000 Franken auf die Spur gekommen ſei. Sie erwähnte ferner, wie Abraham bei Marquis de Maillé die Bekanntſchaft ihrer Mutter gemacht, und ſpäter der Schüler Gabrielle's geworden ſei. — Daß wir in Paris nicht vor Noth umkamen, das haben wir Ismael und Abraham Levitain zu d 0 — 229 verdanken,— ſchloß ſie,— und ich frage, ob es möglich iſt, Menſchen zu vergeſſen oder ſie zu lieben aufzuhören, zu denen man in einer ſolchen Verbin⸗ dung ſteht. — Unmöglich,— ontwortete Frigga.— Der⸗ jenige, welcher ſolche Züge der Menſchenliebe ver⸗ geſſen könnte, müßte ein Weſen ohne Herz ſein. — Aber, es iſt noch nicht genug damit,— hob Gabrielle wieder an.— Als die Marquiſin de Maillé und Graf Arthur mich überredeten, eine Gouvernan⸗ tenſtelle in Graf Eldau's Haus zu übernehmen, und ich mit meiner Mutter und Schweſter nach Schweden hinüberreiſte, waren es Doctor Levitain und ſeine Familie, welche uns mit dem innigſten Wohlwollen aufnahmen. Wenn ich daran denke, wie er gegen uns gehandelt, ſo kommt es mir vor, als wenn ich nie im Stande ſein könnte, erkenntlich genug zu ſein. — Haben Sie während Ihres Aufenthalts in Stockholm im Schooße der jüdiſchen Familie gelebt?— fragte Arthur. — Ja, Herr Graf, und ich habe ſelten Menſchen mit einer ſo wahren Bildung getroffen, wie die Mit⸗ glieder der Levitain'ſchen Familie. — Als ich aber in Paris war,— fuhr Arthur fort,— ſchilderte man mir den Bankier als einen bigotten und intoleranten Mann. — Er iſt Fanatiker,— ſagte Gabrielle;— ober es liegt etwas Ehrfurchtgebietendes in ſeinem Fana⸗ tismus. Sie entſpringt aus dem Herzen und aus der Ueberzeugung. Die Erinnerung daran, wie ver⸗ achtet und unterdrückt ſeine Glaubensverwandte ge⸗ weſen und an einigen Orten der Erde noch ſind, hat 230 bei ihm dieſe Bitterkeit gegen die Unterdrücker erzeugt. Fügt man hinzu, daß er ſchon als Kind in den ver⸗ heerenden Wirrwarr der Schreckensſcenen von 1793 hineingeworfen wurde, ſo muß man finden, daß er, ein Kind und ohne alle Intereſſen für die Volksbe⸗ wegungen, nichts Anderes auffaſſen konnte, als das Böſe was er vor Augen hatte, aber durchaus nicht die Ideen, welche durch dieſes Chaos hervorzutreten ſtrebten. Die Proclamation der allgemeinen Reli⸗ gionsfreiheit, welche Frankreich unter dem Brauſen des Sturmes ausfertigte, verlor für Elias Levitain, welcher dabei vom Blute ſeines Vaters beſpritzt wurde, allen Werth. Er ſah nicht die ſchönen Ge⸗ ſichtszüge des Engels der Freiheit, ſondern nur das Blut, das deſſen Flügel befleckte. Sein Herz wurde gegen dieſe Menſchen erbittert, bevor ſeine Gedanken reif genug waren, um das, was vorging, beurtheilen zu können, und er ſchob deshalb alles Böſe, was die Chriſten thaten, auf den Umſtand, daß ſie Gott nicht auf dieſelbe Weiſe verehrten wie er. Der Luthera⸗ ner hat Vorurtheile gegen den Katholiken, der Ka⸗ tholik wiederum betrachtet den Lutheraner als Ketzer, und will ihm nicht einmal Recht auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes einräumen. Sie ſind aber gleichwohl Chriſten, die Lutheraner ſowohl, wie die Katholiken. Gewiß, fiel Arthur ein,— und mit der Reli⸗ gionsfreiheit beabſichtigt man auch, daß wir uns in einem gemeinſchaftlichen Glauben vereinigen. — Aber dies iſt ein Werk, welches nur in der Länge der Zeit vollbracht und durch eine höhere Geiſtesbildung erreicht werden kann,— ſagte Frigga 3 — 231 ernſt.— Um ganz und gar frei und ohne irgend ein Band Gott zu verehren, iſt die erſte Erforderniß, daß wir die Wahrheit der Lehre Gottes verſtehen. Bis dahin müſſen wir wie unmündige Kinder be⸗ handelt werden, damit nicht eine vollkommene Anar⸗ chie auf dem religiöſen Gebiete entſtehe. — Iſt das der Grund, daß Schweden keine Re⸗ ligionsfreiheit beſitt?— fragte Gabrielle. — Was wir noch nicht beſitzen, werden wir einſt erhalten,— verſicherte Arthur;— aber der Cha⸗ rakter der Schweden iſt mißtrauiſch. Er liebt ſeine alten Gewohnheiten und huldigt nicht gern neuen. Wenn dies im Allgemeinen gilt, wie viel mehr denn nicht in Beziehung auf das allerheiligſte unſerer In⸗ tereſſen. Der Schwede fürchtet die Religionsfreiheit deshalb, weil er nicht die Nation in Secten zerſplit⸗ tert und durch Proſelytenmacherei irrgeführt ſehen will. — Und dieſe letztere bezeichnet Ihr mit dem Namen der Katholicismus,— rief Gabrielle. — Ganz wahr. Wir ſchrecken in der That da⸗ vor zurück, die religiöſen Bande zu löſen, aus Furcht, daß die katholiſche Lehre ſich verbreiten möchte. Die Prieſterſchaft derſelben iſt uns wohl bekannt⸗ Die Geſchichte hat uns gelehrt, wie herrſchſüchtig ſie iſt, und dies macht, daß wir irgend eine Berührung mit ihr wenigſtens zu vermeiden wünſchen. Wir wollen unſere Grenze gegen ihr freies Eintreten über die⸗ ſelben ſchützen. — In einem reformirten oder lutheriſchen Staate wird der Katholicismus nie einen ſtörenden Einfluß gewinnen,— meinte Gaobrielle.— Man vertauſcht nicht etwas Beſſeres gegen etwas Schlimmeres. 232 — Was, rief Lilie und ſchlug die Hände zu⸗ ſammen,— Sie halten alſo die Religion der Re⸗ formirten und Lutheraner für beſſer, als die unſerige! Ah, ma chdre, Sie ſind eine ſchlechte Katholikin, und das ſchmerzt mich zu erfahren. — Gräfin, wenn ich auch eine ſchlechte Katholikin bin, ſo bin ich dagegen eine gute Chriſtin. Warm und brennend iſt meine Liebe zur chriſtlichen Lehre, ſo wie ſie unſer Herr ſelbſt gepredigt hat. Die Reformation ging wie eine Befreiung des Geiſtes von Gott aus. Ich muß deshalb annehmen, daß ihre Nachfolger uns in geiſtiger Beziehung voran⸗ ſtehen. — Aber, mein Gott, wie können Sie mit dieſen Anſichten Katholikin ſein!— rief Lilie und ſtarrte Gabrielle erſchrocken an. — Darum, weil ich als Chriſtin gelernt habe, unter der katholiſchen Form meinen Gott und Erlö⸗ ſer zu verehren. Dieſe Weiſe den Höchſten zu ver⸗ ehren befriedigt mein Herz; aber mein Verſtand ſagt mir, daß die Reformation ein großer Schritt 1 vorwärts war auf- großen Wege der Bildung und der Waßſhid Das Eiidten Jnf ids unterbrach das Geſpräch. ℳ„ E „. —. 6 edarſſhéines einzigen Wortes, um die Meiung en gd Menſchen von dem andern zu verdudern. Diefes einzige kleine Wort kann den enthuſia⸗ ſtiſchſten Freund in den bitterſten Feind verwandeln. U⸗ 233 Alles beruht auf der Empfänglichkeit des Ge⸗ müths, das davon betroffen wird. Ein ſchwacher und veränderlicher Charakter be⸗ ruht ganz und gar auf ſolchen Eindrücken. Lilie gehörte zu der Zahl derjenigen, welche den Impuls des Augenblicks unbedingt über ihre Sym⸗ pathien und Antipathien entſcheiden ließ. Nichts vu bei ihr feſt und unerſchütterlich; Alles wech⸗ elte. Sie hatte von dem Augenblick an, wo Valentin ihr die Gefahr, ſich unſeren Leidenſchaften hinzugeben, zeigte, unaufhörlich zwiſchen zwei Intereſſen ge⸗ ſchwankt: der Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder auch einer katholiſchen Buße. Eine Zeit lang war ſie ein Kind der Eitelkeit, welches ſich dem Vergnügen hingab; zu einer an⸗ dern wieder eine Reumüthige, welche im Beten und Faſten ihre Befriedigung fand. Mitten in dieſem Wirrwarr ſtand die Erinnerung an die Liebe zu Valentin, als Etwas, was ihre Einbildung plagte und feſſelte. Sie war geliebt geweſen! Siehe da Et⸗ was, das ſie nicht vergeſſen konnte. Wenn die anderen Männer um ſie herum flatterten und ihrer Eitelteit Rauchopfer anzündeten, ſo kam gleich die Erinnerung an Valentin. Lebhaft trat ihr dann die Zeit vor die Seele, wo er ſie mit den Augen der Liebe betrachtete. Eine Vergleichung zwiſchen ihm und dieſen Salonlöwen wurde die Folge; ſie ſiel zum Nachtheile der Letztern aus, und das Ge⸗ fühl, Etwas verloren zu haben erfüllte ihre Bruſt. Auf dieſes Gefühl folgte die Erinnerung an ihre 234 letzte Unterredung, und dann wurde ihr Inneres bitter, und ſie entzog ſich der Welt, um ſich auf Andachtsübungen zu legen. Dieſes Letztere war während der letzten Jahre öfter als früher der Fall geweſen und hatte bedeu⸗ tend dazu beigetragen, ihre ehelichen Verhältniſſe zu verſchlimmern; denn wenn Lilie ihre andächtigen Paroxismen bekam, war ſie im höchſten Grade un⸗ verträglich gegen ihren Mann. Sie liebte ihn nicht, und wurde dann von einem wirklichen Abſcheu vor ſeiner religiöſen Ueberze gung ergriffen, und machte ſtets Ausfälle gegen dieſelbe. Ernfrid ſeinerſeits war durch alles dieſes ein in⸗ toleranter Lutheraner geworden, welcher ſich mit der größten Unduldſamkeit üher den Katholicismus äußerte. Und auf dieſe Weiſe wurde die Entzweiung der beiden Gatten mit jedem Tage größer und größer. Es ſah bisweilen aus, als wenn eine förmliche Scheidung das Einzige ſei, was noch übrig blieb. Irgend eine Harmonie konnte nicht gut aus all' dieſer Disharmonie hervorgehen, beſonders da die Marquiſin de Maillé daran arbeitete, daß letztere eine ganz vollſtändige würde. Die Marquiſin war zu jeder Zeit eine ſtrenge Katholikin geweſen, aber uie Liebe zum Manne hatte in den jüngern Jahren mildernd auf ihre Seele gewirkt. Mit vielem Eifer hatte ſie für die Heirath mit Graf Eldau gearbeitet, aber aus dem Grunde, weil ſie fürchtete, daß die liberalen Anſichten des Mar⸗ 235 quis bewirken würden, daß die Tochter einen Bür⸗ gerlichen heirathete. Der Hochmuth der Marquiſin machte ſie das religiöſe Porurtheil vergeſſen. So lange Marquis de Maills lebte, legte die Marquiſin noch keinen Unwillen gegen den Schwie⸗ gerſohn an den Tag. Nach dem Tode des Marquis überließ ſie ſich ganz und gar dem Einfluſſe ihres Beichtvaters, und dann trat ganz plötzlich ihre Beſorgniß darüber in den Vordergrund, daß Lilie mit einem Ketzer ver⸗ heirathet ſei, und daß das Kind Liliens ſich zu der Religion des Vaters bekennen werde. Lilie ſelbſt würde vielleicht dadurch ihr warmes Intereſſe für den Katholicismus verlieren. Das Erſte, was die Marquiſin that, war denn auch, ein Weib, welches lange Jahre im Hauſe der Marquiſin geweſen, an Lilie abzuſenden. Von dieſem Weibe konnte man ſagen, daß ſie ein perſönliches Bild alles deſſen ſei, was da Ränke⸗ volles, Finſteres und Unheilbringendes hinter der fanatiſchen Ergebenheit für die katholiſche Lehre verborgen werden kann.— Es war keine Andere, 0 als Jaquette. Bei Lilie als Kammerjungfrau angeſtellt, ließ ſie ſich's nicht allein angelegen ſein, die Liebe Liliens zum Katholicismus zu beleben, ſondern auch bei ihr den Wunſch zu erwecken, daß die Tochter zu dieſem alleinſeligmachenden Glauben übergehen müſſe. Der Impuls von Seiten der Mutter und Jo⸗ guettens veranlaßte die Gräfin Eldau, mehrere Verſuche zu machen, Ernfrid zu überreden, daß ſie 236 zugleich mit Elvira ſich in Paris, ſtatt in Schweden e aufhalten ſollten; aber nach Liliens erſtem Beſuch dort als verheirathet, war es nicht möglich, Ern⸗ frid dazu zu bewegen, ſie den Beſuch erneuern zu laſſen. Als Elvira ſo groß wurde, daß ſie einer Leh⸗ rerin bedurfte, paßte die Marquiſin auf die Gele⸗ genheit, eine ſolche anzuſchaffen. Die Wahl fiel auf Gabrielle, da der Marquis, noch während er lebte, den Wunſch ausgeſprochen, daß Gabrielle ſeine Enkelin erziehen möchte. Das junge Mädchen war katholiſch und alſo ganz paſſend. Sie beſaß außerdem eine ungewöhn⸗ liche Bildung und mußte deßhalb beſſer, als Ja⸗ quette, im Intereſſe der Marquiſin wirken, das heißt ſo nebenbei, ohne daß der gottloſe Vater etwas davon erfuhr, das Intereſſe des Kindes an die ka⸗ tholiſche Religion feſſeln. Jaquette erhielt auch bei ihrem Eintritt in das Eldau'ſche Haus die Inſtruction, ſich vis à vis der Gouvernante vollkommen paſſiv zu verhalten. Sie ſollte nie Acht auf ſie geben, bis weitere Ordres von der Marquiſin kämen. Dies machte, daß Jaquette, die Aller Einfluß auf Lilie entgegenarbeitete und mit wahrer Künſt⸗ lerſchaft Zwietracht unter den beiden Gatten zu ſäen verſtand, nie ein giftiges Wort von Gabrielle äußerte. gleich bei ihrer Ankunft in Erikshof ſich der Gräfin Dieſe Letztere wiederum, welche durch Arthur von dem unglücklichen zerriſſenen Verhältniſſe zwi⸗ ſchen Ernfrid und Lilie unterrichtet worden war, hatte en 237 auf eine Weiſe genähert, daß dieſe von der Lehrerin ihrer Tochter entzückt wurde. Die heftige Sympathie, welche Lilie für Ga⸗ brielle empfand, wurde ein in dieſem Falle vorherr⸗ ſchendes Gefühl. Man konnte ſagen, daß Gabrielle bis zur An⸗ kunft Ernfrids ſie ausſchließlich intereſſirte. Die düſtern Bußübungen, welche Jaquette er⸗ funden und die Lilie mit ihr ausführte, kamen nicht mehr in Betracht. Statt weinend der Rederei Jaquettens zuzu⸗ hören, daß ihre kleine Tochter nie in das Reich Gottes kommen würde, lauſchte Lilie während dieſer Monate den friedlichen und liebevollen Worten Ga⸗ brielle's von Gottes unendlicher Güte. Jaquette ſah, daß ihr Einfluß immer ſchwächer und ſchwächer wurde. Sie ſah, daß Lilie nicht mehr ein Vergnügen daran fand, ihre Phantaſie mit den unheimlichen Bildern zu plagen, welche Jaquette hervorzuzaubern liebte. Die natürliche Folge war, daß das fanatiſche Weib Gabrielle als ein böſes und verderbliches Weſen betrachtete, welches der Ver⸗ ſucher geſandt, um Lilie vom Wege der Seligkeit abzulenken. Sie haßte Gabrielle in ihrem Herzen. Ihre fin⸗ ſtere Seele vertrug nicht Gabrielle's klare, friſche und freie Lebensanſchauungen, und ſie ſchrieb der Marquiſin, daß ſie fürchtete, dieſe möchte ſich bei der Wahl der Gouvernante ſehr geirrt haben. Sie, Jaquette, halte dafür, daß die Zeit gekommen ſei, ſich zu vergewiſſern, wer Gabrielle wäre, und wiefern man auf ſie rechnen könne. 238 Als Antwort erhielt Jaquette einen Brief von der Marquiſin, in welchem ein anderer an Gabrielle lag. Jaquette wurde es anbefohlen, daß ſie, falls Gabrielle ſich weigerte, den Willen der Marquiſin zu erfüllen, ſich ſchleunigſt ans Werk machen und es ſo einrichten ſolle, daß jene aus dem Hauſe käme. Die Marquiſin anempfahl Jaquette, um jeden Preis es ſo einzurichten, daß ſie ſelbſt bis zum Früh⸗ ling bleibe, da die Marquiſin dann nach Schweden zu kommen beabſichtigte. Dieſen Brief erhielt Jaquette an demſelben Abend, an welchem Gabrielle ihre Anſichten über die Reformation ſo frei und ungezwungen ausgeſprochen. Lilie, welche bisher von Allem, was Gabrielle ſprach und that, entzückt geweſen war, wurde beim Anhören ihrer Worte erſt beſtürzt und dann ſo miß⸗ vergnügt, daß ihre Verehrung ſich in ein gründliches Mißfallen verwandelte. Als ſie Abends in ihr Zimmer eintrat und Ja⸗ quette ihr beim Ausziehen half, bemerkte Lilie: — Ich habe Dich nie darüber äußern hören, wie Dir Mamſell Moulin gefalle? — Das kommt daher, Frau Gräfin, daß ich mir noch kein Urtheil über ſie gebildet,— antwortete die ſchlaue Franzöſin.— Wenn es der Frau Gräfin beliebt in ein Paar Tagen dieſelbe Frage an mich zu richten, werde ich ſie möglicherweiſe beantworten können. Jaquette überreichte Lilie einen Brief von der Marquiſin, welcher in dem ihrigen gelegen, worauf ſie ihrer Herrin gute Nacht ſagte und ſich entfernte. Lilie las den Brief der Mutter, der der glühend⸗ n ie n. le m 239 ſten religiöſen Ermahnungen und der größten Angſt⸗ über die Seligkeit der Tochter und der Enkelin voll war. Zitternd wegen ihrer ſelbſt und ihres Kindes brachte ſie eine ſchlafloſe Nacht zu. Als Gabrielle, nach Allem, was heute paſſirt war, ſich allein in ihrem Zimmer befand, warf ſie ſich aufs Sopha, verbarg ihr Geſicht in einem der Kiſſen und weinte heftig. Alle die Kraft, all der Stolz, all der Muth, die ſie gezeigt, waren jetzt dahin. In einem Tone des übertriebenſten Schmerzes ſtammelte ſie Abrahams Namen hervor, und das, als wenn ſie ihn zurück⸗ zurufen wünſchte. So verfloß lange Zeit, dann ſprang ſie auf vom Sopha, faßte ihren Kopf und rief mit heſtigem Schmerz: — O Mutter, Mutter, warum darf ich nicht an Deiner Bruſt ruhen und Deine milde Stimme Worte der Hingebung an Dein unglückliches Kind ſprechen hören, deſſen Leben ſo dunkel, ſo leer und ſo öde iſt. Die Hände ſanken vom Kopf herunter und ſie hob mit veränderter Stimme wieder an: — Meine Mutter!— Vergebe Deinem Kinde! Ich habe viel geſündigt, daß ich in der Stunde des Schmerzes klage.— Gott ſendet die Sorge, um die Geduld zu prüfen. Wir wollen ſie nicht in ihrer Andacht ſtören, ſondern nur gonz ſtille von ihr wegſchleichen und ganz unbemerkt bei Ernfried eintreten. An den Rahmen des offenen Fenſters gelehnt ſtand Graf Eldau. und ſtarrte hinaus in die Finſter⸗ 240 niß, während der ſcharfe Nordwind in das Zimmer hineinſtrömte. Eine tiefe mit höhniſcher Bitterkeit vermiſchte Schwermuth kennzeichnete den Ausdruck in ſeinen Zügen. Es ſah aus, als wenn der übermüthige Edel⸗ mann mit trotziger Verachtung den Schmerz ſeine zer⸗ fleiſchenden Krallen in ſein Inneres ſchlagen ließ, während das Gedächtniß ein Gemälde der Vergan⸗ genheit nach dem andern entrollte und der Gedanke zuletzt bei den Begebenheiten des Tages und dem Auftritt zwiſchen ihm und Gabrielle ſtehen blieb. Der einfache Bericht, den ſie Frigga über ihr Verhältniß zur Levitain ſchen Familie erſtattet; die unbefangene Weiſe, auf welche ſie von ihrer früheren Armuth geſprochen, und die Vorurtheilsfreiheit, mit welcher ſie ſich betreffs ihrer religiöſen Ueberzeugung geäußert, das Alles hallte in ſeiner Seele wieder. Es kam ihm vor, als wenn er noch im Vor⸗ gemach des gelben Salons ſtand und horchte auf das, was man darinnen ſprach. Während ſeine Seele ſich mit dieſen Erinnerun⸗ gen beſchäftigte, wurden ſeine Züge milder, als wenn das Bild„der vermeſſenen Franzöſin“ wohlthuend auf ſein Inneres gewirkt. Aber plötzlich warf er den Kopf zurück, zog raſch das Fenſter zu und murmelte in einem verächtlichen Ton: — Warum beſchäftige ich mich mit jenem Weibe? — Was habe ich denn mit ihr zu thun? n 241 Als man ſich am folgenden Morgen verſammelte. hatte Lilie ſich eingefunden, ohne von der Liebens⸗ würdigkeit begleitet zu ſein. Sie war in ihrer allereigenſinnigſten Laune, un⸗ ſanft und unfreundlich gegen Alles.— Auf Ern⸗ frids artige Frage, was ihr fehle, daß ſie ſo ſchlecht aufgelegt ſei, gab ſie eine heftige, abweiſende Ant⸗ wort.— Sie weinte darüber, daß Elvira erſt den Vater begrüßte und wurde ungeduldig, weil die Chocoldde zu warm war. Alle Unterhaltungsthemas, welche Arthur ein⸗ leitete, ſchnitt ſie durch irgend einen Ausbruch des Tadels ab. Kurz, ſie war ſo launiſch und ſo unverträglich, daß Gabrielle ſie mit dem Ausdruck der höchſten Mißbilligung betrachtete. Gabrielle ſchlug vor, daß die Gräfin, da ſie ſich ſo übel befände, ſich nicht anſtrengen, ſondern Ruhe und Stille ſuchen möchte. Der Ton, in welchem Gabrielle dies ſagte, klang wunderlich in Lilies Ohren. Sie blickte Gabrielle 3 welche ſtets ihre Augen auf die Gräfin gerichtet hatte. Lilie las darin, daß Gabrielle ihr Benehmen ſehr tadelswerth finde; aber ſie war gar nicht in der Stimmung, ſich von Gabrielle imponiren zu laſ⸗ ſen, ſondern rief, als Antwort auf die ihr im ver⸗ bindlichen Ton gemachte Vorſtellung, heftig aus: — Wenn ich der Ruhe bedürfte, ſo würde ich mein Zimmer nicht verlaſſen haben, und ich kann Sie verſichern, Mamſell Moulin, daß ich in dem Falle am beſten beurtheilen kann, was mir nützlich iſt. Es Schwartz, Geburt u. Bildung. MI. 16 242 wäre herzlicher geweſen, wenn Sie mir Theilnahme erzeigt hätten, als mir Einſamkeit anzurathen.— Aber es iſt gewöhnlich ſo; wenn ich krank bin, gibt es Niemanden in meiner Umgebung, der Mitleid mit meinen Leiden hot. Alle ſuchen meine Plagen; noch ſchlimmer zu machen. Lilie weinte. Es war das erſte Mal, daß Gabrielle einen An⸗ fall ihrer ſchlechten Laune zu ertragen hatte. Alle Anweſenden waren auch davon überraſcht. Lilie hatte bisher Gabrielle mit ſo viel Freundſchaft behandelt, daß ſie nie gegen ſie unfreundlich ge⸗ weſen. Die unſanften Worte waren kaum ausgeſprochen, als ſie dieſelben auch bereute. Wäre ſie mit Gabrielle! allein geweſen, ſo iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß ſie ſich an ihren Hals geworfen und um Verzeihung gebeten hätte. Jetzt konnte ſie nicht einmal ihren Vorſatz, etwas Milderndes hinzuzufügen, ausführen,. denn Ernfrid ſtand, als ſie zu weinen anfing, ſofort auf und ſagte in beſtimmtem Ton: — Geb mir Deinen Arm, Lilie! Du biſt zu krank, um länger hier bleiben zu können. Laß mich Dich nach Deinem Zimmer führen und den Doktor rufen. Lilie's Inſtinct ſagte ihr, daß es am beſten ſei, zu thun, als wenn das paſſirte, eine Folge von Krankheit ſei, beſonders da ihre aufgeregte Stimmung † jetzt vollſtndig verſchwunden war, und ſie ſich im Herzen darüber ärgerte, daß ſie ſich zu allen dieſen Ausbrüchen hatte verleiten laſſen. Sie zitterte beim Gedanken an all die harten und 8 * 243 ſchonungsloſen Worte, welche Ernfrid ihr unter vier Augen ſagen würde, aber trotz dem fand ſie es am rathſamſten, ſeinen Arm zu nehmen und ihm zu fol⸗ gen. Als Ernfrid und Lilie ſich in ihrem Boudoir be⸗ führte er ſie zu einem Sopha und bemerkte kalt: — Seien Sie ſo gut, Gräfin, wenn Ihre Laune das nächſtemal Sie gegen die ganze Welt ſchlecht ſtimmt, auf Ihrem Zimmer zu bleiben; machen Sie uns nicht zum Gegenſtand des Spottes. Damit verließ er ſie. Lilie brach in Thränen aus, ſchickte nach Ga⸗ brielle, weinte und klagte über ſich ſelbſt und ihr Schickſal, und ſchloß damit ſich zu beruhigen. Den Tag darauf reiste Frigga ab und auch Arthur verließ Erikshof, um ſich, nachdem er erſt Friggn nach Liungbro begleitet, nach Lenby zu be⸗ geben. An die Fenſterſcheibe gelehnt, betrachtete Lilie ihren Mann, als er ſehr artig Frigga und Mamſell Dorbineau in den bequemen Reiſewagen hinaufhalf. Als die Wagen fortrollten, wandte ſie ſich an Gabrielle mit den Worten: — Wie finden Sie das Ausſehen meines Mannes? — Stattlich,— antwortete dieſe. — Und das der Frigga Harthon? — Edel. Lilie ging vom Fenſter weg und ſetzte ſich ſeuf⸗ zend auf ein Sopha.* So unerforſchlich iſt das Weib, daß es Jahre lang einer Perſon gegenüber kalt bleiben, plötz⸗ 244 lich für dieſelbe Intereſſe gewinnen kann, wenn man nur ihre Eitelkeit zu reizen, oder ihre Eiferſucht zu erwecken vermag. gültigkeit betrachtet, bis Gabrielle ihr zeigte, daß es wirklich ein Sieg ſein würde, ſeine Neigung an ihre Perſon zu feſſeln. Darin lag ein Triumph für ihre Eitelkeit, den ſie zu feiern wünſchte. 3 Erikshof ankam. Jaquette, welche den Einfluß Frigga's fürchtete, hatte während der Tage, die ſie bei Eldau's zubrachte, dieſe und jene Aeußerung hingeworfen, welche, ohne eigentlich etwas zu beſagen, doch Lilie auf den Ge⸗ danken brachte, daß Ernfrid ein lebhafteres Gefühl als das der Freundſchaft für Frigga hege. Damit, daß ſie dieſen Verdacht rege machte, hatte Jaquette eine doppelte Abſicht: Lilie noch mehr vom Manne zu entfernen und ihre Anhänglichkeit an Frigga zu vernichten.. wollte, rief ſie gerade das Gegentheil hervor. Eiferſucht ähnliches Gefühl. Nie hatte Lilie ihren Mann ſo ſchön gefunden, als wo er Frigga in den Wagen half; nie früher hatte ſie ſo eifrig wie in dieſem Augenblick gewünſcht, daß er ihr in Liebe zugethan ſein möchte. Lilie hatte ihren Mann mit der größten Gleich⸗ So war ihre Gemüthsverfaſſung, als Frigga auf So gewandt ſie auch im Spinnen von Intriguen war, ſo hatte Jaquette ſich doch diesmal verrechnet, denn als ſie ſie kaltblütig gegen ihren Mann machen Lilie's Intereſſe für ihn wurde lebhafter, als es je geweſen, und es erwachte zugleich in ihr ein der 245 Jaquette hatte gerade, als ſie Lilie's Herz voll⸗ tommen von Ernfrid zu entfernen beabſichtigte, ihm daſſelbe näher gebracht. Aber es kommt oft vor, daß die Intrigue zum Gegentheil von dem führt, was man beabſichtigte. Als Gabrielle nach Frigga's Abreiſe in ihr Zim⸗ mer eintrat, fand ſie dort Jaquette, welche ihr den Brief der Marquiſin übergab. Als Gabrielle denſelben empfing, ohne Miene zu machen, ihn in Jaquette's Gegenwart zu erbrechen, bemerkte dieſe: — Die Marquiſin wünſcht, daß Mademoiſelle mir eine mündliche Antwort auf das, was ſie ſchreibt, geben möchten. — Was auch der Brief der Marquiſin enthält, ſo werde ich ihr ſelbſt meine Antwort ſchicken,— ſagte Gabrielle und warf einen ſtolzen Blick auf Jaquette. Es lag etwas in ihrem Ausſehen, das in Ver⸗ bindung mit der Schilderung, welche Arthur von ihr entworfen, ihr im höchſten Grade mißfiel. — Ich ſoll alſo der Marquiſin ſagen, daß — WMein Brief zugleich mit dem Ihrigen anlangt,— ſiel Gabrielle ein und ging hinein in ihr inneres Zimmer. Jaquette blickte ihr nach und murmelte: — Gehaßt habe ich Dich von der erſten Stunde an, wo ich Dich ſah; aber jetzt fühle ich, daß ich und Du als zwei Feinde einander gegenüber ſtehen 246 werden. Vor heute Abend werde ich Deine Antwort an die Marquiſin kennen. Unglücklich Du, falls ſie nicht iſt, wie ſie ſein ſoll. Sie ging. Der Brief der Marquiſin an Gabrielle enthielt; nichts weniger, als daß ſie von Gabrielle forderte, ſie ſolle die lutheriſche Tochter zu einer guten Katho⸗ likin erziehen.. Die Margquiſin bat Gabrielle, ſie durch Jaquette wiſſen zu laſſen, in wie fern ſie in dieſem Falle auf Elvira's Gouvernante rechnen könne. Während Gabrielle las, glühten ihre Wangen vor Zorn, und ſie ſetzte ſich ſofort hin, um dieſes, nach ihrer Auffaſſung beleidigende, Schreiben zu be⸗ antworten. In beſtimmten und etwas ſcharfen Worten er⸗ klärte Gabrielle, daß es kein Intereſſe gäbe, welches ſo mächtig ſei, daß es einem rechtlich denkenden Menſchen erlaube, zum Betrug ſeine Zuflucht zu nehmen, um der Sache, die er liebe, zu dienen. Ga⸗ brielle hätte von der Kindheit an gelernt, daß der⸗ jenige, welcher in ſeinen Verhältniſſen zu ſeinen Mit⸗ menſchen Ehre und Treue verrathe, ſich der Gnade Gottes unwürdig mache. Dieſes glaubte ſie zu thun, wenn ſie ſich zu einer heimlichen und niedrigen Pro⸗ ſelytenmacherei hergäbe. Sie beabſichtigte nicht das Vertrauen zu täuſchen, welches Graf Eldau ihr er⸗ zeigt, als er ſeine Tochter ihren Händen anvertraute. In demſelben Augenblick, wo ſie mit dem Schrei⸗ ben aufhörte, trat Lilie ein. — Sie haben einen Brief von meiner Mutter erhalten?— ſagte dieſe. 247 — Ja, das habe ich,— antwortete Gabrielle.“ — Der Inhalt davon iſt mir bekannt, und ich wünſche zu wiſſen, was Sie geantwortet haben. — Gräfin, wenn Sie wiſſen, wovon darin die Rede iſt, ſo wiſſen Sie auch meine Antwort,— ſagte Gabrielle mit Würde und überreichte Lilie den Brief an die Marquiſin. — Sie haben ſich geweigert,— bemerkte Lilie, bevor ſie einen Blick darauf geworfen. — Ja!— Gott dient man nicht durch Liſt und Betrug, ſondern durch Wahrheit und Redlich⸗ keit. Ich wäre unwürdig, eine Chriſtin genannt zu werden, wenn ich mich zu einer niedrigen und unedlen Handlung im Namen meines Erlöſers herab⸗ laſſen könnte. Lilie las Gabrielle's Antwort. Sie war mit derjenigen Energie geſchrieben, welche die Worte Gabrielle's auszeichnete, wenn ihr Inneres von Harm erfüllt war. Vieles darin machte, daß Lilie die Farbe wech⸗ ſelte, denn ſie enthielt Wahrheiten, von welchen auch ſie ſich getroffen fühlte. Ohne eine Sylbe zu ſagen, gab ſie den Brief wieder zurück und entfernte ſich. In Lilie's Innerem herrſchte ein chaotiſcher Kampf zwiſchen dem Rechtsgefühl und dem religiöſen Fana⸗ tismus. Gewiß würde das erſtere geſiegt haben, hätte nicht Jaquette gleich einem dunkeln⸗ Schatten an ihrer Seite geſtanden und ihren Gedankengang irregeführt. 33 Zwei Wochen vergingen, bevor Graf Ernfrid wieder zurückkehrte. 248 Während dieſer Zeit konnte man von Lilie buch⸗ ſtäblich ſagen, daß ſie zwiſchen zwei Mächten hin und her gezerrt wurde; einer guten, welche durch Gabrielle repräſentirt wurde; einer bbſen, die in der Geſtalt der Jaquette auftrat. Die erſtere ſuchte durch ihre geſunde Moral, ihre aufgeklärten Ideen und ihre geiſtige Ueberlegenheit den Einfluß der letzteren zu beſiegen; aber das war jetzt nicht mehr ſo leicht. Die religiöſen Vorurtheile Lilie's waren von Gabrielle verletzt worden; dadurch war ihre excen⸗ triſche Begeiſterung für das junge Mädchen wie weg⸗ geweht. Gewiß hatte Gabrielle das voraus, was geiſtig begabte Menſchen beſitzen, aber auch das wurde durch Jaquette abgeſchwächt. Kurz, das gute Verhältniß zwiſchen Lilie und Gabrielle war zerſtört und ſollte nicht ſo bald wieder hergeſtellt werden. Lilie's Laune wurde auch mit jedem Tag, wel⸗ cher verging, ohne daß Ernfrid zurückkehrte, immer ſchlimmer und ſchlimmer. Sie war ein Raub aller jener dämoniſchen Ge⸗ danken und Gefühle, welche die Eiferſucht auf der einen und die Intoleranz auf der anderen Seite her⸗ vorriefen. Mit einer bewunderungswürdigen Geduld ver⸗ trug Gabrielle ihren Eigenſinn und ihre üble Laune und bot Alles auf, ſie zu zerſtreuen und auf andere Gedanken zu bringen. Eines Abends, wo Lilie trotz allen Bemühungen Gabrielle's in ihrer ungeduldigen, reizbaren Stim⸗ 249 mung verharrte, ſagte Gabrielle ihr früher als ge⸗ wöhnlich gute Nacht. Gedankenvoll durchwanderte Gabrielle die pracht⸗ vollen Räume. Sie war niedergeſchlagen und trau⸗ rig. Das Fruchtloſe an allen ihren Verſuchen, um ſich herum Friede und Eintracht hervorzurufen, das Traurige und Hoffnungsloſe in ihrem eigenen Leben, Alles trat vor ihre Seele und rief in ihr eine tiefe ſiedergeſchlagenheit hervor. Im Gedächtniſſe Gabrielle's hallten die Worte des Elias Levitain wieder: — So lange ich zurückdenken kann, habe ich es immer für ein großes Unglück angeſehen, daß Men⸗ ſchen von verſchiedener Religion ihr Schickſal ver⸗ einigen. Sie erkannte jetzt, obgleich mit bitterem Schmerz, daß der ſtrenge Jude Recht hatte. Während alle dieſe Betrachtungen ſie beſchäftigten, hatte ſie den Weg nach der Gemäldegallerie genom⸗ men, und befand ſich vor dem Bilde, welches ſie und Abraham mit ſo vielem Intereſſe beſchaut hatten. — Die Liebe Gottes müßte Verträglichkeit be⸗ wirken,— dachte Gabrielle,— und wir ſollten durch dieſelbe zur Harmonie mit uns ſelbſt und unſeren Mitmenſchen gelangen. Gabrielle ſtellte ihr Licht neben das Gemälde und blieb unbeweglich davor ſtehen. Sie dachte vielleicht, wie Palis Oualis ſagt: „Ich ſah auf mir die Bürde laſten, Ich wußte, daß der Wurf geworfen.“ Die Arme des Todes und der Kuß der himmli⸗ 250 ſchen Liebe, ſiehe, das waren die Hoffnungen Ga. brielle's Das Leben lag vor ihr wie eine öde Heide. Alle Blumen, welche es einſt beſeſſen, waren ver⸗ heert, und zwiſchen ihr und dem Glück ſtand be⸗ ſtimmter und deutlicher als je— ihr und Abrahams ungleicher Glaube. Es war einer derjenigen Augenblicke, in welchen die Wahrheit ihr Geſicht ganz ungeſchminkt zeigt und uns zwingt, wenn auch mit gebrochenem Herzen uns vor derſelben zu beugen und ihre Allmacht anzuer⸗ kennen. Ihre Hoffnung richtete ſich nicht mehr auf irgend ein irdiſches Ziel. Sie gehörte ausſchließlich einer anderen Welt an. Zu einer ſolchen Erkenntniß kommt man indeſſen nicht in einem Alter von einundzwanzig Jahren, ohne daß das Herz bebt. Die bittern Thränen der Entſagung floſſen über die Wangen Gabrielle's. — Iſt es der durch das Leben und die Leiden⸗ ſchaften an die Erde gefeſſelte Menſch, welcher Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, oder hat die Er⸗ innerung Sie an dieſes Gemälde gebannt?— fragte eine klare Stimme. Gabrielle wandte erſchrocken den Kopf um.— Graf Ernfrid ſtand neben ih. Dieſe durchaus unfreiwillige Bewegung machte, daß Gabrielle ihm ihr thränenbenetztes Geſicht zu⸗ kehrte. — Was, Sie weinen?— rief er und ergriff ihre Hand.— Sie können alſo Schmerz empfinden? —— 251 Gabrielle lächelte unter Thränen und antwortete mit milder Stimme: — Wo findet man wohl eine Menſchenbruſt, in welchem ein dem Leiden fremdes Herz ſchlägt?— Ach, Graf, Sorge und Schmerz ſind uns Allen, die durch das Leben wandern, bekannt, wie wir uns auch gegen die Außenwelt ſtählen mögen. — Sie haben Recht!— Sie gehören in der That zu denjenigen Schätzen, welcher alle Menſchen cheilhaftig werden,— hob Ernfrid bitter wieder an. — Und man muß auch einräumen, daß wir Alles thun, um einander das Leben zu verbittern,— fügte er im Tone eines Erſchlafften hinzu. — und doch ſollten wir derade ein entgegenge⸗ ſetztes Ziel vor Augen haben,— antwortete Ga⸗ brielle. — Sollten,— wiederholte Ernfrid,— aber wir thun immer, was wir nicht ſollen. In Worten ſind wir gute Moraliſten; in der That kleine.— Schön zu ſprechen und ſchlecht zu handeln, iſt die Loſung der Zeit. Darum arbeiten wir aus allen Kräften daran, uns ſelbſt und Andere zu plagen. Wir verleumden, belügen und entehren unſere Mit⸗ menſchen, Alles im Namen der Sittlichkeit und Moral. — Es liegt wirklich eine bittere Wahrheit in dem, was der Graf ſagt, denn wir bedienen uns unſerer Worte ſo, daß ſie ſcharfe Waffen werden, die verwunden. Zu wem ſagen Sie das? Gerade zu dem⸗ jenigen, welcher ſie eben gegen Sie mißbraucht hat. Sie werden zugeben, daß es Ihnen oft während der 252 kurzen Zeit, die wir zuſammen geweſen, vorgekom⸗ men iſt, als hätte ich auf eine fühlbare Weiſe Ihnen den Aufenthalt in meinem Hauſe verbittern wollen. — Ich gebe zu, daß der Graf verſucht hat, das zu thun. — Aber es gelang nicht? — Es wäre dem Grafen gelungen, wenn Sie gerecht geweſen wären; aber dies iſt nicht der Fall geweſen. Die Ungerechtigkeit verwundet nur für den Augenblick, aber hinterläßt keine tiefern Merk⸗ male. In ſolchem Falle hätte ich nichts abzubitten? Und doch hatte ich heute Abend feſt beſchloſſen, Ihnen wegen meiner beleidigenden Worte am Abend vor meiner Abreiſe Abbitte zu thun. Ich bereute ſie und wünſchte ſie zurückzunehmen. — Herr Graf!— Gabrielle warf einen Blick der Verwunderung auf Ernfrid. — Verwundert es Sie, daß ich eine Ueberei⸗ lung bereue? — Ja, ich gebe es zu. — Sie hielten mich vielleicht für zu ſtolz, um einen Fehler einzugeſtehen. — Nicht für ſtolz, aber wohl für übermüthig, — antwortete Gabrielle in ruhigem Tone. — Ich bin alſo in Ihren Augen übermüthig? Ja, ſehr. — Sie haben vielleicht Recht. Gegen Sie bin ich es in der That geweſen.— In dieſem Augen⸗ blick können Sie mich dazu bringen, Alles einzu⸗ räumen. Morgen werde ich es vielleicht mißbil- 253 ligen, daß ich Ihnen einen ſolchen Triumph ge⸗ währt; aber, was weiter?— unſer ganzes Leben iſt nichts weiter als eine Reihe von Handlungen, die wir zurückzunehmen wünſchen. Er ließ Gabrielle's Hand los, warf ſich auf's Sopha, welches mitten auf dem Fußboden ſtand, und ſagte in einem faſt nachläſſigen Tone: — Sie und ich ſtehen in einer ganz eigenen Stellung zu einander. — Und doch iſt ſie ſo einfach. — Ja, wenn Sie ein anderes Weib wären, als Sie ſind.— Jetzt gehören Sie zu der Zahl derje⸗ nigen Menſchen, die man entweder lieben oder ver⸗ abſcheuen muß.— Ich liebe Sie nicht. — Ich habe es mehr als zu gut gemerkt,— antwortete Gabrielle lächelnd. — Und trotzdem komme ich jetzt von einer Reiſe zurück, deren Zweck war, mit einer Perſon, welche ich zur Lehrerin meiner Tochter angenommen, ein Abkommen dahin zu treffen, daß ſie ihre Stelle nicht antritt. — und warum?— fragte Gabrielle. — Darum, weil Sie bleiben müſſen. — Muß ich? Herr Graf, Sie vergeſſen, daß ich den Abſchied erhalten. — Ich habe nichts vergeſſen.— Seien Sie ſo gut und ſetzen Sie ſich hier, dann werde ich mich erklären! Hätten Sie mir gefallen, hätte ich gefühlt, daß Sie meinen Widerwillen gegen Sie zu beſiegen im Stande wären, ſo wäre es mir nie eingefallen, eine katholiſche Lehrerin für meine Tochter zu be⸗ 254 halten. Ich hätte dann immer befürchten müſſen, daß meine Sympathie für Sie mein Urtheil irre ge⸗ leitet haben würde. Jetzt ſteht wiederum— meine perſönliche Abneigung gegen Sie feſt. Ich kann nicht parteiiſch, ſondern nur gerecht ſein. Ich habe gefunden, daß Sie ein in allen Beziehungen ausge⸗ zeichnetes Weib ſind, ſo daß die Erziehung meiner Tochter keinen beſſern Händen anvertraut werden kann, und darum müſſen Sie in Ihrer Stelle bleiben. — So dankbar ich auch für dieſe Anerkennung bin, ſo glaube ich doch nicht in einem Hauſe bleiben zu dürfen, wo der Vater meines Zöglings ſich in einer feindlichen Stellung zu mir befindet und mit mißtrauiſchen Augen allen meinen Schritten ſolgt. Dies, Herr Graf, muß unbedingt zu Auftritten füh⸗ ren wie diejenigen, welche bereits zwiſchen uns ſtatt⸗ gefunden haben. Ernfrid ſtand auf und ging auf Gabrielle zu, welche ſtehen geblieben war. — Mit den feindlichen Ausfällen, Mamſell Mou⸗ lin, iſt es vorbei,— ſagte er.— Da ich Ihnen gegenüber anerkannt habe, daß eine perſönliche Ab⸗ neigung ihnen zu Grunde lag, ſo habe ich mich ſelbſt entwaffnet. Ich bin zu ſehr Edelmann, um mich übel gegen einen Feind zu betragen, welcher auf mein Ehrenwort, daß Stillſtand obwaltet, ſich in meiner Nähe aufhält.— Sie ſagen, daß Sie mir mißtrauen.— Ich that es, weil ich erfahren habe, wie intriguant die Katholiken ſind, und zu welchen Schlechtigkeiten ihre Proſelytenmacherei führt.— Nun wohl, alle meine Bedenklichkeiten in Beziehung 255 — auf Ihren Charakter ſind verſchwunden, und ich hege ein unbeſchränktes Vertrauen zu Ihnen. Ich bin es jezt, welcher bittet: Verlaſſen Sie nicht meine Tochter! Ernfrid reichte ihr die Hand und fügte hinzu: — Sie haben geſiegt, indem Sie mich nicht allein dahin gebracht haben, das, was ich einmal geſagt, wieder zurückzunehmen, ſondern, was noch mehr iſt, ein⸗ zuräumen, daß ich mich übereilt, und nebenbei Sie zu bitten, mein früheres Benehmen zu vergeſſen. Dies iſt ein Sieg, wie ihn Keiner vor Ihnen über mich davongetragen; Sie werden ihn nicht mißbrau⸗ chen; Sie werden bleiben⸗ — Nun wohl, mag es ſo ſein, Herr Graf!— antwortete Gabrielle und reichte ihm die Hand, wo⸗ rauf ſie ihm gute Nacht ſagte und ſich entfernte. Das junge Mädchen merkte nicht, daß, als ſie durch die Bibliothek paſſirte, ein Weib hinter den Thürgardinen verſteckt ſtand. Sie hatte während des ganzen Geſprächs zwiſchen Ernfrid und Gabrielle dort geſtanden und gelauſcht. Als der Graf allein war, warf er ſich wieder in den runden Diwan, ſtreckte die Hand nach Ga⸗ brielle aus und murmelte: — Fliehen müßteſt Du, armes Kind, aus dieſem Hauſe, in welchem Du von äußerem und innerem Unfrieden umgeben biſt; aber was würde dann aus meiner Tochter werden?— Meine Tochter,— wie⸗ derholte er, das Einzige, was ich auf der Erde liebe. 256 Er legte den Kopf in die Hand und fiel in Ge⸗ danken. Fort ſchlich die ſpionirende Weibergeſtalt. — Jetzt iſt ſie verloren!— flüſterte Jaquette, — denn ſie war es.— Wäre ſie auch ein Engel von Tugend, ſo würde es ihr nichts nützen. Ho, ſtolzes Weib, Du haſt es gewagt, Gott und un⸗ ſere heilige Kirche zu betrügen, für Dich gibt es kein Erbarmen. Am Morgen darauf bemerkte Jaquette, während ſie Lilie ankleidete: — Der Herr Graf iſt jetzt zu Hauſe. — So, kam er dieſe Nacht?— fragte Lilie, welche bei dieſer Nachricht die Farbe wechſelte. — Nein, geſtern Abend. Mademoiſelle Moulin wird nicht weggehen. — Wie weißt Du das? — Zufüällig ging ich an der Gemäldegallerie vor⸗ bei. Darüber verwundert, dort Licht zu finden, warf ich einen Blick hinein und.... Jaquette ſchwieg. — Nu— un, wer war dort?— fragte Lilie. — Der Graf und Mademoiſelle Moukin ſchienen dort ein Stelldichein zu haben. — Jaquette, gebe Acht auf das, was Du ſagſt. — Frau Gräfin, ich ſchweige. Dies gefiel Lilie auch nicht; aber jetzt war Ja⸗ quette beleidigt und es koſtete Lilie viel Mühe, ſie dazu zu bewegen, fortzufahren. Sie that es ſchließlich und berichtete, daß ſie mit ihren eigenen Augen den Grafen vor Gabrielle knieen geſehen und daß er flehentlich gebeten habe, daß n 257 Mamſell Moulin bleiben möchte, um ſein Leben zu erheitern. Jaquette gab der Unterredung zwiſchen Ernfrid und Gabrielle das infamſte Gepräge. Das charakterloſe Innere Lilie's, welches allen Eindrücken offen ſtand, gerieth auch aus dem Gleich⸗ gewicht. Sie konnte nicht zweifeln und wollte nicht glauben; aber als Jaquette hinzufügte, daß man jetzt die Löſung des Räthſels habe, daß Gabrielle ſich geweigert, behülflich zu ſein, Elvira in der katholi⸗ ſchen Religion zu erziehen, da kam es Lilie vor, als wenn ihr mit einem Male die Augen geöffnet würden. Beim Frühſtück ließ Lilie manches ärgerliche Wort fallen. Gegen Gabrielle zeigte ſie eine eiſige Kälte und Hochmuth, was Alle aufs Höchſte und am meiſten Gabrielle in Verwunderung ſetzte. Sie konnte es ſich nicht erklären, woher dieſe plötzliche Veränderung rühre. Wohl war Lilie in den letzten Wochen launenvoll geweſen; aber Ga⸗ brielle eine vornehme Miene zu zeigen, hatte ſie ſich noch nicht erlaubt. Es war Gabrielle nicht möglich, eine ſolche ſchwarze Intrigue zu argwöhnen, wie die, welche jetzt geſpon⸗ nen wurde, und welche ſo viele bittere Leiden über ihr unſchuldiges Haupt heraufbeſchwören ſollte. Jaquettes niedrige Anklagen fanden eine Art Bekräftigung, als Ernfrid im Laufe des Vormittags, wo er und Lilie allein waren, die Erklärung machte, daß er Lilie's Betragen gegen Gabrielle im höchſten Grade unpaſſend finde. Lilie, welche über ihre Gemüthsbewegung gar keine Macht beſaß, war unbeſonnen genug, als Ant⸗ Schwartz Geburt u. Bildung. M. 17 258 wort darauf ihre Verwunderung darüber auszuſpre⸗ chen, daß Ernfrid, welcher bisher Gabrielle ſo ſchlecht behandelt, ſich jetzt zu ihrem Vertheidiger aufwerfe. Ernfrid wurde böſe. Scharfe und verletzende Worte entfielen ihm. Er ſprach unter Anderem ſeine Verwunderung darüber aus, daß Jaquette ſich noch im Hauſe befände, obgleich ſie ſchon vor drei Wochen ihre Stelle hätte verlaſſen müſſen. Lilie erklärte, daß Jaquette bleiben würde, daß ſie nicht daran denke, ſich der einzigen ergebenen Freundin, die ſie beſäße, zu berauben ꝛc. Ernfrid verließ ſie im Zorne. Als ſie allein war, fing Lilie an, darüber nachzudenken, ob ſie mögli⸗ cherweiſe Unrecht gehabt, und weinte darüber, daß Ernfrid ſie nicht lieben könnte. Am Tage darauf mußte Jaquette trotz Thränen und Bitten Erikshof verlaſſen. Der Kammerdiener des Grafen, der einzige, auf den er ſich verlaſſen konnte, erhielt den Auftrag, ſie nach Gothenburg zu bringen, und von dort nach Frankreich fortzuſchaffen. Ernfrid glaubte auf dieſe Weiſe die ränkevolle Kammerjungfrau los zu ſein und hoffte einigen Frie⸗ den im Hauſe zu bekommen. Der hochmüthige Mann hatte noch Manches im Leben nicht erfahren. Nach der Abreiſe Jaquettes verliefen wirklich einige Wochen recht ruhig. 259 Nachdem der erſte Sturm von Aerger und Sorge ſich gelegt und Lilie etwas ruhiger geworden, ſchien ſie nur vom Intereſſe für ihren Mann in Anſpruch genommen zu ſein. Es iſt wahr, daß ſie Anfangs Anfälle von heftiger Eiferſucht hatte, aber nach und nach hörten auch dieſe auf, und ſie war wieder ſanft und liebenswürdig. Der Argwohn gegen Gabrielle verblich, denn es gab Nichts, das im geringſten demſelben Nahrung gab. Ernfrids Benehmen gegen Gabrielle war gewiß ſehr verändert. Er erwies ihr einen hohen Grad von Achtung; aber es war eine kalte und abge⸗ meſſene Achtung, ohne irgend eine Spur von wär⸗ meren Gefühlen. Lilie folgte ihm mit wachſamen Augen und gab Acht auf jede ſeiner Mienen und auf jedes Wort, aber ſie konnte trotzdem nichts herausfinden, was die gemachten Anklagen beſtärkt hätte. Auf diefe Weiſe verlief der größte Theil des Winters. Ernfrid war artiger und zuvorkommender gegen Lilie, als je; aber kein Funke von Wärme zeigte ſich in ſeinem Benehmen. So hatte man den Anfang des Monats April erreicht.— Die Frühlingsſonne blickte freundlich herab auf Erikshof. Indeſſen war es doch in den letzten Wochen vorgekommen, daß Graf Ernfrids Stirne mit Wolken bedeckt geweſen und daß Ga⸗ brielles Blicke traurig waren; aber in Lilie's Gegen⸗ wart verſchwand die Wolke auf Ernfrids Stirne und die Trauer in Gabrielle's Antlitz. Wahrſcheinlich, weil ſie ſie nicht in 260 der Bekümmerungen einweihen wollten, welche die Nachbarn dadurch hervorgerufen, daß ſie eine ab⸗ ſtoßende Zurückhaltung gegen Gabrielle an den Tag legten. Nach Oſtern machten Ernfrid und Lilie eine Reiſe nach der Stadt.. Sie verweilten dort etwas über eine Woche, und als ſie zurückkehrten, war letztere ganz verändert. Sie vermochte faſt nicht ſich ſo viel Gewalt an⸗ zuthun, daß ſie den Gruß Gabrielle's beantworten konnte, und als Elvira ihr mit offenen Armen ent⸗ gegen kam, ſchloß ſie das Mädchen in ihre Arme, brach in ein heftiges Weinen aus und murmelte halblaut: — O, Du mein armes, armes Kind, wie un— glücklich iſt Deine Mutter! Der Graf war düſter, ſeine Begrüßung Gabrielle's kalt und er bemerkte in einem faſt harten Ton: — Sie haben übel gethan, Mamſell Moulin, daß Sie nicht mit nach L— gingen. Gabrielle begriff ſofort, daß Etwas vorgefallen ſei, aber was es ſei, konnte ſie nicht ergründen. Drei Tage lang blieb Lilie in ihren Zimmern eingeſchloſſen. Die Einzige, welche zu ihr hineindurfte, war Elvira. Der Graf war während dieſer Tage düſter ge⸗ weſen und redete weder Elvira, noch Gabrielle an. Am vierten Tage ganz früh Morgens ritt er fort. Die Dienerſchaft ſah ängſtlich aus, und die Wär⸗ terin Elvira's, Frau Grönbeck, theilte Gabrielle mit, daß ſie alle zum Grafen gerufen worden wären, um wegen eines Gerüchts, welches im Umlauf war, ein 261 förmliches Verhör zu beſtehen. Was das für ein Gerücht ſei, wollte Frau Grönbeck nicht ſagen, aber daß es ſich auf den Grafen und Mamſell Moulin bezog, gab ſie zu verſtehen. Es ſollte von der Die⸗ nerſchaft ausgeſprengt ſein, und der Graf wollte jetzt den Urheber heraushaben. Durch das, was Frau Grönbeck ihr anvertraut hatte, fühlte Gabrielle ſich eigenthümlich beklommen. Als die alte Frau ſie verließ, überfiel ſie eine hef⸗ tige und brennende Sehnſucht, ihre Mutter wieder⸗ zuſehen. Es kam ihr vor, als wenn irgend ein finſteres und grauenhaftes Unglück auf ſie lauere, und ſie fühlte ſich ſo einſam, ſo verlaſſen. Gabrielle war zu jung, zu erhaben und zu wirk⸗ lich edel, um ahnen zu können, was das für ein Gerücht ſei, das ſeine giftigen Krallen dergeſtalt in ihren Namen geſchlagen, daß er dadurch Merkmale erhalten ſollte, die nie verwiſcht werden konnten. Während ihre Seele tiefer als je das Bedürfniß fühlte, ſich vor der Mutter auszuſchütten, brach die Dämmerung ein. Gleich Nachmittags hatte die Gräfin nach Elvira geſchickt, und Gabrielle promenirte ganz allein in dem großen Lectionsſaal, deſſen Fenſter nach dem Parke hinausgingen. Plötzlich hielt ſie mit ihren Schritten an und blieb an einem der Fenſter ſtehen. Ein Schatten ſchlich ſich vorbei. Es lag etwas in der Bewegung der Geſtalt, was ihr verdächtig vorkam. Mit einer eigenen Neugierde folgte Gabrielle der Geſtalt und ſah ſie an einer Thüre ſtehen blei⸗ 262 ben, welche zu einer Wendeltreppe führte, die von der Kammerjungfrau der Gräfin benützt wurde. Die dunkle Weibergeſtalt that einen leiſen Schlag, wor⸗ auf die Thüre ſich öffnete und ſie durch dieſelbe verſchwand. — Jaquette!— dachte Gabrielle.— Jaquette! — wiederholte ſie nach einem Augenblick.— Welch thörichter Gedanke! Sie iſt ja bei der Marqui⸗ ſin de Maillé in Paris. Die Dunkelheit und das Geplauder der Frau Grönbeck haben meine Phanta⸗ ſie ſo aufgeregt, daß ich Geſpenſter ſehe. Gabrielle ſchüttelte den Kopf, gleichſam um alle dergleichen Gedanken los zu werden, und ging in ihr Zimmer, wo ſie ſich hinſetzte und an ihre Mutter ſchrieb. Eine Stunde darauf ließ die Gräfin Gabrielle ſagen, daß ſie ſie im Salon zu ſehen wünſche. Lilie war ſehr bleich und ſah leidend aus. Sie grüßte Gabrielle mit ſcheinbarer Freundlichkeit. Obgleich es Gabtielle nicht entging, daß dieſe Freundlichkeit nur erkünſtelt war, ſo beſchloß doch das junge Mädchen ihr zu ſagen, daß es einen Schatten durch den hintern Eingang nach Lilies Zimmer hätte ſchleichen ſehen, und daß in den Be⸗ wegungen des Schattens etwas gelegen habe, das an Jaquette erinnerte; aber gerade als ſie damit herausrücken wollte, trat Ernfrid herein. Er küßte Lilie auf die Hand und bemerkte mit einigen kalten höflichen Worten, daß es ihm ein Vergnügen mache, ſie wieder vollkommen hergeſtellt zu ſehen; darauf verbeugte er ſich ſchweigend vor Gabrielle. 263 Der Blick, welchen er auf dieſe letztere warf, hatte etwas Trauriges und ungewöhnlich Mildes. Dann beſchäftigt er ſich mit Elvira, welche ihm entgegengeſprungen war und ſich an ſeine Kniee an⸗ geſchloſſen hatte. Das Geſicht des Kindes war auch bleich. Die ſonſt freudeſtrahlenden Augen waren matt. Sie ſchlang die Arme um den Hals des Vaters und ſagte indem ſie ihre Wange an die ſeinige drückte: — Papa, iſt es wahr, daß Gott Dich und mich nicht leiden mag? Lilie fuhr zuſammen und wurde dunkelroth. Sie rief in einem vorwurfsvolle Ton: — Elvira! Das Mädchen ſchloß die Arme feſter um des Vaters Hals, und Ernfrids vorher ſchon finſtere Stirne wurde noch finſterer. — Wer hat Dir das geſagt?— fragte er.— Deine Lehrerin? — RNein, bonne amie hat immer behauptet, daß Gott alle gute Menſchen gerne mag; aber Mama pflegt zu ſagen, daß Er Dich und mich nicht liebt, weik wir Ketzer ſind. Was iſt das, Ketzer zu ſein⸗ Papa? Elvira wandte den Kopf um, blickte die an und fügte mit einem freundlichen Lächeln inzu: — Mama, Du mußt Elvira nicht böſe werden, denn ich will nur, daß Papa Dir ſagen ſoll, daß Gott uns alle lieb hat; dann haſt Du nicht nöthig ſo viel zu weinen, wie Du es dieſe letzten Tage gethan. 264 Das Mädchen faßte mit beiden Händen das Ge⸗ ſicht des Vaters und fuhr fort: Das iſt eine große Sünde von Mama, mußt Du wiſſen. Sie hat es mehrere Tage nicht gewagt zu eſſen, ſondern hat auf den Knieen gelegen und ge⸗ betet, daß Gott Dir und mir nicht böſe ſein möchte. Jetzt will Elvira wiſſen, ob Mama zu hungern braucht, damit Gott uns leiden möge. Warum ſollte er es nicht? Elvira iſt ja artig, gehorſam und fleißig geweſen. Während das Kind ſprach, verzog ſich Ernfrids Geſicht krampfhaft. Es war einer der bitterſten Augenblicke in ſeinem Leben. Ein heftiger Seufzer arbeitete ſich empor aus ſeiner Bruſt. Er drückte das Mädchen haſtig an ſein Herz. Darauf ſagte er in einem ungewöhnlich milden Tone: — Mein Kind, Deine Mutter iſt krank gewe⸗ ſen, und darum hat ſie gemeint. Ueber Dich und mich braucht ſie nicht Thränen zu vergießen. Wenn Gott Jemanden liebth ſo iſt es gewiß, daß Er Dich und mich am meiſten unter uns Allen liebt. Gehe jetzt, mein kleines Mädchen zu Deiner ponne amie, ſie wirds beſſer, als ich, Dir ſagen können, wie lieb der Höchſte ein kleines, unſchuldiges Kind hat. Ernfrid küßte zärtlich ſeine Tochter und ließ ſie herunter auf den Fußboden; dann ſtand er auf, reichte Lilie die Hand und ſagte: — Meine Freundin, was Elvira jetzt geſagt hat, veranlaßt mich, Dich um eine Unterredung zu bitten. — Papa,— rief Elvira erſchrocken,— ſei nicht böſe auf Mama!— Das Mädchen umfaßte den Va⸗ 8 265 ter und fügte hinzu: verſpreche mir, nicht ſchlimm zu ſein gegen Elviras Mama! Eine drohende Wolke flog über Ernfrids Stirne. — Brauche ich denn böſe zu ſein?— fragte er und legte die Hand auf des Kindes Haupt. — Nicht auf mich. — Gehe, mein Kind zu Deiner Lehrerin!— ſagte er und ſchob Elvira von ſich. Lilie war aufgeſtanden. Es ſtand in Ernfrids geſ zu leſen, daß er ſofortigen Gehorſam for⸗ erte. Lilie gehörte nicht zu denjenigen, welche, wenn es Ernſt galt, dem Willen Anderer Widerſtand ent⸗ gegenſetzen konnte. Als beide durch die Thüre verſchwunden waren, warf Elvira ſich weinend in Gabrielle's Arme und rief: — Bonne amie, ſage mir, ob Elvirg etwas Böſes gethan? Nein, mein Kind,— antwortete Gabrielle und küßte es, während ſie deſſen aufgeregte Gefühle zu beruhigen ſuchte. Als Ernfrid mit ſeiner Frau in dem kleinen grü⸗ nen Cabinet allein war, verriegelte er die Thüre doppelt, damit Niemand ſie ſtören könnte. Lilie blieb ſtehen, ſich auf die Rücklehne eines Stuhles ſtützend. Sie war ebenſo bleich wie Ernfrid und obgleich ſie im Allgemeinen ganz kurzſichtig war, wenn es 266 dem Gemahl galt, ſo ſah ſie doch jetzt ein, daß es eine ernſthaftere Scene zwiſchen ihnen werden würde, als bisher. Sie drückte auch die Hände heftig gegen die Bruſt, als Ernfrid ſich von der Thüre weg und ge⸗ gen ſie wandte. Nie war er ihr furchtbarer vorgekommen, als in dieſem Augenblick; nie früher hatte ſie eine ſo leb⸗ hafte Neigung für ihn empfunden, wie gerade jetzt, wo ſie deutlicher als jemals in ſeinen Zügen las, daß ſein Herz nie für ſie ſchlagen würde. — Und warum habe ich nicht Gabrielle's Rath befolgt?— dachte Lilie, und ſie hätte ſich zu ſeinen Füßen werfen und ihn um Verzeihung bitten mögen; aber dieſes Gefühl wurde bald von einem anderen verdrängt, welches ihr zuflüſterte: — Dieſer Mann iſt es, welcher ſein Kind von Gott und der Seligkeit entfernt. Einige Secunden betrachtete Ernfrid ſie ſchwei⸗ gend, dann warf er ſich in ein Fauteuil und rief in einem traurigen Ton: — In dieſem Augenblick, Lilie, wäre ich ge⸗ neigt die Stunde zu verfluchen, wo das Schickſal uns vereinigte, und blutige Thränen möchte ich wei⸗ nen, daß Du die Mutter meines Kindes biſt! Er fuhr mit der Hand über die Stirn. Etwas, was auch nur einem ſchmerzlichen Ausdruck ähnlich ſah, hatte Lilie nie vorher bei ihm geſehen. Sie zitterte auch beim Anblick deſſelben. Der Inſtinct ſagte ihr, daß ſie die Leiden, welche er jezt empfand, zu zahlen haben würde. Als Ernfrid ſeine Hand von der Stirne ent⸗ 267 fernte, war ſein Geſicht kalt und hart, als wenn deſſen Züge in Granit gehauen wären. Er hob in einem veränderten Tone wieder an: — Was hilft es, das zu bereuen, was ſich nicht ändern läßt? Wir ſind verheirathet und all meine Verzweiflung kann das nicht ungeſchehen machen. Wäre ich nicht Graf Eldau, ſo würde dieſe Ehe aufgelöst werden; aber ein Mann mit meinem Na⸗ men, mit meiner geſellſchaftlichen Stellung und mit meinen Grundſätzen, gibt ſich nicht dem Scandal Preis. Sie und ich ſind unzertrennlich. Aber ſo Verhältntß nicht mit Ihnen und Ihrem inde. — Heilige Mutter Gottes! Was iſt es, was Du ſagſt?— rief Lilie und ſtürzte dem Manne entgegen. — Die Wahrheit, Gräfin,— antwortete Ern⸗ frid und ſchob ſie von ſich.— Sie haben längſt das Recht verwirkt, die Mutter meines Kindes genannt zu werden Wollen Sie, daß ich es Ihnen beweiſen ſoll? Nun wohlan, als ich mich mit Ihnen verheirathete, war ich nicht verliebt, das iſt wahr; aber ich war von Ihrem Aeußern eingenommen und glaubte in Ihnen einen Engel an Milde und Güte gefunden zu haben. Ich ſagte zu mir ſelbſt:„Einſt wird mein Herz ſie lieben.“ Und der Tag wäre auch gekommen, wenn Sie verſtanden hätten, Ihre Auf⸗ gabe als Gattin zu löſen. Sie waren Franzöſin und das Wort: Pflicht begriffen Sie nicht. Mein Ge⸗ müth iſt ſtreng, mein Charakter unbiegſam und mein Herz hart, ich räume es ein; aber wenn Sie ver⸗ ſucht hätten, Ihre Kälte zu überwinden, und An⸗ 268 hänglichkeit an meine Perſon an den Tag gelegt hätten, dann wären Sie mir lieb geworden wie ein Theil von mir ſelbſt. Sie wählten einen an⸗ dern Weg, Sie entfernten ſich von mir, ſo viel Sie konnten und als wir in Schweden ankamen, was war Ihr erſtes Beſtreben? Den Mann wieder zu ſehen, den Sie liebten, und den Verſuch zu machen, mit ihm wieder ein zärtliches Verhältniß anzuknüpfen. Daß dieß nicht geſchah, war ſein und nicht Ihr Ver⸗ dienſt, Gräfin. Ah, meine Gnädige, dadurch, daß Sie den Wunſch ausſprachen, Liungbro zu beſuchen, hatten Sie es mir für immer unmöglich gemacht, etwas Anderes, als Widerwillen gegen Sie zu empfin⸗ den. Das war Ihr erſtes Verbrechen. Das zweite beſtand darin, daß Sie durch Einflüſterungen von Ihrer Mutter und Ihrer Kammerjungfer ſich ver⸗ leiten ließen, in religiöſem Intereſſe zu intriguiren. Sie wußten, daß ich ein warmer Lutheraner ſei, und Sie beſaßen nicht genug Tact nnd feines Gefühl, um es zu vermeiden, mich in meiner religiöſen Ueber⸗ zeugung zu beleidigen. Sie verwandelten unſere Ehe in eine Hölle und erweckten in mir Abſcheu ge⸗ gen den Katholicismus. Obgleich Sie von mir Nach⸗ ſicht, Zärtlichkeit, Mitleid und Nachgiebigkeit in Be⸗ ziehung auf Ihre Anſichten forderten, thaten Sie Alles, um mich wegen der meinigen zu verletzen. Aber nicht genug damit. Sie nahmen, ohne ſich mit mir darüber zu benehmen, eine Lehrerin von demſelben Glauben wie Sie für Ihr Kind in der Hoffnung an, Ihre Tochter auf dieſe Weiſe zur Ka⸗ tholikin erziehen zu können. Als ich, der ich Ihren Plan durchſchaute, unzufrieden wurde, geriethen — 269 Sie in Zorn, und als ich nachher, davon überzeugt, daß ich Mamſell Moulin unrichtig beurtheilt hatte, ſie überredete, zu bleiben, erlaubten Sie ſich, dieſer meiner Handlungsweiſe den gemeinſten Stempel auf⸗ zudrücken. Ernfrid ſtand auf, trat auf ſeine todtenbleiche Frau zu und ſprach mit gedämpfter Stimme: — Sie behielten dieſe argwöhniſchen Gedanken nicht bei ſich ſelbſt, ſondern veranlaßten meine Die⸗ ner, auf mich zu ſpioniren und wurden auf dieſe Weiſe diejenige, welche das Gerücht verbreitete, daß ich in die Gouvernante verliebt ſei. Sie wagten es, ohne Grund einen Schatten auf die Ehre Ihres Mannes zu werfen, ſeinen Namen einem ſcanda⸗ löſen Gerücht Preis zu geben, und Sie hofften, daß er mit Ihnen Nachſicht haben würde. Meine Gnädige, wenn meine eigene Mutter ſo gehandelt hätte,— ich würde es ihr nicht verziehen haben;— aber Sie waren auch damit nicht zufrieden, Sie ſuchten noch auf einem anderen Wege mir mein Leben zu vergiften, und zwar durch Angriff auf das zärtliche Gefühl, welches ich beſitze, nämlich die Liebe zu mei⸗ nem Kinde. Sie wollten es durch ihre fanatiſchen Pläne von mir entfernen, dieſen Frieden ſtören und die letzte Freude, die mir noch im Leben übrig blieb, vernichten; Sie haben mich nun auch auf den Punkt gebracht, daß ich, um den Frieden Elvira's zu ret⸗ ten, ſie von Ihnen trennen muß. Sie und ihre Gouver⸗ nante werden in einigen Tagen von mir nach mei⸗ nem Fideicommis Rörbro in Schonen geſchickt. Dort wird das Mädchen von allem katholiſchen Einfluß 270 entfernt und ſeiner beiden Eltern beraubt,, erzogen werden. Sie haben Ihrem Kinde das Beſte geſtoh⸗ len, was es beſaß, Vater und Mutter; aber es kann nicht anders werden. Sie und ich müſſen, um nicht den Gerüchten, welche Sie ausgeſprengt, Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu verleihen, fortfahren zuſammen zu leben. Das wird unſerer Beider Strafe werden, weil wir eine Ehe ohne Liebe eingegangen haben. Und jetzt, Gräſin, faſten Sie und beten Sie, daß Gott Ihnen Ihre Sünden gegen mich und Ihte Tochter vergeben möge. Ernfrid wandte ſich weg, um fortzugehen; aber Lilie warf ſich vor ihm auf die Kniee und rief mit herzzerreißendem Schmerz: — Ernfrid, Erbarmen, Gnade, Schonung, ich werde nie im Stande ſein, es zu ertragen! Nehme Alles, nehme mein Leben; aber nehme nicht mein Kind von mir! — Stehe auf und verſchwende nicht Bitten an einen Mann wie ich! Und wenn Sie Ihr ganzes Leben lang zu meinen Füßen lägen, ſo würde es Ihnen nicht gelingen, mich zu bewegen. Meine Pflicht gegen mein Kind und meinen Gott verlangt, daß ich handle, wie ich jetzt thue. Sie können mög⸗ licherweiſe Alles von mir erlangen, nur nicht Ihr Kind und meine Achtung. Der Graf ging haſtig ſeines Wegs. Lilie lag auf dem Fußboden und brach in ein wildes Schluchzen aus. Diesmal war ſie von einem Schmerz getroffen worden, welchen ſelbſt die leichte Beweglichkeit in it S 271 ihrem Denken und Fühlen nicht zu beſiegen im Stande ſein ſollte. Am Morgen darauf herrſchte auf Erikshof eine entſetzliche Beſtürzung. Elvira war in der Nacht krank geworden und hatte ſehr bedenkliche Krampfanfälle gehabt. Es wurde ſchleunigſt nach Aerzten geſchickt und Ernfrid war der Erſte, der ſich bei ſeinem kranken inde einfand. Gabrielle hatte bei der Nachricht von dem Uebel⸗ befinden Elvira's ſofort die Eltern davon in Kennt⸗ niß ſetzen laſſen. Lilie kam zu dem vor Schmerzen ganz verſtörten Mädchen hereingeſtürzt, warf ſich in maßloſer Ver⸗ zweiflung über daſſelbe und rief: — Mein Kind! Mein Kind! — Lilie,— ſagte Ernfrid ſtreng,— wenn Du bei Elvira bleiben willſt, mußt Du ruhig ſein. Gabrielle ſuchte ſie durch einige eindringliche Worte zur Beſinnung zu bringen, und es gelang auch ſoweit, daß Lilie mit einigen der heftigſten Aubrüche ihrer Angſt innehielt. Die Schmerzen dauerten den ganzen Tag mit zunehmender Heftigkeit fort. Alles, was der Arzt verſchrieb, vermehrte ſie nur, und gegen Abend ver⸗ langte der Doktor die Eltern zu ſprechen, um ſie darauf vorzubereiten, daß ſie ihr einziges Kind ver⸗ lieren würden. 272 Ernfrid hörte das Urtheil mit kaltem Schweiße an der Stirne, und Lilie ſchien ganz außer ſich. — Sie wird ſterben, die arme Kleine! Siehe da Gottes Strafe dafür, daß man ſie von mir und dem Wege hat trennen wollen, der zum Himmel⸗ reich führt! Lilie fiel in heftige Convulſionen. Ernfrid hatte keine Theilnahme, kein Herz für ſie, ſonden bat den Arzt, ſich der Gräfin anzuneh⸗ men, und kehrte zu Elvira zurück, welche ſich in den entſetzlichſten Schmerzen wand. — Wo iſt Manſell Moulin?— fragte der Graf Frau Grönbeck, als er Gabrielle nicht bei ſei⸗ ner Tochter fand. Sie verließ ſo eben das Zimmer; es war ein Reiſender da, der ſie ſuchte,— war die Antwort. Einige Augenblicke darauf trat Gabrielle wieder herein; aber ſie war nicht allein. Ein Mann von einigen und dreißig Jahren mit einem feinen, edlen und ſchönen Geſichte begleitete ſie. Beim erſten Blick ſah man, daß er ein Jude ſei. Ernfrid, welcher an dem Krankenbett ſeines wim⸗ mernden Kindes knieete, ſtand raſch auf. — Gott ſelbſt hat Sie hierher geſandt, beſter Israel,— ſagte Gabrielle zu dem Fremden.— Retten Sie dieſes Kind und Sie retten mehr als mein Leben! — Mein Kind in den Händen eines Juden!— dachte Ernfrid und that einen Schritt gegen Ga⸗ brielle, welche ſich jetzt an ihn wandte.— Mam⸗ ſell!— rief er. —— i —— e—— — 273 Gabrielle faßte ihn am Arme und ſagte in einem ergreifenden Ton: Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Graf; aber ich bitte Sie, damit zu warten, bis Doktor Levitain über Elvira's Zuſtand ſich ausgeſprochen hat. Sie haben mir Vertrauen verſprochen, zeigen Sie es jett, da es das Leben Ihrer Tochter gilt! Israel hatte im Vorbeigehen vor dem Grafen eine Verbeugung gemacht und war dann direct ans Krankenbett herangetreten. Nachdem er den Puls des Kindes unterſucht und eine Menge Fragen über die Symptome gemacht, wandte er ſich an Ernfrid und ſagte: — Ich wünſche den Arzt zu ſprechen, welcher das Fräulein behandelt hat. Gabrielle eilte nach der Thüre. Im nächſten Augenblick ſtand Doktor D— an Israels Seite. Er begrüßte den israelitiſchen Arzt auf eine Weiſe, welche bewies, daß er wohl wiſſe, er begrüße eine hervorragende Perſönlichkeit. — Welches Urtheil fällt Doktor D— über das Fräulein?— fragte Israel. — Daß ich keinen Rath weiß,— antwortete er. — Für welchen Fall hält der Doktor die Krank⸗ heit. — Heftige Erkältung. — Da bin ich anderer Meinung,— ſagte Is⸗ rael. Nachdem er den Doktor und den Grafen erſucht hatte, ihm zu folgen, trat er an's Fenſter. Die Krankheit des Fräuleins iſt keine Er⸗ Schwartz, Geburt u. Bildung. Ur. 18 274 kältung, ſondern eine Folge von einer— Ver⸗ giftung,— bemerkte er mit beſtimmter, obgleich ge⸗ dämpfter Stimme. — Herr Doktor, was wagen Sie zu behaupten? — rief Ernfrid und ſchrack zurück. — Ich ſpreche eine düſtere Wahrheit aus, Herr Graf, und da Doktor D— ſagt, daß er nichts weiter auszurichten vermag, ſo will ich verſuchen, das Fräulein zu retten. Ohne eine Antwort abzuwarten, machte Israel einige Vorſchriften, über deren Ausführung er ſelbſt genau wachte. Er betrachtete dann alle diejenigen, welche das Kind umgaben, als wenn er hätte her⸗ ausfinden wollen, in weſſen Geſicht er wohl den Ur⸗ heber der Vergiftung entdecken könnte. Er unterſuchte die Medicamente, die Suppen und das Waſſer. Er fragte, ob man Rattengift im Hauſe gehabt, und ſchließlich, was Elvira, bevor ſie krank wurde, gegeſſen. Hierauf erhielt er zur Antwort, daß ſie wie ge⸗ wöhnlich Grütze mit Wein und Waſſer verzehrt habe. — Sie behauptete, daß die Grütze nicht gut ge⸗ ſchmeckt und habe dieſelbe nicht aufgegeſſen,— ſagte Frau Grönbeck. — Iſt noch etwas davon übrig?— fragte Israel. — Ich habe den Reſt meinem Hunde vorgeſetzt, — antwortete Frau Grönbeck. — Hat der Hund davon gefreſſen? — Nein, Herr Doctor. Er iſt die ganze Nacht fort geweſen, und heute habe ich nach ihm geſehen, ſo daß das Eſſen unangerührt daſteht. 275 — Laſſen Sie mich es ſehen. Israel begleitete Frau Grönbeck in ihr Zimmer. Als ſie da hineinkamen, fanden ſie Herrn Priſſe, welcher eben heimgekehrt war, damit beſchäftigt, in vollem Zuge und mit gutem Appetit die Grütze zu verzehren. Frau Grönbeck nahm den Reſt dem Hunde weg. Nach Verlauf einer kurzen Zeit hörte man aus dem Zimmer der Frau Grönbeck ein entſetzliches Geheul. Die alte Frau ſtürzte hinein und fand dort ihren kleinen vierbeinigen Liebling in Todeszuckungen auf dem Fußboden ausgeſtreckt. Israel wandte ſich an Ernfrid und ſagte: — Der Hund, welcher im Begriff iſt zu ſterben, hat von derſelben Grütze gefreſſen, wie Ihre Toch⸗ ter, Herr Graf. Es liegt etwas Gräßliches in dem Ausſprechen des Wortes— vergiftet. Eine ſolche Anklage wird herausgeſchleudert, und Jedweder ſteht beſtürzt und ſieht den Anderen an, als wenn jeder früge: — Biſt Du der Schuldige? Ernfrid war auch zur Lilie hineingeganzen, wo ſie nach den ſchweren Convulſionen vor Schwäche ganz vernichtet dalag, und ſagte zu ihr: — Lilie, Ihre Tochter hat Gift erhalten, und wann ſie ſtirbt, iſt ſie ermordet worden. Er hatte die eine Hand von Lilie ergriffen und fügte mit einem drohenden Blick hinzu: 276 — Wehe über Den, welcher dieſes Verbrechen begangen! Es lag ein entſetzlicher Verdacht im Blick, im Ton und in den Worten, obgleich Lilie viel zu auf⸗ geregt war, denſelben zu faſſen oder auch nur für eine einzige Secunde zu begreifen, daß er auf ſie Be⸗ zug hatte. Die Nacht ging zu Ende. Israel und Ernfrid verließen keinen Augenblick das Bett des Kindes. Gabrielle wachte im Zimmer darneben und war vollſtändig mit Lilie beſchäftigt, welche einen Krampf⸗ anfall nach dem andern bekam. Der Morgen kam, grau und kalt, und mit ihm ein Tag, welcher der Dämmerung glich. Durch die Tropfen, welche Israel ihr gegeben, war Lilie in einen kurzen Schlummer gefallen, und Gabrielle ſaß an ihrem Bett mit dem Kopf auf die Hand geſtützt. Plötzlich wurde ſie durch das Oeffnen der Thüre in ihren traurigen Gedanken geſtört. Graf Ernfrid trat mit lautloſen Schritten auf ſie zu. Er war minder bleich, und die Stirne war heller, als am Abend vorher. — Wie ſteht es?— fragte Gabrielle. Ernfrid ergriff ihre Hand und ſagte mit weicher Stimme: — Sie iſt gerettet! Dank, Gabrielle, für das Leben meiner Tochter, denn Sie ſind es, welche es ihr wiedergegeben haben. Der ſtolze, hochmüthige Ernfrid führte die Hand der Gouvernante an ſeine Lippen. Ein Augenblick darauf war Lilie wach. 277 Elvira war in der That dem Tode entriſſen wor⸗ den, den man ihr zugedacht, und kehrte nach und nach vom Rande des Grabes zum Leben zurück. Nachdem Israel erklärt hatte, daß Elvira geret⸗ tet ſei, machte er auch die Mittheilung, daß er un⸗ verzüglich abreiſen müſſe. Er bat ſich indeſſen vorher ein Privatgeſpräch mit Graf Eldau aus. Als Ernfrid und der junge Jude allein im Sa⸗ lon waren, bemerkte Israel: — Die Zeit möchte jetzt gekommen ſein, dem Herrn Grafen zu erklären, warum ich hierher gekom⸗ men bin.— Es wurde durch folgendes veranlaßt: Israel reichte Ernfrid einen Brief und fügte hinzu: — Seien Sie ſo gut, Herr Graf, und leſen Sie! — Sie werden finden, daß der anonyme Verfaſſer eine beſtimmte Anklage gegen Sie und Gabrielle macht; eine Anklage, welche zwei von meinen Freun⸗ den in L— auch in ihren Briefen mit dem Hinzu⸗ fügen wiederholt haben, daß man der ſtrafbaren Gouvernante ſeinen Unwillen durch offenen Veracht zeige.— Iſt dieß letztere der Fall, ſo beklage ich, daß der Herr Graf es hat geſchehen laſſen.— Unter allen Umſtänden bin ich hier, um als Stellvertreter der Mutter Gabrielle's ihre Tochter von einem Ort wegzubringen, wo man der Ehre des jungen Mäd⸗ chens einen Flecken angeheftet hat. Israel ſchwieg.. Ernfrid warf einen kalten, ſtol⸗ 278 zen Blick auf ihn, worauf er den Brief auseinan⸗ derfaltete. Er war ohne Unterſchrift und enthielt, wie es ſchien, eine wahrheitsgetreue Schilderung des zärt⸗ lichen Verhältniſſes, welches zwiſchen Gabrielle und Eldau ſtattfand. Während Ernfrid ihn las, wechſelte er die Farbe. Man konnte all den Aerger, welchen er empfand, ſich auf ſeiner Stirne wiederſpiegeln ſehen. — Her Doctor,— ſagte er ſtolz und gab den Brief zurück,— ich halte es nicht für nöthig, ein Wort zur Vertheidigung zu ſagen. Ernfrid Eldau iſt über dergleichen Beſchuldigungen erhaben. Während mei⸗ nes Aufenthalts in L— erfuhr ich erſt die Gerüchte, welche eine ſo ungünſtige Stimmung gegen Mam⸗ ſell Moulin hervorgerufen hatten. Ich beſchloß ſo⸗ fort, ſie und meine Tochter von hier nach Rörbro abreiſen zu laſſen und auf dieſe Weiſe fünfzig Mei⸗ len zwiſchen uns zu legen.— Die Krankheit meiner Tochter hinderte mich an der Ausführung meines Planes. — Welcher, wenn er auch ausgeführt würde, nicht im Stande wäre, das entehrende Geſchwätz zum Schweigen zu bringen,— fiel Jsrael ein. Jeder Tag, wo Gabrielle in Ihrem Hauſe verweilt, wirft einen neuen Schatten auf ihre Ehre; deßhalb muß ſie unverzüglich ihre Stelle verlaſſen. — Sie ſind nicht ihr Vormünder, oder ihr Ver⸗ wandter, und wenn Sie das auch wären, ſo müßten Sie verzeihen, wenn ich meinerſeits erkläre, daß ſie bleiben muß.— Meine Tochter iſt, Ihrer eigenen Behauptung und den Unterſuchungen zufolge, welche 279 Sie und Doctor D— angeſtellt haben, nahe daran geweſen, das Leben durch Gift zu verlieren. Bevor derjenige, welcher die Grütze vergiftet hat, entdeckt worden iſt, darf Niemand, welcher ſich in meinem Hauſe aufhält, daſſelbe verlaſſen. Herr Graf, Sie können wohl keinen Augen⸗ blick den allerleiſeſten Verdacht gegen Mamſell Mou⸗ lin hegen? — Ich habe Niemanden und Alle im Ver⸗ dacht,— übrigens wenn auch Mamſell Moulin nach meiner Ueberzeugung vollkommen ſchuldfrei daſteht, ſo flüſtert vielleicht doch ſchon das Geſinde unter ſich, daß ſie meine Tochter hat vergiften wollen.— Mam⸗ ſell Moulin kann ſich alſo nicht entfernen, bevor ſie ihre Unſchuld bewieſen und die Schuldige entdeckt worden iſt. Ihre Ehre und meine Ehre ver⸗ langen, daß ſie hier bleibe. Sie mag übrigens ſelbſt entſcheiden. Ernfrid läutete und ein Bedienter erhielt Befehl, Mamſell Moulin zu erſuchen, in den gelben Salon hinaufzukommen. Als der Bediente ſich entfernt hatte, bemerkte Ernfrid gegen Israel: — Und jetzt, Herr Docter, während wir auf Mamſell Moulin warten, dürften Sie erlauben, daß wir unſere Rechnungen abmachen. Sie haben meine Tochter gerettet! ich bin alſo in Ihrer Schuld. Ernfrid reichte dem Doctor ein größeres Bankbillet. Israel ſchob ſeine Hand zurück mit den Worten: — Graf Eldau, es ſind jetzt zehn Jahre, ſeit Sie und ich uns das erſte Mal trafen.— Es war in Stockholm bei einem Feſt für zwei Franzoſen. 280 Als wir uns zur Tafel ſetzen wollten, erklärten Sie, daß Sie nicht an der Mittagsmahlzeit theilnehmen könnten, weil Sie ſich nie mit Anderen, als mit Männern zu Tiſch ſetzten, und Sie hätten noch nicht gehört, daß man Juden zu dieſen rechne.— Ich brauche Sie nicht an die Scene zu erinnern, welche darauf folgte, und daß die Hälfte der Eingeladenen, welche derſelben Klaſſe angehörten wie Sie, Ihrem Beiſpiele folgten. Ich entfernte mich, obgleich die Franzoſen laut den Wunſch ausſprachen, daß ich blei⸗ ben möchte; aber mein Stolz erlaubte es mir nicht. — Seit jenem Tage habe ich gewünſcht, daß ſich eine Gelegenheit darbieten möchte, damit ich Ihnen jene Beleidigung zurückzahlen und zu gleicher Zeit zeigen könnte, daß wir Söhne von Juda Ge⸗ ſchlecht oft Männer von edleren Begriffen von Ehre ſind, als Sie. Eine höhere Macht hat es gewollt, daß ich Gelegenheit bekommen ſollte, Ihr einziges Kind dem Tode zu entreißen.— Graf Eldau, ich habe Ihnen jetzt die Demüthigung, die Sie mir verurſach⸗ ten, zurückbezahlt, und das auf eine meiner würdige Weiſe.— Sie ſind mir nichts ſchuldig, da ich nur in dem Falle war, Ihnen eine alte Schuld wieder zurückzuerſtatten. Israel verbeugte ſich. Die Thüre ging auf und Gabrielle trat ein. Israel wandte ſich raſch an das junge Mädchen und klärte ſie auf über den Grund ſeines Kommens und den Zweck ſeines Beſuchs, welcher der ſei, ſie von Erikshof fortzunehmen, weil ſie an dieſem Orte ehren⸗ rührigen Beſchuldigungen ausgeſetzt ſei. 281 Ernfrid lehnte ſich an den Kamin und betrach⸗ tete Gabrielle, während Jsrael mit ihr ſprach. Ihre Augen blitzten vor Aerger, als ſie Israel zuhörte, und mit einer Stimme, welche dieſes Ge⸗ fühl wiedergab, antwortete ſie: Ich bin eben durch Gräfin Eldau über den Ver⸗ dacht, deſſen Gegenſtand ich bin, aufgeklärt worden; aber bevor man diejenige kennen gelernt, welche Elvira hat vergiften wollen, kann ich nicht Erikshof verlaſſen.— Man hat bereits verſucht, mich bei der Gräfin zu verdächtigen, vielleicht iſt es gelungen, daſſelbe beim Grafen zu thun. Genug, ich bin un⸗ ſchuldig und ich bleibe hier. Ein tiefer Athemzug hob Ernfrids Bruſt. — Mamſell Moulin hat nun ſelbſt entſchieden,— ſagte er zu Israel.— Es wird jetzt meine Pflicht ſein, zu ſuchen, die Wahrheit ans Tageslicht zu be⸗ kommen. Einige Stunden darauf reiſte Israel ab. In der Allee begegnete er dem Kronvogt, nach welchem Ernfrid geſchickt hatte. Die allergenaueſte Unterſuchung wurde jetzt mit dem Hausgeſinde angeſtellt. Der Richter, welcher ſich auf des Grafen Ver⸗ anlaſſung eingefunden, verhörte Alle, und mit beſon⸗ derer Genauigkeit Gabrielle. Es ſchien, als wenn der Verdacht auf ſie ſixirt ſei. Mit einer Ruhe, die ſie keinen Augenblick ver⸗ ließ, beantwortete ſie alle Fragen und forderte ſelbſt 282 das Gericht auf, ihre Sachen zu unterſuchen,— was auch geſchah, ohne daß man etwas fand, was die Anklage hätte beſtärken oder zu einer Entdeckung führen können. Daß das kleine Fräulein an Arſenik krank ge⸗ weſen, bewieſen die Atteſte der beiden Aerzte; aber wer es in ſein Eſſen gemiſcht, blieb ein undurchdring⸗ liches Geheimniß. Der Richter und der Kronvogt verließen Eriks⸗ hof, vollkommen verſichert, daß das Kind durch irgend eine Fahrläſſigkeit des Hausgeſindes den Arſenik erhalten, der vielleicht für irgend einen anderen Zweck beſtimmt geweſen. Obgleich die Repräſentanten des Geſetzes dieſe Erklärung des Ereigniſſes abgaben, und Ernfrid ſelbſt daran zu glauben begann, ſo verbreitete ſich doch das ſtille und ſchleichende Gerücht, daß Gabrielle verſucht habe, Elvira durch Gift zu tödten. Natürlich wur⸗ den verſchiedene Commentare über die Motive ꝛ. hinzugefügt. Dieſe Geſchichten gingen wie ein Lauffeuer durch die ganze Gegend und griffen ſo um ſich, daß das gemeine Volk, das ſonſt die lahme Franzöſin gut hatte leiden können, jetzt anfing, vor ihr eine entſchie⸗ dene Abſcheu zu zeigen. Wenn Gabrielle Morgens oder Abends pro⸗ menirte und einem Bauer oder Bauernweibe begeg⸗ nete, wichen ſie ihr aus, als wenn ſie etwas Böſes geſehen hätten. Die Dienerſchaft ſchien von derſelben Abneigung ergriffen und betrachtete ſie mit verdächtigen Augen. Gabrielle ſah dies Alles und doch blieb ſie. 283 — Ich kann dieſen Ort nicht verlaſſen, ohne mich rein gewaſchen zu haben,— dachte ſie, während ein Gefühl der Hoffnungsloſigkeit ſich ihres Herzens bemächtigte. Nachdem die Richter Erikshof verlaſſen, verfloſſen einige Wochen in der peinlichſten Stimmung. Seit der Krankheit der Tochter war Lilie's Ge⸗ ſundheit ſchwach geweſen. Ihre Gemüthsſtimmung war unruhig und ſie ſchien immer etwas zu fürch⸗ ten. Sie wagte kaum zu eſſen und wurde von wirk⸗ licher Angſt ergriffen, wenn Elvira etwas zu ſich nehmen ſollte. Ernfrid betrachtete ſie mit argwöhniſchen Blicken, und er würde Lilie nicht geſtattet haben, mit der Tochter allein zu ſein. Es herrſchte eine Spannung in den Gemüthern, die äußerſt peinlich war. Sonderbar genug hatte Lilie, ſeit die allgemeine Stimme Gabrielle gebrandmarkt, ganz und gar ihr Benehmen gegen ſie geändert. Sie war unruhig und furchtſam, wenn Gabrielle nur von ihr fortging und äußerte oft: — O, hätte ich niemals mich davon abbringen laſſen, Ihren Rath zu befolgen. Unter ſolchen Verhältniſſen glichen die Tage Jah⸗ ren und die Wochen Jahrhunderten, ſo langſam ſchli⸗ chen ſie dahin. Eines Morgens ſchickte die Gräfin nach Gabrielle, daß ſie ſie ſchleunigſt zu ſprechen wünſche. Als Gabrielle in das Schlafgemach Lilie's ein⸗ trat, fand ſie ſie zu Bett und wie es ſchien, als ein Opfer heftiger Schmerzen. 284 — Meine Freundin, ich bin krank, krank von dem Glas Zuckerwaſſer, das ich dieſen Morgen ge⸗ trunken!— rief Lilie Gabrielle zu.— Ah, man wird mich und mein Kind tödten, damit mein Ver⸗ mögen der Kirche zufalle. Sie fing an zu weinen. Gabrielle beſchwor ſie auf ihren Knieen, ihr zu ſagen, wen ſie im Verdacht habe; aber Lilie ſchüt⸗ telte den Kopf und erklärte, daß ein Eid ihre Zunge binde. Gabrielle ſandte nach dem Grafen und dem Arzt. Die Schmerzen nahmen an Heftigkeit zu, und nach Verlauf von einundzwanzig Stunden hatte Lilie auf⸗ gehört zu leben. Sie ſtarb in Gabrielle's Armen, ſegnete ihren Namen und vertraute ihr ihre Tochter an. Bei der Obduction ſtellte ſich heraus, daß Gräfin Eldau an Gift geſtorben ſei. Jetzt kam die Sache vor Gericht. Die Gouvernante war diejenige, welche die öf⸗ fentliche Meinung anklagte. Ernfrid, der ſofort ſeine und Gabrielle's Lage begriff, war der Erſte, welcher⸗ auf eine Unterſuchung drang. Gabrielle und das ganze Hausgeſinde ſtanden ſchon am Tage nach Lilie's Tod vor Gericht. Beim Auftreten des jungen Mädchens erhob ſich ringsum ein Getümmel, welches zu gut die un⸗ günſtige Stimmung des Volks bewies. —— on e an r⸗ 285 Mit der größten Mühe gelang es dem Richter, Ruhe herzuſtellen, ſo daß das Verhör beginnen onnte. Ueberall, wo Gabrielle hinblickte, begegneten ihr nur zornige Blicke. Als ſie nach geſchloſſenem Verhör ſich vom Ge⸗ richtsſaale fortbegeben und nach Erishof zurückkehren wollte, wurde ſie auf einige Augenblicke von den Bauern umringt, welche drohend ihre geballten Fäuſte gegen„die katholiſche Mörderin“ erhoben. Dockor D-, welcher ſie begleitete, gelang es nicht ohne große Anſtrengung einen Weg durch den Bauernhaufen zu bahnen.. Mit einer ſtolzen und unerſchrockenen Miene be⸗ trachtete ſie dieſe Menſchen, welche ſie mit ihren Schimpfwörtern überhäuften. Sie ſchien ſie mit ihren Blicken fragen zu wol⸗ len, mit welchem Recht ſie ſie eine Mörderin nannten. Als Gabrielle und der Doctor endlich die Thüre erreicht hatten, wurden ſie von einem jungen hoch⸗ gewachſenen Mann, welcher auf der Schwelle ſtand, angehalten. Er reichte dem jungen Mädchen die Hand mit den Worten: — Gabrielle, in der Noth, in Gefahren und im Tode erproben ſich die Feinde.— Hier bin ich, um Dir beizuſtehen. — Abraham!— rief Gabrielle und ergriff ha⸗ ſtig ſeine Hand. Gabrielle hatte ſich aufrecht und gerade gehalten, während ſie vor Gericht ſtand. Nicht ein Muskel in ihrem Geſicht hatte ſich bewegt, als ſie von 286 den dumpf murmelnden und aufgeregten Bauern um⸗ geben war; aber beim Gefühle der Freude, welche ſie empfand, als Abraham vor ihr ſtand, wankte ſie. Gabrielle mußte ſich anf ſeinen Arm ſtützen, um nicht zu fallen. — Muth, theure, geliebte Gabrielle. — Ich bin gekommen, Dich von allem Verdacht, deſſen Gegenſtand Du jetzt biſt, zu befreien,— flü⸗ ſterte er ung führteſie nach dem Wagen. Abroham half ihr in denſelben, nachdem er noch ide weitere ſemunternde Worte hinzugefügt. Als Graf Gyufrid, welcher etwas ſpäter das Ge⸗ richt verließ, ſach Erikshof zurückkam, wurde ihm mit⸗ getheilt daß Major Levitain ihn zu ſprechen wünſche. Beim Klange dieſes Namens zog Ernfrid die Augenbrauen zuſammen und trat mit einer ſtol⸗ zen Haltung, welche zu deutlich verrieth, daß der Beſuch ihm mißfiel, in den Salon, wo der Ma⸗ jor ihn erwartete. Abraham beantwortete ſeinen ſtolzen Gruß mit einem, der vollkommen ſo ſtolz war, und ſagte, ohne abzuwarten, bis Ernfrid ihn anredete: — Herr Graf, Sie haben Mamſell Moulin in Ihrem Hauſe zurückgehalten, obgleich Doctor Levi⸗ tain im Namen ihrer Mutter den Auftrag erhalten, ſie von hier fortzubringen. Welche ſind die Folgen davon geweſen?— Daß Sie, ſtatt ſie von dem Ver⸗ dacht zu reinigen, als habe ſie verſucht, Ihr Kind zu „ h k 287 vergiften, ſie jetzt allgemein in den Verdacht gebracht haben, Ihre Gräfin ermordet zu haben.— Der Rame und die Ehre des jungen Mädchens ſind voll⸗ kommen beſchmutzt worden; etwas, dem Sie als Mann von Ehre hätten vorbeugen müſſen, da Sie ein wehrloſes Weib vor ſich hatten. Mit all Ihrem Rang und all Ihrem Reichthum werden Sie nicht im Stande ſein, ihr das, was Sie verloren, wieder⸗ zugeben. Was Sie zu thun nicht die Macht haben, das dürfte ich im Stande ſein, und darum, Herr Graf, bin ich hier.— Der Zweck meines Hierſeins iſt Gabrielle Moulin von jedem Verdacht zu befreien und die wirkliche Verbrecherin anzugeben. — Können Sie das, Herr Major, dann retten Sie nicht allein ihre, ſondern auch meine Ehre; ich werde dann Ihr Schuldner,— antwortete Ernfrid. Wie entſetzlich gekränkt mußte Ernfrid ſich nicht im Allgemeinen fühlen, da er ſich dazu bequemen konnte, ſo etwas gegen einen Juden zu äußern. Eine lange Unterredung fand zwiſchen Abraham und dem Grafen ſtatt. Der Hochmuth des letzteren empfand ganz das Demüthigende, welches darin lag, daß er genöthigt war, einzuräumen, er würde ohne die Ankunft des Juden Levitain nie im Stande geweſen ſein, ſich von dem Scheine zu befreien, als wäre er, um eine verbrecheriſche Liebe zu fördern, mit der Gou⸗ vernante im Bund geweſen, ſeine Frau zu ermorden. Das Schickſal hatte ihm auf eine entſetzliche Weiſe gezeigt, daß kein Menſch ſo hoch ſtehe, daß er nicht von üblem Rufe getroffen und angeſchwärzt werden könne. 288 Den edelſten Namen kann die Verläumdung brandmarken, und ſie vermag es, der reinſten Ehre für die Gegenwart und Zukunft einen dunkeln Flecken aufzudrücken. Es war dies eine bittere und harte Lehre für einen Mann, wie Ernfrid, welcher im übermüthigen Stolz auf ſeinen Rang und ſeinen Namen ſich für unnahbar gehalten. Nach Beendigung der Unterredung bat der Graf Abraham die Nacht auf Erikshof zuzubringen, da die Unterſuchung wegen der Vergiftung am Tage darauf vor Gericht fortgeſetzt werden ſollte. Das Delicate in Abrahams Lage machte, daß er Gabrielle nicht zu treffen ſuchte, ſondern ſich vom Grafen auf die Zimmer begab, welche ihm zur Ver⸗ fügung geſtellt wurden. Die Gaſtzimmer auf Erikshof nahmen die rechte Seite des Parterre ein. Wenn man vom Hofe in die Veſtebule eintrat hatte man eine Thüre rechts und eine links. Dieſe Thüren führten zu den Corridoren, welche außerhalb der Zimmer auf beiden Seiten hinliefen. Die Diener des Grafen Ernfrid bewohnten die Flügelgebäude auf der andern Seite des Hofes. Früher hatte die Kammerjungfrau der Gräfin ihr Zimmer in der Nähe des Schlafgemachs derſel⸗ ben gehabt; aber ſeit dem Tode Lilie's wurde das ganze große Gebäude nur von Ernfrid, Gabrielle, Elvira und Frau Grönbeck bewohnt. 289 Die Nacht war eingebrochen. Gabrielle, von Allem, was ſich zugetragen, in hohem Maße erſchüttert, konnte nicht ſchlafen, ſon⸗ dern ſaß an einem der Fenſter und blickte nach dem ſternenklaren Himmel hinauf. Mitternacht war vorüber und noch ſaß ſie da, ohne ſich nach Ruhe zu ſehnen. Alles um ſie herum war grabesſtill, als ihr Ohr einen eigenen praſſeln⸗ den Ton vernahm. Gabrielle warf einen Blick hinaus und entdeckte mit Anſtrengung einen Schatten, welcher ſich am Fenſter vorbeiſchlich und um die Ecke bog. Gabrielle ging in ihr anderes Zimmer hinein und löſchte das Licht aus; worauf ſie ſich an ein Fenſter ſtellte, welches nach dem Hofe zuging. Es verging einige Zeit, bevor Jemand zum Vor⸗ ſchein kam; aber nach Verlauf einiger Augenblicke ſah ſie denſelben Schatten längs der Wand kriechen und ſich dem Eingang zum Hauſe nähern. Nach Allem, was auf Erikshof paſſirt war, war die Furcht und das Mißtrauen bei Jedem bis auf den höchſten Grad geſteigert worden. So auch bei Gabrielle.— Als ſie die geheimnißvollen Bewegun⸗ gen des dunkeln Schatten ſah, meinte ſie dieſelbe Figur wieder zu erkennen, welche ſie ſchon einmal durch den Aufgang zur Lilie's Garderobe hatte ſchleichen ſehen, und wieder fielen ihre Gedanken auf Jaquette. — Ich muß wiſſen, was dieſes Weſen hier um dieſe Zeit ſucht und ob ſie es iſt,— dachte Ga⸗ brielle und zog den ganz richtigen Schluß, daß der⸗ Schwartz, Geburt u. Vildung. MI. 19 290 jenige, welcher gute Abſichten habe, nicht die Nacht, die Finſterniß und ein ſolches Auftreten wähle. Gabrielle eilte deshalb hinaus und war einige Augenblicke darauf in der Veſtibule, wo ſie hinter einem Pfeiler ſtehen blieb. Sie hatte kaum ihren Platz eingenommen, bevor ein Schlüſſel in die Eingangsthüre geſteckt wurde, welche Jemand ganz behutſam aufſchloß und ſich dann hereinſchlich. Gabrielle hörte wie der ſtille nächtliche Wande⸗ rer ſich der Thüre rechts näherte und ſtehen blieb. In der nächſten Minute wurde die Veſtibule von dem ſchwachen Lichte einer Blendlaterne erleuchtet. Der Schein davon fiel auf Gabrielle, welche ſich bis zu dieſer Thür hervorgeſchlichen hatte. Diejenige, welche die Blendlaterne angezündet, wich bei dieſem Anblick einen Schritt zurück und Gabrielle ſprach mit lauter und klarer Stimme: — Was ſuchen Sie hier bei dieſer Zeit, Ja⸗ quette? — Jaquette faßte ſich augenblicklich. Sie griff mit der rechten Hand unter die Jacke, welche ſie trug, betrachtete Gabrielle mit einem funkelnden Blick und murmelte: — Treuloſe Verrätherin gegen Gott und unſere heilige Kirche, wie wagſt Du es, Dich mir in den Weg zu ſtellen! In dieſem Augenblick ließ ſie die Laterne fallen. Gerade als ſie ausging kam es Gabrielle vor, als wenn ſie etwas blinken ſähe. Sie warf ſich über den bewaffneten Arm und rief um Hülfe. 291 Die Finſterniß hüllte Alles in ihr ſchwarzes Schleier ein. Gabrielle hatte den einen Arm Jaquettes mit ihren beiden Händen umfaßt; aber im nächſten Au⸗ genblick ließ ſie dieſelben los und ein Schmerzens ſchrei hallte durch das ganze Haus. Die Thüre zum rechten Corridor flog auf. Auf der Schwelle ſtand Abraham mit einem Licht in der Hand. Zu ſeinen Füßen lag Gabrielle in ihrem Blute gebadet. Mit haſtigen Schritten entfloh die Mörderin. Jetzt verſetzen wir uns zehn Meilen vom Schau⸗ platz dieſer Begebenheiten, um Rechenſchaft darüber abzulegen, was ſich auf Liungbro zugetragen. Als Frigga Erikshof verließ, wurde ſie von Ar⸗ thur und Ernfrid nur bis zum Gute des Erſteren, Lenby, eine Meile von Liungbro, begleitet, worauf ſie und Mamſell Dorbineau den Reſt des Weges allein fortſetzten. Frigga war während der Reiſe ſchweigſam ge⸗ weſen. Es ſchien als wenn ein beſonderer Gegen⸗ ſtand ihre Gedanken beſchäftigte und ſie unaufmerk⸗ ſam machte. Bei der Ankunft auf Liungbro wurde ſie von Ca⸗ pitän D— empfangen, welcher ſeine Stelle als Ver⸗ walter der Harthon' ſchen Güter noch beibehalten hatte. Mit einigen ehrerbietigen Worten begrüßte der Capitän ſeine Patroneſſe, und begleitete ſie nachher in den Salon. 19* 292 — Wie befindet ſich die Familie des Probſtes?— fragte Frigga.— Ich habe während meines Auf⸗ enthalts auf Erikshof gehört, daß Lieutenant Aure⸗ nius, bedeckt mit Ehre und Orden, zurückgekehrt iſt. — Es iſt wahr. Aurenius iſt jetzt Oberſt in der franzöſiſchen Armee und Officier der Ehrenlegion. Gewiß würde der Vater lieber ſehen, daß er noch Lieutenant und Verwalter auf Liungbro wäre. — Und aus welchem Grund?— fragte Frigga und richtete ihre Augen auf den Capitän. — Daß Aurenii Ehre ihn das Leben koſten wird. Er iſt wieder zu Hauſe, aber ſterbend. — Sterbend!— rief Frigga mit farbloſen Lippen und trat dem Capitän einen Schritt näher.— Es iſt nichtmöglich, Herr Capitän!— fügte ſie hinzu und holte ſchwer Athem. — Leider iſt es zu möglich.— Gleich bei ſeiner Ankunft im Vaterlande ging eine ſeiner Wunden auf. Er unternahm trotzdem eine Reiſe nach Bro, und die Anſtrengungen während des Fahrens ver⸗ ſchlimmerten ſeinen Zuſtand dergeſtalt, daß der Arzt jetzt keine Hoffnung auf ſeine Wiedergeneſung gibt. Frigga hatte, während der Capitän ſprach, mit emporgerichtetem Haupte dageſtanden. Es war, als wenn ſie ſich gegen dieſen letzten Schlag, der ſie traf, emporgerichtet hätte. Ein heftiges Zittern durchlief ihren ganzen Körper. Als der Capitän ſchwieg, ſagte ſie in ungewöhn⸗ lich kurzem Ton: — Seien Sie ſo gut und geben Sie Befehl, daß man ſofort die Droſchke anſpanne. Er verbeugte ſich und ging. — 293 Kurz darauf rollte die Droſchke fort nach Bro Pfarrhof. Frigga ſaß in eine Ecke derſelben zurückgelehnt; ihre Wangen waren bleich und ſie glich einer Braut des Todes. Von Zeit zu Zeit ermahnte ſie den Kutſcher, raſcher zu fahren. Das Fuhrwerk flog dahin und hielt endlich vor der Treppe des Pfarrhofes. Bevor die Magd, von welcher Frigga erfuhr, daß der Propſt auf ſeinem Zimmer ſei, der Propſtin die Ehre hatte melden können, die der ehrwürdigen Frau widerfahre, war Frigga die Treppe hinaufgeeilt und ſtand an der Thüre des Propſtes. Hier blieb ſie einen Augenblick unbeweglich ſtehen und preßte beide Hände feſt gegen die Brüſt. Sie bedurfte einiger Sekunden, um ihrer Gemüthsbewe⸗ gung Herrin zu werden, dann legte ſie die Hand auf den Griff und die Thüre ging auf. Ueber ſeinen Schreibtiſch gebeugt ſaß der Propſt. Er kam ihr mehr niedergedrückt vor, als das letzte Mal, wo ſie ihn ſah. Auf dem ſonſt ſo frommen und milden Geſichte ſpiegelte ſich ein Schatten tiefen Kummers wieder. Beim Oeffnen der Thüre blickte er auf und erhob ſich ſofort, als er Frigga ſah. Ein Strahl der Freude und der Dankbarkeit klärte ſeine Züge auf. Er ſtreckte ſeine Arme gegen ſie aus und rief: — Der Höchſte hat ihn und mich erhört! Mein armer Sohn wird Sie alſo wiederſehen, bevor er ſtirbt. Frigga ſprang hervor und warf ſich in die Arme 294 ihres Lehrers und Seelſorgers. Nicht ein Wort vermochte ſie über ihre Lippen zu bringen. Die Thränen ſtürzten über die Wangen des ſtarken Weibes. Die heiligſten und mächtigſten Gefühle des Men⸗ ſchenherzens hatten ſich für einen Augenblick zu den einzigen Beherrſchern ihrer Seele gemacht. Ich ſagte„für einen Augenblick“, und ich hatte Recht, denn in der nächſten Minute waren die Thrä⸗ nen von den Wangen verſchwunden, und Frigga ſagte mit feſter Stimme: — Ich bin gekommen, um an ſeinem Kran⸗ kenbett zu wachen. — Fräulein Harthon, woran denken Sie?— rief der Propſt. — Daran, daß derjenige, deſſen Verlobte ich vor Gott fünf Jahre geweſen, jetzt auf ſeinem Ster⸗ bebett liegt. Mein Platz iſt an ſeiner Seite.— Ach, ſagen Sie nichts, ſuchen Sie nicht, mich davon abzubringen; ebenſo feſt, ebenſo ſtark und ebenſo un⸗ veränderlich, wie meine Liebe geweſen, iſt jetzt mein Entſchluß. Gerührt fügte ſie hinzu: — Was die Vorurtheile des Lebens getrennt haben, wird der Tod vereinigen. Der Propſt drückte ſchweigend ihre Hand und begleitete ſie hinunter zum Sohne. Die Gardinen im Krankenzimmer waren herun⸗ tergelaſſen und dies in Verbindung mit dem Herbſt⸗ 295 tag, welcher ſich ſeinem Ende nahte, machte, daß. eine vollkommene Dämmerung darin herrſchte. Die Krankenwärterin ſaß im vordern Zimmer, und die Propſtin hatte bei der Nachricht, daß Fräu⸗ lein Harthon beim Propſt ſei, ſich beeilt, eine andere Haube aufzuſetzen, um den vornehmen Gaſt würdig empfangen zu können. Valentin ſchlummerte von ſeinen Leiden; er war bleich und abgezehrt und glich einem Schatten von ſich ſelbſt. Als Frigga auf der Schwelle ſtand, that ſie eine Bewegung mit der Hand gegen den Propſt. und er blieb ſtehen. Gerade als Frigga ſich über ihn beugte, ſchlug Valentin die Augen auf. — Frigga!— ſtammelte er. — Valentin!— flüſterte ſie, ſank auf die Kniee vor ſeinem Bett und ergriff eine ſeiner Hände. Ein ſeliges, obgleich mattes Lächeln glitt über des Kranken Lippen. Sie ſchob die Manſchette am zurück und deutete auf das ſilberne Arm⸗ and. Am Sonntag darauf wurden Oberſt Volentin Aurenius und Fräulein Frigga Harthon alle dreimal auf einmal aufgeboten. Am ſelben Tage Abends traute der Propſt ſeinen faſt ſterbenden Sohn mit der hochgeborenen und reichen Beſitzerin von Liungbro. Frigga nahm darauf ihren Platz am Kranken⸗ 296 bett ihres Gatten ein, feſt entſchloſſen, mit dem Tode um ſein Leben zu kämpfen. Tage, Wochen und Monate vergingen, und noch lag Valentin auf ſeinem Schmerzenslager; noch wagte der Arzt keine Hoffnung zu geben, und noch ſaß an ſeiner Seite, voll Zutrauen zu Gott, die unter Prüfungen immer ſo ſtarke Frigga. — Kind, gönne Dir etwas Ruhe!— pflegte der Propſt zu ihr zu ſagen; aber ſie lächelte wehmü⸗ thig und ſagte: — Für mich gibt es keine Ruhe, ſo lange der Ausgang der Krankheit ungewiß iſt. — Du hoffſt alſo noch?— fragte der Proypſt. — Ja! antwortete Frigga mit Feſtigkeit. Die Macht, welche über Leben und Tod herrſcht, hatte auch Erbarmen mit dieſem edlen und erha⸗ benen Weibe, welches allein ſeiner Pflicht lebte und auch jetzt während dieſer Monate, wo man täglich erwartete, daß Valentins Leben erlöſchen würde, trotzdem immer unerſchütterlichen Muthes, eine wahre chriſtliche Ergebung und Vertrauen beibehielt. Valentin begann wirklich, nach und nach ſich beſſer zu befinden, und als der Märzmonat mit ſeinem klaren Himmel und ſanfteren Luft herankam, hatte Valentin das Bett mit einem Sopha vertauſcht. Er ruhte in einen Schlafrock eingehüllt und ſonnte ſich in all der Liebe, welche ihm aus den Blicken Frigga's entgegenlächelte. Anfangs April war Valentin ſo weit hergeſtellt, daß der Arzt erlaubte, daß er aus dem Etternhauſe ausziehen und ſich mit Frigga nach Liungbro bege⸗ ben durfte. 297 Als die glücklichen Gatten den Hof hinauffuhren, ſagte Frigga mit einem eigenen Lächeln: — Liungbro iſt, ſeit Lieutenant Aurenius es ver⸗ ließ, dieſer und jener Veränderung unterworfen wor⸗ den. Fällt Dir irgend eine derſelben in die Augen, mein Freund? — Ja, das Gitterthor iſt fort!— antwortete Aurenius und küßte Frigga's Hand. — Und doch ſchenkte der Lieutenant demſelben eine gewiſſe Achtung. — Als unzertrennlich von den Monumenten des Feudalismus. Der Wagen hielt am großen Flügel, und als Valentin, auf Frigga's Arm geſtützt, in den Salon eintrat, bemerkte die letztere:- — Die letzte Harthon übergibt jetzt das Monu⸗ ment der Geburt und des Reichthums der Obhut der Bildung. Sie konnte nicht auf eine wür⸗ digere Weiſe ihre ſtolzen Vorfahren eh⸗ ren, als dadurch, daß ſie den Adel der Bildung den Platz einnehmen läßt, welchen die Geburt und die Ritterlichkeit früher inne hatten. — Frigga— rief Valentin,— bei Dir ſind Geburt und Bildung in eins zuſammengeſchmolzen. Ich würde gern mein Knie vor dem erblichen Adel beugen, wenn alle ſeine Repräſentanten Dir glichen. Valentin ſchlug ſeinen Arm um Frigga's Leib und fügte mit tiefem Ernſte hinzu: — Ein wahrer Chriſt zu ſein iſt das Höchſte von allem Adel, und dieſen beſitzeſt Du, Frigga. 298 Das Glück gibt der Zeit Flügel. Das konnten die Einwohner von Liungbro bezeugen. Valentins Kräfte nahmen mit jedem Tage zu. Nur das ſtrenge Verbot des Doctors, daß er ſich nicht in der Luft aufhalten dürfe, und Friggas Bitten hielten ihn noch als Gefangenen im Zimmer zurück. Als Frigga, gleich nach der Zurückkunft auf Liungbro, ruhig und glücklich die Gedanken auf einen andern Gegenſtand als auf ihren Mann zu richten wagte, ſchrieb ſie nach Stockholm und lud Madame Moulin ein, ihrem Verſprechen gemäß, das Frigga ihr während ihres Aufenthalts in Stockholm abge⸗ nommen, nach Liungbro zu kommen und dort zu⸗ gleich mit Gabrielle den Sommer zuzubringen. Anfangs Mai traf auch Madame Moulin ein. Sobald ſie auf Liungbro angekommen war, ſchickte Frigga einen Brief nach Erikshof, in welchem ſie Ernfrid daran erinnerte, daß er ihr verſprochen habe, daß Gabrielle um die Pfingſtzeit Liungbro beſuchen würde. Sie bat auch Ernfrid und Lilie mit Geſellſchaſt zu machen, um Zeuge ihres Glückes zu ſein. Es war ein klarer und ſchöner Maimonat. Im großen Salon auf Liungbro befanden ſich Frigga, Valentin, Madame Moulin und Edith. Madame Moulin erzählte Frigga, wie Melcer während ſeines erſten Beſuchs in der Schweiz bei ihrem Mann am Genferſee gewohnt, und wie ſehr es ihn intereſſirte, mit Madame Moulin von der erſten franzöſiſchen Revolution zu ſprechen. Als Melcer ſie verließ, begab er ſich nach Paris. —————— 299 Gleich darauf wurde Madame Moulins Mann genöthigt, ſein Eigenthum zu verkaufen, da er durch verſchiedene Unglücksfälle ganz ruinirt worden war. Die ganze Familie zog nach Genf. Ein Jahr lang war es Moulin durch viele An⸗ ſtrengungen gelungen ſeine Familie dort zu ernäh⸗ ren. Eines Tages erhielt er einen Brief von Mar⸗ quis de Maills, in welchem der Marquis Moulin einen Platz auf einem ſeiner Güter anbot. Es war die Antwort auf ein Schreiben, welches Moulin in ſeiner Bekümmerung an den Marquis geſchickt. So widerlich es Moulin vorkam, nach Paris zurückzukehren, ſo beſchloß er es doch zu thun, da der Tod ſeines älteſten und letzten Schweſterſohnes ihn zwang, Madame Moulin und die Kinder ſich vor ihm nach Paris begeben zu laſſen, während er eine un⸗ vermeidliche Geſchäftsreiſe nach derjenigen Gegend der Schweiz machen mußte, wo der Schweſterſohn anſäßig geweſen. Madame Moulin ſchloß ihren Bericht mit den Worten: In Paris erwarteten wir ihn vergebens. Er kam nicht. Der Tod befreite ihn von dem bittern Schmerz, ſeinen Fuß auf den Boden des monarchi⸗ ſchen Frankreich ſetzen zu müſſen. — Und es war mein Bruder, welcher an dem Unglück Schuld war, das Sie zur Wittwe machte, — fiel Frigga ein.— Ich ſtehe in einer großen Schuld an Sie, Madame. — Ach, ich weiß nicht, welchen Antheil Graf Melcer an dem Ende meines Mannes hat; aber 300 unter allen Umſtänden weiß ich, daß er nur das Mittel war, deſſen ſich eine gerechte, wenn auch ſtrenge Vorſehung bediente,— ſagte Madame Moulin mit Milde.— Sie ahnen nicht, Madame, fügte ſie hinzu,— welche rächende Fügung des Schickſals darin liegen ſollte, daß ein Ariſtokrat der Urheber jenes unglücklichen Ereigniſſes war, welches mich meines Mannes beraubte. — Vielleicht, daß ich es weiß,— bemerkte Frigga gedankenvoll;— die Wege Gottes ſind unerforſch⸗ lich, wenn man bedenkt, daß man Melcer Harthon als den Mörder Jerome Basſals anſehen kann. Madame Moulin ſchien etwas überraſcht, daß Frigga den Namen kannte, welchen ihr Mann einſt getragen. Auf ihr Verlangen theilte Frigga jetzt die näheren Umſtände beim Tode Jerome Basſals mit. Melcer hatte in ſeinen kichteren Augenblicken ihr dieſelben kurz vor ſeinem Tode anvertraut. Hier in Kürze der Zuſammenhang: Als der junge Graf des Pariſer Lebens müde geworden war, kehrte er nach der Schweiz zurück um eine Wonderung durch deſſen merkwürdigſten Gegendenszu unternehmen. So kam er nach L—ché. Dort gibt es einen Bergpfad, welcher in der Felſenwand in Zickzack aus⸗ gehauen iſt und nach einer auf der Plattform des Berges befindlichen Ruine führt. Als Melcer nach L— ché kam, konnte er gar kei⸗ nen Führer bekommen, der ihn nach der Ruine begleitete, da ein Engländer zwei Tage vorher in den Abgrund hinabgeſtürzt war und ſeinen Führer mit ſich hinabgezogen hatte. 301 Der Widerſtand reizte Melcer. Er beſchloß, ganz allein ſich nach der Ruine zu begeben. Als er an der Stelle angekommen war, wo der Bergpfad anfing, fand er einen älteren Mann u kraftvollem Körperbau auf einem Steinblock itzen. Melcer betrachtete ihn und erkannte ſeinen repu⸗ blikaniſchen Freund vom Genferſee wieder. Auch Basſal brauchte nicht viele Secunden, be⸗ vor er ſeinen früheren Gaſt wieder erkannte. Nachdem man ſeine gegenſeitige Ueberraſchung ausgedrückt, fragte Melcer, ob Basſal den Bergpfad kenne, was dieſer bejahte. Basſal erklärte hierauf, daß es gewiß ein glück⸗ licher Zufall ſei, der ſie zuſammengeführt, da er, Basſal, welcher auf einer Reiſe geweſen, um eine kleine Erbſchaft von ſeinem Schweſterſohn zu erhe⸗ ben, auf der Rücktour das Unglück gehabt, ſein gan⸗ zes kleines Capital zu verlieren und jetzt außer Stande ſei, die Reiſe nach Paris fortzuſetzen. Er fügte hinzu, daß er, wenn er nur dorthin käme, eine ſo gute Anſtellung erhalten würde, daß er und ſeine Frau für die Zukunft geſichert ſeien. Melcer erbot ſich ihn mit Reiſegeldern zu ver⸗ ſehen, aber unter der Bedingung, daß Basſal ihm erſt als Führer nach den Ruinen diene. Basſal verſuchte ihn von der abenteuerlichen Fahrt abzurathen; aber Melcer wurde nur noch eigenſinniger und ſagte, daß wenn Jerome ihn nicht begleiten wolle, ſo würde er allein die einſame Tour antreten, und dann bliebe Basſal ohne Hülfe die Reiſe fortzuſetzen. 302 — Sie ſind übermüthig wie Alle von Ihrer Kaſte, und mißbrauchen jetzt Ihre Stellung zu mir,— bemerkte Basſal.— Nun wohlan, ich werde Ihr Führer ſein; aber wenn ein Unglück paſſirt, ſo möge es Sie wie ein Fluch treffen. Sie begannen den Bergpfad hinaufzuſteigen. Als ſie einige und zwanzig Schritte hinaufgekom⸗ men waren, wandte Basſal ſich wieder an Melcer, um ihm abzurathen; aber der junge Edelmann gab ihm zur Autwort: — Was, alter Republikaner, haben Sie ſo wenig Muth, daß Sie es nicht wagen, durch eine Gefahr Ihr Reiſegeld zu verdienen? Basſal nahm dann aus ſeiner Brieftaſche ein Paquet Papiere, legte es in eine Kluft an der Seite des Bergpfades und ſagte: — Wäre es nur mein Leben, das ich auf's Spiel ſetze, ſo würde ich keinen Augenblick an die Gefahr denken; aber es gilt die Zukunft und die Erhaltung derer, die ich liebe. Komme ich um,— dann ſind ſie der Noth und dem Elend preisgegeben, weil ſie von mir nicht den Namen deſſen erfahren haben, der mich veranlaßte, die Schweiz zu verlaſſen. Blicken Sie her, Graf,— fügte er hinzu,— falls ich mein Grab in dem Abgrund da unten finde, und Sie, ein glückliches Schooßkind des Schickſals, wieder herunterkommen, ſo liegen hier alle die Papiere, welche ſie vor Armuth retten können. Sie müſſen mir verſprechen, ſich unverzüglich nach Paris zu be⸗ geben und meine Frau aufzuſuchen, deren Adreſſe auf dem Paquet geſchrieben iſt. Melcer verſprach es. Sie ſtiegen wieder den 303 Pfad hinauf; aber ſie waren kaum einige Schritte weiter gegangen, als ein dumpfes Raſſeln ſich über ihren Häuptern hören ließ. — Werfen Sie ſich auf die Seite und unfaſſen Sie den Baumſtamm dort rechts!— rief Basſal. Melcer gehorchte. In der nächſten Minute rollte ein ganzer Steinhaufen herab, und Melcer hörte durch das Getöſe eine Stimme rufen: — Bitten Sie Ihren Vater, Sophie dEſcare beizuſtehen; denn durch Sie ſind jetzt Jerome Basſals Frau und Kinder ins Elend gebracht! Melcer richtete ſich raſch empor. Ein durch⸗ dringender Schrei ertönte, und er ſah Basſal in den Abgrund ſtürzen. Selbſt wurde er von einem Stein am Kopfe getroffen und fiel beſinnungslos zu Boden. Als er wieder aus ſeiner Ohnmacht erwachte, lag er auf einem Bett ausgeſtreckt und war von Aerzten und Menſchen umgeben, welche ſich mit ihm beſchäftigten. Melcer wollte aus dem Bett und nach dem Berg⸗ pfad, um die Papiere zu finden, die ihm anvertraut worden waren; aber man hielt ihn mit Gewalt zu⸗ rück. Seine Wunden am Kopfe waren ganz bedenk⸗ licher Natur. Er fiel auch in ein heftiges Fieber. Während des Phantaſirens waren ſeine Gedanken fortwährend mit den Papieren beſchäftigt. Unter dieſen Anfällen wurde er raſend, ſo daß man ihn hindern mußte, das Bett zu verlaſſen. In dieſem Zuſtand fand ihn Valentin, als er nach der Schweiz kam. Valentin ließ ihn, ſowie er beſſer wurde, eine 304 Tour nach dem Bergpfad machen und nach den Pa⸗ pieren ſuchen. Sie wurden ſicherlich nicht gefunden; aber Melcer wurde doch nach und nach beſſer, und Valentin brachte ihn wieder nach der Heimath. Mit Rührung und geſpanntem Intereſſe hatte Madame Moulin dem Bericht von dem Ende ihres Mannes zugehört. Einige Thränen rollten über ihre Wangen, und als Frigga ſchloß, ſtammelte ſief ganz leiſe: — Selbſt im Tode blieb alſo Jerome der Liebe und Hingebung treu, welche er mir immer bewieſen.. — Gottes Friede mit ſeinem Staub! Es lag wirklich eine Fügung des Schickſals darin, daß ein Ariſtokrat die Urſache zu Jerome Basſals Tod werden ſollte. Er,— welcher das Blut ſo vieler Ariſtokraten hatte fließen laſſen! Den Tag nach dem, an welchem Madame Moulin und Frigga ihr Vertrauen gegenſeitig ausgetauſcht hatten, ſaß Erſtere einſam auf ihrem Zimmer. Ein Gefühl unendlicher Sehnſucht nach Gabrielle erfüllte ihre Seele, während ſie zum dritten Male den Brief durchlas, den ſie vor ihrer Abreiſe von Stockholm erhalten, und worin Gabrielle die Motive erwähnte, welche ſie bewogen, auf Erikshof zu bleiben, bis die Verbrecherin, welche Elvira vergiftet, entdeckt ſei. Es fand ſich in dieſem Briefe dieſes und jenes welches andeutete, daß Gabrielle einen dunkeln Ver⸗ dacht auf Jemanden geworfen. —„Meine Ehre hat einen unverdienten Flecken t 305 erhalten,“ ſchrieb ſie;„bevor dieſer weggenommen iſt, kann ich Dich nicht wiederſehen, meine Mutter.“ — Aber Du wirſt es doch, mein Kind!— flü⸗ ſterte Madame Moulin und küßte den Brief. Die Mutter ſtellte ſich vor, welche freudige Ueber⸗ raſchung es für Gabrielle werden müßte, welche nichts davon ahnte, daß ſie ſie auf Liungbro treffen würde. Madame Moulin's eigenes Herz klopfte heftig beim Gedanken an dieſen Augenblick. Sie faßte den feſten Entſchluß, nicht mehr getrennt von Gabrielle zu leben, ſondern daß beide nach Stockholm zurück⸗ kehren und dort eine Penſion errichten ſollten. Ismael hatte ja verſprochen, ihnen zu helfen. Madame Moulin baute viele und lachende Luft⸗ ſchlöſſer für die Zukunft und vergaß gänzlich die bittern Erfahrungen, welche ihr das Leben gegeben, daß alle diejenigen, welche ſie bisher aufgebaut, zu⸗ ſammengeſtürzt ſeien und ſie nur übrig gelaſſen hätten, um einſam das zu beweinen, was ſie dabei verloren. Während die alte Frau mit kindlicher Zuverſicht die Zukunft mit hellen und lachenden Farben aus⸗ malte, vergaß ſie die Leere, wodurch ſich die Gegen⸗ wart auszeichnete. Frigga und Valentin ſaßen in einem kleinen Ca⸗ binet und ſprachen, als ein Bedienter eintrat und meldete, daß ein Reiſender die Obriſtin zu ſprechen wünſche. Schwartz, Geburt u. Bildung. m. 20 306 — Es iſt ein Ausländer, und er wird von einem Dolmetſcher begleitet,— fügte der Bediente hinzu. — Ah! Iſt er denn endlich da!— rief Frigga freudig und ſprang auf. — Führe den Fremden ſofort in den Salon!— fügte Frigga hinzu und wandte ſich an Valentin mit den Worten: — Deinen Arm, mein Freund!— Es iſt heute ein Freudentag für uns, die wir beide den letzten Willen Melcers ſo eifrig zu erfüllen wünſchten. Nachdem Valentin einige Worte der Verwun⸗ derung geäußert, welche Frigga mit ihrem einneh⸗ mendſten Lächeln beantwortete, gingen die beiden Gatten zuſammen in den Salon. — Einige Minuten darauf trat ein hochgewach⸗ ſener Mann mit etwas grauen Locken und ſchönen Geſichtszügen herein. Er ging auf Frigga zu und ſagte, auf Franzöſiſch, indem er ihre Hand ehrerbietig an ſeine Lippen führte: — Madame, es gab nur eine Wohlthat, die man mir erweiſen konnte, und für dieſe bin ich Ihnen verpflichtet. Meine Antwort auf Ihren Brief daß Sie diejenige, welche ich ſuchte, gefunden haben, iſt— daß ich mich hier eingefunden habe. — Monſieur. Ihr Herkommen wird mein Glück vollſtändig machen, denn dadurch iſt es mir gelun⸗ gen, die letzte Bitte meines Bruders zu erfüllen. Ich danke Ihnen. Frigga präſentirte jetzt ihrem Manne: — Den Banquier Elias Levitain aus Paris. Darauf bat ſie Flias, ihn nach dem Zimmer der Madame Moulin führen zu dürfen. — —7——— —,— —— 307 Als ſie vor der Thüre zu demſelben ſtanden, machte Frigga ſie mit den Worten auf: — Jetzt, Monſieur, verlaſſe ich Sie. Bei dieſem Wiederſehen iſt meine Gegenwart überflüſſig. Sie ſchob Elias hinein und ſchloß die Thüre hinter ihm. Er ging durch das vordere Zimmer und ſtand dann vor Madame Moulin, welcher bei ſeinem An⸗ blick ein Ausruf der Beſtürzung entſchlüpfte. — So, nach dreiundvierzig Jahren ununter⸗ brochenen Suchens, wird es Jakob Levitains Sohn vergönnt, ſeine Pflegeſchweſter wiederzufinden,— ſagte Elias gerührt.— Ach Sophie, Sie ſind grau⸗ ſam gegen Elias geweſen! Doch, wir wollen nicht davon ſprechen; die Freude, welche ich heute habe, verſöhnt mich mit Allem, was ich gelitten. Er drückte Sophiens Hand an ſeine Lippen. Der ſtolze und ſtrenge Elias war gerührt. Er ſetzte ſich auf's Sopha zog ſie neben ſich hin und ſagte: — Wie konnte Sophie Flias zu dieſer Qual verurtheilen, welche er jetzt faſt ein halbes Jahr⸗ hundert ausgeſtanden? Wie konnteſt Du vor ſechs Jahren an meiner Seite ſitzen und von der Zukunft und dem Glück unſerer Kinder ſprechen, ohne mir die Hand zu reichen und zu ſagen: Elias, es iſt Sophie, welche für das Glück ihrer Tochter bittet. Wußteſt Du denn nicht, daß, wie verhärtet mein Inneres auch ſein mochte, doch ein Herz in meiner Bruſt ſchlug, welches nie den Eid brechen, den ich meinem Vater geſchworen, oder die Schuld vergeſſen konnte, in welcher ich zu Dir ſtand? „ 20* 308 EFlias hielt Sophiens Hände feſt in den ſeinigen geſchloſſen. Da ſaßen nun dieſe beiden Alten, welche einſt als Kinder durch eine gewiſſe Gleichheit ihres me⸗ lancholiſchen Temperaments ſo zärtlich vereinigt waren. Die vierzig Jahre, welche dahin geflohen, waren in dieſem Augenblick verſchwunden, und in dem Ge⸗ dächtniſſe des EFlias klangen alle die ſchönen und milden Worte wieder, welche das Kind Sophie zu ihm geſprochen. Sophie war ihrerſeits ſo aufgeregt, daß ſie ihre Thränen nicht zurückhalten und kein Wort über ihre Lippen bringen konnte. Elias hob wieder an: — Sophie weint! Schmerzt es Dich, daß der arme Elias endlich diejenige wieder gefunden, welche ihm ſeinen Frieden geraubt? Habe ich mich denn wirklich ſo grauſam gegen Dich verbrochen, daß Du nicht einmal jetzt, wo wir beide am Rande des Grabes ſtehen, Dich an dieſem Wiederſehen freuen kannſt? — Elias,— ſagte Sophie mit Anſtrengung,— ſprich nicht zu mir, daß ich Dir Schmerz gemacht! Der Höchſte weiß, daß dies nicht meine Abſicht ge⸗ weſen. Ach, mein Freund, ich glaubte, daß Du nur das Gold zu bezahlen wünſchteſt, das Dein Vater mir geſchenkt, und es war mir zuwider, dieſes Gold von demjenigen zu empfangen, welcher einſt mein Herz von ſich geſtoßen. Noch mehr: es begriff in ſich eine Demüthigung, die mein ſtolzer und edler Gatte nicht ertragen konnte. Nun wohlan, ſollte ich, . —— — 309 nachdem er geſtorben, Dich aufſuchen, um das zu er⸗ halten, was er trotz Kummer und Armuth nicht an⸗ nehmen wollte? Nein, das hieße ſein Andenken be⸗ leidigen. Als Noth und Armuth mich ernſtlich heim⸗ ſuchten, ſandte Gott mir die Kinder von Jakob Levitains Kind, um mich dem Elende zu entreißen. Es war der Wille einer höhern Macht, daß die Hülfe, der Troſt und die Linderung des Kummers von der Familie meines edlen Pflegevaters kommen ſollten. — Aber es ſcheint, ein unſanftes Schickſal hatte nur beſchloſſen, daß die Zerſplitterung der ſchönſten Träume von dort ausgehen ſollte,— ſiel Elias düſter ein und ließ Sophiens Hände los. — Einmal,— hob er wieder an,— ſtandeſt Du, ein junges und wehrloſes Kind, Dein Herz voll Zärtlichkeit, vor mir, und ich ſtieß Dich mit Härte von mir zurück. Ich hatte in meiner Seele kein Mitleid mit und keine Theilnahme für die Chriſten, welche meinen Vater ermordet und diejenige guillo⸗ tinirt, die ich liebte. Ich behielt nur noch eine Liebe übrig, als ich mir der Verheerung bewußt wurde, die über mein Leben dahingezogen,— und das war die Liebe zu meinem Gott, meinem Glauben und meinem Volk. Dieſe Liebe brachte mich dahin, Dein Herz zu zermalmen,— ſie veranlaßte mich ſpäter, den Stab über das Glück Deiner Tochter zu brechen. In einem bittern Tone fügte er hinzu: Nichtsdeſtoweniger war es Dein und Deiner Nachkommen Glück, welches ich meinem ſterbenden 310 Vater zu befördern verſprach. Bin ich denn wirk⸗ lich der grauſamen Nothwendigkeit anheimgefallen, entweder dem Glauben untreu zu werden, oder dem Gelübde, das ich für heilig gehalten, gleich einem Befehl, den Gott ſelbſt durch meinen Vater aus⸗ geſprochen? — Elias,— ſagte Sophie mit derjenigen Güte, welche ſich nie bei ihr verläugnete— Dein Vater hat nicht befohlen, daß Du, um ſeinen Willen zu er⸗ füllen, Deiner Ueberzeugung untreu werden ſollſt. Einmal bat ich für das Glück unſerer Kinder. Du bliebſt unbeweglich. Deine Unerſchütterlichkeit zeigte mir, daß Dein Glaube ſtärker ſei, als alle andern Gefühle, und ich beugte mich achtungsvoll davor. Gabrielle that es auch und ſie hat ſich jetzt in ihr Schickſal hier eingelebt. Sie wird, wie ich, ihr Glück in der Erfüllung ihrer Pflichten ſuchen und finden. Sophie d'Escare's Tochter wird durch Krän⸗ kung der heiligſten Gefühle irgend eines andern Menſchen nie ihr Glück kaufen. Von mir hat ſie Ergebung in den Willen Gottes und als Chriſtin jede Prüfung zu ertragen gelernt. — Immer dieſelbe,— rief Elias;— aber So⸗ phie, Mirabeau's Enkelin, ſoll nicht durch Jakob Le⸗ vitain's Sohn unglücklich werden. Das Glück, das Leben und den Frieden meines eigenen Sohnes hatte ich das Recht, meinem Gott zu opfern, aber nicht das ihrige. Heute opfere ich Deiner Tochter meine Ueberzeugung. Mögen Abraham und Gabrielle glück⸗ lich werden! Hier wurden ſie von Edith unterbrochen, welche —— 311 hereintrat und im Tone verzweifelten Schmerzens ausrief: — Mutter, es iſt hier ein Bote von Erikshof angekommen. Gabrielle iſt todt! Bei dieſen Worten des blinden Mädchens hatte Sophie ſich zuerſt erhoben, dann ſank ſie auf ihre Kniee und ſtammelte, den Blick nach oben: Gottes Wille! Einige Monate darauf öffneten ſich die Thore des Levitain'ſchen Palaſtes zwei Särgen, die in derſelben Gruft beigeſetzt wurden, in welcher der Staub Ceſarine de Maillé's faſt ein halbes Jahr⸗ hundert geruht. Sie enthielten die irdiſchen Ueberreſte von ihrer Tochter Sophie und ihrer Enkelin Gabrielle. Die Marquiſin fiel als ein Opfer der neuen Ideen, welche 1792 erwachten und ſich zum Ziele geſetzt hatten, die politiſche und religiöſe Finſterniß zu vernichten. Ihre Enkelin wiederum wurde ein Opfer der letztern. Jakob Levitain ſtarb, als er die Marquiſin zu retten ſuchte; Gabrielle rettete mit ihrem Leben das von Jakobs Enkel. Auf dem Grabe der Marquiſin ſtrebte die Frei⸗ heit emporzuſteigen, aus Gabrielle's hoffte die Bi⸗ gotterie ſiegreich hervorzugehen. Die göttliche Gerechtigkeit erlaubt es nicht, daß ein Sieg durch Verbrechen gewonnen werde. Als die Kämpfer der Freiheit durch Mord und Blut die Sache, welche ſie vertheidigten, fördern zu können glaubten, irrten ſie ſich ebenſo ſehr, wie wenn die Bigotterie glaubt, durch ſolche Mittel das Fort⸗ ſchreiten der Aufklärung hemmen zu können. Weder die politiſche noch religiöſe Wahrheit braucht ſolche Mittel anzuwenden, um zu ſiegen; denn ihr Sieg ſteht im Himmel geſchrieben. Und Mirabeau's Tochter, mit ihrem Verſtand und ihrem reichen Herzen, hatte gleich einer Märtyrerin die Fehler ihrer Eltern ſühnen müſſen. Gabrielle, vom Republikaner Jerome Basſal er⸗ zogen, war nicht für die Zeit, in welcher ſie lebte, geſchaffen, und wurde deshalb von einer höheren Macht zu einem Leben abgerufen, wo Gott allein richtet. Einige Jahre darauf wurde in Levitains Palaſt ein anderes Feſt gefeiert; es war die Heirath Abra⸗ hams mit Sophie dEscare's Pflegetochter, der blin⸗ den Edith, welche von ihrer Mutter, einer armen Jüdin, der Obhut Madame Moulins anvertraut worden war. Sophie, ein Kind der Aufklärung und der Revo⸗ lution, hatte, frei von allen fanatiſchen Vorurtheilen, dem Wunſche der Mutter gemäß, Edith in der jüdiſchen Lehre erzogen, obgleich ſie ſelbſt eine warme und wahre Chriſtin war. Auf dieſe Weiſe zahlte ſie zurüct, was Jakob Levitain einſt gegen ſie gethan. ——————— 313 Das Heirathsgut, welches Jakob für Sophie be⸗ ſtimmt hatte, und welches zu einem großen Vermö⸗ gen herangewachſen war, wurde, übereinſtimmend mit einer von Sophie gemachten Dispoſition, zu wohl⸗ thätigen Zwecken für die Chriſten beſtimmt. Welches wurde das Schickſal Jaquette's?— wird man vielleicht fragen. Es war ihr gelungen, zu entkommen, und eine Zeit lang war ſie ſpurlos verſchwunden. Eines Tages fand man am Seeufer bei Erikshof die Leiche einer Weibsperſon, welche von den Wellen hinauf⸗ geſpült worden war. Es war der todte Körper Jaquette's. Die Marquiſin de Maillé ging ins Kloſter und teſtamentirte ihr ganzes Privatvermögen der Kirche, vollkommen überzeugt, daß ſie durch dieſe Handlung ſich ewige Seligkeit erwerbe, und ohne einen Ge⸗ danken an all' das Böſe zu verlieren, welches durch ihren Fanatismus verurſacht worden war. Graf Ernfrid Eldau lebte nur für ſeine Tochter. Kalt und unzugänglich für alle Andern, verſchwen⸗ ze er alle mögliche Zärtlichkeit und Liebe auf ſein ind. Wie das Leben ſich für Frigga und Volentin geſtaltete, iſt überflüſſig zu erzählen. Wo ſollte wohl das Glück blühen, wenn nicht bei dieſen beiden? Geburt und Bildung hatten in Frigga eine wür⸗ dige Repräſentantin. Sie hatte mehr, als Jemand, einen Gatten wie Volentin verdient. Ihrer töchterlichen Pflicht zu Liebe hatte ſie ſich Entſagung auferlegt. Einmal frei und Herrin ihres Schwartz, Goburt u. Bildung. MI. 1 2 — Schickſals, hatte ſie die Aufgabe der Pflichten, welche die Geburt mit ſich brachte, darin gefunden, daß ſie unter den Männern, die ſie kennen gelernt, den edelſten zu ihrem Gatten wählte. ſſſſſſſſſſſſſtſſſiſſſniſſimſſſſſſſſiſſſſi 8 9 10 11 2 13 14 15 16