Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 6ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 S 2 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: M.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Ver.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Capitel. 7 „Ja, im Großen wie im Kleinen Sieht man einzig auf das Inn're, Suchet das Geſet des Willens, Und das Herz iſt ſteis ein Spiegel, 8 Das die Pflichten Züg um Zug Treulich uns wird wiedergeben.“ * Palis Qualis. Haſt Du, lieber Leſer, je einen von dieſen alten Herrenſizen beſucht, welche man noch hier und dort. in verſchiedenen Provinzen Schwedens trifft. Wenn dies der Fall iſt, ſo wirſt Du wiſſen, daß ſie mit ihren Traditionen von Geſchlecht zu Ge⸗ ſchlecht Denkmäler ſind, welche an die verſchwundenen Zeiten des Feudalismus erinnern, wo das Volk in Unterdrückung lebte und die Hochgebornen allmäch⸗ tig waren. Eine ſolche Antiquität war Graf Axel Harthons Gut Liungbro, in einer der romantiſchſten Gegenden Schwedens gelegen und von einer großartigen Na⸗ tur umgeben. Die alte graue ſteinerne Burg ſteht noch da, um Zeuge zu ſein in ihrer ſchweigſamen Um⸗ armung, neue Ereigniſſe zu verbergen und die Er⸗ innerung an ſie zu den alten zu fügen, die ſie im Laufe von Jahrhunderten geſammelt. ches unwillkürlich das Auge feſſelte, während ſie als Modell für das Schöne gebildet zu ſein ſchien, ſo tadellos war ſie. Fügt man dazu, daß der Gang und die Bewegungen zu gleicher Zeit etwas Edles, Elaſtiſches, Lebendiges und Angenehmes hatten, ſo wird man finden daß ſie ſchon beim erſten Anblick Intereſſe erregen mußte. Ein großer, breitkrämpiger italieniſcher Hut, wie man damals ſolche trug, beſchattete den größten Theil des Geſichts und machte nur den unteren Theil zu⸗ gänglich für neugierige Blicke. N Man konnte ein ſchön geformtes Kinn und einen Mund ſehen, deſſen charakteriſtiſcher Zug der Ent⸗ ſchloſſenheit und Kraft hie und da durch ein jugend⸗ hich friſches und herzensgutes Lächeln zurückgedrängt wurde. Sie hatte bereits am Beginn der Allee den jungen Mann bemerkt. Ein feines Lächeln kräuſelte ihre Lippen, als ſie ihn wahrnahm; dieſes verſchwand jedoch raſch, und während ſie ſich ihm näherte, nahmen ihre Züge das Gepräge tiefen Schwermuths an. Als ſie an den Träumer herangetreten, ſagte ſie mit klarer und klangvoller Stimme;— Guten Tag, Herr Lieutenant! 6 Der junge Mann wandte ſich haſtig um. leber ſeine Stirne flog eine dunkele Röthe, als er zu gleicher Zeit kalt und ehrfurchtsvoll den Gruß erwiederte. — Ich habe,— bemerkte das junge Mädchen, den ganzen Weg die Allee herauf mich darüber ge⸗ wundert, daß Sie ſo unbeweglich ſtanden. Ich ſuchte vergebens die Urſache zu errathen. — Das wundert mich. Die Urſache wäre doch leicht zu finden geweſen,— fiel Lieutenant Valen⸗ tin Aurenius ein. — e leichter eine Sache iſt, deſto ſchwerer fällt es mir ſie zu errathen. Es ging mir deßhalb, wie es jedem geht, der ſich auf den Ocean der Ver⸗ muthungen hinauswagt,— antwortete Frigga Harthon. — Nun, wie geht es denen? — Man hält einen umrichtigen Curs, ſagte Frigga lachend. In meiner Einbildung ſpukten hübſche Pferde, ſchöne neue Wagen, ſchöne Hunde 3 u. ſ. w., welche, wie ich glaubte, der Lieutenant einer Prüfung unterwarf. Jezt finde ich — Richts von Alledem,— unterbrach ſie Va lentin. einen Hand, während er mit der andern auf das von der Abendſonne beleuchtete und von Wäldern, Bergen und Seen umgebene Schloß deutete. Dann ſagte er: — Bedarf es wirklich irgend eines neuen und unbedeutenden Gegenſtandes, um das Auge zu feſ⸗ ſeln, oder glaubt das Fräulein nicht, daß dieſes Bild Schönheit und Intereſſe genug beſizt, um die Schritte eines Menſchen aufzuhalten, daß er unbe⸗ weglich ſtehen bleibt, von dem Anblick, der ſich ihm darbietet und von den Betrachtungen, welche derſelbe erweckt, ganz und gar beherrſcht. — Sie haben Recht,— ſagte Frigga, nahm den großen Hut ab und warf einen Blick voll Stolz Er berührte Friggas Arm ganz leiſt mit der 7— auf die Burg ihrer Väter,— aber,— fuhr ſi 9 fort— wir ſind ſo verwöhnt und veränderlich, daß wir gewöhnlich das Gute, das wir täglich genießen, vergeſſen, um ſehnſuchtsvoll nach dem, was wir nicht haben, die Arme auszuſtrecken. Wir werden entzückt von dem, was uns neu iſt, und ziehen auf dieſe Weiſe oft das Schlechtere dem Beſſeren vor. Sie ſelbſt, Herr Lieutenant, halten ſich ſchon ein ganzes Jahr auf Liungbro auf, und doch werden Sie erſt heute von der Schönheit des Bildes überraſcht, welches Sie alle Tage Gelegenheit gehabt zu be⸗ wundern. — Woher wiſſen Fräulein, daß es heute das erſte Mal iſt?— Es iſt doch nicht geſagt, daß ich mich nicht früher davon bewegt gefühlt, weil Fräulein mich nicht vorher überraſcht. Unſere tiefſten Eindrücke geben wir ſelten den Blicken Anderer Preis. Es wär mit einer eigenen Betonung, daß Va⸗ lentin dieſe lezten Worte ausſprach⸗ Friggas Wangen wechſelten leicht die Farbe; aber ſie fuhr mit ruhiger Stimme fort: — Es iſt wahr. Doch wundert es mich, daß Sie nie ein Wort von der wirklich ſchönen Lage Liungbro's geſagt. Ich habe auch geglaubt, daß Sie keinen Sinn für die ſchöne Natur hätten. Als Antwort hierauf lächelte Valentin nur ein wenig. — Möchten Fräulein einen Augenblick hier aus⸗ ruhen?— antwortete er und deutete auf eine Bank innerhalb des Gitterthores, welche im Schatten einer hohen und buſchigen Linde ſtand. Und wenn ich das wollte, was würde das zur Folge haben?— fragte ſie lächelnd. — Richts. Ich würde nur mit einigen wenigen Zügen das Bild zeichnen, welches mich feſſelte. — In dieſem Falle ruhe ich gerne aus, Frigga ſezte ſich auf die Bank. Valentin nahm Plaz an ihrer Seite. — Wiſſen Sie was, Lieutenant Aurenius, Sie ſind mir immer wie ein Räthſel vorgekommen, wel⸗ ches man nie löſen kann. Es wird deßhalb intereſ⸗ ſant ſein zu hören, wer einen ſolchen Eindruck auf Sie zu machen vermag, daß Sie Ihre Schritte an⸗ halten. — Ich glaubte nicht, daß ich für Fräulein ein Räthſel wäre,— ſagte Valentin mit einer Stimme, welche gleichgültig klang, aber doch einen eigenen Ton hatte,— und noch weniger glaubte ich, daß ber in Unkenntniß wären, was auf mich — Doch, in der That,— verſicherte Frigga. — In dieſem Falle kommt es daher, daß Sie mich nicht für würdig der Aufmerkſamkeit des Fräulein Harthon gehalten. — Ach, mein Herr, ſind wir jezt wieder da,— rief Frigga zornig.— Sie hätten ſich nicht erlauben ſollen eine falſche Vorausſezung mehr als ein Mal zu machen. Was Ihre Worte enthalten, wiſſen Sie, iſt unrecht, und nichts deſto weniger ſprechen Sie es aus. — Ich habe mich alſo wieder verſündigt? Va⸗ lentin betrachtete lächelnd Frigga. — Ja, und wie immer, laſſen Sie das geſchehen, ohne um Verzeihung zu bitten,— antwortete Friggc lachend. 11 — Mein Fräulein, wenn die Zukunft mir be⸗ wieſe, daß ich Unrecht gehabt, dann würde ich den übrigen Theil meines Lebens dazu verwenden mein Verbrechen abzubitten. — Das würde eine lange Buße geben— meinte Frigga. — Wir ſind noch nicht ſo weit gekommen,— ſagte Valentin kalt— und wahrſcheinlich gelangen wir nie dazu. Wir bleiben deßhalb an Liungbros Gitterthor ſtehen. Es war von da aus, wo ich über das Bild, welches ich vor Augen hatte, philoſophirte. — Sehen Sie— fuhr Valentin fort, dort fern im Hintergrunde das offene Meer?— Er ſtreckte die Hand aus.— Dieſe Wogen haben ſeit Urzeiten dieſe Küſte beſpült. Frei, wild und unbezwingbar, ſind ſie ein Bild der Natur, welche der Menſch zwar vermocht hat zur Beförderung ſeiner Zwecke zu ver⸗ wenden, aber nie beherrſchen konnte. Sie wird nur von dem Geſeze Gottes beherrſcht. — Dort wieder— Valentin deutete nun auf das Schloß,— erhebt ſich eine Steinmaſſe, von Men⸗ ſchenhänden aufgeführt, ein Monument von ver⸗ gangenen Zeiten. Es iſt wohl erhalten, aber doch eine Ruine, welche nur da ſteht, um uns zu mahnen an die Macht der Gewalt über das Recht, an die Macht der Vorurtheile über die Vernunft, des Hoch⸗ muths über das Verdienſt.— Betrachten Sie genau dieſe Mauern, von welchen Sie ſagen, daß Sie ſie nie ſehen können, ohne von Ehrfurcht ergriffen zu werden, und ſprechen Sie: flüſterten ſie Ihnen nie zu von der tung, die von Ihnen ausgegangen, oder von der Verknechtung des Volks durch die Ariſtokratie? — Nein, ſie erzählten mir nur, daß ſie ſo vielen wahren Patriotismus und ſo viele edle Eigenſchaften emporwachſen ſahen, daß die Tochter dieſer ausge⸗ zeichneten Vorfahren ein heiliges Erbe übernommen, für ſie einzuſtehen. Valentin betrachtete Frigga und ſagte dann ganz ehrfurchtsvoll: — Es iſt natürlich, daß Graf Harthons Tochter ſo denken muß. Wir werden deßhalb zu dem, was wir vor Augen haben, zurückkehren. Das Schloß repräſentirt alſo den Abſolutismus. Wie dieſer, ſo hat es nichts von der Zeit gelernt, ſondern ſtreckt ſeine grauen und ſtolzen Zinnen in die Höhe, und vergißt, daß ſein Grund zerſtört, zerbrechlich und wackelig iſt. Es rechnet bedachtſam nach, wie viele Jahrhunderte es mit ſeiner Thurmſpize den Auf⸗ und Niedergang der Sonne begrüßt, vergißt aber, daß dieſe Säclen an ſeinen Grundveſten genagt und ſeine frühere Kraft vernichtet haben. — Dort,— jezt deutete Valentin auf den mo⸗ dernen Flügelbau,— haben wir ein Bild unſerer Zeit. Betrachten Sie dieſen leichten Styl, das glänzend weiße Aeußere, die luftigen Balcone und die mit hübſchen Blumen verzierte Fagade, die feinen durchſichtigen Vorhänge vor den Fenſtern, die Mar⸗ mortreppe, welche zum Entree führt, und Sie haben die Macht des Geldes vor Ihren Augen. — Zwiſchen den beiden Gebäuden gibt es keine andere Aehnlichkeit, als daß ſie beide zum Woh⸗ nungshaus beſtimmt ſind. Es gibt kein Vereinigungs⸗ band zwiſchen ihnen und doch ſtehen ſie neben ein⸗ ander, das eine ſich brüſtend mit ſeinen Ahnen, das 13 andere mit ſeiner Pracht. Beide ſuchen einander zu verdunkeln, und beiden mißlingt es. Das eine beſizt ſein Gold, ſein für den Genuß geſchaffenes Innere, das andere ſeinen unbeugſamen Hochmuth, ſeine Er⸗ innerungen und ſein veraltetes Aeußere. Sie ſind vereinigt durch jenen kleinen Säulengang, welcher zu ſagen ſcheint: Du alte verlaſſene Heimath für ſtolze Söhne, Du gehörſt nicht mehr unſerer Zeit. Du biſt reich an Jahren, aber gedeihſt nicht. Damit Du nicht ganz verſchwindeſt, will ich Dich mit dieſem Kinde des Geldes vereinigen, ſo daß Du noch eine Zeit lang fortleben mögeſt. — Sie ſind bitter, und ich wünſchte gegen Ihre Zeichnung dieſe und jene Einwendung zu machen, — fiel Frigga ein, auf deren freier Stirn die derben Worte keinen Schatten hervorzurufen vermocht hatten. — Erlauben Sie erſt, daß ich meinen Entwurf vollende,— bat Valentin. Er fuhr fort: — Rings um dieſe beiden Gebäude und zwiſchen ihnen und dem Ocean ſehen wir ſtolze, freie Baum⸗ kronen, einen laubreichen Park und unendliche Wäl⸗ der. Wiſſen Sie, was dieſe Kinder der Natur auf meinem Bilde repräſentiren? Valentin heftete einen ſcharfen Blick auf Frigga. Sein Geſicht war in dieſem Augenblick ſtreng und ſtolz. — Ja, das weiß ich!— rief Frigga und ſah fortwährend zu ihm auf mit einem Blick, welcher zu ſagen ſchien, daß er mit dem Bild, welches er zu entwerfen beabſichtigte, unmöglich einen höheren und edleren Begriff verbinden könnte, als denjenigen, welchen ſie ſich dabei dachte. — Wirklich? Ich wage es zu bezweifeln. 14 — Alle dieſe Wälder, dieſe Berge und Haine ſind ein Bild des Volkes. Sie ſind ſtark, ſtolz und frei wie dieſes. Frigga ſtand auf, ſtreckte die Hand gegen die Sonne, welche ſich im Weſten neigte, und fügte mit Wärme hinzu: — Und ſiehe dort das Bild von Gottes Güte, welcher ſein Licht verbreitet über die grüngekleideten Bäume, das graue Schloß und die prachtvollen Woh⸗ nungen. Wie die Strahlen der Sonne dieſes ganze Bild umfaſſen, ſo umfaßt die Liebe Gottes uns Alle, und wie die Wogen des Meeres friſche Winde über die Wälder, Berg, Schloß und Feld mit ſich führen, ſo wird auch die Aufklärung ſich geltend machen, ſowohl innerhalb der grauen Steinmauer wie unter der grünen Wölbung des Waldes. Der Stein, aus welchem das Schloß erbaut iſt, hat man vom Berge genommen. Der nß Euch ſagen: Alles iſt vom Volke ausgegangen und wird zum Volke wieder zurückkehren. Frigga ſchwieg. Die Wangen hatten ein leben⸗ digeres Roth angenommen. Den ſchön geformten Kopf trug ſie in dieſem Augenblick höher als ge⸗ wöhnlich. Auch Valentin hatte ſich erhoben und ſtand an ihrer Seite. Als ſie aufgehört hatte zu ſprechen, ſagte er: — Sie haben mein Bild vervollſtändigt, ich habe nichts mehr hinzuzufügen, als daß Sie das Gitter⸗ thor, das hinter mir iſt, vergeſſen haben. Frigga ſah ihn an. Es ſchien, als wenn das junge Mädchen jezt die Meinung Valentins ahnte. —— 15 — Können Sie mir nicht ſagen, was die dar⸗ ſtellt,— fragte er. — Nein, in dieſem Augenblick fällt es mir ſchwer meine Aufmerkſamkeit darauf zu richten, oder irgend eine Bemerkung über einen ſo unbedeutenden Ge⸗ genſtand zu machen,— antwortete Frigga. — Und doch, Fräulein Frigga, befinden Sie ſich innerhalb und ich mich außerhalb dieſes Thores, welches zwiſchen uns eine unüberſteigliche Scheide⸗ wand bildet. Wir können durch das Gitter ſpre⸗ chen, ja auch ſogar unſere Hände gegenſeitig faſſen und drücken; aber wir können nie unſere Gefühle aus⸗ tauſchen. Das Gitterthor hier iſt ein Bild des Standesunterſchieds, welcher mit ſeiner Allmacht die Welt beherrſcht. Er gibt mir einen Schlüſſel, welcher dieſen Riegel öffnen kann, und dieſer Schlüſ⸗ ſel heißt— Gold. Dieſem Talisman öffnet ſich das Thor ſchleunigſt.— Sie ſagten, daß die Steine des Schloſſes von den Bergen geholt ſeien. Ich ant⸗ worte Ihnen: das Giſen zu dieſem Gitterthor iſt von dem innerſten Schooße der Erde geholt, und ſo iſt es auch mit unſeren Vorurtheilen. Sie entſprin⸗ gen unſeren Herzen und können nur mit der Zeit daraus geriſſen werden, wie das Eiſen, welches der Roſt verzehrt.— Jezt iſt mein Bild fertig; ich will nur hinzufügen, daß dieſe und viele andere Betrach⸗ tungen mich beſchäftigten, als der Anblick der Schön⸗ heit des Schloſſes meine Seele feſthielt, und ich grade draußen vor dem Gitterthore ſtehen blieb. — Aber, Sie befinden ſich jezt innerhalb der⸗ ſelben,— ſagte Frigga haſtig. — Gewiß. Ich bin Ihnen gefolgt; aber ich habe deshalb nicht vergeſſen, daß ich mich jezt auf Ihrem Gebiete befinde. Das meinige, Fräulein Frigga, liegt außerhalb dieſes Riegels. Wir wer⸗ den oft, wie heute, uns an demſelben begegnen, ja ſogar hie und da auf ein ander Gebiet eintreten; aber wenn der Abend kommt und die Stimmen von der Heimath uns rufen, dann werden die Thor⸗ flügel ſich ſchließen, und wir werden uns beide jeder auf ſeiner Seite derſelben befinden. — Erlaubt mir zu behaupten, Lieutenant Au⸗ renius, daß Ihre Begriffe weit mehr beſchränkt ſind, als die meinigen, da Sie ein großes Gewicht auf Riegel und Gitterthore legen. Dieſe können zu jeder Stunde wieder weggenommen werden. — Er gibt Vieles, was geſchehen kann; aber es iſt deshalb nicht geſagt, daß es geſchieht.— Se⸗ hen Sie, Fräulein Frigga, dort kommt der Graf und 5* Gräfin. — Glauben Sie, daß der Graf geneigt iſt das Gitterthor wegzunehmen? Frigga antwortete nicht; ihre Wangen wurden weiß wie der Schnee. Es ſchien, als wenn ein un⸗ angenehmes Gefühl ſich ihrer bemächtigte. lichen Paare entgegen. verblieb auch dort und wollte nicht verſchwinde Schweigend gingen Valentin und ſie dem gräf⸗ Der Schatten von Kummer, welchen die lezten Worte Valentin's auf Frigga's Geſicht hervorgerufen, Valentin fügte mit einem eigenen Lächeln hinzu: 17 Die Gedanken, welche in ihrer Seele erwachten, wa⸗ ren weit davon entfernt, erfreulich zu ſein. Es war das erſtemal, daß ſie in vollem Ernſt gezwungen war, ſich mit unſeren Vorurtheilen zu be⸗ ſchäftigen. Frigga hatte ſich bis jetzt nur das Leben von der Sonnenſeite vorgeſtellt, jetzt wurde ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auch auf deſſen Schattenſeite gerichtet; und ihr Herz zog ſich beim Anblick all des Kleinlichen, welches ſich rein ihrem inneren Auge darbot, krampf⸗ haft zuſammen⸗ Sie und Valentin näherten ſich indeſſen dem Grafen und der Gräfin, welche aus dem Parke kamen. Der Graf wandte ſich ſofort an Valentin mit einigen Worten wegen des Landweſens. Bevor wir in unſerem Bericht weiter gehen, dürfte es nöthig ſein, Etwas über Valentins Auf⸗ enthalt im gräflichen Hauſe zu ſagen. Der Propſt Aurenius, der Vater Valentins, war einer der wenigen Männer, auf welche Graf Axel Harthon beſondern Werth legte, und das, obgleich der Propſt zu den Liberalen gehörte. Die Verdienſte des Propſts waren jedoch ſo un⸗ gewöhnlich, daß der Graf mit ſeiner wirklich edeln Denkart vollſtändig die Eigenſchaften ſeines politi⸗ ſchen Gegners würdigte und ihm ſeine ungetheilte Achtung ſchenkte. Oſt wurde zwiſchen dem Propſt und dem Gra⸗ fen manche heiße Schlacht geliefert, weil des Einen freie Anſichten mit den beſchränkten des Anderen in Stzeit geriethen, doch ohne daß dies einen Einfluß auf Schwartz, Geburt u. Bildung. 1. 2 18 des Grafen Urtheil über den Seelſorger der Gemeinde hatte Die Folge hiervon war, daß Graf Harthon ſehr häuſig Aurenius zu ſich einlud und bisweilen ſelbſt. Beſuche im Propſthofe abſtattete, welcher ganz nahe bei Liungbro lag. Während der erſten Jahre, wo der Propſt Pfarrer in Bro wax, hatte der Graf ſich an ſeinen Manie⸗ ren geſtoßen und ſie etwas zu geradeaus gefunden; dergleichen Kleinigkeiten wurden jedoch, wie geſagt, bei genauerer Bekanntſchaft vergeſſen. Dies hatte auch das Gute mit ſich gehabt, daß, als Baron G. ſtarb, Graf Harthon dem Sohn des Propſten den Platz anbot, welchen der Baron als Oberinſpector über Liungbro, Vaarnäs und Stenby, das heißt, als Verwalter über alle Harthon ſche Be⸗ ſitzungen, bekleidet hatte. Die Stelle war zu vortheilhaft, als daß Lieu⸗ tenant Aurenius ſie nicht hätte annehmen ſollen, und ſo wurde er ein Mitglied der gräflichen Familie. Mit Ausnahme derjenigen Wochen, in welchen er im Sommer Verſammlungen beiwohnen mußte, oder Reiſen nach Vaarnäs und Stenby machte, brachte er ſeine Tage auf Liungbro mit der gräflichen Familie zu. Valentin hatte ungefähr ein Jahr ſeine Stelle bekleidet, als unſere Erzählung anfing. Dieſes Jahr mußte für Valentin voll Gefahren geweſen ſein; denn ganz wunderlich hätte das Herz des jungen Lieutenant geſtaltet ſein müſſen, um Wohlgefallen an der täglichen Berührung mit einem 1 in jeder Beziehung ſo einnehmenden Mädchen, D 19 Frigga, zu widerſtehen. Und doch ſchien ſie keinen Einfluß auf ſeine Gefühle auszuüben. Valentins Benehmen war artig und zuvorkom⸗ mend, aber er gab deutlich zu erkennen, daß er nie danach trachtete, ſich der gräflichen Familie vertrau⸗ lich zu nähern, oder erlauben würde, daß ſie ſich ihm auf eine ſolche Weiſe näherte. In ſeinem gänzen Weſen lag Etwas, welches deutlich zeigte, daß er ſich unſerer Standesunter⸗ ſchiede und der Schranken, welche dieſe aufgerichtet, vollkommen bewußt war. Da er ſich ſelbſt auf den Platz ſtellte, welchen er einnehmen mußte, ſo machte er es gerade dadurch unmöglich, daß Jemand ihn beleidigen konnte. Sein Benehmen ſagte, daß er es klar begriff, daß unſere hergebrachten Sitten Graf Harthon die erſte Stelle einräumten, ſelbſt wenn nicht die Jahre und ihr ge⸗ genſeitiges Verhältniß es gethan hätten. Valentins ſtolze Zurückhaltung bewies, daß er gar zu beſorgt um ſeine eigene Würde ſei, als daß er dieſelbe durch irgend eine ungebührliche Vertrau⸗ lichkeit gegen Perſonen hätte bloßſtellen ſollen, welche ſie möglicherweiſe hätten zurückweiſen können. Immer aufmerkſam, aber nie kriechend, war es Valentin gelungen, ſchon während der erſten Wochen die Gunſt des Grafen und der Gräfin zu gewinnen, Etwas, wonach er nicht zu ſtreben ſchien, das ihm aber vielleicht eben deshalb zu Theil ward. Der Graf hatte Achtung vor ſeinen Kenntniſſen, Zutrauen zu ſeinem Urtheil und unbedingtes Ver⸗ trauen zu ſeiner Ehre und Redlichkeit. 20 Die Gräfin ſchätzte ſeine Bildung, Ritterlichkeit und ſeinen feinen Tact. Sie als Frau und begabt mit ihres Geſchlechts natürlicher, raſcher Auffaſſung, durchſchaute beſſer als der Graf Valentins Charakter und Denkweiſe. Sie begriff, daß der Sohn des Pfarrers in ſeinem Herzen nicht anerkannte, daß ein gräflicher Titel Je⸗ manden über ihn ſtelle, und daß er nur aus wirk⸗ lichem Stolz demſelben äußere Höflichkeit ſchenke. Als Jemand, der Lohn vom Grafen bezog, wollte er nie daran erinnert werden. Die Gräfin ſah eben ein, daß Valentin durch ſtrenge Beobachtung der Aufmerkſamkeit, auf welche Graf Harthon Werth legte, es vermied, mit her⸗ ablaſſender Güte behandelt zu werden, Etwas, was ſonſt ſo gewöhnlich iſt bei Edelleuten gegen ihre Untergebenen und womit die erſteren oft ebenſo ſehr verletzen, wie mit dem meiſt abſtoßenden Hochmuth. Valentin ſchien zeigen zu wollen, daß der Sohn des Propſtes in Tact, Lebensart und geſellſchaft⸗ lichem Ton gleich mit dem beſt erzogenen Edelmann ſtände. Gräfin Harthon that ihm auch vollkommen Recht. Sie ſchätzte ſelbſt zu ſehr dieſe Feinheit in Wor⸗ ten und Benehmen, welche Perſonen auszeichnet, die ihr ganzes Leben in den höheren Geſellſchaften zu⸗ gebracht, um nicht dieſe Eigenſchaften bei Andern zu ſchätzen. Nur der ungebildete Menſch erlaubt ſich die An⸗ forderungen der feinen Lebensart gering zu ſchätzen. Der wirklich Gebildete thut es nie. Aber zu gleicher Zeit, wo die Gräfin Valentins ——— 21 Charakter nach ſeinem ganzen Werth ſchätzte, er⸗ wachte in ihr eine unbeſtimmte Unruhe, und ſie legte ſich oft die Frage vor: — Schließt das tägliche Zuſammenſein mit einem ſolchen Mann keine Gefahr in ſich für Frigga? Jedesmal, wenn die Furcht der Gräfin in dieſer Beziehung erwachte, folgten ihre Blicke mit der Wach⸗ ſamkeit einer Mutter der Tochter und ſuchte ſie in ihrem Geſicht, ihren Worten und Bewegungen her⸗ auszufinden, ob irgend ein wirklicher Grund zur Un⸗ ruhe vorhanden ſei. Nichts in dem Aeußern Friggas ſchien das zu beſtätigen, was die Mutter befürchtete. Die Tochter war ſich gleich, fröhlich, friſch und ohne Bekümmerung, wie die Jugend ſein muß. Das Einzige, was möglicherweiſe den Beſorgniſſen der Gräfin einige Nahrung hätte geben können, war, daß es Frigga unterhielt, zu plaudern, zu muſiciren und zuſammen zu leſen mit Aurenius! Doch dies war ja ganz natürlich. Valentin be⸗ ſaß eine ſo ungewöhnliche Bildung, war ſo wirklich muſikaliſch, und fällte über das, was er las, ein ſo geſundes Urtheil, daß Jeder ſich für ihn intereſſiren mußte. Dagegen ſchien ſie ihn nicht zu vermiſſen, wenn er verreist war, und zeigte keine unruhige Sehn⸗ ſucht, wenn er bisweilen von den Abendeirkeln aus⸗ blieb; auch ſpürte man keine Ungeduld bei ihr, wenn er mehrere Abende nach einander den Spieltiſch vor der Unterhaltung, dem Leſen und Muſiciren mit ihr vorzog. Wenn er anweſend war, ſo widmete Frigga ihm 22 ihre Aufmerkſamkeit; war er es nicht, ſo hatte das kei⸗ nen Einfluß auf ihre Stimmung. Genug, die Unruhe war lange in Schlaf gewiegt, ſo daß ſie dieſelbe ganz vergaß, bis einige der lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften Valentins dieſelbe gleich⸗ ſam wieder aufweckte. In ſolchen Augenblicken warf ſich die gewiſſen⸗ hafte und zärtliche Mutter vor, daß ſie nicht auf die warnenden Stimmen gehört. Sie hatte noch im friſchen Andenken alle die Sorgen, welche die heftige Neigung des jezt abweſenden Sohnes zu einem Mäd⸗ chen unter ſeinem Stande dem Mutterherzen bereitet. Sie bebte deßhalb bei dem Gedanken zurück, daß ſie es nöthig haben würde eben bei der Tochter als Tröſterin wegen des Schiffbruchs zu dienen, welchen die ſchönſten Hoffnungen des Lebens gelitten. Sie fühlte es, daß es keine ſchwere und bittere Prüfung für ſie werden würde, falls ſie es mit an⸗ ſehen müßte, wie Friggas ſo reich ausgeſtattetes und kraftvolles Innere unter dem Kampfe mit dem Schmerz verzehrt würde. So war der zweite Sommer von Valentins Ver⸗ weilen auf Liungbro gekommen; Den Anfang deſſelben brachte Volentin in der jährlichen Zuſammenkunft zu. Darauf machte er eine Reiſe nach Vaarnäs und Stenby, ſo daß er erſt im Anfang des Auguſt wieder nach Liungbro zu⸗ rückkehrte. Die gräfliche Familie war zu der Zeit auf Be⸗ ſuch bei dem Schweſterſohn des Grafen, Graf Ern⸗ frid Eldau, um ſeine Rückkunft nach Schweden mit ſeiner jungen Frau zu feiern. 2 23 Graf Eldau hatte ſich nämlich vor kurzer Zeit in Paris mit einer reichen Franzöſin aus adeliger Familie verheirathet. Es war jetzt kaum eine Woche, ſeit der Graf heimgekehrt, und während dieſer Tage war die Furcht der Gräfin noch nicht erwacht; als aber Frigga und Valentin dem Grafen entgegen kamen, entſtand ſie augenblicklich. Sie warf erſt einen prüfenden Blick auf den jungen Lieutenant; aber ſein ruhiges Geſicht zeigte keine Gemüthsbewegung. Dann richtete die Gräſin ihre Augen auf Frigga. Ueber den Zügen des jungen Mädchens ruhte ein Schatten von Schwermuth, welcher ſonſt denſelben fremd war. Das ſtach der Gräfin heftig in's Herz, und als der Graf ſeine Schritte mäßigte, um ſie und Frigga voran gehen zu laſſen, während er ſich mit Valen⸗ tin unterhielt, ſagte ſie mit einem zärtlichen Blick auf die Tochter: — Wie iſt es, mein Kind, biſt Du nicht wohl? — Ach, liebe Mama, Du weißt ſchon, daß Kränk⸗ lichkeit nicht zu meinen ſchwachen Seiten gehört,— antwortete Frigga lächelnd. Es fehlte indeſſen ihrem Lächeln das gewöhnliche fröhliche Gepräge. — Aber Du ſiehſt traurig aus,— hob die Gräfin wieder an. — Das iſt wahr. Ich bin nicht ſo recht froh. — Was hat Dich betrüben können? — Eine Bagatelle, wenn Du ſo willſt, hat mich auf traurige Betrachtungen gebracht. Bisweilen trifft es ſich, daß eine Kleinigkeit traurige Gedanken er⸗ wecken kann. Dieſes iſt der Fall mit mir dieſen Abend. Bekümmere Dich deßhalb nicht um meine minder fröhliche Mienen, geliebte, beſorgte Mama! — Sage mir nur, welche Bagatellſache iſt es, die dieſe Gedanken erweckt hat? — Das da— antwortete Frigga lachend, und deutete auf das Gitterthor. Die Gräfin richtete einen verwunderten Blick auf die Tochter. — Ich glaube beſtimmt,— fügte Frigga hin⸗ zu,— daß ich von dieſem Abend an einen entſchiedenen Haß zu Allem faſſe, was Gitterthor heißt. Doch⸗ es iſt nicht der Mühe werth, weiter darüber zu ſprechen, und wenn Du mir nicht böſe wirſt, ſo laß uns das Thema verlaſſen. Die Gräfin, welche in Allem ein Frauenzimmer mit Tact und Herz war, richtete keine weiteren Fra⸗ gen an die Tochter. Sie und Frigga traten in den geſchmackvollen Salon hinein, weicher ſich im Par⸗ terre befand und im Sommer der gewöhnliche Ver⸗ ſammlungsplatz war. Der Graf und Valentin waren in des Erſteren Privatzimmer hineingegangen⸗ Die Glasthüren des Salons ſtanden offen nach der Gar⸗ tenterraſſe zu, welche ihre Blumenrabatten bis hin⸗ unter zur See ausſtreckte. Die Gräfin nahm in dem Fauteuil vor den of⸗ fenen Glasthüren Platz. Sie und Frigga ſprachen von gleichgültigen Dingen, und die Gräfin brachte unvermerkt die Rede auf Valentin. Frigga äußerte ſich ganz ungezwungen über ihn. 25 Es lag weder Scheu, Verlegenheit, oder eine ge⸗ heime Liebe in dem, was ſie ſagte, ſondern nur die vollkommenſte Unparteilichkeit. Die Gräfin machte einige Reflexionen über ſeinen Charakter und bemerkte ſchließlich: — Man muß zugeben, daß er ein liebenswürdiger, um nicht zu ſagen gefährlicher Mann iſt. — Das möchte ich beſtreiten,— ſiel dießmal Frigga mit mehr Lebendigkeit ein, als ſie bisher an den Tag gelegt.— Von Arthur Eldau kann man ſagen, daß er liebenswürdig, und ein gefährlicher junger Mann iſt; aber von Lieutenant Aurenius iſt es auf einmal zu viel und zu wenig geſagt. — Das bedarf einer näheren Erklärung, mein Kind,— ſagte die Gräfin lachend und ſtrich ſchmei⸗ chelnd die Stirne der Tochter mit der Hand. — Wirklich, das wundert mich. Findeſt Du nicht, daß zwiſchen Arthur und Aurenius ein unge⸗ heuer großer Unterſchied? — Das gebe ich gerne zu; aber das hindert nicht, daß Aurenius Eigenſchaften haben kann, die ihn ſowohl liebenswürdig als gefährlich machen, ob⸗ gleich ſie von anderer Natur ſind, als Arthurs. Ich geſtehe, daß es mich unterhalten würde, zu hören, wie Du das Gegentheil beweiſen willſt. — Richt das Gegentheil,— rief Frigga, lachend,— da das vorausſezen würde, daß er unangenehm und abſtoßend ſei; aber in dem Worte liebenswürdig faſſen wir Eigenſchaften zuſammeu, welche bezaubern und einnehmen, ohne daß wir uns eigentlich Rechen⸗ ſchuft ablegen können, worin ſie beſtehen. Arthur, zum Beiſpiel, hat etwas in ſeinem ganzen Aeußeren, =— 26 das einen angenehmen Eindruck macht. Seine Mun⸗ terkeit, ſein Scherz ſeine oft bizarren und launigen Einfälle, Alles feſſelt und intereſſirt. Er gefällt, man vermißt ihn, wenn er abweſend iſt, und man findet Andere langweilig und einförmig im Vergleich mit ihm; man vergißt, daß er leichtſinnig iſt, daß es ihm an Ernſt und wahrer Männlichkeit des Cha⸗ racters gebricht, und er ſchleicht ſich in's Herz hinein, ohne daß man ein Wort davon weiß. — Aber, mein Kind, eben Aurenius unterhält, intereſſirt und feſſelt. — Er unterhält weniger, als ex it eſſirt, er feſ⸗ ſelt weniger, als er belehrt und beherrſcht. Hinter Aurenius ausgeſuchter Artigkeit und nie vergeſſener Aufmerkſamkeit liegt ein hoher Grad von Selbſt⸗ gefühl. Ja, man fühlt ſich beläſtigt von dieſem Stolz, welcher Einem durch die Verbindlichkeit ent⸗ gegenblickt. Es iſt Etwas in ſeinen Manieren, was unaufhörlich daran erinnert, daß er ſich ſeiner Men U — — ſchenwürde vollkommen bewußt iſt und daß er ſich nicht gerne Anderer Ueberlegenheit anerkennt. Seine Unterredung iſt höchſt unterhaltend und lehr⸗ reich; aber es liegt eben in derſelben eine olchi Ueberlegenheit und Kraft, daß man von ſenen reicheren und ſtärkeren Geiſt gleichſam niedergedrü wird. Sein Ton iſt anſpruchslos, die Worte ge⸗ wählt; aber der Geiſt darin iſt derb und voll Selbſt⸗ vertrauen. — Wenn— fuhr Frigga fort— er in ſeiner Seele ſchwärmeriſche und glühende Gefühle birgt, ſo ſtehen dieſe zärtlicheren Inſtincte ſo vollkommen unte 4 der Herrſchaft der Vernunft, daß er es nie erlaubt, daß ſie ihn mit ſich reißen. Mit unerſchütterlicher Conſequenz gibt er jeder Sache ihren rechten Na⸗ men, ihre rechte Bedeutung und ihren rechten Platz. Er iſt, beſte Mama, eben ſo hochmüthig und ſtolz auf ſeine Bildung, wie es irgend Jemand auf ſeinen Stammbaum oder ſein Geld ſein kann. Die Frau, die für ihn Neigung haben ſoll, muß ihm nothwendig gleich in Bildung ſein, oder ſie wird unaufhörlich von ſeiner Selbſtzufriedenheit gedemüthigt werden. Frigga ſchwieg. Die Gräfin ſaß lange in Ge⸗ danken verſunken. Schließlich ſagte ſie: — Es iſt vielleicht etwas Wahres in Deinen Worten, und trotz dem möchte ich denſelben wider⸗ ſprechen. Ich gebe zu, daß Aurenius Stolz durch ſeine Verbindlichkeit hindurchſcheint, daß man leicht merkt, daß ſein übertriebenes Selbſtgefühl ihn veranlaßt, keinen Augenblick die untergeordnete Stellung zu vergeſſen, welche er in gewiſſer Beziehung einnimmt; aber dieſes beweist ja eben, daß er eine ganz ge⸗ ſunde und richtige Auffaſſung der Forderungen der Welt beſitzt, was nie ein Fehler ſein kann, der ihn der Eigenſchaft beraubte, liebenswürdig zu ſein. — Mama, wir lieben nie das, was niederſchla⸗ gend auf unſere Seele wirkt, und derjenige, welcher uns fortwährend zurückſtößt, iſt nie gefährlich— ſagte Frigga.— Die Stränge des Herzens ſind viel zu zart, als daß man irgend eine Melodie auf ihnen mit Eiſenhandſchuhen ſollte ſpielen können. Frigga ſtand auf und ging hin, um ſich ans Piano zu ſetzen. Die Gräfin ſah ihr nach und dachte: — Ich kann ruhig ſein. Frigga iſt ſelbſt zu ſtolz, um ihr Herz an einen Mann zu binden, deſſen Charakter ſie übermüthig findet, und deſſen geſell⸗ ſchaftliche Stellung der ihrigen untergeordnet iſt. Freilich verliebte Melcher ſich in ein bürgerliches Mädchen; aber mein armer Junge iſt hochmüthig, nicht ſtolz. Frigga dagegen iſt ſtolz, aber nicht hoch⸗ müthig. Der Hochmuth kann durch die Leidenſchaf⸗ ten erhöht, während der Stolz nur gebrochen wer⸗ den kann. Jetzt klang die Stimme Friggas. Der Wind blieb an den Salonfenſtern ſtehen, die Bäume hielten ihr Laub ſtill und die Blumen öffneten ihre geſchloſſenen Kelche, m den wunder⸗ baren Tönen zu lauſchen. Sſ Ach, wie oft wird nicht die Erinnerung an dieſe Stimme wiederklingen in meiner Seele und mein Herz mit der Empfindung des Verluſtes und der Be⸗ wunderung erfüllen! Gott hatte Frigga eine Stimme gegeben, welche ebenſo ſchön, klar und entzückend war, wie ihr Cha⸗ rakter erhaben, edel und ſtark. Die Zeit vermag manche i e aber gewiß nie die an Frigga und ihren Geſang. Bei den erſten Tönen trat der Graf zugleich mit dem Doctor und Valentin in den Salon. Sein Ohr entzücken laſſen von dem Geſange der Tochter, war etwas, was der Graf nicht gern verſäumte. Auch ſah man ihn, wenn ihn keine Angelegenheit anderswo feſthielt, immer in den Salon kommen, wenn Frigga gleich der Nachtigall„apf dem grü⸗ nen Zweig,“ ihre Stimme erhob. 8 e⸗ che e⸗ ag nie nit er te. eit en, 29 Als Frigga ein hübſches irländiſches Volkslied geſungen hatte, wandte ſie ſich an Volentin mit der Frage, ob er nicht ein Paar Duette mit ihr ſingen wollte. Zum Erſtenmale weigerte ſich der ſonſt ſo artige Valentin. Er ſagte, er ſei heißer. Das Klangvolle in ſeiner Ausſprache wiederlegte indeſſen ſeine Be⸗ hauptung. Frigga ſah ihn an, ohne mit einem Wort zu verſuchen, ihn zu überreden, und ſang darauf ein Paar Lieder, von denen ſie wußte, daß der Vater ſie gern hörte und verließ dann das Inſtrument. In demſelben Augenblick wurde der Propſt an⸗ gemeldet. Er kam, um, wie gewöhnlich, Abends eine Partie Vira*) mit dem Grafen und dem Doc⸗ tor zu ſpielen. Die Propſtin folgte ihrem Manne. Die Gräfin hatte ſie einladen laſſen. Als die Propſtin nach unaufhörlich wiederholten Verneigungen und tauſend Complimenten endlich Plaz genommen, und die Gräfin ein Geſpräch über Verſchiedenes mit ihr eingeleitet hatte, wovon die welterfahrene Dame wußte, daß es die Paſtors⸗ frau intereſſiren würde, nahm Frigga ihre Arbeit und ging auf die Terraſſe. Die Arbeit legte ſie indeſſen auf ihre Kniee und ſtatt zu brodiren, ließ Frigga gedankenvoll ihre Blicke auf dèn in unendlicher Mannigfaltigkeit blühen⸗ den Blumenbeeten ruhen. *) Ein Gemiſch von L'hombre, Whiſt und Boſton. 30 Auf ihrem lebhaften Geiſt lag eine Laſt von wirklicher Schwermuth. Sie konnte, trotz allen Be⸗ mühungen, ſich nicht davon befreien, und deshalb überließ ſie ſich nun ganz und gar derſelben. Lange hatte ſie indeſſen nicht ſo geſeſſen, als Jemand ganz in ihrer Nähe bemerkte: — Dieſes iſt gewiß ein Tag, der für Ueberra⸗ ſchungen beſtimmt iſt! Frigga wandte ihren Kopf. Valentin ſtand neben ihr. — Was meint der Lieutenant damit? fragt Frigga. — Ich meine, daß Fräulein vor einer Stund⸗ mich überraſchten, und ich jetzt Sie überraſche. — Womit? — Mit Träumen. Es iſt das erſtemal, daß ic Fräulein ein ſo ſchönes und lachendes Bild ſo ge dankenvoll betrachtend finde. — Ich will dem Lieuten mit denſelben Wor ten antworten, mit welchen Sie vor einer Stunde mir antworteten: Es iſt deshalb nicht geſagt, da es nicht ſchon früher geſchehen. — Ich behaupte auch nichts Derartiges,— ant wortete Valentin und fügte dann mit einer höflichen Verbeugung hinzu: — Aber vielleicht iſt meine Gegenwart Fräulei läſtig? — Durchaus nicht; es wird mir Vergnüge machen, wenn der Lieutenant ein Stündchen mit mi plaudern wollen. Aber Sie ſind vielleicht nicht 3 einer Unterhaltung aufgelegt? on e⸗ b nd gte nd ic or nde dat nt her lei e mi 31 Ich bin immer aufgelegt zu einer Unterhal⸗ tung mit Fräulein. Können Sie errathen, an was ich dachte, als Sie mich anredeten? — Ich bin nicht dreiſt genug, um mir eine Ver⸗ muthung zu erlauben. — Darum, weil ſie überflüſſig wäre. Sie wiſ⸗ ſen ſehr wohl, was meine Gedanken beſchäftigte. — Möglich; aber in dieſem Falle behalte ich es bei mir. — Nun wohlan, dann werde ich das ausſpre⸗ chen, was Sie nicht nennen wollen. Sie haben mich betrübt. — Ich habe es in der That bemerkt, und doch habe ich nur eine Wahrheit ausgeſprochen. — Gerade darin liegt das Peinliche. Es iſt ſehr niederſchlagend, daß ein Mann, welcher ſo wirk— lich gebildet und aufgeklärt iſt, wie der Lieutenant, dem, was falſch und ungereimt iſt, ſeine Billigung ſchenken kann. — Fräulein Frigga, Sie ſind noch viel zu jung, und erlauben Sie, daß ich hinzufüge, viel zu ſchwär⸗ meriſch, um das Leben in ſeiner wirklichen Geſtalt ſehen zu können; wenn Sie aber einſt Erfahrung geſammelt, dann werden Sie das ſchätzen, was Sie jetzt verwerfen. Sie werden dann duldſamer werden in Ihrer Beurtheilung der Menſchen, der Geſellſchaft und der angenommenen Gebräuche. — In allem dem können Sie Recht haben; aber ein Mann von Bildung und Stolz von einem beſtimmten Klaſſenunterſchied ſprechen kann, das wun⸗ dert mich. Hätte Gott mich als Mann geboren daß 32 werden laſſen und mich auf eine noch ſo niedrige Stufe im Leben geſtellt, ſo würde ich durch meine eigene Kraft und durch den Nutzen, den ich der Ge⸗ ſellſchaft bringen könnte, mich emporgeſchwungen ha⸗ ben über alle dieſe Schranken, welche der Standes⸗ unterſchied errichtet hat. Ich würde dann bewieſen haben, daß Aufklärung und wahre Tüchtigkeit.... — Zu Ehre und Auszeichnung führen können, — fiel Valentin ein,— deſſen bin ich ganz gewiß; aber wenn Sie einer der niedern Klaſſen entſproſſen ſich in eine höhere hinaufgeſchwungen, ſo blieben doch dieſelben Schranken, welche Sie von der Stelle, der Sie jetzt angehören, trennten, zwiſchen Ihnen und dem Platz, den Sie verließen. Trotz alledem wür⸗ den Sie nicht im Stande ſein, das Gitterthor niederzureißen, welches ſich zwiſchen dem Emporkömm⸗ ling und dem Hochgeborenen erhebt. — Lieutenant Aurenins, wie iſt es möglich, ſo zu ſprechen!— brach Frigga aus⸗ — Um Verzeihung, ich werde gleich beweiſen⸗ daß ich Recht habe. Klaſſenunterſchiede hat es immer gegeben und wird es immer geben. So weit wir n in der Zeit zurückgehen, ſehen wir, daß es ſich ſo verhielt. Es gibt kein ſo ungebildetes Volk, daß es nicht Häuptlinge und gemeine Leute hat, und es hat keine ſo gebildete und cultivirte Nation gegeben, bei welcher nicht eine ſcharfe Gränze zwiſchen den ungleichen Klaſſen in der Geſellſchaft ſtattfand. Es ſcheint deshalb Gottes Abſicht zu ſein, daß die Men⸗ ſchen durch getrennte Mittel, Intereſſen und Wirk“ ſamkeit gleichſam von einander abgeſondert werden . ſollen, während ſie nach einem gemeinſamen Ziele ₰ 33 ſtreben, das heißt: der Veredlung der ganzen Menſch⸗ heit durch eine höhere, ſittliche und intellectuelle Ent⸗ wickelung. Laßt uns einen Blick um uns in der Natur werfen, auf dieſe verſchiedenartigen Bäume, und wir können ſagen, daß ſie gleichſam die unglei⸗ chen Klaſſen in einer Geſellſchaft repräſentiren. Die Eiche verlangt einen andern Boden und Nahrungs⸗ ſtoff, als die Tanne. Sie werden beide Bäume ge⸗ nannt, kennen in demſelben Walde wachſen und neben einänder ſtehen; aber doch exiſtirt zwiſchen ihnen ein beſtimmter Unterſchied, welcher verurſacht, daß ſie ſich nicht in einer und derſelben Wurzel ver⸗ einigen. Man kann freilich die Zweige des einen auf den andern impfen; aber es gelingt ſelten und oft ſtirbt der Baum ab, auf deſſen Stamm man einen fremden Zweig geimpft. — Das Bild, welches Sie eben wählten, iſt falſch,— fiel Frigga ein;— denn jede Klaſſe von dieſen Bäumen bleibt ſich gleich und kann nicht durch Cultur in etwas Beſſeres verwandelt werden, als ſie ſind. Die Föhre kann nicht eine Buche und die Buche nicht eine Eiche werden; aber der Sohn des Bauers kann Graf werden und die höchſten Aemter bekleiden. — So etwas paſſirt bisweilen,— antwortete Voalentin lächelnd,— und ich habe nur die Bäume herbeigezogen als Beweis, daß die Natur ſelbſt ihre Klaſſenordnung hat. Was in der Natur gilt, gilt auch unter den Menſchen.— In jener Zeit, wo die körperliche Kraft am höchſten geſchätzt wurde, war der Stärkere der Mächtigſte, und damals hatten wir die Uebermacht der Kraft über die Schwäche. Es Schwartz, Geburt u. Bildung. 11. 3 A. S 34 iſt dieſe, welche uns die erblichen Vorrechte gebracht. Der Platz, welchen zuerſt das Schwert einnahm, iſt derjenige, welchen jetzt der Adel einnimmt. Zwi⸗ ſchen dem höchſten und niedrigſten Stand der Ge⸗ ſellſchaft ſteht die Mittelklaſſe, der Bürger und Handwerker, alle mit ungleichen Sitten und In⸗ tereſſen. Valentin beugte ſich etwas nach vorne und fügte, während er im Sande zeichnete, hinzu: — Eine anerkannte Wahrheit iſt es, daß wir unſere Gewohnheiten mit uns vom etterlichen Hauſe bringen. Wenn dem ſo iſt, ſo gibt es ja ſchon von Kindes⸗ beinen an einen Unterſchied in den Anſichten, Denk⸗ weiſen und Lebensbedürfniſſen, welcher nicht ſo leicht aufgehoben werden kann. 5 — Aber der Sohn des Bauers kann ſich die Bil⸗ dung des Edelmanns aneignen und ſich von der Sphäre entfernen, in welcher er als Kind gelebt,— fiel Frigga ein. — Er kann das, was noch mehr iſt, er kann den Edelmann an Aufklärung und gebildetem Verſtande übertreffen; aber er wird doch immer in ſeinem Innern etwas vom Bauer behalten, welches ſcharf contraſtiren wird mit den Gefühlen und Sympathien des Edelmanns. Die Welt wird ſich außerdem im⸗ mer erinnern, daß er ein Kind des Volkes iſt.— Laßt uns zwei junge Leute nehmen, den einen einen Bauernſohn, der mit Auszeichnung Magiſter wird, den anderen einen Grafen, der mit knapper Noth) durch Carlberg gekommen und Lieutenant geworden iſt. Führt ſie ein in die kleinſte Hütte, oder in den glänzendſten Salon, im Dorf oder bei Hofe; überall 35 wird der Graf den Vortritt vor dem Magiſter haben. — Angenommen, daß dieſe beiden jungen Männer ein und daſſelbe Mädchen lieben und um ſie anhalten, welchem von ihnen, glauben Sie, daß ſie ihre Hand ſchenkt, dem Bauern, oder dem Grafen? — Wenn ſie ſelbſt gebildet iſt, ſo wird ſie den Bauernſohn wählen,— antwortete Frigga. — Möglich, daß ſie das thun wird; aber wenn ſie von ſogenannter guter Familie iſt, dann werden ihre Eltern nicht derſelben Anſicht ſein, und ich glaube, daß ſie Recht haben.“ — Recht!— rief Frigga und ſah Valentin an. — Ja wohl! Sie bilden ſich natürlich ein, daß der Bauernſohn eine gewiſſe Rohheit in Geſchmack und Gefühlen beibehalten hat, welche in Streit mit denen des fein erzogenen Mädchens ſind. Dies würde tauſend bittere Stunden in ihrem Zuſammen⸗ leben verurſachen und möglicherweiſe zu Zwiſt und häuslichem Unglück führen. — Herr Lieutenant, wir ſprechen hier von einem gebildeten Mann. Hier iſt alſo nicht nur die Frage von einem blos intellectuell Gebildeten.“ — Fräulein, dieſem gebildeten Bauernſohn würde es eben ſchwer halten, irgend ein häusliches Glück an der Seite einer Gattin zu finden, die blos eine äußere Politur, ſchwache Gewohnheiten und eitle Launen beſäße. Je gebildeter er wäre, deſto mehr Anſprüche würde er machen, Anſprüche, welche das hochgeborene Mädchen für ungehörig für einen Mann anſehen würde, zu dem ſie herabgeſtiegen. — Sie huldigen alſo dem Klaſſenunterſchied? — Ich huldige ihm nicht; aber ich ſage daß er 2 36 immer eriſtiren wird. Der Adel räpräſentirt die Ariſtokratie der Ritterlichkeit und des Schwertes. Er gehört einem verſchwundenen Zeitalter an und wird von dem des Geldes verdrängt, welches in der Zukunft von dem der Bildung umgeſtürzt werden wird.“ — Aber mit Bildung und Aufklärung müßte wohl auch Gleichheit entſtehen.“ — Durchaus nicht. Bildung und Aufklärung können nicht allen Menſchen in gleichem Maße gefallen.“ — Sie haben Recht; denn der höchſte Grad intel⸗ lectueller und moraliſcher Bildung kann nicht zugänglich oder gleich möglich für Alle werden, und derjenige, welcher im Beſize derſelben iſt, muß alſo den Abſtand zwiſchen ſich und dem weniger Gebildeten kennen.“ — Nun wohl, wenn Fräulein dies zugeben, ſo ſind wir auch einig. Sie müſſen dann einräumen, daß die Gitterthore nicht aufhören können zu exiſtiren. — Zwiſchen gebildeten Menſchen ſollten ſie nicht gefunden werden. Volentin betrachtete ſie eine Weile. — Erinnern Sie ſich des Magiſter Grönbeck, welcher vergangenes Jahr im Propſthofe zum Be⸗ ſuch war?— fragte Valentin, als wenn er das Thema abbrechen wollte. — Das wäre wohl unmöglich, einen ſo intelli⸗ genten Mann zu vergeſſen. — Verdient er den Namen eines wirklich Ge⸗ bildeten? — Mit vollem Rechte. — Halten Sie ihn für Ihnen gleich in Bil⸗ dung? . 4 37 — Wer mir überlegen iſt, iſt mehr, als meines Gleichen,— antwortete Frigga. — Ein Weib kann ſich alſo ſtolz fühlen, von ihm geliebt zu werden. — Ja! — Er iſt indeſſen nur der Sohn eines armen Küſters. — Deſto größer iſt ſein Verdienſt, daß er ſich ſo außerordentliche Kenntniſſe hat aneignen können. — Iſt er nach Ihrem Dafürhalten ſowohl Liebe als Achtung werth? — Mehr als Jemand, den ich kenne. Und doch, wenn es ihm gelänge Ihr Herz zu gewinnen und er dann um Ihre Hand anhielte, was für eine Antwort glauben Sie, daß der Graf geben würde? Eine heftige Röthe flog über Friggas Antliz. Es war etwas derb von Valentin geweſen, einen ſehr empfindlichen Punct in ihrer Seele zu berühren; aber troz dem Schmerze, den dieſe Berührung verur⸗ ſachte, antwortete Frigga, deren Seele Unwahrheit und Verſtellung ſo fremd waren, wie dem Tageslicht die Finſterniß der Nacht: — Er würde ſich weigern, ihm ſeine Tochter zu geben. — Und ich billige die abſchlägige Antwort des Grafen,— antwortete Valentin.— So lange es einen Adel gibt, muß dieſer Adel die Principien deſ⸗ ſelben aufrecht erhalten. Zwiſchen Ihnen und Grön⸗ beck erhebt ſich alſo daſſelbe Gitterthor, von welchem ich ſprach, als ich das Gemälde beſchrieb, welches nich feſſelie 38 Frigga ſchwieg. Es entſtand eine Pauſe. Valentin hatte mit einer ſolchen Ruhe geſprochen, daß man deutlich hörte, wie er nur mit ſeinem Ver⸗ ſtande das Thema discutirte. Nach langem Schweigen ſagte Frigga: — Warum weigerte ſich der Lieutenant, mit mir zu ſingen: — Weil das Gitterthor vor meiner Erinnerung ſtand,— antwortete Valentin lächelnd. — Das begreife ich nicht; daſſelbe hat es ja immer auf Liungbro gegeben, ſeit Sie hierher ge⸗ kommen und lange vor der Zeit. — Ich habe es immer gewußt, Fräulein Friggaf aber heute Abend kam es mir vor, als wenn ich deſſen eiſerne Stangen zwiſchen Ihnen und mir ſehe. — Warum mehr heute Abend, als ſonſt? — Was weiß ich, vielleicht, weil Sie und ich uns darüber unterhielten. — Und dieß war die Urſache Ihrer Weigerung? — Ganz gewiß. Wäre ich Ihrem Wunſche nach⸗ gekommen, ſo würde ich⸗ſchlecht geſungen haben, und ich bin viel zu eitel, um mich bloßzuſtellen und Anderer Nachſicht zu bedürfen. — Sagen Sie lieber, daß Sie zu viel Eigen⸗ liebe beſitzen, um Etwas zu thun, was Sie nicht für tadellos halten. — und wenn dem ſo wäre, ſo läge ja darin ein ganz ehrenwerthes Streben. — Wenn das Streben darauf ausginge, irgend eines Anderen als Ihr eigenes Gefallen zu gewin⸗ nen. Uebrigens, Lieutenant Aurenius, wer ſagt Ihne daß gerade Sie nicht der Nachſicht Anderer bedürfen 39 — Mein eigenes Urtheil. — Jezt lachte Valentin. — Keineswegs; aber wenn man nach ſeiner beſten Ueberzeugung handelt, ſo hat man Alles gethan, was man vermag; mehr kann kein Menſch verlangen. — Aber wenn Sie trotzdem fehlen, ſo bedürfen Sie ja doch Anderer Nachſicht. — O ja; aber mit dem Unterſchied, daß, wenn ich mich in Unkenntniß meines Fehlers befand, ſo wird daſſelbe mit der Strafe der Fall ſein. — Sie betrachten alſo die Nachſicht als eine Strafe? — Ja, gewiß, denn ſie bringt Demüthigung mit ſich. — Und doch habe ich heute viel Nachſicht mit Ihnen haben müſſen. — Sie!— rief Aurenius und betrachtete überraſcht Frigga, welche in dieſem Augenblick ihren Kopf un⸗ gewöhnlich hoch trug. — Geben Sie nicht Unkenntniß vor, die ebenſo we⸗ nig wirklich vorhanden iſt, wie die angebliche Heiſer⸗ keit, ſondern ziehen Sie es vor, wahr zu ſein; das ſteht dem gebildeten Menſchen am beſten an.— Sie haben ſich ſo vollkommen auf meine Nachſicht verlaſ⸗ ſen, daß Sie ganz rückſichtslos die empfindlichſten Themata berührten. Ich wiederum, die ich auch meine Eigenliebe beſitze, habe nicht gewollt, daß Sie ſich in mir verrechnen ſollten, weil Sie bei mir eine gute Eigenſchaft vorausſetzten, und deßhalb habe ich auch nicht einen Schatten von Verdruß em⸗ pfunden. — Was fühlte Fräulein Harthon damals?— frug Valentin, und heftete ſeine durchdringenden Augen auf das junge Mädchen. 40 — Ich fühlte Befriedigung bei dem Bewußtſein, daß Sie in meiner Schuld, weil ich, trotz alledem, doch Ihre Freundin bin. Frigga reichte ihm die Hand und fügte hinzu: — Ein richtiges Maß von Stolz iſt eine Tugend, aber zu viel ein Fehler. Valentin ergriff die dargereichte Hand und drückte ſie mit Ehrfurcht. Darauf ſagte er: — Ich werde mir die Lection zu Herzen nehmen und ſeien Sie überzeugt, daß ich nicht ſo bald wieder Ihre Nachſicht in Anſpruch nehmen werde; dazu hege ich viel zu große Achtung vor Fräulein; allein ich habe zu hohe Gedanken von Fräuleins Verſtand, daß ich glauben könnte, Sie würden die Wahrheit ver⸗ ſchweigen. Meine Worte ſind nie darauf berechnet, zu verletzen, ſondern meine Ueberzeugung auszu⸗ drücken. Sie müßten das wiſſen. — Siehe— ſagte Frigga, ohne das Thema fort⸗ zuſetzen, und zeigte auf die untergehende Sonne,— ſiehe, wie Gott ſeine Güte leuchten läßt über Meer und Land, über Wälder und Thäler! Betrachten Sie dieſes Gemälde. Nach meinem Dafürhalten iſt es der Aufmerkſamkeit ebenſo würdig wie das, welches Sie feſſelte und das jezt hinter uns liegt. — Fräulein, das Gemälde vor uns iſt ein Bild des ideellen, das hinter uns des wifklichen Lebens. Wenn Sie ſich auch noch ſo wenig zurückneigen, ſo ſtoßen Sie mit dem Kopf gegen die grauen Steinmauer des Schloſſes. — Ich neige mich lieber vor. — Nun, und was hilft das? Sie vermögen ja doch nicht das blaue Meer, die blühenden Geſtade, mn en n ja e, 41 die tiefen Wälder und die untergehende Sonne zu umarmen. Die Wirklichkeit iſt das, was wir be⸗ ſitzen; das Ideal das, was wir träumen und faſt nie im Leben wiederfinden. — Aber wenn wir es vor uns haben, ſo können wir gerne das vergeſſen, was hinter uns liegt,— antwortete Frigga, erhob ſich von der Bank und ging hinein in den Salon. Volentin blieb zurück auf der Terraſſe, aber nicht, um Frigga mit ſeinen Blicken zu folgen, ſondern nur, um ein kleines Unkraut ſorgfältig zu entfernen, wel⸗ ches es gewagt hatte, ſeine plebejiſchen Blätter neben einer prunkenden Levkoie emporzuſtrecken. Als es ihm gelungen war, es mit der Wurzel auszureißen, betrachtete er es mit geſpanntem In⸗ tereſſe. Frigga, das Geſpräch und Alles ſchien ver⸗ geſſen über die botaniſche Unterſuchung, welche er anſtellte. Als dieſe zu Ende war, wurde die Pflanze ſorg⸗ fältig zwiſchen die Blätter ſeines Taſchenbuchs gelegt, worauf Valentin ſeinen Weg nach dem Meere zu nahm. Der Mond ſtieg langſam im Oſten auf und erhob ſeine Silberſcheibe über die Waſſerfläche, in deren Schooß er ſein bleiches Antliz ſpiegelte, ohne Wärme und ohne eigentliches Licht. Auf Liungbro wat Alles zur Ruhe gegangen. Die Gitterthore zur Allee und zum Park waren ge⸗ ſchloſſen. Ganz phlegmatiſch machten zwei große Hof⸗ hunde ihre Runde um den Hof, um nachzuſpüren ob kein Unberufener ſich ohne ihr Wiſſen hineingeſchlichen hatte. Als der eine von ihnen bei dem kleinen Säulen⸗ gang ankam, welcher das alte Schloß mit dem mo⸗ 42 dernen Flügel verband, blieb er ſtehen und ließ ein leiſes Knurren vernehmen. ten traf das Ohr des wachſamen Thieres. Die Thüre am Flügel wurde geöffnet und eine weibliche Figur trat hinaus in den Säulengang. Das mißvergnügte Knurren des Hundes wurde mit einem freundlichen Gekläff vertauſcht. Er ſprang hinein zwiſchen die Säulen, um derjenigen, welche zu begegnen. herauskam, freundlich Es war Frigga. Sie Der Klang von Schrit⸗ ſtreichelte den Kopf des treuen Wächters und wehrte dadurch ſeine heftigſten Freudenbezeugungen ab, den Gang und in das worauf ſie den Weg dur alte Schloß weiter fortſezte⸗ Als die Thüre ſich hinter Frigga geſchloſſen, 2 tönten die dumpfen Schläge der Thurmuhr, welche meldeten, daß die Mitternachtsſtunde gekommen ſei. Ohne ſich dadurch ſtören zu laſſen, nahm Friggo ihren Weg hinauf in den erſ ten Stock. Sie ging durch die düſtern vom Monde erhellten ſo ſorglos, als wenn ſie an ertag in dem Park ſpazieren ge⸗ Gänge und Zimmer einem warmen Somm gangen wäre. Das Dede, um nicht zu ſagen Unheimliche, ſowohl der Zeit wie des Ortes, ſchien nicht im Geringſten Man merkte leicht, daß ſie an dieſe nächtlichen Promenaden in der Burg ihrer Vä⸗ ter gewöhnt war, und daß ſie eine gewiſſe Vorliebe auf ſie einzuwirken. für dieſelben hatte. Nochdem ſie durch verſchiedene kleine Zimme poaſſirt war, trat ſie in die große Porträtgallerie ein, welche, in dieſer Halbdämmerung geſehen, wirklich was Geſpenſterhaftes an 3 ſich hatte. be ter in et⸗ 43 Frigga blieb einige Secunden an der Thüre ſtehen und ließ ihre Blicke dieſes Zimmer überſchauen, wel⸗ ches die Züge der längſt Dahingegangenen barg, die einen Namen als Erbſchaft hinterlafſen, der durch Verdienſte derſelben ausgezeichnet war. Die Erbin dieſes Namens ſtand zu mitternächt⸗ licher Stunde ganz allein im Ahnenſaale ihrer Vor⸗ väter. Nachdem Frigga eine Weile ſo geſtanden, wandte ſie ſich nach rechts und ging langſam vorwärts, in⸗ dem ſie einen Augenblick bei jedem Porträt, an wel⸗ chem ſie vorbeipaſſirte, verweilte. Bei einigen hielt ſie ſich länger auf, gerade als wenn ſie wünſchte, daß die leblofen Züge im Stande geweſen ſein möchten, die längſt geſtorbenen Freuden und Leiden des Herzens zu erzählen. Auf dieſe Weiſe war Frigga an einem Porträt angelangt, welches ſeinen Plaz mitten an einer der langen Wände hatte. Sie ſtand vor dem Bilde eines Mannes, welcher in ein katholiſches Biſchofsgewand gekleidet war, Die Strahlen des Mondes fielen gerade auf das Bild und erhellten mit einem eigenen Lichte die Geſichtszüge, die im höchſten Grade charakteriſtiſch waren. In ſeinen Blicken lag der Ausdruck einer unend⸗ lichen Güte und Schwermuth, welcher mit dem Zuge der Strenge um ſeinen Mund ſcharf contraſtirte. Die hohe und breite Stirne war gleichſam von Ge⸗ danken beſchwert, und die eingeſunkenen und bleichen Wangen waren von Leiden abgezehrt. Man konnte ſehen, daß der Kampf mit irdiſchen Leiden die Kraft ℳ 44 ſeines Körpers gebrochen, daß aber die Seele ver⸗ klärt und veredelt, ſiegreich aus dem Streite hervor⸗ gegangen ſei. Unter dem Namen des Prälaten war, wie bei einigen wenigen der anderen Porträts, auf dem ver⸗ goldeten Rand des Rahmens ein breiter ſchwarze Strich gezogen. Frigga betrachtete mit einem Blick voll Ehrfurcht dieſes Geſicht, um welches man meinte, daß ein⸗ Glorie am Platz geweſen wäre. — Wie viel man für ſeine Pflicht thun kann, das haſt Du uns gelehrt,— flüſterte Frigga. Du biſ in meinen Augen größer, als alle Deine ſtolzen Vor fahren und Verwandte, denn Du opferteſt Dich ſelb und alle Deine Hoffnungen auf Glück und Zufrieden heit, um nicht den Willen eines ſtolzen Vaters z kränken. Dir zu gleichen in Gerechtigkeitsliebe, in Verträglichkeit, in Güte und Aufklärung— ſiehe das iſt Etwas, was ich wünſchte.— Dann wär ich vollkommen würdig, den Namen zu tragen, wel⸗ chen Du durch Deine Seelengröße ſo verehrungs würdig gemacht, und doch— findet ſich unter Dei nem Ramen dieſer bedeutungsvolle Strich. Es iſ alſo in unſerem Geſchlecht ein Verbrechen, ein Her zu beſitzen— und dieſes Verbrechen kann nicht ein mal der Tod verſöhnen. Frigga faltete die Hände, ſank auf die Kni vor dem Bilde und ſtammelte ein warmes innige Gebet. Eben als ſie damit zu Ende war und wie der aufſtehen wollte, hörte ſie ein durchdringend und dumpfes Geräuſch hinter ſich. Der Wiederha davon klang durch die ganze Gallerie. iſt r⸗ zl he ire el⸗ 5 iſ er in tie ge vie de hal 4⁵5 Schnell drehte Frigga ſich um, um zu ſehen, was es ſei. Auf dem Boden lag ein Gemälde, welches von der entgegengeſetzten Wand herabgefallen war. Ohne ſich zu beſinnen, eilte Frigga hin, um nach⸗ zuſehen, was Schuld daran geweſen, daß das Bild ſich von der Wand losgemacht. Als ſie es aufhob und einen Blick darauf warf, zuckte ſie zuſammen, als wenn ſie durch einen unan⸗ genehmen Anblick berührt worden wäre. Das Porträt war das des Grafen Axel Harthon und abgenommen, als er noch ganz jung war. Frigga trat an eines der hohen Fenſter und be⸗ trachtete, indem ſie das Bild ſo hielt, daß die Mond⸗ ſtrahlen darauf fielen, die ſchönen, feinen und regel⸗ mäßigen Züge und flüſterte: — War es mein Gebet, das Dir mißfiel, oder welche traurige Begebenheit ſoll es bedeuten, daß Du nie⸗ derfielſt? Ach mein edler geliebter Vater, Du weißt ja, daß Deine Tochter nie die Rückſichten vergeſſen wird, welche ſie auf Deine Pläne zu nehmen hat. Frigga drückte ihre Lippen gegen das Porträt; darauf wandte ſie es um, um zu ſehen, ob der Haken entzwei gegangen. Er war ganz, und ſo konnte der Fall nicht daher kommen; aber in dem⸗ ſelben Augenblick erregte ein geſchriebenes Zettelchen, welches auf die Rückſeite geklebt war, ihre Auf⸗ merkſamkeit. Das junge Mädchen näherte ſich noch mehr dem Fenſter und las unter Anſtrengung ihrer Augen fol⸗ gende Worte, welche mit der Handſchrift ihres Va⸗ ters geſchrieben waren: „Wenn Arel Harthon zu ſeinen Vätern gegangen iſt, ſoll unter ſeinen Namen ein ſchwarzer Strich geſetzt werden.“ Die Bewegung, welche Frigga beim Leſen dieſes empfand, war ſo heftig, daß ſie das Bild beinahe hätte fallen laſſen. Ein Windzug ging in dieſem Augenblick durch die Gallerie und ſauſte wie ein Seufzer an Friggas Ohren vorbei. Sie blickte um ſich, als wenn ſie erwartete, daß ihre Ahnen aus den Rahmen heraustreten würden 4 ihr zu helfen, dieſe bedeutungsvollen Worte zu eſen. Lange ſtand Frigga und ſtarrte das geſchrieben Blättchen an, als wenn ſie ſich hätte überzeugen wollen, daß es kein Traum geweſen. Endlich ſeufzte 1 ſ ſie tief. Mit einer eigenthümlich entſchloſſenen Be⸗ wegung ſprang ſie auf einen Stuhl und ſah nach ob der Nagel nicht los gegangen; aber der ſaß feſt wie ein Berg, und doch war das Gemälde von den Wand herunter gefallen. c War das eine Offenbarung, welche der Herr der Geſchicke ihr zugeſandt? Dieſe Frage konnte Frigga nicht beantworten; aber als ſie wieder das Porträt des Vaters aufhängte, ſtammelte ſie mit einem Blic, nach oben: — Gott, ich danke Dir; Du haſt mir all mein Ver, trauen wiedergegeben! Damit verließ ſie die Gallerie und kehrte durch den Säulengang in ihr Zimmer zurück. zr⸗ 47 Der Morgen, welcher auf dieſe Nacht folgte, kam heran mit einer finſteren, ſchweren, umwölkten Stirne. Ueber der Himmelswölbung hingen Wolken, wie Sor⸗ gen über der Seele, die das Licht und die Klarheit verſcheuchten. Die Luft war dumpf und ſchwül; nicht ein ein⸗ ziger Windzug milderte das Drückende darin. Bäume und Pflanzen ſtanden da mit hängendem Laub und niedergebeugten Blumenkronen. Die Frühſtücksglocke auf Liungbro ertönte mit einem eigenen klagenden Klang, wie es der Fall zu ſein pflegt, wenn die Luft ſchwer iſt. Beim erſten Ton derſelben trat Valentin in den Speiſeſaal, vollkommen überzeugt, daß er der Erſte ſei, aber er fand zu ſeiner Ueberraſchung Frigga be⸗ reits dort,— Etwas, was ihm nicht ſehr zu gefallen ſchien, denn bei ihrem Anblick zog er ganz unfrei⸗ willig die Augenbrauen zuſammen. Frigga wandte ſich an ihn mit einem Geſicht, das ebenſo lächelnd und freudeſtrahlend ausſah, wie der Tag wolkig und traurig war. — Guten Morgen, Herr Lieutenant!— rief Frigga Valentin zu. Wie geht es mit unſerer Wette? — Der Graf und ich haben ſie verloren,— ſagte Valentin ſich verneigend. — Und werden auch in der Folge alle derartigen Wetten verlieren, falls Ihr unbeſonnen genug ſein ſolltet, dieſelben einzugehen. — Ich für meinen Theil werde mich davor in Acht nehmen,— verſicherte Valentin.— Ich bin zu ar m, um Verluſte ertragen zu können. Aber,— fügte er munter hinzu,— genau gerechnet, iſt es nicht ſo ganz 48 ſicher, daß der Graf und ich das Spiel verloren haben. — Nicht! Was ſoll das bedeuten, mein Herr? Wollen Sie die Wohrheit verläugnen?— antwor⸗ tete Frigga ſcherzend. — Das ſei ferne von mir; aber die Wohrheit iſt bisweilen ſehr vielſeitig. — Der Lieutenant will den Advokaten ſpielen. — Durchaus nicht; laßt uns die Sache ein wenig näher betrachten! — Gern; Papa und Sie behaupteten geſtern, daß ich immer die Letzte beim Frühſtück ſei. — Und wir hatten Recht. Es ſind achtzehn Mo⸗ nnate, daß ich das Glück habe, auf Liungbro zu ver⸗ weilen und.. — Während dieſer Zeit bin ich gewöhnlich mit dem letzten Glockenſchlag gekommen,— fiel Frigga ein. — Sie haben jetzt ſelbſt zugegeben, daß wir Recht hatten.. — Ja in Ihrer erſten Behauptung, aber durchaus nicht in dem Schlußſatz, den Sie beide daraus gezogen. — Daß Fräulein die Morgenruhe liebten. Jetzt lachte Valentin. — Gerade darin irrten Sie ſich. Meine vorneh⸗ men Gewohnheiten haben ſich nie durch Vor⸗ kiebe für das Schlafen an den Tag gelegt. Dazu bin ich zu beweglich. Sie ſind wohl der Einzige, der mich dergleichen beſchuldigt. — Um Verzeihung, der Graf that es auch. — Einzig und allein deßhalb, weil es hie und da einmal paſſirte, daß ich den Einfall bekam, mich zu verſchlafen. 49 Ob das nicht gewöhnlicher iſt, als das Gegen⸗ theil? — Der Herr Lieutenant iſt rückſichtslos und am beſten iſt es, daß wir uns jetzt an die Gegenwart halten. Um was wetteten wir? — Darum, daß Fräulein nicht die erſte beim Frühſtück ſein könnten. — Durchaus nicht, ſondern Papa behauptete, daß ich es nicht an einem einzigen Morgen ſein konnte, und damit ſtimmten Sie überein. — Ich wage nicht die Behauptung des Fräu⸗ leins zu heſtreiten, ſondern überlaſſe die Sache der Beurtheilung des Grafen,— ſagte Valentin und ver⸗ neigte ſich vor dem gräflichen Paare, welches eben eintrat. Der Doctor und die frühere Gouvernante, Aurora Dorbineau, kamen ebenfalls in den Speiſeſaal. Der Graf ſcherzte über die Anſtrengung der Tochter, ſo früh auf zu ſein. Er war bei ſehr heiterer Laune und behauptete, daß Frigga wegen ihrer ſchönen Bemühungen es verdiene, die Wette zu gewinnen. Die fröhliche Stimmung Friggas und ihres Va⸗ ters machten einen wohlthuenden Eindruck auf die Uebrigen, welche Alle mehr oder weniger unter der Einwittung der ſchwülen Luft auf das Gemüth itten. Nach dem Frühſtück kündigte Frigga an, daß ſie eine Reittour zu machen beabſichtige. Die Gräfin brachte einige Einwendungen dagegen vor, weil der Himmel ſo unglückdrohend ausſah. Wir bekommen gewiß ein Gewitter,— ſagte ſie. Und wenn das geſchieht, fiel der Graf ein, Schwartz, Geburt u. Bildung. n. 4 ſo iſt meine kleine Amazone nicht ungewöhnt an ein Sturzbad und fürchtet ſich auch nicht ſehr davor,— oder Frigga? — ch habe zu viel von meines Vaters uner⸗ ſchrockenem Blut, als daß ich die Furcht auch nur dem Namen nach kennen ſollte. — Gut geantwortet!— Der Graf lächelte ſei⸗ ner Tochter zu.— Auch habe ich Dir einen Vor⸗ ſchlag zu machen. Würdeſt Du nicht erlauben, daß ich und Lieutenant Aurenius Deine Ritter werden? — Uunendlich gern!— Frigga neigte anmuthig ihren Kopf. — Ich fürchte nur, daß meine Ritter dann das Ziel meiner Promenade beſtimmen müſſen. — Lch, das iſt etwas, dem das Fräulein ſich nicht zu unterwerfen beabſichtigt— ſagte der Graf ſcherzend. — Für diesmal iſt es mir gleichgültig, wo der Weg uns hinführt, beſonders wenn der Graf Arxel Harthon den Curs beſtimmt. Frigga ſagte dies mit einem Blick, welcher deut⸗ lich zeigte, wie wirklich lieb ſie den Vater hatte. Dann hüpfte ſie aus dem Speiſeſaal hinaus, um das leichte Muſſelinkleid mit einem Reitkleid zu ver⸗ tauſchen. Eine Stunde ſpäter ſtand die Gräfin am Fenſter und ſah, wie die Tochter mit dem Vater zur Rech⸗ ten und Valentin zur Linken die Allee hinabritt. Frigga's feine und harmoniſche Geſtalt nahm ſich beſonders ſchön aus in dem dunklen Reitanzug. Der kleine Kaſtorhut ſtand ihr gut, und es war kein 51 Wunder, daß das Auge der Mutter ihr mit Wohl⸗ gefallen folgte. An einem andern Fenſter des Salo ſtand Aurora Dorbineau, eine ausgezeichnet gebildete und ungewöhnliche Dame, welche jetzt, nachdem die Er⸗ ziehung des Fräuleins vollendet war, ſich bei der gräflichen Familie als ein Mitglied derſelben aufhielt. Als die kleine Reitertruppe am Ende der Allee verſchwunden war, ſagte die Gräfin zu Aurora: — Lieutenant Aurenius hat eine wirklich ſtatt⸗ liche Figur und nimmt ſich gut aus zu Pferd. — Ja, das thut er. Der Lieutenant iſt in der That ſowohl ein ſchöner, als ein geiſtreicher Mann; aber demohngeachtet hat er nichts Einnehmendes. Es friert Einen bei ſeiner kalten Höflichkeit und man ſpürt keine Luſt, ſich ihm zu nähern. — Ich fürchte, daß dieſes Urtheil von Dir etwas einſeitig iſt, ſagte die Gräfin.— Man hat mir noch neulich mitgetheilt, daß er in Paris ſehr beliebt geweſen. — Ja, das iſt wahr, die Urſache mag die ſein, daß er zu ſehr Salonmann iſt, um nicht in dem geſellſchaftlichen Leben angenehm zu ſein,— antwor⸗ iie Aurora und fügte mit einem eigenen Lächeln inzu: — Unbegreiflich, daß eine ſo mittelmäßig aus⸗ geſtattete Mutter, wie die ſeinige, einen ſo reichbe⸗ gabten Sohn bekommen konnte. — Sein Vater hat einen ausgezeichneten Kopf, — meinte die Gräfin. Ein Weile bildete die ungewöhnliche Intelligenz und die übrigen guten Eigenſchaften des Propſten den 52 Gegenſtand des Geſprächs unter den beiden Damen; ſchließlich äußerte die Gräfin: Aurora gehört, daß der junge Aurenius in Paris ein Liebesabenteuer mit einer verheiratheten Dame gehabt haben ſoll, welches ihn veranlaßte, ganz plötzlich Frankreich zu verlaſſen? Außerdem be⸗ hauptet man, daß er ſich duellirt habe. Ich ſollte mich wundern, ob dieſem Gerücht irgend etwas Wahres zu Grunde liegt. — Darf ich zu fragen wagen, von wem die Gräfin das gehört?— fragte Aurora. — Mein Schweſterſohn, Graf Ernfrid Eldau, er⸗ wähnte, daß er in Paris viel von Aurenius habe ſprechen hören, und daß man dort allgemein be⸗ behauptete, der Lieutenant ſei abgereist aus Aerger, daß ein Anderer ihm vorgezogen worden. Aus mancherlei Gründen würde es mich intereſſiren, den wirklichen Zuſammenhang zu erfahren. Weißt Du Etwas, ſo ſage mir es. Daß es durch mich nicht weiter kommt, brauche ich nicht zu ſagen. — Frau Gräfin, was mir bekannt iſt, werde ich Ihnen mittheilen. Ich habe es von meiner Schweſter gehört, welche, wie die Gräfin wiſſen, Gou⸗ vernante von Marquis de Maillé's Tochter, der jetzi⸗ gen Gräfin Eldau, geweſen iſt. Kurz vor der Hei⸗ rath mit dem Grafen ſchrieb mir meine Schweſter und ergoß ſich in Klagen über die beabſichtigte Portie. Ihre geliebte Schülerin ſollte eine Heirath gegen ihren Willen eingehen. Meine Schweſter theilte mir zu gleicher Zeit mit, daß Fräulein Lilia zwei Jahre zuvor mit einem jungen Schweden Bekannt 53 ſchaft gemacht, welcher ſich zu jener Zeit in Frank⸗ reich aufgehalten. Dieſer, Lieutenant Aurenius, wurde durch den ſchwediſchen Miniſter in die Salons des Marquis eingeführt, wo er mit vielem Wohlwollen empfangen und behandelt wurde. Als der Marquis ſich während des Sommers auf ihr Schloß auf dem Lande begab, wurde der junge Fremde eingeladen, ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Während des täglichen Zuſammenſeins entwickelte ſich das Wohlgefallen, welches Fräulein Lilia für ihn gefaßt, zu einer heftigen Neigung, welche aller Wahrſcheinlichkeit nach von ſeiner Seite erwiedert wurde. Eines Abends, als die jungen Leute im Parke des Schloſſes Maillé miteinander promenirten, fand wahr⸗ ſcheinlich eine Erklärung zwiſchen ihnen ſtatt. Die Details davon kannte meine Schweſter nicht. Genug, am folgenden Morgen war Aurenius abgereist und hatte einen Brief an den Marquis hinterlaſſen, in welchem er um Verzeihung wegen ſeiner plötzlichen Abreiſe bat, aber vorgab, daß eine wichtige Angelegenheit ihn zwinge, ſchleunigſt abzu⸗ reiſen. An Fräulein Lilia hatte er ebenfalls einen Brief geſchrieben, welchen er meiner Schweſter zum Ueber⸗ geben an dieſelbe hinterlaſſen hatte. Den Inhalt deſſelben kennt nur diejenige, an welche er gerichtet war. Die Wirkung davon war, daß das Fräulein nach dem Leſen deſſelben krank wurde⸗ Während der Fieberanfälle verrieth ſie ihre Nei⸗ gung. Die Margquiſin, welche auf dieſe Weiſe Kennt⸗ niß davon erhielt, erwähnte dann im Allgemeinen, um alle Vermuthungen irre zu leiten, daß Aurenius eine S feire mit einer Frau gehabt, die ihm ein Duell zugezogen, welches ihn veranlaßt hätte, Paris zu verlaſſen.. Im Jahre darauf wurde Fräulein Lilia gezwun⸗ gen, Graf Eldau ihre Hand zu reichen. — Die Duellgeſchichte iſt alſo nur eine Eyfin⸗ dung?— fragte die Gräfin. — Vollkommen, denn Aurenius begab ſich direct nach Calais und von dort nach England. — Nun, für was für eine Art Menſchen hältſt Du Lieutenant Aurenius?— hob die Gräfin nach einer Weile wieder an. — Ich halte ihn für einen Schweden— ant⸗ wortete die Franzöſin mit einem eigenen Lächeln. Das heißt, daß er einen Charakter von Eiſen, ein Herz von Granit und einen Kopf von Gold hat.— Ich kenne nicht das Fräulein de Maillé; aber ſie mußte ein ganz ſonderbares Weib ſein, um ſich an dieſen Mann zu binden, er nur aus Stein und Metall zuſammengeſetzt iſt 3 —„ Man hatte ſeit der Rückkehr des Gräfen Hahon von Eldaus das neuverheirathete Paar zum Beſuch erwartet. Während die Gräfin und Aurora zuſammenſaßen und ſprachen, langte auch ein reitender Bote mit einem Brief an die Gräfin an, in welchem Ernfrid ihr 55 mittheilte, daß er bereits binnen ein paar Tagen auf Liungbro eintreffen würde. Nachdem ſie den Brief geleſen, bemerkte die Gräfin: — Was Du mir eben mitgetheilt, macht, daß ich mich in Verlegenheit befinde, was ich jetzt, wo mein Schweſterſohn hierherkommt, thun ſoll. Ein Zuſammentreffen der Lilia mit Aurenius iſt nicht ſchicklich. Rathe mir, was ich thun ſoll. — Frau Gräfin, da Sie erlauben, daß ich meine Meinung ſage, ſo lautet ſie folgendermaßen: Thun Sie, als wenn Nichts paſſirt wäre! Hat die Gräfin noch irgend eine Neigung zu Lieutenant Aurenius, ſo iſt er gewiß der beſte, der ſie davon heilen kann. — Aber wenn dieſe Neigung erwiedert wird, ſo wird ſie ja eben wieder aufgefriſcht und mit neuer Stärke zurückkehren. — Ich verſichere, daß Lieutenant Aurenius ſo in ſich felbſt verliebt iſt, daß er Niemand anders lieben kann,— ſagte Aurora.— Uebrigens,— fügte ſie fein lächelnd hinzu,— werden die Frau Gräfin jetzt Gelegenheit bekommen ſeinen Charakter zu beurtheilen. Sollte ſein Betragen ſo werden, daß die Frau Gräfin es mißbilligen, dann iſt es ja ſehr leicht, ihn unter irgend einem Vorwand zu ent⸗ fernen. Die Gräfin, welche in den geſunden und unge⸗ wöhnlichen Verſtand der Gouvernante ein großes Ver⸗ trauen ſetzte, gab ihr Recht und es wurde beſchloſſen, daß man eine vollſtändige Unkenntniß deſſen, was vorgegangen, an den Tag legen ſollte. Ein betäubender Orkan fuhr brüllend durch die 56 Luft, und kam als ein Vorläufer des Gewitters, welches jetzt ausbrach. Die Gedanken der Gräfin richteten ſich mit Un⸗ ruhe auf ihren Mann und ihre Tochter. Eine Stunde dauerte der Donner, der Regen und der Sturm, worauf das Gewitter aufhörte und das Dunkel ſich zu verziehen begann. Als Frigga und ihre Begleiter kurz vor Mittag in der Allee erſchienen, war die Luft klar und die Sonne warf ihre milden Strahlen auf die Um⸗ gegend. Sie ritten im langſamen Schritt, etwas, was ſonſt weder der Graf, noch Frigga zu thun pflegte. Die Gräfin ſprach auch ihre Vermuthung dar⸗ über aus, daß irgend etwas paſſirt ſei, weil der Bediente, welcher mit dem Jagdgewehr mitgefolgt, nicht dabei war.. Graf Harthon that nie einen längeren Ausritt, ohne eine Schießwaffe bei ſich zu haben. Er war ein leidenſchaftlicher Jäger und ließ deßhalb nicht gerne die Gelegenheit vorbeigehen, ohne einen Birk⸗ hahn, Auerhahn, eine wilde Ente, oder einen Haſen zu ſchießen. Die Gräfin eilte ihnen entgegen und rief? — Seid Ihr vom Regen durchnäßt? — Wir haben keinen einzigen Tropfen erhalten, antwortete Frigga und ſprang, mit Valentins Hülfe, vom Pferd. Der Graf, welcher bereits an der Seite ſeiner Gattin ſtand, küßte mit ritterlicher Artigkeit ihre Hand, welche ihm nahe an dreißig Jahre gehörte. Wenn man das gräfliche Paar ſah, hätte man 57 glauben können, daß ſie Unverheirathete wären, ſo 30 Zärtlichkeit lag in ihrem Benehmen gegen ein⸗ ander. Selten hat wohl das Leben etwas Schöneres auf⸗ zuweiſen, als zwei Gatten, welche Jugend und Herbſt während ihrer gemeinſamen Wanderung haben ver⸗ ſchwinden ſehen, und ſich dem Alter mit ungeſchwäch⸗ ter Liebe nähern. Von ihnen kann man ſagen, daß ſie Eins geworden. — Ich bin Euretwegen unruhig geweſen,— ſagte die Gräfin und faßte den Arm ihres Mannes. — Des Regens wegen?— fragte der Graf. — Ja. Wo habt Ihr Euch aufgehalten, wäh⸗ rend das Gewitter raste? — Auf Maansberg.— Ein kleines Abenteuer, welches ich auf dem Hinweg hatte, veranlaßte uns dort einzukehren. — Ein Abenteuer? Worin beſtand das? — Darin, daß mein altes Reitpferd ſeines Herrn überdrüſſig wurde,— antwortete der Graf lächelnd. Die Gräfin ſah ihn an. Sie bemerkte jetzt, daß er ungewöhnlich bleich und trotz der lächelnden Miene und dem ſcherzenden Tone doch nicht fröhlich geſtimmt ſei. Sie kannte ihn doch zu gut, um mit einem einzigen Wort merken zu laſſen, was ſie beobachtete. Die Gräfin, eine in Allem kluge Frau, that nie etwas, was dem Manne unangenehm war; auch be⸗ merkte ſie jetzt nur: Erkläre Dich näher! Iſt dem Cäſar etwas paſſirt? Ja, er iſt erſchoſſen worden, weil er den Koller bekam. 58 Der Graf küßte ſeine Frau und fügte hinzu: — Lieutenant Aurenius hat bei der Gelegenheit große Geiſtesgegenwart bewieſen, und ich bin ihm deßhalb ſehr verbunden; ohne ſeine Dazwiſchenkunft hätte das Ereigniß böſe Folgen haben können. Jetzt ſprechen wir nicht weiter davon; ich will mich für den Mittagstiſch anziehen. Noch ein Kuß wurde auf die Lippen der Gräfin gedrückt, und die herzliche und trauliche Weiſe, womit der Graf ſie an ſeine Bruſt ſchloß, ſagte ihr, daß ihm dieſe Zärtlichkeitsäußerung Noth that. Als der Graf in ſein Zimmer gegangen, begab ſich die Gräfin hinauf zu Frigga, um zu erfahren, was ſich zugetragen. Frigga theilte dann mit, daß, ſobald ſie von der Allee abwichen, das Pferd des Grafen zu ſteigen angefangen hätte und ganz ſtörriſch geworden ſei. Volentin ſchlug dann vor, daß der Graf umkehren und ein anderes Pferd nehmen ſolle, da Cäſar nicht bei ſeiner gewöhnlichen Laune zu ſein ſchien. Der Graf wollte indeſſen nicht auf die Warnung hören, ſondern ſetzte ſeinen Weg fort. Cäſar ſchien ſich auch etwas zu beruhigen; als man aber auf das Maansberger Gebiet kam, ſtieg er ſo heftig, daß der Graf mehrere Male nahe daran war, aus dem Sattel geworfen zu werden. ,——„ Valentin war, als das Pferd wieder unrubig zu werden anfing, von dem ſeinigen herabgeſtiegen und es gelang ihm den Zaum Cäſars zu faſſen. So gut wie mit Gewalt brachte er den Grafen ½ dem Sattel. Das wild gewordene Pferd tanzte nun tings um 59 ihn und ſchlug auf eine ſo raſende Weiſe hinten hinaus, daß ſie wirklich alle in Gefahr geriethen. Sowohl Friggas Pferd, wie das Valentins und des Bedienten wurden dadurch unruhig. Der Graf nahm indeſſen dem Bedienten die Jagd⸗ flinte ab, und in dem Augenblick, wo er nichts anders erwarten konnte, als daß Cäſar Aurenius unter ſeinen Hufen zerſchmettern würde, fiel der Schuß und der alte treue Diener ſtürzte leblos zur Erde. Frigga ſchloß ihren Bericht mit den Worten: — Ich ſagte dieſen Morgen, daß ich nicht ein⸗ mal die Furcht dem Namen nach kenne; aber ich bin dafür beſtraft worden; denn ein entſetzlicherer Schrecken, als der, den ich während dieſer Scene ausgeſtanden habe, läßt ſich nicht denken. Erſt die Gefahr Papas, dann der Kampf des Lieutenants mit Cäſar, dann die Unruhe unſerer Pferde, welche ſie zum Steigen veranlaßte— alles zuſammen wirkte ſo lähmend auf mich, daß ich nur mit Mühe ſo viel Beſinnung beibehielt, daß ich mein Pferd zu zügeln und mich im Sattel zu halten vermochte. — Papa,— fuhr Frigga theilnahmsvoll fort, — ſtand nach beendigter Schlacht lange ſchweigend da und betrachtete ſeinen todtgeſchoſſenen Liebling. Dann reichte er Aurenius die Hand und ſagte nur: Dank! warf ſich dann auf Fredericks Pferd und ritt ſchweigend nach Maansberg, um Befehl zu geben, daß man Cäſar wegſchaffe und begrabe. Die Gräfin ſchien aufgeregt, und als die Tochter ſchwieg, ſagte ſie: — Gebe Gott, daß dieſes Ereigniß keine ſchlimme Vorbedeutung habe. Es iſt eine alte Sage in dem 60 Harthon'ſchen Geſchlechte, daß, wenn der Herr ſelbſt ſein Leibpferd erſchießt, die Familie von irgend einem großen Unglück werde betroffen werden. Aber es iſt nicht Recht, ſich um ſolchen Schnack zu kümmern, der doch gewiß keine Bedeutung hat. Die Gräfin nickte der Tochter zu und verließ das Zimmer, um Toilette zu machen. Frigga blickte ihr gedankenvoll nach. Eine Ahnung von etwas recht Traurigem flog durch die Seele des jungen Mädchens, indem ſie das Freigniß mit Cäſar und das Herunterfallen des Porträts von der Wand in Gedanken zuſammenhielt. In einem ſolchen Gemüthe, wie Friggas hafteten indeſſen Einbildungen und Ahnungen nicht lange, dazu beſaß ſie zu viel wirkliche Religioſität. Als Frigga in den Salon hineintrat, war ihr Geſicht auch frei von jedem trüben Schatten. Sie fand dort den Vatet, was höchſt ungewöhn⸗ lich war, denn der Graf und die Gräfin pflegten gewöhnlich erſt zu erſcheinen, wenn die Mittagsglocke läutete. Als er die Tochter ſah, ging er freundlich auf ſie zu und ſagte: — Ich wünſchte Dich zu treffen, bevor wir uns verſammelten, und ich bin zufrieden mit Deinem Aus⸗ ſehen. Du haſt wohl verſtanden, daß ich will, daß wir Alle das Ereigniß von dieſem Votmittag ver⸗ geſſen. — Ich habe es bereits vergeſſen, mein Vater weil Du ſo willſt,— antwortete Frigga und küßte die Hand des Grafen. — Dank, mein Kind! Du weißt vielleicht nicht, 61 daß kleine Schmerzen oft unangenehmer wirken, als große, und daß wir nicht gern an die Urſachen der⸗ ſelben erinnert ſein mögen. Nachdem er dies bemerkt, ging der Graf hinein zur Gräfin. Frigga ſtellte ſich an ein Fenſter und dachte: — Wie viel liegt doch in dieſem Zug von mei⸗ nem Vater! Er will nicht, daß man ſich der Gefahr erinnern ſoll, welche ihm gedroht hat, und noch weni⸗ ger der Schmerzen, die er empfunden.—„Ein Harthon muß alle Sorgen tragen können, ohne daß ſie ſich auf ſeiner Stirne wiederſpiegeln,“ hat er oft geſagt und er hat Recht. Nur ſchwache Seelen laſſen die Sorgen an das Tageslicht treten. Ihre Betrachtungen wurden durch Valentin unter⸗ brochen. — Haben Fräulein bemerkt, wie reich an Dia⸗ manten die Bäume, die Blumen und das Gras ge⸗ worden ſind!— ſagte er und näherte ſich Frigga. — Nein, ich bin allzu ſehr von dem Gedanken an das Ereigniß des Vormittags in Anſpruch ge⸗ nommen geweſen— antwortete Frigga. p Gerührt reichte ſie Valentin die Hand und fügte inzu: — Meine Mutter und ich ſind des Lieutenants Schuldner für unſer ganzes Leben. Wir können Ihnen nicht genug danken, für das was Sie gethan. Mein Herz wird nie die Schuld vergeſſen, in welcher ich zu Ihnen ſtehe. Empfangen Sie — Ich bitte, laſſen wir das!— fiel Valentin kalt ein und verneigte ſich, ohne die Hand Frigga's zu berühren.— Was ich gethan, war ſo natürlich, daß es nicht der Mühe werth iſt, Worte darüber zu verlieren, und ich hoffe, daß das mir keine Schuld⸗ ner verſchafft. Es iſt mir ebenſo unangenehm, Etwas zu fordern zu haben, als ſchuldig zu ſein. Frigga ſah ihn an.— Jeder Zug in ſeinem Geſicht ſagte ihr, daß er von weiteren Dankſagungen befreit zu ſein wünſche. — Er iſt ſo ſtolz,— dachte Frigga,— daß er nicht einmal für die Dienſte, welche er leiſtet, ge⸗ dankt ſein will. Auf dieſe Weiſe leiſtet er ſie alſo nur zu ſeiner eigenen Befriedigung. Eine kleine Pauſe entſtand. Valentin unterbrach ſie mit den Worten: — Wollen Fräulein nicht einen Blick durchs Fenſter werfen und ſehen, wie prachtvoll der Regen die Blumen des Gartens geſchmückt hat? Frigga wandte ihren Kopf, blickte durchs Fenſter hinaus und ſagte: — Apropos wegen Schulden, ſo habe ich eine unliquidirt. Wenn Sie auch dieſelbe vergeſſen haben, ſo habe ich es nicht. 5 — Ich habe meine Forderung an Fräulein nicht vergeſſen;— aber als die Wette eingegangen, wurde mir verſprochen, daß ich den Gewinnſt beſtimmen dürfte. Ich trage deßhalb darauf an, daß das, was ich zu fordern habe, bis auf Weiteres ſtehen bleiben. darf. 6 — Aber Sie fürchten ja Schuldner zu haben. — Ja, in dem Sinne, in welchem Fräulein vor⸗ hin behauptete, der meinige zu ſein. — Es ſind alſo Dankbarkeitsſchulden, welche Sie verabſcheuen? — — —— 63 — Ja! — Und aus welchem Grunde? Frigga ſah, daß das Thema Volentin mißfiel; aber ſie hatte feſt beſchloſſen, daß er diesmal ge⸗ zwungen werden ſollte, das zu verhandeln, was ihm nicht gefiel. Es ſchmerzte Frigga, daß er ſo plötzlich das ab⸗ ſchnitt, was ſie aus wirklicher Dankbarkeit ausge⸗ ſprochen. — Aus dem einzigen Grunde, daß ſie falſchem Gelde gleichen,— ſagte Valentin. Der Tiſch war jezt gedeckt. Der Graf und die Gräfin erſchienen im Salon. Man begab ſich in den Speiſeſaal. Das Geſpräch des Grafen und Volentins drehte ſich während der Mahlzeit um die politiſchen Neuig⸗ keiten des Tages. Der Graf ſprach ſein Urtheil darüber aus, Valentin beſchränkte ſich darauf, das mitzutheilen, was die Poſt von Frankreich mitgebracht. und der Doctor ſecundirte dem Grafen, indem er ſtets ſeiner Meinung war. Zum Schluß bemerkte der Graf: — Ich muß es mir wirklich vorwerfen, daß ich große Vorurtheile gegen das franzöſiſche Volk hege, und vielleicht bin ich deßhalb etwas ſtreng in mei⸗ nem Urtheil über daſſelbe. Er wandte ſich artig an Aurora und fügte hinzu: „— Ich bitte Mademoiſelle Dorbineau um Ver⸗ zeihung, daß ich ſo unverholen meine Antipathie gegen Ihre Landsleute ausgeſprochen; aber die Ach⸗ tung, welche ich vor der Lehrerin meiner Tochter 6„ 64 hege, beweist, daß ich nicht beim Einzelnen mich durch irgend ein Vorurtheil beſtimmen laſſe. — Mein Freund, Du mußt noch eine Ausnahme machen,— fiel die Gräfin ein. — Welche denn? — Ernfrids Frau iſt ja auch eine Franzöſin. — Ach ja, das iſt wahr,— rief der Graf,— ich geſtehe aufrichtig, daß ſie mir ſo einnehmend vor⸗ kam, daß ich nicht daran dachte, aus welchem Lande ſie gekommen ſei. Aber da wir von ihr ſprechen, ſo bin ich begierig, wann ſie hierher kommen werden! — Wir können ſie in zwei Tagen erwarten,— antwortete die Gräfin.— Ich habe heute einen Brief von Ernfrid erhalten. Sie richtete ihre Augen auf Valentin, um zu ſehen, ob die Nachricht irgend einen Eindruck auf ihn mache; aber nein, man merkte nicht die geringſte Be⸗ wegung in ſeinem Geſicht. Nach der Mittagstafel finden wir Frigga und Valentin damit beſchäftigt, Aurora beim Sortiren von einer Menge Perlen zu helfen. Der Graf war auf ſein Zimmer gegangen, um Sieſta zu halten, und die Gräfin plauderte mit dem Doctor, während man auf den Kaffee wartete. Als Auroras Perlen ſortirt waren, folgte eine Berathſchlagung zwiſchen ihr und der Gräfin wegen einer Stickerei, wozu der Doktor, ein gewaltiger Zeich⸗ ner, das Muſter gegeben.“ Währenddem ſaßen Frigga und Valentin am Fenſter. ——— ——— S 65 — Sie ſagten, daß Dankbarkeitsſchulden dem fal⸗ ſchen Gelde gleichen,— bemerkte Frigga, welche ſich vorgenommen hatte, das Thema wied 3 und damit Valentin ein wenig zu plagen;— meinten Sie bamit v6 Daß ſie ausſehen wie Etwas, was ſie nicht ind. 3i — Glauben Sie alſo, daß die Dankbarkeit ein leeres Wort iſt. — Ich halte ſie für eine der flüchtigſten unter allen Gefühlen. Wir empfangen den Eindruck davon augenblicklich, aber im nächſten Augenblick iſt er ver⸗ geſſen. Darum iſt es vollkommen falſch, von Dank⸗ barkeit fürs ganze Leben zu ſprechen. Dieſes ſtreitet gegen unſere menſchliche Natur, und es hat noch kei⸗ nen Menſchen gegeben, welcher nach dieſem großen Maßſtab dankbar geweſen — Das wäre doch eine ganz traurige Auffaſſung eines der ſchönſten aller unſerer Gefühle; denn Sie ſagen damit, daß wenn Sie mir einen großen Dienſt erweiſen, wie der, welchen Sie mir heute erwieſen ſo ſoll ich denſelben vergeſſen und.... Fräulein, ich flehe Sie an. —. daß Sie mich ausreden laſſen,— Frigga mit einer Miene von Würde ein;— fuhr ſie fort: Sie retteten meinen Vater aus einer Gefahr, um nicht zu ſagen davon, todtgeſchlagen zu werden. Nun wohl, glauben Sie, daß ich das je vergeſſen kann, oder daß je die Zeit meine Dankbar⸗ keit vermindern kann? — In dieſem Falle, Fräulein, habe ich mir ſel⸗ ber einen ſchlechten Dienſt erwieſen, und ich würde Schwartz, Geburt und Bildung. II. 5 mich ſehr unglücklich fühlen, wenn Sie glaubten, daß Sie in einer ſolchen lebenslänglichen Schuld zu mir ſtänden. — Sollte meine Dankbarkeit Sie unglückich machen? 3 — Außerordentlich, weil ich dann wüßte, daß Sie es als eine Pflicht betrachteten, mit einem ſolchen Gefühl an mich zu denken und Ihr Herz zu einer Unnatürlichkeit zu zwingen. Ich müßte alſo beklagen, glücklich genug geweſen zu ſein, Graf Harthon einen ſo unbedeutenden Dienſt zu leiſten, wie der heute. — Ich verſtehe Sie nicht,— brach Frigga aus. — Nun wohl, ich muß mich denn erklären.— Wenn ich eine gute That verrichte, oder meinen Mit⸗ menſchen einen Dienſt leiſte, ſo thue ich es durchaus nicht, um Belohnung zu erhalten, ſondern zu meiner eigenen Befriedigung. Ein einfacher Dank iſt mir dann genug und t Alles, was ich wünſche; denn ich habe mei eichen nicht geniützt, um ihn mit der ſchweren Hand der Dankbarke Der Fehler, mein Fnädiges Fräulein im Allgemeinen das geringe Gute, ir thun, überſchätzen, und in Folge davon, werden die For⸗ derungen an Andere viel zu groß.— Sprechen Sie deßhalb nicht von einer ewigen Dankbarkeit; ich möchte ſonſt faſt vor Ihnen und mir erröthen. Wenn Sie mir die Hand gereicht und Dank geſagt haben, ſo haben Sie Ihre Schuld bezahlt, und wir ſind quitt. zu feſſeln. daß wir reichte. — Mag es denn ſo ſein,— ſagte Frigga; aber, Sie nahmen nicht einmal die Hand, die ich Ihnen“ Ich that es nicht, weil Sie von einer Dank.. 67 barkeitsſchuld ſprachen. Jetzt dagegen würde ich Fräu⸗ lein danken, wenn dieſelbe Hand mir gereicht würde. — Sie ſind ein unbegreiflicher Menſch,— ſagte Frigga lachend, und reichte ihm, indem ſie aufſtand, ihre Hand. Valentin drückte ſie, verneigte ſich und dachte: —„Unbegreiflich“— ich bin es wenigſtens nicht für Dich, Du verſtehſt mich vollkommen.— Abends ſaßen die Gräfin Harthon und ihre Vochter in dem am Strande gelegenen Pavillon und unterhielten ſich vertraulich. Die Gräfin theilte mit, was ſie von Lilias Liebe wußte. Frigga hörte ihren Bericht mit vollkommener Ruhe, um nicht zu ſagen Gleichgültigkeit an. Als die Gräfin die Gedanken der Tochter darüber zu hören wünſchte, wie man ſich benehmen ſollte, waren ſie ganz übereinſtimmend mit Auroras. Nachdem ſie das Thema eine Weile discutirt, gingen ſie zur Ruhe. Die Gräfin that es mit einem Gefühle der Sicherheit, das ſie früher nicht empfunden, ſeit Va⸗ lentin nach Liungbro gekommen. — Hätte Frigga auch nur ein gewöhnliches Ge⸗ fallen an Aurenius gehabt,— dachte die Gräfin, — ſo wäre der Eindruck, welchen ſie bei der Nach⸗ richt empfand, daß er eine Andere liebte, ein un⸗ angenehmer geweſen. Jetzt bewies ihre Indifferenz, wie vollkommen gleichgültig er ihrem Herzen war. Die Geſchichte mit Melcer hat mir Geſpenſterfurcht eingeflößt, ſo daß ich mich ſelbſt unnöthigerweiſe ge⸗ ängſtigt habe. Die zärtliche Mutter ſandte ein warmes und dankbares Gebet zu Gott hinauf, weil ſie jetzt an den Liebling ihres Herzens ohne alle Angſt denken konnte. Während die Gräfin ganz vergnügt einſchlief, ſaß Frigga am offenen Fenſter in ihrem eigenen kleinen Gemach, welches außerhalb ihres Schlafzim⸗ mers belegen war. Sie ſchaute hinaus in die mondhelle Nacht mit einem Blick, der ſo traurig war, daß er gewiß das Herz der Mutter beben gemacht hätte, wenn ſie den⸗ ſelben geſehen. Frigga hatte ihre Hände feſt zuſammengefaltet, als wenn ſie durch dieſe Bewegung ihren Kummer mäßigen wollte.— Sie ſaß da ganz unbeweglich, und man war verſucht zu glauben, daß die Strahlen des Mondes das muntere Kind der Freude in einen bleichen Engel der Sorge verwandelt hätten.— Kein Seufzer, kein leiſes Schluchzen, keine Thrä⸗ nen verriethen, was das Herz empfand und wovon das Auge ſprach. Graf Harthons Tochter hatte zu viel wirkliche Kraft, um ſich einer der Schwächen zu überlaſſen, in welche junge Mädchen in ihrenlltr gewöhnlich fallen, wenn ſie vom Schmerz betroffen werden. Rit hochgetragenem Kopfe und gerader Haltung tegegnete Frigga allen Prüfungen, allen Entbehrun⸗ gen und allen Leiden, welche ſie vor ſich hatte. Sie ließ ſich durch keine ſchmeichelnde Illuſion betrü⸗ 69 geriſche Hoffnungen zuflüſtern. Die Phantaſie ſuchte nicht mit irgend einem lachenden Bild das rauhe Antlitz der Wirklichkeit zu verſcheuchen, ſondern mit feſtem und entſchloſſenem Blick ſah ſie der Wahrheit gerade ins Geſicht und unterſuchte genau die Tau⸗ ſende von Dornen, welche ſie auf der Wanderung auf dem Wege, den ſie zurücklegen ſollte, verwunden würden. Was ſich nicht ändern läßt, dem wird nicht durch Klagen abgeholfen, und was anders werden kann, wird es nicht durch unnützes Wehegeſchrei. Frigga ſuchte nun ihren Weg ſich zu beſtimmen und ſich mit dieſen Dornen vertraut zu machen, ſo daß wenn die Königin des Tages käme, um Purpur und Gold über die Erde zu ſtreuen, Frigga im Stande ſein würde, ſie mit einem Blick zu begrüßen, ſo lächelnd, wie die Strahlen derſelben. Das junge Mädchen kämpfte keinen gewaltſamen Kampf, ſie verſuchte nicht das Gefühl, welches in ihrem Herzen lebte, zu tödten, ſie nahm nur ihre Pflicht, ihr inniges Vertrauen zu Gott und ihre herviſche Selbſtaufopferung zum Führer. Ihr Inneres glich nicht einem wilden, bewegten Meere, ſondern eher einem Schiff, welches von kräf⸗ tiger Hand geſteuert, ſeinen Weg gerade über die brauſenden Wogen nimmt, ohne ſie es aus dem Kurs bringen zü laſſen. Eine Stunde nach der andern verſtrich, und noch ſaß ſie am offenen Fenſter. Der zwölfte Schlag um Mitternacht war ertönt und verklungen; aber ſie änderte nicht ihre Stellung und jetzt verkündete die Thurmuhr die erſte Stunde des neuen Tages. In demſelben Augenblick bewegte ein leiſer Wind das Laub und führte mit ſich einige wunderbare und ferne Töne. Sie kamen wie aus dem Walde. Man könnte ſich einbilden, daß der junge König des Waldes dem jungen Mädchen des Meeres eine Serenade brachte. Als die ſo wehmüthig klingenden Melodieen Frigga's Ohren berührten, machte ſie eine Bewegung mit dem Kopfe, als wenn ſie aus einem quälenden Schlaf erwacht wäre. Ein mildes Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen. Immer deutlicher und deutlicher hörte man die von Ferne kommenden Töne. Frigga lauſchte mit geſpanntem Intereſſe. S Der unſichtbare Waldhorniſt verjagte nach und nach jede Spur von Schmerz aus den Zügen Friggas und führte ſie fort in die Heimath der Muſik, wo man über den Gott, der durch die Töne ſpricht, die Sor⸗ gen des Lebens vergißt. Als die Muſik im Walde ſchwieg, ſtand Frigga auf und ging in ihr Schlafzimmer. Frei und froh war die Wölbung ihrer Stirne, als ſie mit einem Blick auf den Mond dem bleichen Nachtwandler Lebewohl bot. Graf Eldau's Ankunft auf Liungbro ſollte durch einen größeren Ball gefeiert werden. Es war der erſte Beſuch, den das neuvermählte Paar bei Graf Harthons abſtattete. i Alle Notabilitäten des Ortes, ſowie aus der Nach⸗ barſchaft und aus der Stadt L— waren eingeladen. 71 Daß dieſe Einladung nach dem ſtattlichen Liung⸗ bro mit Entzücken angenommen wurde, verſteht ſich von ſelbſt, beſonders da man ziemlich allgemein wußte, daß die franzöſiſche Gräfin ſich dort einfinden würde⸗ Am Abend vor dem Tage, an welchem man El⸗ dau's erwartete, befand ſich Frigga auf dem Rückweg von einer langen Promenade. Sie ging mit langſamen Schritten durch den hohen dichten Föhrenwald auf einem kürzern Weg, welcher nach dem Pfarrhofe und dem am nächſten gelegenen Dorfe führte. Der Abend war herrlich und mußte unwillkürlich auf jeden einen angenehmen Eindruck machen, wie viel mehr auf das für die Poeſie der Natur em⸗ pfängliche Gemüth Frigga's. Die langſamen Schritte des jungen Mädchens bewieſen auch, daß ſie mit vollen Zügen die Luſt der Stunde genießen wollte. Die Stille des Waldes wurde unterdeſſen von Jemanden unterbrochen, welcher, eine bekannte Melodie pfeifend, hinter ihr herkam. Frigga, welche wegen der Krümmung des Weges nicht ſehen konnte, wer es ſei, ſetzte ſich auf den Raſen, um die mit raſchen Schritten ſich nahende Perſon zu erwarten. Valentin erſchien auch bald an der Krümmung des Weges. Als er bei Frigga ankam, ſtand ſie auf und beantwortete ſeinen Gruß, indem ſie fragte: Wo ſind der Herr Lieutenant während der drei 6 letzten Tage geweſen, wo ich Sie nicht geſehen habe. — Geſtern begab ich mich nach Vaarnis und 8 kehrte von dort zurück heute Nachmittag, wo ich dann am Pfarrhofe abſtieg, um meine Eltern zu begrüßen. — Daß die Tour nach Vaarnäs abgemacht wor⸗ den, iſt ſehr gut,— meinte Frigga,— denn jetzt werden wir wohl den Herrn Veutenant einige Zeit zu Hauſe behalten. — Wünſchen Fräulein das? — Ja gewiß; wir bekommen ja Beſuch. — Der Graf ſprach in der That davon, daß es hier einen Ball geben würde. Er war ſo freundlich, mich dazu einzuladen. — Aber davon ſprach ich nicht, denn es verſteht ſich ganz von ſelbſt, daß der Herr Lieutenant an dem Tage nicht wegfahren dürfen. — Glauben Fräulein das? — Ich bin verſichert, daß Lieutenant Aurenius ſich nicht eines ſolchen Vergehens gegen die Forde⸗ rungen des Anſtandes ſchuldig machen wird. Valentin beantwortete dieſe Worte mit einer ſtummen Verbeugung. — Sind der Herr Lieutenant,— hob Frigga nach einer kurzen Pauſe wieder an,— während Ihres Aufenthalts in Paris nicht mit der jungen Frau meiner Couſine zuſammengetroffen? Frigga ſah fortwährend Valentin an. Wie verdrießlich! Die unregierlichen Wogen des Bluts wollten ſich nicht vom Willen beherrſchen laſſen, ſondern ſtürmten hinauf auf die Wangen Volentins und gaben denſelben eine höhere Farbe als gewöhnlich. — Ich habe die Ehre gehabt, in Marquis de Naiſʒ Buls Zutritt zu haben— antwortete er. 73 — Sie kennen alſo die Gräfin Eldau? — Ich bin ſo glücklich. — Dann erhalten Sie Gelegenheit, die Bekannt⸗ ſchaft zu erneuern. Sie und ihr Gemahl kommen, um hier ein paar Wochen zu verweilen. — In dieſem Falle bin ich in der That zu be⸗ klagen, da die Pflicht mich zwingt, auf die Freude zu verzichten, mit der Gräfin zuſammienzutreffen,— antwortete Valentin, welcher jetzt vollkommene Herr⸗ ſchaft über ſich erlangt.— Ich bin gezwungen, ſchon morgen abzureiſen. — Das iſt nicht möglich,— brach Frigga aus. — Sie können nicht ſo unhöflich gegen meine Eltern ſein. — Wenn die Pflicht befiehlt, ſchweigt die Artig⸗ keit. Mein Beruf als Verwalter des Grafen zwingt mich, mich zu entfernen. — Das ſieht in meinen Augen aus wie eine Flucht,— ſagte Friggga. — Vor wem ſollte ich denn fliehen? fragte Va⸗ lentin und richtete einen durchdringenden Blick auf ſie. — Vor irgend einer Gefahr, welcher zu begeg⸗ nen Sie ſich nicht für ſtark genug halten.— Frigga lachte.— Erlauben Sie mir nur zu ſagen, daß es einem Manne des Schwertes nicht anſteht, ſich aus Furcht zurückzuziehen. Für ihn darf es keine Gefahr geben, die er nicht beſiegen kann. — Und ich verſichere Fräulein, daß alle Furcht wegen meiner eigenen Perſon mir fremd iſt. — Es iſt alſo aus Rückſicht auf Andere,— daß ſie fliehen? Frigga warf einen ſchelmiſchen Blick auf Valentin, deſſen Ausſehen kalt und zurückgezogen war. — 74 — Fräulein belieben in Räthſeln zu ſprechen. Ich vermag ſie nicht zu deuten und ich flehe Sie an, mich darüber aufzuklären, wem meine Rückſicht gelten ſollte..... — Das kann ich nicht; und wenn ich es könnte, ſo würde ich es nicht thun. Aber Scherz bei Seite! Ich bitte Sie jetzt, die Reiſe zu verſchieben, bis der Ball vorbei iſt. — Wie ſchmerzlich es mir auch iſt, ſo werde ich doch genöthigt, unritterlich genug zu ſein, mich nicht in den Willen des Fräuleins zu fügen, Etwas, was ich unter andern Umſtänden für eine Pflicht gehalten haben würde. —— Lieutenant Aurenius, ſagen Sie mir ehrlich ſind es wirklich dringende Angelegenheiten, welche Ihre abſchlägige Antwort veranlaſſen?— Frigga ſtand auf, um Valentin beſſer betrachten zu können. Ihr gerade in die Augen blickend, ſagte er⸗ — Fräulein Harthon, meine Ehre gebietet mir zu reiſen. — In dieſem Falle habe ich nichts hinzuzufügen. Ich hätte ſonſt gewünſcht, daß Sie mir den Ball⸗ tag geſchenkt hätten. Frigga ſetzte ihre Wonderung fort, und Valentin folgte ihr ſchweigend. ₰ — Sie haben jetzt mit Ihrer Ehrenreiſe eine meiner Berechnungen zum Beſten gehabt,— fuhr ſie fort.§ — Welche denn, wenn ich fragen darf? — Die, daß Sie mich zum erſten Walzer aufge⸗ fordert haben ſollten. Wieder ſchwieg Valentin; aber nach einigen Augenblicken ſagte er: 75 — Ich weiß wahrlich nicht, wie ich Fräulein für dieſe Güte danken ſoll; aber nicht wahr, Sie wiſ⸗ ſen, wie großen Werth ſie für mich hat, gerade weil ich gezwungen bin darauf zu verzichten, ſie zu genießen. Wenn ich nicht in dieſem Augenblick fühlte, daß ich Ihr Wohlwollen verwirkt habe, würde ich meinerſeits Sie um Etwas bitten. — Laſſen Sie mal hören; vielleicht bin ich we⸗ niger ſtarrſinnig, als Sie! — Betrachten Fräulein Harthon mein Ausbleiben vom Balle als eine Halsſtarrigkeit? — Mir, der ich Ihre Motive nicht kenne, muß es ſo vorkommen; doch laſſen wir das! Um was wollten Sie mich bitten? — Um eine Gunſt. — Sie rechnen alſo nicht allein auf meine Güte, ſondern auch auf meine Nachſicht? — Nein auf Ihren Edelmuth. — In dieſem Falle bin ich ja gezwungen, den Herrn Lieutenant ſich nicht verrechnen zu kaſſen,— ſagte Frigga munter. — Das iſt es auch, was ich hoffe. — Wie lautet Ihr Begehr? — Daß Fräulein den Walzer, welchen Sie ſo gnädig waren, mir zu geben, nicht tanzen möchten. — Sie irren ſich, Herr Lieutenant, ich habe Ihnen denſelben nicht geſchenkt; ich ſetzte blos vor⸗ aus, daß Sie mich zum erſten Walzer auffordern ſollten; aber, da Sie wegreiſen, ſo kann von einer 6 Aufforderung nicht die Rede ſein. F— Richt, und wenn ich jetzt darum anhielte, dann würden Sie mir ja denſelben ſchenken? — 76 — Daran zweifle ich.— Was wollen Sie mit einem Walzer, den Sie nicht tanzen werden? — Ihn als eine Gabe von Ihnen empfangen welche Sie nicht an irgend einen Anderen verſchenken können. — Glauben Sie das,— ſagte Frigga gleich⸗ gültig, und fing an von der Schönheit des Abends zu ſprechen. Als Valentin ſpäter am Abend dem Grafen und der Gräfin gute Nacht ſagte, bemerkte Erſterer: — Herr Lieutenant, wir rechnen doch auf Sie am Balltage? — Ich wage nicht zu verſprechen, daß ich komme, — antwortete Valentin,— da ich ſchon morgen ge⸗ zwungen bin, nach dem Sägewerk zu reiſen. — Ich habe kein Recht, zu beurtheilen was Sie für unvermeidlich halten,— hob der Graf wieder an;— aber es würde mich freuen, wenn Sie Ihre Reiſe aufſchöben. — Sie kann nicht aufgeſchoben werden,— er⸗ wiederte Valentin ſich verneigend und verließ das Zimmer. — Im Speiſeſaal begegnete er Aurora, welche, als er gute Nacht ſagte, bemerkte; — Iſt es Ernſt, daß Sie von Liungbro abreiſen, gerade wo hier ein Feſt ſtattfinden ſoll? — Ja, ſo lautet der Wille des Schickſals,— ſagte Valentin lachend. — Oder richtiger, Sie halten es für beſſer zu fliehen, als ſchlecht zu fechten. Bon soir, monsieur. — Aurora verſchwand. Valentin murmelte: — 77 — Jetzt iſt mir Alles klar, jetzt verſtehe ich Friggas Worte Den Tag ue gräfliche Paar Vor⸗ mittags auf Liungbro ein. Die junge blendendſchöne Lilia wurde von Frigga und Allen mit vieler Liebe begrüßt. Sie ſchien in der That nur geſchaffen zu ſein, um angebetet und verehrt zu werden, ſo einnehmend erſchien ihr Aeußeres. Sowohl die Gräfin wie Frigga dachten jede bei ſich, daß es mehr als ſonderbar zugehen müſſe, wenn derjenige, welchen Lilia liebte, kalt gegen ihre An⸗ muth bleiben könnte. Dieſes Antlitz geſehen zu haben und es je zu vergeſſen, ſchien unmöglich. Sie zur Gattin zu haben und ſie nicht zu vergöttern, dürfte ebenſo unmöglich ſein, und doch ſah Graf Eldau nicht beſonders ver⸗ liebt aus. Ernfrid war ein Mann von neunundzwanzig oder dreißig Jahren. Schön, ſtattlich und mit einem guten Kopf begabt, beſaß er vielen Stolz, viele Feſtig⸗ keit und eine eiſerne Unbiegſamkeit des Charakters; dagegen fehlte es ihm an Weichheit und Milde und eßhalb war er ein im höchſten Grade herrſchſüchtiger Menſch. Ernfrid anerkannte kein anderes Geſetz, als ſeinen eigenen Willen, und den verſtand er geltend zu machen. Obgleich erſt ſeit einem halben Jahr mit der zwanzigjährigen Lilia verheirathet, welche ihm als Nitgift Reichthum, Schönheit, Geburt und Anmuth gebracht, ſah er trotzdem aus, als wenn er bereits aller dieſer Schätze überdrüſſig geworden. Er bewies gegen ſeine Gattin die kalte Höflich⸗ keit, welche nie vergaß, was die Welt und Gräfin Eldau von ihm fordern konnten; aber es lag nie etwas Herzliches in ſeinem Weſen⸗ Er ſchien ſich ſogar ihrer kleinen Launen zu ſchämen und ließ ſie überhaupt thun, was ihr beliebte, wenn er nur ſo wenig als möglich von ihr beläſtigt wurde; und ſie beobachtete das Schickliche, daß heißt, ſie vergaß nie die Achtung vor ſeinem Namen. Beim Beſuch auf Erikshof hatte die Gräfin und Frigga keine Gelegenheit gehabt, auf ſie Acht zu geben, da die eine Luſtbarkeit die andere ablöste. Jetzt dagegen hatten die jungen Gatten nicht lange auf Liungbro verweilt, bevor es Frigga vorkam, als wenn in Ernfrids Betragen gegen Lilia eine durch⸗ gängige Gleichgültigkeit ſich blicken ließe. Fur ein ſo ſcharfes Auge wie Friggas blickte ſie durch ſeine äußere Aufmerkſamkeit und Artigkeit. Den Tag nach ihrer Ankunft war der Ball. Voalentin war bereits Morgens vor der Ankunft Eldaus auf Liungbro von dort abgereist. Mit Ballkleidern angethan, trat Lilia in den Feſtſalon, wo ſie Frigga fand, welcher bei ihrem Anblick ein unfreiwilliger Ausruf der Bewunderung entſchlüpfte. Lilia war außerordentlich ſchön und ihr ganzer Anzug ſtimmte auf eine anmuthige Weiſe überein mit ihrer originellen Schönheit. Lilia war eher klein als groß, von Figur zart und ſylphidenartig, mit kleinen Händen und Füßen. 79 Das ſchwarzbraune und glänzende Haar umſchloß eine ziemlich hohe, aber etwas ſchmale Stirne, welche von einem Paar gewölbter Augbrauen geziert wurde, unter welchen ein Paar große braune Augen her⸗ vorſchauten, deren warmer, bisweilen ſchmachtender immer glänzender Ausdruck, einen unwiderſtehlichen Eindruck machte. Eine ſchön gebogene Naſe und ein kleiner ſchwellender Mund, mit blendend weißen Zähnen vollendeten das regelmäßig Schöne in dieſem Geſicht. Ueber dem Ganzen war indeſſen ein Schleier von Wehmuth verbreitet, durch welchen jedoch die franzöſi⸗ ſche Lebendigkeit und das Bedürfniß zu gefallen hin⸗ durchſchimmerte. Man ſah, daß dieſes zarte Weſen viel Gluth in ihrer Bruſt zu bergen vermochte, daß ſie brennen, ſchwärmen und leiden konnte, aber daß ſie trotz alle⸗ dem bis in den Tod das Verlangen ihrer Lands⸗ männinnen einnehmen und liebenswürdig zu ſein, beibehalten würde. Sie würde nie ſo unglücklich werden können, daß ſie das Streben der Gefallſucht nach Beifall vergeſſen würde. Ihr ganzer Anzug war prachtvoll und eigen⸗ thümlich. Dieſe beiden jungen Frauen bildeten, als ſie ſo daſtanden, ein Paar ſcharfe Contraſte. Frigga, ein Jahr älter als Lilia, ſah jünger aus, Etwas, was immer bei Blondinen der Fall iſt. Auch ſie war von Figur eher klein als groß. Während die Haltung und das Benehmen Lilias eim erſten Blick die reizende Coquetterie der Franzöſin zu erkennen gab, lag in Friggas ungekünſteltem und 80⁰ anmuthigem Weſen eine ſo edle Würde, daß man gleich ſah, daß ſie berechtigt war, eine Dame von Rang genannt zu werden. Als Schönheit konnte ſie nicht mit Lilia ver⸗ glichen werden. Streng genommen konnte man ſie vielleicht nicht einmal ſchön nennen, und doch vermochte Lilia nicht ſie zu verdunkeln. Auf Friggas hoher, voller Stirne ſtand eine größere Intelligenz geſchrieben und aus den blauen Augen leuchtete ein gutes und warmes Herz hervor. Friggas Anzug war wie ſie ſelbſt— einfach. Sie trug ein hellblaues Seidenkleid ohne Schmuckſachen. Ihr einziger Zierrath beſtand in einem Paar leben⸗ diger weißer Roſen, welche in ihrem Haar befeſtigt war, und in einem ähnlichen Buſenbouquet. Sie war wirklich einnehmend. Der Salon war bald mit Gäſten angefüllt. Alle Blicke richteten ſich auf die ſchöne Franzöſin, welche trotz der Huldigung, die ſie darin las, doch etwas zerſtreut ausſah. Ihre Augen richteten ſich mit einem erwartungs⸗ vollen Ausdruck auf Jeden, welcher eintrat und als endlich die Lichter angezündet wurden, die Muſik zu ertönen begann und die Cavaliere ſich beeilten zum Tanze aufzufordern, oder an gemachte Engagements zu erinnern, wandte ſich Lilia an Frigga und ſagte; — Es kommt mir vor, als wenn Tante erwähnt hätten, daß Herr Aurenius auf Liungbro ſei; iſt dem nicht ſo? — Jo, ſonſt iſt er hier; aber jetzt iſt er verreist, — antwortete Frigga. 81 Lilie's Blicke verdu Fächer. — Verreist— hob ſie wieder an,— und für wie lange Zeit? — Das weiß ich nicht. Jetzt wurde der erſte Walzer geſpielt.— Lilie wurde von ihrem Cavalier zum Tanze geführt. Frigga hatte alle Aufforderungen damit beant⸗ wortet, daß ſie für dieſen Tanz bereits engagirt ſei. In demſelben Augenblick, in welchem Lilie den Salon verließ, um ſich in den Tanzſaal zu begeben, bemerkte eine Stimme hinter Frigga: — Es war ja dieſer Walzer, welchen Sie die Güte hatten, mir zu ſchenken: —— Der Herr Lieutenant kommen ziemlich ſpät; man hat bereits die erſten Takte geſpielt,— ant⸗ wortete Frigga ohne die geringſte Ueberraſchung und reichte Valentin die Hand. — Aber ich kam doch. — Daran zweifelte ich keinen einzigen Augen⸗ blick. Sie hatten mich ja engagirt. — Und man läßt nicht Fräulein Harthon ſtehen. — Ich bat ja doch allein darum, daß Sie dieſen Tanz keinem Andern ſchenken möchten. — Das iſt wahr; aber dieſe Bitte ſchloß ja in ſich, daß Sie beabſichtigten, ſich hier einzufinden. Frigga und Valentin walzten hinaus unter die andern Paare. Valentins Erſcheinen im Ballſaal glich einem Ereigniß. Alle, welche nach ihm gefragt, hatten zur Antwort erhalten, daß er verreist ſei, und jetzt, jetzt tanzte er den erſten Walzer mit Frigga ſelbſt. Schwartz, Geburt n. Lildung. II. 6 nkelten ſich. Sie bewegte ihren Wir kennen nicht alle die Schlüſſe, alle die mehr oder weniger ſinnreichen Bemerkungen, welche ge⸗ macht wurden; wir wiſſen blos, daß die am wenig⸗ ſten Verwunderte die Gräfin Harthon war. Während des Walzers wurde nicht ein Wort zwiſchen Frigga und Valentin gewechſelt. Ein paar Mal flogen ſeine Blicke hinüber nach Lilie, welche von dem Augenblick an, wo ſie ſeiner gewahr wurde, eine lebendigere Farbe erhalten hatte. Als der Walzer zu Ende war, ging Valentin hin, um ſich vor dem Grafen und der Gräfin zu verbeugen. Der erſtere bemerkte ganz herzlich: — Ah ſieh, Lieutenant Aurenius! Ich war voll⸗ kommen gewiß, daß Sie kommen würden, und ich danke Ihnen dafür. — Einem Wunſche, welchen der Herr Graf aus⸗ geſprochen, muß ich nachkommen. Ich reiste geſtern⸗ ſo zeitig ab, daß ich bis zu Anfang des Balls wie⸗ der hier ſein konnte. Als Antwort ſagte der Graf einige verbindliche Worte. Die Gräfin nahm ſich wohl in Acht, irgend eine Bemerkung zu machen und ſie war außerdem ſo von ihren Gäſten in Anſpruch genommen, daß ſie ver⸗ gaß, auf Volentin Acht zu geben, welcher hinging um Aurora aufzuſuchen. Er ſetzte ſich zu ihr und bemerkte ſcherzend: — Hier bin ich jetzt, Mademviſelle Dorbineau, und wie Sie ſehen, fechte ich lieber, als daß ich fliehe. — Monſieur, Sie werden doch nicht behaupten 83 daß Sie ſich meinetwegen eingefunden,— brach Aurora heiter aus. Wenn ich auch nicht Ihretwegen hierher⸗ ſen ſo ſind Sie⸗ doch Schuld, daß ich hier eibe. — Sie machen mich ganz verlegen,— ſie nahm eine verdrießliche Miene an, bedenken Sie meine vierzig Jahre! Valentin lachte. S — Die vergeſſe ich immer, und es iſt noth⸗ wendig, daß Sie daran erinnern, damit ich daran denke,— verſicherte er. — Sie ſind zu artig, aber ich nehme nicht inehr auf mich, als i vertragen kann, deßhalb glaube ich bgewiß, daß Sie auf dem Balle bleiben, um.. — Um den Sinn Ihrer Worte von vorgeſtern Abend zu erfahren. n— Ah, Monſieur, ſie enthielten nur einen Scherz, Bisweilen ſteht Scherz und Ernſt ſo nahe bei einander, däß man ſie nicht trennen kann; alſo waren ees nicht die Worte, an welche ich mich hielt, ſondern der Sinn, welcher hinter denſelben lag. — Mißtrauen iſt gefährlich; es zeugt gewöhn⸗ lich von böſen Gewiſſen,— meinte Aurora. „— Mag ſein; aber erlau Sie mir doch, daß ich eine Frage an Sie— — Ich werde ſie mit Vergnügen beantworten. — Was hielten Sie für die Veranlaſſung meiner Abreiſe 2 — 6Soll ich ehrlich ſein? DDas iſt klar.. — Nun wohl, ich glaubte, daß Sie ein Wieder⸗ N —— 84 ſehen vermeiden wollten, welches Ihre Seelenſtärke auf eine gar zu hohe Probe geſtellt haben würde. — Bravo, ich habe mich alſo nicht geirrt, und deßhalb bin ich jetzt hier. — Sie beabſichtigen alſo auf Liungbro zu ver⸗ bleiben und ſich zum Gegenſtand von Blicken zu machen, wie die ſind, welche in dieſem Augenblick auf Sie gerichtet Perden,— bemerkte Aurora ernſt. — In dieſen Falle habe ich Unrecht gehabt, wenn meine Worte Schuld daran geweſen, daß Sie ſich nicht entfernen. — Madeſbiſelle Dorbineau, Sie ſind wirklich die Erſte, welche mich zu einem gefährlichen Menſchen ſtempelt.— Haben Sie ſoviel von Ihrem Vaterland vergeſſen, daß Sie ſich nicht mehr der Lebendigteß Ihrer Landsmänninnen erinnern? Valentin ſtand auf und fügte hinzu: — Ich werde jetzt hingehen und mich vor der Gräfin Eldau verbeugen; aber ich bitte Sie, laſſen Sie nicht ein unglückliches Gerücht ſo ſehr Ihr Urtheil verwirren, daß jedes Wort und auch die meinigen eine andere Bedeutung erhalten, als ſie haben dürfen. — Seien Sie zufrieden, Monſieur, die Ehre der Gräfin Eldau iſt mir zu heilig, daß ich mir ein un⸗ richtiges Urtheil über ihre Handlungen erlauben ſollte. Sie iſt die Schülerin meiner Schweſter geweſen! und iſt mir lieb. — Die Gräfin hat demnach in Ihnen nicht nur eine Landsmännin, ſondern auch eine Freundin. Ich wünſche ihr Glück. Valentin verließ Aurora, um ſich Lilie zu nähern 1 t ——— — — 3 85 Bevor wir weiter gehen, wird es vielleicht noth⸗ wendig ſein, mit wenigen Worten von dem Aeußern des Lieutenant Aurenius einen Bericht zu geben. Er war ein großer und das was man einen ſtattlichen Mann nennt und von ſtarkem Körperbau. Seine Haltung war leicht und ſicher und bewies, daß Mangel an Selbſtvertrauen nicht ſeine ſchwache Seite ſei. Die Stirne war hoch, das Haar dunkelbraun aber ſchlicht, die Geſichtszüge etwas unregelmäßig, und der Ausdruck darin, obgleich intelligent, ja ſo⸗ gar geiſtreich, doch kalt. Seine ungewöhnlich ſchönen und lebendigen Augen machten, daß er trotzdem ganz hübſch ausfah. Valentin gehörte zu denjenigen Männern, welche mehr Reſpect, als Intereſſe einflößen und deßhalb war er kein beſonderer Günſtling des ſchönen Geſchlechts. Die Frauen im Allgemeinen hatten etwas Furcht vor ihm und es fiel nie einer ein, gegen Valentin in irgend einer Weiſe Coquetterie an den Tag zu legen. Der Inſtinkt ſagte ihnen, daß er ſich in ſolchen Schlingen nicht fangen ließe, und daß er ſich ganz gewiß nie von funkelnden Augen und reizendem Lächeln bethören laſſen würde. Obgleich er nur achtundzwanzig Jahre alt war, ſo ſah Valentin doch bedeutend älter aus und doch and man nichts vom Alter in ſeinem Weſen. Er tanzte, und, wie es ſchien, mit Vergnügen; er ſcherzte gern mit der Jugend und nahm Theil an gllen ihren Spielen und Zerſtreuungen; aber er that das auf eine Weiſe, als wenn er dächte: 86 — Ich kann mich doch wohl auch dazu herab⸗ laſſen, Kind zu ſpielen. Der Hauptzug im ganzen Aeußern des Valentin war Ueberlegenheit und Männlichkeit, ein vollkom⸗ menes Bewußtſein der Kraft ſeines Verſtandes und ſeines Charakters. Eine gewöhnliche Frau ſrlieh ſich nicht gerne in einen ſolchen Mann, denn der Verſtand ſagt ihr, daß ſie ihm wie ein K ind vorkommen muß. Aber kehren wir zu Valentin zurück, der indeſſen an Lilie herangetreten war. Mit einer tiefen Verneigung begrüßte er ſie, und drückte durch einige verbindliche Worte ſeine Ueber⸗ raſchung aus, ſie in Schweden wiederzuſehen. Dann fragte er nach dem Marquis und der Marquiſin und hatte in einigen Augenblicken eine ganz lebhafte Unterhaltung über ihre Bekannten in Paris ein⸗ geleitet. Valentins Stimme hatte nicht ihre gewöhnliche Ruhe und kalten Ton, als er zuerſt Lilie anredete; aber nach Verlauf einiger Minuten war er ſich gleich. Er iſt ſchon ſehr bewegt, dachte Frigga, welche gleich daneben ſtand und mit einigen jungen Mäd⸗ chen und Herren ſprach. Valentin fuhr in ſeiner Unterhaltung mit Lilie fort, bis die Muſik wieder zum Tanze rief und ein Cavalier kam, um die reizende Gräfin zum Tanze zu führen, welche vergebens darauf wartete, daß Aurenius ſie engagiren ſollte. Als ſie ſich entfernt hatte, beeilte Aurenius ſich, ſich eine Dame zu verſchaffen. Im Laufe des Bas 87 tanzte er ununterbrochen mit Allen, ausgenommen mit Lilie und Frigga. Zwiſchen den Tänzen ſagte Frigga zu Valentin: — Nun, wird der Herr Lieutenant nicht Lilie engagiren? — Ich wage es nicht,— antwortete Volentin. — Fürchten Sie ſich wieder? — Meine Gegenwart ſollte Ihnen das Gegen⸗ theil beweiſen. — Es geſchah alſo, um eine Probe Ihres Muthes zu geben, daß Sie ſich hier einfanden? Frigga drohte mit dem Finger. — Sagen Sie mir Eins!— bat Valentin ernſt⸗ haft.— Warum laſſen Fräulein Ihre Lippen ſo oft das Gegentheil von dem ausſprechen, was Sie enken? — Die Frage kann nicht beantwortet werden, weil Sie nicht wahr iſt, und es kommt mir vor, als wenn der Herr Lieutenant ſie nur aufgeworfen, um es zu vermeiden, die meinige zu beantworten. — Bedarf es wirklich einer Verſicherung, daß ich hierher kam wegen des erſten Walzers? In dem Fulle — In welchem Falle? fiel Frigga ein. Daß ich keine ſolche gebe.— Wenn Fräu⸗ lein nicht ſo viel von meinem Gemüth und Charakter verſteht, daß dieß ſich von ſelbſt verſteht, ſo wäre es vergeblich von mir zu hoffen, verſtanden zu werden. — Sie wollen, daß man Hellſeher ſein ſoll, wenn es Sie betrifft, da Sie ohne Worte begriffen ſein wollen. — Worte, ſind denn die ſo nothwendig?— Valentin pflückte ein Blatt von Friggas Bouquet und fuhr dann im ruhigſten Tone von der Welt fort: — Es iſt nicht durch ſie, daß Fräulein und ich bisher einander verſtanden haben. — Aber es iſt durch ſolche, daß ich jetzt die Vermuthung ausdrücke, daß Sie nicht die Gräfin Eldau vernachläſſigen, ſondern ſofort hingehen und ſie zum Tanze auffordern. — Gnädigſtes Fräulein Frigga, hegen Sie nie eine ſolche Vermuthung, wenn die Rede von mir iſt; — ich bin dazu verurtheilt, jede ſolche Vermuthung zu täuſchen. Trotz meiner Selbſtvergötterung bin ich doch nicht egoiſtiſch genug, um zu glauben, daß die Gräfin irgend ein Gewicht darauf legt, von mir zum Tanze aufgefordert zu werden. — Sie haben alſo nicht die Abſicht, ſie zu en⸗ gagiren? — Ich ſeze mich einem„nein“ von einer ſo ſchönen und liebenswürdigen Frau aus und das würde mich untröſtlich machen. Frigga wurde durch den Tanz von Valentin getrennt. Während des Soupers näherte Lilie ſich ihm. Mit einem einnehmenden Lächeln ſagte ſie: — Ich muß Ihnen mittheilen, daß man mir ge⸗ ſagt hat, Sie ſeien verreist und würden deßhalb den Ball nicht beſuchen. Das betrübte mich. Ich wurde auch ſehr froh, als Sie erſchienen. Ohne die Augen auf die ſchöne Frau zu richten, ſagte Valentin: — Ich war verreist und hätte mich in der That nicht hier eingefunden, wenn ich nicht ſo 89 glücklich geweſen wäre, von Fräulein Frigga das Verſprechen des erſten Walzers erhalten zu haben. — War das der einzige Grund, daß Sie kamen? — fragte Lilie. — Ja, Madame, ich reiste Nacht und Tag, um Fräulein Harthon nicht im Stich zu laſſen. Eine dunkle Röthe glühte auf Lilie's Wangen. — Und ich, die ich mir ſchmeichelte, daß es Ihnen ein Vergnügen machen würde, eine alte Bekannte aus Frankreich wiederzuſehen,— ſagte Lilie nach einer kurzen Pauſe. — Fräu Gräfin, ich habe die Ehre gehabt, Ihnen meine Freude darüber zu bezeugen. — Aber das war nicht der Grund, daß Sie heute Abend hieherkamen. — Es trifft ſich ſehr häufig, daß alte Bekannte uns vergeſſen und ich war nicht vermeſſen genug, um zu glauben, daß man ſich meiner erinnerte. — Nicht! Ich glaubte im Gegentheil, daß Sie deſſen vollkommen gewiß waren. Valentins einzige Antwort war eine Verbeugung. Lilie fuhr fort: — Jetzt beabſichtigen Sie wohl nicht, Liungbro ſo bald zu verlaſſen? — Ich reiſe ſchon morgen von hier ab. — Unmöglich!— rief Lilie und ſah ihn an. — Frau Gräfin wiſſen vielleicht nicht, daß Graf Harthon mir die Verwaltung ſeiner Güter über⸗ tragen hat. — Ja, das weiß ich,— fiel Lilie ein,— und ich weiß auch, daß Graf Harthon, als er uns einlud, hierher zu kommen, die Hoffnung ausſprach, daß Lieutenant Aurenius, welcher Frankreich beſucht hatte, dazu beitragen würde, mir den Aufenthalt auf Liung⸗ bro ſo angenehm als möglich zu machen.— Darum ſetzte der Graf voraus... —.... daß ich zu Hauſe bleiben würde.— Was beweist das, meine gnädige Gräfin, als daß er die Pflichten nicht kennt, welche meine Abweſenheit erheiſchen? — Sind denn dieſe von einer ſolchen Natur, daß Sie nicht ein paar Tage Lilie de Maillé opfern können? — Ein Fräulein de Maillé gibt es nicht mehr, — ſagte Valentin etwas bewegt— und für die ſ Eldau kann ein ſolches Opfer keinen Werth aben. — Monſieur, wenn nun die Letztere Sie darum bäte, würden Sie dann ihre Bitte ausſchlagen?— Nicht wahr, Sie reiſen nicht? Sie bleiben hier, wäh⸗ der kurzen Zeit, die ich hier verweile. — Gräfin, Sie belieben, meine Eitelkeit auf eine harte Probe zu ſtellen. Ich ſchätze indeſſen Ihre Achtung zu hoch, um nicht zu verſuchen, ſiegreich da⸗ von auszugehen. — Monſieur,— bemerkte Lilie mit leiſer Stimme, — ich würde es als eine Beleidigung betrachten, wenn Sie nach dieſem meine Bitte ausſchlügen. — Daß ich nie dazu kommen kann, Sie zu be⸗ leidigen, das wiſſen Sie, und darum... — bleiben Sie,— unterbrach ihn Lilie. Graf Ernfrid trat jetzt an ſeine Frau heran. 91 Der Ball war zu Ende und die Gäſte abgereiſt. Jeder, welcher auf Liungbro zurückblieb, hatte ſich in ſeine Zimmer zurückgezogen. Valentin ging über den Hof bis zum ſogenannten Gaſtflügel, welcher auf der entgegengeſetzten Seite des großen Flügels gelegen war, und wo ſeine Zimmer ſich befanden. An einem der Fenſter des großen Wohngebäudes ſtand Frigga und blickte hinaus in die Nacht. Sie hörte die Stimme Valentins, als er dem Stallmeiſter zurief, dieſe Worte ausſprechen: — Der kleine Jagdwagen und Frederik ſollen morgen um ſieben Uhr bei Zeiten in Ordnung ſein. Ich reiſe dann nach Stenby. Einige Minuten darauf verließ Frigga den Salon. Durch leichten Nebel warf die Sonne am nächſten Morgen matte, ſchläfrige Strahlen auf die Erde. Es ſah aus, als hätte ſie die Nacht auf einem Balle zugebracht. Um ſieben Uhr fuhr der Jagdwagen in den Hof hinauf. Einige Minuten darauf erſchien Valentin auf der Treppe. — Fahr nach dem untern Parkthor und warte dort auf mich!— befahl er dem Kutſcher und ging dann nach dem Park. Er nahm ſeinen Weg direct nach dem Meeres⸗ ufer. — Entſchuldigen, mein Fräulein, daß ich Sie aufgeſucht!— ſagte er zu einer kleinen Frauenge⸗ ſtalt, welche da ſtand und das ruhige Waſſer be⸗ trachtete, über deſſen Fläche der Nebel ſchwebte. 92 Frigga drehte ſich etwas überraſcht um, und ſagte: — Wie wußte der Herr Lieutenant, daß ich hier ſei? — Ich wußte es nicht, aber ich hoffte, daß Sie Ihre gewöhnliche Morgenpromenade machen würden, — ſagte Valentin. — Ich glaube, der Herr Lieutenant ſagte„meine gewöhnliche?“ fragte Frigga. — Ja! — Und nichtsdeſtoweniger behaupteten Sie vor einigen Tagen, daß ich die Morgenruhe liebe. — Man behauptet oft etwas, was falſch iſt, und ſo that auch ich es. — Erklären Sie mir den Grund, warum Sie es thaten. — Ahnen Fräulein ihn nicht? — Nein, mein Herr, ich habe nie Ahnungen. — Nun wohl, dann wollen wir nicht davon ſprechen. — Das iſt wahr, Sie machen Anſprüche darauf, verſtanden zu werden ohne alle Erklärungen. — Erlauben Sie, daß wir das laſſen! Ich war übrigens ſo frei, Fräulein aufzuſuchen, um Ihnen Lebewohl zu ſagen, bevor ich abreiſe. — Sie hielten es alſo für ausgemacht, daß ich mich nicht„verſchlafen“ würde, da Sie nicht von mir Abſchied nahmen, als wir uns dieſe Nacht trennten? — Ich war deſſen ganz ſicher, daß ich Sie hier treffen würde. — Sie hätten ſich verrechnen können. 1 1 93 — Ich kann mich nicht in Ihnen verrechnen. Frigga ſchwieg. Beide betrachteten eine Zeitlang die Nebel, welche höher ſtiegen. — Sie reiſen! hob Frigga wieder an.— Ich geſtehe, daß es mich Wunder nimmt. — Das verwundert Sie nicht, Fräulein Frigga; aber es würde Sie verwundert haben, wenn ich ge⸗ blieben wäre. — Man hat Sie jedoch darum gebeten. — Das, was ich verweigerte zu thun, weil Sie es wünſchten, konnte keine Andere mich zu thun ver⸗ mögen. — Geben Sie Acht, daß Sie nicht von Neuem eine falſche Behauptung machen. — Ich thue das jetzt nicht, Fräulein Frigga; ſondern ſpreche bloß eine Wahrheit aus. Und jetzt, leben Sie wohl Fräulein Harthon. Valentin verneigte ſich, Frigga legte ihre Hand in die ſeinige und ſagte: 4 — Wann kommen Sie wieder? — Wenn die Ernte vorbei iſt. — Gut, willkommen dann und immer!— Haben Sie Dank dafür, daß ſie reiſten!— fügte ſie hinzu mit einem milden Lächeln. Im nächſten Augenblick ſtand ſie allein am Meeresufer. Strahlen der Sonne brachen jetzt durch den ebel. Frigga dachte: Ich habe ihn alſo richtig beurtheilt. Es thut meinem Herzen wohl, daß ich ihm meine ungetheilte Hochachtung ſchenken kann. 6 94 In demſelben Augenblick hörte man das Rollen eines Wagens, welcher wegfuhr. Frigga fügte in Gedanken hinzu: — Er kommt wieder, wenn die Ernte vorbei iſt. — Wie viel liegt nicht in dieſen Worten!— Wel⸗ cher Unterſchied zwiſchen ihm und Arthur!— Arthur! — wiederholte ſie mit gedankenvoller Miene. Jahre ſind verfloſſen in der Erwartung, daß er wiederkom⸗ men ſollte; aber er iſt nicht gekommen. Jetzt fürchte ich, daß die Ernte heimgebracht und verzehrt ſein wird, bevor er ſich auf Liungbro ſehen läßt. Beim Frühſtück theilte der Doctor dem Grafen mit, daß der Lieutenant nach Stenby gereiſt ſei und nicht vor einigen Wochen zurückkehren würde. Der Graf erging ſich in Lobeserhebungen über die Thätigkeit und Geſchicklichkeit, welche Aurenius an den Tag legte. Lilie verſchüttete den Kaffee auf ihr weißes Mor⸗ genkleid. Ernfrid beklagte mit einem eigenen Blick auf ſeine Frau, daß er nicht Gelegenheit gefunden, nähere Bekanntſchaft mit Valentin zu machen. Die Gräfin billigte in ihrem Innern das Be⸗ nehmen Valentins, Aurora bewunderte es, und Frigga, welcher der Blick Ernfrids nicht entgangen war, dankte Gott, daß er fort war. Während der erſten Wochen, welche Eldau's auf Liungbro zubrachten, löſte eine Einladung die andere ab; Bälle und Luſtbarkeiten reihten ſich aneinander. Man machte Ausflüge nach allen merkwürdigen und ſchönen Punkten. Man hatte vor lauter Einladungen und Vergnügungen gar keine Zeit zum Denken. 3 Endlich verſicherte Lilie, welche eine kleine und 3 95 zarte Pflanze war, daß ſie nicht mehr fähig ſei herumzuſchweifen, ſondern Ruhe wünſche. Gleich wurden die Vergnügungen abgebrochen. 1 Man ſchlug die Einladungen aus und verblieb auf Liungbro, wo man indeſſen keinen einzigen Tag ohne Fremde war. Ernfrid jagte, und that nichts als jagen. Nie erſchien er öfter, als er dazu gezwungen war. Der Graf und er ſtreiften herum in Wald und Feld. Eines Abends, als gegen die Gewohnheit keine Fremde auf Liungbro waren, promenirte Lilie, auf Frigga's Arm geſtützt, durch den Park. Sie unterhielten ſich vom Winker und deſſen frü⸗ herem Erſcheinen in Schwedens Hauptſtadt. Plötz⸗ lich bemerkte Lilie: — Glaubſt Du, daß mein Mann mich lieb hat? So viel er kann, hat er es. Lilie brach in ein ſchallendes Gelächter aus. — Du haſt Recht; ſo viel er kann, das heißt, er liebt eigentlich ſich ſelbſt. Eure Männer hier in Schweden ſind Menſchen ohne Herz und Gefühl. Lilie ſetzte ſich auf eine Bank und fuhr mit ernſter Stimme fort: — Sein Herz einem Schweden zu ſchenken, bedeu⸗ tet, daſſelbe dem Tode weihen. Lange, bevor ich meinen Mann kannte, liebte ich einen Deiner Landsleute. Er war mir ſo lieb, daß ich mit ihm Armuth und Elend getheilt haben würde. Ich werde nie einen Andern lieben; denn ich werde nie ſein Ebenbild finden. Sie ſchwieg und ſtützte den Kopf auf die Hand. Frigga ſchwieg auch. 96 Lilie hob wieder an: — Wenn ich mit ihm zuſammen war, ſiel es mir nie ein, daran zu denken, daß ich eine geborne Marquiſin de Maillé und er ein Bürgerlicher ſei. Ich fühlte blos, daß er der Mann war, welchen mein Herz anbetete, und an deſſen Füßen zu ſitzen ich liebte. Als ſeine Gattin wäre ich ein Engel gewor⸗ den. Ach, Du weißt nicht, wie viel ich gelitten. Lilie neigte ihren Kopf ſeitwärts. Sie war ein reizendes Kind. — Wurde Deine Neigung erwiedert?— fragte Frigga. — Ja!— Lilie ſeufzte: Während der erſten Zeit, wo wir uns ſahen, war ich nahe daran, verzweifelt zu werden, weil es mir nicht klar war, ob er mich vorzog, oder nicht; als wir aber auf das Schloß meines Vaters hinauskamen, fing ich an zu ahnen, daß ſein Herz von denſelben Gefühlen bewegt würde, wie das meinige. Eines Abends bekräftigten ſeine Worte, was ich ſchon wußte. Lilie weinte. — Du kannſt begreifen, wie glücklich ich damals war. Es kam mir vor, als wenn die Erde kein Weſen trüge, deſſen Glück mit dem meinigen zu ver⸗ gleichen ſei;— aber der folgende Tag dämmerte, und dann— war er fort. Er war abgereiſt, einen Brief hinterlaſſend, in welchem er erklärte, daß die Liebe zu Marquis de Maillé's Tochter ſeinerſeits eine Tollheit ſei, der ſich zu überlaſſen er weder wollte noch konnte.— Die Frau, der er einmal ſeine Hand bieten ſollte, müßte auf derſelben Stufe ſtehen, wie er, und nicht durch ihren Rang über ihn erhöht 97 ſein. Zwiſchen ihm und mir läge, wie er ſchrieb, meine Geburt, gleich einer unüberſteiglichen Mauer. Lilie's Bewegung verhinderte ſie weiter zu ſprechen. In demſelben Augenblick kamen zwei ſchöne Jagd⸗ hunde herangeſprungen. Die Thränen wurden weggetrocknet, und als Graf Ernfrid kurz darauf im Jagdanzug erſchien, waren die Spuren davon vollſtändig verſchwunden. Ernfrid trat auf Lilie zu und bemerkte, nachdem er Frigga begrüßt hatte, gegen ſeine Frau: — Würde es Dir läſtig ſein, mir zu folgen? Ein Brief aus dem Auslande macht, daß ich Dich zu ſprechen wünſche. Er bot Lilie ſeinen Arm und fügte hinzu, indem er ſich an Frigga wandte: — Um Vergebung, daß ich auf dieſe Weiſe die Damen trenne; aber vielleicht daß Du, beſte Frigga, mit hinaufgehſt. — Nein, ich danke, ich ziehe es vor hier zu blei⸗ ben,— antwortete Frigga. Die beiden Gatten entfernten ſich. Als der Schall ihrer Schritte verhallt war, hört an die Töne eines Waldhorns. Sie klangen her⸗ über von der entgegengeſetzten Seite des Parks und nicht ſo ſehr weit von Frigga, welche unwillkürlich uſammenfuhr und den Kopf umdrehte. Ebenſo plötzlich als ſie ertönten, ſchwiegen ſie ieder, und bald ſtarb auch ſelbſt das Echo dahin. — Was ſoll das bedeuten?— dachte Frigga und ſtand auf, um der Richtung nachzugehen, von Schwartz, Geburt u. Bildung. M. ₰ 5 8 wo ſie kamen. Sie blieb indeſſen gleich ſtehen, denn Valentin näherte ſich auf einem Seitenweg. — Wie!— rief Frigga.— Iſt die Ernte ſchon eingebracht? — Nein, wenn das der Fall wäre, würde ich nicht auf dieſe Weiſe hier aufgetreten ſein,— ant⸗ wortete Valentin. Frigga bemerkte jetzt, daß er ungewöhnlich bleich und daß ſein Ausſehen unruhig und bekümmert war. — Ich bin nur nach Liungbro gekommen, um Sie zu treffen, und womöglich mit Niemandem ſonſt zuſammenzuſtoßen,— fügte er hinzu. Von den Lippen irgend eines andern Mannes würde das ſich ſonderbar ausgenommen haben; aber das ganze Aeußere Valentins zeigte, daß, was auch die Urſache ſei, weßhalb er Frigga aufſuchte, es we⸗ nigſtens keine erfreuliche ſein könne.. — Iſt etwas Unangenehmes paſſirt?— fragte Frigga. Mädchen, ſo würde es mir ſchwer fallen, Sie auf die Wahrheit vorzubereiten. Jetzt beklage ich, daß ich es bin, der Ihnen eine ſchmerzliche Nachricht Ja!— Und wären Sie ein weniger beherztes bringen muß. Doch, es läßt ſich nicht ändern.— Ich habe heute einen Brief aus Genf erhalten, in welchem man erwähnt, daß Graf Melcer. — Geſtorben iſt!— rief Frigga bebend. — Der Tod iſt nicht das größte Unglück, das einen Menſchen treffen kann; oſt iſt er eine Wohl⸗ that. Graf Melcer iſt nicht todt, er iſt krank. Valentin hielt inne. 99 — Ach, mein Herr, fahren Sie fort, Sie ſehen wohl, daß ich Muth habe, Sie zu hören. — Nun wohl, man gibt an, daß der Graf an einer plötzlich eingetretenen Geiſtesſtörung leidet, welche durch einen Fall in einer Ruine hervorgerufen wurde. Frigga faltete die Hände und ſeufzte tief. — Dieſer Brief,— fuhr Valentin fort,— lag in dem meinigen und ich wurde von dem Verfaſſer deſſelben, einem gemeinſchaftlichen Freund von mir und Fräuleins Bruder, erfucht, den Grafen und die Gräfin auf das Unglück vorzubereiten, bevor ich ab⸗ reiſe. Valentin zeigte Frigga den Brief und fügte hinzu: — Ich geſtehe, daß es mir an Muth gebricht, dieſen Auftrag auszuführen, bevor ich mich ſelbſt überzeugt habe, daß Graf Melcer an Geiſtesſtörung leidet. Ich hoffe, daß man ſeinen Zuſtand übertrie⸗ ben hat, und darum habe ich Fräulein aufgeſucht, um Ihnen meinen Entſchluß mitzutheilen, den ich ge⸗ faßt. Ich reiſe ſchleunigſt nach Genf und der Brief bleibt bis auf Weiteres bei mir. Der Graf und die Gräfin bleiben in Unkenntniß davon, bis ich wieder⸗ komme. Steht es ſo ſchlecht, wie hier mitgetheilt wird, ſo muß Graf Melcer in eine der beſſeren An⸗ ſtalten für Geiſteskranke gebracht werden, und in dieſem Falle bedarf es einer ſicheren Perſon. Ich ſchmeichle mir eine ſolche zu ſein. Wenn Fräulein meinen Vorſchlag billigen, ſo reiſe ich augenblicklich ab. — WMeeine einzige Antwort iſt: Gott lohne Sie. — Gut, dann iſt die Sache abgemacht; ſuchen 100 Sie nur es zu verhindern, daß das Gerücht von dem Geſundheitszuſtand des Grafen Melcer ſich nicht durch Graf Eldau den Weg zu ſeinen Eltern bahne. Leben Sie wohl, Fräulein Frigga, bitten Sie Gott, daß ich Ihnen auf eine beſſere Weiſe nützlich werde, als dadurch, daß ich größere Einnahmen von den Gütern Ihres Vaters erziele. F N 4 Valentin eilte davoi 5 Freude zu hruchein Shr lachen, wenn das Herz vor Schmerz pocht, iſt faſt unmöglich, und doch wird es möglich, wenn es geſchieht, um Denjenigen, welchen wir lieben, ein Leiden zu erſparen. Frigga würde ſich ſelbſt Allem, was man wollte, unterworfen haben, wenn ſie blos dadurch den Vater und die Mutter von jeder Sorge hätte befreien können. Als Valentin davon geeilt war, begab ſich Frigga ſofort aus dem Park und direct zu Eldau's. Sie erinnerte ſich, daß Ernfrid von einem Brief aus dem Auslande n und zitterte beim Ge⸗ danken, daß er vielleicht etwas vom Bruder enthielt,„ — was durch Ernfrid ihren Eltern zu Ohren kommen konnte. Frigga's Vermuthung war auch vollkommen richtig Ver Brief kam von der Marguiſin de Maillé und enthielt die Nachricht, daß ſie erfahren habe, Melcer habe ſich ſo ſtark verletzt, daß ſeine geneſung fraglich ſei. Die Marquiſin bat Ernfrid, Graf Harthon davon in Kenntniß zu ſetzen. Frigga trat gerade bei Eldau's ein, als der ächte ann ſeiner Gattin den Auftrag übergab, den er i daß ſie als Frau beſſer als er ausführen önne. Beim Anblick von Frigga ſtürzte Lilie mit thrä⸗ nenerfüllten Augen entgegen; aber bevor ein Wort über ihre Lippen kommen konnte, ſagte Frigga: — Haben Sie Nachrichten von Melcer erhalten? — Ja, theure, geliebte Freundin,— ich ſollte Dich gerade aufſuchen, um.... — Um mir zu ſagen, daß er krank ſei,— unter⸗ brach ſie Frigga.— Ich weiß es und kam, um Sie zu bitten, meinen Eltern nichts zu ſagen, bevor ich Nachrichten erhalten. Lieutenant Aurenius at ſich zu ihm begeben. — nach der Schweiz gereist? — fragte Ernfrid. — Ja,— antwortete Frigga,— und verſprecht mir jetzt Schweigen; — Das verſprechen wir,— verſicherte Ernfrid, der in ſeinem Egoismus es außerordentlich hübſch * hr daß er es überhoben wütde, Zeuge eines hef— tigen Schmerzes zu ſein. Er ſuchte mit einigen gewählten Worten Frigga u tröſten, aber ſie unterbrach ihn wieder und ſagte: — Beſter Ernfrid, laßt uns nicht von dieſem traurigen Thema ſprechen; einige unglückliche Ereig⸗ niſſe ſind von einer ſolchen Ratur, daß diejenige Theilnahme am beredteſten iſt, die da ſchweigt. Frigga ging hinauf auf ihre Zimmer und Lilie dachte: — Er iſt abgereist! abgereist ohne ein Abſchieds⸗ wort an mich.— Ich bin noch viel unglücklicher als Frigga. Ernfrid fing an, darüber nachzuſinnen, daß es Zeit ſei, Liungbro zu verlaſſen. Monat September und auch ein großer Theil von October war zu Ende, ohne daß man etwas von Valentin hörte. Graf Harthon konnte es nicht unterlaſſen, gegen den Propſten ſeine Verwunderung über Valentins Benehmen auszuſprechen. Er, welcher ſonſt mit ſo vieler Getiſſenhaftigkeit ſein Amt verſehen hatte, verließ dasſelbe jetzt, wo ſeine Gegenwart am meiſten nothweſiig wär, und überließ es den Inſpectoren, zu hauſen, wis es ihnen beliebte. Daß dies dem Grafen mißfiel, war natürlich. In den Fällen, in welchen der Graf ſeinem Miß⸗ vergnügen und ſeiner Verwunderung Worte lieh, antwortete der Propſt ganz ruhig: — Mein Sohn hat nicht anders handeln können, — und damit unterbrach er den Grafen, welcher gegen dieſe beſtimmte Erklärung von dem Vater des Abweſenden keine Einwendung machen wollte. 8½ Aber weit entfernt, ihn zufrieden zu ſtellen, reizte er nur den Grafen in ſeinem Innern, und jetzt be kam Frigga und die Gräfin die Auslaſſungen ſeines Aergers zu hören. 63 103 Frigga ſchwieg in ſolchen Fällen. Sie konnte Valeikin nicht vertheidigen, denn ſie war nicht im Stande, Etwas zu ſeiner Entſchuldigung anzuführen, wenn ſie nicht die Urſache ſeiner Abweſenheit ver⸗ rathen wollte. Sie dachts, daß, wenn Valentin zurückkehrte, „ Alles klar werden und ihr Vater einer der Erſten ſein würde, der ihm dankte für das, was er gethan. Durch den Propſten hatte Frigga eine einzige Nachricht von Valentin erhalten und die lautete: daß Melcers Zuſtand nicht ſo gefährlich ſei, wie der Briefſchreiber angedeutet, ſondern daß man das Beſte hoffen könnte. Nach dieſem Brief kam nichts weiter an und die Zeit verſtrich langſam für die in heimlicher Angſt lebende Frigga. Man jetzt am Schluß des October. Der Herbſt ungewöhnlich mildes Geſicht gezeigt e mit Regen und Nebel ſo freigebige Monat a nehrere ſchhne und ſommerliche Tage beſcheert. Es war, wie geſagt, ein klarer und friſcher Som⸗ mertag am Ende des Oetober. Der Graf und die Göfin waren zur Kirche gefahren. Frigga war zu uſe geblieben. ie beſuchte dieſen Morgen eine kranke Frau n einem der Untergebenen des Grafen und nach⸗ dem ſie bei ihr geſeſſen und einige Worte des Tro⸗ ſtes und der Aufmunterung zu der Leidenden ge⸗ prochen, kehrte ſie zurück mit den Gedanken auf en Bruder gerichtet. Ein Gefühl der Hoffnung und des Vertrauens erfüllte Friggas Bruſt, und es kam ihr vor, als wenn etwas von dem Muthe und der Seelenſtärke welche ſie dem kranken Weibe zuzuſprechen geſucht, jetzt ihr eigenes Innere erfülle. Nach ihrer Rückkehr ſetzte Frigga ſich in dem ge⸗ wöhnlichen großen Gefellſchaftszimmer, um zu leſen; aber ſie hatte kaum das Buch geöffnet, als das Rollen eines Wagens, welcher raſch den Hof hinauffuhr, ſie veranlaßte, einen Blick durchs Feuſter zu werfen. In der offenen Chaiſe ſaßen zwei junge Leute⸗ Beim Anblick derſelben entſchlüpfte Frigga ein Aus⸗ ruf der Ueberraſchung und im nächſten Augenblick war ſie an der Salonthür, aber ſie hielt inne und murmelte:. — Nein, ich wage es nicht. O mein Gott, mache mich ſtark, falls ich gezwungen ſein ſollte, ihn wiederzuſehen als einen.... Die Thüre ging auf. Auf der Schwelle ſtand Graf Melcer; bleich und ſehr verändert, das iſt wahr, mit vollkommen unverwirrtem Blick und Aus⸗ ſehen. In der nächſten Minute hatte Frigga ſich in ſeine Arme geworfen. Ein Strom von Freudenthränen floß über ihre Wangen. Lange hielt der Bruder ſie feſt an ſeine Bruſt geſchloſſen, als wenn er gefürchtet hätte, ſie loszu⸗ laſſen und wieder die liebe, jetzt ſeinem Herzen ſo theure Schweſter zu verlieren. Drei Jahre waren vergangen, ſeit Melcer das Vaterhaus verlaſſen, um in fremden Ländern die Erinnerung an eine unglückliche Neigung zu ver⸗ wiſchen. Melcer, von Natur hochmüthig und unbändigen Charakters, hatte doch ſchon von der Kindheit an Frigga lieb gehabt, obgleich er, während ſie mitein⸗ ander aufwuchſen, fortwährend den Herrſchfüchtigen geſpielt, etwas, was indeſſen bei einem Charakter wie Friggas nicht ſo leicht ging. Weder als Kind noch als erwachſenes Mädchen vertrug ihre ſelbſtſtändige Seele irgend eine Gewalt. Für Ihre Pflicht konnte Frigga Alles opfern; aber für Machtſprüche war ſie nicht geſchaffen. Das machte, daß Melcer ſchon in ſeinen jungen Jahren Achtung für ſie hegte und auf dieſem Gefühl beruhte ſeine Ergebenheit. Valentin, welcher wohl ſah, daß ſie allein ſein mußten, kam auch nicht zum Vorſchein bevor die Kirchenglocken anzeigten, daß der Gottesdienſt zu Ende ſei; dann trat er in den Salon zum Mittags⸗ tiſch angekleidet. Er fand Frigga und Melcer auf dem kleinen Sopha ſitzend. Beide ſtanden auf und kamen ihm entgegen. — Dank!— ſtammelte Frigga. — Wenn das, was ich gethan, einen Dank von Fräulein Harthon verdient, dann bin ich reichlich be⸗ lohnt,— antwortete Valentin. Melcer ſagte nichts; aber er ſchüttelte treuherzig Valentins Hand, worauf er einen Blick auf ſeine Reiſekleider warf und bemerkte: — Meine Eltern werden bald von der Kirche zurück ſein; ich kann ſie nicht in dieſem Anzug be⸗ grüßen. Mein Vater könnte es als einen Verſtoß gegen das, was er als Pflicht betrachtet, anſehen, falls ich mich nicht umzöge. 106 Mit einem freundlichen Nicken gegen die Schwe⸗ ſter verließ Melcer das Zimmer. Frigga und Valentin blieben allein. — Pelche Zeit der Angſt, war doch die ver⸗ floſſene,— fagte Frigga— und welche Stunde un⸗ beſchreiblicher Freude iſt dieſes Wiederſehen. — Da iſt die erſtere durch die letztere wieder gut gemacht worden,— ſagte Valentin.— Hat das gräfliche Paar nichts geahnt? — Meine Mutter iſt freilich unruhig darüber geweſen, daß ſie keinen Brief erhalten; aber Melcer iſt immer ein langſamer Briefſchreiber geweſen, ſo daß ſie ſich damit getröſtet hat.— Und jetzt, Herr Lieutenant, da ich nicht von meiner Dankbarkeit zu ſprechen wage, ſo müſſen Sie mir es verzeihen, wenn ich Sie mit Fragen beſtürme. — Das werde ich gewiß thun; aber Sie dürfen mir nicht zürnen, wenn ich ſie unbeantwortet laſſe. — Auf eine ſo harte Probe beabſichtigen Sie mich doch wohl nicht zu ſetzen. Bedenken Sie, daß ich an Melcer keine Frage gerichtet, weil ich erwar⸗ tete, duß — Durch mich Ihre Neugierde befriedigt zu be⸗ kommen. Gerne, Fräulein Frigga; aber ſpäter; Sie, welche ſo tapfer den Kampf zwiſchen Angſt und Unruhe beſtanden, Sie werden unmöglich dem Verlangen unterliegen, zu erfahren was ſich zuge⸗ tragen, da das Reſultat doch iſt, daß Sie Ihren Bruder geſund wiederſehen. — Und Sie, Sie kehren zurück eben ſo unnach⸗ giebig wie ſie abreisten. —Danke für das Zeugniß; aber jetzt ein ernſt⸗ ——, 107 hafter Rath: Thun Sie dem Grafen Melcer keine Frage in Beziehung auf ſeinen Aufenthalt in der Schweiz. Deuten Sie nicht darauf hin, und thun Sie, als wäre es Fräulein unbekannt, daß er ſich dort aufgehalten. — Ich werde gehorchen.— Was iſt die Urſache dieſer Vorſchrift? — Aus Gnade, keine Fragen! Erlauben Sie mir hinzuzufügen: Fräulein müſſen auf irgend eine Weiſe das gräfliche Paar davon unterrichten, daß es die⸗ ſelbe Vorſicht beobachten, und daß ſie im Allgemei⸗ nen nicht verſuchen mögen, mehr zu erfahren, als er von ſelbſt erzählt über ſeinen Aufenthalt im Auslande.* — Melcer iſt alſo nicht geſund von Gemüth,— fragte Frigga umuhig. — Vollkommen, ſoviel mehr, als er nie das ge⸗ weſen iſt, was man gemüthskrank nennt; aber Fräu⸗ lein, es iſt ihm während ſeines Aufenthalts in der Schweiz etwas Trauriges begegnet. Er darf nicht daran erinnert werden. — Durch mich ſoll er es nicht werden,— ver⸗ ſicherte Frigga. — Dann iſt Alles gut, und jetzt ſoll ich Grüße von Graf Eldau's bringen,— hob Valentin wie⸗ der an.— Während unſeres Aufenthalts in Stock⸗ holm beſuchte ich ſie. — Sie wiſſen doch, daß ſie gleich nach Ihnen Liungbro verließen. — Die Gräfin erwähnte es.— Der Graf bat mich, Fräulein ſeine herzliche Freude darüber auszu⸗ drücken, daß das Gerücht in Betreff des Grafen falſch geweſen. — In der That!— Frigga lächelte ironiſch.— Seine Theilnahme war indeſſen nicht größer, als daß er ſich ſchleunigſt entfernte, ſowie das Unglück an unſere Thüre klopfte.— Beſuchte mein Bruder Eldau's? — Nein, er ſandte bloß ſeine Karte. — Wie ſchien Lilie geſtimmt zu ſein? Gedieh ſie in unſerer kleinen Hauptſtadt? — Ich vermuthe es. Die Gräfin war ſchön, wie immer. Bevor Melcer wieder im Salon zum Vorſchein kam, hatte Frigga ihren Eltern ein kurze Erklärung gegeben und Valentin ihre Dankſagungen empfangen. Von dieſem Tage an bewies Graf Harthon Va⸗ lentin ein noch größeres Wohlwollen, als zuvor. Es war leicht zu ſehen, daß der alte Edelmann die ungerechten Anklagen gleichſam bereute, welche er gerade damals gegen Valentin erhoben, als dieſer alles bei Seite geſetzt, um dem Grafen und der Gräfin ein bittere Angſt zu erſparen. Man begegnete auch Valentin mit einem Ver⸗ trauen und einer Freundſchaft, welche um ſo ehrender waren, als der Graf nicht verſchwenderiſch darin zu ſein pflegte. Nach ſeiner Rückkehr widmete Valentin ſich ledig⸗ lich ſeinem Beruf. Man ſah ihn faſt nie in den gewöhnlichen Abendzirkeln. ————— —,— —— ——— 109 Oft erklärte der Graf und auch die Gräfin, daß ſie ihn vermißten, und fügten dann immer den Wunſch hinzu, daß er kommen möchte und ihnen die langen Winterabende verkürzen helfen;— aber dann ant⸗ wortete Valentin: — Der Verluſt iſt auf meiner Seite, der ich ſo angenehme Stunden miſſen muß; aber ich bin ge⸗ zwungen, mich demſelben zu unterwerfen. Meine Reiſe iſt Schuld daran, daß Manches verſäumt wor⸗ den iſt, was jetzt eingeholt werden muß. Melcer begleitete bisweilen Valentin, wenn dieſer Reiſen nach Vaarnäs, Stenby oder Umgegend unter⸗ nahm. Es ſchien, als wenn er beſonders in Au⸗ renius' Geſellſchaft ſich wohl befand und recht oft ſagte er: — Der Herr Lieutenant könnte ſich wohl Abends frei machen, und die Zeit mit mir verplaudern, Der Herr Lieutenant kann ja über die Inſpectoren und Schreiber befehlen. Laſſen Sie die arbeiten, aber ſeien Sie gegen ſich ſelbſt barmherzig. — Beſter Graf, ich laſſe nie Andere meine Ar⸗ beit verrichten. Die einzige Ruhe, welche er ſich gönnte, heſtand darin, daß er ein paar Mal in der Woche nach dem Pfarrhof zu ſeinen Eltern ging. Wenn er bei dieſen Beſuchen erſt die Mutter ge⸗ liebkost und lächelnd ihren Klagen über ſein ſtolzes und unpaſſendes Benehmen im gräflichen Hauſe zu⸗ gehört, ging er hinauf zum Vater, um eine Stunde oder zwei mit ihnen zu verplaudern. Valentin pflegte dann zum Propſt zu ſagen: Wenn ich ein paar Tage nichts Aufklärendes und Lehrreiches von Papa geholt, kommt es mir vor, als wenn ich Hunger ſpürte nach geiſtiger Nahrung. Vatentin bewunderte den Vater und hatte die Mutter lieb; aber er war bei alledem ein ſelbſtſtän⸗ diger Sohn. Derjenige, welcher ihn ſähe, wenn er mit den Eltern allein war und ſein Gemüth nicht kannte, würde Manches gegen ihn zu bemerken ge⸗ funden haben. Er konnte z. B. mit großer Heftigkeit mit dem Vater disputiren; ja der größte Theil ihrer Unter⸗ haltung beſtand im Disputiren. Vater und Sohn verfochten dann ihre Behauptungen mit einer ſolchen Lebendigkeit, daß ſie ganz raſend gegen einander wurden. Dieſe Debatten hatte der Propſt ganz und gar allein hervorgrufen. Er liebte es, zu disputiren und konnte oft, um nur den Sohn ſeine Anſichten entwickeln zu hören, die größten Paradoren aufſtellen. Jeder ſolcher Wort⸗ ſtreit endigte indeſſen damit, daß der Propſt ihm die Hand reichte und ſagte: — Schade, daß Du Diener ſein mußt, Du hätteſt Profeſſor werden ſollen. Gegen ſeine Mutter war Valentin immer heiter und ſcherzte über ihre Schwäche, den Vornehmen gegenüber. Wenn ſie ihm eine längere Strafpredigt halten wollte, ſaßte er ſie am Arme und tanzte mit der Alten herum, bis ſie anfing zu lachen: Er disputirte nie mit ihr; aber er nahm auch gar keine Rückſicht auf ihre Rathſchläge. Sie waren 111 ie weggeworfen, da ſie immer im direkten Widet⸗ ſpruch mit Valentins ſtolzem Charakter ſtanden. Dem Vater ausgenommen, räumte er Niemanden das Recht ein, ſich in ſein Thun und Laſſen zu miſchen. Wenn Egoismus je erlaubt ſein kann, ſo ſchien dies der Fall bei Valentin zu ſein, da er in Allem das Rechte zu treffen ſuchte. Doch es iſt am beſten, daß wir die Ereigniſſe ſprechen laſſen, ſie werden beweiſen, was er w ar, und wohin ſein Selbſtvertrauen führte. Alle auf Liungbro, vom Grafen bis zum Doctor und Aurora, hatten verſucht, Valentin zu überreden, daß er ſich ſelbſt ein wenig Ruhe gönne; aber wie wir bereits erwähnt, ohne Erfolg. Die Einzige, die kein Wort geſagt, war Frigga. Sie allein ſchwieg, und als Valentin ſich ſcherzend weigerte, den Bitten der Uebrigen nachzukommen, ſah Frigga ihn ganz ruhig an. Volentin warf keinen einzigen Blick auf ſie, um den Grund dieſes Schweigens herauszufinden. Sleit dem Sonntag, an welchem Valentin nach Liungbro zurückgekehrt war, hatten er und Frigga nicht mehr mit einander geſprochen, als die gewöhn⸗ lichen Begrüßungen. Sie wichen einander aus; aber Frigga ſchien ſich nicht mehr ſo dafür zu intereſſiren, ſich mit Valentin zn unterhalten. Vielleicht kam es daher, daß er immer mtt Melcer beſchäftigt war und fortwährend mit ihm plauderte. Vielleicht war es auch Friggas Unruhe über des Bruders ſchweigſame und düſtere Stimmung, welche es veranlaßte, daß ſie ſich nicht Zeit gab, —* 112 Anderen ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Es ſchien klar zu ſein, daß ſie und Valentin von anderen In⸗ tereſſen ſo in Anſpruch genommen waren, daß ſie kaum Zeit hatten, ſich miteinander zu beſchäftigen. Der Weihnachtsmonat war angebrochen und mit ihm eine ſchneidende Kälte. An einem friſchen Wintermorgen, als die Sonne durch die Fenſter des Speiſeſaals ſchien und dem Zimmer ein ungewöhnlich heiteres Ausſehen verlieh, fand ſich Vatentin früher als gewöhnlich beim Früh⸗ ſtück ein. Im Saale befand ſich Frigga. Sie ſtand und betrachtete die hübſche Winterlandſchaft. — Ah ſieh, der Herr Lieutenant!— rief Frigga fröhlich. Was kann die Urſache ſein, daß Sie heute ſo frühzeitig hier ſind? — Meine Uhr iſt ſtehen geblieben,— antwortete Valentin. — Sie haben ſich alſo in der Zeit geirrt? — Wie Sie ſehen, gnädiges Fräulein, bin ich heute derſelben vorausgeeilt. — Um ſo beſſer. Ich habe ſchon längere Zeit Sie zu ſprechen gewünſcht. — Längere Zeit; und was hat denn Fräulein abgehalten? — Mangel an einer paſſenden Gelegenheit. — Und doch habe ich Fräulein jeden Tag ge⸗ troffen. — Gewiß; aber Sie haben ſich ja nur bei den Mahlzeiten ſehen laſſen und ſich dann ſofort entfernt. — Sie haben mich nicht zu bleiben gebeten,— ſagte Valentin ernſt. —————— 113 — Haben Sie darauf gewartet? Frigga ſchaute zum Fenſter hinaus. — Ja! Eine Pauſe von einigen Secunden entſtand, dann drehte Frigga ſich um und ſagte: — Ich brauchte ja nicht Sie um das zu bitten, ⸗ was Sie wußten, daß ich wünſchte. — Nicht bitten, das iſt nicht das rechte Wort — ich wartete darauf, daß Sie einen Wunſch aus⸗ ſprechen würden. — Und warum, da Sie denſelben kannten? — Bisweilen verläßt uns der Glaube, und dann erwacht das Verlangen, denſelben zu ſtärken. Sie ſchwiegen, und ich— hatte ſo viel zu thun. — Hat mein Schweigen die Menge Ihrer Ge⸗ ſchäfte veranlaßt? — Ganz gewiß und das wird auch fortfahren, nich zur Gile anzutreiben. — Beabſichtigen Sie, uns den ganzen Winter Ihrer Geſellſchaft zu berauben? — Ich weiß es nicht. — Wir werden alſo nicht zuſammen muſiciren, nicht leſen und plaudern, wie früher? — Alles das beruht auf Fräulein. Ein Wort von Ihnen, und ich bringe die Abende in der Fa⸗ milie zu. Ich werde dann meine Arbeitsſtunden anders eintheilen. — Lieutenant Aurenius, jetzt ſage ich, wie Sie nſt ſagten: ſind Worte nöthig? — Nicht nöthig; aber ich bedarf ihrer. — Und deßhalb ſollen ſie von mir ausgeſprochen werden? Schwartz, Geburt u. Bildung. M. 8 S 114 — Nein, ſie ſollen nicht. Hier iſt nicht die Rede von Zwang. Fahren Sie fort zu ſchweigen und ich fahre fort, Abends zu arbeiten. — Sie warten alſo bloß darauf, daß ich Sie bitten ſoll.. — Fräulein, ich habe mich bereits erklärt. Volentin ſah Frigga an.- — Aber ich gedenke nicht an Sie Bitten zu ver⸗ ſchwenden,— ſagte ſie lachend, und darum laßt uns das Thema verlaſſen. — Wie Ihnen gefällig iſt,— antwortete Valen⸗ tin, ſetzte ſich Frigga gerade gegenüber und fügte in einem heiteren Ton hinzu: Nun, beſtes Fräulein, über was haben Sie gewünſcht mit mir zu ſprechen? Frigga ſah ihn an. — Wegen einiger gemeinſchaftlichen Schulden. — Wirklich! Sie und ich haben alſo etwas Ge⸗ meinſchaftliches, wenn es auch nur Schulden ſind? — Halten Sie denn dafür, daß dies das Einzige iſt? — Beinahe. Vor den Creditoren, wie vor dem Tode, hört aller Rangunterſchied auf. — Nicht ſo ganz. Derjenige, welcher am wenig⸗ ſten Schulden hat, bedeutet am meiſten, und der⸗ jenige, welcher die größten hat, nimmt den unterſten„ Rang ein. — Wenn dies ſo iſt, ſo wird das der einzige Fall, in welchem der kleinſte am meiſten gilt. Aber wie war es nun mit unſern Schulden? — Ach, damit ſteht es ſo ſchlecht, daß, wenn ich dazu verurtheilt würde, das, was wir einander ſchuldig ſind, zu bezahlen, ich gezwungen wäre, Ban⸗ querott zu machen. 115 — Um Verzeihung, Fräulein Harthon, die Erbin zu Stenby kann nicht Banquerott machen,— ant⸗ wortete Valentin kalt. — WMein Herr, Sie ſind gewiß ein Finnländer. — Ss iſt jetzt nicht die Rede davon, was ich beſitze und nicht beſitze, ſondern davon, was ich ſchuldig „ bin, und wäre ich auch das reichſte Weib auf Erden, ſo würde ich doch nicht im Stande ſein, das zu be⸗ zahlen, was ich Ihnen ſchuldig bin. Aber die Rede iſt jetzt nur von unſerer Wette. Ich trete auf als Creditorin. — Fräulein Etwas ſchuldig zu ſein, iſt immer ein Glück und ich habe deßhalb nicht die geringſte Miene gemacht zu zahlen; aber wenn ich mich nicht irre ſ — Haben Sie aber die Bezahlung einer Wette zu fordern. Gewiß, und das einer ſehr alten, welche galt eine.... — Eine Camelie! — Richtig! das war auch der Grund, warum ich von unſern Schulden ſprach.— Nun wohlan, ein Herr, womit ſoll ich meine verlorene Wette bezahlen? 5— Meine Forderung muß noch ſtehen blei⸗ ben. Einſt werde ich kommen und ſie einfordern; bis dahin muß es Zeit haben. Jetzt würde ich nichts ze wünſchen haben, und da der Gewinn von mir beſtimmt werden muß, ſo muß ich erſt im Stande ſein, etwas zu wünſchen. Nun wohl, wie es Ihnen beliebt; aber ich will jetzt meinen Gewinnſt haben. — Und ich werde mich nicht einer ſo angenehmen 116 Abrechnung entziehen. Womit ſoll ſie in Richigkeit gebracht werden? Es ſteht dem Fräulein zu, die Zahlungsbedingungen zu beſtimmen. — Ich weiß es; aber bedenken Sie es genau; wollen Sie es nicht ſelber thun? — Nein, bei Ehre und Treue. — Um ſo beſſer. Ich werde nicht billig ſein. — Das ſind gute Ausſichten. — Ich verlange, daß Sie mir geben.. Frigga hielt inne. — Mein Leben! — Ach nein,— Ihre Geſellſchaft an den Winter⸗ abenden. Zu gleicher Zeit blickte Frigga immer in die Höhe. Auf Valentins Stirne brannte eine hochrothe Flamme; doch war ſeine Stimme ſo ruhig, daß ſie kalt klang, als er antwortete. — Eine Wette iſt eine Ehrenſchuld, der Bezah⸗ lung einer ſolchen entziehe ich mich nie. — Ich wußte es, und darum konnte es mir nie einfallen, das zu verlangen, was ich ein Recht hatte zu fordern. Die Frühſtücksglocke läutete. Zehn Minuten darauf frühſtückte man. Am Abend, als Alle in dem vortrefflichen und glänzend erleuchteten Geſellſchaftszimmer verſammelt waren, trat auch Valentin ein, zu nicht geringer Ver⸗ wunderung Aller, ausgenommen Frigga. Er wurde vom Grafen und von der Gräfin mi 5 vieler Herzlichkeit begrüßt, und als ſie ihre Verwun⸗ 117 derung darüber ausſprachen, daß er endlich wieder ſeine alten trefflichen Gewohnheiten angenommen, antwortete Valentin lachend: — Die Arbeiten, welche am meiſten beſchleunigt werden mußten, ſind beſorgt, und ich kann, ohne meinem Vorſatz untreu zu werden, die Abende hier oben genießen, Etwas, was ich mir bisher habe ver⸗ ſagen müſſen. Valentin und Frigga ſangen einige von ihm componirte Duette. Pie Zeit eilte dahin und die kleine Geſellſchaft war ungewöhnlich lebendig. Selbſt Melcer's düſteres Geſicht hatte ſich aufge⸗ lärt. Valentin's Gegenwart hatte bei Allen eine fröh⸗ liche Stimmung hervorgerufen. Frigga, welche vorher allein es über ſich genom⸗ men, die Ihrigen zu zerſtreuen, fühlte ſich wirklich erleichtert, als ſie von Valentin unterſtützt wurde, denn es war ihr bisweilen ſchwer gefallen, ſie bei guter Laune zu erhalten. Das ſchwermüthige und veränderte Weſen Melcers hatte auch auf die Eltern Einfluß geübt. Die letzteren ſahen mit Unruhe, wie der einzige männliche Erbe des Harthon'ſchen Namens von irgend einem inneren Leiden verzehrt zu werden ſchien. Sollte dieſer Name, welcher durch Jahrhunderte von ſo vielen ausgezeichneten Männern getragen worden war, jetzt verlöſchen? Das war die Unruhe, welche den Grafen plagte, 6 daß er mit väterlicher Bekümmerung den Sohn be⸗ trachtete. Frigga, welche fühlte, daß ſie in die Länge nicht im Stande ſein würde, ihre Umgebung zu zerſtreuen, hatte deßhalb Valentin um ſeine Hülfe angegangen. Als man nach dem Souper ſich trennte, reichte ſie ihm die Hand und ſagte in einem herzlicheren Ton, als ſie ſonſt zu thun pflegte: — Dank für heute Abend! — Danken Sie mir nicht, Fräulein Frigga,— antwortete Valentin.— Es iſt ein hohes Spiel, das wir ſpielen,— fügte er mit tiefem Ernſte hinzu. — Mag ſein; aber gerade weil es höher iſt, als andere Spiele, kann es nicht verloren gehen, wenn es auch nicht gewonnen wird. Frigga's Haltung war edel, ihr Blick offen, und ihr Lächeln ſo voll Vertrauen, daß man darin die tiefen und heiligen Gefühle dieſes ſtarken und mäch⸗ tigen Herzens leſen konnte. Einige Tage vergingen. Abends fand ſich Valentin fortwährend ein. Man vergaß Regen und Stürme da draußen über das Gefühl des Wohlbehagens, welches Jeder empfand. Eine Geſchäftsreiſe, welche Valentin nach S— unternehmen mußte, brachte wieder eine Unterbre⸗ chung und machte, daß man ihn ein paar Abende miſſen mußte. n ſeiner Abweſenheit kamen einige Ver⸗ wandte des Grafen nach Liungbro, um dort die Weih⸗ nachten zuzubringen. Es war der Baron Major 4— mit einer Tochter und der Hofmarſchall* mit Gemahlin. Am Abend deſſelben Tages, an welchem ſie an⸗ kamen, war die ganze Geſellſchaft im Salon ver⸗ 119 ſammelt. Baron 4—, welcher in dem Regimente Major war, bei welchem Valentin gedient, äußerte ſich ſehr rühmend über„ſeinen Lieutenant,“ wie er Aurenius nannte. Man ſprach eine Weile von ſeiner Tüchtigkeit ꝛc., als der Major plötzlich bemerkte: — Man ſagt, es ſei nahe daran geweſen, daß mein Lieutenant während ſeines Aufenthalts in Frank⸗ reich die jetzige Gräfin Eldau weggekapert hätte. — Mein Bruder, das iſt ſicherlich ein falſches Gerücht,— ſiel Graf Harthon ein.— Aurenius gehört durchaus nicht zu denjenigen, welche ſich der⸗ geſtalt vom Gefühle beherrſchen laſſen, daß ſie ver⸗ geſſen, was ſie ſich ſelber ſchuldig ſind⸗ Frigga ſah auf und betrachtete den Vater mit einem faſt neugierigen Blick. — Sich ſelbſt ſchuldig,— brach Major A— ein heiterer und jovialer Militär— aus. Eine Ver⸗ bindung mit Marquis de Maillé's Tochter konnte doch wohl nie als ein Vergehen ſeiner Würde ange⸗ ſehen werden.— Mir ſcheint es, hol' mich der T—l, — um Verzeihung, meine Damen, aber es iſt mir unmöglich, nicht zu fluchen,— daß die Partie eine ſehr paſſende und ſicher derjenigen vorzuziehen ſei, welche das Fräulein ſpäter machte. — Möglich— antwortete der Graf; aber nicht aus dem Grunde würde er ſich vergeſſen haben, wenn er die Tochter des Marquis de Maillé gefreit hätte. — Pol mich der T—l, ob ich Dich begreife, lieber Harthon,— meinte Major A—, welcher immer im Streit mit dem Grafen lag, wenn es ſich um ariſtokratiſche Begriffe handelte. 120 — Dann bin ich wohl gezwungen, mich zu er⸗ klären,— ſagte der Graf lächelnd, und ſich vollkom⸗ men bewußt, daß ſein Couſin ihm jetzt den Handſchuh zu einem Streit hinwarf.— Marquis de Maillé gehört zu einer der älteſten adeligen Familien Frankreichs. Sein Vater und ſeine Mutter kamen um in den Septembertagen 1793. Das de Mailléſſche Geſchlecht iſt zu allen Zeiten ſtolz auf ſeine Ahnen geweſen, und das mit Recht, denn deſſen Stammbaum iſt reich an ausgezeich⸗ neten Männern, welche es nie durch eine unwürdige Verbindung befleckt haben.— Der gegenwärtige Marquis hat auch ſeinen Familienſtolz und die Pflicht geerbt, ſeinen Stammbaum unbefleckt zu erhalten vor Einimpfungen mit fremden und bürgerlichen Zweigen. Nebenbei hat er viel zu hoch zur franzöſiſchen Re⸗ volution beiſteuern müſſen, als daß er nicht von der⸗ ſelben gelernt haben ſollte, den Adel und die Noth⸗ wendigkeit ihn heilig zu halten und hoch zu ſchätzen. — Die Bewegung des Jahres 1792 bewies auf eine entſetzliche Weiſe, wie unglücklich ein Land iſt, wenn das Volk regiert, und nicht der König und der Adel.— Ich bin überzeugt, daß er lieber ſeine Tochter ſterben ſehen würde, als durch ihre Verbin⸗ dung mit einem Bürgerlichen jenen Gleichheitsideen huldigen, welche Frankreich ſo viel Blut gekoſtet. — Tra la la,— rief der Major ungeduldig, — wenn ich begreifen kann, wie ein Mann mit Deinem Kopf und Herz ſich von ſo engherzigen Ideen beherrſchen laſſen kann! Mir ſcheint es, daß die Re⸗ volution von 1792 uns die Lehre gebracht hat, daß die Zeit der Edelleute vorbei iſt, und das Klügſte * 121 was ſie thun können, ſei, den alten Traditionen vom Stammbaum u. dgl. Abſchied zu geben. Sie gelten ja doch nichts. Was nun Aurenius betrifft, ſo iſt er ein ſo tüchtiger und prächtiger Burſche, daß er ohne Ge⸗ fahr einer abſchlägigen Antwort freien könnte jedes Mädchen, das ihm gefällt. Auch genirte er ſich nicht mit dieſer Marquiſin, deren Vater und Mutter das franzöſiſche Volk denſelben Weg geſchickt, wie die übrige Geſellſchaft. — Onkel, Aurenius freite nie um Fräulein de Maillé— ſagte Melcer. — Nicht!— Aber ich weiß beſtimmt, daß er es that,— behauptete der Major hitzig. — In dieſem Fall mußte man vorausſetzen, daß er vom Vater eine abſchlägige Antwort erhalten,— meinte Melcer.— Ich weiß indeſſen vom Marquis ſelbſt, daß, wenn Aurenius um die Hand der Toch⸗ ter angehalten hätte, er auch dieſelbe erhalten haben würde. — Wie?— rief die Gräfin.— War der Mar⸗ quis nicht gegen ſeiner Tochter Neigung zu Aurenius? — Nein, im Gegentheil, dem Marquis war ſie erwünſcht,— erklärte Melcer. Dies war die Ur⸗ ſache, warum er Aurenius in ſein Schloß einlud. — Aurenii plötzliche Abreiſe und der Gräfin kleine Intriguen machten, daß Eldau die hübſche kleine Lilie zu Frau bekam. — Ich habe alſo Aurenius richtig beurtheilt, als ich ſagte, daß er ſich nicht vergeſſen konnte. — Papa ſetzt mit dieſen Worten voraus, daß er Marquis de Maillé's Tochter nicht für würdig halten würde, ſeine Gattin zu werden,— ſiel Frigga ein. d.. 122 — Meine Tochter, ich ſetze bei einem klugen Menſchen nie etwas Wahnſinniges voraus,— ant⸗ wortete der Graf. — Aber, erkläre mir doch, was Du da mit Deinem ſich ſelbſt vergeſſen meinſt,— ſchrie der Major faſt.. — Aurenius iſt, wie Sie alle anerkennen werden, ein ungewöhnlich gebildeter und aufgeklärter junger Mann. Er iſt das ſo gründlich, daß er keine exal⸗ tirte republikaniſche Ideen hegt, ſondern betrachtet das Leben mit geſundem Blick und klarem Verſtand; er faßt es auf, wie es iſt und nicht wie Schwärmer haben wollen, daß es ſein ſoll. Er ſieht ein, was jeder denkende Menſch einſehen ſollte, nämlich, daß man in einem Lande, wo der Adel exiſtirt, ſeinen Principien Achtung ſchenken muß.— Die Grundidee des Adelſtandes iſt ja, eine veredelte Klaſſe in der Geſellſchaft zu erhalten.— In dieſer Jee, lieber 4— liegt ein ſo ſchöner Gedanke, daß ich nicht be⸗ greife, wie Jemand denſelben zu verkennen vermag, darüber lachen kann. Dieſem Zwecke gemäß werden die Erziehung, die Gewohnheiten und die Begriffe von der Kindheit an geleitet, und darum wird die Heirath mit Bürgerlichen als eine Mesalliance be⸗ trachtet, weil dieſe nicht zu derſelben Beſtimmung wie der Edelmann geboren ſind. — Aber zum T—l, wohin geräthſt Du jetzt, Du begannſt ja damit von Aurenii größerer Bildung zu ſprechen. Nun, mein Bruder, ich durfte doch wohl vermuthen, daß es die iſt, welche adelt und den einen Menſchen über den andern erhebt, und nicht ein ererbter Adel. —, 123 — Zugegeben; aber der gebildete Menſch beur⸗ theilt jedes Ding nach deſſen wahrem Werth und weiſt ihm ſeinen rechten Platz an.— Die Bildung gibt uns einen klaren Blick und iſt der Hebel, durch welchen die Menſchheit vorwärts gebracht wird, aber nicht die Kraft, womit man die beſtehende Ordnung zerreißt. Iſt nun dieſe Anſicht richtig, ſo folgt daraus, daß der gebildete Menſch einſieht, daß das, was iſt, ſein muß, und nicht glaubt, daß die Auf⸗ klärung darin beſteht, daß wir das, was wir haben, tadeln, bevor wir etwas Beſſeres an ſeine Stelle zu ſetzen haben.— Der gebildete bürgerliche Mann be⸗ leidigt nie die Ideen Anderer darum, weil ſie im Widerſpruch mit den ſeinigen ſtehen, und iſt zu eifer⸗ ſüchtig auf ſeine ſelbſtgeſchaffene Würde, daß er ſuchen ſollte in eine adelige Familie hineinzukommen, um ſich dadurch etwas zu erwerben, was nicht ſein iſt. Glaube mir, ein ſolcher Mann ſetzt ſich nicht dem aus, daß Graf K—ſtierna ihm antworten würde, falls er des Grafen Tochter zur Gattin begehrte: „Beſter Herr Bergquiſt, ſo ſehr ich Ihren Cha⸗ rakter, Ihre Kenntniſſe und Ihre Stellung im Leben achte, ſo kann ich doch nicht erlauben, daß meine Tochter einen in der Geſchichte berühmten Namen gegen den Ihrigen vertauſche.“ — Er, der Bürgerliche, fuhr der Graf fort,— hält eine Heirath mit einem hochgeborenen Mädchen für eben ſo unmöglich, wie eine zwiſchen ihm und einer ungebildeten Frau. Er kann ſich nicht zu der letzteren herablaſſen und will nicht zur erſteren emporgehoben ſein.— Die Bildun giſt etwas Selbſt⸗ erworbenes, etwas, was ich vor mir ſelber verant⸗ worten muß.— Hohe Geburt wiederum iſt ein heiliges Erbe, für welches ich der ganzen Nation ver⸗ antwortlich bin. Deßhalb, weil ich Bergguiſt heiße, kann ich gewiß ebenſo edel ſein, ja ein weit edlerer Menſch, als der⸗ jenige, der Ke—ſtierna heißt; aber der letztere Name iſt hiſtoriſch, der erſtere nicht. — Dies enthält die Idee des Adels und deſſen Anſprüche auf ein höheres Streben. Ich bin nicht allein mir ſelbſt gegenüber verpflichtet, ſeine Ehre zu wahren, aber ich bin auch verpflichtet, mich würdig zu machen, ihn zu tragen. — Das da klingt außerordentlich hübſch, aber es kann als lauter leere Worte betrachtet werden, und meine Tochter wird nicht dadurch, daß ſie ſich mit einem Bürgerlichen verheirathet, ihrer Väter unwürdig. — Nicht unwürdig, aber ſie vergißt die Achtung vor den Ideen, welche die Benennung Fräulein in ſich ſchließt, und welche ihr die Pflicht aufer⸗ legen, durch Heirath mit einem in denſelben Princi⸗ pien erzogenen Mann, zur Erhaltung derſelben mit⸗ zuwirken. — Du willſt doch nicht behaupten, daß unſer ſchwediſcher Adel die höhere geiſtige Entwickelung der Nation repräſentire. — Beklagenswertherweiſe nicht, wenn man es ganz genau nimmt; aber es gibt unter demſelben Familien, die es thun. Das wage ich in der That zu behaupten, und ſchlimm, wenn es anders wäre. — Ich fürchte, daß dieſer Familien ſehr wenige ſind— meinte der Major,— und doß derjenigen⸗ welche ihren Stammbaum vor einer bürgerlichen Ein⸗ 125 impfung bewahren, noch weniger ſind. Wir ſehen täglich, daß verarmte Grafen ſich mit reichen Bür⸗ gerstöchtern verbinden. — Das iſt leider allzu wahr, daß arme Edelleute mit ihrem Adel wuchern, ſo daß ſie ſich durch ſolche Verbindungen Reichthum verſchaffen; aber gerade dieſe Erniedrigung einer ſchönen Idee hat auf den Adel einen demoraliſirenden Einfluß gehabt und Ueber⸗ muth ſtatt Stolz, Muthwillen ſtatt Achtung und Ehr⸗ furcht vor dem Namen hervorgerufen und beweiſt am beſten die Verderblichkeit der Mesalliancen. Wir werden es gleich ſehen, wenn wir den Grafen U—, der ruinirt iſt, als Beiſpiel nehmen, und der, ſtatt in fremde Kriegsdienſte zu gehen und ſich eine Exi⸗ ſtenz zu verſchaffen, ſich mit der Tochter des reichen Großhändlers Pehrſon verheirathet hat. — Mamſell Pehrſon— fuhr der Graf fort, welche wie ein reiches, aber nicht wie ein adeliges Mädchen erzogen iſt, hat von Papa gehört, daß Geld der Talisman iſt, welcher zu Allem hier im Leben den Weg bahnt. Sie verſteht alſo nichts an⸗ ders, als danach Alles zu würdigen. Jetzt wird ſie Gräfin. Sie iſt nicht geboren für dieſen feinen Titel und faßt nicht die Bedeutung deſſelben. Sie glaubt, daß dazu nothwendig ein unverſchämter Hoch⸗ muth gehört. Daß ſie eine hohe Verantwortung über⸗ nommen, wäre zu viel verlangt, daß ſie es verſtehen ſollte. Sie hat den Titel mit ihrem Gelde gekauft und braucht und mißbraucht ihn nach Laune. Ihr Reichthum hat ſie zu der Gattin eines Grafen ge- macht. Sie kann ſich überheben, ſo viel ihr beliebt, und begreift nicht, daß uns, je höher wir in der Ge⸗ 126 ſellſchaft ſtehen, um ſo weniger der Hochmuth an⸗ ſteht. Nach ihrer eigenen Auffaſſungsweiſe erzieht ſie eben ihre Kinder. Hochmuth wird an der Stelle des Stolzes adoptirt, und ſo ſind dieſe adeligen Söhne entſtanden, welche ein Schandfleck für den Adel ſind. — Und ſo wird dieſe ganze veraltete Inſtitution ausſterben, verſicherte Baron A—; aber Du darfſt nicht glauben, daß die Fehler und die Laſter des Adels allein von Geſchäftsheirathen herrühren, ſon⸗ dern wir müſſen Alle zugeben, daß die Privilegien des Adels einen großen Theil derſelben erzeugt ha⸗ ben. Wenn eine Handvoll Menſchen in den Beſitz der meiſten Landgüter im Lande ſind, ſo wird die Folge davon Mißbrauch, Unterdrückung, Laſter und Ver⸗ brechen.— Adelig oder bürgerlich, ſo ſind wir doch Menſchen, und laſſen uns leicht von unſeren böſen Begierden beherrſchen. Macht und Glück hat die ganze Geſellſchaft demoraliſirt und ruinirt, ſo daß man ſagen kann, daß die Ariſtokratie im Begriff iſt, ihren letzten Athemzug zu thun. — Wenn dem ſo wäre,— ſagte der Graf mit traurigem Ernſt,— was glaubſt Du wird der Gewinn werden?— Ja, daß die Gewalt des Adels abgelöſt wird von der jetzt überall überhand nehmenden Geld⸗ ariſtokratie.— Hältſt Du irgend eine Veredlung für möglich unter den verzehrenden Leiden der Gewinnſucht? — Iſt es glaublich, daß das Verdienſt mehr aner⸗ kannt, daß das Volk glücklicher gemacht wird unter der Gewalt des Geldes, als unter der Vormundſchaft des Adels?— Ich fürchte, daß man etwas Beſſeres gegen etwas Schlimmeres vertauſcht. Die Revolu⸗ 127 tionen, welche einſt ausbrechen werden gegen die Mächte des Geldes, werden eben ſo blutig, wenn nicht blutiger, als die, welche gegen die Geburt rasten.— Das Loſen des Edelmanns war— die Ehre. Alles, was dieſe befördern konnte, unter⸗ ſtützte er. Unter der Obhut des Adels blühten Künſte und Wiſſenſchaften. Das Loſen des Kauf⸗ manns iſt: Gewinn; ſein Muſeum iſt die Börſe, ſeine Wiſſenſchaft das Hauptbuch und ſeine Literatur die Wechſel. — Aber die Ehre des Edelmanns iſt ohne Geld ein Nichts. Ach, lieber Harthon, wir ſind in unſern blühenden Zeiten ebenſo ſehr Geldmenſchen geweſen, wie der Kaufmann jetzt iſt. Der Edelmann preßte den Bauer, um den größtmöglichen Gewinn aus dem Boden zu ziehen, den er bebaute, und deſſen Ertrag der Gutsherr nachher auf Ausſchweifungen, Spiel und übermüthigen Luxus verſchwendete. — Du willſt doch nicht den Kaufsmannshoch⸗ muth vertheidigen!— rief der Graf aus. — Ich vertheidige keinerlei Hochmuth; aber mir ſcheint, daß der Kaufmann ebenſo viel Recht hat auf das Gold ſtolz zu ſein, welches er durch Arbeit ver⸗ dient, wie der Edelmann auf eine Ehre, an welcher er keinen Antheil hat. Aber jetzt thun wir am klüg⸗ ſten, wenn wir Frigga bitten, zu ſingen, ſonſt ver⸗ tiefen wir uns gar zu ſehr in eine Discuſſion, welche die Damen nicht intereſſiren kann. Man hatte ſoupirt, die Gäſte waren auf ihre Zimmer gegangen und Frigga ſtand eben im Begriff 128 ihren Eltern gute Nacht zu ſagen, als Melcer be⸗ merkte: — Papa war ja in Paris während der erſten franzöſiſchen Revolution. — Ja, ich war dort 1793 und 94 für's erſte und letzte Mal. Seit der Zeit habe ich es nicht über mich bringen können, den franzöſiſchen Boden zu betreten,— antwortete der Graf, ſtrich mit der Hand über die Stirne und fuhr fort, als wenn er mit ſich ſelber redete: — Ich kam dahin, den Kopf voll von den mo⸗ dernen Gleichheits- und Freiheitsideen. In einem Alter von achtzehn Jahren läßt man ſo leicht die Eraltation für das Neue den Verſtand beherrſchen; das Gefühl legt dann Beſchlag auf unſer Urtheil und leitet es irre.— Ich war Zeuge der Schrecken der Pöbelherrſchaft und ich verließ Paris als ein größerer Ariſtokrat, als ich es unter einer abſoluten Regierung hätte werden können.— Die franzöſiſche Regierung hat mich gelehrt, wie roh und wild das Volk iſt, wenn es frei handeln kann. Die Wahr⸗ heit der Worte meines Vaters: daß man für die Freiheit geboren und erzogen ſein muß und auf der Höhe der Geſellſchaft ſtehen, um dieſelbe benützen zu können, wurde bekräftigt durch das Blutbad, welches der Convent anrichtete. — Die Auffaſſungsweiſe iſt gar verſchieden,— hob Melcer an.— Ich habe einen Mann gekannt, welcher, obgleich ein geborener Franzoſe, deßhalb nicht dahin zu bringen war, ſein Vaterland wieder zu beſuchen, weil ſeine Landsleute nicht verſtanden 129 hatten, die republikaniſche Regierungsform aufrecht zu erhalten. — Er war wahrſcheinlich nicht Zeuge der Gräß⸗ lichkeiten der Schreckensherrſchaft geweſen,— ſagte der Graf und ſtand vom Sopha auf. — Ich glaubte im Gegentheil, daß er eine ſehr active Rolle während derſelben geſpielt. Vielleicht hat Papa ſeinen Namen nennen gehört, er hieß Jules Moulins. — Der Name iſt mir gänzlich unbekannt, und wurde von keinem der damals namhaften Männer geführt. — Auch nicht den Namen Jérdme Basſal? Vater und Sohn ſtanden einander gegenüber. Melcers Augen waren auf den Grafen gerichtet, welcher bei dieſem Namen die Augenbrauen heftig zuſammenzog. — Ich habe in der That einen Jéröme Basſal gekannt,— ſagte der Graf nach einem Augenblick. Was weißt Du von ihm! — Nicht viel.— Melcer blickte düſter vor ſich hin— Ich habe nur einmal ſeinen Namen gehört, und wünſchte etwas von dem Manne zu erfahren. Iſt er älter oder jünger als Papa? — Wenn er lebt, ſo wird er ungefähr zwei⸗ oder dreiundſechzig Jahre alt ſein.— Als ich ihn kannte, war er ſechsundzwanzig — Gute Nacht, Vater! Melcers Ausſehen war mehr als traurig und er 6 verließ haſtig das Zimmer. WMit gedankenvollen Blicken begab ſich der Graf in ſeine Gemächer. Schwartz, Geburt und Bildung. I. 9 Die Gräfin ſagte zu Frigga: — Bemerkteſt Du, wie ſonderbar Melcer aus⸗ ſah, als er Papa gute Nacht ſagte? — NRicht ſonderbar, aber freilich tief niederge⸗ ſchlagen. Wahrſcheinlich knüpft ſich an den Namen irgend eine ſchmerzliche Erinnerung. Die Gräfin lehnte ihren Kopf in die Sophaecke zurück, wo ſie ſaß. — Mama, Du weinſt,— brach Frigga aus und warf ſich auf die Kniee vor der Mutter.— Sage mir, was Dich beunruhigt? — Fragſt Du darnach?— Die Mutter ſah die Tochter an,— oder hat Frigga nicht begriffen, daß 6 ein verſchloſſenes und Melcers verändertes Aeußere, ſ verändertes Weſen, Unruhe einflößen mußte. Oft, wenn ich ihn betrachte, kommt es mir vor, als wenn ſich etwas während ſeiner Krankheit zugetragen hat. was von Aurenius verſchwiegen worden iſt. Melcer hat nicht allein von dem Schaden gelitten, welchen er durch den Foll in die Ruine genommen, ſondern es muß etwas Ernſthafteres geweſen ſein, das ſein Inneres angegriffen hat.— Die Gräfin legte die Hand auf ihr Herz und fügte hinzu: — Bisweilen, wenn mein Auge auf meinem armen Sohne ruht, wird mein Herz von einer ent⸗ ſetzlichen Angſt ergriffen; dann werden mir Ahnungen zugeflüſtert von irgend einer ſehr harten Prüfung, und ich kann meine Gedanken nicht losreißen von der unglücklichen Vorbedeutung, welche der Tod Cäſars in ſich trug. Ach, Frigga, ein Unglück droht uns! Wieder weinte die Gräfin. 131 Frigga, deren Befürchtungen wegen des Bruders noch größer und noch mehr begründet waren, als die der Gräfin, ließ indeſſen keinen Schatten davon durch⸗ blicken. Mit Ruhe und Zärtlichkeit ſuchte ſie der Mutter zu beweiſen, daß ſie ſich nur von ihrer eige⸗ nen Einbildung ſchrecken laſſe. Die friſche und klangvolle Stimme der Tochter beſaß eine eigene Kraft, denjenigen Frieden zu brin⸗ gen, welche ſie tröſten wollte, und darum gelang es ihr auch jetzt, die Angſt der Mutter zu beſänftigen. Als die Gräfin ſchließlich Frigga gute Nacht ſagte, ſah man ihr am Geſicht, daß ſie ihre Ruhe wieder gewonnen hatte. Als ſie allein im Salon war, ſtand Frigga lange unbeweglich. Dann ſchüttelte ſie ihren hochgeborenen Kopf, als wenn ſie aller Schwäche den Befehl ge⸗ geben hätte, von dannen zu ziehen. — Steht uns eine harte Heimſuchung bevor, ſo ſchickt es ſich nicht zu klagen, ſondern erſt den Muth zu prüfen. Sorgen wir dafür, daß er nicht ver⸗ ſchwinde vor der Züchtigung des Herrn! Sie ging mit raſchen Schritten in ihre Zimmer hinauf. Als ſie in ihre Zimmer eingetreten war, verab⸗ ſchiedete ſie ihre Kammerjungfer und als dieſe ſich entfernt hatte, ſchlich Frigga ſich hinaus in den lan⸗ 46 Corridor und blieb kauſchend vor Melcers Thüre ehen. Alles war ſtill. Sie öffnete die Thüre. Im Sopha ſaß Melcer mit übergeſchlagenen Armen und blickte vor ſich hin. 1 Aurenius ſprechen. Melcer hat zu wenig Beſchäfti⸗ 132 Frigga näherte ſich dem Bruder, legte ihre Hand auf ſeinen geſenkten Kopf und ſagte ganz freundlich: — So gedankenvoll; ich glaube der Herr Graf iſt eingeſchlummert, ohne es ſelber zu wiſſen. — Ah! biſt Du es, Frigga! Melcer richtete ſeinen Blick auf ſie mit einem Ausdruck der Gedankenloſigkeit.. — Ja, ich bin es ſelbſt, um Dich daran zu erinnern, daß wir nur drei Wochen bis Weihnachten und— Mutters Geburtstag haben.. — Nun, was folgt daraus? — Natürlich, daß wir an irgend eine Ueber⸗ raſchung für unſere Mutter denken müſſen. Ob wir ein geſelliges Schauſpiel veranſtalten ſollen, gerade ſo wie damals, als Du das letztemal zu Hauſe warſt und zugleich mit Arthur ſpielteſt? — Das heißt, als Magda den Pfarrhof beſuchte. Er war jetzt aus ſeinem Nachdenken herausge⸗ kommen und das Thema wurde discutirt. Melcer erklärte indeſſen beſtimmt, daß er zu keiner theatra⸗ liſchen Vorſtellung geneigt ſei. 6 Da ſein Entſchluß in dieſer Beziehung nicht zu ändern war, ſo fing Frigga an, ein wenig von Magda zu ſprechen. Nelcer ſprach von ſeiner früheren Neigung, wie von etwas, was jetzt nur in der Erinnerung exiſtirte. — Es war ein ausgebranntes Feuer, welches weder Sehnſucht noch Schmerz hinterlaſſen hatte. Als Frigga ſich in ihre Zimmer begab, dachte ſie: — Was es auch ſein mag, das Melcer plagt, eine unglückliche Liebe iſt es nicht. Ich muß mit 3 Grafen 133 gung und dies macht, daß er ſich ſeinen Grübeleien überläßt. Jeder von uns könnte ſchwermüthig wer⸗ den, wenn wir uns unausgeſetzt mit unſeren inneren Leiden beſchäftigten. Am nächſten Morgen war Frigga die Erſte im Speiſeſaal. Sie hoffte, daß Valentin, welcher ſpät den vor⸗ hergehenden Abend nach Liungbro zurückgekehrt war, ſich vor den anderen einfinden würde und ſie verrech⸗ nete ſich nicht. — Ich habe mit wirklichem Herzklopfen auf die Rückkehr des Herrn Lieutenant gewartet,— ſagte Frigga. — Und ich ahnte, daß Fräulein heute mir etwas zu ſagen haben würden,— antwortete Valentin.— Was hat ſich zugetragen, das Ihre Unruhe wegen Graf Melcer erregt hat,— fügte er hinzu. — Wie wiſſen Sie, daß wir ſeinetwegen in Un⸗ ruhe ſind? — Ich habe ja bereits erklärt, daß ich Ahnungen gehabt. — In dieſem Falle haben Sie richtig geahnt. Ich bin in der That wegen Melcers unruhig, und darum wünſchte ich Ihnen mitzutheilen, was meine lnruhe hervorgerufen. — Beſtes Fräulein Frigga, ich glaube es zu wiſſen. Der alte Graf iſt dieſen Morgen unten bei mir geweſen, um möglicherweiſe einige Aufklärungen über die Perſon zu erhalten, von welcher Ihr Bru⸗ der geſtern Abend geſprochen. 6 — Das Wenige, was ich weiß, theilte ich dem mit, und nun bitte ich: Laſſen Sie ſich nicht 134 durch jedes Wort, welches Graf Melcer ſpricht, in Furcht jagen. Die Zeit allein kann die Frinnerung verſcheuchen, die ihn plagt. — Die Zeit vermag nichts, wenn er fortfährt, dieſes unthätige Leben zu führen, und nur zu brüten über das, was ſich zugetragen hat,— ſiel Frigga ein.— Es war nicht nur über meine Unruhe, über welche ich mit Ihnen ſprechen wollte, ſondern noch mehr hatte ich die Abſicht, Sie zu bitten, auf irgend eine Beſchäftigung für Melcer zu ſinnen.— Wird er gezwungen, ſeine Gedanken auf die äußere Welt zu richten, ſo wird er auch genöthigt, ſie von der Erinnerung loszureißen, welche ihn jetzt peinigt; aber wird er fortfahren, wie jetzt, dann kann es einen unglücklichen Einfluß auf ſeinen Gemüthszuſtand haben. — Fräulein haben Recht; aber wie eine paſſende Beſchäftigung für Graf Axel Harthons Sohn finden?— Valentin lächelte ironiſch.— Sonſt gäbe es gewiß nichts, was ihm beſſer anſtehen würde, als meinen Platz einzunehmen. — Ich bezweifle, daß er dazu paßt. — Oder ſagen Sie lieber: der Fideicommiſſär von Liungbro iſt nicht ſo erzogen, daß er ſeine eigenen Güter verwalten kann Er iſt reich genug, um ſich ſowohl Verwalter als Inſpectoren zu halten. 1 — Jetzt ſind Sie wieder ungerecht, Beweis da⸗ für iſt mein Vater. Er hat in ſeinen jüngern Tagen keinen Verwalter gehabt, ſondern nur Inſpectoren⸗ — Es war erſt, als er als Haupt der Familie die † Reichstage beſuchte und ſich mit den allgemeinen In . tereſſen zu beſchäftigen anfing, daß er die beſondere Aufſicht Anderen überließ. — Wenn ich von einem Edelmann im Allge⸗ meinen ſpreche, dürfen Fräulein meine Worte nicht auf Graf Axel Harthon anwenden. Wenn Alle ihm glichen, wäre es ein Glück für das Land. — Aber Ihre Bemerkung über Melcer klingt wirklich wie eine Anklage gegen ſeinen Vater,— wandte Frigga ein. — Möglich, daß ſie bis zu einem gewiſſen Grad ein ſolche enthielt, denn ich wollte damit ſagen, daß es viel beſſer geweſen wäre, wenn Graf Melcer zu einem tüchtigen Landmann als zum Offizier erzogen worden wäre. Er würde dann durch ſeine Kenntniſſe und ſeine Einſicht in dieſe für unſer Land ſo wichtige Sache, nicht allein ſeine eigenen Güter verbeſſert, ſondern auch dazu beigetragen haben, den Bauern zu lehren, wie ſie auf eine kluge und zweckmäßige Weiſe den Ackerbau betreiben könnten. — Wenn Melcer Neigung dafür hat, ſo kann er ſich ja noch dieſer Beſchäftigung widmen, da er die millitäriſche Carriere verlaſſen hat. 12 — Das iſt in der That wahr; aber man ſetzt ſich nicht ſo leicht hinein in einen völlig fremden Wirkungskreis. Jetzt hat er die Jünglingsjahre auf der Cadetten⸗Akademie zu Carlberg zugebracht und iſt nicht an Arbeit gewöhnt worden. — Aber, Herr Lieutenant, es könnte ja ſein, daß Melcer eine ſolche Gemüthsart hätte, daß er für keinen andern Beruf paßte, als dafür, Offizier zu werden. S — Ich will es glauben. — Aber Sie thun es nicht.— Gut, dann werde ich meinestheils beweiſen, daß Sie ganz einſeitig und ungerecht ſind, wenn Sie Handlungen von Denen beurtheilen, welche dem Adel angehören. — Sagen Sie mir, warum Propſt Aurenius ſeinen Sohn hat Militär werden laſſen?— Sie können nicht ſagen, daß der Propſt es deßhalb that, weil der Sohn keinen Kopf fürs Studiren hatte. Im Gegentheil, die Bildung und die Beleſenheit, welche der Sohn des Propſten beſitt, beweiſen am beſten, daß er ungewöhnliche Geiſtesgaben hat.— Was konnte den Propſt veranlaſſen, die Anlagen des Sohnes ſo ſehr zu verkennen? — Die Halsſtarrigkeit des Sohnes,— antwortete Valentin lächelnd.— Alle Vorſtellungen des Vaters ſcheiterten an des Knaben Eigenſinn, Krieger werden zu wollen.— Der Jüngling hatte überſehen, daß man in Friedenszeiten keine Gelegenheit bekommt, ſich zum Helden zu entwickeln, und zu ſpät bereute er ſeinen Ungehorſam gegen den Vater. — Nun, iſt es denn nicht möglich, daß Graf Harthons Sohn ebenſo halsſtarrig geweſen iſt, wie der Sohn des Propſten? — Fräulein Frigga, Sie haben mich mit meinen eigenen Waffen geſchlagen; es bleibt mir nur übrig zu erklären, daß ich beſiegt bin. — Und jetzt laßt uns zu Melcer und einer Be⸗ ſchäftigung für ihn zurückkehren. Valentin ſchwieg und ſann eine Weile vach. Dann ſagte er ganz heiter: 6— Nun wohlan, es bleibt wohl kein anderer Ausweg, als daß der halsſtarrige Sohn des Propſien 2 h . 137 den Verſuch macht, dem des Grafen ebenſo viel In⸗ tereſſe für Aecker und Wieſen beizubringen, wie er ſelbſt hat. Das heißt: ich werde den jungen Grafen Harthon zu meinem Nachfolger erziehen müſſen. — So große Hoffnungen hege ich nicht von ihm, — vrerſicherte Frigga.— Uebrigens würde mein Vater Niemanden zu Ihrem Nachfolger für gut ge⸗ nug halten. — Das wäre ſchlimm; denn früher oder ſpäter muß ich doch meine Stelle verlaſſen. — Und warum ſoll das nothwendig ſein? — Fräulein, die Frage kann nicht beantwortet werden, weil ſie an die Zukunft geſtellt iſt.— Nur das, was iſt, gehört uns; über das, was wird,— können wir nicht entſcheiden. 8 Das Geſpräch nahm eine andere Wendung, und als das Frühſtück vorbei war, gingen Melcer und Volentin zuſammen aus. Den ganzen Vormittag war Melcer bei dem Lieutenant und ſaß nicht, wie er pflegte, unbeſchäftigt und in Grübeleien vertieft. Veim Mittagstiſch bemerkte Graf Harthon, indem er ſich an Melcer wandte: — Ich habe einen Brief von Ernfrid. Er wird ſich als außerordentlicher Geſandter nach 3— bege⸗ ben. Er läßt Dich grüßen. k — Beht ſeine junge Frau mit ihm?— fragte WMelcer. — Nein, ſie gedenkt Weihnachten hier zuzubringen. Sie fühlt ſich dort ſo vollkommen fremd, daß ſie Heimweh bekommen hat. Da nun Ernfrids Mutter und Schweſter nicht in Schweden ſind, ſo bittet — 138 Ernfrid, daß wir uns ſeiner an Heimweh leidenden Gattin mit Zärtlichkeit annehmen möchten, da ſie es vorzieht, den Winter hier zuzubringen, ſtatt in der Hauptſtadt. — Das heißt, daß die kleine Franzöſin beabſich⸗ tigt, mitten in der Winterkälte hieher zu reiſen. Fürchtet ſie nicht, unterwegs vor Kälte zu ſterben? — fiel Major A— ein. — Eine Franzöfin friert nie,— verſicherte Aurora. Man ſprach eine Weile von Weihnachten, wie man die erwarteten Gäſte zerſtreuen ſollte u. ſ. w. Der Major ſcherzte und behauptete, daß es viel⸗ leicht am klügſten wäre, wenn er retirirte, und der Hofmarſchall*** meinte daß er genöthigt werden würde, ſich eine neue Uniform machen zu laſſen. Nach dem Mittagstiſch verſammelte man ſich, wie gewöhnlich, im Salon und plauderte eine Weile, während man auf den Kaffee wartete. Volentin hatte ſich ganz gegen ſeine Gewohnheit an einem Fenſter mit einer Zeitung niedergelaſſen, deren Inhalt er aufmerkſam ſtudirte. Man brachte Licht, aber er blieb noch ſitzen. Frigga thronte in einem Sopha in einiger Ent⸗ fernung von ihm. 4 Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte ſie: k — Mein Gott, Lieutenant Aurenius, ich glaube, Sie leſen im Finſtern— Was kann das ſein, was Sie ſo intereſſirt, daß Sie den Verſuch machen, Ihre Augen zu tödten, und dabei Ihre bekannte Artigkeit vergeſſen, ſich mit den Damen zu beſchäftigen? — Ich las von Graf Arthur Eldau's Rückkehr 139 ins Vaterland,— antwortete Valentin, legte die Zeitung weg und trat hin zu Frigga. — Iſt Arthur zurückgekehrt!— rief Frigga.— Daß Ernfrid nichts davon in ſeinem Briefe erwähnt. Friggas Wangen nahmen bei Nennung von Ar⸗ thurs Namen eine friſche Farbe an. — Wahrſcheinlich ſteht Fräulein die Ueberraſchung bevor, daß der Graf ſeine Schwägerin hieher begleitet. Die etwas geſchwäzigen Zeitungen haben jetzt dieſe Ueberraſchung zunichte gemacht,— fügte er hinzu. — Wenn es eine Ueberraſchung ſein ſollte, ſo war ſie wohl nicht allein auf mich, ſondern auf uns Alle berechnet. — Gewiß. Volentin ſezte ſich neben Frigga und erbot ſich, den Strang Garn zu halten, den ſie zu winden im Begriff war. — Gewöhnlich,— hob er wieder an,— iſt eine ſolche Ueberraſchung auf eine Perſon berechnet, und die iſt allemal diejenige, von der man glaubt, daß ſie ſich am meiſten darüber freut. — Es iſt wirklich wahr, daß ich mich recht freuen würde, wenn ich Arthur wiederſähe,— ſagte Frigga. — Er hinterließ ein zu angenehmes Andenken, als daß man ihn nicht gern wiederſehen ſollte — Wenn der Graf kommt, wird es alſo fröh⸗ liche Weihnachten für Fräulein geben. — Für mich, wie für Sie. Valentin zuckte ein wenig mit den Achſeln und ſagte im gleichgültigen Tone: 8 — Die Freude iſt eigentlich nur eine Chimäre, die ganz und gar auf der Einbildung beruht. Es 140 kommt deßhalb vor, daß das, von dem Sie glauben, daß es eine Freude in ſich ſchließe, für mich in der Wirk⸗ lichkeit das Gegentheil iſt. Zwiſchen uns beiden iſt der Unterſchied, daß während Sie auf die Zukunft hoffen dürfen, ich nur die Erinnerung habe, woran ich mich freuen kann. Während Sie mit Vertrauen an das denken, was das Ihrige werden wird, muß ich mit dem Gefühl, Etwas vermiſſen zu müſſen, an das denken, was das Meinige hätte ſein können. Als Valentin dies ſagte, hatte Frigga viele Mühe, das Garn zu entwirren, welches ſich in ihren Fingern verwickelt hatte. Ihre Stirne ſchien bleicher als gewöhnlich; aber vielleicht war es eine Folge vom Lichtſchein, denn ihre Lippen hatten einen lächeln⸗ den Ausdruck, als ſie ſagte: — Wer weiß, ob ich irgend welche goldene Hoffnungen beſitze, mit denen ich die Zukunft ſchmücken könnte? Es geht vielleicht mir wie Ihnen, daß ſie in der Erinnerung liegen. — Deſſen, was geweſen? — Und iſt. — Nehmen Sie ſich in Acht, Fräulein Frigga, — ſagte Valentin. — Wovor? Jetzt blickte ſie auf vom Garn und ſah ihn an. müthig,— und ich werde nicht im Stande ſein, ihn zu entwirren. — Dann werde ich ihn ſelbſt entwirren. Frigga wand ſchnell das Garn auf und als ſie den Knäuel in der Hand hielt, fügte ächeli hinzu: — Sie verwickeln den Strang,— ſagte er weh⸗ 6 5 141 — Hier iſt jetzt der vorworrene Strang, den Sie ſich nicht für fähig hielten zu entwirren. Und warum?— Darum eben, weil Sie ſich für gefangen in demſelben hielten.— Ich that es, weil ich nie Bande anerkenne, wenn ſie meiner Ueberzeugung widerſtreiten. Frigga wollte den Knäuel zu mehreren anderen in ihrem Arbeitskorb legen; aber Valentin ergriff ihre Hand und ſagte: — Dieſen Knäuel müſſen Sie mir geben, Fräulein. — Muß ich wieder? — Ja,— oder ſind Sie der Meinung, daß er da unter den andern liegen darf.. — Um recht bald zu dem gerechnet zu werden, was geweſen iſt;— fiel Frigga ein. — Aber da er jetzt in Verbindung ſteht mit dem, was iſt, ſo gehört er mir. Frigga ließ den kleinen Knäuel los. Sie nahm einen anderen Garnſtrang und reichte ihn Aurenius. — Wollen Sie nicht noch eine Weile als Garn⸗ winde dienen? — Mademdoiſelle Dorbineau hatte einen Haſpel, — antwortete Valentin lachend,— ich werde ſie holen — Er ging hin zu Aurora und kam gleich mit dem Haſpel zurück, die er an den Tiſch feſtſchraubte. Während er damit beſchäftigt war, ſagte Frigga: — Werden Sie während Weihnachten nach Stenby reiſen? — Nein; ich beabſichtige hier zu bleiben, um 2 142 den Auftrag zu beſorgen, welchen Fräulein mir dieſen Morgen gaben. — Ich glaubte ſonſt, daß Geſchäfte von Wichtig⸗ keit Sie zwängen, ſowohl jene wie uns Alle hier auf Liungbro im Stich zu laſſen. — Wenn es ſo wäre, dann wäre ich auch abge⸗ reiſt; aber jetzt— bleibe ich hier. S — Haben Sie die Gefahren bedacht, welche Ihnen drohen werden? — Gefahren und ich ſind in den letzten Zeiten miteinander vertraut geworden; wir verkehren täglich miteinander. Der Kaffee wurde ſervirt und gleich darauf ver⸗ ließen Melcer und Valentin den Salon. — Es würde ein Glück ſein,— bemerkte der Graf,— wenn Melcer durch das Vergnügen, das er an der Geſellſchaft Aurenii zu haben ſcheint, In⸗ tereſſe für den Ackerbau gewänne. Er bekäme dann eine Beſchäftigung, die ſeinen Schwermuth verſcheuchte, und er würde daran gewöhnt werden, über die Verwal⸗ tung der Güter nachzudenken, die einſt ihm gehören werden.— Ich habe ſehr daran gedacht, daß Mel⸗ cer jetzt, wo er gezwungen iſt die militäriſche Lauf⸗ bahn zu verlaſſen, ganz und gar Vaarnäs überneh⸗ men und es für eigene Rechnung verwalten ſollte. Aurenius hat meiner Treu vollauf mit der wal⸗ tung von Stenby und Liungbro zu thun. Der Graf und Frigga ſprachen lange darüber, während Major 4— der Gräfin und den andern Damen Anekdoten erzählte. Das Reſultat der Berathſchlagungen des Grafen mit der Tochter war, daß man Melcer den Vorſchlag 143 auf eine ſolche Weiſe machen ſollte, daß er ſich nicht gut weigern konnte, darauf einzugehen. Einige Zeit verſtrich, während welcher die Schwer⸗ muth Melcer's ſich bedeutend zu mindern ſchien. Ganze Tage beſchäftigte Valentin ihn, und wenn man ſich Abends verſammelte, kam es vor, daß Melcer mehr als ſonſt am Geſpräche theilnahm. Ja es ereignete ſich ſogar, daß, wie in früheren Tagen, Frigga und er ſich kleine Schlachten lieferten. Genug, man fing an zu hoffen, daß der junge Erbe wieder ſich ſelber gleich, und nicht mehr von dieſer unerklärlichen Tiefſinnigkeit verzehrt werden würde. In der Woche vor Weihnachten fuhren an einem ſchneeigen und ſtürmiſchen Nachmittag zwei bedeckte Schlitten hinein in den Hof von Liungbro. Der erſte war ungewöhnlich groß und bequem. Gerade als er vor der Treppe anhielt, öffnete ſich die Thüre zum Entree und Valentin trat heraus, um der Gräfin Eldau beim Ausſteigen zu helfen. Er egle ſie die Treppe hinauf, auf deren oberſter Stufe Aurora ſie empfing. Gräfin Harthon und Frigga erwarteten und be⸗ willkommneten Lilia in den Zimmern, welche für ſie beſtimmt waren. Valentin und die junge Gräfin hatten, während er ſie begleitete, nur einige gewöhnliche höfliche Re⸗ densarten miteinander ausgetauſcht, und nachdem er ſie Aurora übergeben, ging er direct hinunter in ſeine Wohnung. Einige Augenblicke darauf kam Melcer hinunter zu ihm. — Gräfin Eldau war ganz allein, glaube ich, — ſagte der junge Graf und warf ſich in ein Sopha. — Sie wurde nur von ihrer Kammerfrau be⸗ gleitet,— antwortete Valentin. — Wiſſen Sie, Herr Lieutenant, daß ich mich heim⸗ lich bei dem Gedanken geärgert, daß Arthur in ihrem Gefolge ſein würde. Ich wäre bei meiner Ehre nicht auf Liungbro geblieben, wenn er hieher gekommen wäre. — Sind die Herren nicht Freunde? — Ja, Gott behüte; aber Arthur iſt ein ächter Frauenzimmernarr, der nie mit einem Weibe zuſam⸗ menſein kann, ohne ſich darein zu verlieben. Außer⸗ dem iſt er ein Menſch, der überall, wo er hinkommt, immer Feſte, Schauſpiele, Bälle, Tableaus und eine Menge Kindereien anſtellt, die mir eine Plage ſind. — Es gab eine Zeit, wo ich ihn ganz vortrefflich fand; aber die iſt längſt vorüber, und jetzt ſcheint es mir, daß ein ſolcher Geſellſchaftslöwe kein paſſen⸗ der Mann für Frigga iſt, am allerwenigſten, ſeit ich weiß, wie veränderlich er iſt. — Iſt das nicht ein zu ſcharfes urtheil?— fiel Valentin ein. Als ich in Frankreich die Bekannt⸗ ſchaft des Grafen Arthur Eldau machte, ſchien er mir ſowohl äußerlich wie innerlich ein uigewöhnlich reich begabter Mann zu ſein. — Das will ich auch nicht beſtreiten; aber das hält ihn nicht ab flüchtig und kindiſch zu ſein. Ich 145 denke, man bekommt vollſtändig genug zu thun, wenn man eine zwanzigjährige Franzöſin amüſiren und zerſtreuen ſoll. Meine Laune geräth ganz aus dem Gleichgewicht, wenn ich' nur die franzöſiſche Sprache ſprechen höre, und trotzdem ſoll ich gezwungen ſein, dieſe Tortur Wochen und Monate auszuhalten. Melcer ſteckte die Finger in die Haare und ſah ganz verdrießlich aus. Valentin zog eine Zeichnung über die neuen Ge⸗ bäude hervor, welche auf Vaarnäs aufgeführt wer⸗ den ſollten. Bald war Lilie vergeſſen wegen der Berathungen betreffs des Platzes für die neue Dreſchtenne und den projectirten Stall. Schöne Lilie, kannſt du dieſe Sünde vergeben! Abends verſammelte man ſich nicht im Solon. Die Gräfin und die übrigen Damen leiſteten Lilie Geſellſchaft in ihren Zimmern, da ſie von der Reiſe etwas erſchöpft war. Der Graf, der Major, der Hofmarſchall und der Doctor ſpielten Whiſt. Valentin und Melcer hatten ſich nach dem Pfarr⸗ hofe begeben, wo ſie ſaßen und mit dem Probſt plau⸗ derten, bis die Propſtin kam und ſie erſuchte, hinauf⸗ zukommen zum Souper. Die Propſtin hatte den Tiſch auf's Beſte herge⸗ richtet. Es war das erſtemal nach ſeiner Rückkehr, daß Melcer den Pfarrhof beſuchte. Kein Wunder darum, daß die alte Frau auf eine würdige Weiſe Ehre feiern wollte, welche ihrem Hauſe wider⸗ uhr. Auch am folgenden Tage blieb Lilie auf ihren Schwartz, Geburt u. Lildung. M. 10 Mann, an deſſen Seite eine Frau Alles vergißt, und auf eine größere Freude Anſpruch macht, als Zimmern. Trotzdem war man Nachmittags wie ge⸗ wöhnlich im Salon verſammelt. Valentin näherte ſich Frigga und ſagte: — Wie Schade, daß Graf Arthur nicht kam! — Ja, in der That; wir hätten ihn wahrhaftig nöthig, um Lilie zu erheitern. — Iſt die Gräfin traurig?— fragte Valentin mit Theilnahme. — Ja ſehr. Sie ſehnt ſich zurück nach Frank⸗ reich, zu ihrem Vater und zu Allem, was ihr lieb iſt. — Aber wie iſt das möglich, da die Gräfin ja nur einige Monate verheirathet geweſen iſt? — Halten Sie wirklich Ernfrid Eldau für den was ihr ſeit ihrer Kindheit theuer geweſen? — Ich halte ihn für den Mann, welchen Fräulein de Maills vor Gott gelobt hat zu lieben, und mit ihm Böſes und Gutes zu theilen.— Das Ziel, welches ſie ihrem Leben geſteckt, iſt ja ſein Glück,— und wann, Fräulein Frigga, iſt der Menſch wohl glück⸗ licher, als wenn er ſich bewußt iſt, ſeine Pflicht er⸗ füllt zu haben? — Ich fürchte, Sie verlangen etwas zu viel; denn wie gewiſſenhaft wir auch ſind, ſo giebt es doch Stunden, wo das Herz ſeine Stimme erhebt, ig iſt, welche eine kalte Pflicht uns ſchenken ann. — Das kommt darauf an, worin wir unſér Glück ſuchen. Iſt es der Gewinn des Augenblicks, dem wir nachſtreben, dann haben Sie Recht. Aber dehnen wir unſere Anſprüche weiter aus un ollen eine 147 beſſere Ernte einheimſen, dann ſtellen wir auch unſere Wünſche höher. — Ich gebe das zu. — Welches ſtolze Bewußtſein liegt nicht darin, zu wiſſen, daß man das größte Glück erreichen kann, aber doch freiwillig darauf verzichtet, um..... — Um ſtolz ſein zu können wegen meiner Ent⸗ ſagung; dann handle ich egoiſtiſch,— ſiel Frigga ein.— Wenn ich aber dem Glück deßhalb entſage, damit es denjenigen, welche mir lieb ſind, Leiden ſchaffe, dann habe ich mich ſelber vergeſſen.— Ich habe mich für Diejenigen aufgeopfert, welche ich höher ſtellte, als mein eigenes Ich. — Wenn Fräulein erlauben, daß ich meinen Satz ſchließe, ſo hätte ich geſagt:— um den For⸗ derungen der Ehre und der Pflicht zu entſprechen— Ich glaube in der That, daß Sie und ich denſelben Göttern opfern. — Aber mein Gott,— unterbrach ihn Frigga ſcherzend,— wie kommen Sie zu dieſem ernſthaften Raiſonnement? — Ja, ich weiß nicht; wenn nicht das Heim⸗ weh der Gräfin Eldau dazu Veranlaſſung gab. — Gewiß.— Nun wohl, Sie behaupten, daß das ſich auch befehlen läßt. — Nein;— aber wohl, daß es beherrſcht werden kann.— Doch ich bin zu parteiiſch, um mich darüber auszuſprechen. Ich bin ſelbſt von demſelben Uebel heimgeſucht worden, welches jetzt die Gräfin plagt. — Und Sie konnten es nicht bekämpfen? — Ich hatte damals noch nicht die Kunſt ge lernt, mein Inneres in Zucht zu halten,— ont⸗ 148 wortete Valentin lachend,— und,— fügte er hin⸗ zu,— ich habe mich aber auf den Ackerbau gewor⸗ fen, um zu lernen, wie man aus unbebautem Felde fruchtbaren Boden macht. Den Tag darauf kam Lilie zum erſtenmal zum Vorſchein beim Mittageſſen. Sie ſah bleich und lei⸗ dend aus; aber während der Mahlzeit wurde ihr Ausſehen lebhafter. Die Unterhaltung war ſehr heiter geweſen. Aus⸗ genommen Melcer, boten Alle, Valentin mitgerechnet, ihre Kräfte auf, um ſie zu zerſtreuen. Nach dieſem Tage war ſie mit den Andern zu⸗ ſammen im Salon, bei den Mahlzeiten und Abends. Lilie ſang Duette mit Frigga, und das Trau⸗ rige in ihrer Miene ließ noch Raum übrig für ein Lächeln und einen heiteren Scherz; bisweilen hörte man ſie ſogar ganz herzlich lachen. Sie war ein reizendes Kind, welches Zärtlichkeit und Freundlichkeit bedurfte, um zu leben. Lilie hatte das Bedürfniß, daß ihre Umgebung ihr Huldigungen darbrachte, ſonſt floh die Freude aus ihrer Seele und das Lachen von ihren Lippen. Sie war von Kindheit an gewöhnt, daß man Rückſicht auf ihre Launen und Wünſche nehme, und darum befand ſie ſich wohl auf Liungbro, wo Jeder zu iien Wohl⸗ befinden beizutragen ſuchte. Lilie war bis in die Seele hinein des ſchwachſt Weſen, das man ſich denken konnte. Es gab in ihrem Inneren kein Element, aus welchem auch nur 149 ein Schatten von Selbſtſtändigkeit ſich hätte ent⸗ wickeln laſſen. Obgleich ſie ſich darüber freute, wegen ihrer Schönheit bewundert zu werden, ſo konnte ſie doch nie ein leuchtender Stern am geſellſchaftlichen Him⸗ mel oder Schöpferin des heimathlichen oder häus⸗ lichen Wohlſeins werden. Mit wenigen Worten: ſie hatte ein Herz, aber dies Herz war von Wachs;— ſie hatte Gefühl, aber dieſes Gefühl war unmündig und konnte nie weder zu großen Tugenden, noch zu großen Fehlern führen. Reizend und angenehm, war ſie für die erſte Liebe eines Jünglings geſchaffen, aber unfähig die eines Mannes zu feſſeln, und noch weniger dazu ange⸗ than, ſie bei einem Gatten mit einem ſolchen Cha⸗ rakter, wie ihn Ernfrid Eldau beſaß, zu erwecken. Eines Abends, ein paar Tage vor Weihnachten, als man ſo recht mit den Weihnachtsgeſchenken be⸗ ſchäftigt war und die älteren Herren, darunter der Propſt, Whiſt ſpielten, ſprachen Valentin und Lilie von Frankreich. Die Gräfin Harthon und die Freiherrin** 5 ſaßen im Cabinet, die erſte damit beſchäftigt, mit Aurora's Beihülfe Quaſten zu einer Schärpe zu ma⸗ chen, welche für den Grafen beſtimmt war. Frigga und Fräulein A— ſaßen an einem Tiſch und berathſchlagten mit dem Doctor über einige Tableaus, welche am Geburtstag des Grafen arran⸗ girt werden ſollten. Lilie war damit beſchäftigt mit vielem Geſchmack eine Guirlande von künſtlichen Blumen zu binden, 150 welche Frigga als Garnitur um einen Teppich für einen Schreibtiſch bekommen ſollte. Melcer ſaß zurückgelehnt in einem Fauteuil und blickte gedankenvoll vor ſich hin. Er war ſeit Lilie's Ankunft auf Liungbro wieder in ſeiner düſteren Laune. Es ſchien in der That, als wenn er leiden müßte, wenn er ſie nur ſah und hörte. Valentin und Lilie ſprachen von der Julirevo⸗ lution und den Männern, welche ohne hervorragende Eigenſchaften an der Spitze derſelben geſtanden. Von der Julirevolution kam die Rede auf die Volkserhebung von 1792. — Wenn die letzte Revolution, wie Sie ſagen, nur mittelmäßige Führer hatte, ſo war die erſte reich an Ungeheuern,— ſagte Lilie. Mein Vater, ein zehnjähriger Knabe, würde ſicher das Schickſal ſeiner Eltern getheilt haben, und als Opfer der Septemberhenker gefallen ſein, wenn nicht ein ge⸗ wiſſer Jerome Basſal geweſen wäre. Er führte meinen Vater ſchon am erſten Tage, als die Jagd auf die Royaliſten begann, von dem Vaterhauſe fort. — Jerome Basſal!— rief Melcer und ſtand raſch auf,— Was weißt Du von ihm. — Daß er meinen Vater rettete und daß er auch verſuchte, die Eltern meines Vaters zu retten, ohne daß es indeſſen gelang. Mein Großvater war, wäh⸗ rend Basſal den Sohn fortführte, in's Gefängniß geworfen worden, und meine Großmutter, welche ſich durch die Flucht zu retten ſuchte, wurde wahr⸗ ſcheinlich von den Banditen ermordet. 15¹ — Wohin begab Basſal ſich?— fragte Melcer ungeduldig. — Das weiß ich nicht. Er ließ meinen Vater nach England bringen, wohin Mehrere von der Fa⸗ milie de Maills geflüchtet. Seit der Zeit hat mein Vater trotz der eifrigſten Nachforſchungen nichts von ihm gehört. — Du weißt alſo nichts von ſeinem ſpäteren Schickſal? .— Nein, durchaus nichts. Vermuthlich hat er, hleich tauſend Andern auf dem Schaffot geendet. — Auf dem Schaffot endete er nicht,— mur⸗ nelte Melcer, ſtand auf und ging hin zu einem der . eif Plötzlich drehte er ſich um und ſagte zu Liie — Haſt Du je den Namen Sophie d'Escare ge⸗ hört? — Ja, gewiß. Unter den Papieren, welche es dem Notar der alten Marquiſin de Maillé für mei⸗ nen Vater zu retten gelang, befand ſich eine teſta⸗ mentariſche Anordnung, in welcher die Marquiſin Cäſarine de Maillé einem Mädchen Namens Sophie d'Escare eine ſehr anſehnliche Leibrente zuſicherte. Sophie d'Escare ſollte ſich als Pflegetochter bei einem Juden Namens Jakob Levitain aufhalten. — Nun, wo befindet ſich jetzt Sophie d'Escare? — brach Melcer aus. — Auch ſie iſt verſchwunden; mein Vater hat vergebens Alles gethan, um irgend eine Spur von ihr zu finden. Der Pflegevater, Jakob Levitain, iſt geſtorben, und ſein Sohn, der jetzige Banquier, erklärte, daß er ſchon mehrere Jahre ohne Erfolg nach * 152 ſeiner Pflegſchweſter geſucht. Vermuthlich hat das Beil auch ſie dahingerafft. — Nein, ſie lebt,— ſagte Melcer und wandte ſich weg. — Aber wo? rief Lilie heftig. Melcer antwortete nicht, ſondern ſtand unbeweg⸗ lich und blickte hinaus in die Racht. Valentin neigte ſich gegen Lilie und ſagte: — Vertauſchen Sie das Thema des Geſprächs! Mit ängſtlichem Intereſſe folgte Frigga den Worten des Bruders. Als Valentin Lilie zuflüſterte, begann Frigga ſofort von anderen Dingen zu reden. Sie rief Melcer. Er ſollte nothwendig die Zeichnungen ſehen, nach welchen die Tableaus arrangirt werden ſollten; es war da ein Geſicht, welches dem der Magda ungewöhnlich ähnlich ſah. Melcer folgte der Einladung, konnte aber keine Aehnlichkeit entdecken. Ein eifriger Disput entſtand, der mit vieler Lebendigkeit von Frigga's Seite ge⸗ führt wurde, bis es ihr gelang, den Bruder ein wenig zu ärgern, als ſie ganz plötzlich ſagte: — Es iſt nicht der Mühe werth zu ſtreiten, ſon⸗ dern laſſen wir Thatſachen ſprechen!— Ich habe gerade vom Probſten das Portrait geliehen, welches er von Magda beſitzt, und werde es herunterholen laſſen, dann können wir vergleichen. Einige Minuten ſpäter trat der Bediente mit einem Helgemälde herein, welches ein junges Weib darſtellte. Melcer nahm es in Empfang, betrachtete das Bild eine lange Weile mit einem Intereſſe, welches ſein Ausſehen gänzlich aufklärte, darauf folgte ein 153 Vergleich zwiſchen dem Portrait und dem Geſicht mit der vermeintlichen Aehnlichkeit. Lilie, welche nicht Schwediſch verſtand, wandte ſich an Valentin und ſagte: — Was iſt das für ein Bild? — Ein Portrait— antwortete Valentin. — Ein Portrait,— wiederholte Lilie und rich⸗ tete ihre Augen auf die eifrig Discutirenden. Dar⸗ auf ſagte ſie laut:— Dies erinnert mich an eine Handlung von Ihnen, die ich nicht habe verſtehen können. — Da bin ich zu beklagen,— antwortete Valentin,— während ich im Allgemeinen den Satz vertheidige, daß die Handlungen beſſer ſprechen, als Worte, und nie einer Erklärung bedürfen. — Aber dieſe, von welcher hier die Rede iſt, be⸗ darf wirklich einer ſolchen. — In dieſem Falle, Madame, werde ich eine ſolche abgeben. — Schön!— Seien Sie dann ſo gut mir zu ſagen, was die Meinung war mit dem Zurückſenden meines Portraits. — Die Meinung damit war einfach die, das⸗ jenige zurückzugeben, was geſtohlen worden war. — Das will mit andern Worten ſagen, daß... — Was einem Andern gehört, erlaubt das Rechts⸗ gefühl nicht, daß man es behält. Sobald es mir klar wurde, daß ich einen Diebſtahl begangen, gebot mir mein Stolz.. — Ein werthloſes Ding zurückzuſenden. — Madame, was man geſtern hochſchätzte, kann heute durch die Umſtände ſeines Werthes beraubt werden.— Uebrigens, je größer letzterer iſt, deſto unverzeihlicher wäre es, den auf unrechtmäßige Weiſe angeeigneten Schatz zu behalten. Valentin ging hinein zu den Herren. Er fand Graf Harthon in einem kleinen Gemach zwiſchen dem Spielzimmer und dem Salon ſitzend, und wie es ſchien in Gedanken vertieft. Der Graf hatte, was Niemand bemerkte, während der Unterredung zwiſchen Lilie und Melcer in der Thüre geſtanden und dieſelbe mit angehört. Valentin ging vorbei, ohne den Grafen zu ſtören und fand die drei alten Herren mit einer Partie Wira beſchäftigt. Der Propſt bat den Sohn, ſeine Karten zu neh⸗ men, weil er eine Weile mit Fräulein Frigga zu ſprechen wünſche, die er den ganzen Abend kaum zu ſehen bekommen. Nach dem Souper ſagte Frigga zu Valentin:— Niemals hätte ich geglaubt, daß Sie mit Ihrem Rechtsgefühl ſich erlaubt hätten, einen Diebſtahl zu begehen, wenn ich nicht mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, daß Sie es ſelber ſagten.— Wiſſen Sie was, Lieutenant Aurenius, es giebt Diebſtähle, die man nicht wieder gut machen kann. — Ich weiß es und würde in Verzweiflung ſein, wenn ich einen ſolchen begangen. — Glauben Sie, daß Sie denjenigen, welchen Sie verübt, wieder gut gemacht haben? — Ich hoffe es.— Uebrigens, Fräulein Frigga, erfordert die Wahrheit, zu geſtehen, daß ich zu⸗ erſt beſtohlen wurde, bevor ich mich ſelber zum Dieb machte. Ich hielt mich für berechtigt, einen Tauſch⸗ 1 155 handel zu machen, weil ich während des Schwindels, der mich ergriffen hatte, ganz und gar vergaß, daß ich nicht dazu privilegirt war.— Es geſchah in einer Zeit, wo ich für meinen und Anderer Schmerz blind war. Ich hatte zu viel Vertrauen zu meinem eigenen Werth, und deßhalb lehrte mich die Erfah⸗ rung ihn weniger zu ſchätzen. — Wollen Sie damit ſagen, daß der Glauben an Sie ſelbſt nicht mehr derſelbe iſt. — Der iſt wirklich anders.— Ich glaubte da⸗ mals, ohne zu wiſſen, worin meine Stärke liegen ſollte; aber ich weiß es jetzt. — Der verhindert Sie indeſſen nicht, wieder demſelben Fehler zu verfallen, welchen Sie damals begingen. — Unmöglich!— Um das zu können, müßte ich mich noch einmal beſtehlen laſſen. — Meinen Sie nicht, daß das innerhalb der Gränzen der Möglichkeit liegt? — Nein; denn was nicht für mich beſtimmt iſt, will ich jetzt nicht beſitzen,— und was ich nicht weggeben darf, laſſe ich mir nicht rauben. — Aber es kann Ihnen doch paſſiren, daß Sie das haben wollen, was nicht das Ihrige iſt und dann geben, was Sie haben behalten wollen. — Nicht gern; die Zukunft mag übrigens darüber urtheilen. Meine Wünſche machten mich einmal ver⸗ geſſen, daß es Gitterthore gibt.— Sie ſchlichen ſich über das weg, was zwiſchen mir und Ihrem Ziele ſtand; ich wachte auf aus der Verirrung, als ich zurückkehren wollte und auf den Riegel ſtieß. — Der Sie ſchmerzte. 156 * — Ich geſtehe es. — Und jetzt? — Reiche ich bloß die Hand durch das Gitter. n Valentin reichte Frigga die Hand und fügte inzu: — Gute Nacht, Fräulein!— Ich beabſichtigte ſie wegen der gewonnenen Wette zu mahnen; h — Warum thun Sie das nicht? — Die Stunde iſt nicht paſſend.— Es lag in Ihren Worten ein Geiſt des Mißtrauens in meine Ehrenhaftigkeit, welcher mir bewieſen hat, daß auch Sie ungerechte Stiche geben können. — Habe ich Sie verletzt? — Slie ſagten einmal, daß ich verletzt ſei; nun wohl, Fräulein Frigga, jetzt ſind wir quitt. Vaolentin entfernte ſich. Es kommt bisweilen im Leben vor, daß Perſonen — durch eine unerklärliche Sympathie im Gedanken⸗ gang— ſich ganz unerwartet begegnen und einander überraſchen. Etwas Aehnliches ereignete ſich den folgenden Tag auf Liungbro. Man hatte gefrühſtückt und Valentin war ſeinen Geſchüften nachgegangen, ohne, wie gewöhnlich, Mel⸗ cer dazu bewegen zu können, mit ihm zu gehen. Frigga, welche ſonſt große Eile mit den Weih⸗ nachtfsvorbereitungen hatte, ſchien indeſſen an dieſem Tage nicht daran zu denken, ſondern gab ſich ganz ⸗ n 3 157 und gar dem Einfall hin, die große Portraitgallerie zu beſuchen. Wenn es einmal paſſirte, daß Frigga mit ihrem Innern nicht in vollkommene Harmonie kam, ſo pflegte ſie immer ſich zu ihren großen Ahnen zu begeben, um allein unter ihnen über ihre etwas in Aufruhr gerathenen Gefühle Gewalt zu bekommen. Sie wanderte auch jetzt die breite Treppe hinauf und ſtand bald in der Gallerie. In dem großen Kamin flammte das gewöhnliche Morgenfeuer, welches eben angemacht worden war. Ohne einen Blick um ſich zu werfen, ging Frigga auf das Bild in Biſchofsornat zu. Dort blieb ſie ſtehen und betrachtete mit andächtigem Blick das heiligengleiche Antlitz. Einige Minuten ſtand ſie ſo, drehte ſich aber raſch um, denn der Schall von Tritten traf ihr Ohr. Hinter ihr ſtand Graf Harthon, welcher mitunter pflegte ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß die Gemäldegallerie in dem Zuſtande ſich befände, welchen er wünſchte. Dem ſtolzen Edelmann gewährte es einen Genuß, herumzuwandern und nachzurechnen, welche von eſe n Männern die Ausgezeichnetſten geweſen und dem Vaterlande die größte Ehre gemacht. — Biſt Du es, mein Vater?— ſagte Frigga. Ich ſah Dich nicht, als ich hereinkam. — Ich ſtand in einer der Fenſtervertiefungen, antwortete der Graf. Er ergriff die Hand der Tochter und fügte mit ungewöhnlich milder Stimme hinzu: — Warum bleibt Frigga immer vor dem Bild 158 Joachim Harthons ſtehen? Jedesmal, wenn wir uns hier treffen, finde ich Dich auf demſelben Platz. — Weil, Papa, etwas von Gottes Geiſt in ſei⸗ nem Geſicht und etwas von einem Märtyrer in ſeinen Lebensſchickſalen offenbart iſt,— antwortete Frigga. — Mir kommt es vor,— fügte ſie mit Wärme hin⸗ zu, daß das Anſchauen dieſer Portraits zu hochherzi⸗ gen Thaten auffordert und edle Gedanken einflößt, während zu gleicher Zeit das dort,— ſie zeigte auf den ſchwarzen Strich unter dem Namen, den Be⸗ weis liefert, wie unverſöhnlich ſowohl die Gegen⸗ wart wie die Nachwelt iſt. — Sage lieber, wie gewiſſenhaft jeder Harthon geweſen. Es iſt weder die Gegenwart noch die Nachwelt, welche beſtimmt hat, daß ein ſolches Zei⸗ chen den Nachkommen hinterlaſſen werden ſollte, um das traurige Zeugniß zu geben, daß ein Mitglied unſeres Geſchlechts ſchwach genug geweſen, um unter dem Einfluß des Gefühls einen Augenblick zu vergeſſen, daß er ein geborener Harthon ſei.— Die Ehrfurcht vor unſerem Namen iſt angeboren. Gerade dieſer Eindruck iſt es, welcher gemacht hat, daß wir von Jahrhundert zu Jahrhundert ihn in Achtung und Ehre erhalten; und ſelbſt jetzt, wo der Adel anfängt ſo wenig zu bedeuten, wird das Harthon'ſche Geſchlecht mit Achtung genannt. Und warum? Gerade darum, weil jedes Mitglied deſ⸗ ſelben es für Pflicht angeſehen, ſeinen Nachkommen die Frinnerung an wirkliche Tugend nnd Ehre zu hinterlaſſen. Um dies zu können, haben wir nicht allein unſer Augenmerk auf die Handlungsweiſe, ſondern auch auf die inneren Beweggründe richten 159 müſſen.— Dieſer bedeutungsvolle Strich iſt nicht angebracht, um eine menſchliche Schwäche zu brand⸗ marken, ſondern als eine Warnung, welche er aus ſeinem Grabe ſchickt, aus welchem er zu rufen ſcheint: — Seid auf der Wache, daß Ihr nicht gleich mir we⸗ gen egoiſtiſcher Wünſche bereit ſeid, Eure Pflichten gegen unſer Geſchlecht zu vergeſſen. Der Graf ließ Friggas Hand los und fügte wehmüthig hinzu: — In der Jugend ſpielt die Phantaſie oft den Herrſcher, und wir nehmen deren Gebilde für Wirk⸗ lichkeit. — Aber Papa,— fiel Frigga lebhaft ein,— das Mädchen, welches Ivachim als junger Mann liebte, war ja in Allem ein ſo ausgezeichnetes Weib, daß ſogar ſein ſtolzes Geſchlecht ihr Bild aufbewahrte. — Aber ſie war bei alledem nur eine Goldſchmieds⸗ tochter,— antwortete der Graf.— Wenn Joachim der letzte des Namens Harthon geweſen wäre, dann hätte er mit ſeiner Anna in Landflüchtigkeit ziehen und in einem Winkel der Erde unbemerkt leben können. Aber das Harthon'ſche Geſchlecht war zu jener Zeit groß, und ſein Vater, ein ausgezeich⸗ neter Feldherr, hatte das Recht, zu verlangen, daß ſein Sohn nicht durch eine ſolche Verbindung eine der vornehmſten adeligen Familien brandmarke. Joa⸗ chim wurde deßhalb Mönch und vermied es auf dieſe Weiſe, einen ſtolzen Vater zu verletzen, während er zu gleicher Zeit ſeiner Liebe treu blieb. — Und ſie? — Beſchloß ebenfalls ihr Leben in einem Kloſter. — Sie geben doch zu, Papa, daß in dieſen Be⸗ * 160 griffen etwas Grauſames liegt, denn ihnen gegen⸗ über gilt ja die Tugend nichts, wenn ſie nicht ge⸗ adelt iſt. — Die Tugend beſitzt immer ihren Werth und iſt über alle Begriffe erhaben; aber gerade weil der Adel ſie ſchützen muß, iſt es nicht erlaubt geweſen, Bürgerliche zu heirathen. Man har nicht geglaubt, irgend eine Garantie für ihre Sitten, Erziehung und Gewohnheiten zu haben. Außerdem darf ein hiſtoriſcher Name nicht mit einem ohne alle Bedeutung zuſammengekettet werden. So hoch muß man wohl denſelben achten, daß man lieber den Ver⸗ luſt des eigenen Glückes beweint, als daß man ver⸗ geſſe, was man jenem ſchuldig iſt.— Ich für mei⸗ nen Theil ziehe es vor, meine Kinder begraben zu ſehen, ſtatt das bittere Bewußtſein zu überleben, daß eines von ihnen ſein Geſchlecht durch eine Heirath unter ſeiner Geburt erniedrigte. Frigga erhob den Kopf. Sie ſah den Vater einem offenen und unerſchrockenen Blick an und agte: — Unter ſeiner Geburt verheirathet ſich derjenige, welcher einen Gatten wählt, ohne moraliſche und ſitt⸗ liche Bildung, wie zum Beiſpiel ein Mitglied des gräflichen erska Geſchlechts, aber nicht derjenige, welcher ſich mit einem Bürgerlichen verbindet, wel⸗ cher in geiſtiger Beziehung ſeines Gleichen iſt. — Iſt das meine Tochter, welche ſo ſpricht! — rief der Graf. W — Ja! Arxel Harthon hal ſie nur das Verdienſt ſchätzen gelehrt, und nur vor dieſem Adel beuge ich mein Haupt. 161 Einen Augenblick ſahen Vater und Lochter ein⸗ ander an; dann ſagte der Graf: — Aber er hat ſie auch gelehrt..... — Daß ſie Harthon heißt,— fiel Frigga leb⸗ haft ein.— Ja, und darum wird ſie nie etwas Anderes lieben, als das was edel und erhaben iſt. Der Mann, welchem Deine Tochter ihre Hand ſchenken wird, muß deßhalb das Wappenzeichen der Bildung beſitzen. Beſitzt er das, dann iſt er vor Gott und meinem Herzen ein Edelmann und auch meiner Liebe und meiner Hand vollkommen würdig. — Aber wenn er Namen und Geburt entbehrt, ſo dürfte er doch nicht für würdig gehalten werden, mein Schwiegerſohn zu werden,— bemerkte der Graf ſtreng. — In dieſem Falle würde ich es machen wie Joachim. Ich würde mein Herz ins Kloſter gehen laſſen; denn mein Glück kann nicht blühen ohne Deinen Segen. — Ich bin deſſen verſichert; Du kannſt Deinem Vater keine Demüthigung verurſachen wollen. Ich wünſche mit dem Bewußtſein zu ſterben, kein Kind hinterlaſſen zu haben, welches durch eine Mesalliance den Namen entehrt, den ich getragen. — Ach, Papa, eine Verbindung mit einem Bürger⸗ lichen iſt nichts, was unſere Familie entehren könnte, — ſagte eine Stimme hinter dem Grafen und Frigga. Sie drehten ſich um; es war Melcer, welcher von einem der großeſ Lehnſtühle, die vor den Kamin geſtellt waren, aufſtand. Er trat zu ihnen hin und fügte hinzu:— Schwartz, Geburt u. Bildung. M. 1 162 — Alle dieſe Männer, welche in jugendlicher Schwärmerei wegen ein paar hübſcher Augen ihre gräfliche Krone vergaßen, ſind durch jenes Zeichen ausgezeichnet worden, und trotzdem hat keiner von ihnen die bürgerlichen Schönheiten geheirathet. — Aber ſie hatten einmal die Abſicht es zu thun, — fiel der Graf ein. — Mag ſein; aber in der Abſicht lag doch wohl kein Verbrechen, da ſie nicht zur That führte und ſelbſt wenn das der Fall geweſen, welcher unbedeu⸗ tende Fehler wäre das gegen alle diejenigen, die dieſe ſtolzen Edelleute ſich erlaubt, ohne daß man irgend ein Gewicht darauf gelegt.— Denke nur daran, wie viele Thränen dieſe unſere Vorväter aus⸗ gepreßt, wie viel Blut ſie vergoſſen, wie viel Jam⸗ mer ſie hervorgerufen, und ich frage, ob nicht alles dies wirkliche Verbrechen waren? Trotzdem hat man dieſe Handlungen als Tugenden bezeichnet und ihnen den Titel Heldenmuth, Ritterlichkeit und Kriegerehre gegeben. Melcer ſtrich ſich über die Stirne und fuhr fort: — Hätte ich mich mit Magda verheirathet, ſo würde mein Vater mich verſtoßen und meine Schwe⸗ ſter vergeſſen haben, daß ich ihr Bruder geweſen. Aber wenn ich aus Uebermuth oder Laune die Ur⸗ ſache des Todes eines Menſchen geweſen, eine Familie deren Stütze beraubt, eine Mutter mit ihrem Kinde ins Elend gebracht hätte, dann bekäme das den Na⸗ men eines Unglücksfalls, und ich wäre ebenſogut ein Edelmann wie zuvor.— Ach, mein Vater, Sie ka⸗ men nach Frgnkreich 1793, ſchwärmend für die Idee 163 der Freiheit. Sie kehrten zurück 1794 als ein noch größerer Ariſtokrat als irgend einer Ihrer Vorväter. Ich betrat wieder Frankreichs Erde 1827 als ein hochmüthiger Edelmann und ich kehrte zurück 1830 mit einer Art Eckel vor meinem gräflichen Titel und all dem Blut, welches dieſe Herren zu hiſtoriſchen Helden gemacht. Melcer ſchwieg einen Augenblick, aber fuhr dann fort: — Heute, zum erſtenmale ſeit meiner Rückkehr in die Heimath, beſchloß ich, dieſes Zimmer, welches den Stolz meines Vaters ausmacht, zum erſtenmale wieder zu beſuchen, und ſiehe hier das Gelübde, wel⸗ ches ich meinen Vorvätern gethan: Mit mir ſoll das Harthon ſche Geſchlecht ausſterben!— Unſere Zeit iſt vorbei; wir haben genug in der Welt gewirkt und müſſen jetzt dem Kaufmann Platz machen, wel⸗ cher, wenn auch in einem anderen Geiſte, den Druck, den wir geübt, fortſetzen wird. Er drehte ſich um, um zu gehen; aber der Graf hielt ihn auf und ſagte: — Es iſt alſo in dieſem Zimmer in Gegenwart unſerer Vorväter, wo meine beiden Kinder die An⸗ ſichten verläugnen, welche die Mitglieder unſeres Geſchlechts würdig der Achtung ihres Vaterlandes gemacht?* — Papa, wir verläugnen ſie nicht!— rief Frigga. — Nein, ich zolle ihnen einen ſo hohen Grad von Bewunderung, daß ich wünſche, das Geſchlecht möge jetzt ausſterben,— ſagte Melcer. Glaube mir, „ 164 der letzte männliche Sproſſe fühlt bei ſich ſelbſt, daß es gut geweſen, wenn er nicht geboren worden wäre. Der Graf ſtand eine Weile mit über die Bruſt gekreuzten Armen und ſah ſchweigend das Porträt Joachims an; dann wandte er ſich an ſeine Kinder und ſagte in einem ernſthaften Ton: — Mag dieſer edle Name verlöſchen; aber mö⸗ gen die leßten Repräſentanten denſelben mit Ehre tragen, und ihn nicht, von den Ideen der Jetztzeit verieitet, verläugnen!— Wie Melcer jetzt ſpricht, ſo ſprach auch einmal einer Eurer Verwandten, wel⸗ cher, kann gleichgültig ſein. Er, wie Melcer, hatte ſein Herz von einem Mädchen ohne Familie feſſeln laſſen.— Er bot ihr ſeinen Namen, Rang und ſein ganzes Leben an; aber ſie ſchlug es aus, weil ſie einen Andern liebte. Derjenige, welcher ihm vorge⸗ zogen wurde, war— ein Jude. — Ein Jude!— rief Melcer im Tone der Verachtung. — Ja; Graf Harthons glücklicher Rival war Jude,— ſagte der Graf mit Bitterkeit.— Dies beweist am beſten, daß— wie viel Bildung ein Bür⸗ gerlicher ſich auch aneignet, bleibt doch im Grundton ſeiner Seele etwas Rohes zurück. Oder haltet Ihr es für möglich, daß ein Mädchen von Geburt ihr Herz ſo hätte erniedrigen können.— Der Harthon⸗ ſche Stolz richtete ſich auch auf, und der gedemüthigte Edelmann dachte mehrere Jahre, wie Du Melcer, daß es am beſten ſei, wenn die Familie mit ihm er⸗ löſchte. Es kam ihm vor, als wenn ſeine Neigung zu dem untergeordneten Mädchen ein Schandflech auf ſeinen Wappenſchild gemacht; aber eine edlere 165 und ſeiner würdigere Liebe brachte ihn wieder zu ſich und er verband ſich einige Jahre ſpäter mit einem Weibe, welches es verſtand, die Erinnerung an die Scham, die er über ſich ſelbſt empfand, zu verbannen.— Und ſo, mein Sohn, hoffe ich, wird es auch Dir gehen. Der Graf ging.— Frigga und Melcer blieben allein. — Es gibt Erinnerungen, welche demüthigender ſind, als diejenigen, von welchen mein Vater ſprach, — ſagte Melcer.— Die Liebe iſt eine Thorheit und kann nie ein Verbrechen werden, und die Schmer⸗ zen und Demüthigungen, welche ſie veranlaßt, ſind nicht der Rede werth. Nein, es gibt andere Erin⸗ nerungen, welche entſetzlicher ſind. Doch, das Böſe, von welchem Niemand weiß, daß wir es gethan, als wir ſelbſt, das iſt, als wenn es nie begangen worden. — Jetzt muß ich hinaus in die Luft,— fügte er hinzu.— Ich habe jetzt meine Sünden mit denen der Vorväter zuſammengehalten. Sobald kehre ich nicht hierher zurück. Melcer ergriff die Hand ſeiner Schweſter und ſagte düſter lächelnd: — Schade, daß Du ein Mädchen biſt! Du wür⸗ deſt beſſer als ich, unſern alten Namen hoch getragen haben, denn Du würdeſt Dein Blut für deſſen Ehre laſſen, wenn Du damit den Glanz des⸗ ſelben vermehren könnteſt. Ich hoffe zu ſterben, um nicht nöthig zu haben, ihn zu tragen. Melcer küßte Friggas Hand, wanderte langſam die Gallerie und verſchwand endlich durch eine Thüre. 166 4 Frigga ſchüttelte ihren Kopf, richtete den Blick auf des Vaters Porträt und dachte: — Du warſt es, mein armer Vater, welcher liebte und verſchmäht wurde. Du ahnteſt nicht, daß Deine Tochter wußte, was Du beabſichtigeſt, daß ſie erſt erfahren ſollte, wenn Du fort biſt. Du meinſt, daß Du Dich Deiner ſelbſt und derjenigen, die Du liebteſt, ſchämen mußt, weil ein Jude ihre Liebe gewonnen.— Daß Dein Rival ein Jude war, ſchmerzt Dich heute noch. Auch Du wirſt von Vor⸗ urtheilen beherrſcht.— Ach, wann werden dieſe auf⸗ hören, die Welt zu regieren! ſeufzte Frigga. — Niemals! hätte das Porträt antworten ſollen. Nach dieſer Unterredung mit ſeinen zwei Kindern wurde Graf Harthon ſehr erſt und wortkarg. Frigga, welche ſehr wohl begriff, daß die Erinne⸗ rung daran ihn plagte, bot Alles, was in ihrer Macht ſtand, auf, um durch verdoppelte Zärtlichkeit den bitteren Eindruck zu verbannen, welchen die freiſinnigen Worte auf ihn gemacht. Am Tage vorſdem Weihnachtsabend, als man in allen Ecken in ſeinen Zimmern beſchäftigt war und nicht im Salon einander treffen wollte, bevor es etwas ſpäter würde, begab ſich Frigga zum Vater. Sie wußte, daß er allein in ſeinem Zimmer ſei. Als ſie eintrat, lag der Graf ½ einem S und las die Zeitungen. mmen ſollte, der Stimme Deiner freien Anſichten 167 — Was willſt Du, mein Kind?— fragte der Graf und ſtand auf. — Ich möchte Dich um etwas bitten,— ant⸗ wortete Frigga und küßte ngereichte Hand.— Aber vielleicht ſtöre ich Papa,— fügte ſie hinzu und ſah ihn an. — Nicht im Geringſten. Der Graf zog die Tochter neben ſich hin. — Nun, die Frage gilt wohl irgend einem Weih⸗ nachtsgeſchenk?— fragte er freundlich. — Ja, einem, das Du mir geben ſollſt. — So—0, Du willſt Geſetze vorſchreiben!— Meine liebe Frigga, das kommt etwas anſpruchsvoll heraus. — So iſt es eben. Frigga ſchloß die Hände des Vaters zwiſchen die ihrigen, und fuhr in einem bittenden Tone fort: — Papa, ich bitte Dich, mir den Glauben an mich wieder zurückzugeben. — Ich meine nicht, daß ich Dir denſelben ge⸗ nommen. — Warum biſt Du denn ſo ernſt, um nicht zu ſagen traurig geweſen ſeit unſerem Geſpräch in der Gallerie? — Weil ich entdeckte, daß meine Tochter nicht dachte und fühlte wie ich. Wenn die Verſuchung Gehör zu ſchenken, dann fürchte ich auch, daß Du denſelben folgen wirſt. 2 3— Papa, das beweist ja, daß Du mir nicht trauſt,— ſiel Frigga ein. — Ich glaube Deinen Worten, Deinem ſelbſt⸗ 168 Charakter und der Erklärung, welche Du gabſt. — Aber dies iſt nicht genug,— brach Frigga mit Wärme aus.— Du ſollſt auch glauben, daß jeder Tropfen meines Blutes von einer ſolchen Natur iſt, daß es mir laut zuruft, daß meine Eltern den erſten Platz in meiner Seele einnehmen.— Als ich noch ein kleines Mädchen war, rügteſt Du jeden Fehler an mir mit der Bemerkung, daß es der Toch⸗ ter eines Edelmanns nicht anſtände— Damit mach⸗ teſt Du das Edle zum Ziele meines Strebens. Nun wohl, würde ich an Seele und Herz edel ſein, wenn ich der Beförderung meines Glückes wegen das Deinige opferte?— Nein, Vater, wie derb und frei meine Denkweiſe auch ſei, ſo wird ſie doch nie mit meiner töchterlichen Liebe davonfliegen.— Frigga kann für die letztere Alles opfern; aber es gibt Nichts, das ſie bewegen könnte, dieſe zu opfern. Wenn ſie das thut, dann erſt vergißt ſie die Achtung vor ihrem Namen. Der Vater legte die Hand auf der Tochter Haupt und ſagte: — Es iſt leicht, ſo zu ſprechen, bevor die Liebe ihre Stimme erhebt; aber weißt Du auch, wie Du raiſonniren wirſt, wenn Dein Herz mit Deines Va⸗ ters Anſchauungsweiſe in Streit gerathen ſollte? — Ja, daß weiß ich,— antwortete Frigga be⸗ ſtimmt und ernſt;— denn, wie jetzt wird die Ach⸗ tung vor derſelben in meiner Seele die Oberherr⸗ ſchaft behalten. Darum, Papa, ſollſt Du mir das — einzige Weihnachtsgeſchenk geben, das für Deine Toch⸗ n ter auch wirklichen Werth hat, nämlich; Deinen Glau⸗ 169 ben an meine Liebe und an meine Ehrfurcht vor Deinem Willen. — Du brauchſt nicht das zu bekommen, was Du ſchon beſitzeſt,— ſagte der Vater und drückte einen Kuß auf die Stirne der Tochter indem er hinzufügte: — Du biſt doch der koſtbarſte Edelſtein unter allen meinen Familienkleinodien. Eine Perle, durchſichtiger als der Diamant, fiel in demſelben Augenblick aus Friggas geſenkten Augen auf des Vaters Hand. Dieſelbe war eben ſo einfach und ebenſo klar, wie die Herzensgefühle rein waren, welche ſie hervorgepreßt. Als die Lippen des Vaters Friggas Stirne be⸗ rührten, kam es ihr vor, als wenn dieſes ihr eine unbeſchreibliche Befriedigung und doch einen namen⸗ loſen Schmerz verurſacht hätte. Das Vetrauen, wel⸗ ches dadurch bekräftigt wurde, konnte Frigga nie täuſchen, aber wie viel Entſagung für ſie damit ver⸗ bunden war, daß wußte nur Gott. Als ſie den Vater verließ, begab ſie ſich nach dem Geſellſchaftszimmer. Es war glänzend erleuchtet, aber durchaus leer an lebenden Weſen. Frigga hatte ſich indeſſen kaum mit ihrer Stickerei niedergelaſſen, woran ſie die letzte Hand legen wollte, als Valentin eintrat, — Iſt der Herr Lieutenant ſchon zurück von 3—— ſagte Frigga. — Wie Fräulein ſehen; aber warum ſind Fräu⸗ lein ganz allein hier? Die Anderen ſind Alle damit beſchäftigt, Weih⸗ nachtsgeſchenke einzupacken. Sie verſammeln ſich erſt etwas ſpäter.— Iſt das nicht ſchön?— fügte 170 Frigga hinzu und hielt Valentin die Stickerei ent⸗ gegen. Es ſtellte ein Nonne am Fuße eines Kreuzes dar. — Ja, die Arbeit iſt ausgezeichnet,— antwor⸗ tete Valentin; aber die Wahl der Zeichnung kommt mir ſonderbar vor. Für wenn iſt das beſtimmt? — Fur meinen Vater.— Es ſoll ein Ruhekiſſen für ſeinen Sopha werden.— Was haben Sie gegen die Zeichnung? — Daß es eine git am Fuße eines Kreuzes iſt. Das Bild bringt immer etwas Trauriges mit ſich. Man denkt unwillkürlich an alle die Entſagun⸗ gen und bitteren Leiden, welche der Kloſterdruck mit ſich führte, und wie viel Tugend, Schönheit uns innerhalb der Kloſtermauern verloren gingen. — Ach ja; aber jetzt kann ja meine Nonne eine Braut darſtellen, die ihren Bräutigam umarmt. — Das Kreuz! Valentin lächelte. — Und den Glauben,— fügte Frigga mit klarer Stimme hinzu. — Aber, Fräulein Frigga, warum geben Sie dem Grafen ein ſolches Bild? Jetzt betrachtete Valentin das junge Mädchen. — — Sehen Sie das nicht ein? — Nein!— — Ach, was Ihr Männer doch turzſihtig ſ — erklärte Frigga. Das auffallend Muntere in ihrem Tone verrie daß Friggas Inneres von ganz anderen, als freu gen Eindrücken beherrſcht wurde. Valentin ſah vor; — — — — aus, daß ſie jetzt Etwas ausſprechen würde, was eine bittere Wahrheit enthielt, und daß ſie gerade deßhalb demſelben ein leichtes Gewand geben wollte. Frigga's von aller Gefühlshaſcherei freie Seele konnte ſich mit weinerlichen Manieren nicht vertra⸗ gen; ſie zog es vor, die Dornen des Schmerzes mit friſchen Roſen zu umgeben. Das Leben war für Frigga etwas ſo Ernſthaftes, daß ſie nicht begreifen konnte, wie man durch Klagen über die Leiden eines Einzelnen diejenigen Anderer noch bitterer machen möchte. In Folge ihrer Auf⸗ faſſung des großen Endziels, war es Jedermanns Pflicht, es zu nehmen wie es ſei, und es ſo wenig un⸗ angenehm als möglich zu machen. — Der Schmerz hat viele Geſtalten,— pflegte Frigga zu ſagen;— ich will die am wenigſten ab⸗ ſtoßende für den meinigen wählen. Auf dieſe Weiſe konnte ſie über ihre eigenen Leiden lachen, aber nie über die Anderer. Für die letzteren hatte ſie theilnehmende Thränen. Aber kehren wir zum Geſpräch zurück. — Wenn ich nun auch dieſen meinem Geſchlecht eigenen Fehler mit demſelben gemein habe,— ſo erlauben Sie, daß ich ihn heute Abend beibehalte. — Gewiß; aber gegenüber meiner Stickerei, welche eine Allegorie iſt, geht es durchaus nicht, weil Sie Bemerkungen dagegen gemacht haben. Sie fragten, warum ich meinem Vater dieſe Nonne gäbe? Ich antworte: Wenn er ſeinen Blick auf ſie wirft, ich, daß er in ihr das Bild ſeiner Tochter ſuche.. 172 — Dié wegen der Ueberzeugungen ihrer Väter ſich dem Kreuze weiht.— Nicht übel! — Gefüllt. Ihnen jetzt die Zeichnung? — Ja; beſonders des Kreuzes wegen,— ſagte Volentin.— Aber, fügte er hinzu, Ihre Nonne betet unter offenem Himmel. Warum nicht ebenſo gern in einer Kloſterzelle? — Weil das Kreuz, welches ſie bekommen, ſei⸗ nen Himmel hat.— Die Wände der Zelle wür⸗ den vom Zwang ſprechen; aber meine Nonne hat ſich aus freiem Willen ihrem Glauben geweiht. — Das iſt alſo eine ſehr glückliche Nonne. — Pzisſten nicht unglücklich.— Glaube, — hob Valentin wieder nach einer kurzen Pauſe an, das iſt ein Wort, welches ſowohl Ueberzeugung wie Beſtändigkeit bezeichnet.— Hier enthält es.. — Beides. Meine Nonne iſt feſt in ihrer Ueber⸗ zeugung und unveränderlich in ihrer Treue. — In dieſem Falle finde ich die Wahl der Zeich⸗ nung in hohem Grade glücklich,— verſicherte Va⸗ lentin.— Aber warum haben Fräulein eine Wolke am klaren Himmel geſtickt? Das cht das Bild düſter. — Oder erhöht den Effekt; ab um die Wahr⸗ heit zu ſo ſind Sie Schuld daran. — —„———„— — Ganz und gar. Mein himmelblaues Garn reichte nicht aus, weil Sie ſich einen Knäuel davon aneigneten. — Ich habe alſo Theil am Himmel der Nonneh — So ſcheint es,— antwortete Frigga und be rachtete genau die Stickerei. 173 Man hörte Stimmen und herein ſchwebte Lilie, gefolgt von Fräulein A—. te Als Lilie Frigga und Valentin allein ſah, über⸗ wölkte ſich ihr heiteres Geſicht, und einige Minuten darauf klagte ſie über heftiges Kopfweh, welches mehr und mehr zunahm. Die kleine Franzöſin hatte ſich in ein Eckſopha geworfen, hielt ſich die Hand vor die Stirne und klagte ſo heftig, daß Frigga, Fräulein A— und Gräfin Harthon, welche auch in den Salon hinabgekommen war, ganz unruhig wurden. Die Gräfin ſtimmte dafür, daß Lilie auf ihre Zimmer hinauf gehen ſolle und ſich zur Ruhe begeben. Mit ihrer gewöhnlichen Theilnahme für Leidende wollte die Gräfin ihre junge Verwandte begleiten und bei ihr bleiben, bis es ihr beſſer würde. Aber der Vorſchlag war durchaus nicht nach Lilie's Geſchmack. Bie erklärte, daß ihr Kopf noch ſchlimmer werden würde, wenn ſie nicht bliebe, wo ſie wäre, bei ihrer lieben Tante. Sie hörte auch auf zu weinen, als Melcer und die anderen Herren eintraten. Während dieſer ganzen aufgeregten Scene, welche Lilie's plötzliches Kopfweh hervorgerufen, ſaß Valen⸗ tin ganz ruhig am Divanstiſch und blätterte in einem maleriſchen Univerſum, welches dort lag. Nicht einen Blick richtete er auf die Leidende. Es ſah aus, als wenn ihr Weinen und Klagen ſein Ohr nicht berührte. Als die Gräfin Harthon ſich endlich mit ihrer Stickerei in das Sopha ſetzte, ſing Valentin an mit ihr von verſchiedenen Anſichten in der kleinen Samm⸗ lung zu ſprechen, deren Stahlſtiche er ſich beſah. Als Frigga ſich mit ihrer Arbeit an denſelben — — — —6 — — ——— w „ *—— 174 Tiſch ſetzte, wo Valentin ſaß, wurde Lilie's Kopfweh wieder ſchlimmer. Frigga ging ſofort zu ihr, und die junge Gräfin erklärte, daß es mit ihrem Kopf ſchlimmer würde, wenn nur Frigga ſie verließe. Bei dieſen Worten zog Valentin die Augenbrauen; zuſammen. Er drehte ſeinen Kopf etwas um und richtete einen ernſten Blick auf das erwachſene Kind, welches ſich in einiger Entfernung von ihm befand. Dann bemerkte er gegen Aurora: — Das Kopfweh der Gräfin Eldau iſt gewiß nervöſer Natur, und es wäre wohl am beſten, wenn ſſi man ſich nicht zu viel mit der Gräfin beſchäftigte. b — Ich bin ganz der Meinung des Herrn Lieu⸗ tenants,— verſicherte Aurora lächelnd. Die Herren, welche zum Grafen hineingegangen waren, kehrten jetzt in den Salon zurück, und Major — ließ ſich neben Lilie nieder und verſicherte, daß le er geſonnen ſei, ihr Kopfweh wegzuplaudern. Obgleich Lilie eine ganz verdrießliche Miene dazu le machte, mußte ſie ſich doch in ihr Schickſal finden, de denn der Major ließ ſich nicht ſo leicht abſpeiſen. K Frigga überließ ihren Sitz bei der Kranken an de Onkel 4—.. Am Tiſche der Damen entſtand eine lebhafte Converſation, welche durch einige Einkäufe veranlaßt 6 wurde, die die Frau Hofmarſchallin und die Frei⸗ 9 herrin in L— gemacht. i Während die übrigen Damen dieſe wichtigen gelegenheiten discutirten, ſaß Frigga ſchweigend und arbeitete Es ſchien, als wenn Lilie's Unwohlſe unangenehin auf ſie eingewirkt habe. Valentin bemerkte: — Ich glaube, daß die Gräfin Eldau Fräuleins heitere Laune verſcheucht hat. — Bewahre,— antwortete Frigga, ohne aufzu⸗ blicken. Wenn dies der Fall iſt, ſo muß ſie Ihnen die⸗ ſelbe wiedergeben.— Iſt es ihr Kopfweh, welches Fräulein betrübt hat? — Das Leiden, welches es hervorgerufen, peinigt mich. — Ein Leiden, welches in Gegenwart ſo Vieler ſich durch Thränen und Klagen kundgiebt, iſt nicht beſonders tief. — Sind Sie es, welcher ſich ſo über ſie äußert? Frigga warf einen vorwurfsvollen Blick auf Va⸗ lentin. Ja, gerade ich kann es Ihnen ſagen! aber laſſen wir das.— Er ſtand auf, und fügte hinzu:— wenn Fräu⸗ lein wirkliche Theilnahme für Gräfin Eldau empfin⸗ den, ſo beſchäftigen Sie ſich nicht ſo viel mit ihrem Kopfweh. Glauben Sie mir, je mehr ſie damit An⸗ dere in Bewegung ſetzt, deſto ſchlimmer wird daſſelbe. Valentin trat hin zu Major A— und Lilie. Ohne ſich darnach zu erkundigen, in wie fern die Gräfin ſich beſſer befinde, begann er ganz heiter dem Major in ſeiner ſcherzhaften Converſation zu ſecun⸗ iren. Nach einer Weile hörte man Lilie herzlich lachen über die Geſchichten des Majors und Valentins. Erſterer war wie immer voll von einer Maſſe ſchnurriger Anekdoten, und konnte ſie auf eine ſo 176 äußerſt humoriſtiſche Weiſe erzählen, daß er unwill⸗ kürlich Lachen erregen mußte. Valentin wiederum, welcher ſonſt nie mit ſolchen Sachen aufwartete, hatte jetzt zu jeder Geſchichte des Majors ein Gegenſtück, welches auf eine piquante Weiſe die vorhergehende vervollſtändigte. Während der Major und„ſein Lieutenant“ auf dieſe Weiſe einander halfen, die kranke Lilie zu zer⸗ ſtreuen, verließ ſie der Erſtere und ſagte, daß er un⸗ möglich zur Ruhe gehen könne, wenn er nicht vor dem Souper eine Partie Whiſt machte. Als der Major ſich entfernt hatte, bemerkte Va⸗ lentin in einem veränderten Ton und mit ſeinen kalten ernſthaften Blicken auf Lilie gerichtet: — Gräfin befinden ſich jetzt beſſer. Ueber das Geſicht der jungen Frau flog eine dunkle Röthe. Sie ſchwieg. 1 — Verſuchen Sie ſich ſelbſt zu überzeugen, daß Sie vollkommen hergeſtellt ſind. — Und warum ſollte ich das thun?— antwor⸗ tete Lilie heftig.— Ich weiß nicht, was mich zwin⸗ gen kann, dieſelbe Ueberzeugung zu haben, wie Sie.— — Die Wahrheit!— fiel Valentin ein.— Sie ſind nicht krant, Gräfin.— Sie haben bloß einen Anfall von ſchlechter Laune auf Ihre Nerven einwirken laſſen. — Monſieur, rief Lilie. — Crlauben Sie mir fortzufahren und vechnen Sie nicht daranf, eine andere Sprache von mir zu hören, als die, welche ein aufrichtiger Freund füt Pflicht hält zu führen. Darum: verſuchen Sie meht — K n 177 Herrin über die Eindrücke zu werden, welche Sie empfangen. Sie ſind jetzt in Schweden, nicht in Frankreich. Wir Nordländer verſtehen nicht dieſe heftigen Aufregungen, wir halten ſie für eine Schwäche, die wir gering ſchätzen, während wir Seelenſtärke und Herrſchaft über ſich ſelbſt als Eigenſchaften be⸗ trachten, welche für einen gebildeten Me Een unum- gänglich ſind. Uns gefällt es nicht, efühle öffentlich zur Schau zu tragen, und was Se uns ſelber nicht erlauben, das fällt uns ſchwer ei⸗ An⸗ deren verzeihlich zu finden. Was unſere He len, das verbergen wir, und wir begreifen den W von Schätzen nicht, die allgemein Preis gegeben werden. Wir können uns freuen mit dem Ernſte auf der Stirne und leiden mit Lächeln auf den Lippen. Sie ſind mit einem Schweden verheirathet. Sie müſſen ſich deßhalb unſern moraliſchen Muth an⸗ eignen, oder Sie werden die Zuneigung Ihres Mannes verſcherzen. — Und jetzt, Gräfin,— fügte er hinzu,— neh⸗ men Sie meinen Arm und laſſen Sie mich Sie zu den anderen Damen begleiten. Wenn Sie noch krank ſind, werden Sie ganz beſtimmt im Stande ſein, Ihre Leiden zu bekämpfen, um ſie mit Ihrer Gegen⸗ wart zu erfreuen. Valentin ſtand vor Lilie, deren Inneres ſich in einem ſonderbaren Kampf mit ihrem Aerger befand. Aber als ſie ihre Augen aufſchlug und ſeinem Blick begegnete, in welchem ein beſtimmter Wille zu leſen war, ſtand ſie auf, nahm ſeinen Arm und flüſterte mit kaum hörbarer Stimme: — Sie haben mich tief verletzt, Wnſen Schwartz, Geburt u. Bildung. II. 178 — Madame, Sie glauben das in dieſem Augen⸗ blick; morgen werden Sie mir es danken, was ich geſagt. Nachdem Valentin Lilie zu dem großen Divans⸗ tiſch geführt, einen bequemen Ruheſtuhl für ſie her⸗ angezogen und einige artige Worte geſagt hatte, ging er Fden ſer und nahm die Karten ie Wrhnichten verliefen ganz heiter. Nindiitten Tage, am Geburtstage der Gräfin, wirr eine größere Geſellſchaft eingeladen. Valentin hatte zu dieſer Gelegenheit einige Verſe geſchrieben, wozu er auch die Muſik componirt, und dieſe wur⸗ den von Frigga geſungen. Darauf folgten Tableaus, welche vom Doctor ſehr gut arrangirt waren, obgleich die Propſtin ſie ſehr ſchlecht fand, weil ihr Valentin nicht mit dabei war. Lilie, welche die Hauptfigur in derſelben ſpielte, war ſo ſchön, daß ſie einen Sturm der Bewunde⸗ rung hervorrief, etwas, das dem reizenden Kinde ſehr gut gefiel. Es war weder Frigga oder irgend Jemanden, nicht einmal Lilien eingefallen, zu g daß Va⸗ lentin bei den Tableaux dabei ſein würde. Man wußte von vornherein, daß er mit ſeinem überlegenen Lächeln es abgeſchlagen haben würde, ſich dazu herzugeben. 179 Nach allem dieſem wurde getanzt; aber als der Ball begann, ſaß Valentin ſchon an einem der Spiel⸗ tiſche, und vergebens erwartete Lilie, ihn in den Tanz⸗ ſaal treten zu ſehen. Den Tag nach dem Balle wurde etwas ſpät ge⸗ frühſtückt, und dabei vermißte man nicht allein Va⸗ lentin, ſondern auch Melcer. Sie waren, nach Vaar⸗ näs gereiſt und kamen den ganzen Tag nicht zurück. Am darauf folgenden Morgen, als die Frihſtücks⸗ glocke rief, und Valentin in den„ſah er ungewöhnlich bleich aus. 3 Während der Mahlzeit war er ſtill, und⸗das was er ſprach, war ausſchließlich mit Majör Es war Samstag, und ein Theil der jetzt ziem⸗ lich zahlreichen Geſellſchaft wollte den Gottesdienſt beſuchen. — Gehen Herr Lieutenant in die Kirche?— fragte Graf Harthon, ſich an Valentin wendend. — Ich habe mich noch nicht entſchloſſen,— ant⸗ wortete dieſer. Thun Sie mir den Gefallen, Frigga hinzufahren, ſonſt müßte ſie zu Hauſe bleiben; Melcer fährt Fräu⸗ lein K—. Valentin erklärte ſehr höflich, daß es ihm ein Erige ſein würde, des Fräuleins Kutſcher zu ein. Frigga kam es indeſſen vor, daß er eine Miene machte, als wenn ihm nicht ſehr viel an der Ehre gelegen ſei, die ihm widerfuhr. Sie ſagte darum: 180 — Wünſchen Herr Lieutenant, daß ich die Tour nach der Kirche aufgebe? 4— Warum ſollte ich das? antwortete Valentin kalt. — Um nicht mit mir fahren zu dürfen. — Wenn ich wünſchte, mich dem zu entziehen, ſo würde ich es auch gethan haben; aber Fräulein wiſſen mehr als gut, daß es mir lieb iſt, Frigga Harthon als Kutſcher zu dienen. — Ihr Ausſehen gab das nicht zu erkennen. meine Worte thaten es. laube mehr an ihr Geſicht. — Machen Sie heute eine Ausnahme!— ſagte Valentin und verſuchte ſich zum Lächeln zu zwingen. Frigga ging; aber ſie dachte: — Was mag das mit Aurenius ſein? er iſt ſich nicht ſelber gleich. Bald darauf eilte eine Reihe von Schlitten die Allee hinauf. An ihrer Spitze fuhr der der Gräfin Harthon, in welchem drei Damen mit ihr ſaßen. Der Graf ſelbſt kutſchirte. Zuletzt und gleich nach dem, welchen Melcer fuhr, kam Frigga's und Valentin's. Das Wetter war herrlich, der Schneemantel fun⸗ kelte gegen die Sonne, und fuhren die Schlitten dahin. Valentins Ausſehen war fortwährend kalt und bleich. Frigga ſprach von dem Balle, von den Tableaur und Valentin ſtimmte damit überein, daß man ſchwer⸗ lich etwas Schöneres zu ſehen bekommen könnte, als Lilie als Hertha. 181 Während des Gottesdienſtes hatte Frigga ihre Augen auf Valentin gerichtet, und dann kam es ihr vor, als wenn er von irgend einem körperlichen Lei⸗ den geplagt würde. Auf der Heimfahrt ſagte er: — Jetzt kehren Fräulein ruhig und vergnügt in dem Gefühle zurück, in dem Tempel geknieet und ge⸗ betet zu haben; aber daheim auf Liungbro giebt es zwei Katholiken, welche ſich dieſe Befriedigung nicht verſchaffen können. — Sie denken an Aurora und Lilie — Beſonders an die letztere. Mamſell Dorbineau hat ſich ſchon an dieſe und andere Entſagungen gewöhnt. Außerdem ſteht ſie allein im Leben; aber Gräfin Eldau iſt verheirathet, kann eines Tages Familie bekommen und dann wird ſie im Kreiſe derſelben ein Fremdling ſein, wenn es ſich um die höchſten aller unſerer Intereſſen handelt, um die religiöſen. Eltern, Vaterland, Glaubensgenoſſen entrückt und in ein Land ohne Religionsfreiheit verſetzt, wird ſie nicht einmal zu wünſchen wagen, daß irgend eins von ihren Kindern ihre Religion mit ihr gemein habe. Der Vater iſt lutheriſch, und die Kinder müſſen in ſeinem Glauben erzogen werden.— Ich habe immer dieſe Ehen zwiſchen Leuten von verſchiedenem Glaubens⸗ bekenntniß beklagt, und ich glaube nicht, daß ſie Glück mit ſich bringen können. — Und doch hätte es ſich ja zutragen können, daß Sie ſich mit einer Katholiſchen verheirathet hätten, — wandte Frigga ein. — Das iſt wahr. Ich bin einmal ſo verliebt geweſen, daß ich nicht allein vergaß, daß die Ge⸗ 182 burt, ſondern auch die Religion mich von dem Gegen⸗ ſtand meiner Liebe trennte. Ich mußte dann auch einer Schwäche entfliehen, welche Schuld daran war, daß ich ſo viel vergaß, — Man hat mir geſagt, daß Sie Unrecht thaten, zu fliehen,— ſagte Frigga. — Erlauben Sie, daß ich eine entgegengeſetzte Ueberzeugung hege,— ſagte Valentin und fing an von dem ſchönen Weg zu ſprechen. — Wie lange wird Gräfin Eldau auf Liungbro verweilc fragte er plötzlich. zum Schluß des Januar, oder richtiger, bis ihr Mann zurückkehrt. Valentin trieb jetzt die Pferde zu raſcherem Lauf an. Melcer hatte indeſſen einen bedeutenden Vorſprung gewonnen. Frigga ſah Valentin an, als wenn ſie ihn nie früher geſehen. — Sie wundern ſich über mich, Fräulein Frigga, — ſagte er;— aber ich bitte Sie, thun Sie das nicht. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn..... Jetzt verlor er dergeſtalt alle Farbe, daß Frigga erſchrocken ausrief: — Sie ſind gewiß krank? Valentin hielt mit einemmal die Pferde an und ſagte mit einiger Anſtrengung. — Es iſt ein Bagatelle. Wir warfen geſtern um, und dabei verletzte ich meinen rechten Arm. Es ärgert mich, daß ich nicht den Schwerz wegen einer ſolchen Lappalie ſollte beherrſchen können. — Und Sie fahren, obgleich ihr rechter Arm verletzt iſt? 183 — Es wurde mir angeboten, Fräulein Frigga zu fahren. Welcher körperliche S hätte mich wohl vormögen können, davon abzuſtehen? Valentin nahm die Zügel in die linke Hand und fügte hinzu: — Eine Bitte: laſſen Sie Niemanden wiſſen, daß ich geſtern die Zügel ſo ſchlecht geführt, daß ich heute meine Stelle als Kutſcher auf eine ſo wenig ehrende Weiſe ausfülle. Sagen Sie auch Graf Melcer nichts von den Folgen unſeres kleinen Un⸗ faulls. Frigga ſagte nichts. Sie hüllte ſich nur feſter in den Pelz ein. Einige Augenblicke darnach hielt der Schlitten in Liungbro Hof an. — Hat der Doctor den kranken Arm angeſehen? — Nein! — Nun, Lieutenant Aurenius, ſage ich: er muß es thun. Frigga war eben ſo bleich wie Valentin. Ihre Augen begegneten ſich, und er antwortete — Es muß geſchehen, aber meine Wunde wird dann nicht mehr ein Geheimniß bleiben. — Sie wird es bleiben; Sie haben mein Wort darauf. Frigga lächelte traurig, wandte ſich dann an einen der Bedienten und befahl ihm, den Doctor zu erſuchen, zu ihr in den großen Salon hinaufzu⸗ kommen. — Kann der Doctor ein Geheimniß bewahren? fragte er. 5 — Als Arzt gewiß;— als Menſch, wenn Fräu⸗ lein es verlangen,— war die Antwort. 184 — Ich halte mich an den Arzt. Sie ſollen, ohne daß es Jemand erfährt, eine Armverletzung unter⸗ ſuchen, welche Lieutenant Aurenius ſich zugezogen hat. Nachher wünſche ich zu wiſſen, ob ſie gefähr⸗ iſt;— aber Alles muß zwiſchen Ihnen, mir und dem Patienten bleiben. — Das wird es. Der Doctor ging. Mittags kam Valentin zum Vorſchein. Er hielt die rechte Hand unter der Weſte, und derjenige, welcher nichts wußte, würde nicht auf die Vermuthung gekommen ſein, daß es geſchah, damit er den Arm ruhig halte. Melcer war ungewöhnlich ſchweigſam und düſter. Abends war die Rede von einem großen Balle, welchen Baron F— auf Lenby am Reujahrstage geben wollte. — Der Herr Lieutenant reiſen wohl hin?— ſagte Lilie. — Daran habe ich noch nicht gedacht,— ant⸗ wortete Valentin. Als er Frigga gute Nacht bot, ſagte ſie: — Wollen der Herr Lieutenant, daß ich glauben ſoll, es ſei nur Eitelkeit die Urſache geweſen, daß Sie ſich der Plage unterworfen, die Sie ausgeſtanden? — Ach, Fräulein Frigga,— antwortete Va⸗ lentin wehmüthig,— was hat es zu bedeuten, ob Eitelkeit oder Hochmuth mir meine Handlungsweiſe dictirt hat; eins von Beiden muß es ja doch ſein. — Oder auch Edelmuth? — Von ſo etwas kann wohl nicht bei einen Umwerfen die Rede ſein. ——— 185 — Ja, wenn mein Bruder daran Schuld ge⸗ weſen. Glauben Sie mir, man täuſcht mich nicht ſo leicht. — Ich glaube es auch nicht, und habe nie die Abſicht gehabt es zu thun; aber diesmal haben Fräulein nicht richtig gerathen. Graf Melcer hat nicht die Zügel geführt und folglich auch nicht um⸗ werfen können. — Eine Stimme in mir ſagt mir, daß er An⸗ theil an dem hat, was den Schaden verurſachte, — Die Stimme in uns kann uns bisweilen irreleiten. — Ich glaube es nicht. — Es bleibt mir nur noch übrig, Fräulein zu bitten, nicht an dieſe Lappalie zu denken.— Mor⸗ gen bin ich wieder geſund. Gute Nacht, Fräulein Frigga, und Dank! Es kam Lilie vor, als wenn Volentin ganz haſtig Friggas Hand an ſeine Lippen führte; vielleicht daß ſie ſich irrte. Den Tag darauf, wie auch am Weihnachtsabend war Valentin unzertrennlich von Melcer. Des Erſteren ungewöhnlich krankhaftes Ausſehen erregte Gräfin Harthons und der übrigen Damen Aufmerkſamkeit; da er aber alle Fragen in Bezie⸗ hung auf ſeine Geſundheit mit Scherz beantwortete, ſo legte man kein weiteres Gewicht darauf. Vom Doctor erfuhr Frigga, daß Valentins Wunde gar nicht von einem Umwerfen mit dem Wagen her⸗ rühren konnte, ſondern daß es ein tiefer Schnitt vom 186 Ellbogen bis zu der Achſel ſei, welcher durch irgend eine ſcharfe Waffe oder Meſſer beigebracht ſein müſſe, beſonders da er ein paar ähnliche kleinere Narben an der Bruſt und am rechten Handgelenk hatte. — Es ſieht aus, als wenn Aurenius von einer mit einem Meſſer bewaffneten Perſon überfallen worden ſei,— ſagte der Doctor.— Seine Kleider und ſeine Kraft haben ihn ohne Zweifel gerettet. Die ſtarke Blutung hat ihm ſeine gewöhnliche friſche Farbe geraubt. Die Wunde iſt gewiß ſchmerzhaft aber indeſſen nicht im Geringſten gefährlich und wird binnen Kurzem geheilt ſein, wenn er ſich ruhig ver⸗ hält, aber ſo möchte es langſam gehen. Nach der Unterredung mit dem Arzt ſaß Frigga lange ſinnend da. Sie konnte nicht begreifen, wa⸗ rum Valentin ein Geheimniß daraus machte, falls er überfallen worden war. War es Jemand, den er nicht mit Namen nennen wollte? Wenn das wäre, warum fürchtete er dann ſo ſehr, daß das Ereigniß berührt wurde. Gerade während Frigga vergebens nach der Lö⸗ ſung des Räthels ſuchte, kam Melcer auf ſie zu. Er und Volentin hatten eine Unterredung mit dem Fräulein K— gehabt. Melcer ſetzte ſich zu der Schweſter. — Mein lieber Melcer, was machteſt denn Du und Aurenius vor wenigen Tagen auf Vaarnäs? — fragte Frigga.— Der Ball ſcheint Euch nicht ermüdet zu haben, da Ihr Euch gleich den Tag darauf auf Reiſen begabet. — Wir tanzten ja nicht,— ſagte Melcer und trommelte an den Fenſterſcheiben. — 2 daß Melcer nicht näch Lenby reiſe, ſü 187 — Das war keine Antwort auf meine Frage ob — Beabſichtigen der Herr Graf den Ball am Reujahrstage zu beſuchen?— fiel Valentin ein und wandte ſich plötzlich weg von Fräulein K— und ging hin zu den beiden Geſchwiſtern. — Ich werde wohl gezwungen ſein es zu thun, — antwortete Melcer,— ſonſt bliebe ich am lieb⸗ ſten zu Hauſe. — Ich würde für das letztere ſtimmen,— meinte Valentin. — Und warum?— fragte Frigga. — Weil der Graf kein Freund von großen Ge⸗ ſellſchaften iſt. Außerdem ſtreitet es gegen die per⸗ ſönliche Freiheit, daß man ſich eine nutzloſe Plage auferlegt. — So kommt es mir auch vor,— ſagte Melcer, und ſtützte den Kopf auf die Hand;— aber was fragteſt Du nach Vaarnäs?— fügte er hinzu, in⸗ dem er ſich an Frigga wandte. — Fräulein wünſchten zu wiſſen, ob wir bald dahin zu gehen beabſichtigen?— ſagte Vatentin. — Es hat ſich beſtimmt etwas Beſonderes auf Vaarnäs zugetragen, weil Aurenius nicht haben will, daß man von dem letzten Beſuch dort ſpreche,— dachte Frigga.— Ich muß darüber im Klaren ſein, was das geweſen iſt. Meelcer ſprach davon, daß er viel lieber am Neu⸗ jahrstage nach Vaarnäs führe, als zum Baron T—s und Valentin war derſelben Meinung. Als Frigga nen Valtntin beſtimmt wollte, gte ſie: 188 — Lieber Melcer, kümmere Dich nicht um den Boll, wenn Du kein Vergnügen daran haſt. — Wenn der Graf nicht hinfährt, dann bleibe ich auch zu Hauſe,— ſagte Valentin. Frigga that Alles, um Melcer zu vermögen nicht; mitzureiſen und die Folge der Berathſchlagung war, daß er mit ſichtlicher Befriedigung erklärte, daß, da Frigga dafür ſtimmte, daß er ſeinem eigenen Kopfe folgen ſolle, ſo könnte er es mit Veruhigung thun. Frigga pflegte nie etwas zu befürworten, was ihrem Vater mißfallen konnte. Melcer ſprach dann davon, wie unangenehm ihm die Tage wären, ſo lange das Haus voll Fremden ſe und ſagte, daß er ſich nach Ruhe und Stille ehne. Am Neujahrstage wandte ſich Lilie, welche ſeit dem Geſpräch über das Kopfweh, nicht direkt Valen⸗ tin angeredet hatte, an ihn und ſagte: — Der Herr Lieutenant gehen wohl mit nach Lenby heute Abend? — Nein, Madame, Graf Melcer und ich bleiben zu Hauſe. — Und der Grund? — Weil wir als Nichttänzer gern davon bleiben können. Als Alle fertig waren zum Abfahren, kam Lilies; Kammerjungfer mit einem Gruß von der Gräfin, daß ſie ſich ſo unwohl befinde, daß ſie beſchloſſer habe, zu Hauſe zu bleiben. — —— 1.— —————— ——— 189 Kachdem Alle abgereist waren, finden wir Melcer und Valentin unten in des letzteren Wohnung. Aurenius lag auf einem Sopha und rauchte Ci⸗ garren. Man konnte an ſeinem Geſichte ſehen, daß er ſich an Körper und Seele müde fühle; aber troz⸗ dem verließen ſeine Augen Melcer nicht, welcher ſehr unruhig war. Einen Augenblick dehnte er ſich in dem Fauteuil, im andern ſprang er auf und ging auf und ab im Zimmer, im dritten ſah er nach ſeiner Uhr, oder ſtand an einem der Fenſter und trommelte an den Scheiben. So war eine Stunde nach der Abfahrt der Ball⸗ gäſte verſtrichen, als Melcer plötzlich erklärte, daß er Willens ſei, nachzureiſen. Valentin antwortete ruhig: — Ich fürchte, daß es etwas ſpät wird, und daß Graf Harthon des Grafen Auftreten weniger paſſend finden wird, weil Sie erklärt haben, daß Ihr Ausbleiben eine Folge von Unwohlſein ſei. — Aber die Franzöſin iſt nicht dort,— ſagte Melcer,— und dann könnte es vielleicht amüſant werden. Ich bin ſeit meiner Rückkehr in die Hei⸗ math nicht auf Lenby geweſen. Nach einer Pauſe fügte er hinzu: — Ich weiß nicht, was ich darum geben möchte, daß wir die Lilie los wären. Melcer rieb ſich die Stirne. In demſelben Augenblick trat Lilies Kammer⸗ ungfer mit einem kleinen Brief in der Hand bei Vaientin ein und übergab ihm denſelben. Volentin nahm ihn entgegen und fragte: 190 — Soll eine Antwort darauf? — Das hat die Gräfin nicht geſagt. — Wenn das iſt, ſo werde ich zu der Gräfin hinaufſchicken. Das Mädchen ging und Volentin legte das ele⸗ gante Billet auf den Tiſch; dann wandte er ſich an Melcer und ſagte: — Werden der Graf nach Lenby reiſen? — Nein, ich bleibe hier. Aus freien Stücken thue ich nichts, was meinem Vater mißfallen könnte. . Melcer ſetzte ſich neben Valentin und fügte! inzu: — Will der Herr Lieutenant nicht den Brief derſ Gräfin leſen? 1 — Ja; aber ich möchte erſt wiſſen, was der Graf beſchloſſen hat. — Sollte mein Entſchluß irgend einen Einflußſ auf die Antwort an die Gräfin haben?— fragte Melcer. d — Nicht im Geringſten; denn wenn der Graf abgereist wären, ſo hätte ich nachfolgen müſſen. — Daos ſehe ich nicht ein. — Ich bin ja nur hier des Grafen wegen ge⸗ blieben,— ſagte Valentin. 1 — Ich fing an zu glauben, daß der Lieutenan r es der Gräfin wegen that. 1 Melcer richtete einen langen Blick auf Valentin welcher, ohne die Frage zu beantworten, den Brie erbrach. Als er denſelben durchblickt hatte, kling er. dem Bedienten und befahl ihm, zu Gr Eldau's Kammerjungfer hinaufzugehen und ihr t f 191 ſagen, daß das Buch, welches die Gräfin wünſche, ausgeliehen ſei. Melcer fing wieder an auf⸗ und abzugehen. Dann blieb er ſtehen und rief: — Sie ſind Schuld daran, daß ſie hierhergekom⸗ men, daß ich täglich dieſes Geſicht vor den Augen haben und dieſe Stimme hören muß, welche mich an Moulins Tochter erinnert, an dieſes arme Kinb, das ich vaterlos gemacht habe. Das Ausſehen des Grafen war bewegt; die Hände ballten ſich krampfhaft. Valentin ſtand haſtig auf und ſtellte ſich gerade vor Melcer; er blickte ihm ins Geſicht und ſagte mit Nachdruck: — Richt dieſen Ton! Der Graf müſſen ruhig ſein. Ich habe ja geſagt, daß die Gräfin Eldau in wenigen Tagen abreiſen wird. Einen Augenblick ſtand Melcer unbeweglich, reichte dann Valentin die Hand und ſagte ganz nachgiebig; — Ich werde ruhig ſein. Etwas ſpäter begleitete Valentin ihn auf ſeine Zimmer. Als Melcer zur Ruhe gegangen war, gab Au⸗ renius ſeinem Kammerdiener einige Verhaltungsmaß⸗ regeln, und erſt als der junge Graf im tiefen Schlafe lag, ging Valentin zurück in ſeine Wohnung. Ganz ermattet warf er ſich aufs Sopha und murmelte: — Ich werde nicht im Stande ſein, dem Unglück vorzubeugen. Lilie kann ſich nicht ſo ſchnell entfernen als nöthig wäre, und meine Macht über ihn reicht 192 nicht mehr aus, das beweist das Ereigniß auf Vaarnäs. — Schon morgen wünſche ich ihn mit nach Stenby bringen zu können; aber jetzt muß ich erſt mit ihr ſprechen, um ſie zu bewegen, von hier abzureiſen. Vielleicht, daß es gelingt, den Ausbruch zu verhin⸗ dern, welcher ſonſt kommen wird. O, daß ich ſo entſetzlich ohnmächtig ſein muß! Auf dem Balle bei Baron T—s hatten ein paar geſchäftige Perſonen einander mitgetheilt, daß vor einigen Tagen ein heftiger Wortwechſel zwiſchen Graf Melcer und Lieutenant Aurenius auf Vaarnäs ſtatt⸗ gefunden hätte, bei welcher Gelegenheit letzterer ſich gegen den Grafen vergangen. Als Urſache wurde Gräfin Eldau angegeben, welcher beide junge Männer die Cour machen ſollten. Man wagte ſich zwar nicht an die Harthon'ſche Familie mit dieſem Gerücht; aber man fragte nach Lilie, Melcer und Aurenius auf eine Weiſe, welche Gräfin Harthon und Frigga ganz beſonders auffiel. Der Graf beantwortete die Fragen, ohne auf den Ton Acht zu geben, in welchem ſie gemacht wurden. Es hatte indeſſen die Kräfte der Mittheilſamen überſtiegen, das, was ſie gehört, bei ſich zu behalten, und deßhalb ging die Nachricht von Einem zum An dern, und im Laufe einiger Stunden war ſie allen Gäſten des Baron T—s bekannt.. 193 Jeder machte jetzt ſeine Reflexionen und fügte ſie dem bei, was das Gerücht verkündigt. Valentin, der gerade kein Günſtling der Vor⸗ nehmen der Gegend war, wurde aus Herzensgrund verläumdet; man verbreitete ſich über ihn und ſeinen unverſchämten Hochmuth mit wirklichem Vergnügen. Ja, man hatte eine ordentliche Genugthuung, als man ſich erinnerte, daß er während des Gottesdienſtes am Sonntag bleich und niedergeſchlagen ausgeſehen. Ein Jeder, welcher in der Kirche geweſen, war überzeugt, daß es ſich ſo verhielt, und man betrachtete es als ausgemacht, daß er, nach dem, was zwiſchen dem Verwalter und dem Grafen vorgefallen, nicht lange ſeine Stelle bei Graf Harthon behalten würde. Was man ſich nicht geneigt fühlte, der gräflichen Familie mitzutheilen, ſprach man indeſſen bei Baron —, Fräulein A.— und der Familie des Hofmar⸗ ſchalls aus, alles in der ſchönen Erwartung, daß es auf dieſe Weiſe Graf Harthon zu Ohren kommen, und es ihm unmöglich machen würde, Valentin zu behalten. Gewiß proteſtirten der Baron und Alle, welche auf Liungbro verweilten, gegen das Gerücht, und erklärten, daß das Verhältniß zwiſchen dem Lieutenant und dem jungen Grafen ein ausgezeichnet gutes ſei, und daß ſie unzertrennlich wären. Man glaubte nicht daran, ſondern erklärte, daß auf Vaarnäs etwas Unangenehmes zwiſchen ihnen vorgefallen ſei. Auf dem Heimwege vom Balle fuhren Baron K— und Frigga zuſammen. Schwartz, Geburt u. Bildung. II. 13 194 Er theilte ihr das wahnſinnige Gerücht mit, während er darüber lachte. Frigga hörte ihn ſchweigend an. Sie ſammelte Alles in Gedanken zuſammen, was ſeit der Fahrt nach Vaarnäs vorgefallen und wurde in ihrem be⸗ reits geſchöpften Verdachte beſtärkt, daß etwas vor⸗ gefallen ſei, wobei Melcer die Hauptrolle geſpielt. Dieſe Nacht machte Frigga kein Auge zu. Sie wurde von einer entſetzlichen Angſt beherrſcht. Dieſes peinliche Gefühl, welches dann entſteht, wenn man die Ereigniſſe, die ſich um uns her entwickeln, nicht zu entwirren verwag, jagte den Schlaf von ihren Augen und den Frieden aus ihrer Seele. Unaufhörlich hallten die Worte des Doctors wieder: —„Aurenius iſt mit irgend einer ſcharfgeſchliſ⸗ fenen Waffe verwundet worden.“ — Aber von wem?— fragte ſie ſich ſelbſt. Der Morgen kam und mit ihm der feſte Ent⸗ ſchluß Friggas, Vormittags Alles zu erfahren und nach Vaarnäs zu fahren, um herauszufinden, wel⸗ chen Grund das Gerücht habe. Daß es von dort ausgegangen und zwar von Jemanden unter den Dienſtboten, ſah ſie klar ein. Als Frigga nach dieſer ſchlafloſen Nacht ihre Zimmer verließ, um ſich vor dem Frühſtück durch eine Morgenpromenade zu erfriſchen, wurde ſie auf der Treppe durch Valentins Stimme aufgehalten, welche folgende Worte ausſprach: — Uucbergeben Sie der Gräfin den Brief vor dem Frühſtück! Darauf hörte Frigga wie er ſich entfernte. Als ſie in den Corridor des erſten Stockes 195 herunterkam, ſah ſie Lilie's Kammerjungfer mit einem Brief in der Hand zu ihrer Herrin hineingehen. Dieſer Anblick machte einen unangenehmen Ein⸗ druck auf Frigga. Ein leichtes Zuſammenziehen der Augenbrauen und ein plötzliches Zurückwerfen des Kopfes bewieſen, daß ein unangenehmes Gefühl durch ihre Seele drang. Beim Frühſtück wurde Friggas Plan, nach Vaar⸗ näs zu führen, zu nichte gemacht, da die Gäſte auf Liungbro, welche bereits den nächſten Tag abzureiſen gedachten, durchaus eine Fahrt nach einem hiſtoriſch merkwürdigen Punkt, welcher in der Nochbarſchaft lag, zu machen wünſchten. Der höfliche Wirth hatte in Folge deſſen eine kleine Schlittenpartie arangirt. Man ſollte den Vor⸗ mittag wegfahren und Mittags wieder zu Hauſe ſein. Als die Rede davon war, wer mitgehen ſollte, erklärte Lilie, daß ſie zu Hauſe zu bleiben wünſche, weil es kalt ſei. Volentin war beſchäftigt und mußte auf das Vergnügen verzichten. Graf Melcer hatte ſich ganz früh am Morgen nach dem Pfarrhofe begeben, ſo daß auch er ausge⸗ ſchloſſen wurde. Alle Uebrigen, ſowohl Alte wie Junge, waren für den kleinen Ausflug, den man gerade für ſehr paſſend hielt, um ſich nach dem Balle zu erholen. Mademoiſelle Dorbineau hatte, als ſie hörte, daß Valentin und Lilie nicht mitfuhren, auch beſchloſſen, zu Hauſe zu bleiben. Es ſchien ihr, daß es ziemlich ſonderbar ſei, daß ſie jett das zweite Mal allein auf Liungbro bleiben 196 ſollten, während alle Anderen ſich fortbegaben. Das ſah nicht natürlich aus. Aurora mußte im Kla⸗ ren darüber ſein, ob nicht unter Lilie's Furcht vor der Kälte und Valentins Abhaltung eine Intrigue verſteckt ſei. Eine Franzöſin, ſie mag einen ſo herrlichen Cha⸗ rakter haben wie ſie will, hat immer Augen und Sinn für Intriguen. Sie ſpürt ſie dann, wenn eine Schwedin nicht den allergeringſten Verdacht faſſen würde, und wird ſofort von einem unwiderſtehlichen Verlangen ergriffen, durch irgend eine kleine Gegen⸗ intrigue das herauszufinden, dem ſie auf der Spur zu ſein glaubt. Mamſell Dorbineau mit ihrem ſcharfen Verſtand und ungewöhnlich guten Herzen, war nichtsdeſtoweni⸗ ger Franzöſin. Wäre Lilie auch eine ganz fremde Perſon geweſen, ſo hätte Aurora dem Vergnügen doch nicht widerſtehen können, es auszuforſchen, ob ihr Verdacht begründet ſei; wie viel mehr jetzt, wo ſie ſich für verpflichtet hielt, über den früheren Zög⸗ ling ihrer Schweſter zu wachen. Als deßhalb alle Theilnehmer an der Schlitten⸗ partie ſich wegbegeben hatten, faßte Aurora Poſto hinter den Gardinen in einem der Salonfenſter. Von dort aus konnte ſie Jeden ſehen, welcher über den Hof in das Flügelgebäude eintrat. Sie hatte auch die Augen ſcharf auf den kleinen Flügel gerichtet, wel⸗ cher gerade gegenüber lag; aber vergebens ſpähte ſie darnach, daß Jemand von dort herauskommen ollte. Nachdem ſie eine Stunde gewartet, ſah ſie Va⸗ lentin die große Allee hinauffahren und vor dem 197 kleinen Gebäude anhalten, wo er ausſtieg, worauf ſein Schlitten wieder weggefahren wurde. In demſelben Augenblick hörte Aurora Schritte im Vorgemach. Unſere bedachtſame Franzöſin zog ſich ganz leiſe zurück ins Kabinet. Sie hatte ſich kaum hinter eine der Thüren verſtecken können, bevor Lilie in den Salon eintrat und ſich in einen der Sophas nieder⸗ ließ. — Es iſt alſo hier, wo Du warten ſollſt,— dachte Aurora. Einige Minuten ſpäter trat in der That Valen⸗ tin ein. Sein Ausſehen war kalt und ernſt. — Der Menſch da hat eine eigene Miene, wenn er verliebt ausſehen ſoll,— fuhr Aurora in Ge⸗ danken fort. Wir überlaſſen es Mamſell Dorbineau, zu lau⸗ ſchen und ihre Betrachtungen anzuſtellen, und begnü⸗ gen uns ſtatt deſſen damit, die Scene zwiſchen Lilie und Valentin zu beſchreiben. — Das Erſte, worum ich Sie bitten muß, iſt, daß Sie mir nicht zürnen wegen meiner Dreiſtigkeit, eine Unterredung von Ihnen begehrt zu haben, Ma⸗ dame,— ſagte Valentin und ſetzte ſich auf einen Stuhl in einiger Entfernung von Lilie. Valentin's Stimme tönte klar und kalt wie der Klang von Metall. Die franzöſiſche Sprache lautete hart aus ſeinem Munde. — Ich kann unmöglich über Etwas zürnen, wozu ich ſelber die Veranlaſſung gegeben,— antwortete Lilie lächelnd.— In dem Billet, welches ich Ihnen geſtern Abend ſchickte, gab ich meinen Wunſch zu er⸗ 198 kennen, eine Unterredung mit Ihnen zu haben. Unſer früheres Verhältniß macht, daß eine ſolche nothwen⸗ dig ſtattfinden mußte. — Möglich, daß Sie Recht haben, Madame, ob⸗ gleich ich unſere gegenſeitige Lage anders auffaſſe. Wenn mich die Nothwendigkeit nicht dazu gezwungen hätte, würde ich nie die Gunſt von Ihnen begehrt haben, welche Sie mir jetzt gewähren. Ich würde mich nie erinnert haben, daß die Gräfin Eldau und Lilie de Maillé ein und dieſelbe Perſon geweſen. — Nicht!— brach Lilie aus.— Ah, Monſieur, wiſſen Sie wohl, was Sie damit geſagt haben? Ja, daß das Gefühl, welches Sie einſt für die Letztere genährt. — Unmöglich auf die Erſtere übertragen werden konnte,— unterbrach ſie Valentin ernſt. — O, mein Gott, was iſt es, das Sie auszu⸗ ſprechen wagen!— rief Lilie und fuhr auf. — Die Wahrheit,— antwortete Valentin. Lilie lehnte ſich zurück in das Sopha und brach in heftiges Weinen aus. Sie barg ihr Geſicht im Taſchentuch und bemerkte ſchluchzend: — Sie haben alſo auf eine abſcheuliche und treu⸗ loſe Weiſe mit meinem Herzen geſpielt. Nachdem es Ihnen gelungen war, es zu erobern, um eine Laune zu befriedigen, warfen Sie es von ſich mit einer Grauſamkeit ſonder gleichen und flohen trium⸗ phirend von dannen, meinen Frieden, mein Glück und alle meine Hoffnungen mit ſich nehmend. Sie erhob raſch ihren Kopf und fügte mit Hef⸗ tigkeit hinzu: — RNachdem Sie Ihr Bild auf eine unauslöſch⸗ 199 liche Weiſe meiner Seele eingeprägt, überlaſſen Sie mich einer Zukunft voller Noth und Verzweiflung. — Sie wiſſen nicht, wie ſchrecklich viel Böſes Sie mir gethan, und wie verliebt in Sie ich war und bin! Um in Ihr Vaterland zu kommen, um Sie wie⸗ derzuſehen, wurde ich die Gattin Eldau's;— und jetzt Das Schluchzen erſtickte Lilie's Stimme. Sie lehnte den Kopf an eines der Sophakiſſen und weinte wie ein verzärteltes Kind, dem man irgend ein liebes Kleinod genommen. Valentin ſaß unbeweglich während dieſes Sturmes von Klagen, welche die Worte Lilie's enthielten. Ein paar Mal wechſelte er die Farbe; aber ſein Auge, welches auf Lilie ruhte, war ernſt und ruhig. Als ſie, von Thränen erſtickt, ſchwieg, ſagte er: — Und jetzt wünſcht der aufrichtigſte Freund der Gräfin Eldau, an ſie zu reden. Valentin ergriff eine von Lilie's Händen und fügte mit einer unbeſchreiblich milden Stimme hinzu: — Wenn ich Ihnen einſt ſehr lieb geweſen, ſo beweiſen Sie es dadurch, daß Sie mich mit Ruhe anhören! Die Rechnung, welche Sie und ich heute mit einander abmachen ſollen, wird Ihnen beweiſen, daß ich nie treulos gehandelt, noch jemals dazu kommen kann, treulos zu handeln gegen Diejenige, welche meine erſte Liebe war. Es iſt jetzt nicht der Augenblick dazu, zu wiederholen, wie dieſe Liebe ge⸗ weſen. Sie wiſſen es, und müſſen auch die Macht derſelben über meine Seele begreifen, da ſie mich untreu gegen meine eigene Ueberzeugung machte.— 200 Ich liebte Sie und ich vergaß jene.— Siehe da den Fehler, den ich abzubitten habe. 3 Er führte Lilie's Hand an ſeine Lippen und fügte hinzu: — Dies war vor einer Zeit, welche dahin iſt, und nicht mehr uns angehört; jetzt an die Gegen⸗ wart. — Von dieſer iſt wohl nichts zu ſagen. Sie haben elätt, däß* — Deoß ich Ihr Freund bin und das werden Sie auch nothwendig ſelbſt anerkennen. — Nein, das werde ich nie,— rief Lilie.— Sie werden mich unmöglich die Wunde vergeſſen machen, welche Sie mir zugefügt, und mich eben ſo wenig überzeugen können, daß Sie Freundſchaft für Die⸗ jenige hegen, welche Sie ſo ſehr übervortheilt haben. — Wenn ich nicht Freundſchaft für Sie gehabt, Madame, würde ich Sie heute nicht um dieſe Unter⸗ redung gebeten haben— ſagte Valentin in verän⸗ dertem Ton. Das Milde und Freundliche in der Stimme war verſchwunden. Lilie blickte faſt erſchrocken zu ihm auf. Als er ihre Hand küßte und von dem Gefühle ſprach, das er für ſie gehegt, glaubte Lilie ſich in frühere Zeiten verſetzt. Sie hoffte, daß ihre Zweifel an ſeine Freundſchaft einige herzliche Verſicherungen hervorrufen würden; etwas, womit Sie Ihrer Einbildung ſchmeicheln und ſich über das tröſten konnte, was er geſagt. Aber ſtatt deſſen war er unfreundlich, kalt und ſah ſtreng aus. Wie alle Menſchen von großer Eigenliebe und 201 beſtimmtem Willen, machte Valentin darauf Anſpruch, daß man ſeinen Worten unbedingt glauben ſollte. Jeder Zweifel daran wirkte unangenehm und ver⸗ ſtimmte ihn. Wenn dies im Allgemeinen der Fall war, wie viel mehr dann, wenn ein ſolcher von derjenigen aus⸗ geſprochen wurde, die er zu lieben aufgehört. Gegen kein Weſen beträgt ſich ein Mann ſo un⸗ verträglich, wie gegen das Weib, dem er einſt ſeine Liebe geſchenkt, die aber ſpäter abgekühlt worden. Valentin mit allen ſeinen guten Eigenſchaften machte keine Ausnahme von dieſer Regel, und Lilie hätte vorausſehen ſollen, daß ſie gerade in ihm einen ſtrengeren Richter haben würde. Unglücklich das Weib, welches die Erinnerung an eine Neigung aufzufriſchen ſucht, an die der Mann nicht erinnert ſein mag! Sie kann ſicher ſein, daß er auf eine ungebildete Weiſe ihr zeigen wird, daß ſie das vergeſſen muß, was er bereits vergeſſen. Zu Valentin's Ruhm muß man jedoch ſagen, daß wenn er Lilie noch liebte, es trotzdem nie paſſiren könnte, daß er ſich ihr genähert oder auf irgend eine Weiſe das zärtliche Verhältniß wieder angeknüpft hätte, ſeit ſie die Frau eines Andern geworden; dazu hatte er zu ſtrenge Rechtsbegriffe. Aber wir haben die Redenden viel zu lange ver⸗ laſſen, laßt uns deßhalb zu ihnen zurückkehren. Ohne die verſtörte Miene Lilie's zu beachten, fuhr Valentin fort: — Ich muß bitten, daß Sie erlauben, daß wir dieſes Thema verlaſſen. Sie können nicht bezweifeln, daß ich Ihr Freund bin, und darum brauche ich nicht 202 Verſicherungen zu verſchwenden, denen ſie nicht trauen werden, da Sie beſchloſſen haben zu zweifeln. Valentin' zog aus der Brieftaſche einen kleinen eleganten Brief und ſagte: — Als ich Sie heute um dieſe Unterredung er⸗ ſuchte, wurde ich dazu durch viele Gründe veranlaßt. Mein wahres Intereſſe für Ihre Zukunft gebietet mir, Ihnen dieſes zu übergeben. Er legte den Brief auf den Tiſch vor Lilie und fuhr dann in einem milderen Ton fort: — Der Inhalt weckte bei mir ein Gefühl, gleich demjenigen, das ein Vater haben muß, wenn er ſein Kind am Rande eines Abgrundes erblickt. Er ſieht ein, daß das Kind um jeden Preis gerettet werden muß, daß es nicht hineinſtürze.— Sie ſind ſchön, Sie ſind einnehmend, Madame, und wenn meine Achtung und Ergebenheit für Sie minder ſtark ge⸗ weſen wäre, ſo hätte dieſer Brief mich leicht vergeſſen machen können, daß ſie Graf Eldau's Gattin ſind. Jetzt hat die Erinnerung an Lilie de Maillé Sie ge⸗ rettet.— Nehmen Sie dieſen Brief zurück, Gräfin, ich habe deſſen Inhalt vergeſſen. Obgleich bis in ihre Seele ein Kind, ſo fühlte doch Lilie tief, daß Valentin's Worte eine ſcharfe Zurechtweiſung enthielten, die wie zerſchmetternd wirkte.— Es war nicht der Aerger, nicht heftiger Unwille darüber, ſich in ihren Wünſchen getäuſcht zu haben, welcher jetzt Lilie beherrſchte; ſondern es war eine ſo bittere Demüthigung, daß ſie dafür keine Klagen oder Thränen hatte. Sie beugte ihren Kopf und verbarg das Ange⸗ ſicht in den Händen. 203 Es lag etwas ſchmerzlich rührendes in dieſer Be⸗ wegung. Während eines Augenblicks Schweigen betrachtete Valentin ſie mit einem Blick, ſo voll von Theilnahme, daß derſelbe ſie getröſtet haben würde, wenn ſie ihn geſehen. Nach einer Weile hob er wieder an: — Laſſen Sie mich das Bild vom Vater und Kind fortſetzen. Dem Erſteren iſt es gelungen, das Kind vom Rande des Abgrundes zu entfernen; aber er iſt nicht immer an deſſen Seite, es muß ihm deß⸗ halb eine Warnung für die Zukunft ſein, daß es ſich nicht dem jähen Abhang nähere, wenn die Augen des Vaters ihm nicht folgen können. — Valentin, Sie gehen zu weit!— ſtammelte Lilie. — Nein, Lilie,— eines Tages werden Sie mir danken,— ſagte Valentin mit Wärme.— Was ich jetzt hinzuzufügen gedenke, iſt die Mittheilung von Etwas, was ſich in Ihrer eigenen Familie zugetra⸗ gen. Beſſer als Rathſchläge und Warnungen muß dieſes gegen die Nachgiebigkeit der Leidenſchaft gegen⸗ über reden.— Sie ſind jung von Jahren und noch jün⸗ ger an der Seele.— Sie ſind ſchön und gehören zu den Schoßkindern des Ranges. Die Verſuchung, der Macht des Gefühls zu gehorchen, wird deßhalb groß werden und Sie werden nicht immer Männer mit meinen Grundſätzen treffen. Ich wäre nicht Ihr Freund, wenn ich jetzt, aus Furcht Sie zu verletzen, es unterlaſſen würde, Ihnen zu zeigen, wie gefährlich es iſt, mit dem Feuer des Herzens zu ſpielen. Ich werde Ihnen deßhalb eine Gpiſode aus dem Leben 204 Ihrer Familie mittheilen. Wie ich ſie kennen ge⸗ lernt, kann gleichgültig ſein; genug, wahr iſt ſie. — Cäſarine Saint Mornoir, ſpätere Marquiſin de Maillé, faßte ganz jung eine heftige Liebe zu Mirabeau; aber da der geiſtreiche Mann von Frank⸗ reichs hohem Adel keineswegs für würdig zu einer Ver⸗ bindung mit ihr gehalten wurde, ſo konnte von einer Partie zwiſchen Graf Saint Mornoirs Tochter und dem„adeligen Plebejer“ keine Rede ſein. Statt deſſen wurde Cäſarine auf Befehl des Vaters mit Ihrem Großvater verheirathet. Kurz nach der Heirath ging der Marquis als Ambaſſadör nach irgend einem ausländiſchen Hof. Die junge Frau blieb zurück auf dem Schloſſe Maillé. Das Schickſal fügte es ſo, daß ſie und Mirabeau einander wiederſahen. Nach ihrem erſten Zuſammentreffen ſchrieb Cäſa⸗ rine ein Billet an Mirabeau. Sie ſprach darin ihren Wunſch aus, eine Unterredung mit ihm zu haben. Mirabeau folgte der Einladung;— aber weniger ſtreng in ſeinen Begriffen von Ehre und Pflicht als ausgezeichnet an Geiſt, vergaß er, daß Cäſarine die Frau eines Andern war. Er verweilte in ihrer Nach⸗ barſchaft eine Woche nach der andern, bis eines ſchö⸗ nen Tages der Marquis plötzlich zurückkehrte. Bei ſeinem unvermutheten Auftreten reiste Mira⸗ beau ab, ohne ſich darnach zu erkundigen, was ſich auf dem Schloſſe zutrage,— wo die erſchütterndſten Scenen ſtattfanden. Der Marquis war von einem ihm ergebenen Diener, welchen er auf dem Schloß zurückgelaſſen, von ſeiner Frau heimlichen Zuſammenkünften mit 205 Mirabeau unterrichtet und ihm ſelbſt ein Billet zu⸗ geſandt worden, welches der Diener aufgeſchnappt hatte und das von der Marquiſin an Mirabeau ge⸗ richtet war. Nur die Achtung vor Cäſarine's Eltern vermochte den gereizten und beleidigten Gatten, nicht öffentlich Scandal zu machen. Nach den größten häuslichen Stürmen war der Marquis genöthigt, ſeine Frau wieder zu verlaſſen; aber weil er ihr nicht mehr traute, ſo wurde es zur Bedingung ſeiner Vergebung gemacht, daß ſie wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ſich in einem Kloſter auf⸗ halten ſolle. Er ſelbſt brachte ſie in eins, in welchem ſeine Tante Aebtiſſin war. Nachdem er ſeine unglückliche Frau der Obhut der ſtrengen Frau übergeben, reiste der Marquis aufs Neue ab. Ins Kloſter wurde Cäſarine von einer Dame beglei⸗ tet, welche ihre Lehrerin geweſen, und aus einer unbe⸗ deutenden adeligen Familie Namens dEſcare abſtammte. Einige Monate nach Cäſarinens Ankunft im Klo⸗ ſter verließ Mademoiſelle d'Eſcare daſſelbe und führte einen Säugling weiblichen Geſchlechts mit ſich. Kurz darauf erhielt Mirabeau einen Brief folgen⸗ den Inhalts: „Ceſarine's Tochter iſt Madame Matthieu, wohn⸗ haft*— anvertraut. Laſſen Sie ſie gut erziehen. Sie heißt Sophie d'Eſcare.“ Ich will Ihnen die Schilderung aller der Leiden erſparen, welche Cäſarine währendrihres dreizährigen Aufenthalts im Kloſter von des Marquis Tante er⸗ dulden mußte. — 206 Als Marquis de Maillé nach Verlauf dieſer Zeit ſie endlich wieder abholte und ſeine junge, ſchöne Frau zu Hofe brachte, war von der früheren heiß⸗ blütigen, unbedachtſamen Cäſarine auch nicht ein Schatten übrig. Das Leiden hatte ihre Seele verhärtet und ſie trat wieder in die Welt hinaus als eine kalte ſtolze Egoiſtin, welche nur ein einziges warmes Gefühl in ihrem Herzen hatte, und das war die Liebe zu ihrem Kinde, von welchem ſie getrennt bleiben mußte und bei welchem zu ſein ihre größte Freude geweſen ſein würde. Im Jahr nach der Wiedervereinigung mit ihrem Manne wurde Ihr Vater geboren. Ihre Großmutter wurde aus ariſtokratiſchem In⸗ tereſſe eine der Freundinnen Marie Antoinettes und in alle Intriguen, welche der Hof ſpann, um der Volks⸗ bewegung entgegenzuwirken, hineingezogen. Während ſie an denſelben wirkſamen Antheil nahm, trat Mirabeau auf, um mit ſeinem Geiſt gleich dem Blitz die Finſterniß am politiſchen Him⸗ mel aufzuhellen und das Volk durch ſeine Beredtſam⸗ keit hinzureißen. Er, der einzige Mann, den ſie liebte, wurde ihr Gegner. Unglücklich in ihrer Ehe, da der Mann ihr nie den Fehler, welchen ſie begangen, verzeihen konnte, war ſie auch als Mutter unglücklich; denn außerdem, daß ſie ihr liebſtes Kind verleugnen mußte, hielt ſie der Marquis von ihrem Sohne getrennt. 207 Der Mann hielt ſie nicht für würdig, ſeinen Sohn zu erziehen. Unglücklich war ſie auch als Weib, denn ſie be⸗ ſaß nicht Achtung vor ſich ſelber: ſie war daneben unglücklich in Allem, was ſie unternahm. Ja, ſelbſt der Fall der Fürſtin, an welche ſie ihr Intereſſe ge⸗ knüpſt, wurde für die Marquiſin unglücklich. Sie ſtarb in Folge deſſen, von einigen dem Pöbel ange⸗ hörigen Banditen niedergeſtochen und athmete ihren letzten Seufzer in einem Thorweg aus, von all den Ihrigen getrennt. Madame, die Vorſehung hat ſie auf eine ernſte Weiſe ihren Fehltritt entgelten laſſen. Nicht genug damit, ſondern Alles, was ſie hatte thun wollen, um dieſelbe zu verſöhnen, blieb ohne Nutzen für das Kind, deſſen Schickſal ihr am meiſten am Herzen lag. Ihr Vater hat Sophie d'Eſcare nicht wiederfin⸗ den können und welches Loos der Tochter der Mar⸗ quiſin zu Theil geworden, iſt ſomit unbekannt ge⸗ blieben. Valentin ſtand auf und fügte hinzu: — Nun, Madame, bin ich fertig.— Die Moral von der Geſchichte Ihrer Großmutter ergiebt ſich von ſelbſt.— Ich will nur noch hinzufügen: Das Gerücht, dieſes unſichtbare, aber furchtbare Etwas, flüſtert ſchon davon, daß Sie nach Liungbro gekommen ſind, um ein altes Verhältniß aufzufriſchen. — Ach, es gehört ſo wenig dazu, einen Schatten auf das reinſte Weib zu werfen, und darum müſſen Sie oder ich Liungbro verlaſien.— Meine Ehre und mein Gewiſſen verbieten mir es, zu bleiben, und 208 einem Geſchwätz Nahrung zu geben, welches für Sie verletzend und für Graf Eldau beleidigend iſt. Lilie konnte nicht antworten; denn Aurora trat plötzlich in den Salon. Einige Minuten darauf hörte man Schellenklang. — Die Geſellſchaft war von ihrem Ausfluge zurück⸗ gekehrt. Als man nach dem Ausziehen der Pelze in den Salon eintrat, fand man dort Lilie, Valentin und Aurora. Friggas Ausſehen war faſt hochmüthig, als ſie Valentin ſah. Die Verbeugung des Kopfes, womit ſie ſeinen Gruß erwiederte, war ganz ſtolz. Valentin ſchien nicht darauf Acht zu gehen, ſon⸗ dern begegnete ganz ruhig den ſtrengen Blicken Frigga's. Beim Mittagstiſch theilte Lilie mit, daß ſie es mit Graf O—s verabredet habe, gleichzeitig mit ihnen zu verlaſſen und nach Stockholm zurückzu⸗ kehren. Während ſie dies ſagte, wechſelte Lilie unaufhörlich die Farbe und richtete ganz unwillkürlich ihre Au⸗ gen auf Valentin. Sie begegnete ſeinen Blicken und der Ausdruck von Beifall, welcher darin zu leſen war, erfüllte Lilies Herz für den Augenblick mit wirklicher Freude. Wir ſagen, für den Augenblick, weil dieſes Ge⸗ fühl von kurzer Dauer war. Nach der Mahlzeit trat Frigga auf Valentin zu, und ſagte mit ihrem hübſchen Lächeln: — Ich habe dem Herrn Lieutenant ein Unrecht abzubitten. ——————„—— 209 — Sagten Fräulein ein?— fragte Valentin. — Ja, ich habe Ihnen Unrecht gethan und das peinigt mich, ſo daß ich meinen Fehler abbitten muß. — Fräulein ſind zu gut,— antwortete Valen⸗ tin;— aber ich gebe die Verſicherung, daß jede Abbitte wegen dergleichen Urſachen nicht nöthig iſt. Man thut nur demjenigen Unrecht, deſſen Handlun⸗ gen recht zu beurtheilen, man ſich nicht Zeit gibt und es ſcheint in der That Fräulein ſchwer zu fallen, die meinigen zu verſtehen. Sie ſind nichtsdeſtoweniger ſehr leicht zu begreifen, weil ſie immer den Anforde⸗ rungen der Ehre entſprechen. — Herr Lieutenant ſind durch mich beleidigt? — Nein, man wird nicht durch Fräulein beleidigt. — Aber bös auf mich?— Frigga lächelte. — Auch das nicht.— Ich fühle blos, daß ich beim Fräulein eine Eigenſchaft unterſchätzt, habe. — Und welche denn? — Den Glauben an meine Gewiſſenhaftigkeit. Sie haben zweimal daran gezweifelt. Das iſt zwei⸗ mal zu viel. Valentin verbeugte ſich und verließ den Salon. Den Abend brachte er mit Melcer im Pfarrhofe zu. Der junge Graf war den ganzen Tag dort geweſen. ℳ Als Valentin Abends heimkam, fand er einen Brief auf ſeinem Nachttiſche liegen. Schwartz, Geburt u. Vildung. II. 4 210 Er erbrach ihn und las: „Sie ſagten, daß Eines von uns Liungbro ver⸗ laſſen müſſe. Sie wiſſen ſchon, daß ich es ſein werde. Es würde mir lieb geweſen ſein, ein Andenken an Sie mitzunehmen, das meinem Herzen und mei⸗ ner Phantaſie geſchmeichelt; aber nein. Sie haben das nicht gewollt. Jetzt reiſe ich ohne Alles, was meine kranke Seele tröſten könnte. Ich gleiche einem Menſchen, dem man Alles ge⸗ raubt hat.. Sie ſind der Räuber. Sie haben mir meines Lebens Frieden genommen, und das Einzige, das Sie mir gelaſſen, iſt die Erinnerung an einen ſtrengen und unerbittlichen Richter, welcher ohne Mitleid, ohne ein Gefühl der Schonung ſelbſt das Urtheil zur Aus⸗ führung bringt, das er ſelbſt über das unglückliche Opfer gefällt. Weder Thränen noch Wehklagen konnten Sie ab⸗ halten. Sie drehten mit kaltblütiger Herzloſigkeit den Stahl in der Armen Bruſt um, ohne ihr irgend einen heilenden Balſam für die Wunde zu reichen. Sagen Sie mir, mit Ihrer Gerechtigkeitsliebe, begreifen Sie nicht, daß wenn man Alles weggenom⸗ men hat, was ein Anderes liebt, man ihm etwas als Erſatz geben muß.—— Man darf nicht auf eine ſo ſchonungsloſe Weiſe das Leben eines Menſchen zu Grunde richten. Sie haben mir die Geſchichte meiner Großmuttet mitgetheilt. Sie war traurig und bitter lehrreich. Ich werde nie im Stande ſein, die Lection zu ver⸗ 2 geſſen, die Sie mir mittelſt derſelben gegeben; aber 211 ich werde ebenſowenig begreifen können, wie es mög⸗ lich war, Sie ſo zu lieben, wie ich es gethan. Ihre Cur iſt vortrefflich gelungen. Sie haben mit einem Schlag ein Herz getödtet und von Ihnen beſitze ich keine andere Erinnerung, als daß Sie mir einen Schmerz verurſacht, welcher ſo groß iſt, daß er mir nicht einmal erlaubt, Ihnen wegen Ihrer ſtreng ehrenhaften Handlungsweiſe meine Achtung zu ſchenken. Und jetzt Lebewohl!— Ich wollte wünſchen, daß ich Ihnen danken könnte für das Gute, was Sie haben thun wollen, aher ich kann es nicht; denn das Böſe, das Sie mir gethan, iſt weit größer.— Ich will verſuchen Ihnen zu vergeben und eines Tages Sie zu ſegnen. Lilie Als Antwort hierauf ſchrieb Valentin nur: „Unmöglich kann ich Ihnen all das Gute, das Sie beſaßen, geraubt haben, da Ihnen noch das Ziel übrig bleibt, darnach zu ſtreben, Ihren Pflichten als Gattin zu leben. Ich habe Sie geplündert, um das geplündert, was Ihr Glück ausmachte, ſagen Sie.— Mag ſein; aber Sie werden es nachher bei Ihrem Manne ſu⸗ chen und finden; davon iſt derjenige überzeugt, wel⸗ cher immer Ihr treuer Freund verbleiben wird. Valentin Aurenius.“ Als Frigga am folgenden Morgen aus ihren Zimmern heraustrat, um ihre 212 promenade vor dem Frühſtück zu machen, begegnete ſie Melcer. Er war ebenfalls angezogen, um auszu⸗ ehen. — Wo willſt Du hin?— fragte der Bruder. — Hinaus, um friſche Luft zu ſchöpfen,— ant⸗ wortete Frigga.— Haſt Du Luſt mitzugehen? — Gern! dann kann ich ja etwas vom Ball erfahren. Ich habe Dich geſtern den ganzen Tag nicht geſehen. — Nein, Du brachteſt ihn im Pfarrhofe zu,— antwortete Frigga und betrachtete den Bruder, der ganz vergnügt ausſah. — Ich hatte dem Proypſt verſprochen, dahin zu kommen. Als ſie in den Hof hinabkamen, fragte Melcer, wohin ſie ihren Curs richten ſollten. — Wir machen eine Tour nach dem Dorf,— ſchlug Frigga vor. — Nein, ich habe eben eine Idee gefaßt— fiel Melcer ein.— Laßt uns in Deine Thurmkammer hinauf⸗ gehen! Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt da geweſen bin. Frigga machte die Einwendung, daß man auf einer ſolchen Promenade keine friſche Luft einathmen würde; aber Melcer meinte, daß das ihnen ja nach⸗ het freiſtände. Sie nahmen ihren Weg nach dem öſtlichen Thurm. Als ſie in den gewölbte Eingang eintraten und die Treppe hinaufſtiegen, bemerkte Melcer mit ganz und 2a veränderter Stimme: — Ich habe längſt gewünſcht dort hinaufzuſtei⸗ gen, aber man hat es mir ſtets verweigert. Jetzt 213 endlich ſoll mein Wunſch erfüllt werden. Es kommt mir vor, als wenn ich dort meinen verlorenen Frie⸗ den wieder gewinnen ſollte. Komm, beeile Dich, Frigga! Er ergriff raſch den Arm der Schweſter. Es lag etwas in ſeinem Blick, was Frigga beunruhigte. Sie fing an es zu bereuen, daß ſie ſich hatte über⸗ reden laſſen, in die Thurmkammer hinaufzugehen; aber Frigga war nicht diejenige, welche der Furcht Eintritt in die Seele geſtattete, und darum folgte ſie Melcer. Als ſie an der Thurmkammer Friggas, wie einer von den Thurmräumen genannt wurde, wo Frigga ein kleines Muſeum von Antiquitäten und Curioſa hatte, angekommen waren, wollte ſie, daß ſie dort hineintreten ſollten; aber Melcer ſagte: — Nein höͤher, höher hinauf muß ich! Die Schweſter ſuchte ihn zu überreden, zu blei⸗ ben, wo ſie jetzt waren; aber vergeblich. Er ließ ſie los und ſagte mit ſeiner gewöhnlichen Stimme: — Bleibe hier, wenn Du mir nicht folgen willſt. Jezt ſtieg er ihr voran die etwas baufälligen Treppen hinauf, welche zu den oberen Regionen des Thurmes führten. — Ich muß ihm folgen,— dachte Frigga ent⸗ ſchloſſen.— Was will er da oben? Sie drückte die Hand feſt gegen ihre Bruſt und mit leichten Tritten, aber Angſt im Herzen, folgte ſie dem Bruder. Es war Frigga klar, daß Melcer in dieſem Augenblick nicht vollſtändig bei Sinnen war und 2¹4 keine Rückſicht auf ſie ſelbſt konnte ſie vermögen, den Bruder zu verlaſſen. — Ach, Du gehſt mit?— ſagte Melcer und ergriff Friggas Hand als ſie an ſeiner Seite ſtand. — Ja, es iſt lange her, daß ich da war, und da Du hinaufgehſt, ſo folge ich Dir, um die herr⸗ liche Ausſicht zu genießen. — So— o!— war Alles was Melcer antwortete. Endlich war man oben. Die oberſte Spitze des Thurmes beſtand in einer mit Steinbatterien ver⸗ ſehenen Plattform, welche jetzt mit Schnee bedeckt war. Melcer trat, ohne darauf Acht zu geben bis an die Bruſtwehr vor und führte Frigga mit ſich. Das Bild, welches jetzt vor ihren Blicken ausge⸗ breitet lag, hatte in der That etwas im höchſten Grade Feſſelndes und mancher Maler würde nichts mehr gewünſcht haben, als dasſelbe auf die Lein⸗ wand übertragen zu können. So ſonderbar und ungeordnet auch Melcers Ge⸗ dankengang geweſen, ſo ſchien ihn doch die Ausſicht wieder zur Beſinnung zu bringen. Ueber den Häuptern der beiden Geſchwiſter wölbte ſich der tiefblaue Himmel und die Sonne ſtreute über die ſchneebedeckten Felder eine Unendlichkeit von flimmerndem Glanz. Gegen die von Schneediaman⸗ ten funkelnden Ufer rollten die Wogen des Meeres, welche der Winter nicht ſtark genug geweſen war in ſeine Eisketten zu ſchlagen. Rechts lag die Kirche, eine Stätte des Friedens, und links die Sägmühle am Fuße eines Waſſerfalls. Ringsum, wo das Auge hinblickte, begegnete es einer großartigen Natur. Die Ausſicht war eine helle und klare. Seine Bruſt wurde durch einen tiefen Seufzer gehoben, und endlich ſagte er, indem er ſich an Frigga wandte: — Wenn ich als Knabe hier ſtand, fühlte ich mich immer ſtolz bei dem Gedanken, daß ich ein ge⸗ borener Graf und Fideicommiſſär dieſer Burg ſei; — und jezt möchte ich wünſchen einen andern Namen als den Harthon'ſchen zu tragen. Der Stein, welchen er mit der Hand anſtieß, lockerte ſich und rollte herunter mit einem eigenthüm⸗ lichen tiefen Schall. Melcer fuhr zuſammen. Im Augenblick verwan⸗ delte ſich der Ausdruck in ſeinen Zügen. Der Blick wurde finſter;— er wandte ſich heftig gegen Frigga und rief: — Was war das? Hörteſt Du den Schrei, des Alten Verwünſchung?— Unglückliche, was haſt Du gethan.— Du haſt ihn begraben unter den nieder⸗ geſtürzten Steinen. Melcer faßte Frigga um den Leib, knirſchte mit den Zähnen voller Raſerei und hob ſie hoch in die Luft in der deutlichen Abſicht, ſie über die Bruſt⸗ wehr zu ſchleudern. — Elender, haſt Du den Alten getödtet, ſo theile ſein Schickſal!— ſagte er unheimlich lachend. — Melcer!— ſtammelte Frigga. — Ja, gerade weil Du Melcer biſt, mußt Du ſterben!— rief der wahnſinnige Bruder. Frigga ſchloß die Augen. Ihr Herz ſtockte Sie erwartete von dem Thurme heruntergeſtürzt zu wer⸗ 216 den. Sie hörte einen lauten Schrei; der Griff um ihren Leib ließ nach und— er fieel. Als Frigga wieder die Augen aufſchlug, lag ſie auf der Plattform, gleich innerhalb der Bruſtwehr. Neben ihr rangen zwei Männer miteinander. Der Schreck hatte Frigga weder Beſinnung. noch Geiſtesgegenwart geraubt. Sie richtete ſich raſch auf und ſah augenblicklich ein, daß ſie nach Hülfe rufen mußte, damit der Kampf, den Valentin jezt mit ihrem Bruder kämpfte, keinen unglücklichen Aus⸗ gang nehme. Den Platz der Streiter zu verlaſſen ſchien ihr unmöglich. Sie beugte ſich deßhalb über die Barriere, um durch Rufen Entſatz zu verſchaffen; aber bei dieſer Bewegung ſagte Valentin mit Anſtrengung: — Um Gotteswillen, bleiben Sie ſtill und ruhig! Friggas Lippen ſchloſſen ſich. Sie blieb unbe⸗ weglich ſtehen wie eine Bildſäule. Einige Minuten darauf war der Kampf zu Ende. Valentin hatte Melcer unter ſich gekriegt und während er ihn ſo hielt, bemerkte er, indem er ſich an Frigga wandte: — Wollen Fräulein jetzt ſo gut ſein und ſich entfernen! Gehen Sie hinunter in die Thurm⸗ kammer, wir werden gleich nachkommen. Frigga bewégte ſich nicht. Sie ſchauderte bei dem bloßen Gedanken, Valentin allein mit dem Bruder zu laſſen. — Fräulein Frigga, ich beſchwöre Sie, gehen Sie, denn ſonſt werde ich ihn nie bändigen können! Sie nichts, ſondern glauben Sie blind an mich. 217 Frigga entfernte ſich; aber wenn es ihr Leben gegolten, hätte ſie es doch nicht über ſich gebracht, in die Thurmkammer hinabzugehen. Sie mußte ſich überzeugen, daß Valentin kein Unglück paſſirte, und blieb deßhalb auf der Treppe ſtehen. Sowie Frigga fort war, ſprang Valentin auf und ließ Melcer volle Freiheit aufzuſtehen. — O mein Gott!— was thut er,— dachte Frigga und faltete die Hände. Von ſeinem Gegner befreit, ſtand Melcer lang⸗ ſam und mit ſichtbarer Anſtrengung auf. Als er ſich endlich wieder auf den Beinen und gerade Va⸗ lentin gegenüber befand, welcher da ſtand, mit den Armen über die Bruſt gekreuzt, ſagte dieſer mit kurzer und beſtimmter Stimme: — Jetzt will ich, daß der Graf heruntergeht.— Melcers unruhiger und rollender Blick richtete ſich auf Valentin. Als er Aurenii Augen begegnete, murmelte er einige unzuſammenhängende Worte, ſtrich ſich nachher langſam mit den Händen über die Stirne und reichte darauf die eine Valentin indem er ſtammelte: — Ich werde Ihnen folgen. Volentin ſchüttelte ſeine Hand und ſagte; — Aber der Graf muß vollkommen ruhig ſein. Verſtehen der Graf? — Ich werde ruhig ſein,— antwortete Melcer. — Mein Kopf, mein Kopf, o, wie ich leide!— fügte er klagend hinzu. Volentin nahm ihn unter den Arm und führte ihn zur Treppe. 218 Frigga ſchlich mit leichten und raſchen Tritten hinunter in die Thurmkammer. Mit vieler Mühe gelang es Valentin, Melcer herunterzubekommen. Die Schritte des jungen Grafen waren wackelnd und die Treppe baufällig. Als Valentin endlich Melcer ſo weit gebracht hatte, daß dieſer ſich in einem der altmodiſchen Stühle 11 niederließ, welche ſich in Friggas Heiligthum be⸗ l fanden, bat Valentin ſie, den Doctor heraufzuſchaffen, aber es womöglich ſo einzurichten, daß Niemand er⸗ führe was ſich zugetragen. Melcer ſah gänzlich bewußtlos aus. Frigga eilte zur Thüre, hielt aber dort an. Man ſah Spuren von Blut an dem Griff und auf dem Boden. Sie wandte ſich raſch um, und ſah dann, daß Valentins ganze rechte Hand mit Blut bedeckt ſei. — Sie bluten!— rief Frigga und ſah Valen⸗ ten an. Der Ausdruck in dieſem Blick verdiente in der That mit Blut erkauft zu werden; aber wäre auch dann nicht hinreichend bezahlt, ſo viel lag in dem⸗ ſelben. In der nächſten Minute war Frigga verſchwun⸗ den und Valentin ſtützte ſeine bleiche Stirne auf die Lehne des Stuhles, auf welchem ihr Bruder ſaß. Eine Stunde darauf ſah man Melcer auf Va⸗ lentins Arm gelehnt ſich von dem öſtlichen Thurm nach den Zimmern des Lieutenants begeben. Beim Frühſtück erſchien weder der junge Graf noch Aurenius. Der letztere hatte dem Grafen ſagen laſſen, daß † — 219 er unpäßlich ſei und über das Ausbleiben Melcers hieß es, er ſei fortgefahren. Frigga war bleich wie der Tod und antwortete auf alle Fragen über ihr Befinden, daß ſie ein wenig Fieber habe. Liliens Augen waren roth und zeigten Spuren vergoſſener Thränen. Der Doctor ſah ganz bedenk⸗ lich aus. Nach dem Frühſtück ſollten alle Gäſte, welche die Weihnachten auf Liungbro zugebracht, davon⸗ reiſen.— Man hatte denn auch außerordentlich viel mit Abſchiednehmen, Anziehen von Reiſezeug ꝛc. zu thun. Als der letzte Schlitten aus dem Hofe hinausfuhr, ſeufzte Frigga tief, blickte gen Himmel und flüſterte: — Meine armen Eltern! Sie blickte hinein in das Zimmer. Im Sopha ſaß der Graf und ſprach mit der Gräfin. Bei dieſem Anblick rollten die Thränen über Friggas Wangen. Sie wandte ſich wieder weg und blickte durch den Thränenſchleier nach der untern Wohnung, wo ihr unglücklicher Bruder ſich befand. In demſelben Augenblick kam der Propſt von 8 und nahm ſeinen Weg nach dem großen Flügel.— — Jetzt!— dachte Frigga und preßte ihre Hände gegen die gequälte Bruſt. — Der Propſt bittet um eine Unterredung mit dem Grafen und der Gräfin,— lautete die Stimme des Bedienten an der Thüre. — Er iſt willkommen,— antwortete der Graf. Was darauf folgte, iſt unnöthig zu erwähnen. 220 Der Propſt hatte vom Sohne den traurigen Auf⸗ trag bekommen, dem Grafen und der Gräfin mitzu⸗ theilen, daß Melcer, in Folge der Verletzung, welche er am Kopfe erhalten, zeitweiſe an Geiſtesſtörung leide, und daß er jetzt von einem ſolchen Anfall heim⸗ geſucht werde. Graf Harthon glich einer Bronceſtatue, ſo unbe⸗ weglich war ſein Geſicht, ſo unerſchütterlich ſeine Haltung, als der Propſt mit ſeiner traurigen Mit⸗ theilung zu Ende war. Friggas Augen hingen an des Vaters edlem Antlitz, welches vom Schmerz gefurcht war, obgleich keine einzige Muskel darin ſich bewegte. Er hatte den Schlag mit unveränderter Haltung getragen; aber in jedem ſeiner Züge las man, daß derſelbe ſein Herz getroffen. Wenn Frigga ihrem Gefühle gefolgt wäre, ſo hätte ſie ſich zu den Füßen des Vaters geſtürzt. Der Schmerz der Gräfin— der Mutter— zwingt uns die Feder niederzulegen. Jede Schilde⸗ rung hieße ihn profaniren. i Die Zeit, welche jetzt folgte, war mehr als trau⸗ rig, ſie war unheimlich. Valentin hatte gewiß nach D— geſchickt, um den tüchtigſten Arzt, den man dort hatte, herbeizuſchaf⸗ fen. Aber die Heilkunde war gegenüber dem Uebel, welches jetzt Melcer an das Bett feſſelte, ohnmächtig. Die Schmerzen in ſeinem Kopfe waren ſo ge⸗ waltig, daß ſie ihn in Raſerei verſetzten, und um 221 ſolchen Ausbrüchen ſo viel als möglich vorzubeu⸗ gen, mußte der Doctor zu Opiaten ſeine Zuflucht nehmen. Während der erſten Wochen hatte die gräfliche Familie auch nicht den Troſt und die Hülfe, welche Valentins Anweſenheit hätte gewähren können, ſon⸗ dern zu der Unruhe über den Sohn kam noch die übe Valentin. Er war nämlich in Folge der Ver⸗ letzung, welche Melcer ſeinem Arm beigebracht, als ſie auf Vaarnäs waren, erkrankt und die Wunde u war durch den letzten Kampf wieder aufgegangen. Der ganze Arm war jetzt ſtark entzündet, und das daraus entſtandene Fieber hielt Valentin für einige Wochen ans Bett gefeſſelt. In jedem lichten Augenblick, den Melcer hatte, fragte er nach Valentin und wünſchte mit ihm zu ſprechen. Sobald unſer Lieutenant ſein Zimmer verlaſſen konnte, nahm er auch ſeinen Platz am Krankenbette Melcers ein, um ſeiner zu warten und ihn zu pflegen. Valentin drang eifrig darauf, daß der Graf an Doctor Levitain in Stockholm ſchreiben ſollte, um ihn wegen Melcer zu conſultiren. Levitain hatte ſich vorzugsweiſe den pſychiſchen Krankheiten gewidmet und war allgemein als beſon⸗ ders geſchickt in der Behandlung derſelben bekannt. Auf alle Mahnungen, die Valentin in dieſer Sache that, antwortete der Graf: — Es wird nie geſchehen, daß ich das Leben und den Verſtand meines Sohnes den Händen ei⸗ nes Juden anvertraue. Ich werde und muß mich 222 an andere ausgezeichnete Aerzte wenden, und können ſie nichts ausrichten, ſo wird der iſraelitiſche Arzt auch nicht glücklicher ſein. Der Graf hatte auch einen Arzt von Kopenha⸗ gen und ebenfalls von Stockholm verſchrieben; aber ſie vermochten ebenſo wenig wie früher gerufene. So war der Winter verſtrichen und der Früh⸗ ling rückte heran, lächelnd und von Hoffnung für denjenigen, der etwas zu hoffen hatte, aber ein bit⸗ terer Contraſt zu dem Schmerz für denjenigen, deſſen Inneres davon zerriſſen wurde. Alle Stunden, die Vaolentin übrig von Geſchäf⸗ ten hatte, brachte er bei dem Kranken zu. Aurenius war derjenige, welchen Melcer am liebſten an ſeiner Seite ſah, wenn er bei Beſinnung war, und der Einzige, der Macht über ihn bekommen konnte, wenn er Anfälle von Raſerei hatte. Man war jetzt im Monat Mai. Eines Abends kehrte Valentin von einem Beſuch auf Vaarnäs zurück, den er zu machen genöthigt geweſen. Er war den ganzen Weg ſchnell geritten, bis er in Liungbro Wald hineinkam, wo er das Pferd an⸗ hielt und Schritt gehen ließ. Rings um ihn ſangen die Vögel ihre Abendchöre. Der ſonſt ſo praktiſche und von aller krankhaften Schwärmerei freie Valentin ſchien ſich doch jetzt der Poeſie gegenwärtiger Stunde zu überlaſſen. Wäh⸗ rend einiger Minüten ließ er ſeinen Blick herumirren über die ſchöne Natur, die ihn umgab. Die Bruſt bewegte ſich durch einige heftige Athemzüge, und 223 über die Stirne glitt ein leichter Schatten von Wehmuth. Auch in die Saiten von Valentins Herz hatte die Sehnſucht gegriffen, und er fühlte vielleicht, wie reich an Freude das Leben ſein konnte, aber wie arm es war. Nur eine kurze Weile überließ er ſich dieſen Ein⸗ drücken; in dem nächſten Augenblick gab er dem Pferde die Sporen und eilte raſch vorwärts, ohne weder nach rechts noch links zu ſehen. Er bemerkte auch nicht, daß ſeitwärts am Wege ein junges Mädchen ſaß. In demſelben Augenblick, wo das Pferd an ihr vorbeiflog, ſtand ſie auf und rief: — Lieutenant Aurenius!“— Sofort that Valentin einen Ruck in die Zügel. Er richtete ſeine Blicke auf diejenige, welche ihm zugerufen. Bei ihrem Anblick war er ſofort vom Pferde. — Fräulein, Sie hier!— ſagte er.— Es hat ſich doch nicht etwas Ungewöhnliches zugetragen, wäh⸗ rend ich abweſend war?— Er reichte ihr die Hand, um ihr über den Gra⸗ ben zu helfen. — Nein, Melcer hat den ganzen Tag im tiefen Schlafe gelegen und darum—— — Wagten Sie etwas friſche Luft zu ſchöpfen,— fiel Valentin ein und betrachtete mit Theilnahme Friggas bleiches Antlitz. 1 — Sie ſind eine bewunderungswürdige Schweſter — fügte er hinzu. — Bewunderungswürdig darum, weil ich meine 224 Pflicht thue?— Was ſoll ich denn von Ihnen ſagen?— Frigga lächelte wehmüthig. — Ich ſuche ſie nur minder ſchwer für Sie zu machen, und glauben Sie mir, jeder würde es an meiner Stelle thun.— Frigga ſchüttelte den Kopf, — Das bezweifle ich,— ſagte ſie;— aber es war weder um friſche Luft zu ſchöpfen, noch um von Ihnen und mir zu ſprechen, daß ich Melcer verließ, da Sie abweſend waren, ſondern weil ich eine Bitte an Sie habe.— Es wird mir lieb ſein, eine jede ſolche zu er⸗ füllen. — Dank!— Frigga verneigte ihren Kopf.— Sie haben oft zu meinem Vater geſagt,— hob ſie wieder an— daß Sie Doctor Levitain für den Ein⸗ zigen hielten, welcher etwas Weſentliches für die Wiederherſtellung Melcers zu thun vermöchte. — Das war auch meine Ueberzeugung; aber das Mißtrauen des Grafen zu ſeiner jüdiſchen Geburt war Schuld daran, daß der Rath verworfen wurde. — Ich weiß es und nach einem langen innern Streit mit mir ſelbſt habe ich mich entſchloſſen, Sie zu bitten, an Doctor Levitain zu ſchreiben und ſein Gutachten einzuholen. Wenn es Unrecht iſt, daß ich Sie bitte, dieſen Schritt zu thun, trotz dem Willen meines Vaters, ſo wird der Höchſte es mir gewiß verzeihen; denn ich weiß nicht was ich opfern würde, könnte ich meinem Bruder Leben und Geſundheit wieder ſchenken. — Glauben Fräulein wirklich, daß ich gewartet, bis ich aufgefordert würde, Alles für Ihren Bruder S— S e 225⁵ zu thun, was in meinen Kräften ſtand?— Es iſt ſchon mehr als zwei Monate her, daß ich und auch Dr. D— auf mein Verlangen an Levitain geſchrieben. — Hat er keine Antwort gegeben? — Ja, das hat er,— ſagte Valentin und wandte den Kopf weg. — Aus dem Ton, womit Sie dies ſagen, kann ich ſchließen, daß die Antwort keinen Troſt enthält. Valentin ſchwieg. Sie gingen langſam weiter. Dicht hinter ihnen folgte Valentins Pferd. Mehrere Minuten verliefen, bevor Frigga ſo viel Gewalt über ſich gewann, daß ſie eine weitere Frage ausſprechen konnte. Schließlich bemerkte ſie: — Beſter Lieutenant Aurenius,— ſagen Sie mir ehrlich, welches Urtheil Levitain über Melcer gefüllt hat. Es kann unmöglich trauriger ſein, als es jetzt iſt. — Sagen Sie das nicht, noch hoffen Sie; aber es könnte ſein, daß Levitains Antwort Ihnen ſelbſt den Troſt rauben würde; und dann wird das Gegen⸗ wärtige leichter, als das Vergangene. Hätten ſeine Worte etwas enthalten, was Sie zu tröſten vermöchte, ſo wurdi Sie auch die Erſte geweſen ſein, welche davon in Kennntniß geſezt worden wäre. — Es gibt indeſſen zwei Urtheile, welche ein Arzt über meinen Bruder fällen kann; welches von ihnen enthielt ſein Brief? — Das am wenigſten widerliche. — Alſo den Tod. Frigga hielt inne. Sie erhleichte, ſo daß Va⸗ lentin ganz erſchrocken ihre Hände ergiff 3 ſagte Schwartz, Geburt u. Vildung. U. 226 — O mein Gott, iſt es denn immer mein Schick⸗ ſal, Ihnen die bitterſten Schmerzen zu bereiten. — Nicht mir dieſelben zu bereiten, ſondern ſie mit mir zu theilen,— flüſterte Frigga. Sie ſchloß raſch die Augen, als wenn der Schmerz ſie überwältigt hätte. — Um des Himmels willen, was iſt es? Valentins ſonſt ſo kalte und ruhige Stimme zitterte und ſein ganzes Ausſehen verrieth eine heftige Gemüthsbewegung. Frigga blickte zu ihm auf. Sie hatte den Schmerz beſiegt und ſeufzte tief. — Jetzt iſt es gut,— ſagte ſie.— Dank für alle Beweiſe wirklicher Freundſchaft, welche Sie mir gegeben.— Die Angſt hat in dieſer letzten Zeit der⸗ geſtalt an meinem Herzen genagt, daß ich nahe daran war, den Muth zu verlieren beim Gedanken an meine armen Eltern, welche in Melcer nicht allein den ein⸗ zigen Sohn, ſondern auch das Erlöſchen eines Namens beweinen werden, welchen ſie beide ſo hoch ſchätzen. Ein leichtes Schaudern ſchüttelte Friggas Körper. Sie verſuchte einige Schritte zu gehen, aber ſie zitterte ſo heftig, daß die Beine ſie nicht tragen wollten. — Geben Sie mir Ihren Arm!— bät ſie, in⸗ dem ſie ſich an Valentin wandte. Es war das Erſtemal, daß Frigga ſich auf Va⸗ lentins Arm ſtützte. Der Schmerz hatte dieſe Ver⸗ traulichkeit hervorgerufen. Als ſie in die Allee hineinbogen, brach Frigga das Schweigen, welches entſtanden war. 1 — Bevor Sie und ich uns wieder bei Melcers; Krankenlager begegnen, ſagen Sie mir, wie lange 227 meint Doctor Levitain, daß mein Bruder noch ſeine Qualen aushalten wird? — Darüber hat er ſich nicht ausgeſprochen.— Er ſprach nur die Ueberzeugung aus, daß des Gra⸗ fen Kopfſchaden von Anfang an unrichtig behandelt worden ſei, und daß nur der Tod im Stande ſei, ſeinen Leiden ein Ende zu machen. — Welches iſt die Anſicht Doctor D—87 — Sie ſtimmt ganz mit Levitains überein. — Hat er meine Mutter auf Melcers Tod vor⸗ bereitet? — Nein!— Ich für meinen Theil halte es auch für überflüſſig. — Der Graf iſt auf Alles vorbereitet, und glau⸗ ben Sie mir, es würde ihm mißfallen, wenn der Doctor es thäte. — Sie haben Recht. Sie waren jetzt am Gitterthor. Valentin blieb ſtehen und ſagte mit einem wehmüthigen Lächeln: — Hier trennen ſich unſere Wege.— Mag nun Freude oder Schmerz ſie zuſammengeführt haben, ſo müſſen ſie doch hier auseinander gehen. — Warum gehen Sie nicht mit hinein zu Melcer? — Ich werde nachkommen. Valentin entfernte ſich, um das Pferd nach dem Stallhof zu führen. Eine halbe Stunde darauf trat er ins Kranken⸗ zimmer. Melcer war jetzt erwacht und vollkommen bei Sinnen. Er hatte mehrere Male nach Valentin ge⸗ fragt. Als er ihn endlich zu Geſicht bekam, klärte — 228 ſich ſein Blick auf und er reichte Aurenius die Hand, indem er ſagte: — Ich habe lange auf den Lieutenant gewartet. Nachts wachte Valentin ganz allein bei ihm. Der Kranke hatte es ſo gewünſcht. Ueber Melcers Bett gebeugt hörte er nun das an, was er ihm anzuvertrauen hatte. Es war ein Bericht darüber, wie er den Schaden am Kopf er⸗ halten und über die Ereigniſſe, welche damit ver⸗ knüpft waren. Um vier Uhr herum wünſchte Melcer den Vater zu ſehen. Als Frigga ſechs Uhr Morgens ſich bereit machte, zum Bruder zu gehen, begegnete ſie dem Grafen, welcher von ihm herauskam. Der alte Edelmann war ſehr bleich. Als er die Tochter ſah, ſagte er: — Mein Kind, Deine Anweſenheit bei Melcer iſt überflüſſig; er ſchläft.— Der Graf ergriff ihre Hand, drückte ſie feſt und ſagte! — Gehe hinein zu Deiner Mutter, jetzt wird ſie Deiner bedürfen. — Papa, wie ſteht es?— rief Friggg aus. Es iſt vorbei, antwortete der Graf. Acht Tage darauf wurde Melcer Harthon beerdigt. Ende Juni unternahm die gräfliche Familie eine Reiſe nach dem ſüdlichen Frankreich und Italien. Die Bruſt der Gräfin war durch die Trauer ſo angegriffen worden, daß die Aerzte ihr den Aufent⸗ halt in einem milderen Klima vorgeſchrieben hatten. 229 Ein Jahr war über Melcers Grab dahingegangen. Wieder wurde die Erde vom erſten Mai begrüßt, welcher herankam von Vogelgeſang, Blumenduft und Weſtwinden begleitet. Auf Liungbro hatte Valentin gehörig geſchafft. Das gräfliche Schloß war weſentlichen Aenderun⸗ gen unterworfen worden. Auf dem Hofe waren Blumenanlagen gemacht. Am Seeufer im Park war ein hübſcher Pavillon mit Ausſicht auf das Meer aufgeführt worden. Außerdem waren mehrere neue Gebäude angefangen. Genug, der Lieutenant hatte ſich einer ununter⸗ brochenen Wirkſamkeit gewidmet, und man war in der That verſucht zu glauben, daß er mit Herz und Seele nur für die rein praktiſchen Geſchäfte lebte. Vom BGrafen hatte er mehrere Geſchäftsbriefe er⸗ erhalten, deren Poſtſcripten Grüße von der Gräfin und Frigga angefügt waren. Wie ſie ſich befänden, oder wie ſie ihre Sorgen, trügen, darüber ſtand nie ein Buchſtabe. Valentin würde in vollkommener Unkenntniß von Allem, was Frigga betraf, gelebt haben, wenn die letztere nicht an den Proypſt geſchrieben hätte. An ihren alten Freund und Religionslehrer ſchrieb Frigga lange und ausführliche Briefe. Sie ſprach von der Trauer der Eltern, aber nie von ihrer eige⸗ nen. Dieſe behielt ſie für ſich. Sie beſchrieb die Gegenden, die ſie beſuchten, die Perſonen, mit wel⸗ chen ſie zuſammentrafen. In jedem Schreiben ſandte Frigga einen herzlichen Gruß an Valentin und fragte auch darnach, wie er ſich befände u. ſ. w.; aber Alles dies in Worten, wie man ſie anwendet, wenn 230 von einem gewöhnlichen Bekannten die Rede iſt, für welchen man durchaus kein lebhafteres Intereſſe hegt. Während der letzten zwei Monate hatte weder, der Propſt noch Valentin einen Brief erhalten. Man war auch vollkommen darüber in Unkenntniß, wann die gräfliche Familie zurück zu erwarten ſei. An einem ſchönen Sonntagmorgen, Ende Mai, begab Valentin ſich früh nach dem Pfarrhof, um den Vater in die Kirche zu begleiten. Man ſang gerade den Schlußvers vor der Pre⸗ digt, als eine lebhafte Bewegung in der kleinen Kirche entſtand. Aller Blicke waren auf die Thüre gerichtet. Auch Valentin drehte ſeinen Kopf um. Er fuhr zuſammen vor Ueberraſchung und wäre beinahe von ſeinem Stuhl hinausgeſtürzt, um denjenigen, welche den großen Gang hinaufkamen, entgegenzueilen, aber er wurde durch die folgenden Worte aufgehalten, welche der Propſt in demſelben Augenblick mit klarer und tiefer Stimme von der Kanzel ausſprach: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ Die Thüre des Stuhles, in welchem Valentin ſaß, wurde geöffnet. Graf Harthon trat ein. Auf der entgegengeſetzten Seite der Kirche nahmen die Gräfin und Frigga Platz. Der Graf drückte ſchweigend, aber herzlich die Hand Valentins; dann neigte er den Kopf, um ein ſchweigendes Gebet zu ſtammeln. Valentin richtete jetzt die Augen auf den Grafen, und er ſpürte es, wie ſein Herz von einem peinlichen 231 Gefühl zuſammengezogen wurde beim Anblick der Veränderung, welche dieſes eine Jahr hervorgebracht. Graf Harthons ſchönes Haar war faſt ſchneeweiß geworden, ſeine hohe, edle Stirne war von Zügen des Kummers durchfurcht. Der Prediger begann. Mit hochgetragenem Haupte wie früher und mit unveränderter Haltung lauſchte der Graf. Es that ſeiner Seele wohl, noch einmal die Worte der Reli⸗ gion von einem Manne ausgeſprochen zu hören, welcher ſo vollkommen würdig war, ein Diener des Herrn zu ſein, wie Aurenius. Der Text handelte von der„Wiedergeburt“ und wurde vom Propſte auf eine ſolche dem Herzen und dem Verſtande entſprechende Weiſe behandelt, daß jeder, als er Amen ſagte, Troſt und Erbauung von dem empfand, was er gehört. Die Verſammlung verließ die Kirche mit einem Gefühle des Wiederge⸗ borenſeins. Tief verbeugt betete die Gräfin am Schluß der Predigt. Die hartgeprüfte Mutter flehte um die Wiedergeburt ihrer Seelenkräfte und um Ergebung in die Prüfung. Auch das Gebet des Grafen war lang. Als er wieder ſeinen ſilberweißen Kopf emporhob, las man in den von Sorgen gepflügten Zügen den inneren Frieden, welcher in dieſem Augenblick ſein Inneres evfüllte. Der Gottesdienſt war zu Ende. Man trat aus den Stühlen heraus. Jetzt erſt richtete Valentin ſeine Blicke auf Frigga. Eine warme Röthe bedeckte ihre Wangen, 232 als ſie ſeinen Gruß erwiederte und ein Lächeln voll Befriedigung hellte ihr Antlitz auf, als ſie, nachdem Valentin auf eine verbindliche Weiſe die Gräfin be⸗ grüßt und bewillkommnet, ihm die Hand reichte und ſagte: — Es war alſo in Gottes Tempel, wo wir uns wiederſehen ſollten. — Ja, Gottes Segen ruht über Ihrer Wieder⸗ kehr in die Heimath,— antwortete Valentin und drückte ihre Hand herzlich. — Und über unſerem Zuſammentreffen. — Dank,— ſtammelte Valentin mit Bewegung. — Ich brauchte ja nicht zu ſagen: willkommen in der Heimath! — Nein, ich weiß, daß Sie es denken. Als ſie zurückgekehrt waren, dankte der Graf für alle die Beweiſe ſo wirklicher Ergebenheit, die er ihnen gegeben, rühmte die gemachten Aenderungen, und ſchien im höchſten Grade damit zufrieden zu ſein, ſich wieder auf ſeinem lieben ſtolzen Liungbro zu befinden. Die gräfliche Familie lebte nunmehr ganz einge⸗ zogen. Sie machte keine Beſuche und wurde von ſehr wenigen beläſtigt, da die meiſten Nachbärn keine Viſite machen wollten, bevor die gräfliche Familie bei ihnen geweſen. Ein Sohn konnte ſeinen Eltern nicht mehr Sorg⸗ falt und zärtliche Aufmerkſamkeit erzeigen, als Va⸗ lentin dem Grafen und der Gräfin. Frigga ſah und ſchätzte das Schöne in Valentins Beſtreben, den ſtummen Schmerz zu verſcheuchen, 233 welcher im Innern ihrer Eltern wohnte, obgleich ihre Lippen ſchwiegen. Man konnte ſagen, daß der Graf und die Gräfin beiderſeits zu verbergen ſuchten, wie tief der Kum⸗ mer über den Tod des Sohnes noch war. Ihr Ver⸗ luſt war zu ernſt, daß ſie es ſich erlaubt haben ſollten, denſelben durch irgend eine äußere Oſtentation zu verrathen. Die Gräfin, welche in Melcer ihren Erſtgebore⸗ nen, ihren einzigen Sohn verloren, kleidete ſich darum nicht in ewige Trauer, oder ſtellte am Grabe Trauer⸗ ſcenen an, ſondern that Alles, damit der Trauer⸗ ſchmuck, in welchen ihr Herz gekleidet war, nicht zu leſen wäre in ihrem Geſicht, und den Mann erinnern möchte an Alles, das ſie in Melcer verloren. Eine Veränderung war indeſſen mit Valentins Benehmen vor ſich gegangen, die nämlich, daß er ſich im Ganzen weniger mit Frigga beſchäftigte, als früher.— Man ſah ihn nie ſich ihr nähern, nie⸗ mals das Wort an ſie richten. Er ließ ſich gewöhn⸗ lich bei der Gräfin nieder oder politiſirte und ſprach vom Ackerbau mit dem Grafen. Wandte ſich Frigga an ihn, da war er immer bereit, die Converſation fortzuſezen; aber ſonſt leitete er eine ſolche nie mit ihr ein. Frigga mit ihrem außerordentlich feinen Gefühl merkte bald, daß Valentin ihr auswich, und die Folge wurde, daß ſie ſich zurückzog und ihn höchſt ſelten anredete. Begegneten ſie einander auf der Promenade, ſo ſagte Valentin im Vorbeigehen einige verbindliche 234 Worte und entfernte ſich dann; aber es kam nie vor wie früher, daß er ſie begleitete. Anfangs Juli kam Major X— von ſeiner Tochter begleitet nach Liungbro. Er erklärte ſofort bei ſei⸗ ner Ankunft, daß obgleich man allgemein behauptete, Graf Harthons ſähen nicht gern Fremde, ſo beab⸗ ſichtige er doch den Reſt des Sommers mit ſeiner Tochter auf Liungbro zuzubringen⸗ Die Eingezogenheit, in welcher man bisher ge⸗ lebt, wurde dadurch etwas unterbrochen; denn als die Nachbarn erfuhren, daß der Major bei Harthons ſei, nahmen ſie ſich auch vor zum Beſuch, zu kommen. An einem ſchönen Abend Ende Juli ſaß Frigga ganz allein auf der Terraſſe. Sie folgte mit den Augen den raſtlos rollenden Wogen. Im Salon ſaßen die Gräfin, Fräulein—, ein Mädchen von dreißig Jahren, und Aurora. Der Graf ſpielte Schach mit dem Major. Ein lange Zeit hatte Frigga ſich ihren Träume⸗ reien überlaſſen, als der Schall von Tritten ſie ſtörte. Es war Valentin, welcher ans dem Salon heraustrat und ſich ihr näherte. Er hielt in der Hand ein aufgeſchlagenes Buch. Als er an Frigga herangekommen war, ſagte er: — Erinnern Fräulein ſich Byrons Bild als Jüngling? — Ich habe nur ein Portrait von ihm geſehen als Mann,— antwortete Frigga.— Aber warum thut der Herr Lieutenant dieſe Frage? — Ganz allein deßhalb, weil ich neulich ein Porträt von ihm erhalten, welches in ſeinen jungen Jahren gemalt iſt. Valentin überreichte Frigga das Buch und fügte hinzu: — Wem ſieht das ähnlich: Frigga nahm das Buch und blickte in das ſchöne, intelligente Geſicht. Nachdem ſie es lange betrachtet, richtete ſie ihre Augen auf V zalentin und ſagte Ich kenne Nimanden, dem das ähnlich ſieht. — Nicht! Sie ſind jedoch während Ihres Au⸗ fenthalts im Auslande viel mit Jemanden zuſam⸗ men geweſen, welcher an Lord Byron erinnert. Wieder ſah Frigga das Portrait an, ſchüttelte aber den Kopf und erklärte lachend, daß ihr entwe⸗ der aller Formſinn abgehen müßte, oder auch habe Volentin Aehnlichkeiten entdeckt, wo keine ſolche vor⸗ handen wären. — Ich werde alſo gezwungen ſein dem Fräulein zu helfen. — Ja, gewiß; denn wenn ich auch dieſes Ge⸗ ſicht bis zu meinem Tode betrachte, ſo werde ich doch nie ein Gegenſtück dazu in der Wirklichkeit finden. Ein Paar ſo geiſtreiche Augen wie dieſe können in keines Anderen Loos fallen, als Byrons. Gewiß, aber das hindert nicht, daß ſeine Naſe und ſein Mund mit Graf Arthur Eldau's Aehn⸗ lichkeit hat,— erklärte Valentin und fixirte Frigga. — Sollte Arthur dieſem Portrait ähnlich ſehen! — rief Frigga und ſah Valentin an, als wenn ſie im Zweifel ſei, ob ſie recht gehört. — So kommt es mir vor. 236 Valentin und ſie betrachteten einander eine Zeit lang ſchweigend. Darauf ſagte Frigga: — Ein großer Denker hat geſagt: Die Worte ſind nur vorhanden, um die Gedanken zu maskiren, und ich glaube, er hat Recht. — Wie kam Fräulein dazu, ſich dieſer Ausdrücke zu erinnern? War es die Aehnlichkeit Graf Arthurs mit Byron, die es veranlaßte? — Ja! — Erklären Sie mir das, ich bitte. — Gern. Sie können unmöglich irgend eine zwiſchen Athur und dieſem Portrait nden. — Und wenn dem ſo wäre, was ſollte mich be⸗ wegen es zu ſagen? — Das Motiv kenne ich nicht, nur meine ich, daß die vermeintliche Aehnlichkeit erdichtet ſei. Volentin nahm das Buch, welches Frigga ihm reichte, machte es zu und ſagte: — Sie haben Recht, ich habe ſie benüzt, um ein Geſpräch mit Ihnen einzuleiten. — Bedarf es wirklich irgend eines Vorwandes, um ein ſolches einzuleiten?— In dieſem Falle haben Sie ſich ſehr geändert, denn früher würden Sie eines ſolchen Mittels nicht bedurft haben. Friggas Stimme war ernſt. Es lag ein Aus⸗ druck des Vorwurfes im Ton. — Wir ſind alle Veränderungen unterworfen, — antwortete Valentin. — Richt alle. Ich verändere mich nie, oder glauben Sie, daß ich, zum Beiſpiel, je aufhören werde, Sie als meinen Freund zu betrachten. 237 — Glauben Fräulein denn, daß ich aufhören kann, es zu ſein?“ — Nein! Frigga ſprach dieſes Wort mit der innigſten Ueberzeugung aus. — Dank! — Und jezt, Lieutenant Aurenius, ſagen Sie mir, warum Sie ſchon ſeit unſerer Rückkehr wach Liungbro ſich ſo ungleich geweſen ſind. — Erlauben Sie, daß ich die Frage unbeant⸗ wortet laſſe. Fräulein werden übrigens ſelbſt die Antwort finden, wenn Sie erlauben, daß ich auf Byron und Graf Arthur zurücktomme. — Das heißt zum Motiv der erdichteten Aehn⸗ lichkeit. Valentin nickte bejahend mit dem Kopf und hob wieder an: — Sie haben ja während Ihrer Reiſe durch Frankreich und Italien Graf Arthur zweimal ge⸗ troffen. — Ja, das erſtemal in Neapel, wo die Fregatte, mit welcher Arthur ging, drei Wochen vor Anker lag, und das zweitemal trafen wir uns in Toulon. — Dieſes Wiederſehen hat Ihnen gewiß viele Freude gemacht. Fräulein haben ja den Grafen ſeit mehreren Jahren nicht geſehen. — Nein, und ich muß ſagen, daß das Zuſam⸗ mentreffen mit Arthur das Freudigſte war, was uns auf der ganzen Reiſe paſſirte. — Daran zweifle ich nicht,— ſagte Volentin, — noch mehr, ich vermuthe, daß es das Bedeutungs⸗ 238 vollſte war, was Fräulein während des verfloſſenen Jahres begegnete. — Jezt verſtehe ich nicht den Herrn Lieutenant. — Ich habe ein wirkliches Unglück, unbegreiflich zu ſein,— meinte Valentin und lachte;— aber das iſt ein Fehler, den ich nicht corrigiren kann. Laſſen Sie uns deßhalb zu Graf Arthur zurückkehren. Wegn ich mich nicht irre, ſo war es einige Jahre zurück eine Lieblingsidee des Grafen und der Gräfin, daß Sie und Ihr Couſin ein Paar werden ſollten. Sie wurde damals ſowohl von Ihnen wie von Graf Arthur getheilt. Der Augenblick ihrer Verwirklichung ſcheint nun da zu ſein. — Warum? — Darum, weil der Verluſt eines Sohnes dem Grafen zum Theil durch einen Schwiegerſohn erſezt werden könnte. — Es liegt viel Wahres in dem, was Sie ſagen, — ſagte Frigga,— denn es gibt wohl nichts, was jezt meine Eltern ſo freuen würde, als eine ſolche Ver⸗ bindung zwiſchen mir und Arthur. — Und es gibt auch nichts, was Graf Arthur ſelbſt mehr wünſcht,— fiel Valentin ein. — Auch das iſt wahr. — Nun wohlan, dann bleibt wohl weiter nichts übrig, als die Erklärung der Verlobung. Vielleicht iſt es mir erlaubt, der Erſte zu ſein, welcher Fräu⸗ lein Glück wünſcht? Volentin ſprach ganz leicht, als wenn es ſich um eine gleichgiltige Sache gehandelt. — Bevor ich dem Herrn Lieutenant eine ſolche 239 Erlaubniß gebe, antworten Sie: Glauben Sie, daß ich Arthur liebe. Frigga legte den Kopf zurück und richtete einen ernſten Blick auf Valentin. Ueber ſein Geſicht flog eine dunkle Röthe. Er ſchwieg einige Minuten und krizelte im Sande mit einem Stecken; darauf antwortete er: „— Nein, ich glaube es nicht; aber ich exinnere mich einer Zeit, wo ich Graf Arthur hier ſah. Sie waren damals ein ganz junges Mädchen, wo er eben Offizier geworden. Beide intereſſirten ſich für einander. Fräulein hätten möglicherweiſe ihm ganz Ihr Herz ſchenken können; aber.. Wir wurden getrennt,— unterbrach ihn Frigga. — Ein Wiederbeleben dieſer in jüngern Jahren keimen⸗ den Neigung war von meiner Seite nicht möglich. — Zwiſchen dieſer und unſerem Wiederſehen liegen Jahre;— meine Gedanken, Ideen und Gefühle ſind während der Zeit reif und meine Anſprüche größer geworden. Frigga ſchwieg. — Alles dies hindert indeſſen nicht, daß Fräulein, welches Achtung ſowohl wie Anhänglichkeit für Arthur haben, Ihrer Eltern und ſeinen Wünſchen entgegen kommen können.— Um Ihrem Vater oder Ihrer Mutter eine Freude zu bereiten, ſind Sie im Stande die größten Aufopferungen zu machen. Es iſt des⸗ halb mehr als wahrſcheinlich, daß Sie die Gattin Ihres Couſins werden. — Jetzt irren Sie ſich ſehr in mir. Wenn der Friede und das Glück meiner Eltern mein Leben zum Opfer verlangt, werde ich es ihnen bringen; 240 aber ich habe nie den Werth ſolcher Opfer begriffen, welche ſich auf Meineid ſtützen. Frigga blickte hinauf nach dem freien Himmel und fuhr fort: — Ich habe von Kindern geleſen und auch ſprechen gehört, welche gegen ihren eigenen Wil⸗ len Ehen eingegangen ſind; aber ich habe der⸗ gleichen Handlungen nie gebilligt und nie bewundert. Jedes Opfer muß etwas Gutes zum Zweck haben; aber welches Gute kann dadurch gewonnen werden, daß ich mich ſelbſt und einen andern Menſchen un⸗ glücklich mache, und vor Gott einen Eid auf Et⸗ was leiſte, welches ich weiß, daß es in meinem Innern eine Unwahrheit iſt.— Ich wenigſtens habe eine ſo tiefe Ehrfurcht vor dem Höchſten, daß ich es nie wagen werde, meine Kniee vor ihm zu beugen und einem Manne Treue und Liebe zu ſchwören, welchen ich nicht liebe. — Die wärmſten Gefühle meines Herzens kann ich zum Schweigen zwingen und ſie ewiger Entſa⸗ gung weihen; aber ich kann nie die Wahrheit und mich ſelbſt dergeſtalt verläugnen, daß ich mein Schick⸗ ſal an einen Mann feſſle, während mein Herz einem andern gehört. Frigga hatte mit der ergreifenden Betonung ge⸗ ſprochen, welche immer die innere Ueberzeugung be⸗ gleitet.— Valentins Augen ruhten auf ihr. Welcher auch der Eindruck war, den dieſe Worte auf ihn machten, ſo behielt er ihn in ſeinem Innern, denn ſein Aeußeres blieb vollkommen ruhig. — Wenn Ihr Herz einem Andern gehört,— 241 hob Valentin wieder an. Dieſe Worte ſetzen vor⸗ z6 — Daß es nicht Arthur gehört,— ſagte Frigga raſch.— Der Macht der Liebe ſollen wir Alle ein Mal unterworfen ſein, und wenn ich ſie noch nicht em⸗ pfunden, ſo werde ich ſie doch einſt empfinden. Unglück⸗ lich wäre ich dann, wenn mein Schickſal an einen Andern gefeſſelt wäre. e — So hatte ich mir auch Fräuleins Charakter gedacht,— ſagte Valentin. Nur dem Wahren und Rechten müſſen Sie ſich opfern können. — Aber Sie glaubten trotzdem an eine Verbin⸗ dung zwiſchen mir und Arthur? — Ich glaubte daran; aber es war nothwendig zu hören, daß Fräulein dieſe Möglichkeit widerlegte. — Und doch ſind zwei Monate vergangen, ohne daß Sie verſucht haben, Ihre gute Meinung von mir beſtätigt zu bekommen. — Die bedurfte keiner Beſtätigung. Es war nur die Auffaſſung deſſen, was der eine Menſch ein Recht hat, für das Glück eines Andern zu opfern, worüber ich nicht ſicher war. — Aber warum nicht ebenſo gern gleich als ſpäter ſich darüber Gewißheit verſchaffen? — Fränlein— ich war ein Poltron. Eine Pauſe entſtand. Valentin unterbrach ſie. — Wird noch eine Erklärung über das Motiv zur Aehnlichkeit zwiſchen Byron und Arthur Eldau nothwendig ſein? — Nein. Frigga reichte ihm die Hand und fügte, indem ſie auf einmal traurig und freundlich hinzu: Schwartz, Geburt u. Bildung. IM.§ 242 — Sie zürnten mir einmal, weil ich an Ihnen zweifelte, was müßte ich jetzt thun? — Was Sie jetzt thun, mir Ihre Hand rei⸗ chen. Ich konnte zweifeln, da ich keine Sünde gegen Ehre und Gewiſſen vorausſetzte. Sie dagegen hatten kein Recht dazu; denn Ihre Zweifel enthiel⸗ ten Mißtrauen zu meinem Rechtsgefühl und meinen Begriffen von Treue und Ehre. Ich für meinen Theil,— antwortete Frigga, — halte jede Entſtellung der Wahrheit für eine ſolche Sünde. Ihre Zweifel waren darum ebenſo verletzend wie die meinigen; Sie hätten ebenſo über⸗ zeugt von der Unmöglichkeit ſein müſſen, daß ich mich ohne Liebe verheirathen könnte, wie ich es von Ihnen bin. — Fräulein, zwiſchen uns Beiden iſt ein we⸗ ſentlicher Unterſchied; ich bin ein Mann und beſtimme ſelbſt über meine Schickſale. — Und ich bin in Anſichten und Gefühlen ebenſo ſelbſtſtändig wie Sie, wenn es die Welt meines Herzens betrifft. — Sind Sie deſſen gewiß? — Die Antwort auf dieſe Frage kann nur die Zukunft geben. Frigga ſtand auf und fügte hinzu: — Nun, Lieutenant Aurenius, laſſen Sie uns eines unſerer alten Duette ſingen, als Beweis, daß es zwiſchen uns keine Disharmonie gibt. Volentin ließ die Hand los, welche er eine Zeit lang in der ſeinigen geſchloſſen gehalten, und folgte Frigga in den Salon. — 243 Nach dieſem Abend war Valentin ſich wieder gleich in ſeinem Benehmen gegen Frigga und der äußere Beobachter würde Mühe gehabt haben, zu entdecken, daß Trauer die Harthon ſche Familie heimgeſucht. Be⸗ trachtete man den Grafen und die Gräfin genauer, ſo las man in ihren Zügen, daß die Zeit nicht ſo leicht die Wunden heilen würde, welche ihre Herzen erhalten. Lamartine ſagt irgendwo, daß die wahre Bildung nicht bloß in der Aufklärung des Verſtandes, ſon⸗ dern ebenſoviel in der moraliſchen Kraft liege. Der unciviliſirte Menſch gibt ſeiner Freude und Trauer, ſeinem Wohlwollen und ſeinem Zorn freien Lauf; die Civiliſirten ſetzen eine Ehre darein, dieſe Gefühls⸗ ausbrüche zu beherrſchen und Prüfungen mit religiö⸗ ſer Ergebenheit und moraliſchem Muthe zu ertragen. Graf Harthon hatte ſein ganzes Leben hindurch Selbſtbeherrſchung als eine Pflicht angeſehen. Als Edelmann und als gebildeter Mann hielt er jeden Ausbruch heftiger Gefühle für unter ſeiner Würde. Eines Nachmittags, einige Zeit nach dem oben beſchriebenen Geſpräch, kehrten Valentin und Frigga vom Pfarrhofe nach Liungbro zurück. Sie hatten ſich dort getroffen und gingen nun mit einander nach Hauſe. — Ich ſoll Sie von Lilie grüßen,— ſagte Frigga.— Ich habe einen Brief von ihr. — Die Gräfin befindet ſich wohl, hoffe ich. — Ja, und ſie ſcheint jezt, nachdem ſie nach Frankreich zurückgekehrt und ſich bei ihren Eltern aufhält, auch bei ganz guter Laune zu ſein. Das iſt natürlich. Die Gräfin hu jet alle 244 Diejenigen um ſich, welche ſie liebt, Mann, Kind und Eltern. Als Mutter hat ſie auch neue, theure und heilige Pflichten bekommen. — Das iſt wahr.— Frigga ſchwieg eine Zeit⸗ lang und blickte gerade vor ſich hin. Valentin fing an von Literatur und von einem Roman Walter Scotts zu ſprechen, den er ſoeben zu Ende geleſen. Plötzlich unterbrach ihn Frigga mit den Worten: — Etwas, womit ich mich nie habe vertragen können, iſt die Leichtigkeit, mit welcher die Menſchen im Allgemeinen Gefühle wechſeln. Es kommt mir vor, als wenn die Beſtändigkeit ein ſchönes Wort ſei, aber in der Wirklichkeit nicht vorhanden. — Sie iſt in Wirklichkeit vorhanden, aber wir unterſchätzen ſie bisweilen und deßhalb werden wir betrogen,— antwortete Valentin.— Aber wie kommen Fräulein auf dieſe Gedanken? — Durch Lilie und Sie.— Sie ſind einmal heftig in ſie verliebt geweſen und doch ſprechen Sie von ihr, als wenn ſie Ihnen eine ganz gleichgültig Perſon wäre. Sie müſſen zugeben, daß Sie dadurch einen traurigen Beweis liefern, wie leicht es dem Menſchen fällt, ſelbſt die wärmſten Eindrücke zu vergeſſen. — Das liegt in der Naturordnung. Ein Ge⸗ fühl, welches nicht vorwärts geht, muß zurückgehen. Sie haben übrigens Unrecht, wenn Sie behaupten, daß ich der Gräfin Eldau gegenüber kalt hin; im Gegentheil, ich werde immer ein warmes Intereſſe für ſie haben. Aber ſie iſt jetzt die Frau eines Andern, uud wenn meine Liebe für ſie nicht ſchon — — 245 erloſchen wäre, ſo mußte ſie unwillkürlich erlöſchen, als ich ſie als verheirathet ſah. Ich kann nicht die⸗ jenige lieben, die einem Andern gehört. — Sie haben lange vorher aufgehört es zu thun. — Das gebe ich zu.— Meine Eigenliebe konnte es mir nicht verzeihen, daß ich die Sprache der Liebe mit einem Mädchen geſprochen, das ich mir nie zur Gattin wünſchen durfte. Marquis de Maillé's Tochter zur Gattin zu begehren, würde ich mir nie erlaubt haben;— und ſie als ein Geſchenk anzunehmen, war ebenſo unmöglich. Meine Reigung hatte mich zum Verräther an meinem Stolz gemacht, und mein Stolz tödtete deßhalb meine Liebe.— In meinem Innern betrachtete ich mich als ebenbürtig dem Mar⸗ quis de Maillé; aber die Welt thut es nicht. Es gibt keine Liebe, welche ſtark genug wäre, um mich zu vermögen, ein Weib von hoher Geburt zu meiner Frau zu nehmen, — Und darum verurtheilte Ihr Stolz Lilie zu einer Zukunft ohne alles Glück. — Fräulein Frigga, wäre ich auch ſo unbeſon⸗ nen geweſen, mich durch meine Leidenſchaft dahin bringen zu laſſen, von dem Marquis ſeine Tochter anzunehmen, ſo würde ich ſie auch dann zu einem Leben ohne Glück verurtheilt haben; denn als ihr Mann würde meine Eigenliebe meine Liebe getödtet haben. Ich würde mir nie eine Schwäche verziehen haben, welche mich zu einer Ehe mit einer Perſon veran⸗ laßte, deren Familie der Anſicht war, daß ſie eine Mesalliance gemacht. Meine Zärtlichkeit hätte auf⸗ gehört. Ich handelte deßhalb recht, als ich floh, 246 ſtatt meinen heftigen Wünſchen nachzugeben; aber ich handelte unrecht, als ich mit einem ſo ſchwachen und ge⸗ fühlvollen Weſen von dem ſprach, was mein Herz barg. — Sie müſſen doch zugeben, daß Sie ſtolzer ſind, als Sie das Recht haben zu ſein,— fiel Frigga ein. — Das glaube ich nicht. Der Fehler war, daß ich meinen Stolz vergaß. — Sie halten es alſo für unmöglich, ſich mit einem Mädchen von hoher Geburt zu verbinden. — Was in dieſem Fall möglich oder unmöglich iſt, können wir vor der Hand nicht beſtimmen,— antwortete Valentin.— Ich weiß nur, daß diejenige an welche mein Herz ſich hernach bindet, mir in Bil⸗ dung und Seelenſtärke gleich ſein muß. Beſitzt ſie einen glänzenden Namen und theilt meine Gefühle, ſo muß ſie auch meinen Muth beſitzen und ihr Leben der Entſagung weihen.— Liebt ſie mich, weil ich bin wie ich bin, ſo wird ſie auch wiſſen, daß ihr Name uns für ewig trennt. — Es liegt ein hoher Grad von Egoismus in Ihren Worten,— ſagte Frigga.— Sie beweiſen, daß ſie fordern, ſie ſolle ihre ſchönſten Hoffnungen Ihrem Hochmuth opfern. — Nein, Fräulein— von ſo Etwas kann nicht die Rede ſein. Wo nie eine Hoffnung vorhanden war, da kann auch keine Aufopferung ſtattfinden. Sie hat von Anfang an eingeſehen, daß die Hoff⸗ nung nicht dem Gefühle ſich zugeſellte, welches ſie an mich band. Sie mußte ſtark genug ſein, um mich lieb zu haben, ohne an ein irdiſches Glück zu denken. — Sie verlangen viel. „————— 7——— —— * 247 — Nicht mehr, als das, welchem ich mich ſelber unterwerfe. — Aber wenn Ihre Stärke Sie einſt im Stich ließe? — Dann werde ich fliehen; aber diesmal bevor meine Schwäche mich dazu veranlaßt Worte auszu⸗ ſprechen, welche ich beſchloſſen habe, daß ſie nie über meine Lippen kommen ſollen. — Und was bleibt dann ihr übrig?— fragte Frigga. 3 — Mir treu zu bleiben,— antwortete Valentin mit zitternder Stimme. — Und ſterben! Sie ſtanden jetzt am Gitterthor. Valentin öffnete den einen Thorflügel und fügte in ganz gleichgültigem Tone hinzu: — Heute öffne ich dieſes Thor für Sie und mich; wer weiß es, morgen kann es ſich von ſelbſt öffnen! Ohne Acht darauf zu geben, war Valentin mehr als bisher mit Frigga zuſammen. Der Zufall fügte es ſo, daß ſie oft auf den Promenaden zuſammentrafen, und es kam faſt nie vor, daß Valentin von dem geſelligen Kreiſe Abends wegblieb. Frigga muſicirte jetzt täglich; ein neues Duett nach dem andern wurde eingeübt. Beide hatten nämlich muſikaliſches Talent, welches in Verbindung mit Friggas reizender Simme dazu beitrug, daß Alle ſie mit Vergnügen hörten. 248 Valentin war ein ganz glücklicher Componiſt und es kam nicht ſelten vor, daß Frigga mit Vorliebe das ſang, was er in Muſik geſetzt. Genug, die langen Geſpräche wurden jetzt mit Muſik vertauſcht, und man konnte es ſehen, daß ſie dieſe Stunden ſehr angenehm fanden. Friggas Geſellſchaft ſchien für Valentin ein Be⸗ dürfniß geworden zu ſein, Sah er ſie fortgehen, um einen Kranken zu be⸗ ſuchen, oder um zu promeniren, ſo konnte man ſicher ſein, daß er etwas ſpäter den Weg ging, auf welchem er hoffte, daß ſie zurückkommen würde. Ritt Frigga aus, ſo traf es ſich, daß Valentin nach einer Stunde ſein Pferd beſtieg und ins Feld ritt, aber dabei den Weg ſo wählte, daß er mit Frigga zuſammentreffen mußte. Es ſah in der That aus, als wenn er ſich mehr für ſie intereſſirte, als er ſelbſt merkte. So ging Auguſt Monat zu Ende, als man eines Abends in der Mitte des September gegen alle Ge⸗ wohnheit Valentin in dem gewöhnlichen Abendzirkel vermißte. Die Gräfin fragte den Bedienten, ob der Lieute⸗ nant zu Hauſe ſei und erhielt zur Antwort, daß er ſich in ſeinen Zimmern eingeſchloſſen, um zu arbeiten. Man ſoupirte; aber kein Valentin erſchien. Den Tag darauf wurde dem Grafen ein Brief übergeben, in welchem Valentin ihn davon benach⸗ richtigte, daß er nach Stenby gereist ſei und dort einige Tage bleiben müſſe. Eine, zwei und end⸗ lich drei Wochen verliefen, ohne daß Valentin wieder. auf Liungbro zum Vorſchein kam. 249 Alle vermißten ihn und ſehnten ſich nach ſeiner Rückkehr, der Graf bemerkte jeden Morgen: — Heute wird wohl Aurenius wieder kommen! 35 begreife nicht, daß er ſo lange auf Stenby ver⸗ weilt. Aber der Tag ging zu Ende, ohne daß Aurenius wieder kam. Die Gräfin ſagte zu Aurora und Frigga: — Es wäre gut, wenn Aurenius bald zurück⸗ kehrte, Harthon ſehnt ſich ordentlich nach ihm. Endlich trat Valentin eines Abends im Anfang der vierten Woche nach ſeiner Abreiſe in den Salon. Er wurde von Allen mit einem herzlichen Will⸗ kommen begrüßt. Der Graf erklärte, daß er ſich ordentlich nach ihm geſehnt habe. Die Gräfin verſicherte, daß ſie die Tage gezählt. Der Major ſagte, daß er ſeinen Lieutenant verd.. t vermißt habe. Der Doctor behauptete, er habe gefürchtet, daß alle Einwohner auf Liungbro vor Langeweile krank werden möchten, und Aurora ließ ſich ſcherzend dahin vernehmen, daß ſie einen Vorgeſchmack von dem gehabt habe, was eng⸗ liſcher Spleen heißen wolle. Frigga allein ſchwieg. Nachdem Valentin in Kürze dem Grafen Rechen⸗ ſchaft über die Geſchäfte abgelegt, welche ſeine längere Abweſenheit veranlaßt, alle Fragen der Gräfin be⸗ antwortet, und mit dem Major und Aurora geſcherzt, ging er auf Frigga zu, ſetzte ſich zu ihr und ſagte: — Fräulein allein haben mir nicht Willkommen geſagt, und doch hatte ich gehofft, daß Sie mich mit einem freundlichen Lächeln grüßen würden. — Ich glaube nicht, daß Sie es gehofft— ant⸗ 250 wortete Frigga, ohne die Augen von ihrer Arbeit zu erheben. — Woher kommt dieſer Zweifel an meinen Worten?— fragte Volentin. — Daher, daß ich gewiß bin, daß Sie ſehr wohl begreifen, daß ich von Ihnen beleidigt bin. — Nein, das begreife ich nicht.— Ich bin mir bewußt, mich auf keine Weiſe verbrochen zu haben. — Nicht? Nichtsdeſtoweniger reiſen Sie weg auf mehrere Wochen, ohne mich vorher durch ein einziges Wort davon in Kenntniß zu ſetzen.— Statt am Abend vorher heraufzukommen und ein freund⸗ liches Lebewohl zu ſagen, bringen Sie den Abend auf Ihren Zimmern zu und reiſen, nachdem Sie meinem Vater einige Zeilen geſchickt, in welchen Sie mitheilen, daß Ihre Gegenwart auf Stenby nöthig ſei. — Mein Fräulein, damit habe ich ja Alles er⸗ füllt, was die Höflichkeit von des Grafen Verwalter erheiſchte,— ſagte Valentin kalt. — Herr Lieutenant, die Antwort verdiente ich nicht,— ſiel Frigga ein.— Davon war nicht die Rede, ſondern davon, daß Sie uns in lezter Zeit verwöhnt haben, dadurch daß Sie ſagten: Lebewohl, jetzt muß ich auf einige Tage verreiſen. — Aber Sie haben Recht, und ich Unrecht, wel⸗ cher auf eine Freundlichkeit Anſprüche macht, die Sie mir nicht zu erweiſen nöthig haben. Frigga beugte ihren Kopf tief über die Stickerei. Sie nähte fleißig.— Eine Weile ruhten Valentins Augen auf ihr, während er heftig die Farbe wechſelte; hierauf ſagte er haſtig: 4 ———— —4—— haben. — Tie haben nur das Schmerzliche in Ihrem Benehmen vermehrt.— Aber warum davon ſprechen! — Sie haben damit geſagt, daß Sie mich nicht mehr als Ihren Freund betrachten. — Fräulein Frigga, ſeien Sie vorſichtig! Ihre Vorwürfe ſind ſehr gefährlich. Ich könnte einmal verſucht werden, wegzureiſen, um ſie zu hören zu bekommen. — Und die Freundin beleidigen. — Ich habe Niemanden beleidigen wollen; ich reiste, weil ich krank war. — Krank?— wiederholte Frigga und blickte auf. — Ja!— Voalentin lächelte traurig. — Und jetzt, Fräulein, aus Gnade kein Wort mehr von dieſer Sache; ich flehe Sie darum! Reichen Sie mir Ihre Hand zur Verſöhnung und ſagen Sie mir ein freundliches Willkommen! Es würde meiner Seele wohl thun, es zu hören. Valentin beugte ſich zu ihr. — Wer weiß,— fügte er hinzu,— ob ich es je wieder von Ihren Lippen zu hören bekomme. — Würde wohl Ihre plötzliche Abreiſe und Ihre lange Abweſenheit geſchmerzt haben, wenn Sie nicht bei Ihrer Rückkehr daheim willkommen waren— ſagte Frigga und reichte ihm die Hand. — Sie ſagten dahe im.— Es iſt nicht meine Heimath, ſondern die Ihrige. — Wollen Sie jetzt wieder bitter ſein? 6 — Verzeihen Sie, wenn meine Worte verwundet. 6 252 Valentin ſchloß ihre Hand in die ſeinige mit den Worten: — Nein! Bin ich das geweſen, ſo kommt es daher, daß, wenn wir uns für am ſtärkſten halten, uns unſere Stärke verläßt, und wir entdecken ganz plötzlich, daß wir unſere Kräfte überſchätzen. Er verließ ſie und ſetzte ſich bei der Gräfin. Frigga war bei ſeinen letzten Worten ſehr blaß geworden. Ein Paar Minuten folgte ſie ihm mit den Augen; dann bog ſie wieder den Kopf über die Arbeit und dachte: — Es iſt vorbei mit dem was geweſen iſt. Nach dieſer Reiſe kommt eine noch längere. Gtwas ſpäter bat die Gräfin ſie zu ſingen; aber Frigga erklärte, daß ſie nicht bei Stimme ſei. Valentin ſah ſie an, dann ſetzte er ſich an das Piano und ſang einige Geſänge, von denen er wußte, daß ſie der Gräfin gefielen. Zuletzt ſang er ein Kriegslied. Das Lebhafte und Kraftvolle darin paßte voll⸗ kommen zu Valentins Stimme, die ſich gar nicht für zarte und milde Töne eignete. Als er geendet und das Inſtrument verlaſſen wollte, ſtand Frigga hinter ſeinem Stuhl. — Singen Sie das Lied noch einmal!— ſagte Frigga. Valentin entſprach ſofort ihrem Wunſch. Als er fertig war, wandte er ſich an ſie und bemerkte: — Wenn Fräulein Soldat wären, würden Sie dann zu Hauſe bleiben in weichlicher Ruhe, oder würden Sie hinausgehen, um an den Kämpfen Theil zu nehmen, die gekämpft werden. — 253 — Ich würde nie mein Schwert ziehen und Blut vergießen, als zur Vertheidigung des Vaterlandes oder für die Ideen der Freiheit. — Aber die Unwirkſamkeit, welche der Friede mit ſich bringt, ſteht einem Soldaten nicht an. Für ihn paſſen die Kriegstrompeten und die Schlachtfelder. Ich habe auch ſchon daran gedacht in franzöſiſche Dienſte zu gehen, um an dem Krieg in Algier Theil zu nehmen. — Hätte ich einen Bruder oder einen Freund, welcher mich um Rath fragte, ſo ſollte..... — Sie ihn bitten zu gehen und ſich lieber von den Beduinen tödten laſſen, als ſeiner Ehre un⸗ treu werden,— fiel Valentin ein. Einige Tage darauf trat der Graf zu Valentin ein, während dieſer ſaß und ſchrieb. — Die Erklärung des Herrn Lieutenant von geſtern, daß Sie genöthigt wären, ſich von der Verwaltung meiner Güter loszuſagen, hat mich in wirkliche Un⸗ ruhe verſetzt. Ich hoffe indeſſen, daß das, was ich darauf ſagte, eine Aenderung in Ihrem Beſchluß her⸗ vorgerufen hat. Halten Sie Ihre Einkünfte nicht für hinreichend, ſo verdopple ich ſie, oder gibt es Etwas, womit Sie unzufrieden ſind? Wenn dem ſo iſt, ſo hat der Herr Lieutenant mein Ehrenwort dar⸗ auf, daß Sie es bekommen ſollen, wie Sie es haben wollen. Denken Sie nur nicht daran, Ihre Stelle aufzugeben. — Herr Graf, ich weiß wahrlich nicht, wie ich 254 meine Erkenntlichteit für die Güte dem Herrn Grafen an den Tag legen ſoll; aber je größer dieſe iſt, deſto größer wird auch meine Verpflichtung. Unerſchütter⸗ licher als je iſt mein Entſchluß, dieſer ebenſo vor⸗ theilhaften als vertrauensvollen Stelle zu entſagen. Meine Ehre verbietet mir zu bleiben. — Ihre Ehre, Herr Lieutenant, ſollte Ihnen eher verbieten, denjenigen zu verlaſſen, deſſen Stütze und Hülfe Sie geworden.— Sie wiſſen ſelbſt, daß Sie nach dem Tode meines Sohnes uns Allen un⸗ entbehrlich geworden. — Kapitän D—, den ich empfohlen habe, wird dem Herrn Grafen den Verluſt von mir vollkommen erſetzen. Er iſt ein Mann von Charakter und ſolchen Kenntniſſen, daß er den Platz, welchen ich eingenom⸗ men, zu erfüllen vermag. — Mag ſein, daß er ebenſogut wie Sie die Ge⸗ ſchäfte beſorgen wird, was ich nicht bezweifle, ſo hat er doch nicht wie Sie die Sorgen und Prüfungen, welche mich heimgeſucht haben, mit mir getheilt.— Sie ſind nicht bloß Verwalter, ſondern etwas weit mehr, ein Freund von mir und meiner Familie und dazu ein ſolcher, wie man ihn nicht ſo leicht wieder findet.— Darum, Herr Lieutenant, bittet Sie der letzte Harthon ihn nicht zu verlaſſen.— Er hat Ihnen alle weltliche Vortheile, welche Sie wünſchen können, geboten; Sie haben aber alle ſeine Aner⸗ bieten ausgeſchlagen. Jetzt bittet er ſie zu bleiben, werden Sie auch ſeine Bitte ausſchlagen? — Ich kann nur auf eine Weiſe dem Herrn Grafen meine Erkenntlichkeit beweiſen,— ſagte Va⸗ lentin mit tiefem Ernſt,— und das iſt dadurch, 255 daß ich aufrichtig bin.— Ich würde Ihnen treu dienen bis zu meinem Tode, mit der Ergebenheit eines Sohnes und mit der Treue eines Freundes, ſo wahr iſt meine Hochachtung für den Herrn Gra⸗ fen; aber jetzt kann ich es nicht, weil ich J hre Tochter liebe. Graf Harthon ſaß im Sopha. Bei dieſen Wor⸗ ten ſtand der alte Edelmann auf, als wenn man auf eine Feder gedrückt hätte. Er warf mit einer ſtolzen Bewegung den Kopf zurück und richtete ſeine großen hellblauen Augen auf Valentin, als wenn er Mühe gehabt, ſeinen Ohren zu trauen. Valentin merkte an der dunklen Flamme, welche über des Grafen Stirne flog, daß er Valentins Er⸗ klärung für eine Beleidigung anſah; darum fügte er, ohne dem Grafen Zeit zu geben, eine Bemerkung zu machen, hinzu: — Von meiner ganzen Seele liebe ich Fräulein Frigga, aber, Herr Graf, für ebenſo unmöglich, wie Sie es halten, Ihre Tochter einem Bürgerlichen geben zu können, ebenſo unmöglich erſcheint es mir, ein Mädchen von Geburt lieben zu können. Ich verlaſſe deßhalb meine Stelle, weil ich mich nicht ſo unbe⸗ dingt auf meinen Verſtand und meine Principien verlaſſe, daß ich nicht fürchten ſollte, das Gefühl könnte dieſe überrumpeln. Ich beabſichtige in fran⸗ zöſiſche Kriegsdienſte zu gehen und werde nicht eher nach Schweden zurückkehren, bevor ich mit vollkom⸗ men kaltem Blut Fräulein Harthon wiederſehen kann. — Jetzt, Herr Graf, habe ich Ihnen alle die Gründe mitgetheilt, welche mich zwingen, Ihre edel⸗ müthige Anerbietung auszuſchlagen.— Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß ich nach dieſer Erklärung ſo raſch als möglich von hier abzureiſen gedenke.— Nehmen Sie Kapitän D— als meinen Nachfolger an, ſo kann er zu jeder Zeit die Stelle übernehmen. Der Graf betrachtete Valentin eine Weile; dann reichte er ihm die Hand mit den Worten: — Hätten Sie einen Namen beſeſſen, ſo hätte das Glück meiner Tochter keinen beſſeren Händen anvertraut werden können.— Jetzt kann ich Ihnen als einem Mann von Ehre nur die Hochachtung meiner Tochter ſchenken.— Mag Kapitän D— Ihr Nachfolger werden. — Schon heute werde ich nach ihm ſchicken,— ſagte Valentin. Der Graf drückte ſchweigend ſeine Hand und ver⸗ ließ das Zimmer. Valentin blickte ihm nach und murmelte: „Seiner Tochter Glück könnte keinen beſſeren Händen anvertraut werden,“ und trotzddem würde er ſie lieber auf der Bahre ſehen, als genöthigt werden den Tag zu erleben, wo ſie„Frau Aure⸗ nius“ werden würde.— Das iſt ſein Hochmuth.— Jetzt zu dem meinigen: auch ich würde ſie lieber ſterben ſehen können, als ihre Hand begehren. Wenn ſie mir angeboten würde, jagte ich mir lieber eine Kugel durch den Kopf, als daß ich nachgeben ſollte und mein Glück aus den Händen der Geburt in Empfang nehmen. — 257 Beim Mittagstiſch war Valentin ſich gleich und ſprach ungezwungen mit Frigga und der Gräfin. Als man ſich nach der Mahlzeit im Salon aufhielt, ſaß Valentin und ſcherzte ganz fröhlich mit Frigga. — Es hat mich oft gewundert,— bemerkte er, daß Fräulein das Silberarmband dort ſo treulich tragen. Er deutete auf ein Armband, welches eine Kette an einem Anker befeſtigt darſtellte, das Frigga an dem linken Arm trug. Die Arbeit war etwas plump und zeugte von hohem Alter. — Gewiß iſt es irgend ein liebes Andenken,— fügte er hinzu. — Es iſt ein Geſchenk von meiner Großmut⸗ ter, und zugleich ein Amulet,— antwortete Frigga lächelnd.— Es hat eine eigene Geſchichte, welche folgendermaßen lautet: Die Großmutter meiner Großmutter bekam es von ihrer Amme, als ſie das erſtemal zur Beichte ging.— Die Amme hatte an ihre Gabe die Bedingung geknüpft, daß die ſtolze Jungfrau es tragen ſolle, bis ihr Herz ſeine Wahl getroffen, dann ſollte ſie es ihrem Lieb⸗ ſten als Pfand ihrer Treue geben. Wenn irgend eine Hinderniß gegen ihre Verbindung einträte, dann läge ein Segen in dem Armband, ein Segen, wel⸗ cher zum ſchließlichen Glück führen würde.— Jetzt iſt das Armband als Erbgut auf die älteſte Tochter und ſtets unter denſelben Bedingungen übergegangen, daß es als ein Pfand der Treue und einer glück⸗ lichen Vereinigung der Liebenden dienen ſolle. Meine Schwartz, Geburt u. Bildung: 1I. 17 258 Mutter war ſchon verheirathet, als meine Großmut⸗ ter ſtarb, und darum erhielt ich es. — Jetzt wundert es mich nicht, daß Fräulein es tragen, beſonders da ich zu wiſſen glaube, daß Ihr Herz noch nicht ſeine Wahl getroffen. Wenn man das Armband an Ihrem Arm vermißt, dann iſt es ein Zeichen, daß Sie Jemandem Treue verſprochen. — Ja, wenn der Freund meines Herzens in den Krieg gehen ſollte, ſo hat das Armband außerdem die gute Eigenſchaſt, daß es ihn unverletzt nach Hauſe zurückkehren läßt; aber in unſern friedlichen Zeiten wird es nicht nothwendig ſein, es als. ein Schutzmit⸗ tel gegen Gefahren anzulegen, ſondern es wird nur als ein Pfand der Treue dienen. Sie nahm ein Heft Muſikalien und ſagte, indem ſie dieſelben Valentin zeigte: — Sehen Sie hier einige neue Duette. Die werden wir den Winter zuſammen ſingen. — Das bezweifle ich,— ſagte Valentin lächelnd. — Mein Aufenthalt auf Liungbro wird ſchon in einigen Tagen zu Ende ſein. Frigga wurde ſo bleich, daß die Farbe von den Lippen verſchwand. Sie betrachtete Valentin ſchwei⸗ gend. Er fügte hinzu: — Ich reiſe nach Frankreich, um in Kriegsdienſt zu gehen und an den Algieriſchen Campagnen Theil zu nehmen. — Meine Ahnung täuſchte mich nicht,— ſagte Frigga. — Nein; und Sie waren darauf vorbereitet, daß ich reiſen würde. — — 259 Der Kaffee wurde herumgereicht. Als man ihn ge⸗ trunken hatte, verließ Valentin den Salon. Den Tag darauf kam Kapitän D— an. Eine Woche verfloß, während welcher man Valentin nie außer bei der Mahlzeit ſah. Er war unausgeſetzt damit beſchäftigt, den Kapitän in die Geſchäfte ein⸗ zuführen. Endlich an einem Samſtag Abend fand Valen⸗ tin ſich in dem gewöhnlichen Abendeirkel ein. — Ich reiſe morgen,— ſagte er zu Frigga. — Ich begriff es, als Sie hier eintraten,— antwortete ſie. Eine Weile ſprach man von Valentins Reiſe und vom Krieg. Nach dem Souper nahm Valentin Abſchied von dem Grafen und der Gräfin, und dankte ihnen für die Zeit, welche er auf Liungbro zugebracht.— Jetzt trat er hin zu Frigga. Valentin wußte, daß die Augen des Grafen auf ihn gerichtet waren. Die Stirne war bleich, die Lippen farblos, aber die Stimme ruhig, als er fol⸗ gende Worte ſprach: — Lebwohl, Fräulein Frigga! Er führte ihre kalte Hand an ſeine Lippen und entfernte ſich raſch. Am folgenden Morgen um ſechs Uhr, als er auf die Treppe hinaustrat, um in den Reiſewagen zu ſteigen, trat Friggas Kammerjungfrau auf ihn zu. Sie überreichte Valentin ein Paquet mit den Worten: — Vom Fräulein! — Dank!— war alles, was er ſagte, dann ſprang er in den Wagen, befahl dem Kutſcher zuzu⸗ fahren, und fort durch das Gitterthor eilte das Fuhrwerk. Als Valentin das Paquet öffnete, lag darin das Armband. (Schluß des erſten Kapitels.) E v bn 8 9 10 11 n 15 16 17 1 12 13 14