6W3 Leihbibliothek᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatu von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vo jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stur den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahn eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumn hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatt wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden w beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher ——————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendig der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorn. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlvrene id defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) mußer Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, r korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſi der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ieese Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt underd beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche le⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ausgewühlte Werke von Frau m. S. Schwartz. — Aus dem Scchwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. wei Familienmütter. Von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Reventlow. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshanblung. 1863. — An einem Donnerſtag, Ende November, finden wir einige junge Männer in der hübſchen und ele⸗ ganten Wohnung des Doctors Bergſtröm auf der Königinſtraße verſammelt. Der Regen goß in Strömen vom Himmel und der Wind heulte um die Straßenecken. Die Wohnung des Doctors beſtand aus vier Zimmern: erſt ein Saal, ihm zur rechten ein Cabi⸗ net, deſſen Wände von oben bis unten mit grünem Damaſt tapeziert waren. Links vom Saale befand ſich ein großes Bibliothekzimmer, melches mit Me⸗ hagonyſchränken, die Bücher enthielten, angefüllt war. Das übrige Meublement in dieſem Zimmer beſtand aus einem Sopha und einem Dutzend Lehn⸗ ſtühlen, die um einen runden Tiſch placirt waren, und aus einem Schreibtiſch an einem der Fenſter. Hier finden wir den Doctor und acht junge Männer, die ſeine Gäſte waren. — Es iſt zum Teufelholen, wie ſonderbar es hier in der Welt zugeht,— bemerkte der Kammer⸗ junker Liljekrok und ſtreckte ſich bequem im Lehn⸗ ſtuhl, während er mit Wohlbehagen einige langſame Züge aus eiuer friſch angeſteckten Cigarre that. So war es z. B. für Bergſtröm ein Glück, daß Se. Excellenz Graf H— auf dem Wege zwiſchen ſeinem Gute und W— das Bein brach. Hätte das Unglück ſich an irgend einer andern Stelle zugetra⸗ gen, ſo wäre Richard nicht bei der Hand geweſen, wie es der Fall war; aber à propos, woher kamſt Du eigentlich. — Lieber Liljekrot,— ſagte der Diſtriktsrichter T—, ſetze Deine logiſchen Betrachtungen über das gebrochene Bein fort, und mache es jetzt nicht ſo, wie damals, als wir in Upſala lagen. — Was that ich denn damals? — Du kamſt nie zum Schluß. — T— hat Recht,— ſiel Lieukenant P—hjelm ein, der ein lebhafter und munterer junger Mann war, der aber auf der Bahn der Wiſſenſchaft es nie weiter, als bis zum Studenten hatte bringen können.* 3 — Damals,— fuhr er fort— als wir, die — Der Tod des Einen iſt des Andern Brod. — wir hier verſammelt ſind, noch heitere und luſtige Studenten waren, war es immer Liljekrok, der Ket tenſchlüſſe aufſtellte, und ich, der die Concluſion machte. — Es leben die alten Gewohnheiten und ein Hoch auf die alte fröhliche Zeit;— rief ein junger Mann, der in der königlichen Canzlei angeſtellt war. Alle mit einander füllten ihre Gläſer aus der rauchenden Vowle, die auf dem Tiſche ſtand und leerten ſie in einem Zug. Der Doctor war der einzige, welcher für die Er⸗ innerungen an die frühen fröhlichen Tage kein G fühl zu haben ſchien. — 5 7 Er ſaß da, ſchweigend, mit einer Stirne ſo fin⸗ ſter wie der Novemberhimmel, und einem Blick ſo ernſt, daß er für Alles, was Freude genannt werden kann, fremd ſchien. Als man getrunken hatte, hob Lieutenant P—hjelm wieder an: — Wenn Bergſtröm ſich nicht zu gleicher Zeit mit der Excellenz auf dem Wege nach W— befun⸗ den, hätte die Excellenz ihm nicht die Heilung ihres Bei⸗ nes zu danken gehabt, und hätte die Excellenz nicht ihr Bein gebrochen, ſo wäre unſer Doctor nicht mit ſo unerhörter Raſchheit auf der Bahn des Glückes vorwärts geſchoben worden. Ergo brachte das ge⸗ brochene Vein die Dankbarkeit der Excellenz mit ſich, und die Dankbarkeit recommandirte unſeren Freund in allen den Kreiſen, in welchen Se. Excel⸗ lenz ein Orakel iſt. Auf dieſe Weiſe hat der Ausgangspunkt, das gebrochene Bein, das Glück unſeres Freundes ge⸗ macht, ſo daß er jetzt von lauter Menſchen überlau⸗ fen wird, die— da haben wollen, daß er ihnen Arme und Beine, Finger und Zehen abſchneide. So geht es hier in der Welt; man bedarf immer einer Notabilität, die Einem in Schutz nimmt. Das Verdienſt an und für ſich macht kein Glück. — Wenn es ſo in Progreſſion fertgeht, ſo wird Bergſtröm binnen Kurzem einer unſerer geſchickte⸗ ſten Aerzte,— meinte der Diſtriktsrichter T—. — Der Eine macht ſein Glück mit dem Meſſer, — der Andere glaubt es— am Altare zu finden. Letzteres iſt der Fall mit Graf Stormhjelm. Näch⸗ ſten Sonntag ſollen er und Fräulein von Krug auf⸗ geboten werden. — Wer hat das geſagt?— fragte der Doctor. — Er ſelbſt;— aber eine teufelmäßig abſon⸗ derliche Verlobung iſt das geweſen,— fuhr der Lieutenant fort.— Ich komme in das Krug'ſche Haus und bin auch mit den Verlobten zuſammen geweſen, aber ich kann mich nie erinnern, ein Mäd⸗ chen geſehen zu haben, das einen Mann mit einer ſo in die Augen fallenden Kälte behandelt hätte, wie ſie Fräulein von Krug gegen Stormbjelm zeigte. Was noch ſonderbarer iſt,— ſie hat nie einen Verlobungs⸗ ring getragen. — Das klingt ganz romantiſch,— ſagte der könig⸗ liche Secretair Mondelſtjerna.— Ich kenne Storm⸗ hjelms Charakter ein wenig. Derſelbe iſt aus einer un⸗ bändigen Luſt zum Widerſpruch zuſammengeſetzt. Während ſeines Aufenthalts in Upſala war er ein verbiſſener Ariſtokrat, und nicht gerade aus Ueber⸗ zeugung, ſondern deshalb, weil das Anſehen des Adels unrettbar geſunken iſt. Allen jenen Ideen von angebornem Werthe und reinerem Blute, die man jetzt auslacht, huldigte er während ſie im geraden Widerſpruche mit der Auf⸗ faſſungsweiſe der Studenten ſtanden. Seine Mutter ſoll einmal geäußert haben:„Mein Sohn, werde nie ein Sclave Deiner Geburtsvor⸗ urtheile, ſondern bedenke, daß ſie nichts werth ſind, wenn ſie nicht von Tugenden und edlen Handlungen begleitet werden.“ Gleich wurde er der eifrigſte Vertheidiger dieſer Vorurtheile, und würde ſie ſicherlich zu ſeinen Haupt⸗ ideen gemacht haben, wenn die Liebe ihn nicht ge⸗ zwungen hätte, von ihnen abzuweichen. 6 — Es würde mich gewundert haben, daß er ſich jetzt mit einem Mädchen vom kleinen Adel verhei⸗ rathet, wenn Du nicht mitgetheilt hätteſt, daß ſie ihm mit abſtoßender Kälte begegnet. Er pflegte zu ſagen:„Wenn ich verliebt werde, dann wird es gewiß in ein Mädchen, welches mich verabſcheut. Es liegt ein Reiz darin, diejenige zu beſiegen, die ſich nicht übergeben will.“ Dieß ſind ſeine eigenen Worte. Der Widerſtand iſt die Macht, welche dieſen ſonderbaren Charakter vorwärts treibt. Während dieſes Geſprächs hatte der Doctor ſich ſchweigend in den Stuhl zurückgelehnt. — Jedenfalls iſt er ſiegreich aus dem Kampfe hervorgegangen, da das Aufbieten nächſten Sonntag ſtattfindet,— fiel der Kammerjunker ein.— Dar⸗ aus kann man den Schluß ziehen, daß„... — Er ſich verheirathet,— vervollſtändigte der Lieutenant lachend. Man füllte die Gläſer und trank auf das Wohl Liljekroks. In dieſem Augenblick trat der Bediente des Doe⸗ tors herein mit den Worten: — Ein Frauenzimmer wünſcht den Doctor zu ſprechen. — Richard ſtand auf und ſeine Gäſte ſchrieen durcheinander: — Der glückliche Richard! Er kann ohne Nach⸗ reden Frauenzimmer empfangen. — Was will ſie?— fragte ein Anderer. — Iſt ſie jung?— rief ein Dritter. — Iſt es eine Patientin, oder eine Flamme? .— erkundigte ſich ein Vierter. gcuchie——— 10 — Stille, meine Herren, fiel der Doctor ein, — erinnern Sie ſich, daß Jeder, der einen Arzt be⸗ ſucht, gegen alle Bemerkungen geſchützt iſt. Damit verließ er das Zimmer, während die An⸗ dern lachend behaupteten, daß die Stunde ſchlecht gewählt ſei zu einem Krankenbeſuch. Der Doctor war indeſſen in den Saal hinaus⸗ getreten und als er denſelben leer fand, wandte er ſich mit einer fragenden Geberde an den Bedienten. — Ich bat die Dame, in das Cabinet hinein⸗ zutreten,— antwortete Johann auf die ausdrucks⸗ volle Bewegung. Der Doctor legte die Hand an den Griff der Cabinetthüre und ſagte: — Iſt Licht darin? — Ich habe die Lampe hineingeſetzt. — Jetzt drehte Richard den Meſſinggriff um und ging hinein in das Cabinet. Die auf dem Tiſch ſtehende Laterne ließ die Gegenſtände im Halbdunkel. Der Schein derſelben war viel zu unzureichend, um dieſes mit dunklem Zeug tapezierte Zimmer zu erleuchten. Dieſes Zwielicht machte auch, daß der Doctor nicht ſogleich die Perſon entdeckte, die dort war. Ins Sopha zurückgeſunken ſaß ein Frauenzimmer, das den Hut abgenommen hatte und den Kopf ſo niedergebeugt hielt, daß der Doctor nicht unter⸗ ſcheiden konnte, ob ſie jung oder alt ſei. Sie blieb unbeweglich, obgleich der Eintritt des Doctors ihr nicht entgangen ſein konnte. — Richard trat näher zu ihr hin, indem er dachte: 11 5 Entweder iſt ſie ſehr krank oder ſehr unglücklich. Laut ſagte er: — Sie haben gewünſcht mich zu ſprechen. Die auf dem Sopha ſitzende Dame ſtand lang⸗ ſam auf und erhob ihren gebeugten Kopf, ſo daß ſie jetzt aufrecht gerade vor dem Doctor ſtand. Kaum waren die Augen des Doctors auf dieſes marmorbleiche, von Schmerz entſtellte Geſicht gefallen, als er vor ihr auf die Kniee ſtürzte, ihre eiskalten Hände ergriff und mit einer Stimme voll Angſt rief: — Albertine! O mein Gott, was iſt paſſirt? Ein Seufzer, welcher Alles enthielt, was ſie ſeit ihrer Trennung gelitten, arbeitete ſich aus ihrer gepeinigten Bruſt hervor. Sie beugte ſich zu ihm herab und flüſterte: — Alles hat mich verlaſſen, ſogar meine Seelen⸗ ſtärke; jetzt bin ich hier, um Deinen Schutz zu ſuchen. Der Doctor war ſo aufgeregt, daß er nicht zu antworten vermochte, er führte nur ihre Hände an ſeine Lippen. — Ich habe Widerſtand geleiſtet, aber vergebens. Ich habe gefleht, zu ihren Füßen,— es war gleich fruchtlos. Morgen beſtellen ſie das Aufgebot. — Nein, Albertine; nein, ſo weit ſoll es nicht kommen, rief der Doctor und ſtand auf. — Darum bin ich hier und gedenke nicht heim⸗ zukehren. Du biſt mein Beſchützer,— derjenige, welcher die Gewalt von mir abwehren ſoll, die man mir anzuthun beabſichtigt. Richard, wirſt Du mich auch verſtoßen? Albertine reichte ihm ihre Hände. Der Doctor 12 ergriff ſie wieder und drückte ſie an ſeine Lippen mit der ganzen Gluth der Liebe. Dann ſagte er mit ſeiner tiefen, ernſten Stimme: — Niemals, meine Geliebte, werde ich Dich verlaſſen, aber damit ich Dir nützen kann, mußt Du ſogleich heimkehren. — Verlange, daß ich ſterbe, Richard, aber ver⸗ lange nicht, daß ich zurückkehre!— rief Albertine und that einen Schritt gegen die Thüre.— Ich werde es Dir unmöglich machen, daß Du mich aus edlém Schicklichkeitsgefühle zu dieſer herz⸗ loſen Mutter zurückführſt. Ich werde mich vor Deinen Gäſten zeigen und meinen Namen und meine Ehre preisgeben. Alles kann ich opfern, nur Dich nicht. — Richt Deinen Namen, nicht Deine Ehre würdeſt Du dadurch bloßſtellen, ſondern die meinige. Höre mich darum, armes, unglückliches Kind, welches um meinetwillen ſo viel gelitten hat. Das Opfer, welches Du dich anbieteſt, mir zu bringen, kann ich nicht annehmen, weil ich dann eine ehrloſe verächtliche Handlung begehen würde. Du biſt, von Deiner Verzweiflung gejagt, hierher⸗ gekommen, um bei mir Schutz zu ſuchen, den ich, ohne meine Ehre zu beflecken, Dir nicht gewähren kann; ich werde Dir dagegen einen gewähren, welcher vor Gott und vor den Geſetzen gültig iſt. Schon bevor Du kamſt, hörte ich, daß Du am Sonntag aufgeboten werden ſollteſt, und mein Ent⸗ ſchluß war dann gefaßt. Ich that einen heiligen Schwur darauf, daß es nie ſo weit kommen ſollte. 13 Folge mir darum und kehre in Deine Heimath zurück. Dieſe Worte wurden mit einem Ausdruck in der Stimme geſagt, wie ihn nur die Liebe zu verleihen vermag. — Zu meiner Mutter!— rief Albertine. — Nein, zu Deinem Vater. — Ach! Richard, Du kennſt ihn nicht, wie ſchwach er gegenüber meiner Mutter, wie vergeßlich betreffs ſeiner Pflichten gegen ſeine Kinder er iſt. — Albertine! Habe Vertrauen zu mir, und glaube es, wenn ich Dir ſage: Ich werde Dir in ihm einen wirklichen Schutz geben. Wir wollen jetzt kurz darüber Rechenſchaft ab⸗ legen, was ſich ſeit der Reiſe nach Rönby zuge⸗ tragen.. Bei ihrer Ankunft in der Hauptſtadt hatte die Profeſſorin, trotz der beſtimmten Weigerung der Tochter, ihre Verlobung mit dem Grafen Storm⸗ hjelm proclamirt; der Machtſpruch der Mutter hatte indeſſen Albertine nicht dazu bewegen können, den Verlobungsring zu tragen, oder irgendwie ihr Be⸗ nehmen gegen den Grafen zu ändern. Sie war eiskalt und redete ihn nie mit einem anderen Na⸗ men an, als„Graf.“ Die Profeſſorin war aufgebracht und ſah der Ankunft des Sohnes in der Hauptſtadt mit innerer Verzweiflung entgegen, weil ſie genau wußte, daß 14 er mit der Schweſter gemeinſchaftliche Sache machen würde. Es ſchien indeſſen, als wenn die Profeſſorin Glück haben ſollte. Als der Profeſſor Anfangs October zurückkehrte, war Albert nicht mit ihm, ſondern war in Deutſchland geblieben und ſollte nicht vor Ende November nach Hauſe kommen. Man erwartete ihn täglich und darum hatte die Profeſſo⸗ rin beſchloſſen, daß das Aufgebot vorher ſtattfinde, damit der Schritt unwiderruflich gethan ſei. Ein heißer Streit hatte am obengenannten Don⸗ nerstag zwiſchen der Profeſſorin und Albertine ſtattgefunden; ein Streit, welchen das kalte, gefühl⸗ loſe Weib nicht mit Ruhe beſtehen konnte; denn die Tochter hatte zu ihren Füßen gelegen und ſie an⸗ gefleht, ſie nicht zu opfern; aber die Profeſſorin, welche einen Augenblick etwas Mitleid in ihrer Bruſt ſich bewegen fühlte, hatte doch, Dank ihrer Feſtigkeit, dad urch der Scene ein Ende gemacht, daß ſie der Tochter aufzuſtehen, auf ihr Zimmer zu gehen und dort zu bleiben befahl, bis die Mutter ſie rufen ließ. Nachdem Albertine ſie verlaſſen hatte, pries die Profeſſorin ihre eigene Seelenſtärke, welche es ihr nicht geſtattete, daß ſie ſich von ihrer Schwäche überrumpeln ließ, ſondern mit unerſchütterlicher Feſtigkeit auf das Ziel losging, welches ſie ſich ge⸗ ſteckt; ein Ziel, welches nur auf das Glück ihrer Tochter Bezug hatte. Wenn Albertine als ein halsſtarriges Kind ihr eigenes Wohl nicht verſtand, ſo war es ihre Pflicht als Mutter, ſich nicht durch unvernünftige Bitten dazu beſtimmen zu laſſen, daß ſie das vergaß, was das Glück ihrer Tochter erforderte. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe argumentirt und es ihr vollkommen gelungen war, ihre etwas aus dem Gleichgewicht gerathenen Gefühle zu beruhigen, war die Profeſſorin ganz mit ſich ſelbſt zufrieden, und dachte nicht ohne Befriedigung daran, wie es ihr jetzt geglürkt ſei, die Hoffnungen des Doctors ganz und gar zu vernichten, und zu gleicher Zeit zu zeigen, daß ſie die Herrſchende ſei, obgleich er keck genug geweſen, behaupten zu wollen, daß Alber⸗ tine ihr nicht gehorchen ſolle. Des Donnerstags empfing man immer Beſuche bei der Profeſſorin und obgleich Ihre Gnaden um keinen Preis haben wollte, daß man Albertinens verweintes Geſicht zu ſehen bekäme, ſo hatte ſie doch nichts dagegen, wenn einige ihrer Freundinnen ſie trotz dem ſchlechten Wetter beſuchen wollten. Der Wunſch Ihrer Gnaden wurde erfüllt; denn die Kammerräthin Solkrans und die Oberſtin Straal⸗ ſtierna kamen wirklich, obgleich es regnete und ſtürmte. — Wo iſt die kleine Braut?— — Albertine iſt ein wenig unwohl und muß ſich auf ihrem Zimmer halten,— antwortete die Profeſſorin. Gerade als die würdige Dame dieſes äußerte, ſchlich ihre Tochter die Treppe hinunter und verließ das elterliche Haus. Einſam, ohne daß ſie Jemand begleitete, war Albertine in Sturm und Regen fortgegangen, bis ſie vor Richards Thor ſtand. Ueber alles dies war Ihre Gnaden in voll⸗ 16 kommener Unkenntniß, als ſie da ſaß und plauderte mit der Oberſtin und der Kammerräthin, ſowie mit ein Paar anderen Damen, die etwas ſpäter ange⸗ kommen waren. — Nun, meine beſte Oberſtin, Du haſt wohl dieſen Sommer eine agreable Reiſe nach der Schweiz gemacht?— fragte eine der Damen. — Einen recht angenehmen Ausflug. Ich war in Geſellſchaft mit Deinem Sohn, beſte Sophie. Erwarteſt Du ihn bald zurück? Seik ihrer Rückkehr nach Schweden hatte die Oberſtin die Profeſſorin nicht getroffen. — Ende nächſter Woche. — Aber, meine ſüße Sophie, was ſagſt Du zu ſeiner Liebe zu jenem Mädchen da? Iſt das nicht eine ſeltſame Phantaſie von einem ſo jungen und verſtändigen Mann? — Von welcher Liebe ſprichſt Du?— fragte die Profeſſorin, welche an dem freudeſtrahlenden Ge⸗ ſichte ſah, daß ſie etwas Unangenehmes zu ſagen hatte. — Darüber kannſt Du unmöglich in Unkennt⸗ niß ſein, meine ſüße Sophie; aber vielleicht iſt es ein Geheimniß. Dein Sohn hat ſie, ſeit ſie von Schweden abgereist ſind, treulich begleitet. Die Urſache, warum er ſeinen Aufenthalt im Auslande verlängerte, war ja einzig und allein die, daß er ſie wieder hierher begleiten wollte. — Von wem ſprichſt Du?— Die Profeſſorin zog unmerklich die Augenbrauen zuſammen. — Du lieber Gott, ſollteſt Du, ſeine Mutter, K——— „ 17 die einzige ſein, welche nichts von ſeinem Verhält⸗ niß zu der jungen Jüdin, Mamſell Israeli, weiß? Das iſt das erſtemal, daß ich den Namen jener Dame höre,— antwortete die Profeſſorin ſtolz— und wahrſcheinlich gehört das Verhältniß zwiſchen meinem Sohn und ihr zu denjenigen, welche junge Leute in unſern verdorbene Zeiten aus Leichtſinn anknüpfen, die aber nicht gern vor den Eltern er⸗ wähnt werden. — Dasſelbe dachte auch ich, aber ich mußte in⸗ deſſen bald meine Meinung ändern, als ich bei un⸗ ſerem Zuſammentreffen in Berlin das junge Mäd⸗ chen in Geſellſchaft mit Deinem Manne ſah. Er ſchien ſich ſehr für ſie zu intereſſiren. — Mein Mann!— rief die Profeſſorin, und ſah die Oberſtin an, als wenn dieſe im Schlafe ge⸗ ſprochen. — Ja, der Herr Profeſſor ſelbſt, der ſonſt nie in Deinen geſellſchaftlichen Kreiſen erſcheint und nie mit einem Frauenzimmer ſpricht, ihn ſah ich, wie— er ſich ganz beſonders für Mamſell Israeli intereſ⸗ ſirte. Wir trafen uns mehrmals, aber ohne daß er mich wieder erkannte. Die Profeſſorin war dunkelroth geworden und ihre Lippen wurden ſo dünn, daß man ſie faſt nicht mehr ſehen konnte. — Aber alles dieß beweist eigentlich nur, daß mein Mann und mein Sohn die Geſellſchaft der Jüdin auf der Reiſe angenehm gefünden haben. Ich wenigſtens kann nicht daraus ſchl ießen, daß Albert ſolchen Perſon in irgend einem Verhältniß ſt h — Schwartz, Zwei Familienmütter. M. 2 — Ach, meine Freundin, Dein Raiſonnement iſt, wie immer, richtig, und ich würde auf dieſelbe Weiſe raiſonnirt haben, wenn nicht. Die Oberſtin machte eine Feltvoll Pauſe. — Wenn nicht?.... Die Profeſſorin rich⸗ tete ihre ſcharfen Augen mit einem Ausdruck auf die Freundin, welcher gar nicht freundſchaftlich war. — Wenn nicht der Zufall uns in der Schweiz zuſammengeführt und es mit ſich gebracht hätte, daß wir in demſelben Hotel wohnten. Mein Zim⸗ mer gränzte an das der Mamſell Israeli und wurde von demſelben durch ein dünne Thüre getrennt. Dieß hatte die Folge, daß ich eines Abends, ohne es zu wollen, eine Unterredung zwiſchen Deinem Sohn und der Jüdin mit anhörte. — Und dieſe Unterredung, wovon handelte ſie? — Von nichts mehr und nichts weniger, als von einem hohen Grade von Achtung und Zuneigung, ja Bewunderung von ſeiner und vieler Freundſchaft von ihrer Seite. Die Profeſſorin öffnete gerade die Lippen, um eine ſcharfe Antwort zu geben, als in demſelben Augenblick Graf Stormhjelm zugleich mit der alten Freiherrin G— eintrat. Durch dieſe neue Geſellſchaft wurde die Unter⸗ redung abgebrochen, und die Profeſſorin hütete ſich wohl, ſie wieder aufzunehmen. Der Graf blieb zurück, bis alle Andern die Pro⸗ feſſorin verlaſſen; denn ſie hatte ihm einen Wink gegeben. — Mein beſter Erik, Du biſt wohl ſo gut und kommſt morgen Vormittug hierher, da Du und mein 19 Mann mit einander zu Graf D— gehen und nach⸗ her Euch in ſeiner Geſellſchaft zum Paſtor begeben müßt, welcher um 11 Uhr zu treffen iſt. — Mit Mamas Erlaubniß dachte ich mich bei Ihnen zum Frühſtück einzuladen. — Du biſt mehr als willkommen. Um 10 Uhr Vormittags treffen wir uns alſo?— Sie reichte ihm die Hand. — Warum habe ich heute Abend Albertine nicht zu ſehen bekommen? — Weil ſie bis Morgen Abend ungeſtört zu ſein wünſchte. Wir thun am Klügſten, ihr ihren Willen zu laſſen. Wenn erſt das Aufbieten in Ord⸗ nung gebracht iſt, dann wird auch ihr Benehmen ein ganz anderes; das prophezeihe ich. — Ich rechne in Allem auf Mamas propheti⸗ ſchen Blick. — Und darin thun Sie Recht. Der Graf küßte ihre Hand und bot ihr Adieu; aber gerade als er gehen wollte, ſagte die Pro⸗ feſſorin: — Apropos, ich hörte heute Abend von einer Jüdin, einer Mamſell Israeli ſprechen. Kennen Sie dieſelbe? Was iſt das für ein Weſen? Sie iſt eine Art Künſtlerin, das heißt ſie zeichnet auf Stein und außerdem nimmt ſie von lebenden Perſonen Daguerreotypien auf. — Ja ſo und Jüdin? — Ja, eine ganz rechtgläubige Israelitin,— antwortete der Graf. — Du kennſt Sie? — Ein wenig.— Der Graf konnte ſich 2 6 ent⸗ — halten, unmerklich die Farbe zu ne aber Ihre Gnaden merkte das nicht.— Ich habe mich nur von ihr daguerreotypiren laſſen. — Und ihre Eltern, was für eine Sorte von Juden ſind die? — Sie ſind geſtorben. Der Vater ſoll mit ſei⸗ nem Laden von Polen hierher gezogen ſein. — Und jetzt wohnt ſie allein. — Ja, beinahe. Sie hat zwar eine alte Jü⸗ din, eine Vater⸗ oder Mutter⸗Schweſter bei ſich; aber die ſieht man nie. — Iſt ſie vermögend? — Das glaube ich nicht. Sie hat gewiß einen guten Verdienſt, aber ſie macht auch jedes Jahr eine Reiſe in's Ausland. — Iſt ſie ſchön? — Eine Frage, die ſchwer zu beantworten iſt; ſie iſt zu gleicher Zeit häßlich und ſchön. — So— o, gute Nacht! — Erlauben Sie eine Frage.— Der Graf rich⸗ tete ſein hellblaues Auge forſchend auf die Pro⸗ feſſorin. — Sollte irgend ein Gerücht zu den Ohren Mamas gekommen ſein, welches dieſe Fragen ver⸗ anlaßte. — Wos für ein Gerücht ſollte das ſein? — Im Falle, daß Mama nichts gehört hat, dann ſchweige ich. Der Graf verbeugte ſich, und Ihre Gnaden ließ ihn gehen. Ihr Stolz erlaubte ihr nicht, ihn zu fra⸗ gen, was er möglicherweiſe von Albert und der Jü⸗ din wiſſe. 21 Dieſe Nacht ſchlief Ihre Gnaden nicht. Gedan⸗ ken von höchſt unangenehmer Natur hielten ſie wach. Im Gedanken ging ſie die unglücklichen Schickſale durch, welche ſie verfolgten. Der Bruder hatte ſich mit einer Frau aus dem Volke verheirathet, die Tochter ſich in einen Mann aus dieſer Claſſe verliebt, und jetzt— um das Un⸗ glück voll zu machen, jetzt wurde ſie damit bedroht, die Tochter eines herumwandernden Juden zur Schwie⸗⸗ gertochter zu erhalten. O, es war wirklich mehr als hart, daß ſie, welche ſich etwas darauf zu gute that, in die Herzen der Kinder Verachtung gegen dieſe Emporkömmlinge niedergelegt zu haben, von der Schande getroffen werden ſollte, welche ſolche Verbindungen übereinſtimmend mit ihren Begriffen ihr zuziehen mußten— ſie, welche darauf gerechnet hatte, daß ihre Kinder ihr einen ehrfurchtsvollen Gehorſam ſchenken, daß ſie ſie für ein Orakel an⸗ ſehen würden, und daß ſie ſelbſt in ihrer Meinung ſo hoch ſtehen mußte, daß ſie in blindem Vertrauen ihren Willen zum Geſetz machen würden. Sie hatte ſich in ihren Erwartungen auf eine bittere Weiſe getäuſcht geſehen. Wie ungleich war nicht das Reſultat ihrer Erziehung gegen das, auf welches ſie gerechnet, geworden! Aber die Urſache, warum es ſo ausgefallen, konnte die Profeſſorin nicht finden. Statt ſie bei ſich ſelbſt zu ſuchen, forſchte ſie darnach bei ihren Kindern, und kam zu dem Schluß daß ihre Halsſtarrigkeit von einem ſchlechten Charakter, den ſie von dem Vater geerbt, herſtamme. Es iſt in der That erſtaunlich, wie ſchwer es im Allgemeinen den Menſchen fällt, die wahre Ur⸗ ſache der Ungelegenheiten in welche ſie gerathen, herauszufinden. Das kommt wohl daher, daß ſie nie ihre eigenen Fehler anerkennen wollten. Hätte die Profeſſorin genau über ſich ſelbſt nach⸗ gedacht, ſo würde ſie in dem unbändigen Eigenſinn und der unerſchütterlichen Feſtigkeit ihrer Kinder den Hauptzug in ihrem eigenen Charakter wiedererkannt haben. Nachdem ihr dieß klar geworden, hätte ſie die Frage aufwerfen ſollen: ob ſie die Behandlungs⸗ weiſe, welche ſie gegen ſie anwandte, für einen Cha⸗ rakter wie den ihrigen für zweckmäßig hielt— und die Antwort wäre verneinend ausgefallen. Sie beklagte ſich im Herzen darüber, daß ſie kein blindes Vertrauen zu ihren Entſchlüſſen hegten; daß ſie nicht ihr Urtheil ehrfurchtsvoll als das richtigſte anerkannten; aber ſie vergaß dabei, daß dem blin⸗ den Vertrauen, der wahren Ehrfurcht nie Furcht, Liebe zu Grunde gelegt werden muß. Die Furcht verjagt das Vertrauen und ſetzt Schrecken an die Stelle der Ehrfurcht. Was gebiert wohl die Furcht? Nun, ein ewi⸗ ges Bemühen, ſich jeder Unannehmlichkeit zu entziehen. Von ihr werden Unwahrheit, Heuchelei und Schleicherei großgezogen; während die Liebe die Mutter der Wahrheit, des Vertrauens und der Hoch⸗ achtung iſt. Ach, Ihr Eltern, die ihr Eure Kinder liebt und ſie zum Guten erziehen wollt, bedenket, daß Ihr mit einer wahren und wirklichen Zärtlichkeit weit mehr Gutes erzielt, als mit Strenge. 23 Opfert gern etwas von demjenigen Reſpect, auf welchen man ſonſt ſo viel Gewicht zu legen pflegt, um durch Liebe und Güte die edleren Inſtincte zu cultiviren, und zu dieſen gehört keinesweges die Furcht. Die Furcht iſt ein ſclaviſches Gefühl, welches mit einer ſelbſtſtändigen Denkungsart unvereinbar⸗ lich, und wird bei dem erwachſenen Menſchen leicht mit dem Verlangen, ſeinerſeits tyranniſch zu ſein, vertauſcht. Frau von Krug klagte in der Tiefe ihres Her⸗ zens darüber, daß ihre Kinder vor alle dem, was ſie hochachtete ſo wenig Achtung hatten. Sie vergaß dabei, daß, wenn man die Kinder an das Mißachten gewöhnt, ohne einen gültigen Grund anzugeben, warum man gewiſſe Dinge ver⸗ achte, man eigentlich nichts Anderes gethan hat, als der Seele die Gewohnheit einzuimpfen, keine Ach⸗ tung zu hegen; und dann nimmt die Mißachtung den Stempel eines Charakterzugs an, welcher für das ganze Leben einen Einfluß übt und bewirkt, daß man Alles, was Einem nicht gefällt, mit Ge⸗ ringſchätzung betrachtet. Die Profeſſorin ſah mit Beben dem Augenblick entgegen, wo ſie nicht im Stande ſein würde, den Sohn zu einer Partie nach ihrem Geſchmack zu zwingen, wie ſie es mit der Tochter gethan, und daß er gewiß nie von einer Verbindung, welche er beſchloſſen, abſtehen würde. Dieſe Gedanken verſcheuchten den Schlaf aus den Augen Ihrer Gnaden, und als ſie endlich ein⸗ ſchlief, träumte es ihr, daß ihr Sohn ſich mit einer in Lumpen gehüllten Bettlerin verheirathet, und ———— daß Graf Stormhjelm gerade in dem Augenblick, als der Pfarrer ihn mit Albertine traute, ſich in Doctor Bergſtröm verwandelte. Bei dieſem entſetzlichen Traum wachte die Pro⸗ feſſorin auf. Uhr am Freitag Morgen zehn Uhr ſchlug, trat der Graf in den Salon der Proſeſſorin. — Hat Mama meinen künftigen Schwiegervater davon unterrichtet, daß wir heute einander begleiten müſſen?— fragte der Graf während er mit der Prrfeſſorin frühſtückte. — Das that ich ſchon geſtern,— antwortete die Profeſſorin,— und jetzt bleibt nur übrig, ihm es mitzutheilen, wenn der Wagen angeſpannt iſt. Man beendigte das Frühſtück, der Graf und Ihre Gnaden gingen in's Cabinet und ſie ſagte mit ihrem kalten Lächel n, indem ſie auf ihre Uhr blickte: — 30 werde Befehl geben, daß man anſpanne. — Das iſt nicht nöthig; mein Wagen ſteht da draußen und wartet. — Dann werde ich durch Hans von Krug da⸗ von in Kenntniß ſetzen laſſen. Sie ſtreckte die Hand nach dem Glockenzug aus, ließ aber denſelben wieder los und ſtarrte mit Ueberraſchung die Perſon an, welche eben eintrat⸗ Es war der Profeſſor ſelbſt. Daß er, ohne dazu gezwungen zu ſein, ſich in den untern Zimmern zeigte, war etwas, das, ſeit e vor ſeidzwarig Jahren in den oberen Sto hinaufgezogen, nicht vorgekommen war. 25 — Sollte er verſtändig genug ſein, ſich für Al⸗ bertinens Verbindung mit Graf Stormhjelm zu in⸗ tereſſiren, ſo daß er von ſeinen tollen Grillen er⸗ wacht iſt!— dachte Ihre Gnaden. Der Profeſſor, ein langer, magerer Mann mit gebeugter Körperhaltung, ging dem Grafen ent⸗ gegen. Er blieb vor ihm ſtehen, ſchob die Brille näher an die Augen und betrachtete den jungen Mann mit inem kurzen, fremden Blick, worauf er ſagte: — Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen? Ich kann mich nicht erinnern, Sie, mein Herr, frü⸗ her geſehen zu haben. — Lieber von Krug,— ſiel die Profeſſorin mit ihrer ſcharfen und befehlenden Stimme ein,— Du biſt wirklich ſehr zerſtreut. Das iſt ja unſer künf⸗ tiger Schwiegerſohn, Graf Stormhjelm, den Du zum Pfarrer begleiten ſollſt, um ihn und unſere Tochter Albertine aufbieten zu laſſen. — Der Profeſſor drückte die Brille noch näher an die Augen, richtete ſich ein wenig auf und hu⸗ ſtete. Jaha, ja ſo, meine Süße, ſehr möglich; aber ich kann mich nicht erinnern, daß der Graf bei mir um die Hand meiner Tochter angehalten hätte; auch habe ich nicht meine Ciwilligung gegeben. Kann mich gar nicht darauf beſinnen, daß ich es gethan. — Der Graf hat meine Einwilligung und iſt auf Grund derſelben mit meiner Tochter verlobt. Ganz richtig, will es nicht beſtreiten, hm, hm, jaha, ſo war es; die meinige dürfte indeſſen vonnöthen ſein, was ich nicht anders glauben kann. 26 Jetzt hatte der Profeſſor ſich vollkommen empor⸗ gerichtet, und ſtand aufrecht vor dem Grafen. Er führte die rechte Hand über die Stirne, als wenn er etwas in ſein Gedächtniß zurückrufen wollte, und eine dunkelrothe Flamme lohte an ſeinen pergamentfarbigen Wangen empor, als die Profeſ⸗ ſorin mit ihrer zurechtweiſenden Stimme ſagte: — Ich kann nicht einſehen, warum der Graf es nöthig haben ſollte, ſich an Dich zu wenden, da er von mir das Verſprechen der Hand meiner Tochter erhalten. 3 Dieſe Worte ſchienen die Erinnerung, welche nur dunkel der Seele des Profeſſors vorgeſchwebt, geweckt zu haben; denn der Blick verlor wie durch ein Zau⸗ ber ſeinen zerſtreuten Ausdruck und haftete mit ruhigem Ernſt auf dem Grafen, während er, ohne ſeiner Frau zu antworten, zu dem ihm beſtimmten Schwiegerſohn ſagte: — Ich wünſchte zu wiſſen, wie es kommt, daß der Graf ſich nicht an mich gewandt hat? — Darum, Herr Profeſſor, weil Ihre Gnaden mir ſagten, daß der Profeſſor ſich nicht in Familien⸗ angelegenheiten miſche. — Ja— ha, das iſt vielleicht wahr genug, aber — aber, der Graf hätte ſich nicht von— von— von meiner Frau leiten laſſen—— da der Graf nicht wiſſen konnte, was ich von der Sache denke. Man darf nie in einem Satz am Hauptbegriff vorübergehen, wenn man den Satz conſtruiren will. Sie wollen ſich alſo mit meiner Tochter verheirathen? — Ja, wenn der Herr Profeſſor ſeine Einwilli⸗ gung zu der Verbindung mit dem Fräulein geben 65 27 — Was ſoll aber das heißen, von Krug? Wa⸗ rum miſcheſt Du dich in Dinge, die Dich nichts angehen?— rief Ihre Gnaden, blutroth vor Zorn und ganz außer Stande, ihren Aerger länger zu⸗ rückzuhalten. — Ja ſo, meine Süße, Du biſt es— man kann Dich, glaube ich, zu den untergeordneten Be⸗ griffsclaſſen rechnen, und darum ſei ſtill, meine Süße, während der Graf und ich den Hauptbegriff analyſiren. — Biſt Du denn ganz verrückt geworden?— rief Ihre Gnaden. — Hm, hm— möchte wünſchen, daß Du Schweigen beobachteſt, meine Süße.— Darauf wandte er wieder ſeine Blicke auf den Grafen. — Sie verlangen alſo meine Einwilligung zur Verbindung mit meiner Tochter? Ich beſinne mich, daß es ſo war. — Ja, Herr Profeſſor. Dieſe Einwilligung wird meine Zufriedenheit vermehren und mein Glück be⸗ ſtätigen. — Jaha— ſehr möglich; ſollte glauben, daß es jetzt iſt, wie es ſein ſoll; in der richtigen Ord⸗ nung aufgeſtellt. Herr Graf, dieſe Einwilligung kann ich Ihnen nicht geben. Dieſe Worte wurden nicht mit des Profeſſors gewöhnlicher Gelaſſenheit, ſondern mit klarer und beſtimmter Stimme ausgeſprochen. Die Profeſſorin trat ein Paar Schritte zurück, als wenn ſie vom Donner getroffen wäre, und der Graf wurde bleich, fragte aber mit gedämpfter Stimme: — Und der Grund dieſer Weigerung? Der Herr Profeſſor möchten mich darüber aufklären. — Ganz richtig. Jaha, ich habe zwei Gründe; pro primo will meine Tochter Sie nicht haben, und Pro secundo will ich nicht haben, daß ſie ſich mit Ihnen verheirathen ſoll. Ich habe ihre Hand einem Andern verſprochen. Der Profeſſor verbeugte ſich vor dem Grafen und wollte das Zimmer verlaſſen. Dieß ging weiter, als die Profeſſorin es zu ertragen vermochte. Sie ſtürzte hervor, ergriff den Arm ihres Mannes und rief vor Zorn zitternd; — Haſt Du nicht gehört, daß ich,— ich meine Einwilligung zu dieſer Verbindung gegeben; daß ich mein Verſprechen gegeben, daß der Graf meine Tochter erhalten würde, und daß ich will, daß dieſe Heirath ſtattfinde. — Jaha, meine Süße, das iſt ſehr möglich; ich glaube dies, aber da es Deine Tochter iſt, und nicht Du, die heirathen ſoll, ſo kann nichts daraus werden. Herr Graf,— fügte der Profeſſor mit mildem Ernſte hinzu— machen Sie es meiner Frau klar, daß Sie meine Tochter nicht gegen meinen und ihren eigenen Willen heirathen können, und daß Sie als ehrlicher Mann es nicht wollen. — Aber ich, ich habe wohl auch eine Stimme, wenn es meinem Kinde gilt. — Sehr wahr, ſehr wahr, meine Süße, aber vor dem Geſetz hat ſie keine Bedeutung. Jetzt, leben Sie wohl, Herr Graf; unter keiner Bedingung gebe ich meine Einwilligung zu dieſer Verbindung hörſt Du, meine Süße, unter keiner Bedingung. —* 80——* Damit verließ der Profeſſor das Zimmer und Profeſſorin blieb unbeweglich ſtehen. Die Stimme des Grafen weckte ſie. — Gnädige Frau, Sie hätten mich von der Denkweiſe des Profeſſors untetrichten und nicht in Hoffnungen einwiegen ſollen, die nie regliſirt werden konnen. Sie hätten dann mir den Schimpf und Ihnen die Demüthigung erſpart, gezwungen zu werden, zu ſagen, daß Graf Stormhjelm die Ver⸗ lobung mit Ihrer Tochter aufgehoben. Damit eilte der Graf aus dem Zimmer, und einen Augenblick darauf rollte ſein Wagen von dannen. Wären die Räder vom Wagen des Grafen über das Herz der Profeſſorin gegangen, ſie hätten keinen größeren Schmerz hervorbringen können, als der, welcher jetzt in ihrem Innern entſtand. In einem einzigen Augenblick waren ihre ſchön⸗ ſten Hoffnungen zerriſſen, vernichtet und ſie beſchimpft worden. Mitten in all dieſer Demüthigung ſpukten die Gedanken an den Sohn und die Jüdin. Sie hätte dieſe undankbaren Kinder zermalmen mögen, welche alle die Hoffnungen auf eine glänzende Stellung in der Geſellſchaft, welche ſie gehegt, zum Beſten gehabt hatten; welche ſie zum Gegenſtand des Geredes, vielleicht ſogar des Spottes machten. Sie fühlte, daß ſie Albertine die Demüthigung und den Spott, welchen ſie mit ihren Wünſchen ge⸗ trieben, nie würde verzeihen können. Sie empfand eine grenzenloſe Erbitterung gegen die Tochter. Ihre erſte Bewegung war, ſich der Thüre zu nähern, um zu ihr hinaufzugehen, aber ſie hielt ein und murmelte: — Nein, ich will, bevor ich ihr etwas ſage, erſt meine aufgeregten Gefühle zu beruhigen ſuchen. Ich werde mit der Unglücklichen und Kecken mit zermalmender Kälte und nicht unter dem Einfluß meines gerechten Zornes ſprechen. Ich werde ſie fühlen laſſen die ganze Wucht einer kalten und un⸗ verſöhnlichen Erbitterung und daß ſie ihre Mutter auf eine Weiſe beleidigt hat, die dieſe nicht verzeihen kann. Sie ſtreckte die Hand nach dem Glockenzug aus und läutete. Martha erſchien in der Thüre. — Höre mal, Martha? Hat ſie geſehen, ob Jemand heute oder geſtern den Profeſſor beſucht hat? fragte Ihre Gnaden, der es gar nicht in ihren Kopf wollte, daß Albertine ſich auf eigene Hand an den Vater gewendet haben ſollte, der nie zwei Worte auf einmal mit der Tochter geſprochen. Ihre Gnaden hatte angefangen zu befürchten, daß ihr Sohn an dem, was vorgekommen, ſeinen Theil gehabt. 6 — Ja, geſtern Abend, während Eure Gnaden Fremde hatten, ſah ich einen Herrn und ein Frauen⸗ zimmer die Treppe hinaufgehen. 6 — Kannte ſie dieſelben? — Ihn nicht ſo ganz, aber ſie erkannte ich an der Kleidung. — Nu— un, wer war es? — Fräulein Albertine, und er glich ——* W— 31 — Dem Diſtriktsrichter?— fiel die Profeſſorin mit bebenden Lippen ein. — Nein, Doctor Bergſtröm. — Ah!— rief Ihre Gnaden, und gab Martha ein Zeichen, das Zimmer zu verlaſſen. Als die Profeſſorin ſich allein befand, fing ſie an im Zimmer heftig auf⸗ und abzugehen, während folgende Worte ſich über ihre Lippen Bahn brachen: — 2h, ich hätte auf ihn Verdacht haben ſollen; ich hätte gegen dieſen Menſchen mit ſeinem artigen Benehmen und unerſchütterlichen Willen auf meiner Hut ſein ſollen. Dieſer Glücksritter, von dem ich mir hätte verſehen müſſen, daß er meine Pläne kreuzen würde! Ich hätte beſſer über meine ehrvergeſſene Tochter wachen müſſen! Und von Krug, welcher ſagte, daß er Alber⸗ tinens Hand vergeben hätte! Ihre Gnaden ſtammelte: — Warte, warte, Herr Doctor, es iſt nicht ge⸗ nug, daß Sie ſich die Einwilligung des Vaters er⸗ ſchwindelt haben, Sie ſollen ſich nicht mit einem Schatten von Ehre mit ihr verheirathen können, weil ich ſie in derſelben Stunde, wo ſie das thun, verſtoßen werde. Die Profeſſorin ging jetzt mit haſtigen Schritten durch den Saal und die Treppe hinauf direct zum Profeſſor. Sie öffnete die Thüre ganz weit und trat mit einer Haltung und einer Miene zu dem gelehrten Manne hinein, welche zeigten, daß ſie vollkommen zum Kampfe gerüſtet ſei. Sie fand ihn in ungewöhnlicher Gemüthsbe⸗ wegung im Zimmer auf⸗ und abgehend. Aus dem ganzen Ausſehen des alten Mannes konnte man ſchließen, daß er durch irgend eine ge⸗ waltſame Einwirkung von Außen aus der Welt in welcher ſeine Seele zu verweilen pflegte, herausge⸗ rückt und in eine ihm gänzlich unbekannte hineinge⸗ worfen worden ſei. Er glich einem Blinden, welcher ganz plötzlich ſein Geſicht wieder bekommen und verwirrt nach den ihm ganz unbekannten Gegenſtänden um ſich chaut. Als die Profeſſorin mit ſo vielem Geräuſch ein⸗ trat, wandte er die Augen nach ihr. Beim Anblick ſeiner Frau kam wieder jene dunkelrothe Flamme auf ſeinen gelblich bleichen Wangen zum Vorſchein, — Du dürfteſt es wohl nicht auffallend finden, wenn ich eine Erklärung über Dein Betragen ver⸗ lange, etwas, wozu ich das Recht zu haben glaube. — Ganz richtig, meine Süße; aber ich glaube auch eine Erklärung nöthig zu haben. Jaha, ſo iſt es. — Hör mal, von Krug, wann war es gebräuch⸗ lich, daß Du Dich in Dinge miſchteſt, welche mich allein angehen, und in welchen ich allein mitzu⸗ ſprechen habe. Darf ich wiſſen, wann dieſer Ge⸗ brauch eingeführt wurde? — Jann mich nicht erinnern, daß es irgendwo geſchrieben ſteht, ein Vater ſolle nichts mit ſeinen Kindern zu thun haben. Weiß nichts davon, daß ich je ſo etwas geleſen habe. Seit geſtern Abend glaube ich klar einzuſehen — — wie Unrecht es iſt, ſo ganz und gar zu vergeſſen, daß man Vater iſt, weil das Kind das Unglück hat, dem weiblichen Geſchlecht anzugehören. Auch die Vernunft ſagt mir, daß man einem Weibe nie unumſchränkte Macht einräumen darf, denn dann geſchieht, was hier geſchehen iſt, es miß⸗ braucht dieſelbe, und wird eine grauſame und tyran⸗ niſche Deſpotin. Jaha, meine Süße, ſo iſt es. — Kann ich erfahren, wer jener friedliebende Menſch iſt, welcher dadurch, daß er Deine Gedanken auf dergleichen Sachen brachte, Dich dazu verleitete die albernſte Handlung von der Welt zu begehen, nämlich die Verlobung bei dem Aufgebot aufzugeben, wo Jedermann doch weiß, daß die Verbindung ſo nahe bevorſtand? Höre Du, ich will den Namen jenes Elenden wiſſen, der einen Narr, wie Du es biſt, in Harniſch gegen ſeine Frau bringt. Der Profeſſor richtete ſich empor und heftete einen klaren und feſten Blick auf ſeine zärtliche Chehälfte. — Weib, ich habe Dein Regiment ſatt, ſtimme deßhalb den Ton herunter! Pu biſt eine ſchlechte und harte Mutter, die Du Dein Kind gegen ſeinen Willen zu einer Heirath zwingen willſt, und das hat meinen Aerger, meinen Zorn erregt, weil ich alle Bedrückung verabſcheue. Der Menſch wird frei geboren, und Niemand hat ein Recht, den Andern zu unterdrücken. Das haſt Du thun wollen, und darum ſage ich Dir jetzt: Weib, Deine Regierung über Dein Kind iſt zu Ende, das Mädchen ſteht unter meinem Schutz und Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 3 34 ich habe meine Einwilligung zu derjenigen Wahl eines Gatten gegeben, welche ihr Herz getroffen. Die Profeſſorin trat dem Manne einen Schritt näher und ſagte mit einem unheilverkündenden Aus⸗ druck: — Und dieſe Wahl iſt auf Doctor Bergſtröm gefallen? — Jo, auf einen jungen Mann, welcher meine ganze Achtung beſitzt, und welcher mir vor die Augen gehalten hat alle die Pflichten, die ich ver⸗ geſſen und alle die Macht, der ich mich begeben, ohne zu ahnen, daß Du dieſelbe ſo grenzenlos mißbrauchteſt. — Und Du, ein von Krug, ein Edelmann, und mit einem Frauenzimmer von einer alten, geachteten Familie vermählt, Du willſt Deine Tochter mit dem Sohne Deines Gärtners verheirathen? — Jaha, ganz richtig, der Vater meines Groß⸗ vaters war Gärtner, und das hinderte nicht meinen Großvater, Hofgerichtsaſſeſſor zu werden; ſo, meine Süße, iſt die Sache abgemacht. Der zerſtreute Blick des Profeſſors ſchien zu erkennen zu geben, daß es ſeinen Gedanken ſchwer fiel, länger bei den Gegenſtänden, von welchen man ſprach, zu verweilen. — Aber ich, ich Sophie Quickfelt, ſage, daß dieſe Verbindung nie ſtattfinden wird, daß meine Tochter es nicht wagen ſoll, verſtehſt Du, ſich ohne meine Einwilligung zu verheirathen. Und ich werde ſie lehren, mir zu trotzen. Die Profeſſorin ſtand im Begriff das Zimmer zu verlaſſen, aber ihre durchdringende Stimme und von einem raſenden Zorne zeugenden Worte riefen 35 den Profeſſor in die Gegenwart zurück und erinnerten ihn an den Schutz, weichen er ſeiner Tochter zu⸗ geſagt. Er legte darum ſeine magere Hand auf ihren Arm und hielt ſie zurück. In den tiefliegenden Augen blitzte es von Zorn und er ſagte langſam: — Laß das Mädchen in Frieden; ich will es. — Du willſt es! Ihre Gnaden hohnlachten. — Reize mich nicht, Weib, ſondern höre mich an! ich habe bereits zu viel Zeit auf Dich ver⸗ ſchwendet. Falls Du fortfahren willſt, allein Dein Haus zu regieren und ſo viel Geld zu erhalten, wie Du nöthig haſt, ſo kann das nur dadurch geſchehen, daß Du das Mädchen in Frieden läßt. Sollteſt Du Deine wilde Laune gegen ſie los⸗ aſſen, dann wird es zu Ende ſein mit Deiner acht, und ich gebe Dir nicht zwei Heller. Jetzt will ich allein ſein. Damit ſchob er ſie vor die Thüre und drehte den Schlüſſel hinter ihr um. Als er ſich wieder allein befand, that er einen tiefen Seußzer als wenn er ſich erleichtert fühlte, und murmelte: — So kann ich denn in Ruhe zu meinen lieben Büchern zurückkehren. Hm, hm, eine entſetzliche Ge⸗ chichte mit dem Weibervolk! Hm, hm, pollte ich vielleicht zum Mädchen hineingehen, möchte gern alles Kopfzerbrechen los Jaha, hm, hm, will doch mal nach ihr ſehen, nachdem ich ſo lange vergeſſen, daß ſie mein Kind iſt. 6 36 Unter dieſen Betrachtungen ſetzte er ſich doch an ſeinen Schreibtiſch und dort fielen ſeine Augen auf ein aufgeſchlagenes Buch. Es war ein nagelneues philoſophiſches Werk. Beim Anblick deſſelben wurde die Verſuchung zu ſtark. Er guckte die erſte Seite an, und dann war es vorbei mit allen andern Gedanken; einen Augenblick darauf hatte er ſich in das Leſen des intereſſanten Werkes vertieft. Ihre Gnaden ſelbſt glaubte einen Augenblic, daß ſie vom Schlag gerührt werden würde, als ſie ſich außer der Thüre ihres Mannes befand und hörte, wie der Schlüſſel zweimal umgedreht wurde. Schwache Nerven waren nicht ihr Fehler; im Gegentheil. Auch blieb ſie nicht ſtillſtehen, ſondern ging mit haſtigen Schritten die Treppe hinunter. Als ſie an dem Zimmer ihrer Tochter vorbeipaſ⸗ ſirte, hielt ſie an und ſchien geſonnen zu ſein, zu ihr hineinzugehen; aber ſie beſiegte ſofort dieſe Luſt ſetzte ihren Weg nach den unteren Zimmern ort. Dort angekommen klingelte ſie. Martha trat ein und Ihre Gnaden gab Befehl, daß der Bediente zu Doktor Bergſtröm gehen und ihn bitten ſolle, ſo bald als möglich Ihre Gnaden zu beſuchen. Der Bote kam wieder und ſagte, daß der Doktor ausgefahren ſei, daß aber der Bediente des Doktors ihn von dem Wunſche Ihrer Gnaden in Kenntniß ſetzen würde. 37 Die Profeſſorin gehörte nicht zu denjenigen, welche zu warten gewohnt waren, wenn ihre Gefühle auf⸗ geregt waren. Sie mußte denſelben auf irgend eine Weiſe Luft zu machen ſuchen. Auch hatte der Bote kaum des Bedienten des Doktors erwähnt, als Ihre Gnaden mit einer ver⸗ ächtlichen Kopfbewegung ausrief: — Hat der Menſch einen Bedienten? — Ja, Eure Gnaden, und auch einen eigenen Wagen. — Herrlich! Laß mal dem Gärtner ſagen, daß ich mit ihm ſprechen will. Einige Augenblicke darauf trat ein hoher, breit⸗ ſchultriger und ſtark gebauter Greis von ungefähr ſechzig Jahren ein; ſein langes, ſchneeweißes, lockiges Haar fiel um das wirklich ſchöne, ehrwürdige Ge⸗ ſicht herab, in welchem jeder Zug Redlichkeit und einen hohen Grad von Charakterſtärke ausdrückte. Er war in einen einfachen blauen Rock gekleidet; derſelbe war ſauber, gab ihm aber das Ausſehen eines Handwerkers. Der Greis machte eine leichte Verbeugung vor Ihrer Gnaden; ohne eine Frage hinzuzufügen, blieb er ſchweigend und aufrecht ein Stück von der Thüre ſtehen. — Ich habe Sie rufen laſſen, um ein Geſpräch wieder aufzunehmen, das wir im Herbſte hatten, und wodurch wir zu keinem Reſultat gelangten— näm⸗ lich in Beziehung auf Ihren Wegzug. Ich wünſche, daß Sie meinen Dienſt verlaſſen. — Eure Gnaden haben mir das einmal früher geſagt; und was ich damals antwortete, ontworte 38 ich jetzt. Wenn der Contract zwiſchen uns zu Ende iſt, ziehe ich fort; bis dahin bleibe ich auf meinem Platz. Der Contract iſt übrigens vom Profeſſor unterſchrieben und kann nur durch ihn gekündigt werden. — Aber ich bin es, welche Sie engagirt hat, und wenn ich unzufrieden bin, dann habe ich ein Recht, Ihnen zu kündigen. — Das haben Eure Gnaden gewiß; aber dazu iſt zuerſt erforderlich, daß die Kündigung zu der in dem Contract beſtimmten Zeit geſchehe oder wenn der Contract abgelaufen iſt und erneuert werden ſoll, ſowie daß die Kündigung durch den Profeſſor ge⸗ ſchieht. — ohr Contract wird mich alſo binden, Sie gegen meinen Willen zu behalten? — Ja, ſofern Eure Gnaden nicht beweiſen kön⸗ nen, daß ich das, was mir obliegt, verſäumt oder mich dagegen verſehen habe. Dieß können Eure Gnaden nicht. — Aber wir können durch eine Uebereinkunft den Contract aufheben, ſollte ich meinen. — Gewiß können ich und die Profeſſorin ihn durch eine ſolche aufheben, aber ich bin zu einem ſolchen Handel nicht geneigt. Ich habe Alles er⸗ füllt und werde Alles erfüllen, was mir der Con⸗ tract auferlegt, und bleibe auch auf meinem Platz, bis jener abgelaufen iſt. S O — Aber wenn ich Ihnen eine ſo große Summe, wie Sie verlangen, dafür gebe, daß Sie meinen Dienſt verlaſſen wollen Sie dann auch nicht darauf eingehen? — Nein! Ich bin nicht der Gärtner Eurer Gna⸗ den aus Noth, brauche deshalb nicht meine Rechte zu verkaufen und gedenke es auch nicht zu thun. Dieß iſt mein feſter Entſchluß, und davon weiche ich nicht ab. Gibt es noch etwas Weiteres, was Eure Gnaden wünſchen? — Sie können gehen. Ihre Gnaden war nahe daran, vor Aerger zu erſticken, und ſie brannte vor Ungeduld, all' ihrem Zorne gegen den Urheber deſſelben, den verhaßten Doktor, Luft machen zu können. Aber eine Stunde nach der andern verlief, und kein Doktor kam. Als die Uhr ſieben ſchlug, dachte Ihre Gnaden mit heimlichem Triumphe: — Der elende Feigling, welcher den Frieden in meiner Familie geſtört und Mann und Kind gegen mich aufgewiegelt hat, wagt ſich nicht hierher. Nein, er ſchämt ſich und ſürchtet ſich, mir, die er ſo ent⸗ ſetzlich beleidigt hat, zu begegnen.. In demſelben Augenblick meldete der Bediente: — Doktor Bergſtröm! — Bitte den Poktor einzutreten; ich bin nachher für Niemanden zu Hauſe,— antwortete Ihre Gna⸗ den, noch mehr darüber aufgebracht, daß der Doktor kam, als ſie den Augenblick vorher über ſein Aus⸗ bleiben triumphirt hatte; denn ſie konnte ihn jetzt nicht als feig verachten. Der Doktor trat ein. Sein Geſicht war ernſt, ſein Gruß artig, aber kalt. Es lag Etwas in dem ganzen Weſen dieſes Mannes, welches Ihrer Gnaden imponirte, und ge⸗ rade das vermehrte noch ihre Erbitterung. Mit ſeinen klaren, tiefblauen Augen beherrſchte er ſie dergeſtalt, daß ſie, trotz ihrem aufgeregten Gemüthszuſtand, doch die gewöhnliche äußere Höf⸗ lichkeit gegen ihn beobachten mußte— Etwas, wozu ſie ihn gar nicht für berechtigt hielt. Es lag in dem ganzen äußeren Menſchen des Doktors ein ſo unverkennbares Gepräge der Seelen⸗ größe, daß alle ſeine den Stempel der⸗ ſelben trugen. Auf der ſtolzen, hohen Stirne thronte eine edle Würde. Schweigend hatte der Doktor Ihre Gnaden be⸗ grüßt und zwang ſie durch ſein Schweigen, ihn an⸗ zureden. — Ich brauche Ihnen wahrſcheinlich nicht zu ſagen, warum ich eine Unterredung mit Ihnen ver⸗ langt habe,— begann Ihre Gnaden und machte mit der Hand eine Bewegung, daß er ſich ſetzen möchte. — Ich habe wirklich dieſe Vorladung von Eurer Gnaden erwartet,— antwortete der Doktor kalt. — So— o, Sie haben dieſelbe erwartet? In den Augen Ihrer Gnaden blinkte es. Der Doktor machte eine ſtumme Verbeugung. — Ihr Gewiſſen ſagte Ihnen alſo, daß Sie beſchimpft hatten, und daß ich von Ihnen Ge⸗ nugthuung fordern würde. — Nein, gnädige Frau, mein Gewiſſen hat mir nichts geſagt, als daß ich recht gehandelt. Mein Verſtand läßt mich dagegen einſehen, daß Sie viel⸗ — 41 leicht eine Erklärung haben möchten, und die bin ich bereit Ihnen zu geben. — Und wäre dieſer Mann von meinem eigenen Blute, er könnte nicht ſtolzer ſein, als er iſt,— dachte Ihre Gnaden.— Dieſer Stolz iſt bei ihm Unverſchämtheit. Laut bemerkte ſie: — Welchen Namen werden Sie einem Manne beilegen, welcher weiß, daß die Mutter des Mäd⸗ chens, welches es ihm gelungen iſt zum Ungehorſam und Vergeſſen ihrer Pflichten zu verleiten, nie ſeiner Liebe ihren Beifall ſchenken wird, und trotzdem dieſe in ſeinem Herzen nährt und ſich durch Eigennutz oder Leidenſchaft zu der ſchmutzigen Handlung ver⸗ führen läßt, den Mann gegen die Gattin aufzu⸗ reizen,— Uneinigkeit zwiſchen zwei Eheleuten zu ſäen und durch ſeine Intriguen zu einem empören⸗ den Skandal Anlaß zu geben? Sagen Sie, glauben Sie wirklich, daß er Anſpruch darauf machen kann, für einen ehrlichen Mann gehalten zu werden? — Nein, ein Mann, welcher ſich zu ſo elenden Handlungen hergäbe, wäre ein ſchlechter und ver⸗ ächtlicher Menſch. Aber, gnädige Frau, der Mann, welcher mit einer reinen, tiefen und ernſten Liebe ein Mädchen liebt und dem ſich als einziges Hin⸗ derniß ein Haufen Vorurtheile entgegenſtellt— der beſitzt das Recht, ſeiner Liebe treu zu bleiben, wenn er ſich auch im Abſtande hält; aber ſollte die Mutter ſich ſogar ſo weit vergeſſen, daß ſie den Gefühlen der Tochter Gewalt anthun wollte, ſie zwingen, einen Andern zu heirathen, welchen das Mädchen verab⸗ ſcheut, und ſie dadurch zu einer der unnatürlichſten 42 und unmoraliſchſten Handlungen im Leben vermö⸗ gen,— dann, gnädige Frau, erfüllt er ſeine Pflicht, wenn er es verſucht, in dem Vater dem armen Kinde einen Beſchützer zu verſchaffen; und dieß iſt, meine gnädige Frau, zu handeln wie ein Mann von Ehre. — Ah, mein Herr, Sie ſcheinen mir eine mora⸗ liſche Vorleſung halten und Ihr ſchlechtes Be⸗ nehmen durch Ihre zierlichen Worte beſchönigen zu wollen. Glauben Sie doch nicht, daß ich mich dadurch irre machen laſſe. Sie haben trotz Ihrer ſtolzen Worte auf Rönby eine heimliche Verbindung mit meiner Tochter unterhalten und ſie zu einem Wi⸗ derſtande gereizt, den ſie nie ohne Sie zu zeigen gewagt hätte. Sie haben nachher mit der Keckheit eines Aben⸗ teurers ſich bei meinem Manne eingeniſtet und ihn bis dahin bethört, daß er eine Verbindung vernich⸗ tete, welche die Zukunft meiner Tochter geſichert hätte, während ſie jetzt, wo ſie, Dank Ihrer Für⸗ ſorge, abgebrochen iſt, eine Quelle übler Nachrede werden möchte. Ah! Sie glauben vielleicht auf dieſe Weiſe und durch den Beiſtand meines Mannes, es ſo einrichten zu können, daß meine Tochter, um ihre Ehre zu ret⸗ ten, keinen andern Ausweg hat, als ſich mit Ihnen zu verheirathen. — Wieder haben Eure Gnaden den Weg des Irrthums betreten. Ich habe keine Verbindung mit dem Fräulein unterhalten. Seit der Abreiſe von Rönby bin ich weder in ſchriftlicher noch mündlicher Berührung mit ihr geweſen. 43 Ich hatte ein heiliges Gelübde gethan, ſie durch keinen Schritt, wie unſchuldig derſelbe auch ſein möchte, bloßzuſtellen, und dieſes Gelübde habe ich gehalten. Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche ihr Wort brechen, und ich bin zu beſorgt um die Ehre des Weibes, welches ich einſt hoffe meine Frau nennen zu dürfen, als daß ich gedankenlos mit derſelben ſpielen ſollte. — Wiſſen Sie was, Ihre Worte ſind in dem Grade unverſchämt, daß ſie ſich nur mit der Scham⸗ loſigkeit vergleichen laſſen, womit Ihr Vater ſich weigerte, meinen Dienſt zu verlaſſen. Sie wollen vielleicht beſtreiten, daß Sie meine Tochter dazu überredet haben, Sie zu beſuchen, daß ſie und Sie heimliche Zuſammenkünfte gehabt. Ein leichtes Zucken der Augenbrauen des Dok⸗ tors war die einzige Wirkung, welche dieſe Worte hervorriefen, und ohne ſich darum zu kümmern, hob er wieder an: — Eure Gnaden ſagen, daß ich ſuchen will, durch Skandal mir die Hand Ihrer Lochter zu er⸗ zwingen, aber Sie haben Unrecht, wenn Sie das behaupten. Wenn ich das gewollt, ſo hätte ich ganz anders gehandelt und glauben Sie mir, unter zehn Män⸗ nern würden vielleicht neun ſich nicht beſonnen haben, ſich ſeiner Vortheile zu bedienen, um eine ſtolze und harte Mutter zu demüthigen. Ihre Tochter möchte ſich eines Fehlers ſchuldig gemacht haben, welcher es auch ſei, ſo hatte ſie einen Grund dazu; aber Sie hätte man mit Recht 44 als die Urheberin anklagen können. Sie haben durch Ihre Tyrannei und Härte ſie zur Verzweiflung ge⸗ trieben, und ſie ſo unglücklich gemacht, daß ſie kei⸗ nen andern Ausweg hatte, als zu mir zu fliehen, um Schutz gegen die Gewalt zu ſuchen, welchen ihre Mutter ihren Gefühlen anthun wollte. — Ja ſo, es war ſie, welche Sie um Hülfe anging? rief die Profeſſorin mit glühenden Wangen. — Nachdem ſie vergebens zu den Füßen ihrer Mutter gebettelt, flüchtete ſie aus dem Elternhaus zu mir. Die Profeſſorin fuhr zuſammen und wurde bleich wie der Tod. Der Doctor fuhr fort. — Ihre Tochter hat ſich unter meinem Dach aufgehalten, ich habe ſie in meiner Gewalt gehabt; aber ich liebte ſie zu ſehr, um ſie nicht zu ehren und zu bewundern für das Vertrauen, das ſie mir zeigte, und dieſes machte ſie heilig in meinen Augen. Ich hieß meine egoiſtiſchen Paſſionen ſchweigen, und führte ſie zurück zu dem geſetzlichen Beſchützer ihrer Rechte, indem ich das Fräulein den Händen ihres Vaters anvertraute. Er war es, welcher über ſie wachen und ſeiner Tochter eine Freiſtätte geben mußte gegen alles Ver⸗ gewaltigen ihrer Gefühle; dazu war der Vater durch Natur und Geſetz berechtigt. Sie können alſo nicht behaupten, daß ich auf irgend eine Weiſe die ſtrengſten Forderungen der Ehre übertreten. — Und ſtreng ehrlich war es wohl auch, daß 4⁵ Sie mich in eine feindliche Stellung zu meinem Manne brachten? Sie glauben wohl, daß Sie meine Tochter heirathen können, weil Sie ſeine Einwilligung erhalten? Sie glauben der meinigen entbehren zu können? — Nein, dazu bin ich zu gewiſſenhaft und zu ſtolz. Der Doctor ſtand auf. — Bevor Sie mir nicht freiwillig die Hand Ihrer Tochter geben, wird ſie nicht meine Frau werden. Dieß iſt ein Verſprechen, welches ich ge⸗ macht, weil ich nicht Jemanden, die ich liebe, dazu verlocken will, die heiligſte unter allen Pflichten zu übertreten: diejenigen eines Kindes gegen ſeine Mutter. Und jetzt, da ich mein Betragen erklärt habe, dürften Euer Gnaden mir erlauben, daß ich mich entferne. Meine Gegenwart iſt für einen Patienten, den ich heute operirt habe, nothwendig. — Gern, mein Herr; ich will Ihnen blos ſagen: Noch nie bin ich meinem Worte untreu geworden, und hoffe darum nicht, daß es jetzt der Fall ſein wird. Ich habe es einmal geſagt und wiederhole es: Meine Tochter wird nie Ihren Namen tragen, nie Ihre Frau werden. — Dann wird ſie unverheirathet bleiben; denn ſie wird nie den Namen eines Andern tragen, nie einem Andern als Gattin ge⸗ hören. Ich bin deſſen ebenſo ſicher, daß ich einſt mit Ihrer Einwilligung Albertine zum Altare führen werde, wie daß ich jetzt vor Eurer Gnaden ſtehe. 46 — Und ich ſollte dadurch nahe verwandt mit meinem Gärtner werden! Ah! mein Herr, Sie ſind wahnſinnig. Nein, nähren Sie nicht eine ſo wahn⸗ witzige Hoffnung. Sie ſind die Urſache, daß ich da⸗ von habe abſtehen müſſen, Graf Stormhjelm zum Schwiegerſohn zu bekommen, und dies, mein Herr, werde ich Ihnen nie verzeihen, deßhalb nie aufhören Sie zu haſſen. — Ich werde eines Tages Eure Gnaden dazu bewegen, Ihren Haß zu vergeſſen, und mir Ihre Hochachtung zu ſchenken. Der Poctor verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Als ver Doctor von der Profeſſorin heraus⸗ gekommen war, ſtand er einen Augenblick unentſchloſſen und im Zweifel. Er warf einen Blick nach der Treppe, welche zu den Zimmern des Profeſſors und dem Albertinens führte, als wenn er hinaufgewollt hätte; aber dieſer Zweifel dauerte nur einen Augenblick. Dann ging er raſch hinaus in den Hof, aber ſtatt den Weg nach dem Thore zu nehmen, wandte er ſeine Schritte nach dem Garten. Rechts, gleich innerhalb des Gartengitters, lag ein kleines rothes Gebäude, das von dem Gärtner bewohnt wurde. Dahinein ging der Doctor, öffnete die Thüre und trat in ein großes Zimmer. Im Ofen brannte ein luſtiges Feuer und vor demſelben ſaß in einem altmodiſchen Fauteuil der Gärtner Bergſtröm. 47 Er war damit beſchäftigt, auf einem Tiſche, der vor ihm ſtand, eine Menge Samen zu ſortiren. Das Meublement des Zimmers beſtand aus einem altmodiſchen Bett mit carrirten Vorhängen, einem ebenfalls alten Eckſchrank voll von Schubladen, auf welchen Etiquetten befeſtigt waren, auf deren Namen die darin enthaltenen Samenſorten ſtanden. Eine Kuckukuhr ſtand an der Thüre. Die Fenſter waren mit Blumentöpfen angefüllt. Der Gärtner war ohne Rock, trug aber unter der Weſte eine ſchneeweiße Jacke und hatte eine reine blaue Leinwandſchürze vorgebunden⸗ Als der Sohn die Thüre öffnete, erhob Berg⸗ ſtröm ſeinen Kopf und blickte den Eintretenden an. — Ja ſo, biſt Du es, Richard?— ſagte er und nickte dem Sohne freundlich zu.— Ein reg⸗ neriſches und windiges Wetter heute Abend!— fügte er hinzu und zeigte auf den naſſen Ueberrock des Sohnes, den dieſer ausgezogen hatte. Nachdem Richard Handſchlag mit dem Vater ausgetauſcht, zog er einen Stuhl zu dem Tiſche hin, und ſetzte ſich gerade vor ihm. — Papa, ich komme direct von der Profeſſorin, — begann Richard. — Biſt Du ihr Arzt? wenn das der Fall iſt, ſo gib der Hexe etwas, das ihren Hochmuth dämpft. Sie iſt ein wahrer Satan, aber mit mir kommt ſie nicht weit. Sie hat es zwar ein paarmal verſucht, aber das hilft ihr nichts. Hat ſie Dich hierher ge⸗ ſchickt damit Du mich bitteſt, zum Teufel zu gehen. — Nein, durchaus nicht; ich bin nicht dazu ge⸗ ſchaffen, eine derartige Commiſſion auszurichten. 48 — Wenn Du etwas von meinem Korn in Dir haſt, dann wird man nicht ſo leicht mit Dir fertig werden. Aber zum Teufel, was iſt in das Weib gefahren, daß ſie mich ſo raſch zum Thore hinaus⸗ jagen will? — Die Urſache muß Papa mir zuſchreiben. Sie iſt gegen mich aufgebracht. Der Alte betrachtete den Sohn durch die Brille mit einem feſten Blick. — Nun, was haſt Du ihr gethan? 8 — Ich liebe ihre Tochter. — Junge, biſt Du toll!— rief der Vater und ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch, daß die Samenkörner herumhüpften.— Haſt Du auch Luſt bekommen, wegen eines ſolchen hoffärtigen Packs Dein Glück und Leben zu verſpielen? Ich denke, wir haben ihnen genug gezahlt; das könnte jetzt zu Ende ſein. — Laß uns meine Liebe und deren Gegenſtand bei Seite laſſen; und glaube mir Papa, ich gehöre nicht zu denjenigen, welche es zugeben, daß der Hoch⸗ muth Anderer ihnen Unglück verurſache. Ihr Hochmuth iſt dadurch tödtlich verwundet, daß ich die Keckheit habe, ſie als meines Gleichen zu betrachten. Alle, welche mit mir verwandt ſind, haßt ſie, und darum komme ich, um noch eiymal zu fragen: Warum ſoll Papa, der es nicht nlhig hat und ein ganz hübſches Vermögen beſitzt, fortfahren von Anderen abhängig zu ſein, während doch Papa ein unabhängiges und ruhiges Leben i Alter führen könnte. Derjenige, welcher ſein ga Leben gearbeitet und geſtrebt hat, der hat wahrli — 49 das Recht, im Alter die Früchte davon zu genießen. Ich kenne Niemand, der mehr dazu berechtigt wäre, als Papa. Warum ſich zum Sklaven der Launen und des Hochmuths der Menſchen machen, wenn man bequem leben kann, wenn auch nicht bei mir, deſſen Papa ſich beſtimmt geweigert hat, ſo doch von ſeinem eigenen Vermögen, das mehr als hin⸗ reichend iſt? — Höre mal, Richard, ich meinte, ich hätte Dir einmal geſagt, daß Du dich meinetwegen nicht zu beunruhigen brauchſt; daß das Leben, welches ich führe, nach meinem eigenen Wunſche iſt, und daß ich es nicht ändern will; aber das ſcheint Dir nicht genug zu ſein. Du kommſt doch auf denſelben Gegenſtand zurück. Nun, Du ſollſt meine Gründe erfahren. Siehſt Du, ich bin geboren und erzogen unter den arbei⸗ tenden Claſſen. Ich hätte zwar, wie Du, mir Kenntniſſe aneignen können und wäre auf dieſe Weiſe aus der Claſſe, in welcher ich geboren, aus⸗ getreten; aber mein Vater dachte anders. Die Kinder des Arbeiters müſſen Arbeiter blei⸗ ben, war ſeine Anſicht, und ich wurde Arbeiter. Die Arbeit meiner Hände iſt für mich daſſelbe, was die des Gedankens für Dich. Sie ſind meine ſchaf⸗ fende Kraft; ich ziehe aus der Erde ſchöne Pflanzen und freue mich daran. Wenn ich je in meinen jungen Jahren auf den Spaten gelehnt ſtand und mit Neid an diejenigen dachte welche auf dem Felde des Gedankens Arbeiter geworden, ſo verſöhnte ich mich gleich darauf mit meinem Schickſal durch Fleiß und Beharrlichkeit. Schwartz, Zwei Familienmütter. II. 4 3 bc e Ich wurde geſchickt in meinem Fach, erhielt ein⸗ trägliche Stellen und ſparte nach allen Kräften, um eines Tages aus Dir das zu machen, was ich ſelbſt hatte werden wollen, aber nicht wurde. Die Arbeit wurde meine Freude, mein Leben; die Sparſamkeit meine Gewohnheit. Ich hatte zwei Kinder, ſie„ machten meine Zukunft aus. Der Alte ſchwieg und ſtützte ſein Haupt gegen die Hand. Eine lange Pauſe entſtand, welche der Doctor nicht unterbrach. Seine Blicke ruhten voll Liebe und Trauer auf dem Vater. Es ſchien als wenn der Sohn ahnte, was der Vater dachte. Endlich hob der Alte wieder an: — Genug, Du biſt mir allein übrig geblieben. Auf dieſe Weiſe biſt Du es; mein Junge, welcher eines Tages die Früchte des Geizes des alten Gärtners, wie das Volk meine Sparſamkeit nannte, genießen ſoll. S Still! falle mir nicht in die Rede, wenn ich jetzt meine Arbeit niederlegte, und mich hinſetzte, um ein bequemes Leben zu genießen, ſo würde ich vor Langeweile ſterben. Womit willſt Du, daß ich endlos lange Stunden vertreiben ſoll,— ich, der ich nur gewohnt bin, in meiner Bibel und in den Zeitungen zu leſen? Sollte ich Vergeſſenheit und Freude darin ſuchen, daß ich mich mit meines Gleichen ins Wirthshaus hin⸗ ſetzte, die von Erziehung roh ſind wie ich, aber vo Ratur. noch roher? Nein, ſo lange dieſe Arme ſtark genug ſind 51 den Spaten zu führen, ſo lange werde ich arbeiten, denn die Arbeit iſt meine Tröſterin, meine Freundin und meine Vertraute. Sie iſt eine Gewohnheit, die mir zur Natur geworden; raube mir dieſe, und ich werde vor Langeweile und Sehnſucht vergehen. — Aber warum Dir nicht einen eigenen Garten kaufen und denſelben cultiviren? Dann wäre Papa ſein eigener Herr und doch ſeinen Gewohnheiten treu. — Du täuſcheſt Dich. Ich habe mein ganzes Leben für Andere gearbeitet. Meine Arbeit beſſer zu machen, als die gewöhnlichen Diener, und meine Pflichten mit größerer Genauigkeit zu erfüllen, be⸗ trachtete ich als eine Ehre. Wenn ich jetzt für mich ſelbſt arbeiten würde, dann würde dieſes Streben aufhören, und ob mein Garten ſchlechter beſtellt wäre, als die Gärten An⸗ derer, würde mich nicht kümmern, und bewirken, daß dieſes gewiſſenhafte Streben, welches ich jetzt habe und der belebende Sporn in meiner Seele iſt, verſchwände. Ich würde meine Arbeit zwecklos finden, weil ſie für meine eigene Rechnung verrichtet würde, und ſie würde nie mehr eine liebe Pflicht, ſondern ein egviſtiſches Bedürfniß ſein. Dagegen finde ich, daß ſie jetzt einen höheren Werth hat, weil ſie für Andere gethan wird. Darum, mein Junge, laß dem Alten ſeine ſechs⸗ zigjährigen Gewohnheiten und überlaſſe ihn ſich ſelber. An dem Tage, an welchem er ſie ändern müßte, würde er nicht mehr dieſelbe Kräft und Ge⸗ ſundheit beſitzen. Glaube mir ein Mal für alle a ich 52 mich nicht verletzen laſſe durch das, was ein ver⸗ rücktes Weib in ſeinem Li zu ſagen beliebt. Ich habe nicht Eure empfindlichen Gefühle, weil ich ſie nicht durch eine verfeinerte Erziehung einge⸗ ſogen habe. Wenn ich mir bewußt bin, daß ich meine Arbeit beſſer beſorge, als Andere; daß ich pünktlich und genau alle meine FPflichten erfülle, nnd daß man mir mit Recht keine Bemerkungen machen kann, ſo kümmert es mich wenig, ob es ihnen beliebt, ſich vornehm und aufblaſend gegen mich zu zeigen. Haben ſie keine beſſere Einſicht, als ſich gegen einen tüchtigen und rechtſchaffenen Diener ſchlecht aufzuführen, ſo wird die Schande ihre und nicht meine. Ich habe die Eitelkeit gehabt,— fuhr der Alte fort,— aus dem Sohne des einfachen Arbeiters einen tüchtigen Kerl zu machen, der in ſeinem Alter ſein Stolz werden könnte, und in dem Streben, daß dieß gelinge, haſt Du mich unterſtützt, Richard. Du biſt mein Stolz und meine Freude, eine andere brauche ich hier im Leben nicht. — Und kein Menſch in der Welt kann mehr An⸗ ſpruch darauf haben, Freude an ſeinem Sohne zu⸗ bekommen, als gerade Du, mein Vater, welcher von ſeiner zarteſten K Kindheit an auf Deine einfache aber zum Herzen gehende Weiſe ihn lehrte, was Pjlicht und Ehre von einem Menſchen fordern. Wenn ich an meine Knabenjahre zurückdenke, dann ſtehſt Du vor mir als das körperliche Bild Rechtſchaffenheit und unbeſtechlichen Ehrge⸗ ühls. 5 G0 Stolz kann ich mich fühlen, Dein Sohn zu ſein, denn wenn es bei mir irgend welche Tugenden gibt, ſo haſt Du ſie durch Beiſpiel und Worte entwickelt. — Nun wohl, mein Sohn, ſügte der Alte hinzu, indem er ſich erhob und die Hand auf die Schulter des jungen Mannes legte— mögen ſie es be⸗ Jaupten, wenn ſie es wagen, dieſe Ariſtokraten, welche immer dem Arbeiter ſeine Freiheit haben rauben wollen und noch in unſern Tagen ſeine Töchter erniedrigen,— daß die Kinder des Volks nicht Männer werden können, die weit würdiger einer Stellung in der Geſellſchaft und mehr verdient um ihr Vaterland ſind, als dieſe ſelbſt, welche uns unterdrücken wollen. Noch eine Weile ſprachen Vater und Sohn mit⸗ einander, wbrauf der Letztere ſich entfernte, um einen Kranken zu beſuchen. Das Leben iſt ein großes Theater; die eine Scene löſt die andere ab, der eine Schauſpieler tritt auf nach dem andern, und ſo geht es fort ins Unendliche. Ueber die große Auflöſung des Räthſels ſind wir Alle in Unkenntniß. Als Erzähler müſſen wir auch den Leſer von einer Scene zur andern führen, und wenn einer der Acteure in der Erzählung abtritt, beeilen wir uns einen andern vorzuführen, bis wir bei unſerer Auf⸗ löſung angelangt ſind. ir ändern deßhalb die Scene und verſetzen uns in das Zimmer Albertinens. Ihre Mutter hatte ihr ſtreng verboten, daſſelbe zu verlaſſen. An demſelben Abend, an welchem die obenbe⸗ ſchriebenen Auftritte zwiſchen der Profeſſorin und dem Doctor ſtattgefunden hatten, ſaß Albertine oben auf ihrem Zimmer, ohne etwas von dem zu wiſſen, was ſich zugetragen hatte. Daß etwas ſich zutra⸗ gen würde, ſah ſie zu gut ein. Ihre abgeſonderte Lage wurde immer peinlicher und peinlicher, weil die Ungewißheit wegen des Reſultats der Einmiſchung des Vaters in die An⸗ gelegenheit des Aufbietens und auch ein hoher Grad von Mißtrauen zu ihm bewirkten, daß ſie fürchtete, die Mutter möchte doch ſiegend aus dem Kampfe hervorgehen. Gewiß enthielt der Befehl der Mutter, daß ſie auf ihrem Zimmer bleiben ſolle, eine klare Andeu⸗ tung, baß ſie aufgebracht ſei; aber es bewies deß⸗ halb nicht, daß ſie nachgegeben hätte. Vergebens hoffte Albertine, daß es dem Vater einfallen würde ſie mit ein paar Worten von dem Reſultat ſeines Auftretens in Kenntniß zu ſetzen; er erſchien aber nicht, und darin ſchien ſie ein deut⸗ liches Zeichen ſeiner Niederlage zu ſehen. Aber auf der andern Seite wußte ſie ja, wie zerſtreut er war. Unter ſolcher Unruhe ging der Tag zu Ende, ohne das junge Mädchen von den Qualen der Un⸗ gewißheit, welche ihre Seele erfüllten, zu befreien. Endlich wurde ihr Zuſtand unerträglich, und Albertine beſchloß, den Befehl der Mutter zu über⸗ treten und zum Vater zu gehen, um, trotz i Scheu vor ihm, durch ihn zu erfahren, welches Schickſal geworden ſei. Während Ihre Gnaden ihre Unterredung mit dem Doctor hatte, ſchlich Albertine mit lautloſen Tritten über den Corridor aus ihrem Zimmer in das des Vaters. Als ſie vor der Thüre des letzteren ſtand, fühlte ſie ein heftiges Herzklopfen und faſt eine größere Furcht vor ihm, als ſie je vor der Mutter em⸗ pfunden. Der Vater war für das junge Mädchen eine ganz fremde und myſtiſche Perfon, ein Weſen, das. ſie nur bei den Mahlzeiten geſehen und begrüßt hatte. Sie konnte ſich aber nicht erinnern, daß ſie je ein Wort mit ihm gewechſelt, bevor den geſtrigen Abend, wo der Doctor für ſie das Wort bei ihm geführt. Jetzt ſtand ſie im Begriff, ſich ganz dreiſt dieſem myſtiſchen Vater zu nähern, von deſſen Geſinnung ſie keinen andern Begriff hatte, als daß er etwas wunderlich, oder richtiger geſagt, nicht ganz klug ſei. Aus dieſer Unentſchloſſenheit wurde ſie indeſſen bald durch den Bedienten des Profeſſors, den alten Hans, herausgebracht. Dieſer, wie ſein Herr, ein wortkarger Sonderling, kam vom Profeſſor mit einem Theebrett. Als er die Thüre öffnete und ſich Angeſicht zu Angeſicht mit Fräulein Albertine befand, ſtutzte er. Surch dieſen plötzlichen Zuſammenſtoß bekam ſie wieder vollkommen Gewalt über ihre ſchwankenden Gefühle und fragte:* — Iſt der Profeſſor allein darinnen, Hans? — Ganz allein,— antwortete Hans und machte ihr Platz. 7 ₰ 56 Albertine trat ein und fand den Profeſſor in der löblichen Abſicht auf⸗ und abſpazierend, ſich etwas Motion nach dem Eſſen zu verſchaffen. Als er Albertinen erblickte, blieb er plötzlich ſtehen und ſtarrte ſie an, während er ſich ſichtbar bemühte. Etwas, das er vergeſſen, ins Gedächtniß zu rufen, — Guter Papa, fing Albertine mit unſicherer Stimme an,— ich ſtöre wohl nicht? — Ja ſo, Du biſt es, mein Kind; ich wollte gerade zu Dir hineingehen, als ich durch Schopen⸗ hauer verhindert wurde. Ein ſehr intereſſantes Werk; beſonders iſt es ſehr ſcharfſinnig in Allem, was er von den Frauen ſagt. Habe kaum etwas Tiefſinnigeres geleſen. Aber wie iſt es? Hm, hm.... Du ſiehſt ganz bleich aus.... hm, hm.. weiß gerade nicht, wie ich ſprechen ſoll.... hm, hm. hm, hm, habe nie mit Mädchen zu thun gehabt,. hm, hm. Kann ich Dir auf irgend eine Weiſe helfen.... hm, hm7 Der Profeſſor reichte ihr die Hand und in den zerſtreuten Blicken lag ein Ausdruck der Mildheit und Seelengüte, welche die an ſo Etwas ſo un⸗ gewohnte Albertine tief rührte. 2 Ach, mein guter Papa,— flüſterte ſie, und er⸗ griff die dargereichte Hand und führte ſie, bevor er etwas davon merkte, an ſeine Lippen. — So— ſo, mein Kind,— ſtammelte der Pro⸗ feſſor etwas verlegen,— komme und ſetze Dich. Jetzt erinnere ich mich deutlich, wie es war. 1 Deine Mutter wurde ſehr böſe, Dein Bräutigam konnte nichts in der Sache machen.... und ich Du nicht zu heirathen brauchteſt. So, glaube ich, war es. Jaha, ganz ſo! und nachher war Deine Mutter hier und machte viel Aufhebens; aber das Aufbieten unterblieb. Und das war wohl die Hauptſache war es nicht ſo? Albertine war tief gerührt und vermochte nicht zu antworlen, ſondern küßte wieder die trockene Hand, welche die ihre hielt, während Thränen ihre Wangen hinabrollten. Dieſer Ausdruck weicherer Gefühle war für den armen Sonderling etwas ſo Neues, daß es ihm warm und wunderlich um ſein Herz wurde. — Sieh' ſo, ſieh' ſo, mein gutes Mädchen, weine nicht! Gibt es etwas, das Du willſt, haſt Du t irgend einen Wunſch, ſo ſage es nur. — Mein guter, lieber Vater, wie dankbar bin ich nicht für das was Papa bereits gethan. Ach, wrie glücklich bin ich nicht, daß ich mich jetzt wieder frei fühle. — So— 0, hm, hm, bin froh, daß ich etwas für Dich habe thun können; aber hm, hm— aber es war gerade kein häßlicher Menſch, Dein Bräu⸗ tigan hm, hm. — Mama iſt wohl ſehr aufgebracht? Sollte es meinen— machte einen entſetzlichen ärm... glaubte nie, daß ich ſie los werden würde, hm, hm,.. ſollte es aber für Recht hal⸗ tten, daß Du Dich mit ihr zu verſöhnen ſuchteſt;— halte es für Unrecht, daß Kinder undankbar ſind. . ſuche es wieder gut zu machen. Albertine, welche ſo viel Güte und Theilnahme 58 in den Blicken ihres Vaters las, bekam Muth zu ihm zu ſprechen, als zu demjenigen, der ihr das Leben gegeben. Mit der eigenthümlichen Einfachheit, welche in dem Weſen Albertinens lag, erzählte ſie ihm von ihrer Jugend und wie einſam ſie ſich während jener Zeiten gefühlt, wo das Herz ſo ſehr der Zärtlichkeit bedarf und wie ſie trotzdem es nie gewagt habe, ſich der Mutter zu nähern, und ihr nie ein herz⸗ liches oder zärtliches Entgegenkommen von ihr zu Theil wurde. Stillſchweigend hörte der Profeſſor ſie an, und vielleicht fand ſich in der Bruſt des gelehrten Man⸗ nes ein Echo zu dieſen Klagen, welche über die Lippen der Tochter drangen. Vielleicht ſagte ihm irgend eine Erinnerung aus der erſten Zeit ſeiner Ehe, daß auch er gewünſcht hatte, daß die Luft um ihn etwas wärmer und voller von Liebe geweſen wäre. Genug, er lauſchte mit einem ungewöhnlichen Glanze in dem tiefen Auge dem Bekenntniß Alber⸗ tinens, und als ſie zu Ende war, drückte er ſeine Lippen auf die Stirne der Tochter und ſtammelte einige. Worte voll Liebe und Troſt hervor. Die Profeſſorin war längſt zur Ruhe gegangen, als vom Vater herausſchlich und ſich in ihr Zimmer begab. Als ſie in den Corridor hin⸗ auskam, begegnete ſie Hans, welcher einen Brief in der Hand hielt. — An das Fräulein,— ſagte der wortkarge Diener. 59 Als ſie auf ihr Zimmer gekommen war, las Albertine Folgendes: „Du biſt gerettet, Geliebte, und ich mit Dir; aber Deine Rettung hat Deiner Mutter einen bitte⸗ ren Schmerz verurſacht, und dieß dürfen wir nicht vergeſſen. Durch Dich hat ſie die größte Betrübniß erfah⸗ ren, die ihr ſtolzes Herz empfinden konnte, und be⸗ ſonders biſt Du es, mein edles Mädchen, welche ſie mit dem verſöhnen ſoll, was Deine Freiheit gekoſtet. Suche mit Liebe und wahrer töchterlicher Zärt⸗ lichkeit Dich ihr zu nähern und mildere den bittern Kelch, den ſie hat leeren müſſen. Du biſt es, meine einzige Albertine, die ſie zu beſänftigen und zu bitten ſuchen ſoll, den Stich zu vergeſſen, den Du ihr verſetzt haſt. Unſer Glück beſteht einzig und allein nur darin, daß wir unſerePflichten ſelbſt dann nie vergeſſen, wenn Andere die ihri⸗ gen gegen uns vergeſſen. Dein Richard. Am folgenden Morgen ſaß Ihre Gnaden ganz ſteif und gerade und im vollen Morgenanzug ganz ſolo an dem ſtattlichen Frühſtückstiſch. Um bei der Wahrheit zu bleiben, müſſen wir geſtehen, daß ſie trotddem keinen beſonders guten Appetit hatte. Nein, die Niederlage, welche ſie er⸗ litten, gährte in ihr mit ſo vieler Erbitterung, daß ihr das Eſſen nicht hinunter wollte. Dazu kam, daß Ihre Gnaden jetzt, nachdem ſie all die Galle, der ſie freien Lauf laſſen konnte, vergoſſen hatte, die Folgen der aufgehobenen Ver⸗ lobung zu berechnen anfing. Was ſollte ſie allen ihren Bekannten ſagen, welche ſie im Vertrauen von dem Aufgebot in Kenntniß geſetzt, und die ſich einfinden würden, um der künftigen Gräfin zu gratuliren? Ach, man könnte wirklich wegen geringerer Sa⸗ chen, als dieſe, den Appetit verlieren; denn wie würden dieſe Freunde ſie jetzt nicht zum Gegenſtand des Spotts und des Gelächters machen? Wie wür⸗ den ſie nicht die beleidigendſten Geſchichten aufs Ta⸗ pet bringen? Die Profeſſorin erhob ſich beim Gedanken an alle dieſe Demüthigungen heftig vom Frühſtückstiſch⸗ Gerade als ſie dieſe Bewegung machte, öffnete ſich die Thüre und ein junges Mädchen mit todt⸗ bleichen Wangen trat ein. Hätte die Profeſſorin einen Meduſakopf erblickt, ſo hätte ſie keinen größeren Grad von Ueberraſchung zeigen können; aber dieſe Bewegung war augen⸗ blicklich; in der nächſten Secunde war ihr Geſicht wieder gleich kalt und ein Ausdruck der Verachtung und unbeweglicher Strenge ruhte darauf. Sie blieb vor der Eintretenden mit aufrechter Holtung, zurückgeworfenem Kopfe und weitgeöffneten Augen ſtehen. Sie maß ſie vom Kopf bis zum Fuß mit einem zermalmenden Blick, als wenn ſie fragen wollte Albertine war ihrerſeits unbeweglich an der wie ſie ſich unterſtehen könnte, ſich zu zeigen. 3 61 Thüre ſtehen geblieben, und richtete einen Blick milden Ernſtes auf die Mutter. — Wie kann das Fräulein es wagen, mir vor die Augen zu treten? Iſt das, um mir noch mehr zu trotzen? Iſt es, um zu zeigen, daß ich aufgehört habe die Mutter zu ſein, der Ihr gehorchen und die Ihr verehren müſſet? — O, meine Mutter!— rief Albertine und that einen Schritt gegen die Mutter; die Profeſſorin zog ſich aber zurück. — Ich komme, Sie um Verzeihung anzuflehen, daß ich nicht den Muth gehabt, Ihnen zu gehorchen. — Verzeihung! Verzeihung, weil Du die Ach⸗ tung vor mir und Dir ſelbſt mit Füßen getreten haſt; weil Du Schande und Entehrung über mich gebracht. Ah. Du haſt wahrlich zu ſtark auf meine Nochſicht gerechnet. Weißt Du denn nicht, daß ich nie, verſtehſt Du, nie Dir verzeihen werde. Du biſt zu Anderen geflüchtet, um nicht nöthig zu haben, mir zu gehorchen. Du haſt damit ſelbſt meine Rechte auf Andere übertragen, und wenn ich nun meinerſeits Dich verſtoße, ſo vollende ich nur das begonnene Werk.. Die Saalthüre wurde geöffnet und der Profeſſor erſchien hinter der Tochter. — Hm, hm, meine Süße, ich glaube, Du biſt biſt beſchäftigt.„Möchte Dir ſonſt ein paar Worte ſagen..... möchte Dir etwas mit⸗ theilen. Ohne zu antworten ſchritt die Profeſſorin ſtolz über den Fußboden nach dem Cabinet. Der Pro⸗ 62 feſſor folgte ihr. Als er an der Tochter vorbeiging, flüſterte er: — Bleibe hier, mein Mädchen. Was ſich zwiſchen dem Profeſſor und der Pro⸗ feſſorin zutrug, wollen wir kurz erzählen: Erſterer verſuchte erſt auf ſeine gewöhnliche wohl⸗ wollende Weiſe ſeine Frau dazu zu überreden, daß ſie der Tochter verzeihe und alle Vorwürfe unter⸗ laſſe. Als dieſes nicht half, hatte er ernſtlich zu erkennen gegeben, daß er, wenn ſie ſich nicht ſeinem Wunſche füge, geſonnen ſei, eine gewiſſe Summe zu beſtimmen, die ſie auf dem Comtoir des Groß⸗ händlers Eckſtröm erheben dürfe. Ja, er drohte ihr, die Tochter in Penſion zu geben, wenn ſie ihr nicht verzeihe. Dieſe Drohungen wirkten, denn die Profeſſorin ſah augenblicklich ein, daß wenn er ſie zur Ausfüh⸗ rung brächte, ihre Freunde und Bekannten noch mehr Anlaß zu beleidigenden Anſpielungen und allerlei „ zweideutigen Bemerkungen erhalten würden; und das wollte die Profeſſorin um keinen Preis. Das Reſultat wurde, daß ſie verſprach, Alber⸗ tine zu verzeihen, und der Profeſſor verließ ſeine Frau ſo glücklich und ſtolz wie ein Feldherr, der eine Schlacht gewonnen hat. Ihre Gnaden ſagte zu Albertine: — Verzeihen kann ich Dir nicht, vergeſſen kann ich auch nicht, aber ich werde nicht mehr davon ſprechen. Du haſt meine Erlaubniß, die gewohnte Ordnung wieder aufzunehmen. Ich verbitte mir außerdem jede Erwähnung deſſen, was vorge⸗ fallen iſt. 63 So verzieh dieſe Mutter, welche nie ihre Pflich⸗ ten verſtanden und nie ihre eigenen Fehler ein⸗ ſehen wollte. Wir ſchlagen jetzt das Blatt um und verſetzen uns von dem Stadtleben und der kalten Heimath der Profeſſorin auf's Land nach dem von moraliſcher Wärme hell erleuchteten Rönby. Es iſt die Woche vor Weihnachten. Die Majorin wird ihre beiden Söhne zu den Feiertagen nach Hauſe bekommen. Pferde ſollen nach W— geſchickt wer⸗ den, um ſie dort abzuholen, und die Majorin denkt ſtark daran, ſelbſt mit nach der Stadt zu gehen, um einige Einkäufe für die Feiertage zu machen. In dem hellen und gemüthlichen Saal ſaßen zwei Mädchen und arbeiteten emſig an einem Rahmen. — Du ſiehſt traurig aus, Minna, woran denkſt Du?— fragte Jenny. — Ich habe nur einen und denſelben Gedanken, beſte Jenny, und der dreht ſich um Albertine,— antwortete Minna und ſeufzte.— Wie einſam iſt ſie jetzt und ohne Jemanden, der ſie liebt. — Ihr letzter Brief zeigte eine ruhige Gemüths⸗ ſtimmung und mußte Dich befriedigt haben; weil Du jetzt nicht zu befürchten haſt, daß ſie zu einer verhaßten Che gezwungen wird. — Das iſt wahr, aber... „ WMinna beugte ſich tiefer unter den Rahmen, um ihre Thränen zu verbergen. — Aber was... Spreche es aus, Minnchen, dann wirſt Du fröhlicher. Friſchen Muth mußt Du morgen haben, wo wir das große Weihnachtsbacken anfangen müſſen. Jenny lächelte der Couſine ſo aufmunternd zu. — Rein, Jenny, ich beſitze nicht den Muth zu ſagen, was mein Herz plagt. Du könnteſt mich für undankbar halten und das bin ich nicht. — Schnickſchnack, liebes Kind! Nie werde ich Dich für undankbar halten. O nein, Jenny hat eine beſſere Meinung als die. Spreche aus Deine große Pein, ich vermuthe, doß ich ſo ziemlich er⸗ rathen habe, was Dich quält. Minna blickte auf und betrachtete Jenny mit einem fragenden Ausdruck; dieſe nickte ihr ermun⸗ ternd zu. † — Ach, Jenny,— begann das junge Mädchen, — Du mußt mir verſprechen, nicht verdrießlich zu werden. Ich vermiſſe Albertine, ich leide an Sehnſucht nach ihr. Meine Gedanken fliegen zu ihr und mein Herz ſehnt ſich unaufhörlich darnach, mit ihr zuſammen zu kommen, den Klang ihrer Stimme zu hören und von ihren Worten geſchmei⸗ chelt zu werden. Es iſt mir, als wenn mir ein* Theil meiner Seele fehlte. Es iſt eine Leere in t mir, die nicht ausgefüllt werden kann, und ich würde gern Jahre meines Lebens dafür geben, ſie eine Stunde ſehen und ſprechen zu dürfen. 8 Minna ſchwieg und ein Paar Thränen fielen auf die Arbeit. — Du liebſt Albertine recht ſehr,— ſagte Jenny mit milder Stimme. — 65 — Ja, Jenny, ich habe in der ganzen Welt ſie nur geliebt, und werde ſonſt Niemanden ſo lieben können. Meine Anhänglichkeit an Albertine iſt eine ſolche, daß ich jeden Fehler bei ihr für eine Tugend gehalten und nie etwas, was ſie that, als Unrecht betrachten konnte. Jede Handlung, welche ſie wünſchte, daß ich ausführen ſollte, hatte ich ausgeführt, ohne darüber zu reflectiren, ob ſie recht oder unrecht ſei. Sobald es ihr Wunſch war, brauchte ich nichts mehr zu riskiren. Ich wurde gedrückt und oft hart behandelt, aber das rührte mich nicht, ich blieb doch fröhlich, denn ich hatte ja ſie und meine Jugend. Mein Scherz rief manches vergnügte Lächeln auf ihren Lippen hervor und dann freute ich mich unbändig. Jetzt— jetzt bin ich von Liebe und Güte um⸗ geben, befinde mich in einer geſellſchaftlichen Stel⸗ lung, die mich glücklich machen ſollte, und doch komme ich mir ſelbſt wie ein Weſen vor, dem man ſeine Seele geraubt, und das ſich weder mehr freuen noch leiden kann. Wieder ſchwieg Minna und wieder fielen ein Paar Thränen auf die Arbeit. — Aber, Minna, ſollteſt Du nicht im Stande ſein, mich und Mama ein wenig zu lieben? Glaube mir, wir haben Dich ſo herzlich gern, und Du wür⸗ deſt dadurch einen Erſatz für den Verluſt haben, welchen Du erlitten. Ach! ich möchte Dich ſo gern fröhlich ſehen. Verſuche es, Dich an uns anzu⸗ ſchließen. — Jenny, ich liebe Euch Alle ſo herzlich und Schwartz, Zwei Familenmütter. II. 5 66 bin ſo innig dankbar für die Güte, welche Onkel und Tante mir erzeigt haben; aber die Welt des Herzens iſt ganz eine Welt für ſich; über die kön⸗ nen wir nicht befehlen; dort herrſcht das Gefühl mit ſouveräner Macht und alle Verſuche, es zu unter⸗ drücken, bleiben fruchtlos. Mein Herz hat, ſeit ich die Schläge deſſelben zu unterſcheiden begann, ausſchließlich für ein Weſen warm geſchlagen. Meine ganze Fähigkeit zu lieben, und alle die Zärtlichkeit, welche mein Herz in ſich barg, habe ich gegen. dieſes einzige Weſen erſchöpft. Sie iſt der Gegenſtand aller meiner Gedanken und meine einzige Freude. Vergeblich, vergeblich ſuche ich dieſes Gefühl zurückzudrängen und Anderen dieſen Platz einnehmen zu laſſen. Jahre werden vielleicht vergehen, bevor wir uns wieder begegnen; aber auch wenn ich alt werde, werden die Gefühle meines Herzens dieſelben blei⸗ ben; ſie werden mich ſelbſt überleben. Jenny legte ihren Arm um Minna's Hals und flüſterte mit ihrer liebkoſenden Stimme: — Mein armes Minnchen, das gleich einer Taube, der man ihren Gatten geraubt, daſitzen muß und ſich nach der abweſenden Freundin ſehnen! Wir werden oft von ihr ſprechen, und dann wenn Du in Gedanken zu Albertine zurückkehrſt und ſie mir mit Deinen Worten malſt, dann wird Dein Verluſt weniger bitter ſein. — Jenny, wer hat Dich ſo gut, ſo nachſichtig gemacht?— Statt mißvergnügt mit der Undank⸗ baren zu ſein, liebkoſeſt und tröſteſt Du ſie. * 67 — Das iſt ja natürlich. Ich lebe im Kreiſe aller derer, welche ich liebe, bin glücklich, fühle keine Sehnſucht und vermiſſe nichts. Dich hat das Schick⸗ ſal des Einzigen beraubt, was Du lieb hatteſt. Nun wohl, es iſt Pflicht des Glücklichen, den Unglück⸗ lichen zu tröſten. Die Arbeitsglocke läutete und Minna ſtand von ihrem Platze auf, aber Jenny hielt ſie zurück. — Vielleicht ſind Dir die häuslichen Geſchäfte peinlich? Wenn dem ſo iſt, ſo wirſt Du von der Haushaltungswoche befreit werden. Mutter und ich werden dann, wie früher, mit einander ab⸗ wechſeln. — Du gute, gute Jenny,— rief Minna,— wie Du mich verzärteln willſt;— aber,— fügte ſie lächelnd hinzu,— Du irrſt dich, wenn Du meinſt, die Haushaltungsgeſchäfte gefielen mir nicht; im Gegentheil kommt mir das neu vor und folglich auch als Etwas, das mich zerſtreut. Damit nickte ſie Jenny zu und verließ den Saal. — Es iſt eine ſonderbare Welt, in der wir leben,— dachte Jenny,— aber verweilte nicht län⸗ ger, denn ein Fuhrwerk hielt draußen an und Jenny mußte nothwendig nach der Glasthüre, um zu ſehen, wer es ſei. — Baron Fritz,— murmelte ſie und lächelte;— aber wen hat er mit ſich? Du lieber Gott! Ich glaube, es iſt der Erbräutigam. Ja, es iſt Graf Stormhjelm. Was er blaß ausſieht! Wenn es nicht eine Sünde wäre, über die Niederlage eines Men⸗ ſchen zu lachen. ſo lachte ich beſtimmt über die des * Grajen. Ich will mal iett ſehen, ob er fortfährt, 5* 6 1 68 ſo groß davon zu ſprechen, daß er Herr ſeines Schickſals iſt! Während Jenny dieſen Monolog in Gedanken hielt, hatte ſie ihren Platz wieder eingenommen, ſo daß ſie, als die Herren eintraten, bei ihrem Rah⸗ men ſaß. Zur ſelben Zeit kam die Majorin aus der Schlafſtube. Der Graf begrüßte ganz ungenirt die Majorin und Jenny und war ſich im Ganzen gleich. Der Baron ließ ſich ſofort bei Jenny nieder, während der Graf mit der Majorin converſirte. Jenny erhob drohend den Finger gegen den Ba⸗ ron und ſagte mit ihrem friſchen Lächeln: — Ich bin aufgebracht, ja ordentlich aufgebracht gegen den Baron! — O nein, das kann nicht ſein, dazu iſt Fräu⸗ lein Jenny zu gut. Der Baron hatte jenes Schleppende in ſeiner Ausſprache gänzlich abgelegt. — Fräulein Jenny iſt nicht gut, und übrigens hätte ſie allen Grund, böſe zu ſein. Ja, der Baron ſoll mir nicht lachen. Es iſt mein voller Ernſt, daß ich mit Ihnen unzufrieden bin.„ — Aber, mein Gott, wegen was denn? — Jetzt fragt er, wegen was,— rief Jenny mit einer komiſchen Miene.— Der Baron iſt wirk⸗ lich claſſiſch. Erſt treffen Sie mit mir die Verab⸗ redung, eine Mädchenſchule nach großem Maßſtabe wie die, die ich im Kleinen habe, auf Stiernebro einzurichten. 7 Sie baten mich, Ihnen zu helfen; Sie ſchwärm⸗ V 69 ten ordentlich für meine Ideen; Sie hielten hübſche Reden über das Zweckmäßige, Verſtändige und Menſchliche darin, daß man ſolche Schulen einrich⸗ tete, und ich wurde ganz froh. Ich nahm Mama zur Hülfe und entwarf einen Plan und eine Liſte der Zöglinge, welche ich für am meiſten berechtigt lielt, im Anfang angenymmen zu werden. Außerdem hatte Mama und ich die Namen der Lehrerinnen, welche wir vorſchlugen, auf⸗ gezeichnet. Was geſchieht? Hiermit ausgerüſtet fuhren wir hinüber nach Stjernebro; es ſind jetzt fünf Wochen. Nun wohl, als wir ankamen, erhalten wir die Nach⸗ richt, daß Sie nach Stockholm gereist wären. Das wäre nun ganz gut geweſen, wenn Sie nur die Güte gehabt hätten, Tante Sigrid Ihre Pläne in Beziehung auf die Schule mitzutheilen, ſo hätten Sie gern nach Otaheiti reiſen können, wenn Sie es wollten; aber ſie hatte kein Wort von der ganzen Sache gehört und wir kehrten mit unſeren Ent⸗ würfen zurück. Ich mußte den Frauenzimmern, welche wir als Lehrerinnen vorgeſchlagen, abſchreiben, damit ſie nicht warteten und dadurch einer einträglichern Stelle verluſtig würden. — Das war keine kleine Liſte von Anklagen,— ſagte der Baron lächelnd;— aber wiſſen Sie wirk⸗ lich, daß ich Ihren Zorn verdient, oder ob nicht meine plötzliche Abreiſe eine Barmherzigkeitsmiſ⸗ ſion war? — Oh, das glaube ich nicht,— fiel Jenny ein. 70 — Nein, bewahre, das iſt eine Ihrer gewöhnlichen Launen. Der Baron neigte ſich gegen Jenny und flüſterte: — Nein, das war keine Laune. Glauben Sie es und verzeihen Sie mir. — Gewiß verzeihe ich Ihnen, aber erlauben Sie mir, daß ich zweifle. Jenny reichte ihm die Hand. Beim Mittagstiſch präſentirte der Major Minna. Der Graf richtete ſeine Augen auf ſie mit einer Beharrlichkeit und einem ſo durchdringenden Aus⸗ druck, daß das junge Mädchen ganz gut ſah, daß er ſie wieder erkannte. Später, Nachmittags, als drei ältere Herren an⸗ gekommen waren, die mit dem Major Whiſt ſpiel⸗ ten, näherte der Graf ſich Minna, als ſie ſehr fleißig an dem Stickrahmen ſaß, und nahm neben ihr Platz. — Ich weiß nicht, ob ich mich irre,— ſagte er;— aber es kommt mir vor, als wenn ich die Ehre gehabt hätte, Fräulein Eckeberg früher zu treffen, obgleich ich mich nicht erinnern kann, wo. — Der Herr Graf ſah mich dieſen Sommer,— antwortete Minna kalt. — Hier? Das iſt mir nicht recht klar im Ge⸗ dächtniß. — Ich war damals im Dienſt bei Fräulein von Krug. — Sie! Eine Nichte der Profeſſorin! — Ja, Herr Graf. — Sie ſind alſo mit dem Fräulein erzogen? — Ja. 71 Minna ſchien nicht geneigt, auf eine weitere Er⸗ klärung einzugehen. — Und Sie correſpondiren mit ihr? — Ja. Der Graf ſtrich mit der Hand über die Stirne und als er wieder ſeine Augen auf Minna richtete, lag etwas Finſteres in ſeinem Blick. — Sie waren ihre Begleiterin zu der Hütte des Waldhüters, wenn ich mich nicht irre?— fuhr der Graf mit gedämpfter Stimme fort. Minna ſchwieg. — Sie wiſſen vielleicht, daß ich mit dem Fräu⸗ lein verlobt war?— Es lag etwas Hochmüthiges in der Stimme. — Nein, nicht, daß Sie verlobt waren; aber wohl, daß Sie es verſuchten, ſich ihre Hand zu er⸗ zwingen. Jetzt blickte Minna auf zum Grafen. — So—0— Sie haben Eindrücke empfangen, merke ich. Ich möchte wünſchen, daß Sie ſich der Waffen erinnern, welche ich gegen Ihre Jugend⸗ freundin durch die Liebesgeſchichte beſitze, welche, falls man ſie erwähnte, Euch beiden zu wenig Ehre gereichen würde. — Eine Schande kann nie daraus werden, ſo⸗ fern der Graf nicht eine ſolche erdichten will, und dieß wäre wenig ehrenvoll gegen ein Mädchen ge⸗ handelt, das Sie ſo unglücklich gemacht, wie Al⸗ bertine. — Wahrlich, ich ſehe nicht ein, was für ein Unglück darin liegt, Gräfin Stormhjelm zu werden. Der Graf ſtand auf und fügte hinzu: 72 — Ungeſtraft ſoll ſie mich nicht verſtoßen haben; ſeien Sie deſſen gewiß. Er entfernte ſich. Minna blickte ihm nach. Der traurige Ausdruck vom Vormittag her ver⸗ ſchwand und es lag etwas Energiſches, etwas Trotzi⸗ ges in dem Blick, womit ſie dem Grafen folgte; gerade wie damals, als Ihre Gnaden ſie vor dem Spiegel mit Albertinens Hut überraſchte. Dann erhob ſie ſich und eilte nach ihrer Kammer. Dort angekommen ſtellte ſie ſich vor den Toilette⸗ tiſch und betrachtete ſich ſelbſt aufmerkſam im Spiegel. Jenny, welche Minna ſo haſtig durch das Zim⸗ mer hatte ſtürzen ſehen, glaubte, daß der Graf ihr etwas Unangenehmes geſagt, und eilte ihr nach. Als Jenny eintrat, blieb ſie auf der Schwelle ſtehen und brach in ein ſchallendes Gelächter aus, denn Minna war damit beſchäftigt, mit ſich ſelbſt im Spiegel zu coquettiren. Bei Jenny's Lachen wandte Minna ſich um und fragte: — Sage mir aufrichtig, Jenny, wie ich ausſehe. — Nun, Du ſiehſt recht nett aus. — Das wäre nicht genug. Ich will wiſſen, ob Du glaubſt, daß irgend ein Mann in mich verliebt werden kann. — Ganz gewiß. Du haſt ſchöne, große, glühense braune Augen. — Ja, aber meine Naſe iſt ſtumpf. — Meine Liebe, man verliebt ſich nie in eine 73 Naſe,— antwortete Jenny heiter.— Du haſt ſchöne Zähne. — Das iſt wahr, aber mein Mund iſt zu groß. — Wer, glaubſt Du, wird ſich in den Mund eines Menſchen verlieben? Außerdem haſt Du ſchönes ſchwarzes Haar. — Und eine dunkle Haut. — Hat nichts zu bedeuten. Mit den Eigen⸗ ſchaften des Geiſtes nimmt man mehr für ſich ein, als mit denen des Körpers. So tröſte ich mich, weil der Spiegel mir ſagt, daß ich häßlich bin. Du, Minna, ſiehſt gut aus, ſo daß Seele und Körper wohl einander unterſtützen, vermuthe ich. Aber, liebes Kind, wie biſt Du auf den Gedanken gekommen, gefallen zu wollen? — Weil ich will, daß.. Nein, ich kann nicht davon ſprechen, Du würdeſt mich auslachen. — Erfahre ich es nicht heute Abend, ſo wird es wohl an irgend einem andern Tag. Sei überzeugt, ich werde ein Auge auf Dich haben. Jenny trippelte ihre Wege. Ein paar Tage darauf finden wir Jenny ganz allein daheim auf Rönby. Minna hatte die Majorin nach der Stadt be⸗ gleitet; der Major war zu einem Nachbar gefah⸗ ren und Jenny war gerade mit dem Backen von Zuckerwerk, Bretzeln und Kuchen fertig géworden und hatte ſich in eines der Sophas im Saale ge⸗ ſetzt, um auszuruhen. 74 Es war ſtarker Schnee gefallen und die Bahn war ausgezeichnet. In dem Ofen des Saales brannte ein helles Feuer, welches das Zimmer mit ſeinem Scheine er⸗ leuchtete, ſo daß Jenny kein Licht anzünden ließ. Das junge Mädchen ſaß den Kopf auf die Hand geſtützt und ſchien in tiefe Gedanken verſunken. Plötzlich hörte man hellen Schellenklang, welcher an⸗ deutete, daß man in voller Fahrt in den Hof hin⸗ auffuhr. — So— ſeufzte Jenny,— jetzt kommen Fremde und ich bin ganz allein! Du lieber Gott, daß die Menſchen ſich ſo kurz vor Weihnachten nicht zu Hauſe halten können! Während Jenny auf dieſe Weiſe vor ſich hin⸗ ſprach, zündete ſie die Lampe an und hörte, wie eine wohlbekannte Stimme in der Hausflur ſagte: — Guten Abend, Gretha! Iſt die Herrſchaft zu Hauſe? — Rein einziges Weſen, außer dem Fräulein. — Und wo iſt das Fräulein? Im Saale Dann wurde der Pelz ausgezogen und einen Augenblick darauf öffnete ſich die Thüre. — Iſt der Baron jetzt wieder hier? rief Jenny lachend.— Was hat Sie hierher geführt? — Die Gewißheit, Sie allein zu treffen, Fräu⸗ lein Jenny— antwortete der Baron löchelnd. — Nun, das klingt ja ganz hübſch; denn der Baron fragte ja draußen nach der Herrſchaft. — Was ſollte ich thun? Ich mußte mit Ihnen ſprechen, ohne daß es ſchien als wenn ich es wünſchte. — Da ſcheint es mir, daß es das Einfachſte ge⸗ weſen wäre, direkt nach mir zu fragen, antwortete Jenny ſcherzend und lüd den Baron ein, Platz zu nehmen. — Nun, was iſt es, was der Bdron will? Sollen wir wieder anfangen von unſerer Schule zu ſprechen? — Gewiß; aber bevor wir dazu kommen, habe ich noch manches Andere zu ſagen. Erſtens: erin⸗ nern Sie ſich, daß Sie einmal ſagten:„ich wollte wünſchen, daß ich den früheren Baron Fritz wieder finden könnte.“ — Ja, gar zu gut. Ich wünſchte daß Sie wieder für das Gute ſchwärmen und ſich für Ihres⸗ gleichen intereſſiren könnten. — Sie ſagten noch etwas mehr. Sie fanden, daß ich ein Menſch ſei, der weder Anderen noch ſich ſelbſt nüzte; mit einem Wort, Sie hielten mich für einen faulen Menſchen. — Oh, für etwas noch Schlimmeres, für ein Weſen, daß für nichts als für Lurus und Bequem⸗ lichkeit Sinn hätte. Nun, was meint der Baron? — Finden Sie noch, daß ich ein ſolcher bin? Jenny ſtützte den Kopf auf die Hand und ſann eine Weile nach; dann antwortete Sie: — Nein, Sie haben ſich wirklich geändert und das zu Ihrem Vortheil. Laſſen Sie mich recht beſinnen. Sie haben angefangen ſich für Ihre Untergebenen und für deren Wohl zu intereſſiren und nehmen 4 76 ſelbſt Theil an der Bebauung der Felder. Ach! Baron Fritz, Sie ſind wirklich ein ganz anderer Menſch geworden. Jenny reichte ihm mit einem einnehmenden Lä⸗ cheln ihre Hand. — Etwas von Ihrem früheren Ich iſt zurückge⸗ kehrt und nur zeitweiſe fallen Sie in Ihre frühere Gleichgültigkeit zurück. Der Baron hatte die kleine Hand ergriffen und hielt dieſelbe in der ſeinigen, während er bewegt ſagte: — Wenn dem ſo iſt, Jenny, ſo iſt es Ihr Werk. Sie haben jetzt denſelben Einfluß auf mich, wie damals, als ich vor ſechs Jahren von hier wegging. Der Klang Ihrer Stimme und Ihre freundlichen Worte haben mich in eine Zeit zurückverſetzt, wo mein Herz noch nicht die Macht der Leidenſchaften empfunden. Sie ſagten einmal auf Ihre einfache und tref⸗ fende Weiſe: Es gibt einen Arzt für alle Seelen⸗ krankheiten und der heißt Arbeit. Ich fürchtete dieſen Arzt. — und Sie fanden, daß er eine große Fähig⸗ keit beſizt, die Wunden des Herzens zu heilen, nicht wahr? — Und dafür habe ich nur Ihnen zu danken. Der Baron führte Jenny's Hand an ſeine Lippen. — Das freut mich, denn das beweiſt, daß unſere Freundſchaft doch einigen Nuzen gehabt hat und nicht blos ein leeres Wort geweſen iſt. — 77 — Ach, Sie waren wohl immer überzeugt, daß ich von Herz und Seele an den Einwohnern auf Rönby hing; aber ich gehöre zu den Menſchen, welche, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen werden, in ein wehmüthiges Träumen über die Sorgen, welche ſie getroffen, verſinken. Der lebendige Enthuſiasmus meiner Jugend iſt erloſchen, und wenn ich nicht unter dem Einfluß Ihrer Worte ſtehe, ſo falle ich in meine Gleichgültig⸗ keit zurück. Dieſem, Jenny, können Sie nur ab⸗ helfen. Auf welche Weiſe? — Dadurch, daß Sie meine Frau werden. Jenny blickte ihn ühovraſcht an, als wenn ſie nicht recht gehört hätte.„ — Ach, Jenny, an Ihrer Seite würde das Le⸗ ben wieder ſchön werden. Würden Sie ſich an der meinigen nicht glücklich fühlen können? Er wollte Jenny's Hand ergreifen, aber ſie zog dieſelbe mit einem neckiſchen Lächeln zurück. — Baron Fritz, Sie haben da eine ſo ſonder⸗ bare Frage gethan, daß.... daß ich nicht weiß, ob ich hier bleiben kann. — Jenny, antworten Sie mir aufrichtig: wollen Sie meine Gattin werden? Empfinden Sie nicht ſo viele Neigung zu mir, um die fröhlichen und finſteren Tage des Lebens mit mir zu theilen? Antworten Sie mir mit Ihrer gewöhnlichen Aufrichtigkeit ohne alle Neckerei. — Mag ſein,— antwortete Jenny und lächelte freundlich.— Sie fragen, ob ich eine Zuneigung für/Sie empfinde? Sehr viele; aber das iſt die⸗ ———— 78 jenige einer Schweſter, und um Ihnen meine Hand reichen und unſer Geſchick mit einander vereinigen zu können, wird etwas mehr verlangt.— Dazu gehört Liebe. Dieſe fühle ich nicht für Sie. Legen Sie die Hand auf Ihr eigenes Herz und fragen Sie es: Liebe ich wirklich Jenny? Welche Antwort glauben Sie, daß es Ihnen geben wird? — Daß Jenny das einzige Weib iſt, an deſſen Seite Fritz Silfverkrona glücklich werden kann, das einzige, welches ihn noch einmal dazu bringen kann mit Intereſſe darnach zu trachten, ſeine Stelle im Leben auszufüllen. — Ich danke Ihnen, daß Sie mir nicht die Ver⸗ ſicherung Ihrer Liebe geben. Sie können mich lei⸗ den, ich bin Ihnen eine ſo liebe Freundin, daß Sie Ihr Leben mit mir zuſammenleben würden; aber Liebe, die kennen Sie ſo wenig wie ich. — Wenn Sie recht hätten, Jenny, ſollten dann nicht die hohe Achtung und das große Vertrauen, welches ich zu Ihnen habe, Gefühle ſein von ebenſo dauerhafter Natur, wie die einer oft bald er⸗ löſchenden Flamme der Liebe? Sollten wir nicht auf der Grundlage unſerer gegenſeitigen Zuneigung ein ebenſo beſtändiges ehe⸗ liches Gebäude aufführen können, wie auf der der Leidenſchaften, der Liebe? — Möglich, wenn wir nicht leider ſo jung wären, wie wir ſind; aber jetzt— bin ich nur 20 Jahre. Habe ich wohl ein Recht zu behaupten, daß mein Herz nie Liebe empfinden wird? Würde es nicht vermeſſen von mir ſein, wenn ich —, — —6 10 ſo unbekannt mit der Welt und meinen eigenen Ge⸗ fühlen wie ich bin, mein Geſchick mit dem eines Anderen verbinden und vielleicht eines Tages, aber zu ſpät, zu einer klaren Anſchauung meines Innern erwachen würde?. Sie ſagen: Sind nicht unſere gegenſeitige Zu⸗ neigung und Achtung eine ſichrere Grundlage, als die Liebe. Darauf antworte ich: Es gibt keine feſtere als die, welche eine wirkliche, wahre und ernſte Liebe legt, weil es keine wirkliche Liebe gibt, die nicht auf Achtung beruht. — Jenny, dieſe gegenſeitige Zuneigung wird eines Tages in Liebe übergehen, deſſen bin ich gewiß. — Laſſen Sie uns ein paar treue Freuude blei⸗ ben, bis dieſe Verwandlung eintritt, fiel Jenny lächelnd ein,— und glauben Sie mir, mir fehlt wirklich der Muth, Freiherrin zu werden, denn dazu gehört nicht zu wenig. Sie ſind reich und vornehm, ich dagegen ein Mädchen, welches nur meine 20 Jahre, mein heiteres Gemüth und meine freiheitsliebende Seele beſizt. Um den Beſchluß zu faſſen, mich durch das Band der Ehe binden zu laſſen, iſt es unbedingt erforder⸗ lich, daß ich von meinem ganzen Herzen lieben muß. — Aber Jenny, nichts hindert Sie ja, mich zu lieben,— antwortete der Baron lächelnd und ange⸗ ſteckt von Jenny's ſcherzhafter Manier die Sache zu nehmen. — Ja, es gibt ein großes Hinderniß,— ſo daß ich es noch nicht thun kann. Vielleicht werde ich nie mein Herz an Jemanden binden können. 80 — Und dann werden Sie unverheirathet leben und ſterben? — Und unabhängig. Sehen Sie, Baron Fritz, meine Eltern haben mir eine ſolche Erziehung ge⸗ geben, und eine ſolche Lebensanſchauung beigebracht, daß ich nie dazu kommen werde, aus Eitelkeit, aus Begierde nach Reichthum oder aus irgend einem ſolchen Motiv mich zu verheirathen. Sie haben mich gelehrt, meine Unabhängigkeit zu lieben und mir Kenntniſſe gegeben, durch welche ich, ſelbſt wenn es ihnen unglücklich ginge, im Stande ſein würde, für mich ſelbſt zu ſorgen um als unverheirathetes Mäd⸗ chen meinen Plaz im Leben auszufüllen. Sie bieten mir Reichthum und Rang— lauter Dinge, welche der Eitelkeit und dem Hochmuthe ſchmeicheln; aber nie ſoll man von Jenny ſagen können, daß ſie ihre Freiheit der Befriedigung ſolcher Gelüſte geopfert habe. Sie würde die Achtung vor ſich ſelbſt verlieren, falls ſie ohne Liebe Ihnen ihre Hand gäbe, und ſie würde nachher nur darüber grübeln, ob nicht ihre bloße Anhänglichkeit ihr das Ja diktirte. Ach! wiſſen Sie, es iſt keine kleine Sache für ein Mädchen ohne Vermögen, die Frau eines reichen Mannes zu werden. Sie muß gewiſſenhaft mit ihrem eigenen Innern zu Gericht gehen, um ſich nicht von Nebenintereſſen leiten zu laſſen. Und jezt, Baron Fritz, ſind Sie wohl nicht böſe oder unzufrieden mit mir? Jenny reichte ihm die Hand mit ihrem ſtrahlenden und freundlichen Lächeln. — Ihnen böſe, Jenny?— Niemals. Nicht ein —— 81 Schatten von Unzufriedenheit findet ſich in meinem Herzen. Sie haben mit Ihrer einfachen Aufrichtig⸗ keit nur einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ich wollte, daß alle Mütter von Ihrer Mutter lernten, wie man ſeine Mädchen erziehen muß. Dieſe Unterredung hat ja wohl nichts in unſerem früheren freundſchaftlichen Verhältniß geändert? Sie fahren fort, meine Freundin und Schweſter und ich Ihr Bruder zu ſein, iſt es nicht ſo? — Ganz gewiß. Ich bleibe immer dieſelbe. — Gut! Wenn nun eines Tages die Freund⸗ ſchaft ſich in Liebe verwandeln ſollte, dann nehme ich wieder dieſes Geſpräch auf, und werde Sie noch einmal bitten, meine Begleiterin auf dem ſteinigten Wege des Lebens zu werden. enn— ſonſt nehmen wir es nie wieder auf. — Das iſt klar. Und jetzt gehen wir auf die unterbrochene Schulfrage über, von der Sie ganz einfach wegreiſten. Oh, ich habe dem Baron die plötzliche Abreiſe noch nicht ganz verziehen. „— Wenn Sie wüßten, warum ich reiſte, würden Sie mir verzeihen.— Möglich,— laſſen Sie einmal hören!— Als ich von Stormhjelm einen Brief erhielt, in welchem er mir mittheilte, daß ſeine Verlobung aufgehoben ſei, und in welchem jedes Wort all die alle, die in ihm kochte, zu erkennen gab, ſo be⸗ ſchloß ich, ſofort nach Stockholm zu reiſen, um, ſo weit es in meinen Kräften ſtand, ihn davon abzu⸗ halten, Fräulein von Krug zu ſchaden. Schwartz, Zwei Familienmütter. 11. 82 Als ich in der Hauptſtadt eintraf, fand ich Storm⸗ hjelm krank. Er hatte ſich erkältet und lag an einer Lungenentzündung darnieder. Ich nahm Plaz an ſeinem Bette, wachte über alle ſeine Handlungen und als er geſund wurde, nahm ich ihn hierher, um ſo viel Macht über ihn zu be⸗ kommen, daß er nicht durch ſeine Aeußerung über Albertine etwa beleidigende Gerüchte ſollte verbreiten können. — Dank! Da waren Sie der frühere Baron Fritz. — Ach! was hilft das? Sie werden ja doch nicht die frühere Jenny werden! — Ei, ei, ich glaube, Sie brechen bereits unſere Uebereinkunſt. — Verzeihung, Verzeihung, das ſoll nicht mehr geſchehen. — Aber ſagen Sie mir aufrichtig, liebt der Graf Albertine. — Gewiſſermaßen, aber es iſt keine Liebe, die vom Herzen kommt, ſondern ganz und gar eine Neigung, welche durch das Verlangen hervorgerufen iſt, ſich troz dem Widerſtand, dem er begegnet, die⸗ ſelbe erkämpfen zu können. Hätte ſie ſich nicht in. den Doctor verliebt, ſondern ſtatt deſſen ein Inter⸗ eſſe für Stormhjelm gefaßt, ſo würde dieſe Neigung ſich auf eine gewöhnliche Salon⸗Aufmerkſamkeit be⸗ ſchränkt haben und es wäre ihm nie eingefallen, um ihre Hand anzuhalten. Jezt dagegen verlezte es ſeinen Stolz und ſeine Eitelkeit, daß ſie ihn überſah. Der in Storm hielm herrſchende Geiſt des Widerſpruchs gerieth in Flammen. ———————— 83 Er will durchaus gerade das haben, was ihn floh. Er will den Widerſtand beſiegen und ſich jeden Vortheil erkämpfen, wenn eine Sache für ihn irgend einen Werth haben ſoll. Je mehr ſie ihn verabſcheute, je entſchiedener wurde ſein Entſchluß, ſie trotz allen Hinderniſſen zu ſeiner Gattin zu machen. Das, was ihm zu Gebote ſteht, zu erhalten, das will er nicht haben, das aber, was man ihm verweigert, erregt ſeine Leidenſchaft. Wayrlich, ich wüßte kein Mittel zu finden, durch welches man Erik's Gedanken von Fräulein Alber⸗ tine ableiten könnte. Sie iſt die fixe Idee, um welche ſich ſeine Seele dreht. Wenn Sie glauben, daß er die Hoffnung aufgibt, Sie noch zwingen zu können, ihm die Hand zu reichen, ſo kennen Sie Erik ſchlecht. — Nein, er ſinnt auf Pläne, die weder edel noch ehrlich ſind, die er aber zur Befriedigung ſeiner Abſichten wohl im Stande iſt, auszuführen. Wieder hörte man Schellenklang vor dein Haupt⸗ eingang, und Jenny bemerkte mit ein paar Worten, was das wohl ſein möge. In demſelben Augenblick ging die Thüre auf und die Majorin, Minna, Ernſt und Arvid traten ein. — WMein Gott, Mama, ſeid Ihr es? Und die ich vor morgen Vormittag nicht zurückerwartete?— rief Jenny. — Guten Abend, ſagte die Majorin zum Baron; dann wandte ſie ſich an Jenny. Ja, war es nicht geſchickt, daß ich heute Abend kam, ſo daß ich mich bis morgen ausgeruht habe und Dir kann? — Du biſt immer geſchickt und gut, Malinchen, — flüſterte Jenny und küßte die Mutter. Kurz darauf hatte Jenny den Theetiſch vor dem Ofen in Ordnung gebracht und um denſelben ſaßen die Majorin mit ihren Söhnen, Minna und der Baron. Jenny ſervirte ihnen das dampfende Ge⸗ tränke, welches man unter Scherz und Heiterkeit verzehrte. Jenny merkte in ihrem Herzen ganz wohl, daß Arvid jetzt ebenſo fröhlich und kindlich ſei, wie be⸗ vor er die große Neigung für Albertine faßte, und daraus ſchloß ſie, daß dieſe jetzt ganz erloſchen ſei. Ferner kam es ihr vor, als wenn Ernſt bleicher ausſehe, als das letztemal, daß er ſchweigſamer ſei und eiuen unruhigeren Ausdruck im Geſicht habe, als da er vorigesmal zu Hauſe war; außerdem ſah ſie deutliche Spuren von Thränen im Geſichte ihrer Mutter und ein gewiſſer wehmüthiger Zug war beſtimmt hinter dem Lächeln verborgen. Minna ſchien ihr fröhlicher, als ſie ſie je geſehen, ſeit ſie ſich von Albertine trennte. — Ueber Arvid bin ich im Reinen; er hat Albertine vergeſſen und iſt ſehr ergötzt über Minna. Was den Jungen betrifft,— dachte Jenny, während ſie ſich mit der Theekanne und dem Thee⸗ geſchirr beſchäftigte— ſo kann ich ihn auswendig. Aber ſieh mal Ernſt an, er hat heut Abend eine Miene, aus der man gar nicht klug wird, und daß er nicht große Luſt hat, mich darin einzuweihen, das weiß ich aus Erfahrung. Einen verſchloſſeneren Duckmäuſer als er, gibt es nicht. Das einzige Weſen, das er für würdig hält, die 85 Thüre ſeines Herzens ein wenig zu öffnen, iſt ama. Aber was in aller Welt fehlt Malinchen ſelbſt? Sie ſieht aus, als wenn ihr etwas ſehr Unange⸗ nehmes paſſirt wäre. Nur Geduld. Sie wird ſchon heute Abend von all ihren Bekümmerniſſen ſprechen. Und dann Minna! Sie ſieht ſo lebhaft aus, als wenn ſie daran dächte, es auf die Hexzen aller drei jungen Herren anzulegen. Das Mädchen wird doch nicht von Gefallſucht befallen worden ſein? Gleichviel, Jenny wird ſchon erfahren, was das alles bedeutet und zwar vor Sonnenuntergang. Der Baron war nach Hauſe gereiſt und alle anderen auf Rönby zur Ruhe gegangen; da finden wir die Majorin im Sopha und Jenny auf einem Schemel zu ihren Füßen ſitzend. — Dieſe drei Tage, die Du weg geweſen biſt, kommen mir ſehr ereignißreich vor,— ſagte Jenny und liebkoſte die kleine, runde Hand ihrer Mutter. — Freilich ſind ſie's für mich geweſen,— antwor⸗ tete die Majorin— aber für Dich mein Mädchen? Was hat ſich wohl hier zu Hauſe zutragen können? — Oh, wenig und gut, aber das erfährſt Du nicht, bevor Du von dem geſprochen haſt, was Dein Herz beſchwert. Meine arme, geliebte Malin, wie be⸗ kümmert Du ausſiehſt. — Gottlob, daß ich Dich habe, Jenny; es wird beſſer werden, wenn ich meine Sorgen vor Dir ausgeſchüttet habe und Du mir ſagſt, ob Du meinſt, daß ich recht gehandelt habe. — Ob Du recht gehandelt haſt! 86 Welche Frage! Gerade als wenn Du je unrecht handeln könnteſt. — Liebe Jenny, wir ſind alle dem Fehler unter⸗ worfen, Mißgriffe machen zu können, und aus den Mißgriffen entſtehen Handlungen, welche von dem Rechten abweichen! — Gewiß, aber Du pflegſt nicht, Dich durch die Eindrücke des Augenblicks beherrſchen zu laſſen, ſondern wirſt in allen Deinen Handlungen vom Verſtande geleitet. — Nicht immer, Jenny.— Aber laß uns zur Sache übergehen. Als ich und Minna nach W. kamen, kehrten wir wie gewöhnlich, bei Papa's Tante, der Obriſtin K. ein. Die alte Frau war ſich gleich, herzlich und freundlich. Als wir unſer Frühſtück eingenommen hatten und ich mit Minna in die Stadt gehen ſollte, bat mich Tante K., ein paar Worte unter vier Augen mit mir ſprechen zu dürfen. — Weißt Du, Malin,— ſagte ſie,— ich habe Dir etwas zu ſagen, was mich ſchmerzt; es iſt immer beſſer, daß Du's von mir zu hören bekommſt, als von irgend einem Andern, wenn Du in die Stadt hinauskommſt. — Beſte Tante, rief ich erſchrocken,— es iſt doch dem Ernſt nicht etwas paſſirt? Iſt er krank? — Nein, liebe, Malin, es iſt ihm nichts paſſirt und er iſt auch nicht krank, aber er gibt Anlaß zu Gerede über ſich, und in ſeiner Eigenſchaft als Schul⸗ lehrer findet man es ſehr tadelnswerth, daß er vergißt, daß ein ſolcher kein ſchlechtes Beiſpiel geben darf. — Was hat er denn gethan? fragte ich, und 87 mein Herz wurde von einem heftigen Schmerz zu⸗ ſammengezogen. — Er hat ſich in eine der herumreiſenden Sän⸗ gerinnen, die in T—s Conditorei ſingen, verliebt. Dort bringt er alle ſeine freien Stunden zu, promenirt des Sonntags ganz offen mit ihr und führt ſie am Arm, als wenn ſie ſeine Braut wäre. Zu mir, meine Liebe, ſind alle Plaudertaſchen der ganzen Stadt gekommen und beſtürmen nmich. Der Rektor der Schule beſuchte mich auch dieſer Tage und hielt eine lange Rede voll von Anklage⸗ punkten gegen Magiſter Quickfelt. Nun, dachte ich, ich werde es dem Ernſt ſagen, wenn er zu mir kommt⸗ Als er kam, ſagte ich ihm Alles, was man mir über ihn ins Ohr geflüſtert; aber ſiehe, da wurde er böſe und behauptete, daß er das Recht habe, ſich zu verhei⸗ rathen mit wem er wolle, ohne nöthig zu haben, die Plaudertaſchen der Stadt oder den Rektor um Erlaub⸗ niß zu fragen. Ja, bewahre Gott, das haſt Du gewiß, antwortete ich und fing an von anderen⸗ Dingen zu ſprechen. Nun, liebe Malin, habe ich es Dir geſagt, damit Du die Sache in Ordnung bringen magſt. Damit trennten ſich Tante K. und ich. Du kannſt es Dir gar nicht vorſtellen, Jenny, mit wie ſchwerem Herzen ich hinging, um Ernſt zu beſuchen, welcher gar nichts von meiner Ankunft wußte, da ich, wie Du weißt, ſchriftlich nichts davon gemeldet hatte. Die Uhr war gegen zwölf, als ich an ſeiner Thüre läutete. Die Aufwärterin theilte mir mit, daß er ausgegangen und wahrſcheinlich in T5 Conditorei zu treffen ſei. — 88 Ich ging wieder heim und nahm Minna mit mir, worauf wir beide nach der Conditorei gingen, um eine Taſſe Chokolade zu trinken und eine Torte zu eſſen. Ich wollte mit eigenen Augen ſehen, ob er da ſei und was für eine Wirkung mein Auf⸗ treten auf ihn haben würde. Als wir eintraten, fanden wir ihn dort. Er ſaß auf einem Stuhl mit dem Ellenbogen gegen den Tiſch geſtützt und ſprach mit einem jungen Mädchen. Beim Schalle unſerer Tritte drehte er ſich um und als er mich erblickte, erröthete er, ſtand auf und ging auf uns zu. Das Mädchen, mit welchem er geſprochen, blieb ſitzen. Ernſt führte uns zu einem andern Tiſche und beſtellte Chokolade. Währenddem fand ich Gelegenheit, diejenige zu betrachten, mit welcher er geſprochen. Es war ein junges Weib von 24 oder 25 Jahren, hoch und ſchlank gewachſen, aber ohne eine eigentliche Haltung. Sie hatte ein griechiſches Profil, regelmäßige Züge und ihre Haare waren auf eine ähnliche Weiſe ge⸗ ordnet, wie die der Antiken. Uebrigens lag etwas Lahmes und Derbes im Ausdruck, welches mein Auge verletzte. Ich fragte Ernſt, wer ſie ſei. Er ſah verlegen aus und ant⸗ wortete:„Sie iſt eine Deutſche und Sängerin und hat ſich als ſolche einige Jahre in Schweden aufgehalten.“ Ich will Dir nicht erzählen, wie peinlich es mir zu Muthe war, während ich jenes Weib betrachtete. Aber da ich es ein für allemal zur Regel für meine Handlungsweiſe gemacht, mich nicht von Vor⸗ 89 urtheilen beherrſchen zu laſſen, ſo beſchloß ich, kein Urtheil über ſie zu fällen, bevor ich mir ein ſolches durch das gebildet hatte, was ich ſelbſt von ihr er⸗ fahren konnte. Genug, wir gingen unſere Wege. Ernſt verbeugte ſich artig, ja verbindlich vor ihr und begleitete uns herum in der Stadt. Wir aßen Mittags zuſammen bei Tante K., und Nachmittags, als Tante ein Mittagsſchläfchen nahm, ging Minna und Lotte D—, die bei Tante iſt, um ſ Einkäufe zu machen, welche ich nicht ſehen ſollte. Auf dieſe Weiſe blieben Ernſt und ich allein. Meiner Gewohnheit getreu, wollte ich keine Fragen thun; aber ich ſah auch ein, daß er mit ſeinem ver⸗ ſchloſſenen Weſen mir nichts anvertrauen würde, wenn ich nicht dazu die Veranlaſſung gab. Gerade als ich darüber nachſann, wie ich es anfangen ſollte, ihn nicht zu verletzen, wandte er ſich mit der Frage an mich: — Aus welchem Anlaß ging Mama in die Conditorei? — Aus der Veranlaſſung, lieber Ernſt, daß ich Dich treffen wollte und man mir ſagte, daß man Dich dort treffen würde. — Du gibſt doch zu, daß Tante K. eine hübſche Geſchichte von mir aufgetiſcht hat? Ich theilte ihm aufrichtig mit, was die alte Frau geſagt. Er hörte mich ſchweigend an, aber während ich ſprach, wechſelte er unaufhörlich die Farbe. Ich ſchloß meinen Bericht mit den Worten: — Und jetzt, Ernſt, erwarte ich, daß Du mir mit aller Aufrichtigkeit ſagſt, was ich von allem 90 dieſem glauben ſoll: Ob Du die junge Sängerin wirklich liebſt, auf welchem Fuße Du mit ihr ſtehſt, welche Verſprechungen Du ihr gemacht und für was für ein Weib Du ſie hältſt. Ernſt ergriff meine beiden Hände und ſtammelte tief gerührt: — Du gute, Du engelgute Mutter, die Du nicht ein vorwurfsvolles Wort hinzufügſt;— er küßte meine Hände und wir ſchwiegen beide lange; denn wir waren zu ſehr aufgeregt, um etwas zu ſagen. Hierauf begann er von ſeiner Neigung mit der ganzen Wärme eines 24 jährigen jungen Mannes zu ſprechen. Mamſell Gertrud Scheiber, dieß iſt ihr Name, beſchrieb er als ein unglückliches und leiden⸗ des Weib, mit allen möglichen edlen und erhabenen Eigenſchaften; ihr Schickſal hätte ſein Mitleid, ihre Schönheit ſeine Liebe erregt. Genug, mein armer Junge war ganz und gar für das ausländiſche Mädchen eingenommen, von deſſen früheren Lebensverhältniſſen und Charakter er nichts weiter wußte, als das, was ſie ihm ſelber mitgetheilt. Er wünſchte ſie durch ſeine Liebe ihrem unglücklichen Schickſale zu entreißen und ſie zu ſeiner Frau zu machen. Ach! Jenny, Deine arme Malin hat ſich nie ſo unglücklich gefühlt, als während ſie dem Bekennt⸗ niſſe ihres Sohnes zuhörte. Wenn ich hätte glau⸗ ben können, daß ſie wirklich ſo ſei, wie er ſie be⸗ ſchrieb, ſo würde ich deren Schickſal tief beklagt und ohne alles Bedenken meine Arme geöffnet haben, um ſie als meine Tochter zu umarmen, aber jetzt!— Mein Inſtinkt ſagte mir, daß er betrogen ſei. 91 Indeſſen kam nicht ein einziges anklagendes Wort gegen ſie über meine Lippen; denn ich wußte zu wohl, daß dieß nur Oel in's Feuer gießen hieße. Als Ernſt geendet hatte, ſagte ich blos: — Aber, Ernſt, Du kannſt Dich noch viele Jahre lang nicht verheirathen und außerdem mußt Du ſuchen, ſie beſſer kennen zu lernen. Dein gegenwär⸗ tiger Gehalt iſt nicht größer, als daß er für Deine eigenen Ausgaben daraufgeht, und Du würdeſt nur ſie und Dich in Armuth ſtürzen, wenn Du ſie jetzt heirathen würdeſt. — Alles dieß habe ich überlegt. Auch iſt es nicht meine Abſicht uns miteinander zu verbinden, bevor ich ihr eine unabhängige und ſorgenfreie Stel⸗ lung im Leben bieten kann und darum habe ich nie über meine Abſichten mit Dir geſprochen. — Aber Du möchteſt indeſſen durch Deine häufi⸗ gen Beſuche in der Conditorei Deine Zukunft bloß⸗ ſtellen; auch ſcheint es mir nicht paſſend zu ſein, daß Du das Weib, welches Du einſt zu heirathen gedenkſt, fortwährend an einem öffentlichen Orte ſin⸗ gen und ein Ziel aller jener Freiheiten der Männer ſein läſſeſt, welche ſie ſich für berechtigt halten, ſich gegen ein ſolches Mädchen herauszunehmen. — Ach! Mama, ich habe viel daran gedacht, aber — Aber Du haſt eingeſehen, daß Du Deine Mutter nicht bitten könnteſt, eine Perſon in ihr Haus aufzunehmen, welche Du ſelbſt nur einige Monate gekannt, und deren abenteuerliche Lebensweiſe uns ein Recht gibt, an der Reinheit ihres Charakters zu zweifeln. Dein eigenes Schicklichkeitsgefühl hat Dir 92 geſagt, daß ein Weib, wel in Leben in Condi⸗ toreien zubringt, und wen uch noch ſo unglück⸗ lich wäre, doch nicht jene ulsole Friſche und Reinheit in ſeinen Gefühlen beſitzen kann, daß es die tägliche Geſellſchafterin Deiner Schweſter ſein könnte. Nicht wahr, Ernſt, das ſagt Dir Dein Verſtand? Ernſt ſchwieg, er wollte nicht zuſtimmen und konnte nicht läugnen. — Aber, hob ich wieder an, damit Du mich nie beſchuldigen kannſt, durch Vorurtheil oder durch irgend einen ſolchen Beweggrund geleitet zu werden, ſo will ich Dir den Vorſchlag machen, daß ich für Manmſell Scheiber bei Frau Molin auf Follby zahle. Sie hat keine Kinder, iſt eine edle und rechtden⸗ kende alte Frau mit einem warmen Intereſſe für alle Unglückliche und gerade ein Weib, wie man es nöthig hat, dieſen für uns beide fremden Charak⸗ ter zu verſtehen und zu beurtheilen. — Frau Molin? ſtammekte Ernſt. Sie wohnt ja ganze ſieben Meilen von hier. — Ja und dieſes iſt auch noch ein Grund, denn Du haſt indeſſen Gelegenheit, Deine eigenen Gefühle genauer zu unterſuchen, und Frau Molin kann wäh⸗ rend ihres täglichen Zuſammenſeins mit Mamſell Scheiber ihren Charakter recht kennen und beurthei⸗ len lernen, ſo wie auch ihr von den häuslichen und weiblichen Tugenden, die ſie jetzt nur dem Namen nach kennt, einen Begriff beibringen. Biſt Du mit dieſem Vorſchlag zufrieden, Ernſt, ſo will ich ſelbſt mit Mamſell Scheiber darüber ſprechen und ihr ſagen, daß ich, Deine Mutter, alles für ſie thun will, was meine kleinen Mittel erlauben. Ich 93 übergehe Ernſt's Aeußerungen der Dankbarkeit und all das Lob, welches er auf mich verſchwendete. Ach, es war ein ſchmerzlich freudiger Augenblick! Am folgenden Tag, bevor die Diligence, mit wel⸗ cher Arvid eintreffen ſollte, angekommen war, be⸗ ſchloß ich, die Sache mit Mamſell Scheiber abzu⸗ machen. Ich ging deshalb ganz früh aus, und da ſie in demſelben Hauſe wohnte, wo die Conditorei war, ſo hatte ich es leicht, ſie zu finden. Man zeigte mir zwei Treppen hoch eine Thüre als diejenige, welche zum Zimmer der Mamſell Scheiber führte. Ich öffnete ſie und trat ein; aber es wäre ver⸗ geblich, wenn ich Dir das Aeußere dieſer Wohnung beſchreiben wollte, welche das junge Weib innehatte. Alle Stühle waren mir Kleidern bedeckt. Auf einem Tiſch ſtand ein Teller, worauf ein Kaffeeſer⸗ vice und daneben eine Waſchſchüſſel zc. ſich befanden. Ich trat ein, ohne an die Thüre zu klopfen und wurde von einer Stimme empfangen, welche wenig freundlich klang: — Wer iſt das, der hier hereinkommt, ohne an⸗ zuklopfen? — Ich wandte die Augen dahin, woher die Stimme kam und ſah die junge Sängerin auf dem Sopha liegen. Sie war in einen Schlafrock ein⸗ gehüllt, hatte eine Pelzmütze auf dem Kopf und ruhte mitten unter Kleidern und Noten, welche durch⸗ einander geworfen waren. Ohne eine lange Einleitung zu machen, erklärte ich die Urſache meines Beſuchs. Ich ſagte, daß mein 94 Sohn ihr Schickſal beklage, und daß ich wünſchte, ihr meine Hülfe und meinen geringen Schutz anzu⸗ bieten. Ich berührte mit keinem Worte Ernſts Neigung. Sie hörte mich ſchweigend an; als ich ihr aber vorſchlug, aufs Land zu gehen, warf ſie den Kopf zurück und erklärte, daß ſie mein Anerbieten nicht annehmen wolle. Dieß that ſie auf eine ſpöttiſche Weiſe und fügte hinzu, daß ſie zu deutlich ſehe, es ſei meine Abſicht, ſie von Ernſt zu entfernen, daß ſie ſich aber in der gelegten Schlinge nicht fangen laſſe. Sie beabſich⸗ tige zu bleiben, wo ſie ſei, da ihr Verdienſt hin⸗ reichend ſei und ſie nicht nöthig habe, aus Noth ſich auf dem Lande zu begraben. Ich ging, betrübt bis in die Seele, und fand bei meiner Rückkunft Ernſt. Ich gab ihm die Antwort, welche Gertrud mir gegeben und er... die Majorin hielt inne. 7 — Mama, hat Ernſt ſich gegen Dich vergeſſen können?— rief Jenny mit glühenden Wangen.— — Nein, er glaubte daß meine Worte nicht ſchonend genug geweſen ſeien. Zum erſtenmale in meinem Leben empfand ich den Schmerz, von einem meiner eigenen Kindern verletzt zu werden; als aber Ernſt den Eindruck ſah, den ſeine Worte auf mich machten, bereute er ſie und bat mich um Verzeihung. Er beſchloß, ſelbſt einen Verſuch zu machen, ſie dazu zu bewegen, den Vorſchlag anzunehmen. Sie hätte ſich geweigert, weil ſie zu ſtolz ſei, Gnadengeſchenke zu empfangen. Nur mit großer Mühe und durch meine Bitten und Thränen bewegt, 95 gelang es mir, ihn dazu zu vermögen, mir hieher zu folgen; denn er war der Meinung, ſie nicht ſo einſam und ohne Schutz laſſen zu können. Nun, Jenny, haſt Du Alles gehört, was ich mit⸗ zutheilen habe. Sage mir was Du von meiner Handlungsweiſe hältſt? — Ach, Mama, Du hoaſt jetzt wie immer edel⸗ müthig, klug und liebevoll gehandelt; mit welcher Milde und Schonung biſt Du nicht verfahren, und wenn irgend etwas in der Welt Ernſt zur Beſinnung und zur Erkennung deſſen, was ſeine Pflicht iſt, zurück⸗ führen muß, ſo iſt es gerade die Art und Weiſe, wie Du die Sache behandelt haſt. Nach Allem, was paſſirt iſt, ſcheint es klar zu ſein, daß jenes Weib ihn durch eine Rolle einge⸗ nommen hat, die ſie geſpielt, die aber durchaus nicht ihre eigene iſt. Alles ſcheint, darauf angelegt zu ſein, ihn ſo zu bethören, daß er ſich durch eine Hei⸗ rath unglücklich macht. — So habe ich auch gedacht,— ſagte die Ma⸗ jorin ſeufzend,— aber wie ſoll man dieſem Uebel entgegen arbeiten? Etwas von ihr zu ſagen, heißt nur ſie in das Licht einer Leidenden zu ſtellen und ſein Mitleiden noch zu vermehren. — Sieh einmal, Malinchen, ſei nicht ſo traurig. Wir wollen das Beſte von ſeinem Aufenhalt in der Heimath hoffen, und kenne ich Dich recht, Du kleine reizende Malin, ſo wird der Herr Magiſter voll⸗ ſtändig von ſeinem Liebesfieber kurirt das elterliche Haus wieder verlaſſen. — Gebe Gott, du bekommeſt Recht, meine Jenny⸗ Ich war ſo beklommen und traurig, bevor ich Dir 96 meinen Kummer anvertraut hatte; jetzt kommt er mir minder ſchwer vor, und ich fühle, daß ich wieder Hoffnung und Muth habe, den Verſuch zu machen, ihn zu überwinden und mit Gottes Hülfe Ernſt zu ſich zurückführen zu können. — Das hoffe ich auch; darum, Du gute, Du zärtliche und holde Mama, laſſe auf einen Augen⸗ blick die Gedanken an Ernſt fahren und tröſte Dich damit, daß wir jetzt den Jungen zu Hauſe und aus allen Verſuchungen gerettet haben; höre ferner eine ganz außerordentliche Neuigkeit. Du biſt immer der Meinung geweſen, daß ich gehörig häßlich ſei. Und, um die Wahrheit zu ſagen, ſo habe ich daſſelbe ge⸗ meint. Jenny ſah die Mutter ſchelmiſch an. — Jene Ueberzeugung war wohl die Urſache, daß Du mir eine ſolche Erziehung gabſt, daß ich, ohne mich zu verheirathen, durch die Welt kommen könnte oder, wie? — Ach nein, liebes Kind, und wenn Du noch ſo ſchön geweſen wäreſt, ſo hätte ich Dich auf die⸗ ſelbe Weiſe erzogen. Alle meine Bemühungen haben das eine Ziel gehabt, Deinen Verſtand ſo auszubilden, daß Du begreifen könnteſt, Du hätteſt im Leben eine Beſtim⸗ mung zu erfüllen; daß dieſes Leben einen Zweck hat, und daß Du in beiden Fällen, verheirathet oder nicht verheirathet, klar einſehen möchteſt, es habe kein Menſch das Recht, ſeine Zeit in Küſirkſamkeit zu vergeuden, ſondern daß er, das Schickſal möge ihn auf einen Platz ſtellen, auf welchen es wolle, die Pflicht 97 gegen Gott, ſich ſelbſt und ſeine Mitmenſchen habe, ſich durch Arbeit nützlich zu machen. Ach, meine Jenny, ich habe aus Dir ein ſelbſt⸗ ſtändiges Weſen machen wollen, das klar begriff, welche große Verantwortung ein Weib übernimmt, das ſich verheirathet. Ich wünſchte Dich zu lehren, daß die Ehe nie als Mittel zur Verſorgung betrachtet werden darf, ſondern als eine der wichtigſten und verantwortungs⸗ vollſten Handlungen im Leben. Dieſes, mein Kind, war der Grund meiner Handlungsweiſe. — Und Deine Jenny wird ſo gerne Deinen Be⸗ mühungen entſprechen. Sie wünſcht alles das zu werden, was Du aus ihr haſt machen wollen; lei⸗ der hat ſie von der Natur einen guten Theil Fehler erhalten. Aber zurück zu der großen Neuigkeit. Betrachte mich, Malin, und ſage: Lieſeſt Du nicht einen Aus⸗ druck des Stolzes, der Selbſtbefriedigung an meiner Stirne. Gibt es nichts in meinem Aeußern, welches zeigt, daß ich plötzlich eine beſſere Meinung von meinem Ausſehen bekomme? — Nein, Du Närrin, Du biſt Dir vollkommen gleich,— antwortete die Mutter lächelnd. — Das wäre verdießlich. Ich hätte gehofft, daß an meiner Stirne mit großen Worten ſtehen würde: Jenny hat einen Freier gehabt. — Einen Freier!— rief die Majorin lachend.— — Ach, liebe Malin, lache nicht ſo mißtrauiſch über das, denn ſiehſt Du, ich habe einen Freier gehabt. Ernſtlich geſprochen, Mama,— fuhr euu Schwartz, Zwei Familienmütter. II. 98 mit einem ernſten Ausdruck in der Stimme fort— was meinſt Du? Baron Fritz hat um mich wirk⸗ lich gefreit, mir ſeine Hand, ſeine Liebe angeboten und mich mit dem ſtrahlenden Bilde geblendet, Herr⸗ ſcherin auf dem ſtattlichen Stjernebro und auf allen ſeinen Gütern zu werden. Ich habe vor meinen Augen eine Ausſicht auf ein glänzendes Vermögen mit allen den tauſend Mit⸗ teln gehabt, welche daſſelbe uns verſchafft, Bedürf⸗ tigen zu nützen und zu helfen. Jenny ſtüzte den Kopf auf die Hand und ſchwieg. — Nu— un? Das junge Mädchen warf den Kopf mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit zurück, rich⸗ tete die Augen mit einem ſchalkhaften Ausdruck auf die Mutter und fragte lächelnd. — Nu— un, kleine Malin, wie glaubſt Du, daß ich über mein Schickſal entſchieden habe? Denke Dir, wenn Du Weihnachten ein Verlobungsfeſt feiern könnteſt und dann ſagen: mein Schwiegerſohn, der Baron Silfverkrona, oder die Freiherrin meine Tochter. Wie würde das Dir gefallen? — Nicht ſehr, befürchte ich, denn dann hätte Jenny ſich von weltlichen Motiven leiten laſſen und das bewieſe, daß ſie gar nicht an die Bedeutung des Schrittes, den ſie gemacht, gedacht hätte. — Wie glaubſt Du nun, daß Jenny gehandelt 1 hat? — Ich glaube, daß ſie ſich gar nichts daraus ge⸗ macht hat, Freiherrin zu werden— antwortete die Mutter und ſtreichelte den Kopf der Tochter. — Und Du haſt recht gerathen, ſagte Jenny, deren Geſicht wieder einen ernſten Ausdruck annahm. 99 Ich mag wirklich Fritz aufrichtig und innig leiden, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, daß jene Zuneigung zurückgedrängt wird, wenn ein ande⸗ rer Gegenſtand mich lebhafter intereſſirt. Ich habe noch meine aufdämmernde Neigung zu dem Doktor friſch im Gedächtniß, und um aufrichtig zu ſprechen, ſo hat ſie eine gewiſſe Leere hinterlaſ⸗ ſen, die, wie ich befürchte, eines Tages von einer tieferen und ernſteren Liebe ausgefüllt werden wird. Ich weiß wohl, daß es romantiſcher geweſen wäre, wenn ich geſucht hätte, mich ſelbſt zu überzeugen, daß ich für den Doktor eine unglückliche Liebe ge⸗ nährt und daß ich nicht mehr lieben könnte, ſo wie ich in dieſer Ueberzeugung im Stand wäre, mich aus Freundſchaft zu verheirathen; aber wie Du weißt, Mama, bin ich nicht romantiſch, ſondern lebe mit meiner ganzen Seele in der Wirklichkeit, und darum dachte ich: nein, Jenny, bevor nicht Dein Herz ernſt⸗ lich für Jemanden ſchlägt, ſollſt Du Dich nicht ver⸗ heirathen, und da Du gar nicht in den Baron ver⸗ liebt biſt, ſo kannſt Du auch nicht ſeine Frau wer⸗ den. Alles dieſes ſagte ich ihm und mein Rein wurde zu einer noch feſteren Kette für die Freund⸗ ſchaft, die wir für einander hegen und woran ſeine Freierei nichts geändert hat. — Du haſt recht gehandelt, Jenny, und ich fühle mich zu gleicher Zeit glücklich und ſtolz auf Dich. — Dank— meine geliebte Malin. — Sage mir nun, koſtete Dich dieſe abſchlägige. Antwort keinen Kampf? — Ja, eine Weile ſpielten meine Eitelkeit und meine Eigenliebe luſtig mit meinen Gefühlen. 7⁸ 100 Die erſtere war durch die Ausſicht geblendet, auf einmal in Beſitz von Rang und Reichthum zu gelangen und meine Eigenliebe fühlte ganz das Berauſchende, die vornehmſte Frau in der ganzen Gegend zu werden; aber ich bat ſie, ſo gut zu ſein, mich meine Ver⸗ nunft behalten zu laſſen. Nachher, als ich aller Liebe entſagte, da murrten ſie ganz unverſchämt in meinem Innern, aber ich ſchlug taub zu und jetzt war ich ganz mit mir ſelbſt zufrieden. B — Und ebenſo heiter und zufrieden wie vor dem lockenden Anerbieten? — Ja, vollkommen; wie ſollte ich anders, da ich Dich habe, Du Perle unter den Müttern. Wir gehen jezt einen Tag weiter. Weihnachts⸗Abend war überſtanden. Da war immer ein großes Feſt auf Stjernebro. Die Nachbarn aus Rönby ſowohl, wie die Fa⸗ milie des Predigers der Gemeinde aßen dort zu Mittag und Nachmittags kamen die übrigen Gäſte an. Man war zum Ball eingeladen und pflegte nie vor dem vierten Tage von Stjernebro wegzukommen. Der Graf Stormhjelm hatte verſprochen, die Weihnachten auf Stiernebro zuzubringen, da ſeine Eltern und Schweſter den Winter über in Italien verblieben. Der alte Graf hatte ein Bruſtleiden, für welches die Aerzte ein wärmeres Klima vorgeſchrieben hatten. — 101 Nach dem Mittageſſen, während die Alten in dem untern. Stock ſaßen und ganz gemüthlich plau⸗ derten, hatte die Jugend ſich in den oberen Stock hinaufbegeben, um das immer neue Vergnügen zu genießen, all den Luxus aus vergangenen Zeiten zu betrachten. Der Probſt hatte eine ganze Reihe von jungen Töchtern zwiſchen 16 und 25 Jahren, ſowie drei Söhne, die alle Studenten waren. Während die übrige Jugend lachend und plau⸗ dernd in den Zimmern herumſchwärmte, blieb Minng in der Gemäldegallerie vor dem Portrait der jungen Dame ſtehen, auf deſſen Rahmen der Baron ſeinen Namen geſchrieben, als die Profeſſorin ihn fragte, wer es ſei. Minna's Augen hingen feſt an den ſchönen Zügen, gerade als wenn ſie nicht die Macht gehabt hätte, ſie davon wegzuwenden. Sie war ſo vertieft in die Anſchauung derſelben, daß ſie nicht darauf Acht gab, daß alle Andern die Gallerie verlaſſen und ſie mit Graf Stormhjelm allein zurückgeblieben war. Was die Aufmerkſamkeit Minna's auf dieſes Por⸗ trait hinzog, war beim erſten Anblick die Schönheit deſſelben und dann, je mehr ſie es betrachtete, die Aehnlichkeit, welche dieſe Züge mit Doctor Berg⸗ twöm hatten. Endlich kam es ihr vor, als wenn es ſein Geſicht ei nur zarter, feiner und jünger. Mitten in den Betrachtungen, welche dieſe Aehn⸗ lichkeit in Minna hervorrief, wurde ſie durch folgende Lorte, die dicht neben ihr ausgeſprochen wurden, geſtört: 102 — Iſt die Aehnlichkeit nicht in die Augen ſpringend? Minna drehte den Kopf ein wenig um und ſah den Grafen dicht hinter ihr in einem vergoldeten Fauteuil zurückgelehnt ſizen. — Es lag etwas Ruͤckſichtsloſes in Graf EFriks Thun und ganzer Haltung, welches deutlich zeigte, daß er es nicht für nöthig hielt, gegen Minna, die frühere Kammerjungfer, beſondere Aufmerkſamkeit zu beobachten. Eine zornige Röthe flog über Minna's Wangen, denn ihr weiblicher Inſtinkt ſagte ihr, daß es die Abſicht ſei, ſie fühlen zu laſſen, daß ſie in ſeinen, des Grafen Stormhjelm's Augen auch wenn ſie zu ſeinem Couſin eingeladen war, die Kammerjungfer war und blieb. Minna, welche gleich Albertine blos Beiſpiele des Hochmuths und der ECitelkeit vor Augen gehabt, hatte, ſo untergeordnet ihre Stellung auch war, doch durch jene täglichen Beiſpiele dieſe Gefühle von Jugend auf ausgebildet. Bei Minna hatten ſie die Geſtalt von Gefallſucht, Luſt zu ſchönen Kleidern, Verlangen nach äußeren Vorzügen und einem trozigen Weſen angenommen. Hätte Minna nicht das natürliche Be⸗ dürfniß zu lieben und im Grunde ein gutes Herz gehabt, welches die Veranlaſſung war, daß ſie mit einer alles Andere verſchlingenden Anhänglichkeit ſich an Albertine anſchloß, nur für ſie lebte und weder Glück noch Freude ohne ſie genießen konnte, ſo hätte ſie mit den natürlichen Anlagen zur Eitelkeit und Eigenliebe, ſowie bei der Leichtſinnigkeit, mit welcher ſie eine Rolle ſpielen konnte, ein zugleich leichtſinniges — 103 und geſährliches Weib werden können. Jezt hatte die Anhänglichkeit für Albertine ſie zum größten Theil von dieſen Fehlern gerettet, aber die Natur⸗ Anlagen hatten eine unverbeſſerliche ſchiefe Richtung erhalten. Doch, kehren wir zum Grafen und zu ihr zurück. Minna hatte den Kopf dem Grafen zugewandt und maß ihn mit einem ſtolzen Blick, ohne zu antworten, ſerz ſie ſich umdrehte, um die Gallerie zu ver⸗ aſſen. Jezt war die Reihe an dem Grafen, ſich durch das Benehmen der früheren Kammerjungfer ver⸗ lezt zu fühlen. Er erhob ſich aus ſeiner halb lie⸗ genden Stellung und fuhr fort: — Meint Mamſell Eckeberg nicht, daß das Por⸗ trait dort eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Doctor hat, welcher vorigen Sommer hier war? — Ja, ich meine es— war Minna's Antwort und ſie ſezte ihren Gang fort, um die Gallerie zu ver⸗ laſſen; der Graf aber, welcher ſich durch die Ant⸗ wort„der kleinen Naſeweis“, wie er ſie in Gedan⸗ ken nannte, gereizt fühlte, eilte ihr nach. — Einen Augenblick, Mamſell, wenn ich bit⸗ ten darf. — Das Wort Mamſell wurde auf eine unnach⸗ ahmliche Weiſe ausgeſprochen. — Wir haben einander nichts zu ſagen, ant⸗ wortete Minna kalt, ohne ſtehen zu bleiben. Der Graf legte ſeine Hand auf ihren Arm, um ſie zurückzuhalten und ſagte in einem hochmüthigen Tone: — Darin haben Sie Recht; ich wünſche blos 104 eine Frage an Sie zu richten: Wann gedenkt Al⸗ bertine ſich mit ihrem Liebhaber, dem Gärtnersſohne, zu verheirathen? — Die Frage beantwortet ſie am beſten ſelbſt. — Es ſind wohl die Aufträge zwiſchen dem Doctor und dem Fräulein, die Sie früher beſorgten, welche Sie ſo ungnädig gegen mich machen; aber Sie haben Unrecht, das darf uns nicht feindlich gegen einander ſtimmen. — Sie irren ſich, ich bin nicht feindlich gegen Sie geſtimmt; Sie ſind mir ganz gleichgültig, ſeit Sie nicht mehr im Stande ſind, Albertine unglücklich zu machen. — Unendlich verbunden,— antwortete der Graf ſpöttiſch.— Fräulein Albertine litt einen großen Verluſt, als ſie Sie aus ihrem Dienſte verlor. — Davon bin ich ſelbſt vollkommen überzeugt. — Die Antworten Minna's hatten das eigen⸗ thümliche Unglück an ſich, den Zorn des Grafen zu erwecken. Er wollte ſie demüthigen, aber ſie ſezte eine eiſige Kälte allen ſeinen Ausfällen entgegen. Er fühlte einen wirklichen Abſcheu vor dem jungen Mädchen, weil er es für eine Verbündete des Doe⸗ tors hielt. — Wiſſen Sie, Mamſell Minna, woran ich eben denke? ₰ Daß wir uns ſchließlich haſſen werden. — Unmöglich! Dazu habe ich nicht hohe Gedanken genug von Ihnen. Derzenige, den man haſſen ſoll, muß wenigſtens im Stande ſein, ſchaden oder be⸗ leidigen zu können, und das iſt der Gräf nicht im Stande. —.———— † 105 Man war während dieſes Geſprächs in ein kleines Cabinet hineingekomnien, welches nach dem Geſchmack des 14. Jahrhunderts meublirt war und worin ein Theil der Jugend ſich verſammelt hatte. Arvid be⸗ trachtete ein Käſtchen, eine wirkliche Reliquie aus den vergangenen Zeiten. Des Silfverkron ſche Wappen war auf einer Platte gravirt, und unter demſelben ſtand: 1391. — Zu jener Zeit lohnte es ſich wirklich der Mühe, ein Edelmann zu ſein,— ſagte Arvid.— — Ja, antwortete die eintretende Minna, damals bedeutete der Adel etwas mehr als in unſeren Tagen, ſte er nur ein leeres Wort iſt, worüber die Menge acht. Alle Anweſenden ſahen Minna an, und Jenny warf einen eigenen, ſchalkhaften Blick auf die Couſine. Die Augen des Grafen ſchoſſen einen Blitz voll Aerger auf das junge Mädchen, und er verließ das Zimmer. Jenny flüſterte Minna — Es geht nicht, daß Du zu offen dem Grafen Deinen Unwillen zeigſt, es iſt nicht einmal ganz dem Anſtande gemäß. — Süße Jenny, ich beabſichtige, nach Allem, was Du mir mitgetheilt, das der Baron dem Grafen geſagt, alles aufzubieten, um ihn zu ärgern. Wird er erſt recht gegen mich aufgebracht, ſo wird er ſeinen Haß gegen Albertine vergeſſen und ſie in Frieden laſſen. Dies iſt Alles, was ich wünſche. Und der Wunſch Minna's ging auch für den Abend in Erfüllung. ————— 106 Der Graf war auf die frühere Kammerjungfer und Nidce des Majors ſo erbittert, daß er's nicht laſſen konnte, an ſie zu denken. Der Ball war in vollem Gange und äußerſt animirt. Jenny war die perſonificirte Jugendfreude. Sie tanzte, nicht weil ſie tanzen ſollte, ſondern weil es ſie freute. Man ſpielte eine wilde Galloppade und an der Spize derſelben befanden ſich Jenny und der Baron. Der Graf hatte nur ganz wenig am Tanze Theil genommen und ſtand jezt an einen Thürpfoſten ge⸗ lehnt und betrachtete die ihm vorbeieilenden Paare. Lange verweilte ſein Blick auf Jenny und dem Baron, denn es war wirklich ein Vergnügen, ſie zu ſehen, ſo gut tanzten ſie; aber plözlich wandte er ſein Auge nach einem anderen Paare, es war Arvid und Minna. Das Geſicht des jungen Cadetten leuchtete vor Freude, und Minna ſah ſehr lebhaft aus. Die heftige Körperbewegung hatte ihren Wangen eine höhere Farbe gegeben, und die ſchwarzen Augen blizten wie ein paar Sterne. — Sie iſt verd— hübſch, die Schweſtertochter des Majors,— bemerkte ein alter Capitain, welcher mit einigen anderen Herren in der Nähe des Grafen ſtand und die Tanzenden betrachtete. — Und was für kleine Füße ſie hat! — Jo, ſie iſt wirklich ſchön, fiel ein Anderer ein. — Der Gutsbeſizer G.... auf Hallshof be⸗ hauptete vor Kurzem, daß er nie ein ſüßeres Mädchen geſehen. „ 107 — Man wird ſchon ſehen, ob er nicht ein Auge auf ſie geworfen. Der Graf hatte dieſe Worte mit demſelben Ge⸗ fühle gehört, mit welchem man ſtets Jemanden, den man verabſcheut, loben hört. Er fand die Herren ohne Geſchmack und gerieth förmlich in Aufregung, wenn er ſich die Möglichkeit dachte, daß Minna die Frau des Gutsbeſizers G.... werden würde. Endlich war die Galloppade zu Ende und die tanzenden Paare defilirten, als ſie in den Salon hineingingen, an ihm vorbei. Gerade als Arvid und Minna vorbeipaſſirten, bemerkte letztere:. — Nach meiner Meinung iſt Graf Stormhjelm häßlich, er ſieht dumm und ſelbſtſüchtig aus. Das fehlte nur noch, um den Grafen ganz raſend zu machen, und es paſſirte ihm daſſelbe, was Jedem paſſirt, wenn man ſich mit Jemanden in Geſellſchaft befindet, den man nicht vertragen kann, er konnte den ganzen Abend die Augen nicht von Minna weg⸗ wenden und er fand ſie geſchmacklos und kokett. Alle meinten, daß ſie ſich der Koketterie zu Schulden kom⸗ men laſſe und ſelbſt die Majorin dachte: — WMinna iſt ſchon etwas gefallſüchtig. Ein paar Tage nach den heiligen drei Königen trat die Majorin zu Ernſt ein. Man war ſeit dem zweiten Weihnachtstage auf einem Balle nach dem andern geweſen und ſelbſt am Tage der heiligen drei Könige hatte man auf 108 5 Rönby getanzt. Nach all dieſem wilden Treiben trat inige Tage Stillſtand ein. Die Majorin hörte mit einer innern Unruhe, daß Ernſt davon ſprach, nach W. zurückzukehren, und aus dieſer Veranlaſſung beſchloß ſie mit ihm eine Unter⸗ redung von den Intereſſen zu haben, welche ihn dahin zogen. Gewöhnlich pflegte er bis Ende Januar auf Rönby zu bleiben und beim Beginn des Semeſters abzureiſen; jezt wollte er aber ſchon im Anfang des Monats die Heimath verlaſſen. Als die Majorin eintrat, fand ſie Ernſt mit Schreiben beſchäflcht. — Störe ich Dich?— fragte ſie.— — Ah, Mama,.. Nein gewiß nicht, im Gegentheil, wir haben beide dieſelben Gedanken, denn ich beabſichtigte gerade hinunter zu gehen, um mit Dir ein wenig zu ſprechen. Ernſt ergriff die Hände ſeiner Mutter und fügte bewegt hinzu: — Geſtehe, Mama, daß Du die lezten Wochen manche unruhige und peinliche Stunde um meinet⸗ willen gehabt haſt. — Das läugne ich nicht, lieber Ernſt; aber es war nicht an mir, ſondern an Dir, mein Sohn, das Ge⸗ ſpräch über den Gegenſtand meines Schmerzes wieder aufzunehmen. Die Majorin ſezte ſich. — Aber thue es doch, ſpreche mit mir darüber auf Deine eigene, einfache Weiſe. Ich glaube, daß der Ton Deiner Stimme und das Liebevolle in Deinen Worten mich ein wenig † 3 109 mehr mit mir ſelbſt in Harmonie bringen werden, als ich es jezt bin. Ernſt ſezte ſich neben der Mutter. — Sage mir erſt, hältſt Du mich für eine Perſon, die ſich durch irgend ein Vorurtheil leiten läßt? — Nein, das thue ich gewiß nicht, aber ich glaube, daß Mama, gleich allen Menſchen, die noch nicht das Unglück und ein widerliches Geſchick kennen ge⸗ lernt haben, ſolche Menſchen nicht beurtheilen kann, welche ihr ganzes Leben mit dem Mißgeſchicke kämpften, ohne ungerecht zu werden, weil die Erfahrung ſie noch nicht gelehrt, wie erbittert die Seele wird durch den Kampf mit der materiellen Noth. kama hat in einem beſchränkten Kreiſe gelebt und die Armuth nur in dieſer Gegend geſehen, welche, wie ſie einem auch vorkommen mag, doch nicht mit dem Elende verglichen werden kann, das eine große Stadt aufzuweiſen hat. „Dieß macht, daß Mama meint, warum nicht lieber einen anſtändigen Dienſt nehmen, wenn der⸗ elbe noch ſo gering wäre, als in der Welt als Sängerin herum zu ziehen und ſich zum Gegen⸗ tand von Jedermann's Zudringlichkeit zu machen? — Vielleicht haſt Du zum Theil Recht, aber nicht in Allem. Obgleich ich wirklich der Meinung bin, daß ein einfacher, aber ehrlicher Dienſt für jedes feinfühlende Weib einem herumirrenden Leben vorzuziehen ſei, ſo begreife ich doch vollkommen, daß es Umſtände geben kann, die ein armes Mädchen, as nichts gelernt hat, dazu zwingen, ſein Aus⸗ ommen mit der Stimme zu erwerben, welche ihm ie Natur gegeben. Ich bin weit davon entfernt, 110 den Stab zu brechen oder ein wegwerfendes Urtheil über Diejenige zu fällen, welche das Unglück ge⸗ zwungen hat, eine ſolche Bahn zu betreten; aber. — Aber Mama würde troz all dem ſich ſehr un⸗ glücklich fühlen, wenn ich mich mit Gertrude ver⸗ heirathete. — Das läugne ich nicht. — Siehſt Du, Mama, da haben wir Deine Vorurtheile. — Ernſt, habe ich wirklich gehandelt, als wenn ich mich von Vorurtheilen regieren ließ. Habe ich nicht für Gertrud alles thun wollen, was ich thun konnte, damit Du, ſowohl wie ich, Gelegenheit be⸗ kämeſt, ihren Charakter richtig beurtbeilen zu können? Iſt je ein anklagendes Wort gegen Sie über meine Lippen gekommen? — Nein, Du gute Mama, gewiß nicht; aber Du haſt das Edle, das Stolze und Uneigennüzige in ihrer Weigerung mißverſtanden. — Wie verblendet biſt Du doch nicht, daß Du ſo ſprichſt! Wenn Du es geweſen wäreſt, welche ihr den Vorſchlag gemacht, dann würde ich auch ihr Betragen ſo beurtheilt haben, wie Du thuſt; aber Ernſt, da der Vorſchlag von mir gemacht wurde, ſo hätte ſie ſich nicht dadurch verlezt fühlen dürfen. Beſäße ſie wirklich den hochherzigen Charakter, den Du ihr zuſchreibſt, ſo würde ſie nie mit dieſem Hohn und dieſer elenden Berechnung der Motive meiner Handlungsweiſe geontwortet haben. Nein, Ernſt, nein, kein edles Weib läßt ſich dazu herab, Denjenigen zu verlezen und zu beleidigen, 111 der ihm freundlich und bereitwillig eine hülfreiche Hand bietet. Glaube mir, und eines Tages wirſt Du erfahren, daß ich Recht habe, dieſes Weib iſt eine Abenteurerin aus Neigung; ihr ganzes Benehmen zeigt das, und nie wird irgend ein häusliches Glück an ihrer Seite erblühen. Ach, Ernſt, höre auf Deine Mutter, welche Dich ſo innig liebt! Sei auf Deiner Hut; jenes Mädchen wird Dich unglücklich machen. Wenn meine Liebe irgend einen Werth für Dich hat, ſo verſpreche mir, Zich durch kein Gelübde an ſie zu binden, ſondern denke daran, daß ſie es vor⸗ zog in einer Conditorei zu leben, ſtatt ſich in einem ehrenhaften Hauſe aufzuhalten. Mein Sohn, ſagt Dir nicht dein eigenes Ge⸗ fühl, daß gerade daraus hervorſchimmert, wie wenig ſie das Demüthigende ihrer Stellung begreift? Wenn ſie das wirklich thäte, dann würde ſie mit Freuden den Vorſchlag, den ich ihr machte, ange⸗ nommen haben. Ja, wäre ſie mit der Anhänglich⸗ keit eines Weibes an Dich gefeſſelt, ſo würde ſie begierig jede Gelegenheit benützen, die geboten würde, ihre Seele zu veredeln und zu cuktiviren, ſowie eine Bahn zu verlaſſen, welche das allgemeine Vorurtheil als zweideutig bezeichnet.. Denke genau nach über das, was ich Dir jetzt geſagt! „ Unterſuche ihr Benehmen, ihre Gewohnheiten und ihr ganzes Leben, wie ſich daſſelbe Dir darſtellt, und frage dann Dein Herz und Deinen Verſtand, ob Du glaubſt, daß Du mit ihr glücklich werden kannſt! 112 Und jetzt, mein Sohn, habe ich meine Gedanken ausgeſprochen, es iſt Dein Glück, welches ich will und könnte daſſelbe durch eine Verbindung mit Ger⸗ trude gefördert werden, ſo würde jede perſönliche Unannehmlichkeit, die ich dabei empfinde, in der Tiefe meiner Bruſt begraben werden. Ernſt küßte die Hände der Mutter und flüſterte: — Dank, Du gute, Du holde Mutter; ich werde über Deine Worte nachdenken. Am folgenden Morgen ſprach Ernſt nicht davon, nach der Stadt abzureiſen. Tage vergingen und er blieb auf Rönby. Gewiß war er ſchweigſamer und verſchloſſener als ſonſt, aber die Majorin, welche deutlich ſah, daß er gegen die Stimme ſeines Herzens, welche ihn nach der Stadt zog, ankämpfte, verdoppelte ihrerſeits ihre Zärtlichkeit und eines Tages bemerkte ſie bei einem Beſuche, den ſie im Pfarrhauſe ge⸗ macht, Folgendes: — Ich habe mit dem herzensguten Paſtor ge⸗ ſprochen. Wenn Mamſell Scheiber Luſt dazu haben ſollte, ſo hat er ſowohl wie die Paſtorin, verſprochen, ſie in ihr Haus aufzunehmen. Willſt Du, daß ich ſchreiben ſoll und ihr einen ſolchen Vorſchlag machen? Damit ihr Stolz ſich nicht verletzt fühlen möge, werde ich ſagen, daß ſie als Geſ ſellſchaft„Dame im Hauſe ſich aufhalten könne. Sie wird nie erfahren⸗ 113 daß ich für ſie zahle, aber wir erhalten dadurch Ge⸗ legenheit, ihre Sitten zu beurtheilen. — Mama, Du biſt ein Engel an Güte und Liebe! — rief Ernſt. Die Majorin ſchrieb einen höflichen und freund⸗ lichen Brief, welchen ſie Ernſt leſen und nach der Stadt ſchicken ließ; aber der Vote kam zurück mit der Antwort von Gertrud, daß ſie durchaus nicht Luſt dazu habe, irgend einen Dienſt anzunehmen, ſondern dort, wo ſie ſei, ſo lange zu bleiben gedenke, bis ſie eine eigene Heimath bekäme; nebenbei bat ſie die Majorin, ſie in Frieden zu laſſen, und hoffte, daß Ernſt Selbſtſtändigkeit genug. beſitzen würde, um ſeiner Liebe treu zu bleiben, ohne daß ſie nöthig hätte, ſich dazu zu verſtehen, eine Sclavin der Lau⸗ nen ſeiner Mutter zu werden. Die einzige Heimath, welche ſie annehmen könne, bis ſie verheirathet würde, wäre das Haus ſeiner Eltern und wenn dieſes ihr nicht angeboten werde, ſo beabſichtige ſie auf dem Platze zu bleiben, wel⸗ chen ſie jetzt inne hätte. Ernſt's erſter Eindruck war etwas gleich Aerger über den Ton, in welchem ſie den Brief der Mutter beantwortete; ſein zweiter der, daß er wie⸗ der Gertrud Recht gab. Als er aber in demſelben Augenblick die Augen erhob und den milden und zugleich traurigen Blicken ſeiner Mutter begegnete, als er Thränen in dieſen ugen ſah, welche ihm von ſeiner zarteſten Kindheit an liebevoll entgegengelächelt hatten, dann ſchämte er ſich vor ſich ſelber, und während er ſchweigend Schwartz, Zwei Familienmütter. n. 8 114 die reinen Züge der Mutter, ein Abbild ihres Her⸗ ns, betrachtete und dieſe ſo keuſchen, ſo wahrhaft weib⸗ lichen Züge mit denen der Getrud verglich, die mit ihrer Schönheit und ihrem von irdiſcher Begierde ſprechenden Geſicht, ſeine Leidenſchaft entzündet und„ ſeine Vernunft bethört hatte, ſo meinte er zwei„ Weſen von ganz verſchiedenem Urſprung zu ſehen. Es kam ihm vor, als wenn die eine ſein guter, die andere ſein böſer Geiſt ſei, und er empfand ein Gefühl bittern Schmerzes beim Gedanken an all die Liebe, welche die Mutter ihm bewieſen, an all die Nachſicht, womit ſie eine Schwäche behandelt, die ſie tief grämte. Er ergriff denn auch ihre Hand und ſtammelte: — Verzeihe dem Sohn, er verſpricht, daß Du mit ihm zufrieden ſein ſollſt. — Dank! — Bei der Wahl zwiſchen Dir und ihr gibt es keine Wahl mehr Du biſt mein guter Engel. Die Tage, welche Ernſt noch im Vaterhauſe blieb, brachte er auf ſeinem Zimmer zu, und eigent⸗ lich nur, um auf eigene Hand den Sieg über ſein Herz zu erkämpfen. Am Tage vor ſeiner Abreiſe kam der Major hinauf zu ihm. ————— Der Vater war am Abend vorher bei dem Guts⸗ beſitzer D mit einigen Städtern in Geſellſchaft gewe ſen und hatte von ihnen davon ſprechen gehört, daß. der Sohn ſeine meiſte Zeit in einer Conditorei zu⸗ 5 115 brächte und daß er in eine herumreiſende Sängerin verliebt ſei. — Mein lieber Ernſt,— ſagte der Major mit barſcher Miene— ich habe hübſche Sachen von Dir zu hören bekommen. Du lebſt und ſchwelgſt in der Stadt wie ein ächter Sauſewind. Was zum Teufel ſind das für Geſchichten, die mir da aufgetiſcht worden von einer Abenteurerin, 1 einer Landſtreicherin, mit der Du verlobt ſein ollſt? Wahrhaftig, Du denkſt hübſch daran, Deiner Mut⸗ ter für all die Liebe und Mühe, die ſie auf Deine Erziehung verwendet, zu danken. Das ſage ich Dir, Junge, falls Du ihr Schmerz bereiteſt, dann betrachte ich Dich als einen wirklich elenden Menſchen, unwürdig meinen Namen zu tragen. Wie hängt das Alles zuſammen? Ich will dar⸗ über Auskunft haben. — Papa,— antwortete der Sohn ernſt— ich gebe gern zu, daß ich mich dieſer Anklagen ſchul⸗ dig gemacht habe; aber nie werde ich⸗ vergeſſen, daß meine Thorheiten Mutter Thränen gekoſtet haben, und ſei verſichert, daß die Erinnerung an ihre Nach⸗ ſicht und Güte mitten unter ihren Leiden wegen meiner Verirrungen ein kräftiges Gegengewicht gegen jede Verſuchung abgeben werde. — In der That, ich ſollte meinen, Ihr hättet eine Mutter bekommen, deren Gleichen es nicht gibt. Theile mir nun die herrliche Geſchichte mit. Der Major ſetzte ſich und Ernſt erzählte ihm, was ſich auf ſeine Liebe zu Gertrud e8 116 Der Major unterbrach ihn von Zeit zu Zeit. Ernſt ſchloß mit dieſen Worten: — Papa, ich wäre in meinen Augen verächtlich, wenn ich nach Allem, was Mama für mich gethan, doch an einer Neigung feſthalten könnte, welche, wenn ich ihr nachhinge, ein bitterer Kummer für ſie und Papa, ſowie eine Quelle des Unglücks für mich ſelbſt werden würde. Der Vater reichte ihm ſchweigend die Hand, verließ das Zimmer und ging hinunter in den Saal, wo er die Majorin traf. — Dank! Malin, daß Du Ernſt zur Vernunft gebracht; Du biſt eine Krone von einem Weibe, und der Junge verdiente ſeine Fünfundzwanzig, wenn er ſo all die Liebe vergäße, welche er Dir ſchuldig iſt. 3. Ernſt vergaß ſie auch nie. Der März mit ſeinen längeren Tagen, ſeiner Mittagsſonne, die einige Stunden milder Strahlen gewährte, und ſeinem ſchneeweißen Mantel, war als Vorbote des Frühlings gekommen. Ernſt arbeitete in der Schule, beſuchte nicht die Conditorei und war zu der beſtimmten Ueberzeugung gekommen, daß Mama Recht gehabt, als ſie Ger⸗ trud für eine Abenteurerin hielt. Zu dieſem Schluß hatte ihm auch die Erfahrung verholfen; denn als Gertrud ſah, daß ſie keinen eigentlichen Vortheil mehr von Ernſt hatte, richtete ſie ihre Augen auf diejenigen, welche mehr 117 Geld hatten, und legte ihren Gewohnheiten weniger Zwang an. Arvid war nach Carlberg zurückgekehrt und der Baron hatte mit Jenny's Beiſtand eine Mädchen⸗ ſchule eingerichtet, welche ſich unter Jenny's Inſpec⸗ tion in voller Wirkſamkeit befand. Nebenbei hatte er mit GEifer angefangen, die Lage ſeiner Untergebenen zu verbeſſern, den Armen beizuſpringen und ſich mit Fleiß um ſein Gut zu kümmern, deſſen Ackerbau in beſſere Ordnung ge⸗ bracht zu werden nöthig hatte. Genug, der Baron hatte ſich darauf gelegt, ein nützlicher und thätiger Menſch zu ſein. Graf Stormhjelm fuhr fort auf Stjernebro Be⸗ ſuche zu machen. Warum? Er ſprach unaufhörlich davon, nach ſeinem Gute hinunterzureiſen; aber trotzdem blieb er. Bisweilen reiſte er nach dem ſtattlichen Hallvik des Vaters, welches einige Meilen davon lag; dort hielt er ſich ein Paar Tage auf und kam dann wie⸗ der nach Stjernebro. Bisweilen ſagte er, daß er nach Stockholm zu reiſen gedenke, aber er blieb doch eine Woche nach der andern. War er verliebt? fragte man, und die gnädigen Frauen der Gegend gingen die Liſten von allen jungen Mädchen, die es gab, durch, aber kein ein⸗ ziges zeichnete der Graf aus. Im Gegentheil ſchien er ihnen auszuweichen und hielt ſich mit einem ſolchen Hochmuth entfernt von ihnen, der den jungen Damen durchaus keine Hoff⸗ 118 nung gab, daß ſie die Veranlaſſung ſeien, daß er in der Gegend blieb. Beſuchte er mit Vorliebe irgend eine Familie? Nein. Endlich glaubte man aber doch das Räthſel errathen zu haben: er trauerte über die aufgehobene Verlobung! aber das war nicht ſo ſehr wahrſchein⸗ lich, da der Graf gerade nicht traurig ausſah. Doch, laßt uns nun nicht länger uns mit ihm aufhalten. Es war ein ſchöner und ſonniger Vormittag im März. Jenny war auf einem Inſpectionsbeſuch in der neuen Schule geweſen, welche halbwegs zwiſchen Rönby und Stjernebro lag. Gerade als ſie im Begriff ſtand heimzukehren, kam der Baron. Jenny hatte ihre kleine Sammetmütze und ver⸗ brämte Jacke an, und ſie hatte bereits die Schule verlaſſen, als der Baron ihr in der Hausflur be⸗ gegnete. — Ich fürchtete, zu ſpät zu kommen,— ſagte er— und glaubte, daß Sie fortgegangen und daß ich der Freude verluſtig gehen würde, Sie nach Hauſe zu begleiten. — Der Verluſt wäre wohl nicht ſo groß ge⸗ weſen,— antwortete Jenny lächelnd,— da dieſe große Freude Ihnen zweimal in der Woche bereitet wird. — Das hindert mich indeſſen, nicht troſtlos zu werden, wenn ich dieſelbe entbehren muß. — Ei, ei, jetzt fangen Sie an, Complimente zu ſagen, und das ſtreitet gegen unſere Uebereinkunft. 119 Wenn der Baron ſo fortfährt, dann kündige ich unſern Freundſchaftscontract. — Nehmen Sie meinen Arm,— bat der Ba⸗ ron— und laſſen Sie uns Frieden ſchließen; ich werde nie ſagen, daß es angenehm ſei, Sie zu treffen. Sind Sie zufrieden? — Ja, aber der Fehler iſt, daß Sie nicht Wort halten,— antwortete Jenny lächelnd und nahm ſeinen Arm. — Wenn dem ſo iſt, ſo kommt es daher, daß Sie mich Alles, ausgenommen das Vergnügen mit Ihnen zu ſprechen, vergeſſen machen. Sieh ſo, Fräulein Jenny, wir werden nicht mehr von der Sache ſpre⸗ chen. Wiſſen Sie, was man bei Oberſt“** ſagte, als ich geſtern dort war? — Nein, das weiß ich gewiß nicht. — Ja, man behauptete, daß der Gutsbeſitzer D— damit umging, Mamſell Eckeberg zu freien, und daß Sie verheirathet werden ſollten mit.... — Mit wem? — Mit Stormhjelm. Jenny fing an zu lachen wie ein fröhliches und ungezogenes Kind. — Wie Schade, daß der Graf nie auf die Idee gekommen iſt, mich zu freien! Ich.. — Nu— un, würden Sie ihn nehmen?— fiel der Baron heftig ein. — Warten Sie ein wenig.— Graf Erik iſt ſchön, das können Sie nicht läugnen. — Das beſtreite ich gewiß nicht,— antwor⸗ tete der Baron mürriſch. — Er iſt ſehr vermöglich, oder wie? 120 — Aber, mein Gott, Fräulein Jenny, das wiſſen Sie ja; warum denn mich fragen? — Dazu iſt er Graf, etwas, worauf meine gnädige Tante viel Werth legt. Ich ſtiege gewiß in ihrer Achtung, falls ich Gräfin würde. Glauben Sie das nicht? Jenny betrachtete den Baron mit einer ſchalk⸗ haften Miene. — Jawohl, davon bin ich vollkommen überzeugt, her — Aber, wenn Jenny ſo großen Werth auf Rang und Reichthum legt, meinen Sie, müßte i — Mir keinen Korb gegeben haben,— fiel der Baron ein. — Wahr, aber ich könnte zufälligerweiſe finden, daß Graf Erik liebenswürdiger ſei, als Baron Fritz. — Das gebe ich zu.— Alſo, wenn er freite, dann?. — Erhielt er — — Durchaus nicht. Ich meinte nur, es ſei Schade, daß ich nicht Gelegenheit bekommen, meine Vorliebe für den unverheiratheten Stand dadurch zu zeigen, daß ich ihm einen Korb gäbe. — So, Sie haben mich lange geplagt,— ſagte der Baron lächelnd. — Aber Scherz bei Seite, Sie denken alſo un⸗ verheirathet zu leben und zu ſterben. — Ich habe zuerſt noch kein ſolches Gelübde gethan. Es ſieht indeſſen aus, als wenn ich mehr — — 121 Liebe zu dem unehelichen Stande habe, als ich zu irgend einem Manne faſſen kann. — Bedenken Sie indeſſen, welches mühſame Leben das werden wird! Wenn Sie alt und von Ihrer Jugend verlaſſen werden, dann werden Sie ſelbſt die Freude verlaſſen. Ihre Eltern gehen zu ihren Vätern, Ihre Brüder verheirathen ſich, und das Vermögen, welches Sie erben werden, wird vielleicht unzureichend ſein, um bequem davon leben zu können. Was werden Sie dann thun? Wie leer und öde iſt nicht das Leben eines alten, unverheiratheten Weibes! Ich wüßte kaum, welche Weſen mehr zu beklagen wären; ſie ſtehen ſo einſam. — Lieber Gott, wie der Baton da ſpricht. Sie behaupten alſo, daß ich als alte Jungfrau ein mühſames Leben bekommen würde, aber das be⸗ ſtreite ich ganz beſtimmt. Laßt uns die Fragen der Reihe nach durchgehen. Ich denke gar nicht daran, eine ſolche alte Jungfrau zu werden, die da ſitzt und ihre Jugend und ihre ent⸗ flohenen Hoffnungen beweint. Nein, ich denke, eine fröhliche und angenehme alte Frau zu werden, welche gern Jugend und Freude um ſich ſieht. Sie fragen, womit ich mich zu beſchäftigen be⸗ abſichtige, falls ich zu wenig zum Leben haben ſollte. Nun, ich beabſichtige, Schule zu halten. Sollte ich auch Vermögen bekommen, ſo gedenke ich doch mein Leben dazu zu verwenden, nützlich zu ſein und es durch meine Thätigkeit angenehm zu machen. Unverheirathete Weiber ſind nur deßhalb verdrießlich und mürriſch, weil ſie unbeſchäftigt ſind. — Und Sie, Jenny, ſo voll Lebensluſt, Fröh⸗ 122 lichkeit und Jugend, Sie glauben, Ihre Tage mit der beſchwerlichen Arbeit, Kinder zu unterrichten, verbringen zu können. Geſtehen Sie ein, daß Sie ein wenig romantiſiren. — Durchaus nicht; denn wenn ich das thäte, ſo würde ich mir vornehmen, mich nie zu verhei⸗ rathen, für den unverheiratheten Stand zu ſchwär⸗ men und mich in ſublimen Klagen über Euer Ge⸗ ſchlecht zu erſchöpfen; aber jetzt thue ich nichts von alle dem. Ich ſage: Kann ich Jemanden lieben, und dieſer Jemand liebt mich, dann verheirathe ich mich; wenn nicht, ſo bleibe ich Mädchen und werde als ſolches ſo nützlich als möglich zu ſein ſuchen. Das, meine ich, iſt recht vernünftig. — Aber noch vernünftiger wäre es, wenn Sie ſich verheiratheten. —— — Zugegeben; aber lieber als mich zu verhei⸗ rathen einzig und allein, um mich zu verheirathen, lege ich mich darauf, Schule zu halten. — Aber worauf ſoll ich mich legen? Können Sie mir das ſagen? — Heirathen Sie. — Das wird unmöglich, wenn Sie unverhei⸗ rathet bleiben. — Dann pflügen Sie Ihre Aecker, ſprechen auf den Reichstagen zum Beſten der Nation, und ſo fahren wir fort, ein Paar gute Freunde zu ſein. Sie begrüßen mich und dann können wir in unſern alten Tagen es recht angenehm mit einander haben. — Ja, du lieber Gott,— antwortete der Ba⸗ 123 ron lächelnd,— und dann nennen wir einander ſüßer Bruder und ſüße Schweſter. — Ganz richtig, und bisweilen laden Sie mich ein zum Fahren. Zu der Kirche ſollten Sie mir jeden zweiten Sonntag im Winter Vorſpann geben. — Das wird ja ganz prächtig werden. — Das ſollte ich meinen. Ich ſchaffe mir eine Schnupftabaksdoſe und einen kleinen Hund in meiner Einſamkeit an. — Um Gotteswillen, keine Schnupftabaksdoſe! — Und warum nicht? — Wenn Sie ſich auf das Schnupfen legen, dann bekommen Sie eine ſo große Naſe. Jenny brach in ein ſchallendes Gelächter aus. — Das habe ich ja ſchon vorher. — Ein Grund, ſie nicht noch größer zu machen; bah, ſagen Sie mir aufrichtig, was würden Sie da⸗ von halten, wenn ich mich verheirathete? — Nun, ich glaube, daß ich es lieber ſehen würde, wenn Sie unverheirathet blieben. — So— o—, da ſind wir ſchon ein Stück vor⸗ wärts gekommen. — Ja, wir ſind jetzt bei der Hütte des Wald⸗ hüters,— antwortete Jenny lachend,— und da muß ich hineingehen, um nach meinem kleinen Pa⸗ then zu ſehen. Adieu! Kommen Sie hinüber nach Rönby?— — Gonz gewiß— ich muß meinen alten Ge⸗ wohnheiten treu bleiben, ſonſt könnte ich ganz aus herauskommen, bis Sie Schulmeiſterin werden. „ — Und Sie Reichstagsredner.— Sie ſind will⸗ kommen, wann Sie kommen. Damit verſchwand Jenny in der kleinen Hütte des Waldhüters. Laſſen Sie uns jetzt einen kleinen Beſuch bei der Profeſſorin machen. Die Monate, welche auf Rönby ſo raſch dahin ſchwanden, kamen Albertinen wie Jahrhunderte vor. Freilich war der Bruder Ende November zu⸗ rückgekehrt, aber die Profeſſorin, welche meinte, allen möglichen Grund zur Unzufriedenheit mit ihren Kin⸗ dern zu haben, war wo möglich noch kälter und ſteifer als je. Die Stunden, welche Albert in dem elterlichen Hauſe zubrachte, waren ſo langweilig und die Un⸗ terredung beſtand meiſtentheils aus ſpitzigen Redens⸗ arten, welche die Profeſſorin mit ihrer ſcharfen und ſchneidenden Stimme nach rechts und links fallen ließ, daß der Sohn anfing, immer ſeltener ſeiner Mutter die Aufwartung zu machen, und wenn dieß geſchah, nur auf ganz kurze Zeit. Länger dauerten ſeine Beſuche oben bei dem Vater, aber dieſe machte er Abends. Oft, wenn die Mutter zur Ruhe gegangen war, brachten die beiden Geſchwiſter viele angenehme und lehrreiche Stunden mit dem Vater zu, aber dieß war doch un⸗ zureichend für die arme Albertine, welche den Tag über an die Seite der Mutter gefeſſelt war. Zu Hauſe, außer dem Hauſe, auf den Prome⸗ 125 naden, überall und immer behandelte Ihre Gnaden ihre Tochter mit derſelben Strenge, mit derſelben eiſigen Kälte. Niemals kam ein Wort der Liebe über ihre Lippen, niemals ein Zeichen, welches an⸗ deutete, daß ſie für die Tochter irgend ein zärtliches Gefühl nähre. Trotz allen Bemühungen von Seiten Alberti⸗ nens konnte nichts auf dieſe Mutter mildernd ein⸗ wirken, welche ſich für ſo ſchwer beleidigt hielt, daß ſie es nicht verzeihen dürfte. Dieſe Starrheit re⸗ ſlectirte auf Albertine zurück, ſo daß ſie ſich auch verſtellte und Kälte gegen Kälte ſetzte. Die Profeſſorin hatte gegen ihren Sohn mit kei⸗ nem Worte der Gerüchte erwähnt, welche ſie in Be⸗ ziehung auf ſeine Reiſe und jene Jüdin gehört. Sie hielt es unter ihrer Würde, ſich auf eine Unterre⸗ dung über eine ſolche Perſönlichkeit einzulaſſen. So war die Zeit vergangen. Es war im März. Man gab in dem königlichen Opernhaus Don Juan, und die Profeſſorin, welche mit der Zeit fortzu⸗ ſchreiten ſcheinen wollte, beſuchte immer die lyriſchen ufführungen. Wäre ſie ihrem natürlichen Ge⸗ ſchmacke gefolgt, dann wäre ſie gewiß nicht hinge⸗ gangen, denn ſie war nicht im Geringſten muſi⸗ kaliſch. Albertine und ſie hatten ihre Plätze im erſten Range eingenommen; und die Profeſſorin grüßte rechts und links ihre Bekannten mit jener ſteifen und imponirenden Höflichkeit, welche ſie mit ihrem Rang und ihrer Würde übereinſtimmend glaubte. Der Präſident W., welcher zu dem vertrauteren 126 Umgangskreis der Profeſſorin gehörte, hatte ſeinen Platz in derſelben Loge. — Haben Eure Gnaden nicht bemerkt, daß Al⸗ bert heute Abend hier iſt?— fragte der Präſident. — Nein, das habe ich nicht,— antwortete Ihre Gnaden und ſetzte ihr Opernglas an die Augen. — Unſer junger Diſtriktsrichter ſitzt in der erſten Loge nächſt der Bühne auf der erſten Bank. Ihre Gnaden richtete das Glas dorthin und ſah ihren Sohn hinter zwei Frauenzimmern ſitzen, deren ſcharf markirte Geſichtszüge auf den erſten Blick verriethen, daß ſie der iſraelitiſchen Race an⸗ gebörten. Albert neigte ſich vor und ſprach ſehr eifrig mit dem jüngſten der beiden Frauenzimmer. Bei dieſem Anblick erröthete Ihte Gnaden ſo ſtark, daß der Präſident den Refler davon an ihrem Nacken hätte ſehen müſſen. Sie nahm das Opernglas ſchweigend von den Augen weg. — Wiſſen Eure Gnaden, wer die Damen ſind, mit denen Albert in Geſellſchaft ſitzt?— fragte der Präſident. — Nein, ſie ſind mir vollkommen fremd,— war die Antwort Ihrer Gnaden. Auch Albertine hatte ihr Glas auf den Bru⸗ der und ſeine Geſellſchaft gerichtet und betrachtete unverwandt die jüngere Dame. — Es iſt Mamſell Israeli, die Steinzeichnerin und, wie man behauptet, heimlich mit meinem Freunde Albert verlobt; aber wenn dem ſo wäre, ſo müßten Eure Gnaden die Erſte ſein, die es wüßte 127 — Herr Präſident, das iſt eine von den ge⸗ wöhnlichen Geſchichten, welche die Leute zuſammen⸗ ſchmieden, ſobald ein junger Mann ſich gegen ein Frauenzimmer zuvorkommend zeigt. Das ganz Un⸗ ſinnige an dem Gerüchte dürfte einleuchten, wenn man ſich erinnert, daß die Perſon nie partie 6gale für meinen Sohn werden kann. — Daſſelbe habe auch ich geantwortet, aber der junge Mann erſcheint immer in ihrer Geſellſchaft und die Menſchen ſind immer geneigt, das Schlimmſte zu glauben. Jetzt traten einige Damen in die Loge nebenbei ein; es waren Bekannte der Profeſſorin. Man grüßte ſich und drückte ſeine Freude darüber aus, ſich zu treffen ꝛc. Hierauf machten die Angekommenen eine Runde mit dem Opernglas im Saale, und als das ältere Frauenzimmer bei der letzten Loge anlangte, ſagte ſie zur Profeſſorin: — Meine ſüße Sophie, dä ſitzt Dein Sohn mit ſeiner Braut. Wann ſoll die Verlobung procla⸗ mirt werden? — Mein Sohn iſt nicht und wird nie mit jenem Frauenzimmer dort verlobt. Alles, was man darüber ſagt, iſt ein loſes Gerücht,— war die Antwort der Profeſſorin. Jetzt begann die Ouverture und das Geſpräch hörte auf. 128 Am folgenden Nachmittag trat der Diſtrikts⸗ richter in das Kabinet ſeiner Mutter. Die Pro⸗ feſſorin beantwortete ſeinen Gruß mit einer ſteifen Kopfverbeugung und ſagte, ſich an Albertine wendend: — Du kannſt Dich hinſetzen und ſpielen; ich habe Etwas mit Deinem Bruder zu ſprechen. Schweigend wie ein Automat ging Albertine aus dem Saal und ſetzte ſich an das Inſtrument. — Wer waren die Damen, die Du ins Theater begleiteteſt?— fragte Ihre Gnaden und firirte den Sohn. Ohne die geringſte Bewegung und den Kopf zu⸗ rückgeworfen, antwortete er: — Mamſell Israeli und ihre Tante. — Zwei Jüdinnen alſo? — Ja, meine Mutter, zwei ausgezeichnete, ge⸗ bildete und liebenswürdige Frauenzimmer. — Das iſt recht glücklich für ſie; aber es ändert nicht den Umſtand, daß ſie Jüdinnen ſind. — Gewiß nicht,— antwortete der Diſtrikts⸗ richter mit ſeiner beſtimmten und unbeugſamen Stimme.— Ich ſehe nicht die Nothwendigkeit ein, daß dieſer Umſtand geändert zu werden braucht. Wenn man Bildung und intellectuelle Ueberlegen⸗ heit beſitzt, dann iſt es gleich, ob man ein Schwede, Chineſe oder Jude iſt. — Ich brauche keinen Unterricht von Dir und wünſche ihn auch nicht. Erzeige mir deßhalb die Artigkeit, nichts weiter zu thun, als meine Fragen zu beantworten. Irgend eine andere Converſation, als Fragen und Antworten, kann zwiſchen uns nicht aufkommen. Du haſt Dich zu unehrerbietig 129 gegen mich benommen, als daß ich mich dazu herab⸗ laſſen könnte, Gedanken mit Dir auszutauſchen. Ihre Gnaden hielt inne. Albert ſchwieg. — Ich wünſche zu wiſſen, auf welchem Fuß Du mit dergleichen Leuten ſtehſt. — Ich verkehre in ihrem Hauſe und hege eine tiefe Bewunderung für Mamſell Israeli. — Das haſt Du die Unverſchämtheit Deiner Mutter gerade ins Geſicht zu ſagen? — Warum ſollte ich damit ſchweigen, da Mama doch einmal meine Abſichten erfahren muß. Ich ge⸗ denke, um die Hand der Manſell Israeli anzu⸗ halten. — Du gedenkſt? — Ja, Jeder, der ſie kennt, muß meine Wahl billigen. — Du fragſt nicht einmal, ob ich ſie billige, ob Du zu einer ſolchen Verbindung meine Einwilligung erhalten wirſt. Die Lippen Ihrer Gnaden zitterten und ſie ſprach mit gedämpfter Stimme. — Da ich es bin, welcher ſich zu verheirathen gedenkt, ſo glaube ich, daß meine eigene Meinung die einzig entſcheidende ſei. — Aber ich glaube, daß es Dir ſchwer halten wird, einen Sohn zu finden, welcher ganz und gar ſeine Mutter übergeht und wegen ihrer Einwilli⸗ gung vollkommen gleichgültig iſt. Du biſt gewiß der Einzige, welcher ſich ein ſolches Beträgen zu Schulden kommen laſſen kann. — Möglich! Die Urſache liegt darin, daß es keine Harmonie zwiſchen uns gibt, und darum ſind Schwaptz, Zwei Familienmütter. II. 8 130 meine Handlungen, wie ſie ſind. Mama will herr⸗ ſchen und ich als Mann glaube kein Sclave ſein zu müſſen. — Das iſt ſchön, daß Du mich über unſere ge⸗ genſeitige Stellung aufklärſt;— und Du gedenkſt wirklich um die Hand jenes Mädchens anzuhalten? — Ja, das iſt mein beſtimmter Entſchluß — Genug. Wir haben einander nichts mehr zu ſagen. Albert, Du kannſt Dich entfernen. Albert ſtand auf, machte eine ſtumme Verbeu⸗ gung vor der Mutter und verließ das Zimmer. Die Profeſſorin ſaß unbeweglich wie eine Bild⸗ ſäule. Ihre Bruſt hob ſich von einem unterdrückten Schmerz und eine Thräne fiel kalt und einſam auf die magere Hand herab. Es ſchien, als wenn die Profeſſorin von einem ſchweren Unglück betroffen worden ſei. Aber als Albertine kurz darauf eintrat, bemerkte man doch keine Aenderung in ihrem kalten Geſichte. Später, gegen Abend kamen einige Damen zum und die Profeſſorin war ſich vollkommen gleich. Der Abend verlief wie gewöhnlich in ſteifer und langweiliger Weiſe. Drei Treppen hoch in einem der kleineren Häuſer in der Königinſtraße befand ſich um die Zeit un⸗ ſerer Erzählung eine kleine, hübſche Wohnung. Das erſte Zimmer, in welches man hineintrat, war eine Art kleinerer Salon oder größeres Ar⸗ 131 beitszimmer, wie man eben will, mit drei Fenſtern und drei Thüren. Die eine führte zum Schlafka⸗ binet der Eigenthümerin, die andere zu dem ihrer Tante. Am Tage nach dem Geſpräch zwiſchen der Pro⸗ feſſorin und ihrem Sohne ſaß in dem erſten Zim⸗ mer der oben beſchriebenen Wohnung ein junges Frauenzimmer von ungefähr zweiundzwanzig Johren. Es war eifrig mit Zeichnen beſchäftigt. Beim erſten Blick kam ſie einem häßlich vor. Die ſcharf gebogene Naſe, der etwas große Mund, die breiten Augenbrauen und die dunkle Haut mach⸗ ten, daß ihr Ausſehen in keinem einnehmenden Lichte erſchien; aber wenn ſie aufblickte und ihre großen braunen Augen mit einem milden, ſchwärmeriſchen und ernſten Ausdruck auf den Zuſchauer heftete, dann wurde ſie plötzlich ſchön, und man meinte, daß dieſe hohe, breite und volle Stirne ſchön ſei wie ein Tempel der Gedanken, von dem tiefſchwarzen Haar umgeben, welches gleich einer dunkeln Wolke um ihre Schläfen, Hals und Schultern wogte und ihr ein gedankenvolleres Ausſehen gab, als die Wöl⸗ bung der Stirne. Die Unregelmäßigkeit der übri⸗ gen Züge verſchwand und man begriff nicht, wie man ſie je hatte häßlich finden können. Ein Läu⸗ ten an der Hausthürglocke veranlaßte ſie, den Kopf zu erheben und zu horchen. Sie hörte dann eine wohlbekannte Stimme die Dienerin fragen: — Iſt die Mamſell zu Hauſe? — Ja, ſeien Sie ſo gut und treten Sie ein. Auf den Wangen des jungen Frauenzimmers ſtieg eine leichte Röthe auf und ſie ſaß unbem den 1 3 1 132 Blick nach der Thüre gerichtet, welche in demſelben Angenblick dem eintretenden Albert geöffnet wurde. Nachdem ſie ihn begrüßt hatte, bemerkte ſie: — Was führt Sie um dieſe Zeit, wo Sie ſo beſchäftigt zu ſein pflegen, hieher? — Nun, wie immer, meine Sehnſucht Sie zu ſehen, Hagar, antwortete er und hielt die Hand Mam⸗ ſell Israeli's in der ſeinigen,— vielleicht auch, weil ich nicht länger zu leben vermag, ohne zu wiſſen, was die Zukunft mir bieten wird. Eine Unterre⸗ dung, welche ich geſtern mit meiner Mutter hatte, hat bei mir ein brennendes Verlangen erweckt, zu erfahren, wie mein Leben ſich geſtalten wird. — Aber, mein Freund, bei mir können Sie keine Löſung des Räthſels ihres Lebens erhalten.— Ueber die Zukunft gebieten wir Menſchen nicht! — Doch, zum Theil— wir ſind ſelbſt unſer Schickſal und nicht vom Zufalle abhängig. Auf unſerem Willen, auf der Kraft in unſerem Charak⸗ ter und auf der Ueberlegenheit unſerer Intelligenz beruht unſer Leben. — Wenn dem ſo iſt, ſo müſſen Sie ſelbſt am beſten die Frage beantworten können, auf welche Sie nun eine Antwort zu erhalten wünſchen. — Ach, Hagar, was ich ſagte, hatte Bezug auf die äußeren Umſtände in unſerem Leben, nicht auf diejenigen, welche von den Geſchäften Anderer ab⸗ hängig ſind, nicht auf das moraliſche Leben.— Be⸗ trachte mich, Hagar, ſehe ich aus wie ein Mann, dem es an Muth fehlt? — Nein! Im Gegentheil habe ich Sie für einen ſolchen gehalten, welcher mit Seelenſtärke das Miß⸗ 133 geſchick zu tragen und ſich über das Unglück zu er⸗ heben vermag. — Und doch bin ich in dieſem Augenblick ein feiger Schlucker, welcher mit Beben vor einem Mäd⸗ chen ſteht und mit Furcht die Antwort erwartet, die ſie mir geben wird. Albert hatte mit bewegter Stimme geſprochen. Er fuhr mit Wärme fort: — Verſprechen Sie mir, mich mit Geduld und mit Nachſicht anzuhören. — Das verſpreche ich. — Beide hatten im Sopha Platz genommen. — Ich brauche Ihnen gegenüber, Hagar, nicht von meiner Kindheit und von meinem Leben im elterlichen Hauſe zu ſprechen, Sie kennen beides;— aber was Sie nicht kennen, iſt gerade die Wirkung, welche dieſe Erziehung auf mein Gemüth und auf meinen Charakter gehabt hat. Von Natur eigen⸗ ſinnig und egoiſtiſch waren die fortwährenden Bei⸗ ſpiele, welche ich vor Augen hatte, eine ewige Nah⸗ rung für dieſe Gefühle und als ich Mann wurde, waren ſie die herrſchenden, und ich hielt mich durch die Ueberlegenheit meines Geiſtes für weit über Anderen ſtehend, jedes Hinderniß als eine Bagatelle betrachtend, welches ich durch die Kraft meines un⸗ beugſamen Willens beſiegen könnte. Noch bis zum letzten Frühling hatte ich Nieman⸗ den für meinen Obermann anerkannt, ſondern hielt mich ſelbſt für einen Mann, der reicher ausgerüſtet ſei als Andere; aber dann— dann lernte ich ein⸗ ſehen, daß auch ich welche treffen könnte, die weit höher ſtunden, als ich. Wiſſen Sie, wer mich ge⸗ 134 lehrt hat an meiner eigenen Ueberlegenheit zu zweifeln? — Alle die ausgezeichneten Männer, mit welchen Sie auf Ihrer Reiſe im Auslande in Berührung kamen. Sie erhielten da Gelegenheit Ihre eigenen Kenntniſſe mit den ihrigen zu vergleichen, und eine ſolche Vergleichung mußte unbedingt zu Ihrem eige⸗ nen Nachtheil ausfallen, obgleich die Natur Sie mit ungewöhnlichen Geiſtesfähigkeiten begabt. — Sie irren ſich; es waren mein eigener Va⸗ ter und Sie, denen ich für die Niederlagen, welche meine Eitelkeit erlitt, zu danken hatte. — Mein Freund, Ihren Vater hätten Sie doch vorher hinreichend kennen müſſen. — So hätte es ſein müſſen, ſo war aber das Verhältniß nicht. Ich bin als Kind nie in eine andere Berührung mit ihm gekommen, als ihn beim Mittagstiſch zu begrüßen und hie und da eine Frage, die er an mich richtete, zu beantworten. Im Uebri⸗ gen hielten wir ihn für einen Sonderling, der nicht vernünftig handeln konnte, ohne von unſerer Mutter geleitet zu werden. Als Jüngling beſchäftigte ich mich mit meinen Studien, war wenig oder gar nicht zu Hauſe, ſon⸗ dern lag das ganze Jahr durch in Upſala. Als Mann empfand ich etwas Aehnliches wie Verachtung vor meinem Vater und ſeinem ſchwachen, willenloſen Charakter, und als ich ſchließlich einſah, daß meine Mutter und ich in ſchwere Streitigkeiten wegen meiner Unabhängigkeit gerathen würden, ſo beſchloß ich zu verſuchen mich ihm zu nähern und womöglich mit meinem Willen den ſeinigen zu be⸗ — 135 herrſchen, damit eine Gränze für den Deſpotismus meiner Mutter dadurch ſich geſtalten möchte. So kam unſere Reiſe; das tägliche Zuſammen⸗ ſein, die ſtundenlangen Unterredungen mit ihm öff⸗ neten vor meinen Blicken einen ſolchen Reichthum von Kenntniſſen, daß ich mit Erſtaunen fand, daß ich ein Schuljunge gegen ihn ſei. In jedem Fach, über welches ich mit ihm ſprach, war er zu Hauſe und konnte darüber mit einer Klarheit und auf eine ſo ſinnreiche Weiſe Aufſchluß geben, daß ich mich erſtaunt fühlte und über meine Unwiſſenheit ſchämte. Dazu kam, daß der Zufall mich mit Ihnen zuſammenführte. In meinen Egoismus hatte ſich auch eine ent⸗ ſchiedene Geringſchätzung des weiblichen Geſchlechts eingeſchlichen. Dieſe Geringſchätzung hatte ihren Grund in dem Unverſtand, den ich bei meiner Mut⸗ ter vorfand und der mangelhaften intellectuellen Bil⸗ dung, welche ſie meiner Schweſter gegeben. Ich hielt die Erziehungsmethode meiner Mutter für die gewöhnliche und dachte, daß wenn die Mäd⸗ chen keinen Bruder wie Albert hätten, der ihnen in ſeinen freien Stunden ein wenig Begriff von wah⸗ rer Bildung beibrächte, wie unwiſſend und geiſtig roh ſie bei allem Talent in der That werden müßten! Das Geſammtreſultat davon war, daß ich die Weiber als Zierpuppen mit leeren Gehirnen anſah. Da kamen Sie und zeigten mir, daß es Weiber gibt, welche intellectuell ſo überlegen und mit ſo viel Geiſt und wirklicher Bildung begabt ſind, daß Sie hoch über uns ſtehen, und wir mit Demüthi⸗ 136 gung anerkennen müſſen, daß wir Ihnen in vielen Fällen nachſtehen. Dieſes, Hagar, war eine wirkliche Demüthigung für meinen Alles verſchlingenden Egoismus. Sie wurden bald der Gegenſtand, welcher ausſchließlich meine Gedanken beſchäftigte. Sie beſchäftigten meine Seele und füllten mein Herz aus. Die Freundſchaft, welche ich mir von Ihnen ausbat, war nur der Deckmantel, unter welchem ſich wärmere Gefühle verbargen, ohne daß ich mir auch nur Rechenſchaft därüber ablegte. Eines Tages erwachte ich aus meinem Irrthum, und mein Herz ſagte mir, daß Ihre Freundſchaft. viel zu wenig für mich ſei. Wochen und Tage ſind vergangen, ohne daß ich den Muth gehabt, Ihnen zu ſagen: Hagar, ich liebe Sie mit der ganzen Kraft meiner energiſchen Seele, mit der ganzen Beſtändigkeit meines feſten Cha⸗ rakters. Ich werde nie aufhören Sie zu lieben, Sie wer⸗ den, wie nun auch Ihr Herz für mich fühlt, das einzige Ziel meiner Liebe werden. Sagen Sie mir, Hagar, was habe ich zu hoffen? Welche Antwort geben Sie meinem Herzen? Während er ſprach, hatten Hagars Wangen ge⸗ glüht, als er aber geſprochen hatte, wurden ſie todten⸗ bleich. Sie richtete ihre großen Augen mit einem traurigen und ernſten Ausdruck auf ihn und ſagte: — Welche Antwort mein Herz Ihnen auch gäbe, Albert, ſo gibt es ein Hinderniß, eine unüberſteig⸗ bare Scheidewand zwiſchen uns: 137 Ich bin eine Jüdin. — Hagar, wenn Sie mich nur halb ſo viel lie⸗ ben, wie ich Sie, ſo iſt dieß kein Hinderniß. Sie gehen zur chriſtlichen Religion über. Hagar lächelte ſchmerzlich. — Glauben Sie, Albert, daß man ebenſo leicht die Religion vertauſcht, wie ein Kleid mit dem andern? Ich meines Theils habe eine ſo tiefe Ehr⸗ furcht vor der Religion, eine ſo wahre Hochachtung uor der Anſchauungsweiſe jedes Menſchen in Be⸗ ziehung auf dieſen, für ſeine Seele ſo heiligen Ge⸗ genſtand, daß ich aus irgend einem Beweggrund in der Welt mich dazu ſollte bewegen laſſen können, Jemanden den Vorſchlag zu machen, ſeine Religion zu ändern, in der er erzogen worden iſt. — Hagar, hören Sie mich an,— rief Albert mit Leidenſchaft,— ſagen Sie mir erſt, lieben Sie mich— antworten Sie mir wahr und aufrichtig. — Ja, ich liebe Sie, aber ich habe meinem Her⸗ zen geſagt: Er darf nur Dein Freund, Dein Bruder ſein. Ich werde Sie deßhalb nur als ſolchen lie⸗ ben, denn Sie gehören nicht meinem Stamm an und können nicht mein Gatte werden. Sie haben nicht denſelben Glauben und nicht dieſelben religiö⸗ ſen Anſichten wie ich. Wir ſind in dieſer Beziehung einander fremd. Sie werden mich nie verſtehen, Sie mich nie, und doch iſt es für eine wirkliche Liebe, für ein wirk⸗ liches Glück zwiſchen Eheleuten eine unvermeidliche Nothwendigkeit, daß ihre Seele in allen jenen Punk⸗ ten, welche das Menſchenherz ſich gewöhnt hat als 138 heilig zu betrachten, in eine harmoniſche Einheit zu⸗ ſammenſchmelzen. — Sie verſtoßen mich alſo, Hagar. O! wenn Sie wüßten, wie ich Sie liebe, dann würden Sie klar einſehen, wie unglücklich Sie mich machen. Hagar, falls man mir ſagte, Sie würden meine Gattin wer⸗ den, wenn ich zu Ihrem Glauben überträte, ſo würde ich es ſofort thun.— Meine Liebe kennt keine Grän⸗ zen; aber was verſteht Ihr kaltes Herz von dieſem Allem. — Mein kaltes Herz!— rief Hagar,— und es flammte in den dunkeln Augen;— wie wiſſen Sie, daß es kalt iſt? Sie glauben es, weil ich Etwas höher ſtelle, als das, was ich für Sie fühle;— aber das beweist nur, daß ich tief das fühle, was über uns iſt— Gott. Sie würden ſofort dem Glauben Ihrer Väter entſagen, wenn Sie dadurch mich Ihre Gattin nennen könnten? Albert, ſind Sie ſo locker an die Lehre gefeſſelt, welche Ihrer Seele und allen Ihren Gedanken ein⸗ verleibt ſein ſollte? Haben Sie ſo wenig Achtung vor der Religion, welche Sie von Kindheit an eingeſogen, daß Sie dieſelbe mit derſelben Leichtigkeit wegwerfen können, wie ein Kleidungsſtück, wélches genirt, dann— be⸗ klage ich Sie, denn Ihr moraliſcher Werth ruht auf einem ziemlich lockern Grund, wenn derſelbe ſich nur auf die Vernunft ſtützt, und wird im Augenblick der Leidenſchaft nie ſiegreich aus der Verſuchung hervor⸗ gehen. 139 — O, Hagar! Sie ſind grauſam. Es lag in der Stimme ein Ausdruck der Ver⸗ zweiflung. — Sie geben mir alſo keine Hoffnung, Sie ver⸗ ſtoßen mich, der ich nie im Stande ſein werde, meine Liebe auf irgend eine Andere zu übertragen. Sie zertreten mein Herz und zermalmen mein Leben. — Kann ich denn anders? — Ja, Sie können Chriſtin werden; Sie kön⸗ nen mit mir vor denſelben Altar kommen, denſelben Gott anbeten. — Wir beten alle denſelben Gott an; aber ich kann nie Chriſtin werden. Sollte auch mein ſchwa⸗ ches Herz vor Schmerz darüber berſten, daß ich ent⸗ ſagen müßte, ſo werde ich doch als Jüdin leben und ſterben. Albert ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne und rief im größten Schmerz: — Sie ſind vielleicht die einzige Jüdin in der Welt, welche eigenſinnig und ſchwärmeriſch feſt an ihrem Glauben hängt, und gerade Sie ſollte ich bis zur Raſerei lieben.. — Albert, hören Sie auf zu klagen,— flüſterte Hagar mit ſanfter Stimme— ſeien Sie ein Mann, tragen Sie Ihr Schickſal als ein ſolcher, und beugen Sie Ihr ſtolzes Herz vor der Nothwen⸗ digkeit. Ermatten Sie Ihre Seele nicht dadurch, daß Sie gegen die Hinderniſſe raſen, welche Ihnen entgegen⸗ treten, ſondern gewinnen Sie wieder Gewalt über ſich ſelbſt. Wenn es für Sie irgend ein Troſt ſein kann, —— 140 ſo wiſſen Sie, daß Hagar, da ſie nicht Ihre Gattin werden kann, nie die eines Andern werden wird. Laßt uns dieſe Unterredung vergeſſen und die Freundſchaft wieder anknüpfen, welche das einzige Ver⸗ bindungsband ausmacht, das zwiſchen uns ſtattfin⸗ den darf, und dann wird das Leben uns noch manche anmuthige Stunde bieten. — Niemals!... wenn ich nicht hoffen kann, Sie einſt meine Gattin nennen zu dürfen, ſo muß ich vor Ihnen fliehen. Hagar ſchwieg; aber in den großen Augen blitzte ein ſchmerzlicher Ausdruck. Albert war aufgeſtanden; er ergriff ihre beiden Hände und fragte mit gedämpfter Stimme:. — Sie brechen alſo den Stab über mein Glück? Sie wollen alſo dieſem nichts von Ihrer Ueberzeu⸗ gung opfern? — Ich kann es nicht,— ſtammelte Hagar,— ich würde eine falſche, eine betrügeriſche Handlung begehen, eine Komödie mit dem Heiligſten auf der Erde ſpielen, wenn ich vor Gott hinträte und in der Taufe meinem Glauben entſagte, welcher an mein Herz feſtgewachſen iſt. — Lebwohl, Sie haben mich unglücklich gemacht, — rief Albert und ſtürzte hinaus. Hagar ſank aufs Sopha zurück und brach in einen Strom von Thränen aus. — Eine Stunde darauf klingelte es wieder an der Hausthürglocke. 141 Der Klang derſelben weckte Hagar aus dem Schmerz, in welchen ſie verſunken war. Sie trocknete die Thränen ab, während ſie dachte: — Das iſt gewiß die Tante. Arme alte Frau, jetzt wird ſie unruhig, wenn ſie merkt, daß ich habe. Die Anhänglichkeit iſt ſehr oft ein Tyrann, welcher verlangt, daß wir diejenigen, die uns lieben, nicht betrüben. Hagar ging hin und ſetzte ſich an ihre Arbeit. Sie hatte kaum ihren Platz eingenommen, als eine alte Dienerin in der Thüre zum Vorſchein kam, und ſagte: — Ein Frauenzimmer ſucht Mamſell. — Bitte es, hereinzutreten,— antwortete Ha⸗ gar und ſtand auf, um der Ankommenden entgegen⸗ zugehen; aber ſie blieb auf dem halben Wege ſtehen, denn in der Thüre erſchien die Profeſſorin Krug mit ihrem kalten, harten und hochmüthigen Geſicht. Hagar war nur durch den Ausdruck der Züge der Profeſſorin und nicht durch irgend ein anderes Gefühl zurückgehalten worden, denn ſie kannte gar nicht die Mutter Alberts. Im Theater hatte Albert es für gänzlich un⸗ nöthig gehalten, ſie Hagar zu zeigen,— warum, wiſſen wir nicht. Steif und ſtolz ſchritt die Profeſſorin ins Zim⸗ mer und fragte als ſie ſich gerade vor Hagar befand: — Sind Sie Mamſell Israeli? — Ja, meine Gnädige. — Vermuthlich wiſſen Sie, wer ich bin? — Nein, ich habe nicht die Ehre. 142 — Der Name thut auch nichts zur Sache,— ſagte Ihre Gnaden und nahm Platz in einem Fauteuil. — Ich habe von einem meiner Verwandten einen Auftrag an Sie erhalten, und Sie werden deßhalb finden, daß der Name nichts mit der Sache zu thun hat. — Wie es Ihnen beliebt, meine Gnädige. Ich harre deſſen, was Sie mir zu ſagen haben. Hagar ſetzte ſich in ein anderes Fauteuil. — Der Diſtriktsrichter von Krug hat ſeiner Mut⸗ ter mitgetheilt, daß er Ihnen ſeine Hand anzubie⸗ ten gedenke, und wegen dieſer Angelegenheit hat ſie mir den Auftrag gegeben, mit Ihnen zu ſprechen. Sie wünſcht Ihnen zu ſagen, daß er im directen Widerſpruch mit ihrem Willen und Wunſch handelt, daß ſie nie eine Jüdin als ihre Schwiegertochter anzuerkennen beabſichtige, und daß ſie von dem Au⸗ genblick, wo der Sohn ſein Geſchick mit dem Ihrigen verbindet, nie erlauben wird, daß er je über ihre Thürſchwelle trete, weil er dadurch ſeine Mutter beſchimpft hat. Sie hat mich gebeten, Ihnen alles Dieſes zu ſagen, damit Sie ſich beſinnen, bevor Sie die Ein⸗ willigung zu der Verbindung mit ihrem S eben. Falls irgend eine eigennützige Berechnung bei Ihrer Handlungsweiſe mit im Spiele ſein ſollte, ſo iſt ſie bereit, irgend welches pecuniäres Opfer zu bringen, das Sie als Erſatz für die Partie mit dem jungen Herrn von Krug fordern könnten, daß ſie aber, falls der Sohn ſich ſo weit vergeſſen könnte, ſich 143 mit Ihnen ehelich zu verbinden, ihn enterben würde. Sie bittet mich... — Erlauben Sie, Frau Profeſſorin,— fiel Hagar ein;— denn aus der Wärme und auch aus der ſchonungsloſen Art und Weiſe, auf welche Sie ſprechen, habe ich errathen, daß Sie die ſtolze Mut⸗ ter ſind, welche mit Beben an die Möglichkeit denkt, eine Jüdin zur Schwiegertochter zu bekommen. Gnädige Frau, Ihre Verſprechungen und Ihre Drohungen ſind hier überflüſſig, da ich nie ſeine Gattin werden kann. Die Urſache liegt nicht darin, daß ich ihn nicht liebe; im Gegentheile, ich würde es für ein großes Glück halten, ihm mein Leben zu weihen; aber es giebt ein Hinderniß, mächtiger und ſtärker, als Ihr Stolz, und das iſt die Verſchieden⸗ heit der Religion. — Ah, Sie ſind doch wohl nicht die Erſte Ihres Stammes, welche den Glauben ihrer Väter weltlichen BGewinnes halber verließ,— fiel Ihre Gnaden hoch⸗ müthig ein,— und die Partie mit meinem Sohn würde, fürchte ich, falls er Ihnen die Wahl anböte, Ihre Bedenklichkeiten aufheben. — Sie irren ſich, meine Gnädige,— antwortete Hagar mit Würde,— ich habe wirklich zwiſchen emeinem Glauben und Ihrem Sohne zu n gehabt, aber ich blieb dennoch dem erſteren reu. — Sie haben einen Heirathsantrag meines Sohnes ausgeſchlagen. Ah! das iſt unglaublich!. — rief Ihre Gnaden, roth vor Aerger beim Ge⸗ . danken, daß ein Weib, welches einer wenig geachteten —— Race angehörte und kein anderes Vermögen beſaß 144 als ihre Arbeit, es gewagt habe, das Anerbieten, ihre Schwiegertochter zu werden, auszuſchlagen, ohne daß dieſes Ablehnen durch ihre Einwirkung ver⸗ mittelt wäre. Sie hätte es gewagt, ſich noch höher zu ſtellen, als die Gattin eines jungen Mannes in Alberts Stellung zu werden. Das war ein wirk⸗ licher Skandal. Ganz ungleich hätte es ſich ver⸗ halten, wenn ſie aus Furcht vor der Mutter ſich ge⸗ weigert hätte. — Es wundert Sie, daß Jemand aus dem jüdiſchen Volke Etwas höher ſtellen kann, als den weltlichen Vortheil; aber Sie haben Unrecht. Wir, ein Volk ohne Vaterland, ohne Heimath, die wir ſeit Jahrhunderten unterdrückt und verfolgt worden ſind, wir ſind demohngeachtet— dem Gott unſerer Väter treu geblieben. Ohne Murren ertrugen wir die Tyrannei der Chriſten und arbeiteten ſtill und unbemerkt an der einzigen Unabhängigkeit, die uns übrig blieb, nemlich an der ökonomiſchen; aber auch dieſe mußte das arme, unterdrückte Volk verbergen, als wenn es nicht eine Frucht ihrer Mühen, ſondern ein geraubter Wohlſtand geweſen. Ach, meine Gnädige, Sie thun ihnen Unrecht, ſie des Eigennutzes anzuklagen. Welchen Ausweg haben denn die Chriſten uns zu unſerer Selbſt⸗ erhaltung übrig gelaſſen? Nur den Handel. Wenn nun in der Länge der Zeit das Verlangen nach Beſitz ſich bei uns ſtärker entwickelt hat, als bei anderen Völkern, iſt es dann nicht eher der Fehler Derjenigen, die uns zu dieſer einſeitigen Ent⸗ 145 wickelung dieſer Begierde gezwungen, als dieſer Armen, die gezwungen worden ſind zu verdienen. Sie werden einwenden, daß die Juden betrüge⸗ riſch ſind. Ach!oft genug iſt das wahr; aber wie viel Aerger liegt nicht in der Bruſt der Unterdrückten gegen den Unterdrücker verborgen, und dieſes, meine Gnädige, iſt die Urſache aller jener Fehler, welche Iſraels Kinder irreleiten. Hätten ſie ein eigenes Vaterland, eigene Lände⸗ reien und ſich wie andere Völker entwickelt, ſo würden ſie nicht ſchlechter, als dieſe geweſen, ſein, ſondern hätten ſie in vielen Fällen noch übertroffen. Aber verzeihen Sie, meine Gnädige, die Liebe zu meinem unglücklichen Stamme hat mich begeiſtert und ich habe über ein Thema geſprochen, das Sie unmöglich intereſſiren kann. Alles, was Sie ver⸗ langen wollten, war, mich nicht zur Schwiegertoch⸗ ter zu bekommen. Meine eigene Anhänglichkeit an dem Glauben meiner Väter iſt Ihnen in dieſem Falle zuvorge⸗ kommen. Ich werde meinen Glauben nie aufgeben und kann nicht die Frau eines Chriſten werden. Die Profeſſorin erhob ſich und ſagte: — Alle Verbindung zwiſchen Ihnen und meinem Sohne iſt alſo abgebrochen? — Meine Gnädige, zwiſchen ihm und mir hat nie eine andere, als eine rein freundſchaftliche Ver⸗ bindung ſtattgefunden, und dieſe kann von meiner Seite nie abgebrochen werden. — Wenn ich meinen Sohn recht kenne, ſo wird Schwartz, Zwei Familienmütter. II. 10 146 die Demüthigung, von Ihnen verſchmäht worden zu ſein, ihm als ein Schimpf erſcheinen, den er Ihnen nie wird verzeihen können. Ich kann alſo ohne Un⸗ ruhe annehmen, daß der Umgang mit Ihnen, welcher ihn zum Gegenſtand zweideutiger und demüthigender Vermuthungen mocht, abgebrochen iſt. — Sie thun Unrecht, daß Sie Diejenige ver⸗ letzen wollen, die unglücklich und deren ganzer Wandel rein und fleckenlos iſt. — Manſell, wir haben ungleiche Anſichten und ich halte es für überflüſſig, daß wir dieſes Geſpräch noch mehr verlängern,— fiel Ihre Gnaden hoch⸗ müthig ein und ging majeſtätiſch aus dem Zimmer. — Ueberall, von Allen gedemüthigt!— rief Hagar und warf ſich, die beiden Hände feſt gegen das Herz gedrückt, in's Sopha. In bitteren Schmerz verſunken, deſſen ganze Tiefe Niemand als die arme Hagar ſelbſt ermeſſen konnte, ſaß ſie unbeweglich, ohne einen Gedanken für das zu haben, was ſich um ſie herum zutrug. — Sie war von ihren qualvollen Gedanken ſo überwältigt, daß ſie nicht bemerkt hatte, daß ihre Tante in's Zimmer getreten. dDie alte Mamſell Sara Israeli war ein kleine⸗ res Frauenzimmer mit ſtark ausgeprägten jüdiſchen Zügen. Auch in dem Ausdruck ihres Geſichts fand man jenes Gepräge von Verſtand und reichem Gefühl, * * 147 welches die Jüngere auszeichnete, wenn auch nicht in gleich hohem Grade. Sie betrachtete ſchweigend die Bruderstochter und währenddem ſpiegelten ſich abwechſelnd Aerger und Liebe, Haß und Schmerz in ihrem Geſichte ab. Unbeweglich ſtand ſie auf derſelben Stelle, gleich⸗ ſam als wenn ſie fürchtete, Hagar aus ihren Ge⸗ danken zu wecken. Endlich wurde Hagar's Bruſt durch einen tiefen Seufzer gehoben und ſie richtete den geſenkten Köpf empor. Bei dieſer Bewegung fielen ihre Augen auf die vor ihr ſtehende Tante. — Hagar, Du leideſt— ſagte Sara— und das wegen der Worte, welche dieſes hochmüthige chriſtliche Weib ausgeſprochen. — Ja, ich leide. Sollte man glauben können, daß dieſe Chriſten ſich wirklich zu der Lehre der Verſöhnung und der Liebe bekennen? Nein! ſie ſind grauſamer als die wilden Heiden, welche die Körper ihrer Feinde ihren Göttern auf dem Scheiterhaufen opfern. Die Chriſten zerfleiſchen und martern die Seele. Den körperlichen Leiden folgt der Tod; denen der Seele folgen Verzweiflung und Erbitterung. — Nein, Hagar, nicht für Dich, die Tochter eines unglücklichen Volkes, in der Demüthigung auferzogen und ſich all des Unrechts bewußt, welches man Iſraels Volk gethan, Du darfſt nicht ver⸗ zweifeln, wohl aber haſſen können. Es lag ein Ausdruck hinreißender Güte in dem Blick, als Hagar antwortete: 148 — Mein Herz kann leiden und verzeihen, aber nicht haſſen. Sie drückte wieder die Hände gegen das Herz, erbleichte und ſank zurück gegen die Sophalehne. — Hagar, wie iſt es?— rief Sara und eilte auf ſie zu. Siehſt Du, Kind, Deine Gemüthsbewegung hat Zie Deine Schmerzen hervorgerufen. O! wie ich e Chriſten haſſe, welche mir Alles geraubt und auch Dich rauben würden, murmelte ſie und läutete der Dienerin. — Gehe nach dem Doctor,— befiehl Sara und hielt die beſinnungsloſe Hagar in ihren Armen. Am Nachmittage deſſelben Tages ſaß Albert in ſeinem Arbeitszimmer mit dem Kopf auf die Hand geſtützt, ein Bild düſteren Schmerzes, aber eines Schmerzes, welcher die Seele erbittert, ſtatt ſie zu demüthigen. Aus den Gedanken, welche ihn beſchäftigten, wurde er durch den Bedienten geweckt, welcher an⸗ meldete: — Manmſell Israeli. Beim Klange dieſes Namens, welcher für ihn alles Liebliche und Peinvolle in ſich ſchloß. ſprang er auf mit einem Ausdruck von„ich weiß nicht was“; aber als der Bediente an der Seite der Ange⸗ meldeten hereintrat und dieſelbe faſt ſchleppte, dann ſchwand der Freudenſtrahl, welcher ſeine Züge auf⸗ geklärt und er eilte auf Sara zu mit den Worten; „ † — 149 — Iſt der Hagar etwas zugeſtoßen? — Sie hat einen nervöſen Anfall gehabt,— antwortete Sara und heftete ihre Augen ſcharf auf den Diſtriktsrichter.— Ich komme von Ihnen Rechen⸗ ſchaft zu fordern, denn Sie ſind der Urheber all dieſes Uebels. — Ich! Iſt das Bewußtſein, geliebt zu werden eine ſo ſchwere Bürde für Hagar? Sie hat mich verſchmäht, und ich bin gegangen. — Möglich; das weiß ich nicht. Ihre Mutter, welches Recht hat ſie wohl, unter Hagar's Dach zu treten und ſie zu ſchimpfen? Iſt die Wohnung der armen Jüdin nicht unverletzlich, oder ſoll ſie auch dort mit niedrigem Hohn verfolgt werden? rief Sara.— Was hat denn Sara Ihrer Mutter Böſes gethan? Nichts!— und doch tritt ſie mit em⸗ pörendem Uebermuth gegen ein einſames Mädchen auf, welches weder Reichthum, Rang, Freunde oder Angehörige beſitzt, die ſie vertheidigen. — Iſt meine Mutter bei Hagar geweſen?— fragte Albert noch bleicher. — 1 Sara erzählte die ganze Unterredung zwiſchen Hagar und der Profeſſorin. Als ſie zu Ende war, ſagte Albert bloß: — In einer Stunde beſuche ich Hagar. Keine Einwendungen, wenn Sie ſie wirklich lieben. Zwiſchen Hagar und mir ſind Worte gewechſelt worden, welche ich erklären muß. 150 Die Profeſſorin und Albertine ſaßen im Cabinet und genoſſen ſchweigend den dampfenden Kaffee, als Albert eintrat.„ Auf der Stirne des jungen Mannes ruhte eine finſtere und drohende Wolke. — Ich wünſchte Mama einige Worte zu ſagen, — ſagte er, ſich an die Profeſſorin wendend. — Wenn der Kaffee hinausgetragen iſt, ſteht es Dir frei,— war die Antwort. Kurz darauf befanden ſich Mutter und Sohn allein. — Mama iſt bei Mamſell Israeli geweſen,— begann Albert. — Ja! — In welcher Abſicht? wahrſcheinlich um ſie zu ſehen und zu ſuchen ihren Charakter zu erfaſſen, da Sie von Allen gehört haben, daß ſie wegen ihrer reinen und erhabenen Sitten der allgemeinen Achtung genießt. — Mein Sohn dürfte ſich erinnern, daß er weder verſuchen kann noch darf, ſeine Mutter zur Rede zu ſtellen. Man iſt ſeinen Kindern keine Rechenſchaft ſchuldig, verſtehſt Du. — Ich verſtehe die Sprache nicht, die Mama führt,— rief Albert heftig,— und ich muß jetzt Worte der Wahrheit ausſprechen, wenn wir uns auß nach ihnen trennen müſſen. Wäre Mama Mutter geweſen in ber ſchönen Bedeutung dieſes Wortes, dann würde Mama Hagar beſucht, als Weib mit Milde mit ihr geſprochen haben, und wenn Mama gefunden hätte, daß ſie die Eigenſchaften beſitzt, welche ſie wirklich beſitzt, 151 dann würde Mama eingeſehen haben, daß ſie gerade dazu geſchaffen iſt, das Glück Ihres Sohnes zu be⸗ wirken. Ah! meine Mutter, welche ſchöne Rolle hätten Sie nicht ſpielen können!— Sie hätten Diejenige ſein müſſen, welche mit ihren liebevollen Worten ſie in der chriſtlichen Lehre hätte aufklären und unterrichten ſollen, und dann, wenn es Ihnen ge⸗ lungen wäre, ihr Herz und Gemüth dem Liebevollen, das ſich in jener offenbart, zuzuwenden, dann wären Sie die Rechte geweſen, Sie zur Taufe zu führen und nachher ihre Hand in die meinige zu legen. Meine Mutter, Ihr Sohn würde dann vor Ihnen niedergekniet ſein, wie vor dem guten Engel ſeines Lebens, wie vor ſeiner irdiſchen Vorſehung, und Sie— Sie hätten die Wonne genoſſen, ihm dadurch ſein Glück zu bereiten, daß ſie ihm eine Gattin ge⸗ geben, ſo edel, ſo hochherzig und mild wie Hagar. Mutter, Mutter, wie konnten Sie darauf ver⸗ zichten, dieſe ſchöne Rolle zu ſpielen! Albert ſchwieg und ein Ausdruck des Schmerzes ruhte auf ſeinen Zügen. — Biſt Du hierher gekommen, um mich zu unter⸗ richten, ſo muß ich ſagen, daß, wenn Du nicht ſofort das Zimmer verläßt, ſo thue ich es. — Ich werde gehen,— gehen,— mit der bitteren Erinnerung, daß meine Mutter kein— Weib iſte. Albert ſtand auf. Der traurige Ausdruck war verſchwunden und jetzt ruhte über jedem Zug ein Ausdruck unbeugſamer Strenge. — Mama hat,— fuhr er mit klarer Stimme 152 fort, in geradem Widerſpruch mit dem gehandelt, was Mama hätte thun müſſen, und dieſes werde ich— nie vergeſſen. Sie haben ein Weib beſchimpft, vor welchem Sie und ich unſere Kniee beugen ſollten. Sie haben ſich mit Gewalt zwiſchen Sie und mich drängen wollen,— nun wohlan, dieſe Handlung tritt zwiſchen mich und Sie. Wir ſind getrennt. Es iſt der Sohn, der zu Ihnen ſagt: Sie ſind nie meine Mutter geweſen, ich bin nicht mehr Ihr Sohn.— Sie haben ſo oft davon geſprochen, mich zu verſtoßen, jetzt bin ich es, der Sie verſtößt.— Lebwohl! Albert ging. Als ſich die Thüre nach ihm geſchloſſen, neigte das ſtolze Weib ihren Kopf und weinte, weinte über die Undankbarkeit ihres Sohnes, nicht über ihre Mißgriffe. Blind gegen ihre eigenen Fehler, betrachtete die Profeſſorin immer die Wirkungen derſelben als von Anderen herſtammend. Später, an demſelben Abend, hatte die Profoffprin eine kleine Verſammlung von Bekannten bei ſich. Man hatte gerade Thee getrunken und Einige von der Geſellſchaft baten Albertine zu ſingen, welches Verlangen das junge Mädchen auf ſeine kalte und ſteife Weiſe zu erfüllen ſich bemühte. Sie war gerade damit beſchäftigt, die Roten — 153 aufzuſtellen und die Lichter auf dem Piano zu ordnen, als ſie die Oberſtin Staalkrans ſagen hörte: — Nun, hat die Herrſchaft von dem Unglück gehört, das dem Doctor Bergſtröm zugeſtoßen iſt? Bei dieſem Namen blieb Albertine, damit ihr kein einziges Wort entginge, unbeweglich wie eine Bildſäule ſtehen. — Nein, das habe ich nicht,— antwortete eine der Damen. — Was iſt dem liebenswürdigen Doctor paſſirt, — rief eine Andere. — Er hat umgeworfen und ſich ſo übel zuge⸗ richtet, daß es ſehr zweiſelhaft iſt, ob er unter den Verhältniſſen beim Leben bleibt... Hier wurde die Erzählung durch den Fall eines ſchweren Körpers unterbrochen, und eine entſetzliche Verwirrung entſtand unter allen Damen, welche ſich in den Saal hineinbegeben hatten, um der Muſik zuzuhören. Die Profeſſorin ſtand auf und ging hinaus, um zu ſehen, was es ſei. Das Erſte, was ihren Augen begegnete, war ihre Tochter, welche leblos auf dem Fußboden aus⸗ geſtreckt lag. Wie gefühllos die Profeſſorin auch war, ſo konnte ſie bei dieſem Anblick doch nicht kalt bleiben. Sie hatte nie eines ihrer Kinder in Lebensgefahr geſehen, ſich nie die Möglichkeit gedacht, eines der⸗ ſelben durch den Tod zu verlieren. Sie hatten von Kindheit an eine gute Geſund⸗ heit und eine kräftige Körperkonſtitution gehabt. Die kalte Mutter konnte ſich unmöglich eines 154 Schauders erwehren, als ſie die Tochter kalt und bleich, als wenn ſie todt ſei, da liegen ſah. Sie war faſt ſo bleich wie Albertine, als ſie ſich zu ihr herabneigte, um ihre Stirn zu befühlen, und dabei dachte: — Mein Sohn hat mich verſtoßen, meine Tochter liegt im Sterben. Mit kurzen und haſtigen Worten gab ſie Befehl, daß man das Fräulein auf ihr Zimmer hinaufbringe und den Hausarzt, Leibmedicus A.... hole. Sie machte einige flüchtige Entſchuldigungen und ging ſelbſt, als Albertine hinaufgetragen wurde. Man wandte die gewöhnlichen Mittel an, um ſie wieder in's Leben zu rufen, aber es wollte nicht gelingen. Endlich kam der Doctor, öffnete ſofort eine Ader und gleich darauf bewegte ein tiefer Seufzer Alber⸗ tinens Bruſt. Im nächſten Augenblick öffnete ſie die Augen und blickte mit vollkommen unverworrenen Blicken um ſich. — Es war eine ſchwere Congeſtion nach dem Herzen,— ſagte der Doctor,— die aber jetzt vor⸗ bei iſt. — Meine Tochter iſt alſo außer aller Gefahr? — fragte Ihre Gnaden. — Vollkommen! Ein wenig Stille und Nacht⸗ ruhe iſt Alles, was das Fräulein bedarf. Einige Augenhlicke darauf verließen der Doctor und Ihre Gnaden Albertine; letztere ſagte im Weg⸗ gehen: Halte Dich ſtill, wie der Doctor es geſagt. 155 Als Albertine ſich mit dem Mädchen allein be⸗ fand; das nach Minna zu ihrer Bedienung ange⸗ nommen war, richtete ſie ſich raſch mit den Worten auf: — Lotta, kannſt Du ſchweigen? — Welche Frage! Wenn Fräulein mich auf die Probe ſtellen will, ſo glaube ich, daß das Fräulein zufrieden ſein wird,— antwortete Lotta mit einer Zungenfertigkeit, welche gerade nicht geeignet war, großes Vertrauen zu ihrer Schweigſamkeit einzu⸗ flößen.„ — Du biſt ja eine Schweſtertochter von Martha? — Ja, das bin ich. — Und angewieſen, ihr Alles zu ſagen, was ich vornehme, was Du auch thuſt. — Fräulein ſagt es, ſtammelte Lotta erröthend. — Du brauchſt mir gar keine Entſchuldigungen zu machen, ſondern mir nur ehrlich zu antworten. Willſt Du, oder willſt Du nicht mir mit Schweigſam⸗ keit dienen. Dein Schweigen werde ich gut be⸗ zahlen. Nun?* — Ich verſpreche dem Fräulein mit Treue zu dienen und ſtumm wie das Grab zu ſein. — Gut! Gehe hinunter und ſage Martha, daß ich ſchlafe und daß Niemand heraufkommen und mich ſtören darf. Lotta ging, kam aber gleich wieder zurück und theilte Albertinen mit, daß ſie Ihre Gnaden ſelbſt getroffen, welche ihr befohlen hätte, das Fräulein nicht zu verlaſſen, und daß Lotta die Profeſſorin davon in Kenntniß ſetzen ſollte, wenn Albertine auf⸗ wachte.. — Höre jetzt genau auf das, wos ich Dir ſagen 156 will. Ich muß ausgehen. Keine Einwendungen! Du ſollſt mich begleiten. Ich nehme einen Mantel und einen Shawk über den Kopf, ſo daß man meinen wird, ich ſei ein Dienſtmädchen. — Aber Fräulein iſt krank und ſo bleich, daß ich es nicht wage. — Stille! Willſt Du mich nicht begleiten, ſo gehe ich allein,— rief, Albertine mit Beſtimmtheit. Schaffe wir ſofort, was ich haben will. Einige Augenblicke darauf ſchlichen die Beiden mit lautloſen Tritten die Treppe hinunter, und ka⸗ men auf die Straße hinaus, ohne auf ein Hinderniß geſtoßen zu ſein. Albertine zitterte ſo heftig, daß Lotta ſie ſtützen mußte, aber im Augenblick darauf ſiegte ihr Wille über das nervöſe Zittern; ſie ergriff Lotta's Arm und eilte vorwärts, bis ſie vor dem Thor des Doo⸗ tors ſtand. Da vermochte ſie nicht mehr ſich aufrecht zu halteſt, ſondern ſank, als wenn die Beine ſie nicht hätten tragen wollen, auf die Treppenſtufe nieder. — Lotta, gehe hinauf, und bitte Doctor Bergſtröms Bedienten, herunterzukommen, flüſterte Albertine mit zitternder Stimme. Lotta gehorchte. Sie las in dem Geſichte ihrer jungen Herrin den Ausdruck eines Schmerzes, welcher an Verzweiflung gränzte. Einige Augenblicke vergingen, die Albertine, wie Jahrhunderte vorkamen. Endlich kam Lotta, vom Bedienten des Doctors begleitet. — 157 Albertine hatte ſich emporgerichtet und ſtand an die Wand gelehnt. Sie machte eine gewaltſame Anſtrengung, um ihre Aufregung zu bezwingen und dieſe Worte über die bleichen Lippen zu bringen: — Wie befindet ſich der Doctor? — Gut; aber er iſt nicht zu Hauſe, ſondern bei Doctor Ström, welcher heute umgeworfen und das Bein gebrochen hat. — Es war alſo nicht Ihr Herr, welcher umge⸗ worfen hat,— rief Albertine. — Rein! Gott behüte; aber ſiehe, da iſt der Doctor,— fügte der Bediente hinzu. Richard ſtand hinter Albertine. Die Freude war ſo raſch auf den Schmerz gefolgt, daß die er⸗ ſtere wie der letztere nahe daran war, Albertine die Beſinnung zu rauben. 8 Sie ſchwankte, aber der Doctor eilte hinzu und fing ſie in ſeinen Armen auf. Beim Scheine einer Laterne erkannte er Alber⸗ tine und hätte bei dieſet Entdeckung beinahe einen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen. Im nächſten Augenblick befand Albertine ſich oben im Saale des Doctors. Lotta wartete im Richard hatte Albertine aufs Sopha ge⸗ etzt. Das Schluchzen des jungen Mädchens waren die einzigen Laute, welche die Stille unterbrachen. Die Thränen, dieſe Erlöſer der Weiber bei allen ſtarken Gemüthsbewegungen, kamen eben auch jetzt. um all dem Schmerz und der Freude, welche 158 einander ſo raſch abgelöſt hatten, freien Lauf zu laſſen. Richard richtete auf ſie einen tiefen, ernſten und traurigen Blick; ſeine Geſicht war bleich, ſeine Stirne mit Wolken bedeckt. Nach Verlauf einer kurzen Zeit, blickte Albertine auf und reichte ihm beide Hände mit den Worten: — Richard, verzeihe mir, aber man ſagte mir, daß Du am Sterben ſeieſt, und ich kam, um mit Dir zu ſterben. Richard hatte die dargereichten Hände ergriffen. Er drückte ſie heftig, faſt leiden⸗ ſchaftlich an ſeine Lippen; ließ ſie aber wieder los und ſagte traurig, obgleich mit weicher Stimme: — Du vergaßeſt Alles— auch Dein Ver⸗ ſprechen gegen mich, Deinen Ruf nicht bloßzu⸗ ſtellen. — Ja, Alles, Alles— rief Albertine und brach wieder in Thränen aus.— Du biſt ja Alles für mich. Was bedeuten Ruf und Ehre, da Du fort warſt; es blieb mir ja nichts übrig, als zu ſterben! Oh Richard! zu welchem qualvollen Loos hat mich Dein Edelmuth verurtheilt! Du läßt mich leiden, kämpfen und dahinſchwinden, blos weil Dein Stolz es Dir nicht erlaubt, ein Weib zur Gattin zu nehmen, welches nur die Einwilligung ſeines Vaters zur Verbindung hat. Du läßt den Egois⸗ mus und Hochmuth einer harten Mutter uns trennen. Sage: liebſt Du mich, da Du mit kaltem Blute meine Qualen, meine Thränen und meinen Schmerz ſehen kannſt? — Albertine, höre mich an! Die Augenblicke ſind koſtbar, Du darſſt nicht hier verweilen; aber 159 ich muß es Dir klar machen, was uns trennt. Kein Menſch kann ſein Glück auf einen ſo ſchlechten Grund bauen, wie der, den Segen ſeiner Mutter mit Füßen zu treten. Nein, der Segen der Eltern iſt der größte Reichthum für ein Paar Gatten, und der Mann, welcher Dich ſo ſehr liebt wie ich, darf Dich nicht um dieſes ſchöne Erbtheil beſtehlen. Albertine ſchwieg. — Und jetzt, Albertine, mußt Du nach Hauſe zurückkehren. — Ohne ein Wort der Liebe, ſeit ich ſo viel gelitten, ſeit ich Dich wiedergefunden. — Ach Albertine, bedarf es meiner Worte, da mein ganzes Betragen Dir ſagen muß, wie ſehr ich Dich liebe! Hier iſt nicht der Platz von Liebe zu flüſtern; jedes Wort davon unter meinem Dach würde ich für Dich als verlezend anſehen. Deine Unruhe, Deine Verzweiflung hat Dich hieher gejagt, um Dich zu vergewiſſern, daß ich lebte; aber deßhalb darf ich nicht vergeſſen, daß dieſes nie den Namen einer Zuſammenkunft erhalten darf, bei welcher man zärtliche Gefühle ausge⸗ tauſcht. Albertine, ich leide durch den Schritt, den Du gethan, er bringt mich zur Verzweiflung, weil dieſe Domeſtiken, welche Zeugen deſſelben ſind, da⸗ durch eine Meinung davon bekommen werden, die verletzend iſt für Deinen jungfräulichen Stolz. — Ah! was frage ich nach dieſen Menſchen, was ſie von mir denken, wenn es Dich betrifft. 160 — Armes Kind! wie Schade, daß Du nicht eine zärtliche und ſanfte Mutter haſt. Der Doctor führte ihre Hände an ſeine Lippen und fügte hinzu: — Deine Ehre iſt meine, und wenn Du ſie bloßſtellſt, fällt der Schatten davon auf Deinen Ri⸗ chard zurück. — Richard, ein Wort des Troſtes, der Ver⸗ zeihung. — Albertine, auf meinen Knieen ſollte ich Dir danken für Deine Liebe. Daß ich es nicht thue, kommt daher, daß ich noch nicht das Recht dazu habe. Aber wenn meine Ruhe, mein Frieden Dir lieb iſt, ſo— betrete nie dieſes Haus, bevor Du es als meine Gattin thun kannſt. Fliehe in der Stunde der Verzweiflung und der Hoffnungsloſigkeit zu Deinem Vater. Er iſt Dein Freund, Dein Tröſter bis zu dem Tage, wo ich alles dieß werden werde. Nehme die Ueberzeugung mit: Daß ein Mann ein Weib ſehr hoch lieben muß, wenn er, wie ich, Dich als heilig betrachte. Die Lippen des Doctors berührten Albeytinens Stirne. Einige Augenblicke darauf rollte ein Wagen mit e und Lotta fort nach der nördlichen Zoll⸗ traße. Ebenſo unbemerkt, wie ſie ſich entfernt hatten, kehrten ſie wieder zurück. Albertine ging zur Ruhe; ſie war ein Raub vieler ſich widerſtreitender Gefühle und eines voll⸗ kommenen Fieberanfalles. 161 Sie ſchloß die Augen und lag wie in einen ſtillen Schlummer verſunken, um ſich beſſer der Eindrücke bewußt zu werden, die ſie empfangen. Nach Verlauf einiger Stunden hörte ſie die Thüre öffnen und die Mutter mit leiſer Stimme fragen: — Wie ſteht es* — Das Fräulein ſchläft,— antwortete Lotta. Die Profeſſorin näherte ſich dem Bette und blieb vor demſelben ſtehen. Sie betrachtete das todten⸗ bleiche Geſicht der Tochter und beugte ſich über ſie, um dem kurzen, heftigen Athem zu lauſchen. Hätte Albertine die Augen geöffnet und die WMutter betrachtet, ſo würde ſie über den Ausdruck der Unruhe und des Schmerzes, welcher ſich in ihren Zügen wiederſpiegelte, überraſcht geweſen ſein. In dieſen unbewachten Stunden, wo weder Egvis⸗ mus noch Herrſchſucht in Frage kamen, überfiel die Profeſſorin daſſelbe Gefühl, welches ſie gehabt, als Albertine noch ein zartes Kind war. Es war etwas von der Mutter, ſelbſt in dem kalteſten Herzen nie ganz erloſchenem Gefühle, das ſich in dieſer Marmorbruſt bewegte. Sie beugte ſich nieder und berührte kaum merk⸗ lich Albertinens Stirne und entfernte ſich. Albertinens Herz pochte heftig bei dieſer leichten Berührung der Lippen ihrer Mutter, und es kam ihr der Wunſch ihren Arm um den Hals der Mutter zu ſchlingen, um noch einmal eißer auch noch ſo un⸗ bedeutenden Liebkoſung theilhaftig zu werden. Schwartz, Zwei Familienmütter. M. 11 162 Die Uhr hatte am Morgen darauf gerade ſieben geſchlagen, als Hans ganz vorſichtig an der Thüre des Fräuleins klopfte. Lotta öffnete. — Iſt das Fräulein wach?— fragte er. — Joa, aber ſie iſt nicht aufgeſtanden,— war die Antwort. — Sage ihr, daß der Profeſſor ſofort mit dem Fräulein ſprechen will. Er befindet ſich nicht ganz wohl. Bitte ſie, gleich zu ihm zu kommen, denn ich zu Doctor Bergſtröm und dem Diſtrictsrichter gehen. Hans, der wortkarge Hans, hatte in großer Eile und mit ſichtlicher Unruhe geſprochen. Als die Thüre ſich nach ihr geſchloſſen, hüpfte Albertine aus dem Bette, obgleich ihr der Kopf wehe that und es ihr vor den Augen ſchwindelte. Es dauerte nicht viele Augenblicke, bevor ſie bei dem Vater eintrat. Er glühte, und an der unge⸗ wöhnlich ſtarken Geſichtsfarbe konnte man ſehen, daß er das Fieber hatte. — Das iſt recht, Daß Du kommſt... Hm.. Hans behauptet, daß ich mich nicht ganz. hm.. hm.. wohl befinde,— ſagte der Profeſſor. — GSeliebter, guter Papa,— ſtammelte Alber⸗ tine und ergriff ſeine magere, ſieberheiße Hand;— es ſteht ſehr ſchlecht, fürchte ich. Erinnert Papa ſich, daß ich bereits geſtern behauptete, daß Papa nicht geſund ſei.. — Jaha, ich erinnere mich deſſen, aber ich konnte mich nicht bequemen, daran zu glauben. Hm hm. ſetze Dich, Kind„. es ſcheint, daß ich 163 nicht mehr jung bin... ich habe vergeſſen, daran zu denken, daß ich alt geworden. mich niemals damit beſchäftigt. Kann mich nicht erinnern, daß ich daran gedacht habe, bevor heute. Siehe ſo, ſiehe ſo, weine nicht.. liebe Thränen nicht Die Natur hat ihr Recht genommen... wenn der Lebensfaden abgeſponnen iſt, dann iſt es auch vorbei, man kann nicht ein Stück daran ſetzen. Albertine ordnete ſeine Kiſſen, fragte ihn nach ſeinen Leiden und ſuchte die Ruhe, die ihrem Herzen ſo ferne war, beizubehalten. Niemals erſcheint eine Perſon uns lieber, als wenn wir ſie auf dem Krankenlager ſehen und zu verlieren fürchten. Dann wird alles erlittene Un⸗ recht vergeſſen, dann werden alle begangenen Fehler verziehen und vor unſerer Erinnerung ſtehen nur die guten Eigenſchaften. So war es auch mit Albertine. Ihr Vater, welcher während ſeines ganzen Lebens vergeſſen hatte, daß ſie exiſtire und der erſt im Laufe einiger turzen Monate mit ihr in Berührung gekommen und ſie lieben gelernt, kam ihr jetzt wie der zärt⸗ lichſte aller Väter vor, und deſſen Verluſt wie einer der empfindlichſten und bitterſten. Während dieſe Gefühle ſie mit einer qualvollen Unruhe plagten, ſchickte ſie nach ihrer Mutter, ließ ſie davon in Kenntniß ſetzen, daß der Vater krank ſei, und ſprach den Wunſch aus eine labende Suppe zu erhalten. Ihre Gnaden hatte ſich noch nicht eingefunden, als Doctor Bergſtröm mit eiligen Schritten zu dem Kranken hereintrat.— 3. 164 Als der Profeſſor den Doctor erblickte, reichte er ihm mit dieſen Worten die Hand: — Dank, daß Sie ſo ſchnell kamen, Herr Doctor. Ich fürchte, daß ich mein großes, logiſches Werk nicht werde beendigen können. Der Doctor fühlte den Puls des Patienten und Albertine ſtand bleich und zitternd am Fuße des Bettes. Richard erhob die Augen und blickte ſie an; es lag ein ſo warmer und theilnehmender Aus⸗ druck in ſeinen Blicken und die Stimme war ſo mild, als er ſagte: — Wir wollen auf einen guten Ausgang hoffen, aber ich wünſchte einige Worte unter vier Augen mit meinem Patienten zu ſprechen. Albertine ging hinaus in das vordere Zimmer. Gerade als die Thüre zwiſchen den beiden Zimmern hinter ihr geſchloſſen wurde, trat Ihre Gnaden ein. — Iſt Dein Vater krank?— fragte ſie auf ihre gewöhnliche, kalte und abgemeſſene Weiſe. — Ja, wie es ſcheint, bedenklich,— antwortete Albertine aufgeregt. Der Doctor iſt darin, fügte ſie mit unſicherer Stimme hinzu,— und er will einige Worte unter vier Augen mit Papa ſprechen. — Jaſo! Ihre Gnaden ſetzte ſich in's Sopha. Eine Viertelſtunde verging. Die ſtahlgrauen Augen ruhten auf der Tochter, welche mit einem Ausdruck der Niedergeſchlagenheit in ihrer ganzen Haltung in einem Fauteuil zurück⸗ gelehnt ſaß. heraus. Endlich ſſiete ſich die Thüre und Richard trat 165 Bei ſeinem Anblick fuhr die Profeſſorin zuſammen, als wenn ſie von einer Schlange geſtochen worden wäre. Er lag alſo nicht im Sterben. All das Mitleiden, welches ihr Herz am Abend vorher mit der Tochter empfunden, verſchwand, als ſie dieſen ihr ſo verhaßten Mann erblickte. Sie vergaß die Krankheit des Mannes, ſie ver⸗ gaß Alles über der Erbitterung, welche ſie beim Ge⸗ danken empfand, daß man es gewagt, ihn herbei⸗ zurufen, und daß er ſich in ihrem Hauſe einfand. Der Doctor mit ſeiner ſchnellen Auffaſſung las alle dieſe Gefühle in dem Geſicht des ſtolzen Weibes. Ueber den Zügen Richards ruhte trotzdem ein ſo trauriger Ernſt, daß die Profeſſorin daraus hätte ſchließen müſſen, es ſei jetzt nicht der Augenblick, dem Zorn Raum zu geben. Richard verbeugte ſich vor ihr und bemerkte, in⸗ dem er ſich an Albertine wandte: — Will Fräulein ſo gut ſein und zum Profeſſor hineingehen? Albertine entſprach augenblicklich der Aufforde⸗ rung. Ihre Gnaden ſtand ebenfalls auf und verließ ihren Platz, um zu ihrem Manne hineineinzugehen und zu fragen, wie es käme, daß der Doctor ſich in ihrem Hauſe befände, aber Richard ſchloß die Thüre nach Albertine und ſagte: — Ich bin hier in Folge einer ſchriftlichen Ein⸗ ladung des Profeſſors. 166 Damit zog er einen Brief heraus uud legte den⸗ ſelben auf den Tiſch vor Ihre Gnaden. — Es iſt nur der Arzt, gnädige Frau, wel⸗ chen Sie vor ſich ſehen. Bei meiner Ehre verſpreche ich Ihnen, zu ſuchen, gänzlich zu vergeſſen, daß dieſes Haus eine meinem Herzen theure Perſon, ſondern nur den Patienten birgt, zu deſſen Pflege ich hierher berufen worden bin. Welche auch Ihre Gefühle gegen mich ſein mö⸗ gen, ſo ſuchen Sie während der Tage, wo ich als Arzt Ihr Haus beſuchen muß, dieſelben zu beherrſchen. Jeder Ausbruch einer üblen Laune, der den Pro⸗ feſſor aufregen könnte, würde nur ſeinen Tod be⸗ ſchleunigen, den nach meiner Anſicht keine ärztliche Kunſt hindern kann. Binnen ganz kurzer Zeit, meine Gnädige, ſind Sie Wittwe. Der Doctor öffnete die Thüre zwiſchen den Zim⸗ mern und die Profeſſorin trat bedeutend ſanfter 3 gewöhnlich zu dem Kranken hinein. Der Doctor verſchrieb einige Arzneimittel, ſchickte Hans nach denſelben in die Apotheke und kehrte ins Krankenzimmer zurück. Gleich darauf fand Albert ſich ein. Acht und Vierzig Stunden waren verfloſſen, ſeit die Profeſſorin ihren Sohn geſehen, aber dieſe kurze Zeit war hinreichend geweſen, eine große Verände⸗ rung in dieſen ſchönen, energiſchen Zügen hervor⸗ zubringen. Sie ſchienen während des innern Kampfes, den er gekämpft, entſtellt worden zu ſein, ſo hart und ſtarr kamen ſie einem vor. 3 Rur mit einer ſtummen Verbeugung begrüßte er die Mutter, nickte Albertine zu, drückte die Hand 167 des Doctors und trat dann an das Bett des Va⸗ ters. Der Profeſſor reichte ihm die Hand mit fol⸗ genden Worten: — Ich habe Dir viel zu ſagen, bevor ich die lange Reiſe antrete; darum habe ich Dich rufen laſſen. Meine Süße,— fügte der Profeſſor, gegen ſeine Frau gewandt, hinzu— ich wünſchte mit meinem Sohne zu ſprechen. Was der Profeſſor und der Diſtrictsrichter mit einander ſprachen, brauchen wir nicht zu wiederholen. Ihr Geſpräch nahm den ganzen Vormittag in Anſpruch, und als der Doctor Mittags wiederkam, fand er noch Vater und Sohn eingeſchloſſen, aber da der Zuſtand des Profeſſors ſchlimmer wurde, ſo verbot er alle weitere Unterredung, welche nur die Kräfte des Kranken erſchöpften. Richard bat Ihre Gnaden, nach Ihrem Haus⸗ Arzt zu ſchicken, weil er ihn zu conſultiren wünſchte. Jetzt folgten dreizehn Tage und Nächte voll Lei⸗ den für den armen Kranken und von ſtummer aber namenloſer Unruhe für Albertine, welche bleich und ſtill Tag und Nacht an ſeinem Bette ſaß und nicht davon wich. Die wenigen Augenblicke, wo ſie einige Ruhe genoß, waren, wenn der Vater ſchlummerte. Da lehnte ſie ihren Kopf gegen ſein Kopfkiſſen und weinte ſich in Schlaf. Bisweilen bat Richard ſie: — Um meinetwillen, Albertine, gönne Dir etwas Ruhe! — Getrennt von ihm, würde ich doch keine ge⸗ nießen können, laß mich deßhalb bleiben, wo ich bin, — war die Antwort. 168 Still und kalt ſaß die Profeſſorin den ganzen Tag im Krankenzimmer ihres Mannes, reichte ihm ſchweigend die Medicamente nach dem Glockenſchlag und kam mit ſteifer Pünktlichkeit allen Vorſchriften nach. Was in ihr vorging, wenn ſie von den Bett⸗ vorhängen verborgen in einem Fauteuil zurückge⸗ lehnt, es mit anhörte, wie„dieſer Thor“, wofür ſie den Mann gehalten, wenn die Leiden ihn einen Augenblick verließen, Worte der Liebe und der Zärtlichkeit ſprach und es ſah, wie er Albertinens bleiche Stirne liebkoſte und ſich ſelbſt anklagte, ſie vernachläßigt zu haben, darauf aber ihr für die Liebe und Selbſtverläugnung dankte, welche ſie an ie Sterbebette bewieſen— das wiſſen wir nicht. Niemals bat er ſie um Etwas. Wenn ſie ſich näherte, um ihm ein Arzneimittel zu geben, ſagte er bloß: — Dank, meine Süße!— und ſchloß die Augen zu. Am dreizehnten Tage erklärte der Arzt, daß der noch übrigen Stunden nicht viele ſeien. Mittags fand Albert ſich in Begleitung einiger Advocaten ein. Die Profeſſorin und Albertine wur⸗ be von dem Kranken erſucht, das Zimmer zu ver⸗ aſſen. Ein Paar Stunden darauf wurde ſie wieder hereingerufen. Der Profeſſor reichte ſeiner Frau die Hand und agte: — Lebe wohl, Sophie, wir werden uns jetzt trennen. Beſſer für uns Beide, wenn Du etwas . 169 liebenswürdiger und ſanfter geweſen wäreſt; aber was ich durch das ganze Leben habe vermiſſen müſſen, das hat der Tod mir durch meine Tochter geſchenkt. Auch iſt es mein ausdrücklicher Wille, daß ſie und mein Freund und Arzt Doctor Bergſtröm ein⸗ ander angehören ſollen. Siehe zu, daß Du die letzten Worte deines Mannes beſſer achteſt, als dies während ſeines Lebens geſchah! Hierauf ſegnete er ſeine Kinder, legte Alberti⸗ nens und des Doktors Hände in einander und ſprach warm und liebevoll zu ihnen. Abends fing der Todeskampf an und dauerte ganze vierundzwanzig Stunden, worauf Alles vorbei war, aber nicht alle Heimſuchungen im Hauſe der Profeſſorin. Als der Vater den letzten Seufzer gethan, waren auch Albertinens Kräfte erſchöpft und ſie wurde be⸗ ſinnungslos in ihr Zimmer getragen. Ihre Gnaden ging mit trockenen Augen und geſchloſſenen Lippen von dem Sterbebett ihres Mannes, um ihren Platz am Krankenbett der Tochter einzunehmen. Richard hatte, als man Albertine hinausbrachte, gegen ſie geäußert: — Meine Gnädige, der Verſtorbene gab mir das Recht, Ihre Tochter meine Braut zu nennen, ich werde nie gegen Ihren Willen davon Gebrauch machen; aber das Recht, ihr Leben zu retten, trete ich an Niemanden ab. — Mein Herr, Sie ſind Arzt, thun Sie Ihre Pflicht!— war Alles, was die Profeſſorin ant⸗ wortete. 170 Der Vater wurde beerdigt, während das Leben und der Tod einen harten Kampf um die Tochter kämpften. Die Profeſſorin ſaß an dem Bett Albettinens, die in wilden Fieberphantaſien lag, und lauſchte dem Läuten der Glocken, welche zu erkennen gaben, daß ihr Mann ins Grab verſenkt wurde— dieſer Mann, mit welchem ſie dreißig Jahre verbunden geweſen. Alles um ſie herum war ſtill, ausgenommen der ängſtliche Klang von Albertinens verwirrten Worten und das Klagen der Worte, welche ihr aus der Gruft einen Abſchiedsgruß ſandten. Unwillkürlich ſchwebten die verfloſſenen dreißig Jahre an ihrem Gedächtniß vorbei. Wie wenig freundlich und liebevoll war ſie gegen ihn geweſen, welcher auf ſeinem Sterbebett milde und freundliche Worte für Alle, ſogar für den alten Diener, aber für ſie nur kalte gehabt! Unaufhörlich kiangen ſeine Worte wieder: Siehe zu, daß Du den Willen des Sterbenden mehr ach⸗ teſt, als Du es mit dem des Lebenden gethan. Und das Gedächtniß, dieſe Zuchtruthe des Sün⸗ digen, wiederholte auch die Worte des Bruders, als ſie ſich in Rönby trennten: „Es wäre wunderbar, wenn Gott nicht deinen Hochmuth züchtigte.“ — Wenn Gott Mann und Tochter auf einmal abberufen ſollte,— dachte ſie, und das ſonſt ſo wenig empfindliche Herz wurde durch den Gedanken zuſammengepreßt, daß ſie allein ſtehen werde; den von dem Sohne hatte ſie keine Liebe zu erwarten⸗ 171 welcher während dieſer traurigen Zeit ſie mit kei⸗ nem Worte angeredet, ſondern ein froſtiges Schwei⸗ gen beobachtet hatte. Von ihm verlaſſen, Mann und Tochter be⸗ raubt, fühlte die ſtolze Dame jetzt, daß es etwas mehr im Leben gibt, wornach man ſtreben kann, als den Hochmuth befriedigen. Thränen, dieſe Gäſte der Betrübniß, von wel⸗ chen die Profeſſorin höchſt ſelten heimgeſucht wurde, rannen langſam das harte, kalte Geſicht hinab. Es waren die erſten, welche ſie ſeit dem Tode des Mannes vergoſſen hatte. Nach und nach hörte das Läuten auf. Dieſes deutete an, daß der Pfarrer den Segen über den alten Mann ſprach, welcher in ſeine Gelehrſamkeit vertieft oft genug den Höchſten vergeſſen; und ſie, die nachlebende Wittwe, welche in ihrer Selbſtver⸗ götterung und ihrem Hochmuth nie an Gott dachte, ſie neigte die kalte, ſtolze Stirne und die bleichen, nicht an's Gebet gewohnten Lippen ſtammelten ein unzuſammenhängendes Gebet hervor. Sie ſaß da mit ihrem Haupt auf Albertinens Kopfliſſen geſtützt, und horchte auf die Glocken, welche, nachdem das Grab zugeworfen, ihre klagenden Töne hören ließen. Der Hochmuth der Profeſſorin war durch das Unheimliche und Bittere dieſer Stunde zurückge⸗ drängt worden; als ſie aber den Schall von Schrit⸗ ten im Corridor hörte, fuhr ſie mit der Hand über die Stirne und verwiſchte jede Spur von innerlicher Bewegung. Als die Thüre ſich öffnete, ſaß ſie wieder ſo kalt und ſteif da, wie ſonſt. 172 Es war der Doktor, welcher vom Grabe kam. Sie tauſchten einen ſtummen Gruß aus und er beugte ſich über die Kranke. Auf Richard's Geſicht las man eine qualvolle Angſt, einen bittern und durchgreifenden Schmerz. Er ſchloß die kleine, fieberheiße Hand eine Weile in die ſeine und in des ſtarken Mannes Augen glänzte eine Thräne. — Ich muß wieder eine Ader öffnen,— ſagte der Doktor. Die Profeſſorin ging zum Glockenzug und läutete. — Einen Teller für den Doktor,— ſagte ſie zu Lotta, welche im nächſten Augenblick mit dem Ver⸗ langten zurückkehrte. Der Doktor ſtreifte den Aermel der Nachtjacke zurück und entblößte einen alabaſterweißen Arm, aus welchem eine Minute darauf ein klarer Purpurſtrom ſich ergoß. Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir dem Gange der Krankheit von Tag zu Tag folgen. Wir gehen deßhalb über einen Zeitraum von vier Wochen hinweg, welche zwiſchen dem oben be⸗ ſchriebenen Tage und den darauf folgenden Ereig⸗ niſſen liegen. Die Jugend Albertinens und die Kunſt des Doktors hatten über die Krankheit ge⸗ ſiegt, und das junge Mädchen lag jetzt, eine bleiche Reconvalescentin, auf ſeinem Sopha. Der kalte und ſtolze Ausdruck war verſchwunden und an deſſen Stelle ruhte eine milde und ſtille Traurigkeit über den ſchönen, regelmäßigen Zügen. Die Profeſſorin hatte ihre gewöhnlichen, herrſch⸗ ſüchtigen Manieren wieder angenommen. 173 Alle Spuren einer augenblicklichen Demuth, welche während der Krankheit der Tochter und am Begräb⸗ nißtage des Mannes in ihrem Innern entſtanden, waren verſchwunden. Sie trug jetzt wieder ihren Kopf ebenſo hoch, wie zuvor. Freilich ſaß ſie noch bei der Lochter, aber kein Funke von Zärtlichkeit leuchtete mehr aus den ſtahlgrauen Augen, ſondern ſie ſchien viel mehr aus Vernunftgründen, als aus innerer Neigung, ihr wieder geneſendes Kind zu pflegen. Selten wurden einige Worte gewechſelt Es war der 2. Mai. Die Profeſſorin ſaß am Fenſter im Zimmer der Tochter und ſtickte. Alber⸗ tine betrachtete mit einem traurigen Blick ihr unbe⸗ wegliches Geſicht, welches noch kälter und unbeweg⸗ licher erſchien, weil es von den ganz ſchwarzen Trauerkleidern umgeben war. Martha öffnete die Thüre und ſagte: — Es iſt ein Fremder da unten, welcher Eure Gnaden zu ſprechen wünſcht. — Ich komme,— war die Antwort und die Profeſſorin ſtand mit den Worten auf: — Während ich fort bin, ſoll Lotta zu Dir her⸗ aufkommen, und damit verließ ſie das Zimmer. In den Saal hinuntergekommen fand ſie den Doktor vor einem Gemälde ſtehen, welches über dem Inſtrumente hing. Als Ihre Gnaden die Thüre hinter ſich geſchloſſen, wandte ſich der Doktor um. — Die Profeſſorin verbeugte ſtolz den Kopf mit den Worten: — Ihre Beſuche, mein Herr, ſind ja die des Arztes, und ich bin nicht krank. — Sie ſind die des Arztes geweſen, und ich hoffe, daß Eure Gnaden nicht einen einzigen Au⸗ genblick Grund gehabt haben, ſich darüber zu bekla⸗ gen, daß ich mein gegebenes Wort vergeſſen. — Sie haben Wort gehalten. — Ich danke für dieſes Zeugniß. Warum ich mir heute eine Unterredung unter vier Augen aus⸗ gebeten habe, iſt, weil die Beſuche des Arztes jetzt überflüſſig ſind. — Und Sie gedenken ſich auf die letzten Worte meines Mannes zu berufen, welche den beſtimmten Wunſch ausdrückten, daß Albertine Ihre Gattin werden ſollte. Mein Herr, ich habe Achtung vor dem Todten und Sie beſitzen ein Recht, von dem Verſprechen, welches der Vater gegeben, Gebrauch zu machen. Die Profeſſorin trug ihren Kopf höher als je. — Und doch, meine Gnädige, obgleich ich Ihrem eigenen Geſtändniſſe zufolge dieſes Recht beſitze, und obgleich ich nach der Gefahr, welche Albertine durch⸗ gemacht, ſie höher als je liebe und trotdem ich aus ihren Blicken, aus all' ihren Worten, welche ihr während der Fieberphantaſien entſchlüpften, erfahren habe, wie ſie von ganzem Herzen an mir hängt, ſo denke ich doch nie daran, mich dieſer Rechte zu be⸗ dienen, bevor Sie die Hand Ihrer Tochter in die meinige legen und unſere Verbindung ſegnen. — Dann, mein Herr, werden Sie nie dazu kommen, Gebrauch davon zu machen; denn meinen Segen erhalten Sie nie. — Wenn ich denſelben begehrt hätte, als Sie, trotz aller Selbſtbeherrſchung mit Beben am Kran⸗ 175 kenbett Ihrer Tochter wachten, während ihr Leben in Gefahr ſchwebte, würden Sie ihn mir auch dann verweigert haben? Wenn ich damals geſagt hätte: ich werde Ihre Tochter dem Leben wieder zurück⸗ geben, aber ich fordere als meinen Lohn dafür Ihren Segen, was würden Sie dann geantwortet haben? — Ah! ich habe Ihre Angſt in Ihren Blicken ge⸗ leſen und ich weiß, daß Sie mir dann das, was ich wünſchte, gegeben hätten. — Sie hätten ſich dann meine Einwilligung erzwungen. — Das iſt wahr und das wollte ich nicht. Nein, freiwillig, mit der vollen Ueberzeugung, daß Sie damit Ihre Tochter glücklich machen, will ich den⸗ ſelben erhalten. — Sie wollen;— aber Sie werden ihn nie erhalten. — Oh! Meine Gnädige, können Sie lieber Ihre Tochter dahinſchwinden und verwelken ſehen, wie eine Blume, der man die Sonne raubt, als ihrem Glücke Ihren Hochmuth opfern? Früher, meine Gnädige, bin ich vor Sie hinge⸗ treten wie der ſtolze, ſich auf ſeine Kraft vetkaſſende Mann; jetzt bin ich der demüthig bittende, welcher Sie anfleht, nicht wegen meines, ſondern wegen ihres Glückes, welche Sie nicht das Herz haben dürfen, nach einem ſo ſchwer überſtandenen Schmerz in die Arme der Verzweiflung zu werfen. Seien Sie edelmüthig, bringen Sie dieſes Opfer Ihres Kindes wegen und Sie werden nie Grund haben, Ihren Edeimuth zu bereuen. Können Albertinens ————— 176 Gluck und meine Dankbarkeit nicht als einen geringen Lohn für dieſe Aufopferung gelten? — Mein Herr, laſſen Sie uns abbrechen. Was Sie wünſchen, kann ich Ihnen nicht geben; aber es ſteht Ihnen frei, die Braut zu nehmen, welche ein Sterbender Ihnen gegeben, und ſie wird dadurch auch für mich todt. Ich habe eine ſtarke Seele, und ich werde mich beſtreben, meinen Verluſt zu er⸗ tragen. Sie brauchen auf mich gar keine Rückſicht zu nehmen. — Ah, meine Gnädige, Sie gehen zu weit. Gebe Gott, daß Sie Ihre Härte gegen Ihr Kind, Ihre Halsſtarrigkeit gegen einen Mann, welcher Alles ge⸗ than hat, was in ſeinen Kräften ſtand, um Ihnen die Redlichkeit ſeiner Geſinnung zu zeigen, nicht eines Tages bereuen müſſen. Ich unternehme eine Reiſe ins Ausland und Donnerſtag werde ich meine Patientin, Fräulein von Krug, der Pflege des Doktors A. anvertrauen. Er⸗ lauben Sie, daß ich ihr Lebewohl ſage? — Das ſteht Ihnen frei, mein Herr. — Belieben Ihre Gnaden mich hinaufzube⸗ gleiten? Sie können meiner Tochter Lebewohl ſagen, ohne daß ich gegenwärtig bin. Ich muß Ihnen danken für alle Ihre Mühe, welche Sie mit ihr und meinem Manne gehabt haben. Ihre Gnaden machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe. Der Doector verbeugte ſich und verlies ſchweigend das Zimmer. Ihre Gnaden blieb unbeweglich ſtehen; darauf murmelte ſie: 3 Der Menſch zwingt mich wirklich, ihm mei „ 177 Achtung zu ſchenken; aber nie wird es ihm ge⸗ lingen, meine Einwilligung zu erhalten. Eher ſoll mein Herz berſten. Ihre Gnaden verließ den Saal und ging die Treppe hinauf; aber anſtatt in ihr eigenes Zimmer oder zu Albertinen zu gehen, öffnete ſie die Thüre zu dem Zimmer, welches Albert bewohnt hatte und das, an Albertinen's grenzend, von dieſem nur durch eine dünne Thüre getrennt wurde. Dieſer näherte ſich die Profeſſorin, legte das Ohr daran und horchte auf das, was darinnen ge⸗ ſagt wurde. Wir übergehen den erſten Austauſch von Gefühlen, welcher zwiſchen den beiden Liebenden ſtattfand, nachdem der Doctor Lotta fortgeſchickt hatte. Dieſe Liebesgeſpräche,— denn jetzt ſprach Richard von ſeiner Liebe, weil er ſich dazu für berechtigt hielt,— ſind einander ziemlich gleich; man ſagt Einem Worte, die für einen Dritten kein Intereſſe haben, aber für Diejenigen, welche ſie mit einander wechſeln, Alles bedeuten. Darum können wir, ohne dem Gange des Ge⸗ ſprächs zu ſchaden, den Anfang deſſelben überge⸗ hen und geben nur den Schluß wieder. — Dieſer mein Beſuch— ſagte Richard— iſt ein Abſchiedsbeſuch, meine geliebte Albertine, da ich nächſten Donnerstag eine Reiſe nach dem Ausland unternehmen muß. So ſehr Richard ſich auch anſtrengte, dieſe Worte ruhig auszuſprechen, ſo zitterte ſeine Stimme doch ein wenig. Schwartz, Zwei Familienmütter. II. 12 178 Albertine richtete ſich halb auf und rief mit todtenbleichen Lippen: — Du reiſeſt! Du verläßt mich! Jetzt, jetzt, wo nichts in der Welt uns trennt? Jetzt, wo der Segen meines Vaters unſer Geſchick unauflöslich vereinigt hat? — Albertine, ich reiſe, aber ich kehre in einigen Monaten wieder zurück. Es iſt meine Pflicht als Arzt, dieſe Reiſe zu unternehmen, und Du wirſt nicht wollen, daß ich dieſelbe unterlaſſe? Der Doctor wurde bleich. — Du ſollſt nicht reiſen ohne mich; es gibt keine Pflicht, die Dir das gebietet. Ah, Richard, Du täuſcheſt mich, es iſt nicht ſo, wie Du ſagſt. Nein, ich errathe, wie es iſt; Du haſt mit meiner Mutter geſprochen und ſie, ſie welche kein Herz beſitzt, ſie hat nicht einmal Achtung vor den Worten meines ſterbenden Vaters. Oh Gott! Richard, wird denn nichts in der Welt Dir begreiflich machen, wie unmöglich es iſt, ſie zu beſiegen. Ihr Ville iſt für ſie Alles; dieſem muß Alles geopfert werden. O, mein geliebter Vater! warum gingſt Du fort und ließeſt mich zurück unter dieſen Menſchen ohne Herz! Albertine verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. — Du biſt ſtreng gegen Deine Mutter, unge⸗ recht gegen mich. Oh, wenn Du alle die Qualen überſehen könnteſt, zu welchen ich mich ſelber ver⸗ urtheilt, ſo würdeſt Du nicht ſagen, daß ich ohn Herz bin, aber habe ich denn anders handeln können“ Doch, meine einzige, hochherzige Albertige kant „ 179 nicht auf eine ſolche Weiſe den Mann verurtheilen, welcher alle ſeine egoiſtiſchen Gefühle der Achtung vor dem Mädchen, das er von ganzer Seele liebt, geopfert hat. Hätteſt Du, wie ich, den heimlichen Schmerz Deiner Mutter geſehen, während Du krank lagſt und Dein Leben in Gefahr ſchwebte, dann würdeſt Du ihr nicht Herz abſprechen. — Du vertheidigſt ſie,— ſtammelte Albertine. — Ja, ſie iſt Deine Mutter, Albertine, und ſie hat in dieſer ihrer Eigenſchaft ein Recht auf meine Nachſicht, meine Achtung. Ich fühle, daß ich eines Tages im Stande ſein werde, dieſes ſtolze Herz dazu zu zwingen, ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung zu geben. Muth!„wir ſind beide jung,“ ſagteſt Du einmal, „und was thut es, daß wir einige Jahre warten.“ — Richard, ſtammelte Albertine, ich beſitze nicht Muth, ohne Dich zu leben. Es kommt mir vor, als wenn der Zorn meiner Mutter und die Verachtung der Welt leichter zu ertragen wären, als Dich zu verlieren. — So kommt es Dir jetzt vor; aber es wird Dir dann nicht ſo vorkommen. Unaufhörlich wird das Bild Deiner zornigen Mutter ſich zwiſchen Dich und Dein Glück hineinſtehlen und Galle in deſſen Becher träufeln. Daraus wird folgen, daß das Glück, welches Du zu genießen erwarteteſt, Dich be⸗ ſtändig fliehen wird, und dagegen wird die nagende Vorſtellung vom Zorne Deiner Mutter allein übrig bleiben.„Die Verachtung der Welt,— ach! meine Geliebte, Du weißt nicht, von welchem et 180 Geſpenſt Du ſprichſt. Die Verachtung iſt ein unbe⸗ weglicher Dämon, und der Menſch, welcher von der⸗ ſelben verfolgt wird, wird vergebens ſuchen, ſich durch ſein eigenes Bewußtſein emporzuhalten. Die unbeweglichen Furien werden ihn verfolgen und Frieden und Ruhe aus ſeinem Herzen verjagen. Nein, ich ſchätze Deine Liebe zu hoch, Du biſt mir zu heilig, als daß ich aus Egoismus Dein Leben einem von dieſen beiden Mißgeſchicken wei⸗ hen ſollte. Der Doctor ergriff ihre Hände, führte ſie an ſeine Lippen und ſprach dann ſo warme und troſt⸗ reiche Worte, daß es ihm gelang, wenn auch nicht ſie zu überzeugen, ſo doch ihrer Seele Glaube, Hoff⸗ nung und Geduld einzuflößen. Gegen den Thürpfoſten des angrenzenden Zim⸗ mers gelehnt, hatte die Profeſſorin jedem Worte gelauſcht. Wunderlich ſah es aus in der Bruſt des un⸗ beugſamen Weibes, als ſie hörte, daß Richard ſich entfernte und hierauf das heftige Schluchzen der Tochter zu ihren Ohren drang. Sie erhob ſich mit der gewöhnlichen ſtolzen und beſtimmten Bewegung, womit ſie ſich von aller Schwäche, die ſie Stimme des Herzens nannte, zu befreien ſuchte. — Gottlob, daß der Menſch endlich fort iſt. Er hat Recht, es könnte damit enden, daß er mich zwänge, ihn hochzuachten. Dieſe Emporkömmlinge legen es wirklich darauf an, die Edelmüthigen zu ſpielen, um unſere Vorurtheile zu überwinden; aber ihr Blut iſt und bleibt doch unedel. 181 Ihre Gnaden verließ das Zimmer und begegnete in der Hausflur Martha. — Der Gärtner Bergſtröm bittet um eine Unter⸗ redung mit Eurer Gnaden. Die Profeſſorin erröthete und lachte: — Nein, nie ſoll es geſchehen, daß ich den Sohn meines Dieners Schwiegerſohn nenne. Es liegt ja im bloßen Gedanken eine wirkliche Demüthigung. Im Saale ſtand der alte Bergſtröm. Als Ihre Gnaden eintrat, machte er eine leichte Verbeugung und reichte ihr ein zuſammengelegtes Papier mit den Worten: — Ich muß Eurer Gnaden den Contract wieder zuſtellen. Derſelbe iſt vom ſeligen Profeſſor abge⸗ ſchloſſen und unterſchrieben. Er iſt jetzt todt; folg⸗ lich hört der Vertrag auf, und ich ziehe fort, ſobald Eure Gnaden einen neuen Gärtner erhalten haben. — Gut,— ſagte Ihre Gnaden und nahm den Contract.— Meine Abſicht iſt keineswegs, daß Sie durch Ihren Abzug von hier Schaden leiden, ſondern ich bin geneigt, Ihnen Ihren Lohn bis zum nächſten Mai, wo der Contract zu Ende iſt, behalten zu laſſen. — Iſt nicht nothwendig, Eure Gnaden,— ant⸗ wortete Bergſtröm lächelnd.— Ich bin nicht arm, ſondern habe mir ein kleines, ganz hübſches Ver⸗ mögen geſammelt, welches vollkommen ſoviel beträgt, wie das, das Eure Gnaden nach dem ſeligen Pro⸗ feſſor erhalten. — Wenn dem ſo iſt, warum dienen Sie? — Ja, warum? Weil es bei mir zu einer Ge⸗ wohnheit geworden iſt, für Andere zu arbeiten. 182 Als junger Menſch arbeitete und ſparte ich, um dem Manne meiner Halbſchweſter zu helfen, einen Jungen zu erziehen, den Sie, als er Mann wurde, kennen gelernt haben. Ich meine Mauritz Ekeberg. Als Mann arbeitete ich für meine eigenen Kinder, und ich glaube nicht, daß ich ſchlecht gearbeitet habe. Ich hoffe, daß Eure Gnaden anerkennen werden, daß ich kein ſchlechter Arbeiter bin, obgleich ich ein alter Mann bin. Mit dieſen Worten verbeugte er ſich. Ihre Gnaden hatte bei dem Namen Ekeberg lange mit einer inneren Bewegung gekämpft. Als der alte Mann ſich nach der Thüre wandte, bemerkte ſie mit großer Anſtrengung: — Sie waren alſo verwandt mit jenem Ekeberg? — Jawohl, das war ich. Seine Mutter war die Tochter meiner Mutter aus ihrer erſten Ehe und ziemlich viel älter als ich. Als mein Vater ſtarb, erbte ich ſeinen Hof, und da meine Schweſter nicht mehr hatte, als der Mann verdiente, ſo gab ich ihrem Sohne die Hälfte meines Erbtheils und half mit, ſeine Erziehungskoſten zu beſtreiten, bis ich ſelbſt Kinder bekam. Da war er ſchon groß und ich ſagte zu ihm: Spare Dein kleines Capital, bis Du Fa⸗ milie bekommſt und arbeite für Dein eigenes Aus⸗ kommen. Er arbeitete darum, weil er der Liebe zu Ihrer Schweſter Leben und Geſundheit opferte. Der alte Mann machte wieder eine tiefe Verbeu⸗ gung und verließ das Zimmer. Ihre Gnaden ſetzte ſich auf einen Stuhl, als wenn ſie von dem Bewußtſein betäubt ſei, all ihrer Verachtung und all ihres Ekels ungeachtet, doch ge⸗ 183 zwungen ſei, ſich zu der Verwandtſchaft jenes Dieners zu rechnen. Er könne ja überall hingehen und ſagen: Mein Schweſtersſohn war der Schwager der Frau von Krug. Bergſtröm kehrte in ſein Zimmer zurück, wo er ſeine Sonntagskleider anzog und ausging, ſeine Schritte nach der Königinſtraße lenkend. Vor einem Hotel für Reiſende blieb er ſtehen, ken die Hausnummer und ging in's Haus hinein. Als er die Treppe hinaufgekommen war, fragte er einen in der Hausflur ſtehenden Bedienten: — Iſt es hier, wo man durch die Zeitung einen Gärtner geſucht hat? — Ja, antwortete der Bediente und öffnete eine Thüre. Treten Sie ein, der Baron iſt zu Hauſe. — Bergſtröm trat in den Salon. In einem Fauteuil ſaß der Baron Silfverkrona und las eine Zeitung. Als der alte Mann eintrat, blickte er auf von der Zeitung und richtete ſeine Augen auf den Ein⸗ tretenden; dann ſprang er aber auf, als wenn er ein Geſpenſt geſehen. Der junge Mann war todtenbleich geworden und blieb gerade vor dem ſtattlichen, alten Manne ſtehen, welcher bei ſeinem Anblick unbeweglich war. Beide ſtarrten vor ſich hin, als wenn der Eine in dem Geſichte des Andern eine entſetzliche Ge⸗ ſchichte läſe. Die Züge des jungen Mannes zeigten Angſt und Reue; die des Alten dagegen bittern, unermeß⸗ lichen Schmerz, und als endlich die Erinnerungen, 184 welche auf den Letzteren einſtürmten, unerträglich wurden, dann neigte er ſein weißlockiges Haupt, ver⸗ barg ſein Geſicht in den Händen und brach in Schluchzen aus. Dieſer Anblick ſchien für den jungen Mann etwas ſo entſetzlich Peinliches zu haben, daß er denſelben nicht ertragen konnte. Er ſtürzte auf die Kniee vor dem alten Mann und rief mit Angſt: — Verfluchen Sie mich, rufen Sie Ihren Zorn über mein Haupt herab; aber zermalmen Sie mich nicht mit Ihrem Schmerz! Ich fühle, wie ſchuldig ich bin, wie tief Sie mich haſſen und verabſcheuen müſſen. Die Laſt Ihres Zornes würde ich indeſſen als eine wohlverdiente Strafe aushalten können; aber die Ihres Schmerzes vermag ich nicht zu ertragen. Der Alte erhob langſam ſeinen Kopf, heftete mit traurigem Ernſt ſeine Augen auf den Baron und ſagte: — Warum ſoll ich Sie haſſen? Wie ſollte ich zürnen können? Mein Schmerz iſt zu groß, um dem Zorne Raum zu geben. Sie haben dieſem Herzen den größten Schatz geraubt, den es beſaß. Sie haben die Freude deſſelben gemordet; aber ſehen Sie, Sie thaten es ſo vollſtändig, daß Sie mir ſelbſt den Troſt nicht übrig ließen, Sie in meinem gerechten Zorne verfluchen zu können. — In demſelben Augenblick, wo ich Ihr Herz zer⸗ malmte, barſt eine Saite in meinem eigenen, und Qualen, bitterer als die, welche Sie erduldeten, haben mich verfolgt. Oh, ich hätte mit meinem Leben, mit 185 meinem ganzen Vermögen ihr Leben wieder erkaufen und meinen Fehltritt ſühnen wollen. — Ich glaube Ihnen, und ich habe Ihnen ja geſagt, daß Sie mir nicht einmal den Troſt übrig ließen, Sie verfluchen zu können. Stehen Sie deß⸗ halb auf; nicht vor mir, ſondern vor Gott, müſſen Sie knieen. Der Baron ſtand auf, und der Alte hatte ſich geſetzt, während er fortfuhr: — Das Schickſal, welches mich und mein armes Kind getroffen, war eine Folge von ſchiefen und unheilbringenden Vorurtheilen. Ich, ein einfacher Arbeiter, von Ratur mit einer Seele begabt, die vielleicht nicht ganz zu meiner Unwiſſenheit paßte, wollte meinen Kindern die Kenntniſſe verſchaffen, welche mir ſelbſt abgingen und durch eine gute Er⸗ ziehung ihre Anlagen entwickeln und ſie über die neue Umgebung erheben, in welcher ich meine Tage zugebracht. Ach! ich vergaß Eines: daß wenn es auch dem Knaben durch ſeine Kenntniſſe gelingen kann, ſich zu einer beſſern und geachteteren Stellung in der Ge⸗ ſeliſchaft zu erheben, ſo kann das Mädchen es nicht, wenn es nicht durch einen Mann emporgehoben wird. Tugenden, Bildung, Kenntniſſe und Genie vermö⸗ gen nicht die Tochter des Gärtners zu etwas Ande⸗ rem zu machen, als zu einem Mädchen, welches man gar nicht für berechtigt hält, unter gebildeten Men⸗ ſchen einzutreten. Sie iſt und bleibt ein armes, ver⸗ ſtoßenes Weſen, welches durch ihre Erziehung aus dem Kreiſe herausgetreten iſt, in welchem ſie gebo⸗ 186 ren wurde, ohne daß die Thüren, welche zu der ge⸗ bildeten Welt führen, für ſie geöffnet werden. Durch ihre Erziehung, durch das Bewußtſein ihres geiſtigen Werths, wird in ihr eine innere Un⸗ zufriedenheit mit der Welt entſtehen, welche ſie nicht in ihren Kreis aufnehmen will. Welches Unrecht begeht nicht die Geſellſchaft fort⸗ während gegen das Weib! Wozu nützt ihr wohl eine denkende Seele, ein warmes und zärtliches Herz? Sie iſt ja doch dazu verurtheilt eine Sklavin zu werden, deren ganzer Werth und ganze Unabhängigkeit vom Manne her⸗ kommen ſoll. Man ſagt: Gebe dem Weibe Erziehung. Wozu nützt ihr wohl dieſe, wie die Verhältniſſe jetzt ſind. Der Mann wird ſie nicht als ein Weſen betrach⸗ ten, welches dieſelben Rechte auf die Vortheile des Lebens hat, wie er. Nein, ſie iſt unmündig, ſie iſt ein Kind, ſofern ſie nicht ihr Geſchick mit dem ſeinigen verbindet und dadurch nicht einige kleine Vortheile gewinnt. Es liegt etwas Verächtliches, der Menſchlichkeit Unwürdiges in der Rolle, welche der Mann in ſei⸗ ner alles verſchlingenden Selbſtvergötterung dem Weibe zugetheilt hat. Aber was hilft's davon zu ſprechen! Mein armes Kind wurde nur eines der tauſend Beiſpiele, daß, wenn das Weib im Volke geboren und wenn es noch ſo gut erzogen oder von der Natur reich aus⸗ geſtattet iſt, ſo wird es ihm doch unmöglich, ſich durch ſeine Geiſtesgaben über den Kreis zu erheben, in welchem er geboren iſt. 187 Das unwiſſendſte, elendeſte Weib, welches einer beſſeren Klaſſe der Geſellſchaft angehört, wird trotz⸗ dem mit vornehmer Herablaſſung dem reichbegabten zuwinken, bloß weil es eine Gärtnerstochter iſt. Der alte Mann hielt inne— der Baron be⸗ trachtete ihn mit einem Ausdruck der Verwunderung. Nach einer Pauſe fuhr Bergſtröm wieder fort: — Nun wohl, zu einem von ihresgleichen konnte ſie doch nicht Liebe faſſen!— Da begegnet ihr auf der großen Straße des Lebens ein Jüngling, welcher derjenigen Kaſte angehörte, der anzugehören ihr Seelenadel ihr ein Recht gab, von welcher aber die Vorurtheile ſie ferne hielten. Kein Wunder darum, wenn ſie ihn liebte.— Ihre Liebe, ihre Schwäche, ihr Fall, Alles iſt unter ſolchen Umſtänden ver⸗ zeihlich.— Und er, dieſer Jüngling, welcher in jenen Vorurtheilen gegen die Kinder des Volks er⸗ zogen war, ſieht in dem jungen Mädchen eine auf ſeinen Weg gepflanzte Blume, die er zu ſeinem Ver⸗ gnügen bricht und dann wegwirft. Iſt er wohl der eigentlich Strafbare? Iſt er es, der gedankenloſe Jüngling, den der Fluch treffen muß? Oder ſind es nicht eher ſeine Eltern, welche von Geſchlecht zu Geſchlecht ihre Söhne in Verach⸗ tung gegen die Kinder des Volks aufwachſen laſſen. Ah, Herr Baron! Nicht gegen Sie hätte ich meinen Fluch ſchleudern mögen, aber wohl gegen Ihre Eltern, gegen Ihre Mutter, welche es nicht Ihrem Herzen eingeprägt hat, daß Sie vor den Kin⸗ dern des Arbeiters, ſeinem einzigen Reichthum, größere Achtung haben müßten, als vor denen derjenigen, die 3 188 durch Geburt, Reichthum, Glück und Hochmuth ge⸗ ſchätzt ſind. Sie opferten mein Mädchen, Sie machten, daß es ſich ſchämen mußte und— ſenkten es in ein frühzeitiges Grab. Ah! wenn Sie in Ihrem Leichtſinn hätten er⸗ meſſen können, wie ich ſie liebte, dann würden Sie über ſich ſelbſt zuſammenſchaudern. Sie war das Licht meiner Augen und meine Freude— doch ich vergebe Ihnen; es ſind die Vorurtheile der Geſell⸗ ſchaft, denen ich nicht vergebe. Der Alte ſtand auf, um zu gehen. Der Baron näherte ſich ihm und ſagte: — Würden Sie ſich weigern, meine Hand zum Abſchied zu drücken? — Nein!— ich habe Ihnen vergeben.— Ver⸗ gebet, und Euch wird vergeben werden, ſagt die Schrift, und vor deren Lehren beuge ich mich.— Siehe, hier meine Hand.— Laſſen Sie den Kum⸗ mer, welchen Sie in Ihrer Unbeſonnenheit über mich gebracht, Ihnen zur Lehre dienen, ſo daß Sie einſt den Herzen Ihrer Söhne Achtung vor Unſchuld und Tugend, wo ſich auch dieſe finden, einprägen mögen. Ihr vornehmen Männer, zeiget Euren Adel durch andere Mandate, als dadurch, daß Ihr Sittenloſig⸗ keit und moraliſches Elend unter den niederen Klaſ⸗ ſen verbreitet. Wie könnet Ihr bei dem Volke, bei der Nation, Ehrgefühl, Tugend und Achtung vor den Schwächeren wieder finden wollen, wenn diejeni⸗ gen, welche über ihnen ſtehen, ihnen mit keinem Beiſpiel vorangehen. Die Maſſe wird durch ihre Inſtinkte regiert, und 189 werden dieſe durch die Vorurtheile der aufgeklärten Bebildeten nicht zum Guten geleitet, dann werden dieſe Inſtinkte eines Tages ausarten und die ganze Geſellſchaft verſchlingen. Der Alte drückte die Hand des Barons und ging. Als Bergſtröm aus dem Hotel heraustrat, lenkte er ſeine Schritte nach der Wohnung des Doktors. — Iſt mein Sohn zu Hauſe? fragte er den Bedienten. — Nein, noch nicht. — Nun wohl, ich werde auf ihn warten;— und damit ging der Alte hinein in die Bibliothek. Ungefähr um 3 Uhr trat der Doktor ein und fand den Vater in das Leſen von Zeitungen vertieft ſitzen. Mit einem Ausdruck der Liebe ſowohl wie der Ehrfurcht, begrüßte ihn Richard. — Ich mußte Dich ſehen, Richard,— ſagte der alte Bergſtröm, während er die Hand des Sohnes in der ſeinigen hielt und ihn mit einem Ausdruck der Zärtlichkeit anblickte. Weißt Du, mein Sohn, wen ich heute getroffen? — Nein, mein Vater. Papa ſieht aufgeregt aus. — Ich habe Silfverkrona getroffen. — Ah! und ſein Anblick hat den Zorn von Papa hervorgerufen. Ja, ich begreife, was Papa empfinden mußte; denn als ich ihn wieder ſah, er⸗ griff mich ein Gefühl bitteren Harms; doch iſt Vie⸗ les an ihm, welches dazu beiträgt, daß man ſich 190 bisweilen geneigt fühlt, ihm das Böſe, das er ge⸗ than, zu verzeihen. — Sich geneigt fühlt,— wiederholte Bergſtröm. Ich habe ihm verziehen. Als ich an Alfhildals Bahre ſtand und ihn zermalmt und verzweifelt ſah, verzieh ich ihm, obgleich ich mich damals unter dem Eindruck des Schmerzes, der mich beherrſchte, be⸗ fand, und ich nicht edelmüthig genug ſein konnte, ihm den Troſt zu ſchenken, daß der Vater ihm den Kummer vergeben, welchen er über ihn gebracht. Aber heute, mein Sohn, habe ich geſagt: Ich verzeihe Ihnen, Sie waren jung und berechneten nicht die Folgen ihrer Leidenſchaft, deren Befriedi⸗ gung Sie mein Kind und mich opferten. Ich dachte, als ich ihn vernichtet vor mir ſah: möge derjenige, welcher ſich ohne Sünde weiß, den erſten Stein werfen; ich thue es nicht. — Gott weiß, ob ich, mein Vater, im Stande ſein werde, ebenſo edelmüthig zu ſein,— antwor⸗ tete Richard.— — Und warum nicht? Der Alte heftete feine klaren Augen auf den Sohn. — Du müßteſt es mehr ſein, als ich, weil Du durch Deine Kenntniſſe und Deine Bildung gelern haſt die Worte der Verſöhnung anzuwenden. Und übrigens mein Sohn— der Alte legte ſeine Hand auf ſeine Schulter— wer kann dafür ſtehen, wie man in der Stelle des Barons gehandelt hätte wenn man wie er erzogen und von einer Leiden⸗ ſchaft beherrſcht wäre. Vielleicht, daß Du und ich nicht beſſer, ſondern noch ſchlimmer geweſen wären⸗ . 191 Richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet. Wenn ich verzeihen kann, ſo mußt Du es auch können, und wenn Deine Schweſter Dir lieb war, ſo haſſe nicht denjenigen, den ſie liebte. Schweigend, aber tief gerührt, drückte Richard die Hand des Vaters. — Warum ich eigentlich hieher kam, mein lieber Richard, war, um Dir den Entſchluß mitzutheilen, den ich nach dem Zuſammentreffen mit dem Baron gefaßt, welches letztere dadurch veranlaßt wurde, daß ich eine Gärtnersſtelle, die in den Zeitungen ſtand, ſuchte.(Der Baron war derjenige, welcher einen Gärtner brauchte.) Der Anblick von ihm und die Veranlaſſung, welche mich dahin führte, machten, daß ich etwas beſchloß, das Du längſt gewünſcht: nämlich daß ich den Spaten weglege und mein Alter mit gekreuzten Armen und in Ruhe zubringe. — Papa!— rief Richard freudig und ſchüttelte ſeine Hände,— wie glücklich macht mich nicht dieſer Entſchluß! Mein Vater, Du wirſt dann mit mir meine einſame Heimath theilen, welche mir dann nicht mehr öde und leer vorkommen wird. — Nein, mein Junge. In Deinen eleganten Zimmern wird der Alte nicht gedeihen, und übrigens ſagteſt Du mir dieſen Morgen, daß Du in's Aus⸗ land reiſen würdeſt. Noch bin ich nicht darüber im Klaren, wie ich mich einzurichten gedenke. Am Liebſten möchte ich den Reſt meiner Tage auf dem Lande zubringen, aber, wie geſagt, ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Uebrigens habe ich verſprochen, auf meinem Platze —— 192 zu bleiben, bis jenes hochmüthige alte Weib Jeman⸗ den an meine Stelle erhalten hat. Hier wurde das Geſpräch durch Jemanden unter⸗ brochen, welcher fragte: — Iſt der Doktor zu Hauſe? — Ja, ſeien Sie ſo gut, einzutreten,— ant⸗ wortete der Bediente. Gleich darauf trat der Major Quickfelt in die Bibliothek und begrüßte den Doktor mit den Worten: — Guten Tag, mein Herzensbruder; ich komme, als wäre ich aus einer Kanone geſcho ſſen, ſo ſchnell iſt es gegangen. Du mußt wiſſen, mein Bruder, daß Silfverkrona mir gerade mitgetheilt hat, daß Du ein Couſin des Mannes meiner Schweſter Char⸗ lotte biſt. — Ganz wahr, beſter Onkel; aber hier ſteht mein Vater, der ein Onkel von Ekeberg iſt, und der ihn beſſer als ich gekannt hat. Ich war gerade ein 12ähriger Junge, als er ſtarb. Der Major und der alte Bergſtröm reichten ein⸗ ander die Hand. Acht Tage darauf war der Doktor in's Ausland gereist. Der Major war nach Rönby zurückgekehrt und Bergſtröm hatte ihn begleitet, um den Sommer bei dem Major zuzubringen. Der eigenſinnige und ſtolze Alte hatte indeſſen nur unter der Bedingung das Anerbieten angenom⸗ men, daß er für ſich bezahle und als Beſchäftigung die Inſpektion über den Garten und die Hrangerie bekomme. 193 Wer unter den Günſtlingen des Glücks hat nicht verſchiedene Geſundheitsbrunnen und Badeörter be⸗ ſucht? Wir wollen deßhalb, mein lieber Leſer, Dich zu einem von dieſen führen(zu welchem, iſt gleich⸗ gültig,, und Du mußt mich entſchuldigen, daß ich demſelben einen fingirten Namen gebe, weil ich nicht den rechten zu nennen wage, denn die Mehrzahl der in dieſer kleinen Erzählung handelnden Perſonen lebt noch und könnte, falls ich ſo gerade aus er⸗ wähnte, wo ſie ſich aufgehalten, befürchten daß man ſie wieder erkennen würde. Wir nennen den fraglichen Geſundheitsbrunnen Dörby. Es war im Anfang des Juli. Eine zahlreiche Verſammlung hatte ſich dort ihrer Geſundheit wegen, oder um die Zeit zu vertreiben, eingefunden. Auf einem der Sitzplätze vor dem Kur⸗ ſalon ſaßen einige ältere Damen an einem ſchönen hellen Morgen. Nach der Lebhaftigkeit zu urtheilen, mit welcher ihre Zungen ſich bewegten, konnte man ſchließen, daß ſie die Plauderkanzlei des Ortes ausmachten. — Nun, meine ſüße Frau Obriſtin, das war wohl ſehr erfreulich für Dich, eine gute Freundin zu treffen. Ich meine die Profeſſorin von Krug; ſie kam ja geſtern hier an?— ſagte Fräulein Knarremſtöld und neigte ſich hin zu der Obriſtin Straalkrans. — Gewiß, aber es wird doch etwas genant, weil der junge Graf Stormhjelm mit Gräfin auch hier angekommen iſt und ſich hier aufzuhalten ge⸗ Schwartz, Zwei Familienmütter. 1I. 13 194 denkt. Sie können ſich wohl vorſtellen, meine Herr⸗ ſchaften, daß es für mich minder angenehm wird, weil ich auch den Grafen im Krug'ſchen Hauſe ge⸗ ſehen, als er noch Bräutigam war, und die Ur⸗ ſache der Aufhebung der Verlobung kenne, wenn ich zu gleicher Zeit meine alte Freundſchaft mit der Profeſſorin aufrecht erhalten ſoll und doch nicht der Bekanntſchaft mit dem liebenswürdigen Grafen entſagen kann. — Das ſehen wir zu gut ein; aber was war die eigentliche Urſache, daß die Verlobung aufgeho⸗ ben wurde? Es wäre höchſt unterhaltend, das zu erfahren,— riefen alle Damen und ſtreckten die Köpfe vor, um von der Obriſtin etwas zu erfahren, daß ſich in einen kleinen anſtändigen Skandal ver⸗ wandeln ließe. — Soweit ich weiß, iſt es ein kleiner, wenig ehren⸗ hafter Liebeshandel mit einem Gärtner der Mutter, welchen Albertine heimlich gepflogen und den der Graf entdeckte, ſo daß er, ſtatt ſich einzufinden, um das Aufgebot zu beſorgen, den Ring wieder zurück⸗ ſchickte. Sie können ſich wohl denken, welcher harte Schlag das für die hochmüthige Sophie von Krug war. Sie und der arme alte Menſch, ihr Mann, ſaßen ſchon angezogen und warteten auf den Gra⸗ fen, als der zurückgeſchickte Ring ſie wie ein Donner⸗ ſchlag traf. Gott weiß, ob der Alte ſich je nach dem Schlage erholte. Ich glaube gewiß, daß das dazu beitrug, ſeinen Tod zu beſchleunigen. — Höchſt wahrſcheinlich, ſehr wahrſcheinlich,— 195 riefen die Damen im Chorus.— Daß Fräulein von Krug ein ſo leichtſinniges Mädchen iſt!. — Ein Gärtner! Das iſt ja entſetzlich,— daß Jemand in einen ſolchen Menſchen verliebt wer⸗ den kann. — Ja, und Anlaß zum Skandal geben, das iſt empörend! Meine Mädchen dürfen nicht mit ihr umgehen,— rief eine Mutter. — Meine auch nicht,— ſagte eine andere. — Aber, meine Freundinnen, nennet mich um Gotteswillen nicht als Gewährsmann, fiel die Obri⸗ ſtin ein. — Niemals! aber wir werden uns von jener Herrſchaft entfernt halten. Die Mutter hochmüthig und die Tochter leichtſinnig. Rein, ich danke. Wie ſtehen die Angelegenheiten nach dem Tode des Man⸗ nes? O ja, ganz gut. Haben die Herrſchaften nichts ſprechen hören von dem verrückten Teſtament? Ja, freilich, das ſpricht hinreichend für die Sache und beweist am beſten, wie unzufrieden der Alte mit Frau und Tochter geweſen. — Du Süße, wie lautet denn das?— fragte eine der Gnädigen. — Nun, der Sohn ſcheint das ganze Vermögen zu bekommen; Mutter und Tochter aber erhalten eine gewiſſe jährliche Einnahme. — Mein Gott, wie ſonderbar! Nun, dann ſcheint es klar zu ſein, daß der Vater aufgebracht geweſen iſt. Weißt Du nicht, meine Süße, ob der Diſtrikts⸗ richter ſeine Mutter begleitet? Dieſe Frage wurde von einer Dame gemacht, welche drei heirathsfähige Töchter hatte. 196 — Nein, das glaube ich nicht. Die Mutter und er ſcheinen uneins zu ſein wegen des ſchlechten Be⸗ tragens der Tochter mit jenem Gärtner. — Sieh, da kommt der Graf Stormhjelm. Sein Vater ſtarb vor ſechs Wochen, deßhalb iſt er in Trauer gekleidet,— ſagte die Obriſtin. — Mit wem iſt er verheirathet? — Würden Sie es glauben, meine Damen, daß Niemand es weiß. Der Graf ging an den Damen vorbei, ohne die Obriſtin zu grüßen, welche gerade eine lächelnde und verbindliche Miene angenommen hatte, um mit einem paſſenden Ausdruck ſeinen Gruß beantworten zu können. — Um Gotteswillen, der Graf grüßt ja die Obriſtin nicht! rief Fräulein Knarrenſtöld mit einer gewiſſen Schadenfreude im Geſicht. — Er iſt kurzſichtig, antwortete die Obriſtin, ſtand auf und entfernte ſich. — Die gute Obriſtin, ſie iſt zu närriſch, ſie bil⸗ det ſich immer ein, daß die Leute ſie kennen, und ſpricht fortwährend davon, daß ſie mit dem und dem Grafen und der und der Gräfin bekannt iſt. — Ja, und wenn man es näher betrachtet, ſo ſind alle Bekanntſchaften kurzſichtig,— fiel eine der Damen ein. Dieſer Einfall wurde mit vieler Heiterkeit auf⸗ genommen. Hierauf trennte man ſich, um die Geſchichte von Fräulein von Krug's Liebe zu dem Gärtner zu ver⸗ breiten. Man hatte keine Mühe geſpart, ihr einen un⸗ — ——— 197 angenehmen Empfang von der Badegeſellſchaft da⸗ durch zu bereiten, daß man ſie im Stillen in ſchlech⸗ ten Ruf brachte— ein unbeſchreiblich wohlwollendes Streben in unſeren chriſtlichen Zeiten! So verkehrt ſind unſere moraliſchen Begriffe, daß wir ohne einen Schatten von Gewiſſensbiſſen das, was wir von unſerem Nächſten hören, weiter er⸗ zählen, ſelbſt wenn die von uns mitgetheilten Ge⸗ rüchte einen Angriff auf deſſen Ehre enthalten. Als am folgenden Morgen die Geſellſchaft ver⸗ ſammelt war, traten die Profeſſorin und Albertine in den Salon. Ein großer Theil der Badegeſellſchaft beſtand aus näheren Bekannten der ſtolzen Profeſſorin. Die meiſten grüßten ſie und Albertine kalt und eilten vorbei. Andere thaten wieder, als wenn ſie ſie nicht ſähen, und nur einige Wenige näherten ſich ihnen als alte Bekannte. Unter dieſen Letzteren befand ſich die Frau des Großhändlers Eckſtröm. Sie hr immer von der Profeſſorin über die Achſel angeſehen und mit einer gewiſſen Herablaſſung behandeit worden. Sie ſprach lange und freundlich mit ihr, obgleich die Antworten Ihrer Gnaden kurz und ihr ganzes enehmen hochmüthig war. — Ich muß die Herrſchaft darauf vorbereiten, daß Graf Stormhjelm und Gräfin den Brunnen ge⸗ brauchen und ſich vermuthlich heute hier einfinden werden,— ſagte Frau Eckſtröm. — Ja ſo,— antwortete Ihre Gnaden;— mit wem iſt er verheirathet? 198 — Das weiß Niemand. Albertine hatte jetzt ihr Glas Waſſer getrunken, und man promenirte durch den Salon. Das ganze Ausſehen des jungen Mädchens war kränklich. Es war keine Spur mehr von der friſchen, blühenden Albertine vorhanden. In jedem ihrer Züge las man, daß ſie eine ſchwere Krankheit durch⸗ gemacht. Gerade als ſie auf den Eingang zuging, erſchien in der Thüre ein junges Paar, welches ganz und gar ſchwarz gekleidet war. Der Anblick derſelben machte, daß Ihre Gnaden auf dem Platze wie feſtgenagelt ſtand, und veran⸗ laßte Albertine zu dem Ausruf: „Minna!“ welches von der jungen Dame am Arme des Grafen mit einem: „Albertine!“ erwiedert wurde, worauf ſie ſich von ihrem Manne losmachte und auf die Letztere zueilte, deren beide Hände ergriff und ihr mit einer vor Bewegung zitternden Stimme zuflüſterte: — Endlich bekomme ich Dich wieder zu ſehen! Die Thränen glänzten in Minna's Augen und Alles, was das Herz von zärtlichen und reinen Ge⸗ fühlen birgt, leuchtete aus dem Blick, mit welchem ſie Albertine betrachtete. Der Graf und die Profeſſorin blieben unbeweg⸗ lich auf ihren Pläzen. Endlich erinnerte ſich der Graf, wie viele Augen auf ſie gerichtet ſeien, und daß es Aufſehen erregen würde, falls ſie wie ein paar Bildſäulen da ſtehen blieben; darum näherte et ſich der Profeſſorin mit den Worten: — Ich bitte Eure Gnaden, meiner Frau zu ver⸗† — 199 zeihen, daß ſie die Herrſchaft aufhält; aber ihre Freude beim Wiederſehen des Fräuleins iſt ſo groß, daß ſie es vergißt, daß wir von ſo vielen neugie⸗ rigen Augen umgeben ſind. Ihre Gnaden machte eine ſtumme Verbeugung mit dem Kopfe. Zu ſprechen war ihr unmöglich. Dieſe Minna, welche ſie wegen ihrer niedrigen Herkunft verabſcheut hatte, dieſes Mädchen, welches ſie zur Dienerin ihrer Tochter gehabt, ſie war jetzt die Gräfin Stormhjelm— war die Frau desjenigen Mannes, welchen die Profeſſorin ſo eifrig gewünſcht hatte zu ihrem Schwiegerſohne zu bekommen. Ach! Es war eine bittere Demüthigung, als das ſtolze Weib daran dachte, daß Minna vor ihr den Vorrang haben würde, daß ſie jenem vornehmen Ge⸗ ſchlechte angehörte, deſſen Mitglied zu werden ſie ſo eifrig geſtrebt hatte. Unter dergleichen aufregenden Betrachtungen war es ihr unmöglich, ein Wort über die feſtgeſchloſſenen Lippen zu bekommen. Minna hatte Albertine unter den Arm genom⸗ men und ſie mit ſich aus dem Salon hinausge⸗ zogen. Dadurch blieb Ihrer Gnaden und dem Gra⸗ fen keine andere Wahl übrig, als die Promenade neben einander fortzuſetzen; aber um nicht das Ziel aller Blicke zu werden, gingen ſie beide aus dem Parke hinaus. Minna und Albertine hatten auf einer entlegenen Bank Platz genommen. Dort ließ Minna ihre ganze Freude darüber aus, Albertine wieder zu ſehen. Sie weinte, lachte, ſie bedeckte ihre Hände mit Küſſen und Thränen. Von einer zuſam⸗ menhängenden Unterhaltung konnte unter dieſen 200 Ausbrüchen einer wahren und aufrichtigen Freude zwiſchen ihnen nicht die Rede ſein. Die junge Gräfin überließ ſich derſelben ganz und gar. Endlich fragte Albertine: — Aber, Minna, wie haſt Du die Gattin dieſes Mannes werden können? Und wie lange biſt Du verheirathet? — Zwei Monate!— Wie ich ſeine Frau ge⸗ worden, ſollſt Du ſpäter erfahren.— Jetzt nicht, jetzt muß ich ungeſtört das Glück genießen, Dich wieder gefunden zu haben. Die Profeſſorin und der Graf näherten ſich. Bei ihrer Ankunft ſtand Minna auf und flü⸗ ſterte zu Albertine: — Dieſen Nachmittag werde ich Dich beſuchen. Damit drückte ſie Albertinens Hände an ihre Lip⸗ en ging ihrem Manne entgegen und nahm ſeinen rm. Im Vorbeigehen machte ſie der Profeſſorin ein Compliment, jedoch ohne ein Wort zu ſagen. Frau von Krug und Albertine kehrten in den Salon zu⸗ rück. Die Profeſſorin hatte ſich verletzt gefühlt, erſtens durch die Kälte und Zurückhaltung, womit ihre Bekannten ihr begegnet waren, und dann be⸗ durfte ſie der Einſamkeit, um all' den Aerger, alle die getäuſchten Hoffnungen und all' die Demüthi⸗ gung, welche Minna's Heirath mit dem Grafen für ſie enthielt, mit ſich ſelbſt auszukämpfen. Sie fühlte die Nothwendigkeit, zu überlegen, wie ſie handeln mußte, ob ſie abreiſen oder bleiben ſollte; Alles dieß veranlaßte ſie, an dem Tage das 201 Brunnentrinken nicht fortzuſetzen, ſondern ſtatt deſſen in ihre Wohnung zurückzukehren. In Beziehung auf die Begegnung mit Minna und mit dem Grafen wurde zwiſchen Mutter und Tochter kein Wort gewechſelt. Auf Albertinens Geſicht hatte dieſe Begegnung indeſſen einen Ausdruck der Freude hinterlaſſen, wel⸗ cher das ſonſt ſo traurige Gepräge darin aufklärte. Als ſie in ihren Zimmern angekommen waren, hatte die Profeſſorin ſich in dem ihrigen einge⸗ ſchloſſen und Albertine ſich in einen Lehnſtuhl mit einem Buch geſetzt, in deſſen Leſen ſie ſich vertiefte. Ein paar Stunden nach dem Schluß des Brun⸗ nentrinkens finden wir den Grafen und die Gräfin Stormhjelm in dem kleinen Kabinet des Letzteren in der Wohnung, welche ſie für die Badezeit gemiethet. Die Gräfin ſitzt in einem Fauteuil zurückge⸗ lehnt und in einen mit Spitzen, Bändern und Sticke⸗ reien garnirten Pudermantel eingehüllt. Das ſchwarze Haar war mit ausgeſuchtem Ge⸗ ſchmack friſirt, ſo daß der ganze Reichthum der üppigen Flechten in die Augen fil. Die kleinen, in Sammetpantoffeln geſteckten Füße ruhten auf einem Kiſſen und ſie ſpielt mit einer gewiſſen ſelbſtgefälligen Coquetterie mit einer friſch aufgeſprungenen Moosroſe, deren Blätter ſie eines nach dem andern pflückt und wegwirft. Der Graf geht in augenſcheinlich aufgeregter Ge⸗ müthsſtimmung, die nicht den geringſten Eindruck 202 auf die junge Gräfin zu machen ſcheint, im Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit richtet ſie ihre braunen Augen auf ihn, aber mit der vollkommenſten Gleichgül⸗ tigkeit. — Mein Freund,— ſagte ſie gähnend,— biſt Du bald mit Deinem Haranguiren zu Ende? Ich gebe Dir die Verſicherung, daß es auf mich wie ein Schlaftrunk wirkt. Kannſt Du mir ſagen, was Du mit all' dem Gerede beabſichtigſt? Wahrlich, ich verſtehe kein einziges Wort davon. Du kommſt mir vor wie ein tragiſcher Schauſpieler, welcher mit vie lem Pathos ſeine Rolle— vor leeren Wänden declamirt. Minna fing an zu lachen wie toll. Der Graf trat vor ſie hin mit dunkelrothem Geſichte und rief im zornigen Ton: — Iſt es Deine Abſicht, mich für Narren zu halten? — Nicht übel, mein Freund; Dn haſt Anlagen für die Bühne, aber jene Phraſen hätteſt Du damit begleiten ſollen, daß Du die Hand gegen mich aus⸗ ſtreckteſt; das wäre mehr imponirend geweſen. Der Graf kreuzte die Arme, betrachtete ſeine Frau und ſagte: — Sei ſo gut und gib mir eine Antwort auf das, was ich geſagt. — Auf was denn?— Ob ich beabſichtige, Dich für Narren zu halten? Mein Gott— ja. — Beabſichtigſt Du, trotz meines ausdrücklich ausgeſprochenen Willens, die Freundſchaft mit Al⸗ bertine doch wieder anzuknüpfen, obgleich Du da⸗ — 203 mit Deinen Mann verletzeſt und ihn in eine peinliche Stellung bringſt? — Ja, das beabſichtige ich. Minna erhob ſich von ihrer liegenden Stellung. — Mein Herz hat nur einem einzigen zärtlichen Gefühle Raum gegeben und dieſes Gefühl erfüllt es ſo gänzlich, daß es in demſelben keinen Raum mehr gibt, weder für Dankbarkeit noch für Freund⸗ ſchaft gegen irgend Jemanden ſonſt auf der Erde. Dieſe Zärtlichkeit, dieſe Alles abſorbirende Hin⸗ gebung gehört Albertine. Verlange nicht, daß ich Dir das opfern ſoll, für welches ich ohne Bedenken Dich opfern würde. Ob ich beabſichtige, die Freundſchaft zwiſchen uns wieder anzuknüpfen, fragſt Du. Dieſelbe iſt nie auf⸗ gelöst geweſen. Ich gedenke, mich zu ſonnen in ihrer Nähe und meine Seele dadurch zu erwärmen und zu erfreuen, daß ich Stunden an ihrer Seite zubringe.. — Aber ich, Dein Mann, ſage: Das darf nicht geſchehen.— Ich verabſcheue dieſes Mädchen, und meine Frau darf ſie nicht zur Freundin haben. — Und wer kann mich daran hindern?— Was kann mich davon abhalten, ſie zu beſuchen, ſie zu empfangen und mit ihr zuſammen zu ſein?— fragte Minna. — Auf welche Weiſe7 — Dadurch, daß ich es Dir verbiete. — Bah! Um eine Frau zur Sklavin des Wil⸗ lens ihres Mannes zu machen, iſt zweierlei erfor⸗ 204 derlich, daß ſie ihn entweder lieben oder fürchten muß; und ich thue keines von beiden. Die Augen des Grafen ruhten auf dem jungen Weibe, welches mit ſeinen großen, blitzenden Augen trotz der unregelmäßigen Geſichtszüge unbeſchreiblich reizend war. — Du fürchteſt mich weder, noch liebſt Du mich, — wiederholte der Graf langſam. — Daß ich Dich nicht liebe, müßteſt Du zu gut wiſſen, nachdem ich es ausdrücklich geſagt, als Du mich freiteſt, und Du trotzdem eigenſinnig darauf beſtandeſt, mich zur Frau haben zu wollen. Dich fürchten?— Dazu wäre es erforderlich, daß ich vor den Ausbrüchen Deines Zornes Angſt hätte, und das habe ich nicht. Dieſelben kommen mir amüſant vor und bringen Abwechslung in die tägliche Ein⸗ förmigkeit,— oder aber ich müßte befürchten, Dir zu mißfallen, etwas, das mir vollkommen gleich⸗ gültig iſt. Minna hatte jetzt alle Blätter der Roſe zerpflückt. — Gib mir eine Roſe aus der Vaſe,— fügte ſie hinzu. Während dieſer Rede hatte der Graf mehrmals die Farbe gewechſelt. Er warf ſich in einen gegen⸗ überſtehenden Lehnſtuhl und ſagte mit zorniger Stimme: — Iſt das moraliſch, auf eine ſolche Weiſe zu Deinem Manne zu ſprechen? Welche Begriffe haſt Du wohl von Deinen Pflichten als Frau, wenn Du eine ſolche Sprache führen kannſt. — Moral!— mein Freund, das iſt ein Wort, welches ich nie im Hauſe der Profeſſorin nennen 205 hörte, und ſollten meine Begriffe davon etwas dunkel ſein, ſo mußt Du ſie dafür anklagen. Was wiederum meine Pflichten betrifft, ſo ſage ſelbſt: welche Begriffe kann ich von denſelben haben? Du bieteſt mir Deine Hand an, weil ich Deine Ei⸗ genliebe verletzt, weil ich einmal zu ſagen wagte, daß ich nie einen Mann lieben könnte, der wie Du ein Mädchen hat zwingen wollen, gegen deſſen Nei⸗ gung ſeine Frau zu werden. Als Du mich nicht durch Demüthigung beſiegen konnteſt, wollteſt Du in Deiner Eigenliebe mich dazu zwingen, Dich aus Dankbarkeit zu lieben, weil Du mich zur Gräfin gemacht, nachher glaubteſt Du, daß Du ein unbeſchränktes Recht haben würdeſt, mich mit Deinem Stolz und Deiner Gleichgültigkeit zu verletzen, demüthigen und zu vernichten. — Minna, Minna, nimm Dich in Acht, mich nicht zum Aeußerſten zu treiben, und erinnere Dich, daß mein Wille unbeugſam iſt— reize mich deß⸗ halb nicht, denn... — Du wirſt es bereuen, und mich ſpäter darum anbetteln, einen freundlichen Blick, ein Lächeln, wel⸗ ches ich vielleicht nicht geneigt wäre Dir zu bewil⸗ ligen, von mir zu erhalten. Du vergiſſeſt immer eine Sache: nämlich daß während des Spieles mit einem armen Mädchen, wozu Dich Dein Hochmuth trieb, Du das Unglück gehabt haſt, Dich wirklich in daſſelbe zu verlieben, obgleich deſſen Herz kalt blieb. In unſeren Strei⸗ tereien bleibe ich immer der Sieger, weil meine Kaltblütigkeit mich nie verläßt. Läute dem Kammer⸗ mädchen; ich wünſche mich anzuziehen. — 206 — Höre mich an, Minna: Wenn Du mir trotzeſt und Albertine beſuchſt, dann reiſe ich ſo⸗ fort ab. — Gern, aber ich bleibe. — Nein, Du ſollſt mich begleiten!— rief der Graf und ſprang auf. — Wie denkſt Du das anzufangen? — Wenn Du es nicht gutwillig thuſt, ſo ge⸗ ſchieht es mit Gewalt. — Dann rufe ich um Hülfe und ſetze die ganze Badegeſellſchaft von Deiner Tyrannei gegen mich in Kenntniß.— Aber laß uns ſchließen. Ich bin es müde, und fährſt Du länger fort, ſo werde ich böſe. — Klingle deßhalb Annette, damit ſie mich friſiren kann. — Das iſt nicht nothwendig, Du biſt hübſch, wie Du biſt. — Bin ich hübſch ſo!— rief Minna koquett und fuhr mit den kleinen Fingern durch's Haar. Sie hatte eine ſchelmiſche Miene angenommen. — Oh, Minna! warum mußt Du ein ſolcher Dämon ſein!— rief der Graf, welcher die Blicke nicht von ihr wenden konnte. Ein Seufzer hob ſeine Bruſt.. Minna zuckte die Achſeln und rief ungeduldig: — Warum klingelſt Du nicht? — Gib mir erſt Deine Hand,— bat er und betrachtete ſie mit einem Blick, welcher deutlich zeigte daß dieſer Mann, der ſeine ganze Macht auf die Kraft ſeines Willens gebaut, in dieſem jungen, ge⸗ fallfüchtigen und launiſchen Weibe ſeine Behert⸗ ſcherin gefunden. † ———— 207 Sie betrachtete ihn mit einem eiskalten Blick, ſprang auf und ergriff den Klingelzug, während ſie mit Ungeduld ſagte: — Es iſt merkwürdig, daß Du niemals das thuſt, um was ich Dich bitte; aber ich, ich ſoll immer bereit ſein, Dir die Hand zu geben, zu lä⸗ cheln und lauter Liebenswürdigkeit zu ſein, ſobald Du nur befiehlſt, und das noch dazu, nachdem Du mich zwei Stunden geplagt haſt. Ich hoffe, daß Du mich in Ruhe läſſeſt, während ich mich anziehe. — Minna, werde nicht heftig, laß uns Frieden ſchließen und gib mir Deine Hand zum Zeichen der Verſöhnung. — Nein, ich will es nicht. Das Einzige, was übrig bleibt, um im Frieden ſein zu können, iſt, daß ich mich einſchließe. Gehe jetzt, ſonſt bekommſt Du mich mehrere Tage gar nicht zu ſehen. Du ſiehſt wohl, daß ich in der Laune bin, Wort zu halten. Der Graf ging, denn er wußte aus Erfahrung, daß ſie ihn ganz tüchtig plagen konnte. Zwiſchen fünf und ſechs Uhr ſuchte Minna die ohnung der Profeſſorin auf. In der Hausflur angekommen, begegnete ſie Martha, welche beſtimmt erklärte, daß die Profeſ⸗ ſorin Mamſell Eckeberg nicht empfange. — Das iſt möglich, liebe Martha,— antwor⸗ tete Minna lachend,— aber Sie werden wohl der Gräfin Stormhjelm den Eintritt zum Fräulein nicht verweigern. Mein Beſuch gilt nicht Ihrer Gnaden, keberg, ſondern Stormhjelm. Martha ſtarrte Minna an. Indeſſen öffnete die Gräfin ſelbſt die Thüre, welche Martha ihr hatte verſchließen wollen, und trat hinein zu Albertine. Martha dagegen ging hinein zu Ihrer Gnaden. — Was will ſie?— fragte die Profeſſorin und ſah die kecke Dienerin ſcharf an, welche ſie zu ſtören wagte. — Ich hielt es für meine Schuldigkeit, Ihrer Gnaden zu ſagen, daß Fräulein Beſuch hat. Martha deutete auf die Thüre, welche die beiden Zimmer trennte. — Wen? — Mamſell Minna, welche.. — Jetzt Gräfin Stormhjelm iſt. — Ja ſo, iſt ſie Gräfin? — Ja, meineSchweſtertochter,— die Pro⸗ t feſſorin legte einen ſtarken Nachdruck auf das Wort,— iſt mit Graf Stormhjelm verheirathet. Verſtehſt Du, daß Du ſie nie in einer andern Eigenſchaft, denn als meine Schweſtertochter, gekannt haſt. — Vollkommen,— antwortete Martha ſich ver⸗ neigend. 3 —0 — Kannſt Du Dich erinnern, ob Jemand von meinen Gäſten, oder Jemand von denen, die mich beſuchten, Minna geſehen? — Rein, das glaube ich nicht. Euer Gnaden hatten ihr ja ausdrücklich befohlen, daß ſie ſich nicht zeigen dürfe. — Das iſt gut,— es gibt keine Minna,— nur meine Schweſtertochter, die Gräfin Stormhjelm. Ein leiſes Klopfen an die Thüre unterbrach die Sprechenden. — 209 Martha öffnete und die Obriſtin Straalkrans trat ein. — Meine kleine ſüße Sophie!— rief die Obriſtin,— ich konnte es nicht unterlaſſen, Dich zu beſuchen und mich nach Deiner Geſundheit zu er⸗ kundigen. Du verſchwandeſt ſo raſch dieſen Morgen, daß ich fürchtete, die Begegnung mit Graf Stormhjelm möchte Dich auf irgend eine Weiſe aufgeregt haben. — Warum ſoll das mich aufregen, fragte Ihre Gnaden ſcharf und firirte ihre Freundin auf eine eigene, hochmüthige Weiſe. ir halten es nicht für nothwendig, Wort für Wort Alles zu wiederholen, was die menſchenfreund⸗ liche Obriſtin that, um ihre Freundin, die Profeſſorin, dadurch zu demüthigen, daß ſie dieſelbe Geſchichte von der Urſache der aufgehobenen Verlobung mit dem Grafen auftiſchte, welche die Obriſtin ſelbſt ihren latſchſchweſtern mitgetheilt hatte. Sie theilte auch mit, daß die öffentliche Meinung gegen die Profeſſorin ſei, und daß ſie als wirkliche Freundin ihr den Rath gebe, Dörby zu verlaſſen und ſich nach einem andern Badeorte zu begeben, um all der Schmach auszuweichen, welche ſie hier treffen würde. Gerade und ſteif und mit dunkelrothem Geſichte hatte die Profeſſorin den elenden Geſchichten und verletzenden Rathſchlägen ihrer Freundin zugehört. ls die Obriſtin endlich eine Pauſe machen mußte, um Athem zu holen, antwortete die Pro⸗ feſſorin: Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 14 210 — Ich und meine Tochter bleiben hier. Wir haben keine Urſache, Dörby zu verlaſſen, da Alles, was Du ſagſt, der Wahrheit zuwiderläuft. — Ach! meine ſüße Sophie, Du thuſt ſehr Un⸗ recht, daß Du nicht auf den Rath einer Freundin hörſt,— verſicherte die Obriſtin mit erkünſtelter Theilnahme,— beſonders da man behauptet, daß Deine Tochter in jener Liebesintrigue mit dem Gärt⸗ ner ſich in einem ſo hohen Grade compromittirt hat, daß ſogar der allgemein beliebte und in großem Ruf ſtehende Doctor Bergſtröm, trotzdem, daß Dein Mann in ſeinem Teſtament ihn zu ſeinem Schwieger⸗ ſohne auserſehen, es doch nicht über ſich hat ge⸗ winnen können, Fräulein von Krug zur Gattin zu nehmen, ſondern in's Ausland gereiſt iſt, um ſeinem Glücke auszuweichen. — Ja ſo, man behauptet, daß der Doctor meine Tochter nicht heirathen will. Nun, das iſt gut, daß ich das weiß. Ihre Gnaden ſtand auf, ſah ihre Freundin ſcharf an und fügte hinzu: — Wenn Du willſt wie ich, ſo laſſen wir das Geſchwätz der Leute; ich bin durchaus nicht neugierig zu erfahren, was ſie ſagen und verbitte mir alle Mittheilungen der Art. Vielleicht erlaubſt Du, daß ich Dich meiner Schweſtertochter, der Gräfin Stormhjelm, vorſtelle, welche gerade bei meiner Tochter iſt. Dieß dürfte wohl den Beweis lie⸗ fern, daß ſie nicht eine ſo übel berüchtigte Perſon iſt, wie Du behaupteſt. Ohne die Antwort der verblüfften Obriſtin abzu⸗ warten, öffnete Ihre Gnaden die Thüre zwiſchen den beiden Zimmern und nöthigte jene, einzutreten. Frau von Krug ging auf Minna zu, welche un⸗ beweglich auf dem Sopha ſaß, un zwang ſie dadurch aufzuſtehen, daß ſie ihr die Obriſtin präſentirte. Minna's Benehmen, als ſie die beiden Damen begrüßte, wetteiferte mit dem Ihrer Gnaden an Hochmuth, und die Obriſtin dachte bei ſich: — Die Gräfin verleugnet nicht ihre Verwandt⸗ ſchaft mit der unerträglichen, hochmüthigen Sophie, welche, als ſie ſagte:„Meine Schweſtertochter, die Gräfin“, ſich aufblies, daß ſie hätte berſten können. Sich an Minna wendend, fagte die Profeſſorin auf ihre eigene, kalte und abgemeſſene Weiſe: — Du mußt entſchuldigen, daß ich Dich und Albertine ſtöre; aber die Sache iſt, daß die Obriſtin ier mir das mittheilte, was man beliebt als Grund des Bruches zwiſchen Deinem Mann und meiner Tochter anzugeben, als dieſelben verlobt waren. Wort für Wort, ohne ſich um die Stiche zu be⸗ kümmern, welche durch dieſe Mittheilung Alber⸗ tinen gegeben wurden, wiederholte die Profeſſorin alle die für ihre Tochter ſo verletzenden Gerüchte, welche die Obriſtin in Umlauf geſetzt. Die Angabe betreffs des Doctors ließ ſie indeſſen unerwähnt. Die Obriſtin, über dieſes Verfahren ihrer Freundin aufgebracht und gleichſam witternd. daß das, was en Doctor betraf, irgend einen Samen zur Demü⸗ thigung der Profeſſorin enthalten müſſe, weil ſie ihn nicht erwähnte, beeilte ſich das hinufügen, 212 was man für die Urſache der Reiſe des Doctors in's Ausland hielt ꝛc. Mit heimlicher Freude bemerkte ſie, daß die Profeſſorin dabei aſchgrau vor Aerger wurde. In einer Sophaecke zurückgelehnt und mit einer ſpöttiſchen Miene hörte Minna auf dieſes ganze Gewebe ſcandalöſer Erfindung. Albertinen's Geſicht war bleich, kalt und unbe⸗ weglich geworden. Minna, welche von Kindheit an gewohnt war, darin zu leſen, ſah, daß ihr Abgott litt. Dieſes Leiden wollte ſie an der böſen Bericht⸗ erſtatterin und an der ſchonungsloſen Mutter rächen, und damit übereinſtimmend fiel denn Antwort aus: auch ihre — Es iſt ſonderbar, daß Menſchen, die auch nur einen Schatten von Anſpruch auf Bildung haben, ihre Lippen damit beſchmutzen mögen, alle dieſe niedrigen Unwahrheiten zu wiederholen. Wiſſen Sie, meine Gnädige,— fügte ſie an die Obriſtin ſich wendend hinzu,— ich kann Sie über die Urſache des Bruchs zwiſchen meiner Couſine und meinem Manne aufklären. Albertine wollte ihn nie haben und ſie die Verlobung auf, obgleich dieſer directen Widerſpruch mit dem Willen Krug ſtand. darum hob* Schritt im der Tante Dieß kann Graf Stormhjelm Ihnen ſelbſt ſagen, wenn Sie ſich die Mühe geben, ihn zu fragen. Was wiederum Doctor Bergſtröm anbelangt, ſo iſt Albertine ſeine Braut und ihre Verlobung wird bei ſeiner Rückkehr proclamirt werden. 213 Wären das nicht Gründe genug, Frau Obriſtin, daß Sie jetzt für Ihre Perſon alles Dieſes den Ver⸗ leumdungsſüchtigen wiſſen ließen? Es wäre des Pinſels eines Malers würdig ge⸗ weſen, den Ausdruck, welchen Minna's Worte beim Nennen des Doctors auf dieſen drei Geſichtern hervor⸗ rief, zu zeichnen. Die Profeſſorin ſchleuderte der jungen Gräfin einen vernichtenden Blick zu, denn ſie ſah klar ein, daß, wenn ſie in der Gegenwart der Obriſtin ihre Angaben beſtritt, daraus nur für ſie und Albertine eine neue und noch ſcandalöſere Geſchichte ſich entwickeln würde. Die Obriſtin dagegen ſah verlegen aus, und Albertinen's Geſicht wurde purpurroth. Man wechſelte einige Worte über gleichgültige Gegenſtände, worauf die Obriſtin ſich verabſchiedete, um in Verbindung mit ihren latſchſchweſtern Com⸗ mentare zu dem, was ſie gehört, zu ſchmieden. Nachdem ſie ſich entfernt, trat eine Stille ein, welche für Albertine etwas Drückendes hatte. Sie fühlte, daß eine Erklärung, die für ſie Alles, nur nicht angenehm ſei, zwiſchen der Mutter und der Couſine ſtattfinden würde. Obgleich Albertine ihre Mutter nicht liebte, ſondern im Gegentheil ein Gefühl der Bitterkeit gegen ſie in ihrem Herzen barg, ſo war ſie aus natürlichem Inſtinkt doch abgeneigt, Worte mit anzu⸗ hören, die verletzend für dieſe Mutter ſein konnten, in deren Gegenwart es ihr froſtig zu Muthe wurde. Minna und die Profeſſorin betrachteten einander einige Augenblicke, als wenn die Eine die Andere 214 hätte dazu zwingen wollen, die Augen niederzu⸗ ſchlagen. Endlich brach Minna das Schweigen. Sie lehnte ſich etwas zurück im Sopha und ſagte: — Als ich mich Ihnen neulich als Schweſter⸗ tochter vorſtellen ließ, Gnädige Frau, geſchah das einzig und allein aus Achtung vor Albertinen, denn es war mein Vorſatz, daß die Gräfin Stormhjelm ebenſo wenig von Ihrer Verwandtſchaft mit Ihnen ſollte wiſſen wollen, wie Sie die Tochter Ekebergs als Ihre Schweſtertochter anerkennen wollten. Der Zufall hat es anders gefügt, und zwiſchen dem Aerger, welchen Ihr Betragen in meinem Herzen hinterlaſſen hat, erhebt ſich meine Liebe zu Albertine und macht mich unfähig, Sie mit derſelben Münze zu lohnen. Sie, wie ich, müßten wünſchen, daß wir nie zuſammengetroffen; aber Ihre eigenmächtige Hand⸗ lungsweiſe in Beziehung auf Stormhjelm zwingt Sie jetzt, mich als Ihre Verwandte zu behandeln, weil Sie ſonſt durch die ſcandalöſen Gerüchte, die im Umlauf ſind, die Folgen davon treffen würden. Ich, meine Gnädige, kenne Sie zu gut, um nicht zu wiſſen, daß Sie eine Sclavin der öffentlichen Meinung ſind, und daß Sie ſich lieber Allem unter⸗ werfen, als ein Gegenſtand der Gerede der Leute zu ſein. Das Geſicht der Profeſſorin wurde abwechſelnd roth und grau, und in den Augen glänzte ein kalter Strahl als ſie antwortete: — Es iſt wahr, vor der Welt müſſen Sie eine 215 Verwandte ſein,— damit die Welt nicht hohnlache; aber die Gräfin Stormhjelm iſt, wenn uns die Welt nicht ſieht, ebenſo wenig meine Verwandte wie Mamſell Eckeberg, Ich fräage Sie jetzt meines⸗ theils, mit welchem Recht Sie ſich in private Fami⸗ lienverhältniſſe miſchen können und behapten, meine Tochter ſei mit Doctor Bergſtröm verlobt⸗ — Mit dem der Wahrheit. Der Vater Alber tinen's hat in ſeiner letzten Stunde den ausdrücklichen Wunſch ausgeſprochen, daß ſie und der Doctor ein Packr werden möchten. Iſt das Wort eines Sterbenden gültig oder nicht? Ich habe immer gehört, daß man pflegt es mit Gewiſſenhaftigkeit z befolgen und da ich vermuthe, es finde hier eine Ausnahme ſtatt, ſo habe ich mit meiner Antwort nur einen neuen An griff auf die Ehre Ihrer Tochtet ühe den Haufen geworfen. Sollten Sie wieder die Achtung vor dem letzten Wunſche Ihres verſtorbenen Mannes derleugnen, ſo hoffe ich, daß Albertine Ehrfurcht genig vor dem ihres Vaters hat, um denſelben heilig zu alten. Glauben Sie, meine Gnädige, daß es beſſer ge⸗ lautet hätte, wenn ich geſagt hatte: Albertinens Vater und ihr eigenes Herz haben den Doctor zu ihrem künftigen Gatten auserſehen; aber ihre Mutter lehnt ſich in ihrem Hochmuth dagegen auf. Meine Gnädige, Sie wären dann ausgelacht worden. — Gräfin, Sie vergeſſen ſich,— rief die Pro⸗ feſſorin und richtete ſich auf.— Sie ſind unter meinem Dach und ich dulde nicht, daß man mich 216 beleidigt; falls Sie auf dieſe Weiſe fortzufahren gedenken, dann verſchließe ich Ihnen meine Thüre. — Die Jhrige gern, Albertinen's wird nie ver⸗ ſchloſſen werden können, weil ich dann Jedem, der es hören will, laut ſagen werde: daß ich, Ihre Schweſtertochter, als welche Sie mich ſelbſt präſentirt haben, in Ihrem Hauſe Kammermädchen geweſen bin. Mein Hochmuth wird mich nie davon abhalten, mich zu rächen. Die Gräſin ſtand auf. — Laſſen Sie uns deshalb ſo ſorgfältig als möglich jedes téte à téte vermeiden. Die Gräfin machte ein Compliment vor der Profeſſorin, drückte Albertinen die Hand und ver⸗ ließ das Zimmer. — Du ſiteſt ſtumm und läſſeſt Deine Mutter beleidigen, brach die Profeſſorin aus. — Minns ht blos geſagt, was wahr iſt, ant⸗ wortete Albertine kalt. Die Nacht war für die Profeſſorin eine ſchlafloſe. An andern Morgen hatte ſie Kopfweh und Flimmern vor den Migen, etwas, woran ſie oft in Hieſer letzten Zeit, die ſo voll von Wider⸗ wärtigkeiten für ihren Hochmuth war, gelitten. —— Ein paar Tage darauf ſaßen Minna unb Alber⸗ tine vertraulich in dem Sopha der Letzteren⸗ — Du willſt wiſſen, wie ich Gräfin geworden, — ſagte Minna,— das war keine leichte Sache, —— 217 will ich Dir ſagen; aber es ging doch raſcher als ich zu hoffen gewagt hatte. Bei ſeinem erſten Beſuch entfielen Stormhjelm Worte, welche zeigten, wie ſehr er gegen Dich er⸗ bittert war. Da erwachte in mir ein unwiderſtehliches Verlangen, ihn zu feſſeln, um für Alles, was Du gelitten, Rache zu nehmen. Einige Zeit darauf theilte mir Jenny einige Aeußerungen mit, welche der Baron über ihn gemacht und aus welchen ich ſchloß, daß wenn es gelingen ſolltezjenen eigenſinnigen und halsſtarrigen Menſchen für ſich einzunehmen, ſo müßte es dadurch geſchehen, daß man ihm Kälte und Verachtung zeigte. Ich that mein Beſtes. Von jener Stunde an nahm ich mir vor, Gräfin zu werden und durch den Gedanken, ihn für immer für Dich unſchädlich zu machen, wurde ich heiterer geſtimmt. Trotzdem vermißte ich Dich immer gleichviel; aber mein Geiſt bekam eine neue Beſchäftigung. Genug, mein Graf blieb in der Gegend, ohne daß man ſich die Urſache erklären konnte. An einem ſchönen Apriltage freite er. Ich erklärte, daß wenn ich ja ſagte, ſo geſchähe es nur, um Gräfin zu werden. Ach meine geliebte Albertine, Du mit Deiner ſtolzen Seele, weißt nicht, wie infernaliſch ein Weib ein kann, wenn es einen Mann zu ſeinem Opfer auserwählt. Nachdem ich ihn während drei Wochen beim langſamen Feuer ordentlich gebraten hatte, gab ich ihm meine Einwilligung und in den ſechs Wochen, 218 welche zwiſchen meinem Ja und unſerer Hochzeit verliefen, nahm ich meine Einwilligung zurück und gab ſie ihm in der andern Stunde wieder. Ich war bis zu einem ſolchen Grade launiſch, kalt und böſe, daß Tante Malin mir mehr als einmal ernſthafte Vorſtellungen machte, aber ich kannte den Charakter desjenigen, mit welchem ich mein Schickſal verbinden ſollte, und ich wußte, daß meine Kraft in meiner Laune und in meiner Ausdauer lag. Dieſelbe Rolle ſetze ich noch fort und werde ſie wahrſcheinlich das ganze Leben hindurch fort⸗ ſetzen, ſofern ich nicht meine Eigenſchaft als Herrſcherin gegen die einer Sclavin vertauſchen will, und dazu bin ich nicht geneigt. In demſelben Augenblick, wo ich eine ſanfte, zärtliche und liebenswürdige Gattin werde, wie es Tante Malin iſt, würde er mich vergeſſen und tyranniſiren. Es ſteckt in ihm etwas von einem böſen Geiſt, welches macht, daß Widerſtand und Streit für ſeine Gefühle einen Reiz haben. — Aber dann liebſt Du ihn ja nicht? — Nein!— und wozu ſollte das dienen; ich habe nicht wie Jenny von Kindheit an dieſe ent⸗ zückenden Beiſpiele von häuslicher Tugend und Liebe vor Augen gehabt; darum kann ich ihm keinen Platz in meinem Herzen einräumen. Ich habe nur Dich geliebt und habe keinen Raum für eine andere Liebe. Der Anblick von Dir, der Klang Deiner Stimme, Deine Liebkoſungen, ſiehe das ſind die einzigen edlen Bedürfniſſe, die meine Seele hat. — — — — 219 Du biſt mein Glück und für Dich könnte ich alles opfern. Die übrige Welt kommt mir vor wie Schachfiguren, welche ich nach Belieben und nach Laune verſetzen kann. Uebrigens iſt es ein Genuß für mich, jung, ſchön reich, vornehm und gehätſchelt zu ſein, ſowie es mir auch keine geringe Unterhaltung gewährt, zu ſehen, daß mein Mann in mich verliebt iſt. Hätte ich, wie Du, mein Herz ebenſo ausſchließ⸗ lich an einen Mann, wie an Dich gebunden, dann hätte ich Alles, Ehre, Eltern, Geſchwiſter, für ihn ge⸗ opfert; aber nicht, wie Du, mein Leben, meine Ju⸗ gend und meine Geiſteskräfte in paſſiven Worten vergeudet. — Ach Minna, ſo ſprichſt Du in Deiner Ge⸗ dankenloſigkeit, ohne über das Leben und die Pflich⸗ ten, die wir haben, nachzudenken; aber ich, welche gerade von ihm dieſelben hochachten gekernt, ich weiß, welche Verbindlichkeiten ich als Tochter und Weib habe, und darum muß ich warten, glauben und hoffen. Hoffe auf den Gott, den Richard mich lieben gelehrt, um geduldig mich vor dem Willen des e zu beugen, welcher mein ganzes Herz eſitzt. Er, ein Sohn aus dem Volke, will ſich nicht in eine Familie hineinzwingen, wo die Mutter mit Ge⸗ ringſchätzung auf ihn herabſieht. Er will nicht die Tochter von ihr wegreißen, er verlangt, daß die Mutter ſie ihm gebe. Er würde den Gedanken nicht ertragen, daß man glauben könnte, die Gattin habe ihn in die 220 Höhe gebracht. Rein, er will zeigen, daß er es iſt, welcher ſie zu ſich erhoben hat. Er wird durch den Adel des Characters meine Mutter zur Hochachtung zwingen, und ich fühle mich ſtolz und glücklich, von einem ſolchen Manne geliebt zu werden. — Möglich, daß Du Recht haſt,— antwortete Minna ernſt,— aber für mich wäre es unmöglich, ſo zu handeln. Die Erziehung, welche wir erhalten, hat Deine edlern Inſtinkte in der Tiefe Deiner Seele ſchlummern laſſen, und ſie durften nur zum Leben erweckt werden, um ſich geltend zu machen, aber bei mir ſind ſie erſtickt worden, und nur eines hat ſeine getödteten Geſchwiſter überlebt. Dieſes eine iſt die Liebe zu Dir. Im Uebrigen bin ich egoiſtiſch, eitel, hochmüthig und herrſchſüchtig, ganz ſo wie ich werden mußte, weil ich von dieſen Gefühlen von Kindheit an um⸗ geben war. Von denſelben tyranniſirt, ſpiegelten ſie ſich immer in meiner Seele wieder, ſo daß das Bild von ihnen darin feſtgewachſen iſt. So bin ich, ſo iſt auch Albert und ſo werde ich bleiben. Es verhält ſich mit der Demüthigung wie mit dem Unglück, eines kommt nie allein. Dieſes mußte die Profeſſorin erfahren. Etwas über eine Woche war ſeit ihrer Ankunft in Dörby verſtrichen, als die Obriſtin ſich eines Morgens Frau von Krug näherte, welche in dem Salon promenirte. 221 — Wie befindeſt Du Dich, meine ſüße Sophie? Du biſt ſo bleich,— ſagte die Obriſtin. — Ich befinde mich vollkommen wohl, meine Freundin,— antwortete die Profeſſorin, welche ſo⸗ gleich merkte, daß die Freundin ihr etwas recht Un⸗ angenehmes mitzutheilen habe. — Das iſt mir angenehm zu hören. Du mußt Dich freilich auch recht wohl befinden, wenn man recht nachdenkt, denn Dein Sohn iſt ja hier. Das war wahrſcheinlich eine große Ueberraſchung für Dich, mit ihm zuſammenzutreffen. Du haſt doch den Diſtrictsrichter getroffen? Die Obriſtin betrachtete ihre Freundin mit einem lauernden Ausdruck. Die Profeſſorin ging ſteif und gerade an ihrer Seite. Nicht eine Muskel bewegte ſich in ihrem Geſichte, nur eine dunkele Röthe bedeckte für einen Augenblick ihre Wangen, verſchwand aber eben ſo raſch und ſie antwortete kurz: — Ich habe meinen Sohn getroffen. — Da hat er Dir wohl geſagt, daß er Mam⸗ ſell Israeli begleitet. — Nein, ſolche Dinge vertraut er mir nicht an. — Aber, meine beſte Sophie, es wäre doch mora⸗ liſcher, daß er ſich mit ihr verheirathete, ſtatt des Skandals, welches ihr Verhältniß jetzt macht. Denke Dir nur, er iſt überall ihr Begleiter und macht aus ſeinem vertrauten Verhältniß zu ihr kein Geheimniß; ſiehe doch! Die Obriſtin deutete auf drei Perſonen, welche in den Kurſal. hereintraten. Unwilltürlich blickte die Profeſſorin dorthin. Der Anblick, welcher ſich ihren Augen darbot, hätte Mitleid erwecken müſſen, falls dieſes Herz für ein ſolches Gefühl zugänglich geweſen wäre. Auf Sara's Arm geſtützt ſchritt Hagar einher, ein Bild des verkörperten Leidens. Die Zeit, welche verſtrichen war, ſeit die Profeſ⸗ ſorin ſie geſehen, hatte alle Spuren der Jugend verwiſcht. Die bleichen, abgezehrten Zügen ſchienen von einer baldigen Auflöſung ihrer irdiſchen Hülle zu reden. Nur die großen, wunderbaren Augen waren die⸗ ſelben, mit ihrem magiſchen Ausdruck und ihrem Gepräge bezaubernder Güte. An der andern Seite der jungen Jüdin ging Albert faſt ebenſo bleich, wie ſie. Man konnte in ſeinen ſtrengen, ſchönen Zügen leſen, daß die Fortſchritte, welche Hagar's Krankheit gemacht, Merkmale in ſeiner Seele hinterlaſſen hatten, die keine Zeit im Stande ſein würde zu verwiſchen. Wenn das Leiden einen Engelsausdruck in Hagar's Blick hinterlaſſen, ſo hatte es bei Albert jeden Zug verdunkelt und verdüſtert. Selbſt der Tadel ſchwieg eine Weile beim An⸗ blick Hagar's, deren ganzes Ausſehen davon zeugte, der Tod ihrer Spur folgte und ihre Schritte zählte. Konnte es wohl eine irdiſche Liebe ſein, welche den ſtarken, jungen, geſunden Mann an dieſes bleiche, aller irdiſchen Schönheit beraubte Mädchen, feſſelte? Unmöglich. Dieß hätte die Vernunft jenen Tadel⸗ ſüchtigen ſagen müſſen, die nur von Verleumdung; und Skandal leben, aber nein! 223 Wenn ſie einen Augenblick verſtummten, ſo war es nur, um ſich nachher darüber zu ärgern, daß er an eine kranke, ſterbende Jüdin eine Aufmerkſamkeit verſchwendete, welche die Jungen als einen Diebſtahl gegen ſie, die Alten als einen Hohn gegen alle Schicklichkeit betrachteten. Was fragt der Tadel und der Neid darnach, ob das Opfer, welches ſie anfallen, nur noch einige Tage zu leben hat? Dieſe Dämonen in menſchlicher Geſtalt kennen kein Mitleid und ſind kalt und gleich⸗ gültig gegen die Wunden, welche ſie ſchlagen. Dicht an der Profeſſorin vorbei ſchritten dieſe Drei, welche ſie während einiger Augenblicke ſchwei⸗ gend betrachtete, um nachher mit aller Schonungs⸗ loſigkeit den Stab über ſie zu brechen. Als Mutter und Sohn ſich einander gegenüber befanden, wechſelten ſie einen Blick, der zwei blanken Klingen glich. Albert machte eine kalte Verbeugung, welche die Profeſſorin mit einer kaum merklichen Verneigung des Kopfes erwiederte, worauf ſie vorbei paſſirten. Albert, wollen Sie nicht hingehen und mit Ihrer Mutter ſprechen? flüſterte Hagar. — Nein, wir haben einander nichts zu ſagen, antwortete Albert. — Und ich bin es, welche den Sohn von der Mutter trennt. Ach, Albert! wenn Sie mich wirklich lieben, ſo laſſen Sie die arme Hagar nicht durch ein ſolches Bewußtſein verzehrt werden. — Armer Engel— murmelte Albert,— ich werde nach dem Brunnentrinken meine Mutter be⸗ ſuchen, aber verlangen Sie nicht, daß ich jetzt mit ihr ſpreche. Hagar ſchwieg; als ſie ihr Glas getrunken, ging man hinaus in den Park. Alle zogen ſich vor ihnen zurück. 5 Als Hagar ſich auf eine Bank ſetzte, ſtand die darauf ſitzende Dame auf. Ob ſie es merkte oder nicht, wiſſen wir nicht; Albert that es und es leuchtete eine eigene dunkle Flamme aus ſeinen Augen, als er ihr nachblickte. Nachmitags wurde die Thüre zu Albertinens Zimmer geöffnet und Albert trat ein. Beim Anblick des Bruders ſprang ſie auf und warf ſich an ſeinen Hals. — Albert, welche Ewigkeit, ſeit wir einander ſahen! rief ſie. — Ja, armes Kind, ich habe Dich nicht geſehen, ſeit das Teſtament geöffnet wurde,— ſagte er und machte ſich aus der Umarmung der Schweſter los. — Unſer Vater glaubte ſo gut zu handeln, als er mich zu Deinem Vormunde ernannte; aber er wußte † nicht, welch ein nachläſſiger Vormund ich werden würde. Albert ſetzte ſich. — Wo iſt Mama? — Sie iſt auf eine Stunde zu der Aſſeſſorin D. gegangen. — Um ſo beſſer, ich habe wirklich das Bedürfniß, mit Dir zu ſprechen.— Richard war bei mir vor; 225 ſeiner Abreiſe und von ihm hörte ich, daß Mama trotz dem Willen Papa's ebenſo unbeugſam und eigenſinnig iſt, wie früher; aber ich begreife in der That nicht, warum Ihr Euch von ihrer Einwilligung abhängig macht, da Papa in ſeinem Teſtament deutlich und klar ſeinen Willen ausgeſprochen und mich zu deſſen Vollſtrecker gemacht hat; aber dieſe Sache geht Euch und nicht mich an. Albert ſtützte den Kopf gegen die Hand und fuhr fort: Kennſt Du die Veranlaſſung zum Bruche zwiſchen mir und Mama? — Nein, aber ich errathe ſie. — Laß hören. — Deine Neigung für Manſell Israeli iſt die Urſache. — Das iſt wahr,— nun was ſagſt Du zu der Sache? Ich möchte wünſchen, daß ſie ein chriſtliches ädchen und geſund ſei; Du wäreſt dann glücklich geworden. Deine Liebe zu ihr muß ihren Grund in den erhabenen Eigenſchaften ihrer Seele haben. — Du haſt Recht. Albert ſtand auf, begann im Zimmer auf⸗ und abzugehen und ſprach: — Wenn Du, wie ich, dieſes wunderbare Mäd⸗ chen kennen würdeſt, welches in Beziehung auf Ver⸗ ſtand und Herz ſo reich ausgeſtattet und in allen ihren Gedanken und Gefühlen ſo edel und hochherzig iſt, dann würdeſt Du all die Verzweiflung faſſen, welche mein Herz bei der Gewißheit, daß ſie ſterben muß, durchbohrt. Schwartz, Zwei Familienmütter. II. 15 Wie oft habe ich nicht die Stunde verflucht, wo das Bekenntniß meiner Liebe über meine Lippen kam, denn vorher hing ſie an mir mit ſtiller Zärt⸗ lichkeit, ohne daran zu denken, daß ich etwas Anderes für ſie werden könne, als ein lieber Freund; aber„ nachher,— nachher folgten ſo heftige Kämpfe, ſo, bittere Ausbrüche von meiner Seite, ſo häufige An⸗ fälle gegen die Hinderniſſe, welche ſich gegen unſere Verbindung erhoben, daß ſie, vom Kampfe ermattet und im Herzen verwundet, ein Opfer einer Herz⸗ krankheit wurde, welche ſeit mehreren Jahren lang⸗ ſam heranſchlich und jetzt zum heftigen Ausbruche kommt. Sie wird ſterben, und ich bin es, der mit ſeiner zügelloſen und egoiſtiſchen Leidenſchaft ihren Tod; beſchleunigt hat. Ach, Albertine!— rief er und blieb vor der Schweſter ſtehen,— jetzt würde ich ohne Murren das Schickſal ertragen, welches uns dazu verurtheilt, nur ein paar Freunde zu bleiben, wenn ich blos ihr Leben wieder erkaufen und den milden Troſt haben könnte, meine freien Stunden im Geſpräch mit ihr zuzubringen, lauſchend dem Klange ihrer Stimme und ihre Gedanken bewundernd. Was bleibt mir übrig, wenn ſie fort iſt?— nichts. Die Thüre wurde geöffnet und Albert wandte ſich gegen die Eintretende. Es war die Profeſſorin. Sie trat dem Sohne entgegen mit den Worten: — Falls Du Dich nicht hier eingefunden hätteſ 227 ſo wäre ich gezwungen geweſen, Dich zu rufen.— Komm in mein Zimmer. Die Profeſſorin ging voraus und Albert folgte ihr, worauf ſie die Thüre ſchloß. — Ich muß Dir ſagen, daß Dein Verhältniß zu jenem Weibe, welches Du begleiteſt, zu ſo vielem ſcandalbſen Gerede Veranlaſſung gibt, daß ich es für meine Pflicht halte, mich in die Sache zu miſchen. Jeder gebildete Mann hat ſo viel Vernunft, der⸗ gleichen Verhältniſſe geheim zu halten und nicht dadurch Aergerniß zu geben. Albert ſtand vor der Mutter mit einem Ausdruck der Bitterkeit in ſeinem Blick. — Mama kann nicht ſo verblendet ſein, daß ama in all dieſes tolle Gewäſch mit einſtimmt. Betrachten Sie den Gegenſtand dieſer häßlichen Hin⸗ deutungen und ſagen Sie: ſieht ſie aus wie ein Weib, an welches ich durch eine ſtrafbare Liebe ge⸗ feſſelt ſein könnte? Unmöglich kann Mama auch nur daran denken, daß ich mich öffentlich mit ihr gezeigt haben würde, falls ſie nicht das volle Recht auf meine Achtung hätte. — Ich glaube nichts, ich höre blos, was die Leute ſagen, und ich hoffe, daß Du noch ſo viel chtung vor mir fühlſt, wie Du mir ſchuldig biſt, um ſie von hier fortzuſchaffen. — Das hier geht zu weit. Auf ihre Fürbitte habe ich Mama beſucht und jetzt will Mama, daß ich,— ich dieſen reinen und leidenden Engel dadurch tödtlich beleidigen ſoll, daß ich ſie bewege, einen Badeort zu verlaſſen, deſſen Gäſte durch niedrige Erdichtungen auf ſeine ſchneeweißen F Suni 228 zu werfen ſuchen. Nein, lieber werde ich meine Zunge zerbeißen, als das ein einziges verletzendes Wort gegen ſie über meine Lippen kommen ſoll, gegen ſie, welche in Unſchuld und Tugend ſo hoch über Allen ſteht.. — Nun wohl, dann werde ich es ihr ſagen, dieſem ränkevollen und elenden Weibe, welches Dich und mich in üblen Ruf bringt. — Verſuche ſie zu beleidigen,— rief Albert leidenſchaftlich.— Wehe dann Ihnen und mir; denn ich werde in meinem Zorne und aus Ver⸗ achtung gegen eine ſolche Herzloſigkeit furchtbar werden. Sie kennen nicht Denjenigen, welchem Sie das Leben gegeben, falls Sie es wagen, ſein Herz! zu zertreten. Er trat der Mutter einen Schritt näher. — Haben Sie Achtung vor der Sterbenden. Dieſes von Ihnen ſo tief verachtete jüdiſche Mäd⸗ chen ſteht am Rande des Grabes, und die Stunde, welche es noch auf der Erde verweilen wird, um ein wenig Licht über mein ödes Leben zu verbreiten, ſind gezählt. Beleidigen Sie nicht Diejenige, welche für Sie nur milde Worte gehabt, und erwecken Sie nicht* wieder meine Erbitterung; die Worte, welche ich dann ſprechen würde, würden noch bitterer werden, als die, die ich ſchon einmal habe fallen laſſen. — Zu wem glaubſt Du, daß Du ſprichſt? Gegen Deine Mutter ſollteſt Du nicht eine ſolche Sprache führen;— ſagte die Profeſſorin und warf den Kopf zurück. — Rein, nicht zu einer Mutter, eine ſolche 229 habe ich nie gehabt; denn wenn dem ſo wäre, ſo wäre ich nicht ein Schiffbrüchiger auf dem Ocean des Lebens, ſondern ich hätte einen Hafen, eine Tröſterin gehabt, an deren zärtlichem Herz ich meinen unermeßlichen Schmerz hätte aushauchen können. Ich hätte dann eine Heimath, eine Familie, einen für mein Herz heiligen und lieben Zufluchtsort ge⸗ habt; aber ich habe nichts von allem dem, und alle meine Liebe hat ſich auf Hagar concentrirt. Sie wird ſterben,— und nichts wird mir den Verluſt erſetzen;— nichts auf der Erde vermag mich zu tröſten. Es gibt für mich kein zärtliches Band im Leben, wenn dieſes zerriſſen iſt. Ich habe keine Mutter gehabt, ſondern nur Diejenige, welche mir das Leben ſchenkte, die einzige Gabe, für die ich ihr zu danken habe, und auch dafür haben Sie Sorge getragen, daß ich wünſchte, Sie hätten mir daſſelbe niemals geſchenkt. Und iett thun wir am beſten, wenn wir jedes Geſpräch unter vier Augen vermeiden. Albert verneigte ſein ſtolzes Haupt und ging. Als er fort war, ſtützte die Profeſſorin ihren Kopf auf die Hand und einige Thränen, welche durch einen unerträglichen, innern Schmerz hervorge⸗ preßt wurden, fielen herab und ließen ein paar naſſe Flecken an ihrem Kleid zurück. Auch dieſes von Hochmuth, Eitelkeit und Herrſch⸗ ſucht geplagte Weib hatte ein Herz, obgleich dieſes Herz von jenen drei Hauptzügen in ſeinem Charakter umgeben war. Der Sohn war ihr liebſtes Kind geweſen, viel⸗ . leicht das Liebſte, was ſie außer ſich ſelbſt beſaß, 230 und gerade er ließ ſie die traurige Laſt empfinden, nicht von ihren Kindern geliebt zu ſein. Von ihm mußte ſie hören, wie er kalt und bitter davon ſprach, daß ſie ihre Pflichten als Mutter ſchlecht erfüllt! Es war eine bittere und ſchmerzliche Stunde für die ſtolze, von der Liebe ihrer Kinder entblößte Mutter. Wieder verfloſſen einige Tage. Das Brunnen⸗ trinken war für den Tag faſt vorüber und eine ge⸗ ringe Anzahl Gäſte promenirte noch wegen des regneriſchen Wetters im Salon. Unter den acht oder zehn Perſonen, welche ſich dort befanden, war die Profeſſorin, aber nicht Albertine; ſie war bereits auf Veranlaſſung der Mutter fortgegangen. Außer⸗ dem waren anweſend Hagar, Albert, Graf Storm⸗ hielm und die Obriſtin, ſowie Fräulein Knarrenſköld. Die Profeſſorin war eben im Begriff, ihr letztes Glas zu trinken, als Hagar, welcher an dieſem Tage nicht von Sara begleitet wurde, zugleich mit jener ihr Glas hinhielt. Hagar war einige Augenblicke vorher ein unbe⸗ merkter Zeuge einer Unterredung zwiſchen einigen Damen geweſen, welche auf die ſchonungskoſeſte Weiſe ſie als Albert's Geliebte brandmarkten. Die Worte hatten eine ſchmerzliche Wunde in dem ſterbenden Herzen hinterlaſſen, die unterdrückte Gemüthsbewegung in Verbindung mit einem ge⸗ ſteigerten Uebelbefinden an dem Tage machte, daß ſie in demſelben Augenblick, wo ſie das Glas zu den Lippen führen wollte, ſich ſchwindelig fühlte. Es wurde ihr ſchwarz vor den Augen, und es kam ihr vor, als wenn ſie in einen Abgrund hinab⸗ ſtürzen ſollte. Ihre Augen ſchloſſen ſich und mit — 231 einer heftigen Anſtrengung ihrer letzten Kräfte ſuchte ſie Etwas zu faſſen, um ſich daran zu halten, und ergriff den Arm der Profeſſorin, ohne zu wiſſen, was ſie that; aber bei der Berührung mit dieſem ihr ſo verhaßten Weibe, zog ſich Frau von Krug zurück und Hagar, welche in demſelben Augenblick gänzlich beſinnungslos geworden, wäre zu Boden geſtürzt, wenn nicht Albert, der ihre unſicheren Be⸗ wegungen geſehen und an dieſe Schwindelanfälle gewohnt war, ſich beeilt hätte, ſie in ſeinen Armen aufzufaſſen. — Ach, meine Mutter,— murmelte Albert,— ſahen Sie nicht, daß ſie fallen würde? Leihen Sie mir ihr Riechfläſchchen,— fügte er heftig hinzu, als Hagar's Geſicht ganz bläulich wurde, und ſtreckte die Hand gegen die Mutter aus. Dieſe Hand zitterte, und jeder ſeiner Züge zeugte von Verzweiflung. Niemals,— antwortete die Profeſſorin, welche beim Anblick der Unruhe und der Sorgfalt, welche er dieſer Fremden bewies, ſich gereizt fühlte.— Glaubſt Du, daß Deine Mutter Deiner Liebhaberin beiſtehen ſoll,— fügte ſie mit gedämpfter Stimme hinzu. — Hier iſt eine wohlriechende Eſſenz. Erik, ſchaffe friſches Waſſer; fort nach dem Doctor, Albert, rief in demſelben Augenblick eine junge und klare Stimme und Minna kniete an Hagar's Seite, legte ihren Kopf gegen ihre Bruſt und widmete ihr, von dem Grafen und Fräulein Knarrenſköld unterſtützt, alle mögliche Sorgfalt, während Albert nach dem Arzte ſprang und Ihre Gnaden ſich entfernte. Es gelang dem Doctor, Hagar wieder zur Be⸗ 232 ſinnung zu bringen; aber ihre Kräfte waren erſchöpft, ſo daß ſie das Brunnentrinken unterbrechen mußte. Als ſie eine Woche darauf ſich etwas erholt hatte, reiſte Hagar ſehr krank, Sara traurig und Albert verzweifelnd ab. Letzterer ſchrieb folgende Worte an die Mutter: „Meine Mutter! Sie haben es ſo gewollt,— „wir ſind unwiderruflich getrennt. Ich habe keine „Mutter, Sie keinen Sohn. Ich bin von jetzt an „der Vormund Ihrer Tochter. Jede andere Be⸗ „ziehung hat zwiſchen uns aufgehört; Sie haben „mit empörender Kälte ſich geweigert, einer Leidenden „Hülfe zu reichen, und doch hätten Sie durch dieſen „unbedeutenden Beweis von Menſchlichkeit gegen „Diejenige, welche ich verehre und anbete, mich für, „ewig zur Liebe und Dankbarkeit verpflichtet. „Sie zogen es vor, als ein herzloſes Weib, eine „liebloſe Mutter, aufzutreten, die ohne eine Bewe⸗ „gung und ohne Theilnahme in dem Augenblick an „ihrem Sohne vorbeigeht, wo er leidet. Leben Sie 1 „wohl, und mögen Sie beſſer Ihren Beruf als † „Mutter gegen Ihre Tochter erfüllen. Albert v.⸗Krug.“ Aus denſelben Elementen zuſammengeſetzt wie die Mutter, würde es dem ſtolzen und unbeugſamen Sohne ſchwer gefallen ſein, es zu verzeihen, daß ſie es gewagt hatte, das Weib zu verletzen, das er liebte, und das er hoch über die Mutter ſtellte. Alle dieſe Wunden, welche das Herz und der — 233 Hochmuth der Profeſſorin erhielten, beſchleunigten wahrſcheinlich die Entwickelung jener Augenkrankheit, an welcher ſie längere Zeit gelitten, ohne daß die geſchloſſenen Lippen ſich öffneten, um Albertinen ein Wort davon zu ſagen. Gott weiß, ob die ſtolze Dame ſich hätte dazu bequemen können, einzugeſtehen, daß ſie anfing, ſchlecht zu ſehen;— aber ſchließlich mußte ſie ſich doch an den Badearzt wenden, und dieſer unterſuchte die Augen. — Meine Gnädige, Sie haben den Anfang vom Staar,— antwortete er. — Ich laufe alſo Gefahr, blind zu werden? Ihre Stimme zitterte. — Wir werden dem vorzubeugen ſuchen,— ſagte der Doctor. Er gab ihr einige Verhaltungsmaßregeln; aber beim Schluß der Badezeit konnte die Profeſſorin nur mit großer Anſtrengung ihre Bekannten erkennen, Eines Morgens, als Albertine ſich gerade ange⸗ kleidet hatte, um ſich mit der Mutter nach dem Kurſaal zu begeben, trat die Profeſſorin zu ihr hin⸗ ein; ihr Gang war langſamer und die Haltung unſicherer als gewöhnlich. — Du mußt Deine Couſine nach dem Brunnen begleiten, ich kann Dir keine Geſellſchaft leiſten. Wir reiſen morgen von hier ab. — Iſt Mama krank? fragte Albertine, welche jetzt die Mutter betrachtete und ſie bleicher fand als gewöhnlich. Nein, ich bin nicht krank; aber.. 234 Die Profeſſorin ſetzte ſich. Darauf fuhr ſie mit feſter und ruhiger Stimme fort: — Ich muß mir einen Augenarzt nehmen, ich bin im Begriff blind zu werden. Das letzte Wort ſprach ſie klar und deutlich aus. — Blind!— rief Albertine aus und that einen Schritt gegen die Mutter; aber ihr kaltes und un⸗ bewegliches Geſicht hielt ſie zurück und ſie blieb ſtehen. — Oh, meine Mutter, meine Mutter, welches Unglück,— ſtammelte Albertine mit bewegter Stimme. — Kein Unglück iſt größer, als man es ertragen kann. Ich wünſche, daß hier Niemand von dem Mißgeſchick, das mich getroffen, in Kenntniß geſetzt wird. Ich will kein Mitleid, und will auch von Niemanden beklagt ſein.— Dein Bruder macht keine Ausnahme. Ich hoffe, daß Du hinreichende Achtung vor meinem Willen haſt, um nicht dagegen zu handeln. Es lag in der Seelenſtärke, mit welcher die Profeſſprin ihr bevorſtehendes Unglück erwähnte, Etwas, das Achtung einflößte. Albertine ergriff auch ihre Hand und küßte ſie; aber ohne es zu wagen, ein Wort der Theilnahme zu ſagen. Die Mutter hatte ſich ja alles Derartige verbeten. Am folgenden Tage reiſte die Profeſſorin von Dörby nach der Hauptſtadt. Eine Stunde nach ihrer Abreiſe finden wir die Gräfin Stormhjelm in ihrer Wohnung in einem Fauteuil hingeſtreckt und in der ſchlechteſten Laune von der Welt. — 235 Der Graf bot Alles auf, um ſie zu beruhigen, aber ohne Erfolg, denn das junge Weib erwiederte alle ſeine freundlichen Worte in abſtoßender Weiſe. Endlich brach Sie in vollen Zorn aus: — Kann man mich denn nicht in Ruhe laſſen! Haſt Du nicht gehört, was ich geſagt? Ich will im Augenblick von hier fort; ich würde vor Lange⸗ weile umkommen, wenn ich mit Dir allein hier bleiben ſollte, ohne den Troſt zu haben, mich an dem Anblick Albertinen's zu erquicken. So, gehe jetzt und mache Anſtalt zu unſerer Abreiſe. — Meine ſüße Minna ſei doch vernünftig, Du haſt ja gehört, daß ich vor einer Woche weder ab⸗ reiſen kann noch will. — Dann reiſe ich allein. Ich will ſofort Alber⸗ tinen nach Stockholm nachreiſen. Minna ſprang auf und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden. — In einer Woche reiſen wir,— antwortete der Graf beſtimmt. — Ja ſo, Du willſt mich zwingen zu bleiben, obgleich ich nicht will. Ah, davon wirſt Du nicht viel Vergnügen haben. Und damit eilte Minna in ein angrenzendes Zimmer; die Thüre wurde zugeſchlagen und abge⸗ ſchloſſen. Der Graf ſah ihr nach und murmelte: — Es iſt Gottes Strafe, daß ich dieſen kleinen Dämon lieben muß. Am folgenden Morgen reiſte Graf Stormhjelm nach Stockholm. Die Gräfin hatte Kopfweh. Trotz 236 dieſer Nachgiebigkeit des Mannes war ſie nicht be⸗ ſonders gnädig gegen ihn geſtimmt. Während wir die oben beſchriebenent Auftritte ſchildern, haben wir unſere alten Bekannten auf Rönby ganz und gar vergeſſen. In der Mitte des Sommers waren die beiden Söhne in die Heimath fröhlich und glücklich zurück⸗ gekehrt. Zur großen Befriedigung der Majorin fand ſie Ernſt wieder ruhig und vergnügt. Keiner von ihnen ſprach ein Wort von ſeiner Neigung. Ernſt ſuchte durch eine verdoppelte Auf⸗ merkſamkeit gegen die Mutter ſeine Erkenntlichkeit und Liebe zu beweiſen. Baron Silfverkrona hatte im Frühling eine Reiſe nach Stockholm gemacht und kehrte in ſehr düſterer Stimmung zurück. Er war während der Hochzeit des Grafen, welche nach Minna's ausdrücklichem Wunſche ſehr ſtill ge⸗ feiert wurde und wozu ſehr Wenige eingeladen waren, verreiſt geweſen. Nach all dieſem Lärm, war die gewöhnliche Ordnung wieder auf Rönby zurückgekehrt, nur daß man ganze drei Wochen nach der Rückkehr des Ba⸗ rons von der Hauptſtadt ihn nicht geſehen, und daß der alte Bergſtröm jetzt ein Mitglied der Familie ausmachte. Wenn Fremde da waren, erſchien er nie, weil er behauptete, daß er an das geſellſchaftliche Leben weder gewohnt noch dafür erzogen ſei. — ——2 — ——2 237 Der Alte war zu ſtolz, um etwas Anderes ſein zu wollen, als— Gärtner. — Am Johannistage war man wie gewöhnlich nach Stjernebro eingeladen, aber der Baron war ſtill und intereſſirte ſich für nichts. Dies verſtimmte Jenny, ſo daß das ſonſt fröh⸗ liche Mädchen mehrere Anfälle von einer ſchlechten Laune hatte und ſehr wenige von den Cavalieren es ihr recht machen konnten. — Eine Woche darauf kam der Baron nach Rönby mit vielen Grüßen von Tante Sigrid, Fräu⸗ lein Jenny möchte mit hinüberkommen nach Stjerne⸗ bro. Die Majorin verwies ihn an Jenny ſelbſt und nicht lange darauf fuhr die Droſchke des Ba⸗ rons fort mit ihm und Jenny. — Sie ſind nicht gut gegen mich geſtimmt, Fräulein Jenny,— fing der Baron an. Sie ſind unzufrieden, iſt dem nicht ſo? — Wenn auch nicht unzufrieden, ſo doch etwas Derartiges,— antwortete Jenny lächelnd,— denn es kommt mir immer peinlich vor, Sie als einen Sklaven Ihrer Laune zu ſehen. Sehen Sie Baron Fritz, ich habe mich daran gewöhnt, Sie als meinen ruder zu betrachten und darum kann ich es nie unterlaſſen, Ihnen die Wahrheit zu ſagen. Ach! ich lebte in der glücklichen Ueberzeugung, daß Sie nie mehr in jene ſchlaffe Gleichgültigkeit zurückfallen würden, nachdem Sie einmal den anmuthigen Nectar gekoſtet, welchen Arbeit und Wohlthun den Menſchen⸗ herzen ſchenken. — Sie haben vollkommen Recht, das zu glau⸗ ben. Ich kann nicht mehr gegen das Leben gleich⸗ 238 gültig ſein, aber Sie wiſſen nicht, was ich gelitten. Gerade weil ich ein tiefes Bedürfniß fühle, meine ganze Seele vor Ihnen auszuſchütten, habe ich Tante Sigrid gebeten, Sie einzuladen. Jenny, das was Sie Gleichgültigkeit nennen, iſt eine zerſtörende Qual, die ſich unter dem Mantel der Stumpfheit verbirgt. Sie, Jenny, mit Ihrem edlen Herzen, Ihren geſunden Anſichten und wahrhaft weiblichen Gefühlen, Sie werden beſſer als irgend Jemand ein Urtheil über mich fällen und vielleicht auch mir einige tröſtende Worte ſagen. — Wie eine Freundin, wie eine Schweſter werde ich Ihr Vertrauen erwiedern,— ſagte Jenny,— und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie zu ſtreng be⸗ urtheilt habe; aber meine Strenge ſchloß immer den lebendigen Wunſch in ſich, Ihr Intereſſe für das Gute wecken zu können. — Und das haben Sie gethan. Sie haben die ſchöne Rolle des Weibes übernommen, die Vermitt⸗ lerin zwiſchen dem Nothleidenden und dem Stern zu ſein, welcher den Mann zu guten und menſchen⸗ freundlichen Handlungen leiten ſoll. Den übrigen Weg ſprach man von der Schule und den Armen, von den Verbeſſerungen im Land⸗ bau, welche der Baron zu machen beabſichtigte und dergleichen Dingen von allgemeinem Intereſſe. Jenny hatte eine wirklich gebildete Erziehung erhalten. Sie hatte ſich nicht eine Menge werth⸗ loſer und oberflächlicher Kenntniſſe erworben, ſondern gründliches Wiſſen in ſolchen Dingen, welche ſie mit dem Leben und beſſen Verhältniſſen, mit der Natur und dem Endziel des menſchlichen — 239 Daſeins bekannt machten. Man konnte ſagen, daß ſie mehr eine auf Kenntniſſe abzielende und den Verſtand veredelnde als geiſtreiche Erziehung er⸗ halten. Dieß machte, daß Jenny ſich über alle einzelne Lebensfragen gut ausdrückte, und zu gleicher Zeit nie aufhörte, ein liebenswürdiges Mädchen zu ſein. — Auf Stjernebro angekommen, wurde Jenny auf das Herzlichſte von Tante Sigrid empfangen. Man plauderte von einem Kunſtgewebe, welches eine der Schülerinnen Jenny's für Fräulein Sigrid wählen ſollte. Jenny beſah daſſelbe, rühmte ihre Schülerin und ſo kam der Mittag heran. Als man gegeſſen, ſagte der Baron: — Tante hat den Vormittag auf Fräulein Jenny Beſchlag gelegt, jetzt wünſche ich ihr einige Worte zu ſagen. Ich wollte Fräulein ein Gemälde zeigen. Während wir auf den Kaffee warten, könnt ihr miteinander ſprechen, ſagte Fräulein Sigrid und nickte dem Brudersſohne freundlich zu. Der Baron und Jenny gingen hinauf in die Gallerie. Er blieb mit ihr vor dem früher oft er⸗ wähnten Portrait ſtehen und ſagte: — Iſt ſie nicht ſchön? — Ja, ſie iſt wirklich ſchön, ſowohl in Beziehung auf die Regelmäßigkeit der Züge, wie auf das Seelen⸗ volle des Ausdrucks. 8 Setzen Sie ſich Jenny, ſo werde ich Ihnen die Geſchichte des jungen Mädchens erzählen; aber be⸗ trachten Sie es genau, prägen Sie deſſen Züge wohl in Ihr Gedächtniß ein, damit Sie Intereſſe für die arme Unglückliche bekommen. 240 Der Baron ſetzte ſich ſeitwärts der Tafel, wo⸗ rauf er fortfuhr: — Wie Sie wiſſen, beſitzt mein Onkel, Graf Y. mehrere große Güter und ein bedeutendes Vermögen. Vor einigen Jahren engagirte er einen ſehr tüchtigen Gärtner, welcher unter Beihülfe der Knechte und Untergärtner den großen Gärten auf allen drei Gütern vorſtehen ſollte. Mein Onkel hatte einen Mann für die Gärtnerei. Der Gärtner hieß Bergſtröm, war zweimal verhei⸗ rathet geweſen und hatte zwei Kinder, eines aus jeder Ehe. Der Sohn, das älteſte der beiden, war damals Student, die Tochter, volle zehn Jahre jünger, war ein Kind. — Bergſtröm ein Mann, den die Natur mit einem ſehr guten Kopf ausgeſtattet, hatte auf ſeine Kinder ausgezeichnete Geiſtesgaben vererbt und dieſe durch eine ſorgfältige Erziehung cultivirt. Nur auf einen kurzen Beſuch während der Fe⸗ rien war der Sohn, ein ſtattlicher Jüngling, zu Hauſe geweſen. Von dem Vater hatte er es gelernt, ſeine Ehre und ſeinen Gewiſſensfrieden hoch über alles Andere in der Welt zu ſtellen. Auf der Univerſität ſammelte er Kenntniſſe, in der Heimath erwarb er ſich eine einfache und ge⸗ ſunde Moral, welche durch das Beiſpiel der aller⸗ pünktlichſten Redlichkeit von Seiten des Vaters prak⸗ tiſch geläutert wurde. Die Tochter wurde zu Hauſe durch eine Gou⸗ vernante erzogen, welche durch die Gelehrigkeit des kleinen Mädchens reichlich belohnt wurde. 241 Dieſes ſchöne, reichbegabte Kind machte das Glück des Vaters aus. Für dieſes arbeitete er und unterwarf ſich ſelbſt allen möglichen Entſagungen, obgleich et in ſeiner Eigenſchaft als Garteninſpektor drei Gütern einen ziemlich anſehnlichen Lohn atte. — Sie erinnern ſich, daß ich in einem Alter von zwanzig Jahren Stjernebro und meine kleine Flamme auf Rönby verließ, denn Sie haben wohl nicht ver⸗ geſſen, daß ich in eine gewiſſe kleine Jenny verliebt war; haben Sie es nicht vergeſſen? — Setzen Sie Ihre Erzählung fort, ich kenne iene kleine Jenny nicht,— antwortete Jenny leicht erröthend und lächelnd. — Nun wohlan, ich machte eine Reiſe ins Ausland, wie es ſich für einen jungen Mann von meinem Vermögen ſchickt. Ich blieb ein Jahr fort, und kehrte nach Schweden zurück, treu den Erinne⸗ rnngen an die kleine Jenny. Auf die Einladung meines Onkels, machte ich wahrend der Heimreiſe einen Beſuch auf dem ſchönen Svanebo in dem ſüdlichen Schweden. Wollte Gott, daß ich nie dahin gereiſt wäre. Meine Tante, Gräfin Y., hatte, wie vornehme Damen es zu thun pflegen, Alfhilda Bergſtröm zu ſich hinauf kommen laſſen, wenn ſie allein war, um dann durch Geſpräche und durch Lektüre die langen einſamen Stunden zu vertreiben. Es fiel ihr indeſſen nicht ein, ihre Thüre der Lochter des Gärtners zu öffnen, als wenn ſie allein war, und dann auch unter der ſtrengſten Beobachtung Schwartz, Zwei Familienmütter. 1I. 16 242 des Abſtandes, welchen ihr ungleiche Stellung in der Geſellſchaft mit ſich brachte. Ich kam an einem ſchönen Abend Anfangs Mai auf Svpanebro an und fand meine Tante mit einem jungen Mädchen im Gewächshaus. Ah! betrachten Sie das Gemälde dort und Sie werden dann nur einen ſchwachen Begriff von dieſem Weſen bekommen, welches eine Zuſammen⸗ ſtellung aller körperlichen Schönheiten war, die man ſich denken kann. Sie ſehen blos das todte Bild. Ich ſah dieſes ideale, ſchöne Weſen von Jugend über⸗ ſprudelnd und glühend von Gefühl und Geiſt. Ihr Anblick blendete mich bis zu dem Grade, daß ich meine Tante zu grüßen vergaß. Beleidigt durch dieſe meine Bewunderung der herrlichen Erſcheinung, welche ich vor mir hatte, ſagte ſie mit ihrer etwas ſchneidenden Stimme: — Manmſell Bergſtröm kann nach Hauſe gehen. — Das junge Mädchen verneigte ſich erröthend und entfernte ſich. Ach Jenny, bald war die kleine Freundin meiner Kindheit auf Rönby vergeſſen, vergeſſen war Alles auf der Erde, ſie ausgenommen. Ich liebte ſie wie ein Narr, wie ein Wahnſinniger, und wer ſollte ſie nicht geliebt haben? Sie war der Inbegriff alles Anmuthigen, Rei⸗ nen und Unſchuldsvollen, mit einem Geiſte, welchet ſie berechtigt hätte, die oberſte Stelle in jedem Fa⸗ milienkreiſe einzunehmen. Der Sommer eilte dahin, ohne daß ich wußte, wie die Zeit vergangen war. Die Monate 243 dahingeflogen wie eine Minute in dem unermeßlichen Ocean der Zeit. Ich liebte und wurde geliebt. Meine Tante that, als wenn ſie nichts ſah und hörte; aber ſie bat nie Alfhilda, zu ſich hinauf zu kommen. Endlich bat die Tante mich, abzureiſen. Dieſes wurde in einem Tone geſagt, welcher keinen Wider⸗ ſpruch zuließ. Der Gedanke an die Trennung erzeugte einen unermeßlichen Schmerz. Ach Jenny, ich bin ein Elender. Der Baron barg das Geſicht in ſeinen Händen und ſchwieg. Nach einiger Zeit hob er wieder an: — Nach dem Glück, welches ich genoß, als ich Alfhilda mittheilte, daß wir uns trennen müßten, war es mir unmöglich, abzureiſen. Von Tag zu Tag verſchob ich die Abreiſe, ob⸗ hleich meine Tante mich häufig daran mahnte. Eines Morgens ſchlug mir mein Onkel vor, einen Beſuch mit ihm in der Nachbarſchaft zu ma⸗ en; wie ungern ich es auch that, ſo konnte ich mich doch nicht weigern. Als ich auf Spanebro zurückkam, war Alfhilda und ihr Vater fortgereiſt. I=ch wartete einen Tag nach dem andern, aber ſie kamen nicht wieder. Endlich nach Verlauf zweier Wochen kehrte der Vater zurück. Wie ein Wahn⸗ ſinniger ſtürzte ich auf den Alten zu, fragte nach ſeiner Tochter und wollte wiſſen, wo ſie ſei. — Sie werden ſie nie mehr ſehen, thörichter junger Menſch,— rief der Alte ernſt.— Sie haben 16* 244 ſie unglücklich gemacht, Sie haben ſie erniedrigt und Ihrer ſtolzen Tante Recht gegeben, ſie gleich einem verächtlichen Weſen von ihrem Gute wegzu⸗ jagen. Gehen Sie, ſonſt zermalme ich Sie wie einen Wurm. Einige Tage darauf zog auch der Vater fort. Oben bei meiner Tante raſte ich in voller Zornes⸗ wuth. Am Tage darauf reiſte ich nach Stockholm, ohne zu wiſſen, was ich thun ſollte. Dort fing ich an zu ſuchen. Der ganze Winter verging unter dieſer vergeblichen Bemühung, welche ich eigenſinnig fortſetzte, weil der alte Bergſtröm ſich in der Hauptſtadt aufhielt und ich daraus ſchloß, daß Alfhilda auch da ſein müßte. Endlich überließ ich mich, gänzlich von Verzweif⸗ lung vernichtet, meiner Hoffnungsloſigkeit, als eines Tages mir ein Billet überbracht wurde, das folgende Zeilen enthielt: „Willſt Du noch einmal Alfhilda ſehen, ſo be⸗ ſuche ſie ſofort bei Madame Ek auf dem neuen Markte Nro.... Wie ich dort hinkam, das weiß ich nicht, aber nie iſt ein Weg mir ſo endlos vorgekommen. Madame Ek, ein Frauenzimmer mit einem milden, ernſten und achtungswerthen Aeußern, führte mich in ein geſchmackvoll meublirtes, aber ſchwach erleuch⸗ tetes Zimmer. Dort lag auf einem Sopha meine Alfhilda, aber nein, ſie war es nicht,— es war der bleiche Todes⸗ engel, welcher ihr ſeine Züge geliehen.— Es war 245 der Schatten jener ſchönen Blume, welche ich ſo üppig und ſo friſch geſehen.. Ich ſtürzte auf die Kniee und brach in Schluch⸗ zen aus. Sechs Wochen darauf ſtand der zerknirrſchte Va⸗ ter an ihrer Bahre, und ich drückte meine Lippen auf die kleine Hand, welche der Tod kalt gemacht. Einige Thränen bahnten ſich ihren Weg über die Wangen des Barons. Es trat eine Stille ein. — Schimpflich vom Gute meiner Tante wegge⸗ jagt,— fuhr der Baron fort,— von ihrem Fehl⸗ tritt und dem Bewußtſein niedergedrückt, Kummer über das redliche Haupt des Vaters gebracht zu haben, welkte meine glühende Roſe dahin und ſtarb; aber ich, ihr Mörder, lebte, lebte um nie die Qua⸗ len meines Gewiſſens vergeſſen zu können. Erſt glaubte ich, daß der Kummer mich tödten würde, aber ich täuſchte mich. Daher ſuchte ich dieſen Kum⸗ mer in den Armen der Vergnügungen zu tödten. Ich wurde ein Wüſtling, welcher die Nächte in lärmender Geſellſchaft zubrachte, aber wenn ich von dieſen Orgieen nach Hauſe kam, ſo ſchlugen wieder die Gewiſſensqualen ihre Klauen in mein Herz und die Linderung, welche ich ſuchte, flüchtete ſtets von dannen. Endlich kehrte ich hieher zurück— ein abge⸗ ſtumpftes, gleichgültiges und unglückliches Weſen, welches unaufhörlich von einem und demſelben Bilde, von einer und derſelben Erinnerung verfolgt wurde, nämlich von dem des verzweifelten Vaters, von der in ihrer vollen Jugend geſtorbenen Alfhilda. 246 Die einzige Zerſtreuung, der einzige Troſt, den ich genoß, beſtand in meinem Zuſammentreffen mit Ihnen, aber, wenn Sie mit Ihrem friſchen, unſchuld⸗ vollen Lächeln mich anlächelten, dann ſtahl ſich die Erinnerung an ſie und an meine That in mein Herz und ich kehrte nach Hauſe zurück ein Raub der ver⸗ zehrendſten Gewiſſensbiſſe. Trotz alledem wirkte Ihre Gegenwart wohlthuend und ich fühlte, daß ich nur durch Sie mit dem Le⸗ ben verſöhnt werden könnte. Plötzlich erinnerte ich mich eines Gelübdes, wel⸗ ches ich der Sterbenden gethan: die Tochter einer Couſine von ihr aufzuſuchen, welche bei der Profeſ⸗ ſorin von Krug leben ſollte. Ich wurde mit der Profeſſorin bekannt, überredete ſie, hieher zu kommen, und das Uebrige wiſſen Sie. — Jetzt, Jenny, haben Sie meine Erzählung gehört. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll, um auf irgend eine Weiſe den alten Vater zu verſöhnen, mit welchem ich bei meinem letzten Beſuch in Stock⸗ holm zuſammentraf, und der ſich jetzt auf Rönby aufhält. Ach, Jenny, Sie hätten dieſen alten Mann mit ſeinem zu gleicher Zeit milden und ernſten Geſichte ſehen ſollen, als er mit mir ſprach und kein Wort — ——— des Vorwurfs gegen denjenigen hatte, welcher ihn um ſeines Lebens liebſte Freude geplündert. Oh! Jenny, ich möchte verſöhnen, aber ich fühle, daß ich es nicht kann. Jenny reichte ihm die Hand und ſagte mit ihrer freundlichen und aufmunternden Stimme: ——— 247 — Hat der beleidigte Vater verziehen, dann können Sie, mein Freund, auch hoffen, durch Liebe“ zum Guten, zu Ihrem leidenden Nächſten, die Thor⸗ heit Ihrer Jugend zu verſöhnen. Noch einmal ſage ich Ihnen, dadurch daß wir arbeiten und uns be⸗ mühen, unſeresgleichen nützlich zu werden, finden wir ein Heilmittel gegen alle Leiden. Sprechen Sie mit mir von ihr, wenn die Er⸗ innerung an ſie Sie plagt, aber überlaſſen Sie ſich nicht den Ausbrüchen einer zweckloſen Verzweiflung. Stellen Sie ſich vor, daß ſie(Jenny zeigte auf das Gemälde) von ihrem Himmel zu jeder guten Handlung von Ihnen lächelt und laſſen Sie die Kraft des Mannes, die Ehre und die Tugend, die Fehltritte des Jünglings ausſöhnen. — Dank, Jenny, ich wußte, daß Ihre Stimme tröſtend klingen würde. Sagen Sie, glauben Sie, daß ein Mann, welcher ein junges, unſchuldiges Mädchen in ein vorzeitiges Grab gebracht, es wagen darf auf häusliches Glück zu hoffen, wenn ſein Herz noch einmal erwachen ſollte? — Das glaube ich. — Würden Sie einen ſolchen Mann lieben können? — Ja, wenn ſein Leben durch ein edles Stre⸗ ben, das, was er verbrochen, wieder gut zu machen auszeichnete. — Dank! Da Sie, ein einfaches, wahres und tugendhaftes Mädchen, mich mit ſo vieler Schonung beurtheilen können, ſo werde ich wieder anfangen zu hoffen. 248 Der Bediente meldete, daß das Fräulein mit dem Kaffee warte. Kurz darauf ſaß Jenny an Tante Sigrid's Seite. Abends fuhr der Baron Jenny nach Hauſe und ſie ſprachen den ganzen Weg von Alfhilda, vom Doktor und von Bergſtröm. — Jenny's Worte waren ſo herzlich und freund⸗ lich, daß es ihr gelang, alle Traurigkeiten aus der Seele des Barons zu verſcheuchen. Eines Tages Ende Juli ſaßen die Majorin und Jenny zuſammen unter der Linde auf dem Hofe. Jenny betrachtete die Mutter aufmerkſam. Es lag ein Ausdruck der Unruhe in dem Blick des jun⸗ gen Mädchens, welcher dadurch erklärlich wurde, daß die Majorin etwas bleich und matt ausſah. — Weißt Du, Mama, woran ich denke?— ſagte Jenny und neigte ſich vor zu der Mutter. Nein, mein Kind. Die Majorin ſah die Tochter zärtlich an. — Doaſſelbe, was ich mehrmals geſagt: Du biſt krank, meine einzige, einzige Malin. Mit dieſen Worten war Jenny an der Seite der Mutter. — Sonderbar, daß Du daran denkſt. Ich wollte Dir gerade ſagen, daß ich ſelbſt anfange an das zu glauben, was Du zweimal geſagt, nämlich daß ich nicht geſund bin. WMama, Mama, ſiehſt Du, daß ich mich nicht täuſche.— Meine geliebte Malin, ſage mir: Wie 249 befindeſt Du Dich? Spreche aufrichtig mit mir, ich fühle, daß es dann beſſer wird. Jetzt iſt es ganz als wenn Unruhe und Furcht mich erſticken wollten. Jennyh bedeckte die Hände ihrer Mutter mit Küſſen. — Aber nicht wahr, meine Jenny, Du wirſt mein Troſt und meine Stärke ſein. — Ganz gewiß, antwortete Jenny, deren blühende Wangen weiß wie Schnee wurden. — Nun wohl, Jenny, ich fürchte, daß ich den Anfang vom Krebs habe. Während ſie dieſe entſetzlichen Worte ausſprach, berührte ſie Jenny's Haare liebkoſend mit ihren Händen. — Eine Thräne zitterte in den Augenwimpern. — Mama!— rief Jenny mit einem Ausdruck des entſetzlichſten Schmerzes, und dieſes haſt Du verſchwiegen! Und wenn es das Leben Jenny's gekoſtet, ſo hätte ſie die hervorbrechenden Thränen nicht zurück⸗ halten können. Sie verbarg ihr Geſicht an der Bruſt der Mut⸗ ter und weinte. Eine lange Stille trat ein, während welcher Mut⸗ ter und Tochter ſich feſt umarmt hielten. Die Majorin unterbrach ſie zuerſt. — Nun, mein Kind, da der erſte bittere Schmerz ſich Luft gemacht hat, ſo laß uns ruhig ſprechen. Wir haben Muth und Geiſtesgegenwart nöthig. Ich habe geſchwiegen, da ich die Geſchwulſt für unbe⸗ deutend hielt, weil es mir nicht weh that. Nachher 250 als es ſchmerzte, fragte ich den Doktor. Er gab mir ein vertheilendes Mittel, aber es half nichts. — Ach Mama, warum ſagteſt Du mir nichts? — fragte Jenny weinend. — Ach, mein Liebling, Du weißt ja, daß Malin egoiſtiſch iſt und ihr Glück darin beſteht, daß ihre Kinder froh ſind. Sollte ich denn ohne Grund mir das Glück rau⸗ ben und mit meinen Befürchtungen Deine Freude verſcheuchen.— Nein, Nein.— Ich dachte: Würde es etwas Gefährliches, dann werde ich es Jenny anvertrauen. Geſtern, als Du mit Papa und den Brüdern bei Nygvare warſt, ſchickte ich nach dem Doktor und erhielt ſein Urtheil. Wieder trat eine Stille ein. Die Thränen Jenny's floſſen reichlich. Die Majorin ſuchte ihre Bewegung zu be⸗ kämpfen. Nach einer langen Pauſe bemerkte ſie: — Nun, Jenny, mußt Du Dich ſtark zeigen; denn für das, was folgt, bedarfſt Du Deines Muths und Deiner Ruhe, ſofern ich es wagen ſoll zu hoffen, daß ich geſund werde. Sofort trocknete Jenny ihre Thränen, küßte die Hand der Mutter und drückte ſie feſt zwiſchen der ihrigen. Zu ſprechen vermochte ſie nicht. — Der Doktor hat geſagt, daß ich ſo bald als möglich mich einer Operation unterwerfen muß. In⸗ deſſen rieth er mir, zu warten, bis Doktor Bergſtröm von ſeiner Reiſe in's Ausland zurückkehrt, weil er ihn als den geſchickteſten Arzt betrachtet. — 251 Bergſtröm hat unſerem Doktor geſchrieben, daß er Ende Auguſt nach Schweden zurückzukehren ge⸗ denke. Ich werde alſo dann nach Stockholm reiſen müſſen. — Und ich begleite Dich, flüſterte Jenny mit erſtickter Stimme. — Ja Du, meine Freude und mein Troſt, ſollſt mich gewiß begleiten; aber ſiehſt Du, Jenny, Papa darf nicht wiſſen, daß ich mich einer Operation un⸗ terwerfen ſoll. Er mit ſeinem heftigen Gemüth würde Himmel und Erde in Bewegung ſetzen und ſich der Verzweiflung und der Unruhe überlaſſen, was für ſeine Geſundheit ſchädlich werden und mich auch der Ruhe, welche ich nöthig habe, berauben könnte. Auch will ich nicht, daß die Jungen durch dieſe Nachricht in Unruhe verſetzt werden; ſondern ich wünſchte, daß Du, Jenny, mit Papa ſprächeſt und ihm ſagteſt, daß ich mich nicht recht wohl befinde und daß ich eine Reiſe nach Stockholm machen müſſe. Dadurch wird Papa alle Unruhe erſpart; er hat ſo Bekümmerungen genug, daß ich mir ordentlich Vorwürfe machen würde, wenn ich ſie durch meine Kränklichkeit vermehrte. Immer dieſelbe.— Immer Dich ſelbſt für ihn aufopfernd. Du gute, Du liebliche Malin.— Und Du, Du mußt viel leiden. Die Majorin küßte Jenny's Stirne und ſagte: — Gott legt uns Sterblichen keine größere Bür⸗ den auf, als wir zu tragen vermögen.— Siehſt Du dort am Gitterthor kommt Papa! Er ſieht ſo 252 fröhlich und vergnügt aus; benehme Dich ſo, daß Deine traurigen Blicke nicht ſeine Freude ſtören. Im nächſten Augenblick ſetzte ſich der Major auf einen Gartenſtuhl neben den Damen. — Ja ſo, ihr ſitzt hier zu zwei und plaudert, — ſagte er.— Nun, das trifft ſich gut, weil ich im Augenblick mit Neuigkeiten verſehen bin. — Doktor Bergſtröm wird bald nach Schweden zurückkehren und beabſichtigt einen Beſuch hier ab⸗ zuſtatten. Dann kann Jenny ihren Vorſatz ausfüh⸗ ren, ihn zum Manne zu bekommen. — Ach, lieber Papa, Du biſt ja ſelbſt derjenige, der die Sache arrangiren wollte. Jenny hatte mit großer Anſtrengung ſich zu einem Lächeln gezwungen, aber es wollte ihr nicht gelingen, der Major bemerkte es indeſſen nicht. — Da der Doktor ein Vetter zu Minna's ſeligem Vater iſt, ſo iſt er mit uns verwandt und das kann Deine Bemühungen unterſtützen, meine liebe Jenny, im Falle, daß Du ſelber freien willſt. Apropos Minna, da wäre ſie doch eine recht aus⸗ gelernte Coquette, und eigenſinnig wie Schweſter Sophie; aber doch meine ich, daß es Sophie ſtark in die großen Zehen fahren wird, wenn ſie erfährt, daß Minna Gräfin iſt. Der Verluſt ihres Mannes und die lange Krank⸗ heit Albertinen's haben wohl ihren Hochmuth ge⸗ beugt,— ſagte die Majorin. — Sophie gebeugt! Nein, meine kleine Alte, dergleichen Gemüther können nicht gebeugt, aber wohl zerſchmettert werden. Wenn ich ſie recht kenne, ſo iſt ſie ſich vollkommen gleich. ————— 2 253 Einige Zeit war verſtrichen, aber Jenny's Freude kam nicht mehr von Herzen. Freilich ſcherzte ſie in Gegenwart des Vaters und ſprach ruhig und aufmunternd mit der Mutter; aber wenn ſie allein war, dann konnte ſie ganze Stunden daſitzen und vor ſich hinſtarren. Der Baron hatte ſeine Beſuche auf Rönby wie⸗ der aufgenommen, aber er wich jedem Zuſammen⸗ treffen mit Bergſtröm aus. Der Baron merkte bald, daß die Majorin matt und leidend ausſah, obgleich ſie jedem freundlich zu⸗ lächelte;— daß Jenny ſtiller war und wenn er genau das blühende Geſicht des Mädchens betrach⸗ tete, ſo lag eine Schneeduft über den Roſen und in den Augen war ein heimlicher Kummer zu leſen. Als er eines Abends nach Rönby kam(es war Ende Juli), fand er Jenny allein unter der Linde im Hofe ſitzen. Die Majorin war mit dem Major auf die Fel⸗ der hinausgegangen, um den Mähern zuzuſehen und die Leute zu bewirthen. Jenny, welche immer pflegte bei dergleichen Ge⸗ legenheiten dabei zu ſein, hatte darum gebeten, zu Hauſe bleiben zu dürfen, und Arvid war an ihrer Stelle mitgegangen.. — Ich glaubte ſo gewiß, daß Sie mit auf die große Wieſe hinausgegangen wären, daß ich im Be⸗ griff war, direkt dahin zu reiten, ſagte der Baron. — Ich war heute nicht aufgelegt mitzugehen, antwortete Jenny. Der Baron blickte ſie an und bemerkte Spuren von Thränen. 254 — Jenny, Sie haben ſeit einiger Zeit einen heimlichen Kummer auf dem Herzen, ſollten Sie mir denſelben nicht anvertrauen wollen? — Ja, ich habe wirklich einen bittern Kummer, welcher mich gleich einem nagenden Wurm verzehrt, antwortete Jenny. — Und worin beſteht derſelbe? — Hat der Baron ihn nicht errathen?— Jenny betrachtete ihn mit thränenden Augen. — Nein, nicht genau; aber...— Er hielt inne. Er fürchtete die Furcht vor etwas, was ſie noch nicht beunruhigte, in ihr zu wecken. — Sprechen Sie es aus; finden Sie Niemanden außer mir verändert. — Doch! — Mama, iſt es nicht ſo? — Ich geſtehe, daß ich das Ausſehen der Majo⸗ rin etwas leidend finde. Jetzt fielen die Thränen Jenny's auf ihre Hände und mit unſicherer Stimme ſagte ſie: — Siehe da die Urſache meines Kummers. Mama iſt krank, gefährlich krank; aber Niemand außer mir, ihr und dem Doktor weiß es oder be⸗ kommt es zu wiſſen, Sie, Baron Fritz, müſſen das Anvertraute als Geheimniß bewahren. Oh, wenn Sie wüßten, welche Qualen dieſe letztverfloſſenen Wochen für mich mit ſich gebracht haben! Ich bin gar nicht ſtark, ich fühle, daß das Un⸗ glück mich zermalmen würde, und bisweilen iſt es mir vorgekommen, daß es meine Kräfte überſtiege, fröhlich zu ſcheinen, während ich mich ſo namenlos unruhig fühle. 255 — Ich bin immer der Meinung geweſen, daß Sie einen hohen Grad von moraliſchem Muth,— ein feſtes Vertrauen zu Gott beſäßen. — Das beſitze ich auch. Wenn der Schmerz mich ſelber getroffen, dann würde ich ihn ohne Mur⸗ ren ertragen haben; aber jetzt iſt es Mama. Es iſt meine Mutter, dieſe holde, zärtliche und ausge⸗ zeichnete Mutter, welche ich leiden und vielleicht,— ſterben ſehen werde. Durch diejenigen zu leiden, r man liebt, iſt zehnmal ſchlimmer, als ſelbſt zu eiden. Aber, Jenny, gibt es kein Mittel gegen dieſe Krankheit. — Doch! Aber dazu iſt es erforderlich, daß Mama nach Stockholm geht, ohne daß Papa die Urſache ahnt. Er würde mit ſeiner Unruhe und ſeinem heftigen Kummer nur das Gelingen der... der.. Operation zweifelhaft machen. — Ich werde verſuchen, Ihnen in dieſem Falle zu helfen; aber verſprechen Sie mir dann, mit größe⸗ rem Vertrauen der Zukunft entgegenzuſehen. — Ich werde es verſuchen. Als der Major nach Hauſe kam, begann der Baron davon zu ſprechen, daß Jenny nicht geſund ausſehe, daß ihre Stimmung verändert ſei und ſtellte es dem Major anheim, ob nicht die Majorin und Jenny einen kleinen Ausflug machen ſollten. — Ich beabſichtige im nächſten Monat eine Tour nach Stockholm zu machen. Sollte es nicht angehen, daß ich den Damen meinen Wagen und mich ſelbſt zum Begleiter anböte? — Iſt der Baron toll,— rief der Major,— 256 was zum Teufel ſollen ſie in Stockholm? Dort wird doch keine geſund. — Aber es gibt Aerzte dort, und das Fräulein ſieht wirklich krank aus. Der Major fing an zu lachen und wollte kein Wort mehr von der Sache hören. Jenny hatte in⸗ deſſen einen Faden bekommen, an dem ſie weiter zu ſpinnen gedachte. Ein paar Tage darauf ſtand ſie ganz früh Mor⸗ gens am Portal mit ihrem Schäferhut in der Hand und wartete darauf, daß der Major herauskäme. Endlich wurde die Saalthüre geöffnet. — Was ſtehſt Du hier auf Poſten?— ſagte der Vater und ſtreichelte ſie. — Ich warte auf Dich, um Dir Geſellſchaft zu leiſten. — Nun das iſt nicht ſo übel.— Vorwärts Marſch denn; es geht nach Tomteboda. Jenny nahm den Vater unter dem Arm. Als Jenny nun ihren kleinen Kopf ſo halb auf die Seite hängen ließ und davon ſprach, wie amü⸗ ſant es wäre, nach Stockholm zu kommen, wie ſehr Mama eine ſolche Zerſtreuung nöthig hätte und wie gut Papa wäre, wenn er Ja ſagte,— ſo erhielt Jenny endlich ſeine Einwilligung, daß die Mutter und ſie hinreiſen aber nicht länger als 14 Tage wegbleiben dürfen. Mit bedeutend leichterem Herzen kehrte Jenny nach Hauſe zurück. Sie ſchrieb mit der Poſt an Minna nach Dörby und theilte ihr mit, daß ſie Mitte Auguſt nach der Hauptſtadt zu kommen gedenke. 257 Als der Baron Abends nach Rönby kam, ſagte der Major lachend zu ihm: — Der Baron iſt mir ein herrlicher Nachbar, der daher kommt und meinen Weibern tolle Ideen beibringt, ſo daß ich nicht eher das Mädchen los wurde, bis ich meine Einwilligung zur Reiſe nach der Hauptſtadt gegeben. — Gut, ich verſpreche, daß der Major recht zu⸗ frieden damit werden ſollen, daß Sie ihre Einwilli⸗ gung dazu gegeben. — Den Teufel auch! Ich werde, ſollt ich meinen, mich hier verdammt langweilen. Einen Poſttag darauf erhielt Jenny Antwort von Minna. Darin cheilte Minna mit, daß ſie ſie in Stockholm treffen würde und daß ſie bei niemand Anderem wohnen dürften, als bei ihnen, im Hauſe des Grafen in der Gartenſtraße. Am Ende des Auguſt und einige Tage nach Doktor Bergſtröm's Rückkehr nach Schweden meldete der Bediente, daß zwei Damen ihn ſuchten. Als Richard aus dem Saale heraustrat, ent⸗ ſchlüpfte ihm ein Ausruf der Ueberraſchung und er eilte auf die ältere Dame zu, die er mit einer ehr⸗ jurchtsvollen Verbeugung und mit den folgenden Worten begrüßte: — Obgleich ich ſo glücklich bin, noch einmal dem delſten Weibe, das ich kenne, meine Hochachtung darzubringen, ſo beklage ich doch, daß es hier ge⸗ Schwartz, Zwei Familienmütter. 1I. 17 258 ſchehen muß; denn ich begreife ſehr wohl, daß das Glück, meine gnädige Tante wieder zu ſehen— ich muß Sie wohl als Verwandte ſo nennen— dem Arzte, nicht dem Freunde gilt. — Es gilt ſowohl dem Arzte, wie dem Freunde, — ſagte die Majorin mit ihrem einnehmenden Lächeln, und reichte ihm die Hand;— gewiß, beſter Richard, erinnern Sie ſich, daß ich Ihnen einſt meine Freundſchaft angeboten? — Jener Augenblick iſt unauslöſchlich in mein Gedächtniß eingegraben und ich werde nie die Güte und den Edelmuth vergeſſen, womit Sie mich, der ich doch nur ein Fremder war, behandelten. — Ach! laſſen Sie uns nicht von dem ſprechen, was nicht der Mühe werth iſt, mit einem Wort zu erwähnen. Mißverſtehen Sie mich nicht, wenn ich Sie an die alte Freundſchaft erinnere, weil ich jetzt Anſprüche daran mache. — Fräulein befinden ſich wohl,— hoffe ich,— ſagte der Doctor und grüßte Jenny. — Vollkommen. — Mein Auge hat mir bereits geſagt, daß es Tante iſt, welche meines Rathes bedarf. — Es hat Sie nicht getäuſcht, Richard; ich bin es wirklich. — Darf ich Tante bitten, hier einzutreten? Der Doctor führte die Majorin in die Biblio⸗ thek und Jenny blieb im Saale zurück. Sie ſank auf das Sopha herab und ſaß dort unbeweglich wie eine Bildſäule, ohne zu wagen, zu athmen. Die Minuten kamen ihr wie Jahrhun⸗ derte vor. 6 259 Während ſie ſich allen ihren peinlichen Gefühlen überließ, wurde die Saalthüre geöffnet und der Be⸗ diente des Doctors ſagte zu einem Menſchen, welcher eintrat: — Warte hier, bis der Doctor herauskommt. Der fremde Menſch blieb eine Weile ſtehen, als es ihm aber zu lange zu dauern ſchien, wandte er ſich an Jenny mit den Worten: — Vielleicht kann man den Doctor nicht ſprechen? — Er kommt gleich. — Wenn es nur nicht lange dauert. — Iſt es Jemand, der ſehr krank iſt, ſo werde ich den Doctor davon in Kenntniß ſetzen. — Ich weiß nicht, aber das Fräulein bat mich, bald mit Antwort zurückzukommen. Ihre Gnaden ſcheint ernſtlich krank zu ſein, ob⸗ gleich man nicht davon ſprechen will. So war es auch, als der Profeſſor dieſen Frühling ſtarb. — Welche Ihre Gnaden iſt das? fragte Jenny. — Die Profeſſorin von Krug. In demſelben Augenblick traten die Majorin und der Doctor heraus. Er ging auf Jenny zu und ſagte mit herzlicher Theilnahme: — Wir können mit vollkommener Sicherheit auf einen guten Ausgang hoffen. Die Hauptſache iſt, die Majorin in einer fröhlichen und ruhigen Ge⸗ müthsſtimmung zu erhalten; und das weiß ich, daß Fräulein das beſſer als irgend Jemand vermag. Sie ſind meine Gehilfin und ich rechne ſehr auf Sie. — Um Mama geſund zu bekommen, ich 260 das Unmögliche möglich machen zu können, antwor⸗ tete Jenny. — Ich ſollte dies hier von Fräulein von Krug abgeben, unterbrach ſie der fremde Menſch. Die Majorin und der Doctor wandten ſich gegen ihn. — Iſt Jemand bei der Profeſſorin krank?— fragte die Majorin, welche den Doctor erbleichen ſah. — Ja, Ihre Gnaden,— war die Antwort. Die Farbe kehrte auf der Wange des Doctors zurück, man nahm Abſchied und er trennte ſich von den Damen mit den Worten: — Morgen werde ich die Ehre haben, Tante zu beſuchen. Die Mazorin ließ ſich nach ihrer Schwägerin hinfahren, aber ſie traf nur Albertine, welche ſehr erfreut wurde, ihre Bekannten zu ſehen. Sie ſagte ihnen, daß ihre Mutter krank wäre, jedoch ohne anzu⸗ geben, welche Krankheit es ſei. Wir kehren zum Doctor zurück. Als die Majorin und Jenny fort waren, ging er in die Bibliothek, um den Brief zu öffnen, der⸗ ſelbe lautete: — Du biſt wieder hier!— Und ich danke Gott dafür. Komme ſofort, meine Mutter iſt— blind. Nur auf Dich hoffe ich. Der Leibmedikus A. ſetzt ſein ganzes Vertrauen auf Dich, aber gewiß wird meine Mutter eher ihr Leben als eine Blinde da⸗ hinſchleppen, als ihre Sehkraft wieder durch Dich erhalten wollen; deßhalb mußt Du für einen ganz andern Arzt gelten. Dieſes iſt auch der Plan des Leibmedikus A. Ich bezweifle keinen Augenblick, wie 261 Du handeln wirſt, ich weiß, daß Du ihr das Licht ihrer Augen wiederſchenken wirſt, obgleich ſie eigen⸗ ſinnig ihre Einwilligung zu Deinem Glück verwei⸗ gert hat. Deine Albertine.“ — Ja, bei Gott, wenn es in menſchliſcher Macht ſteht, ſo werde ich es. Du ſtolzes, unbeugſames Weib, welches ewige Finſterniß vorziehen würde, ſtatt ſich von mir heilen zu laſſen. Aber Du ſollſt doch meine Schuldnerin werden, ohne es je zu er⸗ fahren. In Graf Stormhjelms Haus waren zwei Zim⸗ mer für die Majorin eingerichtet worden. Die Gräfin, der Graf und die ganze Dienerſchaft wetteiferten, den der Herrin des Hauſes ſo willkom⸗ menen Gäſten alle erdenkliche Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Minna war gegen ihre Verwandten das dankbare und freundliche, gegen den Grafen das coquette, launiſche und herrſchſüchtige Weib, welches ihn ganz und gar unterdrückte und regierte. Der Doctor war den Tag nach dem Beſuch der Majorin bei ihnen geweſen. Bevor er zur Majorin hineinging, hatte er die Gräfin gebeten, mit Jenny ſprechen zu dürfen. — Jetzt komme ich, um Jenny's Muth recht zu prüfen,— ſagte er. Morgen ſoll die Operation ſtattfinden; um zehn Uhr bin ich und der Doktor... hier. Jenny muß ſuchen die Majorin bei guter Laune ön erhalten und ihr bis dahin die Zeit ſo viel als 262 möglich zu verkürzen, damit ſie ſich nicht der Vor⸗ ſtellung von den Schmerzen, die ihr bevorſtehen, überläßt. — Ich werde es verſuchen,— ſagte Jenny todten⸗ bleich. — Aber um Gotteswillen, nicht mit einem ſo angſtvollen Ausſehen. — Seien Sie ruhig, Richard, Sie ſollen zu⸗ frieden ſein. Und der Doctor wurde zufrieden. Mit einem beiſpielloſen Muthe und Seelenſtärke, welche die Bewunderung der Aerzte erregte, blieb Jenny während dieſer Augenblicke namenloſen Schmerzes an der Seite der Mutter. Nicht eine Minute wich ſie von ihr, aber es war nicht ein ſtummes und lebloſes Bild, ſondern eine zärtliche und liebevolle Tochter, welche mit ihrer Gegenwart, mit ihren von wahrer Liebe zeugenden Worten, die Leiden zu mildern und die Thränen, welche der Schmerz hervorrief, zu trocknen ſuchte. Jenny fühlte, daß ihre Gegenwart ein Troſt für die Mutter ſei und darum unterwarf ſie ſich ſelbſt all den Martern, welche während der ganzen Operation ihr Herz er⸗ füllten. — Die Majorin ſelbſt, jeder Aufopferung ihrer eigenen Gefühle mächtig, wenn es demjenigen galt, welchen ſie liebte, war ſtets ein Bild derjenigen Liebe und Selbſtverläugnung geweſen, die gleichſam dem Weibe allein angehört, und dieſe Beiſpiele hatten bei der Tochter dieſelbe erhabene Seelenſtärke ent⸗ wickelt, welche die Mutter auszeichnete. Als alles vorüber und die Majorin durch ein 263 einſchläferndes Mittel in einen tiefen Schlaf gefallen war, ergriff der Doctor Jenny's Hand und ſagte mit leiſer Stimme: — Folgen Sie mir, die Wärterin wird es uns ſagen, wenn Tante erwacht. Mechaniſch folgte Jenny. Als ſie in das vordere Zimmer hinausgekommen waren, ſagte der Doctor: — Ich muß Jenny eine Ader öffnen. Jenny ſtreifte die Aermel ihres Kleides auf, ſie fühlte einen ſo ſtarken Druck in der Bruſt, daß es ihr vorkam, als wenn ſie erſticken ſollte. Sprechen konnte ſie nicht. Als die Ader geöffnet war, athmete ſie leichter und ein Thränenſtrom erleichterte ihre beklemmte Bruſt. Zwei Tage nach der Operation fand ſich Arvid ein, welcher mit Mutter und Tochter von Rönby mitgefolgt war, ohne eine Ahnung von der wirk⸗ lichen Urſache dieſer Reiſe zu haben. Jenny ging ihm entgegen und ſagte: — Heute kannſt Du Mama nicht treffen, Arvid. — Iſt ſie fort? — Komm und ſetze Dich zu mir, dann werde ich Dir ſagen, wie es iſt. Jenny ſetzte ſich und zog den Bruder neben ſich hin. — Jenny, Du erſchreckſt mich. Was hat ſich zugetragen, Du biſt ſo bleich?— rief Arvid. — Siebſt Du nicht, daß ich ruhig bin⸗ Nun wohl, mein Bruder, das was ich, ein ſchwaches Mädchen, ertragen kann, das mußt Du, ein kraft⸗ 264 voller Jüngling, wohl mit Seelenſtärke hören können. Verſprichſt Du mir das? Jenny lächelte ſo freundlich, ſo aufmunternd dem Bruder zu. — Meine gute Schweſter, wie Du doch Mama ähnlich biſt,— ſagte Arvid und drückte die Hände der Schweſter.— Spreche, ich verſpreche Dich mit Ruhe anzuhören. — Mama iſt krank und Du kannſt ſie eine ganze Woche lang nicht ſehen. — Jenny!— rief Arvid ganz todtenbleich,— um Gotteswillen, ſage mir, iſt Mama gefährlich krank? Ach! ich ſehe an Deinem bleichen Geſichte, an Deinen von Thränen matten Augen, daß ſih; etwas recht Betrübendes zugetragen hat. Spreche aufrichtig, wenn Du mich lieb haſt! 5 Arvid ſah die Schweſter angſtvoll an. — Du ſollſt Alles erfahren, mein armer Bruder. Das Schlimmſte iſt jetzt vorüber und der Doctor ſagt, daß wir mit aller Sicherheit hoffen können. Mama iſt hieher gereiſt, um ſich einer Operation zu unterwerfen. Dieſe fand vor zwei Tage ſtatt... Werde nicht ſo bleich Arvidchen, die Mutter wird wieder geſund werden! — Jenny, kann ich ſie nicht zu ſehen bekommen? — ſchluchzte Arvid, welcher trotz ſeiner Kadetten⸗ uniform ſich nicht enthalten konnte, zu weinen wie ein Kind. — Nein Arvid, Niemand darf zu ihr, außer ich, die Wärterin und der Doctor. Laß mich ſie nur durch die Thüre ſehen; das 265 wird mich beruhigen, wird mich tröſten,— bat Arvid und ſuchte ſeine Thränen zurückzuhalten. — Aber verſprich mir, vollkommen ſtill zu ſein, ſo daß ſie Dich nicht merkt. — Das verſpreche ich. Jenny ging voraus, Arvid folgte ihr, aber ſeine Schritte waren unſicher. Jenny zog die Thürgar⸗ dine ein wenig zurück, und jetzt ſah Arvid die Mut⸗ ter bleich und leidend ausſehend, aber vollkommen ruhig daliegend. Der hochgewachſene Jüngling beugte ein Knie auf der Thürſchwelle des Zimmers der Mutter und aus der Tiefe ſeines Herzens ſtieg ein warmes und inniges Gebet für dieſe liebevolle und angebetete Mutter, der er ſich jetzt nicht nähern durfte. Nach Verlauf einer Woche erhielt er vom Doktor Erlaubniß, zu ihr zu gehen. Jenny hatte das Amt einer Krankenwärterin auf ihre eigene, einnehmende Weiſe verſehen. Wenn die Mutter traurig war, dann lachte und ſcherzte Jenny, litt ſie, dann flößte ſie ihr Troſt und Muth ein. Immer freundlich, immer lächelnd umſchwebte ſie ie Majorin wie ein guter Geiſt, las ihr vor, von der Zukunft und malte dieſe ſo hell und ar. Jenny ſaß nicht Nacht und Tag am Bett. Nein, Jenny ruhte, wenn die Mutter ſchlief. Dieß machte, daß die Majorin die Tochter immer friſch und blühend und voll von Hoffnung und Vertrauen ſah, und gerade das war es, was die Heilung der Wun⸗ den beſchleunigte und die Bemühungen der Aerzte unterſtützte. Derjenige, welcher mit wahrer Freund⸗ 266 ſchaft und unermüdlicher Theilnahme Jenny's kleinſte Wünſche erfüllte, war der Baron. Seine Freund⸗ ſchaft und Herzlichkeit während dieſer für Jenny ſchweren Prüfungszeit machten einen tiefen Eindruck auf ſie. Alle ſeine zuvorkommenden Bemühungen, das Traurige zu mildern und die Düſterkeit von ihrer Seite zu verſcheuchen, prägten ſich tief in Jen⸗ ny's Gedächtniß ein. Als der neunte Tag nach der Operation vor⸗ über war, ſchrieb Jenny an den Vater und erzählte ihm Alles, indem ſie den freudigen und angenehmen Troſt hinzufügte, daß ſeine Malin außer aller Gefahr ſei. Jenny kannte den Vater und wußte, daß er, ſo⸗ bald er dieſen Brief erhielt, ſich ſofort auf den Weg machen würde, um ſich in der Hauptſtadt davon zu überzeugen, daß ſeine Frau wirklich lebte. Jenny hatte ſich nicht verrechnet. Einige Tage darauf ſtand der Vater vor ihr. — Kind, wie ſteht es mit Deiner Mutter? fragte er mit gedämpfter Stimme. — Wenn Du verſprichſt, ruhig und ſtill wie ein Lamm zu ſein, ſo ſollſt Du ſie zu ſehen bekommen, — antwortete Jenny und warf ſich in die Arme des Vaters.— Gottlob, Papa, daß wir uns ohne Trauer und Schmerz wiederſehen können, flüſterte ſie weinend.— Du ahnſt nicht, welche qualvolle Zeit es für Deine Jenny geweſen. Einige Augenblicke ſpäter ruhte der Kopf der Majorin an dem laut klopfenden Herzen des Mannes. Keines von ihnen vermochte zu ſprechen, dazu waren ſie zu tief bewegt. ———— —˖— 267 Einige Wochen darauf an einem klaren und herr⸗ lichen Octobertag brachte der Major ſeine Frau ge⸗ ſund und fröhlich zurück nach dem gemüthlichen Rönby. Das Feſt, welches dort gefeiert wurde, läßt ſich leichter denken, als beſchreiben. Zu dem alten Berg⸗ ſtröm ſagte der Major: — Dein Sohn hat das Liebſte, was ich beſitze, gerettet und dieß werde ich nie vergeſſen. Gebe Gott, daß ich eine Gelegenheit erhalte, mich erkennt⸗ lich gegen ihn zu zeigen. — Er hat nur eine heilige Pflicht erfüllt,— ſagte der Alte mit ſpartaniſcher Ruhe. Ein anderes Drama wurde im Hauſe der Pro⸗ feſſorin aufgeführt. In einem Zimmer ſaß die Profeſſorin ſteif und gerade mit dem harten Ausdruck in jedem Zug auf ———————— einem kleinen Sopha; aber die klaren, ſcharfen Augen waren nicht mehr klar und ſcharf, ſondern ſtumpf und dunkel. Beim erſten Anblick ſah man, daß ſie blind ſei. Dicht dabei ſaß Albertine ebenfalls ſchweigend auf einem Stuhl; aber das junge Mädchen richtete von Zeit zu Zeit ihre Augen auf die Mutter und dann lag Mitleid, aber nicht Liebe in ihren Blicken. — Biſt Du gewiß, daß Niemand es ahnt, welche Krankheit es ſei, die mich an mein Zimmer feſſelt? — ſagte die Profeſſorin. — Ganz ſicher, vollkommen ſicher, Mama. Nie⸗ 268 mand außer Martha und dem Leibarzt A. kennt Mama's Unglück. — Schon zwei zu viel, aber dem hat man nicht vorbeugen können— Nun, was ſagte der Leibarzt, als er das letzte Mal hier war? — Daß er heute jenen Augenarzt mitbringen würde. — Welcher ſich verpflichten wird, das Geheim⸗ niß zu bewahren. — Ja. Es trat eine Stille ein, welche nur durch das geringe Geräuſch, das die Nadel Albertinens ver⸗ urſachte, unterbrochen wurde. — Was iſt die Uhr?— fragte die Profeſſorin. — Eilf. — Iſt Albert hier geweſen? — Nein. — Weiß er etwas? — Mama hatte mir es verboten, ihm ein Wort davon zu ſagen. Wieder trat eine Pauſe ein, welche durch die eintretende Martha unterbrochen wurde. — Der Leibmedikus und ein anderer Doktor ſind unten. — Gehe und empfange ſie,— befahl Ihre Gnaden. Albertine ging. Einige Zeit darauf kam ſie mit den beiden Aerzten zurück. Der Leibmedikus A. ging voran! und nach ihm kam Richard und Albertine. Der junge Arzt hielt ihre Hand in der ſeinigen und betrachtete ihr ſchönes, bleiches Geſicht mit 269 einem Ausdruck von Zärtlichkeit, die einen ganzen Himmel von Liebe in Albertinens Blicken her⸗ vorrief. Durch eine Handbewegung verabſchiedete der Leibarzt Martha. — Wie befindet ſich Ihre Gnaden heute?— fragte er. — Gut. — Hier habe ich einen ausgezeichneten Augen⸗ arzt Doktor Berg bei mir.(Das Wort„ſtröm⸗ wurde ausgelaſſen.) Ihre Gnaden machte eine ſteife Kopfveérbeugung. Hierauf folgte eine Conſultation, welche damit ſchloß, daß Richard erklärte, er glaube mit Erfolg Ihre Gnaden operiren zu können. Dann entfernten ſich die Aerzte und nachdem Albertine einige Worte der Liebe und der Hoffnung mit Richard gewechſelt, kehrte ſie ſeufzend zu ihrem Platz bei der Mutter zurück. Die Novemberſonne ſchien bleich und matt auf Stockholms Straßen herab. In einem Zimmer, deſſen doppelte Rouleaur heruntergelaſſen waren, ſaß die Profeſſorin mit einer Binde vor den Augen. Der Leibarzt A. ſaß in einem Fauteuil und ſprach mit ihr. — Eure Gnaden ſind alſo vollkommen zufrieden nit dem jungen Arzt, welcher die Operation ge⸗ nacht und Sie gepflegt hat? 270 — Vollkommen. Ich fühle, daß ich eine große Schuld an ihn abzutragen habe. — Eine Schuld, welche nicht ſo leicht bezahlt werden kann, da Einem kaum ein größeres Unglück zuſtoßen kann, als blind zu ſein. — Das iſt wahr. — Heute ſoll ich die Binde abnehmen. — Sie? Warum nicht er? — Ich weiß es nicht; er hat mir den Auftrag gegeben, es zu thun. — Aber ich— ich wünſche, daß Doktor Berg⸗ ſtröm es ſelbſt thue,— ſagte Ihre Gnaden mit feſter Stimme. — Ah! Eure Gnaden haben unſer Geheimniß herausgefunden.. — Ja. — Aber erinnern Sie ſich, daß ſtarke Gemüths⸗ bewegungen gefährlich ſind. — Herr Leibarzt, ich wünſche, daß Doktor Berg ſtröm ſelbſt die Binde abnehme; das Uebrige über⸗ laſſen Sie mir. Der Leibarzt klingelte und bat Martha, den Doktor zu erſuchen, heraufzukommen. Einige Augenblicke darauf trat Richard ein. — Ihre Gnaden will, daß Du ſelbſt die Bind⸗ abnimmſt. Ohne ein Wort zu ſagen, ging Richard nach ve Fenſter, zog die inneren Vorhänge zuſammen und nahm die Binde ab. Ihre Gnaden führte die Hand nach den Augen als wenn ſie von den ſchwachen, unbedeutenden Lichtſtrahlen, welche ins Zimmer drangen, geblende 271 wäre, aber ſie ließ die Hand wieder ſinken und rich⸗ tete ihre Augen auf Richard, der vor ihr mit der Binde in der Hand ſtand. — Sehen Eure Gnaden?— fragte er mit ruhiger Stimme. — Vollkommen gut. Ebenſo gut, als bevor ich blind wurde. Ihre Gnaden ſtand mit ihrer gewöhnlichen ſtol⸗ zen Haltung auf, that einen Schritt und ſagte: — Ich danke Ihnen, mein Herr, Sie haben mir mein Geſicht wieder gegeben. — Es war meine Pflicht, als ich von meinem Amtsbruder berufen wurde, und ich bin vollkommen für meine Mühe dadurch belohnt, daß dieſelbe Er⸗ folg gehabt hat. Der Doktor verbeugte ſich, ohne die dargereichte Hand zu ergreifen. — Das Einzige, was ich hier zu ſagen habe, bevor ich Eure Gnaden ganz und gar der Pflege des Leibmedikus A. überlaſſe, iſt, daß Sie nur nach und nach Ihre Augen an das volle Tageslicht ge⸗ wöhnen. — Sie hören alſo auf, mich zu pflegen? — Ich bin vollkommen überflüſſig und muß mich deßhalb empfehlen. Mit dieſen Worten nahm Richard Abſchied, ohne daß Ihre Gnaden mit einem Wort ihn zurück⸗ zuhalten ſuchte oder irgend einen weitern Ausdruck der Dankbarkeit hinzufügte. Im Saale ſaß Albertine und erwartete den Aus⸗ gang, als der Doktor wieder eintrat. — Nun?— ſagte ſie. 272 — Sie war jetzt wie immer, kalt, ſtolz und un⸗ beugſam; aber glaube mir, eines Tages wird ſie mir Deine Hand ſchenken. — Auch ich hoffe es. Aha! ich kenne meine Mutter, ſie will nicht in Jemandes Schuld ſtehen und jetzt iſt ſie doch in Deiner Schuld. — Und wird es immer bleiben; denn nie ſollte ſie wohl die Zeit der Entſagung, der bitteren Kämpfe und namenloſen Qualen, welche ihr Hoch⸗ muth mich koſtete, mir je wieder geben können. — Nicht ſie, ſondern ich kann es,— flüſterte Albertine lächelnd. Minna's Eintreten unterbrach das Geſpräch. Die gewöhnliche Ordnung im Hauſe der Pro⸗ feſſorin hatte wieder ihren regelmäßigen Gang ge⸗ nommen. Ihre Gnaden hatte kein Wort gegen Al⸗ bertine über Richard geäußert. Befehlshaberiſch und ſtolz war ſie immer dieſelbe geblieben. Einige Tage vor Weihnachten ſchickte Ihre Gna⸗ den ihren Bedienten mit einem Billet zu Richard. Als der Bote mit der Antwort zurückkam, daß der Doktor Nachmittags kommen würde, gab die Profeſſorin ihrer Tochter Erlaubniß, die Einladung, welche die Gräfin Stormhjelm an Albertine ge⸗ macht, ſie ins Theater zu begleiten, anzunehmen. Der Wagen der Gräfin holte Albertine bereits um fünf Uhr, ſo daß Ihre Gnaden ſich allein zu Hauſe befand. ungefähr um ſechs Uhr fand ſich der Doktor ein⸗ Ihre Gnaden ſaß im Kabinet, ganz wie das erſte Mal, als ſie ihn hatte rufen laſſen, und kein 273 Zug in ihrem Geſicht deutete auf eine mildere Ge⸗ müthsſtimmung. Der Doktor trat ein, und ſie begrüßte ihn mit derſelben kalten Kopfverbeugung, wie zuvor; der ein⸗ zige Unterſchied in ihrem Benehmen war der, daß ſie ihn mit der Hand einlud, in einem Fauteuil Platz zu nehmen. — Wahrſcheinlich haben Sie, Herr Doktor, er⸗ wartet, daß ich an die Schuld denken würde, in welcher ich zu Ihnen ſtehe. — Gnädige Frau, ich hatte bereits aufgehört zu erwarten. — Und doch haben ſie erwartet. — Jo. — Und Sie haben mich unverzeihlich vergeßlich gefunden? — Sie ſind es, Gnädige Frau, welche das ſagen. — Sie glaubten, daß ich in einer zu großen Schuld zu Ihnen ſtehe, als daß ich hätte vergeſſen dürfen, dieſelbe abzutragen. — Es gibt Schulden, die man nicht abtragen kann. — Und zu dieſen rechnen Sie die meinige an Sie. Ja, Meine Gnädige. — Ah! Mein Herr, Sie ſind immer derſelbe ſtolze Mann, welcher kein Haar von dem Weg ab⸗ weicht, welchen er ſich vorgezeichnet. — Und auch Sie ſind dieſelbe. Unglück und Prüfung vermögen nicht Sie zu beugen. Schwartz, Zwei Familienmütter. M. 18 274 Eine Pauſe trat ein. Ihre Gnaden hob wieder an: — Bevor wir unſere Rechnungen abmachen, wünſche ich zu wiſſen, wie Sie mein Arzt wurden? — Ihre Tochter rief mich, um ihrer Mutterzu helfen und in dem Augenblick waren Sie nur die Mutter des Weibes, das ich anbete. Meine Pflicht und mein Herz geboten mir, Ihr Retter zu werden. — und auch das Verlangen, dieſes ſtolze und übermüthige Weib zu Ihrer Schuldnerin zu machen ſie zu einer Erkenntlichkeit zu zwingen, welche Sie der Tochter näher bringen würde. — Nein, meine Gnädige, nicht nach Ihrer Er⸗ kenntlichteit ſtrebte ich, ſondern wohl nach dem innern Bewußtſein, mir ſelbſt ſagen zu können: Dieſes Weib, welches nie eine unehrenhafte Handlung von Dir geſehen, welches trotz ſeinen Vorurtheilen ge⸗ zwungen worden iſt, dich hochzuachten, welches dich verletzt und gedemüthigt, welches dir alle möglichen Qualen bereitet hat und welches trotz dem Willen ihres verſtorbenen Mannes dir die Hand ihrer Tochter verweigert, dieſem Weibe will ich das Ge⸗ ſicht wieder geben, ohne daß es weiß, daß es dieſe Gabe von mir erhalten hat. Dieſes war, hoffe ich, eine meiner vollkommen würdige Rache. Ich will nicht haben, daß Sie ſich als meine Schuldnerin betrachten, ich werde dieſes Bewußtſein für mich ſelbſt behalten. Es war nicht mein Fehler, daß Sie mein Geheimniß entdeckten und in demſelben Augenblick, wo ich erfuhr, daß 275 Sie das krechte Verhältniß kannten, zog ich mich zurück. — Ich glaube Ihnen. Gerade Ihre Sorgfalt, unerkannt zu bleiben, veranlaßte mich, dem Klange Ihrer Stimme aufmerkſam zu lauſchen, und ich er⸗ kannte dieſe Stimme, welche ſich ſo ſtolz gegen mich erhoben. — Und dann, meine Gnädige, wollten Sie mich erfahren laſſen, daß Sie nie etwas von mir an⸗ nehmen würden, ohne es zurückzuzahlen? — Das iſt wahr; aber Sie haben geſagt:„Es gibt gewiſſe Schulden, welche nicht bezahlt werden können.“ Gibt es denn nichts, womit ich Ihre Mühe bezahlen kann? Haben Sie keinen Preis für Ihre Operation? — Meine Gnädige, keine Summe, nicht einmal das Vermögen eines Fürſten, würde mich vermocht haben, Ihnen das Geſicht wieder zu geben. Sie konnten nie ein Patient werden, von welchem ich Bezahlung annahm, ich verkaufte nicht meine Kunſt an Sie; ich gab Ihnen die Reſultate derſelben. — Die Wangen der Profeſſorin wurden purpurroth, als ſie im ſtolzen Tone antwortete: — Aber ich hätte ein Recht gehabt, Ihnen ſo⸗ wohl wie dem Leibarzte A. das Honorar für Ihre Mühe zu ſchicken. — Gewiß, aber Eure Gnaden wußten, daß ich es zurückſchicken würde. — Nun wohl, gibt es denn nichts Anderes, welches Sie von mir als Belohnung verlangen wollen? — Einmal glaube ich, habe ich bei Gnaden 276 gefleht; ich erhielt eine abſchlägige Antwort und jetzt kann ich nichts mehr von Ihnen verlangen. — Nicht einmal die Hand des Mädchens, welches Sie lieben, deſſen Mutter Sie geholfen? — Ihre Hand habe ich eimal begehrt, ich kann dieſelbe nicht mehr begehren. — Ah! mein Herr, Sie wollen mich demüthigen, — rief Ihre Gnaden ſtolz. — Turchaus nicht; ich gebe Ihnen im Gegen⸗ theil Gelegenheit, das wegzuſchenken, um was ich nicht mehr bitte. — Nehmen Sie an, daß ich ſagte: Sehen Sie hier, mein Herr, die Hand meiner Tochter, das Ein⸗ zige, womit ich meine Dankbarkeit gegen Sie aus drücken kann, ſollten Sie dann nicht die Belohnung einer Aufopferung würdig finden? — Meine Gnädige, die Hand Ihrer Tochter ge⸗ hört mir, der Wille ihres Vaters hat dieſelbe für mich beſtimmt, es iſt nicht dieſe, welche Sie mir geben ſollen. — Was denn, wenn ich fragen darf? — Nur Ihren Segen zu unſerer Verbindung — Nun wohl, da Sie mir das Recht beſtreiten das wegzugeben, welches bereits Ihnen gehört, hal ten Sie meinen Segen einer Aufopferung würdig! — Einen Segen ſchenkt man, derſelbe muß vo! Herzen gehen, von der Ueberzeugung ausgehen, dal die Perſonen, welche man ſegnet, ihn verdienen Derſelbe kann alſo weder durch Aufopferung, nol durch ſonſt etwas gekauft werden. Soll er irgen einen Werth, irgend eine Bedeutung haben, ſo mu er ohne Bedingung gegeben werden. F 277 — Mein Herr, Sie fordern ziemlich viel, da Sie wollen, daß ich Ihnen ganz und gar nach⸗ geben ſoll. — Ich fordere nichts, ich begehre nichts, ich habe keinen Wunſch vorgebracht. Eure Gnaden haben mich rufen laſſen und ich habe mich eingefunden. Ich verlaſſe Sie, wenn Sie es ſo wünſchen. — Und ich ſollte bis zu meinem Tode Ihre Schuldnerin bleiben!— rief Ihre Gnaden ſtolz. Sie kennen nicht Sophie von Krug, wenn Sie glau⸗ ben, daß Sie mit dem Bewußtſein lehen will, per⸗ ſönlich in Jemandes Schuld zu ſtehön, ohne zu ſuchen, es wieder zu vergelten. — Dieſes iſt eine Privatſache Eurer Gnaden und darüber habe ich kein Recht mich zu äußern. Wieder entſtand eine Pauſe, welche auch dießmal von Ihrer Gnaden unterbrochen wurde. — Das einzige Hinderniß,— begann ſie,— welches es gegen Ihre Verbindung mit meiner Tochter gibt, iſt— Ihr Vater. Ihnen ſchenke ich meine volle Hochachtung; aber es würde mich tief kränken, genöthigt zu wer⸗ den, mich als Verwandte eines Mannes zu be⸗ trachten, der eigentlich nichts geweſen iſt, als mein erſter Diener. Ich fordere als Bedingung meiner Einwilligung, daß Sie ihn überreden die Hauptſtadt zu verlaſſen und daß er nicht an der Hochzeit Theil nehme. Jetzt kam die Reihe an den Doctor mit Stolz ſein ſchönes Haupt zu erheben. Er betrachtete die Profeſſorin mit einem ſtrengen Blick. — Meine Gnädige, Ihre Worte haben mein 278 Blut zum Kochen gebracht; daß ich noch hier bleibe, rührt nur daher, daß ich Ihre Tochter höher als alles Andere liebe, und daß ich bei mir ſelber wie⸗ derholt habe, daß Sie ihre Mutter ſind. Sie ſind ſtolz auf Ihren Adel. Ich meinerſeits auf meinen Vater— den einfachen Arbeiter. Sie wollen nicht mit ihm verwandt werden; Sie ſind es bereits. Ihre Schweſtertochter hat ihn einen Verwandten genannt und gegenwärtig hält er ſich bei Ihrem Bruder auf. Die Gattin, welche er nicht ſegnet, kann ich nicht als die meinige heimführen, und ich würde nicht vor den Altar treten und Alber⸗ tine ewige Liebe ſchwören, wenn mein Vater mich nicht dahin begleitete. Wos ich bin— iſt ſein Werk, und ſollte ich in den Tagen des Glücks das vergeſſen, dann, meine Gnädige, verdiente ich, daß Sie Ihre Achtung zu⸗ rücknehmen und niemals Ihren Segen zu der Ver⸗ bindung der Tochter mit mir gäben. Würde ich mich meines Urſprungs ſchämen, dann wäre ich ein undankbarer, elender Menſch, ein wirklicher Emporkömmling. Für einen ſolchen Mann, hoffte ich nicht, daß ſie mich hielten; ich glaubte, Ihnen beſſere Gedanken von mir beigebracht zu haben. — Ihr Vater wird Sie alſo bis vor den Altar begleiten. Ah! mein Herr, Sie verlangen zu viel, weil Sie alles Mögliche eingeräumt haben wollen, ſelbſt aber nichts einräumen. — Meine Gnädige, das Glück, welches ich aus Ihrer Hand zu empfangen erwarte, muß mir ge⸗ geben werden; aber nie werde ich mit meiner Pflicht; 279 Handel treiben, um das zu erreichen. Ich habe Achtung vor Ihren Rechten als Mutter bewahrt, ich habe ſie hochgeſchätzt, ſo daß ich mir mein Glück nicht auf Koſten derſelben habe erzwingen wollen und jetzt, meine Gnädige, hoffe ich, daß Sie Ihrer⸗ ſeits dieſelbe Achtung vor den meinigen als Sohn zeigen werden. — Wenn ich aber der Meinung bin, daß ich nach einer ſolchen Erklärung Ihnen nicht die Hand meiner Tochter ſchenken kann? — Dann entferne ich mich und— warte. Der Doctor ſtand auf, als wenn er die That die Worte begleiten laſſen wollte. — Und laſſen mich ewig in Ihrer Schuld . bleiben? — Das wird Ihr Fehler und nicht der meinige werden, meine Gnädige. — Sie geben mir keine Wahl. Ihre Gnaden ſtand ebenfalls auf und reichte dem Doctor die Hand mit einem verbindlichen Lächeln. — Sie haben mich beſiegt, und ich bin zu ſtolz, um nicht anzuerkennen, daß Sie es mit edlen Waffen gethan. Ich ſchenke Ihnen die Hand meiner Tochter und meinen Segen als einen geringen Be⸗ weis der Achtung, die Sie mir einflößen. Der Doctor ergriff die Hand der Profeſſorin und führte ſie mit den Worten an ſeine Lippen: — Ich war deſſen verſichert, daß eine ſo ſtolze Seele auch großmüthig ſein würde. — Nur an einer Bedingung halte ich feſt,— ſagte Ihre Gnaden,— daß meine Tochter vor 280 Weihnachtsabend, wo die Verlobung ſtattfinden ſoll, nichts von dieſer Unterredung oder deren Reſultat erfährt. Ich bin ihr eine Belohnung für die Zeit ſchuldig, wo ſie mich ſo trev pflegte, wenn auch ihre Sorgfalt aus kaltem Pflichtgefühl entſprang. — Ich werde Ihnen gehorchen Am Tage vor Weihnachtsabend trat Graf Storm⸗ hielm zu ſeiner Gräfin herein. — Hier iſt eine Einladung an uns von meiner Tante, der Gräfin H.— Weihnachtsabend bei ihr zuzubringen,— ſagte der Graf und hielt ihr einen Brief hin. Ich hoffe, daß Du die Einladung an⸗ nimmſt. — Unmöglich, ich habe bereits dieſen Abend meiner Tante, der Profeſſorin, für mich und ſogar für Dich zugeſagt— antwortete Minna. — So—o, aber ich beklage, daß wir dießmal Deinen Wunſch nicht erfüllen können, weil ich nicht beabſichtigte bei der Gräfin H. zu fehlen,— ant⸗ wortete der Graf ſtolz. — Sei ſo gut, lieber Erik, und ſpreche nur für eigene Rechnung. Du kannſt gern hingehen, wohin es Dir gefällt, mir iſt an Deiner Geſellſchaft durchaus nichts gelegen. Was mich anbetrifft, ſo fahre ich zu Albertine. — Du mußt doch immer gegen Alles ſein, was ich will, aber ich muß es Dir gerade herausſagen, a ich dieſe ewigen Rückſichten gegen Albertine ſatt abe. 281 Auf dieſe verſchwendeſt Du alle Deine Zeit und Deine Liebkoſungen, und man ſollte glauben können, daß Du keinen Tag leben könnteſt, ohne ſie zu ſehen. Es ſieht bei meiner Ehre aus, als wenn Du mit Albertine verheirathet wäreſt und ich blos exiſtirte, um mich in Deine Launen zu fügen. — Ja ſo, das ſoll wieder eine Scene geben! Weißt Du, Erik, was ich meine? Daß dieſes hier anfängt, einförmig zu werden. Erſinne doch in Gottes Namen etwas Anderes und komme nicht wieder mit einem und demſelben; denn die Folge wird, daß ich das, was ich tauſendmal geſagt, wiederholen muß, nämlich: daß ich mich einzig und allein ver⸗ heirathet habe, um in Albertinens Nähe zu kommen. Was meine Laune anbetrifft, wer bittet Dich denn, ſie zu erfüllen? Ich wenigſtens nicht. — Nicht? Gibt es denn ein einziges Beiſpiel, daß Du das thuſt, um was ich Dich bitte. — Nein, ich handle nach meinem Willen und wünſche, daß Du eben ſo verfahren möchteſt. — Nun wohl, ich will, daß wir zur Gräfin H. fahren. — Ach! mein Freund, Du begehſt immer den grammatiſchen Fehler, im Pluralis zu ſprechen, wo Du Dich auf die erſte Perſon im Singularis be⸗ ſchränken müßteſt,— ſo z. B. mußt Du ſagen: Ich will zur Gräfin H. fahren, und ich werde dann antworten: Thue, wie es Dir beliebt, mein Freund, ich dagegen fahre zu Albertine. — Und das hältſt Du für einen Beweis, daß ich nach meinem Willen handelte, wenn ich genöthigt 282 würde, dieſen Willen auf das zu beſchränken, was nur mich allein betrifft. — Ach! es iſt zu einfältig, wie Du ſprichſt. Glaubſt Du denn, daß irgend Jemand das Recht hat, einem andern Menſchen ſeinen Willen aufzu⸗ zwingen? Keineswegs, durchaus nicht. Der Fehler bei Dir iſt, daß Du Andere regieren willſt und, dieſes hat zur Folge, daß Andere Dich regieren. Sei ſo gut und läute, ich will ausfahren. — Weißt Du, Minna, daß es mir bisweilen vorkommt, es gleiche meine Ehe einer Hölle. — Wenn dem ſo iſt, ſo kommt es daher, daß Du nicht füy das Himmelreich paſſeſt. Haſt Du ge⸗ läutet? — Dämon— murmelte der Graf. Minna trat auf ihn zu, legte ihren Arm auf den ſeinigen und blickte ihn an mit einem reizenden Lächeln. — Sehe ich aus, wie ein Dämon? Der Graf faßte ſie um den Leib und ſagte flehend; — Minna, thue ein einziges Mal meinen Wil⸗ len und begleite mich zur Gräfin H — Erik, begleite mich zu Albertine. Minna's dunkle Augen ſahen ſo gefährlich aus, daß ſie wie dazu geſchaffen ſchienen, ein mäunliches Herz zu beſiegen; auch drückte der Graf ſie heftig an das ſeinige und flüſterte: — Ich begleite Dich. Aber kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als Minna ſich losriß, ihm eine Kußhand zuwarf, 283 und im Kabinet verſchwand, bevor der bethörte Ehemann Zeit bekommen hatte, auch nur einen Kuß auf ihre Lippen zu drücken. Weihnachtsabend kam heran. Gleich Nachmit⸗ tags ſagte Ihre Gnaden zu Albertine: — Wie Du weißt, habe ich einige Verwandte auf heute Abend eingeladen.— Sie kommen zum Kaffee und ich wünſche Dich hübſch angezogen zu ſehen. Albertine näherte ſich der Thüre, um zu gehen, aber ſie blieb ſtehen und wandte ſich an die Mutter mit den Worten: — Kommt Albert hieher? Die Profeſſorin kniff die Lippen zuſammmen und ſah die Tochter ſcharf an. — Vielleicht erwarteſt Du, daß ich den trotzigen Sohn einladen ſoll, Weihnachten bei mir zu feiern. Nein!— mag er erſt kommen und ſeine Fehltritte abbitten. — Aber, Mama! — Ich will nichts hören, gehe und ziehe Dich an. — Erlaube mir blos ein Wort zu ſagen. Albertine trat mit einer edlen Haltung und einem Ausdruck tiefen Gefühls in ihrem Blick vor die Mutter hin: — Ich habe mir ſelbſt oder richtiger einer Per⸗ ſon, die ich höher ſtelle, als mich ſelhſt, das Ver⸗ ſprechen gemacht, mir nie eine Unwahrheit oder eine ränkevolle Handlung zu Schulden kommen zu laſſen; 284 darum wünſchte ich, Mutter zu ſagen, daß ich einen Teppich geſtickt habe, welchen ich meinem Bräutigam zu Weihnachten zu ſchenken beabſichtigte. — Deinem Bräutigam?— Ich wußte nicht, daß meine Tochter verlobt ſei. Ich habe Deine Hand an Niemand vergeben. — Aber ich habe es gethan, und mein Vater hat meine Wahl beſtätigt. Ich betrachte mich deß⸗ halb als Richard Bergſtröm's Braut. Mama, ich habe geſchwiegen, ſeit mein Vater ſtarb, ich habe mich paſſiv verhalten,— äußerlich, weil ich erwartete, daß meine Mutter ſich erinnern würde, was ſie dem Verſtorbenen, ihrer Tochter und ihrem Arzte ſchuldig iſt;— aber jetzt, wo Wochen und Monate verfloſſen ſind, ohne daß ein Wort oder eine Handlung andeutete, daß Mama den Willen meines Vaters zu erfüllen gedenke, jetzt meine ich, ſei es Zeit zu reden. — Vermuthlich um Deiner Mutter Geſetze vor⸗ zuſchreiben; aber Du täuſcheſt Dich— ſie gibt ſich ſelbſt ſolche. — Nicht dieſen Ton, Mutter! Albertine trat einen Schritt näher. — Betrachte mich und ſage: Was aus Ihrer blühenden Tochter geworden? Ein bleicher Schatten, welcher mit müden und troſtloſen Blicken, ohne Hoff⸗ nung auf Glück, ohne Glaube an die Zukunft ihr Leben dahinſchleppt. Was ſoll ich wohl hoffen, die ich zwiſchen mir und dem, den ich liebe, den Hochmuth meiner Mut⸗ ter ſehe! Welche Zukunft habe ich wohl, die ich 285 auf der Erde dem Mann nicht angehören darf, den ich bewundere. Was bleibt mir übrig, als— zu ſterben. Ach meine Mutter, fuhr Albertine bewegt fort, — einmal muß ich Alles ausſprechen, was ſich in mir bewegt, alle die Gedanken und Gefühle, die meine Seele birgt, damit Sie klar begreifen mögen, was ich durch den Mann, den ich liebe, bin, was ich durch ihn hätte ſein können, wenn er einen min⸗ der edlen Charakter gehabt und wohin Ihre Er⸗ ziehung mich hätte führen können. Daß ich jetzt hier ſtehe als eine demüthige, un⸗ glückliche, aber Ihrem Willen mich unterwerfende Toch⸗ ter, das iſt ſein Werk, der mir einſt ſagte: „Nur diejenige wird eine gute und edle Gattin, die eine fromme und zärt⸗ liche Tochter geweſen.“ Ich wollte eine ſeiner würdige Gattin werden, und wurde eine unterwürfige Tochter; aber mein geplagtes, zertretenes Herz konnte Sie nicht lieben, wie es ſollte. Ich liebte ihn mit all der Liebe, die meine Seele faſſen konnte. Für ihn hätte ich Alles opfern können, und wenn er es gefordert, ja es blos gewünſcht, ſo hätte Ihre Tochter das elterliche Haus verlaſſen, an welches kein Band der Anhänglichkeit ſie feſſelte, und wäre ihm gefolgt. Als ich das that, als ich verzweifelnd zu ihm flüchtete, da führte er mich in dieſes Haus zurück, welches ich verlaſſen, und gab mir die Lehre: Daß ein Weib, welches ihre eigene Ehre mißachtet, auch den Mann, den ſie liebt, geringſchätzt. Er gab mir einen Beſchützer in meinem Vater. 286 Oh, meine Mutter, daß ich heute, ohne mich zu ſchä⸗ men, zu Ihnen hinaufblicken kann, dieſes iſt ſein Werk, aber nicht das Ihrige; denn Sie gewährten mir keine Stütze im Augenblick der Verſuchung. Es gab keine Liebe, kein Vertrauen zwiſchen Ihrer Toch⸗ ter und Ihnen. Kalt und kühl war die Luft um mich herum, und oft ſah ich es mit Reid, wenn eine Mutter ihre Kinder liebkoste, indem dieſe Kundgebung der Zärt⸗ lichkeit bei andern Müttern mich gegen meine eigene erbitterte. Ihre Strenge hat alle edleren Inſtinkte in meiner Bruſt ſchlummern laſſen, und ich glich einem Schiff ohne Steuerruder, welches wie ein Wrack vor dem Winde trieb. Wäre ich von den Wogen der Leidenſchaft ver⸗ ſchlungen worden, ſo wäre es eine Folge von der Kälte und der Herrſchſucht geweſen, womit ich von meiner Kindheit an behandelt wurde. Keine Früchte wachſen im Winter; keine zärt⸗ lichere und höhere Gefühle entwickeln ſich außer in der Sommerſonne der Liebe. Richard war die Le⸗ benskraft, welche meine beſſeren Anlagen dahin brachte, daß ſie knoſpeten, daß ſie Früchte trugen und doch. doch.. Mutter, legſt Du Deine kalte, harte Hand zwiſchen unſere Herzen. Albertine fügte mit Thränen hinzu: — Oh! ſei ein einzigesmal Mutter, laß ein ein⸗ zigesmal Dein Herz ſich regen und laſſe nicht Deine einzige Tochter vergebens zu Deinen Füßen um ihr Glück betteln und unerhört von dannen gehen. Hat ſie es nicht verdient, einmal zu koſten, was Glück 287 iſt, ſie, welche eine kalte und öde Kindheit, eine bit⸗ tere und traurige Jugend dahinſchleppte? Es iſt mein Leben, welches ich von Mama be⸗ gehre; denn dieſe Hoffnungsloſigkeit wird mich tödten. Albertine war auf ihre Kniee geſunken. Sie ſchwieg. Still und unbeweglich, aber bleich ſtand die Pro⸗ feſſorin vor ihr. Nach einer langen Pauſe antwor⸗ tete ſie: — Stehe auf und glaube einmal für allemal, daß Deine Mutter weiß, was ihre Pflicht iſt und daß ſie übereinſtimmend damit handelt. Es war Manches in Deiner Rede, was meinen Aerger er⸗ regen mußte, aber ich fühle, daß ich recht gehandelt, und in dieſem Bewußtſein lege ich kein Gewicht auf Deine Worte. Stehe auf— und gehe, Dich anzu⸗ ziehen, ich will jetzt, daß Du mir gehorchſt. Die Profeſſorin zog ihre Hand zurück und ver⸗ ließ das Zimmer. Albertine lag auf ihren Knieen; einige bittere Thränen rannen über ihre Wangen, und ſie mur⸗ melte: — Herz von Stein... ohne Mitleid, ohne Liebe, was ſoll ich hoffen können. Sie ſtand auf und warf den Kopf mit einer ent⸗ ſchloſſenen Bewegung zurück. — Nun wohl! Du willſt nicht... Du ſtoßeſt mich von Dir; ich will noch einmal fliehen und ihm ſagen, was ich Dir geſagt. Damit ging ſie auf ihr Zimmer. Bevor Albertine angezogen war, ſchickte die Pro⸗ 288 feſſorin Martha mit dem Befehl hinauf, daß ſie ſich beeilen möchte, da die Profeſſorin ihr etwas zu ſa⸗ gen habe. Martha half ihr, damit es raſcher ginge. Als Albertine in das Vorgemach eintrat, fand ſie ihre Mutter im Sopha; und vor ihr, mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt, ſtand ein hoher, ſchlanker Mann. Albertinen's Herz bebte, ſie blieb an der Schwelle ſtehen, denn ſie hielt ſich für ein Opfer eines trü⸗ geriſchen Irrthums. War es nicht Richard's Geſtalt, oder gab es wirklich zwei Menſchen von ſo gleichem Wuchs? — Trete näher, Albertine, ſagte die Mutter als ſie ſie erblickte; in demſelben Augenblick drehte er ſich um und im Augenblicke fühlte Albertine ſich feſt an Richard's klopfendes Herz gedrückt. Mit einer vor Bewegung und Glück zitternden Stimme, flüſterte ſie: — Jetzt biſt Du mein— mein vor Gott und der ganzen Welt. — Und Deine Mutter hat, hoffe ich, ihre Pflich⸗ ten erfüllt, ohne nöthig zu haben, von Dir ermahnt zu werden, was durch dieſen hier bewieſen wird,— ſagte die Profeſſorin und reichte der Tochter einen glatten Goldring, in welchem der Name Albertinen's und das Datum des Tages ſtanden. — Gebe Richard denſelben, ſowie meine Ein⸗ willigung zu Eurer Verbindung. — Sh, Mutter, ſo viele Güte!— rief Al⸗ bertine.. — Ich habe nur meine Pflicht gethan, und jetzt mein Schwiegerſohn, ſtecken Sie den Verlobungs⸗ ring an die Hand Ihrer Braut. Ich höre die Stimme der Gräfin. Die Profeſſorin legte Albertinen's Hand in die des Doktors und fügte mit einem ſehr feierlichen Ausdruck in der Stimme hinzu: — Gott ſegne Euch! Im nächſten Augenblick traten der Graf und die Gräfin Stormhjelm ein, und die Profeſſorin grüßte ſie mit all ihrer gewöhnlichen Steifheit, worauf ſie den Doktor mit den Worten vorſtellte: — Der Bräutigam meiner Tochter. Minna ſchloß unter Thränen und Lachen Alber⸗ tine in ihre Arme; der Graf verbeugte ſich leicht erröthend vor den Verlobten und Minna flüſterte zu dem Doctor: — Herr Hexenmeiſter, leben Sie ſo glücklich, wie Sie es verdienen und ich wünſche. Später am Abend, als die übrige Geſellſchaft, die nur aus Verwandten beſtand, verſammelt war, erſchien Martha in der Thüre und machte Albertine ein Zeichen. Als Albertine in den Saal hinauskam, ſtand Albert dort, bleich, ſtolz und kalt. — Albert! rief Albertine. Du kommſt. Ach! wie recht haſt Du daran gethan. — Recht, nein; aber Richard hat mich gezwungen zu kommen und hier bin ich jetzt. Vielleicht willſt Du und er, daß ich vor allen dieſen Fremden meine Mutter um Verzeihung bitten ſoll, weil ſie ein Weib beſchimpft hat, das ich liebe. Schwartz, Zwei Familenmütter. II. 19 290 — Hier bedarf es keiner Verzeihung, ſie wie Du, iſt zu ſtolz, um Andere in die Streitigkeiten einzuweihen, welche Euch trennen; aber Dein Aus⸗ bleiben wäre für mich verletzend, für ſie beleidigend geweſen. — Nun, darum bin ich hier als Dein Vormund. Was Recht iſt, bin ich bereit zu thun, aber nichts darüber hinaus. Unrecht wäre es, wenn der Bru⸗ der bei der Verlobung der Schweſter fehlte, ſelbſt wenn ein Bruch zwiſchen Mutter und Sohn ſtatt⸗ findet. Ohne auf das zu hören, was Albertine weiter ſagte, trat Albert in das reich erleuchtete Gemach. Bei ſeinem Anblick wechſelte die Profeſſorin die Farbe, erwiederte aber ſeinen Gruß auf ihre eigene, abgemeſſene Weiſe. Albert fragte, wie ſie ſich be⸗ fände und die Profeſſorin beantwortete die Frage; hierauf wurde kein Wort zwiſchen Mutter und Sohn gewechſelt. Die Geſundheit der Verlobten wurde von Albert vorgeſchlagen. Als dieſelbe getrunken war, näherte der Graf ſich Albertine mit den Worten: — Wenn das Glück uns Sterblichen zulächelt, ſo pflegen wir geneigt zu werden, etwas davon mit unſern Mitmenſchen zu theilen. Sollten Sie nicht, meine Couſine, mir ein mitleidiges Gefühl ſchenken wollen? — In welcher Beziehung denn? Sie ſind jung, reich und mit einem liebenswürdigen Weibe, welche Sie lieben, verheirathet; was kann Ihnen fehlen? — Glück! — Es ſind nicht Alle, die daſſelbe vertragen 291 können, antwortete eine muntere Stimme'as Auf ihnen,— und Du, mein Freund, gehörſt zu jenigen, auf welche die folgenden Strophen paſſei Beglückte Liebe, die im Sonnenſchein Des Glückes allzu frühe reifet, Pflegt oft von ſelber zu erlöſchen; Doch die unglückliche bleibt ewig treu. — Und aus dem Grunde veruttheilt ſie mich zu Tantalus⸗Qualen. Werden Sie meine Für⸗ ſprecherin bei derjenigen, die mich lieben ſollte, aber nur Sie liebt. Es wäre eine Ihrer würdige Rache, das Glück desjenigen zu fördern, welcher einſt das Ihrige hat zerſtören wollen. — Steht das in meiner Macht,— antwortete Albertine mit einem heiteren Lächeln,— ſo wollte ich gerne auf dieſe Art gerächt ſein. — Und dadurch würde ich unglücklich werden! — rief Minna lachend. Nein, darauf gehe ich nicht ein. Sie lächelte coquett und entfernte ſich. Wir gehen jetzt etwas zurück in der Zeit, da wir uns nach Rönby verſetzen müſſen. Es iſt die Weihnachtswoche. Man hat dort viel aufzuräumen und viel zu thun gehabt. Der Major war dieſes Jahr ſelbſt fortgereiſt, um ſeine Söhne zu holen und man erwartete ſie jetzt heim. Jenny und die Majorin waren mit ihrer grdßen Backerei fertig und hatten ſich ein wenig geputzt, um den Abend mit den Heimkehrenden uſuitih 292 em Saale brannte ein helles und flammendes Du, und auf dem gedeckten Theetiſch waren zwei eiter angezündet. Auf einem Schemel neben dem Ofen ſaß Jenny, den Kopf auf die Hand geſtützt und blickte gedanken⸗ voll in das Feuer. Die Maſorin hatte ſich ins Sopha geſetzt und ſtrickte ſchweigend an einem Strumpf. — Meinſt Du nicht, Malinchen,— fing Jenny an, daß Fritz auf Stjernebro ſich ziemlich geändert hat? — Nein, das finde ich nicht. Ach! Jenny, ich habe ihn ſo herzlich gern, ſeit unſerer Stockholmer Reiſe. Wie unermüdlich war er damals nicht und ſo gut und herzlich. — Ja, und wie fremd iſt er jetzt nicht! Früher war er faſt täglich hier, und jetzt„. — Iſt er ſo beſchäftigt mit Delby, welches er gekauft hat und Stjernebro einzuverleiben gedenkt. — Vielleicht auch mit der jungen Wittwe, der Freiherrin A., welche Delby verkauft hat und den Frühling dort bleibt. — Sie iſt in jeder Beziehung ein liebenswür⸗ diges Frauenzimmer; das wäre eine paſſende Partie für unſern Baron. — Partie, Mama! Jenny blickte auf zu der Mutter. — Wird Silfverkrona ſich verheirathen? — Nun, meine liebe Jenny,— ſagte die Majo⸗ rin lachend,— dazu hat er wohl das Recht. — Kaum,— antwortete Jenny lächelnd, ſtand von ihrem Platze auf und ging hin und ſetzte ſich 293 bei der Mutter.— Ich glaube, daß ich das Auf⸗ bieten unterſagen werde. — Aus welchem Grunde? — Weil er voriges Jahr um dieſe Zeit mich freite,— ſagte Jenny lachend. — Ein ſolcher Proteſt iſt ungültig, weil Du ihm ein Nein gegeben. — Ja, Du lieber Gott, das iſt wahr,— ſeufzte Jenny, mit einem halb ſcherzenden, halb ernſthaften Ausdruck. — Ich glaube, Du ſagteſt:„Du lieber Gott!⸗ — Jawohl, denn dieſes Jahr habe ich durchaus nichte dagegen, Freiherrin zu werden. — Jenny! Die Majorin betrachtete die Tochter. — Ah, ſehe ich denn ſo verſtört aus,— ſagte Jenny und ſchlang ihre Arme um den Leib der Mutter.— Du mußt wiſſen, Malinchen, daß es außerordentlich gefährlich iſt, ſich einen jungen Mann zum Freunde zu wählen, den man von der Jugend an gekannt und der nebenbei der nächſte Nachbar iſt, denn es paſſirt ſo leicht, daß die gemüthliche Freundſchaft ſich flüchtet und. — Die Liebe den ledigen Platz einnimmt. — Ganz richtig. So paſſirte es z. B., daß ich eines ſchönen Tages nach unſerer Rückkehr von Stockholm, mich ſelbſt darauf ertappte— neidiſch auf alle diejenigen zu ſein, mit welchen Fritz ſprach, und als ich dann meine Gefühle genau unterſuchte, kam ich zur folgenden Entdeckung: — Daß Du, ſchon ſeit der Baron Dir ſeine Liebe zu Alfhilda mittheilte und Dich in ſein 294 Herz blicken ließ, wobei Du entdeckteſt, daß dieſes Herz, welches Du für ſo lau, ſo gleichgültig und ſo unfähig tieferer Gefühle gehalten, mit einer ſolchen Stärke glühen und lieben könne, daß Du Deine Ge⸗ fühle für ihn verändert haſt. Er bekam ein ganz anderes Intereſſe in Deinen Au⸗ gen und es war nicht mehr der gemüthliche Freund, ſondern der warmfühlende und heftig liebende junge Mann, dem Du zugethan warſt. — Ja, Malin, geliebte Malin, Du haſt Recht, Deine Jenny iſt wirklich verliebt und darum. — Grübelſt Du darüber, daß Fritz ſo oft nach Delby reiſt. — Ja. Es iſt auffallend, wie es in der Welt zugeht. Schon von der Stunde an, wo er mich die Urſache ſeiner Veränderung erfahren ließ, war er wieder der frühere Fritz und mein Herz ſchlug eben ſo laut bei ſeiner Ankunft jetzt, wie damals als ich vierzehn Jahre war. Im vorigen Jahre bot er mir an, die Freuden und Leiden des Lebens mit ihm zu theilen; wir ſprachen vorerſt ruhig und heiter darüber, ohne daß mein Herz raſcher ſchlug. Und in dieſem Jahr... Hier wurde Jenny unterbrochen, denn die Saal⸗ thüre öffnete ſich und der alte Bergſtröm trat ein. — Run, das war hübſch von Onkel!— rief Jenny und ſprang ihm entgegen, daß Sie ſo früh zu uns kommen und nicht den ganzen Abend da unten ſitzen bleiben. Kommen Sie jetzt und ſetzen Sie ſich an's Feuer, ſo werde ich mit Onkel Brett ſpielen, bis Vater kommt. 295 Jenny ſtreichelte und liebkoſte den Alten, als wenn ſie ſeine Tochter geweſen. — Jenny verzärtelt den Alten, Couſine,— ſagte Bergſtröm,— und darum wird es ſo öde da unten in der Kammer, denn ich ſehne mich herauf. So würde Alfhilda, wenn ſie gelebt hätte, mich gelieb⸗ koſt haben. — Ganz gewiß, nur mit dem Unterſchied, daß Alfhilda ſchön war und Jenny häßlich iſt. — Wie Du da ſprichſt, Kind. Biſt Du häßlich? — So etwas der Art, aber ich bin doch froh und wenn das Glück mir keinen Mann ſchenkt, ſo beabſichtige ich Schule zu halten und mich nicht todt zu trauern. Während Jenny plauderte, hatte ſie den Spiel⸗ tiſch hergeſetzt. Die Majorin ging ein wenig in die Küche. — Gewiß wirſt Du heirathen, liebes Kind,— ſagte Bergſtröm;— ich habe alte, unverheirathete Frauenzimmer nie recht leiden können. Sie ſehen die ganze Welt mit ſcheelen Augen an: die Verhei⸗ ratheten darum, weil ſie verheirathet ſind, die Un⸗ verheiratheten, weil ſie ſie an ihren eigenen unehelichen Stand erinnern, die Männer darum, weil dieſe ſie nicht haben wollen, und die jungen Mädchen darum, weil dieſe noch die Hoffnung haben, verheirathet zu werden. Nein, mein Mädchen, Du mußt Dich nothwendig verheirathen. — Aber wenn mich Niemand haben will? — Oh, das befürchtet wohl Fräulein Jenny nie, ——— 296 ſagte eine Stimme hinter Jenny, welche ſich um⸗ drehte und erröthend ausrief: — Ah, ſieh der Baron! Der alte Bergſtröm drehte ſich ebenfalls um, und als der Baron eine tiefe Verbeugung vor ihm machte, ſo reichte er dem jungen Edelmann die Hand mit den Worten: — Man klagt allgemein, Herr Baron, daß Sie gegenwärtig ſo ſelten Rönby beſuchen. Sollte ich Sie von hier verſcheuchen? — Ich wollte wünſchen,— antwortete der Ba⸗ ron mit einem Ausdruck voll Adel,— daß mein Anblick keine bitteren Erinnerungen hervorriefe, aber da ich all den Schmerz kenne, welchen ich erregen muß, ſo iſt es meine Pflicht, ſo wenig als möglich die alten Wunden aufzureißen. — Ueber den Wunden wachſen Narben— und die Narben zeigen nur, wo die Wunden geweſen ſind, aber ſie verurſachen keinen Schmerz; erinnern Sie ſich dieſes, Herr Baron, und laſſen Sie uns beide die Zeit vergeſſen, wo Sie Wunden verſetzten und ich dieſelben empfing. Kommen Sie wieder wie früher nach Rönby, ſonſt würde der alte Bergſtröm dazu verurtheilt werden, dieſe Heimath zu verlaſſen, wo er ſo gut gedeiht und wo er den erlittenen Verluſt vergeſſen hat. Hierauf drückte er treuherzig die Hand des Ba⸗ rons. Der Schatten von Schmerz, welchen der An⸗ blick des Alten auf der Stirne des Barons hervor⸗ gerufen, klärte ſich auf und er erwiederte den Händedruck mit einem eben ſo treuherzigen. 297 Alles weitere Geſpräch wurde durch die Ankunft des Majors und ſeiner beiden Söhne unterbrochen. Jetzt gab es am Theetiſche ein munteres Ge⸗ plauder und die Majorin ſaß dort ſo glücklich zwi⸗ ſchen ihren beiden Söhnen. Der Major und Bergſtröm hatten ſich Toddy ge⸗ ben laſſen. Nachdem Erſterer alle Fragen beant⸗ wortet und Befehl zum Hereintragen aller Sachen gegeben, ließ er ſich beim Brettſpiel mit Bergſtröm nieder. Die Majorin, Arvid und Ernſt waren hinaus⸗ gegangen, um die Sachen genau in Augenſchein zu nehmen, welche vor Weihnachtsabend Jenny nicht zu Geſicht kommen ſollten. Der Baron und das junge Mädchen ſaßen allein in einem der kleinen Sophas. — Kommt der Baron von Delby?— fragte Jenny mit etwas mehr Steifigkeit in ihren Manieren, als es gewöhnlich der Fall war. Der Baron hatte ſeinen Kopf auf die Hand geſtützt und richtete ſeine Augen mit einem for⸗ ſchenden Blick auf Jenny, dem der frühere, freund⸗ liche Ausdruck der Befriedigung, womit er ſie zu betrachten pflegte, abging. — Warum fragt Jenny darnach? — Weil Sie gegenwärtig öfters dahin reiſen, als nach Rönby. — Sollte wohl Jenny glauben können, daß ich Delby Rönby vorziehe? — Warum nicht. Die Freiherrin A. iſt eine liebenswürdige Dame. 298 — Ja, man behauptet es, aber Sie werden doch nicht glauben, daß ich an ihr Gefallen finde? — Warum ſoll ich das nicht glauben? Jenny beugte ſich tiefer über die Arbeit. — Jenny!— Der Baron neigte ſich vor. In der Stimme lag etwas von warmen und ſtarken Ge⸗ fühlen.— Iſt es möglich, daß Sie einen Augenblick mich für ſo unbeſtändig halten konnten, daß ich ſo ſchnell vergeſſen und wieder ſollte lieben können? Sehen Sie mich an und ſagen Sie, ob das wirklich möglich iſt? Jenny blickte nicht auf, ihre Hände zitterten und ſie ſagte mit etwas unſicherer Stimme: — Gewiß iſt es, daß Baron Fritz aufgehört hat, Rönby zu beſuchen. 8 — Und die Gründe, die hätte Jenny nicht errathen, ſondern mußte die Erklärung meines Be⸗ nehmens in einer Freierei ſuchen? Es lag Etwas im Tone, das in Jenny's Ohren wunderlich klang. — Vor einer Stunde ſah ich einen der Gründe ein. — Alfhilda's Vater?— flüſterte der Baron. Aber, Jenny, es gibt noch einen, vielleicht noch mächtigeren. — Und dieſer iſt? — Brauche ich es zu ſagen? Oh, Jenny, wie ungleich iſt es nicht jetzt gegen früher! Nur ich bin d derſelbe. — Sind Sie wirklich derſelbe?— ſagte Jenm faſt flüſternd. — Nein, nicht einmal ich bin, was ich vor einem Jahre war. Wie manche bittere Stunde, wie 299 manche Qualen hätten Sie mir nicht erſpart, wenn Sie mir damals Alles geſagt, was Ihr Herz fühlte. — Das that ich. Jenny's Wongen glühten purpurroth. — Nein, Jenny, nein!— ſagte der Baron, indem er ſich weiter vorbeugte und mit einer vibri⸗ renden Stimme flüſterte: — Warum mir nicht ſagen, daß Ihr Herz an Doctor Bergſtröm hing? Oh, Sie hätten mir dann mit einem Male alle Hoffnung geraubt! Jenny blickte haſtig auf. Das Freimüthige und Offene in ihrem Weſen kehrte wieder, und ſie richtete ihre Augen auf den Baron, als wenn ſie in ſeine Seele hätte ſchauen wollen. — Wenn mein Herz für Jemand eingenommen geweſen wäre, ſo hätte ich es auch geſagt. Dieſes mußte Baron Fritz, welcher mich von der Kindheit an gekannt, wiſſen. Wohl iſt es wahr, daß ich mich eine Zeit lang für den Doctor intereſſirte; aber es war ein flüchtiger Eindruck, welcher ebenſo raſch verſchwand wie er kam. — Dank, Jenny! Ehe Jenny ſich verſah, hatte der Baron ſeine Lippen auf ihre Hand gedrückt. — Was hat Ihnen Anlaß gegeben, zu glauben, daß ich in den Doctor verliebt ſeid— fragte Jenny. — Stormhjelm behauptete es. Und nachher kam es mir vor, als wenn etwas mehr als Dankbarkeit in Ihrem Benehmen gegen ihn während der Krank⸗ heit der Majorin lag. 300 Konnte ich zu dankbar gegen Denjenigen ſein, welcher meiner Mutter Leben und Geſundheit ge⸗ rettet? — Um Vergebung! Ich war ein Thor,— flüſterte der Baron. Es trat eine kurze Stille ein, — Nun,— fuhr der Baron in einem verän⸗ derten Tone fort, was hat Jenny von meiner vermeintlichen Liebe zur Freiherrin A... gedacht? — Daß es ſchade ſei, daß die Idylle unſeres Alters durch Ihre Heirath in Rauch aufgehen ſollte, antwortete Jenny heiter. Ich ſah mich bereits ganz allein als Vorſteherin der Schule ſitzen, ohne den Troſt zu haben, einen alten Freund zu beſitzen, der mich begrüßte und mich zum Fahren einlud. — Sie verloren den Geſchmack für den unehe⸗ lichen Stand, nicht wahr?— ſagte der Baron und bog ſich wieder vor. — Durchaus nicht; ich meinte nur.... Jenny lächelte ſchelmiſch. — Was? — Daß Sie eine ordentliche Wuth hätten, ſich2 raſch zu verheirathen, während wir es ſo gemüthlich hätten haben können. Sie, wie ich, hätten gern unl verheirathet bleiben können. 1 — Sie bilden ſich alſo im vollen Ernſte ein, daß ich ein eheliches Verhältniß mit der Freiherrin eingehen würde?. — Ich befürchtete das. b — Nein, Jenny,— ſagte der Baron, indem e ihre Hand ergriff und ihr tief in die Augen ſah. ⸗ 301 — Du wußteſt ja, daß Fritz niemals eine Andere als Dich ſollte lieben können. Blicke nicht weg,— fuhr er mit der eigenen Anmuth in der Stimme fort, die aus einem tiefen Gefühl entſpringt. Jenny, Du haſt in meinen Blicken, in meinem ganzen Weſen geleſen, daß ich Dich liebe, und daß ich nur in Deiner Liebe mein Glück finden werde. Sieh mich an, ſage Fritz, daß ein ſchwaches 3 Echo von ſeinen Gefühlen ſich in Deinem Herzen wiederfindet. Jetzt öffnete ſich die Thüre, die Majorin trat ein und Jenny's einzige Antwort war:* — Das Echo iſt nicht ſchwach. Im nächſten Augenblick war Jenny roth und glühend wie eine Purpurroſe in der Küche und ſehr, ſehr zerſtreut, denn die Köchin ſchrie er⸗ ſchrocken: Du lieber Gott, das geht nicht an, daß Fräulein Zimmet auf die Fiſche ſtreut. Jenny lachte und ſah verlegen aus. Nach dem Abendeſſen ſagte der Baron zum Major: — Die Herrſchaft wird mich heute Abend nicht los. Ich habe wirklich einen Widerwillen dagegen, nach Stjernebro zurückzukehren. Dabei blickte er Jenny an, welche zu Arvids Vergnügen erröthete, denn er hatte die Farbe, welche die Wangen der Schweſter angenommen, bemerkt. — Und ich,— antwortete der Major lachend,— 302 meine gerade, daß es dem Baron wohlthut, wenn Sie hie und da ſich nach Rönby verirren. Als Jenny den Morgen darauf in den Saal kam, fand ſie dort den Baron. — Ich habe hier eine halbe Stunde geſtanden und gewartet,— ſagte er lächelnd und ging ihr entgegen. — Auf wen? Jenny reichte ihm die Hand. — Auf meine künftige Gattin. — Von Delby? Jenny vermied es, ihn anzublicken. — Nein, ſie heißt Jenny. Der Baron ergriff ihre beiden Hände und fügte mit Nachdruck hinzu: — Wenn unſere Gefühle ſich in Liebe ver⸗ wandelten, dann ſollten wir dieſes Thema wieder aufnehmen; ſo ſagte Jenny letztes Jahr, als ich Dir meine Liebe und meine Hand anbot. Jetzt biete ich Dir mein ganzes Herz, jetzt liebe ich Dich von meiner ganzen Seele, und darum frage ich: Will Jenny die Meinige werden? — Ja, mit Herz und Seele,— flüſterte Jenny⸗ Plötzlich fühlte ſie ſich an ſein Herz gedrückt, und mit einem leiſen Kuß berührte er die friſchen Lippen des jungen Mädchens. In dem Augenblick darauf kam Arvid in den Saal hereingeſprungen, und Jenny flüchtete ſich zu der Mutter. 303 — Mama!— rief Jenny, als ſie ſich um ihren Hals warf,— jetzt iſt es vorbei mit Deiner Jenny. — Wie denn?— fragte die Majorin lächelnd; Du ſiehſt nicht aus, als wenn Du daran wäreſt, zu ſterben. — Nein, aber mich zu verheirathen. — Mit Fritz? — Ja gewiß! Jetzt hat er geſagt: Ich liebe Dich und. — Du haſt ihm daſſelbe geſagt, nicht wahr? — Mama, ich liebe ihn von meinem ganzen, ganzen Herzen, und Du wirſt uns ja ſegnen. Du weißt ja, daß nur die Liebe mich geleitet hat. — Ja, meine Jenny, das weiß ich. Gott ſei mit Euch! Und die Mutter drückte die Tochter warm und innig an ihr glückliches Herz. Als die erſte Aufregung vorüber war, ſagte die Majorin mit ihrem milden Lächeln: — Am beſten wird es wohl ſein, daß ich das dem Papa mittheile, denn ſonſt möchte er unzufrieden werden. — Aber zuerſt mußt Du meine Hand in die des Fritz legen und uns anblicken, wie Du es nur kannſt. Ach, Mama, dann erſt weiß ich, daß es mir erlaubt iſt, ihn zu lieben. Im Saale ſtand noch der Baron. Arvid hatte ſich wieder entfernt, ſo daß er, als die Majorin und Jenny eintraten, ſich allein befand. Als er ſie erblickte, ging er der Majorin mit einer ehrfurchtsvollen Miene entgegen. — Mein Glück wird erſt vollſtändig, wenn ich 304 hoffen darf, daß die zärtlichſte aller Mütter ihre Tochter meiner Obhut anvertrauen will. — Diejenigen, welche die Liebe vereinigt, ſegnet Gott! Werde gut gegen ſie, und möge ſie für Dich eine ebenſo reiche Quelle des Glücks und der Freude werden, wie ſie es für mich geweſen. Die Majorin legte die Hand Jenny's in die des Barons. Eine halbe Stunde darauf frühſtückte man unter heiterem Geplauder. Nach dem Frühſtück nahm die Majorin den Am ihres Mannes und ſagte lächelnd: — Ich habe Dir Etwas zu ſagen, mein Freund. Die Weihnachtszeit iſt die Zeit des Vertrauens. — Ein ſchönes Vertrauen,— antwortete der Major lachend. — Verheirathen Sie ſich nie, Baron; denn dann ſind Sie vor ſolchen Mittheilungen ſicher, welche damit anfangen: Bekomme ich Geld und nur Geld? — Der Rath kommt zu ſpät, ſagte der Baron. Der Major hat durch ſein häusliches Glück die Luſt in mir erweckt, auch ein ſolches zu genießen. — Glück zu! Als die Majorin und der Major ſich in dem Zimmer des Letzteren allein befanden, fragte er: — Nun, Malin, was iſt es denn? Du ſiehſt ja ganz unruhig aus, beinahe ganz ſo wie früher, wenn Du die Vermittlerin für einen der jungen Herren ſpielen wollteſt, den ich zu einer Portion Prügel verurtheilt hatte und Du von der heilſamen Züchtigung befreien wollteſt. Da hieß es immer wie 305 folgt: Liebſter Guſtav, wenn Du die Kinder züchtigen willſt, ſo darf es nie wegen ſolcher Bagatellen ge⸗ ſchehen; Du flößeſt ihnen nur Furcht ein, und die Furcht tödtet die Liebe. Nein, laß ſie niemals lernen, ſich vor Dir zu fürchten, ſondern gewöhne ſie eher vor allen Dingen daran, Dich zu lieben. Dann ſchlangſt Du Deinen Arm um meinen Hals und blickteſt mich ſo flehend an, daß... — Daß Du es vorzogſt, ein geliebter Vater ſtatt ein gefürchteter zu ſein. — Ja, bei Gott, und das habe ich nie bereut. Weißt Du, Malin, wenn ich recht darüber nach⸗ denke, ſo biſt Du es wohl, welche mich ein Bischen beſſer gemacht hat, als die böſe Sieben, die Sophie. Hätte ich nicht eine ſo zärtliche, holde und liebe⸗ volle Gattin bekommen, ſo hätten alle die böſen Gewalten die Oberhand in meinem Charakter be⸗ halten; aber Du haſt die guten, welche auf dem Grunde ſchlummerten, hervorgezaubert. Darum, meine kleine Alte, ſpreche mit mir ohne alle Furcht; denn daß Du Etwas auf dem Herzen haſt, ſehe ich deutlich. — Du haſt recht gerathen. Ich habe wirklich Etwas auf dem Herzen; Jenny hat die Wahl ihres Gatten getroffen. — Doch wohl nicht den Baron!— rief der Major heftig. — Doch, gerade ihn. — Das darf nicht geſchehen. Ich habe es Jenny tauſendmal geſagt, daß ſie nicht einen Edelmann und noch viel weniger einen vom hohen Adel wählen Schwartz, Zwei Familienmütter. II. 20 306 darf. Man würde ſagen, daß ich meine Tochter an den reichen Junker verkauft hätte. Nein, Malin, Jenny mag ſich mit dem Käthner Anders verheirathen, wenn ſie Luſt hat, und ich werde einwilligen; aber nie wird ſie meine Ein⸗ willigung zu einer Verbindung mit jenem Hochvor⸗ nehmen erhalten, Was würde man wohl von mir, einem Liberalen, denken, der ſeine einzige Tochter an einen Ariſtokraten verheirathet. Mein Anſehen auf dem Reichstag wäre zu Ende, und man würde mich als einen e betrachten. Daraus wird ſchlechterdings nichts. — Guſtav, jetzt ſtehſt Du unter dem Einfluß des erſten unangenehmen Eindrucks; aber wenn Du nachdenkſt, ſo wirſt Du einſehen, daß Du nicht dus Recht haſt, auf dergleichen Gründe hin das Glück Deiner Tochter zu hindern, und Deine Ein⸗ willigung zu der Wahl, welche ihr Herz gemacht, zu verweigern. Nein, mein Freund, die Macht der Eltern in dieſer Beziehung muß ſich allein darauf beſchränken, zu erforſchen, ob der Mann, welcher die Hand ihrer Tochter verlangt, ihr Glück bereiten kann; aber vor jedem Band, vor jedem Verſuch ihren Gefühlen Gewalt anzuthun, müſſen ſie ſich in Acht nehmen denn die Vorſehung hat nie dem einen Menſchen ein Recht gegeben, Eingriffe in die Freiheit des andern zu machen. — Malin!— ſchrie der Oberſt ungeduldig: Malin legte ihre Hand auf ſeine Schulter, neigte ſich vor und fragte: R 307 — Wäre jener Beweggrund von meinem Väter gebilligt worden, falls er Dir deshalb meine Hand verweigert hätte, weil Du ein Edelmann warſt? Würdeſt Du ihn nicht für einen Despoten gehalten haben, wenn er wegen dergleichen es ſeiner Tochter verweigert hätte, glücklich zu werden? Will jetzt der gute Vater meiner Jenny ihr blos deshalb das Glück verweigern, welches ſie verdient, weil ihr Glück ihm die Aufopferung eines Vorurtheils koſten würde? Unmöglich. Du willſt nicht ihre Freude in Thränen verwandeln. — Aber Du willſt mich in einen beklagens⸗ werthen Menſchen verwandeln, und um dem zu ent⸗ gehen, muß ich wohl das Feld räumen. — Nicht bevor Du verſprochen haſt, die Wahl unſerer Tochter zu ſegnen. Oder glaubſt Du wirklich, 6 Jenny einen beſſeren Mann als Fritz bekommen ann? Ach! Guſtav, wende Dich nicht weg, laſſe nicht Deinen Hochmuth den Sieg über Dein Herz davon⸗ tragen, ſondern thue vor allen Dingen, das, was recht iſt und ſei ein guter Vater, welcher nur das Wohl ſeiner Kinder will. Verdient nicht Deine Malin, ihre Tochter glücklich zu ſehen? Thue aus Liebe zu uns, was Du nicht für Dich ſelbſt thun würdeſt. — Maline, den Teufel,... wenn Du nicht aus mir machſt, was Du willſt! Nun, in Gottes Namen dann, lieber als Dich und Jenny traurig ſehen, wäre ich bereit, das Ständehaus in die Luft zu ſprengen, und der Schaden wäre auch groß 308 mit den zerriſſenen Fahnen und den moderigen Ahnenbildern. Der Major zog ſeine Frau zu ſich auf ſeine Kniee und fügte hinzu: — Aber nehme Dich in Acht, daß nicht das Mädchen und Du Euch von Eitelkeit habet leiten laſſen. — Nun, nun, gerade nicht Du; aber ſie. — Nein, Guſtav, Jenny folgt nur ihrem Herzen, und ich wäre die Erſte mich dieſer Verbindung zu widerſetzen, wenn ich nicht genau auf den Urſprung und die Entwickelung ihrer Liebe zu Fritz Acht ge⸗ geben hätte. Niemals würde ich zugeben, daß meine Tochter ſich aus einem andern Beweggrund als Liebe ver⸗ heirathete; denn wie ſoll wohl das Weib gegen den Wechſel des Lebens und gegen die Dornen, welche mehr oder weniger auf dem Wege der Ehe geſtreut ſind, Kraft und Stütze finden, wenn nicht in ihrer Liebe. Dieſe iſt ihre Kraft, ihr Troſt und ihr ganzes Leben. Durch ſie wird ſie geduldig, nachſichtig, mild und verträglich; ohne dieſe wird ſie nichts anderes, als eine willenloſe Sclavin der Launen des Mannes, oder auch eine Zuchtruthe für ſich ſelbſt und den Gatten, an deſſen Seite ſie wandelt. — Durch Hülfe derſelben haſt Du Dich durch das Leben und mit meinem ſchwierigen Charakter durchgekämpft. Durch dieſe haſt Du oft dieſes un⸗ bändige Gemüth gemildert und beſiegt. Der Major küßte ſeine Frau und fügte hinzu: „ 309 — Ja, Liebe iſt die einzige Waffe, welche das Weib anwenden muß, um den Mann zu beſiegen. Kurz darauf ruhte Jenny am Herzen des Vaters, und er drückte die Hand des Barons. — Ich ſchenke meinen Liebling weg mit dem vollen Vertrauen, daß ſie in der Liebe ihres Gatten eine reiche Belohnung für die Freude finden wird, welche ſie im elterlichen Hauſe verbreitet. Eine ſo gute Tochter muß eine zärtliche und liebende Frau werden. Die Liebe und die Tugenden der Hausfrau ſind die Grundlage der häuslichen Glückſeligkeit. Gott ſegne Euch, Kinder. Kurz darauf wurde die Thüre zu Bergſtröm's Zimmer geöffnet und der Baron trat ein. Der alte Gärtner war damit beſchäftigt, einige große Schlingpflanzen, welche in ein paar grünen Kiſten ſtanden, als Spalier herzurichten. Der junge Edelmann blieb an der Thüre ſtehen, als wenn er ſich vor einem Geſpenſte befände. — Treten Sie herein, Herr Baron,— ſagte der Alte:— kann ich Ihnen in Etwas dienen? Der Baron trat auf ihn zu. Der Alte ſtand mit einem Gartenmeſſer in veb einen Hand und die andere auf dem Spalier ruhend. Seine ganze Geſtalt hatte etwas Kraftvolles, und wie er daſtand erſchien er als ein ſchönes Modell eines Mannes, welcher gealtert und Greis geworden 310 iſt, ohne daß die Jahre es vermochten, ſeine Geſtalt zu beugen, oder ſeinen Verſtand zu ſchwächen. Es lag ein milder Ernſt in den Blicken, die er auf den ſchmächtigen und bleichen jungen Mann heftete, der ſich vor ihm befand. In dem Blick, womit der Baron zu dem Alten hinaufſah, lag ein faſt demüthiger Ausdruck. — Es kommt mir vor, als wäre Alfhilda's Vater der rechte Richter über mein Leben,— fing der Baron an,— als wenn ich kein Recht hätte, irgend ein Glück zu genießen, bevor er zu mir ge⸗ ſagt hat:„Ich verzeihe Ihnen, Sie haben Ihren Fehler geſühnt, werden Sie glücklich!“ Darum ſtehe ich jetzt hier und frage: Können Sie von ganzem Herzen dem Manne vergeben, was der Jüngling verbrochen? Können Sie mich glücklich ſehen, ohne Demjenigen zu zürnen, welcher ſo viel Kummer über Sie gebracht? — Das kann ich, junger Mann. Der Alte reichte ihm die Hand. — Ich habe ja geſagt:„Derjenige, welcher vergibt, dem wird vergeben werden;“ und ich ver⸗ gebe Ihnen aus meinem ganzen Herzen. Ich that es unter dem Ausbruch meines erſten Schmerzes, wie viel eher jetzt! Sie haben ein edles Herz. Sie haben ſich vernichtet und voll Reue gefühlt, was kann ich mehr fordern? Würde wohl mein Haß im Stande ſein, das Geſchehene ungeſchehen zu machen? Nein! derſelbe würde nur meinen Kummer verbittern und mich unfähig machen, Troſt aus der heiligen Schrift zu ſchöpfen, während ich dagegen jetzt weiß, daß ich „ — . 3* 311 handle, denke und fühle, wie es einem Chriſten anſteht. Gott beſchütze Sie und mache Sie glücklich; ſiehe, das iſt es, was Alfhilda's Vater Ihnen zu ſagen hat; und aus der Bewegung meines Herzens ſpüre ich, daß ſie von ihrem Himmel mit Freuden auf uns herabſchaut. Wenn Sie ſelbſt einmal Vater werden, ſo lehren Sie Ihren Söhnen, nicht eine ganze Familie der Leidenſchaft des Augenblicks zu opfern, und jetzt Friede und Vergeſſen! Der Baron drückte die grobe Hand von Alf⸗ hilda's Vater an ſeine Lippen und war gerührt von dem milden und verſöhnlichen Geiſt, welcher in den Worten des einfachen Arbeiters lag. Dieſe Rührung war ein Ausdruck wahrer Ehrfurcht vor dem Alten, welcher es vorzog, ein vergebender Chriſt, ſtatt ein beleidigter und unverſöhnlicher Vater zu ſein. Anfangs Mai feierte Doctor Bergſtröm ſeine Hochzeit mit Fräulein Albertine von Krug. Alle auf Rönby waren dazu eingeladen und Jenny als Brautjungfer. Die Profeſſorin hatte es jetzt für gut gefunden, ihren Zorn gegen den Bruder zu vergeſſen, weil die Bruderstochter jetzt Freiherrin von Silfverkrona werden ſollte, obgleich dieſe Neuigkeit ſie eine ſchlafloſe Nacht koſtete; denn es ſiel ihr dabei ein, daß ihre Tochter nur ſchlecht und recht„Madame Bergſtröm“ werden würde. 312 Die beiden Brüder Quickfelt waren Brautführer, und Albert, der Bruder der Braut, vertrat die Stelle des Vaters. Freilich ſchwollen die Stirnadern Ihrer Gnaden, als der alte Bergſtröm den Bräutigam vorführte; aber die ſtolze und eigenſinnige Dame, die von ihrem Schwiegerſohne beſiegt worden war, hatte indeſſen vor der Welt als Diejenige gelten wollen, welche in Allem nach eigenen Willen gehandelt. Sie hatte deshalb durchaus nichts von einer ſtillen Hochzeit wiſſen wollen, ſondern dieſe wurde mit all dem Pomp und Staat, den ſie liebte, gefeiert. Sie wollte ſich damit die Genugthuung ver⸗ ſchaffen, zu zeigen, daß ſie, welche einen Grafen zum Schwiegerſohne hätte haben können, doch den aus⸗ gezeichneten Arzt vorzog. Ja, es war ſogar nothwendig, daß die Profeſſorin ſich dazu herabließ, ſelbſt gegen den Gärtner freundlich zu ſein, um damit allen dieſen Freunden, welche ſie beobachteten, zu ſagen, ſie halte ihre Würde für ſo groß, daß ſie Alle, die mit ihr verwandt würden, emporhebe. Warm und vom Herzen kommend war der Segen, den der alte Bergſtröm über die Getrauten aus⸗ ſprach, und in den mit Thränen gefüllten Augen las man des alten Mannes Bewegung und Dankbarkeit gegen Gott, welcher es ihm erlaubt, Zeuge des Glücks ſeines Sohnes zu ſein. Kurz nach der Trennung näherte der Graf ſich Albertinen und ſagte gerührt: — Sie ſind in Ihrer Rache edelmüthig geweſen, 11 313 und haben durch Ihren Einfluß auf Minna mich Augenblicke häuslichen Glücks koſten laſſen. — Mein Verdienſt iſt gering, denn Sie haben das Glück in Ihrer eigenen Hand, und das beſteht darin, daß Sie Minna lehren, Sie zu lieben. Als Bergſtröm nach der Hochzeit ſich in ſeinem Zimmer im Hauſe der Neuvermählten allein befand, flüſterte er mit gefalteten Händen: — Gott, jetzt bin ich bereit, mit meiner Tochter vereinigt zu werden. Ich danke Dir, daß Du mich mit Freude und Stolz das Glück und die Zukunft meines Sohnes haſt ſehen laſſen. Jetzt habe ich genug gelebt! Aber er lebte noch viele Jahre und hatte das Glück, ſeine Enkel auf ſeinen Knieen zu ſchaukeln und in ſeinem Alter von Albertinen und Richard auf das Zärtlichſte behandelt zu werden. Er wohnte bei ihnen und beſchloß ſeine Tage von ſeinen Kindern verehrt. Am Tage nach Albertinen's Hochzeit wurde die Thüre zu Hagar's Zimmer geöffnet, wo ſie bleich und ungeſtört auf ihrem Krankenkager ruhte. Düſter und mit hoffnungsloſem Blick trat Albert ein. — Ich habe jetzt an Vater's Stelle meine Schweſter zur Liebe und zum Glück geführt,— ſagte er und ergriff die kleine abgezehrte Hand jetzt kehre ich zu meiner Braut zurück, meinem einzigen Glück auf der Erde. Er küßte Hagar's Hand. 314 — Hagar, Hagar, was ſoll aus mir werden, wenn Du fort biſt? Wie ſoll ich im Stande ſein, mein Leben fortzuſchleppen? Mit Dir wird mein Herz ſterben; die Fähigkeit zu genießen in meiner Bruſt erlöſchen, und doch— was iſt meine Liebe für mich anders geweſen, als Leiden, Entſagung, Verzweiflung. — Immer dieſelbe düſtere Hoffnungsloſigkeit, Albert,— flüſterte Hagar mit ihrer milden, klaren Stimme.— Wirſt Du nie Dein Schickſal mit Ge⸗ duld tragen? Das Leben, mein Freund, iſt ja eine Uebergangsperiode, und weder dürfen deſſen Sorgen noch Freuden unſere Seele ſo feſſeln können, daß wir es vergeſſen, unſere Gedanken auf den hohen Urſprung unſeres Daſeins zu richten. Sie legte die andere Hand auf diejenige von ſeinen, welche die ihrige in der ſeinigen geſchloſſen hielt. — Wenn ich fort bin, Albert, ſo denke an die arme Jüdin wie an eine Freundin, eine Schweſter, und ſuche Dir eine Gattin, an deren Seite Du ſpäter wandeln kannſt, mit welcher Du von mir ſprechen kannſt. Ach! Du weißt ja, daß Dein Glück auch jenſeits des Grabes meinem Geiſte Frieden und Freude ſchenken wird. Du warſt meine ganze Welt auf dieſer Erde; aber Du konnteſt nicht mein Gatte werden; zwiſchen uns erhoben ſich verſchiedene Glaubensbekenntniſſe und geboten, daß wir getrennt leben ſollten. Aber Du warſt meine Stärke während der Leidenstage, mein Stolz und mein Glück während der Tage der Geſundheit, und Du wirſt der letzte Gegenſtand ſein, an welchen mein berſtendes Herz ² 3 11 5 315 ſich im letzten Kampfe klammert. Wirſt Du nicht Muth haben, den Willen des Schickſals zu ertragen, da die Hoffnung, daß Du einmal glücklich wirſt, Hagar einen ſanften Tod bereiten wird. — Hagar,— ſagte Albert und drückte ſeine bleiche Stirn gegen ihre Hände; Du kennſt nicht den Mann, nicht das Herz, welches Dich liebt. Du, mit Deiner zu gleicher Zeit glühenden und weichen Seele, kannſt nicht ein Gemüth wie das meinige erfaſſen. Von Natur aus wenig gefühlvollem Stoff ge⸗ bildet, wurde alles Weiche unter der Leitung meiner Mutter hart in mir. Meine Seele nahm das Ge⸗ präge eiſenfeſter Unbiegſamkeit an. Güte, Zärtlich⸗ keit, Milde, kannte ich nicht. Das Mitleid war für mich fremd; ich war rechtſchaffen, das war Alles. Nun wohl, Kind, wenn ein Gemüth wie das meinige von Liebe erglüht und das Eiſen Feuer wird, dann geſchieht es nur einmal im Leben. Wenn Du fort biſt, wenn der Tod das Einzige, was ich liebe, vernichtet hat, dann wird der fließende Feuerſtrom ſich abkühlen und ſtarr werden. Aus Erz wird Eiſen, rein von allen Schlacken, das iſt wahr; aber kaltes und hartes Eiſen. Ich werde leben, weil ich nicht feig genug bin, ein Selbſtmörder zu werden; aber ich werde weder Troſt noch Erſatz ſuchen oder finden Die menſchliche Fähigkeit, zu genießen, zu leiden und zu verzweifeln, wird mit Dir begraben und neben dem Grabe laſſeſt Du zurück den ſtrengen, unbeweglichen Richter, der allein das Wort„Recht“ verſteht, der aber alle andere Gefühle beerdigt hat. Spreche nicht zu 316 mir davon, daß ein anderes Weib mich würde glücklich machen können. Ich werde das Glück nie⸗ mals lieben, niemals ſuchen. Es verweigerte mir Dich, ich will es nicht mehr finden; ich verachte es. Spreche nicht mehr zu mir vom Schickſal, vom Unterwerfen unter deſſen Geſetze, ich kann nicht unterwürfig ſein, ich kann nicht mein Herz vor der Nothwendigkeit beugen; ich kann nur deren Schläge mein Herz zerſchmettern laſſen. So bin ich,— ſo hat mich meine Mutter ge⸗ macht; denn kein zarter Ton klang in den Ohren des Kindes, um einen Wiederhall in deſſen Seele zu finden. Alles um uns her war Bronze, und Bronze wurde der Mann. Du hätteſt mich zu einem andern Weſen machen können;— aber das Schickſal wollte es nicht. Nun wohl, dieſes unſanfte, höhniſche Schickſal mag mich zermalmen, aber ich beuge mich nicht vor demſelben. Für mich gibt es hier keinen Troſt. Laß mich hier an Deiner Seite ſitzen und Tropfen für Tropfen den bitteren Kelch leeren. Wenn er geleert iſt, dann werde ich in die Wirklichkeit zurückkehren, in's Leben, und mich hinſetzen, um meinem Berufe nachzukommen, ohne Gefühl, ohne Gedanken, ohne Intereſſe. — Mein, Albert, denn im Himmel biſt Du mein!... Dein Schmerz malt Dir Deine eigene Seele ſo erbittert, ſo vernichtet; aber wenn Du am Grabe Hagar's ſtehſt, dann wird es Dir vorkommen, als ſäheſt Du ihre Augen, welche ſich flehend auf Dich richten, und dieſe Augen werden von all der Liebe ſprechen, die ſie empfand. Mein Geiſt wird Dir * ²* — 317 zuflüſtern: Liebe Diejenige, die ich liebe, und dann wirſt Du um Dich blicken in der Wüſte des Lebens; Du wirſt die Unglücklichen aufſuchen und Mitgefühl für die Leidenden haben. Von Hagar's Grabe ſollſt Du in das Haus Deiner Mutter gehen; mit verſöhnlicher Liebe Dich ihr zu nähern ſuchen, und wenn Du es gethan, dann denke daran, daß Hagar's Geiſt Dich umſchwebt. Hagar ſprach mit jener wunderbaren, halb träu⸗ meriſchen, halb beſonnenen Stimme, welche ihr eigen war; bleich, ſchweigend und mit einer Welt von Liebe in ſeinen Blicken lauſchte Albert. Die Stunden vergingen; ſie ſchlummerte, mit dem Kopf auf ſeinen Schultern ruhend. So ſaß er unbe⸗ weglich; als aber der Athemzug immer leiſer wurde, beugte er ſich nieder; das jüdiſche Mädchen war todt, und der ſtarke Mann ſtürzte beſinnungslos zu Boden. — Einige Tage darauf wanderte ein bleicher Schatten nach dem jüdiſchen Kirchhof und knieete auf Hagar's Grab. Es war Albert. Um die Mitte des Sommers führte der Baron Silfverkrona ſeine Jenny heim nach Stiernebro. Sommerſonne, Blumen, Freude, Liebe und Segen, ſiehe, das war das, was Jenny's Hochzeit aus⸗ zeichnete. Wie ihr Eintritt in den ehelichen Stand war, ſo 318 iſt ihr Leben. Wird es ebenſo anmuthig und friedlich verbleiben? Wir hoffen es, denn Jenny fährt fort, dieſelbe gute und einfache Jenny zu ſein, die ſie immer geweſen, und iſt ihrerſeits eine liebliche Gattin und eine zärtliche Mutter. Das Jahr nach Jenny's Heirath verband Ernſt Quickfelt ſein Geſchick mit dem des Fräuleins Storm⸗ hjelm, Schweſter des Grafen. Die Majorin, die nie an etwas Anderem gear⸗ beitet, als an der Liebe ihrer Kinder, hatte auch die Genugthuung, daß ihre Bemühungen reichlich belohnt wurden. Sie genoß in ihrem Alter das Glück, von ihren glücklichen und liebevollen Kindern und Kindes⸗ kindern umgeben zu ſein. Die Profeſſorin dagegen, welche nicht im Stande war, das Glück ihrer Tochter zu faſſen, und ſich im Herzen tief darüber ärgerte, daß alle ihre eitlen Träume in Rauch aufgegangen, lebte und ſtarb einſam. Immer ſtolz, kalt und zurückgezogen, konnte ſie nie Liebe einflößen. Sie beſchloß ihr freudeloſes Leben ohne alle Befriedigung. Albert ſchritt einſam, düſter und verſchloſſen auf der Bahn der Ehre fort; ihm ging alle Fähigkeit ab, einen Genuß von den Fortſchritten zu haben, er machte, und ohne daß er ſich ſeines Daſeins reute. Und jetzt lebe wohl, mein lieber Leſer! Verzeihe mir, wenn meine Erzählung mangelhaft geweſen und nicht dem Wunſche entſprochen, den ich gehegt, eine treue und wahre Schilderung dieſer Familienmütter — ₰ ʒ ⁰. zu geben, deren Beiſpiel, hoffe ich, dieſe oder jene Mutter auf andere Gedanken in Beziehung auf ihre Pflichten führen wird. Mit Güte rufen wir Güte hervor. Die Tugenden und die Fehler, welche die Mütter an ſich haben, reflectiren zurück auf die Seele des Kindes und nehmen eine beſtimmte Form an. Ende. 5. 4. S 6 ſſſſſſſſſſiſſiſſſſſſſſiſſ ſſſſſſimſmſſ 7 8 9 10 11 1 15 16