ſ——— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. „ 6 Bücher: 1 Mk. 50 Pf. 2 N— f. 5, Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Ta ge feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — AIusgewählte Werke von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. 8 Zwei Familienmütter. Von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Beventlow. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. Druck der K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg. 3 Auf der nördlichen Zollſtraße liegt irgendwo ein nettes Haus mit einem ſchönen Garten. Vor etwa zehn Jahren zurück wohnte dort die Profeſſorin von Krug mit Mann, Tochter und Sohn. Für den Fall, daß es Jemanden auffallen ſollte, daß ich ſage: die Profeſſorin mit Mann, ſo will ich zur Aufklärung mittheilen, daß der Profeſſor in ſei⸗ ner Jugend Aſtronom geweſen, aber in älteren Jah⸗ ren aus Neigung zu den ideellen Wiſſenſchaften Philoſoph wurde und ſich Ariſtoteles, Kant, Fichte und Hegel ſo vollkommen einverleibte, daß es aus⸗ ſah, als wenn er in ſeinem Hauſe gar nicht exiſtirte. Ein alter Bedienter beſorgte ſein Zimmer, brachte ihm ſeinen Kaffee und war ihm bei der Toilette be hülflich; denn ſonſt wäre Gefahr vorhanden geweſen, daß unſer gelehrter Profeſſor, vertieft in ſeine logi⸗ ſchen Unterſuchungen, wie er war, mit einem Stiefel am einen und einem Pantoffel am andern Fuß, die Halstuchſchleife im Nacken und den Schlafrock als Ueberrock auf die Stvaße hinausgekommen wäre. 6 Aber über alles das ſollte nun der alte Diener wachen. In ſeiner Familie kam der Profeſſor nur beim Mittagstiſch zum Vorſchein, und ſaß dann ſeiner Frau zur Linken; dieſe mußte während der Mahlzeit Acht geben, daß er nicht das Salzfaß ſtatt der Zuckerdoſe nahm, nicht die Sauce auf das Tiſchtuch, ſtatt auf den Teller ſchüttete und nicht aus der Pfefferbüchſe ſchnupfte oder Schnupftabak ſtatt Pfeffer auf die Speiſe ſtreute. Mit einem:„Lieber von Krug, woran denkſt Du denn?“ das in einem ſcharfen und ſtrengen Ton ausgeſprochen wurde, rief die Profeſſo⸗ rin immer den Mann in die Wirklichkeit zurück; und es kam nie vor, daß ſie dabei das Wort von aus⸗ ließ. Im Gegentheil betonte die würdige Frau es ſehr ſtark. Daß er zwei Kinder hatte, war etwas, deſſen der Profeſſor ſich niemals erinnerte, als wenn die Frau Mama zu ihm hineintrat und bemerkte: „Lieber von Krug, ich will Vollmacht haben, für die Studien Alberts oder für Albertine's Lectio⸗ nen ꝛc. eine Summe Geldes zu erheben.“ Da erwachte der Profeſſor aus ſeinen Distrae⸗ tionen, ſtarrte ſeine Frau an und murmelte: „Albert und Albertine?“ gerade, als wenn er erſt jetzt dieſe Namen gehört. „Unſere Kinder, lieber von Krug! Gott weiß, woran Du denkſt.“ Die Stimme der Profeſſorin ſtieg ein paar Töne höher. „Ja ſo— ja— jaha— unſere Kinder,“ ſtam⸗ melte der Mann. Wie viel iſt es, das Du brauchſt?“ 7 „Es iſt zur Erziehung der Kinder, daß ich das Geld erheben will. Du biſt doch wirklich der größte Thor, den eine Frau finden könnte. „Vollkommen richtig, ganz wahr, Du haſt immer Recht, meine Süße; aber wo ſoll ich die Gelder her⸗ nehmen? Ich kann mich nicht erinnern, daß ich welche habe, und das weißt Dü am beſten, meine Süße! Wollteſt Du mir noch mehr ſagen?“ „Waohrlich, von Krug, Du biſt ein Unglück für Deine arme Frau! Das weiß ich wohl, daß Du kein Geld haſt, da ich Deine Angelegenheiten be⸗ ſorge; aber da der Großhändler Epſtröm eigenſinnig genug iſt, Dich für klug zu halten und mir keine Gelder ausliefern will, ohne eine Vollmacht von Dir, ſo will ich jetzt jene Vollmacht haben. Begreifſt Du?“ Dieſes„begreifſt Du“ wurde auf eine ſolche Weiſe geſagt, daß der Profeſſor auf ſeinem Stuhle empor⸗ ſchnellte, als wenn er einen elektriſchen Stoß erhal⸗ ten, und ergriff dann, vollkommen aus ſeinen Dis⸗ tractionen erwacht, eine Feder, worauf die Frau ihm die Vollmacht dictirte und, als dieſe geſchrieben war, das Zimmer verließ. Der Profeſſor vertiefte ſich wieder in ſeine Bücher und vergaß darüber die ganze Welt, ſeine Frau und Kinder mit eingerechnet, bis der alte Bediente kam und ihn mit den Worten weckte: „Ihre Gnaden haben mich geſchickt, um den Herrn Profeſſor für die Mittagstafel anzukleiden.“ Nun, verehrter Leſer, hoffe ich, daß Du ungefähr einen Begriff vom Profeſſor von Krug haſt und wa⸗ rum er der Mann ſeiner Frau genannt wurde. Da er in unſerer Erzählung eine wichtigere Rolle ſpielen 8 wird, als man ihm ſonſt zuertheilte, ſo habe ich es für nothwendig gehalten, dieſe Schilderung von ſeiner Perſönlichkeit zu geben. Die Profeſſorin Sophie von Krug war aus einem alten angeſehenen Geſchlecht, aber ohne Vermögen. Wie der Profeſſor je dazu kam, Fräulein Sophie zu freien, das war etwas, das weder er ſelbſt, noch ſonſt irgend ein Menſch begreif en konnte. Hätte man die Frau Profeſſorin auf Gewiſſen gefragt und wäre ſie gezwungen geweſen, das Geheimniß zu verrathen, ſo hätte ſie gewiß geſtehen müſſen, daß ſie bei der Freierei die Hauptrolle geſpielt, weil ſie in aller Eile das lebhafteſte Mitleid mit dem armen, ſtets zerſtreuten von Krug zu ſpüren begonnen hatte. Dieſer war der einzige Sohn von einem ſehr reichen Kanzleirath, welcher wiederum mit ihrem Vater in genauer Verbindung ſtand. Genug, ſie wurden zur großen Ueberraſchung für den Brihtihun ſelbſt ver⸗ heirathet. Jetzt einige Worte über die Perſönlichkeit der Frau Sophie. Sie war ein langes, mageres Frauen⸗ zimmer und hatte eine gerade und gravitätiſche Hal⸗ tung. Auf dem langen und ſchmalen Hals thronte ein großer Kopf, welcher beſſer für einen Mann als für eine Weibergeſtalt gepaßt hätte. Das braune Haar umſchloß eine ziemlich hohe Stirne. Die klei⸗ nen hellgrauen Augen waren ſcharf und klar, wie hellpolirter Stahl. Die gerade Naſe und der kleine Mund mit den ſtark zuſammengekniffenen Lippen gaben der ganzen Geſichtsbildung den Ausdruck eines unbeugſamen Willens und der Herrſchſucht. Es fiel Niemanden, dem die Profeſſor von Krug ſteif und 9 gerade entgegentrat, je ein, daß man ſie durch Bitten und Thränen dazu hätte bewegen können, einen Schritt von einem einmal gefaßten Beſchluß abzu⸗ weichen. Man erkannte, daß ein unbeugſamer Wille neben einem blinden Vertrauen zu der Unfehlbarkeit ihres eigenen Urtheils, zur Richtigkeit ihrer Anſich⸗ ten und felbſt zur Gültigkeit der Vorurtheile, welche ſie hegte, in dieſer Seele wohnte. Aus dieſen hohen Gedanken von ſich ſelbſt entſprang ihre unnachgie⸗ bige Forderung, daß Alle in ihrer Familie, alle ihre Dienſtleute, alle ihre Umgangsfreunde, ihre Ueber⸗ legenheit anerkennen ſollten. Sie hatte, wie geſagt, zwei Kinder. Albert war der Aeltere und Albertine ganze neun Jahre jünger. Mit eiſerner Hand hatte die Profeſſorin ſie erzogen und ihnen von ihrer früheſten Jugend an eine ſolche blinde Ehrfurcht eingejagt, daß es ihnen nie einfiel, auch nur einen Gedanken auszuſprechen, der mit den ihrigen in Widerſpruch ſtand. Dieſe deſpotiſche Er⸗ ziehung bewirkte, daß die Kinder nur die Furcht vor, aber nicht die Liebe zur Mutter kannten, und machte ſie außerdem verſchloſſen und voll Verſtellung. So waren ſie während ihrer Kindheit. Albert wuchs auf vom Knaben zum Jüngling, und das drückende Joch, welches die Herrſchſucht der Mutter auf ſeine Seele legte, wurde für den freien und jugendfriſchen Geiſt ſo unerträglich, daß er oft im Ausbruch ſeines Aergers daſſelbe zu ſchütteln und zum Entſetzen ſeiner Mutter Proben ſelbſtſtän⸗ diger Handlungen dadurch zu geben wagte, daß er es eigenſinnig verweigerte, ſich ihren Urtheilsſprüchen zu unterwerfen. Bei dem Jüngling waren dies in⸗ 10 deſſen nur ohnmächtige Verſuche, eine Feſſel abzu⸗ werfen, welche ihm die Nothwendigkeit und die kind⸗ liche Ehrfurcht aufgelegt hatten. Der erſte ernſte Streit zwiſchen der Mutter und dem Sohn entſtand wegen der Frage, welchen Lebensberuf er wählen ſolle. Die Profeſſorin, welche bei allen ihren Hand⸗ lungen von Eitelkeit und Hochmuth regiert wurde, hatte ihren Sohn für die militäriſche Laufbahn be⸗ ſtimmt. Als Albert ſein Examen als Student ge⸗ macht hatte, verkündigte ſie ihm ihren Beſchluß in dieſer Beziehung; aber ſie wäre beinahe in Ohn⸗ macht gefallen, als der Sohn ihr ganz beſtimmt er⸗ klärte, er beabſichtige durchaus nicht Militär zu wer⸗ den, ſondern wolle ſeine Studien fortſetzen. „Aber ich denke nicht daran, in dieſem Falle Deinen Wunſch zu erfüllen,“ bemerkte die Mutter in ſtrengem und ſcharfem Ton; ich gebe Dir keine Un⸗ terſtützung zur Fortſetzung Deiner Studien, und Du möchteſt denn doch wohl einſehen, daß es Dir un⸗ möglich ſein wird, Deinen Plan auszuführen.“ „Nein, ich kann ebenſo gut ſtudiren wie tauſend andere arme Jünglinge. Ich ſuche mir eine Stelle als Hauslehrer und kann mich nachher für meinen Lohn und für den Ertrag der Stunde, welche ich zu geben gedenke, auf der Academie aufhalten,“ ant⸗ wortete der Sohn mit ebenſo unerſchütterlicher Feſtig⸗ keit, wie die Mutter. Die Profeſſorin mußte zu der Riechflaſche ihre Zuflucht nehmen, um nicht wegen dieſer unerhörten Dreiſtigkeit von Albert in Ohnmacht zu fallen. Sie faßte indeſſen doch bald Muth und verſuchte den Willen des Sohnes unter den ihrigen zu beugen; 11 aber ſie begegnete einem ſo hartnäckigen Widerſtand, daß alle ihre Bemühungen ſcheiterten; denn Albert wich nicht ein Haar breit von ſeinem gefaßten Be⸗ ſchluß ab. Die Mutter gab ihm inzwiſchen acht Tage Bedenkzeit. Schon am folgenden Tage hatte Albert das elter⸗ liche Haus verlaſſen und ſchaukelte ſich auf den Wogen des Mälars nach Upſala zu. Von dort ſchrieb er an die Profeſſorin, daß er durch Verkauf ſeiner goldenen Uhr und Kette ſich in der gelehrten Stadt ſo lange aufhalten zu können glaube, bis er ſich Schüler verſchafft habe. Jetzt entſtand bei der Profeſſorin ein ſchwerer Kampf zwiſchen ihrer Eitelkeit und ihrer Herrſch⸗ ſucht. Die erſtere ſträubte ſich dagegen, daß ihr Sohn, der Sohn des reichen Profeſſor von Krug, ſich auf eine ſolche Weiſe die Mittel zu ſeinem acade⸗ miſchen Studium verſchaffen ſollte. Was würde die Welt dazu ſagen? Was ſollte man von ihr denken, da jedermann wußte, wie reich ihr Mann und daß ſie eigentlich diejenige ſei, welche ſeine An⸗ gelegenheiten beſorgte. Nein, das ging unter kei⸗ nen Umſtänden; aber gezwungen zu werden, ihrem Kinde nachzugeben, gezwungen zu werden, ſich in ſeinen Willen zu fügen, das ſei doch wahrlich ziem⸗ lich hart. Sie fühlte, daß dies eine der bitterſten Stunden in ihrem Leben ſei. Endlich mußte, nach einem heftigen Kampf, die Herrſchſucht nachgeben und ſie ſandte ihrem Sohne Geld, aber ohne etwas Ande⸗ res, als folgende Worte beizufügen: „Ich rathe Dir, mir ein andermal nicht zu trotzen; 2 12 denn dann möchteſt Du mir dieſes Dein unwürdiges und ſchändliches Betragen bezahlen müſſen. Sophia von Krug.“ Seit dieſem Ereigniſſe waren wieder Jahre ver⸗ floſſen. Albert hatte mit Auszeichnung das Hofge richtseramen gemacht, war zur Zeit unſerer Er zählung 27 Jahre alt und führte den Titel Vice⸗ diſtrictsrichter. Die Schweſter, Albertine, ein ſchönes und ſtatt⸗ liches Mädchen hatte nie auf irgend eine Weiſe an den Tag gelegt, daß ſie einen eigenen Willen beſäße, ſondern ſchien eine gehorſame Sklavin unter der Herrſchaft der Mutter zu ſein. Betrachtete man Albertinens ſchöne Geſichtszüge und die ſcharfen Conturen darin, ſo fiel es Einem ſchwer, an die ſtets gegen die Mutter bewieſene Un⸗ erwürfigkeit zu glauben. Die ſtolzen, blitzenden Augen, der kleine, trotzige Mund, die hohe, freie Stirne, die ſichere Haltung— Alles an dem Aeuße⸗ ren des neunzehnjährigen Mädchens deutete auf eine ſelbſtſtändige und ſtarke Seele, welche nicht dazu ge⸗ ſchaffen war Feſſeln zu tragen, oder ſich unter den Willen von irgend Jemanden zu beugen. Wenn man in die tiefblauen, faſt ſchwarzen Augen hinein⸗ blickte, ſo las man darin auch den Ausdruck eines warmen Gefühls, eines ungewöhnlichen Verſtandes und eines zärtlichen Herzens. Die Familie des Profeſſors bewohnte beide Stock⸗ werke in dem kleinen Hauſe auf der nördlichen Zoll⸗ ſtraße— eine Wohnung, die der Profeſſorin im höchſten Grade mißſiel; aber vergeblich hatte ſie durch Machtſprüche und einigemal durch Zorn den Verſuch gemacht, ihren Mann dazu zu bewegen, die⸗ ſelbe mit der Wohnung in ihrem Hauſe auf der Königinſtraße zu vertauſchen. Der Profeſſor, wel⸗ cher mit Entſetzen daran dachte, daß ſeine geliebten Philoſophen von dem Platze, welchen ſie ſo viele Jahre eingenommen hatten, verrückt werden möchten, hatte einmal für allemal beſtimmt erklärt, daß wenn ſie einen einzigen Stuhl auf einen andern Platz ſtellte, oder den geringſten Verſuch machte die Woh⸗ nung auszuräumen, ſo würde er nach dieſem Tage ihr nie mehr eine Vollmacht zur Erhebung von Gel⸗ dern geben, und ſo mußte ſie ſich gegen ihren Wil⸗ len dazu bequemen in dieſer wenig ariſtokratiſchen Straße zu wohnen. Die Profeſſorin von Krug hatte indeſſen in den dreißig Jahren, wo ſie in dieſer Wohnung geherrſcht, ſo viele Verſchönerungen und Verbeſſerungen darin gemacht und Alles ſo bequem und elegant einge⸗ richtet, daß man nicht ohne Grund ihr Haus ein Paradies in Miniatur nannte. Ob unſer junger Diſtrictsrichter Albert, welcher, dem ausdrücklichen Willen der Mutter gemäß, ſich dazu bequemen mußte, bei den Eltern zu wohnen, auch fand, daß dieſe Heimath etwas einem Pa⸗ radieſe Aehnliches an ſich habe, laſſen wir dahin geſtellt ſein, und glauben auch nicht der Wohrheit zu nahe zu treten, wenn wir behaupten, daß es Albertine vorkam, als ſei dieſe Benennung eine ſchneidende Parodie auf die Wirklichkeit. 14 An einem ſchönen und klaren Vormittag, An⸗ fangs Juni, ſaßen Frau von Krug und ihre Tochter in einem kleinen, reizenden Cabinet zuſammen. Albertine hatte ihren Platz am Fenſter und nähte eifrig an einem großen Tuch. Mama thronte in einem kleinen Sopha, einen Strickſtrumpf in der Hand. Es war jetzt die Stunde für Handarbeit. Die Profeſſorin hatte jede Stunde des Tages für eine beſtimmte Beſchäftigung eingetheilt. Man aß bei einem beſtimmten Glockenſchlag; man nähte, muſicirte, promenirte, las und converſirte, alles nach dem Glockenſchlag. Jetzt war es, wie geſagt, die Stunde für Handarbeit, und wenn es dann der Frau von Krug einfiel, ihre Tochter anzureden, ſo hatte dieſe das Recht zu antworten, obgleich es nicht die eigentliche Converſationsſtunde war. „Es kommt mir vor, als ſei unſer neuer Gärt⸗ ner etwas zu viel Herr,“ bemerkte Frau von Krug und richtete ihre ſtahlgrauen Augen auf die Lochter. — Kommt es Mama ſo vor? — Ja. Aber die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren laſſen, daß er ganz geſchickt in ſeinem Fach iſt und da muß ich wohl mit jenen Herren⸗ manieren etwas durch die Finger ſehen, die indeſſen bei einem ſolchen Menſchen durchaus nicht am Platze ſind. — Mama wünſchte ja einen Gärtner zu bekom⸗ men, der etwas Bildung hätte. — Kenntniſſe war das Wort, das ich brauchte und nicht Bildung. Merke Dir das! Bildung bei einem Knecht! Ich muß bekennen, daß Du Dich etwas eigen, um nicht geradezu zu ſagen ſchlecht, ausdrückſt, und wenn Du Dich irrſt in der Bedeu⸗ tung der Worte, ſo thue ich es wenigſtens nie. — Ich bitte um Verzeihung, ich irrte mich,— ſtammelte die Tochter. Hierauf folgte eine ziemlich lange Pauſe, wäh⸗ rend welcher Frau von Krug die vor ihr ſtehende Uhr anſah. — Haſt Du bemerkt, daß dieſer Herr Gärtner einen Sohn hat?— hob Frau von Krug wieder an. — Nein, das habe ich nicht. Aber bei dieſer Antwort brannten die Wangen Albertinens im höchſten Purpur, ohne daß die Frau Mama jedoch darauf Acht gab. — Das iſt ganz natürlich. Wie ſollſt Du der⸗ gleichen Leute kennen oder irgend eine Kenntniß von ihren verwandtſchaftlichen Verhältniſſen haben. Mit mir verhält ſich das ganz anders; ich bin gezwun⸗ gen, jeden derjenigen genau zu kennen, die in meinem Dienſte ſind, damit kein Uebelberüchtigter mein Haus verunziere. Die Profeſſorin führte ihr Taſchentuch mit einer Bewegung unbeſchreiblicher Würde an die Naſe. — Es iſt indeſſen wirklich empörend— hob ſie wieder an,— zuſehen zu müſſen, daß ſolcher Leute Kinder ſtudiren ſollen und ſomit eine Stellung in der Geſellſchaft zu erzwingen ſuchen, die mit den⸗ jenigen, die wir als von guter Familie beſitzen, gleich gut iſt. Jener Gärtnersſohn ſoll Arzt werden. — Das iſt ja ganz achtungswerth, daß man durch ſeine Kenntniſſe ſich zu adeln ſucht. — Was hat das Fräulein geſagt?— rief Frau von Krug und ſchleuderte einen Blick auf die Toch⸗ ter, ſo ſcharf und ſo ſpitz wie ein Dolch.— Ich glaube, es ſprach eine große Dummheit aus, und ich verbitte mir eine ſolche Denkweiſe und derartige Aeußerungen. Sie ſind für ein Mädchen von Fa⸗ milie unpaſſend und enthalten eine gränzenloſe Miß⸗ achtung der Eltern, welche Dir das Leben gegeben und eine erhabene Stellung in der Geſellſchaft ge⸗ ſchenkt haben. Jetzt ſchlug die Uhr Eins. Die Profeſſorin legte ihre Strickerei zuſammen; aber Albertine fuhr fort zu ſticken. — Hörſt Du nicht, daß die Uhr ſchlug?— fragte die Mutter. — Ich bitte mir zu erlauben, noch einige Stiche zu thun, denn ſonſt komm ich aus der Rechnung heraus und muß mir neue Mühe geben, wenn ich wieder anfangen ſoll. — Das geſchieht nicht. Lege die Arbeit ſo⸗ fort weg. Albertine legte mit einem Seufzer ihre Näherei zuſammen. Ein Bedienter erſchien in der Thüre und ſagte: — Der Wagen Eurer Gnaden iſt vorgefahren. — Gut!— antwortete die Beherrſcherin des Hauſes. Der Bediente zog ſich zurück und Frau von Krug bemerkte, indem ſie ſich an ihre Tochter wandte: — Du wirſt heute eine Stunde im Garten ſpa⸗ zieren gehen. Ich werde einige Beſuche machen. Gehe nun hinauf und ſetze Deinen Hut auf! Um zwei Uhr iſt es die Stunde für Deine Muſikübun⸗ gen. Lebwohl! 17 — Frau von Krug verbeugte ihren Kopf maje⸗ ſtätiſch und ging mit ſteifer Haltung aus dem Zim⸗ mer in ihr Schlafgemach. Als ſich die Thüre hinter der Mutter geſchloſſen, that Albertine erleichtert einen tiefen Seufzer und eilte, als ſie die Thüre zum Zimmer der Mutter wieder zuſchließen hörte, mit ſchnellen Schritten hin⸗ auf zu dem ihrigen. In jeder Ecke von Albertinens mit ſtrenger Symmetrie geordnetem Gemach fand man Spuren des Geſchmacks der Mutter und nichts, was darauf hindeutete, daß es die nette Wohnung eines jungen Mädchens ſei. Alle die reizende Annehmlichkeit, welche die Wohnung einer neunzehnjährigen Jungfrau auszuzeichnen pflegt, war aus der der Albertine ver⸗ bannt. Keine Blumen zierten ſie, kein Vogel ſang ſeine fröhlichen Lieder, kein kleiner Bücherſchrank deutete an, daß die Eigenthümerin ſich oft mit den ausgezeichneten Schriftſtellern ihres eigenen Landes und denjenigen anderer Länder beſchäftigte. Nein, theure, maſſive Meubles, die ſchnurgerade an den Wänden aufgeſtellt waren, ſchwere Damaſtgardinen und eine mit Silber überladene Toilette machten die Ausſtattung des Zimmers aus. Ueber dem Gan⸗ zen ruhte etwas Kaltes und Steifes, welches allen Comfort ausſchloß. Albertine warf ſich in das Sopha, ſchleuderte die beiden Kiſſen weit von ſich, ſchob die Schemel hin⸗ aus auf den Fußboden und drückte die Hände gegen die Bruſt, während ſie vor ſich hinflüſterte: — O mein Gott, ein ſolches Sclavenleben!— Dann ſprang ſie auf, ſchob alle Stühle von ihren Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 2 18 beſtimmten Plätzen durcheinander, und rief dadurch eine vollſtändige Unordnung im Zimmer hervor. In demſelben Augenblick, wo das junge Mädchen ihren aufgeregten Gefühlen Luft machte und Alles, was ſich im Zimmer befand von den von der Mutter beſtimmten Plätzen entfernte, hörte man einen Wagen rollen, und ſie ſah die Mutter fort⸗ fahren. Zu gleicher Zeit öffnete ſich die Thüre und ein junges Mädchen in Albertinens Alter mit einem ita⸗ lieniſchen Strohhut auf dem Kopf und einem Sommer⸗ mantel auf dem Arme trat in's Zimmer. — Jetzt iſt die Mama fortgefahren und wir können etwas freier athmen. Sieh, da haben wir Hut und Mantel mit dem gnädigſten Befehl, uns in den Garten zu verfügen, um dort zu promeniren.— Das Mädchen nickte Albertine ſchelmiſch zu. Gott weiß, woher Du Deine fröhliche Laune be⸗ kommſt, Minna! Wenigſtens haſt Du Dich hier nicht beſonders amüſirt,“ ſagte Abertine und band mit ſicht⸗ barer Eile ihren Hut zu. — Ich nehme ſie von meinen neunzehn Jahren, die Ihre Gnaden mir nicht wegnehmen kann, und von meiner Ergebenheit für meine Milchſchweſter. Gehe nun, da unten bei der Hrangerie iſt Jemand, der unruhig nach der großen Allee hinausſpäht. Albertine erröthete, nickte Minna freundlich zu und verließ, leicht wie ein Vogel, das Zimmer. Als Mamſell Minna allein war, ergriff ſie einen Stuhl und fing an damit im Zimmer herumzuwal⸗ zen, während ſie wie eine Närrin lachte und in ihrer Seele dachte: 19 — Ach wie luſtig iſt es, der gnädigen Mama einen Poſſen zu ſpielen! Ja, ich werde beſtimmt närriſch vor Freude, falls Albertine ſich mit dem Sohne des Gärtners Bergſtröm verheirathet. Die Gnädige bekommt einen Schlag auf den Buckel, aber das hindert Albertine nicht, glücklich zu werden. Ich werde aus Freude darüber, das böſe Weib ſ zu ſehen, faſt aufgelegt ſein, mit zur Leiche zu gehen. Jetzt warf ſie den Stuhl von ſich, hielt mit dem Tanzen ein, ſprang vor den Spiegel hin, begann ihr Haar auf alle mögliche Weiſe zu ordnen und ſang: Raſch, Hedda, kleid' mich an im Nu, Ich eil' dem luſt'gen Balle zu! Während Minna oben in Albertinens Kam⸗ mer ſich beſtens amüſirte, war dieſe in den Garten hinabgegangen. In der großen Allee mäßigte ſie ihre Schritte und blickte furchtſam um ſich. Am Ende derſelben ſah man die Hrangerie, und dort ſollte er, nach Minna's Ausſage, ſein. Einen Au⸗ genblick blieb Albertine ſtehen, als wenn ſie gezwei⸗ felt hätte, aber dann ſetzte ſie raſch ihren Weg nach „der Orangerie fort. Als ſie an dem grünen Platz desſelben angekommen war, begegnete ſie einem jungen Mann. Er nahm ſeinen leichten Sommer⸗ hut ab und ſagte halb lächelnd, halb traurig: — Ich fürchtete, daß ich Dich heute nicht ſehen würde und hatte ſchon alle Hoffnung aufgegeben, als ich endlich den Wagen wegrollen hörte. Albertine reichte ihm freundlich die Hand. — Auch ich hegte dieſelbe Furcht, beſonders weil wir dieſer fröhlichen Stunden bald beraubt ſein wer⸗ den, da Mama und ich in einigen Tagen die Haupt⸗ ſtadt verlaſſen. — Wer weiß, Albertine, ob ich Dir nicht ebenſo treu folge, wohin Du auch reiſeſt, wie ich Dir ſchon ſeit drei Jahren gefolgt bin. 8 Er hatte ihre Hand in die ſeinige gelegt und führte ſie an ſeine Lippen. Beide ſetzten ſich auf eine Bank. — Aber Du weißt ja, daß wir nach Rönby rei⸗ ſen und dort den Sommer bei meinem Onkel, Major Quickfelt, zubringen werden. — Ja, aber das hindert nicht, daß ich ſchon in drei Tagen nach Rönby reiſe, um die Stelle des dortigen Arztes, der krank geworden iſt, zu verſehen. Der Major hat mir das Anerbieten gemacht, daß ich den Sommer über bei ihm wohnen kann.— Ri⸗ chard ſah Albertine ſchalkhaft an und fügte hinzu: — War das nicht gut angeordnet? — Ach, das wird ja ganz göttlich!— rief Al⸗ bertine vergnügt.— Ich ſehe jetzt, Richard, daß Du mich heiß und innig liebſt. — Von ganzem Herzen, das weißt Du; aber wohin ſoll mich wohl dieſe meine Liebe führen. Was wird der Lohn für mein treue Liebe? — Mein Herz, das Du bereits beſitzeſt, meine Hand, die nie einem Andern, als Dir gehören ſoll⸗ — Albertine, dieſes Verſprechen gabſt Du mir, e „ 21 als Du noch viel zu jung warſt, um klar die Hin⸗ derniſſe beurtheilen zu können, welche ſich einer ſol⸗ chen Verbindung entgegenſtellen, und ich liebte Dich viel zu ſehr, um meine Vernunft auch nur einen Augenblick durch mein Gefühl beherrſchen zu laſſen. Ich habe Dich geliebt, ohne an die Zukunft zu den⸗ ken, ohne die Kluft, die uns trennt, ſehen zu wollen, aber jetzt. — Jetzt liebſt Du mich weniger,— rief Alber⸗ tine erbleichend. — Nein mein edles, hochſinniges Mädchen, ich liebe Dich mit jedem Tag mehr und mehr, aber — Er führte wieder ihre Hand an ſeine Lippen. — Aber? — Aber, ſeit mein Vater ſich ſeit zwei Mona⸗ ten im Dienſte Deiner Mutter befindet, habe ich dieſes ſtolze und unbeugſame Weib kennen gelernt, an deſſen Herz und Liebe Du vergebens appelliren wirſt. Glaubſt Du wohl, daß etwas Anderes als ihr Hochmuth bei der Frage wegen der Wahl Deines Gatten den Aus⸗ ſchlag geben wird? Ja, das glaube ich!— antwortete Albertine und Jot ihr ſchönes Haupt ſtolz empor,— denn ſie wird nie ein Ja zu einer Verbindung, welche mein Herz verwirft, von meinen Lippen erzwingen können. Ich werde nein ſagen, und wäre es ſelbſt vor dem Altare, falls es ſo weit kommen ſollte; das ge⸗ lobe ich Dir vor Gott. — Dank!— wieder wurde die kleine Hand mit Küſſen bedeckt. — Ich weiß, Richard, daß man mich für willen⸗ los, für ein Automat in den bin meiner Mutter 22 hält, aber man täuſcht ſich. Ueberall, wo ich, ohne dem Rechten zu nahe zu treten, mich ihrem Willen habe fügen können, habe ich es gethan; und ich habe oft meinem Gefühle Gewalt angethan und die aufrühreriſchen Gedanken in meiner Bruſt erſtickt, damit ich ſie nicht durch einen zweckloſen Streit reizte oder darin meine eigenen Kräfte vergeudete. Aber wenn es heilige, für meine Zukunft theure Intereſſen gilt, dann werde ich Kraft haben zu kämpfen. Dieſer Kampf wird vielleicht entſetzlich werden; aber Gott, welcher in meinem Herzen liegt, weiß, daß dieſes Herz es nie zugeben wird, daß man es verkauft, mag es nun aus Hochmuth, oder wegen irgend eines welt⸗ lichen Vortheils geſchehen. Ich wäre feig und ver⸗ ächtlich, würde ich je aus ſchwächlicher Empfindelei den Willen eines anderen Menſchen als Geſetz für mich in einer ſo wichtigen Angelegenheit, wie die Wahl eines Gatten gelten laſſen. — Aber, meine geliebte Albertine, ſelbſt wenn Dein Muth und Deine Standhaftigkeit es vermögen ſollten, dem Willen Deiner Mutter beim Eingehen einer Ehe zu widerſtehen, ſo würde es Dir doch nicht gelingen, ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit mir zu erhalten. — Es iſt wahr, daß ich dieſe Einwilligung nicht in dieſem, nicht im nächſten und nicht im Jahre da⸗ rauf erhalten werde; aber wir ſind ja jung, wir können warten, und ich fühle, daß wenn ich nicht eher ihre Einwilligung erhalte, ſo wird es doch dann, wenn Du als ein ausgezeichneter und geſchickter Arzt Dir allgemeine Achtung und einen hochgeehrten Na⸗ men gewonnen. Ja, und wenn ich auch auf dieſe — Einwilligung eine Reihe von Jahren warten müßte, ſo will ich, von der Hoffnung getröſtet, daß ich einſt, wenn auch ſpät, Deine Gattin werde, geduldig und treu ausharren. — Aber wird die Zeit nicht Deine Gedanken zum Schwanken bringen und während eines lang⸗ wierigen Kampfes Deinen Muth ſchwächen? — Niemals... Den Richard, welchen ich im Alter von ſechszehn Jahren liebte, werde ich bis in den Tod lieben. Die Zeit, vermag nicht eine Liebe wie die meinige zu vernichten. Nein, ſie iſt mit meinem Herzen verwachſen. Die Zeit kann meinen Wangen Jugend und Schönheit rauben, aber aus meinem Herzen kann ſie nicht die Liebe zu meinem Richard verjagen. — Und darf ich wohl ein ſolches Opfer anneh⸗ men, darf ich verlangen, daß Du aus Liebe zu mir Dich namenloſen Schmerzen und Qualen unterwerfeſt und daß die fröhlichen Tage Deiner Jugend unter einem vergeblichen Warten auf die Verwirklichung eines kindlichen Traumes von Glück und Wohlfahrt dahinſchwinden ſollen? Und endlich, falls Du, meine jetzt ſo ſchöne und üppige Roſe, einſt das Ziel, nach welchem Du ſtrebſt, erreichſt, dann iſt vielleicht die Fähigkeit Dein Glück zu genießen für immer in Dir erloſchen. Albertine legte ihre Hand auf ſeinen Arm, rich⸗ tete ihre dunkeln Augen mit einem Ausdruck tiefen Ernſtes auf ihn und antwortete: — So lange Du mich liebſt, gibt es keine Qual, die ich nicht mit Geduld ertragen werde, und keine Leiden werden im Stande ſein, meine Gefühle zu benehmen, wenn ich einſt das Ziel meiner Hoffnungen erreiche und vor dem Altar dem Einzigen, den ich je geliebt, meine Hand reiche. — Und ich wäre dieſer erhabenen Liebe nicht werth, wenn ich je aufhören würde, Dich zu lieben. † Richard legte Albertinens Hand auf ſein Herz und fügte hinzu: — So lange dieſes Herz ſchlägt, werden deſſen Schläge Dir allein gehören; und wenn das Schick⸗ ſal uns trennen ſollte, wenn die Verläumdung Dich zwingen wollte, mir zu mißtrauen, ſo ſchwöre mir, in Deiner Seele nie dem Zweifel Raum zu laſſen,. ſondern laſſe den Glauben an mich Deiner Liebe zur Seite ſtehen und ſie gegen die finſtern Mächte des Argwohns beſchützen; erinnere Dich vor Allem, daß ich Dich nie hintergehen werde! — Das verſpreche ich. Der Verluſt des Glau⸗ bens an Dich würde der Todesſtoß für meine Liebe ſein. Ach Richard! Wenn Du wüßteſt, wie hoch ich Dich in meinen Gedanken ſtelle, wie blind mein Ver⸗ trauen zu Dir iſt! Noch eine Weile ſetzten ſie dieſes zärtliche Ge⸗ ſpräch fort, bis ſie plötzlich durch einen Wagen, wel⸗ cher in den Hof hineinfuhr, unterbrochen wurden. — Meine Mutter!— rief Albertine und erhob ſich heftig von der Bank. Leb' wohl, meine Geliebte,— flüſterte Richard und entfernte ſich, nachdem er noch einmal einen herz⸗ lichen Kuß auf die Hand des jungen Mädchens gedrückt. Albertine, welche während der Unterredung die Zeit vergeſſen hatte, erinnerte ſich mit Schrecken, 7 tödten, oder mir den Eindruck meines Glückes zu 3 . 25 — daß die Uhr möglicherweiſe die für ihre Promenade beſtimmte Zeit überſchritten habe. An der Gatter⸗ thüre begegnete ſie der Mutter, welche mit glühen⸗ den Wangen und der Uhr in der Hand der Tochter entgegenkam. — Ja ſo, Fräulein promenirt noch, obgleich die Uhr ein Viertel über zwei iſt? Waos ſoll das be⸗ deuten? Ich glaube, man wagt meine Befehle zu übertreten und ſich Freiheiten herauszunehmen, die ich keineswegs geſonnen bin zu dulden. So ant⸗ worte doch, was bedeutet dieſer Ungehorſam? Warum ſitzeſt Du nicht am Inſtrument? Antworte, oder biſt Du ſtumm? 3 — Beſte Mutter, ich wußte nicht, daß die Uhr ſo viel ſei,— erkühnte Albertine ſich zu antworten. — Wußteſt Du nicht? Wo iſt denn Deine Uhr? — Ich vergaß ſie auf meinem Zimmer. 6— Gehe ſofort hinauf und ſpiele. . Die Profeſſorin machte eine befehlende Geberde, und Albertine eilte ins Haus. Die würdige Frau folgte ihr nicht in den Salon, ſondern lenkte ihre Schritte in den oberen Stock, in welchem die beſon⸗ deren Zimmer ſich befanden. Als ſie an der Thüre vorbeikam, die zu Albertine's Zimmer führte, hörte ſie von dort den Klang einer fröhlichen, jugendlichen Stimme, welche folgende Worte ſang: „Und Mama that daſſelbe, Wenngleich auch nicht ſo eben.⸗ — Was ſoll das heißen,— rief Frau Sophie und wandte ſich an eine ältere Manſell, die lächelnd und demüthig ihr dicht auf den Ferſen folgte: — „ 26 — Es iſt Mamſell Minna, die ſich amüſirt, wenn Ihre Gnaden fort ſind,— antwortete Martha mit einem Ausdruck tiefen Mißfallens. — Ja ſo, ſte braucht ſich zu amüſiren?— Mehr ſagte die Profeſſorin nicht, aber nach dem ſtarken Zuſammenkneifen der Lippen zu ſchließen, ſchien ſie ihrerſeits aufgelegt zu ſein, Mamſell Minna zu amüſiren. Sie drehte den Schlüſſel zu Albertinens Kammerthüre um und dieſe ſprang auf. Da ſtand nun Minna vor dem Spiegel mit Al⸗ bertinens neuem Hut und ſchöner Seideſammet⸗ Mantille angethan, während ſie die coquetteſten Ver⸗ beugungen mit dem Kopf machte, ihr eigenes Bild anlachte und ſang. Sie hatte nicht gehört, daß die Thüre geöffnet wurde, ſondern ſchwenkte ſich gerade um, um ihr recht einnehmendes Bild von der Seite zu betrachten, befand ſich aber durch dieſe Schwen⸗ kung Angeſicht zu Angeſicht mit— Ihrer Gnaden. Minna blieb mitten in der Pirouette ſtehen und verſtummte. Sie glich einer Bildſäule, welche den perſonificirten Schrecken darſtellt. Die Augen ſtarr⸗ ten mit Entſezen die gereizte Beherrſcherin an, die in der Thüre ſtand. Man muß zugeben, daß Minna allen Grund hatte, erſchrocken auszuſehen. Erſtens wurde ſie über⸗ raſcht, wie ſie mit den Kleidern des jungen Fräu⸗ leins angethan, ſich damit beſchäftigte, ſich zu ſpie⸗ geln, und dann— dann, welche entſetzliche Unord⸗ nung im ganzen Zimmer, die Ruhekiſſen lagen quer über den Fußboden, die Schemel waren von oben nach unten gekehrt, Stühle und Tiſche durch einander, nicht von der Toilette zu reden, auf welcher alle Gegen⸗ * 27 ſtände aufs ſchrecklichſte durch einander geworfen waren. — Iſt's erlaubt zu wiſſen, was das für ein Leben iſt, das ſie hier führt! Ich glaube wahr⸗ haftig, daß es die Kleider meiner Tochter ſind, die ſie anhat. Aber das muß ein Irrthum ſein; eine ſolche Unverſchämtheit iſt von einem Domeſtiken in meinem Hauſe nicht denkbar. Bei dieſen Worten glühte eine hohe Röthe auf den Wangen des jungen Mädchens: ſie warf der Profeſſorin einen herausfordernden Blick zu und ant⸗ wortete unerſchrocken: — Ich habe wirklich Albertinens Hut und Man⸗ tille an. — Wer gibt ihr Erlaubniß, meine Tochter ſchlecht und recht Albertine zu nennen,— ſchrie die Pro⸗ ſ und trat dem jungen Mädchen einen Schritt näher. — Das iſt eine Gewohnheit, die ich von der Kindheit her beibehalten,— antwortete Minna trotzig und nahm den Hut und die Mantille ab. In dem⸗ ſelben Augenblick fiel die Hand Ihrer Gnaden mit einem klatſchenden Schall auf die Wange des jun⸗ gen Mädchens und ſie rief: — Unverſchämte, Du ſollſt gleich aus meinem Hauſe! — Soll ich gleich einem Hunde weggejagt wer⸗ den,— rief das arme Mädchen mit von Thränen und Aerger glänzenden Augen. — Ja, Du biſt ein undankbares Ding, mit ſchlechten Sitten und einem frechen Betragen. Ich habe aus Barmherzigkeit mich lange genug mit Dir geplagt; jetzt mußt Du ſort, und das augen⸗ blicklich.— Ihre Gnaden deehte ſich um, um das Zimmer zu verlaſſen; aber Minna ſprang ihr nach und ergriff ihre Hand; während ein Strom von Thränen über ihre Wangen ſtürzte, flehte ſie: — Verzeihen Sie mir. Stoßen Sie mich nicht in die Welt hinaus. Ich habe weder Eltern, noch Heimath oder Angehörige. Aus Barmherzigkeit, Eure Gnaden! verzeihen Sie mir mein ſchlechtes Betragen, ich be⸗ reue es bitter; ich verſpreche, durch Fleiß und De⸗ muth es wieder gut zu machen. Erlauben Sie bloß, daß ich hier bleibe, wo ich aufgewachſen bin. Minna war faſt in die Kniee geſunken;— aber die Profeſſorin zog ihre Hand zurück und bemerkte mit Härte: — Du ſollſt gleich ausziehen; aber um Dir zu zeigen, wie gut ich bin, ſo werde ich in einem an⸗ ſtändigen Hauſe für Dich zahlen, bis Du einen Platz haſt. Ich will nicht, daß man von mir ſagen ſoll, daß ich Jemanden auf die Straße geworfen habe; aber aus meinem Hauſe mußt Du ſchon in einer Stunde. Du kannſt bei Martha's Schweſter wohnen, bis Du eine Stelle bekommſt. Minna verbarg ihr Geſicht in den Händen und und brach in ein heftiges Schluchzen aus. Ihre Gnaden that ein Paar Schritte gegen die Thüre; aber auf der Schwelle ſtand ein junger Mann von. einem kraftvollen Ausſehen und energiſch unbeug⸗ ſamen Zügen. — Meine Mutter,— ſagte der junge Mann,— verzeihen Sie Minna! — Albert! gehe in Dein Zimmer und miſche 29 Dich nicht in meine Angelegenheiten. Du weißt, daß ich das nicht dulde. Mein Haus und meine Leute regiere ich und Niemand ſonſt. — Gehen Sie, Martha— ſagte Albert in einem kurzen befehlenden Ton zu der alten Mamſell. Er trat hinein in Albertinens Zimmer, verſchloß die Thüre und ſagte dann in ruhigem Tone: — Noch einmal, Mama, verzeihen Sie Minna; erinnern Sie ſich, daß ſie unſer Haus unmöglich verlaſſen darf oder wird. — Wird ſie nicht, darf ſie nicht?— ſchrie die Profeſſorin.— Ja wohl! das wirſt Du zu ſehen bekommen⸗ Albert beugte ſich zu der Mutter herab und flüſterte ihr einige Worte ins Ohr. Die Profeſſorin fuhr zuſammen, als wenn ſie Jemand mit einer Na⸗ del geſtochen, und ſtarrte ihren Sohn eine Weile an; allein ſie faßte ſich ſofort und ſagte in einem kurzen, ſcharfen Ton zu Minna: — Gehe ſie hinunter in ihr Zimmer und bleibe ſie dort, bis ich ſie rufen laſſe. Schicke ſie Martha herauf. Steif und gerade ging die Profeſſorin aus dem Zimmer und in das ihrige. — Dank!— flüſterte Minna und wollte Al⸗ berts Hand an ihre Lippen führen. — Du haſt nicht viel zu danken, liebe Minna; aber wenn Du um Deinen Platz hier ſo beſorgt biſt, ſo führe Dich weniger widerſpenſtig auf und zeige fernerhin mehr Unterwürfigkeit und Ehrfurcht gegen meine Mutter. — Das verſpreche ich,— ſtammelte Minna und eilte auf die Treppe hinaus mit dem Ausdruck tie⸗ fen Schmerzes in dem vor Kurzem ſo fröhlichen Geſicht. Die Profeſſorin von Krug war in dem kleinen Boudoir, das vor ihrem Schlafgemach lag, ins Sopha zurückgeſunken und murmelte vor ſich hin: — Und ich, die ich jenes Geheimniß begraben zu haben wähnte. Ich, die ich glaubte, daß es mit ihr im Grabe ſchlafe. Wie hat er es erfahren? Martha trat ein. Ihre Gnaden richtete ihre Augen mit einem durchbohrenden Ausdruck auf ſie. — Hör mal Martha, Du wirſt wohl nicht ſchwei⸗ gen können?— Du haſt von der Todten mit mei⸗ nem Sohn geſprochen?— Glaubſt Du, Daß ich Dir Deine Schwatzſucht verzeihen werde, ſo täuſcheſt Du Dich. — Euer Gnaden, ſo gewiß wie ich hoffe ſelig zu werden, habe ich ſeit jenem Abend, wo Sie mich bei ihrem Sarge ſchwören ließen, nie den Namen der Todten über meine Lippen kommen laſſen. — Und doch weiß Albert, weſſen Kind Minna iſt. — Kein Menſch hat es durch mich erfahren; darauf kann ich vor dem Altar einen Eid ablegen. — Eure Gnaden, welche mich ſchon ſeit Ihrer Mäd⸗ chenzeit zur Dienerin gehabt, müßten die alte Martha kennen und wiſſen, daß ſie ſchweigen kann. — Gut, das iſt brav!— Du weißt auch, daß — *. 31 Du nur dann auf mich rechnen kannſt, wenn Du treu und eifrig biſt. — Ja, das weiß ich.— Martha knirte und ſah ſcheinheilig aus. — Jetzt will ich heraushaben, wie Albert jenes unglückliche Geheimniß erfahren hat. Du ſollſt mir das zu wiſſen verſchaffen. — Wie ſoll das zugehen? — Denke darüber nach, wer mit dem Elenden, der des Mädchens Vater iſt, in Berührung war und ſuche Dich der Namen des Geſindels jenes ganzen Geſchlechts zu erinnern. — Ich werde mein Möglichſtes thun. Gibt es etwas Weiteres, was Eure Gnaden befehlen? — Nein, ſchicke Minna herauf. Sturzſeen von Vorwürfen ſtrömten aus den Lip⸗ pen der ſo tief beleidigten Frau über die arme Minna, und erſt nachdem ſie das junge Mädchen gedemüthigt und reuevoll vor ſich im Staube hatte kriechen ſehen, that ſie, als wenn ſie ſich bewegen ließ, ſie im Hauſe zu behalten. Beim Mittagstiſch ſaß die Profeſſorin gerade und ſteif auf ihrem Platz, und die Ermahnungen an den Mann wurden in einem ſchärferen und här⸗ teren Ton, als ſonſt gemacht. Die Lippen waren dünner und mehr zuſammengepreßt, als ſonſt. Der Blick, den ſie von Zeit zu Zeit auf den Sohn warf, ſchien bis in die Tiefe ſeiner Seele dringen zu wollen. Die Tafel war ſtiller undslangweiliger als gewöhnlich. Albertine hatte wegen der Unordnung in ihrem Zimmer und weil ſie eine ganze Viertelſtunde über 32 die beſtimmte Zeit ſich im Garten vergeſſen hatte, eine ſtrenge Zurechtweiſung erhalten. Unſer junger Diſtrictsrichter hatte, als er die Mama anzureden wagte, eine ſcharfe und verletzende Antwort erhalten. Endlich waren die vier Gerichte verzehrt, welche die Profeſſorin als unumgänglich jeden Mittag und als nothwendig zur Aufrechthaltung ihrer Würde anſah, und man ſtand vom Tiſche auf. Jeder begab ſich nach dem Mittageſſen auf ſein Zimmer, um ſich dort auf eigene Hand nach Be⸗ lieben zu zerſtreuen; die Herrſcherin des Hauſes nahm dagegen ihre gewöhnliche Mittagsruhe. Nach⸗ her verſammelte man ſich im Cabinet, um Kaffee zu trinken und eine Stunde zu converſiren. Nach der Converſation ging Albert gewöhnlich auf ſein Zim⸗ mer, und Albertine muſicirte eine Stunde. Nachher ſaßen Mutter und Tochter bei ihren Handarbeiten und warteten an ſolchen Tagen, welche dafür be⸗ ſtimmt waren, auf Beſuche. Wenn der Thee ſervirt war, kam die Lectüreſtunde und endlich das Soupé, worauf eine halbe Stunde Converſation folgte; dann ſagte man gute Nacht und Jeder begab ſich wieder auf ſein Zimmer. So ging ein Tag nach dem andern, ohne andere Unterbrechungen als die⸗ jenigen, an welchen die Einladungen ſtattfanden, und endlos lang waren dieſe Tage für die jungen Leute, beſonders für Albertine, welche, gleich einem Sclaven an ſeine Kette, an der Mutter Seite feſtgenagelt war.— Aber kehren wir zu dem obengenannten RKachmittag zurüc. Die Frau Mama hatte ſich auf ihre Zimmer — 33 zurückgezogen. Albertine ſaß oben in dem ihrigen und war vertieft in das Leſen eines eben herausge⸗ kommenen Romans(Schmugglergut), den Albert ihr zu ihrer Zerſtreuung verſchafft. Sie hatte kaum das Buch gerffnet, als der Schlüſſel leiſe umgedreht wurde und der Bruder hereintrat. — Herr mein Gott! Albert, biſt Du es— rief Albertine.— Denke Dir, wenn Mama Dich hier hat hineingehen gehört, ſo wird ſie wieder böſe. Zu dieſer Tageszeit erlaubt ſie uns ja nicht zuſammen zu ſein. Du ſollteſt doch wiſſen, daß dies die Stunde für Einſamkeit und Betrachtungen iſt. Es war indeſſen Albertine unmoglich, ſich eines Lächelns zu enthalten. 6 — Ich habe die Ehre, alles das zu wiſſen, meine liebe Albertine; aber das hindert mich nicht heute das gegebene Geſetz zu übertreten,— ſagte Albert und ſetzte ſich lachend aufs Sopha der Schweſter,— ſo viel mehr als ich in der Converſationsſtunde eine größere Bataille mit Mama zu liefern haben werde. — Lieber Albert, heute nicht. Sie iſt ſchon ſo aufgeregt und wo möglich unverträglicher als ſonſt. Haſt Du etwas zu ſagen, was ihren Anſichten wider⸗ ſtreitet, ſo verſchiebe es. — Nein, Schweſterchen, ſie und ich ſind ſchon. heute zuſammengeſtoßen, und es iſt ſehr gut, die Mine auf einmal ſpringen zu laſſen. — Aber was willſt Du ihr denn ſagen?— fragte die Schweſter und ſah ängſtlich aus. Nicht ſehr viel, blos daß ich auf ein, zwei, drei Monate ins Ausland reiſe, und daß ich mir Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 3 34 nicht länger den Zwang auflegen will, ſo weit vom Hofgericht zu wohnen. — Du verläßt mich alſo! — Rein, niemals. Glaube mir, ich nütze Dir weit weniger, wenn ich mich ſtets zu einem Sclaven unter der Alleinherrſchaft meiner Mutter mache, als wenn ich mich auf einen ſelbſtſtändigen Fuß ſtelle und mich von einem Willen unabhängig mache, deſſen drückendes Joch mein männlicher Sinn nicht vertragen kann. Uebrigens, Albertine, würde ich Dich nicht kennen, wenn ich glaubte, Du wäreſt ein ſchwa⸗ ches Mädchen, das Beiſtand bedürfte, um den Muth nicht zu verlieren. Meine einzige Schweſter, die Erziehung, welche ich Dir hinter dem Rücken der gnädigen Mama gegeben habe, und welche den Zweck hatte, Deine Seelenſtärke zu entwickeln und Dich zu einem kräftigen, ſelbſtſtändigen Weibe und nicht zu einem verzärtelten Weſen zu machen, das ſein ganzes Leben hindurch einer Stütze bedarf— die Erziehung wäre dann ganz mißlungen. Nein, Du hatteſt Feſtig⸗ keit des Charakters nöthig, um eines Tages gegen die Laune und Tyrannei einer harten und unbeug⸗ ſamen Mutter kämpfen zu können. — Darin haſt Du recht gehabt, und ich halte mich für im Stande allein den Kampf zu beſtehen, wie hart er auch werden mag;— aber unſere vor⸗ trefflichen Abendſtunden, nachdem Mama zu Bett gegangen war,— wer ſoll mir die erſetzen, wenn Du fort biſt.— Ach! Albert, ſie waren die einzige Freude meiner freudeleeren Jugend. — Albertine, jede Woche werde ich ein Paar Abende bei Dir zubringen. Laß nur jetzt von Dir ſprechen. 35 — Ach, von mir iſt nicht viel zu ſagen,— ſeufzte Albertine. — Ach doch! und das nicht ſo wenig. — Hältſt Du Deine Liebe zu Richard Bergſtröm für eine beſtändige?— Biſt Du ganz ſicher, daß Dein Herz ihm ernſtlich anhängt?— Der Bruder hatte ihre beiden Hände ergriffen und blickte der Schweſter forſchend in die Augen. — Ja, ſo ernſt, daß Niemand auf der Erde mich dazu bewegen kann, meinem Verſprechen untreu zu werden. — Gut, es gefällt mir, daß Du ſo ſprichſt:— aber haſt Du alle Schwierigkeiten, welche ſich Dir ent⸗ gegen ſtellen werden, in Betracht gezogen? — Ja, alle. — Brav, Du biſt wirklich von demſelben Blute, wie ich; aber bedenke, daß Du nie die Einwilligung Mama's zu dieſer Verbindung erhalten wirſt, und Du denkſt wohl nicht daran, Dich mit Richard zu verheirathen, ohne daß ſie es zugibt? — Nein, mein Bruder, aber ich fühle mich ge⸗ wachſen, für meine Liebe zu kämpfen. — Auch ohne Erfolg? — Wer weiß, was die Zeit vermag? Ich bin ebenſo ſtark in meinem Willen und ebenſo unerſchüt⸗ terlich in meinem Vorſatze, wie meine Mutter. — Das bezweifle ich nicht; aber während des Kampfes wird die Zeit vergehen und Du und Ri⸗ chard werdet alt werden. — Albert, wir werden doch, und wenn auch an unſeres Lebens Abend, vereinigt worden. Ja, ich finde etwas Erhabenes in dieſen Verbindungen, 3 36 deren erſtes Glied im Frühling des Lebens und deren letztes in deſſen Herbſt befeſtigt wird. — Du biſt ein ſonderbares Mädchen, daß Du mit ſo vieler Ruhe über die Hinderniſſe reflectiren kannſt, die ſich Dir bei dem Streben nach der Errei⸗ chung Deines Lebensglückes entgegenſtellen.— Deine Liebe muß von ächt nordiſchem Schlage ſein. — Ach, Du närriſcher Albert, wie Du ſprichſt! Könnteſt Du die tiefe Kraft und Wärme meiner Liebe ermeſſen, wie ganz anders würdeſt Du dann nicht urtheilen. — Und doch dieſes unterwürfige Warten, dieſe lange Geduld! — Nein, kein unterwürfiges Warten, keine ruhige Geduld habe ich verſprochen; aber auch keinen fruchtloſen Streit. Nein, wenn der Augen⸗ blick, die Maske abzuwerfen, gekommen iſt, dann werde ich es thun und ſiegen; denn ich habe durch die Ruhe und Geduld, womit ich die Unterdrückung ertragen, mir das Recht gekauft, ſelbſt einen Gatten zu wählen. Und wenn ich auch zwanzig Jahre war⸗ ten müßte, ſo werde ich doch nie die Frau eines Andern als Richards werden. — Du ſprichſt wirklich wie meine Schülerin. Ich habe Ehre von Dir, mein Kind! Gebe Gott, daß Du, durch irgend einen gewaltſamen Druck auf die Fibern Deines Herzens, nicht einſt gezwungen wirſt, die Gränzen zu überſchreiten, die Du Dir ſel⸗ ber ziehſt. Ich würde nie warten können. — Du würdeſt alſo, ohne Dich darum zu küm⸗ mern, die Mama zu beſiegen, gegen ihren Willen —,— 37 diejenige zur Gattin nehmen, welche Dein Herz ge⸗ wählt?. — Ja.— Albert fuhr mit der Hand über die Stirne.— Aber noch einmal: ſpreche nicht von mir! Kennſt Du die Urſache, warum Mama dieſes Jahr ſich ſelbſt zum Gaſt bei Onkel geladen? — Nein, dieſe ihre Handlungsweiſe hat mich ſehr gewundert, da ſie ſeit der Heirath des Onkels vor ſechs und zwanzig Jahren ihren Fuß nicht über ſeine Thürſchwelle geſett hat. — Weil er gering genug war, ſich mit der Toch⸗ ter eines Helfers zu verheirathen. — Nun, nun,— ſcherzte Albertine,— Mam⸗ ſell war ja eine Enkelin des Bauers Pehr Mattſon, und Onkel ein Quickfelt, und dazu einer mit einem gräflichen e an ſeinem Stammbaum. — Ei, ei, Schweſter Albertine; der Bergſtröm'⸗ ſche Name iit doch auch recht plebejiſch und der Stammbaum nicht viel beſſer, als der von Tante Malin, denn der Vater Deines Auserkorenen iſt— Gärtner. Albertine fing herzlich an zu lachen und Albert fuhr fort: — Unglückſelige Sympathien für das Volk und deſſen Kinder, und das gerade bei uns, welche eine ſo ultraariſtokratiſche Erziehung erhalten haben. — In allen deſpotiſchen Staaten erwacht der Aufruhrsgeiſt früher oder ſpäter. Die Unterdrückung iſt ein ganz unrechter Weg, wenn man auf demſel⸗ ben die Unterdrückten von der Richtigkeit der An⸗ ſichten, die man ihnen mit Gewalt b will, zu überzeugen ſucht. 38 — Auch würde es mich gar nicht wundern, wenn ich, nur um meine liberalen Anſichten an den Tag zu legen, die doch wahrlich in geradem Widerſpruch mit denjenigen ſind, die ich, ſeit ich im Unterröckchen ging, habe predigen hören— mich eines ſchönen Tages mit Martha verheirathete. — Aber ich erfuhr nicht, warum wir nach ſo vielen Jabren, uns jetzt mit der Abkunft der Tante Malin verſöhnen ſollen. — Darum, meine Freundin, weil Baron Silfver⸗ krona's Fideicommiß an das Gut des Onkels gränzt. Dabei iſt der Baron täglicher Gaſt auf Rönby, mit Onkels Kindern aufgewachſen und ganz und gar für Tante eingenommen; und dieſes Alles hat er, als er ſich dieſen Winter hier aufhielt, Mama mitge⸗ theilt. — Nu— un?— Albertine ſah den Bruder an. — Ich glaube, Du biſt mehr als verzeihlich ein⸗ fältig, meine liebe Schweſter! Der Baron iſt Jung⸗ geſelle, das weißt Du ja. — Zu gut,— antwortete Albertine erröthend. — Dem Baron hat es beliebt, Fräulein von Krug in den Geſellſchaften, in welchen er ſie traf, mehr Aufmerkſamkeit zu zeigen, als irgend einem anderen Mädchen. Vielleicht weißt Du ein wenig davon. — Ganz unbedeutend. — Und Mama würde unbeſchreiblich gern ihre Fräulein Tochter mit einem Baron vermählt ſehen, beſonders da beſagter Baron ungeheuer reich iſt, ein ſtattliches Aeußere hat und dazu in naher Verwandt⸗ ſchaft zu den Grafen Stormhjelm und mehreren — —— 39 anderen Zweigen des hohen Adels ſteht; welcher letztere in Mama's Augen ohne Zweifel ſein größtes Verdienſt ausmacht. — Möglich; aber in dem Falle theile ich ihre Anſicht nicht. — Hat auch ganz und gar nichts zu bedeuten. Man reiſt mit oder gegen ſeinen Willen nach Rönby, erſtickt ſeinen Widerwillen gegen die plebejiſche Schwä⸗ gerin und hofft die Tochter als Verlobte des reichen Barons heimzubringen. Man mußte nothwendig dieſe Reiſe machen, da der Baron auf dem Lande zu bleiben und dieſen Winter nicht nach der Haupt⸗ ſtadt zu kommen beabſichtigt, ſo daß alle Ausſich⸗ ten, ihn zum Schwiegerſohn zu bekommen, in Rauch aufgegangen wären, wenn man ſich nicht dazu be⸗ quemte, ſeine Vorurtheile gegen Tante Malin zu opfern. — Aber alles das beruht ja nur auf Illuſionen, welche nie werden verwirklicht werden. Und was das entſetzlich läſtig werden wird, da draußen; welche Scenen; wie. Die Thüre wurde aufgeworfen und die ſteife und drohende Geſtalt der Profeſſorin kam zum Vorſchein. Sie trat herein, ging bis zur Mitte des Zimmers und bemerkte in kurzem und ſchneidenden Ton: — Es ſcheint, als wenn man heute auf alle erdenkliche Weiſe meine Langmuth dadurch prüfen will, daß man alle meine Befehle mit Füßen tritt. Bin ich nicht mehr diejenige, welche Geſetze in mei⸗ nem eigenen Hauſe feſtſetzt?— Sollen meine Kinder offen meinem Willen trotzen?— Wie geht es zu, 40 daß Du zu dieſer Stunde hier biſt?— fragte ſie, ſich an den Sohn wendend. — Weil ich, Mama, eine Weile mit meiner Schweſter zu ſprechen wünſchte. — Aber Du weißt ja, daß ich es nicht leiden kann, daß man die Ordnung übertritt die ich feſt⸗ geſtellt habe, und was Du Deiner Schweſter zu ſagen hatteſt, war wohl nicht dringlicher als daß Du es bis auf die Converſationsſtunde verſchieben konnteſt. — Beſte Mamw, dort können wir nicht ſo un⸗ genirt von Allem plaudern, was uns einfällt. — Gerade ſolches ungenirtes Geplauder iſt über⸗ flüſſig, ja ganz und gar nicht am Platze; denn das gibt Anlaß zu eigenmächtigen Reflexionen, die in meinen Augen unpaſſend ſind, und ich will in mei⸗ nem Hauſe nichts von geheimen Geſprächen wiſſen, — verſtehſt Du? Der Diſtriktsrichter verbeugte ſich ſchweigend, aber über ſeine ſtolze Stirne flog eine leichte Röthe. — Verlaſſe jetzt das Zimmer Deiner Schweſter. — Gleich! Ich wünſchte mir nur eine Privat⸗ unterredung mit Mama von einer Stunde auszu⸗ bitten. — Während Albertine muſicirt, haſt Du Gele⸗ genheit, mit mir zu ſprechen.— Was iſt das?— fügte die Profeſſorin mit gerunzelten Brauen hinzu, indem ſie ihre Augen auf das Buch fallen ließ, in welchem Albertine geleſen, als der Bruder zu ihr hereintrat. — Einer von Walter Scotts Romanen, Mama. Ich habe ihr denſelben zum Leſen gegeben, damit 41 ſie etwas, was Bildung gleicht, erlangen möge,— antwortete Albert. Die kleinen grauen Augen der Profeſſorin erwei⸗ terten ſich und ſie warf den Kopf in der Abſicht zu⸗ rück, den Kecken, welcher ſich dieſe unerhörte Anma⸗ ßung erlaubt, recht feſt zu betrachten und mit ihrem Blick zu zermalmen. — Du befaßt Dich alſo mit der Erziehung Dei⸗ ner Schweſter? — Ein wenig; wenigſtens ſoweit dieſelbe die Hauptelemente der literariſchen Bildung anbetrifft, welche bei Albertine im höchſten Grade vernachläſſigt ſind. Wir leben in einer Zeit, Mama, welche von den Frauen etwas mehr fordert, als daß ſie ſtricken, zeichnen, ſticken, ſpielen und ſich nach den Regeln der Convenienz in der Geſellſchaft zu benehmen verſtehen. Man fordert, daß ſie denkende Weſen ſein, und von dem, was in der Welt geſchehen iſt und ge⸗ ſchieht, Kenntniß haben ſollen. — Biſt Du fertig? — Ah, über den Gegenſtand wäre noch ungeheuer viel zu ſagen; aber ſo ſtehenden Fußes habe ich weiter nichts hinzuzufügen. — Du hältſt Dich alſo wirklich für beſſer im Stande, zu beurtheilen, was an Deiner Schweſter Erziehung fehlt, als ich:— Du trauſt alſo mir kein Urtheil darüber zu, was ſie nachzuholen hat und was nicht.— Du findeſt, daß Deine Mutter nicht genug klaren Verſtand hat, um ohne Deine Anleitung ihre Tochter erziehen zu können, ſintemal Du mit Anſich⸗ ten auftrittſt, die denjenigen, welchen ich huldige, ſchnurſtracks entgegen ſind, und Du beförderſt auf 42 dieſe Weiſe, was ich verwerfe! Ich mißbillige alles Romanleſen, weil ich es für ſchädlich, verderblich und für unvereinbar mit den Forderungen der Sittlichkeit halte. Ich ſelbſt habe nie einen Roman geleſen, und ich hoffe, daß Du mir deßhalb nicht die wahre Menſchenwürde, welche mir Alle zuerkennen, abſpre⸗ chen wirſt. Die Profeſſorin nahm das Buch, reichte es dem Sohne und fuhr fort: — Nehme eine Lectüre zurück, welche Du Deiner Schweſter gegen meinen Willen zum Leſen gegeben, und miſche Bich nicht in das, was ich allein zu be⸗ ſorgen wünſche; denn dies könnte Dir möglicherweiſe weniger gut bekommen.— Was Dich anbetrifft, Albertine, ſo bleibſt Du zur Strafe auf Deinem Zimmer. Du haſt Dich heute dreimal gegen meine Anordnungen vergangen, und man iſt nie zu alt, um wegen Ungehorſams gegen ſeine Mutter beſtraft zu werden. Die Profeſſorin verließ das Zimmer zu gleicher Bit mit Albert, welcher ihr in finſterer Stimmung folgte. Mutter und Sohn tranken ihren Kaffee zu zwei, da die Profeſſorin, wie geſagt, nie, außer beim Mit⸗ tagstiſch in der Familie ſichtbar wurde. Mit finſterer Stirne ſaß die Pofeſſorin auf dem Sopha und nippte von ihrem Kaffee. Albert leerte ſchweigend ſeine Taſſe. Nachdem der Bediente ſich mit dem Kaffeebrett entfernt, und Ihre Gnaden Be⸗ fehl gegeben hatte, daß man dem Fräulein ihren Kaffee hinaufbringen ſolle, ſah ſie erſt auf ihre Uhr und ſagte dann zum Sohne: 43 — Was Du zu ſagen haſt, können wir ebenſo gut Pt verhandeln, wie einen anderen Unterhal⸗ tungsgegenſtand wählen, weil wir ja doch dieſe Stunde unter vier Augen zubringen müſſen. — Wie Mama befehlen,— antwortete Albert und lehnte ſich zurück in das Fauteuil.— Die Mit⸗ thilung betrifft bloß mich. Ich wünſchte Mama zwei Beſchlüſſe, welche ich gefaßt habe, anzuver⸗ trauen. — Ja ſo, Du faſſeſt erſt Deine Beſchlüſſe und theilſt ſie mir nachher mit, ohne zu wiſſen, ob ich ſie billige oder auch nur geſonnen bin, meine Ein⸗ willigung dazu zu geben. 6 — Inſofern ſie mich perſönlich berühren, ſo glaube ich mit 28 Jahren ein Alter erreicht zu haben, in welchem ich ſo ziemlich ſelbſt über meine Hand⸗ lungen beſtimmen kann. Als Mann brauche ich wohl nicht, gleich einem unmündigen Knaben, bei Allem, was ich unternehme um Erlaubniß zu fe Lſen. Dieß ſieht Mama mit ihrem klaren Verſtand vrl kommen wohl ein.. — Mein klarer Verſtand ſagt mir, daß mas den Eltern, ſo lange ſie leben, Gehorſam ſchuldig iſt. — Ja, in Allem, wo man durch Ungehorſam ihnen Mangel an Achtung zeigen würde; aber wenn die Eltern ihre Anſprüche 3 Gehorſam ſogar ſo weit treiben, daß ſie aus Laune ſich dem entgegen⸗ ſtemmen, was ihren mündigen Kindern nützlich ſein könnte, dann, Mama, kommt es mir vor, daß man in meinem Alter ein wenig Recht hat, ſich in ſeine eigenen Angelegenheiten zu miſchen. — So— o! Du willſt damit andeuten, daß ich nach Laune handle. Wu biſt wahrlich, mein Herr Sohn, der Erſte, der es gewagt hat nur ſo Etwas von mir zu denken, geſchweige denn zu äußern, von mir, der man allgemein das Zeugniß gibt, daß ich bei all' meinem Thun und Laſſen nur den Ver⸗ ſtand und die Klugheit walten laſſe; aber es iſt nicht das erſtemal, daß Du gegen Deine Mutter mit einer empörenden Unverſchämtheit auftrittſt. Ich hatte trotzddem ein anderes Reſultat von der ernſten und geregelten, von aller Schwäche entfern⸗ ten Erziehung erwartet, welche ich Dir gegeben. Soll ich, welche Dich mit unermeßlicher Strenge ge⸗ leitet habe, mich ſelbſt behandeln ſehen, als wäre ich eine unverſtändige und weichliche Mutter ge⸗ weſen. — Mama,— ſogte der Diſtriktsrichter und er⸗ hob ſich haſtig,— erlauben Sie, daß Ihr Sohn das ausſpricht, was er aus Liebe zur Mama und Aber ine auseinanderſetzen will, weil er Ihre A tſamkeit auf die Fehler zu lenken wünſcht, „ e Mama dadurch begangen haben, daß Sie e Kinder mit unerſchütterlicher Strenge erzogen ben! — Kein Wort weiter über dieſen Gegenſtand!— rief die Profeſſorin und ſtand auf.— Ich bin nicht iejenige, welche geduldig ſtille ſitzt, um ſich von nem undankbaren und unverſchämten Kinde Lektio⸗ en geben zu laſſen. Haſt Du mir nichts weiter zu ſagen, ſo— da iſt die Thüre! Glaube nicht, daß Du mir imponiren kannſt; ich fühle zu wohl meine eigene Würde, um nicht zu finden, daß es Dir zukäme, zu meinen Füßen zu liegen und mich —-———— 45 um Verzeihung zu bitten, daß Du ſchon bei der Wahl Deines Berufs meinem Willen zu trotzen wagteſt. Dieß habe ich nicht vergeſſen und werde es nie vergeſſen.... Was willſt Du mir mitthei⸗ len? Sage es und laſſe Alles aus, was nicht zur Sache ſelbſt gehört! Verſchone mich mit allen Dei⸗ nen Bemerkungen; denn ich erkläre Dir ſtreng und beſtimmt: ich will keine ſolche hören. — Warum durch eine ſolche Strenge alles Ver⸗ trauen verbannen?— rief Albert. — Verſtehſt Du nicht, was ich eben ſagte, als ich Dir befahl, nur von dem zu reden, was Dich perſönlich betrifft, und von nichts Anderem. Ich be⸗ fehle Dir jetzt, ganz zu ſchweigen, falls Du nichts Anderes vorzubringen haſt, als pathetiſche Austufe über meine Strenge. — Mag es ſein, wie Mama befehlen,— ant⸗ wortete der Diſtriktsrichter, deſſen Geſicht jetzt ein ebenſo kaltes und hartes Gepräge wie das ſeint Mutter angenommen hatte. Ich habe beſchloſſen, eine Reiſe nach dem 6 5. lande zu machen und trete dieſelbe ſchon Donner tag an Die Profeſſorin ſetzte ſich mit zuſammengepreßten Lippen und gerunzelten Brauen nieder ins S ohne ein Wort weiter zu ſagen. — Ich werde wahrſcheinlich zwei oder drei W nate fortbleiben; welches von beiden, habe ich nicht ſo genau beſtimmt; aber ich habe mir bis zum Herbſt eine kleine Junggeſell enwohnung am Ritter⸗ hausmarkt gemiethet, und ich wünſche, daß mein Bedienter während dieſer Zeit meine Meubeln und 46 Bücher, die ſich jetzt in meinem Zimmer hier zu Hauſe befinden, ſo wie auch die neuen, welche ich gekauft, dorthin brächte, ſo daß ich bei meiner Rück⸗ kehr nach Schweden meine Wohnung in Ordnung finde. Ich kann unmöglich fortfahren hier, ſo weit vom Hofgerichte, zu wohnen. — Du ziehſt alſo ganz einfach fort von Deinen Eltern, mietheſt Dir eine Wohnung, kaufſt Dir Meu⸗ beln ꝛc., alles, ohne mich um Rath zu fragen, ohne zu wiſſen, ob ich alle dieſe Deine Maßregeln und Schritte erlauben werde. — Erlauben, Mama!— Albert blickte die Mutter mit einem Ausdruck der Unbeugſamkeit in jedem Zuge an, welcher ſich in dem ihrigen treulich wiederſpiegelte.— Ich glaubte ſchon beim Beginn unſerer Unterredung deutlich genug erklärt zu haben, daß ich jetzt ein Mann und kein Kind bin. — Mit anderen Worten, Du meinſt, ich hätte kein Recht mehr, mich in Deine Handlungen zu miſchen oder daß Du verpflichtet wäreſt, Dich mei⸗ nem Willen zu unterwerfen; eine etwas zu kalte Erklärung, mein Sohn. — Wie ſo? Einmal muß man doch wohl das Gängelband von ſich werfen und verſuchen auf eigene Hand zu gehen. Wahrlich, ich finde nicht, daß es zu früh iſt, wenn ein Menſch ſich dem dreißigſten Jahre nähert. — Aber ich wünſche zu wiſſen, wer die Koſten für das neue Meublement, für die Reiſe in's Aus⸗ land und für Deinen Haushalt beſtreiten ſoll? — Ich ſelbſt, meine Mutter. — Und womit? Rechne nicht darauf, daß die — eiſen.— Jetzt habe ich nicht nöthig gehabt, mich 47 jährliche Zulage, welche Du jetzt auf dem Comptoir des Großhändlers Eckſtröm zu erheben haſt, fort⸗ dauern wird, nachdem Du durch ein ſolches trotziges Benehmen Dir meinen Zorn zugezogen haſt. Ent⸗ ziehſt Du Dich meiner Aufſicht und meinem Ein⸗ fluſſe, ſo mußt Du es mir zu gute halten, daß ich jene Unterſtützung einſtelle. — Das ſteht meiner Mutter frei, denn meine Einnahmen im Hofgericht ſind jetzt ſo groß, daß ich in ökonomiſcher Beziehung ganz unbeſorgt ſein kann; — etwas, das ich nie geworden, falls es Mama ge⸗ lungen wäre, mich zum Militär zu machen. — Und Deine Einnahmen reichen auch zur Reiſe in's Ausland?— Oder vielleicht haſt Du, gleich anderen verworfenen jungen Männern, auf die Aus⸗ ſicht auf die Erbſchaft nach Deinen Eltern hin, eine Anleihe gemacht? Aber ich bitte Dich, rechne nicht gar zu ſicher darauf; denn Du weißt noch nicht, was ich, in meinem rechtmäßigen Aerger, mich ver⸗ anlaßt finden könnte zu thun. Der Sohn erhob ſtolz ſeinen ſchönen Kopf und heftete ſeine dunkeln Augen mit einem faſt mehr als ernſten Ausdruck auf die Mutter: — Albert von Krug braucht nicht zu leihen, ſo lange ſein Vater lebt, und ſelbſt wenn er ke en Vater beſäße, ſondern ein junger Mann ohne Ver⸗ mhgen wäre, ſo iſt er zu ſtolz dazu auf Credit zu leben. Nein, er würde dann ſo lange zu Hauſe bleiben, bis es ihm durch ſeine Arbeit und ſeinen Fleiß gelungen, eine Summe zuſammenzuſparen, Fie groß genug wäre, um dafür in's Ausland zu 48 überanzuſtrengen, ſondern ich habe von meinem Vater eine Anweiſung auf 2000 Reichsthaler Banko zu dieſem Zweck erhalten. — Von Deinem Vater!— mehr ſchrie als rief die Profeſſorin und ſprang auf.— Von Deinem Vater! Hat Dein Vater Dir ohne mich eine An⸗ weiſung geben können?— Haſt Du, ohne meine Erlaubniß, ohne mir vorher davon zu ſagen, es gewagt Dich an ihn zu wenden?— An ihn, den man nicht für recht klug halten kann.— Begreifſt Du den ganzen Schimpf, den Du mir dadurch angethan haſt? Ich erkläre, daß Du nicht das Recht haſt dieſes Geld zu erheben, daß die Anweiſung ungültig iſt, weil ein Blodſinniger ſie ausgeſtellt hat und dazu von Dir vermocht worden iſt. — Halt, Mama! Die Anweiſung iſt ebenſo ge⸗ ſetzlich wie diejenigen, auf welche Mama Geld er⸗ hoben, und mein Vater ſteht mir wohl ebenſo nahe wie meine Mutter, ſollte ich glauben. Daß ich mich in ſolchen Fällen an ihn wende, iſt natürlicher, als an Mama.—„Ein Blödſinniger,“ ſagt Mama. Gegen den Sohn ſollte man nicht ſolche Worte über den Vater gebrauchen, deſſen einziger Fehler in ſei⸗ ner Gelehrſamkeit beſteht. — Gehe!— Ich habe genug gehört!— brach die Profeſſorin, aſchgrau vor Zorn, aus. — Meine Mutter! — Gehe, oder ich laſſe Dich durch meine Die⸗ nerſchaft ausweiſen. Noch bin ich es, die beſiehlt — K 49 Nachdem Albert ſeine Mutter verlaſſen, ſaß ſie lange den Kopf auf die Hand geſtützt. Sie biß die Lippen feſter und feſter zuſammen, gleichſam als wollte ſie den Zorn, der in ihr kochte, zurückhalten. Endlich ſtand ſie auf, näherte ſich der Thüre und murmelte: — Ja, das iſt gerade ein herrlicher Anfang, aber ich werde dem zuvorkommen, daß man ſich auf eine ſolche Weiſe direkt an von Krug wendet, um meine Macht gänzlich zu vernichten und mich zu einer Nebenperſon in meinem eigenen Hauſe zu machen. Bin ich wohl dazu geſchaffen, eine untergeordnete Rolle zu ſpielen oder mich von Mann und Kindern hudeln zu laſſen? Nein!— ich habe dem jungen Herrn zu freie Zügel gelaſſen; mag er jetzt von die⸗ ſer meiner Unachtſamkeit Gebrauch machen, aber ich werde ihm zeigen, daß er ſich einſt vor ſeiner Mut⸗ ter im Staube beugen muß, ſo ſehr er ſich auch für Mann hätt. Die Profeſſorin war während dieſes Monologs die Treppe hinauf und in das vordere Zimmer ihres Mannes gegangen. Dieſes war eigentlich eine große Bibliothek von der Decke bis zum Fußboden mit Bücherſchränken bedeckt. Ein kleiner Sopha auf Rollen ſtand mitten auf dem Boden; vor demſelben ein großer runder Tiſch, und um dieſen ein halb Dutzend Fauteuils. Hier empfing der Profeſſor ſeine gelehrten Freunde und in dieſem Zimmer hatte der einſam und in ſeine Forſchungen vertiefte Mann ſeine angenehmſten Augenblicke gehabt, wenn er ſich mit Männern unterhielt, welche ſich für das inter⸗ eſſirten, was der Gegenſtand aller ſeiner Gedanken 4 Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 50 und einſamen Träume war. In ſolchen Augen⸗ blicken war er kein verworrener, zerſtreuter Thor, wofür ihn ſeine Frau hielt, ſondern ein Mann mit Geiſt, von deſſen Lippen Beredtſamkeit und Gelehr⸗ ſamkeit floſſen. Dann leuchteten die tief eingeſunke⸗ nen, hellblauen Augen von Intelligenz und Leben und auf der breiten Stirn thronte das Genie. Der Proſeſſor war, wie der Leſer bereits gehört, von Fach Aſtronom; aber ſein Durſt nach Kennt⸗ niſſen, ſeine Leidenſchaft für wiſſenſchaftliche Beſchäf⸗ tigungen hatten es bewirkt, daß er es für ſeine Lernbegierde zu beſchränkt fand bei einem einzi⸗ gen Zweig der Wiſſenſchaften ſtehen zu bleiben. Er hatte deßhalb mit Eifer Logik, Philoſophie u. ſ. w. ſtudirt.— Je mehr er ſich in eine Wiſſenſchaft nach der andern vertiefte, je fremder wurde die Welt um ihn, ſo daß er oft gänzlich vergaß, daß er Familie habe, und ſeine Gedanken ſich nur dann mit Frau und Kindern beſchäftigten, wenn ſie ihn an ſich er⸗ innerten und ihn aus der Welt erweckten, in welcher ſeine Seele zu leben liebte. Wenn der Profeſſor eine Frau bekommen, welche Achtung vor ſeinen Kenntniſſen gehegt und ſich ihm mit Liebe genähert hatte, dann würde er ſich ohne Zweifel nicht ſo vollkommen von ſeiner Umge⸗ bung iſolirt haben; das Herz würde auch ſeine Stimme erhoben haben und häusliches Glück hätte ge⸗ wiß die Luft kalter Gelehrſamfeit erwärmt, welche jezt alle zärtlichen Gefühle aus ſeiner Bruſt verdrängt hatte; aber wie wir wiſſen, hatte das Schickſal Profeſſor von Krug das nicht beſchieden.— Statt deſſen war ihm eine Gattin zu Theil geworden, welche neben 51 ihrem kalten, harten und eigenſüchtigen Charakter, ohne allen Begriff von dem Werthe von Kenntniſſen und ſelbſt zu roh und ungebildet war, um einſehen zu können, worin die Ueberlegenheit des Mannes beſtehe. Außerdem erlaubten es ihr Hochmuth nnd Eigenliebe nicht, daß irgend ein lebendes Weſen rei⸗ cher an Geiſt begabt ſein könne, als ſie ſelbſt. Sie betrachtete den Mann als einen Narren, einen Sim⸗ pel, einen Thor, dem alle geſunde Vernunft abging und der wie ein Kind behandelt werden müſſe. Im Anfang ihrer Ehe hatte der Profeſſor ſeine Zimmer gemeinſchaftlich mit ſeiner Frau gehabt, und damals war der zweite Stock vermiethet; aber das konnte Frau Sophie nicht aushalten. Sie fing an unter allem dieſem„Plunder“ zu erſticken und ließ ein Zimmer ihres Mannes auf eine ſo unbarmher⸗ zige Weiſe aufräumen und abſtäuben, daß der arme Mann verzweifelt wurde. Wenn man dazu nimmt, daß man ihn nie in Ruhe ließ, ſondern daß die Frau ihn auf eine wenig feine Weiſe merken ließ, was ihr mißfiel, ſo wird man begreifen, daß der fried⸗ liebende Mann mit wirklicher Freude auf den Vor⸗ ſchlag einging, in ein Paar große Zimmer im obe⸗ ren Stock hinaufzuziehen. Als er dort eingegezogen war, behielt ſich der Profeſſor vor, daß kein Dome⸗ ſtik außer ſeinem alten Diener Hans einen Fuß über ſeine Schwelle ſetzen, und daß ſeine Frau ſich nie damit befaſſen dürfe in ſeiner Wohnung zu ord⸗ nen oder aufzuräumen. Dieß wurde bewilligt; denn Ihre Gnaden hatte jetzt die übrigen zwölf Zimmer des Hauſes zu ihrer Dispoſition und nebenbei eine unbegränzte Macht, es nach Belieben zu regieren. 52 Aber kehren wir zur Profeſſorin, die wir im vor⸗ deren Zimmer des Mannes verließen, zurück. Wenn Frau Sophie ſich dort befand, blickte ſie immer mit einer Miene der Verachtung um ſich; denn das Zimmer mit den gelehrten und theuren Tapeten von unſterblichen Werken kam ihr vor als die ſchrecklichſte Rumpelkammer in der Welt. Jetzt erblickte ſie ihren Mann, welcher auf einer Bücher⸗ leiter ſtand, um ein Buch in einem Schranke zu ſu⸗ chen. Der Profeſſor hatte ſie nicht eintreten hören, ſondern fuhr fort laut zu denken, eine Gewohnheit die er in der Einſamkeit angenommen hatte. — Es iſt großer Schaden um den Bencke, einen Burſchen von wirklichem Genie und doch ſo eigen⸗ ſinnig feſthaltend an ſeinen irrigen Meinungen. Hm, hm, wo iſt die fünfte Auflage? Ah! da iſt ſie. Aber wo mag Ariſtoteles Organon ſein? Ariſtoteles!— wunderbar, daß man ſeit ſeiner Zeit nichts hat hervorbringen können, das ſich.. — Von Krug,— klang es ſcharf und ſchneidend hinter dem Profeſſor, welcher bei dieſem Zuruf bei⸗ nahe rücklings von der Treppe gefallen wäre, wenn er nicht die Schrankecke erfaßt und Bencke und Ari⸗ ſtoteles zu Boden hätte fallen laſſen. Letzterer proteſtirte aber offenbar dagegen, auf eine ſolche Weiſe von ſeinem hohen Platze herunter⸗ geſchleudert zu werden, denn er machte verdrießlich einen Satz von der oberſten Stufe der Treppe par⸗ dautz auf die Naſe der Frau Sophie, die nicht aus einem ebenſo gefühlloſen Stoff beſtand wie das Buch, ſondern. bei der Berührung mit dem größten Philoſophen Griechenlands zu bluten begann. Die —,— 53 würdige Frau ſelbſt ſank ſchreiend auf einen Stuhl, während ein ganzer Platzregen von Vorwürfen und Zurechtweiſungen auf den Mann herabſtürzte wegen ſeines höchſt unſchicklichen Benehmens, den durch ſei⸗ nen Pergamentsband ſo ſchweren Philoſophen ihr ins Geſicht zu ſchleudern. Daß ſolch' häßlicher Plunder, welches werth wäre, ins Feuer geworfen zu werden, Ihrer Gnaden eine geſchwollene Naſe zuziehen ſollte, dos war mehr, als ſie zu ertragen vermochte. Dieſer Tag war für Frau Sophie wirk⸗ lich ein Tycho⸗Brahes⸗Tag. Während all' dieſes Unweſens murmelte der Pro⸗ feſſor ganz ſtille für ſich: — Die Weiber, die Weiber, die ſind bloß dazu beſtimmt, uns Männer zu plagen. Martha, welche indeſſen hereingekommen war, badete die Naſe Ihrer Gnaden mit kaltem Waſſer, und der Profeſſor ging hinein in das innere Zimmer mit Ariſtoteles' Organon; dort ſetzte er ſich an ſei⸗ nen Arbeitstiſch und vergaß ganz und gar ſeine zärtliche Ehehälfte und ihre mißhandelte Naſe. Sie gehörte indeſſen nicht zu denen, welche die Leute vergeſſen laſſen, daß ſie exiſtiren. Deshalb, als die Naſe gehörig eingehüllt und einigermaßen wieder hergeſtellt war, erhob ſich die Profeſſorin und ging hinein zu ihrem Manne, um ihn noch eine Weile weiter mit ihrer Anweſenheit zu beglücken. — Ah ſo, Du ſetzeſt dich ganz kaltblütig hin und lieſt, als wenn gar nichts paſſirt wäre, wäh⸗ rend Du doch nahe daran geweſen biſt, Deine Frau todtzuſchlagen; und das thuſt Du, ohne dich mit einem Worte nach meiner Geſundheit zu erkundigen, 54 oder wie ich mich nach dem unglücklichen Ereigniſſe befinde. Lieber von Krug, ich muß Dir ſagen, daß Du gleichgültiger biſt, als man aushalten kann. Was würden die Leute ſagen, wenn ſie Zeugen Dei⸗ nes Venehmens wären? Du biſt ein wahrhaftiger Prüfſtein für das Weib, welches das Unglück hatte, Deine Frau zu werden. — Meine ſüße Freundin, Du kommſt mir ganz friſch und geſund vor,— antwortete der Profeſſor ſeufzend, weil er geſtört worden war. — Nennſt Du das geſund, daß ich eine geſchwol⸗ lene Naſe habe? — Meine Süße, Deiner Raſe fehlt ja nichts. Frau Sophie zuckte verächtlich mit den Schul⸗ tern, wodurch ſie andeuten wollte, wie zwecklos es ſei, ſich weiter mit einem Thoren zu zanken. Hier⸗ auf ſetzte ſie ſich auf einen Stuhl dem Manne ge⸗ genüber, welcher bei dieſem Anblick einen noch tie⸗ feren Seufzer that; er ahnte, daß ihm etwas der Tortur, im geiſtigen Sinne, Aehnliches bevorſtände, und daß er vielleicht eine ganze Stnnde nicht zu ſeinem lieben Ariſtoteles ſollte zurückkehren können. — Du begreifſt wohl, daß ich Dir Etwas zu ſagen habe, wenn ich mich in dieſe Rumpelkammer hineinwage. — Ja ſo, ja ha.— Der Profeſſor hatte ſich in den Stuhl zurückgelehnt und war weit weg mit ſeinen Gedanken. — Ich komme, um Dich wegen des gemeinen Complotts, das Du mit Albert gegen mich geſchmiedet haſt, zur Rechenſchaft zu ziehen.. —— 55 — Albert, Albert— murmelte der Profeſſor in ſichtbarer Anſtrengung, um herauszufinden, von wem ſeine Frau ſpreche. — Unſer Sohn! Willſt Du ſo gut ſein, auf das, was ich ſage, mit Aufmerkſamkeit zu hören! — rief Frau Sophie ungeduldig. — Ja, meine ſüße Freundin!. Albert! Jetzt fällt es mir ein, ein ganz intereſſanter; junger Mann, mit nicht unbedeutenden Kenntniſſen in der Logik. Es machte mir ein Vergnügen, mit ihm zu ſpre⸗ chen. Er, wie ich, verwarf ganz Kant's Syſtem. — Willſt Du ſo gut ſein, zu ſchweigen! Ich will von Kant 6 dergleichen Simpeln, wie Du, nichts hören. Ich bin hierher gekommen, um Dich zu fragen, wie Du es wagen kannſt, ihm eine An⸗ weiſung auf Geld zu geben, ohne mich erſt davon zu unterrichten und meine Einwilligung einzuholen. Der Profeſſor ſchob die Brille hinauf und be⸗ trachtete ſeine Frau mit einem Ausdruck der größten Verwunderung. — Meine Süße, er bedarf Geld für ſeine Reiſe ins Ausland, und ſo war es wohl natürlich, daß ich ihn damit verſah. Man kann nicht ohne Geld reiſen. — Aber ich habe zu jener Reiſe nie meine Er⸗ laubniß gegeben. — Haſt Du nicht? — Nein, und jetzt haſt Du in Deiner Einfalt ihm Mittel gegeben, wider meinen Willen zu reiſen. Begreifſt Du, daß Du eine große Dummheit began⸗ gen, daß ich allen Grund habe, aufgebracht zu ſein, weil Du und das Kind Euch unterſtanden habt, a 56 eigene Fauſt zu handeln, ohne mich nur um Rath zu fragen? Wie ſoll es wohl gehen, wenn eine ſolche Unordnung zur Gewohnheit wird? Ich ſage Dir, von Krug, daß, wenn Du noch einmal ſo eigen⸗ mächtig handelſt, oder Dir irgend eine Einmiſchung in das Familienleben erlaubſt, ſo lege ich gleich Feuer in Deine Rumpelkammer und verbrenne all' Deinen Plunder. Ich möchte fragen: Bin ich die Mutter der Kinder, oder nicht? — Ich habe Grund, zu vermuthen, daß Du es biſt, meine Süße— keuchte der Profeſſor und krümmte ſich wie ein Wurm in einem Ameiſenhaufen. — Ja ſo, Du meinſt, ich wäre die Mutter Deiner Kinder! — Ich habe nie dieſe Angabe bezweifelt. — Angabe!— ſchrie Frau Sophie wie toll.— Angabe! Weißt Du, von Krug, daß, wenn ich nicht ſo viel Selbſtbeherrſchung beſäße, wie ich wirklich beſitze, Du mich zu Tode ärgern würdeſt. Willſt Du nun einmal für allemal des unbeſtrittenen Ver⸗ hältniſſes eingedenk ſein, daß, da ich die Mutter der Kinder bin, weder Du, noch eines von ihnen das Recht hat, einen einzigen Schritt zu thun, ohne erſt meine Anſicht eingeholt zu haben. Ich bin diejenige, welche am beſten zu beurtheilen weiß, was Recht und Unrecht iſt, was geſchehen oder nicht geſchehen darf. Jetzt iſt es mein Wille, daß Du unſern Sohn heraufrufſt, die Geldanweiſung zurücknimmſt und ihm verbieteſt, die beabſichtigte Reiſe ins Ausland zu unternehmen. Haſt Du mich verſtanden? — Meine ſüße Freundin, das wäre eine Hand⸗ 6 welche dem allereinfachſten Rechtsprincip wider⸗ treiten würde. — Rechtsprincip! Was weißt Du davon? Wenn ich ſage, daß Du unrecht gehandelt haſt, dann haſt Du nichts zu thun, als Deinen begangenen Fehler wieder gut zu ſen — Aber ſiehſt Du, meine Süße, Dein Raiſonne⸗ ment iſt nicht ganz logiſch, es Hör mal, von Krug, haſt Du meinen Willen gehört? — Ja. — Nun wohl, dann richte Dich darnach! Ich will nicht, daß Albert dieſes Jahr reist. Mein Plan iſt, nächſten Frühling in Geſellſchaft mit Stormhjelms, welche, wie ich höre, dann ins Ausland reiſen wer⸗ den, einen Ausflug nach dem Continent zu machen, und dann brauche ich Albert als Begleiter. Deshalb nimmſt Du jetzt die Anweiſung zurück, welche Du ihm gegeben haſt! — Nein!— antwortete der Profeſſor ziemlich beſtimmt.— Er hat ſie bekommen, und was einmal gegeben iſt, kann nicht wieder zurückgenommen wer⸗ den. Laſſe ihn darum dieſes Jahr zu ſeinem Nutzen, im nächſten Jahre zu Deinem und ſeinem Vergnügen mich ſehr verbinden, wenn Du mich verließeſt, da ich gerade, als Du mich ſtörteſt, mit einer ſehr wich⸗ tigen Analyſe beſchäftigt war. — Ja ſo, man weiſt mir die Thüre, aber ſei verſichert, daß ich mich nicht entferne, bevor Du thuſt, man Vollmachten ausſtellen können, ohne t mich reiſen! Und jetzt, meine ſüße Freundin, würdeſt Du wie ich will. Bin ich in eine Null verwandelt, ſoll —— 58 um Rath zu fragen? Willſt Du ſo gut ſein, ſofort nach meinem Sohn zu ſchicken, willſt Du die An⸗ weiſung zurücknehmen, willſt Du es unterlaſſen, Dich noch einmal mit Geld zu befaſſen— oder ſoll ich Dich bei Tag und Nacht verfolgen, daß Du keinen Augenblick Ruhe bekommſt? Willſt Du Albert hier⸗ her rufen und thun, was ich ſage; denn eher gehe ich nicht fort. Jetzt war es mit dem Heldenmuth des Profeſſors ganz aus. Mit Zittern und Beben dachte er daran, auf eine ſolche Weiſe von ſeiner lieben Ehehälfte verfolgt zu werden, daß er ſich nie in Ruhe ſeinem Studium überlaſſen und ſich nie ungeſtört in ſeine gelehrten Forſchungen vertiefen könnte. Der Pro⸗ feſſor war beim Gedanken an dieſes unglückliche Schickſal nahe daran, durch's Fenſter hinauszuſprin⸗ gen, und er würde ſich ſicherlich lieber jedwedem Elende, als einer ſolchen ihm drohenden Verfolgung unterworfen haben. Er ſeufzte und ſtammelte: — Schicke den jungen Mann herauf. In demſelben Augenblick öffnete Martha die Thüre und meldete: — Baron Silfverkrona ſucht Eure Gnaden. Die Profeſſorin ſtand raſch auf und bemerkte ſcharf und beſtimmt: — Ich rechne darauf, daß man mir gehorcht. Damit ging ſie von dannen und nahm ihre ſteifſte und impoſanteſte Haltung an, um den Baron zu ſeten aber ſie vergaß doch nicht, Martha zu agen: — Sage dem Diſtrictsrichter, daß der Profeſſor ihn ſprechen will. Während die würdige Frau die Treppe hinunter⸗ ſtieg, beſchäftigte ſie folgender Gedanke: — Ich hoffe, dies wird für den jungen Herrn eine Warnung werden, nicht auf den Vater zu rech⸗ nen, wenn er den Anſichten ſeiner Mutter entgegen⸗ handelt. Das wird ihm zeigen, daß der Vater ohne mich nichts bedeutet. Das war eine That, die ich mir ſelbſt und meiner Würde als Mutter ſchuldig war. Von Krug wird, nachdem ich auf eine ſo deutliche Weiſe meinen Willen ausgeſprochen, es ge⸗ wiß nicht ferner wagen, irgend einen Schritt zu thun, bevor er ſich vergewiſſert hat, ob ich ihn billige, oder nicht. So habe ich denn in Gottes Namen mir wieder die Macht zurückgenommen, der man mich berauben zu können glaubte, und ich bin jetzt im Stande, die Bahn zu bezeichnen, welche Albert wan⸗ dern muß, um zum Glück und Anſehen zu gelangen. Jetzt trat Frau Sophie, in jeder Beziehung mit ſich ſelber zufrieden, in den Salon, wo ein junger Mann von gleichgültigem, nichtsſagendem Ausſehen in einen Lehnſeſſel zurückgeſunken war. Er war mit Sorgfalt angezogen, und die fein gebogene Raſe, der helle Schnurrbart, die blendendweißen Zähne, die kleinen Hände und die nachläſſige Haltung gaben ſeinem Aeußeren etwas Ariſtokratiſches, was indeſſen verſchwänd, wenn er ſeine hellblauen matten Augen auf Denjenigen richtete, der ihn anredete. Als die Profeſſorin eintrat, erhob er ſich ſofort, ging auf ſie zu und bemerkte in einem ſchleppenden, lispelnden Tone: — Vielleicht ſtöre ich Eure Gnaden? — Gewiß nicht, Herr Baron,— antwortete — 60 Sophie, über deren kaltes, ſcharfes Geſicht ſich jetzt ein Lächeln der Befriedigung verbreitet hatte. Die Züge bekamen durch dieſes Lächeln eine auffallende Aehnlichkeit mit einem hart gefrorenen Felde, auf welches die Sonne einen bleichen Strahl wirft, ohne jedoch im Stande zu ſein, die knollige und gefrorene Erde zu erweichen. Wir halten es für ganz überflüſſig, das Geſpräch des Barons und der Profeſſorin zu wiederholen. Erſterer kam, um zu erfahren, wann die Damen die Reiſe nach Rönby zu unternehmen gedächten, da er wünſchte, das Glück zu haben, ihnen Geſellſchaft zu leiſten und ſeine Reiſe ganz und gar nach der ihrigen einzurichten beabſichtigte. Natürlich ſetzte die Profeſſorin ihn davon in Kennt⸗ niß, daß ſie beſchloſſen habe, nächſten Freitag mit Guſtav Waſa nach Weſteraes zu reiſen. Am Samſtag wollte der Major Quickfelt ihnen Pferde entgegen⸗ ſchicken. Während der Baron und die Profeſſorin ihren Reiſeplan verabreden, wollen wir nachſehen, was ſich ferner beim Profeſſor zutrug. Martha hatte auf Befehl Ihrer Gnaden den Diſtriktsrichter davon in Kenntniß geſezt, daß der Profeſſor ihn zu ſprechen wünſche. Als dieſe Nach⸗ richt ihm gebracht wurde, lag Robert in Schlafrock und Pantoffeln auf dem Sopha ausgeſtreckt und be⸗ ſchäftigte ſich mit Leſen. Er ſtand auf und ging, f als er ſich angezogen hatte, hinauf zum Vater, wo⸗ bei er dachte: — Wollen mal ſehen, ob nicht meine Mutter oben geweſen und meinen Vater veranlaßt hat, ſich in meine Angelegenheiten zu miſchen; aber ich bin kein Knabe mehr, und das wird ſie zum Schluß doch wohl einſehen, ſo ſchwierig es ihr vorkommen mag. Albert fand den Vater mit dem Kopf über den Tiſch gebeugt ſitzend, während er eifrigſt damit be⸗ ſchäftigt war, in Ariſtoteles' Organon zu blättern und Notizen daraus zu machen. — Papa hat mich rufen laſſen,— ſagte Albert. — Seien Sie ſo gut und ſetzen Sie ſich; ich werde gleich die Ehre haben,— murmelte der Pro⸗ feſſor, ohne die Augen von ſeiner Arbeit zu erheben. Albert ſetzte ſich, nahm ein Buch, das auf dem Tiſche lag, und blätterte darin. Eine lange Zeit verging, und es ſchien klar, daß der Profeſſor es gänzlich vergeſſen hatte, daß Jemand außer ihm ſich im Zimmer befände. Der Sohn gab ſich gute Ruhe. Eine halbe Stunde verlief. Schließlich machte er das Buch zu, rückte ein wenig mit dem Stuhl und huſtete, aber ohne daß dieſe Töne den Vater im Geringſten zu ſtören ſchienen. — Vielleicht hat Vater jetzt nicht Zeit, mit mir zu ſprechen,— bemerkte zuletzt Albert, nachdem er vergebens alle möglichen Verſuche gemacht, die Auf⸗ merkſamkeit deſſelben auf ſich zu lenken. In demſelben Augenblick legte der Profeſſor die Feder von ſich, ſchob die Brille hinauf und richtete ſeine Blicke auf den Sohn. Der Anblick von deſſen Geſicht ſchien ihn in die wirkliche Welt zurückzurufen, 62 ohne daß er ſich indeſſen völlig erinnerte, was er Albert zu ſagen habe. — Ja ſo, ja ha, Du biſt es. Wollteſt Du etwas; ich glaube, Du wünſchteſt Geld oder wie? — Nein, Papa hat mich rufen laſſen,— ant⸗ wortete Albert lächelnd. — Habe ich? Ich kann mich deſſen nicht er⸗ innern. — Mama ließ melden, daß ich mich bei Papa einfinden ſolle,— hob Albert wieder an, um dem Gedächtniſſe des Vaters zu Hülfe zu kommen; denn er ſah vollkommen ein, daß die ganze Unterredung mit dem Vater von der Mutter angeſtellt ſei. — Mama, jaha, ganz richtig, Deine Mutter,— ſtammelte der Profeſſor und machte eine Anſtrengung, um ſich von den gelehrten Grübeleien loszureißen und wieder zu dem zu gelangen, was ſich wirklich zugetragen. — Ich glaube, daß ſie ſich über Dich zu beklagen hatte. Warte einen Augenblick. jetzt fällt's mir ein! — Der Profeſſor rieb ſich die Stirne und blickte be⸗ kümmert auf, denn er erinnerte ſich jetzt klar der Drohung ſeiner Gattin. Darauf ſann er eine Weile nach, lächelte dann ein wenig und nickte Albert zu: — Sie wollte nicht, daß Du jene Anweiſung behalten ſollteſt; aber ich ſehe nicht ein, warum Du ſie wieder zurückgeben ſollteſt. Du haſt ſie ja er⸗ halten. Ergo iſt ſie die Deinige; und da ſie nun die Deinige iſt, ſo wäre es ganz unlogiſch, wenn ich Dir das nehmen wollte, was Dir rechtlich gehört. Deine Mutter wird nie logiſch beweiſen können, daß ſie mit ihrer Behauptung Recht hat, daß es Dir ———— * nicht erlaubt werden darf, das zu behalten, was Du einmal erhalten haſt. — Mama will alſo, daß ich die Anweiſung zurückgebe? — Ja, ſo ungefähr lautete es. — Nu— un, was hat Papa beſchloſſen? — Jaha, jaha, wie war es nun wieder? Warte einen Augenblick, laß mal ſehen! Ja, ſie würde mich nicht in Ruhe laſſen, glaube ich. Und dann wollte ſie, daß Du im nächſten Jahre mit ihr reiſen ſollteſt; jaha, ſo etwas war es. Ziemlich hart, nicht in Ruhe ſein zu ſollen; hm hm!..... — Aber... — Ja, ich verſtehe, Du willſt wiſſen, was ich in Beziehung auf dieſe Kategorie denke. — Ja, ich wünſche zu wiſſen, was Vater denkt in Beziehung auf die Anweiſung. — Hm, hm, ſind wir nicht darüber einig ge⸗ worden? Ich meinte, wir wären darüber einig, alle beide zu reiſen, Du und ich. Siehſt Du, ich beab⸗ ſichtige nach Berlin zu gehen und mache nachher einen Beſuch bei Arago in Paris. Wenn wir alle beide reiſen, ſo wird der Schlußſatz der, daß ſie Nie⸗ manden hat, auf den ſie aufgebracht werden kann, ſintemal die eigentliche Urſache damit an und für ſich verſchwindet. Alles, was die Reiſe betrifft, mußt Du beſorgen.— Sage mir jetzt, was iſt Deine An⸗ ſicht von den ſynthetiſchen Begriffen?.. Ohne zuerſt auf die gelehrte Frage zu antworten, ergriff Albert die Hand des Vaters, drückte ſie mit Wärme und ſagte:— — Wir reiſen zuſammen, mein guter Vater, und 64 ich werde gewiß durch Papas Geſellſchaft mehr lernen, als von der ganzen Reiſe ſonſt. Zwei Tage vergingen. Nicht ein Wort wurde zwiſchen der Profeſſorin und ihrem Sohn gewechſelt. Auf ihre Frage an den Mann: — Haſt Du die Anweiſung zurückgenommen?— erhielt ſie zur Antwort: — Meine ſüße Freundin, die Sache iſt arran⸗ girt,— worauf die zärtliche Ehehälfte befehlend hinzufügte: — Gib mir dann die fragliche Anweiſung; ich brauche Geld. Der Profeſſor gab ſie ihr, worauf ſie ſofort die Droſchke anſpannen ließ und ſelbſt zum Großhändler Eckſtröm fuhr, um zu erfragen, ob der Sohn Geld erhoben habe; aber dort antwortete man ihr, daß kein Geld erhoben worden ſei, ſeit die Profeſſorin ſelbſt das leztemal auf den Großhändler gezogen. Vollkommen zufrieden kehrte ſie nach Hauſe zurück, um die Vorbereitungen zu der Rönbyreiſe fortzuſetzen. Der Tag darauf war ein Donnerſtag. Ganz früh Morgens wurde Frau Sophie durch einen Wagen geweckt, welcher zum Hofe hinausrollte. Sie erhob ſich und ſah nach der Uhr; es war ſieben. — Wahrſcheinlich der Kutſcher, der nach Heu fährt,— dachte ſie und legte ſich wieder nieder; aber ſie konnte nicht wieder einſchlafen, und das Aufſtehen war ein für allemal auf acht Uhr feſtge⸗ ſetzt. Sie überließ ſich deßhalb dem Vergnügen, nachzurechnen, wie die Ereigniſſe ſich nach ihren —— 65 Wünſchen entwickeln würden. Sie erwog, welches Anſe hen Baron Silfverkronas Heirath mit Alber⸗ tine ihr geben und ſie ſelbſt dadurch mit Graf Stormhjelms auf Aakerby verſchwägert werden würde, denn di⸗ Gräfin Stormhjelm war die Tante des Barons. Ob die Tochter glücklich werden würde, oder nicht, kam ihr nie in Gedanken; ſie dachte nur daran, wie ſie durch dieſe Verbindung ſelbſt mit der eigentlichen Ariſtokratie verwandt, und die Tochter eines Tags bei Hofe präſentirt werden würde. Aller Schimmer, welchen Rang und Reichthum ſchenken, umſtrahlte ihre Einbildung und ſie fühlte ſich ſtolz und glücklich bei den Zukunftsplänen, welche ihr Shiutt und ihre Eitelkeit mit grellen Farben ent⸗ warf. Dann ging ſie auf den Sohn über; aber ſie ſeufzte, weil er vor ihre Seele trat in dem einfachen ſchwarzen Frack, ſtatt in der prachtvollen Uniform der Leibgarde. Wie viel mehr würde er ſich nicht mit ſeiner ſtattlichen Figur zu ſeinem Vortheil prä⸗ ſentirt haben, wenn er mit der glänzenden Tracht angethan geweſen wäre und in Geſellſchaft von Ka⸗ meraden hätte auftreten können, welche zu der Blume des Adels gehörten. Jetzt dagegen hatte die Pro⸗ feſſorin den Aerger, denken zu müſſen, daß er ein ſimpler Dintenkleckſer ſei; aber gleichviel, er war eines reichen Mannes Sohn, hatte ein vortheilhaftes Aeußere, angenehmes Benehmen und Ausſichten zu einem raſchen Fortkommen auf der Bahn, die er gegen ihren Willen betreten. Er könne noch, wenn ſie die Sache betreibe, Schwiegerſohn des Grafen Stormhjelm werden, welcher nur einen einzigen Sohn und eine Tochter hatte. Darum die Reiſe nach dem Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 5 66 Ausland nächſtes Jahr; darum ſollte Albert ihr dabei Geſellſchaft leiſten; darum ihr beſtimmter Wi⸗ derwille dagegen, daß er jetzt hinausreiſe, beſonders da ſie darauf rechnete, daß Albert nach Rönby kom⸗ men und während ſeines Beſuchs dort mit der gräf⸗ lichen Familie Bekanntſchaft machen würde, welche wahrſcheinlich den Sommer auf einem ihrer Güter in der Nähe von Rönby zuzubringen beabſichtigte. Die Profeſſorin wünſchte ſich Glück, den Plänen des Sohnes entgegengearbeitet zu haben, und dankte Gott, welcher ihr einen ſo feſten und unerſchütter⸗ lichen Charakter, ſowie einen ſo klugen und über⸗ legenen Verſtand gegeben hatte, daß ſie vermöge deſſelben mit einem MRale die Fäden zu der künfti⸗ gen glänzenden Lebensſtellung ſowohl ihres Sohnes wie ihrer Tochter zu ſpinnen im Stande ſei. Wie dankbar mußten ſie nicht für ihren Eifer ſein, wie wenige Kinder hätten das Glück, eine ſolche Mutter zu beſitzen, eine Mutter, welche ihren Kindern geſunde Grundſätze eingeſchärft, ihre Gedanken auf ein glän⸗ zendes Ziel gelenkt und in ihre Herzen den Samen zu einem edlen Ehrgeiz ergelegt hatte! Frau Sophie fühlte eine tiefe Bewunderung vor ſich ſelbſt. Gerade in demſelben Augenblick ſchlug die Uhr acht, und ſie ergriff beim letzten Glockenſchlag den Klingel⸗ zug und läutete. Martha trat ein, um ihrer Herrin an die Hand zu gehen. Eine der Anordnungen der Profeſſorin beſtand darin, daß Martha nie, während ſie ihr beim An⸗ kleiden half, den Mund eher öffnen, oder ein Wort ſagen durfte, als Ihl Jaden ſie anredete. Jetzt war Ihre Gnaden ſo vertieft in ihre Träume von der Zukunft, daß ſie ſich ſtillſchweigend anzog, und — haben ſchien, ſo gab die Profeſſorin doch nicht Acht darauf. Endlich war ſie angezogen; die Uhr ſchlug drei Viertel auf neun;— es war alſo noch eine Viertelſtunde bis zum Frühſtück. Ihre Gnaden ſetzte ſich ins Sopha und bemerkte gegen Martha, welche vor ihr ſtand: — Nun, haſt Du all mein Leinenzeug, welches ich mit haben ſoll, hinuntergelegt, und auch nachge⸗ ſehen, ob Minna das meiner Tochter bereit gelegt hat? — Ja, Eure Gnaden, alles das habe ich beſorgt. — Gut! Dort auf dem Tiſch findeſt Du zwei Verzeichniſſe der Kleider, welche ich und Fräulein mit uns nehmen werden. Das Verzeichniß des Fräu⸗ leins übergibſt Du Minna, das meinige nimmſt Du ſelbſt. Schicke nach dem Frühſtück di⸗ Haushälterin herauf, damit ich ihr Verhaltungsmaßregeln geben kann, wie ich es haben will, daß Alles für den Pro⸗ feſſor und den Diſtrictsrichter eingerichtet werden ſoll, während ich abweſend bin. — Kommen der Profe und der Diſtrictsrichter zurück, während Eure Gnaden fort ſind?— wagte Martha zu fragen, obgleich Frau Sophie der Mei⸗ nung war, daß Diener ebenſo wenig berechtigt wären Fragen zu thun, wie die Unterthanen berechtigt, ſolche an ihren Monarchen zu ſteuen. Ihre Gnaden ſperrte ihre ſcharfen, klaren Augen auf und betrachtete Martha mit einem durchdringenden Blick. — Zurückkommen? Was ſagt ſie? Woher ſollen ſie denn zurückkommen — Von der Reiſe ins Ausland,— antwortete Martha etwas dreiſter. obgleich Martha offenbar etwas auf dem Herzen zu 68 — Die hat mein Sohn auf mein Anrathen aus dem Sinn geſchlagen.— Ihre Gnaden ſtand auf, um in den Speiſeſaal hinunterzugehen. — Aber, Eure Gnaden, der Profeſſor und der Diſtrictsrichter reiſten dieſen Morgen um ſieben Uhr, und der Profeſſor gab Minna einen Brief, den ſie Ihnen bei Ihrem Erwachen übergeben ſollte. — Reiſten, reiſten!— ſchrie Frau Sophie und ſtürzte, all ihre Würde vergeſſend, hinaus in den Corridor und auf die Thüre ihres Mannes zu. Sie war zugeriegelt und an dieſelbe war ein Stück Pa⸗ pier mit der Aufſchrift angekleiſtert:„Profeſſor A. C. von Krug iſt ins Ausland gereiſt und kehrt erſt im September wieder zurück.“ Hätte die Profeſſorin ſchwache Nerven gehabt, ſo wäre ſie gewiß in Ohnmacht gefallen; aber ſie war nicht nervenſchwach. Den erſten heftigen Ausbruch ihrer Gefühle hatte ſie bereits bereut, weil Martha deſſen Zeuge geweſen. Auch entſchlüpfte, als ſie vor der Thüre ihres Mannes ſtand, ihren Lippen tein Laut, ſondern ſie preßte ſie feſter und feſter zu⸗ ſammen, um all ihren Aerger in ihrer eigenen Bruſt zu verſchließen. Sie kehrie in ihre Zimmer zurück, winkte Martha und ſagte in kurzem, befehlenden Ton: — Ich wußte von jener Reiſe. Es war mit meiner Einwilligung, daß ſie unternommen wurde. Haſt Du mich verſtanden? — Ja, ich gehe ſofort hinunter zu Minna und ſage, daß Ihre Gnaden nach dem Briefe gefragt haben, welchen Ihre Gnaden den Profeſſor gebeten, ihr zu übergeben, damit ſie denſelben Ihren Gnaden zuſtellen. — Das iſt brav, gehe!— Martha ging. — Ah, das wär zu viel!— rief die Profeſſorin, — zum Narren gehalten von dem alten Simpel, zum Narren gehalten von meinem Sohn. Aber das ſollen ſie mir theuer bezahlen. Rönby, Eigenthum des Major Guſtav Quickfelt, war durchaus kein großes Gut, ſondern ein kleineres Anweſen, welches gerade ſo viel abwarf, daß eine haushälteriſche Familie ohne Bekümmerung davon leben konnte. Rönby hatte eine reizende Lage mitten in einem Thal, welches von einem Laubwald umgeben und von den Wogen des Mälarſees geliebkoſt wurde. Ein kleiner, ſchön und gut unterhaltener Park, ein reizender Garten, ein großer Hof mit buſchigen Lin⸗ den und eine Blumenrabatte mit einer Abtheilung üppiger Provinzroſen in der Mitte machten die Umgebung der Gebäulichkeiten aus. Das Wohnungs⸗ haus ſelbſt war geräumig und ſchön, mit hohen, freundlichen und ſtattlichen Zimmern, welche mit ge⸗ ſchmackvoller Einfachheit und ohne alle dieſe Luxus⸗ artikel und Pracht meublirt waren, womit die Stadt⸗ bewohner ihre Zimmer überladen zu müſſen glauben, ſo daß ſie eher vollgepfropften Putzladen als Men⸗ ſchenwohnungen gleichen. In dem großen Saal ſtand ein ſchönes Piano, ein Paar kleine, mit grünem Maroquin überzogene Sophas und Stühle von ſchwarz lackirtem Föhren⸗ holz, mit Kiſſen von Maroquin. Ein Bücherſchrank mit Glasthüren, ein Nähtiſch an einem Fenſter, der große runde Tiſch mit ſeinem grünen Teppich mitten auf dem Fußboden, die mit Blumentöpfen angefüll⸗ ten Fenſter und die in ihren Käfigen herumhüpfen⸗ den Kanarienvögel— Alles gab dieſem Zimmer das Gepräge der Behaglichkeit, und die ganze Anord⸗ nung zeigte, daß es das Verſammlungs⸗ und Ar⸗ beitszimmer der Familie ſei. Hinter dem Saale links befand ſich das Schlafgemach; rechts lag das Vorzimmer, und hinter demſelben, mit einem Aus⸗ gang zur Hausflur, die Privatzimmer des Majors. Das Stockwerk eine Treppe hoch wurde von Zim⸗ mern der Töchter und Söhne, ſowie von Gaſtzim⸗ mern eingenommen. Es war einige Tage vor Johannis. Die Juni⸗ ſonne ſchien klar und lächelnd auf Rönby herab und in den großen Saal hinein, wo die Mitglieder der Familie beim Frühſtück verſammelt waren. Der Major war ein Mann von langer Statur und großer Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter. Die⸗ ſelben ſtahlgrauen und ſcharfen Augen, aber mit dem Unterſchied, daß die ſeinigen mehr Intelligenz und Gefühl ausdrückten, als die der Profeſſorin; dieſelbe zurückgeneigte Kopfbildung, obgleich die Stirn des Majors weniger ſtark abgeplattet war und ober⸗ halb der Stirnhöcker auch nicht ſo plötzlich abwich; derſelbe Mund mit dünnen Lippen und derſelbe un⸗ beugſame Ausdruck in jedem Zuge. Doch hatte er in ſeinem Charakter weit mehr Wohlwollen, als der Frau von Krug zu Theil geworden war. Außerdem gab es noch einen anderen großen weſentlichen Un⸗ terſchied zwiſchen ihnen. Seine Schweſter war ſchon „——— als Kind auf ihre adlige Herkunft ſtolz geweſen. Sie machte ſich zur Sklavin der Vorurtheile der Geburt, und aus Eigenliebe ließ ſie immer ihre Ab⸗ kunft durchſcheinen. Aus Eitelkeit gab ſie ſich Mühe, nur mit Leuten von Stand und mit ſolchen in Be⸗ rührung zu kommen, welche eine gewiſſe Stellung in der Geſellſchaft einnahmen. Sie huldigte den ſchon veralteten und vermoderten Ideen von mitgebornen Vorzügen, und war bis in ihr innerſtes Herz, bis in alle ihre Gedanken und Gefühle Ariſtokratin, wäh⸗ rend der Bruder Demokrat war und blieb. Der Hauptzug in ſeinem Charakter war Eigen⸗ liebe und Mangel an Achtung vor allem Hergebrach⸗ ten. Er haßte den Adel, die Ariſtokratie, weil er ein ganz unbedeutendes Mitglied deſſelben war, kein Vermögen beſaß und ſich auf eine der niedrigſten Stufen in ſeiner Kaſte geſtellt ſah, ſtatt, wie ſeine Eigenliebe es verlangte, einer der Vornehmſten, der Angeſehenſten zu ſein. Da er nicht einer der Erſten ſein konnte, wollte er nicht einer der Letzten ſein, ſondern trat gegen den ganzen Stand auf und lenkte durch die liberalen Anſichten, welchen er huldigte und dadurch, daß er auf allen Reichstagen die Rechte des Volks verfocht, eine gewiſſe Aufmerkſamkeit auf ſeinen Namen. Als Jüngling lag er in beſtändiger Fehde mit der Schweſter und als Mann arteten dieſe Fehden in wirkliche Streitigkeiten aus und nahmen den Charakter von Feindſchaft an, als er ſich ſchließlich mit der Tochter des Helfer Pehrſon verheirathete und durch Erbſchaft nach dem Groß⸗ vater ſeiner Frau, dem Bauern Matts Pehrſon, Ge⸗ legenheit bekam, Rönby, welches er vorher gepachtet, 72 ſchuldenfrei zu kaufen. Mit einem Bruder, der eine Mesalliance eingegangen, wollte Frau von Krug nichts zu thun haben, ſondern kündigte ihm alle fernere Freundſchaft, womit der Maſor ſich für vollkommen zufrieden erklärte. Außer dieſen Unähnlichkeiten gab es noch andere zwiſchen den beiden Geſchwiſtern. Der Major war ein rechtſchaffener Mann, ein guter Gatte, ein zärtlicher Vater und hatte auf ſeine Weiſe ſeine Frau unbeſchreiblich lieb. Sechs und zwanzig Jahre hatten die Geſchwiſter als Feinde gelebt, als die Verſöhnungsunterhand⸗ lungen durch Baron Silfverkrona begannen. Nach vielem hartnäckigen Weigern von Seiten des Majors, gelang es doch dem Baron, einen Vergleich zu Wege bringen, ſo daß, als die Profeſſorin einen Brief an ihren Bruder ſchrieb und ihn benachrichtigte, daß ſie ihn den Sommer zu beſuchen gedenke, dieſer ihr ant⸗ wortete und ſie willkommen zu ſein hieß. Gewiß war dieſes Willkommen ganz kalt, aber die beiden Geſchwiſter waren nie ſehr zart gegen einander ge⸗ weſen, und übrigens reiſte die Proſeſſorin nicht nach Rönby des Bruders wegen,— wovon er vollkommen überzeugt war,— ſondern ſchlecht und recht, um da⸗ durch den Baron zum Schwiegerſohn zu bekommen. Die Frau des Majors, Malin Pehrſon, war ein kleines, wohlbeleibtes Frauenzimmer mit feinen und milden Geſichtszügen, in welchen man jedoch Spuren von manchem ſtillen und bittern Leiden verfolgen konnte, obgleich der Ausdruck eher fröhlich als traurig war, und die noch friſchen Lippen lachten ſo freundlich gegen Mann und Kinder. Aber man konnte doch im Ernſte des Auges leſen, daß die — 73 Saiten des Herzens oft genug auf eine ſchmerzliche Weiſe in ihrer Bruſt wiederhallt hatten an der Seite eines Mannes, der gewiß ein warmes Herz hatte, aber ſtreng, heftig und unbeugſam Gehorſam forderte, wenn dieſer Gehorſam auch Thränen koſtete. Ueber dem ganzen Weſen der Majorin ruhte eine Behutſamkeit, eine immerwährende Aufmerkſam⸗ keit auf den Mann, welche deutlich bewies, daß ihr ganzes Leben ein unaufhörliches Studium aller ſeiner Wuünſche, ſeiner wechſelnden Laune und ein fortge⸗ ſetztes Bemühen geweſen ſei, Alles aus dem Wege zu räumen, was ihn in irgend einer Weiſe reizen oder ſtören konnte. Doch lag nichts von ſklaviſcher Furcht oder ängſtlicher Willenloſigkeit in ihrem Weſen. Nein, ſie hatte eine gewiſſe Sicherheit in ihren Be⸗ wegungen, einen Anſtrich von Beſtimmtheit, die ihrem Alter und ihrem Geſichte unendlich gut ſtand. Man wagte gewiß nicht, ſie für eine unglückliche Gattin zu halten, obgleich man wohl empfand, daß ihr ehe⸗ licher Weg nicht immer über Roſen, ſondern oft wohl auch durch Dornen geführt. Man wurde, wenn man mit ihr zuſammentraf, nicht von dem peinlichen Gefühl befallen, welches der Anblick gewiſſer Frauen in uns erweckt, in deren bleichen und vor der Zeit gealterten Zügen man die Geſchichte von einem Leben ſo ſchrecklicher Natur zu leſen glaubt, daß es ſowohl die Kräfte des Körpers wie die der Seele zerſtört hat. Der Major war ein ſtrenger, eher etwas deſpoti⸗ ſcher Ehemann geweſen und war es noch; aber er war nie böſe und tyranniſch geweſen. Er hatte ſei⸗ ner Frau manchen ſchmerzlichen Stich gegeben, aber nie eine unheilbare Wunde beigebracht; und ſie 74 konnte deshalb keineswegs in die Kategorie geſtellt werden, die wir eben ſchilderten. Außer dem Major und ſeiner Frau befanden ſich im Saale drei Perſonen: ein Sohn von fünfund⸗ zwanzig Jahren, welcher Magiſter und Lehrer in W— war, eine Tochter von zwanzig und ein ſieben⸗ zehnjähriger Sohn, der Kadet war. Der älteſte Sohn, Ernſt, war von kleinem Wuchs, mit einem ſchönen Kopf und einem ruhigen, faſt me⸗ lancholiſchen Ausdruck im Zuge um den Mund, ob⸗ gleich die lebhaften, faſt ſchelmiſchen Augen und die raſchen Bewegungen dem zu widerſprechen ſchienen. Sein Geſicht war angenehm, obgleich die Züge eigentlich nicht regelmäßig waren. Jenny, die Tochter, von mittelmäßiger Größe, mit plaſtiſchen Formen und einer Geſtalt, um welche ſie manche beneidet haben würde, hatte ein Geſicht, welches mehr häßlich, als ſchön war; denn es kam Einem vor, als wenn die Züge gar nicht zuſammen⸗ paßten. Die Augen waren hell, von einer unbe⸗ ſtimmten blaugrauen Farbe; aber die Augenbrauen waren breit, ſchwarz und ſtark gewölbt. Die Naſe war zu groß und viel zu gebogen; der Mund zu klein und das Haar zu hell; aber die Haut, die Haut war ſo milchweiß und blühend, daß ſie einer eben aufgeſprungenen Roſe glich. Man ſah, daß eine ſolche Haut nothwendig Leben und Geſundheit andeutete, denn ſie war friſch, friſch wie die Blätter der Roſe. Geſundheit und Jugend waren es, welche auf dieſen Wangen blühten und die Freude ſtrahlte aus jedem Zug. Wenn man eine Zeit, lang das junge Mädchen betrachtet hatte, vergaß man, daß die & 75 Naſe zu lang, die Augen zu hell, die Brauen zu breit und der Mund zu klein war; man vergaß alles dies und ſah nur vor ſich ein Bild der lebens⸗ friſchen Jugend, das dem Herzen wohlthat und die Seele belebte. Der jüngere Bruder, der Kadet, der junge Herr Arvid, war das Abbild ſeines Vaters, lang und ſchlank, mit ſcharf markirten Zügen und kleinen ſtahl⸗ grauen Augen; aber dieſe Züge hatten von der Mutter einen etwas milderen Ausdruck bekommen, welcher ihnen ganz und gar das Unbeugſame be⸗ nahm, das den Vater auszeichnete. Die Familie war zum Frühſtück verſammelt. Während Jenny ihrem Vater Kaffee einſchenkte, be⸗ merkte ſie mit einem ſchalkhaften Lächeln: — Papa hat eine hübſche Anordnung getroffen, daß er ſein Haus dem für Onkel Ström vicariren⸗ den Arzt geöffnet hat! Was glaubt Papa, daß unſere gnädige Tante ſagen wird, wenn man ſie nöthigt unter einem Dach mit— dem Sohne ihres Gärtners zu wohnen? Der Major blickte die Tochter mit einem zugleich ſtrengen und doch freundlichen Ausdruck an und ſagte: — Hat Schweſter Sophie ſich ſelbſt hierher ein⸗ geladen, ſo wird ſie, bei meiner Ehre! mit derſelben Geſellſchaft ſich begnügen müſſen, die ich für mich ſelbſt für paſſend halte. Was macht das übrigens, daß der Vater des jungen Bergſtröm Gärtner iſt? Dei⸗ ner Mutter Großvater war ein Bauer und das hat, bei meiner Treu und Ehre, weder Deine Mutter noch ihren Vater daran gehindert, ehrliche und brave Menſchen zu ſein. — Papa, Papa!— Jenny erhob lachend den Finger und drohte dem Vater.— Du wirſt, wenn Tante kommt, eine edlere Sprache führen und nicht zu ſtarke Sympathien für die Kinder des Volkes zeigen müſſen, ſonſt nimmt's ein ſchimpfliches Ende mit Eurer Verſöhnung. — Ja, dann mag ſie ihren Cours ſegeln, will ich ihr ſagen, Mamſell Naſeweis, denn ich denke wahrlich nicht daran, mich nach den Ideen meiner Schweſter zu bilden. — Nicht, das iſt verdrießlich; und ich, die ich daran dachte, Couſin Albert zum Manne zu be⸗ kommen. — Jenny, ſchwatze keine Dummheiten,— rief der Major,— ich will keinen adeligen Jungen zum Schwiegerſohn haben. Du weißt, daß ich den Adel nicht leiden mag. — Aber Deine eigenen Jungen,— fügte das junge Mädchen mit einer tiefen Verneigung gegen ihren Bruder hinzu,— ſind ja adelige Jungen. Der Major warf einen ſtrengen Blick auf die Toch⸗ ter, aber ſie lachte ihm ſo fröhlich zu, daß der ſtrenge Ausdruck verſchwand. Jenny wußte wohl, daß ſie des Vaters großer Günſtling ſei. — Liebe Jenny, höre nur auf mit Deinem kindi⸗ ſchen Geplauder,— fiel die Majorin ein— erinnere Pich, daß wir vor Abend Tante Sophie hier haben werden und daß die Gardinen in ihren Zimmern noch nicht aufgehangen ſind. — Den Doktor haben wir hier in einer Stunde, — ſiel Magiſter Ernſt Quickfelt ein und blickte die Schweſter lachend an. — Ja, und Jenny hat den Kopf voll von Pa⸗ pillotten— fügte Arvid hinzu.— Uebrigens, liebe Schweſter, vor allen Dingen vergiß nicht ein Bouquet Vergißmeinnicht in einem Glas ins Zimmer des Dok⸗ tors zu ſtellen. — Und warum, wenn ich fragen darf? Iſt das auf Carlberg gebräuchlich?— Jenny rümpfte ſpöttiſch die Naſe. — Ach nein; aber ſiehſt Du, der junge Mann kann beim Anblick der Blumen nicht unterlaſſen zu fragen: Grete, wer hat dieſe hierher geſetzt?— und ſe antwortet ſie:— Mamſell;— und nachher, 0 5 Du biſt. Der Major erhob ſich vom Tiſch, die Majorin nahm den Schlüſſelbund und Jenny hüpfte hin zum Vater und ſagte: — Du wirſt jetzt zugeben, daß Du, in Verzweif⸗ lung darüber, daß Du keine Ausſichten haſt, mich an den Mann zu bringen, den jungen Doktor ein⸗ geladen haſt. Um Mama zu amüſiren, haſt Du es nicht gethan, denn ſie ſieht nicht ſehr zufrieden damit aus, das Haus voll von adligen und bürgerlichen Leuten zu bekommen. — Ich habe es gethan, um Ström einen Dienſt zu erweiſen, und jetzt ſchweigſt Du, Du Plauder⸗ taſche, und gehſt Mama zu helfen. — Soll geſchehen, Herr Major,— antwortete Biſt Du ganz einfältig, ſo ein Kadet, der 78 Jenny und ſetzte ſich in Poſitur, worauf ſie mit der Mutter hinausſprang. Arvid folgte ihr und de⸗ clamirte: „Weil ich bin fünf und zwanzig bald Und häßlich auch dazu, So bleib' Mamſell ich Arme bhalt, Bis man mich bringt zur Ruh'⸗ — Nein, ſiehſt Du, die Freude wirſt Du nie haben, denn ich bin Fräulein,— rief Jenny und drehte ſich um.— Uebrigens habe ich's mir in den Kopf geſetzt nicht unverheirathet zu ſterben. — Nicht? Und wenn Dich nun Niemand haben will, was ſehr wahrſcheinlich iſt? — Ach, laß Dir darüber keine graue Haare wachſen; wenn es Schaltjahr wird, gehe ich auf Freierei aus. — Jenny!— rief die Mutter, welche bereits im zweiten Stock angelangt war. — Hier bin ich, Mama;— mit einigen leichten Sprüngen war ſie die Treppe hinauf. — Und ich mit,— rief Arvid, welcher ihr folgte. — Liebe Kinder, jetzt haben wir Eile und es geht nicht, daß Ihr mit Eurem kindiſchen Scherz fortfahrt. Jenny wird mir helfen,— ſagte die Mutter. — Und ich werde Jenny helfen, meinte Arvid. — Nein, Du gehſt hinunter, denn ſonſt wird nichts als Spiel daraus.“ — Mama, ich werde die Gardinen aufhängen und das wird gehen wie ein Tanz; her mit der Leiter!— Unſer langbeiniger Kadet ſetzte die Lei⸗ ter zurecht und that einen Griff nach den Gardinen. „ 79 — Herr Gott, Arvid, meine Gardinen werden ja ganz zu Grunde gerichtet,— rief die Majorin ganz erſchrocken als ſie ſah, wie er die glattgebügel⸗ ten Gardinen nahm, um ſich mit denſelben auf die Leiter hinaufzubegeben. — Runnire ich ſie? — Du zerknitterſt ſie ja. — Du irrſt Dich, Mama. Und mit einer Gardine in jeder Hand ſtürzte er zu der Mutter, umarmte ſie und ſchwenkte ſie um. Jenny lachte und die Majorin ſagte halb lächelnd, halb verdrießlich. — Laß mich los, Arvid, ſonſt werde ich böſe. — Erſt mußt Du ſagen, daß ich Dein beſter Junge bin. — Nein, Du biſt mein verzärteltes Kind, das nur Unfug macht,— ſagte die Majorin. — Der Klappſe haben muß— fügte die Schwe⸗ ſter hinzu, und verfetzte der Wange des künftigen Offiziers eine ganz leichte Ohrfeige. Er ließ darauf die Majorin los, um ſich an die Schweſter zu wen⸗ den; aber leicht wie ein Vogel hüpfte ſie die Sproſ⸗ ſen der Leiter hinauf und rief ihm, als ſie auf der oberſten ſtand, zu: — Her mit den Gardinen! — Hört nun, Kinder, verſprechet, die Zeit nicht mit Spiel zu verlieren, ſondern wartet damit, bis die Zimmer in Ordnung ſind. Sonſt werde ich be⸗ ſchämt daſtehen müſſen, wenn ich das erſtemal meine Schwägerin empfangen ſoll, und Ihr begreift wohl, daß ich will, daß Alles angenehm und in Ordnung ſein ſoll, wenn ſie kommt.— 80 — Und fein und geputzt, das iſt klar wie der Tanz,— fiel Jenny ein. — Verlaſſe Dich auf mich, Mama. Arvid hilft mir mit den Gardinen, und in einer Stunde wird alles in Ordnung ſein. Du kannſt uns mit voll⸗ kommener Ruhe verlaſſen, denn ich ſehe, daß Deine Gedanken bei Stina und den Zwiebacken ſind, und daß Du ſehr über die Mandeltorte grübelſt, welche heute Abend beim Soups auf dem Tiſche prun⸗ ken ſoll. — Ja, mein liebes Kind, es brennt mich ordent⸗ lich, wenn ich an das Backwerk da unten denke, und dann bekommen wir ja den geſegneten Doktor zu Mittag. Laß mich nun ſehen, doß Jenny hier oben Alles in Ordnung bringt und ich habe dann nicht mehr nöthig an die Zimmer zu denken. — Sei ruhig, liebe Mama!— ſagte Jenny und warf der Mutter einen Handkuß zu. Dieſe winkte freundlich und ging hinunter. Arvid ſtand auf den unteren Leiterſproſſen und reichte der Schweſter Nägelchen und Stecknadeln, während ſie ſich mit einander unterhielten: — Weißt Du was, Arvid, im Herzen kommt es wir vor, als wenn es recht unbehaglich und läſtig werden wird, wenn Tante und Albertine hierher kommen. Denke ſie Dir mit ihren hochvornehmen Gewohnheiten; wie wir ihnen einfach vorkommen und wie ſie hochmüthig auf uns herabblicken werden! Ich fühle eine wirkliche Beklemmung bei dem Ge⸗ danken, wie ſteif und unerträglich es hier auf unſerm gemüthlichen Rönby werden wird. Papa wird ſchlech⸗ ter Laune werden, und Mama wird zu thun bekom⸗ —,——— 81 men, ihm es recht zu machen. Ach, wenn jene Stockholmer Leute nur hübſch zu Hauſe geblieben wären! Du haſt ja ſowohl Tante wie Albertine ge⸗ ſehen? — Ja im Theater und auch ein Paar Mal auf den Carlbergs Bällen; aber ich habe nie mit ihnen geſprochen. — Biſt Du ihnen nie vorgeſtellt worden; haſt Du nie mit Albertine getanzt? — Nein, Papa hatte es mir ja ausdrücklich ver⸗ boten, mich ihnen zu nähern; und übrigens bin ich zu ſtolz auf meine Mutter, um mit Verwandten umgehen zu wollen, welche ſie geringſchätzen. — Darin haſt Du Recht. Aber ſag' mal, iſt Albertine ſchön? — Ja, das iſt ſie, aber ſtolz und ſteif wie ein Bild. Sie ſieht ſehr hochmüthig aus. — Lieber Gott, Arvid, wie ſchrecklich läſtig wird es werden! Iſt ſie ſehr elegant gekleidet? — In Flor und Seide vom Scheitel bis zur Fußſohle, ſo daß ſie Alle verdunkelt. — Nun Du, das wird hier gerade unterhaltend werden; und ich, die ich nicht mehr als meine ſchwarze Seidenkleidung beſitze. — Was thut das? Du ſiehſt ebenſo gut aus in Deinen baumwollenen Kleidern. — Wie Albertine in den ſeidenen?— fiel Jenny lachend ein.— So, rücke jetzt die Leiter, dann biſt Du artig. Nun, weißt Du etwas von dem Doktor? — Nein, aber Ernſt kennt ihn von der Upſala⸗ zeit her. 5 — Ich möchte wiſſen, ob er ſchön iſt, ob er hei⸗ Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 6 82 ter iſt, ob er ſingen kann... Apropos, weißt Du, ob Albertine ſingt. — Ja, gewiß, ſie ſang dieſen Winter in einer Soirée, welche zu einem wohlthätigen Zwecke gege⸗ gen wurde. Sie hat eine prächtige Stimme, — Nun, das fehlte noch, daß ſie ſo eine große Sängerin ſein mußte, ſo daß eine andere arme Per⸗ ſon in ihrer Gegenwart keinen einzigen Ton zu ſin⸗ gen wagt. Ach, das wird entſetzlich langweilig! — Ah, Lapperei, wir machen unſere Reitpartien, und will ſie die Vornehme ſpielen, dann überlaſſen wir ſie ſich ſelbſt. Unter ſolchem Geplauder hatte Jenny's Arbeit ihren Fortgang, und Arvid unterſtützte ſie nach beſten Kräften. Es war etwas Eigenthümliches, zu ſehen, wie der lange Kadet der Schweſter beim Befeſtigen der Gardinen behülflich war, wie er die Tiſchdecke ſchüttelte und an Aufräumungsgeſchäften Theil nahm, das alles gemacht wurde, während ſie heiter mit einander plauderten. Der junge Doktor war ſchon angekommen und Jenny war eben damit beſchäftigt, ſich für die Mit⸗ tagstafel anzukleiden, als ihre Kammerthüre ſich öffnete und die Majorin eintrat. Jenny ſtand mit⸗ ten auf dem Fußboden und hielt ein blaues Reſſel⸗ tuchs⸗Kleid in der Hand. — Was willſt Du mit dem Kleid da, mein Mädchen?— fragte die Majorin. — Es anziehen,— beſte Mama,— um paſſend angezogen zu ſein, wenn unſere vornehmen Verwandten ankommen. — Aber das iſt eines Deiner beſten Kleider. 83 — Ja, Du lieber Cott, darin haſt Du Recht, — ſeufzte Jenny;— aber ich bin doch wohl ge⸗ zwungen es zu nehmen, um nicht allzu dürftig neben Albertine auszuſehen, die äußerſt prachtvoll ſein ſoll. Wenn ich ſie in baumwollenen Kleidern empfinge, ſo würden ſie mich wohl nicht begrüßen.— Wieder ſeufzte Jenny. — Aber Jenny, an Deiner Stelle würde ich gar nicht das Beſte anziehen, was ich beſäße, oder im Mindeſten mit Albertine wetteifern, welche ein reiches Stockholmer Mädchen iſt. Ich würde mich nett und einfach in eins meiner ſelbſtgewobenen Kleider kleiden, und dadurch zeigen, daß ich frei ſei von allem eitlen Bemühen, etwas Anderes zu ſein, als ich bin, ein ungekünſteltes Mädchen, welches glücklich und vergnügt und ohne allen Neid iſt. Mein Kind, in einem ſolchen Wettſtreit, wie der, den Du anzufangen im Begriff ſtehſt, liegt der erſte Samen zum Neid, einem Gefühl, welches nie in unſerer Bruſt entſteht, ſobald wir uns nicht bemühen nach etwas Höherem zu ſtreben, als unſere Kräfte reichen. Darum, Jenny, verſuche niemals etwas anderes zu ſcheinen, als Du biſt, und denke: ich bin nicht ſo reich wie Albertine; darum kann ich in mei⸗ nem Anzug nicht mit ihr wetteifern; und warum ſollte ich das? Haben die Kleider irgend einen Werth? Nein, kann ſie mich nicht in meiner Ein⸗ fachheit hochachten, ſo iſt ihre Achtung nichts werth und ich kann ſie entbehren. Aber, mein Kind, ich will nicht im Mindeſten Deinen Gefühlen Zwang anthun, ſondern ziehe Dich an, wie es Dir ſelbſt am beſten gefällt. Was ich geſagt enthält 84 nur meine Anſicht von der Sache.— Die Mutter ſtreichelte die Wange der Tochter. Jenny warf das Kleid über den einen Arm, er⸗ griff die Hand der Mutter, führte ſie an ihre Lip⸗ pen und ſprach: — Ach, Du gute Mutter, Du biſt immer ſo verſtändig! Ich glaube, es gibt Niemanden, der ſo gut iſt wie Du. — Du kleine Schmeichlerin, ziehe Dich nun raſch an. Ich gehe jetzt, um mein geſtreiftes Baumwol⸗ lenkleid anzuziehen und eine hübſche Haube aufzu⸗ ſetzen. Wir wollen ſehen, wer zuerſt fertig iſt. Die Majorin drückte einen Kuß auf die Stirne der Toch⸗ ter und ging hinaus. Eine Weile ſtand Jenny ſtill und ſann nach, dann ſprang ſie mit dem Neſſeltuch⸗Kleid nach der Garderobe und rief freudig aus: — So, hinein wieder auf Deinen Platz, mein lieber feiertäglicher Luftſack! Es iſt Dir nicht ver⸗ gönnt, die Stadtbewohner zu empfangen. Nein, Du ſollſt dort hübſch ſtille hängen, und nun hervor mit meinem rothen Baumwollenkleid!— Sie kam heraus mit einem feingeſtreiften rothen und weißen ſelbſtgewobenen Kleide. — Ja ſo, meine liebe Jenny, Du warſt ein bischen eitel, ein wenig neidiſch und konnteſt nicht leiden, daß Du ſchlechter gekleidet ſein ſollteſt, als Deine Couſine. Ei, ei, meine ſüße Jenny, Du biſt gehörig hochmüthig und ſchämteſt Dich, weil Du Dich in Baumwollenzeug zeigen ſollteſt, das Du um keinen Preis eingeſtehen wollteſt, es ſei von Dir ge⸗ woben; nein, meine Freundin, Du warſt gerade auf 85 dem Wege, das Fräulein zu ſpielen, ein wenig vor⸗ nehm zu thun. Das junge Mädchen brach in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus, während ſie die einfache, ſchöne Tracht anzog; und als ſie einen letzten Blick in den Spie⸗ gel warf, war ſie recht zufrieden mit ihrem Coſtüm, welches aus dem genannten Kleide beſtand, das mit einem hochgehenden Leib gemacht war, welcher die Geſtalt des jungen Mädchens in all ihrer plaſtiſchen Vollendung hervortreten ließ, ein glatter weißer Kragen umſchloß den Hals und eine ſchwere ſeidene Schürze vollendete das Häusliche im Anzug. Sie nickte ihrem Spiegelbilde freudig zu, hüpfte dann aus dem Zimmer und nahm ihren Weg durch die Küche in das Schlafgemach, wo die Majorin gerade im Begriff war die Haube aufzuſetzen. — Siehſt Du, Mama, hier bin ich! Wie gefalle ich Dir, ſehe ich ſo gut aus — Sehr, ſehr, meine kleine Jenny. — Sage nun, wie Du glaubteſt, daß ich mich anziehen würde, als Du herunter gingſt. — Wie Du angezogen biſt; denn ich kenne zu gut meine einzige Jenny, um einen Augenblick zu zweifeln, wie ſie handeln würde, ſobald ſie ſelbſt das Rechte einſah. — Und dies, Mama, ließeſt Du mich immer einſehen. — Eine ganz natürliche Sache, mein Mädchen. Ich werde wohl etwas mehr Erfahrung als Du haben, Du darſſt Dich aber nie blind auf mein Ur⸗ theil verlaſſen; denn ich kann mich irren; ſondern 86 Du mußt auch immer Deinen eigenen Verſtand zu Rathe ziehen. Als die Majorin und Jenny in den Saal hin⸗ eintraten, präſentirte der Major ſie dem Doktor Bergſtröm. Während die Herren den Appetitsliqueur zu ſich nahmen, flüſterte Jenny Ernſt zu: — Tauſend, er iſt wirklich ein hübſcher Burſche. Das glaubte ich doch nie, daß dieß ein Doktor ſein könnte. — Und warum nicht? — Alle, die ich bis jetzt geſehen, ſind häßlich geweſen. Aber dieſer hier ſieht ſtattlich aus wie ein Ritter des Alterthums. Die Mittagstafel nahm ihren ruhigen Verlauf; der Doktor war ein liebenswürdiger, gebildeter jun⸗ ger Mann, welcher mit Leichtigkeit die Konverſation führte. Er theilte mit, daß man wahrſcheinlich die Profeſſorin mit Tochter bereits im Laufe des Nach⸗ mittags erwarten könne, da er ihren Wagen in dem Hofe des Hotels angeſpannt geſehen hätte, als er W verließ, und er vermuthete, daß er höchſtens einen Vorſprung von zwei Stunden vor ihr haben könne. Es zeigte ſich auch bald, daß die Vorausſetzung des Doktors ganz richtig ſei, denn um fünf Uhr fuhren zwei Wagen in den Hof hinein. In dem erſten, in dem des Baron Silfverkrona, ſaßen die Profeſſorin, Albertine und der Baron, in der andern 87 etwas altmodiſchen Kutſche des Majors befanden ſich Minna und Martha. — Was zum Teufel ſoll das heißen?— be⸗ merkte der Major, welcher auf der Einfahrtsbrücke ſtand und die Hand gegen die Sonne hielt, um beſſer ſehen zu können;— habe ich zwei Schweſtern und zwei Schweſtertöchter auf den Hals bekommen, da der Baron ein Paar in ſeinen Wagen hineinge⸗ nommen. In dem ondern ſitzen ja auch ein Mäd⸗ chen und ein Weib. — Beſter Guſtav,— flüſterte die Majorin mild — moche unter dem Eindruck des erſten Augen⸗ blicks keine Bemerkungen. Es iſt gewiß ein Paar Kammerjungfern, die in dem hinterſten Wagen fahren. — Ja ſo, man beabſichtigt hier Staat zu ma⸗ chen, merke ich, und darum war meine Kutſche zu einfach, um darin zu fahren. Ich ſage Dir, Malin, daß das hier kein gutes Ende nimmt; denn ich fühle bereits das Blut in meinen Adern kochen. Jetzt hielten die Wagen. Der Baron hüpfte heraus, bevor der Bediente die Thüre hatte öffnen können, und reichte der Profeſſorin die Hand. Arvid war auch hingeeilt, um der gnädigen Tante zu hel⸗ fen, die ihm mit einer herablaſſenden Miene dankte und auf den Arm des Barons geſtützt die wenigen Treppenſtufen zur Hausflur hinaufſtieg. Der Major — ſeiner Schweſter einen Schritt entgegen und agte: — Willkommen, liebe Sophie! Aber warum zum Teufel ließeſt Du mich Pferde nach Dir ſchicken, wenn Du mit dem Baron zu fahren beabſichtigteſt? 88 Du hätteſt es mir erſparen können, ſie vier Meilen hin und zurück zu ſchicken. Das Geſicht der Profeſſorin wurde glühend roth und ſie heftete ihre ſcharfen Augen auf den Bruder; aber bevor ſie ein Wort ſagen konnte, beeilte ſich der Baron zu antworten: — Herr Major, der Zufall fügte es ſo, daß ich das Glück hatte die Reiſe zuſammen mit der Pro⸗ feſſorin auf dem Dampfſchiff zu machen, und da bat ich mir die Ehre aus, die Damen in meinem Wa⸗ gen hieher bringen zu dürfen. — Gut!— Der Major nahm die Majorin bei der Hand und ſtellte ſie ſeiner Schweſter mit folgen⸗ den Worten vor:„Siehe hier meine Frau, welche neben häuslichem Glück mir auch die Erde, auf welche Du jetzt trittſt, und das Gut, das mein einziges Vermögen ausmacht, geſchenkt hat.— Sie war, wie Du, Sophie, bedeutend jünger als jetzt, als wir unſere Geſchicke vereinigten; aber die Zeit hat ſie doch nicht ſo unbarmherzig wie Dich verändert. Es iſt erſtaunlich, wie alt Du geworden biſt.“ War die Profeſſorin den Augenblick roth gewor⸗ den, ſo erbleichte ſie jetzt; aber da der Baron da⸗ nebenſtand und ſie von früher her ihren Bruder kannte, ſo ſchwieg ſie und wandte ſich mit einigen kalten, abgemeſſenen und herablaſſenden Worten an ihre Schwägerin. Es lag etwas auffallend Hochmüthi⸗ ges in Frau von Krug's ganzem Benehmen gegen die Majorin; aber dieſe war viel zu klug, um ſich dadurch verletzen zu laſſen. Sie erwies ihrer Schwä⸗ gerin einfach Wohlwollen, dem jedoch ein gewiſſer Anſtrich von Würde nicht abging, etwas, das die — 89 Folge hatte, daß der Stolz der Profeſſorin zurück“ ſtutzte, ohne daß er auf diejenige, die ſie zu demü⸗ thigen wünſchte, irgend eine Wirkung hervorgebracht hätte. 5 — Deine Tochter, kann ich denken,— bemerkte der Major und deutete auf Albertine. — Ja, meine Tochter Albertine,— antwortete die Profeſſorin mit einer Handbewegung nach dem jungen Mädchen, welches daſtand gleich einer Köni⸗ gin, in ein dunkles Seidenkleid und einen italieni⸗ ſchen Schäferhut gekleidet. Albertinens ungezwun⸗ gene Haltung und hübſches Geſicht machten, daß ſie unwillkürlich für ſich einnahm. Sie begrüßte den Onkel mit Anmuth und die Majorin mit einem Aus⸗ druck der Herzlichkeit im Blick, obgleich Frau von Krug alle Zeichen ehrerbietiger Demuth ſtreng unter⸗ ſagt hatte, weil ihre Schwägerin ein Emporkömm⸗ ling aus dem großen Haufen war und blieb. — Deine Söhne,— ſagte die Profeſſorin, und deutete auf Ernſt und Arvid.— Jenny hatte ſich unſreiwillig hinter den Vater zurückgezogen. — Wer iſt das Mädchen dort?— fügte ſie mit einer vornehmen Miene und einem Blick auf Jenny hinzu. — Das iſt meine Tochter Jenny; ein munteres und flinkes Mädchen, auf das ich recht ſtolz bin,— ſagte der Major. Frau von Krug reichte Jenny die Hand mit einer Bewegung, als wenn es ihre Meinung ſei, die Bruderstochter ſolle ſie küſſen; aber Jenny ergriff nur die dargereichte Hand, verneigte ſich und drückte ſie herzlich. 90 — Wer ſind die Frauenzimmer, die Du mit Dir haſt?— fragte der Major. — Unſere Domeſtiken,— war die Antwort der Profeſſorin; ſie wandte ſich dann an die Majorin und bat, auf ihr Zimmer geführt zu werden. Währenddem hatte der Major den Baron in den Saal geführt, und als Jenny darauf zu ihnen hin⸗ eintrat, rief der Baron mit einer bei ihm ſeltenen Lebhaftigkeit: — Gnädiges Fräulein Jenny, kommen Sie mir um jeden Preis zu Hülfe! Der Major will mir ordentlich eine Schlacht liefern, weil Frau von Krug zwei Kammerjungfern mit ſich hat, und behauptet mit Beſtimmtheit, daß ich die Urſache bin, daß er ſie auf den Hals bekommen hat. Das iſt die Be⸗ lohnung dafür, daß ich Bruder und Schweſter ver⸗ ſöhnt habe. — Die Verſöhnung wird keinen Segen mit ſich bringen, muß ich dem Herrn Baron ſagen, denn ich dulde jene Adelsmanieren nicht, ebenſowenig wie ich den ganzen Anhang dulde, und will meine Schweſter die Edeldame ſpielen, ſo muß ſie es anderswo, als bei mir thun. — Papa, Papa, gebe dem Baron keinen ſo ſchlechten Begriff von Deiner Gaſtfreiheit. Jetzt iſt Tante bei uns und... .. Und wir dürfen den Teufel an's Land zie⸗ hen,— fiel der Major ein,— und gerade daran iſt der Major Schuld. — Aber er hat es ja in der beſten Abſicht ge⸗ than. Der Baron handelte vollkommen ritterlich, — 91 ganz nach Deinem Geſchmack, Papa, als er zwei Geſchwiſter verſöhnte. — Tra la la, tra la la, aber ſieh, da kommt Gottlob der Doktor, ſo werde ich es überhoben, mehr von dem Lied zu hören,— ſagte der Major lachend. — Wir werden wohl den Baron die Nacht über bei uns behalten? Es iſt nicht der Mühe werth, heute Abend zu Hauſe zu reiſen! — Unendlich gern, es iſt immer ſchwer, Rönby zu verlaſſen; dort gedeiht man ſo gut,— antwor⸗ tete der Baron. Es ſah wirklich aus, als wenn unſer Baron ein ganz anderer Menſch geworden, als damals, wo wir ihn unſern Leſern bei der Profeſſorin vorſtellten. Der gleichgültige und abgeſtumpfte Ausdruck hatte einem Schimmer von Leben und Gefühl Platz ge⸗ macht, welches den Zügen etwas weniger Gleichgül⸗ tiges und Einförmiges verlieh. Als der Doktor dem Baron vorgeſtellt wurde, flog eine leichte Röthe über ſeine Stirne und ein ſchwacher Strahl von Scheu leuchtete aus ſeiner Be⸗ grüßung hervor, aber dieſelbe verſchwand ebenſo raſch, wie ſie hervorgetreten war. Die Verbeugung des Doktors war kalt und ſtolz. Unwillkürlich dachte Jenny: — Mein Gott, was der Baron doch unbedeu⸗ tend neben dem Doktor ausſieht! Welche ſtattliche und edle Haltung, welche prächtige Stirne, und dann welche Augen voll Verſtand und Gefühl! Vorher ſah der Baron ihm ungleich, aber jetzt kommt er Einem wirklich unbedeutend vor. Eine halbe Stunde darauf trat die Profeſſorin 92 mit ſtolzer Haltung herein. Sie trug den Kopf hoch und rauſchte in ſchwarzer Seide vom Scheitel bis zur Fußfohle. Hinter ihr kam Albertine, welche auch in einen eleganten ſchwarzen Seidenrock ge⸗ kleidet war, der über der Bruſt von einer koſtbaren Nadel zuſammengehalten wurde. Als ſie eintraten, fielen Albertinens Augen auf den Doktor; eine Ro⸗ ſenwolke zog über ihre Wangen und ein reizendes Lächeln erwiderte dem Blick, welchen der Doktor ihr zuwarf. Dieſer ſagte tauſendmal mehr, als der ver⸗ bindlichſte Gruß, denn er verdolmetſchte die Gefühle ihres Herzens, ſowie die Genugthuung, welche ſie beim Wiederſehen des Geliebten empfand. Weder der Blick des Doktors, noch das Lächeln Albertinens entgingen dem Baron. Die Profeſſorin begrüßte jetzt nach allen Regeln der Convenienz ihren Bruder, ihre Schwägerin und deren Kinder; hierauf heftete ſie ihre Augen auf den jungen eleganten Doktor, und der Major präſentirte ihn mit einem Lächeln voller Ironie. —„Meine Schweſter, die Profeſſorin Krug. (Der Major ließ immer das wichtige von aus, welches die Profeſſorin für werthvoller als alles An⸗ dere hielt.)— Doktor Bergſtröm!“ Die Lippen der Profeſſorin preßten ſich zuſam⸗ men, ihre Augen ſchoſſen ſcharfe Blize und ihre Wangen nahmen eine höhere Farbe an, als der Major den Namen des Doktors ausſprach. Der junge Arzt verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, aber ohne kriechende Unterwürfigkeit. Die Profeſſorin beant⸗ wortete ſeine Verbeugung durch eine kaum bemerk⸗ bare Verneigung des Kopfes; worauf ſie dem Bruder 5 einen raſenden Blick zuſchleuderte, und ſchritt dann ſteifer und gerader als ſonſt hinein in das Vorge⸗ mach, wo ſie majeſtätiſch im Sopha Platz nahm. Inzwiſchen hatte der Major den Doktor Albertine vorgeſtellt und auch auf ſie einen ſpöttiſchen Blick gerichtet, und zwar in der Erwartung, daß ſie wie die Mutter denſelben Ausdruck verletzten Hochmuths zeigen würde, aber das junge Mädchen grüßte ihn mit einem anmuthigen Lächeln. — Hm!— dachte der Major,— ſollte das Mädchen nicht ſo toll ſein wie die Mutter? Boh! Bergſtröm iſt ein hübſcher Kerl, und das Mädchen iſt wohl kokett, denke ich. Die Majorin war eine liebenswürdige Wirthin und ſie benutzte dieſe natürliche Eigenſchaft, um, während man Kaffee trank, einen Schimmer von Gemüthlichkeit in dem kleinen Familienkreis zu ver⸗ breiten; aber alle ihre Bemühungen ſcheiterten an dem eigenſinnigen Schweigen und an der ſtolzen Steifheit der Profeſſorin. Die würdige Frau ſchien tief darüber erbittert zu ſein, daß ſie genöthigt war, mit einer Schwägerin von ſo plebejiſchem Blute und mit einer Perſon, welche als der Sohn ihres Gärtners direct aus dem groſen Haufen hervorge⸗ gangen, dieſelbe Luft zu athmen. Man ſah es ihr an, daß es ihr nur durch die gewaltigſten Anſtren⸗ gungen gelang, ihren Aerger zu erſticken.. Die Majorin ſah ihren Mann an und merkte an ſeinen zuſammengezogenen Brauen, daß ein Sturm bald losbrechen würde. Um alle unangenehme Auf⸗ tritte abzuleiten, ſchlug ſie vor, daß man in den 94 Park gehe, und als ſie aufſtand, bemerkte ſie leiſe gegen den Baron: — Erzeigen Sie mir die Freundſchaft und helfen Sie mir, meine Schwägerin zu zerſtreuen. — Meine geringen Kräfte ſtehen der Frau Ma⸗ jorin zu Dienſten,— antwortete der Baron und eilte zur Profeſſorin, um ihrsſeinen Arm zu bieten. Das Geſicht der Frau von Krug klärte ſich et⸗ was auf und ſie antwortete dem Baron artig; dann erhob ſie ſich und nahm den angebotenen Arm an. Die Jugend umringte Albertine und führte ſie mit ſich in den Park hinaus. Der Doktor folgte natür⸗ lich mit ihnen. An der Gartenthüre verkor Alber⸗ tine einen von ihren Handſchuhen; der Doktor hob ihn auf und überreichte ihr ihn. Als ſie ihn aus ſeiner Hand empfing, flüſterte ſie: — Morgen um acht Uhr im Park. Der Doktor verbeugte ſich ſchweigend, und Alber⸗ tine ging an ihm vorbei. Arvid beeilte ſich, Alber⸗ tinens Cavalier zu werden, und der Doktor wandte ſich an Jenny. Der Baron und die Profeſſorin bildeten den Vortrab. Die Majorin war oben geblieben und ſollte nachkommen. Der Major und Ernſt kamen zuletzt. Die Profeſſorin bemerkte gegen den Baron: — Ich bin wirklich ſo empört über meines Bruders ſchlechte Manieren, daß das mich ganz aus meinem Humor gebracht hat.— Mein Gott, in welcher Geſellſchaft empfängt er Sie und mich! — Meine Gnädige, mir ſcheint die Geſellſchaft charmant zu ſein— lispelte der Baron und heftete 95 ſeine ſchlaffen Augen auf Frau von Krug;— die Majorin iſt ein liebenswürdiges Frauenzimmer, ein wirklich einnehmendes Weib, welche ihr Haus zu einem der angenehmſten der ganzen Gegend macht. Alles dies ſagte der Baron in jenem ſchleppen⸗ den Ton, der bei ihm ſo gewöhnlich war; aber wenn er einmal auflebte, dann bekam ſeine Aus⸗ ſprache einen ganz andern Ton. — Aber ihre niedrige Geburt gibt ihr ſo etwas Simples. Es iſt doch recht ſchmerzlich für mich, wenn ich daran denke, daß ein ſolches Weib in meine Familie eingeführt worden iſt; und nur meine Freundſchaft und meine Achtung vor dem Herrn Bardn haben mich bewegen können, unter dieſes Dach zu treten, wo ich jedoch erwartet hatte, daß man mehr Rückſicht auf meine und des Herrn Barons Anweſenheit genommen hätte, als daß.. Die Profeſſorin huſtete. — Als was, Eure Gnaden?— fragte der Va⸗ ron mit einfhltiger Miene. — Als den Sohn meines Gärtners ein Mit⸗ zu laſſen und ihn mir vorzuſtellen, als welin er Einer meines Gleichen wäre. Wäre es nicht dus Achtung vor Ihnen, Herr Baron, geweſen, ſo hätte ich nach dieſer Beleidigung durch meinen Bru⸗ der ſofort das Zimmer verlaſſen. .— Doktor Bergſtröm ſoll— ſagt man— ein geſchickter Arzt mit guten Kenntniſſen ſein. — Sehr möglich; und das kann für diejenigen, welche ſeine Patienten ſind, recht nüzlich ſein, aber das gibt ihm trotzdem kein Recht, in einer Geſell⸗ 96 ſchaft von guter Familie gerade ſo aufzutreten, als wäre er Einer von unſeres Gleichen. — Alle Menſchen ſind ja gleich, ſagen die De⸗ mokraten. Frau von Krug fuhr zuſammen, als wenn ſie auf ein giftiges Thier getreten hätte, und heftete ihre ſcharfen Augen auf den Baron. — Meine Gnädige, ich bin Edelmann— war die Antwort des Barons, die er mit einer eintöni⸗ gen und ſchläfrigen Stimme hervorliſpelte. Beim Soupé zeigte die Profeſſorin einen auf⸗ fallenden Stolz gegen den Doctor, und ein nicht un⸗ bedeutender Theil davon fiel in das Loos ihrer Schwägerin. Aber dieſes ihr Bemühen die Majorin dahin zu bringen, daß ſie ſich gedemüthigt fühle, verfehlte vollſtändig ſeine Wirkung, denn das Ge⸗ ſicht der Majorin drückte immer dieſelbe ruhige und milde Würde aus; ihr Benehmen war gleich zuvor⸗ kommend und verbindlich. Der Doctor dagegen lächelte zckeidig und wech⸗ ſelte dann einen ausdrucksvollen Blick it Alhertine, welcher zu ſagen ſchien: — Siehſt Du, mit welcher Verachtung Deiue Mutter mich behandelt.„ Der Major glich einer Gewitterwolke, deren Aus. bruch man jeden Augenblick fürchtete; aber, Dan! dem Bemühen des Barons und der Majorin, trenn⸗ ten ſich die beiden Geſchwiſter, ohne daß ein Auf⸗ tritt zwiſchen ihnen ſtattgefunden. Als die Profeſſorin und Albertine ſich auf ihre Zimmer begeben hatten, blieben die Majorin unt Jenny im Saale zurüͤck, wo ſie noch etwas zu be 97 ſorgen hatten. Mutter und Tochter ſahen einander an; endlich that die Majorin einen tiefen Seufzer, gerade als wenn ſie recht Athem holen wollte. Jenny brach in ein ſchallendes Gelächter aus. — Iſt das amüſant, Herr Magiſter?— fragte ſie die Mutter. — Nein, das wird eine ſchrecklich läſtige Zeit, wenn Sophie nicht etwas von ihrem Hochmuth ablegt; ich ſah es Papa an, daß ein Sturm nahe daran war, loszubrechen. Weißt Du was, Kind, es iſt mir wirklich unangenehm und ſehr verdrießlich, daß der Doctor in unſerem Hauſe auf eine ſo beleidigende und verletzende Weiſe behandelt werden ſoll; ich bin verdrießlich darüber, daß Papa während dieſer gan⸗ zen Zeit in übler und aufgereizter Stimmung ſich befinden ſoll. Die Majorin ſetzte ſich, Jenny nahm neben ihr Platz und ſagte, indem ſie ihre Hände küßte, mit fröhlicher Stimme: — Fort mit allen verdrießlichen Gedanken, Ma⸗ linchen!(Dies war ein Schmeichelwort Jennys für die Mutter.) Der Doctor ſcheint nicht empfindlich für der gnädigen Tante Ungnade und auch nicht durch ihren Uebermuth verletzt, ſondern findet ſie dagegen ganz köſtlich, das ſah ich ihm an. Was mich anbetrifft, ſo kam ſie mir wie ein Geſpenſt aus früheren Zeiten vor, wie eine Burgfrau, die bereit ſchien, mit Lanze und Spieß ihre adelige Ehre zu vertheidigen. Du lieber Gott, Mama, wie drollig Tante ausſah, als ſie auf mich deutete und fragte: „Was iſt das da für ein Mädchen?“ und als ſie Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 7 ———— —— 98 mir die Hand reichte, ſah ſie aus wie die Kaiſerin von China, wenigſtens wie ich ſie mir vorſtelle. — Du biſt glücklich, daß Du über Alles ſcherzen kannſt. — Willſt Du, daß ich weinen ſoll? — Nein, Jenny, ſo wie Du biſt, gefällſt Du mir und ich finde immer einen Troſt und eine Auf⸗ munterung an Deinem fröhlichen Geplauder. — Du mußt Jenny verſprechen, nicht ſo traurig muszuſehen. Weißt Du, Mama ich fühle mich außer⸗ ordentlich ſtolz auf Dich, als Du alle die ſtolzen Worte und Handlungen der Tante Sophie mit der Dir eigenen milden Würde aufnahmſt und ſie füh⸗ len ließeſt, daß Du zu hoch ſtändeſt, um durch ihre Sarkasmen von Geburt und Ahnen verletzt werden zu können. — Aber Jenny, das war ſcheinbare Ruhe; Deine arme Mama iſt keineswegs vollkommen; ſon⸗ dern ſie empfand die Stiche zu wohl, obgleich ſie zu ſtolz, es Jemanden Anderes als Dich es wiſſen zu laſſen. — Ach, Du gute, liebenswürdige Mama! Ich ſollte auf den Knieen vor Dir liegen, wenn Du ſo ſprichſt. Ernſt hat Recht, wenn er ſagt, daß es nicht Deines Gleichen in der Welt gibt. — Verdiene ich, Jenny, wirklich all dieſes Lob, all dieſes Lob gerade jetzt, wo ich meine Schwäche eingeſtehe, daß ich mich durch das Benehmen Deiner Tante verletzt fühlte? — Gerade darum, weil Du ſo eine anmuthige Mutter biſt, die es nicht darauf anlegt, in einem andern Lichte zu erſcheinen, als in dem eines lie⸗ 99 benswürdigen Weibes, und in Deinen erwachſenen Kindern Deine beſten Freunde haſt,— gerade dar⸗ um iſt Deine Macht über uns ſo groß, unſere Bewunderung vor Dir ſo grenzenlos und darum biſt Du ſelbſt ſo einnehmend. Jetzt wurde die Thüre zwiſchen dem Saal und dem Schlafgemach geöffnet und der Major ſteckte ſeinen Kopf herein. Das Geſicht war barſch und ſeine Stimme rauh, als er bemerkte: — Wie lange beliebt es Madame hier zu ſitzen und mich durch Plaudern am Schlafen zu hindern? Es ſcheint mir, daß heute genug geplaudert worden iſt. Die Majorin ſtand ſofort auf, küßte die Tochter auf die Stirne und ging dann zu ihrem Manne hinein. Der Major hatte ſich im Schlafzimmer aufs Sopha geworfen und ſtieß mit dem Stiefelabſatz gegen den Fußboden, während er einen Sturmmarſch auf den Tiſch trommelte. — Es iſt wirklich erbaulich zu ſehen, wie man mir hier im Hauſe gehorcht, und doch meine ich, wären meine Worte ziemlich nachdrücklich ausgeſpro⸗ chen und müßten die Wirkung haben, daß man nach⸗ her ſich nicht damit amüſirt, ihrer zu ſpotten. — Lieber Guſtav, worin habe ich Deinen Willen verletzt?— fragte die Majorin ruhig, aber an der bleichen, traurigen Stirne konnte man ſehen, daß ſie bei dieſen Vorboten eines ehelichen Gewitters einen peinlichen Eindruck empfand. Worin— vrüllte der Major und trommelte jetzt mit den Knochen.— Glaubſt Du mich für Narren halten zu können, oder was bedeutet jene 100 impertinente Frage? Gerade als wenn Du nicht wiſſen ſollteſt, was mich ärgert. Du weißt das ebenſo gut wie ich, aber es iſt Deine Freude, mir zu trotzen. Nehme Dich jedoch in Acht, meine Ge⸗ duld kann einmal ein Ende nehmen, und dann... — Ich verſichere Dich, mein Freund, daß es immer abſichtslos und vollkommen meinem eigenen Wunſche zuwider war, falls ich je gegen Deinen eigenen Willen handelte. — Wiſchi, waſchi, es war gegen Dein beſſeres Wiſſen, denke ich, daß Du heute Abend drei Ge⸗ richte gehabt, obgleich ich ein für allemal es verbo⸗ ten habe. Die Majorin ſah ihren Mann etwas verwirrt. an. Sie hatte nie ein ſolches Verbot über ſeine Lippen kommen gehört. Der Major, welcher ihre verwunderte Miene bemerkte, fuhr vom Sopha auf und ſchrie im höchſten Zorn: — Hätteſt Du für einen Heller Ueberlegung gehabt, ſo würdeſt Du das Verächtliche eingeſehen haben, welches in Deinem Beſtreben lag, durch eine Menge Speiſen jenem hoffährtigen Ding, meiner Schweſter, eine Aufmerkſamkeit erweiſen zu wollen. Nein, Du hätteſt ihr ein einfaches Mal vorſetzen und dadurch an den Tag gelegt haben ſollen, daß Du trotz all ihrem Hochmuth, ſie nur als eine nahe Verwandte betrachteſt. Jetzt dagegen haſt Du Dir Mühe gegeben, ihr, wie vor einer königlichen Per⸗ ſon, Torten und dergleichen verdammten Plunder aufzutiſchen, und Dich ſo ſüß und ſo zuvorkommend gegen ſie zu ſtellen, daß Du meine Galle in Gäh⸗ rung brachteſt. Begreife doch einmal, daß Du in * 101 demſelben Augenblick, wo Du meine Frau wurdeſt, auch ihres Gleichen wurdeſt, und lege in's Teufels Namen das kriechende Benehmen ab! — Kriechend? War das nicht zu ſtreng? — Schweige und höre, was ich ſage.— Der Staat mit dem Eſſen war eine Kriecherei; aber, da Du nicht verſtehſt, wie Du Dich benehmen ſollſt, ſo will ich es Dir begreiflich machen! Beherzige deß⸗ halb, was ich Dir jetzt befehle. So lange Sophie hier iſt, darf nichts auf unſeren Tiſch kommen, als was wir ſelbſt täglich gewohnt ſind zu eſſen; weder mehr Gerichte, noch beſſere Speiſen. Haſt Du mich verſtanden? — Ja!— Die Majorin ging hin zum Manne, legte ihre Hand auf ſeinen Arm, blickte ihm mild und bittend ins Geſicht und ſagte: Sei nicht böſe!— Eine Thräne zitterte in den Augenwimpern. — Sieh ſo, jetzt muß man gleich das Maul hängen laſſen. Es iſt zum Teufel, daß Du es nicht vertragen kannſt, daß man zu Dir ſpricht, ohne daß Du gleich weinen mußt wie ein Junge; beſſer wäre es, daß Du gehorchteſt, und nicht das Gegentheil von dem thäteſt, was ich will. Aber ich rathe Dir, Malin, nicht noch einmal gegen meinen Willen zu handeln. Pamit ging der Major aus dem Saal und warf die Thüre hinter ſich zu. Die Majorin ſetzte ſich ins Sopha, ſtützte ihren Kopf auf die Hand und einige Thränen ſickerten hinunter durch die Finger. Aber ſie trocknete ſie eiligſt ab, als ſie den Mann wiederkehren hörte. —— 102 Der Major begab ſich zur Ruhe, ohne ſeiner Frau ein freundliches Wort zu ſagen. Als die Profeſſorin und Albertine im Zimmer der erſteren angekommen waren, wechſelten Mutter und Tochter einige Worte, welche als Gegenſtück zu der Unterredung zwiſchen der Majorin und Jenny dienen könnten. Albertine näherte ſich der Mutter, um ihr gute Nacht zu ſagen und ſich dann auf ihr Zimmer zu begeben, welches auf der anderen Seite der Haus⸗ flur lag. — Bleib' ich habe Dir etwas zu ſagen,— be⸗ merkte die Profeſſorin und gab Martha einen Wink, das Zimmer zu verlaſſen. — Ich bin ganz unzufrieden mit Deinem Mangel an Tact und den geringen Rückſichten, die Du auf das nimmſt, was ſich für Deinen Rang ſchickt. So behandelſt Du zum Beiſpiel Deine Tante, als wenn ſie von ebenſo guter Herkunft wäre wie wir, mit einer Ehrerbietung, welche von einem Fräulein Krug gegen eine Mamſell Pehrſon nicht am Platze iſt. Du ſcheinſt zu vergeſſen, daß Du Dich einer zurück⸗ haltenden Höflichkeit befleißigen mußt, die alle Ver⸗ traulichkeit ferne hält. Wenn Du einmal für alle⸗ mal meine Lehren im Gedächtniß behalten und mit Aufmerkſamkeit ein Beiſpiel an mir nehmen wollteſt, ſo würdeſt Du nicht unaufhörlich die Schicklichkeit verletzen. Meinſt Du, daß ein Schatten von Ach⸗ tung vor Dir ſelbér in der Art und Weiſe lag, wie ——— 103 Du jenen Burſchen, den Sohn meines Gärtners grüßteſt? Wäre er ein Edelmann erſten Ranges geweſen, ſo hätte Deine Begrüßung nicht zuvor⸗ kommender und artiger ſein können, und dieſes un⸗ paſſende Benehmen verbitte ich mir für die Zukunft. Verſtehſt Du, ich will nicht Dich mit dergleichen Leuten wie mit Deines Gleichen umgehen ſehen, auch will ich von keiner Vertraulichkeit mit jener Bauern⸗ ärrin, Deiner Couſine, etwas wiſſen. Iſt das ſchick⸗ lich, in einem baumwollenen Anzug, in einem Coſtüm, ſchlimmer als das eines Kammermädchens, Fremde zu empfangen? Aber wie ſollte man auch verlangen können, daß die Tochter der Mamſell Pehrſon irgend welche Unterſcheidungsgabe beſäße? Die Mutter ſelbſt war ja wie eine Haushälterin gekleidet. Dein eigener Verſtand muß Dir wohl ſagen, daß jene Menſchen nie dazu kommen können, mit uns auf einem vertraulichen Fuß zu ſtehen. Falls Du ver⸗ ſucht wirſt, dieſes zu vergeſſen, ſo erinnere Dich, daß ich alle andere Bekanntſchaft, als die, welche die Höflichkeit erfordert, während unſeres Aufenthalts hier unterſage. Jetzt kannſt Du auf Dein Zim⸗ mer gehen! Gute Nacht! Ohne ein Wort auf die lange Rede zu antwor⸗ ten, verneigte Albertine ſich tief vor der Mutter und küßte die dargereichte Hand. Aber es lag etwas Eiskaltes in ihren Bewegungen, welche ſie feſt und ſo ſtarr wie ein Marmorbild machte, und als ſie wieder das gebeugte Haupt emporhob, lag ein Zug unbändigen Stolzes auf der breiten Stirn und in dem tiefblauen Auge. Die Profeſſorin hatte ihren Blick fortwährend auf die Tochter gerichtet gehabt, und als ſie in deren ganzem Weſen nur Stolz und Kälte las, ſo zog ſie die Augenbrauen zuſammen und ſagte in ihrem ſcharfen, ſchneidenden Ton: — Etwas mehr Demuth und Haltung, wenn Du Deiner Mutter gute Racht ſagſt. Ein bitteres Lächeln kräuſelte die Lippen Alber⸗ tinens; ſie öffnete ſie, um etwas zu jagen, ſchloß ſie aber wieder und machte eine noch tiefere Verbeugung, worauf ſie das Zimmer verließ und in das ihrige ging. Jenny ſaß in ihrer Kammer, damit beſchäftigt, ihre Haare zu flechten und dachte dabei: — Meine arme, kleine, geliebte Mama, die jetzt die üble Laune des Papa entgelten muß; denn ich ſah an dem Ausdruck ſeines Geſichts, daß er gegen ſie ſeinen Zorn ausſchütten würde. Sonderbare Weſen, die Männer, welche immer die Frau zum Sündenopfer haben müſſen, und doch mag Papa die Mama ſo grenzenlos gern. Ja das mag er. Mor⸗ gen wird er ſie um Verzeihung bitten, und dann, dann wird ſie ihm ſo freundlich und gut zulächeln. Es iſt doch weniger beneidenswerth, verheirathet zu ſein, glaube ich. Jenny ließ die Hände ſinken, während ſie in Gedanken fortfuhr: — Aber doch liegt da etwas Reizendes darin, einen ſtrengen und harten Mann zu der Erkenntniß zu zwingen, daß man ſeines Lebens guter Genius 105 iſt, wie Papa Mama nennt. Ja, ich verheirathe mich beſtimmt. Jetzt fing Jenny an zu lachen, während ſie bei ſich fortfuhr: — Aber es iſt doch nicht ſo ganz ausgemacht, daß ich ein Engel werde; ich habe vielleicht etwas von Tante Sophie in mir, und wenn der Baron mein Opfer wird, dann werde ich ſchon mit ihm umſpringen, gerade wie die gnädige Tante. Jenny lachte wie toll.— Das da werde ich der Mama ſagen. Als Jenny mit ihrer Abendtoilette fertig war, ging ſie an's Fenſter, blickte hinauf nach dem klaren Sommerhimmel, faltete die Hände und flüſterte ein warmes Gebet für ihre Eltern und Geſchwiſter, welches ſie mit folgenden Worten ſchloß: — O, Du milder Vater! Lehre mich ſo durch mein Leben zu wandern und ſo meine FPflichten zu lieben, daß ich einſt meiner Mutter gleiche! Zehn Minuten darauf ſchlummerte das junge Mädchen den ruhigen Schlummer der Tugend, von deren fröhlichen und goldenen Träumen umgaukelt. Als Albertine in ihr Zimmer kam, warf ſie ſich ins Sopha, drückte die Hände feſt gegen ihre Bruſt und murmelte mit zuſammengepreßten Lippen: — Einſt wird ein entſetzlicher Tag kommen., an welchem mein Herz die Gefühle des Drucks, welche es jetzt birgt, nicht länger wird faſſen können, und dann— dann werden entſetzliche Worte über meine Lippen kommen. Kann ich wohl dieſe Mutter lieben, welche jeden Schein von Liebe in meiner Bruſt mit eiſerner Hand zu erſticken geſucht hat? Nein, nein, rief ſie, ſprang auf und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden. Nein, und tauſendmal nein! Hat ſie nicht mein Herz mit ihrem Hochmuth verpeſten wollen, hat ſie durch ihre tyranniſche Strenge mich nicht falſch und heuchleriſch gemacht? O, Gott, ich bin recht unglücklich! Albertine verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte. — Wie ſteht's, Albertine,— flüſterte eine milde und freundliche Stimme, und ſie ſpürte, wie eine kleine Hand eine der ihrigen ergriff. — Ach, Minna!— ſtammelte Albertine, legte ihren Arm um Minnas Hals und lehnte weinend ihren Kopf gegen ihre Schulter. — Weine nicht; ich habe etwas in meiner Taſche, das Dir Troſt bringen wird,— ſagte Minna und zog vorſichtig ein Billet hervor.(Wenn die jungen Mädchen allein waren, nannten ſie einander Du; aber in Gegenwart der Profeſſorin ſagte Minna ſtets Fräulein.) — Von Richard?— Albertine erhob den Kopf und ein Blitz von Freude leuchtete durch die Thrä⸗ nen. Ungeduldig machte ſie den Brief auf und las ihn mit glühenden Wangen und heftig klopfendem Herzen. Als ſie denſelben geleſen, drückte ſie ihn an ihre Lippen, an ihr Herz und rief jubelnd: — Welche Thörin ich war, daß ich weinte! Be⸗ 107 ſitze ich nicht ſeine Liebe; und die kann ſie nicht von mir nehmen! Sie ſtreckte die Hand gegen die Thüre aus und rief in einem faſt höhniſchen Ton: — Bis zu meinem Tod werde ich ihn lieben, und davon, Mutter, ſollſt Du mich nicht abhalten können. In dieſen Gedanken ging Albertine zur Ruhe, nachdem ſie mit Minna überlegt, wie ſie am nächſten Tage mit Richard im Parke zuſammentreffen könne, ohne von Jemanden bemerkt zu werden. Als die Majorin am folgenden Morgen in den Saal trat, fand ſie dort den Major. Er kam ſeiner Frau entgegen, faßte ihre beiden Hände und ſagte, indem er ihr treuherzig in die Augen blickte: — Biſt Du mir böſe? — Welche Frage, Guſtav! Wann war ich Dir böſe? Die Majorin lächelte ihrem Manne zu. Der Major ſetzte ſich auf einen Stuhl und zog ſeine Frau zu ſich auf ſein Knie. — Aber Du wirſt zugeben, daß Du mich geſtern Abend unvernünftiger fandeſt, als erlaubt iſt? — Geſtern Abend, ja; aber heute habe ich alles zuſammen vergeſſen. — Alles? — Ausgenommen Deinen ſo beſtimmt ausge⸗ ſprochenen Willen. — Ja, Malin, Du wirſt Dich meinem Willen fügen und wirſt unſere Hausordnung nicht meiner hochmüthigen Schweſter willen ändern. Ich könnte deſperat werden, wenn ich daran denke, mit welchem 108 3 Uebermuthe ſie Dich behandelte— und an ihre Un⸗ höflichkeit gegen den Doctor. Aber warte, ich werde ſie meiner Seele lehren, daß ſie nicht werth iſt, den Staub von Deinen Füßen zu wiſchen. Außerdem ſoll ſie ein wenig extra dafür haben, daß ſie mich ſo in Gährung gebracht, daß ich mich gegen Dich verging. — Spreche nicht von der Sache, die iſt ja ver⸗ geſſen, mein Freund!— Die Majorin ſtrich mit ihrer kleinen Hand über die Stirne des Mannes. — Und Du biſt nicht verdrießlich? Der Major legte den Arm um ihren Leib und betrachtete ſie mit einem Blick, welcher gewiß nicht glühender war, als er vor ſiebenundzwanzig Jahren„ ihre Hand begehrte. 5 6 — Dank! Ein Kuß folgte auf dieſes einzige Wort, das in einem Ton ausgeſprochen wurde, der ausdrucksvoller war, als eine ganze lange Rede. — Verſprich mir Eins, Guſtav! — Und das iſt? Daß Du Deiner Schweſter kein Wort ſagſt, daß — Daß ich ihre vornehme Mienen dulden ſoll. Nein, Malin, das kann ich nicht verſprechen. — Um meinetwillen.— Siehſt Du, mein Freund, ich habe auch meinen Stolz, meine Eitelkeit, und dieſe beiden würden darunter leiden, wenn Du Deine Schweſter merken ließeſt, daß ihre Abſicht, mich zu verletzen, ihr gelungen ſei; oder wenn Du jetzt nach der Verſöhnung mich wieder zu einem Gegenſtand „— 109 der Uneinigkeit zwiſchen Euch machteſt. Ach! wenn Du mich wirklich ſo lieb haſt, wie Du ſo oft geſagt, dann erfülle meine Bitte. Glaube mir, wenn Deine Schweſter meine Gleichgültigkeit und Gefühlloſigkeit gegenüber ihren Bemühungen, mich zu demüthigen, ſieht, ſo wird ſie gezwungen, ihr Benehmen zu än⸗ dern. Der Aerger über das Mißlingen wird für ſie bitterer ſein, als Alles, was Du ſagen kannſt. Es wird immer für ſie ein Triumph ſein, wenn Du ſie merken läßt, daß ihre Stiche getroffen und Wun⸗ den hinterlaſſen haben. — Malin, dieſe Stiche haben nicht allein Dich, ſondern auch mich verwundet. Ich, der ich weiß, wie empfindlich Du biſt, ich ſehe auch ein, daß ihre Worte Nadelſtiche ſind, welche unaufhörlich ſtechen. — Mag ſein, daß ich es ſo empfinde; aber es ſchmerzt mich nicht, wenn ich Deinem Blick begegne und darin leſe, daß ich Dir lieb bin. Sollteſt Du dagegen Deiner Schweſter etwas ſagen, ſo würde ich mich ſowohl gedemüthigt als unglücklich fühlen.— Gebe nach, Guſtav, und erfülle ein einziges Mal meinen Wunſch. — Ein einziges Mal! Gebe ich denn nie nach. — Selten.— Die Majorin lächelte. — Nun wohlan, Malin, mag es denn geſchehen, wie Du es willſt. Ich bin Dir für die Thräne, welche ich Dir geſtern Abend abpreßte, dieſe Nach⸗ giebigkeit ſchuldig. In Beziehung auf Dich werde ich Sophie kein Wort ſagen, aber deſto mehr wegen ihres unverſchämten Benehmens gegen den Doctor, unſern Gaſt, falls ſie damit fortfährt. 11⁰ — Sage nichts mehr, Malin, ich habe Deinen Wunſch erfüllt, begehre nichts weiter von mir. — Der Major küßte ſeine Frau und verließ das Zimmer. Als der Major die Saalthüre geſchloſſen, öffnete ſich diejenige zum Schlafgemach, und Jenny zeigte ihr lächelndes und friſches Geſicht, welches trotz den hellen Augen, der großen Naſe und dem kleinen Munde unbeſchreiblich anmuthig ausſah. — Darf man hinein kommen?— fragte ſie. — Ja, komme! — Es hat geſtern Abend Sturm gegeben, kann ich merken— ſagte das junge Mädchen, nachdem ſie die Mutter geküßt;— und heute hat es viele, viele Küſſe geſetzt, ſo daß Du ausſiehſt, wie lauter Sonnenſchein, Malinchen. Hat der Alte Buße und Beſſerung gethan? — Ach Jenny, Papa iſt ſo gut.— Wie leicht kann man nicht ſeine Heftigkeit überſehen und ver⸗ geſſen, wenn er nachher, wie heute, ſeine Uebereilung durch Zärtlichkeit tauſendfach wieder gut macht. — Aber noch beſſer wäre es, wenn er nie hef⸗ tig würde. — Gott weiß es! da fänden ja dieſe Augenblicke liebevoller Verſöhnung nicht ſtatt. — Du erträgſt deshalb gern das Böſe, wegen der guten Folgen. — Ja, gewiß. Ich müßte wenig Weib ſein, wenn Papas Heftigkeit irgend welche unangenehmen und bitteren Gefühle in meiner Bruſt hinterließe, wenn er ſie durch Liebe zu verſöhnen geſucht hat. 111 — Aber ſage mir, wie glaubſt Du, daß Tante Sophie die Ausbrüche ſeiner ſchlechten Laune auf⸗ genommen haben würde, falls ſie ſeine Frau ge⸗ weſen wäre? Daran habe ich viel gedacht. — Liebe Jenny, Tante Sophie iſt eine brave ordentliche Frau für den Mann, welcher ſie bekommen hat. Alle Gemüther paſſen nicht zuſammen. — Ich möchte wiſſen, was Onkel Krug von ihrer Vortrefflichkeit berichten würde, falls man ihn zwänge, auf Gewiſſen ſeine Meinung über ſie zu ſagen. — Jenny, Du biſt boshaft. — Nun ja, was thut das zwiſchen uns Frauen⸗ zimmern! Wenn ich mit Fremden über meine gnä⸗ dige Tante ſpreche, wird es mit aller Achtung ge⸗ ſchehen; denn Du mußt wiſſen, daß ich natürliche Anlagen habe, ihr ähnlich zu werden, und das wollte ich Dir mittheilen. Wenn ich zufälligerweiſe den Baron zum Manne nehmen ſollte, ſo beabſichtige ich Tante zum Vorbild zu wählen. Ja ha, ſehe mich nicht ſo verwundert an; aber ich fühle einen be⸗ ſtimmten Beruf, in ihre Fußſtapfen zu treten. — Närrin!— ſagte die Majorin und ſtreichelte die Wange der Tochter.— Haſt Du an das Früh⸗ ſtück gedacht? — Ja, es iſt in Ordnung; aber da die Uhr erſt ſieben iſt und die Frühſtücksſtunde erſt um Neune beginnt, ſo habe ich die Abſicht, eine kleine Prome⸗ nade zu machen. Apropos, Tante hat einen Teller mit Kaffee, Butter und Brod auf ihr Zimmer ver⸗ langt. — Sie frühſtückt alſo nicht mit uns? — Rein, wir werden die Ehre nicht haben. Ei, 112 dort ſehe ich den Baron nach dem Parke hinunter⸗ ſteuern, und ich muß ihn nothwendig wegen einer Mittheilung treffen, die ich dem edlen jungen Mann, der da ausſieht, als wenn er im Schlafe ginge, zu machen habe. Adieu, Malin; ſiehe nicht ſo ver⸗ wundert aus! Der Burſche ſoll nur einen Auftrag für mich ausrichten. Jenny nahm ihren Hut und eilte hinaus, indem ſie ihrer Mutter einen Handkuß zuwarf. Während Jenny ganz freimüthig über den Hof eilte und die Gitterthore zum Park mit großer Hef⸗ tigkeit hinter ſich zuwarf, um den Baron zu veran⸗ laſſen, daß er ſich umdrehe, um zu ſehen, wer es ſei, ſchlich Albertine von Minna begleitet, hinunter nach einem der abgelegenſten Theile des Parks und begegnete an der Gitterthüre, die nach dem Walde hinausführte, dem Doktor. Albertine nahm ſeinen Arm und ſie gingen aus dem Park hinaus. Sie vertieften ſich in den Wald, während Minna ihnen in einer Entfernung von eini⸗ gen Schritten folgte. Ihre Unterredung iſt nicht von beſonderer Wichtigkeit. Alle Unterredungen zwi⸗ ſchen Liebenden ſind einander gleich. Sie fangen mit Liebe an und ſchließen mit Liebe. Während Albertine dem Doktor die Unerſchütterlichkeit ihrer Gefühle verſicherte und beide Pläne für die Zukunft bauten, fand eine Zuſammenkunft ganz anderer Be⸗ ſchaffenheit zwiſchen Jenny und dem Baron ſtatt. 113 Das Manoeuvre des jungen Mädchens mit der Gitterthüre hatte die erwünſchte Wirkung gehabt. Wir ſind als Berichterſtatter verpflichtet, der Wahrheit gemäß mitzutheilen, daß der Baron in die⸗ ſem Augenblick die Forderungen der Höflichkeit weni⸗ ger angenehm fand. Er war nämlich in einer klei⸗ nen Spionirerei begriffen, die ſich um den Doktor und Albertine drehte; denn er hatte zu ſeiner Ver⸗ wunderung beide den Weg nach dem Park nehmen ſehen, und das ſchon um ſieben Uhr Morgens. — So früh draußen,— bemerkte er. — Ah, auch nicht ſo ſehr früh,— antwortete Jenny;— aber vielleicht unterbrach der Baron einen beabſichtigten Streifzug, nur um mich zu be⸗ grüßen. — Und wenn es ſo wäre, ſo hätte ich ja ein größe⸗ res Vergnügen gegen ein kleineres eingetauſcht. — Der Baron iſt zu artig, vergißt aber dabei unſere Uebereinkunft, derzufolge wir einander ver⸗ ſprachen, gute Nachbarn und treue Freunde zu ſein, und ſomit nie auf Koſten der Wahrheit einander Artigkeiten zu ſagen. — Habe ich die Uebereinkunft verletzt?— fragte der Baron in einem lebhafteren Tone, als gewöhnlich. — Ja, das hat der Baron. — Warum? — Eben, als Sie aus Höflichkeit mich grüßen mußten und dadurch verhindert wurden, eine Pro⸗ menade forzuſetzen. Ich ſah es dem Baron an, daß dieſe Unterbrechung Ihnen mißfiel. Läugnen Sie es, wenn Sie es können. Schwartz Zwei Familienmütter. x. 8 114 — Vor Fräulein Jenny lüge ich nie; darum läugne ich nicht. Das Geſicht des Barons hatte plötzlich den An⸗ ſtrich einiger Lebendigkeit erhalten. — Danke, jetzt gefällt mir der Baron, und ich meinerſeits will geſtehen, daß ich darauf rechnete, daß der Baron ſtehen bleiben und mich anreden würde. — Sie haben mir alſo etwas zu ſagen? — Ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. Sie müſſen Ihren Einfluß auf meine Tante anwenden, und durch denſelben ſie bewegen, gegen uns Alle mehr Höflichkeit an den Tag zu legen; denn ſonſt wird Papa bald Feuer fangen, und dann bekommen wir hier einen ſtürmiſchen Auftritt. Will der Baron uns, Mama und mir, dieſe Gefälligkeit erweiſen. — Kann Fräulein Jenny daran zweifeln? Meine Freundſchaft für die Herrſchaft wäre, glaubte ich, ſo aner⸗ kannt, daß die Willfahrung einer ſolchen Bitte nicht in Frage geſtellt werden dürfte. Alles, was ich in die⸗ ſer Sache thun kann, werde ich nicht unterlaſſen zu thun; aber mein Einfluß bei Frau von Krug iſt nicht beſonders groß. — Ah, ſagen Sie das nicht; Sie ſind der Ein⸗ zige, der etwas Gewalt über ſie hat. — Wie wiſſen Fräulein das? Sie haben ja mich und die Profeſſorin nur einige Stunden zu⸗ ſammen geſehen. — Erſtens ſagten Sie Papa, als Sie ihn mit Tante verſöhnen wollten, daß Sie eine gewiſſe Ge⸗ walt über ſie zu haben glaubten; und ſpäter habe 11⁵ ich ſelbſt den Schluß gezogen, daß Sie mit Ihrem Rang ihr unwillkürlich imponiren müßten. — Sie ſagen das da, Fräulein Jenny, ganz ſo, als wenn Sie meinen Rang auslachten,— lispelte der Baron. — Und das thue ich auch. — Lachen Sie die Adeligen und den Adel aus. — Ja, bisweilen. — Und der Grund? Der Baron wedelte mit dem Taſchentuch und ſah außerordentlich ermüdet aus. — Wollen Sie es wiſſen? — Unbeſchreiblich gern; aber können wir uns nicht hier ſetzen? — Durchaus nicht. Bewegung thut gut, und Sie werden wohl nicht behaupten, daß Sie gleich in der Morgenſtunde müde ſind. — Nein, bewahre,— es iſt mir ſo drückend heiß. Aber laſſen Sie mich vor allen Dingen hören, was Sie gegen den Adel haben. — Daß er verweichlicht; Sie, zum Beiſpiel, ein junger Mann mit einem natürlich guten Verſtande, — ja mit reichen Geiſtesgaben, wie wenden Sie Ihr Leben und Ihre Zeit an? In einer verzärtelnden und abſtumpfenden Unwirkſamkeit! Sie ſind reich, ja ſogar ſehr reich; aber was für einen Gebrauch machen Sie von Ihrem Reichthum? Nun, Sie ha⸗ ben ſich amüſirt, bis Sie des Vergnügens über⸗ drüſſig geworden ſind. Nachdem Sie ſich an Zer⸗ ſtreuungen überſättigt haben, verleben Sie die meiſte Zeit hier auf dem Lande, aber wie leben Sie? Nun, theils bringen Sie den Tag auf einem Sopha zu, 116 theils reiten Sie zu irgend einem der Nachbarn, um die endlos langen Stunden todtzuſchlagen, und in⸗ zwiſchen laſſen Sie Inſpektoren Ihre Güter verwal⸗ ten und Ihre Untergebenen drücken, während Sie ſelbſt aus Langeweile und Mangel an Beſchäftigung allmälig abgeſtumpft werden. — Das da war, bei meiner Ehre, ein häßliches Bild; aber, gnädiges Fräulein Jenny, dieſe meine Fehler, ſind doch nicht eine Folge meines Adels. — Gewiß, ganz und gar. Alle haltet Ihr feſt an einem eingewurzelten Glauben an Eurem beſſe⸗ ren Urſprung; dies macht, daß Ihr Eure Kinder zu weichlichen untüchtigen Menſchen erzieht. Falls ein Edeliann Vermögen beſitzt, wie Sie, ſo wird es ihm von Kindheit an zur Gewohnheit, daß Andere für ihn denken und handeln. Selbſt hält er ſich für zu gut und von einer zu edlen Abſtammung, um zu arbeiten. Wären Sie ein Bürgerlicher geweſen und hätten nicht einen von uralten Zeiten berühmten Namen gehabt, ſo hätten Ihre Eltern, und wenn ſie noch ſo reich geweſen, Ihnen eine Erziehung gegeben und Gewohnheiten eingepflanzt, die es Ihnen zu einer Unmöglichkeit gemacht haben würden, ein ſo unwirkſames Leben hinzuſchleppen, wie Sie es jetzt führen. Sie würden dann ſelbſt Ihre Güter verwal⸗ tet, an den Angelegenheiten der Commune und ihrer Leitung theilgenommen, die landwirthſchaftlichen Ver⸗ ſammlungen beſucht, ſich für jeden Fortſchritt intereſ⸗ ſirt und Wohlſtand und Glück um ſich verbreitet haben. Der Baron hatte mit dem Ausdruck wirklichen 117 Intereſſes das junge Mädchen betrachtet während es ſprach. — Aber es hätte doch paſſiren können, daß ich ein bequemes Leben vorgezogen hätte. — Möglich, aber doch nicht glaublich, weil Sie nicht von Kindheit an in dieſe verweichlichenden Ge⸗ wohnheiten eingeweiht worden wären. Ach, Herr Baron, wenn ich ein Mann wäre, wie Sie, ohne meinen Mitmenſchen nützlich geweſen zu ſein, ohne für die Erreichung eines beſtimmten Ziels gelebt zu haben,— ich würde mich ſelbſt verachten, weil ich die Schätze, die mir die Vorſehung gegeben, ver⸗ ſchleudert hätte, und weil ich, ſtatt meinen Geiſt zu cultiviren, denſelben in dumpfer Gleichgültigkeit für Alles, was einen edlen Mann beleben und intereſſi⸗ ren muß, hätte verſinken laſſen. — Ich bin doch nicht immer gleichgültig ge⸗ weſen. — Nein, ich erinnere mich einer Zeit, wo Sie anders waren; aber Sie warfen ſich blind in die Arme der Vergnügungen, und verweilten dort ſo lange, bis ihre ganze Anziehungskraft erloſchen war, bis alles Intereſſe für das Leben und für Ihre Mit⸗ menſchen in Ihrer Seele ausgeſtorben war. Sie kehrten hierher zurück, ganz und gar verändert.— Aber werden Sie mir nur nicht böſe, ſondern be⸗ trachten Sie das, was ich geſagt, als von einem wirklichen Freunde geſagt. — Ihnen böſe, Fräulein Jenny,— niemals. — Und jetzt, leben Sie wohl. Ich gebe Ihnen jeßt Freiheit heanziſtreiſen wohin es Ihnen beliebt; 118 aber vergeſſen Sie nicht, daß Sie bei meiner Tante eine Miſſion zu erfüllen haben. — Sie haben mir dieſe Miſſion aufgetragen, und glauben Sie mir, ich werde ſie nicht vergeſſen; erlauben Sie mir indeſſen, Sie aus dem Parke zu begleiten.— Das Ziel meiner Wanderung iſt für heute verfehlt, und ich möchte gern noch eine Weile Ihrem Moraliſiren zuhören. — Nein, jetzt nicht. Ich habe zu thun bei des Waldhüters Lena, die krank liegt. — Darf ich mitgehen? — Gerne. Der Baron kann dann ſehen, wie es in der Wohnung eines armen Mannes ausſieht, ein Anblick, den Sie gewiß noch nie gehabt. Man hatte zu Mittag gegeſſen und die Geſell⸗ ſchaft war unter den großen Linden im Hofe ver⸗ ſammelt, um Kaffee zu trinken. Der Major, der Doktor und Ernſt ſaßen in einiger Entfernung von den Damen und rauchten ihre Cgarren. Arvid war damit beſchäftigt, Albertine in alle die Vergnügun⸗ gen einzuweihen, welche man auf dem Lande zu er⸗ warten hatte. Der Baron ſaß neben der Majorin und erzählte ihr, daß er ſeinen Couſin Graf Storm⸗ hielm zum Beſuch bei ſich für den Sommer erwarte. Die Profeſſorin thronte mit einer feinen Stickerei in der Hand zur Rechten der Majorin und Jenny horchte auf den Baron, während ſie, ſchelmiſch lächelnd 6 die Augen auf ihre Stickerei richtete. Die Profeſſorin war den ganzen Vormittag nicht 4 119 zum Vorſchein gekommen, ſondern hatte ſich, mit der Eleganz gekleidet, welche ein reiches und eitles Frauenzimmer auf ihren Anzug verwenden kann, erſt beim Mittagstiſche gezeigt. Sie war in ihrem ganzen Aeußern ein ſchneidender Gegenſatz zu ihrer Schwägerin, und würde ſie ganz und gar verdun⸗ kelt haben, wenn das Auge nicht durch die Betrach⸗ tung dieſes harten Geſichts und dieſer in Spitzen, Bändern und Seide eingehüllten Figur ermüdet wäre und dagegen mit Wohlgefallen bei der einfachen, ge⸗ ſchmackvollen und prunkloſen Tracht und den milden, ſeelenvollen Zügen der Majorin verweilt hätte. Wenn das Herz beim Anblick der Profeſſorin gefröſtelt, ſo wurde es warm in Gegenwart der Mazorin. Die Haltung der Maſprin war noch hochmüthi⸗ ger und ſteifer, als am vorhergehenden Abend. Sie gab nur ganz wortkarge Antworten, wenn ſie Je⸗ mand anredete, und ſuchte durch kein einziges Wort die Unterhaltung im Gang zu halten. Sie empfand einen herzzerreißenden Aerger darüber, daß ſie genöthigt ſei an demſelben Tiſch mit ihres Gärtners Sohn zu eſſen, und je mehr ſie daran dachte, deſto feſter wurde bei ihr die Ueberzeugung, daß der Bruder den jungen Bergſtröm eingeladen habe, um ſie zu demüthigen. Aber dies war etwas, was ſie durchaus nicht ge⸗ ſonnen war zu ertragen. Sie hatte bereits beſchloſ⸗ ſen, den Baron zu überreden, ſie und Albertine, nach einem Badeort zu begleiten und ganz einfach ihrem Bruder zu ſagen, daß ſie nicht länger auf Rönby verweilen wolle, wenn der Doktor dort bleibe. Sie war gerade mit dergleichen Gedanken beſchäftigt, als der Baron bemerkte, daß ſein Couſin einen Theil 120 des Sommers auf Stjernebro, dem Gute des Ba⸗ rons, zuzubringen gedenke. — Beabſichtigen Herr Baron, ſich den ganzen Sommer auf dem Lande aufzuhalten?— beliebte es der Profeſſorin zu fragen. — Ja, und den Winter auch. Ich habe mir vorgenommen, Stiernebro ein ganzes Jahr nicht zu verlaſſen.— — Aber der Baron wird ſich hier auf dem Lande, ohne allen paſſenden Umgang und ohne angemeſſene Zerſtreuungen zu Tode langweilen. — Das glaube ich nicht,— antwortete der Ba⸗ ron nachläſſig; ich kann es unmöglich läſtiger ha⸗ ben als in Stockholm; dort bin ich nahe daran vor Langeweile zu ſterben. Alles kommt mir dort un⸗ erträglich vor. Hier habe ich meine liebenswürdigen Nachbarn und meine Freiheit; zwei Dinge, die ich überall anderswo entbehren muß. — Die Profeſſorin kniff die Lippen zuſammen, ein gewöhnliches Zeichen, daß ſie unzufrieden ſei. — Wird das Landleben in der Länge nicht ein⸗ förmig für den Baron, welcher an eine mehr wech⸗ ſelnde Lebensweiſe gewöhnt iſt?— fragte die Majorin. — Durchaus nicht. Es erwacht bei mir, wie bei Anderen, das Bedürfniß, eine Gattin zu ſuchen, etwas, woran ich in der Stadt nicht denke. Auf dem Lande üben Schönheit und Anmuth einen weit wichtigeren Einfluß auf die Seele aus, als in einer großen Stadt, wo man der Thorheiten müd Vergnügungen ſatt und des Lebens über ſchließlich ganz und gar abgeſtumpft wird. * 121 bin nahe daran, beim bloßen Gedanken daran zu ſterben, wie tödtend einförmig dieſes Leben iſt. — Herr Baron haben alſo beſchloſſen, den un⸗ ehelichen Stand aufzugeben?— Die Profeſſorin lächelte gnädig. — Ja, wenn ich mich nur verlieben kann. — Oh, in dem Alter des Herrn Barons wird das nicht ſchwer halten. Gibt es hier in der Ge⸗ gend kein Mädchen von Familie2 — Hier ſind ganz junge Mädchen, und dazu ſchöne und reiche,— ſagte die Majorin— aber ſie ſind faſt alle verlobt. — Die Fräulein Hönshufwud nicht,— fiel der Baron ein.— Sie ſind recht liebenswürdig. Die Majorin mußte jetzt die Geſellſchaft verlaſ⸗ ſen; es wurde wegen einiger Anordnungen, welche ihre Gegenwart verlangten, nach ihr geſchickt. Jenny rückte ihren Stuhl näher zu Albertine und Arvid. Ihre Gnaden und der Baron befanden ſich ſo gut wie unter vier Augen, denn man konnte wenn man nur die Stimme etwas dämpfte, bequem ſprechen, ohne daß die Anderen hörten, was man ſagte. — Eure Gnaden haben eine Tochter, welche Alle verdunkelt. Fräulein iſt in Wahrheit ſehr ſchön— ſagte der Baron lispelnd und ſeufzte. — Oh ja, ſie ſieht recht gut aus,— antwortete die geſchmeichelte Mutter,— und ich hoffe, daß ich ihr eine Erziehung gegeben habe, welche nichts zu wünſchen übrig läßt. — Man braucht nur das Glück zu haben, Eure ſä Gnaden zu kennen, um zu wiſſen, daß Ihre Tochter ein ungewöhnliches Mädchen ſein muß,— ſagte der 122 Baron mit ſeiner ſchläfrigen und ſchleppenden Stimme. Die Profeſſorin lächelte dem jungen, reichen Manne gnädig zu. — Der Mann, welcher Fräulein Albertine ſeine Gattin nennen darf, wird ſehr glücklich; aber ihr Herz iſt wohl, gleich dem aller ſchönen Mädchen, eine uneinnehmbare Feſtung? Der Baron unterdrückte ein Gähnen. — Beſter Herr Baron, hegen Sie vor allen Dingen beſſere Gedanken von mir, als daß ich meine Tochter zu einer Romanheldin hätte erziehen ſollen. Ich habe ihr ſolche Grundſätze eingepflanzt, daß ſie den Mann, dem ich meine Achtung ſchenke, auch wählen ſoll, wenn ich ſage, doß es mein Wunſch iſt. — Das iſt auch ganz richtig; eine Mutter hat mehr Erfahrung und ein ſichreres Urtheil, als ein junges Mädchen. Aber, um von Einem zum Andern zu kommen; ich habe eine Bitte an Eure Gnaden. Ich hätte gewiß mehrere, wage aber jetzt nur die unbedeutendſte vorzubringen. — Sie wird im Voraus bewilligt. Die Profeſſorin war lauter Sonnenſchein. — Ich flehe Sie an, zu geruhen, ſich gegen Ihre Umgebung hier ein wenig gnädiger zu zeigen. Ich bin dem Major ſehr zugethan und hege große Achtung vor der Majorin; und es würde mir viel Freude machèn, ein gutes Einvernehmen zwiſchen dieſen meinen Freunden und einer Perſon zu ſehen, wlche ich ſo tief bewundere wie Eure Gnaden, bei welcher ½ 123 ich.... vielleicht einſt einiges Intereſſe für meine Perſon zu hoffen wagen darf. Der Baron hatte geſprochen, als wenn er etwas auswendig Gelerntes hergeſagt hätte; ſeine Augen waren halb geſchloſſen, und ſeine Miene vollkommen gleichgültig. — So viel Gewalt ich meinen Gefühlen anthun kann, werde ich des Barons wegen thun. Vor einer Stunde war ich entſchloſſen, Rönby zu verlaſ⸗ ſen, ſo unerträglich fand ich es; aber um die Freund⸗ ſchaft, welche ich für Sie empfinde, an den Tag zu legen, werde ich jetzt hier bleiben. Der Baron küßte die Hand der Profeſſorin, lispelte eine Dankſagung her, und begann dann ihre kleinen weißen Hände zu bewundern. Zwei Wagen fuhren den Hof hinauf. Es waren Major K—s auf Ekenäs. Die Majorin war eine Jugendbekannte der Profeſſorin geweſen und kam jetzt die Bekanntſchaft zu erneuen. Sie hatten drei Fräu⸗ lein und zwei Kadetten mit ſich. Albertine wurde bald die Sonne, um welche die beiden Kadetten und Arvid ſich ausſchließlich dreh⸗ ten. Der Doktor näherte ſich nicht dem jungen Mädchen, und der Baron hatte ſich auf einen Gar⸗ tenſtuhl niedergelaſſen und war, dem Anſchein nach bei allem, was paſſirte, vollkommen gleichgültig. Es war dieſe noble Indifferenz, welche die Profeſſorin, die alle Gefühlsausdrücke, als etwas im höchſten Grade Unpaſſendes, im höchſten Grade verabſcheute, ſo ſehr für ihn einnahm. Jenny plauderte mit dem Fräulein K— und bald war der Doktor in einem leb⸗ haften Geſpräch mit ihnen begriffen. 124 Man konnte ohne Uebertreibung von Richard Bergſtröm ſagen, daß er männlich ſchön ſei. Es lag etwas Lebensfriſches und doch Ernſtes in ſeinem ganzen Weſen, etwas von tiefem Gefühle und über⸗ legenem Verſtand in Verbindung mit Kraft und Energie. Kein Wunder deßhalb, daß Jenny und die Fräulein K— ſeine Converſation anmuthig und ſein Ausſehen angenehm fanden. Albertine erwiderte ſteif und kalt den Bemühun⸗ gen der jungen Herren, ihr Intereſſe zu erregen, und wagte nicht durch eine einzige ungezwungene Bewe⸗ gung, ihren jugendlichen Gefühlen Luft zu machen, weil die Mutter fortwährend ihre ſcharfen Augen auf ſie gerichtet hatte; aber in der Mädchengruppe lachte und plauderte man frei und Richard war nicht der am wenigſten Lebhafte. Ihr bisher fremde und peinliche Gefühle ſtahlen ſich in Albertinens Herz; es kam ihr vor, als ſei Richard gar zu fröhlich, daß die Fräulein K— voll⸗ kommen ſo ſchön waren, wie ſie, daß Jenny mit ihrer feurigen Lebhaftigkeit unbeſchreiblich einneh⸗ mend ſei, und daß ſie ſelbſt ihm wie eine Bildſäule unter dieſer fröhlichen ungekünſtelten Jugend vor⸗ kommen müßte. Daß dieſe Gedanken ſie nicht mild ſtimmten oder ſie zugänglich machten, verſteht ſich von ſelbſt. Auch wurde ihre Miene noch kälter, ihre Worte noch einſylbiger, wenn ihre Blicke an der fröhlichen Gruppe hafteten und unruhig ſpähten, ob er, welcher für ſie Alles ausmachte, nicht mit einem einzigen Blick ihr zu verſtehen geben würde, daß ſein Herz bei ihr verweile. Aber nicht ein ein⸗ ziges Mal wandte er die Augen nach der Richtung; 35 12⁵ nicht ein einziger Blick ſchenkte ihr Troſt für die Gewalt, die ſie ſich anthun mußte. Gerade während dieſe peinlichen Gefühle Alber⸗ tine beherrſchten, erhob ſich der Baron und näherte ſich ihr. — Man kann ſagen, daß zwei Sonnen an un⸗ ſerem kleinen Geſellſchaftshimmel leuchten,— be⸗ merkte er und nahm bei dem jungen Mädchen Platz. Die Jünglinge zogen ſich zurück und näherten ſich der Gruppe der Mädchen. — Ich verſtehe nicht die Meinung des Barons, — antwortete Albertine. Die Profeſſorin huſtete. Beim Klange dieſes ſcharfen Huſtens, deſſen Bedeutung ſie ſehr wohl verſtand, blickte ſie auf; Richard that daſſelbe und beide richteten ihre Blicke auf die Profeſſorin, deren Augen einen Blitz auf die Tochter ſchleuderten, welche darüber erröthete und ſich an den Baron wandte, der mit der größten Gleichgültigkeit von der Welt fortfuhr: — Sie, meine Gnädige, ſind die Sonne der Jünglinge, und der Doktor die der Mädchen. — Wos ſind Sie denn, Herr Baron. — Zuſchauer! Ich ſehe dem Schauſpiele zu, und dieß iſt die am wenigſten beſchwerliche Rolle. In demſelben Augenblick ſchlug die Jugend eine Promenade nach der großen Ebene im Parke vor. Der Baron bot Albertine ſeinen Arm, gerade als Arvid hervortreten wollte, um der Cavalier ſeiner ſchönen Couſine zu werden. Der Jüngling warf einen unzufriedenen Blick auf den Baron und ging hin, um einem der Fräulein K— ſeine Dienſte an⸗ 126 zubieten. An der Spitze des Zugs ſchwebte Jenny am Arme des Doktors. Albertine fühlte ſich be⸗ klommen und ärgerlich, als ſie vor ſich Jenny und Richard erblickte. Die plaſtiſche Geſtalt und die ge⸗ ſchmeidigen Bewegungen der Couſine waren Eigen⸗ ſchaften, die nur die peinlichen Gefühle vermehrten. Der Baron kam ihr fade und unerträglich vor und dieß mußte er durch die ungnädige Manier, auf welche ſie ihn behandelte und durch die ſchnippiſchen Antworten entgelten, die er auf Alles erhielt, was er ſagte. Auf der Ebene angekommen machte man einige Fangſpiele, aber nicht ein einziges Mal ſuchte der Doktor Albertine zu faſſen. — Wenn er doch nur ein einziges Mal ſich mir näherte oder einen einzigen Blick mit mir wechſelte, dann würde ich ruhig ſein,— dachte ſie mit zuſam⸗ mengepreßtem Herzen und ſchützte Kopfweh als Grund vor, daß ſie nicht mehr an den Spielen Theil neh⸗ men konnte. Sie ſetzte ſich unter einen Baum. Sie hatte ſich kaum geſetzt, als der Doktor ſich näherte; die anderen ruhten auch. Richard blieb vor Albertine ſtehen, aber ſo daß er den Anderen den Rücken zukehrte, und fragte: — Befinden Fräulein ſich unwohl?— Dieß ſagte er mit lauter Stimme. Albertine blickte auf. Ihre Augen begegneten ſich. Welcher Ausdruck lag jetzt in ſeinem Blick? Wir wiſſen es nicht; aber Albertine führte die Hand zum Herzen, als wenn ſie den Schlag deſſelben hemmen wollte, und antwortete mit einer Stimme, welche ſie ſich bemühte ruhig ſcheinen zu laſſen. 127 — Jetzt iſt es beſſer. — Die ſtarke Hitze iſt vielleicht Fräulein nicht gut bekommen. Er faßte ihre Hand und fühlte den Puls. Er hatte ſo laut geſprochen, daß Alle die Worte hören konnten, die gewechſelt wurden; als er ſich aber bückte, um den Puls zu unterſuchen, flüſterte er: — Albertine, wie ſteht es?— Der Ton, der Blick, der warme Händedruck, Alles athmete Liebe. — Danke! Alles iſt wieder wohl. Der Doktor richtete ſich empor und ſagte lächelnd, aber mit lauter Stimme: — Fräulein iſt nicht an dieſe ſtarken körperlichen Bewegungen gewöhnt, aber als Arzt wage ich zu behaupten, daß ſie nicht ſchädlich ſind. Damit entfernte er ſich. Eine Woche war verfloſſen. Die Profeſſorin und die Familie des Majors waren am Johannistage nach Stjernebro eingeladen. Dort wurden ſie von der Tante des Barons, Fräulein Silfverkrona empfangen. Sie war eine Dame mit milden und anmuthigen Manieren, die von aller beleidigenden Herablaſſung frei waren. Sie hatte mit wenigen Ausnahmen ihr ganzes Leben auf Stjernebro zugebracht. Dort war ſie geboren, dort war ſie zugleich mit ihrem Bruder und ihrer jüngeren Schweſter aufgewachſen; dort hatte ſie die Augen ihrer Eltern zugedrückt und ſie noch als ganz junges Mädchen zum Grabe begleitet. Dort hatte ſie bei der Hochzeit ihres Bruders und ihrer Schweſter getanzt; dort hatte ſie am Sterbebett des Bruders und der Schwägerin gewacht, und dort hoffte ſie ihre Tage zu beſchließen, weil ſie dort alle ihre fröhlichen und bitteren Stunden erlebt hatte. Fräulein Silfverkrona hatte nichts von dem bleichen, hinfälligen und kränklichen Ausſehen älterer adeliger Damen. Nichts in ihrem Aeußeren deu⸗ tete auf ſchwache Nerven und ein reizbares Gemüth. Sie war eine zierliche Alte von ſiebenundfünfzig Jahren, etwas wohlbeleibt und mit einem Geſicht, welches die Zeit ganz ſchonend berührt hatte, denn es ſprachen ſich in demſelben Geſundheit und Güte aus. Sie war faſt blühend und an den regelmäßigen Zügen ſah man, daß ſie in ihrer Jugend eine nicht gewöhnliche Schönheit beſeſſen. Als ſie in ihren ſchwarzen ſeidenen Rock und ihre. einfache weiße Haube gekleidet die Fremden begrüßte, war ſie ein ſchöner Typus einer Matrone, auf deren Geſicht der Blick gern ruhte. Zur nicht geringen Verwunderung der Profeſſo⸗ rin dutzten ſich Fräulein Sigrid und ihre Schwägerin und waren wie es ſchien, intime Freundinnen. Das war indeſſen etwas, das zu den Nebenſachen gehörte, weil ſo manches Andere die Aufmerkſamkeit der wür⸗ digen Frau in Anſpruch nahm. Der Lurus und die Pracht, welche man auf Stiernebro entwickelt fand, waren wahrhaft blendend. Alles, vom Kleinſten bis zum Größten, trug das Ge⸗ präge eines verſchwenderiſchen Reichthums. Das ganze Gut, der Park, der Garten, die Wohn⸗ 12 129 zimmer, glichen einem Feenſchloß aus der Mähr⸗ chenwelt. Man konnte es ſehen, daß der reiche Edelmann, nachdem er das Gewimmel der Vergnügungen ſatt bekommen und von den geräuſchvollen Zerſtreuungen des Weltlebens ermüdet worden war, um ſich zu zerſtreuen, das Gut ſeiner Väter mit einem Luxus ausgeſtattet hatte, welcher mit dem Geſchmackvollen und Bequemen Hand in Hand ging. Er hatte unerhörte Summen auf die Einrichtung des Schloſſes verſchwendet und vier verſchiedene Zimmer nach der Mode des vierzehnten, fünfzehnten, ſechzehnten und ſiebenzehnten Jahrhunderts meublirt. Wenn man dieſes Stockwerk mit ſeiner alterthüm⸗ lichen Pracht, die doch ſo neu und ſo glänzend war, durchwandert hatte, trat man in das untere, wo alles wiederum modern war, und wo der Luxus der Gegenwart das Auge blendete und feſſelte. — Ich ſtürbe vor Aerger, wenn irgend eine Andere als Albertine mit dem Baron verheirathet würde,— dachte die Profeſſorin und hielt ſich ſelbſt für geſchaffen für dieſe Wohnung, welche ſie zu der ihrigen zu machen gedachte, wenn die Tochter einſt Freiherrin von Silfverkrona geworden wäre. Majeſtätiſch im Sopha thronend legte ſie einen Plan nach dem andern an, um bald das Ziel er⸗ reichen zu können. Der Baron ſtellte ſeinen Vetter, Graf Storm⸗ hielm, der Profeſſorin vor und erwähnte zu gleicher Zeit, daß ſeine Tante und ſein Onkel eine Reiſe ins Ausland unternommen hätten und erſt gegen den Herbſt zurückerwartet würden. Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 9 130 Uebrigens waren alle Nachbarn nach Stjernebro eingeladen, ſo daß die Verſammlung ziemlich zahl⸗ reich war. Was die Profeſſorin jedoch ärgerte und gänzlich ihren Begriffen von adeliger Convenienz widerſtritt, war der Umſtand, daß Doktor Bergſtröm ſich unter den Eingeladenen befand und ſich in dieſer Geſellſchaft von Land⸗ und Stadtadel vollkommen ſo bewegte, als wenn er unter ſeines Gleichen ge⸗ weſen wäre. — Die Haltung dieſes Menſchen iſt im höchſten Grade unverſchämt. Er trägt ſeinen Kopf hoch trotz einem Grafen. Es iſt empörend, der Schamloſigkeit dieſer Emporkömmlinge zuzuſehen,— dachte die Pro⸗ feſſorin. Mit ihren ſcharfen Augen entdeckte ſie auch, daß der Graf mit ſichtbarem Intereſſe Albertine betrach⸗ tete, welche in ihrem ſchwarzen Atlaskleide und mit den dunkelrothen Blumen im Haare ſchön wie eine Königin war. Die auf ihre ſchöne Tochter ſtolze Mutter wandte ihre Blicke von ihr auf Jenny, welche mit dem dem Leſer bereits bekannten blauen Neſſeltuchkleide angethan, in dem ſie ihre Verwand⸗ ten hatte empfangen wollen, mitten im Kreiſe junger Mädchen ſaß. Keine Blume, kein Schmuck erhöhte die Einfachheit ihres Anzugs, und die Profeſſorin fand ſie zu gleicher Zeit ordinär und häßlich. Ob auch Andere derſelben Meinung waren? —„— Wir glauben es nicht; denn Jenny's lebhaftes und fröhliches Benehmen und anmuthige Bewe⸗ gungen machten, daß ſie denjenigen, welche ſich ihr näherten, unbeſchreiblich einnehmend vorkam. 131 Dagegen hatte Albertine mit all' ihrer Schön⸗ heit etwas Steifes, Kaltes und Unzugängliches. Nachdem man Kaffee getrunken, wollte man das obere Stockwerk mit ſeiner antiken Meublirung be⸗ ſehen. Der Baron hatte es eben in Ordnung be⸗ kommen, und daſſelbe war ſchon lange der Gegen⸗ ſtand der Neugierde der Nachbarn geweſen. Das erſte Zimmer beſtand aus einer Gallerie von Familienportraits. Dort machte man ſeine Runde. Unter dieſen Damen in hoher Friſur und Herren mit gepuderten Haaren wurden Aller Blicke unwillkürlich von dem Portrait eines jungen Mäd⸗ chens in Lebensgröße angezogen. Selten begegnet dem Auge ein Bild, welches ſo vollkommen allen Begriffen von idealer Schönheit entſpricht. Um dieſes ſchöne Portrait hatte ſich faſt die ganze Geſellſchaft unter Ausrufen der Bewunderung ver⸗ ſammelt. Albertine, welche ſich auch unter ihnen befand, drehte beim Tone eines tiefen Seufzers hinter ihr raſch den Kopf um. Derſelbe kam aus der Bruſt des Doktors, und ſie hatte, als ſie die Augen auf ſein entſtelltes Geſicht heftete, beinahe einen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen. Richard ſtarrte das Gemälde mit einem Aus⸗ druck bittern Schmerzes an. Seine Lippen waren bleich und bebend und ſeine Hände krampfhaft ge⸗ ballt— es war, als wenn das ſchöne Bild für ihn ein Meduſenhaupt geweſen, bei deſſen Anblick alle bittern Gefühle in ſeiner Seele erwachten. Man fand leicht, daß es irgend eine widrige und peinliche Erinnerung hervorrief. 132 Albertine hatte ihn anreden und fragen wollen, was ihn ſo heftig aufrege, aber ſie mußte ſchweigen und blitzſchnell erwachte in ihrer Seele der Gedanke: — Er hat dieſes Weib geliebt! Ich bin alſo nicht ſeine erſte Liebe! Ach, ihr Furien, die ihr immer die Liebe be⸗ gleitet, und die man Eiferſucht und Zweifel nennt, ſagt, warum müßt ihr eure Galle in dieſen Götter⸗ trank des Herzens träufeln? Geſchieht es darum, weil es auf der Erde kein reines Glück geben ſoll? Darum, weil wir erſt im Himmel dieſes reine Glück kennen lernen ſollen? Das war jetzt das zweite Mal, daß Albertine dieſe finſtere Macht ihr Herz zerfleiſchen fühlte Alle Freude war jetzt für ſie dahin, und ſie wurde nur von dem Gedanken beherrſcht: — Er hat ſie geliebt; dieſes Weib iſt ſeine erſte Liebe geweſen. Unter dem allgemeinen Geräuſch von den Stim⸗ men derer, die um das Gemälde verſammelt waren, bemerkte Graf Stormhjelm: — Dieſes Portrait befand ſich nicht hier, als ich zum letzten Male hier war. Weſſen Bild iſt es, Silfverkrona? Es iſt ein reizendes Geſicht! Aller Blicke richteten ſich auf den Baron, welcher hinter der Gruppe ſtand. Er hatte ſein Auge auf das Portrait geheftet und es lag in ihm ein Aus⸗ druck von Schwermuth und Schmerz. Sein Antlitz war faſt todtenblaß. Beim Klang der Stimme des Grafen fuhr er mit der Hand über die Stirne und antwortete mit klarer Stimme und ohne jene ſchlep⸗ 7— — —— 78 — 133 pende und lispelnde Betonung, deren er ſich ge⸗ wöhnlich bediente, wenn er ſprach: — Es iſt das Portrait meiner Braut, welche vor vier Jahren ſtarb. Da ſie dazu beſtimmt war, meine Gattin zu werden, ſo iſt ſie zu einem Platz unter den Familienbildern berechtigt. — Der Doktor hatte die Augen von dem Ge⸗ mälde auf den Baron gewandt. Sie wechſelten einen Blick, deſſen namentlich von Seiten des Doktors fin⸗ ſterer, faſt drohender Ausdruck ſchwer zu erklären war. — Aber, der Herr Baron hat den Namen unter dem Portrait vergeſſen,— bemerkte die Profeſſorin — und dies iſt ja ein Unrecht, da alle die andern in dieſer Gallerie damit verſehen ſind. — Sie haben Recht, meine Gnädige,— ant⸗ wortete der Baron, ging zu dem Gemälde hin und ſchrieb an die glatte Stelle, wo der Name ſtehen ſollte: Freiherrin Alfhilda Silfverkrona. Morgen wird Herr Dalin, der die Gemälde renovirt hat, den Namen hinmalen. Der Baron entfernte ſich von der Gruppe. — Es iſt auffallend, wie ähnlich das Portrait der Freiherrin dem Doctor ſieht,— ſagte Graf Stormhjelm. Aller Augen folgten dieſer Andeutung und man hörte überall ausrufen: — Ja, wahrlich, das Portrait ſieht dem Doctor ähnlich. — Das iſt eine auffallende Aehnlichkeit. Die Profeſſorin ſagte kein Wort, bemerkte aber etwas ſpäter gegen Fräulein Sigrid; 134 — War der Familienname dieſer Dame Silf⸗ verkrona? Inwiefern Fräulein Sigrid die Frage hörte, oder nicht, iſt uns unbekannt; aber daß ſie dieſelbe unbeantwortet ließ, wiſſen wir mit Beſtimmtheit. Es iſt überflüſſig, weitere Rechenſchaft darüber abzulegen, was paſſirte. Das einzige Bemerkens⸗ werthe war, daß der Baron Jenny zum erſten Walzer engagirte. Gewiß war die Profeſſorin der Meinung, daß dies von ſehr wenig Tact von dem ſonſt ſo vor⸗ trefflichen Baron zeuge; aber ſie ſagte ſich ſelbſt, daß ſie mit dergleichen Eigenheiten einer Perſon Nachſicht haben müſſe, welche ein ſo ungeheures Vermögen beſaß. Jenny ſchien ihrerſeits wenig erkenntlich für die Artigkeit des Barons zu ſein. Das junge Mädchen zog eine Parallele nach der andern zwiſchen dem Doctor und dem Baron, welche alle den letzteren in Schatten ſtellten. Früher hatte die Trägheit des Barons ſie 4 reizt, und ſie hatte deswegen mehrere kleine Schar⸗ mützel mit ihm geliefert, welche zur Folge gehabt, daß der Baron ſich geärgert hatte und ſomit auch etwas aufgelebt war. Ja, wir müſſen geſtehen, daß bis zur Ankunft des Doctors auf Rönby der Baron Jenny mehr intereſſirt hätte, als irgend ein Anderer ſeines Geſchlechts. Jetzt litt dieſes Intereſſe durch die Vergleichungen, die ſie zwiſchen ihm und dem Doctor anſtellte, nicht unbedeutend. Noch war Jenny nicht darüber im Klaren; ſie fand nur den Baron langweilig mit ſeinem ewigen Lispeln, ſeiner Trägheit und Gleichgültigkeit. Das Paſſive in allen ſeinen — — Aeußerungen und Handlungen kam ihr unerträg⸗ lich vor. Albertine ihrerſeits litt an Eiferſucht. Sie war eiferſüchtig auf Alles, was Richards Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und ſich mit einem andern Gegenſtand als mit ihrer Perſönlichkeit beſchäftigte. Alle Gäſte hatten Stjernebro verlaſſen. Die Nacht nahte ſich ihrem Ende und die dämmernde Morgen⸗ röthe verjagte das leichte Halbdunkel, welches einige Augenblicke über der Erde geruht. In der Portraitgallerie auf Stjernebro promenir⸗ ten noch der Baron und der Graf Stormhjelm. — Wahrlich, mein lieber Fritz, ich begreife Dich nicht,— ſagte der Graf;— Du läßt das Portrait eines Weibes malen und hängſt es auf unter den Familienportraits, und erklärſt laut, daß es Deine Braut geweſen; und dies, obgleich kein Menſch je gehört, daß Du verlobt geweſen. — Erik, laſſen wir den Gegenſtand; weder will noch kann ich Dir eine Erklärung geben; ſpäter vielleicht, aber wie es nun auch ſein mag, jetzt blutet die Wunde noch zu heftig. Der Graf blieb vor ſeinem Couſin ſtehen, auf deſſen ſonſt nichtsſagendem Geſichte jetzt ein Ausdruck bittern und qualvollen Schmerzes ruhte. Der Baron fuhr fort: — Ach, mein Freund, die Geſchichte von ihr (hier deutete er auf das Portrait) iſt eines jener traurigen Alltagsdramen, welche jeden Tag geſpielt 136 werden, und die, wenn man ein einziges Mal ruhig darüber nachdächte, unſern Augen Thränen auspreſſen würden.— Siehe, wie ſchön ſie iſt; welche Glorie der Unſchuld und Reinheit ihre Stirne umſtrahlt; wie friſch lächeln nicht dieſe Lippen, und doch ſtarb ſie in dieſer Blüthezeit ihrer Schönheit und noch in dem vollen Frühling ihres Lebens.— Der Baron drückte, als wollte er dem Anblick und ſeiner Er⸗ innerung entfliehen, die beiden Hände vor ſeine Augen. Der Graf ging, eine Cigarre rauchend, auf und ab in der Gallerie. Eine lange Pauſe entſtand. Der Baron unterbrach ſie: — Aber laſſen wir das Vergangene, bei der Erinnerung daran empfinde ich wieder jenen wilden Schmerz, welcher mir beinahe meinen Verſtand ge⸗ raubt. — Sie war es alſo, welche die Veränderung bewirkte, die mit Dir vorging, und die Dich von einem fröhlichen und leichtſinnigen jungen Mann in dieſes gleichgültige ſtumpfe Weſen verwandelte, das Du einige Jahre geweſen. — Stille! mein böſes Gewiſſen war es. Wieder entſtand eine Pauſe. Diesmal ergriff der Graf das Wort, indem er den Arm des Baron faßte und bemerkte: Laß uns in den Park gehen. Die Morgenluft wird Dir wohl thun und die finſteren Schatten der Vergangenheit verſcheuchen. Sie gingen hinunter in den Park. — Fräulein von Krug iſt wirklich ein ausge⸗ —— 137 zeichnet ſchönes Mädchen, obgleich etwas ſteif und vielleicht etwas einfältig,— fing der Graf an. — Sie iſt ſehr ſteif und noch mehr verſchloſſen, aber dies iſt eine Folge von der Erziehungsweiſe der Mutter. Wie willſt Du, daß ein Mädchen ſein ſoll, wenn ſie kaum zu denken, noch weniger zu ſpre⸗ chen oder zu handeln wagt, ohne erſt nach den Augen der Mutter zu ſehen, was ſie ſagen und thun darf. — Auf dieſes ſchöne Automat haſt Du Deine Blicke geworfen? — Ja, meine Blicke, aber dabei bleibt es. Für mich iſt es von eigenem Intereſſe geweſen, dieſes Mädchen zu ſtudiren und wenn ſie ſich unbewacht glaubte, alle die aufrühreriſchen Gefühle, welche in ihrer Bruſt verſchloſſen ſind, hervorblitzen zu ſehen. Es gab übrigens auch eine Zeit, wo ich daran dachte, mich mit ihr zu verheirathen, um ſie aus der Ge⸗ fangenſchaft, in welcher ſie lebt, zu befreien; aber ich bezweifle ſehr, daß dieſe Gedanken je verwirklicht werden.— Die Mutter erweckt meinen Abſcheu, und es würde mir einen Genuß bereiten, ſie einmal ge⸗ demüthigt zu ſehen. — Aber Du ſtellſt Dich doch ſo, als wäreſt Du ihr ergebenſter Diener. — Ja, weil ich ihre Abſicht, mich zum Schwie⸗ gerſohn zu bekommen, durchſchaut habe; und vielleicht auch aus einem andern Grunde. — Aus welchem denn? m ſie in dieſe Hoffnungen einzuwiegen und ſie mir gewogen zu machen, falls wirklich mein früheres Intereſſe für das Mädchen wieder erwachen ſollte. Außerdem habe ich einen Auftrag bei dieſem ſtolzen Weibe auszurichten. 138 — Du biſt alſo nicht in das Mädchen verliebt? — Verliebt?— Der Baron lachte bitter.— Nein, mein Freund, ich bin es weder, noch werde ich es. — Wenn ich mich in ſie verliebte, was würdeſt Du ſagen? — Nun Glück zu! Aber das würde immerhin vergebens ſein; denn... — Nun, ſpreche Dich aus!— Bin ich nicht ein hübſcher Kerl,— ſcherzte der Graf,— und beſitze ich nicht ſo alte Ahnen, daß die hochmüthige Mutter aus lauter Ehrfurcht vor denſelben thr ſtolzes Haupt beugen wird. — Die Alte, ja, aber das Mädchen nicht. Sie fragt wenig oder gar nichts nach Ahnen, beſonders da ſie, wie ich glaube, ohne Erlaubniß der Mutter, ihr Herz bereits vergeben hat. Dieſes Geheimniß habe ich auf unſerer Reiſe hierher herausgefunden. — Sieh mal, in dem Punkte ſind alle Mädchen ungehorſam; aber die romantiſchen Liebesträume pflegen mit der Zeit zu verſchwinden, und das Schick⸗ ſal des erſten Liebhabers iſt gewöhnlich, verlaſſen zu werden. Uebrigens hätteſt Du mit der Geſchichte ſchweigen ſollen, weil Du damit, ſtatt mein Intereſſe abzukühlen, es bedeutend geſteigert haſt. Zeigt ſie ſich nun obendrein kalt gegen mich, ſo kann ich darauf ſchwören, daß ich ſterbensverliebt in ſie werde. Für mich iſt der Widerſtand nur noch ein weiterer Sporn, und ſoll ich einſt verliebt werden, ſo wird es gewiß in ein Mädchen, welches mich verabſcheut. — Meinetwegen darfſt Du gern verſuchen, ſie beſiegen. Nun, wie geſiel Dir Jenny? Du haſt i ſeit vielen Jahren nicht geſehen. 139 — Sie iſt noch immer dieſelbe wie als Kind, naiv, einfach und einnehmend, mit einem Reichthum von Ideen und einer Klarheit des Verſtandes, die in der That mich mitunter in Erſtaunen ſetzt. — Wie wäre es möglich anders zu ſein, als ſie iſt, da ſie eine ſolche Mutter hat. — Unbegreiflich genug, weil ſie nur eine Tochter des Volks iſt; ihr Großvater war ja Bauer. Bei dieſen Worten lag etwas Hochmüthiges in dem Ausdruck ſeiner Stimme. — Was liegt darin Unbegreifliches? ichts! Aus dem Volke ſind ja unſere ausgezeichnetſten Männer hervorgegangen. Wenn die Kinder des Volks ihren Verſtand cultiviren, ſo thun ſie es mit Ernſt und Kraft, und haben dabei das Bedürfniß, auch das Herz zu veredeln und nach moraliſcher Vollkom⸗ menheit zu ſtreben. Wir verwöhnten Kinder des Glücks denken nie daran, weder unſeren Verſtand, noch unſer Herz zu veredeln; wir verſchwenden unſer Leben und unſere Zeit auf elende Vergnügungen, und ſind bereit, Alles und Alle für die Befriedigung unſerer niedrigen Paſſionen zu opfern. Gute Nacht, jetzt geht die Sonne auf und es iſt Zeit ſich zur Ruhe zu begeben. Die Zeit ſchritt vorwärts, Tage und Wochen vergingen. Der Baron war ein faſt täglicher Gaſt auf Rönby; ebenſo Graf Stormhjelm. Man ſah deut⸗ lich, daß der Graf immer mehr und mehr von Al⸗ bertine's Schönheit gefeſſelt wurde. Je deutlicher der Graf ihr ſeine Bewunderung an den Tag legte, deſto kälter und ſteifer wurde Albertine, aber dieſe Kälte hatte nur zur Folge, daß die Neigung des Grafen noch heftiger wurde. Fräulein Sigrid beſuchte jede Woche Rönby; aber zwiſchen ihr und der Profeſſorin wollte keine Sympathie entſtehen. Die letztere hatte ſich jedoch mit der größten Genauigkeit von den Verhältniſſen auf Stjernebro unterrichtet, und erfahren, daß Fräulein Sigrid einen großen Einfluß auf ihren Brudersſohn ausübe. Auch beſchloß die Profeſſorin, der alten Dame alle mögliche Aufmerkſamkeit zu ſchenken, um ſie für einen Vorſchlag zur Verbindung des Barons mit Albertine günſtig zu ſtimmen, trotzdem daß ſie zu wohl einſah, daß der⸗Baron keine heftige Liebe für ihre Tochter empfinde. Er war nach der Meinung der Profeſſorin keiner Paſſion fähig; man ſuchte deshalb aus Noth Fräulein Sigrid zur Verbündeten zu werben. Die Profeſſorin hatte nämlich feſt be⸗ ſchloſſen, ihren Plan, die Tochter mit dem Baron zu verheirathen, durchzuſetzen. Sie war auf dieſen Ge⸗ danken ſo erpicht, daß derſelbe nahezu zu einer fixen Idee geworden wäre. Man befand ſich am Ende des Juli. Die Ar⸗ beitsglocke läutete ſechs Uhr Morgens, als Tritte ſich auf der Hausflurtreppe vernehmen ließen, und Albertine, von Minna begleitet, mit leichtem Schritte dieſelbe hinabeilte und den Weg nach dem Park nahm. Gerade als ſie die Gitterthüre zu demſelben 141 öffnete, erſchien Jenny in der Hausflur. Sie blieb ſtehen und ſah der Couſine mit einem eigenen Aus⸗ druck im Blicke nach. Es lag zu gleicher Zeit etwas Aergerliches und Mißvergnügtes darin. — Wonach ſieht meine Jenny?— fragte die Majorin, welche herauskam. — Nach Albertine,— antwortete Jenny.— Sie und ich haben jetzt mehrere Wochen zuſammen⸗ gelebt und ſind einander doch ſo fremd, wie am erſten Tage ihrer Ankunft. Alle meine Bemühungen, mich ihr zu nähern, ſcheitern an ihrer Kälte und ſie behandelt mich mit einem ſo abgemeſſenen und fremden Weſen, daß ich mich oft verletzt fühle. Weißt Du, Mama, ich habe bisweilen gegen ſie Empfin⸗ dungen, welche dem Neide ziemlich ähnlich ſind. Sie iſt ſo ſchön, ſo prachtvoll in ihren Kleidern und mir ſo überlegen, daß ſogar meine Brüder mich vergeſſen. Sie ſehen und hören bloß ſie; es iſt ſo, als wenn ich gar nicht da wäre, und doch kommt es mir vor, als ſtände ich ihr nicht in allen Beziehungen nach. — Ei, ei, mein Mädchen, ich glaube, Du wirſt jetzt von einem ſehr häßlichen Gefühle beherrſcht, das Du ſehr richtig Neid nannteſt und das von ver⸗ letzter Eitelkeit herkommt. Und ich, Jenny, lebte in der Ueberzeugung, daß Deine Eitelkeit eine ganz andere Richtung hätte und daß Du Dich nie damit unzufrieden fühlen könnteſt, eine Andere ſchöner und reicher zu ſehen, als Du biſt! — Eine ſolche Empfindung habe ich noch nie früher gehabt, und ich bin wirklich auf Albertine böſe, weil ſie ein ſolches Gefühl bei mir hervorge⸗ gerufen. Ach, ich hätte ſie ſo gern lieb haben wollen; 142 und es wäre mir gewiß gelungen, wenn ſie nur gegen mich ſo geweſen wäre, wie ſie es gegen Dich und die Ader iſt. Aber ich fühle, daß zwiſchen uns ei as Fremdes iſt, etwas, das es für uns unmög⸗ lich macht, mit einander vertraut zu werden. — Aber dieß darf indeſſen nie Neid und un⸗ freundliche Gefühle gegen Deine Couſine bei Dir hervorrufen; am allerwenigſten, weil ſie ſchöner iſt und mehr bemerkt wird, als Du. Die Mutter ſtreichelte mit der Hand Jenny's glühende Stirne und fuhr fort: — Erinnerſt Du Dich, Jenny, was ich Dir ſagte, als wir ſie hier erwarteten: Mache keine Verglei⸗ chungen zwiſchen Euch und ſuche nicht mit Albertine zu wetteifern, denn dadurch rufſt Du nur Neid in Deinem eigenen Innern hervor. Von einer Paral⸗ lele zwiſchen Euch kann nicht die Rede ſein. Jede von Euch hat ihre Vorzüge, aber Ihr ſeid in Eurem äußeren und inneren Menſchen einander ſo ungleich, daß eine vollkommene Uebereinſtimmung zwiſchen Euch ſchwerlich ſtattfinden wird. Merke wohl, Jenny! die Reſeda mit ihrem geringeren Aeußeren verbreitet doch einen weit angenehmern und ſtärkeren Duft als die ſtolze, in ihrer Pracht prunkende Roſe. Die kleine Pflanze, welche ſo anſpruchslos in ihrem Beete wächſt, erfreut doch mit ihrem Wohlgeruche und verbreitet ihn weit herum im Felde. Meinſt Du, daß die Reſeda Grund hat, die Roſe zu beneiden, welche nur in einem engeren Kreiſe duftet und deren Schönheit ſo ſchnell verfliegt? Stellt der Zufall ein Weſen an Deine Seite, welches Dir in moraliſcher Beziehung überlegen iſt, ſo blicke hinauf zu ihm, und 143 ſtrenge Dich an, daſſelbe zu erreichen. Gibt es wiederum Jemanden, der, wie Albertine, nur an Schönheit über Dir ſteht, ſo denke bloß, daß Gott Dir dieſes verführeriſche Aeußere deshalb nicht ge⸗ geben, weil er Dir nicht Seelenſtärke genug zuge⸗ traut hat, um zu gleicher Zeit ein gutes und ein ſchönes Weib zu ſein. Erſetze darum durch Güte und Tugend, was Dir an Schönheit fehlt, und Du wirſt auf dieſe Weiſe alle Gefühle des Neids und des Widerwillens gegen Denjenigen verbannen, wel⸗ cher höher ſteht, als Du. Denke über das, was ich geſagt, nach, und prüfe ſelbſt, ob Du es für richtig hältſt. Wenn wir unſer eigenes Herz ſprechen laſſen, ſo iſt es immer der ſicherſte Richter unſerer Handlungen. — Ach Mama, wer Dir gleichen könnte! Du haſt gewiß nie in Deiner Bruſt ſolche Gefühle der Bitterkeit gehegt, wie die, welche ich gegen Albertine nährte. Haſt Du je Neid gekannt? — Welche Frage, Jenny! Ich habe viele Fehler gehabt und habe ſie noch. Als jung kam mir oft das vor, was Dir jetzt paſſirt; aber ſiehſt Du, mein Kind, ich hatte einen Vater, welcher ſo viel wie mög⸗ lich meinen Fehlern entgegenarbeitete. Um ihn nicht zu betrüben, ſuchte ich meine Gefühle zu erſticken, welche mein Herz verwerflich fand; aber es gelang mir nicht immer. — Es iſt Dir genug gelungen, Malinchen,— rief Jenny heiter;— ich möchte wiſſen, was das für Fehler ſind, die Du haſt. Es fällt gewiß ſchwer, nur einen einzigen herauszufinden. S Nicht ſo ſchwer gerade,— ſcherzte die Majorin; — ich bin zum Beiſpiel eitel. — Das muß nur in Deiner eigenen Einbildung ſein, Mama! — Nein, ich bin eitel, ſtolz und egoiſtiſch. Eitel darum, weil ich gute und vortreffliche Kin⸗ der beſitzen will; ſtolz, um auf ſie ſtolz ſein zu können; egoiſtiſch, weil ich ſie fröhlich und glücklich zu ſehen wünſche. — Mama, Mama, die Worte werde ich nie ver⸗ geſſen. Du biſt eine ſehr, ſehr gefährliche Frau, denn Du machſt mit einem armen Menſchen alles, was Du willſt. Aber da kommt meine Compagnie, — fügte Jenny lächelnd hinzu und deutete auf eine kleine Truppe von noch ganz jungen Mädchen, welche über den Hof gingen und ihren Weg nach dem rechten Flügelgebäude nahmen. — Und den Nachmittag, wenn Tante Sophie, Papa und ich zur Kindtaufe bei Oberſt H— reiſen, kannſt Du, Albertine, der Doctor und Arvid einen kleinen Ausflug nach dem Waſſerfall machen. Ich werde Lina ein Veſperbrod, das Ihr mitnehmen könnt, zurecht machen laſſen. — Das wird ein göttliches Vergnügen! Dank, Dank, meine geliebte Malin,— und Jenny küßte und umarmte die Mutter ganz entzückt. In dem unteren Stockwerk des rechten Flügels lag ein großer, geräumiger Saal mit weißen Wän⸗ den und vier Fenſtern. In dieſem hellen, ſonnigen Zimmer ſtanden drei Webſtühle und einige Spinn⸗ rocken; an zwei Fenſtern hatten zwei Rähtiſche Platz und zwiſchen zwei anderen war ein großer Tiſch aufge⸗ ſtellt, auf welchem ſich Schreibmaterialien und Bücher befanden. In dieſem Zimmer waren zwölf Bauern⸗ — 145 mädchen verſammelt. Sie waren zwiſchen zehn und ſechszehn Jahren. Jenny trat gerade zu ihnen hinein, als ſie ihre Kopftücher herunternahmen, und begrüßte ſie mit einem fröhlichen und freundlichen Nicken, worauf ſie an jedes ſeine Arbeit vertheilte. Die jüngſten ſetzten ſich zu ihren Lectionen, die älteren ſchlugen ihre Schreibbücher auf, und die zwei älteſten Mädchen, das eine von fünfzehn und das andere von ſechzehn Jahren, nahmen Platz an zwei Webſtühlen, in welchen zwei Kunſtgewebe aufgeſpannt waren. Jenny ſelbſt ſetzte ſich in den dritten Web⸗ ſtuhl und jetzt war Alles in voller Wirkſamkeit; die Stühle raſſelten und die jüngeren Mädchen laſen mit halblauter Stimme. Wenn Jenny ſo da ſaß und fleißig und raſch an ihrem Webſtuhle thätig war, ſah ſie aus wie ein lebendiges Bild der Arbeitſamkeit, der Jugend und der Geſundheit. Nachdem Jenny ungefähr eine halbe Elle ge⸗ woben, trat ſie aus dem Webſtuhl heraus und äußerte gegen eines der Mädchen, welches damit beſchäftigt war, große und ſchräge Buchſtaben zu ſchreiben. — Jetzt, Greta, habe ich den Webſtuhl in Ord⸗ nung geſetzt, und ſobald Du mit Deinem Leſen und Schreiben fertig biſt, magſt Du verſuchen zu weben. Jenny begann dann ihr Amt als Lehrerin. Sie überhörte hierauf die Aufgaben der Mädchen, unter⸗ richtete ſie in der Geographie und erklärte den Kin⸗ dern, was ſie geleſen. Nachher verrichtete die kleine Verſammlung ein Gebet und jedes Mädchen ging Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 10 an ſeine Handarbeit. Die kleineren nähten, die weiter Vorgeſchrittenen ſpannen auf Spinnrocken mit zwei Spulen und Greta nahm ihren Platz im Webſtuhl des Fräuleins ein, in welchem ein einfaches, aber ſchönes Damaſtgewebe aufgeſpannt war. Jetzt läutete die Frühſtücksgloce. Jenny nickte † ihren Zöglingen zu, glättete ihre Haare vor dem Spiegel und ging hinauf in den Speiſeſaal. Es war Niemand dort als Arvid. Er ſtand mit allen Zeichen einer böſen Laune am Fenſter und kaute an den Nägeln. — Guten Morgen, pflege ich zu ſagen,— be⸗ merkte Jenny und gab ihm einen Schlag auf die Schulter.. — Ich kann doch wohl nicht grüßen, bevor ich. Dich ſehe,— antwortete der junge Herr in einem etwas heftigen Ton. — Ja ſo, Seine Gnaden ſind bei ſchlechter Laune; ſage mir es nur und ich werde ſchweigen wie eine Mauer. Sonſt dachte ich daran, Dir für die herr⸗ liche Promenade welche wir geſtern Abend zu Pferd machen ſollten zu danken; ſie war wirklich bezaubernd. Jenny ſah den Bruder mit einem ſchelmiſchen, und neckiſchen Lächeln an.. — Liebe Jenny, Du biſt ſo kindiſch; es wurde ja ganz und gar zu ſpät zu reiten, und. — Du wollteſt um keinen Preis das Glück miſſen der Cavalier Deiner Couſine zu ſein. Mein Junge, ich verzeihe Dir Deine Verſäumniß und bin Dir nicht länger böſe.— Jenny ſtreckte ihre Hand hinauf nach ſeinen Lippen. 0 — Unendlich dankbar,— antwortete Arvid und 147 konnte ſich des Lächelns nicht enthalten.— Was haſt Du dieſen Morgen gethan?— Arvid hatte dabei ſeine Augen fortwährend auf den Park ge⸗ richtet. — Es iſt Donnerſtag, und Du weißt, daß ich dann meinen Dienſt als Lehrerin zu verſehen habe. Das dürfteſt Du wohl nicht ganz vergeſſen haben. Aber wonach ſiehſt Du? Arvid erröthete. — Ah, ich ſehe nach dem Doctor, den ich vor einer Weile im Park erblickte, und, ſonderbar genug, es kam mir vor, als wenn er nicht allein ſei. — Ernſt war wohl mit ihm? Jetzt läutete die Frühſtücksglocke zum zweiten⸗ male; in demſelben Augenblick trat Albertine und gleich nach ihr der Doctor ein. Einen Augenblick ſpäter langten die übrigen Mitglieder der Familie an, ausgenommen die Profeſſorin, welche nie beim Frühſtück erſchien. — Warum zum Teufel ſtreicht der Doctor herum in der Nachbarſchaft des Waldhüters?— ſagte der Major ſcherzend;— iſt vielleicht die ſchöne Tochter des Waldhüters Erik der Magnet? Arvid richtete in demſelben Augenblick ſeine Augen auf Albertine, welche purpurroth wurde. Ihre glühende Farbe brachte eine ganz entgegenge⸗ ſetzte auf Arvids Wangen hervor, und er wandte die Augen von der Couſine nach dem Doctor und zwar mit einem Ausdruck in denſelben, welcher durch⸗ aus nicht freundlich war. — Ich verſichere Onkel,— antwortete der Doctor lächelnd,— daß ich nicht einmal Eriks Tochter ge⸗ 148 ſehen, aber wenn ſie wirklich ſo ſchön iſt, dann werde ich es ſchon ſo einrichten, daß ich ſie zu fehen be⸗ komme. — Und Du, mein Mädchen,(der Major wandte ſich an Albertine) Du ſtreifſt ja ſo zeitig Morgens herum, als wäreſt Du ein Jäger. Jenny richtete einen Blick auf Albertine, welche antwortete: — Ich habe nie früher längere Zeit auf dem Lande zugebracht; darum ſcheint es mir ſo herrlich, ganz früh die friſche Landluft einzuathmen. Nehme Jenny mit, dann zeigt ſie Dir alle die ſchönen Punkte ringsum. — Wenn ich Dich auch begleiten darf, dann verſichere ich Dich, daß Du nicht eines einzigen Punktes, welcher geſehen zu werden verdient, ver⸗ luſtig werden ſollſt,— fiel Arvid ein. Albertine ſah verlegen aus und that, als wenn ſie das, was Arvid ſagte, nicht hörte, fondern reichte Jenny, welche den Kaffee ſervirte, ihre Taſſe. Arvid war finſter, denn gewöhnlich zeigte Al⸗ bertine ſich ganz freundlich gegen ihn. Er durfte ihren Shawl tragen, ihr Cavalier ſein und alle die kleinen Vorrechte genießen, welche ſie dem Grafen und den anderen jungen Herren der Gegend verweigerte. Das Frühſtück war vorbei und Jenny kehrte nach ihrer Schule zurück; Albertine ſtand gerade im Begriff, zu ihrer Mutter hinaufzugehen, als die Majorin ſie zu ſich winkte. — Wäreſt Du wohl aufgelegt, den Nachmittag, — 149 wenn wir fort ſind, einen Ausflug mit meinen Kin⸗ dern und dem Doctor zu machen? — Mit vielem Vergnügen, beſte Tante. — Aber ich habe außerdem eine Bitte an Dich, die Du mir nicht abſchlagen darfſt. — Es iſt mir unmöglich, Etwas abzuſchlagen, um das mich Tante bittet. — Biſt Du deſſen gewiß? — Vollkommen. Albertine lächelte der Majorin zu. — Zeige Dich ein wenig mehr zugänglich gegen Jenny, ein wenig freundlicher und vertraulicher; glaube mir, ſie verdient es. Sei gegen ſie, wie Du gegen mich und Arvid biſt. — Bin ich denn anders gegen Jenny?— fragte Albertine. — Ja, das biſt Du, und mir ſcheint das ver⸗ drießlich. — Beſte Tante, ich bin gegen Jenny, wie ſie gegen mich iſt; wenn irgend etwas Fremdes zwiſchen uns iſt, ſo rührt das nicht von mir her. Albertine verneigte ſich und ging. — Es lag Etwas in ihrer Stimme,— das Aerger und Bitterkeit ausdrückte, dachte die Majorin, — wegen was ſollte denn Albertine wohl auf meine Jenny neidiſch ſein können? Abends, als man von dem kleinen Ausflug zu⸗ rückgekehrt war, warf Albertine ſich in ihrem Zimmer aufs Sopha und verbarg ihr Geſichtchen in den Händen. Minna trat vor ſie hin. Was iſt es jetzt wieder, was Dich ſchmerzt, Al⸗ bertine?— fragte Minna.— Du biſt, ſo lange 150⁰ wir hier weilen, in einer höchſt ſonderbaren Laune geweſen. Iſt Dir etwas Verdrießliches paſſirt? Minna, wenn ich doch den Tag erlebte, wo ich nicht mehr nöthig hätte, Jenny zu ſehen, um nicht mehr durch ſeine Freundlichkeit und Hetzlichkeit gegen ſie gepeinigt zu werden! Ach, ich fühle, daß mein Herz jeden Tag, wo ich Augenzeuge des Intereſſes ſein muß, welches ſie bei ihm erweckt, immer mehr und mehr mit Bitterkeit erfüllt wird. Warum ſoll ſie zwiſchen mich und das einzige Weſen treten, das ich liebe? Warum ſoll ſie, die ſo viele Quellen zur Freude und Behaglichkeit in ihrem Vaterhaus hat, Galle, bittere Galle, in das einzige Glück träu⸗ feln, das ich beſitze?— Albertine weinte. — Haſt Du Richard geſagt, was Dich peinigt? — Sollte ich einräumen, daß ich eiferſüchtig bin? Sollte ich, die es verſprochen hat, ihm blind zu glau⸗ ben, einräumen, daß mein Herz zweifelt? Nein, niemals! Wenn meine Lippen ſich öffnen, um eine Frage zu thun, ſchließen ſie ſich wieder eiligſt, und die Worte kommen nicht über ſie. Wo iſt jetzt mein geduldiges Harren auf die Zukunft? Wo iſt jetzt das Vertrauen und die Hoffnung, die ich früher hegte? Fort, und ich trage ein Verlangen darnach, die Ereigniſſe mit Gewalt zu beſchleunigen, damit ich Gelegenheit bekomme, für meine Liebe zu kämpfen. Was iſt jetzt dieſer ganze Ausflug geweſen? Ja eine Tortur, während welcher er alle mögliche Auf⸗ merkſamkeit an Jenny verſchwendete und mich ganz und gar Arvid überließ, welcher in ſeiner knaben⸗ haften Eigenliebe ſich zutraut, auf mich irgend einen Eindruck machen zu können. Mit jeder Fiber meiner 15¹ Seele gab ich auf Richard Acht, und dabei ſchwatzte Arvid von meiner Schönheit, ſeufzte und erröthete. Was blieb mir wohl übrig, um mich zu rächen, als ihm Aufmerkſamkeit zu ſchenken? Vielleicht, daß ich mich ſogar dazu herabließ, zu coquettiren,— ich glaube es faſt ſelbſt— und dann,— dann warf Richard mir einen Blick zu, nicht der Eiferſucht, ſon⸗ dern der Mißbilligung und der Unzufriedenheit, der mich zu gleicher Zeit ſchmerzte und ärgerte. Minna, wie ich doch unglücklich bin, unglücklich in jeder Be⸗ ziehung! — Alle die Leiden, welche Du mir da beſchrie⸗ ben haſt, Albertine, ſind eine Geburt Deiner Ein⸗ bildung und eine Folge Deiner eigenen Verſchloſſen⸗ heit. Warum nicht aufrichtig mit Richard ſprechen, warum ihm nicht ſagen, was Dich peinigt? Aber Dein größter Fehler iſt— Zurückhaltung. Wir haben beide von Kindheit an die Gewohnheit gehabt, das zu ſagen, was wir nicht denken, und dadurch iſt das Lügen uns zur zweiten Natur geworden. Ich ſehe gar nicht ein, weshalb Du gegen Deinen Ge⸗ liebten ſo verſchloſſen ſein mußt. Ich bin immer aufrichtig gegen Dich, weil Du die einzige Perſon biſt, die ich liebe. Am folgenden Morgen früh trippelte Minna über den Hof hinunter nach dem rechten Flügel, wo die Herren ihre Zimmer hatten. Ganz vorſichtig klopfte ſie an die Thüre des Doctors, die ſofort geöffnet wurde. Minna übergab ihm ein kleines zuſammen⸗ gelegtes Papier und ſprang darauf zurück, aber ſie hätte beinahe einen langen, ſchlanken Jüngling, der . 13 152 in der Hausflurthüre ſtand, über den Haufen ge⸗ rannt. — Guten Morgen, Manſell Minna,— ſagte Arvid mit ziemlich unſicherer Stimme;— iſt Jemand krank, da Mamſell beim Doctor geweſen iſt? — Niemand, als ich, Herr Arvid,— antwortete Minna und eilte davon. Eine Stunde darauf ſpazierte der Doctor dem Parke zu, und eine Viertelſtunde ſpäter ſah man Albertine und Minna denſelben Weg nehmen. Sie wanderten durch den Park, der Wohnung des Wald⸗ hüters zu; dort bogen ſie auf einen Fußſteig ab und vertieften ſich immer mehr und mehr in den Wald. Auf einer kleinen Ebene angelangt, fanden ſie dort Richard. Minna ließ ſich neben einem Baume nieder und Albertine nahm den Arm des Doctors, welcher ſie nach einer etwas weiter davon⸗ ſtehenden Bank führte. Sie hatten vorher nur ein⸗ ſilbige Worte geſprochen; aber als Richard fand, daß ſie ſo weit von Minna entfernt waren, daß es ihr unmöglich war, ihre Worte zu hören, ſagte er mit tiefem Ernſt in der Stimme: — Meine geliebte Albertine, ich glaube, daß ein fremdes Gefühl, welches nicht obwalten darf, ſich zwiſchen uns eingeſchlichen hat, und daſſelbe iſt: Mißtrauen. Du vertrauſt mir nicht mehr, und in den finſteren Stunden Deines Zweifels erlaubſt Du Dir etwas, welches ſtets das Weib verunziert, Du erlaubſt Dir nämlich zu coquettiren. — Habe ich coquettirt?— ſtammelte Albertine. — Ja, und Dein Erröthen ſagt mir, daß Du gut weißt, daß Du es gethan haſt, obgleich Du zu 153 ſtolz biſt es zu geſtehen. Willſt Du vielleicht, daß ich Dir die Urſache Deiner Coquetterie und die mög⸗ lichen Folgen davon ſagen ſoll? Albertine ſchwieg. Du biſt eiferſüchtig; dieß iſt die Urſache und die Folgen können die werden, daß jener arme un⸗ erfahrene Jüngling, welchen Du zum Ziel Deiner Gefallſucht gemacht haſt, die Gunſt, die Du ihm erweiſeſt, für Ernſt nimmt und daß Du dadurch in ſeinem jungen, warmen Herzen Gefühle erweckſt, die Du nicht erwiedern kannſt. Was haſt Du dann gethan? Aus unedler Laune haſt Du ihm ein Lei⸗ den geſchaffen, welches hervorzurufen jedes edle Weib ſich ſcheuen ſollte. Albertine heftete ihre Augen auf Richard und antwortete in einem faſt ſcharfen Ton: — Sagt es Dir Dein eigenes Gewiſſen, daß ich Grund habe, auf Dich eiferſüchtig zu ſein? — Wenn mir irgend eine innere Stimme ſagte, daß Du in Deiner Vorausſetzung Recht hätteſt, ſo befände ich mich jetzt nicht an Deiner Seite. Nein, dieſes hat mich über Etwas aufgeklärt, was ich weit entfernt war zu ahnen. Der Doktor reichte ihr ein kleines beſchriebenes Zettelchen, auf welchem nur dieſe Worte ſtanden: — Albertine iſt eiferſüchtig auf Jenny. — Wie ſehr unterſchätzſt Du mich nicht, wenn Du glaubſt, ich ſei im Stande, mit Dir von Liebe zu ſprechen, und einer Andern eine Huldigung dar⸗ zubringen, welche ich nur Dir darzubringen habe! Einen Mann, welcher ſo handeln könnte, ſollte ein gutes und ehrliches Mädchen nie lieben dürfen. Was 154 es ihm ſchenken könnte, wäre nicht Liebe, ſondern Verachtung. — Aber Richard, daß Du gegen Jenny Auf⸗ merkſamkeit zeigteſt und vollkommen vergaßeſt, daß ich exiſtire, Alles gab mir Anlaß zur Unruhe. — Meine Aufmerkſamkeit gegen Jenny hat ihren Grund in dem Gefallen, den ich an ihrer Geſellſchaft finde und in der Achtung, welche ſie mir einflößt. Daß ich Dich, wie Du es nennſt, vergeſſe, iſt ja etwas, was Du mir ſelbſt anbefohlen haſt.„Vor der Welt ſind wir einander fremd,“ ſagteſt Du ein⸗ mal, und ich habe Dir aus Nothwendigkeit gehorcht, da ich nicht will, daß unſere Liebe einen Schatten auf Dich werfen, oder vor der Zeit Stürme zwiſchen Deiner Mutter und Dir heraufbeſchwöre. Ich hatte mir damit geſchmeichelt, daß Alles, was Du von mir geſehen, Dir Achtung und Vertrauen eingeflößt haben müßte. Der Mann, an deſſen Ehre ein Mäd⸗ chen zweifelt, darf es nicht lieben; und wenn es an der Wahrheit ſeiner Verſicherungen zweifelt, ſo zwei⸗ felt es auch an ſeiner Ehre. — Du biſt unzufrieden? — Ja, warum ſollte ich es läugnen? Ich fühle mich verletzt, vielleicht weniger wegen Deiner kindi⸗ ſchen Eiferſucht, als weil Du dieſe Zweifel gehegt haſt, ſtatt mir ſie aufrichtig mitzutheilen. Tu haſt Dich durch ſie zu einem Betragen verleiten laſſen, wie das, welches Du geſtern gegen Arvid an den Tag legteſt. Du haſt mir zugelächelt, und mir äußerlich Vertrauen und Liebe gezeigt, während Du in Deinem Herzen nur Eiferſucht und Mißtrauen nährteſt. Was iſt die Liebe werth, die nicht von 1. — 15⁵ unbeſchränktem Vertrauen begleitet wird, oder die ſich dergeſtalt vom Stolz commandiren läßt, daß ſie bis zur Verſtellung herabſinkt. Du biſt ſtreng, Du biſt ungerecht,— ſtammelte Albertine, und die Thränen wollten mit Gewalt her⸗ vorbrechen. — Streng möglicherweiſe, meine geliebte Alber⸗ tine,— ſagte der Doktor mit milder Stimme, und führte ihre Hände an ſeine Lippen;— aber nicht ungerecht. Du haſt mir Mangel an Aufrichtigkeit gezeigt, und dieß iſt ein Fehler, den Du gut machen mußt. Wer ſoll Deinen Fehler verbeſſern, wenn nicht Dein künftiger Gatte, fügte er lächelnd hinzu. — Und ich verſpreche Dir, daß Du nie mehr Grund haben ſollſt, mit mir unzufrieden zu ſein. — Aber kannſt Du wirklich dieſes Verſprechen halten? erinnerſt Du Dich, daß Du bereits eins gebrochen haſt? Richard, ſei edelmüthig und bedenke, daß ich nur Dich habe; Du biſt für mich an der Eltern Stelle, Du biſt der einzige Lichtpunkt, den mir das Leben gewährt, und wenn ich Furcht, eine kindliche Furcht habe, dieſen höchſten Schatz meines Herzens zu verlieren, darfſt Du Dich darüber wundern? Ich will Dir indeſſen zeigen, daß ich Muth habe, auf⸗ richtig zu ſein! Sage mir, in welchem Verhältniß haſt Du zu der verſtorbenen Braut des Barons ge⸗ ſtanden; was bedeutete Deine Gemüthsbewegung, als Du ihr Porträt zu ſehen bekamſt? — Albertine,— rief der Doktor mit bewegter Stimme, ſie war meine einzige.. — Gehorſamer Diener,— klang es in einiger Entfernung. Albertine flog erſchrocken auf und auch der Dok⸗ tor erhob ſich heftig. Beide wandten ihre Augen nach der Richtung, in welcher man die Stimme und auch raſche Fuß⸗ tritte gehört. Wen bekamen ſie zu ſehen? Arvid, der ihnen entgegenkam. Der Jüngling war blaß 3 und ſeine Augen blitzten. — Laſſen ſich die Herrſchaften nicht durch mich geniren; ich werde mich gleich entfernen; aber läug⸗ nen kann man doch nicht, daß der Doktor meine Couſine ein wenig zu viel bloßſtellt, und daß ich als Verwandter es für ſehr unpaſſend halte, daß meine Schweſter als Deckmantel für dieſe kleine In⸗ trigue dienen muß. Am Dienlichſten wird es wohl ſein, meinen Vater davon in Kenntniß zu ſetzen. Arvid war ſo aufgeregt, daß er in ſeinem Zorne kaum wußte, was er ſagte. — Herr Quickfelt iſt ſicherlich zu ritterlich, um für Fräulein v. Krug unangenehme Auftritte herbei⸗ zuführen,— ſagte der Doktor;— das wäre eine niedrige Handlung, vorzüglich gegen eine Verwandte. — Seien Sie weniger großſprecheriſch, oder ich werde Ihnen bei Gott zeigen, Herr Doktor, daß ein Menſch wie Sie, welcher anſtändige Mädchen zu unſchicklichen Zuſammenkünften verleitet, alles Recht verwirkt hat, eine ſolche Sprache zu führen,— rief Arvid und ſtürzte mit geballten Fäuſten und ver⸗ zerrten Geſichtszügen gegen den Doktor. Albertine trat mit ihrer ſtolzen Haltung dazwi⸗ ſchen und ſagte: — Arvid, keine Auftritte; dieſe ganze Angele⸗ genheit geht nur mich an, und Du haſt gar kein Recht, Dich hineinzumiſchen. — Doch, das wirſt Du zu ſehen bekommen,— antwortete Arvid mit aufgeregter Stimme und müh⸗ ſam zurückgehaltenen Thränen, und ſtürzte fort. — Ich muß ihm folgen und Auftritte zu ver⸗ hindern ſuchen,— ſagte Albertine, drückte Richard die Hand und eilte von dannen. Arvid ſprang, während ein wilder Kampf in ſei⸗ ner Seele kämpfte, ſo raſch ſeine langen Beine ihn zu tragen vermochten. Er war raſend auf Albertine, weil ſie den Dok⸗ tor leiden konnte; raſend auf den Doktor, weil er ſich unterſtand, Albertine gern zu haben; raſend auf ſich ſelbſt, weil er es nicht verſtanden, ſich bei Alber⸗ tine beliebt zu machen. Er hätte die ganze Welt zum Zeugen des Unrechts gerufen, das ihm ange⸗ than worden war. Er hegte den beſtimmten Wunſch, den Doktor auf Piſtolen zu fordern, und Gott weiß, ob er nicht ſich ſelbſt auf Piſtolen hätte fordern wollen, wenn er es gekonnt. Es iſt bemerkenswerth, daß in der erſten Nei⸗ gung eines Jünglings die Eitelkeit einen weſent⸗ lichen Beſtandtheil ausmacht. Wird dieſe Neigung erwidert, dann iſt es ein Genuß für die Eitelkeit, weil eine erwiderte Nei⸗ gung beweist, daß er nicht mehr den Knabenjahren zugezählt wird; bleibt ſie aber unerwidert, dann geräth er in Berſerkerwuth darüber, daß man ihn nicht für einen Mann hält, welcher der Liebe werth iſt. Indeſſen muß gewöhnlich die arme„Flamme“ auf irgend eine Weiſe die erlittene Niederlage be⸗ zahlen. Er kann ihr unmöglich die Wunde verzei⸗ hen, die ſeiner Eitelkeit zugefügt worden iſt, und gewöhnlich wird ſie ein Gegenſtand ſeiner knaben⸗ haften Verfolgung. Unſer Arvid war durchaus keine Ausnahme von der allgemeinen Regel; und da das Gefühl, welches bei einem Jüngling in ſeinem Alter entſteht, nie beſonders tief iſt, ſo iſt es um ſo natürlicher, daß die Eitelkeit einen um ſo größeren Spielraum hat und zu niedriger Rachbegierde führt. So verhielt es ſich auch mit Arvid. Er wollte gerächt ſein, wollte wieder verletzen, und darum eilte er jetzt in voller Fahrt dahin; da rief ihm, gerade als er an der Waldhütershütte vorbeiſtürzen wollte, eine heitere Stimme zu: — Halt!— Eine menſchliche Geſtalt verſperrte ihm den Weg. — Jenny, halte mich nicht auf,— ſchrie Arvid und ſchob die Schweſter ziemlich unſanft bei Seite; aber Jenny brach in ein ſchallendes Gelächter aus und fügte hinzu: — Haſt Du die Waldnixe geſehen, oder warum in aller Welt ſpringſt Du ſo? Ich glaube wahr⸗ haftig, daß„der Fähnrich der Premier auf der Re⸗ traite“ iſt. Mein Gott, Du ſiehſt ja aus, als wenn man Dir den Verſtand aus dem Kopf gejagt hätte. 159 — Laſſe mich in Ruhe! Ich habe keine Zeit, auf Dich zu hören. — Arvid riß ſich von der Schweſter los, aber Jenny war eigenſinnig, ſie ſteckte ihren Arm unter den ſeinigen und ſagte, während ſie immer fort⸗ lachte: — Soll es in voller Carridre fortgehen, ſo wol⸗ len wir wenigſtens ein Paar dabei ſein. Mein Gott, wie ſchön das ausſehen wird, wenn wir ſo Arm in Arm in den Hof hinein galoppirt kommen. Du ſiehſt wirklich aus, mein lieber Arvid, als wenn Du gänzlich das bischen Verſtand, das Dir Gott ge⸗ geben hat, verloren hätteſt. Sieh ſo, laß uns jetzt weiter gehen, ich habe bereits den rechten Fuß er⸗ hoben. — Jenny, Du tödteſt mich mit Deinem Scherz. Laß mich in Frieden. Und Arvid zog und zerrte mit ſeinem Arm, um die Schweſter los zu werden. — Nein, mein Junge, Du wirſt mich nicht eher los, als bis ich weiß, wer Dich geärgert und er⸗ ſchreckt hat. Armes Kind Du ſiehſt ja aus, als wenn Du eben Schläge bekommen hätteſt und jetzt zur Mama heimlaufen wollteſt, um Dich zu be⸗ klagen. — Es iſt eine Schande von Dir, mit mir Scherz zu treiben, da Du ſiehſt, daß ich verdrießlich bin. Der künftige Krieger war im Begriff in Thrä⸗ nen auszubrechen. — Verdrießlich! Nein, mein Bruder, zwar biſt Du böſe und auch ſehr erſchrocken, aber etwas Trau⸗ riges ſieht man nicht an Deinem Geſicht. zu Ende war.— Glaubſt Du, daß ich vor dem Pflaſterſchmierer, dem Doktorsgeſellen mich fürchte! Nein, ich werde ihn herausfordern, ich werde Papa ſagen, wie er ſich aufführt, ich werde dafür ſorgen, daß er zur Thüre hinausgejagt wird, der Schurke, der Elende, der ehrloſe Narr, der.... — Hole Athem, lieber Arvid, und verbrauche nicht auf einmal den ganzen Vorrath Deiner ſchönen Wörter. Es wäre Schade, denn Du mußt einige aufheben, damit Mama zu hören bekommt, was Du auf Karlberg gelernt haſt. Ja ſo, es iſt der Doktor, der Dich erſchreckt hat. — Nein, ich bin es, der ihn erſchreckt hat.— Arvid ſtampfte mit dem Fuße in's Feld.— Ich begreife, daß Du gemeinſchaftliche Sache mit Alber⸗ tine machſt, aber ſiehſt Du, ich bin Dein Bruder und ich dulde nicht, daß Du Dich auf Intriguen einläßt, es iſt meine Pflicht, über Dich zu wachen, werde ich Papa von Allem in Kenntniß etzen. — Höre einmal, Arvid, ich verſtehe kein Wort von dem, was Du ſagſt, wenn Du nicht auf dem Wege biſt, Dich zu etwas verleiten zu laſſen, was Mama beſtimmt mißbilligen wird. Du ſprichſt davon, über mich zu wachen, Du, der Du nicht einmal Dein eigenes Gemüth bezähmen kannſt, ſondern Deiner Laune dergeſtalt die Zügel ſchießen läßt, daß Du unter dem Einfluß Deiner ſchlechteren Gefühle hinſpringen willſt, um Schwä⸗ zereien zu machen, gerade als wenn Du noch in der Jacke herum liefeſt und ein unverſtändiges Kind — Erſchrocken!— ſchrie Arvid, deſſen Geduld —2 161 wäreſt. Glaubſt Du wirklich, daß Mama ſich freuen würde, wenn ſie Dich zu ſehen und zu hören be⸗ käme, ſo wie Du Dich jetzt gibſt? Nein, das würde ihr ſehr leid thun. Haſt Du etwas, worüber Du Dich beklagen willſt, ſo gehe zur Mama, ſpreche mit ihr aber ruhig und nicht mit ſolchen wilden Blicken und ungehobelten Worten. — Ach, liebe Jenny, Du würdeſt dich kein bis⸗ chen verſtändiger benehmen, als ich, wenn ich Dir ſage, daß der ſüße und geliebte Doktor ſich gar nicht um Dich kümmert, ja nicht einmal für 2 Heller, ſon⸗ dern daß er in Albertine verliebt, raſend verliebt iſt, und daß er Zuſammenkünfte mit ihr hält, ſowie mehreres Andere thut, das ſich hier nicht ſo genau ſpecificiren läßt. Arvid hielt inne. Jenny war ſehr bleich geworden und holte tief Athem, gerade als wenn ſie dem Erſticken nahe ſei; hierauf antwor⸗ tete ſie: — Und das verwirrt Deinen Verſtand ſo gänz⸗ lich, daß Du dadurch durchaus einen Auftritt her⸗ beiführen willſt, daß Du hinſtürzeſt und das aus⸗ plauderſt, was Dich gar nichts angeht, daß Du Papa in Feuer und Flammen gegen Albertine, den Doktor und Tante Sophie ſezen willſt. — Es war Dir alſo bekannt; Du warſt als Vertraute in das Geheimniß eingeweiht. In der That, das iſt recht erbaulich! Und Du willſt, daß ich Papa nichts ſagen ſoll! — Ja, das will ich und Du ſollſt nichts ſagen, ſondern mich zu Mama begleiten. Sagt Mama, daß Du von dem, was Du dir einbildeſt, Papa et⸗ was wiſſen laſſen ſollſt, dann iſt es mir recht, denn Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 11 162 das, wozu ſie räth, iſt immer recht. Ihrem Aus⸗ ſpruch wirſt Du dich wohl nicht entziehen wollen oder läugnen, daß es richtig ſei? — Aber ich werde ſie vielleicht betrüben,— ſtammelte Arvid, welcher beim Gedanken an die Mutter milder geſtimmt wurde. — Das wirſt Du nicht thun, wenn Du, wie immer, von ihr einen Rath verlangſt; dagegen wirſt Du ſie nicht allein betrüben, ſondern auch einen un⸗ angenehmen Auftritt veranlaſſen, welcher ſie vor⸗ züglich berühren müßte, falls Du zu Papa hinauf⸗ ſtürzeſt. Jenny zog den Bruder mit ſich und beide eilten heim. Gewiß waren Albertine und Minna durch Ge⸗ büſch und Steine ebenfalls, ſo gut ſie konnten, fort⸗ geſprungen, um Arvid einzuholen; aber bald ſahen beide das Vergebliche ihres Bemühens ein, weil die Natur ihn mit einem Paar ungewöhnlich langer Beine verſehen hatte; Minna rieth deshalb, daß ſie ihre Schritte mäßigen und ganz ruhig nach Hauſe gehen ſollten, wo dann Albertine ſich ſofort an Jenny wenden und ſie bitten ſollte, allen unangenehmen Auftritten vorzubeugen. Der Doktor hate einen entgegengeſetzten Weg eingeſchlagen und zwar in der Abſicht, Arvid den Weg abzuſchneiden und zu verſuchen, ihn zu etwas Beſinnung und Vernunft zu bringen. Es gelang in der That dem Doctor zum Theil; denn als er die eine Gitterpforte öffnete, begegnete er Arvid und — Jenny, welche aus dem Park kamen. Jenny grüßte und zog, bevor noch der Doktor den. Mund öffnen „ 163 konnte, den Bruder mit ſich in das große Gebäude hinein. — Im Ganzen genommen,— dachte der Doktor — kann es gut ſein, daß die Entdeckung je eher je lieber geſchieht; denn dieſe Rolle eines heimlichen Liebhabers iſt mir verhaßt. Damit ging der Doktor in ſeine Wohnung hinein. Während dem waren Arvid und Jenny in das Schlafgemach der Majorin hineingetreten, die mit einem großen Schlüſſelbund in der Hand im Be⸗ griffe ſtand, nach der Küche zu gehen. — Mama, gib mir die Schlüſſel, ſo werde ich das Frühſtück anrichten, obgleich es Deine Woche iſt, — ſagte Jenny und bemühte ſich zu lächeln, ob⸗ gleich ein Ausdruck des Schmerzes auf ihren Zügen lag;— rede Du dieſem Jüngling hier ein wenig Vernunft ein, denn er ſcheint die ſeinige verloren zu haben. Die Majorin reichte Jenny die Schlüſſel und dieſe ging hinaus. Arvid hatte ſich in einen Lehn⸗ ſtuhl geworfen und ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand. — Was fehlt Dir, mein Junge?— fragte die Mutter und ſtrich mit ihrer Hand über ſeine bren⸗ nend heiße Stirne.— Iſt Dir etwas Unangenehmes paſſirt? Iſt Papa böſe? Arvid ergriff die Hände der Mutter und küßte ſie. Der bloße Klang ihrer Stimme ſchien ſeine aufgeregten Gefühle zu beruhigen. — Mama, ich fühle mich ſo unglücklich,— murmelte er. 11 * 164 — Nun, erzähle mir Dein Unglück; bei Deinem Alter, Kind, wird es wohl nicht unheilbar ſein. Sie lächelte ihm liebevoll zu. Arvid küßte noch einmal die Hand der Mutter, gleichſam als er gefühlt, daß er alle ihre Nach⸗ ſicht nöthig hätte. Hierauf theilte er mit, daß es ſchon lange ſeine Verwunderung erregt habe, daß Albertine ſo früh Morgenpromenaden mache, und daß der Doktor faſt immer zu derſelben Zeit promenirte. Dieſes in Ver⸗ bindung mit Albertinens beſtimmter Weigerung, irgend eine ihrer Couſinen als Begleiterin auf ihren Ausflügen mit zu haben, hatte ſeinen Verdacht er⸗ regt, ſo daß er ſich's vorgenommen, heute zu ſpio⸗ niren; und er hätte ſie auch ganz richtig auf der kleinen Ebene im Walde im vertraulichen Geſpräch getroffen; und bei dieſer Gelegenheit habe der Dok⸗ tor Albertinens Hände zärtlich in den ſeinigen ge⸗ ſchloſſen gehalten. Bei der Erinnerung daran lo⸗ derte wieder die Flamme des Zornes an des Jüng⸗ lings Wangen; er ſprach mit großer Heftigkeit und brach in bittere Beſchuldigungen gegen den Dol⸗ tor aus. — Meine erſte Abſicht war, Papa Alles mit⸗ zutheilen,— ſchloß Arvid. ² Die Majorin ſaß eine Weile ſchweigend; dann richtete ſie ihre Augen auf ihren Sohn und ſagte: — Wenn Du an des Doktors Stelle geweſen und gleich ihm Albertine begegnet wäreſt, an ihrer Seite geſeſſen und vertraulich mit ihr geſprochen hätteſt, würdeſt Du es dann auch tadelnswerth ge⸗ funden haben? 165 — Mama, ich bin Albertinens Couſin, und.. ſtammelte Arvid. — Und konnteſt durch Deine Verwandtſchaft da⸗ zu berechtigt ſein, meinſt Du— aber nicht der Ver⸗ wandtſchaft halber ſpionirteſt Du; auch biſt Du nicht aus verwandtſchaftlicher Liebe ſo über den Doktor in Zorn gerathen; endlich war es auch kein Aus⸗ bruch Deines Rechtsgefühls, das Dich dazu trieb, die Sache Deinem Vater mittheilen zu wollen, nein, es war ein ſchlechtes, ein elendes Gefühl, welches Dich bei dieſer Gelegenheit beherrſchte, mein Junge. — Mama ſpricht nur von mir, aber ſonſt kein Wort von dem Schuldigen, von dem Doktor, welcher unſer Haus beſchimpft hat, oder von Albertine, welche alle weibliche Würde vergißt. — Arvid, wir haben kein Recht, ſo ſtreng zu urtheilen. Uebrigens mußt Du, mein Kind bevor Du Dich zum Richter über Andere aufwirſſt, erſt ſelbſt über die Gefühle im Klaren ſein, welche Dich beherrſchen. Stehſt Du, wie jetzt, unter dem Ein⸗ fluß verletzter Eitelkeit und des Neids, ſo kannſt Du auch überzeugt ſein, daß Du ungerecht in Dei⸗ nem Urtheil wirſt und Dich Handlungen ſchuldig machſt, welche Du in ruhigern Augenblicken bereuen und beklagen mußt; äußere dich deshalb nie über Deine Mitmenſchen, bevor Du klar einſiehſt, welcher der Beweggrund ſei, der Dein Urtheil entſcheidet. Nun, Arvid, willſt Du haben, daß ich Dir ſagen ſoll, was Deinen Zorn hervorgerufen hat? — Mama hat ja bereits geſagt, daß es Neid geweſen,— antwortete Arvid hocherröthend und mit einem gewiſſen ärgerlichen Ton in der Stimme. — Und jetzt iſt Deine Eitelkeit verletzt, da Du mir dies nicht beſtreiten kannſt und Dein Herz mir Recht gibt. Siehſt Du, Arvid, ich will Dich nicht durch irgend einen Machtſpruch daran hindern, Papa Alles zu ſagen, was Du für recht hältſt ihm mitzutheilen. Aber ich will Dich über die Folgen aufklären, welche ein ſolches Verfahren haben kann und wie übereilt Du handelſt. Albertine und der Doktor können ja heimlich verlobt ſein, und in ihren Zuſammen⸗ künften liegt wahrſcheinlich mehr Unbedachtſamkeit, als etwas Böſes und Tadelnswerthes. — Albertine mit dem Sohne des Gärtners ihrer Mutter verlobt, iſt das denkbar? — GEbenſo denkbar, wie daß ich, die Enkelin eines Bauern, die Gattin Deines Voters bin. Die Majorin ſprach mit einem zum Herzen gehenden milden Ernſt. Arvid neigte ſeinen ſtolzen Kopf und ſtammelte; — Aber Tante Sophie iſt nicht diejenige, die ihre Tochter dem Doktor gibt. — Wahr, und das iſt wahrſcheinlich der Grund, warum die jungen Leute ſich von ihrer Liebe und ihrer Verlobung nicht laut zu äußern wagen. Ohne eine ſolche ohne Wiſſen der Eltern eingegan⸗ gene Verbindung in Schutz nehmen zu wollen, will ich Dir bloß die Sache im rechten Lichte darſtellen. Siehſt Du, wenn Du jetzt, während des Aus bruchs Dei⸗ nes Neids, Deinem Vater das, was Du geſehen, mitgetheilt hätteſt, ſo würdeſt Du ihm, wie eben mir, ihr Zuſammentreffen in einem ſolchen Lichte hingeſtellt haben, daß er ohne Zweifel. gereizt wor⸗ den wäre. Er ſeinerſeits hätte ſich eben gegen den 167 Doktor vergangen und wäre nachher in ſeinem Zorn gegen Tante Sophie aufgebraust. Was wäre die Folge geworden, meine Junge? Nun, daß Du es für immer der Albertine unmöglich gemacht hät⸗ teſt, ihre Mutter zu beſänftigen und daß es dem Doktor, welcher es gewagt, ohne Zuſtimmung der Mutter Fräulein von Krug zu lieben, nie gelingen würde Tante Sophie wegen ſeiner Keckheit auszu⸗ ſöhnen. Du würdeſt ſie dadurch aller Hoffnung für die Zukunft beraubt, und eine gegenſeitige Er⸗ bitterung hervorgerufen haben, welche für Albertine eine Quelle namenloſer Leiden geworden wäre. — Jetzt, Arvid, habe ich Dir die Folgen des Schrittes, welchen zu thun Du im Begriff ſtandeſt, und die der Rache, welche Du im Namen Deiner vorletzten Eigenliebe nehmen wollteſt, gezeigt. Welche Freude könnteſt Du aus den Thränen Anderer ern⸗ ten? Ueberdenke, was ich geſagt, und wenn Du erwogen haſt, wer von uns beiden Recht habe, dann handle nach Deiner beſſeren Ueberzeugung; und ich kenne zu wohl das Herz meines Arvids, als daß ich zwei⸗ feln könnte, welchen Ausſchlag es geben wird. Arvid war bewegt, aber noch allzuſehr von ſei⸗ ner verletzten Eigenliebe beherrſcht, als daß er, ohne Rache, edelmüthig ſein konnte. Er fragte des⸗ halb: — Aber, Mama, ſollen Albertine und der Dok⸗ tor mit ihren Zuſamenkünften fortfahren? — Ueberlaſſe Deiner Mutter die Sache und ent⸗ ſchließe Dich zu handeln, ohne darauf Rückſicht zu nehmen, ob ſie ſich ferner treffen werden oder nicht. Bemühe Dich, mein Junge,— die Majorin ſtreichelte 168 zärtlich den Kopf des Sohnes— Dich ſchon von Jugend an über die Eingebungen Deiner Eigenliebe zu erheben, und ſowohl in Gedanken wie in Hand⸗ lungen wahrhaft edelmüthig zu ſein. Jetzt tönte die Frühſtücksglocke. Zeige nun, daß du, obgleich faſt noch ein Jüngling, eine männliche Seele haſt und ſuche Deine Gemüthsbewegung zu beherrſchen. Die Majorin drückte einen Kuß auf die Stirne des Sohnes. Arvids Herz war erweicht; er ſchlang ſeinen Arm um den Hals der Mutter und flüſterte gerührt: — Ich verdiente nicht, Dich zur Mutter zu ha⸗ ben, wenn ich nicht darnach ſtreben würde, ein Mann von Herz und Ehre zu werden. — Dank! Bleich aber ſcheinbar ruhig fand Arvid ſich beim Frühſtück ein. Derſelbe ging ſeinen gewöhnlichen Gang. Jenny war ſich ſelbſt gleich; ſie ſcherzte mit dem Vater, neckte ſich mit Bruder Ernſt und ſprach freundlich mit Albertine, die etwas ſteifer und un⸗ zugänglicher als ſonſt zu ſein ſchien. Der Doktor war ſchweigſam und ſah verpri lich aus; er heftete von Zeit zu Zeit eins ſeiner dunkelblauen Augen auf Arvid, welcher, wenn er ihnen begegnete, erröthete und ſich in die Lippen biß, um den Zorn zu unterdrücken, welcher beim An⸗ blick des Doktors in ihm kochte. Der Major und die Majorin waren ſich vollkommen gleich. — Er hat nichts geſagt,— dachte Albertine,— und nach dem Frühſtück werde ich mit ihm ſprechen. Es wird weit weniger demüthigend für mich, ihn zu biten 3, als Jenny zur Vermitt⸗ 169 lerin zu nehmen. Meine Abneigung gegen ſie kann ich unmöglich überwinden. Es würde ein viel zu bitteres Gefühl ſein, vor ihr zu erröthen. Bei dieſem Gedanken erhob Albertine noch ſtol⸗ zer ihren Kopf und ihre Augen blitzten. Das Frühſtück war zu Ende. Der Major hatte bereits den Saal verlaſſen, um nach ſeinen Leuten auf dem Felde zu ſehen, und die Majorin hielt die Anderen durch ein Geſpräch über verſchiedene Oran⸗ geriegewächſe zurück. Endlich ſtand ſie auf und ſagte zum Doktor, mit welchem ſie eigentlich ſprechen wollte: — Will der Doktor mir nicht Geſellſchaft leiſten und unſere Hrangerie mit anſehen?— Ich könnte eigentlich ein wenig beleidigt werden, wenn ich be⸗ denke, daß der Doktor ſchon mehrere Wochen hier iſt und noch nicht dieſe auf unſerem kleinen Rönby ziemlich bemerkenswerthe Lokalität beſucht hat. — Zu meiner Entſchuldigung, antwortete Richard lächelnd,— habe ich weiter nichts vorzubringen, als daß ich, der in Orangerien und Gärten erzogen wor⸗ den bin, der Abwechſelung halber ein größeres Ver⸗ gnügen darin finde, in der freien Natur umherzuſtrei⸗ fen. Es wird mir indeſſen immer ein großes Ver⸗ gnügen machen, die Frau Majorin dorthin zu be⸗ gleiten. — Kommt Ihr mit, Mädchen?— fragte die Majorin indem ſie ſich an Albertine und Jenny wandte. — Ich muß um Erlaubniß bitten, erſt zur Mama binaufzugehen, aber ich werde nachkommen,— ſagte Albertine. 170 Der Doktor und die Majorin gingen nach der Hrangerie. Anfangs ſprachen ſie von gleichgültigen Gegenſtänden, als ſie aber angekommen waren, ſetzte die Majorin ſich auf eine Bank und gab dem Doktor ein Zeichen, Platz zu nehmen. — Ich muß aufrichtig geſtehen, daß ich eigent⸗ lich den Doktor hierher gelockt habe, um ungeſtört und ohne alles Aufſehen mit ihm zu ſprechen. Brauche ich zu ſagen, über was? Eine dunkle Röthe bedeckte die Stirne des Dok⸗ tors und mit einer kalten Verbeugung ſagte er: — Belieben die Majorin ſelbſt dieſes„was“ zu deuten; ich bin nicht glücklich genug, daſſelbe er⸗ rathen zu können. Die Majorin lächelte. — Vergeſſen Sie einen Augenblick, daß wir ein⸗ ander fremd ſind, und betrachten Sie mich als eine mütterliche Freundin; ich bin vollkommen überzeugt, daß wir einander beſſer verſtehen werden. Der Doktor verbeugte ſich ſchweigend. — Was ich zu ſagen habe, betrifft Albertine,. und eigentlich bin ich es nicht, welche über dieſen Gegenſtand mit dem Doktor ſprechen ſollte; das käme ihrer eigenen Mutter zu. Aber nach dem was ich von der Gemüthsbeſchaffenheit meiner Schwäge⸗ rin weiß, glaube ich, daß es für uns Alle am beſten iſt, daß ich ihre Stelle einnehme und mir von Ihnen eine Erklärung über Ihr Verhältniß zu Al⸗ bertine ausbitte; daſſelbe ſetzt, erlauben Sie mir daß ich es Ihnen ſage, das junge Mädchen in ein zweideutiges Licht. Es ſchmerzt mich, Herr Doktor, daß dieß während Ihres Aufenthalts in meinem 171¹ Hauſe ſich zugetragen hat. Ich will indeſſen mein Urtheil aufſchieben, bis Sie ſich ſelbſt erklärt haben. — Und dieſe Erklärung gebe ich vor einer ſo edlen Richterin mit der größten Bereitwilligkeit. Vor drei Jahren, wo ich als Unterarzt in dem Lazareth Dienſt that, ging ich eines Abends durch die Königinſtraße nach dem Königshügel. Vor mir wanderte ein junges Mädchen, welches von einem Bedienten mit einer Laterne begleitet wurde. Es war ſehr kalt. Das junge Mädchen glitt aus und fiel ſo unglücklich, daß Sie einige Augenblicke be⸗ ſinnungslos lag. Ich eilte hin, hob Sie auf und trug ſie in einen in der Nähe befindlichen Sailer⸗ laden; ich war gerade im Begriff, den Bedienten nach einem Wagen zu ſchicken, als eine Droſchke herangefahren kam. Beim Scheine der Laterne er⸗ kannte ich einen meiner Univerſitätsfreunden, den Notar von Krug; ich rief ihm zu, er hielt an, ſprang aus dem Wagen heraus und in demſelben Augen⸗ blick ſagte der Bediente: — Mein Gott, Herr Notar, das Fräulein hat ſich ſchlimm verletzt! — Meine Schweſter? Was ſagſt Du? Wir hoben das junge Mädchen in den Wagen und Albert bat mich, ſie nach Hauſe zu begleiten. Die Profeſſorin war wegen einer Erbſchaft zu der Tante des Profeſſors nach Schonen gereist. Genug, 14 Tage lang beſuchte ich täglich Albertine; ſie war meine Patientin, und nachdem ſie geneſen, ſetzte ich meine Beſuche bei Albert fort und brachte ſo einen ganzen Monat mit den beiden Ge⸗ ſchwiſtern zu. Ich war jung, Albertine ſchön, und 172 es iſt deßhalb nicht zu wundern, wenn ich vergaß, daß es einen andern Unterſchied zwiſchen Menſchen gibt, als den, welchen der ungleiche Bildungsgrad herbeiführt. Kurz vor Weihnachten kehrte die Pro⸗ feſſorin zurück, wurde aber durch eine heftige Er⸗ kältung auf's Krankenlager geworfen. Durch Albert war ich nach und nach in das Ge⸗ heimniß eingeweiht worden, wie launiſch und ent⸗ ſetzlich hochmüthig die Mutter ſei. Ich ſah ein, daß ich meine Beſuche abbrechen mußte, aber ich hatte nicht die Kraft dazu und als ich eines Abends Albert ſuchte, aber nur Albertine fand, ſchlüpfte ein Be⸗ kenntniß über meine Lippen, welches ich, ich geſtehe es, ewig bei mir behalten haben ſollte. Wir gaben einander gegenſeitig Verſprechungen und trennten uns; denn ich hatte einen Ruf erhal⸗ ten und mußte die Hauptſtadt verlaſſen. Seit jener Zeit ſind drei Jahre vergangen. Wir haben korreſpondirt und dieſer Briefwechſel iſt immer durch Albertinens Bruder gegangen. Während die⸗ ſer drei Jahre habe ich mich nur auf kurze Zeit in Stockholm aufgehalten und ſehr ſelten Albertine getroffen. Anfangs April wurde mein Vater Gärt⸗ ner bei der Profeſſorin, und jetzt wurde der Brief⸗ wechſel durch ein paar glückliche Zuſammenkünfte im Garten abgelöst. Dieß iſt die einfache Geſchichte unſerer Liebe. Ich liebe Albertine von ganzem Her⸗ zen, und um einſt würdig zu werden ſie zu beſitzen, fühle ich mich ſtark genug, zu arbeiten und alle meine Kräfte in der Abſicht anzuſtrengen, mir mög⸗ licherweiſe einen Namen zu ſchaffen. — Aber jetzt ſtellen Sie Albertinens Ehre bloß, 173 ſetzen ſie in ein zweideutiges Licht und werfen durch dieſe heimlichen Zuſammenkünfte einen verderblichen Schatten auf ihren Namen. Glauben Sie wohl, daß irgend ein Name, mag derſelbe noch ſo ehren⸗ voll und glänzend ſein, die Flecken auswiſchen kann, welche in Folge eines ſolchen Betragens ſich an ihren Ruf heften werden? — Aber, Frau Majorin, dieſe Zuſammenkünfte ſind ſo unſchuldig geweſen, daß ſie nicht einmol einen Engel verletzen könnten. — Davon bin ich überzeugt, und wenn ich das nicht geweſen wäre, ſo würde ich keinen Augenblick die Verantwortung übernommen haben, die Rolle der Mutter Albertinens zu ſpielen. Aber wie unſchul⸗ dig dieſe Zuſammenkünfte an und für ſich auch ſein mögen, glauben Sie denn wirklich, daß die Familie des Waldhüters ſie dafür anſieht? Glauben Sie, daß die Leute im Dorf, welche bereits davon flüſtern und was die Majorin K.... mir ſchon geſtern mittheilte, glauben Sie, daß ſie Ihre Zuſammenkünfte für ſo unſchuldig gehalten? 5 — Der Doctor ſchwieg und ſenkte ſein Haupt. — Nein, dieſe Menſchen ſehen darin eine ver⸗ brecheriſche Liebe, denn nur eine ſolche bedarf, nach ihren Begriffen, Schleichwege zu gehen und heim⸗ liche Zuſammenkünfte anzuſtellen, beſonders da Sie und Albertine ſich in derſelben Familie aufhalten und nach der allgemeinen Anſicht jede erlaubte Gelegen⸗ heit haben, Ihre Gedanken und Gefühle auszutauſchen. Im Allgemeinen fällt es ſchwer, etwas Anderes zu denken, als daß die Heimlichkeit ein Verbrechen ver⸗ 174 berge; die Unſchuld geht mit offener Stirne und braucht nicht den Augen der Welt auszuweichen. — Aber Sie, Frau Majorin, der ich ein voll⸗ ſtändiges Bekenntniß abgelegt, Sie können nicht ebenſo ſtreng und blind ſein wie der große Haufen. — Ach, wozu nützt das, daß ich Sie etwas milder beurtheile? Kann meine Schonung die verletzenden Flüſtereien zum Schweigen bringen? — Nein, leider nicht,— ſeufzte der Doctor. — Und übrigens, Herr Doctor, geſtehe ich ganz aufrichtig, daß ich Ihr Betragen mißbillige. Mir ſcheint es immer tadelnswerth zu ſein, wenn ein Mann, welcher ſieht, daß ſeine Liebe aus irgend einem Grund von den Eltern des Mädchens, das er liebt, nicht gebilligt werden kann, nichts deſtoweniger alles aufbietet, um ihr Herz zu gewinnen, ja ſogar noch ein Verhältniß mit ihr unterhält, das ihrem Rufe ſchadet. Er überliefert ſie dadurch den bitterſten Qualen; denn qualvoll iſt diejenige Lage, welche ſie zwingt, eine ungehorſame Tochter zu ſein, und ſich gegen ihre Eltern aufzulehnen, um ihre Liebe zu vertheidigen. Strafbar iſt derjenige Mann, wel⸗ cher unter ſolchen Verhältniſſen den Gefühlen ihres Herzens dadurch eine unaufhörliche Nahrung gibt, daß er fortwährend von ſeinen eigenen ſpricht und durch heimliche Zuſammenkünfte ihren guten Namen und Ruf bloßſtellt. Seine Vernunft ſollte ihm ſagen, daß eine ſolche Neigung eine ewige Quelle von Zer⸗ würfniſſen zwiſchen Mutter und Tochter wird. — Welche Stiche Ihre Worte auch meinem Stolze verſetzt haben, ſo muß mein Herz Ihnen doch Recht geben, Frau Majorin, denn in manchem beſonnenen — 175 Augenblick, wo ich der Stimme der Vernunft lauſchte, habe ich mir ſelbſt geſagt, daß ich leider tadelns⸗ werth handelte. Aber ich liebte Albertine zu ſehr und was noch mehr iſt, ich wußte, daß ich ſo aus⸗ ſchließlich, ſo hingebend geliebt wurde, daß ich nicht den Muth hatte, zurückzutreten. Sollte nun ich, welcher für ſie Alles iſt, auf welchen ſie ihre ſchön⸗ ſten Hoffnungen geſetzt, ſie feig verlaſſen können und auf dieſe Weiſe nicht allein mein eigenes Herz zer⸗ malmen, was wenig zu bedeuten hätte, ſondern auch jenes hochſinnige und vertrauensvolle Herz, das nur für mich ſchlägt? — Aber wenn Sie ein ehrlicher Mann ſind, ſo müſſen Sie ſich trotzddem zurückziehen und ſich nicht eher Albertine zu nähern ſuchen, als bis Sie vor ihre Mutter treten können und um ihre Hand an⸗ halten. Sagen Sie Albertine, daß ſie bis dahin alle Verbindung, alle Zuſammenkünfte, allen Brief⸗ wechſel und alles Andere vermeiden müſſe, was ſie zwingen würde, ſich der Unwahrheit und Verſtellung gegen ihre Mutter und Andere zu bedienen! Sie ſind ein Mann, und als ſolcher haben Sie Kraft für Beide und ſteigen dadurch nicht allein in Ihrer eigenen Achtung ſondern auch in der ihrigen. — Ich würde durch eine ſolche Handlungsweiſe ihr einen tiefen Schmerz bereiten. Ach, Frau Majorin, was Sie von mir verlangen, überſteigt die Kräfte eines Menſchen. Wen beleidige ich erſt dadurch, daß ich wenigſtens an Albertine ſchreibe? — Ihre Eltern, ihre Mutter, ihre Pflichten als Tochter. — Haben Sie ſelbſt keine Erinnerung an eine 176 Mutter, da Sie auf eine ſolche Weiſe die Mutter in Harniſch bringen? Würden Sie ſelbſt den Muth haben, das Herz derjenigen zu vernichten, welcher Sie das Leben verdanken? — Meine Mutter ſtarb, als ich noch ganz klein war; ich kann mich meiner Mutter nicht erinnern. Die Majorin beftete ihre Augen mit einem mil⸗ den, theilnehmenden Ausdruck auf den Doctor und fuhr fort: — Nun wohlan, bilden Sie ſich für einen Augen⸗ blick ein, daß ihr Geiſt durch mich ſpricht und ſie bittet, nicht auf der Bahn fortzuwandeln, welche zu betreten nur die Leidenſchaft Sie veranlaßt hat. Bil⸗ den Sie ſich ein, daß ſie zu Ihnen ſagte: mein Sohn, Du biſt auf dem unrechten Wege; gehorche der Stimme Deines beſſeren Menſchen und laſſe Dich nicht dazu herab, für einen augenblicklichen Genuß das zu opfern, was Ehre und Gewiſſen fordern. Würden Sie da auch antworten können, daß das, was ſie verlange, Ihre Kräfte überſteige? Der Doctor ergriff die Hand der Majorin, führte mit tiefer Rührung an ſeine Lippen und agte:. — Glücklich ſind die Kinder, die von Ihnen, Frau Majorin, erzogen worden ſind! Ach, hätte mir das Schickſal eine ſolche Mutter gegeben, ich würde gewiß etwas ganz Anderes geweſen ſein, als ich jetzt bin. Hätte meine Mutter mit dieſem milden, ſcho⸗ nenden Ernſt, wie Sie, zu mir geſprochen, dann würde ich ihr daſſelbe geantwortet haben, was ich jetzt Ihnen antworte; für meinen eigenen Theil bin 177 ich zu jedem Opfer bereit, welches Ehre und Gewiſſen fordern; aber. — Kein Aber, denn Sie ſind es, welcher Alber⸗ tine zeigen ſoll, was die Pflicht Euch beiden gebietet. Eine ſolche Natur, wie die ihrige, geht lieber unter, als vom Rechte abzuweichen, wenn Sie ihr nur den Umfang der Forderung deſſelben gezeigt haben. Be⸗ nutzen Sie Ihre Macht, das Gute ungPole in ihrem Herzen zu entwickeln, dann wird ſieß glauben Sie mir, Sie dadurch noch höher lieben; während Sie, falls Sie fortfahren, ſo zu handeln, wie jetzt, nur ſchließlich einen häßlichen Schatten auf ihre Ehre werfen, was damit enden wird, ſie und ſich ſelbſt zu verachten. Wir beide kennen die ſchiefe und einſeitige Erziehung, welche ſie genoſſen. Iſt es da nicht unrecht, ihre Rechtsbegriffe noch mehr zu verwirren und ihre edleren Inſtinkte vollkommen irre zu leiten? Diejenige Liebe, welche aufgegenſeitigen Schwächen beruht, hat einen zu unſichern Grund, um beſtändig bleiben zu können, und wären die Men⸗ ſchen weniger Sclaven ihrer Begierden, ſo würde der ſittliche Standpunkt der Menſchheit ein bedeutend höherer ſein, als es jetzt der Fall iſt. Jetzt habe ich Alles ausgeſprochen, was mein Gewiſſen mir zu ſagen gebot. — Und Sie haben dadurch mein FPflicht⸗ und Ehrgefühl auf's Tiefſte getroffen. Sie haben, Frau Majorin, mich mit ſoviel Edelmuth behandelt, daß ich nicht vor Ihnen ſtehen ſollte, ſondern zu Ihren Füßen liegen. Sie hätten ein Recht gehabt, mich aus ihrem Hauſe zu weiſen; aber Sie haben mit keinem Worte mir das Unverzeihliche vorgeworfen, Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 12 178 welches datin lag, daß ich, während ich Ihre Gaſt⸗ freundſchaft genoß, auf eine unbeſonnene Weiſe eine Ihrer nächſten Verwandten bloßſtellte. Die Erinne⸗ rung an dieſe edle Nachſicht von Ihrer Seite wird ewig in mein Herz eingegraben bleiben, und ich werde Alles aufbieten, dieſelbe zu verdienen. Er führte wieder die Hand der Majorin an ſeine Lippen. — Luuhe Doctor, ich bin vollkommen mit Ihnen zufrieden. Während die Majorin und der Doctor das vor⸗ ſtehende Geſpräch führten, hatte Arvid ſich in ſein Zimmer eingeſchloſſen. Albertine machte, übereinſtim⸗ mend mit der Tagesordnung auf dem Lande, gleich nach dem Frühſtück einen Morgenbeſuch bei ihrer Mutter; ſie fand dieſelbe damit beſchäftigt, ihre Toilette für den Nachmittag zu ordnen, denn man war von Graf Stormhjelm eingeladen worden, an einer Luſtpartie nach einem hiſtoriſch merkwürdigen Punkte in der Nachbarſchaft Theil zu nehmen. Jenny wanderte nach dem Dorf hinunter mit einem kleinen Korb am Arme und kehrte, nachdem ſie eine halbe Stunde bei einem blinden und kranken Bauersmütterchen ſich aufgehalten hatte, wieder heim. Im Hofe begegnete ſie dem Vater. — Willſt Du mit mir nach der neuen Bleiche reiten?— fragte er. — Nein, ich danke, Herr Major, ich habe nütz⸗ 179 lichere Dinge zu thun; aber morgen kann es wohl ſein, daß ich Dir Geſellſchaft leiſte. — Aber dann könnte es paſſiren, daß ich Dich nicht mithaben wollte,— antwortete der Major lachend. — Aha, das hat keine Gefahr. Jenny reichte ihrem Vater ihre Stirne zum Kuß und eilte dann fort. Der Major blickte der Tochter nach und ein ſonnenhelles Lächeln glitt über ſein ſonſt ſo ſtrenges Geſicht. Von dem Nützlichen, welches Jenny zu thun zu haben vorgab, merkte man indeſſen nichts. Nachdem ſie Stina ihren Korb übergeben hatte, ſetzte ſie ſich ganz bequem vor der Hausflur, ohne irgend eine andere Beſchäftigung, als aus einem Simri Erbſen unter einen Haufen Tauben zu werfen. Ein merkwürdiger Ernſt ruhte auf Jennys Antlitz; der fröhliche Ausdruck ſchien verſchwunden zu ſein, und ſie ſah aus, als wenn ſie über etwas nachdenke. Endlich hörte man Tritte auf der Treppe. Jenny drehte den Kopf um und ſah Albertine dieſelbe herunter kommen. — Sie iſt wirklich ſchön! Welche ſtattliche Hal⸗ tung, welch' ausgeſuchter Anzug!— ſeufzte Jenny und betrachtete ihr zu Hauſe gewobenes Kleid und ihre Mouſſellinſchürze.— Ich ſehe gewiß aus wie ihre Kammerjungfer; ich bin hößlich, habe keine Haltung und bin ſo einfach gekleidet. Jetzt ſchüttelte Jenny den Kopf, als wenn ſie alle dergleichen Gedanken wegjagen wollte, und ſetzte ihren unterbrochenen Monolog fort: Ei, ei, Jenny, ich glaube, Du ſtellſt wieder Vergleiche an; Du 12* 4 180 mußt wohl wieder die weiſen Worte der Mutter in Deinem Gedächtniſſe auffriſchen! Ich glaube doch, daß wenn Albertine und ich uns miteinander ver⸗ gleichen wollten, ſo hätte ich ſchon mehr Grund, Gott für das zu danken, was in mein Loos gefallen, als Albertine für das, was ihr zu Theil geworden. Jenny ſtand auf und ging ihrer Couſine entgegen. — Ich habe hier lange geſeſſen und auf Dich ge⸗ wartet,— ſagte Jenny mit ihrem heiteren und fri⸗ ſchen Lächeln und reichte ihr die Hand. — Haſt Du mir etwas zu ſagen?— fragte Albertine mit einem ſteifen und abgemeſſenen Aus⸗ druck in ihrem Geſicht. Man konnte hinter der ſtol⸗ zen Haltung eine gewiſſe Furcht hervorblicken ſehen. — Nichts Beſonderes,— antwortete Jenny, welche bei dem kalten und abgemeſſenen Benehmen ihrer Couſine erröthete,— ich wollte Dir blos ſagen, Albertine, daß ich lebhaft wünſche, in Dir eine Freundin zu finden. — Sind wir denn nicht Freundinnen? Ich kann mich nicht erinnern, daß etwas zwiſchen uns vorge⸗ fallen iſt, weßhalb man uns Feinde nennen könnte. Albertine erſchien ſo unzugänglich, daß ſie Jenny, welche wieder erröthete, tief verletzte; nach einer kurzen Pauſe jedoch und nur von einem wirklich edlen Gefühl dazu getrieben, hob Jenny wieder an: — Warum, Albertine, beobachteſt Du immer ein ſolches kaltes und unzugängliches Benehmen gegen mich? Was iſt es, daß Dich ſo unfreundlich gegen Deine Couſine ſtimmt? Iſt denn etwas in meinem Weſen, in meiner Lebhaftigkeit, was Dir mißfällt, ſo ſag es mir und ich will ſuchen, es zu ändern. — 181 Ach, ich wünſche ſo innig, daß Du ein wenig Freund⸗ ſchaft für mich fühlen könnteſt, und daß Du mich lieben könnteſt, wie ich Dich lieben will. Jenny reichte Albertine die Hand mit einem ſo herzlichen Ausdruck in ihren Blicken, daß Albertine ihr nicht länger widerſtehen konnte, ſondern wirklich gerührt die ihr dargereichte Hand ergriff. — Verzeih' mir, Jenny! Es war nicht Dein, ſondern ausſchließlich mein Fehler. Ich habe ein verſchloſſenes und wunderliches Gemüth, welches es mir ſchwer macht, mit Jemanden vertraut zu wer⸗ den; aber da Du mit ſo vieler Herzlichkeit mir Deine Freundſchaft anbieteſt, ſo wird gewiß dieſe meine Scheu verſchwinden. — Ich danke Dir für das Verſprechen!— Jenny vrückte herzlich ihre Hand.— Sei überzeugt, daß Du in mir eine redliche Freundin beſitzeſt. Haſt Du Luſt, mir Geſellſchaft zu leiſten? ich gehe zu der alten Pächterswittwe,— fuhr Jenny fort und ſteckte ihren Arm unter den Albertinens. — Iſt es weit dahin?— fragte Letztere. — Siehſt Du nicht das kleine nette Haus am Eingang zum Dorf? Dort wohnt das alte, gute Weib. — Wir können wohl in einer Stunde zurück ſein? Mama will dann eine Promenade machen. — Ja, gewiß. Die Mädchen gingen Arm in Arm über den Hof, aber das Schickſal hatte beſchloſſen, daß ſie heute keinen Beſuch bei der alten Frau machen ſoll⸗ ten; denn die Gitterpforte öffnete ſich und hinein in den Hof fuhr die kleine Droſchke des Barons. 182 — Als Baron Fritz die Mädchen erblickte, befahl er dem Kutſcher zu halten und ſtieg mit großer Vor⸗ ſicht aus dem Wagen. — Es war ein glücklicher Zufall, welcher mich gerade jetzt hierher führte, ſo daß ich Gelegenheit bekam, die Damen zu treffen,— bemerkte unſer Baron auf ſeine gewöhnliche ſchleppende Weiſe. — Und worin beſtand das Glückd— fragte Jenny mit einem nicht unbedeutenden Anſtrich übler Laune;— vielleicht darin, daß wir es zu ſehen be⸗ kämen, wie der Baron ſich ſo artig, ſo ganz wie ein älteres, ehrwürdiges Frauenzimmer aus dem Wagen helfen ließen? Mein Gott, wird denn der Baron alle wigkeit ein ſolches weibiſches und empfindliches Weſen bleiben. — Mein gnädiges Fräulein Albertine, helfen Sie mir, ſonſt bekomme ich mein ganzes Sünden⸗ „ — regiſter zu hören,— klagte der Baron mit zärtlicher Miene.— Bedenken Sie, Fräulein Jenny, daß ich ſchwache Nerven habe,— ſagte er, indem er ſich an dieſe wandte, welche bei dieſen Worten zu lachen anfing. — Sie ſind unverbeſſerlich!— brach ſie aus. — Was hat den Baron hierher geführt? — Ich wollte mir erlauben, den beiden Fräulein einen Platz in dem Wagen meiner Tante für die Nachmittagstour nach D. anzubieten. — Was mich betrifft, ſo hoffe ich mit Papa und Arvid dahin zu reiten,— antwortete Jenny lachend. — Sie ſind zu keck, daß Sie reiten,— verſicherte der Baron und ſah Jenny erſchrocken an:— Uebri⸗ 183 gens zu einem Balle zu reiten, wie geht es da mit der Toilette? Jenny zuckte die Achſeln und wandte ſich an Al⸗ bertine mit den Worten: — Nun, Albertine, was antworteſt Du? — Mama mag darüber beſtimmen. Herr Baron belieben ſich an ſie zu wenden. — Albertine!— klang es aus der Hausflut und auf der Treppe ſtand die Profeſſorin ſteif und gerade wie gewöhnlich. Der Baron und Albertine eilten ihr entgegen, und nachdem der erſtere ſeinen Wunſch vorgebracht hatte, gab die Profeſſorin zu, daß die Tochter mit Fräulein Sigrid führe. Jenny, welche nicht geruſen worden war, ſetzte ihren Weg zur Wittwe fort. Sie ging mit lang⸗ ſamen und zögernden Schritten. Als ſie ſich wieder allein befand, konnte man ſehen, daß irgend eine ſchmerzliche Erinnerung ihre frohe Seele peinigte. Um drei Uhr fuhren die Wagen des Barons hinein auf Rönby Hof. — Der Ritt, wovon Jenny geſprochen, war einer ihrer gewöhnlichen Scherze mit dem Baron, weil er immer von ſeiner Angſt über ihre Keckheit ſprach. Die Majorin und die Profeſſorin fuhren mit Fräulein Sigrid; Albertine und Jenny ſollten ihre Plätze im andern Wagen des Barons einnehmen. Während ſie im Begriff waren, in den Wagen einzuſteigen, rollte der erſte Wagen von dannen und der Baron fragte, ob der Doctor nicht in dem vier⸗ ten ledigen Sitz Platz nehmen wollte. Bei dieſem Vorſchlag ſtrahlten die Augen Albertinens und Jenny 184 erröthete, aber der Doctor ſchlug es aus, und be⸗ ſtieg den dritten Wagen bei dem Major und ſeinen Söhnen, worauf man nach D. fuhr, wo der Graf ſeine Gäſte in einen bei dieſem Anlaß aufgeführten Tanzſalon führte. Das Aeußere deſſelben beſtand aus Segeltuch und Holz, und das Innere war mit Blumen und Laub bekleidet. Bei der Weigerung des Doctors war die Stirne Albertinens finſter geworden und ſie lehnte ſich mit allen Anzeichen übler Laune und mit dem löblichen Vorſatz, ein eigenſinniges Schweigen zu beobachten, in den Wagen zurück. — Jenny ihrerſeits ſcherzte und neckte ſich mit dem Baron, und war fröhlich und froh, aber unge⸗ wöhnlich bleich. Die Geſellſchaft wurde von Muſik aus dem mit Blumen geſchmückten Tanzſalon empfangen. Alle Nachbarn der Gegend waren zu dem länd⸗ lichen Balle eingeladen. Der Graf war lauter Auf⸗ merkſamkeit gegen die Familie von Rönby, die Ar⸗ tigkeit ſelbſt gegen die Profeſſorin und ganz und gar Bewunderung für Albertine. Dies ſetzte die Profeſſorin in die brillanteſte Laune. Sie brüſtete und geberdete ſich in ihrem hellen Seidenkleid wie eine Königin, und ſprach zu denen, welche ſie umgaben, mit einer gewiſſen herab⸗ laſſenden Artigkeit. Mit lebhafter Befriedigung ſah ſie, daß der Baron ſich faſt ausſchließlich mit Alber⸗ tine beſchäftigte. Der erſte Walzer wurde geſpielt. Der Graf und Albertine eröffneten den Ball. Daß der Baron mit Jenny tanzte, betrachtete die Profeſſorin als eine Höflichkeit gegen ſie. Was ſie „ „ ——— 185 aber nicht unbedeutend ärgerte, war, daß Albertine kälter und ſteifer als je zu ſein ſchien, und daß es ihr an der hinreißenden Anmuth in ihren Bewe⸗ gungen und in ihrem Tanze fehlte, was dagegen Jenny in ſo reichem Maße auszeichnete; und daß ſie ferner der eifrigen Huldigung des Grafen mit ab⸗ ſtoßender Kälte begegnete. Daß dagegen er, der Graf, ganz und gar für ſeine Dame eingenommen ſei, war etwas, das jeder, der offene Augen hatte, ſehen konnte. Als der Walzer zu Ende war, winkte die Pro⸗ feſſorin ihrer Tochter abſeits, nahm ſie, als wenn ſie ein wenig in die freie Luft hinausgehen wollte, unter den Arm und ſagte in einem kurzen und be⸗ fehlenden Ton zu ihr: — Dein Benehmen gegen den Grafen iſt an⸗ ſtößig; man zeigt ſich nicht ſtolz gegen diejenigen, welche im Rang über uns ſtehen; das iſt ein in jeder Beziehung unpaſſender Hochmuth. Erinnere Dich, daß der Stolz nur ein Rittel iſt, diejenigen, welche nicht unſeres Gleichen ſind, in gehöriger Ent⸗ fernung zu halten. Mein Wille iſt deßhalb, daß Du dem Grafen mehr Aufmerkſamkeit erweiſeſt, und daß Du immer auf ſeine hohe Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft Rückſicht nimmſt. Albertine neigte ihren Kopf zum Zeichen des Beifalls, aber ohne etwas zu antworten. Es lag auch in dieſer ſtummen Unterwürfigkeit ein unter⸗ drückter Stolz, welcher der Profeſſorin keineswegs entging. Dies reizte ſie, aber jetzt war der Augen⸗ blick nicht dazu da, ihrem Zorne Luft zu machen; ſie fügte deßhalb nur hinzu: 186 — Ich rechne darauf, daß man mir gehorche, verſtehſt Du?— hierauf entfernte ſie ſich. — Und ich ſpüre ein unwiderſtehliches Verlangen, Dir nicht zu gehorchen,— murmelte Albertine. Gerade als ſie ſich umdrehte, ſtand der Major hinter ihr. — Hör', mein Mädchen,— ſagte er,— Du wirſt mir den Dienſt erweiſen, gegen den Doctor ſo gefällig zu ſein, ihm den zweiten Walzer zu ſchenken, denn Deine Mutter vergißt gar zu oft, was die Höflichkeit gegen ihn erfordert. — Gern, Onkel,— antwortete Albertine, wenn nur Mama nicht böſe wird. — Sieh, da biſt Du ſo furchtſamer Natur, daß Du im Intereſſe des Rechts nicht eine Rüge von Deiner Mutter ertragen kannſt. Uebrigens werde ich im ſchlimmſten Fall die ganze Schuld auf mich nehmen. Der Major winkte dem Doctor. Meine Schweſtertochter hat einen Walzer frei für Sie, Brüderlein;— darauf verließ er ſie. — Darf ich es wagen, von dieſer Gunſt Ge⸗ brauch zu machen?— fragte der Doctor. — Ja! Oder wirſt Pu den Muth haben, auch jetzt nein zu ſagen, wie beim Fahren? — Aber Deine Mutter?— Doch— dieſer Walzer wird ja unſer Abſchied. 6 — Reiſeſt Du ab? — Ich bin ſo glücklich, Ihre Zuſage für den zweiten Walzer zu haben,— tönte die Stimme des Grafen hinter ihnen,— man beginnt ihn eben zu ſpielen.. 187 — Nein, Herr Graf, es war der Doktor, dem ich denſelben verſprochen habe,— antwortete Alber⸗ tine mit Kälte. — Meine Gnädige, verzeihen Sie mir! mir verſprachen Sie ihn. Der Graf richtete ſich in ſeiner vollen Länge auf und betrachtete den Doktor mit einem wenig freund⸗ lichen Ausdruck in ſeinen Zügen. — Der Herr Graf irren ſich gewiß, denn ich hatte das Verſprechen des Fräuleins.— Der Doktor ſah eben auch den Grafen mit einem herausfordern⸗ den Blick an; aber als wenn er ſich plötzlich be⸗ ſänne, daß ein Streit Aufſehen machen könnte, fügte er höflich hinzu: — Indeſſen halte ich es für meine Pflicht, mit dem Urtheil, welches das Fräulein fällt, zufrieden zu ſein. Sagt Fräulein, daß dieſer Walzer dem Grafen gehört, ſo entferne ich mich ſofort. — Meine Tochter ruht während dieſes Walzers aus,— klang plötzlich die ſcharfe Stimme der Pro⸗ feſſorin. Sie hatte geſehen, wie der Doktor ihre Tochter anredete, und war ſofort hingegangen, um das Ge⸗ ſpräch zu unterbrechen, wodurch ſie Zeugin des Zwi⸗ ſtes wegen des Walzers geworden war. Der Doktor verbeugte ſich ſtolz ung zog ſich zu⸗ rück. Der Graf bot der Profeſſorin ſeinen Arm und führte ſie zu ihrem Platz zurück, und Albertine biß die Zähne ſo heftig zuſammen, daß ein klarer Bluts⸗ tropfen auf den Lippen zum Vorſchein kam. Sie verließ das Zelt und ging hinaus nach den Ruinen. Dieſes ihr Weggehen wurde von Niemandem als 188 dem Doktor bemerkt, welcher gerade im Begriff war, zu tanzen. Die Profeſſorin plauderte mit Fräulein Sigrid. Nach dem Walzer kam eine Frangaiſe. Die Pro⸗ feſſorin warf einen Blick auf die Tanzenden und konnte ihre Tochter nicht entdecken. Sie ſpähte nach ihr, ſah ſie aber nirgends im Zelte. Indeſſen beruhigte ſie ſich doch etwas, als ſie die Ent⸗ deckung machte, daß auch der Baron nicht zu ſehen war. — Haſt Du meine Tochter geſehen?— fragte ſie den Major. — Sie iſt bei den Ruinen mit dem Baron und dem Fräulein K. Als die Frangaiſe zu Ende war, gingen auch die Profeſſorin und einige Damen nach den Ruinen, um ſie in Augenſchein zu nehmen. Dort fanden ſie den Baron und die Mädchen, aber nicht Albertine. — Hat der Baron meine Tochter geſehen?— hieß es im ſcharfen Ton von den Lippen der Pro⸗ feſſorin. — Sie iſt im Zelte,— war die Antwort. Die Profeſſorin ging wieder dorthin. Da ſaß nun wirklich Albertine, bleich und kalt, und unter⸗ hielt ſich mit dem Grafen. Die Profeſſorin nahm, vollkommen wegen der Tochter beruhigt, wieder ihren Platz unter den Frauen ein; aber hätte ſie irgend eine Ahnung davon gehabt, was zwiſchen dem Grafen und Albertine geſprochen wurde, ſo fürchten wir, daß ſie vor Aerger Nervenanfälle bekommen hätte. — Sie tanzten nicht die Frangaiſe?— ſagte der Grof. 189 — Nein,— war die kurze Antwort. — Darf ich wagen, mir die nächſte Polka aus⸗ zubitten. — Ich beabſichtige nicht mehr zu tanzen heute Abend. — Befinden Sie ſich nicht wohl? — Doch, vollkommen wohl. — Sind Sie unzufrieden? — Ja. — Mit mir? Ja, und ich glaube, daß ich Gründe dazu abe. — Und dieſe Gründe ſind, daß Sie auf einen Walzer mit dem Doktor verzichten mußten. — Nicht der Verluſt des Walzers ärgert mich, denn ich kenne keine Macht, die mich daran hindern könnte, ihm einen andern Walzer zu ſchenken; aber Ihre Manier, zu behaupten, daß Sie ein Verſprechen S zweiten Walzer erhalten hätten, beleidigte mich. — Und die Strafe wird, daß Sie nicht tanzen. — S — Dann büßen Sie ja auch das Tanzen mit dem Doktor ein? — Den Verluſt erhalte ich in vierzehn Tagen auf Rönby erſetzt, wo dann dort Ball iſt. Albertine machte eine Bewegung, um aufzu⸗ ſtehen; der Graf aber bat ſie, ſitzen zu bleiben. — Es iſt alſo wahr, daß Sie große Sympathie für den Doktor haben? — Nennen Sie es Sympathie, wenn Sie wol⸗ len, ich hege die größte Hochachtung vor ihm, und 190 das iſt etwas, deſſen ſich nicht Jeder rühmen kann. Damit verließ Albertine den Grafen. — Wenn Du, einfältiges Mädchen, wüßteſt, wie ſehr Dein Trotz und Deine Kälte meine Liebe und das Verlangen, Dich zu beſiegen, ſteigern, Du wür⸗ deſt dich wahrlich hüten, mich ſo zu behandeln. Wä⸗ reſt Du mir mit Beifall und Aufmunterung entge⸗ gengekommen, dann wäre mein Gefühl für Dich möglicherweiſe nach und nach abgeſtorben. Jetzt lodert es jedesmal, wenn Du mir Deinen Unwillen zeigſt, um ſo heftiger empor,— murmelte der Graf und ging gerade auf die Profeſſorin zu. — Ich bin ganz unglücklich, Euer Gnaden! Fräulein Albertine iſt aufgebracht und will heute Abend nicht mehr tanzen. — Will ſie nicht?— Aus den Augen der Pro⸗ ſeſſorin ſchoß ein Blitz auf die Tochter. — Nein; ich habe ſie vergebens darum gefleht, aber nur ein rundes Nein zur Antwort erhalten. Sie kann es mir nicht verzeihen, daß ich dem Doktor das Recht auf den zweiten Walzer ſtreitig machen wollte. — Herr Graf, Sie haben gewiß meine Tochter mißverſtanden. Sie hat zu gute Grundſätze, um nicht einzuſehen, daß Sie ihr einen wirklichen Dienſt leiſteten, als Sie ſie von der Unannehmlichkeit be⸗ freiten, mit jenem Menſchen zu tanzen. Geben Sie mir Ihren Arm, ſo werde ich Ihnen gleich zeigen, daß irgend ein Mißverſtändniß ſtattgefunden. — Wie dankbar würde ich nicht ſein, wenn dem ſo wäre. Es wäre mehr als hart für mich, wenn diejenige, für welche das ganze Feſt angeordnet — 191 wurde, nicht am Tanze theilnehmen wollte. Ach, meine Gnädige, verſchaffen Sie mir dieſe Polka! — Seien Sie ruhig,— ſagte die Profeſſorin im Tone eines Alleinherrſchers. Es war ja noch nie vorgekommen, daß Albertine ſich aufrühreriſch gegen ſie gezeigt; die Tochter war ja immer eine Sclavin ihres Willens geweſen, und deshalb fiel es der Pro⸗ feſſorin gar nicht ein, an ihrer Folgſamkeit im Ent⸗ fernteſten zu zweifeln. An Albertine herangekom⸗ men, ſagte die Frau von Krug: — Der Graf wünſcht dieſe Polka mit Dir zu und ich vermuthe, daß Du nicht engagirt iſt. Die Profeſſorin richtete ihre Augen mit einem ſo harten und befehlenden Ausdruck auf die Tochter, daß Albertinens erſte unwillkürliche Bewegung die war, den Kopf zu ſenken; aber im nächſten Augenblick er⸗ hob ſie ihn wieder und begegnete dem Blick der Mutter mit einem ruhigen und beſtimmten Aus⸗ druck, indem ſie antwortete: — Ich glaube dem Herrn Grafen geſagt zu haben, daß ich heute Abend nicht mehr zu tanzen gedenke. — Aber ich wünſche, daß Du tanzeſt. Jenes Wort: ich wünſche klang im Munde der Profeſſorin, wie ich befehle, aber Albertine hatte ſich entſchloſſen, zu kämpfen, und ſich feſt vorgenom⸗ men, kein Haar breit zu weichen. Darum antwortete ſie mit derſelben Ruhe: — Ich fühle mich ermüdet und es iſt mir wirk⸗ lich verdrießlich, daß ich den Wunſch der Mama nicht erfüllen kann. 192 — Sie ſehen, meine Gnädige, daß ich rettungs⸗ — Fräulein Albertine läßt ſich nicht bewegen. — Ich hatte gehofft, Herr Graf,— ſagte Al⸗ bertine mit ſtolz emporgehobenem Haupte,— daß Sie hinreichende Achtung für meine Weigerung haben würden, um nicht zu verſuchen, durch meine mich zu dem zu zwingen, was ich nicht will. Die Profeſſorin wurde aſchgrau, der Graf pur⸗ purroth. Der Letztere verbeugte ſich indeſſen höflich vor Albertine und brachte eine verbindliche Entſchul⸗ dem Herzen hatte, ging von der Tochter mit einem daß Albertine das Herz in ihrer Bruſt dabei beben fühlte. Indeſſen dachte ſie: gehen; aber gleichviel! für was ſoll ich hernach leben? Wäre Albertine ein ſchwaches Mädchen geweſen, ſo würden ſich die Thränen aus ihren Augen her⸗ vorgedrängt haben; aber ſie war daran gewöhnt, die Gefühle ihres Herzens zu unterdrücken, und auf dieſem kalten Geſicht konnte man nichts von allen den Qualen leſen, welche ſie beherrſchten. los in Ungnade gefallen bin,— ſiel der Graf ein. „ — digung vor, worauf er ſich entfernte. Aber die Pro⸗ feſſorin, welche nicht ausſprechen konnte, was ſie auf ſo harten und entſetzlichen Ausdruck im Geſichte fort. — Der Handſchuh iſt hingeworfen, der Kampf hat angefangen. Vielleicht werde ich darin unter⸗ —— 193 Um die Gemüthsſtimmung Albertinens zu er⸗ klären, müſſen wir dem Leſer mittheilen, daß ſie bei ihrer Wanderung nach den Ruinen mit dem Doktor zuſammengetroffen war. Als er ſie das Zelt ver⸗ laſſen ſah, ging er nach einer andern Seite hinaus und betrat auf dieſe Weiſe von einer entgegenge⸗ ſetzten Richtung zu gleicher Zeit mit Albertine die Ruinen. Es iſt überflüſſig, hier das zu wiederholen, was er in Beziehung auf die Unterredung mit der Ma⸗ jorin ſagte; wir wollen bloß dieſe ſeine Worte wie⸗ dergeben. — Bis zu dem Augenblick, wo Deine Tante zu mir wie die Muttér zu dem Sohne ſprach, war ich nur von meiner Liebe beherrſcht worden. So oft die Vernunft und meine beſſern Gefühle ihre Stimme zu erheben ſuchten, wurden ſie ſtets durch die Nei⸗ gung zum Schweigen gebracht, welche mich mit 22 verbunden hat und ewig mit Dir verbinden wird. — Aber jetzt, meine geliebte Albertine, jetzt iſt die Wirklichkeit in ihrer ganzen Nacktheit an mich herangetreten und hat mich aus dem Liebesrauſche geweckt, welcher uns beide viel zu weit geführt hat. Ich hatte Deine und meine gegenſeitige Stellung klar erkannt, und habe mich dadurch an Pflicht und Gewiſſen wegen meiner Unbeſonnenheit angeklagt gefunden. — Was wünſche ich? Daß ich eines Tages vor die Welt und vor Deine Mutter hervortreten darf und Deine Hand begehren. Welche Mittel habe ich gewählt? Heimliche Zuſammenkünfte, heimlichen Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 13 194 Briefwechſel, heimliches Bündniß mit der Tochter gegen die Mutter.„ — Ah, Albertine, Deine Mutter hat Recht, mich zu verachten, und doch hätte mein erſtes Streben ſein ſollen, mir ihre Hochachtung zu erzwingen. Ihre Weigerung, ihre Tochter einem Manne zu ſchenken, welcher die Ehre ihrer Tochter bloßgeſtellt, welcher nicht Gewalt genug über ſeine Gefühle gehabt, um die flüchtigen Freuden des Augenblicks dem guten Namen und Ruf eines Weibes zu opfern, welches er liebte,— wäre vollkommen gerecht und die Welt würde ſie billigen. — Eine Mutter kann nicht einen Mann hoch⸗ achten, deſſen Liebe in keiner Weiſe edel und erha⸗ ben war— denn wenn ſie's geweſen wäre, ſo würde er mit Kraft und Gewalt die Hinderniſſe bekämpft und nicht gleich einem Dieb ſich in ein Herz hinein⸗ zuſtehlen verſucht haben, welches zu beſitzen er kei⸗ neswegs verdiente, weil er nur alles aufgeboten hat, dieſes junge unerfahrene Herz von ihren töchterlichen Pflichten wegzulocken. Aber, Albertine! ſo kann es nicht fortgehen. Ich ſchäme mich vor mir ſelber, und einmal wieder zum vollen Bewußtſein deſſen,, was meine Pflicht iſt, erwacht, wird nichts auf der Welt, ja nicht einmal meine Liebe zu Dir mich be⸗ wegen, davon abzuweichen. Meine Pflicht iſt, Dei⸗ ner Mutter zu zeigen, daß ich, obgleich ein Kind des Volkes, durch ein tiefes Gefühl für das Rechte und erhabene Charakterſtärke mich ſelbſt geadelt, und daß ich in all meinen Handlungen mich als ein Mann von Ehre betragen habe. — Ich werde nicht ferner wie bisher ihr⸗Grund „ —————— — 8— — 5b— — 195 geben, zu behaupten, daß der durch ſeine Bildung zu Ihresgleichen gewordene Gärtnersſohn nicht auch es verſtehen ſollte, durch Rechtlichkeit und Pflichtge⸗ fühl ſich über alle die Einwürfe zu erheben, welche ſie vernünftiger Weiſe gegen ihn als ihrer Tochter künftigen Gatten machen könnte. Darum, Alber⸗ tine, dürfen wir nicht mehr zuſammenkommen wie früher, nicht mehr Briefe wechſeln— alle heimliche Berührung muß zwiſchen uns abgebrochen werden. — Wir müſſen geduldig warten, bis ich mir eine in ökonomiſcher Beziehung unabhängige Stelle ge⸗ ſchaffen habe, und mit offener Stirne vor Deine Mutter hintreten und frei und offen um die Hand ihrer Tochter anhalten kann. Verweigert ſie mir dieſe, nun dann iſt das Unrecht auf ihrer Seite, und ich werde wie ein Mann für die Erreichung meines Glückes kämpfen und ſiegen. — Wie wird jetzt erſt mich meine Liebe über jedes Hinderniß erheben, da ſie mich bereits über meine eigene Schwäche erhoben hat! Welch' ſtarker Sporn wird ſie nicht für mich werden, meine Arbeit und mein Streben zu verdoppeln, da ich weiß, daß, bevor ich Dir meine Hand bieten kann, ich mich Dir nicht nähern, nicht den Klang Deiner Stimme hören, nicht ein Wort von Liebe von Deiner Hand leſen darf. Nah oder fern wird ſie doch in meiner Bruſt wohnen, feſt wie der Fels und beſtändig wie der Tod. Richard ſchwieg und führte Albertinens Hand mit einem ſo unzweifelhaften Ausdruck der Zärtlich⸗ keit an ſeine Lippen, daß ſie ſich gerührt fühlte, aber die Bitterkeit des Augenblicks dictirte ihr die Worte, welche ſie während einige Thränen des Schmer⸗ 196 zes auf ihre Hant Jerabfielen, mit gebrochener Stimme flüſterte: — Du verläßt mich? — Albertine!— rief der Doctor und legte ihre Hand an ſein Herz,— bei dem Gott, an welchen ich glaube, bei dem zeitlichen und ewigen Glück, auf welches ich hoffe, ſchwöre ich, daß, ſo lange dieſes Herz ſchlägt, ſoll es Dir, Dir allein gehören. Aber jetzt, guter Engel meines Lebens, jetzt muß ich auf eine Weiſe handeln, daß Du mir Deine Achtung ſchenken kannſt. Kein Schatten darf über unſerer Liebe ruhen, ſie muß rein und ſtark ſein.— Er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib, ſprach ſo lange und ſo ernſt und appellirte auf eine ſo hochſinnige Weiſe an ihre Seelenſtärke und ihr Pflichtgefühl, daß Alber⸗ tine zuletzt auf ſeine Worte horchte und ihre Wahr⸗ heit anerkannte. Dieſe Stimme, welche ſo ergreifend zu allen ihren edleren Gefühlen ſprach, dieſe ſo warme und doch in ihrer Selbſtaufopferung ſo hochherzige Liebe hatte für das ſtarke, im Grund rechtdenkende Weib etwas Mächtigeres und Hinreißenderes, als ſelbſt die be⸗ redteſten Aeußerungen einer glühenden Leidenſchaft. Sie wollte erſt bewundern, um nachher mit um ſo größerem Recht lieben zu können. Alle dieſe kleinlichen Anfälle von Neid und Eifer⸗ ſucht, welche ſie eine Zeit lang beherrſcht hatten, ſanken in die Vergeſſenheit zurück, und Richard ſtand vor ihr wie einer dieſer ſtarken Geiſter, die ſich keiner Schwäche bewußt ſind. Durch eine freiwillige Auf⸗ opferung wurde all das Große und Starke in Be⸗ wegung geſetzt, welches bisher unbewußt auf dem 1e 197 Boden der Seele Albertinens geſchlummert und das man nur berühren durfte, damit es ins Leben gerufen werde. Gewiß iſt es, daß Albertinens Liebe gerade dadurch an Stärke zunahm, daß ſie ſich vor Richard wie vor einem überlegenen Weſen beugen mußte. — Nun, meine geliebte Albertine— lebe wohl! wir müſſen uns trennen; ich ſehe den Baron und die Fräulein K. herankommen. — Und dies iſt unſere letzte Zuſammenkunft? — Ja, bis ich es wagen kann, Dir meine Hand anzubieten. Richards Stimme war bewegt. Er ſchwieg. Zum erſtenmal drückte er einen Kuß auf Albertinens Lippen. — Richard! ich werde ſterben,— ſtammelte Albertine. — Nein, Geliebte, Du wirſt leben, um mich einſt für das Opfer zu belohnen, welches ich heute für Ehre und Gewiſſen gebracht. Im nächſten Augenblick war er verſchwunden und Albertine kehrte mit langſamen Schritten und trau⸗ rigem Herzen in den Salon zurück. Sie hatte in⸗ deſſen jetzt Richard, wie es ihr ſchien, in ſeiner rech⸗ ten Geſtalt geſehen,— hoch und edel, mit einem zugleich ſtarken und warmen Herzen. Um ſeiner würdig zu ſein, glaubte ſie ihrerſeits die ſclaviſche Furcht, welche ſie bisher vor der Mutter gehegt, die ſie aber jetzt für eine der Verlobten Richards un⸗ würdige Feigheit betrachtete, wegwerfen zu müſſen. Ein ausgezeichneter Denker, Doctor Andreas Combe, ſagt in einem ſeiner Werke über den menſch⸗ lichen Charakter,— daß die Anlagen unſerer Seele den Tönen eines Inſtruments gleichen, welche erſt 198 erklingen, wenn man ſie anſchägt. In dieſen Wor⸗ ten liegt eine tiefe Wahrheit. Wie viele reiche Schätze ſchlummern nicht im Menſchenherzen, weil es ihnen an einer Anregung von außen fehlt! So auch mit Albertine. In ihrer Seele befand ſich der Samen zu allem, was den Menſchen veredelt und erhebt, aber nicht ein einziges dieſer Samenkörner war während der Jugend gepflegt worden, oder hatte Früchte getra⸗ gen; ſondern es waren die zärtlichen Bande, durch welche das Kind an die Mutter geknüpft wird, durch Strenge und Herrſchſucht vollkommen in Unwirkſam⸗ keit gelaſſen worden. Keine Zärtlichkeit von Seiten der Mutter regte ihre urſprünglichen Anlagen zu Achtung und Ergebenheit an, ſondern die Furcht hatte Verſtellung, die Verſtellung nach und nach Un⸗ wahrheit hervorgerufen. Der Deſpotismus, womit ſie behandelt wurde, verjagte das Vertrauen und legte den Samen zu einem Aufruhrsgeiſt, welcher die Luſt zum Ungehorſam überall da wachrief, wo der Ungehorſam verborgen werden konnte. Zu thun, was ihr verboten war und dann mit heimlicher Schadenfreude daran zu denken, daß ſie jetzt etwas gethan, welches in directem Widerſpruch mit dem allmächtigen Willen der Mutter ſtand,— das war leider ein gewöhnlicher Genuß für Alber⸗ tine als Kind. Obgleich Albertine Muth und Seelenſtärke, ja Anlagen zu den wirklich edlen Gefühlen, der Hin⸗ gebung und Selbſtaufopferung beſaß, ſo waren dieſe Anlagen doch nie lebendig geworden, ſondern die ver⸗ kehrte Erziehungsmethode der Mutter hatte im Ge⸗ 199 gentheil in ihr Gefühle erweckt, wie Hochmuth, Egoismus und Neid. Daß dieſe Fehler nur bis zu einem gewiſſen Grade bei Albertine hervortraten, dafür hatte ſie nur ihrer guten Natur zu danken. War nun die Profeſſorin in der allerbeſten Laune abgereiſt, ſo kehrte ſie dagegen in der allerärgerlich⸗ ſten Stimmung zurück. Nicht genug damit, daß Albertine den Grafen verletzt, welcher ihr eine ſo ausgezeichnete Aufmerk⸗ ſamkeit bewieſen; ſie hatte ſogar ſelber mit an⸗ gehört, wie kalt ſie die dringende Bitte des Barons, mit ihr tanzen zu dürfen, abgewieſen hatte und das trotz allen mütterlichen Befehlen. Dieß war etwas ſo Unerhörtes, daß die Profeſſorin mit Beben an die Möglichkeit dachte, die Tochter werde auf eine ähn⸗ liche Weiſe gegen ſie auftreten wollen, wie der Sohn; indeſſen beſaß ſie— und damit tröſtete ſie ſich— eine weit ausgedehntere Macht über Albertine als Mädchen, als über den Mann Albert. Während die Profeſſorin dieſes überlegte, hielt der Wagen auf Rönbyhof an. Die Glocke läutete 6 Uhr Morgens, man war müde und Jeder begab ſich zur Ruhe, ausgenommen die Profeſſorin. Sie gehörte nicht zu Denjenigen, welche durch Schlaf und Müdigkeit ſich davon ab⸗ ſchrecken laſſen, das auszuführen, was ſie ſich vor⸗ genommen. Als ſie die Treppe hinaufging, wandte ſie ſich an die Tochter und ſagte: — Ich will mit Dir ſprechen. Albertine folgte der Mutter auf ihr Zimmer. Die Profeſſorin ſetzte ſich in das Sopha. Alber⸗ tine blieb ſtehen. — Mein Wille iſt, zu erfahren, was das Fräu⸗ lein dieſen Abend beabſichtigte. War es vielleicht, mich zu beleidigen? Der eiſenharte Ausdruck in den Zügen der Pro⸗ feſſorin hatte etwas Furchterregendes. Die Wangen Albertinens waren eben ſo bleich, wie die der Mutter, ihre Haltung ebenſo unbeugſam und ihre Stirne ebenſo ſtolz, als ſie antwortete: — Wenn Jemand heute Abend beleidigt worden iſt, ſo bin ich es. — Du!— Die Profeſſorin erhob ſich heftig und mit einer drohenden Geberde. — Ja, gerade ich!— oder wie ſoll ich es nen⸗ nen, daß Mama mich faſt mit Gewalt zwingen wollte, mit einem Menſchen zu tanzen, der mich ver⸗ letzt hatte. — Schweige!— rief die Profeſſorin und ſtreckte die Hand gegen die Tochter aus.— Hüte Dich, im Trotze eine Vertheidigung Deines Benehmens zu ſuchen, und zu vergeſſen, daß Du mit Deiner Mutter ſprichſt! ich könnte dann auch Deine 19 Jahre ver⸗ geſſen und Dich wie ein ungezogenes Kind behandeln. Albertine drückte die Hände gegen die Bruſt, athmete tief und antwortete mit gedämpfter Stimme: — Wenn ich die Achtung vergeſſe, welche Mama das Recht hat zu fordern, ſo geſchieht es nur deß⸗ halb, weil Mama mich nie als eine Tochter be⸗ handelt hat. Ich bin eine Sklavin geweſen, ſonſt nichts; aber ſo weit gehe ich nicht in ſtlaviſcher Ehr⸗ furcht, daß ich einen Menſchen aufmuntere, den ich verachte. Der Geſichtsausdruck der Profeſſorin wurde ent⸗ 201 ſetzlich; ſie faßte den Arm der Tochter und drückte ihn krampfhaft mit ihren magern, aber kraftvollen Fingern. — Biſt Du wahnſinnig, daß Du ſo zu mir zu ſprechen wagſt, oder kennſt Du mich ſo wenig, daß Du glaubſt, ich würde ein ſolches Benehmen dulden? Höre jetzt genau auf das, was ich Dir ſagen will: — Wenn Du es wagſt, verſtehſt Du, von dem Gehorſam, welchen Du mir ſchuldig biſt, abzuweichen, oder Perſonen Mißachtung zu zeigen, welche Du meinem Willen gemäß achten mußt, ſo werde ich Dich dadurch ſtrafen, daß ich Dich von Minna trenne; ſie, verſtehſt Du! wird die Strafe für Deine Ver⸗ brechen zu erleiden haben. Und fährſt Du demunge⸗ achtet fort, mir zu trotzen, ſo wirſt Du nie Deinen Bruder wiederſehen; ich laſſe Dich dann an einem Orte unterbringen, wo Du immer von ihm getrennt ſein wirſt. Gehe nun und verlaſſe nicht Dein Zim⸗ mer, bevor Du von mir die Erlaubniß dazu haſt, ſofern Du mich nicht zwingen willſt, Dir vor Allen eine demüthigende Zurechtweiſung zu geben! Gehe nun! Albertine ſtand unbeweglich; nach dem heftigen Wogen ihres Buſens zu urtheilen, ſchien ein gewal⸗ tiger Kampf in dem Herzen des jungen Mädchens ausgekämpft zu werden. Sie öffnete den Mund, um zu antworten, aber ſie ſchloß ihn wieder und entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſagen. — Sie war leichter gebändigt, als ich glaubte,— murmelte die Profeſſorin, öffnete die Thüre zum vorderen Zimmer und rief Martha herein. 202 Albertine trat in ihr Zimmer bleich wie der Tod, aber keine Thräne, keine Klage bahnte ſich Weg aus ihrer gepeinigten Bruſt; dagegen nickte Sie Minna mit einem traurigen Lächeln zu und ſetzte ſich ſchweigend in das Sopha. — Wie ſteht es, Albertine?— fragte Minna und bedeckte ihre Hände mit Küſſen. — Helfe mir, das Kleid aufmachen, ich erſticke, — ſtammelte Albertine. — Mein Gott, biſt Du krank? — Nein! ſtill! es wird gut, wenn ich nur Luft bekomme. — Um Gotteswillen, Albertine, ſage, was hat ſich zugetragen? — Frage mich nicht, meine arme Minna; ich kann mein ſtolzes Herz nicht vor Dir öffnen. Ach! ich bin zu unglücklich, um meine Qual in Worte kleiden zu können. Ein Strom von Thränen erleichterte ihre heftig beklemmte Bruſt. Nachdem ſie ausgeweint hatte, zog ſie ein Morgen⸗ kleid an und bat Minna, zur Ruhe zu gehen! aber ſie hätte eben ſo leicht den Tod bewegen können, ſeinen Raub wieder herauszugeben, als Minna dazu vermögen, von ihrer Seite zu weichen, wenn ſie betrübt war. Vielleicht war Minna der rettende Engel, wel⸗ cher Albertine davon abhielt, unter der Tyrannei der Mutter ganz gefühllos zu werden. Sie war es, welche ihren zärtlichen Gefühlen Nahrung gegeben und ihrem kindlichen Herzen das Bedürfniß der Zu⸗ neigung geweckt hatte. Als Albertine älter wurde, 203 hatte Albert durch Lectüre und Geſpräche ihre Sym⸗ pathie für hochherzige und große Thaten zu wecken geſucht; aber da er ſelbſt einen mehr ſtrengen als milden Charakter beſaß, ſo eignete er ſich nicht da⸗ zu, in dem Herzen des jungen Mädchens das Be⸗ dürfniß der Güte und Liebe zu entwickeln. Ganz ungleich verhielt es ſich mit Minna. Sie war ein kleines, verlaſſenes Kind, ohne Beſchützer, ohne Angehörige, und ſelbſt im höchſten Grade des Schutzes bedürftig. Als Kind wurde Albertine ihre Beſchützerin. Obgleich ſie faſt in denſelben Jahren waren, ſo hatte doch Albertine beim Anblick der ſtrengen, faſt unbarmherzigen Züchtigung, mit welcher die kleine Minna bei dem geringſten Verſehen be⸗ ſtraft wurde, dem Verlangen, diejenige zu be⸗ ſchützen, welche auf der Erde keinen Schutz hatte, nicht widerſtehen können. Beging Minna einen Fehler, ſo nahm Albertine ihn auf ſich, und dieß legte von Seiten Minna's den Grund zu einer beinahe unbedingten Ergebenheit für ihre junge Herrin. Sie ſah in Albertine ihr Ideal, und Alles, was dieſe that, glaubte ſie, ſei recht und gerecht. Die Zuneigung Minna's ſtützte ſich auf Erkennt⸗ lichkeit, die Albertinen's auf Mitleid. Weil aber der Erziehung, die beide erhielten, die moraliſche und religiöſe Grundlage abging, ſo waren auch ihre Be⸗ griffe von Recht und Unrecht ganz verworren. Zu lügen hielten ſie nicht für Unrecht; ſich zu einem verbotenen Spiel hinzuſchleichen, wurde von den klei⸗ nen Mädchen als berechtigt angeſehen; aber zu ver⸗ geſſen, die Hand der Profeſſorin zu küſſen, oder ihr 204 Taſchentuch aufzuheben, wenn ſie es verlor, oder nicht augenblicklich ihr die Thüre zu öffnen, wenn ſie ſich derſelben näherte, alles dieß glaubten ſie, ſeien unverzeihliche Fehler. Laßt uns zu dem obengenannten Abend zurück⸗ kehren. Statt, wie Albertine ſie gebeten hatte, zur Ruhe zu gehen, ſetzte Minna ſich auf einen Schemel und richtete ihre Augen auf Albertine, auf dieſelbe theil⸗ nehmende und treue Weiſe, auf welche der Hund ſeinen Herrn betrachtet, wenn er es nicht wagt, ſich ihm zu nähern. Albertine hatte neben einem Tiſche Platz genom⸗ men, und ſchien ſich zum Schreiben anzuſchicken. Lange Zeit verhielt ſie ſich ſtill, ſtützte den Kopf auf die Hand, während die Thränen langſam, eine nach der andern, auf das Papier fielen. Darauf ſchrieb ſie: „Richard! Obgleich Du ſagteſt, daß wir auf allen Brief⸗ wechſel verzichten müßten, ſo bin ich doch jetzt damit beſchäftigt, an Dich zu ſchreiben. Ich habe, ſeit wir uns trennten, viel gelitten, viel gedacht und einen harten Kampf gekämpft, einen bitteren Streit ge⸗ ſtritten; und doch ſind ſeitdem nur einige Stunden verfloſſen. Es kommt mir vor, als wenn ich mehrere Jahre älter geworden, als wenn das Leben, die Menſchen und mein eigenes Innere mir in einem ganz andern Licht erſcheinen, als früher. Es ſcheint, als wenn unſere letzte Unterredung neue, bisher in meiner Seele ſchlummernde Gedanken und Gefühle erweckt . * 205 hätte; als wenn ſie mir auf einmal einen klaren Begriff von dem gegeben hätte, was ich ſein ſollte, was ich geweſen bin und was ich jetzt bin. Du haſt vor den Blicken meiner Seele eine neue Welt eröffnet und mich in ein neues Daſein hineinſchauen laſſen; aber ich fühle mich fremd und einſam in dieſer Welt, zu deren Schwelle Du mich geführt. Bin ich wohl dieſelbe, die ich war vor unſerer Unter⸗ redung? Nein. Meine Seele iſt in einigen Augenblicken gereift und hat ſich entwickelt. Sie iſt herausgetreten aus den engen Banden, welche ihre edleren Kräfte ge⸗ fangen hielten. Ich bin mir ſelbſt ein Fremdling. Ich gleiche einem Menſchen, deſſen Augen ſtets nach der Erde gewandt waren, aber plötzlich durch eine unſichtbare Macht auf den Himmel gerichtet werden, und dann, geblendet von dem Licht und der Klarheit, welche ihnen entgegentreten, nicht mehr auf die nie⸗ dere, dunkle Erde zurückſchauen möchten. Du haſt mir die hohen Pflichten des Lebens gezeigt; Du haſt vor meinen erſtaunten Blicken ein ſchönes Gemälde entrollt; aber auch dieſes Gemälde war keine roman⸗ tiſche Malerei und viel zu herrlich, um von uns ſchwachen Sterblichen erfaßt werden zu können. Nein, Du haſt durch Deine Handlungsweiſe bewieſen, daß man den Genuß und das Glück des Augenblicks ſeiner Pflicht, ſeiner Ehre und ſeinem Gewiſſen opfern muß, und daß dasjenige Glück, welches wir uns auf Koſten jener kaufen, eines Tags ſich in Fluch ver⸗ wandeln wird. Richard, ich kniee vor Deiner moraliſchen Größe, welche zu gleicher Zeit mein Herz zermalmt und mir 206 die bitterſten Qualen ſchafft, während ich unter den Martern der Verzweiflung wimmernd mich krümme, möchte ich dankbar Deine Hände küſſen, weil Du in mir die Gedanken an ein höheres und edleres Stre⸗ ben erweckt haſt, als das iſt, welches in der Befrie⸗ digung des Verlangens des Augenblicks ſein einziges Ziel ſieht. Richard, Du warſt der Einzige, welcher auf dieſe Weiſe die edleren Inſtinkte meiner Seele anregen konnte, weil Du der Einzige biſt, den ich geliebt mit der ganzen Gluth der Leidenſchaft und mit eiferſüchtiger Furcht, Dich zu verlieren. Du machteſt meine ganze Welt, meine Zukunft und meine Gegenwart aus, aber indeſſen hatte die Liebe ihren Urſprung in einer mir innewohnenden Luſt zum Widerſpruch; denn ich wußte gewiß, daß ein ſolches Gefühl eine gegen den Deſpotismus meiner Mutter gerichtete Kriegserklärung war. Eine Art Rachegefühl gegen die Unterdrückung, welche mein Leben verbitterte, war der Grund zu dieſer Liebe. Nachher wurde ich von deiner geiſtigen Ueberlegenheit hingeriſſen; Du beherrſchteſt mich mit Deinem Verſtand. Ich war ein Mädchen, welches nothwendig denjenigen Mann am höchſten lieben würde, der es ſeine eigene Unbedeutſamkeit kennen lehrte. Ich hatte von meiner Mutter nie gelernt, vor etwas Anderem Achtung zu hegen, als vor zwei Dingen: Geburt und Reichthum. Mein Bruder lehrte mich Geiſt, Bildung und Kenntniſſe hochachten. Als ich zum Mädchen heranwuchs, veranlaßte mich der Geiſt des Widerſpruchs, alles mit Unwillen anzuſehen, was die Sympathie meiner Mutter ez⸗ p. 207 weckte, darum verachtete ich das, welchem ſie Be⸗ wunderung ſchenkte, und das, was den Menſchen in ihren Augen herabſetzte, das hob ihn in den meinigen. Noch bis geſtern habe ich mich nur vor der All⸗ macht des Geiſtes gebeugt, vor dieſem demüthigte ſich mein ſtolzes Herz, und der Mann, den ich lieben ſollte, mußte durch die Kraft ſeiner Seele ſich ſeine Bahn brechen. Du warſt ein ſolcher Mann und darum liebte ich Dich. Daß moraliſche Ueberlegenheit noch etwas höher ſei, hatte mich Niemand gelehrt. Nein, oft wenn Du mir Einwürfe gegen unſere Liebe machteſt und mir vorſtellteſt, daß ſie eine Verletzung meiner Pflichten als Tochter ſei, ſo kam es mir vor, als wäreſt Du von ſchwachem und ſchwankendem Charakter, und ich zeigte oft eine Unterwürfigkeit, welche meinem Herzen fremd und nur erheuchelt war, um Deine kindliche Unruhe, wie ich ſie bei mir nannte, zu beſchwichtigen. Ich hätte in ſolchen Stunden gewünſcht, daß Du mit Gewalt alle Hinderniſſe weggeräumt und offen meiner Mutter getrotzt, ja daß Du mich ge⸗ beten hätteſt, mit ihr zu brechen und mich Dir zu übergeben. Dieß wäre nach meiner Ueberzeugung bei Dir ein Beweis von Kraft geweſen. Daß ich Pflich⸗ ten als Tochter hätte, dieſes fühlte ich nie. Aber jetzt— jetzt ſchaue ich mit Schüchternheit auf mein vergan⸗ genes Leben zurück. Was bietet es dar— Richard, iſt die Albertine, der Du geſtern ſo feierlich Treue ſchwurſt, iſt ſie wirklich Deiner würdig? Mit vor Scham geſenkter Stirne muß ich es geſtehen, daß ſie unwürdig iſt, ein Gegenſtand der Liebe eines ſolchen Mannes zu ſein, wie Du biſt. PVielleicht wird ſie eines Tages Deiner würdig werden; vielleicht wird auch ſie dieſe wahre moraliſche Auffaſſung des Lebens und ihrer Pflichten gegen Andere, wie Du es ihren geiſtigen Blicken darſtellteſt, ſich einſt erkämpft haben; aber wer ſoll ſie ſtützen, wer leiten auf die⸗ ſen unbekannten Wegen? Wer ſoll ſie aufrecht halten im Streite gegen äußere und innere Feinde, welche ſich gegen ihre moraliſche Entwicklung erheben werden? Sage wer, — wenn ſie nicht mehr Deine Stimme hören, nicht mehr ein Wort der Aufmunterung leſen, nicht mehr das Recht haben wird, vor Dir ihre Seele auszu⸗ ſchütten, ihren Schmerz zu klagen und ihre Kämpfe zu erzählen. Bisher iſt mein Herz ein für Alle ge⸗ ſchloſſenes Buch geweſen. Ja, auch für Dich ge⸗ ſchloſſen; jetzt, wo es ſich öffnen möchte, wo es ſeine Fehler zu beichten und Dich zu ſeinem Gewiſſen zu machen wünſchte— jetzt ſind wir getrennt— ge⸗ trennt für Jahre. Gibt es denn nichts, das in die⸗ ſem ſtrengen Urtheil gemildert werden kann? Gib mir wenigſtens den Troſt, Dir ſchreiben zu dürfen, damit ich durch Deine Worte in meinem Streben nach dem Guten und moraliſch Edlen geſtärkt werde. Zum erſtenmal habe ich mich meiner Mutter gezeigt, wie ich bin; zum erſtenmal habe ich gewagt meinen eigenen Willen zu zeigen, einen eigenen Ge⸗ danken auszuſprechen; aber that ich das, wie ich ge⸗ ſollt hätte, wie eine Tochter? Nein.— Sie war die deſpotiſche Tyrannin, ich der ohnmächtige Unterthan. — Was gewann ich dadurch?— Nichts.— Die aite Rolle paſſiven Gehorſams, welche ich bisher geſpielt habe, iſt mir zuwider, und dieſe neue, 209 des trotzigen Widerſtandes iſt nur der Ausdruck mei⸗ nes gekränkten Selbſtgefühls; beide ſind einer Toch⸗ ter der Mutter gegenüber unwürdig. Aber iſt ſie denn wirklich Mutter, dieſes Weib ohne Herz, ohne Liebe, ohne irgend ein anderes Streben, als das zu herrſchen? Habe ich wirklich die Pflichten eines Kindes gegen Sie? Richard! meine Seele iſt ein Chaos, in welchem der beſſere Theil mit dem ſchlechteren kämpft, wo die eben angeſchlagenen Saiten ſich in einer fort⸗ währenden Disharmonie mit dem befinden, welches von meiner früheſten Kindheit an widerklang. Mein Egoismus kann ſich nicht vertragen mit meinem höheren Streben; welche dieſer beider Na⸗ turen wird ſiegend aus dem Kampfe hervorgehen? Sieh, das iſt eine Frage, mein Richard, welche Du allein beantworten kannſt. Stärke mich, unterrichte mich, und ich werde vielleicht mein Haupt ſtolz er⸗ heben können und ſagen: jetzt bin ich Deiner wür⸗ dig!— Verlaſſe nicht Deine arme Albertine.“ So war der Brief, welchen das junge Mädchen ſchrieb. Der Doktor fand ihn am folgenden Mittag auf ſeinem Tiſch. Dieſes Selbſtbekenntniß einer ſo ſtolzen und verſchloſſenen Natur, wie Albertine iſt, rührte ihn tief, gab ihm aber auch doppelten Muth, in Uebereinſtimmung mit dem zu handeln, was Ehre und Herz forderten. Der Doktor ſah klar ein, daß Albertine wirklich Jemandes bedurfte, welcher ihre edleren Inſtinkte am Leben erhielte, damit ſie nicht ganz und gar von all dem Unkraut, das die Mutter in der Tochter Herz ſäete, erſtickt wuͤrde. Es iſt Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 14 210 mit unſerer Moral wie mit unſeren Sinnen; dieſe letzteren werden durch Mangel an Uebung zu Grunde gehen; ſo auch die moraliſchen Fähigkeiten; ohne Nahrung ſterben ſie aus und vertrocknen wie die Pflanzen, denen das Waſſer fehlt. Mit dieſen Ge⸗ danken ergriff der Doktor die Feder, um das Selbſt⸗ bekenntniß Albertinens zu beantworten. Bisher hatte ihr Briefwechſel nur von Liebe gehandelt, nicht ein einziges Wort als dieſes ewige Einerlei, und doch ewig neuer Stoff war darin zu finden geweſen; jetzt dagegen war eine ganz andere Auffaſſüng ihrer ge⸗ genſeitigen Stellung in's Leben gerufen worden. Der Liebhaber war vor dem Freund, dem Führer zurückgetreten. Ob Richard Albertine darum weniger liebte? Nein! Seine Liebe war in demſelben Augenblick ſtärker und tiefer geworden, in welchem er den gan⸗ zen Einfluß, den ſie auf Albertinens beſſeren Menſchen ausüben konnte, eingeſehen hatte. Hier folgt das, was er ſchrieb: „Albertine! Die Gefühle, welche Dein Brief in mir hervorgerufen, ſind ſo mannigfaltig, daß ich ſie weder ſchildern kann noch will. Das Einzige, was ich klar fühle, iſt, daß Du mir theurer und heiliger biſt als je. Meine Liebe iſt jetzt feſter und tiefer als je, jetzt wo Du ohne Verſtellung mich in Deine Seele haſt ſchauen laſſen; aber eben ſo feſt iſt auch mein Vorſatz, daß kein einziges Wort von dieſer Liebe zwiſchen uns gewechſelt werden darf, bevor ich vor Gott und Menſchen das Recht habe, ſie offen zu geſtehen. Aber ebenſo unerſchütterlich wie mein Vorſatz in dieſer Beziehung iſt, ebenſo klar ſteht es N 3 E 211 vor meiner Seele, daß ich die Rolle eines Liebha⸗ bers mit dem eines Freundes vertauſchen muß. Verſtehe mich recht, meine hochherzige Albertine! Ich ſehe ein, daß Du eines Vertrauten bedarfſt, auf deſſen Urtheil Du Dich verläßſt, an deſſen Ehre Du glaubſt und da Du mir ſagſt, daß ich glüͤcklich genug bin, Dir Vertrauen einzuflößen, ſo laſſe mich für Dich das ſein, was ein weit entfernter Freund ſein könnte. Der Richard, welcher Deine Liebe beſitzt, welcher Dir ſeine Treue geſchworen, er iſt bis auf jenen Tag verſchwunden, an welchem er Dir ſeine Hand bieten kann; aber der Freund bleibt. Ich würde Dein ſtolzes und ſtarkes Herz ſchlecht kennen, wenn ich nicht glaubte, daß Du allein, ohne Stütze dieſen Kampf ſollteſt auskämpfen können und ſiegreich aus dem Streit hervorgehen würdeſt, wel⸗ cher Dich zu einer wahren Veredlung führen wird; aber ich wäre nicht der Richard, welcher auf der Erde Dich am Höchſten liebt, wenn ich nach einer ſolchen Aufforderung Dich allein laſſen könnte. Siehe, dies iſt mein Rath. Richte Dir ein Tage⸗ buch ein, vertraue demſelben Deine Gedanken, Deine Gefühle, Deine Handlungen an jedem Tage an. Spreche in dieſen Blättern zu Deinem abweſenden Freunde, ſchreibe darin nieder Alles, was Dein Herz ihm ſagen will, und ſende ihm am Schluß des Jah⸗ res dieſe Blätter. Albertine, ich werde ſie leſen, ich werde ein ſtrenger und unpartheiiſcher Richter ſein, welcher ſeine Aufmerkſamkeit auf die Fehler richten und mit Ernſt ſie zu verbeſſern ſuchen wird; aber — dieſe Blätter dürfen nicht ein Anlaß zum Aus⸗ tauſch der Sehnſucht werden, welche unſere Liebe 212 fühlt, ſondern nur ein Mittel, durch welches wir beide zu einer klaren Anſchauung unſerer höheren Pflichten geführt werden. Ach, meine holde Freundin, dieſe Notizen werden eine wirkſame Veranlaſſung für Deinen Richard wer⸗ den, daß er ſich würdig der hohen Begriffe zu ma⸗ chen ſucht, welche Du von ſeinem moraliſchen Werthe haſt. Er muß ſich anſtrengen ein ſolches Muſter der Seelenſtärke und erhabenen Ehrgefühls zu werden wie das iſt, wofür Du ihn häliſt,— er muß ein Mann von felſenfeſten und unerſchütterlichen Grund⸗ ſätzen werden. Jetzt noch ein paar Worte über Deine Mutter. „Dieſes Weib ohne Herz,“ ſagſt Du. Kind, dieſe Worte ſind zu hart. Weißt Du wohl, ob nicht ein Herz unter dieſer kalten Hülle ſchlägt, ob nicht Liebe in dieſer Strenge liegt. Du mußt es wenigſtens von derjenigen glau⸗ ben, welche Dir das Leben gegeben. Du ſagſt, Du habeſt Dich ihr gezeigt, wie Du biſt. Albertine, als Tochter biſt Du ihr Achtung und Liebe ſchuldig, ſelbſt wenn ſie als Mutter hart und kalt geweſen; denn merke Dir genau: Das iſt nie ein Grund für uns, unſere Pflichten gegen Andere zu vergeſſen, daß Andere ſie gegen uns vergeſſen. Wenn Dein Rechtsgefühl und Dein Gewiſſen Dir ſagen, daß Du ihr nicht gehorchen kannſt, ſo mußt Du in Deinem Widerſtand Aufrichtigkeit, nicht Trotz an den Tag legen und gerade durch ein ehr⸗ furchtsvolles Benehmen das Bittere zu mildern ſuchen. Und jetzt, meine Geliebte, ein langes Lebewohl; 213 aber weder dieſes Lebewohl noch irgend eine Macht der Erde kann mich zwingen von Dir abzuſtehen. Ich habe das Gelübde Deiner Treue, Du haſt das meinige, und während ich mit Kraft daran arbeiten werde, daß Du einſt meine Gattin wirſt, betrachte ich Dich ſtets als meine Verlobte und dieſes biſt Du, ſofern ein feierlicher, vor Gott abgelegter Eid eine bindende Kraft beſitzt. Die Gelübde, welche uns an einander binden, können nur mit dem Tod gelöst werden. Dein Richard.“ Den ganzen Tag nach dem Balle war weder Albertine noch die Profeſſorin ſichtbar geworden. Die Hälfte des Vormittags hatte man geſchlafen, und als das Mittageſſen angekündigt wurde, mel⸗ dete man, daß die Profeſſorin und das Fräulein durch Unpäßlichkeit zu erſcheinen verhindert ſeien. Die Mittagstafel war außerordentlich langweilig, die Jugend war verſtimmt; Ernſt war wie immer ſtill; Arvid war es noch nicht gelungen, mit ſich ſelbſt ins Gleichgewicht zu kommen, und Jenny, die eigentliche Freudebringerin des Hauſes, fröſtelte es, wie ſie ſelber ſagte, nach dem Balle. Der Doktor ſah ernſt aus. Der Major war bei ſehr ſchlechter Laune, und dieſes warf auch einen Schatten von Un⸗ ruhe auf das ruhige Geſicht der Majorin. Als man gegeſſen und Kaffee getrunken hatte, ritt der Major hinaus aufs Feld. Ernſt wanderte nach Stjernebro, 214 Arvid ging hinauf in ſeine Kammer, wo er ſich ein⸗ ſchloß, und der Doktor fuhr auf Krankenbeſuch. Jenny ſaß im Saale neben einem der offenen Fenſter, ſie hatte ein Buch bei ſich, ohne daß der Blick den ſie auf daſſelbe heftete, ſich von einem Buchſtaben zum andern bewegte. Nein, er ſtand ſtill. In einem der kleinen Sopha's ſaß die Majorin und war eifrig damit beſchäftigt, Leinewand von einem großen Gewebe zuzuſchneiden. Von Zeit zu Zeit flog ein Blick hinüber nach der Tochter, aber ohne daß ſie irgend eine Frage, wegen ihres gedan⸗ kenvollen Ausſehens that. Nach Verlauf einer langen Weile ſchüttelte Jenny den Kopf, als wenn ſie irgend einen fremden Ein⸗ druck hätte verjagen wollen, dann wandte ſie ihr Geſicht gegen die Mutter, und als ſie ihren Augen; begegnete, ſagte ſie lächelnd: — Ich will wetten, Malinchen, daß Du eben jetzt dachteſt, was fehlt der Jenny, die daſitzt und vor ſich hinſtarrt? — Ja, ich wundere mich darüber, denn Du ge⸗ hörſt ſonſt nicht zu den Gedankenvollen. — Du wirſt doch nicht behaupten, daß ich zu den Gedankenloſen zu rechnen bin? Jenny ſtand auf und ging hin, um ſich auf einen Schemel zu den Füßen der Mutter zu ſetzen. — Nein, mein Kind, Du biſt ein ganz vernünf⸗ tiges Mädchen, aber Du gehörſt nicht zu denen, welche grübeln, ſondern eher zu denjenigen, welche das Leben von der fröhlichen Seite anſehen. — Das iſt wahr; aber bisweilen häufen ſich die Eindrücke und die Gedanken in der Seele eines —— — 215 Menſchen bis zu einem ſolchen Grade, daß man ſich ſelbſt ordentlich Gewalt anthun muß, um ſich von ſeinen Grübeleien loszureißen.... Und Du fragſt mich nicht, woran ich dachte? — Du weißt ja, Jenny, daß ich nie frage, wenn es ſich darum handelt, mir etwas anzuvertrauen, ſon⸗ dern daß ich warte, bis man mir es freiwillig mit⸗ theilt. Soll dergleichen irgend einen Werth haben, ſo muß es ohne alle Art von Aufforderung geſchehen, denn eine Frage enthält immer ein Beſtreben, ſich etwas etzwingen zu wollen, was man uns nicht freiwillig gibt. Uebrigens weiß ich ja, daß ich immer früher oder ſpäter Deine Gedanken und Gefühle erfahre. — Ja, Mama, Du haſt Recht. Wer ſollte der Vertraute meines Herzens ſein, wenn nicht Du? Wer ſollte alle meine Gedanken und Gefühle leſen, wenn nicht Du? Indeſſen fürchte ich, daß ich Dir diesmal eine ziemlich ſeltſame Mittheilung machen muß, die Dich ſicherlich in Verwunderung ſetzen wird. Es kommt mir vor, als wenn ich zu gleicher Zeit wei⸗ nen und lachen müßte. Jenny liebkoſte die Hände der Mutter und ſagte mit ihrem jugendfriſchen Lächeln: — Du darſſt Dir gern die Freiheit nehmen, Malinchen, Deine Jenny recht tüchtig auszulachen, denn wenn ich die Sache genau überlege, ſo verdient alles nur ausgeſpottet zu werden. — Nun, da habe ich nichts dagegen! Ich will Dich lieber über Deine kleinen Mißgriffe lachen als weinen ſehen. Munterkeit und eine fröhliche Lebens⸗ anſchauung gehören Deinem Alter, ja, ſo verkehrt 216 ſind die Begriffe Deiner Malin, liebe Jenny, daß ſie Deine friſche, jugendliche Fröhlichkeit für weit nütz⸗ licher für eine geſunde moraliſche Entwickelung hält, als jene ſchwermüthige Grübelei, welche gewöhnlich Mißvergnügen und Mißmuth zeugt. Aber komme nur hervor mit dem großen Geheimniß, welches wahrſcheinlich ſo anfängt: — Es war einmal ein Mädchen und das hieß Jenny — Ganz richtig.— Und das Mädchen hatte, ſeit ſie ein Kind war, einen jungen Mang geſehen, welcher 6 Jahre älter war als ſie und mit ihr auf⸗ wuchs. Er hieß Fritz Silfverkrona. Sie erinnert ſich ſehr wohl der Zeit, wo dieſer Fritz ein fröhlicher und gewandter Jüngling war, und in einem Alter von 14 Jahren ſchrieb ſie in ihr Tagebuch welches bei der Gelegenheit eingerichtet wurde, daß er ein in jeder Beziehung liebenswürdiger junger Mann ſei. — Ganz richtig,— fiel die Majorin lachend in— und jenes Tagebuch bekam ihre Mama zu eſen. — Jaha, und die Frau Mama fand für gut, recht heiter darüber zu lachen. — Und das Mädchen Jenny wurde darüber ſo daß ſie die ganze Lumperei ins Feuer warf. — Das iſt wahr, aber ſie erhielt zu derſelben Zeit einen ſehr ſtrengen Lehrer, welcher ſie ſo ſtark beſchäftigte, daß ſie gar keine Zeit mehr bekam, an den damals 22 jährigen Baron von Fritz zu denken, welcher außerdem die Artigkeit hatte, die Gegend zu verlaſſen. Und er blieb fort— vier Jahre. — 217 — Nein, Du irrſt Dich, er kam nie wieder. Zwar kehrte eine Geſtalt zurück, welche ungefähr ſein Geſicht, ſeinen Wuchs und ſeinen Namen hatte; aber es war nicht derſelbe lebensfriſche, für alles Gute, Edle und Schöne ſchwärmende Jüngling, wel⸗ cher vor vier Jahren fortgereist war. Nein, es war ein bleicher, gleichgültiger, weichlicher, verzärtelter und weibiſcher Edelmann, der nur an Luxus und Bequemlichkeit dachte, der nur ungeheure Summen daran verſchwendete, das Gut ſeiner Väter mit beiſpielloſer Pracht einzurichten, aber bei all dem ſich gar nicht um das Wohl ſeiner Unterthanen kümmerte, nicht einen einzigen Schritt that, um ihre ökonomiſche Lage zu verbeſſern, und kein Auge für die Unterdrückungen hatte, welche ein harter Inſpec⸗ tor ſich gegen ſie zu Schulden kommen ließ. — Aber gegen Jenny und ihre Eltern war er derſelbe. Seine Freundſchaft gegen ſie hatte ihn ſelbſt überlebt, wenn ich mich ſo ausdrücken darf.— Ja, und dieſes machte auch, daß, wie ſehr auch Jenny ſich über ſeine Gefühlloſigkeit gegen Bedürftige, über ſeine wahnſinnige Leidenſchaft für einen thörichten Lurus ärgerte, und wie oft ſie ihn auch wegen ſeiner Faulheit und ſeines weibiſchen Weſens neckte, ſo verſprach ſie ihm doch, als er ſie einmal darum bat, daß ſie ihm ſtets eine ſchweſterliche Freundin blei⸗ ben würde. — Und in dieſer ſchweſterlichen Freundin bekam er einen kleinen Plagegeiſt, welcher fortwährend Be⸗ merhüngen über ſein Betrag machte, ihn ſcharf aus⸗ i und bisweilen recht unbarmherzig aus⸗ achte. 218 — Aber er begegnete allen dieſen Ausfällen mit einem Phlegma, dem nicht beizukommen war; bis⸗ weilen beantwortete er ſie in einem ſolchen freund⸗ lichen und unterwürfigen Ton, daß ſie wirklich an⸗ fing, ihn deßhalb ſchweſterlich zu lieben. — Dazu trug wohl nicht wenig bei, daß er bei kirchlichen und anderen feierlichen Gelegenheiten Jenny den Auftrag gab, an ſeiner Stelle reiche Unter⸗ ſtützungen äàn die Armen zu vertheilen. — Das kann nicht beſtritten werden. Genug ſie ihn herzlich gern. So ging es einige Zeit, ann— Jenny hielt inne, und eine hübſche Röthe ergoß ſich über ihre Wange und Stirn. Mit einem ein⸗ nehmenden und verlegenen Lächeln blickte ſie zur Mutter hinauf und fragte: — Kannſt Du errathen, was ſich dann zutrug, Malinchen? — So ziemlich,— antwortete die Majorin lächelnd. — Nein, Malin, das kannſt Du nicht. — Warte, Du wirſt es hören: Da kam zu Jenny's Eltern ein junger, hübſcher Doctor, mit einem gewinnenden Benehmen, überlegenen Verſtande und einer in allen Beziehungen reich ausgeſtatteten Perſönlichkeit. Wenn er ſpräch, ſchwieg Jenny, und lauſchte mit glühenden Wangen ſeinen Worten. Wenn ſie ſich mit ihm unterhielt, war ihre Converſation geläufiger, ihre Stimme milder und ihre Augen ſtrahlender, als ſonſt. Sie fing an, zwiſchen dem Freund, dem Baron, und dem eben Angekommenen Vergleiche anzuſtellen, welche zur Folge hatten, daß —,— ————— 2¹9 der arme Baron ganz in den Schatten geſtellt wurde. Die Freundſchaft für ihn wurde vergeſſen, ſie wurde launiſch und oft böſe gegen den früheren Freund ihrer Kindheit. — Nein, Mama, das wurde ich nicht,— fiel Jenny purpurroth ein. — Sei ſtill und laß mich ſchließen. Sie wurde böſe und ſchonungslos gegen den Baron, und machte ihn zur Zielſcheibe ihrer Sarkasmen, ſo oft er ſich ihr näherte; aber nicht genug damit. Es gab ein anderes junges Mädchen, welches hübſch, reich und ſtattlich war. Jedesmal, wenn der Doctor ſeine Augen auf dieſes junge Mädchen richtete, wurde Jenny unzufrieden. Sie begann ſich mit dieſem ihr in ſo mancher Beziehung überlegenen Mädchen zu vergleichen, und zum erſten Male fühlte ſie Neid in ihrem Herzen erwachen. Kurz: Jenny war nach Ankunft des Doctors neidiſch und launiſch geworden. — Niemand kann Dich beſchuldigen, daß Du eine gute Sache verdirbſt,— brach Jenny lachend aus, und verbarg ihr Geſicht an der Mutter Bruſt. Du malſt wirklich jene arme Jenny recht nett, und wenn Du fortfährſt, ſo wird ſie wirklich zuletzt ein kleines Unthier werden. — Das gerade nicht, aber ſie ſtand indeſſen unter dem Einfluß von weniger edlen Gefühlen, und hätte ſie nicht, wie ſie es wirklich that, ernſtlich gegen ſie zu arbeiten begonnen, ſo würden ſie leicht die beſſeren Inſtincte in ihrer Seele haben erſticken können. Während ihres ganzen früheren Lebens war nichts paſſirt, welches jene hätte wecken können, aber die dämmernde Neigung für den Doctor, und das Auß⸗ 220 treten einer ſo gefährlichen Nebenbuhlerin wie Cou⸗ ſine Albertine, riefen ſie hervor, und ſie wurde von den Plagegeiſtern des Reides und der Unzufrieden⸗ heit verfolgt. — Bisher hatte Jenny ſich nicht das Ziel ge⸗ ſteckt, irgend einer einzelnen Perſon zu gefallen, aber der Docktor weckte zum erſtenmal dieſes Streben. Sie wollte gerade ihm gefallen, und Alles, was ſich dieſem Verkangen entgegenſtellte, wurde ihr unan⸗ genehm. Darum wurde ſie ſowohl gegen den Baron wie gegen Albertine ſo wenig freundſchaftlich ge⸗ ſtimmt. — In Folge dieſes Strebens, ſich bei dem jungen Arzte beliebt zu machen, fing ſie an, ſich darüber zu beunruhigen, nicht ſchön zu ſein und nicht alle dieſe äußeren Vorzüge zu beſitzen, welche Albertine aus⸗ zeichneten. Dies ging ihr um ſo viel mehr zum Herzen, als ſie ganz wohl einſah, daß der Doctor, ſeiner ausgezeichneten Artigkeit ungeachtet, kein leben⸗ digeres Intereſſe für ſie empfand. — Alles dies ſah ihre Mama und ſchwieg. — Ja, was wollteſt Du, daß die Mutter hätte thun ſollen? Hätte ihre Mutter ſie in geheime Beichte genommen, ihr verboten, mit dem Doctor zu coquettiren, ihr geſagt, daß der Doctor ſich gar nicht um ſie kümmere, und durch eine lange Predigt ihr klar zu machen geſucht, daß es ganz häßlich ſei, neidiſch zu ſein;— glaubſt Du wirklich, daß die Mutter damit etwas Beſonderes gewonnen hätte? — Ach nein, das will ich nicht behaupten; im Gegentheil glaube ich, daß Jenny doch dieſelbe wie ther geweſen wäre. 221 — Das glaube ich auch; und es hätte leicht paſſiren können, daß Jenny ſich damit geſchmeichelt hätte, die Aufmerkſamkeit des Doctors auf ſich ge⸗ zogen zu haben, denn das war ja etwas, worüber Mama nicht ſo genau Beſcheid wiſſen könnte. — Malin, Du biſt wirklich entzückend,— ſagte Jenny, und küßte die Hände der Mutter; denn Alles in Allem genommen, ſo machte der Vergleich zwiſchen der Reſeda und der Roſe weit mehr Eindruck auf Jenny, als die erbaulichſte Strafpredigt. — Möglich. Indeſſen ſchwieg die Mutter, gab genau Acht auf die Tochter, und ſah bald ein, daß Jenny nicht auf eigene Hand über ihre Gefühle ins Klare kommen, ſondern eines ſchönen Tages ſich zu den Füßen ihrer Mutter ſetzen würde, um ihr Alles zu erzählen, was ihre Mutter vorher errathen hatte. Sie ging gerade und wartete darauf, als ein plötz⸗ licher Zufall Jenny entdecken ließ, daß der Doctor — in die ſchöne Couſine verliebt ſei. — Welche Wirkung brachte jene Entdeckung her⸗ vor?— fragte Jenny und lehnte ihr glühendes Geſicht gegen die Bruſt der Mutter. — Ich erwarte, daß ich das zu hören bekommen werde. — Liebe, liebe Malin, das ſollſt Du. Als mein Verdacht, daß der Doctor, trotz ſeiner gegen Alber⸗ tine an den Tag gelegten Kälte, ſie doch liebe, beſtätigt wurde, da hatte ich ein Gefühl, als wenn man mir einen gewaltigen Schlag verſetzt hätte, der mir auf einige Secunden das Bewußtſein raubte; aber einen Augen⸗ blick darauf hatte ich wieder den vollen Gebrauch meiner Beſinnung, denn es fiel mir ein, in welcher 222 Gefahr Albertine ſchwebte, falls es mir nicht gelänge, Arvid zur Ruhe zu bringen. Ich vergaß meinen eigenen Schmerz, um nur an die Rettung Alber⸗ tinens denken zu können. Welche entſetzliche Unan⸗ nehmlichkeiten wird nicht Arvid ihr bereiten, wenn er ſeinen aufgeregten Gefühlen folgt, dachte ich, und gab mir nach Kräften Mühe, ihn zu beruhigen. Nachdem Du ihn unter die Hände bekommen, wurde ich ruhig. — Während Du die kleine Zuſammenkunft mit dem Doctor hatteſt, wurde ich endlich Herr meiner Gefühle, und ich überzeugte mich, daß ich möglicher⸗ weiſe Albertine nützlich werden könnte, Albertine, welche ſo allein in der Welt ſteht; darum beſchloß ich, ihr meine Freundſchaft anzubieten, obgleich mein verwundetes Herz ſich halbwegs dagegen auflehnte. Ich hielt es für meine Pflicht, Albertine zu zeigen, wie gern ich ihre Freundin ſein wollte. Nach dieſem Ereigniß kam die Reiſe nach D. zu dem Ball. In Zeit von einigen Stunden, welche ſeit⸗ dem verfloſſen, fühlte ich, daß es mir nie gelingen würde, mit meinem eigenen Ich ins Reine zu kom⸗ men, bevor ich mein Herz vor Dir ausgeſchüttet. Es ſteht jetzt klar vor mir, daß ich mehr auf mich ſelbſt, als auf den Doktor böſe bin, weil er Alber⸗ tine leiden mag, denn ich ſehe die ganze letztere Zeit vor mein Gedächtniß treten und zwar nicht ſo ganz zu meinem Vortheil. Dazu ſcheint mir mein Be⸗ nehmen gegen den Baron und Albertine mehr als unfreundlich geweſen zu ſein, was ich aufrichtig be⸗ reue. Und was mir ſchließlich am meiſten wehe 223 thut, iſt, daß ich meine, Du könneſt gar nicht auf Deine Jenny ſtolz ſein. — Aber das bin ich doch, denn Deine Hand⸗ lungsweiſe gegen Albertine zeigte Dein durch und durch gutes Herz, meine Jenny. — Liebſte Mama, ſchmeichle mir nicht. Denke nur daran, doß ich Alles aufbot, was ich konnte, um liebenswürdig zu ſein. Jenny legte die Hände der Mutter über's Ge⸗ ſicht und flüſterte: — Und war ich nicht ſelbſt auf dem Weg, den — Den Doktor zu lieben,— fiel die Majorin ein und drückte Jenny an ihr Herz,— aber Du liebſt ihn nicht? — Nein, Mama, das war nur ſo ein aufdäm⸗ merndes Wohlgefallen an ihm, das mir indeſſen manche ſchmerzliche Stunde bereitet und mich um eine Erfahrung bereichert hat, die mir von Nutzen ſein wird. Jedenfalls, liebe Mama, habe ich Vieles gegen Albertine wieder gut zu machen. Ich möchte gern zu ihrem Glücke beitragen. Als die Majorin ſich niederbeugte und Jenny's Stirne küßte, fühlte ſie ſich ſo dankbar gegen Gott welcher ihr eine ſolche Tochter wie Jenny mit einem ſo guten und redlichen Herzen geſchenkt hatte. Vierzehn Tage waren vergangen, als der 27ſte Hochzeitstag des Majors und der Majorin kam. An dieſem Tage wollte der Major die Freude und Fröh⸗ 224 lichkeit um ſich ſehen, und man hatte dann immer Ball auf Rönby. Es war der 16. Auguſt. Albertine war die zwei erſten Tage nach dem Balle auf D.. zum Zimmerarreſt verurtheilt ge⸗ weſen. Ihre Einſamkeit war indeſſen einmal von der Profeſſorin erheitert worden; dieſelbe hatte näm⸗ lich eine lange und erbauliche Predigt darüber ge⸗ halten, wie ſtrafbar Albertine ſei, welche es gewagt hätte, ſich gegen ſie aufzulehnen, und wie es die Schuldigkeit eines Kindes ſei, blind ſeiner Mutter zu gehorchen u. ſ. w. Nicht ein einziges Wort der Liebe, der Anhänglichkeit oder der Zärtlichkeit war über die Lippen der Mutter gekommen, denn alle ſolche Gefühle waren ihr fremd. Sie hatte ihren Kindern das Leben gegeben und hielt ſich deshalb allein für berechtigt, über ſie zu verfügen, weshalb ſie ihnen auch alles Recht abſprach, einen ſelbſtſtän⸗ digen Gedanken zu hegen. Das Leben, welches ſie ihnen geſchenkt, gehörte ihrer Anſicht gemäß nicht ihnen, ſondern ihr. Jenny war, trotz der Meldung der gnädigen Tante, daß Albertine, weil ſie unwohl ſei, allein zu bleiben wünſche, zu der Couſine hinaufgeſchlichen; ſie plauderte und ſcherzte ſo herzlich und fröhlich mit Albertine, daß ſie unwillkürlich ſie für ſich einnahm und einen Theil der Schwermuth, welche ſie be⸗ herrſchte, zu verſcheuchen half. Minna ſtand in manchen Beziehungen zu tief unter Albertine, als daß ſie eine Seele wie die ihrige ganz hätte verſtehen ſollen. Sie konnte des⸗ halb zur Vertrauten all' der Gedanken und Gefühle, welche Albertine bewegten, nicht wohl gemacht werden. Während der Unterredung mit Jenny in den zwei Tagen, wo ſie anderer Geſellſchaft beraubt war, hatte Albertine einſehen gelernt, daß eine ſolche Freundin wie Jenny eine reiche Quelle des Troſtes und der Linderung ſein würde. Auf die Arreſttage folgten zwei Wochen, welche ohne alle Berührung zwiſchen dem Doktor und Albertine dahin ſchwanden. Die Morgenpromenaden wurden fortgeſetzt, aber jetzt war Jenny die dritte Perſon. Täglich fand Graf Stormhjelm ſich auf Rönby ein und wurde immer vom Baron begleitet. Der Graf quälte buchſtäblich Albertine mit ſeiner Auf⸗ merkſamkeit, aber ohne allen Erfolg. Im Gegentheil leuchtete ihr Unwille ſo deutlich hervor, daß derſelbe ihn oft verletzen zu müſſen ſchien; aber einen Au⸗ genblick darauf verdoppelte er ſeine Aufmerkſamkeit und das mit einer ſolchen Ausdauer, daß ſie oft genug Albertine zur Verzweiflung brachte. Endlich kam der große Tag. Da gab es ein ungeheures Laufen und Sprin⸗ gen auf Rönby. Jenny hatte außerordentlich viel damit zu thun, Blumen in Vaſen zu ordnen, und war im Drange der Geſchäfte zu Arvid hinaufge⸗ ſtürzt, welchen ſie zwang herunterzukommen, um ihr zu helfen, obgleich er in romantiſche Verzweiflung vertieft war; er hegte eigenſinnigerweiſe nämlich noch die Hoffnung, daß er ſchließlich irgend eine paſſende Gelegenheit finden würde, einen günſtigen Eindruck auf Albertine zu machen. Gerade als Jenny vor einem Schrank in der Hausflur auf einer Staffel ſtand und damit beſchäf⸗ tigt war, Porzellan herauszunehmen, welches Arvid Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 226 in Empfang nahm, erſchien die Profeſſorin auf der Treppe und der Major in der Hausflurthüre. — Mein lieber Guſtav! woran denkſt Du, daß Du es immer erlaubſt, daß Deine Kinder Dienſtboten⸗ geſchäfte thun? Es iſt ja recht anſtößig, die eine Stunde das Fräulein am Webſtuhl ſitzend, die an⸗ dere, wie jetzt, mit Mägdearbeit beſchäftigt, anzu⸗ treffen und in einem dritten Falle in Geſellſchaft mit Fremden zu ſehen. Es iſt wirklich empörend, der ſimplen Gewohnheiten Zeuge zu ſein, denen die Kinder meines Bruders ſich hingeben. — Höre'mal, Sophie, laß Du meine Kinder in Ruhe, und kümmere dich nicht um ſie, ſondern gib lieber Acht, daß die Leute im Dorf nicht zu viel Stoff zu Bemerkungen über Deine eigene Fräulein Tochter bekommen. Mehr will ich jetzt nicht ſagen, um nicht den Hausfrieden zu ſtören. Der Major ging mit raſchen Schritten über die Hausflur in den Saal hinein. Die Profeſſorin warf ihm einen wüthenden Blick nach und wanderte mit ihrer ſtolzen Haltung hinaus in den Hof. Der Nachmittag kam und das Haus wurde voll vornehm, wie gewöhnlich. Der Baron war lauter Artigkeit, ſprach mit der Profeſſorin von der Schön⸗ heit Albertinens und von der Gunſt, die er wünſche, daß Ihre Gnaden ihm ſchenken möchte, weil er bald in den Fall kommen würde, dieſelbe in Anſpruch zu nehmen. Die Profeſſorin antwortete verbindlich. Auch der Graf zeigte eine zuvorkommende Aufmerk⸗ ſamkeit gegen die Profeſſorin und ſie ſchien der Mit⸗ von Gäſten. Die Profeſſorin war ſtolz, ſteif und * 227 telpunkt der gemeinſchaftlichen Huldigung dieſer bei⸗ den Herren zu ſein⸗ Die Muſik ſpielte eine Promenade Polonaiſe. Der Baron eröffnete ſie mit der Majorin, der Graf führte die Profeſſorin. Darauf kam der erſte Walzer. Der Baron und Jenny waren das erſte Paar und die Profeſſorin hätte beinahe einen Angſtruf ausge⸗ ſtoßen, als ihr Blick auf das zweite fiel. War das wirklich ihre Tochter? Ja, es war Albertine in ihrem hellrothen Seidenkleid, welche mit dem Sohne ihres eigenen Gärtners walzte. Die ſcharfen Augen erweiterten ſich und ſie fühlte, daß ſie der ganzen Achtung vor ſich ſelbſt bedurfte, um nicht ihrem Zorne freien Lauf zu laſſen. — Befinden ſich Eure Gnaden nicht wohl?— fragte eine Stimme neben ihr. Mit einer jähen Be⸗ wegung und brennend heißer Stirne blickte ſie um ſich denn ſie fühlte ſich nach ihrer Anſicht öffentlich beſchimpft. Reben ihr ſtand der Graf. — Es ſcheint mir, als wenn ich heute nicht mehr Erfolg habe, als auf D... hob der Graf an;— auch heute habe ich vor dem jungen hübſchen Dok⸗ tor zurückſtehen müſſen. Man muß geſtehen, daß er ein ganz hübſcher Mann iſt und daß man mit einem Ausſehen wie das ſeinige mehr als ein junges Mäd⸗ en vergeſſen machen kann, daß man unter Sellerie und Paſtinaken aufgewachſen iſt. — Keine äußere Schönheit, Herr Graf, kann ein Fräulein Krug dazu bringen, dieſes Menſchen niedrige Abkunft zu vergeſſen,— antwortete die Profeſſorin ſcharf. ſei, ſeinen zurückgehaltenen Gefühlen Luft zu machen. — Dieſen Walzer, mein Fräulein, belieben Sie. 228 — Und doch tanzt Fräulein jetzt mit ihm. — Mein Bruder hat ſie wohl dazu vermocht, denn er macht fürchterlich viel Weſen aus dem Men⸗ ſchen da. Aber ich kann dem Herrn Grafen die Verſicherung geben, daß meine Tochter ohne Zweifel die ganze Laſt dieſer Höflichkeitspflicht empfindet. — Daos ſcheint wenigſtens nicht ſo. Der Graf betrachtete durch ſeine Lorgnette die Walzenden. Die Profeſſorin, welche durch die Worte des Grafen gereizt worden war, ſtand heftig auf, verließ den Saal und ging hinein in das Vor⸗ gemach. Der Graf blickte ihr nach und murmelte: — Sie ſoll mir beiſtehen. Ich muß dieſes ſtolze und widerſpenſtige Mädchen beſitzen. Welche grau⸗ ſame Jronie, daß ich, Graf Stormhjelm, jung, reich und ſchön, auf Widerſtand bei einem Mädchen ſtoße, welches nur dem Kleinadel angehört. Aber dieſer Widerſtand reizt mich nur. Ich ſchwöre, daß ich ſiegen werde. Beim zweiten Walzer war der Graf nicht glück⸗ licher, denn dieſen tanzte Albertine mit dem Baron. Er mußte ſich mit dem vierten begnügen, denn der dritte war an Arvid vergeben. Der vierte Walzer kam. Der Graf ſtand vor Albertine mit einem bleichen Geſicht, in deſſen ganzem Ausdruck etwas von unterdrückter Leidenſchaft lag, etwas, das zu erkennen gab, daß der Graf jetzt bereit mir zu gönnen,— ſagte der Graf. Schweigend und mit einer kleinen Kopfverbeugung — „ 229 reichte Albertine ihm die Hand. Im nächſten Augen⸗ blick war ſie von ſeinen Armen umſchlungen und feſt ſchloß ſich dieſer Arm, welcher ſie in dem Wirbel des Walzers dahinführte, um den ſchlanken Leib. — Ich habe mir einen Wunſch auszubitten,— flüſterte der Graf während des Walzers. — Welchen denn? — Gönnen Sie mir nach dem Schluß des Walzers einige Augenblicke. — Ich verſtehe Sie nicht, Herr Graf! Jetzt machte man eine kleine Pauſe, um zu ruhen, und der Graf fing an, von gleichgültigen Dingen zu ſprechen; aber ſobald man wieder tanzte und Nie⸗ mand als Albertine hören konnte, was der Graf ſagte, hob er jetzt nicht mehr in einem bittenden, ſondern in einem drohenden Tone an: — Ich wünſche Ihnen einige Worte zu ſagen, Fräulein von Krug, und ich hoffe, daß Sie meine Bitte nicht abſchlagen werden, denn ich verſichere Sie, daß ich ſonſt Luſt bekommen könnte, Doctor Berg⸗ ſtröm zu fragen, was ihn ſo oft in die Nähe des Waldhüter⸗Hauſes geführt hat. — Der Doctor wird Ihnen ſchon die Frage be⸗ antworten, deſſen bin ich vollkommen gewiß,— ant⸗ wortete Albertine ſtolz. — Auch wenn ich die Frage laut vor Ihrer Mutter an ihn richtete? Albertine erbleichte. — Eine Unterredung von einigen Minuten, wäh⸗ rend einer kleinen, kurzen Promenade in der freien Luft und ſo, daß Alle es ſehen können,— ſiehe, das iſt Alles, was ich verlange, oder richtiger, ein wenig 4 230 ausruhen auf dem kleinen grünen Sopha unter dem Baum vor dem Fenſter. Albertine ſchwieg. Während des Walzers wurde kein Wort mehr zwiſchen ihnen gewechſelt. Endlich war er zu Ende. Ganz artig führte der Graf Al⸗ bertine hinaus in den Hof mit den Worten: — Die Hitze hier im Saale iſt drückend. Mitten vor den offenſtehenden Saalthüren ſtand ein kleines grünes Sopha. Dorthin führte er Alber⸗ tine und nahm Platz neben ihr. Er ſtützte den Ell⸗ bogen gegen die Rücklehne und ſprach mit einer dem Anſchein nach ſo gleichgültigen Miene, daß Niemand unter allen denen, welche um ſie herum ſchwärmten, etwas Anderes glauben konnte, als daß der Graf; von den gewöhnlichſten Dingen in der Welt con⸗ verſirte. Albertine hatte ſich in die Sophaecke zurückgelehnt und ſpielte mit ihrer Lorgnete, ohne daß die Worte des Grafen irgend eine andere Veränderung auf ihrem Geſichte hervorzurufen vermochten, als daß es noch kälter und ſtolzer wurde. Auf der Treppe zur Hausflur ſtand, an den Thürpfoſten gelehnt, der Doctor und ſprach mit“ Ernſt. Der Baron und Jenny promenirten in der Allee. Arvid ſteckte den Kopf durch's Fenſter in ſeines Vaters Zimmer hinaus, als er Albertine und den Grafen allein ſo ſitzen ſah.. — Es iſt,— ſagte der Graf,— mit dem Ab⸗ ſcheu wie mit der Liebe; derſelbe reizt und regt an. — Wenn man Liebe erweckt, ſo ſehnt man ſich danach, das Glück zu genießen, welches einem ent⸗ gegenlächelt; ruft man Abſcheu hervor, dann wird v—— — 231 man von einem heftigen Verlangen, ihn zu über⸗ winden, ergriffen. Der Graf hielt einen Augenblick inne und be⸗ trachtete Albertine, welche, unbeweglich und kalt, nicht durch eine einzige Bewegung ihre Billigung oder Mißbilligung zu erkennen gab. — Warum verabſcheuen Sie mich?— fügte er plötzlich hinzu. — Herr Graf, wer hat Ihnen geſagt, daß ich Sie verabſcheue? Albertinen's Stimme war ſo gleichgültig, daß faſt etwas Verletzendes darin lag. — Ihr ganzes Benehmen gegen mich hat mir dieſe Ueberzeugung beigebracht. — Mein Benehmen hat Ihnen dann die Un⸗ wahrheit geſagt; ich verabſcheue Sie nicht, Herr Graf! — Sie weichen mir aus. — Durchaus nicht; ich ſuche Sie weder, noch weiche ich Ihnen aus. Der Graf machte eine ungeduldige Bewegung, aber er mäßigte ſich und ſetzte das Geſpräch mit einem gleichgültigen Lächeln fort, damit alle dieſe Augen, welche ſo oft auf ihn und Albertine gerichtet wurden, nicht den Gegenſtand ihrer Unterhaltung er⸗ rathen möchten. — Vor dem Balle auf D.. beliebten Sie mir eine kalte Höflichkeit zu zeigen, die mir gewiß keinen Grund gab, zu vermuthen, daß es mir gelungen ſei, ihre Theilnahme zu erwecken; aber ich ſchien Ihnen auch nicht verhaßter als Andere zu ſein.— Aber nach dem Balle haben Sie bei meinen Beſuchen hier einen 232 ſo deutlich ausgeſprochenen Unwillen an den Tag gelegt, daß derſelbe wirklich Abſcheu ähnlich ſah. Wodurch habe ich mir dieſen zugezogen? — Unwille und Abſcheu, Herr Graf, ſind in unſerer moderaten Zeit ziemlich ſuperlative Aus⸗ drücke. Ich verſichere Sie, daß es Ihnen noch nicht gelungen iſt, irgend ſolche Gefühle in mir zu erwecken. — Erweiſen Sie mir die Güte, dem Gefühl einen paſſenden Namen zu geben, welches Sie ſeit dem Balle auf D... beherrſcht hat. Die Stimme des Grafen war nicht ſo ruhig, wie ſein Geſicht. — Brauche ich das? Ich meinte, der Graf be⸗ ſäße feinen Takt genug, um nicht nöthig zu haben, zu fragen, was mich verändert hat, oder welcher Name dieſer Veränderung beigelegt werden muß. — Um Vergebung, aber es fehlt mir wirklich an dieſer feinen Auffaſſungsgabe. — Nun, dann iſt es billig, daß ich Sie darüber aufkläre. In dem Tone Albertinen's lag etwas unnach⸗ ahmlich Stolzes. — Sie haben durch die Vermittelung meiner Mutter mich dazu zwingen wollen, mit Ihnen zu tanzen, nachdem Sie vorher dem wirklichen Verhält⸗ niſſe zum Trotze behauptet hatten, mein Verſprechen für einen Walzer zu haben, den ich bereits einem Andern zugeſagt. Sie würden durch ein ſolches Be⸗ nehmen mich auf eine grauſame Weiſe beleidigt haben, wenn Sie nicht eben dadurch gezeigt hätten, daß Sie deſſen vollſtändig unkundig ſeien, was der 233 Anſtand von einem Manne verlangt, welcher durch ſeine Geburt höher als Andere zu ſtehen vermeint. Es iſt dieſe Ueberzeugung, welche in mir den Wunſch hervorgerufen hat, mich ſo wenig als möglich einer neuen Probe dieſes Mangels an Erziehung oder Charakter bei Ihnen bloßzuſtellen. Jetzt habe ich mich erklärt und ich hoffe, daß Sie mich nicht zwingen werden, Ihnen länger zuzuhören. — Einen Augenblick, mein Fräulein,— fiel der Graf ein, welcher, während Albertine ſprach, ſehr bleich geworden war.— Ich bin erſt beim Anfang unſerer Unterredung und Sie werden es verzeihen, wenn ich Sie jetzt zwinge, mich anzuhören. Jede Entſchuldigung für das, was geſchehen iſt, wäre nur ein ohnmächtiger Verſuch, denn mein Betragen iſt unverzeihlich, wenn nicht drei Worte genügten, es nicht allein zu erklären, ſondern auch zu entſchuldigen. Fräulein Albertine,(der Graf beugte ſich vor, als wenn er einen Zweig vom Baume brechen wollte, und fügte dann hinzu) ich liebe Sie! Seine hellblauen Augen ſchoſſen einen Blitz auf das junge Mädchen, welches unbeweglich blieb, ohne daß diefe Worte irgend einen ſichtbaren Eindruck auf ſie gemacht hatten. Er fuhr fort: — Ich liebe Sie heftig und ernſt. Jeder Gegen⸗ ſtand, welcher ſich zwiſchen mich und Sisſtellt, iſt mir verhaßt und in einem ſolchen Augen wilder Erbitterung wäre ich im Stande, Alles zu vergeſſen, was die Welt in dieſer Beziehung von mir fordert. Ach! Albertine, ich fühle es, daß Ihr Widerſtand nur meine ſchlechteren Gefühle in Bewegung geſetzt hat und mich veranlaßt, lieber jede Hondlung zu „ 234 begehen, als von Ihnen abzuſtehen. Sie können aus mir einen Heiligen oder einen Dämon machen. Der Graf hielt inne und betrachtete Albertine, welche äußerlich kalt und undurchdringlich blieb. Als er keine Antwort erhielt, hob er wieder an: — Oft hat dieſes Bekenntniß auf meinen Lippen geſchwebt, aber mein Stolz hat mich zurückgehalten, und es würde gewiß noch eine Zeit lang nicht aus⸗ geſprochen worden ſein, wenn nicht Ihre Kälte mich gereizt, wenn nicht meine Eiferſucht mich dazu ge⸗ trieben hätte, eine Erklärung zu erhalten. Geſtern beabſichtigte ich, bei Ihrer Mutter um Ihre Hand anzuhalten, aber ich ſchwieg, ſchwieg, weil ich erſt wiſſen mußte, was ich von Ihnen zu hoffen, was ich von Silfverkrona zu fürchten hatte. Das Letztere weiß ich, das Erſtere bleibt nur noch übrig, zu er⸗ fahren. Fräulein Albertine, ich bin nicht vermeſſen genug, mich für geliebt zu halten! Nein, ich flehe Sie blos an, daß Sie mir Hoffnung geben, daß Sie mir ſagen, Ihr Herz ſei frei, und daß Sie eines Tages meine Gattin werden wollen. Sagen Sie ein Wort, ein einziges! — Dieſes Wort, Herr Graf, beraubt Sie aller Hoffnung;— ich habe bereits mein Herz wegge⸗ ſchenkt. — Hüten Sie ſich vor dem, was Sie ſagen,— murmelte der Graf und ſtüzte den Kopf auf die Hand, um den Ausdruck heftiger innerer Bewegung, die er nicht unterdrücken konnte, zu verbergen.— wäre alſo Wahrheit in dem, was man behauptet, aß Der Graf hielt inne, denn auf Albertinen's 235 Antlitz thronte ein ſo edler Ernſt, daß er alle Kraft, fortzufahren, verlor. — Verzeihen Sie, Fräulein Albertine,— ſtam⸗ melte er mit bewegter Stimme;— ich will Sie nicht verletzen, nicht beleidigen, aber ich fühle, daß jeder Tropfen meines Bluts ſich in Galle verwan⸗ deln würde, wenn Sie mir nicht Hoffnung geben, wenn Sie nicht das entſetzliche Wort zurücknehmen, das alle meine ſchönſten Hoffnungen vernichtet. Aus Barmherzigkeit gegen uns Beide, ſagen Sie, daß das, was Sie eben ausgeſprochen, nur ein grau⸗ ſamer Scherz geweſen. — Herr Graf, ich gehöre nicht zu denen, welche mit Gefühlen ſcherzen. Ich habe eine ernſte, eine unerſchütterliche Wahrheit ausgeſprochen. Albertine ſtand auf. — Der Waldhüter ſollte alſo ſeiner Behauptung nach Recht haben, daß Sie mit Doctor Bergſtröm heimliche Zuſammenkünfte gehabt,— ſagte der Graf mit einer von Zorn gedämpften Stimme und bot Albertine den Arm. — Herr Graf! Ich habe Ihnen offen geant⸗ wortet und ich erwarte, daß Sie nach dieſer meiner Antwort Lebensart genug haben werden, um nicht das Geſpräch fortzuſetzen. — Sie täuſchen ſich, Fräulein, wenn Sie mit dieſen Worten mich entwaffnet zu haben glauben. Ich habe ja geſagt, daß die Schwierigkeiten nur meine Neigung ſteigern. Ach! dieſer Liebling Ihrer Seele, dieſer Glückliche iſt der Doctor, obgleich Sie ſelbſt nicht Muth haben, zu geſtehen, daß Sie eine 236 Wahl getroffen, die Ihre Mutter unmöglich weder billigen wird, noch darf. — Glauben Sie, daß es mir an Muth gebricht, anzuerkennen, daß mein Herz dem edelſten Manne, den ich kenne, gehört, dann irren Sie ſich ſehr. — Was mich doch Alles nicht hindert, in zwei Tagen bei Ihrer Mutter um Ihre Hand anzuhalten. Der Blick des Grafen war jetzt eiskalt und ſtreng. — Herr Graf!.... Albertine erbleichte und zitterte. Der Graf verneigte ſich und verließ ſie an der reppe zur Hausflur. Der Doctor ſtand noch da, an den Thürpfoſten gelehnt, aber er war jetzt allein. Als Albertine an ihm vorbeipaſirte, flüſterte ſie: — Richard, der Graf wird in zwei Tagen meine Mutter um meine Hand bitten, obgleich ich ihm be⸗ reits eine abſchlägige Antwort gegeben. — Zeige Muth, ohne die Achtung, die Du Deiner Mutter ſchuldig biſt, zu vergeſſen! ſei milde, aber beſtimmt, ohne zu beleidigen, und hoffe auf Gott und mich! Im nächſten Augenblick tanzte Albertine Galoppade mit Ernſt. Der Baron hatte ſich bei der Profeſſorin niedergelaſſen und der Graf raſte im Wirbel dahin mit Jenny. Unſer junger Cadet, welcher dageſtanden und den Grafen und Albertine während ihrer ganzen ſo eben angeführten Unterredung angeſtarrt hatte, wurde jetzt mit dem Späherblick der Eiferſucht den Aus⸗ druck von Liebe und Leidenſchaft gewahr, welchen der Graf nicht ganz zu unterdrücken vermochte. 237 Dieſe Entdeckung hatte der Selbſtbeherrſchung des jungen Arvid gänzlich ein Ende gemacht. Als der Graf und Albertine ſich von der Bank erhoben, ſtürzte er auf ſein Zimmer, wo er ſich auf ein Sopha warf. Er griff mit beiden Händen in die Haare und wäre beinahe in Schluchzen ausgebrochen, wenn er nicht zu ſeiner Rettung zufälligerweiſe die Augen auf einen ihm gegenüber hängenden Spiegel geworfen hätte; in dieſem ſah er den„künftigen General“ mit der Miene eines Jungen, welcher ſo eben aus der Schule kommt, nachdem er einige tüch⸗ tige Handtatzen erhalten hat. Wir laſſen ihn jetzt auf eigene Hand verſucheh mit ſich und ſeinem Gram fertig zu werden, und gehen ſtatt deſſen hin, um auf das zu horchen, was der Baron zu der Profeſſorin ſagte. — Hier iſt wirklich animirt heute Abend,— fing er an. — Ach ja, aber die Geſellſchaft iſt etwas ge⸗ miſcht,— antwortete die Profeſſorin, welche trotz allen Artigkeiten des Grafen und des Barons gegen ſich und ihre Tochter noch immer bei ſchlechter Laune war, denn ſie konnte es nicht verdauen, daß ihre Tochter mit dem Sohne eines ihrer Diener getanzt habe. — Ich meinestheils bin lange nicht ſo aufgelegt geweſen, wie heute Abend. Und wahr war es, daß der Baron ungewöhnlich fröhlich und lebhaft ausſah. — Auch wage ich, ganz ergebenſt darum zu bitten, das Eure Gnaden mir morgen Nachmittag ein Geſpräch unter vier Augen vergönnen wollen. 238 Ich habe lange eine Sache auf bem Herzen gehabt, die ich Eurer Gnaden anvertrauen möchte. Jetzt lächelte die Profeſſorin ganz verbindlich und verſicherte, daß ſie ihn mit dem größten Vergnügen empfangen werde. Die ſchlechte Laune war verſchwunden, die Wolke auf der Stirne geflohen und hatte lauter Sonnen⸗ ſchein hinterlaſſen. Die würdige Frau zweifelte durchaus nicht an der Beſchaffenheit der Mittheilung, die der Baron ihr zu machen hatte. 6s konnte nicht gut etwas Anderes ſein, als ein förmliches Anhalten um die Hand der Albertine, etwas, worauf ſie ſich ſeit mehreren Wochen vor⸗ bereitet hatte. Der Gedanke, daß ſie endlich ſo weit gekommen ſei, verſetzte ſie in eine ausgezeichnet gute Stim⸗ mung, ſo daß ſie ſogar beſchloß, mit keinem einzigen Wort das grobe Verfahren zu berühren, welches Al⸗ bertine dadurch begangen, daß ſie mit dem Doctor getanzt hatte. Am folgenden Rachmittag ſaß die Profeſſorin im Pavillon und war ſo ausnehmend ſorgfältig ge⸗ kleidet, daß man deutlich ſah, ſie warte auf einen Beſuch, auf welchen ſie großen Werth legte. Die Majorin und Jenny hatten noch viel auf⸗ zuräumen und Albertine war mit dem Major nach einigen neuen Anlagen hinausgefahren. Die Pro⸗ feſſorin hatte dazu ihre Erlaubniß gegeben. — — 239 Jenny ſtand ganz allein in dem Saale und war damit beſchäftigt, eine ganze Menge Gläſer abzuwi⸗ ſchen. Der Tiſch war mit Porzellan und Kryſtallſachen bedeckt. Während Jenny eifrig und raſch ihre Ar⸗ beit fortſetzte, ſang ſie mit friſcher und klarer Stimme ein Liedchen. Plötzlich hörte ſie einen Wagen in den Hof hineinrollen und an dem Eingang vorfahren. — Um Gotteswillen, wer kann das ſein?... Ja, das wäre recht hübſch, wenn man jetzt reiſende Fremde empfangen ſollte,— dachte Jenny und näherte ſich der Glasthüre, welche nach der Hausflur hinaus⸗ ging. — Ja ſo, es iſt nur der Baron,— fuhr ſie in Gedanken fort und kehrte ruhig zum Tiſche zurück. Der Baron trat ungenirt in den Saal hinein. — Dank für geſtern!— agte er zu Jenny, welche ihm die Hand reichte. — Ich habe mich lange nicht ſo heiter, ſo ver⸗ jüngt, ſo vollſtändig in die vergangene Zeit, wo ich zwanzig und Sie vierzehn Jahre alt waren, zurück⸗ verſetzt gefühlt, wie geſtern. — Und deßhalb mußten Sie heute hieher und danken,— antwortete Jenny ſcherzend, ohne ſich durch die Gegenwart des Barons in ihrer Arbeit ſtören zu laſſen. — Nicht ſo ganz; aber da ich hieher mußte, ſo konnte ich nicht unterkaſſen, Fräulein Jenny zu dan⸗ ken, daß ich doch einmal mich hier auf der Erde habe über etwas freuen können. — Du lieber Gott! der Baron ſagt das da, gerade wie ein alter Mann, welcher durch Sorgen und Unglück aller Freuden auf der Erde beraubt 240 worden iſt und nicht wie ein junger Mann, welcher ſo viele Gründe hat mit ſeinem Looſe zufrieden zu ſein. — Was wiſſen Sie, Fräulein Jenny, von mei⸗ nem Alter und meinen Sorgen? Vielleicht habe ich, obgleich ich jung von Jahren bin, bereits die bitte⸗ ren Erfahrungen eines Greiſes in der Welt, und vielleicht auch Sorgen von einer ſo ſchmerzlichen Natur durchgemacht, daß ich mich ſelbſt drüber wun⸗ dern muß, wenn mein Herz noch für irgend ein war⸗ wes und belebendes Gefühl zugänglich iſt, ſelbſt wenn der erſte Eindruck deſſelben von Ihnen käme. Für die Entdeckung, daß mein Herz noch nicht voll⸗ kommen todt iſt, dafür bin ich Jenny's Schuldner. — Keine Schmeicheleien zwiſchen uns Freunden, — ſagte Jenny mit, ihrem heitern Lächeln;— ich war doch nicht der ganze Ball geſtern; es gab ſo viele Andere, welche weſentlich mehr zu der Freude beitrugen, als ich. — Für mich gab es in dieſer Beziehung keine Andere, als Fräulein Jenny. Sie führte mich zurück in eine Zeit, welche ſo fröhlich, ſo reich an ſchönen Träumen war, daß ich ganz und gar die Qualen vergaß, welche zwiſchen jener Zeit und der Gegen⸗ wart liegen. — Haben Sie wirklich bittere Leiden durchlebt? — Ja, aber laſſen wir die; die kommen ſchon wenn ich allein bin, ohne daß ich nöthig habe, die lichten Stunden, welche ich mit Ihnen zuſammen genieße, damit zu trüben. Der Baron ergriff Jenny's Hand und betrachtete ſie mit einem ſeelenvollen Blick. „— Sr 241 — Wiſſen Sie was, Baron Fritz,— ſagte Jenny lächelnd,— ich habe es auch luſtig gefunden, bei Ihnen etwas vom früheren Menſchen zu entdecken; und als ich Sie geſtern lachen und ſcherzen ſah wie früher, da konnte ich nicht begreifen, warum Sie nicht immer ſo wären, ſtatt ein ſo unnatürlicher Weichling zu ſein, wie Sie ſeit einigen Jahren es ſind. Ach! wie oft habe ich früher nicht gewünſcht, daß der frühere Fritz Silfverkrona wieder zurückkeh⸗ ren möchte. — Und wenn er wiederkehrte, würden Sie ihm Ihre Freundſchaft ſchenken? — Ganz gewiß, beſonders weil ich, obgleich er jetzt mehrere Jahre lang ein gleichgültiger und lang⸗ weiliger Egoiſt geweſen iſt, ihn immer wie meinen Bruder geliebt, trotz dem, daß ich mich ver⸗ ſchiedenemale recht ernſtlich darüber geärgert habe, daß er, welcher ſo Vieles thun könnte, es vorzog nichts zu thun. — Jenny, er iſt grenzenlos unglücklich geweſen und iſt weit davon entfernt glücklich zu ſein. Der Baron ſprach dieſe Worte mit tiefem Ernſt. — Für alles Unglück, für alle Leiden der Seele gibt es einen Arzt, und dieſer Arzt heißt Arbeit. Während Sie ſich einer nützlichen Wirkſamkeit, die Ihre ganze Zeit in Anſpruch nimmt, hingeben, ver⸗ geſſen Sie Ihre Leiden und Ihre Sorgen. Ihre eifrigen Bemühungen nützlich zu fein, werden Ihnen Befriedigung gewähren. Ueberlaſſen Sie ſich dage⸗ gen der Unwirkſamkeit, der Langeweile und der Nichts⸗ thuerei, dann wird erſt Ihr Schmerz eine freſſende Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. Wunde für die Seele, welche nach und nach Gefühl und Herz tödtet. — Dank für Ihre freundlichen Worte.— Der Baron führte Jenny's Hand an ſeine Lippen. — Ich werde ſie in meinem Gedächtniß bewah⸗ ren, wie ich es bisher mit Allem gethan, was Sie mir geſagt haben. — Damit bin ich nicht zufrieden,— ſagte Jenny lachend,— denn wenn Sie dieſelben dort einſargen, ſo iſt es ganz, als wenn ſie nie ausgeſprochen wor⸗ den wären. — Was will Jenny denn? — Daß ſie Sie aus der Gleichgültigkeit wecken ſollen, welche Sie beherrſcht, daß ſie Sie veranlaſſen ſollen zu handeln, ſtatt über das nachzugrübeln, was Sie gelitten. — Gebe Gott, daß Sie im Stande wären, mich aus der Niedergeſchlagenheit herauszureißen, die mich gewöhnlich beherrſcht, und mich zum Handeln un⸗ fähig macht! — Wenn Sie nur ernſtlich wollen, ſo gelingt es auch;(Jenny blickte ihn freundlich an) denken Sie ſich nur, welchen reichen Troſt und welche Befriedi⸗ 4, gung Sie in dem Bewußtſein finden würden, Ihre Stelle im Leben ausgefüllt zu haben und in der Erinnerung an das Gute und Nützliche, welches Sie vollbracht. — Um ein eifriger Mitbürger und ein guter thätiger Menſch zu ſein, muß man ehrgeizig ſein, und den Wunſch haben, den Beifall von Seinesglei⸗ chen zu erhalten; ich bin aber nicht ehrgeizig. 243 — Iſt es wirklich Fritz Silfverkrona der ſo ſpricht!— rief Jenny aus.— Wären wir nicht nur um des Guten willen gut, ſo müßte es in der That ſchlecht mit unſerer Güte be⸗ ſtellt ſein, und ſuchten wir nicht durch irgend eine nützliche Wirkſamkeit unſern Platz im Leben zu kei⸗ nem andern Zweck würdig auszufüllen, als um nur möglicherweiſe den Beifall unſerer Mitmenſchen zu ge⸗ winnen, ſo wären wir nicht werth, unſern Blick zu Ihm zu erheben, der eines Tages darüber richten wird, wie wir unſere Pflichten erfüllt haben. Es lag etwas Einfaches und Herzliches in den Worten Jenny's. Der Baron lächelte und ſagte: — Sie haben jetzt wie immer Recht, Jenny, aber Sie dürfen nicht zu eitel darauf werden, denn das Verdienſt Ihrer geſunden Lebensanſichten gehört nicht Ihnen allein. — RNein, ſie gehören Mama,— fiel Jenny lächelnd ein;— mögen ſie Ihnen darum zu etwas Nutzen gereichen. — Seien Sie ſicher, daß ich es verſuchen werde. — Aber ſagen Sie mir, wo ſoll ich die Profeſſorin finden? Ich habe mir eine Unterredung mit ihr un⸗ ter vier Augen für dieſen Nachmittag ausgebeten. — Ei, ei, treuloſer Ritter, der Sie, obgleich Sie auf der Freierei ſind, ſich unterwegs eine ganze halbe Stunde aufhalten und bei mir eine koſtbare Zeit vergehen laſſen.— Sie verdienten einen Korb wegen dieſes Mangels an Eifer in Ihrer Liebe. — Freien, um wen ſoll ich freien? Wer hat ge⸗ ſagt, daß ich freien will? — Um Albertine natürlich. 6 2 7 244 — Das wäre nur eine Antwort auf die erſte Frage. — Ja ſo, Sie wollen wiſſen, wer's mir geſagt hat? Nun wohl! Es'iſt mein geſunder Verſtand, welcher den Schluß zieht, daß ein junger Mann nicht eine Privatunterredung mit einer alten Frau, deren Tochter jung und ſchön iſt, zu einem andern Zwecke begehrt, als um ihrer Tochter Hand anzuhalten. — Und darüber ſprechen Sie ſo im Scherz? — Ja gewiß, oder glaubt der Baron, daß dieſe Entdeckung mich Thränen koſten ſollte. — Das gerade nicht, aber.. — Etwas Derartiges. Ich hätte wenigſtens er⸗ röthen oder erblaſſen ſollen, meinen Sie.— Jenny lachte wie ein rechtes Kind. — Aber ſagen Sie mir im Ernſt, was würde Jenny dazu denken, falls ich mich verheirathete. — Falls Sie eine gute Wahl träfen und eine Frau bekämen, die Sie liebte, ſo würde ich mit der⸗ ſelben Freude auf Ihrer Hochzeit tanzen, wie auf der eines meiner Brüder. — Ich bin alſo nichts als ein Bruder für Sie? — Sind Sie nicht damit zufrieden? — Ich weiß es nicht. — Jetzt, Herr Baron,— Jenny machte lächelnd eine tiéfe Verbeugung vor ihm,— meine gnädige Tante iſt im großen Pavillon unten im Garten zu treffen. — Ich werde alſo fortgewieſen,— ſagte der Baron lachend,— lebe wohl, meine kleine Schwe⸗ ſter, aber ich muß Ihnen ſagen, daß Sie nicht die Freude haben werden, auf meiner und Fräulein —,—————„ „ 245 Albertinens Hochzeit zu tanzen, denn ich habe ganz beſtimmt nicht die Abſicht, zu freien. — Daran thun Sie geſcheidt,— ſcherzte Jenny, — denn Sie würden ziemlich ſicher einen Korb er⸗ halten haben. Aber jetzt gehen Sie! Meine Tante unb es Ihnen nie verzeihen, wenn Sie ſie warten aſſen. — Sehr willkommen, Herr Baron,— bemerkte Ihre Gnaden mit ihrem glatten Lächeln, als der Baron eintrat; dann reichte ſie ihm die Hand, welche er mit verbindlicher Artigkeit an ſeine Lippen führte, worauf ſie ihn einlud, Platz zu nehmen. — Ich habe ſchon längſt, mit faſt peinlicher Un⸗ ruhe, den Wunſch gehabt, mein Herz vor Eurer Gnaden dadurch zu erleichtern— daß ich Ihre Güte und Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehme. Die Er⸗ füllung meiner Bitte beruht hauptſächlich auf Ihnen und vielleicht auch ein wenig auf der Freundſchaft, welche Sie für mich zu empfinden belieben. Der Baron war dem Anſchein nach ganz er⸗ ſchöpft. — Mein beſter Baron, ich glaube bewieſen zu haben, daß ich Ihnen wirklich zugethan bin, und dieß ſollte Ihnen Muth geben, aufrichtig zu ſprechen. Sie können in Allem, was zu Ihrem Glücke bei⸗ trägt, auf meine Mitwirkung rechnen. — Eure Gnaden ſind mehr als gut; aber Sie laſſen ſich jetzt von dieſer Güte leiten, ohne zu wiſſen, was ich zu fordern beabſichtige. 246 — Das, was Sie fordern können, kann ich ganz ſicher bewilligen. — Ach! dieſe wohlwollende Aufmunterung flößt mir Muth ein. Der Baron lehnte ſich zurück in den Stuhl und warf einen verſtohlenen Blick auf die Profeſſorin, deren ganzes Geſicht zeigte, daß Sie erwartete, es müſſe jetzt etwas Angenehmes folgen. Es entſtand eine lange Pauſe, während welcher die Profeſſorin in ihrer Einbildung ſich bereits als die Schwiegermutter des Barons ſah, wie ſie auf dem ſtattlichen Stjernebro als ein Gegenſtand der Huldigung und des Reides von Allen thronte. Ach, ſie hielt die Verwirklichung aller ihrer hochmüthigen Träume von Rang und Reichthum, neben welchem der ihrige zu einer Bagatelle herabſank, für voll⸗ kommen ſicher. In der GEitelkeit ihres Herzens meinte ſie ſchon, das Ziel erreicht zu haben, nach welchem ſie ſo leb⸗ haft geſtrebt. Dieſes kalte und gefühlloſe Weib, as ſelten eine andere Gemüthsbewegung, als mög⸗ lich die, verletzten Stolzes empfand, fühlte jetzt ihr Herz ungeduldig in Erwartung deſſen ſchlagen, was der Baron ferner zu beantragen haben. Endlich ſtrich er mit ſeiner Hand über die Stirne, richtete ſich aus ſeiner zurückgelehnten Stellung auf und ſagte mit ſeiner liſpelnden und ſchleppenden Stimme: — Ich muß aufrichtig geſtehen, daß einer der Beweggründe, warum ich ſo eifrig darauf hinarbei⸗ tete, Eure Gnaden nach Rönby zu bekommen, der war, daß ich dadurch Gelegenheit erhalten möchte, ————— + 247 in der Nähe einen Charakter zu ſtudiren, von dem ich unmöglich einen klaren Begriff erhalten konnte, ſo lange Sie ſich in der Stadt aufhielten und ich in Ihrem Hauſe nur oberflächlich mit demſelben um⸗ ging. Auf der Bekanntſchaft mit dieſem Charakter beruhte der Entſchluß, den ich ferner zu faſſen ge⸗ dachte... Fand ich denſelben ſo wie ich hoffte und wünſchte, ſo hätte ich ſchon von vornen herein meine Handlungsweiſe beſtimmt. Der Baron hielt inne. — Und wie ſind die Forſchungen ausgefallen? Iſt die fragliche Perſon ſo, wie der Baron ſich die⸗ ſelbe gewünſcht hat? Daß es eine ſie iſt, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, denn ich habe keine männliche Perſon mit hieher gebracht,— beliebte Ihre Gna⸗ den in einem gewiſſen ſcherzhaften Tone zu be⸗ merken. — Es iſt wirklich ein junges Mädchen, dem dieſe Studien gegolten haben, hob der Baron mit einem eigenen, nicht ganz von Jronie freien Lächeln wie⸗ der an, und ich habe wirklich bei ihr ein ſo warmes und treues Herz, einen ſo hohen Grad von Erge⸗ benheit und ſchüchterner Unterwürfigkeit gefunden, daß ich mir Glück wünſchen kann, durch Ihre Ver⸗ mittlung zu einer würdigen Belohnung dieſer guten Eigenſchaften beizutragen. Wieder ſchwieg der Baron. — Mein Gott, was doch die Liebe die Leute blind macht,— dachte Ihre Gnaden, aber da er dieſe Eigenſchaften ſo ſehr hoch anſchlägt und glaubt ſie bei Albertine zu finden, ſo denke ich keineswegs daran, ihm ſeinen Irrthum zu benehmen. 248 Ihre Gnaden betrachtete den Baron auf eine Weiſe, welche zu erkennen gab, daß ſie eine Fort⸗ ſetzung erwartete. — Ein richtiges und unparteiiſches Urtheil über den Charakter des jungen Mädchens ozu erlangen, war nicht leicht, da ihre Stellung einer vertrauliche⸗ ren Annäherung hinderlich war, durch welche ich eine klare Anſchauung ſolcher unfreiwilligen Handlungen, aus welchen der Hauptzug im Charakter klar und unverhüllt hervorleuchtet, gewinnen konnte. Ich mußte mich deßhalb an eine dritte Perſon wenden. Der Baron machte wieder eine Pauſe. — Und zu dieſer dritten Perſon haben Sie mich auserſehen?— Ihre Gnaden lächelte wieder auf eine ganz ſcherzhafte Weiſe. — So keck wagte ich nicht zu ſein. Nein! ich wandte mich an eine Perſon von demſelben Alter wie ſie, welche mir alle die Aufklärungen gab, die ich wünſchte. Nebenbei folgte ich mit genauer Aufmerk⸗ ſamkeit der fraglichen Perſon, ſo oft der Zufall mir Gelegenheit dazu gab, und nach reifer Prüfung fand ich ſie würdig eine beſſere Stellung in der Geſell⸗ ſchaft einzunehmen, als ſie augenblicklich einnimmt. Darum habe ich mich in letzter Inſtanz an Gure Gnaden gewandt. — Aber, Herr Baron, ich ſollte doch wirklich glauben, daß die geſellſchaftliche Stellung jener Per⸗ ſon nicht ganz zu verachten ſei; ſie gehört einem Geſchlechte an, welches.. — Im höchſten Grade achtungswerth iſt und Familie ihrer Mutter iſt von altem Adel. Aber † —— 249 heten Würden Sie wünſchen, ſie noch höher zu eben. — Joa, ich ſollte wünſchen, ihr zu den Rechten zu verhelfen, welche ſie gegenwärtig nicht genießt. — Herr Baron, ich verſtehe Sie nicht. Welche Rechte ſind es, die meine Tochter nicht genießt? Der Hochmuth Ihrer Gnaden war durch dieſe Worte des Barons verletzt worden, welche ſie auf die Strenge gemünzt zu ſein glaubte, mit welcher ſie ihre Tochter erzogen. — Ich bitte um Verzeihung, aber ich habe mit keinem einzigen Wort von Fräulein Albertine ge⸗ ſprochen. Ihre Gnaden wurde feuerroth,— ſie richtete ſich auf und heftete ihre ſcharfen und durchdringen⸗ den Augen auf den Baron. Sie war ſo jählings von den ſchwindelnden Höhen ihrer Illuſionen her⸗ abgeſtürzt worden, daß Sie unmöglich einen Aus⸗ druck des Aergers, welcher gewaltig in ihr kochte, zurückhalten konnte. Sie fühlte einen ſo heftigen Zorn in ihrer Bruſt ſieden, daß ſie gewünſcht hätte, mit ihren Blicken den Baron zermalmen zu können. Hatte er nicht durch ſeine zweideutige Darſtellung fie, die Pro⸗ feſſorin Krug, zum Narren gehabt? Dieſes war etwas, das ſie nicht einmal von einem Baron mit dem Vermögen Silfverkronas ertragen zu dürfen meinte. Sie fragte ihn deßhalb mit einem ſcharfen Aus⸗ druck in der Stimme. — Von wem hat der Herr Baron denn geſpro⸗ chen? Ich habe meines Wiſſens auf keine andere 250 ſich hier aufhaltende Perſon Einfluß, als auf meine Tochter; auf dieſe Weiſe iſt alſo die ganze Unter⸗ redung eine Gaukelei geweſen. Ihre Gnaden erhob ſich und ſah ihm fortwäh⸗ rend in's Geſicht. — Einen ſolchen Mangel an Takt hoffe ich, daß Ihre Gnaden mir nicht zutrauen würden. Bei dieſen Worten lag eine gewiſſe Würde in dem Weſen des Barons. — Ich habe Unrecht gehabt, daß ich nicht gleich den Namen der Perſon nannte, von welcher ich ſprach: Es iſt Mamſell Minna. — Minna!— Ihre Gnaden ſtarrte den Baron an, als wenn ſie befürchtet hätte, er möchte einen plötzlichen Anfall von Tollheit bekommen haben. Sie dachte bei ſich: Iſt der Menſch ganz wahnſin⸗ nig? Will er ſich mit Minna verheirathen? — Ja, die Schweſtertochter Eurer Gnaden, Mamſell Minna Ekeberg. Hätte man auf eine Feder gedrückt, ſo würde der Druck keine raſchere Wirkung auf die Profeſſo⸗ rin hervorgebracht haben, als dieſe Worte. Sie er⸗ hob ſich augenblicklich vom Sopha, ſtützte ihre Hand gegen den Tiſch, warf den Kopf zurück und fragte im aufgebrachten Tone: — Was iſt Ihre Meinung, Herr Baron? Wol⸗ len Sie mich beleidigen? Eure Gnaden verſprachen ja, mich mit Güte an⸗ zuhören. — Da ſetzte ich voraus, daß Sie ihr Anliegen mit all dem Anſtand vorbringen würden, welchen — ꝛ—— ——— — ,— 251 man das Recht hat von einem Edelmann zu fordern, wenn er mit einer Edeldame ſpricht. — Und dieſer Anſtand wird nie von mir ver⸗ letzt werden, das kann ich Eure Gnaden heilig ver⸗ ſichern! Geruhen Sie deßhalb mich mit Ruhe an⸗ zuhören. Der Baron bewog Ihre Gnaden, Platz zu neh⸗ men und ſagte: — Ich verſpreche, kurz zu ſein, und hoffe, daß Eure Gnaden, wenn Sie mich angehört haben, ſich nicht ungünſtig gegen denjenigen geſtimmt fühlen werden, welcher nur ein gegebenes Verſprechen zu erfüllen hat. — Ich werde Ihnen zuhören, Herr Baron;— der Geſichtsausdruckt der Profeſſorin war hart und ſtreng. — Vor etwa vier Jahren vertraute mir eine Perſon, welche meine warme Zuneigung und innige Hochachtung beſaß— es war meine Braut— in einem heiligen Augenblick(denn es war in ihrem letzten) ein Geheimniß an. Sie nahm mir das Ge⸗ lübde ab, daß ich von dieſem Geheimniß den nütz⸗ lichſten und zweckmäßigſten Gebrauch für diejenige Perſon machte, welche es zunächſt betraf. Der Bericht lautete folgendermaßen: Ein Fräukein Quickfelt, die mehrere Jahre jün⸗ ger war, als ihre Schweſter, die Profeſſorin von Krug hielt ſich im Hauſe der letzteren auf. Die Profeſſorin gab ihrem Sohne einen Muſiklehrer, deſſen Unterricht auch Fräulein Quickfelt benutzte. Ekeberg, ſo hieß der Muſiklehrer, war ein junger, genialer Mann, aber von geringem Staude, denn er 252 war der Sohn eines Liſchlers. Dieß hinderte ihn aber nicht, einnehmend und reich begabt zu ſein. Durch die Freigebigkeit eines Onkels beſaß er ein kleines Vermögen, ſo daß er durch dieſes in Ver⸗ bindung mit den Einkünften von ſeinen Muſiklektio⸗ nen ſich in einer unabhängigen ökonomiſchen Lage befand. Genug, es entſtand zwiſchen Fräulein Charlotte Quickfelt und dem jungen Ekeberg eine warme und innige Liebe, welcher, da er die Stelle eines Muſik⸗ direktors erhielt, keine materiellen Hinderniſſe entge⸗ genzuſtehen ſchienen. Er freite, aber die ältere Schweſter lehnte auf eine ſo demüthigende Weiſe ſeinen Antrag ab, daß er tief verletzt ſich zurückzog. Er ſchrieb an Fräulein Charlotte, daß ſein Stolz ihm verbiete, es zu verſuchen, in eine Familie hin⸗ einzukommen, welche ihn mit ſo vieler Verachtung be⸗ handelt hätte. Einige Wochen darauf wurde er ſehr krank und ſoll während der Fieberanfälle ſeiner Schweſter, welche ihn pflegte, die Gefühle mitgetheilt haben, die er für Fräulein Charlotte nährte. Die Schweſter, welche das Leben des Bruders in Gefahr ſah, ſchrieb an das Fräulein und ſetzte ſie davon in Kenntniß. Die Antwort war, daß am Abend darauf das Fräulein am Bette des Kranken ſaß, den ſie nicht mehr verließ. Alle Bemühungen, alle Drohungen von Seiten der älteren Schweſter blieben fruchtlos; ſie blieb bei ihrem Geliebten. Als er von der ſchweren Bruſtentzündung wie⸗ der hergeſtellt war, reisten ſie beide nach Kopenha⸗ gen, wohin ſie ſeine Schweſter begleitete und wo ſie ſich trauen ließen. 253 Ekeberg hatte aus Rückſicht auf ſeine Krankheit, ſeine heftig angegriffene Bruſt und ſeine Reiſe nach Kopenhagen, wo ſie ſich anſäßig zu machen gedach⸗ ten, ſich von ſeinem Dienſt als Muſikdirektor förm⸗ lich losgeſagt. Ein Jahr nach ihrer Heirath ſtarb Ekeberg an der Schwindſucht und hinterließ ſeine Wittwe mit einem Liebespfand unter ihrem Herzen. Gleich nach dem Tode des Mannes erhielt ſie die niederſchlagende Nachricht, daß das Handlungs⸗ haus, bei welchem Ekeberg ſein Vermögen angelegt, ganz unvermuthet Bankerott gemacht habe. Sie ſtand nun da als tief trauernde Wittwe und ohne irgend eine Stütze auf der Erde. Dann kehrte ſie nach Schweden zurück, wo ſie die Schweſter ihres verſtorbenen Mannes aufſuchte, die ſich indeſſen mit einem Tiſchler verheirathet hatte. Bei dieſer wurde ſie kurz darauf krank und ſchenkte einem Mädchen das Leben, welches ſie dem Schutz ihrer Schweſter, der Profeſſorin, anvertraute. Nach dem Tode der Frau Ekeberg ſtellte ihre Schweſter als Bedingung der Aufnahme der zarten Waiſe die, daß die Schweſter Ekebergs ihr feierlich verſprechen müſſe, nie Anſprüche auf irgend eine Verwandtſchaft des Kindes zu machen, nie zu er⸗ wähnen, wem es gehöre, oder daß ihre verſtorbene ein geborenes Fräulein Quickfelt ge⸗ weſen. Der Zukunft des Kindes wegen verſprach ſie Alles, was man wünſchte, und zuletzt traf man die Uebereinkunft, daß das kleine Mädchen für die Toch⸗ ter der Amme ausgegeben werden ſolle, welche Frau 254 von Krug bald für ihr zweites Kind, Fräulein Al⸗ bertine, nöthig haben würde. Ekeberg's Schweſter ſchaffte, ohne daß Frau von Krug es argwöhnte, eine Amme, welche angenom⸗ men wurde und vor der Welt für die Mutter des Kindes galt. So war der Bericht, welchen mir meine Braut mittheilte, und das Kind, um welches es ſich han⸗ delt, iſt Mamſell Minna. Das Verſprechen, welches ich der Sterbenden gab, hatte den Zweck es bei Eurer Gnaden auszuwirken, daß Ihre unglückliche Schweſtertochter in die glücklicheren Verhältniſſe wie⸗ der eingeſetzt werde, wozu ihr ihre Verwandtſchaft mit Ihnen ein unbeſtreitbares Recht gibt. Ich hoffe, daß ſie nicht ferner in die abhängige und weniger angenehme Stellung, in welcher ſie ſich jetzt befindet, hineingezwungen werde. Indeſſen wollte ich doch, bevor ich dieſe Fürbitte für ſie einlegte, mich überzeugen, wie weit ihre Sit⸗ ten und ihr Charakter ſie zu der Theilnahme berech⸗ tigten, welche ich für ſie hegte, und Alles, was ich von den Lippen der Fräulein Albertine gehört, hat mir den Gedanken beigebracht, daß ſie ſowohl der Achtung wie des Wohlwollens werth ſei. Sollten Eure Gnaden aus Mitleiden mit dem an dem Verſehen ſeiner Mutter unſchuldigen Kinde ſeine Anſprüche auf eine nahe Verwandtſchaft mit Ihnen anerkennen wollen, ſo habe ich von der Ver⸗ ſtorbenen den Auftrag erhalten, Mamſell Minna Ekeberg eine kleine Gabe zu überbringen, welche ihre ökonomiſche Unabhängigkeit ſichern wird. Falls meine geringe Fürbitte etwas vermag, ſo flehe ich 255 Sie an, daß Sie, die Einzige, welche außer mir das Geheimniß kenut, dem jungen Mädchen ſeine Fa⸗ milie und ſeine Angehörigen wieder geben mögen. Der Baron ſchwieg. — Ich habe den Herrn Baron angehört und weiß wahrlich nicht, ob ich toll oder bei Sinnen bin. Sie tiſchen mir da eine lange Geſchichte von meiner Schweſter und mir auf, die mir ganz und gar fremd iſt, und verlangen, daß ich auf Grund derſelben ein Dienſtmädchen, welches ich aus Barmherzigkeit von der Straße aufgenommen habe, als Verwandte an⸗ erkennen ſoll. Herr Baron, ich erkläre die ganze da für eine zuſammengeſchmiedete Erfin⸗ ung. Die Profeſſorin ſtand auf, um der Unterredung ein Ende zu machen. — Aber, Eure Gnaden, ich kann mit meiner Ehre für die Wahrheit derſelben bürgen, und wie kalt Sie auch Alles abläugnen, ſo ſagt Ihnen doch eine Stimme in Ihrem Innern, daß jedes Wort mit den wirklichen Verhältniſſen übereinſtimmt. Ach! erſetzen Sie dem jungen Mädchen den Verluſt ſeiner Eltern. Der Baron hatte ſich auch erhoben. — Ich flehe, ich beſchwöre Sie darum. — Genug, Herr Baron; ich hoffe, daß Sie nicht länger dieſe Unterredung fortſetzen werden, da ich Ihnen offen geſagt habe, daß Alles, was Sie ange⸗ führt, erdichtet iſt, und daß Ihr Takt es Ihnen ver⸗ bieten wird, daſſelbe noch einmal zu wiederholen. Uebrigens, wenn es auch wahr wäre, ſo ſcheint mir, Sie müßten das wenig Paſſende darin einſehen, 256 daß Sie ſich ganz unberufen in eine ſolche Familien⸗ angelegenheit miſchen. — Eure Gnaden dürften es verzeihen, daß wenn keiner der Verwandten diejenige, welcher Unrecht ge⸗ ſchehen, anerkennen will, es Pflicht wird für den Fremden, welcher die Verhältniſſe kennt, die Rechte der Leidenden zu verfechten. Inzwiſchen und bevor ich irgend ein Verſprechen mache, bitte ich mir aus, daß Eure Gnaden ſo gut ſein wollen und das, was ich geſagt, bis übermorgen zu überlegen. Glauben Sie mir, es verdient beherzigt zu werden. Ich werde mich einfinden, um Ihren Entſchluß zu erfahren. Der Baron verbeugte ſich und ging. Während des Verlaufs zweier Tage nach der Unterredung hielt die Profeſſorin ſich auf ihren Zim⸗ mern eingeſchloſſen. Ihre Eigenliebe, ihre Eitelkeit hatten eine ent⸗ ſetzliche Riederlage erlitten. Sie war nicht allein in ihren liebſten Hoffnungen getäuſcht worden, ſondern der Baron hatte auch noch die Unverſchämtheit zu erklären, daß er nur Minna's wegen ſie überredet hatte, nach Rönby zu reiſen. Dieſes war in der That ſo demüthigend, daß ſie nahe daran war, vor Aerger und Verdruß zu erſticken. Zu welchem Zweck hatte ſie dieſe Verſöhnung mit dem Bruder eingeleitet? Gewiß doch nicht, um den Baron das Geſchlechteregiſter Minnass mitthei⸗ len zu hören. Ach, etwas Derartiges wäre im Stande geweſen ihr Nervenanfälle zu verurſachen, wenn 257 nicht in der Perſon des Grafen Stormhjelm ein Strahl der Hoffnung und der Genugthuung für die erlittenen Niederlagen hervorgeleuchtet hätte. Die Profeſſorin fing deßhalb an, ſehr darüber nachzudenken, welches Benehmen unter dieſen Ver⸗ hältniſſen das Klügſte ſei. — Hat der Baron wohl Beweiſe,— fragte ſie ſich ſelbſt,— daß Minna meine Schweſtertochter iſt? Nein.— Die Worte einer Sterbenden ſind von wenig Bedeutung. Ich brauche ſie alſo nicht und werde ſie nie als Verwandte anerkennen. Hier ſetzte die Profeſſorin einen Schlußpunkt. Sie hatte jetzt einen Entſchluß gefaßt und der Baron hätte ebenſo gut verſuchen können, die Erde zum Stillſtehen zu bringen, wie die Frau von Krug da⸗ zu, von einem ihrer Vorſätze abzuweichen. Indeſſen räumte ſie ein, daß ſie ſich auf eine Ausgleichung einlaſſen müſſe, für den Fall, daß der Baron mit irgend einem bindenden juridiſchen Doku⸗ ment verſehen, und auf dieſe Weiſe im Stande ſein ſollte, ſeine Angaben geſetzlich zu erhärten. Als ſie zu dieſer beſtimmten Anſicht der Sache gelangt war, wurde ſie wieder in der Familie ſicht⸗ bar. Es war am zweiten Nachmittag nach dem Be⸗ ſuch des Barons. Die Profeſſorin hatte eben einige Zeilen an den Baron geſchrieben, in welchen ihr Ultimatum enthalten war, und worin ſie bei ihrer Behauptung blieb, daß das, was er geſagt, voll⸗ kommen erdichtet ſei. Sie bat die Majorin, daß ein Bote dieſes Schreiben nach Stjernebro bringen möchte. Schwartz, Zwei Familienmütter. 1. 17 258 Die Damen waren um einen unter die großen Linden hinausgeſetzten Nähtiſch verſammelt. Die Profeſſorin ließ ſich herab, einige Bemer⸗ kungen über das Unregelmäßige in Jenny's Leben zu machen, das der Ordnung, die ſie in ihrem Haus eingeführt, ſo vollkommen ungleich ſei, und berührte außerdem verſchiedenes Andere, das ſie in der Fa⸗ milie ihres Bruders unpaſſend fand. Die Majorin hörte lächelnd darauf, machte aber keine Einwürfe gegen dieſe Bemerkungen. Jenny und Albertine ſprachen leiſe mit einander, während Arvid ganz demüthig der gnädigen Tante einen Sei⸗ denſtrang hielt, und hie und da Blicke voll melan⸗ choliſcher Niedergeſchlagenheit auf Albertine warf. Gerade als man ſo dort„en famille“ ſaß, wie die Profeſſorin ſich ausgedrückt haben würde, wur⸗ den die Gitterpforten einem Reiter geöffnet. Es war Graf Erik Stormhjelm. Bei ſeinem Anblick erbleichte Albertine und beugte ſich tiefer über ihre Arbeit. Als der Graf bemerkte, daß die Damen unter den Bäumen verſammelt ſeien, hielt er ſein Pferd an, ſprang aus dem Sattel und warf die Zügel einem Bedienten zu, worauf er mit ausgeſuchter Ar⸗ tigkeit näher trat. Die Majorin hieß ihn freundlich, die Profeſſorin verbindlich, Jenny herzlich, Arvid mit einem raſen⸗ den Blick und Albertine endlich mit eiſiger Kälte willkommen. Als er ihr die Hand reichte, konnte er aus der ſtolzen und entſchloſſenen Neigung des Kopfes leicht ſchließen, daß ſie auf Widerſtand, auf einen muthigen und hartnäckigen Widerſtand vollkommen gerüſtet ſei. Aber der Blick welchen er auf ſie richtete, drückte nicht weniger Feſtigkeit aus; derſelbe hatte etwas Unbeugſames, das Albertine das Schlimmſte fürchten ließ. Er plauderte eine Zeit lang von dem Balle, von den Nachbarn und von gleichgültigen Dingen. Man trank Limonade und aß Obſt. Der Graf hatte die ganze Zeit ſeine Worte ausſchließlich an die beiden Frauen gerichtet. Als endlich die Majorin wegen einiger Haushaltungsgeſchäfte ſich entfernen mußte, bemerkte der Graf zur Profeſſorin: — Dürfte ich wohl wagen, mir ein Privatge⸗ ſpräch von einigen Minuten von Eurer Gnaden aus⸗ zubitten? — Mit Vergnügen!— Die Profeſſorin erhob ſich und nahm den Arm, den er ihr geboten, worauf beide die große Allee hinunter nach dem Pavillon promenirten. Albertine hatte ihren Kopf erhoben und folgte mit den Augen den Weggehenden. In dem ganzen Geſichtsausdruck des jungen Mädchens lag etwas zu gleicher Zeit Entſchloſſenes und entſetzlich Qualvolles. Sie war äußerſt blaß. — Albertine, befindeſt Du Dich unwohl?— fragte Jenny und faßte herzlich ihre Hand.— Sage mir, was Dir fehlt. — Nein,— ſtammelte Albertine und ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne, als wenn ſie alle die Qualen, welche ſie marterten, verjagen wollte,— mir fehlt nichts. 260 Eine Frage ſchwebte wieder auf Jenny's Lippen, aber ſie erinnerte ſich plötzlich der Worte ihrer Mutter, daß jede Frage an denjenigen überflüſſig ſei, welcher uns ſein Vertrauen ſchenken will, und gegen jeden Andern eine ungehhrige Neugierde in ſich ſchließe. Sie ſchwieg eine Weile, und hob darauf wieder an: — Wenn Du Luſt haſt, ſo machen wir eine Promenade. Du ſiehſt nicht fröhlich aus und be⸗ darfſt gewiß ein wenig Bewegung. Siehe da haben wir Ernſt und den Poktor. Ich gehe hinein nach unſern Hüten, und nachher machen wir eine Tour durch den Park mit den Herren. Albertine drückte ihr dankbar die Hände und Jenny ſprang hinein nach den Hüten. — Von Mama hörte ich, daß Graf Storm⸗ hielm hier ſein ſolle, aber wo iſt er denn hin?— fragte Ernſt. — Mama und er machen eine Tour nach dem Pavillon,— antwortete Albertine und richtete ihre Augen auf den Doktor, welcher bei dieſen Worten ſich leicht entfärbte. — Er macht Tante die Cour, glaube ich,— ſagte Ernſt lächelnd. Wieder wechſelte Albertine einen Blick mit dem Doktor. — Vielleicht gilt es Dir, und es ſcheint mir, daß der Graf ſich vorher der Gewogenheit der Mutter verſichern will, um deſto ſicherer die Tochter gewinnen zu können. — Du verrechneſt dich,— antwortete Albertine beſtimmt;— meine Gewogenheit gewinnt er nie. — Aber möglicherweiſe Deine Hand! Bedenke, 261 der reiche und hochgeborene Graf Stormhjelm, der nebenbei jung, ſchön und in jeder Beziehung ein liebenswürdiger Menſch iſt! Sollteſt Du das Herz haben, ihm einen Korb zu geben, und nicht vorziehen, Gräfin zu werden? — Ohne Zweifel! Falls ich mich einmal ver⸗ heirathe, ſo wird es nicht wegen Rang oder Reich⸗ thum, ſondern dann muß es aus Reigung geſchehen. — Meine ſchöne Couſine, Du biſt wunderbar ſelbſtſtändig, aber wer weiß, ob Du im entſcheiden⸗ den Augenblick ebenſo ſtark biſt? — Ach! ſei deſſen ſicher, ich bin ſtärker, als Je⸗ mand glaubt— und in Albertinens Augen lag ein Ausdruck wahrer Seelenſtärke. Die Ankunft Jenny's unterbrach das Geſpräch w kurz darauf promenirte man hinunter in den ark. Inzwiſchen hatte der Graf ſeine Freierei vorge⸗ bracht und dies vollkommen übereinſtimmend mit den Regeln der Convenienz. Wenig oder nur höchſt nothdürftig wurde von der Stimme des Herzens ge⸗ ſprochen; er ſprach davon mit aller möglichen Mo⸗ deration. Der Graf wußte zu wohl, daß die Pro⸗ feſſorin nicht zu denen gehörte, welche die Anſprüche des Herzens achten. Die hochmüthige Mutter, welche ſeit der Geburt der Tochter es zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, durch ſie unter den hohen Adel zu kommen, gab ihm un⸗ bedingt ihre Einwilligung und verſprach ihm die 262 Hand ihrer Tochter, als wenn ſie nur irgend einen Handel oder ein anderes Geſchäft abgeſchloſſen hätte. Als der Graf das Verſprechen der Mutter erhalten, ſagte er: — So glücklich auch die Einwilligung Eurer Gnaden mich macht, ſo hege ich doch die innere Furcht, dieſelbe nicht vom Fräulein beſtätigt zu finden. Sie hat mir eine ſo in die Augen fallende Kälte gezeigt, daß ich kaum die kühne Hoffnung hegen darf, ihren Beifall mit den wärmſten Wün⸗ ſchen meines Herzens zu gewinnen. Dieſe Furcht hat mich bewogen, mich zuerſt an die Frau Profeſſorin zu wenden, welche ich für eine ſo ausgezeichnete Mutter anſehe. Außerdem bin ich vollkommen über⸗ zeugt, daß die Achtung und die Ehrfurcht vor Ihrem Willen ſo groß iſt, daß ſie in allen Beziehungen gleich Ihnen denkt. — Und darin haben Sie vollkommen Recht. Meine Tochter wird ſich in Allem meinem Willen fügen. Sie haben mein Verſprechen, mein künf⸗ tiger Schwiegerſohn! Und dann können Sie ruhig ſein. — Wenn aber das Fräulein bereits ſein Herz vergeben hat, dann iſt alle Hoffnung für mich vorbei. — Wir leben nicht in der Romanwelt, ſondern in der Wirklichkeit, und in dieſer verſchwinden, Gott Lob, immer mehr jene thörichten Einbildungen von Herz und Gefühlen, welche ſich einſt in einer ver⸗ gangenen Zeit geltend machten. Uebrigens iſt meine Tochter zu wohlerzogen und hat zu hohe Gedanken von dem Gehorſam, welchen ſie mir ſchuldig iſt, daß es ihr unmöglich einfallen kann, irgend eine Ein⸗ ——— 263 wendung zu machen, da ich für ſie eine paſſende Wahl eines Gatten gemacht. Morgen werde ich mit Albertine ſprechen. — Und wann darf ich wiederkommen? — Morgen Nachmittag. Als die Jugend von der Promenade zurück⸗ kehrte, fand Albertine ihre Mutter im Vorgemach mit einer Stirne, auf welcher ein höherer Grad von Stolz als gewöhnlich thronte.— Aus dieſem Aus⸗ ſehen glaubte Albertine ſchließen zu können, daß ſie bereits ihre Einwilligung gegeben. Sie empfand ein Schaudern beim Gedanken an die ſtürmiſchen Auftritte, welche jetzt folgen würden. Sie maß mit dem Blick der Seele dieſe ganze Kette von kalten und harten Verfolgungen, durch welche die Mutter verſuchen würde, ſie an das un⸗ beugſame Geſetz ihres Willens zu feſſeln, und ſie fühlte, daß der Kampf ein entſetzlicher werden mußte. Aber je ſchwerer ſich derſelbe geſtaltete, je ſtandhafter ſie ihn aushielt, deſto mehr würde er ſie Richard nähern und deſto raſcher ihre Vereinigung be⸗ ſchleunigen. In der Bruſt Albertinens wohnte in der That ein hochherziger Geiſt. Während ſie im Voraus den zu kämpfenden Kampf berechnete, ſah ſie zu gleicher Zeit ein, daß ſie in demſelben allein ſtehen müßte, und daß es indeſſen ihre Pflicht ſei, Minna einen Schutz, einen Platz zu verſchaffen, damit ſie nicht 264 das Opfer würde, über welches die Mutter ihren Zorn ausſchüttete. Als der Graf fortgeritten war, und man ſich Abends trennen wollte, näherte Albertine ſich Jenny und bat ſie, bevor ſie zur Ruhe ginge zu ihr hinein⸗ zukommen; Jenny verſprach es, obgleich ſie über dieſe vertrauliche Einladung von der Couſine über⸗ raſcht war. Gleich nachdem Albertine ihr Zimmer betreten, fand ſich Jenny dort ein; aber wir überlaſſen die Mädchen ſich ſelbſt. Die Profeſſorin war damit beſchäftigt, mit Hülfe von Martha ihre Abendtoilette zu machen. — Wir müſſen wahrlich in ein paar Wochen von hier abreiſen,— ſagte Ihre Gnaden zu ihrer vertrauten Dienerin. — Das wäre recht gut, Euer Gnaden;— ſeufzte Martha und machte ein gottbarmherziges Geſicht. — Was meint ſie?— Ihre Gnaden hörte an he Stimme, daß Martha etwas auf dem Herzen habe. — Ach, es geht hier ein wunderliches Gerede, und außerdem kommen ſo ſonderbare Sachen vor, daß es einer alten, treuen Dienerin, wie ich bin, ſchwer hält, zu ſchweigen und all' dieſes verdrießliche Geſchwätz zu verſchlucken. — Spreche Dich aus, Martha; ſollte man es vielleicht wagen, ſich mit Mißachtung über mich zu äußern?— Ihre Gnaden warf den Kopf zurück. — Nein, Gott bewahre; Derjenige, welcher das — 265 gewagt, wäre übel bei mir angekommen; aber ſehen Sie, das Fräulein.... — Nun, was iſt mit ihr? — Ich weiß wahrlich nicht, ob ich es wagen ſoll, das zu ſagen, was ich gehört und auch ſelbſt bemerkt zu haben glaube. — Ich ſollte meinen, daß ſie ſich mehr durch Schweigen bloßſtellt. Spreche! Ich will es. — Ach, es iſt ſo, daß man behauptet, das Fräu⸗ lein habe in Geſellſchaft der Mamſell Minna den ganzen Sommer Zuſammenkünfte gehabt mit.... — Mit wem?— Ihre Gnaden wurden dunkel⸗ roth vor Zorn. — Mit Doctor Bergſtröm. — Du lügſt, Martha!— ſchrie Ihre Gnaden und richtete ſich im Bette auf. — Wenn ich lüge, ſo lügt die Frau des Wald⸗ hüters, von welcher ich Alles gehört; und übrigens kann ich Eure Gnaden verſichern, daß ich an dem Tage, an welchem der Ball war, mit meinen eigenen Ohren gehört, daß das Fräulein den Doctor Richard nannte. Was ſie ihm weiter ſagte, konnte ich nicht hören, weil ich auf der Treppe ſtand und aus Furcht, daß man mich ſehen möchte, mich zurückziehen mußte. — Gehe, das iſt genug! — Euer Gnaden ſind mir doch nicht böſe. — Nein, aber ich will annehmen, das Du Dich getäuſcht haſt; verſtehſt Du? Ja! — Meine Tochter wird Graf Stormhjelm hei⸗ rathen. Martha verneigte ſich und ging. 266 Als Ihre Gnaden allein war, blieb ſie aufrecht im Bette ſitzen mit einem Ausdruck im Geſicht, wel⸗ cher faſt einem weniger beherzten Manne Furcht hätte einjagen können. Sie führte die Hand langſam über die bleiche Stirne und murmelte für ſich: — Ja ſo, Mamſell Minna! Sie begleiten meine Tochter auf ihren heimlichen Zuſammenkünften! Sie ſind Mitwiſſerin eines gemeinen Liebeshandels! Es war alſo nicht genug, daß ich Sie wegen einer Schande verabſcheute, die Ihr Vater meiner Familie zugefügt; ich müßte Sie für Ihre eigene Rechnung verabſcheuen, und das ſollen Sie mir theuer bezahlen. Wenig nützt jetzt die Fürbitte des Barons. Uebrigens, was habe ich mit dem Baron zu thun? Aber Minna, Minna, die ich nie habe ausſtehen können, welche ich nur aus Furcht beherbergt, gekleidet und geſpeiſt habe, ſie, ſie ſoll bald ihre gehörige Strafe erhalten. Erſt gegen Mitternacht verließ Jenny Albertine, und beim Abſchied von ihr bemerkte Jenny, indem ſie die Hand der Couſine drückte, mit tiefer Rührung: — Verlaſſe Dich auf mich, Minna wird eine Heimath auf Rönby erhalten. Ich kenne das Herz des Papa, und er hilft, wo er kann. — Dank, Jenny, tauſendmal Dank! Mein Herz hätte bluten müſſen, wenn ich gezwungen würde, zu denken, daß Minna, meine Jugendfreundin, meine Genoſſin in Freude und Schmerz, meinetwegen in die Welt hinausgejagt worden wäre. 267 Am folgenden Morgen ſchlich Jenny ganz ſtill die Treppe hinunter und fragte in der Küche: — Iſt der Major aufgeſtanden? — Ja, er iſt in ſeinem Zimmer. Jenny machte dreiſt die Thür zu des Vaters Kammer auf und trat unerſchrocken ein. Der Major ſaß an einem Tiſch, den Kopf auf die Hand geſtützt und den Blick auf einen aufge⸗ machten Brief geheftet. — Guten Morgen, Papachen,— ſagte Jenny und ging auf ihn zu. — Biſt Du es, mein Mädchen! Guten Morgen liebes Kind; ſchon auf, und fröhlich und munter, wie ich ſehe! Beim Anblick der Tochter klärte ſich die finſtere Stirne des Majors auf und er ſtrich liebkoſend mit der Hand über ihr helles, ſeidenweiches Haar. — Du ſahſt ſo bekümmert aus, als ich eintrat; iſt Dir etwas Unangenehmes paſſirt? — Ich habe vom Baron einen ſonderbaren Brief erhalten, der meine Gedanken auf eine längſt ver⸗ ſtorbene Perſon gelenkt hat. — Auf wen denn? — Auf meine jüngere Schweſter, welche ganz jung ſtarb. — Ja, ich habe Dich ſagen hören, daß ſie ſehr ſchön geweſen. — Und ſehr gut; Gott weiß, woher ſie die Gottesgabe bekam, denn Sophie und ich gehören gerade nicht zu den weichherzigen. — Aber Du biſt es doch noch viel mehr, als Tante Sophie. 268 — Ja, ich glaube, bei meiner Ehre, daß Du Recht haſt. Sie würde verteufelt gut zum Guts⸗ herrn in Rußland gepaßt haben, und zwar mit der Knute als Symbol ihrer Gewalt. — Ich bin derſelben Meinung, Papa, aber ich erfuhr doch noch nicht, was für gute Sachen Fritz auf Stjernebro geſchrieben. — Leſe ſelbſt. Jenny las: „Herr Major! Fragen Sie doch die Profeſſorin, welches das Schickſal Ihrer jüngeren Schweſter geweſen; doch nicht in meinem Namen, ſondern in Ihrem eigenen. Ich weiß beſtimmt, daß die Profeſſorin die nöthige Aufklärung darüber geben kann. Den Grund, warum ich wünſche, daß Sie dieſe Frage an ſie richten, werde ich Ihnen mündlich angeben. Jetzt, wie immer, Ihr ergebener . Fritz Silfverkrona.“ — Das war gerade keine beſondere Aufklärung, Papachen! Aber kennſt Du denn nicht ſelbſt das Schickſal Deiner Schweſter? — Nein. Es iſt ungefähr dreizehn Jahre her, daß ſie ſtarb, und damals war ich im Auslande. Du weißt, daß ich nach einer heftigen Bruſtentzün⸗ dung ein wärmeres Klima beſuchen und dort ein Jahr verweilen mußte. Inzwiſchen ſtarb Charlotte. Als ich zurückkam, ſchwatzte man von einer Liebe, welche ſie gehabt; ja man behauptete ſogar, daß ſie verheirathet geweſen; als ich aber deshalb an Sophie ſchrieb, in deren Haus ſie ſich ſeit deren Heirath aufgehalten hatte, und ſie darüber fragte, erhielt ich 269 zur Antwort: Das Ganze ſei ein durchaus grund⸗ loſes Gerede. Charlotte hätte zwei Jahre vor ihrem Tod nach Kopenhagen reiſen müſſen. Bei ihrer Rückkehr nach Stoctholm ſei ſie ſehr ſchwach geweſen und nach ſechsmonatlichem Aufenthalt in der Haupt⸗ ſtadt geſtorben. — Nun, dann weißt Du ja Alles das. — So ſcheint es; aber ich habe von ein paar Freunden, welche zu jener Zeit in Sophiens Haus kamen, gehört, daß jene Angaben nicht wahr ſeien, ſondern daß Charlotte heimlich das Haus ihrer Schweſter verlaſſen und ſich heimlich mit einem Manne nach Kopenhagen begeben, welchen ſie liebte, den aber die Schweſter nicht als ihren Freier anerkennen wollte, weil ſeine Stellung im Leben ihren Anſprü⸗ chen nicht genügte. Du weißt, daß Sophie und ich mehrere Jahre Feinde geweſen, und das iſt der Grund, daß ich keine weiteren Nachforſchungen be⸗ treffs Charlotten gemacht. Sie war todt, und wozu — dachte ich— ſollte es dienen, ſolche traurige Sachen wieder aufzurühren? Neunzehn Jahre ſind ſeit jener Zeit verfloſſen; da aber jetzt wieder die Erinnerung an die Dahingeſchiedene rege gemacht worden iſt, ſo werde ich noch der Schweſter Sophie dergeſtalt zuſetzen, daß ſie gezwungen werden ſoll, die Wahrheit zu reden. — Das trifft ja herrlich, da ich auch etwas habe, um welches ich Dich in Beziehung auf Tante Sophie bitten möchte. Siehſt Du, Papa, das junge Mädchen, Minna, welches die Tante mit ſich gebracht hat, kann ſie nicht gut leiden, während dagegen Minna, welche 270 in der ganzen Welt keine Angehörigen beſitzt, ſich mit einer ſolchen Liebe an Albertine angeſchloſſen hat, daß ſie dadurch bewogen wird, lieber alle Härte der Tante zu dulden, als ſich von Albertine getrennt unter fremde Menſchen zu begeben. Jetzt hat Albertine mich gebeten, Dich zu fragen, ob Minna nicht bei uns einen Platz finden könnte, da die Tante, aller Wahrſcheinlichkeit nach, bei ihrer Ankunft in der Hauptſtadt Minna kündigt und das arme Mädchen ganz obdachlos daſteht und keinen andern Ausweg hat, als durch ein Commiſſions⸗ Comptoir zu verſuchen, geine paſſende Stelle zu jinden. Albertine weinte ſo bitterlich bei dem Gedanken, daß ihre Jugendfreundin und Geſpielin ſo ohne Hülfe und Schutz in die Welt hinausgeſtoßen wer⸗ den ſollte. Süßer, lieber Papa, laß mich Minna nehmen! Sie wird uns nähen helfen, und Du weißt, wie gut Mama noch etwas mehr Hülfe nöthig hat, beſonders jetzt zu Weihnachten, wo Deine Jenny und Mama ſo viel zu thun haben. Beſter Papa, ſage nicht nein! Was Minna koſten wird, das macht ſie ſchon recht, und ich will keine Taſchengelder mehr haben, ſondern verzichte ganz und gar darauf, wenn ich nur Minna nehmen darf. Jenny hatte ihren Arm um den Hals des Vaters geſchlungen, und blickte ihm bittend in die Augen, während ſie ſeine Wangen ſtreichelte und liebkoſte. — Aber, liebe Jenny, ich kann mich nicht ver⸗ bindlich machen, jene Jenny für das ganze Leben zu nehmen,— ſagte der Vater lachend. — Ach nein, blos bis Mama und ich ihr eine anſtändige Stelle verſchaffen können, und bis ſie 271 etwas gelernt hat und beſonders das, was auf dem Lande erforderlich iſt. Vielleicht, daß wir ſo zufrie⸗ den werden, daß wir ſie nicht entbehren können. — Haſt Du mit Mama geſprochen? — Nein, Papachen, ich wollte erſt Deine Ein⸗ willigung haben; Mama's bin ich ſo ſicher, als wenn ich ſie bereits in der Hand hätte. — Glaube es wohl. Deine Mutter hat Dich bedeutend verzärtelt. — Hat ſie? Meinſt Du es wirklich?— ſagte Jenny und ſah den Vater lächelnd an.— Wenn dem ſo iſt, ſo biſt Du ihr treulich dabei behülflich geweſen.. Nun, Papa, ſagſt Du ja? — Du kleine Närrin, Du machſt mit mir, was Du willſt. Du magſt die Minna zu Dir nehmen, aber nur unter einer Bedingung. Der Major blickte die Tochter ernſt an. — Und die iſt? — Gib mir Deine Hand darauf, daß Du ohne alle Einwendungen und ganz unbedingt darauf ein⸗ gehſt. — Da haſt Du meine Hand, obgleich ich die Bedingung nicht kenne, denn ich weiß, was Du thuſt, mein einziger Papa, mir immer gut und nützlich iſt. — Gut geſprochen. Höre nun! Ich will nichts davon wiſſen, daß Deine Taſchengelder eingezogen werden, ſondern ich gebe Dir ein halb Mal ſo viel, damit Du, ohne daß es Dir Unbequemlichkeiten macht, mit Minna theilen kannſt. Siehe, das war meine Bedingung,— ſagte der Major lachend. — Ach, Du guter, Du edelmüthiger Papa!— 272 rief Jenny gerührt und lächelte ihrem Vater zu mit einem Paar großer Thränen in den Augen. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und die Majorin trat ein. — Mutter, Du haſt in dieſem garſtigen Mädchen da ein recht gefährliches Weib erzogen. Sie iſt ein liſtiges Perſönchen, das Alles mit Deinem Manne macht, was ſie will. 2 Damit küßte er Jenny auf die Stirne, reichte der Majorin die Hand, und fügte mit einem herz⸗ lichen Blick auf die Letztere hinzu: Wie die Mutter iſt, ſo wird die Tochter. Die Profeſſorin hatte genau überlegt, wie ſie handeln mußte. Sie war ſo weit gekommen, daß ſie ſchließlich die ganze Geſchichte Martha's für einen Irrthum anſah. Martha hatte die Sache ganz unrichtig auf⸗ gefaßt. Sie, die Profeſſorin, rechnete aus, daß es durchaus nicht Albertine, ſondern Minna geweſen, welche das Stelldichein mit dem Doktor gehabt. Nein, es konnte nicht ihre Tochter ſein, welche ſich bis dahin vergeſſen, daß ſie für einen Mann von ſo niedriger Herkunft Liebe faßte. Sie, Fräu⸗ lein von Krug, konnte ihre eigene Würde oder das, was für den Sprößling eines adeligen Geſchlechts paſſend ſei, nicht ſo weit vergeſſen. Es war nach der Erziehung, welche die Profeſſorin ihrer Tochter 273 gegeben, nicht möglich, daß ſie die Lehren, welche ihr die Mutter von der Kindheit an eingeſchärft, unbeachtet laſſen konnte. Genug, es mußte eine Un⸗ möglichkeit ſein; und unter allen Umſtänden hielt ſie es für am klügſten, die Sache gar nicht gegen ihre Tochter zu erwähnen, ſondern die ganze Schuld auf Minna zu ſchieben, ſie mochte nun ſchuldig ſein oder nicht. Falls Albertine wirklich ſich bis dahin vergeſſen, wie es Martha behauptete, die Profeſſorin aber verwarf, daß ſie ſich in den Sohn eines Gärt⸗ ners verliebt hätte, ſo würde ſie es doch nie wagen, ihrer Mutter ein ſolches Verhältniß einzugeſtehen. Und ſelbſt das angenommen, ſo ſei es eine feine Politik, unter allen Umſtänden Minna für die Schul⸗ dige gelten zu laſſen, und dadurch zu gleicher Zeit einen Vorwand zu erhalten, ſie aus dem Hauſe zu jagen. Als die Profeſſorin angezogen war, ließ ſie Al⸗ bertine ſagen, doß ſie nach dem Frühſtück zu ihrer Mutter in den Pavillon kommen ſolle, da ſie mit ihr zu ſprechen wünſche. Die Profeſſorin hatte mit Fleiß den Pavillon gewählt, damit Riemand ihr Geſpräch mit der Toch⸗ ter belauſchen konnte. Bei ihrem Eintritt in den Pavillon fand Alber⸗ tine ihre Mutter mit einer ungewöhnlich ſanften Miene im Sopha ſitzen. Ich habe Dich rufen laſſen, weil ich Dir etwas Wichtiges zu ſagen habe, welches ich nicht von hor⸗ chenden Ohren aufgeſchnappt wiſſen will. Da oben gränzen die Zimmer ja ſo nahe an einander, daß Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 8 274 man immer der ungehörigen Neugierde der Nach⸗ barn ausgeſetzt iſt. Setze Dich. Was ich Dir mit⸗ zutheilen habe, iſt von einer ſolchen Beſchaffenheit, daß man derartige Gegenſtände nicht gern ſtehen⸗ den Fußes verhandelt. Albertine ſetzte ſich. — Von Deiner zarteſten Kindheit an habe ich immer gewünſcht, eine paſſende Wahl Deines künfti⸗ gen Gatten zu treffen. Bei der Erziehung, welche Du erhalten, bei den Grundſätzen, welche Du ein⸗ geſogen und bei der geſellſchaftlichen Stellung, die Du einnimmſt, hatte ich allen Grund, auf einen Gatten zu rechnen, welcher ſowohl an Geburt wie an Vermögen hoch über der Menge ſtand. Ich will meine einzige Tochter mit einem Mann ver⸗ heirathet ſehen, welcher mir Ehre und unſerem Na⸗ men Glanz verleiht. Du ſiehſt, daß ich wie eine zärtliche und kluge Mutter an Deine Zukunft ge⸗ dacht. Die Profeſſorin hielt inne, gerade als wenn ſie Albertine Gelegenheit geben wollte, mit einigen Aus⸗ drücken der Dankbarkeit für ihre mütterliche Zärt⸗ lichkeit zu danken, aber die Tochter ſchwieg. Nur durch eine ſtumme Verneigung des Kopfes gab ſie zu erkennen, daß ſie die ſtattliche Einleitung zu dem, was die Mutter zu ſagen hatte, gehört. — Jetzt habe ich endlich einen Mann gefunden, welcher durch ſeine Jugend, ſein Aeußeres, ſeine Bil⸗ dung und vor Allem durch ſeinen Rang und ſein Vermögen, mir ein paſſender Schwiegerſohn und ein ſolcher Gatte für Dich iſt, wie ich ihn immer ge⸗ wünſcht. — 275 Er hat bei mir um Deine Hand angehalten, und da ich die Partie vollkommen mit meinen Wünſchen übereinſtimmend fand, ſo gab ich ohne Zögern meine Einwilligung und verſprach ihm in meinem und Deinem Namen Deine Hand.— Brauche ich zu ſagen, wer es iſt? — Wenn Mama ſo gut ſein wollen. — Und Du haſt nicht einmal vermuthet, wer Dein künftiger Gemahl werden wird? — Nein! wenigſtens nicht, wen Mama dazu auserſehen. — Es iſt Graf Stormhjelm. Er kommt hierher dieſen Nachmittag, um Dich als ſeine Verlobte zu begrüßen und um Deinen Verwandten als Dein Bräutigam vorgeſtellt zu werden. Bei unſerer An⸗ kunft in der Hauptſtadt ſollt Ihr Ringe wechſeln und die Verlobung feierlich proklamirt werden. — Es ſchmerzt mich, gezwungen zu ſein, mich Deinem Willen zu widerſetzen; aber Graf Storm⸗ hielm kann nie mein Gatte werden. — Und warum nicht?— Die Profeſſorin warf den Kopf zurück und ſah die Tochter mit einem ſcharfen Blick an. — Weil ich ihn nicht liebe,— antwortete Al⸗ bertine ruhig. — Wo hat das Fräulein jene veralteten Ideen eingeſammelt? Gewiß aus irgend einem der Ro⸗ mane, welche man trotz meinem Verbot ſtudirt hat. Ich glaubte aber, Dich gelehrt zu haben, daß ich nicht zu denjenigen gehöre, welche ſich blind von der Phantaſie leiten laſſen. Uebrigens mußt Du nicht gehört haben, daß ich ſagte: Der Graf e 1 276 Verſprechen; es iſt mein Wille, daß Du ſeine Gattin wirſt. — Alles dieß habe ich ſowohl gehört als verſtan⸗ den, beſte Mama. Aber mit aller Achtung vor dem erklärten Willen der Mama, kann ich mich doch nun und nimmermehr in denſelben fügen; ich werde nie die Frau des Grafen Stormhjelm. — Nicht einmal, wenn ich Dir befehle, es zu werden! Die Profeſſorin erhob ſich und blieb mit der Hand auf dem Tiſche ruhend ſtehen. — Nicht einmal dann. — Aber wenn ich Dich zwinge? —ch werde mich nicht zwingen laſſen. Ich habe einen heiligen Schwur gethan, nur dem Manne zu gehören, den ich liebe, und den Grafen kann ich nicht einmal hochachten, geſchweige lieben. — Vor wem haſt Du dieſen Schwur geleiſtet? Vor mir wenigſtens nicht.— Die Profeſſorin that einen Schritt gegen die Tochter. — Vor Gott habe ich ihn gethan. — Genug jetzt mit Deklamationen! Höre ſtatt deſſen, was ich Dir zu ſagen habe: Du ſollſt Dich mit dem Grafen verheirathen; dieſes iſt mein uner⸗ ſchütterlicher Wille, mein unabänderlicher Beſchluß. All Dein Widerſtand dient zu Nichts. Wenn ich eine Sache beſchloſſen, muß ſie geſchehen; auf irgend eine Weiſe ſetze ich meinen Willen durch, das weißt Du. Mit mir zu ſtreiten, dient zu Nichts, Du wirſt ſchließlich doch gezwungen, Dich vor meinem Willen zu beugen. Du hörſt, daß ich mit Ruhe, mit aller 277 möglichen Rückſicht ſpreche, denn ich brauchte nur ein Wort zu ſagen, um Dich vor Scham zerſchmet⸗ tert zu meinen Füßen zu bringen. Aber ich bin ſchonend geweſen, ich habe als Mutter über Dich ſiegen wollen, und ich erwarte nun auch, daß Du als Tochter aus Dankbarkeit für meine Güte Dich bereitwilligſt meinen Wünſchen fügſt, beſonders da dieſer Wunſch nur Dein eigenes Wohl, Deine Heirath mit einem reichen und hoch⸗ gebornen Mann betrifft. — Für Mama's Abſicht, mich glücklich zu ma⸗ chen, werde ich immer eine tiefe Dankbarkeit empfin⸗ den. Aber das Glück, welches Mama mir bietet, iſt kein Glück für mich. Ich ſchätze ererbte Ver⸗ dienſte gering und finde kein Glück im Reichthum. Noch mehr, den Mann, welchen Mama zu meinem Begleiter durch's Leben auserſehen, verachte und verwerfe ich. Er iſt ein Mann ohne Ehre und ohne Herz. Denn nur ein Mann ohne Ehre und Herz kann die Hand eines Mädchens begehren, welches ihm ſelbſt beſtimmt erklärt hat, daß ſie nie ihr Ge⸗ ſchich mit dem ſeinigen vereinigen wird; und dieſes, Mama, habe ich einmal Graf Stormhjelm offen geſagt. — Albertine, nehme Dich in Acht! Die Hand der Profeſſorin ſchloß ſich feſt um den Arm der Tochter. — Du haſt es alſo gewagt, den Antrag des Grafen auszuſchlagen? — Ja, und ſo lange meine Lippen zu ſprechen vermögen, werde ich ihn ſtets zurückweiſen. — Ah, Du unartiges Kind, glaubſt, daß es Dir 278 durch Deinen Eigenſinn gelingen werde, mich dazu zu bringen, von meinem Entſchluß abzuſtehen; aber Du täuſcheſt Dich grauſam. Du haſt Dich nicht gutwillig meinem Willen fügen wollen. Nun, wohlan, antworte mir, Fräu⸗ lein von Krug, welche erniedrigende Verbindung iſt es, welche Dich zu den Stelldichein bei der Hütte des Waldhüters veranlaßte? Ah, die Röthe auf Deiner Wange iſt ein ent⸗ ſetzliches Zeugniß gegen Dich. Du haſt es alſo ge⸗ wagt, einen Mann zu lieben, deſſen Dein eigener Stolz ſich ſchämt, einen Mann, deſſen Namen weder Du noch ich ausſprechen kann, ohne uns zu ernied⸗ rigen. Du biſt tief gefallen, daß Du für einen Menſchen von niedriger Geburt haſt Liebe fühlen können, den Du als Deiner unwürdig vor der Welt verläugnen mußt. Beim Beginn der Ausfälle der Mutter, waren die Wangen Albertinens von einer dunkeln Röthe übergoſſen worden; beim Schluß derſelben wurden ſie blaß wie eine Lilie. Mit eiskaltem Blicke und dumpfer Stimme fiel ſie ein:. — Wer iſt derjenige, welcher behauptet, daß Doktor Bergſtröm meiner unwürdig ſei? Welches Mädchen würde ſich wohl zu ſchämen brauchen, daß es einen Mann liebt, welcher ſo hochherzig ſo edel, ſo geiſtreich und ſo in jeder Beziehung über die Menge erhaben iſt, wie er? Ich wenigſtens nicht. — Unglückliche!— rief die Profeſſorin und er⸗ griff Albertine an beiden Armen;— Was wagſt Du mir, Deiner Mutter, zu ſagen? 279 — Blos die Wahrheit. Es iſt allerdings eine Sprache, welche ich bisher nicht gewagt gegen meine Mutter zu führen, aber von heute an habe ich meine Furcht überwunden, und werde mich künftig derſel⸗ ben bedienen. Mama fragt mich, welche Verbin⸗ dung ich bei der Hütte des Waldhüters angeknüpft. Keine, denn bereits vor drei Jahren hatte ich dem Doktor meine Hand und Herz zugeſagt. Unſere Zu⸗ ſammenkünfte ſind nur aus dem Bedürfniß gegen⸗ ſeitiger Mittheilung entſtanden, wie eine ſolche der Liebe mitgeboren iſt. Mich dieſer Gefühle zu ſchä⸗ men, kann mir nie einfallen; ich bin im Gegentheil ſtolz darauf. Die Profeſſorin hatte die Arme ihrer Tochter losgelaſſen, und ſtand nun vor ihr mit ihren eigenen über die Bruſt gekreuzt. Sie hatte die Tochter ſprechen laſſen, ohne ſie durch einen einzigen Zorneslaut zu unterbrechen, aber es ſchien, als wenn jedes einzelne Wort Alber⸗ tinens das ſtrenge Geſicht verſteinerte, und als ſie ihre Rede ſchloß, hätte man ſchwerlich glauben ſollen, daß die Profeſſorin ein lebendes Weſen ſei, wenn nicht die durchdringenden Augen mit ihrem ſcharfen, drohenden Ausdruckſich unverwandt auf die Tochter ge⸗ richtet hätten. So viele Erinnerungen des ſtrengen und drohenden Ausdrucks in den Geſichtszügen der Mutter Albertine auch hatte, ſo konnte ſie ſich doch eines ſolchen, wie das, welches ſich jetzt ihr darbot, nicht entſinnen. Das junge Mädchen fühlte, daß, wenn dieſe farb⸗ loſen, dünnen Lippen ſich öffneten, ſie etwas Entſetzliches ausſprechen würden. Albertine hätte der Mutker zu 280 Füßen fallen, ihre Kniee umfaſſen, und um Scho⸗ nung bitten mögen; aber ſie blieb doch aufrecht ſtehen, weil ſie einſah, daß Bitten hier ohne Wir⸗ kung ſein würden. Nach einer langen Pauſe, die nach dem Schluß der Rede Albertinens eintrat, bemerkte die Profeſſo⸗ rin mit ihrer kalten und unbeweglichen Stimme: — Ich hatte es mir ſelbſt als eine Pflicht auf⸗ erlegt, Dein ganzes entehrendes Bekenntniß ruhig anzuhören, aber ich habe jedes Wort deſſelben in meinem Gedächtniß verborgen, um mich immer der ganzen Größe Deiner Schamloſigkeit gegen Deine Mutter erinnern zu können. Höre und bewahre nun Du Deinerſeits meine Worte: Meine Einwilligung zu einer Verbindung mit dem Sohne meines Knechts erhältſt Du nie; aber ich bin nebenbei als Mutter ſtark genug, um meine Tochter zu verſtoßen, zu verachten und auch zu ver⸗ fluchen, falls ſie unwiderruflich an einer ſolchen er⸗ niedrigenden Neigung feſthalten ſollte. Ich würde im Stande ſein, ſie ohne Schonung aus meinem Hauſe zu jagen, ſie der allgemeinen Verachtung preiszugeben und ſie bis zu meinem Tode als meine Tochter zu verläugnen. Dein Bekenntniß hat meinen Entſchluß in Be⸗ ziehung auf den Grafen noch feſter gemacht, und um Dir ſowohl wie mir alle weitere Auftritte zu er⸗ ſparen, will ich Dir nur kurz mittheilen, daß Deine Hochzeit in vier Monaten in entſprechender Weiſe gefeiert werden wird. Wage indeſſen nicht den Unwillen des Grafen 281 zu erregen! Wenn ich das merken ſollte, werde ich den Doktor offen vor meinem Bruder als einen Mann anklagen, welcher die Geſetze der Gaſtfreiheit und der Ehre verletzt hat; denn er hat durch eine ſtrafbare und unerlaubte Liebe Deinen Namen und Deine Ehre dem Gerede preisgegeben. Du haſt jetzt meinen Willen gehört. Die Profeſſorin ging langſam nach der Thüre. Albertine ſtand unbeweglich. Als ſie ſich endlich allein befand, ſank ſie ver⸗ nichtet auf einen Stuhl. Aber kein heftiges Schluch⸗ zen, keine wilden Klagen kamen über ihre Lippen; nur ein Paar große Thränen fielen langſam auf ihre gefalteten Hände herab. So ſaß ſie lange in ihre Verzweiflung verſun⸗ ken; denn Verzweiflung war der richtige Name für den Schmerz, welcher in ihrem Inneren wüthete. Endlich erhob ſie ihr gebeugtes Haupt, warf einen Blick im Zimmer herum, und als ihre Augen auf einen kleinen eleganten Schreibtiſch fielen, ſtand ſie auf und näherte ſich demſelben. Sie ſchrieb: „Richard!— Sie weiß Alles.— Sie hat mir mit ihrem Fluch gedroht, falls mein Herz Dir treu bliebe. Sie hat beſtimmt, daß meine Hochzeit mit Graf Stormhjelm in vier Monaten von heute an ſtattfinden ſoll.— So entſetzlich hätte ich nie ge⸗ glaubt, daß ſie ſein könnte. Mir bleibt nichts übrig, als zu ſterben. Aber bis in den Tod bleibe ich Deine treue Albertine.“ Sie legte den Brief zuſammen, und verſteckte ihn in ihrer Roätaſche, worauf ſie beim Klange der 282 Mittagsglocke mit zermalmtem Herzen und leichen⸗ blaſſen Wangen ihren Weg nach dem Hauptgebäude nahm, um ihren Anzug für die Tafel zu ordnen. Minna betrachtete ſie, während ſie ihr half, mit unruhigen Blicken. — Minna,— ſagte Albertine ſchließlich mit einer milden und traurigen Stimme— zwiſchen mir und Mama wird nachher ein harter Kampf ſtattfinden; derſelbe gilt Richard.— Sie weiß Alles.— Ich werde nie Muth beſitzen, dieſen Kampf zu beſtehen, wenn ich bei jedem Auftritt fürchten muß, daß Du dabei die Leidende würdeſt. Wir müſſen uns des⸗ halb für einige Zeit trennen, meine liebe, geliebte Minna. Weine nicht, ſehe nicht ſo verzweifelt aus, denn Dein Schmerz vermehrt nur meine Leiden. Sei ſtark Minna, ſtark meinetwegen, und glaube nur, unſer beider Wohl verlangt dieſen Schritt. Statt von meiner Mutter gezwungen zu werden, mich zu verlaſſen, wirſt Du ihr ſelbſt Lebewohl ſagen, denn Du kannſt hier bei meiner Tante und Jenny blei⸗ ben, bis wir einmal uns wieder, ſo Gott will, ver⸗ einigen können. Minna war auf einen Stuhl geſunken und ver⸗ barg das Geſicht in den Händen. Sie weinte hef⸗ tig, aber ohne ein Wort der Klage vernehmen zu laſſen. Albertine ſchlang ihren Arm um ihren Hals und auch ihren Augen entfielen einige Thränen, als ſie flüſterte: — Minna, mein liebes Kind, weine nicht! Du kannſt doch nie ſo unglücklich ſein wie ich. Minna blickte Albertine ins Geſicht und darin ſtand zu deutlich all der Schmerz zu leſen, welcher 1 283 in der Bruſt des jungen Mädchens wohnte. Minna ergriff ihre Hände bedeckte ſie mit Küſſen und ſtam⸗ melte ſchluchzend: — Du Gute! Nicht darf ich Deinen Schmerz vermehren. Ach, Albertine! thue alles was Du willſt mit mir; mein Leben gehört Dir, und ich werde ohne Klagen, ohne einen Seufzer mich Deinem Willen fügen. Die beiden Mädchen umarmten einander herzlich. Als der Doktor beim Mittagstiſch wie gewöhn⸗ lich ſeinen Platz neben Albertine hatte, gelang es ihr das Billet in ſeine Hand zu ſtecken, ohne daß die Mutter es merkte. Als man vom Tiſche aufgeſtanden war, nahm Jenny Albertine unter den Arm und promenirte mit ihr im Garten. Der Doktor und die Majorin waren in einem eifrigen Geſpräch begriffen und der Major hatte ſich im Vorgemach ins Sopha neben ſeiner Schweſter niedergelaſſen. — Du biſt jetzt über zwei Monate hier, und trotzdem kann man kaum ſagen, daß wir vier Worte mit einander geſprochen. Wir müßten nichtsdeſto⸗ weniger als Geſchwiſter, welche einige und zwanzig Jahre getrennt geweſen, einander viel zu ſagen haben. — So dürfte es ſein, mein lieber Guſtav, aber es iſt nicht mein Fehler, daß wir getrennt ſind. Ich war nicht diejenige, welche die Veranlaſſung zum Bruch zwiſchen uns gab. ———— 284 — Beim Teufel warſt Du es mit Deinem dum⸗ men Hochmuth und Deinen Tollhausideen. Glaubſt Du, daß es irgend einen vernünftigen Menſchen gibt, welcher ſolchen Phantaſien ſeine Achtung ſchenkt? Nein, keiner, kein einziger! Du, liebe Schweſter, biſt um ein ganzes Jahrhundert hinter Deiner Zeit zurück. Aber laſſen wir das. Du haſt außerdem Unrecht gehabt, daß Du Dich in meine Wahl einer Gattin haſt miſchen wollen, und das habe ich Dir verziehen. Ich bin ein beneidenswerther glücklicher Ehemann, habe Kinder, die mir Freude machen, und eine Frau, auf die ich ſtolz ſein kann. Es würde mich ſehr freuen, wenn Schwager Krug das, was ich von meiner Frau geſagt, von Dir ſagen könnte; aber ich bezweifle es ſehr. 3 — Iſt es Deine Abſicht, mich zu beleidigen?— fragte die Profeſſorin und richtete ſich auf. — Keineswegs; aber Du wirſt es doch ertragen können, die Wahrheit von Deinem einzigen Bruder zu hören, und es kohnt ſich nicht der Mühe, daß Du Dich ſo ſtolz vor mir emporrichteſt, denn dergleichen Geberden machen auf mich keine Wirkung.— Auch iſt es nicht der Mühe werth, daß wir uns jetzt är⸗ gern, ſondern uns in aller Freundſchaft trennen, beſonders da ich jeder Unterredung mit Dir ausge⸗ wichen bin, um nicht mit Dir in Fehde zu gerathen. — Du biſt gar zu artig,— antwortete die Pro⸗ feſſorin in beleidigendem Tone. — Ja, bei meiner Ehre, artiger, als Du Grund hatteſt zu erwarten; aber noch einmal, laſſen wir das Thema. Ich wünſchte eigentlich über Charlot⸗ tens Schicſal und Tod etwas Näheres von Dir zu „ 285 erfahren. Du mußt mir verzeihen, aber Deine Ant⸗ wort auf meine Fragen vor neunzehn Jahren waren ziemlich oberflächlich und wenig befriedigend. Ich will jetzt wiſſen, mit wem ſie, wie man ſich erzählt, nach Kopenhagen reiste, ſowie auch Deine Gründe, ihre Heirath mit jenem Menſchen zu hindern. Die Augen des Majors ruhten mit einem durch⸗ dringenden Ausdruck auf der Schweſter. Er bemerkte ein heftiges Zuſammenziehen der Augenbrauen, ein haſtiges Zuſammenkneifen der Lippen und einen ge⸗ ringen Wechſel der Geſichtsfarbe, welches alles eine Gemüthsbewegung wiederſpiegelte, die die Profeſſorin mit aller Anſtrengung nicht unterdrücken konnte. — Alle die Geſchichten ſind für mich ganz und gar fremd,— antwortete die Profeſſorin.— Alles, was ich weiß, iſt, daß es Charlotte von unſerem Hausarzt angerathen wurde, ausgezeichnet Aerzte in Kopenhagen um Rath zu fragen. Sie reiste ab, blieb weg ein Jahr, kehrte bedeutend ſchlechter zurück und ſtarb nach ſechsmonatlicher beſtändiger Abzehrung. — Zu Hauſe bei Dir? — Nein, Albertine ſollte damals gerade zur Welt kommen, und ich ſelbſt war ſo ſchwach, daß Charlotte unmöglich zu Hauſe ſo gepflegt werden konnte, wie ſich gehörte, und wurde deshalb der Pflege einer meiner Bekanntinnen anvertraut. — Wer war das? — Ach, ſie iſt todt. — Aber ich wünſchte den Namen jener Freun⸗ din zu wiſſen. Der Major erhob die Stimme und an den ge⸗ 286 ſchwollenen Stirnadern konnte man ſehen, daß ſein Zorn auf dem Wege war auszubrechen — Was ſoll dieſes Verhör bedeuten?— rief die Profeſſorin heftig.— Unſere Schweſter iſt vor neunzehn Jahren geſtorben, und das iſt Alles, was Du zu wiſſen brauchſt. Uebrigens bin ich nicht ge⸗ ſonnen, mich weiteren inquiſitoriſchen Fragen zu un⸗ terwerfen. — Ja ſo, Du, willſt mir nicht alle die Aufklä⸗ rungen geben, die ich zu erhalten wünſche. Nun wohlan, dann werde ich, bei Treu und Ehre, mir dieſelben ſelbſt verſchaffen. Ich reiſe morgenden Tags nach Stockholm und werde die genaueſten Un⸗ terſuchungen anſtellellen. Du ſcheinſt mich für einen zweiten von Krug anzuſehen, aber Du hätteſt Dich erinnern ſollen, daß ich vom ſelben Blute bin wie Du, wenn auch das meinige ein bischen beſſer, ein bis⸗ chen geſunder iſt, als das Deinige. Wenn ich etwas will, ſo will ich es mit vollem Ernſt, und jetzt will ich über Charlottens letzte Schickſale Beſcheid haben, und werde ihn auch haben, ſollte ich auch Jahre meines Le⸗ bens daran verwenden müſſen. Der Major war aufgeſtanden. — Höre mal, Guſtav, willſt Du Skandal ma⸗ chen? Willſt Du mich durch dieſe Nachforſchungen bloßſtellen, oder was iſt Deine Abſicht? — Ich will die Wahrheit wiſſen; kann ich ſie nicht ohne Skandal herausbekommen, ſo mag es ſein! Aber ich ſchwöre bei meiner Ehre, daß ich früher, ſpäter in dieſer verwickelten Geſchichte klar ſehen werde. 287 — Aber Du wirſt mich in ein zweideutiges Licht ſtellen.. — Kann Dir nicht helfen. Du haſt mein Wort gehört. Der Major verließ das Zimmer und die Pro⸗ feſſorin blieb mit finſterer Stirne und zuſammenge⸗ preßten Lippen ſitzen. Die Ankunft des Grafen Stormhjelm weckte ſie aus ihren Grübeleien; als ſie aber hinter ihm den Baron entdeckte, wechſelte ſie ein wenig die Farbe. Der Baron bemerkte, indem er grüßte: — Meine Gnädige, Sie ſind alſo unbeweglich? — Ich glaube meine Gedanken deutlich genug in dem Brief ausgeſprochen zu haben, welchen ich dem Baron ſandte, und hoffte, daß weitere Reden in dieſer Sache nicht mehr in Frage kommen können. Der Baron verbeugte ſich ſchweigend und zog ſich zurück. Er ging nun, den Major aufzuſuchen und hatte mit ihm ein langes Geſpräch unter vier Augen. Der Graf und die Profeſſorin blieben eine Weile allein. — Welche Hoffnung geben mir Eure Gnaden? — Sie haben mein Wort und ich halte immer ein gegebenes Verſprechen. — Aber das Fräulein? — Soll gehorchen. Bei unſrer Ankunft in der Hauptſtadt wird die Verlobung proclamirt. Sind Sie damit zufrieden, mein künftiger Schwiegerſohn? In acht Tagen reiſen wir von hier ab. — Der Graf küßte die magere, weiße Hand und flüſterte einige Worte der Dankbarkeit. Hierauf ging er, Albertine aufzuſuchen. 288 Die Jugend war unter den Linden in Hofe ver⸗ ſammelt. Bei der Ankunft des Grafen ſtürzte Arvid fort . ſeinem Platz und verließ plötzlich die Geſell⸗ ſchaft. Als man ſpäter am Abend eine kleine Prome⸗ nade machen wollte, bot der Graf Albertine ſeinen Arm. Mit Fleiß ließ er die Anderen einen bedeu⸗ tenden Vorſprung bekommen, ſo daß die Worte, welche er und Albertine wechſelten, von keinem unbe⸗ rufenen Zeugen aufgefaßt werden konnten. — Ihre Mutter, Fräulein Albertine, beliebten mir mitzutheilen, daß Sie Ihre Einwilligung zu unſerer Verbindung gegeben. Der Blick des Grafen tuhte auf Albertine mit all dem Ausdruck, den er demſelben zu geben ver⸗ mochte. — Sie täuſchen ſich, Graf Stormhjelm! meine Mutter hat Ihnen ſo etwas nicht ſagen können. Ich habe gegen meine Mutter Ihren Antrag in ebenſo beſtimmten Ausdrücken abgelehnt, wie geſtern gegen Sie ſelbſt; Sie haben gewiß ihre Meinung mißver⸗ ſtanden.„ — Nein, mein Fräulein, ſie hat geſagt: Sie haben mein Verſprechen und das breche ich nie. Weiter hat ſie bemerkt: Sie gehorcht mir. — Nehmen wir einen Augenblick an, daß ſie geſagt hat: daß ich gehorche. Sollten Sie wirk⸗ lich ein Weib zur Frau haben wollen, welches nur aus Gehorſam Ihnen die Hand reichte? — Ja, falls ich, wie jetzt, es auf keine andere Weiſe erhalten könnte. 289 — Sie ſollten alſo eine Braut an den Altar ſchleppen wollen, welche Sie nicht liebte, die Sie vielleicht verabſcheute, die nur durch den Machtſpruch ihrer Mutter gezwungen wurde, Ihre Gattin zu werden? — Ja, mein Fräulein! Wenn ich liebe, habe ich nur ein Streben, ein Ziel, das ich zu erreichen ſuche, und dieſes Ziel iſt, in den Beſitz deſſen, was ich liebe, zu gelangen. Setzt ſie meiner Liebe Ab⸗ ſcheu entgegen, ſo ſteigert ſie dieſe Liebe bis zur Raſerei. Das, was urſprünglich ein zartes und glühendes Entzücken für Herz und Einbildung war, wird durch Widerſtand eine wilde, ſtürmiſche Be⸗ gierde, welche, mag es koſten, was es wolle, befrie⸗ digt werden muß. Es wird eine Ehrenſache, denn meine Eigenliebe, die tief dadurch verletzt iſt, einen Andern mir vorgezogen zu ſehen, wird gezwungen ſich zu rächen, um trotz Drohungen, Abſcheu und Verachtung des Weibes, das mich einſt verſchmähte, Herr zu werden. Sie trotz allem Widerſtand zu beſitzen, wird mein Sieg; und iſt ſie einmal die Meinige, dann werde ich ſie bald lehren, mich zu lieben. Es liegt in der Natur des Weibes eine heimliche Neigung, alle Handlungen, welche in dem Streben begangen werden, es zu gewinnen, zu ver⸗ geſſen, und ſelbſt der Haß verwandelt ſich in Liebe, wenn es gezwungen wird, die Kraft in dem Charak⸗ ter des Mannes zu bewundern, welcher kein Mittel ſcheut, ſein Glück zu erreichen. — Sie täuſchen ſich! Diejenigen Weiber, bei welchen der Haß ſich in Liebe verwandelt, haben in der Einbildung gehaßt, und werden auch in der Ein⸗ Schwartz, Zwei Familienmütter. J. 19 290 bildung lieben; aber dasjenige, welches, wie ich, vollen Grund hat, Sie zu verachten, wird nie dahin ge⸗ langen, Sie zu lieben. Welches häusliche Glück können Sie an der Seite einer Gattin hoffen, deren Herz Ihnen nie die cannibaliſche Grauſamkeit verzeihen wird, mit welcher Sie ſie gezwungen haben, vor Gott und Menſchen einen Meineid zu ſchwören? Glauben Sie, daß ſie je bei Ihnen ihr Glück, ihre Befriedi⸗ gung ſuchen wird? Nein, ſie wird, eben als Frau, Sie fliehen. Sie hat einen falſchen Eid geſchworen und es wird ihr auf dieſe Weiſe unmöglich, mit Achtung an ihre Pflichten zu denken. An dieſen Mann, welcher ſich ihre Hand er⸗ zwungen hat, wird ſie ſich nie vor ihr Gewiſſen gebunden glauben, ſondern ſie wird eine ſchlechte und pflichtvergeſſene Gattin. Welches Recht haben Sie auf ihre Treue, auf ihre Liebe, da Sie ſie ge⸗ zwungen haben, ihre Frau zu werden. Ich fühle in meinem Innern, daß wenn ich ſchwach genug wäre, mich durch eine herrſchſüchtige Mutter zu einer Verbindung mit Ihnen verleiten zu laſſen, ſo würde ich nachher mit Haß im Herzen meine Pflichten mit Füßen treten und mich dadurch rächen, daß ich Ihren ſtolzen Namen in den Schmutz hinabzöge. Ich fühle, daß wenn man mich an einen Mann, den ich verachtete, feſtſchmiedete, ſo würde ich da⸗ durch in eine Furie verwandelt werden, die kein Bedenken nähme, ſich ſelbſt verächtlich zu machen, um dadurch über den Mann Schande zu bringen, den ich haßte und verabſcheute. 291 Albertine hatte mit einem Ausdruck und einer Lebendigkeit geſprochen, die jedem ihrer Worte ein fürchterliches Gepräge der Wahrheit verlieh. — Nicht einmal dieſe entſetzliche Schilderung kann mich dazu bewegen, von Ihrer Hand abzu⸗ ſtehen. Mein Fräulein, nur gegen einen ſchwachen und feigen Mann wagt eine Frau in einer ſolchen Geſtalt aufzutreten, wie Sie ſie geſchildert. Ich bin weder ſchwach noch feig. Ich bin ein Mann, der ſchwer zu beſiegen iſt, und ein Gatte, den man unmöglich ändern kann, denn ich werde Sie beherr⸗ ſchen, wenn nicht durch Liebe, wenigſtens durch Furcht. Und ſollte auch mein Leben an Ihrer Seite eine Hölle auf Erden werden, ſo iſt doch der Wurf gethan.— Sie müſſen die Meinige werden. — Ich werde nie die Ihrige. Nie wird man mich zwingen können, Ihnen meine Hand zu reichen. — Sie wollen alſo dem Willen Ihrer Mutter trotzen? — Nein, aber ich will mich dagegen auflehnen. — Vielleicht durch einen öffentlichen Scandal, den ſie Ihnen nie verzeihen wird. — Nein, Herr Graf, aber ich werde wiſſen, meine Rechte zu vertheidigen. — Sagen Sie lieber, die Rechte des Doctors. Nehmen Sie ſich in Acht, Albertine! In meiner Hand ruht Ihre Ehre; ein Wort von mir genügt, um Sie aus dem geſellſchaftlichen Kreiſe, in welchem Sie jetzt leben, auszuſtoßen, und vor der Welt als ein Mädchen zu brandmarken, welches durch einen ſtrafbaren Liebeshandel ihren guten Namen und Ruf befleckt hat. Schließlich werden Sie, allge⸗ * 7 292 meinen Verachtung in den Staub getreten, auch noch ein Abſcheu für Ihren Mann, welcher gezwungen iſt, auch Ihre Schande mit Ihnen zu theilen. Albertine ſchwieg. Sie fühlte, daß der Schein gegen ſie war; ſie ſah ein, daß ſie noch gar zu ver⸗ laſſen daſtand, um der Mutter ſowohl wie dem e die Spitze bieten zu können. Letzterer fuhr ort: — Sie können mich nicht beſchuldigen, meine Waffen gebraucht, geſchweige mißbraucht zu haben; denn dann hätte ich ganz einfach zu Ihrer Mutter geſagt:„Gnädige Frau, Ihre Tochter hat ihren Ruf bloßgeſtellt, aber demohngeachtet biete ich ihr meine Hand und mein Herz. Ich liebe ſie zu ſehr, als daß ich darauf Rückſicht nehmen ſollte, daß ſie das, was Sie und die Welt das Recht haben, von ihr zu fordern, vergeſſen hat.“ Aber ich ſagte nichts von alledem und habe alſo nicht Ihr Geheimniß verrathen. Ich berühre nur dieſes Verhältniß, um Ihnen zu zeigen, welche Mittel ich hätte anwenden können, wenn ich unedel oder egviſtiſch geweſen wäre. Albertine warf den Kopf ſtolz zurück und ſagte: — Ich verlange keine Nachſicht von Ihnen, denn ich habe nie eine Handlung begangen, deren ich mich zu ſchämen brauchte. Der Beweis dafür iſt, daß ich meiner Mutter offen bekannt habe, daß ich Doctor Bergſtröm meine Hand und mein Herz verſprochen. — Und ſie billigte daß Sie einem Bergſtröém einen Stormhjelm opfern? Albertine! all ihr Wi⸗ derſtand iſt vergebens, denn bei Gott, welcher uns ſieht, ſchwöre ich, daß Sie nie einem Anderen, als mir gehören werden. 293 — Die Zukunft wird Sie zum Meineidigen machen. — Was verhandelt Ihr da für gute Sachen,— rief der Major und wandte ſich um zu dem Grafen und Albertine. Dieſe Worte zwangen ſie, ihre Schritte zu be⸗ ſchleunigen. Am folgenden Morgen, als Ihre Gnaden gerade mit Kaffeetrinken fertig geworden, trat Jemand in das vordere Zimmer und ſchien, den Tritten nach zu urtheilen, gerade durch und auf das hintere zuzu⸗ gehen. Etwas verwundert blickte die Profeſſorin nach der Thüre, und in demſelben Augenblick trat der Major ein. — Was führt Dich hierher, lieber Guſtav? — Das Verlangen, das Geſpräch, welches wir geſtern abbrachen, fortzuſetzen. Höre mal, Sophie, mit wem war Charlotte verheirathet? — Wiederum die alte Geſchichte; ich meine, daß ich ſie geſtern beantwortete. — Sie war alſo verheirathet? — Ich weiß nichts davon, daß ich je einen Schwager gehabt. — Nicht einmal den Muſiklehrer Ekeberg,— rief der Major. — Nein!... Herrn Ekeberg habe ich nie als meinen Schwager anerkannt und werde ihn nie als ſolchen anerkennen. 294 — Er war aber nichtsdeſtoweniger mit Charlotte Quickfelt verheirathet. Hier iſt der Beweis dafür,— der Major warf ein Papier auf den Tiſch.— Aber noch bleibt übrig zu erfahren, wo Charlottens Tochter ſich befindet, die am 12. Mai 18— geboren wurde; kurz nachher ſtarb die Mutter, nachdem ſie das neu⸗ geborene Kind Deinem Schutze anvertraut. — Das weiß ich nicht. Charlotte hatte eine heilloſe Schande über mich gebracht, und ich hörte auf, mich als eine Verwandte von ihr zu betrachten. — Aber ich nicht; darum frage ich Dich: was haſt Du mit dem Kinde angefangen, welches ſie Dir übergab. Die Profeſſorin ſchwieg. — Willſt Du, daß ich es Dir ſage? — Gern, wenn Du es weißt. — Du haſt dieſes Kind als Dienſtmädchen Deiner Tochter erzogen; Du haſt es für das Kind der Amme derſelben ausgegeben. — Nun, wenn dem ſo iſt, wo befindet ſich dieſes arme Kind? — Hier in meinem Hauſe, es iſt... Minna! — Beweiſe, wenn Du es kannſt, daß dieſes Dienſtmädchen meine Schweſtertochter iſt. — Ich kann es. Der Major legte zwei Briefe vor; der eine war an die Schwägerin gerichtet, und darin erklärte die Profeſſorin, daß ſie es auf ſich nehmen wolle, für das Kind zu ſorgen, aber unter der Bedingung, daß die Verwandtſchaft, in welcher ſie, Ekebergs Schwe⸗ ſter, zu der Verſtorbenen geſtanden, ein Allen verbor⸗ genes Geheimniß bleiben ſolle. —⸗—. r e—e— 295 Der andere Brief war an Albertinens Amme gerichtet, und enthielt eine Verſchreibung von fünfzig Reichsthalern jährlich, wenn ſie das Kind, welches die Profeſſorin ihrer Pflege anvertraute, für das ihrige ausgeben wollte. Falls ſie eines Tags ver⸗ rieth, daß das Kind nicht das ihrige ſei, würde die ihr zugeſagte Penſion aufhören. Außerdem zog der Major einen dritten Brief, welcher auch an Ekebergs Schweſter geſchrieben war, hervor, und der, wie es ſchien, eine kurze Antwort auf eine Anfrage wegen des Kindes enthielt. Dieſer Brief enthielt nur folgende Worte: „Sie können vollkommen ruhig ſein. Das Kind meiner Schweſter hält ſich in meinem Hauſe auf, und wird mit meiner Tochter erzogen; aber auf Ihr Verſprechen geſtützt, verbitte ich mir für die Zukunft weitere Nachfragen.“ Sophie von Krug.“ Beim Anblick dieſes letzten Briefes war die Pro⸗ feſſorin erbleicht; aber ohne etwas von ihrer ſicheren Haltung zu verlieren, bemerkte ſie: — Es ſcheint mir, daß ich in jeder Beziehung meine Pflichten erfüllt habe, da ich auf eine ſolche Weiſe für das Kind Sorge getragen. — Hör' mal an, Frau Schweſter! Biſt Du eine Mutter für Dein Schweſterkind geweſen, haſt Du ihm dieſelbe Erziehung gegeben, wie Deiner eigenen Tochter? — RNein, es war durch ſeine Geburt nicht dazu berechtigt. — Richt! Und der Grund?— Der Major ſah ſeine Schweſter mit Augen an, die ebenſo durch⸗ 296 dringend waren, wie ihre eigenen.— Iſt ſie denn ein uneheliches Kind, oder was zum Teufel meinſt Du? — Ihr Vater war von ſo ſimpler Herkunft, daß wir ſie nicht wohl anerkennen könnten. Ich würde dann gezwungen worden ſein, mich als verwandt mit der Frau eines Tiſchlers anzuſehen, denn das iſt die Schweſter Ekebergs. — Nun, und dann! War Ekeberg ein ehrloſer Kerl oder nicht? — Von dem Menſchen weiß ich nur, daß er meinem Sohn Unterricht in der Muſik gab. Aber jetzt wünſche ich zu wiſſen, woher Du dieſe Papiere erhalten haſt, denn Ekebergs Schweſter iſt todt und ebenſo die Amme Albertinens. — Von Baron Silfverkrona. Weißt Du was, Sophie? Ich wünſche von Herzen, daß unſer Herr Gott einmal Deinem Hochmuth recht ernſtlich die Flügel beſchneiden und ihn ſtrafen möchte, wie er es verdient. Jetzt ſollſt Du, meiner Seele! gezwungen werden, mit der Geſellſchaft vorlieb zu nehmen, denn ich gedenke, laut und vor der ganzen Welt die Kammerjungfer Minna als meine Schweſter⸗ tochter und alle Verwandte ihres Vaters als die meinigen anzuerkennen. Der Major wollte das Zimmer verlaſſen. — Guſtav, ich hoffe nicht, daß Du meine Plane für die Zukunft durch eine ſolche Handlung bloß⸗ ſtellen wirſt, welche vielleicht die ſo eben abgeſchloſ⸗ ſene Verbindung zwiſchen meiner Tochter und Graf Stormhjelm zerſtören könnte. Was glaubſt Du, daß er von einem ſolchen Verwandtſchaftsverhältniß denken würde? Genug, mein lieber Guſtav, Du kannſt 297 nicht bis zu einem ſolchen Grade die Gaſtfreundſchaft mißbrauchen wollen, daß Du mich erſt beleidigſt und dann das künftige Glück meiner Tochter zerſtörſt. — Ich thue, was ich ſoll und muß, ohne mich um Deine gräflichen Günſtlinge zu kümmern. Minna wird alſo augenblicklich als die geſetzliche Tochter meiner Schweſter anerkannt. Ich könnte raſend wer⸗ den, wenn ich an Dein Betragen gegen das Mäd⸗ chen denke. Wenn die Grafen der ganzen Welt und das ganze übrige Adelsgeſindel anweſend wäre, ſo wird es geſchehen; ich bin dem armen verlaſſenen Kinde dieſe Genugthuung ſchuldig. — Ich werde in ein paar Tagen abreiſen, Gu⸗ ſtav! Warte wenigſtens bis dahin. — Nein, nicht eine Minute warte ich. Der Major ging und ſchlug die Thüre heftig hinter ſich zu. Außerhalb derſelben ſtieß er mit Martha zuſam⸗ men, welche einen Brief in der Hand hielt. Sie ging hinein zu der Profeſſorin und übergab ihr denſelben. Der Brief war vom Grafen und enthielt Fol⸗ gendes: „Meine gnädige Frau Profeſſorin!“ „Meine geſtrige Unterredung mit Fräulein Al⸗ bertine gab mir ſo geringe Hoffnung, daß ich wahr⸗ lich nicht weiß, wie ich meine Stellung betrachten ſoll. Ich fühle, daß ich bereit bin, mich lieber Al⸗ lem, was es auch ſein mag, zu unterwerfen, als auf das Glück zu verzichten, welches ich mir an der Seite Albertinens geträumt habe. Verzeihen Sie mir deshalb, wenn ich die Befürchtung ausſpreche, 298 daß ein verlängerter Aufenthalt auf Rönby nur die Schwierigkeiten verdoppeln kann, welche ſich meinen Wünſchen entgegenſtellen. Das Fräulein hat näm⸗ lich hier Gelegenheit, dieſelben Phantaſien zu näh⸗ ren, welche ſie gegen eine Verbindung mit mir ſo abgeneigt machen. Ihre Abreiſe von hier würde demjenigen, welcher dreiſt genug iſt, es zu wagen, ſeine Augen zu ihr zu erheben, alle Hoffnung be⸗ nehmen. Fräulein Albertine hat noch von ihren Eltern ein Vermögen zu erwarten, welches bedeu⸗ tend genug iſt, um in den Augen eines armen Arztes einen wirklichen Reichthum auszumachen. Einen Roman mit einem Mädchen von ihrem Stande zu ſpielen, iſt ohnedies immer eine Ehre für Gärt⸗ ner Bergſtröm's Sohn.(Ich geſtehe, daß ich gern geſehen hätte, daß das Fräulein mir einen Rival von etwas edlerem Blute gegeben hätte.) Wenn Eure Gnaden belieben möchten, mir die Zeit Ihrer Ab⸗ reiſe mitzutheilen, ſo bin ich ſofort bereit, die Herr⸗ ſchaft nach der Hauptſtadt zu begleiten. In tiefſter Hochachtung Erik Stormhjelm. — Ja ſo, das Fräulein trotzt mir.... Nun, wir werden doch wohl ſehen, wer herrſchen ſoll,— murmelte die Profeſſorin und legte den Brief lang⸗ ſam zuſammen. Hierauf rief ſie Martha. — Gehe hinunter und ſuche den Doktor und bitte ihn, zu mir heraufzukommen. Vermeide dabei alles unnöthige Aufſehen. Einige Augenblicke darauf erſchallten Tritte auf der Treppe und Martha öffnete die Thüre für den Doktor. 299 Mitten im Sopha im innern Zimmer ſaß die Profeſſorin mit der Miene einer Richterin, welche einen Verbrecher zu inquiriren und zu richten ge⸗ dachte. Der Doktor machte eine höfliche, aber keineswegs kriechende Verbeugung vor Ihrer Gnaden. Es lag etwas wahrhaft Würdevolles in ſeiner ganzen Hal⸗ tung, das unwillkürlich ſelbſt auf die Profeſſorin, ſo wenig Gefühl ſie auch von Natur hatte, Eindruck machte. — Eure Gnaden haben mich rufen laſſen; kann ich Ihnen als Arzt irgend einen Dienſt leiſten? — Nein, mein Herr, ich bedarf Ihres Beiſtan⸗ des nicht; ſondern habe Sie gebeten, zu mir her⸗ aufzukommen, in der Abſicht, Ihnen als Arzt zu dienen. — Da ich vollkommen geſund bin, ſo glaube ich keine ärztliche Hülfe nöthig zu haben; aber da eine Dame von einem ſolchen Verſtande, wie Eure Gna⸗ den, ſich anbietet, als Doktor zu fungiren, ſo unter⸗ ich mich in Demuth der angebotenen Kranken⸗ yflege. Der Doktor zog ein Fauteuil vor und ſetzte ſich, obgleich Ihre Gnaden ihn weder mit Worten, noch Mienen eingeladen hatte, Platz zu nehmen. Die Profeſſorin fühlte ſich durch das zu gleicher Zeit artige und ungenirte Benehmen des Doktors gereizt. — Es iſt nicht für ein körperliches, ſondern für ein geiſtiges Uebel, daß ich Ihr Arzt ſein will. Ihre Gnaden ſagte dieſe Worte mit einer ſchar⸗ fen und durchdringenden Stimme. — Ich verſichere Eure Gnaden, daß die zwei 300 genannten Fehler mir wirklich nicht ankleben. Ich laſſe mich nie verblenden, und habe ſelbſt als Jüng⸗ ling keine ſchwindelige oder derartige Illuſionen gehabt. — Genug, mein Herr! Ich brauche nicht zu wiſſen, welche Fehler Sie haben oder nicht haben; Alles dies iſt für mich ganz gleichgültig. Alles, was ich weiß, iſt, daß Sie es gewagt haben, Ihre Augen zu meiner Tochter zu erheben, daß es Ihnen ge⸗ lungen iſt, ſich in ihrem Herzen einzuniſten und ihre Begriffe zu verwirren, und dies, mein Herr, iſt et⸗ was, das ich nicht zu dulden gedenke. Mit welchem Rechte haben Sie ihre Gunſt zu gewinnen geſucht? — Mit demſelben Recht, welches jeder ehrliche Mann hat, ſeine Blicke zu einem jungen und lie⸗ benswürdigen Mädchen zu erheben, ſobald er ſich in einer unabhängigen Stellung befindet, ſo daß er ohne ökonomiſche Hinderniſſe ihr ſeine Hand bieten kann. — Ja, wenn er in der Stellung iſt; aber Sie, Herr Bergſtröm, wollen doch wohl nicht behaupten, daß Ihre Stellung eine ſolche iſt, daß Sie meiner Tochter Ihre Hand bieten können. — Das behaupte ich wirklich, meine gnädige Frau,— ſagte der Doktor höflich, denn ich habe gerade geſtern meine Ernennung zum Regimentsarzt bei einem der Garderegimenter erhalten, und hierin ſehe ich gute Ausſichten, daß ich binnen Kurzem als unabhängiger Mann auftreten kann. — Ah! Mein Herr, Sie ſind wahrlich mehr, als unverſchämt. Sie, der Sohn eines Gärtners, wenn 301 auch tauſendmal Regimentsarzt, halten ſich für be⸗ rechtigt, um Fräulein von Krug zu freien. Ich weiß wirklich nicht, ob ich über eine ſolche Zudringlichkeit mich ärgern oder lachen ſoll, aber ich habe bereits zu viele Worte auf dieſe lächerliche An⸗ maßung verſchwendet. Sie haben durch Ihre Liebe und die damit ver⸗ knüpften heimlichen Zuſammenkünfte einen Schatten auf die Ehre meiner Tochter geworfen. Sehen Sie, das iſt eine ſchlechte, eine gemeine Handlung. Ich verbiete Ihnen deshalb, für die Zukunft eine ge⸗ heime Verbindung mit meiner Tochter zu unterhal⸗ ten, ſofern.. — Belieben Ew. Gnaden vielleicht die Drohung auszulaſſen,— fiel der Doktor mit edler Würde ein.— Drohungen paſſen für Kinder, nicht für Männer. Was mich beſonders betrifft, ſo ſind dergleichen ganz über⸗ flüſſig, denn jede heimliche Berührung zwiſchen mir und Albertine hat ſchon ſeit zwei Wochen aufgehört und wird nicht wieder angeknüpft werden. Ich werde mich ihr nicht nähern, bevor ich ein Recht habe, es zu thun. Das mit Recht Tadelnswerthe, welches darin liegt, daß ich durch meine Liebe in irgend einer Weiſe einen Schatten auf die edle Perſönlichkeit Al⸗ bertinens geworfen, habe ich längſt eingeſehen und, ſo weit möglich, gut zu machen geſucht. Das Be⸗ wußtſein dieſes Verſehens iſt die einzige Veranlaſſung zu der Strafe geweſen, welche ich mir ſelbſt aufer⸗ legt, mich Albertinen nicht zu nähern, ihr auf keine Weiſe nahe zu kommen, bevor ich im Stande bin, es als Freier zu thun. „ 302 — Mein Herr, ſind Sie wirklich bei Ihrem vollen Verſtand, daß Sie im wirklichen Ernſt vorausſetzen kön⸗ nen, daß meine Tochter Ihre Verlobte werden ſollte? Ich begreife ganz wohl, daß es für einen Berg⸗ ſtröm ganz vortheilhaft ſein mag, in den Beſitz des Vermögens zu kommen, welches ein reiches Fräulein von Krug ihrem Gatten mitbringt, und dadurch Eintritt in eine Familie zu erhalten, welche durch ihre Beziehungen die Pläne ſeiner Zukunft fördern könnte. In der That nicht übel berechnet, aber Schade, daß Sie die Rechnung ohne mich gemacht. Nein, mein Herr, Sie müſſen für Ihre eigennützigen Ab⸗ ſichten ſich irgend einen andern Gegenſtand auser⸗ ſehen, als meine Tochter. Wenn Sie, von Ihren Gleichheitsideen aufge⸗ geblaſen, ſelbſt Ihre eigene niedrige Herkunft über⸗ ſehen haben, ſo hätten Sie doch nicht vergeſſen ſollen, wie elend es ſei, daß ein armer Kerl ohne Ausſichten, ſich die Hand eines reichen Mädchens zu erſchwindeln ſucht, eines Mädchens, welches in allen möglichen Beziehungen hoch über ihm ſteht. Der Doktor war, nach dem Aeußern zu urtheilen, gegen dieſe Ausfälle ganz und gar unempfindlich ge⸗ blieben. Nicht ein einziges Blitzen in ſeinen Augen verrieth den gerechten Aerger, welchen dieſe Worte in ſeiner Bruſt erregen mußten; nur auf ſeiner hohen Stirne hatten ſich einige leichte Falten gelagert. Mit einer Stimme, welche von Gemüthsbewegung frei war, antwortete er: — Kein Eigennutz hat ſich mit meiner Liebe zu Albertine vermiſcht; indeſſen iſt es fruchtlos, Sie davon überzeugen zu wollen. Sie werden meine Liebe von dieſem Geſichtspunkte betrachten und Sie mögen es thun. Aber ich wiederhole noch einmal, daß ich nie daran gedacht habe, als der Freier Ihrer Tochter aufzutreten, bevor meine ökonomiſche Lage mich über jeden Verdacht erhoben hat, als wenn meine Wahl durch irgend einen elenden Eigennutz geleitet würde. 3 — Mein Herr, Sis ſind wirklich ſo verblendet, daß Sie faſt Lachen erregen; denn ſo glänzende Aus⸗ ſichten Sie auch haben mögen, ſo werden dieſelben Sie doch nie zu einem Vermögen führen, welches dem⸗ jenigen gleich kommt, das meine Tochter nach ihren Eltern zu erwarten hat. Das Erbe, welches Ihr Vater, mein Gärtner, Ihnen hinterlaſſen wird, ſcheint nicht beſonders groß zu werden, da er bei mir für nur 400 Reichsthaler dient. Benützen Sie den geringen Theil geſunder Ver⸗ nunft, welcher Ihnen übrig geblieben, um die ganze Tollheit Ihrer Anſprüche auf die Hand meiner Toch⸗ ter einzuſehen. Denn meine Einwilligung zu einer ſolchen Verbindung erhält ſie nie. An dem Tage, an welchem ſie gegen meinen Willen Ihre Frau wird, werde ich ſie ſofort enterben und als ein meiner unwürdiges Kind verſtoßen. Der Doctor ſtand auf, verbeugte ſich zwar kalt, jedoch artig vor der Profeſſorin und ſagte langſam: — Jetzt, da ich Ihre Meinung gehört, iſt kein weiterer Grund vorhanden, daß ich mich an Sie wende, wenn ich einſt, ohne des Eigennutzes be⸗ ſchuldigt zu werden, im Stande bin, um die Hand 304 des Fräuleins anzuhalten. Nein gnädige Frau! ich wende mich an den, welcher ein größeres juridiſches Recht hat, in dieſer Beziehung einzuwilligen,— an den Vater Albertinens. — Das geht zu weit! Nicht genug, daß Sie mir trotzen, Sie beleidigen mich auch. — Mit Ihrer Erlaubniß, gnädige Frau, ich habe weder Jemanden beleidigen können, noch kann ich je dazu kommen, Jemanden zu beleidigen, am aller⸗ wenigſten ein Frauenzimmer. Im Gegentheil glaube ich während unſeres Geſprächs den Vorzug vor Ihnen an den Tag gelegt zu haben, daß ich die Beſonnen⸗ heit und die Mäßigung, welche Sie das Recht haben, von einem gebildeten Manne zu fordern, nicht ein einziges Mal überſchritten habe. Wenn Sie das, was geſagt worden iſt, im Ge⸗ dächtniß durchgehen, werden Sie nicht ein einziges Wort finden, durch welches ich im Geringſten die Achtung vergeſſen hätte, welche ich Ihnen ſchuldig bin. Glauben Sie indeſſen nicht, daß das daher kommt, daß ich Sie durch Ihre Geburt für über mir ſtehend halte. Nein, gnädige Frau, ich erkenne keine andere Ueberlegenheit an, als die, welche Bildung † und erhabene Geiſtesgaben uns ſchenken. Und ich weiß zu wohl, daß Niemand, welcher dafür angeſehen ſein will, dieſe Vorzüge zu beſitzen, ſich bis dahin vergeſſen darf, daß er verletzt. Es ſind nur die rohen Menſchen, welche nicht gelernt haben, ihre Leidenſchaften zu beherrſchen, welche in ihrer Zugel⸗ loſigkeit die Gefühle ihrer Mitmenſchen mit Füßen treten und ſchonungslos ſie zu demüthigen ſuchen. — Sie ſcheinen behaupten zu wollen, daß ich 305 mir etwas Derartiges erlaubt hätte. Wenn dem ſo iſt, mein Herr ſo hat Ihr eigenes Benehmen, Ihre Unverſchämtheit mir das Recht dazu gegeben. — Erlauben Sie, daß wir dieſes Geſpräch ſchließen. Ich werde nie anerkennen, daß in meiner Liebe eine Unverſchämtheit liege, und noch weniger gebe ich zu, daß irgend ein Menſch das Recht hat, mich zu beleidigen. Daß ich geduldig hier geblieben bin, während Sie Beſchuldigungen gegen mich mach⸗ ten, welche für meine Ehre verletzend ſind, kommt daher, daß ich, der Gärtnersſohn, Ihnen, gnädige Frau, zeigen wollte, wie ein Mann mit Bildung ſich gegen ein Weib aufführt, ſelbſt wenn dieſes Alles vergißt, was der ſimpelſte Tact fordert. Und jetzt, gnädige Frau, erlauben Sie, daß ich mich entferne. — Ein Wort, damit ich auf einmal Ihren Illu⸗ ſionen ein Ende mache! Meine Tochter heirathet in drei Monaten den Grafen Stormhjelm. — Das heißt, Sie wollen es. Aber Fräulein Albertine wird trotzdem nie eine Gräfin Stormhjelm werden! — Werden Sie auch jetzt noch ſagen, daß Sie mich nicht beleidigen, da Sie behaupten, daß meine Tochter ſich weigern wird, zu gehorchen. — Ich habe nur meine perſönliche Ueberzeugung ausgeſprochen. Ihre Tochter wäre ein ſchwaches, verächtliches Weib, ohne Bewußtſein ihrer eigenen Menſchenwürde, falls ſie vor Gottes Altar hintreten und einem Manne Treue und Liebe ſchwören könnte, den ſie weder liebt, noch hochachtet.— Ach, gnädige Frau, es iſt nicht der blinde Gehorſam, ſondern die Schwartz, Zwei Familienmütter. I. 20 306 Liebe, die wahre, aufrichtige und ernſte Liebe ihres Kindes, welche eine Mutter zu gewinnen ſuchen muß. — Sie werden wohl in drei Monaten erfahren, wer von uns Recht hat. — Sie werden es nicht, gnädige Frau,— ant⸗ wortete der Doctor und verbeugte ſich,— denn ſelbſt wenn es Ihnen gelänge, ihre Tochter zu einem ſol⸗ chen das menſchliche Gefühl empörenden Schritte zu zwingen, ſo würden Sie doch ewig vor Gott Un⸗ recht bekommen. Der Doctor machte eine Abſchiedsverbeugung und entfernte ſich. Sobald der Doctor gegangen war, ſtürzte die Profeſſorin auf von dem Sopha und rief in unbän⸗ digem Zorne und mit der Hand gegen die Thüre ausgeſtreckt, durch welche der Doctor verſchwunden war: — Recht oder Unrecht, ſo werde ich Dir zeigen, daß über mein Kind nur ich allein herrſche. Hierauf rief ſie Martha und gab ihr Befehl, Alles in Ordnung zu bringen. Während der Major mit ſeiner Schweſter ſprach, hatte die Majorin ſich zu Arvid hinaufbegeben. Das veränderte Betragen des Jünglings, ſein thörichtes Bemühen, Albertinens Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, ſein Zorn, wenn ſich irgend ein An⸗ derer ihr näherte, Alles hatte die Majorin im Stillen bemerkt. Da nun der Sohn bald das elterliche Haus ver⸗ ———— 307 laſſen ſollte, und er nebenbei das einzige der Kinder war, gegen welches die Profeſſorin ſich gnädig ge⸗ zeigt, ſo war es ziemlich ſicher, daß er während ſeines Aufenthalts auf Carlberg ſeine Verwandten in Stockholm beſuchen würde. Veranlaßt durch alles dieſes, beſchloß die Majorin, eine ernſte Unterredung mit ihrem Sohn zu haben, beſonders da ſie noch keine Ahnung von der plötz⸗ lichen Abreiſe ihrer Schwägerin hatte, ſondern glaubte, daß Arvid, einem früher gefaßten Beſchluß gemäß, mit ſeiner Tante und Couſine reiſen würde. Als die Majorin bei Arvid eintrat, lag er der Länge nach auf dem Sopha und hatte einen Shawl über die Bruſt gelegt, welchen die Majorin ſogleich als einen Albertine gehörigen erkannte. — Biſt Du krank, mein Junge?— fragte die Majorin und trat zu dem Jüngling hin, welcher ſich beim Eintreten der Mutter ſogleich erhoben hatte. — Nein, Mama, ich befinde mich vollkommen wohl. Warum glaubſt Du, daß ich krank bin?— Er faßte die Hand der Mutter, welche ſie langſam über ſeine Stirne führte. — Darum, weil Du, der Du ſonſt ſo gern mit dem Vater in der Gegend herumſtreifteſt, jetzt Deine meiſte Zeit auf Deinem Zimmer zubringſt. Sage mir, Kind, fehlt Dir etwas? — Ach, Mama, was ſollte mir hier in der lieben Heimath fehlen, wo Alles, Alles von Deiner Zärtlichkeit und Fürſorge ſpricht? Die Majorin hatte ſich hinter den Sohn geſetzt und er lehnte ſeinen dunkellockigen Kopf gegen ihre Schulter. 308 — Aber Arvid, in Deinem Alter ganze Stun⸗ den unbeſchäftigt in der Einſamkeit zuzubringen, iſt nicht brav oder nützlich. Man überläßt ſich dann krankhaften Träumereien, welche verderblich auf die jugendliche Friſche wirken, die in Deinem Alter die Gefühle auszeichnen ſoll. Die Phantaſie ſpielt ohnedieß eine ſo große Rolle in der Jugend, daß man nicht unnöthigerweiſe ihr Nahrung geben und dodurch über ſich und Andere Illuſionen hervorrufen darf. Nein, mein Junge, Du mußt in einer lebendigen Thätigkeit Deine Freude ſuchen. Nur für den Unbeſchäftigten, für den Müßig⸗ gänger iſt die Zeit lang— und bei ihm ſtellt ſich früher oder ſpäter Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt und Anderen ein. — Wenn ich nach Carlberg komme, werde ich arbeiten, ſtammelte Arvid.— Du ſollſt ſehen, daß ich Dir Ehre mache. — Daran zweifle ich nicht. Thäte ich das, Ar⸗ vid, ſo würde ich mich ſehr unglücklich fühlen.— Aber, mein Sohn, obgleich Du es ſelbſt nicht glaubſt, ſo biſt Du doch nicht recht geſund. — Daß Mama das ſagen kann! Ich ſpüre ja nicht das mindeſte Unwohlſein.— Arvid ſtand auf. Die Majorin lächelte. — So, deſto beſſer iſt es. Ich will gewiß nicht eigenſinnig in meiner Behauptung ſein, daß Du eine Taſſe Fliederthee mit darauf folgenden Kampher⸗ tropfen fürchteteſt. Sei indeſſen in dieſer Beziehung ruhig und ſtütze Deinen Kopf gegen meine Schulter, —— 309 wie Du es thateſt, als Du ein kleiner Junge warſt und gern auf das hörteſt, was Mama ſagte. — Jetzt wie damals, Mamachen, wird Deine Stimme gewiß alle aufrühreriſchen Gefühle in meiner Bruſt beruhigen. Arvid ſchlang ſeinen Arm um den Leib der Mutter. — BGut, ich rechne auf dieſe meine Gewalt. Weißt Du, was Dir fehlt, Arvid? — Ich erwarte, daß Du es mir ſagen wirſt. — Du haſt, wie faſt immer die Jugend, Dich von Deiner Einbildung und dem Eindruck, den eine weniger gewöhnliche Schönheit auf die Phantaſie ausübt, hinreißen laſſen. Mit wenigen Worten, Du gehſt herum und bildeſt Dir ein, daß Du in Deine Couſine Albertine ſterblich verliebt biſt. Die Majorin ſchwieg. — Um Dir ſelbſt recht die Ueberzeugung beizu⸗ bringen, daß Du eine große Leidenſchaft für Deine Couſine nährſt, legſt Du Dich in der ſchönſten Ruhe auf Dein Sopha und machſt aus dieſem inhaltsloſen Traum einen ganzen Roman. Ich bin überzeugt, daß Dein Gehirn manchen thörichten Rachegedanken gegen den Kecken, welcher es einſt wagen ſollte, Albertine zum Altare zu führen, in ſich geborgen hat. Du haſt Dich bereits in der Phantaſie, mit den Waffen in der Hand, für Deine Schöne kämpfen geſehen. — Mama, Du hältſt mich zum Beſten,— rief Arvid heftig. — RNein, ich male nur Gemälde aus Deiner eigenen Seele— aber laßt uns ernſthaft ſprechen. 310 Biſt Du je über Deine eigenen Gefühle ins Klare gekommen? Arvid ſchwieg. Die Mutter hob wieder an: — Dein Schweigen ſagt mir, daß Du es gethan haſt. Nun wohl, da werde ich Dir ſchon helfen, das Räthſel Deines Herzens zu löſen. Das erſte Gefühl, das Du für Deine Couſine empfandeſt, war Bewunderung ihrer Schönheit und ihrer äußeren Pracht; aber die Bewunderung galt nur dem, was dem Auge ſchmeichelte, da das in dem Falle inner⸗ halb Deines Geſichtskreiſes lag; als Du Dich da⸗ von entfernteſt, verſchwand die Verzauberung. Dazu kam eine gewiß verzeihliche Zufriedenheit damit, daß ſie im Allgemeinen gegen Dich mehr Freundlichkeit an den Tag legte, als gegen Deine beiden Geſchwiſter; ein Benehmen, das Deiner Eitel⸗ keit ſchmeichelte. Ferner ſtellte ſich die Eigenliebe ein, welche Dir ins Ohr flüſterte, daß ſie Dich gewiß liebenswürdiger fand, als Andere. Ja, es war ſogar klar, wie die Sonne, daß es ſich ſo verhielt; ſie ſprach ja höchſt ſelten mit Jenny und Ernſt, nie mit dem Doctor, dagegen mit Dir immer. Du durfteſt ihr den Arm bieten den Shawl tragen,— lauter Gunſtbezeugun⸗ gen, die ſie Dir vor dem Baron und dem Grafen ſchenkte. Dadurch bekamſt Du Veranlaſſung, an Deine eigene Liebenswürdigkeit, an Deine Vorzüge vor Anderen zu glauben. Ach! wenn man, wie Du, ſiebenzehn Jahre alt iſt, dann hält man ſich oft für etwas höchſt Unge⸗ wöhnliches, und die Eigenliebe iſt dann immer be⸗ — 311 reit, uns verſchiedene Urtheile über uns ſelbſt zuzu⸗ flüſtern. Ich bin vollkommen überzeugt, daß Du in dieſer Entzückungsperiode Dich oft mit dem an ſich unſchuldigen Vergnügen unterhielteſt; dein eigenes Bild im Spiegel zu betrachten. Genug, Deine ge⸗ ſchmeichelte Eigenliebe machte Dich an Deinen Erfolg bei Deiner Couſine glauben und beſchäftigte Dich ſo oft und ſo lebhaft, daß du damit endeteſt, Dich in allem Ernſt für verliebt in ſie zu halten. Wieder hielt die Majorin inne, aber Arvid blieb ſtill. Sie hob wieder an: — Ich will über Deinen Zorn bei der Entdeckung, daß Albertine den Doctor liebte, hinweggehen. Ich glaubte wirklich, daß Du durch dieſes Ereigniß von Deiner kindiſchen Neigung geheilt werden würdeſt, aber ich finde jetzt, daß Du den Schluß Deines klei⸗ nen Romans für viel zu trivial hieltſt, wenn Du nicht demſelben den Effect einer großartigen Eifer⸗ ſucht beifügen konnteſt. — Du haſt jetzt längere Zeit über eine Ange⸗ legenheit nachgegrübelt, eine recht effectvolle Scene herbeizuführen. Siehſt Du, mein Junge, ich habe beſchloſſen, daß Du Dich weder vor Albertine, noch vor irgend einem Andern lächerlich machen ſollſt. Darum will ich Dich über dies und jenes aufklären, das Du in Deiner Verblendung gänzlich überſehen haſt. Fürs Erſte, was glaubſt Du, daß der Grund ſei, daß Albertine ſich fortwährend auf eine ſo in die Augen fallende Weiſe benommen hat? — Gefallſucht; das Verlangen, mit mir die Zahl ihrer Anbeter zu vermehren. — Kind! Siehſt Du nicht ſelbſt, daß Dein Dünkel 312 Dich verwirrt, indem Du glaubſt, der Gegenſtand der Gefallſucht eines ſo ſchönen Mädchens zu ſein, indem Du Dir einbildeſt, daß ſie ſich ſo viel Mühe geben würde, um einen ſiebzehnjährigen Knaben als Anbeter zu gewinnen? — Wahrlich, Mama, ich kann ihr Benehmen nicht anders deuten,— fiel Arvid heftig und mit glühenden Wangen ein. — Aber ich kann es, mein Sohn! Sie betrach⸗ tete Dich als ein Kind, dem ſie, ohne Gefahr ver⸗ kannt zu werden, Wohlwollen zeigen, und alle die Vorrechte zu Theil laſſen werden könnte, welche man ſo gern einem jungen Menſchen einräumt; Vorrechte, die ſie indeſſen nicht gegen einen der anderen Herren zeigen konnte, ohne gefallſüchtig zu erſcheinen. Niemals fiel es Albertine ein, daran zu denken, daß Du, ein Jüngling, der kaum aus den Kinder⸗ jahren herausgetreten, eitel genug ſein würde, ihre Freundlichkeit als eine Aufmunterung, als einen Beweis, daß ſie ſich in Dich verliebt, aufzunehmen. Ich verſichere Dich, daß wenn Du anfingeſt, mit Albertine von Deiner Neigung zu ſprechen, ſo würde ſie ſich kaum des Lachens enthalten können. Siehe ja zu, mein einziger Arvid, daß Du Dich nicht der Lächerlichkeit Preis gibſt, ſondern denke mit Ruhe an das, was zu Deinem Frieden dienlich iſt. Nehme Dich wohl in Acht, während der Reiſe nach Stock⸗ holm und auch bei Deinen Beſuchen bei Tante, eine andere Rolle zu ſpielen als Deine eigene, nämlich die eines beſcheidenen und lebensfriſchen Jünglings. Das Leben iſt kein Roman, ſondern eine deutliche 1 313 Proſa; und wir werden erſt dann recht lächerlich, wenn wir etwas Anderes daraus machen wollen, als es wirklich iſt. Die Maſorin küßte die Stirne des Sohnes, welche brennend heiß war. Noch eine Weile ſprach ſie mit ihm in ihrer milden und liebevollen Weiſe, ſo daß er endlich lächelnd verſicherte, daß ſie ein ganz kluger und geſchickter Arzt ſei. Beim Mittagstiſch fehlte der Doctor. Er war auf Abſchiedsbeſuche hinausgefahren, da er noch den⸗ ſelben Abend die Gegend zu verlaſſen gedachte. Der Arzt in der Stadt hatte verſprochen, den Dienſt zu verſehen, bis der neue Stellvertreter ankäme. Aber an der Stelle des Doctors befand ſich, als die Profeſſorin hereintrat, eine ganz andere Perſon im Saale, welche ihr ebenſo vielen Aerger als je der Doctor verurſachte. Es war nämlich— Minna. Der Major nahm das junge Mädchen bei der Hand, führte ſie zu der Profeſſorin und ſagte: — Hier iſt Deine Tante, Kind! Danke ihr für das, was ſie bis Dato für Dich gethan, denn von jetzt an werde ich, Dein Onkel, es ſein, welcher Dich in ſeinen Schutz nimmt. Minna ſtand vor der Profeſſorin, zitternd und mit niedergeſchlagenen Augen, ohne es zu wagen, ihre Hand zu nehmen, oder ſich ihr zu nähern. — Ich habe nie Herrn Ekeberg als meinen Schwager anerkannt, und ich werde auch nicht ſein Kind als meine Schweſtertochter anerkennen. Mam⸗ ſell iſt mir übrigens keinen Dank ſchuldig; wenn ſie will, kann ſie ihren Dienſt verlaſſen. — Ja ſo, Sophie, Du ſingſt aus dem Tone! Nun wohl, dann ſage ich Dir, daß weder ich, noch meine Kinder Dich je als unſere Verwandte betrach⸗ ten werden. Es iſt nicht genug, daß Du dieſes arme Kind ſchon tief gedemüthigt haſt, indem Du ihr, die doch Deine Schweſtertochter war, in Deinem Hauſe einen Platz unter Deinen Dienern anwieſeſt. Du willſt ſie noch fortwährend herabſetzen und ver⸗ letzen, aber ſiehſt Du, ſo etwas darf in meinem Hauſe, unter meinem Dach nicht geſchehen, ſondern Du verläßt... — Papa, um Gottes Willen! Sage nicht mehr, — rief Jenny halb weinend. — Guſtav, erinnere Dich, daß Du als Wirth und Bruder Deiner Schweſter Achtung ſchuldig biſt. — Seien Sie ſo gut und laſſen Sie ihn fort⸗ fahren, meine Schwägerin! Ich brauche keine Ver⸗ mittlerin zwiſchen meinem Bruder und mir,— fiel die Profeſſorin hochmüthig ein. — Darin haſt Du Recht, da Dein Bruder Mann genug für ſeinen Hut iſt, um einem herzloſen Weibe, wie Du biſt, offen ſagen zu können, daß er ſein Haus für viel zu gut für ſie hält. — Komm, Albertine, ich habe der Grobheiten genug, und mein Fuß wird nicht mehr über dieſe Schwelle kommen. Schon am folgenden Tage machte die Profeſſorin 315 ihre Abſchiedsviſiten, worauf ſie dergeſtalt auf ihren Bruder aufgebracht abreiſte, daß ſie nicht einmal ihre Schwägerin ſehen, oder von irgend Jemanden, der zur Familie gehörte, Abſchied nehmen wollte. 3 In einem Billet voll Bitterkeit theilte ſie der Ma⸗ jorin ihren Wunſch mit, es überhoben zu werden, mit irgend Jemanden, der zur Familie des Bruders gehörte, zuſammenzutreffen. Ende der erſten Abtheilung. „ In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Reuzeit. Erſter Band: Georg Stephenſon, 2. Auflage. 80. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Golvſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als in beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiderſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz, welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman daneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schrauken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Charakter des Jünglings wird geſtäblt durch ſo edle Beiſpiele; und envlich ſind über das innere und äußere veben der beiven großen Männer ſo viele und intereſſante Aufſchlüſſe gegeben, daß dieſe Biographien als endgültige angeſehen werden können. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebſame Jugend unſeres deutſchen Vater⸗ landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. Erzählungen Hermann Kurz, Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgen! ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. — Das Schattengericht.— Das Arfannm.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederfinden.— Ein Herzensſtreich— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Ingenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. Stuttgart. Frandh'ſche Verlagshandlung. In unſerm Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Allgemeine Geſchichte der Literatur. Ein Handbuch von Fohannes Scherr. Zweite, umgearbeitete und erweiterte Auflage. 37 Bogen Lex.⸗80. broch. Thlr. 2. 6 Sgr.— fl. 3. 36 kr. Der Herr Verfaſſer ſagt in der Vorrede zu dieſer Auflage:„Mein Buch erſcheint in ſeiner zweiten Auf⸗ lage weſentlich umgeſtaltet Nur wenige Seiten dürften ganz unverändert geblieben ſein. Manche Abſchnitte ſind neu geſchrieben, das Ganze iſt erweitert und ver⸗ vollſtändigt, überall wurde nachgebeſſert, durchgehends der Ton zu objectiv⸗ruhigem Vortrag geſtimmt und in Folge deſſen alles nicht zur Sache Gehörige ſtrengſtens ausgemerzt. Auch iſt die zweckdienliche Verbeſſerung eines Regiſters angebracht worden.“ Der ungewöhnliche Anklang, den dieſes Buch in ſeiner erſten Auflage gefunden hat, läßt uns erwarten, daß das Publikum dieſe zweite, in angedeuteter Weiſe verbeſſerte Auflage gleich günſtig aufnehmen werde. Stuttgart. Jranckh ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage ſind ferner erſchienen und in allen Buchhandlungen und Leihbiblio⸗ theken vorräthig: Grorge Gliet, Adam eder. 3 Bde. eleg. broch. Thlr. 1. 18 Sgr.— fl. 2. kr. Silas Marner, der Weber von Ravelve. Gleg. broch. 16 Sgr.— 48 kr. Stuttgart. Jranchh'ſche Verlagshandlung — „ 7 8 9 10 11 13 14 15 16 17