3 1 . 12 S deutſcher, engliſcher 8 ftanz öſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Avonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für nehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2— auf 1 Monat: 1 Mr.— pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 3. Answärtige Konnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgé Fetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. h Iusgewühlte Wne von Frau M. S. Schwartz. A us dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Die Emnnripntions-Mmie. Eine Erzählung von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Reventlow. — Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg. „Junge! wenn Du noch länger in dem Tone fort⸗ fährſt, dann werfe ich Dich hinaus, und das durchs Fenſter.“ „Das thut Onkel nicht, und da ich das weiß, ſo fahre ich fort.“ Dieſes Geſpräch wurde zwiſchen dem Kauffahr⸗ teicapitain Werner und ſeinem Schweſterſohn Harald Aréhn geführt, während ſie im Arbeitszimmer des Er⸗ ſteren auf ſeinem an der Küſte des ſüdlichen Schwe⸗ den gelegenen großen Gute, Björnbo, zuſammenſaßen. „Thue ich nicht!“ ſchrie der Capitain und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch,„thue ich nicht, ſagſt Du?— Und Du glaubſt, daß ich ganz gutmüthig hier ſitzen werde und mir von einem ſolchen Laffen Lectionen geben laſſen? Nein, ſiehſt Du, da wird, hol' mich der T— nichts daraus!— Willſt Du nicht das Mädchen und mich in Frieden laſſen;— dann enthebe ich Dich Deiner Stelle.“ „Es iſt mir nicht halb ſo viel daran gelegen dieſelbe zu behalten, wie es Onkel darum zu thun iſt, mich hier zu behalten,“ rief Harald und brach in ein Gelächter aus. „Ja ſo, der Wind pfeift aus dem Loche; aber ich rathe Dir, das Toppſegel einzuziehen, ſonſt könnte das ganze Fahrzeug zum Teufel gehen.“ Der Capitain ſtand auf und ging mit Sturm⸗ ſchritten im Zimmer auf und ab. Es trat eine Stille von einigen Augenblicken ein, während welcher Harald mit einem ſchalkhaften Blicke den Onkel betrachtete. Als dieſer ſeine Schritte etwas gemäßigt, ſagte Harald: „Hat der Sturm ſich etwas gelegt, daß wir An⸗ ker lichten können?“ ² „Iſt es Deine Abſicht, mich zu bewegen, meinen Curs zu ändern?“ Der Capitain blieb vor dem Schweſterſohn ſtehen. „Ja, jawohl; da hängt es hinaus.— Darum ſage ich noch einmal; Urda iſt ein Spott für die ganze Gegend, und ihr Vater wird für einen Narren gehalten, welcher..... 4 „Was zum Donnerwetter ſagſt Du!. ſchrie der Capitain und erhob ſeine geballte Fauſt;„laß mich nur erfahren, wer es wagt, etwas Derartiges 3 zu ſagen, und ich werde, meiner Seele, den Verläum⸗ der ſeinen Durſt in Salzwaſſer ſtillen laſſen; ich erde „Ausgelacht werden und dieſen Sturzſee und noch ² viele andere aus dem Ocean der Schmach hinunter⸗ ſchlucken müſſen.“ „Willſt Du mich deſperat machen?“ donnerte der Capitain, ganz dunkelroth im Geſicht. „Das iſt gleichgültig, wenn nur Onkel klug wird,“ 3 antwortete Harald lachend. Der Capitain entlud eine ganze Batterie von Drohungen und Flüchen und trat einen Schritt auf Harald zu, welcher mit der größten Ruhe ſagte: „Alle Flüche und Drohungen dienen zu nichts; 7 Onkel weiß ja, daß ich mich dadurch nicht einſchüch⸗ tern laſſe. Das wäre doch teufelmäßig, wenn On⸗ kel ebenſo empfindlich gegen die Wahrheit wäre, wie ein altes Weib. Falle ab vor dem Wind und laß uns nicht auf die Sandbank hineinlaufen.“ „Du verdienteſt Dein ganzes Leben im Maſtkorb zu ſitzen; denn Du ſegelſt unter der Flagge der Un⸗ dankbarkeit, und die führt Dich direct zum Teufel.“ Der Capitain ſetzte ſich und trocknete ſeine Stirne mit dem Taſchentuch. „Nehme das Un weg, dann hat Onkel die Inſchrift meiner Flagge, und darum will ich, daß Onkel weder ſich noch Urda der Tadelſucht der Leute preisgiebt. Sei doch einmal Mann, und ſage ihr, daß Onkel ſolche Tollheiten nicht duldet, wie z. B. ſich ſo lä⸗ cherlich anziehen, wie zu einer Maskerade, in der Gegend in Mannskleidern herumſpringen, Cigarren rauchen und dergleichen. Nein, nimm eine ſtrenge Miene an und leſe der Mamſell die Leviten, falls Onkel wirklich Liebe zu ihr hat.“ „Das iſt leicht geſagt; aber Du mußt wiſſen: das Fahrzeug parirt dem Steuerruder nicht. Ich mag ſagen, was ich will, ſo ſteuert ſie doch ihren eigenen Curs.“ „Das iſt immer der Fehler des Steuermanns.“ „Hör mal, Landkrabbe, willſt Du mich Naviga⸗ tion lehren?“ „In dieſem Fahrwaſſer hier fürchte ich wirklich, daß mein Unterricht vonnöthen iſt. Meint denn On⸗ kel, daß Urdas Benehmen mit der geſunden Vernunft übereinſtimmt?“ „Das will ich gerade nicht behaupten,“ antwor⸗ tete der Capitain faſt muthlos. „Würde es Onkel gefallen haben, wenn die ſelige Tante ſich ſo benommen hätte wie Urda?“ „Nein, beim Teufel, Junge, biſt Du toll? Meine fromme, milde Marie ſich wie ein Mann kleiden, reiten, fahren, Kegel ſchieben, jagen und nach der Scheibe ſchießen,— mein Gott, dann wäre ich lie⸗ ber in Amerika geblieben, als zu einer ſolchen Frau zurückkehren. Wer ſollte dann wohl Haus und Hof beſorgt haben?“ „Wünſcht Onkel Urda verheirathet zu ſehen?“ „Natürlich. Ein Weib ohne Mann iſt wie ein Schiff ohne Maſt und Steuerruder. Nein, um voll⸗ ſtändig ausgerüſtet zu ſein, muß ſie Mann und Kin⸗ der haben.“ „Wer, glaubt Onkel, wird die Urda haben wol⸗ len, wie ſie jetzt auftritt?“ „Was ſagſt Du? ſollte Niemand mein hübſches Mädchen haben wollen?“ rief der Capitain. „Nein, bei meiner Ehre; ich glaube, daß kein ordentlicher Mann den Muth haben wird, ein verrück⸗ tes Weib zur Frau zu nehmen.— Welches häus⸗ liche Glück kann ſie ihm bieten?— Keines.“ „Du ſollteſt ſie alſo nicht haben wollen?“ fragte der Capitain und heftete ſeine Augen auf den Schwe⸗ ſtersſohn. „Ich!“ rief Harald.„Nein, nicht, und wenn ſie zehnmal reicher wäre, als ſie iſt, und ich zehnmal ärmer.“ „Iſt das Dein Ernſt?“ 9 „Ja, bei Gott,“ verſicherte Harald mit einem ernſten Ausdruck im Blick. „Dann werde ich wohl grobe Artillerie anwen⸗ den müſſen, um ſie zum Capituliren zu bringen,“ be⸗ merkte der Capitain, indem er ſichtbar heftig aufge⸗ regt mit großen Schritten im Zimmer auf und ab marſchirte. „Onkel hat doch wohl nie ohne meine Zuſtim⸗ mung mich zum künftigen Swiegerſohn auserſehen?“ „Nun, und dann.— Ich möchte wiſſen, wer dann ſich dem widerſetzen möchte?“ brach der Capitain heftig aus. „Ja, gerade ich, denn um keinen Preis und un⸗ ter keinen Bedingungen will ich Mamſell Unwetter zur Frau haben.“ „Ich werde, meiner Seele, ſowohl Dich wie ſie n lehren,“ ſchrie der Capitain, blutroth vor orn. „Fange dann mit ihr an, ſie kommt dort den Hof hinauf. Ha, ha, ha! ſie ſieht auf Ehre aus, als wenn ſie direct aus einem Irrenhaus ankäme.“ Und aus vollem Halſe lachend verließ Harald das Zimmer. Als er in den Hof hinauskam, befand er ſich gerade vor einer höchſt eigenen Perſönlichkeit. Es war ein Mädchen von achtzehn Jahren, klein von 10 Wuchs und etwas wohlbeleibt, mit blühender, friſcher Haut, blondem Haar und hellblauen Augen, roſen⸗ rothem Mund und einer Naſe, die etwas in die Höhe ſtrebte. Die Geſichtsform war rund, und der ganze Ausdruck ländliſch, friſch und vollkommen frei von allen Spuren excentriſcher Originalität. Wenn ihr Anzug aus einer hübſchen, zu Hauſe gemachten Kleidung und einer netten Schürze beſtanden, und das Haar ſchlicht gekämmt, dann wäre ſie ein rei⸗ zendes Mädchen geweſen und man würde ſie für dazu geſchaffen geglaubt haben, Gemüthlichkeit und Ord⸗ nung im Hauſe aufrecht zu erhalten. Aber jetzt, in dem Anzug, in welchem ſie auftrat, war es unmöglich einen Spott zu unterdrücken, ſo höchſt lächerlich kam Einem ihr Aeußeres vor. Sie trug einen Mannsrock von hellgelbem Nan⸗ king und Hoſen von demſelben Zeug, welches be⸗ wirkte, daß ihre natürliche Fülle das Ausſehen von Fettigkeit bekam und die Figur etwas unproportio⸗ nirt wurde. Auf dem Kopf trug ſie einen grauen Hut, welcher an der einen Seite in Baretform auf⸗ gekrämpelt und mit einer Feder von derſelben Farbe verſehen war. Ueber die Achſel hing eine kleine Büchſe und eine Jagdtaſche. Sie war von einem großen Jagdhund begleitet. Ihr Gang war gezwun⸗ gen und bewies, daß ſie ſich noch nicht in den Klei⸗ dern, welche ſie trug, heimiſch fühlte. „Ha, ha, ha! Welch' unerhörter Verluſt, daß Du nicht ſehen kannſt, wie verrückt Du ausſiehſt! Ich habe in meinem Leben nie etwas Lächerlicheres geſehen.— Daß Du Dich nicht ſchämſt, Urda, ſon⸗ 11 dern Dich in einem ſolchen Anzug vor den Leuten zeigſt! Als Harald dieſe Worte rief, begleitete er ſie mit mehreren Gelächterſalven. „Uſch Harald! Schweige, Du biſt abſcheulich,“ antwortete Urda mit glühenden Wangen. „Was geht es Dich an, wie ich mich kleide? Du darfſt Dir doch niemals einbilden, daß ich mich um Deinen Spott und Deine Bemerkungen kümmere? Habe ich nicht das Recht, mich zu kleiden, wie es mir gefällt? Bin ich nicht ein freier Menſch?“ „Jawohl, Gott behüte! Aber daß die Freiheit in Rock und in Hoſen läge, das wüßte ich nicht.— Mir kommſt Du in den Kleidern da unfreier vor, als wenn Du zehn Frauenröcke mit Falbeln an⸗ hätteſt.“ „Harald, ich verbiete Dir, Bemerkungen über mich zu machen, oder zu lachen,“ rief Urda heftig und ſtampfte mit dem Fuße in den Boden.“ „Bin ich nicht ein freier Menſch?— Nun gut, meine höchſt ſpaßhafte Couſine, wenn ich das bin, ſo muß es mir erlaubt ſein, daß ich über das lache, von dem ich meine, daß es ausgelacht zu werden verdient.— Doch, warum die Zeit mit Worten ver⸗ lieren?“ „Gehe Du hinein zum Onkel; dann kann ich das Vergnügen haben, zu ſehen, wie Du Dich ausnimmſt, wenn man Dich von hinten anſieht.“ Harald ging an Urda vorbei und ſchaute ſie unter fortgeſetzter Heiterkeit an, während er die Lorgnette vors Auge hielt. Der Zorn des jungen Mädchens wurde für ſie 12 ſelber unerträglich, und als ſie derſelben nicht Luft machen konnte, ſtürzte ſie hinein zum Vater und rief: „Harald muß ſofort Björnbo verlaſſen, Papa; ich will ihn nicht länger hier ſehen. Er nimmt mir das Leben mit ſeinen gemeinen Worten. Hör' Du, er darf nicht unter demſelben Dach bleiben, wie ich.“ „Ja ſo; Du kommſt gegen mich heran mit vol⸗ len Segeln, merke ich; aber ich bin, hol' mich der Teufel, nicht bei der Laune, Maſten und Taue vor Dir zu kappen. Was, zu ſiebentauſend Teufeln, Mädchen, haſt Du wieder für eine Takelage, und was, beim Satan, haſt Du mit dem Harald zu thun? Ich habe meiner Seele Luſt „Harald ſofort zu verabſchieden!“ ſchrie Urda, warf Büchſe und Jagdtaſche weit von ſich und fügte, indem ſie halb weinte, hinzu: „Willſt Du erlauben, daß er Dein eigenes Kind beleidigt und mir ungeſtraſt ins Geſicht lacht?“ „Hör' mal, Urda,“ ſagte der Capitain ernſt, faſt ſtreng, und ließ ſeine Seemannsredensarten bei Seite:„Daß Du ein thörichtes und närriſches Mäd⸗ chen voll von tollen Einfällen biſt, damit habe ich Nochſicht, weil das nichts Böſes verräth; aber nehme Dich in Acht, ein ſchlechtes und boshaftes Herz zu verrathen! Ich würde es Dir nie verzeihen. Laß darum Harald in Ruhe und ſpreche nicht von ihm, wenn Du mich nicht ebenſo ſtreng ſehen willſt, wie ich bisher nachſichtig geweſen.“ Urda wußte aus Erfahrung, daß wenn Papa dieſen Ton annahm, es nicht mit ihm zu ſpaßen ſei. Sie hätte eben ſo gut verſuchen können, die Sonne 13 aus ihrer Bahn zu rücken, wie den Vater zum Nach⸗ geben zu bewegen. Urda ſeufzte und dachte: „Ach! ich Unglückliche, die ich verurtheilt bin, von dem niedrigen Harald zu Tode geplagt zu werden. Wenn ich ihn nur ſo verdießlich machen könnte, daß er freiwillig Björnbo verließe.“ Aber gerade als wenn Capitain Werner die Ge⸗ danken ſeiner Tochter errathen hätte, fügte er hinzu: „Nehme Dich auch in Acht, ihn ſo zu verletzen, daß er mich und ſeine Stelle verläßt; denn das würdeſt Du theuer bezahlen müſſen.“ „Nun, das iſt wirklich herrlich hier!“ dachte Urda, „jetzt ſind alle Wege, ihn los zu werden, ver⸗ ſchloſſen.“ Bei dieſem Gedanken fing das junge Mädchen an zu weinen. „Warum, zum Teufel, Mädchen, weinſt Du?“ „Weil Du Harald lieber haſt, als mich. Weil er Deine Erlaubniß hat, mich zu beleidigen; aber ich darf mich mit keinem Worte vertheidigen.“ „Du biſt ein Fahrzeug ohne Steuerruder; er aber iſt ein Fahrzeug ſowohl mit Steuerruder, wie mit Steuermann. Darum. „Iſt er Dir lieber?“ Urda ſprang auf. „Nein, beim Satan, nicht; aber der Eine weiß, welchen Curs er nimmt, während der Andere vor dem Winde treibt.“ „Papa treibt gewiß vor dem Winde, aber nicht ich,“ brach Urda aus. „Du kleiner, naſeweiſer Waldteufel, willſt Du Reſpect vor dem Capitain zeigen? Nehme Dich in Acht, daß Du nicht Bekanntſchaft mit dem Tauende machſt!“ „Ich ſtehe nicht unter Papas Befehl; wir ſind übrigens jetzt auf dem Lande,“ antwortete Urda, welche bei dieſer Wendung in der Sprache des Ca⸗ pitains wohl wußte, daß es nicht länger gefähr⸗ lich ſei. „Nun, davon ſollſt Du eine Probe bekommen.— Um damit anzufangen, ſo will ich Dich nicht wie ein Kaper zugetakelt ſehen. Auch will ich nicht, daß Du unter fremder Flagge ſegelſt, ſondern diejenige aufziehſt, welche Dir gehört. Meinſt Du, daß Du wie ein ehrlicher Segler ausſiehſt? Nein, pfui Teu⸗ fel! Du gleichſt einem ruſſiſchen Fahrzeug, das engliſche Flagge aufgezogen hat.— Ich ſage Dir, höre jetzt auf mit den Tollheiten und kleide Dich vernünftig wie ein Mädchen gekleidet ſein muß.“ „Liegt der Verſtand in den Kleidern? Papa ſpricht ſo thöricht.— Ich kleide mich ſo, wie ich will, muß ich Papa mittheilen; und da ich außer⸗ dem mein Leben der See zu widmen gedenke, ſo kann ich doch wohl nicht mich in Schürzen auf mei⸗ nem Fahrzeug herumſchleppen.“ „Dein Leben der See widmen,— am Bord Deines Fahrzeugs!— Mädchen, Mädchen, haſt Du den Verſtand verloren, oder regiert Dich der Teufel ſelbſt? Du ſollſt Dich verheirathen, da ſtehe ich da⸗ für, und das ſoll jetzt gleich geſchehen,“ ſchrie der Capitain mit donnernder Stimme. „Ich, mich verheirathen! ha, ha, ha! ich lebe für ein beſſeres und edleres Ziel, als zu kochen und Kinder zu wiegen. Ich bin geſonnen, durch mein 15 Beiſpiel zu zeigen, daß die Frau eine höhere Be⸗ ſtimmung hat, daß ſie ebenſo frei iſt wie der Mann, wenn ſie ſich nur zuſammennimmt und das ernie⸗ drigende Verhältniß der Abhängigkeit, in welchem ſie lebt, von ſich abwirft. Die Welt wird noch eine Revolution erleben, und das iſt diejenige, welche mein Geſchlecht gegen die Unterdrückung machen wird, die uns das Deinige auferlegt.— Aber mehr davon ein ander Mal, wo ich Dir meine Pläne mittheilen werde. Jetzt gehe„. auf die Jagd. Lebwohl, Papa!“ Urda trat auf den Vater z und ſah ihn mit einem ſchelmiſchen und zärtlichen Blick an. Das Geſicht des Capitains klärte ſich auf und er küßte ſie. „Ja, ja,“ ſagte er,„wir werden mit einander ſprechen, und dann will ich Dich ſchon dahin bringen, daß Du nicht den Steven gerade gegen den Wind kehrſt. Nicht wahr, mein Kind, Du willſt nicht, daß ich aus Trauer über Dich die ſchwarze Flagge aufziehe?“ „Oh, ich werde Dir keinen Kummer verurſachen,“ flüſterte Urda mit einem warmen Blick. Es iſt vielleicht an der Zeit, daß wir über die in der kleinen Erzählung handelnden Perſonen nä⸗ here Auskunft geben. Capitain Werner hatte ein nicht unbedeutendes ermögen von ſeinem Vater geerbt, wählte aber 16 trotzdem das Seemannsleben zu ſeinem Beruf. Er hatte ſich bereits als junger Mann mit einem mil⸗ den und liebenswürdigen Weibe verheirathet, welches ihm eine Tochter ſchenkte. Nach einer zehnjährigen glücklichen Ehe ſtarb ſeine Frau und das kleine Mädchen wurde jetzt Gegen⸗ ſtand ſeiner ganzen Zärtlichkeit und Zuneigung. Er begann damit, das Mädchen auch auf ſeinen Seereiſen mit ſich zu nehmen; aber vier Jahre, nachdem er Wittwer geworden, kaufte er Björnbo und ließ ſich auf ſeinem Gute nieder. Eine Schweſter von ihm, Frau Aréhn, welche Wittwe geworden und ohne alles Vermögen war, aber zwei Söhne, Erland und Harald, hatte, zog zu Capitain Werner. Frau Aréhn beſorgte das Hausweſen und er⸗ zog Urda, welche außerdem eine Gouvernante hatte. Der Capitain beſtritt die Koſten für die Studien der Söhne der Schweſter. Zwei Jahre waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, als Frau Aréhn ſtarb. Der Ca⸗ pitain hatte ſeiner ſterbenden Schweſter verſprochen, ein Vater für ihre mittelloſen Söhne zu ſein, wel⸗ ches Verſprechen er auch ehrlich hielt. Fünf Jahre waren ſeitdem dahingeſchwunden, während welcher Zeit eine arme Couſine der verſtorbenen Frau des Capitains, Mamſell Barbro Lund, zu großer Zu⸗ friedenheit des Capitains und zum großen Vergnü⸗ gen für ſich ſelbſt das Hausweſen beſorgte, weil ſie im Stillen eine ſüße Hoffnung auf die Zukunft Harald war beim Tode ſeiner Mutter ſiebenzehn Jahre und hatte ſich bereits für ſeine künftige Lauf⸗ r n er he r. 9 er ſe ⸗ 1, 5 r 5 1 ⸗ ie ft 17 bahn entſchieden. Bücherſtudien gefielen ihm nicht beſonders; das Militärjoch wollte er ſeiner freien Seele nicht auflegen. Auf den Vorſchlag des Ca⸗ pitains, Seemann zu werden, ging er auch nicht ein und ſprach den Entſchluß aus, ſich dem Landbau zu wid⸗ men. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in einem landwirthſchaftlichen Inſtitut kehrte Harald nach Björnbo zurück und übernahm die Leitung des Acker⸗ baus dort. Sein lebensfriſches, fröhliches Temperament machte ihn zum ganz beſonderen Liebling des Capitains. Wenn der Onkel donnerte und fluchte, dann fluchte und donnerte Harald mit und ließ ſich durchaus nicht einſchüchtern. Dieß machte ihn für das Wohlbefin⸗ den des Capitains unentbehrlich, da dieſer das Be⸗ dürfniß hatte täglich zu brummen, aber es nicht vertragen konnte, wenn man ſich dadurch einſchüch⸗ tern ließ. Dagegen konnte Erland, mit ſeinem ſtillen und träumeriſchen Temperament, mit ſeinem ſcheuen und mehr unverträglichen Charakter, ſich niemals an die aufbrauſende Heftigkeit des Capitains gewöhnen. Dieſelbe flößte ihm einen unüberwindlichen Widerwil⸗ len gegen den im Grunde herzensguten Onkel ein.— Die Folge war, daß Erland von Capitain Werner mit Kälte betrachtet, und, wenn er Bzjörnbo beſuchte, wie ein Fremder behandelt wurde. Außerdem miß⸗ fiel ſein düſteres, gedankenvolles Weſen dem Capitain, welcher fröhliche Geſichter um ſich ſehen wollte. In Folge deſſen war Erland oft Gegenſtand der ſchlechten Laune des Capitains, die ſich, wenn nicht in Anderem, wenigſtens in Sticheleien äußerte. Schwartz, Die Emaneipations⸗Manie. 1. 18 Zu allem dieſem kam noch, daß er ſich für die geiſt⸗ liche Laufbahn beſtimmt hatte. Nun hatte der Capitain eine tiefe Verachtung vor und wirklichen Widerwillen gegen Pfarrer. Er betrachtete ſie als Wölfe in Schafskleidern, welche nur dazu da wären, um die Menſchen durch Ein⸗ treibung von Zehnten und dergleichen zu plagen. Als er den Entſchluß Erlands erfahren, wurde das Verhältniß zwiſchen dieſem und dem Onkel noch geſpannter. Aber der Capitain hatte es übernom⸗ men, ein Vater für die Söhne ſeiner Schweſter zu ſein, und die Erfüllung dieſer Pflicht war für den redlichen Seemann eine Gewiſſensſache, welcher er ſich gegen Erland wie gegen Harald mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit unterzog. Der Erſtere war ein paar Jahre älter als der Letztere. Erland war ein paar Tage vor dem Anfang un⸗ ſerer Erzählung auf Björnbo angekommen, nachdem er ganz kurz vorher zum Geiſtlichen geweiht wor⸗ den.— Er ſollte jetzt den Juni⸗Monat über dort zum Beſuch bleiben. Eine Achtel⸗Meile von Björnbo lag ein hübſches Gut, Kollinge genannt, welches einem Beſitzer ge⸗ hörte, der es nach ſeinem Vater geerbt, und deſſen Ehrgeiz oder Gewinnſucht ihn nie weiter getrieben hatte als ein tüchtiger Ackerbauer und ein guter. Familienvater zu ſein. 19 Fr he n⸗ de n⸗ u n n r — 19 Der Name des Eigenthümers von Kollinge war Carl Milner. Er hatte ſich mit einem Frauenzim⸗ mer aus den alten guten Zeiten verheirathet, das nie Etwas gehört, was der„Emancipation des Wei⸗ bes ähnlich ſah; nie andere Romane geleſen, als „die Pfarrerstochter“ von Lafontaine und„das Klo⸗ ſterkind“, nie weiter, als bis zur nächſten Stadt, einer der kleinſten im Reich, gereiſt war; deren Ge⸗ dankenflug ſich nie weiter, als bis in das Gebiet der Küche des Viehhofs, des Leinwandſchranks und der Webekammer erſtreckt; und die nie einen an⸗ deren Traum, als den geträumt, es äußerſt or⸗ dentlich und geputzt in ihrem Hauſe zu haben, ſowie ſtrenge Disciplin unter ihren Dienſtleuten zu hand⸗ haben.— Frau Milner war Mutter von zwei Töch⸗ tern und einem Sohne. Der Sohn Göran, das älteſte Kind, war im Begriff, ſeine erſten Hahnentritte auf dem ſteinigen Wege der Wiſſenſchaft zu machen. Er war Student. Eliſe, die zweite in der Reihe, war ein langes, ſchlankes Mädchen. Ihr Wuchs hatte etwas Zartes und ſie ging ein wenig gebeugt. Die Geſichtszüge waren weniger hübſch und weniger lebhaft, als die der jüngeren Schweſter; aber aus den dunkelblauen, gar nicht großen Augen blickte eine milde und warme Seele. Ein Paar dunkele Augenbrauen wölbten ihre Bogen über einer nicht übertrieben hohen, aber doch klaren Stirne. Der Mund war groß und ſchloß ſich ernſt über zwei Reihen hübſcher Zähne; die Haut war weiß, aber bleich; das Haar war braun. Eliſe war ſtill und arbeitſam. Sie brachte ihr Leben ſtill 20 3* und uenen und ſchien es zu fürchten, die Aufmerkſamkeit auf ihre Perſon zu lenken. Die jüngſte, Calla, war ein ſchlankes etwas dun⸗ kel ausſehendes Mädchen, mit lebhaften, faſt feurigen, ſchwarzen Augen, blühender Geſichtsfarbe, weißen Zähnen, ſchwellenden Lippen, ſchwarzem Haare und einer edlen Haltung. Ihren Charakter zu ſchildern, iſt überflüſſig; derſelbe wird ſich bald zeigen. Herr Milner, welcher ſelbſt eine gute Erziehung erhalten, und, als die Honigmonate vorüber waren, mit einem gewiſſen Schmerz entdeckte, daß ſeine hübſche Charkotte mit allen ihren guten Eigenſchaf⸗ ten, doch ganz entſetzlich geiſtesarm ſei, beſchloß, als er Vater wurde, ſeinen Kindern eine ſorgfältige Er⸗ ziehung zu geben, damit ſie Gelegenheit bekämen, ihren Verſtand zu cultiviren und nicht einzig und allein Köchinnen zu werden. Deshalb, als die Mädchen ſo groß wurden, daß ihr Unterricht beginnen ſollte, ſandte er ſie in eine allgemein berühmte Penſion in der Hauptſtadt, wo ſie, mit Ausnahme von kurzen Beſuchen in den Wehnachts⸗ und Sommerferien, ſo lange verblieben, bis Eliſe ſiebenzehn und Calla ſechzehn Jahre alt war; wo ſie dann in die Heimath zurückkehrten. Milner war entzückt über ſeine wohlerzogenen Mädchen. Calla's raſche Auffaſſungsgabe und große Lebhaftigkeit hatten bewirkt, daß ſie in allen Zwei⸗ gen des Wiſſens, den ſie gemeinſchaftlich obgelegen, der Schweſter bedeutend voraus war. Sie wurde dadurch ſowohl für den Vater, wie für alle Fremde intereſſanter. Er war ſtolz auf Calla, zufrieden mit 21 Eliſe und glaubte, das ſchwere Problem der wahren Mädchenerziehung glücklich gelöſt zu haben. Für Herrn Milners Ruhe war es indeſſen ganz vortheilhaft, daß er in vollkommener Unkenntniß von dem lebte, was Mädchen in einer Stockholmer Penſion gewinnen und verlieren; und wir wollen ihn auch jetzt nicht darüber aufklären. Nach dieſer Auseinanderſetzung kehren wir zum Ausgangspuncte der Erzählung zurück. Wir überlaſſen bis auf Weiteres Urda ihren Streifzügen im Walde, die ſie ſelbſt Jagen nannte. Trotzdem war Urda noch nicht ſo glücklich geweſen auch nur einen kleinen Sperling zu ſchießen, Etwas, was gegenwärtig ihre größte Sorge ausmachte. Statt deſſen wollen wir Harald folgen, welcher, nachdem er die Ackerfelder beſucht, den Weg durch den Park nahm, welcher längs dem Seeufer lag, z wo man eine freie, herrliche Ausſicht aufs Meer atte. Auf einer Moosbank am Strande ſaß ein jun⸗ ger Mann von milzſüchtigem Ausſehen und in einen einfachen, ſchwarzen Prieſterrock gekleidet. In der Hand hielt er ein aufgeſchlagenes Buch; er las aber nicht darin, ſondern ſtützte den Kopf auf die Hand und blickte träumend in das Meer hinaus. Schön war auch die Ausſicht, welche ſich vor ſeinen Blicken ausbreitete. Björnbo lag auf einer Landzunge vom feſten 22 Lande, und der Park um dieſelbe wurde von den ſpielenden Wogen geküßt. Ueber der weitausge⸗ dehnten, klaren Waſſerfläche erhoben ſich dunkele, gigantiſche Felſen, die eine Reihe bildeten, in welcher der am weitſten entfernte der höchſte war; die anderen nahmen nach und nach ab und wurden niedriger, je näher ſie dem Lande lagen. Dieſe natürlichen Pyramiden von Granit waren vom Meere umgeben, ohne daß ſie weder mit Moos noch Buſch⸗ werk bekleidet waren. Der ganze Bergrücken lag rechts; und gerade wie um den Contraſt um ſo augenfälliger zu machen hatte man links ein Gruppe von kleinen laubreichen, reizenden Inſeln, welche ſo lächelnd da lagen, als wenn die Jugend mit ihren goldenen Träumen gerade vor dem ſeiner Illuſionen beraub⸗ ten kalten Alter Platz genommen hätte. Als Verbindungskette zwiſchen den hübſchen In⸗ ſelchen und den nackten Felſen dienend erhob ſich im Hintergrunde eine lange Klippe mit einem hohen terraſſenförmigen Berg. Jeder Abſatz war mit jun⸗ gen Tannen bekleidet, wodurch der graue Berg aus⸗ ſah, als wenn er mit grünen Guirlanden umwun⸗ den geweſen wäre. Am Fuße deſſelben, welcher von hohen Fichten beſchattet wurde, dehnte ſich ein grü⸗ nes Feld aus, auf welchem man einige rothange⸗ ſtrichene Fiſcherhütten gebaut hatte. Dieſe lagen ſo von aller Berührung mit der übrigen Welt getrennt, daß ſie Einem als Eremitenwohnungen vorkamen. Hinter dem hohen Berge, welches die Meeresöffnung beſchattete, begegnete das Auge nur dem endloſen, wie von der Feſte des Himmels begränzten Waſſer. — W 23 Die Luft war klar und eine vollkommene Ruhe herrſchte in der Natur, welche von den warmen Strahlen der Juniſonne beſchienen wurde. Die Himmelskönigin ſpiegelte ihr glühendes Geſicht in dem klaren Schooße des Meeres, indem ſie über daſſelbe eine Fluth von Sternen ausſtreute, welche auf der dunkelblauen Oberfläche blitzten. Im Park und im Walde umher ſtimmten Droſ⸗ ſeln, Buchfinken und andere befiederte Sänger ihre Chöre an, und man brauchte nicht ein Poet zu ſein, um beim Anblick einer ſo ſchönen und mannichfaltigen Natur, ohne zu fühlen, daß die Bruſt ſich erweitere, und daß das Herz friſcher und wärmer, als ge⸗ wöhnlich ſchlage, oder von einer ſanften, unnenn⸗ baren wehmüthigen Sehnſucht ergriffen werde.— Nein! man brauchte nur Gefühl und ein unver⸗ dorbenes Herz zu haben, um einen dieſer Eindrücke zu empfinden. Harald trat hinein in den Park, während er mit muntrer und raſcher Stimme ſang: „Zwiſchen Wäldern und Seen auf grünendem Feld, Da ſteht mein gemüthliches, heiteres Zelt.“ Je weiter er in den Park hineinkam, deſto mun⸗ terer wurde der Geſang.— Das, was bei dem Schwärmer Sehnſucht und Wehmuth erweckt, ruft bei dem Lebensfriſchen die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Nie fühlte Harald ſich freier und fröhlicher, als beim Sauſen der Bäume und Zwitſchern der Vögel. Nie kam das Leben ihm ſchöner und viel⸗ verheißender vor, als wenn er ſich im Herzen eines tiefen Waldes oder in einem Boote ſich wiegend 24 befand. Er liebte die Natur mit ſeinem ganzen warmen Herzen, und bis jetzt war ſie ſeine einzige Geliebte geweſen. Während ſeines fröhlichen Geſanges näherte er ſich dem einſamen Träumer am Strande. Als Harald ihn erblickte, rief er: „Englich finde ich Dich, Du unverbeſſerlicher Einſiedler!“ Er nahm den Hut ab und warf ſich ins Gras. „Biſt Du es, Harald?“ ſagte dieſer, wie aus einem Traume erwacht. „Gewiß bin ich es,“ antwortete Harald lachend. „Du wirſt doch nicht, mein lieber Erland, Dich ſo in Deine Miſſionsgeſchichten vertieft haben, daß Du ganz und gar mein Ausſehen vergeſſen, ſeit wir uns das letztemal ſahen, was, wenn ich mich nicht irre,— vor vier Stunden war.— Das ewige Le⸗ ſen, mein Junge, wird Dich zuletzt zu einem Nar⸗ ren machen.“ „Glaubſt Du das?“— Ein eigenes Lächeln glitt über Erlands Geſicht. „Ja, Du kannſt deſſen ſicher ſein, daß ich in dieſem meinem Glauben ſtark bin, und darum bin ich jetzt hier, um Dir aus dem gelehrten Kielwaſſer herauszuhelfen, wie Onkel ſich ausdrückt.“ „Das war überflüſſig; ich las nicht, als Du kamſt.“ Erland machte das Buch zu und fügte mit einer eigenen ſeelenvollen Betonung hinzu: „Ich hatte mich in die Betrachtung dieſes Ge⸗ mäldes vertieft. Sag', Harald, iſt es nicht ſchön?“ „Ja, bei Gott!“ „Wird Deine Bruſt nicht von einem wehmüthi⸗ 25 gen Entzücken erfüllt, wenn Du den Schöpfer in der Natur anbeteſt? Wird nicht Dein Herz von einer krankhaften Sehnſucht nach— ich weiß nicht was, ergriffen?— und fühlſt Du nicht das Be⸗ dürfniß, für einige Augenblicke, dieſe elende, körper⸗ liche Hülle zu verlaſſen, um nur Geiſt zu ſein?— und gleichſam getrennt vom Erdenleben und deſſen kleinen, jämmerlichen Sorgen, gleichſam von dem in Dir lebenden Ideal umſchloſſen zu werden?“ — Nein, das habe ich wahrhaftig nie gefühlt. Nein, Bruder, wenn die Natur in ihrer Schön⸗ heit mich umgibt, dann wird mein Blut wärmer und fließt raſcher durch meine Adern; dann ſchlägt mein Herz voll Freude und Muth, dann erſt iſt mir mein Daſein recht lieb, und ich meine, daß jedes Laub, jeder Grasſtrauch, jeder Windhauch Genuß und Glück meiner Bruſt zuführt. Dann erſt bin ich recht vergnügt, recht glücklich als Menſch, ohne daß irgend ein Wunſch, ein Geiſt zu ſein, meine Zufrie⸗ denheit verbittert oder mich unzufrieden mit dem Gegenwärtigen macht. Die Wirklichkeit liebe ich, die Wälder, die Seeen und Thäler gehören ja ihr an. — Ich vergeſſe immer, daß Du Materialiſt biſt. Laß uns von etwas Anderem ſprechen! Erland ſeufzte. — Warum ſchätzeſt Du das Materielle gering, Erland? Wir ſind ja ſelbſt aus Materie zuſammen⸗ geſetzt, und Alles, was wir lieben und bewundern, gehört ihr. Unſere poetiſchen Träume holen ihre Bilder aus der materiellen Welt und würden ohne ſie keine Form annehmen können. — Mag ſein; aber Du liebſt die materiellen 26 Genüſſe und kannſt Dich nicht über dieſelben er⸗ heben. — Du irrſt Dich, mein Bruder! Ich begreife Sr gut Diejenigen, welche ſich den rein idylliſchen drücken hingeben; aber ich meinestheils kann das Ndeal von der Wirklichkeit nicht trennen. Ich be⸗ greife den Schwärmer, aber ich ſchwärme niemals, weil ich mir das Leben nicht ſchöner und vollkomme⸗ ner wünſche, als Gott es eingerichtet hat. Die Träume des Dichters liegen klar vor mir, aber ich ſelbſt ver⸗ träume nicht ein kurzes und theures Leben. — Wie wirſt Du im Stande ſein, das zu be⸗ greifen, was Du ſelbſt niemals verſucht haſt? — Ich begreife es mit meinem Verſtande, ob⸗ gleich mein Gefühl kaum Antheil daran nimmt. So würde ich z. B. es Dir auseinanderſetzen kön⸗ nen, worin der große Unterſchied zwiſchen meinem und Deinem Gemüth beſteht. — Nein, Harald, das kannſt Du nicht. — Ich will es beweiſen. — Laß hören! — Gleich. Harald ſah auf ſeine Uhr. — Gut, wir haben noch eine Stunde bis Mit⸗ tag; eine längere Zeit brauchen wir nicht. Darauf holte er ein paar Cigarren hervor, reichte dem Bruder eine und zündete ſelbſt die an⸗ dere an, indem er ſagte: — Du wirſt zugeben, daß es ein großer Genuß iſt, im Freien zu rauchen. Erland zündete ſeine Cigarre an, während er Harald mit einem faſt mitleidigen Blicke betrachtete. 27 — In Alles miſchen ſich Deine Sinne. — Gar nicht mehr, als bei Dir.— Aber wir wollen keine Umwege machen, ſondern gerade auf unſer Thema losgehen. Laß uns dieſe von Dir verachteten, aber doch mit Wohlbehagen gerauchten Cigarren als Ausgangspunkt nehmen. — Ach! das gibt alſo einen Deiner gewöhn⸗ lichen Scherze,— ſiel Erland ein und zuckte verächt⸗ lich mit den Achſeln. — Durchaus nicht; ich gedenke in vollem Ernſte zu ſprechen. Glaubſt Du denn nicht, daß auch ich ernſt denken kann, obgleich ich ein heiteres Gemüth habe? Ich will durch das Gleichniß mit den Ci⸗ garren Dir gleich das Gegentheil beweiſen. Harald ſtreckte ſich im Graſe, that ein paar ge⸗ waltige Züge und fuhr fort: — Wenn ich rauche, ſo habe ich von der Ci⸗ garre ſelbſt einen Genuß. Die Wirkung, welche der aromatiſche Geruch auf mich macht, iſt eine der tauſend kleinen reizenden Annehmlichkeiten des Le⸗ bens, welche den Werth deſſelben bedeutend erhöhen. Ich finde darin eine der vielen Anläſſe, die man hat, die Welt, in welcher wir leben, zu preiſen. Du dagegen— rauchſt, ohne an die Cigarre oder daran zu denken, daß ſie ein Product der Erde iſt, welche wir bewohnen; Du überläßt Dich mit Lei⸗ denſchaft der berauſchenden Wirkung derſelben auf Deine Phantaſie und gibſt Dich Beinen Träumen hin. Du vergißt darüber die Wirklichkeit und wiegſt Dich in einen geiſtigen Winterſchlaf ein, während Deine Blicke den Rauchwolken folgen und Du aus 28 denſelben Bilder für Deine innere Mährchenwelt ſchaffeſt. Du biſt froh, daß Du während des Rauſches, den der Taback in Deinem Gehirne erzeugt, Alles, um Dich herum vorgeht, gänzlich vergeſſen kannſt. Ich dagegen genieße dabei mein Daſein doppelt, Der Unterſchied zwiſchen uns liegt darin, daß Du unaufhörlich den Blick nach innen kehrſt, ich ihn dagegen nach außen richte. Du willſt den Körper vergeſſen und nur an die Seele denken; ich will Körper und Seele zu Einem machen. Ach!— wie kannſt Du das verachten, von wel⸗ chem Deine individuellſten Gedanken und Gefühle ausgehen? Du ſchwärmſt für dieſe; ich liebe Handlung und Wirkſamkeit. Du willſt durch Träume nützen und in und für dieſelben leben. Ich will durch meine Arbeit, Red⸗ lichkeit und Tüchtigkeit nützlich ſein, weil ich über⸗ zeugt bin, daß Arbeitſamkeit und der Wohlſtand und die Unabhängigkeit, welche daraus entſtehen, ein wirkliches Veredlungsmittel für die Seele ſind. Aber darum brauche ich nicht wie ein Sklave für Kleider und Nahrung zu arbeiten. Nein, Er⸗ land, mein Herz ſchwillt und mein Puls ſchlägt ebenſo raſch wie der Deinige, weil ich in Allem auf dieſer Erde einen göttlichen Gedanken ausgeſprochen ſehe. Ich kann auch die ganze magiſche Gewalt der Ge⸗ danken des Dichters und der Entzückung des Schwär⸗ mers empfinden; aber in dieſe meine Bewunderung — 29 miſcht ſich doch bisweilen eine gewiſſe Unzufrieden⸗ heit mit den Poeten, weil dieſe Menſchen die Welt verachten, in welcher ſie leben. Ich begreife es, daß Du Deinem Beruf mit Liebe zugethan biſt; aber ich tadle und mißbillige Deine Gleichgültigkeit gegen die Dich umgebende Wirklich⸗ keit, und ich beklage, daß ideelle Phantaſieen Dich düſter, unwillig und unverträglich gegen die Welt und Deine Mitmenſchen machen. Du biſt mit Leib und Seele Pfarrer, ſei aber dann auch ein chriſt⸗ licher Pfarrer; ſeine erſten und weſentlichſten Tu⸗ genden ſind: Nachſicht, Verträglichkeit und Liebe zum Rächſten. Lerne ſelbſt und lehre Deine Ge⸗ meinde Gott gerade durch alles Das zu lieben, was hier im Leben von ſeiner Güte ſpricht. Lenke Dein und ihre Herzen zur Dankbarkeit für das, was uns geboten wird, und laſſe die Schwär⸗ merei Dich nicht zu einer fanatiſchen Bigotterie ver⸗ leiten, durch welche Du abweichen wirſt von den einfachen, reinen, Alles vergebenden und Alles lie⸗ benden Lehren, welche Chriſtus gepredigt. Du biſt Dichter; warum denn nicht die Wirk⸗ lichkeit beſingen? warum ſie nicht mit den leichten Draperien der Phantaſie malen, ſtatt Dich einem kränklichen und meiner Anſicht nach unwürdigen Klagen über dieſe Wirklichkeit hinzugeben? Warum nur die ſchwindeligen Träume lobpreiſen, welche nur durch ein verſchrobenes und empfindelndes Gefühl hervorgerufen worden? Du miſcheſt die Schlacken weichlicher Klagen in das reine Erz, welches die Natur in Deine Seele niedergelegt hat. Erland ſaß ſtill und in Gedanken verſunken da. 30 Auf ſeinem ſeelenvollen Geſicht ruhte ein Ausdruc tiefen Ernſtes. Es trat eine lange Pauſe ein; end⸗ lich ſagte er: — Du haſt den Unterſchied zwiſchen uns und die ungleichen Ideale, welche mir nur zur Lebens⸗ aufgabe gemacht, treffend geſchildert.— Aber kannſt Du Dir auf eine ebenſo klare Weiſe Dir darüber Rechenſchaft ablegen, wie dieſe Verſchiedenheit ent⸗ ſtanden iſt? — Zum Theil aus der Ungleichheit unſerer Na⸗ turanlagen, und zum Theil aus der Gewohnheit, der Du Dich ergeben haſt, nämlich: Deine Seele nur mit dem zu beſchäftigen, was Deine Phantaſie in Bewegung ſetzt, und nie mit etwas Wirklichem. Dieſe Einſeitigkeit Deines ſonſt ſo reich begabten Geiſtes, Erland, wünſche ich, daß Du bekämpfen und überwinden könnteſt. — Bekämpfen und überwinden,— wiederholte Erland mit einem wehmüthigen Lächeln.— Ach, mein lieber Harald, dieſer Ausdruck von Dir be⸗ weist, daß der eine Menſch nie in der Seele des Anderen leſen kann. Er ſtand auf und ſtrich mit der Hand über die breite Stirne. — Ich habe mit wirklicher Kraft dieſe Richtung zu überwinden geſucht, welche meine geiſtigen Anla⸗ gen immer von der Kindheit an haben nehmen wol⸗ len, aber vergebens. Dein lebensfriſches Gemüth, Deine geſunde klare Auffaſſung des Lebens wünſchte ich mir anzueignen; auch das war vergeblich; denn: 3 uc d⸗ nd ſt 31 „Chassez la nature, elle revient au galop“. (Verjage die Natur, ſie wird im Galop wiederkommen.) Es wohnte und es wohnt in meinem Innern eine eigene empfindſame Uebertreibung im Gefühle; eine beſondere Neigung, eine von der Wirklichkeit getrennte Welt zu ſchaffen, in welcher ich lebte und lebe, und von welcher ich mich nicht losreißen kann. In dieſer Welt wird jedes Gefühl bis zu einer wunderbaren Höhe geſteigert! jeder Gedanke nimmt eine ſchönere Geſtalt an; und wenn ich aus der Welt des Gedankens in die Wirklichkeit zurückkehre, dann kommt es mir vor, als wenn ich dort ein Fremdling ſei. Vergebens ſuche ich in dieſer Wirklichkeit eine Befriedigung meiner dunkeln Sehnſucht, oder Etwas, das den Idealen entſpricht, die mich in meiner Ein⸗ bildung umgeben.— Glaube nicht, daß ich das Leben verachte, daß ich nicht die ſchöne und weiſe Einrichtung, die ſich darin offenbart, bewundere. Nein, weit bin ich davon entfernt!— aber ich — ich kann dort nichts finden, was meinen Träumen entſpricht. Doch will ich in dem Beruf, den ich ge⸗ wählt, die Antwort auf meine ſchwärmeriſche Fragen, und in der Lehre, welche ich mit der ganzen Wärme meines Herzens liebe, das Ideal ſuchen, welches ich mir geträumt. Laß uns deshalb nicht ſtreiten, lieber Harald, ſondern Jeder die Bahn wandeln, die wir uns vor⸗ gezeichnet, und vereint in dem gemeinſamen Streben zu nützen jeder an ſeinem Platz ſo viel thun, wie er vermag; laß uns einander als treue Brüder un⸗ terſtützen. Erland reichte Harald ſeine Hand, welche dieſer ergriff und drückte, indem er mit einem faſt trauri⸗ gen Blick ſagte: — Auf meine brüderliche Liebe kannſt Du Dich immer verlaſſen, aber in Deiner Phantaſie und in Deinen von Natur ſtarken Leidenſchaften habe ich zwei gefährliche Feinde. In ſolcher Geſellſchaft iſt die arme Freundſchaft nicht immer von Treue be⸗ gleitet. Hier wurden ſie durch einen Schuß ganz in der Nähe unterbrochen und einige Augenblicke darauf folgte der durchdringende Schrei eines Weibes. — Was war das?“— fragte Erland und ſprang auf. Harald antwortete nicht, ſondern eilte fort in der Richtung, wo der Schrei hergekommen war. Er näherte ſich vorſichtig und fand ungefähr hundert Schritte von der Stelle, wo die Brüder das Geſpräch mit einander gepflogen, Urda weinend neben der großen weißen Hofkatze auf Björnbo ſtehend, welche blutig und leblos auf dem Felde lag. Bei dieſem Anblick brach Harald in ein Geläch⸗ ter aus, denn er begriff gleich den Zuſammenhang. Die Sache war, daß Urda, welche auf die Jagd gegangen war, das gewöhnliche Mißgeſchick gehabt hatte, kein Stück Wild anzutreffen. Auf dem Wege nach Hauſe war ſie durch den Park gegangen und hatte den Hund einem weißen Gegenſtand nacheilen geſehen, welchen Urda in ihrer Jagdraſerei für einen Haſen gehalten. Sie hatte in demſelben Augenblick, c, 33 wo die weiße Erſcheinung auf einen Baum hinauf⸗ retirirte, ihr Gewehr angeſchlagen, ohne zu bedenken, daß die Haſen bisher nicht gepflegt haben ſo hoch zu ſtreben. Dabei dachte ſie: — Wie wird Harald, der mich immer ausgelacht und behauptet hat, daß ich nicht einmal eine Krähe ſchießen könnte, jetzt überraſcht werden, wenn ich mit einem Haſen nach Hauſe komme. Damit knallte der Schuß und das weiße Geſchöpf ſiel vom Baume mit einem kläglichen Jammern herunter, welches andeutete, daß es einem ganz anderen Geſchlechte als dem der ſchweigſamen Haſen angehörte. Mit einem Schreckensruf ſprang Urda hin zum Baume und fand ihren Liebling todt und in ſeinem Blute gebadet zu ihren Füßen liegen. Der Anblick des gemordeten Thiers erregte ihr tiefes Mitleid, und der Gedanke, daß es durch ihre Hand getödtet worden rief einen ſo bitteren Schmerz in ihr hervor, daß die Thränen über die jetzt bleichen Wangen herabrollten. Vielleicht ſchwebten folgende Worte von Frau Lenngren in dem Gedächtniſſe der jungen Amazone: „Beim Stickrahmen und bei Deinen Bändern bleib' Und zeichne Muſter auf der Fenſterſcheib'. Und Urda hätte jetzt viel lieber zu Hauſe am Stickrahmen ſitzen mögen, als hier ſtehen, um als die Mörderin der getödteten Katze Thränen der Reue zu weinen. Aus dieſen Betrachtungen wurde ſie indeſſen durch Haralds Heiterkeit bald herausgebracht, und als ſie Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. 1. 34 aufblickte, ſtand er gerade vor ihr mit ſeinem ſpöt⸗ tiſchen Blick und lachte wie toll. — Das hier kann man die zahme Jagd nennen, — rief er.— Der Anfang iſt meiner Seele recht gut. Das nächſte Mal hältſt Du in Deinem blin⸗ den Eifer Felix für einen Fuchs, Onkel für einen Bär und mich für einen Wolf. Wir können auf dieſe Weiſe Deine Jagdpaſſion theuer genug be⸗ zahlen müſſen. Urda hätte lieber todt wie Miezchen daliegen mögen, als ſich dieſe Schmach von dem verdrießlich⸗ ſten aller verdrießlichen Vettern anthun laſſen. Sie dachte mit Verzweiflung daran, wie Harald jetzt früh und ſpät auf die erſchoſſene Katze zurück⸗ kommen würde. — Hieltſt Du das ſelige Miezchen für eine Taube?— fügte Harald hinzu, indem er an das todte Thier herantrat und es am Schwanze in die Höhe hob;— erlaube mir im Triumph Deine ſelt⸗ ſame Beute nach Hauſe zu tragen. — Harald,— ſchrie Urda ganz dunkelroth vor Aerger,— wenn Du es wagſt mich zum Geſpötte der Leute auf dem Hofe zu machen, dann—— — Forderſt Du mich auf Piſtolen,— fiel Ha⸗ rald lachend ein.— Nun gut, wir werden uns ſchlagen, ma chdre. Harald hielt fortwährend die Katze hoch, und ſchien im Begriff zu ſein ſich zu entfernen. „Bleibe, Harald!— klang Erlands Stimme. Urda's Demüthigung erreichte jetzt ihren Höhe⸗ punkt, als noch Jemand hinzukam, um Zeuge ihrer Riederlage zu ſein, und dazu Erland, dem gegen⸗ n, cht in⸗ en uf e⸗ en ch⸗ d ck⸗ ne as ie lt⸗ or tte ⸗ nð he⸗ rer n⸗ 35 über ſich ſchämen zu müſſen ihr noch peinlicher vor⸗ kam, weil er mit ſeiner kalten, ſtrengen Miene einen gewiſſen Reſpekt einflößte. Außerdem hatte ſie ihn nach einer Trennung von drei Jahren erſt vor eini⸗ gen Tagen wiedergeſehen. Thränen des Aergers füllten ihre Augen. Erland fuhr fort: — Was wäre das für ein Knabenſtreich, das arme todte Geſchöpf nach Hauſe zu bringen und dadurch einen neuen Beweis dafür zu liefern, wie ſchlecht Urda ihre Stellung als gutes Weib und züchtiges Mädchen zu würdigen weiß. Wenn Du Dich nicht ihretwegen genirſt, ſo thue es aus Rück⸗ ſicht auf ihren Vater. — Ich brauche Deine Vermittelung nicht und auch nicht vor Dir, oder irgend Jemanden zu er⸗ röthen,— rief Urda ſtolz, und zum Beweis dafür werde ich ſelbſt meine arme todte Katze nach Hauſe tragen und meinem Vater die Geſchichte erzählen. Harald überreichte ihr die Katze mit einer ſo komiſch höflichen Verbeugung, daß Urda bei jeder anderen Gelegenheit in ein herzliches Gelächter aus⸗ gebrochen wäre, aber jetzt nahm ſie ihr lebloſes Opfer und entfernte ſich raſch, ohne die Vettern eines einzigen Blickes zu würdigen. — Jetzt gefiel ſie mir,— ſagte Erland. — Das iſt mehr, als ich ſagen kann,— er⸗ wiederte Harald mit Achſelzucken.— Ich würde mich wahrhaftig ertränken, falls das Schickſal grau⸗ ſam genug wäre, mir ein ſolches Weib zur Frau zu beſcheeren. Hu! ich würde dann nicht mehr Muth haben, mich zu erſchießen, ſo verzweifelt würde 35 36 ich werden, eine ſolche Begleiterin durchs Leben er⸗ halten zu haben. — Aber in ihrer Aeußerung lag etwas Stolzes, Freimüthiges und Aufrichtiges. — Ja, freimüthig genug iſt ſie, das weiß Gott! Stolz und aufrichtig auch, aber nebenbei iſt ſie ſo toll und wild, daß ich ſehr befürchte, ſie werde ihr Leben in irgend einem Irrenhauſe beſchließen. — Das iſt der Fehler des Vaters,— ſagte Erland, während die beiden Brüder auf dem Wege, der nach dem Wohnhauſe führte, weiter gingen.— Er iſt ja ſelbſt ſo gewaltthätig und wilden Gemüths, daß man Nerven von Eiſen haben müßte, um mit ihm auszukommen. — Du haſt Unrecht, Erland; in ſeiner Bruſt ſchlägt ein warmes und edles Herz. EFrinnere Dich nur, wie er gegen uns gehandelt hat. — Im höchſten Grade edelmüthig; das werde ich ihm niemals abſprechen; aber ſeine Rohheit und ſeine Heftigkeit verletzen und beleidigen oft ſo ſehr, daß man das Gute über das Böſe vergißt. — Bah! das iſt kein Fehler, der verletzen darf; der bedeutet weniger als nichts,— Scherze, wenn er brummt, ſpreche Deine Meinung doch unerſchrocken aus, und Du wirſt damit enden, ihn zu lieben und hoch zu achten. — Unmöglich!— ich kann dieſe innere Scheu nie überwinden, die mich davon zurückhält mich ihn zu nähern. 3 Während die Brüder ihr Geſpräch mit einan fortſetzten, hatte Capitain Werner ſeine Schritte n dem Küchengebäude gelenkt. tt ſo ihr gte ge hs, mit 37 In der Küche fragte er: — Iſt Mamſell Barbro hier? — Sie iſt in der Webſtube,— antwortete man. Im Webſtuhle ſaß Mamſell Barbro und webte mit großem Eifer an einem Stück Leinwand zu Betttüchern. Wäre Jemand im Stande geweſen die innerſten Gedanken der werthen Mamſell zu leſen, dann würde er bald die Löſung des Räthſels erhalten haben, warum ihr ſo viel darum zu thun war, ſelbſt Hand an dieſes Gewebe zu legen, und woher die Pünkt⸗ lichkeit und Sorgfalt kam, mit welcher ſie dieſe Ar⸗ beit beſorgte. Hätte man ſie gefragt, dann würde die Antwort ſo ausgefallen ſein: — Das ſollen Brautlacken für Urdg werden. Das Mädchen iſt jetzt alt genug, und man darf wohl daran denken, daß ſie ſich verheirathen muß. In den geheimen Träumen ihres Herzens betrach⸗ tete Mamſell Barbro es jedoch als eine nothwendige Folge, daß der Capitain, wenn er ſeine Tochtek ver⸗ heirathet ſähe, denken würde: „Es iſt nicht gut für den Mann, daß er allein ſei“ und wer wäre dann mehr berechtigt Freude und Leid mit ihm zu theilen, als diejenige Perſon, welche im Laufe von mehreren Jahren das Haus⸗ weſen mit Sorgfalt geleitet? Ein natürliches Re⸗ ſultat all dieſer Berechnungen war, daß die umſich⸗ tige Barbro das Gewebe ſo lang machte, daß es auch zu Brautlaken für ſie reichen würde. Daher kam ihre Sorgfalt und Liebe zu demſelben. Barbro ſah und hörte, daß der Capitain die Thüre öffnete und ſie rief, aber es ſah ſo ungemein 38 geſchickt und fleißig aus in einem ſolchen Grade von ſeiner Arbeit in Anſpruch genommen zu ſein, daß man weder hörte noch ſah, darum that Barbro, als wenn nichts paſſirt wäre und fuhr aus allen Kräf⸗ ten fort zu weben. Ein ſolcher Zug wirklichen Ar⸗ beitseifers mußte auf den Capitain einen vortheil⸗ haften Eindruck machen. 6 — Varbro! Barbro!— ſchrie der Capitain, aber Barbro that mit großem Gepolter ihre raſchen Schläge, während ſie mit unſicherer aber lauter Stimme ſang: „Und Karinchen diente... Jetzt ging alle Geduld dem heißſpornigen Cayi tain Werner aus. Er ſtürzte auf die eifrige Webe⸗ rin los, ergriff ſie am Arme und ſchrie aus vollem Halſe: — Das iſt ja ein Höllenlärm, den Sie da ma⸗ chen Hat der verdammte Webſtuhl Sie denn taub und blind gemacht, weil Sie weder hören noch ſehen? — Wenn das der Fall iſt, dann reiße ich das ganze Garngewirre herunter und ſchmeiße es ins Feuer. — Meine Brautlaken ins Feuer werfen!— rief Barbro und fuhr erſchrocken in die Höhe. — Ihre Brautlaken?— Was zum Teufel! denken Sie ans Heirathen?— Das iſt ſchon ein bischen zu ſpät für Sie, in dem Fahrwaſſer zu kreuzen⸗ — Ich meinte— ich meinte... Urda's,— ſtammelte Mamſell Barbro. Der Capitain ſperrte die Augen auf und blickte die arme erröthende Barbto an, als wenn er hätte aufeſſen wollen. — Der Teufel ſteckt in allen Weibsleuten, daß aß er 39 ſie ſich nothwendig in alle Heirathsgeſchichten miſchen; aber ich verbiete es Ihnen, an ſolche Sachen zu denken.— Verſtehen Sie, ich gedenke doch nie nach Ihrem Compaß zu ſegeln, und Urda, ſieht die denn aus wie ein Fahrzeug, das bereit iſt aus dem Ha⸗ fen zu laufen? Manſell Barbro antwortete nicht, ſondern fragte: „Wollte der Couſin Etwas? — Ja, gewiß wollte ich Etwas, da ich Sie hier aufgeſucht habe, aber dann kamen Sie mit Ihren Brautlaken und machten mich zornig. — Nun, was war es denn? — Es iſt von Milners hergeſchickt worden; wir ſind auf den Nachmittag eingekaden und Sie mit, das verſteht ſich. Jetzt will ich, daß Urda wie ein anſtändiges Frauenzimmer gekleidet ſein ſoll, und das müſſen Sie beſorgen, Barbro. — Du lieber Gott! wie meint denn Conſin, daß das zugehen ſoll? Mir gehorcht ſie ja nicht.— Sie würde über Alles, was ich ſage, lachen und doch thun, was ſie will. — Das iſt Barbro's eigene Schuld; warum ha⸗ ben Sie ſich nicht in Reſpekt geſetzt?— rief der Capitain hitzig.“. — Couſin hat das ja ſelber nicht gekonnt,— ſagte Barbro. — Ja ſo, Sie ſchlingern und wollen dem Steuer⸗ ruder nicht pariren.— Aber jetzt thun Sie mir, wie ich ſage ſonſt——— — Sonſt, ſagte Barbro fragend und blickte den Capitain mit einem ſonderbaren Blick an. — Sonſt halte ich Sie für eine Seemöve,— 40 fügte der Capitain hinzu; dann ging er hinaus und warf die Thüre hinter ſich zu. Auf Kollinge lief man hin und her und war un⸗ ausgeſetzt geſchäftig. Eliſe klopfte Zucker, putzte Gläſer ab, richtete Eingemachtes an und hatte vollauf zu thun. Frau Milner ſelbſt ſtand ganz heiß und roth vor dem Ofen, um auf die ſchwellenden Kuchen Acht zu geben. Als ſie dieſelben gut aus dem Ofen gebracht, ſagte ſie: — Aber wo in aller Welt treibt denn Calla ſich herum. Sie ſoll mir helfen Rahm zu quirlen. Das iſt doch gewiß, daß ich von dem Mädchen keine Hülfe zu erwarten habe. Calla! Calla!— rief ſie, aber es folgte keine Antwort. Milner trat in die Hausflur und begegnete ſei⸗ ner Frau, welche einen Kuchen auf jedem Arm trug während ſie der Tochter rief. — Was willſt Du von Calla, meine Alte? — Sie ſoll herkommen und mir helfen; alle unſere Nachbarn kommen ja her. Du lieber Gott! Milner, was die Mädchen doch während ihres Le⸗ bens in der Penſion untauglich werden. Ja, ich ſahe daß es nie gut ablaufen wird. Calla! Calla! Liebe Charlotte, Du haſt ja ein ganzes Heer von Dienſtmädchen, ſo daß unſere Mädchen nicht in us n⸗ ste uf or ht. i as e er ei⸗ ug t e⸗ ich e in 41 Küche zu arbeiten brauchen; es gefällt mir auch nicht. — Das gefällt Dir nicht?— rief Frau Milner, welche in ihrer Beſtürzung die Hände zuſammen⸗ ſchlagen wollte und die beiden Kuchen auf den Bo⸗ den fallen ließ. — Meine ſchönen Kuchen!— rief ſie und warf einen Blick auf das durch den Fall plattgedrückte Backwerk, welches eben ihr Stolz geweſen war.„ — Alles das habe ich der Stockholmer Penſion zu danken. Meine herrlichen Kuchen! Milner machte ſich auf den Weg nach ſeinem Zimmer; als er aber an der Thüre zur Kammer ſeiner Tochter vorbeiging, öffnete er dieſelbe und blickte hinein. In der großen geräumigen Kammer ſaß Calla und ſchrieb. — Mama hat Dich gerufen,— ſagte der Va⸗ ter und nickte der hübſchen und blühenden Tochter zu. — Daß habe ich nicht gehört,— ſagte Calla und ſtand mit einem Lächeln auf den Lippen auf. — Was will Mama? — Daoß Du ihr helfen ſollſt. — Süßer Papa, kann ich davon entbunden wer⸗ den, hinunterzugehen,— ſagte Calla bittend und neigte den Kopf nach einer Seite, während ſie zu dem Vater mit einem heiteren, bittenden Blick hin⸗ aufſah. — Aber es iſt nicht hübſch von Dir, mein Kind, daß Du Deiner Mutter nicht helfen willſt. — Papa, es iſt ſo langweilig da unten bei den Pfannen, Braten, Ruß und Dienſtmädchen. — Du mußt Dich indeſſen daran gewöhnen.— Bedenke, daß wenn Du ſelbſt einmal Frau wirſt, Du ja dann gar nichts verſtehſt. — Oh, da iſt es noch weit hin, wenn ich mich über⸗ haupt jemals entſchließe, mich zu verheirathen. — Alle junge Mädchen ſprechen ſo, aber ſchließ⸗ lich heirathen ſie doch gern. — Glaubſt Du das, Papa? Jetzt glänzte ein ſtrahlendes Lächeln über Calla's hübſche Züge. Es war zu gleicher Zeit heiter und ſtolz, mild und über⸗ müthig. — Was ſchreibſt Du?— fragte der Vater und näherte ſich dem Tiſch; aber leicht wie ein Vogel war Calla mit einigen Schritten an ſeiner Seite, legte die Hand auf das beſchriebene Blatt und ſagte erröthend: — Ich ſchriftſtellere, aber Du bekommſt es noch nicht zu ſehen. — Schriftſtellern!— wiederholte Milner beſtürzt. — Calla, Du beabſichtigſt doch nicht.... — Was?— fragte Calla lächelnd. — Ein Blauſtrumpf zu werden. Der Vater ſah die Tochter ängſtlich an. — Mich in blauen Strümpfen zu ſehen wirſt Du überhoben, das verſichere ich,— antwortete Calla heiter. — Aber. — Aber jetzt mußt Du an Punſch, Wein und dergleichen mehr denken. Es iſt jetzt nicht an der Zeit davon zu ſprechen, was ich zu werden gedenke.— Deine eigene Calla bleibe ich ja doch immer. 3 Und jetzt reichte ſie dem Vater ihre friſchen Lip⸗ pen zum Kuß. Kollinge war ein reizender Ort von einer üppigen Natur mit Ausſicht auf das Meer umgeben.— Es hatte einen hübſchen Park und einen ſorgfältig ge⸗ pflegten und gut angelegten Garten. Alle Nachbarn waren zur Feier der Hochzeit Milners dort eingeladen worden.— An dem Tage ſahen die würdigen Leute auf dem gaſtfreien Kol⸗ linge immer ihre Freunde bei ſich. Es waren jetzt dreiundzwanzig Jahre, ſeit Milner ſein Schickſal mit dem der hübſchen Charlotte vereinigte. Im Vorgemach thronte freilich die Frau, aber man konnte an ihrer zerſtreuten Miene ſehen, daß ihre Gedanken ſich auf kleinen Ausflügen nach der Küche befanden. Als faſt alle Gäſte angekommen waren und ſich mit Kaffeetrinken beſchäftigten, ſchlich Frau Milner ſich hinaus und flüſterte Eliſe zu: — Unterhalte Du die Frauen ſo lange. Fliſe nickte und ging hinein in das Vorgemach. Calla war ganz von der Jugend in Anſpruch ge⸗ nommen. — Kommen Onkel und Urda nicht?— fragte Calla Harald. — Ich hoffe es,— antwortete Harald ſeufzend, und bemühte ſich, ernſt auszuſehen. — Du ſagſt das da ganz ſo, als wenn Du wünſchteſt, daß ſie nicht kommen möchten. 44 — Aufrichtig geſprochen, ſo würde es mich recht freuen, wenn Urda nicht.... Weiter kam Harald nicht. In demſelben Au⸗ genblick fuhr die kleine Droſchke des Capitains vor den Eingang zum Wohngebäude. Calla erhob drohend den Finger gegen Harald und ſagte: — Böſe Wünſche werden niemals erfüllt. — Es war dagegen einer der allerchriſtlichſten,— ſagte Harald andächtig. — Du ſiehſt gerade aus, als wenn Du chriſt⸗ liche Wünſche hätteſt, Du! Warum wünſchteſt Du denn, daß Urda nicht kommen ſollte? — Ich höre Onkels Tritte, aber ich wage aus lauter Furcht nicht die Augen aufzuſchlagen. — Wegen was? — Wegen Urda? Calla fuhr fort zu lachen. — Pfui! ſich ſo von einem Mädchen erſchrecken zu laſſen. Jetzt werde ich hingehen und ihr erzäh⸗ len, welchen Reſpect ſie Dir eingeflößt hat. — Aus Gnade! ſage mir; hat ſie.. hat ie — Was denn? — Einen Anzug! Calla brach in ein ſchallendes Gelächter aus und Harald blickte auf. Mamſell Barbro trat jetzt hinein in das kleinere Vorgemach, wo die Jugend verſammelt war, um ſich zu den Frauen zu bege⸗ ben, welche in dem großen reſidirten.— Hinter ihr kam Urda. 3 Harald hätte beinahe einen Freudenruf ertönen 45 laſſen, als er ſeine Couſine mit einem ſchwarzen Seidenkleide angethan erblickte; ſo erfreut war er darüber, es überhoben zu ſein,„ſich ihretwegen ſchämen“ zu müſſen, wie er ſich nachher aus⸗ drückte.— Aber Urda's glühendes Geſicht und ge⸗ reizte Miene zeigten, daß ſie nicht im erſten Augen⸗ blick nachgegeben hätte, was auch durch das etwas erhitzte Ausſehen von Tante Barbro beſtätigt wurde. Aber auf der Stirne der würdigen Mamſell ſtrahlte der Stolz der Siegerin, und der Blick, welchen ſie mit Harald wechſelte, ſchien zu ſagen: — Habe ich nicht ein Wunder verrichtet? Wir wollen die Geſellſchaft, zu der wir ſofort zurückkehren werden, auf einen Augenblick verlaſſen, um den Leſer darüber aufzuklären, wie Mamſell Barbro ihren Sieg errang. Als der Capitain, nachem er ſeinen Willen ſo beſtimmt ausgeſprochen, Barbro verlaſſen hatte, ſetzte ſie ſich auf einen Stuhl und grübelte. Es ſtand ihr klar vor den Augen, daß ſie, wenn ſie in dieſem Falle den Wunſch Fabians erfüllen könnte, ihre Ac⸗ tien bei ihm ſteigen würden. Barbro konnte es an ihren fünf Fingern abzählen, daß der Capitain ſelbſt nie die Macht haben würde ſeinen Willen in einem Streit mit Barbro geltend zu machen, und ſie wußte, daß er außerdem aile Auftritte mit der Tochter ver⸗ abſcheute. Es war eine recht mißliche Sache; denn gewöhn⸗ 46 lich pflegte ſie über alle Vorſtellungen Tante Bar⸗ bro's zu lachen. Einige„Ruthenſtreiche“, meinte die Tante, würden gewiß ein vortreffliches Mittel ge⸗ weſen ſein, aber ſo Etwas hatte Urda nie bekommen, und Barbro ſah klar ein, daß es jetzt etwas zu ſpät ſei, mit der Methode anzufangen. Aber unſere gute Hausmamſell hatte ſich's indeſſen in den Kopf ge⸗ ſetzt, kein Mittel unverſucht zu laſſen, durch welches ſie dem Ziele, das ſie ſich geſteckt, um einen Schritt näher rücken könnte, nämlich damit zu ſchließen, die Frau Fabians zu werden. Den Blick auf dieſes Ziel gerichtet wollte Barbro nichts unverſucht laſſen. Jedermann weiß, daß man mit einem feſten Willen Vieles in dieſer Welt ausrichtet. Damit ſind weit wunderbarere Dinge vollbracht worden, als daß ein vierzigjähriges Mädchen ſich einen Mann ver⸗ ſchafft. Nachdem Barbro lange über ihren Auftrag nach⸗ gedacht hatte, ſchien plötzlich eine Idee in ihrem Kopf aufzutauchen. Sie ſtand auf, lächelte und ging, um den Capitain aufzuſuchen. — Vetter Fabian, was war die Meinung mit dem Auftrag betreffs der Kleider Urda's?— fing ſie an. — Was die Meinung war? Zum Teufel! ich ſollte denken, daß ſie deutlich genug war,— ſagte der Capitain. — Freilich.— Couſine wünſcht.... Barbro hielt inne. — Daß Urda anſtändig,— verſtehen Sie mich, Barbro,— gekleidet ſein ſoll. Begreifen Sie jetzt ⸗ ie e⸗ n, ät te 47 — Ja, das begreife ich ſchon. Aber ob Urda darauf eingeht? — Tauſend Teufel! Das iſt es ja gerade, wozu Sie ſie bewegen ſollen. — Darf ich dabei alle Mittel anwenden, die mir belieben? Der Capitain blickte erſt Barbro beſtürzt an, dann brach er in ein lautes Gelächter aus und ſagte: — Ja wohl!— Sie ſind nicht beſonders ge⸗ fährlich, liebe Barbro, und mit Urda iſt nicht gut Kirſchen eſſen, falls es zu einem handgreiflichen Zu⸗ ſammenſtoß zwiſchen Euch kommen ſollte. Ich denke, ſie ſtreicht nicht die Segel beim erſten Anlauf. — Oh, Gott behüte mich! Vetter darf doch niemals glauben, daß ich den handgreiflichen Weg gehen würde, ich, die ich mein ganzes Leben lang als eine fromme Perſon bekannt geweſen bin. Jetzt führte Barbro die Schürze an die trockenen Augen, für ſo beleidigt hielt ſie ſich. — So, ſo, muß ich jetzt in Salzwaſſer gerathen? Zum Teufel! ich überlaſſe Ihnen ja das Steuer⸗ ruder ohne Bedingungen, wenn ich es nur überhoben werde, das Mädchen in ihren närriſchen Manns⸗ kleidern zu ſehen; lieber mag ſie zu Hauſe bleiben. — Verlaſſen Sie ſich auf mich; Sie wird an⸗ ſtändig gekleidet werden. In demſelben Augenblick wurde die Thüre auf⸗ geriſſen und Urda kam hereingeſtürzt, die todte Katze zu Barbro's Füßen werfend; ſie bemerkte indeſſen dieſe nicht, weil letztere beim Heffnen der Thüre hin⸗ ter derſelben ſich befand. 48 — Papa, ich habe das Unglück gehabt unſere Katze zu ſchießen,— rief ſie halb weinend halb zor⸗ nig.— Ich bin ganz unglücklich darüber; aber be⸗ ſonders darüber.... Jetzt brachen die Thränen hervor. — Ueber was? mein Mädchen,— ſagte der Capitain und ſtreichelte Urda's glühende Wangen mit einem Ausdruck in ſeinem Geſicht, aus welchem all die Zärtlichkeit und Nachſicht, die er gegen ſie hegte, hervorleuchteten. — Darüber, daß Harald und Erland Zeugen meines Mißgeſchicks waren.— Harald wird ſein Leben lang wieder die Rede darauf bringen, um auf meine Koſten lachen zu können, und nachher wird er, die Geſchichte vor Allen erzählen, und ich werde ein Gegenſtand des Spottes und der Witzelei der Leute werden. Urda ſchluchzte. Jetzt hätte der Capitain, wenn er nicht ein ſo ſchwacher Vater geweſen wäre, wie er war, ſagen können:„Mein Kind, Du biſt ſchon lange ein Ge⸗ genſtand des Spottes und der Witzelei der ganzen Gegend, und die todte Katze kann Dich nicht lächer⸗ licher machen, als Du Dich ſchon ſelbſt gemacht.“ Aber der Capitain ſah nur die Thränen und den Schmerz ſeines Abgottes. Er vergaß darüber Alles Andere und ſagte in heftigem Tone: — Urda, mein Püppchen, ich werde, hol' mich der T—, Harald die Peitſche ſchmecken laſſen, wenn er es wagen ſollte, ein Wort darüber fallen zu laſſen. Was hat er mit der Geſchichte zu thun? Darfſt Du nicht Katzen ſchießen, wenn Du willſt— 49 Ich möchte doch den ſehen, der darüber eine Bemer⸗ kung zu machen hat.— Ich werde, wenn Du es willſt, dem gnädigen Herrn ſagen, daß Du ſämmt⸗ liche Katzen der ganzen Welt todtſchießen darfſt, und das gerade vor ſeiner Naſe.— Weine nur nicht, mein Mädchen! Ich verſpreche Dir, den Jungen ganz ernſtlich zu kielhohlen. Während der Capitain ſeine verzärtelte Tochter tröſtete und beruhigte, nahm Barbro die Leiche von Miezchen, ſteckte ſie unter den Rock und trippelte ganz unbemerkt damit hinaus. Im Hofe begegnete ſie Harald. Komm, mein Junge, ich habe etwas mit Dir zu ſprechen,— ſagte Tante Barbro und verzog freund⸗ lich lächelnd den Mund. Harald begleitete ſie hinauf in ihre Stube. Was dort verhandelt wurde, wiſſen wir nicht, ſondern nur, daß Harald, als er Barbro verließ, äußerte: — Laſſen Sie mich nun ſehen, daß Tante ſie nicht wie einen Tollhäusler angezogen nach Kollinge ſchleppt, und ich verſpreche kein einziges Wort zu ſagen, das Onkel reizen kann. — Deſſen kannſt Du verſichert ſein. Beim Mittagstiſch erſchien Capitain Werner mit einer ganzen Gewitterwolke auf ſeiner Stirne, wel⸗ ches andeutete, daß er beim erſten ſpöttiſchen Wort gegen Urda den Kecken damit zu ſtrafen beabſichtigte, daß er die Wolke ſich entladen ließ. Er hatte ſich vorgenommen, Harald einmal für allemal zurechtzuweiſen. Aber was paſſirte? Harald ſagte während des ganzen Mittagstiſches kein einziges Wort, ſondern ſaß da ſo ſchweigſam Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. I. 50 und verdrießlich, daß der Capitain ſich nicht wenig beunruhigt fühlte und innerlich alle ſeine ſtrengen Vorſätze zu bereuen anfing. Erkand ſprach, wie gewöhnlich, wenig und er⸗ wähnte kein Wort von der Begegnung des Vormit⸗ tags mit Urda. Und dieſe ſaß ihnen gerade gegen⸗ über mit hochrothen Wangen, verletzter Eitelkeit im Herzen und mit peinlicher Verlegenheit in ihrem äu⸗ ßeren Benehmen. Von Zeit zu Zeit warf ſie einen verſtohlenen Blick auf das hübſche und ernſte Geſicht ihres Cou⸗ ſins, aber er ſah ſie nicht ein einziges Mal an. Die geſprächigſte war Barbro. Es ſchien, als ob die ehrbare Mamſell etwas ſehr Angenehmes erlebt hätte, oder im Begriff ſtände einen ihrer liebſten Wünſche zu befriedigen. Sei dem, wie ihm wolle, genug, Barbro hielt die Unterhaltung im Gang und machte dadurch die allgemeine Verſtimmung minder drückend. Endlich ſtand man vom Tiſche auf, und Barbro winkte Urda, ihr zu folgen. Unter anderen Verhält⸗ niſſen würde Urda vielleicht nicht ſofort einem ſol⸗ chen Winke nachgekommen ſein; jetzt that ſie es aber ſehr gern, um aus dem Saale hinauszukommen. Nachdem Barbro und ſie hinausgegangen waren, nahm Erland ſeinen Hut und folgte ihrem Beiſpiele. Es war etwas Ungewöhnliches, daß man ſich ſo plötzlich gleich nach dem Eſſen trennte; denn der Capitain pflegte gern ein Stündchen zu plaudern. Die Söhne ſeiner Schweſter, Urda und Barbro, blieben immer, bis der Kaffee getrunken war, oder, um ſich anzuziehen. wenn man ausfahren wolite, bis man wegging. 51 Harald hatte ſich in einen Schaukelſtuhl geſetzt, in welchem er mit finſteren Blicken und geſchloſſenen Lippen ſich nach dem Eſſen Motion machte. Der Capitain wandelte im Saale auf und ab und ſchielte von Zeit zu Zeit nach dem Neffen, in⸗ dem er hoffte, daß dieſer das Schweigen brechen ſollte; aber Harald fuhr fort zu ſchweigen und mür⸗ riſch auszuſehen. — Beim Donner, was für eine Flagge haſt Du aufgehißt?— fragte der Capitain endlich. Er fing an ſich bei Haralds Schweigen ungemüthlich zu fühlen. — Ich habe keine Flagge aufgezogen; ich dachte nur daran, Onkel meine und Erlands Abſicht mitzutheilen, dieſen Nachmittag nicht nach Kollinge zu fahren, ſo amüſant es auch wahrſcheinlich dort werden wird, und ſo gern ich Milners einen Beſuch abſtatten möchte. — Und warum beliebt es den Herren nicht, dort⸗ hin zu reiſen? wenn ich fragen darf. Der Capitain fühlte eine wirkliche Freude dar⸗ über, ſeinen inneren Unwillen, den Urda's Thränen erweckt hatten, Luft machen zu können. — Weil ich und Erland den Beſchluß gefaßt haben uns nie in Urdas Geſellſchaft zu zeigen, ſo lange ſie durch ihren unpaſſenden Anzug und ihr unweibliches Benehmen den Leuten das Recht gibt, ſie mit Geringſchätzung zu betrachten. — Zum Teufel! willſt Du Aufruhr machen, ſo werde ich Dich und den Heuchler Erland—— Harald erhob ſich mit einem ernſten Ausdruck und ſagte: — Onkel, ich ſpreche im Ernſt! hören Sie des⸗ 4* 52 halb das, was ich ſage, ruhig an. Lieber, als hier zu bleiben und all den Spott anzuhören, den Urda ſich und Onkel zuzieht, werlaſſe ich meine Stelle; dieſes iſt, bei Ehre und Gewiſſen, mein feſter Ent⸗ ſchluß, wenn Onkel mich auch deshalb für undankbar halten ſollte. Harald näherte ſich der Thüre. — Willſt Du bleiben, Junge!— brüllte der Capitain und legte ſeine ſtarke Hand auf des Reffen Achſel. — Du willſt mir alſo Geſetze vorſchreiben, Du? Du der Du in mir einen Vater gefunden haſt. — Keine Geſetze Onkel,— antwortete Harald gerührt. Er ergriff die Hand des Onkels und ſah ihn mit ſeinen offenen, redlichen Augen an. — So ſieht es indeſſen aus. Der Capitain war bleich. Man konnte es dem verwitterten, ſtarren Geſichte anſehen, daß die Sache einen peinlichen Eindruck auf ihn machte. — Wenn ich Onkel weniger treu und ehrlich liebte, dann wäre es mir gleichgültig, daß die Leute über Onkel lachen, aber zu wiſſen, daß der allge⸗ meine Tadel gegen denjenigen gerichtet iſt, den ich aus ganzer Seele hochachte und ſchätze, das iſt Etwas, das ich nicht ertragen kann, beſonders da dieſer Tadel ein gerechter iſt. Ich würde mein Leben und all meine Kraft Onkel zum Opfer bringen; aber verlangen Sie nicht daß ich Zeuge ſein ſol, wie ein launiſches und ei⸗ genſinniges Kind, um ſeine Launen zu befriedigen, den zärtlichſten und nachſichtigſten aller Väter bloß⸗ ſtelt. Welcher Andere, als Derjenige, der mit Herz und Seele Onkel zugethan iſt, würde auf dieſe Weiſe die Sprache der Wahrheit reden? Onkel hat nicht auf meine Vorſtellungen hören wollen. Nun gut, dann laſſen Sie mich von dannen ziehen, damit ich nicht gezwungen werde, den Tadel mit anzuhören, gegen welchen ich meinen zweiten Vater nicht vertheidigen kann. Harald hatte, während er treuherzig die Hand des Capitains drückte, mit Wärme geſprochen. Es entſtand eine Pauſe von einigen Secunden, während welcher die Blicke des Capitains auf das offene Antlitz des Neffen gerichtet waren, und ſeine Hand auf ſeiner Schulter ruhte. Endlich ſagte er: — Du haſt Recht. Dieſe Unſitte von Urda darf nicht fortdauern. Ich werde den Thorheiten des Mädchens ein Ende machen; aber bedenke, mein Junge, daß Du Unrecht handeln würdeſt, falls Du Deinen alten Onkel verließeſt, der auf Dich ſeine ſchönſten Hoffnungen⸗geſetzt. Er klopfte Harald auf die Schulter und fügte hinzu: — Fahre mit nach Kollinge; ich will es. Sage Deinem Bruder daſſelbe. Ich verſpreche, daß Urda in einem Anzuge dorthin kommen wird, wie ſich ge⸗ hört, oder ſie muß mit Barbro hier zu Hauſe vor Anker liegen bleiben. Biſt Du damit zufrieden? — Onkel!——— das war Alles, was Ha⸗ rald herausbrachte; aber ſeine Augen und ſein war⸗ mer Händedruck ſagten mehr. 54 Währenddem waren Barbro und Urda mit ein⸗ ander in das Zimmer der Erſteren hinaufgegangen, welches im oberen Stockwerk lag. — Nun, liebes Kind, was für ein Kleid willſt Du anziehen?— fragte Barbro ganz unſchuldig und ſetzte ſich ins Sopha. — Kleid? Iſt Tante närriſch? Ich beabſichtige den neuen Sommerrock mit Beinkleidern von der⸗ ſelben Farbe und umgeſchlagenen Hemdkragen an⸗ zuziehen. — Du vergißt, kleine Urda, daß ungefähr fünf⸗ zig Perſonen nach Kollinge kommen; darunter die Familie des Propſtes und des Fabrikbeſitzers, um nicht zu reden von all den übrigen Nachbarn und den Studenten, die der junge Milner mit ſich ge⸗ bracht hat. — Nun, und dann? — Du wirſt ja zum Spektakel für alle dieſe Men⸗ ſchen, aber nicht allein Du, ſondern auch ich und Dein Vater— ich, die ich mein ganzes Leben lang ordent⸗ lich gekleidet geweſen bin und mich immer betragen habe, wie es ſich einem ehrbaren Weibe geziemt. — Wie kann Tante von ſich und mir zu glei⸗ cher Zeit ſprechen?— fragte Urda mit einem ver⸗ ächtlichen Achſelzucken. — Ich beabſichtige mich ſo zu kleiden, wie ich es geſagt habe und damit Punktum. — Nein, meine kleine Naſeweis, damit iſt es nicht Punktum,— rief Barbro mit der ganzen Würde und dem ganzen Stolze einer Herrſcherin. — Du ſollſt Dich kleiden, wie ich es haben will, oder Du bekommſt es mit mir zu thun. 55 — Ich werde zu Papa gehen und fragen, was das heißen ſoll!— brach Urda aus. — Das wirſt Du nicht. Damit verſchloß Barbro die Thüre doppelt, ſteckte den Schlüſſel in die Taſche und fügte in einem Tone, den ſie ſelbſt für imponirend hielt, hinzu: — Du ſoliſt die Kleider anziehen, welche ich für Dich aufs Bett hingelegt babe, oder Du bleibſt zu Hauſe. Urda, welche von Kindheit an gewohnt war, daß Alle ihrem Willen nachgaben, wurde purpurroth im Geſicht, faßte Barbro am Arme und rief: — Glaubt Tante, mich zwingen zu können? Es ſah in der That einen Augenblick aus, als wenn jedes der beiden Frauenzimmer durch irgend eine handgreifliche Kraftäußerung auf ſeine Weiſe ſeinen Willen zur Geltung bringen wollte; aber Barbro unterdrückte ihre Luſt, auf eine ſolche Weiſe über Urda zu ſiegen. Sie machte ihren Arm los und ſchob das junge Mädchen von ſich. — Willſt Du nicht,— ſagte ſie,— die Kleider, die ich Dir angewieſen, dann kommſt Du heute nicht nach Kolinge. Und jetzt ſchloß Barbro die Thüre auf, um ſich hinauszubegeben; aber mit einem Sprung war Urda an der Thüre, um ebenfalls die Kammer zu verlaſ⸗ ſen. Doch Barbro gehörte nicht zu denjenigen, die ſich leicht durch eine Ueberrumpelung beſiegen laſſen. Sie ſchob Urda ſo heftig bei Seite, daß dieſe weit ins Zimmer zurückgedrängt wurde; zu gleicher Zeit verſchwand Barbro durch die Thüre, drehte im näch⸗ ſten Augenblick, als Urda auf dieſelbe losſtürzte, 56 den Schlüſſel um, und die kleine Amazone befand ſich als Gefangene in ihrem eigenen Zimmer. Eine lange Zeit blieb ſie mitten im Zimmer ſtehen und ſchien über ihre Lage nachzudenken, während ſie murmelte: — Iſt denn die alte Barbro toll geworden, weil ſie, die doch immer ſo nachgiebig war, jetzt mei⸗ nen Willen mit Gewalt bezwingen will. Sie täuſcht ſich, wenn Sie glaubt, daß ich mich fügen werde. Urda ſetzte ſich ans Fenſter, um Jemanden, der vorüberkäme zu rufen, daß man ihren Vater bitten ſollte, hinaufzukommen. Nach längerer Zeit erſchien ein Mädchen im Hofe. — Karin, bitte den Capitain, zu mir heraufzu⸗ kommen. Karin ging hinein, kam aber nicht wieder heraus und Urda's Vater zeigte ſich auch nicht. Es war eine Viertelſtunde, eine halbe Stunde und endlich eine ganze Stunde verfloſſen. Niemand erſchien. Nach Verlauf von fünf Viertelſtunden wurde die Droſchke des Capitains von einem Knecht vor den Hauseingang gefahren. Urda befahl dem Knecht, dem Capitain zu ſagen, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche. Als der Knecht wieder kam, war er von Erland und Harald begleitet, welche in die Chaiſe einſtiegen. Urda zog ſich vom Fenſter zurück. Sie fuhren mit dem Knecht hinten darauf von dannen. In demſelben Augenblick klopfte Barbro an die Thüre und fragte: Hat Urda die Kleider angezogen, die ich be⸗ reit gelegt habe? — Nein. 57 — Wenn Urda nicht bis vier Uhr fertig iſt, ſo fahren Papa und ich ab. — Ich will die Kleider nicht anziehen. — Dann mußt Du bleiben, wo Du biſt. Als Urda Barbro die Treppe hinuntertrippeln hörte, fing ſie vor Aerger an zu weinen. Als Barbro in die Hausflur hinunterkam, begeg⸗ nete ſie dem Capitain, welcher fragte: — Nun, wie geht es, iſt Urda noch nicht ange— zogen? Laſſen Sie mich ſehen, daß Sie mir den Freundſchaftsdienſt erweiſen, es ſo einzurichten, daß ſie bald in Ordnung iſt, denn ich will ſie einmal den Leuten in einem ſchicklichen Zuſtande zeigen. Es würde mich, beim Teufel, ganz raſend machen, wenn wir nicht mit dem Mädchen nach Kollinge kämen. — Seien Sie ruhig, ich habe eine Idee und Vetter wird in einer Stunde Urda anſtändig geklei⸗ det und fertig zum Abfahren ſehen. — Gut, Barbro iſt, meiner Seele, das beſte Fahrzeug mit Schürzenſegeln, das ich je geführt habe, wenn ſie Urda gehörig getakelt nach Kollinge hinauslootſen kann. Jetzt frage ich Sie alle, alte wie junge Leſerin⸗ nen, die Ihr aus dem unverheiratheten Stande herauszukommen wünſcht, und eine gewiſſe Perſon vom anderen Geſchlecht dazu auserſehen habt, Euch dazu zu verhelfen, ob nicht eine ſolche aufmunternde Rede von dem Auserkorenen im Stande ſein würde, das Unmögliche möglich zu machen? Gewiß iſt es, daß wenn Barbro gezwungen worden wäre Urda zu binden, um ſie zu bewegen, die Kleider an⸗ 58 zuziehen, welche Vetter Fabian wünſchte, ſo würde ſie es gethan haben, denn Barbro kannte kein Hin⸗ derniß, welches im Stande geweſen wäre, ſie davon abzuhalten, den ihr gegebenen Auftrag zu erfüllen. Mit dieſen lobenswerthen Gedanken ging Bar⸗ bro nach einem kurzen Beſuch in ihre Kammer wieder hinauf zu ihrer Gefangenen, einen großen Reiſeſack in der Hand haltend. . Dießmal ſchloß Barbro die Thüre auf und trat zu Urda hinein, welche auf ſie zuſprang, um hinaus⸗ zuſtürzen; aber Barbro war darauf vorbereitet und faßte ſie mit der einen Hand um den Arm, während ſie mit der anderen die todte Katze aus dem Reiſe⸗ ſack herausholte und die Leiche des Thieres dem be⸗ ſtürzten Mädchen entgegenhielt, welches beim Anblick derſelben plötzlich ſtehen blieb. Wenn Du noch einen einzigen Schritt thuſt, ſo werde ich vor allen Leuten auf dem Hofe Dein Jagd⸗ abenteuer erzählen. Bleibe deshalb und höre mich an,— rief Barbro mit einer majeſtätiſchen Bewe⸗ gung und hielt die Katze in ausgeſtrecktem Arme Urda entgegen. Urda ſtand ſtille, ohne einen einzigen Verſuch zu machen, ſich von dem kräftigem Griff der Barbro zu befreien. Dieſe fuhr fort: — Willſt Du ſofort das ſchwarze Seidenkleid anziehen? — Nein,— antwortete Urda trotzig. — Dann mußt Du zu Hauſe bleiben; ſo iſt es der Wille Deines Vaters. — Ich bleibe dann zu Hauſe. Glaube nicht, 59 daß ich mich zu Etwas zwingen laſſe, was ich nicht will. — Mag ſein; aber ich weiß, was ich dann thue;— fuhr Barbro fort und ſteckte die Katze in den Reiſeſack. — Ich werde dieſes arme Opfer Deiner Toll⸗ heiten mit nach Kollinge nehmen und die Geſchichte erzählen, während ich Alle den todten Zeugen Dei⸗ ner Miſſethat betrachten laſſe. Damit wollte Barbro ihren Weg gehen. Urda drohte, bei ihrem Vater Klage zu führen und weinte und raste, aber Barbro's einzige Ant⸗ wort war: — Es iſt mit dem Willen des Vetters Fabian, daß ich ſo handle. Der Hauptzug in Urda's Charakter war eine ver⸗ kehrte Eitelkeit, welche ſie dazu veranlaßte, nach Allem zu haſchen, was dazu beitragen könnte, daß ſie als eine ungewöhnliche Perſönlichkeit mit aus⸗ gezeichnet originellen Eigenſchaften erſchien. Auch ſchwebte es dem jungen Mädchen dunkel vor, daß ſie ihren Namen berühmt machen würde. Damit verband ſie ein Urtheil, welches weder ſcharf noch klar und geſund genug war, um ihre Handungen auf der Wagſchale der Klugheit abzuwägen. Sie ließ ſich von ihrer Einbildung und Eitelkeit blind leiten, und dieſe beiden ganz feindlichen Mächte hat⸗ ten ihr die Ueberzeugung beigebracht, daß je mehr die Idee, die ſie gefaßt, vom Gewöhnlichen abwich, deſto heroiſcher würde ſie erſcheinen, weil ſie den Muth beſaß, offen ihre Ueberzeugung an den Tag 60 zu legen und ſie thatſächlich zur Ausführung zu bringen. Darum huldigte ſie der Emancipation der Wei⸗ ber als Etwas, das ihr, dem unbedeutenden Mäd⸗ chen, einen großen Ruf verſchaffen würde. Daß Urda durch die Art und Weiſe, wie ſie dieſe Idee auffaßte, ſich zum Gelächter machte, das erlaubten ihr die Eigenliebe und der Eigenſinn nicht einzu⸗ ſehen. Obgleich es nichts auf der Erde gab, das Urda ſo ſehr fürchtete, als ausgelacht zu werden, ſo war ſie doch durch das Aufſehen, welches ſie we⸗ gen ihrer bizarren Kleidung und männlichen Be⸗ ſchäftigung machte, bis zu dem Grade verblendet, daß ſie daſſelbe für einen Ausdruck der Bewunde⸗ rung nahm. Aber eine Katze und dazu noch ihren eigenen Liebling ſtatt einem Haſen geſchoſſen zu haben, das ſah Urda ein, daß es ihr unendlich ſchaden und ih⸗ ren Namen mit einer Schmach bedecken würde, welche auch auf ihre Emancipationspläne zurückfallen müßte. Wodurch ſollte ſie ſich ſpäter auszeichnen und Be⸗ wunderung erregen, wenn dieſe ihre Lieblingsideen wegen einer getödteten Katze ausgelacht würden?— Darum jagten Barbro's Drohungen Urda einen wirklichen Schrecken ein. Nachdem ihr Zorn ſich in Worten, Schreien und Weinen Luft gemacht, bewog ſie endlich die Furcht zum Nachgeben und ſie ſagte: — Ich habe geſagt, daß ich dieſe verhaßten Kleidungsſtücke nicht anziehe; aber ich kann Tante nicht hindern, mir dieſelben anzulegen, jedoch unter 61 der Bedingung, daß die Katze hier bleibt und die Geſchichte nicht über der Tante Lippen kommt. Nicht ohne große Mühe gelang es endlich Barbro, Urda anzuziehen, eine Arbeit, welche das eigenſin⸗ nige Mädchen auf alle mögliche Weiſe erſchwerte. — Urda brach, als ſie den Vater erblickte, in Thrä⸗ nen und Vorwürfe aus; aber Bärbro flüſterte: — Fahre nicht länger ſo fort, ſonſt hole ich die Katze und nehme ſie mit. Urda ſchwieg ſogleich. Eine halbe Stunde dar⸗ auf trat ſie in das Vorgemach bei Milner. Wir kehren jetzt nach Kollinge zurück. Urda war in der ärgerlichſten Stimmung von der Welt. Sie hätte beinahe die ganze Taſſe Kaffee über ſich verſchüttet, als Harald auf ſie zukam, denn ſie fürchtete ein Gegenſtand ſeiner Spöttereien zu werden und ſah bereits in der Einbildung, wie die weiße Katze der Gegenſtand von tauſend ſatiriſchen Ausfällen Haralds über ihre Jagd werden würde. — Wenn Du mir ein wenig Aufmerkſamkeit ſchenken willſt, Urda, ſo wünſche ich Dir einige trö— ſtende Worte zu ſagen. Urda warf ihrem Couſin einen zornigen Blick zu. Sie war zu verdrießlich, um antworten zu können. — Ich ſehe, Du fürchteſt, daß ich und Erland Dein heutiges Mißgeſchick erwähnen möchten. Harald lächelte. in ihnen die glühende Seele und noch ſchlummernde 62 — Aber Du kannſt ruhig ſein. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß keiner von uns beiden ein Wort darüber ſagen wird. Urda fühlte ſich ganz leicht ums Herz und würde ſich auch froh und zufrieden gefühlt haben, wenn nicht das Bewußtſein, von Barbro gezwungen wor⸗ den zu ſein, von ihrem Vorſatz abzugehen, ſich in ihrem vollen Emancipationsglanz zu zeigen, ein ärgerliches Gefühl in ihrer Seele hinterlaſſen hätte. Gegen den Pfoſten der Thüre gelehnt, welche nach der Hausflur führte, ſtand Erland und folgte mit Aufmerkſamkeit der im Hofe verſammelten Ju⸗ gend, welche ſich mit Fangſpielen unterhielt. Der junge Pfarrer war der ganz richtigen Meinung, daß es ſich mit der Tracht, die er trug, oder der Lauf⸗ bahn, die er betreten, nicht vertrage, an denſelben theilzunehmen. Seine Augen folgten mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit Calla. Es jag ein eigener Glanz in ſei⸗ nem Blick, wenn derſelbe auf ihrem ſtrahlenden Ge⸗ ſichte ruhte. Da wir aber von Erland ſprechen, ſo dürfte eine kurze Schilderung ſeines Aeußeren am Platze ſein. Erland war lang, aber ſeine etwas vorgebeugte Körperhaltung deutete auf eine ſchwache Bruſt. Das Geſicht war oval und bleich; das Haar ſchwarzbraun und der Backenbart von derſelben Farbe. Die Stirne war hoch mit ſtark gewölbten Schläfen, was ein ercentriſches Temperament andeutet. Die tief lie⸗ genden Augen waren dunkelblau, und man meinte Leidenſchaften des Schwärmers zu leſen. Die ge⸗ 63 wölbten Augenbrauen gaben dem Blick einen noch dunkleren Glanz und machten das Geſicht noch blei⸗ cher. Wenn man dieſe Züge betrachtete, mußte man unwillkürlich an die religiöſen Märtyrer denken, welche lieber ihr Leben, als ihre Ueberzeugung opfer⸗ ten und auf dem Scheiterhaufen, von Flammen um⸗ geben, entzückt eine Hymne gen Himmel ſandten, während der Körper vom Feuer verzehrt wurde. So, gerade ſo, müſſen ſie ausgeſehen haben. Ihre Blicke müſſen denſelben Ausdruck gehabt haben, wie die des jungen Pfarrers. Erland hatte keine von Milners Töchtern geſehen, ſeit ſie Kinder waren, das heißt ſeit ſie nach Stock⸗ holm geſchickt worden waren. Sie waren deshalb ſo gut wie neue Bekanntſchaften für ihn. Callas Aeußeres gefiel ihm beſonders, obgleich er nicht einmal ſich ſelbſt geſtehen wollte, daß körperliche Schönheit einen Eindruck auf ihn zu machen ver⸗ mochte. Man war es endlich müde geworden, herumzu⸗ ſpringen, und der fröhliche Haufen trennte ſich. Einige nahmen Platz in den Schaukeln unter den Linden, Andere begaben ſich hinunter in den Park oder in den Garten. Harald hatte Calla ſeinen Arm geboten und kam mit ihr hin zu Erland, vor welchem ſie ſtehen blie⸗ ben, indem Harald ſagte: — Beſte Calla, der Spielkamerad Deiner Kind⸗ heit wünſcht die Bekanntſchaft mit Dir zu erneuern. Erlaube auch, daß er fortfährt das vertrauliche Du gegen Dich zu gebrauchen, womit Ihr Euch das Letztemal trenntet. 64 Nachdem er dieß geſagt, ging er von ihnen und überließ es Calla und Erland, auf eigene Hand die Bekanntſchaft wieder anzuknüpfen. Bei dieſem plötzlichen téte-Atöte war Erland der Verlegenere. Die Phantaſie hatte ihn bisher ſo ausſchließlich beherrſcht, daß er gegen die äußere Welt, und faſt gegen ſeine eigenen Gefühle ſcheu geworden war, wenn dieſelben durch irgend einen Gegenſtand von Außen berührt wurden. Er war deshalb verſchämt wie ein fünfzehnjähriges Mädchen, welches nicht irgend eine Stockholmer Penſion beſucht hatte. Calla dagegen hatte durch ihre Erziehung ſich eine große Leichtigkeit im Umgang mit fremden Perſonen erworben; aber es lag Etwas in Erlands Geſicht und in der Art wie Harald ſie zuſammen⸗ geführt hatte, welches das junge Mädchen in Ver⸗ legenheit brachte. Das Schweigen, welches entſtand, ſchien ihr ſehr peinlich zu ſein, und daſſelbe mußte doch unterbrochen werden. Als deshalb Erland nicht geneigt ſchien es zu brechen, blieb Calla nichts Anders übrig, als ſich zu ermannen. Es ſind ziemlich viele Jahre her, daß wir uns ſahen,— ſagte Calla mit glühend rothem Geſichte. — Der Magiſter war damals gewiß nicht mehr als dreizehn Jahre alt? — Der Magiſter,— wiederholte Erland, und die bleichen Wangen nahmen eine ebenſo teihaſt Farbe an wie Calla's. 3 — Haralds in meinem Namen ausgeſprochenet Wunſch iſt alſo abgeſchlagen und der F der Kindheit vergeſſen? 65 Der tiefe Ton von Erlands männlich klarer und ſchöner Stimme machte auf Calla einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck. Sie fühlte ihr Herz beklommen, antwortete jedoch mit einem herzlichen Lächeln, in⸗ dem ſie ihm ihre Hand reichte, eine ſo hübſche, weiche und kleine Hand, daß ſie in der ſeinigen verſchwand. — Nein, der Freund meiner Kindheit iſt gewiß nicht vergeſſen, und zum Beweiſe dafür, wünſche ich Dir ein herzliches Willkommen. Als Calla, nachdem ſie ſich einige Zeit mit Er⸗ land unterhalten, ihn verließ, ſchlich ſich eine unbe⸗ ſtimmte Furcht, eine Ahnung von einem künftigen Schmerz in ihr ſonſt ſo heiteres Gemüth ein. Währenddem unterhielt Harald ſich mit Eliſe. — Nun, wie gefällt Dir mein Bruder* Hat er ſich ſeit ſeiner Knabenzeit viel verändert? — Ja, ſehr. Ich würde ihn nie wieder erkannt haben,— antwortete Eliſe,— ſo ſtreng und düſter ſieht er aus. — Man muß nicht nach dem Aeußern urtheilen; er hat ein höchſt gefühlvolles Herz. — Du haſt Recht, das Aeußere trügt. Fliſe lächelte mit einem eigenthümlichen Ausdruck. Du biſt ein hervorragendes Beiſpiel davon. — Ich? Eliſe erröthete und blickte Harald fragend an. — Habe ich nicht Recht?— Du erſcheinſt ſo ſtille, ſo arbeitſam, ſo häuslich und ſo ängſtlich, die geringſte Aufmerkſamkeit auf Deine Perſon zu len⸗ ken, Du biſt——— Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. 1. 5 66 Harald ſchwieg und blickte die erröthende Eliſe ſchelmiſch an. Eliſe ſah faſt ſcheu zu ihm hinauf und ſagte: — Warum unterbrichſt Du Dich? Spreche Dich aus, ich weiß nicht, was Du meinſt. — Nicht? Denke an den Pavillon,— flüſterte Harald und entfernte ſich. Da ſtand Eliſe mit beſtürzter Miene und folgte ihm mit den Augen. Und damit verlaſſen wir Kollinge und ſeine Gäſte. Jedermann hatte ſich auf Björnbo auf ſeine Zimmer begeben, nachdem man von Milners zu⸗ rückgekommen war. Nur Mamſell Barbro nicht, welche ungewöhnlich viel im Saale zu thun hatte, weil ſie Vetter Fabian in ſeinem Zimmer, welches rechts neben dem Saale lag, auf⸗ und abgehen hörte. Lärmend warf ſie, indem ſie hoffte, gß er her⸗ einkommen würde, die Schrankthüre zu; und käme er heraus, dann könnte er nicht unterlaſſen, ihr we⸗ gen des Dienſtes zu danken, den ſie ihm in Betreff Urda's geleiſtet. Die Dankbarkeit kann ſich außer⸗ dem an einem ſchönen Sommerabend leicht in zärt⸗ licheren Worten ausſprechen, was dann zur Folge haben könnte, daß Barbro am folgenden Tage die Verlobte des Capitains ſei. Während Barbro's Einbildung mit dem Verſtan e der guten Dame in vollem Fluge durchging und ihr die Zuſammenkunft mit den lebhafteſten Jarben — 67 ausmalte, machte ſie ſo viel Geräuſch als möglich, aber ohne daß der Capitain ſich dadurch in ſeiner Wanderung ſtören ließ. Das war mehr, als Bar⸗ bro aushalten konnte. Als ſie daher ſah, daß ihre Liſt keinen Erfolg hatte, beſchloß ſie einen küh⸗ nen Schritt zu thun. Barbro näherte ſich der Thüre des Capitains und klopfte an dieſelbe. — Wer da?— tönte die Stimme des Capitains. — Ich, Vetter Fabian,— antwortete Barbro im höchſten Diskant. — Was, Donnerwetter, wollen Sie?— brüllte der Capitain unwillig und die Thüre ging auf. — Es kam mir vor, als wäre Vetter krank; ich glaubte Sie ſeufzen zu hören. — Ah ſo, Sie ſtehen an meiner Thüre und lau⸗ ſchen. Sie ſpioniren auf mich,— ſchrie der Capitain. — Iſt das eine paſſende Antwort auf meine theilnehmende Frage? ſagte Barbro mit bewegter Stimme und führte die Schürze zu den Augen. — Iſt das, Couſin, der Dank dafür, daß ich Urda anſtändig gekleidet nach Kollinge ſchaffte? Meint Vetter Fabian, daß es hübſch iſt, mich als Spion anzuklagen, während ich nur für Couſins Glück und Wohlbefinden lebe und athme? Jetzt weinte Barbro.— Sie hatte ſich einige Augenblicke in ſo liebliche Illuſionen eingewiegt, daß das rauhe Benehmen des Capitains und ſeine An⸗ en ſie wirklich ſchmerzten. — Nun, zum T—, Barbro, wie kommſt Du (wenn der Capitain das Wort Du gegen Barbro gebrauchte, dann war es immer ein 3pe er 68 ſeine Heftigkeit bereute) dazu, zu meinen? Du, welche ſo viele Jahre zwiſchen den Klippen meines aufbrau⸗ ſenden Temperaments lavirt haſt, Du wirſt doch nie an denſelben auflaufen, daß das Fahrzeug leck wird und Waſſer faßt. Er reichte ihr die Hand und fügte hinzu: — Dank für Deinen Beiſtand,— ich werde es, meiner Seele, nicht vergeſſen;— aber, liebe Bat⸗ bro, Du mußt es nicht ſo genau mit mir nehmen; denn ich ging gerade und dachte daran, wie ich das Mägdlein ſo kielhohlen kann, daß ſie nicht mit der elenden Ladung, die ſie am Bord hat, ſinke. Jetzt war Barbro die Sanftmuth ſelbſt und ant⸗ wortete mit milder und freundlicher Stimme: — Couſin hat Recht, es geht nicht an, daß das Mädchen ſich länger ſo halten darf; ſie kann ja nicht einmal ein ehrliches Stück Brod backen, geſchweige, daß ſie etwas Anderes verſteht, was eine Hausfrau ver⸗ ſtehen muß. Das iſt ja wahrlich gottlos, daß ſie ein Mann ſein will. — Höre mich an, Barbro; ich glaube, das Beſte iſt, daß ich ſie ſchleunigſt verheirathe. — Ja, das wäre gewiß die radicalſte Cur; be⸗ ſonders wenn Couſin ihr ein gutes Beiſpiel g be. Der ganze Wirrwarr iſt dadurch entſtanden, daß Couſin ſich nicht ſchon längſt verheirathet hat. — So, Barbro, hören Sie auf mit dem L Sie wiſſen, daß ich es nicht leiden mag, daß man auf dieſe Weiſe preist. In keinem Falle gehe dem Fahrzeug an Bord, muß ich Ihnen ſagen. tauſend Donnerwetter, Sie ſind viel zu alt, daß Sie in den Hafen der Che hineinlootſen möchte. 69 Hiermit ging der Capitain und warf die Thüre zu. — Aber guck, in den Hafen werde ich doch end⸗ lich hineinkommen, und wenn ich auch ſelbſt ſowohl mich wie Dich dort hineinlootſen ſollte,— murmelte Barbro und ging hinauf in ihre einſame Kammer. Am folgenden Tage nach dem Frühſtück ſagte Capitain Werner zu ſeiner Tochter: — Komm mit mir, mein Kind, ich will mit Dir ſprechen,— und damit ſchlug er den Weg nach ſei⸗ nem Zimmer ein. Urda folgte ihm, ſah aber zornig aus. Die geſtrige Niederlage quälte noch ihre Eitelkeit. Der Capitain ſetzte ſich in einen Lehnſeſſel und Urda warf ſich in ein Sopha. — Höre mal, mein Mädchen, das, was ich Dir zu ſagen habe, iſt von ernſthafter Natur, und ich wünſche, daß Du mich mit Aufmerkſamkeit anhörſt. Der Capitain ſchwieg und blickte die Tochter mit einem zärtlichen, faſt traurigen Blick an. Der her⸗ zensgute Capitain empfand einen wirklichen Schmerz bei dem Gedanken, daß er ſein geliebtes Kind be⸗ trüben würde. Als Urda nicht antwortete, hob er wieder an. * Gewiß erratheſt Du, um was das Geſpräch hen wird. — Wie ſollte ich das errathen können?— ant⸗ te Urda gereizt. Nicht in dem Tone da,— mein Mädchen,— 5 70 ſagte der Capitain und ſtand auf, um ſich neben die Tochter zu ſetzen. — Du weißt, wie ſehr ich Dich immer geliebt, wie gerne ich Deine kleinſten Wünſche erfüllt habe und wie nachſichtig ich von Deiner zarteſten Kindheit an gegen Dich geweſen bin. Dieſes wurde in einem ſo zärtlichem Tone ge⸗ ſagt, daß man dem grobkörnigen und abgehärteten, Seemann es nicht zugetraut haben ſollte, daß er ſeiner ſonſt ſo rauhen Ausſprache einen ſolchen Ausdruck hätte geben können. Bei dieſer Anrede verſchwand der unfreundliche Ausdruck in Urdas Geſicht, und vor ihrer Erinnerung ſtanden die Tauſende von Beweiſen, welche ſie, ſo weit ſie zurückdenken konnte, von der Liebe ihres Vaters erhalten. In Folge dieſer Rührung, die ſie empfand, ergriff ſie die Hand des Vaters und führte ſie an ihre Lippen. — Ach Papa, die Beweiſe Deiner Liebe zu mir ſind ſo zahlreich, daß ich ſie nie vergeſſen kann; ſei deſſen überzeugt. — Wenn dem ſo iſt, Urda, ſo mußt Du von mir ohne Zorn oder Schmerz die Wahrheit hören können. — Ja, auch wenn dieſe Wahrheit in meinen Augen keine Wahrheit iſt, ſo verſpreche ich doch, Dich anzuhören. Papa liebt mich zu aufrichtig, um mich zu zwingen, gegen meine Ueberzeugung gerade denken wie Papa. Mit ſchmeichelnder Miene blickte Urda zum ter hinauf. „ —— *———— 71 — Gut! dann richten wir unſeren Curs gerade auf die Sache,— ſagte der Capitain lächelnd. — Ja, und das mit günſtigem Wind,— ant⸗ wortete Urda heiter. — Alſo klar zum Wenden. — Ja. — Die Sache iſt die, daß ich nicht will, daß Du Dich wie ein Knabe kleideſt und dieſes jugendhafte Benehmen an den Tag legſt. Ich will Dir ſagen, daß man uns auslacht. Ich meine, wir ſind zu ehrenhafte Leute, um von der ganzen Gegend als Narren angeſehen zu werden. Mein Wille, Urda, iſt, daß Du, nachdem Du Deinen Einfällen frei haſt folgen können, jetzt dieſelben auf⸗ giebſt und anfängſt Dich einer weiblichen und paſ⸗ ſenden Lebensweiſe zu widmen. Meine Abſicht wäre es, Dich ſo bald als möglich mit einem braven Jungen zu verheirathen; aber das kann ich nicht bewerkſtelligen, wenn Du mit Deinen Narrheiten fortfährſt, weil kein ehrlicher Kerl Dich, wie Du jetzt biſt, zur Frau nehmen wird. Urda, wenn meine Zuneigung, wenn meine Liebe Dir etwas werth iſt, dann höre auf, die Kleider da zu tragen. Bedenke, daß Dein Vater bittet, wo er befehlen könnte. Während der Vater ſprach, hatte Urda's Geſicht mehreremale den Ausdruck gewechſelt. Es ſpiegelten ſich Aerger, Schmerz, Kummer und endlich Entſchloſ⸗ enheit in demſelben ab. Als der Vater ſchwieg, drückte ſie die Hand gegen r Herz, und die Augen ſtanden voll Thränen. Mit aufgeregter Stimme antwortete ſie: 72 — Wen verletze und beleidige ich mit meiner Kleidung, da Papa es mir verbietet, dieſelbe zu tragen? — Ich verbiete Dir nichts; ich bitte Dich nur, aus Liebe zu mir von dem abzuſtehen, was auch A Schatten der Lächerlichkeit auf Deinen Vater wirft. — Nun gut, die Bitte wird ja dann ebenſo bin⸗ dend wie ein Befehl. Jetzt rollten die in den Augenwimpern hängen⸗ den Thränen ſofort über die Wangen herab. — Und die Erfüllung derſelben koſtet Dich Thränen. Der Capitain bewegte ſich unruhig hin und her. Er fürchtete einen Ausbruch von Bitten, welche, wie er wußte, ihn ganz und gar entwaffnen würden. Aber er täuſchte ſich. Urda ſaß eine Zeit lang ſchweigend; dann trocknete ſie die Thränen und ſagte mit einem freundlichen Lächeln: — Laßt uns eine Weile meine Kleidung bei Seite laſſen; das iſt vielleicht eine Nebenſache, ob⸗ gleich ich ein ſo großes Gewicht darauf lege. Laßt uns einander klar verſtehen. — Mögeſt Du, Papa, erfahren, was ich beab⸗ ſichtige und was mein Lebensplan iſt und mögeſt Du mich nachher denſelben befolgen laſſen, dann will ich gern zu der Zeit, wo ich zu Hauſe bin, gekleidet ſein, wie Du es wünſcheſt. Urda hielt inne.— Sie, welche ſonſt nie furc ſam war, fühlte doch jetzt eine dunkele Furcht, ſie ihre ſtillen aber kühnen Träume in Worte klei- den, und die Verwirklichung derſelben auf den un⸗ —— — 73 ſicheren Würfelwurf des Beifalls oder der Weigerung eines Menſchen ſetzen ſollte. Wer von uns hat nicht die eigene, oft ängſtliche Unruhe gekannt, welche ſich dann unſeres Herzens bemächtigt, wenn die Erfüllung unſerer liebſten und lebhafteſten Hoffnungen von dem Endurtheil eines Anderen abhängt? Mit welchem peinlichen Gefühl warten wir nicht auf dieſes Wort, das Leben oder Tod bringen ſoll? Unterwerfen wir uns aus freien Stücken dieſem Urtheil, dann zittert unwillkührlich unſer Muth, und unſere Entſchloſſenheit verläßt uns. Wie manche fröhliche und liebliche Hoffnung iſt nicht durch ein eiskaltes: Nein, in ein finſteres und ödes Grab gebettet worden, um welches herum das Leben nachher mit hoffnungsloſem Herzen irrte! Es iſt deshalb nicht zu wundern, wenn Urda ihre Seele von dieſer unfreiwilligen Furcht ergriffen fühlte, welche von jedem unerfüllten Wunſche unzer⸗ trennlich iſt, als ſie an der Gränze ſtand, wo dieſer vernichtet oder verwirklicht werden ſollte. Der Capitain wartete lange darauf, daß Urda fortfahren würde, als ſie aber immer noch ſchwieg, äußerte er: — Nun, Kind, warum fährſt Du nicht fort? — Ich fürchte mich, Papa;— antwortete ſie mit einem leichten Erröthen und einem reizenden Lächeln. — Vor mir? Der Capitain blickte ſie verwundert an. — Ja und Nein. Urda lächelte wieder. Ich fürchte, daß Du mir meinen liebſten Wunſch 74 abſchlagen wirſt. Wenn Du das thäteſt, dann würde Deine Urda nie mehr froh werden. Sie blickte ihn ſo zärtlich an, daß das ſchwache Vaterherz, nachdem es gänzlich erweicht worden, der Vernunft folgende Antwort dictirte. — Hol' mich der T—, Mädchen, wenn ich nicht im Stande wäre, eher meine rechte Hand abhauen zu laſſen, als zu Etwas nein zu ſagen, das Dich glücklich machen könnte. — Dank, Dank für die Worte!— rief Urda entzückt und ſchlang beide Arme um den Hals des Vaters. Jetzt werde ich ohne alle Unruhe ſprechen. — Gut; laß mal ſehen, daß Du Etwas Kluges ſagſt, Du kleine Wetterfahne,— ſagte der Capitain und küßte die blühenden Wangen der Tochter. — Papa, ich wünſchte mein Leben der See zu widmen. Stille, falle mir nicht ins Wort!— Du haſt drei Fahrzeuge. Auf dem einen, welches von meinem Couſin Capitain Ehn geführt wird und auf England fährt, wünſche ich als Steuermann angeſtellt zu werden. Du weißt, daß ich meine Navigation ebenſo gut verſtehe wie Du, da ich Dein Schüler bin. Wenn ich ein Jahr lang als Steuermann ge⸗ reiſt bin, giebſt Du mir eines Deiner Schiffe, wel⸗ ches ich nachher als Capitain führen werde. Dieß iſt mein heißeſter Wunſch und den kannſt Du mir nicht abſchlagen. Der Capitain ſprang vom Sopha auf und blickte Urda mit aufgeſperrten Augen an. Er konnte nur mit der äußerſten Anſtrengung dieſe Worte hervor⸗ bringen: 75 — Was zum tauſend T—, ſoll das heißen! Mädchen, biſt Du toll geworden, oder bin ich es, der den Verſtand verloren hat? — Papa! Papa!— rief Urda.— War es das, was Du verſprachſt? Wie ſollen wir einig werden können, wenn Du bei meinen erſten Wor⸗ ten raſend wirſt. Laßt uns die Sache ruhig mit einander beſprechen! — Ruhig beſprechen! ruhig ſein!— brummte der Capitain und begann mit heftigen Schritten hin„ und her zu gehen. Es iſt, der T— ſoll mich, un⸗ möglich die Ruhe beizubehalten, wenn man mit einem ſolchen Fuhrmann zuſammengeräth. Ruhig, ruhig! Nein, ich bin nahe daran wahnſinnig zu werden. Urda ſchwieg. Im Herzen war ſie über dieſe Wendung recht froh; denn ſie wußte zu gut, daß der Vater niemals gefährlich oder unnachgiebig war, wenn er nur ſelbſt böſe wurde. Es war dann nur nothwendig, eine der Saiten ſeines Herzens anzuſchlagen um dem Sturme ohne Furcht begegnen zu können. Hätte er dagegen mit beſtimmtem und ſtrengem Ernſt ihr ſeine Einwilligung verweigert, dann wäre keine Hoffnung übrig ge⸗ weſen. Eine kurze Zeit verfloß unter den heftigſten Aus⸗ brüchen von Seiten des Capitains und dem uner⸗ ſchrockenſten Widerſtand von Seiten Urda's. Nach und nach beruhigte ſich Erſterer und ſetzte ſich wieder. — Nun gut, wir wollen über die Sache ſprechen, und ich bin überzeugt, daß Du ſelbſt bald genug 76 über Deine tolle Idee lachen wirſt. Laß mal ſehen, lege Deine Hand neben die meinige. Der Capitain legte ſeine gewaltige, ſonnenver⸗ brannte Fauſt auf den Tiſch, und Urda ſtreckte ihre kleine runde Hand neben der ſeinigen aus. — Welche von dieſen, meinſt Du, paßt am Be⸗ ſten, während das Meer aufgeregt iſt, das Steuer⸗ ruder zu führen? Glaubſt Du wirklich, daß Deine kleine Tatze unter einem gewaltigen Sturme es zu regieren im Stande ſein wird? Glaubſt Du, daß Dein ſchwacher Körperbau und Dein gebrechliches Geſchlecht für das Leben auf der See und für die ſchwere Arbeit geſchaffen iſt? Glaubſt Du..... — Stille jetzt, und laß mich auf die Fragen da antworten, bevor Du mit mehreren kommſt!— Um damit anzufangen, ſo bin ich nicht ſchwach gebaut; ich bin an die See gewöhnt und auf derſelben erzogen; übrigens beabſichtige ich auch nicht als Matros anzu⸗ fangen; obgleich ich durchaus nicht einſehen kann, warum nicht Weiber aus der arbeitenden Claſſe Ma⸗ troſen ſollten werden können. Aber das gehört nicht hierher. Wir werden noch wunderbarere Dinge als das erleben. — Das behüte Gott!— rief der Capitain. — Ich möchte den Mann ſehen, der den Muth hätte, Capitain auf einem Schiffe zu werden, deſſen Beſatzung aus Weibsleuten beſtände.— Da wärees, holen mich tauſend T—, beſſer, er ertränkte ſich, während das Fahrzeug noch am Lande läge. Denn nie in ſeinem Leben würde er entweder auf Dis⸗ ciplin, oder Ordnung, oder auf irgend eine Möglichkeit hoffen dürfen, je Etwas ausrichten zu können, wenn 77 ein Haufen toller Weiber ſeine Befehle ausführen ſollten. Das Beſte, was ein ſolcher Befehlshaber thun könnte, wäre, das Schiff mit ſammt der Ladung, Beſatzung und ſich ſelbſt zu verſenken. — Papa ſchwatzt wie ein Kind,— fiel Urda heftig ein,— und Papa iſt ſo vorurtheilsvoll wie ein altes Weib. Laßt uns uns an unſern Händen hier auf dem Tiſche halten. Papa fragt, ob die meinige darnach ausſieht, während eines Sturmes manövriren zu können. Welche einfältige Frage! Man manövrirt mit einem Schiff vermöge ſeines Verſtandes und ſeiner Kenntniſſe und nicht blos durch ſeine phyſiſche Kraft. Jetzt frage ich Papa, ob Du uns Frauenzimmer Verſtand und die Fähig⸗ keit, uns Kenntniſſe zu erwerben, abſprechen wirſt? — Das iſt ſo und ſo mit der Sache. Ihr kön⸗ net zwar ſchlau und liſtig ſein, wie die Katzen, aber eigentlichen Verſtand habt Ihr ebenſowenig wie dieſe Eure Herzensfreunde. Was die Kenntniſſe anlangt, da biſt Du freilich in theoretiſcher Beziehung eini⸗ germaßen in der Navigation zu Hauſe, aber in der Praxis— da kann ich darauf ſchwören, daß es hapert. — Lieber nicht geſchworen! Laßt uns aber nicht die Zeit mit unnützem Geſchwätz verlieren.— Ein Befehlshaber, er mag eine Stelle einnehmen, wel er will, bedarf keiner Körperſtärke und keiner Arm⸗ kraft, ſondern Verſtand, Kenntniſſe und Einſicht.— Durch dieſe geiſtige Ueberlegenheit iſt es, daß er regiert, nicht durch das Fauſtrecht.— Wenn dieß wahr iſt, dann ſehe ich nicht ein, warum es für ein Weib unmöglich ſein ſollte, Befehlshaber eines 78 Schiffes zu ſein, oder irgend welche Stelle in der Geſellſchaft zu bekleiden, zu welcher ſie Beruf fühlt. — Halt, und lege einen Augenblick bei!— rief der Capitain lachend; denn er fand Urda's Rede ſo lächerlich, daß ſie ſeine Heiterkeit erregte.— Wir wollen einſtweilen annehmen, daß Du Deinen Willen durchſetzteſt, was natürlich nicht geſchieht, und daß Du in einem Alter von neunzehn oder zwanzig Jahren auf einem meiner Schiffe Capitain würdeſt. Nun gut, wenn die Mamſellcapitain in die offene See von einem Schwarm wilder Geſellen umgeben hinauskäme— wie glaubſt Du denn, daß es gehen würde? Glaubſt Du denn, daß dieſe Söhne des Meeres in Dir etwas Anderes ſehen würden, als ein junges Weib, das ſich ihnen ſelbſt Preis gegeben, indem ſie ſich ihres Geſchlechts entäußert, und ſich mit rohen, groben Burſchen einläßt, ohne ſich gegen dieſelben ſchützen und wehren zu können. — Uſch, wie Papa da redet!— antwortete Urda. — Es iſt wohl möglich, daß allerlei Unglück uns wie Andere werde treffen können, aber es iſt keine Revolution gemacht worden, die nicht ihre Opfer verlangte. Was mich ſpeciell betrifft, ſo könnte nichts Derartiges paſſiren, da ich immer Dei⸗ nen treuen Gottlieb an meiner Seite haben würde. — Und übrigens vergißt Du das ſtrenge Seegeſetz und die Disciplin, welche dieſe heiſcht. Bin ich der Capitain eines Schiffes, ſo wird jenes Geſetz auf Jeden angewendet, der ſich vergehen ſollte. — Höre nun, was ich Dir ſagen werde, Mäd⸗ chen: Halt ein mit Deinen Tollheiten. Du wäreſt, 79 hol mich der T—, im Stande, alle geſunde Vernunft mit Deinem beſeſſenen Geſchwätz zu überflügeln.— Es wird doch, hol mich dieſer und jener, nichts aus jenen Thorheiten.— Ich wäre ja wenigſtens ebenſo toll wie Du, wenn ich meinen Beifall dazu gäbe. — Ein Schiff Dir in die Hände geben?— Du das Seegeſetz anwenden?— Du und von Disciplin ſprechen.— Falls ich in einem Irrenhaus wäre, würde ich nicht tollere Dinge zu hören bekommen. Nein, Du bleibſt hübſch zu Hauſe, und ich werde Dich, der T— hole mich, bei erſter Gelegenheit ver⸗ heirathen. — Papa, wenn Du nicht einwilligſt, dann laufe ich davon, und nehme Dienſt als Junge auf ei⸗ nem fremden Schiffe,— rief Urda,— oder ich gehe hin und ſtürze mich in die See,— fügte ſie wei⸗ nend hinzu,— denn ich werde nie heirathen, hörſt Du das! Ich bin keine Handelswaare, die Du bei „erſter Gelegenheit“ verkaufen kannſt. Unſer armer Capitain kam hart in die Klemme. Als Urda weinte, da war ſein Muth vorbei. Ihre Unterredung ſchloß denn auch damit, daß der Capi⸗ tain zwar nichts Beſtimmtes einräumte, aber doch, um ſie zu beruhigen, ſagte: — Wir werden über die Sache nachdenken. — Papa, Du wirſt mich nicht wieder froh ſehen bevor Du einwilligſt,— ſagte Urda. Einige Tage vergingen, während welcher Urda ſich freilich in Frauenzimmerkleidern, aber mit einem 80 ſo finſteren und betrübten Geſicht zeigte, daß der gute Capitain die Luſt zum Brummen und neben⸗ bei ſeine Eßluſt verlor. Als eine Woche vorüber war, ſchien es dem Capitain ferner unmöglich, es mit Urdas verweinten und niedergeſchlagenen Augen auszuhalten; beſonders, da Urda den letzten Tag gar nicht unten geweſen war, ſondern erklärt hatte, daß ſie allein ſein wollte, und ſich deshalb einſchloß. Nachdem man Kaffee getrunken, wollten Erland und Harald ſich entfernen, aber der Capitain ſagte zum Letzteren. — Bleibe, ich wünſche mit Dir wegen einer wichtigen Sache zu berathen. Als ſie allein waren, theilte der Capitain Ha⸗ rald das mit, was zwiſchen ihm und Urda vorge⸗ fallen war. Dann bat er Harald, ſeine Meinung zu ſagen. Anfangs war es dieſem unmöglich ſich des La⸗ chens zu enthalten; dann rieth er ihm, daß der Onkel ſich beſtimmt weigere, auf dergleichen Tollhei⸗ ten einzugehen, und ſuchte dabei den Muth des Ca⸗ pitains zu beleben. Wieder verging eine Woche. Niemand außer Barbro erhielt Zutritt zu Urda, die ihr Zimmer nicht verließ. Der Capitain war mehreremal oben und klopfte an die Thüre des eigenſinnigen Mädchens, aber ohne hineinzukommen. Sie weigerte ſich auf das Beſtimm⸗ teſte, zu öffnen. Der arme Vater litt unter dieſem unangenehmen Verhältniß, und eines Abends ſaß er allein auf ſeinem Zimmer und überlegte, ob es doch nicht möglich ſein ſollte, geſunde Vernunft mit 81 der Erfüllung von Urda's Wunſch zu vereinigen. Gerade als er darüber nachgrübelte, trat ein Mäd⸗ chen ein mit einem Brief und ſagte: — Die Mamſell fuhr eben jetzt fort und bat mich, dem Capitain dieſes zu übergeben. — Fuhr fort um zehn Uhr Abends und ohne mir ein Wort zu ſagen oder Pferde zu verlangen, — rief der Capitain und ſprang auf. — Olle Mattſon beförderte die Mamſell mit ſeinen Pferden in ihrer eigenen Droſchke,— ant⸗ wortete das Mädchen und ging hinaus. Der Capitain erbrach den Brief und las Folgendes: — Lebwohl, mein geliebter Vater! Da ich ein⸗ ſehe, daß Du dem Glücke Deiner Tochter Deine Vorurtheile nicht opfern willſt, ſo müſſen wir uns trennen;— vielleicht für immer, weil ich mich von Gott berufen fühle, mein Geſchlecht aus der un⸗ glücklichen Sklaverei zu befreien, in welcher daſſelbe jetzt lebt. Um dieſe meine Beſtimmung zu erfüllen, verlaſſe ich Dich; denn die Ausführung eines großen Werks ruht auf meinen Schultern. Deine Urda. Der Capitain begann zu läuten und zu rufen, befahl Pferde herbeizuführen und ſchickte nach Ha⸗ rald, welcher den Auftrag erhielt bei Olle Mattſons Frau nachzufragen, wohin ihr Mann ſich begeben. Unſer heißblütiger Capitain gab ſich aber nicht die Zeit, Haralds Rückkunft abzuwarten, ſondern fuhr fort in der Richtung, in welcher man Urdas Fuhr⸗ werk hatte fahren ſehen; vorher gab er Befehl, daß der Neffe nachkommen ſollte. Wir laſſen es dahin geſtellt ſein, ob nicht dieſe Schwartz, Die Emaneipations⸗Manie. I. 6 82 kleine Vorſtellung eine Finte von Urda war, um ſich die Einwilligung des Vaters zu erzwingen. Sie hatte auf keine Art und Weiſe Vorſichtsmaßregeln beobachtet, um ihre Flucht zu verbergen. Es fiel deßhalb dem Capitain nicht ſchwer berauszufinden, welchen Weg ſie gereist war. Dem angewieſenen Wege folgend, holte er ſie eine Meile von Bzörn⸗ bo ein. — Halt!— ſchrie er und war mit einem Sprung aus ſeinem Wagen und auf dem Tritt von dem ſeiner Tochter. — Du kehrſt ſofort um,— befahl er, dunkel⸗ roth vor Zorn und Unruhe. — Nein,— antwortete Urda beſtimmt.— Nie⸗ mals wirſt Du mich lebendig nach Björnbo zurück⸗ bekommen, wenn Du nicht einwilligſt, daß ich mei⸗ nen Lebensplan ausführe.— Papa, wenn Du mich zwingſt, ohne dieſe Einwilligung dorthin zurückzukeh⸗ ren, dann wirſt Du morgen keine Tochter mehr un⸗ ter der Zahl der Lebenden haben. Bei dieſen Worten und beim Gedanken an ihren heroiſchen Entſchluß weinte Urda. Der Capitgin, welcher bereits in der Einbildung ſeinen Abgott ſah, wie derſelbe aus Verzweiflung darüber, daß er ſich weigerte ihrem liebſten Wunſche ſeinen Beifall zu geben, ſeinem jungen Leben ein Ende machte, beeilte ſich zu ſagen:. — Kind, Du weißt ja, daß ich nur Dein Glück will, und wenn Du nicht auf andere Weiſe glücklich werden kannſt, ſo in Gottes Namen denn—— Papa, geliebter Papa, Du giebſt alſo Deine Einwilligung? Ich darf alſo Seemann werden?— . 83 rief Urda und ſchlang ihre Arme um den Hals des Vaters. — Ja, ja!— ſtöhnte der Capitain,— wenn Du mit mir nach Hauſe zurückkehrſt. — Ich habe alſo Dein Wort darauf? — Mädchen, wann brach ich je mein gegebenes Verſprechen? Damit kehrten ſie um und fuhren Björnbo zu. Auf dem halben Wege begegneten ſie Harald, wel⸗ cher auf ſie zugeritten kam, aber, als er ſie erblickte, ſofort wieder umkehrte, ohne vorzureiten und ohne den Onkel oder Urda anzureden. Harald hatte von Natur ein viel zu feines Ge⸗ fühl, um durch ſeine Gegenwart beſchwerlich fallen oder durch dieſelbe einen Zwang veranlaſſen zu wol⸗ len, welcher, wie im gegenwärtigen Augenblick, ſo⸗ wohl für den Capitain wie für deſſen Tochter pein⸗ lich geworden wäre. Er war ſchon auf ſein Zimmer hinaufgegangen, als ihr Wagen an der Eingangs⸗ treppe in Björnbo vorfuhr. — Das war, hol mich der T—! die ſchlimmſte Segelage, die ich in meinem ganzen Leben mitge⸗ gemacht habe,— ſagte der Capitain am folgenden Morgen zu Harald, als ſie im Zimmer des Erſteren allein da ſaßen. Du mußt wiſſen, daß ich die Se⸗ gel ſtreichen mußte, und das ohne allen Pardon. Das hilft alſo nichts, daß Du mich bewegen willſt, wieder eine Schote anzuziehen.— Ich uhe mein 84 Wort darauf gegeben, daß ſie ihren Willen haben ſoll, und ich breche nie ein gegebenes Verſprechen. Alſo bleibt nichts übrig, als dahin zu arbeiten, daß ich das Fahrzeug mit Ehren ans Land führe, und das auf eine Weiſe, die ihr zum Nutzen und zur Warnung für die Zukunft dienen kann, ſich nicht leichtſinnig aus dem Hafen hinauszubegeben.— Laß mich nun ſehen, daß Du mir einen Compaß geben kannſt, der für unſern Plan paßt. — Wir müſſen verſuchen, einen ſolchen Weg einzuſchlagen, daß die Seemannsmamſell eine heil⸗ ſame Lection bekommt und von ihren Revolutions⸗ ideen vollkommen geheilt, ganz zahm und beſcheiden, wie es ſich einem beſtraften Kinde geziemt, zurückkehrt und dann an das Nähen und Stricken geht, froh darüber, von den Strapazen unſerer Lebensweiſe be⸗ freit worden zu ſein, welche ſie für ſo beneidens⸗ werth und für ein Zubehör der Freiheit hält. Jetzt folgte eine lange Berathſchlagung und dann wurde ein wirklicher Plan gemacht. Weil wir aber den Ereigniſſen vorauseilen würden, falls wir jetzt darüber Auskunft gäben, ſo wollen wir den Capitain und Harald mit ihren böſen Anſchlägen in Frieden laſſen, und ſtatt deſſen nachſehen, was bei Milners vor ſich geht. Kollinge hatte, wie wir vorher erwähnten, einen hübſchen Park. In demſelben lag ein mit Geſchmack eingerichteter Pavillon; aber da derſelbe vom Wohn⸗ gebäude etwas entfernt lag, ſo beſuchte man den⸗ 85 ſelben nicht öfter als wenn Gäſte da waren. Auch gab es dort einen ausgezeichnet gut angelegten Garten, Vom Saale aus gelangte man in denſelben durch zwei Glasthüren. Der Garten war von Blumenduft und Vogel⸗ geſang erfüllt, und deſſen grüner Strand wurde von den Wogen des Meeres geliebkost. Ein hübſches Luſthaus in Zeltform und mit Ausſicht auf die See vermehrte das Angenehme dieſer Anlage. Die⸗ ſes kleine Reich der Flora war der Lieblingsplatz der Mädchen, ihres Bruders und Milners ſelbſt. Was die Frau betraf, ſo hatte ſie nie Zeit, an etwas ſo Kindiſches zu denken, wie das wäre, draußen den Sommer und die in ihrer vollen üppigen Schön⸗ heit blühende Natur zu genießen. Nein die ganze Zeit der Frau Milner wurde davon in Anſpruch ge⸗ nommen, all das Gute zuzubereiten, was die Ande⸗ ren eſſen ſollten. Sie hätte gewiß einen Schlagan⸗ fall bekommen, falls ein Mittageſſen oder ein Früh⸗ ſtück mißglckt wäre, und wenn ſie nicht das beſte Eſſen und das vorzüglichſte Brod im Umkreiſe von mehreren Meilen gehabt hätte. Um dieſen ihren Ehrgeiz gehörig befriedigen zu können, mußte ſie demſelben jede Stunde ihres Lebens widmen, ſelbſt überall dabei ſein, ſelbſt Hand mit anlegen und ſelbſt Alles koſten. An demſelben Morgen, an welchem Harald und der Capitain ihre Berathſchlagungen pflegten, und 86 alſo vierzehn Tage nach der Geſellſchaft auf Kollinge, führen wir Dich wieder dort ein, lieber Leſer. Man war mit dem Frühſtück zu Ende und Frau Milner winkte heimlich Göran, daß er ihr folgen möchte. Er war als einziger Sohn der guten Mutter beſonderer Liebling. Mama und ihr Liebling nah⸗ men den Weg nach der Speiſekammer. Milner nahm ſeinen Hut und begab ſich hinaus auf die Felder. Calla ging hinauf auf ihre Kammer, wo ſie Dinte, Feder und Papier hervorholte. Eliſe blieb im Saale zurück, um den Tiſch abzudecken; denn obgleich Frau Milner acht Mädchen hatte, ſo waren dieſe doch fort⸗ während ſo beſchäftigt, daß keines Zeit hatte, pünkt⸗ lich und ordentlich ſeine Geſchäfte zu beſorgen, weil ſie unaufhörlich von dem Einem zum Andern gejagt wurden, was für den Augenblick mehr Eile hatte. Mama und der junge Herr Göran gingen in die hübſch geputzte und geſcheuerte Speiſekammer, in welcher ſie für ihren Goldjungen ein Stück Rahm⸗ kuchen mit Eingemachtem aufgehoben hatte, wel⸗ ches er ſcherzend und mit großer Begierde verzehrte. Calla wanderte hinunter nach dem Luſthaus, welchem man den Namen„das Zelt“ gegeben hatte, und ſetzte ſich dort, um zu ſchreiben. Etwas über eine halbe Stunde war verfloſſen, als knarrende Tritte ſich im Sandgange näherten. Beim Schalle derſelben wurde der beſchriebene Papierbogen mit ſammt Dintenfaß und Feder in die Schublade geworfen. Darauf nahm ſie eine mitge⸗ brachte Stickerei zur Hand, und als die Perſon, 87 deren Tritte ſie gehört, ſich in der Thüre des Luſt⸗ hauſes zeigte, ſaß Calla und ſtickte. — Willkommen,— ſagte ſie zu dem Eintreten⸗ den und reichte ihm die Hand. — Wie geht es Urda? — Gut, vermuthe ich,— antwortete der Ange⸗ redete, welcher Erland war. Er hatte Calla's Hand ergriffen und betrachtete ſie mit einem Ausdruck, welcher mitten in ſeiner Schwärmerei Leidenſchaften athmete, die aus ſeinem Herzen, das der bedeutungsvolle ſchwarze Rock bedeckte, hätten verbannt ſein ſollen. — Wenn ich nur nicht zu oft komme?— Meine täglichen Beſuche werden Dir vielleicht läſtig werden. Coalla war noch zu jung, zu unbekannt mit den Gefühlen des Herzens, um den Ausdruck in Erlands Blick deuten zu können. Sie antwortete deshalb mit dem reizenden Ver⸗ trauen, das der erſten Jugend ſo eigen iſt: — Im Gegentheil, die Stunden, die Du hier biſt und mir vorlieſt oder Dich mit mir unterhältſt, ſind ſo kurz wie lehrreich. Es kommt mir vor, als wäre ich durch Dich in eine von mir zuvor ge⸗ ahnte, aber mir unbekannte Welt, ich meine in die der Ideen, eingeführt worden. — Ach, welches Glück würde es nicht für mich ſein, denken zu können, daß Deine und meine Seele in einer Welt zuſammenlebten, welche mit der, die uns umgiebt, nichts Gemeinſchaftliches hat. Erlands Blicke hatten jetzt einen reinen ſchwär⸗ meriſchen Ausdruck. Er ſchien ſich von allen irdiſchen 88 Gefühlen, welche ſich einen Augenblick vorher darin wiederſpiegelten, losgeriſſen zu haben. Er fuhr fort: — Wie glücklich, im Reiche der Ideen und Träume das Eisband vergeſſen zu können, welches die Wirklichkeit um unſere Bruſt gelegt, und dabei wiſ⸗ ſen, daß man in ſeiner Liebe zu dieſem ideellen Da⸗ ſein allein iſt. Sage, liegt nicht etwas unendlich Bezauberndes in der Fähigkeit, ſich aus den kalten Feſſeln in ein Freiheitsleben verſetzen zu können, in welchem Alles Sonne und Wärme iſt? — Ja,— antwortete Calla mit einem Ausdruck, der von Leben und Friſche ſtrahlte,— die goldenen Leidenſchaften der Träume ſind ſchön, aber nur wenn ſie ſich um die Wirklichkeit drehen. Ach! ich liebe die Wirklichkeit, weil ein poetiſcher Gedanke in jedem Blatt, in jeder Blume, im Geſang der Vögel, im Murmeln des Bachs und in der Flucht des Windes ſich ausſpricht. Alles, Alles im Leben hat ſeine Poeſie. Eine leichte Wolke glitt über Erlands Stirne; aber als ſein Blick ſich auf Calla's hübſche Stirne richtete, verſchwand dieſelbe und er antwortete: — Du kannſt Recht haben.— Aber vergeſſe in Deinem Entzücken nicht, daß der Sommer kurz iſt, und daß auf denſelben der ſtürmiſche, öde Herbſt und der kalte, bittere Winter folgen. Wo findeſt Du da die Poeſie des Lebens wieder? In der Erinnerung an den Sommer, in der Hofinung auf den Frühling. — Erinnerung und Hoffnung: ſiehe da Alles, was das Leben beſitzt.— Die Erinnerung iee Skchbcccihläe — 89 daran, daß dieſes Leben ein Nichts iſt;— die Hoff⸗ nung, welche ſich über das Grab hinausſtreckt. Es lag bei dem Ausſprechen dieſer Worte etwas Milzſüchtiges in der Stimme des jungen Pfarrers. Er fuhr mit der Hand über die Stirne und fügte hinzu: — Meine Lebensphiloſophie kommt Dir ganz gewiß düſter vor, aber ſie iſt es nicht.— Sie iſt klar, ſchön und verheißungsreich, weil ich mich von dieſer Welt, die mich und ihre Leidenſchaften umgiebt, losgemacht habe.— Ich habe mich ausſchließlich an Gott und an die Religion, deren Diener ich bin, gebunden. Mein Leben, meine Gedanken, Gefühle und Träume gehören meinem Beruf und dürfen nicht an irdiſche Freuden, Genüſſen und Begierden ge⸗ feſſelt ſein. — Als ich als Pfarrer geweiht wurde, entſagte ich dieſen menſchlichen Begierden. Das muß ein würdiger und wahrer Diener der Religion thun. Armer Erland, wie unbekannt warſt Du, als Du ſo ſprachſt, mit dem Menſchenherzen im Allge⸗ meinen und mit Deinem eigenen insbeſondere. Hät⸗ teſt Du mit Ruhe Dein Inneres unterſucht und Dich nicht bethören laſſen von den Irrthümern einer un⸗ zuverläſſiger Einbildung über die Beſchaffenheit Dei⸗ ner Gefühle, ſo würdeſt Du mit Deinem warmen, wahrheitsliebenden Herzen Dir gewiß nie ſolche Aeu⸗ ßerungen erlaubt haben. Aber Du lebteſt nur in Deinen Phantaſien. Dieſe ſchmeichelten Deinen Wünſchen, wie es immer der Fall iſt, und malten Dir Dein eigenes Herz ganz anders, als es wirklich war; Deine menſchliche Natur erhobſt 90 Du in Deiner idealiſirenden Denkweiſe zum Range eines göttlichen Urſprungs. Du glaubteſt, armer Jüngling in Deinem ſchwärmeriſchen Entzücken, daß Du mit vierundzwanzig Jahren Deine Rechnung mit den Leidenſchaften des Lebens abgeſchloſſen hätteſt, und daß Du, von ihnen befreit und ſo rein wie es Deine hochſtrebende Schwärmerei forderte, daß ein Diener Gottes ſein ſollte der, welcher für würdig angeſehen ſein will, ſein Wort zu verkündigen, an den Fuß des Altars hingetreten ſeieſt. Mit dieſen ſtrengen Grundſätzen gegen ſich ſelbſt war Erland auch ſtreng und genau gegen Andere. Er litt von den Fehlern der Menſchen, und wurde ſehr oft unverträglich. Alles rührte von einem vollkommenen Mangel an Kenntniß von unſerer Unvollkommenheit her, und ſollte erſt gemildert werden, nachdem er ſelbſt ein⸗ ſehen gelernt, daß er keine Ausnahme von den Feh⸗ lern und Mängeln machte, durch welche wir anderen Sterblichen irregeleitet werden. Der Schwärmer und der Dichter denken ſich Ideale und ſind unzufrieden mit der Wirklichkeit, weil ſie jene nicht in dieſer wieder finden. Warum vergeſſen ſie während des Fluges ihrer Träume, daß ſie ſelbſt ſo weit entfernt ſind von den erhabenen Bildern der Vollkommenheit, welche ſie ſich geſchaffen haben? Wenn ſie an ihre eigenen Män⸗ gel dächten, dann würden ihre Klagen über Andere weniger bitter werden. — Aber,— ſagte Calla,— iſt es Recht, daß der Pfarrer ſeine Gefühle und Sympathien von der Wirklichkeit abſondert? Er wird ja dadurch ein ſo —— 91 vollkommen ideelles und geiſtiges Leben führen, daß er von dem menſchlichen Gemüth und von deſſen Fehlern und Tugenden keine richtige Kenntniß erhält. Wie ſoll ein Seelſorger zu den guten Anlagen ſprechen und mit Milde die ſchlechten auf den rechten Weg führen können, wenn er ſie nicht kennt? Wie ſoll er mit Nachſicht den Sünder wecken, den Ver⸗ brecher und den Gefallenen zurecht weiſen, und mit Milde den Reuevollen tröſten können, wenn er nur in idealiſirender Schwärmerei lebt? Nein, Erland, er muß nur für das Gute, das er wirken kann, und für ſeine heiligen Pflichten ſchwär⸗ men; er muß in der Welt, die ihn umgiebt, mit Herz und Seele lieben und leben, ſonſt wird er leicht ein Fanatiker, der nur verdammt, und nicht der freundliche Arzt und Lehrer, der die Wunden der Seele heilt. Erland ſtützte gedankenvoll ſeinen Kopf auf die Hand, während er ſeinen Blick auf Calla richtete, und ſagte dann im zögernden Tone: — So habe ich meinen Beruf nicht aufgefaßt.— Ich hielt es und halte es für eine heilige Pflicht des Pfarrers, ſich von der wirklichen Welt, von den ma⸗ teriellen Intereſſen, gänzlich abzuſondern, weil er, wenn er die Welt liebte, Gott ſchlecht dienen würde.— Je höher er ſelbſt in moraliſcher Bezie⸗ hung ſteht, je fremder er den menſchlichen Leiden⸗ ſchaften und Fehlern, je reiner ſeine Gedanken und je unbekannter ſein Herz mit der Macht der Verſuchung iſt, ein um ſo größeres Recht hat er, den Sünder zu richten und zu ſtrafen; deſto ergreifender werden ſeine Worte, deſto gewaltiger die Kraft ſeiner Lehre. 92 Steigt er dagegen zum Sünder hinab und macht ſich mit deſſen Schwächen, Leidenſchaften und ſogar Verbrechen bekannt, dann ſchwindet die Glorie hoher und unbefleckter Tugend, dann wird er außer Stande, im Namen der Religion den Gefallenen zu erwecken oder zu ſtrafen. — Frland, Erland,— fiel Calla faſt traurig ein,— haſt Du, da Du erſt ſeit einigen Wochen Prediger biſt, es dahin gebracht, Deinen Verſtand in einem ſolchen Grade zu fanatiſiren und, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, die Beſtimmung Deines Berufes zu verdrehen? — Was meinſt Du, Calla? Eine hohe, durch geiſtigen Hochmuth hervorge⸗ rufene Röthe brannte auf des jungen Predigers ſonſt ſo bleichen Wangen. — Höre mich an,— bat Calla mit einem an⸗ muthigen und reizenden Ausdruck der Güte, indem ſie ſich erhob, ihre Hand auf ſeinen Arm legte und dann fortfuhr: — Höre mich an, als wäre ich eine Stimme aus Deinem eigenen Herzen; denn es giebt Etwas in mir, welches mir ſagt, daß die Eingebung meines Gefühls in dieſem Augenblick richtig iſt. Ein Prediger, Erland, muß ein Menſch ſein in der ſchönſten, moraliſchen Bedeutung dieſes Wortes. Er ſoll ſtreng gegen ſich ſelbſt ſein, aber er iſt auch der Einzige, gegen den er das Recht hat ſtreng zu ſein. Sein Leben muß einem aufgeſchlagenen Buche ——— gleichen, in welchem ſich keine Seite befindet, von der er fürchten müßte, daß ſeine Gemeinde ſie zu leſen bekäme. 93 Er darf ſich nicht der Begierde nach welt⸗ lichem Gewinn und weltlicher Ehre hingeben,— aber er darf auch nicht den materiellen Intereſſen fremd ſein. Er ſoll ſie als Mittel auffäſſen, durch welche N er auch für ſeine Gemeinde Gutes wirken kann. In demſelben Maße, wie er ſeine eigenen Be⸗ gierden bekämpft, ſoll er indeſſen auch ſuchen ſich mit allen menſchlichen Schwächen und mit den Lockungen der Welt bekannt zu machen; denn dann erſt kann er unparteiiſch und wahr ſeine fehlenden Mitmenſchen beurtheilen, und er darf nie vergeſſen, daß wir alle Sünder vor Gott ſind. Erland!(Calla faltete die Hände mit einem ſo demüthigen und inſpirirten Ausdruck, daß der junge Geiſtliche unwillkürlich ſeine ſtolze Stirne neigte)— Erland! erinnere Dich, daß es Chriſti Lehre iſt, die Du verkündigen, und Worte der Verſöhnung und nicht der Verdammung, die Du predigen ſollſt; Du ſollſt im Geiſte der Milde und der Liebe reden, wie Er es that, und Dein Gebet muß lauten:„Vater, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun.“ Der chriſtliche Pfarrer iſt nicht ein Richter, nicht ein Verkündiger der Strafe, er iſt ein Lehrer, wel⸗ cher uns warnen ſoll vor dem Böſen und uns in der Liebe, in der Verträglichkeit und im Guten unter⸗ richten. Er ſoll die Betrübten tröſten, den Ge⸗ fallenen und Reumüthigen helfen, und muß, wie ſein göttlicher Meiſter, gerade diejenigen aufſuchen, welche am meiſten an der Seele krank ſind, und diejenigen, welche ein Opfer des Elends und der Verſuchung geworden; Niemals darf er dieſe Worte Jeſu ver⸗ 94 geſſen:„Nicht der Geſunde, ſondern der Kranke und Gebrechliche iſt es, der des Arztes bedarf.“ Dein Beruf iſt ſchön, aber er iſt ſchwierig, und nehme Dich in Acht, den unrechten Weg zu be⸗ treten. Erinnere Dich der Worte des Tegnér: Du, der Rach' und Haß verkündigſt In dem Namen Deines Himmels, Weißt Du nicht, der Himmel gönnet Allen Raum in ſeinem Schooße. Von dem Rathſchlag der verſchloſſ'nen Ewigkeit— was weißt Du da? Wer hat je gemeſſen jene Tiefen der Barmherzigkeit? Hier wurde das Geſpräch von Göran unterbro⸗ chen, welcher auf das Luſthaus zukam und mit lau⸗ ter Stimme ſang: „Haſt Du mein geſtriges Malheur gehört, Es ward vom Böſen mir geſchickt, von jenem—— Beim Klange ſeines Geſangs und der etwas freien Worte blickte Erland mit einem ſtrengen Aus⸗ druck im Geſicht auf, Calla aber flüſterte mild: — Hüte Dich vor einer ſchweren Sünde, welche ſich nie des Herzens des Pfarrers bemächtigen muß, ſie heißt: Unduldſamkeit. Es lag im Tone eine ſo ſanfte Muſik, daß Er⸗ land unwillkürlich bemerkte: — Calla, Du hatteſt Recht, als Du Dich die beſſere Stimme in meinem Herzen nannteſt. Gäbe Gott, daß ich oft dieſelbe zu hören bekäme! Jetzt trat Göran ein: — Ei, ei,— ſagte er,— ich glaube, ich ſtöre 95 ein holdes téte-töte; bitte um Verzeihung; es war nicht ſchlecht gemeint,— fügte er halb ſingend hinzu und ließ ſich in einen Gartenſtuhl nieder. — Ich habe große, außerordentliche Reuigkeiten zu berichten. — Und ſie lauten: nächſtes Semeſter wird der junge Milner den Grad nehmen. — Das Cameralexamen machen; nein; Du lie⸗ ber Gott, das iſt ja eine alte Neuigkeit. — Nun, was iſt es denn. — Rathe mal! — Der Pfarrer iſt todt? — Nein, er lebt leider. — Hat er einen Vicar bekommen? — Möglich, das weiß ich nicht. — Mamſell D. wird ſich verheirathen? — Fehlgeſchoſſen, fehlgeſchoſſen, und immer fehl⸗ geſchoſſen. Du biſt durchaus kein Genie, liebe Calla, ſondern faſt ebenſo einfältig, wie Sara, die dort kommt,— ſagte Göran, indem er auf einen Kranich deutete, welcher ſich dem Luſthauſe näherte. — Verſuche Du, Erland, ob Dein Ahnungsver⸗ mögen eben ſo ſchwach iſt. Unter anderen Umſtänden würde Erland gewiß Göran eine ſpitzige, ſcharfe und abweiſende Antwort gegeben haben, aber jetzt befand er ſich noch unter dem Einfluß der warnenden und milden Worte Cal⸗ la's; er lächelte deshalb und antwortete: — Es iſt wohl Urda's kleiner Ausflug geſtern Abend, der auf dem Wege der Schwätzerei hierher⸗ gelangt iſt. 96 — O nein, das hörten wir ſchon ganz früh die⸗ ſen Morgen. — Dann ſcheint es, daß ich nicht glücklicher bin, als Calla. — So hört denn, Ihr unwiſſenden Menſchen⸗ kinder, was ſich zugetragen hat:— Klein Elinge hat einen Käufer gefunden und derſelbe kam dieſen Vormittag mit Sack und Pack an. — Weißt Du, was der neue Beſitzer iſt? — Ja, deſſen kannſt Du überzeugt ſein; es iſt ein ſich ſo nennender Lieutenant, der Nation nach ein Deutſcher, Ruſſe, Pole, Ungar oder Däne; ſo genau kann ich es nicht ſagen. Ein Ausländer iſt er; das iſt Alles, was ich weiß. Es iſt ein langer, ſtattlicher Mann, dem Geſpenſt im Hamlet auffallend ähnlich. — Iſt er Junggeſelle?— fragte Calla. — Schweſterchen, Deine Frage iſt Dir durch Dein eigenes Intereſſe dictirt; es iſt ja nichts Böſes, aber es hat wirklich den Anſchein, als wäre der Mann ſchon engagirt; denn er hat zwei Frauenzimmer bei ſich, ein älteres und ein junges.— Selbſt ſcheint er ſchon ſeine beſten Tage geſehen zu haben. — Aber Elinge iſt ja ſo klein und ſo verfallen, daß ich nicht begreife, wie Jemand dort wird woh⸗ nen können. Unmöglich wird es jedenfalls mit dem geringen Ackerbau eine Familie dort zu ernähren,— ſagte Erland. — Vielleicht hat der Mann Capitalien, obgleich er, ſo Gott weiß, ausſieht, als hätte er von nichts Anderemi, als Sonnenſchein und ſchönem Wetter ge⸗ 97 lebt; auch ſcheint er nicht an Ueberfluß gelitten zu haben, ſo mager iſt er. — Haſt Du ihn geſehen? — Gewiß habe ich es, ſonſt könnte ich es ja doch nicht wiſſen, daß es mit ſeinem Körper ſo ſchlecht ausſieht. Du biſt, Schweſter, trotz Deiner Stock⸗ holmer Erziehung, unbeſchreiblich beſchränkt. Eine Stunde darauf wanderte Erland langſam nach Hauſe. Als er an dem großen ſtattlichen Eiſen⸗ gitter ankam, welches die Landſtraße von dem Park von Björnbo trennte, ging er durch denſelben, ſtatt ſeinen Weg die Allee hinauf zu nehmen, welche ein en weiter oben nach dem baumbedeckten Hofe ührte. Als der junge Schwärmer ſich unter dem Schatten des Parks befand und die üppigen Laub⸗ kronen gleich einem mächtigen Seufzer der Schöpf⸗ ung über ſeinem Haupte fausten, da empfand er ein eigenes Gefühl der Demuth, welches bis dahin ſeinem Herzen unbekannt geweſen. Calla's milde, ernſte und friſche Worte hallten in ſeiner Seele wieder. Es war, als hätte ein un⸗ bekannter, aber längſt erſehnter Engel in ſeinem Herzen Platz genommen. Alles, wu⸗ ihn umgab, kam ihm ſo großartig, ſo reizend vor, daß ſein Inneres jetzt nicht von irgend einem kränklichen Ver⸗ langen nach dem Unnennbaren gequält wurde. Unter dem Einfluß dieſer Eindrücke erreichte Er⸗ Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. I. 7 98 land ſeinen Lieblingsplatz am Ufer, wo wir zuerſt ſeine Bekanntſchaft machten. Zu ſeiner Verwunderung fand er dort Harald ſtehen, welcher irgend einen Gegenſtand draußen auf dem See betrachtete. Es war höchſt ſelten, daß der thätige Harald zu dieſer Tageszeit eine Promenade unternahm, oder ſich irgend eine Unterbrechung ſeiner Arbeit erlaubte, die ein Hauptzug in ſeinem Naturell war. Erland näherte ſich dem Bruder und ſah, daß er mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſeine Blicke auf einen Kahn gerichtet hatte, in welchem ein kleiner Junge ſaß und ſchaukelte. Das Kind ſang mit ſorg⸗ loſer Stimme. — Warum ſtehſt Du da und ſiehſt den Jungen dort an?— fragte Erland. Er iſt ja recht heiter und guter Dinge; obgleich er gerade kein Meiſter im Rudern iſt, ſo krebſelt er doch vorwärts, wenn auch etwas langſam. Uebrigens iſt es ja vollkom⸗ men Windſtille. — Du haſt Recht; aber ich habe mir vorge⸗ nommen das Ufer nicht eher zu verlaſſen, bis ich den Jungen glücklich am Lande ſehe.— Eine ein⸗ zige unbedachtſame Bewegung, und das Kind iſt verloren.— Wäre ich der Vater des kleinen Bur⸗ ſchen, ſo ſollte er, ſo wahr ich lebe, eine ſolche Tracht Prügel erhalten, daß ihm die Luſt verginge Luſtpartien auf eigene Fauſt zu unternehmen.— Ah! was will er denn jetzt machen?— fügte Ha⸗ rald hinzu, als der kleine Ruderer, der gewiß nicht mehr als ſechs oder ſieben Jahre alt war, ſich auf eine Ruderbank aufſtellte und mit ſeiner ſchlechten Mütze zu ſchwenken anfing, indem er ſchrie: ——— 99 — Eva, ſiehſt Du, Eva, hier bin ich jetzt! Bei dieſem heiteren Ruf und den lebhaften Be⸗ wegungen neigte ſich aber das Boot nach einer Seite, und in demſelben Augenblick hörte man eine andere Kinderſtimme rufen: — Nehme Dich in Acht, Erik, der Kahn wirft um. — Oh Schnack,— rief der Wagehals übermü⸗ thig und ſchwenkte gewaltig ſeine Mütze. Auf die⸗ ſes Manoeuvre folgten zwei Schreie, einer von dem Jungen und einer von der Kinderſtimme am Ufer; das Kind war den beiden Brüdern nicht ſichtbar. Der kleine Seemann hatte das Gleichgewicht ver⸗ loren und war in die See geſtürzt. Im Augenblick hatte Harald den Rock ausge⸗ zogen und befand ſich mit einigen raſchen Griffen weit vom Ufer. Bald hatte er die Stelle erreicht, wo des Knaben Kopf zum Vorſchein kam, und war einige Minuten darauf mit ſeiner Laſt nahe am Lande. Da rief gerade eine klangvolle Stimme, welche Erland zuſammenfahren machte: — Dank, Harald! Die Stimme gehörte Calla und kam von Kol⸗ linge Park, welcher an Björnbo grenzte. Was war das für ein eigenes peinliches Gefühl, das Erlands Seele beim Klange jener Stimme mit Bit⸗ terkeit erfüllte? Was war das für eine Stimme, die in ſeinem Heerzen flüſterte: — Warum war ich es nicht, der den Jungen rettete? Warum mußte Calla gerade jetzt am Strande ſein, und Zeuge von Haralds raſcher That werden. Legte Erland ſich ſelbſt Rechenſchaft ab über die 7 ———————— 100 Gefühle, die ſich ſeiner bemächtigten?— Nein.— er wähnte, daß ſie in den hohen Begriffen, die er von dem Paſſenden und nicht Paſſenden beim Weibe hatte, ihren Urſprung hätten, und jetzt fand er die⸗ ſen Zuruf von Calla an einen ſchwimmenden Jüng⸗ ling durchaus nicht mit der Schamhaftigkeit eines jungen Mädchens übereinſtimmend.— Hätte es aber ihm gegolten, ob er dann die Sache von dem⸗ ſelben Geſichtspunkt betrachtet hätte? Wir glauben es nicht. Als Harald mit dem geretteten Kinde den Fuß ans Land ſetzte, war Erlands Stirne finſter und ſein Blick düſter. — Wie ſteht es mit dem Jungen?— fragte er, von ſeinem guten Herzen dazu bewogen. — Gut, wie ich glaube, antwortete Harald,— aber ich hätte, meiner Seele, gute Luſt, Dir eine gehörige Baſtonnade zu geben, Du kleiner Schlingel, weil Du Dich auf die See hinausbegibſt und ſo übermüthig auf dem Boote hauſeſt, ſowie auch das e Anderer bloßſtellſt, damit das Deinige gerettet werde. — Oh, für Deine Mühe biſt Du bereits belohnt, — fiel Erland mit deutlicher Bitterkeit im Tone ein.— Ich meine, Du ſollteſt eher dem Jungen danken. Verwundert über den Ausdruck in des Bruders Stimme blickte Harald ihn an. Es war ein Stich für ſein redliches Herz und eine dunkele Flamme flog über ſein Geſicht, als er ganz gleichgültig ant⸗ wortete: — O ja, gewiß kann es angenehm ſein, ein —— —— 101 Menſchenleben gerettet zu haben, aber noch beſſer iſt es, nicht nöthig zu haben, ſich die Mühe zu geben. Darum ſollſt Du jetzt Schläge haben, Du Wind⸗ beutel. — Nein, nein, ſchlagen Sie ihn nicht,— flehte eine weiche Kinderſtimme, und neben Harald ſtand ein kleines baarfüßiges Mädchen von etwa acht Jah⸗ ren mit blonden Haaren und großen klaren, blauen Augen, welche bittend zu ihm hinaufblickten. — Herr Harald wird Erik nicht ſchlagen; das wäre Sünde. Darauf ergriff das Mädchen Haralds Hand, küßte ſie und ſagte: — Beſten Dank dafür, daß ſie halfen, daß er nicht ertrank. Laſſen Sie jetzt Erik mit mir nach Hauſe gehen. Harald lächelte dem Mädchen zu, ſtreichelte ihren Kopf und ſagte: — Nehme Deinen Bruder mit Dir; aber nehme Dich in Acht, Erik. Sehe ich Dich noch einmal auf der See, dann bekommſt Du Schläge. Gehe jetzt nach Hauſe zur Mutter und ſorge dafür, daß Erik trockene Kleider bekommt. Die Kinder entfernten ſich und der kleine Erik war ſo verwirrt, daß er noch nicht ein einziges Wort herauszubringen vermochte, obgleich er nur ein tüch⸗ tiges Bad erhalten. Harald nahm ſeinen Rock, und die Brüder lenk⸗ ten ſchweigend ihre Schritte heimwärts. Als ſie eine Weile weiter gegangen waren, ſagte er plötzlich: Waos iſt es, das Dich mißvergnügt gemacht? 102 — Mich?— Nichts. Erlands Gewiſſen klagte ihn indeſſen an, daß er jetzt eine Unwahrheit ſage, und eine von dieſem Bewußtſein hervorgerufene dunkele Röthe verbreitete ſich über ſeine Wangen. — Nach dem Ton Deiner Stimme zu urtheilen, glaubte ich es. Harald warf einen raſchen Blick auf des Bru⸗ ders noch immer finſtere Miene. Dann fügte er hinzu: — Biſt Du heute auf Kollinge geweſen? — Ja.— Göran ſprach davon, daß Elinge einen neuen Eigenthümer erhalten;— ſagte Erland. Harald ſchwieg und beſchleunigte ſeine Schritte. Es entſtand eine lange Pauſe. Endlich hob Harald mit der ihm eigenthümlichen Friſche der Stimme wieder an: — Sei auf Deiner Hut, Erland, daß nicht irgend ein fremdes Element ſich in Deine brüderliche Freund⸗ ſchaft hineinſtehle; denn dann wird dieſelbe bald erkalten und ſterben.— Sei aufrichtig: ſtehe ich Dir im Wege?— Wenn dem ſo iſt, dann werde ich Dir das Feld räumen.— Antworte mir deshalb: Liebſt Du Calla? Spreche ehrlich, wie es ſich einem Manne geziemt; und ich verſpreche Dir, daß... Harald holte tief Athem indem er hinzufügte: ich höchſt ſelten Kollinge beſuchen werde, wenn es Dich ſchmerzt. Die unheilbringende Furie der Eiferſucht darf nicht zwiſchen uns beide treten und unſere Herzen trennen. Laß uns deshalb offen gegen einander handeln. Haralds redliches Herz hatte keine Einſicht in 103 alle die Irrwege, die ſich in der Seele hochmüthiger Geiſtlicher befinden, wenn die Eigenliebe und das Selbſtvertrauen das Wort führen und den Glauben an ſie ſelbſt ſteigern, und wenn die innere vermeinte Ueberlegenheit einen ſo hohen Grad von Schwär⸗ merei erreicht, daß ſie nicht einmal ſich ſelbſt gegen⸗ über bekennen wollen, daß ihre Seele von denſelben Gefühlen beherrſcht werden wie die der Menge. Dieſer Fehler war gegenwärtig das Hauptge⸗ brechen Erlands. Die Unmſtände ſollten denſelben beſſern; aber eine ſolche Umwälzung in dem Inneren eines Menſchen wird nicht ohne Kampf und Streit zuwege gebracht. Haralds Frage: Liebſt Du Calla? war ſo nackt und unvorbereitet ausgeſprochen worden, daß Erland ſich dadurch verletzt fühlte. Er, der allen irdiſchen Begierden entſagt hatte, er ſollte Calla lieben!— Unmöglich.— Erland be⸗ trachtete das als eine Abgeſchmacktheit, und war feſt überzeugt, daß das Gefühl, welches er für ſie hegte, nur eine Seelenſympathie, aber nicht eine vom Herzen ausgehende Neigung ſei.— Nein, wenn Calla ein Mann geweſen wäre, dann würde der Einfluß, den ſie auf ihn ausübte, doch derſelbe geblieben ſein. — Eiferſucht!— Erland ärgerte ſich bei dem Gedanken, daß Harald glauben konnte, er ſei fähig eine ſolche Schwäche in ſeiner Bruſt zu bergen, die ja deutlich beweiſen würde, daß er von mehreren ſolchen beherrſcht ſei. Das waren die Eindrücke, welche Haralds Worte auf Erland machten, ohne daß er ſich auch nur die Mühe gab, die Gefühle genauer zu unterſuchen, 104 welche ihn einen Augenblick vorher ſo bitter gegen den Bruder geſtimmt, und ohne in Betracht zu zie⸗ hen, was er empfand, als Calla ihr:„Dank“ dem Harald zurief.— Selbſt vollkommen verblendet durch ſeine phantaſtiſchen Traumgebilde von einer errunge⸗ nen und gänzlichen Abſonderung von allen Lockun⸗ gen der Welt, glaubte Erland feſt an die Unmög⸗ lichkeit, daß er ſein Herz von einem Weibe ſollte be⸗ herrſchen laſſen können. Uebereinſtimmend hiermit antwortete er denn auch: — Harald, ich liebe weder Calla, noch werde ich ſie lieben können.— Die Eindrücke, welche Schön⸗ heit und Jugend auf Euch Andern machen, ſind mir fremd, und deshalb kann auch nicht von Liebe oder Eiferſucht die Rede ſein. Meine Seele hängt nicht an den Dingen, welche gewöhnlich die Menſchen be⸗ thören. Harald blickte den Bruder gedankenvoll an. — Ich fürchte, Erland,— ſagte er, daß Du Dich ſelber nicht kennſt. — Sei ruhig; wenn ich eines Tages entdecken ſollte, daß mein Herz den Grundſätzen untreu würde, welche mein Verſtand und mein Willen demſelben dictirten, dann wäre ich der Erſte, der Dir dieſe Umwälzung in meinem Inneren anvertrauen würde. — Wenn Du nicht von Callas Schönheit ge⸗ blendet wirſt, ſo könnteſt Du leicht von ihrer reich begabten Seele bezaubert werden, und die Bewun⸗ derung geht leicht in Liebe über. — Möglich, daß es ſich mit der Menge ſo ver⸗ hält; aber mit mir ſteht es nicht ſo. Erland ſchwieg. Es war ihm ein eigenes un⸗ 105 angenehmes Gefühl, mit dem Bruder von Calla zu ſprechen. Bei dieſer Antwort dachte Harald: — Gut, ſein ruhiger und gleichgültiger Ton deutet nicht auf ein heftiges Gefühl. Nachdem Harald mit ſeinen Tagesgeſchäften fer⸗ tig geworden, wanderte er an demſelben Abend nach Kollinge.— Die Familie war im Garten verſam⸗ melt, ausgenommen die Frau, welche in der Küche eine Berathſchlagung über wichtige Gegenſtände hielt: ein Ferkel ſollte ſein Leben laſſen, ein Gewebe auf dem Webſtuhl angefangen, ein Kalb gemäſtet, die Ratten in der Mehlkammer getödtet, ein neues But⸗ terfaß probirt und Milch abgeſchäumt werden u. ſ. w. Harald verbeugte ſich als faſt täglicher Gaſt auf Kollinge in der Küche vor Tante, grüßte von Tante Barbro und hatte dann einige Worte in Betreff der Haushaltung hinzuzufügen, was immer ein Ge⸗ ſpräch von einer Viertelſtunde veranlaßte, worauf er ſich in den Garten begab. Dieſe nie unterlaſſene Höflichkeit gegen Tante Milner bewirkte, daß er ihr ein gern geſehener und ſehr beliebter Gaſt war. Auch wurde er immer mit dem beſten Brod und den ſchönſten Bretzeln tractirt, wenn ihm Kaltſchaale oder Thee geboten wurde. Im Garten wurde er von Allen mit Lobreden und Händedruck empfangen, weil er des Käthner Anders kleinen Erik gerettet hatte. Eine Zeit lang 106 plauderte, ſcherzte und lachte man, als aber die Zei⸗ tungen von der Poſt kamen, nahm Milner ſofort die Abendzeitung. Göran ſtreckte die Hand nach einem anderen Blatte aus, und Eliſe bemächtigte ſich lächelnd eines dritten. Harald nahm ein Buch, das neben Calla lag. — Was lieſt Du?— fragte er. — Corinna von Madame Staöl,— antwor⸗ tete ſie. — Das wäre eine antike Lectüre. Harald legte das Buch weg. — Welche indeſſen das Verdienſt der Antiken hat, nie übertroffen worden zu ſein. Madame Staöl beſaß als Verfaſſerin blendende Vorzüge. — Zugegeben; nur giebt es Etwas in meinem Inneren, welches veranlaßt, daß ſie mir nicht gefällt; vielleicht liegt es darin, daß ſie ſo wenig Weib war,— fügte Harald lächelnd hinzu,— und daß mir ein ſchreibendes, politiſirendes und intriguirendes Weib ebenſo wenig gefällt, wie ein kriegführendes. Es kommt mir vor, als verlöre es einen großen Theil ſeiner natürlichen Zauberkraft, wenn es die Sphäre verläßt, der es von Natur angehört. Callas Wangen wurden von einer feinen Röthe übergoſſen und die ſchwarzen Augen blitzten, als ſie mit einem ſtolzen Lächeln antwortete: — Ich glaubte nicht, daß Du ſo vorurtheilsvoll ſeieſt, oder glaubteſt, daß das Weib von Natur dazu beſtimmt ſei, ihr Leben, ihre Geiſteskräfte und ihre ganze mpraliſche Exiſtenz in der Küche wegzuwerfen.— Gibt es denn etwa für den Mann irgend eine beſtimmte Sphäre?— Nein, er geht dorthin, wohin die Natur N — — 107 und ſeine Anlagen ihn rufen? Die Welt liegt offen vor ihm und ſcheint zu ſagen:„Wähle! das Leben gehört Dir.“— Aber zum Weibe ſagt Ihr:(im Namen der Natur, verſteht ſich..„Siehſt Du dort den kleinen Kreis? Innerhalb deſſelben ſollſt Du leben und Dich zufrieden fühlen. Ueber denſelben darfſt Du nicht hinaus.— Du ſollſt mit den kleinen Rechten zufrieden ſein, die wir Dir innerhalb jenes Kreiſes zumeſſen.— Daß Du, wie wir, einen ſelb⸗ ſtändig denkenden Geiſt beſitzeſt, das mußt Du ver⸗ geſſen.— Wie groß Deine geiſtigen Gaben auch ſein mögen, ſo mußt Du ſie in eine Nußſchale hinein⸗ zwängen. Calla ſtreckte die Hand hinauf gegen die Him⸗ melswölbung und fügte begeiſtert hinzu: — Glaubſt Du wirklich, daß er, der das Men⸗ ſchengeſchlecht erſchaffen, der einen Hälfte Freiheit und Macht gegeben, damit ſie die andere Hälfte unterdrücke* — Nein, das glaube ich nicht,— antwortete Ha⸗ rald und betrachtete Calla lächelnd,— aber ich glaube, daß die Vorſehung in ihrer Weisheit und Unſicht die Natur zum Beſtehen des Ganzen jedem Geſchlecht ſeinen beſtimmten Platz hat anweiſen laſſen. Ich gehe ſo weit, daß ich ſie in ihrer natürlichen Stel⸗ lung für ebenſo frei oder für ebenſo wenig frei halte.— Laß uns die Sache ruhig ins Auge faſ⸗ ſen.— Du ſprichſt davon, daß wir Euch zu ſchwerer Arbeit für die materiellen Bedürfniſſe vorurtheilen wollen, während wir ſelbſt frei und im Beſitz der ganzen Welt leben. Romanhafte Ideen, beſte Calla! denn wir theilen alle das Schickſal, daß wir in erſter 108 Linie Nahrung und Kleider bedürfen. Dafür müſſen wir arbeiten.— Wir dürfen unſeren natürlichen Anlagen folgen, ſagſt Du. Gewiß giebt es Men⸗ ſchen, welche das Glück dergeſtalt begünſtigt, daß ſie ihre Laufbahn frei wählen dürfen; aber wie viele giebt es nicht in Vergleich mit jenen, welche zuerſt Rückſicht darauf nehmen müſſen, wie ſie ſobald als möglich unabhängig werden können, und die bei der Wahl ihres Lebensberufs gezwungen ſind das, was man ihre natürliche Beſtimmung nennen möchte, zu unterdrücken.— Alles, um ſich Brod zu verſchaffen. Du ſprichſt davon, daß wir oder die Geſellſchaft Euch einen engen Kreis vorgezeichnet; aber Du irrſt Dich. Die Natur hat Euch zu dem ſchönen Berufe beſtimmt, Mütter zu ſein.— Die Geſellſchaft hat nur dieſer Anweiſung Folge gelei⸗ ſtet.— Ich gebe freilich zu, daß dieſe Geſellſchaft in gewiſſen Beziehungen ungehörige Beſchränkungen macht; das iſt aber eine Folge des niedrigen Bil⸗ dungszuſtandes, der Zügelloſigkeit und des Unver⸗ ſtandes geweſen, welche der Menſch im Allgemeinen und das Weib insbeſondere in ſeinem rohen Zu⸗ ſtande an den Tag gelegt; es ſind aber dieß Unvoll⸗ kommenheiten, welchen eine fortſchreitende Aufklärung mit der Zeit abhelfen wird.— Du ſprichſt davon, daß wir Eurem Geiſte Feſſeln angelegt, von welchen Ihr Euch nicht befreien könnt.— Sage mir, worin dieſe Feſſeln beſtehen. — Deine eigene Worte über Frau Stasl be⸗ weiſen, daß das Weib in ſeiner unbemerkten und demüthigen Stellung verbleiben ſoll. Sage mir, was für eine Unweiblichkeit liegt darin, daß es, wenn — — 109 es mit Geiſt begabt iſt, Schriftſtellerin wird? Wenn die Natur der Frau eine reiche Phantaſie und einen lebhaften Gedankengang gegeben hat, warum ſoll ſie denn nicht daſſelbe Recht haben, wie der Mann, dieſe ihre Gaben dadurch zu ihrem eigenen und An⸗ derer Genuß zu benutzen, daß ſie dieſelben in die Oeffentlichkeit dringen läßt? Wenn die Natur ihr Talent für Mechanik, Phyſik, Chemie, Jurisprudenz, oder irgend welche andere Wiſſenſchaft gegeben, warum ſollte ſie nicht dieſe Anlagen entwickeln und ſich durch dieſelben eine unabhängige Stellung als Lehrerin, Mechanikerin oder Beamte ſchaffen dürfen? Gebe mir eine vernünftige Antwort auf dieſe Fragen. — GEs giebt eine; aber ich will aus Anſtands⸗ gefühl gegen Dich, ein junges Mädchen, dieſen Einwand nicht machen. Ich will auch die Richtigkeit Deiner Be⸗ hauptungen nicht beſtreiten; aber wenn die Geſell⸗ ſchaft einer ſolchen Umwälzung unterworfen würde, und wir bekämen Profeſſoren in Schürzen und Be⸗ amte vom ſchönen Geſchlecht, glaubſt Du, daß die Menſchheit dadurch gewänne? Glaubſt Du, daß dieſe Aenderung die Menſchen veredeln, oder ver⸗ beſſern würde?— Nein; wir würden ganz unglück⸗ lich werden; denn alle Damen würden auf der Be⸗ amtenlaufbahn und anderswo ſich mit uns ſtreiten wollen. Ueberall würden die niedlichen Weſen ihre Hand mit im Spiel haben wollen und ſich zu glei⸗ cher Zeit für ganz beſonders von der Natur zu etwas Edlerem berufen halten, als Weiber zu ſein, und wären ſie in Beziehung auf Verſtand noch ſo dürftig ausgerüſtet. Je dummer und beſchränkter — 110 ſie wären, deſto mehr würden ſie aus Gitelkeit ſich mit Allem abgeben wollen, was ſie nicht verſtänden. Unſere Geſellſchaft würde eine auffallende Aehn⸗ lichkeit mit einem Irrenhauſe im großen Maßſtabe bekommen; um nicht von all dem Streit und Zwie⸗ ſpalt zu reden, die in einem Familienleben entſtehen würden. Ich will mich einzelner ſittlichen Bemerkungen enthalten, die für Dich verletzend werden möchten; aber ich will nur fragen: wenn die Zeit der Frau Profeſſorin von gelehrten Vorleſungen und Studien in Anſpruch genommen wäre, wer ſollte dann für das Haus ſorgen und die Kinder erziehen? „Schicke ſie in eine Penſion,“ wirſt Du einwen⸗ den.— Mein Gott, was iſt die Erziehung werth, zu welcher nicht der Grund von der Mutter ge⸗ legt iſt? Nein, beſte Calla, Du haſt von Natur einen zu guten Kopf, um Dich im Ernſte dergleichen Phan⸗ taſien hinzugeben, deren Verwirklichung der Natur ſo ſchnurſtracks zuwiderlaufen, daß Du nur Deine beiden Kanarienvögel zu betrachten brauchſt, um die ganze Abgeſchmacktheit derſelben einzuſehen. — Pfui, es iſt wirklich häßlich, Dich ſo ſpre⸗ chen zu hören,— brach Calla halb lächelnd, halb böſe aus. — Du willſt alſo die Frau in eine Kategorie mit meinem Kanarienweibchen ſtellen? — Ja gewiß.— Die ganze Welt wird in dieſer Beziehung meine Anſicht theilen. Dein Kanarien⸗ weibchen iſt ein Femininum unter den Vögeln; Du, ſüße Calla, biſt es unter den Menſchen. Was liegt 111 denn Häßliches darin? Iſt er nicht entzückend, der kleine Vogel, wenn er ſeine Jungen liebkost? Ich habe es geſehen wie Du ganze Stunden dieſe Aeußerungen der Mutterliebe von dem kleinen Thiere, das dadurch noch lieblicher wird, betrachtet haſt. Gewiß, meine gute Calla,— fügte Harald lachend hinzu,— würdeſt Du keine Stunde daran vergeudet haben einem Blauſtrumpf zuzuſehen, wie derſelbe das Papier mit Romanen bekleckſt, die ziemlich oft aus einer irregeleiteten Phantaſie ent⸗ ſprungen ſind und gewöhnlich aus einer vollkomme⸗ nen Unbekanntſchaft mit dem Leben herſtammen. Nein, ich empfinde Etwas gleich einem Fröſteln, wenn ich an ein ſchriftſtellerndes Frauenzimmer denke, und es ergreift mich eine unüberwindliche Luſt davon zu ſpringen. Calla konnte, wegen des komiſchen erſchrockenen Ausdruckes in Haralds Geſicht, ſich des Lachens nicht enthalten. Sie fuhr indeſſen fort: — Wenn aber die Natur ihr Geiſt geſchenkt, was willſt Du dann, daß ſie thun ſoll? — Laß dieſen Geiſt die Heimath zieren und durch ſeine Anmuth den Gatten feſſeln, den ſie ge⸗ wählt hat; laß denſelben das Licht ſein, das Alles um ſie herum erleuchtet und einen Schimmer von Poeſie über die Proſa des Alltagslebens verbreitet. Uebrigens ſage ich wie Napoleon zu einem geiſt⸗ reichen Weibe ſagte:„Für eine Frau gibt es nur eine Art, ihren Geiſt zu verwenden: werde eine Heilige.“ Verſtehſt Du: Verbinde Geiſt mit Sitt⸗ lichkeit; laß den erſteren mit Euren Tugenden Hand in Hand gehen. 112 — Welche hübſche Worte, um Euren Egoismus zu bemänteln,— rief Calla verſtimmt. — Beſte Calla,— hob Harald wieder heiter an,— warum ſollen wir ſtreiten? Du haſt Gott⸗ lob nichts an Dir, das auf das böſe Symptom der Schreibkrankheit deutete. Wenn dem ſo wäre, dann würde ich Kollinge meiden, als wenn es von der Cholera angeſteckt wäre. — Wirklich?— Biſt Du deſſen gewiß? balla lächelte mit einem eigenen ſchelmiſchen Blick. — Vollkommen. — Fürchteſt Du Dich vor ſchriftſtellernden Frauen⸗ zimmern?— Würdeſt Du nicht in eine Schriftſtel⸗ lerin oder Dichterin verliebt werden können? — Unmöglich!— Und wenn ich mich in ein Midchen verliebte und erführe, daß ſie ein Blau⸗ ſtrumpf ſei, dann——— Harald ſchauderte zuſammen. — Dann? Calla lachte laut auf. — Dann würde ich ſie fliehen wie ein Medu⸗ ſenhaupt; denn Folgendes würde meiner Einbildung vorſchweben: ungekämmtes Haar, angebrannte Spei⸗ ſen, zerriſſene Vorhänge, ſchmutzige Kinder, Butter⸗ brod auf den Stühlen, Schuhwerk auf den Commo⸗ den, ſtaubbedeckte Tiſche und ausgeſchüttete Dinte, wo ich in meinem künftigen Hauſe hinkäme, falls meine Frau eine Schriftſtellerin oder Dichterin wäre. Während ſie in den Räumen der Phantaſie mit lauter Vollkommenheiten herumſchweifte, müßte ich⸗ in der Wirklichkeit hier mit allen möglichen Unvoll⸗ 113 kommenheiten vorlieb nehmen. Während ſie das Glück der Familie ſchilderte und von den Pflichten der Gattin ſpräche, müßte ich mit häuslichem Un⸗ glück, Ungemüthlichkeit und allem Möglichen auf Un mich begnügen; während——— — Nein, höre um Gotteswillen auf! Es geht Dir ja der Athem aus,— rief Calla herzlich lachend. — Ich prophezeihe, daß gerade weil Du ein ſo großer Feind der Schriftſtellerinnen biſt, 0 — Spreche Dich aus, um aller Mächte des Him⸗ mels willen!— Seclamirte Harald. — So wirſt Du in einen ächten Blauſtrumpf verliebt, der Romane ſchreibt und von der Emanci⸗ pation der Frauen träumt. Harald erhob ſeinen Arm, als wollte er den Himmel zum Zeugen nehmen, indem er dabei ver⸗ gebens verſuchte ernſthaft auszuſehen: — Eher verliebe ich mich in— Tante Barbro und heirathe ſie, die eine ordentliche alte Frau iſt. — Wollen wir wetten? Calla richtete einen ſo ſchalkhaften und bezau⸗ bernden Blick auf ihn, daß Harald ganz wirr im Kopf antwortete: — Gerne!— Du verlierſt, Calla; denn ich bin ſchon ein bischen verliebt. — Wirklich? Und der Gegenſtand, wie ſieht ſie aus? — Sie?— Rathe mal. — Es iſt ein Muſter von einem— Weibe, nach Deinen Begriffen? — Natürlich. Wie glaubſt Du, daß ſie aus⸗ ſteht, um damit anzufangen? Schwartz, Die Emantipations⸗Manie. 4. 8 114 — Sie hat ein Paar große Augen. — Das iſt wahr. Und ihre Farbe Harald richtete die ſeinigen auf Calla, welche bei jeder Eigenſchaft, die ſie herzählte, einen ihrer Finger faßte. — Sehr, ſehr hellblau. Harald machte eine häßliche Grimace. — Ferner, hat ſie langes Haar. — Welches? — Helles. — Nein, höre mal, Calla, Deine Beſchreibung trifft nicht zu; gehe deßhalb auf ihre geiſtigen Ei⸗ genſchaften über; denn was das Aeußere anbetrifft, 0——— — War es nur zu ähnlich— nicht wahr? — Harald erhob drohend den Finger. — Was ihr geiſtiges Leben betrifft,— ſo hat ſie nie einen Roman, nie eine Feder, ja nicht einmal um ihren Namen zu ſchreiben, angerührt. Sie trägt ein zu Hauſe gewobenes Kleid und eine große Schürze von Leinen, iſt ſehr reinlich und gut ge⸗ kämmt; ſie brennt die Speiſen nie an, duldet keine zerriſſenen Vorhänge und ſtäubt und trocknet Alles ab, was ihr in den Weg kommt. Für Butterbrod und Schuhwerk hat ſie einen beſtimmten Platz und denkt nie an andere Ideale, als fette Ferkeln, Kühe und Hühner; auch denkt ſie an oder ſpricht von häuslichem Glück, von den Fflichten einer Gat⸗ tin u. ſ. w., und——— — Aus Gnade, höre auf!— flehte Harald,— ſonſt ſehe ich den Gegenſtand meiner Liebe leibhaf⸗ 115 tig vor mir,— fügte er mit einem auf zweierlei Weiſe zu deutenden Blick und Ton hinzu. — Sie iſt blind! jetzt habe ich es, ſchrie Göran, ſprang von ſeiner halbliegenden Stellung auf, warf die Zeitung weit von ſich und fuhr mii allen zehn Fingern durch ſein krauſes Haar. — Mein Gott, Du kannſt einen Menſchen auf den Tod erſchrecken!— ſagte Eliſe, welche bei dem heftigen Ausbruch des Bruders vor Schrecken hoch in die Höhe fuhr. — Von wem ſprichſt Du?— fragte Harald. — Vielleicht von Sara, Deinem alten Kranich? — fügte Calla ſcherzend hinzu. — Nein, beim T—l, es iſt von dem Mädchen. — Von welchem Mädchen?— riefen Eliſe, Calla und Harald. — Von dem, welches der neue Eigenthümer von Elinge mit ſich brachte. Sie, das Kind, mit dem wunderbaren Geſicht.— Sie iſt blind, jetzt habe ich die Löſung des Räthſels.— Daß man ſo dumm ſein muß, wenn man fünf Jahre Student iſt. — Der noch nicht ſein Cameralexamen gemacht, fügte Calla etwas unbarmherzig hinzu. — Calla!— fiel EFliſe ein und ſah die Schwe⸗ ſter mit einem vorwurfsvollen Blick an. — Woraus ſchließt Du, daß ſie blind iſt?— fragte Harald, um den gewöhnlichen Anlaß zum Streit zwiſchen Calla und dem Bruder zu beſeitigen, welchem ſeine Schweſter immer vorwarf, daß er auf der Academie leichtſinnig ſei. — Calla! — Nun, Du wirſt es zu hören kehn— 116 Aber ich bin entſetzlich durſtig. Bekommen wir nicht einen Wein, Kalteſchaale, oder ſonſt was Gu⸗ tes;— Elin?— Siehe, da haſt Du eine Cigarre, Göran reichte Harald eine Cigarre, und warf ſich mit dem ganzen ſchlingelhaften Uebermuth eines Studenten neben ihn ins Gras. — Ach, da kommt ein Präſentirteller; Gottlob! Her da mit, Loviſa!— ſchrie unſer Student. Nachdem zwei Glas Saft und Waſſer in einem Zug geleert waren, murmelte er etwas von„Raſch⸗ werk“ und fragte: — Gibt es nichts Beſſeres? — Nein, lieber Göran, Du punſcheſt ſo fleißig in Upſala, daß Saft und Waſſer Dir nützlich iſt, um Dein etwas dickes Blut bisweilen zu verdün⸗ nen,— antwortete Calla etwas ſcharf. Göran lachte und ſagte: — Wenn das der Fall iſt, ſo muß ich wohl zu dem magiſchen Geſicht zurückkehren, das ich heute gehabt, damit ich den nüchternen Wein hier zu Hauſe und Dich mit vergeſſe, Calla. — Laß das nun gut ſein, und damit Frieden. Calla reichte ihm freundlich die Hand. — Heute Nachmittag machte ich wieder eine Tour nach Elinge, um Naochrichten von den Neuan⸗ gekommenen einzuholen. Was erblicke ich? Das eine Frauenzimmer(aber ich habe Unrecht, es iſt noch ein Kind) kam über den Hof ſo gegangen, daß es nur langſam vorwärtsſchritt. Sein Geſicht war nicht ſchön, aber verklärt.— Man wurde davon geblen⸗ det, und doch lag in den großen Augen ein eigener dunkeler, faſt kalter Ausdruck, welcher über das 117 Ganze einen Schatten verbreitete. Sie ſetzte ſich auf eine Bank unter dem großen Baume, worauf ſie eine Strickerei hervorholte und zu arbeiten an⸗ fing.— Ich ging nach Hauſe und dachte darüber nach, was es ſei, das ihre Bewegungen ſo unſicher und tappend machten; da leſe ich in der Abendzei⸗ tung——— — Daß das Mädchen auf Elinge blind iſt. — O nein, von dem blinden Calle. — Was hat er mit den Einwohnern auf Elinge zu thun?— fragte Eliſe, und ſah den Bruder ver⸗ wundert an. — Wie einfältig Ihr ſein könnt.— Daß er blind iſt, erinnerte mich daran, daß Menſchen bisweilen an dieſem Gebrechen leiden, Etwas, das ich bisher vergeſſen hatte. Als Harald eines Abends von Kollinge heim⸗ ging, war ſein heiteres Geſicht noch heiterer als ge⸗ wöhnlich. Mit der ganzen Jugendfriſche ſeiner Ge⸗ fühle gab er ſich dem Eindruck hin, welchen Calla auf ihn gemacht, ohne daß dieſe Gefühle noch den Charakter der Leidenſchaft angenommen hatten. Nein, es war das warme, reine Colorit, welches unſere erſten Eindrücke auszeichnet, wenn ſie in einem von allen fanatiſchen Uebertreibungen freien Herzen auf⸗ zudämmern anfangen. Dieſe Neigung war ſo nach und nach entſtanden; ſie war alſo nicht die Frucht einer auflodernden Begeiſterung des Augenblicks. 118 Sie war noch nichts anders, als eine Ahnung da⸗ von, was ſie in der Zukunft werden könnte. Harald weder dachte noch ſagte:„Calla wird die Meinige werden,“ aber er fühlte, daß Calla das Liebſte war und bleiben würde, was er beſaß. Nie hatte das ſo klar vor der Seele des Jünglings geſtanden, als während der Wanderung dieſen Abend. — Ich glaube auf meine Ehre, daß ich in allem Ernſte verliebt werde,— dachte er, als er die Hand auf die Gitterthüre legte, welche von Kollinge Park nach der Landſtraße hinausführte. Bei dieſem Gedanken wurde ſein Geſicht von einem Lächeln voll Hoffnung und Glauben aufgeklärt. Er nahm den Hut ab, führte die Hand über die wolkenfreie Stirne und ſchob die weichen, braunen Locken, welche dieſelbe umgaben, zurück. Dann ſprach er zu ſich ſelber: — Du würfeſt dann nicht Dein Glück weg, Harald; denn ein prächtigeres Mädchen, als Calla, gibt es nicht.— Ein weicheres Herz ſchlägt nicht in einer Weiberbruſt. Hier wurde ſein Monolog durch einen dunkeln Schatten unterbrochen, den er zwiſchen den Bäumen zum Vorſchein kommen und auf einem der Seiten⸗ pfade im Kollinge Park verſchwinden ſah. So haſtig auch dieſes Erſcheinen und Verſchwinden geweſen war, ſo meinte doch Harald am Wuchſe, am ſchwar⸗ zen Rock und am Strohhut die Figur erkannt zu haben. — Erland,— murmelte Harald, und eine Wolke des Mißvergnügens verbreitete ſich über ſeine reinen Züge. 5 — Warum ſchleicht er hier herum?— Warum geht er jetzt nie mit mir zu Milners? Harald blieb eine Weile ſtehen und richtete ſei⸗ nen Blick auf den Fußſteig, während er im Gedan⸗ ken fortfuhr: — Ich habe Luſt ihn aufzuſuchen und die Frage an ihn zu richten, ob——— Er ſchüttelte den Kopf, als wenn er irgend ei⸗ hen unedlen Gedanken verjagen wollte und fügte inzu: — Nehme Dich in Acht, Harald, ich glaube, Du gibſt einem ganz häßlichen Gefühle in Deiner Bruſt Raum. Was Böſes oder Wunderliches liegt denn darin, daß Erland hier herumgeht und ſchwärmt? Es iſt ja eine alte bekannte Sache, daß er die Einſamkeit liebt und gern allein mit ſich und ſeinen Phantaſien herumſtreift. Ueberlaſſen wir ihn deß⸗ halb ſich ſelbſt und ſeinen Lieblingsgewohnheiten, und ſetze Du, Harald, mein Junge, Deinen Weg nach Hauſe fort. Er ſetzte jetzt den Hut auf und ſetzte die Wan⸗ derung mit leichten und raſchen Schritten fort, wäh⸗ rend er ſang: „Mein Land, mein Land, mein Vaterland, Ertöne laut, Du theures Wort.“ Nach Hauſe gekommen ging er zur Ruhe, ſchlum⸗ merte ruhig und träumte, daß er mit Calla dis⸗ putirte. Was thaten Eliſe und Calla? Nachdem man ſich getrennt, begab die letztere ſich aufs Zimmer der Mädchen. Eliſe hatte Vieles 120 zu beſorgen, und als ſie damit fertig war, ſchlich ſie hinunter in den Park und ging in den Pavillon. — Dort beſchäftigte ſie ſich bis in die Nacht hinein mit Singen und Spielen. Als Calla allein war, ſetzte ſie ſich ganz gedan⸗ kenvoll an einen Tiſch am Fenſter, auf welchem ſich Manuſeript, Dintenfaß und Federn befanden. — Alles, was Harald ſagte, waren lauter So⸗ phismen,— dachte Calla.— Uebrigens, was gehen mich ſeine Anſichten über die Sache an?— Er und ich ſind in unſeren Neigungen ſo verſchieden, daß keine Harmonie zwiſchen uns ſtattfinden kann.— Er iſt ja für mich eine gleichgültige Perſon. Gleich⸗ gültig?— Nein, ich habe ihn recht herzlich gern, aber er iſt unbeſchreiblich proſaiſch; nichts als die reine Proſa.— Wie gut, wie offen und edel iſt nicht ſein Charakter! Gewiß; aber das hhilft nicht dem Mangel an allem Sinn für das Höhere bei ihm ab. Er hängt an der Erde, an den Vorurtheilen, an dem Trivia⸗ len.— Welcher Unterſchied zwiſchen ihm und Er⸗ land!— aber was habe ich mit ihnen zu thun? Mein Lebensplan iſt gemacht, und ich werde ihn auch ausführen.— Mein Vorſatz, unverheirathet zu bleiben, ſteht feſt; meiner goldenen Freiheit be⸗ raubt, würde ich nicht unbehindert für das Ziel ar⸗ beiten können, welches ich mir geſteckt. Meine Ar⸗ beiten werden einer mahnenden Stimme gleichen, welche zu der Menſchheit ſpricht, um die eine Hälfte davon aus einer erniedrigenden Gefangenſchaft zu befreien. 121 Keine perſönlichen Intereſſen des Ehrgeizes oder der Gewinnſucht ſollen mich dabei leiten. Ich werde unbekannt und unbemerkt bleiben, bis meine Stimme nahe und fern wiedergehallt hat. Dann, wenn man beim Klange derſelben aus der Erniedrigung, aus der Sklaverei der Vorurtheile erwacht, dann werde ich hervortreten und rufen: Hier bin ich! ich, die mit Wärme und Liebe für die Befreiung meines Geſchlechts gearbeitet hat! Da wird mein Name von dankbaren Herzen ſegnend ge⸗ nannt und unſterblich werden. Eine ſo ſchöne Zukunft darf wohl meine ganze Seele erfüllen und mir für die Freuden und Qualen der Liebe Erſatz geben. So ſchwärmte Calla. Aber bei alledem ging es dieſen Abend ganz langſam mit dem Schreiben. Haralds Worte und Erlands bleiches Geſicht ſtahlen ſich heimlich in alle ihre Gedanken und ſchienen beweiſen zu wollen, daß das große, ſchöne Lebensziel, jene Umwälzung, von welcher ſie in ihrem unbemerkten Winkel der Erde träumte, nicht ſo ausſchließlich ihre Seele in An⸗ ſpruch nahm, wie ſie es ſich ſelbſt einbilden wollte. Calla war mit einer lebhaften und feurigen Seele begabt, welche begierig Alles in ſich aufnahm, was in ihren Augen großartig war. Dabei hatte ſie einen raſchen Gedankengang, eine reiche Phan⸗ taſie und einen für das Schöne in der wirklichen Welt offenen Sinn. Hätte Calla eine Mutter gehabt, welche die Gei⸗ ſtesanlagen der Tochter zu würdigen gewußt, welche von Kindheit an ſich in ihren Augen durch wahre 122 weibliche Tugenden, Güte und gebildeten Verſtand ausgezeichnet, ſo würde ſie auch von ihrer zarteſten Kindheit an ſich in die Stellung des Weibes im Leben und in deſſen Beſtimmung und Pflichten der⸗ geſtalt eingelebt haben, daß ſie auch für dieſe ge⸗ ſchwärmt und alle ihre Kräfte der Löſung des ſchö⸗ nen Problems gewidmet hätte, ein Weib zu wer⸗ den, wie es ſein ſoll. Calla gehörte nicht zu jenen krankhaften Träu⸗ merinnen, zu jenen wehmüthigen und weinerlichen Ge⸗ fühlskindern, welche nie nach der Wirklichkeit fragen, ſondern nur in und für ihre Phantaſien leben. Nein, es wohnte ein kraftvoller und friſcher Geiſt, eine warme Liebe zu Gott und dem Guten in der Bruſt des jungen Mädchens. Das Leben, wie es war, kam ihr herrlich vor. Die Menſchen erſchienen ihrer Einbildung weder als Mißgeburten, noch als Ideale. Sie betrachtete ſie als ihres Gleichen, liebte ſie und glaubte an das Gute. So war der Grundton in ihrer Seele. Wie allen lebhaften Gemüthern, ſo paſſirte es auch Calla leicht, daß ſie ſich in der Welt der Ideen verirrte, beſonders da ſie von ihrer Kindheit an die ſchwere Arbeit der Mutter in der Küche für erniedrigend gehalten hatte. Das Leben derſelben verſtrich ja, ohne daß ſie dazu kam an etwas Anderes zu den⸗ ken. Nie hatte Madame Milner einen Augenblick für eine Unterhaltung mit Mann und Kindern übrig. Nie hatten die Mädchen von ihr irgend welche mo⸗ raliſche Erziehung oder Lehren über etwas Anderes erhalten, als wie ſie auf ihre Kleider Acht geben ſollten, wie ihr Haar kämmen u. ſ. w. 123 Hätten ſie von ihr irgend welche Aufklärung oder Belehrung einhylen wollen, dann wäre ſie ebenſo unwiſſend wie ſie geweſen und würde geantwortet haben: — Ihr braucht nichts von Königen und Län⸗ dern zu wiſſen; das hilft Euch nichts, wenn Ihr einmal eine Haushaltung beſorgen ſollt. Ich habe nie meinen Kopf mit dergleichen Lumpereien zer⸗ brochen. Alles dieß und noch mehr Derartiges legte bei Calla den Grund zu einer gewiſſen Verachtung vor der Stellung ihres eigenen Geſchlechts im Leben. Mit dieſen Anſichten kamen die beiden Mädchen in eine moderne Penſion in Stockholm. In ihren freien Stunden, und, wie ſich von ſelbſt verſteht, ganz im Geheimen, laſen ſie eine ganze Menge Romane; dort ſprach man ſchon in einem Alter von dreizehn Jahren von der Emancipation der Frauen, dort wurden kleine Intriguen geſponnen; dort wurde coquettirt, wenn die Jugend die Carlsbergbälle be⸗ ſuchte; dort wurde von Liebe geſprochen, bevor man ſeinen Katechismus auswendig gelernt. Kurz, dort lernte man Alles, ohne wahrhaft moraliſch gebildet zu werden. Kenntniſſe wurden dort eingeübt, aber der Boden des Herzens ward mit Unkraut über⸗ wachſen. Jeder Schülerin brachte dieſe Erziehung einen gewiſſen moraliſchen Schaden, welcher dazu beitrug die natürlichen Fehler und ſchlechten Anlagen von jeder einzelnen zu entwickeln. Die Mädchen kehrten als kleine Wunderthiere nach Hauſe zurück. Sie ſpielten Piano, plauderten 124 Franzöſiſch, Deutſch und ſchlecht Engliſch, ſie tanzten wie Engel, ſchrieben wie geſtochen und häkelten hunderterlei verſchiedene Sachen, nicht von allen mög⸗ lichen Stickereien zu reden. Man kann ſich leicht das Entzücken der überglücklichen Eltern vorſtellen, wenn ſie ihre Kinder mit Kenntniſſen vollgepfropft wiedererhielten. Die vortreffliche Penſion wurde ge⸗ prieſen und erhielt jedes Jahr neue Opfer. Opfer!— ja(wir gebrauchen dieſen Ausdruch, denn Opfer wurden wirklich die armen Kinder, welche oft genug mit vertrockneten Herzen, verdorbenen oder irregeleiteten Gefühlen und einer über alle Maßen geſteigerten Eitelkeit zurückkehrten. Die friſche, moraliſche Lebensflamme war ausge⸗ löſcht, und an ihrer Stelle war eine zu reife Be⸗ gierde, eine verkehrte Phantaſie, und ein Durſt nach ſtarken Gemüthsbewegungen getreten, welcher die jugendliche Reinheit der Seele erſtickte. Aber nicht allein die Seele hatte ſich dieſe traurigen Gebrechen zugezogen, ſondern die blaßgelben Wangen, das Kennzeichen der Bleichſucht, zeugten auch von kör⸗ perlichem Uebelbefinden, das durch übernatürliche Anſtrengung hervorgerufen worden war. Auch Calla und Eliſe hatten in dieſem Treib⸗ hauſe der Wiſſenſchaft viel von ihrer unſchuldsvollen Schönheit in Beziehung auf ihre Gedanken und Wünſche verloren. Aber Calla hatte eine ſo edle Natur, daß es ſich doch nie weiter erſtrecken konnte, als bis auf eine Verirrung in den Ideen und in der Auffaſſung des Lebens, ſowie auf ein leidenſchaftliches Streben nach Auszeichnung. n n 3 ht n, t e⸗ e r n — SS XNW „— 125 Fliſe dagegen bekam eine ſtarke Neigung zum Romantiſchen und wollte aus ihrem Leben durchaus einen Roman machen. Wir verlaſſen indeſſen die Mädchen, um zu ſehen, was Erland ſich im Parke von Kollinge zu ſchaffen machte. Aus ſeinem Kammerfenſter hatte er Harald nach Björnbo gehen ſehen. Jetzt geht er nach Kollinge dachte Erland, und er empfand ein ſchmerzliches Drücken im Herzen. Er verſuchte, ſich in das Leſen der Miſſionsgeſchichte zu vertieſen, aber vergebens. Seine Gedanken woll⸗ ten in ihrem Eigenſinn fortwährend nach dem Gar⸗ ten in Kollinge zurückkehren, wo er im Geiſte Calla ſich lachend mit Harald unterhalten ſah. Er ſah ſie jene ſtrahlenden Augen auf ſeinen Bruder richten, und hörte ihre melodiſche Stimme vertraulich mit ihm ſprechen. Wie herzlich würde ſie nicht Haralds Hand drücken und ihm dafür danken, daß er den kleinen Jungen gerettet!— Und dann Harald, wie würde er ſcherzend Calla tief in die Augen blicken, im Scherz ihre Hände ergreifen und ſich eine Menge kindlicher Späße erlauben, beim Gedanken an welche Erlands Blut in Waollung gerieth. Alle dieſe Vor⸗ ſtellungen wurden zuletzt unerträglich; ſie verurſach⸗ ten dem jungen Prediger eine wahre Seelentortur. — Aber was habe ich mit dem Allem zu thun?— ſagte er für ſich. — Ich wollte wünſchen, daß Calla ein Jüngling wäre, dann wäre ich es überhoben, mir ſie in dieſer Geſtalt der Schwäche zu denken, die ſich an Schmeicheleien und dergleichen Kindereien freut, wo⸗ durch alle Frauen ſich auszeichnen. 126 Dieſes fügte die empfindliche Eigenliebe hinzu, gerade als ob ſie alle jene Eindrücke entſchuldigen und beweiſen zu wollen ſchien, daß es nichts als bloße geiſtige Sympathie ſei, welche Erland an Calla feſſelte. — Dieſe Vorſtellungen,— fuhr er innerlich fort, — plagen mich deshalb, weil ich wünſchen möchte, Calla's Seele von einem ganz idealen Standpunkt be⸗ trachten zu können.(Er legte im Gedanken ein be⸗ ſonderes Gewicht auf die Seele, und doch traten Calla's ſtrahlende Augen vor ſeine Frinnerung.) — Wenn ich ſie mir denke, wie ſie Fafeleien macht und auf Faſeleien hört, dann kommt es mir vor, als ſtiege ſie herab und würde ein ganz gewöhn⸗ licher Menſch. So vertheidigte der arme Erland ſich ſeinem eigenen Gewiſſen gegenüber, um ſich ſelbſt zu über⸗ zeugen, daß er in Calla weder verliebt war, noch werden konnte; aber mitten in dieſer Vertheidigung lenkte er ſeine Schritte nach Kollinge Park, ſchlich ſich ſogar nach dem Garten und erblickte, von dem dichten Laub verborgen, Calla und Harald. Seine Blicke hingen feſt an ihnen und dort blieb er nun ſtehen, bis Harald heimkehrte. Nach Biörnbo zurückgekehrt war er ein Raub der bitterſten Gefühle. Calla kam ihm leichtſinnig und gefallſüchtig vor. In den geringſten Bewegun⸗ gen des jungen Mädchens ſchien ihm Gefallſucht zu liegen. Ein ſolches Weib hatte er einen Theil ſeines beſſeren Ichs genannt.— Welch grauſamer Hohn!— nein, er verachtete ſie, er würde ſich nie dazu herab⸗ — ———— — 127 laſſen ſich mit ihr auf irgend ein Raiſonnement ein⸗ zulaſſen. Er würde nicht mehr Kollinge beſuchen. Am folgenden Tage erhielt Capitain Werner durch die Poſt die Nachricht, daß ein Schiff, welches, er beſaß und nur von ſeinem Couſin geführt wurde, in C— angekommen ſei. Von dort ſollte es mit Eiſen nach England und von England nach Mar⸗ ſeille gehen. Es wurde ausgemacht, daß Urda auf dieſem Schiffe ihr Probeſtück als Seemann machen ſollte. Mit derſelben Poſt erhielt Erland einen Brief vom Conſiſtorium des Inhalts, daß der als Adjunct bei dem Propſt in Vellinge Kirchſpiel, wo zu Björnbo und Kollinge gehörten, Zienſt thun ſollte. Obgleich Erland am Abend vorher in ſeiner Er⸗ bitterung beſchloſſen hatte Milners nicht mehr zu beſuchen, ſo wurde doch der Brief vom Conſiſtorium ihm eine willkommene Veranlaſſung, ſeinen Vorſatz zu brechen. Er wollte nur deshalb hingehen, um Milners mitzutheilen, daß ſein ſo lange genährter Wunſch, der Propſt Z— möchte einen Adjuncten be⸗ kommen, jetzt in Erfüllung gegangen ſei. Ganz unbewußt band er ſorgfältig ſein weißes Halstuch um, ordnete ſein dunkeles Haar und knöpfte den ſchwarzen Rock zu. Die Frühſtücksglocke rief die Bewohner von Börnbo zu ihrer erſten Zuſammenkunft an dem Tage zuſammen. 128 Als Erland eintrat, fand er Urda und Harald im Saale.— Ohne es ſelbſt zu wiſſen, lag etwas Kaltes in dem Händedruck, welchen er mit dem Bru⸗ der wechſelte. — Ich bin zum Adjuncten des Propſt 3— hier ernannt,— ſagte Erland und reichte den Brief hin. — Schön! dann dürfen wir Dich wenigſtens bis auf Weiteres in der Nähe behalten, da die Pfarr⸗ wohnung nicht viele Büchſenſchüſſe von hier ent⸗ fernt liegt. Das kann man ein vernünftiges Conſiſtorium nennen, das Dich nicht von uns wegſchickte. Glückzu! Treuherzig waren Blicke und Handſchlag Ha⸗ alds. Erland fühlte ſich faſt unangenehm berührt von der offenen Herzlichkeit und der Freude des Bruders, ihn in der Nachbarſchaft behalten zu dürfen. — Man kann ſagen, daß dieſe letzte Poſt lauter Ernennungen gebracht hat,— fuhr Harald heiter fort;— Urda iſt zum Befehlshaber auf der Brigg Maria Carolina berufen. Ich muß dem Herrn Ad⸗ juncten die Mamſell Capitain oder Steuer⸗ mann, ich weiß nicht recht, vorſtellen,— ſagte Harald und verbeugte ſich. — Thorheiten,— ſagte Erland. — Ich begreife nicht, woher Du alle Deine när⸗ riſchen Einfälle nimmſt. — Ich?— Du thuſt mir wirklich Unrecht; dieß⸗ mal gehen ſie von Urda aus. — Ja, jetzt möget Ihr mich auslachen und ver⸗ höhnen,— fiel Urda, freilich ein wenig roth, aber doch lächelnd ein;— das rührt mich nicht, ich darf 129 ja doch mit Maria Carolina fort. Meine Freude darüber iſt ſo groß, daß ich Dir nicht einmal böſe werden kann, Harald. — Das wäre viel. Wir wollen es doch darauf ankommen laſſen. — Gern! Der Capitain kam herein und gleich darauf Tante Barbro, von einem Mädchen begleitet, welches eine Schüſſel mit Kartoffeln in der Schale und einen Tel⸗ ler mit geröſtetem Schinken hereintrug. Der Onkel ſchien kein großes Gewicht auf Er⸗ lands Adjunctur zu legen; er ſah zornig aus. Harald nahm, während er Kartoffeln ſchälte, das Geſpräch mit Urda wieder auf und aß mit gutem Appetit. — Denke Dir, Urda, wie das ſich hübſch aus⸗ nehmen wird, wenn Mamſell Capitain ſeekrank wird und in die Cajüte hinabkriechen muß. Wer ſoll wäh⸗ rend der Zeit das Commando führen. — Ich werde nicht ſeekrank— fiel Urda noch lächelnd ein. — Haſt Du das Privilegium erhalten, von die⸗ ſer Krankheit frei zu ſein, damit Du mit Ehren Deine Reform aller Mädchen, die Knaben werden wollen, ausführen kannſt. Die Stirne des Capitains klärte ſich auf, er zwinkerte mit den Augen, nickte Harald Beifall zu und munterte ihn auf, fortzufahren. — Ich habe früher Seereiſen gemacht. Jetzt lachte Urda nicht mehr. — Gut!— Wir wollen annehmen, daß die Vorſehung Dich des großen Zwecks wegen von jener Scwartz, Die Gmancipations⸗Manie. 1. 9 130 abſcheulichen Krankheit befreit; ich aber prophezeie, und meine Worte ſind wahr, daß Du ihr nicht entgehſt. — Oh, Du kannſt Dein Prophezeihen unterwegs laſſen,— rief Urda etwas heftig. — Glaubſt Du, daß es amüſant wird, wenn die Matroſen es ſatt bekommen, Dich für etwas Anderes zu halten, als ein nettes Mädchen? — Schweige, Harald!— rief Urda mit glühen⸗ den Wangen und ſprang vom Tiſche auf. — Steuer leewärts, mein Mädchen,— ſiel der Capitain ein; an jenen Windſtoß von der Mannſchaft darf man meiner Seele wohl denken; was würdeſt Du ſagen, wenn etwas Derartiges paſſirte?— Kein Menſch hat je von Disciplin unter dem Be⸗ fehle von Weibervolk ſprechen hören! Auch glaube ich nicht, daß meine Seeleute von einer ſolchen etwas wiſſen. fang müſſen ſie wohl ihm gehorchen. — Man kann die Sache von zwei Seiten auf⸗ faſſen.— Gerathet ihr in einen Sturm,— ſel Harald ein,— dann kann ich meinen künftigen Schnurrbart darauf wetten, daß ſie Dich als eine Seehexe, die ihnen Unglück gebracht, über Bord werfen. Es würde mich gar nicht wundern, daß Marie Caroline Schiffbruch litte, wenn Du der Steuer⸗ mann am Bord wäreſt. — Kann man mich jetzt in Ruhe laſſen!— rief Urda in vollem Zorne. — Ha, ha, ha! Du könnteſt ja nicht böſe wer⸗ — Aber Onkel Ehn weiß es, und für den An⸗ den, ſo erfreut warſt Du über Deine Ernennung⸗ f 131 Ei, ei! das iſt ein ſchlechtes Zeichen; das bringt Seekrankheit, Meuterei und Schiffbruch mit ſich. — Was jedenfalls beſſer iſt, als Dein Geſchwätz mit anzuhören. Urda ſprang aus dem Saale hinaus. An einem ſchönen Morgen im Auguſt finden wir Urda's Vater und Capitain Ehn im Zimmer des Erſteren ſitzend. Es iſt am Tage vor der Ab⸗ reiſe Ehns von Björnbo. Urda ſollte jetzt ihre Laufbahn als Seemann auf demjenigen von den Schiffen ibres Vaters an⸗ fangen, welches von Capitain Ehn geführt wurde. — Der T— hole mich, Werner, wenn ich je tollere Sachen gehört! Was hat das Mädchen zur See zu thun? Dieſes ſagte Ehn, während er dabei rauchte und dampfte. — Jo, mein lieber Bruder, ich habe nun ein⸗ mal meine Einwilligung gegeben, und wenn Du mir den Freundſchaftsdienſt erweiſen willſt, den Be⸗ fehlen, die ich Dir gegeben, zu folgen, ſo glaube ich, daß ſie an dem einen Verſuch genug haben wird. — Gut; ſie wird ſchon in ſchwerem Wetter kreuzen müſſen, hoffe ich, ſo daß ihr die Luſt ver⸗ gehen wird, die Sache noch einmal mitzumachen. — Erinnere Dich aber, daß Du ſie unbeſchädigt wieder nach Hauſe bringen mußt. — Ja; ſofern ich nicht ſelbſt S nch 132 werde ich ſie ſchon glücklich ans Land bringen. Das wäre mir eine nette Unverſchämtheit, wenn das Schürzenvolk ſich auf Navigation legen wollte; uns bliebe dann nichts Anderes übrig, als zu Hauſe auf dem Trockenen zu ſitzen und die Kinder zu wie⸗ gen.— Verlaſſe Dich auf mich, ich werde ſchon Ordre pariren, und das pünktlich. Später am Tage ſagte Ehn zu Urda: — Nun, Mädchen, wir werden alſo zuſammen⸗ ſegeln. Laß mich ſehen, daß Du Dich gut hältſt, denn ich dulde keine Haſenfüße an Bord. Friſchen Muth müſſen meine Jungen haben, und innerhalb meines Gebiets verlange ich gute Disciplin.— Da heißt es: gehorchen und nicht raiſonniren. — Oh, das hat keine Gefahr, Onkel wird ſchon mit mir zufrieden werden. — Ja, ſonſt ſetze ich Dich an der erſten beſten fremden Küſte ans Land,— Du ſollſt als Unter⸗ ſteuermann Dienſt thun, denn Du darfſt nicht glau⸗ ben, daß ich eine ſo unerfahrene Perſon zum Steuer⸗ mann nehme. — Aber mein Vater hatte mir verſprochen, daß.. Urda erröthete. — Daß Du Oberſteuermann werden ſollteſt? Nein, daraus wird, hol' mich dieſer und jener, nichts. Merke Dir wohl, daß ich es bin, der den Befehl hat, und ich laſſe mir nicht untaugliche Leute auf den Hals laden, die weder das Fahrwaſſer, noch die Zucht zur See kennen.— Nein, wer befehlen will, muß erſt gehorchen lernen. Urda ſah weniger zufrieden aus und bei den f n Rechte des Mannes anei Sc 133 Worten„Zucht zur See“ machte ſie eine böſe Miene. — Im Herzen fand ſie Onkel Ehn etwas grobkörnig in ſeinen Ausdrücken. Sie meinte, daß er gegen ſie, die ein Mädchen war, mehr Rückſicht an den Tag hätte legen ſollen. Dieß ſtimmte nicht mit Urda's Emancipations⸗ träumen überein, wenn ſie ſelbſt verlangte, daß man fortfahren ſollte, ihr als Weib Achtung zu zeigen, obgleich ſie ſich jetzt bemühte, aus ihrer weiblichen Stellung heraus und auf das Gebiet des Mannes hineinzukommen. Urda vergaß dabei, daß ſie, wenn ſie ſich die gnete, auch die Unannehm⸗ lichkeiten, die damit verbunden ſind, ertragen mußte, und nicht hinter den Privilegien des Weibes einen Schutz gegen die erſteren ſuchen durfte. Zwei Tage darauf reisten Capitain Ehn, Urda und ihr Vater nach C—, wo das Schiff lag und ladete. Wir nehmen bis auf Weiteres von Urda Abſchied, und kehren für eine Weile nach Kollinge und Björnbo zurück. Erland war zum Pfarrer gezogen, zu deſſen Ad⸗ junkt er ernannt worden war. Er verſah ſein Amt mit Ernſt und Gewiſſenhaftigkeit. Harald hatte dieſe Zeit mit frohem Herzen und friſchem Muthe zurückgelegt. Die Arbeit war ſeine Freude, der Nutzen, den er ſtiftete, erheiterte ihn und as Gute, das er bewirkte, war ſein Glück. Er lebte mit Herz und Seele in der Wirklichkeit, 134 fühlte ſich glücklich in derſelben und war dankbar gegen die Vorſehung. Der Capitain war lauter Unruhe und nichts als Unruhe; er ſah nach Thermometer, Barometer und Wetterfahne; ſeufzte und ſtöhnte bei jedem Gewitter, und hatte ganz und gar ſein früheres hitziges und raſches Weſen verloren. Barbro ſeufzte, wenn Vetter Fabian ſeufzte und ſah ebenfalls nach Wetterfahne, Barometer oder Thermometer, und wußte über die Veränderungen, welchen dieſe drei Orakel unterworfen geweſen, Re⸗ chenſchaft zu geben. Sie ſprach von Urda, weinte aus Unruhe über ſie, und zeigte ſo viele Theilnahme für Vetter Fabians Kummer, daß dieſes einſt ſeine Wirkung auf ſein Herz nicht verfehlen konnte. Eines Abends Anfangs September wanderte Harald hinüber zum Pfarrer, um Erland zu ſehen. Es war ein eigenes Verhältniß zwiſchen den Brüdern entſtanden. Erland wich faſt Harald aus, und wenn er mit ihm zuſammen war, lag etwas Gezwungenes, bis⸗ weilen Kaltes, bisweilen übertrieben Warmes in ſeinem Benehmen. Er ſchwärmte freilich noch immer ebenſo viel draußen herum; bei alledem verwandte er aber auf ſein Aeußeres keine beſondere Aufmerkſamkeit, ſprach weniger von ſeinem Beruf und deſſen hoher Be⸗ ſtimmung, und wich ſorgfältig allen Geſprächen aus, die zu einer Mittheilung ſeiner Gedanken und Anſichten führen könnten. Dieſe Veränderung war Harald nicht entgangen; aber er ſuchte vergebens nach der Löſung des Räthſels. S— 8 5 2 e e e it 3⸗ n el e⸗ en d 135 Selten erſchien Erland auf Kollinge, und wenn die Brüder zuſammen waren, zeigte Erland in ſeinem Benehmen eine ſolche Ruhe, daß es niemals Harald in den Sinn kam, daß dieſe Veränderung von einer Neigung zu Calla herſtammen könnte. Mit der ganzen Wärme ſeiner jugendlich friſchen und ſtarken Gefühle ſchlug Haralds Herz für das blühende und reich begabte Mädchen. Nach been⸗ digter Arbeit war es ihm eine Freude, ſein Herz in Calla's Geſellſchaft zu beleben. Ob der Magnet, der Harald zu ihr hinzog, Liebe oder Freundſchaft war das unterſuchte er nicht, ſondern dachte nur:„Calla iſt mir theuer,“ und ging jeden Abend nach Kollinge. Am genannten Abend machte er indeſſen nicht die gewöhnliche Promenade, und zwar deshalb, weil Milners verreist waren. Mit raſchen Schritten wanderte er durch den Wald, welcher zu der Pfarrwohnung führte. Als er ein Stück Weges gegangen war, gewahrte er Käthner Anders kleine Eva, welche ſingend vor ihm einherging, während ſie einen Gegenſtand be⸗ trachtete, den ſie zwiſchen den Fingern drehte. Harald hatte ſie bald eingeholt. — Guten Abend, Eva! Was iſt's, was Du ſo freudig betrachteſt? — Guten Abend, Herr Harald, antwortete das Kind, und blickte vergnügt zu ihm hinauf,— ja, ſehen Sie, ich betrachte die Münzen, die ich bekom⸗ men.— Solch hübſches Geld, von purem Silber, ſo blank und ſo viel, ſehen Sie mal!— Was die Mädchen von Per Erik werden eiferſüchtig werden, 136 und was Mutter für große Augen machen wird, — ſagte das Mädchen, während es Harald einige Silbermünzen zeigte, und fügte dann hinzu: Sagen Sie mir, ob Sie wiſſen, wie viel das ungefähr ſein kann? — Woher haſt Du die Geldſtücke, mein Kind?— fragte Harald, der verwundert darüber war, zu ſehen, daß die kleine Tochter des armen Käthners Eigenthümerin von einigen Thalern in Silbergeld ſei. — Oh, das will ich Ihnen ſchon ſagen, wenn Sie mir verſprechen, nichts davon zu ſagen;— antwortete das Kind, und blickte um ſich, um ſicher zu ſein, daß ſich Niemand auf dem Wege befinde, der ſie hören könnte. — Die vier größten Münzen hier erhielt ich von einem Herrn, der dort an der Fabrik beim Paſtor iſt, dafür, daß ich dieſen Morgen ganz früh mit einem beſchriebenen Papier nach Kollinge gehen und es unter den Stein am Pavillon legen ſollte. Die Augenbrauen Haralds zuckten leicht, als er fragte: — Für wen war das Papier? — Du lieber Gott! das weiß ich nicht;— er ſagte, daß Herr Göran es haben, daß ich aber ſchweigen ſollte, und ſehen Sie, das thue ich ja auch, obgleich ich es Herrn Harald geſagt habe, der den kleinen Erik aus dem Meer gezogen hat. Nun wie viel ſind die vier Münzen werth? — Zwei Thaler. Aber von wem haſt Du die anderen erhalten? — Vom Adjunct, dem Bruder des Herrn. — Weshalb gab er Dir dieſelben? — 137 — Weil ich zu Manſſell Calla mit dem Kranze für ihn hinſprang. Das Kind blinzelte verſchmitzt und fügte hinzu: — Aber ſehen Sie, Sie müſſen wiſſen, Herr Harald, daß in den Büchern auch ein Papier ſteckte, auf dem Etwas geſchrieben war. — Woher weißt Du das? — Ja ſehen Sie, als ich nach Kollinge kam und den Brief unter den Stein gelegt hatte, wollte ich nach Hauſe gehen; dann kam aber der Adjunct mir entgegen und ſagte: — Willſt Du für mich einen Gang machen?— Und als ich ja antwortete, befahl er mir, mit den Büchern nach Kollinge zu gehen, und ich ſah dann, daß er ein Papier in ſie hineinlegte. — Aber auf Kollinge waren ſie ja Alle verreist. — Ja deshalb ſchrieb er wohl, denn ſonſt iſt er ja dort jeden Tag.— Ich begegne ihm immer, wenn ich Vater Eſſen bringe; dann geht er von dort fort. — Wer nahm die Bücher in Empfang? — Mein Gott! Mamſell Calla, verſteht ſich. — RNein, ſie iſt jetzt nicht zu Hauſe, aber dieſen Morgen, als ich dort war, war ſie es. — War es dieſen Morgen früh, daß Du auf Kollinge warſt? — Ja! und nachher bin ich den ganzen Tag drunten in der Kathe bei Großmutter geweſen, wiſſen Sie. Aber jetzt ſagen Sie mir, wie viel das iſt, was ich vom Adjunct bekommen. — Vierundzwanzig Schillinge. Harald nickte 138 dem Mädchen zu und ging weiter, aber Eva ſprang ihm nach und rief: — Sie dürfen es Niemanden, und auch dem Adjunct nicht, ſagen; hören Sie. — Sei ruhig mein Kind, und ſchweige ſelbſt, wenn Du es kannſt.. — Oh, deſſen können Sie verſichert ſein, denn obgleich ich den Adjunct jeden Mittag von Kollinge habe weggehen ſehen, ſo habe ich Niemanden Etwas davon geſagt, trotzdem daß ſie drunten im Dorf davon ſprechen, daß er Mamſell Calla zur Frau haben ſoll, müſſen Sie wiſſen. Damit ſprang das Mädchen ſummend ihren Weg. Wenn bisher lauter Sonnenſchein in der Seele Haralds geweſen war, ſo hatten die Worte des Mädchens raſch eine Wolke darin hervorgerufen, welcher einen dunkeln Schatten auf ſeine ſonſt ſo klare und freie Stirne warf. Während bittere und ſchmerzliche Gedanken ſein Inneres erfüllten und ein verzehrender Zweifel ſein Herz packte, hatte er ſeine Schritte bedeutend gemäßigt. Der Grundton in der Seele des Jünglings war indeſſen zu rein, als daß er Mißtrauen zu denen, welche er liebte, in derſelben hätte Raum geben ſollen. Mit einer haſtigen Bewegung und mißbilli⸗ gender Miene ſchüttelte er den Kopf, als wenn er die unangenehmen Eindrücke hätte fortjagen wollen und dachte: — Wozu all dieſe Bitterkeit, dieſe Anklagen gegen Erland und Calla? Was haben ſie denn eigentlich verbrochen? 6 Nichts.— Sie ſind ja beide frei, und wenn ſie mich — S— — e — 8„— 139 nicht für berechtigt zu ihrem Vertrauen halten, was liegt denn darin Böſes? Aber hier, hier wird es entſetzlich wehe thun. Er führte die Hand über ſeine hochgewölbte Bruſt und fuhr fort: — Doch, jene Wunde habe ich mir ſelbſt ver⸗ ſetzt. Bin ich nicht ein Thor, der ich mich durch die Worte eines Kindes beunruhigen laſſe? Pfui, mein lieber Harald, Du biſt ebenſo empfindſam, wie eine Schriftſtellerin.— Nein, es ſoll ein ehrliches Spiel ſein.— Frage Erland und glaube nicht an Ge⸗ ſpenſter. Uebrigens, welchen Grund haſt Du, zu glauben, daß Calla Dich vor irgend einem Anderen liebt? Keinen anderen, als Deine Eitelkeit. Ja ſo, mein Junge, Du biſt eitel; aber den Fehler werden wir jetzt, wo wir beſtimmt wiſſen, daß Du ihn haſt, ſchon verbeſſern. Haſt Du Dir je über Deine Ge⸗ fühle Rechenſchaft abgelegt?— Nein.— Biſt Du in Calla verliebt? Bei dieſer Frage an ſich ſelbſt blieb er ſtehen. Das Blut ſtieg ihm in die Wangen, und das Auge, welches nach dem blauen Himmelgewölbe emporblickte, ſtrahlte mit einem eigenthümlichen Glanze. — Sie iſt mir lieber, als alles Andere auf die⸗ ſer ſchönen Erde,— dachte er und ſetzte ſeine Wan⸗ derung fort. — Es iſt das Ideal des Guten beim Weibe, das ich an ihr verehre. Die ſtillen, aber doch ho⸗ hen Tugenden, welche ſie über die Menge erheben, ſind es, die ich bei Calla liebe. Wie weit war Harald jetzt nicht von der Wirk⸗ lichkeit entfernt. Treuloſe Illuſionen! wie bethört 140 ihr uns doch mit falſchen Verſprechungen deſſen, was wir am meiſten wünſchen.— Wie leichtſinnig ſpielt Ihr nicht mit dem Menſchenherzen! Einige Augenblicke darauf ſprang Harald die hinauf, welche zu dem Zimmer des Bruders ührte. — Guten Abend, Erland,— ſagte er herzlich und reichte ihm die Hand. — Haſt Du Luſt, eine kleine Promenade mit mir zu machen? Es iſt ein ſo ſchöner Abend. Laßt uns den Weg nach Strömsfors Fabrik einſchlagen; derſelbe iſt ſo angenehm. Gleich darauf wanderten die beiden Brüder Arm in Arm durch den laubreichen Wald nach Strömfors. Sie ſprachen von Erlands letzter Predigt, von welcher Harald meinte, ſie ſei in einem zu ſtrengen Geiſte gehalten. Der junge Paſtor vertheidigte ſich mit Lebhaf⸗ tigkeit; darauf gingen ſie auf das menſchliche Ge⸗ müth im Allgemeinen und ſchließlich auf gewiſſe Perſonen insbeſondere über. — Apropos, biſt Du oft auf Kollinge?— fragte Harald plötzlich. — O ja— Eöran liest Bücher von mir,— antwortete Erland ausweichend. — Es geht unverantwortlich langſam mit ihm auf der Academie,— fuhr er in der deutlichen Ab⸗ ſicht fort, das Geſpräch von dem Wege abzuleiten, auf welchen Harald es hingeführt. — Und er ſcheint jetzt nicht an ſeine Studien zu denken, denn er vergeudet ſeine Tage mit Pro⸗ menaden und Romanleſen. 141 — Das iſt gewiß möglich, daß er zu verſchwen⸗ deriſch mit der Zeit umgeht, aber er iſt ein zuver⸗ läßiger, braver Junge, der ſchon ein tüchtiger Kerl wird, wenn es ihm nur gelingt, etwas geſetzter zu werden. Nun wie gefallen Dir die Mädchen? — Sehr. Cliſe ſcheint gut und häuslich zu ſein. Aber ich kenne ſie zu wenig, um ein beſtimmtes Ur⸗ theil über ihren Charakter zu fällen. Erland ſah aus, als ſei es ihm läſtig. — Da Du täglich auf Kollinge biſt, ſo mußt Du auch Zeit gehabt haben. pe— Wer hat Dir das geſagt?— fragte Erland eftig. — Das iſt ja eine gleichgültige Sache; aber ſage mir, Erland, warum machſt Du vor mir ein Geheimniß aus dieſen Beſuchen? — Das habe ich weder gethan, noch die Abſicht gehabt es zu thun.— Meine Beſuche auf Kollinge ſind ſo kurz geweſen, daß ich meinte, ſie hatten Nichts an ſich, das auffallen könnte, und ich begreife auch nicht, warum ſie Deine Aufmerkſamkeit erregen. Mir fällt es wenigſtens nicht ein, irgend ein Gewicht darauf zu legen, wie oft Du dort biſt. Erlands Antwort war ganz richtig; das fühlte Harald, und doch machte die kalte Ausſprache einen unangenehmen Eindruck auf ihn. Außerdem, warum vermied er es, von Calla zu ſprechen?— Er hatte doch an ſie geſchrieben, und das bewies ja, daß ſie vertraulich mit einander umgingen. — Du haſt Recht, Erland, und ich bin es, der ich mich wie ein Thor benommen habe. Ich werde Dir indeſſen ſofort eine Erklärung darüber geben⸗ 142 Ich habe Calla lieb, und ich will nicht, daß wir Rivale werden. Darum, wenn Du in ſie verliebt biſt, dann iſt es Zeit, daß ich an eine Retraite denke. Niemals kann es mir einfallen, mit Dir wegen dem zu ſtreiten, das Dein Glück bereiten kann. Sage mir deshalb ehrlich, welche Gefühle Du für ſie haſt. Was in Erlands Herz vorging, wiſſen wir nicht genau; daß aber ſich widerſtreitende Gefühle daſſelbe bewegten, das konnte man an dem wechſelnden Aus⸗ druck in ſeinen Zügen ſehen. Die letzten Worte des Bruders hatten durch die einfache und treue An⸗ hänglichkeit, welche ſie ausdrückten, in der That den beſſeren Menſchen in ihm angeſchlagen. Er reichte Harald ſchweigend die Hand und drückte ſie, ohne zu antworten, mit einer in neuerer Zeit ungewöhnlichen Wärme. Sie wanderten eine zeitlang ſchweigend neben einander. Endlich ſagte Erland: — Du glaubſt alſo, daß Calla Deine Liebe er⸗ 5 wiedert? — Die Frage habe ich mir vor heute niemals vorgelegt.— Vielleicht habe ich es früher auch nicht gefühlt, wie theuer ſie mir iſt. Meine Neigung zu Calla iſt gewachſen, ohne daß ich über dieſelbe reflec⸗ tirt habe. — Nun, wie gedenkſt Du jetzt zu handeln? — Laß es gehen wie bisher; falls ich Dir nicht im Wege ſtehe.— Ich bin zu jung, zu abhängig, um ihr anbieten zu können die Freuden und Sor⸗. gen des Lebens mit mir zu theilen. Es kann nie vorkommen, daß ich mit dem Mädchen, welches ich ir bt te ir en le ht be s⸗ es n⸗ n te u n r⸗ 5 8 u ½ t 3 r⸗ e 143 liebe, von Liebe ſpreche, ohne daß ich demſelben zu gleicher Zeit meine Hand bieten kann. — Da ſind Deine Gefühle nicht ſehr glühend, — ſagte Erland kalt. — Nein, nicht glühend, aber tief, ernſt und treu.— Die Leidenſchaft iſt eine Uebertreibung, welche durchaus unnatürlich iſt; ſie nimmt ſich des⸗ halb gut im Romane aus, aber paßt nicht für die Wirklichkeit, und iſt übrigens kein Beweis für die Liefe und Dauerhaftigkeit unſerer Gefühle. — Hat aber Calla, wenn Du ihr künftig Deine Hand anbieteſt, ihr Herz einem Anderen geſchenkt, wie würdeſt Du dann Dein Schickſal ertragen? — Wie ein Mann, hoffe ich.— Die Vorſehung hatte ſie nicht für mich beſtimmt. Nun gut, ich werde meine Thätigkeit, meinen Eifer zu nützen ver⸗ doppeln und es wird mir gewiß gelingen zu ver⸗ geſſen, daß ich mich im Glück verrechnet hatte. — Das iſt ſeltſam phlegmatiſch. — Du irrſt Dich, mein Bruder. Sehe ich phleg⸗ matiſch aus?— fragte Harald, und wandte ſich gegen Erland mit ſeinem heiteren Geſicht. — Meinſt Du wirklich, daß in meinen Hand⸗ hen und in meiner Liebe zur Arbeit Phlegma iegt* — Mongel an Schwärmerei, und die Ueberzeu⸗ gung, daß Alles, was geſchieht, ſo am beſten iſt.— WMein lieber Erland, die letztere Anſicht ſollte bei Dir als Pfarrer mehr Wurzel geſchlagen haben, als bei mir. Erland lächelte melancholiſch und doch mit einem gewiſſen Uebermuth, indem er antwortete: 144 — Daß dieſe Ueberzeugung mit meinen Anſich⸗ ten vom Gang des Lebens einverleibt ſind, das weißt Du; aber daß dieſelbe in Deinem weltlichen Gemüthe vorhanden ſei, glaubte ich nicht.— Wenn man ſein Glück auf irdiſches Wohlbefinden baut, wird es ſelten beſtändig, und wenn man ſich darin verrechnet, pflegt es nur Ruinen zu hinterlaſſen. — Es fällt Dir ſchwer, ein Gemüth wie das meinige zu begreifen, merke ich; aber Du lernſt es wohl mit der Zeit. Darauf holte Harald ein Buch aus der Taſche hervor und reichte es dem Bruder mijt den Worten: — Haſt Du dieſe unſinnige Schrift ſchon ge⸗ ſehen? — Was iſt das für eine Schrift? Erland nahm das Buch und las den Titel: „Einige Worte über die Stellung des Weibes, wie ſie ſein muß. — Der Name des Verfaſſers wird nicht ge⸗ nannt,— ſagte er,— was Unſinniges jindeſt Lu denn darin?— Es iſt wohl irgend eine verſtän⸗ dige Perſon, welche die Aufmerkſamkeit darauf hat lenken wollen, wie ſchlecht das Weib im Allgemei⸗ nen ſeine Stellung begreift. In dieſem Falle iſt die Abſicht gut, wenn auch die Ausführung derſel⸗ ben entſpricht. Oh, lieber Erland, Du biſt ganz auf dem un⸗ rechten Veg.— Jene Verfaſſerin daß es ein Frauen⸗ zimmer iſt, merkt man ſofort ſowohl an der Sprache, wie an der vollkommenen Unkenntniß der wirk⸗ lichen Verhältniſſe, welche ſich hier offenbart) hat die Abſicht, zu zeigen, daß die Geſellſchaft das grau⸗ en nn ut, as es he e⸗ 14⁵ ſamſte Unrecht von der Welt, weil es nicht dem Weibe, wie uns Männern, es erlaubt in die öffent⸗ lichen Aemter einzutreten, an den allgemeinen Ange⸗ legenheiten theilzunehmen, eine Stimme auf dem Reichstag zu haben und das Recht zu freien zu be⸗ ſitzen u. ſ. w. Das Buch iſt in Romanform geſchrieben, um zu zeigen, wie glücklich die Geſellſchaft ſein würde, die nach jenen Principien eingerichtet wäre. Ich habe lange nicht ſo gelacht, wie beim Leſen deſſelben.— Denke Dir, Erland, unſere Reichstage zur Hälfte mit Weibern bevölkert. Glaubſt Du, daß irgend ein Menſch all die Verwirrung würde aus⸗ halten können, die dabei entſtehen möchte? Und alle die Reformen, welche das ſchöne Geſchlecht zu Gunſten der Frauen bewirken, und alle die Zän⸗ kerei, die eine Folge ihrer ungleichen Meinungen werden würde! O! mein Gott, das würde ein zwei⸗ tes Abdera werden.— Und wie glaubſt Du, daß es in unſeren Häuſern ausſehen würde?— Die Frau ſäße im Ausſchuß, und— der Herr dürfte dann wohl die Küche beſorgen und die Kinder auf⸗ erziehen.— Wie, in aller Welt, kann man ſo toll ſein? — Ja, und ſo die Abſichten des Höchſten miß⸗ verſtehen,— antwortete Erland ernſt. — Die Verfaſſerin einer ſolchen Schrift ſollte man als Verbreiterin von unſittlichen, irreligiöſen Irrlehren zur Verantwortung ziehen.— Ich fühle eine wirkliche Abſcheu vor Frauen, die mit den ännern wetteifern und als Störerinnen des Be⸗ ſtehenden auftreten wollen. Gerade als wenn wir Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. T. 10 146. nicht unter unſerem eigenen Geſchlecht, welche unter dem Vorwand des Eifers für das allgemeine Wohl, durchaus Revolutionen hervorrufen wollen, ohne daß ſie ſelbſt wiſſen, was ſie damit zu verbeſſern wün⸗ ſchen.— Sie glauben Vaterlandsliebe an den Tag zu legen, wenn ſie nur die Regierung angreifen und Gott und den König geringſchätzen.— Und jetzt kommen ſolche ſchreibſüchtige Weiber und verwirren die Begriffe bei ihrem Geſchlecht und wollen, daß daſſelbe ſeine Beſtimmung verlaſſen ſoll. Ich meine, ihre Begriffe wären vorher ſchon ſchief, und brauch⸗„ ten nicht noch ſchiefer zu werden. Falls das Schick⸗ ſal mich zum Regenten gemacht hätte, ſo würde ich verſucht ſein, eine ſolche Wahnſinnige in ein Irren⸗ haus einzuſperren. — Das wäre doch wohl etwas zu ſtreng. Das ganze Beginnen iſt ja ſo toll, daß es nur den Spott herausfordert. Am Abend darauf finden wir Harald im Gar⸗ ten von Kollinge, wo Calla zufälligerweiſe allein war. Man ſprach vom Beſuch am Tage vorher und ſcherzte ein wenig über die Nachbarn. End⸗ lich holte Harald das eben erſchienene Buch hervor. — Liebe Calla,— ſagte er,— Du, die Du Madame Stasl und George Sand ſtudirſt, mußt dieſe neue Probe der weiblichen Schöngeiſterei leſen. Harald reichte ihr das Buch. ₰ Ein ſehr ſtarker Purpur übergoß nicht allein Calla's Geſicht, ſondern auch ihren Hals und Nacken⸗ * er . uß n⸗ 9 d tzt ß e, h⸗ k⸗ — n⸗ 5 tt 147 — Mein Gott! welche charmante Farbe Du be⸗ kommſt,— rief Harald lachend. 5— Haſt Du vielleicht die treffliche Schrift ge⸗ eſen? — Ja, antwortete Calla,— welche wo möglich noch röther wurde. — Nun, dann wundert es mich nicht, daß Du errötheſt. Es muß unwillkürlich ein wahres feinfüh⸗ lendes Weib ärgern, daß eine von ihrem Geſchlecht ſo viel Papier beſudelt hat, nur um ſolchen kläg⸗ lichen Nonſens zu ſchreiben. — Nonſens!— rief Calla und die Adern an den Schläfen ſchwollen ihr. — Ja gewiß! Oder kannſt Du wirklich unter allen dieſen Declamationen von Freiheit, Menſchen⸗ liebe, Eifer für das allgemeine Beſte und Intereſſe für die Aufklärung einen einzigen vernünftigen Ge⸗ danken herausfinden?— Wenn jene blauſtrumpfige Dame, welche dieſes Sammelſurium zuſammenge⸗ ſchrieben hat, klug iſt, dann bin ich verrückt, beſte Calla. Calla's Geſicht hatte den Ausdruck des lebhafte⸗ ſten Aergers; ſie antwortete mit zitternder Stimme: — Du findeſt wohl nur deshalb, daß das Buch ſo unter aller Kritik iſt, weil Pu vermutheſt, daß es von einem Frauenzimmer geſchrieben iſt.— Deine Antipathie gegen Schriftſtellerinnen iſt ſo groß, daß ſie Dich parteiiſch macht. Wer hat Dir übrigens ge⸗ ſagt, daß dieſe Arbeit nicht von einem Mann ver⸗ faßt iſt? — Mein Verſtand. Oder glaubſt Du wirklich, daß man die Phantaſicen eines Weibes nit dem ge⸗ 10* 148 ſunden Raiſonnement eines Mannes verwechſeln kann?— fragte Harald und lachte. — Was dieſe„Schmiererei“ betrifft, ſo zeugt dieſelbe von zu großer Unkenntniß, um von einem Manne verfaßt ſein zu können. — Es iſt wirklich widerlich, Dich anzuhören,— rief Calla. — Worin liegt das Widerliche? Du, Calla, wirſt doch keine Sympathie für dergleichen lächerliche Ideen fühlen? — Und wenn ich es thäte, ſo wäre das Etwas, was Dich nicht intereſſiren könnte, denke ich. — Im Gegentheil, es intereſſirt mich im höchſten Grade,— ſagte Harald. — WVillſt Du wiſſen, welche Art von Perſon ich in Verdacht habe,„Eure Stellung wie ſie ſein ſollte“ zuſammengeflickt zu haben? — Rein, laß mal hören, wie ſcharfſinnig Du rathen kannſt. Calla zerpflückte haſtig eine Blume. — Jo, eine alte Gouvernante, welche erſt lange, jedoch vergebens einen armen Mann zu erhaſchen ſuchte; als aber das mißglückte, was ſollte die arme Perſon denn thun? Nun, mit Raſerei ein Geſchlecht angreifen, welches ſich ſo undankbar gegen ſie ge⸗ zeigt, und dann auftreten, um ihr eigenes zu eman⸗ cipiren. Ah! ſie wollte demſelben eine glücklichere Stellung im Leben bereiten, als die iſt, vergebens nach einem Mann ſeufzen zu müſſen. Sie ſchägt ja in ihrer Arbeit vor, daß Ihr, wie nach dem Bei⸗ ſpiel der Heldinnen, ſelbſt freien ſollt.— Wie doch Tante Barbro u. A. von der Idee werden entzückt 149 werden. Sie würde, meiner Seele! nicht die letzte, welche von der Emancipation Gebrauch machen würde. — Harald, Du biſt wirklich recht hellſehend,— antwortete Calla mit einer gewiſſen bitteren Ironie,— daß Du nicht in jenem Verſuch ein jugendliches und lebhaftes Gefühl und ein warmes und nach dem Guten ſtrebendes Herz entdeckſt. — Nein, Calla, bei meiner Ehre! ich entdecke nichts, als eine der größte Tollheiten, welche den Leſer zwingt, über den ganzen„kleinen Verſuch“ zu lachen. — Du findeſt alſo die Arbeit lächerlich? Calla's Stimme zitterte. „Jetzt glaub' ich, Bruder, iſt es Zeit, An den Refrain zu denken, Und nach des Tages Zwiſt und Streit Nach Hauſ' die Schritl' zu lenken.“ ſang Göran hinter ihnen mit ſeiner klaren, heiteren Stimme, ſo laut er konnte. Harald und Calla wand⸗ ten ſich um und ſahen ihn aus aller Kraft einen vollen Apfelbaum ſchütteln. — Göran,— rief die Schweſter und ſtand auf, darüber erfreut eine Veranlaſſung zu bekommen, das peinliche Geſpräch zu unterbrechen,— woran denkſt Du? die beſten Aepfel Mama's! — Nun, und dann? ſind ſie denn zu gut für mich?— fragte Göran und kam hin zu ihnen mit den Taſchen voll Aepfel. — Ich ſollte gehorſamſt meinen, daß ich für das Tageswerk, das ich heute⸗ vollbracht, den Erſatz verdient hätte, einige wohlſchmeckende Aepfel zu 150 eſſen. Uff!— fügte er hinzu, warf ſich auf die Bank und fing an zu eſſen, indem er Harald einen Apfel reichte. — Nun, was haſt Du denn für eine ſtrenge Ar⸗ beit gehabt?— fragte Harald. Calla machte jetzt Miene ſich zu entfernen, indem ſie ſtolz und kalt Harald zunickte. — Nein, bleibe, zum T—! ſchrie Göran und faßte ſie an einem Arm.— Du mußt hören, was ich heute gethan und ausgeſtanden habe. — O, das weiß ich im Voraus,— ſagte Calla mit einem leichten Achſelzucken. — Du täuſcheſt Dich. Siehſt Du nicht an mei⸗ nem erſchöpften Zuſtand, daß ich etwas Ungewöhn⸗ liches vorgehabt habe. — Ich meine, Du wäreſt Dir vollkommen gleich. — Nun, was iſt es denn?— fiel Harald ein, der es nicht laſſen konnte, über Görans Bemühungen, erſchöpft auszuſehen, zu lachen. — Was es iſt? fragſt Du, Bruder, nun ich habe ein ganzes Buch geleſen von... — O, da wundert es mich nicht, daß Deine Kräfte erſchöpft ſind,— fiel Colla mit einer unge⸗ —— wöhnlich bitteren Betonung ein. ₰ „Von der Stellung des Weibes wie ſie ſein ſoll,“— declamirte Göran ſtöhnend, ohne ſich un⸗ terbrechen zu laſſen.— Gott behüte mich davor zu leben, wenn die Weiber in eine ſolche Stellung kommen. — Jawohl, die Mädchen würden auf der Uni⸗ verſität gewiß raſcher und fleißiger ihre Cameralia ſtudiren, als Du. ie en lr⸗ m nd as i⸗ n . n, n, S ne e in † n⸗ 9 151 — Schnack! das wäre das geringſte Uebel; aber denke Dir nur, in welches hübſche Dilemma Harald und ich gerathen würden. Hier im Kirchſpiele giebt es zwölf heirathsluſtige Mädchen und nur vier Hei⸗ rathscandidaten. Das würde einen ſchönen Spec⸗ takel geben. Wir bekämen viel zu viele, die uns freien würden. Hu, mich friert's ordentlich, wenn ich an die Mamſellen R—, Sophie L— und Tante Barbro denke. Calla ſah, trotz allen ihren Anſtrengungen aus, als wenn ſie eine innere Bewegung zu unterdrücken ſuchte, und als wenn ſie auf einem Bratſpieß gewendet würde. — Iſt Dir auch jenes merkwürdige Buch in die Hände gefallen?— fragte Harald. — Du haſt Recht, daß Du fragſt. Der T— hole mich, wenn ich mich darum bekümmert hätte „die Stellung wie ſie ſein ſoll“ zu leſen, wenn Papa mich nicht darum gebeten hätte, es zu thun. Er wollte wiſſen, ob es eine rein moraliſche Schrift ſei; denn in dieſem Falle ſollten natürlich die Mäd⸗ chen dieſelbe ſtudiren.— Nun gut, ich zog gegen das Geiſtesproduct zu Felde, und als ich das Buch wieder zumachte, hätte ich der Verfaſſerin die Ruthe geben mögen. Calla riß ſich los und ſprang von dannen. Die Thränen drangen unwillkürlich aus den Augen des jungen Mädchens. 152 Beim Abendeſſen erſchien Calla nicht. Sie ent⸗ ſchuldigte ihr Ausbleiben mit heftigem Kopfweh,— für Haralds heiteres Gemüth war es ein unange⸗ nehmes Gefühl, als Calla ſich den Abend nicht mehr zeigte. Ihre heftige und eifrige Vertheidigung, als von jener fatalen Schrift die Rede war, kam ihm ſonderbar vor und ihr Wegbleiben vom Eſſen hielt er ganz richtig für den Ausbruch einer ſchlechten Laune. Ungewöhnlich verſtimmt wanderte Harald nach Hauſe, aber ſtatt den gewöhnlichen und geradeſten Weg einzuſchlagen ging er durch den Park von Kol⸗ linge.— Eine eigenthümliche innere Aufregung ſtimmte ſein ſonſt ſo vertrauenvolles Herz zu Zwei⸗ fel.— Dieſe Zweifel führten ſeine Schritte zum Pavillon. Er betrachtete den Platz und entdeckte neben dem Gebäude einen großen Stein. Der junge Mann trat einen Schritt näher an denſelben heran, beſann ſich aber. — Welche elende Handlung bin ich im Begriff zu begehen,— murmelte er. Sein redliches Herz mißbilligte aufs Beſtimmteſte die Bewegung, welche eine Zeit lang ſeine beſſeren Gefühle beherrſcht hatte; auch entfernte er ſich von dem verführeriſchen Gegenſtand und lenkte auf den Fußſteig ein, welcher nach der Gränze von Björnbo führte. Gerade, als er auf dieſen Steig eingebogen war, hörte er, daß Tritte von zwei verſchiedenen Seiten ſich der Stelle näherten. Einen Augenblick blieb er ſtehen und lauſchte, aber als wenn er ſeine eigene Schwäche fürchtete, beeilte er ſeine Schritte. Wir kehren indeſſen nach dem Pavillon zurück. t⸗ E⸗ hr s lt n 153 Auf einem von den Fußſteigen, welche von Kol⸗ linge ausgingen, hörte man leichte haſtige Schritte im Sande. Der Mond ſchien mild vom Septem⸗ berhimmel herab und beleuchtete die ganze Gegend. Von der entgegengeſetzten Seite konnte man auch raſche, aber ſchwerere Tritte unterſcheiden. Die Ge⸗ henden näherten ſich beide dem Pavillon. Auf der Ebene vor dem Pavillon begegneten ſie ſich. Diejenige Perſon, welche von Kollinge herkam, war eine weibliche Figur, die in einen Shawl ge⸗ hüllt war, der ſie faſt vollſtändig verbarg; diejenige, welche von der anderen Seite kam, war ein Mann in einem kurzen über die Schulter geworfenen Man⸗ tel und einen Strohhut auf dem Kopf. Das Alter des Mannes war ſchwer zu beſtimmen, weil der Mantel zur Hälfte das Geſicht verdeckte. Sein Haar ſah hellgrau aus, aber das konnte vom Scheine des Mondes herrühren; denn ſein Gang war jugendlich. Als ſie ſich begegneten. nahm letzterer den Hut ab und das Haar ſah ganz ſilberweiß aus. — Hier bin ich jetzt, meine Schülerin,— ſagte er mit wohlklingendem Organe. — Ich bin Ihnen, mein Lehrer, im hohen Grade für all die mir bewieſene Güte verbunden. Ich kann Ihnen meine Freude nicht beſchreiben, die ich bei der Nachricht von Ihrer Ankunft in Strömsfors em⸗ pfand, und wie entzückt ich war, als ich dieſen Mor⸗ gen Ihren Brief unter dem Steine fand. Dieſer Brief giebt uns die Hoffnung, daß meine Träume verwirklicht und die Stunde meiner Befreiung bald ſchlagen werde. 154 Das in den Shawl gehüllte Frauenzimmer ſprach mit großer Lebhaftigkeit. — Aber, mein liebes Kind, Sie ſcheinen einen wichtigen Punct in meinem Briefe zu vergeſſen; derſelbe betrifft die Einwilligung Ihres Vaters. Ohne dieſe verſpreche ich Ihnen nichts. Der Mann im Mantel ſetzte ſich auf eine Bank. — Laſſen Sie uns hineingehen,— ſagte das Weib und öffnete die Pavillonthüre.— Der Abend iſt kühl. Sie gingen beide in den Pavillon und die Thüre wurde hinter ihnen geſchloſſen. — Calla!— murmelte eine dumpfe Stimme, welche von einer hinter einem Baume verborgenen Perſon kam; aber wir kümmern uns nicht um jene Figur, ſondern lauſchen ſtatt deſſen dem Geſpräche der Beiden im Pavillon. — Ich werde alſo bei dem königlichen Theater angenommen?— fragte die Dame. — Ja, als Elevin oder auch um zur Probe zu debutiren. Jedoch nicht ohne die Einwilligung Ihres Va⸗ ters, mein Kind, merken Sie ſich das. Haben Sie es außerdem wohl überlegt?— Sie verlaſſen eine liebe und frievliche Heimath, in welcher Sie geliebt ſind, wo Ihre Gegenwart Freude verbrei⸗ tet— und was tauſchen Sie gegen dieſe koſtbaren Schätze ein? Die Cabalen des Theaterlebens, den launen⸗ vollen Beifall des Publicums und vollkommenen Mangel an allem häuslichen Glück. Sie betreten eine Bahn von Verſuchungen und Stürmen und e e n 1e e 155 täuſchen Ihren Frieden gegen den möglichen Gewinn ein, auf eine kurze Zeit bewundert zu werden. — Mein beſter Lehrer, hören Sie mich an. Dieſer Friede, dieſes ſtille Glück, die Sie ſo hoch preiſen, was ſind wohl die? Nun, eine Kette, die uns armen Weiber von der Freiheit entfernt hält, die uns an die elenden Alltagsgeſchäfte feſſelt, die uns zu Sklavinnen der Häuslichkeit und zu Leib⸗ eigenen in der Erfüllung des trivialſten Berufs macht.— Nein, mein Geiſt ſehnt ſich nach Freiheit und da dieſe uns gänzlich verweigert zu werden ſcheint, ſo will ich durch das Talent, welches die Natur mir geſchenkt, mir eine unabhängige Stellung als Künſtlerin ſchaffen und mich losreißen von all dieſen drückenden Feſſeln, welche das häusliche Leben zu einem Gefangenleben machen.— Welch ſchreck⸗ liches Unrecht beging nicht die Geſellſchaft, indem ſie uns dazu verurtheilte, an den Herd gefeſſelt zu ſein. Der Herr im Mantel zog eine ſilberne Schnupf⸗ tabaksdoſe hervor und murmelte: — Hm, hm... ich denke, mein gutes Kind, wir laſſen das Thema fallen. — Ja, wenn Sie ſo wollen. Aber Sie ſehen daraus, daß ich über das, was ich zu thun gedenke, genau nachgedacht habe. — Das kann ich gerade nicht finden; denn jenes Gerede war viel zu exaktirt, als daß ich darin ein ruhi⸗ ges Nachdenken hätte entdecken können. Laſſen Sie uns jetzt auf den Hauptpunkt, auf die Einwilligung Ihres Vaters kommen. Sie berathſchlagten noch eine Weile; dann trenn⸗ ten ſie ſich. Der Mann bemerkte beim Abſchied: 156 — Uebermorgen werde ich alſo nach Kollinge kommen;— darauf entfernte er ſich indem er vor ſich ſagte: — Ich glaube, bei meiner Künſtlerehre, daß alle meine kleinen Schülerinnen aus der Penſion der Madame S— etwas verdreht geworden find. Ich vermuthe ſtark, daß es von jener verdammten Gou⸗ vernante Mamſell Brun herkommt, die dort ange⸗ ſtellt war. Sie glaubte, wenn ich mich nicht irre, daß ſie hier nach der Erde geſchickt ſei, um ihr Ge⸗ ſchlecht aus dem Joch der Knechtſchaft zu befreien. Bei dieſem Gedanken fing er an zu lachen und ſetzte mit den leichten Schritten eines Junglings ſeinen Gang fort. Während die beiden handelnden Perſonen in die⸗ ſem kleinen Auftritt ſich nach Hauſe begaben, blieb die dunkele Figur hinter dem Baume ſtehen. Er ſtützte ſeinen Kopf gegen den Stamm und drückte beide Hände feſt gegen die Bruſt. — O Gott! o Gott!— klagte er,— es iſt alſo wahr, Sie betrügt mich.— H! ich bin alſo ein Deiner unwürdiger Diener, mein Gott!— ich bin meinen Vorſätzen untreu geworden und habe in meinem Herzen ſündige Gefühle für ein ſtrafbares Weib genährt.— Dieſe Liebe hat mich zu einem Lügner gegen meinen Bruder, meinen redlichen Bru⸗ der, gemacht. O Gott! o Gott! welche entſetzliche Qualen erfüllen nicht meine Seele!— Wie erſchöpft ſank er hinab auf den feuchten Grasboden und um⸗ faßte in ſtummer Verzweiflung ſeinen brennenden Kopf. Lange blieb er in dieſer Lage; endlich ſtand * — 157 er mit Anſtrengung auf und wackelte einige Schritte vorwärts; aber er ſiel wieder zu Boden während ein Laut, ähnlich einem gewaltigen Schluchzen, ſich aus ſeiner Bruſt hervorpreßte. Am Morgen darauf war der Himmel mit dicken Wolken bedeckt und das dumpfe Sauſen in den Bäumen, die heftig gegen das Ufer brauſenden Wogen, Alles deutete Sturm an. Bei dem erſten Tone deſſelben war der Capitain ganz früh aufgeſtanden und hatte ſeinen Curs nach dem Strande genommen. Mit gefurchter Stirne, finſterem Blick und ſchwerem Herzen ſtand er da und gab Acht auf den gewaltſamen Ausbruch des 7 Unwetters. 3 urda würde nicht mit all ihrer Liebe die Uf ruhe haben vergelten können, welche ihre Thorheit jetzt den ſchwachen Vater koſtete, welcher bei jedem Windſtoß für das Leben ſeiner Tochter fürchtete. Barbro hatte Vetter Fabian nach dem Strande wandern geſehen und auch ſein trauriges Ausſehen bemerkt. Sie hielt es für ihre Pflicht, ihren künfti⸗ gen Mann— denn als ſolchen betrachtete ſie ihn— nicht allein mit ſeinem Kummer zu laſſen. Darum band ſie eine reine Schürze vor, warf einen Shawl über die Schulter und knüpfte mit einer gewiſſen Coquetterie ein weißes Halstuch um die Ohren; dann nahm ſie einen Seemannsmantel von blauem Fries auf den Arm und trippelte ganz geſchäftig dem Vetter Fabian nach, der See zu. 158 — Herr Du mein Gott! das wird ja Vetter das Leben koſten, daß er ſo dünngekleidet mitten im Winde ſteht. — Vor allen Dingen nicht ſo ſchrecklich gethan; freilich weht es, aber ſo gefährlich iſt es nicht, ob⸗ gleich ich den ganzen Morgen keine Ruhe gehabt. — Ach! das Mädchen, das Mädchen! welchen Schmerz es uns verurſacht! Sehen Sie hier, ziehen Sie den Mantel an, lieber Vetter.— Ich begreife wohl, was Vetter bei der Zunahme des Sturms empfinden muß, der wohl da draußen auf dem Meere ganz entſetzlich iſt.— Das liebe Kind! Gott laſſe ihm nichts zuſtoßen! Jetzt huſtete Barbro. Ob ſie weinte, wiſſen wir nicht; aber was wir vermuthen, iſt, daß Barbro's Troſtesworte gerade von † der Beſchaffenheit waren, die Unruhe bei Demjenigen zu vermehren, den ſie tröſten ſollten. Der Capitain zog ſtillſchweigend den Mantel an, welchen Barbro eigenhändig zuknöpfte. — Dank, Barbro, für Dein Wohlwollen gegen einen armen verlaſſenen Vater. Du biſt ein gutes und mitleidiges Geſchöpf. Jetzt war Barbro reichlich belohnt für ihre Mühe, ihre Theilnahme und ihre Fürſorge. Er hatte ſie ja: ein gutes Geſchöpf ge⸗ nannt. Es war höchſt ſelten, daß Vetter Fabian ſie auf die Weiſe becomplimentirte; auch beeilte ſie ſich, und dießmal mit wirklicher Rührung, zu ant⸗* worten: — Oh, ich verdiene kein Lob. Alles kommt von meiner großen, meiner tiefen Anhänglichkeit an den 159 Vetter; einer Anhänglichkeit die, man wahrſcheinlich nie in ihrer ganzen uneigennützigen Selbſtaufopfe⸗ rung begriffen hat, da dieſelbe ſich ſo wenig zeigen konnte. — Freilich habe ich längſt Ihre Anhänglichkeit an mich begriffen, und wird es wieder heiter auf Björnbo, wie es früher war, das heißt: bekomme ich das Mädchen wieder lebend heim, dann wird Barbro ſehen, daß ich Ihre Freundſchaft zu ſchätzen und zu vergelten weiß. Gehe jetzt hinauf und ſchaffe mir Kaffee, denn es wird mir zu lange, bis zum Frühſtück zu warten. Barbro hätte gerne antworten mögen: — Es gibt nur eine Weiſe meine Freundſchaft zu vergelten, nämlich die, daß Du mich davon be⸗ freiſt, länger eine alte Jungfrau zu bleiben;— aber ach! auch der armen Barbro ſchwebte das Schick⸗ liche vor den Augen und hielt ſie zurück. Welches Glück für den Capitain, daß ſie nicht „die Stellung des Weibes, wie ſie ſein ſollte,“ ge⸗ leſen; denn dann wäre Gefahr vorhanden geweſen, daß die ehrenwerthe Mamſell ſtehenden Fußes unten am Meeresufer mit ihrer Freierei herausgerückt wäre. Jetzt hatte ſie keine Ahnung davon, daß man an eine ſolche Reform dachte, und darum kehrte ſie ganz beſcheiden um und begab ſich mit leichtem Herzen hinauf ins Wohnhaus; denn Vetter Fabians Worte gaben ihr alles Recht, die Thüre der Hoffnung ein wenig zu öffnen. Auf dem Hofe begegnete ſie dem Laufjungen des r welcher mit großer Heftigkeit nach Harald ragte. 160 — Was iſt da los, lieber Anders? Du ſiehſt ja ganz erſchrocken aus, und was willſt Du Herrn Harald ſagen?— fragte Barbro. — Oh, Herr Jemine, Manſell, es geht zu Ende mit dem Adjunct. Er wirft lauter Blut aus. Wir fanden ihn gerade wie todt in dem Kollinger Park liegen. Cajſa brachte endlich, nachdem wir nach Hauſe gekommen, wieder Leben in ihn und dann ſchrie er nach Herrn Harald. Nachdem er das ge⸗ ſagt, öffnete ſich der Mund und die Augen fielen wieder zu, und jetzt liegt er wie eine Leiche in ſei⸗ nem Zimmer. Ich ſprang ſo raſch hierher, daß ich nicht weiß, wie ich den Weg zurückgelegt habe. — In Gottes Namen, was ſagſt Du?— ſchrie Barbro, ſchlug die Hände zuſammen und ſtürzte hinaus in die Küche, indem ſie dem Jungen zurief: — Gehe hinauf in die Kammer zu Harald, ich werde gleich nachkommen. In ihrem Schrecken und nur von ihrem guten, mitleidigen Herzen beherrſcht, vergaß Barbro Vetter Fabians Kaffee, ſtürzte hin zu einem kleinen Eck⸗ ſchrank in der Küche und nahm daraus eine Flaſche mit Wermuthstropfen, eine mit Roſens Bruſttropfen, eine andere mit Hoffmannstropfen, einen Sack mit Fliederthee, einen mit Camillenthee, ſodann eine ſpaniſche Fliege und ein Glas mit Blutegeln. Als ſie alles dieſes in einen kleinen Korb gepackt, eilte die gute Barbro aus der Küche hinaus und ohne ein Wort zu ſagen, nach der Pfarrwohnung. Dieſes war ſo raſch gegangen, daß, als der Junge die Thüre zu Haralds Kammer öffnete und bevor er noch ein Wort ſagen konnte, Harald durchs ———— 3. 161 Fenſter zu ſeiner großen Verwunderung Barbro in voller Carriere auf dem Ackerrain ſpringen ſah, was ein kürzerer Weg zum Pfarrer war. — Wo will die Alte ſo früh Morgens hin? dachte Harald. In demſelben Augenblick öffnete des Paſtors Anders die Thüre mit einem: — Guten Morgen, Herr Harald! Der Adjunct will Sie ſprechen und bittet Sie, ſchleunigſt zu ihm zu kommen, denn ſehen Sie, er wird es nicht lange treiben, ſoll ich Ihnen ſagen, wenn es nicht ſchon mit ihm aus iſt, denn——— — Was iſt es, was Du ſagſt? Iſt mein Bruder krank?— rief Harald und ergriff ſeinen Hut. — Ja, ja wohl, da hängt es hinaus. Er— Mehr hörte Harald nicht, ſondern war in vier Sprüngen die Treppe hinunter und Barbro auf den Ferſen nach. Die Meierin ſtand im Hofe und gaffte ihnen ganz verblüfft nach, Sie konnte nicht begreifen, warum die Mamſell Herrn Harald vorausſprang, und auch nicht, warum er ihr wie ein Wirbelwind nachſetzte. Aber zu ihrem Glück erſchien des Paſtors Anders und ſo kam Licht in die Sache. Auf ſeinem Bett ausgeſtreckt lag Erland gänzlich leblos. Ueber ihn gebeugt und ſeine Schläfe mit Branntwein badend ſtand des Paſtors alte Cajſa; aber das wohlwollende Bemühen der Alten ſchien Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. 1. 11 162 ohne alle Wirkung zu ſein, denn der junge Geiſtliche blieb unbeweglich. Plötzlich flog die Thüre auf und herein ſtürzte Barbro. Sie näherte ſich dem Kranken und befühlte ſeine kalte Stirne; und als Harald gleich darauf eintrat, bat ſie ihn, nach dem Küſter und dem Doctor zu fahren. Selbſt nahm ſie die Fläſchchen mit den Tropfen aus dem Korb und fing an ſeine Lippen und Schläfe zu reiben; ſie riß das Hemd auf und ſetzte eine ſpaniſche Fliege auf die Bruſt. Ob nun die Wermuth⸗ und Hoffmannstropfen ſo ſtark ſind, daß ſie Todte erwecken können, oder ob das gewaltige Reiben wirkte, genug, das Blut wurde in Umlauf geſetzt, und nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde that Erland einen tiefen Seufzer. Jetzt begann Barbro ihm Roſéns Bruſttropfen geben zu wollen und befahl, daß man Fliederthee pereiten und ihr, was ſie nothwendig hätte, geben ſollte, damit ſie die Blutegel appliciren könnte. Aber Erland fiel in ein ſo heftiges Phantaſiren, daß Tante Barbro ihm keines der Heilmittel beizu⸗ bringen vermochte. Während dieſer eifrigen Be⸗ mühungen kam Harald wieder mit dem Arzt, der gleich bei Strömsfors wohnte. Nachdem er Erland eine Ader geöffnet, verſchrieb er Verſchiedenes und bat Mamſell Barbro vor allen Dingen keine von ihren Medicinen in den Kranken hineinzuprakticiren, ſondern ihn der Pflege des Doctors und Haralds zu überlaſſen. Barbro, welche fand, daß ſie überflüſſig ſei und — 163 ſich außerdem des Kaffees für Fabian erinnerte, kehrte ſchleunigſt nach Hauſe zurück. — Woher hat dieſer heftige Krankheitsanfall kommen können?— fragte Harald den Arzt und ſah den Bruder an, welcher beſinnungslos dalag. — Von irgend einer ſtarken Gemüthsbewegung in Verbindung mit ſtarker Erkältung,— antwortete der Doctor, ein alter erfahrener Mann. — Theilen Sie mir den Verlauf mit,— fügte er hinzu und fühlte den fliegenden Puls des Kranken. — Stille! erinnerſt Du Dich meines Briefes, Calla?— flüſterte Erland mit der matten Stimme eines Phantaſirenden. — Du darſſt ihm——— Harald, nichts ſagen. Bei dieſen Worten wurde Harald von einer ſchmerzlichen Ahnung ergriffen. Er beugte ſich über den Bruder, um ſeine Worte aufzufangen. — Ah!— fort, fort!— ſchrie dieſer mit wil⸗ der Heftigkeit, und ſtieß Harald von ſich, indem er zu vermuthen ſchien, daß er mit Calla ſpräche;— fort!— ich erinnere mich jetzt des Mannes, mit welchem Du beim Pavillon zuſammenkamſt.— Du haſt mich betrogen——— Du haſt mich getödtet ——— Du wußteſt ja, daß ich Dich liebe—— Dich, Dich allein in der ganzen Welt. Erland fuhr während des Phantaſirens fort, in einem Augenblickſich ſelbſt wegen der Treuloſigkeit gegen Gott und die Grundſätze anzuklagen, denen er gehul⸗ digt, indem er ſeine Liebe als ein Verbrechen und ſich ſelbſt als einen unwürdigen Diener des Herrn be⸗ trachtete— im andern Augenblick er Calla 164 um Gegenliebe, nannte ſie mit den zärtlichſten Na⸗ men, ſchilderte ſeine Gefühle mit den lebhafteſten Farben, und malte ſeine Qualen mit einem ſo rüh⸗ renden Schmerz, daß derſelbe Haralds Bruſt zuſam⸗ menſchnürte:— im dritten Augenblick raste er in wilder Heftigkeit und ungezügelter Eiferſucht bald gegen Calla, bald gegen den Mann im Mantel, bald gegen Harald. Dieſer ſaß todtenbleich und ſtarrte lauſchend den Bruder an. Jedes Wort, das über die Lippen des Bruders kam, machte Haralds Wangen noch bleicher. Auch der Doctor lauſchte und hatte dabei die Augen auf Haralds mit kaltem Schweiße bedeckte Stirne gerichtet. Was der Arzt dachte, das ſagte er nicht; aber er befahl nur, daß ein Zugpflaſter auf die Beine des Kranken gelegt werden ſollte. Als Erland in einen unruhigen Schlummer fiel, ſtand Harald auf, betrachtete den Bruder mit einem traurigen Blick und murmelte: — Betrogen von ihr!— Ach, mein Gott, das war etwas viel auf Einmal. Er ſtrich mit der Hand über die Stirne, als wenn er die peinlichen Eindrücke verjagen wollte; dann wandte er ſich an den Doctor mit den Worten: — Was ſagt Onkel von Erlands Zuſtand? — Mein Junge, ich fürchte, daß jener kleine Gott dem Tode ein Opfer ſchenken wird. — — Aber wenn——— wenn—— er—— Hoffnung bekäme,— ſagte Harald mit Anſtrengung. — Die Hoffnung kann von großem Nutzen ſein, — 165 wenn die Beſinnung zurückkehrt. Jetzt kann er keinen vernünftigen Gedanken faſſen. zu ſehen bekäme, vielleicht, daß er dann ſeinen Verſtand wieder erhielte. — Möglich, obgleich ich es nicht glaube; aber die Geheimniſſe des Herzens kennt Niemand, nicht einmal der Arzt. Es kommt auf einen Verſuch an. — Ja, laßt uns es verſuchen,— ſagte Harald wehmüthig. Einige Augenblicke darauf wanderte er nach Kollinge, während er das folgende ſtille Geſpräch mit ſich ſelbſt führte: — Der Verluſt von Calla wird ihm vielleicht das Leben rauben oder das Uebel beſchleunigen, das ſeine ſchwache Bruſt uns immer hat befürchten laſſen. Er gehört außerdem wahrſcheinlich zu Denjenigen, welche nur einmal im Leben lieben. Bei ſeinen ſchwärmeriſchen und verborgenen Leidenſchaften iſt Entſagung unmöglich. Ach! dieſe Naturen, welche mit ſo tiefem Mitleid auf ſolche Seelen wie die meinige herabſchauen, wiſſen trotzdem nicht, wie viel Entſagung wir, die einfachen Kinder der Proſa, in unſerer Bruſt bergen.— O, Erland, Erland, warum täuſchteſt Du mein Vertrauen? Ein tiefer qualvoller Seufzer entwand ſich Ha⸗ ralds Bruſt. Er fuhr fort: — Ich will mich keinen weichlichen Klagen hin⸗ geben,— nein, ich liebe die Wirklichkeit, und in derſelben werde ich Troſt finden für das, was ich durch Calla verloren.— Wenn er mich nur nicht betrogen hätte, als ich ſo offen zu ihm ſprach.— Doch warum denke ich daran? Nie ſoll er ahnen, 166 welchen Schmerz ſein Mangel an Vertrauen mir be⸗ reitet hat. Auf Kollinge angekommen, fand Harald Calla allein im gemeinſchaftlichen Arbeitszimmer. — Erland iſt ſehr krank,— ſagte er und heſtete ſeine Augen auf Calla. Der Arzt glaubt, daß das Leben in Frage tehe. — Was fagſt Du? Iſt Erland krank?— rief Calla,— und geſtern war er noch geſund? — Ja, geſtern Morgen;— aber es kann ja vom Morgen bis Abend ſich ſo viel ereignen, be⸗ ſonders wenn man, wie Erland, die Gewohnheit hat in der Nähe des Pavillons von Kollinge Nachts um Zwölfe zu promeniren. Harald firirte Calla, welche nur ganz unbedeutend Farbe wechſelte, ohne daß ſie auf die Anſpielung antwortete. — Calla,— fuhr Harald mit tiefem Ernſte fort,— Du erhieltſt vorgeſtern einen Brief von Er⸗ land, welchen Du bis jetzt nicht beantwortet haſt; auf dieſer Deiner Antwort beruht vielleicht ſein Leben. Ach, warum gabſt Du ihm nicht geſtern den Brief, dann hätte vielleicht die unglückliche Entdeckung beim Pavillon nicht ſtattgefunden, und er nicht zwiſchen Leben und Tod geſchwebt. — Welche Entdeckung?— fragte Calla heftig. — Laß uns einen Augenblick als Geſchwiſter mit einander ſprechen.— ſagte Harald und faßte 167 Calla's Hand mit einem milden und redlichen Aus⸗ druck im Blick, welcher für eine Weile das Traurige darin venſcheuchte. — Wir ſind zuſammen aufgewachſen, wozu dient denn Verſtellung?— Die Aufrichtigkeit iſt ja eine der ſchönſten Tugenden des Menſchen.— Antworte mir deßhalb ehrlich! Warſt Du geſtern Abend nach elf Uhr am Pavillon. — Nein, Harald, das war ich nicht,— ant⸗ wortete Calla und blickte dem Freund ihrer Kind⸗ heit offen ins Geſicht. — Dank, Dank, Calla,— ſtammelte Harald be⸗ wegt. — Ach! ich wußte im Voraus, daß Du es nicht ſein könnteſt!— fügte er gleichſam bei ſich hinzu, — mein Herz ſagte es mir. Er ließ Calla's Hand los und erzählte mit Ruhe den Verlauf von Erlands Krankheit; daß man ihn ohnmächtig im Parke gefunden, daß er dann von einem ſchweren Blutſturz befallen worden ſei und jetzt an einer heftigen Lungenentzündung darniederliege. Calla hörte ihm mit bleichen Wangen zu. Harald ſchloß folgendermaßen: — Calla, ſein Leben hängt vielleicht von der Antwort ab, welche Du ihm giebſt. In ſeinem Brief hat er Dir ja bereits ſeine Liebe geſtanden. Aber faſſeſt Du auch die ganze Kraft jenes Gefühls, welches im Stillen in ſeinem Herzen entſtanden iſt, ohne daß er ſelbſt darauf Acht gegeben?— Faſſeſt Du die ganze Wärme und Hingebung deſſelben? — Ach, Calla, Du mit Deinem reichen, friſchen und für alles Schöne offenen Seele würdeſt ſeines Lebens 168 und ſeines Berufes guter Engel werden, welcher ihn durch Milde und Liebe zu jener Wirklichkeit zurück⸗ führen würde, die er jetzt ſo tief verachtet. Denke Dir, welche ſchöne Aufgabe die Vorſehung Euch Frauen in dieſem Leben gegeben: das milde, ver⸗ ſöhnende Princip zu ſein, welcher unſere zügelloſen Leidenſchaften aus dem Sturme zum Frieden und zur Veredlung führt.— Du haſt jetzt in Deinen Händen eine reichbegabte, aber ſchwache Seele. Laß Deine einfache und wahre Auffaſſung des Guten und Rechten, Deine reine und ſanfte Liebe ſeine Stütze, ſein geiſtiger Führer werden. Harald ſchwieg, unfähig ein einziges Wort hin⸗ zuzufügen. Sein Herz ſchlug heftig. — Welche auch meine Antwort werden möge, ſo iſt ja Erland jetzt ſo krank, daß er dieſelbe nicht einholen kann,— ſtammelte Calla. — Auch verlange ich ſie nicht jetzt.— Nein, Du mußt ihm ſie ſelbſt geben, wenn er kräftig ge⸗ nug wird, um ſich darüber zu freuen oder davon zu leiden, falls er dem Leben zurückgegeben wird. Was ich jetzt von Dir verlange, iſt, daß Du ihn beſuchſt. Vielleicht wird der Anblick von Dir im Stande⸗ ſein, ſein aufgeregtes Gemüth zu beruhigen und ihn zur Beſinnung und Ruhe zurück⸗ zuführen. Du errötheſt, aber gieb Dich zufrieden, ich würde Dir nie Etwas vorſchlagen, was unpaſ⸗ ſend wäre. Onkel Ahlbom iſt als Arzt bei Erland anweſend, und übrigens iſt es eine Handlung der Barmherzigkeit, welche unmöglich Etwas an ſich haben kann, worüber Di zu erröthen brauchſt. — en„— 169 Harald hielt wieder inne. Wie viel Muth er während dieſes Geſpräches entwickelte, das ahnte Calla nicht. — Kann ich etwas Gutes thun, dann will ich Dich gern begleiten,— antwortete ſie. Kurz darauf ſtand Calla an Erlands Bett. Er fuhr fort zu phantaſiren; als Calla ſich über ihn beugte, murmelte er: — Calla, Calla, warum ſagteſt Du, daß Du die beſſere Stimme in meinem Innern ſeieſt, und täuſch⸗ teſt mich doch ſo? — Ich habe Dich nicht getäuſcht,— flüſterte ſie. Beim Klange ihrer Stimme fuhr Erland zuſam⸗ men, ſchlug die Augen auf und richtete dieſelben auf ſie. — Dank, Dank,— ſtammelte er mit einem matten Lächeln; dann ergriff er ihre Hand und und fügte hinzu: — Du biſt wieder mein guter Engel!— Du biſt wieder die Stimme aus meinem Innern, welche ſo ſchön von Verſöhnung und Liebe ſprach. — Ja, ja,— antworte Calla; aber ihre Lippen waren todtenbleich. Schon an demſelben Abend ließen Harald und Barbro Erland nach Björnbo bringen, damit er beſſer gepflegt werde. Und wir laſſen ihn bis auf Weite⸗ res unter dem Schutz ſeiner dortigen Freunde. 17⁰ Am Tage darauf ſaß Calla in ihrem Zimmer, den Kopf auf die Hand geſtützt und den Blick auf den eben erſchienenen Tendenz⸗Roman geheftet: „Die Stellung des Weibes, wie ſie ſein mußte.“ Dabei hielt ſie folgenden ſtillen Monolog: — Es iſt Etwas à la Sophie Sayer, ſagte Harald von dieſem neuen Verſuch. Sollte wohl etwas Wahres in ſeiner Aeußerung liegen? — Nein! der Verleger erklärte ja in ſeinem erſten Brief, daß dieſer mein erſter Verſuch von Geiſt zeuge. Er erſucht mich nur, den Tendenz⸗ Roman aufzugeben, weil das ein undankbares Genre iſt.— Aber, wenn ich bei Allem dieſem doch eine unrechte Bahn betreten? Wenn Harald mit ſeinem geſunden und klaren Urtheil doch Recht hätte. Harald und immer Harald; was gehen mich eigentlich Harald und ſein Streben an. Calla machte das Buch wieder zu und ſtand auf, indem ſie ſagte: — Nein, ich fühle, daß ich auf dem Wege fort⸗ ſchreiten muß, auf welchem ich den erſten Schritt ge⸗ than. Ich will mit meinem Vater ſprechen. Calla ſtellte ſich vor das Fenſter, faltete die Hände und blickte hinauf nach der blauen Himmels⸗ feſte, während ſie in Gedanken fortfuhr: 3— Du weißt, o Gott! daß ich nur nach dem ſtrebe, was gut und recht iſt. So ſtand ſie da lange Zeit; endlich aber ging ſie nach der Thüre mit den Worten: — Ich muß mit Papa ſprechen. — Ich muß mit Papa ſprechen,— ſagte in dem⸗ ſelben Augenblick Fliſe,— als ſie unten im Saale 171 an einem der Fenſter ſtand, und ebenfalls ihre Schritte nach dem Comptoir im Hofe richtete, wo Milner ſaß und ſchrieb, während er in ein lebhaftes Raiſonnement mit ſich ſelber vertieft war. — Der Fabrikbeſitzer D— auf Strömsfors hat alſo im Namen des Sohnes um Gliſens Hand an⸗ gehalten. Der junge D ſcheint einen aufrichtigen Cha⸗ rakter zu haben, iſt der einzige Erbe von Strömsfors Fabrik und Hammerwerk und liebt, wie der Vater behauptet, das Mädchen von Herzen. Wie wir dort waren, kam es mir vor, als wenn Gliſe auch nicht kühl gegen ihn ſei. Welche Freude würde es für mich ſein, meine Kinder gut verheirathet zu ſehen und wenigſtens eines von ihnen in der Nachbarſchaft zu haben. Was Calla anbetrifft, ſo wird wohl nach jenem Ereigniß mit Erland Verlobung werden, ſo wie er geſund wird. Nun ja, warum nicht? Werner iſt, meiner Seele, ein gediegener Alter und wird die Söhne ſeiner Schweſter nicht ohne Brod laſſen. So bin ich denn, Gottlob, von allem Kummer wegen der Zukunft des Mädchens befreit. Ein glücklicher Vater bin ich nicht! Vergleicht man Urda und mein Mädchen, ſo muß man zugeben, daß es mir beſſer, als Werner, ge⸗ lungen iſt, ihnen eine gute Erziehung zu geben. Das wäre ein ſchönes Leben geworden, wenn die meinigen angefangen hätten, für die Emancipation der Frauen und dergleichen Unſinn zu ſchwärmen, 172 wie die verrückte Urda ſich in den Kopf geſetzt hat, man muß aber geſtehen, daß die Fehler des Kindes zum Theil durch die Eltern ſelbſt veranlaßt worden ſind. Darum konnten die meinigen nie... Weiter kam Milner nicht in ſeinem Beglückwün⸗ ſchungsmonolog und in der Selbſtzufriedenheit wegen ſeiner Kinder; dann öffnete ſich die Thüre und Eliſe trat ein. Der Gang des jungen Mädchen hatte nicht die gewöhnliche Unſicherheit; im Gegentheil, es lag etwas Entſchloſſenes in ihrem Weſen. Ich habe Etwas mit Papa zu ſprechen, falls Papa nicht abgehalten iſt. — Es paßt um ſo beſſer, als ich Dir auch Etwas zu ſagen habe,— antwortete der Vater freundlich. — Komm und ſetze Dich zu mir, und ſage mir zuerſt, was Dir am Herzen liegt. — Wie Papa wiſſen, habe ich eine ziemlich gute Stimme,— fing Eliſe an. — Ja, das weiß ich ſchon, weil Deine Geſang⸗ lehre mich ziemlich viel gekoſtet; aber ſeit Du nach Hauſe zurückgekehrt, habe ich Dich kaum bewegen können, zwei oder drei Mal zu ſingen, und niemals ſo, daß es Jemand gehört hat.— Nun weiter. — Schon während meiner Penſionszeit beſchloß ich, als man mir ſagte, daß meine Stimme einen ungewöhnlichen Umfang habe, Sängerin zu werden. Eliſe ſprach langſam und mit Beſtimmtheit. — Sängerin!— rief Milner, welcher in ſeiner Eigenſchaft als Landmann und auf dem Lande geboren und erzogen eine Menge Vorurtheile hatte. „———„— 1—— 1— 5 — 173 Das Wort Sängerin bedeutete für den einfachen Milner ungefähr daſſelbe wie herumreiſender Taſchen⸗ ſpieler oder dergleichen. Zu ſeiner Entſchuldigung muß man jedoch an⸗ führen, daß er nie im königlichen Theater geweſen, nie Jenny Lind gehört, und daß er in dergleichen Dingen vollkommen fremd war. Nehme man noch dazu, daß er eine bedeutende Portion Eitelkeit beſaß und daß er vor Allem, was den geringſten Flecken auf ihn oder ſeine Familie werfen könnte, eine große Angſt hatte. — Sängerin! was in Gottes Namen ſagſt Du? Willſt Du Sängerin werden? Du, die eine ſo gute Erziehung genoſſen und die Tochter eines ehrlichen Mannes biſt. — Beſter Papa! laß mich erklären, was ich meine,— antwortete Eliſe lächelnd;— Du blickſt mich ja ſo erſchrocken an, als wenn ich im Begriff ſtände, ein großes Verbrechen zu begehen. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und Calla trat ein. — Das war hübſch, daß Du kamſt,— ſagte der Vater zu ihr; Eliſe iſt im Begriff, mir ſchöne Neuigkeiten mitzutheilen, mußt Du wiſſen. — Um was handelt es ſich? — Eliſe will Sängerin werden! Milner ſah Calla mit einer Miene an, als wenn er erwartet hätte, daß ſie vor Entſetzen zu Boden ſtürzen würde. — Ja, ich weiß es,— antwortete ſie mit der größten Ruhe von der Welt. 174 — War es nichts Anderes? Jeder Menſch muß ſeinem inneren Rufe folgen. — Ruf, Sängerin zu werden, was ſchwatzeſt Du?— fiel Milner hitzig ein. — Papa,— bat Fliſe freundlich,— laß uns die Sache kaltblütig ins Auge faſſen. Ich habe eine gute Stimme, ich habe wirklich muſikaliſche und, wie ich glaube, auch dramatiſche Anlagen; was iſt na⸗ türlicher, als daß ich eine Laufbahn wähle, auf wel⸗ cher dieſe meine Anlagen ſich geltend machen können. Schauſpielerin zu ſein, iſt nichts anders, als Künſt⸗ lerin zu ſein. Man genießt als Künſtler Achtung und führt das angenehmſte Leben, weil man frei und nur von ſeinem Talent abhängig iſt.— Es iſt nur hier im Dorf und in den Augen von unwiſſenden Leuten, daß man Vorurtheile gegen den Schauſpielerberuf hat. Aber ein aufgeklärter Menſch hütet ſich, etwas ſo Einfältiges auszuſprechen. — Einfältig oder nicht, ſo will ich nicht, daß eins meiner Kinder Comödiantin werden ſoll,— ant⸗ wortete Milner faſt ſtreng. — Du biſt nicht arm und brauchſt nicht die elende Rolle zu übernehmen, andere Leute für Geld zu amüſiren. — Beſter, guter Papa, ſpreche um Gottes willen nicht ſo, es klingt denjenigen, die nicht gewohnt ſind, eine ſolche Sprache zu hören, ſo ſonderbar. Eliſe lächelte. — Wenn wir recht nachdenken wollen, ſo ver⸗ kaufen und kaufen wir Alle vom Reichſten bis zum Aermſten. Du verkaufſt Dein Korn und ich laſſe — 8 8S 8 8— 175 meine Stimme bezahlen. Du cultivirſt das Feld, ich meine muſikaliſchen Anlagen. Mein Gott, ſiehſt Du nicht ein, mein gutes Papachen, daß das Eine unmöglich mehr erniedrigend ſein kann, als das Andere? — Höre mal, Eliſe, ich ſitze nicht hier, um von Dir Unterricht zu nehmen.— Du magſt Stimme haben oder nicht, das kommt auf Eins heraus; aber das iſt gewiß, daß Du nicht Sängerin werden darfſt, es möge nun eine noch ſo große Ehre damit verbun⸗ den ſein.— Ich will es nicht ſehen und nichts davon wiſſen, daß Du die Theaterbretter betreteſt. Uebrigens werden wohl alle die Ideen da zuſammenſtürzen, wenn ich Dir mittheile, daß der junge D— um Deine Hand anhält, und daß mein beſtimmter Wille iſt, daß Du ſeine Hand annimmſt. Calla ſtützte ihr Haupt auf ihre Hand und be⸗ trachtete die Schweſter.— Eliſe wechſelte wieder ein wenig Farbe, und antwortete mit derſelben Ruhe, mit welcher ſie die ganze Zeit geſprochen: — Gewiß kann es nicht Deine Meinung ſein, lieber Papa, mich zu Etwas zu zwingen, was ich ſelbſt nicht will.— Wir leben nicht in den Zeiten, in welchen die Töchter eine Handelswaare in den Händen der Eltern waren, die ſie nach Belieben an den Meiſtbietenden verkaufen konnten.— Nein, die Geſellſchaft hat uns wirklich das Recht eingeräumt, auch eine Stimme mit zu haben; und da ich unter keinen Umſtänden auf daſſelbe zu verzichten gedenke, oder mich lebenslänglich zur Sklavin eines Mannes zu machen, ſo wage ich es, dem jungen D— eine beſtimmte abſchlägige Antwort zu geben. 176 — Was ſagſt Du? Du gibſt D— eine ab⸗ ſchlägige Antwort? — Ja, Papa.— Ich habe übrigens beſchloſſen, mich nicht zu verheirathen; denn dieſes Abquälen für die materiellen Bedürfniſſe, dieſe Rolle der erſten Dienerin im Hauſe, welche eine Frau ſpielt, kommt mir viel zu elend vor, als daß ein freier Menſch darnach ſtreben könnte.— Wenn Weib und Mann eine gleiche Stellung einnehmen, und die Eine ſich dem Andern nicht unterzuordnen braucht, wenn ſie die⸗ ſelben Freiheiten und Rechte erhalten, dann, Papa, kann ich mich vielleicht dazu entſchließen zu heirathen; bis dahin bleibe ich Künſtlerin. — Gegen meinen Willen? — Ja, wenn ich nicht Deine Einwilligung erhalte, ſo werde ich es gegen Deinen Willen,— antwortete Eliſe mit milder Stimme, und ergriff die Hand des Vaters, welche ſie küßte. — Kind, Kind, Du ſtehſt im Begriff, Deinem Vater einen großen Kummer zu bereiten,— ſagte Milner mit einem ſchmerzlichen Ausdruck. — Nur einen eingebildeten, beſter Papa; denn wenn Papa mit ſeinem geſunden und klaren Ver⸗ ſtand darüber nachdenkt, ſo wird Papa die Sache von einem ganz anderen Geſichtspunkt betrachten. Dann erwähnte Eliſe, daß es ihr gelungen ſei, durch ihren früheren Muſiklehrer, Herrn 3—, das Verſprechen zu erhalten, bei dem königlichen Theater als ih oder als Schülerin angenommen zu werden. Mit finſterer Miene hörte Milner der Tochter zu, und als ſie zu Ende war, ſagte er nur: * —— — —*— n—————— — Verlaſſe mich. Wir werden den Nachmittag weiter mit einander ſprechen. — Du biſt doch nicht böſe?— fragte Eliſe. — Gehe, und erinnere Dich, daß wenn Du ein⸗ mal die Bühne betreten haſt, Du nie mehr über meine Schwelle kommen darfſt,— antwortete er und ſchob ſie von ſich. Fliſe entfernte ſich ganz unruhig. Milner und Calla waren allein. Der Vater ſaß gedankenvoll da und ſchien ganz die Anweſenheit der andern Tochter vergeſſen zu haben. Ein unter⸗ drückter Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Nach langem Schweigen blickte er auf und ſah Calla, welche mit zärtlicher Theilnahme ihre Blicke auf den Vater gerichtet hatte. — Was ſagſt Du von dem da? Habe ich nicht Grund mich glücklich zu ſchätzen, da eines meiner Kinder erklärt, mir nicht gehorchen zu wollen? Milner ſprach mit Bitterkeit. Er ſtand auf und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen. — Aber, Papachen, das iſt ja kein Grund ſich zu grämen,— antwortete Calla, ſprang hin zum Vater und legte ihre Hand auf ſeine Schulter, indem ſie heiter hinzufügte: — Denke Dir nur, welche Freude und welcher Stolz es für uns Alle ſein würde, wenn Eliſe einſt eine ebenſo berühmte Sängerin wie Jenny Lind würde.— Denke Dir: Deine Tochter eine zweite Jenny Lind! — Höre mal, Mädchen, ein Mal für alle Mal. Ich will keine Künſtlerin zur Tochter haben. Ich will nicht von dergleichen Dingen ſprechén hören. Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. I. 12 178 Ach! ich war vor Kurzem ſo vergnügt und ſo froh, und dankte Gott, daß er mir den Schmerz erſpart hatte, ein Kind gleich Urda Werner zu beſitzen. Jetzt— jetzt kommt Eliſe und zerſtört mir all dieſe Freude, welche die Zukunft mir verſprach;— aber Du, Calla, wirſt mir keinen Kummer bereiten. — Keinen Kummer,— fiel Calla ſchmeichelnd ein;— aber auch ich habe Dir Etwas anzuver⸗ trauen. — Etwas anzuvertrauen?— Oh, das zu erra⸗ then, wird mir nicht ſchwer fallen; und wie ich hoffe, ſo iſt es nicht von einer ſolchen Natur, daß ich mich zu beunruhigen brauche. Der Vater ſtrich freundlich mit der Hand über das ſeidenweiche Haar des jungen Mädchens. — Nein, Du brauchſt Dich nicht zu beunruhigen, obgleich ich fürchte, daß Du das, was ich ſagen will, nicht errathen kannſt. — Mädchen, haſt auch Du etwas Böſes im Sinn? — Böſes? Papa! Calla ſah den Vater mit einem unwiderſtehlichen, zärtlich vorwurfsvollen Blick an. — Papo, laß mich mit Dir ſprechen, als wäreſt Du mein zweites Ich. — Nun, laß mal hören. Milner ſetzte ſich und Calla nahm Platz an ſei⸗ während ſeine eine Hand eine der ihrigen hielt. — Papa; ich habe die Abſicht, als Schriftſtel⸗ lerin aufzutreten, und eine Arbeit von mir iſt be⸗ reits gedruckt.. 179 6— Du biſt alſo ein Blauſtrumpf, Kind!— ⁵ ſtöhnte der arme Vater und ſtarrte die Tochter an. — Ich bin Schriftſtellerin. — Kind, Kind, Ihr habt Euch gegen mich ver⸗ ſchworen!— rief Milner. — Ach! Papa, fühlſt Du Dich denn nicht glück⸗ lich darüber, daß Deine Töchter nicht zu jenen All⸗ tagsweibern gehören, welche ihre alten Gewohnhei⸗ ten wiederkäuen und ſich in ſtumpfer Dummheit un⸗ ter Jahrhunderte alte Vorurtheile beugen? Papa, glaube nicht, daß eine blinde Eitelkeit oder eine überſpannte Phantaſie mich dazu bewogen haben, Schriftſtellerin zu werden. Nein, ich habe mich durch edlere Beweggründe zu dieſer Schrift berufen gefühlt. In demſelben Maße, in welchem ſich mein Verſtand entwickelte, erweiterte ſich auch mein Geſichtskreis, und ich fing an über die Stellung des weiblichen Geſchlechts im Leben nachzudenken. Einige kleine poetiſche Verſuche während meiner Penſionszeit, welche von meinen Mitſchülerinnen und Lehrerinnen mit Beifall aufgenommen wurden, ſowie auch die Erklärung der erſten Gouvernante, Mam⸗ ſell Brun, daß ich wirklich Talent beſäße, um als Schriftſtellerin aufzutreten, bewirkten, daß ich die Zeit, welche ich zu Hauſe geweſen dazu benutzt habe, 4 die Schritte auf der Schriftſtellerlaufbahn zu thun, —— und das lediglich, um mein Geſchlecht zu eman⸗ piren — Emancipiren, emancipiren!— wiederholte Milner. — Ja, meinſt Du nicht, daß das nöthig iſt? — Caila, Calla, auch Du beſchwörſt Kummer 180 auf das Haupt Deines Vaters herab. Was haſt Du geſchrieben? antworte ſofort. Calla nannte ihre Arbeit. Wir übergehen die Worte des Aergers und des Zornes, welche Milner ausſprach. Calla, die einſchmeichelnder und vielleicht gut⸗. müthiger und weniger egoiſtiſch als Eliſe war, em⸗ pfand in Folge deſſen ein Unbehagen bei dem Schmerz, welchen der Vater an den Tag legte. Sie ſuchte durch ihre Zärtlichkeit das Bittere ihrer Mittheilung zu mildern. Aber jene Enthüllungen waren zu plötzlich ge⸗ kommen und ſtanden in geradem Widerſpruch mit dem, was der Vater in Beziehung auf ſeine Töchter wünſchte; und wir müſſen einräumen, daß Milner gar zu ſonderbare Begriffe von Schriftſtellerinnen und Künſtlerinnen hatte, als daß es über ſich hätte gewin⸗ nen können, ſeine Töchter in dieſen beiden Eigen⸗ ſchaften auftreten zu ſehen. Er, welcher ſie bereits in der Einbildung mit wohlhabenden, um nicht zu ſagen reichen, Männern verheirathet und ſich ſelbſt als den glücklichſten Fa⸗ milienvater von der Welt geſehen, er wurde jetzt damit bedroht, daß die Eine nach Stockholm reiſe, um auf dem Theater aufzutreten und ausgepfiffen oder applaudirt zu werden, was er für gleich ſchimpf⸗ lich hielt, und die Andere ſich an einem Schreib⸗ tiſch niederließe, um ſich in ihre Phantaſieen zu ver⸗ tiefen, und ſo exaltirt und zerſtreut zu werden, daß ſie weder wie andere Menſchen ſprechen, noch ant⸗ worten könnte, ſondern immerwährend aus Zerſtreut⸗ heit Sottiſen machte, ohne fähig zu ſein, Freude und 7 —— — 7 181 Gemüthlichkeit um ſich zu verbreiten; und dies Alles bloß deshalb, weil ſie auf den Einfall gekommen war, das Publikum mit ihren lehrreichen Romanen unterhalten zu wollen. Milner empfand Etwas gleich einem Schauder bei dem Gedanken, daß ſeine hübſche, blühende und muntere Calla eine ſolche ſchriftſtellernde Maſchine werden ſollte, die damit enden würde, halbverrückt auszuſehen und ganz verrückt zu werden. Gewiß waren ſolche Gedanken ſehr niederſchla⸗ gend für den armen Landmann, welcher das Solide hier im Leben liebte und das Dichten nur als ein Spiel in müßigen Stunden betrachtete. Er begann von Calla's Liebe zu Erland zu ſpre⸗ chen, welche er Milner) ſelbſt wahrgenommen hatte, ſowie von ihrer Pflicht, ſich zu verheirathen, von Er⸗ lands glänzenden Eigenſchaften, von„Gold und grü⸗ nen Wäldern“, Alles in der lobenswerthen Abſicht, ihre Gedanken von den tollen Schriftſtellerideen ab⸗ zulenken. — Lch, mein Kind, Erland würde ſterben, wenn er Dich nicht zur Gattin bekommt,— ſchloß Mil⸗ ner, welcher das gute Herz ſeiner Tochter kannte. — Papa, ich habe niemals geſagt, daß ich mein Leben unverheirathet zuzubringen gedenke; es wird davon abhängen, ob Erland und ich unſere Ideen in Einklang bringen können; aber auch das wird mich nicht abhalten, auf dem Wege fortzuwandeln, den ich mir vorgezeichnet, um Licht über die unglück⸗ liche Stellung meines Geſchlechts zu verbreiten. Calla wurde hier unterbrochen, denn die Poſt kam und Milner mußte das Felleiſen öffnen. Es 182 waren zwei Briefe darin an Calla. Der eine war von ihrem Verleger, welcher ihr mittheilte, daß die zweite kleine Arbeit gedruckt worden ſei. Das junge Mädchen hatte daſſelbe ohne alle Anſprüche auf Re⸗ form oder Prätenſion, ihre Ideen geltend zu machen, geſchrieben. Es war lediglich das Product ihrer Einbildung, lebendig, anmuthig und ohne alles Jagen darnach, Aufſehen zu erregen. Der Verleger fügte der Nachricht vom Druck einige ſchmeichelhafte und aufmunternde Worte von dem Erfolg, den er ihr prophezeite, hinzu, und be⸗ ſtärkte ſie darin, auf der Laufbahn, die ſie gewählt, zu beharren. Der andere Brief dagegen war von ihrer früheren Lehrerin, Mamſell Brun, welche ihre Schrift von der Emancipation des Weibes auf das überſchwenglichſte lobte und ſie aufmunterte, fortzu⸗ fahren und nicht müde zu werden. Die Schmeichelei iſt ein Gift und dieſe beiden Briefe, welche ſo vollkommen geeignet waren, der Eitelkeit zu ſchmeicheln, brachten alle andern Eindrücke im Herzen des jungen Mädchens zum Schweigen; daſſelbe wurde von einer unwiderſtehlichen Begierde ergriffen, berühmt zu werden, was man bei dem Manne Ehrgeiz, bei dem Weibe aber ſchlecht und recht Eitelkeit nennt. Jetzt glaubte Calla, ſie ſei von Natur mit Genie begabt, und dachte ſich bereits als diejenige, welche alle Frauenzimmer, deren Namen in der Literatur irgend einen Werth hätte, verdunkeln würde. Sie würde eine Sonne werden, die mit ihrer Pracht alle dieſe, jetzt in ihren Augen ſo kleinen Geſtirne, über⸗ — — 183 ſtrahlte. Sie würde eine zweite Madame Stasl, ein George Sand werden. Arme Calla! wie weit führte Dich nicht jetzt Deine Phantaſie, wo die Stimme der Vernunft ſich nicht geltend machen konnte, um Dich daran zu erin⸗ nern, daß wir in der Literatur Frauen haben, die ſo hoch ſtehen, daß es keine leichte Sache iſt, ſie zu erreichen, geſchweige denn zu übertreffen. Wenn man aber neunzehn Jahre alt iſt, dann ſieht man Alles, vorzüglich aber ſeine eigenen Verdienſte, durch ein Vergrößerungsglas. Die natürliche Folge dieſer geſteigerten Eitelkeit war, daß ſie, als der Vater und ſie das Geſpräch wie⸗ der aufnahmen, Alles aufbot, um ihn dazu zu be⸗ wegen, auf ihre Seite überzugehen. Sie liebkoſte ihn, ſie ſchmeichelte ſeiner väterlichen Eigenliebe, ſie ſprach davon, einſt eine zweite Frederika Bremer oder Frau Carlén zu werden; ganz als wenn das eine abgemachte Sache geweſen wäre. Wie ſie jetzt da ſprach, ſchmeichelte und liebkoſte, gelang es ihr wirk⸗ lich, den Vater in eine ganz andere Gemüthsſtimmung zu verſetzen. — Nun, mein Gott! wenn Du glaubſt auf die Weiſe glücklich werden zu können, ſo ſchreibe denn, liebes Kind!— Freilich hätte ich lieber geſehen, daß Du ſchlecht undr echt ein Weib geblieben wäreſt. Auf dieſe Weiſe hatte Calla den Vater dazu be⸗ wogen, den erſten Schritt zu thun; jetzt galt es, ihn nach und nach zu anderen Conceſſionen, von denen ſie träumte, zu bewegen, damit ſie ihr Leben nach den Grundſätzen einrichten könnte, welche ſie in Beziehung auf die Stellung des Weibes feſthielt. Nachmittags kam Herr 8—, Eliſens früherer Mu⸗ ſiklehrer, und es fand eine lange Berathung in Be⸗ ziehung auf ihr Engagement am Theater ſtatt. Milner war böſe, faſt erbittert, aber all ſein Zorn, alle ſeine ablehnenden Antworten ſcheiterten an Eliſens Ant⸗ ort: — Geliebter Papa, gibſt Du nicht Deine Ein⸗ willigung, ſo werde ich Sängerin gegen Deinen Willen. Und ſeine Antwort darauf war: — Werde Sängerin, weil Du ſo willſt, aber kehre nachher nie in das Vaterhaus zurück. Und damit war die Unterhandlung geſchloſſen. (Ende des erſten Bandes.) ſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſiſiſ