L2Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Okimunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— Geih und cCeſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ————— jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus zbezahlt werden und eträgt: für wohenlie 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: Mk.— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 5„„. B 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Fremde, der mit der Erwartung eines lebhaften, ſüdlich großſtäd⸗ tiſchen Lebens, wie es zum Beiſpiel in Neapel herrſcht, hierher kommt, wird ſich bald auf das ſchmerzlichſte enttäuſcht ſehen. Allerdings iſt an ſchönen Sommerabenden im Prado, wo ſich die ganze elegante Welt verſammelt, viel Gewühl anzutreffen. Die Herren wandeln, behaglich ihre Papiercigarren rauchend, in langen Reihen auf 1 2 und nieder, während die Damen größtentheils auf den ſteinernen Bänken ſitzen und mit einan⸗ der plaudern und lachen, oder das Eiswaſſer ſchlürfen, welches die umherwandelnden Waſſer⸗ träger fortwährend mit großem Geſchrei feilbie⸗ ten. Die maleriſche Mantilla, welche das ſchöne Geſchlecht noch größtentheils beibehalten hat, ſticht ſeltſam, aber ſehr vortheilhaft gegen die unſchöne franzöſiſche Tracht ab, welche die Mode und der gute Ton den Männern zu tragen be⸗ fiehlt. Nur zuweilen drängt ſich ein Majo, ſo nennt man hier die Stutzer aus den niedern Volksklaſſen, in ſeinem reichen und pittoresken andaluſiſchen Nationalanzuge, zwiſchen den jun⸗ gen franzöſiſchen Geſandſchaftsattachss, die auf Liebesabenteuer ausgehen, den langweiligen und gelangweilten Engländern, und den echt ſpani⸗ ſchen Hidalgos in Frack und Glacshandſchuhen, mit keckem und rückſichtsloſem Uebermuthe durch, an ſeinem Arme eine kleine feurige Manola, wie man in Madrid die Griſetten nennt, führend. Sie läßt ihre glühenden ſchwarzen Augen in raſtloſer Beweglichkeit über die verſammelte Män⸗ nerwelt hinſchweifen, und verſteht ihren Fächer, dieſe zweite Sprache der Spanierinnen, ſehr gut zu handhaben. Ihr Begleiter iſt nicht wenig ſtolz auf dieſe ſeine allerdings etwas unzuverläſ⸗ ſige Eroberung, und thut ſein Möglichſtes, um ſie durch Orangen, Eiswaſſer und wohlriechende Cigaretten feſt an ſich zu ketten. Die Andalu⸗ ſierin dort erkennt man ſogleich an ihrem hohen ſchlanken Körperbau, ihrem leichten ſchwebenden Gang und der überaus anmuthigen Art, mit welcher ſie ihre ſchwarzſeidene Mantilla zu tra⸗ gen und zu drapiren verſteht. Dagegen wird auch Niemand nur einen Augenblick daran zwei⸗ feln, daß dieſe beiden langen, blonden Damen hier mit den geſchmackloſen Hüten, der ſteifen Körperhaltung und den vor Prüderie zu Boden geſchlagenen Augen noch im vergangenen Winter gefeierte Schönheiten der Londoner Routs waren. Die Franzöſinnen und Italienerinnen ſinden ſich ſchon eher in dieſem Treiben zurecht, obgleich auch ſie, ſelbſt für das ungeübteſte Auge, ſo⸗ gleich von den Töchtern des Landes zu unter⸗ ſcheiden ſind. 1* 4 Aber dieſer Prado, das wahre Eldorado der Gaffer und Müſſiggänger iſt vor dem Thore ge⸗ legen und theilt den Straßen der innern Stadt nur wenig von ſeiner Lebhaftigkeit mit. Will man jedoch die ganze Bevölkerung von Madrid beiſammen ſehen und in ihrer Eigenthümlichkeit kennen lernen, ſo muß man im Frühlinge oder im Herbſte an einem heiteren Montags⸗Nachmittage über den Plaza del Sol durch das ſchöne Thor von Alcala, zu welchem eine lange mit kleinen Bäumen beſetzte Allee hinführt, hinauswandeln. Außerhalb der Stadt, neben dem Prado, etwas links von dem Thore, gelangt man dann zu dem für die Stiergefechte beſtimmten Circus, la plaza de toros genannt. Freilich iſt dieſer Gang leich⸗ ter anzuempfehlen, als zu thun, denn an einem ſolchen Montags⸗Nachmittage iſt Alles, was in Madrid nur noch die Glieder rühren« kann auf den Beinen, und die vielen Fuhrwerke vom Mietheorricolo und dem großen von zehn bis zwölf mit Schellen und Troddeln behangenen Maulthieren gezogenen Omnibus, bis zu dem prächtigen, mit ſechs andaluſiſchen Hengſten be⸗ 5 ſpannten Staatswagen der Königin, welche alle mit wahrhaft mörderiſcher Geſchwindigkeit dem Ziele ihrer Beſtimmung zurollen, tragen eben nicht viel dazu bei, dieſen durch das Gewühl, die Hitze und den Staub ohnedieß lebensgefähr⸗ lichen Gang angenehmer zu machen. An dem Circus angelangt, drängen ſich alle dieſe verſchiedenen Fuhrwerke nach den Eingän⸗ gen zu, und die an dem Hauptthore des Gebäu⸗ des aufgeſtellte leichte Reiterei hat alle erdenk⸗ liche Mühe, dieſes chaotiſche Gewirr in Ord⸗ nung zu erhalten. Dagegen halten die Fußgän⸗ ger von ſelbſt eine muſterhafte Ordnung. Dieſe vielen Tauſende von Menſchen nehmen ohne allen unnöthigen Tumult und ohne alles Ge⸗ dränge ihre Plätze in dem Circus ein, und die Männer bilden mit echt ſpaniſcher Höflichkeit eine lange Reihe, um die Frauen an ſich vor⸗ über zu laſſen und ihnen den Vortritt zu ge⸗ währen. Der Circus ſelbſt iſt kreisrund, von außer⸗ ordentlichem Umfange, ſehr dauerhaft gebaut, und mit einer großen maſſiven Ringmauer um⸗ 6 geben Sein Dach iſt der blaue liebe Gottes⸗ himmel und die Sonne hat Beleuchtung und Heitzung unentgeltlich übernommen. Leider thut ſie in letzterer Beziehung zuweilen des Guten zu viel, und wenn ſelbſt im Frühjahre und im Herbſte diejenigen, denen ihre beſchränkten Geld⸗ mittel nur die wohlfeileren Plätze der Sonnen⸗ ſeite geſtatten, einen beiläufigen Begriff von den Annehmlichkeiten des Lebendiggebratenwerdens be⸗ kommen, ſo wird man leicht einſehen, daß die Stiergefechte im hohen Sommer zum großen Leidweſen der für dieſelben ſchwärmenden Be⸗ völkerung zu den unmöglichen Dingen gehören. Im Winter aber ſind die Stiere zu kalt und zu feige, ſo, daß alſo nur die zwei Uebergangs⸗ Jahreszeiten, der Frühling und der Herbſt, die⸗ ſem edlen Vergnügen gewidmet werden können. Die Arena iſt von einer hohen, dicken und hellroth angeſtrichenen Holzſchranke umgeben, hinter welcher ein breiter, mit Dielen verſchlage⸗ ner Weg freigelaſſen worden iſt. Hinter dieſem Wege erheben ſich die Stufen für die Zuſchauer, welche ohngefähr dem Parterre unſerer Theater 7 entſprechen und über dieſen Stufen die Logen, welche gewöhnlich von vornehmen Familien für die ganze Dauer der Saiſon gemiethet und mei⸗ ſtens ſehr elegant eingerichtet ſind. Das Volk mußte ſich heute ein beſonderes intereſſantes Schauſpiel verſprechen, denn auf den Mienen der Meiſten, die ſich jetzt haſtig nach dem Circus hinbewegten, war Neugierde und geſpannte Erwartung zu leſen, und zuweilen hörte man wie der Name Francisco Lontes in dem Tone der größten Wichtigkeit und Ehrfurcht geflüſtert wurde. Das war es alſo! Francisco Lontes, der berühmteſte Matador Spaniens, der nie fehlende Espada ſollte heute auftreten. Zu der Zeit, in welcher dieſe unſere Erzählung beginnt, ſtand Lontes noch im Zenith ſeines Ruhmes und ſei⸗ ner Kraft. Er erhielt für jeden Kampf fünfzehn⸗ hundert Franken, und verſtand es auch, mit An⸗ ſtand einen, ſeinem großen Einkommen angemeſ⸗ ſenen Aufwand zu machen. Seine Freigebigkeit und ſein ritterliches Weſen trugen eben ſo viel als ſeine unglaubliche Geſchicklichkeit in dem ge⸗ 8 fährlichen Spiele dazu bei, ihm die Gunſt des Volkes zu gewinnen und zu erhalten. Bald war der Circus überfüllt, und die er⸗ wartungsvollen Zuſchauer vertrieben ſich die Zeit ſo gut es ging damit, ſich Orangenſchalen und Spottworte zuzuwerfen. Beſonders waren die Fremden die Zielſcheibe des Volkswitzes, und ein unglücklicher Engländer wurde zweimal, un⸗ ter allgemeinem Jubel und Gelächter, genöthigt, ſeine ſilberne Brille abzunehmen und wieder auf⸗ zuſetzen. Endlich war es fuͤnf Uhr. Eine Fanfare ertönte, und die drei oder vier Spritzfäßer, welche mit magern Kleppern beſpannt bis jetzt zur Befeuchtung des Sandes auf der Arena herumgeführt worden waren, verſchwanden. Eine Abtheilung ſchön uniformirter blauer Jäger zu Pferde umkreiſte im Schritt die Arena. Dann er⸗ tönte eine zweite Fanfare, und die Kämpfer tra⸗ ten ein. Den Zug eröffneten drei Picadores auf ſchlechten Pferden, mit langen Lanzen bewaffnet. Sie tragen einen grauen Filzhut mit flachem Rande, eine gologeſtickte Jacke und ein Beinkleid von 9 gelben Dammhirſchleder. Ihre Lanzen haben aber nur eine fehr kleine eiſerne Spitze, da ſie blos dazu beſtimmt ſind, den Stier zu reizen, nicht aber ihn zu verwunden. Das rechte Bein des Picadors iſt durch eine eiſerne Schiene gegen die Hörnerſtöße des Thieres geſchützt. Hinter den Picadores kommen die Matadores oder Espadas, das heißt, die eigentlichen Töd⸗ ter. Sie ſind alle ſehr reich gekleidet, und Lon⸗ tes eine ungemein kräftige, männlich ſchöne Ge⸗ ſtalt wird mit beſonderem Jubel empfangen. Den Schluß des Zuges macht ein großer Schwarm von Chulos und Banderilleros, ſchöne junge Leute in tanzmäßig leichter ſeidener Kleidung, die ſtatt aller Waffe über dem Arm einen leichten Mantel von greller Farbe und mit Gold oder Silber bordirt tragen. Nachdem ſich die Picadores längs der Schranke in einer gewiſſen Entfernung von einander auß⸗ geſtellt und die Chulos und Banderilleros ſich in der Arena zerſtreut haben, ritt ein Alguazil in die Bahn, begrüßte den Präſidenten des Kampfſpiels, und erbat ſich den Schlüſſel zum 10 Toril, das heißt, dem Stalle der Kampfſtiere. Der Schlüſſel wurde ihm zugeworfen, er über⸗ gab ihn dem Hüter und eilte dann, ſich in Sicherheit zu bringen. Es war aber auch wirklich hoch an der Zeit, dies zu thun, denn ſogleich hinter ihm that ſich die Thüre auf, und ein großer pracht⸗ voller Stier kam mit mächtigen Sprüngen in die Arena geſauſt. Trotz ſeiner ungewöhnlichen Größe und Stärke verkündete doch auch jede Bewegung des Thieres eine außerordentliche Leich⸗ tigkeit. In der Mitte der Arena angelangt, blieb es wie geblendet ſtehen, glotzte die Menſchenmenge an und unterbrach durch ſein lautes kurzes Brüllen auf eine ſchauerliche Weiſe die allgemeine Stille. Fünf bis ſechs Chulos ſprangen ſogleich her⸗ bei und ſchwangen ihre Cappa's oder ſeidenen Mäntel um den Kopf des Stieres. Wüthend verfolgte er ſeine neckenden Angreifer und hatte einen derſelben ſchon beinahe erreicht, als er des erſten Picadors zu Pferde anſichtig wurde. Bei dieſem Anblicke ſtutzte der Stier und ließ von dem Verfolgten ab. Der Picador erwartete un⸗ 11 terdeſſen ſeinen Feind unbeweglich mit eingeleg⸗ ter Lanze. Der Stier rannte an, und war bald von einem Lanzenſtoß getroffen. Noch wüthen⸗ der gemacht, ſtieß er dem armen Pferde, ſobald er es erreicht hatte, ſein Horn tief in die Bruſt, ſo daß es augenblicklich zuſammenſtürzte und ſei⸗ nen Reiter unter ſich begrub. Der Stier zerfleiſchte nun in blinder Wuth den Körper des Pferdes, das ſo ſeinem Reiter als Schild diente, mit ſeinem Horne, bis wieder die Chulos herbeiſprangen, um den Stier auf ſich zu lenken, und ſo dem armen gequetſchten Reiter Zeit zu geben, ſich unter dem Pferdecada⸗ ver hervorzuarbeiten und aus der Bahn zu hinken. Dem zweiten und dritten Picador ging es nicht beſſer, als ihrem Kameraden, und das Pu⸗ blicum fing ſchon an, für den Stier Partei zu nehmen, und Bravo, Toro! zu rufen, als Lon⸗ tes in die Arena trat. Bei ſeinem Anblicke verſtummte Alles, denn jetzt ſollte ja eigentlich erſt der ernſthafte Kampf beginnen; bis jetzt war Alles nur Vorſpiel, frei⸗ lich ein ziemlich blutiges Vorſpiel, geweſen. 12 In der einen Hand hielt der gefeierte Ma⸗ tador, der jetzt ruhig dem wüthenden Thiere ent⸗ gegenſchritt, die Muleta, ein blutrothes Tuch, welches dazu beſtimmt iſt, den Stier uoch mehr zu reizen und zugleich zu blenden, in der andern den mächtigen Torero⸗Degen mit der ſcharfen zweiſchneidigen Toledo⸗Klinge und dem kreuzför⸗ migen Griffe. Die Banderilleros hatten den Stier indeſſen mit vielen kleinen, mit Widerhaken verſehenen Wurfpfeilen förmlich geſpickt und ſo zur äußer⸗ ſten Wuth und Verzweiflung gebracht. Sobald das Thier ſeinen neuen und gefähr⸗ lichſten Feind gewahrte, ſtürzte es ſich alſogleich auf denſelben. Lontes floh anfangs abſichtlich. Das Publicum war ſehr erſtaunt, hatte aber zu viel Achtung vor dem bewährten Muthe und der anerkannten Geſchicklichkeit des andaluſiſchen Es⸗ pada, um Zeichen des Unwillens von ſich zu geben, wie es bei jedem anderen Kämpfer un⸗ fehlbar gethan hätte. Und in der That ſollte es auch bald Urſache haben, ſich zu ſeiner Mäßi⸗ gung Glück zu wünſchen, den als Lontes ſchon 13 beinahe von ſeinem Feinde erreicht war, kehrte er ſich plötzlich um, ließ Degen und Muleta hinabſinken, und ſchaute ſo wehrlos mit ſeinem ſtarren dämoniſchen Blicke ſeinem Feinde ins Auge. Verblüfft blieb der Stier ſtehen. Das Volk brach in einen donnernden, nicht enden wollenden Beifallsſturm aus. Unterdeſſen hatte Lontes Degen und Muleta wieder aufgerafft, und war um ein Paar Schritte zurückgeſprungen. Aber auch der Stier hatte ſich wieder von ſeiner Beſtürzung erhelt und ſprang jetzt wie raſend auf das vorgehaltene rothe Tuch los. Aber in demſelben Augenblicke leuchtete ein Blitz auf, und der Degen des Matadors fuhr ziſchend wie wenn glühendes Eiſen in kal⸗ tes Waſſer getaucht wird, bis an das Stichblatt zwiſchen die Kehle und den Nacken des Stieres, der lautlos zuſammenbrach. Lontes verbeugte ſich nun zierlich dankend rings gegen das jauchzende Publicum, raffte die Cigarren, die von allen Seiten auf die Arena flogen, auf, und ſchwang ſich dam über die Schranke, um in dem Gange mit ſeinen Freun⸗ 14 den ruhig, als ob er nichts gethan hätte, zu plaudern und zu rauchen. Nun ſprengten vier Maulthiere ſeltſam be⸗ deckt mit Schellen, gelben Tüchern und rothen Trod⸗ deln in die Arena, und zogen in wenigen Mi⸗ nuten den erlegten Stier und die todten Pferde hinaus. Dann kam ein Mann und ſtreute Sand auf die Blutlachen. Während nun der zweite Stier, ein tückiſches hinterliſtiges Thier, aus der Sierra Morena, ſein Spiel mit den Picadores und Chulos trieb, ſprach Lontes in dem Gange mit einem jungen ſchönen Manne, welcher ſein Neffe war und Chiclanero genannt wurde. Dieſer Chiclanero war nach ſeinem Oheim der geſchickteſte und be⸗ rühmteſte Matador Spaniens, und ſchien dazu beſtimmt zu ſein, einſt ſeinem Lehrer und Oheime ſelbſt den Preis ſtreitig zu machen. Neben dieſen beiden ſtand ein wunderſchönes junges Mädchen von höchſtens dreizehn Jahren in der reichen und reizenden andaluſiſchen Na⸗ tionaltracht. Wer ſie genauer betrachtete, der konnte ihrer Geſichtsbildung nach, keinen Au⸗ 15 genblick zweifeln, daß ſie die Tochter des gro⸗ ßen Lontes ſei. „Juan,“ ſagte dieſer jetzt zu ſeinem Neffen, indem er über die Schranke in den Circus blickte, und das Treiben des zweiten Stiers einen Augenblick ſehr ſcharf beobachtete,„Juan, ich weiß, Du biſt ein ſehr tüchtiger Junge und haſt ein furchtloſes Herz und einen ſtählernen Arm; aber nimm Dich dann doch ein wenig mit dem Burſchen da drinnen in Acht; er gehört zu den tückiſchen gefährlichen Beſtien, die nicht anſprin⸗ gen, ſondern warten. Sieh nur, wie er mit den armen Pferden umgeht.“ „Pah!“ meinte Juan der Chiclanero leicht⸗ ſinnig und ſorglos,„ich will ſchon mit ihm fer⸗ tig werden. Verlaßt Euch darauf.“ „Vater,“ ſagte jetzt Mola mit jugendlich fri⸗ ſcher vibrirender Stimme,„ich kann ſo nichts ſehen, hebe mich doch auf die Schranke hinauf.“ „Das geht nicht, mein Kind,“ ſagte Lontes, „die Stiere ſpringen manchmal über die Barriere, und wenn das nun gerade an der Stelle ge⸗ ſchehe, wo Du ſitzeſt.—“ 16 „Nun, was dann?“ fragte Mola. „So könnteſt Du Schaden nehmen,“ erwi⸗ derte Lontes. 1„Ich bin Deine Tochter,“ ſprach jetzt das Mädchen trotzig,„und fürchte mich nicht vor einem Toro. Und wenn er gerade an der Stelle über die Schranke ſpringt, wo ich ſitze, ſo werde ich ihm ſchon auszuweichen wiſſen.“ Mit dieſen Worten ſprang ſie leicht und be⸗ 6 hend empor und ſetzte ſich auf der Schranke nieder. 4 „Nun, wenn Du allein hinaufkommen kannſt, kleiner Affe,“ lachte Lontes,„warum bitteſt Du mich, daß ich Dich heben ſoll.“ Damit war die Sache abgethan. Molas plötzliches Erſcheinen auf der Schranke hatte die Aufmerkſamkeit des Publicums für einen Augenblick von dem Kampfe abgelenkt. „Bravo, Mola!“ tönte es von allen Seiten. „Beim heiligen Jago, ſie iſt die echte. ihres Vaters.“ Mola ließ ihre glänzenden blauen Augen raſch im Kreiſe herumſchweifen, dann nickte ſie 17 ſtoz und gnädig mit dem Kopfe, und ſchien den Beifall der Menge als einen ihr gebühren⸗ den Tribut gleichgültig aufzunehmen. Sie war ein tolles, unartiges, verzogenes, reizendes Kind. Bald jedoch wurde die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit durch den jetzt ernſthafter werdenden Kampf wieder von ihr abgelenkt. Der Stier hatte drei Pferde getödtet und einen Picador verwundet. Die Banderilleros hatten ihm eine erkleckliche Anzahl Wurfpfeile in den Nacken ge⸗ hackt, und jetzt trat der Chiclanero mit Degen und Muleta in die Bahn. Der Stier wollte nicht angreifen, ſondern erwartete, wie es der erfahrene Lontes vorherge⸗ ſagt hatte, feſten Fußes ſeinen Gegner. End⸗ lich nahe bei der Stelle, wo Mola ſaß, beſchloß dieſer Letztere ein Ende zu machen und ſich auf das Thier zu ſtürzen. Aber in dem Augenblicke, in welchem der Matador den Stoß führte, machte der Stier eine Seitenbewegung, ſo daß der Degen des Chiclanero nur ſeinen Hals ſtreifte, während ſein Horn den Gegner leicht 2 18 am Arme verwundete und in einiger Entfernung in den Sand ſchleuderte. Ein Schrei des Entſetzens ertönte. Juan ſchien verloren; denn die Chulos, die bei der bekannten Geſchicklichkeit des Chiclanero eine ſolche Wendung nicht erwarten konnten, hatten ſich zu weit von der Stelle der Entſcheidung entfernt. Da, in dieſem Momente der höchſten Gefahr, ſprang Mola, zu deren Füßen der Chiclanero gerade gefallen war, von der Schranke herunter, raffte mit Blitzes ſchnelligkeit das rothe Tuch auf und hielt es etwas ſeitwärts von dem Gefallenen, dem Stiere, der eben zum neuen Sprunge an⸗ ſetzte, entgegen. Eine athemloſe Stille herrſchte in dem Circus. Das Thier ließ ſich verleiten und ſtürzte auf das ihm verhaßte rothe Tuch los. Mola wich aber geſchickt aus, ſprang ein Paar Schritte zu⸗ rück und ſchwang dann von Neuem die Muleta. Unterdeſſen waren die Chulos und Bande⸗ rilleros herbeigeeilt, der nur leicht verwundete 19 Chiclanero war wieder aufgeſtanden und hatte ſeinen Degen aufgerafft, und Mola ſchwang ſich lachend wieder auf die Barriere. „Viva Mola Lontes! Viva Mola Lontes!“ ertönte es jetzt tauſendſtimmig. Der Chiclanero hatte ſich jetzt an ſeinem Feinde zu rächen und ſchritt blos mit dem De⸗ gen, ohne Muleta dem Stiere mit erhabener Kühnheit entgegen. Er war ganz blaß vor Zorn, und ergrimmter als die wilde Beſtie. Regungslos auf die eiſerne Kniekehle ge⸗ ſtützt, ließ er den Stier in ſeinen Degen rennen, und als derſelbe lautlos zuſammengebrochen war, hob er Mola von der Schranke und küßte ſie als ſeine Retterin vor dem ganzen Publicum, welches wie raſend applaudirte. Das weitere Gefecht bot kein beſonderes In⸗ tereſſe dar. Mola Lontes aber war in Madrid die Heldin des Tages. 2* Zweites Kapitel. Ein Dolchſtoß und ſeine Folgen. Was iſt bei uns ein Mädchen von dreizehn Jahren? Ein Kind, welches mit ſeiner Puppe ſpielt, und in der Schule ſeine Lektion herſagt. In den füdlichen Ländern, wo die heißere Sonne, eben ſo wie ſie Bäume und Blumen üppiger und ſchneller emporſchießen läßt, auch die Men⸗ ſchen früher reift, iſt ein Mädchen von dreizehn Jahren eine vollkommene Jungfrau— biswei⸗ len auch keine mehr. Unſere Frauen mögen je⸗ doch ihre Schweſtern aus dem Süden um dieſen Vorzug der Frühreife nicht beneiden; denn er iſt ein ſehr zweifelhaftes Geſchenk der Götter. 21 Während die Frauen des Nordens ihre Schön⸗ heit oft bis tief in den Spätherbſt ihres Lebens hinein conſerviren, verlieren die Südländerinnen dieſelbe mit ihrem Frühlinge. Allerdings giebt es auch hier, wie überall, Ausnahmen, und wir ſelbſt werden im Laufe unſerer Erzählung Gele⸗ genheit haben, eine ſolche kennen zu lernen. Nichts war wohl natürlicher, als daß ſich nach dem im vorigen Kapitel erzähltem Auftritte die Verhälmiſſe zwiſchen dem Chiclanero und ſeiner Retterin Mola inniger geſtalteten. Der Erſtere fand es jetzt erſt der Mühe werth, das Kind ſeines Oheims genauer zu betrachten, und ſiehe! er fand, daß das Mädchen die herrlichſten geiſtvollſten blauen Augen, die reichſten blau⸗ ſchwarzen Haare, den zierlichſten, dabei aber doch vollen Körperbau, und die kleinſten Füß⸗ chen von der Welt beſaß. Erſtaunt darüber, daß er ſo viele ungewöhnliche Vorzüge bis jetzt ganz überſehen hatte, beſchloß er, ſeiner niedli⸗ chen und heldenmüthigen Couſine von nun an mit Eifer den Hof zu machen; ein Vorſatz, in welchem ihn vielleicht noch ein Gedanke an das 22 große Vermögen, welches ſich Lontes, wie man be⸗ hauptete, trotz ſeiner nichts weniger als ſparſamen Lebensweiſe ſchon zurückgelegt hatte, beſtärkte. „Lontes,“ ſagte er eines Tages zu ſeinem Oheim,„Eure Tochter hat mir das Leben gerettet, doch das iſt am Ende das Wenigſte! Schon man⸗ cher Chulo oder Banderillero hat mir durch ſein Her⸗ beiſpringen mit der Cappa denſelben Dienſt erwieſen, obgleich ich, merkt es wohl, durch dieſe Bemer⸗ kung die muthige That Eurer Tochter nicht her⸗ unterſetzen, und etwa der Dankbarkeit aus dem Wege gehen will. Gott bewahre; ich wollte damit nur geſagt haben, daß ich mich nicht al⸗ lein deshalb, weil ſie mir das Leben gerettet hat, in Eure Mola verliebt habe; denn ſonſt hätte ich mich, wie geſagt, ſchon in manchen Chulo und Banderillero verlieben müſſen.“ Franzisco Lontes hörte ruhig lächelnd zu. „Wenn Du kein Taugenichts wäreſt, Juan, ſo ließe ſich über die Sache weiter ſprechen,“ ſagte er endlich,„aber alle leichtſinnigen Weiber von Madrid wiſſen von Juan el Chiclanero zu erzählen. Sonſt hätte ich nichts dagegen, wenn 23 meine Mola einen tüchtigen Matador, wie Du einer biſt, heirathete.“ „Bei Gott und der heiligen Jungfrau,“ be⸗ theuerte Juan,„ich ſtelle den Frauen nicht nach, es mag eitel klingen, wenn ich ſelbſt es ſage; aber es iſt deshalb nicht weniger wahr, ſie drängen ſich an mich, ſie ſchicken mir Beſtellun⸗ gen in meine Wohnung, und warum ſollte ich denn bis jetzt, wo ich keine Verpflichtung gegen irgend Jemanden hatte, nicht das, was mir mein gutes Glück an Gunſtbezeugungen zu Theil werden ließ, dankbar annehmen? Wenn Eure Mola mich liebt und Ihr nichts gegen unſer Verhältniß einzuwenden habt, dann freilich muß das anders werden, dann ſollen alle die ſchönen Damen von Madrid ihre feurigſten Blicke und Händedrücke, ihre deutlichſten Winke an mich verſchwenden.“ „Nun wohl“ ſagte Lontes nach einer Weile, „ſo ſieh zu, wie weit Du mit dem Mädchen kommen kannſt; mir ſoll es lieb ſein, Dich Sohn zu nennen. Die Dispenſation will ich Euch ſchon verſchaffen. Aber ich will es Dir um 24 Deiner ſelbſt willen gerathen haben, daß Du Deinen Vorſätzen und meiner Mola treu bleibſt, denn ſie iſt eine Andaluſierin, und führt immer einen kleinen Dolch bei ſich.“ Iſt es nicht ſeltſam, faſt eine JIronie des Schickſals, daß die Liebeslaufbahn eines Wei⸗ bes, welches zu den ungewöhnlichſten pikanteſten Abenteuern beſtimmt war, auf eine ſo philiſtrös⸗ regelmäßige Weiſe begann? Ein ſpaniſcher Stier⸗ kämpfer ſpricht erſt mit ſeinem zukünftigen Schwiegervater in spe, bevor er ſeine Serena⸗ den vor dem Fenſter bringt. Gerade ſo würde es ein deutſcher Candidat der Theologie gemacht haben. Nur das Eine möchte ich wiſſen, ob der tapfere Chiclanero zu dieſer ſeiner feierlichen Werbung einen ſchwarzen Frack und eine weiße Halsbinde angezogen hat. O Romantik, Ro⸗ mantik, was iſt aus Dir geworden, ſelbſt in Spanien, dem klaſſiſchen Lande der Romantik und der Mauleſel? In der nächſten Nacht brachte Juan ſeiner Mola ein Ständchen. Das gute Kind ſchien jedoch gar keinen Begriff von der Bedeutung zu 25 haben, welche ein erſtes Ständchen in dem Le⸗ ben eines jungen ſpaniſchen Mädchens und eines alten deutſchen Profeſſors beanſprucht. Nachdem der Chiclanero ein paar Accorde auf ſeiner Guitarre gegriffen hatte, öffnete ſich das Fenſter von Molas Schlafzimmer, und ihr bleiches Geſicht beugte ſich, ſeltſam vom Mond⸗ ſcheine beleuchtet, aus demſelben heraus. „Was machſt Du da unten für Unſinn,“ ſagte ſie, als ſie ihren Couſin erkannt hatte. Dieſer hatte jedoch keine Zeit, zu antworten, denn ein Alguazil war an ihn herangetreten und hatte ihm das Singen und Guitarreſpielen verboten. Daraus entſpann ſich zuerſt ein Wort⸗ wechſel, und dann ein Fauſtkampf, in welchem der kräftige Toreador natürlich Sieger blieb. Nachdem der Alguazil blutend und ſchreiend ent⸗ wiſcht war, ſang Juan mit kräftiger wohlklin⸗ gender Stimme, in dem er ſeinen Geſang mit einzelnen abgeriſſenen Accorden begleitete: Madrid! Du Licht von Spaniens Thalen In deinen tauſend Feldern ſtralen Viel tauſend Augen ſchwarz und blau; 26 Du weiße Stadt der Serenaden, Viel tauſend kleine Füßchen baden Sich Nachts in Deines Prados Thau. Madrid, und kämpfen deine Stiere, Dann laſſen tauſend Händchen ihre Buntfarbgen ſeidnen Tücher wehn Und in den ſternerhellten, lauen Lenznächten ſieht man deine Frauen Auf deinen blauen Treppen ſtehn. Madrid, Madrid, laß ſie ſich ſehnen, Ich ſpotte deiner ſtolzen Schönen, Die muthig tummeln Maul und Pferd; Denn unter Allen weiß ich Eine, Laß Braun' und Blonde kommen, keine Iſt ihrer Fingerſpitze werth. Hier unterbrach Mola den Sänger vom Fenſter aus, indem ſie herunterrief: „So laß doch das langweilige Singen, und komm lieber ein wenig zu mir herauf. Ich bin noch gar nicht ſchläfrig, und wir können noch ein Stündchen mit einander plaudern. Warte einen Augenblick; ich will Dir ſogleich die Thüre aufmachen.“ Der Chiclanero war Anfangs ganz erſtarrt über dieſe unverhoffte, faſt allzu naive Einla⸗ dung; aber er hatte nicht lange Zeit, ſich zu „ 27 beſinnen. Am anderen Ende der Straße ſah er zehn bis zwölf wohlbewaffnete Alguazils gegen ſich anrücken, mit denen ein Kampf trotz aller ſeiner Stärke und Gewandtheit doch jedenfalls zu ſeinem Nachtheile hätte ausfallen müſſen und vor denen zu fliehen, ihm ſeine Ehre verbot. So zog er es denn vor, dieſe Nacht in den weichen Armen der Liebe, ſtatt auf der harten Pritſche des Wachthauſes zu ruhen. Jetzt öffnete Mola die Thüre und zog ihn am Arme raſch durch einen dunklen Gang und über eine nur ſpärlich von der ewigen Lampe vor dem Madonnenbildniß beleuchteten Treppe in ihr Schlafzimmer, während der früher von Juan durchgeprügelte Häſcher mit ſeinen Genoſ⸗ ſen vergebens vor der ſchnell wieder verſchloſſe⸗ nen Thüre tobte und fluchte. Hier offenbart ſich denn doch wieder ein Unterſchied zwiſchen Spanien und Deutſchland, der entſchieden zu Gunſten des erſteren ins Ge⸗ wicht fällt. Wenn deutſche Studenten in der Begeiſterung, welche das Bier verleiht, einen Nachtwächter durchgeholzt haben, ſo müſſen ſie 28 entweder Ferſengeld geben, oder auf dem Poli⸗ zeiwachthauſe übernachten, denn keine ſchwarzäu⸗ gige Donna zieht ſie durch einen dunklen Gang und über eine Treppe, auf welcher das ewige Lämpchen vor dem Madonnenbildniß brennt, in ihre Schlafkammer hinauf. Mola's Zimmer war klein, aber ungemein reich und zierlich eingerichtet. Der Monden⸗ ſchein, der weich und voll durch das offenſte⸗ hende Fenſter hereinſtrömte, machte jede künſtliche Beleuchtung überflüſſig. Auf einem kleinen Tiſchchen ſtand ein Körb⸗ chen mit prächtigen friſchen Früchten, und dane⸗ ben eine Flaſche mit dem herrlichſten topasfarbe⸗ nen Weine. Der Chiclanero warf ſich, als er oben an⸗ gekommen war, bequem in das Sopha, und Mola ſank auf einen Stuhl, und konnte ſich gar nicht faſſen vor Lachen über das Toben und Fluchen der Alguazils unter ihrem Fenſter. „Du ſtellſt ſaubere Geſchichten an, Juan,“ ſagte ſie endlich, noch immer von einem beinahe krampfhaften Lachen unterbrochen; wirklich vortreff⸗ 29 liche Geſchichten. Morgen wird die ganze Nach⸗ barſchaft über dieſen nächtlichen Skandal die Köpfe zuſammenſtecken, und der gute Ruf eines armen Mädchens“— hier lachte ſie noch lauter und toller, als zuvor—„iſt auf immer vernichtet.“ Statt aller Antwort ſchlürfte der Chiclanero ein Glas Wein hinunter, und brannte ſich dann behaglich ſeine Cigarre an. „Und wenn ich Dir nun nicht aufgemacht hätte, Juan,“ fuhr Mola fort,„was wäre dar⸗ aus geworden? Du hätteſt heute Nacht ſicher auf der Wache ſchlafen müſſen.“ Juan war aufgeſtanden, hatte das reizende Mädchen umfaßt und zu ſich auf das Sopha gezogen. „Du biſt immer meine Retterin,“ ſagte er zärtlich,„vor den Hörnern des Stieres ebenſo⸗ wohl, als vor den Spießen der Alguazils.“ Und dabei küßte er ſie auf die brennendrothen, fein⸗ geſchnittenen Lippen. „Sprich doch nicht immer von der lächer⸗ lichen Geſchichte mit dem Stiere, über welche das dumme Volk ſo viel Aufhebens macht,“ 30 ſagte Mola ſtolz.„Was habe ich denn weiter gethan, was nicht der feigſte Chulo, wenn er gerade in der Nähe geweſen wäre, eben ſo gut hätte thun können? Ja! wenn ich nur ein Mann wäre, da würde ich ganz andere Dinge thun.“ „Nun, und zum Beiſpiel?“ fragte Juan. „Ich würde ſelbſt Stiere tödten, wie Du und mein Vater,“ erwiderte ſie raſch. In dieſem zierlichen, faſt kindlich ſchönen Körper lebte und webte ein wilder, trotziger, ent⸗ ſchloſſener Geiſt. „Laß uns davon abbrechen,“ ſagte der Chie⸗ laners.„Wir wollen lieber von unſerer Liebe ſprechen.“ „Von unſerer Liebe?“ fragte Mola erſtaunt. „Habe ich Dir denn ſchon geſagt, daß ich Dich liebe?“ „Nun, bei allen Heiligen,“ entgegnete der Matador;„ich mußte doch wohl glauben, daß Du mir gut ſeiſt. Würdeſt Du mich denn ſonſt in ſo ſpäter Nachtſtunde allein in Deinem Schlafzimmer empfangen?“ 31 „Du biſt ſehr eitel, Juan,“ ſagte das Mäd⸗ chen ſchnippiſch, und ſchien ſich an der Verlegen⸗ heit ihres verblüfften Liebhabers, der ſchon voll⸗ kommen geſiegt zu haben glaubte, zu weiden⸗ „Du gingſt unten vorbei, machteſt Lärm und Skandal, und ich wollte nicht, daß Du den Al⸗ guazils in die Hände falleſt. Ueberdieß biſt Du mein Vetter, und da ſehe ich denn nicht weiter ein, was es Beſonderes ſein ſoll, wenn ich ein Stündchen mit Dir plaudere.“ Der Chiclanero ſah ein, daß ihn das Mäd⸗ chen nur zum Beſten haben wolle, er nahm da⸗ her eine ſehr ernſte Miene an, und ſagte feierlich: „Mola, laß jetzt für einen Augenblick die Poſſen. Ich liebe Dich und habe ſchon mit Deinem Vater deßhalb geſprochen. Er hat Nichts dagegen einzuwenden, mich ſeinen Sohn zu nen⸗ nen, und wenn Du mich anders leiden magſt, ſo ſollſt Du mein Weib werden.“ Mola ſah ihren Vetter mit einem langen prüfenden Blicke, den derſelbe auch nicht zu ſcheuen hatte, an. Juan war ein ſchöner, ſchlan⸗ ker, kräftiger Burſche; und ſeine ritterliche Kühn⸗ 32 heit und Gewandtheit hatten Mola ſchon längſt für ihn eingenommen. Dazu kam noch ſeit jenem geſchilderten Stiergefecht das beſondere Intereſſe, welches man immer an Perſonen nimmt, um derentwillen man Opfer gebracht oder Gefahren beſtanden hat. Nach einiger Zeit ſchlug ſie da⸗ her ihre großen forſchenden Augen etwas nieder und ſagte: „Du biſt eigentlich ein nichtsnutziger Schlin⸗ gel, Juan, der ſich mit Alguazils herumbalgt und mit Schauſpielerinnen liebelt, aber Du ge⸗ fällſt mir, und ſo ſei es. Aber das merke Dir, Juan, wenn ich liebe, ſo bin ich auch eifer⸗ ſüchtig, und wenn ich meine Eiferſucht begrün⸗ det finde,— furchtbar.“ Sie ſprach die letzten Worte mit einem ſo energiſchen, faſt wilden Ausdrucke der Wahr⸗ heit, daß der Matador einen Augenblick wie er⸗ ſchreckt, zurückfuhr. Bald aber faßte er ſich wie⸗ der und umſchlang ſeine Geliebte heißer und heißer. Anfangs erwiderte ſie ſeine flammenden Küſſe ziemlich zurückhaltend; bald begann aber auch in ihren Adern das andaluſiſche Blut zu 33 kochen und zu ſchäumen. Die Nacht, die Einſam⸗ keit, der Wein,— ſie hatte auch ein paar Becher davon getrunken,— die ſüßberauſchenden Düfte, die aus den nahen Gärten über die Straße her in das Zimmer drangen— und jetzt legte ſich noch überdies eine dunkle Wolke gleich einem dichten Vorhange über den Mond, und verfin⸗ ſterte das Zimmer. Das war ein ſchlecht ge⸗ wählter Augenblick von dieſer Wolke.— Als Juan gegen Morgen ſeine Braut ver⸗ ließ, nahm er eine ihrer Buſenſchleifen und ſehr viele gute Vorſätze mit. Aber Träume ſind Schäume und gute Vorſätze ſind in vielen Fäl⸗ len auch nicht mehr. Die lebhafte hübſche franzöſiſche Schauſpielerin, Mademoiſelle Virgi⸗ nie, brachte die guten Vorſätze des tapferen Chi⸗ clanero bald genug zum Wanken, und die arme Mola harrte manchen Abend vergebens auf ih⸗ ren Bräutigam, den ſie wirklich trotz ihres über⸗ müthigen leichtfertigen Weſens ſehr liebte. Juan hielt indeſſen ſein neues Verhältniß mit der Theaterprinzeſſin äußerſt geheim, denn er dachte nicht im Entfernteſten daran, eines 3 34 flüchtigen Abenteuers willen ſeinen Heirathsplan aufzugeben. Abgeſehen von dem Vermögen des alten Lontes, mußte er deſſen Rache fürchten, wenn ſich das Verhältniß mit der ſchönen Mola, die er übrigens auch ganz gut leiden mochte, durch ſeine Schuld zerſchlug. Mola's Treue war übrigens auch keinen ge⸗ ringen Anfechtungen ausgeſetzt, die ſie jedoch beſſer beſtand. Als ſie einſt in die Meſſe ging, drückte ihr eine alte Frau ein Papier in die Hand und verſchwand dann ſogleich im Ge⸗ dränge. Mola nahm ihren Platz in der Kirche ein, legte das Papier in ihr großes Geſangbuch, und las mit großer Andacht einen an Sie gerichteten Liebesbrief, der auf ſehr zierlich, unverändertes, wohlriechendes Papier geſchrieben war, und in welchem ſie ein junger Attachs der franzöſiſchen Geſandtſchaft bei Himmel und Erde beſchwor, ſich am nächſten Tage in der Dämmerung in einem näher bezeichneten, meiſtens ziemlich men⸗ ſchenleeren Platze des Prados einzufinden. Weibliche Neugierde ließ Mola einen Augen⸗ 35 blick ſchwanken, ob ſie das erbetene Rendezvous gewähren ſolle oder nicht; aber ihre beſſere Natur ſiegte, und ſie nahm ſich vor, mit heldenmüthiger Standhaftigkeit ihrem Juan treu zu bleiben. Ein paar Tage nach dieſem Vorfalle ſtand Mola an ihrem Fenſter, und ſchaute zerſtreut und gedankenvoll auf die Straße hinab. Da er⸗ tönte mit Einemmale lauter Hufſchlag, und auf einem prächtigen Pferde ſprengte ein ſchöner ele⸗ gant gekleideter junger Mann heran. Wie er Mola am Fenſter erblickte, grüßte er ſehr tief und ehrfurchtsvoll und warf einen ſo ſchmachtenden und zugleich vorwurfsvollen Blick zu ihr hinauf, daß ſie nicht einen Moment dar⸗ an zweifeln konnte, daß dieſer ſchöne Reiter und der Schreiber jenes Liebesbriefes ein und dieſelbe Perſon ſei. Juan war ſchon mehrere Tage nicht dage⸗ weſen. MNola dachte den ganzen Tag über an den hübſchen Reiter und war am nächſten Abende wieder am Fenſter. Der junge Franzoſe fehlte eben ſo wenig, und glaubte diesmal ſchon ein 3* 36 leichtes Kopfnicken als Erwiderung ſeines Gru⸗ ßes zu bemerken. So ging das einige Tage fort, bis ewlich ein Zufall die Bewerbungen des kühnen Frem⸗ den auffallend begünſtigte. Die Schauſpielerin Virginie ſaß eines Tages in ihrem Boudvir, das mit echt franzöſiſcher Eleganz und Coquetterie eingerichtet war, als ihr der junge Geſandtſchaftsattachs Eugen, ſo hieß Mo⸗ la's neuer Anbeter, gemeldet wurde. „Willkommen, lieber Eugen,“ rief das Mäd⸗ chen dem Eintretenden entgegen.„Nun, wie geht's, mein angehender Geſandter? Hat unſer ſchönes Frankreich wieder einen neuen diploma⸗ tiſchen Sieg über dieſes barbariſche Spanien er⸗ fochten?“ „Frankreich bedarf nicht der Diplomaten, um Siege zu erfechten,“ entgegnete Eugen galant. „Die ſchönen Augen ſeiner Töchter erobern ihm in allen Himmelsgegenden ganze Länder.“ „Nun, was wenigſtens die meinigen betrifft,“ ſcherzte Virginie,„ſo thun ſie ihr Möglichſtes, um Ihren galanten Ausſpruch nicht Lügen zu 37 ſtrafen. Können Sie ſich denken, lieber Eugen, daß jetzt einer der erſten Matadors Madrid, ein blutiger Held der Arena, als zärtlicher Seladon zu meinen Füßen girrt.“ „Wirklich?“ ſagte Eugen aufmerkſam wer⸗ dend.„Darf man den Namen des glücklichen Unglücklichen wiſſen?“ „Es iſt ein Chiclanero,“ ſagte die Schauſpie⸗ lerin,„und was das Intereſſanteſte an der Sache iſt, ich habe ihn einer kleinen Spanierin, die noch dazu ſeine Lebensretterin und die Tochter ſeines großen Lehrers Lontes iſt, abſpenſtig ge⸗ macht.“ Eugen hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Ein Plan ſchien offenbar in ſeinem Geiſte Wurzel zu faſſen. „Aber liebenswürdige Repräſentantin Frank⸗ reichs,“ ſagte er nach einer Weile,„haben Sie denn auch Beweiſe, daß der ſtiertödtende Sela⸗ don nicht ein falſches Spiel ſpielt? Doch Ver⸗ zeihung, dieſe Frage iſt eine Majeſtätsbeleidigung gegen Ihre Schönheit und Geſchicklichkeit.“ „Ich will Ihnen verzeihen, und Ihnen aus 38 übergroßer Gnade ſogar die Beweiſe, die Sie verlangen, geben. Sehen Sie dieſe Buſenſchleife hier. Noch vor vierzehn Tagen hat die kleine Mola ſie getragen. Zweifler, verlangen Sie mehr?“ „Gewiß nicht, ſelbſt der ungläubige Thomas müßte durch dieſe Siegestrophäe über eine über⸗ wundene Nebenbuhlerin beſchämt werden. Um ſo mehr ſchmerzt es mich aber, ihren ferneren Triumphen nicht beiwohnen zu können. Ich komme, um Abſchied zu nehmen. Geſtern er⸗ hielt ich ein Schreiben, welches mich nach Paris zurückruft, und übermorgen reiſe ich ab. Wenn Sie Aufträge nach Paris haben, ſo ſoll es mich glücklich machen, Ihnen dienen zu können.“ Eugen nahm wirklich ein halbes Dutzend Aufträge in Empfang, und beſchleunigte dann, auffallend zerſtreut und geiſtig beſchäftigt, ſeinen Abſchied. Am nächſten Morgen erhielt Mola folgendes Billet: Theuerſte Mola! „Während Sie Ihren wahren, treuen Freund verſchmähen, betrügt Sie der unwürdige Juan. 39 Eine Ihnen gehörende Buſenſchleife befindet ſich gegenwärtig in dem Beſitze der leichtſin⸗ nigen Schauſpielerin Virginie. Vielleicht hat dieſe Nachricht eine für meine heißeſten Wün⸗ ſche günſtigere Wirkung. Ich muß morgen Abend abreiſen, ſo tödtlich mir auch der Schmerz der Trennung von Ihnen ſein wird. Folgen Sie mir nach Paris und vergeſſen Sie einen Elenden. Alles, was die ſchöne Hauptſtadt Frankreichs und meine erfinderiſche Liebe an Freuden und Genüſſen ausſinnen können, ſoll dann im reichſten Kranze ihr junges, ſchönes Leben umgeben. Morgen Abends um acht Uhr wird eine Sänfte zehn Schritte von Ihrer Wohnung entfernt halten. Wollen Sie mir folgen, ſo ſetzen Sie ſich in dieſelbe. Im entgegengeſetzten Falle klagen Sie Ihre Grauſamkeit an, wenn Sie von meinem frühen Tode hören. Bis dahin bleibe ich Ihr treuer Freund Eugen.“ 40 Mola war vor Zorn und Wuth außer ſich, als ſie dieſen Brief geleſen hatte. Am nächſten Abende hatte ſie ihre werthvoll⸗ ſten und unentbehrlichſten Sachen zuſammenge⸗ packt, und machte ſich dann, ſo wie die Däm⸗ merung einbrach, auf den Weg nach der Woh⸗ nung ihres treuloſen Bräutigams. Juan war erſtaunt und beſtürzt, als er Mo⸗ la in ſein Zimmer treten ſah. Sein böſes Ge⸗ wiſſen ließ ihn ſogleich Unheil ahnen. Das Mädchen trat ernſt und drohend vor dem Chiclanero hin, und ſagte gebieteriſch: „Juan, zeige mir die Schleife, die ich Dir ge⸗ ſchenkt habe.“ Der Matador war augenſcheinlich beſchämt und verwirrt durch dieſe Anrede; doch faßte er ſich bald ein wenig und fing an mit großem er⸗ heucheltem Eifer unter ſeinen Habſeligkeiten nach dem Verlangten zu ſuchen. Das Mädchen blieb ruhig, in ihre Mantilla gehüllt, vor ihm ſtehen. Nachdem Juan lange und natürlich vergeb⸗ lich geſucht hatte, ſagte er mit unſicherer Stimme: 41 „Verzeihe mir Mola, ich muß Deine Schleife verloren haben.“ „Du ſchwurſt mir, ſie ewig an Deinem Her⸗ zen zu tragen, Elender,“ entgegnete Mola mit erhabenem Zorne.„Ich will Dir ſagen, wo meine Schleife iſt. Die Schauſſpielerin Virginie, um derentwillen Du mich verhöhnt, verlaſſen und geopfert haſt, beſitzt ſie und prahlt damit.“ Bei dieſen Worten hatte ſich das Mädchen mit zornfunkelnden Augen auf den vor Erſtau⸗ nen und Schrecken regungsloſen Chiclanero ge⸗ ſtürzt, ein kleiner Dolch blitzte mit Einem Male in ihrer Hand und in demſelben Augenblicke ſank Juan blutend zuſammen. Mola würdigte den am Boden liegenden kei⸗ nes Blickes mehr, ſondern ſchritt ruhig und ſtolz, wie eine Königin, aus dem Zimmer. Als ſie wieder nach Hauſe gekommen war, war es bereits ganz dunkel geworden. Sie raffte eilig ihre wenigen, ſchon bereit liegenden Habſe⸗ ligkeiten auf, und trat hinaus auf die Gaſſe, nachdem ſie über ihre leichte Mantilla noch einen wärmeren Reiſemantel geworfen hatte. 42 Wie es ihr in dem Briefe des Geſandtſchafts⸗ attachés angezeigt worden war, ſtand zehn Schritte von ihrem Hauſe entfernt eine Sänfte. Mola ſtieg in dieſelbe, denn es blieb ihr jetzt keine Wahl mehr, da ſie den Chiclanero tödtlich verwundet zu haben glaubte, und, um der Strafe zu entgehen, aus Spanien entfliehen mußte. Dieſe rückſichtsloſe Hingabe an einen Mann, den ſie nur ein paar Mal geſehen und nie in ihrem Leben geſprochen hatte, war der erſte folgenreiche Schritt einer neuen Laufbahn, auf welcher wir ein Geſchöpf zu begleiten haben werden, welches mit den edelſten körperlichen und geiſtigen Anlagen aus⸗ geſtattet, dieſelben faſt ſtets zur Befriedigung ihrer Launen mißbrauchte. Wir wollen Verir⸗ rungen, wie die, welche wir werden ſchildern müſſen, durchaus nicht entſchuldigen, ſondern nur darauf hinweiſen, daß auch hier, wie ge⸗ wöhnlich, ein Mann die erſte Schuld an dem verfehlten und befleckten Daſein eines Weibes trägt. Drittes Kapitel. Mola als Ratte. Molas glücklicher Leichtſinn, die mannigfachen Reiſeeindrücke und die liebenswürdige Laune ihres Entführers halfen derſelben bald über die nachdenk⸗ liche Stimmung hinweg, welche ſich ihrer An⸗ fangs denn doch bemächtigen wollte. Beſonders war es der Gedanke an den Schmerz, welchen ihre Entfernung ohne Abſchied ihrem Vater, der ſie leidenſchaftlich liebte, verurſachen mußte, wel⸗ cher zuweilen einen trüben Schatten über ihr von Jugend und Schönheit ſtrahlendes Geſicht warf. Alle dieſe Erinnerungen an ihr vergangenes Leben verſchwanden jedoch vor dem großartigen 44 Eindrucke, welchen das wunderbare Paris auf ſie machte, mit Einem Male in den Letheſtrom des Vergeſſens. Freilich beſtand der Kranz, mit dem die ſchöne Hauptſtadt Frankreichs und die erfinde⸗ riſche Liebe Eugens ihr Leben umgeben ſollte, in nichts mehr als einer beſcheidenen Griſetten⸗ wohnung in einem Hotel garni in dem Quartier latin und zweihundert Franken monatlich, einigen Bougquets und einigen Paaren von Handſchu⸗ hen ausgenommen. Eugen war ſehr liebenswürdig und genußſüch⸗ tig, aber durchaus nicht in eben dem Verhältniſſe reich; ja ſeine Abreiſe von Madrid war ſo eilig geweſen, daß er ganz und gar vergeſſen hatte, eine Kleinigkeit von dreißigtauſend Franken zu bezahlen, die er noch ſchuldig war. Mola kam bald dahinter, was ſie von den ſchönen Redensarten jenes Briefes zu halten habe; aber ſie kümmerte ſich nicht darum. Bei Tage lachte und ſcherzte ſie mit ihrem Stuben⸗ nachbar, einem jungen, lebhaften Studenten der Medicin, und Abends ging ſie mit Eugen in 4⁵ irgend ein Boulevardtheater. Sie war ganz eine glückliche, ſorgloſe Pariſer Griſette geworden. Indeſſen, ſo wie Alles in dieſer Welt ein Ende erreicht, ſo auch Eugens Beſtändigkeit. Seine finanziellen Verhältniſſe wurden immer zerrütteter und ſpaniſcher, und er mußte endlich allen Ernſtes daran denken, dieſelben durch eine Heirath mit irgend einer reichen und adelſüchti⸗ gen Cpicierstochter wieder in's Gleichgewicht zu bringen. Dazu war vor Allem nöthig, wenigſtens für eine Zeit lang, den ſoliden, geſetzten Mann zu ſpielen, und ſo gab er denn eines Tages ſei⸗ ner lieben Mola, ſtatt der zweihundert Franken, auf welche ſie gerade wartete, den Abſchied und den guten Rath, ſich bei dem Corps de Bal⸗ let der großen Oper engagiren zu laſſen. Bei⸗ des koſtete ihm eben ſo wenig, als das noch überdies gegebene Verſprechen, ſich bei dem Di⸗ rector der großen Oper, Herrn Leon Pillet, fuͤr ſie verwenden zu wollen. Mola grämte ſich um dieſen neuen Treu⸗ bruch ſehr wenig, und dachte auch nicht im 46 Entfernteſten daran, ihn wieder mit einem Dolch⸗ ſtoße zu rächen. Eugen war ihr eigentlich nie mehr als gleichgiltig geweſen und ſie hatte ihn nur als Mittel benutzt, um aus Spanien zu entfliehen. Nun galt es aber für den Augenblick Rath zu ſchaffen, denn in Paris allein, fremd und ohne Geld zu ſein, iſt eine der ſchrecklichſten Lagen im menſchlichen Leben; freilich noch weit ſchrecklicher für einen deutſchen Poeten, als für ein junges, ſpaniſches Mädchen, die immer weit eher Freunde findet, die ihr, freilich auch nicht auf die uneigennützigſte Art und Weiſe, aus der Noth helfen. Der Rath, den ihr Eugen zu guter Letzt noch gegeben hatte, war wirklich gar nicht zu verach⸗ ten. Mola verſtand, wie faſt alle andaluſiſchen Mädchen, den Fandango, den Bolero, die Gi⸗ tana und den Eiertanz vortrefflich zu tanzen; ſie beſaß eine herrliche Geſtalt, feurige, blaue Augen; was fehlte ihr alſo, um als Tänzerin Glück zu machen? Ob ſie ihre heißen National⸗ tänze auf dem grünen Boden der andaluſiſchen 47 Thalebenen oder auf den Brettern der großen Oper zu Paris tanzte, das blieb ſich für ſie ſo ziemlich gleich, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie in Paris eine viel größere und glänzendere Zu⸗ ſchauerſchaft hatte und für ihre Pas noch dazu bezahlt wurde. Außerdem bot dieſe Stellung noch einen ſehr weſentlichen Vortheil dar. Die Tänzerinnen der großen Oper waren gerade mehr als je Mode in Paris, und da das Schickſal unſere Mola einmal zur irrenden Liebesabenteurerin beſtimmt hatte, ſo war dieſe Stelle allerdings für ihre zu⸗ künftigen Ausſichten und Pläne die günſtigſte von der Welt. Lieber Leſer nimmſt Du wohl zuweilen den geiſtvollen franzöſiſchen Charivari in die Hand? Wenn das der Fall iſt, ſo wirſt Du gewiß jene reizenden Bilder des genialen Gavarni geſehen haben, welche unter dem Titel: T'opera du dix- neuviéme siècle eine fortlaufende Reihe der in⸗ tereſſanteſten Mädchengeſtalten darſtellen. Das iſt Geiſt, Feuer und Leben, welches aus dieſen Geſichtern und üppig und zierlich zugleich ge⸗ 48 bauten Leibern ſpricht. Das iſt die wahrhafte, wirkliche Poeſie des Fleiſches. Und weißt Du wohl auch, wie man eine ſolche herrliche Tänzerin, welcher der Maler ge⸗ wöhnlich einen plumpen, reich- und dickgeworde⸗ nen Börſenſpeculanten als Gegenſatz zur Seite ſtellt, in der pariſer Kunſtſprache nennt? Gewiß, wenn Du es nicht ſchon weißt, ſo ahnſt Du es auch nicht. Man bezeichnet dieſe ſchönen Mäd⸗ chen mit dem Namen des häßlichſten ekelerregend⸗ ſten Thieres, man nennt ſie— denke Dir— man nennt ſie Ratten. Die Geſchichte ſchweigt darüber, ob der treu⸗ loſe Eugen ſein Verſprechen gehalten und ſeine ehemalige Geliebte wirklich dem Director der großen Oper empfohlen hat, oder ob Mola ihre Aufnahme in das beſonders durch hohe Morali— tät ausgezeichnete Corps de ballet der großen Oper blos ihren perſönlichen Eigenſchaften zu verdanken hatte, genug, nachdem ſie, wenn auch mit ſchwerem Herzen ihren hochfahrenden Plä⸗ nen ſogleich als Solotänzerin aufzutreten; wenigſtens für den Augenblick hatte Lebewohl 49 ſagen müſſen, finden wir ſie in fleiſchfarbenen Tricots und kurzem mit Goldflittern beſetztem Röckchen hinter den Couliſſen, umſchwärmt von der jennesse dorée Frankreichs und der papie⸗ renem Alter der Börſenſpeculanten. Man muß es geſehen haben, um ſich vom Leben und Treiben einen Begriff zu machen, welches hinter den Couliſſen der bedeutenderen Pariſer Theater herrſcht. Wer nur immer auf das Recht, die Bühne zu beſuchen, aus was immer für einem Grunde Anſpruch zu haben glaubt, macht ſich dasſelbe im vollſten Umfange zu Nutze. Man trifft da Deputirte und Pairs von Frankreich, Offiziere und Börſenſpeculanten, Journaliſten und Dramatiker; ja vielleicht ſogar bisweilen einen der jüngeren königlichen Prinzen an. Dort plaudert der dicke Jules Janin mit einer hübſchen Ratte, während der berühmte Alexander Dumas, Marquis de la Pailleterie, ihrer Freundin eine Anſtellung bei ſeinem Theatre Hiſtorique verſpricht. Dieſer Herr, dort mit der ſchweren goldenen Kette über der Sammetweſte, iſt ein glücklicher Parvenu, der beſtändig auf 4 50 die Baſſe ſpeculirt hat, und dadurch in die Höhe gekommen, während jener einfach, aber elegant gekleidete junge Mann hier mit dem edelgeform⸗ ten, aber bleichen und abgeſpannten Geſichte einer der älteſten und edelſten Namen Frank⸗ reichs trägt. Das Vergnügen trägt faſt eine eben ſo nivellirende Macht in ſich, als die Ge⸗ winnſucht, oder— der Tod. Welch ein ungeheures Feld für ein Geſchöpf von Mola's Schönheit und Talent. Wie man von Napoleons Soldaten ſagte, daß ſie Alle den Marſchallsſtab in ihren Torniſtern trügen, ſo kann man auch von den Ratten ſagen, daß ſie in ihren Engagementscontracten, die auf hundert bis hundertzwanzig Franken monatlich lauten, zugleich die Anweiſung auf prächtige Equipagen, fürſtlich meublirte Wohnungen, volle Börſen, echte Caſhemir⸗Shwals und mit Auſtern und Cham⸗ pagner beſetzte Tafeln beſitzen. Freilich müßten die Schätze erſt gehoben, und bei den Tänzerin⸗ nen iſt es umgekehrt, wie bei den Soldaten. Bei ihnen ſiegt nicht entſchloſſenes Vordringen, ſondern zögerndes Zurückhalten. 51 Mola war durch ihre unglücklichen Aben⸗ teuer klug und gewitzigt geworden, für ihre zarte Jugend nur zu klug und gewitzigt. Von den zahlloſen Anträgen, mit denen ſie, da ihre Schönheit und die heiße ſinnliche Glut, die ſie in ihren Tanz zu legen wußte, bald Aufſehen erregte, beſtürmt wurde, nahm ſie den des Herrn d'Enonville, eines ſehr reichen Wechſelagenten, an, der jedoch weder Jugend noch Schönheit unter ſeine Vorzüge zu rechnen Grund hatte. Unſere ſchöne Spanierin war von ihren bei⸗ den jungen Liebhabern betrogen und verlaſſen worden, und ſo verſuchte ſie es denn ein Mal mit dem Alter. Und ſiehe da! der Verſuch glückte. D'Enonville war bald genug der Sklave ih⸗ rer ercentriſchſten Launen geworden. Zwar hatte ſie keinen Funken von Zuneigung zu ihm; ja, der graue Thor, der mit aller Gewalt den jun⸗ gen liebenswürdigen Rous der Regentſchaft ſpie⸗ len wollte, war ihr geradezu lächerlich und wi⸗ derwärtig; aber darum war ſie nur um ſo mehr dazu geeignet, ihn zu beherrſchen und zu betrügen. 4* Bald hatte Mola eine fuͤrſtlich eingerichtete Wohnung, zwei Kammermädchen, eine herrliche Equipage, ſechzig Louisd'or monatliches Nadel⸗ geld und eine dieſer Stellung entſprechende Schuldenmaſſe. „D'Enonville,“ ſagte ſie eines Tages, als ihr Liebhaber neben ihr auf dem Sopha ſaß und ihr fade abgebrauchte Schmeicheleien ſagte, „d'Enonville, Sie ſind unausſtehlich langweilig, und ich hätte große Luſt, Sie Ihren Geldſäcken zu überlaſſen, und zu meinem ehemaligen Stu⸗ bennachbar, dem Studenten der Medicin, zu zie⸗ hen, der mich geſtern, als ich mit Ihnen in den Wagen ſtieg, ſo freundlich grüßte.“ „Aber, um Gottes Willen, Mola, mein En⸗ gel, was fällt Dir ein,“ erwiderte der beſtrzte Wechſelagent.„Weißt Du denn nicht, daß Du mich tödteſt, wenn Du mich verläßt, daß ich ohne Dich nicht leben kann?“ „Das iſt Alles recht ſchön und gut,“ ſprach Mola,„aber ich ſterbe bei Ihnen vor langer Weile. Und dabei nahm ſie ihre Papiercigarre aus dem Munde und gähnte— zum Küſſen. 53 „Aber, mein Gott,“ ereiferte ſich d'Enon⸗ ville,„laſſe ich Dir es denn an etwas ſehlen? Jeder Deiner leiſeſten Wünſche iſt für mich ein Befehl.“ „Dieſe Bemerkung habe ich nicht gemacht. Ja, wenn es mir einfäͤllt, bei den fréres pro⸗ vencaux zu eſſen, da kömmt es Ihnen auf eine Flaſche Champagner zu ſieben Franken allerdings nicht an; aber ich denke, Sie könnten ſchon lange wiſſen, daß ich gewiſſe Rechnungen be⸗ zahlt ſehen möchte, und als wir neulich bei dem Magazin des Nouveautés vorbeigingen, zeigte ich Ihnen auch den Shwal, der mir am Beſten gefällt.“ „Aber, mein Kind, dieſer Shwal koſtet vier⸗ tauſend Franken und Deine Rechnungen—“ Ein Zug unſterblicher ſtolzer Verachtung zuckte über das ſchöne Antlitz Mola's. „Was wagen Sie, mein Herr?“ rief ſie mit zornglühenden Wangen aufſpringend und mit dem Fuße ſtampfend.„Sie unterſtehen ſich, mit mir von Geld zu ſprechen. Ihr ganzes Vermögen reicht nicht hin, um mir die Schande zu bezah⸗ 54 len, auch nur einen Blick an Sie verſchwendet zu haben.“ Sie war entzückend ſchön in ihrem Zorne. „So beruhige Dich nur, theure Mola,“ bat d'Enonville,„es war ja nicht ſo böſe gemeint. Nicht wahr, Du giebſt mir jetzt Deine Rech⸗ nungen, und fährſt dann mit mir aus, Deinen Shwal zu kaufen?“ Mola nahm ein ziemliches Packetchen Pa⸗ piere aus ihrem Secretair, der von Mahagony⸗ holz und kunſtreich mit Ebenholz ausgelegt war, und ſchleuderte es ihrem Liebhaber vor die Füße, d'Enonville bückte ſich eilig darnach. „Da,“ ſagte Mola,„ſind die Rechnungen, und den Shwal will ich jetzt nicht mehr, da ich weiß, was er koſtet. Wenn ich aber nicht mor⸗ gen einen weit ſchöneren habe, ſo ziehe ich über⸗ morgen in die Manſarde des Studenten Victor.“ D'Enonville ſtieß einen tiefen, aber halb unterdrückten Seufzer aus, dem ein noch tieferer folgte, als er einen flüchtigen Blick in die Rech⸗ nungen geworfen hatte. „Morgen ſollſt Du Deine quittirten Rech⸗ 55 nungen zurückhaben und einen Shwal tragen, um den Dich jede Herzogin beneiden wird. Sei nur jetzt wieder gut und ſchmolle nicht länger mit mir.“ So tief Mola hier ſchon gefallen iſt, ſo ver⸗ ächtlich ſie ſchon durch die Hingabe an einen alten lächerlich ſchwachen Mann aus bloſem Intereſſe geworden, ſo war ihre Seele doch noch immer einer wahren und aufopfernden Liebe fä⸗ hig, eine Fähigkeit, die ſelbſt in dem befleckteſten Weibe ſelten, oder nie ganz erliſcht. Bald ſollte dieſe Liebe ſie dem ſchmählichen Verhältniſſe mit d'Enonville entreißen, freilich nicht, um ſie in glücklichere Verhältniſſe zu bringen. Der Klaviervirtuoſe Twiſt, der große Rat⸗ tenfänger von Hameln, der ehrenſäbelraſſelnde, war wieder einmal zur Abwechslung in Paris, um ſeine fabelhafte Technik, ſeine langen Haare und ſein täglich blaſirter werdendes Geſicht be⸗ wundern zu laſſen. Mola kam, ſah, und wurde beſiegt. Es muß eine dämoniſche Gewalt, der kein 56 Weib widerſtehen kann, in dem Auge dieſes Menſchen liegen. Geniale Frauen, wie dumme Gänschen, Fürſtinnen, wie Bürgermädchen und Griſetten haben ſich in ihn verliebt. Wenn ſich Twiſt bei allen Rendezvous, die er bekommen hat, hätte einſtellen und alle Billets⸗dour hätte beantworten wollen, ſo hätte er ſich von der Cwigkeit Zeit dazu borgen müſſen, und ich glaube, die Ewigkeit wäre mit der Zeit banke⸗ rott geworden. Man hat dieſes unerhörte Glück bei Frauen, welches Twiſt hatte, aus der bloſen Mode er⸗ klären wollen, und geſagt: Twiſt iſt gerade en vogue, und ein Narr macht zehne, und eine Närrin hundert. Aber meiner Meinung nach hat man Unrecht. Ich glaube denn doch, daß der Grund dieſer ungewöhnlichen Erſcheinung tiefer liegt. Twiſt iſt leider nur ein Virtuoſe; aber er könnte ſeiner Natur nach mehr ſein. Er iſt nicht dazu geboren, mit zu jener Heuſchrecken⸗ plage des Virtuoſenthums zu zählen, die ſchon hinlänglich, freilich bis jetzt immer vergebens 57 characteriſirt worden iſt. Der Götzendienſt, den man mit dem Virtuoſenthume treibt, hat ſo Manche, hat auch Twiſt auf ſeinem Gewiſſen. Aufgeſtachelt durch das kritikloſe Zujauchzen der Menge, verſchwendet und zerſplittert er ſeine große geniale Kraft in tauſend kleine und un⸗ würdige Kunſtſtückchen. Aber im Leben iſt er groß und genial geblieben, ſelbſt in ſeinen Laſtern und Schwächen. Er vielleicht von allen jetzt lebenden Menſchen allein verſteht die ſchwere Kunſt, mit Anſtand zu verſchwenden. Und ich glaube nicht, daß Twiſt, der Mann, viele ſeiner Triumphe Twiſt, dem Virtuoſen, zu verdanken hat. Mola ſuchte ſich durch alle ihr zu Gebote ſtehenden Mittel dem Künſtler bemerkbar zu ma⸗ chen; allein vergebens. Twiſt ignorirte ſie voll⸗ ſtändig; ſei es, daß ſie ihm gefiel, und er als erfahrener Kenner der Frauen berechnete, ſie auf dieſe Art um ſo ſicherer zu gewinnen, ſei es, daß er ſie wirklich nicht beachtete, und daß er, wie Leporello von Don Juan, ſingen konnte: Aber in Spanien, aber in Spanien Tauſend und drei! Eines ſchönen Tages entſchloß ſich Twiſt, mit der Raſchheit, die ihm eigenthümlich iſt, nach Deutſchland zu reiſen, und am nächſten Morgen führte er auch dieſen Entſchluß aus. Als d'Enonville wenige Stunden, nachdem der Virtuoſe abgereiſt war, ſeine Mola beſuchen wollte, fand er ſtatt ihrer einen ſehr laconiſchen Brief, indem ſie ihm ihre Wohnung, ihre Equi⸗ page, ihre Bedienung, ihren Caſhemir-Shwal, und ſogar eine Rolle Gold, die er ihr kurz vor⸗ her gegeben hatte, zur freien Verfügung ſtellte. Sie ſelbſt reiſte Twiſt nach Deutſchland nach und hatte ſo die Zahl der Frauen, von denen der Aermſte verfolgt wurde, um eine vermehrt. Die ſtolze Spanierin konnte es nicht ertra⸗ gen, verſchmäht zu werden, und betrat den deut⸗ ſchen Boden mit dem Vorſatze, zu ſiegen, oder — ja das„oder“ wußte ſie ſelbſt nicht— alſo auf jeden Fall zu ſiegen. D'Enonville ſtand aber zu Paris mit einer wahren Armenſündermiene in dem verlaſſenen Boudoir der Prieſterin Terpſychore's. Ein paar Monate, ſich von den Launen Molas pla⸗ gen zu laſſen, dieſes Vergnügen hatte ihm über tauſend Louisv'or gekoſtet, und jetzt war ſie fort, fort für immer. Er hätte ſich die Haare aus⸗ raufen mögen, wenn er nur noch welche gehabt hätte. Zum Unglück trug er aber eine Perrücke. Viertes Kapitel. Mola in Deutſchland. Sei mir gegrüßt, Heldin meines Romans, auf heimathlichem Boden. Deutſchland hätte ohne Dich nicht fertig werden können mit ſeiner weltgeſchichtlichen Entwicklung. Es empfindet ſchon ſeit vielen Jahren an einem höchſt fühlbaren Mangel an fremden Fuß⸗, Finger- und Kehlen⸗ künſtlerinnen und Künſtlern. Die Deutſchen ha⸗ ben ſo ungeheuer viel Geld, daß ſie nicht wiſſen, wie ſie es los werden ſollen. Niemand leidet bei uns Noth, und darum hat es auch gar nichts zu bedeuten, wenn man einer Tänzerin oder Sängerin für ein paar Stunden Sinnen⸗ kitzel Hunderte zu Füßen wirft; den Enthuſias⸗ . 61 mus gar nicht gerechnet, der uns im Halſe ſteckt, und der uns erſticken würde, wenn wir ihm nicht Luft machten. „Aber nimm Dich doch ein wenig in Acht, Mola! Du biſt ein willkürliches, eigenſinniges und gewaltthätiges Geſchöpf. In Spanien haſt Du Dolchſtiche ausgetheilt, nun— ländlich, ſittlich! Ich glaube, es wäre Dir auch nicht viel geſchehen, wenn Du nicht nach Paris ge⸗ flohen wärſt, um ſo weniger, da ich Dir die tröſt⸗ liche Verſicherung geben kann, daß der treuloſe Chlicanero lebt, und ſich wieder ganz wohl be⸗ findet. In Frankreich gingen Dir Deine Ge⸗ waltſtreiche anch noch ſo hin; die Pariſer ſind ein ſehr galantes Volk, und die Schönheit iſt für ſie ein offener Freibrief zu Allem, den ſie in jedem Falle reſpectiren. Aber die Deutſchen ſind gerade nicht übermäßig galant, und vor Allem giebt es bei uns eine geheime Macht, die uns überall öffentlich entgegentritt, und die noch weit weniger galant iſt, als wir ſelbſt. Man nennt ſie die Polizei. Mola, Mola! nimm Dich vor der Polizei in Acht! Wie ich Dich kenne, 62 fürchte ich, daß Du in böſe Conflicte mit ihr kommen wirſt. Twiſt war in Leipzig in dem Hoͤtel de Ba⸗ viere abgeſtiegen, und hatte es ſich in den ihm angewieſenen Zimmern bequem gemacht. Lieber Leſer, kennſt Du Leipzig? Nicht? Du kennſt Leipzig nicht, welches ſich gern klein Paris ſchelten läßt, was der ſelige Herr von Göthe zu verantworten hat? Wenn Du nicht in Leipzig warſt, ſo kannſt Du nicht behaupten, jemals ſchlechten Kaffee getrunken und gute Schweinsknöchelchen mit Sauerkraut gegeſſen zu haben. Wenn Du nicht in Leipzig warſt, ſo weißt Du nicht, daß zwölf Literaten auf ein Dutzend gehen, und daß der Menſch, obgleich ein fleiſchfreſſendes, doch ein ſehr zahmes Thier iſt. Wenn Du nicht in Leipzig warſt, ſo haſt Du den hohlen Phraſenliberalismus nicht in ſeiner vollen Blüthe und die Höflichkeit nicht wild wachſen geſehen. „Iſt der Kapellmeiſter Twiſt hier abgeſtie⸗ gen?“ fragte Mola den Oberkellner des bereits erwähnten Hötel de Baviere. 63 „Zu dienen, Madame,“ erwiderte dieſer;„er iſt kaum vor einer Stunde angekommen.“ „So melden Sie mich, ich will ihn ſprechen.“ „Entſchuldigen Sie, Madame. Der Herr Kapellmeiſter ſind ſehr ermüdet von der Reiſe und haben Befehl gegeben, Niemanden vorzu⸗ laſſen.“ „Ich will ihn ſprechen,“ ſchrie Mola unge⸗ duldig, indem ſie heftig mit dem Fuße ſtampfte, ſo daß der erſchrockene Kellner ängſtlich zuſam⸗ menfuhr, und ſeine ſächſiſche Höflichkeit ſich im Geiſte vor dieſer ſpaniſchen Energie entſetzte. „Ich will es dem Herrn Kapellmeiſter an⸗ zeigen, daß ihn eine Dame dringend nothwendig ſprechen müſſe,“ ſagte der Kellner, und ging die Treppe hinauf. Mola folgte ihm auf dem Fuße. Als er aber das Zimmer öffnete, ſtieß ſie ihn raſch bei Seite, ging ſelbſt hinein, und ſchloß die Thür hinter ſich zu. Twiſt ſtand auf, als er eine Dame auf ſo —— 64 ungewöhnliche Art unangemeldet bei ſich eintre⸗ ten ſah. „Was verſchafft mir die Ehre Ihres Be⸗ ſuchs,“ ſagte er höflich, indem er Mola einen Stuhl anbot. „Twiſt,“ erwiderte Mola,„Sie verachten, Sie verſchmähen mich, und ich liebe Sie; ich kann nicht ohne Sie leben. Ich bin Tag und Nacht gereiſt, um Sie einzuholen, als ich hörte, daß Sie Paris verlaſſen haben. Da bin ich nun; ich will gar nichts, als dort ſein, wo Sie ſind, Sie bisweilen ſehen, vielleicht manchmal mit Ihnen ſprechen.“ Die Tänzerin ſprach dieſe Worte mit dem Ausdrucke einer ſo wahren und tiefen Leiden⸗ ſchaft, daß ſelbſt der blaſirte Twiſt davon er⸗ griffen wurde. Das höhniſche Lächeln ver⸗ ſchwand von ſeiner Lippe. Er betrachtete ſeinen ſeltſamen Beſuch aufmerkſamer, und das Reſul⸗ tat war, daß er ihr die Hand reichte und ſagte: „Sie lieben mich, Mola; nun wohl, ſo mögen Sie wiſſen, daß ich Sie ſchon ſeit lange geliebt habe, daß mich aber unglückliche Verhältniſſe 65 etwas furchtſam und vorſichtig gemacht haben. Ich weiche jeder neuen Liebe aus, und meine Abreiſe von Paris war eine halbe Flucht vor Ihnen. Aber Sie ſind mir gefolgt. Es ſcheint, als ob es ſein müßte, und ſo wollen wir es denn mit einander wagen.“ Als der Virtuoſe dieſe eben ſo originelle, als anmaßende Erklärung von ſich gegeben hatte, ſprang Mola lachend und jubelnd auf ihn zu, flog ihm an den Hals und erſtickte ihn mit Küßen und Umarmungen. Noch an demſelben Tage miethete ſie ſich ebenfalls eine Wohnung in dem Hötel de Baviére, und war von nun an, an allen öffentlichen Orten, an der Table d'höte, im Roſenthal, in Concerten und im Theater im⸗ mer mit dem Virtuoſen zuſammen. Indeſſen dachte Twiſt, dem ſie ſich doch nur aufgedrungen hatte, ſchon daran, ſie wieder los zu werden. Er hatte ihre Schönheit genoſſen, und weiter bot ſie ihm kein Intereſſe dar, während ſie ihn wirklich liebte, obgleich ſie eben darum nicht im Stande war, ihn durch Launen, Eigenſinn und Coquetterie an ſich zu feſſeln. 5 1 1 66 „Mola,“ ſagte der Virtuoſe eines Tages, „wir müſſen uns, ſo leid es mir auch thut, we⸗ nigſtens auf einige Zeit trennen. Du weißt, ich bin Kapellmeiſter an einem kleinen deutſchen Hofe, dorthin muß ich jetzt reiſen.“ „Nun wohl, ſo reiſe ich mit Dir,“ ſagte Mola kurz entſchloſſen. „Das geht nicht, mein liebes Kind,“ erwi⸗ derte Twiſt milde, aber entſchieden;„der Hof, von dem ich ſpreche, iſt ſehr ſittenſtreng, und ich würde mir meine ganze Stellung untergraben, wenn ich vor ſeinen Augen mit einer Dame, die nicht meine Frau iſt, zuſammenlebte.“ „Aber, giebt es denn kein Auskunftsmittel?, jammerte Mola;„ich kann, ich will mich nicht von Dir trennen.“ „Sei nicht kindiſch, Mola,“ beſchwichtigte ſie der Virtuoſe,„mein Aufenthalt an jenem Hofe dauert nicht lang, und wir treffen uns dann ent⸗ weder hier oder an einem andern Orte Deutſch⸗ lands, den Du ſelbſt beſtimmen magſt wieder. Die Tänzerin ſchien kein großes Vertrauen darein zu ſetzen, daß ſich Twiſt wirklich zu einem 67 ſolchen, von ihr zu beſtimmenden Rendezvvus einfinden werde, ſie ſagte daher: „Twiſt, ich will Dir ein Auskunftsmittel vor⸗ ſchlagen; ich begleite Dich, aber— als Knabe.“ Twiſt war über dieſen außergewöhnlichen Vor⸗ ſchlag etwas erſtaunt und beſtürzt, denn er ſah ein, daß es ihm ſchwer fallen würde, ein Frauenzimmer, welches zu ſo energiſchen Mitteln ſeine Zuflucht nimmt, um in ſeiner Nähe zu bleiben, los zu werden. Indeſſen reizte ihn, wie immer, das Aben⸗ teuerliche, was in dieſem Plane lag. „Meinetwegen,“ ſagte er lachend;„aber nimm Dich in Acht, die Polizei läßt nicht mit ſich ſpaßen und ich würde nicht im Stande ſein, Dich zu beſchützen, wenn Du entdeckt würdeſt.“ „Das ſoll meine Sorge ſein,“ entgegnete Mola in einem Tone, in dem ſich Sorgloſigkeit und Trotz paarten,„jetzt will ich mir einen paſ⸗ ſenden Knabenanzug verſchaffen.“ In der kleinen Reſidenz, in welcher Twiſt nun lebte, fiel der ſchöne Knabe, der ſich immer in ſeiner Begleitung befand, bald genug auf; 5* 68 man erſchöpfte ſich in Vermuthungen über ihn. Das Stadtgeklatſch bemächtigte ſich dieſes ihm ſo ungemein zuſagenden Stoffes. Einige behaupteten, der ſchöne Knabe ſei ein begeiſterter Schüler Twiſt's, Anderee nannten ihn ſogar ſeinen Sohn, obgleich der Virtuoſe noch beinahe zu jung dazu war, einen vierzehn⸗ bis fünfzehnjährigen Sohn haben zu können. End⸗ lich begann ſich Anfangs ſehr leiſe, ſchüchtern und verſtohlen, dann immer lauter, mächtiger und ſiegesgewiſſer das Gerücht zu verbreiten, der ſchöne Knabe ſei— ein Weib. Der Hof war höchlich entrüſtet, als dieſes Gerücht zu ſeinen Ohren gedrungen war, und befahl eine ſtrenge Unterſuchung. Die Polizei vernahm mehrere Leute, und da ſtellte ſich denn heraus, daß jener Knabe ſo furchtſam war, daß er keine Nacht allein ſchlief, ſondern jedesmal in Twiſt's Zimmer. Außerdem war auch ſeine Geſtalt und ſein ganzes Beneh⸗ men Allen aufgefallen. Die Polizei hat niemals Gründe für ihre Entſcheidungen anzugeben, und das kam ihr 69 jetzt ſehr zu Statten, als ſie dem ſchönen räth⸗ ſelhaften Knaben ankündigte, daß er augenblicklich die Stadt und binnen einem Tage das Land verlaſſen müſſe. Mola tobte, fluchte und weinte; aber das half Alles nichts. Twiſt konnte wirklich nichts für ſeine Geliebte thun, denn der Hof war auf ihn ſelbſt ſehr ungehalten, und eine Fürbitte würde in dieſem Falle geradezu eine Beleidigung geweſen ſein. Ueberdieß freute er ſich auch in⸗ nerlich, ſeine zudringliche Begleiterin, deren er ſchon überdrüſſig war, endlich doch los zu werden; er war daher der Polizei im Herzen für ihr Einſchreiten ſehr dankbar. Mola ließ ſich, bevor ſie abreiſte, das hei⸗ lige Verſprechen geben, daß er ſie ſpäteſtens in vierzehn Tagen in Berlin treffen wolle. Twiſt verſprach Alles, was ſeine Geliebte wollte, und reiſte dann am andern Tage, ſeelen⸗ vergnügt und in größter Eile nach Paris zurück. In Berlin konnte indeſſen Mola nicht ſo lange auf ihren Geliebten warten, als ſie es ihm verſprochen hatte. Ein Ereigniß, ganz eigen⸗ thmlicher Art, nöthigte ſie Berlin in höchſter Eile zu verlaſſen. Berlin iſt eine ſehr ſchöne Stadt, voll von Referendars, Gardelieutenants, Gensdarmen und Frommen. Mola athmete hier, nachdem ſie in Ilm⸗ Athen in ſteter Beſorgniß vor der endlich auch wirklich erfolgtem Kataſtrophe geliebt hatte wie⸗ der mit vollen Zügen großſtädtiſches, freies Le⸗ ben. Sie guartierte ſich in einem der erſten Hoͤtels unter den Linden ein, und trat dann mit der Hof⸗Theater⸗Intendanz wegen Gaſtrollen in Unterhandlung. Bevor ſie jedoch dieſe Unterhandlungen zum Abſchluſſe bringen konnte, trat ihr ihr böſes Schickſal zum zweiten Male in der Geſtalt der Polizei entgegen. Die Sache verhielt ſich folgendermaßen: Mola ging eines Tages die prächtigen Lin⸗ den auf und ab, in dem Munde eine duftende, echt ſpaniſche Cigarette und in der Hand eine Reitpeitſche mit goldenem Knopfe, die ihr Twiſt als ein Andenken geſchenkt hatte. Eine Reit⸗ 71 peitſche, einer Dame als Andenken zu ſchenken, iſt ebenſo bezeichnend für Twiſt, als für Mola. Mola war vielleicht gerade in ſüße und ſchmerzliche Erinnerungen an ihr ſchönes Spa⸗ nien verſunken, und ſtieß daher in immer kürze⸗ ren Abſätzen immer dickere Rauchwolken hervor. Nun aber durfte damals in Berlin auf of⸗ ſener Straße nicht geraucht werden, ein Umſtand, der ſich bis heute noch nicht geändert hat, ob⸗ wohl ſeitdem gerade in Berlin ſich die unge⸗ heuerſten, ſebſt die kühnſten Erwartungen, über⸗ ſteigendſten Dinge ereignet haben. Ein chriſtlich germaniſch⸗preußiſcher Gensdarm ſah die mauriſch⸗romaniſch⸗ſpaniſche Tänzerin ſo in dem Vollgenuße ihres verpönten Raucherglückes dahin wandeln. Entſetzen erfaßte ihn, und die Haare ſeines Hauptes und Schnurrbartes ſträub⸗ ten alle einzeln in die Höhe. Männer hatte er ſchon genug wegen verbo⸗ tenen Rauchens verhaftet. Wenn aber nun die Frauen auch zu rauchen anfangen, dann muß offenbar die Zahl der Gensdarmen verdoppelt werden, oder der Staat geht zu Grunde. 72 Endlich, nachdem er ſich etwas von ſeinem Staunen und Schreck, über dieſe herumwan⸗ delnde, weibliche Polizeicontravention—(Ees iſt hier vielleicht nicht überflüſſig, einzuſchalten, daß unſere Erzählung vor dem Beginne der bekann⸗ ten Aſton'ſchen Emancipationsverſuche ſpielh— erhohlt hatte, hielt er, feſt entſchloſſen, zum Wohle des Staates ein furchtbares Beiſpiel zu ſtatui⸗ ren, auf die kühne und ſorgloſe Raucherin zu. „He! Madammecken, hier wird man nicht gervocht,“ ſagte er, indem er ihr den Weg vertrat. Mola verſtand überhaupt nur ſehr unvoll⸗ kommen deutſch, den jöttlichen Berliner Dialect aber gar nicht. Sie ſtarrte daher die bewaffnete Macht, die ihr ſo plötzlich mit unverſtändlichen Worten in den Weg trat, ſehr verwundert an; blies ihr eine dicke Rauchwolke in's Geſicht, und wollte dann ruhig ihren Weg fortſetzen. Das war zu viel für ein preußiſches Gens⸗ darmengemüth, das war offenbares Hohnſprechen aller Ordnung und aller beſtehenden Staatsein⸗ richtungen. 73 „Hier wird man nicht geroocht,“ ſagte der Gensdarm lauter und heftiger, indem er die Tän⸗ zerin ziemlich derb am Arme faßte. Das war zu arg. Mola hatte in ihrer nai⸗ ven ſpaniſchen Unwiſſenheit gar keinen Gedanken an die Möglichkeit ſich eines Vergehens ſchuldig gemacht zu haben. Sie glaubte ſich daher von einem rohen Soldaten angegriffen und gemiß⸗ handelt. Das Blut ſchoß ihr heiß durch die Adern und nach dem Kopfe zu. In einem Augenblicke hatte ſie ihren Arm frei gemacht und im nächſten fiel ein wahrer Hagel von Reitpeitſchenhieben auf den unglück⸗ lichen Gensdarmen nieder, der das Weltende für gekommen anſehen mochte. Die Vorübergehenden waren gleich bei dem Beginne dieſer Scene ſtehen geblieben, um deren Entwicklung anzuſehen. Bei dieſer unerwarteten Wendung der Dinge nahmen ſie jedoch keineswegs Partei für den Gensdarmen, ſondern ſchienen ſich zu freuen, daß die bewaffnete Macht eine Schlappe erhielt. 74 „Wer iſt ſie! wer iſt ſie?“ flüſterte es rings im Kreiſe. „Eine junge ſpaniſche Fürſtin,“ bemerkte mit wichtiger Miene ein Kellner aus dem Hötel, in welchem Mola wohnte, der ſich dem Kreiſe an⸗ geſchloſſen hatte. „Dann jenießt die bewaffnete Macht jetzt eenen ſpaniſch⸗Bittern, bemerkte ein Eckenſteher. Allgemeines Gelächter belohnte dieſen Witz, ſo nahe er auch lag. Unterdeſſen haite der Auflauf, das Lachen und Geſchrei noch drei bis vier Gensdarmen herbeigezogen, die, als ſie ſahen, wie man mit ihrem Kameraden umging, die Verbrecherin ohne Weiteres in die Mitte nahmen, und dieſelbe, un⸗ geachtet ihres energiſchen Widerſtandes, von der ziſchenden und tobenden Volksmenge begleitet auf die Polizei brachten. Dort klärte ſich das unglückliche Mißver⸗ ſtändniß auf; aber Mola hatte, ohne es zu wiſ⸗ ſen, Hand oder vielmehr Reitpeitſche an die ge⸗ heiligte Perſon eines preußiſchen Gensdarm ge⸗ legt, und dieſer Frevel mußte beſtraft werden. 75 Vorläufig entließ man zwar die Tänzerin; aber ſie war kaum in ihr Hötel zurückgekehrt, als ihr ein Polizeicommiſſär die Weiſung brachte, daß ſie die königliche Haupt- und Reſidenzſtadt Berlin binnen vierundzwanzig Stunden verlaſſen müſſe. Wie man ſieht, entwickelt Mola durch ihre häufigen Ausweiſungen viel Beruf zum deut⸗ ſchen Schriftſteller. Nachdem Sie noch einen langen zärtlichen Brief an Twiſt geſchrieben hatte, in welchem ſie ihn beſchwor, ſo bald als möglich nach Baden⸗Baden in ihre Arme zu eilen, verließ ſie das ungaſtliche Berlin, in welchem ſie merk⸗ würdiger Weiſe auch nicht ein einziges Liebes⸗ abenteuer erlebt hatte. Fünftes Kapitel. Va banque! Es wäre nicht unintereſſant, die Badeorte nach den allgemeinen Eindrücken, die ſie auf den un⸗ befangenen Beobachter hervorbringen, zu charac⸗ teriſiren. Karlsbad iſt das Bad der Diploma⸗ ten, in welchem man das, was die Heilquellen gut machen, durch den Aerger wieder verderben kann, wenn man an die Beſchlüſſe denkt, die hier gefaßt worden ſind. Iſchl iſt das Bad der hohen Ariſtocratie— der Fashion und der wirk⸗ lich Leidenden. In dem romantiſchen Gaſtein träumen Dichter und glücklich Liebende. Das Bad der Abenteurer jeder Art, der Sammelplatz aller Spieler, Glücksritter, und vornehmen verlorenen Mädchen von ganz Eu⸗ ropa iſt unſtreitig Baden⸗Baden. Seiner vor⸗ theilhaften Lage, nicht allzuweit von der, vor manchen Unannehmlichkeiten rettenden franzöſi⸗ ſchen Grenze, hat es hauptſächlich dieſen benei⸗ denswerthen Vorzug zu verdanken. Die Geſellſchaft in Baden⸗Baden beſteht außer den Spielern und Glücksrittern von Pro⸗ feſſivn, größtentheils aus ſehr reichen Englän⸗ dern und Ruſſen, die hier im hohen Spiele Auf⸗ regung ſuchen, nachdem ſie ihre Sinne für jeden anderen Reiz abgeſtumpft haben. Bald nach ihrer Ankunft ſollte Mola eine äußerſt unangenehme Ueberraſchung erfahren. Der Brief, den ſie an Twiſt geſchrieben hatte, kam unerbrochen an ſie zurück. Auf der Adreſſe ſtand bemerkt, daß der Virtuoſe ſchon vor eini⸗ gen Tagen Ilm⸗Athen verlaſſen, und nicht ange⸗ geben habe, wohin er reiſe. Das fiel der Tänzerin auf. Wenn Twiſt bald nach ihr abgereiſt war, ſo konnte er ſie ja noch in Berlin getroffen haben. Die Ahnung der Wahrheit durchzuckte ſie wie ein Blitz. 78 „Der Treuloſe hat mich verlaſſen und iſt nach Paris gereiſt,“ rief ſie wüthend aus;„aber morgen, heute noch, reiſe ich ihm nach; ſeine feige Flucht ſoll ihm nichts nützen.“ Aber der Menſch denkt, und Gott lenkt. Mola war noch zu großen Dingen in Baden⸗ Baden insbeſondere, und auf deutſchem Boden überhaupt beſtimmt. Um ihrer inneren Aufregung Luft zu machen, nahm ſie Hut, und die niemals fehlende Reit⸗ peitſche, und trat ins Freie. Die Lichter aus dem Kurſaale leuchteten ſo freundlich, ſo einladend in den heiteren Abend hinaus, daß Mola der Verſuchung, hineinzutre⸗ ten, nicht widerſtehen konnte. Man ſpielte. Es iſt viel über das Spiel geſchrieben worden, und die Liberalen haben das Begehren: die Spielhöllen aufzuheben zu ihrem Ceterum vero censeo gemacht! Ich glaube, mit Unrecht. Es fällt mir hier nicht ein, das Laſter des Spieles rechtfertigen zu wollen; aber ich glaube, daß eine Prohibitivmaßregel dagegen eine Freiheitsbeſchränkung iſt, wie nur irgend 79 eine, gegen welche die Herren Liberalen ſich er⸗ eifern. Dabei ſehe ich noch ganz davon ab, daß die Leidenſchaft des Spieles nie ganz aus⸗ zurotten iſt, und daß das Verbot des öffentlichen Spieles das viel gefährlichere heimlichere Spie⸗ len unbedingt zur Folge hat. Möge man daher durch Schrift und Wort, durch Belehrung und Bildung des Volkes den ſchädlichen Einflüſſen der verführeriſchen Gelegenheit entgegen arbeiten, nicht aber gegen dieſelben Polizeimaßregeln zur Hülfe rufen, die man doch in den anderen Fäl⸗ len ſo ſehr verabſcheut. Der Staat iſt keine Kleinkinderbewahranſtalt, und der Staatsbürger mag ſich ſelbſt vor dem Meſſer hüten, von dem er weiß, daß er ſich damit ſchneiden könnte; man braucht es ihm nicht aus der Hand zu nehmen. Der Leſer verzeihe mir dieſe Abſchweifung; allein ich konnte mir die günſtige Gelegenheit nicht entgehen zu laſſen, einer allgemein gülti⸗ gen Anſicht, die überall gedankenlos nachgeſpro⸗ chen wird, entgegen zu treten. Die grünen Tiſche waren heute ſehr zahlreich umdrängt. Schöne Frauen ſaßen mit fieberiſch 80 glühenden Wangen und ungeduldig leuchtenden Augen da, und waren unſchön geworden durch den Ausdruck der Gewinnſucht, der auf ihrem Antlitze lag. Ueber ihre Schulter beugten ſich Herren, alte und junge, mit Ordensbändern im Knopfloche und in ſchabigen abgetragenen Rök⸗ ken, der erprobte Spieler von Profeſſion, und der junge heidelberger Student, der ſeinen erſten Luisd'or wagt. „Platz da! Platz da!“ riefen einige Herren, als ſich Mola dem grünen Tiſche näherte;„la belle Espagnole kömmt und will ſpielen.“ Sichtbar erheitert über dieſen ſchmeichelhaf⸗ ten Beinamen, warf Mola den Herren, die ihn gebraucht hatten, einen freundlichen Blick zu, und nahm dann Platz. Ihr halber Gram um den ungetreuen Virtuoſen ſchien ſchon ver⸗ ſchwunden zu ſein. Mola ſpielte mit ſehr viel Nobleſſe. Sie verlor, und Goldſtück auf Goldſtück wurde von der gierigen Harke eingezogen. Nichts deſto we⸗ niger behielt ſie doch ihr heiteres Lächeln, ihren freundlichen Blick bei. 81 Neben ihr ſtand ein hübſcher junger Eng⸗ länder, der offenbar das größte Intereſſe für ſie empfand, und einen ſehr feinen und noblen Weg gewählt hatte, um ihr dies zu zeigen. Er ſetzte nämlich jedesmal auf diejenige Karte, welche Mola mit einem Goldſtück belegte, eine ganze Rolle Goldes, und verlor ſie mit dem unnachahmlichſten Anſtande und dem ver⸗ bindlichſten Lächeln von der Welt. „Wir haben heute Unglück,“ ſagte Mola jetzt aufſtehend zu dem Engländer, nachdem ſie das letzte Goldſtück verloren, welches ſie im Vermögen hatte. Obwohl ſie nun nicht wußte, wovon ſie ihre Gaſthausrechnung bezahlen, und wie ſie ihren Vorſatz, den flüchtigen Virtuoſen zu verfolgen, ausführen ſollte, ſo zeigte ſich doch nicht das lei⸗ ſeſte Wölkchen der Sorge oder des Unmuthes auf ihrer ſtolzen reizenden Stirn. Mola verließ ſich auf ihr gutes Glück, das ihr bis jetzt treu geblieben war, und den Zu⸗ fall, den großen Gönner und Protector aller wandernden Kunſtreiter, herumziehenden Schau⸗ ſpieler, fahrenden Literaten, und ſonſtigen vaga⸗ 6 82 bundirenden Genies. Der Erfolg wird zeigen, daß dies Vertrauen ſie nicht getäuſcht hat. „Madonna,“ ſagte der Engländer,„wenn es wahr iſt, daß Unglück im Spiele, Glück in der Liebe bedeute, ſo würde ich eine zehnmal größere Summe, als die Bagatelle, die ich eben verlor, nicht bedauern. Freilich— Glück in der Liebe, das iſt ſo allgemein geſagt— oft drän⸗ gen ſich Einem gleichgültige, ja widerwärtige Verhältniſſe förmlich auf, und das höchſte, das einzige Ziel ſeiner Wünſche kann man nicht er— reichen. Spielen Sie nicht weiter?“ „Ich war auf mein conſequentes Unglück nicht gefaßt,“ entgegnete Mola,„und habe da⸗ her zu wenig Geld zu mir geſteckt.“ „So erlauben Sie mir, auf Ihre Rechnung zu ſpielen, und Ihr Unglück an der Bank zu rächen,“ ſagte Lord Arthur, ſo hieß der Eng⸗ länder, ſchnell und freudig, denn Mola's au⸗ genblickliche Geldverlegenheit gewährte ihm ſo⸗ gleich einen unberechnenb aren Vortheil über Sie. „Aber merken Sie es wohl; ich ſpiele nur auf Ihre Rechnung.“ „——— 83 Und nun begann der Lord ein tolles wahn⸗ ſinniges Pointiren. Anfangs verlor er; aber er verdoppelte und verdreifachte ſeine Einſätze. Endlich hatte er kein baares Geld mehr beiſich; da zog er einen Creditbrief auf eines der er⸗ ſten Bankierhäuſer, und auf unbeſchränkte Sum⸗ men lautend, hervor, warf ihn auf eine Karte, die mehrmals hinter einander verloren hatte, und rief:„va banque!“ Mit dieſen Worten hatte Lord Arthur nicht nur dem Bankier, ſondern auch dem Her⸗ zen der Spanierin ein donnerndes Va banque! zugerufen; denn die Frauen lieben den Mann immer, der um ihretwillen Thorheiten begeht. Der langhaarige Virtuoſe Twiſt war total ver⸗ geſſen. Diesmal ſchlug das Spielglück um; Arthur's Farbe gewann; die Bank war geſprengt. Der Engländer ſteckte ſeinen Creditbrief ru⸗ hig wieder ein, und übergab das Geld der Tän⸗ zerin mit den Worten: „Es war ausgemacht; ich habe nur für Ihre Rechnung geſpielt.“ 6* 84 Mola nahm ſeinen Arm, den er ihr anbot, an, und ſchritt mit ihm, gefolgt von den bos⸗ haften Bemerkungen der Umſtehenden, die den reichen Engländer um ſeine ſchöne Eroberung beneideten, zum Kurſaale hinaus. Nun ging ein ſchönes, ein beneidenswerthes Leben in dem luſtigen Baden an: Bälle, Con⸗ certe, Theater, Hetzjagden, und dazu die Huldi⸗ gung der geſammten jungen und alten Män⸗ nerwelt. Der Engländer fuhr in dem großartigen Style, in dem er angefangen hatte, fort. Er miethete ſeiner Geliebten ein prachtvolles Land⸗ haus; hielt ihr vier Wagen⸗ und zwei Reit⸗ pferde, und ſetzte etwas darein, daß Mola an der Bank mehr Geld verlor, als der reiche ruſ⸗ ſiſche Fürſt, der wegen ſeines fabelhaften Un⸗ glückes im Spiel ſo viel von ſich reden machte. Mola war glücklich und doppelt ſchön durch ihr Glück. Wenn ſie hoch zu Roß durch die Lichtenthaler Allee zu einer Hetzjagd dahinflog, ſo gewährte ſie in dem enganliegenden ſchwar⸗ zen Reithabit, dem ſchwarzen runden Filzhut mit 65 den wehenden weißen Federn leicht und keck auf das Haupt gedrückt, wirklich einen entzückenden und wahrhaft poetiſchen Anblick. Zum Glück für Lord Arthur, der auf dem beſten Wege war, ſich zu ruiniren, trat hier die geheimnißvolle Macht, welche man die Polizei zu nennen übereingekommen iſt, zum dritten Male ſtörend in das Liebeleben der ſchönen Spa⸗ nierin ein. Der Anlaß dazu war folgender. Auf einem Spaziergange in der Umgegend von Baden wagte es ein junger Offizier, die ſchöne Tänzerin auf die auffallendſte und her⸗ ausfordernſte Art durch ſeine Lorgnette zu be⸗ trachten. „Welch ein Geck,“ ſagte Mola, die dieſe Art von Huldigungen nicht leiden konnte, laut ge⸗ nug, um von dem Betheiligten gehört zu werden. Gereizt dadurch, trat er auf die Spanierin zu, und ſagte:„Mein Fräulein, wollen Sie mich nicht in mein Hotel begleiten.“ „Mein Herr, wie kommen Sie zu dieſer un⸗ verſchämten Zumuthung,“ ſchrie Mola außer ſich vor Wuth. 86 „Entſchuldigen Sie;“ entgegnete der Offizier; 1„ich glaubte durch dieſen Antrag eine Dirne, wie Sie—“ Er konnte nicht ausſprechen. Die obligate Reitgerte ſauſte mit ſolcher Gewalt in ſein Geſicht, daß ihm augenblicklich das Blut aus der Naſe hervorquoll. „Ich gebe Ihnen Genugthuung, mein Herr,“ rief Mola. „Ich kann mich mit einem Weibe nicht ſchlagen.“ „Feige Ausflüche einer Memme! wenn aber das Weib beſſer als Sie ſchießt?“ „Dann iſt es etwas Anderes, und ich nehme Ihren Antrag an. Am nächſten Morgen traf man ſich in einem kleinen Wäldchen. Der Offizier hatte den erſten Schuß. Er ſchoß in die Luft. „Der Schuß gilt nicht,“ ſagte Mola,„oder 7 ich muß Sie für einen Feigling halten, der mich ſchont, um von mir wieder geſchont zu werden. — 87 Schießen Sie noch einmal, und etwas beſſer, wenn ich bitten darf.“ Vergebens legten ſich die Secundanten, und beſonders Lord Arthur, der für das Leben ſeiner in jedem Sinne theuren Geliebten fürchtete, ins Mittel; die muthige Spanierin beſtand feſt auf ihrem Willen. „Nun wohl, wenn Sie es denn wollen,“ ſagte der Offizier, zielte ſehr lange und ſcharf, und— die Kugel ſauſte dem Mädchen dicht an dem Ohre vorbei. „Nicht übel gezielt,“ rief Mola;„aber ich glaube, Sie haben mich noch immer geſchont. Nun wohl denn, Ihre Schulter!“ Bei dieſen Worten ſchoß ſie, und der Offi⸗ zier ſank zuſammen, wirklich, wie ſie es geſagt hatte, an der Schulter verwundet. „Dies kleine Andenken an mich wird Ihnen nicht ſchaden. Ich würde Sie todt geſchoſſen haben, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß auch Ihre zweite Kugel mich abſichtlich fehlte. Adieu à revoir.“ Nach dieſen Worten verließ ſie am Arme 88 Lord Arthur's den Kampſplatz, um ſich bei einem Champagnerfrühſtück ihrer Heldenthat zu freuen. Leider ſollte dieſe Freude nicht lange dauern. Wenige Stunden ſpäter wußte ganz Baden um das ſtattgefundene Duell und ſeinen Ausgang. Die Polizei, die auch davon erfahren haben mochte, war der Anſicht, daß Piſtolenkugeln der raſchen Herſtellung der Badegäſte nicht gerade ſehr förderlich ſein könnten, und ſo fand denn Donna Lontes, als ſie Abends in ihre Wohnung zuürckkehrte, die Weiſung vor, Baden am näch⸗ ſten Morgen zu verlaſſen. Es darf nicht verſchwiegen werden, daß man ſich noch einen zweiten Grund dieſer Auswei⸗ fung in die Ohren flüſterte, an den wir jedoch zur Ehre unſerer Heldin nicht glauben wollen. Man erzählte nämlich, als Donna Mola eines Tages in Geſellſchaft mehrerer Herren in dem Kurſaale ſaß, ſei ſie befragt worden, ob es wahr ſei, daß die Spanierinnen einen Dolch im Strumpfbande ſtecken hätten, und ſie habe dar⸗ auf der Fragenden ſogleich den Beweis dieſer Wahrheit an ſich ſelbſt geliefert. Alle Damen 89 hätten darauf ſogleich den Kurſaal verlaſſen und die Entfernung der Tänzerin zur Bedingung ihres Bleibens in Baden gemacht. Wie dem auch ſei. Mola weinte bittre Thränen, als ſie den Beſcheid, daß ſie morgen das ihr ſo liebgewordene Baden verlaſſen müſſe, erhielt. Allen Herrlichkeiten, die ſie ſo ſehr ent⸗ zückt hatten, ſollte ſie Lebewohl ſagen, dem grü⸗ nen Tiſche, den Spazierritten und Hetziagden, den luſtigen lärmenden Champagnerfrühſtücken, vielleicht ſogar ihrem freigebigen Lord. Ueber dieſen letzten Punkt beruhigte ſie Ar⸗ thur allerdings, indem er ſie bat, nach Heidel⸗ berg zu reiſen, wohin er ihr, ſo bald er hier nur ſeine nothwendigſten Angelegenheiten geordnet hätte, nachfolgen wolle. Mit glühenden Farben malte er ihr die Reize eines idylliſchen liebebe⸗ glückten Stilllebens in dem reizenden Heidelberg aus. Aber Mola ſchüttelte traurig das ſchöne Köpfchen; ſie hatte keinen Sinn dafür; der grüne Tiſch und die Hetzjagden, auf welchen ſie durch die geſchickte Art, mit welcher ſie vom Pferde herab die armen Haſen mit der großen Hetz⸗ 90 peitſche todtſchlug, die Bewunderung Aller er⸗ regte, waren ihr doch lieber. Mit düſtern Ahnungen reiſte ſie ab nach Heidelberg, wo ſie in dem erſten Gaſthofe ab⸗ ſtieg und auch für ihren Freund Arthur Quar⸗* tier beſtellte. Dieſer kam auch wirklich, treuer als ihre frü⸗ heren Liebhaber, in wenigen Tagen, aber er war übler Laune. Es war ein großes Opfer, wel⸗ ¹ ches er Mola gebracht, daß er ſeine Freunde und ſein fashionables Leben in Baden im Stich ge⸗ laſſen hatte. Ein Egoiſt bringt aber nie ein Opfer, ohne es der Perſon, der es gebracht, ent⸗* gelten zu laſſen, und die meiſten Menſchen ſind Egoiſten, die Engländer aber die größten von Allen. Dazu kam noch, daß ihn das idylliſche liebe⸗ beglückte Stillleben in dem reizenden Heidelberg, welches er der Tänzerin, um ſie zu tröſten, ſo reizend ausgemalt hatte, ſelbſt bald herzlich zu langweilen begann. Wenn Stahl auf Stein ſchlägt, ſo giebt es* . Feuer, und wenn Unmuth auf üble Laune trifft, Zank. 91 Mehrere ſehr heftige Scenen fielen zwiſchen der ſchönen Mola und Arthur vor, und als die erſtere eines Tages zu ihrem Geliebten wollte, fand ſie die Thüre deſſelben für ſie verſchloſſen. Als alles Toben und Lärmen vergeblich war, zog ſie einen Dolch und drohte den Bedienten niederzuſtoßen, wenn er nicht ſogleich öffne. Dieſer aber, ein ſehr kaltblütiger, ehemaliger Matroſe, ſchlug ihr den Zahnſtocher, wie er ihren Dolch nannte, ſehr gelaſſen aus der Hand, er⸗ griff ſie beim Arme, führte ſie zur Vorſaalthüre hinaus, und ſchloß auch dieſe hinter ihr zu. Am andern Morgen war Lord Arthur abge⸗ reiſt. Solch ein trauriges Ende nahm ein Ver⸗ hältniß, welches unter den glänzendſten Vorbe⸗ deutungen begonnen hatte. Die Moral davon iſt, daß ein Frauenzimmer, welches uns in dem Geräuſch der vornehmen Geſellſchaft oft ungemein reizt und anzieht, in der Einſamkeit, in einem idylliſchen liebebeglückten Stillleben unausſtehlich werden kann. Sechſtes Kapitel. Das Beethovenfeſt. „Hol der Teufel den langweiligen Goddam⸗ Lord!“ rief Mola, bald wieder getröſtet, aus. „Jetzt muß ich Twiſt wiederſehen. In Bonn halten ſie ein großes Feſt für einen verſtorbenen deutſchen Masſtro, Beethoven, glaube ich, heißt er; da muß ich ihn treffen.“ Wirklich traf Mola's Vorausſetzung ein. Wie konnte Twiſt irgendwo fehlen, wo es galt, ſeine eigene kleine Eitelkeit an dem Ruhme eines gro⸗ ßen Todten zu kitzeln. Dieſe Feſte ſind im hohen Grade lächerlich. Wenn das Geld, welches auf ſie verwendet wird, dazu benutzt würde, junge Talente, welche noch 93 mit Noth und Mangel zu ringen haben, und biswei⸗ len dadurch zu Grunde gehen, zu unterſtützen, ſo würde das den großen Todten wohl mehr ehren, als wenn man zuſammen kommt, eine Statue unter Trompetentuſch und langweiligen Reden enthüllt, und dann in ein paar Concerten, in denen das moderne Virtuoſenthum ſich in ſeiner ganzen Hohlheit breit macht, die gute Muſik des Gefeierten durch ſchlechte italieniſche Floskeln verhunzt. Mola's Erwartungen wurden weit übertrof⸗ fen, denn ſie fand nicht nur den laangharigen Virtuoſen, ſondern auch mehrere Pariſer Jour⸗ naliſten, die ſie noch von den Couliſſen der gro⸗ Oper her kannte, in Bonn. Twiſt kehrte eines Abends heiter und arglos in ſein Hötel zurück. Man kann ſich ſeinen Schrecken und ſeine Ueberraſchung vorſtellen, als er, in ſein Zimmer tretend, Mola ganz ruhig auf ſeinem Sopha ſitzend und eine Cigarre rauchend fand. „Bon soir Twiſt,“ ſagte ſie ganz heiter 94 und unbefangen und ſtreckte ihm ihre Hand ent⸗ gegen. „Du hier, Mola,“ ſagte der Virtuoſe mit dem Ausdrucke des ungeheuchelſten Erſtaunens. „Wie Du ſiehſt. Deine Verwunderung iſt eben nicht ſehr ſchmeichelhaft für mich.“ „Ich glaubte, Du ſeiſt in Baden?“ „Ich wäre auch noch dort, wenn die deut⸗ ſchen Alguazils nicht ſo unhöfliche Kerle wären.“ „Und was gedenkſt Du, jetzt anzufangen?“ „Mais cest dröle. Was ich anzufangen ge⸗ denke? Ich gedenke vorläufig, hier zu bleiben, und dich dann auf Deinen weitern Reiſen zu begleiten.“ Schöne Ausſichten, dachte der Pianiſt. „Jetzt gieb mir aber vor Allen Rechenſchaft, warum Du weder nach Berlin gekommen biſt, noch mir geſchrieben haſt, monstre! Keine Ausflüchte! Rede! Rede! „Eh bien,“ ſagte Twiſt, dem Mola jetzt wieder reizend erſchien, und der ſich auch halb und halb vor ihr fürchtete;„ich will Dir Alles geſtehen, mon ange! Siehſt Du, Du warſt —,— 95 kaum aus Ilm⸗Athen fort, ſo gab man mir auf ziemlich deutliche Weiſe bei Hofe zu verſtehen, daß man mich auch füglich entbehren könnte. Siehſt Du, das kränkte und verletzte meine Eitel⸗ keit, Du warſt doch am Ende an dem ganzen Handel ſchuld, und ſo ſchmollte ich denn ein wenig mit Dir; willſt Du mir verzeihen?“ „Ich ſollte eigentlich nicht,“ meinte Mola. „Ich war an dem ganzen Handel ſchuld, ſagſt Du? Sage meine Liebe, meine piramidale Liebe zu Dir, die Du gar nicht verdienſt, und die mich allen Gefahren trotzen und Dir in Knabenkleidung folgen hieß, war ſchuld daran. Was Dir übrigens an einem kleinen deutſchen Hofe liegen kann, das begreife ich nicht. Mir ſollte nur einmal mein guter Stern einen Fürſten in mein Netz führen, wie wollte ich mit ihm Ball ſpielen; und eine beſon⸗ dere Freude ſollte es mir ſein, auf den Köpfen ſeiner Unterthanen herumzutanzen, wie ich es zu Hauſe auf Eiern gethan habe.“ Wer hat nicht in den Zeitungen bis zum Ekel die Beſchreibungen der Feſte geleſen, welche in Bonn zu Ehren Beethovens, und faſt 96 zu gleicher Zeit dem ganzen Rhein entlang zu Ehren der Königin Victoria von England ge⸗ feiert wurden. Wir werden uns daher hüten, dieſelben hier zu wiederholen. Concerte, Feuerwerke, Monſtrezapfenſtreiche, ſchwelgeriſche Tafeln; das Alles ſind Herrlich⸗ keiten, von welchen eigentlich nur die letztgenannten auf wirklichen Werth Anſpruch machen können. Indeſſen je mehr Lärm, deſto beſſer, und Mola befand ſich wirklich wieder einmal ganz in ihrem Elemente. „Und werden Sie nicht mehr nach Paris kom⸗ men, ſchöne Mola,“ ſagte eines Tages der dicke Jules Janin, der ſich ebenfalls für verpflichtet gehalten hatte, zu dem Beethovenfeſte zu kommen, um dann claſſiſchen Unſinn darüber zu ſchreiben, zu der Tänzerin. „Vielleicht,“ erwiderte dieſe,„wenn ich als Solotänzerin auftreten kann. Ich will nicht mehr Ratte werden. C'est pourtant mauvais genre. „Ich will es über mich nehmen, Ihnen we⸗ nigſtens ein Gaſtſpiel auszuwirken. Die Habi⸗ —— 97 tués der großen Oper ſind untröſtlich darüber, la belle Espangolet ſo lange ſchon zu vermiſſen. „Es gilt,“ rief Mola, in der ſich wieder der Ehrgeiz der Tänzerin zu regen begann;„wenn Sie mir ein Gaſtſpiel als Solotänzerin aus⸗ wirken, ſo bin ich jeden Augenblick bereit, nach Paris zu reiſen.“ „Und Twiſt?“ fragte der große König des Feuilletons. „Der muß mit mir, ca s'entend,“ erwiderte die Tänzerin entſchieden, denn ſie glaubte jetzt mehr Einfluß als je über den Virtuoſen zu beſitzen. „Nun wohl! dann iſt es abgemacht. Sie brauchen gar nicht zu warten, bis ich mit Herrn Pillet Ihretwegen geſprochen habe. Reiſen Sie nur ſogleich, wenn dieſes langweilige deutſche Feſt hier zu Ende iſt, nach Paris, und ich bürge Ihnen mit meinem Worte dafür, daß Sie als Solotänzerin auftreten ſollen.“ Während Twiſt ſich aber mit dem Directo⸗ rium und dem Feſtcomité herumſtritt, um einige wirklich nothwendige Maßregeln, welche das an⸗ 7 98 erkannterweiſe, mit ſeltener Tactloſigkeit begabte Co⸗ mits nicht annehmen wollte, durchzuſetzen, hatte ſeine Mola Gelegenheit gefunden, die Bekanntſchaft eines jungen, reichen und liebenswürdigen Kaufmanns⸗ ſohns aus Bonn zu machen und unbeſchadet der Liebe und Treue, die ſie dem Clavierpauker geſchworen hatte, eine Liaiſon mit demſelben an⸗ zuknüpfen. Twiſt hatte zwar davon erfahren, ließ, jedoch in der frohen Hoffnung, daß der Sohn Mer⸗ kurs ihm ſeinen Plagegeiſt vom Halſe ſchaffen werde, der Sache ihren freien Lauf. „Ma foi,“ ſagte Mola,„ein Künſtler iſt doch liebenswürdiger, als dieſe lebendigen Rechnenma⸗ ſchinen von Kaufleuten.“ In dieſem Augenblicke brachte ihr ein Be⸗ dienter ein Billet. Es war ein duftender Liebes⸗ brief von der lebendigen Rechnenmaſchine, in wel⸗ chem Mola's ziemlich bedeutende quittirte Hötel⸗ Rechnüng lag. „Santa Madonna! welche Unverſchämtheit!“ rief Mola aus.„Wie kann er ſich um meine 99 Schulden bekümmern und ſich unterſtehen ſie zu bezahlen. Wozu wäre denn Twiſt da?“ „Sie nahm eine Anzahl Banknoten, die den Betrag der Rechnung ausmachten, aus ihrem Schreibtiſch, ſchloß ſie in ein Briefcouvert ein, und ſchrieb folgendes Billet dazu. „Mein Herr! Sie erzeigen mir ſehr am unrechten Platze Aufmerkſamkeiten. Meine Gaſthausrechnungen bin ich gewohnt, ſelbſt zu bezahlen. Sie erhalten daher beifolgend den Betrag der für mich be⸗ zahlten Rechnung zurück. Ihre Mola Lontes. Sehr entzückt über eine ſolche Nobleſſe der Geſinnung, kaufte ihr der junge Kaufmann ſo⸗ gleich ein ſehr ſchönes Armband, gegen welches ſich Mola nicht ſo grauſam, wie gegen die guit⸗ tirte Rechnung bewies. Unter ſolchen Umſtänden konnte es den Sohn Mercurs allerdings nicht ſehr angenehm überra⸗ ſchen, als er nach wenigen Tagen folgendes Briefchen erhielt. 7* 100 Lieber Freund! Ich brauche ſehr nothwendig zweihundert Louisd'or. Haben Sie die Güte, mir dieſe Kleinigkeit zu leihen, und ſogleich zu überſchicken. Ihre aufrichtige Mola. Was war da zu thun? Der Unglückliche mußte bonne mine à mauvais jeu machen, und ſiegelte ſeufzend die Louisd'ore ein. Unterdeſſen war der Tag herangerückt, an welchem das Beethovenfeſt, wie alle deutſchen Feſte, in eine große Zweckeſſerei als ſublimſte Spitze auslaufen ſollte. Was haben die Deut⸗ ſchen nicht ſchon Alles zweckgegeſſen. Herwegh und Ronge, Mozart und Beethoven, Itzſtein und Hecker, und nun neulich gar noch die preu⸗ ßiſche Conſtitution vom 3. Febrnar. Da kann man wirklich ausrufen: Proſ't die Mahlzeit. Alle Vorbereitungen waren in Bonn getrof⸗ fen,— aber fragt mich nur nicht wie— und man ſetzte ſich zu Tiſche. Bald wurde angefangen, zu toaſten, denn es iſt eine liebenswürdige Eigenſchaft des Deut⸗ 101 ſchen, daß er den Spruch: leben und leben laſ⸗ ſen, beſonders bei Tiſche ſehr beherzigt. Schade nur, daß er dann gewöhnlich ſolche Todte leben läßt, die er, während ſie wirklich lebten, ver⸗ hungern ließ. „Twiſt, votre verre,“ rief Mola dem ihr gegenüber ſitzenden Virtuoſen zu, indem ſie ihr mit Champagner gefülltes Kelchglas erhob. Twiſt ſtieß mit ihr an: Vive l'amour! „Et le vin de Champagne!“ fügte Mola hinzu, da ſie vielleicht ſchon etwas die Wirkun⸗ gen des Weines, den ſie leben ließ, verſpüren mochte. Unterdeſſen hatten ſie am oberen Ende der Tafel ruhig weiter getoaſtet, bis endlich irgend ein Ultranationaler durch einen Toaſt, ich weiß nicht mehr, war er auf die Wiedereroberung des Elſaß, oder auf den Verfaſſer des Rheinliedes, den armen Nicolas Becker gerichtet, den Patrio⸗ tismus der anweſenden Franzoſen beleidigte, wor⸗ auf ſich ein allgemeiner Tumult erhob. Twiſt ſprang auf, um zu vermitteln und zu beſchwichtigen, Mola, um ſich auf die franzöſi⸗ 102 ſche Seite zu ſchlagen, und wenn es dazu kom⸗ men ſollte, die Auswüchſe deutſchen Nationalge⸗ fühles durch Reitgertenhiebe zu entfernen. Leider ſollte ihr das Vergnügen nicht zu Theil werden. Twiſt hielt eine ſehr geiſtreiche Rede, welche ohngefähr ſo lautete: „Meine Herren— allerdings kann nicht in Abrede geſtellt werden— daß— in Anbetracht aller Umſtände— deutſches Nationalgefühl und franzöſiſcher Patriotismus— indeſſen, wenn Sie bedenken wollen— freilich— der Elſaß — jedoch— Nicolas Becker— jeune homme de talent— nichts deſto weniger— Vermitte⸗ lung— Völkerfrühling— Kosmopolitismus— enſin, umarmen Sie ſich, meine Herren.“ Dieſe Rede erreichte ihren Zweck vollkommen. Die Gegner ſanken ſich gerührt in die Arme, was um ſo natürlicher ausſah, als der viele ge⸗ noſſene Wein das zur Rührung unumgängliche Wanken der Beine täuſchend nachmachte. „Vive Twiſt!“ rief die Verſammlung, „Twiſt, der Friedensſtifter!„Das haſt Du dumm gemacht,“ ſagte Mola, als der Virtuoſe 3 103 ſeinen Platz ihr gegemüber wieder einnahm;„ich freute mich ſchon auf einen allgemeinen Kampf. Vaurien! warum mußteſt Du mir die Freude verderben?“ „Mais mon dieu! Mola,“ ſagte Twiſt,„denke Dir nur, was Deutſchland und Frankreich, ja, was ganz Europa dazu geſagt hätte, wenn man ſich bei dem ohnedies verunglücktem Beethoven⸗ feſte zu guter Letzt noch geprügelt hätte. „Que c'est que ga me regarde?“ rief Mola,„Frankreich, Deutſchland und ganz Europa. Twiſt, versez moi. Vivent les coups de cravache.“ Twiſt ſah, daß es die höchſte Zeit ſei, mit Mola ſich zu entfernen. Sie fing an, das zu werden, was die deutſchen Studenten„angerißen“ nennen. „Je veux rester vaurien,“ ſagte ſie, als er aufſtund, und ſie aufforderte, ihm zu folgenz „je veux rester. Gehe allein nach Hauſe, wenn Du willſt. Mir gefällt es hier.“ Nur mit großer Mühe gelang es dem Vir⸗ tuoſen endlich, Mola mit ſich fortzuziehen, und 104 ſo weiterem Skandale, der bei dem Zuſtande, in welchem ſich Mola befand, unvermeidlich gewe⸗ ſen wäre, vorzubeugen. Tags darauf reiſte Twiſt mit Mola nach Paris. Dort hielt ſein Verhältniß zu ihr noch einige Zeit lang in der Art und Weiſe, wie ſolche er⸗ zwungene Verhältniſſe überhaupt halten können; das heißt, unter fortwährendem Zank und Stürmen. Twiſt dachte aber jetzt ernſtlich daran, Mola endlich los zu werden. Er hatte ihre Jugend⸗ geſchichte erfahren, und wußte daher, daß ſie es nie wagen werde, nach Spanien zurückzu⸗ kehren. „Mola,“ ſagte er daher eines Tages,„wir reiſen übermorgen wieder ab.“ „Das iſt ſchön,“ meinte Mola.„Paris langweilt mich auch ſchon wieder, und der dicke Jules Janin hat auch noch nicht Wort gehalten, und mir ein Gaſtſpiel an der großen Oper ver⸗ ſchafft. Aber wohin reiſen wir denn?“ „Nach Madrid!“ 105⁵5 „Nach Madrid? Nicht möglich! dorthin darſſt Du nicht, denn da kam ich ja nicht mit.“ „So? und warum denn nicht? ich dachte ge⸗ rade, es würde Dir Freude machen, Dein Va⸗ terland wieder zu ſehen.“ „Treuloſes Ungeheuer! Du verhöhnſt mich noch; habe ich Dir doch ſelbſt die Geſchichte mit dem Chiclanero erzählt.“ „Ja ſo; dieſer freundſchaftliche Rippenſtoß mit dem Dolche, daran dachte ich nicht; das iſt freilich etwas Anderes. Allerdings wäre es un⸗ ter dieſen Umſtänden für Dich gefährlich, nach Spanien zu reiſen.“ „Und Du?“ „Ich habe keinem Menſchen einen Dolchſtoß gegeben, und ſehe daher gar nicht ein, warum ich nicht nach Madrid reiſen ſollte.“ „Elender, Du reiſeſt gerade deshalb nach Spanien, weil Du weißt, daß ich Dir dorthin nicht folgen kann. Aber Du ſollſt nicht nach Madrid reiſen; ich ſage Dir, Du ſollſt nicht!“ „Ich muß; ich habe mich verpflichtet, dort zu ſpielen, und mein Wort iſt mir heilig.“ 106 „Ja, wenn Du es darauf gegeben haſt, Taſten zu zerſchlagen, Saiten zu zerſprengen, und dafür Geld einzuſtreichen, nicht aber, wenn Du einem Mädchen, das Dich liebt, etwas ver⸗ ſprochen haſt., „Pah! Mola, ſei vernünftig! Ich hoffe, wenn Du mich wirklich liebſt, ſo wirſt Du meinem Glücke nicht im Wege ſtehen wollen, denn ich muß Dir nur im Vertrauen geſtehen, daß ich ſehr mit dem Plane umgehe, Eure kleine Köni⸗ gin Iſabella, welche die Diplomaten nicht unter die Haube zu bringen wiſſen, aus purer Men⸗ ſchenfreundlichkeit, um der Sache einmal ein Ende zu machen, zu heirathen. Wenn das geſchehen iſt, Mola, dann erlaſſe ich eine große allgemeine Amneſtie, in welcher Du auch mit begriffen ſein wirſt, und dann kannſt Du auch wieder nach Spanien zurückkehren. Biſt Du damit zu⸗ frieden?“ Der Künſtler ſagte dies mit einem ſolchen Anfluge von Humor und guter Laune, daß Mola ihrem Drange zum Lachen nicht widerſte⸗ 107 hen konnte. Nachdem ſie ſich ausgelacht hatte, ſagte ſie zu dem Virtuoſen: „Eh pien, Twiſt! Mettons la position nette. Du biſt ein monstre, ein gaillard; aber man muß lachen über Deine Einfälle. Ich gebe Dich hiermit frei, und verſpreche Dir, Dich nicht wieder auf Deinen Reiſen zu verfolgen. Ich ſehe nachgerade ein, daß Du eben ſo wenig als ich, zur Treue geſchaffen biſt. Aber Twiſt,“ bei dieſen Worten, hielt ſie dem Virtuoſen ihre kleine weiße Hand hin,„restons amis.“ „Vom ganzen Herzen, Mola, ſagte Twiſt,“ in die dargebotene Hand einſchlagend.„Und wenn Du irgend einmal in was immer für einer Beziehung einen Freund bedarfſt, ſo denke zuerſt an mich.“ So ſchieden Mola Lontes und Twiſt von einander, und mir fallen dabei die Dingelſtedt⸗ ſchen Verſe ein: „Ein Thor, wer auch die Hefen ſchlürfte, Weil er den Becher ausgeleert! Wir wären, wenn's ſo enden dürfte, Einer des Andern nimmer werth.“ ———— Siebentes Kapitel. Mola's Debüt. Als Lwiſt abgereiſt war, um die kleine Köni⸗ gin Iſabella von Spanien zu heirathen, und dann ſeiner Mola Amneſtie zu ertheilen, ging dieſe zu Jules Janin. Der allmächtige Feuilletoniſt war zwar gerade ſehr beſchäftigt; aber nichts deſto weniger wurde die Tänzerin vorgelaſſen. Es war auch in der That ſchwer, Mola Lontes nicht vorzulaſſen, da ſie die liebenswürdige Gewohnheit hatte, die Be⸗ dienten zu prügeln, und dann mit Gewalt in das Zimmer des Herrn zu dringen. Wir treten alſo mit ihr in die Wohnung eines franzöſiſchen Schriftſtellers ein. Ein fürſt⸗ —————— —— 109 licher Lurus blendet und verwirrt unſere Augen. Ueberall koſtbare Gemälde und Vaſen, antike Waffen und Geräthſchaften neben den elegante⸗ ſten neumodiſchen Nippſachen, überall Gold und Silber, Sammet und Seide, Ebenholz und El⸗ fenbein. Ein betreßter Bedienter führt uns in das Arbeitszimmer des großen Jules, dem es auf ein paar geographiſche oder hiſtoriſche Schnitzer in ſeinem an dergleichen Zufälligkeiten reichen Leben nicht ankömmt. Er hat mit der liebens⸗ würdigſten Naivetät drucken laſſen:„Theodor Körner habe ſeine begeiſterten Kriegslieder in Paris eine Stunde vor dem Ausbruche der franzöſiſchen Revolution geſungen, ſei aber dann als ein echter Bierheld nach Deutſchland zurückgeflohen.“ Jules Janin iſt der ſeichteſte, erbärmlichſte, unwiſſendſte Schwätzer, und doch hat er eine fürſtliche Wohnung, eine Anzahl Bedienten, eine Equipage, und ein Land⸗ haus, während bei uns die geiſtreichſten jungen Gelehrten, die talentvollſten Dichter zu Grunde gehen. 110 Woher kommt dies? Ich will es euch ſagen. Weil die Franzoſen wahres Nationalgefühl haben und wir nicht, weil ſie nicht ihre Talente ver⸗ hungern laſſen, um ſich ſelbſt kümmerlich mit den Brodſamen, die von dem Tiſche fremder Literaturen in Geſtalt von ſchlechten Ueberſetzungen fallen, zu ernähren, weil ein franzöſiſcher Buch⸗ händler nicht eigens nach dem Wohnorte eines ausländiſchen Schriftſtellers reiſen würde, um ihn um Gotteswillen zu beſchwören, ihm das ausſchließliche Recht, eine Ueberſetzung ſeiner un⸗ ſterblichen Werke ſür eine Summe zu verkaufen, die er nicht für das beſte Originalwerk bezahlen würde, weil— ja ich könnte noch ſo manches „Weil“ anführen, aber ſie würden für unſere Nation zu demüthigend ausfallen. Janin empfing die Tänzerin ungemein artig. „Sie haben Ihr Wort nicht gehalten,“ ſagte Mola gleich beim Eintreten. „Wie ſo?“ fragte Jules Janin. „Nun, Sie haben mir in Bonn eine Gaſt⸗ rolle an der großen Oper verſprochen, und ich habe ſeitdem nichts weiter davon gehört.“ — — 111 „Allerdings habe ich Ihnen eine Gaſtrolle an der großen Oper verſprochen und mein Ver⸗ ſprechen auch keineswegs vergeſſen; aber ich konnte nur bis jetzt nicht dazu kommen mit Herrn Pillet darüber zu ſprechen. Bedenken Sie nur, was ich zu thun habe. Die ganze Welt hat ſich gegen mich verſchworen und plagt mich, der um eine längſt verſprochene Vorrede, der um einen Feullitonsartikel, der um eine Reclame, jener um eine Kritik. Es iſt zum Tollwerden!“ Mola blieb während dieſer Erpectoration, welcher der König des Feuilletons mit einem ziemlich ſtarken Beigeſchmacke von Anmaßung und Selbſtzufriedenheit von ſich gab, ganz ruhig und theilnamlos. „Sie ſind in der That ſehr zu bemitleiden, armer Janin,“ ſagte ſie dann ironiſch,„aber das Alles kann mir nichts nützen, und ich kann keine Rückſicht darauf nehmen. Sie haben geſagt, ich möge nur auf Ihre Verantwortung nach Paris kommen. Das habe ich gethan, und nun will ich mich nicht hier langweilen und mein Geld verzehren, ſondern mein Gaſtſpiel haben.“ 112 Ein ſarcaſtiſches Lächeln zuckte bei den Wor⸗ ten Mola's: mein Geld verzehren um die Lippen des Feuilletoniſten, indeſſen unterdrückte er es, und ſagte: „Wenn Sie mir meine bisherige Saumſelig⸗ keit verzeihen wollen, ſo verſpreche ich Ihnen, ſchöne Mola, morgen Vormittag eigens zu Herrn Pillet zu fahren, um über dieſe Sache mit ihm zu ſprechen.“ „Fh hien alors c'est ſini! Aber wiſſen Sie was, liebſter Janin, ich verſtehe mich ſehr ſchlecht auf Contracte und derlei Geſchäftsſachen. Sie könnten das auch gleich für mich in Ord⸗ nung bringen. Verſteht ſich, daß ich ſobald als möglich aufzutreten und dafür ſo viel Geld als möglich zu bekommen wünſche.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, Ihr In⸗ tereſſe zu wahren, reizende Mola, aber Sie wiſ⸗ ſen, man iſt bei Allem, was man thut, ein wenig eigennützig. Wenn Sie durch meine Vermitt⸗ lung ein Gaſtſpiel erhalten, wenn Sie, wie ich nicht zweifle, Furore machen, wenn Sie die Löwin des Tages ſein werden, werden Sie dann 113 —— auch wenig dankbar und gefällig gegen den feu⸗ rigen Bewunderer Ihrer Reize ſein?“ „Vat'en, alter, dicker Sünder,“ ſagte Mola lachend, indem ſie vom Stuhle aufſtand.„Dar⸗ über wollen wir weiter ſprechen, wenn ich erſt meinen Contract in der Taſche habe; es iſt da⸗ her Ihr eigner Vortheil, daß derſelbe ſo günſtig als möglich für mich lautet. A revoir denn.“ „A revoir, ſo hoffe ich, und auf ein öfteres, langes, inniges revoir,“ rief ihr der Feuille⸗ toniſt nach. Vieux gredin! dachte ſich Mola, wenn ich erſt mein Gaſtſpiel an der großen Oper habe, dann weiß ich mir freigebigere und liebenswür⸗ digere Anbeter zu finden, und dann will ich Dir auch auf Deinen unverſchämten Antrag ant⸗ worten. Bis dahin adien! Jules Janin hielt Wort. Am andern Tage bekam die Tänzerin ein ſüßduftendes Billet, in welchem ihr der König des Feuilletons anzeigte, daß er vorläufig ein dreimaliges Auftreten an der großen Oper mit fünfhundert Franes für den Abend von Herrn Leon Pillet für ſie ausgewirkt 8 114 habe. Gefiele ſie, woran zu zweifeln Frevel wäre, ſo würde ſich Herr Leon Pillet bereit fin⸗ den laſſen, ihr noch ein öfteres Auftreten und höheres Honorar zu bewilligen. Janin ließ ſogar in ſeinem Schreiben die Möglichkeit eines beſtändigen Engagements durch⸗ blicken und ſchloß mit den Betheuerungen ſeiner aufrichtigſten Freundſchaft und Ergebenheit. Mola ſuchte nun ihre Tanzſchuhe und fleiſch⸗ farbenen Tricots, die ſie ſchon lange nicht mehr benutzt hatte, hervor, und übte ſich täglich ein paar Stunden auf ihrem Zimmer in den kühnſten Pas und Pirouetten des Bolero, zum großen Ergötzen ihres vis à vis, eines jungen Studenten der Rechte aus der Provinz, dem ſeine Eltern ſehr viel gute Rathſchläge, aber ſehr wenig Geld mit nach Paris gegeben hatten, und den alſo der Zufall auffallend begünſtigte, das umſonſt zu ſehen, was gegen Entrée zu betrachten, ihm ſeine Geldmittel keineswegs erlaubt hätten. Bald begannen die Proben auf dem Thea⸗ ter. Als Mola tanzte, ſchüttelten ſowohl der Balletmeiſter, als auch die Tänzer und Tänze⸗ 115 rinnen, die zugegen waren, die Köpfe. Wahr⸗ haftig das Pariſer Corps de Ballet iſt gerade nicht ſo prüde und das Publikum eben ſo wenig; aber das ſchien denn doch nach dem Göthe'ſchen Ausſpruch; „Crlaubt iſt, was ſich ſchickt“ über die Grenzen des Erlaubten hinaus zu gehen, und die Municipalgarde wäre unfehlbar gegen dieſe Pas, wenn ſie in der chaumisre oder auf dem bal Mabile getanzt worden wäre, einge⸗ ſchritten. Trotzdem konnte man durchaus nicht ſagen, daß Mola's Tanz unanſtändig und ſomit unſchön geweſen ſei. Nein, durchaus nicht! Er war ſchön, nur lag in demſelben eine ſo heiße ſüdliche Färbung, eine ſo üppige ſinnliche Glut, daß die Polizei von ihrem Standpunkte aus, der ein moraliſcher und kein äſthetiſcher iſt, ſich bewogen fühlen konnte, einzuſchreiten. Der verhängnißvolle Abend kam und mit ihm ein Reſultat, welches in der That Niemand er⸗ wartet hatte. Nicht die Polizei ſchritt ein, ſon⸗ dern das Publikum war mit einem Male unge⸗ 8* 116 heuer moraliſch geworden und die frivolen Pariſer waren prüde. Die Damen verließen nach dem erſten Tanze Mola's das Theater und die Herren pfiffen ſie nach allen Regeln der Kunſt aus. Das ſcheint unerklärlich; aber in Paris giebt es nichts ſo Unmögliches und Unerklärliches, was nicht täglich geſchähe. Zum Unglück für die arme Mola war gerade jetzt durch einen jun⸗ gen Kanzelredner mit feurigen Augen, intereſſan⸗ ten bleichen Wangen, wohltönender Stimme und glühender Einbildungskraft, Tugend und Fröm⸗ migkeit unter den höheren Ständen ſo Mode ge⸗ worden, wie ſpäter die Polka. Man ging in die Kirche, wie man auf dem Ball ging, nur, daß man beinahe eine noch ſorgfältigere Toilette dazu machte. Es iſt dies ja natürlich. Man muß dem lieben Gott doch noch mehr Ehre er⸗ weiſen als den Menſchen. Dies mag die Frauen größtentheils dazu be⸗ ſtimmt haben, das Theater zu verlaſſen, als die ſchöne Andaluſierin tanzte; vielleicht kam auch etwas Neid auf eine Schönheit hinzu, von der ſich die 117 Meiſten eingeſtehen mußten, daß ſie die ihrige weit übertreffe. Genug, die Damen gingen und die Männer hielten es für ihre Pflicht, das Vertreiben derſel⸗ ben durch furchtbares Pfeifen und Toben zu rächen. Mola war hinter die Couliſſen zurückgetreten. und wüthete dort, wie eine verwundete Löwin. „Die Elenden es iſt ſchändlich es iſt feig.. es iſt erbärmlich ein wehrloſes Weib zu verhöhnen und zu beſchimpfen....0 Vergebens ſuchte man ſie von allen Seiten zu beruhigen, und ſie darauf aufmerkſam zu ma⸗ chen, daß es oft denjenigen Künſtlern, die ſpäter die entſchiedendſten Lieblinge des Publikums wurden, bei ihren erſten Auftreten nicht beſſer ergangen ſei. „Nein!“ rief ſie aus ich will nochmals hinaus auf die Bühne... ich will es ihnen in's Geſicht ſagen, daß es feige.. daß es nicht franzöſiſch ſei, ein Weib zu beleidigen.“ Nur mit großer Mühe konnte man ſie von der Ausführung dieſes Vorhabens, welche jeden⸗ 118 falls das Uebel noch verſchlimmer hätte, ab⸗ halten. In dieſem Augenblicke trat Herr Leon Pillet mit Herrn Beaujarrier, dem Geranten einer gro⸗ ßen Zeitung, auf die Bühne. Mola ſtürzte ſogleich auf den Director der großen Oper los.„Herr Pillet,“ ſagte ſie,„ich habe mich verpflichtet, dreimal aufzutreten, aber Sie werden einſehen, daß nach der Beleidigung, die mir zu Theil geworden, dies nicht mehr möglich iſt. Sie müſſen, Sie werden von der Erfül⸗ lung unſers Contractes abſtehen, ebenſo wie ich die für den heutigen Abend bedungenen fünf⸗ hundert Franes nicht annehmen werde.“ „Beruhigen Sie ſich mein Fräulein,“ ſagte Pillet;„es fällt mir gar nicht ein, nach dem, was vorgefallen iſt, auf der Erfüllung unſers Con⸗ tractes zu beſtehen; ich könnte es um meiner ſelbſt Willen nicht und hatte mich ſchon darauf gefaßt ge⸗ macht, Ihnen ein anſehnliches Reugeld wegen Contractlöſung zu bezahlen, da Sie mir aber ſelbſt ſo freiwillig und freundlich die Hand dazu bieten, ſo iſt es mir um ſo lieber. Erlauben 11⁵ Sie mir, daß ich Ihnen hier meinen Freund Beaujarrier, den Geranten eines unſerer einfluß⸗ reichſten Blätter, vorſtelle.“ Ein Gedanke ſchoß durch Mola's Seele. Sie hatte lange genug in Paris gelebt, um zu wiſſen, daß ſich ſogleich die ganze ſcandalſüch⸗ tige Preſſe vom Charivari bis zum Satan cor- saire auf ihr unglückliches Debüt ſtürzen werde, und es kam ihr daher jetzt gerade, wo ſie eines Schutzes in der Preſſe bedurfte, ſehr gelegen, dem Geranten eines einflußreichen Blattes gegen⸗ über zu ſtehen. Sie bekämpfte daher, ſo gut es paſſen wollte, ihr Aufregung, um ihrer Lie⸗ benswürdigkeit gegen den zu kirrenden Geranten freien Spielraum zu laſſen. „Sie ſehen, oder vielmehr Sie hören mein unglück,“ ſagte Mola lächelnd,„werden Sie auch mit den erbarmungsloſen Journalen Cho⸗ rus machen, die jetzt wie eine Meute Bluthunde über ein armes, wehrloſes fremdes Mädchei herfallen werden, um es zu verhöhnen und zü vernichten?“ „Gewiß nicht,“ erwiderte Beaujarrier;„die 120 Journaliſten, welche das thun ſollten, kennen Sie nicht, und verſtehen etwa ſo wenig von der Tanzkunſt, als der vornehme prüde Pöbel, der da draußen lärmt und ziſcht. Wenn Sie Non⸗ nen tanzen ſehen wollen, ſo ſollen Sie nicht in die große Oper gehen. Was iſt der Tanz an⸗ ders, und was ſoll er anders ſein, als ein verkör⸗ pertes Sinnbild der Liebe und des Genuſſes, und von dieſem Standpunkte aus betrachtet, ha⸗ ben Sie vortrefflich, haben Sie entzückend ge⸗ tanzt, und wenn nicht gerade bei den Damen die langweilige Frömmigkeit Mode wäre, ſo hät⸗ ten die Männer eben ſo raſend applaudirt, als ſie jetzt pfeifen.“ „Es liegt ein Troſt in dem, was Sie mir da ſagen,“ erwiderte Mola,„und ich bin Ihnen unendlich dankbar für dieſen Troſt. Alſo kann ich darauf zählen, daß Ihr einflußreiches Jour⸗ nal die allzuſpitzigen Epigramme, die man gegen mich richten wird, abzuſtumpfen bemüht ſein wird?“ „Gewiß, reizende Mola, was an mir liegt, ſoll geſchehen, um die öffentliche Meinung zu —— 121 Ihren Gunſten zu lenken. Aber was wollen wir noch länger hier plaudern? Kleiden Sie Sich um, und erweiſen Sie mir dann die Ehre, heute Abend mit mir im Palais royal zu ſou⸗ piren.“ „Ich nehme Ihre gütige Einladung an,“ ſagte Mola, froh darüber, den Journaliſten ſchon ganz in ihren Netzen zu haben. Beaujarrier war, bis auf ſeine Neigung zum Spiel und zu den Tänzerinnen, ein ſehr ach⸗ tungswerther Mann. Er hatte ſich ohne eigent⸗ liches literariſches Talent, durch bloſen Fleiß, Rechtlichkeit und Geſchäftseifer zum Geranten eines der größten und einflußreichſten pariſer Journale emporgeſchwungen, und genoß nun in dieſer Stellung außer dem Anſehen und dem Einfluſſe, die ſie gewährte, ſo bedeutende Ein⸗ künfte, daß er ſeine Familie aufs Freigebigſte unterſtützen und ſelbſt einen fürſtlichen Aufwand machen konnte. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß eine ſo überaus angenehme Lebensſtellung in Paris, wo es von jungen Leuten wimmelt, die ihr Glück machen wollen, nicht unbeneidet blieb. Beau⸗ jarrier kümmerte ſich indeß wenig um die öffent⸗ lichen und geheimen Angriffe, die er erfuhr. Wenn ſich gerade eine Gelegenheit dazu bot, ſo erwiderte er ſie, ſcharf und ſchlagend, ſonſt igno⸗ rirte er ſie, das beſte Verfahren unſtreitig, um ſeine Neider und Angreifer zu ärgern. Nach wenigen Augenblicken kam Mola in ihrer gewöhnlichen Kleidung aus der Garderobe. Sie nahm Beaujarrier's Arm und verließ mit ihm das Theater. Unten wartete eine elegante Equipage auf den Journaliſten, der mit ſeiner Begleiterin in dieſelbe ſtieg und dem Kutſcher„au palais royal!“ zurief. Dort angekommen, führte der Journaliſt die ſchöne Tänzerin zu einem der eleganteſten unter den zahlreichen restaurants des palais royal. Die Gaslichter flammten hell über den glän⸗ zend eingerichteten Saal und die ausgewählte Geſellſchaft, die ſich in demſelben befand. „Es iſt zu laut und zu lärmend hier,“ ſagte Beaujarrier,„nicht wahr, Mola?“ 123 Mola antwortete nicht; aber ein verrätheri⸗ ſches Lächeln um ihren Mund ließ ahnen, daß es ihr nicht gerade unangenehm ſein würde, mit dem Journaliſten allein zu ſoupiren. Ermuthigt dadurch, beſtellte Beaujarrier ein ungemein feines und koſtbares Souper mit Champagner, Auſtern und Trüffelpaſtete, und ließ daſſelbe nach einem eabinet particulier, wo⸗ hin er ſeine Eroberung geführt hatte, bringen. Die Tänzerin entwickelte bei dieſem Souper eine ſo hinreißende Heiterkeit und Anmuth, ſie wußte ihren Liebhaber durch ſo Manches, was ſie ihm gewährte, um ſo lüſterner nach dem Vie⸗ len, was ſie ihm verſagte, zu machen, daß er ihr am anderen Tage eine elegante Wohnung miethete, und ſie im nobelſten Style von der Welt entretenirte. Hier war es aber doch ein anderes Ver⸗ hältniß, als Mola einſt mit dem alten und lächer⸗ liſchen d'Enonville gehabt hatte. Beaujarrier war in den beſten Jahren; dabei ein Mann von ge⸗ wandtem Weſen und achtungswerthem Charar⸗ ter, ſo daß ſelbſt die zucht⸗ und rückſichtsloſe 124 Mola eine gewiſſe Art von Reſpect vor ihm hatte. „Kannſt Du gut Piſtolen ſchießen, lieber Freund?“ ſagte ſie eines Tages zu ihm. „Faſt gar nicht,“ erwiderte Beaujarrier. „Das iſt ſehr ſchade, und unrecht von Dir obendrein. Ein Mann kann eine ſolche Fertig⸗ keit ſehr gut im Leben brauchen; iſt ſie ja ſogar mir einmal zu Statten gekommen. Weißt Du 11 was, wir wollen nach einem Schießſtande 1 fahren.“ Beaujarrier willigte ein. Mola hatte wirklich nicht renommirt; ſie ſchoß vorzüglich. Beaujarrier traf dagegen kaum die Scheibe. „So ſieh doch einmal her,“ ſagte Mola; „es iſt ja ganz leicht; gieb Acht, ich will jetzt den dritten Ring treffen da— und jetzt das Schwarze— hier.“ „Du haſt gut reden, daß das leicht ſei,“ entgegnete Beaujarrier lachend;„denn erſtens haſt Du ein beſſeres Auge, als ich, und zweitens biſt 125 Du geübt. Aber die Sache beginnt mich zu langweilen, laß uns fort.“ „Willſt Du Dich nicht täglich eine Stunde hier üben,“ fragte Mola,„es wäre Dir ſehr nützlich, in einem Monate könnteſt Du es weit genug bringen.“ „Wozu?“ fragte Beaujarrier;„ich habe noch kein Duell gehabt, und hoffe bei meiner ruhigen und friedfertigen Natur auch keines zu bekommen. Meine Zeit iſt mir zu koſtbar, um ſie auf unnütze Dinge zu verſchleudern. Komm!“ „Man kann doch nicht wiſſen, was für Fälle eintreten,“ ſagte Mola;„wenn Du meinen Rath befolgſt, ſo übſt Du Dich eine Stunde täglich.“ Ein prophetiſcher Geiſt ſchien hier aus der Tänzerin geſprochen zu haben, wie wir bald ge⸗ nug ſehen werden. Noch an demſelben Abende ging Beaujarrier zu einem kleinen Souper bei einem der Restau- rants des palais royal. Er fand dort eine kleine Geſellſchaft, größtentheils aus Journaliſten und jungen Schauſpielerinnen beſtehend. Der Ton war, wie man ſich bei ſolchen Elementen der Geſelligkeit leicht denken kann, ein ziemlich freier. Man trank vielen Cham⸗ pagner, und Beaujarrier etwas mehr, als er vertragen konnte. In dieſer Geſellſchaft befand ſich auch ein junger Creole, Namens Duvallon, der eine 1 ziemlich ausgeſprochene Abneigung gegen Herrn Beaujarrier hegte, die dieſer ebenfalls von gan⸗ zem Herzen erwiderte. Die Gründe dieſer ge⸗ 1 genſeitigen Antipathie beſtanden theils in der feindlichen Stellung der Journale, an welchen die beiden Männer betheiligt waren(denn auch Duvallon war Journaliſt) theils in Aeußerun⸗ gen, die ſie gegenſeitig übereinander gethan hat⸗ ten, und die ihnen bie Klatſchſucht ſogenannter Freunde berichtet hatte. „Anais! je gage qu'avant un mois je cou- cherai avec vous,“ rief Beaujarrier in einem Anfluge von toller Champagnerlaune aus, indem er mit der jungen hübſchen Schauſpielerin Athe⸗ nais anſtieß. Die Schauſpielerin ſelbſt, welche dieſer aller⸗ dings derbe Scherz galt, lachte und ſagte, indem 127 ſie dem Journaliſten einen leichten Schlag auf die Schulter gab. „Insolent! Sie ſind eben ſo eingebildet, als abgeſchmackt.“ Obgleich alſo die Betheiligte die Sache ſelbſt als bloſen Scherz behandelte, ſo fand ſich Herr Duvallon doch bewogen, ſich zum Ritter der beleidigten Unſchuld aufzuwerfen, und es entſtand jetzt ein Streit, der nur mit Mühe von den Anweſenden beſchwichtigt wurde. Um den unangenehmen Eindruck, der durch dieſen Zwiſchenfall hervorgerufen worden war, zu verwiſchen, ſetzte man ſich zu einer Partie Lansquenet, ein Spiel, welches damals in Pa⸗ ris gerade ſehr en vogue war. Aber bald hatte dieſes Spiel zu einem neuen Streite zwiſchen den beiden Gegnern Veranlaſ⸗ ſung gegeben. Beaujarrier verlor nämlich ſo anhaltend und viel, daß am Ende ſeine Börſe erſchöpft war, und er an Herrn Duvallon noch zehn Louisd'or zu bezahlen hatte. Es war natürlich, daß er einem Manne, mit dem er eine halbe Stunde zuvor einen hef⸗ 128 tigen Streit gehabt hatte, kein Geld ſchulden wollte; er rief daher den Beſitzer der Reſtaura⸗ tion, und ließ ſich von demſelben, der ihn als reichen und ſichern Mann kannte, zehn Louis⸗ d'or vorſtrecken, um ſie ſeinem Gegner zu be⸗ zahlen. Duvallon fand aber in dieſer dringen⸗ den Eile Beaujarriers, ſich ſeiner Verpflichtung gegen ihn zu entledigen, eine neue Beleidigung gegen ſich, und verließ nach einem kurzen Wort⸗ wechſel das Zimmer mit den Worten: „Monsieur Beaujarrier, votre figure me de- plait souverainement.“ Achtes Kapitel. Une cause cClebre. Wer kennt ihn nicht, dieſen peinlichen, ſpan⸗ nenden Zuſtand, in welchen uns, wenn ein Duell einmal unvermeidlich geworden iſt, die ſich oft ſo ſehr in die Länge ziehenden Verhandlun⸗ gen über Waffen, Ort, Zeit und ſo weiter, ver⸗ ſetzen. Dieſe Zwiſchenzeit, während welcher die Secudanten von einer Partei zur andern gehen, um die Bedingungen des Kampfes feſtzuſetzen, iſt gewiß die unangenehmſte Beigabe jeder Ehrenſache. Iſt einmal Alles in Ordnung, dann weiß man ſich, wenn man ſonſt gerade keine Memme 9 130 iſt, zu faſſen, und der Entſcheidung kühn und unverwandt in's Auge zu ſehen. In dem gegenwärtigen Falle zogen ſich dieſe Vorverhandlungen ſehr in die Länge. Wir wiſſen, daß Beaujarrier ein ſehr ſchlechter Schütze war, und man kann es daher nicht für Feig⸗ heit erklären, wenn er Bedenken trug, einem Manne, wie Duvallon, der den größten Theil des Tages auf dem Schießſtande lag und ſich ſelbſt gerühmt hatte, er dürfe nur das Auge eines Menſchen ſehen, um demſelben eine Kugel durch den Kopf zu jagen, mit der Piſtole in der Hand entgegenzutreten. Beaujarrier ging daher zu ſeinem Freunde, dem großen Alerander Dumas, der in dem Ruf ungemeiner Sachkenntniß in Duellſachen ſteht, obwohl man nicht eben viele Ehrenkämpfe auf⸗ zählen kann, die er wirklich ausgefochten hätte, um ſich Raths zu erholen. „Eine ſchlimme Sache,“ ſagte Dumas, Mar⸗ quis de la Pailleterie achſelzuckend,„eine ſehr ſchlimme Sache. Dieſer Creole Duvallon ſchießt wirklich ausgezeichnet, wie mir Adolph, der ihn 131 oft auf dem Schießſtande geſehen hat, erzählte. Und Sie verſtehen ſich wohl nicht beſonders auf die Piſtole.“ „Durchaus nicht, ich fehle faſt regelmäßig die Scheibe.“ „C'est facheux; indeſſen wollen wir ſehen, was ſich thun läßt; vielleicht können wir machen, daß Duvallon den Degen wählt, mit dem wer⸗ den Sie doch umzugehen wiſſen.“ Ueber dem Schreibtiſche des Verfaſſers von Monte Chriſto hing ein großer Degen mit gol⸗ denem Griff und ſammtener edelſteinbeſetzter Scheide. Beaujarrier nahm ihn von der Wand herab und zog ihn, jedoch auf eine ſo ungeſchickte re⸗ gelwidrige Art und Weiſe, daß Dumas ſogleich ſagte: „Sie haben noch nie einen Degen in der Hand gehabt; das iſt freilich ſehr fatal; denn, wenn Sie nicht fechten können, ſo ſind Sie mit dem Degen faſt noch ſchlimmer daran, als mit der Piſtole.“ 9* 132 „Gewiß,“ ſagte Beaujarrier, die Waffe wie⸗ der an ihren Platz hängend.„Ich denke auch, wir bleiben bei der Piſtole. Es iſt doch eine Art von Gottes Fügung, die den Lauf einer Kugel lenkt. Und bei dem Degen liegt es in ſeiner Macht, mich, den Unerfahrenen in der Handha⸗ bung der Waffe, auf eine für mich demüthigende und lächerliche Art, zu ſchonen, und das will ich nicht zu ertragen haben, von ihm gerade am Allerwenigſten.“ „Nun, mein lieber Beaujarrier,“ ſagte Dumas nach einer Weile,„ſo wollen wir ſuchen, die ganze Sache rückgängig zu machen; die Beleidi⸗ gung iſt ja keine ſo tödtliche— „Nein, nein, Dumas,“ ſagte der Gerant hef⸗ tig,„daran iſt nicht zu denken; ich habe noch kein Duell gehabt und auch keine Veranlaſſung dazu; ſchlage ich die erſte, die mir geboten iſt, aus, ſo wird man mich für einen Feigling hal⸗ ten und zehn neue Beleidigungen und Heraus⸗ forderungen würden die Folge davon ſein. Schlage ich mich aber mit dieſem bramarbaſirenden Creo⸗ len, ſo werden meine Feinde Reſpect vor mir 133 bekommen und mich in Ruhe laſſen. Es iſt beſſer ſo, glauben Sie mir.“ „Nun wohl,“ ſagte Dumas,„ich ehre Ihre Gründe und Geſinnungen und muß Ihnen größ⸗ tentheils Recht geben. Wenn Sie ſich alſo durch⸗ aus ſchießen müſſen, ſo bedienen Sie ſich dieſer Piſtolen hier,“ damit nahm er ein elegantes Piſtolenbeſteck aus ſeinem Schreibtiſche;„ich habe ſie erſt vor wenigen Tagen bei Lepelletier gekauft und noch Niemand hat daraus geſchoſſen. Sie ſind Ihrem Gegner eben ſo fremd, wie Ihnen und können daher das Uebergewicht, wel⸗ ches er ohnedieß durch ſeine Geſchicklichkeit über Sie hat, nicht noch vermehren.“ „Gut! ich will zu Ihnen um die Waffen ſchicken,“ damit entfernte ſich Beaujarrier von Dumas. Unterdeſſen machte Duvallons Secundant wider alles Erwarten gegen die Piſtolen des Herrn Dumas Einwendungen und verſprach ſelbſt Waffen herbeizuſchaffen, von denen er auf ſein Ehrenwort verſichern könne, daß ſie dem Creolen fremd ſeien. 134 Man wollte ſich ſchon am nächſten Tage in einem näher beſtimmten Theile des bois de Boulogne treffen, da Beaujarrier, nur um die Sache einmal zu Ende zu bringen, die Piſtolen ſeines Gegners annahm. Beaujarrier und ſein Secundant mußten in der größten Kälte anderthalb Stunden auf die Gegenpartei warten; endlich erſchien der Creole mit ſeinem Secundanten; er entſchuldigte ſich auf die gerechten Vorwürfe, die man ihm machte, leicht und obenhin, er habe lange kein Mieth⸗ cabriolet finden können. Man ſchritt zum Laden. Als Beaujarriers Secundant ſeinen Finger in die Mündung der Piſtole ſteckte, zog er ihn ganz geſchwärzt heraus, ein deutlicher Beweis, daß die Piſtole noch vor Kurzem gebraucht ſein mußte. Die Einwendungen, die er jetzt natürlich gegen die Zuläſſigkeit der Waffen erhob, wurden durch den Secundanten des Creolen, einen ehemaligen Of⸗ fizier in ſpaniſchen Dienſten, übertäubt und vor⸗ nehmlich dadurch, daß er mit ſeinem Ehrenworte 135 dafür einſtand, Herr Duvallon kenne die Waffen nicht, ein Ehrenwort, was mit um ſo unverantwort⸗ licherer Sorgloſigkeit gegeben ward, als Herr Duvallon die Waffen ſchon am Abende zuvor in Händen gehabt hatte, und, als ſein Secun⸗ dant an dieſem Morgen zu ihm kam, nicht zu Hauſe geweſen war. Man maß nun die Barrieren ab. Beaujarrier trat einen Schritt vor, ſchoß und fehlte. Darauf ließ er die Piſtole, mit der er ſich ſelbſt nach den ſtrengſten Duellgeſetzen hätte den Kopf decken dürfen, fallen, und ſtellte ſich ganz breit der Kugel ſeines Gegners entgegen. Dieſer trat ſo weit vor, als ihm geſtattet war, zielte während des Gehens lang und ſicher und ſchoß endlich. Beaujarrier ſank mit zerſchmet⸗ tertem Kopfe nieder. Der Arzt ſprang herbei, aber menſchliche Hilfe war hier vergebens; der Unglückliche war nach wenigen Secunden todt. Duvallon entfernte ſich mit ſeinem Secun⸗ danten, während der Arzt und der Secundant 136 des Gefallenen die Leiche in einen Mantel hüll⸗ ten, um ſie in den in der Rähe haltenden Wagen und nach Paris zu bringen, wo Mola und die unglückliche Mutter des Gefallenen dieſe Schrek⸗ kenspoſt erfahren mußten. Mola war wenigſtens zum Theile darauf vorbereitet. Beaujarrier war ſeit ein paar Tagen auffallend beſchäftigt und zerſtreut geweſen, am letzten Abende hatte ſie ihn vergebens erwartet, und dieſen Morgen ein kurzes räthſelhaft abge⸗ faßtes Billet erhalten, worin er von einem wich⸗ tigen und ernſtem Geſchäfte ſprach, und ihr für den Fall, daß er ſie nicht wieder ſehen ſollte, Lebewohl ſagte. Deſto unvorbereiteter und entſetzlicher traf dieſer Schlag die Mutter Beaujarriers, die in ihm nicht nur ihren Sohn, ſondern den Ernäh⸗ rer und Wohlthäter der ganzen Famile betrauerte; obwohl auch Mola, als die Leiche in's Haus getragen wurde, alle Faſſung verlor, und laut jammernd und weinend auf ihren todten Freund hinſtürzte; denn wenn Sie auch eben keine mäch⸗ tige Leidenſchaft für Beaujarrier empfunden hatte, 137 ſo hatte ſie ihn doch mehr geachtet, als irgend einen ihrer früheren Liebhaber, und ſein ſanfter, redlicher Character, ſeine Liebe zu ihr, die Ge⸗ fälligkeit, mit welcher er allen ihren Neigungen und Launen zuvor gekommen war, hatte ihm auch ihre wärmſte freundſchaftlichſte Zuneigung erworben. Ein großer Schmerz gleicht alle kleinlichen geſellſchaftlichen Rückſichten aus, hebt alle For⸗ men der Convenienz auf. Beaujarriers Mutter hatte natürlich das Ver⸗ hältniß ihres Sohnes zu der Tänzerin nie billi⸗ gen können, hatte natürlich nie anders, als mit dem Ausdrucke der tiefſten Verachtung von Mola geſpro⸗ chen, und jetzt weinte ſie mit ihr zuſammen an der Leiche ihres Sohnes, ja es gewährte ihrem Schmerze ſogar Linderung, ein theilnehmendes Weſen zu finden, das ihren Sohn geliebt hatte, und ihn jetzt bedauerte, und wenn dieſes Weſen auch nur die ſo verachtete ſpaniſche Dirne wäre. „Der arme gute Beaujarrier,“ ſagte Mola; „er hat niemals ſchießen gekonnt und wollte es auch nicht lernen, wie ſehr ich ihn auch zure⸗ 138 redete. Wenn ich nur etwas Näheres über die unglückliche Geſchichte gewußt hätte, ich wäre auf den Kampfplatz geeilt und die Sache hätte eine andere Wendung nehmen müſſen. Aber aus ſeinem unglücklichen Briefe konnte ich nicht recht klug werden, obwohl ich eine Ehrenſache ahnte. Der arme gute Beaujarrier!“ Als man die Papiere des Gefallenen unter⸗ ſuchte, fand man ein Teſtament, in welchem auch, außer ſeiner Familie, unſere Mola reichlich be⸗ dacht war und welches mit folgenden Worten begann: „Im Begriffe, mich für die nichtswürdigſte und erbärmlichſte Sache von der Welt zu ſchlagen, beſtimme ich u. ſ. w.“ Was ſind das für ſociale Verhältniſſe, in wel⸗ chen man ſich gezwungen ſieht, für eine Sache, die man ſelbſt für nichtswürdig und erbärmlich hält, nicht nur ſein Leben, ſondern das ganze Glück ſeiner Familie auf's Spiel zu ſetzen. Duvallon hatte ſich mit ſeinem Secundanten nach Brüſſel geflüchtet, um den Folgen ſeiner That zu entgehen. Dieſer Schritt ſcheint auf 139 ein ſehr böſes Gewiſſen zu deuten, denn in Frankreich kommt ein Duellant, der ſeinen Geg⸗ ner im ehrlichen gleichen Kampfe getödtet hat, faſt immer ſtraflos davon, da das franzöſiſche Geſetzbuch keine Paragraphen über das Duell hat, und der auf Mord doch nicht angewendet werden kann. Duvallon ſchien auch ſpäter einzuſehen, daß ihn ſeine Flucht ſehr gravire, denn als der Pro⸗ zeß vor die Aſſiſen von Rouen verwieſen wurde, ſtellte er ſich freiwillig. Das war wieder einmal Etwas für die neu⸗ gierigen und ſcandalſüchtigen Pariſer. Eine cause célèbre, wie ſie lange nicht dageweſen war. Außer dem Duellanten waren noch Alexan⸗ der der Große, Marquis de la Pailleterie und einige andere junge bekannte Schriftſteller als Zeugen vorgeladen. Daß Mola dabei nicht feh⸗ len durfte, verſteht ſich von ſelbſt. Die Eiſenbahndirection mußte an dieſem Tage einen Extrazug abſenden, um die ereme der Pa⸗ riſer Geſellſchaft, die den Verhandlungen über 140 das berühmte Duell beiwohnen wollte, nach Rouen zu bringen. Die Verhandlungen begannen. In dem überfüllten Saale herrſchte eine Tod⸗ tenſtille. Der Anwalt der Krone las die Anklageacte vor, die auf Mord lautete. Nachdem er einige Details über das frühere Le⸗ ben des Angeklagten gegeben hatte, die ein ſehr zwei⸗ felhaftes Licht auf ſeine Ehrenhaftigkeit und ſeinen Character warfen, ging er zu dem Duelle ſelbſt über, und hob hier beſonders hervor, daß der Angeklagte nicht loyal und ehrlich gekämpft habe. Scheine ſchon die Weigerung, Piſtolen, die noch nie gebraucht worden ſind, anzunehmen, ſehr be⸗ fremdend, ſo ſei der Umſtand, daß Herr Duval⸗ lon an jenem verhängnißvollen Morgen nicht zu Hauſe geweſen ſei, und anderthalb Stunden habe auf ſich warten laſſen, beſonders, wenn man ihn mit der Ausſage des Secundanten Beaujar⸗ riers zuſammenhält, daß nämlich die Piſtolen erſt vor Kurzem gebraucht zu ſein geſchienen, „und ſeinen Finger, den er beim Laden in die 141 Mündung geſteckt habe, geſchwärzt hätte, ungemein gravirend. Aus dem Zuſammentreffen dieſer beiden umſtände ergebe ſich der dringende Verdacht, daß der Angeklagte die Piſtolen vor dem Kampfe probirt habe, um ſo mehr, als derſelbe in der Vorunter⸗ ſuchung ſeinen räthſelhaften Gang an jenem Morgen nicht hinreichend habe motiviren können. Ueberdies ſei das Duell von dem Angeklagten auf die muthwilligſte unverantwortlichſte Art und Weiſe hervorgerufen worden, da der gefallene Beaujarrier nach den Zeugniſſen aller, die ihn gekannt haben, der ruhigſte und friedfertigſte Menſch von der Welt war. Der Angeklagte ſei dagegen ein notoriſcher Raufbold und Händel⸗ ſucher, der ſchon viele Duelle gehabt habe, und in einem derſelben ſeinem Gegner die Schulter zerſchmetterte, der die unglaublichſte Fertigkeit im Fechten und Schießen beſitze, und für den das menſchliche Angeſicht, das Meiſterwerk der Schö⸗ pfung, das Ebenbild Gottes, nichts weiter ſei, als ein Scheibe. Der Anwalt der Krone trug am Schluſſe ſeiner Rede darauf an, den Angeklagten, Herrn 142 Duvallon, Journaliſten, des Mordes für ſchul⸗ dig zu erklären. Man ſchritt nun zum Zeugenverhöre. Unter dem allgemeinen neugierigen Geflüſter der Zuhörer wurde Alexander, der große Ver⸗ faſſer von Monte⸗Chriſto, vorgerufen. Um ſeinen Namen und Stand befragt, er⸗ widerte er:„Alexander Dumas, Davy, Marquis de la Pailleterie, dramatiſcher Schriftſteller, würde ich hinzuſetzen, wenn Frankreich nicht das Dreigeſtirn Moliere, Corneille und Racine be⸗ ſäße.“ Seine Zeugenausſage beſchränkte ſich darauf, daß der Gefallene durchaus nicht mit den Waf⸗ fen umzugehen verſtanden habe, wie ihm ſein Sohn Adolph Dumas verſichert, und wie er ſelbſt an der Art und Weiſe bemerkt habe, wie Beaujarrier einen zufällig in ſeinem Studier⸗ zimmer hängenden Degen gehandhabt habe. Außerdem erzählte er, daß er dem Gefallenen ſeine neuen, noch niemals gebrauchten Piſtolen zu dieſem unglücklichen Duelle angeboten, daß 143 Beaujarrier aber dieſelben nicht, wie er verſpro⸗ chen hatte, abholen ließ. Uebrigens ſprach er noch ſeine Ueberzeugung dahin aus, daß es bei dem ſtattgefundenen Duell durchaus lohal ehrlich und ſtreng nach dem Code du duel zugegangen ſei. „Code du duel?“ fragte der Präſident des Gerichtes verwundert,„wie ſo, gibt es alſo einen eigenen Code über die Art und Weiſe, ſeine Mitmenſchen zu tödten.“ Nach dieſer Frage war die Reihe des Ver⸗ wundertſeins an Dumas. „Wie, Herr Präſident,“ ſagte er,„Sie ken⸗ nen den Code du duel nicht, Sie beſitzen dieſes Buch nicht? Es iſt das Werk der ausgezeichnet⸗ ſten Staatsmänner, Offiziere und Schriftſteller, an welchem vielleicht ein halbes Jahrhundert gearbeitet wurde. Sie brauchen nur in die nächſte beſte Buchhandlung zu ſchicken; es iſt überall vorräthig.“ „Ich danke Ihnen für Ihren Rath,“ ſagte der Präſident;„aber dieſes Buch ſoll niemals in meiner Bibliothek Platz finden.“ Dumas trat ab, nachdem er noch zuvor ge⸗ fragt, ob er nicht nach Paris zurückreiſen dürfe, da heute gerade in einem der pariſer Theater ein Stück von ihm gegeben werde, und auf die Ant⸗ wort des Präſidenten, er könne allerdings heute abreiſen, müſſe dann aber morgen wieder kom⸗ men, erklärt hatte, in dieſem Falle ziehe er es vor, hier zu bleiben. Nun wurden mehrere Zeugen verhört, deren Ausſagen ſowohl als Perſönlichkeiten weniger Intereſſe darboten. Endlich trat eine ſchöne junge Dame, hoch und ſchlank gewachſen, und ganz ſchwarz gekleidet vor die Schranken des Gerichtshofs. Ein all⸗ gemeines Flüſtern der Aufmerkſamkeit und der Bewunderung begrüßte ſie. Es war Mola Lontes. Ihre Ausſage lautete folgendermaßen: „Beaujarrier war der ruhigſte und friedfer⸗ tigſte Menſch, den ich je gekannt habe. Er konnte mit Waffen gar nicht umgehen; ich war mehrmals mit ihm auf dem Schießſtande; aber er ſchoß ſehr ſchlecht; ich ſchoß viel beſſer. Auf 145 meine Vorſtellungen, daß er ſich doch üben möge, erwiderte er mir:„Wozu? ich habe noch niemals ein Duell gehabt, und hoffe auch keines zu bekommen.“ Eines Tags hörte ich, daß er beim Spiele einen Streit mit einem Herrn Duvallon gehabt habe. Ich erinnerte mich dieſes Namens nur dunkel; aber es war mir ſo, als müßte ich einen Herrn Duvallon einmal gekannt, und eben nicht auf das Freundlichſte behandelt haben. Indeſſen wurde auf die Sache kein großes Ge⸗ wicht gelegt, und ſo dachte ich denn auch nicht weiter daran, bis mir Beaujarrier's verändertes Weſen auffiel. Er war ernſt und zerſtreut ge⸗ worden; er ſpielte nicht mehr, und ſchrieb und arbeitete viel in ſeinem Cabinette. Auf meine Fragen gab er mir ausweichende Antworten; endlich an jenem Morgen, an wel⸗ chem er fortging, um nicht wiederzukehren, er⸗ hielt ich folgendes Billet: Bei dieſen Worten zog ſie ein Brieſchen aus ihrem Buſen, welches folgendermaßen lautete: 10 146 „Liebe Mola! Ich konnte dieſe Nacht nicht bei Dir zubrin⸗ gen, da ich heute Morgen ein Geſchäft vorhabe, zu welchem ich meiner ganzen phyſiſchen und mo⸗ raliſchen Stärke bedarf. Ich ſchreibe Dir daher, um Dir für den Fall, daß ich Dich nicht wie⸗ derſehen ſollte, ein herzliches Lebewohl zu ſagen. Du ſollſt ſehen, daß ich Deiner ſelbſt in dem ernſteſtem Augenblicke meines Lebens gedacht habe. Alſo nochmals, lebe wohl! Beaujarrier.“ Als ich dieſen Brief erhielt, wußte ich ſo⸗ gleich, daß mein Freund ein Duell zu beſtehen habe, und da ich ſeine gänzliche Unbekanntſchaft in der Handhabung der Waffen kannte, zitterte ich für den Ausgang deſſelben. Ich wollte ſogleich auf den Kampſplatz eilen, um das Duell noch zu verhindern; und ich bin überzeugt, daß, wenn mir die Ausführung dieſes Vorſatzs gelungen wäre, die Sache eine ganz andere Wendung ge⸗ nommen hätte. Bevor ich jedoch den Ort erfah⸗ ren konnte, wo gewöhnlich dergleichen Kämpfe aus⸗ gefochten werden, brachte man meinen Freund todt 147 nach Hauſe. Sein Geſicht war furchtbar zer⸗ ſchmettert und kaum noch kenntlich. Der arme, arme Beaujarrier! Es war wahr, er hatte in dem ernſteſten Augenblicke ſeines Lebens beim Nie⸗ derſchreiben ſeines Teſtaments noch an mich ge⸗ dacht.“ Eine Todtenſtille herrſchte im Saale, wäh⸗ rend Mola ſprach. Nun erhob ſich der Vertheidiger des Ange⸗ klagten und hielt eine lange Rede, deren Haupt⸗ ziel war, die Unvermeidlichkeit des Kampfes und deſſen Redlichkeit zu beweiſen. Dieſe Rede, ſo ſcharfſinnig und überdacht ſie auch war, machte auf die Zuhörer doch einen erkältenden Eindruck. Es ſchien faſt, als ob der Redner von dem, was er ſagte, ſelbſt nicht ſehr tief überzeugt wäre. Der Gerichtshof vertagte die weiteren Ver⸗ handlungen und das Urtheil auf morgen. Am nächſten Tage wurde Duvallon, nach⸗ dem noch eine große Menge theils Beſchwe⸗ rungs⸗, theils Entlaſtungszeugen vernommen wor— den waren, des Mordes für nicht ſchuldig er⸗ 10* 148 klärt, wie es auch nicht anders zu erwarten ſtand. Den Beweis, daß er bei dem Kampfe ſich unerlaubte Vortheile zugeeignet hatte, war nicht geführt worden, und ſo war es denn unmöglich, einen Menſchen, der einem traurigen, aber von der beſtehenden Geſellſchaft ſanctionirtem Vorur⸗ theile gehorcht hatte, einem Vorurtheile, dem ſich zu entziehen, oft ſchwer, ja wirklich unmög⸗ lich iſt, auf eine Stufe mit dem gemeinen Raub⸗ mörder zu ſtellen, und da das franzöſiſche Ge⸗ ſetzbuch, wie ſchon bemerkt, keinen eigenen Pa⸗ ragraphen über das Duell hat, zu einer und derſelben Strafe mit einem ſolchen zu verur⸗ theilen. Natürlich konnten jedoch trotz dieſem Urtheile die Civilanſprüche der Familie des gefallenen Beaujarrier gegen Duvallon geltend gemacht werden. Der Angeklagte ein ſchöner bleicher junger Mann, elegant gekleidet und mit langen brau⸗ nen Haaren, wurde nun ſogleich freigelaſſen. Die vornehme Welt aber, die zu dieſer 149 cause cslebre nach Rouen gekommen war, kehrte wieder auf der Eiſenbahn nach Paris, zurück, ziemlich unzufrieden mit den Verhandlun⸗ gen des Prozeſſes, von denen ſie ungleich mehr Scandal erwartet hatte. Auch Mola reiſte wieder nach Paris, aber nur, um ihre Erbſchaftsangelegenheiten zu ordnen, und dann die Seineſtadt, in der ſie ſo viel Unangenehmes erlebt hatte, hoffentlich für immer zu verlaſſen. Und in der That, Mola hätte mehr Geduld haben müſſen, als ſie wirklich beſaß, um es in Paris auszuhalten. Es war noch nicht lange her, daß der Sturm von Bonmots und Moguerieen über ihr un⸗ glückliches Debüt ſich gelegt hatte, und jetzt brach das Ungewitter über ihr Benehmen vor den Aſſiſen zu Rouen, und namentlich über das al⸗ lerdings ſehr naive Vorleſen jenes Billets in den pariſer Spottblättern von Neuem los. man brachte ihr unglückliches Debüt an der großen Oper ſogar mit dieſem unglücklichen Durlle in Zuſammenhang, und behauptele, eine 150 Journalpolemik über das erſtere ſei der erſte Grund zu der Feindſchaft zwiſchen den Herren Beaujarrier und Duvallon und dem unglückli⸗ chen Duelle geweſen. Wie dem auch war, Mola beſchloß, dem Pelotonfeuer von Malicen aus dem Wege zu gehen, und ſobald als möglich abzureiſen. Neuntes Kapitel. Die nordiſchen Bären. Aber wohin reiſen? das war jetzt die große Frage für Mola. Von unſerem lieben deutſchen Vaterland hatte ſie alle Licht- und Schattenſei⸗ ten hinreichend kennen gelernt, und ſie fühlte eben keine große Sehnſucht darnach, ihre Stu⸗ dien über die deutſche Polizei fortzuſetzen. „Reiſen Sie nach Rußland,“ ſagte einer ih⸗ rer Freunde, ein bekannter Componiſt, zu ihr. „Ruß land iſt das geſegnete Land der Rubel und der Knutenhiebe. Erſchrecken Sie nicht, ſchöne Mola, die Knutenhiebe ſind nur für die Lan⸗ deskinder da, und höchſtens für die Polen, die ſich erfrechen, gegen die väterliche Herrſchaft des 152 Czaaren zu revoltiren; die Rubel blühen dagegen für die Fremden, namentlich für wälſche Fuß⸗ oder Kehlenkünſtlerinnen. „Der Gedanke iſt nicht ſchlecht,“ meinte Mola.„Es wäre ein großer Ruhm, dieſe Halbwilden durch Balletpas zu bezwingen. Ph bien! allons en Russie!“ Alle Vorbereitungen zur Reiſe waren getrof⸗ fen, die Koffer ſtanden gepackt da, und die Prie⸗ ſterin Terpſychore's hatte nur noch in den Wa⸗ gen zu ſteigen. In dieſem Augenblicke trat eine Frau in das Zimmer. Es war die Putzhändlerin Madame Babelet. „Gott ſei Dank, daß ich Sie noch treffe,“ ſagte Sie athemlos.„Sie wollen Paris ver⸗ laſſen. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mir zuvor die ſechshundert Franken, die ſie mir ſchuldig ſind, bezahlen.“ „Sie können auch nichts dagegen haben, gute Madame Babelet, wenn ich ſie ihnen nicht bezahle,“ ſagte die Sylphide lachend.„Aber glauben Sie ja nicht, daß ich Sie darum brin⸗ 153 gen will. Gott bewahre, ich habe dieſe Baga⸗ telle ganz vergeſſen, ſonſt hätte ich ſie ſchon längſt bezahlt. Aber Sie haben mich über⸗ theuert, Madame Babelet. Was war es nur, was ich von Ihnen genommen habe? Richtig, ein paar Schnupftücher und zwei Betttücher. Und dafür ſechshundert Franken? ga ne va pas. Wiſſen Sie was, hier ſind vierhundert funfzig Franken, et c'est encore trop.“ „Nein,“ entgegnete die Putzhändlerin,„ich muß auf meine ſechshundert Franken beſtehen; allerdings waren es nur ein paar Schnupftücher und zwei Betttücher; aber die S hnupftücher waren von Battiſt und mit echten Spitzen be⸗ ſetzt, und die Betttücher vom ſchwerſten weißen Atlas und mit Falbeln garnirt.“ „Nun, wie Sie wollen, Madame Babelet. Wenn Sie dieſe vierhundert funfzig Franken nicht nehmen wollen, ſo bekommen Sie gar nichts.“ „Das wollen wir einmal ſehen,“ ſagte die Putzhändlerin und entſernte ſich eilig. Wenige Augenblicke ſpäter trat ein Gerichts⸗ diener ein, um das Gepäck der Tänzerin mit 154 Beſchlag zu belegen. Unter dieſen Umſtänden zog es Mola doch vor, die ſechshundert Franken in die Hände des Gerichtsdieners niederzulegen, damit ſie der Putzhändlerin, jedoch nur in dem Falle, daß das Gericht ihre hohe Forderung für begründet finde, ausgezahlt würden. Noch voll Aerger über dieſe Geſchichte, ſtieg ſie in den Wagen und reiſte ab. Ueber die Abenteuer, welche ſie auf ihrer Reiſe erlebt haben mochte, ſchweigt die Ge⸗ ſchichte. Wir finden ſie erſt in Petersburg wieder, wo ſie ſich vergeblich bemühte, zu einem Gaſtſpiele zu gelangen. Der Kaiſer perſönlich verbot daſſelbe. Wahrſcheinlich hatte er von ih⸗ ren mannigfachen Erlebniſſen gehört, und die junge petersburger Männerwelt vor den Gefah⸗ ren dieſer tanzenden Sirene bewahren wollen. Durch dieſe Weigerung befand ſich Mola augenblicklich in großer Verlegenheit. Allerdings beſaß ſie durch das Vermächtniß des gefallenen Beaujarrier genug Vermögen, um auch allen⸗ falls, ohne ihre Tanzkunſt auszuüben, gemächlich leben zu können; aber ſie hatte im Vertrauen 155 auf die Erfolge ihrer Kunſt und den ruſſiſchen Rubelregen nur für die Mittel zur Hinreiſe ge⸗ ſorgt, und ihr anderes Geld ganz ruhig bei einem pariſer Bankier angelegt. Bis nun ein Brief hin und zurück kam, hätte ſie die drin⸗ gendſte Noth, wahrſcheinlich zum erſten Male in ihrem Leben, zu leiden gehabt, wenn ſie nicht durch die Großmuth des Kaiſers dieſer Verle— genheit entriſſen worden wäre. Sobald nämlich derſelbe von den unange⸗ nehmen Folgen hörte, welche ſein Verbieten des Auftretens, der Künſtlerin zugezogen hatte, ſchickte er ihr eine reich gefüllte Börſe, allerdings mit vem ziemlich deutlich ausgeſprochnen Wunſche, daß ſie dieſes Geld zur Entfernung aus Pe⸗ tersburg insbeſondere und aus Rußland über⸗ haupt benützen möge. Mola war zur See gekommen, und beſchloß daher, zu Lande über Moskau und Warſchau zurückzukehren. In Moskau konnte ſie gleichfalls nicht zum Auftreten gelangen, da der Wille des Kaiſers hier ſchon bekannt geworden war. 156 Warſchau bot ihr dagegen günſtigere Chan⸗ cen dar. Erſtens war es ſtrenggenommen doch keine ruſſiſche Stadt, und der beſtimmt ausge⸗ ſprochene Wille des Kaiſers ließ hier eine ſpitz⸗ findige Auslegung zu. Zweitens war der Gou⸗ verneur dieſer Stadt Fürſt Paskewitſch, ein ſehr kunſtſinniger Mann, bei dem Mola, wenn ſie den ganzen Zauber ihrer Perſönlichkeit aufbot, ſchon eher hoffen durfte, etwas durchzuſetzen. Ein bärtiger Diener führte ſie in das Ar⸗ beitszimmer des Fürſten. Die ſtrenge Amtsmiene des Gouverneurs erheiterte ſich in etwas, als er die junge ſchöne Dame eintreten ſah. „Was verſchafft mir die Ehre Ihres Beſu⸗ ches?“ fragte er und rückte höflich einen Stuhl zurecht. „Ich heiße Mola Lontes, bin Balletkünſtle⸗ rin aus Paris, und möchte gern die Erlaubniß haben, aufzutreten.“ „Das wird allerdings etwas ſchwer halten,“ ſagte Fürſt Paskiewitſch;„denn Seine kaiſerliche Majeſtät haben den Wunſch ausgedrückt, daß ———— ——˖—— 157 Sie die ruſſiſchen Staaten ohne Aufenthalt ver⸗ laſſen.“ „Polen iſt nicht Rußland,“ ſagte Mola mit überraſcher geographiſcher Sicherheit. „Nehmen Sie Sich in Acht, ſchöne Aufrüh⸗ rerin. Einem Manne könnten ſolche ketzeriſche Anſicht übel genug bekommen. Polen iſt Ruß⸗ land, und was nicht iſt, kann noch werden. Im Himmel Gott, auf Erden der Czaar!“ „Das iſt ganz ſchön, mon prince; aber da⸗ mit iſt immer die Frage noch nicht entſchieden, ob ich hier in Warſchau tanzen darf, oder nicht.“ „Ich kann dieſe Frage auch nicht entſchei⸗ den,“ ſagte der Gouverneur.„Theaterangelegen⸗ heiten fallen eigentlich nicht in meinen Geſchäfts⸗ kreis. Sie müſſen ſich deshalb an den Polizei⸗ miniſter Herrn von Jwanoff wenden.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Auskunſt, mon prince; indeſſen wage ich doch noch eine Bitte an Sie. Eine ſo mächtige Fürſprache, wie die Ihrige, müßte mir jedenfalls ſehr viel nützen. Darf ich auf dieſelbe zählen?“ Mola ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo anmuthigen unwiderſtehlichen Lächeln, daß der Fürſt ganz hingeriſſen ſehr lebhaft erwiderte: „Gewiß dürfen Sie das, gewiß, ma bello Espagnole!“ „Merci done, mon prince,“ ſagte die Tän⸗ zerin, machte einen niedlichen Knir und ent⸗ fernte ſich. Der Polizeiminiſter Jwanoff war ein Mann, der über ſeine beſten Jahre hinaus war, dabei aber noch manche jugendliche Neigung und Lei⸗ denſchaft, unter Andern auch die für das ſchöne Geſchlecht beibehalten. Er ſpielte äußerlich den ungemein ſtrengen gottesfürchtigen und frommen Mann, war aber das, was man einen geheimen Sünder nennt. Dabei war er von abſchreckender Häßlichkeit. Sein Geſicht trug jenen rohen geiſtig ſtumpfen Slaventypus, den man nur bei Ruſſen und Böhmen, nie aber bei Polen findet. Seine nie⸗ dere Stirn war noch zur Hälfte von ſtruppigen Haaren bedeckt, ſeine Kalmückennaſe war von dem eben nicht ſehr mäßigen Genuſſe geiſtiger 159 Getränke geröthet, und um ſeinen breiten Mund ſpielte faſt immer ein verſchmitztes, gemeines ſinnliches Lächeln. Mit dieſer ungemein anziehenden Perſönlich⸗ keit hatte nur Mola wegen ihres Gaſtſpieles zu unterhandeln. Mit ſcharfem Blicke erkannte ſie, daß dieſem Manne gegenüber nur entſchloſſenes und energiſches Auftreten zum Ziele führen könne. „Ich heiße Mola Lontes,“ ſagte ſie, als ſie vorgelaſſen worden war, kurz,„und bin Ballet⸗ künſtlerin aus Frankreich; wollen Sie mich auf dem hieſigen Theater auftreten laſſen?“ Jwanoff ſtierte ſie mit einem dumm ſtaunen⸗ den Blicke an. So entſchieden und kurz hatte noch Niemand mit ihm, dem gefürchteten Polizei⸗ miniſter von Warſchau geſprochen. „Ich bitte um eine Antwort,“ ſagte Mola. endlich, als er ſie noch immer anſtarrte, ohne einen Laut von ſich zu geben. Ja oder nein! „Je nachdem!“ ſagte Jwanoff endlich. „Was heißt das, je nachdem?“ fragte. Mola. 160 „Das heißt unter gewiſſen Bedingungen.“ „Nun, und dieſe Bedingungen?“ „Erſtens müſſen Sie eine Vorſtellung für die hieſigen Armen geben. Es iſt ſo viel Noth hier in Warſchau,“ ſagte Jwanoff mit ſüßlicher Scheinheiligkeit. „Sehr gern will ich das,“ ſagte Mola; „jedoch erſt an dem zweiten oder dritten Abend; den erſten Abend bedinge ich mir aus, denn Je⸗ dermann iſt ſich doch ſelbſt der Nächſte.“ „Gut alſo, am dritten Abend.“ „Und die weiteren Bedingungen?“ „O, das wird ſich ſchon von ſelbſt finden,“ meinte Jwanoff mit lüſternem Lächeln. Mola bemerkte gleich, wo das hinauswolle. „Nein,“ ſagte ſie,„ich will die Bedingung wiſſen. Es findet ſich gar nichts auf dieſer Welt von ſelbſt.“ „Nun wohl; wenn Sie es denn durchaus wiſſen wollen,“ ſagte Jwanoff zögernd und ver⸗ legen,„die zweite Bedingung iſt— daß Sie ein wenig freundlich gegen mich ſind.“ „Und warum ſollte ich nicht freundlich gegen 161 Sie ſein, wenn Sie mir eine für mich ſo wich⸗ tige Gefälligkeit erweiſen,“ ſagte Mola, ihm mit der ihr angebornen Schlauheit Hoffnungen ma⸗ chend, die ſie nie zu erfüllen geſonnen war. Iwanoff ging glücklich in die Falle, die ihm die Doppelzüngigkeit der Tänzerin geſtellt hatte. „Nun wohl,“ ſagte Jwanoff,„ſo treffen Sie Ihre Vorkehrungen mit der Theaterdirection. Ich will noch heute mit dem Fürſten Paskiewitſch ſprechen, und wenn der, wie ich hoffe, nichts gegen Ihr Auftreten einzuwenden hat, ſo können Sie meinetwegen ſchon morgen auftreten.“ Von dieſer Seite wußte ſich Mola ſchon vollkommen gedeckt. „Ich danke Ihnen, Herr Polizeiminiſter,“ ſagte die Tänzerin;„wann ſoll ich aber die be⸗ ſtimmte Nachricht darüber haben?“ „Ich will heute noch mit dem Herrn Gou⸗ verneur darüber ſprechen, und wenn Sie mir es erlauben, ſo überbringe ich Ihnen morgen früh perſönlich den Erlaubnißſchein.“ „Es wird mir eine ungemeine Ehre ſein, Sie bei mir zu ſehen, Herr von Jwanoff.“ 11 162 Damit entfernte ſich die Tänzerin, lachend über die ſchönen Hoffnungen, in welche ſie den alten Gecken eingelullt hatte. Mola hatte ſchon am Tage zuvor die Be⸗ kanntſchaft eines ſchönen jungen polniſchen Edel⸗ manns gemacht, dem ſie nun bei einer Flaſche Champagner lachend ihr Abenteuer mit dem al— ten Faun von Polizeiminiſter erzählte. „Das trifft ſich vortrefflich,“ meinte dieſer; „ich habe mit dieſem Herrn von Jwanoff noch eine alte Rechnung abzumachen. Wenn Du einmal den Erlaubnißſchein in Händen haſt, ſo kann er Dir das Auftreten nicht mehr verweh⸗ ren; es würde zu viel Aufſehen machen, und dieſer ſcheinheilige Heuchler iſt ſehr auf ſeinen guten Ruf bedacht. Wenn Du mir alſo erlaubſt, ſo will ich Dich morgen Vormittag beſuchen, und wenn Dein alter Anbeter kömmt, in das Seitengemach treten. Wenn er zu zudringlich wird, ſo brauchſt Du mir dann nur ein Zeichen zu geben, und ich ſpringe dann herein, um ihn tüchtig durchzuprügeln.“ „Was das Durchprügeln betrifft,“ meinte 163 Mola,„ſo will ich das ſchon ſelbſt beſorgen; wenn Du ihn aber dann die Treppe hinunter— werfen willſt, ſo wirſt Du mich ſehr verbinden, denn dazu iſt er mir zu dick und zu ſchwer.“ „Sehr gern will ich das.“ „Aber,“ ſagte Mola, ſchon im Vorgeſchmacke künftiger Prügelſeligkeit mit ihrer Reitpeitſche ſpie⸗ lend;„der Polizeiminiſter iſt ein mächtiger Mann werden wir auch ſtraflos wegkommen, wenn wir ihn ſo arg mitſpielen?“ „Du biſt eine Fremde; über Dich hat er alſo wenig oder gar keine Macht, und ich will mich ſchon unkenntlich machen. Und übrigens gebe ich Dir mein Wort, daß er keine Unterſuchung anſtellen, ſondern froh ſein wird, wenn wir von der Geſchichte ſchweigen.“ „Gut denn, es bleibt dabei, er wird geprü⸗ gelt.“ Am andern Vormittag empfing Mola in dem reizendſten verführeriſchſten Negligs den überglück⸗ lichen Jwanoff, während ſein Feind, der junge Pole Caſimir, mit einer Seidenmaske vor dem Geſicht die Entwicklung dieſer Scene abwartete. 164 „Hier iſt Ihr Erlaubnißſchein, ſchöne Mola, der Fürſt Paskiewitſch hatte nicht das Mindeſte gegen Ihr Auftreten einzuwenden.“ Mola nahm das Papier und verſchloß es ſorgfältig in ihr Schreibpult. Dann lud ſie den Polzeiminiſter ein, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen. Nun wußte ſie ihn mit der ausgeſuchteſten Coquetterie immer mehr zu reizen. Seine Schmei⸗ cheleien ſchien ſie mit Vergnügen anzuhören, ſie ließ ihre Hand in der ſeinigen ruhen, bis er kühner gemacht es wagte, ſeinen Arm um ihre Hüſfte zu ſchlingen, und zugleich mit einer raſchen Bewegung, die Gürtelſchnur, die ihr leichtes Morgenkleid zuſammenhielt, zu löſen. So weit wollte ihn Mola nur haben. In dieſem Augenblicke ſprang ſie auf. „Was unterſtehen Sie ſich, alter Narr,“ rief ſie, und die Reitpeitſche ſauſte dem unglücklichen Polizeiminiſter in immer raſcheren und engeren Kreiſen um die Ohren. Jetzt wurde auch die Thüre des Seitenzim⸗ —ͤ— 165 mers geöffnet, und der verlarvte Caſimir erſchien auf der Schwelle. Jwanoff ſah ein, daß er das Opfer eines vollſtändig organiſirten Complotts ſei. Eben ſo feige als gemein dachte er nicht an einen Widerſtand, ſondern fing an jämmerlich um Gnade zu bitten. Aber Mola war taub für ſein Flehen. Die Reitpeiſche that ihre Schuldigkeit, wie noch nie; und als ihr Arm endlich ermüdet herabſank, faßte Caſimir den vor Wuth und Schmerz halb Ohnmächtigen und ſtieß ihn zum Zimmer hin⸗ aus und mit einem derben Fußtritt die Treppe hinab. Iwanoff ſtieg in ſeinen Wagen, feſt entſchloſ⸗ ſen, ſich furchtbar an dieſer Tänzerin zu rächen. Wie Caſimir vorausgeſagt hatte, konnte der geprügelte Polizeiminiſter ihr Auftreten nicht mehr verhindern, beſonders, da ſich der Gouverneur, Fürſt Paskiewitſch ſehr lebhaft dafür zu intereſ⸗ ſiren ſchien. Auch wäre es ſchon zu ſpät geweſen, denn Mola hatte mit der Theaterdirection ſchon Alles 166 in Richtigkeit gebracht und ihr Auftreten war ſchon für dieſen Abend angekündigt. Dem unge⸗ heurem Aufſehen, welches jetzt, ſo ſpät noch, ein Verbot erregen würde, und den Fragen nach der Urſache, die es hervorgerufen haben, konnte er ſich nicht ausſetzen.“ Aber wäre es nicht möglich die ſchöne Spa⸗ nierin auspfeifen zu laſſen? Das war ein glück⸗ licher Gedanke. Das mußte gehen. Alſogleich traf er ſeine Anſtalten. Er kaufte außer der nicht unbeträchtlichen Anzahl von Bil⸗ lets, die ihm immer zu Gebote ſtanden, noch ge⸗ gen hundert Stück und vertheilte ſie an ſeine Kreaturen mit der beſtimmten Weiſung, die Tän⸗ zerin auszupfeifen. Außerdem ließ er durch die⸗ ſelben in der ganzen Stadt das Gerücht aus⸗ ſprengen, Mola habe ſich geweigert, zum Beſten der Armen zu tanzen, um das Publikum in eine ſeinen Plänen günſtige Stimmung gegen ſeine Feindin zu verſetzen. Der Abend kam und das Haus war ge⸗ drängt voll. So wie Mola auf der Bühne erſchien, erhob — — 167 jene gemiethete Rotte ein furchtbares Ziſchen und Pfeifen, welches jedoch der unparteiſſche Theil des Publikums durch lautes Klatſchen und Bravo⸗ rufen zu übertäuben ſuchte. Mola trat zornglühend an die Lampen vor. Als ſich der Tumult einen Augenblicklegte, bat Mo⸗ la, die unterdeſſen den Polizeiminiſter Jwanoff, der hohnlächelnd und ſich vor Vergnügen die Hände reibend in der vorderſten Loge ſaß, bemerkt und ſogleich errathen hatte, daß er allein aus Rache den ganzen Tumult angeſtiftet habe, um das Wort.— Sogleich erhoben die Kreaturen Iwanoffs wieder ein entſetzliches Schreien und Stampfen und Pfeifen, um die Tänzerin, wo möglich, von der Bühne zu verſcheuchen. Aber Mola hielt muthig Stand. Sie ließ ihre zornflammenden Augen in dem ganzen, ſtür⸗ miſch bewegten Hauſe herumſchweifen, als for⸗ dere ſie jeden einzeln zum Kampfe heraus. Endlich gelang es den der Tänzerin günſtig Geſtimmten eine augenblickliche Ruhe durchzu⸗ ſetzen. 168 Mola begann mit vor Zorn oft erſtickter Stimme zu ſprechen: „Ich apellire an die Ehre und Großmuth der edlen polniſchen Nation.— Man kann über meine Kunſtleiſtungen den Stab brechen— aber erſt, wenn ich ſie gezeigt habe— ein wehrloſes Weib ohne Grund zu beſchimpfen, iſt des edlen polniſchen— Volkes unwürdig.— Doch ich bin überzeugt, dieſe Beſchimpfung geht auch nicht von demſelben aus, ſondern von den Kreaturen des elenden ruſſiſchen Polizeiminiſters Jwanoff— der ſich jetzt wie ein armer Sünder aus ſeiner Loge fortſchleicht— der ſich mir mit entehrenden Anträgen genähert hat, und der nun aus Rache für meine allerdings derbe Abweiſung— dieſe elende Intrigue anzettelte.“ Dieſe Rede war von der ungeheuerſten Wirkung. Iwanoff war ungemein verhaßt, und ſo war denn Alles von der Kühnheit dieſes Weibes freudig überraſcht, welche ihm öffentlich die Maske der Frömmigkeit und Ehrbarkeit von dem ſcheinheiligen Geſichte riß. Dazu kam noch die ſcharfe Hervor⸗ 169 hebung des Gegenſatzes vom Ruſſenthum und Polenthum.— Das Publikum brach in einen lauten nicht en⸗ denwollenden Jubel aus. Die Kreaturen Jwanoffs ſahen mit der Entfernung ihres Gebieters die Sache für beendigt und verloren an, und machten ſich eben⸗ falls ſo ſchnell als möglich aus dem Staube, um dem allgemeinen Unwillen, der ſchon in Thätlich⸗ keiten gegen ſie auszubrechen drohte, zu entgehen. Mola tanzte nun und errang den vollſtändig⸗ ſten Erfolg, der ſie für ihr Pariſer Fiasco voll⸗ kommen entſchädigte. Nach der Vorſtellung ging ſie mit ihrem Freunde Caſimir und einigen anderen jungen pol⸗ niſchen Edelleuten in das erſte Hötel von Warſchau, um zu ſoupiren. Alle waren entzückt über die Demüthigung des verhaßten Iwanoff und in erregter Stimmung, welche durch fleißiges Cham⸗ pagnertrinken immer erregter und erregter und zuletzt wirklich übermüthig wurde. Mola ſpielte dabei die große Polenfreundin. Sie ſprach von Paris und den jungen ver⸗ bannten Polen, die ſie dort kenne; ſie ſchilderte 170 die Sympathie, die Frankreich für Polen hege, und ſchloß endlich damit, daß ſie den Polen, wenn ſie es verſuchen wollten, ihr Joch zu zer⸗ brechen, Frankreichs Hilfe unbedingt zuſagte. Endlich ſpät in der Nacht brach man auf und durchzog noch mit Lärmen und Geſchrei die Hauptſtraßen der Stadt. Mola ſchrie aus Leibeskräften die Marſeil⸗ laiſe, aber nur immer die erſten vier Zeilen Alons enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé Contre nous de la tyrannie L'etendard Sanglant est levé und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ſie den Tert nicht weiter kannte. Dazwiſchen begannen ihre Begleiter, die jun⸗ gen Polen, zu ſingen: Noch iſt Polen nicht verloren, Kosciusco führet uns. Bald war von dieſem Revolutionsverſuche Anzeige gemacht, die Truppen rückten aus und beſetzten alle Plätze und Straßen, Kanonen wur⸗ 171 den aufgefahren und die Reiterei begann zu pa⸗ trouilliren. Unterdeſſen hatten Mola glücklich ihr Hötel und ihre Freunde ihre Wohnungen erreicht. Am andern Morgen erfuhren die Bewohner von Warſchau, daß dieſe Nacht, während ſie ſo ruhig geſchlafen hatten, ein höchſt energiſcher Aufſtandsverſuch durch die Wachſamkeit der Be⸗ hörden und die Tapferkeit und Kriegszucht der Truppen unterdrückt worden ſei. Paskiewitſch ſelbſt hatte dieſe Proclamation unterzeichnet. Vor Mola's Hötel hielt aber am nächſten Morgen ein leichter Reiſeſchlitten, umringt von zehn bis zwölf reitenden Koſaken. Ein Polzeibeamter weckte die Sylphide aus ihren holden Morgenträumen, gab ihr eine Vier⸗ telſtunde Zeit, um ſich anzukleiden und ihre Sachen zu packen, dann mußte ſie in den Schlit⸗ ten ſteigen, und fort ging es im geſtreckten Galopp. Iſt es nicht merkwürdig, daß, wenn Jemand einmal mit der Polizei in Conflict gerathen iſt, ſich dieſelbe wie ſein Schatten an ihn heftet. Ich glaube, wenn ein ſolches Unglückskind auf 172 eine wüſte Inſel verſchlagen wird, es findet dort ſchon einen Poliziſten bereit ſtehen, um es aus⸗ zuweiſen. Die Koſaken, welche neben Mola's Schlitten herſprengten, hatten den beſtimmteſten Auftrag, denſelben erſt an der preußiſchen Grenze zu ver⸗ laſſen. Fürſt Paskiewitſch hatte Nichts mehr für Wola thun können. Die Geſchichte mit dem Polizeiminiſter Jwanoff hatte zu viel böſes Blut gemacht und überdies vermuthete man auch noch in der ſpaniſchen Tänzerin die Anſtifterin des nächtlichen Unfugs. Die Unterſuchung darüber wurde ſogleich eingeleitet, und wehe den armen, jungen Polen, die ſich von Mola hatten verfüh⸗ ren laſſen, wenn ſie entdeckt wurden. Ob dies jedoch geſchehen iſt, wiſſen wir eben ſo wenig zu ſagen, wie, vb Mola mit einem der ſie es⸗ cortirenden Koſaken eine Liebſchaft angeknüpft hat. Zehntes Kapitel. De Germania. Es mag anmaßend erſcheinen in einem Buche, welches die Abenteuer einer leichtfüßigen und leichtſinnigen Tänzerin zum Stoffe hat durch eine Kapitelüberſchrift an den großen, ſtrengen, ernſten Tacitus zu erinnern; aber wir thun es gerade deshalb, um bei der Schilderung, welche wir von dem heutigen Deutſchland zu geben beabſichtigen, an die Characteriſtik des wahrheitsliebenden Rö⸗ mers als Gegenſatz zu erinnern. Möge mir der geneigte Leſer daher eine kleine Abſchweifung verzeihen, und, wenn ihn meine Farbentöne in den folgenden Seiten zu ernſt und einförmig gewählt ſcheinen ſollten, bedenken, daß 174 der Ernſt ſtets der dunkle Hintergrund iſt, aus welchem allein ſich der wahre Humor glänzend hervorheben kann. Großer, ernſter, ſtrenger Tacitus, wenn Du jetzt aus Deinem Grabe emporſteigen und unter uns herumwandeln könnteſt, wie würdeſt Du den ſchönen, antiken Kopf ſchütteln, über die Nach⸗ kommen eines Volkes, welches Du mit ſo viel Liebe und Bewunderung geſchildert haſt. Die alten deutſchen Eichenwälder ſind gefällt und über den heiligen Platz, wo die Prieſter den Gottesdienſt hielten und die Alten des Volkes zu Gericht ſaßen, brauſt jetzt lärmend die geſchäftige Eiſenbahn; die Bären, in deren Felle unſere Vorfahren ſich kleideten, ſind ausgerottet, und das Nachgeſchlecht hüllt ſeinen Leib in franzöſi⸗ ſches oder niederländiſches Tuch, und bedeckt die Wolfshaut ſeiner Selbſtſucht mit dem Schafspelze der chriſtlichen Nächſtenliebe. Unſere Vorfahren waren nach Tacitus treu, wahrheitsliebend, tapfer, keuſch und abgehärtet; ein einmal gegebenes Wort wurde unverbrüchlich gehalten. Allerdings tranken ſie manchmal ein 175 Horn Meth über den Durſt, und wenn Alles verwürfelt war, ſo würfelten ſie ſelbſt um ihr höchſtes Gut, ihre Freiheit. Wir wollen einmal ſehen, was aus allen dieſen Tugenden und Fehlern im Laufe der Zeit geworden iſt. Die deutſche Treue iſt allerdings bis heute ſprüchwörtlich geblieben, und die Poeten des Freiheitskrieges haben ſie auch gar nicht aus dem Munde gebracht. Seit dem Freiheitskriege ſind aber zweiunddreißig Jahre vergangen und welche von den Hoffnungen, welche von den gerechten Anſprüchen des deutſchen Volkes iſt ſeitdem er⸗ füllt worden? Wenn Tacitus unter deutſcher Treue das Aushalten quand méme verſtand, dann allerdings haben die Deutſchen ihren alten Ruhm in dieſer Tugend bewährt. Nach der deutſchen Wahrheitsliebe müßt ihr in Berlin fragen, und ein lautes, ſchallendes „Uf Ehre,“ wird euch als Antwort entgegen tönen. Ueber die deutſche Tapferkeit habe ich auch ſo meine eigenen Anſichten. Es läßt ſich nicht 176 leugnen, daß die Deutſchen Muth haben und ſich gut ſchlagen. Allerdings beſitzen ſie weder die kecke Bravour der Franzoſen oder Polen, noch den kaltblütigen, engliſchen Bulldoggenmuth. Aber ſie haben den Muth der Idee, der Ueber⸗ zeugung, den höchſten von allen. Freilich äußern ſie aber dieſen Muth nur dann, wenn es ihnen allerhöchſten Orts erlaubt wird. Ihr Muth iſt eben ſo offiziell, wie ihre Begeiſterung oder ihre Trauer. Als ſich der König von Preußen durch ſeine berühmte Proclamation an die Spitze der nationalen franzoſenfeindlichen Partei geſtellt hatte, da hatten die Deutſchen mit einem Male Muth; ihre Begeiſterung, ihr Nationalitätsgefühl war offiziell conceſſionirt geworden, und nun waren plötzlich Heere aus der Erde geſtampft, die Blüthe der deutſchen Jugend trat in die freiwilligen Jägercompagnien und ſchlug ſich rühmlich in den Schlachten auf franzöſiſchem Boden. Die blonden deutſchen Jungfrauen zupften Charpie und pflegten die Verwundeten. Aber kurze Zeit vorher hatte es der tapfere Major Schill mit einer Handvoll entſchloſſener —, ————— 177 Männer auf eigene Hand ohne höhere Erlaub⸗ niß verſucht, Deutſchland von dem Joche der Fremdherrſchaft zu befreien. Wo war da die deutſche Nationalbegeiſterung? Exiſtirte ſie da⸗ mals noch nicht? O gewiß! aber man unter⸗ drückte ſie gewaltſam in ſich, weil man wohl den Muth hatte, zu fechten, wenn es erlaubt und befohlen wird, aber des höheren entbehrt, ſelbſt⸗ ſtändig für ſeine Ueberzeugung außzutreten. Und ſo mußte denn Schill mit ſeinen tapferen Genoſſen zu Grunde gehen. Das iſt meine Anſicht vom deutſchen Muthe, der beim Schall des Kalbfells einen Kartätſchen⸗ hagel aushält, aber einem Gensd'armen gegenüber ſpurlos verſchwindet. Was die Keuſchheit und Abhärtung unſerer heutigen Jugend betrifft, ſo würde ich Tacitus, wenn er unter uns wandelte, in das Theater ſenden, wenn die Begeiſterung für die Waden einer Tänzerin die Köpfe verdreht, wenn nach dem Theater die Pferde ausgeſpannt werden und die jungen Herren ſich ſelbſt einſpannen; ich würde den Römer in unſere lururiöſen weichlichen Bade⸗ 12 178 orte führen, und ihn dabei an ſeine Schilderung des Badens in Eiswaſſer erinnern, welches bei unſern Vorfahren Sitte war. Wenn ein gegebenes Wort uns nicht mehr ſo heilig iſt, als es bei unſern Vorfahren war, ſo haben wir dafür in dem Sprichworte:„Schlechte Beiſpiele verderben gute Sitten,“ eine Entſchuldi⸗ gung. Und fürwahr, ſchlechte Beiſpiele im Wort⸗ halten ſind uns Deutſchen von jeher von oben herab gegeben worden. Was die Laſter des Trinkens und Spielens betrifft, ſo haben ſich dieſelben ſo ziemlich gut conſervirt; leider iſt auch noch ein drittes dazu gekommen, von dem unſere Vorfahren— Gott ſei Dank, und Heil ihnen— nichts wußten, das des Verſemachens. Es iſt unglaublich, was die Deutſchen des neunzehnten Jahrhunderts in dieſem Punkte verbrechen. Jetzt iſt es gar nicht mehr nöthig, daß der Dichter eine eigene eigenthümliche Individualität ſei; man fängt jetzt an Familienweiſe zu dichten. Zwei Brüder oder zwei Schweſtern oder ein Ehepaar geben zuſammen einen Band Gedichte 179 und in zehn Fällen neun Mal auf eigene Koſten heraus. Dieſe Gedichte werden dann nicht etwa un⸗ terzeichnet, ſo daß man wiſſen könnte: dieſes Gedicht gehört der Eliſe, und jenes der Hed⸗ wig; dieſes dem Karl und jenes dem Anton; dieſes dem Manne und jenes der Frau; nein, Gott bewahre, die beiden Herausgeber ſind dann gewöhnlich mit ihren Gedichten, wie die ſiame⸗ ſiſchen Zwillinge, die ſich auch für Geld ſehen ließen, zuſammengewachſen, und die Verantwort⸗ lichkeit für dieſe Majeſtätsbeleidigungen gegen den guten Geſchmack iſt eine ſolidariſche. Man wird ſich nun vielleicht nach dieſer Phillippica gegen neudeutſche Hypercultur und dieſer Apotheoſe urdeutſcher Kraft, in dem Schrei⸗ ber dieſer Zeilen einen blonden Jüngling in ſchwarzem altdeutſchen Rock mit herübergeſchla⸗ genem Hemdkragen vorſtellen, der jährlich ein⸗ mal zu dem Turnvater Jahn in Freiburg pil⸗ gert, und dort, wie dieſer es von einem tüchtigen Deutſchen verlangt, auf den Dielen ſchläft, und 12* 180 ſich, wenn ihn friert, mit der Kammerthüre zudeckt. Da würde man ſich aber ſehr irren, wenn man das annehmen wollte. Ich geſtehe ganz aufrichtig ein, daß ich ſchwarze Haare habe, Frack, Halsbinde und Glacéhandſchuhe trage, den Turnvater Jahn in meinem Leben noch nicht geſehen habe, in meinem Bette ſchlafe, mich ſo⸗ gar mit einem Federbette zudecke, und— hor- ribile dictu— ein großes Faible für ein ganz und gar undeutſches Getränk, den Champagner, hege. Indeſſen thut dies nichts zur Sache. Man kann Alles, das Alles thun, man kann ſelbſtvon der Cultur beleckt ſein, und dennoch einſehen, daß alle unſere politiſchen und ſocialen Zuſtände faul und wurmſtichig ſind, und daß ein Stahlbad ur⸗ deutſcher Sitteneinfalt und Stärke unſerer hyſte⸗ riſchen nervenſchwachen Dame Germania durch⸗ aus nicht ſchaden könnte. Und darum haben wir den Schatten des Tacitus heraufbeſchworen, eine That, die jedoch keineswegs auf Originalität Anſpruch machen 181 kann, ſeit ein deutſcher Fürſt in unverſtändlichen Participialconſtructionen ſchreibt, und damit die Einfachheit und den Ernſt des großen Römers zu erkünſteln glaubt. „Du sublime au ridicule il ny a qu'un pas,“ Das iſt ein leider nur zu wahres Sprichwort. Manchmal liegen aber auch zwiſchen dem Su⸗ blime und dem Ridicule Jahrtauſende. Tacitus— ich kann noch immer nicht von ihm loskommen, möge es mir ſein Schatten ver⸗ zeihen— Tacitus heißt auf Deutſch„ſchweigſam.“ Nun da wundert es mich doch in der That, daß die Deutſchen keinen Tacitus haben. Sie ſind ja leider ein ganzes Volk von gezwungenen Tacituſſen. Schweigen, das iſt die erſte Bürger⸗ pflicht; das Gehorchen verſteht ſich dann von ſelbſt. Ja, bei Gott, die Cenſur wird uns bald zu einem ſtillen Volke gemacht haben. „Räſonnire Er nicht!“ ſagte ein berliner Gensd'arm zu einem armen Teufel, den er ar⸗ retirte, und der ihm auch ganz ſtillſchweigend folgte. „Aber ich ſagte ja kein Wort,“ entgegnete ſchüchtern der Verhaftete. „Gleichviel,“ meinte der Gensd'arm;„ich habe es gehört, wie er inwendig räſonnirte. Ja, das iſt eben der Humor davon, daß das inwendige Räſonniren nicht zu verhindern und zu beſtrafen iſt, und wenn endlich dieſes inwendige Räſonniren das Individuum zu er⸗ ſticken droht, dann erwacht der unvertilgbare Le⸗ benstrieb, und es macht ſich äußerlich Luft(or⸗ ausgeſetzt, daß es unterdeſſen zwanzig Bogen ſtark geworden iſt, was in Deutſchland nicht ſchwer iſt) und dann—— Darum genirt das innerliche Räſonniren die Regierungen ſo ſehr—— Daß die Jenny Lind fär einen Abend tau⸗ ſend Gulden bekommt, finde ich übrigens eben ſo in der Ordnung, als daß die deutſchen Ge⸗ lehrten und Dichter von jeher Hunger gelitten haben, und noch an dieſer Krankheit laboriren. Warum haben ſie ſich auch auf das unfrucht⸗ bare und anſtrengende Denken gelegt, und nicht — — 183 auf das weit leichtere und dankbarere Singen oder Springen. Mein Gott! um einen Gedanken, und folg⸗ lich auch den, der ihn gedacht hat, zu würdigen, muß man einen Gedanken verſtehen können, und das iſt freilich nicht Jedermanns Sache; während ein Triller oder eine Pirouette, ohne beſondere Anſtrengung gehört und geſehen wer⸗ den können. Es gibt jetzt ein eilftes Gebot, welches da lautet: „Werde eine Sängerin oder Tänzerin, auf daß du lange lebeſt und es dir wohlgehe auf Erden.“ Es wäre ungerecht, wollte man die Deut⸗ ſchen allein anklagen, daß ſie ihre Dichter und Gelehrten verhungern laſſen, um den Sängerin⸗ nen und Tänzerinnen Goldberge vor den Füßen aufzuthürmen. Nein! Die Franzoſen und Eng⸗ länder ſind um nicht viel beſſer; und obwohl in dieſen Ländern der Schriftſtellerſtand im Allge⸗ meinen eine geſichertere und angenehmere Eri⸗ ſtenz gewährt, als in unſerem geſegneten Deutſch⸗ land, ſo erſchoß ſich doch Chatterton und Ri⸗ 184 chard Savage verhungerte, und in Paris ſtar⸗ ben Gilbert und Hegeſippe Moreau aus Noth und Elend im Spitale, freilich waren ſie keine marchands de lignes, wie Alerander Dumas. Dieſe Bemerkungen ſind lächerlich und tra⸗ giſch zugleich; lächerlich, weil ſie ſchon Millionen⸗ Male gemacht worden ſind, und tragiſch, weil ſie noch immer nichts geholfen haben, am wenigſten aber in Deutſchland. Wenn man die Weltgeſchichte als eine Tra⸗ gödie betrachtet, ſo iſt der Deutſche der Narr in der Tragödie, der eigentlich am meiſten Verſtand von Allen hat, und die tiefſten Wahrheiten ausſpricht, der aber ſo unpraktiſch iſt, ein buntfarbiges zu⸗ ſammengeflicktes Schellenkleid zu tragen und ſich prügeln zu laſſen. Dieſer Narr iſt wahrhaftig keine luſtige, ſondern eine tiefwehmüthige Geſtalt, er iſt der Humor des großen Tragödiendichters, des Weltgeiſtes. Betrachtet man aber die Weltgeſchichte als Luſtſpiel— und man kann es trotz den tauſend blutigen Blättern derſelben,— ſo iſt der Deut⸗ ſche der gefoppte betrogene Liebhaber. Er meint 185 es ſehr treu und ehrlich, er liebt ſein Mädchen von ganzem Herzen; aber er iſt plump, unge⸗ ſchickt und zu täppiſch, und ein Anderer, vielleicht ein Windbeutel, aber gewandt und welterfahren, führt die Braut heim. Ich will Euch an zwei Gräber führen, die mehr ſprechen, als Alles, was ein Schriftſteller über dieſes Thema ſagen könnte. In dem lär⸗ menden, rauſchenden, gottloſen Paris iſt auf dem Kirchhofe Pere Lachaise ein kleiner ſchlich⸗ ter Grabeshügel, und unter demſelben liegt Lud⸗ wig Börne, der an Deutſchland geſtorben iſt. Die leichtſinnigen Pariſer gehen ahnungslos an dieſem Grabe vorüber; die Wenigſten wiſſen es, daß in demſelben ein Herz zu Aſche zerfällt, das glühend für das Heil und die Freiheit der ganzen Welt geſchlagen, und das auch ſie, die Franzoſen, geliebt hat. Nur die Deutſchen, die den Pore Lachaise beſuchen, knieen andächtig an dieſem Grabe nieder, denn ſie wiſſen es, wer dieſer Todte iſt, und welche ſchwere Schuld ſie an ihm begangen haben. Liegt dies eine Grab außer Deutſchland, ſo 186 liegt das andere, von dem ich noch ſprechen will, nahe an den äußerſten Marken deutſchen Sprachgebiets. Der Wind hat bei Kuſſtein in Tyrol den Schnee zu einem Hügel zuſammengeballt, und unter demſelben ruht Friedrich Liſt, der große Nationalökonom, der Deutſchland durch ſeinen Handel reich, und mächtig zu Lande und zur See machen wollte, und der dafür gefangen ge⸗ ſetzt und über's Weltmeer vertrieben wurde. Und als er endlich zurückkehren konnte, da haben die Pygmäen ſo lange an ſeiner Größe genergelt und gemäckelt, bis er das traurige Faſtnachts⸗ ſpiel, welches man Leben nennt, überdrüſſig be⸗ kommen hat, und eine Piſtolenkugel dieſen Ue⸗ berdruß ausſprach, und ſeinem Leben ein Ende machte. Er iſt todt, und für ſeine Familie wird jetzt geſammelt. Das iſt die alte Geſchichte in Deutſchland, die doch ewig neu bleibt, und über welche, wenn ſie einem auch juſt nicht ſelbſt paſ— ſirt, das Herz entzwei brechen kann. Erkennſt du dich wieder in dieſem Spiegel, ſittenreines, patriotiſches, tugendſtolzes Deutſch⸗ ———————— 187 land? Und wenn deine Eitelkeit laut nein, nein! ſchreit, ſo meſſe deshalb dem Spiegel keine Schuld bei; es iſt ein treuer Spiegel, kein Hohl⸗ ſpiegel, der die aufgenommenen Geſtalten ge⸗ waltſam verzerrt und karrikirt. Und nun noch Eines, du tugendhaftes, zum Theile ſchon konſtitutionelles Deutſchland. Der Mund und das Herz fließen dir immer über von gerechter Entrüſtung, wenn du auf die fran⸗ zöſiſche Maitreſſenwirthſchaft vor der Revolution, wenn du auf die Herrſchaft einer Pompadour, einer Dubarry, einer Maintenon zu ſprechen kommſt. Deine Empörung findet dann keine Worte, und du ſagſt, die franzöſiſche Revolution mußte kommen; ſie war eine gerechte Strafe der Greuel des modernen Sodom und Gomorrha. Schlage an deine eigene Bruſt, mein tu⸗ gendhaftes Deutſchland, und bete ein reuiges Pater peccavi. Bis zu dem Ausbruche der franzöſiſchen Revolution haben es deine Fürſten und Großen nicht viel beſſer gemacht; ſie ahm⸗ ten die ſinnloſe Verſchwendung der franzöſiſchen Großen freilich in kleinem beſchränkten und lä⸗ 188 cherlichen Style nach, ſie verpraßten den Schweiß, das Mark, und ſogar das Blut ihrer Unterthanen, die ſie nach Amerika verkauften, in glänzenden Feuerwerken und Banketten, dafür waren freilich ihre Pompadours, ihre Dubarrys und Maintenons weder geiſtvoll, noch graziös, ſondern meiſt plumpe, gemeine, hergelaufene Dir⸗ nen, wenn man vielleicht eine Gräfin Coſel und Aurora Königsmark ausnehmen will. Und wenn man dir das vorhält, mein tu⸗ gendhaftes Deutſchland, dann ſagſt Du: Ja, das iſt in einer finſtern Zeit, in einer Zeit des Despo⸗ tismus und Aberglaubens geſchehen, aber in dem conſtitutionellen neunzehnten Jahrhunderte, in dem Zeitalter der Aufklärung und Intelligenz kann ſo etwas nicht mehr vorkommen. Nicht? Glaubſt du wirklich nicht, tugendhaf⸗ tes Deutſchland! Eh bien!— nous verrons! Eilftes Kapitel. Hof und Volk von Hohenheim. Als Mola Lontes ihre aufgedrungenen Beglei⸗ ter, die Koſacken, endlich wieder los war, ging ſie mit ſich zu Rathe, wohin ſie ſich nun zu⸗ nächſt wenden ſollte. Paris war ihr durch die Journaliſten ver⸗ leidet, London hatte ſie ſchon durchgemacht, und in Italien ſtach ihre Perſönlichkeit zu wenig ge⸗ gen die der meiſten übrigen Frauen ab, um Aufſehen zu erregen. Die deutſchen Hauptſtädte und reſpectiven deutſchen Polizeibüreaus hatte ſie, mit Ausnahme Wiens, auch ſchon faſt alle ken⸗ nen gelernt. Warum aber nicht nach Wien? Dort brau⸗ 190 ſen die bewegten Wellen eines großſtädtiſchen Lebens, dort iſt der Genuß zum Gotte erhoben, dem Hoch und Niedrig mit gleicher Andacht opfert; dort fließt aller Reichthum und aller Lurus Deutſchlands zu einem leuchtenden Brenn⸗ punkte zuſammen. „Es iſt beſchloſſen,“ ſagte Mola zu ſich ſelbſt,„ich gehe nach Wien, um dort irgend einen reichen ungariſchen Cavalier zu ruiniren.“ Mola reiſte zu dieſem Zwecke über Bres⸗ lau, Dresden und Leipzig. Bevor ſie nach Wien gelangte, ſollte jedoch ihr Schickſal eine ganz neue und eigenthümliche Wendung nehmen. Hohenheim iſt ein ſouveraines conſtitutionel⸗ les Fürſtenthnm, deſſen Bevölkerung neben dem Cultus der katholiſchen Religion, auch dem des vortrefflichen Bieres, welches in dieſem Lande gebraut wird, mit großer Inbrunſt obliegt. Die Mönche in den vielen Klöſtern, mit denen das Fürſtenthum überſäet iſt, gehen darin, ſo wie in der Fömmigkeit mit gutem Beiſpiele voran, und wenn man ihre wohlgenährten Leiber und ihre feiſten glänzenden Geſichter betrachtet, ſo fühlt 191 man ſich zu dem Schluſſe verleitet, daß ihnen Faſten, Beten und Kaſteien ſehr wohl bekommen müſſe. Die Bewohner von Hohenheim ſind übri⸗ gens ein ſehr luſtiges, ſorgloſes und liebens⸗ würdiges Völkchen. Leben und leben laſſen, iſt ihr Wahlſpruch. Was den Hof von Hohenheim, der in der Reſidenz gleichen Namens, einer neuen prächti⸗ gen Stadt, ſeinen Sitz hat, anbelangt, ſo iſt es beſonders der Fürſt, den wir näher ins Auge faſſen müſſen, da er in dem Leben unſerer Hel⸗ din, und folglich auch in dieſer Erzählung eine Hauptrolle zu ſpielen, beſtimmt iſt. Er iſt durchaus nicht mehr jung, vielleicht ſechzig bis dreiundſechzig Jahre alt, hat aber der Neigungen und Leidenſchaften der Jugend noch immer nicht Lebewohl geſagt. Wenn die chroniqué scandaleuse Recht hat, ſo beſitzt er in einem eigenen Saale ſeines Pallaſtes eine kleine, aber ausgewählte Gemäldegallerie, die lediglich blos aus den Bildniſſen in Lebensgröße derienigen Damen beſteht, die ſich ſeiner beſon⸗ 192 deren Gunſt zu rühmen gehabt haben. Außer⸗ dem beſitzt er in Italien viele Villa's, auf deren ieder irgend eine verlaſſene Ariadne trauert, die er jedoch von Zeit zu Zeit aus Menſchenfreund⸗ lichkeit heimſucht und tröſtet. Neben dem ſchönen Geſchlecht iſt übrigens hauptſächlich die Kunſt ſeine Leidenſchaft, beſon⸗ ders die Malerei, Baukunſt und Poeſie. Für die beiden erſtgenannten hat er wirklich ſehr viel gethan, vielleicht mehr, als ihm ſeine und ſeines Landes Kräfte eigentlich erlaubten. Maler, Bildhauer und Architecten haben fürſt⸗ liche Unterſtützungen von ihm genoſſen, und ob⸗ wohl Hohenheim zu den wohlhabenderen und glücklicheren Ländern gehört, ſo konnte man doch oft Klagen der weniger kunſtſinnigen Untertha⸗ nen über dieſe koſtſpielige fürſtliche Liebhaberei vernehmen. Was die Poeſie betrifft, ſo kann man dem Fürſten Chlodwig von Hohenheim allerdings keine ſo freigebige Unterſtützung derſelben nach⸗ rühmen, da er es, ſtatt den Dichtern unter die Arme zu greifen, vorgezogen hat, ſelbſt in ihre 193 Gilde zu treten. AnVerlegern für ſeine Werke hat es ihm begreiflicherweiſe niemals gefehlt, ob aber die Kunſt durch dieſelben auch nur um ein Haar breit gefördert worden ſei, daß iſt eine andere Frage, die wir uns nicht unbedingt zu bejahen getrauen. In der letzten Zeit hatte ſich der Fürſt nach einer bekannten Wahrnehmung, daß Leute, die ihr Leben genoſſen, die geliebt und gelebt haben, im Alter fromm werden, den Pietiſten und Je⸗ ſuiten in die Arme geworfen. Ein ultramontanes Miniſterium, an deſſen Spitze ein Herr von Ba⸗ bel ſtand, leitete die öffentlichen Angelegenheiten. Die Klöſter wurden vermehrt, und die Rechte der Proteſtanten immer mehr geſchmälert; die Kammer ſowohl, als der laut ausgeſprochene Unwille des ganzen Volkes war machtlos gegen diefes Miniſterium, welches feſt auf ewige Zeiten dazuſtehen ſchien. Aber ein Volk denkt— und eine ſpaniſche Tänzerin lenkt. Mola mußte auf ihrer Reiſe nach Wien das Fürſtenthum Hohenheim paſſiren. In der Hauptſtadt deſſelben angekommen, ging ihr die Grille durch den Kopf, die Bewohner 13 194 derſelben durch ihre göttliche Tanzkunſt zu enthu⸗ ſiasmiren, und nebenbei auch ein wenig zu be⸗ ſteuern. Das Geld von den Bewohnern einer kleinen Reſidenz iſt am Ende doch eben ſo viel werth, als die Hundertſousſtücke der Pariſer. Sie wandte ſich an die Intendanz der Hof⸗ buͤhne, und erhielt, Dank ſei es dem wahrhaft kunſtſinnigen Geiſte, in welchem dieſe, ſo wie die meiſten unſerer Hofbühnen, verwaltet werden, ſogleich ein Gaſtſpiel. Es iſt rührend. Jede Tänzerin, jede Sän⸗ gerin, jede Araber⸗, Seiltänzer- und Kunſtreiter⸗ geſellſchaft wird von den Bühnen mit offenen Armen aufgenommen, ja ſogar der Affendarſtel⸗ ler Kliſchnigg, die Flöhe Bertolettis und der ge⸗ lehrte dominoſpielende Mops Mohr haben auf deutſchen Bühnen mit großem Beifalle und enor⸗ mem pecuniären Erfolg gegaſtſpielt. Nur der Dichter und ſein Product iſt der Paria unter allen dieſen Weſen einer höhern bevorzugten Gattung. Ihn läßt man Stunden lang anticham⸗ briren; ſeine Manuſcripte ſchickt man ungeleſen zurück und die Blätter der Hauptſcene, die er, um 195 einen Beweis, ob es geleſen worden iſt oder nicht zu erhalten, zuſammengeklebt hat, halten nach ein paar Jahren noch ſo feſt, wie am erſten Tage. Und dabei beklagen ſich dieſe Herrn ſtets ſehr ſal⸗ bungsvoll darüber, daß die deutſche, dramatiſche Literatur immer mehr in Verfall gerathe, trotz⸗ dem, daß ſie doch durch Preisausſetzen und Tan⸗ tiemen alles Mögliche thäten, um ſie zu heben. Preisausſetzen; es iſt zum Lachen! Einem Stücke wurde bei einer ſolchen Preisausſchreibung der Preis zuerkannt, er ſollte ausgezahlt werden, ſo⸗ bald das Stück aufgeführt worden ſei. Seitdem ſind fünf Jahre verfloſſen, das Stück iſt noch nicht aufgeführt worden, und der Verfaſſer hat noch keinen Hellerbekommen. Madame Birchpfeiffer ſteht ſich allerdings ſehr gut bei der Tantiéme. Mola tanzte und gefiel außerordentlich. In Hohenheim weiß ſich die Frömmigkeit auch öffent⸗ lich beſſer mit der Poeſie des Fleiſches zu ver⸗ tragen, als in Paris, und ein Polizeiminiſter Iwanoff war auch nicht da, um die ſchöne Spanierin erſt auszupfeifen und dann an die Grenze eskortiren zu laſſen. 13* 196 Die Intendanz beſtürmte Mola mit Anträgen, ihr Gaſtſpiel zu wiederholen, und Dieſe, der ein ſo oppoſitionsloſer Triumph noch nie zu Theil geworden war, und die von Eitelkeit berauſcht in dem Händeklatſchen der Zuſchauer ſchwelgte, geruhte dieſe Anträge anzunehmen. Außerdem hatte ſie auch ſchon Zeit gefunden, eine allerliebſte, kleine Intrigue mit einem jungen hübſchen und reichen Kaufmanns ſohne anzuknüpfen, und Wien lief ihr ja doch nicht davon. Sie miethete ſich alſo eine ſchöne Wohnung in dem Gaſthauſe zum goldenen Hirſche, dem beſten in ganz Hohenheim, und empfing dort die Beſuche ihres Liebhabers. Auf Fürſt Chlodwig hatte Mola's Erſchei⸗ nung und Tanzen mehr Eindruck gemacht, als auf alle ſeine Unterthanen zuſammen. Jugendliche Wünſche und Hoffnungen wur⸗ den in dem welken abgelebten Greiſe wach, bei dem Anblicke dieſer vollen, üppigen, ſchwellenden Schönheit und Jugend. Wenn es irgend einem Weibe möglich iſt, ſchon erſtorbene Lebensgeiſter außs Neue aufzu⸗ 197 ſtacheln und anzuregen, ſo muß es dieſe heiße Andaluſierin ſein; das mochte Fürſt Chlodwig ahnen. Wie dem auch ſei. Eines Tages wurden der ſchönen Spanierin durch einen gegen die Schwä⸗ chen und Launen ſeines Gebieters äußerſt gefälligen Kammerherrn Anerbietungen gemacht. Mola theilte dieſelben ihrem Geliebten, dem reichen Kaufmannsſohne mit. „Pah!“ ſagte dieſer,„wenn Du vernünftig biſt, ſo läßt Du Dich mit dem Fürſten nicht ein. Denn erſtens iſt es ſtadt⸗ und landkundig, daß er ſehr ſparſam und knickerig gegen ſeine Geliebten iſt, und zweitens— iſt er ein alter, gebrechli⸗ cher Mann.“ Mola zog die Uneigennützigkeit der Beweg⸗ gründe, aus welchen ihr Geliebter ſo ſchlecht von dem Fürſten ſprach, gerechtermaßen in Zwei⸗ fel, und beſchloß, ſich die Sache denn doch ein wenig zu überlegen. Einen ſouveränen Fürſten, ein geſalbtes Haupt zum Liebhaber und folglich zum Spielball ihrer 198 Launen zu haben, das war für ſie etwas Neues, und der Gedanke daran reizte ſie ungemein. Was waren alle ihre bisherigen Liebhaber, ſelbſt Twiſt, der langhaarige Klavierpauker und der arme Beaujarrier gegen einen Fürſten Chlodwig von Hohenheim? Mola beſchloß vor der Hand alle Anträge abzulehnen, um den Fürſten durch Widerſtand noch mehr zu reizen. Dabei wollte ſie aber auch eine Gelegenheit abwarten, um ihm trotzdem auf irgend eine elegante Weiſe ihr Intereſſe an ihm zu erkennen zu geben.. Dieſe Gelegenheit fand ſich bald genug. Es war gerade irgend eines von den vielen Kirchenfeſten, die in katholiſchen Ländern gefeiert werden, und der ganze Hof, die geſammte Geiſt⸗ lichkeit, der Generalſtab, das Offiziercorps, und die Civilbehörde durchzogen im Feſtornate die Straßen der Stadt. Das Militär hatte längs den Straßen, durch welche der Zug ging und die mit Bretern belegt waren, ein Spalier gebildet, um die neugierige ſchauluſtige Volksmenge zurückzuhalten. 199 Mola hatte ſich indeſſen mit der raſchen ener⸗ giſchen Art, die ihr eigen war, durch das Spa⸗ lier gedrängt, und ſtand jetzt, als der Zug vor⸗ bei kam, ganz allein und allen bemerkbar vor den Soldaten. So wie der Fürſt ſie bemerkte, warf er ihr einen freundlichen Blick zu; ja, er machte ſogar, trotz der Heiligkeit der Stunde, eine einladende Handbe⸗ wegung in der Richtung nach der Reſidenz zu. Nola erwiderte alle dieſe Aufmerkſamkeiten durch den lauten Ausruf:„Welch ein ſchönes, geiſtreiches Geſicht!“ O Mola! Mola! wie tief biſt Du geſunken! Zu welchen plumpen, derben Mitteln nimmſt Du ſchon Deine Zuflucht! Indeſſen ſchien es hier doch von Wirkung zu ſein. Ein heller Schimmer der Freude und der befriedigten Eitelkeit flog über das Geſicht des Fürſten, und Abends kam der Kammerherr mit dringenderen und beſtimmteren Anträgen wieder zu Mola. Alte Männer, die ſelten mehr Triumphe ihrer Perſönlichkeit zu verdanken haben, ſind dann in 200 dieſer Beziehung ſchrecklich ſchwach und eitel. Ein junger, wirklich ſchöner und geiſtreicher Mann würde ſich durch das allzueifrige Zuvor⸗ kommen, welches in dieſem Ausrufe Mola's lag, zurückgeſtoßen gefühlt haben. Mola zeigte ſich dieſen Abend den Anträgen des vermittelnden Kammerherrn geneigter, und end⸗ lich nach langen Debatten wurde beſtimmt, daß der Fürſt ſie morgen Abend, jedoch im ſtrengſten Incognito und nur in Begleitung eines Kammer⸗ herrn, beſuchen dürfe. Am nächſten Morgen wurde der Kaufmann, deſſen leichtſinniger Sohn bis jetzt der Liebhaber der Tänzerin geweſen war, plötzlich zu einer Privataudienz bei dem Fürſten beſchieden. Der ehrſame dicke Bürger und Kaufmann von Hohenheim erſchrack ſehr, denn er konnte ſich gar nicht denken, was der Fürſt von ihm wolle. „Eure Hoheit haben geruht, nach mir zu ſenden,“ ſagte der Kaufmann ehrerbietig, als er nach zwei⸗ ſtündigem Warten endlich vorgelaſſen worden war. „Ja,“ ſagte der Fürſt,„Ihres Sohnes wegen. Ihr Sohn hat ſich ſehr ſchwer gegen mich ver⸗ 201 gangen; er hat ſehr übel von mir geſprochen. Nur allein meiner Huld für Sie, den ich ſchon ſo viele Jahre als treuen und loyalen Bürger kenne, hat er es zu verdanken, daß ich ihn für diesmal noch ſo durchhüpfen laſſen will. Jedoch nur unter einer Bedingung: wenn er nämlich binnen zwei Stunden meine Haupt- und Reſi⸗ denzſtadt und binnen zwei Tagen mein Reich verlaſſen, und ſich verpflichten will, nicht eher in daſſelbe zurückzukehren, als bis ich es ihm ausdrücklich erlaube.“ Der gute Philiſter von Hohenheim war ganz entzückt über des Fürſten Milde und Gnade. Im Anfange der Rede hatte er ſeinen Sohn ſchon im Geiſte in einen Hochverraths⸗ und Maje⸗ ſtätsbeleidigungsprozeß verwickelt geſehen, und war überzeugt, derſelbe werde unter funfzehn Jahreßeſtungsſtrafe nicht davonkommen, die knieende Abbitte vor dem Bildniſſe des Fürſten ungerechnet. „Euer Hoheit Wunſch iſt mir und meinem Sohne, der ſo unglücklich war, ſich Dero allerhöchſtes Mißfallen zuzuziehen, Befehl,“ entgegnete der Kauf⸗ mann.„Mein Sohn ſoll heute noch abreiſen.“ ———— 202 „Schön,“ ſagte der Fürſt,„Sie ſind nun entlaſſen, aber merken Sie ſich es; ich werde mich überzeugen, ob Ihr Sohn wirklich fort iſt.“ Nach einer Fluth von Betheuerungen und Dankſagungen entfernte ſich der Kaufmann, ob⸗ wohl er eigentlich noch kein Wort davon wußte, was ſein Sohn denn eigentlich wohl verbrochen habe. Als dieſer Letztere aus dem Munde ſeines Vaters die Audienz und die nothwendig gewordenen Folgen erfuhr, war er außer ſich vor Wuth. „So hat ſie mich alſo doch dieſem alten geizigen Fürſten geopfert,“ rief er aus.„Es iſt ſchändlich; Aber ſelbſt, wenn ich das noch hin⸗ gehen laſſen wollte,— ſie iſt nun einmal eine Dirne— wozu mußte ſie meine Aeußerungen denunciren. Wahrhaftig, ich hätte ſie für nobler und großartiger gehalten.“ Er wollte in der erſten Wuth zu der treu⸗ loſen Tänzerin hin, um ihr Vorwürfe zu machen, ein Unternehmen, was ſehr zwecklos geweſen wäre, und von dem ihn ſein Vater, der ſehr beſorgt war, daß er nicht um eine Minute ſpäter abreiſe, — 203 als der Fürſt es befohlen hatte, auch glücklich zurückhielt. Endlich waren in der Eile alle nöthigen Vorbereitungen getroffen, der Vater umarmte ſeinen Sohn, drückte ihm eine große Brieftaſche mit Banknoten und Creditbriefen in die Hand, hob ihn in den Wagen, und das Opfer der treuloſen Tänzerin verließ fluchend ſeine Vater⸗ ſtadt. Mola wußte aber recht gut, warum ſie die Aeußerung ihres bisherigen Liebhabers über den Fürſten dem Kammerherrn denuncirt hatte. Sie wollte durch dieſen Vorwurf des Geizes, den man ihm machte, und den ſie ihm mittheilte, gerade die Eitelkeit des Fürſten reizen, daß er das Gerücht thatſächlich widerlegen und ſich gegen ſie recht freigebig zeigen möge, und der Erfolg wird lehren, inwiefern ſie ihr Ziel erreichte, und ob ſie richtig und als feine Menſchenkennerin ge⸗ ſchloſſen hatte. Am nächſten Abende kam der Fürſt, tief in einen ſchlichten Oberrock gehüllt, und nur von 204 einem Adjutanten begleitet, in den Gaſthof, wo die Sylphide wohnte. Ein unglücklicher Zufall wollte es jedoch, daß er ſich in der Zimmernummer irrte, und zu einem nebenan wohnenden Weinreiſenden gerieth, der ihn, trotz ſeiner Vermummung, ſogleich er⸗ kannte und mit ironiſcher Höflichkeit zurecht be⸗ ſchied, zugleich aber auch dafür ſorgte, daß noch an demſelben Abende die ganze Reſidenz um dieſen Beſuch des Fürſten wußte. Mola empfing ihn in einem ſehr leichten und reizenden Negligs. Der Adjutant entfernte ſich pflichtſchuldigſt; ſie waren allein. „Durchlaucht,“ ſagte Mola,„ich habe ihrem Wunſche nicht länger widerſtehen können. Mein eigenes Herz iſt zum Verräther an meinem Wil⸗ len geworden.“ Der Fürſt war entzückt über dieſe ungemein geiſtreiche Einleitung des Geſprächs. Er ließ ſich auf das Sopha nieder und ſagte: „Ich war von meiner Jugend an ein Ver⸗ 205 ehrer der Kunſt; beſonders aber der Malerei und Poeſie. Sie aber, ſchöne Donna, haben mich überzeugt, daß die Plaſtik denn doch hö⸗ her, als beide ſtehe.“ Mola lächelte. Der Fürſt fuhr mit dem Ausdrucke geſchmei⸗ chelter Eitelkeit fort: „Alſo, Ihr Herz wurde zum Verräther an Ihrem Willen, ſagten Sie nicht ſo? Und meine Verleumder nennen mich doch einen alten gebrech⸗ lichen Mann.“ „Das iſt der Neid, der aus ihnen ſpricht,“ erwiderte Mola;„weil ſie ſchon als Jünglinge Greiſe ſind, ſo beneiden und verleumden ſie ih⸗ ren Fürſten, der ſich noch als Greis Jugend⸗ kraft und Jugendſchönheit bewahrt hat.“ Dieſe plumpen Schmeicheleien verfehlten bei dem ſchwachen und eitlen Fürſten ihre Wng durchaus nicht. „Mola,“ ſagte er,„wir müſſen mit einander ins Reine kommen. Wollen Sie hier bleiben in Hohenheim, wollen Sie mir meine von Regie⸗ rungsſorgen getrübten Tage erheitern und ver⸗ 206 ſchönern; mit Einem Worte, wollen Sie mein werden?“ Als Mola den Fürſten ſo weit hatte, ſchlug plötzlich ihr Betragen gänzlich um. War ſie bis jetzt ſchmeichelnd und hingebend geweſen, ſo wurde ſie jetzt mit Einem Male frivol und kokett. „O'est selon, mon prince?“ erwiderte ſie. „Wenn Sie einwilligen, Mola,“ fuhr der Fürſt fort,„ſo ſoll Ihnen nicht nur Rang und Reichthum, ſondern, wonach eine geiſtreiche Frau ſich noch mehr ſehnt, Macht und Einfluß zu Gebote ſtehen. Sie ſollen dem Weſen nach die Fürſtin des Landes ſein, wie Sie die Köni⸗ gin meines Herzens ſind, wenn Sie auch den leeren Schall des Namens einer anderen über⸗ laſſen müſſen.“ „Eh bien, alors oui!“ ſagte Mola,„wenn das iſt, ſo willige ich ein; aber vergeſſen Sie nicht, mon prince, daß dieſer Vertrag ein gegen⸗ ſeitiger und freiwilliger iſt, und daß er eben ſo gut von mir, als von Ihnen gelöſt werden kann.“ 207 „Ich hoffe, er ſoll es nicht werden,“ ſagte der Fürſt,„wenigſtens will ich gewiß keine Ver⸗ anlaſſung dazu geben.“ Mit dieſen Worten zog er die Tänzerin nä⸗ her an ſich und umarmte ſie. Sie ſträubte ſich anfangs mit erkünſteltem Wiverſtande, während auf einen Augenblick der Ausdruck der tiefſten Verachtung, ja des Ekels, über ihr ſchönes ſtolzes Geſicht hinflog⸗ Der erhitzte Fürſt bemerkte dieſen böſen Zug nicht. Die Tänzerin hatte ſich auch bald wie⸗ der beſonnen, ihr Geſicht wurde wieder freund⸗ lich und hingebend, und ſie erwiderte die Küſſe ihres fürſtlichen Liebhabers. Der Fürſt blieb länger als zwei Stunden bei ihr. Als er ſich endlich erſchöpft, aber lie⸗ beſelig entfernt hatte, ließ Mola ſogleich den Wirth zu ſich heraufrufen. Ihr ganzes Benehmen war verändert; ſie gab ſich das Air einer Königin. „Ich brauche von morgen an die ganze Bel⸗ etage,“ ſagte ſie,„da ich geſonnen bin, mir eine ziemlich zahlreiche Dienerſchaft zu halten.“ — 208 „Ich bedaure ſehr, mein Fräulein,“ ſagte der Wirth,„Ihrem Wunſche nicht willfahren zu können.“ „Warum nicht, warum nicht?“ fragte Mola heftig. „Weil die Beletage von einer reichen engli⸗ ſchen Familie bewohnt wird, der ich doch un⸗ möglich die Thüre weiſen kann.“ „Warum nicht,“ fragte Mola wieder,„wenn ich ihre Wohnung zu haben wünſche. Ich be⸗ zahle ſie Ihnen doppelt.“ „Es thut mir leid,“ ſagte der Wirth,„aber ich habe kein Recht dazu, einen Gaſt— Mola hatte die Geduld verloren. Noch ganz berauſcht von ihrem neuen Glücke und von den ehrgeizigen Plänen und Ausſichten, die ſich ihr eröffnet hatten, erbitterte es ſie aufs Aeu⸗ ßerſte, daß ein unbedeutender Gaſtwirth ihr gleich ihren erſten Wunſch abzuſchlagen wage. „Fort, deutſche Beſtie!“ rief ſie.„Wenn Du nicht willſt, ſo iſt es Dein eigener Schade.“ Mit dieſen Worten gab ſie ihm eine derbe „ 209 Ohrfeige und ſtieß ihn zur Thüre hinaus, die ſie hinter ihm verriegelte. Während der Beleidigte draußen wüthete und die Thüre einzuſprengen verſuchte, ging Mola, heftig aufgeregt, im Zimmer auf und ab. „Morgen ziehe ich aus,“ ſagte ſie,„in einen andern Gaſthof, und dort halte ich mir Lakaien und Kammerfrauen, und Equipagen und Reit⸗ pferde, bis der Pallaſt eingerichtet iſt, den mir dieſer alte Fürſt verſprochen hat.“ Der Wirth war endlich müde geworden, und ließ von ſeinen vergeblichen Verſuchen die Thüre einzuſprengen, ab. Er ging mit dem feſten Ent⸗ ſchluſſe hinunter, morgen mit früheſtem die Syl⸗ phide wegen Real- und Verbalinjurien zu de⸗ nunciren. Der Fürſt aber kehrte ganz entzückt und be⸗ geiſtert nach Hauſe zurück. Beim Auskleiden ſagte er zu ſeinem Kam⸗ merherrn: 14 210 „Stets teutſchen Sinnes geweſen ſeiend, und es bewieſen habend vielfach; aber was Liebe ſei, unwiſſend bis jetzt, durch dieſe Spanierin er⸗ fahren habend heute.“ Am nächſten Morgen hatte die Reſidenz voll⸗ auf zu klatſchen und war glücklich. Zwölftes Kapitel. Es wird fort geprügelt. Am nächſten Morgen brachte der Gaſtwirth ſeine Injurienklage an, und Mola zog aus. Sie hatte ſich eben in der geräumigen und elegant eingerichteten bel-etage ihres neuen Gaſt⸗ hofes etwas zurechtgefunden, und die nöthigen Aufträge ertheilt, um ſich ihre eigene Bedienung zu verſchaffen, als ihr der berühmte Maler Maulbach gemeldet wurde. Wir haben ſchon früher jener ſeltſamen Grille des Fürſten erwähnt, alle ſeine verſchiedenen Geliebten malen zu laſſen und dieſe Gemälde in einem eigens dazu beſtimmten Saale aufzuſtellen. 6 1 212 Mola durfte in dieſer Gallerie natürlich nicht fehlen und ſo erhielt denn der berühmte Maul⸗ bach den Auſftrag ſie für dieſelbe zu malen. „Mein Fräulein,“ ſagte der große Künſtler, als er vorgelaſſen worden war,„ich habe von Seiner Durchlaucht den angenehmen und ehren⸗ vollen Auftrag erhalten, Ihre lieblichen Züge auf der Leinwand feſtzuhalten.“ „Das heißt auf deutſch, Sie ſollen mich por⸗ traitiren, nicht wahr?“ „Allerdings,“ ſagte der etwas verblüffte Künſtler. „Attendez mon cher,“ ſagte Mola,„wie lange muß ich da wohl ruhig ſitzen?“ „Täglich zwei Stunden acht Tage hindurch.“ „C'est impossible,“ erwiderte Mola mit Ent⸗ ſchiedenheit. „Aber mein Fräulein,“ ſagte der Maler ſchüchtern,„Seine Durchlaucht wünſchen durch⸗ aus, Ihr Portrait zu beſitzen, und wie ſoll ich Sie denn malen, wenn Sie nicht ſitzen wollen?“ „Wiſſen Sie was,“ ſagte Mola;„ich will Ihnen einen Ausweg vorſchlagen: Schicken Sie * „ einen geſchickten Daguerrotypiſten zu mir, dem brauche ich nur eine Minute ſtill zu ſitzen, was ich allenfalls aushalten kann, und Sie können dann das Bild nach dem Daguerrotype malen.“ „Aber, das wird wirklich ſchwer gehen, das Colorit... „Ei was, das geht ganz gut, und ich will es einmal ſo. Und was das Colorit betrifft, ſo ſchadet es nichts, wenn es etwas geſchmeichelt ausfällt und friſcher iſt, als in der Wirklichkeit.“ Der Maler verſtand dieſen allerdings ziem⸗ lich deutlichen Wink; er ſah auch, daß Mola's Entſchluß, ihm nicht ſitzen zu wollen, feſtſtand, und ſo blieb ihm denn nichts übrig, als ſich dem⸗ ſelben zu fügen. Nachdem er verſprochen hatte, den Daguer⸗ rotypiſten ſo bald als möglich zu ſchicken, em⸗ pfahl er ſich. Nun ging Mola aus, um einige Einkäufe zu machen. In dem erſten Modewaarengewölbe traf ſie einen ſehr jungen und hübſchen Laden⸗ diener an. Sie ſuchte daher ziemlich lange unter den verſchiedenen Waaren und Sorten herum; 214 endlich ließ ſie ſich eine ziemliche Quantität auf die Seite legen und befahl, daß der Ladendiener ihr dieſelbe in ihr Hoͤtel bringe. Man ſieht, die ſchöne Spanierin war zeitig genug darauf bedacht, den Fürſten zu betrügen, wenn man es bei der offenen Art und Weiſe, mit der ſie dabei zu Werke ging, noch betrügen nennen kann. Seit einiger Zeit ſchien übrigens der Dolch, den Mola im Strumpfbande ſtecken hatte, zum Schutze ihrer Tugend nicht mehr auszureichen, denn ſie hatte ſich eine ungeheure engliſche Dogge angeſchafft, die ſie überall hin begleitete, und die nur aus ihrer Hand fraß. Dieſer Hund war eine wilde, ungezogene, händelſüchtige Beſtie, und dazu beſtimmt eine große Rolle in dem ſcandalvollen Leben Mola's zu ſpielen. Auch auf ihrem heutigen Ausgange hatte die Dogge ſie begleitet. Nachdem Mola den Putzwaarenladen ver⸗ laſſen hatte, ging ſie weiter zu einem Silberar⸗ — 215 beiter, wo ſie ſich ein prächtiges, maſſives Thee⸗ ſervice beſtellte. Im Begriffe, ſich nach Hauſe zu begeben, wurde ſie durch die Unarten des ſie begleitenden Hundes in eine äußerſt unangenehme Scene ver⸗ wickelt. Als ſie nämlich durch eine enge Straße ging, fuhr ihre Dogge den Pferden eines ſchwerbe⸗ packten Laſtwagens bellend zwiſchen die Beine. Die armen erſchreckten Thiere konnten zwar der großen Laſt des Wagens halber nicht durch⸗ gehen, aber ſie ſprangen in kurzen Sätzen nach beiden Seiten hin, ſo daß der Wagen in Ge⸗ fahr gerieth, umgeworfen zu werden. Mola ſah lächelnd dem Unheile zu, welches ihr Hund angerichtet hatte. Der Fuhrmann faßte jedoch die Sache nicht ganz ſo humoriſtiſch auf, ſondern ergriff ſeine Peitſche und veſetzte der Dogge damit ein paar ſo energiſche Hiebe, daß ſie winſelnd und heu⸗ lend bei ihrer Gebieterin Schutz ſuchte. „Warte Beeſt,“ ſagte der Fuhrmann;„ich will 216 Dich lehren, meinen Gäulen zwiſchen die Beine zu fahren.“ Mola war außer ſich vor Wuth. Ein ge⸗ meiner Fuhrmann ſollte es wagen dürfen, den Hund der Maitreſſe des Fürſten zu prügeln. Da müßte es ja keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt geben. Sie trat daher mit großer Entſchloſſenheit auf den Fuhrmann zu, und im nächſten Augen⸗ blicke war ihre im Glacshandſchuh ſteckende Hand mit der gebräunten Wange des Roſſelenkers in eine ſehr derbe und unſanfte Berührung ge⸗ kommen. Anfangs maß derſelbe, ganz erſtarrt über dieſe Kühnheit, die ſchlanke und elegante Geſtalt ſeiner Gegnerin; bald aber erhob er ſeinen mus⸗ culöſen Arm, und ſchlug mit den Worten:„I! was, ſchlagen laß ich mich von Niemand,“ auf ſie los. Mola wehrte ſich auf's Tapferſte, aber die Uebermacht war zu ſehr auf Seiten des Fuhr⸗ manns. Die Streiche fielen hageldicht, und Keiner aus dem Zuſchauerkreiſe, der ſich um die⸗ 217 ſen Fauſtkampf gebildet hatte, fühlte ſo viel ritterliche Galanterie in ſich, einer bedrängten Dame beizuſtehen. Im Gegentheile lachte und applaudirte Alles. Es iſt merkwürdig, was für einen inſtinkt⸗ mäßigen Widerwillen das Volk immer gegen die Maitreſſen ſeiner Fürſten hat. Der Grund dieſer Erſcheinung mag darin zu ſuchen ſein, daß das Volk weiß, wie koſtſpielig dergleichen Privatver⸗ gnügungen gewöhnlich ſind, und daher nach einem logiſch ſehr richtigen Schluß für ſeinen Beutel fürchtet. Hier kam außer dieſem allgemeinen Grunde noch der beſondere hinzu, daß die Fürſtin, welche durch dieſe neue Leidenſchaft des Gemahls von Neuem beleidigt und zurückgeſetzt wurde, eine wahre Landesmutter, eine freigebige und uner⸗ müdliche Wohlthäterin der Armen, und bei dem Volke ſehr beliebt war. Das Volk jubelte und applaudirte, alſo wie geſagt, als Mola in ihrem Kampfe mit dem Fuhrmann den Kürzen zog, und der Ausgang hätte für die Tänzerin ſehr traurig werden kön⸗ 218 nen, wenn nicht gerade ein Gensd'armerielieute⸗ nant, Namens Birnbaum, vorbeigegangen wäre. Eben ſo wohl aus Neugierde, als aus Pflichtgefühl, durchbrach Birnbaum den Kreis der ſchadenfrohen Gaffer, und ſah nun, in wel⸗ cher Bedrängniß ſich unſere Heldin befand. Er trat ſogleich auf den Fuhrmann zu, und befahl ihm, mit der ganzen Energie, die ihm ſeine Ritterpflicht und ſeine amtliche Stellung gab, von der Bayadere abzulaſſen. Der Fuhrmann gehorchte, wenn auch mur⸗ rend, und der Lieutenant gab der Tänzerin den Arm, um ſie ſicher nach Hauſe zu geleiten. Indeſſen folgte der Pöbel ſchimpfend und ſpottend und pfeifend dem würdigen Paare, ſo daß der Lieutenant ſich genöthigt ſah, die Tän⸗ zerin einſtweilen in einen nahegelegenen Laden zu führen, und ſie dem Schutze des Beſitzers anzuempfehlen, um Hülfe zu requiriren und den muthwilligen Troß, der es ſogar wagte, des Anſehens eines Gensd'armerielieutenants zu ſpot⸗ ten, zu zerſtreuen. — ————— 219 Mittlerweile war aber die Lage der Tänze⸗ rin eben auch keine ſehr angenehme. Der Pöbel hatte vor dem Laden Halt ge⸗ macht, und belagerte ſie förmlich in demſelben. Schimpfworte, die eben nicht zu den feinſten Ausdrücken des Adelung'ſchen Wörterbuchs ge⸗ zählt werden konnten, wurden mit lauter Stimme gerufen, und ein Stein flog ſogar klirrend in den Aushängekaſten des Ladens. Nola wüthete. Sie wollte hinaus in die tobende Volksmenge, um die Schreier mit den Zähnen zu zerreißen, und der Beſitzer des La⸗ dens mußte wirklich beinahe Gewalt anwenden, um ſie von der Ausführung dieſes Verfahrens zurückzuhalten, und ſo noch ferneres Unglück zu verhüten. Endlich kam Birnbaum mit einer kleinen Abtheilung Gensd'armen, und nicht ohne Mühe gelang es ihm, den Volkshaufen zu zerſtreuen. Nun wurde nach einem Fiaker geſchickt. Mola ſetzte ſich mit ihrem Retter und der Dogge, die den ganzen Skandal verurſacht hatte, in denſelben, und fuhr nach Hauſe. 220 Diesmal war ſie im buchſtäblichen Sinne des Wortes noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Nachmittags wurden ihr die Sachen, die ſie ſich in dem Putzwaarenladen ausgeſucht hatte, zugeſchickt; aber man denke ſich ihre Wuth, nicht, wie ſie es befohlen hatte, durch den jungen, hübſchen Ladendiener, ſondern durch eines der Putzmachermädchen. Mola war ohnedies noch durch die Scene vom Vormittage her aufgeregt. Sie zerriß alſo nicht nur die Waaren und die Rechnung, ſon⸗ dern ohrfeigte auch noch das arme unſchuldige Mädchen. Am Abende kam der Fürſt wieder. „Durchlaucht,“ war ihr erſtes Wort an ihn, „morgen reiſe ich ab. Ich verlaſſe Ihr erbärm⸗ liches Land, wo man Frauenzimmer mißhandelt. Der Fürſt wußte noch nicht, was vorgegan⸗ gen war; daß etwas vorgegangen ſein mußte, ſah er allerdings an dem geſchwollenen und verbundenen Antlitze ſeiner Geliebten. „Aber, mein Engel, ſo erzähle mir doch, — 221 was geſchehen iſt, und ich ſchwöre Dir, die Schuldigen ſollen aufs Strengſte beſtraft werden.“ Mola wollte ſich Anfangs nicht erbitten laſ⸗ ſen, und beſtand auf ihrem Vorſatze, morgen früh abzureiſen. Nur durch das Verſprechen des Fürſten, ihr das Indigenat und den Grafentitel in Hohen⸗ heim zu verleihen, konnte ſie endlich bewogen werden, zu bleiben. Nun erzählte ſie dem Fürſten ihr Unglück von heute Vormittag, wobei ſie nicht unterließ, die Verdienſte des Lieutenants Birnbaum um ihre Rettung, auf's Glänzendſte herauszuſtreichen. Lieutenant Birnbaum war, beiläuſig bemerkt, einer von jenen ſtarken breitſchulterigen Männern mit ſtarkem Barte, welche ſinnliche Weiber im⸗ mer ſchön finden, und auch unſere Mola fühlte eine um ſo lebhaftere Neigung für ihn, als der ſchöne, aber dumme Ladendiener nicht gekonmen war, und ſie dem alten Fürſten doch unmözlich zwei Tage lang treu bleiben konnte. Am andern Tage erhielt der Lieutenant Brn⸗ baum ſein Beförderungspatent zum Oberlieute⸗ nant, und zugleich ein Billet⸗dour von Mola, in welchem ſie ihn auf Nachmittag zu ſich be⸗ ſchied. Unglücklicherweiſe war der neue Oberlieutenant Vormittags ausgegangen, hatte mit einigen Freunden zuerſt vortrefflich gefrühſtückt, und dann noch beſſer zu Mittag geſpeiſt und getrunken. Nach Tiſche machte er ſeinen kleinen Spa⸗ ziergang, und ſpielte dann einige Partieen Bil⸗ lard in dem Kaffeehauſe, welches er gewöhnlich beſuchte. Mola wartete um die beſtimmte Stunde, wer aber nicht kam, das war der Herr Ober⸗ lieutenant. Mola und Warten! Kann man ſich zwei he⸗ terogenere Dinge vorſtellen? Mola, die perſoni⸗ ficirte queckſilberne Unruhe und Warten! In der That verlor die Tänzerin bald die Geduld. g „Er unterſteht ſich, mich warten zu laſſen, was mir noch nie in meinem Leebn geſchehen iſt. Bh bien! er ſoll mich kennen lernen.“ 223 Sie ſchickte auf das Polizeibüreau, und ließ ſich nach der Wohnung des Lieutenants Birn⸗ baum erkundigen. Als ſie dieſelbe erfahren hatte, ging ſie mit einem dünnen, aber ſehr ſtarken Ebenholzſtöckchen bewaffnet, und von ihrer Dogge begleitet, nach derſelben. „Wohnt Herr Birnbaum hier?“ fragte ſie den über den ſeltſamen Beſ erſtaunten Be⸗ dienten. „Ja, gnädige Frau; aber er iſt nicht zu Hauſe.“ „So führe mich nur in ſein Zimmer; ich will ihm etwas aufſchreiben.“ Der Burſche gehorchte, ohne eine Ahnung des Unheils zu haben, welches über die Stube ſeines Herrn ſollte. Kaum war nämlich Mola in die Stube ge⸗ treten, als ſie anfing, mit ihrem Ebenholzſtäb⸗ chen Alles, was nicht niet⸗ und nagelfeſt war, zu zertrümmern. Birnbaum beſaß einen ſehr ſchönen Glas⸗ ſchrank, in dem er die Liebesgeſchenke ſo man⸗ 224 cher vornehmen Hohenheimer Dame, die den breitſchulterigen Adonis begünſtigt hatte, aufbe⸗ wahrte. Dieſer fiel als erſtes Opfer. Dann kamen die Spiegel, die Bilder und die Fenſterſcheiben daran, während der Hund eine Mappe mit Pa⸗ pieren, die auf einem Tiſche lag, heruntergewor⸗ fen hatte, und die zerſtreuten Liebesbriefe in der Stube herumſchleppte und zerfetzte. Zum Schluſſe goß Mola nach das Tinten⸗ faß über ein Packet friſchgewaſchener Wäſche, welches auf einem Pulte lag. Der Burſche ſtarrte in ſprachloſem Erſtau⸗ nen die Tänzerin und ihr Treiben an. Seine geiſtigen Fähigkeiten waren gänzlich abweſend, bis ihn endlich Mola rauh am Arme faßte und ſagte: „Sage Deinem Herrn nur, er werde aus dieſer Verwüſtung ſchon erkennen, wer da ge⸗ weſen.“ Damit ging ſie ſtolz und triumphirend über ihre Heldenthat ab. Der unglückliche Birnbaum hatte unterdeſſen 225 ruhig weiter geſpielt, das Glück begünſtigte ihn, er gewann bedeutend. Da es aber nicht nobel iſt, gewonnenes Geld mit nach Hauſe zu neh⸗ men, ſo begab ſich der Lieutenant mit ſeinem Gegner im Billard, und noch einigen Freunden in ein Weinhaus, um das gewonnene Geld in Auſtern, Burgunder und Champagner zu ver⸗ wandeln. Abends kam indeſſen der Fürſt wieder zu ſeiner Geliebten, deren erſtes Wort war: „Dieſer Birnbaum iſt ein Ungeheuer, ein lie⸗ derlicher Menſch. Durchlaucht, Du mußt ihn jedenfalls aus Hohenheim fortjagen.“ „Aber, liebe Mola, geſtern empfahlſt Du mir ihn ja noch ſo dringend, daß ich ihn blos Deinetwegen zum Oberlieutenant befördert habe.“ „Ja, das war geſtern ſo, und heute iſt es anders,“ ſagte Mola,„heute will ich, daß er aus Hohenheim fort ſoll, und zwar ſogleich.“ „Aber, mein Gott, Mola, was hat er Dir denn gethan?“ „Ich brauche Dir zwar, wenn ich etwas will, keine Rechenſchaft darüber zu geben, aber 15 226 da Du darauf beſtehſt, ſo will ich es diesmal ausnahmsweiſe thun. Ich habe ihn heute Nach⸗ mittag zu mir beſtellt, und denke Dir, er iſt nicht gekommen.“ „Du haſt ihn zu Dir beſtellt, Mola? Was wollteſt Du denn von ihm?“ Mola ſchlug ein unſterbliches homeriſches Gelächter auf. „Was ich von ihm wollte! Wie naiv Du fragen kannſt, alte Durchlaucht. Was ich von ihm wollte! Es iſt zum Todtlachen; er iſt ein huͤbſcher Junge und gefällt mir. Weiter wollte ich nichts von ihm.“ Die Eitelkeit des Fürſten erhielt durch dieſes offene Geſtändniß Mola's einen ſehr empfindli⸗ chen Stoß. Er verſuchte einige Bemerkungen über gewünſchte Treue und Dankbarkeit zu ma⸗ chen, die aber Mola ſehr bald mit den Worten unterbrach: „Durchlaucht, ich habe Dir geſagt, daß ich eben ſo gut unſer Verhältniß löſen kann, wie Du. Ich liebe aber meine Freiheit weit mehr, als Deine Palläſte, Dein Gold, Deine Grafen⸗ 227 titel und Dein Indigenat. Wenn Du mich nicht thun laſſen willſt, was ich will, eh bien, ſo reiſe ich ab.“ Was wollte der ſchwache Fürſt machen? Mola hatle ihn ganz und gar umgarnt; er konnte nicht von ihr laſſen; er mußte alſo, ſo ſchmerzlich und demüthigend es für ihn auch war, ausdrücklich und freiwillig geſtatten, von der Tänzerin wiſſentlich betrogen zu werden. Indeſſen dachte er doch daran, die günſtige Gelegenheit, wenigſtens für den Augenblick einen ſeiner Nebenbuhler los zu werden, zu benutzen. „Sagteſt Du nicht, Mola, Du wünſcheſt den Licutenant Birnbaum aus Hohenheim fortge⸗ jagt?“ „Ja, das wünſche ich, und zwar ſo bald, wie möglich, damit er weiß, was es heißt, die Andaluſierin Dolores warten zu laſſen.“ „Du ſollſt ſehen, daß ich Dir gern gefällig bin, Mola, gieb mir ein wenig Papier und eine Feder.“ Mola brachte das Verlangte, und der Fürſt ſchrieb ſogleich einen Befehl an den Kriegsmini⸗ 15* 228 ſter, den Lieutenant Birnbaum, nach dem entle⸗ genſten Grenzorte zu verſetzen und den betreffen⸗ den Befehl eiligſt auszufertigen. Der Kriegsminiſter, dem der Adjutant des Fürſten dieſen Befehl noch ſo ſpät Abends über⸗ prachte, konnte nicht umhin, über die beſondere Aufmerkſamkeit zu ſtaunen, die der Fürſt ſeit ge⸗ ſtern dieſem Lieutenant Birnbaum zu Theil wer⸗ den ließ. Der Fuhrmann aber, der die Tänzerin ge⸗ prügelt hatte, war trotz des fürſtlichen Verſpre⸗ chens der ſtrengſten Strafe, his jetzt noch in voll⸗ kommener Freiheit, und zwar nach dem bekannten deutſchen Sprichworte: Die Nürnberger hängen Keinen Sie hätten ihn denn zuvor. Die Hohenheimer machen's auch ſol Dreizehntes Kapitel. Verdrüßlichkeiten. Als der Lieutenant Birnbaum am ſelben Morgen müde und ſchläfrig nach Hauſe kam, um die Wein⸗ dünſte, die ſeit dem vergangenen Vormittage ſchon ſein Hirn benebelten, zu verſchlafen, fand er zu ſeinem großen Schrecken und Erſtaunen ſein Zim⸗ mer in einem Zuſtande, als ob die wilde Jagd durch daſſelbe gezogen wäre. Er rüttelte ſeinen Bedienten aus dem Schlafe empor, was nicht wenig Mühe koſtete. „He Burſche, verfluchter Schlingel, was haſt Du da angerichtet?“ „Ich, gnädiger Herr Lieutenant, gar Nichts.“ 230 „Du nicht? Wer denn alſo? Wer war denn während meiner Abweſenheit hier?“ „Der Teufel, gnädiger Herr Lieutenant.“ Der Burſche ſagte dies mit einer ſo gläubigen, noch nachzitternden Angſt, daß der Lieutenant, ungeachtet ſeines Zornes und ſeiner Neugierde, lachen mußte. „Der Teufel war alſo hier, ſagſt Du, Memme? Ich bin dem Fürſten der Hölle ſehr verbunden, für ſeinen freundlichen Beſuch. Wie ſah er denn aber aus?“ „Wie ein ſehr ſchönes, üppiges Weib.“ Durch vieles Kreuz und Ouerfragen brachte Birnbaum endlich von ſeinem Burſchen die Er⸗ zählung des ganzen Vorfalls, wie ihn der Leſer ſchon kennt, heraus. Er bekam aber dadurch noch immer keine beſtimmte Gedankenrichtung, hinſichtlich der ſchö⸗ nen Zerſtörerin, bis er beim Aufleſen der rings auf dem Boden herumliegenden, zum Theil zer⸗ riſſenen Papiere, ſein Oberlieutenantspatent und den Brief Mola's fand, in welchem ſie ihn zu ſich beſtellt hatte. 231 „Alſo, meine ſchöne Amazone war es,“ rief er aus,„das hätte ich gleich wiſſen können, denn, welche andere Dame würde auf das Zim⸗ mer eines Offiziers gehen, um es zu demoliren, und ihm dann ſagen zu laſſen, er möge daraus erkennen, wer dageweſen. Aber ich muß ſie wie⸗ der gut zu machen ſuchen. Ich will ihr morgen ſchreiben, oder ſelbſt zu ihr gehen.“ Mit dieſem lobenswerthen Vorſatze wollte ſich Lieutenant Birnbaum zu Bette begeben. Aber ſo gut ſollte es ihm heute nicht werden, denn in dieſem Augenblicke ſchellte es heftig an ſeiner Thüre, und als der Lieutenant neu⸗ gierig, wer ihn zu ſo früher Morgenſtunde be⸗ ſuchen wolle, ſelbſt öffnete, ſtand eine Ordonnanz des Kriegsminiſteriums mit einem verſiegelten und an ihn adreſſirten Amtsſchreiben vor ihm. Birnbaum nahm die Depeſche und erbrach ſie; aber kaum hatte er einen Blick hineingewor⸗ fen, ſo mußte er ſich an einen Stuhl anhalten, um nicht vor Schreck und Zorn über ihren In⸗ halt umzuſinken. Die Depeſche enthielt nämlich nichts Anderes, 232 als ſeine Verſetzung nach der Garniſon des klein⸗ ſten, elendeſten Grenzneſtes, und den Befehl ſi augenblicklich nach Empfang dieſes Schreibens dorthin abzureiſen. Birnbaum war außer ſich. Hohenheim war im Allgemeinen eine ſehr angenehme Stadt, beſon⸗ ders aber für den ſchmucken Cavallerie-Offizier, der ſo viel Glück bei Damen hatte, und nun ſollte er fort, fort in ein Städtchen, wo es vielleicht im Ganzen drei hübſche Mädchen gab, von denen aber jede ſchon ihren Bräutigam beſaß, und wo die jungen Frauen ihren Männern treu blieben. Es war entſetzlich! Und jetzt, jetzt fort, wo er ſeinen vom ſchau⸗ derhafteſten Katzenjammer zerrütteten Körper eben durch einen tiefen Schlaf ſtärken wollte. Jetzt ſollte er ſich auf der holprigen Chauſſee die Seele noch vollends aus dem Leibe rütteln laſſen. Birnbaum errieth übrigens bald, daß nie⸗ mand Anderes, als die rachſüchtige Spanierin, die Schuld an dieſem neuen Unglücke trage, und er verfluchte tauſendmal den unglücklichen Zufall, 233 der ihn gerade, als ihr Billet⸗Dour ankam, nicht hatte zu Hauſe ſein laſſen. Für den Augenblick war nun freilich nichts Anderes zu thun, als Ordre zu pariren. Mit teufliſcher Schlauheit war für Alles geſorgt worden. Die Ordonnanzmeldete, mitder Hand an dem Czako, daß unten ein ſehr bequemer Reiſewagen auf den Herrn Oberlieutenant warte. Birbaum weckte alſo von Neuem ſeien ver⸗ ſchlafenen Burſchen, packte mit deſſen Hülfe, was von ſeinen Sachen noch ganz war, ſo ſchnell als möglich zuſammen, und fort ging es erſt über das raſſelnde Pflaſter der Reſidenz und dann über die holprige Chauſſee. Auf der erſten Station angelangt, ließ Birn⸗ baum Halt machen. Er hatte Ordre parirt, und war abgereiſt, wann er ankommen mußte, das war nicht beſtimmt worden. Er trat in das Poſthaus und ließ ſich Pa⸗ pier Dinte und Federn geben. Nun ſchrieb er einen leidenſchaftlichen liebe⸗ glühenden Brief an die Spanierin, in dem er ihr ſchwor, daß er erſt dieſen Morgen nach 234 Hauſe gekommen, und alſo ihr Billet nicht frü⸗ her erhalten habe. Er habe ſich ein ſo ver⸗ meſſenes Glück, wie ihm zu Theil geworden, nicht zu träumen gewagt, und ſo habe er es denn verſuchen wollen, den Liebesſchmerz, der ihn, ſeitdem er ſie zum erſten Male geſehen, er⸗ faßt habe, in einem wilden Leben zu betäuben. Schließlich bat er ſie, ihren Einfluß dahin zu verwenden, daß er aus ſeiner unverdienten Ver⸗ bannung zurückgerufen werde. Als dieſer Brief geſchrieben war, rief er ſei⸗ nen Burſchen. „He, Fritze! Du nimmſt Dir hier vom Poſt⸗ halter ein Pferd und reiteſt ventre à terre nach Hohenheim, wo Du dieſen Brief an ſeine Adreſſe beſorgſt. Verſtehſt Du mich, Dummkopf?“ „Aufzuwarten, gnädiger Herr Lieutenant.“ „So iſt's gut, hier haſt Du Geld, und nun mach ſchnell.“ Als Birnbaum ſeinen Bedienten als Poſtil⸗ lon d'amour hatte fortreiten geſehen, ließ er ſich ganz ruhig ein Zimmer aufſperren und legte ſich zu Bette, nachdem er in Vorausſicht der Dinge, 235 die da kommen ſollten, den Befehl ertheilt hatte, ihn, wenn ein Courier nach ihm fragen ſollte, ſogleich zu wecken. Mola ſaß Vormittags eben bei der Toilette und ſchimpfte und ohrfeigte ihre unglücklichen Kammerfrauen, als ihr Birnbaum's Bedienter gemeldet wurde. Sie ließ ihn eintreten. Der arme Burſche blieb erſchreckt und ver⸗ blüfft auf der Schwelle ſtehen, als er den leib⸗ haftigen Teufel wieder vor ſich ſah, der die Wohnung ſeines Herrn demolirt hatte. „Was bringſt Du?“ fragte Mola barſch. „Einen.., Brief...“ ſagte der Burſche zitternd und ſtotternd. „So gieb her.“ Der Burſche näherte ſich der Tänzerin mit jenen unſichern, zögernden Schritten und jenen ſcheuen Blicken, mit denen man an ein Weſen hinantritt, über welches man ſelbſt noch nicht im Klaren iſt. Mola verlor darüber die Geduld, trat raſch auf ihn zu und riß ihm den Brief aus der Hand. 236 „So! er hat alſo meinen Brief erſt dieſen Morgen erhalten. Dann iſt er freilich unſchul⸗ dig, der arme hübſche Junge. Und ich habe ihm Alles zerſchlagen; es iſt wirklich Schade. Doch dafür ſoll er zurück und zwar heute noch.“ Als ſie einmal dieſen Entſchluß gefaßt hatte, entließ ſie den Burſchen des Oberlieutenants mit der Botſchaft, ſein Herr werde bald von ihr hören. Dann beeilte ſie ſich, ihre Toilette zu been⸗ digen, und befahl, anzuſpannen. Als ſie einſtieg und der Bediente fragte: „wohin ſie fahren wolle,“ erwiderte ſie kurz und feſt:„In das fürſtliche Schloß.“ Der arme Teufel von Bedienten wußte nicht, ob er ſeinen Ohren trauen ſollte. Er blieb daher zögernd in dem geöffneten Wagenſchlage ſtehen. „In das fürſtliche Schloß ſage ich,“ rief Mola lauter, und ſchon ärgerlich über dieſes Zögern.„Hörſt Du denn nicht, Dummkopf? Muß ich es ſelbſt dem Kutſcher ſagen?“ Der Bediente rief nun dem Kutſcher überlaut zu.„In das fürſtliche Schloß,“ ſo, daß alle Vorübergehenden es hörten und die Köpfe über 237 die freche Anmaßung und Prahlerei der Tän⸗ zerin ſchüttelten. Der Fürſt hielt gerade mit ſeinen Miniſtern Staatsrath, als ein Kammerherr offenbar in heftiger Auftegung hereinſtürmte, und ihm in das Ohyr flüſterte: „Mola iſt da. Sie will ſogleich mit Euer Durchlaucht ſprechen, und drohte mit dem furcht⸗ barſten Skandale, wenn wir ſie nicht melden wollten. Ich glaube, Euer Durchlaucht ſollten Aufſehen vermeiden und ſie vorlaſſen.“ Der Fürſt ſah ſehr erſchrocken und bleich aus. Er hob alſo gleich die Staatsrathsſitzung auf, und entfernte ſich mit dem Kammerherrn, während die Miniſter zugleich neugierig gemacht und beleidigt durch dieſe ſeltſame Unterbrechung, nach Hauſe fuhren. „Mein lieber Graf,“ ſagte der Fürſt zu dem Kammerherrn;„ich danke Ihnen für Ihre Mel⸗ dung und Ihren Rath, beide waren richtig. Nun aber haben Sie noch die Güte und führen Sie die Dame ſo heimlich und unbemerkt als mög⸗ 238 lich in mein Arbeitskabinett, wo ich ſie erwarten will.“ „Es ſoll geſchehen, Ihro Durchlaucht,“ ſagte der Kammerherr, und entfernte ſich. Nach wenigen Minuten hüpfte Mola lachend mit den Worten„bon jour, mon prince,“ in das Arbeitskabinett des Fürſten. Dieſer gab ſich wieder einmal die vergebliche Mühe, eine ſtrenge Miene anzunehmen, um der übermüthigen Tänzerin zu imponiren.“ „Mola,“ ſagte er,„das geht nicht, in meinem Schloſſe darfſt Du mich nicht beſuchen, das macht zu viel Aufſehen und Gerede. Außerdem haſt Du auch heute gerade durch Dein Erſchei⸗ nen eine ſehr wichtige Staatsrathsſitzung unter⸗ brochen.“ „Ich darf Alles, was ich will, merke Dir das, mon vieux. Wenn es mir einfällt, ſo mache ich nicht nur Dir, ſondern ſogar Deiner Frau Gemahlin Durchlaucht einen Veſuch. Und was die Staatsrathsſitzung betrifft, ſo habe ich den alten Miniſterperrücken auf der Treppe begegnet, und ihnen ins Geſicht gelacht. Da ſchmeichle 239 ich mir denn doch eine angenehmere Geſellſchaft als die zu ſein.“ „Aber, Mola,“ ſagte der Fürſt,„was führt Dich denn eigentlich für ein Grund zu mir.“ „Ja, ſo! Das iſt wahr, das iſt die Haupt⸗ ſache, und daran hätte ich beinahe vergeſſen zu denken, wenn Du mich nicht daran erinnert hätteſt. Du mußt den armen Oberlieutenant Birn⸗ baum wieder zurückrufen.“ Der Fürſt machte bei dieſen Worten ein ſehr ſaures und verdrüßliches Geſicht. „Liebe Mola,“ ſagte er endlich,„denke doch ſelbſt nur ein wenig nach, ob das geht. Er iſt erſt heute morgen abgereiſt, und ich müßte die⸗ ſem unbedeutenden Lieutenant gerade einen Cou⸗ rier nachſchicken, um ihn zurückzurufen.“ „Verſteht ſich, mußt Du das,“ ſagte Mola, „denn denke Dir nur, der arme Birnbaum war unſchuldig. Er hatte mich nicht beleidigen wol⸗ len, ſondern war nur aus dem einfachen Grunde nicht gekommen, weil er meinen Brief erſt heute Morgen erhalten hat.“ „Aber, Mola, ich will ihn ja zurückrufen,“ 240 ſagte der Fürſt, deſſen Antlitz immer faltenreicher und verdrüßlicher wurde,„in ein paar Wochen, oder meinetwegen in ein paar Tagen; aber nur jetzt, nur heute nicht. Abgeſehen davon, daß ein ſo ſchnelles Verändern meines Willens, mein fürſtliches Anſehen blosſtellen würde, ſo muß auch die betreffende Ordre vom Kriegsminiſter unterzeichnet werden, und der iſt jetzt nicht zu⸗ gegen.“ „So laß ihn holen, mon prince, weit kann er noch nicht von hier ſein, denn ich begegnete ihm, wie geſagt, auf der Treppe. Ich ſage Dir nur dieſes: Ich will durchaus den Oberlieutenant Birnbaum noch heute ſehen. Wenn Du ihn alſo nicht holen läßt, ſo reiſe ich ihm nach. Comme vous voudrez.“ „Aber, mein Engel,“ ſagte der Fürſt, der jetzt ſchon einſah, daß er wieder werde nachge⸗ ben müſſen,„ſo gehe nur jetzt wenigſtens nach Hauſe. Ich verſpreche Dir, daß ich ſogleich, wie Du fort biſt, nach dem Kriegsminiſter ſchicken will, und daß Birnbaum noch heute nach Hohenheim zurückkehren ſoll. Aber, wie kann 241 ich denn den Miniſter hierherkommen laſſen, wenn Du hier biſt.“ „Das will ich Dir ſagen. Du ſchickſt jetzt nach dem Miniſter, und wenn er kommt, ſo trete ich hinter den großen Spiegel hier. Du läßt dann das Decret ausfertigen, und jagſt die alte Perrücke wieder fort.“ „Aber wozu denn das, mein Engel! Trauſt Du denn meinem Verſprechen nicht.“ „O ja, vollkommen mon prince; aber beſſer iſt beſſer, und ich habe nun einmal die Marotte, das Zurückberufungsſchreiben unterzeichnet und den Courier damit von hier fortreiten zu ſehen.“ Der Fürſt mußte ſich fügen. Er ſchellte, Mola trat hinter den Spiegel, und der eintretende Kammerdiener erhielt den Befehl, Seine Excellenz dem Herrn Kriegsmini⸗ ſter alſogleich zu dem Fürſten zu beſcheiden. Der Kammerdiener ging, und Mola kam wieder hinter dem Spiegel hervor. „Mache aber die Sache kurz ab, mon prince, denn auf die Länge dürfte es mir hinter dem Spiegel zu langweilig werden, und dann 16 242 könnte ich mich durch irgend eine Bewegung verrathen.“ Dieſes offenherzige Geſtändniß trug eben nicht viel dazu bei, die Lage des Fürſten ange⸗ nehmer zu machen. Er war in peinlicher Spannung, und ſeine Verlegenheit, wie er vor dem Kriegsminiſter die auffallende Aufmerkſam⸗ keit, die er ſeit einigen Tagen dieſem unbedeu⸗ tenden Gen'sdarmerielieutenant Birnbaum zu Theil werden ließ, motiviren ſolle, wuchs mit jedem Augenblicke. Endlich hörte man Tritte, und Mola hatte gerade noch Zeit genug, raſch hinter den Spie⸗ gel zu ſchlüpfen, bevor der meldende Kammer⸗ diener und hinter ihm Seine Ercellenz der Herr Kriegsminiſter eintrat. „Mein lieber Baron,“ ſagte der Fürſt ſicht⸗ bar ängſtlich und verlegen zu dem Miniſter. „Ich habe mir die Sache mit dieſem Lieutenant Birnbaum überlegt. Sehen Sie, wir wollen ihn doch in der Reſidenz laſſen.“ „Aber, Ihro Durchlaucht, nach Ihrem ge⸗ ſtrigen ſtrengen und ausdrücklichen Befehle muß 243 er jetzt ſchon die Stadt verlaſſen haben, wenn er anders, wie ich doch hoffe, Ordre parirt hat.“ „Nun wohl, Baron, dann müſſen wir ihn zurückrufen, und das zwar ſogleich durch einen Courier, den wir ihm nachſenden wollen. Ich wünſche es.“ „Euer Durchlaucht Wünſche ſind mir Be⸗ fehle; aber ich gebe Ihnen unterthänigſt zu be⸗ denken, in was für ein ſchiefes Licht wir uns ſelbſt, dieſem unbedeutenden Lieutenant Birnbaum gegenüber, durch unſer inconſeguentes Betragen ſtellen.“ Der Fürſt ſeufzte und der Miniſter fuhr fort: „Erſt erheben wir ihn mit Uebergehung Vie⸗ ler, die mehr Dienſtjahre, als er, zählen, plötz⸗ lich zum Oberlieutenant, dann verſetzen wir ihn eben ſo plötzlich in eine kleine ſchlechte Garni⸗ ſon, und jetzt ſollen wir ihm gar einen Courier nachſchicken, um ihn wieder zurückzurufen.“ Der Fürſt war in großer Verlegenhenheit, was er auf dieſe allerdings ſehr begründeten 16* 244 Vorſtellungen antworten ſollte. Er ſagte ſtam⸗ melnd: „Ja, allerdings; aber Gründe von höherer diplomatiſcher Wichtigkeit ich wünſchte doch, wenn es möglich wäre.“ Unterdeſſen war der Tänzerin, wie ſie es vorhergeſagt hatte, hinter ihrem Spiegel die Zeit lang geworden, und ſie beſchloß jetzt, die Kata⸗ ſtrophe zu beſchleunigen. Zu dieſem Zwecke ſtreckte ſie eines ihrer klei⸗ nen, mit Atlasſchuhen bedeckten Füßchen, mit einigem Geräuſche hinter dem Spiegel hervor. Der Fürſt erſchrak ſichtlich, und der Miniſter richtete ſeinen Blick nach dem Orte, woher das Geräuſch kam. Als er den Damenſchuh hinter dem Spiegel hervorragen ſah, veränderte ſich ſein ganzes We⸗ ſen mit Einem Male. Er hatte jetzt den Schlüſſel zu all den räth⸗ ſelhaften Vorgängen mit dem Lieutenant Birn⸗ baum, und er kannte jetzt die Gründe von hö⸗ herer diplomatiſcher Wichtigkeit. Ein ſarcaſtiſches Lächeln flog einen Augen⸗ 245 blick über ſeine Züge; aber bald nahmen dieſel⸗ ben wieder ihren gewöhnlichen Ernſt an. Er überſah jetzt deutlich die peinliche Lage des Für⸗ ſten, und er war Hofmann genug, um denſel⸗ ben ſobald als möglich aus derſelben zu be⸗ freien, überzeugt, daß der Monarch gewiß dank⸗ bar dafür ſein werde. „Ihro Durchlaucht,“ ſagte er daher,„wenn ich mir die Sache überlege, ſo geht ſie am Ende doch ohne allzugroße Nachtheile. Sehen Sie, der junge Offizier wird gern in der Reſidenz bleiben, und wir wollen ſein Schweigen über alle dieſe Vorgänge zur Bedingung dieſes Blei⸗ bens machen. Wenn Sie alſo erlauben, Ihro Durchlaucht, ſo ſetze ich ſogleich den Befehl üf „Thun Sie das, lieber Baron,“ ſagte der Fürſt eifrig, und rieb ſich vor Vergnügen, ſo gut ans dieſer ſchlimmen Geſchichte heraus zu kommen, die Hände. In wenigen Minnten hatte der Kriegsmini⸗ ſter den Rückberufungsbefehl aufgeſetzt und un⸗ terzeichnet. Der Fürſt klingelte wieder. 246 „Dieſe Depeſche hier muß augenblicklich durch einen reitenden Courier an ihre Beſtimmung be⸗ fördert werden.“ Als der Kammerdiener abgetreten war, wandte er ſich zu dem Miniſter: „Ich danke Ihnen, Baron, Sie haben mir mit Treue und unſicht gedient, und ich werde Ihre Verdienſte zu belohnen wiſſen.“ Damit war der Kriegsminiſter entlaſſen. So wie derſelbe die Thüre hinter ſich verſchloſſen hatte, ſchlüpfte Mola aus ihrem Verſtecke hervor. „So! nun haſt Du alſo Deinen Willen, kleine, eigenſinnige Here. Ich ſollte eigentlich böſe auf Dich ſein,“ ſagte der Fürſt,„denn Du hätteſt Dich durch Deine gueckſilberne Unruhe beinahe verrathen.“ Der Fürſt wußte nicht, daß ſie ſich wirklich, und zwar abſichtlich verrathen hatte. „Nun muß ich noch den Courier fortreiten ſehen,“ ſagte Mola,„dann fahre ich nach Hauſe.“ „So tritt an dieſes Fenſter, aber verſtecke Dich ein wenig hinter die Gardinen.“ Mola that, wie ihr der Fürſt ſagte, und ſah 247 auch wirklich im Schloßhofe den Courier gerade aufſteigen und dann aus dem Hofe ſprengen. Oberlieutenant Birnbaum wurde Nachmittags in ſeinem Poſthauſe aus ſeinem tiefen Schlafe ge⸗ weckt. Der Courier mit der Depeſche, welche ihn zurück nach Hohenheim und in die Arme der ſchönen Spanierin berief, war ſoeben angekommen. Schnell kleidete er ſich an, und fuhr luſtig und guter Dinge in die Reſidenz zurück. Zwei Tage darauf wurde ein in Hohenheim erſcheinendes illuſtrirtes Spottblatt confiscirt, weil es cine Carricatur gebracht hatte, unter dem Titel: „Wie ein Virnbaum verſetzt wird.“ Vierzehntes Kapitel. Mola und Loyola. Wenn ich nicht irre, ſo hat Theodor Mundt, der ehemalige, junge Deutſchländer, geſagt, die Fannh Ceritto tanze Göthe. Dieſer Ausſpruch iſt wirklich über alle Begriffe geiſtreich und ganz deſſen würdig, der ihn gethan hat. Göthes Fauſt, namentlich der zweite Theil, muß ſich in der Bein⸗Bearbeitung der Fanny Ceritto wunderſchön und ſehr verſtändlich ausgenommen haben, und ich wäre im Stande Herrn Mundt, um dieſen Anblick zu beneiden, wenn mir in der neueſten Zeit nicht noch ein weit intereſſanteres Schauſpiel glücklicher oder unglücklicher Weiſe 249 zu Theil geworden wäre, das nämlich wie Mola Lontes hohenheimiſche Geſchichte tanzt. Hohenheim iſt, wie wir ſchon erwähnt haben, ein erzkatholiſches Land. Die Schweiz iſt nicht allzuweit entfernt und der ultramontane Einfluß, der durch ihre Thäler über die Alpen hereinweht, iſt daher ſehr fühlbar. Die höchſten Staatswürden ſind durchaus mit ſtrengkatholiſchen, ja ultramontangeſinnten Männern beſetzt, und die Kammeroppoſition, ſo wie der Wunſch der gebildeten und toleranten Mehrzahl der Bewohner Hohenheim's waren bis jetzt ganz ohnmächtig gegen ein Miniſterium, an deſſen Spitze der gewiegte Staatsmann und ge⸗ wandte Redner und Dialectiker Babel ſtand. Die Klöſter vermehrten ſich faſt in demſelben Maßſtabe, wie die Bedrückungen der Andersglau⸗ benden. Beſonders war es wegen einer ceremoniellen Frage, die Kniebeugungsfrage der Proteſtanten, bei der ſich die Intoleranz der herrſchenden Par⸗ tei auf's augenfälligſte zeigte, und die nicht nur das ganze Fürſtenthum Hohenheim, ſondern ganz Deutſchland in Bewegung ſetzte. 250 An der Landesuniverſität und in der hoheim⸗ ſchen, offiziellen Preſſe tobte und wüthete der Profeſſor Börres gegen die Proteſtanten, ein alter Jacobiner, der, ſeitdem er die rothe Mütze abegelegt hat und nicht mehr die Carmagnole um den Freiheitsbaum tanzt, gewaltig nach der Bi⸗ ſchofsmütze oder gar nach der dreifach gezackten päpſtlichen Tiara ſchielt. Wenn es mir hier erlaubt iſt, ein paar Worte über Katholicismus und Proteſtantismus zu ſprechen, ſo möchte ich es gern thun, um meine Aeußerungen vor Mißdeutungen zu ſchützen. Der Katholicismus iſt mir immer als etwas Gan⸗ zes, Fertiges erſchienen. Er ſtellt von Vorne herein die Forderung des Glaubens und baut auf dieſe Vorausſetzung, einen regelrechten ſchönen gothiſchen Dom auf, durch deſſen farbige Spitzfenſter die Sonnenſtrahlen der Poeſie und Liebe fantaſtiſch verklärt hereinfallen. Der Proteſtantismus dagegen erſcheint mir als etwas Schwankendes, Unfertiges, als ein Uebergangsmoment in der Bildungsgeſchichte. Er will zwiſchen dem Glauben und Erkennen 251 vermitteln, aber dieſe Vermittelung iſt nicht mög⸗ lich, obgleich gerade in ihr und durch ſie die wahrſten und ewigſten Reſultate der Forſchung ſich ergeben. Darum herrſcht der Katholicismus in dem ſchönen heitern ſinnlichen Süden, und der Pro⸗ teſtantismus in dem nebelgrauen kalten nüchter⸗ nen Norden; darum hat der Katholicismus ſo viel für die Kunſt und der Proteſtantismus noch mehr für die Wiſſenſchaft gethan. Wie überhaupt der katholiſche Cultus ziemlich nachſichtig gegen die Sinnlichkeit iſt, da ſein Begeh⸗ ren wenigſtens zum Theil auf derſelben beruht, ſo hatte auch die klerikaliſche Partei, welche in Hohen⸗ heim herrſchte, große Nachſicht und Toleranz ge⸗ gen die Schwächen und Leidenſchaften des Für⸗ ſten geübt, ja ſogar nicht eben ſelten, dieſelben geradezu zu ihrem Vortheile ausgebeutet. Manches wurde durch Frauen, die gerade in Gunſt bei dem Fürſten ſtanden, im Sinne dieſer Partei durchgeſetz, was ſie ſonſt ſchwerlich erreicht hätte. In letzter Zeit hatten aber dieſe Ultramon⸗ tanen und Jeſuiten Unglück gehabt. Der Fürſt, der trotz aller ſeiner Schwächen, die dem Spotte Blößen gaben, geiſtvoll war und es auch mit ſeinem Volke und der ganzen Nation redlich meinte, ſchien ihr Treiben endlich durchſchaut zu haben und zu der Erkenntniß gekommen zu ſein, daß ſie ſeine Macht und ſein Anſehen miß⸗ braucht, daß ſie ſich des fürſtlichen Scepters als Katzenpfote zum Herauslangen der heißen Kaſta⸗ nien bedient hatten. Ein ſchwarzes Gewitter, deſſen erſtes Vor⸗ zeichen das feſte und energiſche Auftreten des Fürſten in einer vielbeſprochenen Rationalſache war, ſchien ſich über ihren Häuptern zuſammenziehen zu wollen. Von allen Seiten wurde der Sturz des herrſchenden Syſtems für unvermeidlich angeſehen, und die Vertreter deſſelben waren viel zu ge⸗ wandt und erfahren, um das Mißliche und Un⸗ haltbare ihrer Lage nicht ſelbſt beurtheilen und durchſchauen zu können. Unter dieſen Umſtänden galt es noch einen Verſuch zu machen, ſich zu halten, und wenn der mißlang, wenigſtens mit ſo viel Lärm und Po⸗ pularität als noch immer möglich, abzutreten. 253 Die neue heftige Leidenſchaft des Fürſten für die ſchöne Spanierin kam daher, den Männern dieſer Farbe wie gerufen; ſie erblickten in derſel⸗ ben ihren letzten Hoffnungsſtrahl, wenn es ge⸗ lang, Mola für ihre Pläne zu gewinnen, und wenn das mißlang, wenigſtens den Vorwand eines ehrenvollen und populären Rückzuges. Uebrigens waren alle Changen für das Gelin⸗ gen, denn Mola war eine Spanierin, und dieſe ſind in der Regel ſehr ſtreng katholiſch und bigott. Als eines Tages Mola ganz arglos in ihrem Zimmer ſaß, wurde ihr ein Herr gemeldet, der ſeinen Namen der Bedienung nicht ſagen wollte und darauf beſtehe, mit Madame Lontes ſogleich und allein zu ſprechen. Neugierde beſtimmte die Tänzerin, den eigen⸗ ſinnigen Beſuch vorzulaſſen. Ein langer, hagerer Herr, ſehr einfach in dunkle Farben gekleidet, trat ein. Um ſeine fein geſchnittenen Lippen ſpielte ein ſchlauer, zurück⸗ haltender liſtiger Zug, ſein graues Auge ſchweifte ſcharf lugend und ſpähend umher. Man ſah es 254 dieſer Geſtalt an, daß ſie gewohnt war, Kutte und Soutane zu tragen. „Was verſchafft mir die Ehre Ihres Beſuchs, mein Herr,“ ſagte Mola, nachdem ſich ihre Kam⸗ merfrau entfernt hatte,„und warum wollten Sie meiner Bedienung ihren Namen nicht nennen?“ „Weil Ihre Dienerſchaft aus Kindern der Eitelkeit und der Fleiſchesluſt beſteht, die mei⸗ nes heiligen Amtes nur ſpotten würden.“ „Nun wohl, ſo ſagen Sie wenigſtens mir, wer Sie ſind, falls Sie mich auch nicht für ein Kind der Eitelkeit und der Fleiſchesluſt halten,“ ſagte Mola lachend. „Ich heiße Pater Joſepho, und gehöre dem ehrwürdigen Orden der Liguorianer oder Redemp⸗ toriſten an, der ein Ausläufer des weiſen und berühmten Jeſuiten⸗Ordens iſt. „Nun wohl, und was wünſchen Sie von mir, mein Herr Pater Joſepho?“ „Ich bin beauftragt, Ihnen den mütterlichen Zuruf der Kirche zu überbringen, daß Sie die große Macht, welche Ihnen der Himmel über das Gemüth des Fürſten verliehen, zum wahren 255 Beſten Aller, folglich zum Beſten der allein ſelig⸗ machenden Kirche und ihrer Diener benützen mögen.“ „Mein Herr Pater Joſepho, wenn Sie mit mir unterhandeln wollen, ſo laſſen Sie vor Allem Ihren bilderreichen und ſalbungsvollen Ton fallen, den ich nicht verſtehe und daher nicht leiden mag. Gerade herausgeſagt: ich ſoll alſo die Kleriſei beſchützen. Wohl, und was bietet ſie mir dafür?“ Der Pater Joſepho war mit Einem Male wie umgetauſcht. Als er ſah, daß ſeine ſalbungs⸗ vollen Reden bei der ſchönen Spanierin nicht viel verfingen, legte er die geiſtliche, fromme Maske ganz ab, und ward dafür der ſchlaue ge⸗ wandte Unterhändler und Geſchäftsmann. „Schöne Mola,“ ſagte er,„offen geſprochen, wir bedürfen einander gegenſeitig. Für den Schutz, den Sie uns bieten, bieten wir Ihnen wieder Schutz und Unterſtützung. Ich bin der Beichtwater Seiner Durchlaucht des Fürſten, und ſchmeichle mir, als ſolcher einigen Einfluß auf das Gemüth deſſelben zu haben. Zeigen Sie ſich unſeren Plänen geneigt, nun wohl, ſo werden 256 ich dieſen Einfluß zu Ihren Gunſten anwenden, wo nicht, ſo— „Nun was dann?“ fragte Mola geſpannt. „Dann wird ſich dieſer Einfluß allerdings ge⸗ gen Sie kehren müſſen.“ Hier hatte der ſonſt ſo gewandte und ſchlaue Unterhändler eine große, eine unverzeihliche nie wieder gut zu machende Ungeſchicklichkeit began⸗ gen, die aus ſeiner geringen Kenntniß von Mo⸗ la's Character entſprang. Seine letzten Worte hatten wie eine Drohung geklungen, und eine Drohung war dasjenige auf der Welt, was die Tänzerin am meiſten reizte und was ſie am wenigſten vertragen konnte. Hätte er ihrer Eitelkeit geſchmeichelt oder ihr Gold geboten, ſein Plan wäre vielleicht gelungen; aber eine Drohung!— „Nun wohl mein Herr Pater Joſepho, Sie drohen mir mit ihrem Einfluſſe auf den Fürſten. Laßen Sie mich doch einmal ſehen, weſſen Ein⸗ fluß Sieger in dieſem Kampfe, zu dem ich Sie hiermit herausfordere, bleiben wird. Ich ſage es Ihnen geradezu, daß ich Alles, was in meinen 257 Kräften ſteht, gegen Sie und Ihre Partei thun werde. Sehen Sie ſich daher vor. Ich kann das ſchwarz berockte heuchleriſche Geſchlecht der Pfaffen ohnedies ſchon von Spanien her nicht leiden, wo ſie mit ihren häßlichen Geſtalten die ſchöne Natur verunſtalten.“ Der Pater Joſepho ſah jetzt, wo es freilich leider ſchon zu ſpät war, ein, daß er eine große Dummheit begangen habe. Er verſuchte es noch ſie wieder gut zu machen, aber es war ſchon zu ſpät dazu. Mola hörte ſeinen Entſchuldigungen und Ver⸗ ſprechungen mit feſt und trotzig zugekniffenen Lippen zu und als er geendet hatte, ſagte ſie kurz: „Geben Sie ſich weiter keine Mühe mein Herr Pater Joſepho. Wenn ich einmal einen Entſchluß gefaßt habe, ſo pflege ich auch dabei zu bleiben. Thun Sie, was Sie im Stande ſind, um mich zu ſtürzen, vor Allen aber ver⸗ laſſen Sie mich.“ Der Pater Joſepho ging zähneknirſchend und ſeine Ungeſchicklichkeit verfluchend fort. Mola's Einfluß nahm unterdeſſen von Stunde 17 258 zu Stunde zu und war ſchon ſo ſtadt⸗ und land⸗ kundig geworden, ſo daß ſie von allen Seiten mit Bittſchriften beſtürmt wurde, ſich für dieſe oder iene Sache oder auch für dieſe oder jene Perſon bei dem Fürſten zu verwenden. In Folge dieſes Umſtandes erließ ſie in einem öffentlichen Blatte folgende Erklärung: „Die Unterzeichnete ſieht ſich veranlaßt zu bitten, ſie künftighin mit Geſuchen und anderen ähnlichen Schriften zu verſchonen, da ſie als Fremde mit den Verhältnißen des Landes gänz⸗ lich unbekannt und überhaupt nicht in der Lage iſt, dergleichen Angelegenheiten erfolgreich bevor⸗ worten zu können. Mola Lontes“ Unterdeſſen war aber natürlich die ultramon⸗ tane Gegenpartei auch nicht müßig geblieben; ſie hatte eines Theiles verſucht, die Fürſtin zum Bruche mit ihrem Gemahl und zur Abreiſe von Hohenheim zu drängen, und als dies mißlungen war, ap⸗ pelirte ſie geradezu an die Maſſen. Dieſelben Leute, welche ſonſt immer außer⸗ ordentlich tolerant, ja vielleicht ſogar niedrig ge⸗ fällig gegen die Launen und Schwachheiten des 259 Fürſten geweſen waren, ſprachen jetzt und überall und beſonders an öffentlichen Orten ihre tugend⸗ hafte Entrüſtung über das traurige Verhältniß des Fürſten zu der ſpaniſchen Dirne, wie ſie Mola zu nennen beliebten, aus, und ſchürten ſo die Erbitterung und den Haß, welche das Volk ohne⸗ dies gegen Mola hegte, noch mehr an. Zu gleicher Zeit ſprengten ſie das Gerücht aus, die ſo beliebte Fürſtin ſei im höchſten Grade un⸗ glücklich über dieſe neue Verirrung ihres Gemahls, und wolle an den benachbarten ihr verwandten Hof reiſen. Sogar den auf weiten Reiſen begriffenen Kronprinzen ließ dieſe Partei mit Einem Male äußerſt gefährlich erkranken, um nur die Ver⸗ wirrung und Unruhe und Gerüchte zu vermehren. So bearbeitet wie das Volk nun war, be⸗ durfte es nur eines zündenden Funkens und ſein Unwille mußte ſich tobend und lärmend Luft ma⸗ chen, denn die öffentliche Aufregung war beinahe ſo groß, als wenn die Biertare um einen Kreu⸗ zer erhöht worden wäre. Dieſer zündende Funke ſollte auch nicht mehr lange ausbleiben. 17* 260 Mola lebte unterdeſſen herrlich und in Freu⸗ den weiter. Sie hatte ſich einen förmlichen klei⸗ nen Hof gebildet, zu welchem außer dem ſehr begünſtigten Oberlieutenant Birnbaum auch ein junger Pole gehörte, der ſich wirklich in einer eigen⸗ thümlichen Lage befand. Er hatte nämlich in Hohenheim nichts mehr zu thun und wollte gerne abreiſen; aber unter den verſchiedenartigſten Vor⸗ wänden wurde ihm immer ſein Paß zurückge⸗ halten. Die Auflöſung dieſes Räthſels lag darin, daß der junge ſchöne Pole der Tänzerin gefiel und daß Mola geſchickt genug zu intriguiren wußte, um ihm den Paß verweigern zu laſſen und ſo an Hohemheim zu feſſeln. Unterdeſſen drang Mola fortwährend in den Fürſten ihr das verſprochene Indigenat und den Grafentitel zu verleihen. Der Fürſt ſchob die Erfüllung dieſes Ver⸗ ſprechens von Tag zu Tag hinaus, denn er ahnte es, daß dieſer Gegenſtand zu einem voll⸗ ſtändigen eclatanten Bruche mit ſeinem Mini⸗ ſterium, das ihm ſchon ſeit einiger Zeit in Oppo⸗ 261 ſitionshaltung gegenüberſtand führen, könne, und er war doch noch nicht ganz mit ſich über ſein zukünftiges Verhalten im Klaren. Mola konnte indeſſen den Tag nicht erwarten, an welchem ſie ſich Frau Gräfin ſchelten laſſen durfte; ſie hatte, ſchon auf das ſilberne Geſchirr, das ſie ſich gekauft hatte die neunzackige Grafen⸗ krone graviren laſſen. Erreichte ſie nun ihr Ziel nicht, ſo hatte ſie ſich furchtbar blamirt. Sie drang daher ſo lang in den Fürſten, bis er verſprach ihre Sache in der nächſten Staats⸗ rathsſitzung vorzubringen. Fünfzehntes Kapitel. Das Prügeln will nicht enden. Ganz Hohenheim wurde außer durch die Ge⸗ rüchte und Anecdoten über die Tänzerin Mola Lontes, plötzlich auch noch durch ein großartiges Ballfeſt auf Subſcription, welches die excluſive Ariſtokratie veranſtaltete, in Bewegung geſetzt. Man war dabei mit der ängſtlichſten Etikette zu Werke gegangen. Kein Menſchenkind, wel⸗ ches nicht mindeſtens ſechszehn Ahnen zählte, ſollte die Atmoſphäre durch ſeinen plebe⸗ jiſchen Athem verpeſten, und die Unterhaltung des Vollblutadels beeinträchtigen. Mola hatte auch von dieſem Balle gehört, und ſogleich in ihrem Innern beſchloſſen, dem⸗ 263 ſelben à tout prix beizuwohnen, da ſie ſich ja doch ſchon als Gräfin betrachtete, wenn auch die Diplome noch nicht ausgefertigt waren. Sie theilte jedoch Niemandem etwas von die⸗ ſem Entſchluſſe mit, da ſie mit Recht die ener⸗ giſchen Gegenvorſtellungen, die man ihr machen würde, fürchtete. Der verhängnißvolle Abend war gekommen, und Mola hatte eine ſehr reiche und geſchmack⸗ volle Toilette gemacht. So erwartete ſie nun den Oberlieutenant Birnbaum und den jungen Po⸗ len, die ſie gewöhnlich um dieſe Zeit beſuchten, und von denen ſie ſich auf den Ball begleiten und auch nöthigenfalls beſchützen laſſen wollte. Faſt gleichzeitig traten die Erwarteten ein, und waren ſehr erſtaunt über den ungewöhnli⸗ chen Putz, in welchem ſie die Tänzerin antrafen. „Schöne Mola,“ ſagte der Oberlieutenant, „Sie ſtrahlen ja heute in königlichem Glanze, dieſe Diamanten in ihrem ſchwarzen Haare glänzen, wie Sterne am dunklen Nachthimmel; was ha⸗ ben Sie denn heute eigentlich vor, gegen welche Herzen wollen Sie denn den Feldzug eröffnen?“ 264 „Ich gehe auf den Adelsball,“ ſagte die Tänzerin kurz und leichthin. „Nicht möglich!“ rief der Oberlieutenant er⸗ ſtaunt,„ſind Sie denn eingeladen?“ „Wie Sie doch nur ſo albern fragen kön⸗ nen, lieber Birnbaum, wenn ich eingeladen wäre, würde ich doch gewiß nicht hingehen.“ „Aber, theuerſte Mola, wenn Sie nicht eingeladen ſind, ſo wird man Ihnen zuverläßlich den Eintritt verweigern,“ ſagte der junge Pole. „Mir den Eintritt verweigern?“ rief Mola mit zornfunkelnden Augen und der bloſe Gedanke daran, trieb ihr alles Blut in das Geſicht,„mir den Eintritt verweigern? Den möchte ich ſehen, der das wagen dürfte!“ „Um Gottes Willen Mola,“ ſagte Birn⸗ baum,„ſtehen Sie von Ihrem Entſchluſſe ab, denn er führt unfehlbar zu Skandal und Hän⸗ deln.“ „Ich gehe hin,“ erwiderte Mola,„und Sie, meine Herren, werden mich begleiten.“ „Ich, um keinen Preis,“ ſagte Oberlieutenant Birnbaum,„denn es widerſtrebt meiner Ehre, 265 mich in eine Geſellſchaft eindrängen zu wollen, die mich nicht geladen hat.“ „Ich gehe auch nicht,“ ſagte der junge Pole, Birnbaum's Abſicht, die Tänzerin durch die Weigerung, ſie zu begleiten, von der Aus⸗ führung ihres Vorhabens abzuhalten, verſtehend und darauf eingehend. Alles war jedoch vergebens. „Nun wohl, meine Herren, ſo gehe ich al⸗ lein hin, erkläre Sie aber hiermit für elende Feiglinge, die ſich vor einem Rencontre mit ein paar adeligen Herren fürchten, und bitte Sie, wenn Sie mich heute wirklich nicht begleiten wollen, mich auch künftighin mit Ihrer Gegen⸗ wart nicht zu beläſtigen.“ „Aber, theuerſte Mola!“ Mola klingelte und ſagte zu der Kammer⸗ frau, die darauf eintrat: „Meinen Mantel, Marie, und ſage, der Wagen ſoll vorfahren.“ Oberlieutenant Birnbaum kannte Mola zu gut, um nicht zu wiſſen, daß jetzt nichts mehr in der Welt im Stande ſei, Mola von dem 266 Entſchluſſe, dieſen unglücklichen Ball zu beſu⸗ chen, abwendig zu machen. Er hielt es daher doch für ſeine Pflicht, ſie dahin zu begleiten, um ſie bei dem Skandale, der unbedingt erfol⸗ gen mußte, wenigſtens ſo viel als möglich vor Mißhandlungen zu ſchützen. Daher lenkte er jetzt geſchickt genug ein. „Mola,“ ſagte er,„ich wollte Sie durch meine Weigerung, Sie zu begleiten, von Ihrem unglückſeligen Vorhaben abbringen.“ „Welche grenzenloſe Eitelkeit, ſich ſo etwas einzu⸗ bilden. Sie glauben wohl, ich fürchte mich allein!“ „Das nicht; aber ich meinte... doch genug, mein Plan iſt mißlungen, und ich bin allerdings bereit, Sie zu begleiten.“ „Ich war derſelben Anſicht,“ ſagte der Pole „und folge auch jetzt dem Beiſpiele des Oberlieute⸗ nants.“ „Schön, meine Herren,“, ſagte Mola,„aber es kömmt jetzt noch ſehr darauf an, ob ich nun Ihre ſpätgefaßten Entſchlüſſe annehmen will.“ Bei dieſen Worten trat die Kammerfrau mit dem Mantel ein, und meldete, daß angeſpannt ſei. 267 „Um Gotteswillen, laſſen Sie uns mitfah⸗ ren, Mola,“ ſagte jetzt Birnbaum dringend. „Nun, meinetwegen,“ ſagte die Tänzerin, „diesmal ſoll noch Gnade für Recht ergehen.“ Damit hüllte ſie ſich in ihren Mantel, und ſchritt die Treppen hinunter nach ihrem Wagen. Der Saal, in welchem das Adelsballfeſt ſtatt fand, war glänzend erleuchtet und ſchon ziemlich gefüllt. Das Orcheſter ſpielte die In⸗ troduction zu der erſten Frangaiſe, und an der Eingangsthüre ſtanden ein paar junge männliche Mitglieder der creme de la eréme der Geſell⸗ ſchaft in Schuhen und Strümpfen, den Claque unter dem Arm und den Galanteriedegen mit elfenbeinernem Griffe an der Seite. In einem Knopfloche ihres Frackes trugen ſie eine blaue Schleife als Abzeichen des Comits's. Ein Wagen rollte vor das Portal, und dienſteifrig ſprangen die jungen Feſtordner her⸗ bei, um die Dame galant aus dem Wagen zu heben, ihr Mantel und Tücher abzunehmen, und ſie dann in den Saal zu führen. Aber, wer beſchreibt ihr Entſetzen, als ſtatt — 268 irgend einer erwarteten ariſtokratiſchen Schönheit die berüchtigte Tänzerin mit graziöſem Lächeln aus dem Wagen ſtieg, Mantel und Shwals abwarf, und ganz unbefangen auf die Ein⸗ gangsthüre zueilte. Hinter ihr waren der Oberlieu⸗ tenant Birnbaum und der junge Pole aus dem Wagen geſtiegen, und eilten ihr jetzt raſch nach. Glücklicherweiſe hatte ſich noch einer der Feſtordner raſchgefaßt, bevor das Allerheiligſte dieſes ariſtokratiſchen Freudentempels durch den kecken Fuß der Tänzerin noch entweiht war. Schnell entſchloſſen, vertrat er ihr den Weg zu der Thüre.„Ihre Einladungskarte, mein Fräulein, wenn ich bitten darf,“ ſagte er höflich, aber feſt. „Ich beſitze keine,“ ſagte Mola kurz. „Dann muß ich unendlich bedauern, Ihnen den Eintritt nicht geſtatten zu dürfen.“ „Mein Herr, wiſſen Sie, wer ich bin?“ Obwohl der Feſtordner dies ſehr gut wußte, ſo ſagte er doch:„Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.“ „Nun wohl, ſo will ich es Ihnen ſagen; ich bin die Gräſin Mola Lontes.“ 269 „Ich kenne keine Gräfin dieſes Namens, wohl aber eine Tänzerin, die noch dazu in ſehr ſchlechtem Rufe ſteht.“ Das war zu arg. Mola ſagte kein Wort darauf, ſondern gab dem Feſtordner eine Ohr⸗ feige, ſchob ihn dann raſch bei Seite und trat in den Saal. Ihre Begleiter folgten ihr. Unterdeſſen hatte der Wortwechſel an der Thüre ſchon Aufſehen erregt und den Tanz geſtört. Jetzt, als Mola mit ihren Begleitern ſo ge⸗ waltſam hereinſtürmte, verſtummte die Muſik, und die ganze Frangaiſe ſtob auseinander. Die Damen flüchteten ſich alle in die äu⸗ ßerſten Ecken des Saales, während die Herren nach der Thüre zuſtrömten, um zu ſehen, was es gebe. Unterdeſſen war auch der mißhandelte Feſt⸗ ordner wieder mit zornglühenden Wangen in den Saal getreten, und erzählte den ihn Umdrän⸗ genden die Veranlaſſung und den ganzen Her⸗ gang des Streites. 270 Alles gab ihm, wie natürlich, Recht. Ein allgemeiner Ausruf der Entrüſtung erfüllte die Luft und man bedeutete Mola und ihre Beglei⸗ ter, noch einmal allen Ernſtes das Feld zu räumen. Die Letzteren waren auch dazu vollkommen bereit, und ſuchten auch die Tänzerin dazu zu bereden, jedoch vergeblich. Mola ſtand kühn und ſtolz in dem lärmen⸗ den und tobenden Kreiſe, der ſich um ſie gebil⸗ det hatte, und ſagte entſchloſſen nur das Eine Wort:„Ich bleibe.“ Da erfaßte ſie der Feſtordner, den ſie früher geſchlagen hatte, am Arme, und ſuchte ſie mit Gewalt zur Thüre hinauszuführen. Sie wehrte ſich mit Händen und Füßen und Zähnen, wie eine Verzweifelnde. Jetzt hielten es der Oberlieutenant Birnbaum und der junge Pole auch für ihre Pflicht, ihrer Dame beizuſtehen. Aber der erſte Verſuch dazu war das Sig⸗ nal zu einem allgemeinen Kampfe, in welchem 271 Mola's Partei natürlich den Kürzern ziehen mußte. Mola war ſchon beinahe zur Thüre hinaus⸗ gedrängt; ſie hielt ſich nur noch mit krampf⸗ hafter Gewalt an der Thürklinke feſt. Da zog einer der Herren ſeinen Galanterie⸗ degen und gab ihr mit demſelben einen ſcharfen Hieb über die Hand, ſo daß ſie den Thürgriff loslaſſen mußte. Wir können dieſe That einem wehrloſen Frauenzimmer gegenüber allerdings für kein großes Heldenſtück erklären. So wie Mola von dem Schmerz des Hiebes überwältig die Hand auch nur einen Augenblick zurückgezogen hatte, war ſie aus dem Saale gedrängt, und ehe ihre Begleiter ſich nur aus dem Handgemenge, in welches ſie ſelbſt verwik⸗ kelt waren, losmachen konnten, war die Tänzerin von ſtarken Armen in ihren Wagen gehoben worden, und der Kutſcher hatte alle Mühe, die Pferde, die man durch Stöße und Schläge ſcheu gemacht hatte, und die durchzugehen drohten, zu bewältigen. 272 Mola lag mehrere Tage an den Folgen die⸗ ſes Abends krank darnieder, und als ſie wieder geſund war, überraſchte ſie die angenehme Nach⸗ richt, daß ſowohl ſie und ihre Begleiter, als auch Mehrere von der Gegenpartei in Folge dieſes Rauferceſſes zu ein⸗ bis zweitägigem geſchärftem Arreſte, das heißt: bei Waſſer und Brod ver⸗ urtheilt worden ſeien. Doch ſtand den Verurtheilten noch die Appel⸗ lation, an die Gnade des Fürſten offen, und ſo iſt denn nicht zu bezweifeln, daß Mola und ihr Oberlieutenant Birnbaum an den Tagen, wo ihre Gegner bei Waſſer und Brod eingeſperrt wurden, Champagner tranken, Faſanen aßen und ſpazieren ritten. Uebrigens ſoll der Fürſt in Folge dieſer ver⸗ ſchiedenen Auftritte den Befehl erlaſſen haben, daß keine Behörde mehr irgend eine Klage ge⸗ gen Madame Mola Lontes annehmen ſolle. Dieſe letzte Scene hatte, obwohl ſie eigentlich nur die exeluſive Ariſtokratie betraf, doch merk⸗ würdigerweiſe das Volk ungemein gegen die Tänze⸗ rin erbittert, und die kirchliche Partei trug das Ihrige 273 bei, dieſe Erbitterung durch Gerüchte, Pamphlete und Karricaturen zu ſchüren. Als Mola gänzlich wieder hergeſtellt war, kam eines Tages der Daguerrotypiſt, den ihr Maulbach zuzuſchicken verſprochen hatte, und nahm ihr Portrait auf. Nicht lange darauf brachte ihr Maulbach ein nach dem Daguerrotypbilde ſehr fleißig aus⸗ gearbeitetes Bruſtbild. Mola betrachtete es einige Augenblicke, dann ſchnitt ſie mit einer großen Papierſcheere, die ſie von ihrem Schreibtiſche nahm, quer durch das⸗ ſelbe durch. „Aber um Gottes Willen, mein Fräulein, was thun Sie da? Seiner Durchlaucht hat das Bild ſehr wohl gefallen, und ſie geruhten mir, Ihr allerhöchſtes Wohlgefallen über die große Aehn⸗ lichkeit in äußerſt ſchmeichelhaften Worten zu er⸗ kennen zu geben.“ „Meinetwegen mag es dem alten Fürſten ge⸗ fallen oder nicht. Mir gefällt die Kleckſerei nicht.“ „Aber, mein Fräulein.. 18 274 „Was ſoll ſo ein Bruſtbild? Können Sie mich nach dem Daguerrotype nicht in Lebens⸗ größe malen?“ „O gewiß! mein Fräulein, wenn Sie es wünſchen, und wenn Seine Durchlaucht darein willigt, was ich jedoch bezweifle, da Ihr Por⸗ trait dann nicht zu den übrigen einer gewiſſen Gallerie paſſen würde.“ „Ei! was kümmert mich das Alles. Hören Sie zu, was ich für ein Bild haben will. Sie malen mich in Lebensgröße mit einem ſchweren Mantel von purpurnem Sammt über die Schul⸗ tern und einem Diamantdiadem in den Haaren. Hinter mir müſſen zwei Pagen ſichtbar ſein, und zwar in der Pagentracht dieſes Hofes, welche mir die Schleppe tragen.“ „Aber mein Fräulein, das iſt ja ganz unmög⸗ lich; ich bin Hofmaler und muß ja als ſolcher wiſſen, daß ich nur die Fürſtin ſelbſt in dieſem Aufzuge und mit Pagen, die ihr die Schleppe tragen, malen darf.“ „Ich will es und damit Baſta!“ ſagte die Tänzerin.„Sie ſind entlaſſen.“ 275 Der Künſtler ging in ſeiner Verlegenheit zu dem Fürſten und theilte ihm das Schickſal ſeines ſchönen Bruſtbildes und das Begehren Molas mit.— „Um Gotteswillen, mein lieber Maulbach,“ ſagte der Fürſt;„ſuchen Sie Mola von dieſem Gedanken abzubringen; ich ſelbſt kann es nicht; ich habe weniger Macht über ſie, als jeder An⸗ dere.“ Wie ſich die Sache mit dem gemalten Pur⸗ purmantel und den Pagen weiter entwickelte, darüber ſchweigt die Geſchichte; wir berichteten ſie nur als einen neuen Beweis für den beinahe aus Wahnſinnige ſtreifenden Ehrgeiz und die ungeheure Eitelkeil, die ſich Mola's ſchon bemäch⸗ tigt hatte. Indeſſen ſollte ſie doch manche Demüthigun⸗ gen erfahren. Der Putzwaarenhändler, von welchem ſie ihren Bedarf zog und dem ſie ſchon eine bedeu⸗ tende Summe ſchuldete, war der erſte und elegan⸗ teſte in der Stadt, und die Fürſtin und der 18* 276 ganze weibliche Hof pflegten bei ihm ihre Ein⸗ käufe perſönlich zu beſorgen. Die Kundſchaft der Tänzerin konnte ihm daher nichts weniger als angenehm ſein, denn er mußte fürchten, wenn die Fürſtin zufällig einmal in ſei⸗ nem Laden mit der Spanierin zuſammentraf, die Kundſchaft des Hofes zu verlieren, Er dachte daher daran, mit Mola zu brechen. Er ſchickte daher eines Tages eine quittirte Rechnung an die Tänzerin, mit der Bitte, um ſofortige Bezahlung. Mola hatte zwar genug Geld, um dieſe ſo⸗ gleich bezahlen zu können, aber die Dringlichkeit des Kaufmanns ärgerte ſie, und ſie ſchickte da⸗ her die Rechnung mit der Bemerkung zurück, ſie werde dieſelbe bezahlen, wenn es ihr beliebe. Gleich darauf kam der Fürſt zu ihr. Er war noch keine Viertelſtunde bei Mola, als die Rechnung des Putzwaarenhändlers wie⸗ der präſentirt wurde, und zwar mit dem Zuſatze, daß, wenn Madame Mola Lontes dieſelbe nicht alſogleich bezahle, der Kaufmann ſich genöthigt ſehen würde, die Tänzerin noch heute zu verklagen. 277 Mola war außer ſich. „Siehſt Du, ſo behandelt man mich in Dei⸗ nem abſcheulichen, barbariſchen Lande. Wenn ich einen Ball beſuchen will, ſo mißhandelt und verwundet man mich, und, wenn ich eine Rech⸗ nung nicht ſogleich bezahlen will, ſo droht man mir mit den Gerichten. Aber ich reiſe morgen ab.“ „Beruhige Dich, mein Engel,“ ſagte Fürſt Chlodwig,„ich will ſelbſt mit dieſem Flegel von Kaufmann reden, und ich gebe Dir mein Wort, daß Du dann Ruhe haben ſollſt.“ Mit dieſen Worten ergriff er ſeinen Hut, und ging geradenwegs in die betreffende Putz⸗ waarenhandlung. Der Beſitzer derſelben war gerade nicht ge⸗ genwärtig, und ſo wandte ſich denn der Fürſt an die Frau deſſelben. „Ihr Mann,“ ſagte er zu ihr,„hat ſich ſehr grob und dumm gegen die Mola Lontes benom⸗ men. Sie ſchuldet ihm ein paar hundert Gul⸗ den, und da ſchickt er quittirte Rechnungen und droht mit den Gerichten, wenn ſie nicht ſogleich bezahlen will. Madame Lontes kann und wird 278 bezahlen. Sagen Sie Ihrem Manne, er möge ſie in Frieden laſſen; ich bürge für ihre Schuld. Sagen Sie ihm das, und ſagen Sie ihm noch dazu, daß er ſich ſehr dumm und grob benom⸗ men habe. Sagen Sie ihm das.“ Damit ſchoß der Fürſt wüthend zum Laden hinaus und kehrte zu der Tänzerin zurück. Unterdeſſen hatte die Aufregung gegen Mola wirklich einen bedenklichen Grad erreicht und viel⸗ fache Symptome ließen auf einen baldigen und gewaltſamen Ausbruch derſelben ſchließen. Dazu ſah der Fürſt voraus, daß die Erörterungen, welche nächſter Tage wegen des Grafentitels und des Indigenats ſtattfinden ſollten, neuen Zünd⸗ ſtoff gewähren dürften. Unter dieſen Umſtänden hielt er es doch für angemeſſen, ſeine Geliebte unter ſtarker Gens⸗ d'armerieescorte, welche Birnbaum befehligte, nach einem benachbarten, an einem reizenden See ge⸗ legenen Luſtſchloſſe bringen zu laſſen. Mola ließ ſich dieſe Verbannung ſehr gern gefallen. Sie ſchickte die Escorte wieder nach Hohenheim zurück, den Befehlshaber derſelben, 279 Oberlieutenant Birnbaum, behielt ſie aber theils zu ihrem Schutze, theils um ſich ihre Einſamkeit erträglicher zu machen, bei ſich zurück. Bisweilen entriß ſich auch der Fürſt ſeinen drückenden Regierungsſorgen, um nach dem Luſt⸗ ſchloſſe zu fliegen und der ſchönen Spanierin ſeine neueſten Gedichte vorzuleſen, welche näch⸗ ſtens im dritten Bande erſcheinen ſollen, und welche ein Hohenheimer Journal mit geſpannter Begierde erwartet, ein Privaergnügen, das man dieſem Blatte gönnen kann. Mola war ſchlau genug, ſich während dieſer Vorleſungen durch ſtarke Cigaretten vor dem Einſchlafen zu bewahren, und den dichtenden Fürſten und fürſtlichen Dichter dann mit Lobes⸗ erhebungen zu überſchütten. Das war auch in der That das ſicherſte Nittel, denſelben ganz an ſich zu feſſeln, und ihn allen ihren Einfällen und Launen zu unter⸗ werfen. Sechszehntes Kapitel. Die Miniſterkriſis. Der Staatsrath war verſammelt und harrte nur noch auf den Fürſten. Bald trat auch dieſer ein und eröffnete die Sitzung. Rachdem einige Gegenſtände, die für unſere Erzählung von keinem Intereſſe ſind, verhandelt worden waren, verlangte der Fürſt von dem Miniſter des Innern Bericht über das von Ma⸗ dame Mola Lontes geſtellte und von ihm unter⸗ ſtützte Geſuch um Indigenats⸗ und Grafentitel⸗ Verleihung. Herr von Babel hielt auf dieſe Aufforderung hin einen längern Vortrag, in welchem er nach⸗ 281 wies daß alle zuſtändigen Behörden die Erthei⸗ lung des Indeginats abgelehnt hätten, da es der Dame an allen geſetzlich vorgeſchriebenen Er⸗ forderniſſen dazu mangle, da ſie keinen Tauf⸗ ſchein, keine Verhaltungszeugniſſe, keinen Entlaſ⸗ ſungsſchein aus ihrem bisherigen Unterthanen⸗ verbande, ja, wie verlautet, nicht einmal einen regelmäßigen Reiſepaß beſitze, und ihr Vorgeben, alle dieſe Papiere in der ſpaniſchen Revolution verloren zu haben, in keiner Weiſe glaubhaft zu erhärten vermöge. Der Fürſt gerieth durch dieſe beſtimmte Ab⸗ lehnung von Mola's Geſuch in keine geringe Verlegenheit. Nach einigen ziemlich gereizten Worten über die traurige Ohnmacht ſeiner fürſtlichen Bevor⸗ wortung hob er die heutige Sitzung auf, und fuhr, nachdem er dieſelbe jedoch für morgen wieder zuſammenberufen hatte, nach dem Luſt⸗ ſchloſſe, wo die Sylphide jetzt hauſte. „Ah soyez le bienvenu mon prince,“ rief ihm Mola heiter entgegen.„Nun, wie ſteht's? heute war ja die ſo ſehr erſehnte Staatsraths⸗ ſitzung, bringſt Du mir mein Indigenat und meine Adelsbriefe mit?“ „Leider kann ich das noch nicht, mein Engel,“ ſagte der Fürſt offenbar verſtimmt.„Denke Dir, meine Miniſter und Behörden wollen durchaus nicht darein willigen.“ „Dann ſind Deine Miniſter und Behörden gredins, alte dumme Perrücken, und Du mußt ſie fortjagen, das iſt ganz einfach.“ „Was Du doch für eine gewaltſame, ener⸗ giſche Politikerin biſt, Mola,“ ſagte der Fürſt lachend.„Aber warte nur, das kann ſchon kommen.“ „Ja, und Deine Miniſter und Behörden be⸗ trügen Dich und machen ſich über Dich luſtig.“ „Woher weißt Du denn das, Mola? Wenn das wirklich wahr wäre und Du es mir bewei⸗ ſen könnteſt, ſo würdeſt Du nicht nur mir, ſon⸗ dern dem ganzen Lande einen großen Dienſt damit erweiſen.“ „Nun wohl,“ ſagte Mola,„ſo will ich es thun, und ſie mögen es ſich ſelbſt zuſchreiben. Warum haben ſie mich gereizt? Höre alſo:“ 283 Nun erzählte ſie dem Fürſten ihre Unterhal⸗ tung mit dem Pater Joſepho, die allerdings ganz dazu geeignet war, die Eitelkeit des Monarchen auf die Selbſtſtändigkeit ſeines Herrſchens zu verwunden. Er ſah durch dieſen Schritt der ultramonta⸗ nen Partei ein, daß ihn dieſelbe nur als ein Werkzeug in ihrer Hand betrachtete, und ihn auf jede mögliche Weiſe, ſelbſt durch ſeine Fehler und Schwächen, zu gängeln ſuche. Dieſe Erzählung der Tänzerin entſchied un⸗ widerruflich den Sturz des herrſchenden Syſtems. „Ich danke Dir, Mola,“ ſagte der Fürſt, als ſeine Geliebte mit ihrer Erzählung zu Ende war; „ich danke Dir, daß Du mir über das Treiben dieſer frechen, herrſchſüchtigen Prieſter die Augen geöffnet haſt. Aber ihr Einfluß ſoll am längſten ge⸗ dauert haben, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ Wüthend und voll von Plänen die wider⸗ ſpenſtigen Miniſter und Prieſter zu demüthigen, fuhr der Fürſt ſogleich in die Reſidenz zurück, Der Fürſt war noch nicht lange fortgefahren, als der Tänzerin gemeldet wurde, drei altmodiſch und 284 ärmlich gekleidete bejahrte Männer wünſchten ſie zu ſprechen. „Was mag das wieder ſein,“ ſagte Mola un⸗ muthig;„man hat doch auch nicht einen Augen⸗ blick Ruhe. Laß ſie immerhin herein Marie!“ Die Kammerfrau ging und führte nach ei⸗ nigen Augenblicken drei Männer ein, auf deren ganzem Weſen der centnerſchwere Druck laſtete, den ein mühſeliges unbekanntes kummervolles Leben auf das Gemüth hervorbringt. Mit ſcheuer Verwunderung ſahen ſie ſich in dem glänzend eingerichteten Zimmer um, und mit beinahe heiliger Erfurcht blickten ſie die nichts weniger als heilige Tänzerin an, die reich aber nachläßig gekleidet auf einem Sopha lag und ſich eine Weile ſtillſchweigend an der Verblüfft⸗ heit ihrer ſonderbaren Gäſte ergötzte. Mola war aber eigentlich von Natur gut— „doch das ſind ſie alle“— und ſo brach ſie denn nach wenigen Augenblicken das für ihre Beſucher ungemein peinliche Stillſchweigen mit den freund⸗ lich geſprochenen Worten: „Nehmen Sie Platz, meine Herren, und ſagen 285 Sie gütigſt, welchem Umſtande ich die Ehre Ihres Beſuches zu verdanken habe.“ Derjenige, welchen das Lvos zum Wortführen beſtimmt hatte, räusperte ſich mehrere Male in ſichtbarer Verlegenheit und drehte ſeinen breitkräm⸗ pigen Filzhut mit immer ſteigender Geſchwindig⸗ keit zwiſchen ſeinen Fingern herum. Endlich ließ er ſich leicht auf die Kante eines Stuhles nieder und begann ſchüchtern: „Sehen Sie, gnädige Frau, wir ſind Schul⸗ lehrer aus dem gebirgigen Hochlande. Wir ha⸗ ben ſehr knapp zu leben und mancher von uns hat eine große Familie zu ernähren. Sehen Sie, wir ſind ſchon oft genug bei der Regierung und den Ständen um eine Verbeſſerung unſers Ge⸗ halts eingekommen, aber es hat halt bis jetzt Alles nichts genutzt. Da haben wir gehört—“ hier ſtockte der Revner lange, und ſuchte offenbar nach Worten die die Dame nicht verletzen konnten, —„da haben wir gehört, daß Gott Ihnen einen ſo großen Einfluß auf das Gemüth unſeres al⸗ lergnädigſten Monarchen verliehen habe, und haben uns in unſerem ſchlichten Sinne gedacht, daß unſere Bitte vielleicht ein günſtigeres Gehör finden würde, wenn Sie ein paar Worte dafür fallen laſſen möchten, und darum haben wir uns unſerer drei aufgemacht, um Ihnen unſere Sache demüthigſt vorzutragen.“ Sichtbar froh, ſeine Rede angebracht zu ha⸗ ben ſchwieg jetzt der alte Schulmeiſter. Die Tänzerin hatte mit unverkennbarer Theil⸗ nahme zugehört, denn erſtens ſchmeichelte es ihrer Eitelkeit, daß man ihr ſo viel Einfluß zuſchrieb, und zweitens brachte der ſchlichte ungekünſtelte Ton des Alten wirklich einen mächtigen Eindruck auf ſie hervor. „Nun und wie viel bekömmt denn ſo ein Schul⸗ lehrer im Gebirge?“ fragt ſie. „Hundert und zwanzig Gulden des Jahres und freie Wohnung“ ſagte der Alte,„aber das ſind ſchon die Glücklichſten. Mancher bekömmt nicht einmal achtzig und davon ſoll er vielleicht ſechs bis acht Kinder ernähren. Und ein ſaures Brod iſt es auch gnädige Frau, das dürfen Sie uns glauben, ſich ſo ſein ganzes Leben mit den wilden Rangen herum zu placken.“ 287 „Hundert und zwanzig Gulden das ganze lange Jahr hindurch,“ ſagte Mola, die von einer ſolchen Noth bis jetzt noch keinen Begriff gehabt hatte,„und dazu noch ſechs bis acht Kinder zu ernähren, das iſt ja gar nicht möglich. Gewiß, gewiß arme Leute, euch muß geholfen werden.“ Die drei Schulmeiſter ergoſſen ſich in Dank⸗ ſagungen, Mola aber klingelte ihrer Kammerfrau, und befahl derſelben, Wein und Erfriſchungen auftragen zu laſſen. Die armen Schulmeiſter, die Lielleicht in ihrem ganzem Leben noch keinen Tropfen Wein getrunken hatten, machten erſt große Augen und ließen ſich lange nöthigen, endlich griffen ſie aber doch herzhaft zu. Mola betrachtete lächelnd die⸗ ſes intereſſante Bild. Es war ein tief wehmüthiger und demüthi⸗ gender Anblick dieſe fremde Pirouettenkünſtlerin die armen Lehrer des Volkes, die ſich um ihre mächtige Fuͤrſprache zu bewerben gekommen waren, mit ausgeſuchten Delicateſſen bewirthen zu ſehen. Der ſchwerſte, der heiligſte, der wich⸗ tigſte Beruf lag in den Händen dieſer Männer, 288 und ſie hatten ihr ganzes Leben hindurch gedarbt, und waren verdammt weiter zu darben, während die leichtfüſſige Sylphide ihr ganzes Leben hin⸗ durch geſchwelgt hatte und beſtimmt war, weiter zu ſchwelgen, ſo lange ihre Sinne noch des Ge⸗ nuſſes fähig waren. Mit den Verſicherungen eifriger Fürſprache und reichlich beſchenkt, verließen endlich die drei Schulmeiſter unter fortwährenden Betheuerungen des heißeſten Dankes die Wohnung der Tän⸗ zerin. Am nächſtem Morgen hielt der Fürſt die zweite Staatsrathsſitzung, war aber hinſichtlich des Gegenſtandes, der ihm jetzt am meiſten am Herzen lag, in derſelben eben ſo unglücklich wie in der erſten. Die Miniſter weigerten ſich ein⸗ ſtimmig die Indigenatsertheilung und das Adels⸗ diplom zu unterſchreiben. Die Sitzung führte zu keinem Reſultate und wurde unter ziemlich ſtür⸗ miſchen Reden aufgehoben. Das Miniſterium war jetzt zu der vollen neberzeugung gekommen, daß es, für den Augen⸗ blick wenigſtens, verloren war. Es war ſo lange 289 es beſtand, unpopulär geweſen; jetzt bot ſich die ſchönſte Gelegenheit dar, mit Popularität abzu⸗ danken, was ſehr viel werth war, da es ein ſpäteres Wiederergreifen des Ruders, welches man keinen Augenblick aus den Augen verlor, ungemein erleichtern mußte. Die Lage des Miniſteriums war in der That in dieſem Augenblicke eine eben ſo entſchieden günſtige, als die des Fürſten eine entſchieden un⸗ günſtige. Das Miniſterium hatte ſowohl den Adel als auch das Volk für ſich; den Adel, der ſich durch die Ertheilung eines Grafendiploms an eine Tänzerin von ſo äußerſt zweideutigem Rufe ſehr verletzt gefühlt hätte, weil er die abtretenden Staatsmänner, als Märtyrer für die Reinerhal⸗ tung ihres Standes betrachtete und das Volk, weil es die verhaßte Spanierin doch immer, als erſte Urſache zu dem Sturze des bisher aller⸗ dings nicht viel weniger verhaßten Miniſteriums betrachtete. In einigen der exeluſiv ariſtokratiſcheſten Krei⸗ ſen wurden nun raſch Verſammlungen gehalten, 19 290 in welchen man beſonders diejenigen Männer, von welchen man glaubte, daß möglicherweiſe die neue Wahl des Monarchen auf ſie fallen könne, dahin zu beſtimmen ſuchte, die betreffenden Stel⸗ len auszuſchlagen, um ſo den Fürſten zu zwin⸗ gen, den eingeſchlagenen Weg der freiſinnigen Reformen bald wieder zu verlaſſen und ſeine ab⸗ getretenen Rathgeber von Neuem zu Gnaden auf⸗ zunehmen. Ja, in einem der fanatiſchſten Adelskreiſe wurde ſogar eine Art von Verruf— nach Art der Studentenverrufserklärungen gegen unver⸗ ſchämte Wirthe und Pferdephiliſter— gegen den⸗ jenigen Adeligen ausgeſprochen, welcher ſich ſo weit vergeſſen ſollte, eine in Folge dieſer Vor⸗ gänge erledigte Stelle anzunehmen. um allen dieſen Intriguen die Krone aufzu⸗ ſetzen, verſammelten ſich ſämmtliche Miniſter in dem Hauſe des Miniſters des Innern, Herrn von Babel, und unterzeichneten dort ein Ge⸗ ſammtgeſuch um Entlaſſung aus ihrem Aemtern. Die Art und Weiſe wie dieſes geſchah, macht 291 jenes Document zu einem in der ganzen Ge⸗ ſchichte beiſpiellos daſtehenden. Es war in dieſem Documente von dem Män⸗ nern des Stillſtandes, ja ſogar des Rückſchrittes, von den conſervativſten aller Conſervativen gera⸗ dezu an die Maſſen appellirt, ein Manöver, wel⸗ ches ſie doch immer ihren Gegnern, den Liberalen und Radicalen, vorwarfen. Der Zuſtand des Fürſtenthums wurde als ein äußerſt beunruhigender dargeſtellt; das Volk, hieß es, ſei aufgeregt, ſelbſt die Verläßlichkeit des Militärs wurde in Zweifel geſtellt, und das ſollte Alles die Folge einer reinen Privatneigung des Fürſten für eine ſpaniſche Tänzerin ſein; ein nai⸗ ves Eingeſtändniß, womit dieſe Herren ihrer Staatsweisheit und bisherigen Wirkſamkeit eben kein allzuglänzendes Zeugniß ausſtellten. Allerdings war das Volk etwas aufgeregt, allein, das war gerade in Folge ihrer eigenen Intriguen und Machinationen geſchehen, wäh⸗ rend ſie dieſe künſtliche Aufregung jetzt als etwas aus dem Volke ſelbſt und den Ereigniſſen Her⸗ vorgegangenes hinſtellen wollten. 10½ 392 Hatte doch ein ultramontaner Prieſter die Frechheit ſo weit getrieben, nach dem Beiſpiele eines benachbarten großen und bigotten Hofes, Gebete für die Erleuchtung und Bekehrung eines verirrten Greiſes im Fürſtenthume Hohenheim ſelbſt anſtellen zu laſſen. Als Fürſt Chlodwig das Abdankungsſchreiben geleſen hatte, ſtampfte er, wie es ſeine Art war, heftig auf den Boden; dann ſetzte er ſich hin, und ertheilte Herrn von Babel ſchriftlich ſeinen vollſtändigen Abſchied, den übrigen Miniſtern aber Urlaub auf unbeſtimmte Zeit und zwar ſchriftlich mit folgenden Worten: „Wir Chlodwig Fürſt von Gottesgnaden Ho⸗ henheims ſeiend, erwägend ſtets unſerer Unter⸗ thanen Wohl, freierer Richtung uns hinzugeben beſchloſſen, Ungebürniſſe nicht zu dulden geſonnen, wie folgt beſtimmen hiermit u. ſ. w. u. ſ. w.“ Ja, man verſichert ſogar Fürſt Chlodwig habe ſeinen Unwillen gegen den Haupträdelsführer die⸗ ſer Intrigue, den ehemaligen Miniſter des Innern, Herrn von Babel in einem Gedichte Luft gemacht, aus welchem wir folgende prächtige Apoſtrophe 293 anführen können, ohne jedoch die Aechtheit des⸗ ſelben verbürgen zu wollen: Was, Du willſt die Dolores Und Chlodwig lehren Mores? Nie Aehnliches Erlebter, Nie Liebedurchgebebter, Unklugen, frech zu prahlen, Gefahren auszumalen, Weg haſt Du auserwählt; Dich haß ich gleich der Spinne Feſt ſteht's in Chlodwig's Sinne: Die Hohenheimer Minne, Hört nur im Tode auf. Konnte übrigens die Ueberſendung jenes wirk⸗ lich alle Grenzen überſchreitenden Abdankungs⸗ ſchreibens an den Fürſten noch durch eine augen⸗ blickliche Aufregung, welche ſo gediente Staats⸗ männer freilich auch zu beherrſchen wiſſen ſollten, entſchuldigt werden, ſo beweiſt, die offenbar nur durch Verletzung des Amtsgeheimniſſes mögliche, unglaublich raſche Verbreitung desſelben in Tau⸗ ſenden von Abſchriften und Lithographieen unter alle Stände, die offenbare, böswillige Abſichtlich⸗ keit, das lauteſte Appelliren an die Maſſen. An allen öffentlichen Orten, in allen Kaffe⸗ Wein⸗ und Bierhäuſern lagen mehrere Copieen dieſes Documentes aus, die natürlich mit der ſcandalſüchtigen Begierde, die dem hohen und nie⸗ deren Pöbel eigenthumlich iſt, geleſen oder vielmehr verſchlungen wurde. Dieſes Document beſchwor auf dieſe Art eigentlich erſt die Aufregung, von welcher es als ſchon vorhanden ſprach, und war durch ſeine Veröffentlichung geradezu ein revolu⸗ tionärer Schritt geworden. Als der Fürſt ſogleich mit Eifer an die neue Organiſation der Verwaltung im liberalen Sinne ging, thürmten ſich ihm von allen Seiten Schwie⸗ rigkeiten entgegen, die er nicht erwartet hatte. Mehrere Männer, denen er die erledigten Portefeuilles anbot, ſchlugen dieſelben aus; es war förmlich als ob Niemand mehr Miniſter wer⸗ den wollte, ſo wirkſam waren die Intriguen des Adels und der Prieſter geweſen. Der Fürſt ließ ſich indeſſen durch alles das nicht irre machen; die Amtsentſetzungen nahmen ihren regelmäßigen Verlauf nach abwärts zu, die Crea⸗ turen der Miniſter mußten ihren Herren folgen. Einige ultramontangeſinnte Profeſſoren der Univerſität, hatten eine Beifallsadreſſe an die ab⸗ 295 getretenen Miniſter wegen jenes Documentes er⸗ laſſen. Börres, der ehemalige Jacobiner hatte an der Spitze dieſer Demonſtration geſtanden, deren Folge eine augenblickliche Entlaſſung der dabei Betheiligten war. Durch dieſes energiſche Verfahren gewann der Fürſt ſich immer mehr und mehr das Ver⸗ trauen der Beſſergeſinnten, und die Rückſchritts⸗ partei, welche durchaus einen Ausbruch haben wollte, mußte daher eilen, wenn es damit nicht zu ſpät werden ſollte. Siebenzehntes Kapitel. Mo la und die Preſſe. Hatte Mola ſchon in Paris, nach ihrem un⸗ glücklichen Debüt an der großen Oper unange⸗ nehme Händel mit den Journalen, ſo ſollte dies in ihrer neuen jetzigen Stellung, welche durch den Einfluß, den ſie auf die Politik auszuüben ſchien, in der That eine die Preſſe herausfordernde war, in noch viel größerem Maßſtabe der Fall ſein. Dazu kam noch, daß Fürſt Chlodwig, ſeitdem er die Entlaſſung ſeines ultramontanen Miniſte⸗ riums angenommen und ſomit die Bahn des Fortſchrittes betreten hatte, nothwendiger Weiſe auch der Preſſe eine größere Freiheit geſtatten 297 mußte. Nicht nur die inländiſchen Journale nahmen einen lebhafteren und freieren Aufſchwung, ſondern auch die beſchränkenden Beſtimmungen, welche rückſichtlich der Einfuhr von fremden Blät⸗ tern beſtanden, wurden aufgehoben oder doch modificirt. Sogar diejenigen Blätter, welche das mehrerwähnte Entlaſſungsgeſuch der Miniſter ab⸗ gedruckt hatten, ſollen ungehindert nach Hohen⸗ heim gebracht worden ſein. Wann wird doch endlich die große Stunde der vollkommenen Preßfreiheit ſchlagen? Wann werden die Fürſten und Mächtigen einſehen, daß die freie Preſſe in ſich ſelbſt das Gegengift ge⸗ gen die freche und zügelloſe Preſſe trägt? Jetzt müſſen wir noch wie Bettler jeden Brodſamen einer freieren Preßbewegung, der uns unwillig von dem Tiſche eines Fürſten aus zugeworfen wird, demüthig und dankend aufheben, während wir berechtigt und zwar geſetzlich berechtigt ſind, vollkommene Preßfreiheit zu verlangen, während ein darauf ſich beziehender Paragraph in die Verfaſſungsurkunde faſt aller unſerer conſtitutio⸗ nellen Staaten aufgenommen worden iſt. Desor- 298 mais la charte sera une verité! Dieſes Wort werden wir erſt an dem Tage ausrufen können, an welchem vollſtändige Preßfreiheit proclamirt wird. Die liberale Preſſe zeigte ſich jetzt bei die⸗ ſen Begebenheiten in Hohenheim in ihrem vol⸗ len Glanze. Wir wollen es nicht verkennen, daß es eine politiſche Nothwendigkeit geworden ſein mag, die Reſultate jener der liberalen Par⸗ tei günſtigen Sinnesänderung des Fürſten Chlod⸗ wig auszubeuten, und denſelben gegen die zügel⸗ loſen, das Privatleben eines Monarchen antaſten⸗ den Angriffe der hierarchiſchen Partei in Schutz zu nehmen, aber wir hätten doch gewünſcht, daß ſich in den liberalen Zeitungsjubel wenigſtens Eine Stimme gemiſcht hätte, die darauf hindeu⸗ tete, wie demüthigend es für eine Nation ſei, po⸗ litiſche Fortſchritte den Pirouetten und Rondes de jambe einer fremden Tänzerin zu verdanken. Und fürwahr; iſt es nicht entſetzlich niederſchla⸗ gend, zu ſehen, wie ein Miniſterium ſich gegen die energiſcheſte Kammeroppoſition und gegen den Unwillen eines ganzen Volkes hält, um dann ——— —, — 299 von dem leichten Fächerſchlage einer liebenswür⸗ digen Courtiſane geſtürzt zu werden? Neu iſt dieſe Geſchichte freilich nicht mehr, aber deßhalb um nichts weniger traurig. Wir wollen damit das abgetretene Miniſt⸗ rium durchaus nicht in Schutz nehmen; es hat namentlich durch ſeinen letzten Schritt bewieſen, daß es ihm eigentlich nie um etwas Anderes zu thun geweſen iſt, als um ſeine eigene Herrſchaft und Geltung und höchſtens noch um die ſeiner Partei. Aufrichtig geſtanden gönnen wir einer Verwaltung, die ſo lange ſie beſtanden hat, un⸗ populär geweſen iſt, dieſen Rückzug nicht, der ſie bei der oberflächlich urtheilenden Maſſe erſt po⸗ pulär machte. Aber eben ſo wenig können wir mit den Stimmen Chorus machen, welche nun mit Ber⸗ ſerkerwuth über die Gefallenen herſtürzen, um den todten Löwen, den ſie doch hatten fürchten müſſen, nun feige Fußtritte zu geben, während ſie die neuaufgehende Sonne des Fortſchrittes mit rauſchenden Lobpſalmen begrüßen. Dieſe Herren ſind doch in der That nicht 300 im Mindeſten eckel; es liegt ihnen nur daran das zu erhalten, was ſie wünſchen; die Art und Weiſe auf welche ſie es erhalten, ſcheint ihnen vollkom⸗ men gleichgültig. Wir müſſen geſtehen, daß wir in dieſer Be⸗ ziehung anders denken. Ohne die vielverſpre⸗ chenden Anfänge einer freieren Staatsbewegung, die ſich ſeit wenigen Wochen in Hohenheim re⸗ gen, verkennen oder gar verdächtigen zu wollen, müſſen wir doch eingeſtehen, daß wir, wenn wir die Urſachen betrachten, durch welche ſie hervor⸗ gerufen worden ſind, durchaus keine Garantie des Fortbeſtehens derſelben finden können. Jede ſtaatliche Entwicklung muß organiſch aus ſich ſelbſt, aus dem Bewußtſein der Unter⸗ thanen und des Herrſchers vor ſich gehen; eine Fächerintrigue dagegen kann ſich eben ſo gut, wie ſie für den Fortſchritt gewirkt hat, jeden Au⸗ genblick wieder dem Stillſtande oder gar dem Rückſchritte zuwenden. Exempla sunt odiosa. Dieſen Warnungsruf wollten wir nur in den lauten, gedankenloſen Jubel gewiſſer Men⸗ — — —„ 301 ſchen und Zeitungen herein ertönen laſſen. Möge er nicht ungehört verhallen. Mola war alſo die Zielſcheibe aller boshaf⸗ ten Zeitungsnotizen geworden, mit denen alle Blätter, ſogar die franzöſiſchen und engliſchen, beſonders von Hohenheim aus überſchwemmt wurden. Ihr Gelüſten nach dem Indigenate und der neunzackigen Grafenkrone, wurde überall und zwar mit dem größtem Rechte lächerlich gemacht, obwohl der mit Einem Male ſo tugendhafte und ſittenſtrenge Adel, ſchon manche Dame aus ſeiner Mitte geliefert hatte, die ganz dieſelbe Stellung eingenommen, wie jetzt die ſpaniſche Tänzerin. Da übte man freilich Nachſicht! das war ganz ewas Anderes, und die gute Geſellſchaft ſtand einer ſolchen Dame nach wie vor offen. Wir unſererſeits halten auf das alte gute deutſche Sprich⸗ wort: Was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern pillig, und wenn eine Adelige ſich wie eine Tän⸗ zerin benehmen darf, ſo darf auch eine Tänzerin adelig werden. Ueberhaupt ſehe ich nicht ein, warum wir armen Bürgerlichen, wenn der Adel ſo ſtreng und excluſiv zu Werke geht, dazu ver⸗ dammt ſein ſollen, die räudigen Schafe deſſelben, die ſich eines entehrenden Verbrechens ſchuldig gemacht haben in unſere Mitte aufzunehmen, wie dies doch in einigen Geſetzgebungen beſtimmt wird. Das Bürgerthum bedankt ſich für die Blattern des Adels, ſagen wir frei nach Schillers Fiesco. Mola war nun, wie wir geſehen haben, ge⸗ rade in Bezug auf öffentliche Verſpottungen ſehr reizbar und es gab immer dienſtfertige und ge— fällige Menſchen, die ihr jede Malice mittheilten, und jeden groben Artikel portionenweiſe eingaben. Es iſt dies überhaupt eine ganz merkwürdige Erſcheinung und man wäre beinahe verſucht, an überirdiſche dabei wirkende Kräfte zu glauben. Man darf in dem entfernteſten unbekannteſten Journale zeriſſen werden, in einem Blatte wel⸗ ches man nie geleſen, deſſen Namen man nie gehört hat, ſo iſt hundert gegen eins zu wetten, daß man in der Gegend, in welcher jenes obſ⸗ cure Blatt erſcheint, irgend einen treuen Freund beſitzt, der uns die betreffende Nummer unfran⸗ kirt überſchickt, mit einem ſehr wehmüthigen 303 condolirenden Briefe, aus dem aber die drohende lachende Schadenfreude, welche der menſchlichen Natur eigenthümlich iſt, hervorleuchtet. Und wenn man in einem neuſeeländiſchen Journale zerriſſen würde, ſo hin ich feſt davon überzeugt, daß man die Nachricht davon mit dem erſten Packetſchiffe welches nach Europa abgeht, erhielte. Mola dachte ſchon lange daran, an einem der Hohenheimer Correſpondenten ein ſchreckliches Beiſpiel zu ſtatuiren, um, wo möglich den fer⸗ neren Lügen, Verläumdungen und boshaften Anec⸗ doten ein Ende zu machen. Fürſt Chlodwig hatte ihr zu dieſem Behufe ſeine ganze Macht, der tapfere Oberlieutenant Birn⸗ baum ſeinen Säbel und ſeine Piſtolen zur Ver⸗ fügung geſtellt. „Nein, nein das iſt nichts“ ſagte ſie zu Birn⸗ baum,„wenn der Fürſt einen jener boshaften Skribler beſtraft und einſperren läßt, ſo erheben dann die andern ein deſto lauteres Geſchrei. Und wenn Du einen derſelben das Geſicht zeichneſt oder gar todtſchießeſt, ſo macht das der Sache auch kein Ende, abgeſehen davon, daß das 304 Kriegssglück ſich auch gegen Dich erklären könnte.“ „Aber, was ſoll man denn thun, liebe Mola?“ fragte Birnbaum,„die Sache muß doch end⸗ lich einmal ein Ende nehmen, ſonſt ärgerſt Du Dich noch zu Tode.“ „Laß mich nur,“ erwiderte die Tänzerin;„ich muß auf irgend eine Weiſe die Lacher auf meine Seite zu bekommen ſuchen, indem ich einen Der⸗ jenigen, die am Meiſten gegen mich geſchrieben haben, auf irgend eine eclatante Art blamire. Ich habe ſchon ſo halbundhalb einenPlan im Kopfe. Bald werde ich mit demſelben ganz im Reinen ſein.“ „Wenn Du zur Ausführung deſſelben meiner Beihülfe bedürfen ſollteſt, ſo zähle ganz und gar auf mich,“ ſagte Birnbaum dienſteifrig. „Vor Allem ſage mir einmal, welcher von den hieſigen Skriblern meinſt Du, hat wohl am Meiſten gegen mich geſchrieben?“ „Das iſt unſtreitig der dicke Klötz, ein geiſt⸗ reicher, aber ſehr boshafter Menſch; ſeine Luſt⸗ ſpiele ſind ſehr gut, Du ſollteſt Dir nur einmal eines derſelben anſehen.“ „Nun wohl, an dieſem muß alſo das Exem⸗ 305 pel ſtatuirt werden. An einem Unbedeutenderen wäre es von keiner Wirkung. Uebermorgen ſollſt Du und die ganze Reſidenz Stoff zum Lachen haben.“ Klötz, der geiſtreiche Luſtſpieldichter, ſaß am andern Tage gerade an ſeinem Schreibtiſche, be⸗ ſchäftigt, eine geiſt⸗ und malicenſprühende Cor⸗ reſpondenz über die hieſigen Verhältniſſe abzu⸗ faſſen, in welcher die ſpaniſche Tänzerin wieder einmal derb mitgenommen werden ſollte, als ihm ein ſehr elegant coſtümirter Lackai ein duftiges Briefchen auf Roſapapier überbrachte. Klötz erbrach es raſch und neugierig, und war offenbar froh erſtaunt, als er den Inhalt deſſelben überflogen hatte. „Ich werde nicht fehlen,“ ſagte er zu dem Lackai, welcher ſich nun mit dieſem Beſcheide entfernte. Das Briefchen hatte nichts Geringeres, als eine Einladung für heute Abend zu einem freund⸗ ſchaftlichen Souper von Seiten der Donna Mola Lontes enthalten.“ 20 306 „Aha!“ dachte der eitle Schriftſteller,„ſie hat die Spitze meiner Feder gefühlt, und will Frie⸗ den mit mir ſchließen. Nun, unter gewiſſen Bedingungen“— bei dieſen Gedanken ſpielte ein liſternes Lächeln um ſeinen Mund—„dürfte ich wohl nicht abgeneigt dazu ſein. Vorläufig mag dieſe Correſpondenz alſo noch in meinem Schreib⸗ tiſche liegen bleiben.“ Abends machte Klötz eine ſehr gewählte Toi⸗ lette und fuhr nach dem Hötel, welches die Tän⸗ zerin vor ein paar Tagen, ſeitdem ſie, von Lan⸗ gerweile geplagt, aus ihrem Luſtſchloſſe am See trotz aller Einwendungen des Fürſten und Birn⸗ baums wieder in die Reſidenz zurückgekehrt war, bezogen hatte, bis ihr eigener Pallaſt eingerich⸗ tet ſein würde. Mola empfing den Schriftſteller in ihrem Boudoir in elegantem und verführeriſchem Ne⸗ gligs auf dem Sopha ſitzend. Der Boden dieſes Boudoirs war mit koſtbaren Teppichen bedeckt, welche den Schall der Schritte dämpften; an den Fenſtern hingen lange Vorhänge von ſchwe⸗ rem Stoffe herunter. Eine am Plafond befe⸗ — 307 ſtigte Ampel aus mattgeſchliffenem hellrothem Glaſe, verbreitete ein ſanftes äumeriſches Däm⸗ merlicht, während eine Spieluhr leiſe melodiſche Weiſen ſpielte, und ein feiner narkotiſcher Par⸗ füm das Zimmer durchwürzte. Es war ganz ein zur Liebe und zum Genuſſe geſchaffenes Ge⸗ mach, welches ſelbſt dem blödeſten oder erſchlaff⸗ teſten Mann zu erotiſchen Gedanken und Bemü⸗ hungen aufregen mußte. Klötz hielt die Art und Weiſe, wie ihn Mola in dieſem kleinen Tempel der Liebe empfing, für ein günſtiges Vorzeichen. „Guten Abend, lieber Klötz,“ rief ſie ihm entgegen und reichte ihm die Hand,„Sie laſſen auf ſich warten.“ „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ entſchuldigte ſich der Schriftſteller—— „Laſſen Sie es gut ſein!“ unterbrach ihn Mola.„Ich bin nur froh, daß Sie doch ge⸗ kommen ſind. Legen Sie ab, und nehmen Sie Platz.“ Der Schriftſteller legte ſeinen Hut ab, und wollte ſich dann auf einem Fauteuil, dem So⸗ 20* 308 pha, auf welchem Mola ſaß, gegenüber nieder⸗ laſſen. „Warum wollen Sie Sich nicht zu mir auf den Divan ſetzen?“ fragte Mola mit unwiderſteh⸗ licher Liebenswürdigkeit.„Scheuen Sie vielleicht meine Nähe?“ „O, gewiß nicht,“ betheuerte Klötz ganz hin⸗ geriſſen von der Liebenswürdigkeit der Tänzerin, und während er auf dem Divan ſich neben ſie nie⸗ derließ, machte er ſich innerlich Vorwürfe dar⸗ über, daß er ein ſo herrliches Geſchöpf bis jetzt immer ſo nnbarmherzig angegriffen habe. Mola klingelte. Zwei Bedienten brachten einen mit einer höchſt eleganten Theemaſchine, nebſt allem Zubehör beſetzten Tiſch herein und entfernten ſich wieder. Mola ſpielte nun die liebenswürdige Wirthin und ſchenkte dem Schriftſteller ein. Dann ging ſie demſelben mit gutem Bei⸗ ſpiele voran, indem ſie ſich eine Cigarre anzün⸗ dete. Klötz that auf ihre Aufforderung ein Glei⸗ ches, und bald rauchten und plauderten die bei⸗ 309 den bis jetzt ſo erbitterten Gegner mit einander, als ob ſie ſtets ein Herz und ein Sinn gewe⸗ ſen wären. Nach einiger Zeit klingelte Mola wieder; die Bedienten erſchienen, trugen den Theetiſch hin⸗ aus, und brachten dafür einen Tiſch herein, der mit einem ausgeſucht feinem Souper beſetzt war, und neben welchem ſie einen mit Eis gefüllten Kühleimer ſetzten, aus welchem die ſchlanken verſilberten Hälſe der S hervor⸗ blickten. Dem Schriftſteller, der, wie die meiſten hei⸗ teren Dichter, ein großer Gourmand war, ging bei dieſem Anblicke das Herz auf. „Wir müſſen uns ſelbſt bedienen,“ ſagte Mola, nachdem die Bedienten ſich wieder ent⸗ fernt hatten;„denn dieſe neugierige Dienerſchaft, die auf jedes Wort horcht, um es weiter zu tra⸗ gen, iſt mir ein Greuel.“ Dieſe Worte waren Muſik in den des Schriftſtellers. Man aß und trank, man ſcherzte und lachte. Mola hatte aber ein Gericht, obwohl es ihr 310 Slötz öfters angeboten hatte, ſtets abgelehnt. Es war ein herrlicher Pudding, der ihm gerade am beſten ſchmeckte. Endlich beim Deſſert, ſagte Mola lachend: „A propos, mein lieber Klötz, wir haben ja noch etwas miteinander abzumachen.“ „Nun, das wäre, meine ſchöne Mola?“ „Wie ich höre, ſchreiben Sie in auswärtige Zeitungen immer ſehr boshafte Berichte über mich.“ Klötz gerieth in Verlegenheit. „Verzeihen Sie, ſchöne Mola,“ ſagte er ſtotternd—„ich kannte Sie früher nicht ſo, wie jetzt— ich will meinen Fehler wieder gut ma⸗ chen.“ „Ich verzeihe nichts,“ ſagte Mola, indem ſie mit zornfunkelnden Augen aufſprang;„ich bin eine Spanierin und gewohnt zmich zu rächen. Ich wünſche nur,“ fuhr ſie höhniſch fort,„daß Ihnen mein Pudding, von dem ich, wie Sie bemerkt haben werden, nichts genoſſen habe, gut Bei dieſen Worten ſprang Klötz auf, ergriff 311 ſeinen Hut, und eilte athemlos in die nächſte Apotheke. Dort verſchluckte er eine gehörige Maſſe von Pillen, Latwergen und anderen Brechmitteln, in Folge deren er einige Tage wirklich recht unwohl wurde, denn daß die Vergiftungsge⸗ ſchichte nur ein geiſtreicher Spaß Mola's war, bedarf wohl keiner Erwähnung. Als Klötz wieder geſund war, lachte die ganze Stadt über ſein komiſches Abenteuer, und obwohl er jetzt die Tänzerin mehr als je an⸗ feindete, ſo war doch Allem, was er ſchrieb, durch Mola's geiſtreiche Rache von vornherein die Spitze abgebrochen. Achtzehntes und letztes Kapitel. Das Ende vom Liede. Während aber Mola auf dieſe Weiſe mit Hülfe des Lächerlichen einen ihrer Feinde ver⸗ nichtete, waren tauſend andere derſelben gegen ſie ungemein thätig geweſen. Man hatte ſogar auf Tabacksdoſen und Pfei⸗ fenköpfe die beleidigendſten Karrikaturen gegen ſie gemalt, und einige ultramontan geſinnte Studenten, wahrſcheinlich edle Söhne der freien Schweiz, waren in ihrer Erbitterung ſo weit gegangen, ihre Hunde Mola zu rufen, ein Ver⸗ fahren, welches, wie man zugeben wird, von ſehr genauer Beobachtung der ritterlichen An⸗ ſtandsgeſetze zeugt, welche ein Mann von Bil⸗ 313 dung einer Dame, und wenn ſie ſelbſt die verwor⸗ fenſte ihres Geſchlechtes wäre, immer ſchuldig iſt. Und ſo war denn Alles zum Ausbruche je⸗ nes Erceſſe reif, der die ultima ratio der ultra⸗ montanen Partei war, und den ſie unmöglich entbehren konnte, da er gleichſam die Rech⸗ nungsprobe auf das Abdankungsſchreiben der Miniſter war. Eine Anzahl hierarchiſch geſinnter Studenten wurde vorgeſchoben, um den Skandal zu eröff⸗ nen. Im Uebrigen wurde auf die guten Lungen und die Lärmſucht des Pöbels gerechnet, der ſeit den vor ein paar Jahren vorgefallenen Bierun⸗ ruhen mit Straßenemeuten vertraut war. An einem Nachmittage verſammelten ſich ge⸗ gen zweihundert fanatiſirte Studenten vor der Univerſität. Von hier zogen ſie lärmend und ſingend vor die Wohnung eines der, in Folge ihrer Beifallsadreſſe an die abgetretenen Mini⸗ ſter entlaſſenen Profeſſoren, dem ſie ein lautes Vivat brachten. Unterdeſſen war der Tag ziemlich weit vor⸗ geſchritten, und eine bedeutende Anzahl ſkandal⸗ 314 luſtigen Pöbels hatte ſich den Studenten ange⸗ ſchloſſen. Man zog nun vor die Wohnung eines an⸗ deren Profeſſors, von dem es bekannt war, daß er der liberalen Partei angehöre, und den Für⸗ ſten gegen die Miniſter in Schutz genommen habe, und brachte demſelben ein Pereat. Bei dieſem Auftritte flogen die erſten Steine gegen die Fenſterſcheiben. Der erſte Steinwurf bei einem Volksauflaufe iſt immer etwas ſehr Verhängnißvolles; mit ihm iſt der Bann gebrochen, und die Volkswuth bricht nun enffeſſelt los. So ein Steinwurf kann viele Menſchenleben koſten, und auf der Hand, die ihn gethan, laſtet eine ſchwere Ver⸗ antwortung. Mittlerweile brach die Dämmerung immer mehr herein, und unter ihrem Schutze begann ſich der Pöbel kühner und ſicherer zu fühlen. „Vor die Wohnung der Tänzerin,“ hieß es auf einmal, ohne daß man wußte, wer zuerſt dieſen Ruf erhoben;„nieder mit der ſpaniſchen Dirne, nieder mit Mola Lontes!“ 315 Man zog in die Straße, in welcher ſich das von unſerer Heldin bewohnte Hoͤtel befand. Unterdeſſen hatte man ſchon Nachricht von dem Unfuge erhalten, und die Sicherheitswache, welche beſtändig zum Schutze der Sylphide auf⸗ geſtellt war, bedeutend verſtärkt. Nichts deſto weniger war dieſelbe noch im⸗ mer unzureichend, um den Pöbel zurück zu treiben. Mola befand ſich gerade mit ihren Freunden beim Nachtiſche, und der Champagner hatte ſie in eine ſehr heitere Stimmung verſetzt. Da hörte man mit einem Male ein dumpfes Lärmen und Toben die Straßen entlang, aus dem ſich der Ruf:„Nieder mit Mola Lontes!“ hin und wieder mit großer Deutlichkeit her⸗ vorhob. „Man ruft meinen Namen,“ ſagte Mola zu den Oberlieutenant Birnbaum,„was wollen denn dieſe Beſtien von mir?“ Birnbaum trat an das Fenſter, vor welchem unterdeſſen die lärmende und tobende Menſchen⸗ maſſe ſchon angelangt war. 316 „Nun, was gibts denn, mon cher?“ fragte Mola. „um Gottes Willen,“ ſagte Birnbaum, dem bei der ihm bekannten Heftigkeit der Andaluſie⸗ rin ſchon Unheil ahnte,„um Gottes Willen, Mola, ſei nur jetzt ruhig, wenn Du Unglück verhüten willſt; das Volk iſt gegen Dich erbit⸗ tert, und ſchimpft und tobt vor Deinem Fenſter.“ „Das muß ich mir doch anſehen,“ ſagte Mola und trat mit dem Champagnerglaſe in der Hand an das Fenſter. Sie war eben im Begriffe, es zu öffnen, als ein Stein klingend in das Fenſter flog. Birnbaum, der junge Pole, und die anderen Herren, die ſich noch bei der Tänzerin befanden, traten nun hinzu, und beſchworen ſie bei Allem, was ihr heilig ſei, ſich zurückzuziehen.„ Das mochte jedoch ſehr wenig ſein, denn die Tänzerin gab dieſen vernünftigen Vorſtellungen durchaus kein Gehör, ſondern öffnete, trotz des dichten Steinhagels, der nun erfolgte, das Fen⸗ ſter, und bog ſich mit dem ganzen Oberkörper weit aus demſelben. Als ſie unter dem Volke mehrere Studenten 317 bemerkte, erhob ſie ihr Champagnerglas und leerte es mit den Worten:„à votre santé messieurs!“ Erneuertes Toben und Schimpfen und ein noch dichterer Steinhagel waren die Antwort auf dieſe Herausforderung. Mola war merkwürdiger Weiſe bis jetzt noch von keinem der zahlloſen Steinwürfe verletzt worden. „Die Wuth des Volkes amüſirt mich,“ ſagte ſie;„ich mag kein Pferd reiten, das nicht in den Zügel knirſcht. Aber Sie ſollen es doch bereuen, mich beleidigt zu haben. Ich will jetzt auf ihren Köpfen erſt recht ſo herumtanzen, wie ich es zu Hauſe auf Eiern gethan habe. Sie ſollen mich noch kennen lernen.“ Ein Steinwurf, der die Tänzerin wirklich traf, und ſie, wenn auch nur ſehr unbedeutend an der Schulter verletzte, unterbrach dieſe Ex⸗ pectoration guter Vorſätze. Und mit dieſem Steinwurfe nahm auch die humoriſtiſche Auffaſſung des Skandals von Sei⸗ ten der Tänzerin ein Ende. Das Luſtſpiel ſollte beinahe in ein Trauerſpiel umſchlagen. 318 So wie ſich Mola von dem Steine verletzt fühlte, ſprang ſie auf und in das Zimmer zurück. Sie riß ihren Dolch und ihre Piſtolen von der Wand. Dann trat ſie wieder mit wuth⸗ verzerrten Zügen an das Fenſter und legte die Waffen neben ſich auf das Fenſterbrett. Die Volksmenge unten hatte das Alles be⸗ merkt und ein noch wüthenderes Toben, Schim⸗ pfen und Steinwerfen war die Folge davon. Mola begann nun langſam und mit abſicht⸗ licher Umſtändlichkeit zu laden. Die Vorſtellungen ihrer Geſellſchafter wür⸗ digte ſie durchaus keiner Antwort. Endlich war ſie mit dem Laden ihrer Piſtolen fertig und ſetzte jetzt bedächtig die Zündhütchen auf. Birnbaum beobachtete ſcharf alle ihre Be⸗ wegungen, feſt entſchloſſen, eine tolle, wahnſin⸗ nige, frevelhafte That, welche die verderblichſten Folgen nach ſich ziehen mußte, um jeden Preis zu verhindern. „Garde à vous, laches!“ rief Mola jetzt und zielte mit einer ihrer Piſtolen in den dickſten Volks⸗ haufen hinein. 319 Aber in demſelben Augenblicke war ihr Birnbaum ſchon in den Arm gefallen und hatte ihr mit einer raſchen und kräftigen Bewegung die tödtliche Waffe aus der Hand gewunden. Dieſe Entſchloſſenheit war höchſt wahrſchein⸗ lich die Rettung der tollkühnen Tänzerin, denn ich bin feſt überzeugt, daß Mola, wenn ſie wirk⸗ lich geſchoſſen, und wie es unter den gegebenen Umſtänden gar nicht anders möglich war, Je⸗ manden verwundet oder getödtet hätte, nicht le⸗ bendig vom Platze gekommen und von dem Hötel kein Stein auf dem andern geblieben wäre, ſo groß war die Erbitterung der Maſſe. Mola war über die entſchloſſene That des Oberlieutenants, die doch ihre eigene Rettung war, außer ſich vor Wuth⸗ Sie kehrte ſich augenblicklich gegen ihn und gab ihm eine derbe Ohrfeige, die er mit dem Bewußtſein hinnahm, einen beſſeren Lohn für ſeinen Muth und ſeine Geiſtesgegenwart verdient haben. Unterdeſſen war zum Glück eine hinreichende Truppenmacht, ſowohl aus Infanterie als Ca⸗ ——— 320 vallerie beſtehend, auf dem Schauplatze des Tu⸗ multes angelangt. Den vereinten Anſtrengungen dieſer beiden Waffengattungen gelang es endlich das Volk zu zerſtreuen und die bedrohte Straße, in welcher ſich Molas Hötel befand, frei zu halten. Was dabei beſonders hervorzuhehen iſt, und von dem außerordentlich gutem Geiſte der Hohenheimer Truppen zeigt, iſt der Umſtand, daß, obwohl das Publikum nur widerwillig und zögernd zurückwich, doch kein Menſch überritten, oder ſonſt irgend wie verletzt wurde. An andern Orten hat es bei weit geringeren Veranlaſſungen Blut gegeben. Exempla sunt odiosa müſſen wir noch einmal ſagen. Das Volk zerſtreute ſich nun in einzelne Gruppen und verübte bis ſpät in die Nacht hin⸗ ein, durch Schimpfen, Schreien und Fenſter⸗ und Laterneneinwerfen in verſchiedenen Theilen der Stadt noch ſo manchen Unfug. Ja, ſogar in dem Saale des fürſtlichen Reſidenzſchloſſes, in welchem die mehr erwähnte Bildergallerie der Geliebten des Landesherrn aufgeſtellt ſein ſoll, 321 wurden mehrere maſſive kriſtallne Spiegelfenſter⸗ ſcheiben eingeworfen. Infanterie und Cavallerie patrouillirten die ganze Nacht hindurch und am nächſten Morgen waren alle Vorkehrungen getroffen, um die Wie⸗ derholung ſolcher tumultuariſchen Scenen zu ver⸗ hüten. Ich glaube jedoch, daß dieſe Vorkehrungen überflüſſig waren. Das Volk hatte ſich ausge⸗ tobt und ſchon am andern Morgen begann die beſſere Anſicht unter allen Ständen ſich Bahn zu brechen. Man begann einzuſehen, daß man eben ſo wenig Recht habe, ſich in das Privat⸗ leben eines Fürſten, als in das eines Mitbürgers zu miſchen, und daß man ſich höchſtens, wenn man denn durchaus ſich zum Sittenrichter auf⸗ werfen wolle, des Spottes als Waffe bedienen dürfe. Der Humor, der Spott beſitzt allen menſchlichen Thorheiten und Schwächen gegen⸗ über, und wenn es auch fürſtliche wären, eine ewige, unabſtreitbare Berechtigung. Dem Fürſten war es unterdeſſen, trotz der Intriguen der Adels⸗ und Prieſterpartei, gelun⸗ 21 322 gen, eine neue Verwaltung im Sinne des Fort⸗ ſchrittes zu bilden. Die Proklamirung derſelben machte einen äußerſt günſtigen Eindruck auf alle Flaſſen der Bevölkerung. Zwar gab die Rücſchrittspartei ihre Aufrei⸗ zungsverſuche durchaus nicht auf; aber ſie blie⸗ ben machtlos, zum Theile auch darum, weil ſie wirklich zu plump und ungeſchickt angelegt waren. Nachdem das Mährchen von der Abreiſe der Fürſtin durch das Hierbleiben derſelben thätſäch⸗ 1½ lich widerlegt worden war, ſprengte man andere zum Theile noch widerſinnigere Gerüchte aus. Auf den bigotten Theil des Volkes ſuchte man 2 dadurch zu wirken, daß man behauptete, mehrere 1 ehrwürdige und im Lande allgemein beliebte Kirchenfürſten hätten über die hohenheimer Vor⸗ 1 gänge bittere Thränen vergoſſen. um die Erbitterung gegen die Tänzerin rege zu erhalten, verbreitete man unter Anderem: dem ganzen Offiziercorps ſei verboten worden, Lorgnetten zu tragen, weil Mola es nicht leiden könne, und gegen Jeden, der ſie mittelſt eines ſol⸗ chen Sehwerkzeuges betrachtete, die Zunge blöcke, ——— 323 oder ein noch bezeichenderes Zeichen der Verhöh⸗ nung mache, welches ſie von den Pariſer gamins, bei denen es ſehr üblich ſein ſoll, gelernt habe. Der Fürſt ſammelte indeſſen feurige Kohlen auf das Haupt dieſer Partei, indem er alle die be⸗ klagenswerthen Vorgänge mit dem Mantel des Vergebens und Vergeſſens bedeckte und ſogar dem ehemaligen Miniſter des Innern, Herrn von Babel, einen ehrenvollen und einträglichen Geſandtſchaftspoſten an einem auswärtigen Hofe verlieh. 3 Der Fürſt war noch nie ſo guter Laune ge⸗ weſen, als geradezu jetzt; er ſchien wie um zwanzig Jahre verjüngt zu ſein. Er arbeitete ſehr fleißig mit ſeinem neuen Miniſterium, und war voll von großen Plänen und Entwürfen fuͤr das zukünf⸗ tige Wohl und Gedeihen ſeiner Unterthanen und ſeines Landes. Dieſe gute Laune wurde durch einen beſon⸗ dern Umſtand noch ſehr vermehrt. Die beſſere Stimmung hatte ſich nemlich ſchon ſo mächtig Bahn gebrochen, daß der Fürſt, als er eines Abends mit ſeiner Gemahlin in ſeine 21* 324 Loge im Hoftheater trat, von einem lauten und herzlichen Lebehoch begrüßt wurde. Auch Mola erſchien an dieſem Abende im Theater, und zwar in einer der des Fürſten ge⸗ genüber gelegenen Loge und kein Zeichen des unwillens gegen ſie, miſchte ſich in den jubeln⸗ den Empfang des fürſtlichen Paares. Eine unmittelbare Folge dieſer dem Fürſten zu Theil gewordenen öffentlichen Huldigung war der von ihm ertheilte Befehl, die Unterſuchun⸗ gen gegen die allerdings nur wenigen Studenten und anderen Perſonen, welche an jenem tumul⸗ tuariſchen Abende verhaftet worden waren, gänz⸗ lich niedergeſchlagen und die Betheiligten ſogleich auf freien Fuß zu ſetzen. Dieſer Act der Großmuth und Milde gewann dem Fürſten vollends alle Herzen, und ſo iſt denn jetzt Alles auf dem beſten Wege, ſich auf echt natonal hohenheimiſch in Wohlgefallen und Bierräuſche auf die Geſundheit des Fürſten und vielleicht ſogar auf die unſerer Heldin Mola Lontes aufzulöſen. Ob Mola Gräfin geworden iſt und das In⸗ 325 digenat bekommen hat, wiſſen wir bis jetzt noch nicht. Sie bewohnt jetzt noch immer ihr Hotel, an welchem die Glaſer viel zu verdienen bekom⸗ men haben, und wartet darauf, daß der ihr von dem Fürſten geſchenkte Pallaſt vollſtändig einge⸗ richtet werde. Vielleicht, daß, wenn ſie von demſelben Be⸗ ſitz genommen hat, der hohenheimer Magiſtrat ſich bewogen fühlen wird, ihr als Hausbeſitzerin das Bürgerrecht zu ertheilen, und daß das neue Miniſterium vielleicht dann auch ihren Adelsbrief unterſchreiben wird. Das Alles halten wir für ganz gleichgültig; ja wir könnten das Letztere zur Demüthigung der ercluſiven Ariſtokratie beinahe wünſchen. Wichtiger jedoch iſt es, daß der Fürſt Chlod⸗ wig von Hohenheim auf der unter ſo außerge⸗ wöhnlichen Umſtänden betretenen Bahn des Fort⸗ ſchrittes beharre und ſo manchen benachbarten Herrſcher mit gutem Beiſpiele vorangehe, was wir denn auch von ganzem aufrichtigem Herzen hoffen und wünſchen wollen. 326 Die Moral von dieſer Geſchichte iſt aber die, daß ſelbſt eine Tänzerin bisweilen ein mäch⸗ tiges Werkzeug in der Hand des ewigen Welt⸗ geiſtes werden könne. Druck von C. H. Hoßfeld in Leipzig. 3 8 9 10 11 12 13 14 ſi 15 16 18