Leihbiblivth deutſcher, engliſcher und franzöſfiſcher Literatur Ednard Gktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en anenmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5„„ 6—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Weſtermann& Comp. des Albums. 7 290, Broadway. 8 — 8 S — 2 S — S 8 & 8 — 5 B 8 — G Prag 1856. Erſtes Capitel. Die Gräfin Maria Magdalena. Die Eine, welche, wie Eva von Lobkowic zu hoffen wagte, Beide(Vater und Freund) durch den Einfluß ihrer faſt zauberiſchen Allgewalt zu ret⸗ ten im Stande ſei, war keine Andere, als— Gräfin Maria Magdalena. Die Lebensverhältniſſe dieſer am glanzgeſchmückten Hofe Rudolphs M. faſt eben ſo vielfach genannten, als vielfach falſch beurtheilten Dame ſind noch bis zu dieſer Stunde in ſo dichte, undurchdringliche Schleier eines ſo ſchwer zu lüftenden Geheimniſſes gehüllt, daß weder ein Geſchichtsſchreiber jener Tage noch irgend ein hiſtoriſcher Forſcher der Neuzeit mit Ge⸗ wißheit anzugeben weiß, wer ihre Eltern geweſen ſind. So viel aber iſt erwieſen, daß Maria Magdalena von gutem böhmiſchen Adel war und für eine der verfüh⸗ reriſchſten und geiſtreichſten Damen des rudolphini⸗ ſchen Hofes galt. Sie glich der egyptiſchen Clevpatra, wie ſie aus der farbenſatten Palette Guido Reni's auf jenes Stück Leinwand übertragen worden, das jetzt eine der ſchönſten Zierden des Jupiter⸗Saales in der florentiniſchen Bildergallerie degli ufficj iſt. Der Biß der Schlange, mit welcher die Geliebte des Triumvir Antonius auf jenem Bilde mit eigener Hand ihr Herz vergiftet, dünkt uns ein Symbol der Reue, die ſie über die Sünden ihrer Jugend zu empfinden ſcheint. Magdalenens liebeträumendes Ge⸗ ſicht, ein zartes Gewebe von Milch und Blut; ihre dunkelſchwarzen, langgewimperten, tief nachdenkenden Augen, erhellt von den blitzenden Abſpiegelungen ihrer von ewiger Reue beunruhigten Seele; ihr pur⸗ purfriſcher Mund, von einem faſt beſtändigen Lächeln bitterer Wehmuth umſpielt; ihr dunkelbraunes Haar, das in ungekünſtelten Ringellocken theilweiſe auf ihre üppig gewölbte Bruſt und auf den blendendweißen Marmor ihres Nackens herniederfiel; ihre impoſante Geſtalt und ihre ſtolze Haltung verliehen ihrer gan⸗ zen äußeren Erſcheinung eine Aehnlichkeit mit jener Clevpatra, wie ſie ſich jener italieniſche Meiſter — . gedacht. Bei aller Gluth der Sinnlichkeit, die jeden ihrer Züge, jede ihrer Mienen, jeden ihrer Blicke elek⸗ triſch durchzuckte, machte ſich ein ſcharf ausgeſprochenes, all jene ſinnlichen Linien milderndes Gefühl banger Reue bemerkbar, die alles Unſchöne, Unedle in dieſem Antlitz gleichſam verſöhnte, verſchönte und verklärte. Ihre Seele ſchien es gleichſam zu bereuen, baß ſie in einem ſo ſchönen und zur Sünde ſich hinneigen⸗ den Körper wohne. Die Luſt, die er ausathmete, mahnte weniger an den Duft betäubender Blumen, als an den einſchmeichelnden Geruch kaum gepflück⸗ ten, friſchen Obſtes, das nur Eine Hand berührt zu haben ſchien. Weniger ſchön als pikant, weniger gut als geiſtreich, mehr berechnend als natürlich, war Gräfin Maria Magdalena mehr kokett als liebenswürdig, mehr eroberungsſüchtig als eroberungswerth, aber trotz aller dieſer Schatten⸗ und Lichtſeiten ihrer Perſönlichkeit wie ihres Charakters, gefährlich für jeden Mann, der mit dieſer Circe des prager Hofes in Berührung kam. Kein Wunder alſo, daß ein für Frauenſchönheit ſo raſch empfängliches Herz, wie das des zweiten Rudolphs, ſich von dem Zauber der geheimnißvollen Sirene gefangen nehmen und mehr und mehr in's goldene Netz ihres verführeriſchen Reizes hineinlocken ließ. Genug, Rudolph ſchwärmte für ſie. Und nach und nach hatte ſie durch die Anziehungskraft ihres blendenden Geiſtes, wie durch den Nimbus ihres zurückhaltenden Weſens ſo viel Herrſchaft über ihn gewonnen, daß er— ohne es kaum zu ahnen ja viel weniger es zu wiſſen,— der Sclave ihres ihm oft unerklärlichen Willens, der Spielball ihrer ſich häufig widerſprechenden Launen geworden war. Was ſie mit dieſem räthſelhaften Wechſel von Anziehung und Abſtoßung ihres kaiſerlichen Anbeters bezweckte, wußte Niemand außer ihr ſelbſt. Die Gräfin war— wie faſt jede Andere in derſelben Lage und Stellung zuerſt ein Gegenſtand des Neides, dann ein Mittelpunct der höfiſchen Mediſance und endlich— Letzteres wahrlich unver⸗ dient— eine Zielſcheibe des allgemeinen Haſſes geworden. Maria Magdalena ließ ſich dadurch nicht ein⸗ ſchüchtern und verfolgte, wenn auch dann und wann von innerer Reue gequält, doch feſt und beharrlich das weit entfernte Ziel ihres ſtillverſchwiegenen Ehr⸗ geizes. Die Gräfin war mit dem Kaiſer auf Brandeis, ——— 9 in Iwan und vierzehn Tage in Pilſen geweſen. Hier hatte ſie auf ausdrucklichen und lebhaft wieder⸗ holten Wunſch Rudolphs ſich— ganz wider ihren Willen— endlich doch entſchließen müßen, einem Vertrauten Seiner Majeſtät, dem berühmten Künſtler Johann von Aachen, zu ſitzen, der ſie in Lebensgröße malen mußte für die Privatgalerie ſeines kaiſerlichen Herrn und Gebieters. Nachdem dieß angefangen war, hatte ſich die Gräfin auf einem Umwege— wohl abſichtlich, um nicht Prag zu berühren,(wohin der Kaiſer gleich nach ihrer Abreiſe zurückgekehrt war)— zur Herſtellung ihrer angegriffenen Geſundheit— wie es bei Hofe hieß — nach Teplitz begeben. Da Johann von Aachen mit dem Bilde in Pil⸗ ſen— vielleicht ebenfalls abſichtlich— nur halb fertig geworden war, ſo hatte er, um das Bild zu vollen⸗ den, auf Befehl des Kaiſers und auf Wunſch der Gräfin, Letztere auf ihrem Ausfluge nach Teplitz begleitet. Und dort befand ſie ſich jetzt. Bevor wir in der Entwickelung unſerer Erzäh⸗ lung fortfahren, geſtatte man uns, hier einen Augen⸗ blick anzuhalten, um der Phantaſie unſeres Leſers oder der Unſern ſelbſt— ganz wie man dieß will — einen kurzen Ruhepunct zu gönnen. Teplitz war ſchon damals ſo ſchön als jetzt, ja, vielleicht noch ſchöner, lieblicher, romantiſcherer und gewiß weniger geräuſchvoll als in unſern Tagen. Teplitz iſt die Krone der böhmiſchen Bäder. Mutter Natur, die liebenswürdigſte, großmüthigſte und unerſchöpflichſte aller Verſchwenderinnen, hat hier die ganze Pracht ihrer unnachahmlichen Decvrativnen aufgerollt, den ganzen Schacht ihrer maleriſchen Schönheiten ausgebreitet und ein Wunder⸗Pano⸗ rama hingezaubert, das, ein Duodez⸗Eden, ein Mi⸗ gnon⸗Paradies, uns noch heute ganz ſo anlächelt, wie damals, und uns heimlich und heimiſch in's Ohr flüſtert:„Dulce est desipere in loco!“ Die Luft, die hier weht, iſt keine kaiſerlich öſterreichiſche, auch keine königlich böhmiſche, auch keine hochfürſtlich⸗Claryſche, ſondern eine göttlich⸗reine, himmliſch⸗milde, para⸗ dieſiſch⸗ſüße Luft, die wie erquickender Balſam, wie kühlender Sylphen⸗Flügelſchlag, wie märchenſchwan⸗ gerer Clerodenbron⸗Duft auf uns herniederträufelt und ſtile Sabbath⸗Ruhe und arkadiſchen Hirtenfrieden in die blaſirte Seele gießt und die erſchlafften Fühl⸗ hörner derſelben von Neuem empfänglich macht für die geheimnißvollen Reize der Natur, die eine Ninon 11 de Lenclos, ewig jung, ewig ſchön, ewig anziehend und verführeriſch bleibt. Aber auch vom geſchichtlichen Standpunecte be⸗ trachtet iſt dieſes kleine, ſchmucke, liebenswürdige Teplitz durchaus nicht unintereſſant. Dieſer Badeort, ſchon zur Zeit Kaiſer Carls IV. berühmt, liegt im Leitmeritzer Kreiſe, zwölf Meilen von Böhmens Hauptſtadt, in einem durch das Erz⸗ und Mittelgebirge gebildeten Thale, das ſich 674 Fuß über den Meeresſpiegel erhebt. Einer alten Tradi⸗ tion nach ſollen ſeine heißen Heilquellen ſchon im Jahre 762 durch einen böhmiſchen Wlädyken Na⸗ mens Koluſtug, endeckt worden ſein. Die eigentliche Geſchichte Teplitzs beginnt erſt im Jahre 178 in welchem Königin Judith(Gemahlin Wladislaws IV.) am Fuße der Doubrawskä Hora, dem jetzigen Schloß⸗ berge, ein Benedictinerkloſter für Nonnen geſtiftet hatte. Hundert Jahre ſpäter von Kaiſer Rudolph I. vertrieben, flohen ſie nach Teplitz. Im fünfzehnten Jahrhundert war dieſe Stadt von Huſiten erobert und niedergebrannt. Bis gegen Ende des ſechszehnten Jahrhundertes blieb Teplitz im Beſitze der Herren von Wieſowie, die hier das erſte Schloß gegründet hatten. Durch Heirath kam Teplitz mit Schloß an die Kinskh. Radiſiaw von Wohynie(Kinskh) der Gelehrte, legte die Bäder an. Zu jener Zeit, in welcher die Handlung unſeres Romanes ſpielt, gehörte das ganze teplitzer Ge⸗ biet mit der Doubrawskä Hora, auf der ſich an Stelle der alten eingeäſcherten, in romantiſche Sagen eingehüll⸗ ten Burg ein neues Schloß aus den Trümmern des alten erhob, dem Radiſlaw und Wilhelm Kinskh,(dem nachmaligen Generale des Friedländers), der 1634 zu Eger getödtet ward. Seine Güter wurden ver⸗ ſchenkt und Teplitz gelangte, als Belohnung treuer Kriegsdienſte, in den Beſitz Johannes von Aldringen. 1639 ward das Schloß von den Schweden erobert und 1655 von Kaiſer Ferdinand III. zerſtört. Als 1664 das Geſchlecht der Aldeinger mit Johann Mar erloſch, fiel Teplitz an ſeinen Schweſterſohn, Max Georg von Clary⸗Aldringen, in deſſen Nachkommen es ſich bis zu unſern Tagen fortgeerbt hat. Kehren wir nun zur Gräfin zurück. Maria Magdalena, begleitet von ihrer zahlrei⸗ chen Dienerſchaft, von ihrem Beichvater, ihrem Arzte und dem kaiſerlichen Hofmaler, hatte ihr fliegendes Zelt auf dem Schloßberge in der(damals noch nicht zur Ruine herabgeſunkenen) Burg aufgeſchlagen und von hier aus faſt ſchon ſechs Wochen lang die zu ihren Füßen liegenden Bäder benutzt und während der Zeit des Ausruhens dem Künſtler Johann von 13 Aachen die huldreiche Erlaubniß gewährt, ihr für den Kaiſer beſtimmtes Bild hier mit Muße vollenden zu dürfen. Sie ſaß ihm oft tagelang nicht. Eine leiden⸗ ſchaftliche Verehrerin der Jagd, pflegte ſie es vorzu⸗ ziehen, jedes Mal, ſo oft ihr Arzt und die Witterung es ihr geſtatteten, in Begleitung einiger Diener nach dem Eichwalde hinauszureiten und ſich dort mit dem ganzen Ungeſtme ihrer ſanguiniſchen Gemüths⸗ art allen Genüßen und Gefahren der Jagd hinzuge⸗ ben. An Lurus gewöhnt, liebte ſie es auf dieſen Ausflügen ſtets in reichem, faſt theatraliſchem Coſtume, am häufigſten und liebſten in grüner Atlasrobe und ſchwarzem mit Goldſchnüren beſetzten Sammetmie⸗ der, einem weißen mit langen Reiherfedern geſchmück⸗ ten Filzhute, rothen Halbſtiefeln und einer mit Bril⸗ lanten beſetzten Reitgerte zu erſcheinen. Letztere war ein Geſchenk des Kaiſers. Eines Nachmittags, als die Gräfin weit früher als gewöhnlich von der Jagd heimgekehrt war, ver⸗ ſpürte ſie endlich einmal wieder Luſt, dem Maler eine halbe Stunde ihrer müßigen Zeit zu ſchenken. Er ſetzte ſich an die Staffelei. Die Gräfin, noch immer in ihrem Jagdeoſtume, ſtellte ſich mit verſchränkten 14 Armen vor das Bild, betrachtete es einen Augen⸗ blick und ſagte dann mit empörender Ruhe: — Aufrichtig geſagt, es gefällt mir nicht! — Das Bild? fragte der Maler betroffen. — O nein, ich habe Euch ja ſchon oft geſagt, daß ich es ſchön, ſehr ſchön, wenn auch nicht ganz ähnlich finde... — Was alſo mißfällt Euch daran? — Das Coſtume, Meiſter Johann von Aachen! Ich würde es vorgezogen haben, mich durch Euch in einer viel kleidſamern Tracht verewigt zu ſehen, zum Beiſpiel als Diana.. — Als Göttin der Kenſchheit? fragte der Schmeichler. — Sagt lieber als Königin der Jagd! Dann kommt Ihr der Wahrheit viel näher und erſpart uns Beiden das läſtige Gefühl des Erröthens. Der Maler ſchwieg, weil er nicht wußte, was er auf die ziemlich harte Selbſtanklage der Gräfin erwidern ſollte. — Ich haſſe die Schmeichelei, fuhr ſie fort, ſich niederſetzend, denn Schmeichelei iſt eine Zwil⸗ lingsſchweſter der Lüge, und aus dieſem Grunde ſeid Ihr, Söhne Raphaels, mehr oder minder Alle arge Lügner. 15 — Mein Bild, Gräfin, ſpricht die Wahrheit. — Damit belügt Ihr Euch, nicht mich. Ich weiß die Feinheiten Eures Pinſels, die Reinheit Eurer Zeichnung, die Lebendigkeit Eurer Farben wohl zu ſchätzen, doch bin ich deßhalb nicht blind gegen die Mängel Eures Bildes. Verleitet, wie mir ſcheint, durch meine Vornamen, habt Ihr aus mir eine Bü⸗ ßende, ihre Sünden bitter bereuende Maria Mag⸗ dalena gemacht... dieß aber bin ich keinesweges.. denn zugegeben, daß ich in meinem Leben vielleicht ſchon manche Sünde beging, ſo hab' ich ſie doch wenigſtens bis jetzt, ſo aufrichtig als auf Eurem Bilde, noch nicht bereut... — Ihyr gefällt Euch, gnädigſte Gräfin, wieder einmal in der unzufriedenen Laune, Euch ſelber Euern Nimbus zu zerſtören... Nur darum, weil Euer gutes, edles Herz Euch ſagt, daß Ihr Euch keiner Sünden anzuklagen haäbt, eben darum habt Ihr keinen Grund, ſie bereuen zu müßen, ſagte Johann von Aachen, ohne von ſeinem Bilde wegzublicken und emſig weiter malend. — Ihr ſeid ein unverbeſſerlicher Schmeichler! entgegnete die Gräfin in lautes Lachen brechend. Fühltet Ihr das, was Ihr ſo eben ausgeſprochen, dann hätten ſich die Züge meines Geſichts unter 16 Eurem geiſtreichen Pinſel wieder ernſt, weniger ſchwer⸗ müthig geſtaltet.. — Ihr ſeid alſo unzuftieden mit meiner Arbeit? fragte Johann von Aachen aufrichtig betrübt. — Nein, Meiſter, das bin ich nicht. Ich finde nur, daß Ihr, wie faſt Jeder Eures Gleichen, ſehr geſchmeichelt habt. — Und doch ſagt der ganze Hof und ſelbſt der Kaiſer, daß das lebendige Original viel ſchöner als die todte Leinwand iſt.. — Der ganze Hof, mein Freund, iſt immer nur ein gefälliges Echo der Ausſprüche Seiner Ma⸗ jeſtät.. — und Seine Majeſtät... — Geruhen allerdings mich allerhuldreichſt ſchön zu finden, unterbrach ihn die Gräfin. Darum aber bin ich es noch nicht? Ich verhehle mir nicht, daß es viel ſchönere Frauen an ſeinem Hofe und in ſeiner Hauptſtadt giebt...„ — O nennt mir Eine nur! bat der Maler. — Kennt Ihr Fräulein Eva von Lobkowic? fragte die Gräfin mit anſcheinend großer Ruhe. — Ich habe ſie nur einmal geſehen.. — Und wie fandet Ihr ſie? fragte Magdalena mit ſchlecht verhüllter Neugier. 17 — Paſſable erwiderte der ſchlaue Hofkünſtler. — Alle Welt ſchwärmt für ihre Reize.. — Und Ihr, Ihr kennt ſie nicht? — Es war mir bis jetzt noch nicht das hohe Glück beſchieden, die vielgeprieſene Schönheit zu ſe⸗ hen, ſagte die Gräfin mit einem leiſen Anfluge von Jronie. — Sie hat etwas auffallend röthliches Haar! — Und doch ſoll es Leute geben, welche dieß hübſch, ja ſogar ſchön finden, warf Magdalena mit einem leichten Seufzer hin. — Ich zum Beiſpiel finde es abſcheulich! — Nicht Alle, Meiſter, denken wie Ihr. Ich habe mir ſagen laſſen, daß dieſe rothhaarige Dame einen mächtigen Eindruck auf das leicht entzündbare Herz eines uns Allen wohlbekannten Jupiters ge⸗ macht — Dieß iſt nur eine vorübergehende Laune. — Glaubt Ihr das wirklich? fragte Magda⸗ lena mit faſt unverholener Freude. — Gräfin, ich bin davon feſt überzeugt. — Eure Ueberzeugung beruhigt mich ein we⸗ niq — Ihr habt keinen Grund zum Fürchten, tröſtete ſie der Maler. 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 2 — Ihr ſeid ein Mann und kennt doch ſo we⸗ nig die Schwäche Eures Geſchlechtes! Was iſt räth⸗ ſel⸗ und launenhafter, was iſt flüchtiger und veränder⸗ licher als der Geſchmack eines dieſer ſogenannten Herren der Schöpfung. Heute vergöttern, mor gen vergeſſen ſie uns! — Nicht Alle ſind ſo wankelmüthig in ihrer Neigung! Es giebt Männer, welche treu und beſtän dig ſind.. — O nennt mir Einen nur, bat die Gräfin. — Ich nenne Euch nur den Kaiſer. — Den Kaiſer? wiederholte Magdalena bitter lächelnd. So wäre es Eurem Scharfblick alſo wirklich entgangen, daß er jetzt für die Frau Girolamo Scotto's, Ritters von Brandeis, für die ſogenannte Gräfin Clelia Buoncompagni ſchwärmt? — Dieß iſt nur eine augenblickliche Caprice, veruhigte ſie der Maler. — Er hat viele ſolcher augenblicklichen Capri een! erwiderte die Gräfin mit gereizter Bitterkeit. — Er iſt ein Verehrer des ſchönen Geſchlechts.. — O ſagt lieber des ſchwachen Geſchlechts! Jede, die ſich leichten Kaufes ihm hingiebt, iſt ihm willkommen. 19 — Aber bald auch wieder zum Ueberdruß! Jede aber, die ſeinen Sieg ihm zu erſchweren weiß.. — Iſt eigenſinnig, trotzig in ſeinen Augen, ſetzte die Gräfin hinzu. O ich kenne dieſes wetterwendi⸗ ſche Herz, ſprach ſie zu ſich ſelbſt und verſank von dieſem Augenblick in düſteres Schweigen. Johann von Aachen wagte nicht, es zu unter⸗ brechen. Er malte weiter, ſchweigend abwartend, bis es der Gräfin gefallen würde, das plötzlich ab⸗ geriſſene Geſpräch von Neuem anzuknüpfen. — Was haltet Ihr von jenem Scotto? fragte ſie nach ziemlich langer Pauſe. — Ich halte ihn für einen Abenteurer; kühn und verſchmitzt, wie jeder dieſer Leute, ſcheint er bei Hofe irgend ein Ziel erreichen zu wollen. Es hieß, er ſei vom Großherzoge von Toskana mit einer geheimen Sendung betraut. — Ich kenne die geheime Miſſion, ſagte die Gräfin ſchwer aufſeufzend. Dieſer Abenteurer ſoll, wie ich mir ſagen ließ, beauftragt ſein, eine gewiſſe Unterhandlung anzuknüpfen zwiſchen dem Hofe von Florenz und jenem zu Prag. — Seid Ihr auch wirklich genau unterrichtet? fragte der Maler, dieß Geheimniß ſchlau erforſchend. — Es handelt ſich um eine Heirath.. 2½ 20 — Um welche Heirath? fragte der Vertraute, der ſich die Miene gab, nichts von Allem zu wiſſen. — Um jene zwiſchen Kaiſer Rudolph und des Großherzogs Tochter Maria von Medicis. — Die paßt nicht für ihn — Sie iſt jung, ſie iſt ſchön! bemerkte die Gräfin nicht ohne Neid. — Ich glaube nicht, daß Kaiſer Rudolph jemals heirathen wird... — Und weßhalb glaubt Ihr dieß? fragte Mag⸗ dalena geſpannt auf des Malers Antwort. — Aus einem erſt vor Kurzem mir bekannt gewordenen Vorurtheil, ſagte der Maler, ſeinen Pinſel bald in dieſe, bald in jene Farbe tauchend. — Ich bitte Euch, mein Freund, erzählt. — Auf dem letzten Reichstage zu Regensburg hatte Kaiſer Rudolph die Bekanntſchaft des däniſchen Sternkundigen Tycho de Brahe gemacht... — Dieſe Thatſache iſt auch mir bekannt.. — Etwas aber, was Euch, ſchöne Gräfin, bis jetzt noch unbekannt geblieben ſein mag, iſt das Horoskop, das jener ihm geſtellt, ſagte der Maler, ſeinen Pinſel auswiſchend. — Und worin beſtand dieſes Horoskop? fragte die Gräfin ungeduldig. 21 — Der Kaiſer möge ſich hüten, jemals zu heirathen.. — Und weßhalb? fragte Magdalena, deren Neugier ſich verurtheilt ſah, dieß Geheimniß dem Eingeweihten gleichſam gliedweiſe zu entreißen. — Weil jede Heirath ihm Gefahr brächte, ſprach Johann von Aachen, einen andern Pinſel ſuchend. — Und welche Gefahr? fragte die Gräfin von Ungeduld gefoltert. — Die Gefahr, daß einer der vom Kaiſer er⸗ zeugten Söhne.. merkt es wohl... nach des Vaters Leben trachten würde. — Und Rudolph glaubt an jene Prophezeihung? — Man ſagt's, ſprach der Maler, den neu hervorgeholten Pinſel prüfend. — In dieſem Falle wäre die Sendung jenes parmeſaniſchen Abenteurers ganz und gar vergeblich. — Mir ſcheint's! — Meiſter! rief die Gräfin hoch erfreut, Ihr habt mir einen Alp von meinem Herzen wegg ewälzt. — Das iſt mir lieb, ſchöne Gräfin. Habt nun die Huld, Euch zu erheben und meine Arbeit noch einmal Eures Kennerblickes zu würdigen, bat den durch ihre Anerkennung beglückten Künſtler mit 22 der Künſtler, ſeine Palette bei Seite legend und aufſtehend, um ſeinen Platz der Gräfin einzuräumen. Sie betrachtete das Bild einige Minuten. Dann ſagte ſie mit dem einſchmeichelndſten Zauber, der ihrer Stimme zur Verfügung ſtand: — Jetzt, Meiſter, gefällt mir Euer Bild. Je länger mein ſtolzer Blick auf Eurer ſchönen Schöpfung verweilt, deſto lauter fühlt mein Herz, daß ich Euch vorhin durch unverdienten Tadel ſchwer gekränkt haben muß. Vergebt es mir, großer Meiſter! Die Schatten meiner trüben Stimmung hatten ſich vorhin auf die Lichter Eurer Kunſt geſenkt und Euer unläugbares WVerdienſt ungerecht verdunkelt. Noch einmal, Mei⸗ ſter, verzeiht es mir! — Ihr macht mich ſtolz, holde Gräfin. — Wer hat ein Recht es mehr zu ſein als Johann von Aachen, der von aller Welt gefeierte Künſtler, der Liebling und Vertraute ſeines großen Kaiſers! — Der Himmel erhalte Seine kaiſerliche Majeſtät! — Dieß iſt auch mein tagtägliches Gebet. — Ihr habt nun Euer Bild vollendet. Rudolph wird Euch kaiſerlich dafür belohnen. Bald kehren wir nach Prag zurück, ſchloß die Gräfin und entließ 33 23 dem huldreichſten und ungetrübteſten Lächeln, das ihr Mund ſeit langer Zeit heraufzuzaubern verſtand. Nach einer Minute ſprach ſie zu ſich ſelbſt, mit der koſtbaren Jagdgerte ſpielend: — Nun erſt bin ich wieder beruhigt! Zweites Capitel. Die Rückkehr der Gräfin. Eine volle Woche war ſeitdem vergangen. Vier Tage vor dem Fronleichnamsfeſte des Jahres 1595 kehrte die Gräſin nach dem Hoflager Kaiſer Rudolphs zurück. Die Nachricht von ihrer Ankunft hatte ſich mit Blitzesſchnelle vom Hradſchin herab durch die drei Städte Prag verbreitet. Der Kaiſer ſelbſt war ihr entgegengefahren. Er hatte ſie wie im Triumphe eingeholt und ſchien hoch beglückt, ſie nach ſo langer Abweſenheit wieder ganz in ſeiner Nähe zu wiſſen. Ihre Rückkehr nach Prag war Tagesgeſpräch. 24 Bald wußte es Doctor Jeſſenius und durch ihn auch Eva von Lobkowic. Drittes Capitel. Zwei Frauen. Es war am Tage des Fronleichnamsfeſtes.*) Unter dem andachtweckenden Geläute ſämmt⸗ *) Für jeden nicht⸗katholiſchen Leſer wird eine Skizze über die Entſtehung dieſes Hauptfeſtes(lateiniſch Festam Theophoriae, franzöſiſch Féte- Pieu und deutſch Fron⸗ leichnam(fron-heilig und LeichnamLeib) hier nicht am unrechten Platze ſein. Es leitet ſeinen Urſprung aus Lüttich. Nach der Legende ſoll dort zu Anfange des dreizehnten Jahrhunderts der Heiland einer frommen Nonne Namens Eva, im Traume erſchienen ſein und ihr geſagt haben: Die katholiſche Chriſtenheit feiert zwar viele herrliche Feſte; das Allerbeſte aber hat ſie ver⸗ geſſen: Das Feſt der Verwandlung der Hoſtie in mein Fleiſch und Blut. Fortan ſollt Ihr auch Dieſes feiern! Einer der Lütticher Archidiaconen hielt gleich darauf beim Papſte um die Erlaubniß an dieſes Feſt feiern zu dürfen und als jener Archidiacon Jacques Pantaleon von Troyes, eines Schuhflickers Sohn, 1261 unter dem Namen Urban W. den päpſtlichen Stuhl beſtieg, 25 licher Glocken der neunzig Kirchen Prags“), unter den feierlichen Klängen herzerhebender Kirchenmuſik, unter wechſelweiſer Abſingung der aquiniſchen Lieder und frommer Gebete, ſtieg gegen zehn Uhr Morgens ein ſtundenlanger, unabſehbarer Zug der heiligen Proeeſſion, in ein Meer von Kerzenglanz und Weih⸗ rauchdüfte gehüllt, über Blumen und Blätter, womit beſtätigte er die Erlaubniß ſeines Vorgängers. Das Feſt ward am eilften Juni 1264 zum erſten Male in Lüttich gefeiert. Von dort verbreitete es ſich, nachdem es 1311 von Papſt Clemens V. auf dem Concile zu Vienne(in der Dauphine) nochmals ſanctionirt und angeordnet worden war, über die ganze katholiſche Chriſtenheit.— Faſt gleichzeitig dichtete der berühmte Thomas von Aquino, von den Scholaſtikern doctor angelicus genannt,(derſelbe, welchen Dante in ſeiner „Göttlichen Komödie“ und Goethe im zweiten Theile ſeines Fauſt' als den größten Kirchenlehrer feiern) die beiden großartigen Sequenzen: Lauda Sion Salvatorem und Pange lingua gloriosi corporis mysterium, in welchem ſich die ganze mittelalterliche, tiefmyſtiſche Anſchauung der heiligen Abendmahlslehre abſpiegelt, ausſchließlich für das Fronleichnamsfeſt. Beide Ge⸗ dichte werden ſeitdem bei der Feier desſelben abwech⸗ ſelnd angeſtimmt. An vier eigens hierzu errichteten Altären auf freien Plätzen wird vom Haupte der Kirchengemeinde der Segen ausgetheilt.. *) Jetzt zählt es deren nur halb ſo viel(46.) 26 die Straßen gleichſam überfluthet waren, langſam und feierlich aus dem Sanect⸗Veitsdome über den Hradſchiner Platz, an der Matthiaskirche vorüber, die mit Guirlanden und Teppichen geſchmückten Häuſer⸗ reihen der Sporengaſſe hernieder, um von hier durch die halbe Kleinſeite zu ziehen. An der Spitze dieſer Proceſſion zog klingenden Spieles eine Abtheilung Kriegsvolkes voran, das ſeine im blendenden Lichte der Morgenſonne funkeln⸗ den Metallhelme mit grünen Reiſerbüſcheln geziert hatte. Ihm folgte ein wandelndes Doppelſpalier weißgekleideter, grünbekränzter Mäbchen mit bren⸗ nenden Wachskerzen und Gebetbüchern, aus welchen ſie ihre Geſänge ablaſen. In der Mitte des Zuges, unter Vortritt der niedern, hohen und höchſten Geiſt⸗ lichkeit, an deren Spitze der prager Erzbiſchof Zby⸗ nek Berka von Duba im reichen Kirchenornate, die hei⸗ lige Hoſtie in der tauſendfarbig funkelnden Monſtranz trug, gefolgt von mehrern Biſchöfen Böhmens und dem Abte des Prämonſtratenſer⸗Stiftes Strahow, erſchien unter einem goldbrokatenen mit dem kaiſer⸗ lichen Doppelabler geſchmückten, von acht ſeiner Hof⸗ capläne getragenen Baldachine der, damals drei und vierzigjährige Kaiſer Rudolph II, zu Fuße und ent⸗ blößten Hauptes, in der Rechten eine große brennende 27 Wachskerze, gefolgt von dem zahlreichen Schwarme ſeines Hofſtaats und den Feldhauptleuten ſeines Heeres. Den Schluß bildete eine zehnfache Reihe rieſiger Kaiſer⸗Garden, die Einzigen, die ſtolz zu Pferde ſaßen und in deren blankgeſchliffenen Bruſtpanzern ſich die Pfeile der Morgenſonne ſpiegelten. Während dieſer faſt endloſe Zug ſich durch die Sporengoſſe auf den großen Marktplatz der Klein⸗ ſeite langſam fortbewegte, ſtand die Gräfin Ma⸗ ria Magdalena in ſtrahlender Toilette, auf dem mit Blumenkränzen und Gobelinteppichen geſchmück⸗ ten Balcone ihrer auf eben dem kleinſeitner Markte gelegenen Wohnung, mit Ungeduld die Proceſſion erwartend, die an den Fenſtern ihres Hauſes vor⸗ überziehen und dort Halt machen mußte, weil ſich dicht vor dem Hauſe der Gräfin einer jener vier öffentlichen Altäre zur Ausſpendung des kirchlichen Segens erhob. In der ungeduldigen Erwartung des für die Gräfin peinlich langſam herannahenden Zuges ward ihr plötzlich und gänzlich unerwartet der ſie in hohem Grade überraſchende, ja faſt erſchreckende Beſuch einer ihr bis zu dieſer Stunde nur dem Rufe nach bekannten Dame angemeldet. Es war Fräulein Eva von Lobkowic Bei Nemung dieſes Namens entfärbten ſich die von durchſichtigem Carmin angehauchten Wangen der Gräfin. Ein Paar Secunden lang unentſchloſſen, ob ſie Eva abweiſen oder vorlaſſen ſollte, fragte ſie ſich in Gedanken: — Warum nicht geſtern oder morgen erſt? Warum gerade heute, warum gerade jetzt? In dieſem Augenblick iſt der Beſuch dieſer Dame mir doppelt läſtig und unangenehm. Und dennoch brenne ich ſeit Monden ſchon vor Nengier, dieſe vielgeprieſene Schönheit von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Was mag ſie von mir wollen? Und ich, was ſoll ich thun? Sie jetzt, gerade jetzt vorlaſſen oder ſie abweiſen und ihr ſagen laſſen, ein ander Mal wie⸗ derzukommen? Nein, nein, das Letztere wäre hart. Ich will meiner Nengier ein Opfer bringen, meine Ungeduld bekämpfen und ihr erlauben, mich jetzt zu ſprechen.— Laßt ſie eintreten, ſagte ſie endlich. Bald fanden ſich beide Frauen— die Gräfin im höchſten Staate, das Fräulein in tiefſter Trauer — ſchweigend gegenüber und Jede von ihnen ſchien, ſich gegenſeitig betrachtend, erſt Faſſung gewinnen zu wollen, um ſich anzureden. Eva gewann die Kraft über ſich, dieſes Schweigen, in dem ſich ein S 29 wechſelſeitiges Erſtaunen abzuſpiegeln ſchien, zuerſt zu brechen. — Ich habe das Glück, begann ſie mit zittern⸗ der Stimme, die Gräfin Maria Magdalena vor mir zu ſehen. — Warum nennt Ihr dieß Glück, was, genau betrachtet, nur eine Pflicht der Höflichkeit von meiner Seite iſt. Ich geſtehe Euch, Fräulein, offen und ehrlich, daß Euer Beſuch, wie ſchätzenswerth er auch immer für mich iſt, mir gerade in dieſer Stunde etwas ungelegen kam.. — O dann erlaubt, Gräfin, daß ich augen⸗ blicklich Euch verlaſſe... — Ich bitt' Euch, Fräulein, bleibt. Aber ver⸗ zeihet mir, wenn ich Euch erſuche, Euch— für heute!— möglichſt kurz zu faſſen, weil ich auf ſpitzen Nadeln der Ungeduld ſtehe, indem ich von Augenblick zu Augenblick dem Herannahen des Zuges entgegenharre, der— ich bin nicht wenig ſtolz darauf!— gerade unter meinem Balcone Halt machen will, um unten am Altare den Segen der Kirche zu ſpenden! — Dann will ich lieber morgen kommen! — Ich bitte Euch nochmals zu bleiben und mir 30 — ſo kurz als möglich— ſagen zu wollen, was mir die Huld Eures Beſuches verſchafft? — Warum, Gräfin, nennt ihr dieß Huld, was aufrichtig geſagt, nur ein Act des Eigennutzes von meiner Seite iſt? — Womit kann ich Euch dienen, Fräulein? fragte die Gräfin mit drängender Eile. — Ihr könnt einer Unglücklichen einen Dienſt erweiſen, der Euch ihre ewige Dankbarkeit erwerben und Euern Namen für alle Zeiten unſterblich machen kann. — O warum kommt Ihr gerade heute? fragte Magdalena mit allen Zeichen peinlicher Ungeduld. — Ich kam abſichtlich gerade an dem Tage, an welchem vor Jahrhunderten der Heiland Welterlöſer einer Nonne meines Vornamens erſchienen war, um ihr die Feier des heutigen Feſtes— des ſchönſten und glänzendſten der katholiſchen Kirche— einzuge⸗ ben. Heute erſcheint eine andere Eva vor den Stu⸗ fen Maria Magdalenens, um ſie um ihren mächtigen Schutz und Beiſtand, um ihre huld- und gnadenreiche Fürbitte anzuflehen.. — Für wen, für wen? fragte die Gräfin. — Für meinen unglücklichen, ſeit faſt acht Mona⸗ ten gefangenen und ungehört verurtheilten Vater... — Eures Vaters Schickſal iſt mir bekannt.. — O dann bitte und beſchwöre ich Euch zu Euern Füßen, Gräfin, ſprach Eva, ſich auf ihre Kniee niederlaſſend, mir zu ſagen, ob er noch am Leben iſt. — Er lebt, dieß ſchwöre ich Euch! betheuerte die Gräfin, mehr als gerührt durch den demüthigen Fußfall ihrer vermeintlichen Nebenbuhle rin. Erhebt Euch, Fräulein von Lobkowie. — O geſtattet mir, huldreiche Gräfin, ſo lange zu Euern Füßen zu verweilen, bis Ihr geruhen wer⸗ det, mir zu ſagen, wo man meinen armen Vater ſeit jenem Tage, an welchem man ihn von Elbogen hinweggeführt, gefangen hält. — Das, Fräulein, weiß ich ſelber nicht, verſi cherte Magdalena. — Ihr müßt es wiſſen, hohe Frau. — Beim Ewigen, ich weiß es nicht. Nur Einer am ganzen Hofe weiß, wohin man Euern Vater auf Befehl des Kaiſers abgeführt. Doch verſpreche ich Euch gern, mir Mühe zu geben, dieß Geheimniß zu erfahren und es Euch, ſo bald ich's weiß, anzu⸗ vertrauen. — Ihr wollt dieß wirklich thun? fragte Eva ief gerührt. — Ich verſpreche, ich gelobe es Euch, 32 — Dank, tauſendfachen Dank, rief Eva, den Saum ihres Kleides küſſend. — Nun aber ſtehet auf, wenn Ihr nicht haben wollt, daß ich mein, Euch leider nur allzu voreilig gegebenes Verſprechen nicht bereuen ſoll. Eova von Lobkowic erhob ſich raſch. — Unſfer Aller Heiland ſegne Euch dafuͤr! ſagte Eva der Gräfin Hand erfaſſend, um ſie dank⸗ erfüllt an ihren Mund zu ziehen. Die Gräfin aber erlaubte dieß nicht. Sie ent⸗ zog ihr ihre Hand mit den Worten: — Laßt dieß, wenn Ihr mich nicht beſchämen wollt. Habt Ihr ſonſt noch eine Bitte? fragte ſie mit einer Hingebung, die ihrem Mitgefühle zur höch⸗ ſten Ehre gereichte. — Ach ja, Gräfin, eine Bitte, durch deren Ge⸗ währung, die nur Euch möglich iſt, Ihr die Hälfte meines ſchweren Kummers mir großmüthig zu erleich⸗ tern vermögt... 5 — Mein Einfluß, Fräulein, vermag nicht Alles. — Aber weit mehr als jeder Andere, unterbrach ſie Eva. — Ihr tänſcht Euch, Eva von Lobkowic. Der allgemeine Ruf ſchildert mich mächtiger, als ich es wirklich bin. Vermöchte ich Alles, wie Ihr zu glauben 33 wähnt, dann wäre Vieles unterblieben, was Euch ſchwer betrübt, und Manches geſchehen, was mich— vielleicht nicht weniger als Euch— mit Recht be⸗ unruhigt. Doch verzeiht mir, Fräulein, wenn ich jetzt an's Fenſter eile, denn ſo eben naht der Zug, deſſen Ruhepunct vor meinem Hauſe ich um keinen Preis der Welt verſäumen möchte, ſagte die Gräfin, unge⸗ duldig auf den Balcon hinauseilend und Eva ſich ſelbſt und ihren Gedanken überlaſſend. Während Eva wie mit zum Gebet gefalteten Händen ihr Haupt nachdenkend zur Erde niederſchlug und ſich dem Troſte eines ſtillen Gebetes hingab, hielt jetzt, dicht unter den Fenſtern der Gräfin, an den Stufen des mit grünem Laube geſchmückten Altares, das mit den böhmiſchen Landesfarben, mit weißer und rother Seide ausgeſchlagene Thronzelt des Erz⸗ biſchofs, der den Segen ausgießt auf die in ſtilles Gebet niedergeſunkene Schaar der Gläubigen, und wenig Schritte hinter ihm der glanzgeſchmückte Bal⸗ dachin, unter welchem Kaiſer Rudolph unbedeckten Hauptes, die brennende Kerze in der Hand, ſtehen blieb und einen ſcheu⸗ verſtohlenen Blick zum Balcone hinaufwarf, auf welchem die Gräfin ſtand, die ſeinen ſtummen Gruß ſelig⸗ſtill erwiderte. Und als die Proceſſion ſich von Neuem unter 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 3 ————— 34 Sang und Klang in Bewegung ſetzte, als der Kaiſer an ihren Fenſtern vorüberzog und mehr und mehr dem ihm nachſchauenden Auge der Gräfin entſchwand, eilte ſie vom Balcone in's Zimmer zurück, in welchem Eva wie eine in ſchwarzen Marmor verwandelte Bildſäule einer heiligen Märtyrerin, in lautloſes Gebet verſunken, in die Erde feſtgewurzelt zu ſein ſchien. Die Gräfin erweckte die Statue zu neuem Leben dadurch, daß ſie ihr liebevoll die Worte zurief: — Nun ſtört Ihr mich nicht mehr. Nun ſetzt Euch zu mir, an meine Seite, und ſagt mir, was ich für Euch thun kann, thun ſoll, um— wie Ihr mir vorhin erklärt habt— die Hälfte Eures Kum⸗ mers von Euch abzuwälzen. Eva von Lobkowie aber blieb ſtehen. — Der Bittenden, ſprach ſie mit herzgewin⸗ nender Beſcheidenheit, geziemt es nicht, ſich zu ſetzen⸗ an die Seite Jener, in deren Hand, in deren Herz, ſie die zweite, doch darum nicht minder theuere Bitte als die erſte legt. Geruht alſo, mich ſtehen zu laſſen und huldreich anzuhören, was ich von Euch erflehe — Jetzt dränge ich Euch nicht mehr. jetzt höre ich Euch gerne zu... Sprecht, Fräulein, ohne Zagen, ohne Bangen. Gräfin, begann Eva gefaßt, man hat mir nicht nur meinen Vater, ſondern auch einen groß⸗ herzigen, edelmüthigen, mit uneigennütziger Liebe ſich fuͤr ihn und mich aufopfernden Freund geraubt.. — Und der Name Eures Freundes? — Alerander Colin. — Nun weiß ich Alles, was Ihr mir zu ſa⸗ gen habt. Ich weiß, daß ſein hochherziger Befrei⸗ ungsplan an dem Verrathe eines elenden Baders geſcheitert iſt, welcher Procop heißt und mit jenem italieniſchen Abenteurer, der ſich ſeit Kurzem Ritter von Brandeis nennt— noch habe ich nicht ergründen können, warum?— unter Einer Decke ſteckt. Ich weiß, daß man jenen großen Künſtler zur Beſtrafung ſeines edeln Verrathes auf Elbogen noch immer ge⸗ fangen hält — Euch, Gräfin, flehe ich aus ber tiefſten Tiefe meines Herzens an, ſeine Zukunft unter die Flügel Eures Schutzes zu nehmen, die ganze Macht, den ganzen Zauber Eures Geiſtes, Eurer Schönheit auf— zubieten, um Alerander Colin, den Gatten eines daheim zurückgebliebenen Frauenengels, den Vater eines hilfloſen Kindes, den unſterblichen Schöpfer des berühmten Kaiſermonuments zu Innsbruck der Freiheit und ſeiner edeln Kunſt, die in ihm einen 36 ihrer kühnſten Träger verlöre, großmüthig zurückzu⸗ geben. Ein Wort aus Eurem Munde kann die Riegel ſeines Kerkers viel leichter noch als jene mei⸗ nes Vaters ſprengen; ein Wort von Euch kann ſo Vieles wieder ausſöhnen, was ſich jetzt feindlich ge⸗ genüberſteht; ein Wort von Euch kann Alles, was Andere verbrochen haben, wie mit einem Zauber⸗ ſchlage wieder gut machen... Sprecht, Gräfin, wollt Ihr dieß thun? ftagte Eva, ängſtlich forſchend in Magdalenens nachdenkliches Auge blickend. Es trat eine kurze Pauſe ein; die Gräfin ſchien unentſchloſſen, wie und was ſie auf jene Frage der Bittenden erwidern ſollte. — Erbarmt Euch meiner Qual! flehte Eva. — Wohlan, entgegnete die Gräfin, aus ihrem Nachdenken erwachend, ich will Euch verſprechen, mich für die Begnadigung des Freundes Eures Vaters zu bewerben, wenn Ihr geneigt ſein wollt, mir zu verſprechen... ſagte die Gräfin ängſtlich einhaltend. — Alles, Alles, was Ihr immer wollt! ermu⸗ thigte ſie Eva, jenen halbausgeſprochenen Gedanken, der die Gräfin zu beunruhigen ſchien, ganz aus⸗ zuſprechen. — Seid nicht zu voreilig, Fräulein Eva. Das Dpfer, das ich von Euch begehre, iſt größer, als Ihr zu ahnen vermögt. — Iſt doch auch die Huld, die Ihr mir ge⸗ währt, viel größer als ich jemals zu hoffen gewagt. Was alſo ſoll ich Euch verſprechen? — Ihr ſollt nie mehr bei Hofe erſcheinen! — Und dieß nennt Ihr ein Opfer? — Ihr ſollt, ſo lange Ihr lebt, und was auch immerhin geſchehen möge, nie mehr Audienz begehren beim Kaiſer.. ohne meine Zuſtimmung! fügte ſie hinzu. — Das gelobe ich Euch mit Freuden! betheu⸗ erte Eva. 5 — Unter dieſer Bedingung— der einzigen, um die Euch zu bitten mir erlaube— verſpreche ich Euch, daß, ſo lange ich lebe, Eurem Vater kein här⸗ teres Leid zugefügt werden ſoll, als jenes, das, lei⸗ der ſchon hart genug, jetzt auf ihm laſtet. Unter dieſer Vorausſetzung verſpreche ich Euch meinen Schutz, wenn auch nicht für die Freiheit, wohl aber für das Leben Eures Vaters, ſo weit Letzteres in der Hand des Kaiſers ruht; unter dieſer Bedingung endlich ſage ich Euch meine ganze Verwendung für die Befreiung Eures Freundes zu. Eva von Lobkowie, ſeid Ihr damit zufrieden? 38 — Ihr gebt mich dem Leben, der Hoffnung, dem Glauben zurück und macht mich auf ewig zu Eurer Schuldnerin. Meinem Vater alſo..2 — Soll— ich wiederhole es Euch— kein Haar gekrümmt werden.. — Und ſein edler Freund, Alerander Colin? — In Kurzem wird er frei ſein! — Ihr ſeid ein Engel an Güte! — Ich bin nur ein ſchwaches Weib, gern aber helfe ich, ſo oft ich es vermag! — O, ſo hatte er doch Recht! rief Eva, die ſich vom Sptrome ihrer Begeiſterung fortreißen ließ. — Wer hatte Recht? fragte die Gräfin. — Der Hausarzt meines Vaters, Dr. Jeſſenius. — Und was ſagte dieſer Mann? — Gräfin Maria Magdalena iſt beſſer als ihr Ruf. — Was frage ich nach dem Rufe? Ich nur weiß, was ich will! Und unbekümmert um des Pöbels neidiſches Geſchrei, verfolge ich entſchloſſen meine Bahn und zertrümmere— ſagt dieß Eurem Arzte— nur das, was mir hemmend in den Weg zu treten wagt. Geht mit Gott, Eva von Lobkowic! Unternehmt keinen Schritt zur Befreiung Eures Freun⸗ 39 des. Ich bürge Euch dafür! rief die Gräfin, ihre Hand wie zum Schwure erhebend. — Gott lohne Euch dieſe edle Bürgſchaft! ſagte Eva, die Gräfin verlaſſend. Die Gräfin trat auf den Balcon hinaus, um der Scheidenden nachzuſehen. — Die Tochter jenes unglücklichen Vaters iſt ſchöner noch, als ich gefürchtet hatte. Wäre ich Kai⸗ ſer, ich ſelber ſchwärmte für ſie; ich ſelber ließe mich von den leidenden Zügen dieſer Dulderin hinreißen zum Gefühle reiner Anbetung!————— Und plötzlich verſtummten alle Glocken Prags. Der Kaiſer und ſein ganzer Hofſtaat war nach dem Hradſchin zurückgekehrt. Die Fronleichnamsproceſſion hatte ihr Ende erreicht. Piertes Capitel. Ein Brief aus der Fremde. Zehn lange bange Wochen waren vorüber. Während dieſer ganzen Zeit hatte Eva von Lobkowic nichts mehr von ihrem Vater, nichts mehr 40 von ihrem Freunde, nichts mehr von ihrer Beſchützerin gehört. Mit jedem Tage fühlte ſie mehr und mehr, daß auch der letzte Strahl von Hoffnung in ihrem ſchwer geprüften Herzen zu erlöſchen und ihr Glaube an die Verheißuug der Gräfin tiefer und tiefer zu ſinken begann. — Sie hat nichts für uns gethan, wehklagte die Verzweifelnde und überließ ſich von Neuem den wild auflodernden Flammen ihres unheilbaren Gra⸗ mes, ihres unauslöſchlichen Leides, ihrer in ſich ſelbſt zuſammenbrechenden Troſtloſigkeit. Stunden⸗ und Tagelang verſchloß ſie ſich in ihren Zimmern und brachte ihr trauriges Daſein in dem letzten Troſte, der jedem Kummer treu bleibt, im Ge⸗ bete zu Gott, daß er der maaßloſen Qual ihres Kummers gnädig ein Ende machen und ihre lebens⸗ müde Seele zu ſich rufen möge in's Reich des ewi⸗ gen Friedens, nach welchem ſie ſich wie ein im Flam⸗ mentode ſich verzehrender Phönix nach dem Troſte neuen Auflebens aus irdiſcher Aſche zu den Freuden des himmliſchen Lebens zu ſehnen begann. Aber inmitten ihres tiefſten Schmerzes zog aus der Nacht ihrer Seele der erſte Stern eines nen anbre⸗ chenden Morgens herauf. Eines Tages kam— unerwartet wie ſo manches 41 Glück, auf deſſen Ankunft der kurzſichtige, kleinmü⸗ thige Menſch ſchon längſt Verzicht geleiſtet hat— ein Brief aus fernem Lande an. Eva von Lobkowie erbrach das Schreiben. Es war von ihrem Freunde Colin. Beim Anblick dieſes Namens ſtieß ſie einen Schrei der Freude aus und ſank halb ohnmächtig in die Kiſſen ihres Lehnſtuhles zurück. Bald aber raffte ſie ſich wie aus einem Fiebertraume empor, warf noch einmal einen Blick auf die Unterſchrift und rief hochentzückt: — Gott ſei gelobt! Ich hatte nicht geträumt! Dann verſchloß ſie, um von Keinem geſtört zu werden, den Eingang zur Bibliothek und beeilte ſich, den Inhalt der Zeilen zu leſen. „Mecheln am 18. September 1595. „Mein edles Fräulein! „Der Ort, aus welchem Ihr— will's Gott!— dieſe Zeilen erhaltet, wird Euch vor Allem Kunde geben, daß ich— Dank dem Himmel— auf freiem Fuße bin.“ — Gottlob, er iſt gerettet! rief Eva, den Brief an ihre Lippen preſſend. Fragt Ihr Euer theilnahmvolles Herz, wem 42 ich meine Freiheit zu verdanken habe, ſo wird es Euch eine Antwort geben, die Euch nicht täuſcht.— — Himmel, hätte ich ihr Unrecht gethan? fragte ſich Eva und las weiter: „Als jener elende Girolamo Scotto,— es war am 15. Auguſt— nach Elbogen gekommen war, um im Namen des Kaiſers die Riegel meines Ker⸗ kers zu öffnen, ſagte er zu mir: Eure unverdiente Begnadigung verdankt Ihr nicht Enrer Kunſt, die der Kaiſer hoch verehrt, nicht der fußfälligen Bitte Eures Landsmanns Jobſt, dem er großmüthig verziehen hat, nicht der Verwendung Eurer Freunde und Kunſtge⸗ noſſen, ſondern einzig und allein— merkt es Euch wohl!— dem huldreichen Schutze einer hohen Frau, die, von den Thränen einer Andern beſtürmt und ge⸗ rührt, für Euch geſprochen hat Die Flehende war Eva von Lobkowic. Jene, die deren Geſuch an die Stufen des Tbrones hochherzig befürwortet, iſt die Gräfin Maria Magbalena. — Ich danke ihrl jauchzte Eva's Herz. „Ihr ſeid nun— Dank jener Dame!— wie⸗ der frei, fuhr Scotto fort; doch bin ich vom Kaiſer beauftragt, Euch gleichzeitig mit dem Gnadenacte Eurer Befreiung den ſchriftlichen Befehl Eurer ewigen 43 Verbannung aus Prag und Böhmen und dem gan⸗ zen deutſchen Reiche einzuhändigen... — Armer, beklagenswerther Freund! ſtöhnte Eva's Seele. Ich las das harte Verbannungsdeeret. Es war von Johannes Barvitius, dem geheimen Staatsſecre⸗ tär des Kaiſers, unterzeichnet“. — Auch dieſer Manu iſt kein Böhme*) rief halb ſtolz und halb empört die patriotiſche Tochter Georg Popels von Lobkowic. Ich bin beauftragt, fuhr der herzloſe Scherge ſeines Auftragsgebers fort, Euch ungeſäumt von hier unter ſicherer Bedeckung bis an die Grenze des deut⸗ ſchen Reiches fortzuſchicken„ — Wie einen Dieb, wie einen Miſſethäter, ergänzte Eva, aus edlem rn etthend. Ihn, den Künſtler, der die Aſche des ers durch ein unvergängliches Denkmal verzibigt hat! „Kaiſer Rudolph hat in ſeiner angeſtammten Huld und Milde mich fernerweit beauftragt, Euch hundert Ducaten Reiſegeld auszuzahlen, ſagte der ²) Johann Barvitius war Italiener von Geburt und hieß urſprünglich Giovanni Barbice. 44 Ritter von Brandeis. Ich aber wies jenes Almoſen zurück — Ich liebe dieſen Stolz der Künſtler! rief Eva hochbegeiſtert. „Und erbat mir dafür die Huld, vor meinem Scheiden aus Böhmen noch einen Act der Dankbar⸗ keit erfüllen und der Gräfin und Euch für meine Befreiung aus dem Kerker perſönlich danken zu dür⸗ fen. Man hat mir dieſe Huld verweigert!“ — Und ihm und mir dadurch den Schmerz eines Lebewohls auf Ewig erſpart! ſchluchzte Eva in Thränen ausbrechend. „Seit vorgeſtern bin ich in Mecheln, in meiner Vaterſtadt, in meiner Heimath, bei meinem einzigen Kinde, bei miſtem treuen Weibe.⸗ — Wiknne ihr dieß Glück! ſagte ſie, beruhigt ihren Thrä freien Lauf gönnend. Zu den Füßen meines edeln Weibes geſtand ich ihr meine Liebe zu Euch.“ — Weh mir, was that der Unglückliche! Si wird ihn und mich verwünſchen. „Mit Thränen blutigen Schmerzes vernahm ſie die wahre, ungeſchminkte Schilderung meines See⸗ lenkampfes zwiſchen Pflicht und Liebe.“ 45 Himmel, welche ſchreckenvolle Prüfung! rief Eva. „Und liebſt Du ſie noch immer? fragte mein großes heldenmüthiges Weib in Thränen zerflie⸗ ßend. — Wie wird ſeine Antwort lauten? fragte ſich Eva angſterfüllt. Nein! ſagte ich, mein Weib umarmend, ich liebe ſie nicht mehr!“ — Gott ſei geprieſen! Er iſt geheilt, geheilt von einer Leidenſchaft, ſtark und unbändig genug, um ihn und ſein Weib und ſein Kind und auch mich in den Abgrund ewiger Reue, in den Bann ewigen Fluchs, in den Pfuhl der Sünde hinabzureißen! „Und warum liebſt Du ſie nicht mehr? fragte mein herviſches Weib.“ — Wo giebt es eine Zweite, die den Muth beſäße, dieß zu fragen? rief Eva, die Seelenſtärke dieſes Characters laut bewundernd. Weil Eva ſelbſt groß und edel genug war, geſtand ich meinem Weibe, mich von meiner Leiden⸗ ſchaft zu heilen.“ — Ja, bei Gott, das that ich! rief Eva, hoch beglückt im Bewußtſein dieſer edlen That. 46 „Und wodurch heilte ſie Dein Herz? fragte mein Weib, mir treu in's Auge blickend. „Dadurch, geſtand ich ihr, daß ſie voll Huld und frommer Güte meine Leidenſchaft auf die Bahn der heiligen Gatten⸗ und Vaterpflicht zurückgelenkt und meinen Verſtand gelehrt hat, mich mit dem weit köſt⸗ lichern Juwele reiner, von keinem Hauche der Sinn⸗ lichkeit getruͤbter Freundſchaft zu begnügen.— Da brach mein Weib, mein edles Weib, in wonnigſüße Freudenthränen aus und legte ihre Hände auf mein Haupt und ihre reinen Lippen auf meine Stirn und ſegnete mich und ſegnete Euch!“ — Welch ein Weib! Welch ein Charakter! Wie klein und nichtig ſind alle Heldinnen Plutarchs gegen den guten Stern Alexander Colins! „Seit dieſem Geſtändniſſe, das wie ſiedendes Oel auf meinem Herzen gebrannt, fühle ich mich wie neu geboren, neu geſtärkt und ruhig. Ich lebe, wie früher, wieder meinem Weibe, meinem Kinde, meiner Kunſt, die mich über manches Ungemach meines Lebens, über manche Stunde der Entmuchigung, die ſelbſt das Herz des größten Künſtlers nicht ſelten überſchleicht, beruhigt und erhebt!“ — Welch' ein Mann! Welch' ein Herz! rief Eva, ſtolz auf die Freundſchaft eines ſolchen Charakters. 47 „Der Gedanke an Euch iſt nicht mehr, wie früher, ein Quell ununterbrochener Qual und Auf⸗ regung, ſondern ein unerſchöpflicher Bronnen heitern Troſtes für mich. Die Erinnerung an Euch ſpinnt ſich wie ein lichter Faden durch das dunkle Gewebe mancher bangen Künſtlerſorge. Ich liebe jetzt wieder mein liebes, ſchmuckes, treues Weib, ich ſpiele wieder mit meinem Kinde und ſchwärme wieder für meine Kunſt. Wem anders aber verdanke ich dieß Alles als Euch und Eurer Freundſchaft zu mir und den Meinigen?— Mein Weib grüßt Euch viel tauſend Mal. Sie ſegnet Euch, wie ich Euch ſegne. Und nun, edles Fräulein, lebet wohl!“ — Lebt wohl! Lebt wohl, Alerander Colin! „Dieß iſt der erſte und zugleich der letzte Brief, den ich an Euch zu ſchreiben mich erkühne. Tiefe Wunden, kaum vernarbt, ſoll man, wenn ſie heilen ſollen, nicht von Neuem auseinanderreißen! Und nur darum rechne ich auf keine Antwort von Euch. Ich werd' Euch nie mehr ſchreiben und doch immer an Euch denken mit jener von den Schlacken des Irdiſchen geläuterten Flamme ewiger Freundſchaft, ewiger Dankbarkeit. Noch einmal, lebt wohl, lebt wohl! Auf Wieder⸗ ſehen in einem ſchönern Stern! Alexander Colin.“ 48 Und als Eva's Blick wieder auf ſeinen Namen fiel, ſchlug ihr Herz beruhigter als je. Wehmüthige Freude durchrieſelte ihre großmüthige Seele. Freudige Wehmuth durchglühte ihren ſtarken Geiſt. Und noch einmal betrachtete ſie die Unterſchrift ihres großen unſterb⸗ lichen Freundes, und während ihre Gedanken einen Scheidegruß hinüberwarfen nach Mecheln zu ihm und ſeinem Weibe und ſeinem Kinde, glitten, ohne daß ſie es zu ahnen ſchien, zwei große, glühend⸗ heiße Thränen auf ſeinen Namenszug herab. Dann küßte ſie noch einmal den Brief und legte ihn zu der grauen Silberlocke ihrer frommen, heißgeliebten, unvergeßlichen Mutter.———— Am Abende desſelben Tages ſah man, einge⸗ hüllt in die myſtiſchen Schleier der Dämmerung, eine in andächtiges Gebet verſunkene Geſtalt vor dem ſchwarzen Muttergottes⸗Bilde der Sanct⸗Mat⸗ thias kirche auf dem Hradſchin knieen. Sie betete nicht allein für ſich: ſie betete für einen Vater, den ſie verloren, und für einen Freund, den ſie ge⸗ wonnen hatte: ſie flehte den Segen des Himmels herab auf zwei Frauen, die ſie ſeit jenem Tage lieben mußte: ſie betete für das Weib Colins und für die Gräfin Maria Magdalena, die ihr Verſprechen und die Bande ſeiner Gefangenſchaft gelöſt hatte. 49 Dann kehrte ſie beruhigt nach Hauſe: ſie hatte die Pflichten der frommen Tochter, die Pflichten der dankbaren Freundin erfüllt. Fünftes Capitel. Gräfin Clelia Buoncompagni und ihr Gemahl⸗ Die ehemalige Mündel des Baders Procop, die frühere Geliebte des Griechen Mamugna, des ſo⸗ genannten Grafen Marco Bragadino, die nunmeh⸗ rige Pſendv⸗Gemahlin des großartigen Schwindlers und Taſchenſpielers Girolamo Scotto, Ritters von Brandeis, der ſeine Gattin“ dem Kaiſer Rudolph (welchem er durch den Großherzog Francesco de Medicis empfohlen war,) als jüngſte Nichte des am 2. December 1572 zu Rom verſtorbenen Cardinals Hippolyt von Cibo und als Univerſalerbin der un⸗ ermeßlichen Reichthümer ihres in Gott ruhenden Oheims vorgeſtellt hatte, dieſe ſogenannte Gräfin Clelia Buoncompagni war eine Dirne, die ſeit fünf Jahren alle Claſſen der Liebe, alle Myſterien der Schamloſigkeit, mit Einem Wort die ganze Schule der Proſtitution durchgemacht und ſich einen hohen Grad von Leichtſinn, Liederlichkeit, Gewandtheit, Ver⸗ ſchmitztheit und Unverſchämtheit angeeignet hatte, der 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 4 50 ihr in ihrer neuen Stellung vortheilhaft zu Stat⸗ ten kam. Durch ihren mehrjährigen Umgang mit Braga⸗ dino, der ihr beſtändig die Ehe verſprochen, doch, als er ihrer Reize überdrüßig war, ſie in Nürnberg in den Armen eines franzöſiſchen Abenteurers zurückge⸗ laſſen, welcher ſie wieder von Nürnberg nach Augs⸗ burg geführt und ſie dort an einen jungen Spanier abgetreten, hatte ſie ſich große Gelaͤufigkeit in der italieniſchen, franzöſiſchen und ſpaniſchen Sprache er⸗ worben und galt ſchon aus dieſem Grunde für eine Dame, über deren hohe Geburt, edle Abſtammung und glänzende Erziehung ſämmtliche Hofleute, um ſich dem Kaiſer, welcher an dem kecken Weſen der „edeln Römerin“ Wohlgefallen fand, gefällig zu be⸗ zeigen, vollkommen einig waren. Außer Procop wußte Niemand Ga nicht einmal ihr Pſeudv⸗Gemahl), daß Libuſſa, dieß leichtſinnige Geſchöpf, das ſich unter zehn verſchiedenen Vor⸗ und Zunamen in faſt eben ſo vielen Städten Deutſchlands und zuletzt in Dresden(wo Scotto, wie bereits er⸗ wähnt, ſie kennen gelernt) einen höchſt abentenerli⸗ chen Ruf erworben, die Mündel des Baders aus der Sporengaſſe war; denn bis dahin hatte Letzterer das Schweigen, welches er ihr gelobt, nicht gebrochen. 51 Die Einzige, welche die kecke Abenteurerin zuerſt zu durchſchauen begann, war Gräfin Maria Mag⸗ dalena. Beide haßten ſich aus angebornem Inſtincte. Für Gräfin Clelia war Gräfin Magdalena wei⸗ ter nichts als eine liſtige Kokette, die ausging, irgend einen hohen Herrn durch hartnäckige Nichterfüllung ſei⸗ ner heißen Liebeswünſche zu bewegen, von ſeinem Throne herabzuſteigen oder ſie zu ſich zu erheben, das heißt mit Einem Worte, ſie zu heirathen und mit ihrem unerſättlichen Ehrgeize Krone und Reich zu thei⸗ len. In Magdalenens Augen war dagegen dieſe S0i disant comtesse“, wie Gräfin Maria ſie ſtets zu nennen ſich erlanbte, eine ſchamloſe Buhlerin, die ſich damit begnügte, der Sinnlichkeit Rudolphs ein ſchnell vorübergehendes Gefallen einzuflößen, ihm— wie Gräfin Maria ſich auszudrücken pflegte— ple⸗ bejiſchen Spaß“, ſich ſelber aber viel Geld zu ma⸗ chen und, ſobald ſie dieſen einzigen Zweck erreicht habe, ſo ſchnell wieder zu verſchwinden, als ſie auf⸗ getaucht ſei! Für Clelia war Gräfin Maria ein Gegenſtand des Neides, wie umgekehrt für Gräfin Maria dieſe Clelia die fortwährende Zielſcheibe ihres Geiſtes, ibres Witzes, ihres Spottes blieb. 4* 52 Ein ungünſtiger Zufall hatte es gefügt, daß die Gemahlin des neu creirten Ritters von Brandeis auf einem— allem Anſchein nach nur ihr zu Ehren veranſtalteten— Hoffeſt im Wladislawſchen Saale⸗ ſich verſchnappt und mit Peter Wok von Roſenberg, der ihr gleichfalls den Hof zu machen ſchien, ein Paar Worte Böhmiſch geſprochen; die Gräfin Maria, die zufällig in ihrer Nähe ſtand, hatte dieß gehört und dieſen Anlaß benützt, ihr wieder eine jener zweideutigen Artigkeiten zu ſagen, in welchen Gräfin WMagdalena ihre Stärke und Ueberlegenheit zu ſuchen gewohnt war. — Gräfin Clelia, ſagte ſie zu ihr, je länger man Sie kennt, deſto mehr muß man ſie bewundern. — Warum? fragte Scotto's Maitreſſe. — Sie ſind die erſte Römeerin, die ſo geläu⸗ ſig Böhmiſch ſpricht... — Ich habe es erſt an dieſem Hofe gelernt, ſagte Clelia. — Und doch ſprechen Sie es ſo mit bewunde⸗ rungswürdiger Reinheit, als hätten Sie in Ihrer Ingend nie etwas Anderes als Böhmiſch geſprochen. Sie find eine wahre leibhafte Polyglotte. Libuſſa, für deren Begriffsvermögen manche Worte ſo zu ſagen„ſpaniſche Dörfer“ zu ſein ſchtenen, 53 hielt jenes Wort, das ſie nicht verſtanden hatte, für eine Beleidigung und erwiderte, um ſich dafuͤr zu rächen: — Und Sie, Gräfin, ſind eine Spinne! Magdalena brach in ſpöttiſches Gelächter aus. — O glauben ſie dieß nicht, Gräfin, ſagte ſie zur Mündel des Baders. Wäre ich in der That das, was Sie in ihrer herablaſſenden Huld mich zu nennen geruhen, ich hätte gewiſſe unverſchämte Flie⸗ gen, die ſich hier— Gott weiß durch welche Liſt,— eingeniſtet haben, ſchon lange weggeſchnappt.— Aber ſagen ſie mir, verehrte Frau, fuhr die Gräfin mit blutritzender Ironie fort, kannten ſie Ihren ſeligen Onkel, den in Gott ruhendene Cardinal von Cibo? — Ja, warum ſoll ich ihn nicht gekannt haben? fragte Libuſſa mit allen Symptomen bitterer Ge⸗ reiztheit. Eh bien, ſchöne Gräfin, dann können Sie uns erwünſchte Auskunft geben über eine Streitfrage, die ſich erſt geſtern zwiſchen mir und einem Ihrer größten Verehrer— Sie werden errathen, wen ich meine— angeſponnen und Ihre aufrichtige Bewundererin zu einer kleinen, ganz allerliebſten, luſtigen Wette verleitet hat. Was wünſchen Sie zu wiſſen? fragte Libuſſa ziemlich kalt und ſtolz. 54 — Ich wage, Sie inſtändigſt zu bitten, mir eine kleine, unſchuldige Frage mit gewohnter Huld beantworten zu wollen. Hatte Ihr in Gott ruhen⸗ dere Onkel⸗Cardinal oder Cardinal⸗Onkel, der Ihnen, Niemand weiß wie viele Millionen Scudi oder Zecchinen huldreichſt zu hinterlaſſen geruhte, hatte Seine ſtein⸗ und glorreiche Eminenz blaue oder ſchwarze Augen? — Schwarze! erwiderte Clelia kurz und barſch. — Sonderbar! Höchſt ſonderbar! ſagte Gräfin Maria, mit der Spitze ihres gemalten Elfenbeinfä⸗ chers das durch ein pikantes Grübchen geſpaltene Kinn ihrer verhaßten Nebenbuhlerin berührend. — Was finden Sie daran ſo ſonderbar? fragte Libusa, die ihren Aerger nur ſchwer beherrſchen konnte. — Ich ſage ſonderbar, fuhr die Gräfin fort, weil auf einem reizenden Miniaturbild, in deſſen Beſitz mich ein äußerſt glücklicher Zufall geſetzt, Ihr erlauchter Oheim— Gott ſchenke ihm eine ungeſtörte Ruhe!— gerade umgekehrt, mit einem blauen Auge davon gekommen iſt. — Mein Onkel, erwiderte Libusa, um ſich aus dieſer ſchlau gelegten Falle herauszuziehen, hatte — mit Ihrer gütigen Erlaubniß— ſetzte ſie mehr 55 plump als ſpitz hinzu— ein ſchwarzes und ein blaues Auge.. — Ganz wie jener Anaſtaſins, der aus dieſem Grunde Dicorus hieß. — Den kannte ich nicht! ſagte unwirſch die Cardinalsnichte. — Sonderbar, höchſt ſonderbar! erwiderte die Gräfin, das Opfer, das ihren Fragen zu entſchlüpfen verſuchte, an einer Spitze ihres Fingers zurückhaltend. — und warum finden Sie auch dieſes ſon⸗ derbar? fragte Libusa wie auf glühenden Kohlen ſtehend. — Weil ich mit Recht annehmen darf, Sie müßten jenen Dicorus eben ſo genau als Ihren unſterblichen Oheim ſelber kennen, da jener Blau⸗ und Schwarzäugige einer ſeiner Capläne war — Ich kannte nur den Andern! ſagte Clelia, ſich ungeduldig in die Lippen beißend. — Und ſfinden Sie ihn gut getroffen? fragte die Gräfin, aus ihrem Buſen eine goldene Kapſel hervorziehend, in welcher ſich ein Miniaturbild be⸗ fand, das ſie der Nichte Seiner Eminenz ziemlich nah vor Angen hielt. Libusa befand ſich in peinlicher Lage. Sie wußte nicht, vb Magdalenens Frage ſich auf den 56 Cardinal oder auf deſſen Caplan beziehen ſollte. Sie betrachtete das ihr ganz unbekannte Geſicht mit den ſchneeweißen Haaren und dem krebsrothen Hute, zu deſſen beiden Seiten lange Quaſten her⸗ abhingen, und wußte ſich bei all' ihrer Unverſchämt⸗ heit keinen Rath, ob und wie ſie fragen, ob und was ſie darauf antworten ſollte. — Nun Liebſte, finden Sie es ähnlich? fragte die Gräfin, ihr mit dem Fächer leiſe auf den vollen Arm klopfend. — Aehnlich mit wem? fragte Libuſſa verblüfft. — Das eben, Beſte, frage ich Sie, erwiderte die boshafte Gräfin, die ſich an der peinlichen Ver⸗ legenheit ihrer Feindin koſtbar zu weiden ſchien. Für wen halten Sie dieſen Mann? fragte die Peinigerin. — Leider ſehe ich nicht gut, entgegnete die Gefolterte zu ihrer Entſchuldigung. — O dann bedauere ich Sie herzlich! Eine millionerbende Nichte muß in der That mehr als kurzſichtig, mit heilloſer Blindheit geſchlagen ſein, wenn ſie in dieſem eußerſt getroffenen Bilde nicht gleich auf den erſten Blick die Züge ihres angebe⸗ teten Oheims erkennt. — In der That, ſagte Libuſſa, das Innere 57 der Kapſel näher betrachtend, es iſt ihm allerdings nicht ganz unähnlich.. — Wem? fragte die Folternde von Neuem. — Nun wem anders als meinem Oheim? fragte die Arme, die ſich trotz aller Schlauheit im Netze der Schlauern fing. Die Gräfin brach in neues Lachen aus. — Sie irren, meine liebſte, beſte Gräfin! Dieſer Mann da hat das unausſprechliche Glück, nicht Ihr Onkel, ſondern— mit Ihrer huldreichen Erlaubniß!— der Meinige zu ſein. — Auch der Ihrige alſo iſt Cardinal? — Noch nicht ganz, meine reizende Ignorantin! Doch kann er es noch werden, ganz wie der Ihrige⸗ Nun aber Gräfin Clelia Buoncompagni, will ich Sie nicht länger ſtören und Ihnen zum Abſchiede nur noch ein winzig⸗kleines Geheimniß anvertrauen: Ihr erlauchter Oheim, ſagte ſie, ihren ſpöttiſchen Mund an das aus Angſt purpurroth gewordene Ohr Libuſſa's legend, war eben ſo wenig Cardinal, als der Mei⸗ nige Erzbiſchof.— Adieu, ſchöne Gräfin, auf bal⸗ diges Wiederſehen! ſchloß Maria Magdalena, miſchte ſich lachend in die Gruppen der Tanzenden und ließ ihre Nebenbuhlerin beſchämt und vernichtet zurück. Seit jenem Feſte, das ſchon längſt vorüber 58 war, hatte Libusa der Gräfin Maria einen ewigen unverſöhnlichen Haß gelobt und ſich geſchworen, Alles aufzubieten, um die ihr in Allem weit über⸗ legenere Feindin in der Gunſt des Kaiſers zu ſtür⸗ zen um jeden Preis und die weitere Ent⸗ wickelung unſeres Romanes wird uns zeigen, ob und wie ſie ihr Gelübde zu erfüllen entſchloſſen war. Eine Beſchreibung ihrer Perſönlichkeit wird hier an rechter Stelle ſein. Der hervorſtechendſte Zug ihrer großen und trotz aller Fülle noch immer ſchlanken bieg⸗ und ſchmieg⸗ ſamen Geſtait war jener ungewöhnlich hohe Grad von Ueppigkeit, der ganz und gar geeignet ſchien, ſelbſt den letzten Funken abſterbender Sinnlichkeit zu neuer Flamme anzufachen. Sie war, Alles in Allem, ganz jene Art gemeiner Schönheit, die der Franzoſe ſich unter dem Bilde einer ſogenannten Beaute du dia- ble vorzuſtellen gewohnt iſt. Libuba hatte große kohlſchwarze, flammenſprühende Satanella⸗Augen, mit welchen ſie Jeden, dem ſie ſich bis dahin aus ſinnlicher Neigung oder bloß aus Eigennutz hingege⸗ ben hatte, gleichſam zu verſchlingen und ganz und gar in ihr eigenes Ich aufzunehmen drohte. Iht von feinen, nur in nächſter Nähe bemerkbar werden⸗ den Pockennarben angegriffenes Geſicht hatte manchen 59 angenehmen, ja ſogarintereſſanten Zug und eine Haut⸗ farbe, die, ob ſie gleich mehr bräunlich als weiß zu nennen war, doch viel Friſche, Lebendigkeit und Ge⸗ ſundheit verrieth. Die Oberlippe ihres roſigfriſchen Mundes zeigte die leiſen Spuren eines in's Schwärz⸗ liche ſpielenden Flaums, das Phyſiognomieen ihrer Art ſo gut zu kleiden pflegt und dieſen in den Augen gewiſſer Männer eine Art erhöhten Reizes verleiht. Ihr Mund zeigte zwei Reihen großer, kerngeſun⸗ der, perlweißer Zähne, die ſtark und feſt genug ſchienen, um damit Stein und Eiſen zu zermalmen. Ihr rabenſchwarzes Haar, barock und abenteuerlich geflochten, verlieh ihrer zigennerartigen Geſichtsbil⸗ dung einen gewiſſen Ausdruck von Originalität und Keckheit, der bei aller Herausforderung, die ſich darin bemerkbar machte, doch viel Einſchmeichelndes beſaß. — Das Kleinſte an ihr war das Ohr; das Größte und das, was ihre hübſche Geſtalt am meiſten ent⸗ ſtellte, war ihre etwas plumpe Hand und ihr etwas ſtarket Fuß, welche hinzureichen ſchienen, ſie, trotzdem ſie Beide klug zu verbergen verſtand, dem nur zu wohl begründeten Verdachte preiszugeben, daß ſie von niederer Herkunft war; denn nichts verräth ſo ſehr die hohe oder niedere Abſtammung, als Hand und Fuß. 60 Rudolph, der mehr und mehr zur Melancholie ſich hinzuneigen begann, hatte in kurzer Zeit ſo viel Geſchmack an ihrer guten Laune und ungebundenen Heiterkeit gefunden, daß der Umgang mit ihr ſeiner Hypochondrie nach und nach zu einem ihn zerſtreu⸗ enden Bedürfniß geworden war. Ihr Quaſi⸗Gemahl hatte dieß vorausgeſehen und auf dieſe Ausſicht den ganzen Plan ſeiner abenteuerlichen Zukunft, das Belvedere ſeiner kühn⸗ ſten Hoffnungen, das Buen⸗Retiro ſeiner ſchlauſten Berechnungen gebaut. — Beißt er an(— ſo war ſein Plan—) dann iſt ſie ihm unentbehrlich. Und iſt ſie's, dann bin auch ich's! ſagte Scotto und triumphirte, als er ſich in ſeiner Schlußfolgerung nicht getäuſcht fand. Girolamo war verſchmitzt wie jeder Italiener. Er kannte die Menſchen und wußte beſſer als man⸗ cher Andere, daß, je größer der Mann ſelbſt, deſto größer auch die Zahl ſeiner kleinen Schwächen ſei, und auf dieſen Schwächen eben fußte ſeine eigene Stärke. Im Uebrigen war Scotto ganz jener vollendete Tangenichts, wie Meiſter Rabelais— man ſagt ſich 61 ſelbſt— in der Perſon ſeines unvergleichlichen Pan⸗ urge abgebildet hat, ein Abenteurer, der, ganz wie jener Franzoſe leichtſinnig, kühn und verwegen, nur um das Heute beſorgt, ſich wenig oder gar keinen Gram um das ungewiſſe Morgen zu machen ſchien. Er war ganz das Spiegelbild jenes Panurge, der, wie Rabelais erzählt, dreiundſechszig Arten kennt, Gold aufzutreiben und zweihundert achtundvierzig Ar⸗ ten, es con amore“, wie er als Italiener zu ſagen pflegte, wieder todtzuſchlagen. So war Clelia, ſo war Girolamo! Ein Pear, das ſeiner vollkommen würdig geſchaffen zu ſein ſchien. Sechsſtes Capitel. Die Andienzen im Marſtall. Seit jenem Hoffeſte waren Monate vergangen. Während dieſer Zeit hatte der reizende, abwechslungs⸗ volle Herbſt von Tag zu Tag dem mit Sturmſchrit⸗ ten näher rückenden einförmig melancholiſchen Winter mehr und mehr das Feld geräumt. An die Stelle des ſeptembergelben und vctoberrothen Laubes war ein dichter Novembernebel getreten, der den Hradſchin 62 und die zu ſeinen Füßen liegende Stadt in faſt undurchdringliche Schleier zu hüllen begann. Die unheimliche Näſſe verwandelte ſich nach und nach in höchſt empfindliche Kälte. Rudolph, der ſehr häufig ſelbſt an heißen Som⸗ mertagen ein fröſtelndes Gefühl empfand, weil er, wie faſt jeder Hypochonder beſtändig an kalten Füßen litt, hatte ſich aus dem Garten und dem großen Saale des Belvedere mehr und mehr in die innern Gemächer der Burg und von hier in die laue Atmo⸗ ſphäre ſeiner prachtvollen Pferdeſtälle zurückgezogen. Es iſt eine geſchichtlich erwieſene Thatſache, daß der Kaiſer, namentlich während der rauhen Jah⸗ reszeit, mit großer Vorliebe oft ſtundenlang in ſei⸗ nem Marſtalle zu verweilte und nicht ſelten ſeine ſtolzen Prachtroſſe mit eigenen Händen bürſtete, ſtrie⸗ gelte, pflegte und fütterte. Hier pflegte er auch ſeinen Vertrauten und Günſt⸗ lingen am häufigſten Privat⸗Audienzen zu ertheilen, und jeder ſeiner Lieblinge ſchätzte ſich glücklich, zu denſelben Zutritt zu erhalten, weil es unter den Dienern ſeines Hofes wie unter den Pferdewärtern 63 ſeines Marſtalls frühzeitig genug ruchbar gewor⸗ den war, daß Seine Majeſtät nirgends ſo huldreich und herablaſſend, nirgends ſo heiter und gemüthlich, nirgends ſo herzlich und ungenirt als in Geſell⸗ ſchaft ſeiner Pferde ſei. Am Vormittage eines unfreundlichen December⸗ tages befand ſich Rudolph in ſeinem großartigen Marſtalle in ſo einfacher, ſchlichter, unſcheinbarer Tracht, daß ein Fremder, uneingeweiht in die Ge⸗ wohnheiten des Kaiſers, ſehr leicht hätte in die Ge⸗ fahr gerathen können, ihn weit eher für einen Hof⸗ diener als für den gekrönten Sohn Maxmilians I. zu halten. Mit ſichtbarer Vorliebe verweilte er bei jenen von uns früher ſchon flüchtig angedeuteten drei Schimmelſtuten, die, ein koſtbares Geſchenk das Schach von Perſien, makellos weiß wie friſch gefallener Schnee, der haut parage des kaiſerlichen Marſtalls, die bevorzugten Lieblinge Seiner Majeſtät zu ſein ſchienen. Der Leſer kennt bereits ihre Namen. Die perſiſchen Stuten hatten, ähnlich der ara⸗ biſchen Race, einen geraden Kopf, ſchlanken Hals, ſchmale Bruſt, ſpitze Eroupe, edel getragenen Schweif, längliche Hüften und kleine, äußerſt zarte Füße. Nur Eine darunter, auf den Namen Eva hörend, hatte 64 ein ſogenanntes Pfirſichblüthenhaar; ſie war weiß mit röthlichem Schimmer.— Magdalena ſchien dem Aeußern nach eher ein edles Araberroß, ein Voll⸗ blut aus der hochariſtokratiſchen Race Koheyl, das bekanntlich zehnmal mehr koſtet als das Pferd irgend eines andern Stammbaums. Es war wie das Roß aus der Nedſchder Familie, von außerordentlicher Schlauheit und hatte einen verſtändigen, durchdrin⸗ genden Blick, wie man ihn bei keinem andern Pferde findet, viel ſtolzer und ehrgeiziger als Eva.— Die ſtille Clelia hatte größere und viel ſchwärzere Augen und ſtärker hervortretende Ganachen(Kniebackenbie⸗ gungen) als die beiden Andern; im Uebrigen war ſie, um in der Terminologie der Pferdekenner fort⸗ zufahren, leicht, von gutem Athem, zu Strapazen geeignet und ward auch als Zuchtpferd gebraucht⸗ Nachdem der Kaiſer Clelia ſauft geſtriegelt und Magdalenen zärtlich die langen Mähnen gekämmt, näherte er ſich der dritten Stute und ſprach liebevoll ihren langen Hals ſtreichelnd: — Wie geht's uns, meine ſchöne Eva? haben wir heute Nachts beſſer als in der vorigen geruht? fragte er, ſeine beiden Hände um ihren Hals ſchlin⸗ gend, ſich an ihre Hüfte anſchmiegend, die Spitze nes rechten Fußes über den linken ſtellend und ihr 65 einen Augenblick lang beſorgt in's Ange ſchauend. Du biſt noch immer nicht ganz wohl, meine arme Eva! Werde uns nicht wieder krank, ſonſt gräme ich mich um Dich! fuhr er fort und reichte ihr ein Stück Zucker, das er aus ſeiner Gürteltaſche hervor⸗ geholt hatte. Eva aber wandte den Kopf ab und wollte durchaus nicht anbeißen. — Du biſt eigenſinnig, Eva, ſagte er und wandte ſich unwillig von ihr zu der Nachbarin. Da iſt Clelia doch viel folgſamer! Die macht mir nicht den kleinſten Kummer! Die thut Alles, was ich will, fuhr er fort und zeigte ihr den Zucker, den Eva aus ſeiner Hand verſchmäht hatte. Bald wirſt Du Mut⸗ ter ſein und dann wollen wir zur Feier Deines Erſt⸗ geborenen hier im Marſtalle ein heiteres Feſt feiern, ſprach der kaiſerliche Pferdefreund, der ihm aus der Hand freſſenden Stute mit der Rechten einen herz⸗ lichen, aber ziemlich unſanften Schlag auf die Croupe oder das Kreuz verſetzend. Clelia ließ ſich dieſe ſtarke Liebkoſung ruhig gefallen. Der Kaiſer wandte ſich nun zu ſeiner Magda⸗ lenaund ſchob auch ihr ein Stück Zucker in den Mund mit den Worten: — Auch Du machſt mir keinen Kummer. Du 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 5 66 haſt zwar viele ſtolze Lannen und Mucken; doch er⸗ trage ich ſie gern, weil ich weiß, daß Du mich liebſt, mehr liebſt, als die kalte, trotzige Eva, die meinen Zucker, meine Liebe verſchmäht, mehr als Clelia, die zu feurig iſt und mich aufzufteſſen droht.— Ich liebe Euch alle Drei, aber jede von Euch auf an⸗ dere Weiſe. In demſelben Augenblick ward Rudolph in ſei⸗ nem zärtlichen Monologe durch den Eintritt Johanns von Aachen unterbrochen, welcher Liebling und Ver⸗ trauter Seiner Majeſtät, bei den ſo huldreichen Au⸗ dienzen im Marſtall die Stelle des Oberceremonien⸗ meiſters vertretend, die Andienzſuchenden anzumelden beauftragt war. — Maijeſtät, begann der Maler, der Oberſt⸗ tämmerer und Geheimrath, Freiherr Wolf von Rumpf, wagt um die hohe Gunſt zu vitten, ihn auf ein Paar Augenblicke allerhuldreichſt vorzulaſſen, weil er, wie er tiefergebenſt anzudeuten ſich erlaubt, Seiner Majeſtät einige Sachen von nicht geringer Wichtigkeit vorzu⸗ tragen hat. — Weiſe ihn ab, mein guter Sohn! Zu Staats⸗ geſchäften bin ich heute, bei 17 Grad Kälte, durchaus nicht aufgelegt. Der langweilige Schwätzer mag mor⸗ gen wiederkommen. 67 — Morgen, Majeſtät wird es ſchwerlich wär⸗ mer ſein als heut. Drum darf ich ihn wohl ein⸗ laſſen? — Nein, ſage ich Dir! rief der Kaiſer, der, wie jeder Große dieſer Erde, eben kein allzugroßer Freund des Widerſpruches war. Heute mag ich durchaus nichts hören, was meine trübe Laune mir vollends verderben könnte. Geh hinaus und ſag ihm dieß! Johann von Aachen beeilte ſich zu gehorchen, kehrte aber ſofort zurück mit der nenen Meldung: — Simon Lomnickh von Budek wünſcht Euer Majeſtät zu ſprechen. — Mein gekrönter Dichter und gefeierter Mu⸗ ſenliebling!*) Ich bitte Dich, Johann, laß ihn nicht lange warten. Gleich darauf erſchien der kaiſerliche Hofpoet. *) Dieſer Dichter, der ſeinen Namen von ſeiner Voterſtadt Lomnie angenommen hatte, war von Kaiſer Rudolph, der einige Proben ſeiner böhmiſchen Gedichte kennen gelernt, an den Hof berufen, feierlich gekrönt, zum Hof⸗ poeten ernannt und in den Adelſtand erhoben worden, mit dem Prädicate von Budec, einem Orte, an wel⸗ chem ſchon zur Zeit der heidniſchen Böhmen der Sitz der Gelehrten jener Zeit geweſen war. „ 5 68 — Guten Morgen, mein alter Freund Simon. Was bringt Deine Muſe mir Neues? — Den Anfang eines unlängſt begonnenen Gedichtes! — Betitelt? fragte der muſenholde Monarch. — Kupidowa Stela. — Cupido's Pfeile! überſetzte Rudolph. Der Titel gefällt mir, alter Junge! Und iſt erlaubt zu fragen, welche Schönheit Dich dazu angefeuert hat? — Darf ich meinem kaiſerlichen Herrn und Beſchützer die Wahrheit geſtehen? fragte der Pvoet. — Simon, ich verlange ſie von Dir. — Wohlan! die holde Muſe, die mich dazu be⸗ geiſtert hat, iſt Eva von Lobkowic. — Die Tochter des Hochverräthers, meines ſchlimmſten Feindes? fragte der Kaiſer, jfinſter die Augenbrauen zuſammenziehend. — Herr, er iſt nicht Euer Feind! Man hat ihn nur verläumdet! — Und wer ſagt Dir das? — Des Herzens Stimme, die den Dichter nie⸗ mals trügt. — Geh, altes Kind, ſei kein Thor! Höre nicht immer auf die Stimme Deines Herzens! ſie könnte leicht Dich irre führen! Beſinge Liebe, Frohſinn und 69 Wein aber miſche Dich nie in Politik. Dein Hang dazu, die Fragen der Zeit in's Gewand der Poeſie einzu⸗ kleiden, könnte Dich— wenn ich nicht mehr lebe! — in Gefahr bringen. Höre auf den Rath Deines Freundes und miſche Dich— ich warne Dich— niemals in Politik.— Laſſe mir Cupido's Pfeile“, ich will ſie, wenn ich mich ſchlafen lege, leſen und falls der Inhalt ſo anſprechend als der Titel iſt, Dich kaiſerlich dafür belohnen. Geh nun mit Apoll, mein ehrlicher Simon und höre auf den wiederholten Rath: Miſche Dich niemals in die Politik.*) *) Der Kaiſer ſchien gleichſam eine Ahnung zu haben, daß die Politik ſeinem Schützlinge, dem er bald nach Durchleſung jenes Gedichts einen Jahresgehalt ausgeſetzt hatte, Gefahr bringen würde. Fünfundzwanzig Jahre ſpäter beſtätigte ſich ſeine Ahnung. Als nach dem Tode des Kaiſers Matthias die böhmiſchen Stände den Pfalz⸗ grafen Friedrich V. zu ihrem Könige erwählten ergriff Lomnickh deſſen Partei und ſtreute unter das Volk kleine böhmiſche Geſänge aus, die, weil ihr ſatiriſcher Stachel gegen Kaiſer Ferdinand I. gerichtet war, bald von Mund zu Munde gingen und ihm eine ungeheure Popularität verſchafften. Aber 1620, nach der Schlacht am weißen Berge, die den Anhang des Winterkönigs mit Einem Schlage zu Boden warf, drangen die Sieger auf Be⸗ ſtrafung des armen Dichters, deſſen Poeſie Hel in's 70 Der väterlich gewarnte Poet entfernte ſich. Jo⸗ hann von Aachen meldete die Ankunft des kaiſerli⸗ chen Oberſthofmarſchalls Paul Sirt von Trautſon. — Auch er iſt ein unerträglicher Schwätzer, ein Schlemmer und Praſſer, deſſen ganzes Thun und Laſſen mir nach und nach zuwider wird. Auch ihn weiſe ab, mein Sohn! Heut will ich mich nicht ärgern! Der Vielfraß ſoll morgen nachfragen. Der Ceremonienmeiſter des Marſtalls über⸗ prachte ziemlich wortgetreu die ungnädige Antwort Feuer gegoſſen und nicht wenig zur Aufregung der Volksmaſſen beigetragen hatte. Lomnickh, in Verhör enommen, entſchuldigte ſich damit, er habe mit den Wölfen mitgeheult. Ohne Rückſicht auf ſein ſechszigjäh⸗ riges Alter ward er zu hundert Stockſchlägen verurtheilt und nachdem er dieſe ſchmachvolle Strafe überſtanden, halb todt nach Hauſe geſchleppt. Man entzog ihm ſeinen Gehalt, er gerieth in die drückendſte Armuth und ſah, der gräßlichſten Noth preisgegeben, ſich endlich genöthiget, ſich auf der Moldaubrücke bis an's Ende ſeines Daſeins ſein tägliches Brod erbetteln zu müſſen. Dieſe Armuth war der Grund, weßhalb er ſich in man⸗ chen ſeiner Gedichte Ptochaeus(der Bettler) unterzeich⸗ nete. Von neueren Forſchern aber wird die Beſtrafung Lomnickh's geläugnet und nur deſſen Verarmung zu⸗ geſtanden. Sein Wahlſpruch war: Sincere et libere. 1 dem vor dem Eingange harrenden Großwürdenträ⸗ ger, der mit ſeinem großen Schnurbart und ſeiner noch größeren Naſe niedergeſchlagen ſeinen Rückzug antrat. — Anſelm de Boodt! meldete der Maler. — Der Mann iſt mir ſtets willkommen! ſagte Rudolph. Der flandriſche Leibarzt, ein höchſt aufgeklär⸗ ter Kopf, der lange Zeit ein hartnäckiger Gegner der Alchemie geweſen war, ſchien urplötzlich von der Wahrheit derſelben überzengt worden zu ſein. Und dieſe Entdeckung eben führte ihn zum Kaiſer. — Was bringt mir Anſelmus Boethius? — Eine mertwürdige aber höchſt frohe Kunde — Iſt die Gemahlin des Ritters von Brandeis vielleicht ſchon glücklich entbunden? — Noch nicht, Sire! Gräfin Clelia erwartet ihre Niederkunft erſt um Weihnachten! — Deſto beſſer! Wie lautet alſo Eure frohe Kunde? — Majeſtät, ich bin bekehrt, gänzlich bekehrt.. — Wovon bekehrt? fragte der Kaiſer. — Von meinem Unglauben gegen die Auffin⸗ dung des Steines der Weiſen.. — Habt Ihr ihn vielleicht gefunden? — Faſt glaube ich es, betheuerte Anſelm. — Wie? Ihr, der Ihr ſeit Jahren wie Cardi⸗ nal Jacques Davy Duperron mir hundertmal geſagt: Deploranda sunt ingenia quae in quadratura circuli, perpetuo mobili et lapide philosophorum occupan- turs)e Ihr ewiger Zweifler glaubt jetzt deran? — Ich ſage jetzt mit dem älteſten Technologen Tommaſo Garzoni: Non omnibus datur adire Co- rinthum*²)! — Und Ihr, Ihr wollt es jetzt endlich erreicht haben? fragte der Kaiſer mit allen Zeichen der höch⸗ ſten Ueberraſchung. — Ich hoffe es wenigſtens! — Doch auf welchem Wege? — Auf dem dunkeln Pfade des blinden Unge⸗ fähr, auf dem Schleichwege eines überaus glückli⸗ chen Zufalls. — Ich bitte Euch, Meiſter Anſelm, erzählt! — In der verfloſſenen Nacht, als ich allein in *) Beklagenswerth ſind jene Geiſter, die ſich mit Auffin⸗ dung der Quadratur des Zirkels, des ewig Beweglichen und des Steins der Weiſen beſchäftigen. *) Nicht Jedem iſt es beſchieden, das geträumte Eldorado wirklich zu erreichen. meinem Studirzimmer bei dem traulichen Scheine meiner Lampe unter den ſchier zuſammenbrechenden Mauern meiner Bücher und Handſchriften vergraben lag, ſpielte mir der günſtige Zufall, der Schöpfer mancher koſtbaren Entdeckung, ein Buch in die Hand, das ich bis dahin noch nie berührt hatte. — Und der Titel des Buches? fragte Rudolph mit brennender Wißbegier. — Nomenclator insignium scriptorum, von Robert Conſtantin, einem noch lebenden Arzte zu Caen in Frankreich. Er erzählt darin, Raimundus Lullus, der große Adept aus Majorca, habe dem Könige Eduard III. von England ſechs Millionen Roſenobles in Gold, welche Raimundus ſelbſt in der Sanet Katharinenkirche unweit des Towers zu London gemacht, zur Fortführung des Krieges gegen die Ungläubigen geſchenkt. — Ich ſelber, Meiſter Anſelm, beſitze zwei dieſer ſogenannten Raimund⸗Nobel, erklärte der Kaiſer. — Lullus war in der Weſtminſter⸗Abtei, die er ſpäter bewohnte, kein undankbarer Gaſt, denn viele Jahre nach ſeinem Ableben(bekanntlich ward er zu Tod geſteinigt) fand ſich, wie mein Gewährs⸗ mann erzählt, bei Wiederherſtellung eines uralten Zimmers, in welchem der Adept gearbeitet, ein 74 kryſtallenes Käſtchen mit jenem geheimnißvollen Pulver, durch welches er Queckſilber und unedle Metalle in echtes Gold verwandelt hatte. — Dieſe Thatſache war mir längſt bekannt; doch das goldmachende Pulver? — Hat ein blindes Ungefähr mich finden laſſen... — Wo? Wo? fragte der Kaiſer ungeduldig. — In dem Deckel des genannten Buches*). — Und wo habt Ihr das bewußte Pulver? — Ich gab es zu prüfen meinem Collegen Thaddäus von Häjek. — und Häjek? fragte der Kaiſer hochgeſpannt. — Hat heute Morgen in meiner Gegenwart den erſten Verſuch damit angeſtellt.. — und wie iſt dieſer Verſuch ausgefallen? — Ueber alle Erwartung glänzend und über⸗ zeugend. Mit einer ganz geringen Doſis dieſes *) Ungefähr dasſelbe erzählt Siegmund Heinrich Gülden⸗ falk, Heſſen⸗Darmſtädt ſcher Dberlandcommiſſair in ſeiner „Sammlung von mehr als hundert Transmutationse ſchichten oder Beiſpielen von Verwandlung unedler Me⸗ talle in Gold oder Silber,“ Frankfurt und Leipzig 1784. 8.(Seite 117) und nach ihm auch Dr. Carl Chriſtoph Schmieder in ſeiner„Geſchichte der Alchemie,“ Halle 1832. 8.(Seite 360) 75 allem Anſcheine nach Lulliſchen Pulvers haben wir zwei Loth Queckſilber in echtes Gold verwandelt... — Nun, Meiſter Anſelm de Boodt, habe ich Euch nicht immer geſagt, daß die edle, heilige, gött⸗ liche Kunſt, das ägyptiſche, hermetiſche oder ſpagy⸗ riſche Geheimniß kein Hirngeſpenſt, keine Chimäre, keine Unmöglichkeit iſt? — Nun habe ich mich ſelbſt davon überzeugt, betheuerte der ehrliche Vlamländer. — Und habt Ihr viel ſolchen Pulvers? — Leider nur einige Priſen noch; doch werden ſie hinreichen, auch Ew. Majeſtät zu zeigen, daß der Jahrhunderte lang geſuchte Stein endlich wie⸗ dergefunden iſt. — Ach, Meiſter Anſelm, was nützt uns das Lulliſche Pulver, wenn wir's nicht zu machen verſtehen? — So ſprach auch Thaddäus von Häiek. Mir aber, Sire, genügt dieſe Probe, weil mir durch ſie die Ueberzeugung geworden, daß die Goldmacherkunſt keine eitle Läge, ſondern eine Wahrheit iſt, die, wenn auch noch ſo dicht verhüllt, endlich doch ent⸗ ſchleiert werden kann. — Ganz ſo denke auch ich darüber! Nichts in der Welt iſt unmöglich. Schon das Wollen iſt ein 76 halbes Können. Wollt Ihr mir ein Pröbchen Eurer koſtbaren Entdeckung überlaſſen? — Mit tauſend Freuden, mein kaiſerlicher Herr. — Dann will ich ſelbſt einen Verſuch damit anſtellen und ſehen, ob es mir nicht gelingt, dieſes Pulver chemiſch zu zerſetzen, um die geheimnißvollen Beſtandtheile deſſelben zu erforſchen. Wann bringt Ihr mir das Arcanum? — Wenn Ew. Majeſtät es befiehlt, noch heute. — Ich bitte Euch darum, Meiſter Anſelm. — Auf Wiederſehen, mein kaiſerlicher Hermes Trismegiſtos. — Gott ſchütze Euch, mein gelehrter Freund! ſagte der Kaiſer zu ſeinem flandriſchen Arzte und entließ ihn mit allen Zeichen ſeiner Huld und Wohl⸗ gewogenheit. Bvethius hatte ſich kaum entfernt, als Jo⸗ hann von Aachen eintrat, um den Edelſteinſchleifer Jobſt von Brüſſel anzumelden. — Auch ihn weiſe nicht ab! befahl Rudolph. Der Eintretende verneigte ſich voll Ehrfurcht. — Wir haben Dich lange nicht geſehen, ſagte der Kaiſer mit einem Tone, in welchem ein leiſer Vorwurf lag. 77 — Sire, ich wagte nicht vor Euren Augen zu erſcheinen.. — Und warum? Weißt Du nicht, daß ich Dein Unrecht Dir längſt verziehen habe? Du woll⸗ teſt, verführt durch das Beiſpiel Deines Landsmanns, einen ſeiner Gönner retten. Wer weiß, ob ich in Deiner Stelle nicht eben ſo gehandelt hätte! — Kaiſer Rudolph hat ein goldenes Herz.. — Bisweilen aber auch einen eiſernen Kopf. — Sagt lieber einen feſten, unbeugſamen Willen! — Nenne es ganz wie Du willſt, aber ſchmeichle mir nicht, denn dieß liebe ich nicht. Was führt Dich heute zu mir? — Ich bringe die edlen Steine, die Ihr vor Monden mir zum Schleifen gabt. — Und warum bringſt Du ſie erſt ſo ſpät zurück? — Sire, ſtammelte der ehrliche Künſtler, ver⸗ legen ſeine Augen niederſchlagend. pet Sage Deinem Freunde unverholen die Wahr⸗ eit! — Majeſtät, ich hatte dieſe Steine verſetzt. — Um mit dem Gelde Ihn zu befreien! Du ſiehſt, Jobſt, ich weiß Alles. Und trotdem verzeihe ich Dir. 78 — Euere Huld und Gnade beſchämt mich tief. — Ich wünſche, daß ſie Dich gebeſſert habe. — Hier ſind die Steine, mein Kaiſer. — Behalte ſie für Dich und Deinen Freund, den ich aus meinen Reichen verbannt. Schicke ihm die eine Hälfte davon, grüße ihn von mir und ſchreibe, daß ich auch ihm verziehen habe. Jobſt küßte die Hand des Kaiſers. — Lebt wohl und bleibt mein Freund, wie ich der Eure! ſagte Rudolph ihm die Hand drückend. Jobſt von Brüſſel entfernte ſich tiefgerührt. — Johann Lev Haſter, meldete der Maler. — Juch er iſt mir willkommen! ſagte Seine Majeſtät. — Ich grüße meinen Herrn und Kaiſer, ſprach der junge Muſicus. — Sei hetzlich gegrüßt, mein Nürnberger Amphion! — Ich bringe Ew. Majeſtät den neuen vierſtim⸗ migen Pſalm, den ich in allerhöchſtem Auftrag aus Lomnickh's geiſtlichen Geſängen“) für das nächſte Weihnachtsfeſt in Muſik geſetzt. *) Dieſe in böhmiſcher Sprache geſchriebenen Geſänge Si⸗ mons waren unter dem Titel: Kancional Nedölni ſchon im Jahre 1580 zu Prag herausgekommen. 79 — Und iſt das Lied Dir gelungen? — Ich hoffe, daß es meinem erhabenen Herrn und Gebieter gefallen wird. — Was Herr? Was Gebieter? Ihr deutſchen Reichsſtädter ſeid zu beſcheiden! Ueber Kunſt läßt ſich nicht gebieten. Sie iſt ein Kind freier Eingebung. Gieb her Dein neues Werk. Es ſoll, ich verſpreche es Dir, in der heiligen Sylveſternacht im Dome Sanct⸗Veit geſungen werden. — Dank, tauſend Dank, mein kaiſerlicher Herr. Doch werde ich es wohl ſchwerlich hören. — Und warum? — Weil ich mit Eurer allergnädigſten Erlaubniß geſonnen bin, die Hauptſtadt Eures ſchönen Reiches in Kurzem zu verlaſſen und einem Rufe nach Dres⸗ den an den Hof des Churfürſten Chriſtians II. zu folgen. — Gefällt's Dir nicht mehr an dem Hofe zu Prag* — Ich wünſche Reiſen zu machen, um die Welt kennen zu lernen. — Ihr Künſtler ſeid ein wanderndes Volk, das nirgends Raſt und Ruhe findet. Ich will Dich hier nicht zurückhalten. Nimm dieß Geſchenk als Andenken an Kaiſer Rudolph, der Dir Glück für 80 Deine Zukunft wünſcht, ſagte er, die goldene Kette, die er bis dahin ſelber trug, abnehmend und ſie um den Hals des jungen Künſtlers hängend. Reiſe mit Apoll und den Muſen, fuhr er fort. Geht's Dir wohl, dann denke auch an Prag und mißfällt es Dir in Deiner neuen Stellung, dann kehre ge⸗ troſt an Rudolphs Hof zurück, der, ſo lange Gott mir das Leben ſchenkt, für jede Kunſt, die ſich in ſeine Arme flüchtet, ein ſonniges Aſyl bleiben ſoll. — Gott ſegne jeden Eurer Tage! ſagte der Künſtler, küßte dankerfüllt die Hand ſeines großher⸗ zigen Beſchützers und ſchied wehmüthig bewegt.*) — Jacob Hortiekh! meldete Johann von Aachen. — Willkommen, Meiſter Sinapius), Rudolph ihm entgegen. — Voll Ehrfurcht grüße ich meinen erlauchten Kaiſer ſagte, der ſchlichte Mann, der ſich als Au⸗ todidakt vom Küchenjungen im Jeſuitenkloſter zu ⸗ *) Haſter ſtarb zu Dresden am 8. Juni 1612 im Alter von 48 Jahren. *) Sinapius war der lateiniſche Name, den er von horsicc, was in böhmiſcher Sprache Senf und im La⸗ teiniſchen Sinapis heißt, abgeleitet hatte. 81 Krummau zu einem der kenntnißreichſten Kräuterken⸗ ner und Chemiker Böhmens emporgearbeitet hatte*). — Wie gehen die Geſchäfte? fragte der Kaiſer. — Beſſer als ich es je mir träumen ließ. Das Sinapiſche Waſſer findet reißenden Abgang im ganzen Böhmerlande. — Und findeſt Du Deine Rechnung dabei? — Herr, ich werde ein ſteinreicher Mann! Ich ſammle mir Reichthümer... — Das freut mich, wenn Dein Fleiß und Deine Thätigkeit, Dein Wiſſen und Deine Reblich⸗ keit belohnt werden. — Und doch bin ich nicht zufrieden! ſeufzte Jacob. *) Die Jeſuiten, erzählt Pelzel, hatten ihm die Erlaub⸗ niß ertheilt, in dem ihnen zugehörigen Garten, nahe an der Moldau unterhalb der Brücke, Kräuter von ver⸗ ſchiedener Gattung anzubauen, hier ſein Laboratorium aufzurichten und die gezogenen Wäſſer öffentlich zu verkau⸗ fen. Letztere wurden bald ſo berühmt, daß er derſelben nicht genug anfertigen konnte. Man nannte ſie(nach ſeinem latinifirten Namen) die Sinapiſchen Waſſer.— Sie waren die Paus de Gologne der damaligen Zeit— Arzenei und Wohlgeruch, Geſundsheits⸗ und Modeſache zugleich. 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 6 82 — Was fehlt Dir? fragte der theilnehmende Monarch — Nichts fehlt mir. Ich leide im Gegentheil an Ueberfluß. Ich ſcharre mit meinen Waſſern mehr Geld zuſammen als ich für mich gebrauchen kann und bin unzufrieden, weil ich nicht weiß, was ich mit meinem Ueberfluße anfangen ſoll. Und darum komm' ich zu Euch, Herr! Ihr ſollt mir eine Bite gewähren. — Sprich ſie aus, mein ehrlicher Jacob! — Herr, laßt Euch herab, mit einem treuen Diener ſeinen Ueberfluß an Geld zu theilen.. — Kaiſer Rudolph iſt gewohnt zu ſchenken; doch nimmt er keine Geſchenke an... — Ich wage nicht zu ſagen, daß ich mein Geld Euch ſchenken will; ich wage nur Euch zu bitten, es huldreich als ein Darlehn von mir anzu⸗ nehmen. Herr, Ihr braucht Geld zum Türkenkriege; er verſchlingt große Summen und viel Menſchenleben. Weiſ't wenigſtens Erſteres als Tribut treuer Vater⸗ landsliebe nicht zurück. Hier iſt ein Sack mit tauſend ſchmucken Dukaten. Nehmt vorläufig dieſe kleine Beiſtener an, und kommt Ihr in die Lage, mehr zu brauchen, dann wendet Euch an Euern treuen Anhänger Jacob Hortickh. 83 Dieſer edle Zug rührte den Kaiſer. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er: — Gut, ich will Deinen Beitrag nicht ver⸗ ſchmähen. Doch machſt Du mich durch Annahme dieſes Darlehns zwiefach zu Deinem Schuldner. Als ich vor Jahren erkrankt und von meinen Aerzten aufgegeben war, gelang es Dir, mich durch Deine tiefe Einſicht in die geheimnißvolle Heilkraft einfa⸗ cher Kräuter herzuſtellen. Kaiſer Rudolph hat dieß nicht vergeſſen. S — Ich fühlte mich hoch beglückt, meinen Herrn und Kaiſer durch ein einfaches Hausmittel von ſei⸗ ner Krankheit befreit zu haben. — Erlaube mir heute, bei dieſem neuen An⸗ laß treuer Anhänglichkeit, einen Theil meines Dan⸗ kes an Dich abzutragen. Dein doppelter Schuldner erhebt Dich hiermit in die Reihen des böhmiſchen Adels. Nach jenem Berge, auf welchem Du, wie ich weiß, manch heilſames Kraut für mich und Andere gepflückt, ſollſt Du fortan Jacob Horkickh Ritter von Tepenec heißen*). 0 Seine Erhebung in den Adelſtand geſchah erſt 1608. Doch iſt es dem Roman wohl erlaubt, eine Thatſache ſo unwichtiger Art einige Jahre früher geſchehen zu 6* 84 — Herr, Ihr beſchämt Euren niedrigen Diener. — Wer ſich erniedrigt, ſagt die heilige Schrift, ſoll erhöht werden und darum bleibt's bei dem was ich geſagt habe. Gott nehme Euch auch ferner in ſeinen heiligen Schutz, Ritter von Tepenec, ſprach der Kaiſer und legte ſegnend ſeine Rechte auf das Haupt ſeines ehrfurchtvoll niedergebeugten Dieners. Der ſchlichte Mann verließ den Kaiſer. Ru⸗ dolph ſchob den Sack mit den tauſend Dukaten mit der Spitze ſeines Fußes zu den mit Silber be⸗ ſchlagenen Hufen der beiden Schimmelſtuten Mag⸗ dalena und Clelia hin. In demſelben Augenblick meldete der Ceremo⸗ nienmeiſter: — Gräfin Clelia von Buvncompagni! — Sie kommt wie gerufen, ſagte Rudolph zu ſich ſelbſt. Laſſe ſie eintteten, mein treuer Freund! Alle Andern aber weiſe ab. Heute will ich Keinen mehr empfangen. Der Maler erfüllte den erhaltenen Auftrag. laſſen. In ſpäterer Zeit war dem Ritter von Tepenec für neue und weit größere Summen, die er dem Kaiſer geliehen, die dem OSberſthofmeiſter von Lobkowic conſis⸗ eirte Herrſchaft Melnik verpfändet. 85 Siebentes Capitel. Schluß der kaiſerlichen Andienz. Die Frau Girolamo Scotto's trat ein. Sie trug eine ſo weitbauſchige Sammtrobe, daß nur der Blick des Eingeweihten zu erkennen vermochte, daß ſie ihrer baldigen Niederkunft entgegen ging. Ihr Geſicht war mit einem ſchwarzen Spitzenſchleier verhüllt. — Warum hat meine Sonne ſich verſchleiert? fragte Rudolph, ihr huldreich entgegeneilend. — Weil mein guter Stern zu erbleichen be⸗ ginnt, erwiederte die ränkeſuͤchtige Gefährtin des Ritters von Brandeis. — Wer ſagt Euch dieß, Gräfin Clelia? — Eine dunkle Ahnung ſagt es mir, ſtöhnte die ſchlaue Libusa. — Glaubt nicht an Ahnungen, meine Liebe. Sie quälen und täuſchen uns nur allzuoft. Doch, Ernſt bei Seite, weßhalb tranert mein ſüßes Pferd? So pflegte der Kaiſer, wenn er bei zärtlicher Laune war, ſie vorzugsweiſe gern zu nennen. — Ich traure um den Verluſt Eurer Liebe! erwie⸗ derte die Intrigantin mit erheuchelter Schwermuth. 86 — Welcher dumme Teufel macht Dich glau⸗ ben, daß Du ſie verloren haſt? fragte Rudolph, ihre Hand zärtlich an ſeine Lippen ziehend. — Alles, Alles ſagt mir, daß ich nicht mehr das bin, was ich bis vor Kurzem noch für Euch geweſen war. — Du närriſches Kind! Du biſt noch immer mein einziger Zeitvertreib, ſprach der Kaiſer, ihre Hüfte umſchlingend. — Zeitvertreib? wiederholte ſie mit geſchminkter Bitterkeit. Aber eben weiter nichts als Zeitvertreib! — Und ſeit wann genügt Dir das nicht mehr? fragte Rudolph während er verſuchte, den Schleier, der ihre Züge verbarg, zu lüften. — Seit dem Augenblicke, entgegnete ſie den Kaiſer zurückhaltend, ſeit dem ich leider nur allzuklar überzengt bin, daß ich die ganze Gluth meiner Liebe, den bis dahin fleckenloſen Glanz meiner Ehre und ehelichen Pflicht mit frevelhaftem Leichtfinn einem Undankbaren zum Opfer gebracht. — Wie, Clelia, Du klagſt über Undank? Thue ich nicht Alles, um Dich tagtäglich von Neuem zu überzeugen, daß der Umgang mit Dir eine mir liebgewordene Gewohnheit geworden iſt? — Gewohnheit! wiederholte Libusa, und weiter 87 nichts als Gewohnheit! Das, wonach ich gerungen, und das, was mondenlang Ihr mir vorgeheuchelt, war Liebe, Liebe und nichts als Liebe? — Und liebe ich Dich nicht mehr? — O ja, Ihr liebt mich allerdings. Wie aber? frage ich Euch. Wie jenes Pferd dort, das meinen Namen trägt. Ich bin das Werkzeug Gurer Zerſtreuung. — Höre meine gute Clelia. Ich bin gewohnt, Dich immer heiter und luſtig zu finden. Deine Traurigkeit, liebes Kind, langweilt mich! — Das weiß ich, ſagte Libusa, ihren Schleier beleidigt zurückſchlagend. — Wie reizend, wie üppig Du biſt? rief Ru⸗ dolph neu entzückt. 4— O ſpottet Eures armen Opfers nicht! Ich weiß, daß eine Andere mich aus der Sonne Eurer Huld gedrängt. — Wen meinſt Du, mein närriſcher Schatz? — Ich meine jene kalte, herzloſe, ſelbſtſüchtige Ehrgeizige, die in Euch nicht den Menſchen— wie ich!— ſondern einzig und allein den Kaiſer liebt. — Erkläre Dich mein liebes Kind. Du meinſt. — Wen ſonſt als Gräfin Maria Magdalena. 88 — Schweig, ſchweig! Nur ſie, nur ſie ver⸗ läumde nicht! — Verläumdet man, wenn man die Wahrheit ſpricht? fragte Libusa mit meiſterhaft eingeübtem Hohne. — Wie, Du zweifelſt an ihrer Ehrenhaftigkeit? — Ich zweifle nicht, ich behaupte es! er⸗ widerte Scotto's Creatur mit frechem Muthe. — Wie, Gräfin Clelia, Ihr wagt es? fragte Rudolph tief empört. — Ich wage es, die ſcheinheilige Heuchlerin, deren gleißneriſche Tugend Euch arg bethört, laut und unumwunden ſchaamloſer Lüge anzuklagen! — Was ſprichſt Du da? fragte Rudolph, ſie mit zornigen Blicken durchbohrend⸗ — Die entlarote, nackte, ungeſchminkte Wahrheit. — Sprich, Clelia, was weißt Du von Magda⸗ lenen? — Ich weiß, daß ſie Euch verlacht, verhöhnt, vertathen! — Sie mich verrathen und an wen? — An den gefährlichſten aller Eurer Gegner. — An Popel von Lobkowic? fragte der Kaiſer bleich aus Zorn. — An keinen Andern als an ihn! bekräftigte 89 Libusa, indem ſie wie zu einem Eide zwei Finger ihrer Rechten erhob. — Beweiſe! Beweiſe! ſchrie Rudolph zitternd vor Wuth. — Erkennt Ihr dieſen Ring? fragte Libusa, hohnlächelnd einen goldenen Reif von ihrem Finger ziehend und ihn frohlockend in die Hand des Kaiſers legend. — Dieß iſt der Schlangenreif, den ich der Grä⸗ ſin Magdalena vor zwei Jahren zu ihrem Namens⸗ feſte geſchenkt. Wie kommſt Du zu dieſem Ringe? — Sogleich ſollt Ihr Alles erfahren! Doch vergönnt zuvor, daß ich mich ſetze; denn dieſe Aufre⸗ gung hat mich ganz und gar erſchöpft, ſprach Libusa ſich auf ein Sopha niederlaſſend, das in einer Ecke des Marſtalls ſtand. — Setze Dich zu mir und erzähle! ſprach der Kaiſer, ſie ziemlich unſanft an ſeine rechte Seite niederziehend. — Als Ihr, begann die Muͤndel des Baders, dem Ritter von Brandeis, meinem Gemahl, der ſeit dem Augenblicke, wo Kaiſer Rudolph mir die Sonne ſeiner Gunſt zugewendet, mich— wie ich Euch heilig gelobt— nicht mehr berührt hat, als Ihr, ſage ich, meinem ſogenannten Gemahl den Befehl 90 ertheilt hattet, von Brandeis nach Elbogen zu eilen, um den Staatsgefangenen nach einer andern Veſte fortſchleppen und ſich ſelbſt an deſſen Stelle einker⸗ kern zu laſſen, um jenen Mechelner Verräther in ſeiner eigenen Schlinge zu fangen; als der treueſte Eurer Diener, Girolamo Scotto, Euern Befehl voll⸗ ziehend, in den Kerker des Hochverräthers eingetreten war, fand er bei ihMm.. — Die Gräfin Maria? unterbrach ſie Rudolph zornſprühend. — Sie nicht, wohl aber eine Taube— die keine Andere als eben ſie an ihn abgeſchickt hatte, denn dieſe Taube trug in ſeine Zelle.. — Einen Liebesbrief? fragte der Kaiſer. — Das nicht, wohl aber dieſes grüne, hoff⸗ nungkündende Seidenband, an welchem jener Schlan⸗ genreif, den ich in Eure Hand gelegt, als Symbol ewiger Liebe und Treue befeſtigt war. — Himmel! welch ein unerhörter Verrath! rief Rudolph, deſſen Geſicht immer bleicher und bleicher ward. — Von meinem Gemahle befragt, auf wel⸗ chem Wege jene Taube in ſeinen Kerker gelangt, läugnete der Gefangene hartnäckig, es nicht zu wiſſen, wie und wann dieſer Bote ihm zugeflogen N ſei. Befragt, wie er zu jenem Ringe, den mein Gemahl an deſſen Finger glänzen ſah und der ihm bekannt war, weil er ihn noch wenige Tage zuvor an der Hand der Gräfin Maria bemerkt hatte, ge⸗ ſtand der Hochverräther, die Tanbe habe ihm dieſen Ring gebracht. Befragt ob er wiſſe, wer dieſen Ring ihm geſchickt, legte er ſich wieder auf's Läugnen und behauptete mit unverſchämter Hartnäckigkeit: Ich weiß es nicht!“ — Schändlich! Schändlich! ſchrie Rudolph, der es kaum vermochte, das Aufbäumen ſeines ungezähmten Jähzornes zu zůgeln. Und was that nun Euer Gemahl! — Er entriß ihm, weil die ſchwache Maus dem ſtarken Löwen Widerſtand zu leiſten verſuchte, mit Gewalt und einem Schlage, den mein Gemahl ihm verſetzte, zuerſt die Taube— und als er in Folge jenes Schlages ohnmächtig auf die Erde hingeſunken war, den Ring, das unläugbare Zeichen ſeines Verrathes und ihres Verrathes! — Weh mir! ſchrie der Kaiſer, deſſen Zorn urplötzlich in wehmüthige Erbitterung umgeſchlagen war. So iſt alſo auch jenes Weib, das ich rein und keuſch geglaubt, eben ſo falſch und treulos, eben ſe ſcheinheilig und verrätheriſch wie jede Andere! — Rudolph!— ſagte die ſchlaue Libusa aus dem 92 Tone der herzloſen Anklägerin in den einer mitleids⸗ vollen Tröſterin übergehend und zärtlich ihre beiden Arme um ſeinen Hals ſchlingend— Geliebter meines Herzens, Abgott meiner Seele, laſſe Dich durch den Verrath einer ehrgeizigen und doch ehrloſen Kokette nicht zu dem ungerechten Zorne verleiten, auch die zu verdammen, welche in Dir— nicht wie Jene— nur den Menſchen und nicht den Kaiſer liebt! — Du alſo biſt mir wirklich treu? fragte Ru⸗ dolph in ihr Auge blickend. — Ich ſchwör es bei dieſem Kinde, welches ich — damit es Niemand ahne— wie einen Deiner Liebe geraubten Schatz verſtohlen unter meinem Her⸗ zen trage. — Ja, ja, Clelia, Du biſt mein liebes, ſüßes, treues Pferd! ſagte der Kaiſer, ihren Koypf mit heftig aufſprühender Leidenſchaft an ſeinen Buſen preſſend. Nun aber ſprich, was ſoll geſchehen, was ſoll ich thun, um Deine Treue an ihrem Verrathe glänzend zu rächen? — Verbanne ſie von Deinem Hofe, Rudolph. — Dieſe Strafe duͤnkt mir zu klein für die Größe ihres Frevels! — Für ihren Ehrgeiz giebt es keine härtere! — Run erſt wird mir Alles klar! Jetzt erſt 93 begreife ich, warum ſie, ganz gegen ihre Gewohnheit, ſich ſo unerklärlich warm für die Begnadigung Colins und für die Befreiung meines heimlichen Nebenbuh⸗ lers verwendet, warum ſie mich zum erſten Male in ihrem falſchen heuchleriſchen Leben angefleht und be⸗ ſchworen hat, Gnade für Recht ergehen zu laſſen und Beiden die Freiheit zu ſchenken! O eben ſo ſchlaue als verlockende Schlange! Dein gleißneriſcher Name iſt Maria Magdalena! Aber nicht ungeſtraft ſollſt Du mich hintergangen haben. Ich laſſe ihr den ſchönen Kopf abſchlagen. — Wollt Ihr aus ihr wie aus Eva von Lob⸗ kowic in den Augen der verblendeten Böhmen eine Märtyrerin machen? — Nein, nein, das will ich nicht! Doch fällt mir etwas Beſſeres ein! — Darf ich es wiſſen? fragte Libusa, die im⸗ mer zärtlicher zu werden begann. — Und weßhalb nicht, meine gute Clelia? Du ſagteſt mir, die ſtolze Böhmin habe Dich oft belei⸗ digt und gekränkt. Du ſollſt gerächt werden, ſüßes Kind. Sende mir noch heute Deinen Gemahl! — Und was ſoll er? lauſchte Libusa, ihn über⸗ zärtlich mit ihren großen, weitgeöffneten Augen ver⸗ ſchlingend. 94 — Er ſoll die böſe Schlange fangen.. — Und was mit ihr beginnen?. — Sie behutſam in einen ſtill verſchwiegenen, etwas abgelegenen, ſchwer zugänglichen Kaſten ſperren, aus welchem uns dieſe ſtolze Poa constrictor eben ſo wenig als jene elende Blindſchleiche entſchlüpfen ſoll. — Ich rede Euch weder ab noch zu! — Doch weiß ich, daß Du es gerne ſiehſt, denn ſie hat Dich ja ſo oft ganz unverdient gekränkt.. — Längſt habe ich ihr Alles vergeben — Nur eines nicht, mein ſüßes Pferd⸗ Es empört Dich zu wiſſen, daß dieſe übermüthige Böh⸗ min noch immer, wie ſie erſt unlängſt mir ſelbſt ge⸗ ſagt, daran zu zweifeln ſich erkühnt, daß meine Cle⸗ lig eine Römerin von edler Abkunft iſt. Aber wer Du auch immerhin ſein mögeſt, von heute an, wo Du mir die Augen geöffnet und mir Magdalenens elenden Verrath in ſeiner ganzen Nacktheit offenbart haſt, liebe ich Dich doppelt, dreifach, als mein folg⸗ ſames Pferd, als das lichte Geſtirn meiner trüben Stunden. Doch nun geh, mein folgſames Kind, und ſchicke mir Deinen braven Mann, fügte er mit einer Miſchung matt verſilberter Jronie hinzu. Geht, geh⸗ und laſſe mich allein. 95 — Wie? Kaiſer Rudolph ſendet mich heute ſo früh ſchon wieder fort? — Ich bin müde, mein ſchmuckes Kind, und wünſche ein klein wenig auszuruhen, denn dieſe langen Audienzen haben mich etwas angeſtrengt.. — Ich wünſche Euch einen erqnickenden Schlaf. ſagte ſie, ſeine Hand erfaſſend und ſie an ihr Herz drückend. — Danke, danke! erwiderte gähnend der Kaiſer. Sie ging. Die Audienz war zu Ende. Achtes Capitel. Der Ritter von Brandeis. Noch an demſelben Tage erſchien Scotto. Der Kaiſer, der ſich in's Innere ſeiner Burg zuruͤckgezo⸗ gen hatte, war in Folge der anſtrengenden Audien⸗ zen und der damit verbundenen Enthuͤllung jenes heimlichen Verrathes mißmuthiger, niedergeſchlagener und mürriſcher als ſeit langer Zeit. Nur in ſolchen Augenblicken pflegte er jähzornig, heftig und oft ſogar deſpotiſch zu ſein. 96 Rudolph empfing ben Ritter mit der gänzlich unerwarteten Frage: — Wie lange lebt Ihr nun ſchon an Unſerm Hofe? — Ich glaube, es wird bald ein Jahr, erwi⸗ derte Girolamo, der durch den Eingang dieſes Ge⸗ ſprächs etwas entmuthigt zu ſein ſchien. — Irren wir uns, wenn wir behaupten, daß Ihr gleich in den erſten Tagen Eurer Ankunft uns zu verſichern geruhtet, Ihr verſtändet die Kunſt, mittelſt eines nur Euch bekannten Pulvers echtes Gold zu machen? — Sire, ſtammelte der Schwindler etwas klein⸗ laut, ich wagte dieß allerdings zu behaupten, den Beweis aber.. — Seid Ihr uns bis zu dieſer Stunde in Gnaden ſchuldig geblieben! — Die Schuld, Majeſtät, liegt nicht an mir... — An wem wohl ſonſt? fragte Rudolph. — An meiner Frau! erwiderte der Abenteurer, der ſich ſchnell zu helfen verſtand. — An Gräfin Clelia Buoncompagni? — An der rechtmäßigen Gemahlin Girolamo Scotto's! — Erklärt Euch, beſter Ritter, etwas deutlicher. 97 — Sire, ſo lange meine Frau, welche thätige Mitarbeiterin an meinem geheimnißvollen Werke iſt, ſich in den nur Ew. Majeſtät und Allerhöchſtihrem Leibarzte, Doector Anſelm de Boodt, bekannten Um⸗ ſtänden befindet, iſt es uns Beiden nicht möglich, Hand an die Erfüllung unſeres Euch gegebenen Verſprechens anzulegen.. — Und wann wird Eure Frau entbunden? — Eure Gnade muß dieß beſſer wiſſen, als meine dabei ganz aus dem Spiele gebliebene We⸗ nigkeit, entgegnete der Italiener mit einer Dreiſtig⸗ keit, die ſeiner Unverſchämtheit zur Ehre gereichte. — Beſter Ritter, Ihr ſprecht ſehr keck. — Aber nur das, was wahr iſt. — Und ſprecht Ihr in der That die reine Wahrheit? — Ich ſchwör's bei meinem Schwerte! betheu⸗ erte der Ritter, die behandſchuhte Rechte auf den Korb ſeines Degens legend. — Laßt dieſe Narrenpoſſen, mein ſchmucker Rit⸗ ter, ſprach der Kaiſer mit ſchlecht verhehltem Hohn, und geruht uns lieber offen und ehrlich zu ſagen, was Ihr Eurem geheimen Auftraggeber zu Florenz in Folge der nenerdings an Euch ergangenen Mah⸗ nung erwidert habt? 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 7 98 — Ich ſchrieb nur das, wozu ich mich durch einen Ausſpruch Eurer Gnade berechtigt hielt — Und wie lautete jener Ausſpruch?. — Schreibt ihm, daß ich entſchloſſen ſei, mich niemals zu verheirathen. — Und ſagtet Ihr auch weßhalb? — Euere Gnade ertheilte mir die Erlaubniß dazu. Ich ſchrieb, die bekannte Prophezeihung Tycho de Brahe's ſei der einzige Grund, von der Bewerbung um Hand und Herz der Prinzeſſin Maria von Me⸗ dicis, die Ew. Majeſtät ſonſt gar wohl geſtele, vor⸗ läufig abzuſehen.. — Uund glanbt Ihr an derlei Prophezeihungen? — Wie an das Amen in der Kirche, betheuerte der Schlankopf. — Und habt Ihr Beweiſe für Euern Aber⸗ glauben? — Ich erlaube mir Ew. Majeſtät an eine ur⸗ alte, weltbekannte, unläugbare Thatſache zu erinnern. Der berühmte Tragöde Aſchylos, von einem Stern⸗ kundigen gewarnt, ſich vor einer Schildkröte zu hüten, weil ſie ihm den Tod bringen würde, verlachte jene Weiſſagung. Doch was darauf geſchah.. 99 — Iſt mir allerdings bekannt“). Und folglich rathet auch Ihr mir, nicht zu heirathen? — Ich theile die Anſicht des hochgelehrten Dänen, erklärte Scotto. — Und dennoch, Ritter von Brandeis, verſpüre ich ſeit jüngſter Zeit einen geheimen Trieb, jener Warnung gleichſam zum Trotze, mich in Kurzem zu vermählen.. — Mit wem? wagte Scotto zu fragen. — Das iſt vorläufig noch mein Geheimniß, erwiderte Rudolph mit lächelnder Miene, Girolamos Neugier auf die Folter ſpannend. Wir ſind geſon⸗ nen, uns ganz beſonders auf den Wunſch unſerer vielgeliebten Kaiſerin⸗Mutter zu verheirathen, um unſern Reichen noch bei Zeiten einen Thronerben zu ſchenken. — Ew. Majeſtät hat einen heldenmüthigen Bruder, der ſich für den Ruhm der kaiſerlichen Adler mit dem untergehenden Halbmond ſchlägt... — Wer ſagt Euch, daß er untergeht? Iſt er 5) Iſchylos ſoll der Sage nach durch eine Schildkröte, die ein in der Luft ſchwebender Adler auf deſſen Haupt herniederfallen ließ, wirklich getödtet ſein. 7 100 nicht ganz im Gegentheil leider allzuſehr im Zuneh⸗ men begriffen? — Erzherzog Matthias wird die Türken be⸗ ſiegen! — Niemand wünſcht dieß mehr als Wir. Und dennoch.. — und dennoch? wagte Scotto zu wiederholen. — Sind wir geſonnen, uns zu verehelichen! ſagte der Kaiſer, auf halbem Wege äußerſt gewandt umkehrend. — Liebt Ihr ſo wenig Eure Freiheit? — Iſt denn die Ehe ein Sklavenjoch? fragte Rudolph. Der Abenteurer begnügte ſich ſtatt der Antwort mit einem laut hörbaren Seufzer. — Ihr ſeufzet? Und warum? — Geruht um Euch zu blicken, Majeſtät. Das Glück der Ehe wohnt in ſtillen Hütten und nur ſelten auf den Thronen. Iſt Heinrich IV. von Frank⸗ reich glücklich mit Margarethe von Valvis? Es heißt ſchon lange: er laſſe ſich von ihr ſcheiden?) und ſuche *) Clemens VIII, der ſich lange geweigert, das Band dieſer Ehe zu löſen, ſprach am 24. September 1599 endlich die Scheidung aus. 101 Erſatz und Troſt für ihre Untreue in den Armen der eben ſo ſchönen als treuen Gabriele d'Eſtrees? — Zum Glücke iſt nicht jede Fürſtentochter eine Margaretha von Valvis. — War der achte Heinrich von England glück⸗ licher als dieſer vierte Heinrich von Frankreich? Sechs⸗ mal verheirathet, ließ er nur von Einer ſich nicht ſcheiden und zwei ſogar enthaupten. — Zum Glücke für die armen Frauen iſt nicht jeder Monarch ein achter Heinrich. — Iſt König Chriſtian IV. von Dänemark glücklicher als Heinrich VIIH. von England? Vermählt mit der kalten gleichgiltigen Anna Catharina von Brandenburg, ſucht er Zerſtreuung in den Armen einer liebeglühenden Bürgerstochter Chriſtine Munck. Blickt zurück nach dem Hofe Eures Oheims. Dort liebte Philipp II. ſeines Sohnes Buhlerin, die Prin⸗ zeſſin Eboli; dort liebte der Sohn die Gemahlin ſeines in Eiferſucht erglühten Vaters, Eliſabeth von Frankreich. — Nicht jeder Sohn iſt ein Don Carlos! ſagte Rudolph. — Faſt jede Frau aber iſt eine Eboli. Da lob' ich mir Eliſabeth von England! Sie hat's verſchmäht, ihren ſtolzen Nacken unter das Joch der Ehe zu 102 beugen. Sie hat ihre Freier und Günſtlinge faſt eben ſo oft als ihre Ballſchuhe und Miniſter gewech⸗ ſelt; ſie hat Eſſer und Leiceſter und auf ihre alten Tage den blutjungen Dichter John Lilly geliebt und. — Und? widerholte Rudolph neugierig auf das Ende der Phraſe. — Stirbt im Rufe einer jungfräulichen Königin. — Zum Unglück iſt nicht jede jungfräuliche Fürſtin eine Eliſabeth von England, ſagte Rudolph. — Blickt auf den Hof von Florenz zurück. Franz I. von Medicis, unglücklich vermählt mit der Herzogin Johanna, lebte erſt heimlich und dann öffentlich mit Bianca Capello, die ihm einen Sohn, Don Antonio, gebar, der nicht der Seine war. — Haltet ein, haltet ein, ich heirathe nicht! rief der Kaiſer, von Neuem abgeſchreckt durch ſ viele Beiſpiele unglücklicher Fürſtenehen. — Sire, hört auf die Warnung Eures großen Sterntundigen! Verichtet auf das Glück der Ehe 103 — Ihr denkt wie Meiſter Frangvis Rabelais... — Ich denke wie ein jeder vernünftige Mann... — Und dennoch habt auch Ihr geheirathet?.. — uUm mich bald wieder zu trennen, geſtand er mit kecker Offenherzigkeit. — Eure Aufrichtigkeit, Ritter Scotto, gefällt mir! Und ob ich gleich einen Augenblick lang, ein⸗ gedenk Eures Verſprechens, das Ihr bis jetzt nicht erfüllt habt, nicht gut auf Euch zu ſprechen war, will ich nun, da ich den Grund weiß, der Euch bis⸗ her daran verhindert hat, Euch wieder in Huld und Gnaden gewogen ſein und Euch als einen Beweis meiner Verzeihung einen neuen, wichtigen Auftrag ertheilen. Wißt Ihr den Grund, weßhalb ich Euch rufen ließ? — Nein, Sire, betheuerte der verſchmitzte Lügner. — Wie 2 Eure Frau hat Euch nichts geſagt? — Gräfin Clelia iſt verſchwiegen wie ein Grab. — Ich liebe dieſe ſeltene Frauentugend. Schwei⸗ gen iſt der höchſte Reiz des Weibes, ſagt ja ſchon Sophokles. Wohlan, ſo vernehmt aus meinem Munde, was der ihrige wohlweislich Euch verſchwiegen hat. Ihr kennt die Wohnung der Gräfin Maria? — Faſt ſo gut als die Meinige! erwiderte 104 Girolamo, der ſich in der Freude ſeines neu aufath⸗ menden Ehrgeizes übereilt hatte. — Und woher? fragte der Kaiſer erſtaunt über dieſe Antwort. — Ich kenne ſie aus der Beſchreibung eines ihrer täglichen Beſucher. — Sein Name? fragte der eiferſüchtige Anbeter. — Johann von Aachen. — Dem Mann habe ich es ſelbſt erlaubt! — O, ich beneide ihn nicht darum.. — Und watum nicht, mein ſtolzer Ritter? — Well ich ihre Liebe nicht mit einem Hochver⸗ räther, wie Georg Popel von Lobkowie, theilen möchte! Der Name bieſes Mannes ſtachelte den Kaiſer zu neuer Wuth an. — Alſo auch Ihr glaubt feſt daran? — So feſt wie Jenſeits an die Vergebung unſerer Sünden. — Nur keine Moral aus Eurem Munde! Ihr werdet ſonſt langweilig wie Eure brave Frau, wenn ſie, wie heute Morgen, ernſthaft zu ſein ſich bemüht. Ich verachte in Euch den Heuchler, ich liebe in Euch den Schelm! — Und was ſoll dieſer Schelm für Euch thun, glorreiche Majeſtät? fragte der gewandte Heuchler. 105 — Heute um Mitternacht, wenn die gute Stadt Prag ſich im tiefſten Schlafe wälzt, ſollt Ihr und vier Mann meiner treuen Kammerdiener Euch, um alles Aufſehen zu vermeiden, ſo geräuſchlos als nur irgend möglich, in die Wohnung der Gräfin Maria Magdalena begeben, in ihr Schlafcabinet eindringen und die falſche heuchleriſche Schlange, ſagte Rudolph zähnknirſchend einhaltend — Mit einem Dolchſtich tödten? ergänzte Scottv. — Hirnverbrannter Thor, was fällt Euch ein? Glaubt Ihr, Kaiſer Rudolph ſei von Eiferſucht ſo tief geblendet, daß er zu einem Meuchelmörder ſeine Zuflucht nimmt? Wie wenig kennt Ihr Euern Herrn! — Verzeiht, Majeſtät, wenn das aufſchäumende Gefühl meiner Rache mich verleitet hat, Euch einen Gedanken einzugeben, an den Euer großes, edles und gerechtes Herz nicht gedacht hat. Was aber ſoll ich thun? — Ihr ſollt ſie im Namen des Kaiſers, im Namen der beleidigten Majeſtät, als Eure Gefangene erklären und ſie— ſo geräuſchlos, wiederhole ich, als möglich— in die vor ihrer Thür harrende Kutſche ſetzen und ſie— bis auf weitern Befehl— — nach Schloß Pürglitz bringen.. 106 — Wie aber, wenn ſie ſich weigert, dem nur mündlich gegebenen Verhaftsbefehle Folge zu leiſten? — Dann?— ſagte Rudolph einen Augenblick überlegend. — Brauche ich Gewalt! ergänzte der Scherge. — Grauſamer Dummkopf, was fällt Euch ein? Gewalt brauchen gegen ein ſchwaches, wehrloſes Weib? — Sie iſt ſtolz und kühn genug, nur der Ge⸗ walt zu weichen. — Ich kenne ſie beſſer, als Ihr! Sie wird ſich meinem Befehle ruhig fügen... — Doch wenn ſie ſich nicht fügt? — Dann drohet mit Gewalt, aber erkühnt Euch nicht, Eure Drohung wahr zu machen, bei Eures Kaiſers höchſter Ungnade! — Sire, dieß iſt ein ſchwieriger Auftrag. — Und darum wähle ich gerade Euch! Ihr ſeid dazu der rechte Mann! Der Ritter von Brandeis verneigte ſich. — Ihr ſelbſt bringt ſie nach Pürglitz. Dort angekommen, übergebt Ihr dieſe Ordre, die ich bereits ausgefertigt, an den Commandanten des Schloſſes, und dieſe Zeilen hier—(der Kaiſer gab ihm ein zweites Billet) an die Gefangene ſelbſt erſt wenn ſie in ihrer Zelle iſt, und kehrt dann ungeſäumt— 107 ohne einen Augenblick zu verlieren— nach Prag zurück. Habt Ihr dieß Alles wohl verſtanden? — Vollkommen, Sire! — Nun wohlan, ſo erfüllet Euern Auftrag. Morgen in früheſter Frühe erwarte ich Euch. Der Ritter von Brandeis entfernte ſich. — Ich bin begierig, was ſie thun wird! ſagte der Kaiſer und kehrte an den Käfig ſeines Lieblings⸗ löwen Ottalar zurück. Reuntes Capitel. Eine Verhaftung. Es war kurz vor Mitternacht. Die Gräfin Maria Magdalena, erſt wenige Minuten zuvor von einem heitern Winterfeſte Peter Woks von Roſen⸗ berg heimgekehrt, ſaß in vollem Ballſtaate, vertieft in Gedanken an ihre ehrgeizige Liebe, die Harfe in der Hand, vor dem von Gilles Sadeler in Lebens⸗ größe gemalten Bilde des Kaiſers und ſang mit dem ganzen Zauber ihrer wehmuthvollen, ſehnſüchtig träumeriſchen Stimme das von Kaiſer Rudolph an ſie gedichtete und von ihr ſelbſt in Muſik geſetzte Lied: 108 Du biſt und bleibſt ein Räthſel, Ich kann Dich nicht verſteh'n, Bald will Dein Herz vor Wonne, Bald will's vor Schmerz vergeh'n. Bald glüheſt Du wie Feuer, Bald biſt Du kalt wie Stein, Bald willſt Du angebetet Und bald vergeſſen ſein. Du marterſt meine Seele Mit namenloſer Pein, Du ſiehſt, wie ſehr ich leide, Und kannſt doch ruhig ſein. Du ſtiehlſt mit kaltem Lächeln Den Frieden meiner Bruſt, Mein Schmerz iſt Deine Freude, Mein Leid iſt Deine Luſt.. Ich wollt, ich wär' geſtorben, Bevor ich Dich geſehen, Du haſt mich nie verſtanden Und wirſt mich nie verſteh'n. Der letzte Vers dieſes Liedes war kaum ver⸗ klungen, als ſich geräuſchlos die Thür ihres matt erleuchteten Boudvirs aufthat und geſpenſterhaft wie ein Schatten der Unterwelt, unheimlich wie ein auf Meuchelmord ausgehender Bandit, in einen ſcharlach⸗ rothen Mantel eingehüllt, mit einem ſchwarzen, tief in's Geſicht gedrückten, breitkrempigen Hute ein Unbe⸗ kannter urplötzlich vor ihr ſtand. Tief erſchreckt ————— ———————— 109 ließ ſie die Harfe ihrer zitternden Hand entgleiten. Die Harfe ſank nachklingend auf den grünen Teppich nieber. — Verzeiht, Gräfin, wenn ich ſtöre! ſagte der Verlarote. — Wer ſeid Ihr?fragte Magdalena angſterfüllt. Der Mann nahm ſeine ſchwarze Maske ab und ſprach, ſeinen Hut auf dem Kopfe behaltend: — Ich bin der Ritter von Brandeis. Die Gräfin griff haſtig nach einer der beiden Bronze⸗Glocken, die dicht neben ihr auf dem mit Büchern und Muſikalien überfüllten Tiſch ſtanden. Sie verſuchte, um den Schutz ihrer Dienerin, die neben dem Zimmer der Gräfin eingeſchlummert war, herbeizurufen, die Glocke in Bewegung zu ſetzen. Dieſe aber verſagte ihr die Pflicht. Haſtig griff ſie nach der Zweiten. Auch ſie war ſtumm; auch ſie ſchien, wie die Gräfin ſelbſt, gleichſam aus Schreck, ihre metallene Stimme verloren zu haben. — Gebt Euch keine vergebliche Mühe, Gräfin. Die Klöppel Eurer Glocken ſind verſtummt; ihre Zungen habe ich vorſichtig ausgeriſſen, ſagte Scotto, um, wie mein Befehl lautet, alles unnütze Geräuſch zu vermeiden. — Was wollt Ihr? fragte die Gräfin, die ihre Geiſtesgegenwart nur auf einen Augenblick verloren 110 hatte, beherzt emporſpringend und ihm muthig ent⸗ gegentretend. — Ich komme, um einen Auftrag zu erfüllen. — In weſſen Namen? fragte die Gräfin. — Im Namen des Kaiſers, im Namen der beleidigten Majeſtät! — Ihr macht mich lachen, mein Herr! — Wie's Euch gefällt, gnädige Frau! Nur um Eines bitte ich Euch. Habt die Güte, mir zu folgen! — Euch zu folgen und wohin? fragte Maria Magdalena, dem Vermummten muthig in's Geſicht lachend. — In die Burg zum Kaiſer Rudolph! — Was will Seine Majeſtät von mir? fragte die Gräfin mit dem ganzen ſchönen Stolze, der ihr eigen war. — Nichts, Gräfin, als eine kleine Erklärung... — Und worüber ſoll ich mich erklären? — Das, Gräfin, weiß ich ſelber nicht. — Und warum ſchickt man gerade Euch? — Fragt dieß Seine Majeſtät den Kaiſer. — Ja, ja, da habt Ihr Recht. Ich will ihn ſelber darum fragen. Kommt, kommt, edler Diener. Es gelüſtet mich, mit Eurem Herrn zu reden. 111 — Das eben, Gräfin, wünſcht er ja! — Zum Gluck bin ich noch angekleidet. Ich will dort in jenem Zimmer meine Haare ordnen. Ich folge Euch ſogleich! ſagte die Gräfin und wollte in's Nebenzimmer eilen, um ihre Dienerin zu wecken. — Ihr dürft dieſes Zimmer nicht verlaſſen, ſagte Scotto, ihr den Ausgang wehrend. — Bin ich nicht Herrin mehr in meinem Hauſe? fragte Magdalena, empört über die Frechheit des kaiſerlichen Abgeſandten. — Für dieſe Nacht ſeid Ihr es nicht, erwi⸗ derte Scotto mit dämoniſcher Ruhe. Ich bitte Euch, folgt mir ſogleich. Der Kaiſer erwartet Euch mit ſchmerzlicher Ungeduld. Unten am Hausthore harrt ſeine Kutſche! — Ich fahre nicht mit einem Fremden! — Dann folgt mir gefälligſt zu Fuße. — Ich gehe Nachts nicht über die Straße mit Euch! — Dann habt die Huld Euch des kaiſerlichen Wagens zu bedienen. — Joa, ja, das will ich; deſto eher bin ich bei Ihm! — So denke auch ich, gnädige Frau! ſagte Scotto mit ſataniſcher Liſt. 442 — Wohlan, ich folge Euch, ſagte die Gräfin, um ihre weiße, mit goldenen Roſen geſtickte Atlas⸗ robe einen langen ſchwarzen Spitzenſchleier werfend, der faſt bis zur Erde niederfiel. — Geruhet, Gräfin, voranzugehen; Euer Die⸗ ner folget Euch. — Ich bin bereit, ſagte die Gräfin, den Anfang eines Liedes trällernd, um zu zeigen, daß ſie ſich vor ihm nicht fürchte. Singend flog ſie die erleuchtete Treppe hinab. Am Ausgange des halb geöffneten Thores angelangt, fragte der beſtürzte Pförtner: Wann dürfen wir die gnädigſte Gräfin zurückerwarten? — In einer Stunde bin ich wieder hier! ſagte Magdalena und ſchwang ſich mit der Behendigkeit einer Gazelle in den von Johannes Frank und Martin Rutzke, den zwei vertrauten Dienern des Kaiſers, welche die Gräfin trotz der Finſterniß der Nacht an ihrer glän⸗ zenden Livree ſogleich erkannt hatte, bereits geöffne⸗ ten Wagen. Scotto ſetzte ſich dicht zu ihr. — Hat man auch dieß Euch befohlen? — Rllerdings! ſagte Scotto, die Wagenthür ſchließend. — Man weiß, daß Ihr ungefährlich ſeid! 113 ſagte die Gräfin mit heiterm Spott, der ſeine Eitel⸗ keit um ſo tiefer verletzte, weil er glaubte trotz ſeiner acht und vierzig Jahre noch jedes Weiberherz im Sturme erobern zu können. Die Diener ſprangen auf den Bock. Die beiden Andern aber, Hans Marquard, genannt Dürbach und Mardochäus de Delle, die fünfzig Schritte hinter der Kutſche, in ſchwarze Mäntel gehüllt zu Pferde ſa⸗ ßen und gleichſam die Escorte bildeten, hatte die Gräfin nicht ſehen können. — Ihr ſchlagt die unrechte Straße ein, ſagte die Gräfin, ungeduldig durch die Scheibe blickend. — Wir machen einen kleinen Umweg, Gräfin, lachte Scottv. — Und warum? — Weil die Nacht gar ſo ſchön iſt und der keuſche Mond neugierig⸗verliebt in die Wagenfenſter hineinlugt, als wollte er ein Zeuge dieſes nächtlichen Tete— à— téte ſein! lachte Scotto. — Unoerſchämter Geck! Ich werde es dem Kaiſer berichten... — Ich bitte Euch, vergeßt es nicht! bat Scotto mit Jronie — Und man wird Euch augenblicklich fortjagen. — Ich danke für Eure gütige Fürſprache. 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 8 114 — Ihr ſeid ein höchſt ſchamloſer Patrbn. — Ihr ſeid eine höchſt reizende Schelmin! ſagte der Ritter von Brandeis und wagte wie durch Zufall mit ſeinem Knie das ihrige zu berühren. — Ich werde laut um Hilfe ſchreien! drohte die empörte Gräfin. — Aber Niemand wird Euch hören, lachte Girolamo. — Mein Gott, wohin fahren wir jetzt? — Wir machen eine kleine, amuſante Nacht⸗ Promenade. — Ich glaube gar, Ihr entführt mich? — Foſt ſcheint es mir ſelber ſo! — Ihr ſeid ein elender Betrüger, Herr! — Ihr ſeid eine himmliſche Träumerin, Madame. — Räuber! Räuber! Hilfe! Hilfe! ſchrie die Gräfin zum Wagenfenſter in die lautloſe Nacht, auf die todtenſtille Fahrſtraße hinaus. — Ihr ſangt vorhin ſo rührend ſchön! Ver⸗ derbt nicht Eure magiſch ſüße Stimme. — Unverſchämter, ich verbitte mir jede Schmei⸗ chelei! — Ihr ſeid ſo grauſam, hart und ungnädig! perfifflirte Scotto. — Schweigt, elender, eingebildeter Geck. 115 — Ich gehorche, ſagte Seotto und ſchwieg.— — Das iſt eine höchſt luſtige Entführungsge⸗ ſchichte, ſprach Mardochäus de Delle(der zugleich, wie man ſich erinnern wird, etwas Hofpoet war) zu dem bis dahin ſchweigend neben ihm hertraben⸗ den Hans Marquard, genannt Dürbach. Sobald ich wieder daheim bin, werde ich ein Gedicht in Knittel⸗ verſen darauf machen. — Die arme Gräfin thut mir Leid, ſagte Marquard. — Mir nicht, Kamerad! Denn ſie iſt eine ſtolze Böhmin, die ihre Naſe höher als der Altſtädter Rathhausthurm trägt. — Und doch verdient ſie ſolche Behandlung nicht! meinte Hans. — Was der Kaiſer thut, iſt wohlgethan! ſagte Mardochäus und ſcandirte an ſeinen Fingern den Anfang zu einem neuen Spottliede, das ihm durch's Gehirn lief!— — Menſch, wohin führt Ihr mich? fragte die Gräfin in Angſt und Schrecken. Scotto aber verharrte in ſeinem Schweigen. — Gebt mir Antwort, befehle ich Euch! — Sonderbar! ſagte höhniſch der Ritter Scotto. Ihr gebietet mir zu ſchweigen und befehlt niin 8 116 wunderbar genug!— Euch Eure Frage zu beant⸗ worten. Was ſoll ich Aermſter nun wohl thun? — Iht ſollt mir augenblicklich Rede ſtehen. Ich frage Euch, wohin Ihr mich führt? — Seid Ihr gefaßt, es zu erfahren? — Sprecht, ich bin kein furchtſames Kind. — Der Kaiſer hat es nicht erlaubt... — Ich aber, ich befehle es Euch! — Ich bin gewohnt nur Seinen Befehlen zu gehorchen. — Habt wenigſtens Mitleid mit meiner Neu⸗ gier, bat die Gräfin. — Nun, weil Ihr ſo ſchön bitten könnt, will ich's Euch ſagen. Ich bin von Seiner Majeſtät beauftragt.. Der Schurke fing zu huſten an. — Vollendet, Menſch, oder ich erwürge Euch! — Wenn Eure holden Hände mir die Gurgel zuſchnüren, vermag ich Euch nicht zu antworten. — Sprecht, ſprach die Gräſin ihn loslaſſend. — Ich bin vom Kaiſer beauftragt,— ſagte er ſich ränſpernd,— Corpo di Bacco! Ihr hattet mich beinah' erwürgt! Ich bin alſo beauftragt, Euch im Namen des Kaiſers und der beleidigten Majeſtät in Euern Kerker abzuführen. ————— 117 — Mich in den Kerker? Und wohin? — Dieß werdet Ihr früh genug erfahren. — Ich aber will ſogleich es wiſſen! — Die Gräfin befiehlt und ich gehorche. Dieſe Kutſche bringt Euch nach Pürglitz. — Ihr ſcherzt! — Bisweilen, aber leider nur nicht jetzt. — Ihr ſprecht alſo wirklich die Wahrheit? — Ritter Scotto hat noch nie gelogen! Die Gräfin ſchlug ein höhniſches Gelächter auf. — Und das iſt Euer Dank? fragte er beleidigt. — Jetzt weiß ich, was ich gewollt. Nun be⸗ fehle ich Euch zu ſchweigen. — Wie aber, wenn's gerade jetzt mich gelüſtet zu reden? — Dann werde ich ſchweigen, unverſchämter Menſch! — Thut, ſchöne Gräfin, was Euch gefällt. Aber laßt Euch ja nicht von Langeweile quälen, denn wir haben noch ſtundenlang zu fahren, eh' wir an unſerm Ziele ſind. Die Gräfin drückte ſich in eine Ecke der Kut⸗ ſche und beharrte von dieſem Augenblick in unun⸗ terbrochenem Schweigen. Mardochäus de Delle aber recitirte ſeinem 118 Kameraden den ſo eben fertig gewordenen Anfang eines neuen Spottgedichtes: Ein Engelländer Kelley zu Prag, Von dem ich Euch wahrhaftig ſag', Kam zu dem Herrn von Roſenberg Und gab da vor ein großes Werk. Tingirt in lauter Gold, ganz hoch, Kaiſer Rudolph erfuhr es ooch, Ließ vor ſich kommen dieſen Held, Gab ihm groß Gut und vieles Geld. Der Kaiſer mit ſeinen Augen ſah Was die Natur und Kunſt vermag, Das thät dem Kaiſer baß behagen, Ließ öffentlich ihn zum Ritter ſchlagen. — Nur weiter, weiter, ermunterte ihn Hans Marquard, dem die Knittelverſe zu gefallen ſchienen. — Weiter geht's noch nicht, erwiderte Mar⸗ dochäus. — Schade, Jammetſchade! bedauerte Marquard, genannt Dürbach. — Warum Schade? Der Schluß wird mir wohl ſpäter noch einfallen. — Na dichte zu, ich pfeife unterdeſſen.— — Es iſt heute Nacht hundsföttiſch kalt! ſagte Martin Rutzke zu ſeinem Nachbar auf dem Bocke und zog über ſeine Pelzhandſchuhe ein zweites Paar, das er, gleich wie das Erſte, von einem ihm 119 befreundeten Handſchuhmacher, Namens Jaromir, beim goldenen Kreuz in der Kleinſeite, zum Geſchenk er⸗ halten hatte. — Du ftierſt beſtändig, wie unſer Herr! ſpottete Johannes Frank. — Was kann denn ich dafür. Nicht Jeder hat ein ſo hartes Fell, wie Du, alter Eisbär. Die Grä⸗ fin mag drin auch nicht ſchlecht frieren. Sie hat nur einen leichten Schleier... — Und noch dazu ein böſes Gewiſſen, meinte Frank. — Geh, halte Dein Maul, grimmiger Waſchbär. Sie iſt ſo unſchuldig wie ich! — Das glaube ich, ſagte der Andere. — Ich glaube gar, Seehund, Du ſtichelſt? — Du machſt eine ganze Thierbude aus mir. — Schade nur, daß ich Dich nicht für Geld zeigen kann, bedauerte Martin Rutzke. — Und warum denn nicht, Du Stachelſchwein. — Heiliger Wenzel! Weil Dich ſelbſt umſonſt Niemand ſehen mag! lachte die Stechfliege. Während dieſes gemüthlichen Schimpfduetts auf dem kaiſerlichen Bocke und während hinter ihrem Rücken der Eine ſcandirte und der Andere muſieirte, ſchien die Gräfin eingeſchlafen zu ſein⸗ 120 Scotto verſuchte ihren Schlaf durch unaufhör⸗ liches Huſten und Ränſpern zu unterbrechen. Mag⸗ dalena aber ließ ſich nicht ſtören. Der Ritter von Brandeis langweilte ſich. Und in Folge deſſen bequemte auch er ſich endlich, die Augen zu ſchließen und gleichfalls einzuſchlafen. Und unterdeſſen war es Morgen geworden. Die langſame Kutſche nahte ſich mehr und mehr ihrem Ziele. Magdalena und Scotto erwachten faſt gleich⸗ zeitig. — Wie habt Ihr zu ſchlafen geruht? fragte der Elende. Die Gräfin gab ihm keine Antwort. Sie hüllte ſich dichter in die Falten ihres Schleiers, denn ſie fror wie eine Fieberkranke und ihre ſchönen Zähne klapperten krampfhaft. — Darf ich Euch meinen Mantel anbieten? fragte Scottv. Magdalena warf ihm einen Blick ſouveräner Verachtung zu und beharrte in ihrem unverbrüchli⸗ chen Schweigen. — Dort iſt Pürglitz! ſprach Johannes Frank. — Gottlob! ſchrie jubelnd der frierende Rutzke. — Wir ſind am Ziele! ſagte Dürbach. 121 — Ich habe Hunger wie ein Wolf, behaup⸗ tete Mardochäus de Delle und ſprang vom Pferde. Die Kutſche hielt vor dem Schloſſe. Zehntes Capitel. Schloß Pürglitz. Schloß Pürglitz liegt in einem ſchön bewal⸗ deten Thale des ehemaligen Rakonitzer jetzt Pra⸗ ger Kreiſes; vor Alters war Pürglitz ſelbſt der Sitz eines Zupan. Zu den Füßen dieſer uralten Burg fließt die Mies. Die Umgegend von Pürglitz iſt die urſprüng⸗ liche Wiege einer romantiſchen Sage, die ſeit Jahr⸗ hunderten auf Böhmens Boden im Munde des Vol⸗ kes fortlebt und dem größten unſerer deutſchen Dich⸗ ter den Stoff zu einer ſeiner ſchönſten Balladen, zum Gang nach dem Eiſenhammer, geliefert hat. Jene uralte Sage wird noch heutzutage von den Bewoh⸗ nern der Herrſchaften Pürglitz und Niſchburg ziemlich übereinſtimmend mit Schillers Ballade erzählt; der ſtrenge Graf von Savern iſt in der böhmiſchen Sage König Wenzel IV., der oft und gern auf der Veſte 122 Pürglitz gehauſt; an die Stelle der Gräfin tritt die Königin Johanna, Tochter des Herzogs Albrecht I. von Bayern und erſte Gemahlin Wenzels*); der fromme Knecht Fridolin heißt hier Jan und der Jäger Wok. Als Ziel des Ganges wird Starä Huk oder Althütten, Böhmens urälteſtes Eiſenwerk, das ſchon ſeit dem neunten Jahrhundert in ununterbro⸗ chenem Gang iſt, bezeichnet. Die kleine Kirche, in welcher der fromme Knecht der Meſſe gedient, iſt die uralte Capelle zu Stradonic, am Wege von Pürglitz nach Althütten. Zu jener Zeit, in welcher unſere Erzählung ſpielt, war die Königsveſte Pürglitz ein unheimliches Staatsgefängniß, in welchem ſich die ſchauerlichſten Kerker befanden, der von ganz Böhmen gefürchtete Ort der heimlich vollzogenen Hinrichtungen. Das war auch der Gräfin bekannt. Und den⸗ noch ſprang ſie ſo leicht und heitet, als folge ſie dem Rufe eines Ballfeſtes, aus der Kutſche und folgte ihrem Begleiter in's Innere der Burg. Dort übergab ihr Begleiter in Gegenwart der *) Sie ſtarb 1385 und fünfzehn Jahre ſpäter vermählte ſich Wenzel IV. mit Sophia, der Tochter Herzog Ste⸗ phans von Bayern. 123 Gefangenen dem Schloßhauptmann das verſiegelte Handbillet des Kaiſers. Dieſer erbrach es und las den Inhalt. Rudolph hatte ihm darin befohlen, die Gräfin mit aller Rückſicht, die man ihrer Geburt, und mit aller Schonung, die man ihrem Geſchlechte ſchuldig ſei, zu behandeln. — Seid gegrüßt, Gräfin! ſprach der ergraute Ritter, ſeinen Hut abnehmend. — Euere Gefangene hatte einen andern Em⸗ pfang erwartet, geſtand die Gräfin freudig überraſcht. — Ihr habt Euch geirrt, Gräfin! Wenn zwar nur ein rauher Soldat und armer Ritter, der zu dem Wenigen, was er jetzt iſt, nicht durch fremde Gunſt, ſondern durch eigenes Verdienſt emporgeſtiegen iſt, weiß ich doch recht wohl die Strenge meiner Pflicht mit jeder Rückſicht, die ich Eurem Namen und Eurer Familie ſchuldig bin, möglichſt gut zu vereinbaren. — Das freut mich doppelt, alter Herr, ſagte die Gefangene mit herzgewinnender Freundlichkeit zum Hauptmann. — Wenn's Euch nun gefällig iſt, Gräfin, mir zu folgen, fuhr der ehrliche Graubart fort, ſo werde ich die ſchönſte Zelle dieſes freilich nicht allzuheitern Schloſſes einräumen mit dem herzlichſten Wunſche, 124 daß es Euch darin ſo gut gefallen möge, als man in irgend einem Gefängniſſe— und wäre es noch ſo bequem!— ſich gefallen kann. Das Zimmer, das ich Euch anzuweiſen mir erlaube, iſt wenigſtens das hellſte, geräumigſte und geſündeſte in der ganzen Gefängnißabtheilung. — Empfangt im Voraus meinen beſten Dank! erwiderte die Gräfin ihn zärtlich anblickend. — Und lautet ſo Euer Befehl, Hauptmann? fragte Scotto, welcher durch die zarte Schonung, die der rauhe Krieger ihr angedeihen ließ, ſich mehr verletzt als überraſcht zu fühlen ſchien. — Wie jener Befehl lautet, kümmert nur mich! Ich bin hier keinem Andern Rechenſchaft ſchuldig, als meiner Pflicht, meinem Gewiſſen und. — Seiner Majeſtät, Eurem allerdurchlauchtigſten, großmächtigſten Kaiſer! unterbrach ihn der Ritter von Brandeis. — Das eben wollte auch ich ſagen, entgegnete der Hauptmann, ihn keines Blickes würdigend: Seid ſo gütig, mir zu folgen, ſagte er, der Gräfin mit ſoldatiſcher Steifheit ſeinen Arm reichend⸗ — Ich nehme ihn dankbar an, Hauptmann. Doch hab' ich eine kleine Bitte an Euch: entfernt erſt Dieſen da! bat ſie auf Girolamv weiſend. 125 — Ich habe Auftrag, Euch zu begleiten, ſagte ieſer. — Und bis wie weit? fragte der Hauptmann. — Bis in das Innere ihres Kerkers. — Was will er dort? ſagte die Gräfin, nicht ihn ſelbſt, ſondern ihren alten ritterlichen Beſchützer anblickend. — Er iſt beauftragt, der Gefangenen dort unter vier Angen etwas einzuhändigen.. — Von wem? fragte der Hauptmann. — Von Eurem erlauchten Herrn und Gebieter. — Warum that er dieß nicht hier? ſagte Mag⸗ dalena, ihn gleichfalls keines Blickes würdigend. — Weil der Ritter von Brandeis, gewohnt, die Befehle ſeines großen Kaiſers pünetlich zu erfüllen, den Auftrag hat, es ihr ohne läſtige Zeugen einzuhändigen. — Fügt Euch, Gräfin, in das Unvermeidliche, bat der alte Haudegen. Aber fürchtet Euch nicht, ſchöne Frau. Ich werde dicht vor Eurer Thüre ſo lange harren, bis Jener ſeinen Auftrag an Euch erfüllt hat. 6 Und nun ſtiegen alle Drei, geführt von einem barfüßigen, buckeligen, engbrüſtig⸗keuchenden Schließer, der mit einer Laterne voranſchritt, durch ein Labyrinth feuchter Gemächer, dunkler Gänge und ſteiler Treppen 126 langſam faſt bis zur höchſten Spitze des hohen Thur⸗ mes Lidomorna,“ die„Menſchenwürgerin“ genannt, hinan. Die Leuchte des Schließers warf ihre blei⸗ chen zitternden Strahlen auf die ſickernden Wände und zeichnete auf den dunkeln Hintergrund phantas⸗ magoriſche Geſtalten, die an dem von Furcht ge⸗ blendeten Auge der Gräfin wie Todtengerippe und bewegliche Schatten aus den tiefſten Verließen des Lidomornathurmes vorüberglitten. Magdalenens er⸗ hitzte Phantaſie ſah den ganzen Reigen der Hol⸗ bein'ſchen Todtentänze an ſich vorüberhuſchen und war in kalten Angſtſchweiß gebadet, als ſie ſich end⸗ lich nach langem Steigen am Ziele ihrer unfreiwilli⸗ gen Himmelfahrt angekommen ſah. Der Schließer öffnete ein freundliches Gemach. — Habt die Güte einzutreten, ſprach der Haupt⸗ mann zur Gefangenen. Magdalena ſchritt voran, Girolamo folgte ihr⸗ — Ich warte draußen, ſagte der Graubart, die Thür hinter ihnen zumachend. Scotto überreichte der Gräfin das Billet. — Von wem kommt dieſes Schreiben? fragte Magdalena, bevor ſie es annahm. — Von Eurem ſchwer betrogenen Gönner! 127 — Ich verſtehe Euch nicht! ſagte die Gräfin, das Billet zurückweiſend. — Ihr müßt es annehmen, denn es iſt von Eurem Kaiſer. — Dann gebt es mir, entgegnete die Gefan⸗ gene, riß ihm das Schreiben empört aus der Hand und warf es unerbrochen auf den Tiſch. Euer Auf⸗ trag iſt erfüllt, nun geht! In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thür. An der Schwelle ſtand der Hauptmann. — Befreit mich vom Anblick dieſes Verhaßten! rief ſie dem alten Krieger zu. — Verlaßt dieſe Zelle! befahl der Hauptmann. Girolamo Scotto ſchied wüthend ohne Gruß. Hinter ihm ſchloß ſich die Thür. Magdalena war allein. — Ich bin befreit! rief die Gefangene. Dann nahm ſie das Billet und las: „Gräfin, Ihr habt mich ſchwer hintergangen. Gott vergebe Euch Eure Schuld! Ich vermag es nicht, denn aus tauſend tiefen Wunden blutet das Herz Deſſen, den Ihr getäuſcht und verrathen habt. Rudolph.“ Die arme Gräfin gerieth außer ſich. Sie warf ſich auf einen der zwei hölzernen Stühle, aus welchen 128 nebſt einer leeren Bettſtelle und einem Tiſche die ganze Geräthſchaft ihres Zimmers beſtand, und brach zuerſt in lautes Schluchzen und dann in ſtilles Weinen aus. Aus ihren großen, träumeriſch weitgeöffneten Augen brach ein Quell blutigheißer Thränen hervor, die langſam wie eine Schnur von Perlen auf das Roſenbeet ihrer Wangen herniederfloß. Als ſie ihren Schmerz ausgeweint und ihre Thränen getrocknet hatte, zog Beherrſchung und Ruhe in ihrer Seele herauf. Dann nahm ſie die Zeilen des Kaiſers und las ſie noch ein, noch zwei, noch zehn Mal und ſprach dann getröſtet zu ſich ſelbſt: — Arme Magdalena! Schwer gekränktes Herz! Jene elenden Abenteurer haben Dich verläumdet. Was aber ſoll ich thun? Ich bin zu ſtolz, um mich über einen Verrath, der meine Ehre kränkt, zu recht⸗ fertigen. Nur der Schuldbewußte mag ſich verthei⸗ digen; der aber, der ſich rein weiß, ſoll ſich nicht erniedrigen, da um Gnade zu flehen, wo das tief beleidigte Recht freiſprechend ihm zur Seite ſteht. Ich will das Ende von dieſem traurigen Liede ruhig abwarten und mich fügen in Alles, was dieſer Ru⸗ dolph über mich beſchließen wird. Dann trat ſie an's offene Fenſter. Ihr in Thränen eingehülltes Ange blickte auf die öde 129 3 Winterlandſchaft und auf das in der Nähe liegende Eiſenwerk, und beim Anblick dieſer Schmiede zog wie eine aus ſchönerer Zeit zu ihr herüberklingende Reminis⸗ cenz durch ihre bange Seele ein Lied, das erſt we⸗ nige Monate zuvor derſelbe Mann, der ſie jetzt ge⸗ fangen hielt, zu ihren Füßen niedergelegt hatte. Und jenes Lied lautete wie folgt: Ich weiß eine Schmiede, Wo's hämmert und ziſcht; Drin glühet ein Feuer, Das niemals erliſcht. Der Schmied und ſein Jammer. Hat Raſt nicht, noch Ruh: Sein Herz iſt der Hammer, Der Ambos biſt Du! Er ſchmiedet und hämmert Jahr aus und Jahr ein, Kann Alles, kann Alles, Nur fröhlich nicht ſein! Er liebt eine Kohle, Die lächelt dazu: Sein Herz glüht voll Feuer, Die Kohle biſt Du! Er hämmert und ſchmiedet. Nur Pfeile für ſich, Er wachet und träumet Und betet für Dich. Dann drückt er die Pfeile In's Herz ſich hinein: 1856. V. Auf dem Hradſchin. I. 9 130 Sein Herz iſt verwundet, Dein Herz iſt von Stein. Dann ſchloß ſie traurig das Fenſter und brach von Neuem in einen Strom von Thränen aus. Erſchöpft warf ſie ſich auf's Bett, und mit dem einzigen Gedanken an Den, der ihr Herz ſo ſchwer verkannt hatte, überließ ſie ſich dem leiſe zu ihr hernieder ſteigenden Tröſter, Schlaf genannt. Eilſtes Capitel. Der Bader Procop und ſeine Mündel⸗ Und unterdeſſen frohlockte die liſtige Verläum⸗ derin. Und während ſich Gräfin Magdalena ſtunden⸗ und tagelang dem ſtillen, wehmüthigen Schmerze das Verkannt⸗ und Verbanntſeins hingab, überließ ſich ihre ſchlaue Nebenbuhlerin„Gräfin Clelia“ der Freude ihres um den Preis der Verläumdung er⸗ kauften Sieges, der ſüßen Wonne befriedigten Rach⸗ gefühls und triumphirte laut über die Gefangenſchaft der geſtuͤrzten Katſersbraut. Von Tag zu Tage ſah Libusa ihrer Entbin⸗ dung entgegen. Ihre Schlauheit berechnete alle 131 Wechſelfälle dieſes glücklichen Zufalls, der ſie, die in Niedrigkeit geborene Mündel eines Baders, zur Mutter eines fürſtlichen Baſtards erheben und ſie, eben als ſolche, in der wetterwendiſchen Gunſt Rudolphs unver⸗ meidlich mehr und mehr befeſtigen und jeden andern weiblichen Einfluß auf das Herz des Kaiſers mehr und mehr verdrängen mußte. Sie ſagte ſich, daß dieſe Liebſchaft, die Rudolph nur aus Langeweile und bloß zum Zeitvertreibe mit ihr angeknüpft hatte, durch jenen ihrerſeits im Voraus berechneten Vortheil ſich nach und nach zu einem Verhältniß ernſterer Art umgeſtalten und ſie dann, wenn ſie erſt Mutter eines Kindes ſei, ſehr leicht aus dem dunkeln Alko⸗ ven eines unſichern und glanzloſen Coneubinats zur lichtern Höhe einer Heirath zu linker Hand, zum Gipfel einer morganatiſchen Ehe emporheben konnte. Libusa, die noch kurz vorher nichts als leichtſinnige Befriedigung ihres Hangs zum Wohlleben und elen⸗ den Eigennutz gekannt, ſie fühlte ſich, ſeitdem ſie ſich in jenem glücklichen Zuſtande befand, zum erſten Male vom Stachel des Ehrgeizes angeſpornt, aus der Niedrigkeit einer ihr ſelbſt unbekannten Herkunft zum Rang einer in den Fürſtenſtand erhobenen Prinzenmutter emporzuſteigen. Dieſen Ehrgeiz hatte Scotto in ihr geweckt und allmählig mehr und mehr 9* 132 zu einer Art von Manie ausgebildet. Der Aben⸗ teurer kitzelte ihren Stolz und ihren Hochmuth durch Aufzählung einer endlos langen Reihe fürſtlicher Geliebten wach, die ſich zu den höchſten Stufen der menſchlichen Geſellſchaft heraufgeliebt. Er erzählte ihr blaue Wunberdinge von Agnes Bernauer, der Gattin Herzogs Albrecht von Bayern, Barbara Blom⸗ berg, der Geliebten Kaiſer Carls V., von Philippine Welſer, der Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand von Oeſterreich und vielen Andern und erhitzte da⸗ durch ihre Einbildungskraft und ſpornte ſie dadurch zur Nacheiferung jener glänzenden Vorbilder an. Libusa ſah ſich ſchon als Herzogin, ſie triumphirte laut und verlachte im Stillen die ſtolze, hochnäſige, eingebildete Grafentochter, die jene Kränkungen, welche ſie der zukünftigen Fürſtin— zuletzt auf dem be⸗ wußten Feſte!— zugefügt, ſchon jetzt in ihrem ein⸗ ſamen Gefängniß auf Schloß Puͤrglitz abzubüßen verurtheilt war.————————— Einige Tage nach Verhaftung der Gräfin Ma⸗ ria Magdalena wagte der Bader Procop zum erſten Male, ſich bei ſeiner ehemaligen Mündel anmelden zu laſſen. Aus Furcht, ihn zu beleibigen, gernhte Libusa, wenn auch nur höchſt ungern, ihrem ehemaligen Vormunde die Erlaubniß zu ertheilen, ſie unter vier Augen ſprechen zu dürfen, da ihr„Gemahl ſich zufällig gerade an dieſem Tage mit Johann von Aachen und einigen andern Vertrauten des Kaiſers ſchon ſeit frühem Morgen auf der Jagd befand und erſt ſpät in der Nacht heimzukehren gewohnt war. Und darum ward Procop gnädig vorgelaſſen. — Was bringt Ihr uns? fragte ſie den Ein⸗ tretenden mit einem Hochmuth, der ihn augenblick⸗ lich gegen ſie einnahm. — Ich bringe nichts! erwiderte er keck; ich komme, um mir im Gegentheile etwas zu holen. — Braucht Ihr Geld? Dort auf dem Tiſche liegen ein Paar ſchmucke Dukaten. Nehmt ſie und gehabt Euch wohl! Procop warf einen Blick auf den Tiſch, ſah dort drei lumpige Goldſtücke und ſchlug eine rohe, charakteriſtiſch pöbelhafte Lache auf. — Und glaubſt Du wirklich, mich mit jenen drei elenden Goldfiſchen zu kirren, mich wie einen hungerigen Hund mit einigen armſeligen Biſſen, die Du ihm als Almoſen vor die Füße wirfſt, abzuſpeiſen? — Vergeßt nicht, mit wem Ihr ſprecht! warnte ihn die Gräfin mit einem Stolze, der ihn empörte. 134 — Ich ſpreche mit meiner Mündel Libuda! ſagte der Bader, mit der geballten Fauſt ſo heftig auf die Ecke des Tiſches ſchlagend, daß Jene erſchreckt zuſammenfuhr! Bald aber faßte ſie ſich wieder und erwiderte rnhig: — Ich bin nicht mehr Eure Mündel! — Wer wagt dieß zu behaupten? ſchrie Procop mit dem ganzen Aufwande ſeiner Stentorſtimme. — Ich bitt' Euch, ſchreit nicht ſo, denn meine ſchwachen Nerven vertragen dieß nicht mehr. — Und ſeit wann hat mein ſtarkes Mädchen ſchwache Nerven? fragte der ironiſch grinzende Bader ſo leiſe als ihm möglich war. — Seitdem ich die kirchlich angetraute Gemahlin Girvlamo Scotto's, Ritters von Brandeis, bin. — Lügnerin, ſchrie Procop, das biſt Du nicht! Ich weiß mehr, als Dir lieb iſt, mein dickes Püpp⸗ chen. Du biſt eben ſo wenig das Weib jenes berüch⸗ tigten Abenteurers, als die Nichte des in Gott ru⸗ henden„Cardinals Hippolytus von Cibo. Du biſt eben ſo wenig Frau Girolamo Scotto, als Cle⸗ lia, Gräfin Buoncompagni. Du ſiehſt, Dirne, ich weiß Alles! 135 — Sprecht nicht ſo keck, es könnte Euch leicht gereuen! warnte Libusa mit gravitätiſcher Ruhe⸗ — Thue nicht ſo vornehm, Libusa, Dein Hoch⸗ muth könnte Dir theuer zu ſtehen kommen. — Glaubt Ihr, ich fürchte mich vor Euch? fragte die Dirne mit höhniſchem Lächeln. Libusa iſt nicht mehr Eure Mündel. Die Gunſt des Kai⸗ ſers hat ſie großjährig gemacht und ſie Eurem ohn⸗ mächtigen Zorne entrückt. — Glaubſt Du das wirklich, ſtolze Närrin? fragte der Vormund, hohnlachend ſeine beiden Fäuſte an die Hüften ſtemmend. — Meiſter Procop, ich werde es Euch früh genug beweiſen, drohte ſeine hochfahrende Mündel. — Du irrſt, mein zuckerſüßes, dickes Püpp⸗ chen. Ein Wort vyon mir kann Dich ohnmächtig zu Boden werfen und auf ewig vernichten. — Ich bitte Euch, Meiſter Procop, bringt mich nicht zum Lachen; mir thun ohnehin meine Hüften weh. Ibr werdet wiſſen.. — Daß Gräfin Clelia Buoncompagni ſchwan⸗ ger iſt! Ihr Mann hat frühzeitig dafür geſorgt, daß ganz Prag dieß lächerliche Staatsgeheimniß weiß! — Hüthet Euch, Meiſter Procop, Ihr redet Euch um den Kopf! 136 — Glaubſt Du, ich fürchte mich vor Dir? fragte höhniſch der Bader, ganz ſo, wie kurz vorher Libusa. Dein Leben liegt in meiner Hand! — Ich bitt Euch, ſchont das Eure! — Deine Ruhe verſetzt mich in Raſerei! — Sprecht gelaſſen, dann will ich hören, was Ihr wollt, dann will ich ſehen, was ſich für Euch thun läßt, ſagte Libnsa vorſichtig umlenkend, um ſeinen Zorn nicht noch mehr zu reizen. — Watum ſprachſt Du nicht gleich ſo vernünftig, wie jetzt? Höre mich ruhig an und frage Dich dann ſelbſt, ob Dein alter Vormund nicht in ſeinem vollen Rechte iſt, Dir, ſeiner undankbaren Muͤndel, ſchwer zu zürnen. Seit Jahr und Tag ſpielſt Du unter falſchem Namen eine Rolle an dieſem Hofe. Ich habe Dir mein Verſprechen erfüͤllt und die ganze Zeit geſchwiegen wie das Grab. Was haſt Du während dieſer langen Zeit für den einzigen Mit⸗ wiſſer Deiner Geheimniſſe gethan? Nichts! Dir, nur Dir zu Liebe habe ich den edeln Oberſthofmei⸗ ſter und Colins Befreiungsplan an Dich verrathen. Was haſt Du, trotz all' Deiner glänzenden Ver⸗ ſprechungen, dafür mir gethan? Nichts, nichts und nichts als nichts! Du biſt und bleibſt meine Mün⸗ del! Dieß aber iſt— Dank der Vorſehung!— 137 nicht das einzige Geheimniß zwiſchen mir und Dir! ich will Dir— heute zum erſten Male— mehr noch ſagen, als Du bis jetzt kaum geahnt, geſchweige gar gewußt, haſt. Libusa, Du biſt das in der Sünde erzeugte Kind eines Vater und einer Mutter, die außer mir kein Zweiter in ganz Böhmen kennt. — Weh mir! Sprichſt Du die Wahrheit? fragte Libusa zuſammenſchauernd. — So wahr der oben, der mich jetzt hört, mir helfen möge! ſchwur Proeop. — Nennt mir meinen Vater, nennt mir meine Mutter. — Das kann, das darf ich nicht! Mich binden heilige Schwüre an ein gegebenes Wort, das, wenn ich's bräche, mir und Dir den unvermeidlichen Tod brächte. — Meiſter Procop, fürwahr, Ihr erſchreckt mich! — Du fürchteſt Dich alſo doch, meine Puppe? — Ihr foltert, Vormund, meine Neugier. Sagt mir, wer meine Aeltern find! Brecht, ich beſchwöre Euch, Euern Schwur. — Nicht um alle Schätze dieſer Welt. — Und warum? — Sagte ich Dir nicht, daß der Verrath dieſes 138 finſtern Geheimniſſes mir und Dir die Folter und den Tod brächte? — Ihr erzählt mir ein altes Ammenmärchen, womit man leichtgläubige Kinder ſchreckt. — Rein, Libusa, nein! Ich verſchweige Dir eine grauenvolle Thatſache, die mir das Haar zu Berge treibt. Libusa betrachtete ſeine Glatze und ſchwieg. — Du biſt in tiefes Nachdenken verſunken, unterbrach Procop das Schweigen. Gieb's auf, meine Mündel, darüber nachzugrübeln. Es führt zu nichts als Tod! — Wohlan, dann mag ich es nicht wiſſen! Nun aber ſagt mir, Vormund, was Euch gerade heute zu mir führt? — Du hatteſt mir gelobt, Sorge zu tragen für mein Fortkommen. Bis jetzt iſt nichts für mich geſchehen. — Doch warum mahnt Ihr mich gerade heute an mein Wort? — Weil ich glaube, daß jetzt, wo meine Mün⸗ del Mutter eines Liebespfands des Kaiſers, die Stunde gekommen iſt, in der Du Deine Schuld an mich bezahlen kannſt. — Und wodurch, beſter Vormund? fragte Libusa, ————— 139 deren ganzer Stolz und Hochmuth mit Einem Schlage gebrochen ſchien. — Dadurch, daß Du Dich für mich beim Kai⸗ ſer verwendeſt. — Was kann er für Dich thun? — Er ſoll mich zu ſeinem Leibchirurgen und wie jenen Apotheker Jacob Horick, in den Adel⸗ ſtaud erheben; denn meine Familie iſt ſo alt wie die Seinige und ich habe ſtudirt, und bin nur ein armer elender Bader, der nichts zu beißen und zu nagen hat, während meine Mündel in Reichthum und Ueberfluß ſchwelgt und ihren alten Vormund darben und zum Bettler herabſinken läßt, heulte Procop, der ſich Mühe gab ſeinem Auge eine Thräne abzukitzeln. Hilf mir, rief er, ſich eben ſo ſchnell wieder ermannend. Hilf mir, ſonſt biſt Du verloren! — Ja, beſter Vormund, ich ſehe mein Unrecht ein und will von dieſem Augenblick an ernſtlicher als je für unſer Fortkommen ſorgen. — Wann aber ſoll etwas für mich geſchehen? — Vielleicht ſchon morgen, lieber guter Vormund. — Schwöre es mir bei Deinem Kinde! — Ich ſchwöre! wiederholte Libusa, ihre Hand emporhebend. — Dann bleiben wir die alten Freunde. 140 — Und Ihr gelobet mir auf's Neue. — Stumm zu bleiben wie das Grab! — Geht mit Gott und meinem Segen. Der Vormund der Mündel entfernte ſich.—— Zwölftes Capitel. In der Schenke zur goldenen Kugel. Drinnen wimmelte es wieder von Gäſten. An dem uns bekannten Ecktiſche ſaßen, wie allabend⸗ lich, ſo auch an dieſem Tage, zwei der getreuſten Stammgäſte dieſer Bierſchenke. Meiſter Matthias mit einer neuen ſtattlichen Krauſe und Meiſter Wenzel mit ſeinem alten unverwüſtlichen Durſte. Erſterer hatte ſich ſeit der verunglückten Befreiungs⸗Expedi⸗ tion nach Elbogen und in Folge des unheilbaren Schrecks, der ſeit jenem Augenblick in den 493 Kno⸗ chen ſeines äußerſt gebrechlichen Leichnams ſaß, noch immer nicht erholen können und war in Folge eines chroniſchen Abweichens mehr und mehr abgemagert und an Muth wie an Kräften heruntergekommen. Wenzel hingegen ſchien noch ganz der Alte, der er 141 vor Jahr und Tag geweſen war. Mehr als den Teufel und deſſen Großmutter fürchtete er noch im⸗ mer ſein kleines, mageres, aber durchaus nicht übles Frauchen Jutta, das den äußerſt ſtämmigen Trun⸗ kenbold, wenn er ſich in Folge eines coloſſalen Rauſches oder in der Anwandlung eines moraliſchen Katzenjammers auf die faule Haut zu legen geruhte, mittelſt eines Talismans in Geſtalt eines Knierie⸗ mens raſch wieder auf die Beine und zur Arbeit zu bringen verſtand. Zu dieſen zwei Pfahlbürgern hatte ſich heute ein dritter zugeſellt. Er hieß Jaromir und war Handſchuhmacher. Der hervorſtechendſte Zug ſeines Charakters war eine pyramidaliſche Aufſchneiderei, die ſich in maaßloſer Uebertreibung gefiel. Seiner phyſiſchen Erſcheinung nach war er eine endlos lange, verknöcherte Hopfenſtange mit glatt geſchorenem Haar und dürftigem Bart, der in Form eines Hufeiſens ſein ziemlich verwittertes, juchtenartig gebräuntes Geſicht umrahmte. Im Uebrigen hatte er die äußerſt lie⸗ benswürdige Angewohnheit, im Frühling über Staupe, im Sommer über Hühneraugen, im Herbſte über Rheumatismus und im Winter fortwährend über Froſtbeulen zu klagen. Seine Stimme war ſo ton⸗ los wie ein verſtopftes Clarinet. Im Uebrigen galt 142 er ziemlich allgemein für einen guten Kerl“, der we⸗ der irgend einer Katze, noch irgend einer Maus etwas zu Leide that. — Wißt Ihr was Neues? fragte Matthias, als Jaromir ſich zwiſchen Schneider und Schuſter niedergeſetzt hatte.. — Ich bringe Euch hundert tanſend Schock funkelnagelneuer Neuigkeiten! ſchrie der dürre Hand⸗ ſchuhmacher, die Augen aufreißend. — Hunderttauſend Schock? wiederholte Wenzel. Heraus mit dem erſten Schock! — Das Neueſte des Allerneueſten iſt, daß unſer unſterblich großer Kaiſer Rudolph— der heilige Wenzel erhalte ihn noch neunmalhunderttauſend Jahre! — ſeit kurzer Zeit auf Freierfüßen geht. — Von wem wißt Ihr das? fragte der Schneider. — Aus der allerbeſten und allerſicherſten Quelle, aus dem Munde eines meiner größten und unſterb⸗ lichen Kunden, aus dem Munde des kaiſerlichen Kammerdieners Martin Rutzke, der ewig friert und ſelbſt im Sommer Pelzhandſchuhe trägt. — Und was erzählte Euch der ewige Frierer? fragte Wenzel. — Er etzählte mir unter dem Siegel der 143 allergrößten Verſchwiegenheit, der Kaiſer habe zu geruhen geruht, im nächſten Jahre zu heirathen... — Und wen denn? fragten Beide zugleich. — Die Prinzeſſin Iſabella von Spanien und die Prinzeſſin Maria von Medicis! — Wie, gleich zweie auf einmal? fragte Matthias. — Verſteht mich recht! Entweder heirathet er die Eine oder die Andere. — Wer iſt denn dieſe Prinzeſſin Iſabella? wünſchte Wenzel zu erfahren. — Prinzeſſin Iſabella— ſagte mir mein Freund Martin Rutzke, der jährlich fünfzig Stück Pelz⸗ handſchuhe bei mir kauft— Prinzeſſin Iſabella, ſagte er, iſt die Tochter König Philipps II. von Spanien, den die grundgütige Vorſehung noch neun⸗ malhundert tanſend Jahr erhalten möge. — Warum denn gar ſo lange? fragte Matthias. — Weil ſo ein großer Monarch, ſagt Martin Rutzke, in hundert Millionen Jahren nicht wieder kommt. — Meinetwegen braucht er gar nicht da zu ſein, meinte Wenzel. — Wer iſt denn aber die Andere? fragte der Schneider. — Welche Andere? wiederholte der Hand⸗ ſchuhmacher, der nebenbei auch ſehr vergeßlich war. 144 — Ich meine die andere Braut des Kaiſers, ſprach Matthias. — Ach die! Dieſe Andere, Maria von Medicis, iſt— wie mir mein erhabener Gönner und Kunde, Martin Rutzke geſagt,— die allerſchönſte Prinzeſſin auf Gottes Erdboden! — Und der Vater der Prinzeſſin? fragte der Schuſter. — Soll ſo unvernünftig reich ſein, daß er— wie mein Freund Martin Rutzke ſagt, jede— Stunde tauſend Schock ſächſiſche Groſchen zu verzehren hat. — Iſt er denn ein Sachſe? wünſchte der Schnei⸗ der zu erfahren. — Wer? fragte Jaromir, ſich ſeinen Bart ſtreichend. — Wer anders als der Vater jener ſchönen Prinzeſſin. — Ach der! Nein, Meiſter Matthias, der lo⸗ girt in Florenz. — Das iſt wohl ſehr weit von hier? warf der Schuſter hin. — Ueber tauſend böhmiſche Meilen— ſagt mein Gönner Martin Rutzke. 8 145 — Und welche von dieſen Beiden wird unſer Kaiſer wohl heirathen? fragte Matthias. — Das weiß er ſelbſt noch nicht, ſagt Mar⸗ tin Rutzke. — Meinetwegen mag er ſich alle Beide neh⸗ men! erklärte Wenzel. Ich für meine Perſon habe nichts dagegen. Aber wär' ich Kaiſer Rudolph.. — Na, was thätet Ihr? horchte der Schneider. — Ich bliebe ledig! ſagte der Schuſter, der ſich bedeutungsvoll den Buckel rieb. — Iſt das Alles, was Ihr uns zu erzählen habt? fragte Matthias. — Das Allerwichtigſte kommt erſt. Wißt Ihr, Kinder, ſagte Jaromir näher rückend und mit ton⸗ loſer Stimme heimlich fragend, was aus dem armen Oberſtlandhofmeiſter Georg Popel von Lobkowie ge⸗ worden iſt? — Na was denn, was denn? fragte Wenzel. — Man ſoll ihn, ſagt Martin Rutzke, von Elbogen heimlich fortgeſchleppt und nach Prag zu⸗ rückgebracht haben. — Und was hat man hier mit ihm gemacht? fragte Matthias. — Vorgeſtern Nacht— ſagt Martin Rutzke — hat man ihn heimlich— im Löwenzwinger auf 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 10 146 dem Hradſchin!— dem Lieblingslöwen des Kaiſers vorgeworfen, der ihn mit Stiefel und Sporen auf⸗ gefreſſen hat. — Der Kaiſer? fragte der Schneider ganz verduzt. — Dummkopf, der Löwe hat ihn verſchlungen! — Ach der! ſagte Matthias, der vor Schreck ſchon wieder eine leiſe Anwandlung ſeines chroni⸗ ſchen Uebels zu verſpüren ſchien. — und gleich darauf— ſagt Martin Rutzke — hat der Kaiſer ihn ausſtopfen laſſen. — Den Löwen? fragte der Schneider, welcher Bauchgrimmen bekam. — Schwachkopf, nicht der Löwe iſt ausgeſtopft worden, ſondern der arme, edle Oberſthofmeiſter. — Aber wenn der Löwe den Oberſtlandhofmei⸗ ſter mit Stiefel und Sporen aufgefreſſen hat, fragte Wenzel, wie iſt's dann möglich, daß man ihn— ich meine den Oberſthofmeiſter— ausgeſtopft hat? — Ja, Gevatter Jaromir, das begreife ich auch nicht, geſtand der Schneider. — Ich auch! Aber's iſt nun mal ſo! ſagt Martin Rutzke. — Meinetwegen ſoll man ihn ausgeſtopft haben 147 oder nicht, erklärte Wenzel; ich kann die Geſchichte einmal nicht ändern und... — Der Kaiſer wird wohl wiſſen, warum er das Alles gethan hat, fügte der Schneider hinzu. — Er ſoll's gethan haben, ſagt Martin Rutzke, weil er eiferſüchtig iſt.. — Rutzke? fragte Matthias, der aus lauter Leibkneifen wie auf glühenden Kohlen ſaß. — Nein, der Kaiſer! — Aber wie um Gottes Willen kann denn der Kaiſer, meinte Wenzel, auf Einen eiferſüchtig ſein, der vom Löwen mit Haut und Haaren gefreſſen und dann ausgeſtopft worden iſt? — Er iſt nicht mehr eiferſüchtig, erklärte der Handſchuhmacher, er war's. Der ausgeſtopfte Po⸗ pel von Lobkowic ſoll— als er noch nicht gefreſſen war!— ein ungeheuer geheim gehaltenes Techtel⸗ mechtel mit der dritten Braut des Kaiſers— ſagt Martin Rutzke— gehabt haben. — uUnd wie heißt denn dieſe dritte Braut? fragte Matthias, der trotz ſeiner Leibſchmerzen die Geſchichte gern bis zu Ende anzuhören geneigt ſchien. — Dieſe Dritte iſt die Gräfin Maria Mag⸗ dalena, ſagt Martin Rutzke. 10* 148 — Aber will denn der Kaiſer alle Drei hei⸗ rathen? meinte Wenzel. — Das weiß ich nicht, erwiderte Jaromir. So viel aber iſt gewiß, fuhr er fort, daß die Gräfin ſeit acht Tagen, ſagt Martin Rutzke, in einem thurm⸗ hohen, fünfzig Klafter tiefen Burgverließe ſitzt, aus dem kein Gott— ſagt Martin Rutzke— ſie be⸗ freien kann... — Na, ich befreie ſie ganz beſtimmt nicht, denn mit Angſt und Schrecken denke ich noch heute an die bewußte Fahrt nach Elbogen zurück und ſeit jenem unglückſeligen Tage bin ich ſo matt und ner⸗ venſchwach, daß, wenn Jemand hinter mir mit der Peitſche knallt, der Schreck mir gleich in die Einge⸗ weide fährt! — Winſelt nicht immer, guter Matthias. Auch mich ſchmerzen meine Froſtbeulen und doch habe ich Durſt, wie Ihr ſeht, ſagte Jaromir, mit Herviemus ſeinen Bierkrug mit Einem Zuge leerend. — Was ſoll denn aber mit der Gräfin ge⸗ ſchehen? fragte Wenzel, nachdem er den leeren Krug gegen einen vollen umgetauſcht hatte. — Was aus ihr werden ſoll? Darüber ſchweigt Martin Rutzke; ſo viel aber iſt gewiß, daß auch ſie ein böſes Ende nimmt, denn unſer großer Kaiſer 149 verſteht nicht den kleinſten Spaß und macht nicht viel Umſtände mit Leuten, die ihn beleidigt oder gar gekränkt haben, ſagt Martin Rutzke, ſein Kammerdie⸗ ner, der ihn hunderttauſendmal beſſer als ſich ſel⸗ ber' kennt und Millionen Geheimniſſe des Hofes weiß. — Ich möchte nur wiſſen, was aus unſerm Nachbar Procop geworden iſt, ſagte Wenzel. Seit acht Tagen iſt ſeine Bude geſchloſſen und.. — Niemand weiß, was aus ihm geworden iſt, er gänzte Matthias. — Wißt Ihr vielleicht was Näheres? fragte der Schuſter. — Der Freund Martin Rutzke's weiß Alles, prahlte Jaromir. — Ich bitte Euch, Gevatter, erzählt, bat Matthias, deſſen Kolik aus lauter Neugier ein Paar Augenblicke zu ſchweigen ſchien. — Eine hohe Dame, die bei Hofe ſehr gut angeſchrieben iſt, erzählte der Handſchuhmacher, ſoll ihm lange Zeit verſprochen haben, Sorge zu tragen für ſein Fortkommen. Neulich ſoll er ſie daran ge⸗ mahnt haben— ſagt Martin Rutzke, dem nichts von Allem, was bei Hofe geſchieht, verborgen bleibt. — Und was geſchah darauf? fragte Wenzel. — Die hohe Dame erfüllte ihr Verſprechen: 150 ſie ſorgte wirklich für ſein Fortkommen. Noch in derſelben Nacht verſchwand er und kein Menſch— ſelbſt nicht mein Freund Martin Rutzke— weiß, wo unſer Bader hingekommen. — Das iſt ja ſchauerlich! ſtöhnte Matthias, der ſich von Neuem den Bauch hielt. — Schauerlich hin, ſchauerlich her, aber's iſt einmal ſo, ſagt Martin Rutzke. — Und was denkt Ihr? meinte der Schuſter. — Ich denke gar nichts, erwiderte Jaromir. Das Denken überlaſſe ich Euch, Matthias! — Ich denke— ſagte der Schneider nachſinnend. — Du denkſt? unterbrach ihn der Schuſter. — Er denkt, errieth der Handſchuhmacher.. — Wir denken— ſtammelte der denkende Schneider. — Ihr denkt ganz ſo wie ich! ergänzte Jaro⸗ mir. Mit großen Herren, ſagt Martin Rutzke, iſt nicht gut Kirſchen eſſen. Genug der Bader iſt verſchwun⸗ den und Niemand weiß, was mit ihm geſchehen iſt. — Der Schreck iſt mir in den Leib gefahren. Erlaubt, daß ich Euch auf einen Augenblick verlaſſe; gleich bin ich wieder bei Euch! — Ich wette um hunderttauſend blanke Duka⸗ ten, die ich nicht beſitze, daß der arme Matthias wieder ſeine alte Kolik hat! 151 — Hat Euch das Martin Rutzke geſagt? hän⸗ ſelte ihn der Schuſter. — O weh, meine Froſtbeulen! ſchrie Jaromir. Glaubt's oder glaubt es nicht. Rutzke weiß Alles! — Nu, da weiß er wohl auch, ob es wahr iſt, daß der Ritter von Brandeis ebenſo leicht Gold, wie Unſer Einer ein Paar Stiefel machen kann? — Er iſt ein Schwerenöther, ſagt Martin Rutzke. In fünf Minuten hat er aus einem Loth Queckſilber ein Pfund echtes Gold gemacht. — und die Frau des Goldmachers? fragte Wenzel. — Von der, Gevatter, ſchweigt Martin Rutzke. — Das iſt klug von Eurem Freunde, ſagte der Schuſter. Und jetzt kehrte der Schneider zurück. — Wenn das ſo fortgeht, klagte Matthias, dann trägt man mich bald auf den Kirchhof hinaus — Ich will Euch einen Rath geben, ſprach der Handſchuhmacher. Geht zum Doctor Guarinon; der iſt geſcheidt, ſagt Martin Rutzke. Mit einem einzigen Tropfen ſeines Lebenselirirs hat er in Ve⸗ hunderttauſend Menſchen von der Peſt ge⸗ ei — Meiſter, ich bin ja nicht peſtkrank! 152 — Seine Tropfen aber helfen für Alles, ſagt Martin Rutzke. — Na wenn der das fagt, rieth Wenzel, dann würde ich noch heute Nacht hin zu ihm. — Zu Martin Rutzke? fragte der Schneider. — Tölpel, zum Doctor Guarinon, ſagte der Schuſter. — Sie macht mich ganz dumm, dieſe Kolik! — Ihr müßt damit zur Welt gekommen ſein, ſpottete Jaromir. — O ſpottet nur zu! Ihr ſollt es ſehen, ich lebe nicht acht Tage mehr, jammerte das Haſenherz. In demſelben Augenblick knallte ein Fuhrmann, der eben eingetreten war, mit der Peitſche. — Der Schneider fuhr eine Elle hoch von ſeinem Stuhle auf, hielt ſich den Leib und ſagte bis zu Thränen gerührt: — Nun muß ich Aermſter ſchon wieder hinaus! Die Andern fingen zu lachen an. 153 Dreizehntes Capitel. Ein Ereigniß. Wenige Tage nach jenem Geſpräche in der goldenen Kugel“ wußte ganz Prag, daß von den Aufſchneidereien des Handſchuhmachers Jaromir, die ſich durch Mitwirkung des Schneiders und Schuſters wie Lauffeuer von Haus zu Haus verbreitet hatten, außer der ſchon früher ruchbar gewordenen Gefangenneh⸗ mung der Gräfin Maria Magdalena, nur noch Eines wahr ſei: das ſpurloſe Verſchwinden des Baders Procop, von welchem Keiner wußte, was aus ihm geworden war. Es hieß ziemlich allgemein, man habe aus den Fluthen der Moidau einen halb verfaulten Leichnam herausge⸗ fiſcht und in deſſen arg entſtellten Zügen Libusa's ehemaligen Vormund erkannt, der, wie die Einen behaupteten, zufällig ertrunken ſei, oder wie Andere überzeugt zu ſein ſchienen, ſich abſichtlich hineingeſtürzt habe, um ſeinem eben ſo armſeligen als verruchten Daſein, das ihm endlich zur Laſt geworden ſei, frei⸗ willig ein Ende zu machen. Noch Andere, welche beſſer als Jene unterrichtet zu ſein glaubten, raun⸗ ten ſich heimlich in die Ohren, man habe ihn— nur die Wenigſten ahnten weßhalb— in den ſchwar⸗ zen Thurm geſteckt und ihn dort den Umarmungen der eiſernen Jungfrau überliefert. Andere wieder wollten in Erfahrung gebracht haben, er ſei in Folge eines gebrochenen Eidſchwures nach der ſchleſiſchen Feſtung Glatz fortgeführt und dort, um ihm gewiſſe Ge⸗ heimniſſe, deren er ſich vorlaut gerühmt, auf dem Wege des damaligen Rechts zu erpreſſen, ganz ein⸗ fach der Tortur überantwortet worden. Kurz es kreiſten zwanzig ſich gegenſeitig widerſprechende Ge⸗ rüchte, von welchen kein Einziges ſich thatſächlich er⸗ weiſen ließ. Nur ſo viel war gewiß, daß ihn ſeit dem Aungenblicke ſeines räthſelhaften Verſchwindens Niemand wiederſah. Bald darauf vergaß halb Prag die ganze Ge⸗ ſchichte und ſprach nun von weiter nichts als einem ſeit Monden vorausgeſehenen Ereigniß, welches von der einen Seite eben ſo dreiſt und unverſchämt aus⸗ poſaunt, als von der andern ſtreng geheimgehalten und hartnäckig geläugnet ward. Am 18. December 1595 hatte Gräfin Clelia Buoncompagni, Gemahlin des Signor Girolamo Scotto, Ritters von Brandeis, ein Kind zur Welt gebracht. Rudolph erhielt die erſte Kunde von Libusens zwiſchen 8 und 9 Uhr Morgens erfolgter Niederkunft durch den Leibarzt Anſelm de Boodt, welcher der Ent⸗ bindung beigewohnt hatte. 155 — Wie iſt die Geſchichte ausgefallen? fragte der Kaiſer auffallend gleichgiltig. — Den Umſtänden nach über alle Erwartung glücklich. Es war eine ziemlich ſchwere Geburt. Einen Augenblick ſchwebte das Leben der Mutter in To⸗ desgefahr. — Sie iſt alſo gerettet? fragte Rudolpb. — Ja, Majeſtät, erklärte der kaiſerliche Leibarzt. — Und das Kind? — Hat eine ſehr ſtarke Quetſchung erhalten. — Iſt's ein Mädchen oder Knabe? — Ein Knabe! — Der Dritte alſo! ſagte der Kaiſer, in Ge⸗ danken vertieft, halblaut mehr zu ſich ſelbſt als zum Arzte. Und die Mutter? fragte er weiter. — Iſt zwar angegriffen, aber tapfer! — Und glaubt Ihr, daß der Knabe trotz jener Quetſchung am Leben bleiben wird? — Ich hoffe es, ſagte der Arzt. — Verlaßt mich nun, Anſelm de Boodt, und ſchickt mir den Mann herein, der ſeit einer Viertel⸗ ſtunde im Vorzimmer harrt. Sagt ihm, er möge ſogleich eintreten. Der Harrende war Wenceslaw Budowee von Budowa. Geboren 1547 zu Prag, abſtammend aus einem der älteſten Geſchlechter des böhmiſchen Adels, war Wenzel, achtzehn Jahre alt und nachdem er in ſeiner Vaterſtadt den Grund zu ſeiner Bildung gelegt, nach Paris gegan⸗ gen, hatte dann England, Dänemark, Deutſchland, die Niederlande, endlich auch Italien bereiſt, die be⸗ rühmteſten Hochſchulen Padua, Bologna und zuletzt auch Rom beſucht, und war dann nach zwölfjähriger Abweſenheit mit Kenntniſſen aller Art bereichert, 1577 nach Prag zurückgekehrt. Sodann hatte ihm Rudolph den Auftrag ertheilt, den kaiſerlichen Ge⸗ ſandten Joachim von Sinzendorf nach Conſtantino⸗ pel zu begleiten. Am 1. Januar 1578 dort ange⸗ langt und dem Sultan Murad MMI. vorgeſtellt, war er nach vierjährigem Aufenthalt in der türkiſchen Hauptſtadt an den Hof Rudolphs heimgekehrt und erſt zum Hof⸗, dann zum Appellationsrath ernannt worden. Seit jener Zeit ſtand Wenzeslaw Budo⸗ wec von Budowa, der Vielgereiſte und Vielbewan⸗ derte, im Rufe eines der ausgezeichnetſten Rechtsge⸗ lehrten Prags und des ganzen Böhmerlandes. Der Kaiſer hatte den Appellationsrath rufen laſſen, um deſſen Meinung über gewiſſe Punkte zu erfahren, an deren Beantwortung ihm ungemein viel 157 zu liegen ſchien. Gleich beim Eintritte empfing er ihn ohne lange Umſchweife mit der Frage ad rem: — Wenn eine verheirathete Frau ein Kind zur Welt bringt, wer iſt der Vater dieſes Kindes? — Pater est, quem justae nuptiae demonstrant, ſagt ſchon ein uralter Rechtſpruch. — Wenn aber dieſer Mann beſchwört? fragte Rudolph. — Das hilft ihm nichts, ſagte Budowec, den Schluß der Frage errathend. Er bleibt doch immer Mann ſeiner Frau und als ſolcher Vater ihres, wenn auch nicht ſeines Kindes. — Das iſt ein höchſt weiſes Geſetz! bemerkte Rudolph. Wie aber, wenn es ſich herausſtellt, daß dieſer Mann nicht ihr Mann, ſondern nur ihr Ge⸗ liebter iſt? — Dann iſt, erwiderte der Juriſt, nur derje⸗ nige Vater ihres Kindes, den ſie dafür anſieht oder ausgiebt. — Das finde ich unweiſe und hart, commen⸗ tirte der Kaiſer. Doch welche Strafe ſteht darauf, wenn ein Mann das Weib, das bloß ſeine Bei⸗ ſchläferin iſt, für ſeine kirchlich angetraute Frau und dieſe, umgekehrt, ihren Beiſchläfer für ihren rechtmäßig angetrauten Mann auszugeben ſich erlaubt? — Zur Erforſchung der Wahrheit iſt's dem Richter geſtattet, gegen beide Theile die Folter in Anwendung zu bringen. — Das läßt ſich hören! ſagte Rudolph. — Ich aber halte die Ergründung der Wahr⸗ heit durch Anwendung der Tortur für eine ſo him⸗ melſchreiende Ungerechtigkeit, daß mein richterliches Gewiſſen tief erröthend davor zurückbebt. — Geſetz bleibt aber immer Geſetz! — Doch möcht ich, ſelbſt um alle Kronen der Welt, manches unſerer Geſetze und am allerwenigſten die Carolina Eures glorreichen Großonkels nicht auf meinem Gewiſſen haben. — Ihr ſprecht wie ein Mann von Ehre! ſagte der Kaiſer, der mit dem Geiſte dieſer Antwort ein⸗ verſtanden ſchien. — Sire, ich ſpreche wie Jeder, der nach der geſunden Vernunft ſich Rechenſchaft zu geben weiß, daß von je zehn Geſetzen neun eine wächſerne Naſe haben, die ganz nach Belieben des Richters nach rechts oder nach links, noch oben oder unten zu drehen iſt. Ich weiß, daß unter je zehn Geſetzen fünf auf ſchwachen Füßen, vier auf den Händen, drei auf dem Kopfe ſtehen und daß Keines von allen Zehn unfehlbar wahr und vollkommen gerecht iſt. 159 — Das klingt traurig aus dem Munde eines Richters! — Aber unparteiiſch aus dem Munde eines Philoſophen! — Was haltet Ihr von unehelichen Kindern? Gehört Ihr zu jenen Philoſophen, die ihnen eben ſo viel Rechte als den ehelichen zugeſtehen?— — Allerdings! erwiderte der Rath. Denn was kann, frage ich, das arme Kind dafür, daß es außer der Ehe erzeugt iſt? Trägt das Kind oder der Va⸗ ter die Schuld dieſer außerehelichen Erzeugung? Wer die Schuld trägt, ſoll auch die Strafe tragen. — Aus ſo weiſem Munde höre ich gern ein Wort der Wahrheit, wenn's auch nicht ſo ſüß wie das der Schmeichler klingt. Ich danke für Eure Auskunft und verſpreche Euch, Euerm Winke zu folgen. Gehabt Euch wohl, mein weiſer Rath, und bleibt Eurem Kaiſer ein ſo treuer Diener wie bis⸗ her, ſagte Rudolph ihm die Hand reichend. — Ich verabſchiede mich von meinem kaiſerli⸗ chen Herrn mit dem Sinnſpruche Eures erlauchten Großvaters: Fiat justitia, pereat mundus 1*) *) Deviſe Kaiſer Ferdinands I. 160 — Dieſer Mann hat mir ehrlich die Augen geöffnet über meine Pflicht und Schuldigkeit, ſagte der Kaiſer und ließ ſeinen Elenmoſynar, Jacob Chy⸗ marhonus, rufen. — Was befiehlt mein kaiſerlicher Herr? fragte der Probſt von Leitmeritz. — Ich habe Euch zu mir bitten laſſen, frommer Vater, um Euch einen geheimen Auftrag zu erthei⸗ len. Heute Morgen iſt Gräfin Clelia Buoncompagni, Gemahlin des Ritters von Brandeis, von einem Knaben entbunden worden, deſſen Vaterſchaft ſie mir zugedacht hat. Ich mag nicht nachforſchen, ob ſie ein Recht dazu hat. Das Kind iſt da und muß, wie jedes Andere, einen Namen haben. Ich wünſche nun, daß es heute über acht Tage in aller Stille in der Schloßcapelle getauft werde und den Namen erhalte, den mein Beichtvater, welcher in meinem Namen deſſen Taufzeuge ſein ſoll, in einigen Tagen Euch mittheilen wird. Im Uebrigen wünſche ich, daß die Sache unter uns bleibe und daß Keiner außer Jenen, die ich ſelbſt zur Taufe einladen werde, etwas davon erfahre. — Des Kaiſers Wille iſt mir Befehl, ſagte der Almoſenier und verbeugte ſich. 161 — Schickt mir nun meinen frommen Beichtvater. Während der Kaiſer den ehrwürdigen Pater Adrian von Baxen erwartet, bleibt uns ſo viel Zeit, um dem Leſer die geſchichtliche Thatſache zu erzäh⸗ len, daß der Neugeborene der Gräfin Clelia“ der Dritte der natürlichen Söhne Rudolphs war. Die zwei Andern, die damals noch Beide am Leben waren, hießen: Don Carlos und Don Matthias, beide zube⸗ nannt d' Anſtria. Man kennt die natürlichen Söhne, weiß aber noch bis zu dieſer Stunde nicht, wer die Mütter dieſer Kinder geweſen ſind, weil dem Kaiſer viel daran zu liegen ſchien, daß der Name ſeiner ſtets geheim gehaltenen Lieblinge verſchwiegen bleibe. Man rieth hin und her, aber nur einige der Ver⸗ trauteſten der Vertrauten, wußten etwas Räheres über die Abkunft dieſes illegitimen Paares. Der Aelteſte, der nach dem Sohne Philipps II. Don Carlos getauft worden war, ſoll, wie Einige vermuthe⸗ ten, die Frucht ſeiner erſten Ingendliebe zu Madrid, der Sprößling jener ſchon frühererwähnten Ehren⸗ dame geweſen ſein, die, ſagt man, im Wochenbette geſtorben war. Ueber den zweiten ſeiner natürlichen Söhne, den Kaiſer Rudolph zu Ehren ſeines älteſten Bruders 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 11 162 Don Matthias taufen ließ, iſt faſt gar nichts weiter als deſſen Todesjahr bekannt.*) Daß man trotz der emſigſten Nachforſchung neuerer Geſchichtsſchreiber nicht herausbringen kann, wer die Mütter dieſer Söhne geweſen ſind, kann Niemanden befremden, Keinen überraſchen. Weiß man doch bis zu dieſer Stunde nicht, wer die eigentliche, rechtmäßige Mutter Don Inuans von Oeſtereich, des natürlichen Sohnes Kaiſer Carls V. geweſen war. Bar⸗ bara Blomberg, die ſchöne Nürnbergerin, welche Jahr⸗ hunderte lang für die Mutter des berühmten Sie⸗ gers von Lepanto gegolten hatte, ſoll nach den Unter⸗ ſuchungen und Enthüllungen neuerer Hiſtoriker(wie William Robertſon, Joſeph Milbiller und Joſeph von Hormayer) ihren Namen nur als Deckmantel herge⸗ liehen haben. Zu dieſen drei Söhnen war jetzt ein vierter hinzugekommen. Außer dieſen vier Söhnen hatte Rudolph noch zwei natürliche Töchter. Donna Carlotta und Donna Dorothea.**) *) Er ſtarb zwölf Jahre nach Rudolphs Tode.(1624). *) Erſtere verheirathete ſich mit dem belgiſchen Grafen 163 Viele, die dem Kaiſer noch mehr als dieſe fünf Kinder zuſchreiben wollen, gründen ihre Behauptun⸗ gen auf Gerüchte, welchen wenig oder gar kein geſchichtlicher Glaube beizumeſſen iſt. Endlich erſchien auch der Beichtvater Rudolphs. Vertrauensvoll ſchüttete der Monarch ſeine neue Sünde in das Ohr des in dieſem Punecte ziemlich duldſamen Paters aus und bat ihn um Abſolution derſelben. — Ich habe Euch nichts zu vergeben, Herr, ſagte Adrian von Baxen. Die Menſchen ſind zur Fortpflanzung beſtimmt. Kindererzeugen iſt keine Sünde. Ueberdieß ſeid Ihr ja nicht verheirathet! — Aber die Mutter dieſes Kindes iſt, glaube ich, die Frau eines Andern. — Das iſt ihre Sünde und nicht die Eure. Ihr habt ſie nicht dazu verleitet. Sie hat Euch dazu verführt. Sie iſt ſtrafbar. Ihr aber ſeid es nicht und aus dieſem Grunde, großmächtigſter Kaiſer und Herr, hat der niedrige Diener Eurer gottgefäl⸗ ligen Perſon Euch nichts zu vergeben. Perrenot de Cantreeroy. Letztere ſtarb in einem Fſer der Carmeliterinnen, nahe bei Madrid. 11 164 — Ihr wälzt eine Centnerlaſt von mir, geſtand Rudolph. — Ich that nichts als meine Schuldigkeit, ſprach Adrian. — Wohlan, dann thut auch noch das Eine für mich. Vertretet in meinem Namen Gevatter⸗ ſtelle bei dem Knaben, der am erſten Weihnachtstage in der Schloßcapelle, ohne Aufſehen, nur in Gegen⸗ wart dreier Zeugen, die ich dazu ernennen will, ge⸗ tauft werden und— falls Ihr, frommer Vater, nichts dagegen einzuwenden habt— in der heiligen Taufe den Namen Don Cäſar d Auſtria erhalten ſoll. — Cäſar iſt nur ein heidniſcher Name, aber weil ſo ein römiſcher Kaiſer hieß, der zwar nicht Chriſt, aber immerhin doch ein großer Feldherr war, ſo habe ich nichts dagegen. — Möchte auch Clelia's Sohn ein ruhmge⸗ ſchmückter Held werden und durch den Purpur un⸗ befleckten Siegerruhms dem Hermeline ſeines Vaters Ehre machen! — Amen! fügte der fromme Vater hinzu. Und Beichte und Audienz waren geſchloſſen.— Am 25. December 1595 ward der Sohn der Gräfin Clelia Buoncompagni vom Groß⸗Almoſenier 165 des Kaiſers in Gegenwart ſeines frommen Beicht⸗ vaters, des Ritters von Brandeis, des Leibarztes Anſelm de Boodt und des kaiſerlichen Kammerdieners und Hofpoeten Mardochäus de Delle, bei verſchloſſe⸗ nen Thüren in der Schloßeapelle getauft. Letzterer machte ein Paar Knittelverſe darauf. Sie lauteten, wie folgt: „Caeſarius von Oeſterreich, Wer iſt an Ruhm dem Vater gleich, So Dir mit Kron und Scepterſtab, Heut dieſen ſtolzen Namen gab? Du junger Held von Oeſterreich, Ich ſchlag' mich ſelber windelweich, Wirſt Du nicht, was Dein Vater iſt, Ein großer Held und guter Chriſt.“ Die glückliche Mutter des in den Brüſſeler Spitzenwindeln ſchreienden Don Cäſar erhielt nach vollzogener Taufe einen Diamantenſchmuck im Werthe von hunderttauſend Gulden; der Vice⸗Vater, Giro⸗ lamo Scotto, Ritter von Brandeis, bekam eine mit der Deviſe des Kaiſers in Brillanten geſchmückte gol⸗ dene Agraffe, der Doctor Anſelmus Boethius, der die ſchwierige Entbindung ſo gefahrlos vollzogen, in An⸗ erkennung ſeiner dabei geleiſteten Dienſte ein Ge⸗ ſchenk von tauſend Dukaten und der dritte Tauf⸗ zeuge, als er den Muth hatte, Seiner Majeſtät die auf feierlichen Anlaß gemachten Knittelverſe zu wie⸗ derholen, in gerechter Würdigung ſeines großartigen Talents, eine— Ohrfeige. Pierzehntes Capitel. Die Gefangene auf Pürglitz. Unterdeſſen war das neue Jahr(1596) heran⸗ gerückt. In der Zwiſchenzeit hatte ſich nur wenig ge⸗ ändert. Alles war ziemlich beim Alten geblieben, bis auf den Schneider, deſſen dunkles Vorgefühl ſich noch vor Jahresſchluß erfüllt hatte. In der heiligen Sylveſter⸗Nacht(in der man im Dome zu St. Veit Leo Haſters neuen vierſtimmigen Pſalm abgeſungen) war der arme Matthias in Folge ſeines chroniſchen Uebels ſelig entſchlafen und zu ſeinen Vätern heim⸗ gegangen, die ſeit länger als drei Generationen ehr⸗ liche Schneider geweſen. Der uralte Aberglaube, daß Leute, welche in der Sylveſternacht ſterben, früher als alle Andere vom Tode auferſtehen, wird ihm in ſeinem ſtillen Grabe ſicher zum Troſte gereicht haben.——— 167 Aber nicht nur in Prag, auch in Pürglitz hatte ſich ſeit der Ankunft der Gräfin und ſeit Libusens Niederkunſt nichts Neues zugetragen. Magdalena war noch immer gefangen, ohne beſtimmt und genau zu erfahren, warum und wofür man ſie ihrer Freiheit beraubt, denn man hatte ſie noch immer nicht verhört. Und deſſen ungeachtet fand ſie ſich in ihre Lage, die ihr die Nachſicht des Hauptmanns, ſo gut es ging, erträglich machte. Faſt täglich beſuchte er ſie in ihrer Zelle, um ſich in eigener Perſon nach ihrem Befinden und ihren Wünſchen zu erkundigen, und jeden von Letztern, ſobald er ſich mit ſeiner Pflicht vereinbaren ließ und im Bereiche ſeiner(freilich ſehr beſchränkten) Macht lag, ſofort zu erfüllen. Der alte Hauptmann gewährte ſeiner jungen Gefangenen ſo viel Freiheit als nur möglich, häufig lud er ſie in ſeine, zu ebener Erde gelegene und von einem anſpruchsloſen Gärtchen umfriedete Wohnung ein, wo ſie mit dem alten Hageſtolz ſich ſtundenlang der ungefährlichen Zerſtreuung des Schachſpiels(das eine ihrer vielen Leidenſchaften war) oder in Geſellſchaft ſeiner jungen, ziemlich hübſchen und außerordentlich beſcheidenen Pflegetochter, einer Nichte des Pfarrers von Unhosk, dem Troſte der Muſik hingab. Beibe 168 ſangen abwechſelnd und zuſammen Lieder, welche Fi⸗ lippo da Monte, der kaiſerliche Hofecapellmeiſter, und Andrea Moſto, theils für die Kirche, und theils für das Haus componirt hatten. Und der alte im Dienſte ergraute Krieger horchte ſelig zu, wenn die Gräfin ſang und ſein ſchmuckes Pflegekind ſie auf der Harfe begleitete oder umgekehrt. Und anf dieſe Weiſe hatte ſich Gräfin Maria Magdalena mit Ludmila(ſo hieß des Pfarrers Nichte) in ganz kurzer Zeit ſo ſehr be⸗ freundet, daß Beide bald Ein Herz und Eine Seele waren. Und dieſes ſchöne, reine, uneigennützige Freund⸗ ſchafts⸗Verhältniß, das ſich zwiſchen der Gefangenen und dem Hauptmann und ſeiner Pflegetochter ange⸗ ſponnen hatte, trug nicht wenig dabei bei, ihr die Qual der Einſamkeit, den Fluch der Langeweile und die Ungewißheit über ihre Sutzft ſo gut als möglich erträglich zu machen. Am Morgen eines hellen Samniente als die Gräfin mit ihrem alten Beſchützer dießmal früher als gewöhnlich am Schachbrette, und Ludmila mit einer Stickerei beſchäftigt neben ihr ſaß, ſagte Mag⸗ dalena zum Hauptmann: — Der Mann, der dieſes edle Spiel erfunden hat, muß ein tiefer Denker geweſen ſein, welcher Welt und Menſchen genau gekannt hat. 169 — Und woraus zieht Ihr dieſen Schluß? fragte der Graubart. — Fragt Euch ſelbſt, Hauptmann, ob die 64 Felder dieſes kleinen Schachbretts nicht ein treuer Spiegel der großen Welt ſind; dort wie hier opfern ſich die niedrigſten, wie die höchſten Steine, der Bauer wie der Ritter, der Thurm wie der Läufer, ja ſelbſt die Dame dem Schickſale des ziemlich trä⸗ gen Königs auf, der ſtets nur einen Schritt vor⸗ oder rückwärts thut, und gleichgiltig zuſieht, wie ſeine Unterthanen und Feldherren ſich todt ſchlagen laſſen für ihn und ſeinen Ruhm.. — Es iſt ein Bild des Krieges, in welchem zwei feindlich gegenüberſtehende Heere ſich befehden, ohne eigentlich zu wiſſen, warum! ſagte der Haupt⸗ mann.. — Nur die Königinnen, fuhr die Gräfin fort, ſpielen auf dem Schachbrett eine größere, mächtigere und wichtigere Rolle als in der Wirklichkeit. Dort ſind ſie mit wenigen Ausnahmen glänzende Nullen der allerdurchlauchtigſten, großmächtigſten Eins an⸗ gehängt, die man nach Umſtänden Fürſt, König, Kaiſet nennt. Hier hingegen iſt die Königin die rechte Hand des Königs, ausgerüſtet mit der größten Vollmacht zum Angriff und zum Rückzuge, der erſte Beſchützer und Feldherr des ohne ſie ziemlich unbe⸗ holfenen Monarchen Ach, warum iſt's nicht ganz ſo auch in der Wirklichkeit, ſeufzte die ehrgeizige Dame, die von dem heißen Wunſche beſeelt ſchien, die rechte und nur im Nothfall die linke Hand eines Sou⸗ verains zu ſein. — Unſere edle Gräfin, begann Ludmila von ihrer Stickerei aufblickend, iſt heute wieder recht ver⸗ ſtimmt und traurig. Was kann ich thun, um ſie aufzuheitern? — Nimm Deine Harfe, meine ſüße Freundin, und ſinge, während wir Beide uns ſchlagen, irgend ein Lied, das Dir einfällt. Du weißt, daß der Zau⸗ ber Deiner zum Herzen dringenden Stimme mir eben ſo viel Freude als Deinem alten Vater macht, der ſeit Kurzem ja auch der Meinige iſt. — O ſagt dieß nicht, Gräfin. Ich fühlte mich ſtolz, Euer Vater zu ſein; aber ebenſo ſehr beſchämt mich der Gedanke, Euch und mich daran erinnern zu müſſen, daß ich, ſtreng betrachtet, doch nur Ener Kerkermeiſter bin. — Die zarten Rückſichten, die Ihr mir beweiſet, machen mein Gefängniß zu einem Aufenthalte des Friedens und der Ruhe. Ich bin und bleibe Eure Schuldnerin. 171 — Gräfin, nicht mir verdankt Ihr... — Still, ſtill, unterbrach ihn Magdalena, ich mag nichts hören. Ludmila beginnt ihr Lied! Wir wollen ſchweigen und ſpielen. Und Ludmila ſang Magdalenens Lieblingslied: Als der Heiland ward gekreuzigt, Sah Maria himmelwärts; Siebenfache Schmerzen bohrten Sieben Schwerter in ihr Herz. Mater Doloroſa weinte Um den herzgeliebten Sohn; Jede Thräne, die ſie weinte, Glänzt als Stern an Gottes Thron. Sieben Schmerzen, ſieben Schwerter, Wühlen auch in meinem Blut; Tauſend Dolche, tauſend Wunden Brechen meines Lebens Muth. Ich beweine den Geliebten, Weil er treulos mich verrieth; Jede Thräne, die ich weine, Iſt ein ſtill verblutend Lied. Und während ein zweiter Gefangener, ein gelb⸗ gefiederter Vogel, ſich badend in den Strahlen wohl⸗ thuender Morgenſonne, die traurigen Strophen jenes Liedes mit luſtigem Gezwirſcher begleitete, fielen aus den träumeriſch⸗ſinnenden Augen Magdalenens, deren 1 Herz durch den wunderſomen Gegenſatz zwiſchen Lud⸗ milens leiſe verhallender Wehmuth und des Vogels laut ſchmetternder Heiterkeit bewegt war, zwei große ſtille Thränen langſam auf's Schachbrett und wie durch Zufall auf die kalte, gefühlloſe Beinſigur des Königs hernieder. — Ihr leidet, Gräfin? fragte theilnehmend der Hauptmann. — An Wehmuth, die mich beſchleicht, ſo oft Ludmila dieſes Lied ſingt. Und doch höre ich's ſo gerne, geſtand Magdalena. In demſelben Augenblicke ward dieſe Idylle durch die Ankunft eines Reiters geſtört, den man in ge⸗ ſtrecktem Galopp in den Schloßhof hineinſprengen ſah. — Es iſt ein Bote des Kaiſers, ſagte der Hauptmann aufſtehend und durch's Fenſter ſehend. — Was mag er bringen? fragte Magdalena. — Vielleicht gar den Befehl Eurer Befteiung, ſprach Ludmila, uneinig mit ſich ſelbſt, ob ſie ſich über das, was ſie erwartete, freuen oder grämen ſollte, da ſie die Gräfin ſo liebgewonnen, daß ſie ſich geſtehen mußte, eine ſo plötzliche Trennung von ihr würde ſie tief betrüben. Der Bote war Rudolphs vertrauter Kammer⸗ diener. Der Hauptmann eilte ihm entgegen. Der 173 Reiter, der auf ſeinem Renner ſitzen blieb, übergab ihm ein Schreiben, das er einen Augenblick zuvor aus einer Ledertaſche, die ihm über der Schulter hing, hervorgeholt hatte. Der Hauptmann las die Aufſchrift, und nach⸗ dem er ſich überzeugt hatte, daß das Schreiben an ihn gerichtet war, erbrach er's gleich im Hofe und las deſſen Inhalt. — Wollt Ihr nicht abſteigen? fragte der Soldat. — Das will ich allerdings, erwiderte der Bote, denn erſtens habe ich Hunger, zweitens habe ich Durſt, und drittens wünſche ich Beide zu befrie⸗ digen. — Gleich ſollt Ihr Alles haben. — Doch wohin ſoll ich meinen Gaul führen? — Dort hinten iſt der Stall und Alles, was Ihr für Euer Pferd braucht. — Gleich bin ich bei Euch, ſagte der Bote, und ritt ſein Roß nach dem Stalle, in dem ein Knecht es ihm abnahm. — Beſorge ein Frühſtück, ſagte der zurückk eh⸗ rende Hauptmann zu ſeiner Pflegetochter. Aber wo iſt denn die Gräfin? fragte er, als er dieſe vermißte. — Sie iſt auf meinen Rath in ihre Zelle zu⸗ rückgekehrt.. — Das war klug! ſprach der Alte. Eine Minute ſpäter trat der Bote ein. — Meine Pflegetochter! ſagte der Hauptmann auf Ludmila hinweiſend. — Donner und Doria, dachte der Bote bei ſich, die gefällt mir! Und ich, holdes Fräulein, ſprach er, ſich ziemlich dreiſt vorſtellend und mit beiden Hän⸗ den die Endrn ſeines langen, ſtark in's Rothe hin⸗ überſchillernden Schnurbarts in die Höhe drehend, ich bin der kaiſerliche Kammerdiener und Hofpoet Mardochäus de Delle aus Vitri, neunzehn Stunden von Mailand. Ludmila verneigte ſich erröthend und eilte hin⸗ aus, um das Frühſtück zu beſorgen. — Mein Vater, fuhr der heitere Schwätzer fort, war einer der häßlichſten Männer von Vitri, meine Mutter dagegen eine der ſchönſten Frauen von ganz Italien. Habt die Güte zu entſcheiden, Herr Hauptmann, wem von Beiden ich ähnlich ſehe2 — Natürlich der Mutter! lächelte der Granbart. — So denke auch ich, geſtand Mardochäus. Mein Vater war eine Art von Blaubart. Außer meiner Mutter hatte der Selige, wie ich mir ſagen 175 ließ, noch fünf bis ſechs andere Frauen, von welchen aber keine ſo ſchön als meine Mutter war, die ich— leider!— ſagte er, einen Blick in den Spiegel wer⸗ fend, nicht gekannt habe. Mein Alter muß ein gro⸗ ßer Taugenichts oder ein kleiner Spaßvogel geweſen ſein, denn er nannte ſeine ſieben Weiber nach den Tagen der Woche. Meine Mutter aber war ſein Sonntag. Ich ſelber, dieſes weiblichen Sonntags einziger Sohn, ward an einem Montage geboren, an einem Dienſtage getauft, an einem Mittwoch con⸗ firmirt, an einem Donnerſtage zum erſten Male in die Schule geſchickt, an einem Freitage wieder fort⸗ gejagt und an einem Sonnabende bei einem Schneider in die Lehre gegeben, aus welcher ich ſchon am fol⸗ genden Sonntage freiwillig davon lief. Nun wißt Ihr ziemlich genau die erſte Hälfte meines Lebens! — Ich bin begierig, nun auch die Andere ken⸗ nen zu lernen. — Sie iſt kürzer, aber noch weit erbaulicher. Zwei Jahre lang war ich Tagedieb in Mailand, drei Jahre Modell abwechſelnd bei einem Maler in Venedig und bei einem Bildhauer in Wien. Von Wien kam ich als verkanntes Genie nach Prag und ſeit jener Zeit— es ſind nun vier Jahre her— 176 bin ich des Kaiſers Kammerdiener, Liebling, Vertrau⸗ ter, Barbier und— Hofpoet. — Es freut mich, Eure Bekanntſchaft zu machen! — Mich ebenfalls! Nun aber bitte ich Euch bei allen Wunden des Heilands, mir etwas Frühſtück zu geben, denn ich ſterbe vor Hunger und Durſt, bethenerte der luſtige Schwätzer, indem er, da es ihn nebenbei auch zu frieren ſchien, ſeine beiden langen Arme zuerſt wie Windmüblflügel in Bewegung ſetzte, und ſie dann wie Dreſchflegel kreuzweis über die Bruſt ſchlug, um ſeine von Käh erſtarrten Pbe neu erwarmen zu laſſen. — Da kommt das Frühſtüc ſagte der Haupt⸗ mann. Nachdem Ludmila einen kleinen Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand, mit einem blendend⸗ weißen Tuche bedeckt, und das Frühſtück, das aus Schinken, hausgebackenem Brode, friſcher Butter und jungem Käſe und einer Flaſche böhmiſchen Land⸗ weins improviſirt war, darauf hingeſtellt und ſich dann eilig wieder entfernt hatte, ließ ſich Mardo⸗ chäus de Delle mit dem Appetite eines Wolfes und dem Durſte eines heißen Eiſens nieder, um das Frühſtück zu verſpeiſen. 177 — Während Ihr, mein Herr, Euern Durſt und Euern Hunger ſtillt, werde ich mit Eurer Er⸗ laubniß die Antwort, die Ihr mitzunehmen beauftragt ſeid, zu Papier bringen. — Thut das, thut das, ſagte der Kammerdie⸗ ner, den ganzen Inhalt eines bis an den Rand ge⸗ füllten Glaſes mit Einem Zuge leerend. Wir wollen uns gegenſeitig durchaus nicht ſtören, fuhr er fort, eine große Scheibe von dem Schinken abſchneidend. — Richts Neues bei Hofe? fragte der Haupt⸗ mann, der, am Pulte ſtehend, ruhig fortſchrieb. — Viel und mancherlei! ſagte Mardochäus, ungeſtört fortkäuend. Man hat uns wieder einmal zum Vater eines Kindes gemacht. — Euch? fragte der Hauptmann, die Feder in die Tinte tauchend. — Mich? Was fällt Euch ein! Unter uns verſtehe ich meinen Herrn und Kaiſer. Er lebe! ſagte der Poet und leerte das zweite Glas. — Und wer iſt die Dame, die ihm die Vater⸗ ſchaft ihres Kindes zugedacht? — Die verſtorbene Nichte eines tugendhaften Cardinals, nein, umgekehrt, die tugendhafte Nichte eines verſtorbenen Cardinals. — Ihr Name? fragte der alte Soldat. 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 12 — Sie nennt ſich Clelia Gräfin Buoncompagni; aber unter uns geſagt, Hauptmann, ſprach der Schwätzer, das dritte Glas leerend, ich glaube nicht daran! — Woran glaubt Ihr nicht? — Ich glaube, daß dieſe ſogenannte Gräfin eben ſo wenig die Nichte eines Cardinals, als dort jener kleine Gelbſchnabel im Käfig der Großonkel des hei⸗ ligen Vaters iſt, ſagte der Poet, dem dieſer Witz ſo gut zu gefallen ſchien, daß er darüber in Lachen aus⸗ brach. Auch glaube ich, daß der neugeborne Knabe, welcher in der Taufe den ſtolzen Namen Don Cäſar d'Auſtria erhalten hat, eben ſo wenig der Sohn un⸗ ſeres Herren als Euer Schinken da Fleiſch von mei⸗ nem Leibe iſt. Deſſenungeachtet habe ich als einer der drei Taufzeugen einige höchſt rührende Knittel⸗ verſe darauf gemacht. Wollt Ihr ſie hören? fragte der Kammerdiener, den Inhalt des vierten Glaſes in den Abgrund ſeiner Seele verſenkend. — Eiin andermal! ſagte der Hauptmann; jetzt mag ich Euch nicht ſtören. — Ihr ſtört mich nicht im Geringſten. Caeſa⸗ rius von Oeſterreich, wer iſt an Ruhm dem Vater gleich?“ 179 — Ach, Herr Poet, Ihr macht mich ganz verwirrt. — Was ſchadet das? Der zweite und dritte Vers lautet:„So Dir mit Kron und Scepterſtab, heut (oder eigentlich vor acht Tagen!) dieſen ſtolzen Namen gab, fuhr Mardochäns fort, das fünfte Glas lee⸗ rend. Hört, Hauptmann, Euer Weinchen läßt ſich trinken. — Es freut mich, wenn's Euch ſchmeckt. Aber wo halte ich denn? fragte der Hauptmann, der ganz aus dem Concept herausgekommen. — Wir waren beim fünften Verſe ſtehen ge⸗ blieben, ergänzte de Delle, der, eitel wie jeder Poet, ſich lieber die Zunge abgebiſſen, als ſich den Genuß verſagt hätte, ihm auch den Schluß ſeines Gedich⸗ tes zu verſetzen. Hört nun weiter, beſter Hauptmann: „Du junger Held von Oeſterreich, ich ſchlag' mich ſel⸗ ber windetweich.“ — Ei, ei, warum wollt Ihr das thun?! — Weil Eure verteufelt kleine Flaſche, ſagte Mardochäus, den Boden derſelben bis an die Höhe ſeiner Augen haltend, ſchon ganz leer iſt, wie ich ſehe! — Wünſcht Ihr vielleicht noch ein Fläſchchen? — Ich bitte Euch, Hauptmann, legt Eurer Großmuth durchaus keine Zügel an. Hört aber 128 180 zuvor das Ende meines Liedes, gedruckt in dieſem Jahre. Die beiden letzten Verſe lauten: — Nun, wie lauten ſie? — Wirſt Du nicht, was Dein Vater iſt, ein großer Held und guter Chriſt. — Ein herrliches Lied! bethenerte der Haupt⸗ mann. — Gefällt's alſo auch Euch? fragte der geohrfeigte Poet, ſich wie in ſchmerzlicher Erinnerung die linke Wange reibend. — Ich bitte Euch um eine Abſchrift. — Ihr ſollt ſie haben, muſenfreundlicher Mars! Als Honorar bedinge ich mir von Eurer liebenswür⸗ digen Pflegetochter— wo ſteckt nur die kleine Blonde?— noch eines dieſer verwünſcht nieblichen Miniaturfläſchchen! Der Hauptmann rief ſeine Tochter. Ludmila erſchien an der Schwelle der Thuͤr mit der freund⸗ lichen Frage: — Was ſteht Euch zu Dienſten? — Noch ein Tröpflein dieſes Nectars, holde Hebe! bat Mardochäus, ſeinen Schnurbart drehend und ſie verliebt anblinzelnd. Sie ging den Wein zu holen. 181 — Ihr habt ein gar ſchmuckes Töchterlein! ſagte der angehäuſelte Knittelversmacher. — Gefällt ſie Euch, fragte der Hauptmann. — Wie meine Mutter! betheuerte der Wind⸗ beutel. — Die Ihr nie gekannt habt! fügte Jener hinzu, und ſchloß ſeinen Bericht an den Kaiſer. Hier iſt die Antwort, Herr Poet! — Zuvor noch eine Frage, gaftfreundlicher Wirth! Iſt das Herz Eurer Pflegetochter noch frei? — Frei wie das Reh im Walde! — Dann wollt ich, ich wäre der Jäger, der dieſes edle Wild erlegte! wünſchte ſich ganz im Stillen der zärtliche Verſifax. Ludmila kehrte mit dem Weine zurück. Sie ſtellte ihn hin und ging. — Die wird geheirathet! ſagte der Verliebte leiſe vor ſich, und entſtöpſelte die zweite Flaſche. Das Wichtigſte aber— cospetto di Bacco!— fuhr er fort, das Glas füllend, hätte ich beinahe ganz und gar vergeſſen. Was macht denn Eure ſtolze Ge⸗ fangene 2 — Wen meint Ihr? fragte der Hauptmann. — Sangue di Dio, wen anders als die Gräfin? — Sie fügt ſich in ihr Schickſal! 182 — Da thut ſie klug daran: denn ſie wird— ſo wahr ich ein Dichter bin!— wohl bis an's Ende ihrer Tage bei Euch bleiben. — Jetzt glaub' ich's faſt ſelbſt. — Ich kenne den Kaiſer beſſer als Ihr! Er verſteht durchaus keinen Spaß und hat einen Schädel noch härter als dieſes Brot! — Wünſcht Ihr Anderes? fragte der Haupt⸗ mann. — Wenn ich bitten darf! ſagte der Poet, ſich das zweite Glas einſchenkend. Im Grunde genom⸗ men bin ich ſchon ſatt; aber der Wunſch, beſter Haupt⸗ mann, noch einmal Euer ſchmuckes Töchterchen zu ſehen, verdoppelt meinen eannibaliſchen Appetit. Der Hauptmann rief. Ludmila kam. — Corpo di Christo, ſie iſt ſchön! ſprach er leiſe zu ſich ſelbſt. 6— Herr Mardochäus wünſcht etwas friſcheres rot. Ludmila wollte ſogleich wieder fort. — Ich bitte Euch, bleibt, holdes Fräulein, ſagte der Poet aufſtehend. Nur der leicht verzeihliche Wunſch Euch vor meinem Scheiden Lebewohl zu ſagen, hat mich verleitet, Euch noch einmal herbeizulocken. 183 Empfangt, reizende Hebe, den tiefgefühlten Dank Eures unterthänigſten Bewunderers, ſagte der Poet und wollte ihre Hand küßen. — Ich bitt' Euch, laßt dieß, Herr! — Sie iſt ſpröde, ſehr ſpröde; das gerade aber gefällt mir an ihr, ſagte Mardochäus zu ſich ſelbſt und ließ ſich durch ihre Weigerung nicht aus der Faſſung bringen. Fräulein, fuhr er fort, ich gehe oder richtiger geſagt, ich reite fort, mein Herz aber bleibt vei Euch zurück und bald, recht bald ſollt Ihr mich wiederſehen. Beſter Hauptmann, Ihr habt doch nichts dagegen? — Des Kaiſers Boten ſind ſtets willkommen! — Bene, bene, ſagte Mardochäus de Delle, nahm aus der Hand des Hauptmanns deſſen Be⸗ richt an den Kaiſer, warf, ſeinen Schnurbart drehend, noch einen zärtlichen Blick auf das ſchmucke Kind und empfahl ſich. Der Hauptmann begleitete ihn bis auf den Hof hinaus. — Dieß iſt ein drolliger Kauz! ſagte Ludmila und blickte ihm durch's Fenſter nach. Fünf Minuten ſpäter ſaß er auf ſeinem Pferde und galvppirte nach Prag zurück.— Als der Hauptmann wieder in's Zimmer trat, fragte er ſeine — Nun, Kind, wie findeſt Du ihn? — Ich inbe ihn zwar etwas dreiſt... — Im Uebrigen aber? fragte der Graubart. — Nicht übel! geſtend die Tochter. — Es freut mich, daß Du dieß eingeſtehſt. Nun aber eile zur Gräfin hinauf und bitte ſie, ſich hinunter zu bemühen, ich habe ihr etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen. — Iſt ſie frei? fragte Ludmila betrübt. — Das leider nicht, entgegnete der Haupt⸗ mann. — Nun dann eile ich noch einmal ſo ſchnell, um ſie zu holen. Der Alte las zum zweiten Male die Depeſche. — Der Kaiſer, ſagte er zu ſich, ſcheint an dem Schickſale der Gräfin einen ganz beſonderen Antheil zu nehmen. Er ſcheint die Gräfin zu lieben. Und dennoch läßte er ſie hier im Gefängniß ſchmachten. Alter, wie erkläreſt du Dir das? fragte er ſich und verſank in Nachdenken. Da kam die Gräfin und Ludmila. — Geh' Kind, ſagte er zu ſeiner Tochter. Ich wünſche mit der Gräfin allein zu ſein. 185 Nachdem ſich Ludmila entfernt hatte, ſagte er zu Magdalenen: — Der Kaiſer ſcheint nicht mehr zu zürnen. — Ich aber, Hauptmann, zurne ihm... — Leſ't und Euer Herz wird vergeben, ſprach der Alte und reichte ihr das kaiſerliche Handbillet. Sie las den Inhalt; dieſer lautete wie folgt: „Wie befindet ſich Eure Gefangene? Ihr räth⸗ ſelhaftes Schweigen beunruhigt mich. Bis heute habe ich vergebens gehofft, ſie würde fragen, warum man ſie gefangen hält. Da ſie dieß nicht gethan, fürchte ich, daß ſie krank iſt. Ich hoffe, das Gegentheil zu erfahren. Sendet mir— von morgen ab— tagtäglich einen erpreſſen Boten mit einem ausführlichen Be⸗ richt über das Befinden der Gräfin. Rudolph.“ — Und was gedenkt Ihr zu thun? fragte der Hauptmann. — Richts! erwiderte die Gräfin, ihm das Schreiben zurückgebend. — Erzürnet Ihr den Kaiſer nicht noch mehr, wenn Ihr noch länger ſchweigt? — Und dennoch werde ich ſchweigen, erwiderte ſie mit der ganzen Entſchloſſenheit ihres unbengſamen Stolzes. — Doch was ſoll ich ihm ſchreiben? 186 — Schreibt, ich befände mich vollkommen wohl — Das that ich bereits... — Schreibt, daß ich den Hof durchaus nicht vermiſſe, daß ich— Dank Eurer Herzlichkeit!— meine Einſamkeit liebgewonnen und mich noch nir⸗ gends ſo ruhig und heiter als in meinem Kerker gefühlt... — Gräfin, ſoll ich dieß wirklich thun? — Hauptmann, ich bitte Euch darum! — Nun wohlan, ich werde dieß um ſo lieber thun, weil ich zu hoffen wage, daß Ihr dann noch länger die Unſere bleibt. Die Gräfin drückte ſchweigend ſeine Hand. Dem Alten trat eine Thräne in's Auge. Magdalena kehrte nach ihrer Zelle zuruͤck. Fünſzehntes Cayitel. Eva. Niemand in Prag nahm wärmern Antheil an dem Schickſale der Gräfin Magdalena als Eva von Lobkowic. Als Letztere die Gefangennehmung ihrer großherzigen Beſchützerin erfahren hatte, war 187 ſie außer ſich.— Dieſer Vorfall betrübte ſie um ſo mehr, als ſie ſah, daß Keiner der großen, mächtigen und bei Hofe einflußreichen Verwandten ſich ihrer annahm. — Was muß die arme Gräfin, fragte ſich Eva, verbrochen haben, daß nicht Einer von all' dieſen Herren für ſie in die Schranken tritt? Iſt denn Gräfin Magdalena ſo ſchlecht? Nein, nein, das iſt nicht möglich. Eine Frau, die ſich für die Befreiung meines unglücklichen Vaters, für die Begnadigung Colins ſo edelmüthig verwendet hat, kann nicht ſo verworfen ſein, daß die Familie ſich ihrer ſchämen muß. Warum aber hat nicht ein Einziger den Muth, die Gefangene unter die Flügel ſeines Schutzes zu nehmen und bei Ihm ein Wort der Fürbitte einzule⸗ gen2 Dieſe Fragen beunruhigten Eva's edles Herz.— So groß und innig war ihre Theilnahme an dem Looſe der Freundin, daß für einen Augenblick der kindliche Antheil an dem Schickſale ihres Vaters in den Hintergrund trat. Da kam Doctor Johannes Jeſſenius. Erwar's, der, ſo voft er ſie beſuchte, ſie von allem Neuen, das ſich unterdeſſen ereignet hatte, immer unterrich⸗ tete und ſo gleichſam die einzige Verbindungsbrücke 188 zwiſchen Eva's ſtreng klöſterlicher Abgeſchiedenheit und des ſie umtoſenden Weltgeräuſches war. Doch ſo oft er kam, war Eva's erſte Frage: — Was habt Ihr von meinem Vater und von der Gräfin gehört? — Ueber den jetzigen Aufenthalt des Obriſthofmei⸗ ſters habe ich noch immer nichts Beſtimmtes ermitteln können. In den verſchiedenen Schichten des Hofes und der Stadt kreiſen allerhand Gerüchte, die ſich ſchnurſtracks widerſprechen. Der Eine will wiſſen, Euer Vater befinde ſich, ſeitdem er aus Elbogen verſchwunden, auf Pürglitz; der Zweite ſagt: er ſei auf dem Schloſſe Podébrad; der Dritte will in Erfahrung gebracht haben, er ſei von Podöbrad nach dem Zbirower Schloſſe abgeführt worden; ein Vierter endlich behauptet aus ganz ſicherer Quelle, die Feſtung Glatz in Schleſien ſei ſein gegenwärtiger Aufenthalt. Alle Nachrichten ſtimmen wenigſtens darin überein, daß er— Gottlob!— noch am Leben iſt. — Und noch immer nicht verhört? fragte Eva. — Ich fürchte, dieß wird nie geſchehen! — Und aus welchem Grunde? — Weil ein einziges Verhör hinreichen würde, ſeine Verfolger in ſolches Licht zu ſtellen, daß ſie 189 ſich gezwungen ſehen würden, ihn augenblicklich frei zu laſſen. — Und dieſe unerhörte That nennt man Ge⸗ rechtigkeit! — Summum jus, summa injuria! war ja der Sinnſpruch jenes Kaiſers Juſtinian, dem wir einen großen Theil unſerer Geſetzgebung verdanken. Das größte Recht iſt— ſehr häufig!— das himmel⸗ ſchreiendſte Unrecht. — Und giebt's kein Mittel gegen dieſe, allen Geſetzen Hohn ſprechende Ungerechtigkeit? fragte Eva mit gerechter Erbitterung. — Ich kenne nur Eins! Denkt an den Aus⸗ ſpruch eines Eukter Landsleute, Georg Aquila's. — Und was ſagte dieſer fromme Mann? — Injuriarum remedium oblivio! Das beſte Mittel gegen unverdiente Kränkungen liegt darin, ſie zu vergeſſen. — Wie kann ich aber jemals vergeſſen, daß man mir den beſten aller Väter geraubt und mich zu einer ſchutz⸗ und hilfloſen Waiſe gemacht? — Fräulein von Lobkowic, verſündigt Euch nicht! Ihr ſteht unter Gottes heiligem Schutz. — Ihr habt Recht, mein weiſer Freund! Aber es giebt Augenblicke, in denen die Fülle meines Grames, die Größe meines Kummers mich ſelber ungerecht macht gegen Gott und deſſen unerforſch⸗ lichen Rathſchluß. Ich will— dieß verſpreche ich Euch,— nicht mehr murren gegen die Vorſehung, die, weiſer als der Menſch, uns oft im Leben Prü⸗ fungen auferlegt, welche unſeren Hochmuth beſſern und uns früher oder ſpäter zu der Erkenntniß füh⸗ ren, daß das, was Gott thut, immer wohlgethan! — So, Fräulein, gefällt Ihr mir. Wir Men⸗ ſchen müſſen, ſo lange uns noch ein Schimmer von Hoffnung übrig bleibt, nicht verzweifeln, denn Gott iſt barmherzig, Gott iſt gerecht! — Was ſpricht man von der Gräfin? fragte Eva. — Sie ſitzt noch immer auf Pürglitz. Auch ſie hat man noch nicht verhört. — Und weiß man noch immer nichts Beſtimm⸗ tes über den Grund ihrer Gefangenhaltung? — Auch darüber courſiren verſchiedene aben⸗ teuerliche Gerüchte. Das Allerneueſte ſagt, ſie ſei auf Wunſch ihres Oheims oder, wie Andere gehört haben wollen, auf Anſuchen ihres eigenen Vaters verhaftet worden. — Und weßhalb? fragte Eva erſtaunt. — Weil dieß lächerliche Gerücht aus ihr eine neue Lucrezia Borgia macht, die ihren eigenen Sohn, 191 den ſie mit einem nur ihr bekannten Vater heimlich zur Welt gebracht, vergiftet haben ſoll. — Das iſt Lüge und ſchändliche Verläumdung! rief ihre Vertheidigerin tief empört. — So denkt Jeder, der ſie kennt! Der Pöbel aber, der ihr fern ſteht und ſie mit ſeinem Haß verfolgt, weil ſie ſchön und reich, ſtolz und— was leider nicht ganz ungegründet ſein mag— etwas hochmüthig iſt, hat die Gewohnheit, von Jedem, der höher ſteht als er ſelbſt, ſtets das Schlimmſte zu glauben. — Pöbel bleibt immer und überall Pöbel! ſagte Eva mit einem Anfluge ariſtokratiſchen Stolzes. — Der Adel, Fräulein, denkt nicht beſſer über die Gräfin. In den höhern Kreiſen der Geſellſchaft erzählt man ſich ſeit Kurzem laut und unverholen: Rudolph, der für ihre Tugend geſchwärmt, habe ſie auf grober Untreue ertappt. — Mit wem? fragte Eva, die dieß nicht glau⸗ ben mochte. — Der Eine ſagt, mit dem Parmeſaniſchen Abenteurer, den Seine Majeſtät lange vorher zum Ritter von Brandeis gemacht; der Andere meint, mit Johann von Aachen, der ſie in Teplitz für den Kaiſer und ſpäter für ſich ſelbſt als Göttin der Keuſchheit gemalt... — Auch unter'm Adel giebt es Pöbel! rief Eva von Lobkowic. Das Alles iſt blaſſer Neid, ſcham⸗ loſe Verläumdung, die nicht den geringſten Glauben verdient. Ich habe die Gräfin nur einmal geſehen, nur einmal geſprochen: das aber was ſie für mich gethan, giebt mir Bürgſchaft, daß eine Frau ihres Namens, ihres Charakters, ſich unmöglich ſo tief vor ſich ſelber erniedrigen kann. — Und ganz ſo denke auch ich! Die Verläum⸗ dung liebt es, ihr Meduſenhaupt gegen Alles zu er⸗ heben, was höher ſteht als ſie. Aber geben wir uns der Hoffnung hin, daß die Unſchuld der Gräfin an den Tag kommen und der untergegangene Stern ihres Glücks aus dem Schlamme boshafter Anklagen zu neuem Glanze emporſteigen wird. — Ich wünſche dieß von ganzer Seele! Beſtä⸗ tigt ſich, fuhr ſie fort, die Rachricht vom Verſchwin⸗ den jenes Elenden, welcher Colins Befreiungsplan an das Weib jenes fremden Abenteurers verrathen haben ſoll? — Man hat unlängſt ſeine Leiche gefunden. Es war die Erſte, die ich in einem der Hörſääle des 193 Carolinums“) in Gegenwart aller Profeſſoren der mediciniſchen Facultät und im Beiſein vieler Herren des kaiſerlichen Hofſtaats öffentlich zergliedert habe. — Hatte er ſich ſelbſt getödtet? fragte Eva. — Ich vermuthe das Gegentheil; denn beim Oeffnen ſeines Leichnams glaube ich leiſe Spuren eines ſubtilen, mir bis jetzt noch gänzlich unbekannten Giftes entdeckt zu haben, das ihm irgend Jemand beige⸗ bracht haben muß. Hätte er ſelbſt ſich freiwillig vergiftet, ſo würde er ſich nicht noch außerdem in den Fluthen der Moldau ertränkt haben. Ich ver⸗ muthe daher, ein Anderer habe, nachdem das Gift ſeine Wirkung gethan, deſſen Leiche in den Fluß geworfen, um allen Verdacht von ſich ab und auf den Bader zu wälzen, als habe er ſelbſt ſeinem Leben ein Ende gemacht. — Wer aber mag ein Intereſſe daran gehabt haben, dieſen Elenden zu vergiften und bei Seite zu ſchaffen? — Das vermag nur Gott und Jener zu wiſſen, ) So hieß die alte Prager Univerſität nach ihrem Grün⸗ der Karl IW., im Gegenſatze zu der zweiten Prager Hochſchule dem Clemenkinum, deren Lehrſtühle von lauter Jeſuiten beſetzt waren. 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 13 194 der ſein Gewiſſen mit dieſem Meuchelmorde be⸗ fleckt hat. — Doch was hört man von der Gemahlin des Ritters von Brandeis, ſeitdem ſie— wie ich durch Euch erfahren— von jenem Knaben entbun⸗ den iſt, der in der Taufe den Namen„Don Cäſar d' Auſtria erhalten“ hat? — Der Knabe iſt mit einer rieſigſtarken Amme nach einem der königlichen Luſtſchlöſſer geſchickt wor⸗ den, wo er in aller Stille großgezogen werden ſoll. — Und die ränkeſüchtige Mutter des Knaben? — Iſt zwar noch immer in Prag, ſcheint aber ſeit ihrer Entbindung von Tag zu Tage mehr und mehr in der Gunſt ihres früheren Anbeters herabzuſinken. — Und aus welchem Grunde? — Sehr häufig ſcheinen Ihn unheimliche Zweifel anzuwandeln. Es hat den Anſchein, als glaube er, man habe ſeinen Namen bloß aus Eigennutz gemiß⸗ braucht. Die Gräfin beſchwört zwar— wie man hört— bei allen Heiligen, daß nur er der Vater ihres Kindes ſei, er ſelber ſcheint nicht mehr daran zu glauben und ſchon aus dieſem Grunde ſoll er die Mutter des Knaben, der ihm in keiner Hinſicht ähn⸗ lich ſieht, ſehr lieblos, oft ſogar mit gro „ und ihren Stolz demüthigender Verachtung behandeln. 195 — So rächt ſich alles Böſe ſelbſt! Doch der Gemahl dieſer abenteuerlichen Frau? — Er ſoll dem Kaiſer, auf deſſen Andringen, das Verſprechen ernenert haben, ihn nun in längſtens drei Monaten in alle Geheimniſſe der magiſchen Erzeugung ſeines goldmachenden Pulvers einzuweihen. — Was haltet Ihr von dieſem Märchen? — Ich glaube das, was jeder Vernünftige davon denkt: Alchymia est casta meretrix, quae omnes invitat, neminem admittit; ars sine arte, cujus principium est cupere, medium mentiri et finis mendicare vel patibulari*) — Und dieſes trügeriſche Gaukelſpiel, wie wird es enden? — Man braucht kein allzuſcharfer Hellſeher zu ſein, um ſchon jetzt vorausſagen zu können, daß die⸗ ſer luſtige Schwank ein trauriges Ende nehmen wird. Es werden dem Kaiſer frühzeitig genug die Schup⸗ pen von den Augen fallen, und dann wird er— * Die Goldmacherkunſt iſt eine Kokette, die Alle verlockt und Keinen erhört, eine Kunſt ohne Kunſt, anfangend mit Begehren, fortfahrend mit Lügen, endend mit dem Bettelſtabe oder am Galgen.— Dieſe Definition iſt unſtreitig die Richtigſte. 1 196 freilich allzuſpät— die unangenehme Gewißheit er⸗ halten, daß er betrogen, doppelt betrogen iſt. — Wie kann ein ſo gelehrter Mann, wie Er, ſich von einem ſolchen Glücksritter ſo arg hinterge⸗ hen laſſen? — Die Gelehrten ſind oft die Allerleichtgläu⸗ vigſten. Ein ſchlagender Beweis iſt Doctor Guari⸗ nonins. Dieſer bei all' ſeiner Gelehrſamkeit eingebil⸗ dete Thor glaubt, wie der Schweizer Theophraſt, ſo ſteif und feſt an die unfehlbare Wirkung ſeines von ihm erfundenen Arcanums“), daß er geſtern, mit Bewilligung des Kaiſers, welcher gleichfalls daran zu glauben geruht, nach Rom abgereiſt iſt, eines Theils, um, wie ich aus ſeinem eigenen Munde weiß, Pabſt Clemens VIII., der ſchwer erkrankt ſein ſoll, mit Hilfe ſeines Lebens⸗Elixirs in kurzer Zeit wie⸗ derherzuſtellen; andern Theils, um ein Geluͤbde zu *) Das ſogenannte Blixir vitae Guarinonii beſtand aus zehn Drachmen Zimmt, fünf Drachmen Ingwer, vier Drachmen Zedoar, drei Drachmen Muskatennuß, zwei Drachmen Gewürznelken, einer Drachme Kalmus und einer Unzahl anderer Gewürze und Kräuter, aufgelbſt in anderthalb Unzen Liquor Santalinus citrinus, einer Art von Citronen⸗Saft, gemiſcht mit reinem Weingeiſt. 197 erfüllen und ſich von Rom nach Loreto zu begeben, um dem dortigen Muttergottesbilde, das ihm, wie er zu behaupten wagt, im Traume die Zuberei⸗ tung jenes Geheimmittels Wort für Wort dietirt haben ſoll, dafür fußfällig ſeinen Dank abzuſtatten. — Aber glaubt nicht auch Ihr, mein edler Freund, zuweilen an die Eingebung überirdiſcher Gei⸗ ſter, an das Hineinragen höherer Weſen in den Or⸗ ganismus des Irdiſchen? Sagtet Ihr nicht ſelbſt, nicht Eure Kunſt, nur ein Wunder des Himmels habe mich gerettet? — Wohl glauhe ich an den Himmel und an deſſen Wunder, doch nicht an das Geſchwätz jenes Thoren, der mit dem, was er ſelbſt nicht glaubt, nur Andere belügt.— Gleichzeitig hat der Kaiſer ihm aufgetragen, eine der herrlichſten Statuen, die gegen⸗ wärtig in Rom zum Verkaufe ausgeboten wird, für die kaiſerliche Kunſtkammer zu erſtehen. — Welche Statue meint Ihr? — Des Niobiden Jlionäos! — Und der Name des Meiſters? — Iſt mir bis jetzt nicht bekannt. Doch ſoll ſein Werk eine der ſchönſten Kunſtſchöpfungen des alten Griechenlands ſein, und Doctor Guarinon ſoll vovm Kaiſer unbeſchränkte Vollmacht mitgenommen haben, 198 dieſes Kunſmer für ihn zu erſtehen um jeden Preis! — Der zum Sprichworte gewordene Geldgeiz die ſes Ausländers wird. — Hoffentlich auch dabei ſeine Rechnung finden, ergänzte Jeſſenius. — Was hört man vom Kriege in Ungarn? fragte Eva, die an Allem, was mit dem Schickſale ihres Vaterlandes zuſammenhing, heißen Ancheil nahm. — Es iſt ein trauriger, unſeliger Krieg! Die räuberiſchen Einfälle der in Dalmatien eingedrunge⸗ nen und vom Kaiſer Rudolph unklug geduldeten Ueberläufer— Uskoken genannt— haben Ungarn, Oeſterreich und Böhmen in einen langwierigen Kampf verwickelt, der, begonnen 1592, noch lange nicht zu Ende iſt. Die Waffen Sultan Murads III. machen verheerende Fortſchritte in meinem unglücklichen Va⸗ terlande Ungarn, deſſen Schickſal meinem Herzen gewiß eben ſo nahe, als Böhmen dem Eurigen liegt. Der ſiegende Halbmond des Sohnes Seiims Il. läßt überall rauchende Trümmer und blutbefleckte Spuren ſeiner raſtlos weiter vordringenden Rache⸗ und Eroberungsluſt zurück. Das Elend in Ungarn hat ſeinen Gipfel erſtiegen. Mein armes Vaterland 199 ſchreit um Hilfe und neuen Beiſtand gegen die Uebermacht der Türken, die wie Henſchreckenſchwärme und veſtaushauchendes Ungeziefer über Ungarns Gaue herfallen und jene Fluren, in welchen noch kurz vor Ausbruch jenes unglücklichen Krieges Milch und Ho⸗ nig in reichen Strömen floß, in blutgedüngtes Stop⸗ pelfed verwandeln. Das, was der Türke nicht mit ſeinen Schwerte niederſäbelt, mäht er mit der Sichel der Veſt, die er als Gottesgeißel in ſeinem Gefolge mit ſch ſchleppt. Auch die Seuche macht verheerende Fortſchritte. Bald wird ſie von Ofen nach Wien und bald— ich ſehe es kommen— von Wien nach Prag jiehen und auch hier mit ihrem Schreckensfinger von Nuem anpochen wie im Jahre 1572. — Ihr entrollt mir ein grauenerregendes Bild. Möge Eure Weiſſagung ſich nicht erfullen! — Ich wünſche es; doch fürchte ich, daß meine Sehergab mich nicht trügen wird. In dieſer großen Noth, die mein armes Vaterland verwüſtet, und in Vorausſicht der immer näher rückenden Gefabr, hat Kaiſer Rudylph, deſſen Herz beim Anvlick jener tür⸗ kiſch⸗ungariſchen Kriegsgräuel ſchwerer, als mancher ſeiner Unterthanen wähnt, zu bluten ſcheint, auf Rath und Empfehlurg meines alten Freundes und Gönners, Thaddäus von Häjek, zu beſchließen geruht, den treuen 200 Diener Eures Vaters und den Eurigen, mich, einen Sohn des ſchwer heimgeſuchten Ungarlandes, als Abgeſand⸗ ten nach Ofen zu ſchicken, um meinen Landsleuten Troſt einzuſprechen und ihren finkenden Muth durch Zuſage neuer Hilfsvölker und friſcher Hilfsquellen zu neuer oder, beſſer geſagt, zu alter, nenzubewährender Tapferkeit anzufeuern. — Dieß iſt eine ſchöne, erhabene Miſſion — Für die ich ihm danke aus ganzer Seele! Gleichzeitig, fuhr er fort, ſoll ich dort in meiner Eigen⸗ ſchaft als Arzt und Anatom die Geißel Gottes gleſchſam an ihrem zweiten Herde ſtudiren und lernen, die Peſt zu heilen, oder die Kranken, die ihrer Sichel asheim⸗ fallen, zergliedern, um das Weſen dieſer geheimniß⸗ vollen Seuche zu ergründen. — Dieß iſt eine ſchreckliche, grauſame Sendung! — O ſagt dieß nicht! Es iſt der ſchönſte Beruf des Arztes, ohne Scheu und Bangen jeder Todes⸗ gefahr in nächſter Nähe in's Auge zu ſchauen, um, wenn das Glück ihm anders wohl will, aus dieſem Auge Das herauszuleſen, was er wiſſen muß, um die Gefahr ſelbſt ſiegreich überwinden zu kinnen. Und darum, Fräulein, zittere ich nie für das eigene Leben, da wo es gilt, durch den Schatz meiner Erfahrungen das Leben Anderer zu retten. 201 — Ihr ſeid eben ſo beherzt als weiſe! 3 — Leider muß ich mir täglich eingeſtehen, daß ich nicht mehr als jeder Andere meiner unerforſch⸗ lichen Kunſt weiß und oft eben ſo ſehr im Finſtern umhertappe wie der Troß von hundert Andern. Und darum freut mich jene Sendung doppelt, dreifach, weil ich dort aufmuntern, rathen und— ſo Gott will— helfen und die kleine Summe meines Wiſſens verdoppeln kann. — Ich möchte Euch umarmen, mein Freund! rief Eva gerührt. — Und was hält Euch davon zurück? fragte er, nicht minder als ſie bewegt. Bin ich nicht Euer treuer Arzt? Bin ich nicht wie Euer Bruder? — Ja, ja, das ſeid Ihr, und das ſollt Ihr mir ewig, ewig bleiben! ſagte ſie, ihn mit reiner Schweſterliebe umatmend. — Nun aber lebet wohl, Fräulein Eva! ſprach der Arzt, ſich ſanft ihrer Umarmung entziehend. Nun iſt's Zeit, daß ich gehe. O bleibt noch einen einzigen Augenblick! bat Eva. — Meine Pflicht, Fräulein, ruft mich fort! Aber nie und nirgend wird Euer Bruder Euch ver⸗ geſſen. Euer Bild wird ihn überall begleiten. Vergeßt 202 auch Ihr nicht den treuen Diener Eures edlen Vaters, Euren Arzt, Euren Rathgeber! Auf frohes Wiederſehen, Eva von Lobkowic! rief er mit Thrä⸗ nen in den Augen und eilte fort. — Mein Segen, edler Freund, begleite Euch! Und als ſie mit ſich allein war, nahm ſie den alten Freund ihrer troſtloſen Stunden und vertiefte ſich von Neuem in die vergilbten Blätter jenes ewig⸗ grünen Buches, betitelt:„Vom Troſteder Phi⸗ loſophie.“ Sechszehntes Capitel. Zweifel und Gewiſſensſerupel. In dem Herzen des Kaiſers— jedem Andern und oft ihm ſelber ein unerklärbares Räthſel!— war ſeit der Taufe des Knaben Don Cäſars eine ſehr große, den hundert Argus⸗Augen ſeines Hofes nur allzu auffallende Veränderung vorgegangen. Rudolph war noch einſylbiger, ſchwermüthiger und niederge⸗ ſchlagener als vorher. Bis kurze Zeit vor ſeinem gänzlichen Abſchluße mit der gebrochenen Macht ihrer verlockenden Reize 203 war Clelia, wie er ihr ſelber offenherzig genug ein⸗ geſtanden hatte, ſeine„einzige Zerſtreuung, ſeine ihm liebgewordene Gewohnheit geweſen. Jetzt war ſie ihm Keines von Beiden mehr. Sie, die er bis dahin faſt täglich bei und um ſich geſehen, durfte jetzt, auf ſeinen ausdrücklichen Befehl, in acht Tagen höchſtens nur Ein Mal und auch dann niemals allein, ſondern immer nur in Begleitung ihres ſo⸗ genannten Gemahles bei ihm erſcheinen, und nie länger als ein Paar flüchtiger Minuten in ſeinen Zimmern verweilen. Und ſelbſt während dieſer ſtets ſeltener und kürzer werdenden Beſuche pflegte Ru⸗ dolph ſich weit weniger um ſie und ihren Knaben, von welchem ſie mit ihm vorzugsweiſe gern zu unterhalten ſich erlaubte, als um ihren Begleiter zu bekümmern, den er, ſo oft er ihn bei ſich ſah, ſtets mit einer und derſelben Frage empfing: — Wann erhalte ich Euer goldmachendes Pulver? Als der Kaiſer ihn acht Tage nach der Taufe zum erſten Male ſo gefragt, hatte Scotto, der an jenem Tage allein gekommen war, weil ſeine Frau ihr Wochenbett noch nicht verlaſſen durfte, den Muth gehabt, ihm ziemlich dreiſt zu erwidern: — In längſtens drei Monaten! — Alſo gerade am erſten April, da. 204 zufällig, was ich mir aufſchreiben will, um es ja nicht zu vergeſſen, heute der erſte Tag des neuen Jahres iſt. Erlaubt, daß ich Euch nachträglich gratulire... — Wozu? hatte der Ritter von Brandeis ge⸗ fragt. — Zum Steine der Weiſen, der bis zum erſten April unzweifelhaft gefunden ſein wird und muß. Der Abenteurer verneigte ſich und ſchwieg. Als er vier Wochen ſpäter, zum erſten Male in Begleitung ſeiner noch immer ſehr angegriffenen Frau, erſchienen war, um ſich nach dem Befinden des ſeit jener Zeit fortwährend kränkelnden Monar⸗ chen zu erkundigen, hatte ihn dieſer mit der alten, ewig wieberkehrenden Frage empfangen: — Wann alſo erhalte ich Euer Pulver? — Zwiſchen dem erſten und fünfzehnten April. — Alſo wieder zwei Wochen ſpäter, als ur⸗ ſprünglich zwiſchen uns feſtgeſetzt war. — Sire, das bisherige Unwohlſein meiner Ge⸗ mahlin.. — Hat uns leider an manchem gehindert. Ich will's Euch, Ritter, gerne glauben. Nun aber iſt ſie wohl, ganz wohl. — Vollkommen wohl, betheuerte die edle Mutter. — Clelia, verzeiht. Ich habe darum nicht 205 Euch, ſondern Euern ausgezeichneten Gemahl ge⸗ fragt. Der allerletzte Termin iſt alſo u nwider⸗ ruflich 1 — Der erſte Mai! erklärte Girolamo Scottv. — Ein ſchöner, herrlicher Tag! Hoffentlich doch noch in dieſem Jahre? fragte Rudolph mit Ironie. — Allerdings! beſtätigte der Ritter von Brandeis. — Warum aber habt Ihr zwei Wochen zu⸗ gelegt? — Um meiner Sache ſicherer zu ſein. — Das iſt ſehr ſchön von Euch! Dabei aber bleibt es ohne Widerrede! ſprach Rudolph, die bei⸗ den letzten Worte ſo ſcharf betonend, daß ſie dem Abenteurer wie zwei Meſſerklingen durch's Herz fuhren. — Sire, begann Clelia, der kleine Cäſar.. — Von ihm, Gräfin, das nächſte Mal! — Don Cäſar, fuhr ſie trotz des Befehles fort, iſt mit zwei Zähnen zur Welt gekommen. — Es wird alſo ein biſſiger Patron! — Sire, ſagt lieber ein tapferer Held! — Stark und heißblütig wie Simſon! er⸗ gänzte Scottv. — Wie Simſon, wiederholte Rudolph, der mit ſeinem Eſelskinnbacken dreißig oder noch mehr Philiſter 206 bei Askalon, oder in Ermangelung derſelben ein Paar arme unglückliche Juden in Prag erſchlägt. — Sagt lieber, Feinde ſeines erlauchten Va⸗ ters! verbeſſerte ihn Girolamv. — Ich fürchte mich vor dieſem Knaben! ge⸗ ſtand der Kaiſer, dem dabei unwillkürlich die Weiſ⸗ ſagung Tycho de Brahe's eingefallen war. Ich mag heute nichts mehr von ihm hören. Ihr könnt nun Beide gehen! Libusa biß ſich ihre Lippen wund. Schweigend ſchob ſie ihren vollen, blendendweißen nackten Arm in die dargereichte Rechte ihres Gemahls und wäh⸗ rend dieſer ſie im Innern beſchämt und beſtürzt, dem äußeren Anſcheine nach aber noch immer ſtolz und hochmüthig durch's lange Zimmer hinausführte, bohrte er die langen Nägel ſeiner Linken ſo krampf⸗ haft wüthend und ſo boshaft tief in das üppige Fleiſch ihres Armes, daß jene die blutigen Spuren dieſes verſtohlen⸗ausgeübten Actes ſeiner Rohheit zurückließen, ohne daß Libusa den Zorn und den Schmerz, den ſie gleichzeitig empfand, durch etwas Anderes als einen ihrem Gatten heimlich zugeſchleu⸗ derten Blick tiefinnerſter Verachtung zu beſtrafen ſich erlanbte.———————— 207 Als der Kaiſer allein war, geſtand er ſich da⸗ mals zum erſten Male, daß dieſe Frau, deren Ueppig⸗ keit ſeine ſchwachen Sinne zehn lange Monate gefeſſelt und berauſcht, jetzt unerwartet ſchnell ihren ganzen Reiz, ihren ganzen Zauber, ihren ganzen Nimbus eingebüßt habe, und in ſeinen enttäuſchten Augen zu einem Weibe ganz gewöhnlicher Art her⸗ abgeſunken ſei. Dieſe Umwandlung war ſo überra⸗ ſchend ſchnell in ihm vorgegangen, daß er ſich der⸗ ſelben Anfangs zu ſchämen und ſie einen Augenblick lang ſogat zu bereuen ſchien, weil er ſich des Un⸗ danks anklagte, eine Frau, in deren Armen er noch kurze Zeit zuvor ſeine einzige Aufheiterung gefunden, jetzt ſo geringſchätzend, ſo wegwerfend, ſo ganz en canaille behandelt zu haben. Seine Reue war einige Minuten ſo warm und überwältigend, daß er entſchloſſen ſchien, ihr nachzu⸗ ſchicken und ſie für die Kränkung, die er ihr und ihrem Kinde zugefügt, um Verzeihung zu bitten. Sein ihm ſelbſt unerklärlicher Widerwille aber, der bald von Neuem gegen ſie aufgelodert war, hatte ihn noch zu rechter Zeit von dem übereilten Schritt eigener Erniedrigung zurückgehalten. Sein Herz war, wie geſagt, ihm ſelbſt ein Räthſel Doch je mehr nun ſein Ueberdruß Clelia's 208 Bild in den Hintergrund zu drängen ſich bemühte, deſto heller und glänzender trat ſeitdem das in Thränen eingehüllte, in den blendendſten Farben der Schönheit prangende Bild der Gräfin Maria Mag⸗ dalena in den Vordergrund und füllte mit der Aureole ihrer Sittenreinheit mehr und mehr die Leere ſeines Herzens, die Träume ſeiner Seele aus. Wenige Tage nach jenem Geſpräche mit Clelia hatte er Mardochäus de Delle mit der bekannten Depeſche nach Pürglitz geſchickt. — Wie? fragte er ſich, wenn dieſes ganz und gar gewöhnliche Weib, unwürdig, Magdalenens Schuh⸗ bänder zu löſen, ſie aus bloßem Neide verläumdet, wie, wenn ich der armen Gräfin Unrecht gethan, ſie ungerecht verurtheilt hätte? Dieſer Gedanke könnte mich wahnſinnig und zu einer Rache fähig machen, vor der ich ſelber zurückbebe! Wie anders aber ſollte jener Hochverräther zu ihrem, zu meinem Ringe gelangt ſein als durch ihren eigenen Verrath an mir? Fühlt ſie ſich rein, warum verlangt ſie nicht, daß man ſie verhöre, auf daß ſie gegen die Anklage, die Jene gegen ſie erhoben hatte, ſich vertheidigen und ihre Unſchuld und mein Unrecht mir beweiſen kann. Sie aber beharrt in ihrem Schweigen. Sie läßt Nichts von ſich hören. Wie aber, wenn ſie nur zu 209 ſtolz wäre, mich um Etwas zu bitten, was ich ihr von Rechtswegen gewähren muß: um vffene Anklage, um das Recht freier Vertheidigung?! Wer löſ't mir dieſe folternden Zweifel? Wie beruhige ich mein mich quälendes Gewiſſen? Der Kaiſer verſank in tiefe Melancholie. Da kam die Antwort aus Pürglitz. Sie lautete: Mein Kaiſer und Herr! Die Gräfin befindet ſich vollkommen wohl. Nach ihrem eigenen Geſtän dniſſe hat ſie den Hof nie weniger als eben jetzt vermißt, und ihre Einſamkeit— Dank der zarten Behandlung, die Euer kaiſerlicher Wille mir vorzuſchreiben geruht! — allmälig ſo lieb gewonnen, daß ſie ſich noch nie und nirgends ſo ruhig und heiter, ſo zuſrieden und glücklich als in ihrem Kerker gefühlt hat. Sire, ich wage nicht zu entſcheiden, ob dieß freiwillige Geſtändniß meiner Gefangenen bloß der Ausſpruch eigenſinnigen Trotzes oder eines reinen Gewiſſens iſt; ſo viel aber glaube ich bemerken zu können, daß das Herz der Gräfin der Lüge und Verſtellung nicht fähig iſt. In tiefſter Ehrfurcht erſtirbt u. ſ. w. Pürglitz am 31. Januar 1596. Heinrich von Prollhof, Hauptmann auf Pürglitz.“ 1856. V. Auf dem Hradſchin. II. 14 210 Rudolph gerieth nach Leſung dieſer Zeilen faſt außer ſich. Es beleidigte ſeinen Stolz, es kränkte ſeine Eitelkeit, es beunruhigte ſein Gewiſſen, daß die Gräfin ihn— denn wer anders iſt der Hof als der Kaiſer?— durchaus nicht vermiſſe, daß ſie die Einſamkeit ihres Kerkers dem Glanze ſeines Hofes vorziehen und dort unter dem Schutze eines alten rauhen Hauptmanns zufriedener und glücklicher als in der Nähe ihres Kaiſers, ihres Gönners, ihres Freundes ſei. — Doch mit keiner Silbe gedenkt ſie ihrer Schuld, ihres Treubruchs, ihres Verraths an mir? Sie hält es nicht einmal der Mühe werth, eine Lüge zu ihrer Vertheidigung zu erſinnen und— wenn auch nicht mir, doch wenigſtens dem Hauptmann zu betheuern, daß ſie ſich frei von jeder Schuld fühle und nicht begreifen könne, weßhalb man ſie gefangen hält und warum man ſie nicht verhört. Nichts von allem Dem! Aus ihrem Geſtändniſſe ſpricht nichts als Trotz und Hochmuth, weder Reue noch Rachgiebigkeit. O Weiber, Weiber! Wie lächerlich, wie beklagenswerth iſt jeder Thor, der auf den Sand Eurer Schwüre die ſtolzen Pyramiden ſeiner glücklichen Träume baut, der dem breiten Strome Eurer Thränen die kühnen Flotten ſeiner heißeſten Eroberungsſucht anzuvertrauen 214 wagt! Ihr ſeid Alle heuchleriſch und falſch! Ich kenne nicht Eine, die mir würdig ſchiene, ſie für wahr und treu zu halten! Da plötzlich fiel ihm Eva ein! Und von Neuem vergrub ſich ſeine Seele voll Schmerz und Wehmuth in die bodenloſe Tiefe marternder Zweifel und Gewiſſens⸗ biſſe. Er ſtützte ſeine Arme auf die Kniee und ſein kummerbleiches, ſorgenſchweres Haupt auf beide Hände und ſchien wachend zu träumen oder träumend zu wachen und mit namenloſer Schwermuth den Namen Eva, Eva!“ zu wiederholen. Es vergingen zwei ewig lange Monate. Jeden Abend erhielt er zu derſelben Stunde kurze, einzeilige Nachricht von Pürglitz. „Die Gräfin iſt wohl und ruhig.“ „Die Gräfin iſt heiter und geſund.⸗ Die Gräfin fühlt ſich wohler als je!“ Und einmal wüthend und das andere Mal bettübt, zerriß er die ziemlich einförmige Depeſche des Alten vom Schloſſe in hundert kleine Stücke und warf ſie in's luſtig flatternde Kaminfener oder in den Käfig ſeines wüthend brüllenden Lieblings⸗Löwen, der, damit er während der rauhen Jahreszeit im freien Zwinger nicht erftiere, in eines der Gemächer, das an ſein Arbeitszimmer ſtieß, hinaufgeſchafft und. 14* 212 hier bis zur Ankunft des Frühlings zu reſidiren gewohnt war. Oft ſprach er minutenlang mit dem langmäh⸗ nigen Ottakar, der von Jugend auf vom Kaiſer ſelbſt gekirrt, trotz ſeines wüthenden Brüllens, das jedem Andern als ihm Schreck einzujagen ſich gefiel, ſo zahm wie ein treuer Haushund war, der jeden Wink ſeines Gebieters, jedes Wort ſeines Herrn zu verſtehen ſchien. — Ottakar, ſagte Rudolph eines Abends zu ſeinem Löwen, Du biſt das leibhafte Wappen meines Königreichs Böhmen. Jener zwar iſt von Silber, Du aber biſt ein goldener Löwe. Jener trägt eine goldene Krone, Du trägſt dafür einen ſilbernen Hals⸗ reif, den ich Dir eigenhändig umgehängt. Jener hat einen doppelten Schweif, Du begnügſt Dich in Dei⸗ ner Beſcheidenheit mit einem einfachen. Roth iſt das Feld des Wappenlöwen; roth iſt das Innere des Kä⸗ figs, in welchem auch Du thronſt.— Von Natur aus ein reißendes Thier, hat meine Hand Dich gezähmt, meine Liebe Dich gekirrt!— Auch Dein Herr, Ottakar, iſt ein gebändigter Löwe, der ſein eigenes Herz zer⸗ fleiſcht. O mein Freund, mein einzig wahrer, un⸗ eigennütziger Freund, ich glaube, Du brüllſt heute ſchauerlicher als je, weil Du fühlſt, was ich leide, 213 und weil Du Mitleid mit Deinem Herrn haſt, der Dich liebt und pflegt, als wäreſt Du ſein Sohn. Was ſag' ich Sohn? Nein, nein, das biſt Du nicht! Du flößeſt mir weder Furcht noch Grauen ein, denn vor Dir hat Tycho's Weiſſagung mich nicht gewarnt, wohl aber vor meinen Söhnen, weil Einer unter ihnen, wie Tycho auf ſeinem Schloß Uranienburg im geheimnißvollen Buche der Geſtirne geleſen hat, mir Kummer bereiten und nach meinem Leben trachten wird. Und aus Furcht bin ich wie Du, mein Löwe, ledig geblieben. Was aber nützt mir dieſe thörichte Vorſicht? Bin ich nicht, obgleich unvermählt, den⸗ noch Vater, Vater von drei Söhnen ſogar? Und was gibt mir Gewißheit, daß Keiner dieſer Söhne ſich gegen ſeinen Vater empören wird? Dieſes trau⸗ rige Vorgefühl, dieſe bange Ahnung iſt's, die meine geängſtigte Seele fortwährend in gefahrdrohendem Schach erhält und ſie nie ruhig, nie heiter, nie glücklich werden läßt. Du, mein gefeſſelter Löwe, biſt das einzige Geſchöpf an meinem Hofe, dem ich das tiefe Ge⸗ heimniß meiner ewigen Beſorgniß anvertrauen darf, ohne befürchten zu müſſen, daß das leibhafte Sym⸗ bol meines königlichen Wappens mich, wie der größte Theil meiner Hofſchranzen, verrathen wird. Das, was Deinen armen Herrn quält, iſt ein Fluch, den 24 Du, mein muthiger Freund, nicht einmal dem Na⸗ men nach kennſt der Fluch der ewigen Furcht, der, gleich der Harpye, jeden Augenblick meines Daſeins vergiftet und mich überall Geſpenſter ſehen läßt, ſelbſt da, wo nur weſenloſe Schatten ſind. Nichts iſt furcht⸗ barer als Furcht! Nichts iſt mehr zu fürchten im Leben, als die Furcht, die ſelbſt den beſten Menſchen aus Beſorgniß vor eingebildeter Gefahr ſchmermü⸗ thig, traurig, ſchwach, abergläubiſch, argwöhniſch, miß⸗ trauiſch, unduldſam, lieblos, hart und thranniſch macht. Und all' dieſe Fehler habe ich, ich der Erſtgeborene eines der muthoollſten und ritterlichſten Fürſten, die ſeit Jahrtauſenden den römiſch deutſchen Kaiſerthron geziert! Und woraus entſpringt der größte Theil meiner Fehler, deren ich mich vor Dir anklage? Aus Furcht, aus dieſer fürchterlichen Furcht, ohne Anfang, ohne Ende, aus Furcht, die, wie ein bleiches Geſpenſt an meiner Ferſe feſtgebannt, mich durch mein ganzes Daſein verfolgt und Urſache iſt, daß ich, der ich ge⸗ fürchtet bin, mich vor mir ſelbſt fürchte. Dieſe offenherzige, wahre, innige Beichte des Kaiſers vor dem lebenden Embleme ſeines königlichen Wappenſchildes war ſo ergreifend und erſchütternd, daß ſelbſt der Löwe durch den Ausdruck jenes tief⸗ gefühlten Schmerzes gerührt zu ſein ſchien. Ottakar 215 ſchlug lautlos mit den Tatzen an den vergoldeten Gittern ſeines Kerkers, um ihm Muth einzuflößen. Es war, als wollte er ſeinem kaiſerlichen Herrn und Gebieter zurufen: — Fürchte nichts als die Furcht. Wirf ab dieſe endloſe Bangigkeit, die Dich ſchwermüthig macht, Dein großes Herz beengt, Deinen erhabenen Geiſt umdüſtert! Faſſe ein Herz zu Dir ſelbſt und zu Andern, dann wirſt Du Deinem Vater gleichen und nicht mehr ſchwach und argwöhniſch, mißtrauiſch und hart ſein! Und Rudolph ſchien ſich vorzunehmen, den Rath ſeines treuen Löwen oder, richtiger geſagt, die Stimme ſeines beſſern Ichs zu befolgen, die Furcht von ſich abzuſtreifen und ſeine Hüften mit neuem Muthe zu umgürten. Und der Kaiſer betete zu dem Souveräne aller Sonveräne, daß er ihm Kraft und Stärke, Herz und Entſchloſſenheit zur Ausführung ſeines Vorſatzes verleihe. Dann begab er ſich zur Ruhe. Und nie ſchlief er ſanfter als in jener Nacht. Am folgenden Morgen erbrach er— ſeit lan⸗ ger Zeit wieder zum erſten Mal— mit eigenen Hän⸗ den eine Menge von Bittſchriften, deren größtentheils 216 abſchlägliche Beantwortung er ſonſt ſeinem kalten, herz⸗ loſen Geheimſchreiber Giovanni Barbice überlaſſen hatte. Er las: 1)„Der durch unverſchuldetes Unglück herunter⸗ gekommene Schuſter Wenzel bittet um eine kaiſerliche Unterſtützung.— Sie ſoll ihm werden, ſchrieb der Kaiſer auf den Rand der Eingabe. 2)„Ein junger Mann aus Biſchofteinic, Ra⸗ phael Soböhrd, genannt Mnisowſth, der in Rom die geiſtlichen und in Paris die weltlichen Rechte ſtudirt und dort die Doctorwürde erlangt hat, bittet, nach Prag zurückgekehrt, um Anſtellung.— Sie ſoll ihm werden, ſchrieb der Kaiſer*). *) Mnisowskh ward(ſpäter) bei dem Cardinal⸗Fürſtbiſchof zu Wien und Neuſtadt, dem kaiſerlichen Statthalter in Oeſterreich, Melchior Khlesl, angeſtellt. Er iſt derſelbe Mnisowsky, den Kaiſer Ferdinand I. am 1. Januar 1621 in den böhmiſchen Ritterſtand erhob und ihm das Prädicat von Zebuzyna verlieh; derſelbe Mnisow⸗ skh, der, vom Appellationsrath zum Vicekämmerer des Königreichs Böhmen befördert, ſich in ſpätern Jahren auch als Dichter durch eine Sammlung von 540 latei⸗ niſchen Grabſchriften und Sinngedichten, die er auf ſich ſelbſt geſchrieben, bekannt gemacht hat. Die Sammlung erſchien bald nach ſeinem 1644 zu Prag erfolgten Tode 217 3) Der Handſchuhmacher Jaromir auf der Klein⸗ ſeite bittet um ein Patent auf die Erfindung eines neuen Handſchuhs ohne Näthe.— Er ſoll es ha⸗ ben, ſagte Rudolph. 4) Georg Barthold, genannt Pontanus von Brei⸗ tenberg(der von Rudolph 1588 gekrönte Poet), bittet um die Huld, Seiner kaiſerlichen Majeſtät die zweite Auflage ſeiner: Primitiae sacrae poeseos“*) als Tribut aufrichtigen Dankgefühles zueignen zu dürfen.— Angenommen! ſchrieb der Kaiſer. Rudolph entfaltete die fünfte Bittſchrift und warf einen flüchtigen Blick auf die Unterſchrift. — Eva von Lobkowic? rief er überraſcht. Was mag ſie von mir wollen 2 Ihr ſei im Voraus Alles gewährt! Bis auf Eines! ſetzte er raſch hinzu, bis auf das Einzige, was ich ihr nicht gewähren kann, nicht gewähren d arf. Er verſchlang die Zeilen ihrer Hand. Und von Wort zu Wort ſtieg ſein Erſtaunen, verdoppelte ſich ſeine Bewunderung für ſie. Während der letzten dreiunddreißig Jahre hatte er drei Kaiſern gedient. 7 Die erſte Auflage dieſer geiſtlichen Geſänge war ein Jahr nach deſſen Dichterkrönung in München erſchienen. 218 Gnädigſter Herr(ſchrieb ſie) ich flehe nicht für meinen unglücklichen, noch immer gefangenen, noch immer nicht verhörten Vater, heute flehe ich für ein Weſen, das meinem erlauchten Kaiſer näher ſteht als mir. Heute flehe ich für die Gräfin Maria Mag⸗ dalena.“ — Heilige Jungfrau! Was muß Eva dazu veranlaßt haben? fragte Rudolph und las weiter. „Der Grund meines Geſuches iſt folgender: Vor Monden hatte ſich die Gräfin an den Stufen des Thrones für das Verhör meines armen Vaters und für die Begnadigung ſeines Anhängers verwendet. Seitdem betrachtete ich mich als ihre Schuldnerin, und ich preiſe die Vorſehung, daß ſie mir das Glück vergönnt, heute einen Theil meiner Dankesſchuld an ſie abzutragen.“ — Heiland, was werde ich vernehmen? rief der Kaiſer. „Die Gräfin, Majeſtät, iſt unſchuldig verläumdet.“ — Gerechter Gott, meine Ahnung! wehklagte Rudolph. „Die ganze Anklage ber ſchwer verkannten Grä⸗ fin beruht auf einem Gewebe hölliſcher Liſt und boshaften Betruges; der Urheber jenes ganzen Planes iſt ein Unwürdiger, der ſich in's Vertrauen Ew. — 209 Majeſtät eingeſchlichen und den ſonſt ſo klaren, unbe⸗ fangenen Scharfblick des Kaiſers durch Vorſpiegelung einer eben ſo ſchlau erdachten als liſtig ausgeführten Intrigue auf einen Augenblick geblendet hat. Der alte Gott, der keinen Act der Ungerechtigkeit lange verborgen und ungeſtraft bleiben läßt, hat mich, die Tochter des ſeit fünfzehn Monaten gefangenen und dem Urtheilſpruche des Geſetzes entzogenen Oberſt⸗ landhofmeiſters, in jenes finſtere Geheimniß einge⸗ weiht, das zwiſchen der Gerechtigkeitsliebe des Kai⸗ ſers und dem tiefgekränkten Stolze einer ſeiner treue⸗ ſten Unterthaninnen eine bis heute undurchdringliche Schranke zu ziehen gewußt. Gott der Gerechte aber lenkt die Herzen der Guten wie der Böſen, und läßt jedes Opfer der Verläumdung, das ſich rein fühlt, ſiegreich aus dem Dunkel ungerechter Anſchul⸗ digung hervorgehen. Majeſtät, auch die Gräfin iſt ein Opfer der Verläumdung! Geſtern Früh ſtürzte, leichenblaß und von den Furien bitterſter Reue gepeitſcht, Bozena, die ehemalige Kammer⸗ dienerin der Gräfin Maria Magdalena, in mein Zimmer mit aufgelöſ'tem Haar und mit wahn⸗ ſinniger Verzweiflung mir zu Füßen mit dem Aus⸗ ruf: Rettet meine Gebieterin, rettet Gräfin Ma⸗ ria! Sie iſt unſchuldig, ſie iſt verläumdet! Sie 220 umklammerte meine Kniee und weinte, bat und ſchrie: Nicht eher verlaſſe ich Euch, bis Ihr meine Beichte angehört und mir verſprochen habt, ſich ihrer anzunehmen, wie ſie ſich am Fronleich⸗ namsfeſte Eurer angenommen.— Ich, ſchrie ſie mit geballten Fäuſten ihre Bruſt ſchlagend, ich undank⸗ bares Geſchöpf, ich, die als Waiſe ſie in ihr Haus aufgenommen und mit tauſend Wohlthaten überhäuft, ich elende Sünderin, habe meine Wohlthäterin in Schmach und Schande geſtürzt! Durch die Schmei⸗ chelworte eines falſchen Böſewichts, der mir erſt Liebe und dann Ehe zugeſchworen, hatte ich mich zum himmelſchreiendſten Undank und zum ſchwärze⸗ ſten Verrath an meiner Herrin verleiten und mich bewegen laſſen, ihr einen goldenen Schlangenreif, an dem ihr Herz und ihre Seele hing, zu entwenden.“ — Himmliſche Gerechtigkeit! rief der Kaiſer außer ſich. Ich legte den geraubten Ring in die Hand jenes Elenden, welcher der Gräfin den Untergang geſchworen, weil dieſe(was ich erſt geſtern erfuhr) ein Weib, das er für ſeine Frau auszugeben wagt, beleidigt haben ſoll. Jener Heuchler, der dieß Alles mir verſchwiegen, knüpfte meinen Raub an den Hals einer Taube, die er im Einverſtändniſſe mit dem 221 Kerkermeiſter eines Nachts durch den Schieber in der Thür in die Zelle Eures zu Elbogen gefangenen Vaters hineinflattern ließ, um ihn und die Gräfin, die man eines Einverſtändniſſes mit ihm angeklagt und gleich darauf nach Pürglitz abgeführt hatte, mit Einem Schlage zu vernichten.“ — Nun wird mir Alles klar! rief Rudolph, vor Zorn und Reue zerriſſen. „Die Gräfin, ſchwor die Aermſte, iſt unſchuldig, jener Nichtswürdige aber, der mich getäuſcht, verführt und verleitet, jener Gottvergeſſene, der die Gräfin und Euren armen Vater unſchuldig wie meine Herrin in Ungnade, Schmach und Schande geſtürzt, iſt ein ſchamloſer Lügner und ſein Name: Girolamo Scotto, Ritter von Brandeis.“ — Sein Name ſei verflucht auf ewig! ſchrie der Kaiſer. „Jetzt Majeſtät, wißt Ihr Alles! Jetzt gnädigſter Herr, flehe ich nicht mehr, jetzt verlange ich von Eurer Gerechtigkeit die Freilaſſung der Gräfin. „Gott iſt weiſe, Gott iſt gerecht! Auch Kaiſer Rudolph wird es ſein! u. ſ. w. Prag am 26. April 1596. Eva von Lobkowie.“ — Ja, Eva, Du haſt Dich nicht getäuſcht in. —— 222 mir! Auch ich— ich ſchwöre es bei der Aſche meines großen Vaters!— will einen Act der Ge⸗ rechtigkeit ausüben, und Dir, reinem Engel des Lichts und der Verſöhnung, beweiſen, daß Dein Schrei am Throne Rudolphs nicht ſpurlos verhallt iſt. Noch vier Tage Geduld. Dann ſollt Ihr Alle erfahren, wie Kaiſer Rudolph zu beſtrafen, wie Kaiſer Ru⸗ dolph zu belohnen weiß. Siehzehntes Capitel. Eine Ueberraſchung. Seit dem Augenblicke jener hochwichtigen Ent⸗ hüllung ſchien im Herzen des Monarchen eine neue, nicht minder auffallende Umwandlung als die frü⸗ here vorgegangen zu ſein. Zur Verwunderung ſei⸗ ner nächſten Umgebung, der auch dieſe Metamor⸗ phoſe nicht entgangen war, hatte er urplötzlich die ganze Laſt der ihn niederdrückenden Schwermuth, den ſummenden Schwarm ſeiner ihn raſtlos quälen den Grillen abgeſchüttelt und war wie durch einen Zauberſchlag mit Einem Male wieder herablaſſend und geſprächig, ſanft und liebreich, heiter, ja ſogar 223 luſtig geworden, zu hundert Scherzen und Späßen aufgelegt wie noch nie zuvor. — Nun bin ich ganz hergeſtellt! Nun fühle ich mich wieder wohl! hatte er zu Jedem geſagt, dem dieſe Umwandlung aufgefallen war. Wenige Tage ſpäter ward der Ritter von Brandeis und deſſen Gemahlin— Letztere zum erſten Male ſeit ihrer Niederkunft— zur kaiſerli⸗ chen Tafel geladen, zu welcher der Kaiſer nur noch zwei andere Gäſte, den Leibarzt Anſelm de Boodt und den Hofmaler Johann von Aachen, beordert hatte. Während Rudolph die Gräfin mit ſpaniſcher Galanterie zur Tafel führte, ſagte er zu ihr mit dem einſchmeichelndſten Tone huldvollſter Herab⸗ laſſenheit: — Ich habe Euch, Schönſte der Frauen, in jüngſter Zeit oft hart gekränkt. Geruht, die Schuld nicht meinem undankbaren Herzen, ſondern einzig und allein meiner ewig langen Unpäßlichkeit und jener unheimlichen Melaucholie zuzuſchretben, die mei⸗ nen kranken Geiſt ſo lange Zeit gefangen hielt.— Jetzt, wo Beide— Dank der Hilfe des Himmels und dem Beiſtande meines treuen Arztes Anſelm de Boodt— mich hoffentlich für immer verlaſſen zu haben ſcheinen, jetzt, wo ich mich, wie neugeboren, wieder 224 wohl und heiter fuhle, verſpreche ich Euch, holde Gräfin, mich zu beſſern und nie mehr— ſo Gott es will— in meine alte, unerträgliche Grillenfän⸗ gerei zurückzufallen. Verzeiht mir alſo— ich bitte Euch darum!— jede unverdiente Kränkung, die Euch bis zu dieſer Stunde zugefügt! ſchloß der Kaiſer, zärt⸗ lich verſtohlen ihren Arm an ſeine rechte Hüfte ſchmiegend. — Jetzt, gnädigſter Herr, ſeid Ihr der Alte! Und dieſem alten, ewig jungen, ſtets huld⸗ und gna⸗ denreichen Rudolph verzeiht Clelia, die treueſte ſeiner Sclavinnen, Alles, Alles, Alles! hauchte Scotto's Gemahlin, jenen Druck auf's Zärtlichſte erwidernd. — Das iſt brav, das iſt lieb von meiner wun⸗ derſüßen Selavin, ſagte Rudolph, der ſich von Neuem in den ſommerfriſchen Flor ihrer Reize verliebt zu haben ſchien. Laßt Euch, Gräfin, an meiner linken Seite nieder. Sie iſt die Seite, auf der ein un⸗ dankbares Herz für Eure Huld und Güte ſchlägt. Möget auch Ihr, Ritter von Brandeis,(ſagte er zu Clelia's Gemahl, der bei der Tafel zwiſchen Leib⸗ arzt und Hofmaler dem Monarchen gegenüber ſaß) mir verzeihen, wenn ich Euch während der Anfälle meiner Melancholie, in der ich, ich ſchäme mich nicht, es Euch zu geſtehen— oft kaum zurechnungs⸗ 225 fähig war, durch manch' barſches Wort, das ich Euch anzuhören gab, hart und unverdient gekränkt haben mag. Vergebt es Eurem krank geweſenen Freunde. — Von ganzem Herzen! betheuerte Girolamo Scottv. — Heute wollen wir, ganz unter uns, bei einem Glaſe hundertjährigen Burgunders, das Feſt der Verſöhnung und gleichzeitig— freilich etwas ſpät!— die Taufe des jungen Cäſar feiern. — Es lebe Don Cäſar! rief die ſtolzerfüllte Mutter. — Er wachſe und gedeihe zum Ruhme ſeines erlauchten Vaters! ſagte Scottv. — Er werde groß und ſtark wie Hereules! wünſchte Anſelm de Boodt. — Und weiſe und tapfer wie Theſeus! ergänzte Johann von Aachen. — Ich banke Euch, meine theuern Freunde, ſprach der Kaiſer tief gerührt und leerte das erſte Glas auf Cäſars Geſundheit. Seinem Beiſpiele folgten die vier Gäſte. — Nun aber, meine Kinder, wollen wir luſtig wie die Götter und mein vielgeliebter Vetter Heinrich W. in Frankreich ſein, ſcherzen und ſingen, koſen und trinken ſo lange, bis jeder von uns, ſelbſt unſere 1856. V. Auf dem Hradſchin. M. 15 226 ſchöne Gräfin nicht ausgenommen, einen kleinen Spitz davon trägt. — Es lebe der Kaiſer! rief Clelia. — Es lebe die Liebe! jubelte Scottv. — Es lebe der Wein! rief Anſelm. — Es lebe die Freude! jauchzte der Maler. Und nun begann ein wahres Belzaſar⸗Feſt, eine ſogenannte Henkermahlzeit, eine kleine harmloſe Orgie. Man aß und trank, man plauderte und lachte, man kicherte und ſcherzte, abwechſelnd ſtill und laut, verſtohlen und lärmend. Die Gräfin warf dem Nachbar ſtumme Blicke zu, in denen ein gan⸗ zes Wörterbuch von Glück und Zärtlichkeit, von Luſt und Liebe lag. Rudolph neckte ſie auf hun⸗ dert Arten. Die drei andern Gäſte tranken tüchtig. Und am tapferſten zeigte ſich Scotto. Er aß für Zwei und trank für Vier und war der Erſte, der, ganz gegen ſeine Gewohnheit, einen kleinen, ganz allerliebſten Schwipps bekam; denn der Inhalt der Flaſchen, aus denen er ſich, etwas allzuraſch, einen Becher nach dem andern füllte, ſchien noch älter und feuriger als der Wein der Uebrigen zu ſein. Und nach einem kurzen Stündchen und nachdem er vier große Becher dieſes berauſchenden Burgunders geleert, befand er ſich in ſo ſeligem Zuſtande, daß 2 er abwechſelnd den Leibarzt und den Maler um⸗ armte und laut nur das Eine bedauerte, daß er ſich nicht ſelbſt um ben Hals und an ſein freudetrunke⸗ nes Herz zu drücken im Stande ſei. Und Rudolph belachte den Witz. Er war der Einzige, der nur nippte und ſo vollkommen nüchtern als gewöhnlich blieb. Selbſt Clelia hatte ein klein wenig mehr getrunken, als ſie vertragen konnte, und war allmä⸗ lig luſtiger, kecker, ausgelaſſener geworden. — Das freut mich! ſagte der Kaiſer und ſchenkte ihr ſtets von Neuem ein. Und als der Nachtiſch kam und der Ritter von Brandeis ſchon halb betrunken war, wurde er vom Kaiſer aufgefordert, zum Schluß des heitern Feſtes ein luſtiges Trinklied anzuſtimmen. Scotto ergriff den Pokal und ſang: Der Wein, ſprach König David, Erfreut des Menſchen Herz; Die Lieb, ſang Jeſus Sirach, Erfüllt das Herz mit Schmerz. Durchlöchert ſind die Siebe Der ſtillen Seelenpein: Der Teufel hol' die Liebe, Ich lobe mir den Wein! Und die Andern wiederholten im Chorus: Der Teufel hol' die Liebe, Wir loben uns den Wein! 15* 228 Ritter Scotto ſang die zweite Strophe: Die Lieb', ſprach Vater Noah, Die Liebe bringt uns Leid. Der Wein beut' ſüßen Lethe Und bringt Vergeſſenheit. Er ſtillt den Trieb der Triebe, Lullt alle Leiden ein, Der Teufel hol' die Liebe, Ich lobe mir den Wein! Und der Chorus wiederholte: Der Teufel hol' die Liebe, Wir loben uns den Wein! — Genug, genug, rief der Kaiſer. — Noch nicht, ſchrie der Ritter. Mein Lied hat ſiebzehn Strophen... — Und ſollen wir alle ſiebzehn hören? fragte Rudolph, den Scotto's Vertraulichkeit mehr als deſſen Heiterkeit anzuwidern ſchien. — Nein, ihr Herren, nur Einen Vers noch, ſagte Girolamo und ſang: Der Luther pries die Weiber, Den Wein und den Geſang, Wer ſie nicht liebt, der bleibet Ein Narr ſein Lebelang. Verſieget ſind die Triebe Der ſüßen Herzenspein: 229 Der Teufel hol' die Liebe Ich lobe mir den Wein! Der Kaiſer ſchwieg. Die drei Andern aber wiederholten überlaut: Der Teufel hol' die Liebe, Wir loben uns den Wein! In demſelben Augenblicke trat der Kammerdie⸗ ner und Hofpoet Mardochäus de Delle mit der Mel⸗ dung ein: — Majeſtät, die kaiſerlichen Wagen ſind an⸗ geſpannt. — Wohlan! ſprach Rudolph ſich erhebend, nun wollen wir einen kleinen Ausflug in's Freie machen, um friſche Luft zu ſchöpfen und die flüchtigen Nebel des Weines verdunſten zu laſſen unter dem lachenden Frühlingshimmel. — Wohin? wohin? ſtammelte der würdige Troubadour. — Nach meinem Lieblingsſchloſſe Benätek oder dahin, wohin ſich die holde Königin unſeres kleinen Feſtes ſehnt.. — Fahren wir nach Pürglitz! bat Clelia. — Ei, fragte der Kaiſer nicht wenig erſtaunt, warum gerade nach dieſem alten, kalten, finſtern Schloſſe 2 230 — Weil es das Einzige Eurer böhmiſchen Kö⸗ nigsſchlöſſer iſt, das ich bis jetzt noch nie geſehen habe. — Euer Wunſch, Gräfin, iſt mir Geſetz! Gut, Ihr ſollt es kennen lernen. Seid Ihr einverſtanden? fragte er ihren Gemahl, deſſen Trunkenheit ſchon ſo große Fortſchritte gemacht, daß er den Wunſch ſeiner Frau gar nicht gehört hatte. — Einverſtanden mit Allem, was Ihr wollt! lallte der Ritter von Brandeis. — Dann laßt uns gehen! ſagte der Kaiſer, der glücklichen Mutter Don Cäſars ſeinen linken Arm reichend. Im Burghofe harrten drei ſtattliche Kutſchen. In die erſte hob der Kaiſer die Gräfin, an deren rechter Seite er ſich niederließ. In die zweite ſtieg der ſtark benebelte Ritter und der nüchterne Maler, in die dritte endlich der Leibarzt und der Hofpoet Mardochäus de Delle. Nun flogen ſie ihrem Ziele entgegen. Es war ein ſchöner, wunderherrlicher Frühlings⸗ nachmittag. Das große, welterleuchtende Auge Got⸗ tes, die ewige Sonne, lächelte klar und heiter auf die romantiſche Umgegend Prags und auf die in jung⸗ fräuliches Grün gekleideten Fluren. Ein detachirter Zug von Schwalben ſegelte durch den blauen Aether, 231 um den Wolken die Ankunft des neu erſtandenen Lenzes zu verkünden. Die Wieſen mit ihren viel⸗ farbigen Feldblumen glichen einem bunt geſtickten Teppiche, auf dem eine Schaar geflügelter Blumen der Luft, ein Trupp von Schmetterlingen und Li⸗ bellen, ſich herniederließ, während ein Heer von frü⸗ her als gewöhnlich eingetroffenen Maikäfern ſein luf⸗ tiges Zelt im ſmaragdenen Grün der friſchen Baum⸗ kronen aufſchlug und ein Schwarm von Bienen raſt⸗ los umherſchweifte, um aus den Kelchen der blaßröthli⸗ chen Kleeblüthe ſich Honig für ihre wächſernen Vor⸗ rathszellen einzuſammeln. Es war ein Tag zum Kuͤßen, ein Tag zum Lieben, ein Tag zum Träumen! — Ein herrlicher Frühlingstriumph! rief der Kaiſer. — Ganz geeignet, unterbrach ihn ſeine Beglei⸗ terin, zwei Herzen, die ſich lieben, in Eines zu ver⸗ ſchmelzen. Sprecht, gnädigſter Herr, liebt Ihr denn noch wirklich Eure Clelia? — Seid Ihr nicht die Mutter Don Cäſars? fragte der liebreiche Monarch. — Und iſt mein erlauchter Herr und Kaiſer nicht der Vater dieſes großen, ſtarken, wunderholden Knaben? Ich Thörin, die ich noch immer an Euch zu zweifeln mich erkühne! Welcher Vater, edeldenkend 232 wie mein hoher Herr, wird nicht die Mutter ſeines Kindes lieben? Ja, ja, gnädigſter Herr, Ihr liebt mich. Aber liebet Ihr auch Euren Sohn2 — Und warum ſollte ich ihn nicht lieben? Zweifelt Ihr vielleicht nur deßhalb, weil die Natur ihn mit zwei Zähnen und mit rothen Haaren aus⸗ geſtattet hat? — Mit der Zeit werden ſie dünkler werden. — Die Zähne? fragte Rudolph wie zerſtreut. — Nein, ich meine ſeine hellen Haare. — Man könnte ſie ihm färben laſſen? — Doch wozu, gnädigſter Herr? Hat nicht ſchon mancher große Held zur Unterſcheidung von ſchwachen Feiglingen feuerrothes Haar gehabt wie jener Herzog Alba von Toledo... — Wer ſagt Euch, Gräfin, daß jener rechte Arm meines Oheims ein Rothkopf geweſen war? — Mein Gemahl hat es mir geſagt! — Sonderbar, ich hatte jenen Mann ſo genau wie den Eueren gekaunt und nie bemerkt, daß er ro⸗ thes Haar gehabt! — Vielleicht hat jener Alba ſein Haar gefärbt! meinte die Gräfin. — Leicht möglich, lachte der Kaiſer gutmüthig. — Gnädigſter Herr, die Stimme meines ſtolzerfüll⸗ 233 ten Mutterherzens ſagt mir laut und deutlich, daß Don Cäſar d' Auſtria uns keine Schande machen wird. — Das gäbe Gott! ſeufzte der Kaiſer und ſchwieg einen Augenblick.— — Sagt mir, Deutſchlands Raphael, fragte Scotto den Maler, wohin fahren wir denn ei⸗ gentlich? — Ei, kennt Ihr nicht dieſen Weg? entgegnete Johann von Aachen. — RNein, beſter Michel Angelo, geſtand Gi⸗ rolamv. — So habt Ihr alſo doch wohl ein Gläschen über den Durſt getrunken? — Das glaub' ich ſelbſt, Meiſter Tizian. Denn ſonſt würde ich den Weg wohl ſelbſt erkennen und Euch nicht noch einmal zu fragen brauchen, wohin er führt? — Wir fahren geraden Weges nach Pürglitz.. — Ich danke Euch, großer unſterblicher Tinto⸗ retto, ſtotterte der gähnende Ritter und ſchloß die Augen, denn er ſchien entſetzlich müde zu ſein. Am Ende, ſagte er ſtill bei ſich, glaubt der deutſche Ein⸗ faltspinſel, daß ich in ihm wirklich einen großen Meiſter der italieniſchen Malerſchule anſtaune. All' die Deutſchen ſind alberne Tröpfe, lallte er in ſich 234 hinein und ſank, von den Dünſten des Weines um⸗ ſtrickt, in ſo feſten Schlaf, daß er bald nur durch Schnarchen ein Lebenszeichen von ſich gab. Während der Kaiſer im erſten Wagen noch im⸗ mer nachzudenken und Ritter Scotto im zweiten fort⸗ zuſchnarchen geruhte, ſprach im dritten der Hofpoet zum Leibarzte: — Ihr könnt nicht glauben, edler Doctor, wie ſehr ſich mein großes Herz nach dem kleinen Pürglitz ſehnt! — Und warum ſehnt es ſich hin? — Euch will ich mein Geheimniß anvertrauen. Ich habe dort mittelſt einer Wünſchelruthe einen höchſt koſtbaren Schatz entdeckt... — Erlaubt Ihr mir, ihn mit Euch zu theilen? — Dieſes weniger, liebſter Doctor. Denn die⸗ ſer Schatz iſt nicht etwa ein elender Goldklumpen, ſondern eine junge, ſchöne, reizende Jungfrau! — Alſo bloß ein Fleiſchklumpen? — Vorläufig nur noch ein Klümpchen! Aber was für Eines! ſprach der Poet, ſeine Fingerſpitzen küſſend. — Und der Name dieſes küſſenswerthen Schatzes? — Iſt mir ſelber noch nicht bekannt. Aber was kümmert mich der Name? Mag dieſe Jungfrau 235 heißen, wie ſie will, ich Mardochäus de Delle, aus Vitri, vierzehn Stunden hinter Mailand, ich liebe ſie, und das Uebrige, ſage ich Euch, wird ſich finden, ſo wahr ich ein geborener Poet bin, der ſchon in den Windeln auf cuore— amore und ſchon in der Lehre bei meinem Schneider, dem ich durch die Lappen ge⸗ gangen war, auf amore— dolore gereimt habe. — Ich gratulire Euch zu Eurem Schatze! — Ich danke, Herr Anſelmus de Boodt, ſagte Mardochäus de Delle und rieb im Vorgefühle aller Wonnen und Seligkeiten, die ſeine etwas ſanguiniſche Einbildungskraft ihm vorzugaukeln ſchien, äußerſt raſch und hochbeglückt ſeine beiden Handteller an einander, wie Jemand, der zu frieren und doch vor Liebes⸗ gluth ſchier zu verbrennen ſcheint.— — Gnädigſter Herr, ſagte Clelia, den Kaiſer aus ſeinem Nachdenken ſanft emporrüttelnd. Ihr ſcheint, wie ich fürchte, ſchon wieder in die Schlinge Eurer alten Grillen zu fallen. Ach, Majeſtät, werdet nicht wieder melancholiſch! — Nein, nein, das will ich nicht! Siehſt Du denn nicht, wie luſtig ich bin? fragte Rudolph mit ſo ſteinern⸗ernſter Miene, daß die ſonſt ſo beherzte Abenteurerin ſich faſt zu fürchten begann. 236 ziemlich kleinlaut. — Ich dachte an Euern rothhaarigen Knaben. — Wie, was kann denn ich dafür, ſagte die Gräfin, ihre Hand auf ſein Knie ſtützend und ihm zärtlich in's Auge blickend, daß Euer Sohn nicht ſo ſchwarzes Haar wie ſein Vater hat? — Ein Fluch, geſpenſtiſch an meiner Ferſe feſt⸗ geſchmiedet, hat meine Haare frühzeitig grau werden laſſen. — Ein Fluch? Nennt mir den Namen dieſes Geſpenſtes? — Es nennt ſich Beſorgniß! flüſterte der Kaiſer, der ſich wieder einmal vor ſich ſelbſt zu fürchten ſchien, denn er bebte an allen Gliedern. — Ein großmächtiger Kaiſer, der ſich fürchtet! O fragt Euch ſelber, iſt dieß nicht zum Lachen? — Ja, ja, Clelia, lache mich nur aus! Du haſt Muth, Du haſt Entſchloſſenheit. Nicht wahr, meine kleine Taube, Du fürchteſt Dich nicht? — So lange Ihr mich liebet und beſchutzet, vor welchem Weſen ſollte ich mich fürchten? — Fürchte Dich vor Dir ſelber, Clelia! — Und warum? Als ich heute morgen einen Blick in meinen Spiegel warf, ſagte ich beruhigt zu 3 — Und woran dachtet Ihr jetzt? fragte ſie 237 mir ſelbſt: Clelia, Du biſt noch jung, Du biſt noch friſch! Warum alſo ſollte ich mich vor mir ſelber fürchten? Fürchtet auch Ihr Euch nicht mehr! Was kann Euch geſchehen, ſo lange die Mutter Cäſar's an Euerer Seite weilt? — Narrenspoſſen! rief der Kaiſer luſtig aus. Du haſt Recht, Clelia, ich will nicht mehr verzagen und wieder luſtig ſein, wie vorhin, als wir bei Tiſche ſaßen und Alle ſo ausgelaſſen fröhlich waren. Das Lied Deines Mannes gefiel mir. Ich werde es mir oft wiederholen: Der Teufel hol' die Liebe, Ich lobe mir den Wein!“ — Singt nicht mehr dieß abſcheuliche Lied! Es paßt wohl für einen Schlemmer, wie mein Gemahl, nicht aber für Euch, hoher Herr! — Du haſt Recht, meine ſchöne Clelia! Wir wollen es nicht mehr ſingen! ſagte Rudolph, deſſen Trübſinn ſich wieder aufzuheitern begann.— — Mein Nachbar, ſprach Johann von Aachen, der ſich zu langweilen ſchien, ſchläft wie ein Sack⸗ Soll ich ihn wecken? Nein, nein! Es iſt beſſer, daß ich ihn ruhig ausſchlafen laſſe!— — Ich kannEuch nicht beſchreiben, ſagte der ver⸗ 238 liebte Poet dem nüchternen Arzte, wie kindiſch ich mich freue, den kleinen Balg wiederzuſehen. — Welchen Balg meint Ihr? fragte Alſelm. — Wen anders als meine blonde Jungfrau! Ich weiß ja ihren Namen nicht! Ich brenne vor Neugier zu erfahren, ob die Kleine, die namen⸗ los liebe, mich gleichfalls liebt. — Eitler Thor, wohin denkt Zhrz — Ich denke nach Pürglitz an die Pflegetochter des Schloßhauptmanns. Habt Ihr Luſt mit mir zu wetten, daß die Kleine mich liebt und mir noch heute ihr Herz und ihre Hand ſchenkt? — Ich wette mit Euch um eine Unze Alve oder zwei Unzen Rhabarber, daß ſie Euch einen Korb giebt. — Doctor, ich habe Euch ſehr lieb, aber bleibt mir mit Euren Medicinen vom Leibe. Ich wette mit Euch um eine Flaſche Tokaier! — Ich ſetze ein Fläſchchen Cyper dagegen. — Abgemacht! Ihr habt Eure Wette ſchon ſo gut wie verloren; denn Mardochäus de Delle müßte nicht Poet und aus Vitri, vierzehn Stunden hinter Mailand ſein, wenn die tieine blonde Hexe morgen, bevor wir Pürglitz verlaſſen, nicht mein Brautchen iſt! 239 Der Doctor lachte wie Jemand, der ſeine Wette gewonnen hielt. — Lacht immerhin wie ein ungläubiger Thomas. Wer zuletzt lacht, lacht am Beſten, lachte der Poet und rieb ſich von Neuem die Handteller warm. Unterdeſſen war Scotto aus ſeinem Schnarchen erwacht. — Wo ſind wir? fragte er, ſich den Schlaf aus den Augen reibend. — Wir werden bald am Ziele ſein! entgegnete der Maler. — Ich danke Euch, mein verehrter Correggio! Aber ſeht nur dieſes geizige Bauervolk! Es hat ſeinem Kaiſer zu Ehren nicht einmal illuminirt! — Es iſt ja noch ziemlich hell! — Mir, liebſter Giulio Romano, iſt es noch immer etwas dunkel vor Augen! Dieſes elende Lum⸗ pengeſindel! Ich habe bis hierher noch keine einzige Ehrenpforte erblickt. — Das kommt davon her, daß Ihr bis jetzt wie ein zehngeſchwänzter Rattenkönig geſchlafen und wie ein alter Orgelkaſten geſchnarcht habt. — Iſt das wahr, mein edler Raphael? fragte Scotto, der ſich darüber zu wundern ſchien. Erlaubt 240 mir, unſterblicher Künſtler, dort unten bei jener elen⸗ den Bauerhütte auf einen Augenblick auszuſteigen. — Weßhalb? fragte der Maler etwas beſorgt. — Ich wünſche auszuſteigen, um dieſem ſchmuz⸗ zigen Bauerfilze Vorwürfe zu machen. — Worüber? fragte ſein Begleiter. — Darüber, daß Keiner dieſer Elenden eine einzige Ehrenpforte gebaut. Ich werde dieſen Bauer⸗ lümmeln bei Todesſtrafe anempfehlen, heute Abend, wann wir nach Prag zurückkehren, uns mit Ehren⸗ pforten, mit Sang und Klang zu empfangen. Denn dieß iſt dieſer einfältigen Bauern verfluchte Schul⸗ digkeit! ſchrie Scotto, der ſeinen Rauſch erſt theil⸗ weiſe überwunden hatte. — Bleibt lieber im Wagen; ich ſelber will dieß für Euch beſorgen. — Thut das, beſter Romano, ſprach der gäh⸗ nende Ritter und geruhte bald von Neuem einzu⸗ ſchnarchen. An der Bauerhütte angekommen, ſtieg der Maler aus, um den Wunſch ſeines ſchlafenden Nachbars zu erfüllen und Einem für Alle den Befehl zu er⸗ theilen, den Kaiſer bei ſeiner Rückkehr nach Prag wenigſtens etwas feierlicher als auf deſſen Ausfluge nach Pürglitz zu empfangen. 241 Der ausgeſprochene Wunſch lief mit bewunderns⸗ würdiger Rührigkeit von einer Bauerhütte zur an⸗ dern zurück und bald wußte jedes Dorf, das auf dem Wege von Pürglitz nach Prag lag, daß es hohe Zeit ſei, Ehrenpforten für die Rückkehr des Kaiſers zu bauen. — Wären wir nur ſchon in Pürglit! ſagte Mardochäus de Delle zu Anſelm de Boodt. Ich kann es kaum erwarten, vor die kleine Maus hinzu⸗ treten und ihr zu ſagen: Schmucke Meluſine, Mage⸗ lonne oder wie Ihr immerhin Euch zu nennen geruht, ich liebe Euch und zwar ſo ſehr, daß Ihr auf der Stelle mich heirathen müßt, Ihr möget wollen oder nicht! — Wie aber, wenn Magelonne nicht will2 — Nun dann geht die Heirath zurück und Ihr bezahlt mir Schmerzensgeld... — Nein umgekehrt! — O ſeid unbeſorgt! Ich kenne meine unwi⸗ derſtehliche Liebenswürdigkeit und ſage Euch kurz und bündig: ſie wird geheirathet! Das habe ich mir ſelber gelobt! Und damit Punctum, Amen, Sela!— — Bald ſind wir, Gräfin, in Pürglitz, ſagte Rudolph zur Clelia. Und da Ihr ſelbſt es gewünſcht habt, das Aeußere dieſes Schloſſes kennen zu lernen, 1856. V. Auf dem Hradſchin. I. 16 242 ſo will ich zum erſten Male ſeit meiner faſt zwan⸗ zigjährigen Regierung an Eurem Arme auch das Innere desſelben in Augenſchein nehmen, den Schloß⸗ hauptmann überraſchen und mir einige Gefängniſſe aufſchließen laſſen. — Wie, ſitzt nicht auch jene ſtolze Heuchlerin dort, die Euch verrathen und mich, die Mutter Cäſars, ſo tief gekränkt hat? — Allerdings! Und hauptſächlich ihretwegen wünſche ich das Innere dieſer Veſte kennen zu lernen. Sie hat Euch oft gekränkt..— Heute ſoll Euch glänzende Genugthuung werden. Die Gräfin hat mich ſchmachvoll vertathen. Ich will jetzt ein Exempel ſtatuiren! — Ihr erſchreckt mich! Ich fürchte mich! — Was fällt Euch ein, närriſches Kind? Sag⸗ tet Ihr nicht kurz vorher: Vor wem ſollte Clelta ſich fürchten, ſo lange ſie Kaiſer Rudolph liebt? — Und liebt Ihr mich wahr und wahrhaftig? — Ich liebe Euch wie mich ſelbſt! — Nun, dann kenne ich keine Furcht und folge Euch, wohin Ihr begehrt. — Ich liebe dieſen großen, ſchönen Muth! ſagte Rudolph und drückte, gleichſam wie zum Ab⸗ ſchied, einen Kuß auf ihre Stirn. 243 Die Wagen hielten vor dem Schloß. Erſt als ſich die Brücke desſelben hinter der dritten Kutſche raſſelnd gehoben, hatte Scotto endlich ſeinen Rauſch vollſtändig ausgeſchlafen. Er ſchlug die Augen auf und rief erſchreckt: — Gerechter Gott, wir ſind in Pürglitz! Achtzehntes Capitel. Ankunft in Pürglitz.— Rückkehr nach Prag⸗ Rudolphs Ankunft erregte natürlich großes Auf⸗ ſehen. Die Wachen traten eilig in's Gewehr. Die Trommelwirbel raſſelten durch den Schloßhof. Die feſten Mauern warfen das Echo zurück. Der Schloß⸗ hauptmann(der Einzige, der von Allem wenige Stunden zuvor unterrichtet worden war) eilte in voller Rüſtung, den rothweißen Helmbuſch auf der blan⸗ ken Sturmhaube dem Monarchen entgegen, um ehr⸗ furchtsvoll den Schlag der kaiſerlichen Kutſche zu öffnen. — Seid mir gegrüßt, Hauptmann, ſagte Ru⸗ dolph, vorſichtig⸗langſam aus dem Wagen ſteigend und ſeiner Begleiterin den Arm bietend, um ihr aus der Kutſche zu helfen. Ich bringe Euch hier, fuhr 16* 244 er fort, ein Paar liebenswürdige Gäſte, die das Innere Eurer alten Burg zu beſichtigen und dann ein klein Wenig unter Eurem gaftfreundlichen Dache zu verweilen wünſchen. Ihr habt doch nichts da⸗ gegen? — Ew. Majeſtät haben nur zu befehlen! ent⸗ gegnete der Alte ſich tief verneigend. Johann von Aachen machte auch hier, wiehim kaiſerlichen Marſtalle, den Ceremontenmeiſter, der dem Graubarte zuerſt die Gräfin Clelia Buoncom⸗ pagni, dann deren Gemahl, den berühmten Ritter von Brandeis, der Jenem bereits bekannt war, end⸗ lich den Leibarzt und zuletzt ſich ſelber vorzuſtellen beauftragt ſchien. — Und mich, Hauptmann, kennt Ihr bereits, ſagte der Hofpoet, der empfindlich darüber, daß der Maler nicht auch ihn vorgeſtellt, Letzterem einen Blick mailändiſcher Verachtung zuwarf. Während der Kaiſer an der Seite des Haupt⸗ manns, in einiger Entfernung gefolgt von Clelia und Girolamo, welchem leider nun nichts Anderes übrig geblieben war, als ſelber ſeine Frau zu führen, und begleitet von den drei andern Gäſten langſam vor⸗ anſchritt und bedächtig die Schloßſtufen hinanſtieg, ——— ———,— 245 fragte er ſeinen Begleiter ſo leiſe, daß nur dieſer es zu hören vermochte: — Wie befindet ſich Eure ſchöne Gefangene2 — Sie iſt heute wohler als je. — Gottlob! Wo aber finde ich ſie? — In der Schoßecapelle, wo ſie täglich um dieſe Stunde zu verweilen pflegt. — Ihr habt ihr doch nichts geſagt? — Keine Sylbe, Majeſtät! — Euer Kaiſer iſt mit Euch zufrieden! Stellt nun Eure Gäſte Eurer hübſchen Pflegetochter vor, und führt mich dann zur Gräfin! Der Hauptmann bat ſeine Gäſte in den großen hochgewöbten Ritterſaal einzutreten, in welchem Lud⸗ mila mit ehrerbietigem Gruße ihnen entgegentrat. — Dieſes Mädchen da iſt meine Pflegetochter, ſagte der Hauptmann und kehrte ſogleich zum Kaiſer zurück, um ihn in die Schloßcapelle zu begleiten. Clelia muſterte das verlegene Mädchen von der Locke bis zur Schuhſohle mit ſo vornehmthuender Anmaßung, daß der armen Ludmila das Blut in die Wangen trat. — Nicht übel, ſagte Clelia zu Girolamv. — Ich finde ſie reizend! geſtand Scottv. 246 Clelia warf ihm einen höhniſchen Blick zu und lachte ſo laut, daß es Alle hören konnten: — Ritter Scotto findet jede Schürze ſchön! Dieſer abet zuckte verächtlich die Achſel und fragte, als ob er jene Worte überhört habe: — Wo iſt denn der Kaiſer? — Seine Majeſtät, ſprach der eben zurückkeh⸗ rende Hauptmann, haben geruht, ſich auf einige Augenblicke nach der Schloßcapelle zu begeben. — Und warum hat man uns nicht aufgefor⸗ dert? fragte Clelia mit empörender Arroganz. — Der Kaiſer hat huldreichſt mich beauftragt, meinen verehrten Gäſten zu melden, daß auch er bald hier ſein wird. Und allmälig bildeten ſich drei Geſprächsgrup⸗ pen. Am oberſten Fenſter, am Ende des Zimmers, unterhielt ſich die ungeduldige Clelia mit ihrem Ge⸗ mahle, der plötzlich ängſtlich geworden war; am mit⸗ telſten Fenſter ſchwatzte der Poet mit dem Gegenſtande ſeiner naiven Anbetung, und am unterſten Fenſter, unfern der Thür, plauderte der Hauptmann mit dem Leibarzte und dem Hofmaler. — Woher Eure plötzliche Unruhe? fragte Clelta. — Ach, mir ahnt hier nichts Gutes, bekannte N— . ——— — —— 247 Girolamv. Warum zu allen Teufeln hat er uns ge⸗ rade nach dieſem verwünſchten NReſte hinausgeführt? — Weil ich ihn darum gebeten habe, abſicht⸗ lich, um jener Elenden, die mich grauſam verhöhnt hatte, zu zeigen, daß ihre Herrſchaft zu Ende und die Meinige noch immer im Zunehmen iſt. — Glaubt Ihr dieß in der That? — Ich bin meines Sieges mir bewußt... — Gräfin Clelia iſt eine himmliſche Gans, flüſterte ihr Scotto mit einer Miene zu, als hätte er ihr eben die feinſte Schmeichelei geſagt. — Und ihr ſogenannter Gemahl, hauchte ſie mit gleich verbindlichem Lächeln, iſt ein hölliſcher Flegel. — Wenn wir jetzt allein wären... — Würde ich Euch andere Dinge ſagen! un⸗ terbrach ihn Clelia und kehrte ihm den Ruͤcken zu, um zum Fenſter auf den Hof hinauszuſehen und ſich zu überzengen, ob ihr kaiſerlicher Beſchützer noch immer nicht zurückkehre.— — Darf ich Euch um Euren Vornamen bitten? fragte der Poet die Flamme ſeines Herzens. — Ich heiße Ludmila, erwiderte die Jungfrau. — Welch ein lieber, ſüßer, frommer Name! Und ich, Fräulein Ludmila, ich heiße Mardochäus 248 — Ich habe mir dieß wohl gemerkt, geſtand das Mädchen. — Das freut mich! Auch mein Vorname klingt ſehr fromm! Einer meiner urälteſten Namens⸗ vettern war der ſchönen Eſther altteſtamentariſcher Pflegevater. Ich habe ihn freilich nicht gekannt, mein Lehrer aber, bei welchem ich einen Tag in die Schule gegangen, verſicherte mir, Mardochai ſei ein frommer Herr und nebenbei Schloßhauptmann oder Gott weiß, was bei dem Perſerkönige Ahasverus geweſen, der deſſen Pflegetochter Eſther geliebt. Mein äußerſt reſpectabler Namensvetter, der auf ſpeciellen Befehl Seiner Excellenz des wirklichen Staatskanz⸗ lers oder Großveziers Herrn von Haman gehängt⸗ werden ſollte, ſteckte ſich hinter Eſther, die es durch⸗ zuſetzen wußte, daß der Spitzbube Haman gehängt, und der würdige Mardochai deſſen Nachfolger, nicht am Galgen, wohl aber in deſſen Amte ward. Vielleicht werde auch ich einmal zum Galgen verurtheilt und ſpäter zum Großvezier ernannt. Unterdeſſen aber hätte ich eine große Bitte an Euch. — Was kann Lubhmila für Euch thun? — Ihr könntet mir den großen Gefallen erwei⸗ ſen, mich zu heirathen! 249 — Euch zu heirathen? wiederholte Ludmila überraſcht. — Weil ich Euch liebe, weil ich Euch anbete und ohne Euch nicht länger leben kann, nicht länger leben mag. — Sprecht Ihr die Wahrheit, Herr Mardo⸗ chäus 2 — Ich ſchwör' es Euch bei Apoll und allen neun Muſen. — Nun, dann ſprecht mit meinem Pflegevater! — Zuvor aber, Fräulein, eine Frage noch! Ge⸗ falle ich Euch denn auch? Ludmila ſenkte die Augen und ſchwieg. — Der Schatz iſt erobert: ich habe geſiegt! triumphirte de Delle.— — Unſer junger Hofpoet, ſagte Anſelm de Boodt zum Hauptmann, ſcheint Eurem ſchmucken Töchter⸗ chen ſehr eifrig den Hof zu machen. — Was haltet Ihr von dieſem Windbeutel? fragte der Alte. — Er iſt ein recht luſtiger Schwätzer! erklärte der Arzt. — Aber eine grundehrliche Haut! ſetzte der Maler hinzu. Während dieſer halbleiſe geführten Geſpräche 250 befand ſich Kaiſer Rudolph, ſtill und unbeweglich, in der Schloßcapelle. Seine Blicke verſchlangen mit unbeſchreiblicher Reue und namenloſer Wonne die reizgeſchmückte Geſtalt der Gräfin Maria Magdalena. Sie kniete vor dem hohen kunſtvoll geſchnitzten Bildſchrein des Hauptaltars und betete. Rudolph wagte nicht ſie zu ſtören. Er ließ ſie ruhig ausbeten. Erſt als ſie ſich emporgehoben und umgewendet hatte, um die Kirche zu verlaſſen, trat er vor und ging ihr langſam entgegen. — Gnädigſter Herr, fragte die Gräfin, die wohl überraſcht, aber nicht erſchreckt zu ſein ſchien, was führt Euch an dieſen Ort? — Der Wunſch, meine ſchwere Sünde zu be⸗ reuen und Euch, Gräfin, um Eure Vetzeihung an⸗ zuflehen. — Ihr habt mir, ſagte die Gräfin.. — Himmelſchreiendes Unrecht gethan! unter⸗ brach ſie Rudolph. Vergebt Eurem Kaiſer, der ſich reuig als ſchuldigen Theil anklagt und Euch, ſchwer verkannten Engel, von jeder Schuld vollkommen freiſpricht. — Mein Gott, wie iſt dieß zugegangen? — Ihr ſollt Alles erfahren, theuere Gräfin. Jetzt aber bitte und beſchwöre ich Euch— reicht mir —— 251 zum Zeichen Eurer großmüthigen Vergebung Euern Arm und erweiſet mir die Huld, mich in's Schloß zu begleiten, wo ein Paar Gäſte, die ich mitge⸗ bracht, uns mit ſchmerzlicher Sehnſucht erwarten werden. — Und wer, Majeſtät, ſind Eure Gäſte 2 — Ein Paar Leutchen, die nicht wenig erſtau⸗ nen werden, wenn ſie Euch an meinem Arme erblik⸗ ken. Kommt, kommt, bat der Kaiſer, ſie ſanft mit ſich fortziehend.— — Wo dieſer Grillenfänger nur bleiben mag? fragte ſich Clelia, die ihre Finger aus Ungeduld auf den Fenſterſcheiben umhertanzen ließ. — Ich wiederhole Euch, Gräfin, mir ahnet nichts Gutes! — Der Ritter Scotto iſt ein Poltron! ſpottete Clelia. — Und Gräfin Clelia iſt eine Gans! wieder⸗ holte Seotto, der auf glühendem Eiſen zu ſtehen ſchien. — Noch heute werde ich Euch fortjagen. — Ha, ha, lachte der Ritter von Brandeis. Ich fürchte, man wird uns Beide hier behalten. — Alberne Memme! Bin ich nicht die Mutter Cäſars? 252 — Eitle Thörin, die Du wähnſt, daß dieß uns ſchützen wird! Da plötzlich öffnete ſich die Thür. Die Grä⸗ ſin Maria Magdalena trat mit dem ganzen Stolze ihrer gerechtfertigten Ehre, in der ganzen Fülle ihrer Schönheit am Arme des frohbeglückten Kaiſers ein. Alle Anweſenden verneigten ſich voll Ehr⸗ furcht. Nur Clelia und Girolamo ſchienen wie durch Schreck verſteinert. — Himmel, wen ſehe ich? flüſterte ſie tonlos. — Die Elende, entgegnete Scotto, deren Herr⸗ ſchaft zu Ende iſt! — Dort, ſprach Rudolph, auf das verſteinerte Paar zeigend, ſtehen die armen Sünder, die Euch, theuere Gräfin, ſchaamlos⸗frech verläumdet haben. — Sire, ich vergebe Beiden ihr Unrecht! ſagte Magdalena. — Das macht Eurem ſchönen Herzen mehr Ehre als Alles. Ich aber, ich vergebe ihnen nicht, denn ſie haben mich zu einem himmelſchreienden Ver⸗ rathe verleitet! Die Geliebte des Abenteurers faßte Muth und wagte den Kaiſer in Gegenwart der Gräfin an Etwas zu erinnern, was ihn noch mehr gegen ſie aufzubringen geeignet war. . . — 253 — Gnädigſter Herr, begann ſie mit bodenloſer Frechheit, die Mutter Don Cäſars.. — Wird ſchweigen, unterbrach ſie der Monarch, und ruhig anhören, was ich jenem Manne, der ſie für ſeine Frau auszugeben wagt, zu ſagen habe. Morgen, Girolamo Scotto, iſt der erſte Mai. Ihr wißt, was Ihr verſprochen habt. Der Betrüger erbebte an allen Gliedern. — Ihr habt verſprochen, mir an dieſem Tage eine Probe Eurer goldmachenden Kunſt zu liefern. — Heute.. ſtammelte der Ritter. — Iſt allerdings erſt der letzte April. Und darum habe ich noch kein Recht, Euch ſchon heute zu verurtheilen. Vorläufig bleibt Ihr nur bis morgen hier zurück. Seid Ihr im Stande, Euer mir gege⸗ benes Verſprechen zu erfüllen, dann will ich in An⸗ betracht, daß Gräfin Maria Euch großmüthig zu vergeben geruht, Euch morgen wieder freilaſſen. Ge⸗ lingt es Euch aber nicht Euer Wort einzulöſen, dann bleibt Ihr hier bis zu jenem Tage, an welchem ich das mir zugeſagte Pulver erhalte! Ihr aber, Gräfin Clelia Buoncompagni, werdet Eurem würdigen Ge⸗ mahle während dieſer Zeit Geſellſchaft leiſten und Muße haben, hier ungeſtört Eure Gedanken und Ge⸗ fühle auszutauſchen.. — Himmel! ſtotterte Clelia, aus Wuth ihre Spiz⸗ zenärmel zerreißend, geruhet nicht zu vergeſſen, daß die Frau, die Ihr, Jener zu Ehren, lieblos verſtoßen wollt, die Mutter Cäſars iſt! — Sprecht nicht mehr von Eurem Knaben. Für ſeine Erziehung ſollen Andere ſorgen. Ihr aber werdet unter dieſem gaſtfreundlichen Dache ſo lange zu verweilen geruhen, bis es Eurem liebenswürdigen Gemahle mit Eurer gütigen Mitwirkung gelungen ſein wird, den Stein der Weiſen aufzufinden. Ich dränge weder ihn noch Euch. Hier könnt Ihr jetzt, wo das bewußte Hinderniß, ſo viel ich weiß, beſei⸗ tigt iſt, fern vom Geräuſche des Hofes, über Alles ruhig nachdenken und ganz nach Eurer Bequemlich⸗ keit Gold, oder was Euch ſonſt beliebt, erzengen. Alles, was Ihr zur Bereitung des Steines der Weiſen bedürft, wird Euch auch hier verabreicht werden und Clelia ſoll nichts vermiſſen... — Als ihre Freiheit, ergänzte Clelia mit bit⸗ term Hohne. — Und ſelbſt dieſe, fuhr Rudolph fort, nur ſo lange, bis ſie, die würdige Mitarbeiterin an dem geheimnißvollen Werke ihres in jeder Hinſicht vor⸗ trefflichen Gemahls, ihm den nothwendigen Beiſtand zur Erfüllung ſeiner Zuſage in Gnaden gewährt hat. Nun, Hauptmann, weiſt Euern beiden Gäſten das⸗ ſelbe Gefängniß an, das bis heute unſere arme, arg verläumdete, ſchwer gekränkte Gräfin bewohnt hat, cartel est notre bon plaisir! ſagte Rudolph II. wie ſein Vetter Heinrich IV. und küßte die Hand Magdalena's. An der Schwelle der ſich öffnenden Thür erſchie⸗ nen vier Wachen mit geladenem Gewehr. — Folgt der Wache! rief der Hauptmann ſeinen beiden Gefangenen zu. — Verflucht ſei der Tag, rief Scotto, an welchem ich Euch kennen gelernt. — Amen! ſetzte ruhig der Kaiſer hinzu. — Gnädigſter Herr, ſperrt mich nur nicht zu dieſem Böſewichte! flehte Clelia. — Die Frau ſoll ihrem Manne folgen! Das befiehlt ja ſchon die Bibel! Soldaten! Führt ſie weg, ich mag ſie nicht länger ſehen! ſprach der Kaiſer. Und beide Gefangene wurden mit Gewalt fort⸗ geſchleppt. — Gräfin, Ihr ſeid nun glänzend gerächt. Bittet Euch, bevor Ihr den Ort Eurer ungerechten Gefangenſchaft verlaßt, von Eurem Kaiſer eine Gnade aus. Jede ſei Euch im Voraus gewährt! 256 — Sire, rief Gräfin Maria Magbalena freu⸗ dig bewegt, ich bin in der Schuld jenes alten ehr⸗ lichen Hauptmanns, der ſeit länger als vierzig Jah⸗ ren ein treuer Diener ſeines Herrn, mich, ſeine Ge⸗ fangene, mit rührender Schonung und Rückſicht be⸗ handelt hat. — Thut, was Euer Herz Euch vorſchreibt! — Wohlan denn, Schloßhauptmann von Purg⸗ litz, im Namen Seiner Majeſtät des Kaiſers ernennt Euch Eure dankbare Schuldnerin zum Hauptmann der Leibgarde in Prag. — Kaiſer Rudolph beſtätigt gern Eure Er⸗ nennung! Der Hauptmann küßte die Hand ſeines Monarchen. — Nun aber, ſprach Seine Majeſtät, laßt uns dieſen traurigen Ort gerechter Beſtrafung verlaſſen und ungeſäumt nach Prag zurückeilen. — Sire, bat Mardochäus de Delle, dem Kai⸗ ſer zu Füßen ſtürzend, gewährt zur Feier dieſes ſchö⸗ nen Augenblickes auch einem Eurer treueſten Diener eine große Huld und Gnade. — Was wünſcht mein luſtiger Pvet? — Die Hand jenes lieben frommen Engels, ſagte der Kammerdiener auf Ludmila weiſend, die ihm bereits ihr Herz geſchenkt. 257 — Hauptmann, was ſagt Ihr dazu? fragte Rudolph. — Ew. Majeſtät, ich bin ſeit Jahren gewöhnt, jedem Eurer Befehle ohne Widerrede zu gehorchen. — Und was meint Eure Tochter dazu? — Ew. Majeſtät, ſagte Ludmila, ſich vor dem Kaiſer niederbeugend, das was Ihr beſchließt, iſt wohlgethan! — Nun dann heirathet Euch, meine Lieben! ſagte Rudolph und ſegnete das neu vermählte Paar. — Doctor, ſchrie der überſelige Poet. Ihr ſeht, ich habe meine Wette gewonnen! — Ich gratulire, ſagte Anſelm de Boodt. — Und ich, ſprach die Gräfin, übernehme die Ausſtattung meiner jungen Freundin. — Victoria! jubelte Mardochäus und rieb ſich beglückt die Handteller. — Nun zurück nach Prag! ſagte Rudolph. — Hauptmann und die junge Braut, begleitet uns! bat Magdalena. — Euer Wunſch iſt auch der Meine! erklärte der Kaiſer. Und hoch beglückt und ſelig entzückt ſtiegen die Gräfin und der Kaiſer in die erſte, der Hauptmann, der Leibarzt und der Maler in die zweite, und Braut 1856. V. Auf dem Hradſchin. I. 17 258 und Bräutigam in bie dritte Kutſche, und unter dem jubelnden Vivatrufe der die Waffen präſentirenden Wache und unter dem luſtigen Wirbel der Trommeln fuhren ſieben glückliche Menſchen zum Schloßthore hinaus und nach der Hauptſtadt zurück. Unterweges erzählte Rudolph der Gräfin die ganze Intrigne, die ihm durch Eva's Schreiben enthüllt worden war. Magdalena ſchien jetzt doppelt entzückt, weil ſie die Rettung ihrer ſchwer verläumdeten Ehre jenem Engel zu verdanken hatte, der, tren ſeinem Verſprechen, nicht mehr bei Hofe erſchienen war. Auf dem ganzen Wege von Pürglitz nach Prag waren Ehrenpforten errichtet, geſchmückt mit dem kaiſerlichen Wappen. Jedes Fenſter der kleinſten Bauerhütte war glänzend erleuchtet, und gerührt ſagte Rudolph zur Gräfin: — Seht, wie mich mein Volk liebt! Ende des zweiten Bandes. ſ n ſſſſſiſſſſ ſih 12 13 14 15 16 6 6. 8 9 10 11 —