— —— Leihbiblivthet 6 detſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und Seſebedingungen. 1 Otensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſo wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nuchentlich 6 ABücher: 4 Bücher: 6 Bücher: aufz Wonat 1 F T „ „„ 5. 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Der Friede mit dem auf ſeinem blutbefleckten Lor⸗ beer ausruhenden Halbmonde war kaum geſchloſſen, als für Kaiſer Rudolph eine Zeit neuer Unruhe hereinbrach. Gegen Ende des Jahres 1606 wurde in Prag, wie faſt in jeder Stadt und in jedem Dorfe des Böhmerlandes, in unzähligen Exemplaren eine in la⸗ teiniſcher, deutſcher und böhmiſcher Sprache abge⸗ faßte Vertheidigung des ehemaligen Oberſthofmeiſters Georg Popel von Lobkowic auf eine ſo geheimnißvolle, faſt unerklärliche Weiſe verbreitet, daß Mancher weder wiſſen noch ahnen konnte, auf welchem Wege und „ 6 durch weſſen Hände dieſe Druckſchrift in ſein Haus gelangt ſei.— Es ſchien, als hätten die Winde ſich zu Verbreitern dieſer Schrift gebrauchen laſſen, denn ſie flog zu jedem offenen Fenſter, zu jedem Haus⸗ thor hinein, und da ſie unentgeldlich verbreitet ward, ſo gab es nach acht Tagen in ganz Prag keinen Ein⸗ zigen, welchem Daſein und Inhalt derſelben unbe⸗ kannt blieb. Als Verfaſſer dieſer Vertheidigung war ein ge⸗ wiſſer Philaretes Amyntas Codomanus angegeben, irgend ein unbekannter Freund oder Anhänger der Familie Lobkowie, der ſeinen wahren Namen in den dichten Schleier der Pſeudonymität gehülit, weil die Behauptungen, die er in dieſer Schrift aufgeſtellt hatte, füͤr die Ehre Kaiſer Rudolphs ſo kränkender und beleidigender Art waren, daß faſt in jeder Zeile ein Crimen laesae majestatis lag. Als Druckort war Dicaeopolis angegeben, ein Ort, der eben ſo wenig wie das Reich Utopia exi⸗ ſtirt, eine Stadt, die nirgends anders als in der Phan⸗ taſie ihres Erfinders zu ſuchen iſt. Die Schrift, an und für ſich, war gut geſchrie⸗ ben, aber ſchlecht gedruckt.*) *) Der Titel der lateiniſchen Schrift lautet vollſtändig: 7 Der Inhalt erregte nicht blos in Prag, ſondern auch in ganz Böhmen ſo ungeheures Aufſehen und gleichzeitig ſo große Erbitterung, daß Viele, welche über die gereizte Stimmung des Volkes gut unter⸗ richtet zu ſein ſchienen, einen Aufſtand befürchteten. Gleich nach dem Ruchbarwerden dieſer mit Flamme und Schwert geſchriebenen Vertheidigung, die zugleich eine der himmelſchreiendſten Anklagen gegen den Kaiſer enthielt, wurden auf deſſen Befehl alle Wachpoſten auf dem Hradſchin zwei⸗, und je näher ſie den Zimmern Rudolphs aufgeſtellt waren, dreifach verſtärkt. Gleichzeitig ward von oben herab den Magi⸗ ſtraten der drei Städte Prag aufgegeben, eifrig Sorge zu tragen, daß der wahre Name des Ver⸗ faſſers ermittelt und er ſelbſt dem Arme der Gerech⸗ tigkeit überliefert werde. In den erſten acht Tagen war der Kaiſer über den Inhalt dieſes Pasquills dergeſtalt aufgebracht, daß er ſich in ſeine Zimmer einſchloß und für Apologia pro Georgio Popelio barone de Lobkowie, regni Bohemiae quondam supremo aulae praefecto, Postea ab imperatore Rudolpho II., Hungariae et Bo- hemiae rege, per XII annos contra jus fasque car- cere adtento, Picaeopoli 1606. 8. 8 Niemanden, ja nicht einmal für die Gräfin Magdalena, zu ſprechen war. So oft ſie kam, ward ſie von Mardochäus de Delle oder Martin Rutzke abgewieſen. Zuerſt hieß es: der Kaiſer befinde ſich auf der Jagd bei Beraun; dann hieß es: er habe ſich auf der Jagd erkältet, ſei unwohl zuruͤckgekehrt, müſſe auf Anordnung ſeines Leibarztes, des Doctors Gott⸗ fried Steegius*), das Bett hüten und dürfe, ohne Ausnahme, Keinen empfangen. Aus dieſem Grunde hatte ſich in der Hauptſtadt das Geruͤcht verbreitet, Seine kaiſerliche Majeſtät ſei wahrſcheinlich in Folge des großen Aergers, den ihm jene Schrift bereitet, ſchwer erkrankt. Darüber vergaßen ſie ihren Zorn, dem ſie ſich *) Nach dem Tode Chriſtoph Guarinonius war Gottfried Steegius(geboren 1546 zu Amersfort), vorher Leibarzt des Biſchofs Julius von Würzburg, nach Prag berufen worden. Er war einer der Erſten, der über die Wir⸗ kung der Kiſſinger Heilquellen geſchrieben und als Menſch wie als Arzt beim Kaiſer ſo beliebt, daß die⸗ ſer erſt unlängſt einem ſeiner Künſtler, Gilles Sadeler, den ertheilt hatte, das Bildniß des Dr. Stee⸗ der bereits ſechszig Jahre zählte, in Kupfer zu echen. 9 in der erſten Aufwallung ihres Unwillens hingege⸗ ben und ſprachen jetzt nur noch mit einer Beſorg⸗ niß, die ihnen zu großer Ehre gereicht, von Rudolphs Krankheit. Sie ſtürzten ſchaarenweiſe in die neun⸗ zig Kirchen Prags, um hier den Heiland, dort die Jungfrau Maria, heute den heiligen Wenzel und morgen die heilige Ludmila fußfällig anzuflehen, den Kaiſer aus den Banden ſeiner Todeskrankheit zu erlöſen. Rudolph aber war gar nicht krank, ſondern nur aufgebracht, daß es allen Nachforſchungen bis jetzt nicht gelungen ſei, den Verfaſſer dieſer aufrühreriſchen Schrift und die Druckerei, die ſie zu Tage gefördert, ausfindig zu machen. Der durch nichts zu beruhigende Zorn des Kai⸗ ſers gelobte ſich, den Schreiber jenes Pasquills, gleichviel wer und was er ſei, dem Arme der Ge⸗ rechtigkeit zu überliefern. Bis jetzt aber war die Entdeckung und Gefan⸗ gennehmung jenes ſchriftgelehrten Phariſäers nur ein frommer Wunſch geblieben. Bald, nachdem die erſte Aufregung des Volkes ſich gelegt hatte, hieß es, der Kaiſer befinde ſich— Dank der Vorſehung, welche die Gebete der frommen Unterthanen erhört habe,— außer aller Gefahr und auf dem Wege der Beſſerung. Jetzt ward auch Maria Magdalena wieder vorgelaſſen. Rudolph empfing ſie mit der Frage: — Nun, Gräfin, was ſagt denn Ihr zu dieſem Schurken? — Zu welchem Schurken? fragte die Gräfin, durch dieſe bruske Frage weniger erſchreckt als über⸗ raſcht. — Zu wem anders, als jenem elenden Ver⸗ läumder, der ſich auf dem Pasquill, das er in Hun⸗ derttauſenden von Exemplaren gegen mich ausgeſtreut, feig genug Philaretes Codomanus nennt! Habt auch Ihr das Ding geleſen? — Gnädigſter Herr, wer hat es nicht geleſen? — Und was haltet Ihr davon? — Ich denke, was halb Prag davon denkt! — Und was denkt halb Prag davon? fragte Rudolph mit zürnender Miene. — Die Schrift iſt bitter, aber leider nicht durchaus unwahr! — So denkt nur Gräfin Maria Magdalena, welche eine Freundin der Tochter des Verräthers iſt. — Majeſtät, geſtand die Gräfin mit edler Frei⸗ müthigkeit, ich bin ſtolz auf Eva's Freundſchaft! 11 — Ich aber, Gräfin, bin dieß deſto weniger auf die Eure. Ich fange zu glauben an, daß auch Ihr heimlich zur Legion meiner Feinde gehört... — Weil ich von Ew. Majeſtät befragt, dem Kaiſer die Wahrheit ſage? Soll ich ſein Ohr ſchaam⸗ los belügen und ihm die Stimme der öffentlichen Meinung verſchweigen? Ich überlaſſe dieſes Geſchäft dem Schwarme Eurer Schmeichler, denen es gleich⸗ giltig ſcheint, ob der Kaiſer im Herzen ſeines Volkes beliebt oder verhaßt iſt. Eure treueſte Freundin aber, die es als die ſchönſte Aufgabe ihres leider ziemlich verfehlten Lebens betrachtet, Ew. Majeſtät immer die Wahrheit zu ſagen und Euer Urtheil weder durch Schmeichelei noch durch Lüge zu beirren, kann ſich nicht enthalten, offenherzig Ew. Majeſtät Alles zu bekennen, was ſie denkt und fühlt, um, ſo weit es im Bereiche ihrer ſchwachen Kraft liegt, Euern irregeleiteten Sinn auf den Pfad des Rechtes zurückzulenken, um wenigſtens auf dieſe Weiſe ein Scherflein, wäre es noch ſo geringfügig, beizutragen, von dem geſalbten Haupte Ew. Majeſtät den Haß des Volkes fernzuhalten und Euch deſſen Liebe und Anhänglichkeit von Neuem zu erwerben. — Ich fühle, daß ich Euch Unrecht that. Ver⸗ zeiht mir, Magdalena, und ſagt mir mit gewohntem 12 Freimuth, ehrlich und unumwunden wie immer, auch heute Eure Meinung. — Gnädigſter Herr, der Verfaſſer jener bekla⸗ genswerthen Schrift hat nicht dem Inhalte nach, ſondern einzig und allein in der Form gefehlt. Das, worüber er ſich vor den Augen der ganzen Welt zu beklagen wagt, iſt wahr und leider nur allzuſehr begründet. Das Verfahren gegen Lobkowic, den man ohne vorausgegangenen Richterſpruch ſeit zwölf Jah⸗ ren gefangen hält, iſt— verzeiht mir meine Oſſen⸗ herzigkeit— eben ſo lieblos als ungerecht! — Verkennt nicht die Beweggründe, die mich zu dieſer Härte, welche ich ſelbſt nicht billige, durch die Pflicht eiſerner Nothwendigkeit gedrängt haben. Georg von Lobkowie iſt ein Verräther! — Die Vertheidigung, gnädigſter Herr, beweiſt das Gegentheil. — Jener Codomanus iſt ein Lügner, ein Ver⸗ läumder. Hätte er darin nichts als die nackte, unge⸗ ſchminkte und mit Beweiſen belegte Wahrheit geſagt, dann würde er, wie jeder ehrliche Vertheidiger, im Bewußtſein ſeines guten Rechtes mit offenem Viſire, und nicht verlarvt wie ein im Finſtern umherſchlei⸗ chender Bandit, aufgetreten ſein; aber die Furcht vor der unausbleiblichen Beſtrafung ſeiner feigen Lügen und ſchnöden Anklagen gegen Uns hat jenen Flenden zurückgehalten, mit ſeinem wahren Namen hervorzutreten. — Auch ich, gnädigſter Herr, kann und mag es nicht billigen, daß er ſich in den Mantel undurch⸗ dringlicher Falſchnamigkeit gehüllt, um Euch unge⸗ ſtraft vor den Richterſtuhl der Offentlichkeit zu ziehen. Ich gebe zu, daß Furcht vor der Größe Eurer Macht ihn davon zurückgehalten hat, mit geöffnetem Viſire in die Schranken ſeines Rechtes zu treten und allein mit dem Stärkern ſich in einen offenen und ehrlichen Kampf einzulaſſen; ich in ſeiner Stelle würde den Muth gehabt haben, mich ungeſcheut zu nennen und meine Anklage zu vertreten; in der Sache ſelbſt ſcheint das Recht doch weit mehr auf ſeiner Seite als der Eurigen zu ſtehen. — Dieß iſt ein Irrthum, den Ihr leider mit ſo vielen Anhängern des Verräthers theilt. Es iſt durch deſſen eigenes Zugeſtändniß erwieſen, daß er ſich an der Abfaſſung der von ſeinem Bruder dem Landtage von 1594 vorgelegten Beſchwerdeſchrift betheiligt und mich darin dem Volke gegenüber, deſſen Partei er ergriffen, als einen Wortbrüchigen hinge⸗ ſtellt hat, der keine von allen Freiheiten, die ich den undankbaren Böhmen verbrieft, gewährt haben ſoll. ℳ — Die Vertheidigung, Majeſtät, ſtellt auch dieß in Abrede. — Aber wißt Ihr nicht, Gräfin, daß jeder Verbrecher, wie hoch oder niedrig er auch ſtehen mag, im hartnäckigſten Läugnen den einzigen Ausweg ſei⸗ ner Rettung ſucht?— Es iſt erwieſen, daß der Undankbare in dem Angenblick, als ihn mein unbe⸗ grenztes Vertrauen an die Spitze jenes Landtags geſtellt, in Gegenwart vieler Mitglieder deſſelben frech genug erklärt hatte, er werde nun ſeine Maske ablegen und mir, dem Kaiſer, beweiſen, daß ich nicht das Kleinſte ohne Einwilligung der Stände beſchlie⸗ ßen darf.— Es iſt erwieſen, daß der Landtag, durch ihn aufgehetzt, auseinanderging, ohne über das, was meine Räthe ihm zur Begutachtung vorgelegt hatten, ihre Meinung auszuſprechen.— Es iſt fernerhin erwieſen, daß er, wie ſein Bruder Ladislaw, ſich in eine weitverzweigte Verſchwörung gegen meinen Thron, ja ſogar gegen mein Leben eingelaſſen; es iſt er⸗ wieſen, daß er an verſchiedenen Orten bewaffnete Leute mit dem Befehle aufgeſtellt, mich, wenn ich nach Brandeis auf die Jagd reiten würde, feſtzu⸗ nehmen und ſich ſelbſt zum Könige von Böhmen aufzuwerfen.. — Sein Vertheidiger erklärt dieß Alles für ein 15 albernes Märchen, von ſeinen neiderfüllten Gegnern, zuvörderſt aber vom damaligen Vicekanzler Curtius ausgeſprengt, um den Verläumdeten aus der Gunſt Ew. Majeſtät zu verdrängen um jeden Preis! Die Vertheidigung beweiſt, daß Lobkowic, nachdem jene lächerlichen Gerüchte zu ſeiner Kenntniß gelangt ſeien, ſich an Ew. Majeſtät gewendet habe mit der heilig⸗ ſten Betheuerung, daß dieß Alles, was ſeine im Fin⸗ ſtern umherſchleichenden Feinde gegen ihn ausgeſprengt, Lüge und Verläumdung ſei, mit der dringenden Bitte, ihm ſeine Feinde gegenüberzuſtellen, ſie zur Rechen⸗ ſchaft und zur Beſtrafung ſeiner verläumdeten Ehre zu ziehen. — Das iſt allerdings wahr, geſtand Rudolph. — Doch warum iſt das, was er mit vollem Rechte verlangen durfte, nicht geſchehen? — Weil ich jenen Gerüchten Anfangs ſelbſt nur wenig Glauben geſchenkt und ſpäter erſt, als es den vereinten Bemühungen Claudio Aquaviva's und meinem für mich zu früh dahingeſchiedenen Kanz⸗ ler Jacob Curtius gelungen war, mir ſelbſt ſchlagende Beweiſe ſeines Verraths zu verſchaffen, ließ ich ihm den Befehl zugehen, am 25. März vor den oberſten Räthen meiner Krone und meinem Procurator Hein⸗ rich Dominäkek von Pisnic zu erſcheinen, um ſich— 16 falls er's vermöchte— von jenem Verdachte zu reinigen. Er aber, ſeiner Schuld ſich bewußt, wei⸗ gerte ſich, Antwort auf die an ihn gerichteten Fragen zu ertheilen und beſtand darauf, ihm ſeine heimlichen Ankläger namhaft zu machen und gegenüberzuſtellen. Da ihm dieß Geſuch aus Gründen der Politik und Discretion abgeſchlagen und er von Neuem vorge⸗ laden ward, perſönlich vor ſeinen Richtern zu er⸗ ſcheinen) und ſich pflichtſchuldig zu vertheidigen, ſchützte er Krankheit vor und ſchickte, anſtatt ſelbſt zu erſcheinen, zwei ſeiner Vettern, Johann Wenzel und Adam Gallus Popel von Lobkowic, um deſſen Rechtfertigung zu übernehmen. Noch immer ent⸗ ſchloſſen, das Beſte zu glauben, erhielt ich dur Bragadino, einen heimlichen Agenten, neue Beweiſe ſeiner Treuloſigkeit. Es unterlag jetzt keinem Zweifel mehr, daß er und ſein Bruder gemeinſchaftliche Sache mit den unzufriedenen Utraquiſten gemacht und mit ihnen beſchloſſen hatten, unter dem nichtigen Vorwande, daß ich die von meinem in Gott ruhenden Vater *) Dobtenskh, Verfaſſer mehrerer böhmiſcher Kalender ſchreibt, der Angeklagte ſei das zweite Mal unter Androhung einer Geldſtrafe von 200,000 Schock böhmiſcher Gro⸗ ſchen vorgeladen worden. 17 gewährleiſtete Religionsfreiheit angetaſtet, mich vom Throne zu ſtürzen und meinen Bruder Matthias zum Könige von Böhmen auszurufen. — Auch dieß wird von ſeinem Vertheidiger ge⸗ läugnet. Verhielte ſich das Alles aber wirklich ſo, wie die zahlloſen Gegner der Familie Lobkowic es Ew. Ma⸗ jeſtät vorzuſtellen für gut gefunden, dann erlaube ich mir wie jener Codomanus zu fragen, warum Ew. Majeſtät, durchdrungen von der Schuld des An⸗ geklagten, ihn nicht ſchon längſt vor den Richterſtuhl des Geſetzes ziehen und geſetzlich beſtrafen ließ? — Ich that es nur darum nicht, um öffentli⸗ ches Aergerniß und neue Erbitterung gegen mich zu vermeiden. — Sire, Ihr habt ihn nicht nur ſeit zwölf lan⸗ gen Jahren des köſtlichen Gutes der Freiheit, ſon⸗ dern ihn und ſeine Tochter, die einzige Erbin ſeines großen Reichthums, der ihm ſo vielen Neid und ſo unerhörte Anfeindung zugezogen, all' ſeiner Städte, Märkte und Dörfer, Höfe und Häuſer, ſeines geſamm? ten Hausgeräthes, ſeines Geldes und aufgeſammel⸗ ten Getreides, ſeiner Edelſteine und Schmuckſachen beraubt und der armen Tochter nichts als ihr müt⸗ terliches Erbtheil gelaſſen. Gnädigſter Herr, dieſer Act iſt hart und ungerecht. 1856. VII. Auf dem Hradſchin. W. 2 18 — Ihr ſprecht, wie Ihr's verſteht, entgegnete der Kaiſer, von Neuem in den Ton des Unwillens zurückfallend. Sollte ich meinem Feinde, der gerade durch ſeinen Reichthum mir gefährlich war, ſollte ich den Hochverräther, der freventlich nach meiner Krone und meinem Leben getrachtet, im Beſitze all' ſeiner Mittel laſſen, um ihm und ſeinem weitverzweigten Anhange freien Spielraum zu gönnen, mich mit Hilfe jener Mittel deſto leichter, deſto ſicherer zu ſtürzen? Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Lobkowie hat ſeine Strafe zehnfach verdient, und er bleibt trotz allen Lärmens und aller Erbitterung, welche die Vertheidigung jenes namenloſen Wichtes in ganz Böh⸗ men hervorgerufen hat, mein Gefangener, ſo lange ich lebe! Das ſchwöre ich Euch bei meiner Krone! — Sein Vertheidiger iſt nicht dabei ſtehen ge⸗ blieben, dieſe mit Flammenzügen geſchriebene Schrift durch ganz Böhmen, Maͤhren, Oeſterreich und Un⸗ garn zu verbreiten, er hat, wie jetzt allgemein be⸗ kannt iſt, Eremplare davon an ſämmtliche Fürſten des deutſchen Reiches eingeſchickt mit der geharniſch⸗ ten Aufforderung, alle Mittel aufzubieten, um Ew. Majeſtät zu bewegen, jenes himmelſchreiende Unrecht dadurch gut zu machen, daß Ihr ihm ſeine Freiheit, 49 ſeine Ehre und all' ſeine widerrechtlich confiscirten Güter zurückgebet. — Gräfin, wer kann mich zwingen zu einem Schritte, der ſich ſo ſchlecht mit meiner eigenen Sicher⸗ heit verträgt? Bin ich nicht Kaiſer des deutſchen Reiches und erſtreckt ſich nicht die Größe meiner Macht vom Ende der Elbe bis zum Ausgang der Donau, von dem Main bis zur Oder? Wer kann mich, den Kaiſer, zwingen? — Sire, ſtärker als alle irdiſche Macht, iſt die Macht des Gewiſſens, das große, unumſchränkte Vehmgericht, das Jeder, der Niedrigſte wie der Höchſte, in ſeinem eigenen Buſen trägt und daraus, trotz aller Macht und Größe, nicht zu verbannen vermag. Geruhen Ew. Majeſtät alſo ganz ſo zu handeln, wie Ihr es vor dem Richterſtuhle Eures Gewiſſens ver⸗ antworten könnt. — Ich danke Euch für Euern guten Rath, entgegnete der Kaiſer mit ungewohnter Bitterkeit. Wen aber haltet Ihr für den Verfaſſer jenes nichts⸗ würdigen Pamphlets? — Geſetzt, gnädigſter Herr, ich wüßte, wer der Verfaſſer iſt, glaubt Ihr, ich würde im Stande ſein, ihn anzugeben, um ihn den Blitzen Eures vernichten⸗ den Zornes zu überliefern? 2 20 — Wie? Ihr würdet den Namen jenes Elen⸗ den mir verſchweigen? — So wahr ich Maria Magdalena heiße! — Und Ihr wollt meine Freundin ſein? — Gerade, weil ich es bin mit allen Kräften meiner Seele; gerade, weil ich tauſendfach ängſtlicher beſorgt für die unbefleckte Reinheit Eurer gottgeſalbten Stirne bin als jeder Anderer jener Millionen, die nichts weiter als Eure Unterthanen ſind, gerade darum würde ich jenes Geheimniß verſchweigen, um Ew. Majeſtät, den ich mehr als mich ſelber liebe, zu verhindern, den Hermelin Eures Kaiſermantels durch einen neuen Aet unkaiſerlicher Grauſamkeit zu ſchänden. — Wer vermöchte es, Euch zu zürnen? rief Rudolph, der ſich vom Feuer ihrer Begeiſterung für ihn zu einem nicht minder glühenden Enthuſi⸗ asmus für die Gräfin neu entzünden ließ. Ihr ſeid ein wunderholder Engel, tauſendfach ſchöner und liebreicher als Johann von Aachens ſchönſtes Bild Magdalena in der Wüſte, bei welchem das Eure ihm vorgeſchwebt*) Er hat Euch geſehen, 6* *) So verhielt es ſich wirklich: Aachens Magdalena in der Wüſte“ iſt ein ſchwacher Abglanz der Gräfin Maria Magdalena. Dieſes Bild, allerdings eines der gelun⸗ 24 aber nur theilweiſe erfaßt. O warum bin ich nicht Maler! Ich, Gräfin, würde Euch beſſer treffen! ſagte der Kaiſer, ſeine edle Freundin zärtlicher als jemals an ſein Herz ſchließend. — Habe ich nicht Recht, wenn ich ſage, daß mein Herr und Kaiſer beſſer als ſein Ruf und ſtrahlender als das Bild iſt, das ſeine Feinde von ihm entwerfen? — Aber weil Ihr gerade von meinen Feinden ſprecht, muß ich Euch daran erinnern, daß auch Eure Freundin Eva dazu gehört. Es giebt Leute, welche behaupten wollen, ſie habe die pſeudonyme Vertheidigung verfaßt, weniger in der Abſicht, ihren Vater zu rechtfertigen, als ihre Fertigkeit in der lateiniſchen Sprache zu zeigen und der Welt zu be⸗ weiſen, daß ſie eben ſo gelehrt als tugendhaft ſei. — Gnädigſter Herr, ich glaube nicht daran.. genſten dieſes Meiſters, befindet ſich nebſt fünfzehn Andern in der k. k. Gemälde⸗Gallerie zu Wien, darunter das Portrait Kaiſer Rudolphs und ſeines Bruders Ernſt Beide in jungen Jahren und in glänzendem Har⸗ niſch gemalt. Magdalena in der Wüſte, wurde von Lucas Kilian und der Kaiſer von Raphael Sadeler in Kupfer geſtochen. — Zweifelt Ihr an khrer Tugend oder an ihrer Gelehrſamkeit? fragte der Kaiſer mit grauſa⸗ mem Spott. — Von Beiden bin ich feſt überzeugt. Doch mag ich nicht daran glauben, daß ſie die Verfaſſerin ſei, ſchon darum nicht, weil ſie erſt kurz vor dem Erſcheinen der Schrift auf mein wiederholtes Bitten mir feierlich zugeſagt hatte, nichts zu unternehmen, was geeignet wäre, den Zorn ihres Kaiſers von Neuem aufzuregen. — Und dennoch, wiederhole ich Euch, daß ſich ſeit einigen Tagen ziemlich allgemein das Gerücht verbreitet hat, daß das lateiniſche Original wie die böhmiſche Ueberſetzung davon aus Eva's Feder ge⸗ floſſen iſt und daß nur die deutſche Ueberſetzung, die ſie veranlaßt haben ſoll, von einem proteſtanti⸗ ſchen Geiſtlichen in Hamburg oder Danzig herrühre. — Ich, Majeſtät, halte Eva für zu gewiſſen⸗ haft, um mich dem Irrwahne hinzugeben, ſie habe, mir gegenüber, treulos ihr Wort gebrochen. Ihr Herz iſt keiner Lüge, ihr Geſicht keiner Verſtellung fähig und aus dieſen Gründen glaube ich Ew. Ma⸗ jeſtät mit meinem Worte bürgen zu dürfen, daß Jene, die ihr die Autorſchaft jener Anklage gegen Euch zuſchreiben, ihr nach meiner Anſicht Unrecht thun. 23 — Ich will dieß glauben, weil Ihr es glaubt. Aber wer auch immerhin der Urheber jener Schmäh⸗ ſchrift ſein mag, er wird— Dank den Bemühungen meiner Kundſchafter in ganz Deutſchland!— früh⸗ zeitig genug an's Tageslicht kommen und— dieß gelobe ich mir und ihm!— ſeiner gerechten Beſtra⸗ fung nicht entgehen! — Gnädigſter Herr, zu Euern Knieen bitte und beſchwöre ich Euch, Gnade ſtatt des Rechtes auszu⸗ üben und Eurem geheimen Ankläger— wer und was er auch ſei und wie er ſich auch nennen möge — gleichviel ob Weib ob Mann, ob Katholik oder Proteſtant, großherzig zu verzeihen. Zürnen iſt menſchlich, vergeben aber iſt kaiſerlich! Gnä⸗ digſter Herr, zeigt Euch würdig der Krone, die Ihr von Eurem milden Vater geerbt. Vergebt Euern Feinden, damit ſie auch Euch vergeben. — Steht auf, Gräfin, und drängt nicht länger in mich, Euch etwas zu verſprechen, was ich Euch — nach dem Gelübde, das ich gethan— nicht zu halten vermag. Der Verfaſſer jener Schrift muß — ſo wahr Gott mir helfen möge, ſeine Spur aus⸗ findig zu machen!— ſein Majeſtätsverbrechen mit dem Kopfe bezahlen. 24 — Dann bleibt mir nur Ein Wunſch, ſagte Magdalena ſich erhebend. — Und darf ich ihn wiſſen? — Möget Ihr niemals den Namen deſſen erfah⸗ ren, der den Muth beſaß, einen Unglücklichen zu vertheidigen. — Ich, Gräfin, ich wünſche das Gegentheil! Das Geſetz iſt unerbittlich! Jeder, welcher ſündigt, verdient ſeine Strafe.— Doch genug von dieſer traurigen Geſchichte. Reicht mir gütigſt Euern Arm, begleitet mich, wenn's Euch beliebt, in meine Schatz⸗ kammer. Dort will ich Euch etwas Neues zeigen, was mein großer Edelſteinkenner, Anſelm de Boodt, das achte Wunder der Welt nennt. Zweites Capitel. Das achte und neunte Wunder der Welt. Die Gräfin folgte ihrem kaiſerlichen Freunde. Er zeigte ihr einen erſt unlängſt fertig gewordenen Tiſch, der aus den koſtbarſten Edelſteinen, Perlen und Juwelen ſo künſtlich und moſaikartig zuſam⸗ mengeſetzt war, daß darauf ganze Wälder mit 25 verſchiedenfarbigem Laube, Bäume mit buntfarbigen Früchten, Blumen mit Schmetterlingen, die ſie um⸗ gaukelten, kryſtallhelle Flüße, in welchen Gold⸗ und Silberfiſche umherzuplätſchern ſchienen, und andere Thiere zu ſehen waren.. — Und was koſtet dieſes achte Wunder? fragte die erſtaunte Gräfin. — Ein halbes Königreich, erklärte der Kaiſer. War dieſer Edelſtein⸗Tiſch nach dem Ausſpruche Anſelm de Boodts„das achte Weltwunder“, ſo durfte mit demſelben und vielleicht noch größerem Rechte die damals noch wunderbar ſchön erhaltene Statue des Niobiden Ilionäus, welche Doctor Chriſtoph Guarinonius für Rudolphs Rechnung in Rom auf⸗ gekauft und nach Prag gebracht, als das neunte Wunder der Welt oder des deutſchen Saales, in welchem beide Kunſtwerke faſt neben einander ſtan⸗ den, angeſehen werden. Guarinonius, der zum Ankaufe dieſer Statue vom Kaiſer, wie ſchon früher erzählt, unumſchränkte Vollmacht erhalten, hatte dem römiſchen Juden nach Einigen 22,000 Seudi, nach Andern 34,000 Duca⸗ ten dafür gezahlt. Wir wiſſen leider nicht an⸗ zugeben, welche Summe die richtige und wie viel oder wie wenig davon in den Säckel des Einkäufers 26 gefloßen ſein mag; wir wiſſen nur ſo viel, daß dieſe Statne, nach der Ausſage aller Kunſtkenner des ru⸗ dolphiniſchen Hofes eine der herrlichſten Reliquien aus der Blüthenzeit der griechiſchen Bildhauerkunſt, einen unbezahlbaren Werth beſaß. Die Gräfin, die für dieſe Statue mehr noch als der Kaiſer für den oben beſchriebenen Tiſch ſchwärmte, konnte ganze Stunden lang vor dem wunderbar fein geformten Marmor ſtehen und ſich in das Anſchauen des Niobiden verſenken, der, Gott weiß aus welcher Künſtlerwerkſtatt hervorgegangen, ſeit Jahrhunderten den zu Staub gewordenen Leib ſeines Bildners über⸗ dauerte. Die himmliſche Kunſt unterſcheidet ſich von der göttlichen Natur hauptſächlich dadurch, daß in dieſer der Schöpfer ſeine Schöpfung, in jener das Geſchöpf ſeinen Schöpfer überlebt. Der Meiſter, aus deſſen Hirn wie aus deſſen Händen jener himmliſch⸗ſchöngeformte Ilivnäus her⸗ vorgeſprungen war, ließ es ſich, als er noch lebte, gewiß nicht träumen, daß ſeine Statue nach jahr⸗ hundertlanger Wanderung von einem Beſitze in den Andern, endlich durch Procuration eines veroneſiſchen Arztes an den Hof eines deutſchen Kaiſers gelangen und dort das Anſtaunen und die Bewunderung einer der ſchönſten und geiſtreichſten Frauen Böhmens auf 27 ſich und ſeinen Meiſter zurücklenken werde, in dem Grade, daß Kaiſer Rudolph, oftmals eiferſüchtig auf dieſes Marmorbild, an dieſem Tage halb im Scherze, hald im Ernſte zu der entzückten Freundin ſagte: — Ich beneide dieſen ſchönen ſteinernen Jüngling! — Und warum? fragte die noch immer im Anſchauen vertiefte Bewundererin. — Weil Gräfin Magdalena ſich ſo ernſtlich in ihn verliebt zu haben ſcheint, als... — Kaiſer Rudolph dort in jenen Tiſch! ergänzte Magdalena mit dem ſpöttiſchen Lächeln, das ihren Roſenlippen zur Verfügung ſtand. Aber die Wanderungen dieſer Statue hatten am Hofe zu Prag noch lange nicht ihr Endziel erreicht. Wir behalten es dem letzten Capitel dieſes Bandes vor, dem Leſer die neuern Schickſale jenes intereſſan⸗ ten Marmorrumpfes zu erzählen. Drittes Cayitel. Zwei Hinrichtungen für Eine. Sechs Wochen nach jenem Geſpräche verbreitete ſich, ſo raſch und unheimlich wie eine böſe Seuche, 28 vom Hradſchin herab durch alle Gaſſen und Gäßchen der drei Städte Prags die Nachricht, daß es den Kundſchaftern des Kaiſers endlich doch gelungen ſei, den oder, richtiger geſagt, die Verfaſſer der Lob⸗ kowic'ſchen Vertheidigungsſchrift zu entdecken, und ſie, an Armen und Beinen mit Ketten beladen, vom fernen Auslande herein nach Prag zu bringen. Es verbreitete ſich ferner die Kunde, daß die Verfaſſer — denn es ſollten ihrer zwei ſein!— des angeklag ten Verbrechens überführt, wenn auch nicht geſtän⸗ dig, morgen in früheſter Frühe, zwei Tage vor dem heiligen Weihnachtsfeſte, nach Einigen ob der alten Schloßſtiege des Hradſchins vor der Bildſäule der heiligen Barbara, nach Andern, welche beſſer unter⸗ richtet ſein wollten, auf dem altſtädter Ringe geköpft werden ſollten. Gegen Abend wußte ganz Prag, daß die mor⸗ gige Hinrichtung vald nach Aufgang der Sonne vor dem Rathhanſe der Altſtadt vollzogen werde. In der Schenke zur goldenen Kugel war das Gedränge ſo groß, das Geſchwätz ſo lärmend und der Durſt ſo gewaltig, daß kein Apfel zur Erde fal⸗ 1 len, und man kaum ſein eigenes Wort vernehmen, und daß der alte Schwätzer Zdenko an dieſem 29 einzigen Abende mehr Eimer ſeines ſchaalen Bieres als ſonſt in der ganzen Woche verzapfen konnte. Alles war geſpannt zu erfahren, wer und was die Unglücklichen ſein mögen, die morgen durch das Beil des Henkers hingerichtet werden ſollten. — Es iſt ein Jude aus Danzig, ſagte der Eine, der ein Wurſtmacher und nebenbei ein abgeſagter Feind der elenden Hebräer war, weil ſie weder Wurſt noch Schinken kauften, n er ſich längſt daran gewöhnt hatte, alles Böſe, das geſchah, in ſeiner chriſtlichen Liebe den armen Kindern Israels auf⸗ zubürden. — Nein, nein, ſagte ein Anderer, welcher Schret— ber auf dem Rathhauſe des Hradſchins war, es ſind zwei lutheriſche Prediger und Katholikenfreſſer aus der freien Reichsſtadt Hamburg. — Auf's Schaffot und in die Hölle mit dem aufrühreriſchen Geſindel, ſchrie ein Dritter. — Wie heißen die beiden Burſche, fragte ein Vierter. — Das erfährt Niemand! ſagte der Schreiber. — Geköpft werden iſt ein ekliches Vergnügen, meinte der Fünfte, ein Spitzbube, der gerechte An⸗ wartſchaft darauf zu haben ſchien. — Noch dazu ſo kurz vor Weihnachten, ergänzte ein Sechsſter, der zufällig ganz wie ein Jude ausſah. — Und noch obendrein Morgens mit nüchter⸗ nem Magen, meinte der Siebente, ein Garkoch aus der Nachbarſchaft. — Und noch dazu bei achtzehn bis zwanzig Grad Kälte, ſetzte ein Achter hinzu, der, ob er gleich dicht am Ofen ſtand, doch gründlich zu frieren ſchien, denn er klapperte mit den Zähnen, wie ein furcht⸗ ſamer Schneider oder ein geflicktes Gewiſſen. — Muß man einmal geköpft werden, dann iſt's doch immer beſſer, wenn's beim hellichten Tage und mitten im warmen Sommer geſchieht, erklärte der Neunte, ein brauner Slowak, der auf dem Leibe ein zerriſſenes Hemde, auf dem ſtruppigen Haare einen zerfetzten Hut, in der Rechten eine Mauſefalle und in der Linken einen Dudelſack trug. — Der Slowak hat recht. Im Sommer wird man doch wenigſtens unter Zuſchauern geköpft, com⸗ mentirte der Zehnte, der ein Freund des Sommers war, weil er mit Sonnenfächern hauſiren ging und im Winter ſich wie ein Hamſter in die finſterſten Löcher verkroch. — Auch morgen wird's den beiden armen *— 31 Sündern trotz der grimmigen Kälte, nicht an Pub⸗ licum fehlen, ſagte der Rathhausſchreiber. — Ich ſtehe morgen Früh ſchon um Zwei Uhr auf, erklärte der Eilfte, ein junger reicher Tagedieb, der ſonſt gewöhnlich bis Neun in den warmen Fe⸗ dern lag. — Ich geh' heute gar nicht zu Bette, ſagte der Zwölfte, der ein Nachtſchwärmer war und dieſen für ihn hoch erwünſchten Anlaß benutzte, um bei vollem Bierkruge den Anbruch des Morgens zu erwarten.——————————— — Während dieſer und anderer Geſpräche in der Kneipe zur goldenen Kugel, wurden die zwei hamburger lutheriſchen Prediger, die man in dieſer Nacht aus dem ſchwarzen Thurme nach dem altſtädter Rathhauſe transportirte, vom Beichtvater des Kai⸗ ſers, dem Pater Adrian von Baxen, beſucht und ein⸗ dringlich ermahnt, an der Schwelle des Todes ihre verſtockten Herzen zu öffnen, ihm das volle Maaß ihrer verruchten Sünden zu beichten und, um ſeiner Abſolution und der Verzeihung der erzürnten Kirche theilhaftig zu werden, ihren ketzeriſchen Glauben ab⸗ zuſchwören und reuig in den Schooß des ſelig⸗ machenden Glaubens zurückzukehren. Die beiden proteſtantiſchen Geiſtlichen aber betheuerten, wie vor ihrem Richter, ihre Unſchuld und ſchwuren beim Heiland, der ſein Blut für alle Sünder ohne Unterſchied des Glaubens vergoſſen, daß ſie ungerecht verurtheilt, daß ſie weder Ver⸗ faſſer noch Ueberſetzer jener Schrift, ſondern nur durch Zufall in den Beſitz derſelben gelangt ſeien, die ihnen,— ſie wußten weder von wem, noch von wo— zugeſchickt worden war mit der Bitte, Abſchriften davon unter ihre Amtsgenoſſen zu verbreiten und den durchaus wahren Inhalt derſelben von allen Kan⸗ zeln zu verleſen. Sie aber hätten weder das Eine noch das Andere gethan, ſondern nichts Anderes verbrochen, als dieſe Schrift, wie hunderttauſend An⸗ dere geleſen und öffentlich ihr Bedauern ausgeſpro⸗ chen, wenn ſich die ganze Sache ſo und nicht an⸗ ders verhielte, als der ihnen gänzlich unbekannte Verfaſſer ſie geſchildert hat. Dieß offenherzige Vekenntniß allein ſchien ihren Blutrichtern hinreichend zu ſein, ſie als Mitwiſſer und Verbreiter jenes hochverrätheriſchen Pasquills zur Todesſtrafe zu verurtheilen. Dieſe Thatſache, von der Feder eines Roman⸗ ſchreibers wiederholt, wird Manchem ſo unglaublich erſcheinen, daß wir, zur Beſtätigung der Wahrheit, uns auf die Ausſage eines der Geſchichtsſchreiber Böhmens berufen. Franz Pubitſchka, aus dem Or⸗ den der Geſellſchaft Jeſu, berichtet in ſeiner chronolo⸗ giſchen Geſchichte Böhmens(Prag 1801) im zehnten Bande, Seite 325, wörtlich wie folgt: „Weil die Apologie ſowohl deutſch als latei⸗ niſch erſchien, warf man den Verdacht auf die Je⸗ ſuiten, die aber denſelben kümmerlich von ſich ab⸗ lehnten.(Balbinus in ſeiner Bohemia docta, pag. 372.). Sodann beſchuldigte man zwei hamburgiſche lutheriſche Prediger, die Rudolph als Kaiſer von Hamburg nach Prag kommen und weil er alle Be⸗ theurung ihrer Unſchuld verwehrt, Beiden auf dem altſtädter Ringe den Kopf abſchlagen ließ.“ Am folgenden Morgen finden wir unter den von unmenſchlicher Schauluſt und Neugier eng zu⸗ ſammengedrängten Zuſchauermaſſen, die ſich lange vor Tagesanbruch vor dem Rathhausplatze zuſam⸗ men geknäult hatten, einen alten Bekannten, den Handſchuhmacher Jaromir von der Kleinſeite, den wir in einem Capitel des dritten Bandes unſerer Er⸗ zählung in der Schenke zur goldenen Kugel zurück⸗ gelaſſen und ſeitdem ganz aus den Angen verlo⸗ ren hatten. Jaromir der Handſchuhmacher war einer der 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 3 34 Erſten geweſen, die ſich auf dem Hinrichtungsplatze frühzeitiger als die ührige Menſchenmenge einge⸗ funden, um einen guten Platz zu finden und in nächſter Nähe Zeuge des blutigen Schauſpiels zu ſein. Er ragte aus dem ſich von Minute zu Mi⸗ nute dichter und dichter verſchlingenden Menſchen⸗ gewühle um die Höhe eines ganzen Kopfes wie der Knopf eines kleinen Kirchthurms oder richtiger ge⸗ ſagt, wie der Kopf eines maaßlos jäh in die Höhe geſchoſſenen Krautſtrunks hervor. Seine beiden ſpin⸗ deldürren Arme hatte er, weil er bei 21 Grad Kälte wie ein türkiſches Windſpiel an allen Gliedmaaßen ſeines durchſichtigen Leichnams fror, ſo feſt als möglich in die Falten ſeines knappen, kaum bis zur Hälfte ſeines übermäßig langen Bauchgeſtells reichenden Ueberwurfs, einer böhmiſchen Nationalöuba, gehüllt, um ſich, ſo gut es ging, vor dem grimmigſchneiden⸗ den Morgenfroſt zu ſchützen. Als die beiden Schlachtopfer der menſchlichen Gerechtigkeit nach ſtundenlangem Harren, zehn Mi⸗ nuten nach dem Glockenſchlage Sechs, feſten Schrittes, ohne Furcht und Todesbangen die Stufen des über Nacht wie ein Pilz aus der Erde aufgeſchoſſenen Schaffots beſtiegen, rief die Stentorſtimme des dicht hinter dem Handſchuhmacher aufgepflanzten Schuſter S S 35 Wenzel ſeinem langen Vordermanne, der ihm jeglichen Schein von freier Ausſicht ſperrte, die Donnerworte zu: — Niederſetzen! Niederſetzen!! Jaromir, überzeugt, daß dieſer Zuruf keinem Andern als ihm gelten konnte, machte den Verſuch, ſich umzukehren, was ihm aber, da er, in der Menge eingekeilt, ſich nicht zu rühren vermochte, rein un⸗ möglich war. In dem verhängnißvollen Augenblick, als die beiden Prieſter, wie aus Einem Munde Luthers Choral„Ein' feſte Burg iſt unſer Gott“ anſtimmend, von den Schwertern ihrer heiden Henker gleichzeitig den Todesſtoß empfangen ſollten, erhielt der ker⸗ zengerade aufrechtſtehende Handſchuhmacher Jaromir, der die unnütze Mahnung, ſich niederzuſetzen, ſelbſt beim redlichſten Willen nicht zu erfüllen im Stande war, von ſeinem aller Ausſicht beraubten und deß⸗ halb ſchwer erboßten Hintermanne einen ſo heftigen Schlag auf ſeinen runden, breitkrempigen, weiten Filz⸗ hut, daß dieſer, gerade im wichtigſten Angenblick der Hinrichtung, über deſſen Stirn und Augen ſo tief in's Geſicht hinunterfuhr, daß der Anblick des gräß⸗ lichen Schauſpiels für Jaromir ganz und gar ver⸗ loren ging; denn nachdem es ihm mit Anſtrengung 3* 36 aller ſeiner Kräfte endlich gelungen war, ſich in dem furchtbaren Gedränge wenigſtens ſo viel Platz zu verſchaffen, um ſeine im Ueberwurfe verhüllten Arme herauszuwickeln und mit Hilfe derſelben fluchend Luft und Licht zu verſchaffen, war es zu ſpät; denn einen kurzen Angenblick zuvor waren die Schwert⸗ ſtreiche der Henker gefallen und die Köpfe der beiden Verurtheilten lagen bereits zu den Füßen der Voll⸗ zieher. Als Jaromir ſich umkehrte, um den Urheber jenes ſcheußlichen Attentats auf ſein Augenlicht nach⸗ träglich und nachdrücklich zu beſtrafen, ſtand ſtatt des Schuhmachers Wenzel, der ſich gleich nach voll⸗ führter That durch die Menge fortgedrückt, ein winzigkleines altes Weib auf Krücken gelehnt dicht hinter ihm. — Nu, langer Goliath, fragte der weibliche Zwerg, was habt Ihr von der hübſchen Hinrichtung geſehen. — Nicht ein Haar! geſtand der Handſchuhmacher. — Tröſtet Euch mit mir, gute Seele! Ich habe auch nichts geſehen! — Der Teufel hole die ganze Hinrichtung! Kreuz Millionen Donnerwetter! Habe ich darum ſeit vier Stunden hier wie ein Hund gefroren und 37 Maul und Angen aufgeſperrt, um gerade im ſchön⸗ ſten Angenblick blind wie ein Maulwurf dazuſtehen. Ich geh' zu keiner Hinrichtung mehr! — Ich, Gevatter, bin bei Jeder dabei, ſagte die lahme Vettel, die den günſtigen Augenblick ab⸗ gelauert, aus Jaromirs Taſche eine Wurſt zu ſtehlen, die er aus Vorſorge, bei dem blutigen Schauſpiele nicht zu hungern, zu ſich geſteckt hatte. So etwas geſchieht hei jeder Hinrichtung. Als Jaromir auf dem Rückwege nach ſeiner Wohnung die Entdeckung machte, daß ihm noch obenein ſeine prächtige Wurſt geſtohlen war, rief er voll Verzweiflung: — Das hat man von ſo einer Hinrichtung! Viertes Cupitel. Eva und der wirkliche Verfaſſer der Schmäh⸗ ſchrift. Als Eva von Lobkowie, die acht Tage zuvor, auf Einladung ihrer Tante, nach Bilin gereiſt war, um im Kreiſe ihrer Anverwandten das heilige Weihnachtsfeſt zu feiern, dort die Hinrichtung jener 38 Beiden erfuhr, ſank ſie bewußtlos in Ohnmacht und ſiel von Neuem in eine ſchwere Krankheit.—— Kurze Zeit darauf erfuhr man den Namen des wirklichen Verfaſſers. Man höre, was Pubitſchka darüber ſagt(Seite 325 und 326): „Obwohl man nicht zweifelte, daß Georgens Fräulein Tochter, Eva, die benannte Apologie ver⸗ anſtaltet habe, auch bekannt war, daß ſie ſowohl der lateiniſchen als auch griechiſchen Sprache mäch⸗ tig ſeie, ward ſie doch nicht für die Verfaſſerin ſelbſt gehalten. Und wirklich erfuhr man nachmals, daß der Verfaſſer dieſer Schrift ein ſicherer Philipp Levir, von Danzig, der ſich den erdichteten Namen Philaretes Codomanus beigeleget, geweſen ſei.— Wie man ſich gegen das Fräulein Eva verhalten, iſt mir unbekannt. Doch glaube ich, daß Rudolph aus Rückſicht auf das weibliche Geſchlecht und an⸗ dere Urſachen ihrer geſchonet habe. Indeſſen ſoll ſein hartes Betragen gegen Georgen(ihren Vater) große Abneigung der vornehmſten Barone gegen ihn verurſachet haben; er auch endlich von denſel⸗ ben gänzlich verlaſſen worden ſein.— Bis hierher reichen Pubitſchka's geſchichtliche Nachrichten. 39 Wir aber ſind im Stande, dieſe Quelle eines Theils zu berichtigen, andern Theils zu ergänzen. Nach einigen neuern Geſchichtsſchreibern ſoll es noch bis zu dieſer Stunde nicht erwieſen ſein, ob Georg Popel von Lobkowic ſelbſt, ob ſeiner nicht minder unglücklichen Tochter Eva, oder einem ihrer vielen prager Freunde und Anhänger die Verfaſſer⸗ ſchaft dieſer Vertheidigungsſchrift zuzuſchreiben ſei. Andere wieder wollen ziemlich ſicher überzeugt ſein, daß jener Philipp Levir der einzig wahre Autor jener Apologie iſt. Noch Andere nennen ihn ſtatt Philipp Levir — was uns richtiger erſcheint— Levin und be⸗ haupten, daß er von Geburt ein prager Jude, ſpä⸗ ter in Danzig zur proteſtantiſchen Kirche übergetre⸗ ten ſei und ſeinen urſprünglichen Familiennamen Salomon Levin in den chriſtlicher klingenden Namen Philipp Levir habe umtaufen laſſen. Von Danzig ſoll er, als er die Kunde von der Hinrichtung der beiden hamburger Prediger erfahren hatte, aus Furcht vor gleichem Looſe, nach Stockholm, von dort nach London entflohen ſein und hier durch Selbſt⸗ mord ſein ruhe⸗ und heimathloſes Leben geendet haben. Niemand weiß, was wahr daran iſt. 40 fünftes Cupitel. Rückblick auf die Lage Kaiſer Rudolph's.— Zwei neue Alchemiſten.— Die Jugendjahre Don Cäſars. Rudolphs ganzes Leben war kein glückliches. Nie kam er aus Kummer und Unruhe heraus. Fort⸗ während quälten ihn Angſt und Zweifel, Furcht und Gewiſſensbiſſe. Jedes Jahr, jeder Monat goß neuen Wermuth in den übervollen Kelch ſeiner Regierungs⸗ ſorgen und Seelenleiben. Von Natur aus ein friedliebender Fürſt, war er durch die eiſerne Nothwendigkeit zu jenem faſt vier⸗ zehnjährigen Kriege getrieben, der das Mark ſeiner Völker ausgeſogen, alle Hilfsquellen ſeines Reiches erſchöpft und ihn endlich doch zur Abſchließung eines unrühmlichen Friedens gezwungen hatte. Rudolphs gefährlichſte Feinde waren, die ihm zunächſt ſtanden. Schon vor Abſchluß des Friedens mit dem Türken hatten ſeine Brüder und Vettern in einer am 25. April 1606 in Wien heimlich ver⸗ anſtalteten Familienconferenz einſtimmig den Beſchluß gefaßt, ihren Bruder und Vetter, weil er die ſchlaffen Zügel der Regierung ſeinen Räthen überlaſſe und ſich ſelbſt faſt ausſchließlich nur mit Aſtronomie, 41 Aſtrologie, Magie, Chemie, Alchemie und anderen un⸗ nützen Künſten und müßigen Dingen⸗beſchäftige und an den Troß ſeiner Schmeichler und Günſtlinge, ſeiner Ge⸗ lehrten und Künſtler ungeheuere Geldſummen ver⸗ ſchwende, ziemlich unumwunden der Schwäche anzukla⸗ gen, ihn ſchon aus dieſem Grunde für untauglich zu län⸗ gerer Fortſetzung der Regierungs Angelegenheiten zu erklären und bloß einen günſtigen Zeitpunct abzuwar⸗ ten, um ihm Schritt für Schritt eine Krone nach der Andern aus der ſchwachen Hand zu ſpielen und ihn endlich ganz und gar vom Throne zu beſeitigen. Beſorgt für den Ruhm und die Macht des erzherzoglichen Hauſes, deſſen uralter Glanz unter Rudolphs Regierung mehr und mehr zu erblaſſen drohte, wählten ſeine Brüder und Vettern Rudolphs älteſten Bruder, den ehrgeizigen Erzherzog Matthias, die Säule ihres Stammes, zu ihrem Oberhaupte und gelobten einhellig ſich und ihm, deſſen Anord⸗ nungen und Beſchlüßen immer willfährig Folge zu leiſten. Die harten Friedensbedingungen, die dem Kai⸗ ſer auf Andringen ſeiner Räthe nur durch die äußerſte Noth und wegen Abwendung noch augenſcheinlich größerer Gefahren und Opfer, welche ihn bedroht hatten, abgedrungen waren, machten, daß er von 42 Tag zu Tage ſchwermüthiger, niedergeſchlagener, un⸗ glücklicher und zaghafter ward. Wohl hatte der plötzlich erfolgte Tod des von ihm beſtätigten Fürſten von Siebenbürgen, des unru⸗ higen und ehrgeizigen Stephan Botſchkay, der am 29. December 1606 ohne Thronerben geſtorben war, dem Kaiſer einigen Troſt gewährt, weil, Kraft des mit ihm zu Wien abgeſchloſſenen Vertrages, ganz Siebenbürgen ſowohl als viele von Botſchkai in Ungarn ſich durch das Recht der Eroberung angeeigneten Ortſchaften neuerdings an Rudolph zurückgefallen waren; die Siebenbürger aber hatten bald darauf an die Stelle des Verſtorbenen einen nicht minder ehrgeizigen und unzuverläßigen Mann, Sigismund Rakoey, zu ihrem Fürſten erwählt und den Kaiſer, nur dem Namen nach als ihren Oberherrn anerkannt. Die fremden Söldner, die nach Abſchluß des Friedens verabſchiedet worden waren, drangen zu Anfange des Jahres 1607 unter dem Vorwande nothwendigen Durchzugs in Schleſien ein, erpreßten Geld und Lebensmittel, ſchleppten Vieh und Getreide fort und hauſten dort ſchlimmer als die ſchlimmſten Feinde. Die ſchleſiſchen Fürſten und Stände, erſchreckt über die Noth und das Elend der ſchwer heimge⸗ 2 43 ſuchten Bevölkerung, ſammelten in größter Beſtür⸗ zung und Eile zweitauſend Mann zu Pferde und fünfzehnhundert Mann zu Fuße, um die brutale Soldateska, unter welcher vor allen Uebrigen das Buchaim'ſche Corps ſich eine traurige Berühmtheit erwarb, mit Waffengewalt hinauszujagen. Das aber war nicht ſo leicht. Der Kaiſer ſchickte Carl von Wartenberg an der Spitze ſeiner Bevollmächtigten nach Breslau mit dem Auftrage, den Ständen zu erklären, den Buchaim'ſchen Sol⸗ daten, um ſie ſich vom Halſe zu ſchaffen, viermal⸗ hunderttauſend Thaler Entſchädigung zu zahlen. Jene aber verweigerten dieſe ſo harte Zumuthung, die Unmöglichkeit vorſchützend, eine ſo ungeheure Kriegs⸗ ſteuer herbeiſchaffen zu können. Empört über dieſen Widerſtand, ſandte Rudolph einen neuen Commiſſär, Johann Georg von Schwam⸗ berg, mit der Vollmacht aß, die renitenten Stände erſt durch Güte, dann durch Androhung allerhöchſter Ungnade und ſoldatiſcher Zwangsmittel zur Tragung dieſes neuen Opfers zu bewegen. Dieſe mußten ſich endlich dazu entſchließen, ſich mit dem Buchaim'⸗ ſchen Raubgeſindel durch Auszahlung einer Ent⸗ ſchädigung von zweimalhunderttauſend Thalern im Wege gütlichen Vergleiches abzufinden.——— Während dieſer und vieler anderen Calamitäten an allen Ecken und Enden Schleſtens, Mährens, Böhmens, Oeſterreichs und Ungarns, die durch die Opfer und Folgen jenes langwierigen Krieges gänz⸗ lich ausgezehrt und heruntergekommen waren, beſchäf⸗ tigte ſich Kaiſer Rudolph mit Anſelm de Boodt und einem andern Adepten mit der vergeblichen Aufſu⸗ chung des Steines der Weiſen, in der trügeriſchen Hoffnung, mit Hilfe dieſes Wunders alle Wunden ſeines Reiches zu heilen, alle Thränen ſeines armen Volkes zu ſtillen. Dieſer andere Adept, deſſen wir ſoeben Erwäh⸗ nung gethan, nannte ſich Sendivogius. Sein eigent⸗ licher Name war Michal Senſophax.— Geboren 1566 zu Sandec bei Krakau, ſoll er der uneheliche Sohn eines armen, ſchwer betrogenen Judenmäd⸗ chens, welches Eſther, und eines alten mähriſchen Edel⸗ manns geweſen ſein, welcher Jacob Sendimir hieß, die verführte Mutter in's Waſſer ſtieß und, als er ſtarb, aus Reue über dieſe That, ihrem Sohne ein Haus in Krakau hinterließ. Sendivoj hatte im Jahre 1603 zu Dresden einen vom Churfürſten Chriſtian II. grauſam gefan⸗ genen Goldmacher, den Schottländer Alexander Seton, welchem die Habſucht des jungen Sachſen⸗Fürſten 45 auf der Folterbank das koſtbare Geheimniß des Steines der Weiſen erfolglos zu erpreſſen geſucht, durch allerlei Liſt und Berauſchung der Wachen aus einem ungeſunden, von Ungeziefern aller Art über⸗ völkerten Thurmgefängniß befreit, ihn und deſſen Frau in ſein Haus nach Krakau gebracht und nach dem am 21. Januar 1604 daſelbſt erfolgten Ab⸗ leben Setons, aus Dank für die Pflege, die ihm in Sendivoj's Hauſe zu Theil geworden war, eine winzig kleine Doſis von Setons goldmachender Tine⸗ tur, eine Unze vom Steine der Weiſen, geerbt. Nach dem Tode Setons hatte Sendivoj die Witwe des ſchottiſchen Adepten geheirathet und dieſe ihm als Mitgift(um derentwillen er die Alte mit in den Kauf genommen) nicht nur den ganzen Reſt der Tinetur, ſondern auch das geheimnißvolle Recept zur Zubereitung derſelben in's Haus gebracht.*) Dieß Recept beſtand in einer alchemiſtiſchen, in latei⸗ niſcher Sprache abgefaßten Handſchrift. betitelt: Cosmo- Politae novum lumen chymicum und handelt in zwölf Capiteln vom Steine der Weiſen. Dieſe Abhandlung erſchien zuerſt, von Sendivoj herausgegeben, 1604 zu Prag. Die zweite Auflage, beſorgt von Rudolphs Leibarzt, Martin Ruland, erſchien zu Frankfurt am Main 46 Mit dieſen drei Unzen der theils geerbten, theils erheiratheten Tinctur war er in den Stand geſetzt, fünftauſend Theile Metalle zu veredeln, ſo daß jede Unze nach Schmieders Angabe*), einen Werth von 120,000 Thalern beſaß. Mit Hilfe dieſes Reichthums hatte er baid nach ſeiner Verheirathung damit begonnen in Kra⸗ kau einen fürſtlichen Aufwand, einen wahrhaft ſar⸗ danapaliſchen Lurus zu entfalten, ſich als Ent⸗ ſchädigung für ſeine ſchon ziemlich alte Frau einen klei⸗ nen Harem junger Odalisken zu halten und mit dieſen, viel raſcher als er es ſelbſt geahnt, den größten Theil jenes unbezahlbaren Pulvers verſchwenderiſch wie Lucull zu verpulvern. Als die drei Unzen in ganz kurzer Zeit bis auf einen kleinen Reſt leichtſinnig vergeudet waren, hatte Sendivoj einen Ruf nach Warſchau erhalten, um 1606; eine dritte zu Paris 1606, eine vierte zu Cöln 1610, eine fünfte ebendaſelbſt 1617. Eine deutſche Ueberſetzung kam u. d. T.„Chymiſches Kleinod“ zuerſt (1681 in Strasburg und ein Jahr darauf in Frankfurt und Leipzig. In Paris erſchienen vier franzöſiſche Ueber⸗ tragungen: 1609, 16146, 1629 und 1691 in 8. *) Siehe Geſchichte der Alchemie, S. 366. 47 am Hofe Sigismunds III. mit Hilfe der Tinctur Beweiſe ſeiner Kunſt abzulegen. Desnoyers, Ge⸗ heimſeeretär der Königin Maria Gonzaga, ſtellt dem Meiſter Sendivoj das Zeugniß aus, daß er in Ge⸗ genwart des ganzen Hofes Silber in Gold verwan⸗ delt habe.*) Von Warſchau war er nach Prag gekommen und auf dem Hradſchin ein hochwillkommener Gaſt ſeit dem Augenblick, in welchem er dem Kaiſer faſt den letzten Reſt jener Tinctur geſchenkt, mittelſt der Rudolph eigenhändig die Verwandlung unedeln Metalls in Gold vollzogen und ſich mit eigenen Augen von der Wahrheit dieſer Transmutation über⸗ zeugt hatte. Der Kaiſer war über den glücklichen Erfolg dergeſtalt entzückt, daß er in demſelben Zimmer, worin dieſes Erperiment ſtattgefunden, in eine der vier Wände eine Marmorplatte einſetzen ließ mit der durch Sendivoj's Tinctur vergoldeten Inſchrift: „Faciat hoc quispiam alius, Ouod hic fecit Sendivogius“ Nicolas Lenglet du Fresnoy: Histoire de la phi- losophie hermétique, Band I, Seite 341. 48 „Mögen aber dieſe Verſe immerhin ſchlecht ſein, ſchreibt Schmieder, ſo ſind ſie doch Zeugen des En⸗ thuſiasmus, in welchen die Wirkung der Seton'ſchen Tinctur den Kaiſer verſetzt hatte. Inſofern iſt dieſe PTabula marmorea Pragensis für die Geſchichte der Goldmacherkunſt unendlich wichtiger als die Tabula smaragdina Hermetis*). Während Sendivoj in Folge jenes gelungenen Verſuchs beim Kaiſer im hohen Anſehen ſtand, ſchmachtete ein anderer ſogenannter Adept, Philipp Jacob Güſtenhöver, hochdeutſch Goſſenhauer genannt, ſchon ſeit länger als Jahr und Tag im weißen Thurme des Hradſchins. Goſſenhaner war Bürger und Goldſchmied zu Strasburg. Einige ziemlich holperige Knittelverſe, *) Die Alchemiſten behaupten, daß Letztere von dem ägyp⸗ tiſchen Prieſter Hermes herſtamme, in deſſen Grabe man ſie gefunden. Er ſoll das ganze Geheimniß der Alche⸗ mie als Inſchrift in eine Tafel von Smaragd nieder⸗ gelegt haben. Aber Niemand weiß, wo ſie hingekom⸗ men.— Die Marmortafel aber in der Burg auf dem Hradſchin will der obengenannte Desnoyers noch im Jahre 1650 an ihrer alten Stelle gefunden haben. Wer ſagt uns, wo ſie jetzt ſein mag? 49 die der Cabinetspoet Mardochäus de Delle auf ihn gemacht, ſind in der„Edelgeborenen Jungfrau Alchy⸗ mia“ abgedruckt und hier wörtlich wiedergegeben, und erzählen uns kurz und hündig die Geſchichte dieſes unglücklichen Strasburgers: Goſſenhauer, von Offenburg genannt, Dem Kaiſer Rudolpho wolbekannt, Daß er in Alchymia erfahren wär, Ganz fröhlich war der neuen Mähr'. Sprach: Johann Franke, Du mußt hin, Daß wir der Sachen werden inn' Und erfahren den rechten Grund, Drum ſäume Du nicht zur Stund! Ein Gnadenpfennig mit Demant ſchun(ſchön) Sollt Du ihm verehren thun Und ſagen ihm, daß Wir begehren, Seine Kunſt gänzlich zu lehren. Kann aber das nit geſchieh'n. Muß er unſerer Gefangener ſin. Er ward in weißen Thurm gebracht, Kam aber weg in einer Nacht. Ward zu Strasburg wieder gefangen. Der Kaiſer trug groß Verlangen, Bis er wieder nach Prage kam. Muß im weißen Thurme ſitzen Und vor großer Angſt ſchwitzen Was das End' wird weiſen aus, Erfahren wir aus Kaiſers Haus. Das Ende dieſes Liedes iſt raſch erzählt. Güſten⸗ 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 4 50 höver erhielt niemals ſeine Freiheit wieder. Es nützte ihm nichts, daß er dem Kaiſer ehrlich geſtand, daß er die Goldtinetur, mit welcher er in Strasburg einige Proben abgelegt, von demſelben Schotten Se⸗ ton erhalten, von welchem ſie(was aber weder dem Strasburger noch dem Kaiſer bekannt war) Sendi⸗ voj geerbt hatte Es nützte ihm nichts, daß er be⸗ theuerte, er habe das Pulver längſt verbraucht. Der Kaiſer wollte daran nicht glauben und beharrte in der vorgefaßten Meinung, dieſer beiſpiellos ver⸗ ſtockte Strasburger wiſſe mehr, als er eingeſtehen wolle. Der Unglückliche hatte noch von vielem Glücke zu ſagen, daß Kaiſer Rudolph, bei aller Härte den⸗ noch menſchenfrteundlicher als jener ſächſiſche Chur⸗ fürſt, ihn nicht eben ſo gut wie jenen armſeligen Schotten Seton auf die Folter ſpannen, ſeine Glie⸗ der durch Schrauben auseinander renken und mit glühend gemachten Eiſen kitzeln ließ. Güſtenhöver ſaß im weißen Thurme und pflegte ſich dort beſſer als mancher Andere, der nicht Gold zu machen wußte und bei ſo harten Zeiten ſich im eigenen Hauſe zu verpflegen im Stande war. Während nun der Kaiſer mit dem Polen Sen⸗ divoj Queckſilber tingirte und während ſein Bru⸗ der Matthias und deſſen ganzer Anhang zuerſt in 54 Ungarn gegen ihn intrigirte, wuchs ſür Rudolph ein neuer Kummer in der Perſon des Sohnes Clelia's von Jahr zu Jahr drohender heran. Don Cäſar, erzogen von einer italieniſchen Gouvernante, einem belgiſchen Hofmeiſter und einem franzöſiſchen Federfechter, hatte ſich, obgleich jetzt erſt zwölf Jahre alt, von der Erſten die ganze Heftig⸗ keit und Leidenſchaftlichkeit ihres ſüdlichen Tempe⸗ raments, vom Zweiten die ganze Hinterliſt und Heimtücke und von dem Letzten den ganzen Trieb zur Gefall⸗ und Eroberungsſucht in ſo hohem Grade angeeignet, daß dieſe keinesweges etwas Gutes verheißenden Eigenſchaften bei ihm frühzeitig wie zur zweiten Natur geworden waren. Schon bei Schilderung der Jugendjahre ſeines erlauchten Vaters hatten wir auf die verderblichen Einflüße der erſten Erziehung hingewieſen und man⸗ chen ſpätern Fehler, manche Untugend, die daraus her⸗ vorgegangen war, Jenen, die ſeine Erziehung am Hofe Philipps II. geleitet, wohl nicht mit Unrecht zur Laſt gelegt. Erziehung allein macht uns zu Menſchen. Denn wie mancher Verbrecher wäre vielleicht ein Muſterbild von Tugend, wäre er dazu erzogen worden. Auch in der Erziehung der erſten Jugendjahre 4* 52 Don Cäſars war ein ſo arger Mißgriff geſchehen, daß die traurigen Folgen deſſen, zur tiefſten Be⸗ kümmerniß des unglücklichen Rudolph, ſich leider nur allzufrüh bemerkbar machten. Der kleine, keinesweges unſchöne Rothkopf, der mit drei Zähnen zur Welt gekommen war, entwik⸗ kelte eine ungewöhnliche Kraft und Stärke, gleich⸗ zeitig aber einen beſonderen Hang zur Grauſamkeit; Cäſar war frühzeitig zu einem kleinen Hercules her⸗ angewachſen, der ſich in ſeinem zwölften Jahre ſchon ſo groß, kräftig und ſtämmig wie ein Jüngling mit achtzehn Jahren zeigte. Seine Hautfarbe war wie bei den Meiſten, welchen die Natur rothe Haare verleiht, blendendweiß und von der Roſenfriſche ker⸗ niger Geſundheit angehaucht. Alle Formen ſeines jugendlichen Körpers waren trotz des auffallend ſchnellen Wachsthums ſo ſtraff, ſo rund und voll, daß er bei weiter fortſchreitender Entwickelung ein nordiſcher Recke, ein Rieſe an Geſtalt und Muskelkraft zu werden verſprach. Seine Züge hatten, ob ſie gleich nur wenig Milde beſaßen, doch etwas Einnehmendes. Seiner Mutter gleichend, durfte er trotz ſeiner rothen Haare mehr intereſſant als ſchön genannt werden. Seine moraliſchen Eigenſchaften aber, die ſich eben ſo ſchnell als ſeine phyſiſchen Kräfte entwik⸗ 53 kelten, machten ihn ſchon in der zarteſten Jugend zu dem, was die franzöſiſche Sprache, bezeichnender als jede Andere, Enfant terrible nennt. Don Cä⸗ ſar war naſeweis, vorlaut, rechthaberiſch, dreiſt, un⸗ verſchämt, ſchadenfroh und vor Allem witzig. Schon als zehnjähriger Knabe durchſchaute er die Schwächen ſeiner Geſpielen wie die ſeiner Erzieher und es ge⸗ währte ihm ein eigenthümliches Vergnügen, dieſe Schwä⸗ chen aufzudecken und ſich über ſie luſtig zu machen mit ſo vieler Bosheit, daß der Kaiſer die Schwäche beſaß, die witzigen Einfälle des eben ſo muntern als wilden Knaben zu belachen, woher es kam, daß der Burſche immer dreiſter und eitler auf die Wir⸗ kung ſeiner Witze ward. Rudolph mußte oftmals lachen, wenn er ſah, wie der Junge ſchon frühzeitig den großen Herrn ſpielte und ſich luſtig machte über die alten Murr⸗ köpfe ſeiner nächſten Umgebung. — Weißt Du, fragte er eines Morgens den Kaiſer, was meine alte Gouvernante mir geſtern Abend geſagt? — Nun, Cäſar, was ſagte ſie Dir? — Ich ſei ein eigenſinniger Patron, ſagte ſie, und hätte einen dicken Schädel. — Und welche Antwort gabſt Du ihr? 54 — Lieber doch einen dicken Schädel, ſagte ich zu ihr, als gar keinen. D'rauf gab ſie mir eine Ohrfeige. Ich wollte ihr nichts ſchuldig bleiben und gab ihr einen Fußtritt. — Pfui, Cäſar, das war nicht ſchön von Dir. — Aber recht war's, denn Don Cäſar läßt ſich nichts gefallen. Ich habe dem Hofmeiſter, der mich fortwährend mit dem Auswendiglernen lateini⸗ ſcher Vocabeln quält, geſtern auch einen guten Streich geſpielt. — Erzähle, dreiſter Burſche, ſprach der Kaiſer. — Wie heißt die Blume auf lateiniſch? fragte er. Flos, ſagte ich ärgerlich darüber, daß er mich beim Fliegenfangen geſtört.— Wie heißt der Ochſe? fuhr er zu fragen fort. Bos, gab ich zur Antwort. — Und wie heißt der Eſel? fragte er weiter. Ich gab ihm mit der Fliegenklappe einen Schlag auf ſeinen dicken Wanſt und ſagte: Der Eſel heißt ſo wie Du! — Das war nicht recht von Dir! — Warum frägt er mich ſo dumm! Wenig Tage ſpäter erzählte der ungerathene Junge: — Heute Morgen hatte ich Streit mit mei⸗ nem Fechtmeiſter. 55 — Was that er Dir zu Leide? — Er ſchalt mich faul und ungelehrig! Das konnte ich mir als Don Cäſar nicht gefallen laſſen. — Und was thateſt Du, großer Wildfang? — Ich verſetzte ihm mit meinem Rappiere einen herzhaften Stich in die Wade. Der Fran⸗ zoſe ſchrie Zeter und Mordiv. Nun, warum habt Ihr nicht beſſer parirt? Ich wollte Euch damit bloß beweiſen, daß ich weder faul noch ungelehrig bin. — Cäſar, Du biſt ein arger Taugenichts! Du hätteſt Deinen Lehrer verwunden können! — O glaube das nicht. Ich weiß recht gut, daß der ſpindeldürre Franzoſe ausgeſtopfte Waden hat. Betrachte dagegen die Meinigen. Junge, ſagte neulich meine Gouvernante, Du haſt Waden wie ein Bär. Siehſt Du, das verdroß mich. Lieber Bärwaden, als gar keine, Signora, gab ich ihr zur Antwort und freute mich, als ich ſah, daß ſie aus Aerger darüber ſo roth wurde wie Dein langer Kai⸗ ſermantel. Rudolph, unwillig über die Verwegenheit des Knaben, entgegnete: — Du biſt ein tolles, ungerathenes Kind. — Ich bin kein Kind mehr, Vater! — Ei, was denn ſonſt? — Ich bin Don Cäſar, und der Hofmeiſter, den ich neulich einen Eſel genannt, hat geſtern mir erzählt: Ganz ſo wie ich habe einſt auch ein römi⸗ ſcher Kaiſer geheißen, der von ſich ſelbſt: Veni, vidi, vici, ich kam, ich ſah und ſiegte, geſagt haben ſoll. Auch ich will einmal Kaiſer werden! Rudolph erſchrack über dieſen Wunſch des ehr⸗ geizigen Schlingels. — Bleibe lieber das, was Du biſt! — Vorhin nannteſt Du mich einen Tauge⸗ nichts. Soll ich denn das immer bleiben? — Du haſt wenigſtens allen Anſchein dazu... — Ich will Dich Lügen ſtrafen, und Kaiſer werden wie Du! Der frühzeitig entwickelte Ehrgeiz dieſes Kna⸗ ben beunruhigte den Kaiſer ſeit jenem Augenblicke. Er behandelte ihn ſeitdem mit größerer Strenge, velachte keinen ſeiner Einfälle mehr und vermied es jetzt mehr als bisher ſich mit ihm zu unterhalten. Der ſchlaue Burſche, dem dieſe plötzliche Um⸗ wandlung ſehr bald aufgefallen war, ſagte eines Morgens vor dem Spiegel ſtehend und, eitel wie ein ſchmucker Page, ſich die langen rothen Haare aus der Stirne kämmend: — Man iſt ſeit einiger Zeit ſehr finſter und 57 mürriſch gegen mich. Ich glaube gar, man fürchtet ſich! Nun, meinetwegen, ich gräme mich nicht!— Cent mille diables! fuhr er in ſeinem erbaulichen Selbſtgeſpräche fort, ſich im Spiegel betrachtend, ich gefalle mir! Täglich werde ich größer und ſtärker, und wenn ich ſo fort wachſe, werde ich bald ein großer Mann und, wie meine alte Gouvernante, die weder Zähne noch Waden hat, mir oft genug ſagt: ein Liebling aller hübſchen Mädchen werden. Und darauf freue ich mich ſchon jetzt; denn auch ich liebe die Mädchen, beſonders wenn ſie hübſcher ſind als meine zahn⸗ und wadenloſe Gouvernante, die mich gleichfalls zu lieben ſcheint; denn ſie ſtreichelt, ſo oft ich's ihr erlaube, meine friſchen rothen Wan⸗ gen und ſagt dann zärtlich: Don Cäſar iſt ein ſchmucker Knabe! O das haben mir ſchon viele Mädchen geſagt! Wenn ich nur erſt älter bin! Ich werde allen jungen Damen des Hofes die Cour und uber die Alten mich gehörig luſtig machen. Kein Weiberherz ſoll mir widerſtehen können. Denn ich heiße, wie jener große Heide Cäſar. Sein Wahl⸗ ſpruch ſoll auch der Meine ſein: Veni, vidi, vici! Es iſt doch gut, daß der dicke Hofmeiſter mir dieß geſagt hat. Ich will dieſe Worte nicht vergeſſen! 58 Sechsſtes Capitel. Die Erſcheinung des Kepler'ſchen Kometen. Jetzt war das Jahr 1607 herangerückt. Auch dieſes Jahr flocht, wie das alte, neue Dornen in die Krone des Kaiſers und grub neue Beſorgniſſe, neue Leiden, neuen Kummer in die Stirne des unglücklichen Monarchen, deſſen ſpärliches Haar frühzeitig erbleicht war. Gleich zu Anfange dieſes Jahres erſchien am Himmel der von Tycho de Brahe und Johannes Kepler vorherverkündete Komet. Er war derſelbe, den man zuerſt 1531 beobachtet hatte und der, 1681 zum dritten Male wiederkehrend, von dem Engländer Edmund Halley näher berechnet, des Letzteren Na⸗ men annahm und ſeitdem als Halley'ſcher Komet bekannt iſt. Die Erſcheinung dieſes Kometen erregte 1607 in ganz Prag, vor Allem aber auf dem Hradſchin, einen hohen Grad von Beſtürzung. Der Kaiſer, der im Vereine mit Kepler vom Balecone des Belvedere ihn beobachtete, betrachtete ihn als Vorboten trauriger Ereigniße, die über ſeinem Haupte zuſammenbrechen würden, und verſank darüber in ſo tiefe Schwermuth, 59 doß kein Troſt, keine Beruhigung es vermochte, ihn auch nur theilweiſe aufzuheitern. Der Kaiſer ließ ſeinen Aſtronomen, Johannes Kepler rufen. Wenig Augenblicke ſpäter erſchien der Verlangte. — Ich mag es Euch nicht bergen, Meiſter Johannes, daß die Erſcheinung des von Euch ſo richtig vvrausbeſtimmten Kometen mich ſehr beunruhigt. — Warum? fragte Kepler, mit einem Leder⸗ fleck das Glas eines großen Fernrohrs reinigend. — Weil ich, aufrichtig geſtanden, in dieſem Schweifſterne den Vorläufer trauriger Exeigniſſe, die meiner harren, zu erblicken glaube. — Kaiſerlicher Herr, geſtattet mir eine Frage. Glaubt Ihr, dieſer Komet, der Euch ſo unnütze Furcht einzujagen ſcheint, ſei einzig und allein nur für Euch erſchienen? Er iſt von einem Ende der Welt bis zum Andern zu ſehen und wenn jeder Einzelne dächte, wie Ew. Majeſtät, dann müßte er ja die ganze Welt in Angſt und Schrecken ſetzen. Geruhet, kai⸗ ſerlicher Herr, Euch zu beruhigen. Dieſer Stern verfolgt ruhig ſeine Millionen Meilen lange Bahn, unbekuͤmmert um das Leben und Treiben des Ein⸗ zelnen wie der ganzen Menſchheit. Er durchläuft ſeinen ihm von der Natur mathematiſch ſtreng 60 vorgezeichneten Weg und nimmt weniger Notiz von uns, als wir von ihm nehmen. Ich gehöre nicht, wie mein großer unſterblicher Vorgänger, deſſen hohe Verdienſte ich dankbar anzuerkennen weiß, zu der Zahl jener Aſtronomen, die den Sternen irgend einen Einfluß auf das menſchliche Schickſal einräu⸗ men. Sie wandeln raſtlos wie die Erde und ſtehen niemals ſtill. Jeder jener Myriaden Sterne iſt ein leuchtendes Zeichen für die unläugbare Wahrheit, daß Alles in der Natur auf Bewegung hinweiſt; Fortſchritt iſt Leben, Stillſtand iſt Tod! 2 — In dieſem Falle müßten ja auch die Firſterne ſich bewegen. — Majeſtät, das glaube ich allerdings, wie ich auch das glaube, daß, wiewohl alle zu Einem Sy⸗ ſteme gehören, ſich doch jeder Einzelne unter ihnen nach eigenen, für das menſchliche Auge unerforſchli⸗ chen Geſetzen bewege. — Ihr glaubt alſo, daß Kometen keine ſchlimme Vorbedeutung ſind? meinte Rudolph, wieder zur Hauptfrage zurückkehrend. — Ich halte dieß, gnädigſter Herr, für Aber⸗ glauben. Ich aber glaube nur das, was ich begreife. — Ihr ſprecht wie ein tiefer Denker! Doch 61 vermag ich Euch nicht beizupflichten. Ich begreife Manches nicht und dennoch glaube ich daran, — Der Himmel erhalte Euch dieſen tröſten⸗ den Glauben; denn er iſt's, der uns ſelig macht- Bald darauf erſchien Gräſin Magdalena. Kep⸗ ler fühlte, daß ſeine Gegenwart überflüßig, und darum wollte er ſich entfernen. — Bleibt, Meiſter, wenn ich bitten darf. Eure gelehrte Geſellſchaft wird ihr erwünſcht und ange⸗ nehm ſein. — Störe ich? fragte die eintretende Freundin. — Geiſt und Schönheit ſtören uns niemals, ſprach der galante Fürſt. — Gnädigſter Herr, dann muß ich augenblick⸗ lich umkehren, entgegnete Magdalena. — Beweiſt nicht ſchon dieſe Antwort allein, daß Ihr Geiſt beſitzt? Tretet vor den erſten beſten Spiegel und er wird Euch ſagen.. — Daß Kaiſer Rudolph ein Schmeichler iſt, ergänzte die Gräfin. Meiſter Johannes Kepler, ich grüße Euch! Der Gelehrte verneigte ſich ziemlich unbeholfen und verlegen. — Sagt mir, Gräfin, fragte Rudolph, jagt 62 auch Euch die Erſcheinung jenes Kometen Furcht und Schrecken ein. — Majeſtät, erlaubt mir ein offenes Geſtänd⸗ niß. Ich weiß nicht, was Furcht iſt. — Wie, fürchtet Ihr denn gar nichts? — Ich fürchte nichts als die Furcht! — Einſtlernte ich dieß von meinem Lieblingslöwenl Und deſſen ungeachtet habe ich niemals ſo viel Kraft gehabt, die kluge Lehre meines muthigen Ottakars zu befolgen. Die Furcht iſt manchen Menſchen ange⸗ boren. — Furcht iſt eine Tochter des Gewiſſens. — Und was, Gräfin, iſt das Gewiſſen? — Ich könnte die Beantwortung Eurer Frage, Meiſter Kepler, mir ſehr erleichtern und Euch erwi- dern: Gewiſſen iſt die Mutter der Furcht. Aber ich liebe nicht jene Phraſen, die ſich bequem wie Hand⸗ ſchuhe umkehren laſſen. Gewiſſen iſt, nach meiner Anſicht, die Rechenſchaft, die wir uns ſelbſt gegen⸗ über ablegen. Das, was wir Stimme des Gewiſſens nennen, iſt das Facit jener Rechenſchaft. — Noch Eurer Anſicht entſpränge die Furcht alſo nur aus dem Facit eines böſen Gewiſſens? Das aber ſcheint mir nicht ganz richtig. Wie mancher zum Beiſpiel fürchtet ſich vor einem Löwen, weil er 63 glaubt, daß dieſer ihn zerreißen könne. Dieſe Furcht entſpringt nicht aus dem Gewiſſen, ſondern aus Vorahnung einer ſichern Gefahr. Nach meiner An⸗ ſicht, Gräfin, iſt Furcht nichts weiter als Mangel an Muth. — WMeiſter Kepler ſpricht ganz aus meiner Seele. — Furcht haben, Majeſtät, hieße alſo nach Eurer Anſicht, nichts Anderes, als ſich der Muthloſigkeit anklagen? — Allerdings, geſtand offenherzig genug der Kaiſer. 3 Was aber wäre wohl im Stande uns mehr Muth einzuflößen als ein gutes Gewiſſen? — Verzeiht, Gräfin; ſelbſt ein Menſch mit dem reinſten Gewiſſen kann vor einem reißenden Thiere erzittern Furcht iſt nichts weiter als Schwäche! — Und nur aus Schwäche, bekannte Rndolph, fehlt es Manchem an Muth. — Ich nehme gern Belehrung an, ſagte die räfin. Wer aber, fragte ſie, kann ſeine Schwäche ſo weit ausarten laſſen, ſich vor einem Kometen zu fürchten, der— Meiſter Kepler mag es wiſſen wie viel — Millionen Meilen von unſerm Erdenrund entfernt ſein mag? Ich bitte, Majeſtät, beruhigt Euch. Nicht 64 die Sterne, nur die Menſchen können uns gefährlich werden. Mehr als alle Kometen des Himmels ſind nur Jene zu fürchten, die mit ihrer eigenen Furcht auch den Muth Anderer anzuſtecken drohen. Laßt den Kometen ruhig ſeine Bahn verfolgen wappnet Euch mit Muth und Frohſinn und werdet ruhig, werdet glücklich. — Jetzt bin ich es! ſagte Rudolph. Und nachdem Kepler ſich entfernt hatte, ergriff ſie den Arm des Kaiſers und führte ihn in's Treib⸗ haus, in welchem ſie kurz vorher geweſen war. — Heute iſt mein Geburtstag, ſagte Magda⸗ lena. Eure Huld hat mich reich beſchenkt. Aber wollt Ihr mich glücklich machen, dann pflückt hier dieſen Zweig für mich. — Doch warum gerade dieſe unſcheinbare Blume? — Es iſt die erſte Myrthenblüte dieſer Jahreszeit. Dieſe unſcheinbare Blume, Abgepflückt von Rudolphs Hand. Iſt mir lieber, iſt mir werther, Als der Schätze bunter Tand.“ — Ihr ſeid heute reizender als je, ſprach der Kaiſer, pflückte den blühenden Myrthenzweig und 65 flocht ihn, ihre Stirne küſſend, in die ſchwarze Fülle ihres Haares. Dort glänzte die weiße Blüthe wie ein hell leuchtender Hoffnungsſtern im Dunkel der Nacht. Siehentes Capitel. Befreiung des Gefangenen auf Elbogen. Georg Popel von Lobkowic, dem während der letzten zwei Jahre in ſeinem Kerker, durch Für⸗ ſprache der Gräfin Magdalena, manche wohlthätige Erleichterung ſeiner in früherer Zeit grauſam harten Gefangenſchaft zu Theil geworden war, hatte Bücher zum Leſen erhalten, manchen Troſt daraus geſchöpft und trug ſeitdem die Prüfung, die das Schickſal über ihn verhängt, mit der ganzen Entſagung eines gott⸗ ergebenen Herzens. Das menſchliche Gefühl iſt ein ſo großer Sclave ſeiner Gewohnheiten, daß dieſe ihm nach zwölf Jahren ſelbſt die Mauern eines Kerkers erträglich machen. Außer dem Genuße der Bücher, die ihm verab⸗ folgt wurden, hatte der Kaiſer, wieder auf Magda lenens Bitte, ſowohl dem Gefangenen als ſeiner 1856. VII. Auf dem Hradſchin. V. 5 66 Tochter die Begünſtigung ertheilt, daß ſie allmonat⸗ lich einmal an ihren Vater ſchreiben und dieſer ihr ebenſo oft antworten durfte. Freilich mußte dieſer Briefwechſel durch die Hand des Schloßhauptmannes gehen, welcher beauftragt war, jedes Schreiben, das von Eva ankam, wie jedes, das an ſie abging, zuvor zu prüfen, ob es nichts enthalte, was dem Staate ge⸗ fährlich werden könnte. Aber trotzdem, daß Vater und Tochter ſich nichts ſchreiben konnten, was nicht auch Jener wiſſen durfte, gewährte dieſer briefliche Austauſch ihrer Gedanken und Gefühle Beiden doch ſo viel Troſt und Beruhigung, daß ſie der Gräfin für dieſe Wohlthat dankbar verpflichtet waren. Am Letzten jeden Monats war es(freilich erſt ſeit zwei Jahren) der Tochter geſtattet, ſich brieflich nach dem Befinden ihres Vaters zu erkundigen und in den nächſten Tagen war es ihm vergönnt, ihren Brief beantworten zu dürfen. Beide ſchwebten in Todesangſt, wenn die heiß⸗ erſehnte Nachricht einen Tag länger als gewöhnlich ausblieb. Die Ankunft jedes neuen Schreibens war für Vater und Tochter ein gleich hoher Feſttag. Jeder dieſer Briefe wurde von Beiden zehn Mal und noch öfter geleſen bis zu jenem Tage, an wel⸗ chem ein neuer ankam und der vorletzte dann zu 67 den Uebrigen gelegt ward. Wer weiß es nicht, welche Fülle ſüßen Troſtes uns die Zeilen einer theuern Hand gewähren! Derlei Briefe ſind die Brücken, die ſich die Sehnſucht liebender Herzen über die Klüfte der Entfernung bauet, um ſich, wenn auch meilenweit entfernt, doch geiſtig immer nah' zu bleiben. Es ſei uns vergönnt, von der Perlenſchnur die⸗ ſer zärtlichen Briefe Jenen abzulöſen, den Eva nach ihrer Wiedergeneſung ſchrieb. Bilin, am 30. April 1607. Durch den Brief meiner Tante, beſter Vater, wirſt Du etfahren haben, daß ich bald nach Weih⸗ nachten ſchwer erkrankt war. Der Himmel hat nach vier Monaten mich geneſen laſſen, um vielleicht neue Prüfungen über mich zu verhängen. Doch glaube ja nicht, daß Dein Kind, durch die Schläge des Schickſals niedergebeugt, kleinmüthig geworden iſt und ſein Vertrauen zu der Weisheit und Barmherzigkeit der göttlichen Vorſehung verloren hat. Jene from⸗ men Lehren, die Du mir in jedem Deiner lieben Briefe wiederholt an's Herz gelegt, haben mein Gott⸗ vertrauen erhöht und mich in der Ueberzeugung be⸗ ſtärkt, daß wir Alles, was der unerforſchliche Rath⸗ ſchluß des Ewigen über uns verfügt, mit chriſtlicher 5* 68 Ergebung ertragen ſollen. Wen Gott liebt, den züchtigt er, um deſſen Vertrauen zu prüfen; und mag dieſe Prüfung uns auch manchmal hart erſchei⸗ nen, ſo dürfen wir doch nie vergeſſen, daß wir aus jeder neuen Prüfung, die wir mit frommer Hinge⸗ bung ertragen, geläuterter und würdiger des Got⸗ tes, der uns prüft, hervorgehen. Hat nicht die ſchwerſte aller Prüfungen Gottes Sohn am Krenze der Phariſäer mit himmliſcher Geduld ertragen? Und fordert uns dieß leuchtende Beiſpiel nicht mehr als jedes Andere zur Nacheiferung auf? Wir wol⸗ len alſo nicht murren, mein Vater, und uns jeder neuen Prüfung mit ſtarkem Muthe und unerſchütter⸗ lichem Gottvertrauen unterwerfen!— Alles, was wir hier auf Erden während der kurzen Spanne Zeit, die wir Leben nennen, unverdient erdulden müſſen, wird uns durch die göttliche Großmuth des gerech⸗ ten Richters jenſeits des Grabes, auf einem ſchönern Sterne, in jenem ewigen Leben, das wolkenlos an uns vorüberzieht, millionenfach vergolten werden. Und darum, mein guter Vater, ſetze ich all' mein Hoffen auf jene andere Welt, in der wir uns einſt am Throne Gottes wiederſehen und unſere Stimmen dankerfuͤllt in das Halleluja zahlloſer Engelſchaaren 69 miſchen werden, welche die Weisheit und Güte des Herrn preiſen. Es giebt Leute, die mir den Vorwurf machen, daß ich weder fromm, noch gottesfürchtig ſei, weil ich, alleinſtehend, mich und meinen Kummer nicht in den Mauern irgend eines Kloſters vergraben habe. Dieſe Leute— Gott weiß es!— thun mir Unrecht. Statt jene Spanne Zeit, die Gott mir zugemeſſen, in einem Kloſter zu vertrauern, habe ich— Dank Deiner weiſen Ermahnung!— ſoviel Kraft in mir aufgeſammelt, um mein Leben beſſer als bloß in Gebet und Kaſteiung hinzubringen. Seit Jahren habe ich mich daran gewöhnt, neuen Troſt und neue Stärkung, ſelbſt im ſchwerſten Ungemach, in der Aus⸗ übung der chriſtlichſten aller Tugenden zu ſuchen und— Dank ihr!— ſie auch in ſo reichem Maaße zu finden, daß dieſe Tugend der ſtarke Stab iſt, der mich bei allen Stürmen des Lebens aufrecht erhält. Dieſe Tugend, Vater, iſt das Mitleid, das Mitleid mit dem Kummer Anderer und das ſüße, heilige Bedürfniß, die Thränen ſeiner Nächſten früher als die eigenen wenn auch nicht ganz zu ſtillen(denn das vermag nur der Eine), doch, ſo weit es im Be⸗ reiche meiner ſchwachen Kräfte liegt, thielweiſe wenig⸗ ſtens zu trocknen. Für Deine ſchwergeprüfte Tochter, 7⁰ beſter Vater, giebt es kein tröſtenderes Bewußtſein als jenes: nach Kräften wohlzuthun und, wenn auch in kleinem Kreiſe nur, mit treuer Schweſterliebe ſich der drückenden Noth und Sorge leidender Mit⸗ brüder anzunehmen, ihnen mit Rath und That hilf⸗ reich beizuſtehen, ihnen Vertrauen zu Gott, Vertrauen zu einer beſſern Zukunft einzuflößen. Seitdem der Wille der Vorſehung Deine arme Eva von dem liebſten und zärtlichſten aller Väter getrennt, ſucht ſie raſtlos die Stätten verſchämter Armuth, das Lager hilfloſer Kranken auf, um das Wenige, was ihr geblieben iſt, mit den Leidenden zu theilen und, wenn auch nicht überall Hilfe,(denn dazu iſt ſie zu arm) doch überall wenigſtens den himmliſchen Balſam des Troſtes,(denn daran iſt ſie überreich!) die Ausſicht auf ein Beſſerwerden zu⸗ rückzulaſſen. So iſt Deine Tochter, ohne in's Kloſter gegan⸗ gen zu ſein, eine Art Nonne, eine Mutter der Armen, eine Pflegerin der Kranken, eine Trö⸗ ſterin aller Leidenden geworden, die, unterſtützt von dem Rathe, dem Wiſſen und der Menſchenliebe des treueſten Deiner Freunde, des Doctors Johannes Jeſſenius, ſich das Zeugniß geben darf, daß ſie im Stillen, ohne Geräuſch und ohne Anſpruch auf 71 Dank, ſchon manchen Kummer erleichtert, ſchon manche Thräne getrocknet hat. Wohlthun macht uns ſtark und froh. Froh, ſage ich, guter Vater, ohne be⸗ fürchten zu muſſen, Dich durch dieſes Wort zu kränken oder mich bei Dir in den Verdacht unkind⸗ licher Theilnahmsloſigkeit zu bringen. Bei aller Trauer, in der mein Herz wie jeder meiner Sinne verſunken iſt, giebt es in meinem traurigen Daſein doch manchen Lichtblick, der mich heiter, ja ſogar ſeelig macht, weil ich mir ſagen darf, daß ich Dei⸗ nem Namen wenigſtens keine Schande mache. Die An⸗ ſtalt, die ich in Raudnic in's Leben gerufen und zu Ehren meiner hochherzigen Freundin„Magdalenen⸗ Stift“ genannt, gedeiht durch die reiche Beiſteuer der Gräfin und durch meine Bemühungen, dieſem Stifte immer neue Gaben zuzuführen, ſo vortrefflich, daß ihr möglich geworden iſt, ſchon manches Gute zu wirken. Dieſes Stift iſt meine höchſte Freude. Seit acht Tagen fühle ich meine Kräfte ſo raſch zunehmen, daß es mir bald vergönnt ſein wird, nach Prag an das Lager meiner armen Kran⸗ ken, die mich erwarten, zurückkehren zu können. Bei meinem erſten und leider wohl auch letzten Beſuche in Deinem Kerker hatte ich unter tauſend Wünſchen, die mein Herz in das Deine ausgeſchüttet, 32 eine Bitte vergeſſen, deren Erfüllung Deine Liebe mir ſicher nicht verſagen wird. 3 Schicke mir eine Locke Deines Haa⸗ res. Ich will ſie wie eine heilige Reliquie bewahren. Tag und Nacht ſoll ſie in dem kleinen Medaillon, das meine ſelige Mutter in ihrer Sterbeſtunde mir geſchenkt, auf meinem treuen, voll heißer Kindesliebe erfüllten Herzen ruhen und für kommende Tage neuer Prüfungen ein Talisman ſein, der mich ge⸗ gen Kleinmuth ſchützen, ein Amulet, das mir, ſo oft ich wanke, neue Kraft, neuen Muth einflößen ſoll zur Fortſetzung dieſer dornenvollen Pilgerfahrt. Es küßt Dich tauſend, tauſend Mal Deine ſtolze Tochter Eva.“ Man höre nun auch die Antwort: „Elbogen am 9. Mai 1607. Meine liebe Tochter wird in Angſt und Sorge geſchwebt haben, daß ich ſie vier Tage auf Ant⸗ wort harren ließ. Auch ich, theuere Eva, war die letzten vierzehn Tage, wenn auch nicht gefährlich krank, doch wenigſtens ſehr unwohl. Meine zwölf⸗ jährige Gefangenſchaft, meine ſitzende Lebensweiſe, der Mangel an Bewegung mögen nicht wenig dazu beigetragen haben, in mir den Keim einer Krankheit 73 zu legen, die ſich in den letzten Jahren mehr und mehr entwickelt hat. Die Aerzte nennen ſie Hydrops pectoris*). Ich fühle, daß mein Athem von Tag zu Tage kürzer und beklommener und der Huſten, der mich peinigt, immer heftiger wird. Aber trotz aller Leiden und Schmerzen verzweifle ich nicht. Ich trage ſie mit chriſtlicher Geduld und tröſte mich mit dem Gedanken, daß die Vorſehung dieſe Krank⸗ heit nur darum über mich verhängt hat, um durch ſie meine Qual abzukürzen, die Riegel meines Kerkers zu ſprengen und den unſterblichen Geiſt aus der ſtaubgeborenen Hinfälligkeit des irdiſchen Daſeins hinaufzutragen in die Wohnungen des ewigen Lich⸗ tes und der Wahrheit; denn wo die Wahrheit, da iſt auch Gott und wo Gott thront, thront auch die wahre Freiheit. Ich fühle, meine gute Tochter, daß mein Le⸗ ben raſchen Schrittes bergab geht und bald jenes friedlich⸗ſtille Thal erreichen wird, das man das Jenſeits zu nennen pflegt. Ich gehöre— Dank dem Glauben, der mich beſeelt!— nicht zu je⸗ nen Feiglingen, die vor dem Endziel der irdiſchen Bruſtwaſſerſucht. 74 Wanderung ängſtlich zurückbeben und in dem Manne mit der Senſe und der abgelaufenen Sanduhr einen mitleidsloſen Feind erblicken, der mit ſeinem Fuße die ganze Saat des Lebens niederdrückt; für mich, meine engelfromme Eya, iſt der Tod ein theilnahms⸗ voller Freund, der mich aus dem Dunkel der Nacht einem abendloſen Morgen entgegenführt. Ich grüße in jedem Grabe die Wiege eines neuen, von den Schlacken der irdiſchen Sünde geläuterten, unver⸗ gänglichen Lebens in jenen lichtumfloſſenen Räumen, in welchen wir die Theueren, die uns vorausgegan⸗ gen find und die uns ſehnſüchtig erwarten, nach langen Jahren bitterer Trennung endlich wieder⸗ ſehen dürfen. Bald, mein herziges Kind, wird es auch Dei⸗ nem Vater vergönnt ſein, ſein heißgeliebtes, unver⸗ geßliches Weib, die Mutter ſeiner einzigen Tochter, wiederzuſehen. Benigna— ich ahne es— wird zuerſt nach ihrer Eva fragen, die dort unten ohne Mutter, ohne Vater zurückgeblieben iſt; und aus dieſem Grunde freue ich mich ſchon jetzt auf den Augenblick, in welchem ich Deiner frommen Mutter werde ſagen können: Unſere ECvya, die Dich nie vergeſſen hat, macht Deiner Erziehung, unſerm Na⸗ men ſolche Ehre, daß Jeder, der ihr edles, reines 75 Herz kennt, ihr das Zeugniß giebt, daß ſie die Er⸗ bin aller Tugenden ihrer Mutter iſt. Wie groß wird dann ihr Stolz, ihre Freude, ihr Entzücken ſein!— Für immer vereint, werden wir an den Stufen des Thrones, der alle Andern überdauert, unſer gemeinſames Gebet für unſer einziges Kind niederlegen und das ganze Füllhorn des Segens Gottes auf Dich herabflehen. Du erſiehſt aus den Freuden, die meiner harren, daß ich durchaus keinen Grund habe, der Ankunft jenes ewigen, unausbleiblichen Pilgers, der ſich Tod nennt und der Einen nach dem Andern aus dem irdiſchen Jammerthale der Thränen in die paradieſiſchen Gefilde uferloſer Seligkeit abruft, mit Zittern und Zagen entgegen zu ſehen. Das Einzige, was im Stande wäre, mir die letzten Augenblicke des Abſchieds von Dir, die Du meine ganze Welt und meine einzige irdiſche Freude biſt, erſchweren könnte, wäre der Gedanke, daß der Tod, den ich ſo inbrünſtig herbeiwünſche, Dich be⸗ trüben möchte. Und darum bitte ich Dich ſchon jetzt, daß Du Dir und mir ſtillſchweigend gelobſt, Dich nicht zu grämen, wenn Du eines Tages er⸗ fährſt, daß der Wunſch Deines Vaters erfüllt und ſeine Sehnſucht nach dem Wiederſehen Deiner Mutter 76 endlich geſtillt iſt. Nicht die Hingeſchiedenen, nur die Zurückgebliebenen ſind zu beweinen.— Ver⸗ ſprich mir alſo ſchon jetzt, mit dem Geſchicke, das Dir Deinen Vater entführen wird, nicht zu grollen, Dich zu tröſten und Dir Dein Leben, das ein un⸗ unterbrochenes Wohlthun iſt, zum Troſte und zur Hilfe Deiner leidenden Mitbrüder noch recht viele Jahre zu erhalten. Sollteſt Du Deinem Vater frühzeitig nachfolgen, dann müßte er Dir zum erſten Male zürnen, weil Dein raſcher Tod ihm beweiſen würde, daß Du den letzten und heißeſten ſeiner Wünſche nicht erfüllt haſt. Alſo lebe noch lange, mein Kind! Fahre fort, in Deinem kleinen Kreiſe Gutes zu erſtreben und überall zu helfen, wo Du es vermagſt. Ich ſage Dir nicht, daß Wohlthun auf Erden dort oben reiche Zinſen trägtz denn ich weiß, daß Eva nicht zu Jenen gehört, die nur Ausſicht auf Belohnung zur Aus⸗ übung edler Thaten anſpornt; ich weiß, daß das Wohlthun Deiner Seele ein Bedürfniß iſt, gleichwie es der Blume, die Gott wachſen läßt, Bedürfniß ſein muß, ihren Duft zur Erquickung Anderer, und nicht zur Befriedigung ihrer eitlen Selbſtſucht auszuathmen. Auch ſie macht keinen Anſpruch auf Dank und Lohn; es genügt ihr das ſchöne Bewußtſein, ihre Schuldigkeit 77 erfüllt und nur für Andere, nicht für ſich allein, ge⸗ lebt zu haben. Du bateſt mich um eine Haarlocke. Ich ſende ſie Dir mit meinem Segen und dem tiefinnigſten Wunſche, daß ihr ſilberner Glanz Dir Glück bringen und in Stunden der Entmuthigung immer neuen Troſt gewähren und neues PVertrauen einflößen möge zu der Hilfe Gottes, der Dich in ſeinen hei⸗ ligen Schutz nehmen und einſt aus den dornenvollen Drangſalen des irdiſchen Daſeins in das ewige Blüthenreich des Jenſeits, in die Arme Deiner Eltern zurückrufen wird. Auf Wiederſehen in einer ſchönern Welt! Bis dahin aber lebe wohl, mein frommes Kind, und bete für die letzten Stunden Deines Vaters, der ſtolz auf das Bewußtſein iſt, der Welt einen ſolchen Engel zurückzulaſſen. Es küßt und ſegnet Dich Dein glücklicher Vater Georg Popel v. Lobkowie.“ Dieſer Brief war gleichzeitig ſein Teſtament, der Letzte, den Eva von ihrem Vater erhielt; denn ſchon achtzehn Tage ſpäter, am 27. Mai 1607, ſprengte die mächtige Senſe des unausbleiblichen Pilgers“ die Riegel ſeines Kerkers und erlöſte ihn 78 aus den Ketten ſeiner faſt dreizehnjährigen Gefan⸗ genſchaft. Er ſtarb, nachdem er den letzten Troſt der Kirche empfangen, trotz der ſchwerſten Leiden und der heftigſten Schmerzen, gefaßt und ruhig, und ſeine Seele ſchwang ſich wie ein mit den glänzendſten Far⸗ ben geſchmückter Schmetterling zu dem blauen Aether, zu den lichten Himmelshöhen empor. Seine irdiſche Hülle aber blieb auf der Erde zurück und bewahr⸗ heitete den demüthigen Sinnſpruch ſeines Stammes: — Aſche bin ich, Aſche werd' ich!——— Als Kaiſer Rudolph die Nachricht vom Tode ſeines vermeintlichen Feindes erhielt, wollte er nicht daran glauben, daß Popel von Lobkowic ſo früh⸗ zeitig und plötzlich ſeinem Kerker entronnen war. Nicht aus unmenſchlichem Rachedurſt(wie mancher Gegner Rudolphs zu behaupten gewagt), ſondern um ſich Ueberzeugung von der ihm unglaublichen Wahrheit jener Trauerkunde zu verſchaffen, ſoll er in der erſten Beſtürzung den Befehl ertheilt haben, den Leichnam des Verſtorbenen öffnen zu laſſen, um ſich ſelbſt und ſeinen Gegnern untrügliche Gewißheit zu verſchaffen, ob ſein Gefangener eines gewaltſamen oder natürlichen Todes geſtorben ſei. Jeſſenius, der die Leiche geöffnet, mußte ſchriftlich 79 beſtätigen, daß der ehemalige Oberſthofmeiſter nicht als Opfer einer hinterliſtigen Vergiftung, ſondern an der Bruſtwaſſerſucht hingeſchieden war. Gleichzeitig hatte der Kaiſer das Haupt vom Rumpfe trennen laſſen, nicht aus grauſamer Ty⸗ rannei, ſondern in Anwandlung eines Gefühles bitterer Reue, die ihn in dem Augenblicke überfiel, als er die Botſchaft von dem Ableben ſeines Feindes erfuhr. Popels abgetrenntes Haupt mußte ihm ſogleich überbracht werden, nicht um ſich an den Zügen des Todten zu weiden, ſondern um ſeiner tiefen Reue eine Art von Genugthuung zu verſchaffen; denn als das frühzeitig gealterte Haupt mit dem ſchneeweißen Haare, auf einem ſchwarzen Sammetkiſſen ruhend, vor des Kaiſers Blicken enthüllt ward, ſank Rudolph, vom zermalmenden Schmerze erfaßt, in Ohnmacht, und kam erſt nach und nach wieder zu ſich. — Sollte das, deſſen Deine Feinde Dich an⸗ geklagt haben, wahr geweſen ſein, dann vergebe ich's Dir von ganzer Seele! Sollteſt Du aber unſchuldig gelitten haben— und faſt glaube ich es jetzt!— dann, armer Freund, vergieb mir mein ſchweres Un⸗ recht und trage mir dort drüben, wo ich Dich wieder zu ſehen hoffe, keinen Haß nach! Dann ließ er das Haupt wie den übrigen Theil ⸗ 80 von Georgens irdiſchen Ueberreſten auf dem Hrad⸗ ſchine im Set. Veits⸗Dome, in aller Stille begraben. Einige Tage darnach ſchrieb er an Eva: „Der Tod Eures unglücklichen Vaters hat mich in gewiß nicht minder tiefe Trauer und Beſtürzung geſetzt, als Euch ſelbſt. Eva hat einen edlen Vater und die Krone— ich fühle es leider zu ſpät!— einen ihrer treueſten Unterthanen verloren. Mögen das, was ich an ihm und Euch verbrochen, Jene verantworten, die den unheilbringenden Argwohn ge⸗ weckt und durch Verläumdungen tauſendfacher Art mehr und mehr in mir beſtärkt haben! Irren, Eva von Lobkowie, iſt menſchlich! Und auch der Kaiſer iſt nur Menſch! Um aber das harte Unrecht, das ich in Eurem Vater auch Euch zugefügt, ſo weit als es mir mög⸗ lich iſt, wieder gut zu machen, habe ich beſchloſſen, von den confiscirten Gütern Eures Vaters jene, welche nicht verkauft, ſondern nur zeitweilig verpach⸗ tet ſind, Euch innerhalb dreier Jahre zu Eurer Verfügung zu ſtellen. Außerdem bitte ich Euch, einen Beitrag von zwölftauſend Schock, den ich für das von Euch zu Raudnic in's Leben gerufene Magdalenen⸗Stift angewieſen habe, nicht zurückzuweiſen. 3 81¹ Ich bitte Gott, daß er Euch in ſeine heilige Ob⸗ hut nehme und Euch noch lange zum Troſte frem⸗ den Leidens erhalten möge! Euer Euch wohlgeneigter Kaiſer Prag, am 8. Juni 1607. Rudolph m/p.“ Bald darauf kam die nachfolgende Antwort: „Mein Kaiſer und Herr! Zum letzten Male naht die ehrfurchtsvoll Un⸗ terzeichnete dem Throne Cw. kaiſerlichen Majeſtät, um an den Stufen deſſelben den Ausdruck tiefge⸗ fühlten Dankes für die Theilnahme niederzulegen, die Ihr über das Hinſcheiden meines heißgeliebten Vaters ſeiner gramgebeugten Tochter erkennen zu geben ge⸗ ruht habt. Es gewährt ihr in ihrem tiefen und gerechten Schmerze eine wohlthuende Beruhigung, zu wiſſen, daß Ew. Majeſtät, durchdrungen von der ganzen Schwere des Irrthums, in welchem die Gegner des Hauſes Lobkowic das Urtheil Kaiſer Rudolphs ſo lange Jahre hindurch befangen hielten, jetzt zu der Ueberzeugung gelangt iſt, daß ſeine heimlichen An⸗ kläger, deren Namen er nie erfahren und die man ihm nie gegenüber geſtellt, ein großes, nicht mehr gut zu machendes Unrecht angethan haben. Wie 1856. VII. Auf dem Hrabſchin. IV. 6 82 dankbar die unglückliche Tochter dieſes hart geprü f⸗ ten, ſchwer verkannten und leider nur zu ſpät ge⸗ rechtfertigten Mannes die Großmuth Ew. Majeſtät, ihr einen Theil der confiscirten Güter ihres Vaters allerhuldreichſt zurückzuſtellen, anzuerkeunen weiß, ſo glaubt ſie doch andererſeits der Ehre ihres in Gott ruhenden Vaters wie der eigenen die Verpflich⸗ tung ſchuldig zu ſein, dieſen Act hochherziger Groß⸗ muth nicht annehmen zu dürfen, ohne Ew. Maje⸗ ſtät und ſich ſelbſt der Gefahr auszuſetzen, die Ge⸗ währung dieſer Huld wie die Annahme derſelben vom Argwohne der Menge, die ſtets nur das Schlimm⸗ ſte glaubt, früher oder ſpäter verdächtigt zu ſehen. Nur aus dieſem Grunde und nicht aus ſtrafbarem Hochmuth oder kindiſchem Stolze hat Georgs Tochter nach reiflicher Ueberlegung beſchloſſen, auf die Rück⸗ gabe der Güter ihres Vaters ein für alle Mal Verzicht zu leiſten. Die Bedürfniſſe der Tochter des einſtmals reichen Oberſthofmeiſters ſind ſo gering, daß es ihr durchaus kein Opfer koſtet, die Einkünfte jener früher ihnen zugehörigen Herrſchaften auch fer⸗ nerhin und für immer zur Verfügung des Staates zu ſtellen, deſſen Hilfsquellen durch jenen unheilvol⸗ len Krieg, der— Dank der Vorſehung!— nun zu Ende iſt, leider allzuſehr erſchöpft wurden. 83 Aber mit deſto größerem, innigerem und unaus⸗ löſchlicherem Danke nimmt die ehrfurchtsvoll Unterzeich⸗ nete den andern Beweis kaiſerlicher Großmuth, das gnadenreiche Anerbieten jenes Beitrages für das fer⸗ nere Gedeihen und die weitere Entwickelung des Magdalenen⸗Stiftes zu Raudnic an. Dieß hochher⸗ zige Geſchenk kann und darf ſie nicht zurückweiſen, ohne ſich den gerechten Vorwurf zuzuziehen, daß ſie durch Ablehnung jener reichen Gabe der leidenden Armuth eine Wohlthat entzöge, welche jene Anſtalt in den Stand ſetzt, jetzt mit zehnfach verdoppelter Kraft Gutes zu wirken. Noch heute, gnädigſter Herr, verläßt die trau⸗ ernde Tochter ihre Vaterſtadt, um ſich an die Spitze jenes Stiftes in Raudnie zu ſtellen. In tiefer Ehrfurcht erſtirbt Ew. kaiſerlichen Majeſtät treu ergebene Unterthanin Prag, am 12. Juni 1607. Eva von Lobkowie.“ Als bald nach Abſendung jenes Briefes der treue Freund ihres Vaters, Doctor Jeſſenius, erſchien, um ſich wie gewöhnlich nach dem Zuſtande ihrer 5 6* 84 Geſundheit zu erkundigen, zeigte ſie ihm den Ent⸗ wurf ihrer Antwort an Rudolph. — Ich gab Euch den Brief des Kaiſers und befragte Euch um Euern brüderlichen Rath. Seht, ob ich ihn befolgt habe. Er las und ſagte: — Dieſer ſchöne Stolz, der ſich in jeder Zeile Eures Schreibens abſpiegelt, iſt würdig des unbe⸗ fleckten Namens, den Euer edle Vater Euch als ein Erbtheil, das Euch Niemand zu rauben vermag, hinterlaſſen hat. Eure Worte werden— ich bin deſſen überzeugt— das gute Herz des Kaiſers wohl beſtürzen, aber ſicher nicht kränken, im Gegentheile ſeine Achtung für die Lauterkeit Eures Charakters nur erhöhen.— Ihr wollt alſo wirklich nach Raudnic? — Noch heute Abend! Was ſoll ich in dieſem Prag? Ich laſſe, außer Euch, nur noch Ein Weſen zurück, das ich vermiſſen werde. — Ihr meint die Gräfin Magdalena? — Ich meine den Schutzgeiſt des Kaiſers! 85 Achtes Capitel. Neuer Kummer. Das Maaß der Leiden, die das Geſchick dem Herzen des Kaiſers zugedacht, war noch lange nicht voll. Er ſelber hatte die Ahnung, daß er an der Schwelle neuer Prüfungen ſtehe. Es ſchien, als wäre die Erſcheinung jenes Kometen, der ſeiner unab⸗ läßlichen Furcht ſo viel Beſorgniß eingeflößt, für ihn wirklich ein Vorbote trauriger Ereigniſſe geweſen. Letztere folgten jetzt Schlag auf Schlag. Nach dem Tode Georg Popels von Lobkowie erſtieg Rudolphs Melancholie eine Höhe, von der ſie weder die Sorgfalt ſeiner Arzte, noch der Geiſt der Gräfin Magdalena, die ihm tröſtend zur Seite ſtand, herabzulenken vermochte. Stunden⸗ und tagelang ſchloß er ſich allein in ſeine Gemächer ein, vergrub ſich dort wie in einer Feſtung, mied den Umgang mit ſeiner nächſten Umgebung und ließ oft ganze Wochen ſelbſt die treue Freundin, die an ſei⸗ nen Seelenleiden ſo innig warmen Antheil nahm, nicht vor ſich. Ganze Stunden brachte er knieend vor dem Bildniſſe ſeiner erlauchten Mutter in inbrün⸗ ſtigem Gebete und frommen Selbſtbetrachtungen zu. 86 — O hätte ich Dir gefolgt, Mutter! ſagte Rudolph, als er wieder betend vor Mariens Bilde lag. Gewiß ſtände es beſſer um mich! Hätte ich Deinem Rathe gehorcht, Iſabella von Spanien oder Maria von Medicis geheirathet und meinem Volke einen Thronerben geſchenkt, dann läge ich nicht ſo allein und verlaſſen, ſo muth⸗ und rathlos vor Dei⸗ nem Bilde, wie jetzt. Ein legitimer Erbe meiner Krone hätte den Ehrgeiz meiner Bruder und Vettern abgeſchreckt, gegen mich Ränke zu ſchmieden und mir das Vertrauen und die Liebe meiner Untertha⸗ nen zu entziehen, um— eine dunkle Ahnung ſagt es mir— eine Krone nach der Andern von meinem Haupte zu reißen und ſie auf die Stirn meines Bruders Matthias hinüberzuſpielen. Er iſt von Allen der Nächſte meines Herzens, wie der Nächſte meines Thrones; aber von Allen auch der Ehrgei⸗ zigſte und Gefährlichſte, der meinen Tod kaum erwar⸗ ten kann und, weil ich für ſeine Herrſchſucht ſchon zu lange lebe, noch bei meinem Leben zum Erben meiner Kronen einzuſetzen ſich erkühnt. Leider durch⸗ ſchaue ich ſeine Intriguen! Mein Bruder Matthias war's, der gegen meinen Willen nach den Nieder⸗ landen gezogen, dort alle Räthe, denen ich mein volles Vertrauen geſchenkt, abgeſetzt und an deren 87 Stelle ſeine Günſtlinge, Menſchen ohne Erfahrung, eingeſetzt und dieſe bei jeder Gelegenheit ermuntert, offen und heimlich als Feinde des Kaiſers aufzutre⸗ ten, ſelbſt meine beſten und lauterſten Abſichten durch Wort und Schrift in den Augen meiner Niederlän⸗ der zu verdächtigen und tückiſch mir mehr und mehr ihre Achtung und alte Anhänglichkeit zu ranben. Mein Bruder Matthias war's, der, von mir zurück⸗ gerufen vom Heerde des durch ihn angefachten Bran⸗ des, viel zu ſpät in Ungarn eingerückt, mir dort mehr geſchadet als genützt hat. Das Alles, Mutter, hat mein Bruder gethan! Und trotz all' des Böſen, das er mir zugefügt, ſcheinen ſelbſt Deine Manen mit mir zu zürnen, baß ich ſeinem unbezähmbaren Ehrgeize nicht Genüge thue und vorläufig vom Throne Ungarns herabſteige und St. Stephans heilige Krone auf ſein undankbares Haupt ſetze. Doch was würde es mir nützen, wenn ich, den Bitten der Mutter nachgebend, mich wirklich entſchlöße, der Krone Un⸗ garns zu ſeinen Gunſten zu entſagen? Würde ſein Ehrgeiz, unerſättlich wie der Hunger Eriſychthons, dadurch geſtillt und befriedigt ſein? Nein, nein, Du kennſt ihn nicht! Er will im ſträflichen Vereine mit meinen andern Vettern und Brüdern, die, weil ich frei von Kriegsgelüſt und Eroberungsſucht, ein Freund 88 des Friedens und der Künſte bin, mich lieblos für ſchwach erklärt haben, Schritt für Schritt aus dem Herzen meiner Völker drängen, mich ſtufen⸗ und län⸗ derweiſe von einem Throne nach dem Andern herab⸗ ſtürzen und nicht eher ruhen, bis Er drei Kronen auf ſeinem Haupt vereinigt hat, bis Er König von Ungarn, König von Böhmen und deutſcher Kaiſer und der ſchwache Rudolph ſein Unterthan geworben iſt! Rührende Bruderliebe, Dein Name iſt Matthias! Dann ſprang er auf und eilte zu dem Käfig ſeines Lieblingslöwen. Dieſe Ausbrüche ſeines kaiſerlichen Unmuths waren leider nur allzuſehr begründet und durch den Ehrgeiz ſeines Bruders vollkommen gerechtfertigt. Matthias ſchien nur zu feſt überzeugt, daß Rudolph ſich ſeit langen Jahren mit dem Plane trage, ihn von der Thronfolge ſeiner Reiche, wenu möglich gänzlich auszuſchließen und alle drei Kronen einem andern Prinzen auf's Haupt zu ſetzen. Dieſe Ueberzeugung fachte ſeinen Ehrgeiz zu immer neuen Flammen und zu neuen Ränken an, um den Plan ſeines Bruders zu vereiteln und ſich, gegen Rudolphs Willen, zu deſſen Erben in Ungarn und in Böhmen, wie zum Nachfolger im deutſchen Reiche einzuſetzen. 89 Durch den mächtigen Einfluß des ungariſchen Magnaten Illieshazy, dem Vermittler jenes unrühm⸗ lichen Friedens zwiſchen Rudolph, Botſchkay und Ach⸗ met, gewann Erzherzog Matthias und deſſen Anhang, dem ſich der, acht Jahre vorher, geſtürzte Oberſthof⸗ marſchall Paul Sirt Graf von Trautſon, der frühere Oberſtkämmerer Carl von Liechtenſtein und der ober⸗ öſterreiche Landſtand Seifried von Breuner ange⸗ ſchloſſen, von Tag zu Tag mehr Boden, Macht und Anſehen. Ein noch viel wichtigerer Anhänger war dem Erzherzoge Matthias in der, namentlich bei der Geiſt⸗ lichkeit, einflußreichen Perſon des außerordentlich ge⸗ wandten Melchior Khlesl erwachſen, der ſich von einem armen Bäckerburſchen zum Biſchof von Wien und zum Kanzler der dortigen Univerſität emporge⸗ ſchwungen hatte. Rudolph, der frühzeitig davon Kunde erhielt, ertheilte den Befehl, den Biſchof, welcher Prag heimlich verlaſſen hatte, um nach Wien zurückzukehren, unter⸗ weges einzufangen und ihn nach Böhmens Haupt⸗ ſtadt zurückzubringen. Der ſchlaue Biſchof aber, von ſeinen Freunden noch früh genug gewarnt, langte, während man ihm auf der Straße nach Wien nachſetzte, in der Verkleidung eines böhmiſchen Schacherjuden 90 auf entgegengeſetztem Wege an der baierſchen Grenze an und entkam von dort unangefochten nach Wie⸗ ner⸗Nenſtadt, deſſen Biſchofsſtuhl er gleichfalls beſaß. Von dort langte er wohlbehalten in Wien an und er⸗ theilte dem Erzherzoge den dringenden Rath, jetzt, wenn ihm die Krone Ungarns nicht entgehen ſolle, ernſtlich aufzutreten und ſich zum Könige ausrufen zu laſſen. Am 1. Februar 1608 ſchloß Matthias mit den ungariſchen Häuptern der geheimen Unterhandlung ein unzertrennliches Bündniß und übernahm kurz dar⸗ auf die Regierung des Königreichs Ungarn. Der Einzige, der ſeinem Eide getreu trotz aller Drohun⸗ gen, durch welche man ihn einzuſchüchtern verſuchte, nicht auf die Seite des Erzherzogs hinübertrat, war Franz von Forgacs, der durch Kaiſer Rudolph vom Biſchof von Neutra zum Erzbiſchof von Gran be⸗ fördert worden war. Kaiſer Rudolph, durch die Ausſagen eines Ueberläufers, Adolphs von Althan, von dem ganzen Plane der Verſchwörung genau unterrichtet, und von ſeinen Räthen aufgefordert, Kriegsvolk zu ſammeln und es unter dem Oberbefehle zweier ſeiner treue⸗ ſten Anhänger, Tilly und Sultz, nach Ungarn auf⸗ brechen und ſeinen Bruder Matthias als Rebellen . 91 gefangen nehmen zu laſſen, war zu ſchwach, um 6 zu entſchließen, dieſen Rath ungeſäumt zu be⸗ olgen. Sein langes Zögern und zaghaftes Zaudern aber ermuthigte den Erzherzog, durch Abgeſandte die Stände Mährens zu bewegen, ſich den Wünſchen Ungarns und Oeſterreichs anzuſchließen und mit die⸗ ſen gemeinſchaftlich den Kaiſer zur Abtretung Un⸗ garns zu bewegen. Und darauf zog Matthias an der Spitze eines Heeres von zehntauſend Mann in Mähren ein und ward am 23 April von den in Maſſe vertretenen Ständen in Znaim mit großem Gepränge unter dem feierlichen Geläute aller Glocken mit Ehrenpforten empfangen. Hier ſchwoll ſein Heer durch ungariſche Ver⸗ ſtärkung und mähriſchen Zuwachs auf das Doppelte an. Mit dieſen 20,000 Mann beſchloß er gegen Prag zu ziehen. Es zog ihm ein ſo großer Schrecken, eine ſo allgemeine Aufregung voran, daß Kaiſer Rudolph, zaghaft wie immer, ſtatt Gewalt durch Gewalt zu vertreiben, nichts Beſſeres zu thun wußte, als den Cardinal⸗Biſchof von Olmütz, Franz von Dietrichſtein, den päpſtlichen Botſchafter Matthias Renzi und den Geſandten der Krone Spaniens 92 ſeinem Bruder als Boten des Friedens und gütlicher Unterhandlungen entgegenzuſenden. Die kaiſerlichen Abgeordneten, am 26. April in Znaim angelangt, wurden erſt am folgenden Tage vorgelaſſen und mit einem Schwalle windgefüllter Redensarten abgefertigt, aus welchen nur ſoviel zu entnehmen war, daß Matthias vom Kaiſer nichts mehr und nichts weniger als die förmliche Abtretung der Krone Ungarn begehre. Am 30. April brach Matthias von Znaim auf, zog nach Trebit und rückte am 5. Mai in Iglau ein, wo ihn die Mähren mit nicht minder großen Ehren⸗ und Jubelbezengungen als früher zu Znaim empfingen, während Rudolph und ſeine Anhänger in Prag rüſteten und die Stände Truppen ſammel⸗ ten, welche ſich einſtweilen in ſtrenger Neutralität hielten. Der Erzherzog, Iglau verlaſſend, zog über Deutſchbrod nach Cäslau. Hier war es, wo er am 10. Mai einigen utraquiſtiſchen Ständemitglie⸗ dern, die ihm entgegengeeilt, um ihm ihre Huldi⸗ gung darzubringen, unumwunden erklärte, daß er, auf Andringen des Volkes und ganz gegen ſeine Neigung, den Beſchluß gefaßt habe, die Regierung des Königreichs Ungarn zu übernehmen und ſich— 93 auch dieß wiederum nur nach dem Willen der Na⸗ tion,— die Thronfolge im Königreiche Böhmen zu ſichern. Unbekümmert um die Gegeneinwürfe der kai⸗ ſerlichen Abgeordneten wie der Geſandten der Chur⸗ fürſten von Sachſen und Brandenburg, die ſich Jenen angeſchloſſen, beſchloß er in den nächſten Tagen bis Böhmiſchbrod und von dort bis nach Prag vorzurücken, um den Kaiſer zur Abtretung der ungariſchen Krone und zur Annahme der übri⸗ gen Bedingungen zu zwingen. Rudolph, der am 19. Mai die böhmiſchen Stände um ſich verſammelte, eröffnete deren Sitzung mit einer Rede, in welcher er ihnen erklärte, daß er, Anfangs geſonnen, Gewalt mit Gewalt zu ver⸗ treiben, ſeinen Entſchiuß, um einem unheilvollen Bruderkriege auszuweichen und um jeden Preis Blut⸗ vergießen zu vermeiden, nach reiflicher Ueberlegung geändert und beſchloſſen habe, in Berückſichtigung ſeiner abnehmenden Kräfte und ſeines vorgerückten Alters und in Anbetracht, daß ſein plötzlicher Tod die bis jetzt aufrecht erhaltene Ordnung in Böhmen wie in den ihm einverleibten Landen aus Mangel eines directen Erben der beiden Kronen Ungarn und Böhmen, untergraben und den geſetzlichen Zuſtand 94 ſeiner Reiche zerrütten könnte, die Stände zu bewe⸗ gen, dem längſt und ſehnlichſt gehegten Verlangen ſeines brüderlichen Herzens zu genügen und für den Fall, daß er ohne Leibeserben ſter⸗ ben ſfollte, die Thronfolge in Böhmen auf ſei⸗ nen älteſten, theuern und vielgeliebten Bruder Matthias zu übertragen. Die utraquiſtiſchen oder evangeliſchen Stände, die, gleich den Piccarden, Anfangs ſehr geneigt ſchienen, auf die Wünſche des Kaiſers einzugehen, erbaten ſich auf Anrathen der beiden Führer der ſtändiſchen Oppoſition, des Grafen von Thurn und Wenzels von Budowa, kurze Bedenkzeit. Drei Tage darauf(22. Mai) traten ſie in der ſogenannten grünen Lendſtube auf dem hrad⸗ ſchiner Schloſſe zuſammen, um die Puntte zu bera⸗ chen, welche, von Budowa aufgeſetzt, dem Kaiſer zur Annahme und Beſtätigung vorgelegt werden ſollten. Aus dieſer Unmaſſe von Artikeln wollen wir hier nur die zehn wichtigſten herausheben: 1. Daß allen Böhmen der Genuß des Abend⸗ mahls unter beiderlei Geſtalten Gub utraque) wie bisher in alle Zukunft zugeſtanden werde. 2. Daß das Recht, die geiſtlichen Pfründen — 95 zu vergeben, den Anhängern sub una et utraque, wie es früher unter Kaiſer Maxmilian II. der Fall geweſen war, gemeinſchaftlich einzuräumen ſei. 3. Daß das Conſiſtorium sub utraque, ſo wie die Univerſität in ihren, ihnen heilig verbrief⸗ ten Rechten durch Einſetzung von zwölf Aufſehern, Defensores genannt, geſchützt werden ſollen. 4. Daß fernerhin keine der beiden Confeſſivnen die andere ungeſtraft beſchimpfen oder zu Haß und Verfol⸗ gung aufreizen dürfe; daß jeder dieſer Confeſſionen das Recht zuſtehe, auf ihrem Grund' und Boden Kirchen erbauen und die Verſtorbenen nach dem Ritus ihrer Vorfahren beerdigen zu laſſen. 5. Daß von nun an die Land⸗ und Kammer⸗ gerichte zu gleicher Hälfte aus Mitgliedern der Confeſſion sub una und der sub utraque zuſammen⸗ geſetzt ſein ſollen. 6. Daß alle geiſtlichen hohen Würden und Prälaten, wie alle weltlichen Ehrenſtellen ausſchließ⸗ lich nur durch Böhmen beſetzt werden dürfen. 7. Daß es den Jeſuiten fernerhin nicht mehr geſtattet ſei, innerhalb der Grenzen des Königreichs Böhmen Güter, Häuſer oder Grund und Boden anzukaufen. 8. Daß olle den Rechten des Königreichs oder 96 den Freiheiten der Stände zuwiderlaufende Befehle, gleichviel von welcher Seite ſie ausgehen ſollten, von Letztern nicht reſpectirt zu werden brauchen. 9. Daß die Klagen der Witwen und Waiſen nicht, wie bisher, auf die lange Bank geſchoben, ſondern von den darüber geſetzten Richtern möglichſt raſch geſchlichtet werden ſollen. 10. Daß der Begriff, was Hochverrath und was Majeſtäts⸗Verbrechen ſei, geſetzlich näher be⸗ ſtimmt und daß Niemand aus einem dieſer beiden Gründe all' ſeiner Güter und Habſchaften, ſeines Leibes und Lebens beraubt werden ſoll. Man ſieht, daß dieſe zehn Artikel eine Art Magna Charta waren, wie ſie die Engländer ihrem Könige, Johann ohne Land, in einem Augenblicke ähnlicher Gefahr, abgenöthigt hatten. Als Wenzel von Budowa am 24. Mai bieſe Habeas-Corpus Acte der Verſammlung vorlas und zur Abſtimmung übergab, wurden ſämmtliche Artikel faſt einſtimmig angenommen. Gegen zweihundert, theils lutheriſch, theils piecardiſch geſinnte Barone, faſt dreihundert Ritter und die Abgeordneten der königlichen Städte, mit Ausnahme von Pilſen, Budweis und Kadan, unterzeichneten den Act und gelobten ſich gegenſeitig. an jedem dieſer Artikel 97 unverbrüchlich feſtzuhalten und Jeden, der es wagen ſollte, das Recht derſelben zu beſtreiten oder der Ausüͤbung dieſes Rechtes feindlich in den Weg zu treten, nach altböhmiſcher Sitte aus dem Fenſter der Landſtube, in der man ſie einhellig angenommen und feierlich beſchworen hatte, hinauszuwerfen und in den Schloßgraben hinabzuſtürzen. Einige unter den ſtürmiſch aufgeregten Mitgliedern machten Miene ſchon an dieſem Tage den Reigen dieſer kurzen Proeedur mit der Perſon des mißliebigen Freiherrn Jaroslaw Bokita von Martinic zu eröffnen, wenn die Beſonnenheit Wenzels von Budowa ſie an dieſer Ausübung perſönlicher Rache nicht verhindert hätte.*) Andere gingen noch weiter und ließen ſich zu dem offenbar aufrühreriſchen Gelübde hinreißen, den Kaiſer, falls er dieſe Artikel nicht beſtätige, des Thrones verluſtig und den Erzherzog Matthias zu Rudolphs Nachfolger in Böhmen zu erklären. — Dieſer Act mit allen Unterſchriften ward zur Aufbewahrung einſtimmig dem Verfaſſer derſel⸗ ben, Wenzel Budowec von Budowa anvertraut. ) Zehn Jahre ſpäter(am 24. Mai 1618) ereilte ihn und ſeinen Collegen Slawata dieſes Schickſal wirklich. 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 7 98 An demſelben Tage, an welchem jener Act un⸗ terzeichnet ward, trafen die Abgeordneten des Erz⸗ herzogs Matthias, an deren Spitze der Biſchof von Veszprim und Freiherr Carl von Zerotin ſich befanden, in Prag ein und erſchienen am folgenden Morgen im Schooße der Ständeverſammlung. Der Biſchof begrüßte ſie mit einer Rede, in wel⸗ cher er mit geiſtlicher Beredtſamkeit unb hinreißendem Feuer den Ständen die Gründe auseinander ſetzte, die den Bruder des Kaiſers— ganz gegen ſeinen Willen— zur Uebernahme der Regierungszügel von Ungarn und zur Unternehmung dieſes Feldzuges gegen Prag unaufhaltſam mit ſich fortgedrängt hätten. Auf eine Unſumme von Entſchädigungen aller Art, welche Erzherzog Matthias ſowohl vom Kaiſer, als von den Ständen des Königreichs Böhmen, zurück⸗ zufordern berechtigt ſei, wolle Seine kaiſerliche Ho⸗ heit in Anbetracht der immer drückender hereinbre⸗ chenden Geldnoth, großmüthig bis auf Weiteres Verzicht leiſten, wenn es ihm, dem Geſandten ſeines ſieggekrönten Herrn, gelänge, die Stände zu der Ueberzengung zu bringen, daß der Erzherzog nicht als Unterdrücker ihrer Freiheiten, ſondern als Hort und Aufrechthalter derſelben heranrücke und, um Chri⸗ ſtenblut zu ſchonen, nichts weiter wünſche, als daß 99. die treubewährten Stände Böhmens Seine römiſch⸗ kaiſerliche Majeſtät, in Anbetracht der ſchweren Sor⸗ gen, die Allerhöchſtdieſelben vermöge des vorgerückten Alters ſo tief zu Boden drücken, zu bewegen ſuchen, daß Seine Majeſtät einen kleinen Theil dieſer überſchwe⸗ ren Bürde von Regierungsſorgen auf die ſtärkere Schul⸗ ter des jüngern Bruders herabwälze oder, falls Seine Majeſtät vielleicht ganz und gar müde des Regierens ſei und ſich in ihren alten Tagen nach Ruhe und Erholung ſehne, ſich gnadenreich entſchließen möchte, zu Gunſten ſeines unterthänigſ„gehorſamſten Bruders der Krone Ungarns, Oeſterreichs und Mährens zu entſagen und ſich nach Tirol zurückzuziehen, um dort in jenem Antheile, der dem Erzherzoge Matthias gehöre und ben dieſer ihm mit brüderlicher Liebe auf's Bereitwilligſte einzuräumen entſchloſſen ſei, den Abend ſeines vielbewegten Lebens in ungeſtörtem Frieden und ſorgenfreier Ruhe, die ihm Keiner mehr als ſein Bruder gönne, zu verleben geruhe. In dem Falle, daß Seine Majeſtät geneigt ſein möchte, ſich von den Staatsgeſchäften gänzlich in's Privatleben zurückzuziehen und auch Böhmens Leitung ihrem er⸗ lauchten Bruder zu überlaſſen, ſo würde Letzterer mit tauſend Freuden bereit ſein, Böhmens uralte und vom Kaiſer Marmilian II. nen verbriefte Freiheiten 7* 100 und Privilegien nicht nur neuerdings zu beſtätigen, ſondern den alten noch neue hinzufügen und vor Allem unumſchränkte Glaubensfreiheit, Gleichheit vor dem Geſetze und Befreiung von mancher drückenden Abgabe, die ausſchließlich nur den Adel treffe, ge⸗ währleiſten. Kurz, die Ueberredungsgabe des klugen Ober⸗ hirten von Veszprim verſtand das Ohr der böhmi⸗ ſchen Stände mit ſo klingenden Verheißungen zu kitzeln, daß Jene, ganz berauſcht vom überſchäumenden Meth ſeiner Rede, den letzten Reſt ihrer Beſinnung zuſammenrafften und— um dieſe Angelegenheit in nüchterne und reifliche Ueberlegung zu ziehen,— ſich eine achttägige Bedenkzeit erbaten. Am 28. Mai erſchien Wenzel von Budowa an der Spitze der utraquiſtiſchen Ständepartei in der Landſtuhe, um dort die feierliche Erklärung nieder⸗ zulegen, daß er und ſein ganzer Anhang ſich erſt dann, wenn die dem Kaiſer vorzulegenden Artikel hinſichtlich der Glaubensfreiheit u ſ. w. deſſen Ge⸗ nehmigung und Beſtätigung erhalten, entſchließen könne, an der Berathſchlagung der Stände hinſicht⸗ lich der vom Kaiſer wie vom Erzherzoge Matthias geſtellten Anträge Theil zu nehmen; entgegengeſetzten Falles aber weder Dieſen noch Jenen ihre Geneh⸗ 101 migung ertheilen würde. Die utraquiſtiſche Partei be⸗ auftragte den Grafen Joachim Andreas von Schlick, jene Artikel, begleitet von dieſer ihrer unabänderlichen Willenserklärung, in ihrem Namen dem Kaiſer vor⸗ zulegen. Rudolph ſah ſich von allen Seiten jetzt derge⸗ ſtalt in die Enge getrieben, daß er einen Augenblick entſchloſſen war, nach Sachſen oder Baiern zu ent⸗ fliehen und ſich und ſeine Reiche unter den Schutz der Churfürſten zu ſtellen. Und vielleicht wäre dieß auch wirklich geſchehen, hätte Graf Schlick den be⸗ ſtürzten Kaiſer nicht davon zurückgehalten und ihn fußfällig gebeten, jenen Artikeln die kaiſerliche Sanc⸗ tion zu ertheilen, um auch die Stimmen der Utra⸗ quiſten für ſich zu gewinnen. Endlich entſchloß ſich der Kaiſer nachzugeben. Hierauf traten die Utraquiſten der katholiſchen Ständepartei bei und faßten mit jener den gemein⸗ ſchaftlichen Beſchluß: In Anbetracht, daß Seine römiſch⸗kaiſerliche Ma⸗ jeſtät ſelbſt die treuen Stände ſeines Reiches erſucht habe, dem Erzherzoge Matthias die Krone Ungarns wie die Thronfolge in Böhmen allerhuldreichſt ein⸗ zuräumen, wollten die Stände, obgleich es ihnen unerhört erſchiene, daß der jüngere Bruder noch bei 102 Lebzeiten des Aeltern dieſem mit Waffen⸗Gewalt einen Theil der Erbſchaft wie das Recht der Nach⸗ folge abzutrotzen ſich erlaube, und obgleich es den Ständen Böhmens nicht an Mitteln fehle, dieſen Act unbrüderlicher Gewaltthätigkeit in die Schranken der Geſetzlichkeit zurückzuweiſen, ſich dennoch— um dem Kaiſer gegenüber ihre Willfährigkeit zu beweiſen, auf jede ſeiner Bitten eingehen— geneigt finden laſſen, dem Erzherzoge das Recht der Thronfolge in Böh⸗ men zugeſtehen zu wollen, jedoch nur unter der Be⸗ dingung, daß Matthias ſich durch ſchriftlich ausge⸗ ſtelltes Verſprechen verpflichte, Alles, was er den Ständen durch den Mund ſeines Abgeſandten ver⸗ heißen habe, auch wirklich zu erfüllen und ſich ver⸗ bindlich zu machen, daß er, ſo lange Kaiſer Rudolph lebe, ihm weder durch Liſt noch durch Gewalt den Beſitz der Krone Böhmens ſtreitig machen wolle, widrigenfalls er auf die Thronfolge in Böhmen allen Anſpruch verliere und freiwillig darauf Verzicht leiſte. Während dieſer fünftägigen Unterhandlungen war das aus ſechs Kreiſen zu den Waffen gerufene Kriegsvolk, beſtehend aus achtzehntauſend Mann zu Fuße und fünfzehntauſend zu Pferde unter dem Ober⸗ befehle des dem Ungarbündniſſe abtrünnig geworde⸗ nen Grafen Adolph von Althan, des belgiſchen 103 Freiherrn Jean T' Serelaes von Tilly und des deut⸗ ſchen Grafen Johann Ludwig von Sultz dem feind⸗ lichen Heere entgegengerückt, entſchloſſen, Gewalt durch Gewalt zu vertreiben und den Uebermuth des feindlichen Bruders in ſeine Grenzen zurückzuſchlagen. Rudolphs Muthloſigkeit aber ließ, nachdem er den Beſchluß der Stände vernommen, ſich verleiten, ſeinem erbitterten kampf⸗ und ſiegbereiten Heere die gemeſſenſten Befehle zugehen zu laſſen, ſich ohne Schwertſchlag zuruͤckzuziehen; ſeinen Bruder aber ließ er dringend einladen, Bevollmächtigte nach Dubec*) abzuſchicken, um dort mit den kaiſerlichen Abgeſand⸗ ten die näheren Beſtimmungen über die Abtretung Ungarns, gleich wie über die ihm von Kaiſer und Ständen zuzuſichernde Thronfolge in Böhmen freund⸗ ſchaftlich feſtzuſtellen. Das kampfluſtige Heer, aufgefordert, ſich zurück⸗ zuziehen, murrte zwar, fügte ſich aber dennoch dem Befehle, deſſen Erfüllung ſeiner Tapferkeit ſchwer fiel. Matthias, jener Einladung Folge leiſtend, ſandte Carl von Zerotin, Carl von Liechtenſtein, Wilhelm von Raupow, Georg von Hodic, Johann Cejka *) Dubec liegt zwiſchen Böhmiſchbrod und Prag. 104 von Olbramowie und einige Andere, Ungarn, Oeſter⸗ reicher und Mährer; Rudolph ſchickte den Cardinal⸗ Biſchof von Olmütz Franz von Dietrichſtein, den Prager Oberſtburggrafen Adam von Sternberg, den Oberſtlandkämmerer Chriſtoph von Lobkowic, den Oberſtlandrichter Adam von Waldſtein, den Obriſt⸗ landſchreiber Johann von Klenau, den Appellations⸗ gerichtspräſidenten Ferdinand Burggrafen von Dohna, den Hofmarſchall Jaroslaw Bokita von Martinie, den Joachim Andreas Grafen Schlick von Paſſaun, das Haupt der utraquiſtiſchen Ständepartei Ritter Wenzel Budowec von Budowa und den Carlſteiner Burggrafen Chriſtoph Wratislaw von Mitrowie nach Dubec mit der Vollmacht ab, um jeden Preis eine gütliche Beilegung herbeizuführen. Die Unterhandlungen währten drei volle Wochen. Erzherzog Matthias, der die Geduld verlor, brach ungeſtüm mitten in der Nacht von Cäslau auf und drang mit ſeinem ſiegestrunkenen und beutehun⸗ gerigen Heere unaufgehalten über Kolodej bis Ster⸗ bohol vor. Letzteres liegt nahe bei Prag. Der paniſche Schrecken, die allgemeine Entrü⸗ ſtung, die ſich der ganzen Bevölkerung der Haupt⸗ ſtadt bemeiſterten, erpreßten ihr unwillkührlich den Ruf nach Waffen, um die drohende Gefahr, die ſich 105 bis vor die Thore Prags gewagt, abzuwenden und den heranruͤckenden Feind, es koſte was es wolle, zurückzuſchlagen. Fluthenweiſe ſtrömten aus allen Thoren der Anfangs beſtürzten, nun aber gefaßten und entſchloſ⸗ ſenen Hauptſtadt Soldaten zu Fuße und zu Pferde und bewaffnete Bürger hinaus, um im Vereine mit den in Harniſch gerathenen Bauern, die ſich mit Sen⸗ ſen und Dreſchflegeln, mit Knitteln und Piken, mit Aexten und Beilen verſehen, den ſogenannten Zizka⸗ und Galgenberg zu beſetzen und dem heranſtürmenden Feinde den Einzug in Prag zu wehren. Unter den bunten Gruppen dieſes improviſirten Landſturms der gutgeſinnten Bürger Prags ragte wie damals bei nahe an 27 Grad Kälte auf dem Hinri tungsplatze, jetzt bei 25 Grad Hitze in derſel⸗ ben Filzkappe und in derſelben Suba wie damals, nur mit rieſengroßen, faſt bis zum Elnbogen reichenden, mörderiſch⸗ſteifen Ritterhandſchuhen, die thurmhohe, durchſichtig⸗magere Geſtalt des Hand⸗ ſchuhmachers Jaromir, dicht neben dieſer die des kurzſtämmigen vierſchrötigen Schuſters Wenzel von der Kleinſeite wie ein ſchlankes Minaret gegen ein verkrüppeltes Räucherkerzchen hervor. Letzterer hatte ſich in Ermangelung beſſerer Inſtrumente, mit zwei * 2 106 Knieriemen ſeiner Frau Jutta, die natürlich mit hinaus⸗ gezogen war, Erſterer mit einem rieſigen Schwerte, ähnlich jenem des Königs Georg das drohend in der grünen Landſtube hing, bewaffnet und ſich und ſeinem Nachbar Schuſter gelobt, mit eigener Hand mindeſtens hunderttauſend jener dreiſten Spitz⸗ buben in die Pfanne zu ſchlagen. — Die Jungens ſollen mich kennen lernen, ſagte er achſelzuckend zu Wenzel. Ich bin ein lammfrom⸗ mes Gemüth, das keiner Katze— nicht einmal ſei⸗ ner Frau— etwas zu Leide thut; aber einmal gereizt, ſchone ich ſelbſt die Wiege im Kinde nicht und ſchlage Millionen dieſer Zwerge wie Fliegen mit die⸗ ſem Federmeſſer(hierbei ſchwang er ſein enormes Rieſenſchwert) mauſetodt! Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier— ganz abgeſehen von der ſchreckenverbreitenden Bravour des handſchuhmachenden Goliath— ein blutiger Zuſam⸗ menſtoß unvermeidlich geweſen, hätte Kaiſer Rudolph aus angeborener Scheu, Blut zu vergießen, nicht noch frühzeitig den Entſchluß gefaßt, die Friedens⸗ verhandlungen, die ſich mit diplomatiſcher Langwei⸗ ligkeit in unabſehbare Länge zogen, mit Einem Schlage dadurch abzukürzen, daß er ſich bereit erklärte, ſämmt⸗ liche Bedingungen ſeines Bruders anzunehmen. Und damit war Matthias zufriedengeſtellt. Der Kaiſer trat ihm und ſeinen Erben nicht bloß die Regierung Ungarns, ſondern auch jene des Erzherzogthums Oeſterreich und des Markgrafen⸗ thums Mähren ab, und ſprach die Stände dieſer drei Länder von ihrer dem Kaiſer geleiſteten Eidespflicht frei. Rudolph verpflichtete ſich, ſeinem vielgeliebten Bruder die ungariſche Krone und Reichskleinodien, ſo wie alle Documente, die darauf Bezug haben, ungeſäumt auszuliefern. Ferner wurde ihm das Recht der Nachfolge auf den Thron Böhmens zu⸗ geſichert; Letzteres jedoch nur unter der Bedingung, daß Rudolph keinen legitimen männli⸗ chen Erben hinterlaſſe. Außerdem wurde ihm das Recht eingeräumt, ſich neben dem Titel„König von Ungarn, regierender Erzherzog von Oeſterreich und Markgraf von Mähren⸗ gleichzeitig auch den eines erwählten Königs von Böhmen beile⸗ gen zu dürfen. Deſſenungeachtet ſolle es aber auch dem Kaiſer freiſtehen, alle dieſe Titel wie bisher ungeſtört fortführen zu dürfen. Noch ward in Bezug auf Mähren hinzugefügt, daß der Biſchof von Dimütz, der bis dahin den König von Böhmen als ſeinen Oberherrn anerkannt, zukünftig den Mark⸗ 108 grafen von Mähren als Schutz⸗ und Schirmherrn anzuerkennen verpflichtet ſei. Sämmtliche Punete dieſes für Rudolphs Macht⸗ ſtellung und Anſehen ſo kränkenden Friedens erhielten am 28. Juni die beiderſeitige Beſtätigung durch eigen⸗ händig vollzogene Unterſchrift der hohen Contrahenten. Noch an demſelben Tage wurde Krone und Stcepter wie der mit goldenem Krenze geſchmückte Reichsapfel des Königreichs Ungarn, dann auch der Mantel und das Schwert des heiligen Stephan ſeinem Nachfolger Matthias ausgeliefert, der ſie ſei⸗ nerſeits mit großer Feierlichkeit im Lager zu Ster⸗ bohol entgegenzunehmen geruhte. Der König von Ungarn theilte ſein Heer in drei Abtheilungen, von welchen die Ungarn unter ihrem Heerführer Thurzo ihren Rückzug über Lei⸗ tomiſchl, die Mährer unter Georg von Hodic über Cäslau und der Erzherzog ſelbſt mit ſeinen Oeſter⸗ reichern über Täbor und Neuhaus antraten. Und ſo endete dieſer durch Nichts gerecht⸗ fertigte Kriegszug des Königs von Ungarn gegen den König von Böhmen, des Erzherzogs gegen den Kaiſer, des Bruders gegen den Bruder. 109 Reuntes Capitel. Drei verſchiedene und doch gleiche Meinungen. Am nächſten jenem Friedensſchluße nach⸗ folgenden Morgen empfing der Kaiſer zuerſt jenen ſeiner Leibärzte, zu welchem er nach dem Ableben Thaddäus von Häjeks das meiſte Vertrauen beſaß. — Ich fühle mich unwohl, ſagte er, dem Dr. Gottfried Steegius ſeine Rechte zur Unterſuchung des Pulſes hinhaltend. — Der kaiſerliche Puls iſt allerdings aufge⸗ regt; doch braucht Ew. Majeſtät darum durchaus nicht beſorgt zu ſein. — Soll ich wieder zu Bette gehen? — Geruhet immerhin auf zu bleiben, ohne Euch iedoch— wenigſtens für heute— anſtrengender Arbeit oder aufregenden Geſchäften zu unterziehen. — Sagt mir aufrichtig, habe ich Fieber? — Nicht mehr, als ich ſelber! — Vielleicht habt auch Ihr Fieber? — Kein Menſch iſt gänzlich fieberfrei. Fieber iſt weniger Krankheit, als Anlauf der uns innewohnen⸗ den Lebenskraft, die Urſache der Krankheit aufzuheben, 110 den Reiz derſelben zu beſeitigen. Ein klein wenig Fieber ſchadet alſo durchaus nicht. — Dann, Meiſter Gottfried, bin ich wieder beruhigt. Wie befindet ſich Gräfin Magdalena? — Auch ſie war geſtern, wie ganz Prag, in etwas fieberhafter Stimmung. — Und heute? fragte der Kaiſer beſorgt. — Iſt ſie wieder wohl und ruhig! — Gewiß ſeid auch Ihr beſtürzt über die Er⸗ eigniſſe der letzten Tage... — Ich fühle das, was Jeder fühlt, der Euch mit Leib und Seele zugethan iſt: Erbitterung über das unverantwortliche Benehmen Eures erlauchten Bruders und— verzeiht die Offenherzigkeit Eures treuen Dieners!— ein klein wenig Unmuth über die allzugroße Nachgiebigkeit Ew. Majeſtät. — Scheltet mich, Ihr habt Recht und Erlaub⸗ niß dazu von Eurem Kranken, der ſo gern auf Euere weiſe Rathſchläge hört. Aber glaubt nicht, daß ich aus Feigheit ſo und nicht anders gehandelt. Ich wollte nur kein Blut vergießen. — Ein kleiner Aderlaß iſt oft ſehr heilſam. — An dem fremden Feinde; er aber iſt ja mein Bruder! 11¹ — Gnädigſter Herr, ſeid Ihr nicht auch der Seinige? — Wohl habt Ihr auch darin Recht. Doch was kann ich dafür, daß mein Herz zarter und em⸗ pfänglicher beſaitet iſt, als das Seinige! Er an meiner Stelle hätte ſeinem muthigen Heere ſtrengen Befehl zum Drreinſchlagen gegeben; ich gab dem Meinigen Befehl zum Rückzuge. Jetzt, nachdem es zu ſpät iſt, bereue ich es! — Beſſer als ſpäte Reue iſt frühzeitige Ueber⸗ legung, rechtzeitiger Entſchluß. Reue iſt immer nur ein Palliatio, Handeln aber ein Specificum. Dieß, mein kaiſerlicher Herr, ein ehrlich gemeintes Recept für zukünftige Krankheitsfälle ſolcher oder ähnlicher Art. — Ihr meint es gut mit mir. — Und warum ſollte ich es nicht? Seid Ihr nicht ein lieber, gütiger, milder und gerechter Fürſt, der immer nur das Beſte ſeiner Unterthanen will? — Wohl will ich es, Meiſter Gottfried; doch fehlt mir häufig der Muth und die Entſchloſſenheit, das, was ich will, auch wirklich auszuführen. — Euere Güte verleitet Euch zur Schwäche. Schwäche aber iſt ſchlimmer als Krankheit. Dieſe iſt Urſache, jene Folge derſelben. Beſeitigt die Urſache, 112 dann geht Ihr den übeln Folgen aus dem Wege. Nur die Stärke verleiht uns Macht. — Ich will Euern guten Rath befolgen und mich durch Schwäche nicht mehr zur Zaghaftigkeit hinreißen laſſen, gelobte ſich Rudolph. — Das wünſchen Alle aus treuer Bruſt, er⸗ klärte der kluge Arzt und verließ den Monarchen, deſſen ſtärkſte Seite eben nur Schwäche war. Später ward auch Don Cäſar vorgelaſſen. Der Kaiſer, der ihn ſeit einigen Wochen nicht geſehen, war erſtaunt über das auffallende Wachsthum des Knaben, der in den letzten Monaten um einen Kopf größer zu ſein ſchien. — Weißt Du, daß ich recht böſe auf Dich bin? ſagte der große Naſeweis. — Und warum? fragte Rudolph — Erſtens, weil Du vorgeſtern mich abgewieſen, und zweitens, weil Du geſtern nicht wie ein Kaiſer gehandelt haſt. Ich, an Deiner Stelle, würde mir von meinem Bruder weder den hübſchen Königs⸗ mantel, noch die ſchmucke Krone haben wegnehmen laſſen. Ich, an Kaiſer Rudolphs Stelle, würde muthig und tapfer mein Schwert gezogen und den Mann, unbekümmert, ob er mein liebet Bruder oder guter Onkel iſt, ohne Umſtände hinausgejagt haben, 113 denn Jeder, der ſich gegen ſeinen von Gott einge⸗ ſetzten Kaiſer und Herrn aufzulehnen und ihm irgend etwas, was dieſer ihm nicht freiwillig gewähren mag, gewaltſam abzutrotzen wagt, iſt— gleichviel, ob er der erſte Fürſt oder der letzte Unterthan ſein mag— ein Rebell, ſagt mein Hofmeiſter. Rebellen aber müſſen gezüchtigt werden. So denkt Don Cäſar. — Du denkſt ſehr naſeweis, junger Burſche. — Ei was Burſche! Ich bin ein großer Herr! — Wer ſagt Dir das? fragte Rudolph. — Meine Gouvernante ſagt es, die mir täglich die Backen ſtreichelt, was ich mir gern gefallen ließe wenn ſie zum Beiſpiel noch ſo jung und hübſch, wie die Gräfin Magdalena wäre. — Schweige, kecker, vorlauter Junge! — Warum ſoll ich nicht die Wahrheit ſagen? Haſt Du mir nicht oft genug geſagt, daß ich nicht lügen ſoll, und doch, willſt Du nie die Wahrheit hören. Geſtern fragte ich die Gouvernante, wer meine Mutter geweſen ſei. Sie verbat mir aus⸗ drücklich, weder ſie noch irgend einen Andern darum zu befragen. Aber gerade, weil ſie es mir ſo ſtreng unterſagt hat, fragte ich darum und erfuhr, daß meine Mutter eine arge Sünderin geweſen ſei, welche 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 8 . 114 Clelia Gräfin Buoncompagni oder, Gott weiß wie, geheißen haben ſoll. — Wer hat dieß zu behaupten gewagt? fragte der Kaiſer aufgebracht. — Mein franzöſiſcher Fechtmeiſter, der ſie, als ſie noch in Dresden gelebt, gekannt haben will. — Noch heute werde ich ihn fortjagen. — Thue das, Papa; denn auch ich kann das Großmaul, den Windbeutel, den Prahlhanns nicht leiden. Jage mir meinetwegen auch die Gouver⸗ nante fort; denn auch ſie taugt nicht viel. Sie läßt mir all' meinen Willen, verhätſchelt mich und macht am Ende noch einen Taugenichts aus mir. — Ich glaube, Du biſt es ſchon! — Mag ſein. Aber gieb mir eine andere Gouvernante und ich verſpreche Dir, mich noch bei Zeiten zu beſſern — Du ſollſt bald eine Andere erhalten. — Aber keine ſo alte und häßliche, wie dieſe italieniſche Nachteule. Gieb mir ein junges, hübſches Käuzchen; gieb mir Deine Gräfin zur Gonvernante! — Eitler Burſche, was fällt Dir ein! — Und warum denn nicht? Etwa darum, weil ſie Gräfin iſt? Iſt doch auch meine Italienerin, die weder Zähne noch Waden hat, wie ſie mir immer 115 ſagt, von ur⸗ur⸗altgräflicher Abkunft. Viel lieber als von ihrer dürren Knochenhand ließ ich mich von den ſchneeweißen Sammetpfötchen Deiner Freundin ſtreicheln und liebkoſen, nicht etwa, weil ſie Gräfin (denn darum bekümmere ich mich nicht!), ſondern darum, weil ſie viel jünger und hübſcher als meine mailänder Biſamkatze iſt. — Ich werde Dich in Arreſt ſchicken! — Und warum, mein geſtrenger Herr? Etwa darum, weil Don Cäſar Dir in Allem die Wahrheit ſagt? Schäme Dich, ſei kein Thrann! Beſſere Dich und werde mir wieder ſo lieb, gut und zärtlich, als Du es früher mir geweſen warſt. — Man kann dem Schlingel nicht zürnen! — Der Schlingel bedankt ſich bei Dir. Um aber auf Deinen guten Bruder zurückzukommen, ich ſage Dir, daß ich mich ſchmählich über ihn und Dich geärgert habe. — Und warum wohl, mein Herr Naſeweis?2 — Weil Du ihm und nicht Don Cäſar den prächtig geſtickten Königsmantel und das herrliche Schwert des heiligen Stephan von Ungarn ge⸗ ſchenkt haſt! — Du biſt nicht für den Thron geboren! — Ei wofür denn ſonſt? 8* 116 — Für den Krieg, für den Sieg! Ich wünſche, daß Du ein tapferer Feldherr Deines Kaiſers wirſt! — Aber warum denn nicht Kaiſer ſelbſt? — Die Kaiſer, mein Kind, werden geboren! — Ei bin ich nicht auch geboren? — Allerdings! Aber leider etwas viel zu früh! — Und iſt dieß wohl meine Schuld? — Nein, mein Sohn! Und dennoch iſt es zu ſpät! — Erſt zu früh und dann wieder zu ſpät! Höre, Papa, daraus vermag nur der Teufel, ſeine Großmutter oder meine Gouvernante klug zu werden. Letztere will ich noch heute ausfragen. — Dein Vater verbietet es Dir! — Dann geſchieht es erſt ganz gewiß! entgegnete der Taugenichts ſo leiſe, daß der Kaiſer es nicht hören konnte. Jetzt ward die Gräfin Maria Magdalena an⸗ gemeldet. — Geh nun, mein Kind, gebot Rudolph. — Ich gehe, aber ſage mir nur, woher es kommt, daß Du, ſo oft Jene bei Dir angemeldet wird, mich fortſchickſt? Habt Ihr denn Geheimniſſe mit einander? — Wir ſprechen von Dingen, die Du noch nicht verſtehſt.. 117 — Das iſt Schade, gern bliebe ich noch länger hier, denn Deine Gräfin gefällt mir! — Schweige, junger Taugenichts, und ent⸗ ferne Dich! — Addio, caro mio! ſagte Don Cäſar und warf dem Kaiſer einen Kußfinger zu. In dem Augenblicke, als er nach der Thüre lief, trat die Gräfin ein. Der kecke Patron ergriff mit lächelnder Miene ihren ſchönen blendend weißen Arm und ſagte mit tragikomiſchem Seufzer und ſo leiſe, daß nur ſie es zu hören vermochte: — Ach Warum ſeid nicht Ihr meine Gouvernante! Die Gräfin warf ihm einen Blick kalter Ver⸗ achtung zu. — Seht doch, wie ſtolz ſie iſt! ſagte der Schlin⸗ gel im Hinausgehen. O wir wiſſen recht gut, war⸗ um! meinte Don Cäſar und lachte ſchadenfroh wie ein Kobold. Der Kaiſer empfing ſeine Freundin, ſtatt des Grußes, mit der Frage: — Was ſagt Ihr zu meinem Bruder? — Gnädigſter Herr, es giebt im ganzen Böh⸗ merlande nicht Einen, der genug verblendet wäre, deſſen unbrüderliches Verfahren zu entſchuldigen oder gar zu billigen. Wohl ſind Kaiſer Rudolph und 118 Erzherzog Matthias die Söhne Einer Mutter, Eines Vaters, darum aber doch nicht Brüder im edelſten Sinne des Wortes. So denke ich, Majeſtät, und ſo denkt jeder gutgeſinnte Böhme! — Ich beneide Euch um Euern Geiſt, ſagte der Kaiſer, deſſen bis dahin finſtere Züge ſich ſicht⸗ bar aufzuklären begannen — Ich aber, Majeſtät, bewundere Euer edles Herz, das ſo ſchwach im Zürnen und ſo groß im Verzeihen iſt. — Ihr beurtheilt mich falſch, liebe Magdalena. Wäre es ein fremder Mann, der mir alle dieſe un⸗ verdiente Kränkungen zugefügt, ich würde ihm ver⸗ zeihen und mir ſagen: Er that nur das, wozu ihn ſein unerſättlicher Ehrgeiz angetrieben hat. Er aber iſt mein leiblicher Bruder! Ihm werde ich niemals vergeben! — Majeſtät, Ihr werdet auch dieß verſchmerzen und vergeſſen, wie ſo manches andere Unrecht, das Euch nicht minder hart geſchmerzt, nicht minder tief gekränkt hat. — Ich preiſe das Geſchick, daß Jacob Typot, der einſt von mir beauftragt war, die Geſchichte meiner Regierung zu ſchreiben, nicht Augenzeuge je⸗ nes geſtrigen Tages geweſen iſt. Er hätte ihn aus 119 dem Buche meines Lebens ausſtreichen und an die Stelle des 28. Juni 1608 nichts als ein rieſengro⸗ ßes Vacat' einſchalten müſſen. — Welcher Fürſt hat wohl nie gefehlt? Selbſt der Stärkſte hat eine ſchwache Stunde, und ſelbſt der Mächtigſte ſinkt, durch Umſtände geſtürzt, nicht ſelten auf die Stuſe der Ohnmacht herab. Bald aber rafft er ſich wieder empor und zeigt, ſeine Mähnen ſchüttelnd, dem erſchreckten Feinde, daß er immer noch der alte Löwe iſt, der nicht ungeſtraft ſich höhnen läßt. Auch Ihr, mein Kaiſer, werdet wie der ſchla⸗ fende Leu zu neuer Macht erwachen und der Welt beweiſen, daß jeder Sohndes Hauſes Habs⸗ burg vom Schickſal auserkoren iſt, ans jedem Kampfe, den erzu beſtehen hat, ver⸗ größert und an Macht bereichert, ruhmge⸗ krönt hervorzugehen! — Ihr gebt mir Glauben und Hoffnung wieder. Was aber ließe ſich thun, um meine aus Schwäche hervorgegangene Uebereilung wieder gut zu machen? Ich gönne ihm die ungariſche Krone. Wie aber ließe ſich's anfangen, ihm die in Böhmen zugeſicherte Thronfolge zu entziehen? — Sagt nicht eine Klauſel Eures Friedens, daß Euer Bruder nur dann Euer Nachfolger ſein 120 ſoll, wenn Kaiſer Rudolph ohne männlichen Erben ſtirbt? Macht Eurem Bruder einen Strich durch die Rechnung; ſpielt ſeinem Ehrgeize einen kleinen Poſſen: heirathet! — Heirathen? Das iſt ſehr leicht geſagt, Gräfin. Wo aber finde ich eine Prinzeſſin? — Mein Herr und Kaiſer, wann hat es jemals im deutſchen Reiche an Prinzeſſinnen gefehlt? — Wenn aber Keine von Allen mir genügt? — Dann, Majeſtät, geruht von den Stufen Eures Thrones herabzuſteigen und Euch aus dem Kranze der edelſten Töchter Eures Landes eine Braut zu wählen. Von ſechs Frauen Heinrichs des Achten waren nur zwei Prinzeſſinnen, Catharina von Ara⸗ gonien und Anna von Cleve; die vier andern aber, Anna Boleyn, Jane Seymour, Catharina Howard und Catharina Paar waren, bis auf die Erſte, Töchter aus den angeſehenſten Familien Englands. Jane Seymvur war die Mutter Eliſabeths! 5. Sprecht mir nicht vom achten Heinrich! Die Geſchichte nennt ihn einen Tyrannen! — Und doch war er ein großer Fürſt! — Sicher aber nicht darum, daß er von zwei ſeiner Frauen ſich ſcheiden und zwei andere ent⸗ haupten ließ. In England ſind derlei königliche 121 Heirathen aus der Mitte des Volkes nichts Seltenes. Wir aber leben im deutſchen Reiche. Hier werden die Ehen in den Cabineten der Fürſten, im Rathe der Politik geſchloſſen, und der Sohn einer morgana⸗ tiſchen Ehe wäre in den Augen des Volkes kein legitimer Thronfolger. Wärt Ihr die Tochter eines Reichs⸗ fürſten, ſchon längſt hätte ich Euch gebeten, mit Ru⸗ dolph die Laſt ſeiner Kronen zu theilen, aber.. — Magdalena iſt nur eine armſelige Gräfin, unterbrach ſie den Kaiſer. — Ihr ſeid mehr, als Gräfin und Fürſtin: Ihr ſeid der gute Stern meines Thrones, Ihr ſeid der Schutzengel meines Lebens! — Bin ich das wirklich? fragte Magdalena mit Freudenthränen im verklärten Auge. — Ihr ſeid das Amulet meiner Krone! — Wohlan, Majeſtät, dann will ich auch fer⸗ nerhin bleiben, was ich Euch ſeit Jahren geweſen bin: die treueſte aller Eurer Dienerinnen! — Sagt lieber, die beſte meiner Freundinnen, ſprach der Kaiſer und erfaßte ihre ſchneeweiße Hand, um ſie dankbar an ſeine Lippen zu ziehen. Bleibt es mir auch noch ferner. — Ich gelobe es mir und Euch. Mag die Welt mich auch verdammen! Was frage ich nach — 122 ihrem Urtheil? Meine Welt iſt und bleibt Rudolph! rief ſie im Ueberſtrömen ihres Gefühles und flog entzückt an den Hals des Monarchen. In demſelben Augenblicke ertönte raſſelnder Trom⸗ melwirbel. — Was bedeutet das? fragte die Gräfin. — Die Ankunft des neuen päpſtlichen Geſandten. Er überbringt Uns ſein Beglaubigungsſchreiben. — So lebet wohl, mein kaiſerlicher Herr! — Heute Abend ſehe ich Euch wieder beim Souper. Magdalena verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ging. — Was wäre ich ohne dieſes Weib? fragte ſich Rudolph tief bewegt. Ein Stückchen kalter Erde ohne Sonnenglanz! Zehntes Capitel. Eine Veränderung. Am folgenden Tage erhielt Don Cäſar eine neue Gouvernante und einen andern Fechtmeiſter. * 123 Eilftes Capitel. Ligue der proteſtantiſchen Fürſten.— Der Majeſtätsbrief. Wenige Monate nach dem Abſchluße jenes un⸗ brüderlichen Bruderfriedens von Dubee zogen am Horizonte des Hradſchins und ſeines kaiſerlichen Be⸗ wohners neue, unheildrohende Gewitterwolken herauf. In Prag und in ganz Böhmen verbreitete ſich das unheimliche Gerücht, Herzog Maxmilian I. von Bayern, deſſen Glaubenseifer ſtark verdächtig war, habe an der böhmiſchen Grenze eine Meile von Tauß mit ſeinem Kriegsvolke ein Lager aufgeſchlagen. Gleichzeitig erfuhr alle Welt, auch der proteſtantiſche Pfalzgraf und Churfürſt Friedrich V. ziehe am Rheine ein Heer zuſammen. Letzterer, hieß es, habe mit den übrigen proteſtantiſchen Fürſten des deutſchen Reiches eine Ligue wider Papſt und Kaiſer geſchloſ⸗ ſen, um beſonders Letzteren, der das Fortſchreiten des Proteſtantismus in Böhmen niederhalte, ab⸗ zuſetzen. Rudolph, beſtürzt durch dieſe kriegeriſchen Vor⸗ kehrungen, berief durch ein am 28. October 1608 124 ausgefertigtes Decret eine außergewöhnliche Verſamm⸗ lung von Abgeordneten jeder Kreisſtadt zuſammen, um zu berathen, was gegen dieſe Verbindung der proteſtantiſchen Fürſten zu unternehmen ſei. In dieſem Augenblicke neuer Gefahr beſtürmten ihn die utraquiſtiſchen Stände mit ihrem alten, ſeit⸗ dem ſchon oft abſchläglich beſchiedenen Geſuche, daß die ihnen verbürgte Gewiſſensfreiheit, welche bis jetzt nur auf dem Papiere, nicht aber in der Wirklichkeit beſtand, nicht länger Verſprechen bleibe, ſondern end⸗ lich einmal Wahrheit werde. Der Kaiſer war ernſtlich entſchloſſen, ſein gege⸗ benes Verſprechen zu erfüllen. Seine Umgebung aber verhinderte ihn daran. Der faſt immer kränk⸗ liche Erzbiſchof von Prag, Karl von Lamberg, der ſich zur Herſtellung ſeiner Geſundheit faſt beſtändig im Kloſter Oſſegg bei Teplitz aufhielt, ließ den Kai⸗ ſer durch den Abt von Strahow und Suffragan Johannes Lohelius bei den ſieben Schwertern der Mut⸗ ter Gottes bitten und beſchwören, durchaus nicht nachzugeben, weil durch Verleihung dieſer Gewiſſens⸗ freiheit der katholiſchen Kirche eine in ihren Folgen unberechnenbare Gefahr erwachſe. Gleicher An⸗ ſicht waren der Cardinal⸗Biſchof von Olmütz, Franz von Dietrichſtein, der Erzherzog Leopold, den das 125 Breslauer Domeapitel zwei Jahre zuvor zum Bi⸗ ſchof erwählt hatte.— Sie, die in dem Zugeſtänd⸗ niß der Religionsfreiheit ein Crimen laesae eccle- siae erblickten, widerriethen einſtimmig dem Kaiſer, ſich darin nachgiebig zu zeigen; denn hätten die Utra⸗ quiſten erſt einen Finger, dann hätten ſie auch bald die ganze Hand, meinte der Abt von Strahow, der den prager Erzbiſchof vertrat. Am 20. Mai 1609 trat der Landtag auf dem hradſchiner Schloſſe zuſammen, um die Schritte gegen die Ligne der proteſtantiſchen Fürſten und das im⸗ mer dringender und drohender ſich geſtaitende Geſuch der utraquiſtiſchen Forderungen zu berathen. Um dem Auftreten der lutheriſchen Stände mehr Nachdruck zu geben, hatten dieſe den Beſchluß ge⸗ faßt, unter dem Vorwande, um frühzeitig gegen das Eindringen der feindlichen Ligue gewaffnet zu ſein, Kriegsvolk anzuwerben und es unter den Befehl des kaiſ. Rathes Leonhard Colonna von Felß auf Engelsburg, der zum oberſten Generalfeldmarſchall, des Grafen Heinrich Matthias von Thurn, der zum General⸗Lieutenant, und Johanns Bubna von Litie des Jüngern, der zum General-Wachtmeiſter der utraquiſtiſchen Truppen ernannt ward, zu ſtellen. Außerdem erwählten ſie aus ihrem Schooße 126 einen leitenden Ausſchuß von zehn Directoren aus dem Herrenſtande und eben ſo vielen Mitgliedern aus dem Ritter⸗ und dem Bürger⸗Stande; unter Letztern fünf aus der Altſtadt, zwei aus der Neuſtadt, einen von der Kleinſeite und je einen von Tauß und Klattau. An die Stelle Peter Woks von Roſenberg, der, zum erſten Director aus dem Herrenſtande ernannt, die Uebernahme dieſes Amtes ſeiner Kränklichkeit wegen abgelehnt hatte, trat der muthigſte und that⸗ kräftigſte von Allen, Wenzel Budowec von Budowa, an die Spitze dieſes Dreißiger⸗Ausſchuſſes, die Seele der ganzen Partei, feſt entſchloſſen, nichts zu ſcheuen und Alles zu wagen, um den Kaiſer trotz der Ab⸗ mahnung ſeiner Räthe und der hohen Geiſtlichkeit zur endlichen Erfüllung ſeines ihnen gegebenen Ver⸗ ſprechens zu bewegen. — Fortuna fortes juvat! ſagte er zum Aus⸗ ſchuſſe und riß ihn durch die Begeiſterung ſeiner Aufforderung zu dem Entſchluße hin, nicht zu wan⸗ ken und nicht zu weichen und alle Mittel zur Er⸗ reichung ihres Zieles aufzubieten. Budowec ward von dem Ausſchuſſe beauftragt, im Namen ſeiner ebenſo mächtigen, als vom Hofe 127 gefürchteten Partei die von ihm aufgeſetzten Artikel zu endlicher Genehmigung dem Kaiſer vorzulegen. Budowec begab ſich vom altſtädter Rathhauſe, wo der Ausſchuß ſeine Sitzungen hielt, gefolgt von der zahlloſen Schaar ſeiner Anhänger, nach dem Hradſchin und verlangte im Namen der Stände Einlaß in die Gemächer Seiner Majeſtät. — Man ſage ihm, ich ſei krank, ſprach Rudolph. — Wir haben dieß bereits gethan; er aber läßt ſich nicht abweiſen.. — Sagt ihm, er möge morgen kommen. — Es ſei Gefahr im Verzuge, meinte er und beſtand darauf, im Namen der Stände ſofort vor⸗ gelaſſen zu werden. — Dieſe Stände ſind ganz des Teufels! Nun, wenn es nicht bis morgen warten kann oder will, ſo laßt den ungeſtümen Dränger in Gottes Namen eintreten. Und das geſchah denn auch. Rudolph empfing ihn mit den Worten: — Wir haben Euch lange nicht geſehen.. — Majeſtät, die dringenden Geſchäfte der Stände. — Ich ſpreche jetzt nicht von den Ständen, 128 ſondern nur von Euch. Ihr ſeid doch immer wohl geweſen? — Gott ſei gedankt, ich bin wohl. Eure treuen Stände haben mich beauftragt.. — Von dieſen ſpäter! Beantwortet mir zuvor eine Frage. Iſt es wahr, daß Ihr Kriegsvolk an⸗ geworben habt? — Allerdings, Majeſtät, iſt dieß wahr! — Nun, dann werdet Ihr auch nicht läugnen, daß Ihr es gegen Euern Kaiſer angeworben habt? — Ich muß dieß in Abrede ſtellen. Wir ha⸗ ben ein kleines Heer geworben, um, auf alle Wech⸗ ſelfälle gefaßt, der proteſtantiſchen Ligue die Spitze zu bieten und ſie mit den Waffen in der Hand hin⸗ auszujagen, wenn es ihr gelüſten ſollte, feindlich Böhmens geheiligten Boden zu überſchreiten, um den Kaiſer, den wir Alle lieben, in den Grenzen ſeines Reiches anzugreifen... — Sagt offen, liebt Ihr mich wirklich? Seid Ihr wirklich der Freund Eures Kaiſers? — Ich bin ein treuer Freund, der es eben ſo ehrlich mit dem Throne, als mit dem Volke meint, der zwiſchen Beide als aufrichtiger Vermittler tritt, das Volk von Execeſſen zurückhält und den Kaiſer im Namen des ewigen Rechtes bittet und beſchwört, 129 dem Schrei eines großen Theiles ſeiner nur aus Religionsrückſichten zurückgeſetzten Unterthanen huld⸗ reich Gehör zu ſchenken und Euch durch treuloſe Räthe in Eurem ſchönen Vorſatze, auch Jenen ge⸗ recht zu werden, nicht länger beirren und durch Gefahren, die ſie nur erfinden, um Euch ängſtlich zu machen, einſchüchtern zu laſſen. Euere lutheri⸗ ſchen Unterthanen verlangen ja nichts weiter als das, was Euere Weisheit und Milde ſelbſt Jenen, die gar keine Chriſten und nur Iuden ſind, eingeräumt hat. Gnädigſter Herr, wir verlangen nichts, als Glaubensfreiheit! — Ihr ſollt ſie haben, ehrlicher Freund. Doch werdet Ihr ſelber begreifen, daß ſolch' ein wichtiger Schritt wohl erwogen und ſo reiflich als möglich überlegt ſein will, weil deſſen Folgen, wie meine Biſchöfe ſagen, von unberechnenbarer Wichtigkeit ſind. Laßt mich alſo Euer Geſuch noch einmal in Bera⸗ thung ziehen, bevor ich es Euch gewähre. — Majeſtät, jede Zögerung iſt jetzt zu ſpät! Auf der Schloßſtiege und im äußern Vorhofe der Burg harrt das zahllos verſammelte Volk Eurer Entſcheidung. Sagt ihm, ſagt es den Ständen, ſagt es ihrem Abgeordneten offen und unverholen: „Ich will oder ich will nicht!“ 1856. VII. Auf dem Hradſchin. W. 9 130 — Wer ſagt Euch, daß ich nicht will? Ich bin trotz aller Einwürfe meiner Räthe, heute feſter als jemals entſchloſſen, Euren vieljährigen Bitten endlich nachzugeben; ich verlange nur noch kurzen Aufſchub. — Ich kann, ich darf ihn nicht gewähren! entgegnete bieder und feſt der Abgeordnete des Aus⸗ ſchuſſes. — Wie 2 Seid Ihr gekommen, mir etwas, was ich Euch nicht ſofort gewähren mag, vielleicht gewaltſam abzutrotzen? — Majeſtät, davon bin ich weit entfernt. Ich erſcheine vor Euch als ein Bittender, der Euch noch einmal beſchwört, nicht der Stimme Eurer Räthe, ſondern einzig und allein jener Eures Herzens, jener Eures Gerechtigkeitsgefühls zu folgen und das neuerdings zu beſtätigen, was Euer großer Vater ſeinen treuen Böhmen großherzig zugeſagt, und das zu erfüllen, was auch ſein nicht minder hochherzi⸗ ger Nachfolger uns ſchon vor Abſchluß jenes Frie⸗ dens zugeſichert hat. — Für Bittende hat Kaiſer Rudolph ſtets ein offenes Ohr. Sagt mir noch einmal, was Ihr begehrt? — Sämmtliche Puncte ſind auf dieſem Blatt 131 verzeichnet, ſagte Budowec, eine Pergamentrolle, die er hielt, in die Hand des Kaiſers niederlegend. Rudolph ſtellte ſich unter dem Vorwande der Schwäche ſeiner Augen an das Fenſter, welches Ausſicht auf den Vorhof der Burg gab und warf einen flüchtigen Seitenblick auf das dort maſſenweis angeſammelte Volk, das von Minute zu Minute mehr und mehr anwuchs. Der Kaiſer las den ganzen Inhalt. — Ihr verlangt viel, ſehr viel, ſagte der Monarch einen Augenblick überlegend. — Aber ſicher nichts, was ungerecht wäre. — Das gebe ich zu, doch bleibt es immerhin viel. Was wird mein kranker Erzbiſchof Lamberg und ſein Stellvertreter, was werden die Biſchöfe von Olmütz und Breslau, was wird mein voberſter Kanzler und ſo mancher Andere dazu ſagen, wenn ſie erfahren, daß Kaiſer Rudolph, beſtürmt von Euern Bitten, endlich nachgegeben hat? — Sie werden damit nicht einverſtanden ſein; aber die Welt, Majeſtät, und die Geſchichte, welche die Thaten der Fürſten, wie jene ihrer Völker, mit unauslöſchlicher Flammenſchrift in die ehernen Ta⸗ feln des Nachruhms eingräbt, ſie wird Euch beſſer beurtheilen und an den Rand des heutigen Tages 9* 132 ſchreiben: Heut vollbrachte der Kaiſer eine große That. Sein Name ſei geprieſen und geſegnet! — Amen! ſagte Rudolph und bekreuzigte ſich. Was nun alſo ſoll ich thun? — Dieſes Document allerhuldreichſt unterzeich⸗ nen und das, was darin aufgezeichnet ſteht, durch die Machtvollkommenheit, die Euch Gott der Herr verliehen, und durch die Unterſchrift Eures ruhm⸗ geſchmückten Namens zum heilig⸗unverbrüchlichen Ge⸗ ſetz erheben! — Solch ein Namenszug, einmal niederge⸗ ſchrieben, läßt ſich nicht mehr zurücknehmen. — Wort bleibt Wort! Gleichviel ob es ge⸗ ſprochen oder hingeſchrieben iſt. — Ihr irrt. Verba volant, scripta manent- Im Vorhofe erhob ſich großes Murren. Das Volk begann, weil Budowec ſo lange ausblieb, un⸗ ruhig zu werden. Lauffeuerähnlich verbreitete ſich vom Hradſchin herab das Gerücht, der Kaiſer habe den Abgeordneten der Defenſoren in's Gefängniß werfen laſſen. Die Bürger griffen zu den Waffen. Jung und Alt ſtürmte die Schloßſtiege hinan, um dort zu erfahren, ob das Gerücht auf Lüge oder Wahrheit beruhe. Im letztern Falle war es 133 entſchloſſen, den muthigen Wortführer ſeiner Partei laut zurückzufordern und nöthigenfalls gewaltſam aus dem Kerker zu befreien.— Das Murren, immer ſtärker werdend, ſtieg jetzt drohend bis zu den Ohren des Kaiſers herauf. — Was bedeutet dieſer Lärm? fragte er. — Das Volk, das mich erwartet, fängt zu fürchten an, weil ich mit dem kaiſerlichen Geſchenke, das ich ihm im Namen der Stände verheißen habe, noch nicht zurückgekehrt bin. — Wohlan, ich will mein Volk beruhigen. Ich werde Euere Schrift da unterzeichnen, ſagte der Monarch und ſuchte ängſtlich und ziemlich lange auf ſeinem Arbeitstiſche eine Feder. Tauſende von Stimmen verlangten lärmend Bu⸗ dowee zu ſehen. Der Kaiſer vernahm den drohenden Ruf. Zitternd tauchte er die Feder ein. Doch als er ſeinen Namen ſchreiben wollte, gewahrte er, daß ſeine Feder ſo trocken als der Ueberreicher jener Pergamentrolle geblieben war. — Ihr ſeht, ich ſoll nicht ſchreiben! ſprach Rudolph, der dieſen Mangel an Tinte für einen Fingerzeig des Himmels hielt. Die Flüſſigkeit in meinem Tintenfaße iſt gänzlich eingetrocknet. 134 — Laßt Euch dadurch nicht abhalten, Majeſtät. Dort in der Ecke ſteht ein Anderes! — Gottlob! ſagte der Kaiſer, der von Neuem das Murren vernahm und nun in das andere Faß ſeine Feder tauchte. In dem Augenblick, als er ſeinen Namen un⸗ terzeichnen wollte, ließ ſich von der Decke des Ge⸗ machs auf die Pergamentrolle eine große ſchwarze Kreuzſpinne herab. — Himmel, was iſt das! rief er erſchreckt. — Eine Spinne, welche Euch Glück bringt! entgegnete Budowec mit großer Geiſtesgegenwart, das Thier, das in Rudolphs Augen eine üble Vor⸗ bedeutung hatte, vom Papiere fortjagend. — Und warum habt Ihr das, was Eurem Kaiſer Glück gebracht, fortgejagt? — Weil es Euch zu beunruhigen ſchien. — Wenn Herr Budowee nicht bald zurückkommt, dann mache ich ſolchen Heidenlärm, daß alle Heili⸗ gen im Himmel es hören ſollen, ſagte unten im Volksgedränge Einer, der kein Anderer als der hand⸗ ſchuhmachende Goliath von der Kleinſeite, der 6 Fuß 7 Zoll hohe Meiſter Jaromir war, der zudem hoch ergrimmt daruͤber, daß Kaiſer Rudolph — 135 erſt unlängſt ihm die Erneuerung des Privilegiums auf nahtloſe Handſchuhe abgeſchlagen hatte. — Ich hänge an Vorurtheilen, geſtand Rudolph und will Euch nicht verhehlen, daß ich in jener ſchwarzen Kreuzſpinne eine Warnung des Himmels erblicke. — Mein kaiſerlicher Herr, gebt ſolchem Aber⸗ glauben keinen Raum. Unterzeichnet, ehe es zu ſpät wird! — Zu ſpät? Was wollt Ihr damit ſagen? fragte Rudolph, die Feder, die er erfaßt hatte, un⸗ willig wegwerfend. — Hört Ihr nicht das loute Schreien? — Budowec! Budowec! ſchrieen viele tauſend Stimmen auf einmal. — Zeigt Euch an dem Fenſter, damit die guten Kinder der drei Städte Prag ſich überzeugen, daß der Kaiſer ihrem Freunde nichts zu Leid gethan. — Majeſtät, unterſchreibt und laßt mich fort! — Wie lange ſollen wir noch warten? fragte ein vierſchrötiger Knirps, der zufällig kein Anderer, als der durch zungeregelten Durſt heruntergekommene“ Schuhmacher Wenzel war, der ganz und gar ver⸗ geſſen zu haben ſchien, daß der Kaiſer ihm erſt un⸗ längſt eine neue Unterſtützung gewaͤhrt hatte. 136 — Budowece! Budowec! wiederholten die auf⸗ geregten Volksmaſſen. — Wohlan es ſei! Ich will unterzeichnen, ſagte Rudolph und ſchrieb mit ſcheinbarer Ruhe langſam und mit auffallend großen Lettern ſeinen Namen hin.— Nun, nehmt die Schrift und geht! — Im Namen der Stände danke ich Euch, mein kaiſerlicher Herr, ſprach der Abgeordnete, nahm die Rolle und eilte hinab, um die Maſſen zu be⸗ ruhigen. Der Kaiſer ſtellte ſich an's Fenſter und ſah auf das Volk hinab. — Es iſt nicht ſchlechter, aber auch nicht beſſer als jedes Andere. Heute vergöttert, morgen ſteinigt es uns. Heut ſteinigt und morgen vergöttert es wieder. Das Volk iſt ein vielköpfiges Ungeheuer; und doch gehört nur ein ſo herzloſer Tyrann wie Caligula dazu, um ſeinem Volke nur Einen Kopf zu wünſchen, und dem Beile ſeiner Henker zu über⸗ liefern. Ich aber bin, Gottlob! kein Caligula! Ich bin Mariens, bin Maxmilians Sohn und liebe meine Kinder ſelbſt dann noch, wenn ſie ſich auf⸗ lehnen gegen mich! Als die hohe ehrwürdige Geſtalt des ſtändiſchen Abgeſandten dem im Burghofe verſammelten Volke 137 ſichtbar ward, brach es in tauſendſtimmigen, faſt endloſen Jubel aus. — Der Kaiſer hat uns Alles bewilligt! ver⸗ kündete er dem Volke, die Pergamentrolle wie eine Siegestrophäe erhebend. Hier, prager Buͤrger, iſt der Majeſtätsbrief! — Es lebe unſer Herr und Kaiſer! Es lebe Kaiſer Rudolph der Gerechte! ſchrie daſſelbe Volk, das noch wenige Angenblicke zuvor die Fahne der Empörung bereit hielt. — Ein dreifaches Hoch unſerm Wenzel Bu⸗ dowec! ſchrie der Handſchuhmacher von der Klein⸗ ſeite und warf ſeine Filzkappe, an der ihm mit vollem Rechte nicht viel zu liegen ſchien, in die Luft. Und Jedermann befolgte deſſen vaterländiſches Beiſpiel. Und eine ganze Heuſchreckenwolke von ſchwerfälligen breiten Kremphüten, ſpitzigen Calabre⸗ ſern, Barrets und Mützen mit und ohne Pelzwerk flog ellenhoch in die Höhe und ließ ſich wie ein Platz⸗ regen auf die jubelnde Volksmaſſe herab. Manche dieſer Kopfbedeckungen ward dadurch vertauſcht. Man⸗ cher, der eine neue Kappe in die Luft geſchleudert, erhielt dafür einen abgeſchabten Deckel, und Mancher wiederum, der, wie Jarvmir, einen ſchon ſeit Jahren abgegriffenen Filz von ſich geworfen, erwiſchte dafür 138 einen nagelneuen und machte auf dieſe Weiſe einen höchſt annehmbaren Tauſch. Bubowec aber, den Majeſtätsbrief wie eine flatternde Siegesfahne emporhaltend, ward von dem begeiſterten Volke auf zehn Schultern zugleich em⸗ porgehoben und, wie ſehr er ſich auch dagegen zu wehren ſchien, im Triumphe und unter wiederholtem Vivatruf über den Schloßhof und die Schloßſtiege hinab bis nach dem altſtädter Rathhauſe fortgetragen. Als Rudolph ihn ſo forttragen ſah, gönnte er der Ehrlichkeit dieſes unerſchrockenen Mannes mit Freuden dieſen wohlverdienten Triumph, und ohne Zorn wie im Geiſte eines Propheten ſagte er zu ſich: — Auch er wird nicht glücklich enden! und ver⸗ ließ betrübt über die grellen Ahnungen, die wie Wetterleuchten den dunkeln Horizont der Zukunft durchblitzten, das Fenſter, an welchem er Zeuge jener Triumphſcene geweſen war.*) *) Rudolphs dunkle Ahnung bewahrheitete ſich! Wenzel Budowec ſtarb keines natürlichen Todes. Nach der Schlacht am weißen Berge, welche Friedrichs V. Heer eſchlagen, geſprengt und vernichtet hatte, führte er ſ Frau und Kinder auf ſeine Güter; er ſelber aber 139 Am Rathhauſe empfing ihn neuer Jubel. Er überreichte dem Ausſchuße die feierliche Beſtätigung der von den Utraquiſten begehrten Freiheiten. Die Dreißiger aber waren damit nicht zufrieden. Die Un⸗ terſchrift des Kaiſers genuͤgte ihnen nicht. Sie kehrte ſogleich wieder nach Prag zurück; denn lieber wollte er ſein eigenes Leben, als die ihm von den Ständen zur Aufbewahrung anvertraute Krone Böhmens den Händen der Sieger überliefern. Am 10. Februar 1621 gefangen genommen und kurze Zeit darauf zum Tode verurtheilt, ward er am 21. Juni deſſelben Jahres, ein Greis von ſiebenzig Jahren, öffentlich auf dem altſtädter Ringe enthauptet. Man höre, was Pelzel darüber ſagt:„Dieß war das Ende dieſes auf die Frei⸗ heiten ſeines Vaterlandes vielleicht nur allzuſehr eifer⸗ ſüchtigen Mannes. Er war noch von dem Schlage der alten, ernſthaften, tiefſinnigen und unbeugſamen Böhmen aus dem fünfzehnten und ſechszehnten Jahrhundert. Wie man ihm in ſeiner Gefangenſchaft anrieth, den beleidigten Kaiſer Ferdinand Il. um Gnade zu bitten, gab er zur Antwort: Malo mori quam patriam videre mori(Lieber ſelber ſterben, als das Vaterland ſterben zu ſehen); denn er ſtellte ſich vor, nach der Schlacht am weißen Berge müſſe Alles zu Grunde gehen. Und gleich⸗ wie Brutus der letzte Römer geweſen iſt, ſo war Bu⸗ dowee der letzte Böhme. Sein Wahlſpruch lautete: In Deo fortitudo.(Nur in Gott meine Stärke!) 140 verlangten nach altem Brauch und Herkommen die Gegenzeichnung des oberſten Kanzlers. — Das iſt unnöthig, ſagte Wenzel Budowec. Kaiſer Rudolph wird ſeine Unterſchrift nicht abläugnen. — Das nicht, erwiderte der Graf von Thurn, ſpäter aber ſein Zugeſtändniß wieder bereuend, könnte er ſagen, der uns in Gnaden verliehene Majeſtäts⸗ brief habe keine Giltigkeit, weil wir ihm die Unter⸗ zeichnung gewaltſam abgetrotzt, und ſchon darum, weil ſie vom Kanzler nicht mit unterzeichnet iſt. — Ich glaube nicht, entgegnete der Generallieute⸗ nant und kaiſer. Rath Leonhard Colonna von Felß, daß der Kaiſer ſich je ſo weit vergeſſen wird, von dieſer Aus⸗ flucht, die ſeiner Reblichkeit nicht ähnlich ſieht, jemals Gebrauch zu machen, aber.. — Sicher iſt doch immer ſicher, unterbrach ihn Johann von Bubna. — Sicher iſt ſicher! wiederholten die Andern. Und wiederum ward Budowec vom Ausſchuſſe beauftragt, ſich noch einmal zum Kaiſer zu verfügen und ſich von Seiner Majeſtät in Huld und Gnaden die Gegenzeichnung des oberſten Kanzlers zu erbitten. h Budowee erfüllte auch dieſen Auftrag. Er begab ſich zum Kaiſer, trug ihm mit äußerſter Scho⸗ nung das ihm ſelbſt und vielen Andern überflüſſig — 141 erſcheinende Geſuch des Ständeansſchuſſes vor und bat um deſſen allergnädigſte Gewährung. — Ich finde es nicht mehr als billig, erwi⸗ derte Rudolph, der kurz zuvor mit der Gräfin ge⸗ ſprochen, die dieß Zugeſtändniß, weil es die Erfül⸗ lung eines längſt gegebenen Kaiſerwortes geweſen war, vollkommen gutgeheißen hatte. Seine Majeſtät ließ den Kanzler Adalbert Zdenko Popel von Lobkowie rufen. Dieſer erſchien ohne Säumen. — Unterzeichnet Unſeren Majeſtätsbrief, ſagte der Kaiſer. Adalbert Zdenko von Lobkowic las den Inhalt und ſprach: — Majeſtät, mein Gewiſſen erlaubt mir nicht, dieſen Aet, der den Rechten unſerer Kirche zuwi⸗ derläuft, mitzuunterzeichnen. — Das, was ich that, dürft auch Ihr thun! — Nein, gnädigſter Herr, das darf ich nicht. Der Kaiſer darf erfüllen, was er verſprochen hat. Ich aber, Majeſtät, habe nichts verſprochen. — Ihr ſeht, Wenzel von Budowec, daß mein Kanzler in ſeinem Rechte iſt. Budowee ſchien es einzuräumen; denn er ſchwieg. — Ich mag ihn alſo nicht zwingen, fuhr der Kaiſer fort. Ihr ſeid entlaſſen, Zdenko von Lobkowic. — Für immer? fragte Zdenko wehmüthig. — Nein, nein, mein treuer, ehrlicher Freund Ich entlaſſe Euch nur für einen Augenblick, um den Oberſtburggrafen Adam von Sternberg herzubeſcheiden. Der oberſte Kanzler verließ den Monarchen. Wenige Minuten ſpäter erſchien Sternberg. Er durchlas den Act und unterzeichnete. Der Kaiſer ſandte gleichzeitig mit Budowec den kaiſ. Hofrath Carl von Wartenberg mit dem vom Oberſt⸗ burggrafen gegengezeichneten Majeſtätsbrief den im altſtädter Rathhauſe permanent verſammelten Di⸗ rectoren, die ihn aus der Hand des Abgeordneten entgegennahmen mit dem einſtimmigen Ruf: — Hoch lebe Kaiſer Rudolph der Gerechte! Und dieß Alles geſchah am 12. Juli 1609. Und gleichwie im Buche des rudolphiniſchen Lebens der 28. Juni 1608 als Tag des unrühmlichen Frie⸗ densabſchlußes als einer der ſchwächſten aufgezeichnet ſteht, ſtrahlt der 12. Inli 1609 als Tag der Ver⸗ leihung des Majeſtätsbriefes unbeſtritten als einer der ſegensreichſten ſeiner ganzen Regierungszeit durch mehr als zwei Jahrhunderte noch bis heute und in Ewigkeit in unvermindertem Glanze fort.——— —————————————— Dieſer Majeſtätsbrief, den Bewohnern Böhmens 143 vollſtändig freie Religionsausübung einräumend, ward den Acten der Landtafel einverleibt; das Ori⸗ ginal aber, für das die Utraquiſten auf Koſten der Landescaſſe ein ſilbernes Käſtchen anfertigen ließen, auf welches ſämmtliche dreißig Directoren ihre Na⸗ men, Wappen und Sinnſprüche einzugraben befah⸗ len, wurde erſt am 26. Februar des folgenden Jahres (1610) nach Carlſtein abgeſchickt und von dem dor⸗ tigen Burggrafen, Wilhelm Slawata, den ſeiner Auf⸗ ſicht anvertrauten Reichskleinodien und Landesprivi⸗ legien beigefügt; der am 5. September 1609 mit der Sub-una⸗Confeſſion abgeſchloſſene Vergleich aber in den ſilberfarbigen Kaufquatern der Landtafel ein⸗ getragen. Zwölftes Capitel. Der Fürſtentag in Prag.— Eine Weiſſagung Brahe's erfüllt ſich.— Kaiſer Rudolphs erſte Iugendliebe. Mehr als die Verleihung des Majeſtäts briefes ſchmerzte den Kaiſer das unwürdige Benehmen ſei⸗ nes Bruders Matthias, der, nicht zufrieden mit der 144 ihm abgetretenen Regierung Ungarns, Oeſterreichs und Mährens, auch in Böhmen die Unzufriedenheit des Volks und vorzugsweiſe die der Utraquiſten auf jede Weiſe mehr und mehr anzufachen verſtand. Rudolph beſchloß, um dem Unſichgreifen der heimlich fortgeſponnenen Ränke des Königs von Un⸗ garn und neuen Unruhen vorzubeugen, auf den Rath der Gräfin Magdalena, alle Chur- und Reichsfürſten nach Prag einzuladen, um mit ihnen über die Wahl ſeines zukünftigen Nachfolgers im deutſchen Reiche in Berathung zu treten, hauptſächlich aber wohl nur darum, um mit ihrem Beiſtande ſeine durch den Einfluß des eigenen Bruders geſchwächte Kaiſermacht wiederherzuſtellen. Aus der Zahl der Churfürſten waren jene von Cöln, Mainz und Sachſen, von den Reichsfürſten: Heinrich Julius Herzog von Braunſchweig, die bei⸗ den Landgrafen Philipp und Ludwig von Heſſen und die beiden Erzherzoge Marmilian von Tirol und Ferdinand von Steyermark(der nachmalige Nachfol⸗ ger des Kaiſers Matthias) der kaiſerlichen Einladung gefolgt. Der Churfürſt von Trier, Herzog Maxmi⸗ ſian L. von Bayern, abgehalten, perſönlich zu er⸗ ſcheinen, hatte zwei Bevollmächtigte geſandt. Dieſer Fürſten⸗Ausſchuß trat am 25. April 1610 145 auf dem Hradſchin im Wladislaw'ſchen Saale zu⸗ ſammen. Der Kaiſer ließ durch ſeine Räthe den ver⸗ ſammelten Fürſten die lange Reihe ſeiner vollſtän⸗ dig begründeten Beſchwerden gegen ſeinen königlichen Bruder in Ungarn vorlegen, ihn ſelber aber nach Prag einladen, um, falls er es vermöchte, ſich ge⸗ gen Rudolphs Anklagen zu rechtfertigen. Matthias erklärte in ſeinem diplomatiſch⸗ſchlau abgefaßten Antwortſchreiben, er ſei durch eine Maſſe unaufſchiebbarer Regierungsangelegenheiten leider ſo ſehr beſchäftigt, daß es ihm unmöglich wäre, der Einladung Seiner römiſch⸗kaiſerlichen Majeſtät— wie gern er es auch gewünſcht— perſönlich Folge zu leiſten, doch würde er ſeine Bevollmächtigten nach Prag ſenden, wenn er nicht Bedenken trüge, dieß bloß aus dem Grunde zu unterlaſſen, weil es ihn befremden müſſe, daß der zum Biſchof von Paſ⸗ ſau ernannte Erzherzog Leopold(der einzige Anver⸗ wandte, der ein treuer Anhänger des Kaiſers war) ſein Kriegsvolk bis dicht an Oeſterreichs Grenzen vor⸗ geſchoben habe und allem Anſcheine nach— Nie⸗ mand wiſſe bis jetzt warum— entſchloſſen ſei, einen Einfall auf öſterreichiſches Gebiet zu wagen. Gäbe man ihm genügende Auskunft und ſeinen 1856. VII. Auf dem Hradſchin. W. 10 146 Geſandten genügende Sicherheit, dann würden Letz⸗ tere ungeſäumt nach Prag eilen. Der Kaiſer erließ ſofort an Erzherzog Leopold den Befehl, ſein Kriegsvolk von der öſterreichiſchen Grenze zurückzuziehen und die Waffen— wenigſtens bis auf weitere Ordre— niederzulegen; den Bevoll⸗ mächtigten des Königs von Ungarn aber ward voll⸗ ſtändige Sicherheit ihrer Perſon zugefagt. Wenige Tage ſpäter trafen die königlichen Ab⸗ geſandten, unter ihnen Carl von Liechtenſtein, Helf⸗ fried Graf von Meggau, Richard von Starhemberg und mehrere Andere in Prag ein. Man weiß, daß derlei Fürſtenzuſammenkünfte und Geſandten⸗Congreſſe ſich herzlich gern in die Länge ziehen. Und ſo kam es, daß auch der Congreß zu Prag von Ende April bis Mitte Oeto⸗ ber zuſammenblieb und ſich dieſe langen fünfthalb Monate durch herrliche Schmauſereien, heitere Zech⸗ gelage, prächtige Jagden und ritterliches Lanzenrennen auf's Beſtmöglichſte abzukürzen und ſich„con amore⸗ zu unterhalten und zu zerſtreuen beſtrebte. Nebenbei ward natürlich auch viel geſprochen, leider aber deſto weniger gehandelt und durchgeſetzt. Letzteres kam daher, weil man— wie dieß bei ſolchen Fällen ſtets zu geſchehen pflegt— auf 147 veiden Seiten offenbar weiter ging, als es klug und rathſam war. Die Abgeſandten des Königs von Ungarn erklärten ſich im Namen ihres erlauchten Vollmacht⸗ gebers bereit, dem ſich nur mit Unrecht(2) gekränkt fuͤhlenden Kaiſer jede mit der eigenen Ehre irgend verträgliche Genugthuung zu geben, wollten aber, wie vorauszuſehen war, nichts von einer Wiederabtre⸗ tung Ungarns, Oeſterreichs und Mährens an den deutſchen Kaiſer hören. Der Heftigſte war der Churfürſt von Mainz. Dieſer ging in ſeinem Streben, der verletzten Maje⸗ ſtät des Kaiſers und deſſen geſchwächter Macht glänzende Genugthuung zu verſchaffen, ſo weit, zu verlangen, daß König Matthias den Kaiſer Rudolpb wegen der ihm gewaltſam abgedrungenen Länder und Kronen fußfällig um Verzeihung bitten und noch obenein die ihm abgetretenen Länder zurück⸗ geben müßte. Es läßt ſich begreifen, daß Matthias dieſe ſchimpflichen Forderungen entrüſtet zurückwies. Der Herzog Heinrich Julius von Braunſchweig ward zu wiederholten Malen nach Wien geſandt, um den König von Ungarn, der dort ſein Hoflager aufgeſchlagen, zur Nachgiebigkeit zu Pehen Da 10 148 er nichts ausgerichtet hatte, ſchickte der Congreß den Churfürſten von Cöln. Aber auch dieſer ſetzte nichts durch. Endlich ward Erzherzog Ferdinand abgeord⸗ net, um die Ausſöhnung beider Brüder, von denen Keiner nachzugeben entſchloſſen war, zu vermitteln. Dem Einfluße des Letztern gelang es endlich nach langem Zureden, einen gütlichen Vergleich mit nach⸗ folgendem Vertrag abzuſchließen: — König Matthias ſei bereit durch die Erz⸗ herzoge Marmilian und Ferdinand Seiner römiſch⸗ kaiſerlichen Majeſtät in Gegenwart des Herzogs Heinrich Julius von Braunſchweig, wegen allen Kränkungen, die er dem deutſchen Kaiſer zugefügt, Abbitte zu thun, aber nicht fußfällig, wie der Chur⸗ fürſt von Mainz zu begehren ſich erdreiſtet habe, ſondern ſo wie es einem Sohne des Hauſes Habs⸗ burg, dem Bruder ſeinem Bruder gegenüber, ohne ſich beiderſeitig etwas von der ihnen angeſtammten Würde zu vergeben, geſchehen könne.*) Matthias *) Nach dem Berichte des gleichzeitigen böhmiſchen Staats⸗ manns, Wilhelm Slawata's, ſoll der Kaiſer ſelbſt ſo zartfühlend geweſen ſein, die fußfällige Abbitte abzu⸗ lehnen, weil dieß mit der Würde eines Erzherzogs aus dem Hauſe Habsburg nicht vereinbar ſei. Kheven⸗ 149 wolle die ihm abgetretenen Länder nicht als Recht der Eroberung behanpten, ſondern als einen Act freiwilliger Abtretung, als ein Zeichen kaiſerlicher Huld und Gnade, als ein Zugeſtändniß brüderlichen Wohlwollens und Vertrauens auch fernerhin behal⸗ ten, den Kaiſer aber als den Klteſten des Hauſes Oeſterreich, als ſeinen Lehnsherrn und das Ober⸗ haupt der deutſchen Chriſtenheit anerkennen; Kaiſer Rudolph ſei dagegen bereit, ſeinen Bruder auch fer⸗ nerhin als König von Ungarn, regierenden Etzher⸗ zog von Oeſterreich und Markgrafen von Mähren anzuerkennen, ihm alle Rechte eines treuen Lehns⸗ manns einzuräumen und ihm auch wie bisher ein wohlwollender Bruder zu bleiben, ſo lange, als ſich Matthias in kein Bündniß einlaſſe, durch das die Macht und das Anſehen des deutſchen Kaiſers irgend wie geſchwächt oder gekränkt werden könnte. Der hüller ſchreibt, Rudolph habe nicht zugeben wollen, daß ſelbſt des Königs Stellvertreter, die Erzherzoge Max⸗ milian und Ferdinand ihr Knie vor ihm beugen ſoll⸗ ten.— Nach Slawata's Ausſage ſoll die Abbitte des Königs durch den Abgeſandten des Statthalters der Niederlande, des Erzherzogs Albrecht, durch den Grafen Visconti, geſchehen ſein. 150 König von Ungarn verpflichte ſich, als pilichtgetreuer Vaſall ſeines erlauchten Bruders, dem Kaiſer gegen alle heimlichen und offenen Widerſacher und Feinde nach beſten Kräften hilfreich beizuſtehen und ſich, ohne Genehmigung ſeines Lehnsherrn, weder in einen neuen Krieg, noch in einen neuen Frieden mit dem Türken einzulaſſen. Endlich wolle König Matthias dem deutſchen Kaiſer alljährlich, nicht als ſchuldigen Tri⸗ but, ſondern als einen Beweis brüderlicher Dankbar⸗ keit, ein freiwilliges Geſchenk von fünfzigtauſend Ducaten und zweitauſend Eimern ungariſchen Weines (Rudolph liebte vor Allem den Tokaier) pünctlich entrichten. Während dieſer Verhandlungen war die Nach⸗ richt von der durch Frangois Ravaillac am 10. Mai 1610 vollführten Ermordung König Heinrichs IV. von Frankreich nach Prag gelangt und ſomit eine der Prophezeihungen des ſeligen Sternſehers mit der ſilbernen Naſe wirklich in Erfüllung gegangen. Nach einundzwanzig mißglückten Attentaten auf das Leben eines der größten und beſten Monarchen des ſchönſten Thrones der Chriſtenheit war es dem Zwei⸗ undzwanzigſten gelungen, Heinrich W. als Feind der katholiſchen Kirche aus der Welt zu ſchaffen. Die geſchichtliche Erfahrung neuerer Zeiten beſtätigt 151 es, daß gerade die beſten oder willenskräftigſten Für⸗ ſten den Verſuchen meuchelmörderiſcher Tollköpfe aus⸗ geſetzt ſind. Der Schwache wird großentheils nur bemitleidet; der Starke aber wird gefürchtet. Keinen hatte dieſe Unglücksbotſchaft mehr erſchreckt als den Kaiſer Rudolph, der ſich ſeit jenem Augen⸗ blick der durch nichts motivirten Furcht hingab, auch er werde bald als Opfer eines ähnlichen Attentats, wenn auch nicht, wie Heinrich, durch den Dolch eines fanatiſirten Katholiken, ſondern, wie er zu be⸗ fürchten ſchien, durch die Hand eines nicht minder fanatiſchen Piccarden oder Utraquiſten fallen. Während der Kaiſer, ängſtlicher als je, ſich wochenlang in ſeine feſtungsähnlichen, vielfach ver⸗ rammelten Gemächer einſchloß und nur höchſt ſelten die Mitglieder des Fürſten⸗Ausſchuſſes vor ſich ließ, ward gerade um jene Zeit von der ſtudierenden Jugend der caroliniſchen Akademie zu Prag ein geiſtliches Schanuſpiel„Daniel' mit mufikaliſchen Chören und bald darauf von den Studenten der Ferdinandeiſchen Akademie, die eigends zu dieſem Zwecke von Gratz nach Prag herübergekommen war, ein ähnliches halb vratoriſches, halb muſikaliſches Schauſpiel unter dem Titel„Elias“ zur Ergötzung der hohen Congreßglieder in den prachtvoll geſchmückten 152 Räumen des Wladislaw'ſchen Rieſenſaales aufge⸗ ührt. t Rudolph wohnte keinem von Beiden bei. Er blieb ein freiwilliger Gefangener ſeiner Furcht, die ihn niemals verließ, in ſeinen Zimmern und vertrieb ſich ſeine Langeweile abwechſelnd mit dem unermüd⸗ lichen Aufſuchen des Steines der Weiſen oder mit dem Schleifen von Edelſteinen und nur dann und wann in Geſprächen mit ſeinem Lieblingslöwen Otakar und ſeiner Lieblingsfreundin Magdalena. Letztere gab ſich alle erdenkliche Mühe, durch alle Minen ihres Geiſtes und alle Springbrunnen ihres Scharfſinns, ihres Witzes, ihrer Laune den Mißmuth, die Schwermuth, Angſt und Furcht des Gebieters ihres Herzens aufzuheitern. Leider aber gelang es ihr nicht. Rudolph ward von Tag zu Tage trauriger.—————————— Der mit ſeinem Bruder abgeſchloſſene Vertrag währte kaum ein halbes Jahr. Dann kam es zu neuem Bruch. Veranlaſſung dazu war das paſſauer Kriegs⸗ volk, das, Kraft jenes zweiten Brudervertrages, ab⸗ gedankt und entlaſſen werden ſollte, ſtatt deſſen aber, zum gerechten Erſtaunen des Königs von Ungarn, 153 vertragswidrig in Oberöſterreich einfiel und dort wie ein wüthender Feind zu hauſen begann. Matthias beſchwerte ſich daruͤber bei Rudolph. Der Kaiſer ſuchte ihn durch die Verſicherung zu be⸗ ruhigen, daß er neuerdings dem Erzherzoge Leopold den Befehl ertheilt habe, mit ſeinem Kriegsvolke abzuziehen, was auch längſt geſchehen wäre, wenn es nicht, jetzt ungeſtümer als je, auf baare Aus⸗ zahlung des ihm ruckſtändigen Soldes dränge. Matthias ließ ſich dadurch nicht einſchläfern. Er verwarf dieſe kahle Entſchuldigung und rüſtete ſich mit Energie zum Kampfe gegen die Unver⸗ ſchämtheit des paſſauer wilden Heeres. Mag man geneigt ſein, dem Bruder Rudolphs Alles abzuſpre⸗ chen, Eines wird ihm ſelbſt der eingefleiſchteſte ſeiner Gegner zugeſtehen müſſen: Und dieſes Eine heißt Entſchloſſenheit! Als die Niederöſterreicher ihren hart bedrängten Brüdern in Ober⸗Oeſterreich zu Hilfe eilten und als auch fünfhundert Mährer zu Pferde unter An⸗ führung des Grafen von Golk ſich Jenen anſchloſ⸗ ſen, nahm das paſſauer Raubgeſindel Reißaus und verlangte jetzt vom Erzherzoge Maxmilian freien Durchzug durch Tyrol. Dieſer aber widerſetzte ſich ihrem Begehr und jagte ſie, ein muthiger Held, der 154 ſich zum Sinnſpruche ſeines Lebens, wie ſeiner Fah⸗ nen das ihn bezeichnende Feldgeſchrei Militemus. (Laßt uns kämpfen!) gewählt, tapfer aus den Ber⸗ gen der Grafſchaft heraus. Matthias hatte in der Gegend von Linz einen vertrauten Emiſſair des Biſchofs von Paſſas aufgrei⸗ fen und auf die Folter legen laſſen. In der Marter⸗ kammer bekannte derſelbe, daß Erzherzog Leopold das paſſauer Kriegsvolk nach Oberöſterreich geführt, um den deutſchen Kaiſer gegen die Uebergriffe des Königs von Ungarn zu ſchützen und Erſterem die an Letzteren abgetretenen Länder zurückzuerobern, dem Erzherzoge Matthias das Recht der Thronfolge in Böhmen ſtreitig zu machen und dieſe, zum Danke für die dem Kaiſer geleiſteten Dienſte, ſich ſelbſt zu⸗ zuſichern. Matthias gerieth in Folge dieſer Ausſage in ſo große und keinesweges ganzungerechte Entrüſtung, daß er einen Geſandten nach Prag ſchickte mit der Voll⸗ macht: Seiner römiſch kaiſerliſchen Majeſtät in ſei⸗ nem Namen unumwunden zu erklären, daß Kai⸗ ſer Rudolph den Vertrag gebrochen und die Folgen dieſes unverantwortlichen Bruches nur ſich ſelbſt und den Einflüſterungen des Erzherzogs Leopold zuzu⸗ ſchreiben habe. Dieſer Bruch zwinge ihn, die 155 vöhmiſchen Stände, welche ſich gleichzeitig anheiſchig gemacht, die Giltigkeit jenes Vertrages aufrechtzuhal⸗ ten, um deren Schutz und Beiſtand zu erſuchen. Außerdem verlange er für die nur durch des Kaiſers Schuld nothwendig gewordene Zurücktreibung des paſſauer Geſindels(denn ſo hieß Matthias das Kriegsvolk des paſſauer Erzherzogs), eine Ent⸗ ſchädigung von zweimalhunderttauſend Thaolern, die hm entweder ungeſäͤumt ausgezahlt oder genügend chergeſtellt werden müßten. Sollte Seine römiſch⸗ kaiſerliche Majeſtät nicht jeden Punct jenes vor kaum acht Monaten zu Prag abgeſchloſſenen Vertra⸗ ges zu erfüllen geneigt ſein, oder irgend etwas Neues, was dem Vertrage zuwider liefe, gegen ihn zu un⸗ ternehmen geruhen und ſich weigern Seiner ungari⸗ ſchen Majeſtät die mit vollem Rechte beanſpruchte Entſchädigung zu bezahlen, dann würde Matthias ſich genöthigt ſehen ſein Recht, wenn auch mit blu⸗ tendem Herzen, doch mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln ſich ſeibſt zu ſuchen. Das war deutſch, offen und ehrlich ge⸗ ſprochen. — Nun, was meint Ihr dezu? fragte der Kaiſer die Gräfin, auf deren Rath er immer großes Gewicht zu legen ſchien. 156 — Dießmal, Majeſtät, iſt Er in ſeinem Rechte, Verträge ſind heilig. Verträge müſſen gehalten werden. — Was aber ſoll ich thun? — Vor Allem muß man die beanſpruchte Ent⸗ ſchädigung bezahlen, vorausgeſetzt, daß es ſich wirk⸗ lich ſo verhält, daß die guten Paſſauer, dreizehntau⸗ ſend an der Zahl, in der Hitze des Gefechts mehr als 250 mit Raub und Beute aller Art beladene Wa⸗ gen aus Ober⸗Oeſterreich mit ſich fortgeſchleppt haben. — Das arme Volk, das darunter gelitten hat, möchte ich herzlich gern entſchädigen, aber nur höchſt ungern meinen Bruder, deſſen unerſättlicher Ehrgeiz doch eigentlich an Allem Schuld iſt. — Fremde Schuld entſchuldigt nicht die Eigene. Ihr ſeid es, der jenen Vertrag, den ich freilich nie gebilligt, zuerſt gebrochen hat. Jede Sünde ver⸗ langt ihre Sühne. — Die Entſchädigung ſoll ihm ausgezahlt wer⸗ den. Doch was ſoll noch weiter geſchehen? — Euer Majeſtät muß die Stände zuſammen⸗ rufen und von ihnen die Zurückwerfung der Paſ⸗ ſauer, die raubend jetzt ſogar in Böhmen einfallen, mit Ernſt und Nachdruck verlangen. — Das ſoll geſchehen. — Nöthigenfalls, Majeſtät, müßt Ihr ſelber 157 in Allerhöchſteigener Perſon Euch an die Spitze Eures Heeres ſtellen, um aller Welt zu zeigen, daß Kaiſer Rudolph, ſtets gewohnt, Verträge, die er ein⸗ mal geſchloſſen, auch unverbrüchlich zu halten, ent⸗ ſchloſſen iſt, das übermüthige Volk von Paſſau aus dem Lande hinauszujagen. — Letzteres wollen wir uns genauer überlegen. Ich bin bejahrt und ſchwach, und nicht zum Krieg⸗ führen gemacht. — Eure Anweſenheit im Lager Eurer Truppen wird ſie begeiſtern und begeiſtert fähig machen, die frechen Eindringlinge auf allen Puncten Eures Reichs zu ſchlagen. — Die Paſſauer ſollen glänzend zurückgeſchlagen werden! gelobte der Kaiſer ſich und ihr. Nun aber laßt uns von andern Dingen reden. Mehr Kum⸗ mer als dieſes ganze Kriegsgeſindel verurſacht mir ſeit einiger Zeit jener Knabe Cäſar, der mir ge⸗ fährlich wird. — Gefährlich ſagt Ew. Majeſtät? Ei wodurch? — Durch die ganze Art und Weiſe ſeines Be⸗ tragens gegen mich. — Was that Euch das große Kind? — Der kecke Burſche iſt ungehorſam, wider⸗ ſpenſtig... 158 — Das Alles iſt Folge ſeiner Erziehung! — Macht mir, ich bitte Euch, Gräfin, nur in dieſem Puncte keine Vorwürfe. Ich habe es mit Güte und mit Strenge verſucht, aber Eine hat ſo wenig wie die Andere gefruchtet. Der Knabe Cäſar iſt ein Taugenichts! — Mein hoher Herr, ich wage nicht zu wider⸗ ſprechen. — Auch ſein allzudreiſtes, oft geradezu fre⸗ ches Benehmen gegen Euch mißfällt mir! — Mir, Majeſtät, gewiß nicht minder. — Es hat allen Anſchein, als ſei der fünf⸗ zehnjährige Burſche auf den abenteuerlichen Einfall gerathen, das böſe Beiſpiel des Sohnes meines Oheims von Spanien zu befolgen und ſich, nicht minder leidenſchaftlich als der Knabe Carl in ſeine Stiefmutter, in Gräfin Magdalena zu verlieben. — Leider habe ich in der That— ich weiß ſelbſt nicht wodurch— das Unglück, dieſem kindi⸗ ſchen Goliath zu gefallen⸗ — Gefällt meine ſchöne Gräfin doch Jedem, dem's vergönnt iſt, ihr zu nahen. Ich gönne Eurer Schönheit dieſen wohlverdienten Triumph; doch ſchmerzt und beunruhigt es mich tief, wahrnehmen zu müſſen, daß unter den zahlloſen Selaven, die ſtillſchweig end 159 Euren Siegeswagen ziehen, ſich auch der kecke Knabe Cäſar befindet, der ziemlich laut und hörbar ſeine Seufzer zu Eurem Ohre zu erheben wagt. — Ich habe mir ſeine Huldigungen wiederholt und ernſt verbeten; der junge Menſch ſcheint aber jenen Naturen anzugehören, die eben das, was ihnen ſtreng unterſagt und verboten wird, gerade des Verbotes wegen deſto glühender hegehren. — Rathet mir, was ſoll ich thun? — Schickt den jungen Herrn auf Reiſen. Er ſoll die Welt kennen lernen. Er ſoll Menſchenkennt⸗ niß und Erfahrung ſammeln. Schickt ihn nach Frankreich oder England. Schickt ihn, wohin es Euch gefällt. Nur ſchickt ihn nicht nach Spanien. — Und warum gerade nicht nach Spanien? — Weil man auch Euch dorthin geſandt. Hätte Kaiſer Rudolph die erſten Blüthenjahre ſeiner Ingend an jedem andern Hofe als an jenem von Madrid verlebt, dann ſtände es beſſer um ihn. Er wäre heiterer, muthiger und glücklicher als jetzt. — Wohl, Gräfin, mögt Ihr Recht haben. Auch ich denke oft mit Schmerz und ſelbſt Wehmuth an die Tage von Madrid zurück! Ach, Juanita! rief Rudolph ſich ſelbſt vergeſſend. — Juanita? wiederholte Magdalena. Ich höre 160 dieſen Namen aus dem Munde meines kaiſerlichen Freundes heut zum erſten Mal. Wer iſt die Glück⸗ liche, die dieſen Namen trägt?„ — Sie ruht ſchon lang im Grabe! ½ — Doch als ſie noch lebte? — O reißt nicht alte Wunden auf! — Gnädigſter Herr, ich beſchwöre Euch, Eurer treueſten Freundin das Geheimniß Eurer Jugend nicht zu verſchweigen. Nimmt ſie doch ſeit faſt fünfzehn Jahren an Allem, was Euch freudig oder ſchmerzlich bewegt, ſo tiefinnigen Antheil, daß es ihr faſt wie ein Recht erſcheinen will, Euch zu bit⸗ ten, ihr auch an dem Glück oder Unglück längſt ver⸗ gangener Tage huldreichſt einen kleinen Antheil zu vergönnen. — Wohlan denn, Gräfin, vernehmt den Anfang und das Ende meiner erſten und leider auch letzten Jugendliebe. Iuanita ward bei den Clariſſinnen er⸗ zogen. An einem veilchenblauen Junimorgen, als die Gunſt des Zufalls mich in der einfachen Tracht eines Studenten von Salamanca ganz allein und bald nach Tagesanbruch an dem Gitter des mit Granatenblüthen überſäeten Kloſtergartens vorüber⸗ führte, gewahrte mein Auge in der Nähe einer in tauſend Blüthen gehüllten Cactusgruppe eine 161 jungfräuliche Geſtalt, ſchöner als der Morgen, an wel⸗ chem ich ſie ſah, und blühender als all' dieſe Blü⸗ then, vor denen ſie als eine Blume, die Anderen pflegend, ſtand. Meinem entzückten Ange, das von dem Glanze dieſer wandelnden Blüthe geblendet war, ſchienen urplötzlich zwei Sonnen aufgegangen zu ſein: Eine am lichtumfloſſenen Himmel, die An⸗ dere auf der blühenden Erde dieſes ſtillen Kloſter⸗ haines. Ich glaubte in dieſer magiſchen Erſchei⸗ nung eine Silphide zu erblicken und ſuchte an ihren Schultern das bunte Flügelpaar, mittelſt welchem ſie ſich mit der Anmuth und Leichtigkeit eines Schmet⸗ terlings von der Erde zum heimathlichen Himmel emporſchwingen werde. Kaum wagte ich zu athmen, aus Furcht, daß der kleinſte Luftzug ſtark geneigt ſei, mir dieß geflügelte Traumbild wie ein Roſen⸗ blatt zu entführen. Mit Einem Worte: Nie ſah ich ein ſchöneres Weib! Sie ſehen, Gräfin, hieß ſie lie⸗ ben! Ich liebte ſie mit dem ganzen Feuer, mit der ganzen Kraft meiner achtzehn Jahre und wußte es nach Verlauf von acht Tagen, während welcher ich allmorgendlich zu derſelben Stunde am Gitter erſchien, wenn Juanita ihre blühenden Geſchwiſter pflegte, dahin zu bringen, daß die liebliche Blume mir, dem damals kecken und verwegenen Studenten von 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IW. 11 162 Salamanca, für welchen ich mich ausgab, das erſte Stelldichein in den ſtillen Mauern der Atocha⸗Kirche gab. Acht Tage ſpäter waren wir wie Bruder und Schweſter vertraut. Juanita erzählte mir ihre Le⸗ bensgeſchichte. Sie war ein Kind der Liebe. Ihr Vater, ein heimathloſer Zigeuner, hatte ihre Mutter, ein portugieſiſches Judenmädchen, von den Ufern des Tajo in die ſtillverſchwiegenen Gebirgsſchluchten der Sierra Leona entführt. Dort war Juanita unter freiem Himmel zur Welt gekommen und, früh⸗ zeitig ſich ſelbſt überlaſſen, wie eine Blume in ſchat⸗ tigem Waldesgrün aufgewachſen. Kaum zwölf Jahre alt fand ſie eines Abends ihre Mutter am Fuße einer Trauerweide mit ſtierem Blick und aufgelöſtem Haar, in Schmerz und Thränen aufgelöſ't, weil der Zigeuner ſie wenig Stunden zuvor roh miß⸗ handelt und bald darauf treulos verlaſſen hatte mit dem Gelübde, ſie nie mehr wiederſehen zu wollen, weil ſie ihn einen liebloſen undankbaren Chriſtenſohn genannt. Die Jüdin nahm ſich die Flucht des Zigeuners ſo ſehr zu Herzen, daß ſie wenige Mo⸗ nate darauf in einem Anfalle von Wahnſinn ſich von der höchſten Bergesſpitze in ein tiefes Felſen⸗ thal hinabſtürzte und mit zerſchmetterten Gliedern aus dem Leben ſchied. Die verlaſſene Waiſe ward 163 von einem armen Hirten aufgenommen und von ihm, da ſeine Armuth ſie nicht länger ernähren konnte, nach Verlauf von drei Jahren in's Kloſter der heiligen Clara gebracht, wo ihr bie frommen Frauen ſeit acht Monaten Schutz und Pflege an⸗ gedeihen ließen.— Jetzt mußte auch ich ihr die Geſchichte meines Lebens erzählen. Ich gab mich, um nicht erkannt zu werden, für den Sohn eines armen Künſtlers, für einen Studenten der Theolo⸗ gie von der hohen Schule zu Salamanca aus, der zur Zeit der Ferien zu Fuße nach Madrid gewan⸗ dert ſei, um dort ſeinen alten, reichen, aber geizigen Onkel zu beſuchen. Dieß, Gräfin, war meine erſte Lüge. Aber bald folgte ihr die Zweite. Von Juanita um Namen und Stand meines Oheims befragt, machte ich aus meinem königlichen Onkel Philipp— ich wußte ſelbſt nicht warum— einen Steinmetzer, welchen ich Jago hieß und Hanbdel mit Leichenſteinen treiben ließ. Der Zweiten folgte bald eine Dritte. Auf ihre Frage: ob ich alſo auch ſo arm wie ſie ſelber ſei, erwiderte ich Ja, um die Uneigennützigkeit ihrer Liebe zu mir auf die Probe zu ſtellen.— O dann habe ich Dich noch einmal ſo lieb, ſagte ſie und gab mir den erſten Kuß. In jenem mir ewig unvergeßlichen Augenblic hörte ich 164 alle Engel Gottes ein millionenſtimmiges Halleluja ſingen. Nach einiger Zeit ſagte ſie zu mir: Ich kenne Dich ſchon vier Monate und habe Dich noch nie um Deinen Familiennamen gefragt. Sage mir, Geliebter, wie Du heißeſt?— Ich heiße Juan Mariana, ſagte ich. Und das war die vierte Lüge, denn ſo hieß einer der Jeſuiten, die mein Oheim Philipp mir zu Lehrern gegeben.— Juan, ſagte Juanita, ich liebe Dich und wenn auch Du, wie Du mir wohl tauſendmal geſagt, mich wirklich liebſt, dann eile, mein Geliebter, mich aus den Mauern dieſes lebendigen Grabes zu befreien, mich zu Deinem Vater nach Salamanca zu führen und mich dort zu heirathen, wenn Du nicht haben willſt, daß ich hier vor Liebesgram verſchmachte!— Ich kann, ich darf es nicht, ſagte ich von tiefer Reue erfaßt.— Und weß⸗ halb darfſt Du es nicht? fragte Juanita.— Stern meines Lebens! rief ich aus und ſtürzte zu ihren Füßen nieder, verzeihe mir!— Närriſches Kind, was ſoll ich Dir verzeihen? fragte die argloſe Geliebte. — Verzeihe mir, daß ich Dich getäuſcht, hintergangen, betrogen habe; denn vernimm, Blume meines Daſeins, mein finſteres Geheimniß: leider heiße ich nicht Juan Mariana!— Was kümmert mich Dein Name! entgegnete Juanita. Heiße, wie Du wilſſt, ſei Jude 165 oder Chriſt, Bettler oder König, was liegt daran? Ich liebe Dich und wärſt Du ſelbſt ein Heide!— Mein Onkel iſt kein Steinmetzer, mein Vater iſt kein Küſter, ſagte ich.— Ei, was ſind ſie denn? fragte die Verführte.— Mein Oheim, erſchrick nicht, bleicher Engel! heißt— Philipp II. und iſt Kö⸗ nig von Spanien, geſtand ich ihr.— Und Dein Va⸗ ter? fragte ſie entſetzt.— Iſt Marmilian II. und Kaiſer von Deutſchland.— Himmel! rief Juanita und ſank bewußtlos nieder.— Als meine Liebe ſie in's Leben zurückgerufen, bat und beſchwor ich ſie bei dem Andenken an ihre Mutter mir großmüthig zu verzeihen. Sie ſah mich an und ſchwieg. Ich drang in ſie mit heißen Küßen und zärtlichen Bitten, mich ein Wort der Vergebung hören zu laſſen. Sie wollte ſprechen und vermochte es nicht. Der Schreck hatte ihr die Sprache geraubt. Sie war ſeit jenem Augenblicke— ſtumm! — Arme Juanita! hauchte die tiefergriffene Gräfin. — Noch in derſelben Nacht entführte ich ſie aus dem Kloſter und brachte ſie, verſchwiegen und ſtumm wie das Grab, zu einem Arzte in einer derentlegenſten Vorſtädte von Madrid! Sie verfiel in eine ſchwere Krankheit. Bei Tage mußte ich ſie, weil ich 166 faſt beſtändig unter Aufſicht ſtand, der Pflege fremder Leute überlaſſen. Abends ſtahl ich mich heimlich und ſchen wie ein Dieb aus den ſtolzen Prunkgemächern meines finſtern Oheims fort und eilte mit bang klopfendem Herzen in's dunkele Dachſtübchen meiner Kranken, um die ganze Nacht hindurch knieend an ihrem ärmlichen La ger zu wachen bis zum Aufgang der für meine Sehnſucht viel zu früh emporſteigen⸗ den Sonne, die mich ängſtlich und beſtürzt in den Palaſt meines Oheims zurücktrieb.— Die arme Ju⸗ anita blieb krank und ſprachlos. Meine liebende Sorg⸗ falt, des zrſriee Arztes aufopfernde Pflege, Alles war vergeblich: ihr junges Leben ſchwand dahin. Erſt im Augenblicke des Sterbens kehrten Be⸗ wußtſein und Sprache zurück. Der Todeskampf erpreßte ihr die Worte: Juan oder Rudolph, ich ver⸗ zeihe Dir! — Möge die Erde ihr leicht ſein! ſprach die Gräfin. — Amen, ſagte Rudolph und zerdrückte ſeit langer Zeit wieder die erſte Thräne zwiſchen den Wimpern ſeines ſchmerzerfüllten Auges. Nun kennt Ihr die Geſchichte jener erſten Liebe. Fragt Euch und Euer theilnahmvolles Herz, ob Kaiſer Rudolph nach dem, was er außer Euch noch Keinem erzählt, 167 ein Recht, untröſtlich zu ſein, und einen Anſpruch auf Euer Mitgefühl hat. — Ich beklage die Todte und beweine den Lebenden, ſagte Magdalena, die eiskalte Hand des Kaiſers mit einem Strome brennendheißer Thränen benetzend. — Seit dem Augenblicke ihres Hinſcheidens hatte ich keine ruhige Stunde mehr. Es trieb mich fort von Madrid. Schmerzgebeugt kehrte ich nach Wien zurück. Auch dort fand ich keine Ruhe. Der Friede war aus meiner Seele entflohen und iſt ſeitdem— weh' mir, daß ich's ſagen muß— nicht mehr zurückgekehrt. — Faſſet nur Vertrauen zu Euch ſelbſt, mein kai⸗ ſerlicher Herr, die Ruhe Eures Gemüt hes, der Friede Eurer Seele werden ſich dann bald wieder einſtellen. Das gebe Gott! ſagte der Kaiſer. Dreizehntes Capitel. Das paſſauer Volk.— Prager Gräuelſcenen.— König Matthias. Das paſſauer Kriegsvolk drang, trotz der wie⸗ derholten Befehle des Kaiſers zum Rückzuge, immer weiter in das Herz von Böhmen ein. 168 Am 30. Januar 1611 eroberte, mehr durch Liſt als durch Tapferkeit, der belgiſche Oberſt Lau⸗ rent Ramey*), ein kühner, waghalſiger Abenteurer, die Stadt Budweis. Die Stände, mit vollem Rechte beſorgt, daß das Raubgeſindel es vornehmlich auf Carlſtein ab⸗ geſehen, ließen die königlich⸗böhmiſche Krone, alle Reichskleinodien und Koſtbarkeiten, alle Documente und Privilegien, die dort aufbewahrt wurden, unter einer Bedeckung von dreihundert Mann Fußvolkes auf „ das prager Schloß bringen. Ramey und die Seinen verließen Budweis, das ſie gebrandſchatzt, und zogen plündernd über Prachatic und Täbor nach Moldauthein und ſchlu⸗ gen ſich von da nach Carlſtein, um ſich der dort aufbewahrten Schätze zu bemächtigen Letzeres war aber freilich zu ſpät! Sie bemeiſterten ſich Berauns, beſetzten den nahe bei Prag gelegenen weißen Berg und ſchlugen *) Charles Rahlenbeck in Brüſſel iſt der Erſte, der uns in ſeiner kleinen, aber höchſt intereſſanten Schrift: Notice sur Laurent Ramey“(Gand 1853, 8.) nähere Auf⸗ ſchlüſſe über dieſe kriegerliche Perſönlichkeit geſchenkt hat. 169 ihr Lager im ſogenannten„Stern' und in den be⸗ nachbarten Dorfſchaften auf. Rameyſandte nach Prag eine Proclamation, worin er erklärte, daß das unter ſeinem Oberbefehle ſtehende Kriegsvolk der„braven Paſſauer“ nach Böhmens Hauptſtadt nur in der Abſicht vorrücke, um den Kaiſer und deſſen getreue Stände und die Aufrecht⸗ haltung des von Erſterem huldvoll verliehenen Maje⸗ ſtätsbrieſes zu ſchützen. Die Stände, die ihre Wachſamkeit dadurch nicht einſchläfern ließen, ertheilten dem Grafen Heinrich Matthias Thurn und der von ihm befehligten Rei⸗ terei die Ordre, die vom weißen Berge nach Prag führenden Thore zu beſetzen und die ungebetenen Gäſte zurückzuſchlagen. Der Kaiſer aber erließ an Ramey neuerdings den Befehl, ſich ungeſäumt zu⸗ rückzuziehen. Der ehrgeizige Belgier ließ ſich aber durch Letztern in ſeinem Sieges⸗ und Plünderungszuge durchaus nicht aufhalten. Schon am folgenden Tage(15. Februar) rück⸗ ten ſeine„braven Paſſauer“ durch das Qujezder Thor, das ſie nahmen, in die Kleinſeite ein. Gleichzeitig verſuchte Rittmeiſter Brändel mit 170 ſeinen Reitern die Moldaubrücke zu erſtürmen und von da in die Altſtadt einzudringen. Diejenigen, welche, abgeſchnitten von ihrem Gefolge, hier zuerſt eingedrungen waren, wurden von den Truppen der Stände angegriffen, theilweiſe nie⸗ dergehauen und theilweiſe zerſprengt. Die Furcht, in die Hände des aufgeregten Vol⸗ kes zu fallen, das nun gleichfalls ſich bewaffnet hatte, trieb einen paſſauer Fähndrich auf den Wy⸗ dehrad. Von einer Schaar Utraquiſten verfolgt, ſtürzte er ſich mit dem Rufe.„Lieber todt als gefangen ſein!“ über einen Felſen in die Mol⸗ dau hinab. Das Gerücht, als hätten die auseinanderge⸗ ſprengten Reiter ſich in verſchiedene Klöſter geflüch⸗ tet, wo die Mönche ſie verſteckt hielten, um ſie der Wuth des Volkes zu entziehen, verſchaffte dem utra⸗ quiſtiſchen Pöbel den ſeit Jahren heiß erſehnten An⸗ laß, ſeine wahrhaft thieriſche Wuth an der katho⸗ liſchen Geiſtlichkeit auszulaſſen. Jetzt wurden die Straßen der Alt⸗ und Neuſtadt er⸗ ſchreckte Zeugen von Blut⸗ und Gräuelſcenen, wie deren nicht nur die Geſchichtsblätter Böhmens, ſondern leider auch die aller andern Länder und Völker in zahlloſer Menge aufzuweiſen haben. 171 Die einmal losgelaſſene Wuth des Pöbels macht, gleichviel welchen Glaubens, welcher Sprache er auch angehören mag, jeden Einzelnen zu einer blutgierigen Beſtie, zu einer racheſchnaubenden Hyäne, die in ihrem Heißhunger zuletzt ſo weit geht, ſelbſt die Leichen nicht zu ſchonen. Die utraquiſtiſche Hyäne drang brüllend und heulend zuerſt in die friedlich⸗ſtillen Mauern des Kloſters zu Emaus ein. Die Schaar der gelehrten Benedictiner hatte erſt, wenige Minuten zuvor, die Flucht ergriffen und deren Abt ſich in einen Schorn⸗ ſtein verſteckt. Da die blutdürſtige Beſtie keine Menſchen zum Erwürgen fand, ließ ſie ihre thie⸗ riſche Wuth an den Gewändern der Mönche und an den heiligen Geräthſchaften der Kirche aus. Der Pöbel zerträmmerte die Statuen, zerriß und ver⸗ brannte die Bilder der Heiligen, die hier ein neues Märtyrerthum in Effigie unverdient erdulden mußten. Von Emaus zogen die Pöbelbanden nach dem Wyöehrad, mißhandelten den Domdechanten, miß⸗ handelten ſeine Dienerſchaft und plünderten ſein Geld, ſeine Kleider und Alles, was Geldeswerth beſaß. Ihre Beſtialität kannte keine Grenzen mehr. Noch wüthender als zu Emaus und dem Wyöehrad 172. benahm ſich die zügelloſe Hyänenhorde im Kloſter Carlshof. Hier zerrten ſie den alten, ehrwürdigen Abt aus ſeinem Verſteck hervor, zogen ihm die Klei⸗ der aus und verſtümmelten ihn auf die grauſamſte Weiſe unter großem Gelächter und Frohlocken der Weiber. Das ſogenannte ſchöne oder auch ſchwache Ge⸗ ſchlecht iſt, wie die Geſchichte aller Aufſtände be⸗ weiſt, bei ſolchen Gelegenheiten der ſtärkſte und häßlichſte Theil des Pöbels. Der Tiger iſt männ⸗ lichen und die Hyäne weiblichen Geſchlechts, wenig⸗ ſtens in deutſcher Sprache. Dann ſchlugen ſie dem Carlshofer Abte den Kopf vom Rumpfe, zogen ihm die Haut vom un⸗ behaarten Schädel ab, zerriſſen ſie in kleine Fetzen und ſchmückten mit dieſen Triumphzeichen kanniba⸗ liſcher Rohheit Hüte, Mützen, Hauben und Buſen⸗ tücher. Schon etwas müde bes Mordens und Blutver⸗ gießens lechzten ihre heiſer geſchrieenen Kehlen nach Labung. Aus dem erbrochenen Kloſterkeller zogen Männer und Weiber rieſige Wein⸗ und Bierfäſſer herauf und rollten ſie auf die offene Straße hin⸗ aus. Sie thaten ihrem Durſte volles Genüge, ſie leerten die Fäſſer und feierten unter freiem Himmel 173 wüſte Orgien unter Abſingung gottesläſterlicher Lie⸗ der, gegrölt von angetrunkenen Weibern, die ſich auf dem Boden der ausgeleerten Fäſſer gleichſam als entehrte und zerfetzte Fahnen des Aufruhrs aufge⸗ pflanzt hatten. Am Aergſten aber drohte das Volk dem Jeſui⸗ ten⸗Collegium. Die meiſten der Väter der Geſell⸗ ſchaft Jeſu hatten ſich in Bauerkleidern zu ihren Freunden geflüchtet; Jene aber, welche muthig zu⸗ rückgeblieben waren, wären ſicher niedergemetzelt worden, wenn nicht drei volksfreundliche Herren Georg Wratiſtaw von Mitrowic und zwei Kinskh: Wenzel und Wilhelm von Wchynic, den wüthenden Pöbel von der Erſtürmung des Clementinums wirkſam zurückgehalten hätten. Und all' dieſe Mord⸗ und Gräuelſcenen wurden unter dem nichtigen Vorwande ausgeführt, daß dieſe Klöſter paſſau'ſche Flüchtlinge und daß die Jeſuiten Pulver und Waffen bei ſich beherbergten: was in⸗ deß nur abſichtlich erſonnen war, um altem Grolle Luft zu machen. Auf der Kleinſeite ließ unterdeſſen das paſſauer Raubgeſindel ſeine nicht minder mörderiſche Wuth an der utraquiſtiſchen Kleriſei aus. — Schlägt Ihr unſere Mönche und Geiſtlichen 174 in der Altſtabt, dann ſchlagen wir die Eurigen dafür auf der Kleinſeite, ſagten Ramey's„brave Paſſauer⸗ und benahmen ſich hier ſo ſcheußlich wie dort die Utraquiſten. Der Pfarrer der Sanet Nicolauskirche ward leben⸗ dig geſchunden und die unſchuldige Schuljugend, Mädchen und Knaben von ſechs bis zwölf Jahren, niedergemetzelt; ein neuer bethlehemitiſcher Kindermord, noch barbariſcher und unverzeihlicher als alle jenſei⸗ tigen Bartholomäusnachtſcenen. Als die Kunde von dieſem Kindermorde in die Altſtadt drang, erſtürmten die Utraquiſten mit zehn⸗ fach verdoppelter Wuth das Franziskanerkloſter bei Maria⸗Schnee, mißhandelten die frommen Väter und ſchlugen vierzehn mit Säbelhieben und Keulen⸗ ſchlägen nieder, zogen den Todten die Kleider aus, ſchnitten ihnen Naſen und Ohren ab und legten deren Leichname ſchichtweiſe wie Holzblöcke übereinander. Während dieſer ſchauererregenden Niedermetzelun⸗ gen in der Altſtadt und auf der Kleinſeite, beſchoß Oberſt Ramey von der Moldaubrücke die Altſtadt. Die ſtändiſchen Soldaten und bewaffneten Bürger vereitelten jedoch jeden ſeiner Verſuche, die Alt⸗ und Neuſtadt zu nehmen. Am 2. März erließ Kaiſer Rudolph, untröſtlich 175 und außer ſich über dieſe unverantwortlichen Blut⸗ ſcenen und von den Ständen gedrängt, einen neuen geharniſchten Befehl an die Paſſauer, ungeſäumt abzuziehen, und um ihnen auch den letzten Vorwand zu ihrem längern Verweilen in Prag niederzuſchla⸗ gen, ließ er ihnen den rückſtändigen Sold, deſſen Bezahlung die Stände verweigert hatten, aus ſeiner Privatcaſſe auszahlen. Mehr vermochte Rudolph nicht zu thun. Darauf endlich zogen ſich die paſſauer Gäſte auf dem einzigen Wege, der ihnen voffen geblieben war, nach Beraun zurück. Am 20. März erreichten ſie Budweis, das Ramey verſchanzen ließ. Gleich nach dem Abzuge der Paſſauer hatte Graf Heinrich Matthias Thurn, der im Kampfe mit den Paſſauern eine Schußwunde in den Arm erhal⸗ ten, auf Befehl der utraquiſtiſchen Stände den Hradſchin und die Königsburg beſetzt, um den Kai⸗ ſer unter dem Vorwande, ihn und ſeinen Thron zu beſchützen bewacht zu halten und nicht abreiſen zu laſſen. Während bieſer Kriegsgräuel des paſſauer Vol⸗ kes war König Matthias, deſſen Ankunft die utra⸗ quiſtiſche Partei ſehnlichſt herbeigewünſcht hatte, mit einem Heere von achtzehntauſend Mann Ungarn, 176 Oeſterreicher und Mährer auf Böhmen losgerückt. Drei mähriſche Regimenter, unter Herberſteins, Georgs von Hodic und Tieffenbachs Oberbefehle, waren die Erſten, welche die böhmiſchen Grenzen überſchritten. Matthias ſelbſt, am 8. März von Wien aufbrechend, traf am folgenden Tage in Znaim ein, wo ihn, wie vier Jahre zuvor, lauter Jubel empfing. Am 17. März erließ er, von Iglau aus, ein Manifeſt an die böhmiſchen Stände, worin er feierlich erklärte, daß er ihnen nicht als Unterdrücker, ſondern als Befreier nahe und ihre Freiheiten und Privilegien neuerdings anzuerkennen und zn beſchützen gelobe. Rudolph, dem nichts Gutes ahnte, ließ von ſei⸗ ner Zaghaftigkeit ſich verleiten, ſeinem Bruder den oberſten Landrichter und königlichen Stallmeiſter Adam von Waldſtein bis nach Cäslau entgegenzuſchicken mit dem Auftrage, ihm zu deſſen Ankunft in Böh⸗ men im Namen des Kaiſers Glück zu wünſchen und einzuladen, falls er auch nach Prag zu kommen gedenke, bei ihm auf dem Hradſchin abzuſteigen. Matthias erklärte dem Abgeordneten des Kai⸗ ſers: er habe den von dem paſſauer Kriegsgeſindel hart bedraͤngten Ständen Böhmens ſeinen Schutz zugeſagt und er erſchiene nun, um ihnen zu beweiſen, daß er der Mann ſei, der jede ſeiner Verſprechungen 177 erfülle. Er würde allerdings nach Prag kommen, aber nicht auf dem Hradſchin, ſondern in der für ihn in Bereitſchaft geſetzten Wohnung in der Altſtadt ſein Hauptquartier aufſchlagen. Das klang allerdings nicht ſehr friedlich. Rudolph war darüber ſo rathlos und beſtürzt, daß er lieber geflohen wäre, hätte ihn der Rath der Gräfin Mag⸗ dalena und noch weit mehr als dieß der Umſtand, daß Graf Thurn alle Ein⸗ und Ausgänge des Schloſſes beſetzt hielt, von der Ausführung dieſes Vorſatzes nicht zurückgeſchreckt. Unterdeſſen hatte der im altſtädter Rathhauſe ver⸗ ſammelte Ständeausſchuß die großartigſten Vorkeh⸗ rungen zum feierlichen Empfang des erlauchten Ga⸗ ſtes getroffen. Am 14. März zogen dem Bruder des Kaiſers 22 Fahnen unter klingendem Spiele entgegen. Am Thore der Altſtadt empfing ihn der Primator mit einer Rede voll Salbung und Sprachſchnitzern aller Art. Hierauf hielt König Matthias ſeinen Einzug. Voran ritten die drei Oberbefehlshaber der utra⸗ quiſtiſchen Söldner, Heinrich Matthias Graf von Thurn, Leonhard Colonna von Felß zu Engelsburg und Johann von Bubna. Dieſen folgten die Freiherren und Ritter Böhmens. 1856. VII. Auf dem Hradſchin. W. 12 178 Unter Erſtern ragte aus allen Andern die allbekannte volksthümliche Geſtalt Wenzels von Budowa mit der hohen Stirn und dem wallenden Silberhaar hervor. Den 22 Fahnen der Dreiſtädte Prag ſchloßen ſich unter Trompeten und Pauken die 15 Fahnen des Königs Matthias an. Und endlich erſchien er ſelbſt auf einem prächti⸗ gen, mit vergoldetem Geſchirr gezügelten, ſich ſtolz emporbäumenden Schimmel, begrüßt von dem tau⸗ ſendfachen Jubelgeſchrei der Volksmenge. Unter Letzterer befand ſich, wie vor vier Jah⸗ ren am Fuße des Zizkaberges, der Handſchuh⸗ macher Jaromir, der lange Goliath, der, ſeinen kur⸗ zen Mantel nach dem Winde tragend und— wie das Sprichwort ſagt— mit den Wölfen heulend, ſein Rieſenſchwert dießmal zu Hauſe gelaſſen hatte, ſeine mörderiſch ſteifen Ritterhandſchuhe aber ganz wie damals trug. Der Einzug währte zwei volle Stunden. Ja⸗ romir entſchädigte ſich für die Hinrichtung. Er ſah Alles in nächſter Nähe. Millionenmal' ſchwenkte er ſeinen eingetauſchten Hut. Aus vollen Leibes⸗ kräften ſchrie er Vivat. Zwar wußte er ſelbſt nicht warum; doch da auch Andere ſchrieen, die es nicht beſſer wußten als er, ſo ſchrie er mit. 179 König Matthias ſchlug ſein Hauptquartier im Hauſe des Kaiſerrichters auf. Am Eingange des Hauſes empfing ihn eine Ehrenpforte, geziert mit der Krone Ungarns und Böhmens, friſch geſtreuter Sand und eine Schaar junger Bürgermädchen. Hier empfing Matthias die getreuen Stände.“ Er kirrte ſie mit ſüßen Worten und noch ſüßern Ver⸗ ſprechungen und wußte ſie ſo ſehr für ſich einzuneh⸗ men, daß ſie ihm Krone und Regierung des König⸗ reichs Böhmen antrugen und ihn dringend erſuch⸗ ten, dieſen Antrag nicht zurückzuweiſen und ſich zur Beruhigung Böhmens ſo bald als möglich in der Hauptſtabt ſeines neuen Reiches krönen zu laſſen. Matthias war ſchlau genug, dieſes Alles, was er heimlich begehrte, ſich von den Ständen des Rei⸗ ches gleichſam aufdringen zu laſſen. Und endlich geruhte er nachzugeben. Der arme Kaiſer, von ſeinen Ständen und Soldaten verlaſſen, überall von Feinden umgeben und von den utraquiſtiſchen Söldnern des Grafen Thurn bewacht, mußte ſich macht⸗ und wehrlos in Alles fügen, was die Stände im Vereine mit ſei⸗ nem ehrgeizigen Bruder und Vaſallen über ſeine und Böhmens Zukunft zu beſchließen beſchloßen. Von ihrem Verlangen gedrängt, ließ ſch Rudolph 12 180 bereitwillig finden, am 28. März einen allgemeinen Landtag auf den 13. April auszuſchreiben. Auf den klugen Rath der Gräfin Maria Mag⸗ dalena, zum böſen Spiele gute Miene zu machen und ſich den Schein zu geben, als ſei er entſchloſſen, zu Gunſten ſeines vielgeliebten Bruders jetzt auch der Krone Böhmens, wie früherhin jener Ungarns, frei⸗ willig zu entſagen, um ſich den Schein zu bewahren, daß die Stände ihn dazu nicht gezwungen hatten, bat er den Landtag, den König von Ungarn auch zum Könige von Böhmen auszurufen. Da die Stände dieß ohnehin beſchloſſen hatten, nahmen ſie die freiwillige Abdankung Rudolphs um ſo lieber an und ſetzten auf den 23. Mai den Tag der feierlichen Krönung ſeines Bruders feſt. Am 25. April verließ der neuerwählte König von Böhmen ſein Hauptquartier in der Altſtadt, zog mit einem zahlreichen Gefolge und unter glänzendem Gepränge auf die Kleinſeite und von hier auf den Hradſchin, dicht unter den Fenſtern ſeines kaiſerlichen Bruders, und ſchlug nun, wie er ausdrücklich äu⸗ ßerte, ſeine„einſtweilige“ Reſidenz im Hanſe des (im Jahre 1609) verſtorbenen Oberſthofmeiſters Chri⸗ ſtoph von Lobkowic auf. Am Krönungstage,(es war am Montage des 181 heiligen Pfingfifeſtes) ließ Matthias von ſeinem Heere alle Thore, Plätze, Gaſſen und Gäßchen Prags be⸗ ſetzen unter dem Vorwande, daß die Feierlichkeit ohne Störung vor ſich gehe; im Grunde aber nur aus Beſorgniß, daß die Anhänger des Kaiſers irgend etwas gegen ihn unternehmen möchten, was ſeinen Triumph vereiteln könnte. Sein Wahlſpruch war: Amat victoria curam.(Jeder Sieg will ſorgſam gepflegt ſein.) An demſelben Tage erſchien die ſchriftliche Er⸗ klärung des Kaiſers, daß er die Stände und Unter⸗ thanen von dem ihm geleiſteten Eide der Treue ent⸗ binde und die Regierung Böhmens freiwillig in die Hände ſeines Bruders niederlege. Wie groß aber der Unwille des Kaiſers über das treuloſe Benehmen der Stände war, geht aus einer Thatſache hervor, die ein Kämmerer des Kai⸗ ſers, Florian Zöärskh, welcher Augenzeuge war, dem glaubwürdigen Geſchichtsſchreiber Bohuslaus Balbi⸗ nus erzählt. In dem Augenblicke, als Rudolph, durch eiſerne Nothwendigkeit gedrängt, die Stände ihrer Eidespflicht entband, ſoll er das Papier, wor⸗ auf ſeine Losſprechung niedergeſchrieben war, mit Tinte befleckt und die Feder, womit er unleſerlicher als je ſeinen Namen unterzeichnete, mit den Zähnen 182 zerknickt und Feder und Hut auf die Erde geworfen und erſtere mit ſeinem Fuße unwillig zertreten haben. Die Krönung lief ohne Störung ab. Rudolph gerieth außer ſich vor Zorn. Um dem Schalle der Pauken, dem Geſchmetter der Trompeten, dem tau⸗ ſendſtimmigen Vivatruf und hellen Jubelgeſchrei ſeiner ungetreuen Böhmen ſein erzürntes Ohr zu verſchlie⸗ den, hielt er ſich während des Krönungszuges, der lärmend dicht unter ſeinen Fenſtern vorüberzog, in dem abgelegenſten Gemache ſeines Schloſſes vor dem Käſig ſeines Löwen Otakar auf, der den Gram ſei⸗ nes, zweier Kronen beraubten Herrn und Gebieters zu errathen und brüderlich zu theilen ſchien; denn er brüllte furchtbarer als je. Dieß Brüllen ſchien dem Kaiſer Troſt zu gewähren, denn er ſtreichelte dankbar des Löwen Mähnen und ſagte tiefbetrübt: — Du meinſt es gut mit mir! Als ihm die Kunde von der im Sanet⸗Veits⸗ dome mit unbeſchreiblicher Pracht vollzogenen Krö⸗ nung hinterbracht ward, ſprang er wüthend vom Stuhle auf und brach, an's Fenſter tretend, in die Worte aus: — Prag, undankbares Prag! Durch mich biſt Du erhöht worden und nun ſtoßeſt Du Deinen 183 Wohlthäter von Dir. Die Rache Gottes ſoll Dich verfolgen und der Fluch über ganz Böhmen kommen! Nach vollzogener Krönung begab ſich König Matthias mit dem ganzen Schwarme ſeines Gefol⸗ ges in das Schloß und in die Landſtube. Hier ward das luculliſche Mittagsmahl eingenommen. Zur Tafel, an welcher Matthias ſaß, wurden nur der Cardinal⸗Biſchof von Olmütz, Franz von Die⸗ trichſtein, der Biſchof von Breslau, Erzherzog Leo⸗ pold, die beiden päpſtlichen Nuntien, die Geſandten des Königs von Spanien und des Großherzogs von Toskana, und der Herzog Chriſtian von Liegnitz und Brieg hinzugezogen. Die übrigen Fürſten Schle⸗ ſiens hatten ſich durch Abgeordnete vertreten laſſen. Der Cardinal⸗Biſchof von Olmütz, der, weil der prager Erzbiſchof Carl von Lamberg durch Krank⸗ heit abgehalten war, als deſſen Stellvertreter den Act der Krönung vollzogen hatte, ſaß zur Rechten, der Biſchof von Breslau zur Linken des Königs. Für die übrigen Gäſte waren eilf große Tafeln gedeckt. Auch des Heeres ward nicht vergeſſen. Der Wein floß in ſolchen Strömen, daß die Soldaten ihre Hüte und Sturmhanben anfuͤllten und wacker bis tief in die Nacht hineinzechten. Selbſt das Volk kam nicht zu kurz; denn 184 während des Zuges nach dem Dome hatte der neue König blanke Krönungsmünzen und eine Menge andern Silbergeldes mit ziemlich vollen Händen aus⸗ ſtreuen laſſen. Niemand war jetzt ein glühenderer Anhänger des Königs Matthias als der Handſchuhmacher Ja⸗ romir, der vermöge ſeiner langen Hände und ver⸗ mittelſt einer ihm angeborenen Gabe, Alles auf⸗ zuſchnappen, was Andere fallen ließen, zwei Marien⸗Ducaten und ein ganzes Münzeabinet kleiner Groſchen als Beute davon trug und einen großen Theil der Letztern Abends in der überfüllten Schenke zur ggoldenen Kugel zurückließ. Erſt am folgenden Tage ſandte König Matthias den Grafen Leonhard Helfried von Meggau an den Kaiſer ab, um Seiner Majeſtät für den neuen Be⸗ weis ſeines brüderlichen Wohlwollens, für die brü⸗ derliche Abtretung Böhmens zu danken. Rudolph, Anfangs entſchloſſen, den Grafen abzuweiſen, ſoll nur durch Zureden ſeines Kammerherrn Ulrich von Prubow beſtimmt worden ſein, den Ueberbringer dieſer etwas allzuſpäten Dankſagung anzunehmen. Rudolph ließ ſeinem Bruder ſagen: der deutſche Kaiſer gebe ſich der Hoffnung hin, der König von Ungarn und Böhmen werde deſſen brüderliche Huld und Großmuth 185 zu ſchätzen wiſſen und ſich in Zukunft ſo benehmen, daß Rudolph niemals Urſache haben werde, ſeine Liebe und Nachſicht für Matthias zu bereuen. Wenig Tage ſpäter enthob der königliche Nach⸗ folger faſt alle Anhänger ſeines Vorgängers ihrer Aemter und beſetzte dieſe mit den eigenen Günſt⸗ lingen. An die Stelle des earlſteiner Burggrafen Wilhelm Slawata trat der Graf von Thurn, als Anerkennung für die Treue, womit er das Leben und die Sicherheit Seiner kaiſerlichen Majeſtät beſchützt hatte“). Dem beſtändig kränkelnden Erzbiſchof Carl von Lamberg, der den neuen König nicht gekrönt, wurde in der Perſon des energiſchen Prämonſtratenſer⸗ Abtes und bisherigen Weihbiſchofs Johannes Lohe⸗ lius ein Coadjutor des prager Erzbisthums beige⸗ geben**). Erſt am 11. Auguſt kam zwiſchen beiden Brü⸗ dern ein Vergleich zu Stande, laut welchem es dem Kaiſer freigeſtellt war, den vordern Theil des Schloſſes auch fernerhin bewohnen, die Botſchafter *) Erſt ſpäter erhielt Slawata die erledigte Stelle des oberſten Hoflehnrichters. *) Nach dem am 28. September 1612 zu Oſſegg erfolgten Ableben Lambergs ward Lohelius deſſen Nachfolger⸗ 186 des deutſchen Reichs empfangen und deſſen Ange⸗ legenheiten, ſo weit ſie weder den König von Böh⸗ men, noch deſſen„getreue Stände berührten, weiter fortführen zu dürfen. Zum anſtändigen Unterhalte des ehemaligen Königs von Böhmen ward ihm von deſſen Nachfolger eine jährliche Penſion von dreimal⸗ hunderttauſend Gulden und der Nießbrauch der vier Herrſchaften Pardubie, Brandeis, Liſſa und Prerow bis zu deſſen Lebensende eingeräumt mit der einzigen Clauſel, daß er keine der vier Herrſchaften verkaufen oder— gleichviel an wen— verſchenken dürfe. Matthias, dem der große Einfluß, welchen die Gräfin Magdalena namentlich in der letztern Zeit auf die Dankbarkeit des Kaiſers beſaß, nicht unbekannt ge⸗ blieben war, ſchien zu befürchten, Rudolphs Groß⸗ muth werde in einer ſchwachen Stunde eines oder das andere ſeiner Apanagengüter entweder an ſeine Freundin oder an einen ſeiner natürlichen Söhne ver⸗ ſchenken.— Für die Gewährung jenes Jahrgehaltes, gleichwie für die Einräumung dieſer vier Herrſchaften, von welchen jede mehr als hunderttauſend Gulden jährlicher Einkünfte abwarf, mußte der Kaiſer, außer der förmlichen Abtretung Böhmens, ſich verpflichten, ſeinen vielgeliebten Bruder der Gunſt und dem Wohlwollen der deutſchen Churfürſten auf's Wärmſte 187 und Allerbeſte zu empfehlen und ihn vor Ablauf eines Jahres auch mit der deutſchen Kai⸗ ſerkrone zu belehnen. Der neue Vertrag, von beiden Brüdern eigen⸗ händig vollzogen, ward auch von den beiderſeitigen Abgeordneten genehmigt. Von Seiten des Kaiſers unterzeichnete der ſpaniſche Geſandte Balthaſar de Zuniga, Ernſt von Mollart Freiherr auf Reineck, Abraham Burggraf zu Dohna und Johann Mat⸗ thias Wacker zu Wackerfels. Von Seiten des Kö⸗ nigs: der wiener Biſchof Melchior Khlesl, Graf Leonhard Helfried von Meggau, Johannes Euſebius Khuen von Belaſy und Ulrich von Kronberg. Hierauf verließ der neugekrönte König die Haupt⸗ ſtadt ſeines Reiches und begab ſich nach der Ober⸗ Lauſitz, um auch die Huldigung der Stände dieſes Markgrafenthums entgegen zu nehmen. Am 3. Sep⸗ tember ward er vom Adel an der Grenze empfan⸗ gen und mit großem Jubel nach Bautzen geleitet. Er zog in grünſammetner Ungartracht ein. Von Bautzen begab er ſich über Sorau nach Breslau. Dort erſchien er in rothſammetner Kleidung. Am 9. October ward ihm gehuldigt. Am 17. beſtätigte er Schleſiens uralte Freiheiten und Privilegien und zeigte ſich in Verleihung von Auszeichnungen, Gunſt⸗ 188 bezeugungen und Begnadigungen aller Art faſt ver⸗ ſchwenderiſcher noch als in Prag... Von Breslan eilte er nach Wien. Anfangs De⸗ cember traf dort ſeine Braut Anna, Tochter des verſtorbenen Erzherzogs Ferdinand, ein. Matthias ritt ihr eine Meile entgegen. Als Bräutigam und Braut, Beide zu Pferde, ihren Einzug hielten, er⸗ ſtieg ein Fähndrich den äußerſten Knopf des Stephans⸗ thurms und entfaltete dort zur Verwunderung Aller Oeſterreichs ſchwarzgelbe, ſieggeſchmückte, ruhmgekrönte Fahne. Am folgenden Tage ward im Dome zu Sanet⸗ Stephan die Trauung vom Cardinal⸗Biſchof zu Ol⸗ mütz als päpſtlichen Legaten vollzogen. Und während auf dieſe Weiſe König Matthias von einem Triumphe zum andern zog, ſtieg der deutſche Kaiſer gramgebeugt, entmuthigt und lebensmüde ſtufen⸗ weiſe von der Höhe ſeines alten Glanzes herab und war jetzt nur noch ein bleiches Schattenbild jenes macht⸗ und prachtgekrönten Rudolphs, der er noch vor Abſchluß jenes unrühmlichen Friedens mit dem Halb⸗ monde geweſen war. Unter den Flügeln jenes unheilvollen Krieges hatte der Ehrgeiz ſeines Bruders zuerſt ſeine jungen Schwingen entfaltet. Ungarn hatte ihm den Weg 189 nach Prag gebahnt und ihm die Stufen gezimmert zum deutſchen Kaiſerthrone. Er blieb treu ſeinem alten Wahlſpruch: Amat victoria curam! Der Sieg will ſorgſam gehüthet ſein. Pierzehntes Capitel. Rabbi Bezalél Loew. Man folge uns in die Judenſtadt. Dort in der ,breiten Gaſſe“ wohnte einer der berühmteſten und am meiſten gefeierten Rabbinen des gelehrten Judenthums, Bezalél Loew, vom Volke der hohe Rabbi“ genannt, der frommſte und gelehr⸗ teſte ſeiner Zeit und Nation. Er war Mathema⸗ tiker, Phyſiker, Arzt, Aſtronom, Kabbaliſt, einer der tiefſten Denker und Kenner des Talmuds, der Lei⸗ ter der böhmiſchen Judengemeinde, das Orakel aller jüdiſchen Gelehrten, der Vater aller Armen, gleich⸗ viel, welchem Glaubensbekenntniſſe ſie angehörten, und Gründer der noch jetzt beſtehenden Beerdigungs⸗ brüderſchaft, die gleich einer tauſendjährigen Palme vom prager Ghetto aus ihre fruchttragenden Zweige über alle Judengemeinden Böhmens, Oeſterreichs 190 und ganz Deutſchlands, in allen Städten, in wel⸗ chen das auserwählte Volk Gottes geduldet ward, ausgebreitet hatte. Der Rabbi Loew wohnte in einem Hauſe, über deſſen Thür noch bis zum heutigen Tage ſich ein ſteinerner Löwe erhebt, als Zeichen, daß der leib⸗ hafte Repräſentant des ruhmgekrönten Wappenſchil⸗ des der Böhmen, daß Kaiſer Rudolph II., der Freund und Bewunderer der Tugend und Gelehr⸗ ſamkeit des, hohen Rabbi', eines Tages von der Höhe ſeines Thrones in die dunkeln Gäßchen der Juden⸗ ſtadt herabgeſtiegen war, um dem weiſen gottes⸗ fürchtigen Manne, dem erſten und in mancher Be⸗ ziehung auch letzten Juden ſeines großen Reiches, die hohe Ehre ſeines kaiſerlichen Beſuches Kihrs zu laſſen. Während jenes huldoollen Beſuches ſoll, wie die Sage will, Rabbi Belzalel Lvew den ganzen Hradſchin mit ſeiner tauſendfenſterigen Königsburg in die Judenſtadt herabgezaubert haben, eine Fabel, die eine anziehende Bedeutſamkeit gewinnt, wenn man erwägt, daß der ,hohe Rabbi in Böhmen ziemlich allgemein als Erfinder der Camera obſcura gilt. Rabbi Loew, der aber nicht bloß in der Phyſik, 191 ſondern auch im Labyrinth der Kabbala bewandert und erfahren war, ſoll noch ganz andere Dinge als jene phyſikaliſche Erfindung ermöglicht haben. Denn gleichwie eine uralte Sage von dem engliſchen Barfüßer⸗Mönch Roger Baco, einem der gelehrteſten Theologen des dreizehnten Jahrhundertes, von den Scholaſtikern Doctor mirabilis“ genannt, ſeinen Nachkommen erzählt, er habe mittelſt der ihm innewohnenden Kenntniß der Chemie und Magie aus Erz einen Kopf geformt, welchem er die Gabe der menſchlichen Sprache eingeathmet haben ſoll, alſo berichtet eine jüdiſche Talmud⸗Sage, der hohe Rabbi Loew, der jüdiſche Roger Baco Prags, habe nach Vorſchrift der Kabbala aus ma⸗ giſchem Lehm einen Zwerg geformt, der dadurch, daß Rabbi Loews geweihte Finger auf die Stirn dieſer todten Lehmfigur das geheimnißvolle Wort „Golem“ eingeprägt, dem bis dahin lebloſen Zwerge Leben, Verſtand und Bewußtſein eingeflößt haben ſoll. Es wird erzählt, daß der aus der Hand des großen Kabbaliſten hervorgegangene Zwerg, des Rab⸗ bi's willenloſer und maſchinenartig gehorſamer Knecht, ſeinen Herrn und Meiſter treu bedient und Frei⸗ tags und an heiligen Feſttagen mit unſichtbarer Hand deſſen Lichter geputzt und Tafel ⸗Geſchirr 192 und überhaupt alle Dienſte, die ihm ſein Schöpfer aufgetragen, mit der Willfährigkeit und Anhänglichkeit eines treuen Dieners ausgeführt haben ſoll.— Ferner wird erzählt, daß der Zwerg allmäh⸗ lich zu einem mächtigen Rieſen herangewachſen ſei, der, ſtärker als Simſon und Goliath, ſo übermenſch⸗ liche Kraft beſaß, daß er Baumſtämme wie Stroh⸗ halme zerknickte und Hufeiſen wie Oblaten ohne die leiſeſte Anſtrengung zerbrach und Gewichte von maaß⸗ loſer Schwere ſo gewandt und leicht wie die klein⸗ ſten Brodkügelchen fortbewegte.— Dieſer Rieſe, erzählt die Sage, wagte eines Freitags Abends, als der hohe Rabbi an der mit blendend weißem Linnenzeug überdeckten Sabbath⸗Tafel ſein frommes Gebet verrichtete, ſich im Bewußtſein ſeiner unbän⸗ digen Stärke gegen den Willen ſeines Gebieters aufzulehnen: er weigerte ſich, auf deſſen Wink wie früher die Lichter zu putzen, weil er ſich in ſeinem Uebermuthe zu etwas Beſſerem berufen hielt; er trotzte auf ſeine rieſige Kraft und vergaß ſich ſo weit, ſeinem Herrn und Meiſter zu drohen, ihn mit zwei ſeiner künſtlichen Finger wie ein ohnmächtiges Ei zu zerdrücken, falls er ihm, dem Diener, nicht ge⸗ ſtatten wolle, ſich an den Tiſch ſeines Herrn nie⸗ derzuſetzen und mit ihm ſein Sabbath⸗Abendmahl 193 zu theilen. Der Rieſe gerieth, als der Rabbi beſſen Frechheit in die Schranken willenloſer Unterthänig⸗ keit zurückzuweiſen verſuchte, in ſolche Wuth, daß er drohte, das ganze Haus des weiſen Rabbi wie eine hohle Nuß zu zerſchlagen. — Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, ſprach Rabbi Loew ruhig bleibend, daß Du bei all' Dei⸗ ner furcht⸗ und ſchreckenerregenden Rieſenkraft ein machtloſer Lehmklumpen biſt, dem ich künſtliches Le⸗ ben und übermenſchliche Stärke nur für ſo lange eingehaucht, als er mir treu zu dienen ſich willfäh⸗ rig zeigt; aber da Du es wagſt, Dich in Deiner ohnmächtigen Wuth gegen Deinen Herrn und Ge⸗ bieter zu erheben, da Du Dich weigerſt, am heili⸗ gen Sabbath ſeine dem ewigen Jehova geweihten Sabbath⸗Kerzen zu putzen, ſo will ich Dir zeigen, daß der ſchwache, hinfällige Rabbi Bezalél Loew doch ſtärker als der vernunftloſe Lehmklumpen iſt, der ſeine Rieſenhand undankbar und drohend gegen das Haupt ſeines Schöpfers zu erheben ſich erkühnt. Stürze nieder und flehe um Verzeihung! Der Rieſe aber ſchlug ein ſo grelles höhniſches Lachen auf, daß dadurch alle Fenſterſcheiben des Hauſes zerbcachen. — Du, feiger Wurm, willſt mir drohen, willſt 1856. VII. Auf dem Hradſchin. W. 13 194 Dich mit mir, dem unbändigen Rieſen, in einen Kampf einlaſſen? Was kann mich, den tauſendfach Stärkern, abhalten, Dich zu vernichten? — Vernichte mich, wenn Du es kannſt! ſprach mit der Ruhe des ſteinernen Löwen über ſeinem Hauſe der hohe Rabbi. Der Rieſe wollte ſeinen Arm erheben und er⸗ ſchrak, als er fuͤhlte, daß derſelbe wie jedes ſei⸗ ner Glieder wie durch einen Blitzſchlag gelähmt war. — Was iſt das? ſtammelte der Koloß. — Das iſt Deine Strafe, ſprach Rabbi Lvew, erhob ſich und wiſchte mit ſeinem Finger das ge⸗ heimnißvolle Wort der Kabbala, das Wort, das dem Lehm Leben und Kraft nurzeitweilig geliehen, die fünf kabbaliſtiſchen Buchſtaben G—0—1—e— m von des Knechtes frecher, zornangeſchwollener Stirne weg. Und in derſelben Secunde ſank der drohende Rieſe zu einem machtloſen Zwerge, der machtloſe Zwerg zu einem todten, in tauſend kleine Stücke zerbrök⸗ kelnden Lehmklumpen herab. — Er war geweſen! ſagte der Rabbi und pries ſeinen großen Gott Jehova, der ſeinem ſchwa⸗ chen Diener die Kraft verlieh, mit Einem Winke ſeiner Hand ſein undankbares Geſchöpf auf ewig zu zertrümmern. 195 Das erzählt die alte unverbürgte Sage! Das aber, was nicht bloße Sage, ſondern un⸗ läugbare Wahrheit war, iſt, daß der fromme Rabbi Loew eine der ſchönſten Töchter der ganzen Juden⸗ ſtadt Prags, ja vielleicht des ganzen Erdenrundes beſaß. M Sie hieß wie Simſons Braut: Delila. Delila Loew war in der That ſo bezaubernd, daß wir uns den Meißel des Prariteles, den Pinſel Carlo Dolee's oder, lieber noch als Beides, die unſterbliche Feder Torquato Taſſo's wünſchen, um mit den ewigen Farben ſeiner Poeſie die menſchlich⸗ ſchönen und göttlich⸗milden Reize dieſes Cherub⸗ kopfes auszumalen. Es gab nichts Schwärzeres auf Erden als ihr Haar, nichts Weißeres als ihre Haut⸗ farbe, nichts Blaueres als den Veilchenhimmel ihres Augenpaars, aus welchem durch die lange Nacht ihrer Wimpern die lichten Mondesſtrahlen engelrei⸗ ner Kenſchheit auf die Saronsroſen ihrer Wangen ſielen. Ihr Mund war ſo klein und roth wie eine eben aufgeſprungene Granatenknoſpe. Ihre Geſtalt, ſchlank wie eine Ceder vom Libanon, geſchmeidig wie der Schaft einer jungfräulichen Palme, zart geglie⸗ dert wie ein junger Myrthenzweig, war eben ſo impoſant als lieblich. Wenn dieſe jeten Glieder 13 196 ſich bewegten, glaubte man im Rauſchen ihrer ſchwer⸗ ſeidenen Gewänder das von den Küſſen des Zephi⸗ res wachgerufene Geſäuſel üppiger Palmenfächer zu hören. Ihre Atmoſphäre athmete alle Wohl⸗ gerüche des Morgenlandes, Myrrhen⸗ und Ambraduft aus. Sie war vom Scheitel bis zum Atlasſchuh ihres kleinen Fußes eine echte Tochter des Orients, leuchtend wie der erſte Stern am Morgenhimmel, kenſch wie die erſte Blüthe am Myrthenſtrauch. Delila war der Stolz ihres Vaters; nicht, weil ſie die Einzige ſeines Hauſes, ſondern einzig in ganz Juda war. Er pflegte ſie mit der Liebe eines Gärtners, der in ihr die herrlichſte Blüthe ſeines Blumenſchatzes ſieht; er war beſorgt für ſie wie für das Licht ſeines von gelehrten Nachtwachen getrüb⸗ ten Auges, ängſtlich bekümmert, daß kein rauher Windzug ihr junges blühendes Leben berühre, daß weder Biene noch Falter den jungfräulichen Honig ihrer Blüthenkrone raube. Delila's Mutter war wenige Jahre nach ihrer Verheirathung in Folge einer Bruſtkrankheit im Lenz ihres Lebens hingewelkt und Rabbi Loew war ſeit⸗ dem Witwer geblieben und hatte alle Cröſusſchätze ſeines liebevollen Gemüthes von der Mutter auf das einzige Kind ſeiner kurzen, aber wolkenlos glück⸗ 197 lich geweſenen Ehe übertragen. Delila war des hohen Rabbi Augapfel. Eines Abends trat Delila ſchüchtern in die Studierſtube ihres Vaters mit den Worten: Mein Vater, geſtatte Delnem Kinde eine beſcheidene Frage. Glaubt mein hoher Rabbi an Träume? — Und warum fragſt Du dieſe Frage? fragte Bezalel Loew, deſſen tiefforſchendes Auge im verſchloſſe⸗ nen Buche ihres Herzens las. — Ich will Dir den Grund nicht verſchweigen. In vergangener Nacht träumte ich einen wundervollen Traum. — Erzähle, mein Kind, bat der Vater. — Dllila ſchlief in einer blühenden Fliederlaube. Da neigten ſich die Zweige mit den ſchneeweißen Blü⸗ then auf ſie herab, und die größte und duftendſte unter ihnen flüſterte in ihr erſchrecktes Ohr die drei⸗ ſte Frage: Weißt Du, Delila, was Liebe iſt? — Und was erwiderte die Gefragte? forſchte der Rabbi, deſſen Auge auf ihrer Stirn zu leſen ſchien. Delila ſchlug erröthend ihre Augen nieder. Ihre Pulſe tobten, ihr Athem ſtockte. — Laß unverholen mich Deine Antwort wiſſen, ſprach der Rabbi. — Träumend hauchte ich ein leiſes Ja! 198 — Und weißt Du auch wachend, was Liebe iſt? — Nein, Vater! betheuerte Delila, ihm offen in's Antlitz blickend. — Wie aber dachteſt Du Dir das Gefühl, von dem Du ſprachſt, in Deinem Traume? — Die Liebe war mir Nachts zuvor in der Geſtalt einer weißen Taube erſchienen, die ſich vom Gipfel einer prächtig blühenden Palme auf mein Lager herniederließ, mit ihrem roſigen Schnabel mein bang bewegtes Herz berührte und ſüß girrend, wie Schalmei und Flöte, an den Spitzen meiner Finger, an den Locken meiner Haare, an dem Saume mei⸗ ner bebenden Lippen zupfend, mir zurief: Erwache, Träumerin, und vernimm, was ich Dir zu melden habe! — Und was meldete Dir die Taube? — Ich bringe Dir Grüße von einem Weſen, das Dich liebt!— Ich verſchloß mein Ohr und wollte nichts hören. Sie aber ließ mir keine Ruhe. Unruhig flog ſie hin und her. Sie pickte mit ihrem Schnabel an meinem Mieder und bat: Du mußt mich anhören, Delila. Nicht eher gönne ich Dir Ruhe, als bis Du meine Botſchaft angehört. Ein Engel ſendet mich zu Dir.— Und was will Dein Engel? fragte Delila.— Er will Dich lieben, ſagte ſte.— Was heißt das? fragte Dein Kind.— Er 199 will jeden Deiner Wünſche errathen. Er will Dich auf den Händen tragen. Er will Dich unausſprech⸗ lich glücklich machen.— Das bin ich ja ohnehin, ſagte Delila. Ich liebe meinen guten, alten Vater und mein Vater liebt ſein Kind. Was brauche ich wohl mehr, um glücklich zu ſein?— Das iſt nicht das wahre Glück, ſagte die Taube.— Giebt es ein Anderes, ſprach Dein Kind, dann beſchreibe es mir, damit ich es wenigſtens dem Namen nach ken⸗ nen lerne. Die Taube ſchilderte mir die Selig⸗ keit jenes andern Glückes, das ſie als das Höchſte pries, mit ſo ver lockenden Farben, daß ich, in ſtum⸗ mes Entzücken verſunken, mir geſtehen mußte, daß wenn ſolch' ein Glück in Wahrheit auf dieſem Erden⸗ runde blüht, es wirklich alle Wonnen des Himmels, alle Seligkeiten des Paradieſes in ſich ſchließen muß. — Wahre Liebe iſt ein göttliches Gefühl, ge⸗ ſtand Rabbi Loew und dachte dabei in ſeliger Er⸗ innerung an ſeine erſte und letzte Liebe zurück, die ſeit achtzehn Jahren im Schvoße des Grabes ſchlief. — Ganz ſo ſprach auch meine Taube. Von Neugier getrieben fragte Delila: Wer aber iſt jener Engel, der ſo unausſprechlich mich zu lieben wagt? Die Taube wollte mir nicht antworten; ich aber be⸗ ſtürmte ſie ſo lange, bis ſie mir endlich Antwort 200 gab. Er iſt ein großer, vornehmer Prinz Delila erſchrak ohne zu wiſſen warum, ſagte die Tochter des Rabbiners und ſchien noch jetzt darüber nach⸗ zudenken. — Erzähle weiter, meine Tochter, ſprach Be⸗ zall. — Er iſt, fuhr Delila halb träumend, halb wachend fort, der Sohn eines mächtigen Fürſten, welcher Krone und Scepter trägt und über Milliv⸗ nen treuer Unterthanen herrſcht. Und der Name dieſes Prinzen? fragte Dein nengieriges Kind.— Nenne ihn, wie Du willſt! meinte die Taube. Liebe fragt nicht nach dem Namen. Es gilt ihr gleich, wie das Ideal ihrer Träume heißt! — Und was entgegnete mein Kind darauf? — Delila wollte durchaus ſeinen Namen wiſſen. Endlich gab die Taube meinen Bitten nach und ge⸗ ſtand, er heiße Julins Cäſat. — Julius Cäſar iſt ein heidniſcher Name. So heißt kein Sohn Iſraels! ſagte Rabbi Lvew, tief erſchreckt. — So dachte auch ich, mein Vater, und ich erſchrak, wie Du erſchrakſt. Dein Engel, ſagte Delila zu ihrer Taube, ſcheint dem Namen nach ein Chriſt zu ſein. Ich aber bin die Tochter des hohen Rabbi 201 Lvew, den ganz Prag, ganz Böhmen kennt. Darf ein Chriſt ein Judenmädchen lieben?— Und war⸗ um nicht? fragte die Taube. Sind denn nicht alle Menſchen, gleichviel was ſie glauben, Geſchöpfe ei⸗ nes und deſſelben großen Schöpfers 2— Ich wußte nicht, ob ich ihr Recht oder Unrecht geben und über⸗ legte, was ich ſeiner Dolmetſcherin hierauf erwidern ſollte. Iſt Dein Engel ein Chriſt, ſagte ich end⸗ lich, dann mag ich nichts mehr von ihm hören; denn nie wird Delila Lvew einen Andern als Jenen lie⸗ ben, der, wie ſie, an den Gott ihrer Väter glaubt. — Die liſtige Taube aber? fragte Bezalél. — Schalt mich eine Närrin. Liebe, fuhr meine Taube fort, iſt die Religion des Himmels und der Erde. An ſie muß endlich Jeder glauben. Liebe, wahre Liebe, fragt nicht nach Rang und Glauben⸗ Es genügt ihr, zu wiſſen, daß Der, den ſie liebt, ih⸗ rer Liebe würdig iſt, gleichviel ob er Jude oder Mu⸗ ſelman, Chriſt oder Heide iſt. Liebe Deinen Ju⸗ lius und werde glücklich! ſagte meine Taube und flog auf den Gipfel der Palme zurück.— Als ich er⸗ wachte, waren Palme und Taube verſchwunden und das, was mir von meinem ſchönen Traume übrig geblieben, iſt eine mir ſelber unerklärliche Unruhe. — Delila, begann der Rabbi ernſt und ruhig, 202 Du fragteſt mich vorhin, ob ich an Träume glaube. Jetzt will ich Deine Frage Dir beantworten. Aller⸗ dings, Kind, glaube ich an Träume. Ich halte ſie für dunkle Vorahnungen, die der Schutzgeiſt unſeres Lebens wie durchſichtige Schattenbilder in die Ca⸗ mera obſcura unſerer Gedanken und Gefühle ſchiebt, um uns warnend aufzuklären über manche Dinge, die im Schvoße der Zukunft ruhen.— Dein Traum, Delila, hat mich erſchreckt. Er zeigte mir leider nur allzuklar, daß Dein Herz nicht mehr ſo makellos rein und unverdorben iſt, als es bis dahin geweſen war. Schon das eigene Geſtändniß, daß dieſer Traum Dich noch im wachenden Zuſtande beſchäftigt, ja ſo⸗ gar beunruhigt, giebt meinem zärtlich beſorgten Vaterherzen den tief betrübenden Beweis, daß Dein jungfräuliches Gemüth nicht mehr frei von jenem Gefühle iſt, das jene Taube Dir mit ſo gleißneri⸗ ſchen Farben geſchildert hat. Jene Liebe, wie die ſinnliche Taube ſie Dir ausgemalt hat, iſt nichts Anderes, mein Kind, als eine im künſtlich erzeugten Lichte der Täuſchungen ſchimmernde Seifenblaſe, die raſch zerplatzt und in dem Herzen derer, die ſich von ihrer trügeriſchen Farbenpracht haben blen⸗ den und bethören laſſen, bald kein anderes Gefühl als das verzehrende Feuer bitterer Reue zurückläßt. 203 Deine böſe Taube gab Dir falſche Rathſchläge, auf die Du, wenn Du Deine Keuſchheit, Deine Tugend, die Reinheit Deiner Geſinnung Dir als die höch⸗ ſten Schätze der Jungfrau bewahren willſt, nicht hören und noch weniger ihnen trauen darfſt.— Be⸗ trachte dieſen Traum, der Dir in ſeiner lügneriſchen Verkleidung ſo ſchön erſchienen iſt, nicht als Auf⸗ forderung, dem verlockenden Girren der Taube Glau⸗ ben zu ſchenken, ſondern einzig und allein als War⸗ nung, mehr als je auf Deiner Hut zu ſein, Ohr und Herz nicht durch falſche Vorſpiegelungen beſtrik⸗ ken zu laſſen, und als Rath, nur Den zu lieben, den Du lieben darfſt. Erführe Dein Vater, daß Du jemals Dich ſo weit vergeſſen könnteſt, für irgend Jemanden, der nicht Deinen Glauben theilt,— und wäre er auch ein mächtiger Prinz, ja wäre er unſer großer Kaiſer ſelbſt!— in Liebe zu entbrennen, er würde Deine Schmach, die ja auch die Seine wäre, nicht überleben können. Der Gram über den Fall Deiner reinen Seele würde wie ein Blitzſtrahl die ganze Ausſaat ſeiner ſchönſten Hoffnungen verheeren, ihn ſelber tödten. Wenn Du mich alſo liebſt und als gutes folgſames Kind entſchloſſen biſt, den weißen Haaren Deines Vaters keine Schande zu machen, dann bitte und beſchwöre ich Dich bei dem Andenken 204 an Deine fromme Mutter, bei der Liebe, die Dein Vater für Dich hegt; dann beſchwöre ich Dich bei dem Gott Israels, Dein wankendes Herz zu ſtählen und Dich mit der ganzen Kraft des Willens zu rüſten gegen den böſen Feind, den Dir die liſtige Taube als das höchſte Glück der Erde vorgegaukelt hat. Willſt Du bleiben, was Du mir bis jetzt ge⸗ weſen warſt: der Stolz meines Alters, das Ju⸗ wel meines Herzens, die Krone meines Stammes, dann träume nicht mehr unter Fliederlauben und verſchließe Dein Ohr dem trügeriſchen Girren ſol⸗ cher weißen Tauben; denn Deine Träume würden dann bald zur Wahrheit und Dich und mich in grenzenloſes Elend ſtürzen. Geh' nun zur Ruh', mein Kind, ſchlafe ſüß und ruhig, und träume nie mehr ſolche böſe Träume! — Gute Nacht, mein weiſer, herzgeliebter Va⸗ ter, ſprach Delila, küßte die Hand desſelben und begab ſich zur Ruhe. Der Rabbi betete für ſein Kind. Delila aber war traurig und niebergeſchlagen. Auch ſie betete zu dem Gotte ihrer Väter, daß Jehova ihr Muth und Kraft verleihen möge, die Leibenſchaft, die ſie in ihrem Herzen trug, im Keime zu erſticken. Sie 205 betete lange und inbrünſtiger als je. Ihre Leiden⸗ ſchaft aber war ſtärker als ihr Gebet: Es kam ihre erſte ſchlafloſe Nacht! Fünſzehnies Cayitel. Delila's Herz war nicht mehr rein. Delila's Herz war nicht mehr rein. Seit Monden ſchon ſchlug es für einen jungen Mann, den ſie waͤhrend dieſer Zeit aus den Fenſtern ihrer Wohnung, an welcher er tagtäglich zu derſelben Stunde vorüberging, ſchon viel zu oft für die Ruhe ihrer Seele geſehen, bis zu jenem Abende aber, an welchem ſie ihrem Vater den Traum ihrer beiden jüngſtverfloſſenen Nächte gebeichtet, zum Glück für ihre Tugend noch nie geſprochen hatte. Noch wußte, noch ahnte ſie nicht, wer jener hohe, ſchlankgewachſene, kühnverwegene Jüngling ſei, der, ſo oft er an ihrem Fenſter vorüberkam, ſehnſüchtig zu ihr hinaufzublicken und ſie endlich gar zu grüßen ſich erlaubte. Das erſte Mal hatte Delila den Gruß des Unbekannten nicht erwidert und ſich, erſchreckt von 206 ſeiner Dreiſtigteit, vom Fenſter unwillig zurückgezogen und den Vorſatz gefaßt, dieſes Fenſter von nun an zu meiden, um ihn gar nicht mehr wiederzuſehen. Ihr Herz aber war nicht mehr frei. Als die Stunde ſchlug, in welcher jener kecke junge Menſch an ihrem Fenſter vorüberging, trieb ſie eine ihr ſelbſt unerklärliche Neugier, Unruhe und Sehnſucht an ih⸗ ren alten Platz zurück, um ſich zu überzeugen, ob er wohl auch dießmal den Muth haben werde, ſeinen Gruß, den ſie das erſte Mal nicht erwidert hatte, trotzdem zu wiederholen. Er grüßte abermals; ſie aber dankte nicht und ſchien mit ſich zufrieden, daß ſie ſo viel Stolz gezeigt, den Gruß des Unbekannten auch das zweite Mal unbeachtet zu laſſen. Am folgenden Morgen kam er wieder. Sie ſaß mit einer Stickerei beſchäftigt am Fenſter. Er blickte hinauf, ſie blickte hinab. Aber dießmal grüßte er nicht. Kalt und ſtolz zog er vorüber. — Er hat es übel genommen, daß Delila ſeine beiden Grüße nicht erwidert hat, dachte ſie bei ſich und war den ganzen Tag über betrübt, weil ſie an⸗ fing, ſich ihr unartiges Benehmen gegen ihn vorzu⸗ werfen und es nicht zu billigen, daß ſie ihn unver⸗ dient gekränkt habe. Ein Gruß iſt ja kein Verbre⸗ 207 chen, ſagte ſie zu ſich und konnte den folgenden Mor⸗ gen nicht erwarten, um ſich zu überzengen, ob ſein Stolz es ihr verziehen habe. Er grüßte und— dießmal dankte ſie, denn ihr Herz war nicht mehr frei. Schon hing es an dem Seinigen. Am vierten Morgen ging der Unbekannte, er⸗ muntert durch die Huld ihres Gegengrußes, ſchon einen Schritt weiter: er warf verſtohlen einen Kuß⸗ finger hinauf. Delila war darüber von Neuem ent⸗ rüſtet. — Dieſer junge Menſch iſt ſehr keck, geſtand ſie ſich und nahm ſich das Verſprechen ab, am fol⸗ genden Morgen nicht an ihrem Fenſter zu erſcheinen. Und Delila hielt wirklich ihr Wort. Als der Jüngling am folgenden Morgen zu der gewöhnlichen Stunde vorüberkam und des Rab⸗ biners Tochter nicht an ihrem Fenſter fand, zog er ruhig vorüber und ſagte lachend zu ſich ſelbſt: — Die Kleine hat es mir übel genommen. Doch was liegt daran? ich laſſe mich dadurch nicht abſchrecken. Ich gehe heute ſo oft und ſo lange vorüber, bis ich ſie geſehen und ſie gerade ſo wie geſtern gegrüßt habe. Im Laufe deſſelben Tages ging er wohl zehn 208 oder zwölf Mal vorüber, war aber nicht glücklicher als das erſte Mal. — Sie iſt heute nicht zu Hauſe, tröſtete er ſich und war feſt überzeugt, ſeinen Kußfinger morgen anzubringen. Er kam eine ganze Woche lang. Delila aber ließ ſich nicht ſehen. — Sie muß krank ſein, ſagte er und trat auf einen Juden zu, der ſchachernd vor der Hausthuͤr ſtand. Wer wohnt hier im Hauſe? fragte er. — Der edle, geſtrenge Herr iſt wohl nicht aus Prag? — Wie ſo, Inde? fragte Don Cäſar. — Wärt Ihr ein prager Kind, dann müßtet Ihr wiſſen, daß hier unſer hoher Rabbi wohnt. — Wie nennt ſich der gute Mann? — Wie heißt guter Mann? Unſer hoher Rabbi iſt mehr als gut... Er iſt ſo gelehrt, daß ſelbſt Seine großmächtige Majeſtät Kaiſer Rudolph ihn beſucht hat. — Ich frage Dich, wie er heißt? — Er heißt Rabbi Bezalel Lvew. Sein ſeli⸗ ger Vater hat geheißen... — Ach, was kümmert mich ſein Vater! Sage mir lieber, wie ſein ſchmuckes Töchterlein heißt? 209 — Das Herrche will wiſſen, wie Rabbi Loews Nekeive*) heißt? Geht hinauf und fragt ſie ſelbſt! — Du biſt ein ſehr dreiſter Jude! ſagte Don Cäſar. — Und wißt Ihr, was Ihr ſeid? Ihr ſeid ein großes Chuzpe ponim) — Ich verſtehe Dein verwünſchtes Kauderwelſch nicht. Sprich deutſch oder böhmiſch, frecher Jude, oder fürchte meinen Zorn! — Ich mich fürchten, nun vor was? Ich bezahle pünetlich meinen vierteljährlichen Leibzoll und fürchte mir ſelber vor Kaiſer Rudolph nicht, geſchweige vor ſo einem rothhaarigen Gelbſchnabel, wie Ihr, mein junges Herrche, ſeid. Moſes Ephraim Kuh hat auch Courage! Cäſar gab ihm lachend einen Naſenſtüber. — Ich verbitte mir jeden Spaß, warnte Kuh. Cäſar zupfte höhnend deſſen ſchwarzen Bart. — Ich ſag Euch, reizt mich nicht! Don Cäſar gab ihm einen Backenſtreich. So⸗ gleich erhielt er zwei dafür zurück. ———— ¹) Frauenzimmer. *) Ein unverſchämter Menſch. 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 14 210 — WMoſes Ephraim Kuh bleibt nichts ſchuldig, ſagte der Jnde. Cäſar wollte nach ſeinem Degen greifen, um den frechen Hebräer niederzuſtechen; aber da er bei ſeinen heimlichen Spaziergängen durch die Gäßchen der Indenſtadt ſtets, um nicht aufzufallen, die ſchlichte Tracht eines prager Studenten trug und zu ſeinem größ⸗ ten Bedauern ſeine Damascenerklinge in der Burg zu⸗ rückgelaſſen hatte, packte der ſechszehnjährige Rieſe wuthentbrannt den Trödeljuden bei der Bruſt, hob ihn mit rieſenſtarkem Arm über eine Elle hoch und warf ihn mit ſolcher Kraft auf das Straßenpflaſter hin, daß der Jude einen Augenblick ſpäter ſeinen Geiſt aufgab. Don Cäſar ging ruhig und unange⸗ fochten ſeines Weges weiter. Dieſer Vorfall erregte kein allzugroßes Aufſehen. Es war nur ein Jude weniger in Prag. Niemand aber erfuhr, wer dieſen Act der Gewaltthätigkeit ausgeführt, und Don Cäſar ſelbſt hütete ſich wohl, irgend etwas davon laut werden zu laſſen. Vierzehn Tage lang mied er ſeine bis dahin täglich wiederholten Promenaden vor den Fenſtern der ihn jetzt, wo er gänzlich wegzubleiben ſchien, tagtäglich mit wachſender Sehnſucht erwartenden Rabbiner⸗Tochter. 211 Nachdem Alles wieder ruhig und der arme Moſes Ephraim Kuh und ſein gewaltſam herbeige⸗ führter Tod längſt vergeſſen war, wagte ſich Don Cäſar in anderer Tracht, die ihn füͤr Alle— De⸗ lila ausgenommen— unerkannt bleiben ließ, wieber in die Judenſtadt. Delila's Herz war nicht mehr frei; denn i und frendiger als je ſchlug es beim Wiederſehen des ſtattlichen Jünglings, der, ſie wußte nicht weßhalb, ſich ſo lange nicht unter ihre Fenſter hingewagt, und den ihr leuchtendes Auge, trotz ſeiner Verkleidung, gleich auf den erſten Blick wiedererkannte; nicht bloß an den langen Locken ſeines rothen Haares, die gleich Löwenmähnen ſeinen ſtarken, nackten, blendendweißen Hals umwogten, ſondern an den kecken Zügen ſei⸗ nes Geſichtes, an den glühenden Blitzen ſeiner Augen und endlich auch an dem Kufßfinger, den er verſtoh⸗ len wie das erſte Mal ihr zuzuwerfen ſich erdrei⸗ ſtete. Sie lächelte und erwiderte ſeinen Gruß freund⸗ licher als je. — Die Kleine iſt gewonnen, ſagte er und kehrte, ſtolz auf ſeine Eroberung, trällernd nach dem Hrad⸗ ſchin zurück. Als er am folgenden Morgen ſich pünctlich wieder eingeſtellt, ging er, aufgemntert durch ein 14 212 herablaſſendes Lächeln von geſtern, heute einen Schritt weiter und wagte es, ihr eine friſche, eben aufge⸗ blühte Roſenknospe zu zeigen, die er küſſend an ſeinen Mund preßte, deren jungfräulichen Duft er einathmete und dabei mit der Miene eines Bitten⸗ den, dieſe junge Roſe von ihm anzunehmen, liebe⸗ glühend zu ihr hinaufſah. Delila's Herz war nicht mehr rein; denn ſie verſtand dieß ſtumme Mienenſpiel und, anſtatt ent⸗ rüſtet zu ſein, lächelte ſie wiederum und noch viel freundlicher als geſtern, ſchüttelte aber deſſen⸗ ungeachtet den Kopf mit einer Miene des Vernei⸗ nens, in der ſchon eine halbe Gewährung ſeiner allzudreiſten Bitte lag⸗ Anſcheinend betrübt ſchlich er von dannen. — Das Judenmädchen iſt verloren! ſagte er dießmal und kehrte, ſchon im Voraus triumphirend über den unansbleiblichen Fall der früher noch ſo ſtolzen und ſo ſpröden Zionstochter, nach der Burß ſeines kaiſerlichen Vaters heim. Am nächſten Tage erſchien Don Cäſar vor De⸗ lila's Fenſter und hatte ſtatt der Roſe, deren An⸗ nahme ſie lächelnd verweigert hatte, ein Brieflein in der Hand. Delila's Herz war nicht mehr rein; denn ihre 213 ſtrafbare Neigung trieb ſie zu dem Verlangen zu erfahren, was er in dieſem Briefe ihr wohl geſchrie⸗ ben habe. Wohl ſchüttelte ſie wieder, verneinend wie geſtern, den Kopf; er aber ſah es ihr nur allzudeutlich an, daß ihre Weigerung, es anzunehmen, nicht ernſtlich gemeint ſei. Seine flehenden Mienen beſtürmten ſie, es nicht zurückzuweiſen. Delila ließ nicht lange ſich bitten. Lächelnd nickte ſie mit dem Kopfe. — Triumph! Triumph! jubelte Don Cäſar. Wie aber fange ich's nun an, fragte er ſich, dieß Billet in ihre Hände gelangen zu laſſen? In demſelben Augenblick führte ihm ein ſpitz⸗ bübiſcher Kuppler— Zufall genannt— eine Brief⸗ taube in der Geſtalt einer Blumenverkäuferin zu. Er zog ſie raſch bei Seite. — Schmucke Dirne, willſt Du Dir dieſes Goldſtück verdienen? fragte er die zahnloſe Geſchäfts⸗ trägerin Flora's und Amors, und zeigte ihr einen blanken, erſt geſtern der Münze entlaufenen Ducaten. — Recht gern! entgegnete das Botenweib des Zufalls. — Dieſes Goldſtück iſt das Deine, ſobald Du Dich entſchließen kannſt, mir dafür eine kleine Bitte zu erfüllen. 214 „ — Ich thue Alles, was Ihr wollt. — Nun gut; dann eile dort in jenes kleine Haus, über deſſen Thür ein ſteinerner Löwe gähnt. — Ich kenne recht gut jenes Haus. Dort wohnt der hohe Rabbi Lvew. Ihn und ſein Haus kennt Jeder. — Ei kennſt Du auch ſeine Tochter? — Ja wohl, ja wohl! Sie iſt das ſchönſte Judenmädchen Prags. Sie liebt Alles, was Blume heißt, und kauft mir faſt täglich etwas von meiner friſchen Waare ab. — Weißt Du vielleicht auch ihren Namen? — Den kennt jedes Kind in Prag. Wer kennt nicht„die ſchöne Delila“! — Nun wohl, ſagte Don Cäſar und ſuchte aus ihrem Korbe den ſchönſten, friſcheſten und lachend⸗ ſten Blumenſtrauß heraus; bringe dem hübſchen Ju⸗ denkinde dieß Billet und dieß Bouquet, das ich Dir gut bezahlen werde, wenn Du mir die Nachricht bringſt, daß ſie Beides von Dir angenommen hat. Dort an jener Ecke will ich Dich erwarten. — Doch wenn ſie fragen ſollte, wer mich an ſie abgeſchickt? — Dann ſage ihr, der Abſender dieſes Briefleins! — Und habt Ihr Euch d'rin genannt? 2¹1⁵5 — Das vergaß ich, bei meiner Treu'! — Und wenn ſie mich um Euern Stand und Euern Namen fragt? — Dann ſage ihr, was Du willſt! — Aber wär' es nicht beſſer, wenn Ihr ſelbſt mir ſagtet, was ich ſagen ſoll? — Nun, dann ſage ihr meinetwegen, daß ich Dir bekannt ſei und daß Du— nicht durch mich ſelbſt, wohl aber durch Andere, die mich kennen— erfahren habeſt, daß ich ein Student der Mediein und vor allen Dingen, daß ich— merk' es Dir wohl!— der Sohn jüdiſcher Eltern ſei. — Das iſt ſehr klug von Euch, ſagte die Blumenverkaufende Here und wollte gehen; aber eilig kehrte ſie wieder um und ſagte: Das Beſte hätte ich bald vergeſſen! Welchen Namen ſoll ich Euch geben? — Heißt die kleine Judendirne nicht Delila? Nun, dann nenne mich kurzweg Simſon! — Simſon und Delila! lachte die Here. Das giebt allerdings ein frommes Pärchen! Nun erwar⸗ tet mich dort, ſchmucker Simſon. Bald bin ich wieder bei Euch. Die ſchlaue Kupplerin rannte eilig fort. Cäſar ging ungeduldig auf und nieder. 216 — Ich bin neugierig zu erfahren, ob und was ſie mir antworten wird. Wenn mich nicht Alles trgt, ſo iſt auch ſie in mich verliebt! Und weil ich dieß glaube, habe ich kurz und bündig ſie gebeten, mir Ort und Stunde zu beſtimmen, wo ich ungeſtört ihr ein wichtiges Geheimniß anover⸗ trauen darf. Das wird die Kleine neugierig machen. Ich hätte Luſt zu wetten, daß ſie durch Neugier ſich verleiten läßt, mir huldreich eine Zuſammenkunft zu gewähren. Und alles Uebrige ſindet ſich dann. Don Cäſar hatte ſich nicht getäuſcht. Nach fünf Minuten kehrte die Blumenkupplerin mit freu⸗ deſtrahlender Miene zurück. — Hier bringe ich Euch Delila's Antwort, ſagte ſie und gab ihm einen kleinen, unverſiegelten Papier⸗ ſtreif, auf welchem die mit zitternder Hand und unleſerlichem Bleiſtift flüchtig hingeſchriebenen Worte ſtanden: „Morgen Abend am Eingang der Alt⸗ Neuſchule.“ — Ich danke Dir, Du braves Weib, ſagte Don Cäſar und ſchenkte ihr, ſtatt eines Ducaten, gleich zwei. Zwei machen ein Paar, ſagte er. Und dieſes Paar wird Andere hecken, vorausgeſetzt, daß Du ſchweigſt... 217 — Wie ein Fiſch, verſprach die Kupplerin. — Und daß Du, falls ich Dich brauche, pünct⸗ lich bei der Hand biſt. — Ihr ſollt nie zu warten brauchen. — Leb' wohl, ſchlaue Hexe, auf Wiederſehen! ſagte Cäſar und rannte fort. — Dieſe blanken Ducaten waren raſch verdient, lachte die Abgeſandte des Zufalls, die ſich jetzt rei⸗ cher als Cröſus erſchien. Cäſar las noch einmal jene Worte. Dann ſagte er mit frohlockender Miene: — Der jüdiſche Backfiſch hat richtig angebiſſen. Nun iſt ſie Dein, glücklicher Simſon. Ich kam, ich ſah und ſiegte, rief Julius Cäſar. Jetzt kann auch ich dieß ſagen! Er eilte nach dem Hradſchin zurück. Delila las unterdeſſen— jetzt ſchon zum zweiten Male— ihres Simſons lakoniſchen Liebesbrief. Sein Inhalt aber lautete wie folgt: „Saronsroſe, Sionstaube, ich habe Dich geſehen. Du biſt das Bild meiner Träume. Ich liebe Dich mit unausſprechlicher Gluth. Bis morgen muß ich Dich ſprechen. Ich habe Dir ein wichtiges Geheim⸗ niß mitzutheilen. Dem Papiere darf ich's nicht anver trauen. Es brächte Dir und mir Gefahr! Und darun⸗ 218 muß ich Dich ſprechen! Beſtimme Du mir Ort und Zeit. Mit Sehnſucht harre ich Deiner Antwort!“ Delila's Herz war nicht mehr rein; denn ſie hatte geantwortet. Er war's, von dem ſie geträumt! Er war es, den ſie liebte! Armes, ſchwer betrogenes Kind, beklagenswer⸗ the Delila! Warum hörteſt Du weniger auf den Rath Deines Vaters als auf das Girren der verlok⸗ kenden Taube, die Dir in Deinen Träumen erſchie⸗ nen war. Jetzt, Delila, iſt es zu ſpät! Jetzt biſt Du fuür immer verloren! Denn Dein Herz iſt nicht mehyrein! Don Cäſars ſinnlich aufgeregte Leidenſchaft konnte den Aufgang des folgenden Morgens, den Untergang der nächſten Sonne nicht erwarten. Er zählte die Stunden und Minuten. Jede Stunde ſchien ihm eine Ewigkeit. Jede Seeunde dünkte ihm ein Jahrhundert! Als es am folgenden Tage— es war am 15. des Monats Tiſti, an dem erſten Tage des Chag Haſſücohoth oder Laubhüttenfeſtes— am 14. Oeto⸗ ber des Jahres 1611— frühzeitig zu dunkeln begann und als die ganze Schaar der prager Juden⸗ ſchaft, nachdem ſie ihre aus Laubwerk aufgebauten Hütten mit grünen Zweigen und ausgehöhlten Kür⸗ 219 viſſen, in deren Innerem bunte Lichter prangten, geſchmückt, in Feſtkleidern nach der Synagoge zog, um dort dem Gott ihrer Väter zu danken, daß er die Kinder Israels auf der Flucht aus Aegypten vierzig Jahre lang unter dem Dache freier und friedlicher Hütten geſchützt und beſchirmt, und ihnen jedes Jahr eine geſegnete Ernte an Getreide und Wein geſchenkt; und, den unerſchöpflichen Born ſeiner Vatergüte prei⸗ ſend, mit dankerfülltem Herzen das ſogenannte Hal⸗ lal, den 113 bis 115 der alle Poeſien der Erde überdauernden Pſalmen ihres großen König⸗Sän⸗ gers und Sänger⸗Königs David anſtimmte; und wäh⸗ rend draußen vor dem Eingange der altehrwürdigen gothiſchen Synagoge, welche ſeit Jahrhunderten die Alt⸗Neuſchule heißt,— wie vor Jahrtauſenden im Vor⸗ hofe ihres prachtgeſchmückten Tempels zu Jeruſalem die Frauen und Töchter der Söhne Jehova's auf großen Candelabern von gediegenem Golde,— jetzt freilich nur auf Hängeleuchtern von Bronze und Cry⸗ ſtall hunderte von Wachskerzen zu Ehren des Gottes, der ſie aus den Ketten der Knechtſchaft befreit und ſie bis zu dieſer Stunde mit ſeinem Arme vor der Uebermacht ihrer Feinde, zahllos wie der Sand an den Ufern des Meeres, liebreich beſchirmt hat, unter frommen Geſängen anbrannten, harrte am Ein⸗ 220 gange des Tempels Don Cäſar auf die Ankunft der einzigen Tochter des hochweiſen Rabbi Bezalél Loew wie ein Geier auf die Ankunft der Taube, die er mit ſich hoch in die Lüfte tragen will, um ſie von dort, erwürgt, in den Abgrund der Erde zurückzuſchlendern. Der Abend hatte ſeine dunkeln Schleier auf den Vorhof der Synagoge herabgeſenkt, als Delila, — ſonſt immer die Erſte, wenn es galt das Lob des Herrn zu ſingen, heute die Letzte,— mit pochendem Herzen, ängſtlich⸗aufgeregtem Athem, ſcheuem Blick und zitternden Gliedern am Eingange des Tempels erſchien. Ihr Antlitz war dicht verſchleiert, wie der Mond, der ſich hinter ſchwarze Trauerwolken zurückgezogen, gleichſam als wolle er nicht Zeuge jener erſten Zuſammenkunft eines Chriſtenſohnes mit einer Juden⸗ tochter an der Schwelle des Tempels ihres ſchwer beleidigten Gottes ſein. — Sei mir gegrüßt, Du holder Abendſtern, ſagte Don Cäſar, der ſich dreiſt ihr genähert hatte. Schon dachte ich, Du würdeſt gar nicht mehr er⸗ ſcheinen und Deinen armen, treuen Simſon hier in Nacht und Nebel vergebens Dich erwarten laſſen. — Dein Bote ſagte mir, Du wäreſt ein Sohn 221 Israels. Wenn dem ſo iſt, warum fehlſt Du jetzt in der Synagoge? — Mein Tempel, meine Synagoge und mein Gott iſt überall, wo der ſchönſte und reinſte ſeiner Cherubim verweilt. Komm, komm, Delila, folge Deinem Simſon! — Und wohin will er mich führen? frägte ſie angſtbeklommen. — Dort, wo uns Niemand ſehen kann. — Der Gott Israels ſieht uns überall. — Er ſoll und darf uns ſehen. Er kennt Deines Simſons reines Herz. Er weiß, wie ich Dich liebe. — und haſt Du außerdem mir nichts zu ſagen? — O mehr, weit mehr als dieß! — Nun gut, dann ſagt es mir. — Nicht hier, Delila, wo Jeder, der vorüber⸗ geht, uns ſehen und hören und verrathen kann; nicht hier auf offener Straße darf ich Dir das wich⸗ tige Geheimniß meines Herzens anvertrauen. — Ski wo denn ſonſt als hier? fragte Delila. — Nicht weit von hier, in einem einſam ſtillen Hauſe, das ich, nur ich allein bewohne. — Es zieht mich in die Synagoge, ſagte Delila und wollte gehen. — Nur jetzt nicht, jetzt nicht, Delila! Das Geheimniß brennt auf meiner Seele wie Feuer, das mich zu verzehren droht. — Laßt mich in das Haus des Herrn. Mein Herz ſehnt ſich nach Buße... — Ich laſſe Dich nicht fort, Delila, ſagte Cä⸗ ſar, ſie zärtlich zurückhaltend. — Laßt meinen Arm los! bat Delila. — Nicht um alles Glück der Welt! Bild mei⸗ ner Träume, Du mußt mir folgen... Du mußt mein Geheimniß erfahren! — Ein anderes Mal, nur hente nicht! flehte des Rabbis Tochter, von Reue erfaßt. Heut iſt der erſte Tag des ſchönſten unſerer Feſte. Ich beſchwör' Euch, laßt mich frei! Sonſt ſchrei' ich laut um Hilfe! — Das wirſt Du nicht wagen, Delila! — Und was ſollte mich davon zurückhalten? — Die Furcht, daß Du verrathen wäreſt! Folge mir auf zehn Minuten nur. Dann ſollſt Du Alles wiſſen, was Dein Simſon Dir zu ſagen hat. — Ich mag von Euch nichts hören! — Wenn meine Nähe Dir verhaßt iſt, warum gabſt Du mir dieſe Zuſammenkunft? — Ich kannte Euch nicht ſo wie jetzt. Jetzt iſt Euer Anblick mir verhaßt! 223 — O Du belügſt Dich ſelbſt, Delila. Das laute Pochen Deines Herzens ſagt mir, daß Du mich noch immer liebſt.. — Du biſt kein Sohn meines Volkes.. — Wer ſagt Dir dieß? — Deine Sprache ſagt mir, daß Du ein Chriſt biſt. — Beim Ewigen, ich bin kein Chriſt! Du ſollſt erfahren, wer und was ich bin, wenn Du mir fol⸗ gen willſt.. — Nun gut, da Du unter Gottes freiem Him⸗ mel geſchworen, daß Du kein Chriſt biſt, dann will ich Alles glauben, was Du mir ſagſt. Gott Israels, an der Schwelle Deines Tempels ruft die unwürdige Tochter des erſten Deiner Prieſter: Mag geſchehen, was da wolle, ich vermag der Stimme dieſes Frem⸗ den nicht länger zu widerſtehen. Es treibt mich mit unwiderſtehlicher Gewalt, das Geheimniß ſeines Her⸗ zens zu erfahren. Geht voran, Simſon, Delila folget Euch! 5 Don Cäſar ſchritt voran. Delila folgte ihm wie ſein Schatten.„ Er führte ſie durch die ödeſten Gäßchen zber Judenſtadt nach dem Moldauufer, wo damals ein altes Thor die Altſtadt von der Judenſtadt trennte. 224 An einem damals ziemlich vereinſamten Hauſe, das auf dem ſogenanten Frantisek lag und insge⸗ mein das Hirſchbadehaus“ bieß, angelangt, zog er einen Schlüſſel aus ſeinem Wamſe nnd öffnete den Eingang. Im Flure brannte eine düſtere Lampe. Gleich darauf trat auch Delila ein. Cäſar ſchloß hinter ihr die Thüre: die Taube war im Neſte des Geiers. Sechszehntes Capitel. Das Neſt des Geiers. Das aber war nur das Vorhaus. Das eigent⸗ liche Neſt des Geiers lag in einem großen, todten⸗ ſtillen Garten. Am äußerſten Ende deſſelben, dicht am Ufer der lautlos vorüberziehenden Moldau, erhob ſich ein ziemlich hoher, ſteinerner Pavillon. Hier war es, wo Clelia's ſechszehnjähriger Rie⸗ ſenſohn bald allein, bald im Vereine mit ſeinen wüſten Jugendgenoſſen bei Würfelſpiel, Becherklang und Rundgeſang die Orgien des Spieles und der Liebe, ungeſtört vom Lärm der läſtigen Nachbarſchaft, ſeit länger als einem halben Jahre zu feiern gewohnt war. 205 Einer der Säle hatte ſich auf Cäſars Wink und Anordnung über Nacht in eine blühende Laub⸗ hütte umgewandelt. Buntgemalte Glasampeln, die von der mit Palmenzweigen decorirten Decke herab⸗ hingen, tauchten die mit friſchlingsgrünem Laube und den köſtlichſten Blumen geſchmückten Wände dieſer echt vrientaliſchen Hütte in magiſches Halb⸗ dunkel. In den vier Ecken ſtrahlten kleine zierlich gearbeitete Marmorſpringbrunnen einen feinen Re⸗ gen wohlriechender Waſſer aus. Neben dieſen Fou⸗ taines erhoben ſich auf weißen Marmorgeſtellen zwei große Käfige mit vergoldetem Gitterdrahte, in wel⸗ chen geſchwätzige Papageien und bunte Singoögel aus allen Zonen trotz der nächtlichen Stunde noch ſo munter wie beim helllichten Tage auf den ſchwarzen Ebenholzſproſſen hin⸗ und herflogen. Der Fußboden des Saales war mit einer Decke grünen Mooſes tapeziert, das, ein eigenthümliches Gemiſch von Ro⸗ ſenblättern, Lawendelzweigen, Veilchenbüſcheln und Jasminblüthen, einen Choral von tauſend Düften aushauchte, und im Vereine mit den andern Blu⸗ men, die an der Decke und an den Wänden dicht teraſſenartig wie in einem Treibhauſe aufgeſtellt wa⸗ ren, einen alle Sinne betäubenden Wohlgeruch ver⸗ breitete. 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 15 226 In der Mitte des Saales ſtand ein runder, für zwei Perſonen gedeckter Tiſch, auf dem ein gro⸗ ßer ſilberner Armleuchter, zwiſchen zwei Caraffen vvn weißem Cryſtall mit goldgelbem und purpurrothem Weine gefüllt, das blendende Licht ſeiner ſieben Wachskerzen auf dem Schnee des damaſtenen Tafel⸗ tuches abſpiegeln ließ. Als Delila's Auge dieſe unerwartete Pracht ge⸗ wahrte, war ſie ſo ſehr erſchreckt, daß ſie keines Wortes mächtig ſchien; denn ſte ſtaunte und ſchwieg. — Du ſiehſt, begann Don Cäſar, daß Dein Geliebter ein Jude iſt; denn auch er feiert das Laub⸗ hüttenfeſt. Geruhe, ſchönſte Blume dieſer Hütte, Dich niederzulaſſen an der Seite Deines treuen Gärtners, der die köſtlichſten Blüthen ſeines Treibhauſes ge⸗ pflückt, um Dich, Königin aller Blumen, in Flo⸗ rens Tempel würdig zu begrüßen. — Die Botin Deines Briefes ſagte mir, Du ſeieſt ein Student der Medbicin? — Schönes Kind, das bin ich auch. — Woher dann dieſe Pracht, dieſer Reich⸗ thum? — Glaubſt Du, Delila, Dein Simſon müſſe, weil er ſtudirt, arm wie eine Kirchenmaus ſein? Mein Vater iſt reich, ſehr reich... 227 — Und wohnt Dein Vatet in Prag? — Nein, Engelsblume, er wohnt abwechſelnd in Benatek, und Brandeis. — und was iſt Dein Vater? — Faſt ſchäme ich mich, es Dir zu jagen Er iſt ein ſteinreicher.. — Kaufmann vielleicht? — Das gerade nicht, mein ſchmuckes Kind. Er iſt ein fabelhaft reicher Viehhändler, der über zahl⸗ loſe Heerden zu gebieten hat. — Und warum ſchämſt Du Dich Deines Vaters? — Weil er geizig wie ein Inde iſt. — Ei iſt er denn kein Jude? fragte Delila erſchreckt. — Freilich, freilich! Aber er iſt geizig wie eine Chriſtenſeele, wollt' ich ſagen. — Und wie heißt Dein geiziger Vater? — Wolf Hirſch, entgegnete der Sohn des Kaiſers. — Ich habe dieſen Namen nie gehört. — Wie ſollſt Du auch alle Viehhändler kennen! — Und heißeſt Du auch wirklich Simſon? — Und warum, Kind, zweifelſt Du daran? — Weil ich noch immer nicht glauben mag, daß Du ein Sohn Israels biſt. 15* 228 — Ich bin kein Sohn Israels, ich bin ein Sohn Wolf Hirſchs! — Nun, wenn Du wirklich ein Jude biſt, ſo beweiſe es mir dadurch, daß Du mir eines unſerer Gebete ſagſt. — Kind, ich habe noch nie gebetet. — Dann, ſagte Delila erſchreckt emporſpringend, biſt Du, gleichviel wer und was Du auch ſein mö⸗ geſt, ein böſer Menſch! — Das bin ich nicht, mein Kind! Denn böſe Menſchen, ſiehſt Du, lieben nicht. — Es iſt gewiß ſchon ſpät! Laß mich wieder fort von hier. — Du mußt noch bleiben, holdes Kind. Ich habe Dir ja noch nichts von meinem Geheimniß an⸗ vertraut. — Beeile Dich, es mir zu ſagen: denn ich ſtehe auf glühenden Nadeln. — Sttze Dich wieder zu mir, Delila. Höre, was ich Dir zu ſagen habe, ſagte Cäſar, das Ju⸗ denmädchen auf ſeinen Schvoß ziehend und ſie mit peiden Armen umſchlingend. Mein Vater heißt nicht Wolf Hirſch... mein Vater iſt kein ſteinreicher Viehhändler, mein Vater iſt auch kein Jude. — Gerechter Gott, was iſt er denn? fragte 229 die Jüdin, deren purpurrothe Wangen plotzlich er⸗ bleichten. — Erſchrick nicht, Du liebes ſüßes Iudenkind. Mein Herr Papa iſt Kaiſer Rudolph! — Willſt Du Poſſen mit mir treiben? — Ich ſprach die Wahrheit, um Dir zu zeigen, daß Du Dich meiner nicht zu ſchämen brauchſt. Ich bin meines Vaters jüngſter Sohn... Ich bin Don Cäſar von Oeſterreich! — Gott meiner Väter! Mein böſer Traum! — Wie, haſt Du auch von mir geträumt? — Leider! Leider! ſtöhnte Delila und brach in Thränen aus. — Närriſches Judenmädchen, warum weineſt Du plötzlich? — Weil mir— leider zu ſpät!— die War⸗ nung meines alten Vaters einfällt. — Ei was! Ein Vater iſt wie der Andere. Sie ſündigen ſelbſt und warnen ihre Söhne! — Ich bitt' Euch, laßt mich fort! — Erlaube, ſchmuckes Kind, daß ich lache. Glaubſt Du, Simſon würde es zugeben, daß ſeine Delila ihn treulos verlaſſen will? Du bleibſt bei mir, ſchmuckes Täubchen! — Ich werde laut um Hilfe ſchreien. 230 — Niemand wird Dich hören! — Dann werde ich, wenn Ihr mich hindert, fortzugehen, dort aus dem einzigen Fenſter dieſes Saales ſpringen... — Unter dieſem Fenſter fließt die Moldau! Das Waſſer, Kind, hat keine Balken! — Lieber todt als lebend bei Euch! — Du wirſt Dich eines Beſſern befinnen. Komme endlich einmal zu ruhiger Ueberlegung. Was verlange ich von Dir? Liebe, Liebe, nichts als Liebe! Iſt denn das gar ſo ſchlimm? Der Sohn des Kaiſers iſt reich. Er wird Dich zur höchſten Stufe des Glan⸗ zes und des Glückes emportragen. Er will Dich nicht bloß lieben; einſtens wird er Dich auch heirathen. — Ihr ſeid des Kaiſers Sohn, ein Prinz! — Ich werde zu Dir herabſteigen. — Ihr ſeid ein Chriſt! — Ich werde Dir zu Liebe meinen Glauben abſchwören. — Ihr wäret dieß wirklich im Stande? — Was vermag nicht die Liebe! rief Don Cäſar und wagte ſeine glühenden Lippen im Schnee ihrer Schulter abzukühlen. Die Taube verſuchte, ſich gewaltſam loszureißen; der Geier aber umklammerte ſeine Beute. 1* 231 — Ergieb Dich, Kleine, in Dein Schickſal. Wähle zwiſchen Liebe oder Haß, zwiſchen Leben und Tod! — Dann wähle ich freudig den Tod! — Ich aber ſchenke Dir das Leben und wünſche nichts ſehnlicher, als das Glück, daß Du Deinen Haß, den ich wahrlich nicht verdiene, von Dir ab⸗ wirfſt und mich liebſt, Delila, wie ich Dich liebe! — Gott Israels, tödte Rabi Loews Tochter! — Die Götter haben Alle taube Ohren. Sie hören nur, was ſie wollen! — Ihr ſeid ein Gottesläſterer! — Sagte ich's nicht: ich bin nicht Chriſt, nicht Jude. Ich bin Don Cäſar von Oeſterreich. Ich bin der Simſon meiner Delila! Und dieſer Wortkampf währte noch lange. End⸗ lich thaten die Blumen ihre Schuldigkeit. Ihr hun⸗ dertfacher Geruch betäubte Delila's Sinne. Sie ward nach und nach müde. Es übermannte ſie eine un⸗ natürliche Schwäche. Unwillkürlich ſielen ihr die Augen zu. Sie kämpfte gegen den Schlaf an. Dieſer war ſtärker als Delila. Er ſiegte und Delila Loew unterlag. Einſchlafend ſank ſie in Cäſars Arme. Und ſo verging die erſte Laubhüttennacht. ——— 232 Siebenzehntes Capitel. Im Schloſſe zu Krumau. Im Süden Böhmens, im Budweiſer Kreiſe, erhebt ſich an den Ufern der Moldau, das prächtige Herrſchaftsſchloß Krumau, böhmiſch Krumlow genannt. Dieſes Schloß, gegenwärtig Beſitzung der Für⸗ ſten von Schwarzenberg, war zu Kaiſer Rudolphs Zeit der Hauptſitz der mächtigen Roſenberge, derreichſten und angeſehenſten Familie des damaligen Böhmens. Nach dem 1611 erfolgten Tode des letzten Sproſſen dieſes Stammes, Peter Woks von Roſen⸗ berg, hatte Kaiſer Rudolph die Herrſchaft Kruman gekauft und ſie dem jüngſten ſeiner natürlichen Söhne, Julius Cäſar von Oeſterreich, zu deſſen Geburtstage geſchenkt. Zwei Tage nach jener erſten Laubhüttennacht, welche für die Tochter des hohen Rabbi die erſte ihrer jungfräulichen Beſchimpfung geworden war, hatte Cäſar das entehrte Judenmädchen nach Krum⸗ au entführt. Delila, die, von Blumendüften betäubt und be⸗ wußtlos gemacht, eine Nacht außer dem Hauſe ihres troſtloſen Vaters unter dem Dache ihres chriſtlichen 233 Verführers zugebracht, hatte in Cäſars Entführung eingewilligt, weil ſie, im Bewußtſein ihrer Schande, im Gefühle ihrer unauslöſchlichen Schmach nicht mehr den Muth beſaß, die reine Schwelle ihres vä⸗ terlichen Hauſes zu betreten und vor den Augen ihres erzürnten Vaters zu erſcheinen, um ihm Re⸗ chenſchaft vom Falle ihrer befleckten Seele abzulegen. Cäſar aber, berauſcht vom Blüthenſchmucke ihrer frühlingsfriſchen Schönheit, hatte während der erſten acht Tage ihrer Entführung im Schloſſe zu Krum⸗ low alle Schätze ſeiner Liebe und Zärtlichkeit aufge⸗ boten, um die Unglückliche, die ſeit ihrem traurigen Erwachen in jener erſten Laubhüttennacht die Tiefe ihres Falls und den Gram ihres Vaters, für den ſie ſpurlos verſchwunden war, beweinte, auf jede erdenkliche Weiſe zu tröſten oder wenigſtens ſo weit zu beruhi⸗ gen, daß es ihm endlich nach acht langen, für ihn glücklichen und für das Opfer ſeiner Leidenſchaft namenlos unglücklichen Tagen gelungen war, den Lauf ihrer Thränen aufzuhalten. Cäſar verſprach ihr Erde und Himmel. Stun⸗ denlang zu ihren Füßen liegend, küßte er die roſigen Nägel ihrer Hand, die Spitzen ihrer Schuhe und ſättigte ſich mehr und mehr im Anſchauen und Ge⸗ nießen ihrer märchenhaften Reize. Er erneuerte, um 234 Balſam in die friſchen Wunden ihrer Seele zu gie⸗ ßen, täglich hundertmal ſein Gelübde, mit ihr nach Holland zu entſliehen, dort ſeinen katholiſchen Glau⸗ ben abzuſchwören, dann zum Judenthume überzutre⸗ ten und ſie zu heirathen, um die Ehre, die er ihr geraubt, wiederzugeben und in zehnfach verdoppeltem Glanze wiederherzuſtellen, indem er, der Lieblingsſohn des Kaiſers, Jude werdend, die Tochter des Rab⸗ bis als ſein ihm jüdiſch angetrautes Weib in das Haus des Vaters zurückzuführen und dort, gemein⸗ ſchaftlich mit ihr, den hohen Rabbi um ſeine Ver⸗ zeihung, um ſeinen Vaterſegen und um Beſtätigung ihres unzertrennlichen Liebesbundes anzuflehen. Dieſer Gedanke, den ihre jugendliche Phantaſie ſich mit den reizendſten Farben glücklicher Zukunft auszumalen begann, gewährte ihr nach und nach eine ſolche Fülle von Troſt und Beruhigung, daß ſie ſich in das, was nicht mehr zu ändern ging, um ſo leichter fand, weil ihr Herz ſich geſtehen mußte, daß ihre Seele mit unzerreißbaren Banden der Ge⸗ genliebe an jener ihres Verführers hing, der ihr, trotz aller Schmach, die er ihr angethan, doch immer verzeihens⸗ und liebenswerth ſchien. Vertrauensvoll ließ ſie ihr leichtgläubiges Ohr durch die Muſik ſeiner Schwüre, durch das Hoſiannah ——— —— —— 235 ſeiner glühenden Liebesbetheuerungen berauſchen. Und ſo kam es, daß ſie, nach Verlauf von vierzehn Tagen ſchon weit weniger unglücklich und troſtlos als in den erſten Tagen nach ihrer Entführung, ihren Leichtſinn weniger als den Schmerz bereute, in den, wie ſie wohl ahnen konnte, ihr räthſelhaftes Verſchwinden aus Prag das Herz ihres bejammerns⸗ würdigen Vaters verſenken mußte. — Er wird mir und Dir verzeihen, wenn wir nach Jahr und Tag als Mann und Weib, vereint durch den Segen des jüdiſchen Rabbiners zu Amſterdam uns zu ſeinen Füßen niederwerfen und, ſeine Kniee umfaſſend, ihn bitten und beſchwören: Zürnender Vater, verzeihe Deinen glücklichen Kindern! — Und ſiehſt Du, Cäſar, Delila kennt das Herz ihres Vaters und weiß, daß er uns verzeihen und das Band unſerer unzerreißbaren Liebe ſegnen wird. Warum aber ſoll dieß Alles erſt in Jahr und Tag geſchehen? Glaubſt Du, Geliebter, daß Dein Weib die Kraft beſäße, ſo lange ohne die Verzeihung ihres alten Vaters, ungetraut und von Gewiſſensbiſſen gefoltert, mit Dir fortleben zu können wie bisher? Warum willſt Du nicht ſchon morgen, nicht ſchon heute mit mir nach jenem freien Holland, wo mein Paradies liegt, weil Du mir ſagſt, daß es dort allein 236 dem Chriſten geſtattet iſt, unſern heiligen Glauben anzunehmen? Laß uns noch heut nach Amſterdam. — Kind, das geht nicht ſo ſchnell, ſagte Cä⸗ ſar ſich zärtlich anſchmiegend. — Und warum denn nicht? fragte Delila, ſeine Liebkoſungen abweiſend. — Weil es mir, um eine ſo weite, koſtſpielige Reiſe zu unternehmen, in dieſem Augenblicke an Geld fehlt... — O, wenn Dich, mein Herzgeliebter, nichts weiter als dieß zurückhält, dann, mein Cäſar, ſoll Dir bald geholfen ſein. Nimm hier dieſe goldenen Armſpangen, einen dieſer Brillantohrringe, die erſt vor wenig Monden mein alter Vater mir eigenhän⸗ dig in's Ohr gehängt; nimm dieſe koſtbare Perlen⸗ ſchnur, das heilige Vermächtniß meiner ſeligen Mutterl ſagte Delila, und riß den Schmuck ſo raſch von ihrem Halſe, daß einzelne Perlen, ſich von der dünnen Schnur ablöſend, wie einzelne Thautropfen vom Stengel einer vom Sturme geknickten Lilie auf den grünen Teppich hinabrollten; nimm Alles, was ich mein nenne, verſetze, verkaufe es und führe mich nach Holland, in das Land meiner, Deiner Sehn⸗ ſucht, Cäſar. ² — Kindiſches Kind, mit dem Erlöſe all' dieſer — — 237 Armſeligkeiten kommt Kaiſer Rudolphs Sohn nicht bis an die Grenze der weiten Reiche ſeines Vaters. Eine ſolche Reiſe koſtet viel Geld! — Laß uns muthig zu Fuße hinwandern. — Es liegt zwiſchen uns ein Meer. — Unſere Liebe, unſere Sehnſucht, uns vereint zu ſehen, wird uns Brücken über alle Klüfte und Abgründe, über alle Höhen und Tiefen ba Säume keinen Tag, ſäume keine Stunde. Bedeike daß Delila, wenn Du ſie wirklich ſo liebſt, wie Du es ihr zuſchwörſt, eine längere Trennung von ihrem“ alten, mit allen Kräften ihrer kindlichen Seele heiß⸗ geliebten Vater, der nicht ahnet, wo ſein einziges Kind, welches er abgöttiſch geliebt hat, hingekommen iſt, unmöglich ertragen kann. Bedenke das hohe Alter meines Vaters. Bedenke, daß er von Sorge und Gram über das ſpurloſe Verſchwinden ſeiner Toch⸗ ter morgen, großer Gott meiner Väter! vielleicht ſchon heute ſterben kann, ohne mich wiedergeſehen, ohne mir verziehen zu haben. Eile, ehe es zu ſpät wird, uns den Segen des Sterbenden zu erflehen. — Jetzt kann ich unmöglich fort von hier.. mir fehlen die Mittel zur Reiſe. Auch iſt der Win⸗ ter im Anzuge. Wir wollen das nächſte Frühjahr abwarten. Wir reiſen in drei, vier Monaten. 238 Großer himmliſcher Gott, erſt ſo ſpät? — Mißfällt es Dir hier ſo ſehr? — Ich habe keinen Augenblick Ruhe hier. — Verſuche ich nicht Alles, um Dich aufzu⸗ teternt Kuße ich Dich nicht Tag und Nacht, um Dir zu beweiſen, wie unendlich lieb ich Dich habe? — Du darfſt mich nicht mehr berühren. — Närriſches Kind, ſei nicht ſo eigenfinnig! 5— Laß mich los, Du herzloſer Verfuͤhrer! f Delila ihn unwillig zurücſoßend. Er erhob ſich von den Knieen und zertrat mit ſeinem ſchweren Fuße einige der herabgerollten Perlen. — Weh mir, weh mir! wehklagte Delila, die verzweifelnd die Hände rang. — Was iſt Dir? fragte der Verführer. — Du zertrateſt den Segen meiner Mutter! rief das Judenmädchen, in einen Strom bitterer Zähren ausbrechend. — Du wimmerſt um die zertretenen Perlen? Beruhige Dich, mein ſchmuckes eigenſinniges Juden⸗ kind! Morgen will ich Dir größere kaufen. — Cäſar, Du biſt ein herzloſer Verführer! Du denkſt nicht daran, Deine Verſprechungen wahr zu machen. Laß mich zurück zu meinem Vater. — Später vielleicht, nur jetzt nicht, Kind! 239 — Ich ertrage nicht länger dieſen Hohn! Aber ſelbſt befteckt will ich noch heute nach Prag zurück, um mich zu den Füßen meines Vaters zu werfen und ihm meine Schmach und Deinen nichtswürdi⸗ gen Verrath zu bekennen! — Und glaubſt Du, Kleine, daß ich Dir dieß erlauben würde? Ich laſſe Dich nicht von hier. Du biſt, Du bleibſt meine Gefangene. — Cäſar, rief Delila auf beide Kniee finkend, habe Mitleid mit dem armen Geſchöpfe, deſſen Seelenheil Du zertrümmert, deſſen Ehre Du beſu⸗ delt haſt. Alles, Alles will ich Dir vergeben, wenn Du mir erlaubſt, noch heute, jetzt, ohne Aufſchub, in das gottgeweihte Haus meines zürnenden Vaters zurückzukehren. — Du verlangſt Unmögliches von Deinem Cäſar. Dich freilaſſen, hieße mich ſelbſt der Rache Deines Vaters, dem Zorne des Meinigen preisge⸗ ben; denn jeder Jude haßt jeden Chriſten. Um wieviel mehr würde ,der hohe Rabbi“ von Prag den niedrigen Baſtard des Kaiſers haſſen, verfluchen und verfolgen. Bleibe auch fernerhin bei mir, De⸗ lila. Glaube nicht, daß ich Dich verhöhne. Ich will mein Verſprechen wahr machen. Ich will lie⸗ bend zu Dir herabſteigen.. Du ſollſt wirklich 240 mein Weib werden. Aber gönne mir Zeit und Ueberlegung. — Du belügſt, Du betrügſt mich, Chriſt! — Du verkennſt mich ſchwer, ſchöne Jüdin. Sieh, Kind, ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich aus Furcht und Eiferſucht, daß nach mir ein Anderer — vielleicht gar ein elender Jude— Dich beſitzen könnte, im Stande wäre, Dich, weil ich Deinen Be⸗ ſitz keinem Sterblichen vergönne, aus Liebe zu tödten! — Nun wohlan, Chriſt, tödte die Jüdin! — Glaubſt Du, ich wäre thöricht genug, die⸗ ſen Wunſch zu erfüllen? Du ſollſt teben, leben, um von mir geliebt und vergöttert zu werden. Sieh, ich wollte Dich nur prüfen. Ich wollte mich über⸗ zeugen, ob Du mich wahr und wahrhaftig liebſt und ob mein Beſitz Dir wünſchenswerth erſcheint. Du kannſt es nicht erwarten, Dich auf immer mit mir vereint zu ſehen durch das Band der yeiligen Ehe, durch die Hand eines der Prieſter Deines Gottes, Deines Glaubens. Du kannſt die Qual der langen Sehnſucht nach dem Ziele Deiner Wün⸗ ſche, den Schmerz der Trennung von Deinem ſter⸗ benden Vater ſelber und mit Einem Male abkürzen, wenn Du Dich entſchließen willſt, Dich zu der Sonnenhöhe und Himmelsreinheit meines Glaubens, 241 meines Gottes zu erheben, dadurch, daß Du mir zu Liebe Chriſtin werden willſt! — Unmenſch, lieber gebe ich meine ſündige Liebe zu Dir, als meinen reinen Glauben an den Gott meiner Väter auf. Mit Freude verzichte ich auf Deinen Beſitz; ich gönne Dir Alles, was ich Dir geopfert habe, und gelobe Dir ewige Dankbar⸗ keit, wenn Du mir meine Freiheit und mit ihr Deine Erlaubniß zur Rückkehr in das Haus meines troſtloſen Vaters giebſt. — Du kennſt die Gründe, die mich davon zu⸗ rückhalten.. ich fürchte die Rache Deines Vaters! — Sei unbeſorgt, Cäſar, ich will ſchweigen. Alles, Alles will ich ihm verheimlichen. Ich will ſeinen Fluch von Deinem Haupte auf mein eigenes zurücklenken und ihm ſagen, daß ein Unbekannter mich entführt und erſt heute freigelaſſen hat. — Auch mein Vater wird mich vermiſſen. Es kann nicht lange verſchwiegen bleiben, daß ſein Sohn es iſt, der Dich entführt hat. Und die Strafe, die meiner harren würde, wäre der Tod. Denn mein Vater haßt mich, weil er mich fürchtet; er fürchtet mich, weil er mich haßt; er haßt mich, weil ich Jene zu lieben gewagt, die auch er liebt, jene Gräfin, die zwar nicht ſo jung, aber faſt eben ſo 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 16 242 ſchön als meine reizende Delila iſt. Mein Vater lauert auf den erſten beſten Vorwand, um mich aus ſeiner Nähe zu verſtoßen, um mich auf Reiſen oder falls ich mich widerſetze, in die Mauern eines Kerkers oder gar auf die Stufen des Schaffots zu ſchicken. Willſt Du, daß ich ſterben ſoll? — Nein, Cäſar, das will ich nicht! — Nun, wenn dieß wirklich nicht der heimliche Wunſch Deines Herzens iſt, ſo entziehe meinem Daſein nicht die Sonne Deiner Huld und Nähe. Bleibe bei Deinem Simſon, altteſtamentariſche Delila! Das arme Judenmädchen überlegte einen Au⸗ genblic. Dann ſagte ſie entſchloſſen: — Wenn ich alſo Dir zu Liebe mich ſo tief vergeſſen und meinen alten Vater ſo hoch betrüben könnte, den Glauben meines Gottes abzuſchwören, wann würdeſt Du mich heirathen? — Sobald es mein Vater mir erlaubt! — Doch wenn er's nicht erlauben ſollte? — Dann würde ich auch gegen ſeine Einwilli⸗ gung Dich zum Altare meines Gottes führen. — Aber wann, Cäſar, wann, mein Geliebter? — Sobald als nur irgend möglich! — Gut, mein Cäſar, ich werde Chriſtin! Und 243„ Du, Geliebter, wirſt mein Gemahl! Delila hält Simſon bei ſeinem Wort! — Abgemacht, Sela! ſagte Don Cäſar von Oeſterreich, der bei allem Anſchein von Zufrieden⸗ heit, den er zu behaupten wußte, in ſeinem Innern doch ſehr mißvergnügt zu ſein ſchien darüber, daß die Jüdin auf ſeinen Plan eingegangen war und er ſelbſt ſich— ohne es im Geringſten zu wollen,— in ſeiner eigenen Schlinge gefangen hatte. — Nun bin ich wieder Dein, Dein aufhtig hauchte Delila mit freudeſtrahlender Miene und ſchlang die weißen Ketten ihrer Arme um den von Leidenſchaft gerötheten Hals ihres Verführers. Mache mit mir, was Du willſt! Du biſt mein Herr, mein Gebieter! Delila iſt die Magd Simſons! — Laß Dich küſſen, meine ſüße Magd, ſagte Cäſar und verſchlang ſie mit dem Feuer ſeiner Lippen, mit den Blitzen ſeiner Augen, mit dem Sirocco ſei⸗ ner Küſſe. Dießmal ſchlug die Uhr einem Glücklichen. Es war Mittag, es war Eſſenszeit. Die heiteren Sonnenſtrahlen des letzten October⸗ tages drangen mild erwärmend durch das einzige, hohe, weitgeöffnete Bogenfenſter, das eine freie Aus⸗ ſicht auf die romantiſche Herbſtlandſchaft mit ihren 16* . 244 buntfarbigen Decorationen von blaßgrünem und gelb⸗ lich⸗rothem Laubwerke und auf die am Fuße des Schloſſes rauſchend vorüberziehenden Wogen der Moldau gewährte.— Aus dieſem Fenſter, aus der Höhe des dritten Stockwerkes ſoll, wie die Sage etzählt, zehn Jahre früher der letzte Roſenberg ſeine ungetreue Geliebte, ein Edelfräulein, aus einer Höhe von faſt hundert Fuß in die Tiefe des Flußes hinab⸗ geſtc haben. Dieß Zimmer war ein kleiner Waffenſaal; ringsum an allen Wänden hingen ſymmetriſch geordnet Schwer⸗ ter, Degen, Rappiere, Piſtolen, Büchſen, Flinten und andere Waffen; in den Ecken ſtanden auf Holzge⸗ ſtellen Ritterharniſche, vergoldete Panzerhemden, wap⸗ pengeſchmuckte Schilde der Roſenberge und Helme aller Art. In einem offenen Glasſchranke lagen bunt durcheinander Dolche, Jagd⸗Meſſer und mehr dergleichen. Zu beiden Seiten des Schrankes erho⸗ ben ſich in reichvergoldeten Rahmen koſtbare Spiegel. In der Mitte ſtand ein Tiſch. Cäſar führte Delila zur Tafel, die dem offenen Fenſter gegenüber ſtand. Die Tochter des Rabbi, die während der erſten vierzehn Tage, treu dem Gebote ihres Gottes, keine der chriſtlich zubereiteten Speiſen berührt und nur 245 durch Milch und Honig, Eier und Früchte das unab⸗ weisbare Gefühl des Hungers befriedigt hatte, war, ohne vorhergegangene Taufe in ihrem unfreien Her⸗ zen ſchon ſo ſehr Chriſtin, daß ſie heute zum erſten Male auf die wiederholte Bitte ihres Verführers mit ihm dieſelben Fleiſchſpeiſen faſt von einem und demſelben Teller aß, ohne ſich der Furcht kindiſchen, wie Cäſar ſie genannt!— hinzugeben, daß ihr ſchon der erſte Biſſen der geſetzwidrigen Speiſen den Tod bringen müßte. Heute aß ſie Alles, was er, aufmerkſamer und zärtlicher als frü her, auf der Spitze ſeiner Gabel ihr hinreichte. Ihr roſiger Mund pflückte die dargereichten Biſſen mit derſelben Eßluſt, womit der Schnabel einer halb ver⸗ hungerten Taube einzelne Kirſchen vom Stiele der Furcht abbricht. Simſon trank auf Delila's ſchöne Zukunft, auf ihr Wohl, auf ihre Mutterhoffnung und ſtürzte den ganzen Inhalt eines großen Cry⸗ ſtallglaſes, mit ſchwerem Ungarweine angefüllt, mit Einem Zuge hinab. Sie aber nippte nur an ihrem Glaſe; doch deſto fleißiger füllte ſie den Becher ihres Geliebten, der bald nach dem Erſcheinen des Nachtiſches, welcher die köſtlichſten Früchte aller Zo⸗ nen und Jahreszeiten brachte, von Wein und Liebe berauſcht zuerſt an ihren Buſen und dann zu ihren 246 Füßen niederſank und ſeinen erhitzten Kopf auf ihren Schooß legte, um ſeinen doppelten Rauſch auszu⸗ ſchlafen und noch einmal Alles, was er genoſſen, in ſüßem Traum zu durchleben. Und Don Cäſar war entſchlummert. Delila dachte jetzt weniger an den glücklichen Schläfer, als an ihren unglücklichen Vater, deſſen gramdurchfurch⸗ tes Antlitz mit ſo lebendigen Farben vor den Spie⸗ gel ihrer Seele trat, daß ſie ihn leibhaftig vor ſich zu ſehen glaubte. Es war ihr, als ſähe ſie, wie der hocherzürnte Rabbi ſeine fleiſchloſe Hand nach ihrem mit Schmach und Todſünde bedeckten Haupte ausſtreckte, um ſein Kind, ſein einziges Kind, im Namen der beleidigten Gottheit zu verfluchen. Da wollte ihr das Herz zerſpringen. Von Neuem erwachte die bitterſte Reue, die ihre glühen⸗ den Dornen in jede Fiber ihrer angſtgequälten Seele bohrte. Da faßte ſie den Beſchluß, den Schlaf ihres Verführers zu benutzen, um zu entfliehen und in das Haus ihres Vaters zurückzueilen, um deſſen Verzeihung anzuflehen und den Vaterfluch von ihrem Haupte abzuwälzen. nm ſich zu überzeugen, ob Cäſar auch wirklich ſo feſt eingeſchlafen ſei, daß ſie, ohne ihn zu wecken, ſich entfernen könne, holte ſie leiſe aus ihrer Taſche 247 eine kleine ſcharfe Scheere hervor und ſchnitt, wie ihre Namensſchweſter im alten Teſtamente ihrem Simſon, gleichſam um ihn ſeiner Kraft zu berauben, vorſichtig eine ſeiner Locken nach der Andern ab und warf, in träumeriſches Hinbrüten vertieft, die rothen Büſchel auf den Fußboden hin; und als ſie zu ihrer Freude gewahrte, daß er feſt eingeſchlafen ſei, ſchob ſie behutſam ſeinen Kopf von ihrem Schooße weg und legte ihn auf das Kiſſen des Lehnſtuhles, auf welchem ſie ſaß, ſtand auf, nahm eine der abge⸗ ſchnittenen Haarlocken, ſteckte ſie als Erinnerung in ihr Buſentuch und wollte geräuſch- und athemlos wie ein Schattenbild die ſo ſehnlich herbeigewünſchte Flucht ergreifen. In demſelben Augenblick erwachte Don Cäſar. Er jagte den Schlaf aus ſeinen Wimpern und blickte, noch halb berauſcht, um ſich. Da ſah er Delila, die tief erſchreckt, wie eingewurzelt an der Schwelle der halbgeöffneten Thüre ſtand. — Wohin willſt Du? fragte er aufſpringend. — Ich wollte friſche Luft ſchöpfen — Delila wollte dem ſchlafenden Simſon ent⸗ flichen. Das aber ſoll ihr nicht gelingen! rief er, erfaßte ſie beim Arme und zog ſie vom Eingang weg⸗ Als er ſich umkehrte, gewahrte er auf dem 248 gruͤnen Teppich die Garbenbüſchel ſeiner feuerrothen Haare. — Was iſt das? fragte er ſich. Träume ich nur oder wache ich? fuhr er fort und ſtürzte wie ein wildes Thier nach dem Spiegel hin. Als er die Verunſtaltung ſeines üppigen Haupt⸗ ſchmuckes erblickte, ſtieß er ein wildes Geſchrei, in welchem ſich halb Lachen, halb Wuth kundgab, aus, lief zum Schranke, ergriff den erſten Dolch, den ſeine Wuth ihm in die Hand ſpielte, ſtürzte ſich auf Delila, erfaßte mit der Linken ihre zitternde, angſtgelähmte Geſtalt und ſtieß ihr mit der Rechten zähneknirſchend das ſpitze Eiſen ſo tief in ihr Herz, daß ſie mit einem Todesſchrei entſeelt zu Boden ſank. Ihr aus der Wunde quellendes Blut färbte den Fußboden. — Elende Jüdin! rief er ſchäumend vor Wuth, die Todte mit dem Fuße von ſich ſtoßend. Du heaſt es gewagt, mein Geſicht zu verunſtalten, mir meine Haare abzuſchneiden, um mich, Deinen Simſon, ſei⸗ ner männlichen Kraft und Schönheit zu berauben. Deine Strafe dafür iſt nicht ausgeblieben! Jener Simſon erſchlug mit einem Eſelskinnbacken ein Duz⸗ zend erbärmlicher Philiſter; ich erſtach Dich mit die⸗ ſem Eiſen. Damit aber iſt mein Rachedurſt noch 249 nicht gekͤhlt. Dein blutender Anblick widert mich an. Du biſt mir verhaßt: ich mag Dich nicht län⸗ ger ſehen! rief der Wüthende, raffte mit hereuliſcher Kraft ihrr blutbefleckte Leiche auf, ſchleppte ſie an's offene Bogenfenſter und ſchleuderte ſie wie einen ſchweren Sack, den der Laſtträger von ſeiner Schul⸗ ter abwirft, mit teufliſchem Wuthgelächter in das naſſe Brautbett der Moldau hinab. Ein dumpfer Schlag tönte zu ihm herauf... das Wellengrab hatte ſich geöffnet und geſchloſſen. Erſt nach dieſer gräßlichen That ſchien ſein Rauſch, der ſeine Sinne gefangen hielt, urplötzlich gewichen zu ſein. — Herrgott, was habe ich gethan? rief er mit nüchterner Verzweiflung und wollte ſich im erſten Momente der bereuenden That der ſeinen Blicken entſchwundenen Leiche nachſtürzen; bald aber maß er die Höhe des Falles, gab den Gedanken des ſühnen⸗ den Selbſtmordes auf, lief zum Tiſche, leerte haſtig einen Becher ſüßen Tokaierweines, wiſchte ſich mit dem Tiſchtuche das friſche Blut von ſeinen Händen und Kleidern und ſagte mit der ganzen Faſſung eines vollendeten Böſewichtes: — Mache Dir keine Vorwürfe, mitleidiger Tropf! Die Elende hat dieſe Züchtigung verdient! 250 Was liegt auch an einer Judenſeele! Ich hätte ſie doch nicht geheirathet! Auf dieſe Weiſe erfüllte ſich eine der traurig⸗ ſten Weiſſagungen des Kaiſers. Man wolle ſich deſſen erinnern, was Rudolph gleich nach der Geburt Don Cäſars zu Clelia und deren Gemahle geſagt. Als Scotto die phyſiſchen Eigenſchaften des neugeborenen Knaben gerühmt und ihn ſo ſtark und heißblütig wie Simſon⸗ geſchil⸗ dert, hatte der Kaiſer wie im prophetiſchen Geiſte ausgerufen, dieſer neue Simſon werde in Ermange⸗ lung der dreißig Philiſter bei Askalon ſich damit begnügen, ein Paar arme unglückliche Juden Prags zu erſchlagen. Und dieß war alſo auch wirklich ge⸗ ſchehen. Der würdige„Simſon“ hatte den armen Moſes Ephraim Kuh und die Tochter des hohen Rabbi ermordet. So iſt faſt Jeder einmal Prophet. 251 Achtzehntes Capitel. Kaiſer Rudolph und Rabbi Bezalel Loew.— Don Cäſars Ende. Der hohe Rabbi Loew, der ſeit dem geheim⸗ nißvollen Verſchwinden ſeiner einzigen Tochter ſie⸗ ben Tage und ſieben Nächte, jammernd und weh⸗ klagend, niedergeſchlagener und ruheloſer als Ahas⸗ ver, alle Gaſſen und Gäßchen der drei Städte Prag durchwandert, um ſein verlorenes Kind aufzuſuchen und an Jeden, der ihm entgegen gekommen war, die Frage zu richten: ob er Delila nicht geſehenz; dieſer Rabbi Loew war ſeit dem achten Tage, an dem er alle Nachforſchungen und die letzte Hoffnung, ſein Kind jemals auf dieſer Erde wiederzufinden, für immer aufgegeben, der unglücklichſte Vater, der be⸗ klagenswertheſte Mann, der zerſchmettertſte Jnde un⸗ ter Gottes mitleidsloſer Sonne, die, wie tiefbetrübt auch Millionen Herzen unter ihr ſchlagen mö⸗ gen, unbekümmert um menſchliches Elend, ruhig und heiter weiter ſcheint. Am neunten Tage aber war Rabbi Loew den Anſtrengungen des raſtloſen Umherirrens, dem alle Kräfte ſeines Körpers wie ſeines Geiſtes gleichzeitig 252 zermalmenden Gram erlegen und ſo tödtlich erkrankt, daß alle jüdiſchen Aerzte Prags, die voll rührender Theilnahme an das Lager des hohen Kranken hin⸗ geeilt, jede Hoffnung ihn wieder herzuſtellen bereits aufgegeben hatten, als der hohe Rabbi nach ſechs⸗ wöchentlichem Leiden durch die Macht des Willens und durch die Magie des Gebetes und durch die Arzenei ſeines frommen Glaubens zu neuem Le⸗ ben genas. Aber kaum geneſen, erhielt er die Kunde von der Ermordung ſeiner Tochter, deren Leichnam, von der Moldau an's Ufer geſpült, erſt nach vier Wochen in der Umgegend von Krumau in einem Schilf⸗ bett, das die Leiche verſteckt gehalten hatte, halb verfault aufgefunden worden war. Darauf verbrei⸗ tete ſich durch ganz Prag die Grauen und Abſchen erregende Nachricht, daß Delila's Verführer und Mörder kein Anderer als Don Cäſar ſei. Seine eigene Dienerſchaft hatte ihn verrathen. Rabbi Lvew hatte wie ein Athlet mit ſeinem Seelenſchmerze gekämpft und endlich auch ihn überwunden. — Gott hat ſie mir gegeben; der Baſtard meines Herrn hat ſie mir geraubt, ſprach der Rabbi und ſchleppte ſich, geſtuͤtzt auf einen langen Stab, keuchend und langſam, Schritt für Schritt, an die 253 Stufen des Thrones hin, um dort, am Aſole der Gnade und Gerechtigkeit, die ganze Fülle ſeines gram⸗ gebrochenen Herzens in das Mitgefühl ſeines kai⸗ ſerlichen Gönners und Freundes auszugießen. Die ehrfurchtgebietende Erſcheinung, ſeine tiefe Trauer, ſein langer weißer Bart, ſein ſchmerzerfüll⸗ tes Auge mußte ſelbſt den eingefleiſchteſten Juden⸗ feinden, die dem niedergebeugten, tochterberaubten Greiſe auf ſeinem Gange nach dem Hradſchin be⸗ gegneten, ſo viel Achtung für die hohen Tugenden, ſo viel Theilnahme für die Goliathgröße des Kum⸗ mers, der ihn am Spätabende ſeines gottesfürchti⸗ gen Lebens heimgeſucht, mußte Allen ſo viel Mitge⸗ fühl einflößen, daß viele der Vorübergehenden ihre Kopfbedeckung abzogen, um den frommen Rabbi ehr⸗ furchtsvoll zu grüßen. Er aber, zu beſcheiden um zu bemerken, daß all' dieſe theilnahmsvollen Grüße ſeiner unbedeutenden Perſon zugedacht ſeien, ließ ſie alle unerwidert und zog, ſchwach und athemlos, auf ſeinen treuen Stab gelehnt, ſeines Weges fort. Der einzige Menſch vielleicht, der beim Anblick dieſer Verkörperung des Jammers theilnahmslos ſeinen Deckel aufbehielt, war der Handſchuhmacher Jaromir, der, gähnend wie ein hungeriger Haifiſch, vor ſeiner ewig kundenleeren Bude ſtand. 254 — Alle Welt grüßt den alten Juden, ſagte er neiderfüllt zu ſich ſelbſt, nur ich thu' es nicht; denn noch nie hat dieſer ſchmutzige Judenpapſt mir ein Paar Handſchuhe oder ſonſt was abgekauft. Als der hohe Rabbi, ſchon ſehr erſchöpft, die ſteile Schloßſtiege hinaufkeuchte, kam ihm, vom Hradſchin herab, die ſchon gleichfalls bejahrte, aber immer noch kräftige Geſtalt eines Kapuziners entgegen. Der Mönch grüßte den Rabbi, der deſſen Gruß freund⸗ lich nickend erwiderte und keuchend weiterging. Der Kapuziner kehrte ſich um und weil er gewahrte, wie ſchwer es dem Greiſe ward, die ſteile Höhe zu er⸗ ſteigen, lief er ihm nach und ſprach: — Das Steigen, Rabbi, wird Euch ſauer. Erlaubt dem Bruder Chryſoſtomus Euch zu führen. — Ich nehme Euer Anerbieten dankbar an, erwiderte Bezalél Loew. Und nun wandelte der greiſe Rabbi, geführt vom Kapuziner— ein ſchönes Bild echt chriſtlichen Mitgefühls— die Stiege hinauf. Oben angelangt, ließ der Chriſt den Arm des Juden los. — Ich danke Euch, daß Ihr mir geſtattet habt, Euch dieſen kleinen Dienſt zu erweiſen, ſprach der 255 Kapuziner und kehrte um, ohne den Gegendank des Rabhi abzuwarten. Dieſer ſah ihm dankerfüllten Blickes nach und murmelte leiſe vor ſich hin: 3 — Das iſt ein guter, mitleidsvoller Chriſt! Am Eingange der Burg angelangt, bat er den Hauptmann der wachthabenden Hellebardiere, der ihm ſalutirend entgegen trat: — Führt mich alten Mann zum Kaiſer! Der junge ſtattliche Sohn des Kriegsgottes ge leitete den alten Prieſter des Friedens die hohen Treppen hinauf bis zum Eingange in die Gemächer des Kaiſers. Kaum angemeldet, ward er augenblicklich vor⸗ gelaſſen. Der hohe Kaiſer trat dem hohen Rabbi mir der theilnahmsvollen Frage entgegen: — Biſt Du alſo wirklich wieder geneſen? Wie geht's Dir, frommer Greis? ſprach Rudolph und lud ſeinen ehrwürdigen Gaſt zum Niederſetzen ein. — Gnädigſter Herr, entgegnete der Rabbi, welcher Platz genommen, es geht Deinem armen, ſchwergeprüften Knechte wie einem Unglücklichen, dem man eines ſeiner Augen ausgeſtochen, wie einem Vater, dem man ſeine einzige Stütze, ſeine einzige Wonne, ſein einziges Kind geraubt! 256 — Seit drei Tagen weiß ich Alles. — Dann, Herr, hat Dein treuer Unterthan Dir nichts zu ſagen, was Dein edles Vaterherz nicht ohnedieß errathen würde. — Bis vor drei Tagen, Rabbi Loew, hatte meine Umgebung mir Alles, was geſchehen war, verheimlicht, um mir einen neuen Kummer zu erſpa⸗ ren. Erſt Montag erfuhr ich durch eine Dame mei⸗ nes Hofes das blutige Schauſpiel, das der unnatür⸗ lichſte meiner natürlichen Söhner im Schloß zu Krum⸗ au aufgeführt. Ich bin Deiner Bitte zuvorgekom⸗ men, ſchwer beſchimpfter Rabbi und tief gekränkter Vater Deiner einzigen Tochter, deren traurigen Fall ich nicht minder beklage, als Dich und mich ſelbſt, der ich der Vater jenes herzloſen Böſewichtes ſein ſoll. Ich habe das Beiſpiel jenes alten Römers be⸗ folgt und, im Namen des beleidigten Rechtes, das Don Julius Cäſar mit frechem Fuß zertreten hat, mein eigenes Kind zur Abbüßung ſeiner unerhör⸗ ten Schandthat zum Tode verurtheilt. Rabbi, biſt Du zufrieden mit mir? — Nein, Herr, das bin ich nicht! — Kann Deine Rache wohl noch mehr verlangen? — Glaubſt Du, mein großer Kaiſer, der alte 257 Rabbi Loew ſei vor den Stufen Deines gottge⸗ ſalbten Thrones erſchienen, um in ſeinem gerechten Schmerze Dich um die Beſtrafung Deines eigenen Kindes anzuflehen? Du irrſt, mein Herr und Kai⸗ ſer! Dein treuer Knecht hat ſich keuchend zu Dir heraufgeſchleppt, um Dich zu bitten, großmächtiger Gebieter über Leben und Tod Deiner Unterthanen, dießmal in Deiner Huld und Güte Gnade ſtatt Recht auszuüben und das Fleiſch Deines Fleiſches zu ſchonen. — Rabbi, fragte Rudolph hoch erſtaunt, wie iſt's möglich, daß Du für den Verführer, für den Entehrer, für den Mörder Deines einzigen Kindes mich um Schonung und Gnade anzuflehen vermagſt? — Ich vermag es deßhalb, Herr, weil Du ſein Vater biſt und weil es mir, altem Manne, keinen Troſt gewähren kann, Dich zur Verurtheilung Deines Sohnes aufzureizen. Wird dadurch, daß man den Mörder tödtet, die Gemordete zu neuem Leben er⸗ weckt? Nein, Herr! Sie bleibt entehrt, beſchimpft und todt. Welche Beruhigung alſo könnte Dein Schmerz dem Meinigen gewähren, wäre ich ſo grau⸗ ſam von Dir zu begehren, Du ſollteſt das Haupt Deines ungerathenen Sohnes unter das Beil des Henkers legen, um Ehre und Tod meiner armen 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 17 258 Tochter zu ſühnen? Ich verlange nicht, daß ſein Frevel ungeſtraft bleiben ſoll. Ich flehe nur, daß Du das Blut Deines Blutes ſchoneſt und den Schuldi⸗ gen nicht zuin Tode verurtheilſt. — Deine Bitte, Alter, kommt zu ſpät! — Gott meiner Väter! warnm zu ſpät? fragte der Rabbi tief erſchreckt. — Weil ich, empört über die Gräuelthat jenes unverbeſſerlichen Sünders, Montag in der Nacht mit blutendem Herzen, aber ſtarker Hand ſein To⸗ desurtheil unterſchrieben und Dienſtag in früheſter Frühe nach dem Krumauer Schloſſe, in welchem er jenen doppelten Mord vollbracht und das er ſeit jenem unſeligen Tage aus Furcht vor meinem Zorne nicht verlaſſen, fünf meiner vertrauten Diener abgeſchickt, um dort auf dem Schauplatze ſeiner haarſträubenden Verbrechen meine kaiſerlichen Be⸗ fehle ungeſäumt in Vollzug zu ſetzen. — Und was iſt mit ihm geſchehen? — Das wirſt Du früh genug erfahren! — Es wäre alſo keine Hoffnung mehr für Dich und mich, Deinen Sohn zu retten? — Keine, keine! ſagte der Kaiſer gefaßt. Je⸗ den Augenblick erwarte ich die Nachricht vom Voll⸗ zuge der über ihn verhängten Strafe. 259 — Ich kam alſo wirklich zu ſpät? fragte der Rabbi tief erſchüttert. — Zu ſpät! Zu ſpät! ſchluchzte Rudolph. — Dann, Herr, iſt auch der letzte Troſt mir geraubt, ſprach Rabbi Lvew und erhob ſich, um den Kaiſer, welcher das Herz beſaß, dem eigenen Sohne gegenüber gerecht zu ſein, gramgebeugt zu verlaſſen. — Bleibe noch einen Augenblick, Alter! So eben ſprengt einer meiner Boten über den Schloßhof. Er bringt uns Kunde aus Krumau. Bleibe, um von hier, wenn auch keinen Troſt, doch die Ueber⸗ zeugung mitzunehmen, daß Kaiſer Rudolph, wenn auch manchmal hart, wenigſtens doch gerecht ſein muß. Der frierende Martin Rutzke trat ein. Er überreichte, von Krumau zurückgeeilt, dem Kaiſer einen vom Oberſtkämmerer Ulrich Deſiderius Pros⸗ kowsky von Proskow ziemlich trocken, aber ausführ⸗ lich abgefaßten Bericht, welchen Rudolph mit zit⸗ ternder Haſt erbrach und noch haſtiger in Gegen⸗ wart des Rabbis und eines der fünf Augenzeugen des vollzogenen Todesurtheils ablas. Dieſer Bericht lautete wörtlich wie folgt: Dienſtag, am 17. December, langten wir, zwei Stunben nach Mitternacht, im Schloß zu Krumau 17* 260 an. Wir weckten die Dienerſchaft, geboten ihr, kein Geräuſch zu machen und trafen ungeſäumt alle zur Vollziehung des kaiſerlichen Specialbefehls noth⸗ wendigen Vorkehrungen. Als Alles, ganz ſo wie Euer Majeſtät es angeordnet, in Bereitſchaft geſetzt war, begaben wir uns alle fünf, von dem alten Caſtellan und zwei fackeltragenden Dienern geführt, in das Schlafgemach des Verurtheiiten. Dort fan⸗ den wir ihn, erſchöpft von einer abſcheulichen Orgie, die er, wie der Caſtellan berichtet, noch eine Stunde zuvor im Kreiſe angetrunkener Spielgenoſſen und feiler ſchamloſer Dirnen gefeiert, in ſeinem zerwühl⸗ ten Bette.— Der Verurtheilte war ſo feſt einge⸗ ſchlafen, daß es uns weder Gefahr noch Mühe ver⸗ urſachte, ihm beide Hände und Füße zu binden. Nachdem dieß geſchehen, koſtete es Zeit und An⸗ ſtrengung, den gebundenen Rieſen aus ſtarrkrampfähn⸗ lichem Schlafe aufzuwecken. Als es uns gelungen war, ihn wachzurütteln, ſchien er noch halb betrun⸗ ken zu ſein, denn er bemerkte nicht, daß wir ihn an Händen und Füßen gefeſſelt hatten, und lallte mit ſchwerer Zunge und ſtierem, weinerhitztem Blick: Wer da?— Gut Freund, erwiderte Johannes Frank. Der Verurtheilte ſah uns glotzend an und fragte: Spitz⸗ bubengeſindel, was wollt Ihr von mir?— Wir wollen 261 Euch, ſagte Hanns Marquard, genannt Dürbach, mit Eurer gütigen Erlaubniß in ein in Bereitſchaft ge⸗ ſetztes Bad tragen, um dort die Hitze Eures unge⸗ ſtümen Blutes abzukühlen und Euch Euern kanni⸗ baliſchen Rauſch ausſchlafen zu laſſen.— Glaubt Ihr, Schurken, ich ſei beſoffen? lallte der Verbre⸗ cher.— Ein wenig wohl, glauben wir allerdings, ſagte Mardochäus Delle.— Packt Euch, Hunde, ſtammelte er und ſiel auf die Kiſſen zurück, um einzu⸗ ſchlafen.— Wir ließen es ruhig geſchehen, weil wir glaubten, mit ihm im ſchlafenden Zuſtande leichter als im wachenden fertig zu werden.— Als er, von Neuem wieder eingeſchlafen, wie ein todtmüder Siebenſchläfer zu ſchnarchen begann, faßten alle vier Diener und der Caſtellan den gefeſſelten Rieſen, luden ihn behutſam, wie eine lebendige Leiche, auf ihre nicht minder rüſtigen Schultern und trugen ihn, laut kaiſerlicher Anordnung, in den kleinen Waffenſaal, welcher der Schauplatz ſeines Verbrechens geweſen war. Dorr ſetzten ſie ihn in das bereitſtehende, lauwarme Bad. Unter dem grellen Scheine der Fackeln, in der lautloſen Stille der Nacht, öffnete der von uns mitgebrachte Chirurg mit Hilfe ſeiner haar⸗ ſcharfen Inſtrumente dem glücklichen Schläfer an 262 jedem der gefeſſelten Füße ſo ſchnell und gewandt, ſo ſicher und behutſam eine der großen Adern, daß der Verurtheilte ſelbſt noch dann einige Minuten ruhig weiter ſchlief und, heiter fortſchnarchend, nicht im Geringſten zu fühlen ſchien, daß er ſich langſam verblute. Erſt nach Verlauf von zehn Minuten, nachdem das friſche, maſſenhaft herausſprudelnde Blut die lauen Wogen des Bades roth gefärbt, ſchlug er, urplötzlich wach und nüchtern geworden, die Augen auf und gewahrte, was mit ihm geſche⸗ hen ſei. Trotz der großen Schwäche, die ſich in Folge des ſchon ziemlich beträchtlichen Blutverluſtes des gebändigten Rieſen bemächtigt hatte, verſuchte er herauszuſpringen, als er— glücklicherweiſe ſchon zu ſpät!— ſich überzeugte, daß er an Händen und Füßen gebunden war. Da begann er wie ein ge⸗ reizter Löwe ſeine rothen Mähnen zu ſchütteln und unter lautem Gebrüll, das uns Allen einen paniſchen Schrecken in die Glieder jagte, mit Händen und Füßen ſo rieſig zu wirthſchaften an, daß wir alle Sechs zugleich über ihn herfielen, um ihn daran zu verhindern, die Stricke, die ihn gefeſſelt hielten, zu zerreißen. Als ſein Blick auf das blutgeröthete Waſſer fiel, brüllte er mit einer Kraft, die das Mark in meinen Gliedern erſtarren machte: 8 263 — Hölle und Teufel, ich verblute mich! — Auf Befehl des Kaiſers, ſprach der Chi⸗ rurg, war mir der Auftrag geworden, Euch die Fußadern zu öffnen. — Und warum? brüllte der Sterbende. — Um nach dem Willen des Geſetzes Euch für den dreifachen Mord zu beſtrafen, den Ihr in dieſem Zimmer hier an der Jüdin vollbracht, die Ihr geſchändet, erdolcht und zu jenem Fenſter hin⸗ ausgeſchleudert habt. — Der Vater läßt mitleids los ſeinen Sohn ermorden? Er ſei verflucht auf alle Zeiten! ſchrie Don Cäſar und ſank ohnmächtig in ſein blutgers⸗ thetes Bad zuſammen und hauchte bald darauf unter leiſem Stöhnen den! letzten Seufzer ſeines mordbefleckten Lebens aus. Er verſchied gegen ſechs Uhr Morgens.“ Rudolph, der bis dahin alle Kräfte ſeines eiſer⸗ nen Willens aufgeboten hatte, um nicht der innern Aufregung zu erliegen, ſchleuderte den ruhig bis zu Ende geleſenen Bericht auf die Erde und ſank dann erſchöpft, wie vom Schlagfluße getroffen, auf den Fußboden hin. Der Rabbi eilte ihm zu Hilfe. Der Kammer⸗ diener rief die Aerzte herbei. Einer derſelben öffnete 264 ihm eine Ader. Es kam nut wenig dickes Blut. Der Kaiſer ward zu Bett gebracht. Der trauernde Rabbi ſchlich nach Hanſe. Unterweges überfiel ihn eine ſchwere Ohnmacht. Er ſtürzte unter Gottes Himmel um. Mitleidige Chriſten trugen ihn in ſeine Wohnung heim. Die ärztliche Hilfe kam zu ſpät. Er ſtarb unter dem Rufe: — Bald werde ich mein Kind wiederſehen!—— Auch das tragiſche Ende Julius Cäſars iſt kein Roman⸗Effect, ſondern eine durch die Geſchichte beſtätigte Thatſache. Itzt iſt in Krumau ſelbſt das Andenken des kaiſerlichen Baſtards völlig verſchollen, doch heißt noch jetzt eine Zimmerreihe im älteſten Theile dieſes Schloſſes die Juliusgemächer«. Der bereitwillige Caſtellan, der dem Fremden dieſe Zimmer zeigt, weiß zwar über den Urſprung dieſer Benennung nichts anzugeben, zeigt aber in einem dieſer Juliuszimmer, das ſpäter in eine Hauscapelle umgeſchaffen ward, ein vermauertes Fenſter, aus dem der letzte Roſen⸗ berg ſeine Geliebte geſtürzt haben ſoll. 265 Reunzehntes Capitel. Tod des Kaiſers Rudolph. Kaiſer Rudolph überlebte nur wenige Wochen die Verurtheilung ſeines Sohnes. Der Gram über den Verluſt zweier Kronen, die ſein eigener Bruder ſich auf's Haupt ſetzen ließ, der Schmerz über den mehr und mehr ſchwindenden Glanz ſeiner früͤhern Macht und Herr⸗ lichkeit, das Gift der Reue, das ihn langſam ver⸗ zehrte, ließen ihn von jener Krankheit, der er ſeit der Verurtheilung ſeines eigenen Sohnes anheimgefallen war, nicht wieder geneſen. Der kalte Brand hatte in des Kaiſers Körper todtbringend um ſich gegriffen. Gepflegt und getröſtet von Gräfin Maria Mag⸗ dalena, ſeiner letzten Freundin, die ihm treu geblieben, fühlte er am Sanet Fabianstage, Freitags am 20. Januar des Jahres 1612, das Nahen des Augen⸗ blickes, in welchem ſein Herz ſtill ſtehen ſollte. Stundenlang war er bereits ſtumm, wie ſprach⸗ los, gebadet in kaltem Schweiß auf den Seidenpol⸗ ſtern ſeines hohen, mit rothen Sammtvorhängen drappirten Himmelbettes gelegen, als plötzlich aus dem Zwinger herauf das Gebrüll eines Löwen ſo 266 ſchaurig und herzzerreißend ertönte, daß die Gräfin vor Schreck zuſammenfuhr. Rudolph erwachte aus ſeiner Apathie; er hatte das Gebrüll vernommen und die Stimme ſeines Lieblingslöwen erkannt. Nicht ohne einiger Anſtren⸗ gung erhob er ſich ein wenig und auf die Linke geſtützt, legte er ſeine Rechte auf das Haupt der Gräfin, welche ſich in demſelben Augenblicke unwill⸗ kürlich niedergebeugt hatte, und ſprach mit brechen⸗ der Stimme: — Das war mein Otakar! Er nimmt Ab⸗ ſchied von mir. Du und mein Otakar, Ihr Beide habt es treu mit mir gemeint! Matter und matter werdend, ſank Rudolph in ſeine Kiſſen zurück. Die leiſen, kaum vernehmbaren Worte:„Magdalena!—— Cäſar!“ entwanden ſich ſeinen blaſſen, zuckenden Lippen und einen Au⸗ genblick ſpäter— die Uhr vom Dome Sanct Veit ſchlug eben die ſiebente Stunde— war Rudolph nicht mehr. Die Gräfin Maria Magdalena drückte ihm die Augen zu. — Du warſt beſſer als Dein Ruf! ſagte ſie, beugte ſich vor ſeinem Sterbelager auf die Kniee und betete für die Seele Deſſen, der Anfangs das 267 verfehlte Ziel ihres ehrgeizigen Strebens geweſen war und an deſſen Seele die ihrige dann mit un⸗ wandelbarer Treue hing. In demſelben Augenblick, in welchem Rudolph ſeine müden Augen für immer ſchloß, ertönte jenes Gebrüll aus dem Löwenzwinger von Neuem und— noch fürchterlicher als vorher, verſtummte aber wenige Secunden darauf: der treue Löwe Otakar verendete zur ſelben Stunde wie ſein Herr, der Kaiſer!———————————— Die Gräfin erhob ſich heftig ſchluchzend, drückte noch einen letzten Kuß auf die ſchlaff herabhän⸗ gende kalte Hand Rudolphs, warf dann einen dich⸗ ten Schleier über ihr Haupt und wankte aus dem Sterbezimmer, in welches nun auf ihren Wink die Kammerherren und Kammerdiener eintraten. Der erſte Gang der Gräfin war aus der Königsburg in das anſtoßende Nonnenkloſter Sanct Georg. In die Bruſt ihrer Jugendfreundin, der gefürſteten Aeb⸗ tiſſin dieſes Stiftes, Sophie Albin von Helfenburg, ſchüttete ſie die Laſt ihres Schmerzes und ihrer— Reue, mit weinenden Augen um ein Aſyl in den ſtillen Mauern von Sanct Georg bittend. Es wurde ihr gewährt; die Gräfin nahm den Schleier und 268 erhielt von ihrer Freundin, der Aebtiſſin, den Klo⸗ ſternamen Eva. Des Kaiſers nächſte Umgebung hatte Rudolphs Todeskrankheit ſorgfältig verheimlicht. Wie ein Blitz traf daher die Bewohner Prags die Kunde von des Kaiſers plötzlichem Ende, welches der kaiſerliche Obriſt und Hatſchierencvmmandant Adam von Trautmanns⸗ dorf in den Straßen Prags durch Herolde laut ver⸗ künden ließ. Von allen Thürmen Prags töoͤnten Trauerglok⸗ ken, der Stadtrath ließ Muſik und Tanz verbieten, und wer nur immer konnte, zog ſchwarze Gewänder an. Auf allen Thürmen und Söllern wurden Kla⸗ gefahnen aufgeſteckt, die Kirchen wurden mit ſchwar⸗ zen Tüchern ausgeſchlagen, die Altarbilder verhängt und Trauergerüſte errichtet. Vom früheſten Morgen bis ſpät zu Nacht waren die Kirchen und Capellen voll von Betenden, welche den Allerbarmer für das Seelenheil ihres Kaiſers und Königs, deſſen ſchweren Verluſt ſie nun mit Einem Male tief fühlten, brün⸗ ſtig anflehten. Die Stände ließen am Morgen des nächſten Tages die ganze Verlaſſenſchaft Rudolphs, von der ein genaues Verzeichniß aufgenommen ward, verſiegeln und durch Wachen beſetzen. Der Schatzmeiſter und 269 mehrere Diener des Kaiſers wurden, der Veruntreu⸗ ung verdächtigt, bald nach dem Tode deſſelben ver⸗ haftet. Des Kaiſers Nachlaß war in der That über alle Erwartung groß: Rudolph hieß nicht ohne Grund der deutſche Hermes Trismegiſtos; denn unter dem Nachlaſſe fanden ſich außer einer aſchgrauen Tinetur, die ihm im Vereine mit Michael Sendivof und Anſelm de Boodt anzufertigen geglückt ſein ſoll, im kaiſerlichen Schatze noch 60 Centner Silber und 84 Centner künſtlich bereitetes Gold, in Ziegelſteinform gegoſſen, wie Mauerſteine aufgeſchlichtet, gewogen und mit Nummern verſehen. Rudolphs Körper ward gesöffnet und einbalſa⸗ mirt. Die Beiſetzung der irdiſchen Hülle ward bis zur Ankunft ſeines brüderlichen Nachfolgers hinaus⸗ geſchoben. König Matthias langte auf die Nachricht vom Tode ſeines Bruders in Begleitung ſeiner erlauchten Gemahlin am 30. Januar in Prag an, und ward von den Ständen und der Buͤrgerſchaft mit unbe⸗ ſchreiblichem Jubel empfangen. Am 6. Februar ward Kaiſer Rudolphs Leichen⸗ begängniß gefeiert. Die kaiſerliche Leiche war von dem getreueſten Anhänger Seiner Majeſtät, vom Herzog Heinrich Julins von Braunſchweig, und von eilf Kammerherren getragen und vom Könige und von allen in Prag anweſenden Fürſten, dem Mark⸗ grafen von Ansbach und von Anhalt, dem Landgra⸗ fen von Leuchtenberg und allen Hof⸗ und Militär⸗ chargen in die Metropolitankirche, in den Dom zu Sanct Veit begleitet und in der Gruft, welche Ru⸗ dolph für die Könige von Böhmen hatte einrichten laſſen, unter dem üblichen Ceremvniell beigeſetzt, wo ſie noch in einem prachtvollen zinnernen Sarkophage ruht. Zwanzigſtes Capitel. Ein Brief aus Innsbruck. Eva befand ſich noch in Raudnic. Ihr liebſter Troſt, ihre reinſte Freude, ihr höchſtes Glück ſuchte und fand ſie in der Tröſtung Anderer, in der Lin⸗ derung fremden Kummers, fremden Leides. Dafür aber ward ſie abgöttiſch geliebt. Ganz Raudnic verehrte in der Vorſteherin des Magdalenenſtiftes, das weit und breit Hilfe aller Art ausſpendete, die unermüdliche Wohlthäterin der Armen, die treue Pflegerin hilfloſer Kranken, einen Engel wahrer Näch⸗ ſtenliebe. 271 Vier Monate nach dem Tode des Kaiſers Ru⸗ dolph kehrte ſie nach der Vaterſtadt Prag zurück. Am 20. Auguſt 1612 erhielt ſie folgenden Brief aus Innsbruck: „Mein edles Fräulein! Ihr werdet Euch wundern, von einer Frau, die Euch nur nach dem Namen ihres Mannes be⸗ kannt iſt, einen Brief zu erhalten. Nie hätte ich gewagt, den Namen meines Mannes in Euer Gedächt⸗ niß zurückzurufen, wäre es nicht Alexanders Wunſch geweſen, Euch von einem Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen, das Euer edles Herz gewiß nicht minder tief als das Meinige betrüben wird. Vor drei Tagen ſtarb mein heißgeliebter Mann. Sein Vaterland und die trauernde Kunſt verlieren in Alerander Colin einen der gefeiertſten Künſtler. Mehr noch als die ganze Welt verliert ſein ihn ewig betrauerndes Weib den beſten und zärtlichſten Gemahl, den Vater ihrer drei armen Kinder, die mit ihr wei⸗ nend an ſeinem ſchmuckloſen Grabe ſtehen. Geſtern Früh hat ihn der endloſe Zug ſeiner Freunde und Verehrer auf den Kirchhof ſeiner Adop⸗ tivvaterſtadt Innsbruck, wohin er von Mecheln zog und wo er ſeine ſchönſten Werke vollendete, begleitet und ſeine irdiſche Hülle dem Schvoße der mütterlichen 272 Erde, die mit gleicher Liebe jedes ihrer Kinder empfängt, zurückgegeben. Alexander ſtarb im Alter von vier und ſechzig Jahren, noch vor wenig Monaten rüſtig wie ein Mann in ſeiner beſten Kraft, zu früh für die Kunſt und ſein Weib und ſeine Kinder, die er mit gleicher Liebe und gleicher Begeiſterung bis an's Ende ſeines Lebens geliebt; zu ſpät für Jene, die ihn um ſein Talent und ſeine Jugendfriſche, welche nie gealtert, um ſein Glück und ſeinen Ruhm erfolglos beneidet haben. Mein Mann hat Euch nie vergeſſen. Im höch⸗ ſten Glücke wie im tiefſten Schmerze, die ſeine lange künſtleriſche Laufbahn, wie Fluth und Ebbe das Meer, bewegt haben, hat ihm Euer Name als Stern geleuchtet, deſſen mildes Licht ihn zur Schöpfung neuer Werke begeiſternd angeregt und mich zu auf⸗ richtiger Bewunderung Eurer tugendhaften Entſagung erwärmt und entzündet hat. Ihr habt ihn durch Eure Klugheit, durch Eure Rechtlichkeit, durch den Muth der Entſagung von dem abirrenden Pfade ſinnlicher Leidenſchaft auf die Bahn heiliger Pflicht zurückgelenkt und ihn dem ſchönſten ſeiner Siege— dem Siege über ſich ſelbſt— entgegengeführt und Euch dadurch ſeine und auch meine ewige Dankharkeit 273 erworben. Ihr waret ſeitdem ſeine ſchweſterliche Muſe, ſein ihn ermuthigender Schutzgeiſt geweſen. Bis zur letzten Stunde ſeines Lebens hat er die längſt verwelkte Roſe aufbewahrt, die er bald nach Eurer Wiedergeneſung— wie er mir oft erzählt, aus Eurer Hand empfing. Es war eine jener Blu⸗ men, die er während Eurer langen Krankheit allmor⸗ gendlich ſelbſt gebracht, ohne daß Ihr Anfangs gewußt, von wem Ihr ſie empfingt. Ich glaubte einen ſtillen Wunſch ſeines Herzens zu errathen und gleichzeitig zu erfüllen dadurch, daß ich jene Roſe ihm— als Zeichen meiner Verſchwie⸗ genheit— mit in ſeinen Sarg gab. Denn nie hat mein Mund das, was ſein blutendes Herz mir gleich nach ſeiner Rücktehr von Prag großherzig anvertraut, irgend einem Andern verrathen, und er und ich haben die ſchwere Prüfung, die Gottes Fügung über ihn und Euch verhängt, als ein unver⸗ brüchliches Geheimniß, wie eine in Perlenglanz auf⸗ gegangene Thräne in einem Käſichen aufbewahrt, zu dem nur wir Beide den Schlüſſel beſaßen. Ich habe oft, ſehr oft von Euch geſprochen, und wohl darf ich mir das Zeugniß geben, daß dieß ſtets ohne Groll, ohne Bitterkeit, ohne Reid geſchehen 1856. VII. Auf dem Hradſchin. IV. 18 war; denn ich wußte, was er an Euch verloren und was Catharina an Euch gewonnen hat. Als mein Gemahl vor vier Jahren den Tod Eures unglücklichen Vaters erfuhr, war er Euretwe⸗ gen untröſtlich, weil ſein Gemüth, tiefer als das tauſend anderer Menſchen, die ſich Künſtler nennen, die ganze Größe Eures Verluſtes, die ganze Laſt Eures Grames begriff. Schon damals wollte ich Euch ſchreiben im Namen Alexanders, der Euern edlen Vater faſt eben ſo ſehr als ſeinen eigenen geliebt und verehrt hat. Ich unterließ es, um nicht von Neuem die kaum vernarbte Wunde Eures kindlichen Schmerzes auf⸗ zureißen. Mein Mann aber rief aus ſeiner Erinnerung die darin tief eingeprägten Züge jenes edlen Todten vor ſein geiſtiges Auge zurück, und formte mit Hilfe ſeines Gedächtniſſes eine der ſchönſten Büſten, welche die ſchöpferiſche Meiſterhand ſeines Kunſtgenius zu unvergänglichem Leben hervorgerufen hat. Dieſe Büſte, die er außerordentlich ähnlich fand, werde ich Euch mit der nächſten Sendung, die vom Erzherzog Albrecht von Innsbruck nach Prag ab⸗ geht, überſchicken, ſchon heute die Bitte vorausſen⸗ dend, daß es Euch gefallen möge, dieſe Büſte als 275 ein Andenken an zwei Todte, die Euch theuer und werth geweſen ſind, nicht zurückzuweiſen. Lebt wohl, mein liebes Fräulein. Wer von uns Beiden im Jenſeits Ihn zuerſt wiederſieht, wird ihm tauſend Grüße von der Andern überbringen, die dort unten zurückgeblieben, ihn trotz Zeit und Trennung nicht vergeſſen hat. Lebt wohl, Fräulein, lebt nochmals wohl! Catharina Colin.“ Nachdem Eva dieſen Brief geleſen hatte, küßte ſie ihn und ließ den Thränen der Erinnerung freien Lauf. — Nichts auf Erden, ſagte ſie, wiegt den Schatz eines ruhigen Bewußtſeins auf. Ich habe jenen großen Alexander ſeiner Kunſt geliebt und trotzdem mit Freudigkeit ſeinen Beſitz derjenigen gegönnt, die ein altes, heiliges Recht darauf beſaß. Ich brauche nicht vor ihr, nicht vor mir ſelber zu erröthen. Ich darf dem Todten eine Thräne reinen Mitgefühles weihen und mir ſagen: Sein Name wird mir unver⸗ geßlich bleiben!——— Dann nahm ſie ein Käſtchen von ſchwarzem Ebenholz, legte Catharinens Brief zu jenem Aleran⸗ ders, zu dem Bilde ihrer Mutter, zu der ſilberweißen 18* 276 Locke ihres Vaters, verſchloß dieſe vier Reliquien ihrer Liebe und ſagte: — Dieß Käſtchen nehme ich mit in mein Grab! Einundzwanzigſtes Capitel. Das Ende des Doctors Jeſſenius. Der Mann, der bis zur letzten Stunde ſeines Lebens Eva's väterlicher Freund und Rathgeber blieb, war Doctor Johannes Jeſſenius. Auch er nahm ein trauriges Ende. Jeſſenius hatte wie jener André Veſale, den er ſich zum Vorbilde ſeiner anatomiſchen Studien aus⸗ erwählt, eine Kantippe zur Frau, die ihm jede freie Stunde, welche er fern vom Bette ſeiner Kranken verträumte, nach beſten Kräften zu vergällen verſtand. Außerdem legte er ſich, verleitet durch ſeinen hellſehenden Blick, wie Veſale, von welchem der franzöſiſche Geſchichtsſchreiber De Thou erzählt, daß er Marmilian von Egmont, dem Grafen von Baren zu Geldern, den Tag und die Stunde ſeines Todes richtig vorhergeſagt, auf die myſtiſche Kunſt der 277 Weiſſagung. Auch darin ſchien Jeſſenius nicht min⸗ der glücklich, als ſein brüſſeler Vorbild; denn als Kaiſer Matthias ihn, bei ſeiner Rückkehr vom unga⸗ riſchen Landtage, wohin ihn die böhmiſchen Stände zur Verhandlung einiger Beſchwerden gegen Matthias abgeſendet hatten, zu Wien in's Gefängniß werfen ließ, ſchrieb der böhmiſche Hellſeher an die Mauer ſeines Kerkers: I. M. M. M. M. Befragt, was dieſe fünf Buchſtaben zu bedeu⸗ den hätten, gab er die Auslegung: Imperator Ma- thias Mense Martio Morietur. Erzherzog Ferdinand, der Nachfolger des Kaiſers Matthias, parodirte jene fünf Buchſtaben, welche man ihm abgeſchrieben überreichte, indem er ſie ſo auslegte: Jessenii Mentiris, Mala Morte Morieris. Und beide Prophezeihungen erfüllten ſich ge⸗ genſeitig. Rudolphs Nachfolger, Kaiſer Matthias, ſtarb wirklich im März⸗Monate des Jahres 1619, und zwei Jahre und wenige Monate darüber(am 20. Juni 1621) ward Jeſſenius auf Befehl ſeines prophetiſchen Gegners, Kaiſer Ferdinands I, auf dem altſtädter Ringe als Anhänger der proteſtanti⸗ ſchen Ligue einem ſchimpflichen Tode überliefert. Er ſtarb an demſelben Tage mit Wenzel Budowec 278 von Budowa unter andern Häuptern des böhmiſchen Aufſtandes auf einem und demſelben Schaffot. Zweiundzwanzigſtes Capitel Eva's Tod. Gva überlebte ihren Freund drei Jahre. Sie ſtarb am 11. Auguſt 1624 im Alter von achtund⸗ vierzig Jahren im Rufe der Heiligkeit. Ihr ganzes mütterliches Vermögen hatte ſie dem Magdalenen⸗ Stifte in Raudnic und andern Wohlthätigkeits⸗ Anſtalten ihrer Vaterſtadt Prag vermacht. Ihr gan⸗ zes Leben war eine ununterbrochene Kette unverdien⸗ ter Leiden und harter Prüfungen geweſen, die ſie mit der ganzen Duldung einer frommen Chriſtin ertrug. Ihr Gelübde hatte ſie nicht vergeſſen. Das Käſtchen nahm ſie mit in ihr Grab. Ihre irdiſche Hülle ſchläft in der Sanct Salva⸗ torskitche des Prager Clementinums. Sie ruhe ſanft! Dreiundzwanzigſtes Capitel. Die Statue des Jlionäus. Das, was nicht nur alle Perſonen unſeres ge⸗ ſchichtlichen Romanes, ſondern auch alle Nachfolger 279 Rudolphs bis auf Kaiſer Franz I. und Millionen ihrer Unterthanen überdauert hat, iſt das Kunſtwerk, welches vom Doetor Chriſtoph Guarinonius bei ſeiner Anweſenheit in Rom für die Kunſtkammer Kaiſer Rudolphs angekauft worden war. Im Mai des Jahres 1782 wurden die letzten Reſte dieſer Kunſtkammer geräumt und an die Meiſtbietenden verſteigert. Sie waren ſeit der letzten Belagerung Prags durch die Preußen /1757) in drei Kellergewölben der Burg aufeinander gehäuft und mit vieljährigem Staube bedeckt. Es lagen da bunt durcheinander poürte Steine, alte Waffen, ver⸗ roſtete Rüſtungen, bronzene Götzenbilder, Schnitzwerke aus Holz und Elfenbein, antike Urnen, alte, künſt⸗ liche Uhrwerke, ganze und zerbrychene Bildſäulen von Marmor und Alabaſter. Unter Letztern befand ſich die Statue des Niobiden Jlivnäus, der vor länger als hundertfünfzig Jahren der Gegenſtand der Be⸗ wunderung der Gräfin Maria Magdalena und aller Kunftfreunde geweſen war. Am 4. Mai 1782 wurden in aller Eile chriſt⸗ liche und jüdiſche Trödler herbeigerufen, um mit dem „Rumpelzenge“ aufzuräumen. Zu dieſem„Rumpelzeuge“ gehörte auch die 280 Bildſäule des Jlionäus, welchem Hände und Fůße abgeſchlagen waren. Niemand wollte irgend etwas darauf bieten. Endlich erſtand ein alter Trödler, Namens Ze⸗ bräk, im Volke unter dem Spitznamen„Laudon“ be⸗ kannt, weil er bei allen öffentlichen Verſteigerungen auf gut laudoniſch zuzuſchlagen pflegte, das un⸗ ſchätzbare Kunſtwerk um den fabelhaften Preis von 51 Kreuzern(wir wiederholen einundfünfzig Kreuzer). Bebräk verhandelte den verſtümmelten Mar⸗ morklotz um vier Gulden an den kleinſeitner Stein⸗ metzmeiſter Malinskh. Nach dem Tode deſſelben verkaufte Ma⸗ linsky's Witwe den prachtvollen Torſo an den be⸗ kannten Anatom und Augenarzt Profeſſor Barth in Wien, der durch einen prager Freund darauf auf⸗ merkſam gemacht worden war. Von Barths Beſitze ging er in andere Hände über. Endlich erſtand König Ludwig von Baiern um eine ziemlich bedeutende Summe dieſen Torſo, der ſeitdem einer der erſten Schätze und eine der ſchön⸗ ſten Zierden der neuen Glyptothek zu München iſt. Dieſer„Marmorklotz' wird noch Manchen über⸗ leben. Ende des vierten und letzten Bandes. ſſſſſ ſſſn 12 13 14 15 16 7 8 9 10 11