Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur„ von Ednard Oktmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und ceſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hintertegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für Wchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: z Monat 1 F f 1 W W 2 V. 5. Auswärtige Aponnemten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Mai 1596 bis zum 1. Mai 1600— eine Kluft von vier Jahren. Während dieſer Zeit hatte ſich auf dem Hrad⸗ ſchine, in der Dreiſtadt Prag und im Böhmerlande Manches zugetragen, was wir füglich überſpringen dürfen, weil es weit mehr dem Gebiete der allgemeinen Geſchichte als der Domäne unſeres Romanes an⸗ gehört. Deſſenungeachtet ſoll Alles, was mit Letzterem auch nur einigermaßen im Zuſammenhange ſteht, frei⸗ lich nur flüchtig, aber wenigſtens in chronologiſcher Reihenfolge angedeutet werden. Der Krieg mit den Türken war während dieſer vier Jahre mit abwechſelndem Glücke fortgeführt worden und bald zu Gunſten des Halbmondes, bald zu Gunſten des kaiſerlichen Doppeladlers ausgefallen. Der eigentliche Führer desſelben war nicht Rudolph, ſondern deſſen Bruder Erzherzog Matthias, mit welchem der Kaiſer in beſtändigem Hader lag, weil er ſchon da⸗ mals die keineswegs ungegründete Ueberzeugung gewon⸗ nen hatte, daß ſein ehrgeiziger Bruder ſich ſeit Jahren mit dem Plane trage, ihn vom Throne zu ſtoßen und ſich ſelbſt zu deſſen Nachfolger zu machen. Schon aus dieſem Grunde hatte Rudolph, da ſowohl er, wie Matthias kinberlos war, den heimli⸗ chen Entſchluß gefaßt, die Thronfolge in Böhmen mit Uebergehung ſeiner drei Brüder(die beiden An⸗ dern waren bereits geſtorben) auf den Herzog Ferdi⸗ nand von Steiermark, der zu Grätz reſidirte, zu über⸗ tragen; erſtens, weil dieſer ein beſſerer Katholik als Matthias und zweitens, weil Matthias— was Ru⸗ dolph ſich nicht nehmen ließ— der gefährlichſte Rival ſeines kaiſerlichen Bruders war. Der Krieg gegen die Türken hatte während der erſten acht Jahre den Böhmen ſo viele Menſchenopfer und ſo vieles Geld gekoſtet, daß der friedliebende Kaiſer Rudolph ſchon mehr als einmal entſchloſſen 7 geweſen war, mit dem übermüthigen Feinde ſelbſt einen unvortheilhaften Frieden abzuſchließen, wenn ihn die Kriegsluſt und der Ehrgeiz ſeines Bruders Matthias nicht daran gehindert hätte. Vielleicht liebte er ihn ſchon darum nicht. Während dieſer Zeit hatte ſich zum Schrecken Böhmens auch die Weiſſagung des Doctors Johann Jeſſenius erfüllt. Im Herbſte des Jahres 1599 war die Gottesgeißel des Türkenkrieges, die Peſt, in Prag mit ſolcher Heftigkeit und Wuth aufgetreten, daß trotz aller Bemühungen des Doctors, der das ge⸗ heimnißvolle Weſen dieſer Seuche in Ungarn ſtudirt hatte, und trotz aller Anſtrengungen der andern Aerzte Hdie Menſchen gleich den Fliegen hinſtarben“ Kaiſer Rudolph, von ewiger Todesfurcht gequält, hatte ſich, um dieſer Geißel aus dem Wege zu ge⸗ hen, am 14. September mit ſeinem engeren Hof⸗ ſtaate nach Pilſen geflüchtet und ſich daſelbſt über neun Monate aufgehalten. Unter Jenen, die ihm gefolgt waren, befanden ſich Gräfin Maria Magdalena, ſeine zwei Leibärzte Chriſtoforo Guarinoni, der unterdeſſen von Rom zu⸗ rückgekehrt war, und Anſelm de Boodt, der Hofma⸗ ler Johann von Aachen, der Hofcapellmeiſter Filippo de Monte, der Hoſpoet und Luſtigmacher Mardo⸗ chäus de Delle, dem das Schickſal unterdeſſen ſeine junge Frau geraubt— Lubmila war im erſten Wochen⸗ bette geſtorben— und endlich der ewige Frierer Martin Rutzke. Unter den Opfern, welche die Peſt hinwegge⸗ rafft und deren Verluſt ganz Prag und ganz Böh⸗ men tief betrauerte, gehörte auch Daniel Adam von Weleſtawina, der Sohn des Prager Müllers Stephan Adam, der ſich zu einem der erſten Philologen und Geſchichtsſchreiber der ſlawiſchen Nation emporgear⸗ beitet. Nachdem er ſieben Jahre lang eine Zierde der Prager Univerſität geweſen war, hatte er den Beſchluß gefaßt, den Junggeſellen an den Nagel zu hängen und ſich in den Stand der Ehe zu begeben. Da aber kraft der Geſetze, welche Kaiſer Carl IV. als Stifter dieſer hohen Schule vorgeſchrieben, kei⸗ ner der Profeſſoren ſich verheirathen durfte, ſo war dem Gelehrten kein anderer Ausweg geblieben, als jener: ſein Lehramt niederzulegen. Nachdem er ſich (am 27. December 1576) mit Jungfrau Anna, der erſtgebornen Tochter des berühmten Buchdruckers und Rathes in der Altſtadt Prag, Georg Melantrich von Aventin, vermählt hatte, war er wegen ſeiner Verdienſte um die Geſchichte ſeines Vaterlandes vom Kaiſer Rudolph in den Adelſtand erhoben und ihm 9 das Prädikat von dem bei Prag gelegenen Dorfe Weleſlawina(dem Geburtsorte ſeines Vaters) beige⸗ legt worden. Nach dem im Jahre 1580 erfolgten Tode ſeines Schwiegervaters hatte er deſſen Buch⸗ druckerei übernommen und nach und nach ſo viele prachtvolle Werke zu Tage gefördert, daß er ſeit je⸗ ner Zeit in und außerhalb Böhmen unter dem Bei⸗ namen Architypographus“ berühmt geworden war. Sein hiſtoriſcher Kalender(in böhmiſcher Sprache), die Ueberſetzung des großen, prachtvoll ausgeſtatte⸗ ten Kräuterbuches des Pietro Andrea Matthioli, ſein böhmiſch⸗lateiniſch⸗griechiſch⸗deutſches Wörterbuch, ſeine Politia historickäe ſind Beſitztitel ſeines Ruhmes, den ihm Niemand ſtreitig machen wird. Dieſer große Böhme war am 18. October 1599 in einem Alter von 53 Jahren geſtorben, und ſein Tod hatte ſo große, allgemeine Trauer erregt, daß fünfunddreißig ſeiner gelehrten Zeitgenoſſen zuſammengetreten wa⸗ ren, ſeinen Tod durch Klagelieder zu feiern*). *) Georg Carolides von Carlsberg ließ die ganze Samm⸗ lung dieſer lateiniſchen Elegien u. d. T. Lugubria in obitum D. Adam a Weleslawina, civis patritii et archity- pographi Pragensis(Prag. 1599. 4.) erſcheinen. Wenige Tage nach der Beerdigung dieſes ge⸗ feierten Gelehrten war Eva von Lobkowie auf drin⸗ gendes Anrathen ihres Arztes Jeſſenius nach Raud⸗ nitz, dem Reſidenzſchloſſe eines ihrer Anverwandten, des Oberſtkanzlers Adalbert Zdenko von Lobkowic, abgereiſt. Trotz aller Anſtrengungen ihrer Freunde und Beſchützer war es ihr bis dahin nicht gelungen, irgend etwas Näheres über den Aufenthaltsort ihres noch immer gefangenen, noch immer nicht verhörten Vaters in Erfahrung zu bringen. Selbſt der Einfluß der Grä⸗ fin Maria Magdalena hatte es nicht vermocht, den Schleier dieſes undurchdringlichen Geheimniſſes zu lüften. Der Kaiſer war ſo grauſam geweſen, ihr, die Alles über ihn vermochte, rund heraus zu erklä⸗ ren, daß er dieß in Folge eines Gelübdes, das er gethan, ſelbſt ihr nicht anvertrauen dürfe. Eva war kaum drei Wochen in Raudnitz, als ſich in Prag die unheimliche Kunde verbreitete, der ehemalige Oberſthofmeiſter Georg Popel von Lobko⸗ wie, der vor wenigen Monaten erſt von Podtbrad nach dem ſchwarzen Thurme auf dem Hradſchin ab⸗ geführt worden, ſei im Gefängniſſe als neues Opfer der Seuche anheimgefallen. Dieß Gerücht hatte ſich mit der Blitzesſchnelle, 1¹ die jeder Hiobspoſt ſolcher Art mächtige Flügel leiht, von Straße zu Straße, von Dorf zu Dorf bis nach Raudnitz fortgepflanzt und überall herzinnige Theil⸗ nahme erregt und aufrichtige Trauer verbreitet; denn der Name deſſen, welchen die Geißel dahin gerafft haben ſollte, hatte in ganz Böhmen einen ſo guten Klang, daß es nicht Einen gab, der die unglückliche, ſchwer geprüfte Tochter dieſes Todten nicht aus voller Seele, aus ganzem Herzen bedauert hätte. Die Schreckenskunde war ihr nicht lange ver⸗ ſchwiegen geblieben. Aus der Kirche heimkehrend, ſah ſie ein altes Weib, dem ſie wie jedem Armen, der ihr unterweges begegnet war, ein Almoſen gereicht; denn mit tauſend Freuden theilte Eva ihre kleine Habe mit der Noth ihrer Nebenmenſchen. — Gott vergelt's Euch und Eurem Vater im Himmel! hatte die Bettlerin geſagt. — Warum ſagt Ihr im Himmel? Mein herz⸗ geliebter Vater lebt ja noch! — So iſt's alſo nicht wahr, was die böſen Menſchen ſich unten in der Schenke erzählen? — Sprecht, was habt Ihr dort gehört? — Euer Vater, ſagten ſie, iſt an der Peſt ge⸗ ſtorben! — Heilige Mutter Gottes! ſchrie Eva und ſank, wie vom Blitze gerührt, nicht fern vom Schloſſe ihres Verwandten nieder. — Hilfe! Hilfe! ſchrie das alte Weib. Und aus allen Häuſern des Dorfes ſtürzten Leute herbei, die ſich dieſes Schutzengels der Armen hilfreich annahmen und ihn ohnmächtig in's Schloß trugen. Dort war Eva wieder zum Bewußtſein gelangt. — Hab' ich gewacht oder nur geträumt? fragte ſie eine ihrer Dienerinnen, die damit beſchäftigt war, ſie zu Bett zu bringen. Lebt mein armer, unglücklicher Vater, oder hat Gott der Gerechte ſeinem großen, unverdienten Leide ein Ende gemacht und ihn als Cherub an den Himmelsthron gerufen? — Die alte Frau, die Euch dieß erzählt hat, war betrunken, tröſtete die treue Dienerin. — Nein, nein. Sie war ſo nüchtern als ich ſelbſt. Die alte Frau hat nicht gelogen. Mein ar⸗ mer Vater hat ausgelitten, ausgerungen, ſagte Eva und löſte ſich in Thränen auf. Seuche, warum ver⸗ ſchonſt du ſein Kind, ſein einziges Kind? O raffe auch mich hinweg, aber bald, recht bald; denn das Maaß meiner Leiden iſt voll und das Leben hat, wenn Er todt iſt, keinen Reiz mehr für mich! Aber ſchon nach wenigen Tagen kam ein — 13 reitender Bote an, der ihr einen Brief überbrachte. Sie erbrach das Schreiben und las: Ich beeile mich, Euch zu melden, daß das Ge⸗ rücht vom Tode Eures Vaters— Dank dem Ge⸗ rechten— ſich nicht beſtätigt hat. Gleich nach Em⸗ pfang jener Schreckenskunde beſchwor ich kniefällig den Kaiſer, darüber genaue Erkundigung einziehen zu laſſen. Er erſchrack und verſprach es mir. So eben langt aus dem Gefängniſſe die officielle Nachricht ein, daß Euer Vater— Gottlob!— lebt und, wenn auch nicht frei, doch wenigſtens wohl iſt. Es grüßt Euch von ganzem Herzen Pilſen am 4. December 1599. Maria Magdalena. Und an dem Tage, an welchem Eva dieſe frohe Zeitung erhalten, hatte ſie das fromme Gelübde ge⸗ han, für die Kirche zu Raudnitz eine koſtbare Altar⸗ decke mit dem Wappen der Gräfin zu ſticken und für die armen Mädchen des Orts ein Magdalenen⸗ ſtift in's Leben zu rufen. Der Kaiſer befand ſich noch in Pilſen, als ſich im April des Jahres 1600 die Kunde verbreitete, daß der frühere Gouverneur des Kaiſers und dama⸗ lige Oberſtkämmerer Wolf Freiherr von Rumpf bei Hofe in Ungnade gefallen und Carl von Liechtenſtein zu deſſen Nachfolger ernannt worden ſei. Der Sturz des Oberſtkämmerers hatte gleich⸗ zeitig auch jenen des Oberhofmarſchalls Paul Sirt Grafen von Trautſon herbeigeführt. An die Stelle des Letztern trat Leonhard, Freiherr von Harrach, Ritter des goldenen Vließes. Um dieſelbe Zeit ward Heinrich von Pisnic zum Vice⸗Kanzler und Adam von Sternberg zum Oberſt⸗ landrichter ernannt. Ganz Prag und halb Böhmen bezeichneten die Gräfin Maria Magdalena, deren Macht und Ein⸗ fluß von Tag zu Tag ſtieg, als Urheberin des Stur⸗ zes der Einen wie der Erhebung der Andern. Sie ſelber aber betheuerte das Gegentheil. Sie ſchrieb an ihren Gewiſſensrath, Barthold Pontanus von Breitenberg, Domherrn zu Prag: „——— Wenn Euch Jemand ſagt, daß ich mich in die Angelegenheiten des Staates miſche, ſo bitte ich Euch, dieſem albernen Märchen keinen Glau⸗ ben zu ſchenken. Ich kann Euch verſichern, daß meine Wenigkeit an der Ungnade Rumpfs und Trautſons wie an der Erhebung Liechtenſteins und Harrachs eben ſo unſchuldig als Niecolaus Majus, Appella⸗ 15 tionsrath und Vorſteher der Bergwerke zu Joachims⸗ thal, an der Erfindung des Schießpulvers iſt.“ Ende Juni's 1600 kehrte der Hof von Pilſen zurück. Die böſe Seuche hatte endlich ausgetobt. Und Prag begann von Neuem aufzuleben. Zweites Capitel. Der Mann mit der ſilbernen Naſe. Am Himmel des Rudolphiniſchen Hofes waren unterdeſſen drei neue Sterne aufgegangen. Tocho de Brahe, deſſen Landsmann Chriſtian Longomontanus und der Würtemberger Johannes Kepler, drei Sterne, deren Glanz nach und nach den aller andern Günſt⸗ linge des Kaiſers weit überſtrahlte und mehr und mehr in den Schatten drängte. Unſer Roman hat— vorläufig— nur mit dem Erſten dieſes aſtronomiſchen Triumvirats zu thun. Das Leben dieſes Mannes iſt in vielfacher Beziehung ſo anziehend, daß wir uns eine ausführliche Schil⸗ derung desſelben bis zu ſeiner Ankunft in Prag nicht verſagen können. Tyge oder Tycho de Brahe, der Sohn des 16 wohlgebornen und geſtrengen. Ritters Otto de Brahe, Herrn zu Knudſtrop, und deſſen tugendſamer Ehehälfte, Beata Bille, hatte am 13. December 1546 auf dem Gute ſeines Vaters Knudſtrop in Scho⸗ nen(unfern von Helfingborg) das Licht der Welt erblickt. Aus der Ehe ſeiner Eltern waren nach und nach zehn Kinder hervorgegangen: fünf Söhne, unter welchen unſer Tycho der Aelteſte, und fünf Töchter, unter denen Sophia das jüngſte Kind der väterlichen Laune war. Sie hießen nach der Reihen⸗ folge ihrer Geburt: Eliſabeth, Tycho, Steen, Ma⸗ ria, Arel, Margarethe, Chriſtine, Jürgen, Canut und Sophie. Der junge Tycho wird von ſeinem reichen Onkel Georg de Brahe, deſſen Ehe mit Inger Ore, einer Schweſter des in Dänemarks Geſchichte be⸗ rühmt gewordenen Reichshofmeiſters Peder Ore, kinderlos geblieben war, als Sohn angenommen und auf Koſten ſeines Oheims erzogen. Tycho's geſtrenger Herr Papa will aus dem aufgeweckten Burſchen einen Kriegshelden, der weit ſanftere Onkel aber um jeden Preis einen Rechts⸗ gelehrten aus ihm machen. Vater Otto muß endlich nachgeben und Tycho, um ja nichts zu verſäumen, 17 ſchon vom ſiebenten Jahre angefangen, Latein, La⸗ tein und vorzugsweiſe nichts Anderes als Latein treiben. Der junge Lateiner macht darin ſo reißende Fortſchritte, daß er ein Jahr ſpäter ſchon den halben Cornelius Nepos und ein Viertel der Catiliniſchen Verſchwörung von Salluſt in ſeinem Kopfe hat. Onkel und Tante ſind entzückt darüber. Der Vater aber ſcheint zu grollen. — Mit all' dieſem Latein, ſagt er zu ſeiner Frau Beata, wird unſer erſtgeborner Bengel ſchwer⸗ lich einen Hund vom Ofen weglocken, es müßte denn ſein, daß der junge Profeſſor dieſem Hunde neben ſeinem Latein auch einen elaſſiſchen Schinken hinhält. — Für Tyge, ſagte die zärtliche Mutter, iſt mir nicht bange. Der wird ein großer, unſterblicher Mann! — Gratulire! entgegnet der Vater, und er⸗ laubte ſich an der Erfüllung jener Weiſſagung ſeiner Frau ſehr ſtark zu zweifeln. Im April des Jahres 1559 wird unſer kaum dreizehnjähriger Cicero auf die hohe Schule nach Kopenhagen geſchickt. Dort treibt er Rhetorik und Philoſophie. 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 2 18 Papa hält ſeinen Sohn für einen Eſel, wäh⸗ rend der Onkel in ſeinem jungen Neffen ein früh⸗ zeitig entwickeltes Genie erblickt. Letzterer Anſicht iſt auch die Mutter, denn welche Mutter hält nicht jeden ihrer Söhne für einen großen Geiſt, ſelbſt dann, wenn ſie auch alle zuſammen ſcharf ausge⸗ prägte Einfaltspinſel ſind2 Bei Tycho iſt dieß nicht der Fall! Am 21. Auguſt des folgenden Jahres tritt eine längſt oorausberechnete und vorherverkündete Sonnenfinſterniß ein. Dieſe Finſterniß verſchafft ihm Klarheit über ſeinen Beruf und entſcheidet über ſeine Zukunft. Er beſchließt, Aſtronom zu werden. Kaum ſechszehn Jahre alt, wird er von ſeinem Oheim in Begleitung eines über alle Begriffe ein⸗ ſeitigen und pedantiſchen Hofmeiſters im Februar des Jahres 1562 nach Leipzigs Univerſität geſchickt. Hier bleibt er drei volle Jahre. Hier ſetzt er dem Scheine nach die juridiſchen, aber deſto eifriger im Geheimen ſeine mathematiſch⸗aſtronomiſchen Stu⸗ dien fort. Weil der Onkel und— heimlich auch Mutter und Tante— dem Bruder Studio fleißig Geld ſchicken, ſo fehlt es ihm an nichts. Er führt ein luſtig⸗flottes Leben, tnüpft Freundſchaft mit dem 19 jungen Bartholomäus Seultetus aus Görlitz, der mit ihm gleichzeitig ſtudiert, und— verliebt ſich ne⸗ benbei in die ziemlich hübſche Tochter ſeines Pro⸗ feſſors des berühmten Mathematikers Johann Homelius aus Memmingen in Schwaben, ſtellt höchſt gewagte Glei⸗ chungen an, zieht Quadratwurzeln aus, macht lateiniſche Gedichte auf ſie, ſchaut Nachts in die Sterne und Tags in ihre Augen, vergleicht ſie mit allen Göttin⸗ nen des Olymps und verſpricht ihr in einer ſchwachen Stunde, ſie, ſobald er ausſtudiert und ſeinen reichen Onkel beerbt haben wird, ohne Weiteres zu hei⸗ rathen.— Ouod non! ſagt aber der Herr Profeſſor, der einen ſolidern Gatten, als den däniſchen Windbeutel fur ſie in petto hat, und dem Bruder Sauſewind, deſſen Beſuche ſich allzuhäufig wiederholen, zuletzt die Thüre weiſt.*) — Gut, ſagt Tyge und— tröſtet ſich. Am 17. Mai des Jahres 1565 ruft ihn die Erkrankung ſeines Onkels von Leipzig, wo er wie jeder flotte Student einen Wald voll kleiner Bären und ein ganzes Alphabet rothgeweinter Mädchen⸗ augen zurückläßt, nach Dänemark. *) Homelius ſtarb bald darauf, am 4. Juli 1562. 2 20 Er geht über Wittenberg nach Roſtock und von dort zu Schiffe nach Kopenhagen. Der Onkel hatte unterdeſſen ſeinen Neffen zum Erben eingeſetzt, und ſtirbt am 21. Juni deſſelben Jahres. Aus Dankbarkeit dichtet Freund Tycho, der ſein Latein nicht vergeſſen hat, auf Onkel Jürgen eine ziemlich lange Grabſchtift in fünf⸗ und ſechsfüßigen Verſen“) und tritt gerührten Herzens die erſte Hälfte einer ziemlich fetten Erbſchaft an. Der heiße Wunſch, die Welt zu ſehen, treibt ihn ſchon nach einem Jahre wieder in die Fremde zurück. Dießmal unterſtützt ihn, weil er, noch unmün⸗ dig, die Erbſchaft nicht erheben kann, ſein Onkel mütterlicher Seits, Steen Bille. Tycho de Brahe geht nach Wittenberg. Er langt dort am 13. April 1566 an, verliebt ſich ſchon am andern Morgen in eine kleine dralle Bäckers⸗ tochter, die nicht minder friſch als die Waare ihres Vaters iſt, improviſirt auch auf ſie lateiniſche Ge⸗ dichte, welche ſie nicht verſteht, verſpricht endlich *) Sie iſt noch heutigen Tages in der Frauenkirche zu Kopenhagen, wo ſein Oheim begraben liegt, zu ſehen⸗ 21 auch ihr die Ehe, macht ſich aber— weil eben zu rechter Zeit die Peſt dort graſſirt— ſchnell wieder aus dem Staube und begiebt ſich nach Roſtock. Hier bekommt er einen kleinen Dentzettel. Am 10. December 1566 wird nämlich im Hauſe des hochwürdigen Paſtoris primarit und hoch⸗ gelahrten Profeſſoris Theologiae, Doctoris Lucä Baemeiſterii, die Verlobung ſeiner jüngſten Tochter gefeiert, welche Emerentia oder Sophonisbe heißt und einen jungen ſchieläugigen, aber reichen Seifen⸗ oder Leimſieder heirathet, der auf den Namen Hec⸗ tor oder Nicodemus hört. Unter den Eingeladenen befindet ſich auch Tyge und einer ſeiner Landsleute, der junge, aufgeblaſene, raufſüchtige Edelmann Man⸗ derup Parsberg. Tycho, der für Frauenreize ein höchſt empfäng⸗ liches Herz beſitzt, ſieht die junge Braut zum erſten Male, verliebt ſich ſofort auch in ſie und fordert ſie— gleichzeitig mit Parsberg— zum erſten Tanze auf! Brahe aber erhält einen Korb und iſt wüthend, daß Mandernp, der ihm Sophonisben oder Emeren⸗ tiam ſo mir nichts Dir nichts vor der Naſe wegfiſcht, ihm vorgezogen wird. Beide gerathen in Wortwechſel und trennen —.————————— 22 ſich als Feinde, die ſich ſeitdem gegenſeitig haſſen und gleich gründlich verachten. Siebenzehn Tage ſpäter gerathen ſie in einen neuen, noch viel heftigern Streit, der mit einer Her⸗ ausforderung endet! Am 29. December kommt's zum Duell. Parsberg ſchlägt ihm die Naſenſpitze ab. Das, was in Folge jenes Malheurs geſchehen iſt, ſoll uns einer der vielen Beſchreiber ſeines Le⸗ bens, Philander von der Weiſtritz, Wort für Wort in ſeiner patriarchaliſch⸗naiven Stylweiſe berichten: In dieſer Attaque(ſchreibt jener gute Phi⸗ lander Seite 39) verlor Tycho von Brahe ſeine Naſe.——— Indeſſen mußte Tycho von Brahe, da er nicht gewohnt war, ohne Naſe zu ſein, ſich wegen einer neuen Naſe Unkoſten machen. Er war nicht vergnüget, ſich eine wächſerne Naſe anſetzen zu laſſen, wie Andere thun, ſondern er ließ ſich eine von Silber und Gold zuſammengeſchmelzete Naſe verfer⸗ tigen. Dieſelbige war ſo ſauber gemacht und ver⸗ kleiſtert, daß ſie das Anſehen einer natürlichen Naſe hatte.— Wilhelm Janſonius, der mit Tycho von Brahe zwei Jahre umgieng, hat erzählet, daß Tycho von Brahe allezeit eine kleine Schachtel voll mit Leim und Salbe bei ſich trug, welche er allezeit brauchte, auf die Naſe zu ſalben.“ 23 Parsberg aber iſt dreiſt genug, ſich zu brüſten, er habe abſichtlich ſeinem Gegner die Naſenkuppe weggehauen, weil er ſo ungebührlich eitel auf ſie und ſeinen langen Schnurbart geweſen ſei. Der Mann mit der ſilbernen Naſe folgt, nach⸗ dem er ſich zwei Jahre in Roſtock aufgehalten hat und— wie die böſe Welt behaupten will— der jungen Seifenſiedersfrau nicht ohne Erfolg den Hof gemacht haben ſoll, einer Einladung nach Lauingen, macht hier die Bekanntſchaft des böhmiſchen Aſtro⸗ nomen Cyprian Lwowsky, lateiniſch Leovitius ge⸗ nannt*), hört deſſen Vorleſungen und legt hier den erſten Grundſtein zum Tempel ſeines ſpätern Ruhmes. 1571 ſtirbt Tycho's Vater, der ehrliche und wohl⸗ geborene Ritter Otto de Brahe, als Reichsrath und Befehlshaber auf dem ſchooniſchen Schloſſe Helſingborg und erlebt alſo nicht die Erfüllung der mütterlichen Prophezeihung. Erſt gegen Ende des Jahres 1572 kehrt Brahe nach ſeiner Heimath zurück und wirft ſich dort mit aller Thätigkeit ſeines Geiſtes und ſeiner *) Lwowskh ſtarb, nachdem er aus den Geſtirnen den Untergang der Welt, die zufällig noch heute ſteht, auf das Jahr 1584 feſtgeſetzt hatte, zehn Jahre zuvor am 25 Mai 1574 zu Lauingen. verſtümmelten Naſe, die ſeine Eitelkeit nie verſchmerzt, auf ſeine Lieblingswiſſenſchaften: Mathematik, Aſtro⸗ nomie und Aſtrologie. Erſt ſechsundzwanzig Jahre alt genießt der alte Schwede oder, richtiger geſagt, der junge Däne ſchon eines ſo großen Gelehrtenrufes, daß es in ſeiner Hei⸗ math Sprichwort wird zu ſagen: Der oder Jener iſt ſo klug, wie Tycho de Brahe. Aber ſchon ein Jahr darauf macht dieſer kluge Mann den erſten dummen Streich, indem er eine junge Bäuerin, in die er ſich auf dem Gute ſeines Vaters verliebt und mit der er ein Töchterlein erzeugt hat, das wie die Mutter Chriſtine heißt, nachträglich zu heirathen beſchließt. Wir wiederholen heirathen, weil Mancher und Manche(darunter auch Eliſabeth Bryske in ihrem adeligen Geſchlechtsregiſter) dieß durchaus beſtreiten und behaupten wollen, Chriſtina ſei nie ſeine rechtmäßig angetraute Frau, ſondern immer nur ſeine Coneubine, däniſch Frillekone genannt, ge⸗ weſen. Wir laſſen es hingeſtellt, ovb dieß Wahrheit oder Verläumdung ſei. Wir unſererſeits glauben das Letztere. Zwei Jahre nach ſeiner Verheirathung— Chri⸗ ſtine hat ihm unterdeſſen ein zweites Töchterchen, Margarethe oder Magdalene, geſchenkt— läßt er 25 Weib und Kind zu Hauſe und geht zu ſeiner Erho⸗ lung abermals auf Reiſen; zuerſt nach Caſſel an den Hof des Landgrafen Wilhelm, der gleichfalls Sternſe⸗ her iſt und ſeinen berühmten Gaſt mit großer Feier⸗ lichkeit empfängt; von Caſſel nach Frankfurt, von Frankfurt nach der Schweiz und Italien, geht von Venedig nach Mailand, von Mailand nach der Schweiz zurück, von Baſel nach Augsburg und von Augsburg nach Regensburg, um hier am 1. November 1575 der prachtvollen Krönung Rudolphs zum römiſch⸗ deutſchen König beizuwohnen. Hier macht er die Bekanntſchaft des Monarchen, der ihn zur Tafel zieht und wegen ſeiner Kenntniſſe liebgewinnt. Hier iſt's, wo Tycho ihm das Horo⸗ ſtop ſtellt und den Rath ertheilt, ſich niemals zu verheirathen, weil er im Buche der Sterne geleſen, daß Rudolph an ſeinen Söhnen keine Freude erle⸗ ben, ja, daß Einer darunter ſogar nach deſſen Leben trachten und er ſelbſt(der Vater) ſich wie ſein er⸗ lauchter Oheim Philipp Il. von Spanien gezwungen ſehen würde, den ungerathenen Sohn, der ihm gro⸗ ßen Kummer bereitet, gewaltſam aus der Welt ſchaffen zu laſſen. (Alſo ſchon damals hatte Rudolph aus Furcht, einen Don Carlos zu erzengen, den Beſchluß gefaßt, 26 ledig zu bleiben und nur einmal hatte ſein Vorſatz geſchwankt, damals, als ihm von vielen Seiten her, und zuletzt durch Girolamo Scottv, die Hand der Prin⸗ eeſſin von Toskana, Maria von Medieis, angetragen war. Iſabella Clara Eugenie, die Tochter Philipps II., die ihm urſprünglich zur Frau beſtimmt geweſen, vermählte ſich 1598 mit Rudolphs viertem Bruder Albrecht, Statthalter der Niederlande, und Maria von Medi⸗ cis am 4. December 1600 mit Heinrich IV., der ſich von ſeiner erſten Frau geſchieden hatte.) Von Regensburg kehrt der überall gefeierte Tycho de Brahe, deſſen Ruf unterweges lawinenartig angewachſen iſt, nach Kopenhagen zurück, wird auf Empfehlung des Landgrafen Wilhelm von Heſſen⸗ Caſſel dem Könige Friedrich II. vorgeſtellt, der ihn ſo liebgewinnt, daß er ihm die Inſel Huen und ein Jahrgehalt von drei tauſend Reichsthalern ſchenkt und ihm auf jener Inſel ein prachtvolles Luſtſchloß mit Sternwarte, chemiſchem Laboratorium und einer Buchdruckerei erbaut, welches von ſeinem Eigenthü⸗ mer„Uranienburg“ oder„Sternſtadt' getauft witd. Hier ſchlägt Tycho ſeine Reſidenz auf: „Mein Schloß(ſchreibt er 1581 einem Freunde im Auslande) liegt am Oereſund, zwiſchen Seeland und Schvonen. Die Inſel Huen, die der König 27 mir und meinen Nachkommen geſchenkt, iſt von einem lachenden Kranze vier Schooniſcher und zwei See⸗ ländiſcher Städte eingefaßt. Drei Meilen ſüdweſtlich von Huen liegt Kopenhagen; zwei Meilen nördlich und nordöſtlich Helſingver(wo Prinz Hamlet be⸗ graben liegen ſoll), mit dem prachtvollen Schloſſe Cronenborg in Seeland und Helſingborg in Schov⸗ nen; eine Meile öſtlich liegt Landserona, vier Mei⸗ len ſüdöſtlich erhebt ſich Lund und fünf Meilen ſüdlich Malmö, berühmt durch den hier 1524 ab⸗ geſchloſſenen Frieden zwiſchen Chriſtian II. von Dä⸗ nemark und dem Reichsverweſer Suante Sture von Schweden.— Meine Inſel hat 8160 Schritt oder zwei Meilen im Umkreiſe, beſteht aus zweiunddrei⸗ ßig Bauerhöfen und bildet ein eigenes Kirchſpiel, das unter meiner Gerichtsbarkeit ſteht. Hier bin ich unumſchränkter König. Vor Jahrtauſenden ward dieſes fruchtbare Ei⸗ land, der Sage nach, von dem nordiſchen Recken Huenulla und deſſen Nachkommen Haagen und Gru⸗ nild bewohnt. An den vier Enden der Inſel hatten ſie vier feſte Schlöſſer erbaut, deren Grundmauern noch jetzt zu ſehen ſind. Das erſte dieſer Schlöſſer hieß Norborg, das andere Süderborg, das dritte gegen Weſten, Karchecida und das vierte gegen 28 Oſten Hammer. Alle dieſe Schlöſſer wurden erſt 1288 vom König Erich von Norwegen zur Zeit des Dänenkönigs Erich Meeved zerſtört. Der Grundſtein zu meiner Urianburg oder Sternſtadt ward am 8. Auguſt 1576 durch den Geſandten König Heinrichs III. von Frankreich, den gelehrten Charles Danze, gelegt. Der Bau des ganzen Schloſſes, der vier volle Jahre gewährt, hat außer dem, was die Huld meines Fürſten dazu bei⸗ geſtenert, über zwei Tonnen Goldes aus meiner eigenen Taſche gekoſtet. Das in Form eines vierſtrahligen Sternes erbaute Schloß, 60 Fuß lang und 60 Fuß breit, hat vier Rundtheile und auf jeden derſelben ſteht eine der vier Jahreszeiten in Form einer allegoriſchen Statue. Ju der Mitte des Schloſſes erhebt ſich ein 75 Fuß hoher Thurm, auf deſſen Kuppel ein vergoldeter Pegaſus auf den Hinterfüßen ſteht und deſſen gleich⸗ falls vergoldete Flügel gleichzeitig Wetterfahnen ſind. Im ſüdlichen Flügel meines Schloſſes liegt mein großer achtfenſteriger Studirſaal, in welchem meine Bibliothek und der ganze reiche Apparat der von mir ſelbſt oder unter meiner Aufſicht angefer⸗ tigten mathematiſchen und aſtronomiſchen Inſtru⸗ mente aufgeſtellt iſt. An den Wänden prangen 29 Hipparchos, Ptolomäus, Albatege, Nicolaus Coperni⸗ cus, mein Freund und Gönner: der Landgraf Wilhelm von Heſſen⸗Caſſel, und mein Lieblingsdichter: der ſchottiſche Barde Georg Buchanan in prachtvoll ein⸗ gerahmten Bildniſſen. Letzteres iſt ein Geſchenk des engliſchen Geſandten Petrus Junius. Sowohl im ſüdlichen als im nördlichen Flügel erheben ſich je zwei Sternwarten, von denen die eine höher liegt und größer als die andere iſt. Im nördlichen Flü⸗ gel befindet ſich außerdem ein achteckiger Saal, im ſüdlichen das chemiſche Laboratorium. Unter der Kuppel des großen Mittelthurms iſt das große Uhrwerk mit der darüber hangenden Glocke angebracht. Unter dieſer Uhr liegt ein achteckiger Saal mit freier Ausſicht nach allen Seiten hin, von außen mit einer Gallerie umgeben, die ſich um das ganze Dach des Schloſſes zieht und von dort dem erſtaunten Auge einen koſtbaren Rundblick auf die ganze Umgegend und eine Fernſicht auf das majeſtätiſch dahinrauſchende Meer gewährt.“ Friedrich I. fährt unterdeſſen fort, ihn mit Gnadenbezeugungen zu überhäufen. Außer der jähr⸗ lichen Einnahme von zwei tauſend Reichsthalern, die ihm aus dem Oereſund'ſchen Zolle zufließt, er⸗ hält er Nordſfiörd in Norwegen zu Lehn und nach dem 1579 erfolgten Tode Hendrik Holcks das Ca⸗ nonikat der Dreikönigscapelle in der Domkirche zu Roeskilde, eine Präbende, die ihm über tauſend Reichsthaler einträgt, wofür er die Verpflichtung übernimmt, die Begräbnißſtätte der Könige aus dem Stamme Oldenburg in gutem Stande zu erhalten, was Tycho in ſeiner gelehrten Zerſtreuung aber ganz und gar zu vergeſſen ſcheint, woher es kommt, daß die ſeiner Obhut anvertrauten Gräber mehr und mehr in Verfall gerathen. Im Jahre 1583, wo Chriſtina ihm den zwei⸗ ten Sohn, Jürgen, ſchenkt, verleiht ihm der König, um ſeines gelehrten Freundes häufige Ausflüge nach Kopenhagen zu erleichtern, mittelſt offenen Briefes vom 11. November ein neues Zeichen ſeiner Huld. Der Anfang dieſes an den Rentmeiſter Chriſtoph v. Walckendorf auf Glorup gerichteten Befehles lautet: Friedrich der Andere von Gottes Gnaden König zu Dänemark, Norwegen, der Wenden und Gothen u. ſ. w. Unſere beſondere Gunſt zuvor! Wiſſet, daß Wir dem Uns lieben Tycho de Brahe, Unſerm Manne und Diener, ein Schiff oder Lvotsmannsbvot, ſo am beſten bei Euch zu bekommen iſt, ſo groß als von 50 Laſten oder ohngefähr darüber zwiſchen 50 und 60, gnädigſt geſchenket und gegeben. Dahero iſt 31 Unſer gnädigſter Wille und Meinung, daß er ein dergleichen gutes, neues und nicht zu altes(Schiff) mit guter dazu gehörigen Geräthſchaft, eheſtens be⸗ kommen möge u. ſ. w. Geſchrieben auf Unſerm Hofe Haffreballe 14. Nov. 1583. Friedrich.“ Am 20. Juli des folgenden Jahres(1584) begleitet Tycho den Schooniſchen Adel nach Lund, um dort dem 4. April jenes Jahres zur Welt ge⸗ kommenen Thronfolger Prinzen Chriſtian zu huldigen. In demſelben Jahre erhält er den Beſuch des berühmten Franzoſen Jacques Bongars und im Sep⸗ tember den ſeines Freundes Fritz Lange, eines ge⸗ lehrten Edelmannes aus Jütland, der einen Dith⸗ marſiſchen Studenten, Nicolaus Raimarus Urſus, mitbringt, welchen Tycho in ſeiner Druckerei als Cor⸗ rector anſtellt, der ſeinem Herrn nach und nach all' ſeine aſtronvmiſchen Geheimniſſe ablauſcht und ſpäter deſſen Gegner wird. Die Mußeſtunden füllt unſer gelehrter Aſtronom mit ellenlangen lateiniſchen Gedichten aus, die er zum Neujahr zu Ehren des berühmten Kanzlers Niels Kaas und an Heinrich Rantzau, königlichen Statthalter der ſchleswig⸗holſtein'ſchen Fürſtenthümer macht. Er kennt den Einfluß dieſer Männer und weiß, daß ſie ihm zu nützen vermögen. 32 Am 5. Januar 1586 ſtirbt ſein mütterlicher Onkel, Steen Bille auf Vandaas, Lehensmann des Kloſters Zerisvad in Schvonen, im 59. Jahre ſeines Lebens. Er wird in der Helſingborger Kirche be⸗ graben, und auch ihm zu Ehren macht unſer Cicero eine lateiniſche Grabſchrift. Im Sommer desſelben Jahres erhält Tycho de Brahe den Beſuch ſeines königlichen Beſchützers und der Königin Sophia, welche großen Gefallen an che⸗ miſchen Uebungen fand, ein Beſuch, der des ſchlech⸗ ten Wetters wegen ſich bis zum dritten Tage aus⸗ dehnt. Zum Andenken an jenen Beſuch ſchneidet die Gemahlin des Königs am 28. Juni auf eine Fen⸗ ſterſcheibe Uranienburgs ihren frommen Sinnſpruch: „Gott verläßt die Seinen nicht' ein, und ihr Gemahl ſchenkt ihm im Augenblicke des rührenden Abſchiedes die goldene Kette mit dem Elephanten, die er bis dahin ſelbſt getragen hat. Und ſeit jenem Augenblicke betrachtet ſich der eitle Gelehrte als „Ritter des Elephantenordens“, eine Auszeichnung, die ihm viele ſeiner neiderfüllten Gegner gar zu gerne ſtreitig machen wollen. Drei Monate ſpäter wiederholt die Königin So⸗ phia ihren Beſuch auf der Inſel Huen in Begleitung ihrer Eltern, des Herzogs Ulrich und der Herzogin 33 Eliſabeth von Mecklenburg. Beide ſchreiben ſich in ſein Stammbuch. Am 12. September deſſelben Jahres bewilligt ihm der König anſtatt des Norwegiſchen Lehns, das auf einen Andern übertragen wird, eine jährliche Entſchädigung von vierhundert Reichsthalern aus dem Helſingoerer Zoll, was Tycho, der ein vortrefflicher Rechner iſt, Jenem vorzieht. Außer ſeinen Studien beſchäftigt er ſich mit Kalendermachen und ſchickt jährlich zwei ſeiner Alma⸗ nache an König und Königin, welche die Ankunft derſelben, da ſie auch Prophezeihungen für das nächſt⸗ folgende Jahr enthalten, kaum erwarten können, und den Propheten von Huen dafür alljährlich belohnen. Tycho verſteht, wie man daraus erſieht, nicht bloß den Lauf der Sterne, ſondern auch die Launen des Jahres zu berechnen und aus Beiden den beſtmöglichſten Nutzen zu ziehen. Am 4. April des Jahres 1588 erfolgt der Tod ſeines königlichen Beſchützers. Friedrich II. ſtirbt zum Trotze der Tychoniſchen Weiſſagung, nach welcher er erſt 1593 hätte ſterben ſollen, ſchon fünf Jahre früher. In demſelben Jahre erhält Tycho unter Andern auch den Beſuch des gelehrten Engländers Daniel 1856. VI. Auf dem Hradſchin. MI. 3 34 Rogers, welchen Königin Eliſabeth nach Dänemark geſchickt. Rogers verſpricht ihm ein i für den Druck ſeiner Schriften. Gleich nach dem Tode des Königs wendet ſich Brahe an deſſen(damals noch unmündigen) Nach⸗ folger Chriſtian IW. und verlangt, außer den könig⸗ lichen Jahrgehalten und den Einkünften ſeiner Inſel, auch die Bezahlung von ſechstauſend Reichsthalern Schulden, in die er ſich a uf Verlangen des hochſeligen Königs und zur Ehre des Rei⸗ ches hineingeſtürzt haben will. Dieſes keineswegs gerechtfertigte Geſuch wird ihm von der Regentſchaft(beſtehend aus den vier Regierungsräthen Niels Kaas zu Thaarupgaard— auf welchen er einen langen Neujahrswunſch gedich⸗ tet— Peder Munk zu Eſtheradgaard, Jürgen Ro⸗ ſencranz zu Roſenholm und Chriſtoph Walkendorf zu Glorup) in Gnaden bewilligt. Am 14. December 1588 erhält Brahe die verlangten ſechstauſend Thaler. Huen wird der Wallfahrsort aller gelehrten Rei⸗ ſenden. In Kopenhagen ſein, ohne Brahe und ſeine Sternſtadt kennen zu lernen, iſt ein eben ſo großes Verbrechen, als in Rom verweilt, ohne Papſt und Vatican geſehen zu haben. 35 Drittes Capitel. Tycho's Hund⸗ Auch der neue Monarch— oder die Regent⸗ ſchaft— überhäuft den„Stolz Dänemarks“ mit neuen Beweiſen königlicher Huld. Am 13. März 1589 ſchenkt ihm die Krone zwei Häuſer in Kopen⸗ hagen— das eine in der Färberſtraße und die ſtei⸗ nerne Schanze, unfern des Feſtungswalles. Letztere benützt er zu aſtronomiſchen Beobachtungen. Im Sommer deſſelben Jahres geruht der„Kö⸗ nig auf Huen' dem berühmten Pfalzgrafen und ge⸗ krönten Dichter Ricolaus Friſchlin, aus Balingen in Würtemberg, eine Audienz in ſo hochfahrendem Schrei⸗ ben zuzuſagen, daß Meiſter Friſchlin es vorzieht, lie⸗ ber zu Hauſe zu bleiben, als nach Dänemark zu ge⸗ hen, um den eiteln Mann mit der ſilbernen Naſe zu ſehen. Am 21. März 1590 ſchreibt er einem andern Freunde. „Ich komme vor lauter Neugierigen, die mein Schloß zu ſehen und mich kennen zu lernen wün⸗ ſchen, Tags über nur ſelten zur Arbeit. Geſtern beſuchte mich König Jacob von Schott⸗ 3* 36 land, der Sohn der unglücklichen Maria Stuart, in Begleitung ſeines zahlreichen Gefolges, das aus deſſen Räthen, worunter ſich ſein Kanzler Jo⸗ hann Metellus befand, und dem höchſten Adel ſeines Landes beſtand. König Jacob, ſelber ein ge⸗ lehrter Herr, hatte zu Opslo in Norwegen über⸗ wintert, woſelbſt er im November 1589 mit der Prinzeſſin Anna, der jüngſten Tochter Friedrichs M. und Schweſter Chriſtian IV., vermählt worden war.*) Ich legte dem hohen Gaſte mein Stammbuch vor und er geruhte allerhöchſteigenhändig ſein Symbolum einzuſchreiben: Est nobilis ira Leonis: Parcere subjectis et debellare superbos. Jacobus Meg. Der Monarch, nicht wenig erfreut, meine Be⸗ kanntſchaft zu machen, war entzückt, in meiner Bi⸗ bliothek das ſo wohlgetroffene Bild ſeines ehemaligen Lehrers Buchenan zu erblicken.— Kurz vor ſeiner Abreiſe ſchenkte er mir zwei engliſche Doggen, ein *) Am 21. Januar 1590 von Opslo in Helfingoer ange⸗ langt, verweilte er dort bis zum 21 Februar auf dem Schloß zu Cronenborg uud begab ſich von hier nach Kopenhagen. . 37 Paar Prachtthiere, die mir mehr Freude als zehn meiner ungelehrigen Scolaren machen.“ Dieſe Doggen werden ſeine Lieblinge, die ihn den ganzen Tag auf Schritt und Tritt begleiten und Nachts als treue Schildwachen den Eingang zu ſeinem Schlafzimmer bewachen, in das außer ihm (und ſeiner Frau?) Niemand einzutreten wagt, aus gerechter Furcht, von dieſen vierfüßigen Thürſtehern in tauſend Stücke zerriſſen zu werden. Dieſe Herren Hunde, von denen er zu Ehren der zwei Räthe Seiner ſchottiſchen Majeſtät den Einen Junius und den Andern Metellus nennt, werden ſeinem Herzen ſo theuer, daß er ſie in Stein aushauen und auf die zwei Eingangspforten ſeiner Sternſtadt als Symbole der Treue und Wachſam⸗ keit aufſtellen, und ſpäter ſogar eine Schaumünze auf ſie prägen läßt mit der Umſchrift„Tychonis Brahei Delicium“(Tycho de Brahe's Freude.) Aber gerade eine dieſer von ihm faſt abgöttiſch verehrten Doggen wird, wie man ſpäter erfahren ſoll, die erſte Urſache der Ungnade, die er ſich beim Könige und deſſen Regentſchaft zuzieht. Im Juni deſſelben Jahres erhält Tychy de Brahe vom Kaiſer Rudolph ein Privilegium gegen 38 den Nachdruck ſeiner auf Huen gedruckten Schriften auf dreißig Jahre. Im Auguſt überraſcht ihn der unerwartete Be⸗ ſuch jenes gelehrten Mathematikers des Landgrafen Wilhelm von Heſſen, Chriſtoph Rothmanns, mit welchem er ſeit Jahren in vertrautem Briefwechſel ſteht. Rothmann bleibt hier fünf volle Wochen viel zu lange für den keinesweges allzufreundlichen Wirth, der lieber zu nehmen, als zu geben gewohnt iſt. Im Sommer des Jahres 1591 geruht auch der junge, vierzehnjährige König Chriſtian W. be⸗ gleitet von den drei Regentſchaftsräthen Kaas, Ro⸗ ſeneranz und Walkendorff, dem berühmten Unter⸗ thanen die Ehre ſeines allerhöchſten Beſuches zu ſchenken und deſſen Schloß allerhuldreichſt in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Die erſten Zwei dieſer Herren find Tycho's Freunde und Beſchützer; der Dritte aber (ein naher Anverwandter Manderup Parsbergs, der ſeinem Gegner die Raſe verſtümmelt hat) ſchien weder das Eine noch das Andere, ſondern— wenn auch in Stillen nur— neidiſch auf den Ruhm ſeines übertrieben eiteln Landsmanns zu ſein. Der junge Monarch ſchenkt ihm eine goldene Kette mit ſeinem von Brillanten eingefaßten Bilde, die er bei jenem Beſuche an der eigenen Bruſt 39 getragen hat, und bleibt einige Tage auf dem Schloſſe, deſſen Sehenswürdigkeiten er nicht genng bewundern kann. Eines Morgens, als der Rentmeiſter Chriſtoph Walkendorff etwas allzufrüh in Tycho's Schlaf⸗ zimmer eindringen will, um ſich auch dort neiderfüllt umzuſehen, will das Unglück, daß dieſer heimliche Gegner von einer der beiden Doggen höchſt ungaſt⸗ lich überfallen wird. Metellus beißt acht Neuntel der ohnehin dürftigen Wade Seiner Excellenz weg, und legt durch dieſen äußerſt biſſigen Biß den erſten Keim zur offenen Feindſchaft zwiſchen ihm und ſeinem Herrn, der durch den Lärm der Dogge herbeigerufen mit Jenem in harten Wortwechſel geräth. Dieſes Factum erzählen, faſt ganz übereinſtimmend, Thomas Bartholmus, Pierre Gaſſendi, Ludwig von Holberg, und Daniel Huet, Biſchof von Avranches, der 1652 eigends nach Kopenhagen kam, um dort genaue Er⸗ kundigung darüber einzuziehen. Und gleichwie aus dem Biſſe des oberſthofmei⸗ ſterlichen Hundes, welcher eine Lieblingskatze des Vicekanzlers Kurtz von Senfftenau getödtet, ſich eine Todfeinſchaft zwiſchen dieſem und Georg Popel von Lobkowie entſponnen hatte, ſo entſpinntſich hier aus ähnlicher Urſache ein ewiger Haß zwiſchen dem Manne 40 mit der gebiſſenen Wade und dem Gelehrten mit der verſtümmelten Naſe. Die Folgen dieſes Haſſes wird man ſpäter erfahren. Am 17. Januar 1592 ſtirbt Frau Inger Oxe, die Wittwe ſeines Onkels auf Toſtrop, die zwölf Jahre hindurch Oberhofmeiſterin bei der Königin Sophie geweſen war. Sie hinterläßt gegen 100,000 Reichsthaler an Gold und Silber, Schmuck und koſtbaren Geräthſchaften. Tycho erbt davon einen Theil. Seine Mutter aber wird Nachfolgerin im Amte der ſeligen Tante, die man in der Frauen⸗ kirche zu Kopenhagen begräbt. Auch ſie wird durch eine lateiniſche Grabſchrift geehrt. Im Jahre 1593 beginnen auf geheimes Anſtif⸗ ten des Mannes mit der gebiſſenen Wade, die erſten Reibungen zwiſchen dem Hofe und dem Manne mit der ſilbernen Naſe. Walkendorf macht ihm den nicht ganz ungegründeten Vorwurf, daß er die Königs⸗ gräber in Verfall gerathen ließ, weil ſein Geldgeiz es ihm nicht erlaubt hat, frühzeitig für Reſtauration der Capelle zu ſorgen, wodurch Letztere jetzt ganz und gar baufällig iſt. Durch einen offenen Brief vom 1. Auguſt 1593 41 wird der Canonicus zu Roeskilde in ziemlich hartem Tone ermahnt, die Capelle nun herſtellen zu laſſen. Es vergeht ein ganzes langes Jahr und es geſchieht nichts von Seiten des geizigen Präbendärs, den Zorn des Monarchen zu beſchwichtigen. Am 4. September 1594 erfolgt von Colding aus eine neue und noch härtere Mahnung, die Capelle bis zum nächſten Weihnachtsfeſte reſtauriren zu laſſen, wid⸗ rigenfalls der König ſich genöthigt ſehen würde, ihm dieſe Pfründe abzunehmen und einen andern ehrlichen und wohlgeborenen Mann“ damit in Hul⸗ den zu belehnen. Aus Furcht, dieſe Präbende zu verlieren, läßt er die Capelle endlich herſtellen. In demſelben Jahre(am 28. Maih) ſtirbt der Kanzler Niels Kaas, in welchem Tycho den beſten ſeiner Freunde und den einflußreichſten ſeiner Gönner verliert. Der Mann mit der gebiſſenen Wade hetzt ihm neue Feinde auf den Hals, dadurch, daß er bei Hofe das Gerücht ausſprengt, daß der Mann mit der ſilbernen Naſe ſeit einer Reihe von Jahren mit einer unfreien Bäuerin Chriſtina in wilder Ehe lebe und ſich außer ihr, mit der er bereits acht Kinder gezeugt, noch eine zweite Liebſchaft erlaubt habe, die nun gleichfalls von ihm betrogen ſei. 42 König Chriſtian, deſſen Grundſätze im Puncte der Sittlichkeit die lauterſten ſind, wenn auch die ihm feindlich geſinnten Hiſtoriographen das Gegentheil behanupten, iſt außer ſich, baß ſein ,lieber Degen und Diener“ ihm mit ſo wenig erbauendem Beiſpiele vorangeht. Und ſo kommt es, daß Tycho de Brahe jetzt eben ſo raſch in der Gunſt des Nachfolgers ſinkt, als er in jener ſeines Vorgängers emporgeſtiegen war. Man rümpft bei Hofe die Naſe über ſeine Naſe, erlaubt ſich anzügliche Witze darüber und geht zuletzt ſo weit, zu behaupten, daß er ſie nicht in Folge eines Duells, ſondern aus ganz anderer Urſache ein⸗ gebüßt haben ſoll. Das empört unſern,lieben Mann⸗ in ſo hohem Grade, daß er den heimlichen Entſchluß faßt, ſich um eine andere Stellung im Auslande umzuſehen und, ſobald er eine ſolche gefunden, ſeinem undankbaren Vaterlande den Rücken zu kehren und ſich für immer von ihm loszuſagen. Bald darauf empfängt er zu ſeinem Troſte den Beſuch des Vice⸗Kanzlers Jacob Curtius von Senff⸗ tenau, der vom Kaiſer Rudolph nach Huen abge⸗ ſchickt iſt, um mit Tycho wegen einer Anſtellung am Hofe zu Prag in Unterhandlung zu treten. Aber dieſe heimlich gepflogenen Unterhandlungen zerſchlagen ſich durch den für Tycho de Brahe zu — früh und für Georg Popel von Lobkowie leider zu ſpät erfolgten Tod des Vice Kanzlers, der wenige Monate nach ſeiner Räckkehr aus Dänemark die großen Winterquartiere des Jenſeits bezieht. Im Jahre 1595 vollendet Tycho die große aus Meſſing gearbeitete Himmelskugel, an welcher er faſt fünfundzwanzig Jahre gearbeitet hat, und die eine bildliche Darſtellung des von ihm aufgeſtell⸗ ten Planetenſyſtems giebt, nach welchem unſere Erde, die der Mittelpunct des ganzen Weltalls iſt, vom Monde, dem Mercur und der Venus umkreiſt wird, während die vier anderen Planeten(zu Brahe's Zeiten kannte man deren erſt ſieben) nicht unmittelbar um die Erde, ſonderu in Epichelen um die Sonne und mit dieſer um den Mittelpunct des Weltalls laufen. Er erhebt die Zahl der Firſterne auf 1000, von denen jeder Einzelne auf ſeinem Meſſing⸗Globus einge⸗ graben iſt.*) Zum Aerger ſeiner Neider und Feinde, deren 9 Dieſe Himmelskugel, zu welcher bloß das Material ihn über 10,000 Reichsthaler gekoſtet haben ſoll, ward, nach verſchiedenen Wanderungen nach Kopenhagen zurückge⸗ kehrt, bei dem 1728 daſelbſt ausgebrochenen Brande ein Raub der Flammen. 44 Zahl mit dem Anwachſen ſeines Ruhmes von Tag zu Tage zunimmt, läßt er in demſelben Jahre, in welchem er ſeinen Globus vollendet hat, auf ſich eine ſilberne Denkmünze prägen. Auf der Vorderſeite der⸗ ſelben prangt ſein Bruſtbild mit der Kette des Ele⸗ phantenordens und jener, die ihm König Chriſtian geſchenkt, umgeben von der Umſchrift: Effigies Ty- chonis Brahei, O. T. aetatis 49. Auf der Rückſeite ſieht man ſein dreifelderiges Wappen, eingefaßt von ſeinem Wahlſpruche:„Esse potius quam haberi“) und der Jahreszahl 1595. Dieſe Selbſtvergötterung zieht ihm neue Gegner und darunter auch manchen boshaften Spötter zu. Zu Letztern gehört der Doctor Medicinae und Ca⸗ nonicus zu Lund, Gellius Saſcerides, der ſechs Jahre lang Tycho's Schüler geweſen war und welchem der Lehrer die Hand ſeiner älteſten Tochter Magdalena zugeſagt hatte. Aus der zurückgegangenen Heirath entſpinnt ſich zwiſchen Schüler und Lehrer eine Feindſchaft, die von beiden Seiten mit Verläumdungs⸗ klagen endet, bei welchen, wie dieß in ſolchen Fällen *) Beſſer ſein als ſcheinen. 45 immer zu geſchehen pflegt, Jeder von Beiden ver⸗ liert und Keiner von Beiden etwas gewinnt.*) Tycho's Feinde wärmen aus Mangel neuer Anklagen wieder die alte auf, daß er mit einem unfreien Weibe in wilder Ehe lebe. Er aber hält es unter ſeiner Würde, ſich gegen dieſes alberne Märchen zu vertheidigen.„Nil moror nugas!“ Ich achte kein Geſchwätz! ruft er aus und— ſchweigt dazu. Am 9. April 1596 verliert er den zweiten Freund und Beſchützer ſeiner Studien in der Perſon des ehemaligen Regentſchaftsrathes Jürgen Roſencranz auf Roſenholm. Am 14. Juli 1596 entdeckt er einen neuen Kometen, den ſiebenten und letzten, den er auf Ura⸗ nienburg beobachtet und deſſen Bahnen er berechnet. Am 31. Auguſt deſſelben Jahres erreicht König Chriſtian W. ſeine Großjährigkeit und wird feierlich in der Frauenkirche zu Kopenhagen gekrönt. Tycho's erbittertſter Feind, Chriſtoph von Walkendorf, der 5 Ein Jahr ſpäter vermählte ſich Dr. Gellius Saſcerides mit Anna, Tochter des Rathsherrn Hanns Skytte; Magdalene v. Brahe aber blieb ihr ganzes Leben lang unverheirathet. 46 ſeine weggebiſſene Wade noch immer nicht verſchmer⸗ zen kann, wird Reichshofmeiſter, und Chriſtian von Friis, ein anderer Gegner des ,ſtolzen Sternguckers und Kometenſchnüfflers wird zum Kanzler des Reiches erhoben. Beide beginnen ihre neue Laufbahn damit, daß ſie dem in der Gunſt des Königs geſtürzten Lieblinge eine Revenue nach der andern entziehen und außer⸗ dem Alles aufbieten, ihm ſeinen fernern Aufenthalt auf Huen und in Dänemark gründlich zu verleiden. Tycho de Brahe ſieht die Unmöglichkeit ein, ſich länger hier zu halten. Er ſpricht ſeinen Unmuth in einem Dyſtichon aus: „Ut me turbet Eris, turpisque calumnia turpet, Invidiam superat spe melioris Eros, und wendet ſich am letzten Tage des Jahres, in wel⸗ chem ſeine Ungnade beginnt, an den Kanzler Chri⸗ ſtian Friis von Borreby, beklagt ſich über die ſchänd⸗ liche Verläumdung ſeiner Feinde“ und verlangt dafür Genugthuung von ihm und dem Könige. Die aus Colding vom 20 Januar 1597 datirte Antwort des Kanzlers— ein kleines Meiſterſtück diplomatiſcher Heuchelei— empört den nobilissi- mum virum et amicum suum charissimum“(denn 47 ſo lautet die Aufſchrift jener ablehnenden Antwort) dergeſtalt, daß ſein theurer und berühmter Freund neuerdings beſchließt, je eher je lieber einzupacken und ſein undankbares Vaterland für immer zu verlaſſen. Einer der Geſchichtsſchreiber Brahe's hat die nicht unintereſſante Bemerkung gemacht, daß in jedem Jahrzehend ſeines Lebens das ſechſte Jahr für ihn ein merkwürdiger Zeitabſchnitt iſt: 1546 wird er geboren; 1556 fängt er an, ſich der Aſtronomie zu⸗ zuwenden; 1566 büßt er in Roſtock ſeine Naſenkuppe ein; 1576 wird er mit der Inſel Huen belehnt; 1586 erhält er auf Urauienburg den Beſuch des erlauchten Königspaares und erreicht den Meridian ſeines Ruhmes; und 1596 fällt er durch die Machinationen ſeines Hauptgegners Walkendorf in Ungnade. Am 15. März 1597 ſtellt er auf Huen ſeine letzte aſtronomiſche Beobachtung an; Tags darauf beginnt er ſeine Inſtrumente, Bücher, Meubles und Buchdruckerei einzupacken und am 29. April verläßt er die Inſel Huen, wo er einundzwanzig Jahre hin⸗ durch wie ein„König der Aſtronomier reſidirt hat. Durch vffenen Brief vom 10. Juni deſſelben Jahres wird ihm das Canonicat der Dreikönigsca⸗ pelle zu Roeskilde entzogen und auf deſſen Feind, den Kanzler Chriſtian Friis, übertragen. 48 Der ehemalige Erb⸗ und Gerichtsherr auf und zu Huen, der Ritter des Elephantenordens, der ge⸗ weſene Canonicus der Dreikönigscapelle zu Roes⸗ kilde, der Erpräbendär von Nordſiord in Norwegen, der Inhaber des ſechszig Laſten ſchweren Königsſchif⸗ fes, das er unterdeſſen für ein Spottgeld verkauft, der Beſitzer der zwei Häuſer zu Kopenhagen, die man ihm mittlerweile wieder abgenommen hat, ver⸗ läßt nun mit Sack und Pack, mit ſeiner verläumde⸗ ten Frau und ſeinen acht Kindern, mit ſeiner ſilber⸗ nen Naſe und ſeiner meſſingenen Himmelskugel, mit ſeinen aſtronomiſchen Inſtrumenten, ſeinen zwei engli⸗ ſchen Doggen und ſeinem Lieblingsſchüler Chriſtian Longomontan ſeine undankbare Heimath, die ihn lieb los anſchwärzt und verketzert, geht im Heröſte des Jahres 1598, nachdem er ſich kurze Zeit in Kopen⸗ hagen aufgehalten und Weib und Kinder zu Wan⸗ desburg unter dem gaſtfreundlichen Schutze des ſtern⸗ kundigen Grafen Heinrich von Rantzau zurückgelaſſen hat, nach Wittenberg und folgt von hier gegen Oſtern 1599 einem auf Empfehlung ſeines alten Freundes Thaddäus von Häjek an ihn ergangenen Rufe an den Hof Kaiſer Rudolphs II. In Prag eilen dem geſtürzten Könige von Huen⸗ der Geheimſchreiber des Kaiſers, Giovanni Barbice, 49 der Protomebicus des Königreichs Thaddäus von Häjek, mit einem zahlreichen Gefolge anderer Abge⸗ ſandten des Kaiſers bis vor die Thore der Stadt entgegen, begrüßen ihn dort mit glänzender Feierlich⸗ keit und führen ihn im kaiſerlichen Wagen und wie im Triumphzuge nach dem Hradſchin, wo ihn der Kaiſer mit entblößtem Haupte und einer lateiniſchen Rede im Ferdinandeiſchen Luſtſchloſſe allerhuldreichſt zu empfangen geruht. Tycho wird zum geheimen Rathe mit einem Jahrgehalte von viertauſend Ducaten ernannt. Der Kaiſer läßt ihm ſofort ein Geſchenk von zweitauſend Ducaten zur Einrichtung eines neuen Hausweſens ausbezahlen und kauft für ihn das Haus des ver⸗ ſtorbenen Kanzlers Jacob Curtins von deſſen Witwe, die es ihm gegen einen Kaufpreis von zwanzigtau⸗ ſend Thalern einräumt. Aber bevor er dieſes Haus bezieht, bewohnt er einige Zeit das Belvedere, wo er in Gegenwart des Kaiſers und ſeines um ihn verſammelten Hofſtaates neue Himmelsbeobachtungen anſtellt, das Erſcheinen eines neuen Kometen für das Jahr 1606 und die Ermordung Königs Heinrich IV. von Frankreich auf das Jahr 1640 prophezeit. Unterdeſſen iſt in Prag die Peſt ausgebrochen. 1856. VI. Auf dem Hradſchin. 1II. 4 3 1 50 Rudolph ſtellt ihm eines ſeiner drei Luſtſchlöſſer: Bran⸗ deis, Liſſa und Benätek, die eine halbe oder ganze Tagreiſe von der Hauptſtadt liegen, zu freier Aus⸗ wahl und Verfügung. Unter dieſen wählt Ticho das Letztere, das größte und bequemſte, das fünf Stunden von Prag an der Iſer gelegene, wegen der Schönheit ſeiner Lage das böhmiſche Venedig ge⸗ nannt ward. Am 20. Auguſt 1599 hält er dort ſeinen feier⸗ lichen Einzug und verweilt daſelbſt faſt ein ganzes Jahr, während welcher Zeit er mit Rudolph, der jener Seuche wegen ſein Hoflager in Pilſen aufge ſchlagen hat, in ununterbrochenem Briefwechſel ſteht. — Unterdeſſen ſind ihm Frau und Kinder von Wan⸗ desburg nachgefolgt. Erſt Anfangs Auguſt 1600 kehrt Tycho nach Prag zurück und bezieht das Curtius'ſche Haus. Aber das mittlerweile vom Erzbiſchofe Zbyntk Berka von Duba und Lipa geſtiftete Kapuzinerkloſter, das dicht an Brahe's Behauſung grenzt, giebt dem durch das nächtliche Horaläuten in ſeinen Beobachtungen geſtör⸗ ten Aſtronomen die erſte Veranlaſſung zu einer Beſchwerde an den Kaiſer, welche Letzteren veranlaßt, den frommen 51 Söhnen des heiligen Matthäus von Baſſi“) das nächtliche Gebimmel auf's Strengſte zu verbieten, weil es ſein kaiſerlicher Wille ſeie, daß ſein in den Ster⸗ nen leſender Gaſt in ſeinen gelehrten Nachtwachen und Himmelsbeobachtungen fernerhin nicht mehr beun⸗ ruhigt werde. Die Kapuziner aber, gekränkt durch dieß Verbot, beſchließen einſtimmig, das ihnen erſt kurz vorher eingeräumte Kloſter zu verlaſſen und ſich an⸗ derswo anzuſiedeln, ein Beſchluß, der durch die weiſe Vermittlung des Erzbiſchofs aufgegeben wird. Die frommen Brüder bleiben in ihrem Kloſter, aber ſie müſſen ihre Betſtunden ändern und ihre Andacht vor Aufgang der Sterne verrichten. Und Tycho de Brahe iſt beruhigt!—— Während wir den in ſeiner Heimath geſtürzten und in der Fremde zu neuen Ehren gelangten Mann mit der ſilbernen Naſe und ſeinen meſſingenen Fern⸗ röhren auf der Sternwarte des Curtius'ſchen Hauſes im Kreiſe ſeiner andächtigen Jünger und Freunde Der Kapuziner-Orden, von Matthäus de Baſſi 1526 geſtiftet, wurde zwei Jahre ſpäter vom Papſte Clemens VII. beſtätigt. 4* 52 Chriſtianus Longomontanus, Johannes Kepler, Thad⸗ däus vun Häjek und Giovanni Barbice ungeſtört den nächtlichen Himmelsbetrachtungen, Tycho's Frau aber und ſeine acht Kinder ihren häuslichen Beſchäf⸗ tigungen überlaſſen, eilen wir vom Hradſchin nach Pürglitz zurück. Piertes Capitel. Libuda und ihr ſogenannter Herr Gemahl. Dort ſaßen noch Beide. Seit ihrer Gefangen⸗ nehmung waren bereits vier volle Jahre verſtrichen, ohne daß es dem Abenteurer und ſeiner vielgeliebten Frau trotz allen Grübelns und Bemühens hatte ge⸗ lingen wollen, den emſig geſuchten Stein der Wei⸗ ſen aufzufinden. Wöhrend dieſer langen, unerträglich einförmigen Haft hatte ſich die Pſendo⸗Gräfin Clelia, Anfangs ſtolz und auf ihre Beliebtheit pochend, ſpäter aber als ſie eingeſehen, daß dieſer Trotz ihr nichts helfe, de⸗ und wehmüthig an die Gnade des Kaiſers gewendet, und ihn bei dem Heile ſeiner Seele be⸗ ſchworen, ſie endlich in Freiheit zu ſetzen Ein Theil 53 ihrer Brtefe an Rubolph mar, mie dieß in Fällen 3 ſolcher Art nicht ſelten zu geſchehen pflegt, unterſchlagen worden; andere hatte er geleſen, aber noch immer aufgebracht auf Clelia, welche die Gräfin Maria ſo ſchwer verläumdet, und noch mehr erbittert auf Scotto, der ihn ſo lange hinter's Licht geführt, ohne Antwort gelaſſen. Nur einmal, nach Verlaufe von drei Jahren, war er ſo herablaſſend geweſen, dem Abenteurer mündlich ſagen zu laſſen, er werde nach Ablieferung des bewußten Pulvers nicht nur augen⸗ blickich freigelaſſen, fondern noch außerdem gebüh⸗ rendermaßen belohnet werden, bis dahin aber bleibe es beim Alten und ſowohl er als ſie möchten ihn fernerhin mit unnützen Bittſchriften huldreich ver⸗ ſchonen wollen. Der langjährige Aufenthalt in der Zelle, die vor ihnen die Gräfin Maria bewohnt hatte, mochte für dieſes in rührender Eintracht lebende Glücks⸗ ritterpaar durchaus nichts Angenehmes haben; denn an die Stelle des alten, milden, der frühern Ge⸗ fangenen gegenüber äußerſt rückſichtsvollen Haupt⸗ mauns war, bald nach deſſen Ernennung zum Haupt⸗ mann der Kaiſergarde in Prag, ein finſterer, äußerſt hartgeſottener Nachfolger getreten, der ſeinen beiden Gäſten, die er nicht beſonders zu lieben ſchien, nicht 54 die geringſte Erleichterung, nicht die kleinſte Freiheit gewährte. Anfangs hatte Scotto verſucht, durch Grobheit etwas durchzuſetzen. Da er aber bald gewahrte, daß er dabei den Kürzern zog, indem jener noch zehn⸗ mal gröber und in Folge deſſen zwanzigmal deſpo⸗ tiſcher gegen ihn verfuhr, war er ſo klug geweſen, nach und nach klein beizugeben und ſich auf's Bitten zu legen. Nachdem er aber früh genug eingeſehen, daß auch dieß nichts fruchte, wurde er erſt gereizt und ſpitz, dann allmälig grob und wüchend gegen ſeine Geliebte, die längſt ſchon allen Reiz für ihn eingebüßt und ihn durch ihr nutzloſes Gejammer und Gewimmer Anfangs ſchrecklich gelangweilt, und zuletzt ſo aufgebracht hatte, daß zwiſchen Beiden mehr als ein Mal Scenen des pöbelhafteſten Zor⸗ nes vorgefallen waren. Um ihrem gegenſeitigen Ueberdruße und Un⸗ muthe möglichſt Luft zu machen, vergelten, keiften und zankten ſie oft ganze Tage und Nächte lang. Statt hübſches blankes Gold zu machen, machten ſie ſich gegenſeitig ſchmutzige Vorwürfe und warfen ſich die plumpe Scheidemünze der roheſten Gemein⸗ heiten an den Kopf. An einem ſchönen Juni⸗Morgen, als die flei⸗ 55 ßigen Arbeiter im Eiſenwerke bei frohem Rundge⸗ ſang auf⸗ und niederhämmerten, entſpann ſich zwi⸗ ſchen den beiden Gefangenen, die ihrer Gewohnheit nach den ganzen Tag auf der Bärenhaut lagen, ein neuer, aus der Luft gegriffener Streit, der ziemlich harmlos begann mit der Frage Scotto's: — Wie haben die gnädigſte Frau Gräfin in vergangener Nacht zu ſchlafen geruht? — Beſſer, mein würdiger Ritter, als ſeit un⸗ denklich langer Zeit. Wir haben ſüß zu träumen gerkht. — Und iſt es vergönnt zu fragen, von wem wir geträumt haben? — Nicht von Euch, mein erhabener Gemahl! — Das wußte ich. Vielleicht alſo von Eurem mächtigen Beſchützer? — Allerdings! — Und was träumte unſerer holden Elelia? — Ich ſah den Eblen ruhig zu meinen Füßen niederſinken, ſah, wie er flehend mein Knie umfaßte und hörte, wie er tiefbewegt mich um Verzei⸗ hung bat. — Ha, ha, das iſt zum Todtlachen! — Lacht Euch todt, mein würdiger Ritter! 56 Die Mutter Don Cäſars wird um Enuch keine Thräne vergießen! — Das glaub' ich Euch, edle Frau; denn Ihr ſeid ſo lieb und gut, ſo hold ſüß, daß ich Luſt verſpüre, Euch ſeit Monden wieder einmal zu umar⸗ men und voll nie gefühlter Wonne an mein liebe⸗ derauſchtes Herz zu drücken. — Verſchont mich mit dieſen faden Redensar⸗ ten; weit lieber höre ich aus Eurem falſchen Munde eine Grobheit, als eine Eurer Süßigkeiten, die mir bis in die tiefſte Tiefe der Seele verhaßt ſind.„ — Ein herrliches Poſſenſpiel! Iſt man denn wirklich einfältig genug zu glauben, daß das, was ich vorhin geſagt, mein Ernſt iſt? Geruhte die Mut⸗ ter Don Cäſars einen Blick in meine Seele zu wer⸗ fen, dann würde ſie ohne Mühe herausleſen, wie gründlich meine Seele ſie ver— ehrt! — Es thut meinem Herzen unendlich wohl, mich von dem Eurigen ſo glühend gehaßt zu wiſſen! Mein Traum, edler Ritter, wird in Erfüllung ge⸗ hen! Man wird bei Hofe, ſpät genug, einſehen und begreifen, was man an mir verloren hat. Wer vermag den alten Grillenfänger beſſer aufzuheitern, als Clelia, die Alles gethan, was er gewünſcht und die ihm.. 57 — Deßhalb ſo zuwider iſt als mir! — Erlaubt mir, Ritter, daß ich lache! In längſtens acht Tagen— ſo ſagte mir mein Traum — wird Eure Zukunft in meinen Händen liegen. — Und was werdet Ihr dann thun? — Ich werde Gnade vor Recht ergehen laſſen: das Weib, das ſeit vier Jahren zu der grauſamſten aller Strafen, zu dem Fluche verurtheilt iſt, mit Euch einen und denſelben Kerker zu theilen; das Weib, das ihr ſo frech verhöhnt, ſo ſchonungslos miß⸗ handelt, wird alle Kränkungen, alle Mißhandlungen, die man ihr zugefügt, großmüthig vergeſſen; es wird Euch einen Sack mit Gold vor die Füße werfen und ſagen: Nimm und geh! — Welche rührende Großmuth! Welche unver⸗ diente Huld! Wie aber, wenn der ſtolze Bettler Euer Geld verſchmäht und nicht geht? — Ich ſage Euch, er wird gehen! Er wird gehen, weil ſein edler Stolz noch nie ein Almoſen ſolcher Art verſchmäht und häufig mehr genom⸗ men, als man ihm freiwillig gegeben hat. — Ei, bin ich denn ein Dieb? — Iht ſeid mehr als dieß! Ihr ſeid— ja erlaubt es mir zu ſagen— ein undankbarer Schuft! — Gräfin Clelia Buoncompagni ſpricht von 58 Undank? Hat ſie vergeſſen, daß ich es war, der ſie in Dresden, dort, wo die letzten Häuſer ſtehen, mitleidig aufgerafft und ſie aus dem Hauſe der Armuth an den Hof und als ſeine Frau dort zu nie verdienter Huld und Ehre gebracht? — O wär ich geblieben, was ich geweſen war! — Verſunken im Pfule der Sünde. — Aber frei! — Verworfen und geächtet... — Aber frei und nicht bei Euch! — Man wies mit Fingern auf Dich man hieß Dich die geſchminkte Fremdenbraut, und Jeder, der ſeine Ehre, ſeinen guten Namen geliebt, mied Dich wie die Peſt.. — Beſſer, von Keinem gekannt, von Keinem beweint, gliedweiſe im letzten Hoſpitale, als von Allen verhöhnt, von Allen gehaßt, am erſten Galgen auf offenem Markte ſterben, wie Ihr es werdet, wenn im Himmel und auf Erden noch ein Funken von Gerechtigkeit glimmt! Ihr ſeid ein Schurke, ein Mörder! — Ihr ſprecht ſehr fromm, tugendhafte Sün⸗ derin. Wer anders aber war's, als Du, meine reine Taube, die mich zu jenem Morde verleitet, die mich ge⸗ beten und beſchworen hat, jenen alten, mir unſchädlichen 59 Schwätzer, weil er im Beſitze eines nur Euch Tod und Verderben bringenden Geheimniſſes geweſen war, mit Hilfe eines von mir zubereiteten Giftes, Jedem ſo unbekannt wie das finſtere Geheimniß Deiner Ab⸗ kunft, ſubtil wie Dein Gewiſſen und ſchnell wirkend, wie das gleißneriſche Arſenik Deines unſchuldvollen Taubenauges, in wenig Augenblicken für immer zum Schweigen zu bringen? Wir ſind quitt! Wir haben uns nichts vorzuwerfen! — Meine Abkunft, die jetzt, nachdem mein Vormund zum Schweigen gebracht, nur noch mein Geheimniß iſt und es auf ewig bleiben ſoll, ſie wird früher oder ſpäter die Riegel meines Kerkers ſpren⸗ gen und mich von dem Anblicke eines blutbefleckten Mörders befreien. — Du wirſt dieſen Kerker nie verlaſſen! — Wie? Willſt Du auch mich ermorden? — Ließ man uns wohl einen Dolch? Ließ man uns irgend eine Waffe, um unſerem verwünſch⸗ ten Daſein ein Ziel zu ſtecken und dem blinden Geſchicke zuzurufen: Bis hierher und nicht weiter? Fürchte nichts, Ritter Scotto hat kein Stilet! — Aber villeicht Gift, jenes Gift, womit er jenem Schwätzer den Mund geſtopft! 60 — Ach, Theuerſte, auch dieß hab' ich nicht mehr! — Du lügſt! ſchrie Libusa angſterfüllt. — Beſäße ich's, ich wäre längſt befreit; der Köcher meiner Künſte iſt erſchöpft. Ich habe keinen einzigen Tropfen mehr! Dein Girolamo iſt ein armer Mann! Und darum, Clelia, ſagte Scotto zu ihren Füßen niederfallend, habe Mitleid, habe Erbarmen mit mir! Vergieb', wenn ich Dich gekränkt habe! — Wenn Sünder Deines Gleichen zu bereuen ſcheinen, find ſie gefährlicher als je! Girolamo Scotto, mir graut vor Dir! — Sei kein Kind! ſagte der Ritter von Bran⸗ deis luſtig emporſpringend. Fürchte Dich nicht, meine reine Taube. Ich bin kein Geier, der Dich zer⸗ reißen, ich bin ein liebeberauſchter Romev, der ſeine Giulietta umarmen und in ſeine Arme ſchließen und an ſein Herz preſſen und Gift von ihren ſchönen Lippen trinken will, rief er und wollte mit Gewalt ſeine Drohung wahr machen. — Laſſe mich los, wahnſinniger Thor! ſchrie Libuba, ſich ſeiner Umarmung entreißend. Der An⸗ blick Beiner verhaßten Züge flößt mir Abſcheu, der Athem Deines Kuſſes jagt mir Ekel ein! 61 — Du haſſeſt mich alſo wahr und wahrhaftig? fragte er, plötzlich wieder ruhig werdend. — Ich haſſe Dich wie die Sünde! — Und doch liebteſt Du ſie einſt! — Ich verwünſche Dich wie jenen Tag, an welchem ich Dich zum erſten Male geſehen! — Es war eine ſchöne, unvergeßliche Nacht! — O wäre nie ein neuer Tag darauf gefolgt! — Sei mild, ſei barmherzig, meine Clelia! Vergönne dem treueſten Deiner Freunde wenigſtens den letzten Troſt. Gieb ihm einen Kuß des Abſchieds! — Des Abſchieds? Was ſoll dieß heißen? fragte Libusa tief erſchreckt. — Zittere nicht, dein Traum wird Wahrheit. Wir müſſen ſcheiden... ſcheiden auf ewig! — Vater im Himmel, wie wird mir? ſchrie ſie, plötzlich ſich entfärbend. — Erſchreck' nicht, Kind, Du biſt vergiftet! — Heilige Mutter Gottes, meine Ahnung.. — Sie hat Dich leid er nicht getäuſcht. Geſtern Nacht trankſt Du mein Gift. Schließe ab mit Deinem ſchönen Daſein! Du haſt nur eine Viertel⸗ ſtunde noch! Bete, fluche, ganz wie Du willſt! — Menſch, Du gabſt mir wirklich Gift 2 — Die letzten Tropfen meines koſtbaren Elirirs! 62 — Hilfe! Hilfe! ſchrie Libusa mit allen Zei⸗ chen des nahenden Todeskampfes! — Schreie nicht, ſchönes Kind! Welcher Teufel ſoll Dich hier hören? — Du, Elender, Du ſollſt mich hören! bat ſie, ermattend auf ihre beiden Kniee niederſinkend. Rette mich, Girolamo, rette mich! flehte ſie mit ringen⸗ den Händen. — Gräfin Clelia, es iſt zu ſpät! — Nein, nein, es iſt noch nicht ſpät. Rette die ſterbende Mutter Deines Kindes. — Sprich nicht ſo laut, ſchöne Maid! Wie leicht könnte man dieß hören. — Ich will, ich muß noch leben! ſchrie ſie mit Todesſchweiß auf der Stirne. Rette mich, noch iſt es Zeit! Ich will Dir Alles, Alles vergeben! Ich will Dich lieben, wie Dich nie ein Weib geliebt, mit den letzten Kräften meiner todesbangen Seele, flehte ſie, ſeine Kniee umklammernd. — Warum ſagteſt Du dieß nicht früher? Jetzt, mein Engel, iſt's zu ſpät! — Elender Betrüger! Undankbarer Schurke! Zweifacher Mörder! ſchrie Libusa, mit ihm und dem Tode ringend. — Stirb mit Anſtand, meine ſchöne Clelia! 63 Stirb muthig wie eine edle Römerin! Stirb nicht feig, wie eine Dirne! — Mörder meines Lebens, ich fluche Dir! — Was nützt Dir dieſes eitle Fluchen! Zeige Dich ſtark, mein ſchmuckes Mädchen. Vergiß nicht, wer Du biſt! — Du biſt der Auswurf der Menſchheit! — Du biſt die Nichte Cibo's! Vergeßt das nicht, Gräfin Clelia Buoncompagni. — Gerechter Heiland, meine Sinne ſchwinden mir! ſtöhnte Libusa, ſich wie ein zertretener Wurm im Staube windend. — Stirb nicht ſo feige, ſüßes Kind! Bald iſt das elende Gaukelſpiel vorüber, und ſtirbſt Du ſchön wie eine Römerin, dann will ich Dir Beifall klat⸗ ſchen und dir ſagen: Du haſt Deine Rolle gut geſpielt! — Gerechter Gott im Himmel, ich ſterbe! Das Gift wühlt in meinen Eingeweiden! — Bald wird Alles überſtanden ſein! ſagte Secotto, ſie mit der Ruhe eines Arztes betrachtend, der theilnamslos vor dem Schmerzenslager einer Sterbenden ſteht, um in ihren verzerrten Zügen, in ihrem brechenden Auge die letzten Zuckungen des 64 Lebens, das vergeblich mit dem Tode ringt, zu be⸗ obachten. — Der Tod ſchnürt mir die Kehle zu! ſtöhnte die Sterbende. — Mein Elixir thut redlich ſeine Schuldigkeit! — Großer Gott, vergieb mir meine Sünden! betete Libuda, die, noch immer auf den Knieen, ihr brechendes Auge zum Himmel erhob. — Kind, ich verkenne Dich! Die elende Todes⸗ furcht macht Dich fromm! — Der letzte Athemzug, der ſich meiner tief bereuenden Seele entringt, iſt ein Fluch auf das Haupt dieſes zweifachen Mörders, ein zehnfacher Fluch auf Girolamo— Scotto!!! Sein Name war ihr letztes Wort. Dann ſank ſie entſeelt zu Boden. Girolamo ſtand mit verſchränkten Armen ruhig vor dem ſchauerlichen Bilde. — Ein ſchöner Leichnam! ſagte er gelaſſen⸗ Nun habe ich Ruhe von ihr! Während dieſer unheimlichen Betrachtung ihres entſeelten Körpers tönte aus dem Innern des Ei⸗ ſenwerks das halb heitere, halb ernſte, von den Hammerſchlägen tactmäßig begleitete Trinklied der geſchäftigen Arbeiter zu ihm herauf: 65 „Kein Geld in der Taſche, Lump, Lump! Kein Wein in der Flaſche, Pump', pump'! Kein Ton in der Kehle, Rumm, rumm! Kein Muth in der Seele, Schrumm, ſchrumm! Ich armer geſchlagener Mann, Was fange, was fange ich an?“ Girolamo hörte das Lied und— ſchwieg. Er ſtand wie ein in Stein verwandeltes Bild thieriſcher Rache vor Libusens Leiche. Erſt nachdem auch die zweite Strophe jenes Rundgeſangs verklungen war, erwachte er aus ſeiner Erſtarrung und ſprach mit der ganzen Faſſung eines vollendeten Böſewichts: — Nun kommt die Reihe an mich! Fünftes Capitel. Neue Audienzen im Pferdeſtall. Kaiſer Rudolph, gegen Ende Juni 1600 ziem⸗ lich wohl und heiter von Pilſen nach dem Hradſchin zurückgekehrt, hatte gleich am Tage ſeiner Ankunft die Nachricht von dem urplötzlich erfolgten Tode der 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 5 66 Gräfin Clelia Buoncompagni erhalten. Dieſe Kunde war ſo unerwartet hereingebrochen, daß ſie ihn nicht wenig erſchreckt hatte. Sein Herz, das trotz aller Anflüge herber Sinnesart und ſchlimmer Launen von Natur aus ſanft und gefühlvoll war, begann im Stillen zu bereuen, daß er die von Einigen vewunderte, von Vielen beneidete, von den Meiſten gehaßte Frau, vier lange Jahre gefangen gehalten, und ſie trotz ihres wiederholten Bittens und Flehens immer abgewieſen und nicht begnadigt habe. Es quälte ihn der Gedanke, daß er die Mutter Don Cäſars ſo lange ihrer Freiheit beraubt, und daß ſie im Kerker geſtorben, ohne daß er ſie noch einmal wieder geſehen.— Ihr ſo urplötzlich erfolgtes Ableben er⸗ weckte aber bald den Verdacht in ihm, daß ſie keines natürlichen Todes geſtorben, ſondern allem Anſcheine nach als Opfer des Ueberdrußes ihres Mannes ge⸗ fallen ſei.. Und darum ward vom Kaiſer eine hierzu ei⸗ gends niedergeſetzte Commiſſion, an deren Spitze der uns bereits bekannte Rath der Appellation Ritter Wenzel Budowec von Budowa, ein Muſterbild un⸗ beugſam ſtrengen Gerechtigkeitsſinns ſtand, nach Pürglitz abgeſchickt, um dort die Leiche vom Doctor Jeſſenius, der ihn begleitete, öffnen zu laſſen und, 67 falls ſich Spuren eines künſtlich erzeugten Todes vorfänden, ſofort die ſtrengſte Unterſuchung gegen Clelia's Mitgefangenen und präſumtiven Urheber ihres Todes einzuleiten,„von Gottes und von Rechtes wegen. Während die Unterſuchungscommiſſion ſich nach Pürglitz begab, verfügte ſich der Kaiſer, deſſen Schmermuth, nachdem er jenen Befehl ertheilt, ſich auffallend abgekühlt und allmälig ganz beruhigt hotte, in ſeine prachtgeſchmückten Pferdeſtälle, um dort nach neunmonatlicher Abweſenheit ſich von dem Wohlbefinden mancher Pferde, die zurückgeblie⸗ ben waren, zu überzeugen. Im Marſtalle hatte ſich nichts geändert. Nur die Eine der drei Schimmelſtuten, die vor vier Jah⸗ ren Clelia geheißen, war vom Kaiſer bald nach der Gefangenſetzung jener Frau, die dieſen Namen trug, umgetauft und ſeit jener Zeit zu Ehren jener engliſchen Jungfrau, deren Dichtertalent Prags Mu⸗ ſenhof bewunderte, nie anders als Weſtonia“ ge⸗ nannt worden. Alles Andere befand ſich im alten Statu quv. Gegen die Mittagsſtunde geruhte hier Seine Kaiſerliche Majeſtät die von ſeint Vertrauten 5* 68 Johann von Aachen begünſtigten und durch ihn an⸗ gemeldeten Beſuche an⸗ und aufzunehmen. Der Erſte, der ihm heute angemeldet wurde, war ein weiblicher Beſuch. — Miß Eliſabeth Jane Weſton! — Unſere engliſch⸗lateiniſche Dichterin, die eben ſo gut deutſch als böhmiſch, eben ſo gewandt ita⸗ lieniſch als engliſch ſpricht und lateiniſche Verſe macht, ſagte der Monarch. Den Muſen gegenuber hat ſich der Sohn des zweiten Marmilian nie verläugnen laſſen. Eile, Freund Johann, die Dame einzuführen. Die Eintretende machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. — Welcher günſtige Zufall, fragte Rudolph mit ritterlicher Galanterie, führt Albions keuſche Muſe, den Schützling des reichen Peter Wok von Roſenberg, zum armen Könige von Böhmen? — Gnädigſter Herr, vor drei Jahren ſtarb mein Vater. Er hinterließ eine trauernde Witwe, einen Knaben und ein Mädchen und beträchtliche Schulden zurück, in die ihn unverſchuldetes Unglück hingeſtürzt. Seine Gläubiger drangen auf Bezahlung. Meine Mutter verkaufte Haus und Gut, das mein Vater in Bruͤx käuflich an ſich gebracht, rettete ſeine 69 Ehre und begab ſich mit mir nach Prag, um bei Kaiſer Rudolph dem Gerechten Schutz zu ſuchen. — Schutz zu ſuchen? Gegen wen? — Gegen die Gläubiger meines Vaters, die meiner Mutter den Ueberreſt deſſen, was ſie aus dem Verkaufe unſeres Hauſes, unſeres Gutes ge⸗ löſ't hatten, ſeit Jahren widerrechtlich vorenthalten. — Und was verlangt Ihr von Uns? — Nichts als einen Act der Gerechtigkeit, Majeſtät. — Sie ſoll Euch werden, Muſe Albions. Wir wollen unſeren Oberſtlandrichter Adam von Stern⸗ berg mit der Unterſuchung Eurer Beſchwerde beauf⸗ tragen und findet Er ſie begründet, Euch gern zu Eurem Recht verhelfen.*) Dieſer Proceß, berichtet Pelzel, wurde aber ſo in die Länge gezogen, daß er im Jahre 1603 noch nicht zu Ende war. Zwei Jahre zuvor war Eliſabeth Weſton von Paul Meliſſus dem Könige der Dichter“ jener Zeit mit dem poetiſchen Lorbeerktanze gekrönt worden. Nach beendigtem Proceſſe vermählte ſie ſich mit dem Rechtsgelehrten und kaiſerlichen Agenten Johannes Leo und ſtarb in ziemlich günſtigen Umſtänden am 23. November 1612 im dreißigſten Jahre ihres ziemlich bewegten Lebens. Ihre ſterbliche Hülle ruht im Kreuz⸗ 70 6 — Die Tochter dankt im Namen der Mutter. — Apoll möge der Tochter auch fernerhin hold und gewogen bleiben, ſprach der Kaiſer, der erfreut zu ſein ſchien, die ſchüchterne Muſe, die ſich unter die Flügel ſeines Schutzes geflüchtet, etwas beruhigt zu haben. Gleich nachher ward Doctor Guarinon ange⸗ meldet. — Wir haben Euch lange nicht geſehen! ſagte der Kaiſer, ſeinem Leibarzte huldvoll die Hand reichend. — Seit meiner Rückkehr aus Rom, wo mir das Glück beſchieden war, den heiligen Vater Cle⸗ mens VIII. mittelſt des von mir erfundenen Lebens⸗ Elirirs aus den Banden einer ſchweren Todeskrank⸗ heit zu befreien, iſt jede Faſer meines raſtlos an⸗ geſtrengten Geiſtes Tage und Nächte hindurch mit der Abfaſſung eines neuen Werkes beſchäftigt, wel⸗ ches ich bei meiner Anweſenheit in Loretv meiner erhabenſten Beſchützerin, die jenes Elixir mir im gange des Auguſtinerkloſters zu Prag. Ihre Gedichte, die ſie überlebt haben, erſchienen zuerſt in Frankfurt an der Oder 1602, in Prag 1606, in Leipzig 1609, in Amſterdam 1712, und zuletzt in Frankfurt am Main 1723. 71 Traume eingegeben, und ihrem dort in ehrwürdigem Dunkel prangenden Bilde als Act ewiger Dank⸗ barkeit zuzueignen gelobt habe. — Ihr wollt Euer Buch der Mutter Gottes, der gebenedeiten Jungfrau Maria widmen? — Wenn mein kaiſerlicher Herr und Gebieter nicht dagegen iſt. — Ganz und gar nicht, alter Freund! Ihr ſelber wißt es ja, daß in ganz Böhmen, ja vielleicht auf der ganzen Erde, kein heißerer Anbeter, kein treuerer Verehrer der heiligen Jungfrau lebt, als Kaiſer Rudolph. Doch wovon handelt Euer gelehr⸗ tes Werk? — Von den Bewegungen des menſchlichen Pulſes. Mittelſt jahrelanger Beobachtungen am Bette meiner zahlloſen Kranken zu Verona und Prag iſt es mir endlich gelungen, ein vergleichendes Syſtem zwiſchen dem Zeit⸗ maaße der Pulsſchläge und den Rhythmen der muſi⸗ kaliſchen Kunſt und gleichzeitig eine unter ſich eor⸗ reſpondirende Scala der verſchiedenen Tonarten des Pulſes und der Muſik aufzufinden. — Dieſe Idee iſt wenigſtens originell. Habt die Güte, ſie mir näher zu entwickeln. — Wie die Töne der Muſik theile ich die menſch⸗ lichen Pulsſchläge in Dur- und Moll- Pulſe, in 22 harte und weiche Pulſe und jede dieſer zwei Klaſſen in zwölf Tonarten. Der Grundton des normalen Pulſes iſt der Cdur-Puls. Außer dieſen vierund⸗ zwanzig verſchiedenen Pulstonarten habe ich mich be⸗ müht, das Zeitmaaß und die verſchiedenen Intervallen der Pulſes nach mufikaliſchen Rhythmen zu beſtimmen. Mit Letzteren aber bin ich leider noch nicht ganz im Reinen. Tagtäglich mache ich neue Entdeckungen und erſt geſtern bin ich ſo glücklich geweſen, bei einem alten Weibe auf der Kleinſeite, der im Sterben lie⸗ genden Frau des Handſchuhmachers Jaromir, einen mir bis dahin unbekannt gebliebenen Pulstact, einen Pulsus myurus oder mäuſeſchwanzähnlichen Puls zu entdecken. — Beſchreibt mir gefälligſt dieſe nagelneue Sorte. — Der mäuſeſchwanzähnliche Puls iſt jener, bei welchem der erſte Schlag der ſtärkſte und jeder nächſtfolgende immer ſchwächer als der vorherge⸗ gangene iſt. — Und wie geruht Ihr meinen Puls zu nennen?“ fragte der kaiſerliche Hypochonder, ſeinem hyperge⸗ lehrten Aesculap den Arm zur Betaſtung hinhaltend. Guarinonius prüfte den Puls des Kaiſers. End⸗ lich ſagte er: 73 — Euer Majeſtät hat einen Pulsus caprizans. — Und welche Sorte verſteht Ihr darunter? — Zene hüpfende Gattung, bei welcher ſich abwechſelnd ein Schlag ſchwach und der andere ſtär⸗ ker hör⸗ und fühlbar macht. — Und iſt dieſer Puls, den Eure Finger hö⸗ ren, ein gutes oder ſchlimmes Zeichen? fragte der Kaiſer, um nichts ſo ſehr als um den Zuſtand ſeiner Geſundheit beſorgt. — Es iſt ein Zeichen nicht ganz geregelter Verdauung. — Ihr habt Recht, mein ſcharfſinniger Doectvr. Ich habe ſeit geſtern keinen Appetit. — Die Nachricht von dem Tode der Gräfin Clelia hat Euch ein wenig alterirt. — Ich gebe es zu; doch was ſoll ich thun? — Nehmt heute Nacht, vor dem Schlafengehen, zwei Tropfen meines Elirirs und ſchon morgen, gnä⸗ digſter Herr, wird der Magen Eurer kaiſerl. Majeſtät wieder ſo geſund als Eures ganz unterthänigſten Leibarztes ſein. — Erlaubt Eurem Freunde eine neugierige Frage. Wie alt ſeid Ihr? — Ich habe unlängſt den Rubicon des eilften 74 Climacteriums überſchritten, und gehe jetzt in's acht⸗ undſiebenzigſte Jahr. — Und hofft Ihr noch lange zu leben? — Gnädigſter Herr, ich gedenke gar nie zu ſterben, ſondern hier in Fülle der Geſundheit den Untergang der Welt und das Gericht des jüngſten Tages ruhig abzuwarten... — Und das Alles einzig und allein mit Hilfe Eures Elixirs... — Das ich der Eingebung des heiligen Mut⸗ tergottesbildes zu Loreto verdanke. — Ihr ſeid ein großer, unſterblicher Arzt. Er⸗ laubt, daß Euer Kaiſer, dem Ihr ſeit Jahren ein treu bewährter Diener ſeid, Euch hiermit zum Poc- tor elixirabilis ernennt. — Ich nehme dankbar jeden Titel an, geſtand Guarinon, verbeugte ſich tief und trat ſeinen Rück⸗ zug an. — Doctor Longomontanus! meldete Johann von Aachen. — Auch er iſt willkommen! ſagte der Kaiſer. Chriſtiern Lomborg oder Longbierg, lateiniſch Longomontanus genannt, war(1562 auf dem Dorfe Lomborg in Jütland geboren) ſeinem Lehrer Tycho de Brahe nach Böhmen gefolgt, um ſich unter deſſen 75 Anleitung mehr und mehr in der Aſtronomie auszu⸗ bilden. Nach einem dreizehnmonatlichen Aufenthalte zu Benätek und Prag hatte der jütländiſche Matbe⸗ matikus den Beſchluß gefaßt, einem Rufe nach Wi⸗ borg zu folgen. — Was führt Euch zu Uns? fragte Rudolph, der den Grund von deſſen Kommen ſchon zu wiſſen ſchien. — Ich komme, mich bei Ew. Majeſtät zu ver⸗ abſchieden. — Gefällt's Euch ſo wenig an Unſerem Hofe und in der Hauptſtadt Unſeres Reiches, daß Ihr ſo ſchnell ſchon Uns verlaſſen wollt? — Ich ſchäme mich nicht, Ew. Majeſtät frei und unumwunden zu geſtehen, daß trotz aller Huld, die Eure kaiſerliche Güte mir wie jedem Eurer Die⸗ ner angedeihen läßt, ich Eines doch vermiſſe. — Und wie nennt Ihr dieſes Eine2 — Den Boden meiner Heimath. Nur das bange Gefühl des Heimwehs treibt mich, früher als ich es ſelbſt gewünſcht, nach Dänemark zurück. — Ihr folget einem Rufe nach Wiborg... — Um das Rectorat der dortigen Schule zu übernehmen. — Doch was ſagt Euer Meiſter, unſer gemein⸗ 76 ſchaftlicher Freund, der kaiſerliche Rath Tycho de Brahe, zu dieſem vielleicht etwas allzuraſchgefaßten Entſchluß2 — Er wünſcht mir herzlich Glück dazu. — Das wünſche auch ich Euch, ob ich gleich durchaus nicht läugne, daß ich es gern geſehen, hät⸗ tet Ihr noch länger an Unſerem Hofe verweilt; denn nicht jeder Däne iſt ſo beſcheiden und anſpruchslos, ſo treu und bieder als Meiſter Chriſtiern Lomborg. — Ich ſcheide mit ſchwerem Herzen, weil ich weiß, wie viel ich an Euch und Eurem großherzigen Schutze verliere; aber das Vaterland ruft... — Und Ihr folgt dieſem ſchönen Rufe. Ich kann es Euch nicht verübeln; doch führt Euch je⸗ mals Euer Weg nach dem deutſchen Reiche zurück, dann vergeßt nicht, gelehrter Freund, daß Ihr im Herzen des ſchönen Böhmerlandes Einen Freund zu⸗ rückgelaſſen, der an Eurem Schickſal, wohin es Euch auch führen mag, immer und überall warmen Antheil nehmen wird. — Gott ſchütze und beſchirme Ew. Majeſtät! — Und mein liebes, ſchönes, herrliches Prag! fügte Rudolph hinzu und reichte dem Scheidenden die väterliche Hand zum Abſchiede. 77 Longomontanus küßte ſie und ſchied tiefbewegt.*) — Doctor Jacobus Typotius! meldete der Maler. Auch das Leben dieſes Mannes iſt ſo inter⸗ eſſant, daß eine flüchtige Skizze deſſelben uns wohl vergönnt ſein wird. Jacques Typot, ein niederländiſcher Rechtsge⸗ lehrter aus Dieſt, war, nachdem er die berühmteſten Hochſchulen Europa's beſucht und in Padua und Bologna die Rechte ſtudirt hatte, von Sigis⸗ mund III., König von Schweden und Polen, als kö⸗ niglicher Rath nach Stockholm berufen und dort all⸗ mälig zu ſo großem Anſehen emporgeſtiegen, daß er ſich durch ſeine glänzende Laufbahn den Neid vieler Großen und unter dieſen auch Mißgunſt und Haß des ſchwediſchen Feldmarſchalls und Reichsgrafen Pon⸗ tus de la Gardie zuzog. Nachdem der Mann aus Brabant eine Geſchichte des ſchwediſchen Reiches ge⸗ ſchrieben und darin weder ſeinen mächtigen Gegner noch den König ſelbſt geſchont, war er dieſes Buches wegen— in jener alten Zeit nichts Neues!— zum Er ſtarb am 8. Oktober 1647 als Profeſſor der Ma⸗ thematik zu Kopenhagen. Tode verurtheilt, und nur durch Fürbitte ſeines Bru⸗ ders Matthias, welcher als Leibarzt des Königs großen Einfluß beſaß, dahin begnadigt worden, daß man ihn nach zehnjähriger Gefangenſchaft aus Schwe⸗ den verwies. Im Jahre 1595 hatte er ſich von dort nach Deutſchland begeben, ſich in Würzburg niedergelaſſen, dort zwei höchſt tiefgedachte Werke De fortuna“ und De fato“ herausgegeben, und in Folge dieſer beiden Arbeiten einen Ruf nach Prag erhalten, wo er von Rudolph als kaiſerlicher Hiſto⸗ riograph mit einem Jahrgehalte von dreitauſend Gulden angeſtellt worden war; ein Beweis, daß der Sohn Marmilians jedes Verdienſt im vollen Werthe zu würdigen verſtand und in ſolchen Fällen mit ſei⸗ nem Gelde nicht zu geizen pflegte. Weil Typot aber in Schweden zur Strafe verurtheilt war, geköpft zu werden, nannte der Kaiſer ſcherzend ihn nie anders als den Geköpften. Der Hiſtoriograph des Kaiſers war gekommen, um das erſte Exemplar des erſten Theiles ſeiner erſt kurz vorher erſchienenen Symbola divina et humana, eine Sammlung der Denk⸗ und Sinnſprüche der Päpſte, Kaiſer und Könige, ein Prachtwerk, zu wel⸗ chem Gilles Sadeler die Embleme höchſt ſauber in Kupfer geſtochen, Seiner kaiſerlichen Majeſtät, unter 79 deren Aegide dieſes Werk herausgekommen war, pflichtſchuldigſt zu Füßen zu legen. Nachdem Rudolph ein Weilchen darin umher⸗ geblättert und ſeine eigene Deviſe aufgeſucht hatte, fragte er, anſcheinend befriedigt durch den Inhalt des erſten Bandes: — Und wann erſcheint der zweite Theil? — Er iſt bereits unter der Preſſe. — Und wenn Ihr damit fertig ſeid? — Beginne ich die Geſchichte Kaiſer Rudolphs. — Dazu habe ich Euch aus Würzburg ver⸗ ſchrieben. Ich habe mir abſichtlich einen geköpften Geſchichtsſchreiber gewählt, weil ich dabei vorausſah, daß gebrannte Kinder das Feuer ſcheuen, daß Ihr bei Abfaſſung der Geſchichte meines Reiches wenig⸗ ſtens etwas vorſichtiger als in Schweden verfahren und Euch nicht der Gefahr ausſetzen werdet, zum zweiten Male Euren Kopf zu verlieren. — Das glorreiche Leben Ew. Majeſtät überhebt mich dieſer Gefahr. — Scherz bei Seite, Meiſter Jacques Typot. Schreibt Ihr die Geſchichte meines Lebens, ſo ſeid vor allen Dingen wahr und unparteilich.„Stellt meine guten Eigenſchaften in das rechte Licht, ſeid aber darum nicht blind für meine Fehler. Gebt Euch auch keine 80 Mühe ſie zu bemänteln. Denn die Fehler der Fürſten laſſen ſich nicht ſo leicht wie jene des erſten beſten Privatmanns verheimlichen. Schont mich nicht; ver⸗ läumdet mich nicht. Seid gerecht und wahr. Das iſt alles, was ich verlange! — Ich ſage mit Horaz: „Semper honos nomenque Tuum laudesque manebunt.“ — Bringt mir bald auch den zweiten Theil, dann ſollt Ihr und Euer Mitarbeiter Sadeler gebüh⸗ rend dafür belohnt werden. Geht mit Luſt an Eure Arbeit. Der Lohn dafür ſoll nicht ausbleiben! Der Hiſtoriograph des Reiches entfernte ſich. Bald darauf wird Johannes Kepler angemeldet. Dieſer Mann, geboren 1571 zu Weil in Würtem⸗ berg von adeliger, durch Schulden heruntergekom⸗ mener Familie, hatte zu Tübingen Aſtronomie ſtu⸗ dirt und 1594 einen Ruf nach Grätz als Profeſſor der Mathematik und Moral angenommen; aber, ſei⸗ ner Religion wegen(Kepler war Proteſtant) ange⸗ feindet, ſich, vier Jahre darauf, nach Ungarn bege⸗ ben. Von dort hatten ihn die ſteiermärkiſchen Stände wieder nach Grätz zurückberufen. Hier war er bis zum Anfange des Jahres 1600 geblieben und dann nach Prag gekommen, um mit ſeinem Gönner und Freunde 81 Tycho de Brahe, mit welchem er im Briefwechſel geſtanden, die ſogenannten Rudolphiniſchen Tafeln auszuarbeiten*). — Ihr ſeid ein ſeltener, doch darum doppelt gern geſehener Gaſt, ſagte Rudolph, den ehrerbie⸗ tigen Gruß des Eintretenden mit huldvoller Herab⸗ laſſung erwidernd. — Die mir lieb gewordene Arbeit, Majeſtät, nimmt meine Zeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ich ganze Tage, ganze Nächte im Himmel mitten unter den Sternen verweile und nur höchſt ſelten unter Menſchen komme. Doch darum ſchreitet das Werk unſerer gemeinſchaftlichen Arbeit raſcher vorwärts, als wir ſelber es gehofft haben. Die Vollendung der Rudolphiniſchen Tafeln wird den Namen ihres kaiſerlichen Mitarbeiters und Beſchützers unſterblich machen. — Ich bitte Euch, beſchaämt mich nicht. Ihr borgt Eurer Arbeit einen Namen, der zu dem hohen Werthe derſelben leider nur ſehr wenig beigetragen hat. Dem beruͤhmten Meiſter Tycho und ſeinem nicht 5) Die Rudolphiniſchen Tafeln waren Tabellen zur Be⸗ rechnung des Laufes der Himmelskörper. 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 82 minder großen Jünger Johannes gebührt der Ruhm jener gelehrten Forſchungen. Ich ſonne mich in den Strahlen fremden Glanzes wie die kleine Erde in dem Lichte der großen Sonne, die erleuchtend und erwärmend ſie umkreiſt. — Ihr nennt Euch die kleine Erde. Ich räum' es darum ein, weil dieſe ſchöne Erde der große Mittelpunct des ganzen Weltalls iſt. — Meiſter, ich liebe in Euch den Rechner, nicht den Schmeichler. Ueberlaßt die Kunſt der Letztern Jenen, die nichts Beſſeres verſtehen. Ihr aber ſteht zu hoch, um Euch zum Schmeichler zu erniedrigen. Sprecht, Meiſter, habt Ihr ſeitdem etwas Neues entdeckt? — Ich habe die Bahn eines alten, zuletzt 1531 erſchienenen, Kometen berechnet und gefunden, daß nach je 75— 77 Jahren derſelbe ſtets auf's Neue wiederkehren wird, zuerſt im Jahre 1607, dann 1682, dann 1759, dann 1836 und ſo fort, wenn anders meine Rechnung mich nicht trügt. — Vielleicht erleb' ich deſſen erſte Wiederkehr! — Das wünſchet Jeder, der Euch kennt und liebt. — Ihr beſchäftigt Euch auch mit Sterndeu⸗ tung. Glaubt Ihr, wie Meiſter Tycho, daß das 83 Erſcheinen eines Kometen die Vorbebeutung großer, meiſt trauriger Ereigniſſe ſei? — Ich erlaube mir daran zu zweifeln. — Aus welchem Grunde? fragte der Kaiſer. — Derſelbe Komet, der 44 Jahre vor Chriſti Geburt bei Julius Cäſars Leichenzuge bei hellem Tage ſoll geſehen worden ſein, iſt nach einer Um⸗ laufszeit von 575 Jahren ſeitdem ſchon zweimal — 531 und 1106— erſchienen, ohne daß er, ſo⸗ viel mir bekannt, Vorherverkünder oder Zeuge des Leichenzuges eines neuen Cäſars war. — Und wann ſoll derſelbe Komet zum dritten Male wiederkehren? — Im Jahre 1680, erwiderte der Aſtronom. — Dann leben wir längſt nicht mehr! rief Rudolph beruhigt. Geht nun mit Gott, Meiſter Jo⸗ hann, und laßt es Euch an meinem Hofe ſo gut gefallen, als ich's wünſche, ſprach der Monarch und entließ ſeinen gelehrten Gaſt, mit welchem er ſich gern noch länger unterhalten, wäre am Eingange des Marſtalls der Ceremonienmeiſter nicht mit einer neuen Anmeldung erſchienen: — Die Gräfin Maria Magdalena. — Sie iſt uns zu jeder Zeit willkommen! ſprach der Kaiſer. 6* 84 Und in dem Aungenblicke, als Kepler den Kai⸗ ſer verließ, trat Gräfin Maria im ganzen Zauber ihrer Schönheit, im Strahlenglanze der reizendſten Toilette ein. — Guten Morgen, meine ſchöne wunderholde Gräfin, ſprach Rudolph, ganz entzückt über das un⸗ erwartete Erſcheinen ſeiner eben ſo pikanten als geiſtreichen Freundin. Iſt's erlaubt zu fragen, was die ſchönſte Dame meines Hofes zum erſten Male in die Wohnung meiner Pferde führt? — Eine plötzliche Laune, ein Einfall, gnädig⸗ ſter Herr. — Und darf man dieſen Einfall wiſſen? — Ich las geſtern Nacht, als ich ſchlaflos meinen Gedanken— brauch' ich zu ſagen wohl, an wen?— Audienz ertheilte, ein ziemlich altes Werk: „Arrests d'amour“ von Martial d'Auvergne. Das Buch, gedruckt zu Paris im Jahre 1541, enthält, wie Ew. Majeſtät gewiß bekannt ſein wird, die Rechtsausſprüche der alten„Cours d'amours“ oder Minnehöfe, die zuerſt am ritterlichen Hofe der Gra⸗ fen von Provence zu Toulvuſe entſtanden ſind. Die⸗ ſer hochpoetiſche Gedanke gefiel mir ſo gut, daß ich ſogleich beſchloß, hier am Hofe des nicht min⸗ der ritterlichen Enkels König Theuerdanks, einen 85 jenen altfranzöſiſchen Liebes⸗ Parlamenten ähnlichen Gerichtshof— natürlich nur mit huldreicher Ge⸗ nehmigung Ew. kaiſerlichen Majeſtät— in's Leben zu rufen. — Was Euch gefällt, gefällt auch mir! geſtand der minnekundige Monarch. — Ich war ſo unbeſcheiden, mir dieß gleich zu denken und habe bereits— jedoch wiederum nur mit Eurer allergnädigſten Erlaubniß— als Kanzle⸗ rin, zu der ich eigenmächtig mich ſelbſt gemacht, vor⸗ läufig die erſten vier Mitglieder dieſes Parlamento d'amore ernannt... — Und die Namen jener vier Mitglieder? — Iſolde, Gemahlin Ritter Burkhards von Berlichingen, Giovannina Barbice, die Nichte Eures piemonteſiſchen Geheimſchreibers, Eliſabeth Weſton, die Muſe Albions, und viertens.. ſagte die Grä⸗ fin ſich plötzlich unterbrechend. — Ich kann es mir wohl denken„ meinte Rudolph. — Eva von Lobkowie! ergänzte die Gräfin. — Ihr ſcheint die Tochter meines Feindes ſehr zu lieben? — Und warum ſollte ich es läugnen? Ver⸗ danke ich's doch hauptſächlich ihr, daß meine ſchwer 86 gekränkte Ehre durch die Huld Ew. Majeſtät ſo glänzende Genugthuung erhalten hat. — Euer Wille, Gräfin, iſt auch der Meine. Ich beſtätige die Mitglieder Eures hohen Parla⸗ ments. Doch geruhet, hohe Kanzlerin, mir zu ſagen, wo Ihr die Sitzungen Eures erlauchten Gerichts⸗ hofes zu eröffnen gedenkt? — Mit Ew. kaiſerlichen Genehmigung in mei⸗ ner Wohnung. — Und wann? — Gäb's wohl einen ſchönern Tag für mich, als der 18. Juli. — Mein Geburtstag? fragte Rudolph tief geſchmeichelt. — Iſt er doch fuͤr jeden Böhmen ein Tag des frohſten Feſtes. Warum ſollte er dieß nicht auch für Magdalenen ſein? — Ihyr ſeid ſo lieb, ſo gut! — Ihr, Majeſtät, ſeid noch viel beſſer. Und weil Ihr mir einmal geſtattet habt, den Namen Eva in Euer Gedächtniß zurückzurufen, ſo gewährt mir, gnädigſter Herr, gleichſam zur Vorfeier Eures Ge⸗ burtsfeſtes eine Bitte.. — Und worin, Gräfin, beſteht dieſe Bitte? 87 — Geruhet Eurer treuen Dienerin anzuvertrauen, wo Eva's Vater iſt. — Das kann, das darf ich nicht! — Der Kaiſer darf, was er will! — Nur nicht ein heiliges Gelübde brechen! Schon lange hätte ich Eurem Wunſche nachgegeben und jenes Geheimniß Euch anvertraut; aber ſagte ich's Euch nicht ſchon einmal, daß ein Schwur mir meine Zunge bindet? — Dann mag ich nicht mehr in Euch dringen, gnädigſter Herr, es mir zu ſagen. Wie aber, wenn ich mit Hilfe eines Andern erfahre. .— Dann werdet Ihr es treu bewahren! — Der kaiſerliche Rath Tycho de Brahe! mel⸗ dete der Ceremonienmeiſter. — Der kommt jetzt wie gerufen! dachte die Gräfin bei ſich. — Er kommt zu einer ungelegenen Stunde. Sage ihm, Johann, daß Kaiſer Rudolph.. — Einen Mann ſeines Namens unmöglich abweiſen kann, wagte beherzt Magdalena zu ergänzen. — Ihr glaubt alſo wirklich, daß es meine Pflicht ſei.. — Seinen Beſuch in Huld und Gnaden an⸗ zunehmen. 88 — Gut, Gräfin, dann ſoll er kommen! Magdalena drückte dankend ſeine Hand. — Willkommen, Ritter Tycho, was bringt Ihr Eurem alten Freunde? — Den von Euch gewünſchten Jahrgang eines meiner alten auf Huen gedruckten Kalender, in wel⸗ chem die zweiunddreißig Unglückstage des Jahres aufgezeichnet ſind. — Ich bin geſpannt, ſie kennen zu lernen, um mich an jedem dieſer Tage mehr als an jedem an⸗ dern in Acht zu nehmen. Gebt mir, Freund, den kleinen Propheten, ſagte Rudolph, auf den Almanach zeigend, den der Verfaſſer deſſelben noch in ſeinen Händen hielt. — Gnädigſter Herr, hier iſt das kleine Buch! ſprach der kaiſerliche Rath, es in die Hand des Monarchen legend. — Darf ich es behalten? fragte Rudolph. — Es iſt das letzte Eremplar, entgegnete Tycho. — Dann mag ich Euch nicht berauben. — Erlaubt mir, gnädigſter Herr, jene zweiund⸗ dreißig Tage für Euch abzuſchreiben, bat Magdalena. — Glaubt auch Ihr, Gräfin, an Prophezei⸗ hungen? — Ich glaube an Alles, was ein ſo berühmter 89 Sternkundiger wie Ritter Brahe ſagt, geſtand die Gräfin mit jenem einnehmenden Lächeln, dem Niemand und am allerwenigſten ein ſo zärtlicher Bewunderer des ſchönen Geſchlechts, wie Meiſter Tycho, zu wider⸗ ſtehen vermochte. — Gräfin Magdalena iſt allzu gütig, ſagte der eitle Mann mit der ſilbernen Naſe. — Weiß doch die ganze Welt, fuhr die ſchlaue Schmeichlerin fort, daß der König der Aſtronomen eben ſo geläufig und richtig im geheimnißvollen Buche der Geſtirne als in den Augen der Sterbli⸗ chen zu leſen verſteht. — In der That, Ihr beſchämt mich, ſagte der kaiſerliche Rath tief geſchmeichelt, weil„Astro- nomorum princeps gerade jener Schmeichelname war, auf welchen ſeine Eitelkeit den meiſten Werth zu le⸗ gen ſchien. Das wußte Magdalena und darum nannte ſie ihn gerade ſo und nicht anders. — Ich laſſe, fuhr ſie ſchmeichelnd fort, Eurem tiefen Wiſſen, Eurer hohen Weisheit nur Gerechtig⸗ keit widerfahren, und um Euch zu überzeugen, wel⸗ chen Werth ich auf die ſeltene Gabe Eures Weiſſa⸗ gungs⸗Vermögens lege, will ich mit Eurer gütigen Erlaubniß es alſogleich in Gegenwart unſeres erha⸗ 90 benen Kaiſers, der bisweilen noch daran zu zweifeln ſcheint, auf eine ſchwierige Probe ſtellen. — Was wünſchet Ihr durch mich zu wiſſen? fragte Tycho, der ſich gekränkt zu fühlen ſchien, daß der Kaiſer, wie die Gräfin abſichtlich bemerkt hatte, an deſſen Prophezeihungsgabe noch zu zweifeln ſchien. — Ich wünſche durch Euch Etwas zu erfahren, was außer Seiner Majeſtät Niemand an deſſen Hofe weiß.. — Gräfin, unterbrach ſie Rudolph ein wenig erſchreckt; Ihr wollt ihm ein Geheimniß entlocken.. — Das er in den Sternen geleſen? Und warum nicht, mein erhabener Monarch? Glaubt Ihr, daß Ritter Brahe es nicht weiß? Beweiſet Seiner kaiſerlichen Majeſtät das Gegentheil dadurch, daß Ihr mir— ſogleich, wenn ich Euch bitten darf!— eine kleine Frage zu beantworten geruht. — Schöne Gräfin, geruhet dreiſt zu fragen. — Wo iſt jetzt Georg von Lobkowic? fragte Magdalena. — Darf ich's ſagen? fragte Tycho den Kaiſer. — Ich ſage nicht Ja, nicht Nein. Thut, Ritter, was Euch beliebt, ſprach Rudolph, etwas un⸗ wirſch, daß die Gräfin dieſe Liſt gebraucht hatte, um das große Staatsgeheimniß zu erforſchen. 92 — Nun wohlan, Gräfin, dann will ich Euch ſagen, was Euer dienſtwilliger Bewunderer darüber im Buche der Geſtirne geleſen hat; der ehemalige Oberſthofmeiſter, der ſeit Jahren auf der ſchleſiſchen Feſtung Glatz gefangen ſaß, iſt vor acht Tagen von dort nach Elbogen zurückgebracht. — Ritter Brahe, iſt dieß wirklich wahr? fragte Magdalena. — Die Sterne des nächtlichen Himmels, holde Gräfin, lügen eben ſo wenig als die Sterne Eurer Augen, die der Abglanz Jener ſind, ſagte der galante Prophet. — Ritter Brahe iſt ein arger Verräther, ſprach der Kaiſer. — Ich bin ein treuer Diener meines Herrn! entgegnete Tycho. — Ja, ja, Rath, das ſeid Ihr! Und gerade dadurch habt Ihr es bewieſen. Und wollt Ihr Eure Schuldnerin zu noch größerem Dank verpflichten, dann vereinigt jetzt Eure Bitte mit der Meinigen. Bittet Euren großen Herrn und Kaiſer, mir, einer nicht minder treuen Dienerin als Ihr es ſeid, eine Huld zu gewähren. — Und worin beſteht dieſe Huld? fragte der Kaiſer. 92 — Geſtattet mir, mit Eva von Lobkowie noch heute nach Elbogen zu eilen. 2 — Wozu, meine ſchlaue Dame? fragte Rudolph. — Um der unſchuldigen Tochter den längſt erſehnten Troſt zu gönnen, den heißgeliebten Vater nach ſechs ewig langen Jahren bitterer Trennung wenigſtens in den Mauern ſeines Gefängniſſes wie⸗ derſehen zu dürfen, ſagte die Gräfin, die ſich zu den Füßen des Kaiſers warf, der durch dieſen erhabenen Zug hochherziger Freundſchaft mehr gerührt als je⸗ mals war. — Erhebt Euch, meine ſchöne, liebenswürdige Freundin, bat Rudolf. — Nicht eher, gnädigſter Herr, bis Ihr meine kühnſte Bitte huldreich mir gewährt. — Was ſagt Ihr dazu, Ritter Brahe? fragte Rudolph, der trotz aller Rührung noch immer unent⸗ ſchloſſen war. Leſ't Ihr in Euren Sternen, daß ich die Bitte der ſchlauen Dame, die zu meinen Füßen liegt, ohne Gefahr für den Staat und für meine eigene Sicherheit ihr gewähren darf? — Majeſtät, Ihr dürft es ungefährdet wagen! — Wer aber bürgt mir dafür, fragte der miß⸗ trauiſche Monarch, daß man den Verräther mir nicht entführen will? 93 — Ich ſelber bürge Euch dafür, betheuerte die Gräfin, mit meinem Wort, mit meiner Ehre! — Dieſe Bürgſchaft, Gräfin, nehme ich an. Erhebt Euch, meine holde, ſchlaue Freundin! Eure Bitte ſei Euch gewährt unter der Bedingung, daß Ihr auch für die Rückkehr ſeiner Tochter Euch verbürgt! — Auch dieſes, Herr, gelob' ich Euch! rief Magdalena, ſich erhebend und dankerfüllt und freude⸗ ſtrahlend ſeine Hand an ihre Lippen ziehend. Nun iſt mein ſchönſter Wunſch erfüllt. Nun eil' ich fro⸗ hen Herzens fort. — Wohin? Wohin? fragte Rudolph freudig bewegt. — Zu ihr! Zu ihr! jubelte Magdbalena und eilte fort. — Welch' ein Weib! rief der Kaiſer. — Ein Weib, das mir gefallen könnte! be⸗ kannte Tycho. — Meint Ihr wirklich? So klug wie Ritter Brahe iſt in dieſem Puncte Mancher meines Ho⸗ fes, der um die Liebe dieſes Engels mich beneidet. Was aber ſagen Eure vertrauten Sterne? — Sie ſagen mir, daß die Namen dieſer bei⸗ den Böhminnen, verbunden durch das Band ſo 94 ſeltener, edler, uneigennütziger Freundſchaft, würdig ſind, von heute an am Firmamente meiner Himmels⸗ kugel an die Stelle Caſtors und Pollur zu treten und dort wenigſtens ſo lange zu glänzen, bis es dem Forſcherblicke Eures Dieners gelingt, am geſtirnten Himmel ſelbſt ein neues Dioscurenpaar aufzufinden und die Namen Magdalena und Eva unter die Zahl der von mir entdeckten Sterne zu verſetzen. — Ich danke Euch, mein treuer Rath. Ihr habt durch die Entdeckung jenes Geheimniſſes einen Stein von meiner Bruſt gewälzt. Ich mußte jenes Geheimniß wahren; ich durfte meinen Schwur nicht brechen. Ihr habt ihr und mir geholfen. Empfangt für dieſen Dienſt, den Ihr uns allen Dreien geleiſtet, meinen beſten Dank, und als Erin⸗ nerung an die ſchöne Stunde, in welcher mir ver⸗ gönnt war, Magdalenens kühnſte Bitte, Magdale⸗ nens ſchönſten Wunſch erfüllen zu dürfen, dieſen ein⸗ fachen und für Uns doch ſo werthvollen Ring, den Unſere vielgeliebte Mutter Maria von Oeſterreich— welche der gütige Gott noch lange erhalten möge!— Uns an jenem Tage geſchenkt, an welchem ſie, auf Verlangen Unſers thenern, uns Allen unvergeßlichen Vaters, mit blutenden Thränen den Erſtgebornen ih⸗ rer Söhne aus ihrer Nähe ſcheiden und an den 95 Hof von Madrid abreiſen ſah. Bewahrt das Kleinod, Ritter Brahe! Der Segen Unſerer Mutter ruht darauf. Der kaiſerliche Rath bedankte ſich tief. — Dieſes Andenken freut mich in der That, ſagte er beim Gehen zu ſich ſelbſt, boch mag ich nicht läugnen, daß der Orden des goldenen Vließes oder jedes andere Zeichen ſeiner kaiſerlichen Gunſt mir erwünſchter wäre, blos zum Aerger meiner dä⸗ niſchen Feinde! fügte er hinzu, und ſteckte den un⸗ ſcheinbaren Ring an den Finger ſeiner linken Hand. — Es hat ihn mächtig tief bewegt! ſagte Rudolph. Jenes ſinnige Geſchenk, verbunden mit dieſer Aeußerung, beweiſt mehr als ein ganzes Buch, daß dem Sohne Mariens von Oeſterreich bei allen Ga⸗ ben des Herzens wie des Geiſtes nur eine große Kleinigkeit gefehlt. Rudolph beſaß Alles, nur keine Menſchenkenntniß. Die Audienz aber war zu Ende. 96 Sechsſtes Capitel. Die zweiunddreißig Unglückstage, Tycho's Pro⸗ phezeihungen und ſeine Naſe. Während Eva von Lobkowic, außer ſich vor Freude und mit unbeſchreibbarer Sehnſucht, in Be⸗ gleitung ihrer großherzigen Freundin Magdalena nach Elbogen eilt, um dort nach ſechsjähriger Trennung ihren unglücklichen Vater wiederzuſehen und ihn an ihr Herz zu drücken, wollen wir unſere Leſer mit dem Charakter Tycho de Brahe's etwas näher ver⸗ traut machen und ihrer Neugier die Mittheilung der zweiunddreißig Unglückstage nicht vorenthalten. Tycho de Brahe war, wie jeder große Mann, bei aller Freigeiſterei, die ihm wie faſt jedem Ein⸗ geweihten in die Geheimniſſe des geſtirnten Himmels eigen zu ſein ſchien, ſo abergläubiſch wie ein altes Weib. Der naive Philander von der Weiſtritz berichtet (Seite 101):„Wenn Tycho de Brahe aus ſeinem Hauſe ging und ihm eine alte Frau begegnete, ſo pflegte er gleich wieder nach Hauſe zu gehen, denn er hielt ſolches für ein unglückliches Zeichen. Er 97 hielt es auch gemeiniglich für ein böſes Zeichen, wenn ihm ein Haaſe begegnete. Aber noch weit mehr als alte Weiber und junge Haaſen fürchtete er ſich vor Begegnung eines Schwei⸗ nes, bei deſſen Anblick er, wie mancher abergläubiſche Jude, auszuſpeien gewohnt war, um ihm— dem Schweine nähmlich— durch dieſe Art von Beſchwö⸗ rung den unheilbringenden Einfluß zu rauben. Ein verkehrt ſtehender Pantoffel erſchreckte ihn faſt eben ſo ſehr als ein bei Tiſche umgeſchüttetes Salzfaß, und nichts im Himmel und auf Erden flößte ihm mehr Angſt und Unruhe ein, als drei Lichter auf einem und demſelben Tiſche brennen oder dreizehn Gäſte bei einer und derſelben Tafel verei⸗ nigt zu ſehen. So oft er, irgendwo in Geſellſchaft geladen, an der Tafel Platz genommen hatte, pflegte er ängſt⸗ lich die Reihe der Gäſte zu zählen und, ſo oft er die verhängnißvolle Zahl Dreizehn herausgezählt, ein ganzes Jahr in beſtändiger Unruhe zu leben, weil er ſich dem uralten, vom Abendmahle des Heilandes hergeleiteten Aberglauben überließ, daß Einer unter den Dreizehn in Jahresfriſt ſterben müſſe wie Jeſus Chriſtus, der unter den zwölf Apoſteln der Erſte oder Dreizehnte geweſen war. 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. — 98 Von den ſieben Tagen der Woche war ihm Keiner ſo ſehr zuwider als der Freitag, an welchem er weder eine Reiſe noch eine neue Arbeit zu unter⸗ nehmen wagte. Eben ſo abergläubiſch war er auch in anderer Beziehung. Er erzählte Jedem, der es hören wollte: Wenn Jemand am Tage der heiligen Barbara Zweige von einem Kirſchbaume abbricht, ſie in ein Gefäß ſetzt und ihnen tagtäglich friſches Waſſer giebt, dann werden ſolche Zweige am erſten Weih⸗ nachtstage in voller Blüthe ſtehen. Hinſichtlich mancher Krankheiten glaubte er eben ſo ſteif und feſt an die Beſprechung der Geſichtsroſe, wie an den Einfluß des geheimnißvollen Abracada⸗ bra auf Beſeitigung des kalten Fiebers. Unter vielen Talismanen, auf die ſein Aber⸗ glaube hohen Werth gelegt, pflegte er auch den Strick eines Gehängten und einen ſogenannten Lapis alectorius(ein alectoriſches Steinchen von der Größe einer Bohne, wie ſie ſich im Magen und in der Leber der Hühner vorfinden ſollen) bei ſich zu tragen, um nicht nur Gluͤck im Spiele, ſondern auch Glück in der Liebe zu haben. Brahe's zwei und dreißig Ungluͤckstage finden ſich nicht allein in jenem letzten Exemplare ſeines 99 ſeitdem verloren gegangenen Kalenders, ſondern auch in Peder Syve's zweitem Theile der„Däniſchen Sprichwörter. Von dort ſind ſie in Philanders Lebensbeſchreibung übergegangen und von hier aus verpflanzen wir ſie, als Curioſität des menſchlichen Aberglaubens, in unſere Erzählung. Brahe's Spaadom oder Prophezeihung lautet (Seite 99) wörtlich wie folgt: In jedem Jahre ſind zwei und dreißig Tage, vor welchen ſich Jeder in Acht nehmen ſoll. Und dieſe Tage bleiben immer dieſelben, ſo lange die Welt ſtehet, wenn dieſe auch verſetzet werden ſollte. 1) Wird ein Menſch an einem dieſer Tage geboren, ſo wird er nicht lange leben. Und wenn er auch lange lebet, ſo wird er in Armuth und Elend gerathen. 2) Ein Menſch, der an ſolchem Tage etwas miethet oder Hochzeit macht, dem wird ſolches nicht gelingen, ſondern in Armuth und Elend gerathen. 3) Ein Menſch, der an einem dieſer Tage er⸗ kranket, mit ihm wird es ſich ſelten oder gar nicht beſſern. 4) Wer an einem ſolchen Tage aus einem Hauſe in ein Anderes, aus einem Dienſte in den 7* . 3 100 Andern oder aus einem Lande in das Andere ziehet, dem wird ſolches zur Betrübniß gereichen. 5) Wer an einem dieſer Tage reiſet, wird ſelten anders als mit Betrübniß nach Hauſe kommen. 6) Man ſoll an einem dieſer Tage nichts kaufen oder verkaufen, denn es glückt nicht und iſt ſchädlich. 7) Man ſoll an einem dieſer Tage ſich vor kein Gericht oder in einen Reichshandel begeben, weil es ſchädlich ſein und man(ſelbſt) eine gerechte Sache verlieren wird. Jene zwei und dreißig Ungluckstage aber find Folgende: Der Januar hat ² Tag 1. 2. 46. 11.12.21% Der Februar„ 14. 17. 48 De M 1„ 1. 5 Det Aptil 3 0 13 Der Mai Der Jupius)„ 6 Der Jullüs„ 2„ 1724 Der Augnſt„ 2 20 Der Sepmb 0 18. Der Heiöber„ 6 Sir Nopeb„ Se 5 101 Nach dem Tychoniſchen Unglückskalender find die zwei glücklichſten Monate jedes Jahres der Juni und October, weil jeder von ihnen nur einen Un⸗ glückstag(den 6.) hat. Der unglücklichſte Monat aber iſt der Januar, weil er ſieben unglückbringende Tage zählt. Derjenige Unglückstag, der ſich in zwölf Mona⸗ ten am häunfigſten(ſechs Mal) wiederholt, iſt der 18; der nächſte unglückliche der 6., der in jedem Jahre fünf Mal wiederkehrt. Rechnet man zu dieſen 32 Unglückstagen noch obenein die 52 Freitage des Jahres, die nach Brahe's Meinung gleichfalls unheilbringend ſind, weil am Charfreitage der Heiland gekreuzigt worden iſt, ſo giebt dieß zuſammen 84 ſchwarze und 281 weiße Tage; denn weiß hieß er die glücklichen Tage, an welchen der Menſch mindeſtens etwas weniger Un⸗ glück als an den ſchwarzen zu erwarten hat. Wir wiſſen nicht zu ſagen, ob Tycho de Brahe an die Richtigkeit des von ihm aufgeſtellten Pech⸗ tagskalender wirklich ſelber geglaubt oder ob er ihn nur— was wohl zu vermuthen iſt— zur Myſti⸗ fication ſeiner leichtgläubigen Almanachsabnehmer zuſammengeſtellt hat Wir geben ihn, wie wir ihn gefunden haben, und überlaſſen es dem geſunden 102 Verſtande des Leſers, daran zu glauben oder nicht.— Nicht viel beſſer als mit dieſer Prophezeihung verhielt es ſich mit mancher andern des großen Dänen. Er weiſſagte einer vornehmen Frau, ſie werde durch ein gehörntes Thier getödtet werden und ein Jahr ſpäter ward ſie aus Eiferſucht von ihrem Manne erſchlagen. Die Prophezeihung, meinte Brahe, habe ſich erfüllt, denn ihr Mann ſei ein gehörntes Thier geweſen.— Man ſieht, daß Tycho ſich zu hel⸗ fen verſtand. Er hatte, wie im zweiten Capitel des dritten Buches flüchtig angedeutet war, den Tod Friedrichs II. von Dänemark auf das Jahr 1593 vorausgeſagt und in Bezug darauf das lateiniſche Chronodiſtichon gemacht: FrlDrICVS qVarto fatls ConCesslt aprILIs, Ergo sqValet LVCtV heV Danla tota graVI. Nimmt man ſich die Mühe, die großen Buch⸗ ſtaben zuſammenzuzählen, dann kommt die Jahres⸗ zahl 1593 heraus. Der Tod aber, der entweder kein Latein ver⸗ ſteht oder im Addiren der großen Lettern ſich ver⸗ rechnet, hatte dem großen Propheten den kleinen Poſſen geſpielt, den König ſchon fünf Jahre früher . 103 (1588) aus dem Leben abzurufen. Tycho's Gegnern war dieß ein willkommener Freund. Brahe aber hatte die Achſel gezuckt, dieſen Irrthum für eine Uebereilung des Todes erklärt und ſich mit dieſem Witze ziemlich gewandt aus der Schlinge gezogen. Intereſſanter iſt, was viele ſeiner Biographen in Bezug auf eine ſeiner frühern Prophezeihungen erzählen. Tycho de Brahe ſoll u. A. auch das vor⸗ ausgeſehen haben, daß Manderup Parsberg ihm an jenem bewußten Tage und in dem bewußten Zwei⸗ kampfe die Spitze ſeiner Naſe entführen werde. War dieß in der That der Fall geweſen, ſo läßt ſich ſchwer begreifen, warum der Prophet ſeine gefähr⸗ dete Naſe nicht lieber ganz zu Hauſe gelaſſen oder ſie pflichtſchuldigſt aſſecnrirt hat, da er vorausſehen konnte, daß er ſich die Verſtümmlung derſelben ſehr zu Herzen und ſich durch ſie in unnütze Unkoſten verwickeln würde.— Der Mann mit der„von Silber und Gold zuſammengeſchmelzeten Naſe' ſoll, wie unſer naiver Gewährsmann Philander erzählt, einzig und allein durch ſie zu jener Mißheirath mit der unfreien Bäuerin Chriſtine verleitet worden ſein, weil er befürchten mußte, eine Dame aus höhern Ständen werde ſich ſchwerlich geneigt finden laſſen, 104 einen Mann mit verſtümmelter und künſtlich ge⸗ ſalbter Naſe zu heirathen. Und ſchon aus dieſem Grunde ſoll der hochgelahrte Mann über dieſe Naſe „ſauber gemachet und verkleiſtert bis ans Ende ſei⸗ ner Tage ſich gegrämet und abgehärmet haben. Seine coloſſale Eitelkeit ſchwebte in beſtändiger Angſt, jedesmal, ſo oft er nieſen mußte, die künſtlich angeſetzte Spitze zu verlieren und dadurch, ent⸗ ſtellt, ein Gegenſtand des Spottes und Gelächters zu werden. Einer ſeiner vielen Feinde wußte das Gerücht auszuſprengen, Tycho de Brahe habe, als er noch auf Huen reſidirt, eine lateiniſche Ode auf den Ver⸗ luſt ſeiner Naſe gedichtet und ſie— die Ode nämlich — nur als Manuſeript für ſeine Freunde drucken und unentgeltlich vertheilen laſſen. Wir wiſſen nicht, ob und was daran wahr ſein mag; ſoviel aber iſt erwieſen, daß die defecte und ewig wackelige Naſe ihm mehr Kummer bereitete, als deſſen Gegner bei ſeinem Gewiſſen verantworten konnte. Nachts, wenn Tycho ſchlafen ging, pflegte er das Anhängſel ſeines Geruchsorgans neben ſich auf den Nachtiſch, bisweilen auch als Marke oder Ohr in das Buch zu legen, in das ſein nie raſtender Geiſt ſich vertieft hatte. 105 Eeines Morgens(erzählte ein boshafter Spötter bei Hofe) als Tycho, aus ſüßen Träumen erwa⸗ chend, ſeine Naſenſpitze geſucht, habe er zu ſeinem größten Schrecken die Entdeckung gemacht, daß eine ſeiner beiden Doggen ſich mit ihr geſpielt und ſie in der Zerſtrenung hinuntergeſchluckt; der ehema⸗ lige Beſitzer derſelben ſei darüber in Wuth gerathen, weil er, ehe die nene Naſe fertig geworden, ver⸗ ſtämmelt das Bett habe hüten müſſen. Damit dieſe fatale Verlegenheit ſich nicht wieder⸗ hole, hatte ſich Tycho ſeit jenem Tage einen kleinen Vorrath von vierzehn Naſen zugelegt, mit welchen er, ſchon der Reinlichkeit wegen, ſo oft wie Unſer Einer mit ſeinen Schnupftüchern, gewechſelt haben und endlich ein ganzes Etui von künſtlichen Naſen jedes Calibers in petto gehabt haben ſoll. Es ließe ſich ein kleiner Foliant über die ſil⸗ bernen Naſen dieſes Mannes ſchreiben, wollte Je⸗ mand ſich die keineswegs undankbare Mühe geben, alle Schickſale, Abenteurer und Fatalitäten derſelben zu erzählen und alle boshaften Gerüchte zuſammen⸗ zuſtellen, welche die Gegner des großen Mannes darüber in Umlauf gebracht haben. Einer derſelben(ſein Name iſt uns leider ent⸗ fallen) erzählt, Meiſter Tycho habe zu ſeinem auf 106 Huen abgefaßten Teſtamente ein Codicill in Prag gemacht und darin eine ſeiner ſogenannten Lieblings⸗ naſen, wie Einige behaupten— dem hiſtoriſchen Muſeum zu Kopenhagen oder— wie Andere ver⸗ ſichern— Seiner Majeſtät dem Könige Chriſtian W. als Erbſtück vermacht. Letzterer habe ſie— natür⸗ lich erſt nach dem Tode ihres ehemaligen Inhabers — ſeiner Geliebten Chriſtine Munk, und dieſe wie⸗ derum das königliche Andenken dem Biſchofe auf Fyen, dem berühmten Pſalmendichter Thomas Kingo vermacht, der ſie kurz vor ſeinem 1703 erfolgten Tode an Bartholomäus Deichman, der ſpäter Kin⸗ go's Leichenpredigt geſchrieben, abgetreten, und wel⸗ cher ſie ſeinerſeits füͤr hundert Pfund Sterling an die Krone Englands verkauft haben ſoll. Die Königin Anna, ſagt man, habe dieſe Naſe einem ihrer frü⸗ hern Lieblinge, dem Herzoge von Marlborough, und dieſer ſie wiederum ſeiner Frau Sarah Jennings geſchenkt, wodurch ſie— die Naſe nämlich— in den Beſitz ihres Günſtlings Henri Saint⸗John, Viscount of Bolingbrocke gelangt, der das Andenken ſeiner frühern Freundin nach Frankreich überpflanzt und ſie dort an Voltaire abgetreten, mit dem ſie ſpäter an den Hof Friedrichs des Großen nach Pots⸗ dam gewandert, von wo aus ſie nach deſſen Tode 107 in die Schatzkammer Kaiſer Joſephs II. nach Wien gelangt und von dieſem dem Fürſten Wenzel Anton von Kaunitz verehrt worden ſei. Ueber die endloſen Wanderungen dieſer einen Naſe(und Tycho hatte deren endlich ein halbes Hundert) ließe ſich ganz bequem eine humoriſtiſch⸗ſati⸗ riſche Odyſſee ſchreiben, zu der uns weiter nichts als die Feder eines Rabelais fehlt, um dieſe Naſe ſo un⸗ ſterblich wie deren ehemaligen Beſitzer zu machen. Und gleich wie— lange nach jener Zeit— ein deutſcher Poet, Namens Haug, Gott weiß wie viel Hyperbeln auf Wahls lange Naſe gedichtet, eben ſo leicht könnte ein moderner Blumauer eine der köſtlichſten Traveſtien auf die Naſen des großen Sternkundigen ſchreiben, deſſen Ruhm, den wir zu ehren wiſſen, darunter ſicher nicht leiden würde, denn Brahe bliebe doch immer Brahe, ſelbſt dann, wenn er auch ganz ohne Naſe zur Welt gekommen, wie Raphael, nach dem Ausſpruche Leſſings, auch ohne Hände geboren ein großer Maler geworden wäre. In der Laurentianer Bibliothek zu Florenz wird in Weingeiſt der Finger eines andern Stern⸗ kundigen, Galilev Galilei's, als Reliquie aufbewahrt und jedem Fremden, der ihn zu ſehen wünſcht, vor⸗ gezeigt. 108 Wer kann uns ſagen, was aus Tycho de Bra⸗ he's ſogenannter Lieblingsnaſe geworden und wem ſie, nachdem ſie in 255 Jahren durch ſo viele Hände gelaufen, endlich anheimgefallen iſt. Wer ſagt uns, wo eine dieſer Naſen ſich befindet? Wie Marryats Japhet, der ſeinen Vater ſucht, würde ſich zweifels⸗ ohne ein vaterlandsliebender Däne oder ein ſpecula⸗ tiver Sohn Albions finden, welcher Tycho's Naſen aufſuchen und gewiß keine Koſten ſcheuen würde, eine oder die andere poliren oder nöthigenfalls ſogar neu verſilbern zu laſſen, denn ſicher hat das ſilberne Naſenrohr Tycho de Brahe's nicht minder hohen Werth und nicht mindere Bedeutung als die Atlas⸗ weſte des großen Dichters Schiller und der Flaus⸗ rockknopf des großen Philoſophen Kant, den ſchon ſeit vierzig Jahren einer ſeiner Königsberger Schü⸗ ler ſucht, ohne daß der Knopf ihm bis jetzt aufgegangen iſt. Es fällt uns ſchwer, uns von Tycho's Naſen loszureißen, weil wir einſehen, welchen koſtbaren Stoff wir unſerm Federkiele leichtſinnig entſchlüpfen laſſen. ſ Man vergebe uns dieſen harmloſen Scherz! Ein Lächeln neben der Thräne, ein Schmunzeln neben dem Seufzer hat oft ziemlich denſelben Reiz 109 wie ein Dudelſack neben der Orgel. Ewiges Weinen ermüdet zuletzt eben ſo wie ewige Orgelei. Auch der Scherz hat ſeine Berechtigung, und Jeder, der etwa mürriſch und grämlich genng ſein ſollte, uns dieſe Naſen⸗Epiſode zu verübeln, der erweiſe uns die Gefälligkeit, dieß Capitel.. zu überſchlagen. Siebentes Capitel. Das Wiederſehen in Kerker. Der unglückliche Oberſthofmeiſter, von deſſen Leiden und Entbehrungen wir ſeit jenem Tage, an welchem er von Elbogen nach Glatz abgeführt worden war, nur einzelne ſich widerſprechende Gerüchte, aber nichts Beſtimmtes erfahren, hatte ſeit jener Stunde, in der ihm durch Scotto die Geſellſchaft der Taube und der Beſitz des Ringes eben ſo gewaltſam ent⸗ riſſen als früher liſtig zugeflogen war, in ſeinem neuen Kerker zu Glatz ein trauriges Daſein gelebt und erſt nach Verlauf zweier Jahre die Erlaubniß erhalten, ſich die ewige Einſamkeit ſeines Kerkers durch das Leſen einiger Bücher, die man ihm vergönnt, ſo gut als möglich erträglich zu machen. Und dieſe 110 Erlaubniß war für ihn ein ſo großer Troſt, eine ſolche Beruhigung geworden, daß er ſich in Glatz nicht ſo verlaſſen und unglücklich als früher auf Elbogen gefühlt. Der Commandant der dortigen Veſte, ein ſchleſiſcher Edelmann von altem Schrot und Korn, hatte ſeinen Gefangenen, deſſen unver⸗ dientes Lvos er aufrichtig beklagte, nach und nach ſo liebgewonnen, daß Georg Popel von Lobkowie dort faſt eben ſo gut als Gräfin Maria Magdalena unter dem rückſichtsvollen Schutze des alten Haupt⸗ manns von Pürglitz aufgehoben war.— Erſt vor acht Tagen hatte man ihn plötzlich und unerwartet — Niemand wußte warum— von Glatz nach El⸗ bogen zurückgebracht und ihm dieſelbe Zelle, die er früher hier bewohnt, von Neuem eingeräumt. Hier war ihm neuerdings der Troſt der Bücher— wir wiſſen nicht auf weſſen Befehl— grauſam entzo⸗ gen worden. Deſſen ungeachtet fand ſich der ehemalige Oberſt⸗ hofmeiſter mit einer Entſagung, die ſeiner frommen Denkungsweiſe zum Ruhme gereicht, in die neue Lage der Dinge und murrte nicht mit der Vorſe⸗ hung, deren unerforſchlicher Rathſchluß ihm dieſe harte Prüfung auferlegte. Das Einzige, was ihn mehr als alles Uebrige beunruhigte, war der Umſtand, daß 111 er ſeit ſechs langen bangen Jahren keine Nachricht von dem Schickſale ſeiner armen Tochter erhalten hatte. — Ob mein Kind wohl noch leben mag? fragte er ſich faſt ſtündlich und begann daran zu zweifeln, weil ihm von Eva nicht das kleinſte Lebenszeichen zugekommen war. Wäre ſie noch am Leben, ſagte er ſich, dann würde ſie trotz aller Wachſamkeit meiner Verfolger wohl irgend ein Mittel aufgefunden und ſelbſt das Kühnſte gewagt haben, um ihren Vater, der ſie wie ſeinen Augapfel liebt, nach undenklich langer Zeit einmal wenigſtens wiederzuſehen! Denn welches Herz könnte wohl ſo verhärtet ſein, ihr dieſe Bitte zu verweigern? Meine arme Eva alſo iſt gewiß ſchon lange todt und ſchläft in Ruhe und Frieden an der Seite ihrer frommen Mutter und vereinet dort im Himmel ihr inbrünſtiges Gebet mit Benigna, daß der Richter aller Richter mich aus dieſem Erdenkerker zu ſich rufen möge an die Seite Derer, die, wenn auch todt, ich immer noch ſo heiß und innig liebe, wie zu jener ſchönen, glücklichen Zeit, in welcher Weib und Kind noch am Leben waren, und gleich der welkenden Roſe, die ſich in der aufblühenden Knoſpe neu zu verjüngern ſchien, mein häusliches Glück zu einem irdiſchen Paradieſe 12 umſchuf. Jetzt aber ruhen Weib und Kind im Schvoße der mütterlichen Erde, und Georg Popel von Lobko⸗ wic, der Letzte ſeines unbefleckten Stammes, ſitzt hier, ein trauernder Hiob an den Ufern des Euphrats, und hängt ſein zerbrochenes Wappen wie eine längſt verklungene Harfe an ſeinen Stammbaum und ſucht ſeinen einzigen und letzten Troſt in den Worten ſei⸗ nes Sinnſpruchs: Aſche bin ich, Aſche werde ich! Da plötzlich öffnete ſich ſein Kerker. Und eine Frauengeſtalt, hell und hehr wie ein Cherub Gottes, erſchien an der Schwelle ſeines lebendigen Grabes mit der mitleidsvollen Frage; — Edler Herr, kennt Ihr mich noch? — Wohl kenne ich Euch, edle Frau! rief der Gefangene hochentzückt, nach ſechs langen Jahren ein anderes menſchliches Weſen als ſeine Kerkermei⸗ ſter wiederzuſehen. Ihr ſeid Gräfin Maria Mag⸗ dalena. — Verzeiht, daß mein Fuß die Heiligkeit Eu⸗ res Kerkers entweiht. Doch erfahret, daß ich nicht allein komme... ich führe Euch einen Engel zu. — Meine Eva? fragte Lobkowie freudig er⸗ ſchreckt. 113 Und in demſelben Augenblick flog die tugendhaf⸗ teſte der Töchter an das Herz ihres Vaters. Es gibt Freuden, Wonnen und Entzückungen, die keines Menſchen Feder zu ſchildern vermag. Zu dieſen Delirien freudejauchzender Seelen gehörte auch jener Augenblick, deſſen hochentzückte, reichbeglückte Zeugin die Urheberin dieſes ſchönen Wiederſehens war. Vater und Tochter lagen ſchluchzend, weinend, ſprachlos, Arm in Arm, Mund an Mund, Aug' an Aug', und der Anblick dieſer herzerhebenden Scene war für das Herz der Gräfin eine Feier, zu welcher alle Heerſchaaren der Himmel mit lichtumfloſſenen Flügeln, ſterngeſchmückten Gewänbern und goldenen Aeolsharfen vom Throne des Ewigen herniederge⸗ rauſcht waren, um Theil an dieſem Feſte zu nehmen und mit ihren hellen Engelsharmonieen ein„Herr Gott, Dich loben wir, anzuſtimmen. Dieſe ſtumme Verzückung löſte ſich zuerſt in ſtille Thränen und allmählig in leiſe ausgetauſchte Worte aus. — Biſt Du denn wirklich meine Eva? fragte der unausſprechlich glückliche Vater. Halte ich nur ein wunderholdes Traumbild oder die noch millionen⸗ mal ſchönere Wirklichkeit mit meinen Armen um⸗ ſchlungen? 1856. VI. Auf dem Hradſchin. II. 8 114 — Es iſt kein Traum, mein Vater, begann Eva, Dein Kind liegt an Deiner Bruſt und fühlt die lebendigen Schläge Deines ſüßen Herzens, das wie das Meinige vor Wonne ſeinen engen Kerker zu zerſprengen droht. — Und wem habe ich dieſes heißerſehnte Glück Deines Wiederſehens zu verdanken? — Wem anders als jenem Engel dort? ſagte Eva auf die Gräfin weiſend. Sie iſt, ſeitdem man Dich mir entriſſen hat, meine Freundin, meine Schwe⸗ ſter, mein Schutzgeiſt. — Edler Herr, ſagte Magdalene, ich bin nichts weiter als die Schuldnerin Eurer Tochter. Sie hat meine Ehre und die Eure gerettet; ſie hat das Brand⸗ mal der Verläumdung von unſrer Stirn gelöſcht und gezeigt, daß ſie des Namens, den ſie trägt, ſo wür⸗ dig iſt als Jener, der ihr dieſen Namen als den ſchönſten Talisman ſeiner Vaterliebe gegeben hat. Die Gräfin erzählte ihm nun mit kurzen Wor⸗ ten die ganze Intrigue, welcher jener elende Scotto mit der Taube und dem Ringe ausgeſonnen und durchgeführt hatte, um ihn und ſie dem Argwohne des Kaiſers zu verdächtigen und ſie Beide in den Abgrund unverdienter Schmach zu ſtürzen. Lobko⸗ wic hörte zu und glaubte noch immer zu träumen, 115 denn die Freude hatte ihn ſo angegriffen, daß er zitternd jedem ihrer Worte lauſchte, die wie ein hei⸗ lender Balſam in die tauſend blutenden Wunden ſeiner Seele floßen und eine nach der andern raſch vernarben ließen. — O meine Eva! rief er aus, wie tief und ſchwer hat Dein Vater ſich gegen die Fügungen der Vorſehung verſündigt! Er hat Dich lange todt ge⸗ glaubt, und ſiehe da, Du lebſt! Er hat von aller Welt Dich verlaſſen geglaubt, und überzeugt ſich jetzt, daß der Himmel, der keines ſeiner Geſchöpfe verläßt, Dir eine Freundin geſchenkt, die Deiner würdig iſt. Ach, Gräfin, wie ſoll ein armer Gefan⸗ gener, der ſeit ſechs Jahren faſt ganz und gar den Gebrauch der Sprache verlernt hat, Euch würdig danken für das, was Ihr an ihr, was Ihr an mir gethan? — Nur der Himmel kann es ihr vergelten! ſagte Eva, dankerfüllt die Hand der Gräfin an ihr Herz preſſend. — Ihr beſchämt mich, Eva von Lobkowic. Das, was Magdalena für Euch gethan, würdet Ihr eben ſo gern für ſie gethan haben. Ja, habt Ihr nicht weit mehr für mich gethan? Habt Ihr nicht meine Ehre gerettet? — Wer vermöchte dieſe Euch zu rauben? ſagte 116 Fva. Euer Name lebt ſo rein und unbeſcholten in dem goldenen Buche unſeres Adels als in meinem dankerfüllten Herzen, und keine Macht der Erde iſt im Stande, ihn darin auszulöſchen. — Die Welt denkt anders als Ihr! ſtöhnte Magdalena, die Augen tief betrübt zu Boden ſchlagend. — Was kümmert Euch die boshafte Welt? Hat ſie nicht ſchon manchen Edeln unſeres Vater⸗ landes, hat ſie nicht auch den Namen Lobkowiec ver⸗ läumdet? fragte der Oberſthofmeiſter. Und dennoch, ſage ich Euch, bin ich ſo ſtraflos als Ihr es ſeid, Gräfin! — Ich wäre ſtolz geweſen, ſagte Magdalena, hätte ich Euch mit Eva zugleich Eure Freiheit wie⸗ derbringen können! Aber trotz aller Bitten habe ich bis jetzt nichts für Euch vermocht. — Seid nicht ungerecht gegen Euch ſelbſt. Seid es nicht Ihr, der ich dieſe große, ſchöne, unver⸗ geßliche Stunde verdanke? Schon ſie allein, ſagte der Vater, ſein Kind zärtlich in ſeine Arme ſchließend, verleiht mir Kraft und Muth und neues Gottver⸗ trauen, die trüben Stunden, die meiner hier noch harren mögen, mit chriſtlicher Geduld zu tragen. — So ſpricht der Weiſe, der würdig ſolcher Tochter iſt, ſagte die Gräfin. Nun aber laſſe ich 117 Euch allein. Gewiß habt Ihr Euch Manches noch zu ſagen, was Niemand außer Gott zu hören braucht. Ich kann Euch nur zwei Stunden ſchenken; dann komme ich zurück, um Euch Eure Tochter zu entführen. — O laßt mich hier auf immer bei dem Vater! — Verlangt nicht mehr, als ich Euch zu ge⸗ währen vermag. Ich gab dem Kaiſer mein Wort, die Tochter ſeines Gefangenen als Geißel für den Vater zurückzubringen. Was ich verſprochen, das halte ich! — Verzeiht ihr, Gräfin, dieſe kindiſche Bitte „ die Freude hat ſie verwirrt gemacht. ſie weiß nicht, was ſie verlangt. Ich ſelber dringe dar⸗ auf, daß ſie unter Eurem Schutze noch heute nach Prag zurückkehrt. — Joa, Gräfin, ja, ich folge Euch!——— Abends kehrten ſie nach Prag zurück. Der Se⸗ gen des Gefangenen begleitete ſie. Achtes Capitel. Verhör und Verurtheilung Girolamo Scottos. Unterdeſſen war die vom Kaiſer Rudolph ab⸗ geſchickte Commiſſton auf Schloß Pürglitz angelangt⸗ 118 Wenzel Budowec von Budowa fand den Mit⸗ gefangenen der Gräfin Clelia Buoncompagni ſo aufge⸗ löſtt über den plötzlich erfolgten Tod ſeiner Ge⸗ mahlin, daß er beim Eintritt des Unterſuchungsrich⸗ ters in Thränen ausbrach und die Bitte waßte, man möge ihn tödten, da in ihr die Sonne ſeines Lebens untergegangen, und weil er, nach dem Tode dieſes Engels, der ſein ſchönſter Stolz und ſein höch⸗ ſtes Glück geweſen ſei, nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu fürchten habe. Der Scharfblick des Richters, der ſich durch die Thränen des Heuchlers nicht beirren ließ, ertheilte dem ihn begleitenden Arzte Jeſſenius den Auftrag, die Leiche in ſeiner und ihres Gemahles Gegenwart zu öffnen und zur Beſichtigung derſelben zu ſchreiten⸗ Libusens Leichnam ward aus einem unterirdi⸗ ſchen Gewölbe, wohin man ihn gebracht, in Giro⸗ lamo's Gefängnißzelle heraufgeſchafft und dort in deſſen Beiſein dem gewandten Meſſer des Anatomen überliefert. Es war zu verwundern, daß der ſeit ſeinem ſechszehnten Jahre dem Laſter anheimgefallene Leib jener Frau ſelbſt noch im Tode eine gewiſſe Friſche und Fülle der Formen bewahrt hatte, ſo daß ihr 119 Gemahl noch jetzt von der Schönheit derſelben be⸗ geiſtert und entzückt zu ſein ſchien. Doetor Jeſſenius öffnete den Leichnam und fand un Innern deſſelben, und vor Allem im Magen, Spuren eines ihm unbekannten Giftes. — Es iſt genau daſſelbe Gift, erklärte er, wel⸗ ches ich vor vier Jahren bei der Section des von den Fluthen der Moldan an's Ufer geſpülten Leich⸗ nams des Baders Procop aufgefunden hatte. — Meine Frau, meint Ihr, habe ſich vergiftet? fragte Scotto mit einer Ruhe, die ſich durch jene Erklärung des Arztes nicht aus der Faſſung brin⸗ gen ließ. — Das meine ich nicht! entgegnete Jeſſenius. Ich finde nur, daß ſie vergiftet iſt. — Und ob ſie ſich oder ob ein Anderer ſie ver⸗ giftet haben mag, ergänzte Budowa, muß der Ge⸗ mahl, der beſtändig um ſie geweſen war, jedenfalls beſſer als irgend ein Anderer wiſſen. — Ich weiß gar nichts, erklärte Scotto, der von Augenblick zu Augenblick mehr Faſſung ſich errang. — Gebt Euch keine Mühe zu läugnen! ſagte Budowa ihn mit Blicken durchbohrend, die wie glühende Sonden in's Herz des verſtockten Sün⸗ ders fuhren. 120 — Was hätte ich zu läugnen? fragte er mit einer Frechheit, die Jeden bis auf Budowec em⸗ pörte, welcher, die kalte Würde ſeines Richteramts behauptend, ohne Haß und ohne Mitleid blieb. — Läugnet nicht, daß Ihr der Mörder dieſer Todten ſeid! — Herr, entgegnete Scotto, wollt Ihr Euch luſtig machen über den Schmerz eines Gatten, der dieſen Verluſt nicht lange überleben wird? — Angeklagter, entgegnete Budowec, wollt Ihr Euch luſtig machen über die Frage Eures Richters, der Eurem Läugnen keinen Glauben ſchenkt? Ich ſage Euch noch einmal: Ihr ſeid der Mörder Eures Weibes! — Ich der Mörder meines Weibes? Das iſt eine Lüge, ſo wahr ein Richter über uns Alle lebt! — Wie? Wäre ſie nicht Euer Weib ge⸗ weſen 2 — Wohl war ſie mein Weib, mein edles Weib, doch bin ich darum nicht ihr Mörder! — Ihr ſeid es, wiederhole ich Euch! — Ihr mögt es glauben; was aber über⸗ zeugt Euch von der Schuld, die Euer Glaube mir aufzubürden ſich erlaubt? — Eure äußere Ruhe täuſcht mich nicht. Ich ———————— 124 leſe in Eurem Innern, daß dieſe Todte da durch Euch vergiftet ward. — Nun gut, beweiſ't mir meine Schuld! ſagte der Mörder, ſeine Arme über die Bruſt kreuzend und mit Blicken ſchwer zurückgehaltener Wuth ſei⸗ nen Richter von den Schnallen der Schuhe bis zu der Feder ſeines Baretts meſſend. — Wir machen Euch auf Etwas aufmerkſam. Solltet Ihr fortfahren, noch länger zu läugnen, dann würde ich mich, wenn auch ungern nur, ge— zwungen ſehen, eine Maßregel gegen Euch anzu⸗ wenden, die das Geſetz dem Richter gegen verſtockte Läugner einräumt. — Ihr droht mir mit der Folter? fragte Gi⸗ rolamo mit höhniſchem Lächeln. — Richter drohen nicht; ſie verfügen nur! — Nun dann verfügt, was Euch beliebt! — Ruft den Kerkermeiſter und ſeine Gehilfen, befahl Budowec einem der zwei beiſitzenden Ge⸗ richts ſchreiber. Dieſer entfernte ſich, um dem Befehle des Ra⸗ thes der Appellation Folge zu leiſten. — Doctor Jeſſenius, ſagte der Richter zum Arzte, der, bis zu dieſem Augenblick noch immer mit der Leichenſchau beſchäftigt, ein ſtummer theilnams⸗ 122 loſer Zeuge des Verhöres war, ſeid Ihr ſo feſt von der Wahrheit Eurer Ausſage überzeugt, daß Ihr ſie bei Gott un? dem Heiland, der uns Allen helfen ſoll, zu beſchwören vermögt?... — Ich bin bereit, jeden Schwur zu leiſten, daß dieſes Weib, deren Leichnam ich hier zertheile, keines natürlichen Todes geſtorben iſt. — Das genügt nicht! ſprach der Rath. Könnt Ihr beſchwören, daß ſie vergiftet iſt? — Ich beſchwöre es! erwiderte der Arzt. — Kennt Ihr das Gift? fragte Girvlamo. — Nur mir iſt man Antwort ſchuldig, er⸗ klärte der Ritter von Budowa. Jetzt frage ich Euch, Doector Jeſſenius, kennt Ihr das Gift, das hier angewendet ward? — Nein, Herr, ich kenne es nicht, geſtand der Anatom. — Wie aber könnt Ihr über Etwas urtheilen, was Ihr nicht kennt, entgegnete Scottv. — Was habt Ihr darauf zu erwidern? fragte der Richter den Arzt. — Ich weiß nur, daß es Gift iſt; doch kenne ich den Namen des Giftes nicht. — Wer nicht den Namen kennt, kennt auch die Sache nicht! rief ihm der Verbrecher zu. 123 — Angeklagter, das iſt ein falſcher Schluß, ſagte der Richter. Ich weiß und kann's beſchwören, daß eine fremdländiſche Pflanze, die man mir zum erſten Male zeigt, doch immer eine Pflanze iſt, auch wenn ich ſie nicht zu nennen weiß. — Wie aber, fragte Scotto, wollt Ihr mir be⸗ weiſen, daß das, was Jener an dem Leichname ſieht oder zu ſehen glaubt, wirklich Gift und nichts An⸗ deres als Gift iſt2 — Der Beweis, erwiderte Jeſſenius, iſt nicht ſo ſchwer zu führen, als Ihr hofft oder befürchtet. Es giebt Gifte, die im menſchlichen Körper, welchem ſie beigebracht werden, Folgen zurücklaſſen, die nicht minder tödtlich als deren Urſache ſind. Zu dieſen heftigen Giften, glaube ich, gehört auch Jenes, durch das dieſe Frau getödtet ward. — Ich verlange, daß Ihr dieß beweiſet! ſagte Scotto. — Auch dieß iſt nicht ſo ſchwer. Ich brauche nur meinen Finger zu ritzen und ihn in das Innere des vergifteten Leichnams zu tauchen, um mein Blut damit anzuſtecken. — Worte, gelehrter Herr, nichts als Worte! Das Geſetz aber verlangt Beweiſe! — Hierin muß ich dem Angeklagten beiſtimmen! 124 ſagte der Richter. Meiſter Jeſſenins, beweiſet mir und Jenem, daß das, was Ihr für Gift erklärt, auch wahr und wahrhaftig Gift iſt. — Nichts leichter als das, Ritter Budowec. Laßt mir irgend ein lebendiges Thier, einen Hund oder eine Katze reichen, damit ich ihnen in Eurer Gegenwart einige Tropfen vom Magenſafte der Ver⸗ gifteten eingebe, um Euch zu überzeugen, daß ſie davon getödtet werden. — Dieſer Beweis aber genügt mir nicht. Das, womit Ihr Hunde und Katzen vergiften wollt, iſt vielleicht nicht ſtark genng, auch einen Menſchen zu tödten, erklärte Scotto. — Ich errathe wohl, was Ihr verlangt, ſagte der Arzt mit ironiſchem Lächeln. Ihr würdet es vorziehen, daß ich den Verſuch an mir ſelber mache und mich mit dieſem Gifte ſelber tödte. — Erſt dann würde ich glauben, daß das, was Ihr an jenem Leichname wahrgenommen, in der That Gift und nicht bloß die einfache Folge eingetretener Verweſung iſt. — Iſt dieſe Probe an mir ſelber nothwendig? fragte Jeſſenius mit Irynie. — Nein, erwiderte der Richter, denn es giebt noch einen andern Ausweg. 125 — Was wollt Ihr damit ſagen? fragte Seotto, auf das Recht der Beweisführung pochend. — Sogleich ſollt Ihr es erfahren! entgegnete Budower. Jetzt kehrte der Gerichtsſchreiber mit dem Ker⸗ kermeiſter und deſſen Gehilfen zurück. Letztere trugen die Werkzeuge der Tortur. — Iſt dieß der Ausweg, den Ihr meint? Wie, rief Scotto, empört durch den Anblick der Marter⸗ werkzeuge, Ihr wollt es wagen, mir das Geſtändniß einer Schuld, die ich läugne, gewaltſam abzupreſſen? Ihr wollt mich foltern laſſen? — Noch nicht, Angeklagter, entgegnete der Rath. Vorläufig richte ich nur eine Frage an Euch. Glaubt Ihr, daß jene Spuren, die Ihr in dem entſeelten Körper ſeht, nicht durch Gift erzeugt ſind? — Ich behaupte dieß ſo lange, bis jener hoch⸗ gelehrte Giftkenner oder Ihr ſelber mir das Gegen⸗ thei heeiſt — Nun, wenn nach Eurer Behauptung jener Leichnam nicht vergiftet iſt, ſo kann es Euch nichts ſchaden, wenn Ihr ſelber uns den Beweis dafür liefert dadurch, daß Ihr einen Theil jenes unſchäd⸗ lichen Magenſaftes Euch ſelber einimpft. — Der Mann dort ſpricht von Gift. Welches 126 Geſetz kann mich,wenn die Sache ſich in derThat ſo verhält, zum Selbſtmord zwingen, wenn ich's nicht ſelber will? — Ihr wollt es alſo nicht? Gut, Angeklagter! Dann wird der Arzt es Euch einimpfen. — Das alſo iſt Euer kluger Ausweg? fragte Girolamo erbittert, weil er ſich mehr und mehr in die Enge getrieben ſah. — Wißt Ihr einen klügern? fragte Budowec. — Ihr glaubt mich gefangen zu haben; aber Ihr irrt Euch, weiſer Richter. Dieſer Leichnam dort iſt allerdings vergiftet; aber nicht durch mich! — Durch wen ſonſt? fragte der Inquiſitor. — Daß Euer vielgerühmter Scharfblick dieß nicht ſogleich herausgefunden! Nicht der Ritter von Brandeis, die Gräfin ſelbſt hat ſich ver⸗ giftet, rief Scotto mit der Miene eines Gladi⸗ ators, der durch Liſt ſeinen Gegner entwaffnet und überwunden in den Sand geſtreckt zu haben glaubt. — Wie kam ſie zu dem Gifte? fragte der Rath. — Das fragt ſie ſelbſt, nicht mich! entgegnete der Angeklagte mit einem Trotze, über welchen er ſelber zu erſtaunen ſchien. — Ihr wußtet alſo, daß Euer Weib ſich ver⸗ giftet hatte? — Ich wußte es, geſtand Shn Scotto. 1 — Und warum habt Ihr ſie nicht daran gehindert? — Weil es zu ſpät war! Als ſie mir endlich nach langem Drängen geſtand, daß ſie Gift ge⸗ nommen, lag ſie bereits in den letzten Zügen des Todeskampfes. — Geſtand ſie Euch den Grund ihrer That? — Allerdings! — Und was war die Urſache dieſes Selbſtmords? — Gram und Verzweiflung über die Grau⸗ ſamkeit deſſen, der ſie verſtoßen hatte. Der letzte Hauch ihrer auf Seraphſchwingen entfliehenden und in die himmliſche Heimath zurückkehrenden Engels⸗ ſeele war kein Fluch, ſondern ein Gebet, ein Gebet für den undankbaren Vater, ein Gebet für ſeinen heißgeliebten Sohn, Don Cäſar. — Aber wenn Ihr gewußt, daß ſie ihre Qual durch Selbſtvergiftung geendet, warum haht Ihr ſo lange und ſo hartnäckig heſtritten, daß jene Spuren Folgen des ſich ſelbſt beigebrachten Giftes ſind? — Zuerſt wollte ich ſehen, wohin Euer vielge⸗ rühmter Scharfblick Euch verleiten würde und dann war ich Willens, ihre That zu läugnen, um ihr An⸗ denken und den“ Rang Seines Kindes— Don Cä⸗ ſar iſt ſein Name!— vom Fluche des Selbſtmords ſeiner unglücklichen Mutter rein zu ba 128 — Edler Mann, ſagte der Richter, das erſte Verhör iſt geſchloſſen. Ich überlaſſe Euch, wie Ihr auch läugnen mögt, vorläufig Eurer eigenen Beſtra⸗ fung, jener furchtbaren Reue, die, ich hoffe es zum Wohle Eurer Seele, nicht ausbleiben wird. Tragt den Leichnam fort und beſtattet ihn zur Ruhe... die Gräfin ſoll in der Schloßcapelle beigeſetzt werden auf Befehl Seiner Majeſtät des Kaiſers! fügte er hinzu, ſein Barett lüftend. — Das Protocoll iſt geſchloſſen, ſagten die Gerichtsſchreiber. Der Eine las, der Andere verglich. Der Rath und der Arzt unterzeichneten; dann war das Verhör zu Ende.— Die Commiſſion kehrte nach Prag Vierzehn Tage nach jenem Verhöre ward der Angeklagte von Pürglitz geſchloſſen nach Prag in den ſchwarzen Thurm auf dem Hradſchin gebracht. Dann erſt begann der eigentliche Proceß. Scotto beharrte in ſeinem hartnäckigen Läugnen. Die Richter be⸗ ſchloſſen die Folter anzuwenden. Budowec, obgleich feſt und innig überzeugt von der Schuld des Ver⸗ brechers, war der Einzige, der ſich dieſer Maaßregel widerſetzte, weil er ſie für unmenſchlich und unwürdig — 129 des Geſetzes hielt. Er ward von der Mehrheit über⸗ ſtimmt. Scotto wurde auf die Folter gelegt. Hier be⸗ nahm er ſich wie ein Held. Selbſt die härteſten Grade der Tortur waren nicht ſtark genug, ihm einen Laut des Schmerzes und noch weniger ein Wort des Geſtändniſſes zu entreißen. Es ſchien, als habe der Verbrecher einen Körper von Granit und eine Seele von Erz, denn Beide waren unbeug⸗ ſam und weder durch Drohung noch durch Strafe zu erſchuttern. Der Kaiſer ſchickte einen ſeiner Beicht⸗ väter. Scotto gab auf keine Frage irgend eine Antwort. Der fromme Vater leerte vergebens den ganzen Köcher ſeiner Beredtſamkeit; ſeine Ermah⸗ nungen und Drohungen mit den fürchterlichſten Qualen der Hölle, die des Verbrechers harren, der ſeine Sünden nicht bekennt und bereut, prallten wie ſtumpfe Pfeile an dem eiſernen Harniſch der Gefühlloſigkeit dieſes verſtockten Sünders ab. Die Tor⸗ tur hatte ihre Künſte erſchöpft... Girolamo Scotto wollte nicht geſtehen. Da erſchien der Ritter von Budowa. — Der Beichtvater des Kaiſers wird Euch geſagt haben, daß ich der Einzige geweſen bin, der ſich der Anwendung der Folter widerſetzt hatte, nicht 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 9 130 aus Mitleid für Euch, ſondern aus Achtung vor der Menſchlichkeit. Ich hatte mich dieſer grauen⸗ vollen Maaßregel widerſetzt, weil ich, von Eurer Schuld überzeugt, Euch dieſe Qualen habe erſparen wollen. Ihr habt alle Grade muthig durchgekoſtet und nichts geſtanden. Ich ehre Eure unerſchütter⸗ liche Kraft, aber ich verachte Eure gottloſe Hart⸗ näckigkeit. Geht endlich in Euch, Girolamo Scottv. Geſteht Eure That und bereut ſie! — Ihr ſeid ein Mann von Ehre! Das, was die grauſamſten Qualen der unmenſchlichen Tortur nicht im Stande geweſen ſind, mir abzupreſſen, das will ich— überdrüßig meines elenden Daſeins— Euch aus freiem Antriebe geſtehen. Ja, Ritter Budowec, Eure Uebetzeugung hat Euch nicht getäuſcht: ich habe mich eines zweifachen Mordes ſchuldig gemacht: ich habe den Bader Procvp auf Anſtiften jenes Weibes, das niemals meine Frau war, zuerſt vergiftet und deſſen Leiche dann in die Fluthen der Moldau ver⸗ ſenkt; dann habe ich jenes Weib, das mich zu die⸗ ſem Morde aufgereizt, gleichfalls vergiftet, haupt⸗ ſächlich darum, weil dieſes Weib, das ein Teufel in der Geſtalt eines Engels war, mich verhöhnt und lieblos zurückgeſtoßen hat. — Gräfin Clelia war alſo nicht Euer Weib? 131 — Sie war eben ſo wenig mein Weib, als die Nichte eines Cardinals! Ich hatte ſie in Dresden aus dem Pfuhl der Schande aufgerafft und hier in Prag wieder zu Ehren gebracht. Mein Lohn dafür war, daß ſie mich verachtete in dem Grade, in welchem ich ſie verabſcheute, als ich ihren Undank erkannte. — Und iſt jener Knabe, an dem anſcheinend ihr Herz und ihre Seele hing, Sein oder Euer Kind? — Ritter, Ihr fragt mich um Etwas, was nur Gott Euch zu beantworten vermag! — Und wer gab Euch jenes Gift? — Ich lernte die Bereitung deſſelben von einem ſtillen Manne aus Palermv. Sein Name, Ritter, bleibt mein Geheimniß. — Und woraus beſteht dieſes furchtbare Gift? — Euch will ich nichts mehr verſchweigen. Das waſſerklare, geruch⸗ und geſchmackloſe Gift, von welchem acht bis zehn Tropfen hinreichen, das blühend⸗ ſte Leben innerhalb zwölf Stunden auf ewig ver⸗ welken zu laſſen, iſt der Schweis und Geifer, der vom Munde jener unglücklichen Opfer aufgeſammelt wird, welche, an den Beinen aufgehängt, todtgekitzelt werden. Dieſer Geifer, mit einer Miſchung ſpani⸗ ſcher Fliegen und mit Opium verſetzt, iſt von allen Giften, die bis jetzt erfunden ſind, das qualvollſte 9* 132 und ſicherſte, gegen das bis jetzt noch kein Gegengift gefunden iſt. Nun, Ritter Budowec, wißt Ihr Alles. Für das aber, was ich Euch freiwillig mitge⸗ theilt, erbitte ich mir jetzt eine Gnade von Euch⸗ — Was kann ich für Euch thun? — Sorgt dafür, daß man mit meinem qual⸗ vollen Daſein ſo raſch als möglich ein Ende macht; denn die tiefe Reue, die Ihr mir geweißagt und die zwar ſpät, aber deſto gräßlicher in meinem Innern wie vergiftetes Unkraut emporgewuchert iſt, martert mich noch tauſendfach mehr als der unbeſchreibliche Schmerz meiner von der Folter zerguetſchten Glieder und zer⸗ malmten Knochen. Die Schmerzen des heiligen Lau⸗ rentius, den man lebendig auf dem Roſte gebraten hat, ſind Kinderſpiel gegen die Qualen der Hölle, die ich ſchon hier auf Erden erdulde. Sorgt dafür, daß man mich hinrichte, heute lieber noch als morgen; denn jede Stunde meines Daſeins iſt eine Ewigkeit unbeſchreiblicher Marter. Verſprecht mir, daß ich morgen um dieſe Stunde nicht mehr lebe; dann will ich Euch jenſeits dafür ſegnen. — Ich verſpreche es Euch, Girolamo Scotto, ſagte Budowec und ſchied bewegt aus dem Kerker des Bereuenden. Noch an demſelben Tage erfolgte der vom 33 Kaiſer Rudolph eigenhändig ausgefertigte Befehl zur Hinrichtung des Verbrechers. Er ward auf dem Hradſchin im Hofe des Burg⸗ grafenamtes enthauptet. Reuntes Capitel. Eine Sitzung des Oujezder Minnehofs. Zwiſchen dem Kleinſeitner Ringe und der jetz⸗ gen Karmelitergaſſe ſtund zur Zeit unſeres Romanes das alte„OQujezder Thor, welches aus einer ſpitz⸗ gewölbten Durchfahrt und einem darüber befindlichen Gaden aus Fachwerk beſtand.*) Dicht an dieſem Thore befand ſich der Eingang in die Procopius⸗Kirche, ein alter, länglich vier⸗ eckiger Bau mit einem rundgewölbten Presbyterium, über welchem ſich ein Thürmchen erhob.**) ) Dieſes Thor ward erſt 1727 abgetragen. Der ehemalige Standort desſelben iſt noch jetzt durch eine daſelbſt an⸗ 3 gebrachte ſteinerne Gedenktafel bezeichnet. Dieſe Kirche, unter Kaiſer Joſeph Il. aufgehoben, wutde in ein Privathaus umgeſtaltet, in welchem noch heut 134 Die lange Straße, die von dieſem Thore bis zum Smichow führte, hieß damals„Oujezd' oder und begriff auch die jetzige Karmelitergaſſe in ſich. In dieſer Gaſſe befand ſich auf dem Stand⸗ orte der jetzigen Karmeliterkirche Maria de Victoria ein beſcheidenes Huſſitenkirchlein, in deſſen unmittel⸗ barer Nähe ſich die ſtolzen Herrenhäuſer der reichen und darum angeſehenen Familien Griespek von Gries⸗ pach und Medek von Waldek erhoben. In geringer Entfernung von dem Kirchlein Jo⸗ hannes Hus befand ſich damals das jetzt gleichfalls aufgehobene Kirchlein Sanct Lorenz und querüber von Letzterm, auf der linken Häuſerzeile des Qujezd, erhob ſich die Kirche Sanct Maria Magdalena.*) Seitwärts dieſer Kirche ſtanden an der Stelle des jetzigen gräflich Erwin Noſtitz'ſchen Palaſtes zu Tage der Grundriß jener Kirche zu erkennen und außen in einer Niſche das Standbild des hl. Pro⸗ cop, des großen ſlawiſchen Gelehrten und erſten Abtes von Sazawa zu ſehen iſt. *) Sie ward in ſpäterer Zeit in ein Oberpoſtamts⸗Gebäude und Letzteres wieder in eine Caſerne der Gensd'amerie umgeſchaffen. 135 mehrete Bürgerhäuſer, namentlich das Haus zur grünen Roſe, dem Bürger Brunner angehörend, und das„Hufnagel'ſche Haus“ beſchildet zum golbe⸗ nen Bären“*) In der Nähe des Fgoldenen Bären“ befand ſich zu jener Zeit ein, von Hans de Stella für die Familie Zdärskf von Zdär geſchmackvoll erbautes, ſtattliches Haus, welches Gräfin Maria Magdalena vor zwei Jahren angekauft hatte und den Sommer über mit ihrer Dienerſchaft bewohnte. In dieſem Hauſe hatte die geiſtreiche Freundin Kaiſer Rudolphs den Sitz des von ihr in's Leben gerufenen Minnehofs verlegt. Die Gräfin war bei Gründung dieſer Cour d'amour großentheils den Statuten Eleonorens von Acquitanien, der galanten Gemahlin Ludwigs VII. gefolgt und hatte aus eigener Machtvollkommenheit ſich ſelbſt, wie uns bereits bekannt, zur Vorſitz führen⸗ den Kanzlerin und unter den erſten vier Mitgliedern ihre Freundin Eva von Lobkowic, für deren Aufhei⸗ *) Erſteres erkaufte 1622 Chriſtian von Noſtitz, Letzteres ein Jahr ſpäter Otto von Foſtitz. Das jetzige Polais erbaute 1660 Graf Johann Hartwig von Roſtitz. 136 terung und Zerſtreuung Magdalena beſorgt war, zum General⸗Advocaten des hohen Gerichtshofs ernannt. Eva's Bevorzugung war keinem der andern Mitglieder ſo ungerecht erſchienen, als der hämiſchen, neid⸗ und ſpotterfüllten Iſolde von Berlichingen, die ſeit jenem Augenblick gegen die Gräfin, welche die Tochter des Gefangenen auf Elbogen zu dieſer Würde emporgehoben hatte, nicht wenig gereizt und erbittert zu ſein ſchien. Das Parlament der Liebe verſammelte ſich nach Paragraph III. der von der Kanzlerin entworfenen Statuten zwölf Mal im Jahre, am Erſten jedes Monats, um über gewiſſe Fragen der Liebe, die ihm ausſchließlich nur von der Kanzlerin vorgelegt werden durften, ſich durch Stimmen⸗Mehrheit für oder gegen ſie zu entſcheiden. Nur in zweifelhaften Fällen, d. h. in ſolchen, in welchen die Stimmen gleich getheilt waren, er⸗ kannte Paragraph VII. der vorſitzenden Kanzlerin, die in andern Fällen mitzuſtimmen nicht berechtigt war, die Stimme der Entſcheidung zu, eine Präro⸗ gative, mit welcher ſich bei Reviſion der Statuten nur Iſolde von Berlichingen nicht einverſtanden er⸗ klärt und ſich nur darum gefügt hatte, weil ſie von den andern Drei überſtimmt worden war. 137 Am 1. September des Jahres 1600, gerade an jenem Tage, an welchem der Ritter Thaddäus von Häjek, der Leibarzt des Kaiſers, der Protome⸗ dicus des Königreichs Böhmen und einer der aus⸗ gezeichnetſten Gelehrten ſeines Vaterlandes, auf ſei⸗ nem Krankenlager mit dem Tode rang, den all' ſein Wiſſen nicht zu beſiegen vermochte und welchem er an demſelben Tage nach ruhmvoll zurückgelegter Laufbahn im Alter von fünfundſiebzig Jahren erlie⸗ gen mußte, am Todestage Häjeks trat auf dem Qujezd der hohe Gerichtshof der Liebe zum erſten Male zuſammen, um Entſcheidung zu faſſen über die ihm von der Kanzlerin vorgelegte Frage: „Iſt es erlanbt dem Manne, mehr als eine Frau; iſtes erlaubt der Frau, mehr als einen Mannzu lteben?“ — Die Kanzlerin geſtatte mir eine Vorfrage, begann Iſolde von Berlichingen. — Was wünſcht Ihr zu wiſſen? fragte die Gräfin. — Ob Ihr unter dem Worte Frau eine ver⸗ heirathete oder ledige, und ob Ihr unter dem Worte Mann einen ledigen oder verheiratheten zu verſte⸗ hen geruht? — Ich mache zwiſchen Beiden keinen Unter⸗ ſ 1 138 ſchied. Frau bleibt Frau, wie Mann immerhin Mann bleibt, gleichviel ob ſie zufällig verheirathet ſind oder nicht. — Dann bitte ich zuerſt um's Wort! — Ihr habt es, Iſolde von Berlichingen! entgegnete die Kanzlerin mit der ihr angeborenen Würde und Anmuth. — Nach der von unſerer erlauchten Kanzlerin gegebenen Erklärung, begann Jſolde, erſcheint mir dieſe Frage nach meiner unmaaßgeblichen Meinung ſehr gewagt... — In wiefern gewagt? fragte die Vorſitzende. — Weil ſie den einfachen Geſetzen der chriſt⸗ lichen Moral zuwiderläuft! erklärte Iſolde etwas ſpöttiſch. — Unſer Hof hat hier nicht über Fragen der Moral, ſondern einzig und allein über Fragen der Liebe zu entſcheiden. Moral iſt eine heilige Pflicht, der ſich zwar Jede von uns ſelbſtverſtändlich gerne unterwirft; aber auch die Liebe, die freie Himmels⸗ tochter, hat ihr heiliges Recht. Entſcheidet nun, ob die Liebe Unterthanin der Moral oder ob, umgekehrt, die Moral Unterthanin der Liebe iſt. — Ich entſcheide mich, erklärte Iſolde, die ſich von ihrem Richterſtuhle erhoben hatte, unbedingt 6 139 dafür, daß die Liebe, wie jedes andere Gefühl des menſchlichen Herzens, den ſtrengen Geſetzen der Mo⸗ ral unterworfen iſt, und ſchon aus dieſem Grunde bin ich der Anſicht, daß die Frau, die mehr als einen Mann zu lieben wagt, noch weit ſtrafbarer iſt als der Mann, der die Neigung ſeines Herzens unter zwei Frauen theilt. Die Liebe iſt, nach meinem Gefühle, einig und untheilbar wie die Wahrheit, und gleichwie ich nur Eine Wahrheit als die rich⸗ tige anerkenne, ſo vermag ich auch nur die Liebe anzuerkennen, die vom erſten Funken ihres geheim⸗ nißvollen Entſtehens bis zum letzten Hauche der erlöſchenden Flamme einem und demſelben Gegen⸗ ſtande zugewendet bleibt. Das Herz, das, gleichviel ob es in der Bruſt eines Weibes oder eines Man⸗ nes ſchlägt, ſich groß und ſtark oder, richtiger geſagt, verwegen genug fühlt, zwei Gegenſtände zugleich zu lieben, belügt ſich ſelbſt, weil es in Wahrheit Kei⸗ nen von Beiden liebt. Eben ſo wenig als der Duft einer Blume, eben ſo wenig als der Strahl des Lichtes zertheilbar iſt, eben ſo wenig vermag ich mir eine zwiſchen zwei oder gar mehrere Gegenſtände getheilte Liebe, die ja auch nichts weiter als der Blumenduft und Lichtſtrahl der Seele iſt, zu denken oder ſie in Wahrheit gar zu theilen. Ein Glaube, 140 Eine Hoffnung, Eine Liebe iſt mein Wahlſpruch und wird es ewig bleiben! ſagte Iſolde ſich nieder⸗ ſetzend zum Beweiſe, daß ſie dem, was ſie ſo eben entwickelt, nichts mehr beizufügen habe. Jetzt erhob ſich Giovannina Barbice. — Ich vermag Iſoldens Anſicht nicht zu thei⸗ len. Es erſcheint mir ein von der Engherzigkeit gewöhnlicher Moral aufgedrungener Gemeinplatz, daß das menſchliche Herz, welches eben ſo ſehr der Liebe, als die Blume des ſie erfriſchenden Morgen⸗ und Abendthau's, des Sonnenſcheines eben ſo gut als des Regens bedarf, den geheimnißvollen Kelch ſei⸗ ner Liebe nicht eben ſo gut dem Einen wie dem Andern erſchließen dürfe. Müßte nicht jede Blume, die ihren Duft nur ausſchließlich den Strahlen der Sonne zuwenden möchte, eben ſo raſch verduften und verblühen, wie jene, die ſich einzig und allein nur nach dem erquickenden Balſam des Regens ſehnt und in ihm ihren einzigen Troſt erblickt! Auch die Liebe bedarf zu ihrer Entwickelung wie zu ihrem Gedeihen mehr als einer Kraft; ſie bedarf der Thräne wie des Lächelns, des Regens wie des Sonnenſcheines, um ſich zur Blüthe zu entfalten. Und aus dieſem Grunde glaube ich, daß das menſchliche, zu ſeiner Entfaltung und Entwickeiung der Liebe bedürftige 141 Herz wohl berechtigt ſei, mit derſelben Sehnſucht dem Phöbus Apollo, wie dem Jupiter Pluvius entgegenzuklopfen und mit gleicher Befriedigung eben ſo dankbar das perlende Lächeln des Morgenthaues wie die feuchten Thränen des Abendthaues in ſich aufzu⸗ nehmen. Mein Wahlſpruch iſt und wird es immer bleiben: Liebe läßt ſich nicht erzwingen, Liebe achtet kein Gebot; Liebe läßt ſich nicht erheucheln, Heute roth und morgen todt! Kannſt dem Herzen Du gebieten: Lieb' nur Den und Jenen nicht! Kannſt dem Herzen Du verargen, Wenn es dann vor Kummer richt? Liebe bleibt ein ew'ges Räthſel⸗ Das ſo Mancher nicht verſteht, Liebe läßt ſich nimmer feſſeln, Liebe kommt und Liebe geht! Liebe läßt durch nichts ſich bannen, Frei ſein iſt ihr höchſtes Glück! Laſſe ruhig ſie gewähren, Oft kehrt ſie von ſelbſt zurück! Nachdem Giovannina Barbice ſich niedergelaſſen hatte, erhob ſich die Dichterin des Parthenicon, Eliſa⸗ beth Jane Weſton. 142 — Erlaubet mir, ſagte ſie zu ihrer Vorgänge⸗ rin, daß ich Eure geiſtreiche Anſicht verwerfe. Wenn ich auch zugebe, daß die Liebe, wie Ihr und Iſolde von Berlichingen ſie geſchildert habt, die duftige Blüthe des menſchlichen Herzens genannt werden darf, ſo kann ich Euch doch nicht einräumen, daß ſie zu ihrer höchſten Entwickelung mehr als einer einzigen Kraft bedarf. Ihr ſpracht von Regen und Sonnenſchein. Aber ſind Beide, ſchärfer in's Auge gefaßt, etwas Anderes als Eines und Daſſelbe? Sind nicht Beide nur verſchiedene Folgen einer und derſelben Urſache? Dieſe einzige Urſache iſt der Himmel. Iſt der Aether klar und heiter, dann glänzt die Blume im vollen Sonnenſcheine; iſt der Aether trüb und umwölkt, dann beugt ſie ihr Haupt unter dem Regenſchauer. Aber kommt nicht Lächeln und Thräne aus einem und demſelben Auge? Und iſt der Thau, der ſich Morgens niederſenkt, etwas Anderes als Jener, welcher Nachts auf die Blumen herniederträufelt? Aether bleibt Aether, Thau bleibt Thau. Was Giovannina alſo für zwei verſchiedene Kräfte anſieht, iſt genau betrachtet nur eine Kraft. Aus dieſem Grunde theile ich Iſoldens Meinung und hin, gleich Ihr, der Anſicht, daß ich mir nur ——————— 143 Einen Himmel, Einen Gott und Eine Liebe zu denken vermag. — Wir ſind begierig, ſprach die Kanzlerin über die ſchwebende Streitfrage die Anſicht unſeres eben ſo geiſtreichen als anſpruchsloſen General⸗Advv⸗ caten zu vernehmen. — O beſchämt mich nicht, hohe Kanzlerin! ſagte Eva von Lobkowic, ſich ſchüchtern emporrich⸗ tend. Drückender als jemals fühle ich in dieſem Kreiſe, daß Jede von Euch mir an Gaben des Gei⸗ ſtes wie des Herzens weit überlegen iſt, und ſchon aus dieſem Grunde wage ich nur mit Beklommenheit in dieſem Areopag des Geiſtes und der Liebe auch meine ſchwache Stimme zu erheben.— Jede meiner Vorgängerinnen mag, von dem Standpuncte, von welchem ſie die Beantwortung Eurer Frage aufge⸗ faßt, ſicher recht haben; deſſen ungeachtet vermag ich nut jener Anſicht beizupflichten, die mein Gefühl für die richtige hält. In meinen Augen iſt die Liebe keine Blume, denn Blumen blühen und verwelken; Liebe aber, wahre Liebe, welket niemals. Für mich iſt die Liebe nichts Irdiſches, nichts Vergängliches, wie jede Blume, wäre ſie noch ſo ſchön und reizend; für mich iſt die Liebe etwas Erhabenes, Himmliſches, das alle Blumen der Erde, wie die Erde ſelbſt, über⸗ 144 dauert und, wenn auch nicht ohne Anfang, doch we⸗ nigſtens nach meinem Gefühle ohne Ende iſt. Und aus dieſem Grunde vergleiche ich die Liebe mit der göttlichen Sonne, die das ganze Weltall erwärmt und erleuchtet, beſeligt und verklärt. Aber darum eben, weil ich die Liebe mit der unvergänglichen, Jahrtauſende durchleuchtenden Allgewalt der Sonne vergleiche, finde ich, daß die Liebe auch dieß mit der Sonne theilt, daß ſie nicht für einen Einzelnen, ſon⸗ dern für Alle ſcheint, die dankerfüllt zu ihr emporblicken, und ſie inbrünſtig ſegnen für den Zauber, den ſie auf unſer ganzes Daſein großmüthig ausſtrömen läßt. Ein wenn auch noch ſo winzig kleiner Strahl jener unendlich großen Himmelsſonne iſt die Liebe, die ich nicht zu einem Einzelnen allein, ſondern zu jedem Menſchen, der meiner Liebe würdig iſt, im Herzen trage, ohne daß ich dadurch eine Sünde gegen die Einheit und Untheilbarkeit der Liebe begehe, wie ſie Iſolde von Berlichingen zum Geſetz erhebt. Mein Herz liebt alle Menſchen mit gleicher ungetheilter Liebe, und warum ſollte das, was mir geſtattet iſt, nicht eben ſo gut jeder andern Frau wie je⸗ dem Manne erlaubt ſein? Die Liebe, wie ich ſie mir denke, iſt nicht das Erbtheil eines Einzelnen, ſondern das Gemeingut Aller, die ſich dieſes Gutes 1856. VI. Auf dem Hradſchin. II. 145 würdig zeigen und darum nehme ich keinen Anſtand, die Frage unſerer erhabenen Kanzlerin aus voller Seele mit einem vollen Ja zu beantworten. — Zwei Stimmen, ſagte die Gräfin, haben ſich für und zwei gegen meine Frage erklärt. In dieſem zweifelhaften Falle räumt mir das Statut die Stimme der Entſcheidung ein. Bevor ich ſie gebe, bitte ich die erleuchteten Räthe des hier verſammelten Par⸗ laments, auch meiner Anſicht ein freundliches Gehör zu ſchenken.— Der Standpunct, von welchem unſer General⸗Advocat die Beantwortung dieſer Frage aufgefaßt hat, weicht zwar gänzlich von jenem der drei frühern Redner ab, bietet aber nichts deſto we⸗ niger den ſchlagendſten Beweis gegen die Meinung Derer, die in ihrer Engherzigkeit nur das Recht einer ausſchließlich einſeitigen Liebe wollen gelten laſſen. Letztere Anſicht theile ich durchaus nicht und vin⸗ dieire für jeden Mann, gleich wie für jede Frau, das gleiche Recht, Jeden zu lieben, der ihnen lie⸗ benswerth erſcheint, mithin mehr als ausſchließlich Einen zu lieben, wenn anders das wahre Gefühl, nicht Ehrgeiz, nicht Eigennutz oder irgend ein an⸗ derer, unlauterer Beweggrund, das menſchliche Herz antreibt, ſeine Liebe zwiſchen Zweien, zu welchen es ſich gleich mächtig hingezogen fühlt, gleichmäßig 10 146 zu theilen. Jeder Menſch trägt in ſeinem Innern ein Parlament. Das menſchliche Herz hat zwei Kammern, und warnm ſollte die Eine dieſer geſetz⸗ gebenden Gewalten nicht berechtigt ſein, das was die Andere beſchloſſen, zu verwerfen oder, umgekehrt, gutzuheißen, was die Andere verworfen hat? Iſt es nicht natürlich, daß in jeder der beiden Herzens⸗ kammern wie in jedem der Parlamentshäuſer ein eigener Sprecher der Leibenſchaften, die ſie bewegen, den Vorſitz führt? Aus dieſem Grunde, glaube ich, hat der Koran jedem Türken das Recht eingeräumt, mehr als eine Frau lieben zu dürfen. Vielleicht gelingt es mir beſſer durch ein Gedicht als durch eine lange Rede Euch von dem zu überzeugen, was ich davon halte. Mahomet und ſeine Frauen Saßen einſt im Götterzelt, Der Prophet umarmt in Beiden Seinen Himmel, ſeine Welt. Schmollend fragten beide Frauen: „Sprich, wie kannſt Du lieben Zwei? Prüfe, Abgott, und entſcheide, Wer von uns Dir lieber ſei!“ „Ach vergönnt mir, daß ich ſage, Was mein Herz ſich oft gedacht, Du, Ayesha, gleichſt dem Tage, Du, Fatime, gleichſt der Nacht. 147 Eure Liebe, Eure Treue, Hat ſo glücklich mich gemacht; Darum lieb' ich ohne Reue Frühlingstag und Sommernacht Seht, zwei Spiegel hat die Seele, Und zwei Kammern hat das Herz; In der Einen wohnt die Freude, In der Andern wohnt der Schmerz. Was ſind Schmerzen ohne Freude? Was iſt Freude ohne Schmerz? In Euch Beiden liebet Beides Das getheilte Menſchenherz.“ Alſo ſprach Mahomet zu ſeinen Frauen, und Beide waren zufrieden im Beſitze des getheilten Her⸗ zens, der getheilten Liebe. Iſt es nun jedem Be⸗ kenner des Korans geſtattet, mehr als eine Frau zu lieben, ſo ſcheint es auch nicht mehr als billig, daß das Geſetz der Frau daſſelbe Recht als dem Manne einräume und auch ihr geſtatte, mehr als einen Mann zu lieben. Ihr werdet darauf erwidern, wir ſind nicht Bekenner des Korans; wir ſind Chriſten! Aber gebietet nicht auch die chriſtliche Religion: Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt, und wer kann wohl unſerm Herzen näher ſtehen, als Jener, der uns liebt? Liegt nicht ſchon im Geſetze der chriſtlichen Nächſtenliebe das Recht, mehr als Einen 10* 148 lieben zu dürfen? Liebe iſt eine Tochter der göttli⸗ chen Freiheit; Freiheit aber duldet keinen Zwang! Und aus dieſen Gründen beantworte ich jene Frage, über die Eure Anſichten getheilt ſind, mit einem entſcheidenden Ja! Ich bitte den Secretär unſeres Gerichtshofes, zu welcher Wuͤrde ich hiermit Gio⸗ vannina Barbice erhebe, die erſte Entſcheidung deſſel⸗ ben zu Papier zu bringen. — Was ſoll ich niederſchreiben? fragte Gio⸗ vannina. — Schreibt, was ich Euch dietiren werde. Die aufgeworfene Frage: Iſt es erlaubt dem Manne, mehr als eine Frau, iſt es erlaubt der Frau, mehr als einen Mann zu lieben?“ iſt in der erſten Sitzung des Minnehofs auf dem Oujezd zu Prag mit zwei Stimmen gegen Zwei durch die fünfte Stimme der vorſitzenden Kanzlerin bejahend entſchieden worden. Gegeben zu Prag am 1. September 1600.— Habt Ihr das niedergeſchrieben? fragte Magdalena. — Ja, Kanzlerin, entgegnete der federgewandte Secretär. — Dann wollen wir das Protvcoll unterzeich⸗ nen, ſagte die Kanzlerin und geruhte ihren vollen Namen darunter zu ſchreiben. 149 Und nach ihr unterzeichnete Giovannina Barbice. — Ich habe noch eine Bitte, ſagte Iſolde. — Was ſteht zu Dienſten? fragte Magdalena. — Ich bitte um eine Abſchrift dieſes intereſſan⸗ ten Erkenntniſſes. — Wozu? fragten die drei andern Räthe. — Ich wünſche, mit Erlaubniß des hohen Gerichtshofs, eine Sammlung aller Ausſprüche deſſel⸗ den anzulegen. — Es ſei Euch gewährt, ſagte die Kanzlerin, ſich von ihrem Präſidentenſtuhle erhebend. Die Siz⸗ zung, meine Damen, iſt aufgehoben!——— Zehntes Capitel. Iſolde von Berlichingen. Iſolde aber konnte es kaum erwarten, die Ab⸗ ſchrift jener erſten Entſcheidung in Händen zu haben. Neidiſch auf den mächtigen, mit jedem Tage wachſenden Einfluß der Gräfin Magdalena, neidiſch auf das Band der Freundſchaft, das ſich zwiſchen Magdalenen und Even immer enger und feſter ſchlang, beſchloß die intrigante Frau des nicht minder ränke⸗ 150 ſüchtigen Burkhard von Berlichingen, im Vereine mit ihrem Gemahle, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um die Freundin des Kaiſers in deſſen Gunſt zu ſtürzen. Sie wußte, daß es zur Ausführung dieſes heim⸗ lich gepflegten Planes vor Allem der Zeit und der Verläumdung bedürfe, um ihre auf dem Gipfel der Macht ſtehende Feindin zum Sturz zu bringen. Ihr Gemahl, ein Reichsritter, der ſeinen Sitz aus Rürnberg nach Böhmen verlegt und das böh⸗ miſche Incolat erworben hatte, erbittert über die ſtolze Gräfin, die ſeine halblauten Liebesſenfzer zu ihr überhört, hatte ſeiner Frau gelobt, durch ſchlau erſonnene Künſte und liſtig angelegte Verläumdungen aller Art es nach und nach dahin zu bringen, daß der Ruf ihrer gemeinſchaftlichen Gegnerin und der Nimbus ihrer Ehrenhaftigkeit binnen Jahresfriſt, wie Burkhard von Berlichingen ſich auszudrücken beliebte, einen Kler nach dem andern erhalte, daß die Pauke zuletzt ein Loch bekomme. Iſolde umarmte ihren Gatten dafür viel zärtli⸗ cher als gewöhnlich. Nachdem die Abſchrift des erſten Protocolls ſich in ihren Händen befand, ſorgte Burkhard durch Vervielfältigung zahlloſer Abſchriften, die er bei Hofe füllung ging. 151 und in der ganzen Stadt heimlich verbreiten ließ, vor Allem dafür, die von der Gräfin in harmloſer Weiſe ausgeſprochene Anſicht in falſches Licht zu ſtellen und ſo auszulegen, daß Magdalenens guter Ruf„den erſten Kler' bekam. Er dichtete auf die kalte unerbittliche Artemiſia, die ſeiner zudringli⸗ chen Huldigung nicht die kleinſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, allerhand kleine Spottlieder, die ſeine Frau mit Melodieen verſah und ſie dann wie ſtechende Weſpen hinausflattern ließ in alle Kreiſe der Bevöl⸗ kerung, um dem Anſehen der Gräfin einen giftge⸗ ſchwollenen Stich nach dem andern zu verſetzen. Der häufig wiederkehrende Platzregen kleiner boshaf⸗ ter Bonmots höhlt zuletzt auch den feſteſten Stein aus, und ſo geſchah es, daß durch die kleinen raffi⸗ nirten Verläumdungen des ſich vollkommen würdigen Ehepaares der bis dahin unbeſcholtene Name der Gräfin nach und nach ein Gegenſtand des allgemei⸗ nen Spottes ward, ohne daß ſie es Anfangs ahnen konnte, wer der Urheber des Schwarmes jener tau⸗ ſend kleinen Spottfliegen ſei, die ihr Ohr und end⸗ lich auch das des Kaiſers umſchwirrten und umſumm⸗ ten ſo lange, bis endlich, nach Jahr und Tag, Burkhard's Prophezeihung mehr und mehr in Er- „Die Paukehatte ein Loch bekommen!“ 1 Eilftes Capitel. Drei Todesfälle. Q 2 So war das Jahr 1601 herangekommen. Im Laufe dieſes Jahres büßte Kaiſer Rudolph drei ſeiner Räthe ein. In der Mitte Septembers erkrankte der kaiſerliche Leibarzt Chriſtoph Gua⸗ rinonius. Der Doctor elixirabilis, nicht wenig eitel auf den Titel, der ihm vor fünfzehn Monaten vom Kaiſer ertheilt worden war, hatte lange vor ſeiner Erkrankung ſich damit beſchäftigt, die Ehrennamen all jener berühmten Leute zuſammenzuſtellen, die im Phalanx der Scholaſtiker durch beſondere Doctortitel geehrt worden ſind. Wir geben hier die alphabetiſch geordnete Liſte, wie wir ſie in den nachgelaſſenen Handſchriften Guarinons, in deren Beſitz uns, ſchon vor Jahren, ein günſtiger Zufall geſetzt, vorgefunden haben: Thomas von Aquino hieß Doctor angelicus, Gregorius v. Rimini„ Doctor authenticus, Johann Gerſon„ Doctor christianissimus, Anton Andrean„ Doctor dulcifluus, Petrus Oriolus„ Doctor facundus, 153 Wilhelm Varro hieß Doctor fundatus, Romanus Aegidius„ Doctor fundatissimus, Franciscus Mayronis„ Poctor illuminalus, Alexander von Sales„ Doctor irrefragibilis, Der heil. Bernhard„ Doctor mellifluus, Roger Baco„ Doctor mirabilis, Joſeph Baſſolis„ Doctor ordinantissimus, Walter Burleigh„ Doctor planus et per- spicuus, Thomas Bradwardin„ Doctor profundus, Durand de Saint⸗Porcain, Doctor resolutissimus, Bonaventura„ Doctor seraphicus, Wilhelm Occam„ Doctor singularis, Henrik Goethals„PDoctor solemnis und Duns Scotus„ Doctor subtilis.*) Gleichſam um die Zahl dieſer neunzehn Män⸗ ner rund und voll zu machen, hatte Kaiſer Rudolph, wie uns bereits bekannt, ſeinen überaus eiteln, titel⸗ und auszeichnungsſüchtigen Leibarzt mehr aus harm⸗ loſer Ironie als in wirklicher Anerkennung zum Doctor elixirabilis ernannt. *) Guarinonius hat in ſeiner Liſte einen der ausgezeich⸗ netſten Doctoren vergeſſen: wir meinen Alanus von Ryſſel, der als ſcholaſtiſcher Philoſoph den Ehrentitel Doctor universalis erhielt. 154 Noch während ſeines Krankenlagers hatte ſich der Entdecker des mäuſeſchwanzähnlichen Pulsſchlages, eifriger als je, mit der Vollendung des von ihm auf⸗ geſtellten Syſtems beſchäftigt und über zweihundert zwanzig verſchiedenartige Pulsrhythmen genau claſſi⸗ ficirt und mit gelehrter Weitſchweifigk it definirt, als das boshafte Schickſal ihm den allerdings unverzeih⸗ lichen Poſſen ſpielte, ihn inmitten ſeiner hochgelehr⸗ ten Pulsſtudien aus der Reihe der Lebenden abzu⸗ rufen, und ihn in die grauſame Nothwendigkeit zu verſetzen, die Ausführung ſeines Syſtems einem ſeiner ſpätern Nachfolger überlaſſen zu müſſen.*) Es war ein ſehr herber Schlag für die ge⸗ lehrte Eitelkeit dieſes Mannes, der ſich erſt fünfzehn Monate zuvor dem Kaiſer gegenüber gerühmt hatte, gar nicht ſterben, ſondern mit Hilfe des ihm von *) Die Idee des Dr. Guarinonius wurde vierzig Jahre ſpäter von dem Tübinger Arzte Samuel Hafenreffer aufgegriffen. Letzterer ſchrieb ein ganzes Buch dar⸗ über, das u. d. T.„Monochordon symbolico-bioman- ticum, abstrusissimam pulsuum doctrinam ex har- moniis musicis demonstrans“ im Jahre 1640 an's Licht trat und ſeit langer Zeit zu den vielgeſuchteſten Sel⸗ tenheiten jedes Bibliophilen gehört. 155 dem Muttergottesbilde zu Loreto eingegebenen Eli⸗ rirs in Fülle der Geſundheit den Untergang der Welt und dos Gericht des jüngſten Tages ruhig ab⸗ warten zu wollen; es war traurig und niederſchla⸗ gend für dieſen Mann, ſchon jetzt in einem Alter von kaum achtzig Jahren, trotz ſeines vielgeprieſenen Lebenstranks, ſo gut wie jeder andere Sterbliche in's Gras beißen, ſo gut wie der elendeſte Queckſalber Prags ſterben zu müſſen. Die vereitelte Selbſttän⸗ ſchung, mindeſtens hundert Jahre alt zu werden, ſchien ihn in der letzten Stunde ſeines irdiſchen Da⸗ ſeins mehr zu ſchmerzen, als das Herannahen des Todes, dem er— der Wahrheit die Ehre!— mit ſtoiſcher Ruhe und ſtolzer Verachtung in's Ange ſah. — Trotzdem, Meiſter Tod, ſtirbt ein Mann meines Geiſtes, meines Ruhmes, meines Wiſſens nicht. Non est mortale quod opto! rief er wenige Augenblicke vor ſeinem Ende und ſtärb im vollſten Bewußtſein und mit der ganzen Ruhe eines griechi⸗ ſchen Weltweiſen, neugierig wie jener Iſidorus von Sevilla in ſeiner„Comoedia humana zu erfahren, ob hinter ſeinem Leben ein Punctum oder Semi⸗ colon folge, ob der Tod das Ende oder der Anfang eines neuen Lebens ſei. Er ſchien das Letztere zu glauben. Jenſeits aber bedarf der menſchlicht 156 Geiſt zum Fortleben freilich nicht ſeines Elixirs. Die geheimnißvolle Zubereitung deſſelben hinterließ er feinem einzigen Sohne, in deſſen Armen er lächelnd in's Jenſeits hinüberſchlummerte. Das letzte Wort das ſich den Lippen des Ster⸗ penden entrungen hatte, war— Mänſeſchwanz. Ein Beweis, daß die Seele noch im Augenblicke des Scheidens aus der irdiſchen Hülle ſich mit ſeinem Pulsſyſteme beſchäftigt hatte. Dieſe irdiſche Hülle ward ohne große Feierlich⸗ teit im Sanct⸗Veitsdome auf dem Hradſchin bei⸗ geſetzt. Ueber ſeiner Gruft erhebt ſich noch heutzutage ein ſchönes Marmordenkmal, worauf er in Lebens⸗ größe und ganzer Figur abgemeißelt iſt. Sein Sohn und einziger Erbe des Elirirs, Hippolytus Guarinonius,(geboren zu Hall im Inn⸗ thal, in Prag erzogen und ausgebildet) erwarb ſich durch den Verkauf der Lebenstinktur ſeines Vaters einen ziemlich beträchtlichen Reichthum, wäre aber trotz ſeines vielen Geldes, wie mancher Reiche, ſchon längſt verſchollen, hätte er ſich nicht in ſpätern Jah⸗ ren ſeines Lebens vor Allem durch ein intereſſan⸗ tes Buch„Grewel der Verwüſtung des menſchlichen Geſchle chts“ bekannt gemacht. 157 Er erfüllte in dieſem Werke ein Gelübde des Vaters, inbem er es der heiligen Jungfrau Maria zuzueignen beſchloß— Als Kaiſer Rudolph das Ableben ſeines Leib⸗ arztes erfahren hatte, ſagte er zu ſeinem Kammer⸗ diener und Hofpoeten de Delle: — Du mußt ihm eine Grabſchrift dichten! Und das geſchah denn auch wirklich. Mardo⸗ chäus dichtete die beiden Knittelverſe: Allhier ruht in Gottes Hand Ein Mann, der zu klappern verſtand.“ Vier Wochen ſpäter erkrankte der kaiſerliche Rath und Hofaſtronom Tycho de Brahe. Der kaiſerliche Hofrath Ehrenfried von Minkwic hatte, am 13. Oetober vom Peter Wok von Roſen⸗ berg zu Tiſch geladen, ſeinen berühmten Freund mit⸗ gebracht. Nachdem Tycho de Brahe an der Roſenberg'ſchen Tafel zwiſchen dem Herrn des Hauſes und dem böhmiſchen Edelmanne, der ihn mitgebracht, Platz genommen und den erſten Löffel Suppe zum Munde geführt hatte, konnte der alte eingefreſſene Aber⸗ glaube des däniſchen Gelehrten nicht umhin, mit den Augen, während ſein Mund die Suppe verſchlang, 158 die bunte Reihe der Gäſte zu zählen. Der Löffel entſank ſeiner zitternden Hand, als er zu ſeinem Schreck die Entdeckung machte, daß es ihrer— zur Vorſicht zum zweiten und zum dritten Male gezählt — gerade Dreizehn waren. — Mich trifft der Schlag! rief er ſo laut, daß ſeine beiden Tiſchnachbarn es hören mußten. — Was iſt Euch zugeſtoßen, mein Freund? fragte der von Minkwie. — Was habt Ihr, kaiſerlicher Rath? fragte Roſenberg. — Ach, meine Herren, ſtöhnte der gelehrte Sternſeher, ich habe eine traurige Entdeckung ge⸗ macht.. — Am Himmel? fragte der Herr des Hauſes. — Nein, nein, hier an Eurer Tafel! Mit Einem Schlage habe ich Alles verloren: Hunger und Durſt, Laune und Fröhlichkeit, Lebensmuth nnd — Doch nicht gar Eure ſilberne Naſe? fragte Ehrenfried von Minkwic. — Bekümmert Euch nicht um meine Naſe, erwiderte Tyge ziemlich ärgerlich: das, was ich hier verloren habe, iſt ſchlimmer als meine Naſenſpitze, die Euch durchaus nichts angeht. 159 — Mein Gott, was iſt Euch? fragte Roſenberg. — Ich habe meinen ganzen Appetit verloren! — Aber warum? fragten beide Nachbarn zugleich. — Ich habe aus alter Angewohnheit die Gäſte gezählt und zu meinem tiefſten Schreck wahrgenom⸗ men, daß die Zahl derſelben gerade Dreizehn beträgt. Ich leſe in den Sternen, daß dieſer heilloſe Schreck, der mir wie ein kalter Brand in alle Gliedmaaßen geſchlagen iſt, mein Tod ſein wird. Ich leſe in den Sternen, daß ich in längſtens vierzehn Tagen ein Kind des Todes bin. — Laßt Euch nicht auslachen, lieber Freund, ſagte Ehrenfried von Minkwic. Schämt Euch lieber vor Euch ſelbſt! Wie kann ein ſo grundgelehrter Mann, ein ſo grundgeſcheidter Philoſoph, ſo aber⸗ gläubiſch und ſo furchtſam wie ein altes Weib oder verliebtes Mägdelein ſein! — O weh, mein Bauch! ſchrie Brahe. — Beruhigt Euch, kaiſerlicher Rath! ermu⸗ thigte ihn Herr von Roſenberg. Ich ſage Euch, wir ſind nicht Dreizehn, ſondern, genau gezählt, Vierzehn bei Tiſche. Tycho begann von Neuem zu zählen. — Ich bringe nur Dreizehn heraus! 160 — Ihr irrt Euch, mein großer Rechner, ſagte der Hausherr und lehnte ſich zu dem Ohre ſeines Nachbars hinüber, um ihm leiſe den Troſt zuzuflü⸗ ſtern: Den vierzehnten Gaſt, den Ihr freilich noch nicht ſehen könnt, trägt meine ſchmucke Nichte Zriny, welche Euch gegenüber ſitzt, ſeit ſechs Mona⸗ ten unter ihrem Herzen. Brahe aber wollte es nicht glauben. — Fragt ſie ſelbſt, lachte der Hauswirth. — Gnädigſte Frau, ſtammelte der angſtgepei⸗ nigte Prophet zu ſeinem reizenden Vis— à— vis⸗ iſt es wirklich wahr, daß die Welt auf den Zuwachs eines neuen Staatsbürgers zählen darf? — Was wollt Ihr damit ſagen? fragte die Gräfin Zriny ziemlich verlegen. — Ich will damit gefragt haben, ob Ihr Euch zur Freude Eures Gemahles Er hielt ſich dabei ſeine ſilberne Naſenſpitze, die aus lauter Schreck ihre ſichere Poſition eingebüßt zu haben ſchien) wirklich in jenem Zuſtande befindet, von dem ſich mit eini⸗ ger Gewißheit vorausſehen läßt, daß die Zahl Eurer jun⸗ gen Knospen ſich um wenigſtens Eine vermehren wird? — Allerdings verhält ſich's ſo, ſagte die Frau von Zriny durch dieſe etwas dreiſte Frage ſehr in Verlegenheit gebracht. 161 — Vetzeiht mir, edle Gräfin, entſchuldigte ſich Brahe. Ihr macht mich, gerade mich, durch Ent⸗ hüllung dieſes zarten Familiengeheimniſſes zum Glück⸗ lichſten aller Unglücklichen! — Ihr ſprecht in Räthſeln, entgegnete Frau von Zriny. — Sogleich ſollt Ihr die Auflöſung erfahren. Ich bin ſehr aberglänbiſch, gnädige Frau. Ich zählte kurz vorher dreizehn Gäſte. Der Biſſen blieb mir im Munde. Da geruhte Euer edler Oheim, zu meiner Beruhigung, mir huldreich anzuvertrauen, daß— obgleich unſichtbar— ſich ein vierzehnter Gaſt bei Tiſch befindet. Geſtattet mir, holde Gräfin, daß ich den erſten Glückwunſch auf den zukünftigen Stolz ſeiner erhabenen Eltern ausbringe: Geruhet mit mir anzuſtoßen auf das Wohl des noch unge⸗ borenen Kroatenhelden. Es lebe hoch Graf Zriny der Vierzehnte! — Verzeiht, kaiſerlicher Rath, ſagte der glück⸗ liche Oheim, mit ihm freundlich unſtoend, daß ich Euren Lebehochruf berichtige! Wird's ein Knabe, dann iſt's der Sechſte, und wird's ein Mädchen, dann iſt's das Siebente, jedenfalls alſo iſt der zukünftige Sproß erſt der Dreizehnte!— — In meinen Augen aber bleibt er, gleichviel 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 11 26½ ob er generis masculini oder generis feminini iſt, doch der Vierzehnte, und wenn Ihr nichts einzuwenden habt, ſo geſtattet, Falls dieſer Vierzehnte ein Knabe iſt, daß Ritter Brahe ſich ungebeten auf die Liſte ſeiner Taufpathen ſchreiben darf. — Angenommen! ſagte Herr von Roſenberg. Der kaiſerliche Rath, der wieder ganz beruhigt ſchien, begann nun nach alter Gewohnheit tüchtig zu eſſen und noch tüchtiger zu trinken. Er ließ keine einzige Schüſſel vorübergehen; er griff tapfer zu, und ließ ſich ein Gerücht beſſer als das Andere behagen. Beim Nachtiſche verſchlang er faſt eine halbe Melone und beging die Unvorſichtigkeit, ſtatt des Weines, deſſen er bereits genug genoſſen zu haben ſchien, ein Paar Gläſer Waſſer zu trinken, um ſei⸗ nen ungewöhnlich großen Durſt zu kühlen. Und ſo geſchah es, daß Tycho de Brahe in Folge des heil⸗ loſen Schrecks, des vielen Eſſens und Trinkens und namentlich in Folge des unmäßigen Melonenge⸗ nußes mit obligater Waſſerbegleitung und der hin⸗ zugetretenen Schamhaftigkeit ſeines Anſtandsgefühles krank und leidend nach Hauſe kam. Erſt am dritten Tage, als er fühlte, daß ſeine Schmerzen immer heftiger zu werden begannen, ließ er den kaiſerlichen Leibarzt Anſelmus Bvethius rufen. 163 Dieſer erkannte ſogleich, daß ſeine Hilfe zu ſpät komme. — Ihr hättet mich früher rufen ſollen! ſagte der Niederländer. — So ſprechen alle Aerzte, entgegnete der Däne, wenn ſie uns nicht mehr zu helfen wiſſen. Hätte ich ahnen können, daß mein Zuſtand gefährlich ſei, dann würde ich Euch gleich in der erſten Nacht haben rufen laſſen. — Das wäre freilich viel klüger geweſen, ent⸗ gegnete der Arzt. — Geht, geht, Ihr wüßt Alle nichts! Schade, daß unſer Einer nicht nebenbei auch gründlich Me⸗ dicin ſtudirt hat. Vielleicht ſtände es beſſer um Euer Wiſſen, das ſo ziemlich noch auf derſelben Stufe ſteht, als es, vor Jahrtauſenden, zu den Zeiten Hip⸗ pokratis und Galeni geſtanden hat. — All' unſer Wiſſen iſt eitele Hypotheſe! be⸗ kannte der ehrliche Aesculap von Brügge. Unſer ganzes Wiſſen iſt eitles Stückwerk! — Nur nicht das Unſerige, die Aſtronomie! Sie, die auf Stunde und Minute eine Mond⸗ oder Sonnenfinſterniß vorauszubeſtimmen weiß, iſt keine bloße Hypotheſe, ſondern Gewißheit, Wahrheit, 11 164 Thatſache, und darum preiſe ich den Zufall, der mich Aſtronom und nicht Medicus werden ließ. — Wohl Jedem, der ſoviel wie Ihr das menſch⸗ liche Wiſſen erweitert und bereichert hat. — Ihr habt nicht Unrecht, lieber Freund! Ne frustra vixisse videar! Ich ſcheine nicht vergebens gelebt zu haben. — Dieß Zeugniß, Ritter, wird Euch Jeder geben, der da weiß, wie unſterblich die großen Dienſte find, die Ihr jener Wiſſenſchaft geleiſtet habt, welche Euch in Anerkennung jener zum Fürſten der Aſtro⸗ nomie ernannt hat. Am Abende des 23. October ſagte Brahe zu ſeiner Frau und ſeiner älteſten Tochter Magdalena, die tief betrübt an ſeinem Krankenlager ſaßen: — Ich kann Dir und Deinen armen Kindern nichts als etwas Ruf und einige meiner aſtronomi⸗ ſchen Inſtrumente hinterlaſſen. Auf Erſtern leiht Euch, ſobald ich meine müden Augen zugedrückt habe, kein Prager Jude, und wäre er Großmuth und Be⸗ wunderung ſelbſt, einen rothen Kreuzer; ſuche alſo wenigſtens die Letztern, und beſonders meine große Himmelskugel und meinen Sextanten, ſo gut als möglich zu verwerthen. Beide ſind zwar nur von Meſſing und dennoch haben ſie mehr Werth als ——— 165 mancher elende Goldklumpen. Biete Deine Inſtru⸗ mente zuerſt dem Kaiſer an, aber rechne, wenn ich todt bin, nicht auf allzugroße Dankbarkeit! Nur die Lebenden haben Recht; die Todten aber vergißt man leicht: Doch grämt Euch darum nicht! Der alte Gott, an deſſen Daſein ich nie gezweifelt, wird Euch unter die Flügel ſeines Schutzes nehmen und den Namen Brahe, der beſſer als Millionen Andere die Wunder ſeines geſtirnten Thronhimmels erkannt und durch⸗ ſchaut hat, gewiß nicht zu Schanden werden laſſen. Dieſe Ueberzeugung, meine Alte, tröſtet mich! Mutter Chriſtine wird für ihre Kinder ſorgen, und Du, Mag⸗ dalene, und Deine fünf anderen Geſchwiſter, Ihr wer⸗ det nach meinem Tode den ganzen Schatz Eurer kindlichen Liebe, Eures kindlichen Gehorſams, auf die beſte und zärtlichſte aller Mütter übertragen. — Das gelobe ich Dir, guter Vater, im Namen meiner Brüder und Schweſtern, ſagte Magdalena, ſeine Hand dankbar an ihre Lippen preſſend und ſie mit Thränen benetzend, die den hellen Spiegel ihrer reinen Seele verbüllten. — Nnn bin ich gefaßt und ruhig! ſagte Brahe, ſeine Tochter ſegnend. Jetzt noch ein Wort zu Dir, Chriſtine! Meine Feinde haben Dich ſchwer verläum⸗ det. Vergieb, wie ich ihnen vergebe! Zu allen Zeiten 166 hat der Neid der böſen Welt Alles, was höher als ſie ſelber ſteht, zu ſich in den Staub zu zerren verſucht. Nicht immer iſt ihm das gelungen. Ich hoffe zu Gott dem Gerechten, daß die boshafte, neid⸗ erfuͤllte und gehäßige Verläumdung auch an der Rüſtung Deines tugendhaften Lebenswandels, an dem Harniſche Deines edeln Charakters, machtlos zer⸗ ſchellen wird.— Sollte ich je im Leben durch ein rauhes liebloſes Wort Dich unverdient gekränkt haben, dann vergieb es mir, Chriſtine, und denke, wenn ich todt ſein werde, ohne Groll an Deinen alten Tyge, der Dich wahr und aufrichtig ohne Eigennutz, ohne Nebenrückſicht innig geliebt und mehr als jedes andere Weib verehrt hat. — Ich werde Dich niemals, niemals vergeſſen, gelobte die Bäuerin Chriſtine, deren tiefgefühlter Schmerz ſie, mehr als Stammbaum und Wappen der ſtolzeſten Frau, zum höchſten Adel, zum Adel der Seele, erhob. Sie küßte die Stirn des geliebten Gatten und wachte wie ein treuer Hund auch die letzte Nacht, wie jede der fünf vorhergegangenen, an ſeinem Kran⸗ kenlager. Sie pflegte und tröſtete ihn mit der gan⸗ zen Liebe, deren eine ſo einfache, ſchöne und große Seele, wie die ihrige, fähig war. 167 Am Morgen des folgenden Tages ſagte Tycho zu Anſelm de Boodt: — Ich fühle, daß es mit mir mehr und mehr zu Ende geht. Ich ſterbe wie Papſt Julius II., wie Kaiſer Marmilian I. und der Sieger von Raab, Graf Niklas Palfy, im Folge jenes übermäßigen Genußes von Melonen, auf welche ich Waſſer getrun⸗ ken; ich ſterbe an den Folgen des Schrecks, den mein Aberglaube mir bei der Tafel Roſenbergs in den Magen gejagt; ich ſterbe aus eigener Unvor⸗ ſichtigkeit! — Ein Mann Eures Namens ſtirbt niemals! tröſtete der Arzt. Euer Geiſt ſchwingt ſich zum Himmel auf, um dort in nächſter Nähe den geheim⸗ nißvollen Lauf der Weltordnung, die Bewegung des Sternenmeeres zu bevbachten. — Und darauf freue ich mich! ſagte Tycho de Brahe, deſſen brechendes Auge begierig war, die Wunder des Himmels zu ſchauen, mit welchen ſein Geiſt ſchon hier auf Erden ſich ſo innig befreundet und vertraut gemacht. Er ſtarb am 24. Oectober 1601 im ehemaligen Hauſe des Viee⸗Kanzlers Jacob Khurtz von Senff⸗ tenan in einem Alter von ſechszig Jahren. Er hinterließ eine Witwe mit ſechs Kindern. 168 Zwei andere waren vor ihm geſtorben.———— In demſelben Jahre, in welchem zu Prag der Mann mit der ſilbernen Naſe zu ſeinen Vätern ver⸗ ſammelt wurde, war, acht Monate vor ihm, zu Kopen⸗ hagen der erbittertſte ſeiner Gegner, der Mann mit der gebiſſenen Wade, der ehemalige Rentmeiſter und ſpätere Reichsrath Chriſtoph von Walckendorf— am 4. Februar— geſtorben. Der Name dieſes Mannes iſt verſchollen. Aber Tycho de Brahe's Name glänzt noch heute, nach zweihundertfünfundfünfzig Jahren und wird noch nach eben ſo vielen Jahrhunderten und Jahrtanſenden, ja bis an's Ende der Welt, fortglänzen als ein Stern erſter Größe, als Sirius unter den Sternkundigen aller Zeiten und Rationen, als princeps astronomo- rum omnium saeculorum, wie ihn mit vollſtem Rechte der erſte ſeiner Lebensbeſchreiber, der Franzoſe Pierre Gaſſendi, genannt hat. Das Gerücht aber, daß er eine oder gar meh⸗ rere ſeiner Naſen dem Könige Chriſtian IV. von Dänemark vermacht haben ſoll, iſt ein Märchen, das die Manen des großen unſterblichen Dänen dem Spotte ſeiner undankbaren Zeitgenoſſen eben ſo gern wie manche andere auf Koſten ſeiner beneideten 169 Größe in Umlauf geſetzte Fabel großmüthig verge⸗ ben werden.————————— Tycho de Brahe's Grabſchrift, von der im nächſt⸗ folgenden Capitel die Rede ſein wird, ward, auf Befehl Rudolphs, von dem kaiſerlichen Hiſtorio⸗ graphen Jacques Typot in lateiniſcher Sprache verfaßt. Dieſer Mann überlebte ihn nur wenige Wochen. Gegen Ende des folgenden Monats ſtarb auch der geköpfte Niederländer, ohne die Geſchichte Kai⸗ ſer Rudolphs vollendet oder, richtiger geſagt, ohne ſie angefangen zu haben. Es hat den Anſchein, als habe der Dieſter Hiſtoriograph mit der Abfaſſung dieſer ihm aufge⸗ tragenen Arbeit abſichtlich und aus politiſcher Vor⸗ ſicht bis zu ſeinem Tode gezögert, um, wollte er anders ſeinem Freimuthe getren bleiben, ſich nicht zum zweiten Male der Gefahr auszuſetzen, ſeinen wackelnden Kopf noch einmal zum Schaffot verur⸗ theilt zu ſehen. Er ſtarb, ohne die Vollendung des zweiten Bandes des von ihm begonnenen Prachtwerks„Sym- bola divina et humana' zu erieben. Der zweite Theil dieſer gelehrten Arbeit erſchien erſt im folgenden Jahre unter den Auſpicien des 170 Kupferſtechers Gilles Sadeler und der Mitwirkung des Doctor Johannes Jeſſenins, der zu den letzten Bil⸗ dern oder Emblemen des zweiten Bandes den erklä⸗ renden Commentar und außerdem die lateiniſche Lobſchrift des Verſtorbenen ſchrieb, die dem zweiten Theile vorgedruckt, in kurzen, aber ſcharfen Umriſſen das vielbewegte, abenteuerliche und durchaus nicht unintereſſante Leben jenes Mannes ſchildert, der, ſeit⸗ dem ziemlich vergeſſen, Gott weiß in welchem Kir⸗ chenwinkel der Hauptſtadt Böhmens den„ewigen Schlaf ſchläft.“ De mortuis nil nisi bene! ſagt das Sprich⸗ wort, und aus dieſem Grunde werfen wir einen Schleier über das Leben dieſes zu ſeiner Zeit ſo hoch berühmten Mannes, der wohl einen Biographen verdient, welcher die verſchollenen Verdienſte dieſes Gelehrten nach ſo langer Zeit aus dem Staube der Vergeſſenheit hervorzieht und ſie von Neuem auffriſcht in der Erinnerung der undankbaren Nachwelt. In den letzten vier Monaten des Jahres ſtar⸗ ben alſo in den Ringmauern Prags drei hochver⸗ diente Ausländer: der Italiener Chriſtoph Guari⸗ nonius, der Däne Tycho de Brahe und der Nieder⸗ länder Jacob Typotius. — Requiescant in pace! ruft die Muſe der 171 Geſchichte, die dieſe drei Namen mit diamantenem Griffel in die Asbeſtblätter der Wiſſenſchaften, deren Vertreter ſie geweſen ſind, dankbar eingegraben hat. Zwälftes Capitel. Leichenbegängniß und Beiſetzung Tycho de Brahe's. Das Begräbniß des großen Dänen, das am 4. November 1601 ſtattfand, war eines der ſchönſten, großartigſten und ergreifendſten, deren ſich Prag während der ganzen Regierungszeit Kaiſer Rudolphs erinnern konnte. Der unabſehbare Leichenzug, dem ſich alle Be⸗ amteten des Hofes, alle Mitglieder des Carolinums und Clementinums und ein zahlloſes Gefolge aus allen Ständen der drei Städte Prag angeſchloſſen hatten, bewegte ſich in feierlicher Langſamkeit vom Hradſchin herab in die Hauptkirche der Altſtadt, in die Tein⸗ oder Unſerer Lieben Frau Himmelfahrts⸗ Kirche. Der Zug währte zwei volle Stunden. Der Sarg war mit ſchwarzem Sammet über⸗ zogen. Auf dieſem Sammet waren die Namen 172 und vergoldeten Wappen ſämmtlicher Ahnen Tycho de Brahe's eingeſtickt. Die Unzahl der großen brennenden Wachskerzen, die dem Sarge vorangetragen wurden, waren gleich⸗ falls mit den in Miniature ausgeführten Wappen des Brahe'ſchen Geſchlechtsregiſters geziert. Dicht vor der Leiche ward von einem in Trauer⸗ farben gehüllten Herolde eine große, weithinflat⸗ ternde, ſchwarze Damaſtfahne getragen, worauf Tycho's Wappen, Namen und Titel prächtig mit Gold ein⸗ geſtickt waren. Hinter dieſer Fahne folgte Tycho's Leibroß, das, mit einer ſchwarzen Sammetdecke überzogen, auf dem ſein goldgeſticktes Wappen erglänzte, von einem ſeiner Diener an dem mit Trauerflor umhüll⸗ ten Zügel geführt ward. Hinter dem Pferde wurde von einem zweiten Trauerherolde eine zweite ſchwarze Atlasfahne, ge⸗ ſchmückt mit Tycho's Sinnſpruch:„Esse potius, quam haberi“(Beſſer ſein als ſcheinen), getragen. Dieſer Fahne folgte ein zweites Pferd, das mit einer ſchwarzen Decke von engliſchem Tuche be⸗ hangen, eine der drei weißen Schimmelſtuten, das Lieblingsroß des Kaiſer Rudolphs, früher Clelia und ſpäter Weſtonia umgetauft, von zwei kaiſerlichen 173 Hoftrabanten an der vergoldeten Candare ſtolz ein⸗ hergeführt wurde. Dem Roße des Kaiſers folgte ein dritter He⸗ rold, der auf einem ſchwarzen, mit großen Silber⸗ franzen beſetzten Sammetkiſſen das vergoldete Rap⸗ pier und den vergoldeten Dolch des Verſtorbenen, als Zeichen ſeiner Ritterwürde, trug. Dem dritten Herolde folgte ein Vierter, der den vergoldeten, mit ſchwarzem Sammet überkleideten und mit goldenen Schnüren beſetzten Helm trug, geſchmückt mit buntfarbigen Federn, ganz wie ſeine Ahnen ſie getragen hatten. Dem vierten folgte ein fünfter Herold, der auf einem ſchwarzſeidenen Kiſſen Brahe's vergoldetes Spo⸗ renpaar trug. Dann folgte ein Sechsſter, der das mit Tycho's Wappen geſchmückte Schild trug. Nach dieſem Schilde folgte der Sarg, welcher von zwölf kaiſerlichen Trabanten, Sproßen aus dem älteſten Adel Böhmens und des deutſchen Reiches, auf den Schultern getragen ward. Dicht hinter der Leiche folgte Brahe's jüng⸗ ſter Sohn“) zwiſchen dem ſchwediſchen Reichsgrafen *) Sein älteſter Sohn, Tycho de Brahe der Jüngere, ſowie 174 Brahe') und dem kaiſerlichen Hofrathe Ehrenfried von Minkwic, alle Drei in langen Trauerkleidern mit weißen, reichgeſtickten Halskrauſen. Dieſen Drei folgten die Räthe, Kammerherren und die anderen hohen Beamteten des kaiſerlichen Hoſſtaates und unter diefen der Oberſtkämmerer Carl von Liechtenſtein und der Oberſthofmarſchall Leon⸗ hard Freiherr von Harrach. In dieſer Abthei⸗ lung des Zuges gewahrte man auch den Oberſt⸗ landrichter Adam von Sternberg und den kaiſerlichen Appellationsrath Wenzel Budowec von Budowa. Dieſen folgten Tycho de Brahe's Studenten und Diener in langen Trauerkleidern. Unter der Zahl der Erſtern befand ſich auch Johannes Barvi⸗ tius, der Geheimſchreiber des Kaiſers, der an der Seite Johannes Keplers ging, die Beide ſich eine Ehre daraus machten, ſich der Zahl ſeiner Schüler anzureihen. ſein Schwiegerſohn Franz Tengnagel waren verreiſt, und konnten dem Leichenzuge nicht beiwohnen. ) Erich Brahe, Graf zu Wiſſingsburg, Rath des Königs von Polen und Geſandter am ſe Hoflager, war Tycho de Brahe's guter Freund und ber beſtändige Ge⸗ fährte der letzten Lebensſtunden des großen Dänen. 175 Dieſen Jüngern des großen Apoſtels der Aſtro⸗ nomie folgte ſeine Hausfrau, die treue, einfache, und doch ſo edle Bäuerin Chriſtina zwiſchen zwei alten Hofräthen des Kaiſers. Der trauernden Mutter folgten ihre drei Töch⸗ ter Magdalena, Eliſabeth und Cäcilia. Jede der⸗ ſelben ward von zwei Beamteten der Krone geführt. Magdalena, die, gleich nach dem Tode ihres Vaters das Gelübde gethan hatte, der Mutter zu Liebe ledig und immer bei ihr zu bleiben, ging zwiſchen Philipp da Monte, dem kaiſerlichen Hof⸗Capell⸗ meiſter, und dem kaiſerlichen Gemmenſchneider Jobſt von Brüſſel; Eliſabeth, die ſeit dem April dieſes Jahres die Gemahlin des kaiſerlichen Rathes Franz Tengnagel war, zwiſchen dem Hofmaler Johann von Aachen und dem Hofkupferſtecher, Gilles Sadeler; die Jüngſte endlich zwiſchen dem ehemaligen Haupt⸗ mann von Pürglitz und dem nunmehrigen Anfuhrer der kaiſerlichen Hoftrabanten und dem kaiſerlichen Appellationsrath und Vorſteher der Bergwerke zu Ivachimsthal, jenem alten und geſchwätzigen Jo⸗ hannes Majus, der nach, dem bewußten Brieffrag⸗ mente der Gräfin Magdalena, eben ſo unſchuldig an der verderblichen Erfindung des Schießpulvers, als die junge, nicht minder geſchwätzige und hyper⸗ 176 naive Cäcilie an der Eroberung von Troja oder an der Entdeckung von Amerika war. Den drei Töchtern folgte die leere Staatskutſche der Gräfin Maria Magdalena und eine Unzahl ſtatt⸗ licher Frauen und Jungfrauen aus den höchſten Ständen des Adels und der Bürgerſchaft. Unter Letztern gewahrte man Eoa von Lobkowie in tiefſter Trauer an der Seite der Muſe Albions, Eliſabeth Weſton. Den Frauen folgten die Profeſſoren der Uni⸗ verſität, unter welchen der Rector magnificus, Jo⸗ hann Adam Bvyſtiick) von Bochow, Adam Ritter Zaluzansky von Zaluzan und Profeſſor Doctor Johan⸗ nes Jeſſenius Ritter von Jeſſenskh ſich befanden. Dann folgte ein langer endloſer Zug von Bür⸗ gern aus allen Klaſſen. An der Spitze derſelben ragten die drei Bürgermeiſter der Altſtadt, Neuſtadt und Kleinſeite hervor. Die Stühle in der Kirche, in welcher außer Tycho de Brahe's Ehefrau, ihrem jüngſten Sohne und ihren drei Töchtern, aus hoher Achtung für den Todten, der hier dem Schooße der mütterlichen Erde übergeben ward, ſich Niemand zu ſetzen wagte, waren mit ſchwarzem engliſchen Tuche übetzogen. Die Kirche war ſo überfüllt von Grafen, Grä⸗ 177 finnen und andern Adeligen beiderlei Geſchlechts, daß Viele, die keinen Platz im Innern der Kirche ge⸗ funden, alle Eingänge umlagerten. Ueber der Leiche ward von dem Profeſſor Dr. Johannes Jeſſenius eine lateiniſche Rede gehalten, durch welche die ganze Zuhörerſchaft mit Bewunde⸗ rung für die großen Verdienſte des Verſtorbenen, wie für die hohen Gaben der Beredtſamkeit ſeines ihn überlebenden Freundes erfüllt ward.*) Auf dem Sarge, in welchem Tycho de Brahe in ritterlicher Tracht, vom Kopfe bis zu den Füßen geharniſcht, hineingelegt worden war, lagen ſein Schwert, ſein Helm, ſein Schild und ſeine Sporen. Unter mehreren lateiniſchen Inſchriften, die am Sarge angebracht waren, las man auch Folgende: Post vitam funus, rursum post funera vita. Nascendo morimur Moriendo vivimus.**) *) Dieſe Leichenrede ward u. d. T. Oratio funebris de vita et morte Tychonis Brahei 1601, zuerſt in Prag gedruckt, dann in Hamburg und 1655 im Haag neu aufgelegt. *) Nach dem Leben folgt das Begräbniß, nach dem Be⸗ gräbniß neues Leben. 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 12 178 Nachdem die Leichenbeſtattung zu Ende war, wurden die ritterlichen Ehrenzeichen, Fahnen, Schwert, Helm, Schild, Rappier, Dolch und Sporn über ſein Grab aufgehängt. Der Sarg ſelbſt ward in der Nähe des Haupt⸗ altares am erſten Pfeiler, links vom Eingange in die Kirche, in die Erde geſenkt.*) An dieſem Pfeiler errichteten Tycho de Brahe's Kinder, nachdem ihre Mutter Chriſtina im Jahre 1604 in die Gruft des Gatten nachgefolgt war, ein prachtvolles Grabmal von ſchwarzbraunem Marmor, welches noch heutigen Tages dort zu ſehen iſt. Auf der oberſten Tafel erblickt man das ade⸗ lige in vier Felder getheilte Wappen Tycho de Brahe's. Ueber dem Wappen prangt ſein Sinnſpruch: Esse potius quam haberi. Mitten auf der Tafel ſieht man eine ziemlich lange lateiniſche Grabſchrift, die bald nach deſſen Ablebei der kaiſerliche Hiſtoriograph Jacques Typot angefertigt hatte. Unten am Piedeſtale liest man den Tycho⸗ Geboren, ſterben wir; Sterbend werden wir neu geboren. *) In derſelben Kirche ruhen noch zwei andere Dänen: Frederik Roſenkranz und Chriſtoph Ljunge. 179 niſchen Denkſpruch: Non fasces, nec opes, sola artis sceptra perennant.*) Auf der unterſten Tafel erblickt man Tycho de Brahe's Bildniß lebensgroß in Marmor ausgehauen. Er ſteht geharniſcht, die Rechte auf einer Weltkugel, die Linke auf dem Schwertgriff ruhend. Unten am rechten Fuße ſieht man ſein Wappen und das ſeiner vier nächſten Vorfahren; am rechten Fuße ſteht ſein mit Federn geſchmückter Helm. An der äußern Einfaſſung liest man folgende Inſchrift: Anno Pomini M. DC. I. die XXIV. Oc- tobris obiit illustris et generosus dominus Tycho Brahe, Dominus in Knudstrup et Praeses Urani- burgi, et Sacrae Caesareae Majestatis Consiliarii, cujus ossa requiescant. Hier wollen wir ihn ruhen laſſen. Dreizehntes Capitel. Die Göttin der Verläumdung. Der Minnehof auf dem Oujezd hatte ſich unter dem Vorſitze ſeiner Gründerin und beſtändigen Kanz⸗ *) Nicht Reichthum und Schätze, nur die Scepter der Kunſt überdauern Alles. 12½ 180 lerin ſeit dem 1. September 1600 bis zum 1. Sep⸗ tember 1302 ſchon vierundzwanzig Mal verſammelt, und ſeit jener Zeit eben ſo viele Entſcheidungen ge⸗ faßt. Im Laufe dieſer zwei Jahre war die Zahl der Mitglieder des Parlaments von vier auf zwei⸗ unddreißig angewachſen und unter dieſen befand ſich Anna von Sternberg, Tochter des Oberſtlandrichters, die durch Stimmenmehrheit zur Vice⸗Kanzlerin dieſes Gerichtshofes der Liebe ernannt worden war. Während dieſer Zeit hatte, durch die zahlloſen Ränke und Verläumdungen Iſoldens und ihres Ge⸗ mahles Burkhard von Berlichingen, der gute Ruf der Gräfin Magdalena ſo viel boshafte Anfeindun⸗ gen erfahren, daß er in der öffentlichen Meinung, ſtets gewohnt, vom Schlimmen das Schlimmſte zu glauben, ziemlich tief geſunken war. Der böſe Leumund ging zuletzt ſo weit, ſie für eine Art von Meſſaline auszuſchreien, die außer ihrem kaiſerlichen Freunde und Beſchützer heimlich noch ein ganzes Alphabet anderer Anbeter haben ſollte, zu denen ziemlich allgemein auch Rudolphs Hofmaler, Johann von Aachen, gezählt ward, der durch Mag⸗ dalenens unermüdliche Feindin mehr und mehr in den Verdacht eines nicht nur begünſtigten, ſondern hei Weitem bevorzugten Nebenbuhlers des Kaiſers 181 gebracht, mehr und mehr in der Gunſt des Monar⸗ chen zu ſinken ſchien. Die Verläumdung, die ein einziges Sandkörn⸗ chen nach und nach zu einem Chimboraſſo anwachſen zu laſſen verſteht, triumphirte im Stillen, daß ſie gleichzeitig die Freundin wie den Vertrauten des Kaiſers dem Mißtrauen und Argwohne Rudolphs preisgegeben ſah. Das Einzig⸗Wahre an dem Verhältniß zwi⸗ ſchen Gräfin Magdalena und Johann von Aachen war ein hoher Grad von Achtung, welche Erſtere nicht der Perſon, die ihr völlig gleichgiltig zu ſein ſchien, ſondern einzig und allein dem Talente des Malers zu zollen ſich berechtigt hielt. Magdalena liebte die Kunſt, nicht den Künſtler. Letzterer hatte die Gräfin, auf ihren ſchon vor Jahren in Teplitz ausgeſprochenen Wunſch, als Göttin der Jagd gemalt und Magdalena war ſo unvor⸗ ſichtig geweſen, dieſes Bild,— ein vollendetes Meiſter⸗ werk, in welchem er die ganze Begeiſterung ſeiner Farben wie die ganze, hochpoetiſche Beredtſamkeit ſeines ſchönheitstrunkenen Pinſels concentrirt zu ha⸗ ben ſchien— gerade im Sitzungsſaale des Minnege⸗ richts, vermuthlich nur zum Rerger ihrer neiderfüll⸗ ten Gegnerin, unter einer Art von Thronhimmel 182 aufhängen laſſen, unter welchem ſie als Kanzlerin des Liebeshofes präſidirte. Aber ſelbſt dieſe kleine, unſchuldige, leicht ver⸗ zeihliche Eitelkeit der Gräfin hatte der unerſchöpf⸗ lichen Verläumdungsſucht Iſoldens neue Nahrung zur Erfindung und Verbreitung gehäßiger Anſpie⸗ lungen auf die Perſon ihrer beneideten Feindin ge⸗ geben. Von Iſolden war ein neues Spottlied in Umlauf geſetzt worden auf die ſcheinheilige Sünderin, die, gleichſam um ſich ſelbſt zu parodiren, auf den nai⸗ ven Einfall gerathen ſei, ſich als Göttin der Kenſchheit malen zu laſſen, wie jener Wolf in der Fabel, der, um die argloſen Lämmer zu täuſchen, ſich in einen unſchuldigen Schafspelz gehüllt habe, um die bethörten Schafe deſto leichter und be⸗ quemer in die argliſtige Falle der Verführung zu locken.— Eine andere Strophe des ziemlich langen und durchaus nicht geiſtloſen Spottgedichtes erzählte, wie der eiferſuchterfüllte Gott Jupiter zur Hütung dieſer keuſchen Diana einen Bock in der Perſon eines dem Aeußern nach nicht unüblen Farbenkler⸗ ſers zum Gärtner ein, und wie ſothaner Bock aus Dant für gütig geſchenktes Vertrauen Jenem, der ihn zum Tugendhüter beſtellt, Ziegenhörner von der Größe der Prager Rathhausthürme aufgeſetzt habe. 183 Die Gräfin, die dieſes Lied wie jedes der frü⸗ hern anonym zugeſchickt erhielt, gerieth darüber in ſo großen Zorn, daß ſie den Entſchluß faßte, den geheimen Aufwühlereien ihrer unverſchämten Geg⸗ nerin endlich ein Ziel zu ſetzen. Sie ließ ihren Freund und Rathgeber, Johann von Aachen, rufen.. — Die öffentliche Meinung und das jüngſte Spottlied, das auf mich— Ihr wißt von welcher Seite her— bei Hofe und in allen Straßen Prags heimlich und geſchickt verbreitet worden iſt, bezeichnet Euch abermals als einen jener Anbeter, die von mir erhört und bevorzugt werden. Euch brauche ich nicht zu ſagen, was an dieſem allgemein verbreiteten Ge⸗ rüchte wahr und unwahr iſt. Ihr wißt beſſer als jeder meiner zahlloſen Neider und Feinde, daß ich in Euch— vergebt mir meine ungeſchminkte Aufrichtig⸗ keit— nicht den Mann, ſondern ausſchließlich nur den gottbegabten Apoſtel Eurer holden Kunſt ver⸗ ehre. Deſſen ungeachtet macht die grundgütige Ver⸗ läumdungswuth, der nichts auf Erden heilig iſt, aus mir eine Art Margarethe von Burgund und aus Euch, Meiſter, einen meiner zahlloſen Lieb⸗ haber, die ich der Reihe nach, ſobald ich ihrer über⸗ drüßig bin, Nachts wie im Thurm von Nesle ſpurlos 184 verſchwinden laſſe.— Anfangs habe ich zu all dieſen albernen Klatſchbaſen⸗Märchen aus Tauſend und Einer Nacht der Berlichingen'ſchen Verläumdungen gelacht und der blaßgrünen Sheherazade den Genuß gegönnt, mich nach Belieben anzuſchwärzen. Dieſe aber, durch mein großmüthiges Schweigen immer dreiſter gemacht, intrigirt jetzt im Vereine mit ihrem überaus würdigen Eheherrn ſo offen und ſo frech gegen meinen guten Ruf, daß es hohe Zeit iſt, ihre Ränke nicht länger ſo ruhig und ungeſtraft als bis⸗ her mitanzuſehen. — Ihr habt vollkommen Recht, gnädigſte Grä⸗ fin! Es iſt ſogar die höchſte Zeit, daß Ihr endlich gegen die Räuber Eurer Ehre offen und entſchieden auftretet und dieſen, wie Allen, welche jenen ſcham⸗ loſen Lügen irgend wie Glauben beizumeſſen ſich erküh⸗ nen, den Beweis liefert, daß Schweigen nicht immer Zugeben heißt Ihr müßt Jeder und Jedem, die ſich gegen Euern bis dahin unbefleckt geweſenen Namen noch fernerhin aufzulehnen wagen, ungeſchent den Fehdehandſchuh hinwerfen auf Leben und Tod. Ihr müßt dem im Finſtern umherſchleichenden Raubgeſin⸗ del Eures guten Rufes die Larve vom Geſichte reißen, dem Hofe wie dem Volke zeigen, wer jene Banditen ſind, die ihr giftgetränktes Stilet in das —, 185 reine Blut Enrer Ehre zu tauchen ſich erfrechen, und Euren Feinden nicht minder als Euren Freunden beweiſen, daß Ihr, nach wie vor, des Namens Eures Hauſes vollkommen würdig ſeid! — Und was rathet Ihr mir zuerſt? — Ihr müßt beim Kaiſer auf Unterſuchung und Beſtrafung der zwei ſchlimmſten Eurer Verläum⸗ der dringen... Burkhard und Iſolde von Ber⸗ lichingen müſſen begreifen lernen, daß man den Her⸗ melin Eures Hauſes nicht ungeſtraft beflecken darf. — Noch heute— ich gelobe es Euch, mein Freund— will ich meine ſchwer gebrandmarkte Ehre unter den Schutz des Kaiſers ſtellen und ihn bitten, mir glänzende Genugthuung zu verſchaffen wie da⸗ mals, als ſelbſt Er, der mich beſſer als jeder Andere kennen muß, ſich und mich ſo tief erniedrigen konnte, den boshaften Einflüſterungen elender Abenteurer— hergelaufen wie dieſer Burkhard und ſein Weib— Gehör und Glauben zu ſchenken. Doch bevor ich zu dieſem Schritte ſchreite, habe ich eine Bete an Euch.. — Gebietet, Gräfin, über Euren treuen Diener! — Ihr kennt die liebenswürdige Frau jenes Burkhard von Berlichingen. 186 Ich habe ſie, häufiger als ich es gewünſcht, bei Peter Wok von Roſenberg geſehen. — Dort war's, wo auch mein Fuß zuerſt auf dieſe giftgeſchwollene Natter trat. Könnt Ihr Euch ihre Züge vergegenwärtigen? — Ich ſehe ſie leibhaftig vor mir! — Gut, dann malt mir dieſe Frau! — Als was und wozu? fragte der Maler. — Malt ſie als Göttin der Verläum⸗ dung! — Aber wie und mit welchen Attributen? — Dieß, Meiſter, überlaſſe ich dem Scharfſinn Eures Pinſels, der, wie immer, auch hier das Rich⸗ tige herausfinden wird. Zuvor aber müßt Ihr Eines mir verſprechen.. — Und wie nennt ſich dieſes Eine? — Ahnlichkeit, ſchlagende, grauſame, brandmar⸗ kende Ahnlichkeit! — Dafür bürge ich Euch mit dem ganzen Ehr⸗ geize meiner Kunſt! — und wann kann unſere ſchöne Göttin, fer⸗ tig und prachtvoll eingerahmt, in meinen Händen ſein? — In längſtens vier bis fünf Wochen. — Das iſt zu ſpät für die Beſtrafung, die ich 187 für ſie ausgeſonnen habe. Das Bild muß unbe⸗ dingt noch vor Ablauf dieſes Monats in meinem Hauſe ſein. — Euer Wunſch war mir ſtets Befehl! — Alſo gehorchet, Freund, auch dieſes Mal! — Empfangt mein Wort als heilige Bürg⸗ ſchaft, ſprach der Maler und entfernte ſich mit der Abſicht, noch heute Hand an's Werk zu legen und keine Stunde zu verlieren.——————— An demſelben Abende begab ſich die Gräfin nach dem Hradſchin. Kaiſer Rudolph, der erſt wenig Tage zuvor ſchlimme Nachrichten aus dem ungariſchen Kriegsla⸗ ger erhalten hatte, war in Folge der Hiobspoſt, daß Stuhlweißenburg von Neuem in den Beſitz des ſie⸗ genden Halbmonds gefallen ſei, zum erſten Male mürriſch ſelbſt der Gräfin gegenüber, die ihn bis dahin nie anders als liebreich und wohlwollend geſehen hatte. — Was führt Euch zu uns, Gräfin? fragte der Monarch, an deſſen Stirn die finſtern Wolken des Mißmuths hingen. — Ein Wunſch, deſſen nothwendig geworbene 188 Erfüllung die Huld Ew. Majeſtät mir nicht verwei⸗ gern wird. — Laßt hören, Gräfin, was Ihr begehrt. — Ich begehre das, was Eure Gerechtigkeit ſelbſt dem Letzten Eurer Unterthanen nicht verwei⸗ gern darf. Ich verlange nichts als mein Recht! — Und worin beſteht Euer vermeintliches Recht? — In dem vollſtändig begründeten Antrag auf ſtrenge Unterſuchung und nicht minder ſtrenge Be⸗ ſtrafung aller meiner Feinde. — Aller Eurer Feinde? wiederholte der Monarch. Ihr begehrt da, ohne es vielleicht zu ahnen, mehr, weit mehr, als ich Euch ſelbſt beim beſten Willen zu gewähren vermag. Auf Unterſuchung aller Eurer Feinde dringen, hieße von Eurem Kaiſer verlangen, halb Prag vor den Richterſtuhl zu ziehen; denn die Maſſe unſerer gemeinſchaftlichen Gegner— warum ſollten wir es uns verhehlen?— iſt faſt eben ſo groß als jene des Unkrauts am Ufer unſerer vielgeliebten Moldau. — Und ſeit wann legt Kaiſer Rudolph ſo hohen Werth auf die Zahl ſeiner Feinde, daß er ſich vor ihnen zu fürchten ſcheint? — Die neuen Unglücksnachrichten aus unſerm Königreiche Ungarn... 189 — Geruhen Ew. Majeſtät vorläͤufig in Prag zu verweilen und mir huldvollſt zu ſagen, was Kaiſer Rudolph im Herzen ſeines Reiches, im Herzen ſei⸗ nes Volkes, von der Ohnmacht ſeiner, unſerer Feinde zu fürchten hat? — Auf den Verluſt der Feſtung Groß⸗Kaniſcha, ſagte Rudolph ablenkend und abſichtlich auf Ungarn zurückſchauend. — Was kümmert mich Groß⸗ oder Klein⸗Kani⸗ ſcha! Es handelt ſich hier um unſere gegenſeitigen Feinde zu Prag... — Ich habe den Befehlshaber dieſer Veſte, deren Verluſt mir ſehr am Herzen liegt, vor ein Gericht geſtelt — Etwas ganz Ahnliches verlange auch ich! ſagte die Gräfin, die Aufmerkſamkeit des Kaiſers nach Prag zurücklenkend. — Das Kriegsgericht, entgegnete Rudolph, deſſen Geiſt in trübe Rückerinnerungen verſank, hat dem General Paradis, weil er Kaniſcha auf Gnade und Ungnade dem Türken Ibrahim übergeben, den Kopf vor die Füße legen laſſen... — Ich, mein kaiſerlicher Herr, bin weniger grauſam als Euer Kriegsgericht; ich verlange nichts weiter, als die.. 190 — Ruckeroberung dieſer hochwichtigen Veſte. Seht, liebe Gräfin, dieſer Anſicht bin auch ich. Groß⸗Kaniſcha muß dem Türken wieder abgerungen werden, um jeden Preis! — Bis dahin aber.. — Kann ich Euch durchaus nicht verhehlen, unterbrach ſie raſch der Träumer, daß die erſt un⸗ längſt eingetroffene Kunde von dem abermaligen Verluſte Stuhlweißenburgs, das erſt vor einem Jahre durch die glorreichen Waffenthaten des Her⸗ zogs von Mercveur neu gewonnen war, uns doppelt ſchmerzt, da wir jetzt nicht nur den tapfern Feld⸗ herrn, ſondern auch dieſen hochwichtigen Platz ein⸗ gebüßt haben.. — Majeſtät, ich hoffe.. — Daß General Graf Chriſtoph Roßwurm ſich dafür der Veſte Ofen bemächtigen wird. Das gebe Gott, meine liebe Gräfin; denn Ihr könnt nicht glauben, wie ſehr mir das Schickſal Ungarns am Herzen liegt! — Tauſendfach mehr als das Meinige, ſagte die Gräfin, aus deren Augen ſich jetzt eine Perlen⸗ ſchnur ungeheuchelter Thränen ergoß. — Ich bitte Euch, weint nicht, Magdalena. Ihr wißt, daß ich nur ungern Thränen ſehe, am 191 unliebſten aber in dem Rahmen Eures Auges. Alſo ſtillt den Lauf Eurer Thränen und ſagt mir, was Rudolph für Euch thun kann, um Euch wieder heiter zu ſehen? — Ich verlange nichts als Unterſuchung und Beſtrafung Burkhards von Berlichingen und ſeiner Frau, die meine Ehre gebrandmarkt und ſelbſt die Eure nicht geſchont haben. — Ich für meinen Theil bin bereits daran gewöhnt, jede meiner Abſichten, jede meiner Hand⸗ lungen verläumdet zu ſehen, und ſchon ſo abge⸗ ſtumpft, daß ich die kleinen Petarden der Verketzerung wie Regentropfen oder Schneeflocken von dem Har⸗ niſch meiner Langmuth abſchüttele. Ihr aber ſcheint Euch zu grämen... — Ja, ja, doch nur Euretwegen, Majeſtät. Denn Ihr könntet, ſchwiege ich noch länger all' jenen Gerüchten gegenüber, die mich in Eurer Gunſt zu verketzern ſuchen, ſehr leicht zu dem Irrglauben verleitet werden, daß ich nur darum ſchweige, weil ich mich ſelber ſchuldig weiß. — Magdalena, ſprach der Kaiſer, der plötztich wieder ſo wohlwollend und liebreich wie bisher für ſie war, wie könnt Ihr glauben, daß Rudolph von der Reinheit Eurer Seele, von der Tugend Eures 190 Herzens ſo feſt als von der Klarheit der Sonne und der Wahrheit Eurer Liebe überzeugt, den Lä⸗ ſterzungen Eurer Feinde Gehör oder gar Glauben zu ſchenken vermöchte? Und ſpräche die ganze Welt: Magdalena, ein Weib wie jedes Andere, heuchelt Dir Liebe und betrügt Dich, wie jede Andere Dich betrogen hat, mehr als der ganzen Welt würde ich Einem Blicke Eures Auges trauen und Allen mei⸗ nen kaiſerlichen Zorn in's Ohr donnern und zurufen: Welt, Du lügſt! Ein Herz, wie das Ihrige, kann den Mann, den es liebt, nicht hintergehen. — Mehr als Ihr würde ich ſelbſt mich ver⸗ achten müſſen, könnte ich Euch nicht ſtets ſo offen und ſchuldlos in's Auge ſehen wie in dieſem Augen⸗ blicke, wo ich Euch im Namen meiner tiefgekränkten Ehre, die ja auch ein Theil der Euren iſt, zu bitten mich erdreiſte, jene beiden Verläumder, die ich Euch genannt, zur Rechenſchaft und— wenn ſie das, was ſie mir aufzubürden wagen, nicht zu beweiſen vermögen— zur Beſtrafung zu ziehen. — Beides, Gräfin, ſoll geſchehen; doch be⸗ antwortet mir zuvor eine Frage. — Gern werde ich Euch Jede beantworten. — Wie geht es Eurer Freundin Eva? — Majeſtät, ſie verzweifelt. 193 — Und weshalb? — Weil ihr Vater noch immer gefangen und noch immer nicht verhört iſt. Sie fragt ſich und mich, wie ſich dieſer Aet beiſpielloſer Härte mit den Grundſätzen der Milde und Gerechtigkeit verträgt, welche die Pfeiler Eures Thrones ſind. — Eva's Vater iſt ein Verräther. Erſt un⸗ längſt hat man mir neue Beweiſe ſeiner Schuld mitgetheilt. — Und wenn er wirklich ſchuldig iſt, warum, Majeſtät, entzieht Ihr ihn dem Urtheilsſpruche ſeiner Richter? — Um ſein Leben zu ſchonen. — Eva behauptet, daß ihr Vater ein Opfer der Verläumdung ſei. — Eva irrt ſich. Aus Oeſterreich ſind von zehn verſchiedenen Seiten faſt gleichlautende Be⸗ richte eingelaufen, daß der Name des Gefangenen zu Elbogen das Loſungswort der utraquiſtiſchen Barone Böhmens und der unzufriedenen Magnaten Ungarns iſt, die vereint nichts Anderes bezwecken, als zuerſt die Krone Ungarns und Oeſterreichs, und endlich auch jene Böhmens mir zu entreißen und ſie auf das Haupt meines Bruders Matthias zu ſetzen, der, um ſie in ſein verrätheriſches Garn 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 13 194 zu locken, den ungariſchen und böhmiſchen Großen ausgedehntere Privilegien und Gleichſtellung aller Confeſſionen zugeſagt hat. Ihr ſeht, Gräfin, ich weiß Alles. — Majeſtät, wenn die Sache ſich wirklich ſo verhält, wer iſt dann ſtrafbarer, jener Popel von Lobkowie, deſſen Namen man zum Feldgeſchrei der Unzufriedenen vielleicht nur mißbraucht, oder Euer leiblicher Bruder, der gegen Euch intrigirt.— War⸗ um hat Kaiſer Rudolph nicht die Kraft auch dieſen zur Verantwortung und— ergiebt ſich ſeine Schuld— zur Beſtrafung zu ziehen? — Schon lange trage ich mich mit dem Ge⸗ danken, meinen Bruder Matthias, gerade, weil er das Ableben ſeines Bruders kaum erwarten kann, von der Thronfolge auszuſchließen. — Und wer, Majeſtät, hindert Euch, dieſen Gedanken zur That heranreifen zu laſſen? — Unſere vielgeliebte Mutter Maria von Spa⸗ nien, die kaiſerliche Witwe Unſeres großen, unver⸗ geßlichen Vaters, die ihren Sohn Matthias mehr als jeden andern ihrer Söhne zu lieben ſcheint. Sie lebt ſeit dem Tode meines Vaters im Kloſter der Clariſſinnen zu Madrid und jeder Courrier, der vom Hofe meines Vetters Philipp III. nach Prag 195 eilt, bringt mir von meiner Mutter weiſe Rathſchläge, nichts zu unternehmen, was mich der Härte zeihen und mich der Liebe meines Volks berauben könnte. In jedem Briefe legt ſte mir die Zukunft meines Bruders Matthias an's Herz; in jeder Zeile be⸗ ſchwört ſie mich, ihn zu meinem Nachfolger zu er⸗ wählen. Dieſe Achtung vor den weiſen Rathſchlägen meiner frommen Mutter, die ich über Alles liebe, hält mich zurück, meinem Bruder offen den Fehde⸗ handſchuh hinzuwerfen und ihn vor den Augen der ganzen Welt der Felonie anzuklagen. Er aber be⸗ nutzt meine Nachſicht, meine Langmuth, um ſich durch lockende Verheißungen in Ungarn wie in Böh⸗ men von Jahr zu Jahr größern Anhang zu erwerben, und ſo kommt es, daß ich mich niemals der Sorge entſchlagen kann, daß auch Tycho's Wahrſagung ſich erfüllen wird. — Und wie lautet dieſe Weiſſagung? — Wenige Tage vor ſeiner Erkrankung will Brahe im Buche der Geſtirne geleſen haben, daß der Ehrgeiz meines Bruders mich ein Jahr vor mei⸗ nem Tode meines Reiches, meiner Krone berauben werde. — Und nannte er Euch die Zeit, wann das Letztere ſich ereignen ſoll? 13* 196 — Er ſagte weiter nichts als ein Jahr vor meinem Tode, und es fehlte mir, nur Euch geſtan⸗ den, an Muth ihn nach meinem Sterbe⸗Jahr zu fragen. — Der gute Gott, der ſein Böhmen nicht ver⸗ läßt, wird meinen Kaiſer und Herrn noch lange Jahre zum Schutze des alleinſeligmachenden Glau⸗ bens und zu ſiegreicher Abwehr der zahlreichen Geg⸗ ner unſerer heiligen Kirche erhalten. — Die Piecarden und Lutheraner denken an⸗ ders. Sie ſcheinen die Zeit meines Todes ſehn⸗ ſüchtiger als je herbeizuwünſchen, weil ihnen mein vermeintlicher Nachfolger vollſtändige Gewiſſensfrei⸗ heit zugeſagt haben ſoll. — Vereitelt die Pläne ſeines ſtrafbaren Ehr⸗ geizes. Laßt Euch durch mein Flehen bewegen, Eurem Bruder einen Strich durch ſeine Rechnung zu machen dadurch, daß Ihr ſelber Euch entſchließet, Euern Gegnern Gewiſſensfreiheit einzuräumen. — Nein, lieber ſterben als etwas einräumen, was mein Gewiſſen und meine Mutter mir niemals vergeben würden. Ich mag davon nichts hören, Magdalena. Sagt mir lieber, was Eure Freundin Eva gegen mich zu unternehmen gedenkt? — Sie beharrt darüber in finſterem Schweigen! 197 — Ihr, Gräfin, müßt verſuchen, ſie auszu⸗ forſchen.. — Majeſtät, wollt Ihr mich zur Angeberin meiner Freundin erniedrigen? fragte die Gräfin mit dem ſchönen Stolze, der ihr eigen war. — Nein, das will ich nicht. Ich wünſche das, was Eva zu thun geſonnen iſt, bloß darum zu er⸗ fahren, um nach dieſen Schritten mein Verhalten gegen ihren Vater zu regeln. Sollte ſie tollkühn genug ſein, irgend einen Schritt zu liſtiger oder ge⸗ waltſamer Befreiung ihres Vaters erſinnen zu wol⸗ len, dann würde ſie mich zwingen, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und den Schuldbeladenen dem Urtheile ſeiner Richter zu überliefern. Dieß, Gräfin, bitte ich ihr zu ſagen im Namen des Kaiſers. — Majeſtät, ich werde ſie warnen, ſo viel es in meinen Kräften liegt, doch vermag ich Euch nicht zu verbürgen, daß ſie noch länger ruhig bleibt. Im Gegentheile wage ich ſchon jetzt die Befürchtung aus⸗ zuſprechen, daß ihre kindliche Liebe ſie früher oder ſpäter anreizen wird, Alles zu wagen, um den Vater, den ſie mehr als ſich ſelber liebt, aus den Banden der Gefangenſchaft zu befreien. — Sagt ihr, er ſei gut aufgehoben. — Ich tröſte ſie, ſo gut ich es vermag. 198 — Will ſie denn niemals bei Hofe erſcheinen? fragte Rudolph, der, eingedenk ihrer jungfräulichen Schönheit, für ſie noch immer zu ſchwärmen ſchien. — Sie hat ſich gelobt, den Anblick deſſen, der ihr das Theuerſte auf Erden geraubt, zu meiden auf ewig. — Und könnte Euer Einfluß, der ſo Vieles über ſie vermag, ſie nicht beſtimmen, dieſem Gelübde untreu zu werden? — Nimmermehr, Majeſtät, werde ich dieß verſuchen! — Wie, Euer ſchönes Herz vermöchte dem beſten Eurer Freunde einen ſo kleinen unbedeutenden Wunſch zu verſagen! — Verlangt alles Andere, nur dieß nicht, ge⸗ ſtand die Gräfin, die ein neues Zuſammentreffen des Kaiſers mit Eva von Lobkowie mehr als die härteſte Verläumdung ihrer Feindin zu fürchten ſchien. — Doch warum wollt Ihr gerade in dieſem Puncte ſo unerbittlich grauſam ſein? — Weil ich ihr nichts zumuthen mag, was ich ſelbſt nicht zu thun vermöchte. Gegenüber treten einem Mann, der meinen Vater ſeit acht Jahren gefangen hält, hieße mich abſichtlich zu einem Act der Rache herausfordern. Wäre Evens Vater 199 der Meinige, Majeſtät, und ſtünde ich ſo vor Euch, wie jetzt — Was würdet Ihr thun? fragte Rudolph. — Euch beweiſen, daß ſelbſt das ſchwächſte Weib ſtark genug iſt, den Raub an dem Leben und Gute ihres Vaters zu rächen. — Und glaubt Ihr, daß auch Eva fanatiſch genug ſei, daſſelbe zu wagen? — Wagt die Verzweiflung nicht ſelbſt das Kühnſte? — Ihr habt Recht! ſagte Rudolph abgeſchreckt. Ich mag ſie nicht mehr ſehen. Ihr Anblick würde mich an Dinge mahnen, die ich um jeden Preis vergeſſen will. Laßt Euch nieder, Gräfin, und fingt mir, um mich aufzuheitern, eines jener Lieder, durch die Niemand beſſer als Ihr die Wolken meines Miß⸗ muths zu zerſtrenen verſteht. Magdalena erfüllte den Wunſch des Kaiſers. Pierzehntes Capitel. Noch eine Sitzung des Dujezder Minnehofes. Es war am erſten Oetober 1602. Der Minnehof hatte ſich an dieſem Tage zum 200 fünfundzwanzigſten Male verſammelt, um über eine neue Frage der Kanzlerin zu entſcheiden. An dieſem Tage fehlte keines der dreiund⸗ dreißig Mitglieder. Auf beſondere Einladung der Vorſitzenden waren Alle erſchienen, um zur Wahl einer neuen Vice⸗Kanzlerin, eines neuen General⸗ Secretärs und eines neuen General⸗Advocaten zu ſchreiten, da nach einem Zuſatzartikel der Statuten dieſe drei Würden nach Ablauf von je zwei Jahren neu beſetzt werden mußten. Der Sitzungsſaal war prachtvoll erleuchtet. Die Kanzlerin ſaß in voller Galla unter dem durch Can⸗ delabres in taghelles Licht getauchten Thronhimmel Ihr Bild aber, das in Lebensgröße über ihrem Präſidentenſtuhle hing, war durch einen Vorhang von gelbem Damaſt verhüllt. Nachdem die Sitzung feierlich eröffnet war, ſchritt der Hof durch Abſtimmung zur Wahl der drei Würdenträgerinnen. An Stelle der Vice⸗Kanzlerin Anna von Stern⸗ berg ward mit 30 Stimmen gegen 2 Eliſabeth Weſton zu deren Nachfolgerin; an Stelle des Ge⸗ neral⸗Secretärs Giovannina Barbice mit 17 Stimmen gegen 15 Anna von Sternberg; mit 22 gegen 10 Stimmen Eoa von Lobkowie neuerdings zum General⸗ 201 Advocaten erwählt und von der Vorſitzenden des Hofes ausgerufen. Dann ſchritt man zur Verhandlung der von der Gräfin Magdalena aufgeworfenen Frage: „Wer iſt in den Augen des Minnehofes ſtraf⸗ barer: der Mann, der eine Frau, oder die Fan die eine Frau zu verläumden wagt?“ Das Mitglied, das zuerſt gehört zu werden begehrte, war Iſolde von Berlichingen. Sie begann ihre Rede mit einer äußerſt ſophi⸗ ſtiſchen Auseinanderſetzung der in ihren Augen ziem⸗ lich vagen und unſichern Definition des häufig ſchmach⸗ voll gemißbrauchten Begriffs Verläumdung“ — Verläumdung, erklärte ſie unter Anderm, iſt in hundert Fällen neunzigmal Wahrheit und häufig ſelbſt nicht zehnmal reine, unbedingte Lüge. In den Augen ſchuldbeladener Gewiſſen iſt ſelbſt die lauterſte Wahrheit nichts als boshafte Verläumdung, während vor dem Richterſtuhle der Vernunft nur das Verläumdung ſein kann, was auf poſitiver Un⸗ wahrheit beruht. Die Wahrheit iſt eine jener vielfach verkannten Tugenden, die ſich faſt immer im Leben als Verläumdung ausgeſchrieen und verketzert ſieht. Jeder, der den Geizigen einen Geizhals, den Heuch ler einen Heuchler, den Lügner einen Lügner nennt, 202 wird in den Augen deſſen, deſſen Laſter er beim richtigen Namen zu nennen ſich erlaubt, zum bos⸗ haften Verläumder herabſinken. Der Lügner aber, der jede Häßlichkeit ſchön und jede menſchliche Schwäche gerechtfertigt zu finden wagt, wird niemals der Ge⸗ fahr ausgeſetzt ſein, wegen ſeiner Schmeichelei oder wegen allzu nachſichtiger Bemäntelung anderer wie eigener Fehler ſich als Verläumder angefeindet zu ſehen. In den Augen der meiſten Menſchen iſt Alles, was deren Eitelkeit verletzt, Verläumdung; in mei⸗ nen Augen aber kann die Wahrheit, wie kränkend ſie auch für unſere Eigenliebe ſein mag, nie etwas Anderes als Wahrheit, und Verläumdung nie etwas Anderes als erwieſene Lüge ſein. Die Grenze aber zwiſchen Lüge und Wahrheit iſt ſo ſchwer zu be⸗ ſtimmen, daß nur wenig Wahrheiten frei von Lüge, wie umgekehrt, nur wenig Lügen frei von Wahrheit ſind. Verläumdung iſt demnach einer jener falſchen Begriffe, die weit häufiger in der Theorie der Mo⸗ ral als in der Praxis des Lebens vorkommen mögen. — Hinſichtlich der Frage, wer ſtrafbarer ſei, Frau oder Mann, die eine Frau verläumden, muß ich mich dafür entſcheiden, daß nach meinen Begriffen die verläumdende Frau weit mehr zu entſchuldigen iſt als der verläumdende Mann. Die Verläumdung 203 an und für ſich iſt in allen mir bekannten Sprachen weiblichen Geſchlechtes und gleichſam ein integriren⸗ der Theil der weiblichen Natur, eine Sünde, die unſerm Geſchlechte gleichſamangeboren ſcheint und für welche es eben darum weniger verantwort⸗ lich iſt als der Mann, in deſſen Hand die unſerm Geſchlechte entlehnte Waffe tauſendfach gefährlicher als in der unſern wird. Eine Frau, die eine an⸗ dere ihres Geſchlechtes verläumdet, wird immer weni⸗ ger Glauben finden, als ein Mann, der uns zu verläumden wagt. Wie ſelten geſchieht's, daß eine Krähe der Andern in's Auge fährt; wie häuſig aber wird ſelbſt die reinſte und tugendhafteſte der Frauen von dem entartetſten und verworfenſten der Männer ſo geſchickt und gründlich verläumdet, daß keine Macht der Welt unſere angegriffene Ehre rein⸗ zuwaſchen vermag! Bei Frauen entſpringt die Ver⸗ läumdung größtentheils aus Neid, bei den Männern immer nur aus Haß. Haß aber iſt ſtrafbaret als Neid, der bei aller Häßlichkeit auch ſeine ſchöne Seite haben kann. Aus dieſem Grunde bin ich der Anſicht, daß Verläumdung, wenn es überhaupt eine ſolche giebt, weit eher einer neidiſchen Frau, als einem haßerfüllten Manne zu verzeihen iſt. Erſtere entſchuldige ich, Letzteren verurtheile ich! 204 Nach ihr ſprach Anna von Sternberg. — Iſolde von Berlichingen, begann der neu erwählte General⸗Secretär, läſtert ſich und uns Alle, wenn ſie daraus, baß das Wort Verläumdung weib⸗ lichen Geſchlechtes iſt, den Schluß zu folgern wagt, daß auch der mit dieſem Worte verbundene Begriff uns gleichſam angeboren ſei. Ich ſchlage ſie mit ihren eigenen Waffen. Iſt nicht auch die Wahrheit, die, wie ſie ſelber eingeräumt hat, jede Gattung von Verläumdung ausſchließt, weiblichen Geſchlechtes? Wer aber wollte es wagen, aus dem Geſchlechte eines Wortes den leichtfinnigen Schluß zu folgern, daß, weil z. B. die Treue weiblich, jede Frau darum auch treu, oder weil der Muth zufällig männlichen Geſchlechtes iſt, jeder Mann darum auch muthig ſein muß? Zeigt uns nicht die tägliche Erfahrung, daß es eben ſo viel feige Männer als treuloſe Frauen giebt? Von allen Seiten ertönte lanter Beifall. Iſolde, welche Grund haben mochte, in dieſer ſo ſtürmiſch beklatſchten Frage eine ziemlich unverſchleierte An⸗ ſpielung auf ſich und ihren Gatten herauszufühlen, war die Einzige, welche naſerümpfend, achſelzuckend und im Innern beſchämt daſaß. — Auch in Bezug auf die Frage unſerer 205 allgemein verehrten Kanzlerin, fuhr Anna von Stern⸗ berg fort, kann ich unmöglich der Meinung meiner Vorgängerin beipflichten. Iſt die Verläumdung, von einem Mann ausgefuhrt, ſtrafbar, ſo erſcheint ſie mir zehnfach ſtrafbarer, wenn ſie von einer Frau ausgeht. Auch darin ſchlage ich Iſolde mit ihren eigenen Waffen. Wenn ſchon ein ſo unvernünftiges Thier, wie die Krähe, die ſie als Beiſpiel angeführt, das Auge ihres Gleichen ſchont, um wieviel mehr muß ein vernunftbegabtes Weſen, wie die Frau, die Ehre jeder ihrer Mitſchweſtern wie die eigene achten und ſchonen, und nicht vergeſſen, daß der gute Ruf eines hilfloſen Weibes, dem der Troſt verſagt iſt, ſeine angegriffene Ehre mit der Energie und den Waffen des Mannes zu vertheidigen, dem Spiegel gleicht, deſſen reinen Glanz der leiſeſte Hauch der Verläumdung zu trüben im Stande iſt Aus dieſem Grunde entſchuldige ich den Mann und ver⸗ urtheile die Frau, die ihres Gleichen zu verläum⸗ den wagt. Der ganze Hof— Iſolde ausgenommen— zollte dieſer Anſicht ungetheilten Beifall. Die dritte Rednerin war der General⸗Advocat. — Ich habe dem eben vernommenen Aus⸗ ſpruche, der in der Verſammlung ſo einſtimmigen 206 Anklang gefunden hat, und dem ich mich von ganzem Herzen anſchließe, nur noch wenig Worte hinzuzu⸗ fügen, um ihn, wie mir ſcheint, ſpruchreif zu ma⸗ chen.— Vermag Eine unter uns ſich etwas Här⸗ teres, Liebloſeres, Grauſameres zu erdenken, als die Schmach, ſich gerade von Einer ihres Gleichen am Pranger der Verläumdung gekreuzigt zu ſehen? Muß nicht jede Frau tauſendfach beſſer und tiefer als jeder Mann begreifen, daß der vergiftete Pfeil der Lüge, abgedrückt von der Hand eines Weibes, tau⸗ ſendfach verwundender als der ganze Köcher eines Mannes iſt? Gleicht nicht die Frau, die aus eigener Erfahrung wiſſen muß, wie namenlos weh unver⸗ diente Ehrenkränkung thut, und die trotzdem ſich nicht entblödet, das, was ihr ſelbſt ſo tiefen Schmerz be reitet, einer Andern zuzufügen, gleicht nicht ſolch' ein Weib, das in der Andern ſich ſelbſt beſchimpft, der Mißethäterin, welche die bis dahin unentweihte Statue einer Gottheit blos darum verſtümmelt, weil man dieſer Gottheit und nicht der neiderfüllten Ver⸗ läumderin Weihrauch ſtreut? Alle jauchzten ihr jubelnden Beifall zu. — Ein verläumdeter Mann, fuhr Eva von Lob⸗ kowie fort, bleibt doch immer noch ein Mann, der mit dem Schwerte in der Hand ſeine beleidigte Ehre 207 vertheidigen und den Schild ſeines guten Namens von jedem Roſtfleck reinzuwaſchen vermag. Ein ver⸗ läumdetes Weib aber iſt eine zertrümmerte Statue, die keine Macht der Kunſt, ſo wie ſie früher geweſen war, wieder herzuſtellen im Stande iſt. Und aus dieſem Grunde theile ich die Deviſe Jener, die ge⸗ ſagt haben: Potius mori quam foedari. Lieber todt als befleckt ſein! Der Beifall ſchien kaum enden zu wollen. — Abſtimmen! Abſtimmen! erſcholl's von allen Seiten. — Bevor ich von unſerer Vice⸗Kanzlerin die Stimmen einſammeln laſſe, ſagte Gräfin Maria Magdalena, bitte ich die hohe Verſammlung um einen Augenblick Gehör, um dem erlauchten Hofe zu ſagen, was ich von dem Gegenſtande halte, der zwei un⸗ ſerer Räthe in ſo edle Entrüſtung gebracht. In meinen Augen iſt die Verläumdung eines jener ſchmach⸗ vollen Laſter, die hauptſächlich wegen der Feigheit, mit welcher ſie meuchlings im Dunkel der Nacht ausgeführt werden, doppelt ſtrafbar ſind. Die Ver⸗ läumdung iſt eine Furie, die, entſproßen aus den Blutstropfen der Ehre Anderer, mit Schlangen im Haar, mit neiderfüllten Augen, mit blutbefleckten Krallen an den Händen, in der Rechten den gift⸗ 208 getränkten Pfeil der Lüge, in der Linken die bren⸗ nende Fackel des Haſſes, Jedem das, was ſie ſelbſt nicht hat, durch alle Künſte teufliſcher Liſt zu rau⸗ ben verſucht. Die Verläumdung iſt eine Megäre, die ſelbſt vor dem Heiligſten nicht zurückbebt und Alles, was ihr vergifteter Athem nicht zu erreichen vermag, mit frecher Hand zu ſich in den Staub herabzieht. — Die Geſetze der alten Römer, die mehr Gerech⸗ tigkeit und weniger Schonung als die unſeren ge⸗ kannt, pflegten die ſchamloſe Stirn des Verläum⸗ ders durch ein C*) zu brandmarken, das einge⸗ brannt, ein ewiger Schandfleck für Jeden blieb, der die Ehre Anderer zu beſchimpfen gewagt. Wollt Ihr dieſes feigſte aller Laſter, wollt Ihr die Göttin der Verläumdung leibhaftig vor Euch ſehen, ſo blickt auf dieſes Bild! In dieſem Augenblick zertheilte ſich gleichſam wie durch ſich ſelbſt der gelbſeidene Vorhang, und in prachtvoll vergoldetem Rahmen war in Lebensgröße die Furie, wie die Gräfin ſie einen Augenblick vor⸗ her geſchildert, mit Schlangenumwundenem Haupt *) C war der Anfangsbuchſtabe des Wortes: Ca lumnia (Verläumdung). 209 und der mit blutrothem C gebrandmarkten Stirn, einem der Mitglieder ſo grauſam ähnlich, daß der ganze Hof, bis auf Eine Stimme, erſchreckt zurück⸗ bebend wie aus Einem Munde rief: — Iſolde von Berlichingen! Gleichzeitig öffneten ſich die Flügelthüren des Saales und ein Anführer der kaiſerlichen Hoftra⸗ banten, gefolgt von zwei Rathsdienern, trat ein mit der wie ein Blitzſtrahl niederzuckenden Frage: — Welche iſt die Verläumderin der Gräfin Magdalena? Und zweiunddreißig Finger zeigten wie gezückte Schwerter auf das gebrandmarkte Bild der Schul⸗ digen hin mit dem einſtimmigen Ausrufe: — Dieſe iſt's! — Iſolde von Berlichingen, ſprach der Anfüh⸗ rer der Schaatwache, folgt mir im Namen des Kaiſers. — Wohin? fragte die ſchaamloſe Verläumderin. — Nach Pürglitz, wo Ener Gemahl Euch erwartet! — Ich bin verloren! rief die Schuldbeladene und ſank ohnmächtig auf ihren Lehnſtuhl zurück. So ward ſie hinausgetragen. Gleich darauf ſchloß ſich der Vorhang. 1856. VI. Auf dem Hradſchin. MI. 14 210 — Anna von Sternberg, rief die Kanzlerin dem General⸗Secretär des Minnehofes zu, thut nun auch Ihr Eure Pflicht. Und die Aufgeforderte nahm eine Feder und ſtrich aus der Liſte der Mitglieder den Namen Iſolde von Berlichingen. — Die Sitzung iſt aufgehoben, ſagte die Kanz⸗ lerin, deren ſchwer gekränkte Ehre zu Aller Frende glänzend gerächt war. ——— Fünſzehntes Capitel. Lohn und Strafe. Zwei Tage ſpäter erhielt die Gräfin Maria Magdalena vom Kaiſer ein diamautenes Sternkreuz, in deſſen Mitte ſich das von Johann von Aachen gemalte Miniaturbild Rudolphs mit der von Edelſtei⸗ nen zuſammengeſetzten Deviſe ihres kaiſerlichen Freun⸗ des befand. Das Kreuz hing an einer kunſtreichen Goldtette aus der Werkſtätte des Vianez. Gleichzeitig erhielt ſie die Nachricht, daß Burkhard von Berlichingen und deſſen Frau, überführt, Mag⸗ dalena„an Ihrer Gnaden wohl herge 211 brachten, gräflichen und jungfräulichen Ehrenverläumdet zu haben,“ zu fünfjäh⸗ riger Gefängnißhaft auf Schloß Pürg⸗ litz verurtheilt ſei. Iſolde und ihr würdiger Gemahl büßten den Frevel ihrer Verläumdung in derſelben Zelle ab, in welcher Girvlamo Scotto ſein würdiges Weib, die Mündel des Baders Procop, vergiftet hatte. Noch heutzutage werden auf dem Rathhauſe zu Prag die in böhmiſcher Sprache abgefaßten Acten⸗ ſtücke jenes merkwürdigen Verläumdungs⸗Proceſſes aufbewahrt. Sechszehntes Capitel. Tod der Kaiſerin⸗Mutter.— Palestrina's Requiem. Am 26. Februar des folgenden Jahres(1603) ſtarb im Kloſter der Clariſſinnen zu Madrid die Mutter Kaiſer Rudolphs II., Maria von Spanien, im fünfundſiebenzigſten Jahre ihres Lebens. Geboren 1528, hatte man ſie in ihrem zwanzig⸗ ſten Jahre mit Marimilian II. verlobt. Ihr erlaichter 14 212 Bräutigam war in Begleitung des Cardinals von Trient und des Herzogs von Alba vom Hofe ſeines Vaters, Kaiſer Ferdinands I., nach Valladolid abge⸗ reiſt, um dort ſeine Vermählung zu feiern. Maximilian II. hatte mit ihr neun Söhne und ſechs Töchter gezeugt. Drei ihrer Söhne— Ferdi⸗ nand, Friedrich und Carl— und drei ihrer Töchter — Maria, Thereſe und Eleonore— waren in zar⸗ tem Kindesalter, und Prinz Wenzel, der ſechsſte Sohn dieſer glücklichen Ehe, 1578 jenen ſechs todten Ge⸗ ſchwiſtern in's Grab nachgefolgt. Von den drei andern Töchtern Mariens hatte ſich die älteſte, Anna, 1570 mit dem Könige Philipp Il. von Spanien, die zweite, Eliſabeth, am 26. Novem⸗ ber deſſelben Jahres mit König Carl IX. von Frank⸗ reich vermählt. Die dritte, Margaretha, die zu Mad⸗ rid in den Orden der heiligen Clara eingetreten war, überlebte alle ihre Brüder und Schweſtern. Von den fünf Söhnen, welche den Tod ihrer Mutter überlebten, nahm Keiner fich dieſen Ver⸗ luſt ſo ſehr zu Herzen als Kaiſer Rudolph, der in ihr ſeine treueſte Freundin verlor. Zu Ehren der Hingeſchiedenen ward in Prag eine Todtenfeier veranſtaltet, bei welcher Palestrina's Requiem zum erſten Male im Sanct⸗Veitsdome zu 213 Prag unter Leitung des kaiſerlichen Hofcapellmeiſters Filippo da Monte aufgeführt wurde.— Erſt neun Jahre zuvor(am 2. Februar 1594) war der Schöpfer dieſes hohen Liedes der italieniſchen Kirchenmuſk, als päbſtlicher Capellmeiſter des Sanct⸗Peter⸗Domes geſtorben. Der Eindruck, den die Aufführung dieſes Requiems auf das Gemſth der Zuhörer machte, war ſo groß und überwältigend, daß Jacob Chimarhäus, der niederländiſche Almoſenier des Kaiſers, gleichzeitig Director der Hofcapelle und Vorſtand der prager Muſtkgeſellſchaft, an einen ſeiner Landsleute nach Brüſſel ſchrieb: „Geſtern habe ich Palestrina's Requiem gehört. Nächſt den Pſalmen unſeres großen unſterblichen Freun⸗ des und Landsmanns Roland de Lattres) hat die *) Dieſer belgiſche Kirchencomponiſt, bekannter unter dem latinifirten Namen Orlandus Laſſus, ſtarb am 3 Juni 1595 zu München. Kurz vor ſeinem Tode hötte er vom Kaiſer Rudolph eine Einladung nach Prag erhal⸗ ten, um ihm, wie zweiundzwanzig Jahre früher dem Könige Carl IX. von Frankreich, ſeine Pſalmen vorzu⸗ ſpielen. Kränklichkeit hatte ihn verhindert, dieſem Rufe Folge zu leiſten.— Eine Tochter dieſes grozen Com⸗ poniſten war mit dem Vertrauten des Kaiſers, dem Maler Johann von Aachen verheirathet. 214 Kirchenmuſik nichts aufzuweiſen, was auf mich einen ſo ergreifenden Eindruck gemacht, als Pierluigi's Requiem. Nach meiner Anſicht iſt dieſes Tonwerk eine Schöpfung, die wie die Cheops⸗ Pyramide zu Dziſeh alle andern Kunſtwerke überragt. In meinen Augen giebt es nur drei Künſtler, deren Muſik die aller Andern überleben wird: Palestrina, Roland de Lattre und Haſter.— Palestrina's Requiem iſt die in Muſik geſetzte Divina commedia Dante's und dieſe beiden Werke werden, gleich den Dioscuren, am Himmel der italieniſchen Kunſt und Poeſie fortglän⸗ zen bis an's Ende aller Zeie In demſelben Jahre, in welchem Kaiſer Rudolph ſeine Mutter verlor, errang einer ſeiner Feldherren, Chriſtoph Graf Roßwurm, zwiſchen Ofen und Wai zen einen Sieg, in welchem über 7000 Türken erla⸗ gen. In Folge dieſes Sieges ward die Feſtung Hatwan erobert. Auch die Siebenbürger, die den Szekler Moyſes zu ihrem Fürſten erwählt hatten, wurden geſchlagen und Moyſes auf der Flucht *) Der Schreiber dieſer begeiſterten Zeilen ſtarb als Probſt zu Leitmeritz am 24. Auguſt 1614 Der Sinn⸗ ſpruch dieſes frommen Niederländers war„Domat omnia virtus. 215 getödtet. Auch in Slavonien neigte ſich das Waffen⸗ glück auf die Seite der kaiſerlichen Doppeladler und Sigismund von Trautmannsdorf zog überall als Sie⸗ ger ein. — Meine Mutter, ſagte Rudolph, betet für mich am Throne des ewigen Schickſallenkers. Und Gott hat ihr Flehen erhört! Siebzehntes Capitel. Siege und Niederlagen des türkiſchen Halb⸗ mondes“) vom Ausbruch des Krieges(1592) bis zum Abſchluß des Friedens(1606.) Leben und Regierungszeit Kaiſer Rudolphs II. ſchildern, ohne ſeines faſt vierzehnjährigen Krieges *) Als König Philipp von Macedonien mitten in dunkler Nacht ſich des alten Byzanz bemächtigen wollte, wur⸗ den die Wachtpoſten durch das plötzliche Hervortreten des Halbmondes von der drohenden Gefahr überzeugt. Die Bygantiner, welche die Rettung ihrer Stadt der Dazwiſchenkunft Dianens zuſchrieben, erkannten dieſe als ihre Schutzgöttin an und ſtellten ſie mit dem Halbmonde dar. Bis heute hat ſich dieß Symbol auf den türkiſchen Fahnen erhalten. 216 mit den Türken zu gedenken, hieße einen der wich⸗ tigſten Abſchnitte dieſer Epoche unberückſichtigt laſſen und dem Kaiſer und ſeiner Zeit gegenüber gerade Dasjenige verſchweigen, was Beide am meiſten be⸗ wegt und beunrubigt hat. Dieſer unglückſelige Krieg— nach faſt zwan⸗ zigjährigem Frieden, welcher von Sultan Selim II. kurz vor ſeinem am 12. December 1574 aus Trunk⸗ ſucht erfolgten Tode abgeſchloſſen und von deſſen Nachfolger Murad III. aus den bereits bekannten Urſachen 1592 neu begonnen worden war,— hatte gleich beim Ausbruch in Croatien und Ungarn ſo großen Schrecken und ſo allgemeine Beſtürzung er⸗ regt und gleichzeitig ſo arge Verwüſtungen in ſeinem Gefolge geführt, daß das Anfangs kleine, kaum fünf⸗ tauſend Mann zählende und ſorglos überrumpelte Ungarheer, unter Anführung des eroatiſchen Banus Thomas Erdödy, des Befehlshabers von Carlſtadt, Andreas von Auersperg, und des böhmiſchen Feld⸗ herrn Rupert von Eggenberg von dem an Zahl ſechsfach überlegenen Feinde auf allen Puncten ge⸗ ſchlagen und zurückgedrängt ward. Der halbe Mond, der ſiegreich weiter vorwärts drang, hatte auch in Böhmen ſolche Beſtürzung verbreitet, daß die Stände ſofort zweitauſend Reiter 217 unter dem Oberbefehle der Generale Rudolph von Tieffenbach und Sebaſtian Grafen von Schlick ab⸗ ſchickten. Erſterer vereinigte ſich mit Niclas Palfy, Tilesk und Palanka. Letzterem wurden die erfahren⸗ ſten Kriegshelden Böhmens, Heinrich von Kkinec, Wenzel Petipeſth, Sebaſtian Sanowec, Wenzel von Kej und Heinrich Miska mit dem Befehle beigegeben, ſich dem Erzherzoge Matthias anzuſchließen, der von Wien nach Ungarn aufgebrochen war. Da dieſe Hilfe lange nicht ausreichend erſchien, trat bald darauf ein Landtag zuſammen, auf wel⸗ chem die Stände eine Aushebung neuer Kriegsvölker auzuordnen beſchloſſen. Böhmen erbot ſich, den je achten Mann, mithin den faſt zwölften Theil ſeiner waffenfähigen Bevölkerung, in's Feld zu ſtellen. Das böhmiſche Ktiegsvolk erhielt zehn neue, vonr Erzbiſchof zu Prag geweihte Fahnen: ſieben rothe, eine weiße, eine gelbe und eine veilchen⸗ blaue Damaſtfahne. Die ſieben rothen Fahnen waren mit dem burgundiſchen Kreuze geſchmückt; auf der weißen prangte in rothem Felde Böhmens doppelgeſchwänzter ſilberner Leu; auf der gelben das Bild der Mutter Gottes in ganzer Figur, das Jeſus⸗ Kindlein auf dem Arme, mit der Inſchrift: Regina Coeli, ora pro nobis.. Auf der veilchenblauen 218 endlich der Erzengel Michael mit dem gezückten Flam⸗ menſchwerte und der Legende In nomine Domini.“ So ausgerüſtet brach das vöhmiſche Kriegsvolk mit ſeinen zehn geſegneten Fahnen unter ſeinem Heerführer Peter Wok von Roſenberg, der für ſich allein ein Contingent von zweihundert Reitern und tauſend Mann Fußvolts geſtellt, unter Anführung des Freiherrn Melchior von Rädern auf Friedland und Seidenberg, Wenzel Berka's von Duba und vieler anderen böhmiſchen Feldhauptleute nach Un⸗ garn auf, um dort vor Allem die Feſtung Komorn zu ſchützen. Erſt am 22. Juni 1593 gelang es vor Allem dem Muthe und der Tapferkeit des böhmiſchen Feld⸗ herrn Rädern den erſten Sieg über Haſſan⸗Paſchn von Bosnien davon zu tragen. Die Türken, gezwun⸗ gen, die Flucht zu ergreiſen, verloren an der Kulpa und andern Flüßen, die ihrem Rückzuge hemmend entgegentraten, mehr als zwölftauſend Mann und unter dieſen auch Mehemed, Amurats III. Schwe⸗ ſterſohn. Der Verluſt des Letztern ſpornte den Sultan zu verdoppelter Anſtrengung: Amurath gelobte ſich bei der grünen Fahne des Propheten, die Nieder⸗ lage des Halbmonds wie den Tod ſeines Verwandten 219 eben ſo glänzend für ihn, als furchtbar für ſeinen Feind zu rächen. Mit dreifach verſtärktem Heere drang der Großwe⸗ ſier Sinan⸗Paſcha in Croatien und Ungarn ein, nahm Siſſek, Trentſchin, Veſprim, Palota, Papa und einige andere Städte mit Sturm und ließ überall blutbe— fleckte Spuren greuelvoller Verheerung zurück. Bald aber ſah ſich der ſiegreich vordringende Großweſier mitten im Laufe ſeiner Eroberungen auf⸗ gehalten durch die Meuterei ſeiner eigenen Krieger, durch die Rebellion der Janitſcharen, die ihn zwangen, von der weitern Verfolgung des Feindes abzuſtehen und wegen des Herannahens der rauhen Jahreszeit die Winterquartiere zu beziehen. Sinan⸗Paſcha zog ſich nach Ofen zurück. In Folge dieſes von ſeinen eigenen Soldaten erzwungenen Rückzuges erlitt eine Abtheilung des Heeres am 3. November bei Stuhlweißenburg durch General Ferdinand Grafen von Hardegg eine neue Niederlage, bei welcher der Türke über ſechstauſend Mann und 44 Kanonen verlor. General Tieffenbach eroberte Sabac, ſchlug am 27. November die Tür⸗ ken bei Filek und bemächtigte ſich einiger ihrer feſten Schlöſſer. Im Frühjahre 1594 wurde Gran, das der 220 Uebermacht und dem Fanatismus der Türken an⸗ heimgefallen war, durch Erzherzog Matthias vergeb⸗ blich belagert. Von Gran zog er ſich nach Komorn zurück. Hier ſchloßen ſich ihm Peter Wok von Roſenberg, Melchior Rädern und Wenzel Berka an. Glucklicher als Matthias war deſſen Bruder, Erzherzog Marimilian, welcher Gora, Petrinia und Siſſek zurückeroberte, dagegen aber Tata, haupt⸗ ſächlich durch die Feigheit des verzagenden Com⸗ mandanten, und Raab an die Türken verlor, deren Heer jetzt auf 160,000 Mann angewachſen war. Im Januar des folgenden Jahres(1595) ſtarb Amurath III. Ihm folgte deſſen Sohn Mehemed IMI., der alle Laſter ſeines Vaters, vor Allem aber ſeine Grauſamkeit, geerbt hatte und ſeine Regierung damit antrat, daß er ſeine achtzehn Brüder zur Tafel einladen, ſie hier mit ihren Müttern erdroſſeln und deren Leichname in's Meer werfen ließ. Dieſer würdige Tyrann hatte bei dem Barte des Propheten und dem eigenen geſchworen, die letzten Niederlagen ſeines nicht minder deſpotiſchen Vaters durch neue Siege vergeſſen zu machen und nicht eher zu ruhen, als bis es mit Hilfe des Propheten dem Halbmonde gelingen werde, bis an 224 die Thore Wiens vorzudringen. Damals hatte der Türke noch Energie! Rudbolph ſchloß jetzt ein Schutz⸗ und Trutzbünd⸗ niß mit dem Fürſten Sigismund von Siebenbürgen. Der Kaiſer verpflichtete ſich dafür: daß 1. der älteſte Sohn des Fürſten nach dem Ableben ſeines Vaters zur Regierung gelange unter der Bedingung, daß er wie jeder ſeiner Nachfolger, den Kaiſer und König in Ungarn als ſeinen Herrn anerkenne. Sollte er oder ſein Nachfolger ohne Erben ſterben, ſo ſolle Siebenbürgen an den Kaiſer fallen; 2. daß der Kaiſer dem Beherrſcher von Siebenbürgen ſtatt des bishe⸗ rigen Titels Woywode“ den Fürſtentitel zugeſtehe, und letzteren urkundlich beſtätige; 3. daß der Fürſt Sigis⸗ mund von Siebenbürgen die Tochter des Erzher⸗ zogs Carl, Maria Chriſtina, zur Frau und vom Kö⸗ nige von Spanien, Philipp jl., den Orden des gol⸗ denen Vließes erhalte. Fürſt Sigismund drang, nachdem Rudolph ihm dieſe drei Zugeſtändniſſe verbrieft hatte, in die Wal⸗ lachei, eroberte Bukareſt und ſchlug den Großweſier mit ſo vielem Glücke zurück, daß Sinan⸗Paſcha ſich ge⸗ zwungen ſah, nach Conſtantinopel zu fliehen. Wallachei und Moldau aber begaben ſich unter den Schutz des Fürſten von Siebenbürgen. 222 Auch die Erzherzoge Matthias und Ferdinand von Steiermark wie der tapfere Tieffenbach drangen in Ungarn ſiegreich vorwärts. — Die Mutter Gottes und der Erzengel Mi⸗ chael, ſagte der Tieffenbacher, thun ihre Schuldigkeit und wäre ich Kaiſer, meinte der Haudegen, dann würde ich die Jungfrau Maria, die auf Böhmens Fahne uns voranſchwebt, zum Generaliſſimus des Heeres in Ungarn, den Erzengel Michael zu ihrem Generaladjutanten und den böhmiſchen Leu zum Feldzeugmeiſtet der Artillerie erheben. Aber ſtatt der Mutter Gottes wurde Fürſt Carl von Mannsfeld vom Kaiſer zum Oberfeldherrn in Ungarn ernannt, eine Ehre, die dieſer Held wohl verdient, da er aus den Niederlanden zwei tauſend Reiter und ſechs tauſend Mann Fußvolks mitge⸗ bracht hatte, und durch die Tapferkeit ſeiner Wallo⸗ nen nicht wenig zur günſtigen Wendung des Krie⸗ ges in Ungarn beitrug. Leider aber ſtarb er während der Belagerung Frans und überließ die Fortführung dem Erzher⸗ zoge Matthias, der dieſe Feſtung zu großer Freude der ganzen Chriſtenheit' endlich(am 4. Auguſt 1594) einnahm. Um den göttlichen Beiſtand für das Glück des 223 chriſtlichen Heeres anzuflehen, ward auf des Kaiſers Anregung vom Landtage der Befehl erlaſſen: Je⸗ dermann müſſe ſich, mit Ausnahme des Handwerkers, allmorgendlich ſieben Uhr, ſobald er die Glocke läuten höre, in die Kirche zum Gebet verfügen. Der Hand⸗ werker, der bei ſeiner Arbeit verweilen dürfe, müſſe, ſobald die Glocke die Andern in die Kirche rufe, bei der Arbeit auf's Knie ſinken und Gott den All⸗ mächtigen um Beiſtand gegen das weitere Vordrin gen des unchriſtlichen Halbmondes anrufen. Die letzten Unfälle und Niederlagen bewogen den Sultan, im folgenden Jahre(1596) ſich ſelbſt an die Spitze ſeines ziemlich entmuthigten Heeres zu ſtellen. Er kämpfte wie ein gereizter Tiger und eroberte Raab. An Matthias Stelle ward, auf deſſen eigenes Verlangen, Erzherzog Marimilian zum Heerführer ernannt. Dieſer belagerte mit dem böhmiſchen und mähriſchen Kriegsvolke, die ungariſche Veſte Hatwan, die ſich gleichfalls im Beſitze der Türken befand. Wilhelm Treéka von Lipa mit ſeinen tauſend böhmiſchen Kriegern war der Erſte, welcher Hatwans Mauern mit ſolcher Schnelligkeit erſtieg, daß dem überrumpelten Halbmonde keine Zeit blieb, zu den Waffen zu greifen und Widerſtand zu leiſten. Drei 224 tauſend Türken ſammt ihrem Befehlshaber Arslan erlagen dem Schwerte. Die chriſtlichen Krieger, von welchen kaum achthundert gefallen waren, pflanzten die Mutter Gottes und den Erzengel Michael auf Hatwaus blutgetränkten Wällen auf. Unterdeſſen war Sultan Mehemed III. mit ſei⸗ nem Heere von zweimalhunderttauſend Mann von Raab nach Erlau gezogen, um auch dieſe Feſtung einzunehmen. Um Erlau's Beſatzung zu verſtärken, ſchickte Marimilian das mähriſche Kriegsvolk mit ſeinem Befehlshaber Johann von Thurn, Wilhelm Troka und Johann Kinſth von Wchynie mit tauſend Böhmen und dreihundert Wallonen hin. Drei Wochen leiſteten Erlau tapfern Widerſtand. Dann fiel auch dieſe Veſte(am 14. October) in die Hände der Tuͤrken. Dieſe er⸗ griffen den Commandanten des Schloſſes, Niary, entkleideten und geißelten ihn und warfen ihn von den Wällen herab. Treka, Thurn und Kinſth wurden als Gefangene nach Belgrad abgeführt. Hier ſtarben die beiden Erſten; der dritte aber entfloh und ge⸗ langte glücklich zum chriſtlichen Heere. Erlau's Eroberung hatte den Türken 20,000 und den Chriſten 10,000 Todte gekoſtet. Unter den Gefallenen Böhmens befanden ſich Wenzel Popel 225 von Lobkowic(ein Vetter Eva's), Johann Albrecht Petipeskh von Chys, der mit einigen böhmiſchen Helden bis in das Zelt des Sultans eingedrungen und dort nach blutigem Kampfe niedergeſäbelt ward, Zdenko Kaplit von Sulewic, Ulrich von Rikan, Zdenko Zäruba von Huſtikan, Johann Bokek Do⸗ halskh von Dohalic, Albrecht Mitrowskh von Mi⸗ trowie und viele Andere. Im mähriſchen Regimente waren Hynek Haugwic von Biskupie, Melchior Bo⸗ kita von Martinie und Wenzel Kolokowec von Ko⸗ kokowa auf dem Felde der Ehre geblieben. Mehemed III., der Eroberer von Erlau, kehrte, mit Beute und Blut beladen, nach der Hauptſtadt ſeines Reiches zurück. Im folgenden Jahre(1597) ordnete der Kaiſer die Einberufung eines neuen Landtags an, der am 26. Januar in Prag zuſammentrat, um Beſchluß zu faſſen über Herbeiſchaffung neuer Mittel zur Fortſetzung des Krieges gegen die Feinde der chriſt⸗ lichen Kirche. Am 22. des folgenden Monats erſchten der Fürſt von Siebenbürgen in Böhmens Hauptſtadt, um, als Bundesgenoſſe des Kaiſers, aus Rudolphs Händen den ihm vom Könige von Spanien verliehenen Or⸗ den des goldenen Vließes entgegen zu nehmen. Die 1856. VI. Auf dem Hradſchin. III. 15 226 feierliche Ueberreichung dieſes höchſten Ordens der Chriſtenheit geſchah am 6. März auf dem Hrad⸗ ſchine im Wladiſlaw'ſchen Saale, in Gegenwart der vornehmſten Barone der böhmiſchen Krone. Der Feldzug in Ungarn ward unter dem Ober⸗ befehle des Erzherzog⸗Deutſchmeiſters Marimilian mit der Belagerung der Feſtung Dotis eroöffnet. Hier war'ss, wo einer der böhmiſchen Feldherren, Johann von Pernſtein, zum erſten Male die kurz zuvor erfundene Petarde, ein neues Geſchütz, das er erſt unlängſt aus den Niederlanden erhalten hatte, in Anwendung und mit Hilfe dieſes Ge⸗ ſchützes die ſtarken Mauern dieſer Veſte zu Fall brachte Niklas Palfy und Johann von Pernſtein zogen mit den Kaiſerlichen durch die geſprengten Thore als Sieger ein und richteten unter den Tür⸗ ken ein nicht minder unchriſtliches Blutbad als jenes an, welches wenige Monate zuvor Sultan Mehe⸗ med bei der Eroberung Erlau's zur Stillung ſeines mahomedaniſchen Rachedurſtes gefeiert hatte. Bei der Belagerung von Dotis verloren die Kaiſerlichen einen ihrer tapferſten Haudegen, den Heerführer Rudolph von Tieffenbach. Bald darauf büßte das chriſtliche Heer auch ſeinen Feldzeugmeiſter Johann von Pernſtein ein, ——— 1— —,— F —— 227 der durch eine Stückkugel vor der Veſte Raab, die er erfolglos belagerte, hinweggerafft ward. Hier vor Raab fiel auch Rudolph von Kinskh von Wchynic, der, erſt drei Tage zuvor von Prag angekommen, ſich mit neuen Hilfstruppen der Be⸗ lagerung angeſchloſſen hatte. Raab blieb im Beſitze des Halbmonds. Tata wurde von den Türken, Papa von den Kaiſerlichen ge⸗ nommen und im November ein türkiſches Heer bei Waizen geſchlagen. In demſelben Jahre ließ ſich der Fürſt Sigismund von Siebenbürgen von ſeiner Gemahlin, mit welcher erunglücklich verheirathet war, ſcheiden, legte freiwillig die Regierung nieder und trat ganz Siebenbürgen an Kaiſer Rudolph ab, der ihm dafür zwei Fürſtenthümer in Schleſien, Oppeln und Ratibor, nebſt einem Jahrgehalte von fünfzig⸗ tauſend Thalern anwies. Am 13. Juni 1598 langte er mit zahlreichem Gefolge in Breslau und ſechs Tage ſpäter in Oppeln an. Hier langweilte der gute Sigismund ſich der⸗ geſtalt, daß er ſchon vier Wochen darauf bittere Reue empfand, auf Siebenbürgen gegen dieſe beiden armſeligen Fürſtenthümer Verzicht geleiſtet zu haben. Verkleidet, und begleitet von zwei ſeiner treueſten 15 228 Anhänger, verließ er Ende Auguſts die langweilige Reſidenz ſeines Duodezſtaats, flüchtete durch Polen und die Zips nach Siebenbürgen und ward hier auf Antrieb ſeines Oheims Stephan Botſchkay, des Bruders ſeiner Mutter, neuerdings zum Fürſten auf⸗ und angenommen. Doch auch hier hatte er keine Ruhe. Von Furcht gequält, der Kaiſer werde dieſen Treubruch nicht ungeſtraft laſſen, trug er Sieben⸗ bürgen ſeinem Vetter Andreas Bathory, dem Car⸗ dinal⸗Biſchof zu Wermeland, an und bewog ihn, daſſelbe von ihm anzunehmen. Er ſelber aber flüch⸗ tete ſich zu ſeinem Schwager Janus Zamoyski nach Warſchau. Während dieſer Zeit hatte Bonacourt die Kunde von der Eroberung Raabs nach Prag gebracht. Kaiſer Rudolph, der bei Empfang dieſer Nach⸗ richt neu aufzuleben begann, ſchenkte dem Ueberbringer derſelben 4000 und dem Befehlshaber der Bela⸗ gerer, Adolph von Schwarzenberg, 10,000 Ducaten. Niklas Palſy, dem ein Geſchenk von gleicher Höhe zugedacht war, lehnte es ab und begnügte ſich mit einem goldenen, tauſend Ducaten ſchweren Pocale, den ihm die öſterreichiſchen Stände verehrten. Bathory, der neue Fürſt von Siebenbürgen, war unterdeſſen von dem kaiſerlichen Feldherrn 229 Georg Baſta geſchlagen und auf der Flucht von den Szeklern ermordet worden. Sigismund, unter⸗ ſtützt von Zamoyski und Botſchkah, verjagte die Kaiſerlichen und ſetzte ſich neuerdings in Sieben⸗ bürgen feſt. Nach der Eroberung Raabs ward auch Warasdin belagert. Nach langer Unthätigkeit zog erſt im Herbſte der Seraskier Saturdſchi zum Ent⸗ ſatze dieſer Veſte heran. Auf die Nachricht von der Niederlage eines ſeiner Truppentheile durch die Wallachen, kehrte er entmuthigt nach Belgrad zu⸗ rück. Hier ward er auf Befehl des Sultans hin⸗ gerichtet. Während Kaiſer Rudolph, aus Furcht vor den Schreckniſſen der zu Prag wüthenden Peſt, ſich nach Pilſen geflüchtet hatte, war der neue Großweſier Ibra⸗ him zu Ofen angelangt, um daſelbſt, auf Befehl des Sultans, Friedensverhandlungen mit Niklas Palfy auzuknüpfen. Ibrahim verlangte die Uebergabe der beiden Feſtungen Gran und Raab; Palfy, weit entfernt, dieſe ſchmachvolle Bedingung einzugehen, beſtand im Gegentheil auf Uebergabe von Erlau und Hatwan. Und ſo kam es, daß durch Hartnäckigkeit beider Theile die kaum begonnene Friedensunterhandlung 230 ſich wieder zerſchlug und die Flamme des Krieges von Neuem aufzulodern begann. Erbittert ſchob Ibrahim ſein Kriegsheer vor. Einzelne Türken⸗ und Tartaren⸗Horden durchzogen raubend und plündernd und mordend die ungariſchen Gaue. Die Tartaren drangen in Mähren ein. Die vereinigten Stände von Böhmen und Mähren ertheilten dem Lew von Rozmital und Ladislaw von Lobkowic den Befehl, neues Kriegsvolk zu ſammeln, und übertrugen das Commando den Feldherrn Dionys von Zerotin und Günther von Golk mit dem Befehle, den mähriſchen Boden von den Hufen der tartariſchen Mordbrennerhorden zu ſäubern. Und Solches geſchah denn auch. Die wilden Gäſte wurden tapfer hinausgejagt. Der herannahende Winter drängte Ibrahim nach Belgrad zurück. Kaiſer Rudolpb, der neuer Hilfe bedurfte, be⸗ rief auf den 23. Februar 1600 einen neuen Land⸗ tag, der wieder in Prag zuſammentrat. In dieſem Jahre verlor der kaiſerliche Doppel⸗ adler zwei ſeiner tapferſten Heerführer: den oberſten Befehlshaber zu Gran, Niklas Palfy von Erdödy, der im 54. Jahre ſeiner glorreichen Laufbahn ſtarb, und den kaiſerlichen Feldmarſchall Adolph von Schwar⸗ ————— ———— 231 zenberg, den Eroberer Raabs, der, von den aufruh⸗ reriſchen Wallonen gezwungen, Papa den Türken zu überliefern, durch eine Musketenkugel hinweggerafft ward. An die Stelle des Erſteren wurde Adolph Graf von Althan, an die Stelle des Letztern der mit der franzöſiſchen Königsfamilie verwandte Herzog Ema⸗ nuel de Mercoeur zum Oberbefehlshaber des kaiſer⸗ lichen Heeres ernannt. Ibrahim verſchonte Gran und belagerte Kani⸗ ſcha. Mercveur eilte mit ſeinem fünfundzwanzigtau⸗ ſend Mann ſtarken Heere und ſeinen kriegsgeübten Generalen Johann Grafen von Herberſtein, Jean TSerclaes Baron Tilly, Adam Wenzel, Herzog von Teſchen und dem mähriſchen Feldherrn Georg von Hodie, der bedrängten Feſtung zu Hilfe, worauf es zu einem Kampfe kam. Georg von Hodic griff mit der mähriſch⸗böh⸗ miſchen Reiterei die Türken an und trug über ſie einen Sieg davon, der tauſend Janitſcharen und zweitauſend Türken zu Pferde auf dem Schlacht⸗ felde zurückließ. Zum Unglück aber waren die kaiſerlichen Pro⸗ viantwagen in die Hände des Feindes gefallen, und 232 in Folge deſſen brach im Heere der Suijerltchen eine furchtbare Hungersnoth aus. Dieſe zwang den Sieger zum Rückzuge. Der Befehlshaber von Kaniſcha, Georg Freiherr von Pa⸗ radiß, durch Mercveurs Rückzug entmuthigt, über⸗ gab am 11. September 1600 die Feſtung unter der Bedingung des freien Abzugs der ganzen Be⸗ ſatzung, Ibrahim erfüllte dieſe Bedingung. Paradiß aber ward auf Befehl des Kaiſers vor ein Kriegs⸗ gericht geſtellt, das ihn zum Tod verurtheilte und ihm, wie dem Leſer bereits bekannt iſt, den Kopf vor die Füße legen ließ. Um den Verluſt von Kaniſcha zu rächen, ver⸗ ſammelte der Kaiſer auch im folgenden Jahre(1601) einen neuen Landtag um ſich, und begehrte vom erſchöpften Reiche neue Hilfsquellen an Gold, Volk und Heerführern. Die böhmiſchen Stände, welche im Januar zu⸗ ſammentraten, bewilligten Alles, was Rudolph von ihnen verlangte. Mähren ſchickte ſechstauſend Mann Fußvolks und fünfzehnhundert Mann ſchwerer Rei⸗ terei, jedoch nur unter der Bedingung, daß ihr An⸗ führer ein Mährer ſei. Schleſien ſandte im März zweitauſend Reiter, die unter dem Oberbefehle des 233 Herzogs Adam Wenzel von Teſchen gegen die ſie⸗ benbürgiſchen Rebellen in's Feld rückten. Die Wiedereroberung Kaniſcha's ward dem Erzherzog⸗Deutſchmeiſter Marximilian, dem Herzoge von Mantua und dem Erzherzoge Ferdinand anver⸗ traut. Der Herzog von Mercveur aber erhielt Be⸗ fehl, ſich auf Stuhlweißenburg zu werfen, und Georg Baſta war beauftragt, die treuloſen Siebenbürger zu ſchlagen. Der Halbmond aber leiſtete bei Kaniſcha ſo tapfern Widerſtand, daß die Doppeladler beim Her⸗ annahen des Winters ſich gezwungen ſahen, die Belagerung aufzuheben. Glücklicher war der Herzog von Mercoeur, wel⸗ cher Stuhlweißenburg eroberte und die fliehenden Türken und Tartaren zu einer offenen Feldſchlacht zwang, in welcher ſie fünftauſend Mann verloren. Ein eben ſo günſtiger Erfolg krönte die Waffen Georg Baſta's, der den Siebenbürgern erſt Klau⸗ ſenburg und dann Biſtriz entriß. Fürſt Sigismund, auf allen Puncten geſchlagen, ſah ſich gezwungen, die Waffen zu ſtrecken und nach Prag zu eilen, um Siebenbürgen von Neuem zu den Füßen des Kaiſers zu legen und deſſen Gnade anzuflehen. 234 Rudolph verzieh dem treuloſen Vaſallen, räumte ihm Schloß und Herrſchaft Libochowie(die dem ehemaligen Oberſthofmeiſter Georg Popel von Lob⸗ kowic confiscirt worden war) ein und bewilligte ihm außerdem einen Jahrgehalt von fünfzigtauſend Ducaten. Siebenbürgen aber war dadurch nicht beruhigt. Der Szekler Moyſes, empört darüber, Siebenbürgen von einem Deutſchen unterjocht zu ſehen, trat an die Spitze einer gegen Georg Baſta angezettelten Verſchwörung. Die Aufrührer aber erlitten eine ſo große Riederlage, daß ihr Anführer ſich gezwungen ſah, ſeine Rettung in der Flucht zu den Türken zu ſuchen. Radulo, der Woywode der Wallachei, der dem Kaiſer beigeſtanden hatte, den von Moyſes entzün⸗ deten Aufruhr zu dämpfen, ward von Rudolph zum Fürſten von Siebenbürgen ernannt. Im folgenden Jahre verlor der Kaiſer einen ſeiner heldenmüthigſten Heerführer in der Perſon des Herzogs von Mercoeur, der, Frankreich und die Niederlande durchreiſend, um dort neues Kriegsvolk anzuwerben, auf der Rückreiſe zu Nürnberg am Fie⸗ ber erkrankte und in Folge deſſelben ſterben mußte. Ibrahim hatte unterdeſſen die ſiebenbürgiſchen * — — * * — 235 Unruhen zu einem neuen Ausfalle gegen Stuhlwei⸗ henburg benutzt. Die Stadt, die ſich ſeit einem Jahre wieder im Beſitze der Chriſten befand, ward erobert und der Befehlshaber derſelben, Johann Graf von Herberſtein, als Gefangener nach Con⸗ ſtantinopel geſchickt, wo er bald darauf elend im Kerker umkam. Während der Großweſier ſich wieder nach Bel⸗ grad zurüͤckzog, verſuchten die Kaiſerlichen unter dem Befehle des Grafen Chriſtoph Roßwurm“) ſich der Feſtung Ofen zu bemächtigen. Die Türken aber ſetzten ſich hier ſo tapfer zur Gegenwehr, daß Roß⸗ wurm, zum Rückzug genöthigt, ſich auf Peſth warf und es nach kurzem Widerſtande einnahm. Auch im folgenden Jahre(1603) ward in Prag ein neuer Landtag abgehalten. Die Stände Böhmens brachten mit rühmenswerther Vaterlands⸗ liebe neue Opfer. Im Laufe dieſes Jahres ward der Halbmond durch die Tapferkeit Roßwurms zwiſchen Ofen und Waizen geſchlagen und die Veſte Hatwan zurück⸗ *) Roßwurm oder Rußworm hatte Anfangs in Frankreich unter Baſſompierre gegen bie katholiſche Ligue gedient. 236 erobert.— Nicht minder glückliche Erfolge errangen Sigismund von Trautmannsdorf in Slavonien und Georg Baſta in Siebenbürgen.— Der zum Fürſten ausgerufene Szekler Moyſes ward auf der Flucht ermordet. Am 22. December 1603 ſtarb Muhammed III. Ihm folgte ſein vierzehnjähriger Sohn Achmed l. Der Halbmond trug neuerdings Frieden an, machte aber ſolche Bedingungen(für die Abtretung Erlau's und Kaniſcha's begehrte er Gran, Peſth und ganz Siebenbürgen), daß Kaiſer Rudolph bei aller Liebe zum Frieden, den Niemand ſehnlicher als er herbeiwünſchte, ſich gezwungen ſah, auch auf das folgende Jahr(1604) einen neuen Landtag anzu⸗ ordnen und dem erſchöpften Böhmen nene Opfer zu⸗ zumuthen, um den Krieg fortzuführen. Juden und Freiſaſſen wurden hart beſteuert und auf den Verkauf von Fiſchen, Fleiſch und Wein, auf alle Gegenſtände des Lurus, wie goldene Ketten und Edelſteine, große Abgaben gelegt. Der ſchleſiſche Landtag, der im März und Au⸗ guſt zuſammentrat, bewilligte auf Antrag Ferdinands Burggrafen von Dohna und des Appellationspräſiden⸗ ten Bohnslaw Joachim von Lobkowic⸗Haſſenſtein ein 237 neues Contingent von tauſend Mann Reiterei unter dem Oberbefehle des Herzogs von Teſchen. An Stelle des wegen Nichteinnahme Ofens in Ungnade gefallenen Freiherrn von Roßwurm wurde Georg Baſta vom Kaiſer mir dem Oberbefehle in Ungarn betraut; Roßwurm aber, von dem Statt⸗ halter zu Kaſchau, dem Italiener Giovanni Giacomo Belgiojoſo, der Ermordung ſeines Bruders Francesco Barbiani's, Grafen von Belgiojoſo, angeklagt, ward zu Prag gefangen genommen, im Rathhauſe auf der Altſtadt eingekerkert und nach kurzem Proceſſe zum Schwerte verurtheilt. Der Kaiſer geſtattete, daß Roßwurm nicht öffentlich vor den Augen von ganz Prag, ſondern heimlich im Vorhofe des altſtädter Rathhauſes geköpft ward. Beim Heranrücken des Großweſiers Cigala mit neu verſtärkten Kräften war der Schrecken des chriſt⸗ lichen Heeres wieder ſo groß und allgemein, daß Peſth ſowohl als Hatwan ſich nach kurzem Wider⸗ ſtande, mehr aus Zaghaftigkeit als aus Nothwendig⸗ keit, den Türken übergaben. Dem Kaiſer war unterdeſſen ein neuer Feind erwachſen in Gabriel Bethlen, der, von den Tür⸗ ken ermuthigt, im Vereine mit Stephan Botſchkay Siebenbürgen ſich bemächtigte und den kaiſerlichen 238 Befehlshaber, der ihm entgegen kam, auf's Haupt ſchlug. Einer der Unterfeldherren des ſiegenden Botſch⸗ kay, Franz Redey, mußte an der Spitze von achttau⸗ ſend Heyduken und tenſend Türken bei Landshut und Rohatet in Mähren einfallen und raubend und mordend bis Brünn vordringen. Der zu Wiſchau verſammelte Ausſchuß des Land⸗ tages befahl den beiden Heerführern Wilhelm Popel von Lobkowic und Georg von Hodic, das Raubge⸗ ſindel zurückzuſchlagen. Die Heyduken mußten die Flucht ergreifen. Das mähriſche Heer, geführt von Franz von Diet⸗ richſtein, Cardinal⸗Biſchof von Olmütz, und dem Ober⸗ feldherrn Corl von Liechtenſtein, die durch Zuzug der Böhmen unter dem Oberbefehle des Oberſt⸗Land⸗ kämmerers, Adam von Sternberg, dreitauſend Mann Fußvolks, geführt von Wratislaw von Mitrowic und Wolf von Wieſowic, und fünfzehnhundert Mann Reiterei, befehligt von Adam Popel von Lobkowic, neuen Muth und neue Kraft gewonnen hatten, be⸗ lagerte und eroberte Skalic und Berenz und drängte den Feind bis nach Tyrnau zurück, wo der Türke ſtand. Von Letzterem wurde am 29. September 1605 eectige W 239 die Feſtung Gran mit Sturm zurückerobert. Cigala's Unterfeldherren zogen als Sieger in Veszprim, Pal⸗ loda, Wiſſegrad und Neuhäuſel ein. Der Großweſier unterwarf die Wallachei, ſetzte hier einen neuen Für⸗ ſten, und Stephan Botſchkay, ſeinen muthigen Bun⸗ desgenoſſen, im November zum Könige von Ungarn ein. Die Gefahr der von allen Seiten heranſtürmen⸗ den Türken, Tartaren, Siebenbürgen und Szekler war jetzt ſo groß, daß Erzherzog Matthias, im Namen des Kaiſers, Sigismund Forgacz an Botſchkay ab⸗ ſandte, um durch ihn einen Waffenſtillſtand zu er⸗ wiürken und den von beiden Theilen heimlich erſehn⸗ ten Frieden herbeizuführen. Letzterer, fuͤr den Halbmond durch ſeinen mit dem Shah von Perſien fortgeführten Krieg nothwen⸗ dig geworden, ward nach langen Unterhandlungen endlich doch am 11. November 1606 zu Sitvatorok auf zwanzig Jahre abgeſchloſſen. Oeſterreich behielt das, was es hatte, und bekam außerdem noch Wai⸗ zen zurück; die Türken behielten Ofen, Gran, Erlau und Kaniſcha, Sultan Achmed I. erhielt vom Kaiſer ein Geſchenk von zweimalhunderttauſend Thalern, und Botſchkay, zum Fürſten von Siebenbürgen ernannt, entſagte zu Gunſten des Kaiſers der Krone von Ungarn. Den Ungarn aber ward Religionsfreiheit zugeſichert. 240 Und ſo endete dieſer Krieg, der, im Laufe von faſt vierzehn Jahren, Millionen von Geld und Men⸗ ſchen verſchlungen hatte, ein Krieg, ſo ungerecht und unmenſchlich wie mancher andere, der, begonnen oder fortgeführt unter dem Deckmantel der Religion, hin⸗ ter der ſich eigennützige Eroberungsſucht verbirgt, ſeine blutbefleckten Spuren in den Blättern der Geſchichte als Warnung zurückgelaſſen hat, die trotz aller traurigen Erfahrungen, welche Völker und Für⸗ ſten ſeit Jahrtauſenden eingeerntet haben, leider noch immer überhört wird. Der Krieg iſt ein nothwendiges Uebel, ſagt mancher große Staatsmann. Jeder Menſchenfreund aber erkennt in dieſem othwendigen Uebel“, das, was es wirklich iſt: eine Geißel der Menſchheit. Ende des dritten Bandes. Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. ſſſſſſſm 1 ſſſſſſſſſſſſiiſi 8 9 10 11 2 13 14 15 16 17