deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6dnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und Ceſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ enemmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Aonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 2. für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: iitht W Pr 6 2„ 7 7 S 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines, größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des verpflichtet. S 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, a —————————— Auf dem Hradſchin, oder Kaiſer Rudolph Il. und ſeine Zeit. J. Auf dem Hradschin, oder Ruiſer ündolyh II. und ſeine —— Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde von Eduard Maria Oettinger. X Deviſe Kaiſer Ruvolphs U Erſter Band. I856. Prag 8 Leipzig, Erpedition des Albums. Prag 1856 Druck von Kath. Gerzabek. Erſtes Capitel. Der Vice⸗Kanzler Curtius und ſein Hans. Wir befinden uns auf dem Hradſchin. Auf dem Platze, auf welchem ſich der ſeit 1850 in eine Caſerne umgeſtaltete Majorats⸗Palaſt der Grafen von Cernin erhebt, ſtand noch zu Anfange des ſiebzehnten Jahrhundertes das ziemlich ſtattliche Haus des kaiſerlichen Viee⸗Kanzlers Jacob Khurtz von Senfftenau. Von dieſem Manne, der zur Zeit Kaiſer Ru⸗ dolph's Il eine der einflußreichſten Größen des Ho⸗ fes, eine der mächtigſten Stützen des Thrones, einer der thätigſten Hebel der Staatsmaſchine geweſen war, iſt, wie von ſo vielen Staatsmännern früherer und ſelbſt ſpäterer Zeiten, wenig mehr übrig geblieben, als ſein Name, und der Grabſtein, der deſſen irdiſche Ueberreſte deckt, welche im Kreuzgange der Anguſti⸗ nerkirche in der Nähe einer ſeiner Zeitgenoſſinnen, der e Dichterin Eliſabeth Weſton dem Tage d gemeinen Auferſtehung entgegenharren. Vergebens ſucht man den Namen des Kanzlers in den Asbeſtblättern der Geſchichte, in den papier⸗ nen Niſchen der biographiſchen Wörterbücher. Von tauſend Böhmen weiß vielleicht nicht Einer, daß einſt, vor mehr als zweihundertfünfzig Jahren, ein Mann jenes Namens gelebt, vor welchem ganz Prag gezittert haben ſoll. Der Ruhm der meiſten Staats⸗ männer iſt vergänglicher als jeder Andere. Der Tod, der ihre Laufbahn ſchließt, löſcht auch die Erinne⸗ rung an ſie. Die Engländerin, deren Aſche neben jener des böhmiſchen Kanzlers ruht, iſt nicht ſo ſchnell ver⸗ ſchollen wie er. Ihre Briefe und Gedichte, geſam⸗ melt unter dem Titel„Parthenicon“ ſichern ihr für immer einen ehrenvollen Platz im Pantheon der Un⸗ ſterblichkeit. Jacob Khurtz, oder auch Curtius von Senfftenau geb. 1554, ſtammte aus einer freiherrlichen Fa⸗ milie in Graubündten. Frühzeitig mit Anna Maria Weber von Bieſenberg verheirathet, ſoll er mit ſei⸗ ner Frau nicht ſehr glücklich gelebt haben, da er im Grunde ſeines Herzens ein eingefleiſchter Weiberfeind 7 geweſen war und ſich gerühmt haben ſoll, vor und während ſeiner Ehe nie ein anderes weibliches Weſen, als ſeine, keinesweges ſchöne Frau berührt zu haben. Der Kanzler war ein frommer Herr. Ein Blick in das ziemlich geräumige, in beſtän⸗ diges Halbdunkel getauchte und ſchon darum etwas unheimliche Arbeitsgemach des böhmiſchen Staats⸗ mannes wird uns gleichzeitig eine Einſicht in die dich⸗ ten Falten ſeines Herzens geſtatten; wir ſagen Herz, ob die Wenigen gleich, die mit ihm in Berührung kamen, zu behaupten wagten, er habe gar kein Herz und ſei ſchon aus dieſem Grunde ein geborener Staatsmann. Ueber ſeinem uralten, äußerſt ſchwerfälligen und mit ewigem Staube bedeckten Arbeitstiſche prangte das leichenbleiche Bild des heiligen Ignaz von Loyola, des Gründers der Geſellſchaft Jeſu, gemalt von Bartholomäus Spranger, dem Antwerpener Kammer⸗ maler und Lieblinge Kaiſer Rudolphs. Zur Rechten Loyola's hing das Gürtelbild ſeines Landsmanns und Nachfolgers, Diego Laynez, deſſen fuchsröthliches Haar, glatt geſchoren wie Utrechter Sammet, ſeiner echtſpaniſchen Phyſiognomie jenen hohen Grad von Verſchmitztheit verlieh, durch wel⸗ chen er auf dem Concilium zu Trient dem neuen Orden ſo viel Einfluß zu verſchaffen gewußt hatte. Unter ſeinem Bilde ſtand ſein Todestag der 19. Ja⸗ nunt 1565. Zur Linken Loyola's ſtarrte uns das Conterfei des(ſpäter gleichfalls heilig geſprochenen) Francisco de Borgia, Herzogs von Gandia, des dritten ſpani⸗ ſchen Generals der Jeſuiten an. Jener verewigt durch den Pinſel Johanns von Aachen, dieſer(geſtorben am 30. September 1572) durch die Macht der Farbe Pentoja's de la Cruz.. An der jenſeitigen Wand der Trias des Jeſuiten⸗ ordens gegenüber, prangte, in Lebensgröße, der in an⸗ dächtiges Gebet verſunkene Schutzheilige Böhmens, Wenzel, gemalt von Roland Savery. Zur Rechten und Linken erblickte man die beiden Miniaturbil⸗ der Eberhard Mercurians und Claudio Aquiviva's, des vierten und fünften Generals der Geſellſchaft Jeſu. Der Erſtere dieſer Beiden, ein Luxemburger ſtarb im Jahre 1580. Der Zweite, ein Neapolitaner und Abkömmling der Herzoge von Atri, lebte noch zur Zeit, in der unſer Roman beginnt. An der dritten Wand, die dem einzigen, nicht ſehr großen Fenſter gegenuber lag, durch das dieſes Gemach ſein ſpärliches, durch einen dunkelrothen Da⸗ maſtvorhang gedämpftes Licht vom freien Platze erhielt, — ſchaute aus prächtig vergoldetem meiſterhaft geſchnitztem, aber gleichfalls dick beſtaubten Rahmen eine der lieb⸗ lichſten Madonnen, welche Rudolph vom Hofe ſeines Oheims, des zweiten Philipps von Spanien aus Madrid mitgebracht und vor zehn Jahren ſeinem treuen Diener, dem Kanzler Khurtz von Senfftenau, zum Geſchenke gemacht hatte. In der Geſellſchaft dieſer ſieben Heiligenbilder, umgeben von einem Trupp fauler, feiſter, zudringli⸗ cher Katzen(der Herr Kanzler haßte die Hunde) pflegte das Alterego des Kaiſers, der die Sorge des Regie⸗ rens ſeinem treubewährten Diener überließ, nicht ſelten neue Verhaftsbefehle und Todesurtheile gegen die Feinde der Kirche(er verſtand darunter die Gegner der Jeſuiten) zu vollziehen und jedesmal, ſo oft er durch die Unterſchrift ſeines latiniſirten und bis zur Unlesbarkeit verzerrten Namens„Curtius“ den Kopf eines heimlichen Pieccarben oder böhmiſchen Bruders dem Beile des Henkers überliefert hatte, mit einem augenverdrehenden Blicke auf das Bild Ignazs von Loyola halblaut die Worte, In majorem Dei et Cae- saris gloriam“ vor ſich hin zu murmeln und dann gleich darauf zur Stärkung ſeiner von gewiſſenhafter Ausübung trauriger Pflicht angegriffenen Lebensgeiſter einige Verſe ſeines Lieblingsdichters Anaecreon zu ſtudiren, weil— wunderbar genug— gerade dieſe Poeſie den Weiberfeind dergeſtalt anregte und be⸗ geiſterte, daß er ſeit Jahren ſchon ſich mit dem Gedanken trug, die fröhlichen Lieder des griechiſchen Sängers ins Böhmiſche zu übertragen. Nebenbei war der Kanzler ein Sonderling. Vor Allem gefiel er ſich in Aufſtellung höchſt gewagter Hypotheſen, zu denen auch die gehörte, daß ſein von ihm gefeierter Liebling Anacreon nicht zu Teos in Jonien, ſondern in der Umgegend von Leitomiſchl das Licht der Welt erblickt und ſeine Lieder urſpüng⸗ lich in ſlawiſcher Sprache geſchrieben, aber nicht an einer Weinbeere, ſondern an einer Krebsſcheere er⸗ ſtickt ſei. Seine zweite Lieblingslectüre war das berühmte Werk„von der Nachfolge Chriſti. Nach des Kanzlers Anſicht aber ſollte weder der Deutſche Thomas von Kempis noch der Franzoſe Jean Ger⸗ ſon, ſondern ein Slawe, deſſen Name uns entfallen iſt, der Verfaſſer dieſes berühmten Andachtsbuches geweſen ſein.— Alle Erfindungen, die dem menſch⸗ lichen Geiſte zu ewigem Ruhme gereichen, waren nach ſeiner hartnäckig verfochtenen Anſicht aus ſlawiſchem Hirne hervorgegangen. Die Buchdruckerkunſt— dieſe edelſte und erhabenſte aller Erfindungen, welche die Feſſeln des Geiſtes für alle Zeiten geſprengt— war 11 nicht vom Mainzer Patrizier Johannes Guttenberg, ſondern von einem Slawen aus Kuttenberg erfunden. Er behauptete, wie Anaxagoras, daß der Schnee ſchwarz und die Dinte— natürlich gleichfalls Erfindung eines Slawen— weiß ſei. Dieß Alles wagte er mit ſo großem Ernſte und mit ſo unbeugſamer Conſequenz zu vertheibigen, daß Niemand daran zu zweifeln ſich erkühnte, aus Furcht, durch Widerſpruch, den er durchaus nicht ertragen konnte, ſich den Zorn dieſer„ernſten Beſtie, wie ihn einſt Georg Popel von Lobkowic genannt hatte, zuzu⸗ ziehen. Dieſe Bezeichnung war allerdings etwas hart, aber ſicher nicht ganz unverdient, wenn man erwägt, daß der Vice⸗Kanzler ſelbſt mehr als einmal erklärt haben ſoll, das Lachen— die einzige Tugend des Narren, wie er ſie zu nennen geruht— bloß vom Hörenſagen zu kennen und auch die Wohlthat der Thräne nur einmal in ſeinem ſelbſtſüchtigen Leben empfunden zu haben, an jenem Tage, an welchem eine ſeiner Lieblingskatzen— ſie hatte auf den Na⸗ men Wlaſta gehört— von dem heimtückiſchen Hunde Georg Popels von Lobkowie todtgebiſſen worden war. Seit dem haßte er dieſen gottloſen. Mann. Hinter dem Arbeitszimmer des Kanzlers lag deſſen Schlafkammer, die alle Spuren der Unreinlich⸗ keit eines griesgrämigen Sonderlings, der nie erlau⸗ ben wollte, daß irgend ein weibliches Weſen die Schwelle ſeiner Zimmer übertrete— Gene ſeiner Frau lagen auf dem entgegengeſetzten Flügel und bildeten gegen die Aermlichkeit der ſeinigen einen ſchneidenden Gegenſatz)— auffallend zur Schau trug. — In dieſer Kammer befand ſich ſeine ſogenannte Bibliothek, die, außer ſeinem Anacreon, der in pro⸗ ſaiſches Schweinsleder gebunden, den ganzen Tag auf ſeinem Arbeitstiſche und Nachts unter ſeinem Kopfkiſſen lag, aus dreizehn verſchiedenen Ueberſez⸗ zungen und Ausgaben der Nachfolge Chriſti und ei⸗ nigen dreißig uralten hochnothpeinlichen Scharteken beſtand, auf welchen fingerdicker Staub lag,— die Ecke, in der ſein ärmliches Nachtlager ſtand, das er ſich ſelber herzurichten gewöhnt, war der Schlupfwinkel mancher Spinne, die ſich hier ungeſtört ihr Netz ge⸗ ſponnen hatte. Unfern dem Curtius'ſchen Hauſe befand ſich der weite Hof, ein ſtattliches Beſitzthum der reichen und mächtigen Treka von Lipa, von welchen Einer dieſes Geſchlechts, Graf Adam, in ſpäterer Zeit, wäh⸗ rend der Greuel des dreißigjährigen Krieges, unter Waldſtein eine Rolle geſpielt, aus welcher Schillet ſeinen„Terzky“ gemacht. 13 Neben dem Hauſe des Kanzlers, der, beiläufig erwähnt, nur zwei Freunde, ſeinen Leibarzt und den Beichtvater des Kaiſers, beſaß und trotzdem, daß er verheirathet war, ſo einſam und zurückgezogen— ſelbſt von ſeiner Frau und ſeinen Kindern— wie eine kalte, unempfindliche Schildkröte unter ihrem Panzerdache zu leben gewohnt war, alſo neben dem Hauſe dieſes mürriſchen, menſchenfeindlichen Einſiedlers, ſtand die kleine, ſeit den Huſſitenkriegen in Verfoll Sanct Matthiaskirche, von welcher der Aberglaube des Volkes ſich tauſend, oft eben ſo närriſche als un⸗ heimliche Märchen in's Ohr flüſterte. Mehr als ein Gevatter Schneider und Handſchuhmacher von der Kleinſeite will damals vor dem Eingange dieſes Kirchleins alljährlich in der Walpurgisnacht mit dem Glockenſchlage Zwölf den„Gott ſei bei uns“ in ei⸗ nem zinnoberrothen Wamms und einer grauen Filz⸗ kappe, mit einem ellenlangen Ziegenbarte und ei⸗ nem ſcheinheilig zwiſchen den Beinen eingeklemmten Schweife, ähnlich jenem eines auf der Lauer liegen⸗ den Fuchſes, mit einer Zither in der Hand mit eigenen Augen geſehen und mit eigenen Ohren ge⸗ hört haben, wie der Böſe, alljährlich in derſelben Nacht, ein verliebtes Ständchen gebracht einer gott⸗ loſen und für alle Zeiten verwünſchten Heidin, der 14 Herzogin Drahomira, einer Fürſtentochter von Sto⸗ dor, der ehebrecheriſchen Gemalin des Herzogs Wra⸗ tislaw, der thranniſchen Mutter des heiligen Wenzes⸗ laus, die bei dieſer Kirche von der erzürnten Erde ſoll verſchlungen worden ſein, weil ſie mehr Sünden und Mißethaten begangen, als Haare auf dem heidniſchen Haupte gehabt haben ſoll.— In dieſer Kirche ruhte auch die von Tetin herübergebrachte der böhmiſchen Herzogin und ſpäteren Landespatronin Ludmila, die, als Gegenſatz zu jener halb fabelhaften Drahomira, ein Muſterbild aller gottgefälligen Tugenden war und deren ehrwürdige Gebeine, weil ſie in der Nähe jener gottloſen Hei⸗ din durch des Teufels unkeuſche Serenaden raſtlos beunruhigt worden waren, in ſpäterer Zeit ausge⸗ graben und in der Sanct Georgskirche beigeſetzt wurden. — Außerdem erzählte man ſich, daß am Altare der Matthiaskirche ein ſchwarzes Muttergottesbild aus dem Kloſter Emaus ſich befinde, das jedes Mal, ſo oft dem Kaiſer oder einem der treuen, gottesfürch⸗ tigen Räthe ſeiner Krone irgend wie Gefahr drohe, im Voraus blutige Thränen vergieße, um dem Hofe und der Geiſtlichkeit einen Wink zu geben, auf der Hut zu ſein. Seit acht Tagen war ganz Prag ſehr beunruhigt, weil es ruchbar geworden, daß das 15 wunderthätige Bild nach Jahren wieder Blut ge⸗ weint habe. An der andern Seite des Curtius'ſchen Hauſes ſtand die Fgoldene Kugels, ein zu jener Zeit von allen Ständen der drei Städte Prag*) vielbeſuch⸗ tes freies Schenkhaus, deſſen Wirth, Zdenko, einer der größten Schwätzer des ganzen Böhmerlandes und nebenbei der erbittertſte Feind jedes Menſchen war, der das Unglück hatte, kein Slawe zu ſein. Bei ihm wollen wir nun eintreten. Zweites Capitel. Die goldene Kugel. Im Innern dieſer Schenke hatten ſich an theils großen und theils kleinen Tiſchen von Eichenholz die bunten Gruppen der Stammgäſte niedergelaſſen, um ſich hier bei vollen Bierkrügen die Länge eines No⸗ vemberabends des Jahres 1594 abzukürzen. Draußen auf dem Platze wirbelten dichte Schnee⸗ flocken, die den ganzen, ehrwürdigen Hradſchin in * Kleinſeite, Altſtadt und Neuſtadt. ein großes, unabſehbares Leichentuch einzuſpinnen ſchienen; in der Schenke praſſelte ein gemüthliches Kaminfeuer. Draußen war Alles öd und todt; drin⸗ nen aber pulſte lautlärmendes Leben. An einem der kleinen Tiſche, die in einer der obern Ecken des geräumigen, aber nur karg beleuch⸗ teten Saales ſtanden, unterhielt ſich Alexander Colin, ein Bildhauer aus Mecheln(der ſich durch das pracht⸗ volle Grabmal Kaiſer Marmilians I. in der Fran⸗ eiskanerkirche zu Innsbruck ein unvergängliches Denk⸗ mal geſetzt) mit einem ſeiner Landsleute, dem nicht minder bekannten Edelſteinſchleifer Jobſt von Brüſſel. Beide ſprachen flämiſch und leerten einen Krug nach dem Andern. Jobſt war traurig und nieder⸗ geſchlagen. — Du fängſt wieder Grillen, ſagte Colin. — Und hab' ich nicht ein Recht dazu? fragte Jobſt. 4 — Geh, Landsmann, was fehlt Dir hier? — Mich plagt das Heimweh. Ich möchte gern wieder nach meinem ſchönen Brabant zurück. — Alſo gefällt's Dir wirklich nicht am Hofe Rudolphs? — Nein, ſag' ich Dir offen und ehrlich. — und was mißfällt Dir an ihm? 17 — Er iſt gut, recht gut gegen mich wie gegen jeden Künſtler, den er gaſtfrei bei ſich aufnimmt. — Und dennoch, Jobſt, biſt Du unzufrieden 2 — Ich will Dir ſagen, woher das kommt, er⸗ widerte der Steinſchleifer näher rückend. Der Kaiſer hat viele gute, herrliche Eigenſchaften, eine ſchlechte aber, die, wenigſtens in meinen Augen, alle guten ſtark verdunkelt: er iſt eine unerträglich melancho⸗ liſche Fledermaus. — Sprich leiſer, viel leiſer, Landsmann, damit es keiner der vielen Zuträger unſeres geſtrengen Herrn Nachbars hört... — Wen meinſt Du? fragte Jobſt um ſich blickend. — Ich meine den Gevatter Dreibein, den Je⸗ ſuitenfteund, den Vicekanzler Curtius, der im Neben⸗ hauſe wohnt. — Der Teufel hole dieſen kalten Froſch, ſchrie der Brüſſeler, indem er mit dem Bierkruge auf den Tiſch ſchlug. — Alſo auch Du heſſeſt dieſen Henchler?2 — Wer haßte ihn wohl nicht? Er iſt der böſe Geiſt Rudolphs. Er iſt's, der des Kaiſers gutes Herz zu Härte und Unduldſamkeit antreibt. — So denkt ganz Prag, ganz Böhmen. Niemand 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 2 aber wagt es ſo laut auszuſprechen als Du. — Es thut mir weh, herzlich weh, wenn ich ſehe und höre, wie Kaiſer Rudolph, der doch immer nur das Beſte ſeiner Unterthanen will, durch die böſen Einflüſterungen jenes herzloſen Rathgebers von Tag zu Tage unbeliebter wird bei ſeinem Volke, das ihn früher mit vollem Rechte ſo ſehr vergöttert hat. Leider giebt es keinen einzigen Menſchen in der gan⸗ zen Burg, der den Muth beſitzt, den Kaiſer zu war⸗ nen vor den unheilbringenden Rathſchlägen dieſes Mannes, der um ſich ſelbſt unentbehrlich zu machen, die treueſten Diener der Krone verdächtigt, und bei Hofe verhaßt macht. — Auf dem erſt unlängſt geſchloſſenen Reichs⸗ tage zu Regensburg, auf welchem der Kaiſer neue Kriegsvölter gegen die heidniſchen Türken, die, wie die Beſtien, das ſchöne Ungarland zerfleiſchen, ver⸗ langt hat, ſind harte Worte gefallen gegen den Kanz⸗ ler, deſſen ganzes Streben dahin geht, aus dem zwei⸗ ten Rudolph einen eilften Ludwig zu machen. Dieß empörte vor allen Andern den guten, ehrlichen, men⸗ ſchenfreundlichen Obriſtlandhofmeiſter und Geheimen Rath Georg Popel von Lobkowic, der auf dem Reichs⸗ tage zuerſt das Wort ergriff und gegen die krebs⸗ artig um ſich greifende Partei ſprach, deren Leit⸗ 19 hammel unſer bewußter Nachbar, dieſer blutdürſtige Wolf im zahmen Schafspelze iſt. — Der kaiſerliche Herr ſollte dieſen Wolf, der ſeine Heerde zerreißt und ihm das Vertrauen und die Liebe ſeines Volkes entzieht, lieber heut' als morgen fortjagen, dann würden die aufgeregten Ge⸗ müther der Böhmen ſich wieder beruhigen; dann würde das Volk ſeinen geſalbten Herrn und Gebie⸗ ter wieder liebgewinnen und ihm von Neuem zuge⸗ than ſein mit Leib und Seele, wie es früher war, ſo lange der milde und gerechte Sohn des zweiten Marimilians noch mit eigenen Augen ſah und nicht ſo blindlings, wie jetzt, den blutdürſtigen Rathſchlä⸗ gen dieſes böhmiſchen Olivier le Diable Folge zu leiſten gewohnt war. Siehſt Du, Freund, nur darum gefällt's mir an dieſem finſtern, mürriſchen, freudelee⸗ ren Hofe nicht mehr; nur darum ſehnt ſich mein Herz, mein armes, langſam verblutendes, ſchwer geprüftes Herz wieder nach der fernen, trauten Hei⸗ math, zu den freien, frohen Männern von Brabant, zu den ſchönen, tugendſamen Mädchen und Frauen von Flandern hin. — Du ließeſt dort Deine Ingendliebe zurück in den Armen eines Andern, der Deine arme Mar⸗ garethe lieblos mißhandelt für die Treue, die ſie 2* ihm am Altare gelobt, und die ſie trotz ihrer un⸗ ausſprechlichen Liebe zu Dir, nicht gebrochen hat. O Freund, ich weiß Alles, Alles! — Schweigen wir davon, Meiſter Colin, bat der Edelſleinſchleifer Jobſt und zerdrückte in ſeinem treuen Auge eine Thräne herzzerreißender Wehmuth. Aber auch Du, Alerander, fuhr er nach einer kurzen Panſe fort, biſt nicht glücklich. Auch Dich drückt ein ſchwerer Kummer. — Wie, Jobſt, fragte der Bildhauer tief er⸗ ſchreckt, Du ahnſt? — Mehr noch, ich weiß, daß Du liebſt. — Und weißt Du auch wen? fragte Colin mit zitternder Stimme. — Soll ich Dir ihren Namen nennen? — Nein, nein, ſchweige um Gotteswillen — Ich bin Dein Landsmann, Dein Freund, Ale⸗ rander, und werde ſchweigen, wie das Grab. Ich bin unglücklich, Du aber biſt es zehnfach mehr. Ich bin doch wenigſtens frei, Dich aber feſſeln alte hei⸗ lige Bande. Du haſt daheim ein liebes, braves und wie ich aus Deinem eigenen Munde weiß, ein noch immer ſchmuckes Weib... — Zwanzig Jahre lang liebte ich ſie tren und innig mit allen Kräften meiner dankerfüllten Seele. 21 — Und jetzt, jetzt, mein armer Freund 2.. — Jetzt lebe und athme, jetzt glühe und ich für einen Engel an Unſchuld und Liebreiz.. — Füt einen Engel, der, kaum halb ſo alt als Du, Deine Tochter könnte ſein. — Bemitleide, aber ertheile mich nicht, Jobſt. Ich hatte ſie am Hofe des Kaiſers kennen gelernt. Ihre Jugend, ihre Schönheit, ihr Geiſt, glänzend wie ihre ganze Erſcheinung, hatten mein Herz mit magiſcher Gewalt zu ihren Füßen hingeriſſen. Ich geſtand ihr meine glühende Leidenſchaft und ſie.. — Und ſie? wiederholte der Edelſteinſchneider. — Sie wies mich in die Schranken der Pflicht zurück. — Und Du? Und Du? fragte Jobſt. — Ich kämpfte, eingedenk meiner Pflicht, mit allen Kräften des kalten Verſtandes gegen das blitz⸗ ſchnelle Auflodern dieſer heftigen Leidenſchaft an... — Und das Reſultat dieſes Kampfes iſt... — Daß ich unſäglich, namenlos unglücklich bin, erwiderte der tief aufſeufzend. Nun weißt auch Du Alles, Alles! — Armer, unglücklicher Freund! entgegnete Jobſt und drückte mit flämiſcher Biederkeit die eiskalte Hand ſeines Landsmannes, der in dumpfes Hin⸗ brüten verſank. Wir überlaſſen ihn ſeinem tiefgefühlten Schmerze und den ehrlichen Tröſtungen ſeines theilnahmsvollen Freundes, um uns einem Tiſche zu nähern, der in der entgegengeſetzten Ecke der Schenke ſtand. Drittes Copitel. Eine Spnkgeſchichte⸗ In dieſer Ecke hatten drei ziemlich alltägliche Geſtalten aus dem Spießbürgerſtande Platz genommen: der ſpindeldürre Schneider Matthias, det ewig dur⸗ ſtige Schuſter Wenzel und der corpulente Bader Procop, äußerſt gemüthliche, aber höchſt abergläubiſche Nachbarn aus der„Ostruhovä ulice oder„Sporen⸗ gaſſe, die durch einen Hohlweg zum Strahower Thore, zur damaligen Zeit„Gernä branka oder die „ſchwarze Pforte⸗ genannt und von dort zum Hrad⸗ ſchin, der ehrwürdigen Kaiſerburg hinaufführte. Der beherzteſte und vernünftigſte dieſes Klee⸗ hlattes war Meiſter Procop, der in ſeiner Jugend 23 durchaus ſtudirt haben wollte und ein gutes Mund⸗ werk zum Vortrage abenteuerlicher Geſchichten beſaß. — Sperrt Eure langen Ohren auf, Gevattern, begann der dicke, glatzköpfige, pausbackige Bader mit der krebsrothen Naſe und dem zeiſiggrünen Tuchwammſe; ich will Euch heute eine ziemlich lange, aber höchſt ſeltſame und wunderbare Geſchichte er⸗ zählen, bei deren aufmerkſamer Anhörung Eurem ehtwürdigen Schädel, wie einem alten Koffer von Büffel⸗ leder, die Haare ausfallen ſollen. — Ich fürchte mich nicht, Meiſter Proeop, ent⸗ gegnete der ausgetrocknete Schneider, der eine flachs⸗ gelbe Perücke trug, die ihm das Ausſehen einer ſchwind⸗ ſüchtigen Sphynr verlieh. — Und ich, erklärte der baumſtarke Schuſter, ich fürchte mich nur vor dem Teufel und— — Eurer Frau, die wie einige Eurer Kunden be⸗ haupten wollen, ſeine Großmutter ſein ſoll, fiel ihm der luſtige Bartſcheerer in's Wort. Hört zu und unterbrecht mich nicht.— Vor vier Jahren ſaß hier an demſelben Tiſche, an dem ich Euch dieß jetzt er⸗ zähle, ein gar wunderlicher Fremder, der mit zwei übernatürlich großen, pechrabenſchwarzen Bullenbeißern eingetreten war, mit welchen er ſich in einer Sprache, von der ich nur zwei Worte verſtand, ſo vertraulich unterhielt, wie ich mich eben jetzt mit Euch unter⸗ halte. Zu dem einen dieſer Hunde ſagte er Prinz,“ zu dem Andern Prinzeſſin. Das war Alles, was ich verſtand. — Der Mann war gewiß ein Hexenmeiſter, be⸗ merkte der furchtſame Nadelheld. — Errathen, Gevatter Matthias. Aber hört nun weiter! Jener Fremde(ich ſehe ihn noch heute wie damals vor mir) hatte einen ungeheuern laſterhaften Durſt. Nachdem er in einer halben Stunde acht bis zehn Pinten Bier vertilgt und ſeinen ausländi⸗ ſchen Durſt einigermaßen, wie es ſchien, gelöſcht hatte, ſagte er zu dem einen ſeiner vierfüßigen Be⸗ gleiter, deſſen Vorderfüße auf ſeinen Knien lagen, im reinſten Böhmiſch:„Prinz, bezahlen Sie gefälligſt meine Zeche!“ Schneider und Schuſter riſſen Ohren und Mäu⸗ ler auf, wagten es aber nicht, den Bader zu unter⸗ brechen. — Der ſchwarze Bullenbeißer, fuhr Meiſter Procop fort, ließ ſich Jenes nicht zweimal ſagen: er wedelte mit dem Schweife, griff mit dem rechten Hinterfuße unter ſein weißledernes, mit Perlen und Korallen beſetztes Halsband, holte eine venetianiſche Zecchine hervor und bezahlte unſern Wirth, der 25 erſtaunt das große Maul und die kleine Lederkappe von ſeinem Strohſchädel riß und freundlich grinzend an ſeinen Schenktiſch eilte, um dort das blanke fun⸗ kelnagelneue Goldſtück zu wechſeln. Meiſter Zdenko (dort ſitzt das Großmaul und kann es Euch beſtä⸗ tigen) gab dem Fremden das übrige Geld zurück, und begleitete ihn unter tauſend Kratzfüßen mit der ehrfurchtvollen Bitte, recht bald wieder zu kommen, bis zum Platze hinaus, wo der Fremde mit ſeinem weißen Mantel und ſeinen ſchwarzen Trabanten vor den Augen des Wirthes wie ein Geſpenſt verſchwand. Seine beiden Hunde aber hörte er ganz deutlich bellen, ohne etwas anderes als ihre feurigen Schwänze zu ſehen, die wie brennende Pechfackeln das Dunkel der Nacht erhellten. — J das iſt ja ein wahrer Höllenſpuk, liſ⸗ pelte der Schneider, dem bernſteingelber Angſtſchweiß auf die Stirne trat. — Das Schlimmſte kommt erſt! Als Zdenko zurückgekehrt wieder an den Schrank trat, um ſich in der Freude ſeines wurmſtichigen Herzens noch einmal die hübſche Zeechine zu beſehen und ſie dann ſeiner Alten zu zeigen, da hatte ſie ſich— denkt Euch, Gevattern, ſeinen Schreck!— in nichts⸗ nutziges Kupfer verwandelt. — Seine Alte? fragte der perplere Schneider. — Dummkopf, die Zecchine, ſagte Procop. Das Stück Kupfer war eine Art Spottmünze mit einem diſtelkauenden Eſel und der moraliſchen Nutz⸗ anwendung: 8 Nicht Alles iſt Gold, was glänzt!“ — Das gönne ich dem faulen Böhmen! flü⸗ ſterte leiſe vor ſich hin der Schneider, der ein Ein⸗ gewanderter aus dem ſächſiſchen Erzgebirge war. — Es war nun erwieſen, fuhr Meiſter Procop fort, daß der Fremde mit ſeinem cannibaliſchen Durſte ein Hexenmeiſter, ein Zauberer, ein Sohn der Hölle war. — Ich fange an mich zu fürchten, liſpelte der Schneider den ein unheimliches Fröſteln durchrieſelte. — Das iſt noch lange nicht Alles! Hört nur weiter. Am andern Abend wußte jeder Gimpel auf dem Dache, daß der Fremde ſich für einen Sohn des im Jahre 1571 beim Fall von Famaguſta von den Türken gefangenen und niedergemetzelten venezianiſchen Gouverneurs der eben genannten Stadt in Cypern ausgab und ſich unter dem Namen„Marco Bragadino“ vom Kanzler Curtius vei dem Kaiſer vorſtellen ließ. Am zweiten Abend wußte ganz Prag, der Teufel Bragadino habe beim Kaiſer geſpeiſt und bei der Tafel 27 in Gegenwart des ganzen Hofes Brodkrumen— hört, Gevattern, und ſtaunt— in blankes, gutes, echtes Gold verwandelt. — Und was geſchah darauf? fragte der Schuſter. — Der Kaiſer umarmte den Goldmacher und erhob ihn in den böhmiſchen Ritterſtand. Er räumte dem Hexenmeiſter und ſeinen beiden ſchwarzen Mit⸗ arbeitern, von welchen er den Prinzen für einen in ſeine Gefangenſchaft gerathenen Zauberer und die Prinzeſſin für eine verwunſchene Königstochter aus dem Mohrenlande ausgab, drei der prächtigſten Zim⸗ mer in der Burg ein, Ritter Bragadino verſprach dafür, ihn längſtens binnen Jahresfriſt in alle Geheimniſſe der Kunſt, Gold zu machen, einzuweihen. — Und hielt er Wort? fragte ungeduldig Mei⸗ ſter Matthias. — Das ſollt Ihr gleich erfahren, ſagte der Bader und ſchickte ſich an einen langen, herzhaften Zug aus dem Bierkruge zu thun, um ſeine trocken ge⸗ wordene Kehle anzufeuchten. — Der Kaiſer, fuhr Meiſter Procop fort und der ganze Hof ſchwamm in Entzücken. Man träumte von goldenen Bergen. Der Ritter und ſeine verfüßi⸗ gen Spießgeſellen wurden die Lieblinge des Kaiſers, der ſie alle Drei in Lebensgröße von dem Nieder⸗ 28 länder Raphael Sadeler malen und in ſeinem Schlaf⸗ zimmer aufhängen ließ. Der ganze Hof lag zu den Füßen des mächtigen Zauberers. Nur Einer wagte es, die goldenen Verheißungen des Ritters Bragadino in Zweifel zu ziehen. — Und dieſer Eine? fragten beide Zuhörer. — War unſer feiner, kluger, aufgeklärter Obriſt⸗ hofmeiſter und Geheimrath Ritter Georg Popel von Lobkowic. — Mein gnädigſter Beſchützer, der mir die unverdiente Ehre erweiſt, ſeit zwei und zwanzig Jahren der treuſte und pünctlichſt bezahlende meiner Kunden zu ſein, erklärte mit ziemlich gerechtfertigtem Stolze der Schneider Matthias. — Ich weiß es, entgegnete der Bader. Der Obriſthofmeiſter erklärte den hergelaufenen Fremden für einen unverſchämten Gaukler, dem er keinen Glau⸗ ben ſchenkte und ihn, wie Unſer Einer zu ſagen pflegt,„links liegen ließ. Das verdroß den Ritter Bragadino, der ſeitdem der abgeſagteſte Feind und Gegner des edeln Obriſthofmeiſters war.— Um dieſe Zeit, fügte Procop mit vierundzwanzigpfün⸗ digem Seufzer hinaus, machte auch meine Wenigkeit die Bekanntſchaft jenes cypriſchen Ungeheuers. — Und wie ſo? fragten Beide zugleich. 29 — Ich hatte, wie Ihr Euch erinnern werdet, eine Mündel. Des Baders Stimme begann weich und ſein Auge flüßig zu werden. — Ja, ja, ich kannte ſie, ſagte Matthias. — Ich nicht, erklärte trocken der Schuſter. — Sie hieß Libusa, fuhr Procop fort, und war die ſchönſte und tugendhafteſte Jungfrau der ganzen Sporengaſſe, eine eben aufgeplatzte Knoſpe, kaum ſiebzehn Jahre alt, ein Engel an Liebreiz und Unſchuld. Am Nebentiſche fing ein Soldat zu nieſen an. — Proſit, rief ihm der Bader zu und fuhr dann fort: Der Geierblick des Fremden hatte meine kleine, fromme, unſchuldsvolle Taube leider früh genug er⸗ gattert. Um Gelegenheit zu haben, mit meiner Muͤn⸗ del bekannt zu werden, beſuchte er mich faſt täglich, um ſich von mir ſeinen langen, ſchwarzen mähnenar⸗ tigen Bart, der ihm das Anſehen eines wilden Lö⸗ wen gab, bald ſo und bald ſo ſtutzen zu laſſen. Eines Nachts rief mich meine Kunſt an das Bett eines Kranken, der mich holen ließ, um ihm auf Befehl ſeines Arztes eine Ader zu öffnen. Als ich mit dem anbrechenden Tage nach meiner Wohnung heimgekebrt war, fand ich ſie leer. Libusa, der Ritter Bragadino und ſeine beiden Bullenbeißer waren auf und davon; Niemand wußte wohin. Der betrogene Kaiſer war außer ſich. Er ſetzte zehntauſend Schock Groſchen auf den Kopf des entflohenen Betrügers und ſchändlichen Mädchenräubers, der aus den Ar⸗ men ihres Vormunds den reinſten Engel der Un⸗ ſchuld entführt hatte. Der Soldat nieſte zum zweiten Male. — Helf' Gott! ſchrie ihm Procop zu. Aber Alles, fuhr er fort, war vergebens. Der Teufel blieb ſpurlos verſchwunden. Meiſter Procop hielt inne, um von Neuem ſeinen Gaumen anzufeuchten. — Ein Jahr ſpäter, begann er von Neuem, verbreitete ſich die Zeitung, Ritter Bragadino habe am Hofe des Kurfürſten Marimilians I. von Bahern dieſelbe Komödie, wie hier zu ſpielen verſucht, ſei aber in München bald durchſchaut, noch zu rechter Zeit erwiſcht und gebührendermaßen auf offenem Markte zwiſchen ſeinen zwei nichtswürdigen Bullen⸗ beißern durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht worden.“) Aus den Papieren, die ſich *) Bragadino ward in einem mit Flittergolde beklebten Kleide an einem falſch vergoldeten Galgen aufgehängt. Seine beiden Hunde aber wurden unter dem Galgen erſchoſſen. 31 bei dem Erzhallunken vorgefunden, kam's an den Tag, daß Marco Bragadino eigentlich Mamugna hieß, und ein griechiſcher Gauner war. — Aber ſagt mir doch, Gevatter Procop, wie kommt Ihr dazu, dieſe ſchauerliche Geſchichte, die ſich ſchon vor mehreren Jahren zugetragen hat, uns erſt heute zu erzählen? — Das will ich Euch ſagen. Ihr wollt nie⸗ mals an meine Träume glauben und ſeid dumm ge⸗ nug, mich auszulachen, wenn ich Euch oft Monate lang vorausſage: An dieſem oder jenem Tage wird Dieſes oder Jenes geſchehen.. — Wir lachen darüber, Gevatter Procop, ſagte der Schuſter, weil keiner Eurer Träume und keine Eurer Prophezeihungen, durch die Ihr uns bloß Angſt und Schreck in die Knochen jagen wollt, ſich bis jetzt erfüllt hat. — Habt Ihr Luſt zu wetten, daß mein Traum von geſtern Nacht in Erfüllung geht. — Ihr habt ſchon wieder einmal geträumt? fragte der Schneider, ſeine Perücke, die ſich verſchoben hatte, zurechtſetzend. Und was fuͤr einen ſchauderhaften Traum! ſagte der Bader und that einen neuen Zug aus dem Kruge. — Ich bitt' Euch, Gevatter, erzählt, bat der Schuſter.. — Rückt näher, Nachbarn, damit uns Niemand behorchen kann, denn die Geſchichte, die ich jetzt er⸗ zähle, iſt verdammt ätzlich, ſchickte Procop voraus und zerkratzte ſich mit dem ſchmutzigen Ragel ſeines linken Zeigefingers die große Warze, die wie ein Glühwurm die Kuppel ſeiner Naſe illuminirte. Schneider und Schuſter rückten ängſtlich näher. — Geſtern Nacht, erzählte Procop, träumte ich von dem gottverfluchten Ritter Bragadinv, ſeinen zwei ſchwarzen Beſtien und meiner tugendhaften Mündel. Der Soldat nieſte zum dritten Male und zwar ſo laut, daß dießmal die ganze Schenke Proſit ſchrie. — Dieſer Kriegsknecht hat einen impertinenten Schnupfen, ſagte der Bader, der ſich darüber zu ärgern ſchien. Ich träumte alſo, wie geſagt, von meiner Mündel, den zwei ſchwarzen Hunden und der Beſtie Bragadinv. Die letzten Drei ſah ich— erſchreckt nicht, Nachbarn— an einem feurigen Galgen baumeln. Schneide uns ab! flehte der ge⸗ henkte Spitzbuhe und zum Lohne fuͤr den Dienſt, den Du mir, dem Prinzen und der Prinzeſſin leiſteſt, will ich Dich in ein hochwichtiges Geheimniß ein⸗ weihen, das Dich und einen Deiner beſten Freunde 33 angeſehen, reich und glücklich machen wird für alle Zeiten. Schurke, ſchrie ich, wo iſt Libusa? Auch das ſollſt Du erfahren, fuhr der Gehenkte fort, ſo⸗ bald Du mich und meine treuen Diener aus den Banden dieſes ſchmachvollen Todes befreit haſt. — Die Geſchichte wird recht ſchauerlich, ſtöhnte der Schneider. — Ungeheuer ſchauerlich! ſagte der Schuſter, den vierten Krug leerend. — Die Neugier, zu erfahren, was nach vier Jahren aus meiner armen Mündel geworden war, ſpornte mich an, dem Wunſche des Gehenkten Gehör zu ſchenken. Zuerſt ſchnitt ich die Hunde und dann ihren Herrn ab. Nun heraus mit dem Geheimniß! ſchrie ich, ihn bei der Gurgel feſthaltend— Eile zum Ob⸗ riſtlandhofmeiſter, erwiderte das abgeſchnittene Geſpenſt, und hringe ihm einen Gruß vom Ritter Bragadinv.— Das werde ich bleiben laſſen, ſagte ich, denn haſt Du mir nicht ſelbſt erzählt, Elender, daß der Frei⸗ herr Georg von Lobkowie, der einzige Mann am gan⸗ zen Hofe war, der Dich und Deine ſogenannte Zau⸗ bermacht verlacht hat. Wahr geſprochen, Meiſter Procop, ſagte das Geſpenſt, und eben darum hatte ich auf dieſen Mann einen tödtlichen Haß geworfen und Alles verſucht, um ihn zu ſtürzen. Ich war's 1856 1V. Auf dem Hradſchin. I. 3 34 der meinem Freunde, dem Kanzler Curtius, den Floh in's Ohr geſetzt, daß mein Feind, der Obriſt⸗ hofmeiſter, nicht bloß ihn, den Kanzler, ſondern anch ſeinen Herrn und Gebieter, den Kaiſer Rudolph ſtürzen und deſſen älteſten Bruder, den Erzherzog Matthias, auf den Thron Oeſterreichs, Ungarns und Böhmens erheben will. — Der Spitzbube! kreiſchte der empörte Schneider. — Das Maul halten! ſchrie der Bader, ſonſt werde ich confus. In Folge ſeiner falſchen Anklagen, die ich erſt jetzt bereue, weil ſie ſelbſt im Tode noch mein Gewiſſen mit allen Martern bitterer Reue foltern, wird mein ehemaliger Feind, der arme, un⸗ ſchuldige Obriſthofmeiſter, in längſtens vier Tagen eingekerkert, des Hochverrathes angeklagt und erſt nach jahrelanger grauſamer Gefangenſchaft,— er⸗ ſchreckt nicht, Gevattern!— geköpft werden. — Unerhört, Unerhört! ſchrieen die beiden Zuhörer. — Dafür nun,— fuhr der Sünder fort,— vaß ich, was ich nun gleichfalls bitter berene, Deine arme Mündel verführt und entehrt, habe ich Dich und Deinen Freund Matthias, den Schneider des Obriſthofmeiſters, zu deſſen Rettung auserkoren. Eilet hin zu ihm, meine Freunde, bringt ihm einen Gruß 35 von dem ſeine Miſſethaten bereuenden Ritter Bra⸗ gadino und ſagt ihm, Männer ohne Furcht und Ta⸗ del, daß er verloren, rettungslos verloren iſt, wenn er nicht in längſtens drei Tagen die Flucht ergreift; denn ſeitdem er von dem Reichstage zu Regensburg, auf welchem er gegen die Geſellſchaft Jeſu aufge⸗ treten war, zurückgekehrt iſt, arbeitet der Kanzler Cur⸗ tius eifriger als je an dem Sturze ſeines Gegners. Rathet ihm, unter fremdem Namen nach Sachſen zu fliehen. Erfüllet meinen Auftrag und ſeid ver⸗ ſichert, Meiſter Procop, daß der Obriſthofmeiſter und ſeine Tochter Euch Zeitlebens dafür dankbar bleiben werden. Sprich, willſt Du dieß thun? fragte der zer⸗ knirſchte Sünder. Sage mir zuvor, was aus meiner Mündel geworden? Statt der Antwort ſchlug der Elende ein hölliſches Hohngelächter aus, ſchwang ſich auf einen ſeiner Hunde und ritt pfeilſchnell davon, während die Prinzeſſin ihm keuchend nachtrabte. Als ich erwachte, roch es nach Pech und Schwefel. — Ein gräßlicher Traum! ſtöhnte der Schneider. — Und was wollt Ihr thun? fragte der Schuſter. — Ihr könnt noch ftagen? Der Obriſthofmeiſter muß gewarnt und gerettet werden! erklärte der Bader. 3* 36 — Ja, Meiſter Prveop, rettet den Edeln! — Wie? Ich allein? Auch Ihr müßt hin zu ihm! Mich kennt er nicht! Mir traut er nicht! — Ich, Gevatter Procop, habe keine Courage, bekannte der Schneider. Mit großen Herren iſt nicht, gut Kirſchen eſſen. — Pfui, feige Memme! — Der Kanzler kann uns Alle vernichten. Er kann uns einſperren und auf die Folter werfen laſſen. — Ja, das kann er! ſagte der Schuſter, der zu ſeinem höchſten Schreck bemerkte, daß ſein Bier⸗ krug leer war. — Schämt Euch, Meiſter Matthias. Ihr ſeid eine undankbare Schneiderſeele. — Nein, undankbar bin ich wahrhaftig nicht! Auch ſollt Ihr ſehen, daß ich, wenn's ſein muß, auch Courage habe. Ja, unſer edler Obriſthofmei⸗ ſter, der mir ſeit zweiundzwanzig Jahren ſtets pünet⸗ lich ſeine Rechnung bezahlt und mir niemals einen Groſchen abgezogen hat, muß gerettet werden! — Ja, das muß er, ſagte der Schuſter. Die Männer vom Grütli bezahlten ihre Zeche und verließen die Schenke. —— 37 Viertes Capitel. Zwei Beſuche. Wir kehren zum Kanzler Curtius zurück. In derſelben Nacht, in welcher wir in der Schenke zur goldenen Kugel“ das Geſpräch der drei Spieß⸗ bürger aus der Sporengaſſe belauſcht hatten, erwar⸗ tete Jacob Khurtz von Senfftenau, der, ſeit einigen Tagen unwohl, mehr als jemals Furcht vor dem Sterben empfand, zwei wichtige Beſuche: ſeinen Haus⸗ arzt und einen andern Freund. Eilf Uhr war vorüber, als der Erſtere in das von uns früher beſchriebene, ärmlich erhellte Arbeits⸗ gemach des Kanzlers eintrat, der leichenblaß auf einem harten, von den Würmern halb zernagten Lehnſeſſel ſaß. Doctor Chriſtoph Guarinvnius, von Geburt ein Veroneſe und früher Leibarzt des Herzogs von Urbino, hatte ſich als ſolcher ſchon durch glückliche Curen aller Art ſelbſt außerhalb der Grenzen ſeiner Heimath einen ſo ausgebreiteten Ruf erworben, daß er von Rudolph II. als kaiſerlicher Rath und Leibmedicus mit einem für die damalige Zeit höchſt bedeutenden Gehalte nach Prag berufen worden war. 38 Hier hatte Guarinonius, bald nach ſeiner Ueber⸗ ſiedelung, in ſeiner Behauſung eine mediciniſche Aka⸗ demie gegründet, zu deren Mitgliedern die beiden andern Leibärzte des Kaiſers, Thaddäus von Hajek, lateiniſch Hagecius genannt, ein Böhme von Ge⸗ burt“), und Michael Mayer, geboren zu Rendsburg im HPolſtein ſchen, gehörten. Letzterer war gleichzei⸗ tig Rudolphs Cabinetsſchreiber und— worauf er nicht wenig eingebildet zu ſein ſchien— kaiſer⸗ licher Pfalzgraf. Einige ſeiner myſtiſchen Schrif⸗ ten, die in ſpäterer Zeit in's Franzöſiſche überſetzt, ohne Namen des Verfaſſers unter dem geheimniß⸗ vollen Titel„Chevalier imperial erſchienen waren, *) Geb. 1525 zu Prag, hatte er in Wien unter Franz Emerich und Wolfgang Lazius Mediein ſtudirt und in Bologna den Doectorhut erhalten. Freund des be⸗ rühmten Arztes Geronimo Cardano, deſſen Bekannt⸗ ſchaft er in Mailand gemacht, beſchäftigte er ſich, wie dieſer, auch mit Mathematik und Aſtrologie. Nach ſeinem Vaterlande zurückgekehrt, ließ er ſeine„Apho⸗ rismi metoposcopici,(Prag 1561, gewidmet dem Kaiſer Ferdinand I.) und ein Jahr darauf eine böhmiſche Ueberſetzung des Matthioliſchen Kräuterbuchs erſchei⸗ nen. Thaddäus von Hajek ſtarb als Protomedicus des Königreichs Böhmens am 1. September 1600. 39 erregten in der gelehrten Welt und namentlich unter den Roſenkreuzern(zu welchen auch er gehörte) un⸗ gewöhnlich großes, wenn auch nur wenig verdientes Aufſehen.— Ein weit verdienſtlicheres Mitglied der Guarinoniſchen Akademie war Ritter Adam Za⸗ luzansky von Zaluzan, ein böhmiſcher Arzt und Naturforſcher, der in einem ſeiner Werke“) als ur⸗ ſprünglicher Begründer des erſt in ſpäterer Zeit von Carl Linné mehr entwickelten Sexrualſyſtems der Pflan⸗ zenwelt ſich bekannt gemacht. Außerdem war Ritter Zaluzan Profeſſor an der Prager Univerſität und vom Herbſte 1593 bis zum July 1594 Reector mag⸗ nificus. Nach jener Zeit aber mußte er letztere Stelle niederlegen, weil er ſich mit Ludmilla Porcia ver⸗ ehelicht hatte und weil, nach einem alten Statute der Univerſität, jeder Dignitär derſelben ledig ſein mußte.**) *) Methodi rei herbariae libri III, Prag. 1592. —) Zaluzan ſtarb zu Prag am 8. December 1613 und ward in der Bethlehemskirche begraben. Das Rectoren⸗ buch der Univerſität ſagt von ihm:„Fuit talis phi- losophus, qualem sua aetas et nostra natio alterum non tulit.— Seine Nachfolger von 1594 bis 1597 waren Marcus Bidzovinus a Florentinv, deſſen Bio⸗ 40 Guarinonius war wie der größte Theil der Aerzte und Gelehrten der damaligen Zeit, ein eifri⸗ ger Anhänger der ſogenannten Geheimen Philoſo⸗ phie, die in der Perſon des Kölner fahrenden Rit⸗ ters Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim(ge⸗ ſtorben 1535 zu Grenoble) einen ihrer erſten Vör⸗ kämpfer und Hauptverfechter eingebüßt hatte. Gua⸗ graphie in Pelzels Abbildungen böhmiſcher und mäh⸗ riſcher Gelehrten zu finden iſt; von 1597 bis 1598 Trojan Nigellus von Oskokin, ein mittelmäßiger la⸗ teiniſcher Dichter; von 1598— 1600 Martin Bachäsek, ein Bauersſohn aus Noumttic; von 1600 bis 1602 Johann Adam Byſtlicky von Bochov; von 1602 bis 1603 Marcus Bidzovsky Gum ſechſten Male Rector), vom 1604 bis 1612 in neun Wahlen immer wieder Martin Bachäkek. Letzterer ſtarb als Rector am 16. Februar 1612. Ihm folgte Johann Campanus von Wod⸗ nian, deſſen Lebensbeſchreibung G. J. Dlabas(Prag 1819.) herausgegeben hat. Sein Nachfolger war Jo⸗ hannes Jeſſenius von Jeſſen, ein ungariſcher Slowak, früher Profeſſor zu Wittenberg, der gleichfalls eine Rolle in unſerm Romane ſpiekt.— Alle Rectoren, wie überhaupt die meiſten Profeſſoren der Caroliniſchen Univerſität, waren Utraquiſten; die Mehrzahl der ka⸗ tholiſchen Studenten promovirte in Theologie und Phi⸗ loſophie bei den Jeſuiten im Clementinum. 41 rinonius beſchäftigte ſich, wie Jener, nicht bloß aus⸗ ſchließlich mit der Arzeneikunde, ſondern auch mit Magie und Aſtrologie und war, trotz ſeiner vielſeiti⸗ gen Kenntniſſe, ein nicht minder großer Marktſchreier als ſein Schweizer Vorbild Philippus Aureolus Theophraſtus Bombaſtus Paracelſus, der ungeachtet ſeines Wunder⸗Elirirs, mittelſt welchen er Methu⸗ ſalems Alter erreichen gewollt, ſchon 1541, kaum achtundvierzig Jahre alt, ſich in einer Schenke zu Salzburg todtgetrunken hatte. Auch Guarinonius(er war kein Säufer) glaubte an die Unfehlbarkeit gewiſſer von ihm erfundener Panaceen, Elirire und Tincturen, deren Wirkungen auf magiſchen Geheimmitteln beruhte, mit ſo feſter Zuverſicht, daß er ſich einbildete, ein Kranker, den er behandle, könne unmöglich ſo ſchnell und uner⸗ wartet als der irgend eines Andern an's Jenſeits glauben lernen. Er ſelbſt war in ſeinem Leben nie⸗ mals krank geweſen und glaubte dieß weniger ſeiner unverſchämt geſunden Natur als jenen ſympatheti⸗ ſchen Mitteln, die er ſich bei jedem ab⸗ und zuneh⸗ menden Monde ſelbſt verſchrieb(die einzigen Recepte, die ſein faſt unerhörter Geldgeiz unentgeldlich verord⸗ nete) einzig und allein verdanken zu müßen. Er gehörte zu den glücklichen Ausnahme⸗Menſchen, die 42 gar nicht wußten, was u. A. Kopfſchmerz ſei. Dem Rendsburger Mayer, der ganz entgegengeſetzt, ſehr häufig und ſehr heftig daran zu leiden pflegte, hatte das einſt zu dem ſpottbilligen Witze Veranlaſſung gegeben, ſeinem Collegen, mit dem er in beſtändigem Streite lag, zu ſagen: Kopfſchmerz wäre nur bei Solchen anzunehmen, bei denen vorauszuſetzen ſei, daß ſie überhaupt nicht ganz kopflos ſind— eine Anſpielung auf den Gründer der medieiniſchen Aka⸗ demie, die dieſer ihm niemals verzeihen konnte; woher es kam, daß beide Aerzte ſich fortwährend in den Haaren lagen. Als Doctor Gnarinonius in's Gemach des Kanz⸗ lers trat, erhob ſich dieſer nur mit einiger Anſtren⸗ gung, ging hüſtelnd ihm drei Schritte entgegen, reichte ihm die knochige, abgemagerte, auffallend be⸗ haarte Hand und ſagte zu ihm: — Seid herzlich gegrüßt, mein würdiger Aes⸗ culap. — Seid ebenfalls gegrüßt, Herr Vice⸗Kanz⸗ ler. Ihr habt mich vor einer halben Stunde rufen laſſen.. — Weil ich ſeit heute Morgen, wo Ihr Eurem treueſten Verehrer die unſchätzbare Wohlthat Eures troſt⸗ und hilfebringenden Beſuchs geſchenkt hattet, 43 mich— der heiligen Mutter Gottes ſei's geklagt — durchaus nicht wohl fühle. — Worüber klagt Ihr? fragte der Doctor. — Seit einigen Stunden fühle ich mich nicht ganz ſieberfrei. Guarinonius betaſtete mit der Rechten den Puls des Kanzlers, während er mit der Linken aus dem tiefen Abgrunde einer der Taſchen ſeines weit über den Bauch reichenden ſchwarzen Seidenwammſes ein Nürnberger Ei aus der Werkſtatt eines Prager Uhr⸗ machers, eine dicke, plumpe Taſchenuhr hervorzog, um, ſeine Augen ſtarr auf das Zifferblatt heftend, die Pulsſchläge ſeines ewigen Patienten mit dem Secundenlaufe des Uhrzeigers zu vergleichen. Es trat eine drei Minuten lange Pauſe ein, während welcher das ängſtlich forſchende Auge des bleichen Mannes der unaufhörlichen Todesfurcht an dem ſtarren Blicke ſeines Arztes hing. — Nun, Freund? wagte er endlich zu fragen. Nicht wahr, ich habe ſtarkes Fieber? — Ihr habt jetzt gar kein Fieber, entgegnete Guarinonius, das Nürnberger Ei in den Wamms⸗ taſchenabgrund verſenkend. Das Geſicht des Kanzlers verklärte ſich, aber 44 nur auf einen Augenblick, dann ſagte er von Neuem ängſtlich: — Aber ich leide wieder an Kopfſchmerz. — Den Schmerz kenne ich nicht, betheuerte der Arzt. — Wohl Euch, mein treuer, würdiger Aescu⸗ lap. ich aber leide wieder ſeit mehreren Stunden daran.. — An der linken oder rechten Schläfe? — An der rechten! — Gut, ſagte der große Heilkünſtler und zog aus ſeiner weiten Wammstaſche ein Fläſchchen mit einer dunkelblauen Tinctur hervor, die er unter das linke Naſenloch ſeines Kranken hielt. Riecht daran.. Euer Kopfſchmerz wird augenblicklich verſchwinden. Der Kanzler roch daran und rief eine Minute ſpäter: — Beim ewigen Gott, er iſt verſchwunden! — Ich wußte das, ſagte der Arzt. Ihr ſeid fieberfrei, aber etwas aufgeregt. Sagt, Herr Kanz⸗ ler, was beunruhigt Euch? — Eine Hiobspoſt, die ich heute Abend von einem meiner treueſten Zuträger erhielt — Vor dem Arzte kein Geheimniß... erzählt! — Das wunderthätige Muttergottesbild in der 45 Sanet⸗Matthiaskirche hat heute beim Veſperläuten ſchon zum dritten Male ſeit acht Tagen die Augen verdreht und eine blutige Thräne geweint; dieß iſt ein böſes Vorzeichen, wie Ihr wißt. — Allerdings! Allerdings! Wer aber ſagt Euch, ob dieß gerade für Euch eine ſchlimme Vor⸗ bedeutung hat? — Mir ſagt's die Stimme meines Herzens.. — Sie trügt bisweilen. Beruhigt Euch... ich finde Euch jetzt eben ſo wohl, als heute Morgen, nur, wie geſagt, ein wenig aufgeregt.... — Wollt Ihr mir eine Kleinigkeit verordnen? — Ja! erwiderte der Arzt mit herzloſer Ruhe. — Ich werde Euch ſehr dankbar ſein. Dort auf dem Tiſche findet Ihr Alles, Meiſter Guagrinon! Der Doetor ſetzte ſich und ſchrieb. — Und ſoll das, was Ihr mir zu verordnen ſo gütig ſeid, ſogleich gemacht werden2 — Sogleich! erwiderte der Arzt, aufſtehend und ihm das Recept hinreichend. Der Kanzler las die lakoniſche Verordnung: Geht ſchlafen und ängſtigt Euch nicht! Dr. C. G. — Ihr ſeid doch immer voller Scherze, ſagte 46 der Kanzler und zwang ſein bleiches Geſicht zu einem ſüßſauern Lächeln. — Und Ihr ſeid unnütz ewig beſorgt. Geht bald zu Bette, Herr Kanzler. — Ach, Meiſter Guarinon, ich erwarte jeden Augenblick noch einen hochwichtigen Beſuch, der ſich vor drei Stunden bei mir anmelden ließ. — Jetzt um Mitternacht? Hat die Geſchichte ſo große Eile? — Ach leider ja! Ich erwarte den Beichtvater des Kaiſers. Die Staatsſorgen bringen mich in's Srab — Ich rathe Euch Schonung an, Herr! — Dieß Wort fehlt im Wörterbuch meiner heiligen Amtspflichten. — Auch Eure Gegner ſagen dieß. — Ihr werdet ſpitz, mein gelehrter Freund! — Als Arzt warne ich Euch nur! Thut übrigens, was thun zu müſſen Eure Staatsweisheit für nöthig hält. Morgen früh beſuche ich Euch. — Geht mit Jeſus Chriſtus und allen Heiligen. Der Segen des Heilands umlagere Euch. — Euch gleichfalls, ſagte Guarinonius und ging. Beim Herunterſteigen der ärmlich erleuchteten Treppe ſprach er zu ſich ſelbſt: 47 — Der Herr Vicekanzler iſt ein Narr! Seine übertriebene Aengſtlichkeit, ſeine unbeſiegbare Todes⸗ furcht reißen mich hundertmal im Jahre aus den Armen ſüßen Schlafes. Und worin beſteht die große Dankbarkeit, die er beſtändig im Munde führt. Fünfzig lumpige Ducaten für's ganze Jahr! Die taube Haushälterin öffnete das Thor. Gua⸗ rinon kehrte nach ſeiner Wohnung heim. — Dieſe Aerzte, ſagte der Kanzler, als er wie⸗ der mit ſich allein war, ſind ausgemachte Dummköpfe. Alle zuſammen können die Uhr unſeres ablaufenden Lebens auch nicht um Eine Stunde verlängern. Und doch brauchen wir ſie! Dann ſetzte er ſich wieder an ſeinen Arbeitstiſch und nahm ſeinen Liebling, den Slawen Anacreon, zur Hand.— Erklärt uns die Widerſprüche der menſch⸗ lichen Natur, daß ein Mann, der ſich rühmte, in ſeinem ganzen Leben außer ſeinem Weibe, das er niemals ſehr geliebt, kein weibliches Weſen berührt zu haben, daß dieſer eisſtarre Weiberfeind, der in der Regel nichts als Waſſer und nur bei höchſt ſeltenen Veranlaſſungen etwas Anderes trank, für den fröhlichen Sänger der Liebe und des Weins er⸗ glühte und für deſſen Oden ſchwärmte. Der Kanzler las heute Nacht vielleicht zum 48 tauſendſten Male die beiden letzten Strophen der vierten Ode: Bekränzt mein Haupt mit Roſen Und ruft die holde Maid; Will trinken, ſingen, koſen, Bis mir's der Tod verbeut. So lang' ich athme, lebe, Sei dieß mein Lebenslauf, Und alle Sorgen hebe Ich für den OHreus auf. Dann kehrte er ein Paar Blätter um und ver⸗ tiefte ſich in die neunzehnte Ode, die ihm vor Allen am meiſten gefiel. In's Deutſche überſetzt lautet ſie: Es trinkt die Erde, trinkt der Baum, Das Meer trinkt Stromesfluthen, Die Sonne trinkt des Meeres Schaum, Der Mond der Sonne Gluthen. Wenn Mutter Erde, Wald und Meer, Wenn Mond und Sonne trinken, Ihr Freunde ſagt, was wollt Ihr mehr? Warum ſoll ich nicht trinken? — Welche hohe, erhabene und herrliche Poeſie! 8 rief hoch begeiſtert der Mann der verknöcherten Proſa und nippte an einem auf ſeinem Arbeitstiſche ſtehen⸗ den Glaſe abgeſtandenen Waſſers. 3 Bald darauf etſchien der zweite Beſuch. Der Beichtvater des Kaiſers, der ehrwürdige 49 Pater Adrian von Baxen war ein dicker Herr mit einem winzigkleinen Kopfe und einem unförmlich aufgeſchwol⸗ lenen Bauche, dem es anzuſehen war, welche harte Arheit er dem ſchwachen Piedeſtal auferlegte, dieſe Fleiſchmaſſe zu tragen und ſicher fortzubewegen. Der kahle Kopf ſaß ſo tief in den Schultern, daß vom Halſe nicht viel zu bemerken war. — Friede mit Euch, mein erhabener Freund! ſagte der Prieſter, ſo tief, als es die Fülle ſeines Körpers geſtatten wollte, vor dem Kanzler ſich ver⸗ neigend. — Ich habe Euch mit Sehnſucht erwartet. Nehmt Platz, mein frommer ehrwürdiger Pater, ſagte Curtius auf einen Lehnſeſſel zeigend, der Jenem, auf welchem er ſich ſelber niederließ, gegenüber ſtand. Was bringt Ihr Neues aus Rom? — Einen ehrfurchtsvollen Gruß vom General unſeres Ordens Claudiv Aquaviva, Herzoge von Atri. — Er hat Euch geſchrieben? fragte der Kanzler. — Und mich huldreichſt beauftragt, Euch in ſeinem Namen dieß zu überreichen, ſagte der Beicht⸗ vater, aus dem weiten Aermel ſeiner ſchwarzen Kutte eine kleine Kapſel von rothem Leder hervorziehend und ſie in die Hand des Kanzlers legend. 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 4 50 — Ei, das iſt? fragte Curtius, der voll Neu⸗ gier ſie öffnete. — Eine von dem heiligen Vater Clemens VIII. eigenhändig und ausſchließlich für Euch geweihte gül⸗ dene Roſe, begleitet von dem Wunſche, daß ſie Euch in Euren alten, ſchwachen Tagen Heil und Segen bringe. — Amen, fügte der Kanzler hinzu, indem er das päbſtliche Geſchenk voll heißen, inbrünſtigen Dan⸗ kes an ſeine blutloſen Lippen preßte und es alsdann auf ſeinen Arbeitstiſch niederlegte.— Pfui, pfui, Zizka, rief er ſeinem fuchsrothen einäugigen Kater zu, der in demſelben Augenblick vom Tiſch auf den Fußboden herabgeſprungen war, um mit auffallen⸗ der Abneigung den Saum der Kutte des Prieſters zu beſchnuppern, geh, geh, ſei nicht zudringlich. — Gönnt ihm dieſe unſchuldige Freude, ſagte der Beichtvater und fuhr dann fort: Seine Heilig⸗ keit, dem das Wohl und Gedeihen unſeres erhabenen Ordens ganz beſonders am Herzen liegt und unſer hochwürdigſter General, der für die immer größere Aus⸗ breitung der Geſellſchaft Jeſu raſtlos bemüht iſt, haben mit tiefem Schmerze vernommen, wie einer der Diener unſeres allergnädigſten Kaiſers und Herrn, der Oberſthofmeiſter von Böhmen, Georg Popel von 51 Lobkowic ſich erkühnt hat, auf dem erſt unlängſt auseinander gegangenen Reichstage zu Regensburg mit harten Anklagen und ungerechten Verdächtigungen gegen die Väter der Geſellſchaft Jeſu aufzutreten und unter andern ſchmählich erfundenen Miſſethaten und Schändlichkeiten auch die Ermordung König Hein⸗ richs III. von Frankreich unſerem Orden aufzubürden, nicht bedenkend, daß Jacques Clement nicht Jeſuit ſondern, wie jedes Kind weiß oder von Rechtswegen doch wohl wiſſen ſollte, Dominikaner geweſen war. — Willſt du gleich hinunter, Elende! rief der Kanzler einer ſeiner Katzen zu, die vom Fußboden auf den Tiſch geſprungen war, um die Kapſel mit der goldenen Roſe zu beſchnüffeln. Verzeiht, daß ich Euch unterbrochen, aber dieſe Katzen ſind, wie Ihr ſeh — Ein klein wenig zudringlich, ergänzte der Beichtvater und fuhr dann fort: Jene ſchamloſen Verläumdungen, ausgegangen von dem Oberſthof⸗ meiſter und ſeinem weitverzweigten Anhange, haben den heiligen Vater, den ehemaligen Freund und Gönner jenes Heuchlers, und den General unſeres Ordens bewogen, Euch die dringende Bitte an's Herz zu legen, in Eurem gottgefälligen Eifer für den Flor unſeres Ordens nicht zu erkalten und Euere warme 4* 52 Theilnahme für das Fortbeſtehen desſelben dadurch zu bethätigen— zerreiße meine Kutte nicht, guter Zizka, interpellirte er den Kater— Euern Eifer, ſage ich, dadurch zu bethätigen, ſothanen Oberſthof⸗ meiſter als einen unſerer gefährlichſten Feinde ſo raſch als möglich verhaften und bei Gelegenheit!— vor Gericht ſtellen zu laſſen als Aufwiegler gegen die heiligen Satzungen der Kirche und ihn gleichzeitig des Crimen laesae Majestatis, des mit dem Tode zu beſtrafenden Hoch⸗ und Staatsverrathes, anzukla⸗ ßen — Aber die Gründe dazu, die Beweiſe da⸗ für unterbrach ihn der Eifer des Kanzlers. — Haben ſich in authentiſchen Papieren vor⸗ gefunden, die aus dem Rachlaſſe des vor drei Jah⸗ ren in München aus bedauernswürdigem Mißverſtänd⸗ niß hingerichteten Ritters Marco Bragadino leider erſt unlängſt in die Hände unſeres erlauchten Ordens⸗ generals gelangt.. — Und wo ſind dieſe wichtigen Papiere? — Ich bin beauftragt, ſie hiermit in Euere Hände zu legen, ſagte der Jeſuit, und zog aus ſei⸗ ner Kutte einen Bund Papiere hervor.. — Gebt ſie, gebt ſie mir, frommer Vater, ſagte 53 Curtius, ſie mit Ungeduld aus deſſen Händen rei⸗ ßend. Durch dieſe Papiere alſo, ſagt Ihr... — Iſt jetzt ſonnenklar erwieſen, daß ſothaner Georg Popel von Lobkowie im Einverſtändniſſe mit ſeinem ältern Bruder Ladislaus, dem königlichen Kammerpräſidenten und oberſten Landrichter von Böh⸗ men, wie mit mehreren mißvergnügten Großen, welche böhmiſche Bruͤder ſind, ſchon ſeit Jahren im Gehei⸗ men darauf hinarbeiten(er gab dem zudringlichen Ziöka, der nicht müde geworden war, an ſeiner Kutte zu zerren, einen heimlich wüthenden Tritt mit dem Fuße) unſern allergnädigſten Kaiſer und Herrn beim erſten beſten Anlaß zu ſtürzen.. — Zu ſtürzen? wiederholte der freudetrunkene Kanzler. — Und deſſen älteſten Bruder, den Erzherzog Matthias.. — Sprecht, frommer Vater, ſprecht! — Auf Oeſterreichs, Ungarns und Böhmens Thron zu ſetzen. — Unerhört, unerhört! ſchrie der Kanzler, deſſen Geſicht ſich vor Freude verklärte. Beide Brüder müßen ſchleunigſt verhaftet werden! — So denkt auch unſer erhabenes Oberhaupt! — Doch iſt dieß nicht ſo leicht, als Ihr glaubt. 54 Der Kaiſer wird, wie ich ihn kenne, nur äußerſt ſchwer zu bewegen ſein, den Anklageact und Verhafts⸗ befehl ſeines Lieblings, dem er bis jetzt noch immer volles Vertrauen geſchenkt, zu unterzeichnen. Und dennoch muß er fallen! — Gebietet über mich und meinen Einfluß! — Ihr, frommer Vater, müßt Ohr und Herz des Kaiſers bearbeiten und ihn durch alle Mittel, mittelſt welchen Ihr ſein Gewiſſen zu rühren ver⸗ ſteht, bewegen, ſich dem Verhaftsbefehle und der Ein⸗ leitung des Hochverraths⸗Proceſſes, die ich ihm vor⸗ legen werde, nicht zu wiberſetzen.. — Rechnet auf meine ganze Beredtſamkeit.. — Dann iſt unſer Spiel gewonnen und... — Popel Lobkowic für alle Zeiten verloren! — Amen! frommer Vater, ſagte der Kanzler, dem Beichtvater zärtlich die Hand drückend. Morgen trage ich die Sache dem Kaiſer vor.. — Uebermorgen unterſtütze ich ſie und... — Triumph, Triumph, die gute Sache ſiegt. Die Uhr ſchlug eben Zwölf. Die mitternächt⸗ liche Audienz war zu Ende. Der Beichtvater kehrte nach der Hofburg zurück. Der Kanzler begab ſich, nachdem er noch einmal die päbſtliche Roſe geküßt und ſie dann in ein geheimes Fach ſeines Arbeits⸗ —, 55 tiſches eingeſchloſſen hatte, in der einen Hand das Licht, in der andern Anaereon und die gegen ſeinen Feind zeugenden Papiere, begleitet von ſeinen Katzen, zur Ruhe. Fünftes Capitel. Die Warnungs⸗Deputation. Es war am folgenden Morgen. Der anbrechende Tag hatte die dichten Nebel der langen Winternacht erſt theilweiſe bezwungen, als die Gevattern Matthias und Wenzel ſich ver⸗ abredetermaßen in ihrer Sonntagskleidung einfanden in der Wohnung des Baders Procop, um den Traum⸗ künder abzuholen und ſich mit ihm in die Behau⸗ ſung des Obriſthofmeiſters zu begeben. Dieſer war ſeit einer Stunde wach. Seine raſtloſe Thätigkeit für das Wohl des Staates und der drei Städte Prag hatte ihn frühzeitiger als jeden andern Diener der Krone aus dem Schlafe an die Arbeit getrieben. Georg Popel von Lobkowic, Herr auf Haſſen⸗ ſtein, Libochovic, Likkau, Kommotau, Rothenhaus, 56 Eydlitz und Graupen gehörte einem der edelſten Adelsgeſchlechter Böhmens an. Seine Familie hatte ſich in zwei Hauptlinien getheilt, von denen die Eine ihren Namen vom Schloſſe Haſſenſtein, unweit Cadan in Böhmen, die andere ihren Urſprung von Nikvlaus Popel von Lobkowic herleitete. Georg Popel, der zweite Sohn Ladislavs und der eben ſo ſchönen als frommen Benigna Catha⸗ rina von Krajit war erſt Oberſt⸗Stallmeiſter ge⸗ weſen, bevor er zu dem hohen Amte emporſtieg, das er ſeit dem am 31. Auguſt 1592 erfolgten Tode ſeines Vorgängers Wilhelm von Roſenberg bekleidete. Im ganzen Böhmerlande galt er für einen der ſtrengrechtlichſten Räthe des Kaiſers, für einen Mann, bei dem ſelbſt der Aermſte und Nied⸗ rigſte, der ſich in ſeinem Rechte gekränkt fühlte, Zutritt und Abhilfe ſeiner Beſchwerde fand. Und darum war er in allen Schichten des Volkes gleich beliebt und angeſehen. Er wußte nicht, was Stolz hieß, und war herablaſſend gegen Jeden, der ſich ihm näherte. Der letzte Bürger Prags wußte es eben ſo gut als der erſte Diener des Staates, daß es in ganz Böhmen keinen abgeſagtern Feind der Lüge und Heuchelei gab, als den Obriſthofmeiſter und Geheimenrath Georg Popel von Lobkowic. 57 Witwer ſeit einer Reihe von Jahren beſchäftigte ihn, außer den Pflichten ſeines Amtes, nichts ſo eifrig als die Sorgfalt für die geiſtige Ausbildung ſeiner einzigen Tochter Eva, die nach dem Zeugniſſe Aller, welche ſo glücklich waren, ſie zu kennen, eben ſo gut als ſchön, eben ſo klug als beſcheiden und anſpruch⸗ los war. Kein Wunder alſo, daß ſie der Augapfel, das Herzblatt, das größte Kleinod ihres Vaters war, der an ihr mit wahrhaft abgöttiſcher Liebe hing, die ſie ihm durch kindlich⸗fromme Verehrung und Ergeben⸗ heit in ſo reichem Maße vergalt, daß es in ganz Prag keine glücklichere Tochter und keinen benei⸗ denswerthern Vater gab. Eva war das Paradies ſeiner Seele. Seit einer Stunde arbeitete der Obriſthofmeiſter bei dem Lichte der Kerzen, die er auslöſchte, als die röthlichen Strahlen der aufgegangenen Sonne durch die hohen Fenſter ſeines Arbeits⸗ und Empfangs⸗ zimmers eindrangen. Bald darauf wurden drei Männer aus dem Volke angemeldet. — Laß ſie eintreten, ſagte er zum Diener, welcher ſeit Jahren gewohnt war, Keinen, der ſeinen Herrn zu ſprechen begehrte, abzuweiſen, mochte es 58 früh oder ſpät ſein, aus Furcht, ſich dadurch einen Verweis ſeines Gebieters zuzuziehen. Als die Angemeldeten an der Schwelle des Eingangs erſchienen waren, erkannte der Obriſthof⸗ meiſter ſeinen Schneider. — Was führt Dich heute ſchon ſo früh zu mir, Meiſter Matthias? fragte der Geheimrath. — Geſtrenger Herr Oberſthofmeiſter, ſtotterte der Schneider, ſich zebnmal verneigend. — Tritt näher, alter Freund, und ſage mir dreiſt und unumwunden, womit ich Dir und Deinen beiben Begleitern dienen kann. — Gnädigſter Herr, ſtammelte Matthias, noch immer ſehr verlegen, wir Alle Drei kommen, um Euch mit Eurer gütigen Erlaubniß unterthänigſt zu warnen.. — Mich zu warnen, Alter, und wofür? — Jetzt ſprecht Ihr, Meiſter Procop, ſagte er zum Bader, der ſich wie der Schuſter fortwährend verbengte. — Ew. Gnaden, begann der Bader, meine bei⸗ den Nachbarn haben mich zum Sprecher erwählt, um Euch, gnädigſter Herr, eine höchſtwichtige Mitthei⸗ lung zu machen. — Macht alſo keine Umſchweife und erzählt! — 59 — Es handelt ſich um einen Traum. — Um einen kitzlichen, ganz eurioſen Traum! ergänzte Wenzel, der endlich auch ein Herz gefaßt hatte. — Wenn Ihr reden wollt, ſagte der Bader, dem Schuſter einen zornigen Blick zuwerfend, dann ſchweige ich. — Nein nein, Gevatter, redet Ihr, bat Wen⸗ zel, der ſein Unrecht, ihn unterbrochen zu haben, ſchnell begriff. — Es handelt ſich, wie geſagt, um einen Traum, den ich in vorvoriger Nacht geträumt, um einen Traum, der nicht uns, ſondern den geſtrengen Herrn Oberſthofmeiſter betrifft. — Nun gut, erzähle mir Deinen Traum; aber faſſe Dich kurz, guter Freund, denn meine Zeit iſt ſehr gemeſſen... ich habe heute viel zu thun. — Wenn ich nur erſt wüßte, wie und wo ich anfangen ſollte. — Fangt gleich beim Ende an, rieth der Schneider. — Wenn Ihr reden wollt, dann höre ich zu, ſagte der empfindliche Bader. — Nein, nein, wir wollen lieber zuhören, bat der Schneider. 60 — Zur Sache, Meiſter Pcp zur Sache! drängte Lobkowic. — Nun wohlan, ſprach der Bader, ich werde von hinten anfangen, mit der Thür ſo zu ſagen in's Haus fallen und Ew. Gnaden in tiefſter Unter⸗ thänigkeit den guten Rath ertheilen, ſo bald als möglich zu entfliehen. — Ich entfliehen? Und warum, Meiſter Procop? — Weil Euch, gnädigſter Herr, Gefahr droht.. — Ja, große Gefahr, fügten Schneider und Schuſter hinzu. — Unterbrecht mich nicht, ſage ich Euch. — Mir ſoll Gefahr drohen, ſagtet Ihr. Und darf ich wiſſen, von welcher Seite her. — Von Seiten des Herrn Vicekanzlers Curtius! — Was ſagtet Ihr da? fragte der Oberſthof⸗ meiſter etwas betroffen. — Die Wahrheit! bethenerten alle Drei zu⸗ gleich. — Sprecht, Meiſter Procop, Ihr erregt meine Neugier. Der Bader erzählte nun ſo kurz, als es ſeine Vorliebe, ſich ſprechen zu hören, ihm erlaubte, den unſerm Leſer bereits bekannten Traum, faſt ganz ſo ausgeſchmückt, wie am geſtrigen Abende, ohne —— ——— —,—— 61 irgend etwas zu vergeſſen, was ihm nothwendig erſchien, ſeinen Traume Wahrſcheinlichkeit zu ver⸗ ſchaffen. Der Oberſthofmeiſter, welcher der Erzählung Pro⸗ cops mit wachſender Theilnahme gefolgt war, fragte, als dieſer endlich damit zu Ende war: — Das Alles habt Ihr wirklich geträumt? — Ich kann es beſchwören!bekräftigte der Schuſter. — Ich auch, ich auch! betheu erte der Schneider. — Und Ihr rathet mir? — Zur Flucht! erwiderten alle Drei zugleich. — Ich danke Euch, meine treuen Freunde, für Euern gutgemeinten Rath, ſagte der Oberſthofmeiſter mit herzgewinnender Herablaſſung ſeine Hand auf die Schulter des mit ſich vollkommen zufriedenen Sprechers legend; doch geſtehe ich Euch, daß ich weit davon entfernt bin, ihn zu befolgen. Ich will Euch auch ſagen, warum. So urplötzlich die Flucht ergreifen, hieße meinen Feinden, die mich ſtürzen und verderben wollen, ihr hölliſches Spiel erleichtern, und ihnen freien Spielraum laſſen, mich hinter meinem Rücken anzuklagen und bei meinem kaiſerlichen Herrn und Gebieter, dem ich immer treu gedient, deſto wirkſamer zu verdächtigen. Ich habe ein reines Ge⸗ wiſſen, bin mir keines böſen Anſchlages gegen Kaiſer 62 Rudolph bewußt und kann daher der mir drohen⸗ den Gefahr guten Muths in's Auge ſehen und dem hinterliſtig angelegten Plane meiner Gegner ritter⸗ lich die Stirne bieten und, wenn's Noth thun ſollte, mich gegen ihre falſchen Anklagen mit allen Waffen der Wahrheit und meines guten Rechtes vertheidi⸗ gen. neberdieß kann und will ich noch immer nicht recht daran glauben. Träume ſind ja nur Schäume und nicht jeder dieſer Träume, die uns im Schlafe geäfft und geängſtigt haben, geht, wenn wir erwacht ſind, in Erfüllung. Ich danke Euch nochmals für Eure treue Geſinnung und Euere ehrliche Warnung und verſpreche Euch, um Euch meinetwegen vollkom⸗ men zu beruhigen, daß ich, von dieſem Augenblicke angefangen, auf meiner Hut ſein und mit verzehn⸗ fachter Vorſicht Alles vermeiden will, um meinen im Finſtern ſchleichenden, das Licht ſcheuenden Fein⸗ den, die mir wohl bekannt ſind, keine Waffe gegen mich in die Hand zu geben, damit ihr elendes Vor⸗ haben an dem unerſchütterlichen Fels meines Gerech⸗ tigkeitsſinnes, der für meinen Kaiſer wie für ſein gutes, braves, ehrliches Volk ſtets nur das Beſte im Auge hat, zerſchellen und zu Grunde gehen ſoll. Noch, Freunde, lebt der alte, große, ewiggerechte Gott, der mit väterlicher Huld und Güte über dem Haupte 63 jedes Unſchuldigen wacht, gleichviel ob dieſer Bettler oder Fürſt iſt. Geht nun mit Gott, meine lieben Bürger von Prag, und gehabt Euch wohl, ſchloß Popel von Lobkowic, Jedem von ihnen herzlich⸗bieder die Hand drückend. Die Warnungs⸗Deputation war auf's Tiefſte gerührt. Man ſieht, daß damals, wie noch jetzt und gewiß auch zu allen Zeiten, der herablaſſende Händedruck, womit ein ſogenannter Großer die Klei⸗ nen aus dem Volke beglückt, von magiſcher Wirkung war, iſt und es immer ſein wird, und daß ein ſolcher Händedruck ihn oft zehnmal populärer macht als eine große, edle That. Das Volk iſt zu allen Zeiten genügſam und fühlt ſich für ſeine uneigennüz⸗ zige Liebe faſt immer befriedigt, wenn man ſie ihm durch ein Wort gütiger Anerkennung belohnt. Die drei Männer, die ihre Miſſion erfüllt hatten, entfernten ſich mit namenloſer Befriedigung und begaben ſich von hier geraden Weges in die Schenke zur goldenen Kugel, um dort nach vollbrach⸗ tem guten Werke, eine kleine Herz⸗ und Magen⸗ Stärkung, einen frugalen Morgen⸗Imbiß, einzunehmen. Georg Popel von Lobkowic aber warf, als er allein war, nicht ohne Abſicht einen Blick auf ſeiner Ahnen Wappen, das über dem Eingange ſeines 64 Arbeitzimmers prangte, umgeben von dem Sinn⸗ ſpruche ſeines uralten Geſchlechtes: Popel jsem, popel pudu!(Aſche bin ich, Aſche werde ich.) Sechstes Capitel. Popel jsem, popel budu. Vier Tage waren ſeitdem ruhig vorübergegangen. Am Abende des fünften Tages ſaß der Oberſt⸗ hofmeiſter, ausruhend von der Laſt ſeiner Amtsge⸗ ſchäfte, ruhig und ſorgenlos in einem der großen Säle, in welchem ſeine in allen Fächern des Wiſſens und vorzugsweiſe in der böhmiſchen Geſchichte und Litteratur reich ausgeſtattete Bibliothek aufgeſtellt war. Ueber den Bücherſchränken von braunem, mit golde⸗ nen Arabesken verzierten Eichenholz hing die bunte Reihe ſeiner erlauchten Ahnen, gemalt von größten⸗ theils böhmiſchen Künſtlern, unter welchen Matthias Hutsky, Hofmaler des Erzherzogs Ferdinand von Tyrol, und Daniel Alerius von Kwetna, der Reſtaurator der Sanet⸗Wenzelscapelle zu Prag, die bekannteſten waren. 65 Bei Tage ward dieſer impoſante Bücherſaal durch vier hohe, mit prachtvollen Glasmalereien geſchmückte Bogenfenſter, Abends aber, wo der Oberſt⸗ hofmeiſter am häufigſten und liebſten im Kreiſe ſeiner treueſten Freunde“(ſo hieß er ſeine Bücher) zu verweilen pflegte, durch drei große, mit zwölf Wachs⸗ kerzen verſehene Cryſtall⸗Kronenleuchter, die vom ge⸗ täfelten Plafond herabhingen, dergeſtalt erhellt, daß man ſelbſt im entfernteſten Winkel der Bibliothek ſo bequem zu leſen vermochte, wie bei hellem Ta⸗ geslicht. Inmitten der Wand, die der hohen, mit grünem Damaſt überhangenen Eingangsthür gegenüber lag, erhob ſich zwiſchen zwei Bücherſchränken eine groß⸗ mächtige Uhr, ein unbezahlbares Meiſterwerk mön⸗ chiſchen Kunſtfleißes, eine Uhr, die nicht bloß die Secunden, Minnten und Stunden des Tages und die Tage der Woche, ſondern auch die vier Mondes⸗ phaſen, den Anfang der vier Jahreszeiten, jede ein⸗ tretende Sonnen⸗ und Mondes⸗Finſterniß anzeigte.— Im Innern des gewaltigen Gehäuſes von blanker Schildkrötenſchaale befand ſich ein dem profanen Auge unſichtbares Glockenſpiel, an das ſich eine uralte, etwas unheimliche Sage knüpfte, die, unter Andern, auch der bekannte Jeſuit und Geſchichtsſchreiber 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 5 66 Bohuslaw Balbinus erzählt. Dieſes Glockenſpiel ſoll wie durch geheimnißvollen Zauber nur in ſolchen Augenblicken erklingen, wenn einem Mitgliede des Hauſes Popel⸗Lobkowie Gefahr oder Tod drohe. In ſolch' verhängnißvollen Momenten ſollte ſich, wie die Sage erzählt, jenes Glockenſpiel, das ſonſt immer ſchweige, als Stimme der Warnung vernehmen laſſen. Dieſes geiſterhafte Kunſtwerk war eine Re⸗ liquie, die ſeit länger als hundert Jahren ſich in dieſer Familie von Vater auf Sohn fortgeerbt hatte. Zu beiden Seiten der Uhr, die nur Einmal im Jahre aufgezogen ward, ſtanden zwei große, bequeme, mit grünem Utrechter Sammet überzogene Lehnſtühle. Auf einem dieſer veiden Ruheſeſſel ſaß der Herr des Hanſes, eine hohe, ſchlanke, mächtig impo⸗ nirende Geſtalt in einem ſchwarzen Sammetkleide, und auf ſeine Kniee ſtützte ſich, leicht und anmuths⸗ voll, der Arm ſeiner auf dem grünen Teppich ihm maleriſch zu Füßen ruhenden Tochter. Eva zählte kaum zwanzig Frühlinge⸗ Sie war eine der holdeſten Blüthen im üppig⸗ſchönen Kranze der Prager Frauenwelt. Die Fülle ihres blonden, leiſe in's Röthliche hinüberſpielenden Haares um⸗ rahmte ein vom Helligenſcheine der Unſchuld verklär⸗ tes Geſicht, deſſen plendendweiße Hautfarbe durch die ℳ 67 lachende Himmelsbläue ihres kryſtallhellen durchſich⸗ tigen Augenpaars und durch die Purpurfriſche ihres kleinen Roſenmundes, in welchem jeder Zahn eine makelloſe Perle zeigte, erhöht und zauberhaft⸗ ſüß belebt ward. Der lange ſchwanengleiche Hals ſchien wie aus Alabaſter geformt, der unter dem ſchönheitsberauſchten Griffel eines neuen Phidias die Weiche und Geſchmei⸗ digkeit des Sammets angenommen hatte. Um die blendende Weiße dieſes Sammets zog ſich ein ſchwar⸗ zes Seidenband, an dem ein kleines, goldenes mit Perlen beſetztes Medaillon befeſtigt war, in welchem ſie Tag und Nacht das heißgeliebte Bild ihrer ver⸗ ſtorbenen Mutter tuug, deren höchſter Stolz, deren reinſte Freude, deren Abgott ſie geweſen. Der Arm, mit welchem ſie ſich auf das Knie ihres Vaters geſtützt, erſchien nicht minder ſchön als ihre Hand, deren Ban, wie jener ihrer Finger, das ſicherſte Merk⸗ mal ihrer hoch⸗ariſtokratiſchen Herkunft war. Eva's ganze Erſcheinung, in den blendenden Nimbus ſeeli⸗ ſcher Reinheit, in die berauſchende Atmoſphäre engel⸗ frommer Jungfräulichkeit gehüllt, ſtrahlte einen unnenn⸗ baren Zauber aus. Wer kann es dem Vater einer ſolchen Tochter verargen, daß ſie Anfang und Ende all' ſeiner Hoff⸗ 5* nungen, Gipfelpunet ſeiner Liebe und Gegenſtand ſeiner zärtlichſten Sorgfalt war? Mit derſelben Vorliebe, mit welcher die mit ihren Gaben oft ſo wunderbar verſchwenderiſche Natur dieſen Engel an Schönheit und Liebreiz ausgeſtattet, hatte der in ihrem Beſitze überſchwänglich⸗glückliche Vater die geiſtigen Anlagen ſeiner einzigen Tochter zu entwickeln und immer mehr und mehr auszubilden ſich angelegen ſein laſſen, und ſo war denn Eva unter der liebevollen Aufſicht ihres Vaters allmälig zu einem weiblichen Weſen ſo vollkommener Art herangereift, daß ſie jetzt eben ſo geiſtreich als ſchön, eben ſo unſchuldig als gut in ſich Alles vereinte, was das ſchwächliche, gebrechliche Weib zur Höhe einer faſt überirdiſchen Erſcheinung, zur Stufe einer antiken Halbgottheit erhebt. Vater und Tochter pflegten ſich in einſamen und doch traulichen Abendſtunden von der glorreichen Vergangenheit ihres großen, ſchönen, inniggeliebten Vaterlandes zu unterhalten und ſich oft in Verglei⸗ Nationen zu vertiefen. Eva's Lieblingsſchriftſteller war der Grieche Plutarch, deſſen nnvergleichliche Lebensbeſchreibungen ſie in der Urſprache eben ſo geläufig als den Römer Tacitus und Dalemils chung der großen Helden Böhmens mit jenen anderer 69 Chronik von Böhmen“) las. Sie hatte aber nicht nur Geſchichte, ſondern auch Poeſie getrieben und ſie fühlte ſich eben ſo heimiſch in Homers„Odyſſee,“ als in Virgils„Aeneide.“ Außer ihrer Mutter⸗ ſprache, für die ſie eben ſo leidenſchaftlich als für die *) Dalemils„Reimchronik“ iſt eine der älteſten und zugleich intereſſanteſten Quellen der böhmiſchen Geſchichte. Heber hundertfünfzig Jahre war dieſe böhmiſche Chronikdergeſtalt verboten, daß ein gedrucktes Exemplar derſelben zu den größten Seltenheiten gehörte. Von zwei Auflagen war die erſte durch ein Mißverſtändniß nach der Schlacht am weißen Berge(1620) bis auf ſieben Exemplare vertilgt worden. Die zweite Auflage wurde von Fauſtin Pro⸗ chaska unter dem Schutze der freieren Preſſe zu Kaiſer Joſephs II. Zeiten veranſtaltet, doch muß dieſe Auflage nur ſehr ſchwach geweſen oder von Leuten, denen an der Verdrängung dieſer kräftigen Chronik gelegen war, aufgekauft worden ſein, denn heutzutage iſt davon we⸗ nig mehr zu ſehen. Zwei neue AVuflagen derſel⸗ ben hat der berühmte Slawiſt Wenzel Hanka veran⸗ ſtaltet.— Dalemil, Verfaſſer dieſer Chronik, abſtam⸗ mend aus dem Geſchlechte der Ritter von Lomnic, war ein Zeitgenoſſe der letzten Piemysliden, der noch zu Anfang der Regierung Johannes von Luxemburg ge⸗ lebt. Auch Dalemils Name findet ſich in keinem unſerer vielen biographiſchen Wörterbücher und ſchon aus dieſem Grunde ſchien uns dieſe Anmerkung hier am rechten Platze. 70 Erinnerung an ihre Mutter ſelbſt zu ſchwärmen ge⸗ wohnt war, und außer Griechiſch und Latein, war ſie auch im Italieniſchen und Franzöſiſchen bewandert und liebte es eben ſo gern, ihren Geiſt in den Ge⸗ filden der romantiſchen Poeſie von Taſſo's befrei⸗ tem Jeruſalem, als in dem ſatiriſchen Labyrinth von Meiſter Rabelais„Gargantuve und Pantagruel“ aus⸗ ruhen zu laſſen von der Anſtrengung ernſterer Stu⸗ dien. Nur das Deutſche liebte ſie nicht. Dieß kam davon her, weil ſie mit Leib und Seele Slawin, Böhmin vom reinſten Waſſer war. An dieſem Abende, an dem wir ſie, in Gedan⸗ ken vertieft, zu den Füßen ihres Vaters finden, er⸗ zählte ihr dieſer von einigen ſeiner ruhmgeſchmückten Vorfahren und unter dieſen auch von Jenem, deſſen ehrwürdiges Bild der geheimnißvollen Wanduhr ge⸗ genüberhing. WDort prangte einer der hervorragendſten Kori⸗ phäen der älteren Linie ſeines Hauſes: Bohuslaw Lobkowic zu Haſſenſtein, jener hochgelehrte Böhme, welcher Philolog, Dichter, Rechtsgelehrter und Krie⸗ ger in Einer Perſon, zum Biſchof von Olmütz er⸗ wählt und auserkoren war, Cardinal und ſpäter viel⸗ leicht ſogar Papſt zu werden. Der damalige Papſt aber, neidiſch auf den wachſenden Ruf des großen 74 Slawen, weigerte ſich, deſſen Erwählung zum Bis⸗ thume zu beſtätigen. — Und was that der große Slawe? fragte Eva, das Bild ihres berühmten Vorfahren voll Ehr⸗ furcht anſtaunend. — Er zog ſich tief verletzt über den Undank der Welt, der er immer nur Gutes erwieſen, auf ſeine Güter zurück, ſammelte auf ſeinem Schloſſe bei Kadan eine große herrliche Bibliothek, ſchrieb Gedichte, die, erſt ſechszig Jahre nach ſeinem Tode, Thomas Mitis herausgab und ſtarb als Weiſer, der viel über das menſchliche Elend nachgedacht und darüber zum Troſte Anderer geſchrieben hatte, am 11. No⸗ vember 1510. — Heute alſo, Vater, wäre ſein Todestag?„ — Und darum eben, holdes Kind, ſagte der Oberſthofmeiſter zärtlich ihre Locken ſtreichelnd, lenkte ich das Geſpräch auf ihn hin.* — Du ſagteſt mir ſchon früher einmal, guter Vater, daß der Sterbetag Bohnslaws von Haſſen⸗ ſteins für unſer Haus ſtets ein Tag des Unglücks ſei. — Wohl ſagte ich dieß, doch ängſtige Dich darum nicht, liebe Tochter. Für Deinen Vater, Eva, iſt jeder Tag, den er für Dich leben darf, ein Tag des reinſten, ungewölkten Glückes. — Am 11. November ſtarb auch meine gute, fromme Mutter, ſeufzte Eva, einen thränenfeuch⸗ ten Blick heftend auf eines der beiden Frauenbilder, die neben der, jedes Unheil, das ihre Familie bedroht, wunderbar vvrausſagenden Wanduhr angebracht waren. — Laſſen wir die Todten ruhen! bat der Vater, der es zu bereuen ſchien, das Geſpräch auf einen ſo trauererfüllten unglückbringenden Tag hingeleitet zu haben. — Glaubſt Du, Vater, an ein Wieberſehen? fragte Eva, deren Seele in das unergründliche Meer trauriger Zweifel verſank. — Welche Frage! Ich glaube ſo feſt an die Hoffnung des Wiederſehens, wie an die Gewißheit Deiner Liebe zu mir. — O dann wünſchte ich bald, recht bald zu ſterben, um meine liebe, ſüße Mutter und die Dei⸗ nige, Vater, die dort oben neben der Meinigen ſo zärtlich auf mich herniederblickt, im Jenſeits wieder⸗ zuſehen. — Kind, gottloſes Kind! Du verſündigſt Dich, Du wünſcheſt Dir in der Blüthe Deines Lebens zu ſterben, um Deine Mutter wiederzuſehen, und vergiſſeſt, daß Du dadurch das Herz Deines armen Vaters brichſt, der, wärſt Du todt, auch nicht mehr leben möchte— 73 — O, verzeihe, mein Vater, daß ich, ohne es zu wollen, Dich gekränkt habe. In meiner kindiſchen Selbſtſucht dachte ich in jenem Augenblicke nur an mich. — Und Du wünſchteſt Dir den Tod? — Weil ich mir, aufrichtig geſagt, mein Vater, von meiner Zukunft nichts Gutes erwarte. — Du ängſtigſt mich, mein armes Kind. — Höre mich an, mein lieber Vater. Ein banges, dunkles Vorgefühl ſagt mir im Wachen und im Träumen, daß die ſchönen, glücklichen Tage mei⸗ ner ſorgloſen Jugend bald vorüber ſein werden und daß meiner lange Jahre ſchweren Mißgeſchickes und hoffnungsloſer Trauer harren... — Du biſt ein abergläubiſches Kind, das Nie⸗ manden auf der Welt als ſich ſelber quält durch trübe Zweifel und bange Sorgen, die ſelbſt die zärt⸗ lichſte Liebe Deines Vaters leider nicht verbangen kann. Sprich, ſüße Selbſtquälerin, was beunru igt Dich? fragte der Oberſthofmeiſter, den Lockenkopf ſei⸗ nes Kindes voll Vaterliebe an ſein Herz drückend. — Mich bennruhigt das Benehmen des Kaiſers geſtand Eva nach einem kurzen, aber ſchweren Kampfe, Ueberwindung ihr unbeſchreiblich ſchwer gewor⸗ en war. — Das Benehmen des Kaiſers? wiederholte 74 mehr erſtaunt als erſchreckt der zärtlichſte der Väter⸗ Sprich, was willſt Du damit ſagen? — Etwas, das ich vielleicht ſchon zu lange Dir verſchwiegen hahe, ſtöhnte Eva, erröthend vor ſich ſelbſt die Augen niederſchlagend. Der Kaiſer, fürchte ich, liebt mich.. — Närriſches Kind, was fällt Dir ein! entgeg⸗ nete der Oberſthofmeiſter, um ſeine Tochter zu beru⸗ higen. Der ganze Hof, ganz Prag, halb Böhmen wiſſen, daß unſer kaiſerlicher Herr und Gebieter für eine leider nur allzuſehr bekannte Schönheit ſeines Hofſtaats glüht.. Brauche ich ſie Dir zu nennen? — Ich weiß, Vater, wen Du meinſt, und den⸗ noch, dennoch, herzlieber, guter Vater, kann ich mich nicht der Angſt erwehren, daß der Kaiſer, trotz dem, „ daß ſein Geiſt für eine Andere ſchwärmt, ſein Ange— weh mir daß ich's geſtehen muß!— auch auf Dein Kind, auf Dein einziges Kind, auf Deine arme, un⸗ glückliche und tauſendmal beklagenswerthe Eva ge⸗ worfen hat. „— Und woraus, Kind, folgerſt Du dieß? — Aus Blicken und Worten, die er mir bei dem letzten Hoffeſte, das er zu Ehren der perſiſchen Geſandtſchaft im Wladiſlaw'ſchen Saale veranſtaltet, ſo unverholen kühn zugeworfen hatte, daß ich— 75 Aermſte der Armen— zum erſten Male in meinem Leben unwillkürlich erröthen mußte... — Und warum ſagt mir mein Kind das Alles erſt heute? fragte der Oberſthofmeiſter, ihr Kinn ſanft emporhebend und einen forſchenden Blick in den reinen Spiegel ihrer Seele tauchend. — Ich verſchwieg es Dir ſo lange, weil ſuſce Scham mich znrückhielt, Dich in das Geheimniß meines erſten Kummers einzuweihen.. — Das war nicht recht von Dir! Bin ich nicht Dein Freund, dem Du Alles, ſelbſt das Schlimmſte. anvertrauen darfſt 2 — Und eben, weil ich es nicht gethan, fühle ich mich jetzt doppelt ſtrafbar! — Was ſagte der Kaiſer zu Dir? —„Fräulein Eva wird jeden Tag ſchöner“. — Iſt dieß nicht wahr, mein Kind?2“ — Weh' mir, wenn es waht iſt! ſagte das unſchuldvolle Mäbchen, leiſe zuſammenſchauernd wie eine keuſche Lilie, die von dem erſten Kuß eines buhleriſchen Nachtfalters angehaucht wird. — Und was ſprach er weiter zu Dir? —„Heil dem beneidenswerthen Sterblichen, dem vom Himmel das Glück beſchieden iſt, ſolch' einen Engel ſein nennen und ihn anbeten zu dürfen mit der ganzen Gluth ſeiner liebestrunkenen Seele“.. — Du haſt ſeine Worte Dir gut gemerkt.. — Sie haben ſich wie glühende Nadeln in's Mark meines Gedächtniſſes gebohrt. — Und Du? Was erwiderteſt Du darauf? — Ich ſchwieg und glaubte vor Scham in die Erde verſinken zu müſſen. Der Kaiſer bemerkte meine grenzenloſe Verwirrung. Seine glühende Hand drückte die meinige, die kalt und ſtarr wie die des Todes war.„Auf baldiges Wiederſehen, meine holde Paradiesbewohnerin,“ ſagte er zu mir und verließ mich. — Gut, daß Du mir Alles gebeichtet haſt. Morgen werde ich Dich zu Deiner Tante nach Bi⸗ lin und von dort nach Doran in das Kloſter der Prämonſtratenſerinnen bringen, in deren abgeſchiedenen Mauern Du ruhiger und beſſer aufgehoben ſein wirſt als im Hauſe Deines armen kurzſichtigen Vaters, der keine Ahnung hatte von dem Abgrunde, an wel⸗ chem Du ſtandſt. — Vater, willſt Du dieß wirklich thun? fragte Eva freudig überraſcht. — Ich verſpreche es Dir mit Hand und Mund, 77 ſagte der Oberſthofmeiſter, einen Kuß der Verzeihung auf ihre ſchamgeröthete Stirn hauchend. In demſelben Augenblicke ertönte im Innern des Uhrgehäuſes die warnende Stimme des unglück⸗ verkündenden Glockenſpiels. Beide hielten tief erſchreckt den Athem an und ſtarrten nach der Uhr. — Was war das? fragten Beide zugleich, während Eva ängſtlich ihre Arme um die Hüften ihres Vaters ſchlang, ſich wie eine Schiffsbrüchige anklammernd an den letzten Rettungsmaſt, der dem verheerenden Orkane Widerſtand zu leiſten wagt. Der Oberſthofmeiſter erhob ſich, ſchloß mit einem vertrauensvollen Blicke zum Lenker aller irdiſchen Geſchicke das zitternde Mädchen in ſeine nervigen Arme, preßte ſie ſegnend an ſein Herz und ſprach dann mit der ganzen Zuverſicht eines unbefleckten Gewiſſens: — Beruhige Dich, meine fromme, unſchuldsvolle Taube! Unſer Schickſal liegt in Gottes Hand. Gott, der Gerechte, verläßt uns nicht! In derſelben Seeunde eilte beſtürzt und ver⸗ wirrt ein alter, eisgrauer Diener herein, die Worte ſtammelnd: — Gnädigſter Herr, gnädigſter Herr.. — Was giebt's? fragte gefaßt Lobkowie. 78 — Draußen im Vorſaale harrt eine Wache.. — Eine Wache? ſchrie Eva tief erſchreckt.. — Die Einlaß begehrt im Namen des Kaiſers! — Dann laßt ſie ungeſäumt eintreten. Der Diener entfernte ſich raſch. — Faſſung! Faſſung! ſagte der Vater, ſein Kind ermuthigend. Laß uns hören, was ſie bringt... — Was ſie bringt? wiederholte Eva mit ſchneidender Ironie. Sie kommt, um Dich zu holen. — Die Angſt verwirrt die Sinne Dir! Was kann Deinem alten Vater geſchehen? Iſt er nicht Oberſthofmeiſter von Böhmen? Iſt er nicht Liebling des Kaiſers? — Er war es! ſagte der Anführer der Leib⸗ wache, die, ſo eben eingetreten, ihre Hellebarden mit abſichtlichem Geräuſch auf die Schwelle des Eingangs niedergleiten ließ. Der Hauptmann der Leibgarde überreichte dem geſtürzten Lieblinge ein vom Kaiſer Rudolph eigen⸗ händig unterzeichnetes Document mit den Worten: — Im Namen des Kaiſers verhafte ich Euch! — Heilige Jungfrau! ſchrie Eva und ſtürzte wie vom Blitze erſchlagen, beſinnungslos nieder, — Weh mir! rief der Gefangene, mein Kind, mein armes Kind! Helft mir, rettet ſie! 89 — Dieß iſt nicht unſere Sache, ſprach der barſche Vollſtrecker des kaiſerlichen Befehles. — Hauptmann! flehte der unglückliche Vater, der bemüht war, ſein Kind in's Leben zurückzurufen, kennt Ihr kein Mitleid? 6 — Der Soldat kennt nur ſeine Pflicht! — Erbarmt Euch meines Kindes, ſtrenger Freund. — Ich bin nicht Freund eines Hochverrä thers! entgegnete der Hauptmann mit der Miene tiefer Verachtung.—= — Das Haus Lobkowic hat keine S betheuerte der Unſchuldige. — Sagt's Euern Richtern, aber nicht mir. Nun aber fügt Euch dem Befehle Seiner Majeſtät, ſonſt brauchen meine Leute Gewalt. — Wer wagt's, mich von der Seite meines ſterbenden Kindes wegzureißen? — Ich, ſagte der Hauptmann, ihn fortziehend. — Der Himmel verzeihe Euch Eure Liebloſig⸗ keit, ſprach der Oberſthofmeiſter, und warf, dem Be⸗ fehle Folge leiſtend, noch einen thränenfeuchten Blick auf ſein lebloſes Kind, das wie eine von frevelnder Hand zerſchmetterte Statue, wie eine vom Sturme gebrochene Knoſpe auf der“ Erde lag. Nun folge ich Euch im Namen meines Kaiſers und Herrn, 80 dem ich ſeit achtzehn Jahren mit Leib und Seele treu gedient und den ich ſelbſt jetzt, in der Stunde harter Prüfung, nicht verläugne. Gott ſegne, Gott erhalte den Kaiſer! Zwei zitternde Diener ſchritten leuchtend voran. Popel Lobkowic ward durch die lange Reihe ſeiner Zimmer hinweggeführt. Als ſein Blick, wie vier Tage zuvor, auf das über der Thür ſeines Arbeitszimmers prangende Fa⸗ milienwappen fiel, erinnerte er ſich lebhaft des gan⸗ zen Traumes, welchen der Bader Procop ihm ver⸗ kündet und dem er— das Schickſal wollte es ſo!— keinen Glauben geſchenkt hatte. — Der böſe Traum! ſtöhnte der Gefangene. So geht er alſo doch in Erfüllung! Heute iſt der 11. November! Eine dunkle Vorahnung ſagt mir, daß ich dieſe Zimmer niemals wiederſehe. Die Stunde meines Unterganges hat geſchlagen! Wie jener Traum wird auch meine Deviſe ſich bewahrheiten: Aſche bin ich, Aſche werdeich! 81 Siebentes Capitel. In der Schenke. Am Abende des folgenden Tages war es in der goldenen Kugel“ voller als jemals; bei aufge⸗ regten Stimmungen des Volkes ſind die Schenken, in denen es ſich beim Bierkruge erhitzt, ſtets über⸗ füllt und daher kommt es, daß faſt jeder Bierwirth, wie der Schwätzer Zdenko, ein Anhänger all' jener Zuſtände iſt, die das traurige Gepräge der Unzufrie⸗ denheit und des Aufruhrs an ſich tragen. Alle Bänke, alle Tiſche waren beſetzt. Es wimmelte von Leuten aller Stände. — Bier her! ſchrie man hier. — Wein her! ſchrie man dort. Einer verlangte Meth, der andere Branntwein. Alle lechzten nach Rache und Flüſſigkeit. Aber noch weit größer als die Erbitterung war der Durſt. Und deſſen freute ſich dieſer Zdenko. — Hab ich's nicht immer geſagt, ſprach er zu einem Fleiſchhauer, der mit aufgekrempten Hemds⸗ ärmeln ſich neben ihm auf den Schenktiſch lümmelte, daß es ſo und nicht anders kommen wird? Wieder iſt ein Freund des Volkes und ſeiner heiligen unan⸗ 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 6 82 taſtbaren Freiheiten geſtürzt! Und durch wen und durch wen? Durch die nichtsnutzigen Verläumder, die überall Unzufriedenheit ausſäen und die Gott dafür verdammen möge! — Der Oberſthofmeiſter iſt alſo wirklich geſtürzt? fragte der Fleiſcher Jwan, mit großer Gemüthsruhe ſein Schnapsglas mit Einem Zuge leerend. — In den tiefſten Abgrund geſtürzt! — Na, beruhigt Euch nur. Es wird ihm nicht viel geſchehen! Ja wenn's Unſer Einer wäre!— Gebt mir noch einen kleinen Kümmel! Mit uns armen Bürgern macht man kurzen Proceß. Der aber iſt von altem Adel! Der, Gevatter, wird ſich ſchon durchbeißen!— den Inhalt des zweiten Glaſes hinabſtürzend. — Ich ſag' Euch, er iſt verloren! — Dann kann ich ihm freilich nicht helfen! ſagte der Fleiſcher, ſeine zwei Schnäpſe bezahlend, um je eher je lieber die aufrühreriſche Schenke zu ver⸗ laſſen, weil der Kanzler, der den Oberſthofmeiſter geſtürzt, ſeit vielen Jahren ſein Kunde war. — Dieſe Fleiſcherſeele hat kein Herz im Leibe, ſagte Zdenko, ſich unwillig die Ohren kratzend, haupt⸗ ſächlich darum, weil Meiſter Jwan an dieſem Abende, ganz gegen ſeine Gewohnheit, nur zwei Schnäpſe 83 vertilgt und aus Furcht vor dem Kanzler das Haſen⸗ panier ergriffen. Am bewußten Tiſche ſaß die Warnungs⸗De⸗ putation. — Glaubt Ihr jetzt an meine Träume? fragte Procop, ſich aufblaſend wie ein Puterhahn. — Ja, ja, ich glaube d'ran, hetheuerte der Schneider, der ſeit heute Morgen aus Schreck und Angſt noch mehr abgefallen war. — Ich bitt' Euch, Gevatter, ſprach der Schuſter, träumt nicht mehr, denn Eure Träume bringen nur Unglück. — Und iſt dieß meine Schuld? Kann denn ich dafür, daß der Oberſthofmeiſter, unſer hohe Gönner auf Befehl des Kaiſers wie ein Verbrecher feſtgenom⸗ men, fortgeſchleppt und eingekerkert worden iſt? — Und wo hat man ihn hingebracht? fragte Matthias. — Das weiß bis jetzt noch Niemand, erklärte Procop. Die Einen ſagen, man habe mit ihm kurzen Proceß gemacht und ihn gleich nach ſeiner Verhaftung im Hofe des Burggrafenamtes ohne Weiteres hinrichten laſſen. Andere wollen behaupten, man habe ihn in den ſchwarzen Thurm geſteckt und ihn dort in die Arme der eiſernen Jungfraus geſtürzt. 6* 84 — Was iſt dieſe Jungfrau? fragte Matthias. — Heiliger Wenzel! rief der Bader, entrüſtet ſeine rothen Hände über ſeinen Glatzkopf zuſammen⸗ ſchlagend. Man ſieht doch gleich, daß Ihr ein Mann der Einwanderung ſeid, ſonſt müßtet Ihr wiſſen, daß die„eiſerne Jungfrau eine ſchauerliche Folter⸗ und Hinrichtungs⸗Maſchine iſt, die jedes unglückliche Opfer, das ſie umarmt, wie ein Schwein, das zu Würſten zerhackt wird, in tauſend kleine Stücke zerfleiſcht, welche mit einer hölliſchen Vorrichtung wie bei einem Ziehbrunnen in's unterirdiſche Burg⸗ verließ hinabgeſchleudert werden. — Das muß ſehr unangenehm ſein, bemerkte der Schuſter. — Der Himmel bewahre Jeden von uns vor ſolchen Umarmungen! ſetzte der Schneider hinzu, den eine Gänſehaut überlief. Was aber, fuhr er fort, iſt aus der Tochter des armen Oberſthofmeiſters geworden? — Sie iſt aus Schreck' über die Verhaftung ihres Vaters in ein tödtliches Fieber verfallen. Der Kaiſer hat, um ſie aus den Banden des Todes zu befreien, drei ſeiner Leibärzte zu ihr geſchickt.. — Es muß ihm alſo doch wohl leid thun, meinte der Schneider. . 85 — Schwachkopf! rief der Bader, wenn es ihm wirklich Leid thäte, ſo könnte er ja Alles gleich wieder gutmachen, dadurch, daß er Ihren Vater ſofort wie⸗ der in Freiheit ſetzen ließe.. — Wir glaubten, er ſei ja ſchon hingerichtet, entgegnete Matthias. — Ja, das ſagt man; aber wer weiß denn, ob es wahr iſt? — Andere wollen gehört haben, man habe den Gefangenen aus Furcht vor einem Aufſtande, der ihn vielleicht befreien könnte, einſtweilen nach irgend einem königlichen Schloſſe— nach Pardubic, Pürg⸗ litz oder Elbogen— geſchleppt, um ihm dort„bei Gelegenheite— wie ein gut unterrichteter Geheim⸗ ſchreiber des Kanzlers ausgeſchwatzt haben ſoll— den Proceß zu machen. — Und ſein Bruder, der oberſte Landrichter? fragte der Schneider. — Dieſer hat, zu ſeinem größten Glücke, noch frühzeitig genug von der Verhaftung, die auch über ihn verhängt war, Wind bekommen und— geſcheidt genug— die Flucht ergriffen. — Na, Gott ſei gedankt, daß doch wenigſtens Einer gerettet iſt, rief der Schuſter, dem ein Mühl⸗ ſtein vom Herzen ſiel, denn Ladislav Popel von 86 Lobkowic gehörte(jeder Handwerker iſt immer etwas eigennützig) zur Zahl ſeiner Kunden. — Die Güter beider Brüder ſind conſtseltt, fuhr der Bader fort. — Was heißt das confiscirt? fragte Matthias. — Da ſieht man doch gleich wieder, daß dieſer Dummkopf ein Eingewanderter iſt, und nicht— wie unſer Einer— ſtudirt hat. Confiscirt heißt: ge⸗ richtlich mit Beſchlag belegt und von Rechtswegen bei Seite geſchafft.. — Ei, iſt denn das auch erlaubt? fragte der Schneider. — Erlaubt, Mann der Einwanderung, iſt Alles, was Keiner verbieten kann. — Ich verſtehe Euch, Gevatter, ſagte Wenzel, der nicht ſo ſehr als Matthias auf den Kopf ge⸗ fallen war. — Vorläufig, fuhr der Bader fort, hat man der armen kranken im Sterben liegenden Tochter nichts als das Haus ihres Vaters gelaſſen. Alle ehe⸗ maligen Freunde der Familie haben ſich von ihr zurückgezogen. Keine Seele bekümmert ſich um ſie. Man meidet die Tochter eines Hochverräthers... — Das ift ſchlecht von den Leuten, eommentirte * 8 — der Schneider, denn was kann die Tochter ſür ihres Vaters Schuld.. — Die zudem noch gar nicht erwieſen iſt. So denke auch ich und jeder rechtliche Bürger von Prag, erklärte der Bader. — Ich gebe noch nicht alle Hoffnung auf, tröſtete ſich der friedliebende Schneider. Die Unſchuld des Oberſthofmeiſters muß früher oder ſpäter an den Tag kommen. Der Kaiſer iſt ein gerechter Herr, der Niemanden ungehört wird verurtheilen laſſen. — Denn Recht muß doch Recht bleiben! meinte der Schuſter, der, weniger loyal als der Schneider, im Stillen darüber empört zu ſein ſchien. — Das gebe Gott! ſagte der Bader. Hätte der Oberſthofmeiſter meinen guten Rath befolgt, dann ſäße er jetzt nicht, Gott weiß wo? gefangen. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich, ſagte mein ſeliger Vater, der, wie meine Wenigkeit, ſtudirt hatte und... — Wurſtmacher war, fügte der Schneider hinzu. — Das erinnert mich, daß ich Hunger habe und etwas eſſen will. Ein Paar Würſte her! rief Procop. Nun laßt uns eſſen und trinken! — Gott ſchütze den Kaiſer! rief Matthias. * 88 — Und den Oberſthofmeiſter! ſetzte der Schuſter hinzu. Und Alle Drei ſprachen einſtimmig: Amen! Achtes Capitel. Eva von Lobkowiec auf dem Krankenlager. Die Tochter des Oberſthofmeiſters, gleich nach deſſen Verhaftung von ihrer ehemaligen Amme und zwei andern Dienerinnen des Hauſes zu Bett ge⸗ bracht, war, wie wir aus dem Munde des von Allem nur oberflächlich unterrichteten Baders Procvp bereits erfahren haben, einem hitzigen Fieber erlegen, in deſſen ununterbrochenen Delirien ſie über ſechs Wochen gefangen lag und an deſſen Beſiegung alle Kunſt der drei kaiſerlichen Leibärzte, wie die emſigſten Bemühungen und die liebeoollſte Pflege des Haus⸗ arztes ihres Vaters lange zu ſcheitern ſchienen. Jene drei Leibärzte ſind uns bekannt. Sie waren mehr oder weniger Charlatans. Der Vierte, Johannes Jeſſenius, kaum vierund⸗ dreißig Jahre alt, galt trotz ſeiner Ingend und trotz des häufig ſo wahren Sprichwortes:„Der Prophet 89 gilt nichts in ſeinem Vaterlande, ſchon damals für einen der gründlich gelehrteſten und wiſſenſchaftlich aufgeklärteſten Aerzte Prags und des ganzen Böh⸗ merlandes. Er hatte nach und nach eine Abhandlung über die Eigenſchaft und Zuſammenſetzung des menſch⸗ lichen Blutes, ein tiefgedachtes Werk über die Zeu⸗ gung, ein„Speculum urinarum,“ in ſpätern Jahren eine noch heut zu Tage nicht unverdienſtliche„Ge⸗ ſchichte der Anatomie“ geſchrieben und ſich vadurch einen ſo feſten Ruf gegründet, daß er(freilich erſt ſechsundzwanzig Jahre ſpäter, zur Zeit der bekannten Directorialunruhen) zum Rector der Prager Hoch⸗ ſchule ernannt ward. eſſenius kannte, wie nur wenige Heilkünſtler jener Tage, das Innere des menſchlichen Körpers wie alle Functionen der einzelnen Theile der eben ſo wunderbar als geheimnißvoll zuſammengefügten Le⸗ bensmaſchine und verſtand ſich, beſſer als mancher ſeiner quackſalbernden Zeitgenoſſen, auf den Herd und die Erkennung, auf die„causa causans“ der ver⸗ ſchiedenartigen Krankheiten, die, bei ſtrengem Lichte betrachtet, im Grunde genommen ſich eigentlich doch nur auf zwei große Sippen beſchränken: auf Krank⸗ heiten, die nach der rationaliſtiſchen Anſicht des Profeſſors Jeſſenius u nheilbar, und auf ſolche, 90 welche ihrer Anlage nach zu heilen ſind: An den Erſtern ſtirbt der Menſch, trotz aller künſtlichen Verſuche ſeiner Aerzte; von den Zweiten kann er durch geſchickte Behandlung allerdings befreit werden. Die Zahl der unheilbaren Krankheiten verhält ſich zu jener der heilbaren, wie 3 zu 10, und darum geſchieht's wiederum nach Anſicht des böhmiſchen Aesculaps— daß nicht Jeder ſtirbt, der durch einen ungeſchickten Quackſalber von einer Krankheit geheilt wird, die ſich mit der Zeit von ſelbſt heilt. Dyetor Jeſſenins hatte einen hellſehenden Blick. Seine beiden Vorbilder waren die alten, bis heute noch unübertroffenen Apoſtel der Heillehre: Hyppokrat und Galen. Der Dritte im Bunde ſeiner unermüd⸗ lichen, dem leiblichen Wohle der kränkelnden Menſch⸗ heit gewidmeten Nachtwachen war der Niederländer Andre Veſale, der Leibarzt Kaiſer Carls V. und König Philipps II. von Spanien, Veſale, der Grün⸗ der der neuern Anatomie. — Ohne gründliche Kenntniß der Zergliederung des menſchlichen Körpers, pflegte Meiſter Jeſſenius zu ſagen, iſt jeder ſogenannte Heilkünſtler ein Div⸗ genes ohne Laterne. Des Kaiſers Aerzte hatten die kranke Eva von Lobkowic ohne Hoffnung aufgegeben und zu 94 behaupten gewagt, daß nur ein Wunder des Himmels oder die Wirkung irgend eines vom Doctor Guari⸗ nonius bis dahin leider noch nicht entdeckten Zauber⸗ träutleins gegen den Tod ſie zu retten im Stande ſei. Nur Johannes Jeſſenius verzweifelte noch nicht. Er liebte Eva, als wäre ſie ſeit der grauſamen Ein⸗ kerkerung ihres Vaters ſein eigenes Kind; er liebte ſie nicht wegen ihrer noch vor Kurzem in frühlings⸗ friſcher Blüthe prangenden Schönheit, ſondern einzig und allein wegen der Reinheit ihrer Seele, wegen der Engelsmilde ihres kindlichen Herzens, wegen der Kraft ihres männlichen Geiſtes und vor Allem wegen der dieſe ſchönen Gaben der Ratur nieder⸗ drückenden Schwere ihres gerechten Kummers, der auch ſein edles Herz zerriß.— Er wachte Nächte⸗ lang an ihrem Lager. Er beobachtete mit ängſt⸗ licher Vaterſorge jeden ihrer wild aufgeregten Puls⸗ ſchläge, jeden ihrer fieberglühenden Athemzüge, jede leiſe Zuckung. — Der Himmel ſchenke mir das Glück, die Geſundheit dieſes kranken Engels herzuſtellen, flehte er eines Nachts zu Häupten ihres Krankenlagers ſo leiſe, daß es keine der Frauen ihrer Umgebung zu hören vermochte, dann will auch ich, wie mein hellleuchtendes Vorbild Veſale, ein frommes Gelübde 92 chun und, ſobald dieſe Blume geneſen iſt, eine Wallfahrt zu dem wunderthätigen Veſperbilde der ſchmerzhaften Mutter Gottes zu Mariaſchein, der gebenedeiten Tröſterin aller Leiden, der ſegenſpen⸗ denden Schließerin aller Wunden des menſchlichen Herzens unternehmen und ihr danken dafür, daß ſie meinen Geiſt erleuchtet, meinen Wunſch erhört und dieſe Sterbende hier zu neuem Leben erweckt hat. Darauf verordnete er ſeiner Kranken eine neue Arzenei, die in der Hausapotheke unter ſeiner Auf⸗ ſicht ſofort zubereitet ward und die er, wenig Mi⸗ nuten ſpäter, mit eigener Hand, in den vor Fieber⸗ gluth verſchmachtenden Mund einträufelte. Und Doctor Guarinon hatte doch Recht. Dieſe Sterbende, die, nach ſeiner für ihn unfehlbaren Anſicht, nur durch ein Wunder des Himmels oder durch die Wirkung eines ihm wenigſtens noch gänzlich unbe⸗ kannten Zaubermittels vom Tode gerettet werden konnte, ſie war's, die von dieſem Augenblick an durch die Magie inbrünſtigen Gebetes, durch die Zaubermacht eines frommen Gelübdes, durch innigheiße Anrufung der ſchmerzhaften Mutter Gottes, die ſein uneigen⸗ nütziges Flehen zu ihr erhört und durch ein neues Heilmittel, das ſie ihm eingegeben zu haben ſchien, von Stunde zu Stunde mehr und mehr aus den 93 folternden Träumen eines bis dahin faſt ununterbroche⸗ nen Deliriums(in welchem man ſie ſtets nur von ihrem Vater und der Todesgefahr, die ihn bedrohe, phantaſiren hörte) zu neuem Leben und einzelnen lichten Mementen zu erwachen begann. Und ſeitdem war Jeſſenius namenlos glücklich. Die Leibärzte des Kaiſers aber, die rathlos ſie aufgegeben hatten und jetzt, von Tag zu Tage er⸗ ſtauntere Zeugen der ſich raſcher und immer raſcher entwickelnden Fortſchritte ihrer wunderbaren Wieber⸗ geneſung, über die ſie ihrem kaiſerlichen Herrn und Gebieter tagtäglich und nachtnächtlich ausführlichen Bericht abzuſtatten ſich gezwungen ſahen, dieſe alten, ſtolzen Pedanten fingen an, den jungen Nebenbuhler in ihrer Kunſt um die glücklichſte ſeiner Curen gründ⸗ lich zu beneiden. — Es iſt zum Erſtaunen, ſagte Thaddäus von Häjek, der unter dieſen Dreien der Ehrlichſte war. — Es iſt zum Berſten! brummte Mayer. — Es iſt zum Tollwerden! wüthete Guarinonius. Alle Drei aber waren vollkommen einig in dem Einen Puncte: — Nicht ſeine Kunſt, nur ein Wunder des Himmels hat ſie gerettet. Gönnen wir einem Jeden ſeine Freude! Beweiſt 94 ſie doch klar und deutlich, daß unter den Vertretern gelehrter Zünfte wie unter den Pfahlbürgern ſcha⸗ chertreibender Gilden der Alles verkleinernde Neid, die elende, ſelbſtſüchtige Mißgunſt damals ſchon eben ſo wüthend graſſirt haben, wie noch heut zu Tage. Die Menſchen bleiben, was ſie waren: ſich und Andere neidiſch zerfleiſchende Raubthiere.————— Als drei Wochen nach dem frommen Gelübde des Doctor Jeſſenius und ſeit dem Beginn der Wie⸗ dergeneſung Eva's, Letztere, zum erſten Male völlig fieberfrei, ihre himmelblauen, azurklaren Augen auf⸗ ſchlug, erblickte ſie zu den Füßen ihres Lagers ihren glücklichen Arzt, ihren beneidenswerthen Lebensretter. — Was iſt, fragte ſie wie aus einem monden⸗ langen, alpſchweren Traume erwachend und ſich ihr goldſonniges, wirres und theilweiſe ausfallendes Haar mit beiden Händen aus den eingefallenen Schläfen ſtreichend, was iſt aus meinem Vater geworden? Der Arzt erlaubte ſich, um ſie nicht von Neuem zu erſchrecken, eine Nothlüge. — Er lebt, lebt und— iſt frei! — Und wenn et frei, wirklich frei iſt, warum eilt er nicht an das Bett ſeines kranken Mädchens? Eine Lüge erzeugt ſtets die Andere. 95 — Euer Vater, Fräulein befindet ſich auf der Flucht. — Und wenn dieß wirklich ſo iſt, ſagte Eva ihren Arzt ungläubig anblickend, warum ſchreibt er nicht wenigſtens an ſein Kind, das jetzt mehr als je, ſeines Rathes, ſeines Troſtes, ſeines Beiſtandes bedarf? Die zweite Lüge machte eine Dritte nothwendig. — Man wird ſeine Briefe an Euch aufgefan⸗ gen und ſie wahrſcheinlich dem Kaiſer ausgeliefert haben. — O ſprecht mir nicht von Ihm! bat Eva, ihr marmorbleiches Antlitz in beide Hände bergend. — Beruhigt Euch, Fräulein, bat der Arzt. Hütet Euch vor jeder neuen Aufregung. Ihr ſeid erſt ſeit wenig Tagen dem Tode entronnen. — Und wozu habt Ihr mich gerettet? fragte ſie mit einem Blicke, aus dem ſich, ſeit langer Zeit, wie⸗ der die erſte Thräne ſtahl. — Zur Freude, zum Stolze, zur Rettung Eures Vaters. — Es droht ihm alſo doch Gefahr? fragte Eva, ſich von Neuem heftig aufrichtend. — Nein, nein, Fräulein Eva, Faſſung, Faſſung! — Foſſung, Faſſung! das waren auch die Worte 96 meines armen, unglücklichen Vaters, als ſeine Scher⸗ gen kamen, um ihn aus den Armen ſeines Kindes, ſeines einzigen Kindes fortzureißen. O mein guter, edler, großer Vater! ſchluchzte Eva und ließ nun dem hervorbrechenden Strom ihrer lang zurückgehaltenen Thränen freien Lauf. Der Arzt ließ ſie ruhig ausweinen. Denn er kannte den Balſam der Thränen und wußte, daß Gott dieſe Perlen des Troſtes in's menſchliche Auge gelegt, um durch ſie den ſtarren Kummer der Sterb⸗ lichen zu erweichen und ihre Schmerzen allmälig zu mildern. Als ſie ſich herzlich ausgeweint und ihre Thränen getrocknet hatte, erfaßte ſie dankerfüllt die Hand ihres Arztes und ſprach mit tief bewegter Stimme: — Ich danke Euch für die treue Pflege, die Ihr während der langen Zeit meiner Krankheit mir mit ſo unermüdlicher Sorgfalt habet angedeihen laſ⸗ ſen. Selbſt im ſchwerſten Todeskampf gereichte es mir zum Troſte, zu ahnen, daß Einer an meinem Schmerzenslager gewacht, der mich und mein Herz und die Rieſengröße meines Schmerzes kennt. Ja, Freund meines Vaters, ich will mich faſſen, mich zu neuem Leben und zu neuem Kampfe wappnen, um Ihn zu retten, Ihn, dem ich Alles, was ich bin, 97 Alles, was ich weiß, zu danken habe! ſagte Eva und drückte einen Kuß kindlichfrommen Dankes auf die Hand ihres biedern Freundes. Nun aber laßt mich wieder ſchlafen, denn ich fühle mich ſehr ermattet. — Der Himmel ſchenke Euch einen ſüßen Schlum⸗ mer und ein ruhiges Erwachen, ſagte Jeſſenius, zog ihre Hand an ſeine Lippen und ging, beglückt durch das ſchöne Bewußtſein, das Leben dieſes Engels dem Kuße des Todes entrückt zu haben. Eva verſank in wunderbar ſtärkenden Schlum⸗ mer Während der ganzen, langen, bangen Zeit ihrer neunwöchentlichen Krankheit hatte tagtäglich, jeden Morgen zu derſelben Stunde, ein ſchlichter, fremder, unbekannter Mann bei der alten Pförtnerin des Hauſes mit rührend⸗ſchmuckloſer Theilnahme Er⸗ kundigung eingezogen mit den einfachen Worten: — Wie geht's heute mit der Geſundheit des edlen Fräuleins? — Noch immer nicht gut! hieß es wochen⸗ und mondenlang. Dann ſchüttelte der Fremde tief betrübt das ſorgenſchwere Haupt und ging ſchweigend von dannen. Als er eines Morgens wieder kam, um ſich, 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 7 98 wie gewöhnlich, nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen, ſagte die Pförtnerin zu ihm: — Ihr kommt nun ſchon ſechs Wochen tag⸗ täglich und immer habe ich, in der Beſtürzung mei⸗ nes Herzens, vergeſſen, Euch nach Euerm Namen zu fragen. — Was thut der Name zur Sache? fragte der Fremde bis zum Tode betrübt. Ich bin hier fremd in Prag. Nennt mich, wie es Euch beliebt! — Doch warum wollt Ihr aus Eurem Namen ein Geheimniß machen? Ihr ſeid der Einzige, der nach der lieben Tochter unſeres Hauſes Erkundi⸗ gung einzuholen kommt, Ihr braucht Euch dieſer Theilnahme nicht zu ſchämen, Herr, denn unſere Eoa iſt ein Engel, den Jeder von uns liebt und die Gott der Allmächtige uns erhalten möge... dieß iſt unſer Aller tägliches Gebet! Warum alſo wollt Ihr Euern Namen mir verſchweigen? — Weil ich tauſend Gründe dazu habe. — Ihr macht mich neugierig, lieber Herr. — O ſeid es nicht, gute Frau! Mein Name bleibe Euch— vorläufig!— ein Geheimniß, ſagte der Unbekannte und ging ſo ernſt und traurig, als er gekommen war. 99 — Ein ſonderbarer Mann! brummte die Pfört⸗ nerin, das Fenſter ihrer Loge ſchließend. Als am folgenden Morgen derſelbe Unbekannte wieder bei ihr anfragte, hatte ſich während der ver⸗ gangenen Nacht— Dank dem Wunder des Him⸗ mels oder dem Heilmittel des Arztes!— der Zu⸗ ſtand des Fräuleins von Lobkowic ſo auffallend gebeſſert, daß die ehrliche Alte, als ſie den Fremden kommen ſah, voll Freude das kleine Fenſter aufriß, ihr runzeliges Matronengeſicht mit der zu Ehren dieſes frendigen Ereigniſſes neubebänderten Sonntags⸗ haube hinausſtreckte und ihm jubelnd entgegenſchrie: — Es geht beſſer, v viel beſſer! — Gott ſei gelobt, Gott ſei gedankt, ſprach der Fremde, dem die hellen Freudenthränen über die gebräunten Wangen liefen und der ſich eilig ent⸗ weil er bieſe Thränen nicht wollte ſehen aſſen. — Ein curioſer Freund, murmelte die Alte, die, nicht klug daraus werdend, ſich unwillig zu⸗ rückzog. Am andern Morgen brachte er ein für die rauhe Winterjahreszeit ſeltenes Bonquet von koſtbaren, dem künſtlichen Frühlinge abgebettelten Treibhaus⸗ pflanzen. Er überreichte das junge Strußchen der 7 100 alten Pförtnerin mit der beſcheidenen Bitte, es zu Füßen der Geneſenden niederzulegen als Tribut der Freude eines dankerfüllten Herzens. Und allmorgendlich zu derſelben Stunde brachte er, drei Wochen durch, wieder ein Bouquet, Eines ſo ſchön wie das Andere, und die Pförtnerin nahm ſie Alle und verſprach, ſie pflichtſchuldigſt„niederzu⸗ legen zu Füßen der Geneſenden. — Habt Ihr auch Wort gehalten? fragte der Fremde eines Morgens wiederkehrend mit einem neuen, noch viel ſchöneren Sträͤußchen, als alle früheren. — Unſer Arzt, geſtand die Aite, hat nicht er⸗ lauben wollen, Euere Blumen an's Bett der Kran⸗ ken zu tragen, weil ihr Duft ſie betäuben könnte. Ich habe deßhalb einen Strauß nach dem Andern in die Blumenvaſen des gnädigen Fräuleins ge⸗ ſtellt.. — Und weiß ſie's wohl auch?.. — Ja, aber leider ſeit geſtern Morgen erſt, wo es mir, nach neun Wochen, zum erſten Male ver⸗ gönnt war, ſie wieder zu ſehen und ihre Hand an mein Herz zu drücken. — Und fragte ſie Euch um nichts? — Sie wollte durchaus Euern Namen wiſſen. 101 Jetzt müßt Ihr Euch nennen, Hert, ſonſt macht Ihr mich wirklich böſe... — Nun gut, meine herzliebe, ehrliche Alte. Nun ſollt Ihr mein Geheimniß erfahren. Sagt ihr, ſaßt ihr — Nun, Herrgott, was ſoll ich ihr ſagen? — Sagt ihr.. ſie kämen... von Ihm! erklärte ihr der geheimnißvolle Fremde und ent⸗ fernte ſich. — Daraus kann ich nicht klug werden! ſagte unwirſch gemacht die alte Neugierige und trug unbe⸗ friedigt, kopfſchüttelnd und nachgrübelnd das Bouquet zu den übrigen, in die überfüllten Blumenoaſeni hres Fräu⸗ Eva's Geneſung war in den letzten acht Tagen ſo weit vorgeſchritten, daß ſie mit Erlaubniß der Aerzte, zehn volle Wochen nach der Verhaftung des Oberſthofmeiſters, ihr Schmerzenslager verlaſſen durfte. Ihr erſter Ausgang war zum Altare des Herrn, ihr zweiter zum Throne des Kaiſers. 102 Reuntes Capitel. Intermezzo. Unterdeſſen aber hatte ſich Manches geändert. Bevor wir eine der Heldinnen unſerer Erzählung, die halb Roman, halb Geſchichte iſt, auf ihrem ſchwe⸗ ren, kreuzbeladenen Gange zum Golgatha hinauf, bis zu den Stufen des Thrones geleiten, ſind wir Denen, die uns bis hierher gefolgt, verpflichtet, ſie, wenn auch nur kurz und flüchtig, in eine Reihe von Bege⸗ benheiten einzuweihen, die ſich während der Krank⸗ heit der jungfräulichen Dulderin zugetragen hatten. Kaum ſieben Wochen nach der Gefangenneh⸗ mung ihres Vaters, war ſein erbitterter Feind, der Alles vermögende Vicekanzler Jacob Khurtz von Senfftenau, plötzlich auffallend und unheimlich ſchnell, von ſchwindelnden Gipfel ſeiner faſt unbeſchränkten Macht jählings hinabgeſchlendert worden durch jene, alle religiöſen Glaubens bekenntniſſe und politiſchen Parteien gleichmachende, alle Hinderniſſe ſiegreich hinwegräu⸗ mende und einzig unüberwindliche Allge⸗ walt, welche einer der ſieben Weiſen Griechenlands bemäntelnd und beſchönigend den Zwillingsbru⸗ der des Schlafes“ genannt, den wir Andere 103 aber, die wir— Gottlob leider!— nicht zu jenem griechiſchen Siebengeſtirne gehören, in der Sprache unſeres unweiſen Lebens— unverblümt, aber allge⸗ mein verſtändlich, Tod zu heißen uns gewöhnt haben. Der Kanzler ſtarb kurz vor Weihnachten. Für ſich und ſeinen Arzt, Dr. Chriſtoph Guarinonius, trotz der geweihten Roſe des Papſtes, trotz aller ge⸗ heimen Heil⸗ und Zaubermittel ſeines würdigen Aes⸗ culape ſo unerwartet raſch, daß der Aberglaube des Volkes, welches ihn mit ſeinen Flüchen und Verwün⸗ ſchungen(ob gerecht oder ungerecht mag ein Anderer entſcheiden!) gleichſam überladen hatte, in ſeinem Zorne zu behaupten ſich erkühnte: der Teufel habe ihn geholt. Sein Leichnam, erzählte man ſich nach ſeinem Tode, habe ungefähr eben ſo ſchwarz und verkohlt ausgeſehen wie, achtundzwanzig Jahre vor ihm, der einſt ſo blühend⸗weiße, blendend⸗ſchöne, üppigholde Leib jener Diane von Poitiers, Herzogin von Va⸗ lentinvis, welche, zuerſt Geliebte König Franz des Erſten und ſpäter die ſeines Sohnes, Heinrichs des Zweiten von Frankreich, wie das gute Volk geglaubt, der Teufel gleichfalls geholt haben ſoll. Das gute Volk aber hatte Unrecht. Wenn der Teufel alle ſchlechten Frauen und Männer, die es— 104 gleich viel aus welchen Gründen haßt, zu holen ver⸗ pflichtet wäre, dann hätte der Aermſte vielleicht mehr zu thun, als ihm von Rechtswegen aufgebürdet wer⸗ den darf. Der Vicekanzler ſtarb am Schlage. Einer ſei⸗ ner zwei beſten Freunde, ſein Leibarzt Dr. Chriſtoph Guarinonius, war der Meinung, daß dieß das ein⸗ zige ſei, was ihn in der unerbittlichen Strenge ſei⸗ ner Amtspflicht gerührt habe.— Er ſtarb unbeweint und— war verſchollen. Letzteres iſt immer härterer als Erſteres ¹*) *) Sein Leichnam ward im Kreuzgange der Thomaskirche beigeſetzt. Dort findet man noch heut zu Tage ſeinen horizontalen Leichenſtein, den ihm ſeine Witwe ſetzen ließ mit einer von Lobqualm überfließenden lateiniſchen Inſchrift, die zu lang iſt, um ſie hier zu wiederholen. Faſt jede Grabſchrift enthält eine Lüge. Warum ſollte nur die des Kanzlers Curtius frei davon ſein?!— Die Leute erzählten ſich hundert Märchen, unter Anderen Curtius habe verordnet, man ſolle ihm ſein Lieblingser⸗ bauungsbuch„von der Nachfolge Chriſti“ und die Editio princeps ſeines Lieblingsdichters, des Heiden Arakreon, in den Sarg legen.— Außer ſeiner(bald getröſte⸗ ten) Witwe überlebte ihn ein Sohn Johann Baptiſt Jacob, der unter Kaiſer Matthias Internuntius bei der 105 Der Oberſthofmeiſter war gleich nach ſeiner Ver⸗ haftung weder im Burggrafenamte geköpft, noch im ſchwarzen Thurme von der eiſernen Jungfrau zerſägt, ſondern vorläufig—(wie der Befehl des Kanzlers gelautet) in einem ziemlich großen und bequemen Staatswagen, von dem uns bekannten Hauptmann und zehn Leibgarden zu Pferde nach Elbogen ab⸗ geführt, leider aber bis zum Tode des Kanzlers und ſogar bis zu dieſer Stunde noch immer nicht ver⸗ hört worden. Dort hatte man ihm— bis auf Weiteres, wie es hieß— ein kleines, auf der höchſten Spitze der Veſte gelegenes Zimmer eingeräumt, durch deſſen einziges, mit eben ſo feſten als dicht aneinander gedrängten Eiſenſtäben vergittertes Fenſter dem Blicke des Staatsgefangenen die Ausſicht auf eine troſt⸗ los⸗ einförmige Landſchaft und auf den melancholiſch vorüberſchleichenden Fluß geſtattet war. Pforte war und im Jahre 1624 in den Orden der Jeſuiten eintrat, und eine Tochter, Eliſabeth, welche ſich ſpäter mit Chriſtoph Popel von Lobkowic, einem Anver⸗ wandten des Feindes ihres Vaters vermählte. Jacob's Nachfolger im Vicekanzler⸗Amte war Leo⸗ pold, Freiherr von Strahlendorff. 106 Die einzige Tortur, die ihn bis jetzt gemartert hatte, war ſeine völlige Abgeſchiedenheit von allen menſchlichen Weſen, die troſtloſe, einzig und allein auf ſich ſelbſt angewieſene Einſamkeit und die ſchrek⸗ kenerregende, ihn geiſterhaft angähnende und ſeine Haare zu Bergen emporſträubende Langweile. Man hatte ihm keine Bücher gegeben. Man war ſo ſtreng, ihm eben ſo wenig das Schreiben, wie das Leſen zu geſtatten. Er beſaß weder Papier noch Dinte. Er hatte ſich eine Bibel gewünſcht. Auch dieſe war ihm verweigert worden. Sein Zimmer war ohne alle Möbel. Man gönnte ihm nur ein Bett. Dicht daneben ſtand ein eingemauertes Gefäß. Zu welchem Gebrauche er⸗ rathet leicht Jeder. Man ließ ihm nicht einmal ſeine Uhr. Auch dieſes letzten Troſtes, dieſer letzten Unterhaltung des Iſolirten von der ganzen Welt war er beraubt. So wußte er nie, wie früh oder wie ſpät es ſei. Begann es zu dunkeln, bekam er kein Licht. Und ſo war er gezwungen, wenn in den kurzen December⸗, Januar⸗ und Februar⸗Tagen ſchon um vier Uhr Nachmittags die Finſterniß der endlos⸗lan⸗ gen Nächte hereinbrach, ſich auf ſein Lager zu wer⸗ fen und ſich alle erdenkliche Mühe zu geben, ſo 107 frühzeitig als möglich einzuſchlafen, um nicht wahn⸗ ſinnig zu werden aus— Langweile. Sein Ohr ſehnte ſich nach dem Tiktak einer Uhr, ſein Auge lechzte nach dem Strahle einer ärm⸗ lichen Kerze, wie die Seele des Erhungernden und Erdurſtenden in der langen, endloſen öden Wüſte nach dem Manna der Bibel. Stundenlang ſprach er mit ſich. Fragt Ihr wovon? Von Eya, ſeinem einzigen, abgöttiſch an⸗ gebeteten Kinde. Ihre ungewiſſe traurige, jeder Gefahr preisgegebene Zukunft quälte ihn tauſendfach mehr als ſeine der kleinſten Abwechslung beraubte Ge⸗ genwart, millionenmal mehr als ſeine nicht ruhm⸗ loſe und doch ſo ganz und gar in. Vergeſſenheit geſunkene Vergangenheit. Tauſendmal im Tage wiederholte er ſich, um eine menſchliche Stimme zu hören, den keinesweges tröſtlichen Sinnſpruch ſeines Hauſes: — Popel jsem, popel budu! Er überſetzte ihn, um ſeinen Geiſt zu zerſtreuen, in alle Sprachen, die ihm geläuſig waren. Der Sinn aber blieb ſtets derſelbe: — Aſche bin ich, Aſche werd' ich! Troſtloſigkeit macht manchen Menſchen zum Gottesläſterer. Ihn nicht! Er verſuchte zu beten 108 und vermochte es nicht. Sein Herz war erſtarrt, ſein Muth gebrochen. Und dennoch glaubte er an Gott. Und trotz alledem, was bis jetzt mit ihm geſchehen war, verzweifelte er noch immer nicht an der Gerechtigkeit ſeiner Richter und ſeines Kaiſers, der ihm einſt ſo ſehr vertraut. — Wenn meine Richter mich nur erſt gehört haben! rief er häufig aus. Dann erwachte von Neuem ſein Muth, dann ſammelte er in ſich neue Kraft zum Gebete jenes Schlußes, des Vater Unſer: — Führe uns nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe uns von dem Uebel, denn Dein iſt das Reich, die Kraft, die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen! Und dann war er wieder ruhig. Doch leider ſo lange nur, bis der Gedanke an Eva ſeine ſchwer gefolterte Seele in die alte Troſtloſigkeit zurückfal⸗ len ließ. An der Thuͤr war ein eiſerner Schieber ange⸗ bracht. Jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend erſchien an dieſem ſich knarrend öffnenden Fenſter ein ewig ſchweigſamer Mann, von dem er nie etwas Anderes zu ſehen bekam, als die rohe, ſchwielige, ſchmutzige Hand und den Trank und die Speiſen, die er ihm hineinſchob. Letztere waren tagtäglich 109 dieſelben. Zuerſt verlernte er aus Ekel den Hunger, dann aus Uebermüdung den Schlaf und zuletzt den Glauben an die menſchliche Gerechtigkeit. Hier habt Ihr ein Bild, ein ſchwaches Bild, einen matten Abklatſch von der heutzutage hochge⸗ prieſenen Penſylvaniſchen Straf⸗ und Beſſerungs⸗Theo⸗ rie, mit dem einzigen traurigen Unterſchiede, daß un⸗ ſerem Staatsgefangenen in ſeiner einſamen Zelle ſelbſt der Troſt der Arbeit entzogen blieb!——— An die Stelle des geſtürzten Oberſthofmeiſters war einſtweilen Adam von Sternberg getreten.*). Während dieſer Zeit war auch dem Bader Procop eine große Ueberraſchung zu Theil geworden. Seine Mundel Libusa, die„ſchönſte und tugendhaf⸗ teſte Jungfrau der Sporengaſſe, die ſich von Ritter Marcv Bragadino hatte entführen laſſen, war nach vierjähriger Abweſenheit mit einem andern Hexenmei⸗ ſter, Taſchenſpieler und Schwindler zurückgekehrt, der ſie *) Adam von Sternberg und nach ihm Wenzel Kafka von Rikan bekleideten dieſe Würde proviſoriſch. Der erſte definitive Obriſtlandhofmeiſter nach Georg Popel war wieder ein Lobkowiec, Chriſtoph Popel, Herr auf Pätek und Divisow, welcher am 24. Mai 1609 ſtarb. 110 — wie dieß ſo häufig unter Leuten ſeines Gepräges zu geſchehen pflegt,— für ſeine ihm kirchlich angetraute Frau ausgab. Dieſer Mann hieß Girolamo Scotto und war aus Parma gebürtig. Die Antecedentien oder Vor⸗ acten ſeines überall herumſchweifenden, abenteuerlichen und ränkeſüchtigen Lebens hatten durchaus nichts aufzuweiſen, was ſeinem Auftreten in Prag zur Empfehlung dienen konnte. Scotto war es, der im Jahre 1583 dem bekannten Cölner Churfürſten Geb⸗ hard Truchſeß von Waldburg durch phantasmagori⸗ ſches Gaukelſpiel in einem von ihm conſtruirten Zauberſpiegel das Bild der ſchönen Gräfin Agnes von Mansfeld gezeigt und ſie an ihn verkuppelt hatte. Dieß hatte die Folgen gehabt, daß der liebberauſchte Churfürſt, der ihretwegen zur pro⸗ teſtantiſchen Religion übergetreten und die Gräfin geheirathet, ein Jahr darauf durch Kaiſer Rudolphs Einwirkung abgeſetzt worden war. Von Cöln aus hatte ſich der Parmeſaniſche Schwindler an einige kleine Höfe Deutſchlands, zum Markgrafen Johann Friedrich nach Ansbach, von hier nach Weimar, rfürſten Herzogs Eiſenach und Coburg begeben. Er 4592 in letzterer Stadt, Anna, Tochter des( Auguſt's von Sachſen und Gemahlin de 111 Johann Caſimir von Coburg, verführt und ſie durch Verletzung der ehelichen Treue in's Unglück geſtürzt hatte*)— Im folgenden Jahre war Scotto in Dresden geweſen und hatte dort in einem geheimen Hauſe der Proſtitution die Bekanntſchaft mit einem Mädchen gemacht, welches— was bis dahin Niemand gewußt— Procvps Mündel Libusa, jener Engel an Liebreiz und Unſchuld“ war, deren Anpreiſung, wie man ſich wohl noch erinnern wird, einen in des Baders Nähe geſeſſenen Kriegsknecht zu ſo imperti⸗ nentem Nieſen herausgefordert hatte.— Von Dresden war Girolamo Scotto mit ſeiner ſogenannten Frau, die ſich trotz ihrer Ausſchweifungen noch immer auffallend friſch erhalten, mit einer einflußreichen Empfehlung und einer geheimen Miſſion von Seiten des Groß⸗ herzogs von Toscana, des zweiten Franz von Me⸗ dicis, nach Prag gekommen. In Folge jener Empfehlung hatte er, und bald darauf auch ſeine Frau“, die er überall als Clelia, ) Anna von Coburg, des Ehebruchs mit Ulrich von Lich⸗ tenſtein, Kammerjunker am Hofe ihres Gemahls über⸗ führt, ſtarb nach zwanzigjähriger Gefängnißhaft am 27. Jänner 1613, im ſechsundvierzigſten Jahre ihres aben⸗ teuetvollen Lebens auf der Veſte bei Coburg. 112 Gräfin Buoncompagni und Nichte des vor zwei⸗ undzwanzig Jahren geſtorbenen Cardinals Ippolito I. von Cibo eingeführt, freien Zutritt bei Hofe erhalten. Kaiſer Rudolph, der trotz der koſtſpieligen Erfah⸗ rungen, die er mit dem Engländer Edward Kelley, und mit dem Griechen Marco Mamugna, genannt Bragadino, gemacht, noch immer mit unabtrünniger neberzeugung an ſeinem Glauben an die Alchemie feſthielt und an der Möglichkeit, den Stein der Weiſen, das Aurum potabile und die Tinctura mar- garitarum(Goldtrank und Perlentinctur) zu entdek⸗ ken, noch keinesweges verzweifelte, hatte ſich geneigt finden laſſen, auch den Verſprechungen des Parmeſa⸗ niſchen Goldkochs huldreichſt Gehör zu ſchenken, um ſo Jeichter und lieber, da er an der Frau desſelben heimlich Gefallen fand und weil es ſeinem Kenner⸗ blicke nicht entgangen war, daß die Nichte des ſeli⸗ gen Cardinals von Cibo“ nicht minder üppig als ge⸗ fallſüchtig zu ſein ſchien. Der einzige Menſch, für den die wahre Ah⸗ kunft dieſer Frau kein Geheimniß ſein konnte, war der Bader Procop, der ſeine ehemalige Mündel eines Morgens, als ſie allein aus der Thomaskirche heim⸗ kehrend, trotz ihres Schleiers und prächtigen Anzugs 113 ſofort erkannt, feſtgehalten und dann erſt wieder frei gelaſſen, nachdem ſie ihn— was war ihr Anderes übrig geblieben?— in das Geheimniß ihrer jetzigen Stellung eingeweiht und ihm dafür das heilige Ver⸗ ſprechen abgenöthigt hatte ,ſtumm zu ſein wie das Grab.— Procop, der, wie man leicht begreifen wird, ſeitdem nicht wenig eitel auf die Ehre war, ihr Vormund geweſen zu ſein, hatte ihr bei allen Heiligen ſeines böhmiſchen Kalenders gelobt, ewig zu ſchweigen wie ein Fiſch. Sie ihrer Seits hatte ihm dafür verſprochen, bei Hofe ſeine geheime Schutz⸗ patronin zu werden und— zum Lohne ſeiner unver⸗ brüchlichen Verſchwiegenheit—„ſorgen zu wollen für ſein Fortkommen. Und nur durch dieſe Ausſicht, die ſie ſeinem Eigennutze, ſeinem Ehrgeize eröffnet hatte, war es der verſchmitzten Dirne gelungen, ihn ganz für ſich einzunehmen. So ſtanden die Sachen, als Eva von Lobko⸗ wic, ihrer eigenen Eingebung und dem Rathe ihres Lebensretters Jeſſenius folgend, ſich zu dem ſchweren Gange nach dem Hradſchin entſchloſſen hatte. 1 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 8 114 Zehntes Capitel. Die Hofburg und ihre Umgebungen. Wir ſteigen die alte Schloßſtiege hinan. Im Innern des Zwingers, den wir jetzt betreten, er⸗ blicken wir die Bildſänle der heiligen Barbara, in welcher die katholiſche Kirche und deren rechtgläubige Anhänger die ſogenannte„Sterbepatronin“ verehren. In der Nähe dieſer(ſeit jener Zeit vielfach renovir⸗ ten und noch peige Tags dort zu ſehenden) Sta⸗ tue pflegten damals jene Verbrecher hingerichtet zu werden, welche des Vorzugs genoſſen, dem adeligen Stande anzugehören. Das eigentliche(rückwärtige) Burgthor befand ſich zu jener Zeit unterhalb des ſogenannten ,ſchwar⸗ zen Thurmes, welcher viereckig und aus regelmä⸗ ßig behanenen Quaderſteinen aufgeführt, für den älte⸗ ſten Beſtandtheil der Prager Königsburg angenom⸗ men und als der letzte Ueberreſt der Wenzelsburg betrachtet wird. Die oberen Gelaſſe des ,ſchwarzen Thurmes⸗ wurden in der rudolphiniſchen Zeit als Schuldge⸗ fängniß und Kerker vornehmerer Verbrecher be⸗ nutzt; im unteren Geſchoſſe befand ſich die eiſerne 115⁵5 Jungfrau,“ deren ſchauerliche Bekanntſchaft unſer Leſer ſchon früher gemacht hat. Die übrigen, längs des ſo⸗ genannten Hirſchgrabens fortlaufenden runden Ge⸗ fängniß⸗ und Befeſtigungsthürme:„Die Daliborka der weiße Thurm, und die Mihulka“ ſind zwar nicht ſo alt, als der ,ſchwarze Thurm,“ ſtanden aber gleichfalls ſchon lange vor Rudolphs Zeit. Wir treten jetzt durch das rückwärtige Burgthor. Zur Rechten liegt das Oberſtburggrafenamt, zur Linken das alte Pernſtein'ſche jetzt Lobkowic'ſche Haus, in welchem(zehn Jahre ſpäter) einer der bekannteſten Staatsmänner Böhmens, Zdenko Adalbert Popel von Lobkowic auf Raudnic mit ſeiner eben ſo gottes⸗ fürchtigen als heldenmüthigen Gemahlin Polixena, geborenen von Pernſtein und verwitweten von Roſen⸗ berg wohnte. Dicht neben dem Pernſtein⸗Hauſe erhebt ſich ein alterthümlicher impoſanter Bau, der Palaſt der mächtigen Familie Roſenberg, in welchem, zwei Jahre zuvor, ein Gegner Georg Popel's von Lobkowie, der berühmte Oberſtburggraf, Wilhem von Roſen⸗ berg, geſtorben wars).— Aus dieſem Hauſe führte Wilhelm von Roſenberg, der reichſte und mächtigſte Magnat Böhmens, Ritter des goldenen Vließes, Mäcen, 8* „. 116 ein verdeckter Verbindungsgang in die königliche Burg, theils zur Bequemlichkeit der Beſitzer, welche hohe Hofämter bekleideten, theils wegen des königlichen Buchhalterei⸗Amtes, das nach dem großen Schloß⸗ brande 1541 im Roſenberg'ſchen Palaſt untergebracht worden war und worin es bis zum Jahre 1608 blieb. Das Palais der Roſenberge, damals noch mit vier ſchlanken Kuppelthürmchen geziert, welche erſt in ſpäterer Zeit abgetragen wurden, iſt das heutige Da⸗ menſtift. Links daneben erblicken wir die Allerheiligen⸗ kirche(die ehemalige Schloßkapelle). Gegruͤndet von König Ottokar II., erweitert von Kaiſer Karl IV. und verwüſtet durch den Schloßbrand des Jahres 1541, ward dieſe Kirche, vierzig Jahre ſpäter durch Eliſabeth, Tochter Kaiſer Marimilians II., Witwe König und leidenſchaftlicher Freund der Jagd, eine Zeit lang Geſandter in Polen, deſſen Königskrone man ihm an⸗ getragen hatte, bekleidete das Oberſtburggrafen⸗Amt ſeit dem Jahre 1570 und ſtarb am 31. Auguſt 1592.— Im Jahre 1606 wohnte in demſelben Hauſe Peter Wok, der letzte männliche Sproße der Familie Roſenberg, nach deſſen Tode dieſer Palaſt an Georg von Schwam⸗ berg kam. 117 Carls IX. von Frankreich und Schweſter Kaiſer Ru⸗ dolphs II. ſo hergeſtellt, wie dieſe Kirche ſich noch jetzt unſern Blicken zeigt. Gegenüber dem Roſenberg'ſchen Palaſt ragte das uralte Thurmpaar der Sanct Georgskirche(ganz in ſeiner jetzigen Geſtalt) empor. Die Kirche ſelbſt, deren Inneres in rein byzantiniſchem Style erbaut iſt, zeigte, gleich wie das anſtoßende Kloſter, noch ganz dasſelbe Aeußere, welches ihr die unter Wiadis⸗ law II. und Kaiſer Ferdinand I. vorgenommenen Reſtaurationen gegeben hatten.— Das Benedieti⸗ ner⸗Nonnenſtift zu Sanct Georg ſtand damals in hohem Anſehen: die gefürſteten Aebtiſſinnen dieſes Kloſters beſaßen das uralte Recht, Krone und Bi⸗ ſchofsſtab zu tragen und die Königinnen von Böh⸗ men zu krönen. Die letzte Fürſtin, die ihre Krone aus den Händen dieſer Aebtiſſinnen entgegengenom⸗ men hatte, war Maria, die Tochter Carl's V., die Gemahlin Marmilians II., die Mutter unſeres Ru⸗ dolphös. In der Nähe des Sanct Georgkloſters befan⸗ den ſich die Wohnungen der Alchymiſten und Adepten des rudolphiniſchen Hoſſtaates. Aus dieſem Grunde hieß das ſteilhin aufſteigende, äußerſt ſchmale und nicht ſehr reinliche Gäßchen, das ſie bewohnten, ſchon damals, 118 wie noch heutzutage, das goldene Gäßchen.“ Dieſe una nſehnliche Straße en miniature beſtand(wienoch jetzt) größtentheils aus ebenerdigen, meiſt zweifenſterigen Häuschen. In einzelnen nur befindet ſich dicht neben dem ſchmalen Eingang noch ein drittes Fenſter. Es giebt keine zweite Straße in ganz Prag, ja ſogar in der ganzen Welt, in welcher nach und nach ſo viel Künſtler und Abenteurer, ſo eng zuſam⸗ mengedrängt und eingepfercht, dicht neben einander gewohnt als in dieſem(jetzt ziemlich in Verfall ge⸗ rathenen, faſt ausſchließlich dem Proletariate einge⸗ räumten) Goldgäßchen. Hier hatten zur Zeit Rudolph's, zu verſchie⸗ denen Epochen ſeiner künſtebeſchützenden Regierung nachfolgende mehr oder minder berühmte und theils auch ſehr berüchtigte Koriphäen gewohnt: John Dee, ein engliſcher Gelehrter, der, Ma⸗ thematiker, Pyſiker, Chemiker und Aſtrolog, ſich Jahre lang ſein Gehirn mit Anffindung des Lapis philo- sophorum“ des Steines der Weiſen zergrübelt und auch in ſeinen Mußeſtunden noch Zeit gefunden hatte, ein ziemlich umfangreiches Wörterbuch jener uns Allen unbekannten Sprache, welche Adam und Eva im Paradieſe geſprochen, auszuarbeiten und es ſeinem„erhabenen Gönner, dem Kaiſer Rudolph 119 zuzueignen, der indeß klug und weiſe genug war, die ihm angetragene Dedication in„Hulden“ abzuleh⸗ nen, weßhalb der Druck dieſes Werkes, wie der ſo manches Andern dieſer Art, glücklicher Weiſe unter⸗ blieben war. Außerdem hatte er auch im Geruche der Magie geſtanden und ſich mehr als einmal ge⸗ ruͤhmt: er habe häufig ſeinen Genius geſehen, der während ſeiner Abweſenheit vom Hauſe für ihn ſtudirt und ihm dann erſt Platz gemacht, wenn er ihm auf die Schulter geklopft und geſagt habe, daß er gehen könne. Früher Profeſſor der Mathematik zu Cambridge und Paris, war er 1584, damals acht⸗ undfünfzig Jahre alt, von Krakau nach Prag ge⸗ kommen und erſt ſechs Jahre ſpäter, nachdem er einige Monate lang Mitarbeiter ſeines nach ihm genannten Landsmanns in der Goldkochkunſt ge⸗ weſen, nach ſeiner Vaterſtadt London zurückgekehrt, wo Königin Eliſabeth, die gleichfalls an dieſe Künſte geglaubt, dem alten Herrn eine Penſion verlieh, die er bis zu deren Tode genoß*) Ferner hatte hier gewohnt Eduard Talbot, ein Aben⸗ *) Fünf Jahre nach dem Tode der Königin Eliſabeth ſtarb er(1608) zu Mortlake im Alter von zweiundachtzig Jahren. teuer aus Worcheſter, ein ehemaliger Notar zu Lancaſter, der überwieſen, allerhand ihm anvertraute Urkunden theils verfälſcht, theils ganz unterſchlagen zu haben, mit abgeſchnittenen Ohren fortgejagt worden und von dort nach Wales geflüchtet war, wo er im Grabe eines alten katholiſchen Biſchofs eine Handſchrift ge⸗ funden zu haben vorgab, die das Geheimniß der Goldmacherkunſt enthielt. Unter dem angenommenen Namen Kelley und mit dem geheimnißvolſen Recepte war er 1589 nach Prag geeilt, von Rudolph in den böhmiſchen Ritterſtand erhoben, dann aber in Ungnade gefallen, weil es ſich— wunderbar genug— erſt zwei Jahre ſpäter herausgeſtellt, daß er den Kaiſer ſchmählich betrogen habe, wofür dieſer ihn nach Pürg⸗ litz abführen ließ. Ein nicht minder intereſſanter Schwindler dieſer Straße war der Schleſier Georg Kretzſchmar, der dem Kaiſer ein angeblich unverwüſtliches Papier überreicht hatte. Kretzſchmar gab vor, bei Reinertz in Schleſien eine Quelle entdeckt zu haben, deren Waſſer ſein Papier vor Moder, Schaben und Mottenfraß ſchützen ſollte. Rudolph war über dieß ſogenannte unſterb⸗ liche Papier ſo hoch erfreut, daß er dem Erfinder desſelben einen Adelsbrief und das Prädicat von Schen⸗ kendorf verlieh. 121 Hier endlich hatte noch vor wenigen Monaten der Ritter Bragadino in Geſellſchaft ſeines vierfüßi⸗ gen Prinzen und der ſchwarzen Prinzeſſin gehauſt. Doch nicht bloß Magier, Goldköche und andere Abenteurer, auch ehrenwerthe Künſtler, wie die berühm⸗ ten Edelſtein⸗, Gemmen⸗ und Cameenſchleifer Jobſt von Brüſſel, die drei Brüder Miſeron, von welchen Octavio der bekannteſte war, Kaſpar Lehmann und Schweiger, die kunſtreichen Goldſchmiede und Ciſeliere Pablo de Vianez, Juan de Vogos und Hans Conrad Greitter; die Bildhauer und Gießer Alerander Colin, Adrian van Fries, Aleſſandro Aboudio und Giovanni da Monte, ja ſogar viele Maler und Kupferſtecher des Hofes, wie Roland Savery, Peter von Mecheln, Gilles und Raphael Sadeler, Jeremias Günther, Huf⸗ nagel Vater und Sohn(nur die ganz beſonders be⸗ günſtigten Lieblinge und Vertrauten des Kaiſers, der Maler Bartholomäus Spranger und Johann von Aachen wohnten in der Burg ſelbſt) hatten in dem ſtillen, einſamen Gäßchen abwechſelnd ihr beſcheidenes Atelier vder ihre anſpruchsloſe Wohnung aufgeſchlagen. Nennt uns eine große Straße, die ſo vielen Kunſtfleiß, ſo vielen Künſtlerruhm und ſo viel aben⸗ teuerlichen Alchemiſtenruf in ſich aufgenommen und 122 ſo gaſtfrei beherbergt hat, wie das kleine goldene Gäßchen auf der Rückſeite des Hradſchins zu Prag. Kehren wir jetzt zur Vorderfronte zurück. Erſt neben der Allerheiligen Kirche beginnt die eigentliche Königsburg, die im Jahre 1333 von Kaiſer Karl IV. nach dem Vorbilde des Pariſer Louore angelegt und von deſſen Nachfolgern Wenzel IV., Wladislav II., Ferdinand I. und Maxmilian II. nach verſchiedenartigen Planen erweitert. Auf der Seite, deren zahlloſe Fenſter auf die ihr zu Füßen liegende, majeſtätiſch⸗ imponirende Königsſtadt herabſehen, er⸗ blickt man auch jene Fenſter, aus welchen(1618) aus bekannter Urſache zwei Statthalter Jaroslav Bokita von Martinic, Wilhelm Slawata von Chlum und der Geheimſchreiber Fabricius Platter in den Schloßgraben hinabgeſtürzt wurden. Dieſe That war der Prolog zu jenem ſchauerlichen Drama, das unter dem Titel„der dreißigjährige Krieg⸗ ſatt⸗ ſam bekannt iſt.— In dem etwas höheren Mittel⸗ gebäude desſelben Flügels befindet ſich jener noch jetzt mit vollem Rechte, durch Beneſch von Laun erbaute, herrlich gothiſche Ritterſaal, der, aus der Zeit des prunkliebenden Königs Wladislaw II., noch heute die⸗ ſen glanzumſtrahlten Namen trägt. Dieſer Wladislaw'ſche Saal“, damals des Königs 123 Pfalz(paläc, palatium) genannt, war zur rudol⸗ phiniſchen Zeit noch viel höher und großartiger als jetzt. Vor hundert Jahren hatte man den überflüſſi⸗ gen Aet ausgeführt, den untern Theil dieſes Rieſen⸗ ſaales abzuſchneiden, um daraus ein geräumiges Gelaß zu einer neuen Hofküche herzuſtellen. In dieſem ungeheuren(ietzt verſtümmelten) Saale wurden in früheren Zeiten Turniere und andere Ritterſpiele zu Fuß und zu Pferde abgehalten, beſon⸗ ders während der Regierung König Ferdinands 1. und während der Statthalterſchaft des eben ſo rit⸗ terlichen als zärtlichen Erzherzogs Ferdinand von Tyrol, des Gemahls der wunderlieblichen Philippine Welſer. Eines der großartigſten Turniere ließ hier Ferdinand I. zu Ehren des im Jahre 1540 am Pra⸗ ger Hoflager verweilenden Churfürſten Moritz von Sachſen abhalten; es wurden bei dieſer Gelegenheit auch einige kleine Reitermanoeuver mit mehr als hun⸗ dert Pferden in dieſem Prankſaale ausgeführt.— Die Wände desſelben waren mit ſchwerem Goldbrokat und koſtbaren Teppichen überkleidet und unter den zahlreichen Armleuchtern und Hängluſtern nahm vor⸗ zugsweiſe ein rieſiger Bronzekronleuchter, welchen die freie Reichsſtadt Nürnberg dem Feſtgeber zum Geſchenk * 124 gemacht, die Bewunderung vielgereiſter Fremder in Anſpruch nahm.*) Die eigentliche Königsburg war zu Rudolphs Zeit noch nicht ganz ſo groß und umfangreich wie jetzt. Ein von Rudolph nach dem Schloßbrande her⸗ geſtellter Burgflügel, war der ſogenannten„Staub⸗ brücke zugekehrt, welche Ferdinand I. im Jahre 1535 aus Holz erbaut hatte.— In dieſem Theile der Burg befand ſich eine Reihe von Säälen und Zim⸗ mern, angefüllt mit Kunſtſchätzen, Alterthümern, Ra⸗ ritäten und Koſtbarkeiten aller Art, welche Rudolph mit großer Mühe und bedeutenden Geldopfern aus aller Herren Länder aufgehäuft hatte. Der Reich⸗ thum dieſer(nach ſeinem Tode zerſplitterten und in alle Weltgegenden zerſtreuten) Sammlungen, muß ein unermeßlicher geweſen ſein, wenn man erwägt, daß nach der Schätzung des berühmten Jeſuiten und Archäologen Jules Ceſar Boulenger,(geſtorben am 3 Auguſt 1628 zu Cahors) der Werth am Perlen, Edelſteinen, Gold⸗ und Silberſachen, welche der *) Im Jahre 1607 ließ der Antwerpener Künſtler Gilles Sadeler eine meiſterhaft ausgeführte Abbildung des Wladislaw'ſchen Saales, in Kupfer geſtochen, an's Licht treten. 125 Kaiſer während ſeiner Regierung aufgeſammelt, über ſiebzehn Millionen Goldgulden betragen haben ſoll.*) Im ſogenannten ſpaniſchen Saale“ waren eben ſo ſeltene als koſtbare aſtronomiſche und mechaniſche Inſtrumente, Geigen und Orgelwerke, tanzende und ſpielende Automaten, rieſige Erdkugeln aus Meſſing und unter tauſend andern Kunſtwerken auch ein gro⸗ ßer venezianiſcher Spiegel aus hellpolirtem Stahl aufgeſtellt. Im neuen oder„deutſchen Saale“ prangten an⸗ tike und moderne Statuen von Erz und Marmor, Büſten aus Erz und Wachs, Gypsabgüße, Reliefs und mehr dergleichen. Hier befand ſich Un ſpätern Jahren) auch jene prachtvolle Statue, deren Erwer⸗ bung, Verſtümmelung und Wanderung wir im ſpä⸗ teren Verlaufe unſeres Romanes zu erzählen uns vorbehalten. In den übrigen Säälen und Gängen desſelben Burgflügels waren ſiebenhundert und vierundſechzig und in den ſogenannten Kaiſerzimmern achtzig Bilder auf⸗ *) Die Rudolphiniſche Kaiſerkrone(noch jetzt in der kaiſerli⸗ hen Schatzkammer zu Wien aufbewahrt) enthielt unter andern koſtbaren Edelſteinen eine ſogenannte Rieſenperle, für welche Rudolph 30,000 Dukaten bezahlt haben ſoll. 126 gehängt, lauter Meiſterwerke erſten Ranges von ſo großer Seltenheit und ſo hohem Werthe, daß damals mit der Prager Gallerie keine zweite(außerhalb Ita⸗ liens) zu wetteifern im Stande war. Hier prangten mehrere Raphael, die ſchönſten Correggio, die beſten Bilder von Paolo Veroneſe, Leonardo da Vinci, Guido Reni, Giulio Romano, Jacopo Robuſti, ge⸗ nannt Tintoretto und Tizian, außerdem viele pracht⸗ volle Gemälde ſpaniſcher und niederländiſcher Meiſter, welche Rudolphs Vater, Maxmilian Il., aus Madrid und Brüſſel nach Prag gebracht hatte. Ein höchſt werthvoller Beſtandtheil der rudol⸗ phiniſchen Kunſtſammlungen war die außerordentlich reiche Rüſtkammer, ausgeſtattet mit den ſchönſten böhmiſchen, ungariſchen, niederländiſchen, ſpaniſchen und mailändiſchen Waffen, ganzen und halben Rüſtun⸗ gen, Stechzeugen, Tartſchen, Helmen und Schilden, ſpäter auch mit prächtigen türkiſchen Trophäen, wel⸗ che die königlichen Feldhauptleute Niklas Zriny, Rädern, Treka, Kinsky, Hardegg, Paradis, Roßwurm, Adolph von Schwarzenberg, Georg Baſta und andere von Jahr zu Jahr vermehrten. In den Erdgeſchoſſen dieſes Theiles, unterhalb der Arbeitszimmer und Kunſtſammlungen des Kaiſers, befanden ſich die äußerſt geräumigen, ungemein ſauber 127 und zierlich eingerichteten Marſtälle, bevölkert von den koſtbarſten Pferden der ſeltenſten Rahe, wahre Prachtroſſe, welchen Rudolph zärtliche Vorliebe, außer⸗ ordentliche Sorgfalt und in ſpäteren Jahren ſogar allerhöchſteigenhändige Pflege angedeihen ließ, denn — ſchreibt der gelehrte Hradſchinkenner, deſſen Be⸗ ſchreibung wir faſt Wort für Wort gefolgt ſind— Rudolph liebte ſeine ſchmucken Pferde faſt im glei⸗ chen Maße wie die Künſte und die Wiſſenſchaften. Das aber hatte er vergeſſen zu erzählen, daß der Kaiſer ſeinen vierfüßigen Lieblingen die Namen mancher ſeiner zweibeinigen Günſtlinge beizulegen ge⸗ ruht hatte. Und ſo kam's, daß es im Hoſfſtaate ſeiner Marſtälle einen arabiſchen Goldfuchs gab, welcher zuerſt„Kelley und ſpäter,Sendivoj“ hieß, ein wallachi⸗ ſcher rabenſchwarzer Hengſt, welcher den Namen eines ſeiner vertrauteſten Günſtlinge, des Hofmalers Johann von Aachen“ trug, zwei ſpaniſche Falben, welche nach ſeinem Maler und Kupferſtecher, Raphael und Gilles Sadeler genannt worden waren und endlich drei blendendweiße Schimmelſtuten, die, aus nur ihm be⸗ kannten Grunde auf die Namen„Magdalena“„Eva⸗ und„Cleliae— wenn auch ſeit Kurzem erſt— zu hören ſich allmählig gewöhnten, denn früher hatten 128 dieſelben Stuten die Ramen der drei mythiſchen Par⸗ zen„Clotho Lacheſis und Atropos⸗ geführt. Links über der Staubbrücke befand ſich das geräumige Turnierhaus*) mit einem Rennplatze und ringsum mit Gallerien und Logen für die Zuſchauer umgeben. Rechts an der Staubbrücke lag das große Ballhaus, in welchem ſich Kaiſer Rudolph in früheren Jahren, als er noch mehr Lebemann und weniger Grillenfänger und Menſchenfeind wie ſpäterhin ge⸗ worden war, oft im Kreiſe ſeiner Hofcavaliere mit dem damals bei Reich und Arm gleich beliebten Ball⸗ ſchlagen allerhuldreichſt zu amüſiren geruhte. Neben dem großen Ballhauſe ſtand ein kleineres, in welchem zu allen Stunden des Tages das, wie überall auch hier müßiggehende Faulenzervolk der Pagen gleichfalls mit dem Ballſpiele die edle Zeit todtſchlug.— Zur Be⸗ ſorgung des Dienſtes in den beiden Ballhäuſern, zur An⸗ fertigung der Bälle und Pritſchen war ein ausſchließ⸗ lich nur damit beſchäftigtes, ziemlich zahlreiches Per⸗ ſonal angeſtellt, welches unter der Oberaufſicht zweier kaiſerlichen Ballonmeiſter, Alfonſo Paſetti, von Ferrara, und Giulio Anfoſſo aus dem Mailändiſchen, ſtand. *) Gegenwärtig ein k. k. Artillerie⸗Repoſitorium, das über ſeinem Eingangsthor die Nummer 53 trägt. 129 An die Ballhäuſer gränzte die Reitſchule. Hier wollen wir einen Augenblick ausruhen, um von da aus, im nächſten Capitel unſerer Erzählung, die übrigen Sehenswürdigkeiten der Königsburg in Angenſchein zu nehmen. Eilftes Capitel. Der kaiſerliche Luſtgarten. Eine der größten Sehenswürdigkeiten damaliger Zeit war der kaiſerliche Luſtgarten auf dem Hradſchin. Unter der Regierung Ferdinands I., der ihn mit ganz beſonderer Vorliebe gepflegt hatte, waren die ehrwürdigen Benedietinerinnen des Sanct⸗Georgklo⸗ ſters genöthiget worden, zur Erweiterung dieſes Gar⸗ tens einige ihnen zugehörige Grundſtücke abzutreten. Die gefürſteten Sbtiſſinnen dieſes Stiftes, die ſich Anfangs dieſer Abtretung wiederſetzt hatten, waren, als man ihnen mit Entziehung ihrer alten Präro⸗ gative, die Krone und den Biſchofsſtab zu führen, gedroht, bald anderer Meinung geworden und hatten ſich endlich in das, was unvermeidlich erſchienen war, 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 9 130 gefügt.— Marmilian II., ein leidenſchaftlicher Blumen⸗ freund, hatte dieſen Garten bedeutend verſchönert, und Rndolph denſelben auf die höchſte Stufe der Cultur erhoben. Es gab zur Zeit des Letzteren(außerhalb Frankreich und Italien) nur wenige Schloßgärten, die ſich mit der Pracht und dem Lurus jenes auf dem Hradſchin hätten meſſen können. Hier war's, wo die erſten Tulpen, welche der kaiſerliche Geſandte, der flamländiſche Diplomat Augier Ghislain de Busbeg aus dem Orient nach Prag gebracht, unter Rudolph's Augen ihre farbenprangenden Kelche erſchloßen. Da⸗ mals koſtete manche Tulpe faſt eben ſo viel als jetzt mancher Garten. Von hier aus verbreiteten ſich dieſe bunten Schmetterlinge der Blumenwelt durch das ganze übrige Europa. Die erſte Tulpe, die auf dem Hradſchin zur Blüthe gelangt war, hatte der Kaiſer in poetiſcher Anwandlung— wie ſie ihn manchmal überkam— zu Ehren ſeiner vielgeliebten Mutter Maria“ getauft. Rudolph's Lieblingsplätzchen lag in der Nähe des Löwenhauſes. Gegen Riedergang am Garten— ſagt eine gleichzeitige Beſchreibung— wurden in ſonderlichen Gebäuden mit hölzernem Gitter Löwen, Leoparden, auch andere wunderbarliche Thiere aufgehalten. ——— 131 . Der größte dieſer Thierkäfige war das Löwen⸗ haus. Es eriſtirte ein ſolches auf dem Prager Schloſſe ſchon ſeit dem vierzehnten Jahrhundert, ſo daß es— wie unſer neuerer Cicerone bemerkt— uns ſcheinen will, man habe die Löwen auf dem Hradſchin als lebende Wappenſymbole des Landesſchildes gehegt, gleich wie die Stadtgemeinde zu Bern noch heutzutage ein Paar Bären auf Communalkoſten im Wallgraben füttert. Schon unter Wenzel W. war ein Löwen⸗ wärter(Custos leonum) in Prag beſoldet worden. — Rudolph hielt neben den Löwen auch Tiger, Pan⸗ ther, Leoparden und andere damals ungemein ſeltene Thiere. Mehrere derſelben hatte er vom Großſultan und einer perſiſchen Geſandtſchaft zum Geſchenk erhalten, die übrigen für ſchweres Geld verſchrieben. Aber nicht nur im Luſtgarten, ſelbſt in ſeinem Arbeitsgemache hatte der Kaiſer einen ſtattlichen Löwen, den er ſelbſt von Jugend auf dergeſtalt gezähmt und abgerichtet hatte, daß er mit der Willigkeit eines Pudels jedem Winke ſeines Herrn zu gehorchen gewohnt war. Dieſer Löwe— ſein Liebling— hieß„Ottokar“. Nicht fern vom Löwenhauſe ſtand ein großes Papageienhaus und eine Reihe geräumiger Drahtkä⸗ fige, in welchen buntfarbige Vögel aller Zonen ein 9* 132 fortwährendes Concert von Gezwitſcher und Geſang executirten. Dem ſchwarzen Thurme gegenüber befand ſich das zum Erziehen von Orangen⸗ Granat⸗ und Fei⸗ gen⸗Bäumen beſtimmte Wärmhaus, in welchem auch majeſtätiſche Palmen und rieſige Farrenkräuter aus der Tropenwelt ihre ſtolzen Fächer und feingezackten Blätter in die mit balſamiſchem Wohlgeruch geſchwän⸗ gerte Atmoſphäre erhoben. Der niederländiſche Bo⸗ taniker Matthieu de L Obel') hatte ihm die ſchön⸗ ſten und ſeltenſten Blumen aus Spanien und den beiden Indien zugeſandt. Kreuz und quer durchſchnitten den ganzen Garten ſymmetriſch angelegte Gänge mit duftenden Blumen⸗ rabatten, niedrigem Geſträuch oder Tarushecken ein⸗ gefriedet. Einige Partien waren mit höherm Buſch⸗ werk und pyramidenartig zugeſtutzten Baumgängen beſetzt. Ein ganz eigenthümlicher Zauber des Kaiſer⸗ gartens war Gzu Rudolph's Zeit) das Blumen⸗Pa⸗ ternoſter, welches die Reiſenden Georg Braun und *) Es iſt derſelbe, dem zu Ehren, mehr als hundert Jahre Linns eine der ſchönſten Blumen Loblia ge⸗ tauft. 133 Franz Hogenberg in ihrem gemeinſchaftlich heraus⸗ gegebenen„Theatrum urbium“ beſchreiben, wie folgt: „Büſche und Blumen waren an Geſtellen aus Eiſen⸗ ſtäben, welche die Form rieſiggroßer lateiniſcher Buch⸗ ſtaben hatten, künſtlich gezügelt und ſo geordnet, daß ſie den ganzen Text des Gebetes des Herrn bildlich veranſchaulichten.“ In einem andern Bosquet prangte, gleichfalls aus künſtlich gezügelten Blumen geformt, die De⸗ viſe Rudolph's, beſtehend aus den fünf Buchſtaben: Viele große Waſſerbecken von Marmor und Granit, geziert mit Bronze⸗ und Marmor⸗Figuren aus den Werkſtätten der kaiſerlichen Hofkünſtler, waren in abgemeſſenen Zwiſchenräumen angebracht; ſie ſpritz⸗ ten und ſprudelten durch künſtliche Druckwerke in kühnen abenteuerlichen Strahlen das Waſſer hoch in die Luft; in den Baſſins ſelbſt ſchwamm und plätſcherte, angelockt von den Strahlen der ſich im Waſſer abſpiegelnden Sonne, ein buntſchillerndes 9) Von dieſer geheimnißvollen Deviſe find uns zwei ver⸗ ſchiedene Auslegungen bekannt. Die Eine lautet A Domino Salus In Pribulatione; die Andere: Auxiliante Deo Sum Inimicis Terror. 134 Heer großer und kleiner Gold⸗ und Silber⸗Fiſche. Einer der ſchönſten Brunnen hat ſich bis auf unſere Zeit erhalten. Er ward nach einem claſſiſchen Modell im Jahre 1568 auf Befehl Marximilians II. aus Kanonenmetall gegoſſen durch Thomas Joros, einen Brünner, königlichen Stück⸗ und Glockengießer auf dem Hradſchin. Dieſer Brunnen enthält 91 Centner 36 Pfund Kanonenmetall, deſſen Guß 3322 Gul⸗ den gekoſtet hat.*) Der ganze Garten war von einer Unzahl von Bildſäulen aus Stein oder Metall bevölkert. Die meiſten derſelben ſtellten mythologiſche Figuren, wie die zwei Dioscuren, die drei Grazien, die vier Jah⸗ reszeiten und mehr dergleichen dar. Von all' dieſen Statuen hat ſich nur ein Herkules, in dem(leider jetzt etwas vernachläßigten) Schloßgarten erhalten.— Wäre dieſem ſteinernen Epigonen durch Zaubermacht die Gabe verliehen, die Denkwürdigkeiten ſeiner Zeit *) Von demſelben Meiſter ward die Glocke des Prager Sanct Veitdoms mit Wappen und Reliefbildern Kai⸗ ſer Ferdinands I. und ſeiner Gemahlin Anna von Böhmen im Jahre 1549 gegoſſen. Sie wiegt 270 Centner und iſt eine der größten Glocken in ganz Europa. 135 zu ſchreiben, ſie würden zweifelsohne anziehender als die ſo mancher unſerer modernen Memviren⸗ ſchreiber ſein, denn dieſer alte, ehrliche Herkules hat während der Zeit ſeines Lebens ſo Manche und Manches an ſich vorüberkommen und gehen, ſteigen und fallen ſehen, während er ſelbſt noch immer auf ſeiner alten Stelle ſteht, unbewegt und unbeweglich, als Symbol des zu Stein gewordenen Status quo der alt⸗ römiſchen Götterlehre.*) Die Hauptzierde des ganzen Garten war das herrliche, noch jetzt beſtehende Ferdinandeiſche Luſt⸗ ) Die anderen Statuen wurden in ſpäterer Zeit ein Opfer wiederholter feindlicher Einfälle. Großen Vanda⸗ lismus verübten hier die im Jahre 1631 auf dem Hradſchin einquartirten Regimenter des ſächſiſchen Ge⸗ nerals Hans Georg Grafen von Arnim auf Boitzen⸗ burg. Im Jahre 1648 entführten die Schweden unter Königsmark die ſchönſten Metallſtatuen in ihre nor⸗ diſche Heimath. Die ärgſte Verwüſtung richteten im Jahre 1742 vier Franzöſiſche Regimenter ein, welche während der bekannten Occupation im Kaiſergarten cam⸗ pirten. Mehrere franzöſiſche Generale hatten ſich damals im Belvedere eingeniſtet. Die letzten Ueberreſte rudol⸗ phiniſcher Pracht im Kaiſergarten verſtümmelten und zerſtörten die Bomben und Granaten Friedrichs II. im Jahre 1757. 136 ſchloß— Belvedere genannt.— Eine großartige Treppe führt zu einem, durch ſeinen antiken Styl imponirenden Rieſenſaal empor, in welchem Bilder und Bildſäulen, Reliefs und Gipsabgüſſe ſich befan⸗ den. Der Boden war mit dem Holze libanon'ſcher Cedern getäfelt.*) Kaiſer Rudolph, der ſich ſchon im Jahre 1572 einen verdeckten Gang aus ſeinen Wohnzimmern über den Hirſchgraben in den Luſtgarten hatte anlegen laſſen, pflegte am häufigſten im Ferdinandei'ſchen Luſt⸗ ſchloſſe zu verweilen. In dieſem Saale war's, wo er ſich abwechſelnd mit dem Schleifen von Edelſtei⸗ nen, mit aſtronomiſchen und aſtrologiſchen Studien zu beſchäftigen pflegte. Der Hirſchgraben war parkartig eingerichtet und diente als Thiergarten, woher auch ſein Name kommt. Noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhundertes wurden dort Hirſche unterhalten. Jetzt iſt die ganze alte Königsburg nur ein bleiches Schattenbild von dem, was ſie zur Zeit *) Seit drei Jahren werden die Wände dieſes jetzt ganz leeren Prachtſaales mit geſchichtlichen Frescomalereien von Carl Swoboda und Trenkwald neu geſchmückt. Rudolph's geweſen war. Die Poeſie jenes Jahr⸗ hundertes, wenn auch mitunter bizarr und abenteu⸗ erlich, iſt aus den Räumen dieſes Schloſſes verſchwun⸗ den und hat einem klöſterlich ruhigen, im Stillen nichts als Gutes thuenden Einſiedlerleben Platz ge⸗ macht. Jetzt reſidirt hier Ferdinand der Gütige.— Wir können den Balcon des Belvedere nicht verlaſſen, ohne zuvor noch einen wehmüthigen Ab⸗ ſchiedsblick herniederzuwerfen auf das ſtolze, ehrwür⸗ dige, hundertthürmige Prag, das wie eine ſteinerne Sphynr zu den Füßen ſeiner alten ruhmgeſchmückten Königsburg liegt und fragend hinaufzublicken ſcheint, wann die Zeiten des alten Ruhmes wiederkehren. Prag hat eine große glorreiche Vergangenheit. Auf jeder Straße liegt ein Stück Geſchichte, aus jedem ſeiner vielen Paläſte ſchaut ein Stück mittelalterlicher Romantik heraus. Es giebt nach Paris vielleicht keine zweite Stadt, die ſo überreich an geſchichtli⸗ chen Rückerinnerungen, an ſieggekrönten Reminis⸗ cenzen iſt als die uralte Königſtadt Prag. Sie war's, die nach Frankreich die erſte Univerſität(ge⸗ gründet 1348 von Kaiſer Carl IV.) zum Ruhme der Wiſſenſchaften, zur Ehre des Vaterlandes empor⸗ 138 blühen ſah.*) Ihrem Beiſpiele folgten dann an⸗ dere Städte. Prag ſchritt zu allen Zeiten voran. Es wird auch jetzt nicht zurückbleiben!——— Kehren wir jetzt aus der Sonnenhelle der Gegen⸗ wart in das myſtiſche Halbdunkel der Vergangen⸗ heit zurück. Hier giebt's noch manchen Schleier zu lüften und manche Thatſache in's rechte Licht zu ſtellen. Zwölftes Capitel. Kaiſer Rudolph M. und ſein Hofſtaat. Rudolph II.(geboren am 18. Juli 1552 zu Wien) war der erſtgeborne Sohn Maximilians II. und Mariens, der Lieblingstochter Carls V. Marxi⸗ milian hatte, außer Rudolph, noch fünf Söhne: Matthias, Ernſt, Marimilian, Albrecht und Wenzel *) Zu Anfange des fünfzehnten Jahrhundertes war die Pra⸗ ger Univerſität ſo berühmt, daß anno 1409 über 20,000 Studenten hier ſtudirten. — 139 und— falls wir nicht irren, nur Eine Tochter, Eliſabeth.*) Rudolph, eilf Jahre alt, war in Begleitung ſeines zweiten Bruders Ernſt nach Madrid an den Hof ſeines bigotten, finſtern, menſchenfeindlichen Oheims Philipps II., geſchickt und dort unter der Aufſicht ſeines Obriſthofmeiſters, Adam von Dietrichſtein, Gleichzeitig kaiſerlicher Botſchafter) und jener ſeines Gouverneurs, des Oberſten Wolf Freiherrn von Rumpf, großentheils von ſpaniſchen Jeſuiten erzogen worden. Zu Letztern hatte, wenn auch nur kurze Zeit, der eben ſo berühmte als berüchtigte Verfaſſer des Wer⸗ kes De rege et regis institutione, Pater Juan Mariana“*) gehört. *) Geboren am 5. Juni 1545, vermählt am 26. November 1570 mit König Carl IX. von Frankreich, Witwe ſeit dem 21. Mai 1374, ſtarb ſie am 22. Januar 1592 in einem Kloſter bei Wien im Rufe großer Frömmigkeit. Der berühmte Cardinal Melchior Klehösl hielt ihre Lei⸗ —. chenrede. ) Geboren zu Toledo im Jahre 1537, war der Lehrer nur fünfzehn Jahre älter als ſein kaiſerlicher Schüler. Das ebengenannte Werk, das viel ſpäter(1599) zu Toledo erſchien, ward durch Beſchluß des Pariſer Par⸗ laments am 29. Mai 1610 vor der Notre Dame⸗ 140 Rudolph, der am Hofe ſeines Oheims acht volle Jahre geblieben war, hatte dort die ganze Düſterkeit des Characters Philipps II. und die ſtarre Devotion ſeines ganzen Hofes angenommen »und auf dieſe Weiſe ſchon dort den Keim zu ſeiner in den ſpätern Jahren ſeines Lebens mehr und mehr überhandnehmenden Melancholie, Menſchenſcheu und Menſchenfeindlichkeit gelegt. Es iſt bekannt, daß die Eindrücke, die man in zarter Jugend in ſich aufnimmt, in der Regel die dauerndſten und nach⸗ wirkendſten ſind. So war es auch bei Rudolph.— Er, der am bigotten Hofe ſeines Onkels erzogen, matt, mürriſch, hart und düſter geworden war, hätte— an jedem andern Hofe iee— vielleicht die ganz entgegengeſetzten Eigenſchaften angenommen und dadurch ſich ſelbſt wie ſeinem Volke manchen Kummer erſpart. Sein Oheim war frühzeitig mit dem Plane umgegangen, ihn ſelbſt mit ſeiner Tochter Donna Iſa⸗ bella und deſſen Bruder Ernſt mit ihrer Schweſter, Donna Kirche durch den Scharfrichter verbrannt, weil das 4 Parlament überzeugt war, Francois Rarailiae, der Mör⸗ der Heinrichs IW. habe aus dieſem Werke Principien vom Königsmord geſchöpft. 141 Catharina, zu vermählen. Mais Phomme propose et Dieu dispose. Der Menſch— gleichwie ob er König oder Bettler iſt— macht ſich tauſend Pläne für die Zukunft, die der König aller Könige— der Allvater Gott— vereitelt und wie Seifenbla⸗ ſenſpiel in ein Nichts auflöſt. So war es auch bei Philipp! Neunzehn Jahre alt, hatte Prinz Rudolph ur⸗ plötzlich ſo unendliches Heimweh nach ſeinem lieben, ſchönen Wien und nach dem freien, fröhlichen Hofe ſeines in jeder Hinſicht äußerſt toleranten Vaters empfunden, daß keine Macht im Stande geweſen war, ihn länger noch am Hofe von Madrid zurück⸗ zuhalten. Das hier und dort wiederholte Gerücht,„Don Rodolfo“ habe während ſeines Aufenthalts in Spaniens Hauptſtadt ein Paar flüchtige Liebesverhältniſſe mit einem der ſchönſten Ehrenfräulein des Hofes und gleichzeitig mit einer der lieblichſten Elevinen im Erziehungshauſe eines Stiftes gehabt und Erſtere oder, wie Andere erzählen, Letztere zur Mutter ſeines erſten natürlichen Sohnes gemacht, iſt eben ſo wahrſchein⸗ lich als geſchichtlich bis jetzt noch nicht erwieſen. Im Herbſte des Jahres 1571 war er von Madrid nach Wien zurückgekehrt, ein Jahr darauf 142 als König von Ungarn und drei Jahre ſpäter(1575) als König von Böhmen gekrönt worden. Nach dem am 12. October 1576 erfolgten Tode ſeines Vaters war ihm endlich auch die rö⸗ miſch⸗deutſche Kaiſerkrone anheim gefallen und ſo war er, vier und zwanzig Jahre alt, unumſchränkter Herr über Oeſterreich, Steiermark, Tyrol, Ungarn und Böhmen. Aber gleichzeitig mit ſeiner Macht hatte auch ſeine Melancholie zugenommen. Seit dem Tage, an welchem er den Kaiſerthron beſtiegen, war er Hypochonder und faſt träger noch als Friedrich III. geworden. Aus Hypochondrie hatte er beſchloſſen, ſeine Reſidenz für immer in Prag aufzuſchlagen, weil die Lage der Königsburg auf dem Hradſchin ſeiner Geſundheit, für die er ſchon damals ängſtlich beſorgt geweſen war, viel zuträglicher als die alte Kaiſer⸗ burg in Wien zu ſein ſchien. Die Böhmen freuten ſich dieſer Wahl. Sie liebten ihren jungen Herrſcher mit einer Begeiſterung, die beiden Theilen zu gleich großer Ehre gereichte. Und wahrlich, Rudolph hatte dieſe Liebe ver⸗ dient. Er war zu Anfange ſeiner Regierung gegen Jederman gleich mild, als gerecht geweſen, und hatte 143 ſich gegen Jene, die anders glaubten als er, nicht die kleinſte Härte zu Schulden kommen laſſen. Es ſchien, als habe er dieſe ſchöne, weiſe Toleranz in Fragen der Religion von ſeinem Vater geerbt, der ſeinen proteſtantiſchen Unterthanen faſt ganz dieſelben Rechte und Freiheiten als den Katholiken einräumte. Kein Glaubensbekenntniß war irgendwie be⸗ unruhigt worden. Selbſt die armen Juden, die zu allen Zeiten und faſt in allen Ländern der Spiel⸗ und Fangball eben ſo ungerechter als grauſamer Verfolgungen geweſen, lebten unter Rudolph's mildem Scepter in Prag vielleicht eben ſo ruhig als vor Jahrtauſenden in ihrem ſtolzen, mächtigen Jeruſalem. Sie bezahlten willig den vom Kaiſer 1594 auf dem Regensburger Reichstage ihnen auferlegten Leib⸗ zoll, laut welchem jeder unverheirathete Jude 45 Groſchen und jeder verheirathete 3 Schock Groſchen jährlich entrichten mußte. Dafür konnten ſie ruhig und unangefochten in ihrem Ghetto(in der ſoge⸗ nannten Judenſtadt) wohnen und dort ihren Handel treiben nach Belieben. Der Oberrabbi Bezalel Löw, ein eben ſo frommer als gelehrter und vor Allem in den heiligen Geheimniſſen der Kabbalo gründlich eingeweihter Mann, war ein perſönlicher Freund des Kaiſers und hatte ſtets freien Zutritt bei ihm. 144 Auch dieſer Mann wird im ſpätern Verlaufe unſeres Romanes eine Rolle ſpielen. Kaiſer Rudolph war trotz ſeiner jungen Jahren ein in vielen Zweigen des menſchlichen Wiſſens wohl unterrichteter Herr. Vor Allem liebte er die Naturwiſſenſchaften. Erſt in ſpäterer Zeit verlegte er ſich, verleitet durch ſeinen vertrauten Umgang mit Tycho de Brahe und deſſen Landsmann Chri⸗ ſtian Longomontanus, wie mit Johannes Kepler, erſt auf Aſtronomie und ſpäter auch auf Aſtrologie. — Seine vielſeitigen Kenntniſſe verſchafften ihm von Seiten der Leute ſeines Hofes den Beinamen des böhmiſchen Salomo. Erſt in ſpätern Jah⸗ ren, als er ſich, müde des Regierens, auf Magie, Aſtrologie und Alchemie warf, erhielt er ein zweites Prädicat. Man hieß ihn den deutſchen Hermes Trismegiſtos. Kaiſer Rudolph war, wie faſt jeder Fürſt des Hauſes Habsburg, in vielen Sprachen bewandert: er ſprach deutſch, böhmiſch, ſpaniſch, italieniſch, franzöſiſch und lateiniſch, eine dieſer Sprache faſt eben ſo geläufig als die Andere. Sein Aeußeres hatte durchaus nichts Impoſan⸗ tes. Seine Geſtalt war klein und dick. Sein Ge⸗ ſicht bleich und eingefallen. Sein Haar, das früh⸗ 145 zeitig in's Graue hinüberſpielen begann, war dünn und ſpärlich. Das Schönſte und Einnehmendſte in ſeiner ganzen Erſcheinung waren ſeine klaren Augen, in welchen eben ſo viel Scharfblick als Herzensgüte lag. Selbſt in ſeiner Jugend hielt er nicht viel auf Lurus in der Kleidung. Seine Tracht war ſauber, aber einfach. Nur bei außergewöhnlichen Gelegen⸗ heiten pflegte er auch darin ſeine ihm angeborene Liebe zur Pracht zur Schau zu tragen. Letzteres geſchah aber nur höchſt ſelten. Um ſo glänzender war ſein Hofſtaat. Der Oberſtkämmerer war ſein ehemaliger Gou⸗ verneur, der Geheimerath Wolf Freiherr von Rumpf, mit Leib und Seele ein Soldat. Sein Oberhofmarſchall war(ſeit 1584) Paul Sirtus von Trautſon, ſeit 1589 von ihm in den Grafenſtand erhoben, reichbegütert und vor Allem— Lebemann, ein wahrhafter Lucull, über Alles Pracht und Aufwand liebend. Während des Reichstages zu Regensburg hatte er einmal drei Chur⸗ und ſieben andere Fürſten an ſeiner unter der Laſt der Speiſen ſchier zuſammenbrechenden Tafel bewirthet. Sein Unterkämmerer und vertrauter Rathgeber war der kaiſerliche Rath Wenzel Kinskh von Wchynic und Tettau. 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 10 146 Das Amt des Oberſilberkämmerers bekleidete Adam von Waldſtein(Oheim des ſpäter ſo mächtig und berühmt gewordenen Herzogs von Friedland), das des Unterſilberkämmerers Anton Freiherr von Spaur. Der Oberſtabelmeiſter,(ſo genannt von dem Stabe, mit welchem er bei Auftragung der für die kaiſerliche Tafel beſtimmten Speiſen voranſchritt) war Anton Graf von Arco aus einem altbayer'ſchen Ge⸗ ſchlechte. Unter ihm ſtanden nicht weniger als fünfzehn kaiſerliche Mundſchenken(darunter Graf Pietro Col⸗ lalto, aus dem Venezianiſchen, und Graf Alfonſo Montecuculi aus dem Modeneſiſchen— Letzterer ein Vorfahr des ſpäter ſo berühmt gewordenen Feld⸗ herrn Raimondo Montecuculi.) Außerdem ſtanden unter dem Befehle des Ober⸗ ſtabelmeiſters noch 25 kaiſerliche Vorſchneider und 50 Panatiers und Truchſeſſe, darunter Albrecht, Graf von Oettingen, Hans Reuß von Plauen u 6 Chriſtoph Burggraf von Dohna.* Als Eleemoſynarius des Kaiſers fungirte Jacob Chymarhäus, Probſt von Leitmeric und Sanct Severin in Cöln. Zu den fuͤnfzehn Hofcaplänen * 147 gehörte Michel Olivier, Maltheſer Commandeur von Mecheln. Die kaiſerlichen Leibärzte waren, nach und nach, Pietro Andrea Matthioli(geb. 1500 zu Sienna, geſt. 1577 zu Prag), dann Adam Huber von Rieſen⸗ bach.*) An deren Stelle traten die uns bereits be⸗ kannten Aerzte Thaddäus von Häjek, Chriſtoph Gua⸗ rinonius und Michael Mayer. In ſpäteren Jahren trat noch ein vierter und fünfter hinzu: Anſelmus Boethius(de Boodt) aus Brügge in Flandern, neben⸗ bei auch Alchemiſt und Verfaſſer eines im Jahre 1609 erſchienenen Tractats ,de gemmis et lapidi- bus und Martin Ruland geb. 1569 zu Lauingen, im achtzehnten Jahre in Baſel zum Doctor promovirt, 1594 Phyſicus zu Regensburg,(wo der Kaiſer ihn kennen gelernt hatte, und(1607) am Hofe Rudolph's. Noch zahlreicher war der Troß ſeiner Diener⸗ ſchaft. Von Letzterer nennen wir nur vier ſeiner vertrauteſten Kammerdiener; Hans Marquard, ge⸗ nannt Dürbach, Martin Rutzke, Johannes Frank ) Er iſts, dem die ſlawiſche Litteratur eine böhmiſche Ueber⸗ ſetzung der„Schola Salernitana“ und auch einige medi⸗ einiſche Originale zu verdanken hat.* 10 148 und Mardochäus de Delle aus Vitri im Mailän⸗ diſchen. Letzterer war zugleich auch etwas Hofpoet. Er brachte die Geſchichten der rudolphiniſchen Adep⸗ ten, zur Beluſtigung ihres kaiſerlichen Beſchützers, in deutſche Reime, zu welchen mehrere Hofmaler pracht⸗ voll illuminirte Bilder anzufertigen vom Kaiſer be⸗ auftragt wurden. Zu der Zahl der eigentlichen Hofpoeten ge⸗ hörte auch Simon Lomnickh von Budet, ein vom Kaiſer Rudolph allerhöchſt eigenhändig gekrönter Dich⸗ ter Böhmens. Unter den kaiſerlichen Hofcomponiſten befand ſich der Hofcapellmeiſter Filippo da Monte und An⸗ drea Moſto aus Venedig“), dann Johann Leonhard Haſter aus Nürnberg. Letzterer, der ſpäter von Rudolph's Hofe in die Dienſte Chriſtians II., Chur⸗ furſten von Sachſen übertrat, hat ſich als Tondichter vieler vier⸗ fünf⸗ und ſechsſtimmigen Kirchenfeſt⸗ und anderer Geſänge bekannt gemacht. Die Zahl der übrigen Hofkünſtler aus den Niederlanden Spanien, Italien und Deutſchland, die *) Seine irdiſche Hülle ruht gleichfalls in den Kreuzgän⸗ gen des Auguſtinerkloſters St. Thomas. 149 am Hofe des Kaiſers ein ſorgenfreies Aſyl und ein gaſtfreies Obdach auf dem Hradſchin gefunden hatten, iſt dem Leſer aus der Beſchreibung des goldenen Gäßchens theilweiſe bekannt. Außer dieſen Allen war auch noch Bartholo⸗ mäus Reiſacher, als Mathematicus, Kalendermacher und Münzſammler bei Hofe angeſtellt. Nachdem wir Denen, die uns weiter zu folgen geneigt ſind, einen ſchwachen Umriß von der Burg, von dem Kaiſer und von ſeinem Hofſtaate zum noth⸗ wendigen Verſtändniſſe der nachfolgenden Scenen unſerer Erzählung gegeben, eröffnen wir von Neuem die Belagerung, das Intereſſe unſerer Leſer und laſſen nun neue Batterien der Wahrheit und Dichtung ſpielen, um ihn, wenn auch nicht für uns, doch für eine unſerer Heldinnen— Eva von Lobkowic— einzu⸗ nehmen. Möge das Letztere uns nicht mißlingen! Dreizehntes Capitel. Der Gang nach dem Hradſchin. Es war ein kalter, heller Februartag. Der Schnee lag höher als gewöhnlich auf den 150 Dächern und Straßen der Dreiſtadt Prag, als gegen zehn Uhr Morgens aus den Thorflügeln eines in der Nähe der Thomaskirche gelegenen Herrſchafts⸗ hauſes ein Staatswagen langſamen Schrittes auf die wie mit einem ſchimmernd⸗weißen Leichentuche überſpannte Straße hinaus in der Richtung nach dem Rathhausplatze fuhr. In dieſem Wagen ſaß allein und in Lefes Nach⸗ denken verſunken, eine vom Haupte bis zu den Füßen in Trauerkleidung gehüllte Dame. Dieſe Dame war Eva von Lobkowie. Sie trug eine ſchwarze Sammetrobe.*) Ihre ganze hochpoetiſche und tragiſche Erſcheinung gewährte den betrübenden Anblick einer vom Sturme zerknickten Lilie, die nach ewiglangen Wochen heute zum erſten Male ihre bis *) In früheren Jahren war es in Böhmen üblich geweſen, die weiße Farbe als Zeichen der Trauer zu gebrauchen. Erſt nach dem am 27. Januar 1547 erfolgten Tode der von den Böhmen wahrhaft vergötterten Landesmut⸗ ter Anna, der Tochter Wladislaws II., Gemahlin Kai⸗ ſer Ferdinands I., erſchien, um deren Andenken auf ganz beſondere Weiſe zu feiern, der lange unabſehbare Lei⸗ chenzug zum erſten Male in ſchwarzer Kleidung. Seit dieſer Zeit(1547) war die ſchwarze Farbe auch in Böhmen die Farbe der Trauer geworden. 151 dahin von tiefem Schmerze niedergebengte Blüthen⸗ krone erhob und mit einem Blicke unendlicher Weh⸗ muth auf die in ſtarrem Winterſchlafe gefangenlie⸗ gende Natur hinausſah. Auch in ihrem Herzen war es Winter. Es ſproßte darin kein grüner Zweig. Jede Hoffnung, jede Freude ſchien darin erſtarrt zu ſein. Es ſchlug wohl, aber lebte nicht. Es litt, aber es murtte nicht. Ihr Herz war eine Transſeription eines alten Liedes, das in dieſem Augenblick wie ein leiſe verhal⸗ lender Schmerzensaccord unſer eigenes Herz durch⸗ zittert und alſo lautet: Mein Herz, du gleichſt der Trauerweide, Die einſam und verlaſſen weint, In nächtlich öder Winterheide, Die nie ein Sonenſtrahl beſcheint. Kein Vöglein fingt in deinen Zweigen, Die ewig düſter, bang und ſchwer, Wehmüthig ſich herniederneigen In meiner Thränen ſtilles Meer. Kein neuer Frühling kann verjüngen Die raſch verwelkte Jugendkraft, Kein Zauber kann die Macht bezwingen, Die deinen Lebensmuth erſchlafft. Du armes Herz kannſt nie geſunden, Dein tiefer Gram iſt uferlos, 152 Du bluteſt ſtill aus tauſend Wunden, Dein Schmerz, mein Herz iſt rieſengroß. Du krankes Herz, hör auf zu klagen, Ertrage muthig deine Qual. Nur Einem, Einem darfſt du ſagen, Was Ruhe“ dir und Frieden ſtahl. Das war die Stimmung, in welcher die heldenmü⸗ thige Tochter des auf Elbogen gefangenen Oberſthof⸗ meiſters zu dem Urheber ihrer Qual, zum Kaiſer Ru⸗ dolph fuhr. Es ſchien ihr, als zöge ſie freiwillig nach bem Richtplatze. Ihre Ohren hörten mit Einem Male alle Glocken Prags ſchlagen, ihr in waches Träumen verſunkenen Augen erblickten zu beiden Seiten des auf dem eiserſtarren Boden knarrenden Wagens lange von neugierigen Zuſchauern gebildete Spaliere, Kopf an Kopf Menſchen zuſammengedrängt, die ſich aufge⸗ ſtellt hatten, um eine unſchuldige Verbrecherin, welche hingerichtet werden ſoll, zu ſehen und ihr, trotz des rauhen Winters, friſche Frühlingsblumen als ſtumme Dolmetſcher ihres tiefgefühlten Mitleids zuzuwerfen und ihr dadurch den letzten ſchweren Weg nach dem Schaffote zu erleichtern. In demſelben Augenblick langte der Wagen auf dem Kleinſeitner Ring an. 153 Dort erhob ſich einer jener drei, in Form eines grie⸗ chiſchen T conſtruirten Galgen, welche Kaiſer Rudolph hier, auf dem Altſtädter Ringe und auf dem Roß⸗ markte hatte aufrichten laſſen als abſchreckende War⸗ nungszeichen für die in Prag bedrohlich um ſich grei⸗ fenden Italieniſchen und Spaniſchen Meuchler⸗Banden. Der Anblick dieſes Galgens erſchreckte ſie. Sie, die ſo rein wie der erſte Cherub zur Rechten Gottes war, ſie fühlte ihr unſchuldiges Blut erſtarren vor dieſem Zeichen menſchlicher Juſtiz, die weder Mitleid noch Erbarmen, ſondern das nur kennt, was ſie Recht nennt. — Giebt's denn noch Gerechtigkeit hier auf Erden, fragte ſie ſich und erbebte, weil ſie fortwäh⸗ rend an jenen Act der Uebereilung zurückdachte, der das Haupt ihres edlen Vaters getroffen hatte. Bald werd' ich Gewißheit davon haben. Giebt Er meinem Vater die Freiheit wieder, dann ſoll mein ganzes Leben fortan ein Gebet für Sein Wohl ſein; gewährt er mir aber nicht die erſte und auch letzte die ich Ihm an's Herz lege, dann, großer Gott, ann——— Sie hielt inne und verſank in neues Schweigen. Auf dem„Wälſchen Platze angelangt, ließ ſie ihre von Thränen gerötheten Augen auf die Sanct 154 Nicolaus⸗ Kirche ruhen. Sie war zu jener Zeit die Hauptkirche der kleinſeit'ner Utraquiſten; im Innern derſelben befand ſich damals ein Altar, geweiht dem Andenken des Magiſter Johannes Hus. — Auch Er war ein Märtyrer! ſchluchzte Eva, der Wagen erreichte jetzt die Sporengaſſe. Der Bader Procop ſtand vor dem Eingange ſei⸗ nes Labens und erkannte den Wagen des ehemali⸗ gen Oberſthofmeiſters an dem an beiden Seiten befind⸗ lichen Wappen. — Da fährt ſeine arme Tochter hin! ſprach er geruͤhrt zu ſich ſelbſt und wiſchte ſich mit dem Rük⸗ ken der Hand eine Thräne aufrichtigen Mitleids aus dem Auge. Was aber wird es ihr nützen? ſetzte er betrübt hinzu und ſah dem Wagen ſo lange nach, bis er aus ſeinem Geſichtskreiſe verſchwand. Und je näher Eva ihrem Ziele kam, deſto be⸗ engter wurde ihr Athem, deſto ſchwerer ward es ihr um's arme Herz, das aus Angſt und Erwartung ſo laut zu ſchlagen begann, daß ſie ſtatt Eines Herzens zwei zu hören wähnte. Die Gefühle, die ſie beſtürm⸗ ten, waren ſo peinlicher Art, daß es Angenblicke gab, in welchen ſie einer Ohnmacht nahe war. Aber mu⸗ thiger als je raffte ſie ſich raſch wieder empor, ſich ſelber ermuthigend mit den Worten: 155 — Nein, nein, nut jetzt, nur jetzt nicht! Ich will, ich muß ſtark ſein, ſonſt iſt ja Alles verloren! Da hielt der Wagen vor dem Eingange des Burgthors. Zitternd an allen Gliedern ſtieg ſie aus, ſchritt mit zur Erde geſenktem Antlitz, ſcheu und ſchüch⸗ tern wie ein junges Reh, das in der Nacht des Waldes ſich verirrt hat, über den Burghof und trat, mit der ganzen Macht ihres Willens neue Faſſung ſammelnd, in die Burg ein. — Ich wünſche den Kaiſer zu ſprechen! ſagte ſie zu einem Officiere, der ihr entgegen trat. Der Mann hatte ſie ſofort erkannt. — Folgt mir gefälligſt, mein gnädigſtes Fräu⸗ lein, bat er und ſchritt ihr voraus die breite Treppe hinan, ſich häufig umblickend, um zu ſehen, ob er nicht zu ſchnell für ſie hinaneile und ob ſie ihm ſo raſch nachzufolgen im Stande ſei. Er hielt einige Secunden, um ihr Zeit zu gönnen, ihn einzuholen. Oben angekommen ſprach er, ohne daß Eva es hören konnte, mit einem der dienſthabenden Kam⸗ merherren und einige Augenblicke kehrte er zu Eva zurück mit den Worten: — Tretet dort ein, mein gnädiges Fräulein. — Ich danke Euch, mein Herr, entgegente Eva und folgte ſeinem Fingerzeige. 156 Eine Viertelſtunde mußte ſie dort harren. Dann ward die große Thür geöffnet... dann ſtand ſie vor dem Kaiſer. — Ich grüße Euch, Eva von Lobkowic! ſprach Rudolph, der ſtehend, ſie in ſeinem Arbeitsgemach empfing. Sie verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und wagte nicht, ihr Auge aufzuſchlagen. — Ttetet getroſten Muthes näher heran. Ihr ſeid noch ſchwach und angegriffen. Ich bitte Euch, ſprach der Kaiſer auf einen vergoldeten Armſeſſel zeigend, der ganz in ſeiner Nähe ſtand, Platz zu nehmen. Eva folgte ſchweigend der huldvollen Eintadung. — Sagt nun, Fräulein, was Euch zu mir führt. — Euer großes edles Herz, mein Kaiſer und Herr, wird dieß längſt errathen haben: die heilige Pflicht dankbarer Kindes⸗Liebe.. Ihr wollt von Eurem Vater ſprechen. Es thut mir weh, ſehr weh, Euch ſagen zu müſſen, daß ich von ihm nichts hören mag. — Und warum nicht, mein kaiſerlicher Herr? — Weil die Erinnerung an ihn mich— wider meinen Willen— zu neuem Zorne reizt. — Was hat mein armer Vater denn verbrochen? — Wie, Eva, könnt Ihr ſo mich fragen? Soll ich Euch denn ewig kränken? — Ihr kränkt mich nicht, wenn Ihr die Wahr⸗ heit mir erzählt. — Wohlan, dann hört mich. Euer Vater, den ich— wie Ihr ſelber wiſſen werdet, mit vielfachen Beweiſen meiner Gunſt und meines vollen Vertrauens überhäuft, hat Letzteres— zu meinem tiefſten Schmerze — leider nicht gerechtfertigt...„ — Ihr thut meinem Vater himmelſchreiendes Unrecht! rief Eva aufbrauſend in edler Erbitterung. — Unterbrecht mich nicht, mein holdes Kind, und geruht, mich ruhig anzuhören... Ich hatte Euren Vater ſowohl als deſſen Bruder zu den höch⸗ ſten Würden des Königreichs emporgehoben, in der Vorausſetzung, daß ſie, treue Diener ihres kaiſerlichen Herrn und Gebieters, ſeine Vorliebe für ſie wenig⸗ ſtens nicht durch Undank und Verrath belohnen wür⸗ den — Ihr ſprecht von Undank, von Verrath?— un⸗ terbrach ihn Eva. — Laßt mich vollenden, bitte ich Euch. Kennt Ihr es anders nennen als Undank und Verrath, wenn ich Euch ins Gedächtniß zurückführe, daß Euer Oheim, der ehemalige Oberſtlandrichter von Böhmen, 158 auf dem letzten Landtage auf Abſchaffung einer Reihe größentheils eingebildeter Beſchwerden drang, bevor er und ſein Anhang ſich entſchließen könne, in die Contribution zu Unſerem Kriege mit dem Türken einzuwilligen. Nun, frage ich Euch ſelbſt, Eva, wenn der Präſident der königlichen Kammern den übrigen Mitgliedern eines ewig unzufriedenen Landtags mit ſolchem Beiſpiel der Perfidie und Felonie voranzu⸗ gehen ſich erkühnt, ob Ich, der Kaiſer, dann nicht berechtigt bin, ſolch einen Mann des gröbſten Un⸗ danks für meinen Feind zu halten? — Das that mein Oheim, kaiſerlicher Herr. Was aber hat mein armer Vater gegen Euch ver⸗ brochen? 8— Noch viel Schlimmeres! Noch weit Härte⸗ res! Auf dem Reichstage zu Regensburg hat er im Angeſichte der drei Chur⸗ und ſieben anderer Fürſten die nächſten trenen Räthe meiner Krone fälſchlich angeklagt, die frommen Väter Jeſu auf Koſten aller übrigen Orden der Kirche begünſtigt, ihnen aus⸗ ſchließlich alle Lehrſtühle der Prager Hochſchule, deren Flor und Gedeihen Uns ſo nah am Herzen liegt, eingeräumt und Einen aus ihrer Reihe zu meinem Beichtvater erwählt zu haben.— Was würdet Ihr von mir denken, Eva von Lobkowie, wenn es mir eingefallen wäre, Euch einen Vorwurf daraus zu machen, daß, ſtatt einem Jeſuiten Ihr einem Au⸗ guſtiner oder Dominikaner die Beichte Eures from⸗ men Herzens anvertraut? Bin ich denn nicht Kaiſer und als Solcher nicht mindeſtens eben ſo frei als jeder meiner Unterthanen? Was alſo berechtigte Euern und gerade Euern Vater, den Oberſthofmeiſter meines Königreichs, mir daraus einen ſo bitter⸗ hämiſchen Vorwurf zu machen? Beantwortet mir, Fräulein Eva, dieſe Frage. — Er meinte es ehrlich mit Euch: Er ſchenkte der Stimme des Volkes Gehör und überzeugte ſich von jedem Tage mehr und mehr, daß der lawinen⸗ artig anwachſende fremde Einfluß es allmälig dahin gebracht hatte, daß an die Stelle wahrhaft chriſtli⸗ cher Duldung bald Unduldſamkeit, an die Stelle der zum Wohle des Volkes nothwendigen Auf⸗ klärung arg verblendetes, engherziges Hindrängen zum Rückſchritt getreten und daß durch die böſen Rathſchläge mancher der ſogenannten treuen Räthe Eurer Krone Ihr, mein erlauchter Kaiſer und Herr, Ihr— noch vor Kurzem der abgöttiſch verehrte Hord des Volks— erlaubt mir, es Euch zu geſte⸗ hen— ein Gegenſtand unverdienten Haſſes gewor⸗ den ſeid. Das war's, was meinen Vater angetrieben 160 hatte, den Räthen Eurer Krone, die jene unheilvolle Umwandlung im Herzen Eurer Unterthanen hervor⸗ gerufen, die Augen zu öffnen und ihnen den tiefen Abgrund zu zeigen, in welchen ihr blinder Eifer Euch hineinzuſtürzen droht. — Ihr ſprecht ſehr weiſe, ſchönes Kind. Aber während Ihr das ſchwere Unrecht Eures undankba⸗ ren Vaters beſchönigt, verkleinert Ihr ohne Grund die Verdienſte jener Männer, die, das Wohl der Kirche wie des Staates als ein untheilbares Ganzes vor Augen habend, der ſogenannten Aufklärung, die ungezügelt ſehr leicht in Atheiſterei auszuarten pflegt, den offenen Kampf erklären.— Wollte ich trotz dem Eurem Vater ſeinen allzuheißen Eifer für dieſe ſogenannte Aufklärung vergeben, kann ich ihm— urtheilet ſelbſt!— auch das vergeben, daß er ſich gegen mich— ſeinen Herrn, ſeinen Wohlthäter— einläßt in hochverrätheriſche Verſchwörungen? — Das, ſchwöre ich, iſt eine Unwahrheit! — O ſchwöret nicht, mein holdes Kind! Ihr könntet, ohne zu wollen, einen Meineid begehen. Aus unverfälſchten Aeten, die uns aus Rom einge⸗ ſchickt, habe ich mit eigenen Augen die ſonnenklare Ueberzeugung gewonnen, daß er ſeit Jahren im Ver⸗ ein mit ſeinein Bruder, der aus böſem Gewiſſen die 161 Flucht ergriffen, langſam, heimlich, aber deſto ſicherer darauf hingearbeitet hat, mich— den Kaiſer!— vom Throne zu ſtürzen. — Man hat, ſo wahr ein Gott über uns lebt, Euch bethört, arg bethört, Euer ſonſt ſo klares Auge mit Blindheit geſchlagen, um meinen armen unſchul⸗ digen Vater zu vernichten. — Er unſchuldig? wiederholte Rudolph mit Bitterkeit. Ich bin feſt vom Gegentheile überzengt. — Nun, wenn Ihr dieß wirklich ſeid, mein kai⸗ ſerlicher Herr, warum laßt Ihr den Schuldigen, der nun ſchon zehn volle Wochen unverhört in ſeinem Kerker ſchmachtet, nicht vor ſeine Richter ſtellen 2 — Das ſoll geſchehen, mein holdes Kind! — Aber wann, wann? fragte Eva gereizt. — Sobald die nothwendige Vorunterſuchung geſchloſſen iſt... — Das kann alſo noch lange währen? Rudolph zuckte die Achſeln und ſchwieg. — Habt Erbarmen, Herr, flehte Eva vom Stuhle ſich zu des Kaiſers Füßen niederlaſſend. — Steht auf, ſteht auf, ſchöne Eva. Ich kann ſolchen Engel nicht vor mir knieen ſehen, ſprach der Kaiſer und verſuchte, ſie emporzurichten. 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 11 162 — Richt eher, Majeſtät, bis Ihr meinen Vater begnadigt habt. — Wie, Ihr wollt mir Zwang auflegen 2 Wie gefiele es wohl Euch, wenn ich Euch eine Gunſt, um die ſich ſeit Jahren ſchon vergebens buhle und die Ihr mir bis jetzt hartnäckig verweigert habt, mit Gewalt abzuzwingen mich erkühnte? — Ich verſtehe Euch nicht, ſagte Eva, noch immer auf ihren Knieen liegend und ihm feſt in's Auge ſchauend. 67 — Soll ich mich deutlicher erkiären? fragte der Kaiſer, ſie mit zärtlichen Blicken betrachtend. — Nein, nein, um Gotteswillen nein! bat Eoa, tief erſchreckt aufſpringend. — Ihr wollt mein Flehen alſo nicht erhören? — Rie und nimmer mehr! ſchwur Eva tief⸗ empört. — Dann bleibt Euer Vater mein Gefangener. — O ſeid nicht grauſam! — O ſo jlehe auch ich zu Euch! — Ich bitte und beſchwöre Euch bei der Liebe zu Eurer Mutter, bei der Aſche Eures großen Va⸗ ters, bei Allem, was Eurem kaiſerlichen Herzen lieb und heilig iſt, die Bitte einer von aller Welt lieblos verlaſſenen Tochter zu erhören und ihrem Vater 163 als Act der Gnade, für die ſie Euch ewig, ewig dankbar zu ſein gelobt, die Freiheit zu ſchenken! — Eva, ſagte Rudolph tiefgerührten Tones, ich bitte und beſchwöre Euch bei der Liebe zu Eurer Mutter, bei der Rettung Eures Vaters, bei Allem, was Eurem großen, edlen Herzen lieb und heilig iſt, die Bitte Eures Kaiſers, Eures väterlichen Freundes zu erhören und den Mann, der Euch ſeit Jahren mit der ganzen Gluth einer erſten Liebe liebt, als Act der Gnade, für die er Euch ewig, ewig dank⸗ bar zu ſein gelobt, das Glück Eurer Knechtſchaft zu ſchenken! — Großer Gott, was muß ich anhören? rief Eva verzweifelnd die Hände ringend. — Eva, betrachtet dort jenes große Bild. Es iſt von einem der erſten Meiſter der franzöſiſchen Schule, ein großes, unvergleichlich edel gedachtes und ausgeführtes Kunſtwerk. Schaut wie in einen Spiegel hinein. Dort jenes bleiche, zitternde, en⸗ gelreine Weſen iſt Diana von Breze, Gräfin von Mauleyrier. — Tochter des zum Tode verurtheilten Grafen von Saint⸗Vallier. — Ihr kennt alſo dieſe Geſchichte? — Leider kenne ich ſie! ſtöhnte Coa. 146 164 — Dann wißt Ihr auch, welchen Opfers ſie fähig geweſen war, um ſich von Franz dem Erſten, der ſie geliebt, wie ich Euch liebe, die Begnadigung ihres greiſen, unglücklichen Vaters, deſſen Kopf dem Beile des Henkers verfallen war, zu erkaufen. — Um ſolchen Preis, Sire, erkauft Eva von Lobkowic nimmermehr die Freiheit ihres Vaters, rief ſie voll edeln Stolzes, ihren Blick von jenem Bilde mit Verachtung abwendend. — Dann, Eva, iſt Euer Vater verloren! — Nein, nein, ich kann, ich mag's nicht glau⸗ ben, daß Ihr für die Ehre und das Leben eines Vaters die Schmach und den Tod ſeiner Tochter begehren könnt. Ihr habt ein größeres Herz als jener erſte Franz von Frankreich, deſſen Anblick mich mit tiefem Abſcheu gegen ihn und das Opfer ſeiner Liebe erfüllt. Er war der Sohn Carls von Orle⸗ ans und Louiſens von Savoyen, Ihr, mein Herr und Kaiſer, ſeid der Sohn Maximilians Il. und Mariens von Spanien. Ihr werdet das geheiligte Andenken an Euern glorreichen Vater nicht durch eine That ſolcher Art beflecken. Ihr werdet, ein weit größerer Sieger als jener Franz, Euch ſelbſt beſiegen und meinem Vater auch ohne jenes Opfer, 165 das Ihr begehrt, dem Leben und der Freiheit wie⸗ dergeben. — Nimmermehr! Nimmermehr! gelobte ſich Rudolph im Auflodern ſeiner glühenden Leidenſchaft, in der Aufwallung ſeines Zornes gegen ihren Vater. — Dann hab' ich nichts mehr hier zu ſuchen! ſagte Eva und wollte gehen. Der Kaiſer hielt flehend ſie zurück. — Erva, ſcheidet nicht ſo von mir. Laßt mir wenigſtens den Troſt, daß es dem treueſten Eurer Selaven, der ſich mit magiſcher, unzerreißbarer Ge⸗ walt an dem Siegeswagen Eurer Schönheit, Eurer Tugend, Eurer Engelreinheit feſtgeſchmiedet fühlt, wenn auch nach Jahren erſt, gelingen werde, ſich Eure Verzeihung zu erwerben, ſich Euer Mitleid zu gewinnen, ſich Eure Liebe zu erringen! — Nimmermehr! Nimmermehr! gelobte ſich nun auch Eva ihrerſeits. — Gebt mir Ein Wort des Ttoſtes! flehte der Kaiſer. — Und welchen Troſt gebet Iht mir 2fragte Eva. — Den, daß ich Eulch Alles verzeihe! — Ich habe nichts verbrochen! entgegnete die Tochter des Oberſthofmeiſters, dem Kaiſer ſtolz den Rücken kehrend und ohne Gruß, ohne Wort des 166 Rudolph verſank in dumpfes, ſtarres Hinbrüten. Nach einer Weile ſprang er auf, eilte an's Fenſter und riß es heftig auf, um ihr nachzuſehen. Zu ſpät! Sie war bereits aus dem Schloſſe. Da ſchlug er ergrimmt das Fenſter zu und ſagte, um ſeine Härte vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen: — Sie iſt ſo Bochlhig wie Er! Kalte, ſtolze, herz⸗ und liebloſe Eva! Undankbarer Hochverräther! Dich rettet jetzt keine Macht mehr. Fort, fort mit dieſer traurigen geſhii Raſch hin zu meinem Löwen Ottokar! Pierzehntes Capitel. Der Arzt und der Künſtler. Erſt einige Zeit nach jener fruchtloſen Audienz, aus welcher Eva, zerſchmettert an Leib und Seele, in ihre einſam⸗ werlaſſene Wohnung heimgekehrt und vor einem Crucifire auf ihren Betſchemel niederge⸗ ſunken war, um dem Heiland inbrünſtig zu danken für die Stelenſtärke, die nur der Glaube an Ihn, 167 der unſchuldig für die ganze Menſchheit gelitten, ihr verliehen hatte, einige Zeit alſo nach jenem Geſpräche mit dem Kaiſer war Doctor Johannes Jeſſenius von ſeiner frommen Wallfahrt und einer Reiſe nach Wittenberg zurückgekehrt und bald nach ſeiner Ankunft zu dem Fräulein von Lobkowie geeilt, um nach ihrem Befinden und nach dem Reſultate ihrer Zuſammenkunft mit Rudolph Erkundigung ein⸗ zuholen. — Ich habe Euch lange, ſehr lange, ſchmerz⸗ lich vermißt, ſagte Eva traurig ihm entgegeneilend und mit warmer Dankespflicht ihre krankhaft weiße Hand entgegenſtreckend. Ich glaubte, Ihr hättet die Tochter Eures Freundes ganz und gar vergeſſen. Sagt mir, wo wart Ihr ſo lange? — Ich war verreiſt, mein gnädiges Fräulein. — Nennt mich lieber Euer folgſames Kind. Ich habe genau an jeder Eurer Anordnungen feſt⸗ gehalten und befinde mich jetzt ziemlich wohl. — Das freut Keinen mehr als mich... — Und wo wart Ihr, lieber Doctor? — Ich war in Mariaſchein. — Und was hatte Euch dorthin geführt? — Ein heiliges Gelübde, mein folgſames Kind! — Ein Geluͤbde 7 Darf ich's wiſſen? 168 — Erlaubt, daß es mein Geheimniß bleibe.. — Ich mag es Euch nicht entreißen, mein theurer Freund, mein Lebensretter! ſagte Eva, ihm innig beide Hände drückend. — Ach, edles Fräulein, beſchämt mich nicht. Nicht meine eitle Kunſt, nur ein Wunder des Him⸗ mels konnte Euch retten.. — So ſpricht auch der Neid Guarinoms — O er hat Recht, vollkommen Recht! — Ihr ſeid beſcheiden, wie jedes wahre, große Talent! — Verkennt mich nicht, mein liebes Fräulein. Ich bin nur ein Arzt, wie's deren wohl noch Viele in Eurer gelehrten Vaterſtadt giebt. — Ihr ſeid auch ein edler Mann. — Wie's deren Tauſend giebt, mein Kind! — O ſagt dieß nicht, wenn Ihr wollt, daß ich Euch nicht zürnen ſoll. Wo fände ſich ſo viel tiefes Wiſſen mit ſo viel edler Uneigennützigkeit vereint wie bei Euch. Ihr habt einen hellen Blick und was mehr als dieſer ſagen will, ein helles Herz⸗ — Was hattet Ihr ausgerichtet beim Kaiſer? fragte Jeſſenius, um auf die Hauptſache ſeines Be⸗ ſuches zu kommen. — Nichts! 169 — Was ſagte er Euch? fragte er verwundert. — Viel, ſehr viel! — Erzählt, wenn ich bitten darf... — Doctor, erſpart mir dieſe Qual! — Vermuthlich ſagte er... — Dinge, die ich Euch nicht zu wieberholen wage, aus Furcht, zu erröthen und Euern eblen Ingrimm wachzurufen. — Jetzt weiß ich Alles! Es trat eine kurze Pauſe ein. — Und was habt Ihr nun beſchloſſen? fragte der Arzt, ſie wehmüthig anblickend. — Auf Gottes Hilfe zu hoffen.. — Hilf Dir, ſagt ein Weiſer, und der Him⸗ mel wird Dir helfen. Wir dürfen die Hände nicht ruhig in den Schooß legen und Alles einzig und allein von des Himmels Hilfe erwarten. Wir müſſen arbeiten an unſerm Wohl! — Was rathet Ihr mir zu thun? fragte Eva beſchämt. — Ich muthe Euch ein neues, noch viel här⸗ teres Opfer zu. — Sprecht! Aus Eurem Munde darf ich Alles hören.. — Ihr kennt Gräfin Maria Magdalena.. 170 — Bis jetzt nur dem Namen nach.. — Deſto beſſer für Euch! Ihr wißt, daß ſie bei dem Kaiſer in ganz beſonderer Huld und Gnade ſteht und mehr Einfluß hat auf ſein Herz, als ſein ganzer Hofſtaat.. — Das weiß ich! — Ihr müßt hin zu ihr! — Zu ihr? wiederholte Eva, ſich abwendend. — Es bleibt Euch nichts anderes übrig... — Himmel, was ſoll ich bei Ihr? — Ihre Verwendung anflehen für die Befrei⸗ ung Eures Vaters.. — Sie wird mich abweiſen laſſen.. — Das wird ſie nicht, verlaßt Euch darauf! Die Neugier, Euch kennen zu lernen, wird ſie an⸗ treiben, Euch vorzulaſſen. — Und was ſoll ich ihr ſagen? — Was Euer Herz Euch eingeben wird. — Ihr habt Recht, mein väterlicher Freund. Noch heute will ich hin zu ihr! — Das wäre vergeblich, denn geſtern Abend iſt ſie nach der Erkundigung, die ich eingezogen, dem Kaiſer nach Carlſtein gefolgt... — Doch wann kehrt ſie zurück? — Das ſei, hieß es, noch unbeſtimmt. Der 171 Kaiſer zeigt ihr die dortigen Sehenswürdigkeiten und fährt dann mit ihr und einigen ſeiner vertrau⸗ teſten Diener, zu welchen der Maler Johann von Aachen gehört, der ſie malen ſoll, nach Brandeis, dann geht der Hof, ſagt man, nach Pilſen. — Und die Gräfin? fragte Eva geſpannt. — Vermuthlich folgt ſie ihm dorthin.. — Sie iſt die Sorel dieſes Carls... — Er iſt der Heinrich dieſer Gabriele d' Eſt⸗ rees — Sie iſt gefürchtet und verhaßt... — Und dennoch beſſer ihr Ruf! — Ihr flößt mir Vertrauen zu ihr ein.. — Gott gebe, daß es Euch nicht täuſchte! Und dennoch müßen wir Alles verſuchen. Ich ſage Euch, wenn die Gräfin zurückgekehrt... — Dann fliege ich hin zu ihr! — Ich kam, um Euch dieß zu rathen, ſagte der Arzt und ging. Eva von Lobkowic war wieder allein. Erſt jetzt, nach ſo langer Zeit, erinnerte ſie ſich endlich des Blumenbouquets, die während der letzten Zeit ihrer Wiedergeneſung allmorgentlich ein der Pförtnerin unbekannter Mann ihr hatte überreichen laſſen und die ſeit dem ſchon lange verwelkt waren. 172 Jetzt erſt fingen jene Zeichen rührender Theilnahme ſie von Neuem zu intereſſiren an. — Wer mag der Unbekannte geweſen ſein? fragte ſie ſich, nachdem ſie, in der tiefen Trauer ihres Herzens, ſeit jener Zeit nicht mehr an ihn gedacht hatte. Darauf ließ ſie die Pförtnerin rufen. — Hat jener fremde Mann mit den Blumen ſich ſeit dem wieder bei Dir ſehen laſſen? — RNein, liebes Fräulein. — Und wie lauteten ſeine Worte, als er das letzte Mal zu Dir gekommen war und Du ihn um ſeinen Namen gefragt hatteſt? — Sagt Ihr, dieſe Blumen kämen von Ihm! — Ich danke Dir, ſagte Eva und entließ ſie. Weh mir, welche Ahnung! rief ſie aus, als Jene ſie verlaſſen hatte. Dieſe rührende Aufmerkſamkeit, die mir während der letzten Tage meiner Krankheit oft einen augenblicklichen Troſt in meinen ſchweren Leiden gewährt, alle jene Bouquets kamen.. von Ihm! Sie wagte den Namen Deſſen, den ſie meinte, niemals auszuſprechen, um ſich nicht ſtets auf's Neue der Schmach zu erinnern, die Er ihr zugemuthet. Jetzt hatten jene Blumen, jene ſtumme und doch ſo beredſame Theilnahme aufrichtiger Anhäng⸗ 173 lichkeit keinen Werth mehr für ſie, nicht weil ſie ſeitdem längſt verwelkt waren, ſondern darum, weil Er ſie geſchickt hatte. Sie wollte in's Vorzimmer hinauseilen und jene Bouquets, die ſeitdem noch immer in der Vaſe ſtanden, hinwegnehmen laſſen, um durch deren Anblick, der ihr früher ſo lieb und werth geweſen war, nicht mehr erinnert zu werden an Ihn! In demſelben Augenblick ward ein Mann an⸗ gemeldet. — Sein Name? fragte Eva von Lobkowic. — Der Fremde nennt ſich Alerander Colin. Bei dieſem Namen erbebte ſie leiſe. Bald aber faßte ſie ſich und ſagte zur Dienerin: — Laß ihn in die Bibliothek eintreten. Dort mag der Fremde⸗ mich erwarten. Die Dienerin ging und Eva blieb. Sie be⸗ durfte eines Augenblicks, um ſich zu ſammeln. — Was mag er von mir wollen? fragte ſie ſich ängſtlich und beklommen. Hatte ich ihm nicht auf dem letzten Hoffeſte, bei dem Jener mich mit ſeinen Blicken verſchlang, rund heraus erklärt, daß ich ihn nicht lieben kann, nicht lieben darf, nicht darum, weil er burgerlicher Abkunft, nicht darum, weil er ein armer Künſtlet, ſondern weil er— was ich leider zu ſpãt 174 für meine Ruhe und die Seinige erfahren hatte, der Gemahl einer Andern iſt. Wäre er frei dieſer Mann, ich würde ihn lieben mit allen Kräften meiner Seele, eben weil er Künſtler iſt, und welch' ein Künſtler! fügte ſie mit einem edeln Stolze hinzu, der ihre bleichen Wagen mit lichtem Incarnat angehaucht. Ich würde mich glücklich ſchätzen in ſeinem Beſitze, gleichviel ob er nur der Sohn eines Bürgers iſt und keinen andern Reichthum hat als ſein ſchönes, ſelte⸗ nes, großartiges Talent. Er iſt ja ein gefeierter Künſtler! Und ſind nicht Kunſt und Liebe ein holdes Zwillingsſchweſterpaar? Aber Alexander Colin iſt nicht mehr frei, und nie wird die einzige Tochter des Oberſthofmeiſters, Eva von Lobkowie, ſich ſo weit vergeſſen, einen Mann zu lieben, der, wäre er ſelbſt König oder Kaiſer, einer Andern— einer Glückli⸗ cheren, als ich es bin!— Treue geſchworen hat bis zum Tod. Nun iſt mein Herz gepanzert und geſtählt. Jetzt kann ich hören, was er will. Sie trat unbefangen in die Bibliothek. — Ich grüße Euch, mein wackerer Künſtler, ſagte ſie zu dem Bildhauer, der ſchweigend ſich vor ihr wie ein gläubiger Katholik vor der Statue ſeiner Schutzheiligen verneigte. Verzeiht, daß ich Euch ſo lange warten ließ. Sagt mir nun, Meiſter Colin, 475 was fuhrt Euch zum erſten Male in die Wohnung meines Vaters? — Der verzeihliche Wunſch, mich zuerſt nach Eurem Befinden(denn Ihr wart lange krank geweſen) und dann nach dem Eures unglücklichen Vaters zu erkundigen. — Mein armer Vater iſt rettungslos verloren. — Gnädiges Fräulein, Ihr erſchreckt mich? — Es gewährt mir Troſt zu erfahren, daß Ihr Antheil an ſeinem Schickſale nehmt. — Und wer würde dieß wohl nicht? fragte Colin mit rührendem Schmelze in der Stimme, die vom Herzen kam. — Ich kenne Einen, der nicht ſo ſprach! — Das war der Kaiſer! — Ihr wißt es alſo 2.. — Daß Ihr bei ihm geweſen ſeid. Dieß weiß jetzt die ganze Stadt. — Und was ſagt das große Prag? — Es ſtaunt, es grollt und. ſchweigt! — Und iſt das Schweigen oft nicht viel beredter als alles Reden der Welt? — Wohl habt Ihr Recht, doch nützt es nichts! Und darum bin ich gekommen, Fräulein, um Euch, 176 wenn Ihr's erlaubt, in ein Geheimniß einzuweihen, das uns Allen helfen ſoll. — Sprecht, Meiſter, was iſt Euer Vorhaben? — Sind wir allein? fragte der Bildhauer ängſtlich um ſich blickend. — Im Hauſe Georg Popels von Lobkowie hat noch niemals das Ohr eines Verräthers gelauſcht, erwiderte Eva mit einem antiken Stolze, der ſelbſt einer Heldin Plutarchs imponirt hätte. — Wohlan, Fräulein, dann vernehmt unſern Plan! Euer Vater, der nun ſchon faſt ſechs Monate lang, noch immer nicht verhört, in ſeinem Kerker ſchmachtet, muß jetzt gewaltſam gerettet werden. — O nun erſchreckt Ihr mich, ſagte Eva. Sprecht nicht von Gewalt! Sie bringt mehr Ver⸗ derhen als Heil! — Gewalt muß durch Gewalt bezwungen werden. Das iſt das uralte Recht der Wiedervergeltung. — Es giebt kein traurigeres Recht, als Jenes, das Ihr ſo eben genannt habt... — Aber ſelbſt die Bibel gebietet es! — Und dadurch eben unterſcheidet ſich das alte Teſtament vom neuen. Das Letztere kennt keine Rache... es kennt nur Vergebung. — Und wollt auch Ihr Eurem Feinde, der 177 Euch das Beſte, das Theuerſte, das Höchſte— Euren edlen Vater— geraubt, gewaltſam gerauht, großmüthig vergeben? — Eure Frage ſetzt mich in Verlegenheit. Ich möchte Ench um keinen Preis belügen. Und darum vernehmt die bittere Wahrheit: Einem kann ich nie vergeben! — Und wie wollt Ihr Euch rächen? — Ich bin eine Chriſtin, Herr, und räche mich nicht wie eine Judith! Meine Rache beſteht in.. O laßt mich dieſes harte Wort verſchweigen! — Euer Vater aber muß gerettet werden.. — Und durch welches Mittel 2 — Durch liſtige Gewalt oder— wenn Ihr dieß lieber hört— durch gewaltſame Liſt. Ich und mein Landsmann, der Edelſteinſchleifer Jobſt von Brüſſel, haben einen gemeinſchaftlichen Plan zur Befreiung Eures Vaters ausgedacht und drei grundehrliche Bürgersleute, eben ſo empört als wir ſelber, in unſer Geheimniß eingeweiht. — Und wer ſind jene drei Männer? — Der Bader Procop, der Schuſter Wenzel, der Schneider Matthias. — Ich kenne nur den Letzteren. Er iſt eine 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 12 ½ 178 gute, ehrliche Seele. Aber könnt Ihr Euch auch auf die Treue der beiden Andern verlaſſen 2 — Jobſt bürgt für den Bader; ich bürge für meinen treuherzigen Schuſter. — und haben dieſe drei Männer Muth? — Freilich nicht ſo viel als jene im feurigen Ofen, aber hoffentlich doch immer genug, um uns Beiden behilflich zu ſein. — Und was habt Ihr weiter beſchloſſen? — Wir wollen Euren Vater liſtig entführen. — Aber wie und auf welche Weiſe? — Das darf ich ſelbſt Euch nicht verrathen. — Wie aber, wenn Euer Plan mißlingt? — Dann ſind wir alle Fünf verloren! — Das wäre ſchrecklich für mich und meinen armen Vater! Ich bitte Euch, Meiſter Colin, opfert Guer Leben nicht einem gewagten Plane, der ſo leicht mißglücken und ſelbſt verrathen werden kann, noch bevor er ausgeführt wird. Ich bitte Euch, unterlaßt Euer Vorhaben. Der Himmel wird meinen Vater retten. Erhaltet Euer Leben Eurer Kunſt — Mein Leben, meine Kunſt.. ſie machen mir keine Freude mehr.. — und ſeit wann, mein armer Künſtler? 179 Seit ſeit dei ich meine Heimath verlaſſen ſſagte Meiſter Colin vorſichtig wieder einlenkend. — Bald werdet Ihr dorthin wieder zurückkeh⸗ ren denkt an Euer liebes, braves Weib Die Worte erſtarben auf ſeiner Zunge, die Seufzer verwelkten auf ſeinen Lippen, die Thränen vereinten ſich in ſeinem Auge. — Denkt, fuhr Eva fort, an Eueren jungen, ſchmucken Burſchen.. — Und wer ſagte Euch, fragte Meiſter Colin hoch erſtaunt, daß ich daheim nicht bloß ein Weib, ein gutes braves Weib, ſondern auch einen drallen, herzigen Jungen habe? — Mir ſagte es Eurer Freund und Lands⸗ ma — Jobſt von Brüſſel? fragte Colin aufgeregt... — Nicht er, ſondern Peter von Mecheln, den ich eigens darum gefragt. ich ließ mir Euer Weib und Euern Knaben ausführlich beſchreiben von ihm. — Und warum thatet Ihr dieß2 — Weil ich an den Euren nicht minder war⸗ men Antheil nehme, als an Euch ſelbſt. 1 180 — Sprecht Ihr die Wahrheit, Fräulein? fragte der Bildhauer mit gebrochener Stimme. — Was berechtigt Euch, fragte ſie mit leiſem Vorwurf, daran zu zweifeln? — O verzeiht mir, mein gnädiges Fräulein, ein ſo ſchönes Herz wie das Eure iſt keiner Lüge fähig. — und darum, Meiſter Colin, dürft Ihr mir glauben, daß ich die ſtille verſchwiegene Liebe, die in Eurem Herzen brennt, frühzeitig erkannt und gewür⸗ digt habe, ja, daß ich ſie mit tauſend Freuden und mit ſtolzerfülltem Herzen erwidert hätte, wäre das Eure noch frei, ganz frei, geweſen. — Das eben iſt ja mein Ungluͤck! ſtöhnte Alexander.. — O nennt es nicht ſo! Ihr kränkt dadurch ein edles Weib, das daheim mit den bangen Schmer⸗ zen jahrelanger Sehnſucht Eurer Rückkehr harrt. — Ach, Fräulein, foltert nicht mein Herz Sprecht nicht mehr von heiliger Pflicht. Auch die Liebe hat ihr Recht. — Sprecht nicht mehr von Liebe zu Der, die ſich mit Eurer edlen Freundſchaft begnügt, welche ſie Euch redlich vergelten will für's ganze Leben. Nun aber laßt uns ſchweigen davon und ſagt mir jetzt, was Ihr für meinen Vater durchzuſetzen hofft? 181 — Mit Gottes Hilfe Alles! — Braucht Ihr Geld zur Ausführung Eures Planes? Nehmt hier meine Armſpange, meine Hals⸗ kette. Braucht Ihr mehr, ſo ſagt es mir! Ich habe ja noch ſo viel Geſchmeide, ſo viel Perlen und Ju⸗ welen, womit mich die Liebe meiner Mutter, die Zärtlichkeit meines Vaters, ſo überreich beſchenkt hat⸗ ten. Nehmt Alles, was ich mein nenne; aber ret⸗ tet, rettet ihn! — Das eben wollen wir verſuchen. Doch brau⸗ chen wir dazu kein Geld, das haben wir bereits.. — Und woher habt Ihr dieſes Geld? fragte Eva, tief gerührt durch die edle Abſicht des Künſtlers. — Ich habe eine meiner Statuen verkauft und mein Landsmann Jobſt hat— auf einige Zeit!— koſtbare Edelſteine, die er für den Kaiſer ſchleifen ſoll, bei einem Juden verſetzt. — Und wenn Jener dieß zufällig erführe2 — Dann wäre der arme Jobſt compromittirt; doch bald erhalten wir Geld und können das fremde Pfand wieder einlöſen. — Nehmt doch Hilfe vvn mir an! bat Eva. — Nein, nein, das kann, das darf nicht ſein; das erlaubt die Ehre und der Stolz unſeres Künſt⸗ lerſtandes nicht. 182 — Ich bewundere Euch, ihr ſtolzen Niederländer! — Ein deutſcher Künſtler handelte ebenſo! etwiderte Colin, den von Eva gerühmten Vorzug der Nation, welcher Jobſt und er ſelber angehörten, beſcheiden ablehnend. — Ich liebe dieſe Deutſchen nicht! geſtand Eva. Und ich will Euch auch ſagen, warum. Wohl verdanken wir ihnen einen kleinen Theil unſerer Bildung, aber auch einen um ſo größeren Theil unſerer Abhängig⸗ keit. Doch zurück zu Euerm edlen Vorhaben. Wann gedenkt Ihr dasſelbe auszuführen?— — Uebermorgen werden wir unſere Reiſe antre⸗ ten — Und wann hofft Ihr zurückzukehren?.. — Das ſteht in Gottes Hand! Betet, betet, daß unſer Befreiungsplan gelinge. Und bis dahin, edles Fräulein, lebet wohl! Die Mutter Gottes nehme Euch in ihren Schutz! Geht und vollbringt, wozu Euer edles Herz, Euer erhabenes Mitgefühl Euch antreibt, ſagte Eva ihm die Hand reichend, die er mit noch nie gefühlter Seligkeit an ſeine Lippen zog. Eva begleitete den Künſtler durch die lange Reihe von Zimmern, durch welche man ihren Vater fortgeführt, bis in's Vorgemach. 183 Dort fiel ihr Blick auf die Blumenvaſe. Der blitzſchnellen Eingebung ihres dankgerührten Herzens folgend, nahm ſie eine dieſer Blumen und ſchenkte ſie ihm mit den Worten: — Sie hat geblüht und iſt verwelkt. Verwelkt wie alles Irdiſche im Leben. Aber meine Freund⸗ ſchaft, meine Dankbarkeit für Euch wird ewig fort⸗ blühen in dieſem Herzen, das Euch nie vergeſſen mag. Nehmt dieſe arme bleiche Roſe und bewahrt ſie als Erinnerung an mich! — Ach, Fräulein, Fräulein, ſchluchzte der Bild⸗ hauer. — Sprecht, was bewegt Euch ſo mächtig? Colin vermochte das Geheimniß nicht länger zurückzuhalten. In überſtrömendem Gefühle geſtand er: — Dieſe Blumen, Fräulein, kamen von mir! — Von Euch und nicht von Ihm? O dann haben ſie wieder neuen Werth, neuen Zauber für mich! Ihr gabet mir tauſend blühende; ich, Aermſte, ſchenkte Euch(ſie wiederholte abſichtlich ſeine eigenen Worte) als„Tribut der Freude eines dankerfüllten Herzens“ eine dafür, die eben ſo verwelkt als der Frühling dieſes Herzens iſt. Verſchmäht nicht die⸗ ſen unſcheinbaren Talisman; er wird Euch Glück und Segen bringen. 184 Colin küßte die Roſe und ging. Und als Eva wieder allein war, küßte auch ſie die verwelkten Blumen und drückte ein Bouquet nach dem Andern an ihr lautklopfendes Herz und ſagte zu ihnen: — Ich will Euch wie Reliquien bewahren. Ihr ſollt mich ſtets daran erinnern, daß für mich arme, von aller Welt verlaſſene, mutter⸗ und vater⸗ loſe Waiſe ein großes, edles, uneigennütziges Künſtler⸗ herz ſchlägt. Selbſt verwelkt will ich Euch pflegen und lieben, denn Ihr kommt ja von Ihm! Fünfzehntes Capitel. Elbogen und der Gefangene. Doch vor Allem wieder etwas Topographie! Man verarge uns dieß nicht! Hat doch ein großer, unerreichbarer Meiſter, deſſen Namen wir unſerm Leſer nicht zu nennen brauchen, oft viele, lange und dennoch kurze Seiten über eine Kirche und deren Thurmſpitzen geſchrieben Warum alſo ſollte es einem beſcheidenen Jünger jenes bekannten„Unbekannten⸗ nicht vergönnt ſein, eine Handvoll Zeilen über eine 185 (nicht Jedem bekannte) Feſtung zu ſchreiben, deren Inneres gleichſam der zweite Mittelpunct der Hand⸗ lung dieſer Erzählung iſt? Elbogen(böhmiſch loket, lateiniſch Cubitus ge⸗ nannt) ſechszehn Meilen von Prag, liegt am linken Ufer der Eger und führt jenen Namen, weil es ſich längs dieſes Flußes in Form eines Ellenbogens hin⸗ zieht. Die Eger entſpringt in Franken, geht durch das Bayreuth'ſche nach Böhmen, fließt vor Elbogen, Saaz, Laun und Budin vorüber, nimmt unterweges vier andere Flüßchen auf und mündet bei Thereſien⸗ ſtadt in die Elbe. Elbogen, mit einem ziemlich ſtarken Mauergürtel umgeben, hat nur ein einziges Thor, weßhalb man nicht durchpaſſiren kann und, wenn man weiter will, wieder umkehren und zu demſelben Thore, durch das man hineingekommen, auch hinaus muß.— Die Stadt hat ein feſtes Schloß, das auf einem jähen Felſen liegt, der finſter und drohend auf die kleine, harmloſe Eger hinabſchaut, die ziemlich ſchüchtern an ihm vorüberfließt. Die Stadt ſelbſt iſt ziemlich alt. Kaiſer Sigis⸗ mund geruhte, bald nach dem Concilium zu Trient, ſie an ſeinen Kanzler Caſpar von Schlick zu ver⸗ pfänden und ihn ſelbſt in den Grafenſtand zu 186 erheben. Ein Nachfolger dieſes Kanzlers, Hieronymus von Schlick, müde der ewigen Fehden mit den zu jener Zeit weniger geduldigen Bürgern, die ſich be⸗ ſtändig gegen ihn empörten, fand es rathſam, Elbo⸗ gen dem Kaiſer Ferdinand I. abzutreten; bald aber kaufte es ſich von der k. Kammer los nnd ward dann königliche Freiſtadt, was ſie noch heute iſt. Die Feſtung galt für ſehr feſt. Elbogen war eine der wenigen Städte Böhmens, welche die Schwe⸗ den im dreißigjährigen Kriege nicht erobern konnten „ob ſie gleich viel Volk davor verloren. Die Bayern aber hatten ſie 1621 eingenommen, und zehn Jahre ſpäter ward ſie auch von den Sachſen erobert. Zu der Zeit aber, wo Georg Popel von Lob⸗ kowic auf dieſer Veſte gefangen ſaß, war ſie noch eine Jungfrau, die Jeder für uneinnehmbar hielt. Und darum glaubte Kaiſer Rudolph, daß ſein Feind dort beſſer als anderswo aufgehoben ſei. Georg Popel von Lobkowic ſaß hier bereits ſechs Monate, ohne verhört worden zu ſein. Der Unglückliche war der Verzweiflung nahe. Eines Tages aber hatte ſich ſeine traurige, troſt⸗ loſe Lage urplötzlich wie durch ein Wunder des Himmels geändert. Er fühlte ſich nicht mehr allein. Eines Morgens, als er, zum erſten Male während 187 ſeiner Gefangenſchaft, aus einem ſüßen Traume(er hatte von ſeiner Tochter geträumt) erwacht war, flatterte in ſeiner Zelle eine muntere Taube umher. Sie war weiß, wie friſchgefallener Schnee. Der Oberſthofmeiſter glaubte noch immer zu träumen, denn er konnte nicht begreifen, wie dieſer Bote des Friedens zu ihm hineingeflogen ſei. Aller⸗ dings hatte er, bevor er ermattet auf ſein Lager hin⸗ geſunken war, vergeſſen, das Fenſter zu ſchließen; doch ſchien es ihm unbegreiflich, daß dieſe ſchmucke Taube auf dieſem Wege zu ihm gelangt ſei, weil(wie wir ſchon früher berichtet haben) die Eiſenſtäbe dieſes BGitterfenſters viel zu eng aneinander gereiht ſchienen, um einer Taube Platz zu freiem Durchzuge zu ver⸗ gönnen. Er konnte ſich alſo durchaus nicht erklären, wo und wie ſie zu ihm hineingeflattert ſei. Aber ſie war nun einmal da, und Georg Popel von Lobkowie hatte an der räthſelhaften Erſchei⸗ nung dieſer Taube eine ſolche Freude, daß er, hoch⸗ beglückt, ſeine abgemagerten Hände zuſammenſchlng und jubelnd ausrief: — Gott ſei Dank! Nun bin ich nicht mehr allein! Die Taube ließ ſich nicht ſtören. Sie flatterte mit pfeilſchneller Geſchwindigkeit von einer Ecke der 188 Zelle zur andern. Der Oberſthofmeiſter verſuchte, ſie zu haſchen. Sie aber wollte ſich nicht fangen laſſen, denn ſie liebte ihre Freiheit eben ſo gut wie er ſelbſt und ſchien allmälig ſcheu und ängſtlich zu werden in dieſem lebendigen Grabe“. Endlich ließ ſie ermattet die Flägel ſinken und ſetzte ſich auf die Lehne ſeines Lagers nieder. Und dort endlich fing er ſie. Aber wie groß war jetzt ſein Erſtaunen, als er gewahrte, daß am Halſe derſelben ein grünes Sei⸗ denbändchen und an dieſem ein goldener Reif hing in Form einer antiken Schlange, aus deren Augen⸗ höhlen ihm zwei kleine Diamanten entgegen leuch⸗ teten. — Gott im Himmel, fragte er ſich, wer hat mir dieſe Tanbe, wer hat mir dieſen Ring geſchickt? Soll ich glauben, daß ſie ſich nur durch Zufall— ich weiß noch immer nicht, wie?— in meine ein⸗ ſame Zelle verirrt, oder daß ſie irgend Jemand, der an meinem Schickſale, vielleicht gar an meiner Be⸗ freiung, Theil nimmt, ſie mir als Boten des Tro⸗ ſtes, als Vorläufer glücklicherer Zeiten, geſandt hat? — Wie erkläre ich mir Dein Kommen? fragte der Gefangene ſeine Gefangene, ſie küſſend an ſei⸗ nen Mund, ſie liebkoſend an ſein Herz preſſend. O 189 könnteſt Du reden, meine holde Taube mit dem Oel⸗ zweige, um mir Dein Geheimniß anzuvertrauen, wer Dich an mich abgeſchickt hat, um mit mir die öde Einſamkeit meines Kerkers zu theilen und mir die Qual meiner troſtloſen Abgeſchiedenheit von Allem, was rings um mich lebt, zu mildern und, ſo gut Du es vermagſt, zu erheitern! Jetzt, ſeitdem ich Dich habe, fühle ich mich nicht mehr ſo allein, ſo ganz verlaſſen, wie bisher. Jetzt habe ich wenigſtens Eine Zerſtreu⸗ ung. Jetzt weiß ich ein Weſen um mich, das mir Geſellſchaft leiſtet. Sprich, meine Taube, wer ſandte Dich? fragte er, ihr zärtlich in's treue Auge blickend, gleich als wollte er die Beantwortung ſeiner Frage aus ihren ſtummen aber klugen Blicken herausleſen. Und wer, wer ſandte mir durch Dich dieſes grüne Band, und dieſen Ring, die Du als Symbole der Hoffnung und Liebe an Deinem ſchneeweißen Halſe trägſt?— O ich Thor, ich alter Thor!— rief er nach kurzer Pauſe. Wie konnte ich nur fragen? Wer anders kann Dich geſchickt haben, als Eva, mein liebes, ſüßes, frommes Kind, das daheim um ſeinen Vater trauert und ſich Deine Flügel wünſcht, um in den Kerker deſſen zu eilen, der hier lebendig be⸗ graben iſt! Wie aber kam Eva zu dieſem Ringe? fragte er den Schlangenreif loslöſend und ihn nach ⸗ 190 Außen und Innen nachdenklich betrachtend. Nein, nein. Dieſer Ring kommt nicht von ihr... ſonſt müßte ich ihn kennen!— Aber wer Dich auch geſchickt haben mag, wär's ſelbſt mein unerbittlichſter Feind, er ſei geſegnet dafür!— Nur der, ſo da weiß, was es heißt, ſechs Monden ſo mutterſeelen allein bei lebendigem Leibe eingeſcharrt zu ſein in öder Grabes⸗ ſtille, nur der und kein Anderer wird die Freude, den Jubel, die Seligkeit, die mich bei Deinem Anblick immer wieder auf's Neue durchpulſt und belebt, be⸗ greifen können. Sei mir gegrüßt, meine ſchmucke Botin! Sei hundert⸗, ſei tanſendfach gegrüßt von Dem, der für den holden Troſt, den Dein Hierſein ihm gewährt, Dich liebreich pflegen will!— Pflegen, wie⸗ derholte er tiefaufſeufzend, doch womit? Mit ekler Gefangenkoſt? Doch warum murre, warum verſün⸗ dige ich mich? Fleht nicht der fromme, gottergebene Chriſt: Vater Unſer, der Du biſt im Himmel, gieb uns unſer täglich Brod!“ Und erhalte ich nicht täg⸗ lich Brod und Speiſe in Ueberfluß? Du, fromme Taube, biſt gengſamer als der ewig unzufriedene Menſch. Du, Du wirſt zufrieden ſein mit dem Brode des Gefangenen, der es tagtäglich mit ſeinen Thrä⸗ nen benetzt. So ſprach er noch lange mit ſeiner Taube und 191 herzte und küßte ſie immer wieder auf's Neue und wurde nicht müde, barüber nachzuſinnen, nachzugrü⸗ beln, auf welche ihm unerklärliche, räthſelhafte, ja faſt wunderbare Weiſe dieſes ſchöne, kluge, treuher⸗ zige Thier in den enggezogenen Kreis ſeines trauri⸗ gen Daſeins eingedrungen ſei. So waren raſch einige Stunden vergangen. Wie ein Kind hatte er bald mit der Taube, bald mit dem Ringe geſpielt, bald ihn, bald ſie gekuͤßt und zum erſten Male ſeit ſeiner für ihn ſchon ſo undenklich langen Zeit ſeiner Einzelhaft keinen einzigen Augen⸗ blick der Langeweile verſpürt. Die arme Kleine aber ſchien von Hunger gequält zu werden, denn ſie ſuchte mit dem ſpitzen Roſen⸗ ſchnabel umher, um irgend etwas aufzupicken, womit ſie ihre Eßluſt ſtillen konnte. Der arme Gefangene war darüber untröſtlich, denn er wußte nicht, wie ſpät es ſei und wie lange er noch zu warten habe, bis dahin, wo der unſicht⸗ bare Kerkermeiſter ihm ſeine tägliche Atzung durch den Thüreinſchnitt hinein zu ſchieben angewieſen war. Unterdeſſen aber war es Mittag geworden. In dem Augenblick, als er die hungernde Taube von Neuem gehaſcht hatte, um ſie gleichſam zu tröſten 192 über ſeine hilfloſe Gaſtlichkeit, vernahm er den plum⸗ pen Tritt des Schließers. Beſorgt, daß dieſer beim Oeffnen des Schiebers ſeinen heimlichen Gaſt gewahren und ihn— was dann ſicher geſchehen wäre— den Liebkoſungen des Gefange⸗ nen entreißen würde, verſteckte er, aufgeſchreckt wie ein Wilddieb, die Taube in ſeinen Buſen und horchte angſterfüllt ſo lange, bis der Schieber wieder herab⸗ gelaſſen ward. Jetzt erſt wagte er wieder aufzuathmen. — Gottlob, die Gefahr iſt vorüber! rief er aus und fütterte nun ſeine Taube, die ſich das Brod des Gefangenen ſo gut ſchmecken ließ, daß, durch das Beiſpiel ihrer Genügſamkeit belehrt, auch er— zum erſten Male nach langer Zeit— wieder Eßluſt ver⸗ ſpürte und die alltägliche Koſt mit weit weniger Widerwillen als bisher verzehrte. So kann ſehr oft im Leben der ſich weiſe dünkende Menſch von einem dummen“ Thiere lernen zufrieden zu ſein mit dem, was ihm das Schickſal zu Theil werden läßt. Das ungenügſamſte Thier iſt der— Menſch. Und trotz all ſeiner tauſend Schwächen und Laſter nennt er ſich im ſtolzen Uebermuthe ſeiner eingebildeten Größe das Ebenbild Gottes!— —————————————— 193 Nach Verlauf von acht Tagen hatte er ſeine Anfangs etwas ſcheue Geſellſchafterin ſchon ſo gekirrt, daß ſie aus ſeiner Hand aß und ſeinen Worten ſo willig gehorchte, als ob ſie jedes derſelben zu ver⸗ ſtehen fähig ſei. Kein Wunder alſo, daß er ſie von Tag zu Tage, von Stunde zu Stunde, mehr und mehr liebgewann, ſo daß er ſie endlich ſeine Tröſterin, ſein Kind, ſeine Eva hieß und nicht müde ward, ſie zu ſtreicheln, herzen und abzuküſſen, als ob ſie wirklich das Fleiſch ſeines Fleiſches, das Blut ſeines Blutes wäre. Er pflegte ſie mit väterlicher Liebe und mit banger Sorge, daß der Wärter ſeines Gefängniſſes ſie endlich doch erſpähen und ihm ent⸗ reißen könnte. Und dieſes dunkle Vorgefühl pei⸗ nigte ihn jetzt ſchon dergeſtalt, daß er in Zorn ge⸗ rieth, wenn er dem Gedanken nachhing, man könne ſo grauſam ſein, ihn auch dieſes Troſtes zu berauben. Die Taube aber ſchien ihm dankbar zu ſein für die zärtliche Pflege, die er ihr angedeihen ließ. Sie küßte ihn, ſo gut ſie es vermochte: ſie theilte ſein Brot, ſie theilte ſein Lager und ſchien Alles zu verſuchen, um ſeine Gebanken zu beſchäftigen und ihn aufzuheitern. Ein Gefangener tröſtet ſo gern den Andern! 1856. IV. Auf dem Hradſchin. I. 13 194 Auch der Ring war ihm lieb geworden. Er trug ihn ſeit dem Tage, an welchem ſie auf ſo räthſelhafte Weiſe zu ihm gelangt war, an dem Goldfinger ſeiner linken Hand, als habe er ſich gleich⸗ ſam mit ihr verlobt, denn ſie war ihm Kind und Braut zugleich. Selbſt das grüne Band verwahrte er. Es trug ja die Farbe der Hoffnung, und Hoffnung iſt ja der letzte Strohhalm, an welchem der Menſch in ſeiner Verzweiflung ſich feſtklammert, als wäre der gebrechliche Halm der letzte Maſt des im Sturme berſtenden Lebensſchiffs. Seitdem ſein Schutzgeiſt ihm dieſe weiße Taube zugeführt, ſchienen ihm die Tage ſeiner Gefangen⸗ ſchaft nur halb ſo lang und die Nächte weit ruhi⸗ ger und erquickender als vor ihrer Ankunft. Er hieß ſie die„Geſandtin ſeiner Zukunft“ und pries den guten Stern, der über ſeinem Haupte von Neuem zu leuchten begann. Das menſchliche Herz iſt ſo unerſchöpflich reich und erfinderiſch an Troſtgründen, daß es ſelbſt aus den durch einen Windhauch zerreißbaren Fäden eines Spinnengewebes ſich goldene Kettenbrücken über das ſtille, unergründliche Meer der Leiden bis hinüber zum blauen Hafen ſeiner Ruhe baut, die an der Wiege ſeiner Geburt aufhört und erſt jenſeits der 195 dunkeln Pforten ſeines Grabes beginnt. Der Polar⸗ ſtern, der unſerem Lebensnachen von einer Küſte zu der andern voranleuchtet und wie ein Zaubermond die dunkle Nacht des irdiſchen Lebens erhellt, iſt ein Auge Gottes und heißet— T roſt! Sechszehntes Capitel. Liſt um Liſt. Am Morgen besſelben Tages, an welchem die Fünfmännerſchaar in einem dicht verdeckten Wagen gegen Elbogen aufbrach, um dort ihren liſtig ange⸗ legten Befreiungsplan in Ausführung zu bringen, am Morgen desſelben Tages ſah man, gleich nach Sonnen⸗Aufgang, einen Reiter in geſtrecktem Galopp durch das Spittelthor hinausſprengen auf die Straße, die nach Brandeis und Altbunzlau führt. Die Männer, die in dem engen, von einem einzigen Gaule gezogenen Wagen ſo zuſammengepreßt wie Bücklinge in der Tonne waren, ſchienen trotz dieſer Unbequemlichkeit frohen Muthes und guter Laune zu ſein; nur der dicke Bader, im Hintergrunde des Fuhrwerks zwiſchen Schneider und Schuſter, wie 13 — 196 ein fetter Schinkenſchnitt zwiſchen zwei ungleichen Butterbemmen eingeklemmt, war trotz der ſcharfen Mor⸗ genkühle ſchon in Transpiration gerathen und fing bereits ſo zu dünſten an, daß ſein kahler Schädel mehr und mehr zu rauchen begann. Die beiden Künſtler, die mit großen Reiſetaſchen verſehen, im Vordergrunde ſaßen, holten, als ſie die Thore Prags hinter ſich hatten, ein höchſt appetitliches Frühſtück, begleitet von zwei Fläſchchen Cernoſeker Landweines hervor, das ſie brüderlich mit dem ſpießbürgerlichen Vis— à— vis theilten, welches ſozuſagen tüchtig einhieb. Meiſter Procop aß mindeſtens für Zwei; nur der Schneider ſchien, vermuthlich aus Angſt über die Dinge, die im Werke waren, die Blüthe ſeines Appetits eingebüßt zu haben; deſto beſſer ſchmeckte es dem Schuſter. — Trinkt, Gevatter Matthias, ſagte Alexander Colin, dem Schneider die kurz vorher entſtöpſelte Flaſche hinhaltend. Ein tüchtiger Schluck guten Weines wird Euch erwärmen, denn Ihr friert, wie ich ſehe, und zittert an allen Gliedern Eures gebrechlichen Leichnams wie ein Haſe, dem es an Muth fehlt. — Ich dagegen ſchwitze wie ein Lammsbraten, entgegnete der Bader ſich mit dem Rockärmel den Schweis von der Stirn wiſchend. 197 — WMir iſt nicht ganz wohl! betheuerte Matthias. — Du haſt das Manchettenſteber, heldenmü⸗ thiges Schneiderlein! ſcherzte Jobſt von Brüſſel, die zweite Flaſche an ſeinen Mund ſetzend, um einen kräftigen Zug daraus zu thun. — Aengſtigt Euch nicht, Meiſter Matthias, er⸗ muthigte ihn der Bildhauer. Ihr werdet ſehen, daß unſer Plan gelingen und Alles gut ablaufen wird. — Das gebe Gott und der heilige Wenzel! flehte der Nadelheld. — Da bin ich doch ein ganz anderer Kerl! brüſtete ſich der Schuſter. Wenn ich etwas getrunken habe, fehlt's mir auch an Muth nicht. Und alle Vier frühſtückten weiter. Während das einſpännige Fuhrwerk mit der Laſt ſeiner fünf Inſaſſen ſich langſam wie eine Schnecke fortbewegte, hatte auf dem entgegengeſetzten Wege der Reiter einen bedeutenden Vorſprung gewonnen und nach Verlauf eines halben Stuͤndchens ſchon beinahe eine ganze Meile zurückgelegt. An einem Scheidewege angelangt gönnte er, des Weges unkundig, ſeinem Pferde(es war ein herrli⸗ cher engliſcher Renner) den erſten Augenblick der Ruhe, um einen Bauer, der auf dem benachbarten 198 Felde den Acker pflügte, in gebrochenem Deutſch zu fragen: — Welches iſt der Weg nach Brandeis? Der Landbebauer, der ein Böhme vom reinſten Waſſer war, ſah den Ausländer mit glotzenden Au⸗ gen an und ſchwieg, weil er kein Wort davon ver⸗ ſtanden hatte. Jetzt verſuchte der Reiter, die Mähnen ſeines ungeduldigen Roſſes ſtreichelnd, ſich, ſo gut es ging, Böhmiſch verſtändlich zu machen. Der Bauer zeigte ihm pantomimiſch, der Reiter müſſe von den drei Wegen, die vor ihm lagen, den rechten einſchlagen. Der Fremde gab ſeinem Pferde beide Sporen und ſprengte eilig weiter, um die verlorenen Mi⸗ nuten wieder einzuholen. Jetzt hatte auf entgegengeſetzter Seite auch der Wagen Halt machen müſſen, weil Meiſter Mar⸗ thias ſich genöthigt ſah auszuſteigen, um ein unab⸗ weisbares Bedürfniß zu befriedigen. — Tummelt Euch! rief ihm Colin zu. Der Schneider, gewohnt, dieſe Nothwendigkeit mit großer Ruhe und Bequemlichkeit abzuthun, blieb ſitzen, ohne ſich durch die wiederholten Zurufe und Stichelreden ſeiner Reiſegefährten beunruhigen zu laſſen. 199 — Wir haben dadurch fünf Minuten verloren! brummte Jobſt. — Ich bitte um Verzeihung, meine Herren, ſagte der unpäßliche Reiſegefährte, nachdem er endlich wieder eingeſtiegen war, aber was ſein muß, muß ſein! — Er hat Recht, ſagte der Bader, und darum verzeiht, meine Herren, daß auch ich auf einen Au⸗ genblick ausſteige... — Aber warum, zum Teufel, fluchte Colin, habt Ihr dieß nicht gleichzeitig gethan? — Das war freilich Unrecht von mir, bekannte Procop. — Jetzt will auch ich die Gelegenheit benutzen, ſagte der Schuſter eilig aus dem Wagen ſpringend, um dem Bader Geſellſchaft zu leiſten. Die beiden Künſtler betrachteten ſich, uneinig, ob ſie darüber lachen oder wüthend werden ſollten. Endlich ſchleppte ſich der Wagen weiter. Der Reiter aber hatte unterdeſſen keinen Au⸗ genblick Zeit verloren und bereits die Hälfte ſeines Zieles erreicht. — Komme ich eine Stunde ſpäter an, dann treffe ich ihn vielleicht nicht mehr und dann wäre Alles verloren, ſprach er zu ſich ſelbſt und ſpornte ſeinen Renner zu verdoppelter Schnelligkeit an. 200 Unterdeſſen war die Sonne immer geſtiegen und die Hitze im engen und verdeckten Wagen für die Corpulenz des Baders immer unerträglicher ge⸗ worden. — Ich habe keinen trockenen Faden mehr auf dem ganzen Leibe, betheuerte Procop. Gebt mir, ich bitte Euch, einen Schluck friſchen Weines, ſonſt verſchmachte ich wie der heilige Laurentius auf dem Roſte. — Auch ich fange zu ſchwitzen an, ſagte Wen⸗ zel, der nun ebenfalls die Anwandlung eines alten Uebels, mit welchem er auf die Welt gekommen, ungeheuern Durſt, verſpürte. — Nur ich friere, wehklagte der Schneider, der vom Augenblick blaſſer und blaſſer zu werden begann. Colin entkorkte eine dritte Flaſche, die jetzt von Mund zu Munde ging, denn Alle tranken, nur Mat⸗ thias nicht. — Was fehlt Euch, Gevatter? fragte Procop, Ihr ſeht ja recht elend aus! — Ach, mir iſt auch gar nicht wohl. Ich muß, mit Eurer gütigen Erlaubniß, noch einmal aus⸗ ſteigen. — Schon wieder? grollte der Bildhauer. 201 — Ich glaube gar, ſagte der Edelſteinſchleifer, dieſe furchtſame Schneiderſeele hat aus lauter Angſt.. — Ein Fieberchen bekommen! ergänzte Mat⸗ thias ausſteigend. Und das Fuhrwerk mußte abermals ſtillſtehen. Faſt um dieſelbe Zeit hielt der Reiter vor einem niedergelaſſenen Schlagbaume, der ihm den freien Durchritt verſperrte. Er rief, er tobte und fluchte. Aber Niemand erſchien, der ihn hörte. Da drängte er ſein muthig⸗ feuriges Roß einige zwanzig Schritte zurück, drückte ihm von Neuem die Sporen in die Hüfte und ſprang dann in Einem Nu über die ellenhohe Barriere hinweg. Jetzt erſt zeigte ſich der Aufſeher, der, wüthend darüber, daß ihm Einer durch die Lappen gegangen⸗ war, ihm gleichſam, als ob er ihn gekannt hätte, mit gellender Stimme nachſchrie: — Spitzbube, infamer Spitzbube! Dieſer aber hörte es nicht mehr, denn ſein edles Roß hatte ihn mit Blitzesſchnelle weiter getragen. Nachdem der Schneider, etwas erleichtert, wie⸗ der eingeſtiegen war, ſetzte ſich die Schnecke(ſtill und bewegt, wie Hyperion ſagt) wieder in Bewegung. Die beiden Künſtler aber verwünſchten im Stillen 202 den unglücklichen Einfall, den Meiſter Haſenfuß, deſſen Unwohlſein ſie nun ſchon zum zweiten Male aufgehalten, in ihren Plan eingeweiht und zur Aus⸗ führung desſelben mitgenommen zu haben; denn leider begannen ſie jetzt erſt einzuſehen, daß er ein über⸗ flüſſiges Möbel' war. — Hätten wir ahnen können, begann Colin, daß Ihr unwohl ſeid, dann.. — Würden wir Euch zu Hauſe gelaſſen haben, ſetzte Jobſt hinzu. — Das wäre mir allerdings lieber geweſen, geſtand der Schneider, denn ich mache kein Geheim⸗ niß daraus, daß.. — Ihr doch nicht ſchon wieder ausſteigen müßt? fragten alle Vier wie aus Einem Munde. — Das eben nicht, ſtöhnte Gevatter Matthias, aber ich kann Euch durchaus nicht verſchweigen, daß ich mich ſehr matt und angegriffen fühle.. — Das macht die Angſt! lachte Colin. — Mag ſein! bekannte der Schneider. Wer aber kann für ſeine Natur? — Er hat Recht, ſagte der Bader. Nicht Je⸗ der hat ſo viel Muth als Unſer Einer! — Wenn wir nur ſchon an Ort und Stelle wären! ſagte Wenzel, denn ich habe Durſt, viel Durſt! Colin reichte dem Säufer friſchen Wein. — Nehmt, Gevatter Schwamm, und ſtärkt Euch! — Dieſer Trank iſt nicht zu verachten! erklärte der Schuſter und leerte in zwei Zügen die vierte Flaſche bis zur Häffte. Und unterdeſſen war es Mittag geworden. Der Wagen hatte kaum ein Vierzehntheil We⸗ ges zurückgelegt, als der Reiter und ſein Roß, ſtaubbedeckt und ſchweistriefend, ſchon am Ende ihres Zieles angelangt waren. Der Mann ſprang vom Pferde, deſſen prächti⸗ gen Zügel er einem der vielen vor dem Schloſſe faulenzend auf⸗ und abgehenden Trabanten zuwarf, dann wandte er ſich an einen dicht daneben ſtehen⸗ den Hoflakaien mit der Frage: Iſt der Kaiſer noch in Brandeis — Ja, lautete die träge, einſilbige Antwort. — Ich muß Seine Majeſtät angenblicklich ſprechen.. — Das geht nicht, erwiderte der Lakai. Der Kaiſer hat befohlen Keinen vorzulaſſen, weil er hier allein und durchaus ungeſtört ſein will. — Ich aber muß ihn ſprechen, denn es iſt Gefahr im Verzuge. 204 — Und Euer Name? fragte Martin Rutzke, der kaiſerliche Kammerdiener. Der Reiter nannte ihm ſeinen Namen. — Da Ihr es ſeid, will ich Euch anmelden, ſagte der Diener, der in alle Geheimniſſe ſeines kai⸗ ſerlichen Herrn eiugeweiht, zu wiſſen ſchien, daß die⸗ ſer Fremde ſeit Kurzem zu den Vertrauten Seiner Majeſtät gehörte. Kaum angemeldet, ward er ſogleich vorgelaſſen. — Was bringt Ihr? fragte der Kaiſer. — Eine eben ſo wichtige als unaufſchiebbare Nachricht, ſagte er, aus ſeiner ſchwarzen Sammet⸗ Suba einen Brief hervorholend, den er Seiner Ma⸗ jeſtät überreichte. — Von wem? fragte Rudolph, auffallend un⸗ wirſch, daß er in ſeinem Alleinſein mit der Gräfin Magdalena zu unrechter Zeit geſtört worden war. — Der Abſender hat ſich darin genannt! ent⸗ gegnete der Ueberreicher, der ſich durch die üble Laune des Kaiſers nicht aus der Faſſung bringen ließ. Rudolph erbrach das Schreiben, warf einen Blick auf die Unterſchrift und erwiderte dann, plötz⸗ lich umgewandelt, mit huldvoller Herablaſſenheit: — Warum habt Ihr uns dieß nicht gleich geſagt? —— —— 205 Dann durchflog er den Inhalt der ziemlich un⸗ leſerlich gekrizelten Zeilen und ſprach, nachdem er ſie noch einmal geleſen: — Empfangt für dieſen wichtigen Dienſt, den Ihr uns dadurch geleiſtet, unſern beſten Dank und zum Beweiſe unſerer Allerhöchſten Huld und Zufrie⸗ denheit unſer kaiſerliches Wort, daß wir Euch und dem Schreiber dieſer Zeilen dafür immer dankbar verpflichtet bleiben. Wartet einen Aungenblick! fuhr der Kaiſer fort, ſetzte ſich an ein Pult und fertigte, um keinen Augenblick Zeit zu verlieren, eigenhändig und mit großer Haſt eine Ordre aus, die er mit ſeinem kaiſerlichen Wappen verſiegelt und mit dem Namen deſſen verſehen, an welchen ſie gerichtet war, dem Ueberreicher jener Depeſche übergab mit den Worten: — Beeilt Euch, dieſen Befehl ſofort an den Ort der Adreſſe gelangen zu laſſen. Es iſt keine Zeit zu verlieren. Ihr bürgt mir mit Eurem Kopfe dafür, daß die von mir ertheilte Ordre in allen Puncten von Ihm und Euch ganz ſo, wie ich ſie vorgeſchrieben, vollzogen werde. Morgen erwarte ich Nachricht von Euch. Um aber ſchon heute die trene Anhänglichkeit des Abſenders jener Kunde und Euern Eifer für die gute Sache zu belohnen, ernenne ich 206 Euch hiermit zum Ritter von Brandeis, ſetzte Rudolph hinzu. Jener küßte die Hand des Monarchen und ver⸗ neigte ſich tiefgerührt. — Wir brechen morgen nach Pilſen auf und kehren, ſo Gott will, in längſtens vierzehn Tagen nach unſerm lieben Prag zurück. Und bis dahin gehabt Euch wohl! ſchloß der Kaiſer, ihn allerhuld⸗ reichſt entlaſſend. Unten angekommen warf ſich der neu creirte Ritter auf ſein noch immer in Schweis gebadetes Roß und ſprengte in faſt ununterbrochenem Galopp, oft ventre à terre nach dem Qrte der Beſtimmung. Nachdem wir den ziemlich räthſelhaften Boten jenes geheimnißvollen Befehles mehr und mehr aus unſerm Geſichtskreiſe haben verſchwinden geſehen, langte(reilich erſt am vierten Morgen) das Fuhr⸗ werk der Fünfmännerſchaar am Fuße des Felſens an, auf welchem ſich die Veſte Elbogen erhebt. — Wir ſind am Ziele! rief Procop. — Gottlob! ſtöhnte der arg mitgenommene Schneider. — Jetzt, meine Freunde und Brüder, rief ihnen der Bildhauer zu, nehmt Euch zuſammen. Schlüpfet ——————————— raſch in die ſchwarzen Kutten und benehmt Euch, wie es ſo frommen Vätern geziemt. — Ach, wenn dieſer gefährliche Mummenſchanz nur ſchon vorüber wäre, ſtöhnte Meiſter Haſenherz und verwandelte ſich, ſo raſch als es ging. Seinem Beiſpiele folgten die übrigen Vier. — Ihr werdet doch nichts von Allem, was wir Euch während der letzten acht Tage hundertfach eingebüffelt, vergeſſen haben? fragte Jobſt. — Nein! NRein! ſchrieen Bader und Schuſter. — Und Du? Du? Wie heißeſt Du? fragte Colin den Schneider. — Ich heiße Matthias! antwortete er. — Jeſus, Maria und Joſeph! ſchrie Jobſt, jetzt hat dieſer elende Schneider— dieſer fromme Vater wollte ich ſagen— ſeinen Namen vergeſſen. Ihr heißet ja — O ich Schwachkopf.. nun fällt's mir ein. ich bin der Pater Pancratius Schmidt. — Und Ihr frommer Vater? fragte Colin den Schuſter. — Ich bin der Pater Servatius Sturm. — Und Ihr? fragte Colin den Bader. — Ich bin der fromme Vater Medardus Troſt, erwiderte Procop. 208 — Alſo hübſch aufgepaßt, meine frommen Väter. Vergeßt nicht, daß dieſer Spaß— falls er mißlingt — uns Allen den Kopf koſten kann, ermahnte ſie Jobſt von Brüſſel. — Mir wird angſt und bang, betheuerte der Pſeudo⸗Pater Pancratius. ich möchte zuvor noch einmal ausſteigen und.. — Lieber gar nicht mehr einſteigen? ſiel ihm Medardus in's Wort. Jetzt iſt das Alles zu ſpät. Wir ſind nun ſchon am Thore. Dort angelangt, trat eine Wache auf den Wagen zu und fragte Jeden der Inſaſſen nach ſeinem Namen. Die fünf frommen Väter nannten ſich. 2 — und Euere Abſicht? fragte die Wache. — Wir ſind von dem hochehrwürdigſten Erz⸗ biſchof Zbynek Berka von Duba und Lipa“) abge⸗ ſchickt, entgegnete Pater Gualbertus Roth(ſo nannte ſich Alerander Colin), um die Beichte der Schloß⸗ ) Zbynkk Berka war Nachfolger des am 2. Februar 1590 geſtorbenen Erzbiſchofs und Generalgroßmeiſters der Kreuzherren, Martin Medek aus Mügliß. Berka, 1592 ernannt, ward am 10. October vom päpſtlichen Nuntius Ceſare Speciano conſecrirt. — ——— 209 gefangenen entgegenzunehmen und ihnen das heilige Abendmahl zu reichen. — Und die Erlaubniß dazu? fragte der Soldat. — Hier iſt ſie! ſagte Pater Pamphilius Weiß (ſo hieß ſich Jobſt von Brüſſel) beherzt einen alten, längſt abgelaufenen Conſens dieſer Art vorzeigend. — Das Ding iſt in einer Sprache geſchrieben, die Unſer Einer nicht verſtehen kann. — Das iſt nicht unſere Schuld, mein Sohn! ſagte Pater Gualbertus Roth. Dieſe Erlaubniß iſt in lateiniſcher Sprache abgefaßt. — Das mag ein Anderer leſen, meinte die Wache. Einſtweilen aber behalte ich den Schein.. — Das geht nicht, mein frommer Sohn! Wir müſſen ihn dem Schloßburggrafen vorzeigen, ſonſt werden wir dort, wie Euer Verſtand wohl leicht begreifen wird, nicht eingelaſſen. — Nun, da habt Ihr Euer Papier. Fahr zu! ſagte er zum Kutſcher. Die erſte Angſt war glücklich überſtanden. Dem frommen Pater Pancratius Schmidt fiel ein Mühl⸗ ſtein von der Bruſt. Der Wagen fuhr in die Stadt. Am erſten Einkehrhauſe, beſchildet zur heiligen Ludmila, machte er Halt. Die fünf frommen Väter ſtiegen aus. 1856. IW. Auf dem Hradſchin. I. 14 210 Der Kutſcher war nicht wenig erſtaunt, als er anſtatt der fünf gewöhnlichen Bürgersleute, die in Prag eingeſtiegen waren, fünf fromme Väter der Geſellſchaft Jeſu, Einen nach dem Andern, mit ſalbungsreicher Miene und gottgefälliger Geberde, ausſteigen und in's Gaſthaus einkehren ſah.— Er glaubte an Hexerei und fing an, ſich zu fürchten. — Schweige, drohte ihm der zuletzt Ausgeſtie⸗ gene, Alerander Colin, ſonſt biſt Du ein Kind des Todes. Dann verſchwand auch er in's Haus. Dem Kutſcher war der Schreck in die Glieder gefahren. — Ich werde mich hüten zu reden! ſagte er zu ſich, ſein Pferd ausſpannend und es durch Hof in den Stall führend. Siehzehntes Capitel. die Hiobspoſt. Vierzehn Tage waren ſeitdem dahingegangen. Während dieſer für Eva's Ungeduld und Her⸗ zensangſt unerträglich langen Zeit hatte ſie weder irgend etwas von dem ungewiſſen Schickſale ihres 211 Vaters, noch von dem Kaiſer und deſſen Hofſtaate, der noch immer in Pilſen verweilte, eben ſo wenig aber von ihrem Arzte Jeſſenius als von dem Befrei⸗ ungsverſuche ihres großherzigen Freundes und ſeiner treuen Gehilfen vernommen. Das Einzige, was durch das allgemeine Stadt⸗ geſpräch zu ihrer Kenntniß gelangt, war das Nähere über die unterdeſſen decretirte und gleich darauf in Vollzug geſetzte Confiscation der Güter ihres Vaters. Es war darüber Folgendes bekannt ge⸗ worden: Der größte Theil der auf kaiſerlichen Be⸗ fehl eingezogenen Herrſchaften(wie Haſenburg, Li⸗ bochowic, Kommotau, Eydlitz und Graupen?) war verſetzt, der andere kleinere Theil ſogar verkauft wor⸗ den. Die Herrſchaft Rothenhaus hatte Adam Htan von Haraſowa, der damalige Burggraf von Kö⸗ niggrätz, käuflich an ſich gebracht. Melnik, berühmt durch ſeinen böhmiſchen Burgunderwein, war vor⸗ länfig auf drei Jahre, für 50,000 Schock böhmiſcher Groſchen an Jvachim Nowohradſth von Kolowrat, den Karlſteiner Burggrafen und königlich böhmiſchen Kammerpräſidenten, verpachtet worden. Mehrere um ²) In der Nähe des letzgenannten Ortes hatte er die Probſtei Mariaſchein geſtiftet.. 212 Kommotau gelegene Ortſchaften, wie Görkau und Litkaus) hatte Leonhard von Steinbach, gleichfalls pachtweiſe, an ſich gebracht. So war der Tochter von den ehemaligen rei⸗ chen Beſitzthümern ihres Vaters nur das in der Nähe der Thomaskirche gelegene Haus und das Vermögen von Seiten ihrer Mutter(das der Kaiſer aus Schonung für Eva nicht mitconfiscirt hatte) übriggeblieben. Letzteres hatte der kaiſerlichen Gnade hinreichend geſchienen zu dem beſcheidenen Unterhalte jenes frommen Engels, den er liebte und deſſen Stolz und Härte ihn faſt eben ſo empörte, als deſ⸗ ſen Schönheit und Leibreiz ihn entzückte. Vielleicht lag es im Plane Rudolphs, Liebloſigkeit durch Lieb⸗ loſigkeit vergeltend, Eva gerade durch dieſe ſeinem Herzen bis dahin fremd gebliebene Härte und Ty⸗ rannei endlich doch noch zur Nachgiebigkeit und Un⸗ terwerfung zu bewegen. Irren aber iſt nicht nur menſchlich, ſondern oft auch fürſtlich, denn Eva's ganzes zukünftiges Leben bewies, daß Rudolph ihr Herz nicht gekannt und *) In der Gefindeſtube des letztgenannten Schloſſes war BGeorg Popel von Lobkowie vor ſeiner Abführung nach Elbogen ein Paar Tage lang gefangen gehalten worden. 213 ſich ſchon darum in all' ſeinen Berechnungen arg getäuſcht haben müßte. Eva hatte vor dem Bilde ihrer frommen, un⸗ vergeßlichen Mutter dieſer und ſich ſelbſt gelobt, unerſchütterlich⸗ feſt in den Grundſätzen der Ehre und Tugend ihres Hauſes zu beharren. Sie hatte ſich und ihrer Mutter geſchworen an dieſem Ge⸗ lübde der Ehre und Keuſchheit feſtzuhalten bis zum letzten Hauche ihres Lebens, und der Verlauf unſerer Erzählung wird uns zeigen, ob ſie dieſem Schwur treu geblieben iſt. Seit ihrer Wiedergeneſung hatte ſie ihren ein⸗ zigen Troſt, ihre einzige Zerſtreuung, ihre einzige Aufheiterung im Schvoße der Bibliothek ihres Va⸗ ters gefunden. Die Werke, in welchen ſie Tag und Nacht ſtudirte, um den Kreis ihrer Kenntniſſe zu erweitern, waren ihr allmälig ſo lieb und werth ge⸗ worden, daß ſie in ihnen bald nicht mehr todte Bü⸗ cher, ſoudern lebende Freunde erblickte, in deren Um⸗ gang ſie eine Quelle des Troſtes, unerſchöpſlich wie der gütige Schooß der Mutter Erde, fand. Wenn alle andern Freunde beim Untergange der Sonne unſeres Glücks lieblos uns verlaſſen, dann ſind die Bücher die einzigen, welche uns tren bleiben 214 und in den Stunden trüben Ungemachs tröſtend zur Seite ſtehen. Dieß fühlte auch Eva von Lobkowic. Sie ver⸗ tiefte ſich ſtundenlang in die Gedanken Anderer, um, wenn auch nur auf kurze Zeit, die eigenen zu ver⸗ geſſen, die ſie auf das Prokruſtesbett grauſamen Kummers ſpannten. Wenn ihr ſchwer gefolterter Geiſt dann auf Augenblicke in völlige Troſtloſigkeit verſank, dann war ſie ſo namenlos unglücklich, daß ſie verzweifelnd ſelbſt ihren letzten Freunden den Rük⸗ ken kehrte und niedergeſenkten Hauptes einer Trauer⸗ weide glich, die ihre langen grünen Thränen auf das Grab ihrer eingeſargten Hoffnungen hernieder⸗ fallen ließ. — Wo finde ich einen Philoſophen, rief ſie eines Abends, als ſie von den Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne verklärt, inmitten ihrer Bücher ſaß, wo finde ich einen Autor, der wie jener griechiſche Weiſe Antiphon, welcher zu Korinth die edle Kunſt, Traurige zu tröſten, gelehrt haben ſoll, mir Aermſten, auf dem Gipfel meiner Hoffnungsloſigkeit den letzten Strahl von Troſt in die endloſe Nacht meiner Seele zu gießen vermag? Da ſiel ihr Blick auf den Römer Severinus Boethins, der, eines heimlichen Einverſtändniſſes mit — 215 dem Kaiſer Juſtinus angeklagt und von Theodorich, König der Oſtgothen, gefangen genommen, in ſeinem Kerker ein Werk vom„Troſte der Philoſophie“ ge⸗ ſchrieben, das ſeinen Namen für alle Zeiten un⸗ ſterblich und für Jeden, der in ſchweren Leiden des Troſtes bedarf, unvergeßlich gemacht.*) Eva, die dieſes Buch bis dahin noch nicht ge⸗ kannt hatte, begann jetzt aus dieſem unerſchöpflichen Borne echt chriſtlicher Entſagung den Lethe neuen Troſtes für die ewigwache Erinnerung ihres kindli⸗ chen Kummers zu ſchöpfen. So war denn der neue Antiphon, den ſie geſucht, für ſie gefunden, und dieſer Tröſter war es, der ſie fortan durch die öde Wüſtenei ihrer freiwiligen Gefan⸗ genſchaft begleitete und ſie die Rieſengröße ihres Schmerzes mit heldenmüthiger Reſignation ertragen lehrte. Eines Morgens, als ſie— Dank jenem Buche — hoffnungslos, doch auf das Schlimmſte chriſtlich gefahr und vorbereitet der Kunde harrend, ob der Befreiungsplan ihrer Freunde gelungen ſei, wieder in jenes Werk vertieft, in der Bibliothek ihres Vaters *) Am 23. October 526 ward Boethius in ſeinem Gefäng⸗ niſſe zu Pavia enthauptet. 216 ſaß, wurde ihr durch die Dienerin ein Beſuch ange⸗ meldet. — Ein Fremder wünſcht Euch zu ſprechen, ſagte die Dienerin. — Sein Name? fragte Eva. — Er wollte ſich durchaus nicht nennen. — Eine Ahnung ſagt mir, daß er Kunde von meinem unglücklichen Vater bringt. Und darum laſſe ihn augenblicklich eintreten. Und gleich darauf erſchien der Fremde. — Und wer ſeid Ihr? fragte Eva beſtürzt. — Ich bin ein Edelſteinſchleifer des Kaiſers und heiße Jobſt von Brüſſel. — Ihr ſeid der Freund Alexander Colins — Ich bin ſtolz darauf, dieſen Ehrennamen zu verdienen.. 3 — Meine Ahnung hat mich nicht getäuſcht! Welche Nachricht bringt Ihr mir von meinem Vater? Jobſt von Brüſſel ſchwieg tief bewegt. — Sprecht, ſprecht, lieber Herr. Ihr findet mich auf's Schlimmſte gefaßt. — O dann vernehmt, mein ebles Fräulein, was ich mit blutendem Hetzen Euch zu verkündigen habe. Unſer gemeinſchaftlicher Befreiungsplan iſt— leider! — mißglückt. —— — 217 — Und mein Vater? fragte ſie gefaßt. — Iſt— weh mir, daß ich Euch dieſes ſagen muß!— verſchwunden. — Verſchwunden! wiederholte Eva, ihre Faſſung verlierend. — Man hat ihn von Elbogen hinweggeführt... — Großer Gott, wohin? — Dieß iſt bis jetzt ein Geheimniß, unerklär⸗ lich, unerforſchlich wie ſo vieles Andere, was ſeit Kurzem an dieſem Hofe ſich ereignet... — Man wird ihn heimlich getödtet haben! rief Eva angſterfüllt. — O glaubt dieß nicht, Fräulein! Ich ſchwöre Euch, Euer Vater lebt! ſagte Jobſt, um ſie zu be⸗ ruhigen. — Und was berechtigt Euch zu dieſem Schwure? — Die Stimme meines Herzens und mein noch immer unerſchütterlicher Glaube an die Gerechtigkeit des Kaiſers! — O redet nicht von Ihm! Ihr baut auf Sand, mein Freund! — Nein, Fräulein, ich baue auf Gott! Und mein Vertrauen zu Gott ſagt mir: er, der Richter aller Richter, werde nicht zugeben, daß Euer Vater ungehört verurtheilt werden darf. 218 — Gott iſt gerecht! Doch Euer edler Freund, Meiſter Colin? fragte Eva. Jobſt von Brüſſel ſchwieg von Neuem! — Sprecht, ſprecht, Euer Schweigen und die Ungewißheit, in die es mich verſetzt, foltert mich mehr als die traurigſte Gewißheit. Faßet Muth wie Eva, erzählt ihr Alles, verſchweigt ihr nicht das Kleinſte denn ich muß Ades, Alles wiſſen! — Als Jeſuiten verkleidet begaben wir uns in den Kerker Eures Vaters, unter dem liſtigen Vor⸗ wande, ſeine Beichte zu vernehmen und ihm das Abendmahl zu reichen. Wir frohlockten, als wir die gewagte Liſt ohne den leiſeſten Verdacht gelingen ſa⸗ hen und ohne die kleinſte Schwierigkeit Zutritt zu der Zelle des Oberſthofmeiſters erhielten. Colin und ich hatten den Plan verabredet, den Gefangenen aus ſeinem Kerker zu befreien dadurch, daß wie Euren Vater bewegen wollten, in Aleranders Kutte zu ent⸗ ſchlüpfen. Er ſelber hatte darauf en als Geißel zurückbleiben zu wollen. — O welche Aufopferung! ſtůhnte Eva von Lobkowie. Beherzt und des Gelingens unſeres Sieges ge⸗ wiß, betraten wir das Gefängniß Eures Vaters. An ſeiner Stelle fanden wir einen Andern.— Wer ſeid 2⁴9 Ihr? fragte Alexander Colin.— Der Fremde richtete ſich mit ſataniſchem Stolze empor und entgegnete mit boshafter Schadenfreude:„Ich bin Girolamo Scotto, Ritter von Brandeis. Wer aber ſeid Ihr, mein frommer Vater?“ fragte er meinen tief beſtürzten Landsmann.—„Ich bin der Pater Gualbertus Weiß!“ wagte dieſer zu erwidern.— „Ihr ſeid ein Betrüger!“ ſchrie Scotto.„Ich kenne Euch und dieſe da, fuhr er fort, triumphirend auf uns hinzeigend. Ihr ſeid Alerander Colin aus Me⸗ cheln, ein liſtiger Betrüger, durch Vorzeigung einer falſchen vom Erzbiſchofe ausgeſtellten Erlanbniß ein⸗ gedrungen in den Kerker des Hochverräthers Georg Popel von Lobkowic, um ihn daraus in der Verklei⸗ dung eines Jeſuiten zu entführen.“— Es ſank uns Allen der Muth. Wir fühlten, daß wir verrathen waren.„Ich weiß Alles!“ ſagte der Elende.„Eure teufliſche Liſt iſt entdeckt. Seine Majeſtät, unſer allergnädigſter Kaiſer und Herr, hatte allerhuldreichſt geruht, ſeinem treueſten Diener, mir, Girvlamo Scotto Ritter von Brandeis— wiederholte er mit lächerli⸗ chem Stolze— den allerhöchſt eigenhändig ausgefertig⸗ ten Befehl zu ertheilen, den Staatsgefangenen, den Ihr zu befreien kommt, ſofort nach einer andern Veſte (nach welcher ſollt Ihr nie erfahren) abführen und 220 an ſeiner Stelle mich einſchließen zu laſſen, um Euch, Elende hier zu erwarten. Nur darum, weil dem Kaiſer und mir Euer ganzes Gaukelſpiel bekannt geworden war, nur darum ließen wir Eurem nichtswürdigen Befreiungsplane nicht die kleinſte Schwierigkeit in den Weg treten, um Euch Eures Sieges gewiß zu machen und Euch deſto leichter und ſicherer in die von mir gelegte Falle hineinzulocken! — Der Schändliche! rief Eva tief erbittert. — Ihr ſeid jetzt Alle in meiner Gewalt, fuhr der Elende fort. Euer Haupt iſt dem Henker ver⸗ fallen. Ein Federzug des Kaiſers kann Euch alle Fünf mit Einem Schlage vernichten. Seine Maje⸗ ſtät aber iſt eben ſo mild als gerecht. Euch Vieren, die Ihr von Jenem(ſagte er auf meinen armen Landsmann weiſend) zu dieſem ſchändlichen Buben⸗ ſtreiche verleitet worden ſeid, Euch ſchenkt er groß⸗ müthig die Freiheit; dieſer aber, fuhr er mit teufli⸗ ſchem Frohlocken fort, der alleinige Urheber dieſer verruchten Verrätherei— — Weh mir, was werde ich hören! ſchrie Eva qualvoll die Hände ringend. — Er, der das Wohlwollen ſeines kaiſerlichen Herrn und Beſchützers mit Undank belohnt, er bleibt an Stelle des Gefangenen, den er mit frevelnder 5 221 Liſt zu befreien ſich erkühnen gewollt, zur Strafe ſeines Frevels in dieſem Kerker zurück. — Himmel! ſchrie Eva, außer ſich gerathend. Colin, Euer Landsmann, mein edelmüthiger Freund! — Iſt, wie es ſcheint, rettungslos verloren. — Allmächtiger Gott, wo iſt Deine Gerechtig⸗ keit! ſchrie die ſchwer geprüfte Dulderin. Wo find die Blitze Deines Zornes, der die menſchliche Un⸗ gerechtigkeit zu Boden ſchlägt? Er, der im Beſitze ungetheilter Macht mir den Vater gewaltſam aus meinen Armen reißen ließ, hat, um das Maaß meiner Leiden überfließen zu laſſen, mir jetzt auch den theuerſten, edelſten, aufopferndſten meiner Freunde geraubt! — Gebt darum nicht alle Hoffnung auf Schei⸗ dend von meinem armen Landsmann, der aus dem Munde des verdammten Italieners das Urtheil ſeiner lebenslänglichen Gefangenſchaft mit bewundernswür⸗ diger Ruhe und mit dem ganzen Stolze eines gott⸗ vertrauenden Märtyrers vernahm, ſcheidend aus dem Kerker meines Freundes, deſſen Strafe ich zu theilen bereit war, gab ich ihm, als ich mich dieſer Ehre und Gunſt grauſam beraubt ſah, gab ich ihm den Rath, ſich an den Kaiſer zu wenden, und deſſen Gnade zu erflehen. 222 — Er weiß nicht, was Gnade iſt! ſagte Eva, ihre Augen, aus denen ein Strom heißer Thränen hervorbrach, mit ihren Händen bedeckend. — Ich, ſelber Theilnehmer ſeiner Schuld, will mich, ſobald der Kaiſer von Pilſen zurückgekehrt iſt, zu den Stufen ſeines Thrones niederwerfen und fuß⸗ fällig ihn anflehen:„Herr, vergieb Deinen Schuld⸗ nern, ſo wie wir Denen vergeben, die unſere Schuldner ſind“ — Und glaubt Ihr, daß Euer frommes Flehen Euern Freund, unſern Freund, aus den Banden ſeiner Gefangenſchaft befreien wird 2 Jobſt von Brüſſel verſank in Schweigen. — Euer Schweigen ſagt nur zu klar und deut⸗ lich, wie wenig Ihr von jenem Schritt erwartet. — Und dennoch werde ich ihn thun, ſagte Jobſt, zum Himmel aufblickend. — Das vergelte Euch Gott, Meiſter Jobſt. Auch ich will meine Hände, wie ein Anderer meiner Freunde mich gewarnt, nicht müßig in den Schvoß legen und Alles einzig und allein von des Himmels Hilfe erwarten.. — Was wollt Ihr thun, edles Fräulein? — Mich ſchriftlich an Jenen wenden, deſſen Namen ich nie auszuſprechen wage.. — Und hofft Ihr? fragte Jobſt zweifelnd. — Ich hoffe nichts mehr auf dieſer Welt und dennoch— ich ſchwöre es Euch!— werde ich nichts unterlaſſen und Alles, Alles wagen, um meinen Vater und Euern Landsmann zu befreien. — O könnten ſie Euch jetzt hören! — Dann würden ſie es glauben, daß ſie für mich die Theuerſten auf Erden ſind! ch, holdes Fräulein, faſt beneide ich meinen gefangenen Freund um das ſchöne ſtolze Glück, für Euch leiden zu dürfen und ſich von Euch bemit⸗ leidet zu wiſſen.. — Er iſt, wie Jobſt, ein gefeierter Künſtler. Ihr Beide bedürft des Mitleids nicht! Das was Euch fehlt. — Iſt die Liebe eines ſolchen Engels! unter⸗ brach ſie der Mitwiſſer ihres einzigen Geheimniſſes. — Lebt wohl, Meiſter Jobſt von Brüſſel, ſprach Eva, welche ihre ſtille Neigung, die ſie einer köſtli⸗ chen Perle gleich tief verborgen in der Muſchel ihres Herzens trug, urplötzlich verrathen fühlte und darum nichts weiter davon zu hören wünſchte. Schrei⸗ bet Ihr in Eure Heimath, dann grüßt von mir Colins Weib und Kind viel tauſend⸗tauſendmal und ſaget Ihr... — Was, Fräulein, ſoll ich ſag en — Richts, nichts! nte ſich Eva, das Aufſchäumen ihres Gefühles ſiegreich niederkämpfend. — Thränen blitzen in Euren holden Augen. — Sie gelten nur meinem unglücklichen Vater, 1 ſagte Eva ſich beherrſchend. Geht mit Gott und allen Heiligen! Und Jobſt von Brüſſel entfernte ſich.—— „ Als Eva mit ſich und ihrein Schmerze allein war, trat ſie an's Fenſter und ſchnitt in eine der unbemalten Scheiben mit dem Demantringe, den ſie am kleinen Finger ihrer Linken trug, wie halb und halb in Traum verſinkend, zwei Buchſtaben A. C. und gleich darunter den Sinnſpruch eines ihrer tap⸗ ferſten Landsleute, Wenzel Wratislaw von Mitro⸗ wic, ein: 6 Per aspera ad prosperal Dann rief ſie wie aus ſüßem Morgentraume erwachend: — Nur Eine kann ſie Beide retten! Ende des erſten Bandes. . Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. ſſ 6 7 8 9 10 11 ſſſ 12 13 14 15 16 —