Leihbibliothet deutſcher, engliſcher 3 franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— — cleih- und ehebitungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückg gabe eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah me eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 5 Bü Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 1 N— Pf. „„ E 2 7 5. Auswärtige Abonnenten haben f für Hin⸗ unde Zurückſendung ter auf ihre eigenen Koſten Gefahr ſerbſt zu ſorgel. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und teſter Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ gelben von mir be auch dafür zu haben. ſ 2 — Der Ring des Woſtradas⸗ Hiſtoriſcher Roman N von Eduard Maria Hettinger. 3 Dritter Band. Zweite, vermehrte Ausgabe. Leipzig, 1815. Druck und Verlag von Otto Wigand. Funfzehntes Capitel. Der Hirſchpark. (125 9.) — Madame, ſagte der König eines Morgens zur Frau von Pompadour, die vergangene Nacht hat mir die traurige Gewißheit verſchafft, daß Ihre Neigung zu mir immer mehr und mehr erkaltet. Es giebt Augenblicke, wo ich mich frage: Iſt es Frau von Pompadour oder eine Marmorſtatue, die ich in meine Arme ſchließe? Fruͤher ſo gluͤhend und ietzt ſo kalt? Muß ich nicht glauben, daß ich Ihnen gleichgultig geworden? — Sie irren, Sire. Ich liebe Sie mit un⸗ verſiegbarer Kraft und ſtrebe jetzt mehr als je nach dem Gluck: Ihnen zu gefallen. Wie tief betruben Sie Ihre Freundin, wenn Sie die Kaͤlte, uͤber die Sie Sich beklagen, etwas anderm, als ihrem III. 1 2 Temperamente zuſchreiben. Iſt es meine Schuld, daß die Natur mich fuͤr gewiſſe Freuden weniger empfaͤnglich gemacht, als andere Frauen?... Zum Gluͤck ward jetzt die Herzogin von Bran⸗ cas, Ehrendame der Dauphine und Freundin der Marquiſe, angemeldet. Das Geſpräͤch nahm eine andere Wendung. Seit jenem Tage bemerkte Madame du Hauſ⸗ ſet, daß ihre Gebieterin jeden Morgen Chocolade mit Vanille und Ambra, jeden Mittag Sellerie⸗ ſuppen und Truͤffeln aß, und jede Nacht vor dem Schlafengehen 30 Tropfen einer braunen Tinctur nahm, die ſie von einer ihrer Freundinnen, der Frau von Chateau⸗Renaud erhielt. Aber alle dieſe NMittel verfehlten ihre Wirkung. — Himmel! rief Frau von Pompadour, wa⸗ rum gabſt Du mir nicht das Temperament der Monteſpan!— Der Koͤnig wird die Freuden, die ich ihm nicht mehr bereiten kann, bei Andern ſuchen: er wird mir untreu werden. Meine Eifer⸗ ſucht wurde das Uebel verſchlimmern: ich will den entgegengeſetzten Weg einſchlagen und ſeine Untreue — 3 beguͤnſtigen, will ſelbſt ihm ſchoͤne Maͤdchen in die Arme fuͤhren und mich auf dieſe Weiſe in ſei⸗ ner Gunſt erhalten. Und ſo entſtand der Parc aux Cerfs, der in den Annalen des Hofes von Verſailles eine ſo be⸗ ruͤchtigte Rolle geſpielt. Lebel, Kammerdiener und Vertrauter des Koͤ⸗ nigs wurde Intendant und eine Madame Bertram Oberaufſeherin dieſes Serails. Frau von Pompadour ſtellte Kupplerinnen an, die in die Provinzen geſchickt wurden, um dort friſches Wild fuͤr den Harem Sr. Majeſtät des Koͤnigs zu fangen. Schoͤne Maͤdchen wurden bald durch dieſe, bald durch jene Liſt nach Paris ge⸗ lockt und in die ſogenannten petits maisons(die meiſten derſelben lagen in der Rue Satory) ein⸗ quartirt und von eigends hierzu angeſtellten Abbes im Singen und Tanzen, von Lebel und Madame Ronelle in allen Kuͤnſten der Verfuͤhrung unter⸗ richtet. Jedes dieſer Maͤdchen hatte ihr eigenes Zimmer. Um ihre Sinne zu wecken, hing man in ihrem Zimmer obſcoͤne Bilder auf, und gab 1 S ihnen ſchluͤpfrige Romane von Crebillon zu leſen. Jeden Morgen bekamen ſie erhitzende Getraͤnke, jeden Mittag erhitzende Speiſen. Um ihre Eitel⸗ keit zu reizen, gab man ihnen praͤchtige Kleider, koſtbare Geſchmeide.— Der Koͤnig nahte ihnen bald unter dieſer bald unter jener Maske. Durch⸗ ſchaute eines dieſer Maͤdchen die Maske ihres ko⸗ niglichen Verfuͤhrers und machte ſie die Preten⸗ ſion, des Koͤnigs Maitreſſe zu werden, ſo ſorgte Frau von Pompadour, die unſichtbare Hand, die dieſe Wolluſtpuppen in Bewegung ſetzte, daß das Maͤdchen ſchnell hinter den Couliſſen verſchwinde: man gab ihr ein harmloſes Puͤlverchen und das Maͤdchen verſtummte. Die aber, welche ſich den Luͤſten des Koͤnigs freiwillig vpferten, wurden reich⸗ lich von ihm beſchenkt, und ſobald er ihrer Reize uberdruͤßig war(was in der Regel ſehr bald ge⸗ ſchah), mit einer Ausſteuer von 200,000 Francs in ihre Provinzen zuruͤck geſchickt. Die Aeltern des Maͤdchens druckten dann ein Auge zu, denn ſie wußten, daß ihr Töchterchen mit einer ſolchen Nitgift immer noch einen Mann finde, der ſich 5 uͤber das, was ſeine Braut im Hirſchpark zuruͤck⸗ gelaſſen, wohl troͤſten wird. Jene Maͤdchen aber, die in den Augen des Koͤnigs kein Wohlgefallen fanden, bekamen 10,000 Francs und wurden aus der Anſtalt entlaſſen. Viele unter dieſen waren dann untroͤſtlich, denn das Leben im Hirſchpark gefiel ihnen: es war hier alles ſo ſchoͤn, ſo uͤppig. Dieſer Hirſchpark beſtand acht Jahre. In einer Anwandlung von Froͤmmigkeit ließ der edle Monarch dieſe ſchoͤne Anſtalt im Jahre 1761 wie⸗ der eingehen. Aus dieſem Hirſchpark waren 60 Maͤdchen und 3 Knaben hervorgegangen. Wir wagen nicht zu behaupten, daß alle dieſe Sproͤßlinge vom Koͤnig waren; denn mehr als eine Chronik ſagt, daß der Kammerdiener und mancher Abbé, der den Klei⸗ nen Unterricht gegeben, das Ihrige redlich dazu beigetragen haben. Dieſer Parc au Cerfs, deſſen Erhaltung dem armen Volke gegen 100 Millionen Francs geko⸗ 6 ſtet, war die Peſtbeule, aus der die Demoraliſa⸗ tion Frankreichs, der Embryo, aus dem ein blu⸗ tiger Rieſe: die Revolution von 1789 hervor⸗ brach. Sechszehutes Capitel. Eine Novize der Gourdan. (12762.) Die Gourdan kannte damals jedes Kind. Es gab wohl nur wenig Perſonen, die in Pa⸗ ris ſo beruchtigt waren, als dieſe Dame Gourdan. Sie war eine der unverſchaͤmteſten Kupplerinnen und Directrice eines fameuſen Bordells. Ganz Frankreich ſandte ihr ſeine ſchoͤnſten Laſter, die ſie in Sammet und Seide, in Blonden und Kaſche⸗ mir huͤllte, um ſie dann als Lockvoͤgel auszu⸗ ſchicken und tugendhafte Gimpel ins Netz der Ver⸗ fuͤhrung zu locken. Der Harem dieſer Dame zaͤhlte gegen funfzig Odalisken, worunter Schoͤn⸗ heiten aus allen Zonen und Himmelsſtrichen, Fran⸗ zoͤſinnen, Italienerinnen, Spanierinnen, ja ſogar Indianerinnen von Martinique und St. Domingo 8 und zwei Mohrinnen von Algier, die noch vor Kurzem Favvritinnen des Dey geweſen, der ſie ſeiner Freundin, mit der er, wie ſie ſagte, in ununterbro⸗ chenem Briefwechſel ſtand, fuͤr zwei Franzoͤſinnen verkauft haben ſoll. Im Innern dieſes Serails, den ein Spott⸗ vogel„Couvent des filles innocentes« genannt, herrſchte ein reicher, uͤppiger, uͤbermuͤthiger Lurus à la Pompadour. Große Spiegel, cryſtallene Luͤ⸗ ſtres, Blumenvaſen, Spieluhren, uͤppige Bilder, koſtbare Teppiche, ſchwellende Divans und bequeme Fauteuils bildeten das Inventarium dieſes Kloſters, deſſen Priorin, anfangs ſelbſt eine Prieſterin der Venus Kallipygos, ſpaͤter aber, als ihre, durch ein Decennium abgenutzten Reize zu welken be⸗ gannen, die Oberprieſterin ihres eigenen Tempels wurde. Eines Tages klopfte an der Thuͤr der Dame Gourdan, die im Erdgeſchoß ihres Hauſes wohnte, ein junges, bildhuͤbſches, wunderniedliches Maͤd⸗ chen, das zwei Jahre unter dem Namen einer Demoiſelle Lancon als Modiſtin, bei der in der ——— 9 haute volée ſehr beruͤhmten Modehaͤndlerin, Ma⸗ dame Labille, in der Rue St. Honoré, gearbeitet, dort, wie jede Putzmacherin, ein paar Liebſchaften mit einem Studenten und Commis gehabt, plotzlich aber mit ihrer Principalin ſich dergeſtalt entzweit hatte, daß dieſe ſie ſofort aus ihrem Dienſt entlaſſen. Das arme Maͤdchen hatte ein anderes Unterkommen geſucht, zu ihrem Ungluͤck aber, oder richtiger geſagt, zu ihrem Gluͤcke, keines gefunden. Die paar Francs, die ſie ſich fruͤher erſpart hatte, waren bald aufge⸗ zehrt, und ſo kam es, daß ſie leider nur zu bald dem Mangel und der Entbehrung ausgeſetzt war. Noth iſt die Mutter aller Laſter. Vom Hunger getrieben, hatte ſie ſich Abends, wenn es dunkel zu werden begann, in den Arcaden des Palais royal herumgetrieben. Eine alte Bekannte, der ſie ihre Noth geklagt, hatte ſie ihrer Freundin Gourdan empfohlen. Mit bleichen Wangen, klopfendem Herzen und einem Briefchen in der Hand ſtand ſie jetzt an der Schwelle des Laſters und der Schande. Sie hatte leiſe geklopft, Niemand hatte es gehoͤrt,— ſie klopfte ſtaͤrker.. barſch— herein! Die kleine Modiſtin trat ein, machte ihre Ver⸗ beugung und fragte eine aͤltliche Dame, die, auf⸗ geputzt, an ihrem mit Blumentoͤpfen garnirten Fenſter ſaß: — Habe ich die Ehre, Madame Gourdan zu ſprechen? — Ja, ich bins. Was bringſt Du mir, mein Kind? — Einen Brief, Madame. — Von wem? — Von Madame Duquesnoy. — Ah ha, von ihr! Nimm Platz, mein Kind, ſprach die Gourdan, die ruhig ſitzen blieb und ſich eine goldene Brille aufſetzte, um den Brief zu leſen, den Jene ihr eingehaͤndigt. Das Madchen ſetzte ſich und warf, waͤhrend Jene las, neugierige Blicke in dem mit Sardana⸗ paliſchem Luxus ausgeſchmuͤckten Zimmer umher, das eine Art von Antichambre und Salon war. — Du willſt alſo bei mir bleiben? fragte die eine naſelnde Stimme rief —— 11 Gourdan, nachdem ſie den Brief geleſen, die Brille wieder abgenommen und auf einem Blumentopf gelegt. — Ja, Madame, ſtammelte die Gefragte. — Ich muß Dir ſagen, mein Kind, daß mein Inſtitut jetzt ſehr uͤberfuͤllt iſt, daß ich mehr Pen⸗ ſionairinnen habe, als ich in dieſer Jahreszeit eigentlich gebrauchen kann. Es iſt Sommer, die meiſten Herrſchaften ſind auf dem Lande und in den Bädern, ich bin daher nur auf eine kleine Anzahl Stammgaͤſte angewieſen, denn Fremde ha⸗ ben, wie Du vielleicht ſchon wiſſen wirſt, keinen Zutritt bei mir und duͤrfen nur dann mich beſu⸗ chen, wenn ſie von einem meiner Freunde mir ſchriftlich empfohlen ſind, ſprach die Gourdan, oͤff⸗ nete ihre goldene Tabatiere und nahm eine Priſe, ſo daß die Haͤlfte des Tabaks auf ihr Kleid fiel. Da aber Madame Duquesnoy, meine Landsmaͤn⸗ nin, Dich ſo dringend mir empfiehlt, ſo wollen wir ſehen, was zu machen iſt. Tritt naͤher, mein Kind, ſprach die Gourdan, die wie angenagelt auf ihrem Fauteuil ſitzen blieb. 12 Das Maädchen naͤherte ſich ihr mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und ſchamgeroͤtheten Wangen, denn ſie war bei alledem noch nicht ſo verdorben, daß ſie nicht gefuhlt hatte, daß ſie in den Schlamm der Suͤnde wate und Urſache zum Erroͤthen habe. Die Gourdan wiſchte ſich erſt die Naſe, ſetzte dann wieder die Brille auf und betrachtete erſt vom Scheitel bis zur Zeh das Aeußere der Mo⸗ diſtin, muſterte die bloßgeſtellten und pruͤfte dann die verhuͤllten Reize. Tiefe Roͤthe lag auf den Wangen des armen Maͤdchens, das ſich ruhig unterſuchen ließ. Gern haͤtte ſie der Frechen Ohrfeigen gegeben— aber was haͤtte die Arme, wenn ſie kein Obdach ge⸗ funden, anfangen ſollen? — Wie alt biſt Du, mein Kind? fragte die Gourdan und firirte ſie mit ihren grauen Augen. — Siebenzehn Jahre. — Wie heißt Du? — Marie Gomart de Vaubernier*). Marie Jeanne Gomart(geb. am 19. Aug. 1746 zu Vaucouleurs, der Geburtsſtadt der Jungfrau von Or⸗ „ 13 — Woher? — Aus Vaucouleurs. — Dein Vater? — War Thoreinnehmer. — Und Deine Mutter, lebt ſie noch? — Auch ſie iſt todt. Ich bin eine aͤlternloſe Waiſe, ſprach das n aus deren Auge ſich eine brennendheiße Thraͤne ſtahl. — Du gefaͤllſt mir, mein Kind, ich will Dich behalten.. weine nicht, kindiſches Maͤdchen, Du ſollſt es gut bei mir haben.. Du haſt ein ju⸗ gendlich friſches Geſicht, ein Paar huͤbſche Augen, einen ſchoͤnen Mund, eine feine weiße Hand, einen kleinen, niedlichen Fuß... Du biſt huͤbſch ge⸗ baut und haſt ein feines Benehmen. Unter mei⸗ ner Leitung kann aus Dir was werden. Du mußt aber guten Rath annehmen und ihn befolgen, mein Kind leans) war die uneheliche Frucht eines Fraters Piepus, genannt Pater Gomart, und einer Nähterin, Namens Becu, genannt Contigny, die ſpäter einen Zollaufſeher, Namens Vaubernier, heirathete, der die kleine Gomart als ſeine Tochter anerkennen mußte. — 14 — Verlaßt Euch darauf, ſprach Jeanne Marie Gomart und kuͤßte der Gourdan die Hand. — Nun, wenn Du willſt, ſo kannſt Du gleich hier bleiben, ſagte die Gourdan, der das Mädchen ſehr gefiel und die ſich durch den Handkuß etwas geſchmeichelt fuͤhlte. — Wann Ihr erlau t, ſo will ich mir bloß meinen Koffer holen.. — Wo wohnſt Du, meine Kleine? — In der Rue Feydeau, fuͤnf Treppen hoch, gab ſie zur Antwort und wollte gehen. — Bleib, ſprach die Gourdan, befuͤrchtend, daß die Kleine, von deren Reizen ſie ſich viel verſprach, vielleicht nicht wieder kommen wuͤrde, bleib, mein Kind. Den Koffer kann Abends, wann es dunkel wird, einer meiner Diener holen. — Ich bin aber meiner Wirthin noch fuͤr die vier letzten Monate die Miethe ſchuldig. — Wieviel betraͤgt das? — Sie hat 80 Francs fuͤr Miethe und 30 Francs fuͤr Fruͤhſtuͤck zu erhalten. 15 — Sei unbeſorgt, ich werde alle Deine Schul⸗ den bezahlen. — Ach, Ihr ſeid ſo guͤtig. — Du brauchſt von nun an fuͤr nichts mehr zu ſorgen... Du wohnſt bei mir, bekoͤmmſt von mir Eſſen und Trinken, feine Waͤſche, ſchoͤne Kleider, Huͤte und Ringe und Ketten, kurz alles, was Deine Schoͤnheit erhoͤhen, Dei⸗ ner Geſtalt ein Relief geben kann. Außerdem erhaͤltſt Du monatlich 100 Francs, ſo viel bloß vorlaͤufig, ſpaͤter, wenn Du huͤbſch folgſam biſt, bekoͤmmſt Du das Doppelte, das Vier⸗, vielleicht auch das Zehnfache dieſer Summe. Noch vor Kurzem hatte ich ein Maͤdchen, das von mir, außer Wohnung, Koſt und Kleidung, jeden Mo⸗ nat 1200 Francs erhielt. Sie war eine Bauer⸗ dirne aus der Umgegend von Fontainebleau, jetzt iſt ſie die Frau eines Marquis... Wer weiß, was der Himmel aus Dir noch macht! ſprach die Gourdan und nahm eine zweite Priſe. Du kannſt eine Graͤfin, eine Marquiſe, eine Koͤnigin werden! (Sie nieſte). Siehſt Du, Kind, ich benieſe es. 16 Am andern Morgen wurde Jeanne Marie Go⸗ mart de Vaubernier foͤrmlich eingekleidet und in die erſten Myſterien ihres neuen Cultus eingeweiht. Die Gourdan wies ihr das ſchoͤnſte Zimmer, die reichſte Garderobe, den ſchoͤnſten Schmuck an. Sie war eine gelehrige Novize, die unter der Anleitung ihrer Meiſterin große Fortſchritte auf der Bahn des Laſters machte. Nach einigen Monaten war Mademoiſelle'Ange(ſo hieß ſie hier) die rei⸗ zendſte Nymphe dieſes Harems. Einmal traͤumte ihr, der Koͤnig habe ſie geſehen, mit ihr geſprochen und ſich in ſie verliebt. In dieſem Traume ſah ſie Ludwig MW. zu ihren Fuͤßen liegen. Dieſe Viſion druͤckte ſich tief in ihre Seele ein und trat, weil ſie an nichts Ande⸗ res mehr dachte, faſt nachtnaͤchtlich vor ihr Auge hin. Eines Morgens erzaͤhlte ſie dieſen Traum der alten Gourdan. Die Gourdan lachte und ſprach: — Bei Gott iſt Alles moͤglich. Siebzehntes Capitel. Ein Maskenball. (1263.) Im Theater fand zur Zeit des Carnevals ein Maskenball ſtatt, den der Hof mit ſeiner Gegen⸗ wart beehrte. Der Koͤnig(der einzige im ganzen Saale, der nicht maskirt war) ſah aus ſeiner Loge auf den bunten Maskenſchwarm herab, der ſummend und ſurrend, flirrend und funkelnd, huͤpfend und tan⸗ zend voruͤberzog. Der Ball war glaͤnzend und bizarr. Die Fluth der Masken wogte froͤhlich auf und nieder. Hier ſah man das Groteske mit dem Gracioͤſen, das Schoͤne mit dem Haͤßlichen, das Komiſche mit dem Tragiſchen kaleidoſkopiſch gepaart, muſiviſch zuſam⸗ mengeſetzt. Masten von jeder Gattung, Engel IM. 2 18 und Fledermaͤuſe, Koͤche und Veſtalinnen, Muͤller und Schornſteinfeger, Ritter und Lumpenſammler, Prieſter und Arlequins, Baͤren und Zigeuner, Ere⸗ miten und Matroſen, Affen und Sylphen, Schnei⸗ der und Ziegenboͤcke, Bauermaͤdchen und Daͤmonen, Feen und Quackſalber, Colombinen und Gnomen, Rieſen und Zwerge, Tuͤrken und Chineſen, Ele⸗ phanten, Taxusbaͤume, Baumtorten, Mißgeburten, Pierrots, polniſche Juden und Dominos von allen Farben. Angeſteckt von der allgemeinen Froͤhlichkeit, verließ der Koͤnig, begleitet von einem ſeiner Kam⸗ merherren, ſeine Loge und miſchte ſich, heiter und unbefangen ins bunte Maskengewimmel. Plotzlich naͤherte ſich ihm eine Maske, die in 1 der Geſtalt einer Windmuͤhle, durch ihre groteske Erſcheinung und ihre bizarren Einfälle Aller Au⸗ gen auf ſich gezogen. Die Maske ſteckte ihr ver⸗ larvtes Geſicht zum Fenſter hinaus und ſprach: — Sire! ich benutze die Maskenfreiheit, um Ihnen unter vier Augen einen guten Rath zu er⸗ theilen.. Wollen Sie ihn annehmen? 19 — Recht gern, liebe Maske, erwiederte der Koͤnig. — Sire, ſprach die Maske, jagen Sie die Pompadour weg. Ludwig war erſtaunt. Gern hätte er der Maske die Larve abgeriſſen, aber er genirte, oder richtiger geſagt, er furchtete ſich. Seine Majeſtät machte zum boͤſen Spiele gute Miene und ſagte laͤchelnd: — Ich ſoll ſie wegjagen und darf ich wiſſen warum? — Weil dieſes Weib Sie und ganz Frank⸗ reich ins Verderben ſtuͤrzt, ſagte der Muͤller, zog raſch ſeinen Kopf zuruͤck, ſetzte die Flugel ſeiner Muͤhle in Bewegung und miſchte ſich, klappernd, ins kichernde Maskengewirr. Der Koͤnig wurde ernſt und nachdenkend. — Ich moͤchte wiſſen, ſprach Ludwig zu ſich ſelbſt, wer hinter dieſer Maske, die mir ſo un⸗ umwunden die Wahrheit ſagt, wohl verſteckt ſein mag Nur Kinder und Narren pflegen die 20 Wahrheit zu ſagen, aber dieſe Maske ſcheint weder ein Kind noch ein Narr zu ſein... Darauf wandte ſich der Koͤnig an ſeinen Kam⸗ merherrn, ziſchelte ihm ganz leiſe ein Paar ver⸗ ſtohlene Worte zu und ging weiter. Da kam wieder die Windmuͤhle. Der Muͤller ſteckte den Kopf heraus und ſprach zum Koͤnig: — Sire, ich wiederhole es: jagen Sie die Pom⸗ padour weg. Sie taugt nichts! Sie irren, Sire, wenn Sie glauben, daß Ihre Maitreſſe Ihnen treu iſt... Die Katze laͤßt das Mauſen nicht.. ſie buhlt abwechſelnd mit dem Abbe Bernis und dem Herzog von Choiſeul— dann und wann kehrt ſie auch in die Arme ihres erſten Geliebten: des Herrn von Bridge zuruͤck: mit einem Wort, die Pompadour iſt ein gemeines Weib, das Ihrer Gunſt unwuͤrdig iſt, ſagte der Muͤller, zog raſch ſeinen Kopf zuruͤck, ließ ſeine Fluͤgel ſpielen und tauchte wieder in die Fluth der Masken. Der Koͤnig war aufgebracht, entruͤſtet und empoͤrt.. — Dieſe Maske, ſprach Ludwig zu ſich ſelbſt, 21 iſt entweder die ehrlichſte Haut oder der nieder⸗ traͤchtigſte Schurke in meinem Reich... Ich brenne vor Begierde zu erfahren, wer der Muͤller dieſer Muͤhle iſt. Hierauf wandte er ſich zum zweiten Male an ſeinen Kammerherrn, ziſchelte ihm wie vorhin, ein Paar verſtohlene Worte zu und ging weiter. Aber bald ſtuͤrmte wieder die Windmuͤhle auf ihn los. — Sire, ich rathe Ihnen zum dritten und letzten Male: Jagen ſie die Pompadour weg— ſie ſaugt Ihnen und Frankreich das Mark aus den Knochen.. ſie verkauft Sie und Ihr Land... Wenn noch ein Funke von Ehre in Ihren Adern rollt, ſo bin ich uͤberzeugt, daß Sie dieſe Phryne je eher je lieber zum Teufel ſchicken, ſprach der Muͤller, zog raſch ſeinen Kopf zuruͤck, ließ wieder ſeine Fluͤgel kreiſen und miſchte ſich wieder ins Maskengewuͤhl. Der Koͤnig war außer ſich. Er wandte ſich zu ſeinem Kammerherrn: — Sagen Sie dem dienſthabenden Officier, 2 daß er auf den Windbeutel, der in dieſer Muͤhle ſteckt, ein wachſames Auge haben und ihn, wenn er ſich entfernen will, feſthalten und auf die Wache bringen ſoll. Noch heute ſtatten Sie mir Rap⸗ port ab. Der Koͤnig kehrte verdrießlich in ſeine Loge zuruͤck. Fuͤnf Minuten ſpäter verließ der ganze Hof den Ball. Dies war das Signal zum Auf⸗ bruch: die Masken entfernten ſich allmaͤhlig.. der Saal, der noch vor Kurzem vollgepfropft, wurde von Minute zu Minute leerer und leerer. Die Windmuͤhle war eine der letzten: klappernd ging ſie auf und ab: der dienſthabende Officier und der Kammerherr wandten kein Auge von ihr ab es waren jetzt nur noch drei Masken im Saale: ein Taxusbaum, ein Domino und die Windmuͤhle, die endlich muͤde geworden zu ſein ſchien, denn ſie blieb unbeweglich ſtehen und ließ ermattet ihre Fluͤgel haͤngen. — Der Spitzbube, ſagte der Kammerherr zum dienſthabenden Officier, kann uns nicht mehr ent— wiſchen. 23 — Wir wollen ihn ſogleich arretiren, ſagte der Officier und naherte ſich der Windmuͤhle. Aber wie erſchraken Beide, als ſie ſich uͤber⸗ zeugten, daß der Muͤller bereits ausgeflogen war. Die Maske, die noch fruͤh genug bemerkt hatte, daß ſie beobachtet werde, hatte ſich in eine der Verſenkungen herabgelaſſen und ſich auf dieſe Weiſe aus dem Staub gemacht. Officier und Kammerherr ſahen ſich verwundert an und wußten nicht, ob ſie lachen oder weinen ſcuten — Himmel, rief der Kammerherr, was ſoll ich nun Ew. Majeſtat dem Koͤnig rapportiren.. — Rapportiren Sie dem Koͤnig, daß der Muͤller von der Sache Wind bekommen und uns durch die Lappen gegangen, ſprach der Officier. — Der Kerl muß baumeln, ſagte noch an demſelben Abend der Koͤnig zur Frau von Pom⸗ padour, der er den ganzen Vorfall berichtet hatte. W — Baumeln? rief die Marquiſe, außer ſich vor Wuth, dieſe Strafe iſt viel zu gelind fuͤr ſolch ein Majeſtaͤtsverbrechen. — Der Schlingel ſoll geraͤdert werden! ſchrie der Koͤnig. — Gerädert werden? Das macht zu viel Auf⸗ ſehen.. Nein, nein, wir wollen den Patron, wie Desforges, in den eiſernen Kaͤfig ſperren. — Bon! ſprach der Koͤnig. Und in demſelben Augenblick trat der Kammer⸗ ein — Eh bien, der Verbrecher?.. — Hat ſich leider durch eine Verſenkung aus dem Staube gemacht. — Sacre nom de Dieu! rief die Marquiſe und ſtampfte wie eine Furie mit den Fuͤßen. — Seine Majeſtaͤt der Koͤnig hätte gern ge⸗ lacht— aber ſie furchteten den Zorn ihrer Maitreſſe. — Troͤſten Sie Sich, liebe Freundin, ſagte Ludwig, unſer Polizeilieutenant Berryer wird ihn ſchon ausfindig machen. 25 Am andern Morgen ſprach man bei Hofe von nichts Anderm als von dem Windmuͤller, der dem Konig ſo grobe Wahrheiten geſagt. Die Höflinge erzahlten es weiter. Ganz Paris zerbrach ſich nun den Kopf und Einer fragte den Andern: — Wer mag es geweſen ſein? Der Eine meinte, es war der Dauphin, dem die Pompadour ein Graͤuel war*); der Andere glaubte, es war der Herzog von Choiſeul, der ſchon lange mit dem Plan umgegangen, die Mar⸗ quiſe zu ſturzen und an ihre Stelle ſeine Schweſter, die Herzogin von Grammont einzuſetzen; der Dritte wollte wiſſen, es war der Cardinal Bernis, der es der Marquiſe noch immer nicht verzeihen wollte, daß ſie ihm das Portefeuille der auswaͤrtigen Ange⸗ legenheiten abgenommen; der Vierte behauptete: es war Herr le Normand d'Etioles, der ci-devant Gemahl der Marquiſe, der uͤber ihre Treuloſigkeit *) Als die Marquiſe von der Prinzeſſin Conti bei Hofe eingeführt wurde, war die Königin ihr entgegen gekommen. Der Dauphin, der ihr ſeine Wange zum Kuße hingereicht, hatte ſich über ihre Schulter hinweg⸗ gebückt und hinter ihrem Rücken die Zunge herausgeſteckt. 2** 26 noch immer aufgebracht ſich auf dieſe Weiſe an ihr geraͤcht habe.. Trotz der eifrigſten Nachforſchungen der ge⸗ heimen Polizeiagenten hat man nicht herausbringen konnen, wer jene Maske geweſen iſt. Achtzehntes Capitel. Das Ende der Frau von Pompadvur. (12644) Vous, ma chere, vous étes presque la seule, qui me consoliez de tou- tes ces miséres. Lettre de Mad. P. à la Comtesse Baschi. In einem der abgelegenſten Gemaͤcher von Bellevue ſaß Frau von Pompadour neben der Graͤfin Baschi. — Sie ſind ſo betruͤbt, Marquiſe? Darf die beſte Ihrer Freundinnen nicht wiſſen, was Sie trau⸗ rig macht? — Vor Ihnen, theure Graͤfin hab' ich kein Geheimniß, vor Ihnen, theure Freundin, will ich mein Herz und ſeinen ganzen Kummer ausſchuͤt⸗ ten. Ob von Allen gleich beneidet, bin ich doch ſehr beklagenswerth. 28 — Beklagenswerth? Warum? — Mein Zuſtand gleicht einer hochprangenden Frucht mit glaͤnzender Schale und wurmzernagtem Innern. Staͤrker als die Gunſt des Koͤnigs, der mich in Glanz und Reichthum huͤllt, iſt der Haß des Volkes, der, einem Wurme gleich, an dem Kern meines Lebens nagt. — Mag das Volk Sie haſſen, wenn nur der Koͤnig Sie liebt.. Die Liebe eines Einzigen, kann ſie uns entſchaͤ⸗ digen fuͤr den Haß von Millionen? Von Tag zu Tag wächſt Frankreichs Erbitterung: ich kann, ich will's mir nicht verhehlen, daß ich der Gegenſtand allgemeiner Verachtung bin. Pinſel und Feder haben ſich verbunden, die Maitreſſe des Koͤnigs laͤcherlich zu machen. Der alte Voltaire hat Recht: les armes de ridicule sont les plus dangereux. Täglich erſcheint eine neue Karikatur, täglich ein neues Spottgedicht auf mich. Dieſe Bosheit, in Verſe geſchmiedet und von den leichten Schwingen einer allbekannten Melodie getragen, fliegt von Stadt zu Stadt und findet im Herzen des Volkes 29 ein tauſendſtimmiges Echo. Selbſt Voltaire, der großte Speichellecket meiner Macht, derſelbe Voltaire, den ich zum Kammerherrn und Hiſtoriographen des Reiches gemacht, hat ſich, angeſpornt vom großen Philoſophen von Sansſouci*) incognito der Legion meiner Feinde angeſchloſſen und mich, die er fruher in allen Versarten beſungen, mich, der er ſo knech⸗ tiſch gehuldigt zur Zielſcheibe ſeines giftgetraͤnkten Witzes gemacht**). *) Friedrich der Große nannte die Herzogin von Chateauroux, die ihm zugethan, Cotillon I., die Mar⸗ quiſe von Pompadour, die ihm abgeneigt war, Cotillon II., und Mad. Dubarry Cotillon II. **) Wer kennt nicht dieſe Verſe: „Sa vive allure est un vrai port de reine, Ses yeux fripons s'arment de majesté, Sa voix à pris le ton de souverain Ft sur son rang son esprit s'est monté.« On a eu Tinsolence, ſchreibt Frau von Pompadour an Voltaire, de nadresser des vers tres injurieus Pour le roi et pour moi, un homme voulut me soutenir, que c'etoit vous que les aviez faits. Je lui soutint, qu'ils ne pouvoient etre de vous, parcequ ils etoient mauvais et que je vous avois jamais fait de mal: vous voyez par-la ce que pense de votre genie et de votre justice. Je pardonne volontiers à mes ennemis, mais je ne pardonne 30 — Der Undankbare! Von allen Laſtern, die den Menſchen ſchaͤnden, iſt der Undank das ſchwaͤr⸗ zeſte. — Ich verzeihe ihm... Iſt er doch nicht der Einzige, der Liebe mit Haß, Gutes mit Boͤſem vergilt. Erſt geſtern ſind wieder zwei neue Pas⸗ quille, giftig wie der Biß einer Natter, auf mich erſchienen. Was nutzt es, daß meine Polizei ſie confiscirt? Der Haß des franzoſiſchen Volkes gleicht der lernäiſchen Schlange... heute ſchlaͤgt man ihr einen ihrer tauſend Koͤpfe ab und morgen wachſen ihr zwei neue. Man muͤßte das undurch⸗ dringende Fell des nemaiſchen Löwen haben, um gepanzert zu ſein gegen die Herculiſchen Pfeile der Verlaͤumdung. Was muß ich Aermſte erdulden?! Man legt mir das Ungluͤck Frankreichs, alle miß⸗ lungenen Plane des Cabinets, alle verlorenen Schlachten und alle Siege unſerer Feinde zur Laſt. si aisement aus ennemis de roi et je ne serois pas fachée, que Fautcur de ces Peaux vers passat duelque temps à Bicétre pour pleurer ses Péchés, ses calomnies et sa mauvaise poésie. 31 Man klagt mich an, daß ich uber Frankreich ſchalte und walte, daß ich es beherrſche und Alles ver⸗ kaufe. Vor Kurzem naͤherte ſich ein alter Mann dem Koͤnige bei der Mittagstafel und bat ihn, Seine Majeſtat moͤchte die Gnade haben, ſich fuͤr ihn bei der Frau von Pompadour zu verwenden... Alle Welt lachte uͤber den Einfall des alten Mannes, doch ich, ich lachte nicht.— Um Geld zu erhalten, ohne es vom Volk zu erpreſſen, gab ein Anderer dem Conſeil den Rath, mich zu bitten, dem Koͤnig 100 Millionen zu leihen... Jedermann lachte uͤber den guten Plan, doch ich, ich lachte nicht... Dieſer wuͤthende Haß, dieſe allgemeine Erbitterung vernichtet mich. mein Leben iſt ein fortwaͤhrender Tod. Alles, was mich fruher gefreut, ekelt mich jetzt an. Ich habe mein Haus in Paris praͤchtig meubliren laſſen, zwei Tage hat es mich gefreut... jetzt iſt es mir zuwider. Bellevue wird von Jedem reizend gefunden, mir, Freundin, iſt es unerträglich. Mitleidige Perſonen berichten mir alle Tage die pariſer Vorfälle, ſie glauben, daß ich ihnen zuhoͤre, aber wenn ſie fertig ſind, frage ich, was ſie mir 32 erzäͤhlt haben. Mit einem Wort.. ich lebe nicht mehr. ich bin lebendig todt... — Sie ſollten den Hof verlaſſen und Sich ins Privatleben zuruͤckziehen... — Der Hof iſt mir verhaßt und dennoch kann ich ihn nicht meiden.. ich bin zu ſchwach, mir fehlt die Kraft dazu... Ich bin ungluͤcklich, ſehr ungluͤcklich.. Alle Welt verſchwort ſich, mir das Leben zu verleiden. Himmel, was hab' ich denn gethan, daß dieſes Volk mich ſo verachtet und verwuͤnſcht?! Iſt es denn wirklich ein ſo großes Verbrechen, die Maitreſſe eines Koͤnigs zu ſein? Oder bin ich etwa ſchlechter als Anne de Piſſeleu, Gabrielle d'Estrèe, Henriette dEntragues und ſo viele Andere? Einſt naͤhrte ich den ſchonen Glauben, die Gattin des Koͤnigs zu werden: ich ſchmeichelte mir, daß der beſte der Koͤnige das fur mich thun könnte, was einſt ſein Vorfahr fuͤr eine Wittwe von 50 Jahren, fuͤr Franziska Scarron, fuͤr die Marquiſe von Maintenon gethan, es war nur ein Hinderniß im Wege: Die Koͤnigin und mein Gemahl lebten noch. Lange trug ich mich mit 33 dieſem ſchoͤnen Traume.. jetzt, jetzt iſt Alles vorbei.. Sie ſank an die Bruſt der Freundin und weinte lang und bitterlich. Vierzehn Tage nach dieſer Unterredung wurde die Marquiſe von Pompadour auf einer Reiſe nach Chviſy von einer Unpaͤßlichkeit uͤberfallen, die ſich raſch in eine Abzehrung verwandelte. Am 15. April ſtarb ſie 44 Jahre alt im Schloß zu Ver⸗ ſailles. Der Koͤnig ſtand am Fenſter, als man ihren Leichnam, kaum erkaltet, auf einer Tragbahre durch den Schloßhof trug. — Die arme Frau, ſagte Ludwig zum Her⸗ zog von Choiſeul, warum iſt ſie nicht 10 Jahre fruͤher geſtorben? Mein Volk haͤtte ſie minder gehaßt und ich ſie mehr bedauert. Wo will man ſie beerdigen? — In Paris, im Kloſter der Kapuzinerin⸗ 34 — Herzog, ſorgen Sie dafuͤr, daß ihre Beer⸗ digung im Stillen und ohne Prunk vor ſich gehe. Und das geſchah auch. Es giebt Leute, welche den raſchen Tod der Marquiſe dem Herzog von Choiſeul zuſchreiben, der deshalb bei ihr in Ungnade gefallen, weil er verſucht hatte, die Herzogin von Grammont, ſeine Schweſter, an ihre Stelle zu ſetzen. Empoͤrt uͤber dieſen Undank, habe die Marquiſe den Mann, den ſie emporgehoben, ſturzen, und den Abbé Ber⸗ nis, ihren alten Guͤnſtling, wieder erheben wol⸗ len. Der Herzog habe dieſen Plan zu vereiteln gewußt. Die Nachricht von ihrem Tode verbreitete in ganz Frankreich großen Jubel. Der Haß und die Verachtung des Volkes goͤnnte ſelbſt der Tod⸗ ten keine Ruhe. Es regnete auf ihr Grab eine Suͤndfluth von Epigrammen, von denen das eine beißender als das andere war. Nur zwei dieſer Grabſchriften moͤgen hier als Medaille und Revers eine Stelle finden. Die eine lautete: 35 Ci git d'Etiole-Pompadour, Qui charmait la ville et la cour, Femme infidele et Maitresse accomplie. L'amour et IHymen n'ont pas tort, Le premier de pleurer sa vie Et l'autre de pleurer sa mort. Die andere: Ci git qui fut quinne ans pucelle, Vingt ans putain, puis huit ans maquerelle. Abel Poiſſon, Marquis von Marigny, ihr Bruder, wurde der Univerſalerbe ihres großen Vermoͤgens. Sie hinterließ vier Millionen Francs. Man brauchte ein ganzes Jahr, um ihre Moͤbel, ihre Gemaͤlde, Statuen, Broncearbeiten, ihre Schmuckſachen, ihren Putz und ihre Waͤſche zu verſteigern. Dieſe Auction lockte aus allen Theilen Frankreichs und ſelbſt aus dem Auslande eine Menge Kaͤufer herbei. Der Erlos des ganzen Inven⸗ tariums ſoll ſich nach Einigen auf fuͤnf, nach An⸗ dern auf acht Millionen Francs belaufen haben. — Werden Sie nicht Anſpruch auf einen Theil der Erbſchaft machen? fragte Mademoiſelle Rem, 36 eine Operntaͤnzerin, den ci-devant Gemahl der Frau von Pompadour. — Je ne veux pas d'un pien, qui couta tant desz larmes, antwortete le Normand d'Etioles. Als bald darauf Herr le Normand mit Dlle. Rem ſich vermaͤhlte, verbreitete ſich folgendes Epi⸗ gramm: Pour reparer misertam, Que Pompadour fit à la France, Le Normand⸗ plein de conscience, Vient deyouser rem publcum. Neunzehntes Capitel. Der Traum geht in Erfüllung. Zu den Hausfteunden der Dame Gourdan, deren reicher Harem das Stelldichein aller vor⸗ nehmen Wuͤſtlinge war, gehorte auch der Graf Jean du Barry, der von dem altadeligen Geſchlecht der Barrymores in Irland abzuſtammen vorgab. Der gute Graf, unter dem Namen»der Roué« bekannt, hatte, wie mancher Andere ſeines Glei⸗ chen, viele Felder im Wappen, aber keine in der Wirklichkeit; er war ein completer Lump, ein Spieler, der von der freien Kunſt lebte, im Ecarté jedesmal den Koͤnig aufzuſchlagen; ein Schuldenmacher, ein Schmarozer und obenbrein ein Kuppler, der huͤbſche Maͤdchen ausſpuͤrte, ihre Reize pruͤfte und ſie den Großen des Hofes zu⸗ fuͤhrte, die ihm, aus Erkenntlichkeit, dann und 38 wann Geld borgten, das er mit andern Nymphen wieder todtſchlug. Bei der Gourdan war es, wo dieſer Gluͤcks⸗ ritter eines Abends, halb berauſcht, die Bekannt⸗ ſchaft der reizendſchoͤnen Mademoiſelle'Ange machte. Er fand die Nymphe ganz nach ſeinem Ge⸗ ſchmack: ſchoͤn, pikant und etwas frech. — Ein guter Biſſen, der mir etwas eintragen kann, ſprach der edle Graf und beſuchte ſie nun faſt täglich. Er zaͤhlte ihr die Maͤdchen auf, welche unter ſeiner Leitung emporgekommen, beruͤhmt und in der großen Welt Mode geworden. Er ver⸗ ſprach ihr goldene Berge und uͤberredete ſie, die Gourdan zu verlaſſen und in ſein Hotel zu zie⸗ hen, wo ſie nur Grafen, Herzoͤge, ja ſelbſt Prin⸗ zen ſehen wuͤrde. Drauf wurde ſie ſeine Maitreſſe, die er die erſten vier Wochen fuͤr ſich allein, und dann fuͤr ſeine guten Freunde hielt.. Bekannte machten ihm daruͤber Vorwuͤrfe. — Was wollt Ihr? ſprach der edle Graf. 39 Ich betrachte Manon als ein Capital, das ich an⸗ legen muß, daß es mir Zinſen trage. Nicht lange nachher empfahl er das wandelnde Capital, die lebendige Hypothek, dem Kammerdie⸗ ner des Koͤnigs. — Was bringen Sie mir, lieber Graf? fragte Lebel, dem er deshalb die Aufwartung gemacht. — Eine angenehme Nachricht, ich habe ein Maͤdchen ausgewittert, ein Mädchen, das ganz ge⸗ ſchaffen ſcheint fuͤr ſeine Majeſtaͤt den Koͤnig. — Iſt ſie ſchoͤn? — Bildſchoͤn, ſagte der Graf, ſeine Finger⸗ ſpitzen kuͤſſend: große feurige Augen, ein reizender, uͤppiger Mund, eine blendendweiße Haut, gott⸗ liches Haar und.. — Wo kann man ſie ſehen? — Bei mir. — Und wann? — Heute Abend. — Ich werde kommen, ſprach der Kammer⸗ diener und entließ ſeinen Lieferanten mit vornehm⸗ thuenden Manieren. 40 Der Graf rannte zu ſeiner Maitreſſe. — Wirf Dich in Deinen ſchoͤnſten Staat, Manon. — Warum? Was giebts? — Lebel, die rechte Hand des Konigs, wuͤnſcht Deine Bekanntſchaft zu machen. — Wirklich? — Ei, warum lachſt Du, Manon? — Mir traͤumte, als ich noch bei der Gour⸗ dan war, der Koͤnig laͤge zu meinen Fuͤßen. — Das kann leicht kommen. Heute Abend wird Lebel uns beſuchen. Kind, ſei klug und be⸗ nutze die Gelegenheit. Mademoiſelle LAnge ließ ſich das nicht zwei Nal ſagen. Sie huͤllte ſich in ein Blondenkleid, das die Fuͤlle ihrer Formen uͤppig hervortreten ließ. Ein kleines Schoͤnpflaͤſterchen verlieh ihrem be⸗ wundernswuͤrdig⸗ovalen Geſichtchen einen eigen⸗ thuͤmlichen Reiz. Sie ſtellte ſich vor den Spiegel und ſprach, ſich ſelbſt gefallend: — Nun mag er kommen. — Manon, Du ſiehſt wie eine Mahomeds Pa⸗ 41 radieſe entſchluͤpfte Peri aus. Kind, ich bitte Dich, unſer Gluͤck ſteht auf dem Spiele.. Laß alle Minen Deiner Reize ſpringen, um ihn fuͤr Dich einzunehmen. Was ihm gefaͤllt, gefaͤllt dann auch dem Koͤnig, alſo nimm Dich zuſammen, Manon. — Sei unbeſorgt. Lebel kam. Demoiſelle Ange zeigte ſich außer⸗ ordentlich freundlich und zuvorkommend gegen ihn. Lebel benahm ſich Anfangs kalt und vornehm ge⸗ gen ſie; er betrachtete ſie mit jener Ruhe, womit ein Dandy ein Pferd betrachtet, das ihm zum Kaufen vorgeritten wird. Er firirte ſie mit der Lorgnette und ſagte zum Grafen: — Nicht uͤbel. Doch bevor ich ſie dem Koͤ⸗ nige vorſtelle, fuhr er fort, wuͤnſche ich ſie naͤher kennen zu lernen. Lieber Freund.. — Was befehlen Sie, verehrter Freund und Goͤnner? — Ich bitte Sie, mich auf eine halbe Stunde mit Ihrer Dame allein zu laſſen, raunte er ihm ins Ohr. M. 3 42 — Was ſagten Sie? fragte der Graf, der ſich die Miene gab, nicht recht gehoͤrt zu haben. — Sie werden mich verſtehen, wenn ich zu dem, was ich Ihnen bereits geſagt, hinzufuͤge, daß es nicht Ihr Schade ſein ſoll. — Bitte, bitte, betrachten Sie mein Haus ganz wie das Ihrige, ſprach er zu Lebel und ſeiner Maitreſſe... Adieu, liebe Manon. — Wie, Du willſt uns verlaſſen? — Ich muß, liebes Kind, eine Einladung, die ich nicht refuſiren gekonnt. — Wann ſehe ich Dich wieder? — Schwerlich vor morgen fruͤh. Eine kleine vingt-un Partie.. — Ich wuͤnſche Ihnen viel Gluͤck. Der Graf dankte und empfahl ſich. Manon und Lebel waren nun allein Lebel muß ſie ſehr ſchoͤn gefunden haben, denn er blieb lange bei ihr. Am andern Morgen wurde ſie in die vertrau⸗ 43 lichen Gemaͤcher eingefuͤhrt und Sr. Majeſtaͤt dem Koͤnige vorgeſtellt. Ludwig XV., der Vielgeliebte des Almanachs, fand die neue Acquiſition ganz convenable und ſuchte bald darauf, um ſie bei Hofe einfuͤhren zu koͤnnen, einen Mann fur ſie. Der war nun bald gefunden. Der Koͤnig ver⸗ maͤhlte ſie mit Grafen Guillaume du Barry, einem Bruder des Vorigen, der ſich auch ſogleich dazu verſtand, weil Seine Najeſtät ihm dafuͤr eine jaͤhrliche Penſion von 60,000 Livres auszuſetzen geruhte. Am 1. September wurde in der Pfarrkirche St. Lorenz die Trauungsceremonie vollzogen. Der Braͤutigam, der ſeine Braut vor der Trauung nie geſehen, nie geſprochen, reichte ihr am Altar ſeine Hand und— reiſte eine halbe Stunde ſpaͤter nach Toulouſe. Der Koͤnig wollte ſeine Maitreſſe jetzt bei Hofe einfuhren. Der Herzog von Choiſeul und ſeine Schweſter, die Herzogin von Grammont, die lange im Stillen nach der Ehre gegeizt, die Frau von 8* 44 Pompadour zu remplaciren, entwickelten den gan⸗ zen Knaͤuel ihrer Intriguen, um dem Koͤnig dies auf jede Weiſe zu erſchweren. Umſonſt! Die Graͤfin du Barry ward durch eine Frau von Bearn(die fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit 100,000 Francs und fuͤr ihren Sohn die Stelle eines Kavalleriecapitains erhielt) bei Hofe eingefuhrt. Freitag Abends am 21. April 1769, heißt es in den Mouvelles à la main«, kuͤndigte der Ko⸗ nig, von der Jagd heimkehrend, an, daß am naͤch⸗ ſten Abend die Vorſtellung der Graͤfin du Barry ſtattfinden werde. An demſelben Abend brachte ihr der Hofjuwelier Diamanten im Werthe von 100,000 Francs. Am naͤchſten Sonntag ſpeiſte die Graͤfin du Barry mit der koͤniglichen Familie. Seit jenem Tage war ſie des Konigs erklaͤrte Maitreſſe. Zwanzigſtes Capitel. Ein Morgen im Schloß zu Luciennes. (1270.) Ludwig XV. hatte der Grafin du Barry, die Anfangs im Palais der Prinzeſſinnen gewohnt, das Schloß zu Luciennes bauen laſſen, ein Schloß, deſſen Einrichtung(dem Koͤnig oder ſeinem Volke?) mehr als ſechs Millionen Francs gekoſtet. Alles, was die uͤppigſte Pracht, der raffinirteſte Luxus jemals erfunden, die Sinne zu ſchmeicheln, war in dieſem Pavillon zuſammengedraͤngt. Das Bou⸗ doir der Graͤfin war das Schoͤnſte, was die Phan⸗ taſie erſinnen kann. Ein Putztiſch von maſſivem Gold, ein Toilettenſpiegel mit zwei Amouretten, die eine goldene Krone trugen, venetianiſche Spie⸗ gel, herrliche Schildereien, antike Vaſen, Spiel⸗ 46 uhren und koſtbare Gobelin⸗Teppiche bildeten ein Ganzes, in dem der Koͤnig ſich ſo heimiſch fuͤhlte. Hier verlebte er ſeine angenehmſten Tage, ſeine gluͤcklichſten Naͤchte. Morgens, wenn der Koͤnig erwacht war, ge⸗ waͤhrte es ihm beſonderes Vergnuͤgen, fuͤr die Graͤfin du Barry das erſte Fruͤhſtuͤck zuzubereiten. — He, he! rief die Graͤfin, gieb doch Acht, Frankreich, Dein Kaffee laͤuft Dir uͤber, Du biſt wieder zerſtreut. Frankreich, woran denkſt Du? — An die verfloſſene Nacht, antwortete Lud⸗ wig XV. und goß den duftenden Moccaſaft in die goldene Schale und brachte ihr das Fruͤhſtuͤck vor ihr Bett. Dann fruhſtuckten und plauderten ſie zuſammen. Eines Vormittags, als die Graͤfin, ermuͤdet von der Soirée, noch ſehr ſpaͤt im Schnee der Betten lag, meldete Zamore, ihr Haushofmeiſter, (ein junger Neger, der bei der Graͤfin in ſolcher Gunſt ſtand, daß der Leumund ihn als einen Ne⸗ benbuhler Frankreichs bezeichnete) den paͤbſtlichen Nuntius und den Großalmoſenier. — 47 — Was wollen die alten Herren? fragte die Gräfin in eine weite Morgenblouſe ſchluͤpfend. — Der Frau Graͤfin ihre Aufwartung machen. — So fruͤh ſchon? — Es iſt bald Nittag. — Dann magſt Du ſie hereinlaſſen. Die hochwuͤrdigen Herren verbeugten ſich, die Graͤfin dankte durch eine gracieuſe Handbewegung. — Frau Grafin, ſprach der Nuntius, ich bin der Ueberbringer eines Grußes aus Rom. — Vom heiligen Vater? Wie befindet ſich der alte Papa? — Wohl, ſehr wohl. Seine Heiligkeit Cle⸗ mens XIV. legt Ihnen das Wohl der Geſellſchaft Jeſu ans Herz. Frau von Pompadour hat ſie aus Frankreich verbannt. Ihnen, Frau Graͤfin, koſtet es ein Wort, ein einzig Wort und Frank⸗ reichs allerheiligſte Majeſtät wird dieſen treuen Dienern der roͤmiſch⸗kotholiſchen Kirche wieder freien Zutritt in ſein Land geſtatten. — An der Vertreibung der Jeſuiten hat kein Anderer als Monſieur Choiſeul Schuld. Ich haſſe 48 den Hochmuth dieſes Mannes. Er muß ſpringen, dann wird es mir leicht ſein, den Koͤnig zu be⸗ wegen, die Geſellſchaft Jeſu in Gnaden aufzuneh⸗ men. Melden Sie das dem heiligen Vater und erſuchen Sie den alten Herrn, mich in ſein Gebet einzuſchließen... Wie gehts, Großalmoſenier? Was bringen Sie uns Neues? — Frau Graͤfin, in der Vorſtadt St. Antoine iſt eine Kirche abgebrannt. Der Maire der Ge⸗ meinde fleht Sie um eine Unterſtuͤtzung an. — Der Gemeinde ſoll ſofort geholfen werden. Ich will aufſtehen. Vor Ihnen, hochwuͤrdige Herren, brauche ich mich nicht zu geniren. Der Großalmoſenier reichte ihr den einen, der paͤbſtliche Nuntius den andern Pantoffel. — Ich danke Ihnen, meine Herrn, ſagte ſie mit einem honigſuͤßen Laͤcheln, ſetzte ſich an ihr Pult und ſchrieb auf ein kleines Blatt Papier: gut fuͤr 5000 Franc und reichte das Blatt dem Großalmoſenier. — Die Staatskaſſe wird dieſe Anweiſung au⸗ genblicklich acceptiren. 49 Die beiden Herren der hohen Geiſtlichkeit ver⸗ neigten ſich tief und gingen ihre Wege. Bald darauf meldete Zamore den Herzog von Tresme. — Ach mein kleiner Affe! laß ihn herein. Eine kleine, buckelige Gnomengeſtalt machte eine tiefe Verbeugung. — Der Sapajou der Frau Graͤfin nimmt ſich die Freiheit, Ihnen einen guten Morgen zu wuͤnſchen. — Kleiner Herr, es iſt bald Mittag. — Nun dann nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einen guten Appetit zu wuͤnſchen. — Wenn ich nun ſagte, daß ich auch ſchon gegeſſen habe? — Dann wuͤrde ich die Ehre haben, Ihnen eine gute Verdauung zu wuͤnſchen. — Und wenn ich Ihnen ſagte, daß ich mich jetzt ankleiden muß? — Dann wuͤrde ich mir die Freiheit nehmen, mich ganz gehorſamſt zu empfehlen, ſagte der Her⸗ zog und machte eine tiefe Verbeugung. 8 50 — Auf Wiederſehen, lieber Herzog, ſprach die Graͤfin und entließ ihn mit einem ſehr gnädigen Laͤcheln. Zwei Minuten ſpaͤter meldete Zamore den Gra⸗ fen Jean du Barry. — Mein Schwager? Was will denn der ſchon wieder? Vermuthlich braucht der arme Teufel wie⸗ der Geld; er mag eintreten. — Liebe Schwaͤgerin, ich bin entzuͤckt, Sie wohl zu ſehen, ſagte der Graf, ihre Hand an ſeine Lippen ziehend. — Was wollen Sie? — Mich nach Ihrem Befinden erkundigen. — Ich ſehe es Ihm an der Naſe an, daß ein ganz anderer Grund Ihn zu mir gefuͤhrt. Er braucht wieder Geld. — Errathen, himmliſche Schwaͤgerin. — Wieviel braucht mein Herr Schwager? — Nur lumpige 50,000 Franc. — Wie, ſo viel? — Frankreichs Herrſcherin, der alle Kaſſen offen ſtehen, nennt dieſe Bagatelle viel? 54 — Wozu brauchen Sie das Geld? — Wir ſpielten geſtern Biribi... ich hatte viel Ungluͤck und verlor in zwei Stunden 80,000 Francs; ich habe mein Ehrenwort gegeben, meine Spielſchuld zu bezahlen, und Sie werden einſe⸗ hen, daß der Schwager der Frau Graͤfin du Barry eine Spielſchuld nicht ſchuldig bleiben darf. — Schwager, Sie verſchwenden enorme Summen. — Was wollen Sie? Ich halte erſt bei der fuͤnften Million. Sehen Sie, himmliſche Schwaͤ⸗ gerin, Bruͤderchen(damit meinte der Graf den Koͤnig) kann das ſchon bezahlen, denn wem an⸗ ders als mir verdankt er das Gluͤck Ihrer Bekannt⸗ ſchaft. — Hier haben Sie einen Bon auf 50,000. Nun kommen Sie aber ſo bald nicht wieder. — Tauſend Dank, himmliſche Schwaͤgerin! ſagte der Graf, ihr zaͤrtlich die Hand kuͤſſend. Der Schwager der Graͤfin war noch nicht zur Thuͤr hinaus, als Zamore Herrn von Varennes, einen koͤniglichen Marine⸗Commiſſair, anmeldete. 52 — Da es ſtadtkundig iſt, Frau Graͤfin, daß Sie eine Freundin ſchoͤner Papageyen ſind, ſo er⸗ laube ich mir, ein ſeltenes Exemplar eines Arras, den ein Schiff von der Kuͤſte Coromandel mitge⸗ bracht, Ihnen in tiefſter Ehrfurcht zu Fuͤßen zu legen. Moͤchten die Frau Graͤfin huldreichſt geruhen, den Vogel, den ich im Vorzimmer ge⸗ laſſen, als ein ſchwaches Zeichen meiner Auf⸗ merkſamkeit anzunehmen. — Ihr Name kommt mir bekannt vor, haben Sie nicht vor vier Wochen bei Seiner Majeſtat eine Bittſchrift eingereicht? — Ja, Frau Grafin. — Um was baten Sie doch gleich? — Ich habe es gewagt, um einen Orden an⸗ zuhalten. — Noch heute ſoll Ihr Diplom ausgefertigt werden. Der Marine-Commiſſair wollte ſich geruͤhrt auf ſein Knie niederlaſſen. — Erſparen Sie Sich die Muͤhe, ſagte die Graͤfin, die ihn davon zuruͤckhaͤlt.. 53 Eine Stunde ſpaͤter(zum Gluͤck war die Graͤfin ſchon ganz angekleidet) fuhr der Staatswagen des Herzogs von Orleans, des erſten Prinzen von Gebluͤt, vor. — Ich komme, ſchoͤne Graͤfin, Sie noch ein⸗ mal daran zu erinnern, Sich huldreich fuͤr mich bei Sr. Majeſtaͤt den Koͤnig zu verwenden und, hinſichtlich meiner Heirath mit Frau von Mon⸗ teſſon, ein gutes Woͤrtchen fuͤr uns einzulegen. — Heirathen Sie nur zu, dicker Herr, ſprach die Gräfin, dem Herzog auf den Bauch klopfend, der König wird Ihnen den Conſens nicht laͤnger verweigern. verlaſſen Sie Sich auf mein Wort. — Ich ſtatte Ihnen im Voraus meinen herz⸗ lichſten Dank ab und wuͤnſche, daß es mir bald ver⸗ goͤnnt ſein moͤge, Sie zu uͤberzeugen, wie gern ich bereit bin, Ihnen jeden Gegendienſt zu erweiſen. — Nicht Urſach, dicker Herr,„fuͤr meine Freunde thu ich Alles, was ich kann. Die Graͤfin gab ihm bis zur Treppe das Ge⸗ leit. In ihr Boudoir zuruͤckgekehrt, durchlief ſie die angekommenen Bittſchriſten und Briefe. 54 — Elias du Barry, Graf von Hargicvurt, der Neffe meines Herrn soi disant Gemahls wuͤnſcht, je eher je lieber Colonel zu werden. Seine Bitte ſoll ihm gewaͤhrt werden. — Ein junger Dichter bittet um das Gluͤck, mir ſein erſtes Drama dediciren zu duͤrfen. An⸗ genommen. — Ein Maler fleht um die Huld, mich malen zu duͤrfen. Auch das ſei gewaͤhrt. — Ein Brief von meiner alten Stiefmutter! Sie iſt die Einzige, die ſo ſelten mich um Etwas bittet. Laßt doch ſehen, was ſie will. Geld? Weiter nichts als Geld— nur 1000 Francs. Die gute, liebe alte Frau; wie beſcheiden ihre Wuͤnſche— Zehntauſend ſoll ſie haben. Ach, wie ſuͤß iſt das Gefuͤhl— die Bitte einer Mutter et⸗ fullen zu koͤnnen. Thraͤnen kamen ihr in die Au⸗ gen; ſie kußte die lieben Zeilen und erbrach dann ein anderes Couvert. — Ein ausgeſchnittenes Blatt:„le gazetier cuirassẽ.« Vermuthlich wieder ein Pasquill. Sie las: 55 „Die Frau Graͤfin du Barry will einen neuen Orden ſtiften. Frauen, die in dieſen Orden aufgenommen werden wollen, muͤſſen bewei⸗ ſen koͤnnen, daß ſie wenigſtens zehn Liebhaber gehabt und die Hungerkur ausgeſtanden ha⸗ ben. Die Maͤnner muͤſſen ſich der Pruͤfung der Graͤfin unterwerfen, welche ſich die Groß⸗ meiſterwuͤrde vorbehalten hat. Wiewohl die Frau Graͤfin verſichert, daß ſie nur diejeni⸗ gen zu Rittern ernennen wird, welche ihre ganze Gunſt beſitzen, ſo glaubt man dennoch, daß dieſer Orden zahlreicher ſein wird, als der des heiligen Ludwig.« Ihre harmloſe Gutmuͤthigkeit hatte ſich waͤh⸗ rend des Leſens dieſer Zeilen in die heſtigſte Wuth verwandelt. — Das hat kein Anderer geſchrieben als Mo⸗ rande, dieſer feile Schurke, der nicht muͤde wird, mich bis in die tieſſte Tiefe meines Herzens zu verwunden. Elender, was hab' ich dir je zu Leid gethan, daß du mit deinem kalten Hohn ſo grau⸗ ſam mich verfolgſt, daß du meine Ehre an den 56 Pranger nagelſt und mich dem Geſpotte einer gan⸗ zen Welt Preis giebſt, feiger, niedertraͤchtiger Schuft?! — Herr von Beaumarchais, meldete der ein⸗ tretende Haushofmeiſter. Die Graͤfin ſammelte ſich raſch, nahm ein freundliches Laͤcheln an und ſprach: — Er iſt uns willkommen. Der Dichter des Barbier de Seville« trat ein. — Nun lieber Freund, haben Sie mit dieſem Herrn Morande bereits unterhandelt? — Ja, Frau Graͤfin. — Und was ſagte der gute Mann? — Er wolle die Anecdoten aus Ihrem Leben, die er bereits nach London geſandt, um ſie dem Drucke zu ubergeben, zuruͤckverlangen und vernichten, wenn Sie Sich geneigt finden ließen, ihm eine Ent⸗ ſchaͤdigung von 1000 Guineen zu bezahlen und ihm außerdem eine Penſion von 4000 Livres bis zum Ende ſeines Lebens und nach ſeinem Tode die Haͤlfte dieſer Summe ſeiner Frau zuzuſichern. — Der feile Schurke— ſo viel verlangt er fuͤr ſeine Sudelei?! 57 — Er betheuert, daß ein londoner Buchhaͤnd⸗ ler ihm fuͤr ſein Manuſcript 10,000 Pf. St. Ho⸗ norar geboten. — Der Schurke luͤgt— doch einerlei... ich will Ruhe haben und darum ſeine Forderung bewilligen. Setzen Sie daruͤber einen Act auf, Herr von Beaumarchais, worin er ſich auf Eh⸗ renwort verpflichtet, ſein Manuſcript zu vernichten und ſeine Feindſeligkeiten gegen mich fuͤr immer einzuſtellen. Ich meinerſeits will mich verbindlich machen, ihm, ſo lang ich lebe, die Penſion, die er von mir begehrt, zu zahlen. Berichten Sie ihm dieſen meinen Willen, aber vergeſſen Sie nicht hinzuzufuͤgen, daß ich nicht haſſen, hoͤchſtens nur bedauern kann. Auf Wiederſehen, Herr von Beau⸗ marchais. Der Unterhaͤndler empfahl ſich, um die Sache ſofort in Ordnung zu bringen. Die Graͤfin, der nun ein Stein vom Herzen gefallen, zerriß das Zeitungsblatt in tauſend kleine Stuͤcke, die ſie in den Camin warf. Die Scene hatte ſie etwas angegriffen. Sie 58 ſchaͤlte ſich eine OHrange, ſog den Saft ein und fuhlte ſich neu geſtaͤrkt. Mit zwei andern Orangen ſpielte ſie wie ein Jongleur mit einem Paar Kugeln. Sie warf ſie in die Hoͤhe und fing ſie wieder auf und traͤllerte dabei einen ſelbſt gedichteten Gaſſenhauer: „Springe Choiſeut, ſpringe Praslin! Ihr tauget Beide nichts.« Eine Stunde ſpater kam der Koͤnig. — Frankreich, wo haſt Du heute ſo lange ge⸗ ſteckt? fragte ſie Ludwig MW., dem ſie zärtlich um den Hals fiel. — Ich hatte viel zu thun, liebes Kind. Da ſieh mal, Schatz, was ich Dir mitgebracht. — Tauſend, was iſt das? — Der erſte Shawl, der aus Oſt-Indien nach Paris gekommen. — Wie ſchoͤn, wie herrlich. Der wird mich kleiden. Der ganze Hof wird die Augen auf⸗ reißen. — und Dich bewundern— ja, ja, das ſeh ich ſo kommen. 59 — Aber weißt Du, womit Du mir eine noch groͤßere Freude haͤtteſt erzeigen koͤnnen? — Sprich, ich bin heute in einer Stimmung, Dir jede Bitte zu gewaͤhren. — Geſtern habe ich meinen Choiſeul*) weg⸗ gejagt— wann jagſt Du denn Deinen weg? — Nun, wenn Du einmal feſt darauf beſtehſt, meinetwegen morgen ſchon. Aber wo nehmen wir auf der Stelle einen Andern her? Zu wem ra⸗ theſt Du? — Herzog von Aiguillon.. — Es ſei, er trete an die Stelle Choiſeuls. Abgemacht. Nun, Schatz, gieb mir einen Kuß. — Hundert fuͤr Einen, ſprach die Graͤfin, und ſank ihm um den Hals. Am 24. December 1770 wurde Herzog von Choiſeul, Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenhei⸗ ten nach ſeinem Landgute Chanteloup verwieſen *) Die Gräfin hatte einen Koch, den ſie darum ſo nannte, weil er dem ihr verhaßten Miniſter ähnlich ſah. 60 und Armand Vignerol, Herzog von Aiguillon er⸗ hielt deſſen Portefeuille. Der neue Miniſter, der ſeine Erhebung nur einzig und allein der Gunſt der Graͤfin du Barry zu danken hatte, ſchenkte vier Wochen ſpäter ſeiner Beſchuͤtzerin eine prachtvolle Kutſche, die 50,000 Livres gekoſtet. Die Graͤfin du Barry herrſchte nun, im Ver⸗ ein mit Herzog von Aiguillon, dem Kanzler Mau⸗ peou und dem Abbe Terray, den ſie zum Finanz⸗ miniſter erhoben, mit faſt unumſchraͤnkter Gewalt uͤber Koͤnig und Volk. Es iſt factiſch erwieſen, daß die Graͤfin du Barry, ihr Gatte und ihr Schwager dem Staats⸗ ſchatze gegen vierzig Mill. Francs gekoſtet haben. Ein und zwanzigſtes Capitel. Eine Svpirée bei Mad. du Barry. Laharpe, der ausgezeichnete, aber ſehr von ſich eingenommene Literat und Kritiker hatte lange Zeit um die Gunſt gebettelt, der Graͤfin du Barty vorgeſtellt zu werden. Durch die Fuͤrſprache des Herrn von Briſſac erhielt er Zutritt zu ihrem Salon(der ein Vereinigungspunkt der haute volée war) und bald darauf die laͤngſt erſehnte Erlaubniß, der Graͤfin eine ſeiner Tragoͤdien vorleſen zu duͤrfen. Mad. du Barry hatte zu dieſer Soirée eine große glaͤnzende Geſellſchaft einladen laſſen. Am Ende des Saales ſtand auf einer mit gruͤnem Tuche belegten Eſtrade ein Leſepult, auf dem zwei violette Wachskerzen, eine Lichtſcheere, eine Caraffe mit Waſſer, eine Schale mit Zucker und ein Trinkglas ſtanden. In einer Entfernung 62 von zehn Schritten waren ſechs Reihen von Stuͤhlen aufgeſtellt. Die roſenfarbenen, ambraduftenden Wachskerzen der Kron⸗ und Wandleuchter brannten ſchon zwei volle Stunden, die meiſten Stuͤhle waren bereits beſetzt. Es fehlten nur noch ſechs bis acht Gäͤſte, unter dieſen auch Laharpe. — Er laͤßt lange auf ſich warten, ſprach Madame du Barry zu Frau von Mirepoir, die in der erſten Reihe neben der Graͤfin ſaß. — Was lange waͤhrt, wird gut, liebe Gräfin. — Wir wollen es hoffen, erwiederte Mad. du Barry und entfaltete ihren Faͤcher, um hinter dieſer Schutzwehr das erſte Gaͤhnen, das Vorgefuͤhl der Langeweile, zu verbergen. Bald darauf verkuͤndete die Stentorſtimme des am Eingang harrenden Kammerdieners die Ankunft eines neuen Gaſtes. — Monſieur Laharpe! — Ah, rief die Graͤfin und ſprang von ihrem Stuhle auf, um dem Eintretenden entgegen zu eilen 63 und ihn mit ihrem Lächeln, das ihren Lippen immer zu Gebote ſtand, an der Thuͤr zu empfan⸗ gen. Herzlich willkommen, Herr Laharpe... Mit Sehnſucht werden Sie ſeit einer Stunde ſchon arten — Verzeihen Sie, ſchoͤne Graͤfin, ich bin nicht Schuld daran... Mein Schlingel von Schneider hat mir erſt vor einer halben Stunde meinen neuen Frack gebracht.. — Der boͤſe Schneider, laͤchelte Mad. du Barry, nahm den Dichter bei der Hand und ſtellte ihn mit der liebenswuͤrdigſten Grazie der Geſellſchaft vor. — Es iſt ſchon etwas ſpaͤt, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt... — So will ich meine Vorleſung gleich beginnen, fiel ihr Laharpe ins Wort... — Ach ja, ach ja, bat die Grafin, fuͤhrte den Dichter bis zum Pulte und ſetzte ſich dann auf ihren Platz. Laharpe oͤffnete die Rolle, die ein gruͤnſeidenes Band zuſammenhielt, putzte erſt die beiden Lichter, raͤuſperte ſich ganz leiſe und begann: 64 — Les Barmecides, tragédie en cinq actes. — Fuͤnf Acte! ſagte Mad. du Barry zu ihrer Nachbarin. Gott im Himmel, das wird ein langes Trauerſpiel! — Tant mieux, je laͤnger, je lieber, erwiederte Frau von Mirepoir. Laharpe las die Perſonen ſeines Trauerſpiels und wollte eben die erſte Scene vortragen, als die Rieſenſtimme des Kammerdieners das Erſcheinen eines neuen Gaſtes anzeigte. — Monſieur le Marquis de Briſſac! Laharpe wollte weiter leſen. — Un petit moment, je vous en prie, ſagte die Graͤfin zu Laharpe und eilte dieſem Gaſte, willkommener als jeder andere, mit einem Laͤcheln entgegen, das weit ungezwungener als jenes war, mit dem ſie, fuͤnf Minuten fruͤher, den Dichter empfing. — Komme ich zu ſpät? ſragte Briſſac leiſe. — O noch fruͤh genug, erwiederte ſie noch leiſer und fuͤhrte ihn in die vorderſte Reihe, wo 65 noch ein Stuhl, dicht neben dem ihrigen, fuͤr ihn offen war. Laharpe, der ſich waͤhrend dieſer Pauſe Waſſer eingeſchenkt und den Zucker umgeruͤhrt hatte, recitirte noch einmal die Perſonen ſeiner Tragoͤdie und las dann ununterbrochen die zwei erſten Acte. — Ah, que c'est beau, que c'est beau! rief die Graͤfin, als Laharpe den dritten anfangen wollte. Die zwei erſten Acte ſind charmant, fuhr ſie mit erkuͤnſteltem Enthuſiasmus fort, ich bitte Sie nun einen Augenblick auszuruhen. Ihre Stimme duͤrfte ſonſt zu ſehr angeſtrengt werden goͤnnen Sie ihr fuͤnf Minuten zur Erholung.. — Ganz nach Ihrem Wunſche, ſprach Laharpe und machte nur ungern eine Pauſe. Diener in rothem Sammet mit Gold verbraͤmt trugen jetzt durch die Reihen der Gaͤſte Erfriſchungen herum: man ſchluͤrfte das Eis mit goldenen Loͤffeln, trank aus dem feinſten Cryſtall Mandelmilch und Limonade. Die Graͤfin war bald hier, bald dort, fuͤr Jeden hatte ſie ein ſuͤßes Laͤcheln, ein verbind⸗ III. 4 66 liches Wort. Wer haͤtte es geglaubt, daß die Gräfin, die mit bezaubernder Grazie die Honneurs machte, die Dame vom feinſten Ton, die Tochter eines gemeinen Thoreinnehmers, vor acht Jahren noch ein gewoͤhnliches Freudenmädchen war, das bei der Gourdan nur Umgang mit liederlichen Geſellen gehabt, die, von Wein und Liebe berauſcht, Scandal machten und ſich oft gemeiner als das gemeinſte Vieh betrugen. Was doch bei Hofe nicht Alles aus uns werden kann! Nachdem die Geſellſchaft von den Strapazen der beiden erſten Acte ſich erholt hatte, machte ſie ſich gefaßt, den dritten anzuhoren. Die Graͤfin ſah auf ihre kleine Uhr. — Mein Gott, es iſt ſchon halb zehn, ſagte ſie leiſe zu Briſſac. Ach hätten wir auch ſchon den dritten Act hinter uns... — Hat denn der erſte Act Sie nicht amuͤſirt?.. — Bntre nous soit dit... ich fand ihn ſchrecklich langweilig... — Ich auch, ſagte Briſſac. 67 Ein halblautes St! ließ ſich hoͤren. Laharpe begann den dritten Act. — GCest beau, c'est beau! rief die Graͤfin zwanzig Mal in einer Viertelſtunde, trat dabei Herrn von Briſſac etwas unſanft auf ſein Huͤh⸗ nerauge und murmelte ganz leiſe: Gott, wie lang⸗ weilig! Laharpe, wie jeder Dichter eitel, eingebildet, fuhlte ſich durch dieſe tombackenen Lobeserhebun⸗ gen, die er fuͤr äͤchtes Gold annahm, goͤttlich ge⸗ ſchmeichelt. Er war entzuͤckt und— leerte ein Glas Zuckerwaſſer nach dem andern. — Unſer Dichter, liſpelte die Graͤfin zu Briſſac, muß einen Haͤring gegeſſen haben er hat einen martialiſchen Durſt. Gerade jetzt, in der ernſteſten Scene, fing Briſſac halblaut zu kichern an. Alles ſah nach dem Punkte hin, von dem dieſes ſchlecht unter⸗ druͤckte Lachen ausgegangen war. Mad. du Barry ſtieß mit ihrem Knie das Knie ihres Nachbars und machte dabei das ernſthafteſte Geſicht. La⸗ 4* 68 harpe warf auf Briſſac einen Blick, in dem Gift und Dolch lag... er entfärbte ſich vor Wuth, faßte ſich aber bald und las den Act zu Ende. Die Artigkeit gebot, daß Briſſac ſich bei La⸗ harpe entſchuldige. Er nahm ihn bei Seite und ſprach: — Theurer Freund, ich halte mich verpflich⸗ tet, Ihnen zu ſagen, daß ich nicht uͤber Ihr Trauer⸗ ſpiel, ſondern uͤber meines Nachbars Naſe gelacht, an deren Abhang ein Tropfen gebaumelt, der auf ſein Jabot fiel. Laharpe war ausgeſoͤhnt. Jetzt kam Madame du Barry auf ihn zu. — Ihr Trauerſpiel, ſagte ſie zu ihm, gefaͤllt mir außerordentlich... es iſt in der That ein Meiſterwerk.. ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr ich auf den Ausgang Ihrer Tragödie geſpannt bin — Sogleich will ich weiter leſen, ſprach der Dichter, der mit einem Fuße ſchon auf der Eſtrade war.. 69 — Nein, Herr Laharpe, ich gebe es nicht zu, daß Sie weiter leſen... — Mein Gott, warum denn nicht? — Hieße das nicht Ihre Guͤte mißbrauchen?... das Leſen der drei Acte hat Sie angeſtrengt... — Nicht im Geringſten, Frau Gräfin.. — Doch, doch, man hoͤrt es Ihrer Stimme an.. Nicht wahr, Herr Laharpe, Sie erweiſen mir das Vergnuͤgen, mir die beiden letzten Acte, auf die ich in der That ſehr geſpannt bin, ein ander Mal, vielleicht heute uͤber acht oder vierzehn Tage vorzuleſen.. — Geſtatten Sie, daß ichs noch heute thun darf... Die beiden letzten Acte ſind ſehr kurz, in einer halben Stunde. — Nein, Herr Laharpe, das kann, das darf ich nicht von Ihnen fordern... Genuͤſſe ſolcher Art ſind ſo ſelten, daß man oͤconomiſiren und nicht Alles in einem Tage verpraſſen muß, damit auch fuͤr den folgenden Tag noch etwas uͤbrig bleibe... Meine Herren und Damen, ſagte ſie 70 zur Geſellſchaft gewandt, Herr Laharpe, der ſich durch das Vorleſen etwas angeſtrengt fuͤhlt, wird die Guͤte haben, uns das Ende ſeines Trauerſpiels das naͤchſte Mal vorzuleſen... die Sitzung iſt aufgehoben.. Man applaudirte. Laharpe verneigte ſich. Die Geſellſchaft erhob ſich. Die Stuͤhle wurden bei Seite geſchafft und Spieltiſche arrangirt. Die Grafen du Barry und Herr von Briſſac ſpielten Ecarté. — Briſſac, was ſagen Sie zu dieſem Trauer⸗ ſpiele? fragte die Graͤfin und miſchte die Karten. — Es iſt etwas langweilig, gab Jener zur Antwort und hob die Karte ab. — Ich glaubte, ich muͤſſe ſterben vor Lange⸗ weile, ſagte die Graͤfin und gab Karten... Sie, Marquis, ſind an Allem Schuld... — Mein Gott, ſprach Briſſac, an dem das Ausſpielen war, was kann denn ich dafuͤr, daß G ein Trauerſpiel geſchrieben, das mehr zum Lachen als zum Weinen iſt. Er hat tauſendmal 71 Beſſeres geſchrieben... es iſt ein Ungluͤck, daß er gerade ſein ſchwächſtes Product ausgewaͤhlt.. Sie ſprachen und ſpielten weiter. Nach Ver⸗ lauf einer halben Stunde hatte die Graͤfin 50 Louis verloren. Eine Bagatelle fuͤr die Meitreſſe eines Koͤnigs, der Millionen mit ihr vergeudet hatte. Zwei und zwanzigſtes Capitel. Das Ende Ludwigs XV. (1774.) Das ausſchweifende Leben, dem ſich der Konig in den Armen der Graͤfin du Barry hingegeben, die, um ihn immer feſter an ſich zu ſchmieden, alle Liebkoſungen an ihm erſchoͤpft, hatte endlich den Reſt ſeiner Kraͤfte aufgezehrt. — Ich ſehe wohl ein, daß es Zeit iſt, Ein⸗ halt zu thun, ſagte er eines Tages zu ſeinem Wundarzt, dem er ſeine Leiden klagte. — Sire, erwiederte la Martiniöre, es waͤre kluger, ganz aufzuhoͤren. — Ach, iſt es erſt ſo weit mit mir gekommen, dann hat das Leben keinen Reiz mehr fur mich. Ludwig wurde nun von Tag zu Tag mißlau⸗ niger, niedergeſchlagener, muͤrriſcher. Vergebens 73 erſann die Graͤfin du Barry neue Zerſtreuungen, vergebens verſchwendete ſie an ihm ihre Liebko⸗ ſungen, um ſein Gemuͤth wieder aufzuheitern. Immer mehr und mehr verſank er in truͤbe Schwer⸗ muth. Der Jeſuit Griffet, der Beichtwater des Ko⸗ nigs, benutzte dieſe Anwandlung von Reue, um ihm fromme Vorſtellungen zu machen. — Sire, ſagte er zu Ludwig, Sie haben alle Freuden dieſer Erde durchgekoſtet, denken Sie nun an das Jenſeits, wo des Frommen ſchoͤnere Won⸗ nen harren, Wonnen, die nicht vergaͤnglich wie die irdiſchen Freuden ſind. Sire, ſchließen Sie die Rechnung Ihrer Suͤnden und vereinigen Sie Ihr Gebet mit dem meinigen, daß der Gott der Liebe und Barmherzigkeit ſie Ihnen in Gnaden vergebe. — Ach, ehrwuͤrdiger Vater, ſagte der Koͤnig, ich fuͤrchte, es bleibt mir nicht mehr ſo viel Zeit, meine Suͤnden alle zu bereuen. — Sie werden leben, Sire, und in Sich gehen. — Verlaſſen Sie Sich darauf, mein Vater. 74 Zehn Minuten ſpaͤter meldete des Königs Kam⸗ merdiener die Graͤfin du Barry. — Sire, ich habe eine Bitte an Sie. — Welche? liebe Graͤfin. — Wir wollen nach Trianon. Dort harret Ihrer eine Ueberraſchung, von der ich mir die beſten Folgen verſpreche.. — Graͤfin, vor wenig Augenblicken habe ich meinem Beichtvater verſprechen muͤſſen, in mich zu gehen. — Koͤnnen Sie nicht auch in Trianon in Sich gehen? Sire, wenn noch ein Funke von der alten Zuneigung zu mir in Ihrem Herzen glimmt, ſo erfuͤllen Sie mir dieſe kleine Bitte. — Ach, was wird mein Beichtvater dazu ſagen? — Sire, er ſoll es nicht erfahren. — Eh bien, Graͤfin, Ihr Wille geſchehe, wenn aber mein Beichtvater mir Vorwuͤrfe macht? — Dann ſchicken Sie ihn zu mir.. ich will ſchon mit ihm fertig werden. 5 75 Der Koͤnig begab ſich nach Trianon. Hier war es, wo ihm die Graͤfin, um ſein abgeſtor⸗ benes Gefuͤhl von Neuem anzufachen und ihm neue Luſt zur Freude einzufloßen, eine huͤbſche Bauer⸗ dirne von 13 Jahren, die Tochter eines Muͤllers, zufuͤhrte. — Das alſo war die Ueberraſchung? fragte der Koͤnig. — Sind Sie damit zufrieden? — Vollkommen, Graͤfin, aber mein Beicht⸗ vatere — Frankreich, genieße Dein Leben... jen⸗ ſeits giebts kein Verſailles, kein Luciennes, kein Trianon. Die Flamme, ſchon dem Erloͤſchen nahe, fing noch einmal aufzuflackern an. An den roſigen Lippen dieſes Maͤdchens, das, ohne es zu wiſſen, Pockengift in ſich trug, ſog er ſeinen Tod ein. Angeſteckt von dieſem Gifte, bekam er die Blat⸗ tern und wurde krank nach Verſailles zuruckge⸗ bracht. 5 76 Am fuͤnften Tage ſeiner Krankheit ſagte er zur Herzogin von Aiguillon: — Geben Sie der Graͤfin du Barry dieſen Ring, aber ſagen Sie ihr, daß ich ſie nicht mehr ſehen will, denn ſie iſt an Allem Schuld. — So ſind dieſe Koͤnige, ſprach die Gräfin, als ſie dies erfuhr, erſt freſſen ſie uns auf vor Liebe, und wenn ſie Alles von uns genoſſen, dann ſpeien ſie uns aus. Die verabſchiedete Favorite begab ſich nach Ruel. Am 10. Mai, Morgens 11 Uhr, verſchied Seine Majeſtaͤt der Koͤnig Ludwig XV. unter den graͤßlichſten Schmerzen an den Folgen ſeiner Aus⸗ ſchweifung. Im Schloßhof zu Verſailles wurde der eherne Zeiger der Todtenuhr auf die Stunde ſeines To⸗ des geruͤckt. Als in Paris die Nachricht von ſeinem Tode anlangte, herrſchte ſo großer Jubel, als ob das Bulletin eines Sieges eingelaufen. 77 Ein Spoͤtter hatte darauf angetragen, die Stadt illuminiren und in der Kirche Notre-Dame ein Te Deum laudamus anſtimmen zu laſſen. Louis le Bien- aimé hinterließ einen ſchmach⸗ beladenen Namen und eine Schuldenlaſt von 420 NMillionen Franck. Zwoͤlfter Abſchnitt. Ludwig XVI. Geboren am 23. Auguſt 1754. Koͤnig am 10. Mai 1774. Guillotinirt am 21. Januar 1791. Erſtes Capitel. Ludwig XVI. und Marie Antvinette. Der Sohn Ludwigs MV.(geb. 1729 zu Ver⸗ ſailles) hatte ſich 1745 mit Marie Thereſe von Spanien und nach ihrem Tode 1746 mit Marie Joſephe von Sachſen vermaͤhlt; mit dieſer zweiten Gemahlin hatte der Dauphin zwei Soͤhne, den Herzog von Burgund und den Herzog von Berry, gezeugt. Der erſte Sohn war 1760 in einem Alter von neun Jahren geſtorben und fuͤnf Jahre ſpaͤter war ihm ſein Vater ins Grab gefolgt. Nach dem Tode Ludwigs MW. beſtieg nun des Dauphins zweiter Sohn, der Herzog von Berty, den Thron. 1770 hatte ihn ſein Großvater und der Herzog von Choiſeul wegen politiſcher Plane mit Marie Antoinette von Oeſterreich, der ſechſten 82 Tochter Franz des Erſten und der Kaiſerin Maria Thereſia, vermaͤhlt. Schon damals hatte uͤber dieſes Paar ein boſer Stern gewaltet. Bei dem großen Feuer⸗ werke, das zur Feier der Vermaͤhlung auf dem Place Louis XV. abgebrannt worden war, hatten Hunderte von Zuſchauern ihr Leben eingebuͤßt— ein ſchlimmes, unheilkundendes Vorzeichen. Der Herzog von Berri hatte alles Geld ſeiner Privat⸗ chatulle hingegeben, um denen, die dabei zu Scha⸗ den gekommen, Hilfe und Rettung zu verſchaffen. Ludwig XVI. war, als er die Regierung an⸗ trat, erſt zwanzig, die Königin(geb. am 2. No⸗ vember 1755) erſt neunzehn Jahre alt. — Ach, welch ein Ungluͤck für uns! rief der neue Koͤnig, wir ſind noch zu jung zum Regieren. — Wir wollen uns dem Rathe weiſer, ein⸗ ſichtsvoller Maͤnner anvertrauen und ihrem Rathe folgen, um uns die Liebe unſeres Volkes zu er⸗ werben. Einen Tag nach ſeiner Thronbeſteigung ver⸗ wies er die Graͤfin du Barry, die ſich durch ihre 83 Maitreſſenherrſchaft den Haß des ganzen Volkes zugezogen. — Frau Graͤfin du Barry(ſo lautet der Brief), aus Gruͤnden, die auf die Ruhe meines Foͤnigreichs Bezug haben und wegen der Noth⸗ wendigkeit, die Staatsgeheimniſſe, in die Sie ein⸗ geweiht, zu wahren, befehle ich Ihnen, daß Sie Sich ungeſaͤumt, allein und nur mit einer Die⸗ nerin, unter Aufſicht des Sieur Hamont, eines unſerer Sicherheits⸗Officiere, nach Pontes⸗aux⸗ Dames verfuͤgen. Dieſe Maßregel hat Ihnen nicht zu mißfallen, da ſie nicht von langer Dauer ſein wird. Da Gegenwaͤrtiges keinen andern Zweck hat, ſo bitte ich Gott, daß er Sie in ſeinen hei⸗ ligen Schutz nehme. Louis. — Eine ſchoͤne Regierung, die mit einem lettre de cachet debuͤtirt, rief die Graͤfin und fugte ſich dem Befehle des Koͤnigs. Bald darauf wurde der Herzog von Aiguillon, der Kanzler Maupeou, der Abbé Terray abgeſetzt und exilirt, ein ganz neues Miniſterium gebildet, 84 der Graf von Maurepas aus der Verbannung zuruͤckberufen, an die Spitze des neuen Cabinets geſtellt und das Parlament, das Ludwig MW. auf dringendes Zureden der Graͤfin du Barry auf⸗ geloſt, wieder einberufen. Die abgeſetzten Miniſter zogen ſich auf ihre Landguͤter zuruͤck*). Charles Gravier, Graf von Vergennes, wurde von ſeinem Geſandſchaftspoſten am Hofe Guſtavs des Dritten von Schweden zuruͤckberufen und zum Miniſter der auswartigen Angelegenheiten, und Anne Robert Turgot, Graf von Aulne, zum General⸗ controlleur der Finanzen ernannt. Viele der druͤckendſten Abgaben wurden auf⸗ gehoben, andere vermindert. Ein noch großeres Verdienſt erwarb ſich Ludwig durch die Abſchaffung der Tortur. *) Der Kanzler Maupeou ſtarb am 29. Juni 1792 auf ſeinem Landgut Thuit in der Normandie. Der Her⸗ zog von Aiguillon ſtarb 1784 und der Abbé Terray am 18. Februar 1748 an den Folgen ſeiner Ausſchweifungen. 85 Die Nation, begeiſtert von ſolcher Herrſcher⸗ milde, ließ ihrer Freude freien Lauf und rief: Vive Louis le Bienfaisant, vive Louis le Juste, vive Louis le Père du peuple!... Zweites Capitel. Ein Abend in Trianvn. (1776.) Die Koͤnigin Marie Antoinette hatte große Vorliebe fur Trianon. Von allen Schloͤſſern des Koͤnigs fuhlte ſie ſich in keinem ſo heimiſch, ſo wohl und ſo behaglich, als in ihrem kleinen Trianon. Hier, in dem kleinen Kreiſe ihrer vertrauteſten Freunde, ſtreifte ſie die druͤckenden Feſſeln der alt⸗ franzoſiſchen Etikette ab, hier entſchadigte ſie ſich fur die peinigende Langeweile, die in dem großen Hoffeſten zu Verſailles ihr altes Recht geltend machte. Am 2. November hatte der Hof das Geburtsfeſt der Koͤnigin gefeiert. Von allen Geſchenken, womit ſie an dieſem Tage uͤberhaͤuft worden war, hatte ihr keines ſo viel Freude gemacht, als ein kleiner, 87 von Petitot gemalter, Elfenbeinfaͤcher, den ihr der Graf von Provence mit dem Quatrain zu Fuͤßen gelegt: Au milien des chaleurs extrémes, Heureux d'amuser vos loisirs, Naurai soin près de vous d'amener les Zephirs, Les amours viendront par d'eux-memes. Am folgenden Tage war in Trianon eine Art von Nachfeier, zu der die Koͤnigin den Grafen von Provence und den Grafen von Artois(ihre beiden Schwager), die Prinzeſſin Eliſabeth(die Schweſter des Koͤnigs), die Prinzeſſin von Lamballe(die Ober⸗ hofmeiſterin der Koͤnigin) die Graͤfin von Genlis und die Frau von Campan, den oͤſtreichiſchen und preußiſchen Geſandten den Grafen von Maurepas und einige Hofcavaliere bloß deshalb eingeladen, um einen jungen Klaviervirtuoſen zu hoͤren, der aus Deutſchland nach Paris gekommen war, um auch hier Proben ſeines ſtaunenerregenden Talentes abzulegen. Dieſer junge Mann, Ritter des goldenen Sporns, kaiſerlicher Kammercomponiſt, Mitglied der phil⸗ 88 harmoniſchen Geſellſchaften zu Verona und Bo⸗ logna, damals kaum 20 Jahre alt, war Wolfgang Mozart. Kaiſer Joſeph II., der hochherzige Maͤcen aller Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, hatte den jungen Virtuoſen, der damals ſchon zwei große Opern: „La finta semplice« und„il Re pastore« com⸗ ponirt, ſeiner Schweſter, der Koͤnigin von Frankreich, empfohlen: vUeberreicher dieſer Zeilen, ſo lautete des Kaiſers ungeſchminkter Brief, iſt der junge Mozart, ein neuer Amphion, der bald mit ſeinem Ruhme die ganze Welt erfuͤllen wird. Ich empfehle dieſes muſika⸗ liſche Genie Deinem koniglichen Schutze und bitte Dich, meine vielgeliebte Schweſter, ihn wohlwollend an Deinem Hofe aufzunehmen und nichts zu ver⸗ ſaͤumen, was ihm nutzlich werden kann. Behalte lieb Deinen Bruder Joſeph. P S Das naͤchſte Jahr will ich, wenn ich nach Bruͤſ⸗ ſel gehe, Dich in Deiner Hauptſtadt beſuchen. Gruͤße Deinen Gemahl, meinen lieben Vetter Ludwig.« 89 Die Koͤnigin hatte den jungen Mozart mit der herablaſſendſten Guͤte aufgenommen und ihn ſpielen gehoͤrt, und ſeine ſchoͤne Compoſition und die Bra⸗ vour ſeines Vortrages hatten ſie dergeſtalt enthu⸗ ſiasmirt, daß ſie ihn zu der heutigen Soiree ein⸗ geladen, wo er daſſelbe Concert, das ſie ſo begeiſtert hatte, noch einmal vortragen ſollte. — Meine theuren Freunde, ſagte die Konigin, als ihr Schuͤtzling in den Salon eingetreten war, zu den Gäſten, ich habe die Ehre, Ihnen in dieſem jungen Manne den groͤßten Componiſten meines Vaterlandes vorzuſtellen. Herr Mozart wird uns das Vergnuͤgen erweiſen, eine ſeiner Compo⸗ ſitionen vorzutragen, Sie werden ihn hoͤren und ſeinem Genie gern den Tribut Ihrer Bewunderung zollen. Der beſcheidene Mozart, den dieſes damals noch unverdiente, allzu große Lob verlegen gemacht, hatte ſich ſchuͤchtern verbeugt und ſich dann ſogleich ans Piano geſetzt, ſeine Handſchuhe ausgezogen und ohne Präludium ſeinen Vortrag begonnen. Der Graf von Artvis hatte einen Platz hinter M. 5 90 Mozarts Stuhle eingenommen, um ihm die Noten⸗ blaͤtter umzuwenden, eine zarte Aufmerkſamkeit, die den beſcheidenen Kuͤnſtler noch mehr in Verlegenheit ſetzte. Mozart ſpielte den»Sogno di Scipione«(Sci⸗ pio's Traum) eine Serenade, die er vor vier Jahren zur feierlichen Einſetzung des Erzbiſchofs von Salz⸗ burg componirt, der ihn darauf zum Concertmeiſter ernannt hatte.— Im Saale herrſchte tiefes Schweigen. Die Verſammlung war ganz Ohr. Alles lauſchte den zauberiſchen Klaͤngen, den ſuͤßen Accorden, die er den Taſten des Inſtrumentes bald koſend entlockte, bald ſturmiſch entriß. Die Koͤnigin, die zwiſchen der Prinzeſſin Eliſabeth und der Prinzeſſin von Lamballe ſaß, ſchwelgte in dieſer Sphaͤrenmuſik und kußte, um dem ihr gegenuͤberſitzenden Grafen von Provence pantomimiſch ihre Begeiſterung zu ver⸗ ſtehen zu geben, die Spitze ihres Faͤchers, den ſie ſo lieb gewonnen, weil er ein Geſchenk des Grafen war. Die Hoͤrer wußten nicht, was ſie mehr bewun⸗ dern ſollten: den Reichthum dieſer neuen muſi⸗ 91 kaliſchen Gedanken, die wunderbaren Combinationen der bald klagenden, bald jauchzenden Rhythmen, die geheimnißvollen Uebergaͤnge, mit einem Wort: die ſchoͤne Compoſition oder die Bravour ſeines Vortrages. Alle bewunderten die Fertigkeit ſeiner linken Hand. In Neapel hatte man dieſe außer⸗ ordentliche Gelenkigkeit der magiſchen Kraft eines Ringes, den er an der linken Hand trug, zuge⸗ ſchrieben. Wie einfaͤltig— Mozart hatte dieſen Ring abgelegt und dann wo moglich eine noch großere Fertigkeit entfaltet. Mitten im Spiele hatte ſich der Graf von Provence, auf den Zehen ſchleichend, dem Klaviere genaͤhert, um die beiden Kerzen zu putzen— die Koͤnigin hatte ihm ihren Dank fuͤr dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit ebenfalls pantomimiſch und zwar dadurch zu verſtehen gegeben, daß ſie laͤchelnd mit dem Kopfe nikte und mit dem Fächer einige Male in die Hand ſchlug. Mozart, der Anfangs etwas aͤngſtlich geweſen war, hatte bald ſeine ganze Ruhe wieder gewonnen und nun mehr und mehr die ganze Fuͤlle ſeiner 5 92 Kraft entfaltet. Und ſo kam es, daß ſich das ſtumme Staunen der Zuhoͤrer von Minute zu Minute ſteigerte und ſich am Schluß der Serenade durch einen minutenlangen Applaus Luft machte. Mozart erhob ſich vom Klaviere und machte, die Hand aufs Herz legend, eine dankende Ver⸗ beugung. Die Koͤnigin, die mit ihrem Faͤcher das erſte Signal zu dieſer lauten Beifallsbezeichnung gege⸗ ben, trat auf ihn zu und ſprach: — Ich ſtatte Ihnen im Namen meiner Gaſte meinen herzlichſten Dank ab. Chriſtine von Schwe⸗ den erlaubte einſt dem großen Corneille, ihre Hand zu kuͤſſen; Marie Antoinette von Frankreich geſtattet dieſes ihrem Landsmanne, dem großen Mozart. Die Koͤnigin reichte dem jungen Fuͤnſtler die Hand. Mozart druͤckte einen leiſen Kuß darauf. — Herr Mozart, fuhr die Koͤnigin fort, mein Vaterland darf ſtolz darauf ſein, Sie den Ihrigen zu nennen. Erweiſen Sie der Koͤnigin von Frank⸗ reich, Ihrer Landsmaͤnnin, die Ehre, ihr, ſo lange 93 Sie in Paris verweilen, Klavierunterricht zu er⸗ theilen. — Majeſtat, ſtammelte Mozart, ich werde Alles thun, um mich dieſer Huld nicht ganz un⸗ wuͤrdig zu zeigen. — Wann fangen wir an? fragte Marie An⸗ toinette. — Wann Ew. Majeſtaͤt befehlen. — Alſo ſchon Morgen, ſprach die Koͤnigin. Mozart verneigte ſich. — Frankreich, ſagte der Graf von Provence, wird einen Kuͤnſtler Ihrer Groͤße auf den Haͤn⸗ den tragen. — Bleiben Sie bei uns, ſprach der Graf von Artois. — Koͤnigliche Hoheit, mein Herz zieht mich nach Deutſchland. Der Graf von Provence ſchlug ein Pfaͤnderſpiel vor. Der Graf von Artois ſammelte die Pfaͤnder. Beim Ausloͤſen derſelben mußte jeder der Mit⸗ ſpielenden ein Schaͤrflein zur Unterhaltung beitragen. 94 Die Graͤfin von Genlis mußte ein Capitel aus ihrem Roman vles Chevaliers du Cygne« vorleſen, Mozart einen deutſchen Walzer ſpielen, die Prin⸗ zeſſin Eliſabeth eine Scene aus Racine's Phaͤdra« declamiren und die Prinzeſſin von Lamballe ein Lied vortragen. — Was ſoll der Eigenthuͤmer jenes Pfandes thun, das ich jetzt in meiner Hand halte? fragte der Graf von Artvis. — Er ſoll der Geſellſchaft, ſprach die Koni⸗ gin, ein hubſches Raͤthſel aufgeben. — Wem gehoͤrt dieſer Handſchuh? fragte Charles von Artvis. — Mir! rief der Graf von Provence. Der Graf, der bei Hofe in dem Rufe eines Schoͤngeiſtes ſtand, gab dem Cirkel folgendes Raͤthſel auf: Je suis un penible semtier Ou l'amour fit mainte surprise, Je suis non loin du bénitier Quoique je suis hors d' Féglise Je suis feminin, masculin, Douteux en grec, neutre en latin, 95 En hebreu je ne le puis dire Sans vous devoiler mon secret. Avec le mänes je soupire. Je suis voilée, mais indiscret. Et c'est la rage, qui nrinspire. Demouvoir j'ai regu le don. Je suis présent à la parade, De l'enigme j'ai Pabandon, La profondeur de la charade Je sais employer sans abus Fimportance du hierogliphe, La reticence du rebus Et la noirceur du logogriphe:; Enfin, je suis un malheureux Un sylphe, une ruine, une belle, Je suis un disque lumineux Et je suis une bagatelle. Pour deviner, je suis un lynx, Hercule me trouva futile; Pour me cacher, je suis un sphinx— C'est. une chose fort utile. — Das Räthſel iſt etwas ſchwierig, ich gebe den verehrten Herrſchaften vier Wochen Zeit zum Nachſinnen und verpflichte mich, dem, der die richtige Auflöſung findet, ein herrliches Bild von Van Dyk„das Bildniß Karls I. von England⸗ zum Geſchenk zu machen. 96 Alle Gaͤſte baten ſich eine Abſchrift dieſes Raͤthſels aus. Einige Tage ſpater erſchien es im Mercure de France«. Ganz Paris zerbrach ſich den Kopf, aber noch bis zum heutigen Tage hat kein Sterb⸗ licher jenes Raͤthſels dunkeln Kern gefunden; der Graf von Provence hatte ſich den Scherz er⸗ laubt, ganz Paris zu myſtificiren, denn ſein Rath⸗ ſel war nur eine taube Nuß, eine Schale ohne Kern. Drittes Capitel. Caglio ſtrv. (1285.) Eines Morgens las man in der Gazette de France folgende Notiz: »Graf Alerander Caglioſtro, der beruͤhmte Wundermann, dem, von Deutſchland und dem El⸗ ſaß aus, ein ſo großer Ruf vorangeeilt, iſt vor⸗ geſtern, Abends 9 Uhr 43 Minuten, in Paris angekommen und in der Rue St. Claude Nr. 11. abgeſtiegen. Der Graf wird leider nur wenige Tage bei uns verweilen und ſich dann nach dem Lande der Pyramiden begeben.« Dieſe wenigen Zeilen, etwas groͤßer gedruckt als die andern, waren hinreichend, auf dieſen Mann die Aufmerkſamkeit von ganz Frankreich hinzu⸗ lenken. 5* 98 — Caglioſtro iſt hier! rief ein Chemiker, Ca⸗ glioſtro, der große Adept, der wie Theophraſtus Paracelſus, Michel Noſtredame und Borro Borri Gold machen kann. — Caglioſtro iſt hier! rief ein Mann, der ſchon 30 Jahre an der Gicht litt, Caglioſtro, der große Wunderdoctor, der vermittelſt eines Elixirs, wie Nicolaus Flamel und der Graf St. Germain, jede Krankheit heilen und das menſchliche Leben verlaͤngern kann. — Caglioſtro iſt hier! rief ein armer Teufel, Caglioſtro, der große Magier, der Geiſter und, was noch mehr iſt, verborgene Schaͤtze aus dem Schooß der Erde heraufbeſchwoͤren kann. — Caglioſtro iſt hier! rief ein Myſtiker, Ca⸗ glioſtro, der große Oneiromant, der, wie Joſeph von Aegypten und Lucaccio Borrodina, die Traͤume, die brochirten Gedanken der Seele, deuten und ihre verſchlungenen Zuͤge dechiffriren kann. — Caglioſtro iſt hier! rief ein Gelehrter, Ca⸗ glioſtro, der große Chiromant, der aus den Linea⸗ 99 menten der flachen Hand die Zukunft der Men⸗ ſchen herausleſen kann. — Caglioſtro iſt hier! rief ein anderer Ge⸗ lehrter, Caglioſtro, der große Hydromant. — Hydromant? fragte ein Unwiſſender, was iſt das fuͤr ein Metier? — Hydromant, lieber Mann, iſt ein Prophet, der aus der Farbe des Waſſers und aus den Bil⸗ dern, die ſich darin abſpiegeln, den Ausgang einer Sache, das Schickſal eines Menſchen weiſſagen kann. — Caglioſtro iſt hier! rief ein dritter Gelehr⸗ ter, der ſich kluͤger als die andern duͤnkte, Caglio⸗ ſtro, der große Nekromant. — Nekromant? fragte ein Profaner, was iſt das fuͤr ein Patron? — Wie, rief Jener, Sie wiſſen nicht, was Nekromant iſt?.. — Nein! — Wirklich nicht? — Nein, nein, ſag' ich Ihnen. — Ach, das iſt dumm, ſehr dumm, denn ich weiß es auch nicht und haͤtte gern von Ihnen er⸗ 100 fahren, was dieſes Wort, das ich geſtern in der Zeitung gefunden, zu bedeuten hat. — Caglioſtro, Caglioſtro iſt hier! rief halb Paris und lief in die Rue St. Claude und ver⸗ ſammelte ſich vor dem Hauſe, in dem der be⸗ ruͤhmte Wunderthaͤter abgeſtiegen war. Das liebe, gute Volk ſperrte Augen, Ohren und Maͤuler auf und wollte nicht eher auseinandergehen, bis es ihn geſehen, ſo recht in der Naͤhe geſehen. Das war ein Draͤngen und Stoßen, ein Gucken und Gaffen, ein Fragen und Wundern ohne Ende. Als der Graf am offnen Fenſter erſchien, war⸗ fen Viele ihre Huͤte in die Luft und riefen: Vive le eomte Cagliostro, vire le dirine Magiclen! Und als er das erſte Mal in einem von vier Pferden gezogenen Staatswagen zum Herzog von Orleans ins Palais royal fuhr, gab es ein paar Enthu⸗ ſiaſten, die ihm die Pferde ausſpannen wollten. — Haſt Du ihn geſehen? — Ei freilich. — Wie ſieht er aus? — Wie jeder andere Menſch. 101 — Nicht moͤglich!... Und was traͤgt er? — Einen blauen Atlasrock, an dem jede Nath mit Treſſen beſetzt iſt.. — Und ſein Kopſputz? — Er traͤgt eine große, dickbepuderte Peruͤcke und einen Hut mit weißen Federn. — Und ſein Fußwerk? — Seidene Struͤmpfe und ſammetene Schuhe mit diamantenen Schnallen. — Fuhr er allein? — Nein, eine Dame ſaß neben ihm. — Wie ſah ſie aus? — Wie ein Engel! — Wer mag ſie ſein? — Der Eine ſagte, ſie ſei ſeine Frau. — Und was ſagte der Andere? — Sie ſei ſeine Maitreſſe. Der Graf ſcheint unmenſchlich reich zu ſein.. hinten auf dem Wa⸗ gen ſtanden zwei Mohren, die ächte Kaſchemirs und einen Turban trugen, der von Perlen und Diamanten ſtrotzte... — Wo fuhren ſie hin? 10 — Ins Palais royal zum Herzog von Or⸗ leans. Im Café de Foy ſaßen, unfern des Buffets, zwei Leute, die ganz anders von Caglioſtro ſprachen. — Dieſer soi-disant Graf Caglioſtro, ſagte Mirabeau zu Beaumarchais(denn das waren die beiden Leute) iſt ein frecher Gauner, ein unver⸗ ſchaͤmter Betruͤger, der ſchon hundertmal den Gal⸗ gen verdient hat. — Sie ſcheinen ihn zu kennen.. Erzaͤhlen Sie, lieber Graf... — Dieſer Lumpenhund will der Sohn des Großmeiſters von Malta, Don Manuel Pinto da Fonſeca, und der Tochter des Scheriffs von Mecca ſein. Das Alles iſt erlogen. Dieſer Schlin⸗ gel heißt Guiſeppe Balſamo und iſt der Sohn eines Advokaten, Namens Marcus Balſamo. Wenn ich nicht irre, ſo wurde er am 8. Juni 1743 zu Palermo geboren. Seine Eltern und ſein Onkel, welcher Caglioſtro hieß, ſind Juden geweſen. — Merkwuͤrdig! rief Beaumarchais. Auch Mi⸗ chel Noſtredame und der Graf St. Germain wa⸗ 103 ren vom Stamme Juda. Ja, ja, die Kerle ſind nicht dumm! Doch weiter, wenn ich bitten darf. — Giuſeppe Balſamo wurde, 22 Jahre alt, in den Orden der barmherzigen Bruͤder aufge⸗ nommen, aber bald wegen liederlicher Streiche wieder ausgeſtoßen. Verfolgt wegen unterſchriften, die er taͤuſchend nachgemacht, floh er nach Rom. In Genua verfuͤhrte er die Tochter eines Guͤrt⸗ lers, die ſchoͤne Florenza Feliciani, und durchzog nun, als Graf von Meliſſa, Marquis von Bel⸗ monte, Chevalier Pellegrini, Italien, Frankreich, Deutſchland, Polen und Rußland, gab ſich fuͤr den Groß⸗Cophta der ögyptiſchen Freimaurerei aus, ſtiftete unter dem Namen Balſamiten« eine neue Secte, verrichtete Wunderkuren, errichtete Frei⸗ maurerlogen, trat in Berlin, wo ich zuerſt ihn kennen lernte, dem Orden der Illuminaten bei, an deſſen Spitze damals der Koͤnig Friedrich Wil⸗ helm II. ſtand, begab ſich nach Neapel und von dort mit Empfehlungen an den Herzog von Or⸗ leans nach Paris. 104 — Man ſagte mir, er ſei ſchon fruͤher einmal in Paris geweſen... — Ganz recht, vor einigen Jahren war er hier als Graf Tiſchio und ſpaͤter als Graf Fenice aufgetreten, aber ſpurlos voruͤber gegangen... — Zetzt aber erregt die Beſtie großes Auf⸗ ſehen, ſagte Beaumarchais. — Wenn ich Koͤnig waͤre, oder ſonſt etwas zu befehlen haͤtte, ſo wuͤrde ich den Gauner in die Baſtille ſchicken. — Das Weib, mit dem er herumreiſt, ſoll, wie ich hoͤre, ſehr ſchoͤn ſein.. — Ein Weib zum Verfuͤhren! rief Mirabeau und kuͤßte ſeine Fingerſpitzen. Der Kerl iſt nicht werth, ſolch einen Engel zu beſitzen. Die arme Feliciani! Sie iſt der Koͤder, womit er Gimpel in ſein Netz lockt, um ihnen die goldenen Federn auszurupfen.. fuͤr Geld muß ſie ſich Jedem hingeben und ſtraͤubt ſie ſich, ſo bekoͤmmt ſie Pruͤ⸗ gel von ihm. Wie wär's, Beaumarchais, wenn Sie den Halunken auf die Buͤhne braͤchten? Ihre 105 „Hochzeit des Figaro« macht ja ein unerhoͤrtes Gluͤck! — Heute Abend wird mein Stuͤck zum 100 ſten Male aufgefuͤhrt, ſagte der eitle Dichter und rieb ſich vergnuͤgt die Haͤnde. — Ihr Figaro iſt ein Teufelskerl, der Hof, Adel und Geiſtlichkeit raſirt... Jedes Wort iſt eine Bombe, die einen Grundpfeiler des Throns zertruͤmmert. — Sie ſind ſehr guͤtig, lieber Graf. — Wiſſen Sie, Beaumarchais, uͤber welche Stelle ich am meiſten gelacht habe? — Nun? — Ueber die: Laissez moi faire, Basile, je lui ferai la queue.. ich habe mir dabei ſo manches gedacht. Sie ſprachen noch ein Weilchen zuſammen und trennten ſich dann. Viertes Capitel. Ein Geſtändniß. (1285.) Der Cardinal Louis Rohan, der Großalmo⸗ ſenier des Koͤnigs, hatte ſchon in Straßburg, als er dort noch Biſchof war, die Bekanntſchaft des Grafen Caglioſtro gemacht. Prinz Louis, der nur durch die Protection des Polenkoͤnigs Stanislaus den(rothſeidenen, 15quaſtigen, von Innocenz IV. im Jahre 1245 geſtifteten) Cardinalshut empfan⸗ gen, war ein gemeiner Wolluͤſtling, der alle Car⸗ dinallaſter, aber keine von den Cardinaltugenden beſaß. Weil hier von Tugend die Rede iſt, ſo ſei hinzugefuͤgt, daß es nach Cicero(de officiis I. 4) nur drei, nach Plato aber vier und nach Ariſto⸗ teles ſogar eilf Sorten von Tugenden giebt. In vielen Augen giebts nur eine Tugend: Geld. 107 Dieſe Tugend beſaß Rohan, im Uebrigen war er ein Cardinal-Lump, oder richtiger geſagt, ein Lumpencardinal, deſſen violettes Kleid ein Deck⸗ mantel ſchwarzer Suͤnden war. Caglioſtro war erſt drei Tage in Paris, als er vom Cardinal eine Einladung erhielt. — Ich habe Sie rufen laſſen, lieber Graf, um Sie zum Vertrauten eines fuͤr mich hoͤchſt wichtigen Geheimniſſes zu machen. Ich weiß, Sie ſind mein Freund, dem ich es anvertrauen darf. — Gewiß, ganz gewiß... — Sie ſind ein Wundermann, von dem die tauſendzuͤngige Fama unter hundert Wundern auch das erzaͤhlt, daß Sie... — Warum halten Sie inne?.. — Werden Sie, theurer Graf, auch ſchweigen koͤnnen? — Verlaſſen Sie Sich auf mein Grafenwort! — Nun denn, man ſagt, daß Sie auch Lie⸗ bestraͤnke bereiten koͤnnen... Iſt das wahr? — Sie ſind der Einzige, der daran zweifelt, 108 und dennoch kann ich Sie verſichern, daß mir Mittel zu Gebote ſtehen, die.. — Wohlan, ſo erfahren Sie, daß ich in eine Dame verliebt bin, die mich nicht erhoͤren will. — Erlauben Sie mir vor allen Dingen eine Frage. — Welche, lieber Graf? — Wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie, geboren 1734, jetzt 51 Jahre alt. — Ganz Recht. — Und die Dame, die Sie lieben, iſt 1755 geboren, alſo 21 Jahre juͤnger als Sie.. — Himmel, Sie ſcheinen zu wiſſen.. — Mein Gott, von wem? — Von keinem Andern, als von Ihnen! — Von mir? fragte der Cardinal, der vor Schreck ganz bleich geworden. — Ja, ja, von Ihnen; in Ihren Augen, in Ihren Mienen habe ich es geleſen, daß Marie Antoinette, die Koͤnigin von Frankreich, das Ziel Ihrer Wuͤnſche iſt! 109 — Sie ſind ein Hexenmeiſter... man ſollte Sie verbrennen! — Verbrennen? dann koͤnnte ich Ihnen nicht mehr behilflich ſein.. — Wie, Sie wollen mir alſo beiſtehen? — Das verſteht ſich. — Laſſen Sie Sich umarmen, vielgeliebter Freund. Der Cardinal fiel dem Grafen um den Hals und erdruͤckte ihn faſt.. — Wundermann! rief er, ſind Sie wirklich im Stande, mir zu heifen? — Ich hoffe es! — Aber wie? — Daruͤber will ich nachdenken... — Kennen Sie die Koͤnigin? — So gut als mich ſelbſt.. — Woher? — Von Wien aus. Kaiſer Joſeph, ihr Bru⸗ der, iſt einer meiner alten Bekannten. — Haben Sie Zutritt bei ihr? 110 — Ich werde unangemeldet vorgelaſſen. Noch heute werde ich mit ihr reden. — Und wann erhalte ich Beſcheid? — In drei Tagen. — Nicht fruͤher? — Ei wie ungeduldig! — Ich brenne W — Vor Liebe zu ihr.. — Ach ſo! Geduld, Geduld, drei Tage ſind bald voruͤber. — Und dann? — Hoffe ich, daß Sie an Ihrem Ziele ſind. — Das gebe der Himmel! — Amen, ſprach Caglioſtro und eilte davon. Fünftes Capitel. Ein Gaunerſtreich. In der Naͤhe des Schloſſes zu Verſailles wohnte eine Dame, die, ob ſie gleich nichts mehr als die Tochter gemeiner Bauerleute war, durch Papiere zu beweiſen gewußt, daß ſie und ihre Eltern von der erlauchten Familie der Valois abſtamme. Sie hieß Jeanne de Luz de Valvis— geb. am 22. Juli 1756 zu Fontette in der Champagne— hatte einen gemeinen Garde du Corps geheirathet und den Titel einer Graͤfin de Lamothe angenommen. Schone Seelen finden ſich: der Graf Caglio⸗ ſtro, ein verſchmitzter Betruͤger, kannte die Grafin de Lamothe, die eine eben ſo feine Gaunerin war. Beide, hochſt intime Freunde, hatten kein Geheim⸗ niß vor einander. Sie war huͤbſch... er war 112 nicht haͤßlich, und ſo hatte ſich Alles von ſich ſelbſt gemacht. Armer Garde du Corps! Ein Gluͤck, daß die Waͤnde Deiner Zimmer nur Oh⸗ ren, aber keine Zungen hatten, ſonſt haͤtten ſie Dir Geſchichtchen erzaͤhlt, daß Dein Geſicht bis zum Schnurbart roth geworden waͤre wie Deine Uni⸗ form. Gegen Abend, als es zu dunkeln begann, hielt vor der Wohnung der Pſeudo Graͤfin die Equi⸗ page des Pſeudo⸗Grafen. — So eben, theure Freundin, komme ich vom Cardinal Rohan. Wiſſen Sie, was er von mir verlangt hat? — Nunk fragte die Graͤfin im hoͤchſten Grade geſpannt. — Einen Liebestrank. Und als ich ihm ſagte, daß ich die Dame kenne, in die er hoffnungslos verliebt ſei, wurde er bleich wie Kreide und ſperrte vor Staunen und Schrecken Maul und Augen auf. Der violette Eſel! Er weiß nicht, daß wir uns kennen, weiß nicht, daß ich ſein Geheimniß 113 durch Sie, die Sie eine ſeiner Vertrauten ſind, erfahren habe. — Alſo auch Ihnen geſtand er?... — Daß er die Koͤnigin liebt. Das Geheim⸗ niß, theure Freundin, ſoll uns Nutzen bringen. — Aber wie? — Haben Sie Muth? — Mehr als genug.. — Nun ſo ſetzen Sie Sich raſch zum Pulte und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictiren werde.. — Ich bin bereit —„Cardinal! Unſer gemeinſchaftlicher Freund hat mich einen Blick in Ihr Herz werfen laſſen... ich bin entzuͤckt! Morgen Abend, nach dem Glocken⸗ ſchlage Neun, erwarte ich Sie im Schloßgarten zu Verſailles im Apollo⸗Bosquet.« — Freund, heißt das nicht zu viel gewagt? — Zittern Sie? — Das nicht, wie aber, wenn er erkennt, daß dies nicht die Handſchrift der Koͤnigin iſt? — Das kann er nicht, denn ich weiß, daß II. 6 114 er noch niemals eine Zeile von ihrer Hand ge— ſehen. — Sie wiſſen das? — Aus ſeinem eigenen Munde... — Dann duͤrfen wir es wagen. Soll ich den Namen der Koͤnigin unterzeichnen? — Nur die Anfangsbuchſtaben M. A. — Das nenne ich Vorſicht, denn im Noth⸗ fall kann man. — Dieſe beiden Buchſtaben anders deuten, ſo denke auch ich, liebe Freundin. — Aber mit dem Rendezvous? Wo werden Sie eine Frau finden, die den Muth beſitzt, im Bosquet die Rolle der Koͤnigin zu ſpielen? — Dies, theure Freundin, iſt meine Sorge. — Der Spaß kann uns Beiden den Kopf koſten — Fortuna audaces juvat; wer nicht wagt, gewinnt nicht. — Sie haben Recht. Halt! da faͤhrt mir ein Gedanke durch den Kopf... — Ein Gedanke? Reden Sie.. 115 — Von der Schwaͤgerin des Koͤnigs habe ich erfahren, daß die Hofjuweliere Boͤhmer und Boſ⸗ ſange vorgeſtern fruͤh der Koͤnigin ein diamantenes Halsband zur Anſicht geſandt, das ſie, ob es ihr gleich außerordentlich gefallen, dennoch zuruͤckge⸗ ſchickt hat, weil es ihr zu theuer war. Dieſer Schmuck ſoll 1 Million 800,000 Francs koſten. — Eine ſchoͤne Summe. Mit der uns Beiden geholfen waͤre. Wie waͤr's, wenn ich, d. h. die Koͤnigin, durch die Blume ſchriebe, daß ſie ihn erhoͤren wuͤrde, wenn er bereit waͤre, ihr das Halsband zu ſchenken. — Das ware zu unwahrſcheinlich. Wir muͤſ⸗ ſen das anders anfangen und ſagen, daß er das Halsband in ihrem Namen kaufen ſoll, und daß ſie den Betrag, den ſie nicht mit einem Male be⸗ zahlen koͤnne, nach und nach von ihrem Nadel⸗ gelde entrichten wolle. — Wird der Cardinal das glauben?.. — Die Liebe iſt leichtgläubig... — Wos ſoll ich alſo ſchreiben?... — Schreiben waͤre zu riskant und unwahr⸗ 6. 116 ſcheinlich, ich werde das muͤndlich mit ihm ab⸗ machen. Gelingt der Plan. — Dann theilen wir die Beute, lieber Freund; mißgluͤckt er aber.. — Spatzieren wir Beide in die Baſtille. — Das waͤre ſchlimm! — Aber noch nicht das Schlimmſte! Muth, Muth! Noch heute, jetzt gleich, fahre ich zum Cardinal und bringe ihm das Billet. Der wird die Augen aufreißen und ſich wundern! Ich frage Sie, theure Freundin, was fingen die geſcheuten Leute an, gaͤbe es keine Dummkopfe auf der Welt! Er kuͤßte ſie und eilte davon. Sechſtes Capitel. Das Rendezvous. (S. Auguſt 1285.) Um die achte Stunde ſah man einen Mann mit violetten Struͤmpfen, in einen ſchwarzen Mantel eingehuͤllt, durch die Alleen des Verſailler Schloß⸗ gartens ſchleichen, ſcheu und aͤngſtlich um ſich blickend, wie ein Dieb, der, uͤberall Verfolger witternd, erkannt und ertappt zu werden fuͤrchtet. Es war der Cardinal, der wirklich in die Falle gegangen, bei Boͤhmer und Boſſange, im Namen der Koͤnigin, das bewußte Halsband gekauft und (ſo war es zwiſchen ihm und Caglioſtro verabredet) fuͤr die Bezahlung, die in drei Terminen erfolgen ſollte, ſich verbuͤrgt hatte. Da es eben erſt drei Viertel geſchlagen, ſo haben wir bis zum Rendezvous noch ein Viertel⸗ 118 ſtundchen Zeit, um einen Blick auf das Schloß und ſeine Umgegend zu werfen. Ludwig XIII., welcher Verſailles von dem Grafen Jean de Soiſſy gekauft, hatte in dem Gehoͤlze, das dieſen Flecken umgab, im Jahre 1627 ein Jagdſchloß(Rendez- vous de Chasse) erbaut, das er im October, der guͤnſtigſten Jagdzeit, zu bewohnen gepflegt. Dieſes Schloß war aber ſo klein und unbequem, daß ſeine Begleitung in einem Wagenſchuppen hatte uͤbernachten muͤſſen. Ludwig XIV., dem der Aufenthalt in Paris durch die Unruhen der Fronde verleidet worden war, hatte, als er großjaͤhrig geworden, ſeinen Hof in St. Germain aufgeſchlagen und das alte Schloß von Franz I. und das neue von Ludwig XIII. der⸗ geſtalt verſchoͤnert, daß St. Germain ein wahrer Feenpalaſt geworden. Von allen Schloͤſſern hatte dieſes die geſundeſte Lage, die herrlichſte Ausſicht, die reizendſte Umgebung; weil Ludwig aber von hieraus die Abtei St. Denis, die Gruft ſeiner Ahnen, be⸗ ſtaͤndig vor Augen ſah(ein Umſtand, der ihn oft ſehr traurig geſtimmt) ſo hatte er fuͤr Verſailles 119 große Vorliebe gefaßt. Das alte Jagdſchloß, daß Baſſompierre nicht anders als chetif chateau (Lumpenſchloß) und Saint⸗Simon nur„das kleine Kartenhaus« genannt, ſollte vergroͤßert und ver⸗ ſchoͤnert werden. Der Bau war im Jahr 1661 begonnen und erſt nach 27 Jahren vollendet worden. Die Ausſchmuͤckung hatte man den beruͤhmteſten Kuͤnſtlern anvertraut. Charles Lebrun, der erſte Hofmaler des Koͤnigs, hatte in neun großen und achtzehn kleinen Gemaͤlden die beruͤhmteſten Mo⸗ mente Ludwigs XIV., von deſſen Großjaͤhrigkeit bis zum Frieden von Nimwegen(1678), in allegoriſchem Gewande dargeſtellt; die einzelnen Saͤle wurden nach den Bildern am Plafond Hercules⸗, Venus⸗, Diana⸗Mars⸗, Mercur⸗, Apollo⸗ und Bellona⸗Saal genannt. Coyſevor hatte die Modelle der zahl⸗ reichen Gruppen entworfen, die von den Gebruͤ⸗ dern Keller, Aubry und Roger gegoſſen wurden. Frangois Girardon hatte nach einer Zeichnung Perraults die beruͤhmte Marmorgruppe der Apollo⸗ bäder ausgefuͤhrt. André Lenotre hatte den Gar⸗ tenplan entworfen, wofuͤr er vom Koͤnige in den. 120 Adelſtand und zum Ritter des Sanct⸗Michaels⸗ Ordens ernannt worden war.. Die abgezirkelten Laubgaͤnge, die hohen Terraſſen, die plaͤtſchernden Fontainen, die murmelnden Cascaden, die traͤume⸗ riſchen Bosquets, die maleriſchen Baumgruppen, die duftenden Orangerien, die tauſendfarbigen Blu⸗ menparterres bildeten ein Ganzes, das die Namen Lebrun, Girardon und Lenotre verewigt hat. Im Parke noͤrdlich vom Schloß hatte Ludwig außerdem ein Luſtſchloß auffuͤhren laſſen, das nach dem Dorfe, das fruͤher dort geſtanden, den Namen Trianon erhalten. Der Bau dieſer beiden Schloͤſſer hatte nach genauer Angabe, 187,078,537 Francs 13 Sous und 2 Deniers gekoſtet. Davon kamen: für Sie Stei 142,000,000 Francs. „„ Liſchlerarbeit.. 1,437,359„ ſ 9,116,154„ Fenſterſcheiben 601,757 Spiegeh 443,262„ „ Malereien und Vergoldungen 3,352,573„ Bildheei 5,392,140„ Marmorbekleidung..... 10,087,004„ für Gold und Silberſtoff.... 2,151,346 Francs. „ Silbergeräthſchaften.. 6,491,518„ Fryſtalle d chate 1412138 Honorar für die Architekten 2,000,000 Werfen wir noch einen fluͤchtigen Blick in in Marmorhof. Hier ſehen wir die ſogenannte Todten⸗ uhr, eine Uhr ohne inneres Werk, deren einziger Zeiger auf der Stunde ſteht, in welcher Ludwig XIV. geſtorben war. Die Uhr, ein Vermaͤchtniß Ludwigs XIII., ſollte ſeine Nachfolger ewig daran erinnern, daß ſie ſterblich wie alle Andere ſind und nach ihrem Tode vor dem Thron des Koͤnigs aller Koͤnige Rechenſchaft ablegen muͤſſen uͤber alle Bande, die ſie freventlich geknuͤpft oder freventlich geloſt. Ludwig XWV., der waͤhrend der Regentſchaft erſt das Palais royal, dann das Schloß von Vin⸗ cennes und ſpäter das fur ihn eingerichtete Palais des Tuileries bewohnt, war erſt im Jahre 172 nach Verſailles gezogen und hatte dort, zur Zeit der Pompadour, den Parc aux Cerfs, die beruͤchtigte Baumſchule der Maitreſſen, und am Ende des großen Parkes Klein⸗Trianon, einen Pavillon mit einem engliſchen Garten angelegt. 6 122 Als Ludwig KMWVI. zur Regierung kam, wurde Klein⸗Trianon das Lieblingsſchloß der Koͤnigin, die hier ihre menus plaisirs feierte. Der Laͤumund ſagt, die Schweſter des Kaiſers Joſeph habe hier, umgeben von ihren Lieblingen, bacchantiſche Orgien gefeiert; hier ſagt man, habe ſie geheime Zuſammen⸗ kuͤnfte mit ihrem Schwager, dem Grafen von Artois, gepflogen, hier ſagt man, habe ſie.. Doch halt... die Schloßuhr ſchlaͤgt es iſt Neun.. raſch zum Bosquet, damit wir das Rendezvous nicht verſaͤumen. Der neunte Schlag war kaum verklungen, da huſchte aus dem dunklen Gruͤn der Zweige eine ſchone Frauengeſtalt in einem blendendweißen Kleide hervor. Ihre Zuͤge konnte man, da die Nacht ihren dunkeln Schleier herabgeſenkt, nicht ganz genau erkennen. Der Cardinal fiel, als ſie auf ihn zueilte, ihr zu Fuͤßen. — Hier iſt das Halsband, Koͤnigin. Nehmen Sie es als ein Zeichen meiner Aufmerkſamkeit an. — Tauſend, tauſend Dank, Cardinal. Horch! 123 ich hoͤre Tritte... das iſt die Graͤfin Artois.. ich muß eilen... auf Wiederſehen, Cardinal. — Aber wann und wo? — Morgen auf derſelben Stelle, Adieu, Adieu! Sie nahm den Schmuck, ließ eine Roſe auf die Erde fallen und huſchte durch das Gebuͤſch. Der Cardinal, der noch auf den Knieen lag, ſprang auf, um ihr nach zu eilen. Sie war ver⸗ ſchwunden. Siebentes Capitel. Kataſtrophen. Der erſte Termin war abgelaufen. Boͤhmer und Boſſange verlangten ihr Geld. Die Koͤnigin hatte das Halsband nicht erhalten. Der Cardinal, behauptend, er habe es ihr am 8. Auguſt im Schloßgarten zu Verſailles gegeben, wurde in Pontificalibus nach der Baſtille gebracht, und eine Unterſuchung gegen ihn eingeleitet, die großes Auf⸗ ſehen und noch mehr Scandal erregte. Endlich ergab es ſich, daß die Perſon, die im Apollo⸗ Bosquet die Rolle der Koͤnigin geſpielt und das Halsband in Empfang genommen, ein Freuden⸗ maͤdchen war, das Oliva hieß und mit der Koͤni⸗ gin eine frappante Aehnlichkeit hatte. Der Mann der Graͤfin de Lamothe hatte ſich zwei Tage nach jenem Rendezvous nach London eingeſchifft, wo er 425 das Halsband fuͤr 1 Million 500,000 Francs ver⸗ kauſt. Der geprellte Cardinal wurde zwar frei⸗ geſprochen, aber ſeines Amtes entſetzt, in die Abtei von Haiſedieu in Auvergne und ſpaͤter in ſein Bisthum nach Straßburg verwieſen. Die Graͤfin de Lamothe wurde durch Parlamentsbe⸗ ſchluß vom 31. Mai 1786 auf beiden Schultern gebrandtmarkt und zu lebenslaͤnglicher Gefaͤngniß⸗ ſtrafe verurtheilt. Ihr Gatte wurde zu den Ga⸗ leeren condemnirt. Am beſten war Caglioſtro weg⸗ gekommen, der ſich geſchickt auszureden und die ganze Schuld auf die Lamothe zu waͤlzen gewußt. — Wohin, wohin? fragte Herr von Beau⸗ marchais den Grafen von Mirabeau, der außer Athem an ihm voruͤberrannte. — Der Schlingel Caglioſtro ſitzt in der Ba⸗ ſtille, ich eile zu ſeiner ſchoͤnen Frau. — Unterhalten Sie Sich gut, rief ihm lachend der Dichter des Figaro nach. — Retten Sie meinen armen Mann, bat Laura Feliciani den zaͤrtlichen Mirabeau. 126 — Sein Sie unbeſorgt, Ihr Herr Gemahl iſt ein Hexenmeiſter, der ſich ſelber helfen wird. — Spotten Sie nicht, Graf. Ich will Ihnen ewig dankbar ſein, wenn Ihr Einfluß ihn befreien kann. — Wir wollen ſehen, was zu machen iſt, ſchoͤne Frau, ſagte Mirabeau und wurde immer zaͤrtlicher. Caglioſtro erhielt bald darauf ſeine Freiheit wieder, wurde aber verwieſen. Er ging nach Rom, wollte dort eine Freimaurerloge ſtiften, ward aber, mehrerer Verbrechen angeklagt und uͤberwie⸗ ſen, am 7. April 1791 zum Tode verdammt, eine Strafe, welche Pius VI. in lebenslaͤngliche Haft verwandelte. Caglioſtro ſtarb 4 Jahre ſpäter im Gefaͤngniß zu St. Leo. Man ſagt, er habe ſich das Leben genommen. Ein Jahr vor ſeinem Tode war Laura Feliciani, als Mitſchuldige ſeiner Ver⸗ brechen zum ewigen Gefaͤngniß verdammt, im Hoſpital St. Appollino geſtorben. —— Die Lamothe war nur 10 Monate eingeker⸗ kert und dann nach London entflohen, wo ſie am 23. Auguſt 1791 nach einer naͤchtlichen Orgie aus dem Fenſter eines dritten Stockwerks ſprang und an den Folgen dieſes Falles ſtarb. Achtes Capitel. Eine Orgie. Es war am 13. Januar 1793. In einem großen, reich decorirten, von Luͤſtres und Girandolen taghell erleuchteten Saale des Pa⸗ lais royal herrſchte ausgelaſſene Freude, toller Laͤrm, ſybaritiſcher Jubel. In der Mitte des Bankets, bei welchem der Champagner in unverſiegbaren Stroͤmen floß, ſaß ein ſchoͤn gebauter, mittelmaͤßiger großer Mann mit einem faſt gaͤnzlich kahlen Kopfe und einem vollen blaſſen Geſichte, das, wenn gleich mit ro⸗ then, giftigen Puſteln, den Spuren liederlicher Ausſchweifungen überkruſtet, dennoch angenehme Zuͤge der fruͤhern Schoͤnheit aufzuweiſen hatte. Dieſer Mann, kaum 46 Jahre alt, war Louis Philipp, Herzog von Orleans, der Neffe Lud⸗ 129 wigs XVI., der, um beim Volke ſich beliebt zu machen, erklaͤrt hatte, daß ſeine Mutter, Hen⸗ riette von Bourbon-Conti, ihn mit ihrem Kut⸗ ſcher gezeugt habe. Freiwillig hatte er auf ſeine hohe Geburt, ſeinen hohen Stand, ſeine hohen Titel Verzicht geleiſtet und, um dem Poͤbel zu ſchmeicheln, ſich den Namen Philipp Egalité bei⸗ gelegt. Ihm zur Rechten ſaß ein großer, koloſſal ge⸗ bauter Mann mit herkuliſchen Formen, einem von Blatternarben zerriſſenen Geſichte, ſtarken, ab⸗ ſtoßenden Zuͤgen und einer Stentorſtimme, die, wie Donnerſchlaͤge, den Raum, in dem er ſie ver⸗ hallen ließ, erbeben machte. Dieſer Athlet, der vor Ausbruch der Revolution Advokat, ſpaͤter das Haupt der Cordeliers und nach dem 10. Auguſt Juſtizminiſter geweſen, war Georges Jacques Danton(geb. am 26. Oct. 1759 zu Arcis ſur Aube). Neben Danton ſaß ein Mann, der Anfangs Maler und Kupferſtecher, dann Muſiker und end⸗ lich Schauſpieler geweſen, als ſolcher aber in Ver⸗ 130 ſailles, Bruͤſſel und Lyon ſpurlos voruͤbergegan⸗ gen war, worauf er dem Theater entſagt, ſich der Literatur gewidmet und le Philinte de Molière Ceine Fortſetzung von Pocquelins Misantrope«, den Presomptueux, ou TFheureux imaginaire,« vle Collateral« und einige andere mit großem Bei⸗ fall aufgenommene Theaterſtuͤcke geſchrieben hatte. Dieſer Mann war Philipp Frangois Nazaire Fabre, der ſich von der wilden Roſe, die er in ſeiner Jugend als einen von der Académie des jeus Horaux zu Toulouſe ausgeſetzten Preis gewonnen, den Beinamen Eglantine zugelegt hatte(geb. am 28. December 1755 zu Carcaſſonne). Neben Fabre d'Eglantine ſaß ein junger Mann, mit einem unedlem Aeußern, mit finſterem un⸗ heimlichen Blick und unreinem Teint, ein Schul⸗ kamerad Robespierres und beim Beginn der Re⸗ volution Advokat beim Parlament. Dieſer Mann, der fruͤher den Vieux Cordelier«, ein Journal, her⸗ ausgegeben, in dem er ſich den Titel»General-Pro⸗ curator der Laternes beigelegt, war Benvit Camille Desmoulins(geb. 1762 zu Guiſe in der Picardie.) 131 Neben Desmoulins ſaß einer jener drei Com⸗ miſſarien, die von der geſetzgebenden Verſammlung beauftragt waren, den Koͤnig, der am 21. Juni 1791 durch den Poſtmeiſter Drouet in Varennes feſtgehalten worden war, nach Paris zuruͤckzubrin⸗ gen. Dieſer Mann, am 18. Nov. 1791 zum Maire von Paris und ſpaͤter zum Praͤſidenten des Convents erwaͤhlt, war Jerome Petion de Ville⸗ neuve(geb. 1742 zu Chartres). Neben Petion ſaß ein blutjunger, bildſchoͤner Mann, mit langem blonden Haar und einer edlen ausdrucksvollen Phyſiognomie, in der eine truͤbe Schwaͤrmerei praͤdominirte. Dieſer junge Mann, Robespierre's treueſter Freund und waͤrmſter An⸗ haͤnger, einer der kuͤhnſten und begeiſtertſten Apo⸗ ſtel der jungen Freiheit, ein gluͤhender Republika⸗ ner, der, niemals von Privatzwecken geleitet, ſtets nur nach eigener Ueberzeugung gehandelt, war Louis Leon de Saint-Juſt(geb. 1768 zu lIſerch. Zur Linken des Herzogs von Orleans ſaß ein Ungethuͤm, mit einer ſcheußlichen, ekelerregenden Fratze, die die Seife nur dem Namen nach ge⸗ 132 kannt, mit ſtruppigem, unausgekaͤmmten Haar, langen, ſchwarzen Naͤgeln, ſchmutziger Waͤſche und unausgebuͤrſteten Kleidern. Dieſer Mann, erſt ein Charletan, ein Specificum verkaufend, das alle Uebel heilen ſollte, dann ein Journaliſt, der, im Solde des Herzogs von Orleans, unter dem Titel Ami du Peuple« ein Blatt herausgab, in dem er ſeine Gegner nicht anders als Dummkoͤpfe, Schweine, Schurken, ſchamloſe Lumpen und dem Tollhaus entſprungene Narren nannte, dieſer Sans⸗ culotte aller Sansculottes war Jean Paul Marat (geb. 1744 zu Baudry in Neufchatel). Neben Marat ſaß ein ziemlich ſchoͤner Mann mit hoher Stirn, feurigen Augen und beredten Zuͤgen, ein ei-devant Schauſpieler, der erſt in Genf, dann im Haag und zuletzt in Lyon aufge⸗ treten, aber uͤberall ausgepfiffen worden war. In »der Wittwe von Malabar«, einem Stuͤcke, worin er die Rolle des Montalban geſpielt, hatte er dem Lyoner Publikum dergeſtalt mißfallen, daß es ihn unbarmherzig mit Aepfeln warf— ein Verbre⸗ chen, das er der guten Stadt Lyon nie vergeben 133 hat. Bald darauf war er vom Theater abgegan⸗ gen und als Theaterdichter mit„Clemence et Monjair«, vLucie«, vle Bénéficec, vLa Famille des Patriotes ou la Federation« und einigen an⸗ dern Stuͤcken aufgetreten, die, den»Paysan ma- gistrat« ausgenommen, elende Machwerke waren. In den Jakobinerklubb aufgenommen, ließ er einen vAlmanac du Père Gérard« erſcheinen, der durch die kuhne Vertheidigung der damaligen Conſtitu⸗ tion allgemeinen Anklang fand. Dieſer Mann, einer der blutduͤrſtigſten Tiger der Revolution, war Jean Marie Collot d'Herbois. Neben Collot d'Herbois ſaß ein nrußiſcher Baron, der als»Abgeordneter und Sprecher des Menſchengeſchlechts« am 19. Juni 1790 vor den Schranken der geſetzgebenden Verſammlung im Namen aller Voͤlker allen Koͤnigen der Erde und„als perſoͤnlicher Feind von Jeſus Chriſtus« ſogar dem Heiland den Krieg erklaͤrt hatte. Die⸗ ſer Mann, Verfaſſer eines Werkes»La republi- que universelle« war Johann Baptiſt, genannt Anacharſis Clootz(geb. am 24. Juni 1755 zu Cleve). 134 Neben Clootz ſaß ein Narr, der vor Kurzem erſt den Vorſchlag gemacht, ein Corps von 1200 Tyrannenmoͤrdern zu bilden und einen Preis von 100,000 Francs auf den Kopf Friedrich Wilhelms von Preußen, des Herzogs Albert von Sachſen⸗ Teſchen und des Herzogs von Braunſchweig aus⸗ zuſetzen. Dieſer Ausbund von Verruͤcktheit war Jean Debry(geb. 1761 zu Vervins. Neben Debry ſaß ein Monſtrum, fruͤher Ma⸗ troſe, ſpaͤter Fleiſcher und am 10 Auguſt bei der Erſtuͤrmung der Tuilerien einer der Haupt⸗ raͤdelsfuͤhrer: Louis Legendre. Neben Legendre ſaß der juͤngere Bruder Ro⸗ bespierre's, Auguſtin. Zwiſchen Auguſtin Robes⸗ pierre und St. Juſt ſaß einer der reichſten und ein⸗ flußreichſten Maͤnner des Convents: Louis Michel Lepelletier de Saint-Fargeau. Als president à mortier beim pariſer Parlament, hatte er das Ge⸗ luͤbde gethan, keinen Menſchen, wie groß auch deſſen Verbrechen ſei, zum Tode zu verdammen. Das Geſetz, ſagte er, ſoll den Verbrecher nicht der Wohlthat berauben, ſeine Suͤnden bereuen zu duͤr⸗ 135 fen— das Geſetz ſoll nicht raͤchen, es ſoll nur beſſern. Lepelletier hatte wegen ſeiner weiſen und ge⸗ maͤßigten Grundſätze großen Anhang im Con⸗ vente. Orleans und ſeine Partei wußten, daß Lepelletier uͤber 25 einflußreiche Stimmen zu ge⸗ bieten hatte und deshalb verſuchten ſie es, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Das heutige Feſt war nur ſeinetwegen veranſtaltet worden. — Teufel, was ſeh ich! rief Marat, wir ſind Dreizehn an der Tafel. Beim Styr, das iſt ein boͤſes Omen! Einer von uns muß bald ſterben! — Marat wird uns den Gefallen erweiſen, uns Allen voranzugehen, ſagte Danton. — Ihr Lumpen, ich hoffe noch, Euch Alle zu uͤberleben. — Wenn der Tod ſich Deiner nicht bald er⸗ barmt, ſagte Desmoulins, dann freſſen Dich bei lebendigem Leibe die Wuͤrmer auf. — Sei unbeſorgt, Desmoulins, ich huͤlle mich in die alten Blaͤtter Deines Vieun cordelier, die „ 136 Wuͤrmer, waͤren ſie noch ſo hungrig, werden dann gewiß nicht anbeißen wollen. — Marat hat Recht. So lange es noch wohlconſervirte Leichen giebt, brauchen ſich die Wuͤrmer an dem vergifteten Cadaver des Ami du peuple nicht zu vergreifen. — Faͤngſt auch Du zu witzeln an, deutſcher Baron! rief Legendre, magſt Du machen, was Du willſt, Du bleibſt doch immer nur ein Adeli⸗ ger. Quant à moi je mangerais le Coeur d'un Aristocrate. — Man ſieht doch gleich, daß Du ein Flei⸗ ſcher warſt, Legendre. Ich, Anacharſis Clootz, moͤchte Dein Herz um keinen Preis der Erde freſſen. — Warum nicht, Sprecher des Menſchenge⸗ ſchlechts? — Ich eſſe kein Schweinefleiſch. — Am Ende iſt er gar ein Jude! rief Debry. — Egalité, bin ich ein Jude? — Anacharſis, warum fraͤgſt Du gerade mich? 137 — Du biſt das goldene Kalb, hab ich Dich jemals angebetet? — Laßt die ſchlechten Witze! rief Collot d'Her⸗ bois, ich habe Euch etwas Intereſſanteres mitzu⸗ theilen. — Willſt Du uns etwa ein Paar Acte aus Deinem Schauſpiel vClemence und Montjair« vor⸗ leſen? fragte Fabre d'Eglantine. — Was waͤrs? Ihr wuͤrdet hochſtens dabei gaͤhnen. Aber wenn es Dir, gekroͤnter Dichter, gefiele, uns Deinen WPhilintes vorzufuͤhren, wuͤr⸗ den Alle einſchlafen. — Beſonders, wenn Du, großer Mime, die Hauptrolle darin ſpielteſt. — Zum Gluͤck ſind noch ein paar Aepfel da. — Deutſcher Baron! rief Collot d'Herbois, Du biſt heute ſehr witzig; aber Dein Witz iſt deutſch, maſſiv, plump. — Mon coeur est frangais, mon ame est sansculotte! rief Anacharſis Clootz. — Hoͤrt endlich zu witzeln auf! rief St. Juſt. Wir ſtehen am Vorabend eines großen Ereigniſſes. III. 7 138 Uebermorgen beginnt die Abſtimmung über das Schickſal Louis Capets.. Jeder von Euch, der fur ſeinen Tod ſtimmt, erhebe ſich und ſchwore. — La mort, la mort! riefen zwolf Stimmen wie aus einem Munde. Nur Einer blieb ſitzen, es war Pelletier. — Du willſt alſo den Tyrannen nicht zum Tode verdammen! donnerte Dantons Stimme, die jetzt, wie Sturmgelaͤute, den Saal durchdroͤhnte. — Ich that das Gelubde, keinen Menſchen zum Tode zu verdammen. — Louis Capet iſt kein Menſch! rief Ma⸗ rat, vom Weine berauſcht, Louis Capet iſt ein Schoͤps. — Ein ſchönes Compliment fur ſeinen Neffen Philipp Egalité, erwiederte Lepelletier. — Ihr ſprecht ihn alſo frei von jeder Schuld, fragte Desmoulins, ihn mit finſterm Blick durch⸗ bohrend. — General⸗Procurator der Laterne, wer ſagt Dir, daß ich ihn freiſpreche. Louis Capet iſt ein Verraͤther, aber da es gegen meine Grundſaͤtze iſt, 139 einen Menſchen zum Tode zu verdammen, ſo werden ich und die Meinigen dafur ſtimmen, daß er des Thrones fur verluſtig erklaͤrt und verbannt rde — Damit iſt die Rache des beleidigten Peu- pleSouverain nicht geſuͤhnt! rief St. Juſt, die Fauſt, die ein Meſſer hielt, feſt zuſammenballend. — Wir muͤſſen Europas Volkern mit einem blutigen Beiſpiel vorangehen! rief Danton. — Er ſterbe! riefen Alle, bis auf den Einen. — Du ſtimmſt alſo nicht mit uns? iagte Collot d'Herbois. — Eure drohenden Mienen werden mich nicht hindern, Nein zu ſagen. — Pfui und zehnmal Pfui! rief Marat und leerte mit einem Zuge das bis zum Rand ge⸗ fullte Glas. — Wer nicht mitſtimmt fuͤr den Tod des Ver⸗ räthers, iſt ſelbſt ein Verräther! ſchrie Legendre. Mit dem Koͤpfen allein iſt ein guter Patriot, wie ich, nicht zufrieden. Ich werde darauf antragen, daß man den Leichnam des Tyrannen in 84 Stuͤcke 7* 140 zerhaue und eines davon an jedes der 84 De⸗ partements verſende. — Schweig, Fleiſcher! rief Desmoulins, dar⸗ uͤber empoͤrt. — Buͤrger Lepelletier! rief Danton mit ſeiner Donnerſtimme, wir fragen Euch zum dritten und zum letzten Male, wollt Ihr fuͤr den Tod des Koͤnigs ſtimmen? — Ich ſage Euch zum dritten und zum letz⸗ ten Male: Nein! — Nun dann hol Euch der Henker! rief Phi⸗ lipp Egalité. — Halt! rief Auguſtin Robespierre, da faͤllt mir eben ein, daß ich einen Brief fuͤr Euch in meiner Taſche habe. — Einen Brief? Von wem? — Das ſollt Ihr gleich erfahren. Da nehmt und leſtt. Lepelletier warf einen Blick auf die Adreſſe. Die Hand ſchien ihm bekannt zu ſein. Eilig er⸗ brach er das Siegel und las. Im ganzen Saale herrſchte tiefes Schweigen. Aller Blicke hingen an 141 ſeinen Zuͤgen, in denen ſich freudiges Erſtaunen malte. Als er den Inhalt ganz geleſen, ſprang er eilig auf und rief: — Ich muß fort! — Wohin, wohin? — Das kann, das darf ich Euch nicht ſagen. — Es iſt ſchon Eilf voruͤber. — Ich werde erſt um Mitternacht erwartet. — Ein Rendezvous? — Denkt was Ihr wollt! rief Lepelletier vor Freude außer ſich und ſtuͤrmte fort. — Robespierre, fragte Danton, wer gab Dir den geheimnißvollen Brief? — Mein Bruder gab ihn mir. — Und was enthielt er? — Das werdet morgen Ihr erfahren. Neuntes Capitel. Ein Opfer für das Andere. Lepelletier warf ſich in ein Cabriolet und fuhr nach der Rue Tournon. — Halt! rief er dem Kutſcher zu und ſtieg vor dem Eingang eines großen Hötels ab. Mit freudig pochendem Herzen lief er die mar⸗ morne Treppe hinan. Auf dem hellerleuchteten Corridor harrte ein junges Mohrenmaͤdchen, das ſchweigend ihn durch eine Reihe finſterer Zimmer fuͤhrte. — Tretet dort ein, Buͤrger, ſagte die Mohrin, auf eine verborgene Tapetenthur hinzeigend. Leiſe pochte er an. Eine zarte Stimme rief, kaum hoͤrbar, herein. Das Conventsmitglied trat 143 in ein matterleuchtetes, von ſinneſchmeichelnden Wohlgeruͤchen durchduftetes Schlafkabinet. Ein junges, mit tauſend friſchknospigen Reizen ausge⸗ ſtattetes Weib, in ein wolluͤſtiges Nachtnegligé ein⸗ gehuͤllt, lag auf den molligen Kiſſen eines weiß⸗ ſeidenen Ruhebettes ausgeſtreckt. Bei ſeinem Ein⸗ treten erhob ſie ſich. — Der große Robespierre hat mir geſagt, daß Du mich liebſt. Buͤrger, iſt das wahr? — Ja, Buͤrgerin, ich liebe Dich, ſtammelte Lepelletier mit freudetrunkenem Blick. — Seit wannen liebſt Du mich? — Seit Jahren ſchon, doch nie hab ichs ge⸗ wagt, mich Dir zu nahen. — Sage mir, Buͤrger, wie groß iſt Deine Liebe zu mir? — So groß, daß ich Dir jedes Opfer brin⸗ gen kann. — Wenn die die Du ſeit Jahren liebſt, Dir ſagen wuͤrde: Ich haſſe Dich und dennoch will ich Dich erhoren. — Die Freude wuͤrde mir die Sinne rauben. 144 — Buͤrger, eine Nacht zu ruhen in den Ar⸗ men eines Weibes, das man liebt... weißt Du, was das iſt? — Ein Gluͤck, das ich ſelbſt mit dem Tod erkaufen wuͤrde. — Fuͤr das Opfer, das ich Deinen Lüſten bringe, verlange auch ich von Dir ein Opfer. — Willſt Du Gold? — Die Freundin Robespierre's verſchmaͤht Dein Gold. — Villſt Du fuͤr einen Deiner Freunde eine Stelle? — Wirkliches Verdienſt bedarf nicht Deines Schutzes. es bahnt ſich ſelber ſeinen Weg Das hat Robespierre bewieſen. — Willſt Du mein Weib ſein? — Nein, das will ich nicht, ſprach ſie mit bitterm Spott. — Was Du verlangſt, Alles, Alles, will ich gewaͤhren. — So hoͤre! Zwanzig Maͤnner, maͤchtiger als Du, haben ihren Reichthum, ihre Macht mir zu 145 meinen Fuͤßen gelegt... ich habe ſie mit meinen Fuͤßen fortgeſtoßen und ſie verachtet. Und wären ſie auch geſtorben zu meinen Fuͤßen und haͤtte ich ſie auch retten koͤnnen mit einem einzigen Blick... ich haͤtte es nicht gethan. Nun wohl, die Gunſt, die Keiner, außer Robespierre, von mir erlangt, ſollſt Du, Buͤrger, erlangen. Dafuͤr verlange ich von Dir weiter nichts als ein armſeliges Opfer, den Kopf Ludwigs XVI. — Niemals! niemals! rief Lepelletier. Ich verſchmaͤhe ein Gluͤck, das ich einem Meuchel⸗ mord verdanken ſoll. — Du haſt uͤber 25 Stimmen im Convent zu verfuͤgen. um dieſen Preis verkaufe ich mich Dir wrillſt Du, Buͤrger? — Nimmermehr! rief Lepelletier. — Buͤrger, betrachte mich, betrachte mich noch einmal, betrachte mich genau. Findeſt Du nichts in meinen Augen, das die Stimme Deines Gewiſſens, wenn Du anders eines haſt, beſchwich⸗ tigen kann? Buͤrger, ich bin ſchoͤn, und mein Geſicht, jetzt bleich und todt, wird ſich, von 7** 146 Deinen Kuͤſſen geroͤthet, in gluͤhendes Roth ver⸗ wandeln.. — Weib, die Hoͤlle, die Du mir bieteſt, iſt ſchoͤner als das Paradies. — Buͤrger, zaͤhlſt Du das Vergnuͤgen, ein Weib, das Du liebſt, an Dein Herz druͤcken zu koͤnnen, dieſes Weib in Deine Arme zu ſchließen und ſie mit Deinen Kuͤſſen zu erſticken, fur nichts, fuͤr gar nichts! Ach, dann haſt Du die Liebe, die wahre Liebe nie gekannt. Buͤrger, das, was ich von Dir verlange, iſt ein armſeliges Opfer, das nichts Dich koſtet als ein einzig Wort; das, was ich Dir biete, iſt ein Gluͤck, das Du heute oder nie mehr ſollſt genießen. — Weib, ich moͤchte Deinen Reizen wider⸗ ſtehen! — Fuͤr einen Koͤnigskopf eine Nacht, eine ganze Nacht des Gluͤcks, eine Nacht in meinen Ar⸗ men, Bruſt an Bruſt, Herz an Herz, Aug an — Nun gut, Ludwig verfalle, weil Du es willſt, dem Tode; aber denke daran, daß eines 147 Koͤnigs Leben in Deinen Haͤnden lag, daß Du es warſt, die ihn dem Henkerbeile uͤberliefert. — Buͤrger, ſchwoͤre, daß Du uͤbermorgen fuͤr den Tod des Koͤnigs ſtimmſt! — Schwoͤren ſoll ich? — Schwoͤren, oder mich ſogleich verlaſſen. — Nun denn, ich ſchwoͤre! — Jetzt bin ich Dein, ganz Dein fuͤr dieſe Nacht. — Das Gluͤck wird mich toͤdten. Robespierre, kein Mittel, das zum Ziele fuͤhrt, verſchmaͤhend, hatte durch dieſe Liſt 26 Stimmen fuͤr ſeinen Plan gewonnen. Zehntes Capitel. Die Abſtimmung. Mittwoch am 15. Januar begann die Abſtim⸗ mung. Die Tribune war mit Tauſenden von Zuhoͤrern angefuͤllt. Aus dieſer Menge ragte der Engelskopf eines Weibes hervor, jenes Weibes, deſſen Reize ſo maͤchtig waren, Lepelletiers Gelubde zu brechen. Er und 25 ſeiner Anhaͤnger ſtimmten fuͤr den Tod des Koͤnigs. — Ich haßte dieſen Mann, jetzt lieb ich ihn, rief triumphirend die Freundin Robespierres. Clio hat die Stimmen des Convents aufge⸗ zeichnet in die Asbeſtblätter der Geſchichte. Hier jene Stimmen, die ſich am beſtimmteſten vernehmen ließen: — Louis, ma conscience me dit, que tu as 149 merité la mort; je la prononce! ſagte Allafort, der Deputirte der Dordogne. — Louis a trop vecu; sa wort est une justice, ſagte der Marquis d'Aout, Deputirter du Nord. — Le seul moyen d'ancantir la tyrannie est d'anéantir les tyrans. Donnons cet exemple à T'univers. Je vote pour la mort et je de- mande l'exécution dans les 24 heures(Moiſe Bayle, Deputirter der Rhonemuͤndung). — Comme je ne erois pas, que la conser vation d'un exRoi soit propre à faire oublier la royantẽ; comme je suis intimement convaincu, que le plus grand devoir à rendre au genre humain, c'est de délivrer la terre des monstres qui la devorent, je vote la mort du tyran dans le plus bref délai(Bernard, Praͤſident des Tri⸗ bunals zu Saintes). — Pour établir mon opinion, j'ai consulté Phistoire. Rome chassa ses rois et eut la li- berté. César fut assassiné par Brutus et eut un successeur. Les Anglais immolèrent leur 150 tyran, mais bientòt ils rentrèrent dans les fers, qu'ils venaient de briser. Je pense donc que pour rétablir la liberté, Louis doit étre fermé jusqu'à la paix, et à cette époque banni(Alas- seur, député du Nordh). — Ni les menaces dont ce tribunal a re- tenti, ni cette crainte puérile dont on a cher- ché à nous enironner ne me feront trahir mon sentiment; je vote pour la réclusion(Jo⸗ ſeph Becker, Deputirter des Moſel⸗Departements). — Louis a commis un assassinat il en a commis mille; je le condamne à la mort (Bouquier, Deputirter der Dordogne). — Etre indulgent envers Louis, ce serait se rendre complice de ses crimes. La con- vention se couvrirait d'infamie, si elle ne con- damnait pas Lonis à la mort. Je le condamne à la mort.(J. Brival, Procurateur des Depar⸗ tements der Corezze). — La mort de Louis XVI. est, dans mon intime conviction, le tombeau de la liberté publique et le triomphe des ennemis de ma 151 patrie. Le seul code pénal, applicable à Louis, est celui qui prononce sa déchéance(Casenave, député des Basses Pyrennées). — Si je ne consultais que les crimes de Louis et la peine qu'il mérite, je ne balance- rais pas à prononcer la mort; mais la crainte de voir méler ce sang odieux à celui d'un peuple que je chéris, me détermine à voter pour la réclusion et le bannissement à la paix (T. Castilhon, député de PHerault). — Je vote pour la réclusion d'abord et pour le banissement après la guerre. Je m'op- pose à la mort de Louis, préciséẽment parce que Rome la voudrait pour le béatifier(E. Chaillon, député de la Loire inférieure). — Lassemblée a décrété à Funanimité Louis convaincu de conspiration. La loi le condamne à la mort. Les considérations poli- tiques n'ont été invoquées en sa faveur que par le fanatisme et la tyrannie. Heureusement le règne en est passé. Si quelque ambitieux osait attaquer la liberté, les bras du peuple 152 sont levés et je briguerais Phonneur de porter les premiers coups. Je vote pour la mort de Louis le Dernier.(Chateauneuf-Randon, député de la Lozère). — La peine contre les conspirateurs est la mort; mais cette peine est contre mes prin- cipes, je vote pour la peine la plus grave dans le code pénal et qui ne soit pas la mort(les fers)(Condorcet, député de Paris). — Je vote pour la mort, trop tard peut- étre pour FPhonneur de la Convention(Camille Desmoulins, député de Paris). — Le dclit, dont Louis est coupable, doit étre puni de mort d'aprés les règles de la justice éternelle, je le déclare digne de mort. Cependant nous devons consulter le salut de Etat. Or, je crois, que pour le bonheur de la patrie, Louis doit étre seulement chassé du sein d'une nation qu'il a si lächement trahie. En attendant qu'il puisse étre banni, je de- mande qu'il soit détenu(J. Devars, député de la Charente). 153 — Les attentats de Louis Capet me sont connus, mais c'est en homme d'état que je veux prononcer. Quel que soit le jugement, que je vais porter, je sais le sort qui m'est reservé, si nos ennemis réussissaient dans leurs perfides desseins. Mais si jamais ma patrie pouvait perdre sa liberté, il n'existerait plus alors aucun républicain, il n y aurait que des làches ou des esclaves, et jaimerais mieux périr mille fois que de vivre avec eux Je vote pour la peine la plus grave apréès la mort (es fers).(A. Dupin, député de I'Aisne). — D'après mon opinion, la raison, la jus- tice, Fhumanité, le ciel et la terre condamnent Louis à la mort(R. Gaston, député de I'Arriège). — Je vote pour la mort de Louis, et en pronongant ce voeu terrible, je renouvelle dans le sein des réprésentans de la nation le serment de ne jamais exister sous un nouveau tyran et de ne vivre désormais que pour com battre celui qui voudrait succéder au tyran que je condamne(Guezno, député du Finistére). 154 — Je pense que c'est ici un combat de la liberté contre la tyrannie et c'est un combat à mort. Tous les peuples, qui ont voulu étre libres, wont pu Fétre que par la mort des tyrans. Je vote pour la mort(ean Bon Saint André, député du Loth. — Fai toujours hai les Rois et mon huma- nité eclairée a écouté la voix de la justice éternelle; c'est elle, qui m'ordonne de pro- noncer la peine de mort contre Louis Capet (M. A. Julien, député de la Dröme). — Le tyran est declaré convaincu du plus grand des crimes, de celui d'avoir voulu asser- vir la nation. La loi prononce la peine de mort contre un pareil attentat. Soumis à la loi, je vote pour la mort(I. R. Lacoste, dé- puté du Cantal). — Nous devons aux rois une grande legon, aux peuples un grand exemple. Je vote Pour la mort(Laguire, député du Gers). — Un vrai républicain parle peu. Les motifs de ma décision sont là(die Hand aufs 155 Herz legend). Je vote pour la mort U. Laka- nal, député de IArriège). — Je vote la mort du tyran sans craindre les reproches de mes contemporains ni de la postérité(S. P. Lejeune, député de Plndre). — Je regrette que la süreté de P'état ne permit pas de le condamner aux galères per- pẽtuelles pour servir long- temps d'exemple. Je vote pour la mort, mais en cas que la peine de la détention obtenait la majorité, ce ne serait qu'au bagne qu'on pourrait Pen- fermer(Lequinio, député de Morbihan).„ — La culmination des fonctions de jury, de juge, de législateur me parait monstrueuse, tyrannique, subversive de tout ordre social. Je vote pour la détention du ci-devant Roi pendant tout le temps de la guerre et Fex- pulsion un an après que les despotes coalisés contre la France auront posé les armes et réconnu la république(Marey, député de la Cöte d'or). — Je croirais manquer à la justice, à la 156 süreté présente et future de ma patrie, si par mon souffrage je contribuais à prolonger l'existence du plus cruel ennemi de la justice, des lois, de P'humanité; en conséquence je vote pour la mort(J. B. Massieu, député de FOise). — Quand ce prince aurait mille vies, elles ne suffiraient pas pour expier ses forfaits; je le condamne à la mort(St. Maure, député de PVonne). „ — Un tyran n'est à mes yeux qu'un mon- stre. Louis a attenté à la süreté générale de l'état; qu'il périsse sous la glaive de la loi (J. B. Michaud, député du Poubs). — Citoyens, vous devez un grand exemple aux peuples et aux Rois. Je pense, que la ju- stice éternelle, les raisons d'état, Pintérét de la nation frangaise et celui de Phumanité me commandent également de voter la mort de Louis(C. F. Oudot, député de la Cote d'or). — Comme convaincu du crime de lésé na- 157 tion, je condamne Louis à la mort(F. Re- becquy, député des bouches du Rhöne). — Je condamne le tyran à la mort, et en pronongant cet arrèt, il ne me reste qu'un re- gret, c'est que ma compétence ne S'étende pas sur tous les tyrans pour les condamner tous à la méme peine(P. Robert, député de Paris). — Lhistoire apprend que des cendres d'un roi il en renait un autre. Je vote pour la detention et le bannissement à la paix(Texide Mortegoute, député de la Creuse). — La mort sans phrase(Robespierre). Freitag am 17. Januar 7 Uhr Abends, nach⸗ dem alle Stimmen eingeſammelt waren, erhob ſich Pierre Victorin Vergniaud(geboren 1795 zu Limoges), der Praͤſident, um dem Convent das Reſultat der Abſtimmung vorzulegen. Der Convent beſtand aus 749 Mitgliedern. 15 befanden ſich als Commiſſarien in den De⸗ partements. 158 8 waren durch Krankheit abgehalten, mitzu⸗ ſtimmen. 5 haben ſich geweigert, ihr Votum zu geben. Die Zahl der Votirenden betrug alſo 724. Die abſolute Majoritaͤt 361. Von dieſen haben geſtimmt: Fuͤr die Galeeren 2. Fuͤr Gefangenſetzung und Verbannung nach dem Frieden, oder fuͤr ſofortige Verbannung oder Abſetzung 286. Fuͤr den Tod mit Aufſchub nach dem Frieden oder der Einſetzung der Conſtitution 46. Fuͤr den Tod nach Mailhe's Amendement 36. Fuͤt den Tod ohne Aufſchub 361. Mithin, fuhr der Praͤſident mit bewegter Stimme fort, erklaͤre ich im Namen des Natio⸗ nalconvents, daß Louis Capet zum Tode ver⸗ dammt iſt. Die Buͤrger Deſeze, Tronchet und Lamoignon⸗ Malesherbes, die Vertheidiger des Koͤnigs, wur⸗ den vor die Schranken des Convents gefuͤhrt. Sie 159 verlangten einſtimmig, daß das Urtheil durch eine Appellation an das Volk ratificirt werden ſolle. — Buͤrger, rief Robespierre, Ihr koͤnnt das Urtheil, das Ihr einmal gefäͤllt, nicht wieder um⸗ ſtoßen. Ich verlange, daß Ihr erklaͤrt, die Ap⸗ pellation an das Volk ſei, zuwiderlaufend den Rechten der Natur und des Convents, unſtatthaft und daß Jeder, der ſich ferner erkuͤhnen ſollte, einen Antrag dieſer Art zu ſtellen, als Beleidiger des Geſetzes, als Stoͤrer der oͤffentlichen Ruhe zur Verantwortung gezogen werde. — Das urtheil iſt gefaͤllt! rief der Präſident, die Sitzung iſt aufgehoben. Deſeze, Tronchet und Malesherbes begaben ſich ſofort zum Koͤnige. Eilftes Capitel. Nemeſis. Fuͤnf Tage nach jener Nacht ſpeiſte Lepelletier im Palais royal bei dem Reſtaurant Fevrier. Außer ihm war nur noch ein Gaſt gegenwar⸗ tig, ein gewiſſer Paris, der fruͤher Gensd'arme, ſpaͤter Garde du Corps beim Grafen Artois und endlich Officier bei der conſtitutionellen Leibwache Ludwigs XVI. geweſen war. Der Wirth raunte ihm leiſe in's Ohr: — Der Gourmand do, der ſich jetzt ſein Reb⸗ huhn ſo gut ſchmecken laͤßt, iſt Lepelletier de Saint Fargeau. Dieſer Mann, der fruͤher das Geluͤbde gethan, keinen Menſchen zum Tode zu verdam⸗ men, hat vor drei Tagen ſeinen Koͤnig zum Tode verdammt. Lepelletier war eben im Begriff, den Cham⸗ 161 pagner zu entkorken, als Paris auf ihn zutrat mit den Worten: — Alſo auch Ihr habt fuͤr den Tod des Koͤ⸗ nigs geſtimmt? — Mein Gewiſſen, erwiederte Lepelletier ruhig fortkauend. Aber Paris ließ ihm keine Zeit die Phraſe zu vollenden. Wuthentbrannt zog er ſeinen De⸗ gen und ſtieß ihn zaͤhneknirſchend in die Bruſt des Deputirten. Lepelletier ſank vom Stuhl. Aus der Wunde ſtroͤmte das Blut heraus. — Mich friert, rief er und hauchte bald darauf ſein Leben aus. Paris hatte den Wirth, der ihn feſthalten ge⸗ wollt, mit ſtarker Hand auf die Erde hingeſchleu⸗ dert und eilig die Flucht ergriffen. Zwei Tage ſpaͤter wollte man den Moͤrder Lepelletier's, den ein Kaninchenfellhaͤndler in For⸗ ges⸗les⸗Eaux denuncirt hatte, gefangen nehmen. Aber in dem Augenblick, als zwei Gensd'armen eintraten, um Paris in ſeinem Bette zu ergreifen, III. 8 162 ſchoß er ſich eine Kugel durch den Kopf. Ein Courier jagte mit dieſer Botſchaft nach Paris. Legendre und Tallien vom Convent abgeſandt, um ſich von der Wahrheit des berichteten Vorfalls augenſcheinlich zu uͤberzeugen, fanden bei ihm ſei⸗ nen Taufſchein und ſein Garde⸗Brevet, worauf er folgendes Quatrain geſchrieben: Sur cet brevet Thonneur j'ecris sans eflroi, Je Tecris à linstant ou je quitte la vie: Francais, si j ai frapps Tasbassin de mon Roi, Cetait pour marracher à votre ignominie. Zwölftes Capitel. Der Tag der Hinrichtung. (Dienſtag am 21. Januar 1793.) Es war ein kalter, aber ziemlich heiterer Tag. Schon ſeit fruͤhem Morgen war die Bevoͤlke⸗ rung von halb Paris auf den Beinen, um nach dem Place de la Revolution hinzuſtroͤmen. Vom Tour du Temple, in dem der Koͤnig und ſeine Familie ſeit dem 10. Auguſt eingekerkert war, bis zum Richtplatz hin zog ſich, um Ruhe und Ordnung zu erhalten, ein doppeltes Spalier von Nationalgarden. Mit dem Glockenſchlage Neun waren in den Kerker des Koͤnigs drei Abgeordnete des Eonvents eingetreten, um ihn zu ſeinem letzten Gange ab⸗ zuholen. 8* 164 Die Koͤnigin Marie Antoinette, ſeit vier Wochen von dem Koͤnig getrennt, hatte vom Convent die Erlaubniß erhalten, ihrem Gatten das letzte Lebewohl zu ſagen. In Thraͤnen aufgeloͤſt, hing ſie am Halſe ihres koͤniglichen Gemahls. Seine beiden Kinder umklammerten ſeine Knie. Nicht fern von dieſer herzerſchuͤtternden Familiengruppe eniete des Koͤnigs Schweſter, Eliſabeth von Frank⸗ reich, vor einem Crucifir in inbrunſtiges Gebet verſunken. — Weine nicht, mein holdes Weib, weint nicht meine holden Kinder. Droben ſehen wir uns Alle wieder! Bis dahin lebet wohl! Er kuͤßte ſeine Frau, er herzte ſeine Kinder, ertheilte ihnen ſeinen Segen, entriß ſich ihren Um⸗ armungen und folgte dem gebieteriſchen Ruf der Schergen. In dem Wagen, der ihn zum Richtplatz fuhrte, ſaß der Abbé Edgeworth, ſein Beichtvater, neben ihm, der den Balſam der Religion in ſeine Seele traͤufelte. Ludwig fuͤhlte den geſunkenen Muth durch die Worte des gottlichen Troſtes von Neuem 165 erwachen. Sein Antlitz, Anfangs voll Schmerz, nahm wieder eine ruhige, ja faſt heitere Miene an. Die Straßen, die der Zug paſſirte, waren mit tauſend herzloſen Gaffern angefullt, die ihre Gloſſen machten. — Man ſieht, daß es dem Louis Capet in ſeinem Kerker an nichts gefehlt, er ſieht recht fett und wohlbehaglich aus. — Er traͤgt einen gelbbraunen Rock und einen abgetragenen Hut. — Fuͤr ſeine ganze Garderobe gebe ich keine 20 Francs. — Weiß Gott, er thut mir dennoch Leid! — Mir nicht.. er hat uns verrathen, hat uns verkaufen wollen ans Ausland. — Wer ſagt vas? — Der große Robespierre und was der ſagt, darauf ſchwoͤr' ich, lieber als aufs Evangelium. — Das arme Weib, die armen Kinder, wie moͤgen ſie jetzt jammern um den lieben guten Vater! — Sprecht nicht ſo laut, alter Mann.. Euer Mitleid koͤnnte Euch den Kopf koſten. 166 — Es lebe der Koͤnig! — Das iſt ein Ariſtokrat, ſchlagt ihn todt, den Hund! Am Richtplatz angekommen, beſtieg der Koͤnig feſt und ohne Bangen das Schaffot. — Sohn des heiligen Ludwig, ſteige zum Himmel! ſagte der Beichtvater. Oben angekommen ließ er ſich, nur auf Zureden des Prieſters, ohne Murren die Haͤnde auf den Ruͤcken feſtbinden. Waͤhrend der Henkersknecht mit gefuͤhlloſer Kaͤlte den Strick feſt zuſammenſchnuͤrte, ſprach Ludwig, die Blicke gegen die Tuilerien hingewandt, alſo zu ſeinem Volke: — Franzoſen, ich bin unſchuldig! Ich vergebe meinen Feinden und wuͤnſche, daß mein Tod meinem Volke, das ich liebe, Nutzen bringe. Franzoſen..⸗ — Ruͤhrt die Trommeln! rief Santerre, der Commandant der Nationalgarden, die rings um die Guillotine ein undurchdringliches Carré ge⸗ ſchloſſen. 167 Der Laͤrm der Trommeln ubertoͤnte die Stimme des koͤniglichen Delinquenten. — Spute Dich, rief der Henker Samſon. Glaubſt Du, wir haben heute keinen andern als nur Dich zu köpfen? Wir muͤſſen heute noch 2 in das Jenſeits expediren, alſo tummle Dich! Louis legte ſein Haupt auf den Block. Um 10 Uhr 20 Minuten fiel das geſalbte Haupt des Koͤnigs unter dem ihm zu Ehren neugeſchaͤrften Beil der Guillotine. Der Henker Samſon zeigte das vom Rumpf getrennte Haupt, warf es dann in einen Korb, und mehr als hundert Tauſend Stimmen riefen: — Es lebe die Nation, es lebe die franzoͤſiſche Republik! Und die Trommeln fingen von Neuem zu wirbeln an und wildes Freudengeſchrei zerriß die Luft. Der Henkersknecht zerriß nun den Rock des Hingerichteten in tauſend kleine Fetzen, welche er unter die Menge vertheilte, die ihre Haͤnde darnach ausſtreckte, um ein Stuͤck davon als Trophaͤe oder 168 Reliquie aufzubewahren. Viele tauchten, wenn der Henker ihnen den Ruͤcken gewandt, ihre Tuͤcher, einige Officiere tauchten ihre Degenquaſten in das konigliche Blut. — Das Blut eines Hingerichteten bringt Gluͤck. — Des Koͤnigs Blut wird Unheil bringen. — Gott ſchutze Frankreich! — Vive la nation, vive la république fran- gaise! Der Henkersknecht bot jeden einzelnen Knopf des koͤniglichen Rockes, den Hut, die Schnallen, die Schuhe, des Koͤnigs Haarband, ja ſogar deſſen Haare aus. Und man riß ſich darum und uͤberbot ſich wie auf einer Auction, wo alter Troͤdel an den Meiſtbietenden verſteigert werden. Das blutige Drama war zu Ende. Die Maſſen zerſtreuten ſich, patriotiſche Lieder traͤllernd, froh und froͤhlich, als ob ſie von der Kirmeß kaͤmen. Unfern der Terraſſe des Feuillans, von wo aus man den Richtplatz am beſten uͤberſehen ge⸗ konnt, hatte noch vor wenigen Augenblicken ein unſcheinbares Cabriolet gehalten, in dem ein Mann, 169 dicht in einen Mantel gehuͤllt, das Auge mit einem Operngucker bewaffnet, der Hinrichtung des Koͤnigs mit ſo kaltem Blute, wie den Spruͤngen einer Ballettaͤnzerin, zugeſehen hatte. Dieſer theilnahm⸗ loſe Zuſchauer war des Koͤnigs Neffe, Philipp Egalité, der, als Ludwigs Haupt gefallen, nach dem Palais royal zuruͤckgekehrt, dort in einen ſechsſpaͤnnigen Wagen eingeſtiegen und nach Rincy gefahren war, um dort im Kreiſe ſeiner verwor⸗ fenen Mitgenoſſen und liederlicher, ſchamloſer Opern⸗ taͤnzerinnen eine neue Orgie zu feiern. Der Leichnam des Koͤnigs wurde auf dem Magdalenen⸗Kirchhof eingeſcharrt. Die Grube war zwoͤlf Fuß tief und ſechs Fuß breit und mit ungeloͤſchtem Kalk angefuͤllt, damit der Leichnam ſchnell in Verweſung uͤbergehe. Zwei Stunden ſpaͤter herrſchte in Paris eine ſo ungetruͤbte Ruhe, als ob gar nichts darin vor⸗ gefallen waͤre. Im Café de Foy, dem Rendezvous vieler Pa⸗ trioten, ſaßen zwei Leute, welche Domino ſpielten und Zuckerwaſſer tranken. 8* 170 — Wo bringſt Du den heutigen Abend zu? fragte der Eine. — Ich will in das Theater du Vaudeville. — Was giebt man da? — Eine Parodie auf die italieniſche Oper „Romeo und Juliette« oder»Alles fur die Liebes. — Wie heißt die Parodie? — Rault, Meot und Juliette oder Alles fur den Magen. Da wird es viel zu lachen geben... und Du, wo biſt Du dieſen Abend? — Im Theater de la Republique. — Was geben ſie dort? — VNoch weiß ich ſelbſt nicht was. Gargon, Buͤrger wollt ich ſagen, gebt mir die heutige Affiche vom Theater der Republik. — Hier, Buͤrger, iſt der Zettel. — Heute am 21. Januar: Durch und fur das Volk. Erſte Sansculottide. Das letzte Gericht der Koͤnige. Hierauf: Die Hochzeit des Kapuziners. 171 — Vielleicht komme ich ſpaͤter auch hin, ſagte der Andere. Dieſe beiden Maͤnner, die ſo ſorglos vom Theater ſchwatzten und die Hinrichtung des Koͤnigs, fuͤr deſſen Tod ſie mit geſtimmt, faſt ſchon ver⸗ geſſen hatten, waren die Conventsmitglieder Bar⸗ rore und Billaud⸗Varennes. Drei Tage nach der Hinrichtung Ludwigs WI. wurde Lepelletier de St. Fargeau mit großem Pompe im Pantheon beigeſetzt. Robespierre beſtieg im Convent die Tribune und hielt eine feierliche Gedaͤchtnißrede. Die Nation adoptirte, auf Kieeh An⸗ trag, die Tochter Lepelletiers. Dreizehntes Capitel. — Der letzte Tag der du Barry. (12. Frimaire 1793.) Die Graͤfin du Barry ſaß in der Conciergerie. Die Gefaͤngniſſe waren zu dieſer Zeit, wo die Schreckensherrſchaft ihren Gipfel erreicht, dergeſtalt uberfullt, daß in einem Zimmer, oder richtiger geſagt, in einem Loche, 20— 30 Gefangene ſchmach⸗ teten. Es war daher eine große Verguͤnſtigung, daß man der Ermaitreſſe des Koͤnigs, der Mil⸗ lionen mit ihr verſchwendet, einen Kerker einge⸗ raͤumt hatte, in dem ſie allein ſaß. Selbſt hier, in der Conciergerie, wo die Graäfin nur ihren Kerkermeiſter ſah, machte ſie jeden Mor⸗ gen ſorgfaͤltige Toilette und ſchmuͤckte ſich wie eine Dame, die den Wagen erwartet, der ſie zu einem Ballfeſt abholt. Täglich brachte ſie zwei Stun⸗ 173 den vor dem Fragment eines Spiegels zu, das ſie der Großmuth ihres Gefangnißwaͤrters verdankte, dem ſie, fur dieſe und fuͤr manche andere kleine Nachſicht, Tauſende von Aſſignaten geſchenkt. Taͤg⸗ lich ſalbte ſie ihr Haar mit den feinſten Parfums, ihre Waͤſche mit den beſten Odeurs; täglich zog ſie ein anderes Kleid, eine andere Robe an. Es war eine alte, ihr liebgewordene Gewohnheit, von der ſie, ſelbſt im Kerker, ſich nicht losſagen konnte. Der Putz ging ihr uͤber Alles, und ſo lange man ihr den Staat ließ, fuͤhlte ſie ſich ſelbſt im Ge⸗ faͤngniß glucklich, ob ſie gleich ſo Vieles hier ent⸗ behren mußte. Die dunkeln feuchten Waͤnde uͤber⸗ kleidete ſie mit Mouſſelin, den kalten, naſſen Fuß⸗ boden mit koſtbaren Shawls. Sie, die ſonſt un⸗ ter ſeidenem Baldachin auf weichen Dunen, auf ſchwellenden Kiſſen geruht, lag jetzt auf einem Feldbett, auf einem harten Strohſack. Selten ſah man ſo viel Glanz mit ſo viel Elend, ſo viel Luxus mit ſo viel Entbehrung vereint. Aber den⸗ noch war ſie guten Muthes, denn ſie hoffte noch immer, daß Männer, die ihr Gluͤck getheilt, ſich 174 ihrer Noth erbarmen und bei Robespierre ihre Begnadigung auswirken wuͤrden. Sie konnte den graͤßlichen Gedanken, daß der Mann des Schreckens wirklich ſo grauſam ſein koͤnne, ſie auf die Guil⸗ lotine ſchleppen zu laſſen, nicht faſſen, nicht be⸗ greifen. Sie hoffte, daß ſich in jeder Minute die Pforte ihres Kerkers oͤffnen, und ein Abgeordneter des Sicherheitstribunals, vielleicht Robespierre ſelbſt, ihr die Begnadigung uͤberreichen wuͤrde. So oft ein Riegel knarrte, glaubte ſie, es muͤſſe ein Retter, ein Befreier eintreten, der ſie aus der Nacht des Kerkers, aus der Vorhalle des Todes zuruͤck ins Leben fuͤhren wuͤrde. Sie ſang, ſie traͤllerte Couplets und dachte an die ſchoͤne Zeit zuruͤck, wo ſie der Koͤnig faſt taͤglich im Schloß Luciennes beſuchte, wo ein Feſt das andere ver⸗ draͤngte. Eines Morgens, als der Gefaͤngnißwaͤrter ihr friſches Waſſer brachte, ſprach ſie zu ihm: — Mein Freund, ich habe eine Bitte an Euch... — Wos begehrt Ihr, Buͤrgerin? — Verſchafft mir ein Spiel Karten... 175 — Karten, ei wo denkt Ihr hin? — Ich bitt' Euch, Buͤrger, verſagt mir dieſe Bitte nicht.. — Was wollt Ihr damit? — Die Langeweile will ich todten, ich will in den Karten meine Zukunft leſen. — Ihr ſpaßt wohl nur! — Seid nicht ſo grauſam, alter Freund. Kann's Euch ſchaden, wenn Ihr die kleine Bitte mir erfullt? geßt nicht, Buͤrgerin, daß ich durch die Finger ſehe und Euch mehr geſtatte, als ich ſollte. — Ich weiß es, lieber Freund, und werde all das Liebe, das Ihr mir erweiſt, Euch nie vergeſ⸗ ſen. Laßt mich nur wieder frei ſein, dann ſollt Ihr ſehen, daß die Gräfin.. — Die Graͤfin? dehn muͤrriſch der Kerker⸗ meiſter und zog ſeine duͤſtern Augenbrauen zuſam⸗ men die Graͤfin.. — Die Buͤrgerin du Barry, wollte ich ſagen, 176 Wohlthaten, die man ihr erwieſen, zu belohnen weiß — Ihr ſprecht noch immer von Begnadigung ... denkt nicht daran, macht Euch lieber bei Zei⸗ ten mit dem Gedanken vertraut, von hier abgeholt und auf den Gréve⸗Platz geſchleppt zu werden. — Sprecht nicht ſo thoͤricht, alter Mann; die Stimme meines Herzens truͤgt mich nicht.. Robespierre wird, Robespierre muß mich begna⸗ digen! — Arme Frau! — Schafft mir Karten, guter Alter, ich bitte, ich beſchwoͤre Euch... Ihr ſchuttelt den Kopf... Ihr wollt nicht... da nehmt dieſen Ring... ich erhielt ihn einſt vom Konig, dem Ihr(vergeßt es nicht), durch meine Fuͤrſprache, die Stelle, die Ihr jetzt bekleidet, zu verdanken habt. Da nehmt den Ring er iſt 5000 Francs, vielleicht auch mehr noch werth.. e nehmt ihn, aber ſchafft mir Karten, gleich, gleich!!! Der Gefaͤngnißwaͤrter nahm den Ring und brachte ihr, eine Stunde ſpaͤter, ein Spiel Karten. 177 Sie hatte nun einen Zeitvertreib.. ſie ſpielte Patience vom fruͤhen Morgen bis in die ſpäte Nacht. Ging es auf, ſo war ſie außer ſich vor Freude, gings nicht auf, war ſie bis zum Tod betrubt. Eines Morgens(es war am 17. Frimaire) lag ſie angekleidet in einer weißen Atlasrobe auf ihrem mit Kaſchemirs bedeckten Strohlager und ſpielte wieder Patience. Die Karten waren auf⸗ gegangen. — Sieg! Sieg! rief ſie, freudig aufgeregt, der Traum der vergangenen Nacht geht in Erfuͤllung heute naht mein Befreier.. Da knarrte der Riegel ihres Kerkers. Wer malt das Gefuͤhl, das ſich ihrer Seele bemaͤchtigte? Es war ein freudiger Schreck und eine erſchreckende Freude. Das Herz ſchlug ſo ſtark, als ob es zerſpringen wollte. Haͤtte man ihr in dieſem Augenblick alle Adern geoͤffnet, es waͤre kein Tropfen Blut gekommen. — Was bringt Ihr, Buͤrger? fragte ſie den 178 Abgeordneten des Gerichts, der in Begleitung des Gefaͤngnißwaͤrters eintrat. — Seid Ihr gefaßt, es zu hoͤren, Buͤrgerin? — Ich bins; ſprecht, was bringt Ihr? — Euer Todesurtheil! — Ihr ſcherzt.. — Ihr habt nur drei Stunden noch zu leben.. — Ihr ſeid toll, Buͤrger! — Mit dem Schlage Zwolf werdet Ihr, des Hochverraths gegen die Republik und des Einver⸗ ſtandniſſes mit ihren Feinden angeklagt und uͤber⸗ wieſen, auf dem Gréve⸗Platze durch die Guillo⸗ tine vom Leben zum Tode gebracht. Hier leſ't es ſelbſt, wenn meinen Worten Ihr nicht glauben wollt. Sie warf einen Blick auf ihr Todesurtheil, ſtieß einen furchtbaren Schrei des Schreckens aus und ſank ohnmaͤchtig auf ihr Lager zuruͤck. A1Aber bald kam ſie wieder zu ſich. Sie ſchlug die Augen auf und glaubte, als ſie ſich allein ſah, nur getraͤumt zu haben; mit beiden Haͤnden ſtrich ſie ſich die Haare von der Stirn und ſtierte 179 mit glotzenden Augen die Waͤnde ihres Kerkers an. — Nein! rief ſie, ich habe nicht getraͤumt, mit meinen Ohren habe ich es gehoͤrt, mit meinen Augen habe ich es geſehen.. mein Todesurtheil Hu, wie ſchaudert mir die Haut.. ſterben ſoll ich... ich bin ja noch ſo jung... ich will noch leben, muß noch leben... Robespierre, Brandmal der Schoͤpfung, Schandfleck der Menſch⸗ heit, warum kann ich dich mit meinen Zaͤhnen nicht zerreißen, mit meinen Naͤgeln nicht zerflei⸗ ſchen, du zweibeiniger Tiger, du Schuft, du Ungeheuer! Schrecklichſter der Schrecken, durch Henkershand zu ſterben! O warum bin ich nicht bei der Gourdan geblieben... Was hätte mir dort ſo Graͤßliches begegnen tönnen? Lieber im Spitale als auf der Guillotine enden. lieber gliedweiſe ſterben im Hoͤtel Dieu, als ſerten auf dem Grove⸗Platz durch das Beil der Guillotine.. Barmherziger Gott, rette, rette mich ich nil all meine Suͤnden abbuͤßen, will mich kaſteien und geißeln mit tauſend Qualen, will betteln gehen 180 von Haus zu Haus, zum aͤrgſten meiner Feinde, aber leben, leben will ich! Ach Leben, wie biſt du doch ſo ſchoͤn, ſelbſt in der ewigen Nacht des Kerkers!.. Ihr Schmerz, der ſeinen Gipfel erreicht, loſte ſich in Thraͤnen auf. Sie weinte, weinte lang und bitterlich, fing dann wieder zu toben und zu raſen an, verfluchte Robespierre und die ganze Republik mit ihren tauſend Schrecken, haͤufte Verwuͤnſchung auf Verwuͤnſchung und verfluchte zuletzt ſich ſelbſt. Ohnmaͤchtig ſank ſie auf ihr Lager zuruͤck. Da ertoͤnte die Glocke der Conciergerie. Sie zaͤhlte mit Todesangſt die langſam aufeinander⸗ hallenden Schlaͤge. — Neun Zehn Eilf! Ihr Ohr, ihr Auge, jeder Nerv ihres Koͤrpers lauſchte die Glocke hatte ausgeſchlagen. — Nur eine Stunde, nur eine einzige kleine Stunde noch.. Gott, barmherziger Gott, hemme das Rad der Zeit, laͤhme ihre Fluͤgel und laß jede Minute einen Tag waͤhren... Noch ſechszig Tage haͤtte ich dann zu leben... und in ſechszig 181 Tagen, was kann da nicht Alles geſchehen! Ro⸗ bespierre, dieſer blutdurſtige Tiger, dieſer Teufel in Menſchengeſtalt, kann geſtuͤrzt und ich. ich kann gerettet ſein!.. Da knarrte der Riegel ihres Kerkers und ein Scherge und zwei Nationalgardiſten traten ein. — Henker, was wollt Ihr?... — Euch abholen... — Es ſchlug erſt Eilf... ich habe eine ganze, lange, ſuͤße Stunde noch zu leben... — Ihr irrt, vor zwei Minuten hat es Zwoͤlf geſchlagen.. — Du lügſt, Henker, Du luͤgſt.. — Ihr habt Euch wohl verzaͤhlt.. die Stunde Eures Todes hat geſchlagen... Steht auf und folgt.. — Ich will nicht, ich will nicht! ſchrie ſie mit verzweiflungsvoller Kraft. — Wachen, ſchleppt ſie fort! — Ich toͤdte Jeden, der mir naht! — Narrenspoſſen, ſagte ein Soldat und zerrte ſie aus dem Bett heraus. 182 Sie ſchlug um ſich wie eine Wahnſinnige, ſchrie, weinte, raſte, tobte, fluchte... Umſonſt! Eine halbe Stunde ſpaͤter ſtand ſie in weißer Atlasrobe am Fuße der Guillotine. Zu ſchwach, um ſelbſt hinaufzuſteigen, mußten die Gehuͤlfen des Henkers ſie hinauftragen. Sie legten ihr Haupt unter das ſchwebende Beil. — Encore un moment, Monsieur le Bour- reau! ſchrie ſie. Da ſiel das Beil und eine Secunde ſpäter warf der Henker ihr Haupt zu den uͤbrigen. Gleich nach ihr beſtieg ein junger Mann das Schaffot. Des Lebens uͤberdruͤßig, hatte er auf offentlichem Platze„Vive le BRoi!« Fßi Was er gewollt, war geſchehen. Oben angekommen, warf er einen lachenden Blick auf die gaffende Menge, und die Roſe, die er im Munde hatte, unter das Volk und rief: — ℳ la plus belle! 183 Die Roſe fiel auf die Bruſt einer jungen Bur⸗ gerin. Sie war ſeine Geliebte. Einen Augenblick ſpaͤter rollte ſein ſchwarz ge⸗ locktes Haupt auf die blutgefaͤrbte Erde. — Der arme Junge, er dauert mich, ſagte das Maͤdchen zu ihrem neuen Geliebten. Vierzehntes Capitel. Das Ende der Königin. Nach der Hinrichtung des Koͤnigs hatte der Convent den Befehl erlaſſen, die Koͤnigin von dem ci-devant Dauphin, die Mutter von ihrem Kinde zu trennen. — Barbaren, nehmt mir nicht den letzten Troſt, laßt mir meinen Sohn, meinen einzigen Sohn, rief die Koͤnigin und ſchloß den Knaben feſt in ihre Arme. — Weigerſt Du Dich, den Jungen uns zu uͤberliefern, ſo haben wir den Befehl, ihn auf der Stelle zu toͤdten. — Weh mir! rief Antoinette und ſank be⸗ wußtlos zu Boden. Der Dauphin wurde abgefuͤhrt und bei dem Schuſter Antoine Simon in Koſt und Lehre ge⸗ geben. Dieſer wuͤthende Jakobiner, der, als Agent 185 der Gemeinde im Tour du Temple, der grauſamſte, gefuhlloſeſte Gefaͤngnißwaͤrter des Koͤnigs geweſen, hatte dem koͤniglichen Kinde, das deſſen republikani⸗ ſcher Erziehung anvertraut worden war, nur Un⸗ terricht im Schimpfen und Saufen ertheilt. Der Sohn mußte ſeinen Vater, ſeine Mutter, ſeine Tante verfluchen, die Carmagnole und Marſeillaiſe ſingen und»Vive les Sansculottides!« rufen. Weigerte er ſich, die Befehle ſeines Herrn und Meiſters zu erfuͤllen, dann bekam er Schlaͤge oder mußte hungern. Am 5. Auguſt ward Marie Antoinette vom Tour du Temple in die Conciergerie gebracht, wo man ihr ein kaltes, feuchtes, mit Ungeziefer aller Art angefuͤlltes Loch zum Kerker anwies. Aber ihr Betragen gewann ihr die Herzen der Gefaͤngniß⸗ waͤrter, die ſie mit ſchonender Milde behandelten. Einige ihrer Anhaͤnger, die den Verſuch gemacht, ihr ein Billet zuzuſtecken, das ihr die Flucht als einziges Mittel zu ihrer Rettung angab, mußten ihre Treue mit dem Leben bezahlen. Tag und Nacht ward ſie nun von zwei Gensd'armen be⸗ u. 9 186 5 wacht, die nur durch eine ſpaniſche Wand von ih⸗ rem aͤrmlichen Lager getrennt waren. Am 3. September beſtand die Koͤnigin das erſte Verhoͤr vor zwei Commiſſarien des oͤffentlichen Sicherheits-Comité. Die Königin benahm ſich vor ihren Richtern mit einer Wuͤrde, die ſelbſt ih⸗ ren Todfeinden Achtung und Ehrfurcht einfloͤßte. Am 11. October fand das zweite, am 14. das dritte und letzte Verhoͤr ſtatt. Die Tribune war mit rohem Poͤbel angefuͤllt, welcher Zeuge ihres Verhoͤrs und ihrer Verurthei⸗ lung ſein wollte. Hebert, der Herausgeber des beruͤchtigten Père Puchesne, der nicht aufgehort, die Konigin zu be⸗ ſchimpfen und verlaͤſtern, um den Haß der Poͤbel⸗ maſſen gegen ſie aufzuregen, hatte als Procurator der Gemeinde ſeine Frechheit ſo weit getrieben, die Konigin der ſchändlichſten Verbrechen, ja ſogar der Blutſchande mit ihrem eigenen Sohne anzuklagen. — Ich frage hier alle Muͤtter, rief die Koͤnigin, die bei dieſer Anklage ihre Faſſung verlor, ob eine unter ihnen eines ſolchen Verbrechens faͤhig iſt?! 187 Dieſe freche Anklage hatte ſelbſt den rohen Poͤbel dergeſtalt empoͤrt, daß er zu murren anfing. Als Robespierre dies erfahren hatte, rief er wuͤthend aus: — Der Wahnſinnige! War es nicht genug, ſie als Meſſaline anzuklagen? Warum wollte er noch eine Agrippine aus ihr machen? Die Sitzung der Richter und Geſchworenen, bei der der oͤffentliche Anklaͤger Fouquier-Tinville den Vorſitz fuͤhrte, währte zwei Tage und zwei Naͤchte. Nachdem das Verhoͤr geſchloſſen, ward Marie Antoinette zum Tode verurtheilt. Mit ruhiger Wuͤrde hörte ſie ihr Todesurtheil und ſprach: — Ich rufe den Vater im Himmel zum Zeu⸗ gen, daß all die Verbrechen, die meine Feinde mir zur Laſt gelegt, erlogen ſind. Sie verließ den Saal und kehrte in ihr Ge⸗ fängniß zuruͤck. Dieſe Schreckensſcene hatte ſie dergeſtalt ange⸗ griffen, daß ihr Haar in einer Nacht ergraut war. 9* ₰ 188 Am 16. Oct. beſtieg ſie den Karren, wo ſie zwiſchen dem Henker und einem conſtitutionellen Prieſter ſaß, deſſen geiſtlichen Troſt ſie verſchmaͤht hatte. Als der Zug durch die Rue St. Honoré kam, ließ das Volk, das auf den Stufen der Kirche Saint Roche ſich zuſammen gedraͤngt, den Karren anhalten, um ihre Zuͤge in der Naͤhe betrachten zu koͤnnen. — Ha, ha, Madame Veto hat graue Haare bekommen. — Sie ſieht ſo blaß und eingefallen aus. — Das kommt von ihrem ſchlechten Lebens⸗ wandel. — Sie war eine Meſſaline, die ſo viel Anbeter gehabt, als Tage in der Woche. — Auch den Cardinal Rohan hat ſie nicht verſchmaͤht. — Was thut man nicht alles fuͤr ein dia⸗ mantenes Halsband! — Sie ſei verflucht! — Amen! rief der lachende Poͤbel. 189 Auf dem Schaffot angelangt, wollte der Henker ihr das Haar abſchneiden. — Das will ich ſelbſt thun, rief ſie und band ſich ſelbſt die Haͤnde und legte laͤchelnd ihr ſchoͤnes Haupt unter das Meſſer der Guillotine. Eine Minute ſpaͤter hatte der Henker ſein blutiges Werk vollbracht. Poͤbelhafte Weiber, mit dem Strickſtrumpf in der Hand, hatten dieſem blutigen Act wie der Schlußſcene eines Melodramas zugeſchaut und dem Henker Beifall zugejauchzt. Auch der Leichnam der Koͤnigin wurde auf dem Kirchhof de la Madeleine eingeſcharrt. Noch an demſelben Tage zog eine Colonne ſchmutztriefender Poͤbelhorden nach St. Denys, wo ſie die Grabſtaͤtte der Koͤnige entweihten und deren Aſche in alle Winde zerſtreuten. Aus den bleiernen Saͤrgen, die eingeſchmolzen wurden, ließ der Convent Gewehrkugeln gießen. 190 Drei und zwanzig Tage ſpäter(am 6. No⸗ vember 1793) beſtieg der feige, ſchaͤndliche, ver⸗ ruchte Philipp Egalité das Schaffot. In dem letzten Augenblick bewies er mehr Muth, als man ſeiner ſonſt ſo feigen Seele zuge⸗ traut haͤtte. Er unterhielt ſich lange mit ſeinem Beichwater und ſagte zum Henker, als ihm dieſer die Hände band: — Kamerad, mach Deine Sache gut! Funfzehntes Capitel. Robespierre. (1793.) „Sire, je n'aime pas les Rois.« MANuRr. Es war ein rauher unfreundlicher October⸗ abend. In einem kleinen, drei Treppen hoch gele⸗ genen Zimmer in der Rue St. Honoré, Nr. 366, ſaßen drei Maͤnner von ziemlich gleichem Alter bei duͤſterer Lampe und dampfender Punſch⸗Bowle. Der Eine dieſes Kleeblatts war Robespierre, die beiden Andern, ſeine Gaͤſte, waren Chabot und Hebert. Maximilian Robespierre(geb. 1759 zu Arras), ein tuchtiger Advokat, der, 1789 von ſeiner Vater⸗ ſtadt zum Deputirten in der Nationalverſammlung und 1792 zum Mitglied des Convents erwaͤhlt, 192 als begeiſterter Apoſtel der Freiheit aufgetreten war, ſtand ſeit dem 28. Juli dieſes Jahres an der Spitze des ihm ergebenen Wohlfahrtsausſchuſſes, der, aus Carnot, Couthon, Lindet, Prieur, Barrère, Billaud⸗ Varennes, Jean Bon St. André und Collot d'Herbois zuſammengeſetzt, mit unumſchraͤnkter Ge⸗ walt regierte. Robespierre, der Dictator, das Haupt der Terroriſten, war ein bleicher Mann von 34 Jahren. Er trug einen hellblauen Rock, eine Weſte von geſticktem Mouſſelin mit roſenfarbenem Unterfutter, Beinkleider von ſchwarzer Seide, weiße ſeidene Struͤmpfe und Schnallenſchuhe*). In ſeinem durch Blatternarben entſtellten Ge⸗ ſichte lag ein ſtechender Hohn, eine ätzende Iro⸗ nie; aus ſeinem Auge flammten kuͤhne bohrende Blicke; ſeine Stimme, rauh und kreiſchend, konnte Schrecken einjagen, denn oſftmals klang ſie wie das Geſchrei einer Hyaͤne, die in der Nacht Grä⸗ ber aufſcharrt und Leichen frißt. Frangois Chabot(geb. 1759 zu St. Geniez⸗ *) In dieſem Anzug beſtieg er das Schaffot. 193 Dol in Rovergue) und Jacques Réné Hebert geb. 1755 zu Alengon), zwei der groͤßten Lumpen⸗ hunde, die jemals gelebt, waren Mitglieder des Convents und Lieblinge des ſouverainen Poͤbels. Chabot gab das»Journal populaire ou le Caté- chisme des Sansculottes«, Hebert gab den be⸗ ruͤchtigten»Pöre Duchesne« heraus. Robespierre haßte Beide von Grund ſeiner Seele, gebrauchte ſie aber als Werkzeuge; ſie wa⸗ ren, ſo zu ſagen, die Zangen, womit der ſchlaue Dictator die Kaſtanien aus dem Feuer holte. Robespierre fullte von Neuem die Glaſer und ſtieß rechts mit Chabot und links mit Hebert an, der ſchon halb betrunken war. — Es lebe die Freiheit! rief Robespierre. Hoch, hoch! riefen die beiden Sansculotten. — Auch Père Duchesne ſoll leben! — Danke Dir, Robespierre, lallte Hebert und ſtuͤrzte den Punſch hinunter. — Mag man ſagen, was man will, ſagte der Dictator, Père Duchesne iſt ein vortreffliches Journal, dann und wann zwar etwas gemein, 194 nicht ſelten ſogar ſchweiniſch, aber mitunter doch recht amuſant... — Oui, bougrement amusant, lallte Hebert und luͤmmelte den Kopf auf die Ellenbogen. — Am 16. October, heute vor 14 Tagen, wurde Marie Antoinette hingerichtet... Wem anders hat ſie es zu danken, als dem wuͤrdigen Pöére Duchesne, der täglich auf ſie geſchimpft und wie geſchimpft? — Bougrement geſchimpft, ſagte Hebert, deſ⸗ ſen Zunge, vom vielen Trinken noch ſchwerer ge⸗ worden, kaum mehr lallen konnte. — Braver, edler Pére Duchesne, fahre fort zu laͤſtern und zu ſchimpfen auf die Feinde der Republik, und ſei uͤberzeugt, großer, unſterblicher Hebert, daß ſie Dir die treuen Dienſte, die Du ihr geleiſtet, einſt belohnen wird. — Schenk ein, Unbeſtechlicher! rief Hebert mit geſammelter Kraft, ſchenk ein! Nichts in der Welt geht uͤber die Republik und ein gutes Glas Punſch. Tod allen Koͤnigen... es lebe die Frei⸗ heit und der Punſch! 195 — Hoch, hoch! rief Chabot. — Auch Du, Chabot, und Dein Journal po- pulaire ſollen leben! rief Robespierre, der ſelbſt nur wenig getrunken, den Andern aber deſto mehr eingeſchenkt hatte. Auch Dein Blatt hat mir... der Republik wollt' ich ſagen... gar oſtmals große Dienſte geleiſtet. Mit demantenem Griffel wird Clio Deinen Namen aufzeichnen in die As⸗ beſtblaͤtter der Geſchichte. Nach Eurem Tode wer⸗ den, wie beim Homer, ſieben Städte um die Ehre ſtreiten, Eure Wiege zu ſein... Den Dioscuren gleich werden Chabot und Hebert einſt als Sterne ewigen Ruhms am Himmel glaͤnzen. — Nicht mehr wie billig, ſtammelte Chabot. — Doch genug davon. Hoͤrt jetzt, was ich Euch zu ſagen habe. Um Staat und Volk ganz zu reformiren, iſt es nothwendig, daß die Ueber⸗ reſte der alten Zeit ausgerottet und bei Seite ge⸗ ſchafft werden. Alte Staͤmme faͤllt man nicht mit einem Male: der Thron iſt geſtuͤrzt.. jetzt muß auch die Kirche fallen. Es giebt in Frank⸗ reich keinen Koͤnig mehr... es darf auch kein 196 Gott mehr exiſtiren. Religion iſt ein Popanz, erfunden fuͤr das Koͤnigthum, das Schreckensge⸗ ſpenſter braucht, um den murrenden Sklaven ein⸗ zuſchuͤchtern. Die Republik und ihre freien Buͤr⸗ ger brauchen weder Gott noch Koͤnig. Wir wol⸗ len Tribunen, aber keine Kanzel. Geſetz iſt Mo⸗ ral, Gott iſt Vernunft. Die Tempel muͤſſen ge⸗ ſchloſſen, die Kirchenguͤter dem Pfaffengezuͤcht ent⸗ riſſen und Eigenthum der Nation werden.. Ihr, meine theuren Freunde, tragt im Convent auf Abſchaffung der chriſtlichen Religion an, und ich und mein Queue: mein Bruder, St. Juſt, Chaumette, Anacharſis Clvotz, Collot d'Herbvis werden Euern Antrag unterſtuͤtzen... Habt Ihr mich verſtanden? — Ja! ſchrie Chabot und leerte ſein Gias. — Du haſt Recht, Unbeſtechlicher! Fruͤher war ich ein frommer Kapuziner, jetzt bin ich ein Atheiſt. Die Religion genirt, man muß ſie uber Bord werfen, declamirte der beſoffene Père Du⸗ chesne und fing plotzlich zu ſpeien an. — Hebert iſt ein Schwein! rief Robespierre. 197 — Les Frangais sont tous égaux, ſagte Cha⸗ bot und fing nun auch zu ſpeien an. — Packt Euch, rief Robespierre, macht, daß Ihr nach Hauſe kommt! — Noch ein Glas Punſch! ſchrie Hebert. Schenk ein, Unbeſtechlicher... So, mehr noch! Nun ſtoßt an mit mir. Es lebe die Freiheit! — Hoch, hoch! rief Chabot. — Macht, daß Ihr fort kommt, ich habe noch zu arbeiten. — Na, wir gehen ja ſchon, ſagte Chabot. — Iſt kein Punſch mehr da? fragte Hebert. — Nein, Saufaus! — Na, gute Nacht, Unbeſtechlicher, ſprach der Père Duchesne und wankte mit Chabot zur Thuͤr hinaus und die Treppe hinab. — Lumpenhunde! ſagte Robespierre, als er allein war, Ihr ſeid reif zur Guillotine. Chabot ſiel in einen Rinnſtein, Hebert in ein Bordell hinein. Gluͤckliches Volk, das ſolche Repraͤſentanten hat! 198 Zwei Tage ſpaͤter ſtand im Pöre Duchesne ein Aufſatz gegen Gott und ein Pasquill auf die Religion. — Einfaltspinſel, ſchrieb Hebert, Gott, der biſt Du, der bin ich, das iſt eine Ruͤbe, das iſt die ganze Natur. Am 5. November wurde alles Kirchengut fuͤr Nationaleigenthum erklaͤrt. Der Convent, der die bleiernen Koͤnigsſaͤrge eingeſchmolzen, um Kugeln daraus zu gießen, befahl nun auch, die Glocken einzuſchmelzen, und daraus Sousſtuͤcke zu prägen (Sous cloches). 6 Am 7. November wurde der ſiebenzigjährige Gobel, Erzbiſchof von Paris, von Chaumette, Hebert, Clootz und Perrera vor die Schranken des Convents gefuͤhrt, wo er, ſein Patent und ſein Brevier, ſein Kreuz und ſeinen Hirtenring nieder⸗ legend, den Biſchofshut mit einer Jakobinermuͤtze vertauſchte und freiwillig erklaͤrte, keinen andern Glauben, als den der Freiheit und Gleichheit an⸗ zuerkennen. Sechszehntes Capitel. Robespierre's Geliebte. (S. Nov. 1293.) — Nein, es giebt keinen Gott mehr. Dupont. — Und wenn es einen giebt, ſo thut er Recht, ſich zu verbergen, ſonſt 1 erklären wir ihn für verdächtig. Couthon. Abends beſuchte Robespierre ſeine Geliebte. Sie hieß Maillard und war eine Schauſpielerin von mittelmaͤßigem Talent, aber ausgezeichneter Schoͤnheit. Jammerſchade, daß in einem ſo ſchoͤnen, makelloſen Koͤrper eine ſo haͤßliche, ſchmutzige Seele wohnte! Die Maillard war eine der ſittenloſeſten und verworfenſten Frauen: eine Erzkokette, die die Liebe nur vom Hoͤrenſagen kannte, eine Phryne, die mit den heiligſten Gefuͤhlen des Herzens Spott und Unfug trieb. Fuͤr Geld war ſie fuͤr Jeder⸗ mann zu haben. 200 Nicht aus Liebe, nur aus Furcht und Eigen⸗ nutz gab ſie ihre Reize auch dem Mann des Schreckens Preis. Dieſer aber liebte ſie, liebte ſie mit der ganzen Raſerei der erſten Liebe und war gluͤcklich, durfte er in ihren Armen ruhen, ſelig, durfte er an ihren Lippen ſchwelgen. Wohl wußte er, daß er dieſe Gunſt mit Vielen theilen mußte und dennoch liebte er ſie, denn ſie war ſo ſchoͤn, ſo uppig, ſo reizend, ſo verfuͤhreriſch ſchoͤn. — Heute Morgen, ſagte Robespierre, als er ſich zu ihr auf das Sopha ſetzte, habe ich Deinen lieben Brief erhalten. Du verlangſt 2000 Francs von mir. Es ſchmerzt mich, Dir ſagen zu muͤſſen, daß ich Deinen Wunſch in dieſem Augenblick nicht erfuͤllen kann. — Warum nicht, Robespierre? — Du kannſt noch fragen, Theure? weil ich ſo viel nicht habe. — Wie, Du, der Dictator, dem alle Kaſſen von ganz Frankreich vffen ſtehen, Du ſollteſt eine Bagatelle wie dieſe nirgends auftreiben konnen?? 201 — Ich koͤnnte es, aber ich mag es nicht. Haͤltſt Du mich fuͤr ſo verworfen, daß Du glauben kannſt, ich wuͤrde mich, wie hundert Andere, auf Koſten der Republik bereichern, die oͤffentlichen Kaſſen beſtehlen und Schaͤtze fuͤr mich zuſammen⸗ ſcharren? Das haſſe, das verabſcheue ich. Glaub' mir, meine Vielgeliebte, es giebt Tage, wo der Dictator, aͤrmer als jeder Andere, oft nicht 10 Francs im Vermoͤgen hat. — Das iſt laͤcherlich... — Aber wahr, mein Engel. Hier, theure Freundin, ſind 400 Francs.. die Haͤlſte davon hat mir mein Bruder Auguſtin geliehen... nimm, es iſt Alles, was ich habe.. — Ich brauche aber fuͤnf Mal mehr... — Quaͤle mich nicht, Melanie. Mit Freuden wuͤrde ich Dir Alles, was Du verlangſt, und wohl mehr noch geben, wenn ichs nur im Stande waͤre. — Da iſt Danton ein anderer Mann. Tauſende ſchenkt er ſeiner Maitreſſe... — Er iſt ein Schuldenmacher, ein Banke⸗ volteur 202 — Aber ein aufmerkſamer Liebhaber, ein treuer Freund in der Noth. — um Dir, meine Theure zu beweiſen, daß auch ich das bin, will ich dieſen Ring Dir geben. Vor vier Monaten bekam ich ihn vom Gefängniß⸗ wärter der Conciergerie, der ihn von der du Barry einen Tag vor ihrer Hinrichtung fuͤr ein Spiel Karten erhielt. Der alte ehrliche Kerkermeiſter machte ſich Gewiſſensbiſſe, daß er das Geſchenk an⸗ genommen... er kam zu mir, fiel mir zu Foͤßen, gab mir den Ring und bat um Verzeihung, denn er glaubte gefehlt zu haben. Ich ſchenkte ihm 1000 Francs.. und er war gluͤcklich. Der Ring iſt wohl mehr werth... verſetze, verkaufe ihn, mache damit, was Du willſt, aber ſei mir gut, mein holdes Weib, mein ſchoͤner Engel. — Du lieber, guter Mann! Die Leute ſagen, Du ſeiſt ein Tyrann, ein Wuͤtherich.. das iſt Verlaͤumdung... Du biſt ein edler Menſch... Du haſt ein weiches, gefuͤhlvolles, dankbares Herz... wie Seide kann man Dich um den Finger wickeln. — Das kannſt nur Du, Du, die ich liebe 203 wie die Freiheit. Es giebt ſehr viele Leute, die von Freiheit und Gleichheit ſchwatzen, aber wenige nur, die es offen und ehrlich mit ihr meinen. Die Meiſten ſind Phraſenmacher, die mit der Freiheit nur Koketterie treiben, ich, ich liebe ſie, liebe ſie wie Dich, mit der ganzen Kraft meiner Seele.— Ich werde falſch beurtheilt, Alles, was ich thue, entſpringt nicht aus niederer Bosheit, aus thieri⸗ ſcher Grauſamkeit, ſondern aus der klaren Ueber⸗ zeugung, daß es nothwendig ſei fuͤr das Wohl der Republik. Unſere Freiheit iſt eine ſchwache Pflanze, die dann erſt gruͤnen und gedeihen kann, wenn wir ſie mit dem Blute unſter Feinde, der Ari⸗ ſtokraten, traͤnken. Oft blutet mein Herz, wenn ich meine Landsleute ſcharenweiſe hinmorden ſehe; aber es muß ſein. Der Schrecken iſt das einzige Mit⸗ tel, das die Ariſtokraten in Zaum und Zuͤgel halten kann. Schafft heute die Guillotine ab und morgen ſteigt aus dem Schutt des alten Throns ein neuer empor... und die Freiheit, kaum geboren, wird frohlockend zu Grabe getragen, doch ſo lange ich noch lebe, ſoll und darf das nicht geſchehen. Das W4 ſind Schurken, welche ſagen, daß ich mein Vater⸗ land verrathen, die Republik an das Ausland ver⸗ kaufen will; Schurken ſind es, welche ſagen, daß ich die Herrſchaft an mich reißen und ſelber Koͤnig werden will... Haͤtte ich das wirklich gewollt, ſo ſaͤße ich ſchon laͤngſt auf dem Throne... aber ich haſſe das Koͤnigthum und liebe die Re⸗ publik und nicht Milliarden ſind im Stande, meine Grundſaͤtze umzuſtoßen. Hoͤre nun, was ich Dir mitzutheilen habe. Im Convent iſt, auf Heberts und Chabots Antrag, beſchloſſen worden, das Chriſtenthum abzuſchaffen. Frankreich ſoll nicht mehr den alten Gott, ſondern die Vernunft als hoͤchſtes Weſen anerkennen, und Notre⸗Dame, die alte Kirche Gottes, ſoll eingeweiht werden zum Tempel der Vernunft. Die, die ich liebe, ſoll von ganz Frankreich angebetet, gottlich verehrt werden... Du, theure Melanie, biſt auf meinen Antrag zur Repraͤſentantin des hoͤchſten Weſens, zur Goͤttin der Vernunft erwählt! — Iſt das wahr, Robespierre? — Ja, Theure, es iſt wahr: uͤbermorgen fruh 205 mit dem Glockenſchlage Zehn wird meine angebetete Goͤttin, begleitet von 10,000 Mann Nationalgar⸗ den, im Triumph nach Notre⸗Dame gezogen. — Du ſcherzeſt? — Nein, Melanie, nein. So eben komme ich aus dem Convent, wo es einſtimmig beſchloſſen ward. — Ich alſo die Goͤttin Frankreichs? Robes⸗ pierre, Deine Allmacht iſt groß! Sie ſank entzuͤckt in ſeine Arme. er blieb bei ihr. Am 10. Nov. geſchah, was er geſagt. Die Goͤttin der Vernunft, ihre Reize halb nackt zur Schau tragend, eine Pike in der Hand, eine phry⸗ giſche Muͤtze auf dem Haupte und ein Ebenmaaß auf der Bruſt, geſtuͤtzt auf eine Guillotine von Mahagonyholz, wurde auf einem Triumphwagen durch die jauchzende Menge und ein Spalier von Nationalgarden nach Notre-Dame gezogen. Dort angekommen, ſtreute man ihr Weihrauch und Blumen, es ertoͤnten die Glocken von ganz Paris und die Salven der Nationalgarden, und das Volk 206 fiel nieder auf die Knie und ſang mit Begeiſterung die von André Chenier gedichtete Hymne der Freiheit. Am 7. Mai 1794 beſtieg Robespierre die Tribune und hielt eine Rede, die ſo anfing: „Es giebt einen Gott und gäbe es keinen, ſo muͤßte man einen erfinden«. Und am 8. Juni wurde der alte Gottesdienſt wieder eingefuͤhrt und am 28. Juli wurden Robes⸗ pierre und deſſen Bruder, St. Juſt, Couthon, Dumas, Henriot und 16 Andere zur Guillotine geſchleppt. Ja, ja, es giebt einen Gott! Siebenzehntes Capitel. Das Ende der Schreckensherrſchaft. Am Abend des zehnten Thermidor(28. Juli), an welchem Robespierre und mit ihm die Schreckens⸗ herrſchaft unter dem Beil der Guillotine fiel, er⸗ hielt Robespierres Maitreſſe folgendes Billet: Buͤrgerin! Robespierre hat geendet. Wollen Sie jetzt, wo Sie von ſeiner Eiferſucht nichts mehr zu fuͤrch⸗ ten haben, noch laͤnger gegen mich die Sproͤde ſpielen? Ich brenne vor Begierde, Sie zu uͤber⸗ zeugen, wie ſehr ich die Macht Ihrer Reize zu achten weiß. Beſtimmen Sie eine Stunde, wo es mir geſtattet iſt, Ihnen meine Huldigung dar⸗ zubringen. Der Schreiber dieſes ziemlich lakoniſchen Lie⸗ besbriefes war Jean Nicolas Barras, der Tags 208 vorher vom Convent den Oberbefehl uͤber die Nationalgarde erhalten und an der Spitze einiger Bataillone das Hoͤtel de Ville umzingelt hatte, um Robespierre, der hier Schutz geſucht, verhaften zu laſſen. Die Antwort lautete: General! Morgen um 10 Uhr erwartet Sie Melanie Maillard. Barras, der ſich ſchon mit Tagesanbruch bei ihr anmelden ließ, ward in ihr Schlafgemach ein⸗ geführt. Die entthronte Gottin der Vernunft lag im Bette. — Jeden Andern haͤtte ich zu dieſer Stunde abweiſen laſſen; Sie, General, ſind mir willkom⸗ men, ſagte die Maillard, einen Shawl um ihre nackten Schultern werfend. Ein leichtes Unwohl⸗ ſein hat mich abgehalten, der Hinrichtung unſeres lieben Freundes Robespierre beizuwohnen. Sie wuͤrden mich verpflichten, General, wenn Sie mir die intereſſante Sitzung des 9. Thermidor und „ die letzten Augenblicke unſers Herrn Dictators er⸗ zaͤhlen wollten. — Im Convente herrſchte jene Schwuͤle, die einem großen Gewitter voranzugehen pflegt. Tal⸗ lien, Freron, Gouffroi, Ruamps, Leconitre, Gar⸗ nier, Bourdon und viele andere Conventsmitglie⸗ der, die dem Dictator den Tod geſchworen, hat⸗ ten ſich, mit Dolchen bewaffnet, in die Sitzung be⸗ geben. Robespierre unterhielt ſich eifrig mit Saint Juſt und Couthon. Dann und wann roch er an eine Roſe, die im Knopfloch ſeines Rockes ſtak.— Nachdem Thuriot die Sitzung eroͤffnet hatte, be⸗ ſtieg Saint Juſt die Tribune und hielt eine ge⸗ harniſchte Rede gegen die Ausſchuͤſſe der Regie⸗ rung, deren Beſtrafung er verlangte. Schon hatte die Macht ſeiner fulminanten Rhetorik den Muth der Verſchworenen gebrochen, als Tallien ihn un⸗ terbrach. Wozu dieſe Phraſen! rief er, der Schleier muß zerriſſen werden. Robespierre iſt ein Tyrann! er werde angeklagt! Praͤſident! rief Robespierre, ich verlange das Wort. Thuriot verweigerte es ihm. Ich ſage Dir, laß mich reden! ſchrie Ro⸗ III. 10 2¹0 bespierre. Die Reihe iſt an Saint Juſt. Schur⸗ kenpraͤſident! kreiſchte der Angeklagte, ich will, ich muß reden. Thuriot ließ die Klingel erſchal⸗ len; Robespierre wandte ſich an die Tribune: und Ihr, Ihr konnt' dazu ſchweigen? fragte er. Die Maſſe, von Angſt verſteinert, wagte nicht zu re⸗ den. Robespierre wandte ſich an den Marais, das Juſte⸗Milieu des Convents: Zu Euch, Ihr tugend⸗ haften Maͤnner, will ich reden, nicht zu den Moͤr⸗ dern, vor deren Wuth ich 73 Eurer Gefaͤhrten gerettet habe— ſchuͤtzet mich vor der Gewalt die⸗ ſer Schurken. Nieder mit dem Tyrannen! nieder mit ihm! donnerte Bourdon. Robespierre in An⸗ klage! riefen Alle, wie aus Einem Munde, und der Wuͤrfel war gefallen und ſein Schickſal war ent⸗ ſchieden. Robespierre und ſein Anhang wurde ſo⸗ fort arretirt. Aber der Kerkermeiſter des Luxem⸗ bourg gab ihm die Freiheit. Fleuriot, der Maire von Paris, laͤßt die Sturmglocke lauten, die Thore ſperren und Kanonen vor das Stadthaus auffah⸗ ren, um Robespierre, ſeinen Bruder, St. Juſt, Couthon und Lebas, die ſich hieher gefluͤchtet, zu 24 beſchuͤtzen. Ich wurde vom Convent beauftragt, das Stadthaus zu erſtuͤrmen und die Verräther gefangen zu nehmen. Ich und meine Bataillone eilen hin. Die Artillerie der Gemeinde ſtand mit brennenden Lunten bei ihren Kanonen. Schießt ſie nieder! commandirte Henriot. Es lebe der Convent! riefen die Soldaten und gehorchten ihm nicht. Die Eingange des Stadthauſes werden ge⸗ ſperrt— wir dringen in den Sitzungsſaal— einer meiner Gensd'armen, Charles Meda, ſtuͤrzt auf Robespierre, der aͤngſtlich in einer finſtern Ecke kauert. Meda ſchießt und zerſchmettert ihm die untere Kinnlade. Couthon, unter einem Tiſch verſteckt, wird hervorgezogen und mit Gewehrkol⸗ ben fortgeſtoßen. Lebas erdolcht ſich. Auguſtin Robespierre ſpringt zum Fenſter hinaus und bricht ein Bein. Alle werden unter ſtarker Bedeckung nach der Conciergerie abgefuͤhrt. Es lebe der Con⸗ vent! rief ganz Paris, das wieder zu athmen wagte und ſchwamm im Jubel. Geſtern Nach⸗ mittag um 4 Uhr ward Robespierre zum Blut⸗ geruͤſt gefuhrt. Er ſaß auf einem Karren zwiſchen 10 * 212 Couthon und Henriot. Eine Wolke wilden Poͤbels umhuͤllte den Karren, die Maͤnner ſangen patrio⸗ tiſche Lieder, die Weiber ſtießen Fluͤche und Ver⸗ wuͤnſchungen aus. Robespierre! rief die Eine, verflucht ſei der Vater, der Dich gezeugt! ver⸗ flucht die Mutter, die Dich geboren! verflucht die Amme, die Dich geſaͤugt! Du elender Henker, Du Bluthund! heulte eine Andere; Du haſt mei⸗ nen Mann, meinen Sohn, ſein Weib getodtet, dafur wirſt Du ſieden in der Hoͤlle, im Blute der Erwuͤrgten, die Teufel werden Dich ſchinden, wie Du uns geſchunden. Robespierre ſchien nichts zu horen, nichts zu ſehen; von allen Sinnen ſchien nur der Geruch noch nicht abgeſtumpft, er hielt ſich mit einem Tuche die Naſe zu, denn noch roch Henriots Kleidung von dem Kothe des Abtritts, in den er, um der Verhaſtung zu entgehen, hineingeſprungen. — und wie beſtieg er das Schaffot? fragte die Maillard mit geſpannter Neugier. — Er zitterte und bebte und murmelte, wie mir Samſon erzaͤhlte, ein Gebet zu Gott. * 213 — Der feige Schuft! Er, der fruͤher den al⸗ ten Herrn ein Hirngeſpinnſt, ein Maͤhrchen, eine Null genannt, er hat dieſe Null um Beiſtand an⸗ gerufen. Wieviel Koͤpfe fielen geſtern? — Zwei und zwanzig, darunter auch ſein Bruder Auguſtin. — Ein mittelmaͤßiger Tropf. — Und Dumas, Fleuriot, Lescot, Payan, Coffinhall, Vivier... — Der Praͤſident des Jacobinerclubbs. — Und Simon. — Der verruͤckte Schuſter. — Unterdeſſen war es Nacht geworden. Die Letzten wurden beim Schein der Fackeln guilloti⸗ nirt Si Inſt. — Schade um den ſchoͤnen Kopf! Er war einmal verliebt in mich.. — Und Sie? fragte Barras. — Passons la dessus, fuhr ſie fort, ich bin nicht abgeneigt, Ihre Wuͤnſche zu erhoͤren, aber laſſen Sie uns offen reden; ich brauche Geld, viel Geld... vor acht Tagen theilte Robespierre mit A4 mir die letzten 1000 Francs jetzt hab' ich keinen Sou; hier iſt ein Ring... ein Anden⸗ ken Robespierres... leihen Sie mir auf das Pfand 10,000 — Auf dieſen Ring? fragte Barras — Wohl weiß ich, daß er nicht die Haͤlfte werth; doch giebt er Ihnen eine Anwartſchaft auf meinen Dank, ſprach· die Schauſpielerin und wußte das Bett auf eine ſo kunſtliche Weiſe zu verſchie⸗ ben, daß ihr nacktes Bein ſichtbar wurde. — Abgemacht! rief Barras, ich behalte den Ring und bringe Ihnen heute Abend die 10,000 Francs. — General, ich erwarte Sie, ſprach die Mail⸗ lard und druckte zaͤrtlich ſeine Hand. Abend brachte Barras das Geld und blieb bei ihr. Achtzehntes Capitel. Eine Wittwe. (1296.) In einem kleinen, reizend ausgeſchmuͤckten Bou⸗ doir ſaß eine junge, reizendſchone, einfach aber ungemein geſchmackvoll gekleidete Creolin, die ſich von einer andern Frau die Karten legen ließ. Die Kartenlegerin war Demviſelle Lenormand, eine neue Pythia, die ſich durch ihre Karten⸗ orakel, welche faſt immer in Erfullung gingen, einen großen Ruf erworben hatte. Die andere Dame war Marie Fransoiſe Joſephine Taſcher de la Pagerie. Geboren am 24. Juni 1768 zu St. Pierre auf Martinique, hatte ſie ihr Vater, ein wohlhabender Edelmann, fruͤhzeitig mit ihrem Landsmann, dem Vicomte Alexander de Beauhar⸗ nais, vermaͤhlt. Ihr Gemahl, der ſehr jung in 21¹6 franzoͤſiſche Kriegsdienſte getreten, war Major in einem Infanterieregiment und ſpaͤter unter Luck⸗ ner und Cuſtines Generaladjutant der Nordarmee geweſen. Im Mai 1793 zum Obergeneral der Rhein⸗ armee ernannt, hatte er ſo glaͤnzende Beweiſe von Tapferkeit abgelegt, daß der Convent ihm das Kriegsminiſterium angetragen, einen Poſten, den er jedoch abgelehnt hatte. Bald darauf, nachdem der Convent das Decret erlaſſen, daß alle Ade⸗ lige in der Armee verabſchiedet werden ſollten, war Beauharnais angeklagt, Mainz den Feinden uͤber⸗ geben zu haben, zum Tode verurtheilt und am 23. Juli 1794 guillotinirt worden. Joſephine, — nach der Hinrichtung ihres Gatten, im Gefaͤngniß des Madelonettes eingekerkert, hatte nach dem Sturze Robespierres durch Barras ihre Freiheit wieder erlangt. Die Dankbarkeit jungen Wittwe hatte ſich nach und nach in Zuneigung, die Zuneigung in Liebe umgewandelt. Barras war ihr Beſchutzer, ihr Hausfreund, ihr Cavaliere servente geworden. — 8 217 — Eh bien, Mademoiſelle, was ſagen Ihre Karten? fragte die neugierige Wittwe. — Ich freue mich, Ihnen eine glaͤnzende Zu⸗ kunft prophezeien zu können. Sie haben viel Scho⸗ nes zu erwarten. — Zum Beiſpiel? — Noch heute erhalten Sie einen angenehmen Beſuch und eine angenehme Nachricht. — Leicht moͤglich. — Wenn meine Karten mich nicht trugen, ſo werden Sie Sich bald wieder vermaͤhlen. — Wiſſen Ihre Karten auch mit wem? — Mit einem tapfern Krieger, der die hochſte Sproſſe des Ruhms erſteigen wird. Himmel, was ſehe ich! — Was ſehen Sie? — Je, wahrhaftig, es iſt wahr. — Was iſt wahr? — Sie ſind zu großen Dingen auserkoren: Sie werden einſt eine Krone tragen. — Eine Dornenkrone? P — Nein, eine Herrſcherkrone, die alle Kronen 10— 218 der Erde verdunkeln wird: Sie werden einmal einen Thron beſteigen. — Das iſt in der That ſehr drollig. — Sie laͤcheln? — Sonderbar: ich war noch ein ganz junges Maͤdchen, als eine alte Creolin auf Martinique mir ganz daſſelbe prophezeite. — Ich bitte, nennen Sie mir Ihre Lieblings⸗ blume. — Dort ſteht ſie an meinem Fenſter. — Ein Heliotropium! Ja, ja, meine Karten haben mich nicht getaͤuſcht... Sie werden die Zierde eines Thrones werden... Sie haben zwei Kinder — Wer ſagte Ihnen das? — Meine Karten, Madame. Auch auf dem Haupte Ihrer Kinder ſehe ich Kronen glaͤnzen; Ihr Sohn wird auf dem Felde der Ehre den Lor⸗ beer der Unſterblichkeit erringen. — Eugen gleicht ſeinem Vater. — Und Ihre Tochter wird einen fremden Thron beſteigen, aber 219 — Sie runzeln die Stirn... ich bitte, reden Sie. — Ueber dem Diadem Ihrer Tochter lagern ſchwarze Wolken, ſie wird nicht gluͤcklich ſein. — Arme Hortenſe! — Jeſus, was iſt denn das? — Ich bitte, fahren Sie fort. — Eine ſtolze Dame, aus fernem Land, um⸗ flort die Sonne Ihres Gluͤckes.. Sie raubt Ihnen die Liebe Ihres Gemahls. — Die Schaͤndliche, laͤchelte Joſephine. — Und verdraͤngt Sie aus ſeinem Herzen. — Das iſt nicht ſchoͤn von ihr. — Mit Ihrem Stern erbleicht auch der Sh⸗ res zukuͤnftigen Gemahls. Ach! — Warum ſeufzen Sie? — Er wird auf fremder Erde ſterben, prophe⸗ zeite Mademoiſelle Lenormand und warf die Kar⸗ ten zuſammen. Da trat Barras ein. — Stoͤre ich, meine Damen? fragte Barras. 220 — Nicht im Geringſten, unſer Geſchaͤft iſt vollbracht. General, gratuliren Sie mir. — Darf ich fragen, warum? — Ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß ich naͤchſtens geſonnen bin, einen Thron zu be⸗ ſteigen. — Welch einen Thron? — Ja, das weiß ich noch nicht. — Es iſt die Zeit gekommen, wo man die Throne zertruͤmmert. — Mir zu Liebe wird man einen neuen auf⸗ bauen. — Eempfangen Ew. Majeſtaͤt im Voraus meine Huldigung, erwiederte der General, der Herrſche⸗ rin in spe zaͤrtlich die Hand kuͤſſend. Mademoiſelle Lenormand, klug genug, um ein⸗ zuſehen, daß ihre Gegenwart jetzt uberfluſſig ſei, packte ihre Karten zuſammen und empfahl ſich. Joſephine gab ihr das Geleite. — Was giebt es Neues? fragte Frau von Beauharnais, als ſie wieder eingetreten war. — Sie kannten doch die Goͤttin der Vernunft? 221 — Sie meinen die Schauſpielerin Maillard? — Die Arme iſt geſtern im Hötel Dieu an den Folgen ihrer Ausſchweifungen verſchieden. — Kannten Sie ſie? — So gut als mich ſelbſt. Wie gefallt Jh⸗ nen dieſer Ring? — Recht gut. — Dann bitte ich Sie, ihn zu behalten. Ich hatte ihr einſt 10,000 Francs darauf geliehen. Was thut man nicht Alles, wenn man verliebt iſt. Apropos. Ich habe einen Gruß an Sie vom Ge⸗ neral Bonaparte. urWaß macht der kleine Mann? — Er ſchwaͤrmt von Ihrer Schoͤnheit, nennt Sie eine Peri des Paradieſes und will Sie.. — Nun, was denn? — Heirathen, meine ſchoͤne Frau. — Wirklich? fragte Joſephine mit einem An⸗ flug von Malice. — In allem Ernſte. Das waͤre vraiement keine uͤble Partie. Bonaparte iſt ein junger, 22 tuͤchtiger Soldat, der bei Toulon bewieſen, was er zu leiſten vermag.. — Er hat ſich dort mit Ruhm bedeckt.. — Wie gefaͤllt er Ihnen? — Er iſt zwar nicht huͤbſch, aber doch recht angenehm. — Sie ſollten ihn heirathen. — Ich bin arm, er iſt es auch.. — Ein Mann wie Bonaparte braucht nichts als ſeinen Degen. — Und eine Armee, die ihm fehlt.. — Der Convent iſt mit Scheerers Commando nicht zufrieden... er ſoll aus Italien abgerufen werden. Heirathen Sie den jungen Mann und ich will fuͤr ſein Fortkommen ſorgen. — Ich muß lachen. — Woruͤber, ſchoͤne Frau? — Vor zehn Minuten prophezeite mir die Kartenlegerin, daß ich mich bald verheirathen werde — Alſo ein Fingerzeig des Himmels. 223 — Wo aber bleibt der Thron, den ſie ge⸗ weiſſagt? — Sie werden als Konigin in ſeinem Herzen thronen... heirathen Sie ihn, Joſephine; er iſt ein Mann, dem Kopf und Herz auf der rechten Stelle ſitzen.. — Sie wollen mich mit Gewalt unter die Haube bringen, vielleicht nur darum, um mich los zu werden. — Joſephine, Sie kraͤnken mich. Wahrhaf⸗ tig, ich meine es gut mit Ihnen. Sie ſtehen ſo allein in der Welt... — Habe ich denn nicht Sie? — Sie brauchen einen Mann ich bin lei⸗ der verheirathet... — Sie rathen mir wirklich, den kleinen Mann zu heirathen? — Ich glaube, Sie werden es nicht zu be⸗ reuen haben. — Nun wohl, wir wollen ſehen. 224 Am 8. Mai 1796 vermaͤhlte ſich der Buͤr⸗ gergeneral Napoleon Bonaparte mit Madame Joſephine de Beauharnais. Am Tage der Hochzeit erhielt General Bo⸗ naparte durch Barras und Joſephinens Einfluß das Obercommando uͤber die italieniſche Armee. 3 Neunzehntes Capitel. Der Abſchied. Allons enfans de la patrie, Le jour de gloire est arrivé. LA ManspmnrArsz. Die Stunde der Trennung ruͤckte heran. — Ich moͤchte verzweifeln! rief Bonaparte. Der Convent bringt mich um meine Flitterwochen. Kaum vermaͤhlt, muß ich mein ſchoͤnes Weib ver⸗ laſſen. Wie gern, Joſephine, bliebe ich noch einige Wochen bei Dir in Paris. — Dich ruft die Goͤttin des Sieges, erfaſſe die Gelegenheit und eile. — Ich trenne mich von Dir mit ſchwerem Herzen, Du biſt krank und kannſt mir nicht fol⸗ gen, Du biſt umringt von einem Hof von Schmeich⸗ lern. Schelte mich, Joſephine, mich quaͤlt der 26 Daͤmon der Eiferſucht. Wirſt Du mir treu bleiben? — Treu bis in den Tod! — Darf ich Deinen Schwuͤren trauen? — Biſt Du von meiner Liebe ſo wenig uͤber⸗ zeugt? — Ich weiß es, Du liebſt mich. Aber ihr Weiber ſeid ſchwache Geſchoͤpfe... Wer weiß, wie lange ich weg bleibe.. Aus den Augen, aus dem Sinn. — Willſt Du mich kraͤnken? — Nein, Joſephine, nein. Ich fuͤhle, daß ich Dir Unrecht thue und dennoch... o es iſt zum Raſendwerden! — Wie kann ein Soldat ſo kindiſch ſein! — Nennſt Du das kindiſch? Ich liebe Dich bis zur Raſerei und muß in den Krieg ziehen. — Mit Lorbeer gekroͤnt wirſt Du heimkehren in die Arme Deiner treuen Joſephine. Meine Wuͤnſche werden Dich begleiten, ich werde fuͤr Dich beten. 27 — Das iſt Alles recht ſchoͤn, aber noch lieber waͤre es mir, koͤnnte ich bei Dir bleiben. — Dich ruft die Ehre... — Ich folge ihr, aber wirſt Du mir auch fleißig ſchreiben. — In jeder Woche erhaͤlſt Du einen Brief von mir. — Nur einen Brief? das iſt zu wenig, Du mußt mir täglich ſchreiben, wie Du jede Nacht geſchlafen, was Du getraͤumt haſt.. nicht wahr, Du wirſt doch auch dann und wann von mir traͤumen? — Naͤrriſcher Menſch! — Ferner mußt Du mir ſchreiben, was Du den ganzen Tag getrieben haſt und wer Dich be⸗ ſucht hat. Ich erlaube Dir alle Beſuche zu em⸗ pfangen, nur Einen nicht.. — Und dieſer Eine? — Iſt Barras. Du lachſt? das iſt ſchaͤndlich von Dir! — Wie kann man ſo eiferſuchtig ſein! — Was kann ich dafuͤr! Du biſt ſo ſchoͤn, ſo 28 einnehmend.. die ganze Maͤnnerwelt iſt in Dich verliebt und ich armer Mann muß nach Italien, um mich mit den Weißroͤcken herumzuſchlagen. Weiß Gott, ich haͤtte große Luſt in Paris zu bleiben. — Und die Haͤnde in den Schoß zu legen und die Gelegenheit, Unſterblichkeit zu erringen, unbenutzt voruͤberziehen zu laſſen... Schaͤmen Sie Sich nicht, Buͤrgergeneral? — Du haſt Recht, ich muß fort und bald ſollſt Du von mir hoͤren. Dein Bild wird mir voranleuchten, mich begeiſtern und zum Siege fuhren, Du ſollſt Wunderdinge von mir hoͤren, Joſephine. Aber wehe, wenn Du mir nicht ſchreibſt! Ich kehre auf halbem Wege um, eile nach Paris und — Was denn? — Toͤdte Jeden, der es gewagt, mir Deine Liebe zu rauben ach meine Eiferſucht.. — Macht Dich naͤrriſch. — Du haſt Recht, liebes Kind, aber habe Mitleid mit mir und vergiß mir ja nicht zu ſchrei⸗ 229 ben, wie oft Dich jeder dieſer Herren beſucht hat; hoͤrſt Du, Joſephine?— Nun lebe wohl! — Meine Gedanken folgen Dir. — Wie, willſt Du mich ſo von Dir ſcheiden laſſen, ohne mir ein Andenken mit auf den Weg zu geben? — Was verlangſt du von mir? — Eine Locke von Deinem Haar, eine Schleife von Deinem Hut, ein Strumpfband, einen Hand⸗ ſchuh, einen Ring oder ſonſt etwas, was Du ge⸗ tragen haſt. — Nimm dieſen Ring. — Ein Andenken von Barras, gieb ihn her, ich will ihn tragen als einen Talisman, der in der Schlacht mir Muth einfloͤßen ſoll... Nun lebe wohl, mein ſuͤßes Weib, bleib mir treu und gut. Er ſchloß ſie in ſeine Arme, kußte ihre Stirn, kuͤßte ihre Augen, kuͤßte ihren Mund und ſprach: — Gott ſchenke mir das Gluͤck, Dich bald wieder zu ſehen. 230 Dann eilte er fort. Aus Joſephinens Auge ſtahl ſich eine Thraͤne. — Gott ſchuͤtze ihn, ſprach ſie und kuͤßte ſein Bild, das ſie auf ihrem Herzen trug. Am 30. Maͤrz 1796 kam Bonaparte in Nizza an, wo er, Scheerer abloͤſend, den Oberbefehl der Armee uͤbernahm. Am 12. April ſchlug er die Oeſtreicher unter d'Argenteau bei Montenotte, am 13. die Piemon⸗ teſer unter Beaulieu bei Milleſimo und Dego und zog am W. in Mondovi ein; am 8. Mai ging er bei Piacenza uͤber den Po, trug am 10. Mai bei Lodi einen glaͤnzenden Sieg davon, zog am 12. in Cremona, am 13. in Pavia und am 14. in Mailand ein. Der Sieg, gefeſſelt an ſeine Fahnen, folgte ihm von Stadt zu Stadt. Am 10. November 1799 wurde Napoleon Bonaparte zum erſten Conſul, am 26. Januar 1802 zum Praͤſidenten der italieniſchen Republik, am 2. Auguſt 1802 zum lebenslaͤnglichen Conſul 231 und am 18. Mai 1804 zum Kaiſer der Fran⸗ zoſen erwaͤhlt. Die Weiſſagung der Mademoiſelle Lenormand hatte ſich erfuͤllt. Joſephine beſtieg den Thron von Frankreich. Zwanzigſtes Capitel. Hector. (1294.) In einem kleinen, unanſehnlichen Hauſe der Rue Victoire wohnte ein junger Held, der gleich nach der Eroberung von Toulon nach Paris zu⸗ ruͤckgekehrt war. Kein Anderer war's, als Napoleon Bonaparte, ein Mann von fuͤnf und zwanzig Jahren, damals nur Commandant eines Artillerie⸗Ba⸗ taillons. Er ſtand am Fenſter; menſchenfeindlicher Un⸗ muth umflorte die ſieggekroͤnte Stirn, auf die Victoria ihren erſten Kuß gedruͤckt; er pfiff ſeinen Lieblingsmarſch, und ſeine Finger trommelten die Begleitung dazu auf der Fenſterſcheibe. Sein Geiſt, gelaͤhmt durch Unthätigkeit, ſein Herz, gequaͤlt von 288 unbefriedigtem Ehrgeiz fuͤhlten ſich namenlos un⸗ gluͤcklich. Sein duͤſteres Auge durchirrte die laby⸗ rinthiſchen Gaͤnge der Zukunft, die nachtumflort vor ſeinen Blicken lag. Ein ſicheres Einkommen, eine Wohnung in der Chauſſce d'Antin, ein Cabriolet und ein Platz im Theätre frangais, das waren damals die hoͤchſten Wuͤnſche des jungen Kriegsgottes, der zwoͤlf Jahre ſpaͤter als Kaiſer der Franzoſen, Koͤnig von Italien und Beſchutzer des Rheinbundes in den weltge⸗ ſchichtlichen Gemaͤchern der ſtolzen Tuilerien reſi⸗ dirte und von dort aus eine halbe Welt beherrſchte. Aber damals war er ein armer Soldat, der mit Neid und Noth zu kaͤmpfen und oſt nicht zwei Francs hatte, um bei einem Reſtaurant die beſcheidenen Wuͤnſche ſeines Hungers zu erfullen. Um dieſe Zeit machte er die Bekanntſchaft Talma's, der ſchon damals der Koriphaͤus der franzoͤſiſchen Kuͤnſtler war. Bonaparte, der von Jugend auf eine große Vorliebe fuͤr die Tragoͤdie beſaß, beſuchte, ſo oft es ſeine Boͤrſe erlaubte, das Theatre frangais, um Talma, den Gott der III. 11 234 Tragodie, zu bewundern. Nach und nach entſpann ſich zwiſchen dieſen zwei Herren eine Freundſchaſt, die, auf gegenſeitige Achtung gegruͤndet, immer inniger wurde. Bald hatte Einer vor dem Andern kein Geheimniß. Mehr als ein Mal, erzahlt Bourienne, machte Bonaparte, wenn es ihm an Geld fehlte, eine kleine Anleihe bei Talma, der, trotz ſeiner großen Gage, auch nicht viel hatte. An demſelben Tage, an dem Bonaparte ſo traurig und niedergeſchlagen an ſeinem Fenſter ſtand und auf die Straße hinunter ſah, klopfte es an ſeiner Thuͤr. Und ohne das»Entrezl« abzu⸗ warten, trat der Koͤnig der Schauſpieler, Frangvis Talma, ein. — Sie kommen wie gerufen, Talma, ich bin verdrießlich.. — Was fehlt Ihnen? — Ich ſterbe vor Langeweile! Die Kraſt in ſich fuhlen, daß man eine Welt erobern kann und muͤſſig die Haͤnde in den Schooß legen zu muͤſſen, iſt fatal, hochſt fatal. Mein junger Degen roſtet in der Scheide... ich verzweifle. 25 — Verzweifeln? warum nicht gar!... Sie konnten etwas Beſſeres thun. — Zum Beiſpiel? — Heute Abend ins Theater gehen. — Was wird gegeben? — Der Cid. ich ſpiele ihn. — Da muß ich hinein! rief Bonaparte, deſſen Stirn plötzlich heiter ward. Aber.. fugte er kleinlaut hinzu.. — Ich verſtehe, Sie haben kein Billet, ich habe ſchon daran gedacht und eins beſorgt. hier iſt es. Aber verſprechen Sie mir, daß Sie gewiß kommen, ich ſpiele noch einmal ſo gern. wenn ich Sie im Theater weiß; Ihr Beifall iſt mir lieber, als der von hundert Andern, denn Sie verſtehen etwas von unſerer Kunſt und reden nicht, wie ſo viele Andere, ins Blaue hinein. Alſo Sie kommen doch? — Gewiß, gewiß! Apropos, Talma, wann fuͤhren Sie mich bei Demoiſelle Mars ein? — Morgen, uͤbermorgen, wann Sie wollen; ietzt muß ich fort... 1 236 — Aber, mein Gott, warum ſo eilig? — Ach, ich muß noch meine Rolle durchgehen, ich habe ſie ſchon lange nicht geſpielt. Au plaisir de vous revoir, ſagte Talma und eilte zur Thuͤr hinaus. Bonaparte oͤffnete das Fenſter und ſah ihm nach. — Da laͤuft er! Weiß Gott, ich mochte Talma ſein! Er iſt ein großer Mann, der beſte Dollmetſcher Corneille's und Racine's, unſterblich wie ſie. Abends ging Bonaparte ins Theater. H. Das großartige Werk ſeines Lieblingsdichters Corneille, das meiſterhafte Spiel ſeines Freundes Talma hatten ihn dergeſtalt begeiſtert, daß er beim Nachhauſegehen bald dieſe, bald jene Stelle des Cid recitirte und dabei an Talma und an ſich dachte. Zu Hauſe angekommen, ſchlug er ſich Licht an und holte aus ſeinem kleinen Buͤcherſchranke einen Band von Corneille's Werken hervor. 237 — Cid, ſagte er, das Buch durchblaͤtternd, iſt die Tragödie aller Tragoͤdien. Sie erhebt das Herz, begeiſtert die Seele und entflammt uns zur Vaterlandsliebe, zum Heldenmuth und zu allen Tugenden, die dem Menſchen Unſterblichkeit verlei⸗ hen. Wie klein und nichtig nehmen ſich gegen dieſen tragiſchen Koloß die geputzten Pygmaͤen Voltaire's aus! Voltaire kennt weder Welt noch Menſchen, weder die Wahrheit noch die Groͤße der Leiden⸗ ſchaften.« Corneille verhaͤlt ſich zu Voltaire wie Hannibal zu Dumouriez, wie Julius Caͤſar zu Pichegru, wie Oliver Cromwell zu Robespierre.— Und mein Talma, welch ein Cid! Großer Cor⸗ neille, koͤnnteſt Du ihn ſehen, Du wuͤrdeſt Dich freuen uͤber Dein Werk und ſeinen Commentar! Als Du Deine Trauerſpiele ſchriebſt, gab es noch keinen Heros wie Talma! Jetzt hat Frankreich einen Talma, aber es fehlt ihm ein neuer Cor⸗ neille. Vor zwei Jahren(ich war damals noch Capitain im vierten Artillerie⸗Regiment) hatte ich⸗ begeiſtert von den Schoͤpfungen Corneille's und Racine's den Plan zu einem Trauerſpiel aus der 238 alten Geſchichte entworfen und ſchon den erſten Act vollendet. Wie waͤr's, wenn ich jetzt, wo ich nichts, gar nichts zu thun habe, meinen„Hector« hervorſuchte und ihn fertig machte?! Talma muͤßte ein herrlicher Hector, die Mars eine reizende An⸗ dromache ſein! Ei warum nicht? Morgen, nein noch heute, jetzt gleich will ich anfangen. So lange mein Schwerdt in der Scheide ruht, ſoll ſich meine Feder auf dem Papiere uͤben; die Feder iſt ja auch ein Schwert; auch durch ſie kann man ſich Un⸗ ſterblichkeit erringen. Alſo friſch gewagt! Bonaparte holte ſeine angefangene Tragoͤdie hervor, durchdachte von Neuem den ganzen Plan und arbeitete jetzt faſt ununterbrochen an einem Werke, das er von Tag zu Tag lieber gewann. Die Arbeit machte ihm Anfangs zwar etwas Muͤhe: es gab Augenblicke, wo er, vom Versmaß genirt, wuͤthend aufſprang und in tragikomiſcher Wuth ausrief: — Die verdammten Alexandriner ſind doch nicht ſo leicht, als ich ſie mir vorgeſtellt! Aber Corneille und Talma ſtanden vor ſeinem 239 Blick: dieſe Namen ermuthigten ihn von Neuem, und er arbeitete weiter und wollte ſein Trauerſpiel erſt dann, wann es vollendet ſei, ſeinem Freunde Talma zeigen, um ihn damit zu uͤberraſchen. — Der wird die Augen aufreißen, wenn ich ſagen werde: hier iſt ein Trauerſpiel. leſen Sie es iſt von mir! Der vierte Act war noch nicht vollendet, als er, am 6. Februar 1794, ganz unerwartet zum Brigadegeneral ernannt, wieder in militaͤriſche Thaͤ⸗ tigkeit trat, ſein Trauerſpiel unvollendet in einen Winkel ſeines Pultes warf und nun mit Leib und Seele wieder Soldat war. III. Eilf Jahre ſpaͤter, im Mai des Jahres 1805, ſaß im Palaſte der Tuilerien ein Mann in einer gruͤnen Uniform an ſeinem Schreibpulte. Es war Napoleon Bonaparte, der Kaiſer der Franzoſen. Laͤchelnd blätterte er in einem Manuſcripte herum, das wegen der ausgeblaßten Tinte etwas unleſer⸗ lich geworden. Es war ſein Trauerſpiel. 240 — Das Stuͤck iſt in der That nicht ganz ſchlecht, ſprach der Kaiſer zu ſich ſelbſt. Schade nur, daß ich keine Zeit habe, es durchzufeilen; einzelne Scenen muͤſſen ſich auf der Buͤhne, von Talma und der Mars geſpielt, gar nicht uͤbel ausnehmen; einige Momente muͤſſen ſogar großen Effect machen. Das Ganze aber bedarf einer ge⸗ ſchickten Hand, die einige holprige Verſe ebnet und der Idee mehr Colorit, mehr Glanz, mehr Duft giebt. Halt, da faͤhrt mir ein guter Ge⸗ danke durch den Kopf! Der Kaiſer ſchellte. Sein geheimer Staats⸗ ſecretair trat ein. — Wiſſen Sie, wo der Dichter der Achilleide, Luci de Lanceval, wohnt? — Nein, Majeſtaͤt; aber wir koͤnnen es ſchnell erfahren. — Gut, ſchicken Sie augenblicklich einen Or⸗ donnanzoffizier mit dem Befehl ab, Lanceval ſofort nach den Tuilerien zu bringen. Eilen Sie, Bou⸗ rienne, in einer Stunde muß er hier ſein. Bourienne ſandte ſofort einen Officier ab, der 41 den Dichter, welcher gerade ſeine Sieſta hielt, zu Hauſe fand. Herr Lanceval, aus dem Schlaf aufgeweckt, wurde bleich vor Schreck, als er den Befehl ver⸗ nahm, ſich ſofort nach den Tuilerien zu begeben. Er wollte eine Frage wagen, der Officier gab ihm aber klar genug zu verſtehen, daß er eilen muͤſſe, da der Kaiſer ihn erwarte. — Der Kaiſer! wiederholte der Dichter, dem der Schreck in die Beine fuhr. — Ja, ja, kommen Sie nur, kommen Sie! Eine halbe Stunde ſpäter ſtand Luci de Lan⸗ ceval, noch ganz ſtumm vor Erſtaunen, im Vor⸗ zimmer des Kaiſers. Er ward ſofort angemeldet und eingelaſſen. — Ich heiße Sie willkommen, Herr Lanceval! rief Napoleon dem Eintretenden entgegen. Ich habe Sie rufen laſſen, um Ihnen zu ſagen, daß Ihre Achilleide mir ſehr gefallen hat. Jetzt erſt wagte der Dichter aufzuathmen.. ein Muͤhlſtein war ihm vom Hetzen gefallen.. er verneigte ſich tief und ſprach: 242 — Sire.. — Ich weiß, was Sie ſagen wollen, fiel ihm Napoleon in's Wort, um dem conſternirten Dichter die Muͤhe zu erſparen, ſeine Rede fortzuſetzen. Ich habe leider nicht viel Zeit und muß mich kurz faſ⸗ ſen.. Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Lan⸗ ceval ich habe hier ein Trauerſpiel, das einſt ein junger Menſch geſchrieben, an deſſen Schickſal Niemand waͤrmern Antheil nimmt, als ich. Leſen Sie ſein Stuͤck, Herr Lanceval, ſtreichen Sie, ſo viel Ihnen gefaͤllt, ſchreiben Sie hinzu, was Sie wollen; mit einem Wort, verbeſſern Sie ſeine vie⸗ len Fehler... gern haͤtte ich das ſelbſt gethan; aber ich bleibe nur noch einen Tag in Paris, uͤbermorgen ruft mich die Kroͤnung nach Mailand .. Haben Sie das Stuͤck durchgefeilt und buͤh⸗ nengerecht gemacht, ſo reichen Sie es(ich habe meine Gruͤnde dazu) unter Ihrem Namen bei der Direction des Théaͤtre frangais ein. Sie werden mich verſtanden haben, Herr Lanceval, hier iſt das Manuſcript... laſſen Sie Sich die Muͤhe nicht verdrießen... der Kaiſer wird Ihnen dafuͤr 243 dankbar ſein„.. und nun Adieu, Herr Lan⸗ ceval. Ohne des Dichters Antwort abzuwarten, gab der Kaiſer ihm das Trauerſpiel, oͤffnete die Thuͤr, begleitete den Dichter, der ſich tief verneigend em⸗ pfahl, bis in die Mitte des Vorzimmers und kehrte dann in ſein Arbeitscabinet zuruͤck. W. Die Gefuhle, die die Bruſt des Dichters durch⸗ kreuzten, ſind ſchwer zu ſchildern. Lanceval war jetzt der gluͤcklichſte Menſch, denn der große Napoleon hatte ſeine Achilleide gelobt. Noch an demſelben Tage las er das Trauerſpiel, das der Kaiſer ſeiner Discretion anvertraut, noch an demſelben Tage fing er zu ſtreichen und corrigiren an und 14 Tage ſpaͤter reichte er das Stuͤck, neu abgeſchrieben, neu zugeſtutzt, unter ſeinem Namen bei der Direction des Theaͤtre frangais ein. Sechs Wochen ſpaͤter erhielt er von dem Co— mité ein Schreiben, worin ihm angezeigt wurde, 244 daß das Stuͤck zur Auffuͤhrung nicht geeignet und deshalb zuruͤckgewieſen iſt. Lanceval war empoͤrt. V. Zwei Monate ſpaͤter(Napoleon war unterdeſ⸗ ſen von Mailand nach Paris zuruͤckgekehrt) ließ der Kaiſer Herrn Lanceval kommen. — Nun, Herr Lanceval, ſind Sie mit der Tragoͤdie ſchon im Reinen? — Sire, ſchon laͤngſt! — Haben Sie ſie auch ſchon eingereicht? — Ja, Majeſtaͤt. — Haben Sie ſchon Beſcheid erhalten? — Ja, Sire. — Der Comité hat doch das Stuͤck ange⸗ nommen? — Nein, Majeſtaͤt, fluͤſterte kleinlaut der Dichter. — Nein?! donnerte der Kaiſer, der plotzlich in Wuth gerieth, aber ſchnell wieder ſanft wurde. 245 Haben Sie das Stuͤck vielleicht bei Sich? fragte er mit jenem einnehmenden Laͤcheln, das er ſo ſehr in ſeiner Gewalt hatte. — Sire, hier iſt das Manuſcript. — Wie finden Sie die Idee? fragte der Kaiſer. — Gut, ſehr gut! — Ich will nicht hoffen, daß Sie mir blos ſchmeicheln wollen. Ich wuͤnſche von Ihnen die Wahrheit zu hoͤren. — Sire, der junge Mann, der dieſes Stuͤck geſchrieben, beſitzt ein Talent, dem es nur an Rou⸗ tine fehlt, um einer unſerer groͤßten Dichter zu werden.. — Das freut mich, das freut mich ſehr, ſagte der Kaiſer, ging an ſein Pult und ſchrieb eigen⸗ haͤndig auf das vom Comité zuruͤckgewieſene Trauerſpiel: Les acteurs du théätre frangais joueront d'aujourdhui en un mois la tragédie, qu'ils ont eu la bétise de réfuser. Napoléon. 246 — Herr Lanceval, hier iſt das Stuͤck. Haben Sie die Guͤte, es nochmals unter Ihrem Namen einzureichen; jetzt werden dieſe Herren es nicht zuruͤckweiſen... ich buͤrge dafuͤr! Lanceval nahm das Stuͤck und reichte es am andern Morgen von Neuem ein. Eine Stunde ſpaͤter erhielt er folgendes Billet: Monsieur. Nous aurons Phonneur de vous prévenir que votre grande tragédie est unanimement acceptée. VI. Nach Verlauf von kaum drei Wochen fand auf dem Theaͤtre frangais die erſte Vorſtellung der Tragoͤdie»Hector« ſtatt. Es hatten ſich in der Hauptſtadt Geruchte verbreitet, die die Neugier der Pariſer dergeſtalt aufgeſtachelt, daß ſchon acht Tage vorher kein Billet zu dieſem Abend zu ha⸗ ben war. Das Haus war ſo gepfropft voll, daß keine Nadel zur Erde fallen konnte. Der ganze kaiſerliche Hof beehrte das Stuͤck mit ſeiner hohen M7 Gegenwart. Das Trauerſpiel gefiel außerordentlich. Der Kaiſer blieb bis zu Ende. Am Schluß des Stuͤckes wurde unter ſtuͤrmiſchem Jubel der Name des Dichters»Luci de Lanceval« genannt. VII. — Sind ſchon die Zeitungen da? fragte der Kaiſer, der ſeit 5 Uhr Morgens an ſeinem Arbeits⸗ tiſche ſaß, den Kammerdiener Marchand, der ihm das Fruͤhſtuck brachte. — Ja, Sire. — Bringe ſie mir, ſagte Napoleon. Marchand brachte ein ganz Packet Journale. Der Kaiſer, der nicht erwarten konnte, zu erfahren, wie die tauſendzuͤngige Preſſe ſein Trauerſpiel be⸗ urtheilt habe, durchflog die Feuilletons und ver⸗ gaß, daß ſein Thee kalt werde. Die Journale hatten das Stuͤck ungeheuer gelobt; die Gazette de France war das einzige Blatt, das den Muth hatte, manche Kleinigkeiten daran auszuſetzen. Dieſe ziemlich tadelnde Kritik war von Jouy, dem Verfaſſer des Ermite de la Chaussée d'Antin. 8 — Der Mann hat Recht, ſagte Napoleon und trank den kalt gewordenen Thee. VIII. (Auszug aus dem Moniteur). Se. Majeſtaͤt der Kaiſer haben geruht, dem Verfaſſer des Trauerſpiels:»Hector«, Luci de Lanceval und dem Verfaſſer des Ermite de la Chaussée d'Antins, Etienne de Jouy, den Orden der Ehrenlegion zu ertheilen. Ein und zwanzigſtes Capitel. Napolevns letzte Liebe. . Der Einzug in Mailand. (am S. Mai 1805.) Um 3 Uhr Nachmittags verkuͤndete der Kano⸗ nendonner und das Gelaͤute der Glocken die An⸗ kunft des Kaiſers und der Kaiſerin. Der Prinz Eugen, der Marſchall Jourdan und alle Nobili⸗ taͤten des franzoſiſchen und italieniſchen General⸗ ſtabes waren Ihren Majeſtaͤten entgegen gezogen. Der Kaiſer, der in einem von 8 Schimmeln gezogenen Wagen ſaß, hielt ſeinen Einzug durch das Thor von Marengo. Als der Zug an den 250 hier errichteten Triumphbogen kam, brachten Ra⸗ keten und andere Signale die Wirkung hervor, daß in demſelben Augenblick in allen Feſtungen des Koͤnigreichs Artillerie-Salven, jede von 60 Kanonen, abgefeuert wurden und die Glocken in ganz Italien zu laͤuten begannen. Der Departe⸗ ments Präfect naͤherte ſich, an der Spitze der oberſten Behoͤrden, dem Wagen Ihrer Majeſta⸗ ten und hielt eine italieniſche Rede. Der Praͤſi⸗ dent der Municipalitat uberreichte darauf dem Kai⸗ ſer die Schluͤſſel der Stadt mit einer kurzen ita⸗ lieniſchen Rede, die der Kaiſer in eben dieſer Sprache huldreich beantwortete. Als der Zug in das Innere der Stadt an⸗ kam, ertoͤnte ein tauſendſtimmiges, jauchzendes Freudengeſchrei. Der Cardinal Erzbiſchof von Mailand befand ſich an der Spitze der Geiſtlich⸗ keit vor dem Eingange der Kathedrale. Als hier der Wagen Ihrer Majeſtaͤten Halt machte, trat Seine Eminenz hinzu, ſtreute dem Kaiſer und der Kaiſerin Weihrauch und hielt eine Rede, worauf der Zug ſich wieder in Bewegung ſetzte. 20 Im Pallaſte angekommen, wurden Ihre Ma⸗ jeſtaͤten unter lautem Jubelgeſchrei von den Ehren⸗ wachen empfangen. Abends war ganz Mailand erleuchtet. II. Die Krönung. (am 26. Mai.) Gleich beim Anbruch des Morgens beſetzte die franzoͤſiſche und italieniſche Leibgarde, unter dem Commando des Generals Duroc, die Eingaͤnge der Kathedrale. Von der großen Treppe des Pallaſtes bis zum Hauptportal der Kirche war eine Galle⸗ rie errichtet, oben wie ein Zelt bedeckt, an beiden Seiten aber offen. Das Innere der Kirche, mit Carmoiſin-Seide und Goldfranzen ausgeſchmuͤckt, war durch 40 von dem Schiff herabhaͤngenden Kronleuchtern und eben ſo vielen an den Saͤulen befeſtigten Candelabern erleuchtet. Ueber dem in der Mitte der Kirche errichteten Throne, zu dem 252 25 Stufen hinauffuͤhrten, wolbte ſich ein von vier goldenen Siegesgottinnen getragener Baldachin. Um 10 Uhr Morgens zogen die Gerichtshofe, die Municipalitat und die Profeſſoren von Pavia und Bologna aus der Prafectur, die Wahlcolle⸗ gien, die Staatsconſulta und das geſetzgebende Corps aus ihren Verſammlungsgebaͤuden, die Generale, Oberſten, Praͤfecten und Vice⸗Praͤ⸗ fecten, ſaͤmmtlich unter Escorte, nach der Kathe⸗ drale, wo ihnen zu beiden Seiten des Thrones Plätze angewieſen wurden.— gur Rechten des Thrones waren die Logen der Kaiſerin, der Prin⸗ zeſſin Eliſa und des Prinzen Eugen; zur Linken die Logen des geſetzgebenden Corps und der Ge⸗ ſandten. Um 11 Uhr zog der Erzbiſchof von Mailand mit allen Cardinalen, Erzbiſchofen und Biſchoͤfen nach der Kirche. Zehn Minuten vor Zwoͤlf verließ die Kaiſerin, unter Vortritt eines Garde-⸗Detachements, ihrer Pagen, Stallmeiſter und Kammerherren, ihre Ge⸗ maͤcher und begab ſich uͤber die Gallerie nach der 253 Kirche. Zur Rechten der Kaiſerin gingen ihre Staatsdamen, zur Linken ihr erſter Stallmeiſter. Einer ihrer Pagen trug die Schleppe. Ihr voran ging die Prinzeſſin Eliſa, die Schweſter des Kai⸗ ſers, von Stallmeiſtern, Kammerherren und Edel⸗ damen begleitet. Am Eingang der Kirchthuͤr ward die Kaiſerin, unter einem Baldachin, vom Car⸗ dinal⸗Erzbiſchof empfangen, der ſie nach ihrer Loge fuͤhrte. Mit dem Glockenſchlage Zwoͤlf verließ der Kai⸗ ſer unter dem Donner der Kanonen und dem Ge⸗ laͤute aller Glocken den Pallaſt und begab ſich uͤber die Gallerie, durch ein Truppen-Spalier, nach der Kirche. Abtheilungen der franzoſiſchen und italieniſchen Garde eroffneten und ſchloſſen den Zug, der in folgender Ordnung ging: Waf⸗ fenherolde, Pagen, Ceremonien-Adjuncten, der Ceremonienmeiſter Salmatoris, der Ober-Ceremo⸗ nienmeiſter Graf von Segur. Die Krone Karls des Großen, das Scepter Karls des Großen, die Gerechtigkeitshand Karls des Großen, das Schwert KFarls des Großen, die Krone Italiens, das Scepter 254 Italiens, die Gerechtigkeitshand Italiens, der Ring Italiens, das Schwert Italiens, der Korb fur den Mantel Italiens, der Reichsapfel— jede dieſer Inſignien wurde von einem hohen Beam⸗ ten getragen. Dann kam der Kaiſer mit der Kai⸗ ſerkrone auf dem Haupte, in den Haͤnden haltend das kaiſerliche Scepter und die Gerechtigkeitshand, und mit dem koͤniglichen Mantel von Italien be— deckt. Die Ober⸗Stallmeiſter von Frankreich und Italien, Caulaincourt und Caprara, trugen den Mantel Sr. Majeſtat. Hierauf folgten die Mi⸗ niſter und die Großofficiere. Am Eingang der Kirche ward der Kaiſer vom Cardinal⸗Erzbiſchof empfangen; dieſer reichte ihm das Weihwaſſer und fuͤhrte ihn unter einem von Ca⸗ nonicis getragenen Baldachin bis zum kleinen Thron im Chor. Der Cardinal⸗Erzbiſchof ſtimmte das Veni Creator an; hierauf trugen die hohen Be⸗ amten die Inſignien Italiens, Krone, Scepter, Schwert, Gerechtigkeitshand, Mantel und Ring, nach dem Altar. Der Etrzbiſchof von Bologna brachte die eiſerne Krone. Nachdem der Erzbi⸗ W5⁵ ſchof alle dieſe Inſignien eingeweiht, begab ſich der Erzbiſchof von Ravenna(der Groß⸗Almoſenier Codronchi) zum Kaiſer, machte eine tiefe Verbeu⸗ gung und fuͤhrte ihn zum Altar, wo der Cardinal⸗ Erzbiſchof von Mailand ihm die Inſignien in folgender Ordnung uͤberreichte: Ring, Schwert, welches der Kaiſer in die Scheide ſteckte, Mantel, den der Ober⸗Kammerherr ihm anlegte, Gerechtig⸗ keitshand und Sccpter. Der Kaiſer verrichtete knieend ein Gebet, beſtieg dann den Altar, nahm die eiſerne Krone, ſetzte ſie einen Augenblick auf ſein Haupt, uͤbergab ſie dem Erzbiſchof und ſetzte dann die koͤnigliche Krone auf ſein Haupt, indem er ſolche in die Kaiſerkrone ſtellte. Dann beſtieg er den Thron. Der Erz⸗ biſchof ſtimmte das Gebet»In hoc regni solos an und ſprach darauf mit lauter Stimme: Vivat Imperator, Rex in aeternum. Die ganze Kirche wiederholte dieſes Gebet, das vom Orcheſter mit Muſik begleitet ward. Der Cardinal Erzbiſchof ſetzte das Hochamt fort. Der Groß-Almoſenier reichte dem Kaiſer das Evangelienbuch zum Kuße 256 dar. Hierauf ſtieg der Kaiſer von ſeinem Thron herab und begab ſich zum Altar zum Opfern. Eine Wachskerze mit incruſtirten Goldſtuͤcken, ein Silberbrod und ein Goldbrod wurden vor ihm her⸗ getragen und von ihm als Opfer dargebracht, worauf er wieder den Thron beſtieg. Bei dem Agnus Pei brachte ihm der Groß⸗Almoſenier zwei Mal den Friedenskuß vom Cardinal Erzbiſchof. Hierauf wurde ihm die Eidesformel gebracht. Sitzend die Krone auf dem Haupte und die Hand auf das Evangelienbuch haltend, ſchwur er den Eid. Der erſte Waffenherold rief hierauf mit lauter Stimme: Der ſehr glorreiche und ſehr erha⸗ bene Koͤnig Napoleon iſt gekroͤnt und inthroniſirt, es lebe der Kaiſer und Koͤnig! Eine Artillerie⸗Salve kuͤndigte die erfolgte Kroͤnung an. Nach dem Te Peum kehrte der ganze Kroͤnungszug in voriger Ordnung nach dem Pallaſte zuruͤck. 257 Nachmittags um 4 Uhr begaben ſich der Kaiſer und die Kaiſerin in feierlicher Proceſſion zur Dank⸗ ſagung nach der Kirche des heiligen Ambroſius. Bei dieſem Zuge commandirte Prinz Eugen die Truppen. Neben den Seiten des Wagens Ihrer Majeſtaͤten ritten die Marſchaͤlle Mortier, Beſſières, Lannes und Jourdan. Hinter dem Wagen ritten der Marſchall Moncey und der Kriegsminiſter Pino. »Nie hat Mailand, ſagt die Gazetta di Milano, einen ſchoͤnern, glaͤnzendern Tag geſehen, wie den heutigen. Napoleon ſchmuckte ſeine glor⸗ reiche Stirn mit der eiſernen Krone der lombar⸗ diſchen Koͤnige. Die Pracht und Feſtlichkeiten des heutigen Tages laſſen ſich nicht beſchreiben.— Abends verſuchte die Nacht vergebens, ihre Schatten uͤber unſere Stadt auszubreiten. Der Glanz der Illumination hatte die Nacht taghell gelichtet. Auf dem Forum Bonaparte, auf jenem Platze, wo vor⸗ mals Tauſende von Menſchen auf Scheiterhaufen verbrannt wurden, ward ein prachtvolles Feuerwerk fuͤr 100,000 Lire abgebrannt.« IMI. 12 258 III. Ein Abend im Theater della Scala. Am 31. Mai gab die Stadt Mailand Ihren Majeſtäten im Theater della Scala ein glaͤnzendes Feſt, das aus einem Concerte und einem Ball beſtand. Der Kaiſer und die Kaiſerin wurden mit dem tauſendſtimmigen e viva! empfangen. Unter der Elite, die die Logen fuͤllten, bemerkte man die Prinzeſſin Eliſe, den Prinzen Eugen, den Dogen von Genua, Girolamo Durazzo, die Marſchaͤlle Jourdan, Mortier, Beſſieres, Lannes, Brun und Moncey, den Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten Herrn von Talleyrand, den Kriegsminiſter Berthiet, den Miniſter des Innern Herrn von Champagny, den Großkanzler Melzi, den Fuͤrſten Mareschalci, den Oberceremonienmeiſter Herrn von Segur, den Ceremonienmeiſter Salmatoris, die Oberſtallmeiſter Caulaincourt und Caprara, den Oberkammerherrn Litta, die Generale Duroe, St. Cyr, Caffarelli und Lemarrois, die Pallaſt⸗ 259 praͤfecten Beauſſet und Saint⸗Didier, den Ober⸗ hofmeiſter Fenaroli, die Kammerherren Hedouville, Thiars, Mercy⸗Dargenteau und Beaumont, den Leibarzt Corviſart, Herrn Menneval, den Privat⸗ ſecretär des Kaiſers, und Herrn Deschamps, den Secretaͤr der Kaiſerin. Vom diplomatiſchen Corps waren zugegen: der Marquis von Luccheſini, Ge⸗ ſandter des Konigs von Preußen, der Fuͤrſt Corſini, Geſandter der Koͤnigin von Hetrurien, Herr von Cetto, Geſandter des Churfuͤrſten von Baiern, Baron von Dalberg, Geſandter des Churfuͤrſten von Baden, und Herr Bailly⸗ Benvenuti, Miniſter des Großmeiſters von Malta. Unter den Hof⸗ damen der Kaiſerin ſah man Frau von Savary, Frau von Arberg und Fraͤulein von Arberg. Der Kaiſer ſaß, umgeben vom Glanze eines zwie⸗ fachen Hoſſtaates, in der Mittelloge. Er trug ſeine grune Uniform und keine andere Decoration als das Band des ſchwarzen Adlerordens. Zu ſeiner Rechten ſaß die Kaiſerin, zur Linken die Prinzeſſin Eliſe. Das Concert wurde mit der Ouverture zu Cherubini's„Lodoiska« eroͤffnet. Bald darauf 42 260 erſchien eine junge, reizendſchoͤne Sangerin, die eine Arie aus Piccini's Roland mit einem alle Herzen erobernden Zauber vorirug. Die Kuͤnſtlerin, das gefeierte Schooskind von ganz Mailand, haͤtte wohl ſchwerlich eine beſſere Wahl treffen koͤnnen. Piccini war bekanntlich der Lieblingscomponiſt des Kaiſers, der dieſem Meiſter vor allen andern den Vorzug gab.— Napoleon lauſchte mit ſteigender Aufmerkſamkeit dieſer lieblichen, einſchmeichelnden Muſik, dieſer ſuͤßen, wolluͤſtigen Stimme, und waͤhrend ſein Ohr ſich an dem Zauber ihrer Toͤne ergotzte, berauſchte ſich ſein Auge in dem Glanze ihrer Schoͤnheit. Noch keine von allen Saͤnge⸗ rinnen hatte ſolch tiefen Eindruck auf ihn gemacht. — Wie heißt dieſe junge Dame? fragte er die Kaiſerin. — Sire, ſprach ſie, Graſſini iſt ihr Name. — Dieſer Name tou mir bekannt vor, ſagte Napoleon, der die Saͤngerin fixirte. Nach der Schlacht von Marengo wohnte ich hier dem Debuͤt einer jungen Kuͤnſtierin bei, die, wenn ich 261 nicht irre, auch Graſſini hieß. Es wird wohl dieſelbe ſein, die ich vor fuͤnf Jahren gehoͤrt. Sie iſt ſeitdem viel ſchoͤner geworden... ihre Stimme hat an Kraft und Umfang, an Schmelz und Aus⸗ druck viel gewonnen... Ja, ja, ſie iſt es! Die Stimme dieſer Nachtigall hat etwas Beruhigendes, Troͤſtendes, etwas Erquickendes und Erhebendes... So muͤſſen die Engel im Himmel ſingen! Joſephine ſchien faſt neidiſch zu ſein auf die⸗ ſes Lob. — Sire, ſprach ſie, ich habe Sie noch nie⸗ mals ſo enthuſiasmirt geſehen.. — Kein Wunder, Madame, denn ich habe noch nie eine ſolche Stimme gehoͤrt. Das iſt ein Schalmeienton, der bei aller Luſtigkeit doch etwas Ruͤhrendes hat! Das iſt eine Stimme, die in das Herz des Herzens dringt und jeden Nerv mit Luſt erfuͤllt. Armer Piccini, Du ruhſt im Grabe und kannſt ſie nicht hoͤren.. das nenne ich Muſik, das nenne ich Geſang! Und als die Saͤngerin ihre Arie beendigt hatte, 262 war der Kaiſer der Erſte, der ihr Beifall zu⸗ klatſchte. Das war ein Signal fuͤr den ganzen Hof: Alles, was Haͤnde hatte, applaudirte und ſelbſt die Kaiſerin zeigte ſich, dem Kaiſer zu Ge⸗ fallen, ſo herablaſſend, in dieſen Beifall, der gleich einem endloſen Donner den Saal durchbrauſte, laͤchelnd einzuſtimmen. Guiſeppa Graſſini, die den Kaiſer in ſo ho⸗ hem Grade bezaubert hatte, war die Tochter eines armen Landmannes, der ſie, weil ſie ſchon fruͤh⸗ zeitig Luſt und Anlage zum Geſang gezeigt, in ihrem funfzehnten Jahre nach Mailand zu einem ſeiner reichen Anverwandten gebracht. Der Ge⸗ neral Belgiojoſo, ein Maͤcen der Muſik und neben⸗ bei ein Verehrer weiblicher Schoͤnheit, hatte ſich des Maͤdchens liebreich angenommen, ihm von den beſten Meiſtern Unterricht ertheilen und ihre An⸗ lagen ausbilden laſſen. Die boͤſe Welt, die in jeder guten That nur einen Act des Eigennutzes ſieht, hat die Abſichten des Generals zu verdaͤch⸗ tigen geſucht, doch ſind dies Geruͤchte, denen man nur halben Glauben ſchenken darf. Im Jahre 263 1798 hatte Giuſeppa in Venedig debutirt, war dann als Primadonna nach Neapel gegangen und von dort einem glaͤnzenden Ruf nach Mailand ge⸗ folgt. Signora Graſſini ſtand jetzt, kaum 23 Jahre alt, in der Maienbluͤthe ihres Lebens, im Zenith ihrer Schoͤnheit. Nicht mit Unrecht hatte ſie ein Dichter, der ſie beſungen, Italiens Caͤcilia genannt. Sie war in der That eine der ausge⸗ zeichnetſten Schoͤnheiten Europas. Ihre großen, ſchwarzen Augen, den Sternenglanz einer italieni⸗ ſchen Sommernacht ausſtrahlend, ihre ſchwellen⸗ den Lippen— uͤppige Korallenzweige, die Perlen ihrer Zaͤhne beſchirmend— ihr duftiger Teint, wetteifernd mit dem keuſchen Weiß der Lilie— ihr reizender Wuchs, ihr gracieuſes Benehmen, dies Alles bildete ein Bouquet unwiderſtehlicher Reize. Leicht erklaͤrbar, daß Giuſeppa Graſſini die angebetete Sonne aller Dilettanten war. Auch dem Kaiſer ſchien ſie zu gefallen, denn als ſie zum zweiten Mal erſchien, um eine Arie von Zingarelli vorzutragen, nahm Napoleon, was er ſonſt nie zu thun pflegte, das Opernglas der 264 Prinzeſſin Eliſe, um die Kuͤnſtlerin genauer zu betrachten. — Elle est bien jolie, ſagte die Prinzeſſin Eliſe zum Kaiſer. — Oui, erwiederte der Kaiſer mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Kaͤlte und ſtellte ihr das Glas zuruͤck. Nach beendigtem Concert begann der Ball. Erſt gegen Mitternacht verließ der Kaiſer das Theater. IV. Der Contract. Am andern Morgen ließ Napoleon ſeinen Lieb⸗ ling, den General Duroc rufen. — Sie waren geſtern Abend im Theater? — Ja, Sire. — Eh bien, wie hat Ihnen die Graſſini ge⸗ fallen? — Sire, außerordentlich! Es waͤre zu wuͤn⸗ ſchen, unſere große Oper in Paris beſäͤße ein ſol⸗ ches Talent.. 265 — Sie haben Recht, Duroc... Vaͤter, die von der Reiſe heimkehren, pflegen ihren guten Kindern etwas mitzubringen. Unſere gute Stadt Paris wuͤrde Mund und Augen aufſperren, braͤch⸗ ten wir ihr eine ſolche Stimme, eine ſolche Schoͤn⸗ heit mit — Unſere Oper wuͤrde durch ſie einen neuen Aufſchwung erhalten. — Das denke auch ich.. Laſſen Sie Sich von meinem Privatſecretair 10,000 Francs aus⸗ zahlen, kaufen Sie fuͤr dieſe Summe ein Collier von Diamanten und ſtellen Sie es noch heute, im Namen Ihrer Majtſtät der Kaiſerin, der Signora Graſſini zu. — Ein Collier fuͤr 10,000 Francs? — Finden Sie das Geſchenk zu gering? Nun gut, ſo nehmen Sie einen Schmuck fuͤr 20,000 Francs. Man muß die Kunſt belohnen; nicht wahr, Duroc? — Sire, Sie waren von jeher ein großher⸗ ziger Maͤcen der Kunſt... 12— 266 — Aber noch heute muß der Schmuck in ih⸗ ren Haͤnden ſein. Sie ſelbſt, Duroc, uͤberreichen ihr ihn. Sagen Sie ihr, der Kaiſer haͤtte ſich guͤnſtig uͤber ſie ausgeſprochen und den Wunſch fallen laſſen, ſie je eher, je lieber in Paris zu ſehen. Fuͤgen Sie hinzu, daß es ihr in Paris an nichts fehlen ſoll. Denken Sie Sich, Duroc, Sie waͤren der Impreſſario eines Theaters.. ſuchen Sie ſie zu uͤberreden, ihr hieſiges Engagement aufzugeben. Machen Sie ihr begreiflich, daß Paris ihr groͤßere Vortheile gewaͤhre, als Mailand und jede andere Stadt der Welt bewilligen Sie ihr Alles, was ſie verlangt, aber ſchließen Sie, wo moͤglich, noch heute den Contract mit ihr ab... — Und auf wie lange? — Auf fuͤnf, auf zehn, auf zwanzig Jahre.. auf ſo lange ſie will. — Sogleich will ich mich hin verfuͤgen. — Aber vor allen Dingen den Schmuck.. fuͤr 30,000 Francs... — Ich eile. 267 — Gut, Duroc, gut, ſprach der Kaiſer und klopfte freundlich die Schulter des Generals, der ſofort das Cabinet verließ, um ſich deſſen Auf⸗ trags zu entledigen. Zwei Stunden ſpaͤter uͤberreichte General Du⸗ roc, im Namen Ihrer Majeſtaͤt der Kaiſerin, der Signora Graſſini einen Schmuck fuͤr 30,000 Francs und eine Stunde ſpaͤter ſchloß er mit ihr einen Contract ab, laut welchem ſie als kaiſerlich⸗könig⸗ liche Kammerſaͤngerin mit 20,000 Francs Monats⸗ gage, vorlaͤufig auf drei Jahre, engagirt war. Als Duroc dem Kaiſer den von Signora Graſ⸗ ſini unterzeichneten Contract vorlegte, rieb er ſich tallernd die Haͤnde und ſagte zum General: — Duroc, Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Zehn Tage ſpaͤter, am 9. Juni, begab ſich Signora Graſſinn nach Paris. Am Vorabend ihrer Abreiſe hatte ihr der Kaiſer, durch Duroc, 20,000 Francs Reiſegeld, begleitet von einem ſchmeichelhaften Handbillet, zuſtellen laſſen. Am 10. Juni reiſte der Kaiſer ab. 268 V. Liebe und Abneigung. Signora Graſſini bewohnte in der Rue Chan⸗ tereine ein großes Hötel, das vom Kaiſer fuͤr ſie gemiethet und feenhaft ausgeſchmuͤckt worden war. Reiche Gobelin-Tapeten, die beruͤhmteſten Schlach⸗ ten Napoleon's darſtellend, prachtvolle Teppiche, koſtbare Trumeaux, Luſtres und Girandolen bilde⸗ ten ein Enſemble, wie man es nur in Pallaͤſten zu finden gewohnt iſt. Die Einrichtung des ganzen Hötels hatte uͤber 30,000 Francs gekoſtet. Die reizende Saͤngerin, die im Theater, aber haͤufiger noch in den Tuilerien ſang, wurde von ganz Paris auf Haͤnden getragen: ihre Stimme, ihr Vortrag riß Alles zur Bewunderung hin. Die Journaliſten, den Koͤcher ihres Lobes leerend, erho⸗ ben ſie bis zu den Sternen: ſie war ja der Lieb⸗ ling des Publikums, der Abgott des Hofes, die Geliebte des Kaiſers. Jeden Abend, wenn es zu dunkeln begann, ſchlich ein kleiner Mann in einem blauen Ober⸗ 269 rocke, mit einem dreieckigen Hute bedeckt, aus dem Schloß der Tuilerien durch die kleine Thur des Pavillon du Marſan, ſtieg, begleitet von einem ſei⸗ ner Vertrauten, eben ſo angezogen wie Jener, in einen Fiacre, der Beide nach der Rue Chantereine Nr. 28. fuhr. Der Eine war Napoleon, der An⸗ dere der Großmarſchall Duroc. Die Geliebte des Kaiſers, beneidet von ganz Paris, war doch keinesweges gluͤcklich. Stunden⸗ lang ſaß ſie in ihrem mit ſardanapaliſchem Luxus uͤberkleideten Boudoir, dem geheimen Kummer, der ihr Herz erdruckte, durch Thränen einen Ausgang bahnend. Napoleon, der Mann des Ruhmes, in deſſen Strahlen eine halbe Welt ſich ſonnte, Na⸗ poleon, gefurchtet und geliebt von ganz Frankreich, Napoleon, der ſiegestrunken in ihren Arme lag, hatte keinen Reiz fuͤr ſie. Sein Benehmen, das der ganze Hof ſo liebenswuͤrdig, ſein Laͤcheln, das ganz Frankreich ſo einnehmend fand, hatte fur Gui⸗ ſeppa etwas Abſtoßendes, und je mehr er ſeine Zärtlichkeit verdoppelte, deſto mehr wuchs ihre Ab⸗ neigung, die, ob ſie ſich gleich keinen beſtimmten 270 Grund anzugeben gewußt, in ihrem Herzen tiefe Wurzel gefaßt hatte. Ein Kuß von ſeinem Munde — eine Gunſt, fuͤr die manche Dame ihr Leben, ihre Tugend, ihre Ehre hingeopfert häͤtte— machte ihr Blut erſtarren. Wohl war ſie klug genug, das wahre Gefuͤhl ihres Herzens zu verbergen. Ihre Eitelkeit ſagte ihr, daß ſie dem Kaiſer, der ſie mit Glanz und Ehre umgeben, Dankbarkeit ſchuldig ſei. Uund deshalb bekaͤmpfte ſie ihre Abneigung, ihren Widerwillen und heuchelte dem Kaiſer ein Gefuhl, das ihrem Herzen fremd war. Mit Freuden hatte ſie ihn aufrichtig, innig geliebt, doch wie ſehr ſie ſich auch bemuͤhte, ihr Herz zu uͤberreden, dieſe Abneigung zu uͤberwinden, ſie vermochte es nicht; der Widerwille, fruchtlos bekämpſft, artet zuletzt in Eckel aus. Bei der leiſeſten Beruͤhrung ergriff ſie ein kalter Schauer: ſie mußte die ganze Kraft ihres Geiſtes anſtrengen, um dies Gefuhl zuruͤckzudraͤngen. Nur ein Frauenherz kann em⸗ pfinden, welche Qual es iſt, einem Manne, der Widerwillen einfloßt, Liebe heucheln zu muͤſſen! Der Kaiſer, der ſich aufrichtig von ihr geliebt 271¹ waähnte, gab ihr taglich neue Beweiſe eines unbe⸗ grenzten Wohlwollens. Er ſchmuͤckte ihre Schulter mit Shawls, ihren Hals mit Perlen, ihr Haar mit Juwelen, um die der ganze Hof ſie beneidete. Eines Abends, als er fruher, wie gewoͤhnlich, ſie beſuchte, fand er ſie in Thraͤnen. — Sie weinen, Giuſeppa? fragte der Kaiſer tief bewegt. Darf der treueſte Ihrer Freunde wiſ⸗ ſen, welche Wolke die Sonne Ihres Gluͤckes truͤbt? — Sire, ſprach Signora Graſſini, die ſich ſchnell geſammelt, ich las vorhin ein Buch der Frau von Genlis, die Lebensgeſchichte des Fraͤuleins de La Valliere. Sire, was halten Sie von dieſem Ludwig, der, trotz aller Schwuͤre ſeiner ewigen Liebe, dieſen Engel verließ, um in die Arme einer Monteſpan zu eilen? — Der große Ludwig war nicht wuͤrdig ſol⸗ cher Liebe. Ein Egoiſt, wie er, kann keinen An⸗ dern lieben, als ſich ſelbſt.. — Und Louiſe de La Valliere? — Sie war die Krone ſeiner Krone.. 272 — Und ſtarb, von ihm und aller Welt ver⸗ laſſen, in den Mauern eines Kloſters. — Ihre Zukunft, Giuſeppa, will ich freund⸗ licher geſtalten. So lang Sie leben, ſoll Ihr Gluͤck die erſte meiner Sorgen ſein. Hier, theure Freundin, iſt ein Ring, den einſt die Kaiſerin mir geſchenkt. Der Ring ſei Zeuge meines Schwurs, daß Ihre Wuͤnſche auch die meinen ſind. Er druͤckte einen Kuß auf ihre Stirn und reichte ihr den Ring. Acht Tage ſpäter war Concert bei Hofe. An dieſem Abend machte Signora Graſſini die Be⸗ kanntſchaft des beruͤhmten Violiniſten Pierre Rode, der, von einer Kunſtreiſe heimgekehrt, wieder in den Tuilerien erſchien. Der gefeierte Kuͤnſtler wurde von dem Auditorium und ſelbſt vom Kaiſer huld⸗ voll empfangen. Rode trug ein neues Concert vor, welches ſo großen Enthuſiasmus erregte, daß er es, auf den Wunſch der Kaiſerin Joſephine, wie⸗ derholen mußte. Die ſchoͤne Compoſition, der ge⸗ fuͤhlvolle Vortrag und der ehrenvolle Beifall, der 23 ihm von ganzen Hofe zu Theil geworden, hatte auf Signora Graſſini einen ſo tiefen Eindruck ge⸗ macht, daß ſie, vergeſſend, daß ſie bei Hofe ſei, hingeriſſen von ihrem Enthuſiasmus, dem großen Meiſter, nach beendigtem Concert, entzuͤckt um den Hals fiel, ausrufend: — Ihre Geige iſt die erſte Saͤngerin der Welt! Rode, Anfangs verwirrt und in Verlegenheit gebracht, faßte ſich bald und ſprach: — Signora, erſt ſeitdem ich Sie ſingen ge⸗ hoͤrt, weiß ich, was ſingen heißt. Napoleon, deſſen Blick, geſchaͤrft durch Eifer⸗ ſucht, Guiſeppa's Herz trotz aller Huͤllen allzubald durchſchaut hatte, ließ ſie von ſeinem Adjutanten Junot beobachten. Durch ihn kam er, 2 Monate ſpaͤter, auf die Spur eines ſchlau verborgenen Ge⸗ heimniſſes. Entruͤſtet ließ er ſeinen Polizeiminiſter rufen. — Fouché, ſprach der Kaiſer, Sie ruhmten neulich Ihre Allwiſſenheit; Sie ſagten mir, nichts bliebe Ihrem Scharfblick und den Argusaugen Ihrer Polizei verborgen... 274 — Sire, das ſage ich noch jetzt.. — Nun gut, ſo ſagen Sie mir, wer iſt der Mann, der ſeit Kurzem jede Nacht in der Rue Chantereine in das Haus der Graſſini ſchleicht? — Er wohnt in der Rue Montblanc, iſt ein Violinſpieler und heißt... — Nun, wie? fragte der Kaiſer in großer Aufregung. — Pierre Rode! — Rode! So hat ſich Junot alſo doch nicht getaͤuſcht, rief Napoleon, zornig auf- und abge⸗ hend. Außer ſich, daß ein Weib, die er mit Glanz und Reichthum uͤberhaͤuft, den Muth habe, ihn zu hintergehen, knirſchte er mit den Zaͤhnen und ſprach: — Laſſen Sie von heute ihr Haus bewachen und den Mann, der wie ein Dieb ſich einzuſchlei⸗ chen wagt, ſofort feſtnehmen, bis auf weitere Ordre. Fouche eilte den Befehl des Kaiſers zu voll⸗ ziehen. In dem Nebenhauſe der Signora Graſſini la⸗ gen, ſeit es dunkel geworden war, fuͤnf Polizei⸗ agenten auf der Lauer. 4 275 Nach Mitternacht kommt ein Mann, in einen Mantel gehuͤllt und eine Geige unterm Arm, aͤngſt⸗ lich wie ein Dieb an's Haus geſchlichen. Er klopft dreimal in die Hand und bald darauf oͤffnet ſich das Hausthor. Der Mann wrill eben hineinſchluͤ⸗ pfen, als ihn einer von Fouché's Agenten am Man⸗ tel zuruͤckhalt; der andere haͤlt ihm eine Hand⸗ laterne vor's Geſicht und ſagt: — Er iſt's! Arretirt ihn! In demſelben Augenblick vernimmt man im Hausflur einen Schrei. Einer der Agenten ſturzt hinein. Auf der Erde liegt eine junge Dame in einem verfuͤhreriſchen Nachthabit.—— Es iſt Signora Graſſini, die aus Vorſicht ſelbſt ge⸗ kommen war, um dem Geliebten das Thor zu oͤff⸗ nen. Als ſie Rode's Zeichen und den Befehl»Ar⸗ retirt ihn«e vernommen, war ſie ohnmaͤchtig nieder⸗ geſunken. Drei Agenten trugen die Ohnmaͤchtige in ihre Zimmer hinauf, die andern brachten Herrn Rode und ſeine Geige auf die Polizei⸗Praͤfectur. 276 VI. Eine Privataudienz. Am andern Morgen ſah man im Vorgemach des Kaiſers eine junge, bleiche Dame in einem ſchwarzen Atlaskleide, die, eine Bittſchrift in der Hand, ſich eine Privataudienz erbat. Der dienſtthuende Kammerherr verfugte ſich in's Cabinet, um ſie anzumelden. — Sire, ſagte Mercy d'Argenteau, im Vor⸗ ſaal harrt Signora Graſſini. — Was will ſie? fragte der Kaiſer aufgebracht. — Sie bittet um die Gnade, Ew. Majeſtaͤt moͤchten huldreich geruhen, ihr einen Augenblick Gehoͤr zu ſchenken. Napoleon, Anfangs unentſchloſſen, ob er die Fuͤnſtlerin abweiſen oder vorlaſſen ſollte, ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: — Sie mag kommen! Signora Graſſini warf ſich, kaum eingetreten, dem Kaiſer zu Fuͤßen. — Sire, ſprach ſie, eine Strafbare, die nicht wuͤrdig iſt der Huld, womit Eure kaiſerliche Ma⸗ jeſtät ſie uberhaͤuft hat, liegt zu Ihren Fuͤßen, um ſich einer ſchweren Schuld anzuklagen.. — Stehen Sie auf, Mademoiſelle, ich kenne Ihr Unrecht: Sie haben mich getaͤuſcht, hinter⸗ gangen, betrogen... Kommen Sie, um Ihre Schuld zu laͤugnen? — Nein, Sire, ich komme, um Alles zu ge⸗ ſtehen. Sire, ich habe Sie nie geliebt. Verge⸗ bens habe ich mich bemuͤht, eine Abneigung zu beſiegen, der ich nicht Meiſter bin. Koͤnnte ich meinem Herzen gebieten, dann muͤßte es Sie lieben mit unbegrenzter Kraft, mit unauslöſchlicher Gluth, mit unwandelbarer Treue. Aber, Sire, das Herz iſt ein Rebell, das ſich keinem Geſetze, keinem Gebote unterwirft... es liebt nicht ſelten den, der uns mit Haß verfolgt und haßt gar haͤufig die, die uns mit allen Kraͤften ihrer Seele lieben. Seit ich Sie zu haſſen angefangen, hab ich mich zu lieben aufgehoͤrt. — Sie lieben einen Andern... — Ja, Sire, ich liebe ihn mit einer fieber⸗ N8 haften Gluth, mit einem Feuer, das meine Seele zu verzehren droht... — Der Gluͤckliche... er iſt ein armer Kuͤnſt⸗ ler, der nichts als ſeine Geige hat, und ich, ich bin ein maͤchtiger Kaiſer, der halb Europa jetzt ſein eigen nennt und doch— faſt ſchaͤm' ich mich, es zu geſtehen— und doch beneid' ich ihn! Napoleon unterdruͤckte einen tiefen Seufzer, Giuſeppa zerfloß in Thraͤnen. — Signora, ſprach der Kaiſer, was kann, was ſoll ich fuͤr Sie thun? Seufzer erſtickten ihre Stimme; knieend reichte ſie dem Kaiſer die Bittſchrift. Er las. — Sie fuͤrchten fuͤr ſein Leben... Bin ich ein Tyrann, der, das Geſetz verhoͤhnend, aus Will⸗ kuͤhr ſeine unterthanen ſchlachtet? Giuſeppa, ſtehen Sie auf, in einer Stunde iſt Rode frei. Aber fort muß er von hier, noch heute fort. Weil Sie ihn lieben, iſt er mir verhaßt... noch heute muß er meine Stadt, in einem Monat mein ganzes Reich verlaſſen. ich kann nicht dulden einen Mann, der maͤchtiger als ich.. 279 — Und darf ich mit ihm ziehen in's Exil?. — Sie, Signora, bleiben. Die Zeit wird Ihre Wunde heilen... Sie werden ihn vergeſſen... — Nie, nie, Majeſtaͤt! Ich kann nicht ath⸗ men, kann nicht leben ohne ihn! Ich muß ihm folgen, Sire! — Sie bleiben, ſag ich, bleiben bei uns in Paris. Vergeſſen Sie, daß ein Contract Sie bin⸗ det? Und floͤhen Sie mit ihm bis an das Ende dieſer Welt... der Kaiſer wuͤrde Sie erreichen und Sie zwingen, Wort zu halten. — Sire, hier iſt der Ring. Er iſt ein Zeuge Ihres Schwurs, daß meine Wuͤnſche auch die Ihren ſind. Sire, ich wuͤnſche, ihm zu folgen. — Undankbare! rief der Kaiſer, iſt das der Lohn fuͤr meine Liebe? — Hier iſt der Ring der Kaiſer hält ſein Wort! — Gut, gut! rief Napoleon, Sie ſind entlaſſen. Signora Graſſini warf ſich auf ihre Knie, er⸗ faßte ſeine Hand, ſteckte den Ring an ſeinen Finger 280 und rief noch einmal: der Kaiſer haͤlt ſein Wort! Dann eilte ſie freudetrunken aus dem Cabinet. Drei Stunden ſpaͤter erhielten Signora Graſſini und Pierre Rode einen vom Polizeiminiſter Fouché unterzeichneten Befehl:»binnen 24 Stunden Pa⸗ ris und in acht Tagen Frankreich zu verlaſſen.« Am andern Morgen begab ſich der Kaiſer zur Armee nach Straßburg. VII. Die Verbannten gingen nach Rußland. Ihre Leidenſchaft, genaͤhrt durch die Liebe zur Kunſt, gekraͤftigt durch gegenſeitige Bewunderung ihres Ta⸗ lents, machte ihre Herzen unzertrennlich. Sie ſan⸗ gen und muſicirten zuſammen, ſie lernte von ihm und er von ihr. Rode componirte fur ſie die be⸗ kannten Variationen, Signora Graſſini ſang ſie mit einer Virtuoſitaͤt, die Alles uͤbertraf, was man bisher von ihr gehoͤrt. Rode war ihr Lehrer, ihr Freund, ihr Bruder, ihr Geliebter, ihr Gott... ſie war ſeine Muſe, ſeine Welt, ſein Stolz, ſein Gluͤck, ſein Alles. 281 Spaͤter gingen ſie nach London. Hier ſtarb Signora Graſſini. Nach ihrem Tode kehrte Rode nach Frankreich zuruͤck. Im Jahre 1830 ſtarb er in ſeiner Vaterſtadt Bordeaux. Napoleon liebte ſie bis zu ſeinem Tode. Auf St. Helena, kurze Zeit vor ſeinem Tode, ſagte er zu Las Caſas: — Das Fraͤulein von Colombier war meine erſte, Giuſeppa Graſſini meine letzte Liebe. M. 13 Zwei und zwanzigſtes Capitel. Das Parterre der Könige. Es war im Jahre 1808. Napoleon und Alexander hatten ſich ein Ren⸗ dezvous in Erfurt gegeben. Beide Kaiſer waren am B. September dort eingetroffen. Faſt alle Souveraine Deutſchlands waren herbeigeeilt, um dem ſieggekroͤnten Helden, dem Beſchuͤtzer des Rheinbundes, ihre Huldigungen darzubringen. Der Kaiſer von Oeſterreich hatte ſeinen Geſandten, Herrn von Vincent, und der Koͤnig von Preußen ſeinen Bruder, den Prinzen Wilhelm, nach Erfurt ge⸗ ſchickt. Napoleon war im Pallaſt des Fuͤrſt⸗Primas, Alerander im Stadthauſe abgeſtiegen. Die andern Koͤnige und Prinzen hatten ſich bei Privatleuten einquartirt. 283 Zwei Tage vor der Ankunft des Kaiſers war Talma und Dlle. Duchesnois mit der Kuͤnſtler⸗ Elite des Theatre frangais angekommen. Napoleon hatte dem großen Kuͤnſtler ein Parterre von Ko⸗ nigen und Fuͤrſten verſprochen. Vor dem Eingange des Theaters war ein De⸗ taſchement von 100 Garden aufgeſtellt. Die Wache hatte den Befehl erhalten, bei der Ankunſt der beiden Kaiſer die Trommel zu ruͤhren. Die Logen des Theaters, mit Prinzeſſinnen und Ehrendamen angefuͤllt, bildeten eine glaͤnzende Guirlande. In der Mittelloge ſah man die Prin⸗ zeſſin Stephanie von Beauharnais und Catharina von Wuͤrtemberg, die Erſtere mit dem Herzog von Baden, die Letztere mit Jerome Bonaparte, Koͤnig von Weſtphalen vermaͤhlt. Eugen von Beauharnais, der junge, tapfere Held, hatte ſich kurz vorher mit der Frinzeſſin Ameélie, der aͤlteſten Tochter des Koͤnigs von Baiern, und Berthier, Fuͤrſt von Wa⸗ gram und Neufchatel, ſich mit der Prinzeſſin Eliſa⸗ beth, der Nichte Maximilians von Baiern vermaͤhlt Frankreich war damals die große Nation. 13 284 Im Orcheſter waren acht Fauteuils aufgeſtellt, die in einer Reihe ſtanden. Fuͤnf davon waren bereits beſetzt durch die Koͤnige von Baiern, Wuͤrtemberg und Weſtphalen, durch den Prinzen Wilhelm von Preußen und durch den Geſandten von Oeſtreich. Da rollte eine mit ſechs Pferden beſpannte Equipage heran. Die Trommeln wurden geruͤhrt. — Haltet ein, rief der Officier, es iſt ja nur ein Koͤnig! Es war der Koͤnig von Sachſen, der neben dem Koͤnig von Wuͤrtemberg Platz nahm. Die beiden leeren Fauteuils, die in der Mitte und in einiger Entfernung von den uͤbrigen ſtanden, waren fuͤr die beiden Kaiſer beſtimmt, die mit Ungeduld erwartet wurden. Der Koͤnig von Weſtphalen verließ ſeinen Platz und ſetzte ſich in die Loge neben der Koͤnigin. Der Koͤnig von Sachſen gruͤßte Herrn von Talley⸗ rand, der mit Berthier in der kleinen Proſceniums⸗ Loge rechts vom Theater ſaß. Im Parterre ſaßen die Großherzoge von Baden, 285 von Sachſen⸗Weimar und Heſſen-Darmſtadt, der Großfurſt Conſtantin, der Bruder des Kaiſers von Rußland, die Herzoge von Naſſau und Oldenburg, zwei Herzoge von Mecklenburg, drei Herzoge von Sachſen und eine Anzahl Prinzen von Anhalt, Hohenzollern-Sigmaringen, Hohenzollern-Hechin⸗ gen, die Prinzen von Reuß, Greitz, Schleitz rc. Dann kamen die Miniſter, die Staatsrathe, die Kammerherren mit Orden und Baͤndern aller Farben geſchmuͤckt. Aller Augen waren auf die Thuͤr gerichtet, durch die der Kaiſer eintreten mußte. Jeder war begierig vom Koͤnig der Koͤnige einen Blick, ein Laͤcheln zu erhaſchen. Plotzlich verkuͤndete das Wirbeln der Trommeln und das Schmettern der Trompeten die Ankunft der beiden Kaiſer. Das ganze Auditorium erhob ſich. Napoleon und Alexander ſchritten gruͤßend auf ihre Plaͤtze zu. Sie hatten ſich kaum geſetzt, als der Vorhang in die Hoͤhe flog. Man gab den»„Cid« des Corneille. 286 Die Etikette hatte es nicht erlaubt, ſeinen Beifall zu aͤußern. Das Parterre blieb kalt, das Spiel der Schauſpieler nicht minder. Einige ſchoͤne Momente von Talma und der Duchesnois abge⸗ rechnet, ſchienen ſich die hohen Herrſchaften koniglich zu ennuyren. Herr von Talleyrand fing bereits zu gaͤhnen an. Wir wollen unſere Blicke abwenden von der Orcheſtergruppe und ſie nach dem Hintergrunde des Parterre's richten, wo die Generale ſaßen. Ihre goldſtrotzenden Uniformen waren mit ſchimmernden Orden uͤberſaͤet. Aus all' dieſen Decorationen ſtrahlte das Kreuz der Ehrenlegion(der einzige Orden, den auch der Kaiſer Napoleon trug) wie die Sonne aus ihren Trabanten hervor— es blitzte auf der Bruſt der Generale, worunter ſich die Herzoge von Vicenza und Montebello befanden. Damals belohnte Frankreich mit dem Orden der Ehrenlegion nur ruhmgekroͤnte Sieger. Auf einer der letzten Banke des Parterre's ſaß ein ſchlichtbekleideter Mann, der, mit andaͤchtiger Aufmerkſamkeit den unſterblichen Verſen Corneille's 287 folgend, in dieſer goldenen Menge faſt der Einzige zu ſein ſchien, der die erhabene Poeſie zu begreifen und zu wuͤrdigen verſtand. Als das Schauſpiel zu Ende war, erhoben ſich die beiden Kaiſer. Napoleon gruͤßte mit freundlichem Laͤcheln nur den einen Zuſchauer, der waͤhrend der Vorſtellung ganz Ohr geweſen war. Der Kaiſer grußte dieſen Mann nicht etwa darum, weil er Geheimerath des Großherzogs von Weimar, ſon⸗ dern weil er ein Mann von Genie war und Goͤthe hieß. Am andern Morgen erhielt Goͤthe vom Kaiſer Napoleon eine Einladung zur Tafel. — Nun, Herr von Goͤthe, was ſagen ſie zu unſern Talma? fragte der Kaiſer. — Wohl jedem Dichter, der ſolche Dollmet⸗ ſcher hat. — Ich habe unlaͤngſt Ihre Iphigenia geleſen. Sie iſt eine große herrliche Dichtung, die mich be⸗ geiſtert hat. Was meinen Sie, Herr von Goͤthe, muͤßte nicht Talma ein gottlicher Oreſt ſein? — Gewiß, Sire. 288 — Ihre Werke ſind ein Gemeingut aller Nationen; kommen Sie bald einmal nach Frank⸗ reich, Herr von Goͤthe. Darauf wandte er ſich an Herrn von Talleyrand. — Ich moͤchte Großherzog von Weimar ſein. — Weshalb, Sire, wenn ich fragen darf. — Um die Ehre zu haben, Goͤthe meinen Unterthan zu nennen. Der Kaiſer von Rußland, der, nicht fern von Napoleon, dies gehoͤrt hatte, verlieh dem Dichter der Iphigenia den Alexander-Newsky⸗Orden. Drei und zwanzigſtes Capitel. Eine Stunde in Malmaiſon. Das Orakel der Kartenlegerin war in Erfuͤl⸗ lung gegangen. Joſephine hatte mit Napoleon den alten Thron der Lilien beſtiegen, und war am 2ten December 1804 von Pius VII. in der Kirche Notre⸗Dame mit der kaiſerlichen Krone gekroͤnt worden. Ihre Tochter Hortenſe hatte ſich im Jahre 1802 mit Louis Bonaparte, dem Bruder des Kaiſers, vermaͤhlt und am 6. Juni 1806 den Thron von Holland beſtiegen. Aber ihre Ehe war keine gluͤckliche. Joſephinens Sohn, Eugen von Beauharnais, der in Italien und Aegypten ſeine Stirn mit dem Lorbeer des Ruhms geſchmuͤckt, war vom Kaiſer 13— 290 als Sohn und Erbe des Koͤnigreichs Italien adop⸗ tirt worden. Aber auch die andere Haͤlfte jenes Kartenora⸗ kels war in Erfuͤllung gegangen. Napoleon I., Kaiſer der Franzoſen, Koͤnig von Italien und Beſchuͤtzer des Rheinbundes hatte ſich am 16. December 1809 von der Kaiſerin Joſe⸗ phine, weil die Ehe kinderlos geblieben, getrennt, und, um ſeine Macht noch mehr zu befeſtigen und ſeinem Ehrgeiz zu genuͤgen, am 11. Maͤrz 1810 mit der Erzherzogin Marie Louiſe von Oeſterreich vermaͤhlt. Die verwittwete Kaiſerin hatte den Hof der Tuilerien verlaſſen muͤſſen und ſich in die Einſam⸗ keit ihres Luſtſchloſſes Malmaiſon zuruͤckgezogen. Aber mit Joſephinens Stern war auch der Stern Napoleons erblichen. Die Goͤttin des Sie⸗ ges, feſtgeſchmiedet an den Adlern ſeiner ruhm— gekroͤnten Legionen, hatte ſich treulos, wie er von Joſephinen, von ihm losgeriſſen. Mit Joſephinen war das Gluͤck von ſeiner Seite gewichen. Der Kaiſer hatte eine Schlacht nach der andern verlo⸗ 291 ren und ſeine Macht, vor Kurzem noch ſo groß und unerſchutterlich, war zerbrochen. Am 31. Maͤrz 1814 war der Kaiſer von Rußland und der Koͤnig von Preußen, der Fuͤrſt von Schwar⸗ zenberg und Bluͤcher, der Marſchall Vorwaͤrts, mit den ſieggekroͤnten Heeren der heiligen Allianz in Paris eingezogen. Am 11. April hatte der Kaiſer im Schloß zu Fontainebleau die Entſagungsacte unterzeichnet und ſich nach Elba zuruͤckziehen muͤſſen. Ganz Frankreich hatte ſich von dem gefallenen Kaiſer treulos abgewendet; unter 30 Millionen Seelen gab es nur Eine Ndie ſeinen Sturz auf⸗ richtig betrauert hatte, es war die verſtoßene Wittwe von Malmaiſon. Als Joſephine die Nachricht er⸗ halten, daß der Kaiſer abdiquirt habe, hatte ſie ſich in ihre Gemaͤcher eingeſchloſſen und Tage und Naͤchte geweint. Der Schmerz hatte ſie aufs Krankenla⸗ ger geworfen. Am 26. Mai erhielt Joſephine den Beſuch des Kaiſers Alexanders, der ſich ſchon Tags vorher bei ihr hatte anmelden laſſen. Die Kaiſerin, die 202 fich ſeit einigen Tagen etwas wohler gefuhlt, hatte dem Beſuch zu Ehren das Bett verlaſſen. — Madame, ſagte der ritterliche Kaiſer Alexan⸗ der, ihre Hand an ſeine Lippen ziehend, verzei⸗ hen Sie, wenn ein Feind Frankreichs die Schwelle Ihres Heiligthums betritt. Nicht bloße Neugier, Ew. Majeſtaͤt, nein, der innere Drang des Her⸗ zens, dem Schutzgeiſt des großen Napoleon meine Huldigung darzubringen, treibt mich zu Ihnen. Mit tiefem innigen Bedauern habe ich gehoͤrt, daß die Ereigniſſe der letzten Tage Ew. Majeſtät auf das Krankenlager geworfen, ich bin hieher geeilt, um Sie zu fragen, wie Sie Sich befinden? — Sire, die zarte Aufmerkſamkeit, die Sie einer ungluͤcklichen, von aller Welt verlaſſenen Wittwe zu Theil werden laſſen, hat mich zu tief geruͤhrt, als daß ich meinen Dank in Worte kleiden koͤnnte. Ich bin uͤberzeugt, daß Ew. Majeſtaͤt an meinem Schickſal warmen Antheil nehmen, und freue mich daher, Ihnen ſagen zu koͤnnen, daß ich mich ſeit einigen Tagen etwas wohler fuͤhle. Die Luft iſt mild und rein... iſt es Ew. Majeſtät gefäͤllig, 293 ſo wollen wir eine kleine Promenade durch den Garten machen. — Ich habe von dem Garten, der unter Ih⸗ rer Pflege, wie ich hoͤre, ein ſo reizendes Aſyl ge⸗ worden, ſo viel Schoͤnes gehoͤrt, daß ich Willens war, Ew. Majeſtaͤt zu bitten, an Ihrem Arm all die Schoͤnheiten Ihres Eldorado's, an das ſich be⸗ ſtimmt manche Erinnerung knuͤpft, in Augenſchein zu nehmen. Der Kaiſer Alexander bot ihr ſeinen Arm... die Kaiſerin nahm ihn mit jenem milden Laͤcheln an, hinter dem ſie ihren Schmerz ſo gut zu ver⸗ bergen wußte. Plaudernd durchſtreiften ſie die Alleen. — Malmaiſon, erzaͤhlte Joſephine, war fruͤher eine Scheune, die mala domus hieß. Der Ort ſcheint es geahnt zu haben, daß er einſt ein Aſyl des Ungluͤcks werden wuͤrde. — Ach, welch eine reizende Magnolia! rief Alexander, um ihre truͤbe Stimmung zu verſcheu⸗ chen. — Die Blumen, Sire, ſind meine einzige 204 Freude... die meiſten habe ich ſelbſt gepflanzt... ich pflege ſie mit muͤtterlicher Liebe... — Kein Wunder, daß ſie dann ſo ſchoͤn gedeihen. — Ich ſehe, daß der Ruf nicht gelogen. Ew. Majeſtaͤt ſind die Bluͤthe ritterlicher Galanterie. — Ach, welch ein huͤbſcher Springbrunnen! — Hier, dieſer Raſen, war der Lieblingsſitz meines Gemahls... Stundenlang ſaß hier der große Kaiſer, in Gedanken vertieft, zuhorchend dem geheimnißvollen Gemurmel des Waſſerſtrahls, der ins Baſſin fiel. Dieſe Fontaine, war ſie nicht ein mahnendes Zeichen fuͤr Napoleon! Sie ſtieg und fiel, ſo ſchnell wie er! — Was iſt das fuͤr eine Blume? fragte der Kaiſer, nur darum, um ihren Gedanken, die ſich ſtets zu ſchwermuͤthigen Erinnerungen hinneigten, eine andere Richtung zu geben. — Das iſt eine Pflanze, die Hippolyte Ruiz und Joſeph Pavon, zwei ſpaniſche Naturforſcher, aus Peru mitgebracht und mit dem Namen des Kaiſers belehnt haben. Es iſt eine Bonapartea speciosa. 295 — Eine ſchoͤne, prachtvolle Bluͤthe! — Erlauben Ew. Majeſtat, daß ich eine die⸗ ſer himmliſchen Bluͤthen fuͤr Sie pflucken darf. — Ich werde ſie, ſo lange ich lebe, als ein mir theures Andenken bewahren, ſprach der Kai⸗ ſer und ſteckte die Bluͤthe in ein Knopfloch ſeiner Uniform. — In dieſer Laube pflegte der Kaiſer den Moniteur und den Ambigu zu leſen, den einer ſei⸗ ner heftigſten Gegner, Peltier, in London heraus⸗ gegeben hatte. Der große Napoleon hatte die Schwaͤche, ſich oft uͤber dieſen Schmaͤhſchriftler zu aͤrgern. — Ein deutſcher Dichter ſingt. Es liebt die Welt, das Strahlende zu ſchwärzen, Und das Erhab'ne in den Staub ziehen.« — Hier auf dieſem großen Raſen pflegten die Bruͤder und die Schweſtern des Kaiſers, Muͤrat, Berthier, Maſſena und andere ruhmgekroͤnte Hel⸗ den, dann meine Niece, Stephanie von Beauhar⸗ nais, ich und meine Kinder, Eugen und Hortenſe, 206 Pfaͤnder zu ſpielen. Bisweilen nahm auch der Kaiſer daran Theil. Hier legte Napoleon ſeinen Purpurmantel, ſeine Kaiſerkrone ab, hier war er liebender Gatte, zaͤrtlicher Vater, theilnahmvoller Camerad ſeiner tapfern Generale... Das Alles iſt nun vorbei.. er, der noch vor Kurzem eine halbe Welt beherrſcht, ſitzt jetzt auf Elba, ein Koͤ⸗ nigsadler in einem Kartenhauſe... Verzeihen Eure Majeſtaͤt, daß mein Schmerz mich verleitet, Saiten anzuſchlagen, die Ihr Ohr unſanſt beruͤhren muͤſſen. — Ich ehre Ihren Schmerz und bin ungluͤcklich, daß es nicht in meiner Macht liegt, ihn zu lindern. Doch geben Ew. Majeſtaͤt nicht ganz die Hoffnung auf: Was heute faͤllt, kann morgen wieder ſteigen. — Ich, Sire, werde das ſchwerlich erleben... Mein Herz iſt gebrochen.. ich fuͤhle, daß ich am Rande des Grabes ſtehe. — Faſſen Sie Muth, Madame! Der Himmel wird Sie zum Wohle der Armen„denen Sie eine liebevolle Mutter ſind, noch lange erhalten. In einigen Monaten ſende ich Ew. Majeſtat ſeltene Ge⸗ 297 waͤchſe aus meinen Gaͤrten. Auch in meinem Vaterlande giebt es huͤbſche Blumen. — Die ſchoͤnſte iſt die Kaiſerin Eliſabeth. — Fuͤr dieſes ſchone Compliment wird ſie ſelber Ihnen danken. — Es wird ſchon wieder kuͤhl.. erlauben mir Ew. Majeſtaͤt mich in meine Zimmer zuruckzuziehen.. ich bin noch immer ſchwach. die Promenade hat mich, wie ich fuͤhle, etwas angegriffen.. Ja, ja, ſeit⸗ dem der Kaiſer in Elba, liebe ich mein Malmaiſon nicht mehr, denn jede Stelle, jede Bank, jeder Baum weckt in mir eine ſchmerzliche Erinnerung... Fu Verſcheuchen Sie, Kaiſerin, dieſe truͤben Gedanken. Vielleicht ſcheint Ihnen, fruͤher als Sie vermuthen, die Sonne eines ungetruͤbten Gluͤcks. — Vielleicht dort oben, ſagte die Kaiſerin, den Blick zum Himmel gewandt. Bringen Sie, wenn ich bitten darf, das Bouquet Ihrer lieben Frau Gemahlin. gruͤßen Sie die Kaiſerin und bitten Sie ſie, der Wittwe von Malmaiſon eine Thraͤne des Mitleids zu ſchenken. — Ich kann nicht eher ſcheiden, bis Ew. Ma⸗ 208 jeſtaͤt mir die Erlaubniß ertheilt, Ihnen vor meiner Abreiſe von Paris noch einmal meine Aufwartung zu machen, um von Ihnen Abſchied zu nehmen. — Ew. Majeſtaͤt werden mir ſtets willkommen ſein. Der Kaiſer kuͤßte ihre Hand, dankte ihr noch einmal fur die Blumen und kehrte nach Paris zuruͤck. Am 23. April 1814 war Ludwig XVIII. in Calais gelandet und am 3. Mai in Paris ange⸗ kommen. Am 30. Mai, am Tage, an welchem Lud⸗ wig XVIII. den Thron Napoleons beſtieg, ſtarb im Schloß zu Malmaiſon die verwittwete Kaiſerin Joſephine. Vier und zwanzigſtes Capitel. Der Moniteur. Proöthes und Cyeſtris— ſo erzaͤhlt ein neuerer Schriftſteller— zwei alte Philoſophen, die laͤngſt vergeſſen ſind, ſtritten einſt, ob es moͤglich ſei, daß ein Menſch zu gleicher Zeit aus vollem Halſe la⸗ chen und heiße Thraͤnen weinen koͤnne. Dieſer Streit, der unentſchieden blieb, bewirkte, daß die Juͤnger Heraklit's und die Anhaͤnger Demokrit's noch unverſoͤhnlicher wurden. Seit der franzoſi⸗ ſchen Revolution iſt dieſe Streitfrage bejahend entſchieden worden. Es giebt einen Folianten, der dieſes Problem geloͤſt hat. Dieſer Foliant iſt der Moniteur. Ihr, die Ihr lachen wollt, leſt den Moniteur; Ihr, die Ihr weinen wollt, leſt den Moniteur. Ihr, die Ihr zugleich lachen und wei⸗ nen wollt, leſt den Moniteur. Dieſe Zeitung, die Strazze der franzoͤſiſchen 300 Revolution, das Archiv der wichtigſten Documente, war am 24. Nov. 1789 zuerſt als Gazette na- tionale ou le Moniteur universel erſchienen; im Jahre 1811 hatte ſie auf den erſten Titel Verzicht geleiſtet und ſich mit dem zweiten begnuͤgt. Da⸗ mals War ſie das ofſicielle Organ des Kaiſers. man, habe, um die oͤffentliche Mei⸗ nung zu bearbeiten, mehr als einen Artikel dafur geſchrieben; einige Zeit ſoll er dieſes Blatt eigen⸗ haͤndig cenſirt haben. Nach der Abdication Napoleons war dieſe wet⸗ terwendiſche Zeitung der Anwald Ludwigs XVIII. geworden. Der Moniteur, der den Kaiſer ex officio in die Sterne erhoben und die Bourbons in den Koth gezogen, hatte nun ſeine Stirn mit dem Wap⸗ pen der Lilien geſchmuͤckt und mit giftigem Geier⸗ ſchnabel das Herz und den Nimbus ſeines alten Mitarbeiters, des auf Elba gefeſſelten Prometheus, zerriſſen. Am 26. Februar 1815 hatte ſich der Kaiſer mit 400 Garden, 200 corſiſchen Jaͤgern und 100 pol⸗ niſchen Lanciers auf der Kriegsbrigg LInconſtant 301 und drei Felucken eingeſchifft, um mit dieſer Hand⸗ voll Soldaten nach Paris zu ziehen und von Neuem ſeinen Thron zu erobern. Der Moniteur hatte Tag fuͤr Tag Bulletins von dem Herannahen des Kaiſers von Elba mit⸗ getheilt. Hier einige Auszuge: Elba am 26. Februar: Lanthropophage est sorti de son repaire(der Menſchenfreſſer iſt aus ſeiner Hoͤhle herausgegangen). Am 28. Febr.: Logre de Corse vient de de- barquer au Cap Juan(der Währwolf von Corſica iſt ſo eben zu Cap Juan gelandet). Am 1. Maͤrz: Le tigre est arrivé à Cannes (der Tiger iſt in Cannes angelangt). Am 7. Maͤrz*): Le Monstre a couché à Grénoble(das Ungeheuer hat in Grenoble uͤber⸗ nachtet). *) An dieſem Tage war Labedoyere mit ſeinem Re⸗ gimente zu Napoleon übergegangen. *) An dieſem Tage war Ney zu dem Kaiſer über⸗ gegangen. 302 Am 13. Maärz: Le tyran a traversé Lyon (der Tyrann iſt durch Lyon gekommen). Am 15. Maͤrz: Lusurpateur a été vu à soi- ante lieues de la capitale(der Uſurpator iſt 60 Meilen von der Hauptſtadt geſehen worden). Am 17. März: Bonaparte Savance à grands pas, mais il n'entrera jamais dans la capitale (Bonaparte ruͤckt mit großen Schritten vor, aber niemals wird er in Paris einziehen). Am 19. Maͤrz: Napolcon sera demain sous nos remparts(Napoleon wird morgen unter un⸗ ſern Mauern ſein). Am 20. Maͤrz: LEmpereur est arrivé à Fon- tainebleau(der Kaiſer iſt in Fontainebleau ange⸗ kommen). Am 21. März: Sa Majesté impériale et royale a fait hier au soir son entrée à Son chateau de Tuileries au milieu de ses fideles sujets.(Seine Kaiſerliche und Koͤnigliche Majeſtät haben geſtern Abend Ihren Einzug in Ihr Schloß der Tuilerien mitten unter Ihren getreuen Unter⸗ thanen gehalten). 303 Der Moniteur riß nun die Bourbonen⸗Lilien von der Stirn und ſteckte wieder die dreifarbige Cocarde auf den Hut. Der Held von Toulon, der Sie⸗ ger von Marengo und Auſterlitz ward wieder in Weihrauchwolken eingehuͤllt und in den Himmel erhoben. Aber die heilige Alliance wollte ihn trotzdem nicht anerkennen. Seine Herrſchaft hatte nur 100 Tage gewaͤhrt und die Schlacht von Waterloo am 8. Juni ſeinen Sturz herbeigefuͤhrt. Am M. Juni dankte der Kaiſer zu Gunſten ſeines Sohnes ab und begab ſich nach Rochefort, um ſich von dort nach Amerika einzuſchiffen. Hier begab er ſich(am 15. Juli) unter den Schutz des Capitains Mait⸗ land, der das engliſche Kriegsſchiff Bellerophon befehligte. Der Capitain ſollte ihn nach England bringen; aber das engliſche Cabinet hatte ihm die Weiſung ertheilt, den Kaiſer nach St. Helena zu fuͤhren. Fünf und zwanzigſtes Capitel. Die letzte Stunde. (am 21. Mai 1821.) Der Kaiſer ſchlief. Neben ſeinem Bette ſaß die Graͤfin Bertrand, die mit aͤngſtlicher Sorge ſeine Athemzuge zu zählen und jede ſeiner Mie⸗ nen zu pruͤfen ſchien. Nicht fern von ihr ſtand des Kaiſers Kammerdiener Marchand. Sein thra nenfeuchtes Auge weilte auf dem bleichen Antlitz ſeines Herrn. Im Nebenzimmer ſprachen Ber⸗ trand, Montholon und Las Caſes mit dem Doctor Antomarchi. — Sie glauben alſo wirklich, daß es der Magenkrebs iſt? fragte Bertrand. — Ich glaube es nicht bloß, General, ich bin uͤberzeugt davon. — Und wodurch entſteht denn dieſe boͤſe Krank⸗ heit? fragte Montholon. 305 — Sie iſt gewoͤhnlich die Folge eines Lebens, das vielen Kummer und Aerger zu ertragen gehabt. — Der Schurke Hudſon Lowe iſt der giftige Krebs, der an dem Leben des Kaiſers nagt, ſagte Las Caſes zaͤhnknirſchend. Fuͤnf lange Jahre ſchmachtet er in dieſem ungeſunden, gluͤhenden Fel⸗ ſenkerker. Jeder Tag bringt ihm neue Kraͤnkung, neue Schmach. Geſtern begehrte der Kaiſer ein Bad. Sie haben ſchon am Morgen eines ge⸗ nommen, das Waſſer iſt rar auf unſerer Inſel, entgegnete Sir Hudſon Lowe. Zornroͤthe uͤbergoß das Antlitz des gefangenen Loͤwen, ſeine Augen ſchleuderten verwundende Blicke, bitterer Spott durchzuchte ſeine Mienen. Schreiben Sie, Las Caſes, rief der Kaiſer mit einer Stimme, die wie das Rollen des Donners klang, ſchreiben Sie: Die Schmach der engliſchen Regierung, dictirte er mir, beſteht nicht darin, daß ſie mich nach St. Helena geſchickt, ſondern darin, daß ſie einen Sir Hudſon Lowe zu meinem Aufſeher gemacht.. ſeinen Namen uͤbergebe ich der Verwuͤnſchung aller Voͤlker, und wenn man eine Creatur bezeichnen IM. 14 306 will, die etwas mehr als ein Gefaͤngnißwaͤrter und etwas weniger als ein Henkersknecht iſt, ſo wird man ſie Sir Hudſon Lowe nennen. — Fluch dieſem Elenden! rief Bertrand. — Sein Name iſt ein Schandfleck in der Ge⸗ ſchichte Englands, fuͤgte Montholon hinzu. Aber ſagen Sie uns, Doctor, wie entſteht der Magen⸗ krebs? — In den innern Hauten des Magens bildet ſich eine ſchwielige Haut, die Anfangs wenig Schmerz verurſacht. Beim Zunehmen ſtoͤrt ſie die Verdau⸗ ung und reizt den Magen zu haͤufigen Erbre⸗ chungen; endlich gehen die verhaͤrteten Stellen in Eiterung uͤber und der Schmerz wird dann oſt ſo heftig, daß er kaum zu ertragen iſt. — Giebt es denn gar kein Mittel fuͤr dieſe Krankheit? fragte Bertrand. — Gelber Ruͤbenſaft, Selterwaſſer, Gurken⸗ ſaft, Opiumertract ſind Mittel, die nur momen⸗ tane Linderung, aber keine radicale Heilung her⸗ beifuͤhren. Larrey und O'Meara haben Alles verſucht, aber nichts hat fruchten wollen, denn ——— — —— das Uebel hatte bereits jenes Stadium erreicht, wo es nicht mehr zu heilen iſt. Die Symtome haben ſich in den letzten Tagen ſehr verſchlim⸗ mert der Kaiſer iſt nicht mehr zu retten. — Frankreich, Frankreich, ſeufzte Bertrand, und eine Thraͤne trat ihm ins Auge. Da erwachte der Kaiſer. — Wo iſt Antomarchi? fragte er. — Ich will ihn rufen, ſagte die Graͤfin Ber⸗ trand und eilte ins Nebenzimmer. Treten Sie ein, meine Herren, der Kaiſer iſt erwacht. — Sire, fragte der Arzt, den Puls des Kran⸗ ken fuͤhlend, wie fuͤhlen Sie ſich. — Ihr Opium hatte meinen Schmerz betaͤubt, ich war eingeſchlummert... O waͤr ich doch nicht wieder erwacht! Der Schmerz wuͤthet nun mit neuer Kraft. Gluͤhende Meſſerklingen wuͤhlen in meinen Eingeweiden herum... ich moͤchte ra⸗ ſend werden! Antomarchi, haben Sie Mitleid mit mir, geben Sie mir wieder Opium, aber viel, recht viel, damit ich einſchlafe und nicht wieder erwache. 308 — Sire, haben Sie Geduld, der Schmerz wird austoben, ſagte die Graͤfin Bertrand. — Ach, Graͤfin, wuͤßten Sie, wie ich leide, Sie ſelbſt wuͤrden mir das Giſt reichen, um mich zu erloͤſen von der Qual, die ich erleide. Wie ſpät iſt es? meine Herren.. — Halb Sechs, ſagte Bertrand, einen Blick auf die ſilberne Uhr werfend, die uͤber dem Ca⸗ nape hing. — Das Tiktak dieſer Uhr weckt in meiner Seele ſuͤße Erinnerungen. Dieſe Uhr gehoͤrte Friedrich dem Großen.. ſie hing einſt in ſei⸗ nem Palaſt zu Sansſouci... jetzt haͤngt ſie im Kerker zu Longwood. O mein Schmerz, mein Schmerz! Oeffne die Fenſter, Marchand, ich will die Sonne noch einmal vor ihrem Untergange ſehen... die Abendluft wird die Gluth des Tages beſiegt haben und mich erfriſchen. Marchand oͤffnete das Fenſter. — Ich danke Dir, mein Freund.— Graͤfin Bertrand, fuhr er fort, ſtellen Sie zu den Fuͤßen meines Bettes das Bild der Kaiſerin auf. Ihr —————— 309 Anblick wird mich an ſchoͤnere Tage erinnern.. Montholon, auf dem Camin ſteht die kleine Buͤſte des Koͤnigs von Rom... geben Sie ſie mir. Da es dem aͤrmſten der Väter nicht vergonnt iſt, ſein Kind, ſein ſchoͤnes Kind, ſein einziges Kind in ſeine Arme zu ſchließen, ſo will er den kalten Marmor kuͤſſen. Nicht wahr, meine Herren, die Buͤſte ſieht ihm aͤhnlich? Mein lieber Sohn, mein armer Sohn! Eine halbe Welt hatte ich fuͤr Dich erobert, Alles, Alles hat man mir genommen... jetzt kann ich Dir nichts mehr hinterlaſſen, als meinen Namen und meinen Segen. Der Kaiſer druͤckte die Statue an ſein Herz und kuͤßte ſie. — Lieber theurer Sohn, raͤche die Schmach Deines Vaters, zeige, daß Du ſeiner wuͤrdig biſt! O, wie das nagt, wie das wuͤhlt in meinen Ein⸗ geweiden, Kohlen gluͤhen in meinem Innern... ich moͤchte mir mein Schwerdt in den Leib ſtoßen, um meinem Schmerz eine Grenze zu ſetzen. Schließe das Fenſter, Marchand, das iſt nicht die Sonne von Auſterlitz, das iſt nicht der Himmel von 310 Morengo— das ſind die gluͤhenden Wolken von St. Helena— ſchließe das Fenſter, mich friert, kalter Schweiß uͤberläuft mich. Bertrand, Mon⸗ tholon, bedeckt mich mit dem Mantel, den ich bei Morengo trug... O, das Sterben iſt doch nicht ſo leicht, als ichs mir immer gedacht! Der Kaiſer faltete die Haͤnde und murmelte ein Gebet. Da trat Sir Hudſon Lowe, begleitet von ſeinen zwei Adjudanten ein. — Was will dieſer Mann hier? rief Napoleon. — Was wollen Sie hier? fragte Las Caſes. — Meine Regierung hat mir den Befehl er⸗ theilt, den General Bonaparte nicht zu verlaſſen, ſo bald zu befuͤrchten ſteht... — Schweigen, rief Las Caſes, oder... — Laß ihn, Las Caſes, laß ihn! Der kranke Loͤwe kann nicht mehr ſeine Maͤhnen ſchuͤtteln... da kommen die Maͤuſe und machen ſich luſtig uͤber ihn... Stellt Euch dicht vor mein Bett, meine Freunde.. ich kann die rothe Uniform nicht ſehen... O Frankreich, Frankreich, wie kannſt Du es dulden, daß Dein Kaiſer, der Deine 311 Stirn mit ewigem Lorbeer geſchmuͤckt, hier auf fremder Erde, preisgegeben dem kalten Hohn ſeines Feindes, machtlos hinſiechen muß!?... Gebt mir mein Schwert, lichtet die Anker, ſchwellet die Segel, wir wollen nach Frankreich! — Sire... — Es iſt zu ſpat... die Stunde meines Todes hat geſchlagen... Bertrand, Montholon, Las Caſes, Marchand kehrt nach Frankreich zuruͤck und bringt meinem Volke meinen letzten Gruß... Gruͤßt die Kaiſerin, gruͤßt den Koͤnig von Rom und bittet ihn, daß er ſeinem Vater vergebe... Hier, Las Caſes, ſind drei Ringe... den einen gieb der Kaiſerin, den andern meinem Sohne, den dritten, den ich einſt von meiner Joſephine erhielt, ihrer Tochter Hortenſe... Ach Joſephine, bald ſehe ich Dich wieder! Du warſt der Schutzgeiſt meines Lebens. grauſam hab' ich Dich verſtoßen... Joſephine kannſt Du, wirſt Du mir verzeihen?... Der Himmel oͤffnet ſich... Du winkſt... ich komme ich komme. Er ſank erſchoͤpft auf ſein Bett zuruck. Antomarchi legte die Hand auf das Herz Na⸗ poleons. — Es hat aufgehoͤrt zu ſchlagen... Der Kaiſer iſt todt. Alle ſanken nieder auf die Knie und beteten fuͤr die Seele des Kaiſers. Nur Sir Hudſon Lowe blieb kalt und theilnahmlos. Er ſah auf. die Uhr und ſprach: Zehn Minuten vor Sechs! Siebenzehn Jahre find ſeitdem verfloſſen. Der große Kaiſer liegt begraben auf fremder Erde— Joſephine liegt in der Kirche la Ruelle, Eugen von Beauharnais in Muͤnchen und Hortenſe neben ihrer Mutter. Wo aber iſt der ingd des Noſtradamus? Hor⸗ tenſe hat ihn mit in ihr Grab genommen. Leipzig, gedruckt bei W. Haack. Druckfehler. 104 Zeile 5 168 199 201 v 223 237 27¹ vv v eo ooc c Zeile 10 — O S „ 00 8 30 31 64 73 vvNu 138 143 161 189 vuv 229 S 254 1 8 8 8 8 8 — unten l. m. unten l. m. ſt. bandits— maudits. — 8S 8S 68 8 8S 8 8 8 8 8 d d Ccœœ cœ 0 8 S S 8 8 I. Band. unten leſe man ſtatt eine— ein. oben l. m. ſt. Birago— Biraga. oben l. m. ſt. Peroſa— Perouſe. oben l. m. ſt. oben l. m. ſt. Bourdaiſſers— Bour⸗ Chreten— Chretien. daiſiére. Dalisle— Delisle. unten l. m. ſt. Maleu— Melun. ſt. II. Band. oben l. m. ſt. ihn— ihr. oben l. m. ſt. Wechor— Windſor. oben l. m. ſt. Heinrich— Ludwig. oben l. m. ſt. Lalnanche— La Manche. oben l. m. ſt. Apoll— Pollux. oben l. m. ſt. Beſſet— Buſſet. unten l. m. ſt. Breughal— Breughel. oben l. m. ſt. machte— malte. oben l. m. ſt. Albes— Albus. unten l. m. ſt. Taédet amima— Tae- det anima. oben l. m. ſt. faire— taire. unten l. m. ſt. auch— und. unten l. m. ſt. passe— passé. unten l. m. ſt. Abbe Teſſu— Abbé Teſtu. oben l. m. ſt. humilié dons— humi- lié dont. oben l. m. ſt. Linet— Binet. —— i 14 18 16 17